Viertes Kapitel.


Viertes Kapitel.

Nicolaus und sein Onkel machen, um das Glück ohne Zeitverlust zu fesseln, bei Herrn Wackford Squeers, dem Schulmeister von Yorkshire, ihren Besuch

Snow Hill! Was für eine Art von Ort mag sich wohl der ruhige Städter unter Snow Hill denken, wenn er dieses Wort mit der vollen Deutlichkeit goldener Buchstaben im schwarzen Schatten auf den Landkutschen aus dem Norden liest? Jedermann hat einen unbestimmten Begriff von einem Platz, dessen Namen man oft sieht oder hört, und welch eine Unzahl von Vorstellungen ins Blaue hinein mögen sich wohl ohne Unterlaß an dieses Snow Hill ketten? Es ist ein vielbesagender Name. Snow Hill – und Snow Hill noch dazu in Verbindung mit einem Mohrenkopf – führt uns infolge einer dopelten Ideen-Assoziation etwas Unfreundliches und Rauhes vor die Seele. Ein frostiger, öder Landstrich, der schneidenden Winden und wilden Winterstürmen preisgegeben ist – eine kalte, trübselige Heide, auf der sich bei Tage niemand blicken läßt und an die nachts der ehrliche Mann nur mit Schrecken denken kann – ein Ort, den der einsame Wanderer scheut und wo nur verzweifelte Räuber ihre Versammlungen abhalten; – in diese oder ähnliche ferne Gegenden auf dem Lande mag wohl die Einbildungskraft Snow Hill verlegen und sich dabei denken, wie der Mohrenkopf alle Tage und alle Nächte gleich irgendeinem schrecklichen Gespenst mit geheimnisvoller und geisterartiger Pünktlichkeit über diese hinstreift und in seinem raschen, ungestümen Lauf, an dem ihn weder Wind noch Wetter zu hindern vermag, sogar den Elementen Trotz zu bieten scheint.

Die Sache verhält sich jedoch in der Wirklichkeit ganz anders und ist übrigens demungeachtet auch nicht zu verachten. Der Name führt uns ganz in den Mittelpunkt von London, recht in das Herz seiner Geschäftigkeit und Rührigkeit, in den Wirbel des Lärms und der Bewegung. Dort – gleichsam um die gewaltigen Ströme des Lebens zu hemmen, die von allen Seiten ohne Unterlaß herbeifließen und sich unter seinen Mauern begegnen, steht Newgate. In der gedrängt vollen Straße, auf die dieses Gebäude so düster zürnend herunterblickt, wenige Fuß von den schmutzigen, wankenden Häusern, auf derselben Stelle, auf der die Garköche, Fischhändler und Obstverkäufer ihr Gewerbe treiben, sind Hunderte von menschlichen Wesen – oft vier, sechs bis acht kräftige Männer zumal unter einem Gebrüll von Stimmen, gegen das sogar der Tumult einer großen Stadt als nichts erscheint, schnell und gewaltsam unter dem fürchterlichsten Zudrang von Menschenmassen aus der Welt geschafft worden. Neugierige Augen blickten dann aus allen Fenstern, von allen Dachgiebeln, Mauern und Pfeilern, und wenn dann der zum Tode verurteilte Elende sich mit dem alles umfassenden Blick der Todesangst unter der Masse von weißen, aufwärts gerichteten Gesichtern umsah, so traf er auch nicht eins – nicht eins – das den Ausdruck von Mitleid oder Teilnahme getragen hätte.

In der Nähe des Gefängnisses und daher auch in der Nähe von Smithfield, dem Schuldturm, und dem Lärm der City, gerade an einer Stelle von Snow Hill, wo die nach Osten gehenden Omnibuspferde allen Ernstes daran denken, absichtlich zu fallen, und die westwärts ziehenden Droschkengäule nicht selten zufällig stürzen, befindet sich der Wagenschuppen des Wirtshauses zum Mohrenkopf, dessen Portal durch die Büsten von zwei Mohren gehütet wird. Es war ehedem der Stolz und Ruhm der geistvollen Londoner Jugend, diese beiden Wächter herunterzustoßen; aber schon seit einiger Zeit befinden sie sich in ungestörter Ruhe, vielleicht weil diese Art von Scherz sich nunmehr auf den St.-James-Bezirk beschränkt, wo man sich lieber mit den leichter tragbaren Türklingeln zu tun macht und Klingeldrähte für geeignete Zahnstocher hält.

Mag nun dies der Grund sein oder nicht – genug sie sind da, zürnend von jeder Seile des Torwegs herabstierend. Das Wirtshaus selbst, das mit einem weiteren Mohrenkopf geziert ist, blickt finster aus dem Hintergrunde des Hofes hervor, während sich über der Tür des hinteren Schuppens, in dem die roten Postkutschen stehen, ein kleiner Mohrenkopf befindet, der dem vor dem Hauptportal sprechend ähnlich ist, wie denn auch das ganze Äußere des Gebäudes nebst der Säulenordnung dem sarazenischen Geschmack anzugehören scheint.

Wenn man in den Hof kommt, so hat man das Einschreibebureau zur Linken, den Turm der Kirche zum heiligen Grab, der schroff himmelan steigt, zur Rechten und eine Reihe von Schlafzimmern auf beiden Seiten. Gerade nach vorn ist ein hohes Fenster bemerklich, über dem das Wort »Kaffeezimmer« gemalt ist. Wer da zu rechter Zeit gekommen wäre, hätte durch dieses Fenster Herrn Wackford Squeers mit den Händen in den Rocktaschen auf und ab gehen sehen können.

Herrn Squeers Äußeres war nicht besonders ansprechend. Er hatte nur ein Auge, während man doch allgemein das Vorurteil hegt, daß man zwei haben müsse. Das, was er besaß, kam ihm ohne Zweifel sehr zustatten, obgleich es ihm nicht sonderlich zur Zierde gereichte, denn es hatte eine grünlich graue Farbe und glich so ziemlich dem Ventilator einer Haustür. Die blinde Seite seines Gesichts war in unzählige Falten und Runzeln gelegt, was ihm, besonders wenn er lächelte, einen um so häßlicheren Ausdruck verlieh, da dann seine Physiognomie eine nur allzugroße Ähnlichkeit mit der eines Gauners gewann. Sein Haar war glänzend und glatt gestrichen, ausgenommen an der niederen, sich vordrängenden Stirn, wo es steif in die Höhe gebürstet war – ein Bild, das mit der rauhen Stimme und dem unbeholfenen Benehmen des Mannes trefflich zusammenstimmte. Er war etwa zwei- oder dreiundfünfzig Jahre alt, ein wenig unter Mittelgröße und trug ein weißes Halstuch mit langen Zipfeln nebst einem schwarzen Schulmeisteranzug. Aber die Ärmel seines Frackes waren viel zu lang und seine Hosen viel zu kurz, so daß es fast aussah, als wären die Kleider nicht die seinigen und als sei er in beharrlicher Verwunderung, sich selbst in einem so respektablen Anzug zu finden.

Herr Squeers stand in einem Verschlage bei einem der Kaffeezimmerkamine, in dem sich ein Tisch, wie man sie gewöhnlich in Kaffeezimmern sieht, und zwei andere von ganz seltsamer Form, wie sie eben für die Winkel der Wände paßten, befanden. Auf einer Eckbank stand ein mit einem vermürbten Strick zusammengebundener kleiner Koffer, und auf dem Koffer saß ein winziger Knabe, dessen Bundstiefeln und Corduroy-Beinkleider in der Luft baumelten, während er die Schultern bis an die Ohren hinaufgezogen hatte und mit auf die Knie gepflanzten Händen von Zeit zu Zeit in augenscheinlicher Furcht und Besorgnis ängstliche Blicke nach dem Schulmeister schoß.

»Halb drei«, brummte Herr Squeers, indem er sich von dem Fenster abwandte und verdrießlich nach der Uhr des Kaffeezimmers blickte. »Es wird heute niemand mehr kommen.«

Durch diese Aussicht sehr mißlaunig gestimmt, blickte Herr Squeers nach dem kleinen Knaben, um nachzusehen, ob er nicht etwas täte, wofür man ihn züchtigen könnte. Da aber dieser zufällig gar nichts tat, so versetzte er ihm nur eine Ohrfeige und sagte ihm, er solle es nicht wieder tun.

»Als ich das letztemal hier war«, brummte Herr Squeers, seine Klage wieder aufnehmend, vor sich hin – »konnte ich zehn Knaben mitnehmen: zehnmal zwanzig macht zweihundert Pfund. Morgen früh um acht Uhr kehre ich wieder zurück und habe nur drei – dreimal Null ist Null –, dreimal zwei ist sechs – sechzig Pfund. Was ist denn aus all diesen Jungen geworden? Was ist den Eltern in die Köpfe gefahren? Was soll das alles heißen?«

Der kleine Knabe auf dem Koffer nieste jetzt heftig.

»Wie, Junge«, zürnte der Schulmeister, sich umwendend, »was war das?«

»Nichts, Sir«, antwortete der Knabe.

»Wie? Nichts?« rief Herr Squeers.

»Ich habe nur geniest, lieber Herr«, versetzte der Knabe und zitterte so heftig, daß der kleine Koffer unter ihm klapperte.

»Ah, du hast geniest, nicht wahr?« versetzte Herr Squeers. »Warum sagtest du dann, du hättest nichts getan, Bürschchen.«

In Ermangelung einer besseren Antwort auf diese Frage bohrte der Kleine ein paar Fingerknöchel in jedes seiner Augen und begann zu weinen, wofür Herr Squeers ihn mit einem Schlage auf die eine Seite seines Gesichts von dem Koffer herunter und mit einem zweiten auf die andere wieder hinaufschlug.

»Warte nur, bis ich dich in Yorkshire drunten habe, mein junges Herrchen«, sagte Herr Squeers; »der Rest soll dir dort nicht entgehen. Willst du augenblicklich still sein, Bürschchen?«

»J–i–a«, schluchzte der Knabe, indem er sich das Gesicht eifrig mit einem baumwollenen Taschentuch rieb, das mit der Bettlerpetition bedruckt war.

»So sei es gleich jetzt«, donnerte Squeers; »hörst du?«

Da diese Ermahnung von einer wilden, drohenden Gebärde begleitet war, rieb der Knabe sein Gesicht noch stärker, um die Tränen zurückzuhalten, und machte seinen Gefühlen nur noch abwechselnd durch ein Schnüffeln und Schlucksen Luft.

»Herr Squeers!« rief jetzt ein Kellner zur Tür herein, »am Büfett ist ein Herr, der nach Ihnen fragt.«

»Führen Sie ihn herein, Richard«, entgegnete Herr Squeers mit sanfter Stimme. »Stecke dein Schnupftuch in die Tasche, du kleiner Spitzbube, oder ich bringe dich um, sobald der Herr fort ist.«

Der Schulmeister hatte kaum dem Knaben diese Worte in einem grimmigen Tone zugeflüstert, als der Fremde eintrat. Herr Squeers tat, als sähe er ihn nicht, und gab sich den Anschein, als sei er eifrig beschäftigt, seinem jungen Zöglinge eine Feder zu schneiden und ihm wohlwollende Ermahnungen zu erteilen.

»Mein liebes Kind«, begann Herr Squeers, »jedermann hat seine trüben Augenblicke. Aber diese frühe Prüfung, ob der dir das Herz brechen möchte und du dir die Augen aus dem Kopf weinst – was ist sie? Nichts, – weniger als nichts. Du verlässest zwar deine Familie, mein Lieber, aber du wirst in mir einen Vater und in Madame Squeers eine Mutter finden. In dem anmutigen Dorf Dotheboys bei Greta Bridge in Yorkshire, wo junge Leute verköstigt, gekleidet, mit Büchern, Wäsche, Taschengeld und allem Nötigen versehen werden –«

»Er ist es«, sagte der Fremde, den Schulmeister in der Wiederholung seiner Anzeige unterbrechend. »Herr Squeers, wie ich glaube?«

»Hier bin ich, Sir«, versetzte Herr Squeers mit der Miene der höchsten Überraschung.

»Der Herr«, fuhr der Fremde fort, »der eine Anzeige in die Zeitung einrücken ließ?«

»Ja, in die Times, Morning Post, Chronicle, Herald und Advertiser hinsichtlich der Akademie Dotheboys Hall bei dem anmutigen Dorfe Dotheboys in der Nähe von Greta Bridge in Yorkshire«, fügte Herr Squeers bei. »Sie kommen in Geschäftssachen, Sir, wie ich an diesen meinen jungen Freunden bemerke. Wie befindest du dich, mein junges Herrchen? Und wie geht’s dir, mein Lieber?«

Mit dieser Begrüßung klopfte Herr Squeers zwei hohläugigen, ausgemergelten, kleinen Knaben auf den Kopf, die der Besuchende mit sich gebracht hatte, und harrte fernerer Mitteilungen.

»Ich handle mit Öl und Farben und heiße Snawley, Sir«, kündigte sich der Fremde an.

Squeers nickte mit dem Kopf, als wolle er damit sagen, »ein sehr schöner Name.«

»Ich habe mir vorgenommen, Herr Squeers«, fuhr der Fremde fort, »meine zwei Knaben Ihrer Anstalt anzuvertrauen.«

»Es schickt sich vielleicht nicht für mich, Sir, es zu sagen«, versetzte Herr Squeers; »aber ich glaube kaum, daß Sie eine bessere Wahl hätten treffen können.«

»Hm!« sagte der andere; »zwanzig Pfund jährlich, glaube ich, Herr Squeers?«

»Guíneen«, entgegnete der Schulmeister mit einem überredenden Lächeln.

»Pfund, denke ich, Herr Squeers, da ich gleich zwei bringe«, erwiderte Herr Snawley feierlich.

»Wird sich kaum machen lassen, Sir«, wendete Squeers ein, als ob ihm nie früher ein solcher Antrag gemacht worden wäre. »Doch wir wollen sehen, viermal fünf ist zwanzig – dieses doppelt genommen und davon ab –, nun ein Pfund mehr oder weniger soll uns nicht im Wege stehen. Sie müssen mich bei Ihren Bekannten empfehlen, Sir, und es auf diese Weise wieder auszugleichen suchen.«

»Sie sind keine starken Esser«, sagte Herr Snawley.

»Oh, das kommt nicht in Betracht«, versetzte Squeers. »Wir nehmen in unserer Anstalt keine Rücksicht auf den Appetit der Knaben.«

Dieses war allerdings vollkommen wahr.

»Die gesundeste Kost, Sir, die man in Yorkshire auftreiben kann«, fuhr Squeers fort, »herrliche Sittenlehren, die ihnen Madame Squeers beibringt, alles, was sich ein Knabe nur zu Hause wünschen kann, Herr Snawley.«

»Es wäre mir lieb, wenn vor allem für ihre Sittlichkeit Sorge getragen würde«, bemerkte Herr Snawley.

»Ich freue mich, dies zu hören, Sir«, versetzte der Schulmeister, sich in die Brust werfend. »Hinsichtlich der moralischen Grundlage hätten Sie an kein besseres Institut kommen können, Sir.«

»Sie sind selbst ein Mann von Religion?« sagte Herr Snawley.

»Ich meine wenigstens, Sir«, entgegnete Herr Squeers.

»Ich habe diese beruhigende Überzeugung, Sir«, erwiderte Herr Snawley. »Ich fragte bei einem Manne, auf den Sie sich beriefen, nach, und er sagte, Sie gehörten zu den Frommen.«

»Ich hoffe allerdings ein wenig auf ihren Pfaden zu wandeln, Sir«, sagte Herr Squeers.

»Ich hoffe das von mir gleichfalls«, meinte der andere. »Könnte ich nicht ein paar Worte allein mit Ihnen sprechen?«

»Aber gewiß!« – versetzte Squeers mit einem Grinsen. »Meine Lieben, wollt ihr euch nicht ein paar Minuten mit eurem neuen Spielkameraden unterhalten? Dies ist einer meiner Zöglinge, Sir. Er heißt Belling und ist von Taunton, Sir.«

»Wirklich?« erwiderte Herr Snawley, indem er den armen Kleinen wie irgendeine außerordentliche Naturmerkwürdigkeit anstaunte.

»Er geht morgen mit mir«, fuhr Herr Squeers fort. »Der Koffer, auf dem er sitzt, enthält sein Gepäck. Jeder Knabe muß zwei volle Anzüge, sechs Hemden, sechs paar Strümpfe, zwei Schlafmützen, zwei Taschentücher, zwei paar Schuhe, zwei Hüte und ein Rasiermesser mitbringen.«

»Ein Rasiermesser«, rief Herr Snawley, als sie in das Nebengemach traten. »Wozu denn dieses?«

»Zum Rasieren«, entgegnete Squeers in einem langsamen gezogenen Tone.

Es lag nicht viel in diesen zwei Worten: aber in der Art, wie sie gesprochen wurden, mußte etwas zu finden gewesen sein, was Aufmerksamkeit erregte; denn der Schulmeister und sein Gefährte blickten sich einige Augenblicke gegenseitig an und wechselten dann ein sehr bedeutungsvolles Lächeln. Snawley war ein runder, plattnasiger Mann, dunkel gekleidet, mit langen, schwarzen Gamaschen, in dessen Zügen der Ausdruck großer Selbstzerknirschung und Heiligkeit lag, so daß dieses Lächeln ohne irgendeinen augenfälligen Grund nur um so merkwürdiger war.

»Bis zu welchem Alter behalten Sie die Knaben in Ihrer Schule?« fragte er endlich.

»Gerade so lange, als ihre Verwandten meinem Geschäftsträger in der Stadt die vierteljährliche Pension vorausbezahlen, oder bis die Jungen davonlaufen«, antwortete Squeers. »Wir müssen uns verständigen; denn ich sehe, wir können es ohne Gefahr tun. Was sind das für Knaben? – Uneheliche Kinder?«

»Nein, das sind sie nicht«, versetzte Snawley, dem Blicke des einäugigen Schulmeisters entgegenkommend.

»Ich glaubte, es wäre so«, entgegnete Squeers kaltblütig. »Wir haben deren eine große Anzahl; der Knabe ist auch eines.«

»Der nebenan?« fragte Snawley.

Squeers nickte bejahend, und der Farbenhändler blickte abermals nach dem Knaben auf dem Koffer hinüber, wandte sich wieder um, machte ganz eine Miene, als nähme es ihn höchlich Wunder, daß dieser ganz wie andere Kinder aussähe, und meinte, daß er sich das nicht hätte träumen lassen.

»Und doch ist’s so«, erwiderte Squeers: »aber Sie wollten mich wegen Ihrer Knaben sprechen?«

»Ja«, erwiderte Snawley. »Der Umstand ist, daß ich nicht ihr eigentlicher Vater, sondern nur ihr Stiefvater bin, Herr Squeers.«

»Ah, verhält es sich so?« sagte der Schulmeister. »Das erklärt freilich alles«. Ich konnte mir nicht vorstellen, was zum Henker Sie veranlassen mochte, die Jungen nach Yorkshire zu schicken. Ha, ha, ich verstehe jetzt.«

»Sehen Sie, ich habe die Mutter geheiratet«, fuhr Snawley fort. »Es kostet viel, die Kinder zu Hause zu erziehen: und da sie einiges Vermögen besitzt, so fürchte ich – denn Weiber sind gar töricht, Herr Squeers – sie möchte es auf die Knaben vergeuden, was ihnen, wie Sie wissen, nur zum Verderben gereichen würde.«

»Ich begreife«, entgegnete Squeers, indem er sich in seinem Stuhl zurücklehnte und mit der Hand winkte.

»Und dies« – nahm Snawley wieder auf – »hat mich zu dem Wunsche veranlaßt, sie in eine recht entfernte Kostschule zu geben, wo es keine Ferien gibt, das unzweckmäßige Nachhausekommen der Kinder, das alle Jahre zweimal zum großen Nachteil der Erziehung stattfindet, wegfällt, und sie ein wenig abgerieben werden. – Sie verstehen mich?«

»Die Zahlungen regelmäßig, ohne irgend weitere Nachfrage?« erwiderte Squeers, den Kopf nickend.

»Natürlich«, erklärte der andere: »nur wünsche ich, daß dabei streng auf die Sittlichkeit gesehen wird.«

»Versteht sich«, sagte Squeers.

»Ich hoffe, es ist nicht gestattet, daß sie allzuviel nach Hause schreiben?« versetzte der Stiefvater zögernd.

»Nie, als am Christtag, wo alle in gleicher Weise ihren Angehörigen melden müssen, daß sie sich nie so glücklich befunden hätten, und daß sie nicht wünschten, je wieder abgeholt zu werden«, entgegnete Squeers.

»Recht so, recht so«, erwiderte der Stiefvater, vergnügt die Hände reibend.

»Und nun wir uns gegenseitig verstehen«, fuhr Herr Squeers fort, »werden Sie mir auch die Frage zugut halten, ob Sie mich für einen wirklich tugendhaften, exemplarischen und untadelhaften Mann im Privatleben betrachten, und ob Sie in meine Person als Erzieher, was makellose Rechtlichkeit, Uneigennützigkeit, Religiosität und Tüchtigkeit anbelangt, vollkommenes Vertrauen setzen?«

»Gewiß«, versetzte der Stiefvater, das Grinsen des Schulmeisters erwidernd.

»Sie würden vielleicht auch nichts dagegen haben, wenn ich mich auf Sie beriefe?«

»Nicht das mindeste.«

»Sie sind ein Mann von meinem Sinne«, erwiderte Squeers, eine Feder zur Hand nehmend, »das nenn‘ ich mir ein Geschäft, wie ich’s liebe!«

Nachdem der Schulmeister Herrn Snawleys Adresse eingetragen hatte, blieb ihm noch das weit angenehmere Geschäft übrig, den Empfang der ersten Vierteljahrsrate zu quittieren; und kaum war er mit diesem Geschäfte zu Ende gekommen, als sich eine andere Stimme vernehmen ließ, die nach Herrn Squeers fragte.

»Hier ist er«, antwortete der Schulmeister. »Was steht zu Diensten?«

»Nur eine Geschäftssache, Sir«, sagte Ralph Nickleby, eintretend, während ihm Nicolaus auf der Ferse folgte. »Diesen Morgen stand eine Ankündigung mit Ihrem Namen in den Zeitungen?«

»Es ist so, Sir. Ist’s Ihnen gefällig, hier hineinzuspazieren?« versetzte Squeers, indem er nach dem Gemach, wo der Kamin stand, deutete. »Wollen Sie Platz nehmen?«

»Ich denke wohl«, entgegnete Ralph, seine Worte durch die Tat begleitend, indem er zugleich seinen Hut auf den Tisch vor sich hinlegte. »Das ist mein Neffe, Sir, Herr Nicolaus Nickleby.«

»Wie befinden Sie sich, Sir?« erwiderte Squeers.

Nicolaus verbeugte sich, sagte, daß er ganz wohl sei, und schien nicht wenig erstaunt über das Äußere des Eigentümers von Dotheboys Hall, wozu er denn auch alle Ursache hatte.

»Vielleicht erinnern Sie sich meiner«, sagte Ralph, den Schulmeister scharf ins Auge fassend.

»Ich glaube, Sie bezahlten mir einige Jahre lang bei meinen halbjährigen Besuchen in der Stadt eine kleine Note, Sir?« versetzte Squeers.

»Es ist so«, entgegnete Ralph.

»Für Rechnung der Eltern eines Knaben, namens Dorker, der unglücklicherweise –«

»– unglücklicherweise in Dotheboys Hall starb«, fiel Ralph, den Satz beendigend, ein.

»Ich kann mich noch recht gut erinnern, Sir«, erwiderte Squeers. »Ach, Sir, meine Frau hatte den Knaben so gerne, als ob er ihr eigenes Kind gewesen wäre. Die Aufmerksamkeit, Sir, die wahrend seiner Krankheit auf ihn verwendet wurde – Anisschnitten und warmen Tee jeden Abend und jeden Morgen, als er nichts mehr hinunterbringen konnte – ein Licht in seinem Schlafgemach in der Nacht, in der er starb – das beste Kissen hinaufgeschickt, um seinen Kopf darauf zu legen. Doch ich bereue es nicht, denn es ist etwas gar Angenehmes in dem Gedanken, seine Schuldigkeit getan zu haben.«

Ralph lächelte, aber in einer Weise, als ob es ihm gar nicht lächerlich sei, und betrachtete die anwesenden fremden Gesichter.

»Das sind nur einige meiner Zöglinge«, sagte Wackford Squeers, indem er nach dem kleinen Knaben auf dem Koffer und den beiden andern auf dem Boden deutete, die sich gegenseitig, ohne ein Wort zu sprechen, anstierten und ihre Körper auf eine gar seltsame Weise verdrehten, wie Kinder zu tun pflegen, wenn sie zum ersten Male miteinander bekannt werden. »Dieser Herr, Sir, ist ein Vater, der so gütig war, mir ein Kompliment zu machen über den Erziehungsplan zu Dotheboys Hall, das bei dem angenehmen Dörfchen Dotheboys in der Nähe von Greta Bridge in Yorkshire liegt, wo junge Leute verköstigt, gekleidet, mit Büchern, Wäsche und Taschengeld –«

»Ja, wir wissen das alles, Sir«, unterbrach ihn Ralph mürrisch; »es steht in der Anzeige.«

»Sie haben vollkommen recht, Sir; es steht in der Anzeige«, versetzte Squeers.

»Und verhält sich auch ganz so«, fiel Herr Snawley ein. »Ich fühle mich verpflichtet, Ihnen zu versichern, Sir, und ich bin stolz auf diese Gelegenheit, es tun zu können, daß ich Herrn Squeers für einen höchst tugendhaften, exemplarischen, tadellosen Mann halte, und daß –«

»Ich ziehe es nicht in Zweifel, Sir«, unterbrach ihn Ralph, den Strom dieser Lobpreisung und Empfehlung hemmend; »ich setze es nicht im mindesten in Zweifel. Doch ich denke, wir können an unser Geschäft gehen?«

»Mit größter Freude, Sir«, sagte Squeers. »Du sollst dein Geschäft nie verschieben, ist die erste Regel, die wir unsern für den Handelsstand bestimmten Zöglingen ans Herz legen. Master Belling, mein Lieber, behalte dies stets im Gedächtnis; hörst du?«

»Ja, Sir«, erwiderte Master Belling.

»Weiß er wohl jetzt noch das Sprüchlein?« – fragte Ralph,

»Sag‘ es dem Herrn her«, entgegnete Squeers.

»Du sollst –« wiederholte Master Belling.

»Sehr gut«, sagte Squeers. »Weiter!«

»Deine Geschäfte nie –« fuhr Master Belling fort.

»Sehr gut, in der Tat«, lobte Herr Squeers. »Nun?«

»Ver–« flüsterte Nicolaus gutmütig dem Knaben zu.

»Verrichten«, sagte Master Belling. »Du sollst – deine Geschäfte – nie verrichten.«

»Sehr wohl, Bürschchen«, erwiderte Squeers, einen vernichtenden Blick auf den Verbrecher werfend. »Wenn wir’s auch jetzt verschieben müssen, so werden wir doch, wenn wir allein sind, ein kleines Geschäft miteinander zu verrichten haben.«

»Vorderhand wäre es aber vielleicht geeigneter, wenn wir an das unsrige gingen«, sagte Ralph.

»Ganz nach Ihrem Belieben«, entgegnete Squeers.

»Es wird bald abgetan sein«, fuhr Ralph fort. »Ihrer Anzeige zufolge suchen Sie einen tüchtigen Hilfslehrer, Sir?«

»Ganz richtig«, erwiderte Squeers.

»Und brauchen also wirklich einen solchen?«

»Gewiß«, antwortete Squeers.

»Hier steht er«, sagte Ralph. »Mein Neffe Nicolaus kommt warm von der Schule weg, und da ihm alles, was er dort gelernt hat, im Kopfe, und nichts in der Tasche gärt, so ist er gerade ein Mann, wie Sie ihn brauchen.«

»Ich fürchte nur«, wendete Squeers ein, den die Bewerbung eines Jünglings von Nicolaus‘ Äußerem verwirrte – »ich fürchte nur, der junge Mann wird nicht für mich passen.«

»Er wird«, sagte Ralph; »ich weiß das besser. – Du brauchst den Mut nicht gleich sinken zu lassen, denn du wirst in weniger als einer Woche die jungen Edelleute in Dotheboys Hall unterrichten, wenn dieser Herr nicht störrischer ist, als ich voraussetze.«

»Ich besorge nur, Sir«, sprach Nicolaus zu Herrn Squeers, »daß Sie gegen meine Jugend und den Umstand, daß ich nicht Magister der freien Künste bin, etwas einzuwenden haben.«

»Der Mangel eines akademischen Grades kommt allerdings in Betracht«, versetzte Squeers mit möglichst ernster Miene, obgleich nicht wenig verblüfft durch den Gegensatz in der Einfachheit des Neffen und dem weltklugen Benehmen des Onkels sowohl, als durch die unbegreifliche Anspielung auf die jungen Edelleute, die sich in seiner Schule befinden sollten.

»Merken Sie einmal auf, Sir«, sagte Ralph; »ich will die Sache in ein paar Augenblicken in das rechte Licht stellen.«

»Wenn Sie die Güte haben wollen«, versetzte Squeers.

»Dies ist ein Knabe, ein Jüngling, ein junger Mann, ein Springinsfeld, oder wie sie ihn sonst nennen wollen, von achtzehn oder neunzehn Jahren«, fuhr Ralph fort.

»Das sehe ich«, bemerkte der Schulmeister.

»Und ich auch«, meinte Snawley, der es für passend hielt, seinem neuen Freunde gelegentlich den Rücken zu decken.

»Sein Vater ist tot. Er weiß nichts von der Welt, ist durchaus mittellos und braucht Beschäftigung«, erklärte Ralph. »Ich empfehle ihn daher Ihrem vortrefflichen Institute, das er zu dem Grundstein seines Glücks machen kann, wenn er es recht anzufangen weiß. Hast du mich verstanden?«

»Alle Welt muß das einsehen«, versetzte Squeers, den spöttischen Seitenblick nachahmend, mit dem Ralph seinen unerfahrenen Neffen betrachtete.

»Natürlich«, entgegnete Nicolaus hastig.

»Sie sehen, er hat mich verstanden«, fuhr Ralph in derselben harten und trockenen Weise fort. »Wenn irgendeine leidenschaftliche Laune ihn veranlassen sollte, diese goldene Gelegenheit wegzuwerfen, ehe sie zur Reife gediehen ist, so hört meine Verbindlichkeit, seiner Mutter oder Schwester Beistand zu leisten, auf. Sehen Sie ihn einmal an und überlegen Sie, auf wievielerlei Weise er Ihnen nützlich werden kann. Es fragt sich nun, ob er Ihren Zwecken für die nächste Zeit nicht besser entsprechen wird als zwanzig andere, die Sie unter gewöhnlichen Umständen erhalten könnten. Ist dies nicht der Überlegung wert?«

»Allerdings«, entgegnete Squeers, ein Kopfnicken von seiten Ralphs mit einem gleichen erwidernd.

»Gut«, versetzte Ralph; »ich möchte nun noch ein paar Worte allein mit Ihnen sprechen.«

Dieses geschah, und in einigen Minuten erklärte Herr Wackford Squeers, daß Herrn Nicolaus Nickleby von Stunde an das Amt eines ersten Hilfslehrers in Dotheboys Hall übertragen sei.

»Sie verdanken es der Empfehlung Ihres Onkels, Herr Nickleby«, bemerkte Wackford Squeers.

Nicolaus drückte in der Freude seines Herzens über diesen glücklichen Erfolg seinem Onkel die Hand und hätte auf der Stelle vor Squeers niederfallen können.

»Er sieht zwar etwas wunderlich aus«, dachte Nicolaus; »doch, was macht das? bei Porson und dem Doktor Johnson war es derselbe Fall, wie überhaupt bei allen solchen Bücherwürmern.«

»Morgen früh um acht Uhr geht die Kutsche ab, Herr Nickleby«, bemerkte Squeers. »Sie müssen eine Viertelstunde früher hier sein, da wir diese Knaben mitnehmen.«

»Ich werde nicht fehlen, Sir«, sagte Nicolaus.

»Ich habe die Fahrt für dich bezahlt«, grämelte Ralph; »du hast also nichts zu tun, als dich warm zu kleiden.«

Das war ein neuer Beweis von der Großmut seines Onkels. Nicolaus empfand diese unerwartete Güte so tief, daß er kaum Worte für seine Dankäußerungen finden konnte, und er hatte deren in der Tat auch nicht halb genug gefunden, als sie sich von dem Schulmeister verabschiedeten und das Gasthaus zum Mohrenkopf verließen.

»Ich werde morgen hier sein, um dich wohlbehalten abfahren zu sehen«, sagte Ralph. »Daß du dich also bei Zeiten einstellst!«

»Ich danke Ihnen, Sir«, versetzte Nicolaus; »ich werde Ihre Güte nie vergessen.«

»Daran wirst du wohl tun«, entgegnete sein Onkel. »Doch mach‘ jetzt, daß du nach Hause kommst, und packe ein, was du zu packen hast. Glaubst du den Weg nach Golden Square zum erstenmal finden zu können?«

»Gewiß«, erwiderte Nicolaus; »ich kann ja fragen.«

»So bring‘ diese Papiere meinem Schreiber«, sagte Ralph, ein kleines Päckchen herausziehend, »und sage ihm, er soll auf mich warten, bis ich nach Hause käme.«

Nicolaus übernahm gerne diese Botschaft, verabschiedete sich herzlich von seinem würdigen Onkel, was von dem warmherzigen, alten Herrn nur durch ein Brummen erwidert wurde, und eilte fort, um seinen Auftrag auszurichten. Er fand sich nach Golden Square zurecht, und Herr Noggs, der im Heimgehen auf einige Minuten in einem Wirtshaus vorgesprochen hatte, drückte eben auf die Türklinke, als ersterer bei der Wohnung seines Oheims anlangte.

»Was ist das?« fragte Noggs, auf das Päckchen deutend.

»Papiere von meinem Onkel«, antwortete Nicolaus. »Er läßt Ihnen sagen, Sie möchten warten, bis er nach Hause käme.«

»Onkel?« rief Noggs.

»Herr Nickleby«, erklärte Nicolaus.

»Kommen Sie herein«, versetzte Newmann.

Er führte Nicolaus, ohne ein weiteres Wort zu sprechen, in die Hausflur und von da in das Bureau an dem Ende derselben, wo er ihm einen Stuhl anwies und dann selber seinen Schreibbock bestieg, auf dem er mit gerade an den Seiten herunterhängenden Armen saß und den neuen Ankömmling wie von einer Warte herunter festen Blicks betrachtete.

»Es bedarf keiner Antwort«, sagte Nicolaus, das Päckchen auf einen Tisch neben sich legend.

Newman erwiderte nichts, sondern schlug seine Arme übereinander, streckte den Kopf vorwärts, um Nicolaus‘ Gesicht besser beobachten zu können, und forschte aufmerksam in dessen Zügen.

»Keine Antwort!« wiederholte Nicolaus sehr laut, da es ihm vorkam, als ob Newman Noggs schwerhörig sei.

Newman legte die Hände auf seine Knie und fuhr, ohne eine Silbe laut werden zu lassen, fort, das Gesicht seines Gefährten zu prüfen.

Dieses Benehmen von seiten eines landfremden Menschen war höchst auffallend und das Äußere desselben so sonderbar, daß Nicolaus, der eine Lächerlichkeit wohl aufzufinden wußte, sich nicht enthalten konnte, den Mund zu einem Lächeln zu verziehen, als er Noggs fragte, ob er einen Auftrag für ihn hätte.

Noggs schüttelte den Kopf und seufzte, worauf Nicolaus mit der Bemerkung, daß er nicht müde sei, sich wieder erhob und jenem guten Tag wünschte.

Newman Noggs atmete jetzt tief auf und unterzog sich einer Anstrengung, deren man ihn bisher, zumal einem ganz Fremden gegenüber, nicht für fähig gehalten haben würde, indem er, ohne auch nur ein einziges Mal zu stottern, sagte, daß es ihm sehr angenehm wäre zu erfahren, was sein Onkel für ihn zu tun im Sinne hätte, wenn es der junge Herr für gut finden sollte, eine Mitteilung darüber zu machen.

Nicolaus sah nicht ein, warum er das nicht tun sollte, sondern war im Gegenteil sehr erfreut, eine Gelegenheit zu finden, von dem, was seine Gedanken so ganz in Anspruch nahm, zu reden. Er setzte sich daher wieder nieder und ging, da seine warmherzige Einbildungskraft während des Sprechens immer wärmer wurde, in eine glühende Schilderung all jener Ehren und Vorteile ein, die er sich von seiner Anstellung an dem Sitze der Gelehrsamkeit, Dotheboys Hall, versprach.

»Doch was ist Ihnen – sind Sie unwohl?« unterbrach sich Nicolaus plötzlich, als sein Gefährte, nachdem er sich in den verschiedensten, merkwürdigsten Stellungen verdreht hatte, seine Hände unter dem Sitze zusammenschlug und an den Gelenken knackte, als ob er alle Fingerknochen zerbrechen wollte.

Newman Noggs erwiderte nichts, sondern fuhr fort, die Achseln zu zucken und mit den Fingergelenken zu knacken, indem er zugleich das Gesicht zu einem schrecklichen Lächeln verzog und fast mit gespenstigem Ausdruck unverwandten Auges ins Leere starrte.

Anfangs glaubte Nicolaus, der rätselhafte Mensch habe einen Anfall von Veitstanz, aber bei weiterer Überlegung entschied er sich für die Meinung, er wäre betrunken, weshalb er es für das vernünftigste hielt, sich ohne weitere Umstände zu entfernen. Als er die Tür geöffnet hatte, blickte er noch einmal zurück. Newman Noggs erging sich noch immer in denselben seltsamen Gebärden, und das Knacken seiner Finger schallte lauter als je.

Fünftes Kapitel.


Fünftes Kapitel.

Nicolaus begibt sich nach Yorkshire auf den Weg. – Abschied von den Seinigen, seine Reisegefährten und was ihnen unterwegs begegnete.

Wenn Tränen, die in einen Koffer träufeln, Schutzmittel wären, um dessen Eigentümer vor Leid und Mißgeschick zu bewahren, so hätte Nicolaus Nickleby seine Reise unter den glücklichsten Vorbedeutungen begonnen. Man hatte so viel zu tun und doch so wenig Zeit dazu – so viele herzliche Worte zu sprechen und doch so bitteren Schmerz im Herzen, der die Laute erstickte, daß die kleinen Vorbereitungen für den Aufbruch in der Tat in größter Trauer getroffen wurden. Nicolcaus bestand darauf, hundert Dinge, die die ängstliche Sorge der Mutter und Schwester für durchaus unentbehrlich hielten, zurückzulassen, da sie den Seinigen nachher nützlich werden oder im Falle der Not in Geld umgesetzt werden könnten. Hundert zärtliche Wortwechsel über derartige streitige Punkte fanden in der traurigen Nacht statt, die seiner Abreise voranging; und je näher sie das Ende eines jeden dieser harmlosen Zwiste dem Schlusse ihrer kleinen Vorbereitungen brachte, desto geschäftiger wurde Käthchen und desto mehr weinte sie im stillen.

Der Koffer war endlich gepackt, und nun wurde das Nachtessen mit einer eigens für diesen Anlaß bereiteten Leckerei herbeigebracht, für deren Bestreitung Käthchen und ihre Mutter nicht zu Mittag gegessen hatten, indem sie vorgaben, sie hätten es getan, als Nicolaus nicht zu Hause war. Die Bissen quollen ihm jedoch im Munde, und es wollte ihm fast das Herz brechen, als er einige Scherze anzubringen und ein melancholisches Lachen hervorzuzwingen versuchte. So zögerten sie, bis die gewöhnliche Schlafengehenszeit längst vorüber war; und erst jetzt fanden sie, daß sie recht wohl früher ihren wahren Gefühlen hätten Luft machen können, da sie dieselben trotz aller Mühe doch nicht zu unterdrücken vermochten. Sie ließen ihnen daher den Lauf, und auch dies gereichte ihnen zur Erleichterung.

Nicolaus schlief tief bis morgens 6 Uhr, träumte von der Heimat oder von dem, was sonst seine Heimat war – was allerdings gleich viel bedeutet, denn Dinge, die anders geworden oder dahin sind, führt uns, Gott sei Dank, der Schlaf wieder zurück, wie sie ehedem waren – und stand ganz frisch und munter auf. Er schrieb mit dem Bleistift einige Zeilen des Abschieds, da er sich den Schmerz des mündlichen Lebewohls ersparen wollte, legte sie nebst der Hälfte seiner spärlichen Barschaft vor die Tür seiner Schwester, warf seinen Koffer über die Schulter und schlich sacht die Stiegen hinunter.

»Hanna, bist du’s?« rief eine Stimme von Fräulein La Creevys Arbeitszimmer her, aus dem der matte Schein eines Kerzenlichtes die Wand beleuchtete.

»Ich bin’s, Fräulein La Creevy«, sagte Nicolaus, indem er den Koffer niedersetzte und hineinblickte.

»O du mein Himmel!« rief Fräulein La Creevy aufspringend, indem sie mit der Hand nach ihren Haarwickeln fuhr; »Sie sind sehr früh auf, Herr Nickleby.«

»Sie gleichfalls«, erwiderte Nicolaus.

»Die schönen Künste bringen mich so zeitig aus den Federn, Herr Nickleby«, entgegnete die Dame. »Ich harre des Tags, um einen Gedanken auszuführen.«

Fräulein La Creevy war so früh aufgestanden, um eine Phantasienase in das Miniaturportrat eines häßlichen kleinen Jungen zu malen, das die Bestimmung hatte, seiner Großmutter auf dem Lande geschickt zu werden, von der man erwartete, sie würde ihn in ihrem Testamente besonders bedenken, wenn sich bei ihm eine Familienähnlichkeit vorfände.

»Einen Gedanken auszuführen«, wiederholte Miß La Creevy; »und da kommt mir der Umstand, daß ich in einer so belebten Straße, wie der Strand, wohne, sehr zu statten. Wenn ich einer Nase oder eines Auges für einen meiner Kunden bedarf, so brauche ich mich bloß ans Fenster zu setzen und zu warten, bis mir vorkommt, was ich haben möchte.«

»Braucht man lange dazu, um eine Nase zu bekommen?« fragte Nicolaus lächelnd.

»Das hängt ganz davon ab, was es für eine sein soll«, antwortete Miß La Creevy. »Stumpfnasen und Habichtsnasen gibt es genug, und Plattnasen von jeder Sorte und Größe trifft man, wenn es eine Versammlung zu Exeter Hall gibt; aber wirkliche Adlernasen sind, wie ich mit Bedauern gestehen muß, sehr selten, und doch brauchen wir sie so oft für Offiziere oder amtliche Persönlichkeiten.«

»Wirklich?« entgegnete Nicolaus. »Wenn mir auf meinen Reisen eine solche aufstoßen sollte, so will ich versuchen, Ihnen ein Bild davon zu fertigen.«

»Sie wollen damit doch nicht sagen, daß Sie wirklich die Absicht hätten, bei diesem kalten, winterlichen Wetter den weiten Weg nach Yorkshire hinunter zu machen, Herr Nickleby?« erwiderte Fräulein La Creevy. »Ich hörte in der letzten Nacht davon sprechen.«

»Allerdings habe ich diese Absicht«, antwortete Nicolaus. »Sie wissen, die Not ist eine harte Drängerin.«

»Nun, da kann ich weiter nichts sagen, als daß es mir sehr leid tut«, erwiderte Fräulein La Creevy, »sowohl um Ihrer Mutter und Schwester als um Ihretwillen. Ihre Schwester ist ein gar hübsches Mädchen, Herr Nickleby, und schon deshalb könnte sie recht wohl einen Beschützer brauchen. Ich habe sie überredet, mir ein paar Male zu sitzen, um ihr Bild für meinen Haustürrahmen benutzen zu können. Ach, das wird ein herrliches Miniaturporträt geben.«

Bei diesen Worten hielt Fräulein La Creevy ein auf Elfenbein gemaltes Gesicht mit sehr bemerklichen himmelblauen Adern empor und betrachtete es mit so viel Wohlbehagen, daß Nicolaus sie ordentlich beneidete.

»Wenn Sie je Gelegenheit haben sollten, Käthchen irgendeinen kleinen Liebesdienst zu erweisen, so verspreche ich mir von Ihrer Güte, daß Sie es tun werden«, sagte Nicolaus, ihr die Hand reichend.

»Sie dürfen sich darauf verlassen«, entgegnete die gutmütige Porträtmalerin. »Gott sei Ihr Begleiter und lasse es Ihnen wohlergehen, Herr Nickleby.«

Nicolaus kannte die Welt nur wenig, konnte aber doch so viel von ihrer Weise erraten, daß er glaubte, es könne vielleicht nicht schaden, Fräulein La Creevy für die Seinigen günstig zu stimmen, wenn er ihr einen kleinen Kuß gäbe. Er gab ihr daher drei oder vier mit einer Art scherzender Galanterie, und Fräulein La Creevy ließ keine stärkeren Andeutungen ihres Mißvergnügens bemerken, als daß sie, während sie ihren gelben Turban zurechtsetzte, erklärte, das wäre etwas Unerhörtes, und sie hätte es selber nie für möglich gehalten.

Als dieses unverhoffte Renkontre in einer so befriedigenden Weise verlaufen war, verließ Nicolaus eilig das Haus. Es war erst sieben Uhr, als er einen Mann auftrieb, der ihm den Koffer tragen sollte, und so ging er langsam dahin, wahrscheinlich mit nicht halb so leichtem Herzen in der Brust, wie der ihm folgende Träger, obgleich dieser keine Weste besaß, die seinige damit zu bedecken, und obgleich er, wie man aus seinen übrigen Kleidern schließen konnte, augenscheinlich die Nacht in einem Stall zugebracht und sein Frühstück bei einem Brunnen eingenommen hatte.

Nicolaus betrachtete mit nicht geringer Neugier und Teilnahme die geschäftigen Vorbereitungen für den kommenden Tag, die sich nicht nur in jeder Straße, sondern fast vor jedem Hause zeigten, und machte sich hin und wieder seine Gedanken darüber, daß es doch hart für ihn sei, so weit reisen zu müssen, um sich seinen Lebensunterhalt zu gewinnen, da doch so viele Menschen aller Art den ihrigen in London fänden, bis er endlich vor dem Mohrenkopf auf Snow Hill anlangte. Nachdem er seinen Begleiter entlassen und seinen Koffer wohlbehalten in dem Postbureau untergebracht hatte, sah er sich in den Frühstückszimmern nach Herrn Squeers um.

Er fand den Schulmann beim Frühstück sitzend, während die drei bereits erwähnten Knaben nebst zwei andern, die Herr Squeers durch irgendeinen glücklichen Zufall seit der Besprechung des gestrigen Tages aufgetrieben hatte, der Reihe nach auf einer gegenüberstehenden Bank aufgepflanzt waren. Herr Squeers hatte eine kleine Kaffeekanne, eine Platte mit gerösteten Brotschnitten und ein Stück kaltes Rindfleisch vor sich, war jedoch in diesem Augenblick beschäftigt, das Frühstück für die Knaben zu besorgen.

»Das soll für zwei Pence Milch sein, Kellner?« sagte Herr Squeers und sah in einen großen blauen Krug, den er ein wenig schräg hielt, um einen genauen Überblick über die darin enthaltene Flüssigkeit zu gewinnen.

»Das ist für zwei Pence, Sir«, antwortete der Kellner.

»Was doch die Milch in London für ein teurer Artikel ist!« sprach Herr Squeers mit einem Seufzer. »Nun so füllen Sie mir den Krug vollends mit lauem Wasser, Wilhelm.«

»Bis an den Rand, Sir?« fragte der Kellner. »Ei, da wird ja die Milch ersaufen.«

»Kümmern Sie sich nicht darum«, versetzte Herr Squeers. »Es geschieht ihr dann nur ihr Recht, weil sie so teuer ist. Haben Sie ein dickes Brot und Butter für drei bestellt?«

»Wird sogleich kommen, Sir.«

»Es hat’s nicht so eilig«, entgegnete Squeers; »wir haben noch genug Zeit. Bekämpft eure Leidenschaften, Jungen, und seid mir nicht gierig auf das Essen.«

Während Herr Squeers diese gute Lehre anbrachte, sprach er seinem Rindfleisch kräftig zu, als er auf einmal seinen neuangestellten Hilfslehrer erblickte.

»Setzen Sie sich, Herr Nickleby«, sagte Squeers. »Wir sind hier beim Frühstück, wie Sie sehen.«

Nicolaus konnte nicht sehen, daß jemand anders als Herr Squeers beim Frühstück wäre, er verbeugte sich aber mit dem geziemenden Respekt und nahm eine so heitere Miene an, wie er konnte.

»Ach, ist das die Milch mit Wasser, Wilhelm?« fragte Squeers. »Gut! vergessen Sie das Brot und die Butter nicht.«

Bei dieser neuen Erwähnung des Butterbrots sahen sich die fünf Knaben gierig an und folgten mit ihren Augen dem Kellner, während Herr Squeers die Wassermilch kostete.

»Ah!« sagte der Schulmann, mit den Lippen schnalzend, »das ist eine treffliche Milch! Denkt an die vielen Bettler und Waisen in den Straßen, die froh dabei wären, ihr Jungen. Der Hunger ist ein leidig Ding, nicht wahr, Herr Nickleby?«

»Allerdings, sehr leidig, Sir«, versetzte Nicolaus.

»Wenn ich eins zähle«, fuhr Herr Squeers fort, indem er den Krug vor den Kindern niedersetzte, »so kann der Knabe, der zunächst an dem Fenster sitzt, einen Trunk tun; zähle ich zwei, so trinkt der nächste und so fort, bis ich zu fünf, das heißt, zu dem letzten Knaben komme. Seid ihr bereit?«

»Ja, Sir«, riefen alle Knaben einstimmig.

»So ist’s recht!« entgegnete Squeers, ruhig an seinem Frühstück fortfahrend. »Haltet euch bereit, bis ich zu zählen anfange. Bezähmt euren Appetit, meine Lieben, und ihr werdet zu Herren eurer tierischen Begierden. Das ist die Weise, wie wir die Kinder an Selbstbeherrschung gewöhnen, Herr Nickleby«, fügte der Schulmeister mit von Fleisch und Brotschnitten vollgepfropftem Munde, gegen Nicolaus gewendet, bei.

Nicolaus murmelte etwas – er wußte nicht, was – als Erwiderung, und die Jungen teilten ihre Blicke zwischen dem Krug, dem Butterbrot, das inzwischen angelangt war, und jedem Bissen, den Herr Squeers in seinen Mund steckte, während in ihren gierigen Augen alle Qualen der Erwartung zu lesen waren.

»Gottlob, das hat geschmeckt«, sagte Squeers, als er mit seinem Frühstück zu Ende gekommen war. »Nummer Eins kann zu trinken anfangen.«

Nummer Eins griff heißhungrig nach dem Krug und hatte eben genug getrunken, um noch nach mehr begierig zu sein, als Herr Squeers das Signal für Nummer Zwei gab, die ihn in demselben bedeutungsvollen Augenblick an Nummer Drei abgeben mußte, und so wurde der Prozeß wiederholt, bis die Wassermilch mit Nummer Fünf alle war.

»Und nun –« sagte der Schulmeister, das Butterbrot für drei in ebenso viele Portionen, als Kinder da waren, zerteilend – »werdet ihr gut tun, mit eurem Frühstück rasch zu machen; denn das Horn wird in ein paar Minuten blasen, und dann muß jeder Knabe aufhören.«

Da die Kinder jetzt Erlaubnis hatten, über das Butterbrot herzufallen, so begannen sie heißhungrig und in verzweifelter Hast zu essen, während der Schulmann, der nach seiner Mahlzeit ungemein gut gelaunt war, mit der Gabel die Zähne ausstocherte und lächelnd zusah. Kurz darauf ließ sich das Horn vernehmen.

»Ich dachte mir wohl, daß es nicht lange dauern würde«, sagte Squeers aufspringend und einen kleinen Korb unter seinem Sitz hervorziehend. »Legt das, was ihr nicht habt essen können, hier herein, Knaben, es wird euch unterwegs gut tun.«

Nicolaus war über diese höchst ökonomische Einrichtung nicht wenig verblüfft, aber er hatte keine Zeit darüber nachzudenken, denn die Knaben mußten oben auf die Kutsche hinaufgehoben, ihr Gepäck herausgeholt und versorgt, wie auch Herrn Squeers‘ Bagage sorgfältig in dem Wagenkorbe untergebracht werden, was alles dem Hilfslehrer anheimfiel. Er hatte alle Hände voll zu tun und war eben mit diesen Vorkehrungen zustande gekommen, als ihn sein Onkel, Herr Ralph Nickleby, anredete.

»Ah, du bist hier, Musje?« sagte Ralph. »Hier sind deine Mutter und Schwester.«

»Wo?« rief Nicolaus, sich hastig umsehend.

»Hier!« versetzte sein Onkel. »Da sie zuviel Geld haben und nicht wissen, was sie damit anfangen sollen, wollten sie eben eine Kutsche mieten, als ich zu ihnen kam.«

»Wir fürchteten, zu spät da zu sein und ihn nicht mehr zu sehen, ehe er abreiste«, entgegnete Frau Nickleby, ihren Sohn umarmend, ohne der im Hofe umherschlendernden Zuschauer zu achten.

»Sehr gut, Madame«, erwiderte Ralph; »Sie müssen das natürlich am besten wissen. Ich sagte nur, Sie seien im Begriff gewesen einen Lohnkutscher zu bezahlen. Ich zahle nie eine Lohnkutsche, Madame, und miete auch keine. Ich bin seit dreißig Jahren nicht auf eigene Rechnung in einer Mietkutsche gesessen, und ich hoffe, es soll noch dreißig Jahre dauern, bis ich es tue, wenn ich so lange lebe.«

»Ich hätte es mir nie vergeben können, wenn ich ihn nicht noch einmal gesehen hätte«, sagte Frau Nickleby. »Der liebe, arme Junge – er ging sogar ohne Frühstück fort, weil er fürchtete, daß uns der Abschied schmerzlich fiele.«

»Gewiß – außerordentlich zart!« bemerkte Ralph grämlich. »Als ich ins Geschäftsleben trat, war jeden Morgen, ehe ich in die City ging, ein Pennybrot und für einen halben Penny Milch mein Frühstück. Was sagen Sie hierzu, Madame? Frühstück! Bah!«

»Nun, Nickleby«, sagte Squeers, der in diesem Augenblick, seinen Überrock zuknöpfend, herantrat; »es wird gut sein, wenn Sie hinten aufsitzen: es könnte einer der Knaben herunterfallen, und dann sind jährlich zwanzig Pfund zum Henker.«

»Lieber Nicolaus«, flüsterte Käthchen, ihres Bruders Arm berührend, »wer ist dieser rohe Mensch?«

»He?« brummte Ralph, dessen rasches Ohr die Frage aufgefangen hatte, »wünschest du dem Herrn Squeers vorgestellt zu werden, meine Liebe?«

»Das der Schulmeister? Nein, Onkel, gewiß nicht«, versetzte das Mädchen zurücktretend.

»Ich hörte doch eben, daß du ihn kennenzulernen wünschtest«, entgegnete Ralph in seiner kalten, beißenden Weise. »Herr Squeers, hier ist meine Nichte, Nicolaus‘ Schwester.«

»Sehr erfreut, Ihre Bekanntschaft zu machen, Fräulein«, erwiderte Squeers, seinen Hut um einige Zoll lüftend. »Ich wünschte nur, daß Frau Squeers Schülerinnen aufnähme; wir könnten Sie dann als Lehrerin brauchen. Ich möchte übrigens nicht dafür stehen, ob sie nicht eifersüchtig würde, ha! ha! ha!«

Hätte der Eigentümer von Dotheboys Hall wissen können, was in diesem Augenblick in der Brust seines Hilfslehrers vorging, so würde er mit einiger Überraschung bemerkt haben, daß er einer gesunden Tracht Schläge so nahe war, wie nur je in seinem Leben. Käthchen Nickleby übrigens, die die Gefühle ihres Bruders schnell erfaßte, führte ihn sacht beiseite und verhinderte dadurch, daß Herr Squeers auf eine etwas unangenehme Weise mit der Tatsache bekannt wurde.

»Mein lieber Nicolaus«, fragte das Mädchen, »wer ist dieser Mann, und was für eine Stelle kannst du bei ihm zu versehen haben?«

»Ich weiß es selbst nicht, Käthchen«, entgegnete Nicolaus, die Hand der Schwester drückend. »Ich denke, die Leute von Yorkshire sind etwas roh und ungebildet; das wird wohl alles sein.«

»Aber dieser Mensch?« erwiderte Käthchen.

»Ist mein Dienstherr, mein Vorgesetzter, oder wie ich es nennen mag«, versetzte Nicolaus rasch, »und es war einfältig von mir, seine Ungeschliffenheit übelzunehmen. Sie sehen nach uns her, und es ist Zeit, daß ich meinen Platz einnehme. Gott sei mit dir, meine Liebe, und lasse es dir wohlergehen. Mutter, denken Sie nicht an die Trennung, sondern an das Wiedersehen. Leben Sie wohl, Onkel! Herzlichen Dank für alles, was Sie an uns getan haben und noch zu tun gedenken. Ich bin fertig, Sir.«

Mit diesen raschen Abschiedsworten schwang sich Nicolaus gewandt nach seinem Sitze hinauf und winkte den Seinen zu, als ob er unverzagten Herzens in die Zukunft blicke.

In diesem Augenblick, als der Postillion zum letzenmal vor dcm Aufbruch mit dem Schaffner die Unkosten der Fahrt berechnete, die Lastträger die letzten widerstrebenden sechs Pence herauspreßten, hausierende Neuigkeitskrämer den letzten Versuch machten, eine Morgenzeitung anzubringen, und die Pferde zum letztenmal ungeduldig in ihren Geschirren rasselten, fühlte sich Nicolaus auf einmal sanft am Beine berührt. Er sah hinunter und entdeckte Newman Noggs, der ihm einen schmutzigen Brief heraufreichte.

»Was ist das?« fragte Nicolaus.

»Bst!« versetzte Noggs, auf Ralph Nickleby blickend, der mit Herrn Squeers in geringer Entfernung noch einige ernste Worte wechselte. »Nehmen Sie; lesen Sie. Niemand weiß davon. Das ist alles.«

»Halten Sie noch«, rief Nicolaus.

»Nein«, entgegnete Noggs.

Nicolaus rief abermals »Halt«, aber Newman Noggs war verschwunden.

Die Rührigkeit einer Minute, das Auf- und Zuklappen der Kutschenschläge, eine Neigung des Wagens auf die eine Seite, als der schwere Postillion und der noch schwerere Schaffner auf ihre Sitze klommen, ein Ruf, daß alles in Ordnung sei, ein paar Stöße in das Posthorn; dann noch ein hastiger Blick von zwei bekümmerten Gesichtern unten, die harten Züge Ralph Nicklebys – und die Kutsche rasselte über das Pflaster von Smietfield dahin.

Die Beine der kleinen Knaben waren zu kurz, als daß sie diese, wenn sie saßen, hätten auf etwas ruhen lassen können, und da ihre Leiber deshalb in unablässiger Gefahr waren, von der Kutsche heruntergeworfcn zu werden, so hatte Nicolaus genug zu tun, sie zu halten. Er fühlte sich daher nach der mit diesem Geschäfte verbundenen Angst und körperlichen Anstrengung nicht wenig erleichtert, als die Kutsche vor dem Pfauen zu Islington halt machte. Noch mehr Trost gewährte es ihm aber, als ein Herr von biederem Äußeren, einem heiteren Gesicht und gesunder Farbe hinten aufstieg und sich erbot, die andere Seite des Sitzes einzunehmen.

»Wenn wir einige von diesen Knaben in die Mitte nehmen«, sagte der neue Ankömmling, »so werden sie, im Falle sie einschlafen sollten, sicherer sein, – meinen Sie nicht?«

»Wenn Sie diese Güte haben wollten, Sir«, versetzte Squeers, »so würde ich es Ihnen sehr Dank wissen. Herr Nickleby, nehmen Sie drei von den Knaben zwischen sich und den Herrn. Belling, und der iüngere Snawley können zwischen mir und dem Schaffner sitzen. Drei Kinder«, erklärte Squeers gegen den Fremden, »werden als zwei eingebucht.«

»Das kann man sich gefallen lassen«, entgegnete der Herr. »Ich haben einen Bruder, der nichts dagegen haben würde, wenn seine sechs Kinder in den Büchern der Bäcker und Metzger des Königreichs als zwei betrachtet würden; im Gegenteil –«

»Sechs Kinder, Sir?« rief Squeers.

»Ja, und lauter Knaben«, erwiderte der Fremde.

»Herr Nickleby«, sagte Squeers in großer Hast, »halten Sie mir diesen Korb ein wenig. Erlauben Sie mir, Sir, Ihnen die Karte eines musterhaften Instituts zu überreichen, wo diese sechs Knaben auf eine lichtvolle, freisinnige und moralische Weise erzogen werden können, ohne daß mehr als zwanzig Guineen, – zwanzig Guineen jährlich, Sir, für den Kopf bezahlt zu werden brauchen. Ich würde auch alle zusammen für die runde Summe von hundert Pfund jährlich aufnehmen.«

»Ah, da sind wohl Sie selbst der hier erwähnte Squeers,« sagte der Herr mit einem Blicke nach der Karte.

»Ja, Sir«, erwiderte der würdige Pädagog. »Wackford Squeers ist mein Name, und ich darf mich dessen nicht schämen. Dies sind einige meiner Schüler, Sir, und da einer meiner Hilfslehrer – Herr Nickleby, ein Mann aus gutem Hause mit gar schönen mathematischen, klassischen und wirtschaftlichen Kenntnissen. Wir machen in unserer Anstalt die Sachen nicht halb ab. Meine Schüler müssen alles lernen, Sir. Ich scheue dabei keine Kosten; auch erhalten sie eine väterliche Behandlung und obendrein die Wäsche.«

»Meiner Treu«, sagte der Herr, indem er Nicolaus mit einem halben Lächeln und einem mehr als halben Ausdruck von Überraschung anblickte; »das nenne ich mir in der Tat Vorteile.«

»Sie dürfen wohl so sagen, Sir«, entgegnete Squeers, die Hände in seine Überrocktaschen steckend. »Auf Verlangen können die einwandfreiesten Zeugnisse nachgewiesen werden. Ich würde jedoch keinen Zögling aufnehmen, für den nicht die Zahlung von fünf Pfunden fünf Schillingen vierteljährlich verbürgt ist, – nein, nicht wenn sie auf die Knie vor mir niederfielen und mich mit Tränen im Gesicht drum bäten.«

»Sehr vorsichtig«, meinte der Reisende.

»Vorsicht ist stets mein Hauptaugenmerk, Sir«, versetzte Squeers. »Snawley junior, wenn du nicht aufhörst zu frieren und mit den Zähnen zu klappern, so will ich dich, ehe eine halbe Minute vergeht, mit einer Tracht Schläge warm machen.«

»Sitzen Sie hier fest, meine Herren?« fragte der Schaffner, als er nach seinem Platze hinaufstieg.

»Ist alles hinten in Ordnung, Dick?« rief der Postillion,

»Alles richtig«, war die Antwort. »Vorwärts!«

Und vorwärts ging es unter lautem Schmettern des Posthornes und dem ruhigen Beifall aller Roß- und Wagenkenner, die vor dem Pfauen versammelt waren, insbesondere aber dem der Stallknechte, die, die Pferdedecken über ihren Armen, der Kutsche nachsahen, bis sie verschwunden war, und dann wieder brummend nach den Ställen gingen, der Schönheit der Abfahrt allerlei bewundernde Lobsprüche zollend.

Als der Schaffner, ein stämmiger, alter Yorkshirer, sich fast außer Atem geblasen hatte, steckte er das Hörn in ein an der Seite der Kutsche zu diesem Zwecke angebrachtes Futteral, zerklopfte sich selbst unter der Bemerkung, daß es ungewöhnlich kalt sei, tüchtig Brust und Arme und fragte dann jede Person besonders, ob sie geradeaus zu reisen gedenke, und wenn nicht, wo der Weg hinginge. Als diese Fragen zur Zufriedenheit beantwortet waren, meinte er, die Wege wären nach dem Schneefall der letzten Nacht ziemlich schwer zu befahren, und nahm sich die Freiheit, zu fragen, ob einer von den Herren eine Schnupftabakdose bei sich führe. Da zufälligerweise keiner der Anwesenden schnupfte, bemerkte er mit geheimnisvoller Miene, daß er, als er in der letzten Woche nach Grantham hinuntergefahren, einen Doktor hätte sagen hören, daß das Schnupfen nicht gut für die Augen sei, obgleich er für seine Person dieses nie gefunden hätte, und er der Ansicht sei, daß jeder äußern solle, wie er es finde. Da niemand den Versuch machte, etwas gegen diesen Satz einzuwenden, so nahm er ein kleines braunes Papierpäckchen aus seinem Hut, setzte eine Hornbrille auf seine Nase (weil die Schrift etwas undeutlich sei), überlas die Anweisung ein halbes Dutzend Male, brachte Päckchen und Brille wieder an den früheren Platz und starrte dann alle Reisenden der Reihe nach an. Er griff nun, da die gewöhnlichen Gemeinplätze seiner Unterhaltung erschöpft waren, um sich zu erfrischen, abermals nach dem Horn, schlug dann zuletzt, so gut es bei den vielen Röcken, die er anhatte, möglich war, die Arme zusammen und blickte stumm und unbekümmert auf die verschiedenen Gegenstände, an denen die Kutsche vorbeirollte. Die einzigen Dinge, für die er ein Interesse zu haben schien, waren Pferde und Viehherden, die er, sooft man an solchen vorbeikam, mit den Blicken eines Kenners musterte.

Es war bitterkalt; hin und wieder stöberte es tüchtig, und der Wind war unerträglich schneidend.

Herr Squeers stieg bei jeder Station aus, um, wie er sagte, seine Beine zu strecken, und da er von solchen Ausflügen immer mit einer sehr roten Nase zurückkam und unmittelbar darauf sein Schläfchen machte, so ist Grund zur Annahme vorhanden, daß ihm dieses Verfahren sehr gut bekam. Die kleinen Zöglinge wurden durch die Überreste ihres Frühstücks und durch einige kleine Schlückchen einer seltsamen Herzstärkung gelabt, die Herr Squeers bei sich führte, und die fast wie Brotwasser, das aus Versehen in eine Branntweinflasche gegossen wurde, schmeckte. Sie schliefen ein, erwachten wieder, schauderten und weinten, wie es ihnen eben gerade behagte. Nicolaus und der andere Flügelmann wußten über so mancherlei zu sprechen, daß während ihrer Unterhaltung und den Versuchen, die Knaben zu ermuntern, die Zeit so schnell entschwand, wie es unter solchen leidigen Umständen möglich war.

So verging der Tag. Zu Eton Slocomb trafen sie eine gute Mahlzeit, an der die Mehrzahl der Reisegesellschaft – worunter auch Nicolaus, der gutgelaunte Mann und Herr Squeers – teilnahm, während man die fünf Knaben, um sie aufzutauen, an den Kamin setzte und sie mit Butterbrot und kaltem Fleisch erquickte. Ein paar Stationen später wurden die Laternen angezündet und eine große Störung durch die Aufnahme einer gezierten Dame verursacht, die mit ihren Dutzend Mänteln und Schachteln aus einem Wirtshaus in einer Nebenstraße einstieg, zur großen Erbauung der Passagiere sich laut über das Ausbleiben ihres eigenen Wagens, der sie hätte aufnehmen sollen, beklagte und dem Schaffner das feierliche Versprechen abnahm, jede grüne Kutsche, die er kommen sähe, anzuhalten, was auch dieser Ehrenmann, da es stockfinstere Nacht war und er mit dem Gesicht nach der andern Seite saß, unter ernstlichen Beteuerungen zu tun versprach. Als endlich die gezierte Dame fand, daß in dem Innern des Wagens nur ein einzelner Herr saß, so ließ sie sich eine kleine Laterne, die sie in ihrem Strickbeutel bei sich führte, anzünden, und nachdem der neue Passagier endlich mit vieler Mühe hineingebracht war, flog der Wagen unter vollem Galopp der Pferde von hinnen.

Die Nacht hindurch schneite es stark, zum großen Leidwesen der Reisenden. Man hörte keinen andern Ton als das Heulen des Windes; denn die Bewegung der Räder und der Tritt der Pferde waren auf der dicken Schneehülle, die die Erde bedeckte und mit jedem Augenblick zunahm, nicht vernehmlich. Als sie durch Stamfort kamen, fanden sie die Straßen verlassen, und die alten Kirchtürme stiegen düster und zürnend auf der weißen Ebene empor. Zwanzig Meilen weiter machten sich zwei Reisende von den vorderen Außensitzen die Ankunft bei einem der besten Gasthäuser in England zunutze und blieben im Georg zu Grantham über Nacht. Die übrigen hüllten sich dichter in ihre Überröcke und Mäntel, lehnten sich, als sie das Licht und die Wärme der Stadt wieder verlassen mußten, gegen das Gepäck und schickten sich mit vielen halbunterdrückten Seufzern an, aufs neue dem schneidenden Winde, der über über [*Doppelung] die Schneefelder fegte, zu begegnen.

Sie befanden sich wenig mehr als eine Station von Grantham, oder ungefähr auf dem halben Wege zwischen dieser Stadt und Newark, als Nicolaus, der kurz zuvor eingeschlafen war, plötzlich durch einen heftigen Stoß geweckt wurde, der ihn beinahe von seinem Sitz geworfen hätte. Er griff nach der Lehne und fand, daß die Kutsche sich ganz auf die eine Seite neigte, obgleich sie noch immer von den Pferden fortgeschleppt wurde. Durch den Stoß und das laute Kreischen der Dame im Innern verwirrt, besann er sich eben, ob er hinausspringen solle oder nicht, als der Wagen plötzlich ganz umkippte und ihm, indem er ihn auf die Straße schleuderte, alle weitere Ungewißheit ersparte.

Sechstes Kapitel


Sechstes Kapitel

In dem der im vorigen Kapitel erwähnte Unfall einigen Herren Gelegenheit gibt, sich Geschichten zu erzählen.

»O ha!« rief der Schaffner, der in einem Augenblick wieder auf den Beinen war und zu den Vorderpferden des Zuges eilte. »Ist kein Herr da, der hier Hand anlegen kann? Ruhig, ihr verwünschten Bestien. O ha!«

»Was gibt’s?« fragte Nicolaus, schlaftrunken aufsehend.

»Was es gibt? Es gibt genug für eine Nacht«, versetzte der Schaffner. »Der Henker hole die einäugige Mähre; sie ist toll geworden und bildet sich was drauf ein, daß sie die Kutsche umgeworfen hat. Da, können Sie nicht Hand mit anlegen? Hol’s der Teufel, ich tät’s, wenn auch alle meine Knochen zerbrochen wären.«

»Ich bin bereit«, rief Nicolaus, sich auf die Beine helfend. »Meine Sinne waren nur nicht ganz beieinander, das ist alles.«

»Ziehen Sie fest an«, rief der Schaffner, »ich will inzwischen die Stränge abschneiden. Recht so, Musje. Jetzt können Sie sie fahren lassen. Blitz und Hagel, sie werden schnell genug heimlaufen.«

In der Tat waren die Tiere auch kaum erlöst, als sie gar umsichtig wieder nach dem Stall zurücktrabten, den sie erst vor ein paar Minuten verlassen hatten.

»Können Sie Horn blasen?« fragte der Schaffner, eine der Kutschenlaternen losmachend.

Nicolaus bejahte.

»Nun, so blasen Sie einmal in das, das dort auf dem Boden liegt, hinein«, fuhr der Mann fort; »es ist so gut, daß man die Toten damit wecken könnte. Ich will inzwischen dem Gekreisch in der Kutsche da drinnen Einhalt tun. Kommen Sie heraus, kommen Sie heraus, Frauenzimmer! Machen Sie keinen solchen Lärm.«

Unter diesen Worten war es dem Manne gelungen, den nach oben gekehrten Kutschenschlag aufzureißen, und Nicolaus weckte mit einer der außerordentlichsten Leistungen, die je von menschlichen Ohren auf einem Posthorn gehört wurden, das Echo auf eine weite Ferne hin. Die Töne taten auch ihre Wirkung, denn sie brachten nicht nur die Passagiere, die sich allmählich von den betäubenden Wirkungen ihres Falles erholten, auf die Beine, sondern riefen auch Beistand herbei, denn man sah bereits Lichter in der Ferne, die immer näher kamen.

In der Tat galoppierte auch, noch ehe sich die Passagiere gehörig gesammelt hatten, ein Reiter heran, und bei einer sorgfältigen Untersuchung stellte sich heraus, daß die Dame im Innern ihre Lampe und der Herr seinen Kopf zerstoßen hatte; zwei Reisende von dem vorderen Außensitz waren mit blauen Augen, einer aus der Droschke mit blutiger Nase, der Postillion mit einer Beule an der Schläfe, Herr Squeers mit einer Beule an seinem Gesäß und die übrigen Reisenden – Dank sei es der Weichheit der Schneeschicht, auf die sie geworfen wurden – ohne alle Beschädigung davongekommen. Sobald man sich hierüber Gewißheit verschafft hatte, wollte die Dame in Ohnmacht fallen; aber man bedeutete ihr, daß man sie, wenn sie das täte, einem Herrn auf die Schultern laden und sie so nach dem nächsten Wirtshause bringen würde, weshalb sie sich weislich eines Bessern besann und mit dem Rest der Gesellschaft auf ihren eigenen Beinen nach demselben zurückgehen wollte.

Als sie daselbst anlangten, fanden sie, daß es ein ziemlich einsamer Ort war, der hinsichtlich des Raumes, den er bot, keine sonderlichen Bequemlichkeiten gewährte, da sich dieser nur auf das einzige, reichlich mit Sand bestreute und mit etlichen Stühlen versehene Wirtschaftszimmer beschränkte. Als man jedoch ein großes Reisigbündel und eine tüchtige Portion Kohlen auf dem Herde aufgehäuft hatte, gewann das Ganze bald ein besseres Aussehen, und ehe man noch alle vertilgbaren Spuren des kürzlichen Unfalles wegwaschen konnte, war das Zimmer warm und hell – kein übler Tausch für die Nacht und Kälte im Freien.

»Nun, Herr Nickleby«, sagte Squeers, der für sich die wärmste Ecke ausgesucht hatte; »es war sehr gut, daß Sie die Pferde hielten. Ich hätte es auch so gemacht, wenn ich zeitig genug dazugekommen wäre; es freut mich aber recht, daß Sie es taten. Sie haben sehr wohl daran getan – sehr wohl.«

»So wohl«, sagte der Herr mit dem heiteren Gesicht, dem der Gönnerton, den Squeers Nickleby gegenüber anschlug, nicht sonderlich zu gefallen schien, »daß Ihnen wahrscheinlich kein Gehirn geblieben wäre, mit dem Sie hätten Unterricht erteilen können, wenn sie nicht gerade in diesem Augenblick festgehalten worden wären.«

Diese Bemerkung veranlaßte eine reichlich mit Komplimenten und Danksagungen gewürzte Erörterung über die Gewandtheit, die Nicolaus bei dieser Gelegenheit an den Tag gelegt hatte.

»Ich bin natürlich sehr froh, so davongekommen zu sein«, bemerkte Squeers; »denn jedermann freut sich, eine Gefahr glücklich überstanden zu haben. Aber wenn einer meiner Pflegebefohlenen Schaden genommen hätte – wenn ich verhindert worden wäre, einen dieser kleinen Knaben seinen Eltern wieder ganz gesund zurückzugeben, wie ich ihn erhielt –, was hätten da meine Gefühle sein müssen? Es würde mir weit lieber gewesen sein, wenn mir ein Rad über den Kopf gegangen wäre.«

»Sind es lauter Brüder, Sir?« fragte die Dame, die den ›Davy‹ oder die Sicherheitslampe bei sich geführt hatte.

»In einem gewissen Sinne sind sie es, Madame«, antwortete Squeers, in seinen Überrocktaschen nach Karten suchend. »Sie stehen alle unter der gleichen, liebevollen und väterlichen Leitung. Madame Squeers und ich, wir beide sind jedem derselben Mutter und Vater. Herr Nickleby, geben Sie der Dame und den Herren diese Karten. Vielleicht kennen sie einige Eltern, die sich freuen würden, mein Institut zu benutzen.«

Mit diesen Worten legte Herr Squeers, der keine Gelegenheit versäumte, seine Anzeige unentgeltlich unter die Leute zu bringen, die Hände auf seine Knie und blickte mit so viel Wohlwollen, als er zur Schau zu stellen vermochte, auf seine Zöglinge, während Nicolaus schamrot dem Auftrag entsprach und die Karten umherbot.

»Ich hoffe, Sie haben bei dem Umwerfen keinen Schaden genommen, Madame«, sagte der Herr mit dem heiteren Gesicht zu der gezierten Dame, als sei es sein sehnlichster Wunsch, den Gegenstand des Gesprächs zu wechseln.

»Körperlich nicht«, versetzte die Dame.

»Wie, ich will nicht hoffen, daß Sie im Geiste –«

»Der Vorfall ist für meine Gefühle zu schmerzlich, Sir«, entgegnete die Dame in großer Aufregung, »und ich bitte Sie als einen Mann von Erziehung, seiner nicht mehr zu erwähnen.«

»Du mein Himmel!« sagte der Herr mit dem heiteren Gesicht, eine noch heiterere Miene annehmend, »ich wollte bloß fragen –«

»Ich hoffe, daß man keine Fragen an mich stellt«, sagte die Dame, »oder ich werde mich genötigt sehen, den Schutz der übrigen Herren aufzurufen. Herr Wirt, ich bitte, lassen Sie einen Knaben vor der Tür achtgeben. Wenn eine grüne Kutsche von Grantham herkommt, so soll er sie sofort anhalten.«

Die Leute im Hause waren augenscheinlich durch diese Bitte überrascht, und als die Dame dem Knaben anempfahl, als Erkennungszeichen der erwarteten grünen Kutsche auf den mit Goldborten versehenen Hut des Kutschers auf dem Bock und auf den Lakaien hinten, der wahrscheinlich seidene Strümpfe tragen würde, zu achten, verdoppelte sich die Aufmerksamkeit der Wirtin. Selbst der Passagier aus der Droschke ließ sich hiervon anstecken, wurde wunderbar höflich und fragte sogleich, ob es in dieser Gegend nicht sehr gute Gesellschaft gäbe, was die Dame auf eine Weise bejahte, die deutlich merken ließ, daß sie sich eigentlich auf der obersten Spitze derselben bewege.

»Da der Schaffner nach Grantham geritten ist, um eine andere Kutsche zu holen«, sagte der Herr mit dem heiteren Gesicht, als sie eine Weile schweigend um das Feuer gesessen hatten, »und er vor ein paar Stunden nicht wieder zurückkommen kann, so mache ich den Vorschlag, eine Bowle Punsch miteinander zu leeren. Was sagen Sie dazu, Sir?«

Diese Frage war an den Mann gerichtet, der sich im Innern der Kutsche den Schädel zerstoßen hatte. Er war von sehr achtbarem Äußeren, in Trauer gekleidet und nicht über das mittlere Alter hinaus, obgleich sein Haar – vielleicht von Gram und Sorge – frühzeitig gebleicht war. Er ging auf den Vorschlag bereitwillig ein und schien an der freimütigen guten Laune dessen, der ihn gemacht hatte, Gefallen zu finden.

Dieser übernahm, als der Punsch fertig war, das Amt des Mundschenken und leitete, nachdem er alle mit dem dampfenden Naß versehen hatte, die Unterhaltung auf die Altertümer von York, mit denen sowohl er als der grauhaarige Herr sehr vertraut zu sein schienen. Als dieser Gegenstand erschöpft war, wandte er sich lächelnd an den Herrn mit dem grauen Haar und fragte ihn, ob er singen könne.

»Nein, das kann ich wirklich nicht«, erwiderte dieser, gleichfalls lächelnd.

»Schade«, sagte der Eigentümer des heiteren Gesichtes. »Ist niemand hier, der ein Liedchen singen könnte, um uns die Zeit zu kürzen?«

Die Passagiere beteuerten samt und sonders, daß sie nicht singen könnten; die einen wünschten, daß sie es könnten, die andern konnten sich des Textes nicht erinnern, wenn sie nicht das Buch hatten usw.

»Vielleicht wäre es der Dame angenehm«, sagte der Vorsitzer mit einer tiefen Verbeugung und einem heitern Blinzeln seines Auges. »Irgendeine kleine italienische Arie aus der Oper, die letzthin in der Stadt gegeben wurde, würde gewiß von allen mit dem größten Beifall aufgenommen werden.«

Da sich die Dame nicht herabließ, etwas zu erwidern, sondern nur verächtlich den Kopf in die Höhe warf und etwas von Verwunderung, daß die grüne Kutsche so lange ausbliebe, murmelte, drängten einige Stimmen den Vorsitzenden selber, einen Versuch zum allgemeinen Besten zu machen.

»Gerne, wenn ich könnte«, sagte der Herr mit dem heiteren Gesicht; »denn ich halte es für passend, daß in diesem, wie in allen anderen Fällen, wo Fremde unerwartet zusammentreffen, alle sich bemühen sollten, sich der kleinen Gesellschaft so angenehm wie möglich zu machen.«

»Ich wünschte, daß dieser Grundsatz überall und allgemeiner gehandhabt würde«, erwiderte der Mann mit dem grauen Haar.

»Ich höre das nicht ungerne«, erwiderte der andere. »Vielleicht würde es Ihnen, da Sie nicht singen können, recht sein, uns eine Geschichte zu erzählen?«

»Nein, ich würde Sie darum bitten.«

»Nach Ihnen – mit Vergnügen.«

»Wirklich?« versetzte der grauhaarige Herr lächelnd. »Nun, so sei es. Ich fürchte nur, der Gang meiner Gedanken ist nicht geeignet, die Zeit, die wir hier zubringen müssen, auf eine heitere Weise zu töten; da Sie aber so wünschen, so mögen Sie selbst urteilen. Wir haben eben von dem Münster in York gesprochen. Meine Geschichte steht in einiger Beziehung zu demselben; ich nenne sie daher:

»Die fünf Schwestern von York.«

Nach einem Beifallsgemurmel seitens der übrigen Passagiere, währenddessen die empfindliche Dame heimlich ein Glas Punsch austrank, nahm der Herr mit dem grauen Haar wieder das Wort:

Vor einer langen Reihe von Jahren – denn das fünfzehnte Jahrhundert war damals kaum zwei Jahre alt, und König Heinrich IV. saß auf dem Thron von England – wohnten in der alten Stadt York fünf jungfräuliche Schwestern, die den Gegenstand meiner Erzählung bilden.

Diese fünf Schwestern waren von außerordentlicher Schönheit. Die älteste stand in ihrem dreiundzwanzigsten Jahre, die zweite war ein Jahr jünger, die dritte ein Jahr jünger als die zweite und die vierte ein Jahr jünger als die dritte. Alle waren hohe, stattliche Gestalten mit dunklen, leuchtenden Augen und kohlschwarzen Haaren. In jeder ihrer Bewegungen lag Anmut und Würde, und der Ruf ihrer hohen Schönheit war im ganzen Lande verbreitet.

Aber, wenn die vier älteren Schwestern liebenswürdig waren, wie bezaubernd war nicht erst die jüngste, ein holdes Wesen von fünfzehn Jahren! Das sanfteste Rot einer Frucht, die zarteste Färbung der Blume sind nicht lieblicher als die Mischung der Rosen und Lilien in ihrem edlen Antlitz oder als das tiefe Blau ihres Auges. Die Rebe in ihrer zierlichsten Üppigkeit ist nicht anmutiger als die reichen braunen Locken, die um ihre Stirne wehten.

Wenn wir alle so leichte Herzen hätten, wie sie in der Brust der Jugend und Schönheit schlagen, welch ein Himmel würde die Erde sein! Wenn unsere Herzen ihre jugendliche Frische bewahren könnten, während unsere Körper hinwelken, was könnten uns dann Sorge und Leiden anhaben? Aber das schwache Abbild des Paradieses, das unserer Kindheit eingeprägt ist, reibt sich auf in den rauhen Kämpfen mit der Welt und schwindet bald dahin – nur zu oft, um nichts zurückzulassen als eine traurige Öde.

Das Herz dieses schönen Mädchens hüpfte vor Heiterkeit und Freude. Eine aufopfernde Anhänglichkeit an ihre Schwestern und eine glühende Liebe für alles Schöne in der Natur waren ihre reinen Gefühle. Ihre frohe Stimme und ihr heiteres Lachen bildeten die süßeste Musik an ihrem heimischen Herde, dessen eigentliches Licht und Leben sie selbst war. Die schönsten Blumen des Gartens waren von ihr gezogen; die Vögel in den Käfigen sangen, wenn sie ihre Stimme hörten, und trauerten, wenn sie dieses Wohllauts entbehren mußten. O Alice, holde Alice, welches lebende Wesen hätte in deinem süßen Zauberkreise weilen und dich nicht lieben müssen.

Man würde jetzt vergeblich nach der Stätte forschen, wo die Schwestern wohnten, denn selbst ihre Namen sind verklungen, und der im Schutt wühlende Altertumsforscher spricht von ihnen nur als von einer Fabel. Sie wohnten jedoch in einem alten, hölzernen Hause – alt schon in jenen Tagen – mit überhängenden Giebeln und eichenen, durch rohes Schnitzwerk verzierten Balkonen, das in einem anmutigen Garten stand. Dieser wurde von einer einfachen, steinernen Mauer umschlossen, von wo aus ein tüchtiger Bogenschütze einen Pfeil nach der Abtei der heiligen Maria hätte hinüberschießen können. Die alte Abtei befand sich damals in ihrer Blüte, und die fünf Schwestern, die auf dem Grund und Boden des Klosters wohnten, hatten an die schwarzen Benediktinermönche, die in demselben hausten, jährliche Abgaben zu entrichten.

Eines Tages, an einem köstlichen Sommermorgen, tauchte einer jener schwarzen Mönche aus der Klosterpforte auf und lenkte seine Schritte nach dem Hause der schönen Schwestern. Der Himmel oben war blau, und die Erde unten war grün. Der Strom blitzte im Schein der Sonne wie ein Pfad von Diamanten; die Vögel sangen unter den schattigen Bäumen ihre Lieder; die Lerche schwebte hoch über den wogenden Kornfeldern, und das tiefe Summen der Insekten füllte die Luft. Alles atmete Lust und Heiterkeit, aber der heilige Mann ging düster, mit gesenkten Augen seines Weges. Die Schönheit der Erde ist nur ein Hauch und der Mensch nur ein Schatten; welche Mitgefühle hätten sie wecken können in der Brust eines Mannes, der den Eitelkeiten der Welt entsagt hatte?

Mit zur Erde gesenktem Blick, den er nur erhob, wenn es durch ein auf seinem Wege liegendes Hindernis nötig ward, ging der Mönch langsam vorwärts, bis er ein kleines Pförtchen in der Gartenmauer der Schwestern erreichte, durch das er hineintrat und es wieder hinter sich abschloß. Er war jedoch noch nicht weit gegangen, als er den Ton sanfter Stimmen und fröhlichen Gelächters vernahm. Er erhob nun seine Augen höher, als es seine demütige Gewohnheit war, und sah in geringer Entfernung die fünf Schwestern, wie gewöhnlich mit Stickereien beschäftigt, Alice in der Mitte, im Grase sitzen.

»Gott sei mit euch, schöne Töchter«, sagte der Mönch. Sie waren aber auch in der Tat so schön, daß selbst ein Mönch sie als auserlesene Meisterstücke aus der Hand seines Schöpfers hätte lieben können.

Die Schwestern begrüßten den heiligen Mann mit geziemender Ehrfurcht, und die älteste winkte ihm, auf einer Moosbank neben ihnen Platz zu nehmen; aber der gute Mönch schüttelte den Kopf und ließ sich auf einen sehr harten Stein nieder, woran ohne Zweifel die Engel im Himmel eine sehr große Freude hatten.

»Ihr wart fröhlich, meine Töchter«, sagte der Mönch.

»Ihr wißt, wie leichten Herzens die gute Alice ist«, versetzte die älteste Schwester, indem sie mit den Fingern durch die Locken des lächelnden Mädchens fuhr.

»Muß es nicht Freude und Wonne in unsere Herzen gießen, wenn wir die ganze Natur in ihrem Festgewand und in den heitersten Strahlen der Sonne sehen, Vater?« fügte Alice, unter dem strengen Blick des Asketen errötend, bei.

Der Mönch antwortete nur durch ein ernstes Neigen des Kopfes, und die Schwestern fuhren schweigend in ihrer Arbeit fort.

»Ihr vergeudet also noch immer« – sagte endlich der Mönch, indem er sich an die älteste Schwester wandte – »ihr vergeudet also noch immer die kostbaren Stunden auf dieses eitle Treiben. Ach! ach! daß die wenigen Schaumblasen auf der Fläche der Ewigkeit – alles, was uns der Himmel von jenem dunkeln, tiefen Strome schauen lassen will – so leichtfertig umhergestreut werden müssen.«

»Vater«, entgegnete das Mädchen, indem sie wie die übrigen in ihrem Geschäft innehielt; »wir haben diesen Morgen die Messe gehört, das tägliche Almosen an der Tür verteilt, die Kranken besucht und unser Morgentagewerk vollendet. Ich hoffe, unsere gegenwärtige Beschäftigung ist nicht von der Art, daß sie Tadel verdiente?«

»Seht hier« – sagte der Mönch, den Stickrahmen aus ihrer Hand nehmend – »ein buntes Farbengewirr, ohne irgendeinen anderen Zweck, als daß es eines Tages zu einer eitlen Zierde diene und den Hochmut eines schwachen und unbeständigen Geschlechtes unterstütze. Wie viele Tage sind auf dieses bedeutungslose Geschäft verwendet worden, und doch ist es noch nicht halb vollendet. Der Schatten eines jeden entschwundenen Tages fällt auf unsere Gräber, und die Würmer frohlocken, wenn sie ihn niedersinken sehen; denn sie wissen, daß wir ihm bald folgen werden. Töchter! Töchter! wißt ihr die flüchtigen Stunden nicht besser zu benutzen?«

Die vier älteren Schwestern senkten, beschämt durch den Vorwurf des heiligen Mannes, die Blicke, aber Alice erhob die ihrigen und richtete sie sanft auf den Mönch.

»Unsere liebe Mutter – möge Gott ihrer Seele gnädig sein –« begann die Jungfrau.

»Amen«, entgegnete der Mönch mit tiefer Stimme.

»Unsere liebe Mutter« – stotterte die schöne Alice – »war noch am Leben, als wir diese langwierigen Arbeiten begannen, und befahl uns, sie in unseren Mußestunden mit aller Sorgfalt und Heiterkeit fortzusetzen, wenn sie das Zeitliche gesegnet haben würde. Sie sagte, wenn wir diese Stunden in harmloser Fröhlichkeit und bei jungfräulichen Beschäftigungen verlebten, so würden sie die glücklichsten und friedvollsten in unserem Leben sein; und wenn wir später in die Welt hinausträten und mit ihren Sorgen und Prüfungen bekannt würden – wenn wir, durch ihre Versuchungen angelockt und durch ihren Flitter geblendet, je der Liebe und Pflicht vergäßen, die die Kinder einer Mutter mit heiligen Banden umschlingen sollten – dann würde ein Blick auf die alte Arbeit unserer gemeinschaftlich verlebten Mädchenjahre gute Gedanken an die Vergangenheit in uns wecken und unsere Herzen aufs neue der Innigkeit und Liebe erschließen.«

»Alice spricht wahr, Vater«, sagte die älteste Schwester mit einigem Stolze. Sie nahm mit diesen Worten ihre Arbeit wieder auf, und die übrigen folgten ihrem Beispiel.

Jede der Schwestern hatte ein Modell von großem Umfang vor sich; das Muster war verwickelt und schwierig, Zeichnung und Farben aber bei allen die gleichen. Die Schwestern beugten sich anmutig über ihre Arbeit nieder, und der Mönch, der das Kinn auf seine Hände stützte, blickte schweigend von der einen auf die andere.

»Wie viel besser wäre es«, sagte er endlich, »allen solchen Gedanken und Möglichkeiten vorzubeugen und in dem friedlichen Schirme der Kirche das Leben dem Himmel zu weihen! Kindheit, Jugend, das Alter des Mannes und das des Greises schwinden so schnell dahin, wie sie aufeinander folgen. Bedenkt, wie der Staubmensch dem Grabe zueilt, wendet eure Augen ohne Unterlaß auf dieses Ziel eurer Rennbahn und meidet die Wolke, die über den irdischen Lüsten der Welt aufsteigt und die Sinne der Weltmenschen betrügt. Nehmt den Schleier, meine Töchter, nehmt den Schleier!«

»Nimmermehr, Schwestern!« rief Alice. »Vertauscht nicht das Licht und die Luft des Himmels, die Frische der Erde und alle diese Herrlichkeiten, die auf ihr atmen, gegen eine kalte Klosterzelle. Die Segnungen der Natur sind die eigentlichen Lebensgüter, und wir dürfen uns ihrer recht wohl erfreuen, ohne befürchten zu müssen, eine Sünde zu begehen. Der Tod ist zwar unser bitteres Erbteil, aber ach – laßt uns sterben im Kreise des Lebens. Wenn unsere Pulse stocken, mögen warme Herzen in unserer Nähe schlagen, und unser letzter Blick hafte auf den Grenzen, die Gott seinem schönen Himmel gesteckt hat – nicht aber auf steinernen Mauern und eisernen Gittern. Liebe Schwestern, hört auf meine Worte: laßt uns in der Umzäunung dieses schönen Gartens leben und sterben; laßt uns das Düstere und die Trauer des Klosters meiden!«

Tränen entquollen den Augen der Jungfrau, als sie ihren leidenschaftlichen Aufruf schloß und ihr Gesicht an dem Busen einer Schwester verbarg.

»Beruhige dich, Alice«, sagte die Älteste, indem sie die schöne Stirne des Mädchens küßte. »Der Schleier soll nie dein junges Antlitz beschatten. Was sagt ihr, Schwestern? Sprecht für euch selbst, und nicht für Alice oder für mich.«

Die Schwestern riefen wie mit einem Mund, daß ihre Lose zusammengeworfen seien und daß es auch außerhalb der Klostermauern Wohnungen des Friedens und der Tugend gebe.

»Vater!« sagte die Älteste, indem sie mit Würde aufstand, »Ihr habt unsern unabänderlichen Entschluß vernommen. Die gleiche fromme Sorgfalt, die die Abtei zur heiligen Maria bereicherte und uns Waisen ihrer wohlwollenden Obhut anheimgab, befahl, daß unsern Neigungen kein Zwang auferlegt werden, sondern daß wir frei und ganz nach unserer eigenen Wahl leben sollen. Wir bitten Euch, laßt uns nichts mehr von alledem hören. Doch Schwestern, es ist bald Mittag; wir wollen bis zum Abend Schutz im Hause suchen.«

Die Dame erhob sich mit einer Verbeugung gegen den Mönch und ging, Hand in Hand mit Alice, dem Hause zu; die übrigen Schwestern folgten.

Der heilige Mann, der früher schon oft dieselbe Angelegenheit zur Sprache gebracht, aber nie eine so unumwundene Abfertigung erhalten hatte, ging mit zur Erde gesenkten Blicken in kurzer Entfernung hinter ihnen her und bewegte seine Lippen wie im Gebet. Als die Schwestern die Tür erreicht hatten, beschleunigte er seinen Schritt und rief ihnen zu, daß sie halten möchten.

»Verweilt noch«, sagte der Mönch, die rechte Hand in die Höhe hebend, indem er abwechselnd einen zürnenden Blick auf Alice und die älteste Schwester warf; »verweilt noch und hört von mir, was diese Rückerinnerungen sind, die ihr höher schätzt als die Ewigkeit, und die ihr, wenn sie durch die Gnade des Himmels schlummern, kraft solchen eitlen Tandes wieder erwecken möchtet. Die Erinnerung an Erdendinge ist in späteren Jahren immer mit bitterer Täuschung, Schmerz und Tod belastet und spricht nur von traurigem Wechsel und verzehrendem Gram. Es wird eines Tages eine Zeit kommen, wo ein Blick auf dieses nichtige Spielwerk in den Herzen einiger von euch tiefe Wunden aufreißen und eure innerste Seele treffen wird. Wenn diese Stunde kommt – und denkt an mich, sie wird kommen –, so wendet euch von der Welt, die ihr so brünstig umschließt, nach dem Zufluchtsort, den ihr verachtet. Die Zelle ist nicht so kalt wie das Herz des Sterblichen, wenn sein Feuer durch Prüfungen und Unglück gelöscht ist; sucht sie daher auf und weint um die Träume eurer Jugend. Doch diese Dinge sind der Wille des Himmels und nicht der meine«, sagte der Mönch mit leiserer Stimme, als er die erbebenden Mädchen der Reihe nach anblickte. »Der Segen der heiligen Jungfrau komme über euch, meine Töchter.«

Mit diesen Worten verschwand er durch das Pförtchen, und die Schwestern, die in das Haus eilten, ließen sich an diesem Tage nicht mehr blicken.

Aber die Natur lachte trotz des Stirnrunzelns der Priester. Die Sonne schien hell und klar am nächsten Tage, wie auch am zweiten und dritten. Die fünf Schwestern lustwandelten nach wie vor im Morgenrot und in der sanften Ruhe des Abends, oder vertrieben sich die Zeit mit Arbeit und heiterer Unterhaltung in ihrem friedlichen Garten.

Die Zeit entschwand einem Märchen gleich, das erzählt ist, – schneller sogar, als manche Geschichten sich erzählen lassen, unter die, wie ich fürchte, auch die gegenwärtige gehört. Das Haus der fünf Schwestern stand noch immer an derselben Stelle, und dieselben Bäume warfen ihren lieblichen Schatten auf den Rasen des Gartens. Auch die Schwestern waren da, liebenswürdig wie ehedem, aber in ihrer Wohnung hatte sich gar vieles verändert. Man vernahm bisweilen Waffenlärm, und der Mond beleuchtete stählerne Helme. Ein andermal sprengten abgehetzte Rosse vor das Tor, und eine weibliche Gestalt glitt rasch hervor, als harrte sie neugierig der Kunde, die der ermüdete Bote brachte. Einmal übernachtete ein stattlicher Zug von Rittern und Damen in den Mauern der Abtei, und am nächsten Morgen ritten sie mit zweien der schönen Schwestern wieder fort. Dann begannen die Reiter sich seltner zu zeigen, und wenn sie kamen, schienen sie nur böse Nachrichten zu bringen. Endlich blieben sie ganz aus, und Bauern mit wunden Füßen schlichen sich nach Sonnenuntergang an die Tür, um heimlich ihre Botschaft zu bestellen. Einmal wurde in stiller Mitternacht eilig ein Diener nach der Abtei geschickt, und als der Morgen kam, hörte man Jammerlaute und Wehegeschrei in der Wohnung der Schwestern. Dann umfing die Stille des Grabes das Haus, und weder Ritter noch Dame, weder Roß noch Rüstung wurden je wieder in der Nähe desselben gesehen.

Ein unheimliches Düster umflorte den Himmel, und die Sonne war zürnend untergegangen, die dunklen Wolken mit den letzten Spuren ihres Grolles färbend, als derselbe schwarze Mönch, einen Steinwurf weit von der Abtei entfernt, mit übereinandergeschlagenen Armen einherging. Die Bäume und Gesträuche ließen ihre Zweige sinken, und der Wind, der endlich die unnatürliche Stille, die den ganzen Tag über geherrscht hatte, zu unterbrechen begann, seufzte hin und wieder schwer auf, als wolle er mit Wehmut die Verheerungen des kommenden Sturmes voraussagen. Die Fledermaus flatterte in gespenstigen Kreisen durch die schwüle Luft, und der Boden wimmelte von kriechendem Gewürm, das der Instinkt an die Oberfläche brachte, um sich an dem kommenden Regen zu erquicken.

Die Augen des Mönches waren nicht mehr zur Erde gesenkt; er warf sie frei umher und ließ sie von einer Stelle zur andern schweifen, als ob das Düster und die Verödung der Szene einen raschen Anklang in seiner eigenen Brust fände. Er blieb wieder vor der Gartenmauer des Hauses der Schwestern stehen und trat abermals durch das Pförtchen.

Aber jetzt begegnete sein Ohr keinem frohen Gelächter, und sein Auge traf nicht auf die schönen Gestalten der fünf Schwestern; alles war stumm und öde. Die Zweige der Bäume waren niedergebogen und zerbrochen, und das Gras wucherte hoch und wild auf dem Boden. Ach, so viele, viele Tage hatte es kein leichter Fuß niedergetreten!

Mit der Unempfindlichkeit oder Gleichgültigkeit eines Mannes, der an den Wechsel gewöhnt ist, glitt der Mönch in das Haus und trat in ein niederes, düsteres Gemach. Hier saßen vier Schwestern. Ihre schwarzen Gewänder ließen ihre bleichen Gesichter noch blasser erscheinen. Zeit und Kummer hatten tiefe Spuren der Verheerung auf denselben zurückgelassen. Es waren noch immer stattliche Gestalten, aber die Wärme und der Stolz jugendlicher Schönheit war dahin.

Und Alice – wo war sie? Im Himmel!

Der Mönch – selbst der Mönch – konnte sich hier einigen Schmerzes nicht erwehren; denn die Schwestern hatten sich lange nicht zusammengefunden, und in ihren bleichen Gesichtern zeigten sich Furchen, wie sie die Zeit allein nicht eingraben konnte. Er setzte sich schweigend nieder und winkte ihnen, ihr Gespräch fortzusetzen.

»Hier sind sie, Schwestern«, sagte die Älteste mit bebender Stimme. »Ich habe es seitdem nicht vermocht, sie wieder anzusehen, und ich schäme mich jetzt meiner Schwäche. Liegt denn etwa in der Erinnerung an die Schwester, was wir scheuen müßten? Sollte es uns jetzt nicht eher eine wehmütige Lust gewähren, die Tage der Vergangenheit uns ins Gedächtnis zurufen?«

Sie warf bei diesen Worten einen Blick auf den Mönch, öffnete ein Gemach und brachte fünf Stickrahmen zum Vorschein, daran die Arbeit längst vollendet war. Ihr Schritt war fest, aber ihre Hand zitterte, als sie den letzten vorzeigte. Die andern Schwestern machten bei dem Anblick desselben ihren Gefühlen durch Tränen Luft, und die Älteste vereinigte die ihrigen damit und sprach schluchzend: »Gottes Frieden sei mit ihr!«

Der Mönch stand auf und trat ihnen näher.

»Es war wohl der letzte Gegenstand, den sie in den Tagen ihrer Gesundheit berührte«, sagte er mit leiser Stimme.

»Er war’s«, sprach die Älteste, bitterlich weinend.

Der Mönch wandte sich an die zweite Schwester.

»Der tapfere Jüngling, der dir ins Auge blickte und an jedem deiner Atemzüge hing, als er dich zuerst mit diesem Tand beschäftigt sah, liegt unter dem Rasen begraben, den sein Blut rötete. Rostige Bruchstücke einer sonst so herrlich glänzenden Rüstung liegen zerfressen auf dem Boden und sind von seinen eigenen Überresten so wenig zu unterscheiden wie in Moder verfallene Gebeine.«

Die Dame seufzte und rang die Hände.

»Die Schlauheit der Höfe«, fuhr er gegen die beiden andern Schwestern fort – »führte euch aus eurer friedlichen Heimat zu Schauplätzen des Prunkes und der Lust. Dieselbe Arglist und der nie rastende Ehrgeiz stolzer, übermütiger Männer hat euch als verwitwete Jungfrauen entehrt und gedemütigt zurückgeschickt. Spreche ich wahr?«

Das Schluchzen der beiden Schwestern war die einzige Antwort.

»Warum wollt ihr« – fuhr der Mönch mit vielsagendem Blicke fort – »eure Zeit mit einem Tand vergeuden, der nur die bleichen Geister entschwundener Hoffnungen heraufbeschwört? Begrabt sie, bringt sie durch Reue und Buße zur Ruhe und laßt sie die Mauern eines Klosters umschließen.«

Die Schwestern baten um drei Tage Bedenkzeit, und es war ihnen in jener Nacht, als ob der Schleier in der Tat das passendste Leichentuch für ihre hingestorbenen Freuden wäre. Aber der Morgen kam, und obgleich die Zweige der Bäume herniederhingen oder auf dem Boden umherlagen, so war es doch noch derselbe Garten. Das Gras war dicht und hoch, aber sie fanden doch noch die Stelle, auf der sie so oft beieinander gesessen hatten, als sie Wechsel und Kummer nur dem Namen nach kannten. Alle die Pfade und Ecken waren noch vorhanden, denen Alices heiterer Sinn Leben verliehen hatte, und in dem Schiff der Klosterkirche lag ein flacher Stein, unter dem sie im Frieden schlummerte.

Und konnten sie, wenn sie sich erinnerten, wie Alices Herz bei dem Gedanken an Klostermauern erbebte – konnten sie in Gewändern auf ihr Grab blicken, die sogar die Asche in demselben noch verletzt haben würden? Konnten sie in dem Niedersinken bei klösterlichen,Gebeten, selbst wenn der ganze Himmel sich ihnen aushorchend zugeneigt hätte, den tiefen Schatten der Trauer über das Antlitz eines Engels bringen? – Nein!

Sie sandten nach den berühmtesten Künstlern und ließen, als sie die Genehmigung der Kirche zu ihrem frommen Werk erlangt hatten, mit kostbarem buntem Glase eine Kopie ihrer Stickereien in fünf großen Feldern ausführen. Diese wurden einem großen Fenster, das bisher ohne allen Schmuck gewesen war, eingepaßt, und wenn die Sonne prachtvoll leuchtete, wie es die Schwestern ehedem so gerne gesehen hatten, so strahlten die liebgewonnenen Bilder in ihren ursprünglichen Farben und warfen ihren schimmernden Lichtstrom warm auf den Namen Alice.

Die Schwestern gingen jeden Tag viele Stunden langsam in dem Schiff der Kirche auf und ab oder knieten an der Seite des breiten, flachen Steines nieder. Im Verlaufe der Jahre sah man nur noch drei, dann zwei und endlich nur noch eine einzige Frauengestalt. diese aber von Alter gebeugt, an dem gewohnten Art. Endlich blieb auch sie aus, und der Stein trug einfach fünf Taufnamen.

Man hat den Stein weggenommen und durch einen andern ersetzt, und manche Generation wurde seitdem geboren und wieder zu Grabe getragen. Die Zeit hat die Farben gebleicht, aber derselbe Lichtstrom fällt noch auf das vergessene Grab, das durch kein Denkmal mehr angezeigt ist; und bis auf den heutigen Tag zeigt man dem Volk in der Kathedrale zu York ein altes Fenster, das den Namen: » Die fünf Schwestern« trägt.

 

»Das ist eine trübselige Geschichte«, sagte der Herr mit dem heiteren Gesicht, indem er sein Glas leerte.

»Es ist eine Geschichte nach dem Leben, wie denn überhaupt unser Erdenwallen eine Kette derartiger Leiden ist«, entgegnete der andere höflich, aber mit einem ernsten und traurigen Tone der Stimme.

»Jedes gute Gemälde hat seine Schattenflächen, aber auch seine Lichtseiten, wenn wir sie nur suchen wollen«, sagte der Herr mit dem heiteren Gesicht. »Die jüngste Schwester in Ihrer Erzählung war immer frohen Sinnes.«

»Und starb früh«, entgegnete der andere weich.

»Sie würde wohl früher gestorben sein, wenn sie weniger glücklich gewesen wäre«, erwiderte der erste Sprecher mit Gefühl. »Glauben Sie, die Schwestern, die sie so sehr liebten, hätten sich weniger gegrämt, wenn ihr Leben reich an Schmerz und Trübsal gewesen wäre? Wenn irgend etwas den ersten Schmerz eines schweren Verlustes sänftigen kann, so ist es meiner Ansicht nach der Gedanke, daß diejenigen, um die wir trauern, in ihrem unschuldigen Glück, dessen sie sich hienieden erfreuten, und in der Liebe, mit der sie ihre Umgebung umfingen, für ein reineres und glücklicheres Dasein sich vorbereiteten. Verlassen Sie sich darauf, die Sonne scheint nicht auf diese Erde, um finstern Gesichtern zu begegnen.«

»Ich glaube. Sie haben recht«, sagte der Herr, der die Geschichte erzählt hatte.

»Glauben?« versetzte der andere. »Kann das wohl einem Zweifel unterliegen? Rufen Sie sich was immer für einen schmerzlichen Gegenstand ins Gedächtnis und sehen Sie, ob sich nicht auch viel Wonne daran knüpft. Dagegen kann die Erinnerung entschwundener Freuden schmerzlich werden –«

»Gewiß«, fiel der andere ein.

»Es ist eine bekannte Tatsache. Der Rückblick auf ein Glück, das unwiederbringlich dahin ist, erzeugt Schmerz, aber einen Schmerz milderer Art. Unsere Erinnerungen sind unglücklicherweise mit vielem gemischt, was wir beklagen, und mit manchen Handlungen, die wir bitter bereuen. Aber ich bin der festen Überzeugung, daß auch in dem getrübtesten Leben so viele kleine Sonnenstrahlen sind, auf die man zurückblicken kann, daß ich nicht glaube, irgendein Sterblicher, der sich nicht selbst alle Lichtblicke der Hoffnung abgeschnitten hat, würde mit Vorbedacht einen Trunk aus Lethes Strom tun, wenn er es auch könnte.«

»Ihre Ansicht ist vielleicht richtig«, sagte der grauhaarige Herr nach einem kurzen Nachdenken, »und ich bin nicht abgeneigt, Ihrer Meinung beizupflichten.«

»Je nun«, erwiderte der andere, »dann überwiegt das Gute, dem wir in unserm Erdenleben begegnen, das Schlimme, mögen auch die sogenannten Philosophen sagen, was sie wollen. Wenn unsere Gefühle auch manche Prüfungen erdulden müssen, so bleiben sie doch unser Trost und unsere Lust, wie denn auch die Erinnerung, selbst wenn sie noch so düster ist, die schönste und reinste Verbindung zwischen dieser und einer bessern Welt bildet. – Doch, fahren wir fort; ich will Ihnen ein Geschichtchen anderer Art erzählen.«

Nach einem kurzen Schweigen füllte der Herr mit dem heiteren Gesicht die Gläser der Anwesenden aufs neue mit Punsch, warf einen schlauen Blick nach der gezierten Dame, die sich mit der Besorgnis, es möchte irgend etwas Unschickliches erzählt werden, abzuängstigen schien, und nannte den Titel seiner Geschichte:

»Der Freiherr von Weinzapf«.

Der Freiherr von Weinzapf auf Zapfenburg war ein so liebenswürdiger junger Edelmann, wie man nur einen sehen kann. Ich habe nicht nötig zu sagen, daß er in einer Burg wohnte, weil sich das von selber versteht. Auch brauche ich nicht zu bemerken, daß er in einer alten Burg lebte; denn welcher deutsche Baron hat je in einer neuen gewohnt? Es standen viele sonderbare Umstände mit diesem ehrwürdigen Gebäude in Verbindung, und unter diesen war auch der nicht am wenigsten befremdende und geheimnisvolle, daß es, wenn der Wind blies, in den Schornsteinen orgelte oder durch die Bäume des naheliegenden Forstes heulte, und daß die Strahlen des Mondes durch gewisse kleine Öffnungen in der Mauer ihren Weg fanden und in der Tat einige Teile der weiten Hallen und Galerien hell erleuchteten, während andere in tiefem Schatten blieben. Ich glaube, daß einer von des Freiherrn Vorfahren, als es ihm an Geld gebrach, einen Herrn, der in einer Nacht hier ansprach, um nach dem Weg zu fragen, erdolchte, und man vermutete, daß diese wunderbaren Ereignisse eine Folge dieser Untat wären. Freilich kann ich mir die Möglichkeit davon kaum denken, denn der Ahnherr des Freiherrn war ein sehr achtbarer Mann, und seine übereilte Handlung ging ihm nachher sehr zu Herzen, weshalb er sich auch mit Gewalt einer Partie von Steinen und Bauholz bemächtigte, die einem schwächeren Baron gehörte, zur Sühne seines Vergehens eine Kapelle daraus baute und sich auf diese Weise eine Gesamtquittung für alle Forderungen, die der Himmel an ihn machen konnte, erwarb.

Da gerade von einem Vorfahren des Freiherrn die Rede ist, so darf ich nicht vergessen zu erwähnen, welche hohe Ansprüche auf Achtung der Erbe seinem Stammbaum verdankte. Es tut mir zwar leid, daß ich die Zahl seiner Ahnen nicht anzugeben vermag; jedenfalls aber weiß ich, daß er mehr hatte als irgendein anderer Mann seiner Zeit, und ich wünschte nur, daß er in unsern Tagen gelebt hätte, um sich einer noch größeren Anzahl rühmen zu können. Es ist überhaupt ein großes Unglück für die großen Männer vergangener Jahrhunderte, daß sie so früh geboren werden mußten, weil sich von einem Mann, der vor drei- oder vierhundert Jahren in die Welt trat, vernünftigerweise nicht erwarten läßt, daß er so viele Vorfahren aufzuweisen habe als einer, der in unsern Tagen lebt. Der letzte Mensch, wer er auch immer sein mag – und wäre er nur ein Schuhflicker oder sonst irgendein armseliger Tropf – wird einen längeren Stammbaum haben als ein Mann vom ältesten Adel in unsern Tagen; und das ist doch gewiß etwas, was von Rechts wegen nicht sein sollte.

Gut also: der Freiherr von Weinzapf auf Zapfenburg war ein hübscher, dunkelgebräunter Herr mit schwarzen Haaren und einem großen Schnurrbart, der in hellgrünen Kleidern, mit Juchtenstiefeln an den Füßen und einem Horn über seiner Schulter, ähnlich dem der englischen Postkutschenschaffner, auf die Jagd zu reiten pflegte. Wenn er in dieses Horn stieß, brachen sogleich vierundzwanzig andere Edelleute von untergeordnetem Range in etwas gröberer, grüner Tracht und etwas dicker besohlten Juchtenstiefeln auf und galoppierten in einem Trupp mit Spießen in den Händen, die lackierten Gitterstäben glichen, dahin, um Eber zu hetzen oder vielleicht einen Bären aufzutreiben, in welch letzterem Fall ihm der Freiherr zuerst den Genickfang gab und dann mit dem Fett desselben seinen Schnurrbart wichste.

Das war ein lustiges Leben für den Freiherrn von Weinzapf und ein noch lustigeres für seine Vasallen, die jede Nacht Rheinwein tranken, bis sie unter den Tisch fielen, wo sie dann noch auf dem Boden fortzechten und nach Pfeifen riefen. Nie gab es so muntere, lärmende, Scherz liebende Gesellen als Weinzapfs lustige Bande.

Aber die Freuden der Tafel oder die Freuden unter der Tafel fordern eine kleine Abwechslung, besonders wenn dieselben fünfundzwanzig Leute Tag für Tag unter demselben Tische liegen, über dieselben Gegenstände sprechen und dieselben Geschichten erzählen. Der Freiherr wurde es endlich satt und sah sich nach etwas Anregenderem um. Er fing daher mit seinen Kameraden Händel an und machte sich das schöne Vergnügen, zwei oder drei davon jedesmal nach dem Mittagessen mit den Füßen zu treten. So angenehm aber auch dieser Wechsel im Anfang war, so wurde er doch dem Freiherrn nach ungefähr einer Woche zu einförmig. Seine gute Laune wich, und so sah er sich denn in der Verzweiflung nach neuen Belustigungen um.

Eines Abends nach einer Jagd, in der er sogar Nimrod ausgestochen und abermals einen schönen Bären erlegt hatte, den er im Triumph nach Hause brachte, saß der Baron von Weinzapf übelgelaunt oben an seinem Tisch und betrachtete die rauchige Decke der Halle mit mißvergnügten Blicken. Er schüttete ungeheure Humpen Weines durch seine Kehle, aber je mehr er trank, desto finsterer wurde seine Stirn. Die Herren, die mit der gefährlichen Auszeichnung beehrt wurden, ihm zur Rechten und Linken zu sitzen, taten es ihm zum Wunder im Trinken gleich und warfen sich gleichfalls finstere Blicke zu.

»Ich will’s!« rief der Freiherr plötzlich, indem er mit der rechten Hand auf den Tisch schlug und mit der linken seinen Schnurrbart drehte. »Füllt die Humpen zu Ehren der Freifrau von Weinzapf!«

Die vierundzwanzig Grünröcke erblaßten, mit Ausnahme ihrer Nasen, die unverändert blieben.

»Ich brachte die Gesundheit der Freifrau von Weinzapf aus!« wiederholte der Freiherr, indem er die Blicke an dem Tische hingleiten ließ.

»Die Freifrau von Weinzapf!« brüllten die Grünen, und vierundzwanzig gewaltige Humpen von so herrlichem alten Gewächs flossen durch ihre vierundzwanzig Kehlen hinunter, so daß sie mit ihren achtundvierzig Lippen schnalzten und von neuem nach dem Fasse blinzten.

»Die schöne Tochter des Freiherrn von Schwillenhausen!« erklärte von Weinzapf herablassend. »Wir wollen sie von ihrem Vater zur Ehe begehren, ehe noch die Sonne morgen in ihr Bett steigt. Wenn er unsere Bewerbung zurückweist, so werden wir ihm die Nase abschneiden.«

Die Gesellschaft ließ ein wildes Hurra vernehmen, und jeder griff mit schrecklicher Bedeutsamkeit zuerst nach dem Hefte seines Schwertes und dann nach der Spitze seiner Nase.

Es ist doch etwas Schönes um den kindlichen Gehorsam! Hätte die Tochter des Freiherrn von Schwillenhausen von einem bereits verschenkten Herzen gesprochen oder sich ihrem Vater zu Füßen geworfen und diese mit Tränen gebadet, oder wäre sie nur in Ohnmacht gefallen und dem alten Herrn mit schrecklichen Gefühlsausbrüchen zu Leibe gegangen, so hätte man hundert gegen eins wetten können, daß Burg Schwillenhausen zum Fenster hinausgeworfen worden wäre, oder besser, daß der Freiherr aus dem Fenster geflogen und in der Burg alles darunter und darüber gegangen wäre. Das Freifräulein verhielt sich jedoch, als am nächsten Morgen ein Bote das Gesuch des Freiherrn von Weinzapf vorbrachte, ganz ruhig und zog sich bescheiden nach ihrem Kämmerlein zurück, von wo sie der Ankunft ihres Freiers und seines Gefolges entgegensah. Sie hatte sich kaum überzeugt, daß der Reiter mit dem großen Schnurrbart der Freier wäre, als sie sogleich zu ihrem Vater eilte und ihm ihre Bereitwilligkeit ausdrückte, sich für seinen Frieden zum Opfer zu bringen. Der ehrwürdige Baron umarmte sein Kind und vergoß eine Freudenträne.

Auf der Burg war an diesem Tage ein großes Bankett. Weinzapfs vierundzwanzig Grüne tauschten das Gelübde ewiger Freundschaft mit zwölf Grünen des von Schwillenhausen aus und versprachen dem alten Freiherrn, daß sie von seinem Weine trinken wollten, »bis alles blau wäre« – was wahrscheinlich soviel sagen sollte, bis ihre Gesichter dieselbe Farbe erhalten hätten wie ihre Nasen. Als die Zeit des Aufbruchs kam, klopften sich alle gegenseitig auf die Schulter, und der Freiherr von Weinzapf ritt mit seinem Gefolge frohen Muts nach Hause.

Sechs sterbenslange Wochen hatten die Bären und Eber Feiertage. Die Häuser von Weinzapf und Schwillenhausen waren vereinigt, die Spieße rosteten, und das Horn des Freiherrn wurde heiser, weil es nicht mehr geblasen wurde.

Das waren glückliche Tage für die vierundzwanzig; aber ach, diese glorreiche Zeit hatte bereits Stiefeln angezogen und war im Begriff, sich auf und davon zu machen.

»Mein Bester«, sagte die Freifrau.

»Meine Liebe«, sagte der Freiherr.

»Diese rohen, lärmenden Menschen –«

»Welche?« fragte der Freiherr auffahrend.

Die Freifrau deutete aus dem Fenster, an dem sie mit ihrem Gemahl stand, nach dem Hof hinunter, wo die nichtsahnenden Grünen im Steigbügel noch einen guten Schluck zu sich nahmen, um sich für die Eberhetze zu stärken.

»Mein Jagdgefolge?« fragte der Baron.

»Entlasse sie, mein Bester«, flüsterte die Freifrau.

»Sie entlassen?« rief der Freiherr erstaunt.

»Mir zu Gefallen, mein Lieber«, versetzte die Baronesse.

»Dem Teufel zu Gefallen!« antwortete der Baron.

Die Freifrau stieß hierauf einen lauten Schrei aus und sank ohnmächtig zu den Füßen des Freiherrn nieder.

Was konnte der Freiherr tun? Er rief nach der Kammerfrau, eilte in den Hof hinunter, trat zwei der Grünen, die am meisten daran gewöhnt waren, mit den Füßen, verwünschte die übrigen der Reihe nach und hieß alle zum – – doch es ist gleichgültig, wohin er sie gehen hieß.

Ich halte es nicht für meinen Beruf, anzudeuten, welcher Mittel und Wege sich manche Frauen bedienen, die Männer ihrem Regiment in einer Weise zu unterwerfen, wie sie es tun, obgleich ich meine eigene Meinung über diesen Gegenstand haben mag und vollkommen der Ansicht bin, daß kein Parlamentsmitglied verheiratet sein sollte, da unter vier Verheirateten immer drei nach dem Gewissen ihrer Weiber (wenn sie anders eines haben) und nicht nach ihrem eigenen votieren, weil sie so votieren müssen. Ich brauche hier nichts weiter zu sagen, als daß die Freifrau von Weinzapf so oder so eine große Gewalt über den Freiherrn auf Zapfenburg gewann, und daß der Baron allmählich mehr und mehr bei irgendeiner strittigen Frage den kürzeren zog oder schlau aus dem Sattel irgendeines alten Steckenpferdes geworfen wurde. Nach und nach war er ein wohlgenährter und rüstiger Achtundvierziger und hatte weder Gelage noch Jagden – kurz nichts mehr, was ihm sonst Freude machte, oder was er zu haben gewöhnt war. Er war zwar immer noch unbändig wie ein Löwe und starr wie Erz. Demungeachtet aber hatte ihn entschieden seine Frau auf seinem eigenen Schlosse gemeistert und zu Paaren getrieben.

Das war jedoch nicht der ganze Umfang von dem Mißgeschick des Freiherrn. Ungefähr ein Jahr nach seiner Vermählung kam ein lustiger junger Freiherr in die Welt, dem zu Ehren ein großes Feuerwerk abgebrannt und eine Unmasse von Wein getrunken wurde. Aber im nächsten Jahr kam ein kleines Freifräulein, das Jahr darauf wieder ein junger Freiherr, und so abwechselnd jedes Jahr ein Freiherr oder ein Freifräulein, in einem Jahr sogar beides zumal, bis der Baron Vater einer kleinen Familie von zwölf Kindern war. Bei jedem dieser jährlichen Ereignisse war die verehrliche Freifrau von Schwillenhausen in tausend Nöten wegen des Wohls ihres Kindes, der Freifrau von Weinzapf, und obwohl man nicht finden konnte, daß die gute Dame etwas Wesentliches zu der Genesung ihres Kindes beitrug, so machte sie sich’s doch zu einer Ehrensache, auf der Burg Zapfenburg so bekümmert wie möglich zu tun und ihre Zeit zwischen moralischen Bemerkungen über des Barons Haushalt und Klagen über das harte Schicksal ihrer unglücklichen Tochter zu teilen. Wenn dann der Freiherr von Weinzapf sich dadurch ein wenig gekränkt fühlte und sich ein Herz zu der Gegenbemerkung faßte, daß seine Gattin wenigstens nicht übler daran sei als die Frauen anderer Barone, so rief die Baronesse von Schwillenhausen alle Welt zum Zeugen auf, daß niemand als sie ein Mitgefühl für die Leiden ihrer lieben Tochter hätte, worauf natürlich alle ihre Verwandten und Freunde bemerkten, daß sie jedenfalls weit mehr Tränen vergösse als ihr Schwiegersohn, und daß es keinen hartherzigeren Unmenschen gäbe als den Freiherrn von Weinzapf.

Der arme Freiherr ertrug dies alles, solange er konnte, und als er es nicht länger vermochte, verlor er Appetit und Heiterkeit und setzte sich düster und niedergeschlagen in eine Ecke. Aber es stand ihm noch Schlimmeres bevor, und als dieses kam, vermehrte sich seine Schwermut. Die Zeiten änderten sich, und er geriet in Schulden. In Weinzapfs Kassen ging es auf die Neige, obgleich die Familie Schwillenhausen sie für unerschöpflich gehalten hatte, und als die Freifrau im Begriff war, den Stammbaum des Hauses mit einem dreizehnten Sproß zu vermehren, machte der Freiherr die betrübende Entdeckung, daß er keine Mittel besäße, die Kassen wieder zu füllen.

»Ich sehe nicht, was ich weiter tun kann«, sagte der Freiherr. »Es wird wohl das beste sein, wenn ich mich umbringe.«

Das war ein großartiger Gedanke. Der Freiherr nahm ein altes Jagdmesser aus einem Wandschrank, wetzte es an seiner Stiefelsohle und fuhr damit nach seiner Kehle.

»Hm!« sagte der Baron innehaltend; »vielleicht ist es nicht scharf genug.«

Der Freiherr wetzte es abermals und machte einen zweiten Versuch, aber er wurde wieder durch ein lautes Schreien der jungen Freiherren und Freifräulein gestört, deren Stube sich eine Treppe höher in einem Turme befand, dessen Fenster von außen mit Eisenstäben verwahrt waren, damit die hoffnungsvolle Jugend nicht in den Graben hinunterpurzle.

»Wäre ich ein Junggeselle«, sagte der Freiherr seufzend, »so hätte ich’s wohl fünfzigmal tun können, ohne eine Störung erleiden zu müssen. – Heda! bringt mir eine Flasche Wein und die größte Pfeife in das kleine Zimmer hinter der Halle.«

Einer der Dienstboten führte den Befehl des Freiherrn gar dienstfertig im Verlauf einer halben Stunde oder drüber aus, und der Freiherr ging, als er davon Nachricht erhielt, nach dem gewölbten Zimmer, dessen schwarzgetäfelte und polierte Wände von dem Feuer des im Kamin lodernden Holzstoßes widerstrahlten, Flasche und Pfeife waren bereit, und der Ort sah im ganzen recht behaglich aus.

»Laß die Lampe da«, sagte der Freiherr.

»Steht sonst noch etwas zu Befehl, gnädiger Herr?« fragte der Diener.

»Nichts, als daß du das Zimmer räumst«, erwiderte der Freiherr.

Der Diener gehorchte, und der Baron verschloß die Tür.

»Ich will noch meine letzte Pfeife rauchen«, sagte der Freiherr, »und dann der Welt Lebewohl sagen.«

Mit diesen Worten legte der Herr von Weinzapf das Messer auf den Tisch, bis er es brauchen würde, goß ein ziemliches Quantum Wein hinunter, warf sich in seinem Stuhl zurück, streckte seine Füße vor dem Feuer aus und blies tüchtige Rauchwolken von sich.

Er machte sich allerlei Gedanken über seine gegenwärtige Trübsal, über die entschwundenen Tage seines Junggesellenlebens und über die vierundzwanzig Grünröcke, die sich seitdem nach allen vier Himmelsgegenden zerstreut hatten, ohne wieder etwas von sich hören zu lassen, zwei ausgenommen, denen unglücklicherweise der Kopf abgeschlagen worden war, und vier, die durch ihr Trinken sich selbst unter den Boden gebracht hatten. Sein Geist war mit Bären und Ebern beschäftigt, und er hatte eben sein Glas angesetzt, um es bis auf den Boden zu leeren, als er auf einmal mit grenzenlosem Erstaunen bemerkte, daß er nicht allein sei.

Er war auch wirklich nicht allein; denn an der entgegengesetzten Seite des Feuers saß mit verschlungenen Armen eine runzlige, greuliche Gestalt mit tief eingesunkenen, blutunterlaufenen Augen und einem ungemein langen, leichenhaften Gesicht, das durch verfilztes und struppiges schwarzes Haar beschattet wurde. Sie trug ein einfaches Kleid von einer dunklen, ins Blaue spielenden Farbe, das, wie der Freiherr bei aufmerksamer Betrachtung bemerkte, vorn von oben bis unten mit Sarggriffen verziert und zusammengeheftet war. Auch ihre Beine waren, statt in die Schienen einer Rüstung, in Sargschilder eingeschlossen, und über der linken Schulter trug sie einen kurzen, dunklen Mantel, der aus dem Überrest eines Sargtuches gemacht zu sein schien. Sie achtete des Freiherrn nicht, sondern blickte unablässig ins Feuer.

»Heda!« sagte der Freiherr, mit dem Fuß stampfend, um sich bemerklich zu machen.

»Nun, was gibt’s?« versetzte der Fremde, indem er wohl seine Augen, nicht aber sein Gesicht oder seine Person dem Freiherrn zuwandte.

»Was es gibt?« fuhr der Freiherr fort, dem die hohle Stimme und die glanzlosen Augen keine Furcht einzujagen vermochten. »Diese Frage steht eigentlich mir zu; wie bist du hierher gekommen?«

»Durch die Tür«, entgegnete die Gestalt.

»Wer bist du?« fragte der Freiherr.

»Ein Mensch«, antwortete die Gestalt.

»Das glaube ich nicht«, erwiderte der Freiherr.

»So laß es bleiben«, sagte die Gestalt.

»Das will ich«, versetzte der Freiherr.

Die Gestalt blickte den kühnen Baron von Weinzapf eine Weile an und sagte dann vertraulich:

»Ich sehe wohl, daß du dich nicht täuschen läßt. Ich bin kein Mensch.«

»Was bist du denn?« fragte der Freiherr.

»Ein Engel«, antwortete die Gestalt.

»Du siehst nicht gerade wie ein solcher aus«, meinte der Freiherr verächtlich.

»Ich bin der Engel der Verzweiflung und des Selbstmordes«, sagte die Erscheinung. »Nun kennst du mich.«

Mit diesen Worten wandte sich das Gespenst gegen den Freiherrn, als wollte es erst jetzt recht mit ihm sprechen. Es war übrigens höchst bemerkenswert, daß es seinen Mantel beiseite warf und einen Pfahl sehen ließ, der ihm mitten durch den Leib geschlagen war1: diesen zog es mit einem Ruck heraus und legte ihn so kaltblütig auf den Tisch, als ob er ein Spazierstock gewesen wäre.

»Nun«, sagte das Gespenst, nach dem Jagdmesser schielend, »bist du für mich bereit?«

»Noch nicht ganz«, antwortete der Freiherr. »Ich muß zuvor diese Pfeife ausrauchen.«

»So mache schnell«, sagte die Gestalt.

»Du scheinst es sehr eilig zu haben«, entgegnete der Freiherr.

»Das ist allerdings der Fall«, versetzte die Gestalt. »In Frankreich und England bin ich zurzeit überaus beschäftigt, so daß meine Zeit sehr in Anspruch genommen ist.«

»Trinkst du?« fragte der Freiherr, die Flasche mit dem Pfeifenkopf berührend.

»In neun Fallen unter zehn, und dann tüchtig«, erwiderte das Gespenst trocken.

»Niemals mit Maß?« fragte der Baron.

»Niemals«, antwortete die Gestalt mit einem Schauder; »das würde Heiterkeit erzeugen.«

Der Freiherr betrachtete seinen neuen Freund abermals und meinte, daß er ein gar seltsamer Kauz wäre. Endlich fragte er ihn, ob er in so kleinen Angelegenheiten, wie er (der Baron) gerade eine im Schild führe, auch einen tätigen Anteil nehme.

»Nein«, antwortete das Gespenst ausweichend; »aber ich bin immer zugegen.«

»Um zu sehen, daß alles in Ordnung zugeht, denke ich?« fragte der Freiherr.

»Ja«, versetzte der Geist, indem er mit seinem Pfahl spielte und den Eisenbeschlag desselben untersuchte. »Aber mache jetzt so schnell, wie du kannst, denn ich wittere, daß ein junges Herrlein, das mit zuviel Geld und Muße geplagt ist, gegenwärtig meiner bedarf.«

»Wie? er will sich umbringen, weil er zuviel Geld hat?« rief der Baron, nicht wenig gekitzelt; »ha! ha! das ist ein seltsamer Gedanke!« – Es war wieder das erste Lachen, das man seit manchem langen Tag an dem Baron bemerken konnte.

»Ich muß dir bedeuten«, erklärte ihm der Geist mit einer sehr gekränkten Miene, »daß du mir dies in Zukunft unterläßt.«

»Warum?« fragte der Freiherr.

»Weil es mir bis ins Mark schneidet«, antwortete die Gestalt. »Seufze, so viel du willst; das tut mir wohl.«

Der Freiherr seufzte unwillkürlich bei der Erwähnung dieses Wortes; das Gespenst wurde wieder heiter und händigte ihm mit der gewinnendsten Höflichkeit das Jagdmesser ein.

»In der Tat, es ist kein übler Gedanke, sich den Hals abzuschneiden, weil man zu viel Geld hat«, sagte der Baron, indem er die Schneide seines Messers prüfte.

»Bah!« meinte die Erscheinung, »nicht schlimmer, als wenn sich jemand umbringt, weil er wenig oder keines hat.«

Sprach der Geist aus Unachtsamkeit so, oder hielt er den Entschluß des Freiherrn für so fest begründet, daß er sich nichts mehr um solche hingeworfene Worte kümmerte? – ich habe es nicht ausfindig machen können. Nur so viel weiß ich, daß der Freiherr seine Hand plötzlich anhielt, die Augen weit öffnete und ganz so aussah, als sei ihm zum erstenmal ein neues Licht aufgegangen.

»Ei, in der Tat«, sagte von Weinzapf; »nichts ist so schlimm, daß es sich nicht wieder gutmachen ließe.«

»Leere Kassen ausgenommen«, sagte das Gespenst.

»Je nun, sie lassen sich wieder füllen«, meinte der Freiherr.

»Keifende Weiber«, schnarrte ihn der Geist an.

»Oh, auch diese lassen sich zähmen«, entgegnete der Freiherr.

»Dreizehn Kinder«, brüllte der Geist.

»Können gewiß nicht alle mißraten«, erwiderte der Freiherr.

Der Geist wurde augenscheinlich ganz wütend über den Freiherrn, daß er auf einmal seine Ansichten so ganz und gar geändert hatte, aber er versuchte es, seinen Grimm wegzulachen, und sagte, »er würde sich dem Baron sehr verpflichtet fühlen, wenn er mit seinen Scherzreden aufhören wollte.«

»Es ist mir nie weniger eingefallen zu scherzen als gegenwärtig«, versetzte der Freiherr.

»Nun, es freut mich, das zu hören«, sagte das Gespenst mit einer äußerst grämlichen Miene, »denn der Scherz ist im eigentlichsten Sinne mein Tod. Wohlan denn, so gib sie rasch auf, diese traurige Welt.«

»Ich weiß nicht«, sagte der Freiherr, mit dem Messer spielend; »sie ist allerdings sehr traurig, aber ich glaube nicht, daß die deine viel besser ist; denn dein Aussehen wenigstens ist nicht besonders tröstlich, und da meine ich – welche Sicherheit habe ich denn dafür, daß ich besser daran sein werde, wenn ich aus dieser Welt gehe?« rief er aufspringend; »ich habe die Sache nie in diesem Lichte betrachtet.«

»Beeile dich!« rief das Gespenst, mit den Zähnen knirschend.

»Weiche von hinnen«, sagte der Freiherr. »Ich will nicht länger über meinem Unglück brüten, sondern eine gute Miene dazu machen und es wieder mit der frischen Luft und den Bären versuchen. Hilft das nicht, so will ich ein vernünftiges Wörtlein mit der gnädigen Frau sprechen und die Schwillenhausen totschlagen.«

Mit diesen Worten sank der Freiherr in seinen Stuhl zurück und lachte so laut, daß das Zimmer dröhnte.

Das Gespenst wich um einige Schritte zurück, indem es zugleich den Freiherrn mit einem Blick des größten Entsetzens betrachtete. Dann griff es wieder nach dem Pfahl, stieß ihn sich mit aller Macht durch den Leib, heulte fürchterlich und verschwand.

Von Weinzapf sah den Geist nie wieder. Da er einmal entschlossen war zu handeln, so brachte er die Freifrau und die von Schwillenhausen bald zur Vernunft und starb viele Jahre nachher, wenigstens als ein glücklicher, wenn auch nicht als ein reicher Mann, obschon ich in letzterer Hinsicht keine bestimmte Auskunft zu geben vermag. Er hinterließ eine zahlreiche Familie, die unter seiner persönlichen Aufsicht zur Bären- und Eberjagd herangebildet worden war.

Die Nutzanwendung meiner Geschichte besteht darin, daß alle Männer, die aus ähnlichen Ursachen melancholisch geworden sind – was wohl bei gar vielen der Fall sein mag –, beide Seiten der Frage betrachten und an die bessere ein Vergrößerungsglas halten sollten. Fühlen sie sich dann noch versucht, sich ohne Abschied aus der Welt zu machen, so mögen sie vorher noch eine große Pfeife rauchen, eine Flasche Wein austrinken und aus dem lobenswerten Beispiel des Freiherrn v. Weinzapf Nutzen ziehen.

»Der neue Wagen ist bereit! Wenn´s gefällig ist, meine Herren und Damen –« rief ein neuer Postillion in das Zimmer.

Diese Kunde bewirkte, daß die Punschgläser in großer Eile geleert wurden, und verhinderte eine Besprechung der letzten Geschichte. Man bemerkte jedoch, daß Herr Squeers, ehe man aufbrach, den grauhaarigen Herrn angelegentlich beiseite zog, um ihm eine Frage vorzulegen. Sie bezog sich auf die fünf Schwestern von York und war in der Tat nichts weiter als eine Erkundigung, ob der Herr ihm nicht sagen könne, wieviel Pensionsgeld die Klöster von Yorkshire sich in jener Zeit von ihren Kostgängern hätten zahlen lassen.

Die Reise wurde wieder fortgesetzt. Nicolaus schlief gegen Morgen ein, und als er wieder erwachte, fand er zu seinem großen Leidwesen, daß während seines Schlummers beide, der Baron von Weinzapf und der grauhaarige Herr, ausgestiegen und davongegangen waren. Der Tag schleppte sich langweilig genug hin, und ungefähr abends gegen sechs Uhr wurden Herr Squeers, der Hilfslehrer, die Knaben und das gesamte Gepäck vor dem neuen Gasthof zum Georg in Greta Bridge abgesetzt.

Siebentes Kapitel.


Siebentes Kapitel.

Herr und Madame Squeers in ihrem häuslichen Kreise.

Als Herr Squeers wohlbehalten die Kutsche verlassen hatte, ließ er Nicolaus und die Knaben mit dem Gepäck auf der Straße stehen, damit sie sich an dem Wechseln der Pferde unterhalten könnten, und eilte in das Wirtshaus, um an dem Schenktisch die Beine zu strecken. Nach einigen Minuten kam er mit sehr gestreckten Beinen zurück, wenn anders die Farbe seiner Nase und ein kurzes Schlucksen als ein geeignetes Merkmal dafür betrachtet werden konnten. Zu gleicher Zeit wurde ein schmutziger Einspänner und ein Karren, an den zwei Arbeiter gespannt waren, aus dem Hofe gezogen.

»Setzt die Knaben und die Koffer in den Karren«, sagte Squeers, die Hände reibend, »während wir, dieser junge Mann und ich, den Einspänner benutzen wollen. Steigen Sie ein, Nickleby.«

Nicolaus gehorchte, und nachdem Herr Squeers die Mähre nicht ohne einige Mühe veranlaßt hatte, gleichfalls zu gehorchen, fuhren sie ab und ließen den mit Kinderelend beladenen Karren in Muße folgen.

»Friert es Sie, Nickleby?« fragte Squeers, nachdem sie schweigend eine Strecke gefahren waren.

»Ziemlich, Sir, ich kann´s nicht leugnen.«

»Nun, ich finde es sehr begreiflich«, meinte Squeers; »es ist eine lange Reise bei solchem Wetter.«

»Ist es noch weit nach Dotheboys Hall, Sir?« fragte Nicolaus.

»Noch etwa drei Meilen«, versetzte Squeers. »Aber Sie können hier unten das Hall weglassen.«

Nicolaus hustete, als wollte er damit andeuten, daß es ihm angenehm wäre, den Grund hiervon zu erfahren.

»Es gibt nämlich kein Hall hier«, bemerkte Squeers trocken.

»Ah, so!« entgegnete Nicolaus, nicht wenig durch diese Mitteilung befremdet.

»In London nennen wir es Hall«, fuhr Herr Squeers fort, »weil es vornehmer klingt; aber hier herum ist dieser Name unbekannt. Es kann einer sein Haus eine Insel heißen, wenn es ihm beliebt, denn soviel ich weiß, ist dies durch keine Parlamentsakte verboten.«

»Ich glaube nicht, Sir«, erwiderte Nicolaus.

Squeers warf bei dem Schluß dieses kleinen Zwiegesprächs einen schlauen Blick auf seinen Begleiter, und da er fand, daß sich dieser in Gedanken vertiefte und keineswegs geneigt war, weiter auf sein Gespräch einzugehen, so begnügte er sich, auf den Gaul loszuschlagen, bis sie an dem Ziel ihrer Reise anlangten.

»So, Herr Nickleby, steigen Sie hier aus«, sagte Squeers. »Heda! heraus! Das Pferd ausgespannt! Wird’s bald?«

Während der Schulmeister diese und ähnliche ungeduldige Rufe erschallen ließ, hatte Nicolaus Zeit, Beobachtungen anzustellen. Herrn Squeers Anstalt war ein langes, kalt aussehendes, einstöckiges Haus, hinter dem sich einige Nebengebäude, eine Scheune und ein Stall befanden. Nach einigen Minuten hörte man den Riegel des Hoftors zurückschieben, und unmittelbar darauf trat ein langer, ausgemergelter Junge mit einer Laterne in der Hand heraus.

»Bist du’s, Smike?« rief Squeers.

»Ja, Sir«, erwiderte der Junge.

»Warum, zum Teufel, hast du uns so lange warten lassen?«

»Ich bitte um Verzeihung, Sir; ich bin bei dem Feuer eingeschlafen«, antwortete Smike demütig.

»Feuer? Was für ein Feuer? Wo ist Feuer?« fragte der Schulmeister scharf.

»Nur in der Küche, Sir«, entgegnete der Junge; »die Madame sagte, ich könne hineingehen und mich wärmen, da ich aufbleiben müsse.«

»Ich glaube, die Madame ist toll geworden«, erwiderte Squeers; »ich wette, du wärst in der Kälte um ein gut Teil wacher geblieben.«

Herr Squeers war mittlerweile ausgestiegen und befahl nun dem Jungen, nach dem Pferd zu sehen und dafür Sorge zu tragen, daß es an diesem Abend keinen Hafer mehr bekomme. Dann hieß er Nicolaus an der Vordertür warten, da er um das Haus herumgehen und die Tür von innen öffnen wolle.

Ein Heer schlimmer Ahnungen, die unserem Nicolaus bereits auf der ganzen Reise zugesetzt hatten, drängte sich jetzt, als er allein war, mit doppelter Gewalt seiner Seele auf. Die große Entfernung von der Heimat und die Unmöglichkeit, sie anders als zu Fuß zu erreichen, wenn er genötigt sein sollte, dahin zurückzukehren, malte sich ihm in den beunruhigendsten Farben; und als er sich das trübselige Haus mit den dunklen Fenstern und die wilde, rund umher mit Schnee bedeckte Gegend betrachtete, fühlte er ein Herzweh, wie er es früher nie empfunden hatte.

»Nun«, rief Squeers, den Kopf aus der vorderen Tür steckend, »wo sind Sie, Nickleby?«

»Hier, Sir«, versetzte Nicolaus.

»So kommen Sie herein«, sagte Squeers. »Der Wind saust hier durch die Tür, daß er einen umwerfen könnte.«

Nicolaus gehorchte seufzend. Herr Squeers legte, um die Tür gegen den Wind zu sichern, einen Balken vor und führte dann seinen Hilfslehrer in ein kleines, sparsam mit Stühlen versehenes Zimmer. An der Wand hing eine vergilbte Landkarte, und von zwei Tischen trug der eine einige Vorbereitungen zum Nachtessen, während auf dem andern »der wohlberatene Hofmeister«, Murrays Grammatik, ein halbes Dutzend Pensions-Offerten und ein alter, an Wackford Squeers Wohlgeboren adressierter Brief in malerischer Verwirrung umherlagen.

Sie waren kaum ein paar Minuten in diesem Gemach, als eine Weibsperson hereinstürzte, Herrn Squeers bei der Kehle faßte und ihm zwei schallende Küsse versetzte, die sich so rasch, wie das Pochen eines Briefträgers folgten. Die Dame, eine hagere, grobknochige Gestalt, war fast um einen halben Kopf größer als Herr Squeers und trug einen barchentnen Bettkittel, Papierwickeln in den Haaren und eine schmutzige Nachthaube, gegen die ein gelbes, baumwollenes Schnupftuch, das sie unter dem Kinn zusammengeknüpft hatte, gar liebenswürdig abstach.

»Was macht mein Squeerschen?« sagte die Dame in scherzendem Ton und mit rauher, heiserer Stimme.

»Ich bin wohl, ganz wohl, meine Liebe«, versetzte Squeers. »Wie steht’s mit den Kühen?«

»Alles in Ordnung, Stück für Stück«, antwortete die Dame.

»Und die Schweine?« fuhr Squeers fort.

»Sind so munter, wie sie bei deinem Abgang waren.«

»Gott sei Dank«, sagte Squeers, seinen Überrock ausziehend. »Die Jungen sind wahrscheinlich auch, wie sie sein sollen?«

»O ja, wohl genug«, versetzte Frau Squeers verdrießlich. »Der kleine Pitcher hat das Fieber.«

»Hol der Henker den Jungen«, rief Squeers; »der ist doch auch immer krank.«

»Ich glaube, die ganze Welt hat keinen solch nichtsnutzigen Burschen mehr aufzuweisen«, erwiderte Frau Squeers; »und wenn etwas an ihn kommt, so ist es noch obendrein immer ansteckend. Aber glaube mir, es ist nichts als eitle Widerspenstigkeit, und kein Mensch soll mich von dem Gegenteil überzeugen. Verlaß dich drauf, Schläge würden ihn kurieren, wie ich dir schon vor sechs Monaten gesagt habe.«

»Ja, ich erinnere mich, meine Liebe«, erwiderte Squeers. »Wir wollen aber sehen, was sich machen läßt.«

Während dieses kleinen Zärtlichkeitsaustausches stand Nicolaus verlegen in der Mitte des Zimmers, ohne mit sich eins werden zu können, ob man wohl von ihm erwarte, daß er sich nach der Hausflur zurückziehe, oder daß er an Ort und Stelle bleibe. Aber nun erlöste ihn Herr Squeers aus dieser peinlichen Ungewißheit.

»Dies ist der neue junge Mann, mein Schatz«, sagte der Herr.

»Ah!« erwiderte Madame Squeers, indem sie Nicolaus mit dem Kopf zunickte und ihn kalt vom Wirbel bis zur Zehe musterte.

»Er wird mit uns zu Nacht speisen«, sagte Squeers, »und morgen sein Geschäft bei den Jungen beginnen. Du kannst ihm doch eine Streu zurechtmachen, nicht wahr?«

»Will sehen, wie’s geht«, entgegnete die Dame. »Sie machen sich wohl nichts daraus, wie Sie schlafen, Sir?«

»O nein«, erwiderte Nicolaus, »ich bin in dieser Hinsicht nicht verwöhnt.«

»Das ist ein Glück«, sagte Frau Squeers.

Der Witz dieser Dame bestand hauptsächlich in ihren beißenden Antworten. Herr Squeers lachte herzlich bei dem letzten Scherz seiner werten Hälfte und schien von Nicolaus dasselbe zu erwarten.

Es folgte nun zwischen dem Schulmeister und der Schulmeisterin eine weitere Verhandlung über den Erfolg von Herrn Squeers Abstecher, der sich hauptsächlich um geleistete Zahlungen und böse Schuldner drehte, bis endlich ein junges Dienstmädchen eine Yorkshirer Pastete nebst einem Stück kalten Rindfleisches hereintrug und beides auf den Tisch setzte. Als das geschehen war, erschien der Knabe Smike mit einem Krug Bier.

Herr Squeers leerte die Taschen seines Überrocks von den Briefen an verschiedene Knaben und von andern kleinen Dokumenten, die er in diesen mit herbefördert hatte. Der Knabe blickte mit einem scheuen und ängstlichen Ausdruck auf die Papiere, als hege er die schwache Hoffnung, daß auch etwas für ihn darunter sei. Der Blick war ein sehr schmerzlicher und drang Nicolaus tief ins Herz; denn er erzählte eine lange und traurige Geschichte.

Nicolaus wurde dadurch veranlaßt, den Jungen aufmerksamer zu betrachten, und fand sich nicht wenig überrascht, als er die seltsame Mischung von Kleidern, die dessen Anzug bildeten, gewahrte. Obgleich er nicht weniger als achtzehn oder neunzehn Jahre zählen konnte und für dieses Alter ziemlich groß war, war doch seine Kleidung ungefähr eine solche, wie man sie kleinen Knaben zu geben pflegt, zwar an Armen und Beinen abgeschmackt kurz, demungeachtet aber weit genug für das ausgehungerte Gerippe. Um die untere Partie seiner Beine mit dieser seltsamen Garderobe in Einklang zu bringen, trug er ein Paar ungeheure Stiefel, die ursprünglich mit Stulpen versehen gewesen und für einen stämmigen Bauern gemacht worden sein mochten, jetzt aber sogar für einen Bettler zu sehr geflickt und zerrissen waren. Gott weiß, wie lange er sich schon bei Squeers befand; aber er trug noch immer dasselbe Weißzeug, das er mit sich hergebracht hatte; denn um seinen Hals hing eine zerrissene Kinderkrause, die zur Hälfte von einem groben Mannshalstuch bedeckt war. Er hinkte, und während er sich anstellte, als sei er emsig mit der Zurüstung des Tisches beschäftigt, warf er einen so scharfen und doch so entmutigenden und hoffnungslosen Blick auf die Briefe, daß Nicolaus es kaum mit ansehen konnte.

»Was schnupperst du da herum, Smike?« rief Madame Squeers. »Willst du die Sachen liegenlassen, he?«

»Ah, bist du da?« fragte Squeers aufsehend.

»Ja, Sir«, versetzte der Junge, die Hände zusammendrückend, als ob er mit Gewalt die zuckenden Finger abhalten müsse, nach den Papieren zu greifen; »ist da –«

»Nun?« entgegnete Squeers.

»Haben Sie – ist jemand – hat man nichts gehört – über mich?«

»Zum Henker, nein«, erwiderte Squeers verdrießlich.

Der Junge blickte weg und bewegte sich, die Hand vor das Gesicht haltend, gegen die Tür.

»Nicht ein Wort«, nahm Squeers wieder auf, »und ich werde wohl auch nie etwas zu hören bekommen. Ist es nicht eine feine Geschichte, daß du schon so viele Jahre hier bist, und daß nach den ersten sechsen kein Heller mehr für dich bezahlt wurde? Ja, man hat nicht einmal nach dir gefragt, so daß man etwa hätte ausfindig machen können, wohin du gehörst. Eine feine Geschichte das – einen so großen Schlingel wie du auffüttern zu müssen, ohne die Hoffnung zu haben, je einen Pfennig dafür zu bekommen. Wie?«

Der Junge drückte die Hand an seine Stirn, als versuche er, sich irgendeine Erinnerung zurückzurufen, blickte dann ausdruckslos auf den Frager, verzog allmählich sein Gesicht zu einem Lächeln und hinkte hinaus.

»Ich muß dir etwas sagen, Squeers«, bemerkte die Frau Schulmeisterin, als sich die Tür hinter ihm geschlossen hatte; »ich glaube, der junge Bursche wird noch blödsinnig.«

»Ich hoffe nicht«, versetzte Herr Squeers, »denn er ist außer dem Hause ein anstelliger Bursche, der sein Essen und Trinken wohl verdient. Wäre es aber auch der Fall, so hätte er, denke ich, immerhin noch genug Verstand für uns. Doch komm, wir wollen zu Nacht essen. Ich bin hungrig und müde und will deshalb machen, daß ich zu Bett komme.«

Auf diese Erinnerung wurde noch extra ein Beefsteak für Herrn Squeers herbeigebracht, der nicht versäumte, demselben volle Gerechtigkeit angedeihen zu lassen. Nicolaus zog seinen Stuhl an den Tisch, aber der Appetit war ihm gänzlich vergangen.

»Wie findest du das Beefsteak, Squeers?« fragte die Schulmeisterin.

»Zart wie Lammfleisch«, erwiderte Squeers. »Willst du’s versuchen?«

»Ich könnte keinen Bissen mehr hinunterbringen«, entgegnete die Frau. »Was soll der junge Mann haben, mein Lieber?«

»Was ihm von dem Vorhandenen beliebt«, erwiderte Squeers in einer höchst ungewöhnlichen Anwandlung von Großmut.

»Nun, was wünschen Sie, Herr Knittelbrei?« fragte Frau Squeers.

»Ich möchte mir ein kleines Stückchen von der Pastete ausbitten – nur ein ganz kleines; denn ich bin nicht hungrig«, antwortete Nicolaus.

»Ist es aber nicht schade, die Pastete anzuschneiden, wenn Sie nicht hungrig sind?« meinte Frau Squeers. »Wollen Sie nicht ein Stückchen von dem Rindfleisch versuchen?«

»Wie Ihnen beliebt«, versetzte Nicolaus zerstreut; »es ist mir ganz gleichgültig.«

Frau Squeers machte auf diese Antwort eine sehr gnädige Miene, nickte Squeers zu, als ob sie ihre Zufriedenheit darüber ausdrücken wolle, daß sich der junge Mann so gut in seine Stellung zu finden wisse, und legte Nicolaus mit eigenen schönen Händen eine Fleischschnitte vor.

»Bier, Squeerchen?« fragte die Dame, indem sie ihrem Mann durch Blinzen und Stirnrunzeln zu verstehen gab, daß die Frage nicht so gemeint sei, ob er Bier trinken wolle, sondern ob Nicolaus welches haben solle.

»Allerdings«, versetzte Squeers unter ähnlichen Gebärden. »Ein Glas voll.«

Nicolaus erhielt also ein Glas voll, und da er eben mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt war, so trank er es in glücklicher Nichtbeachtung dessen, was an seiner Seite verhandelt wurde, aus.

»Das Beefsteak ist ungemein saftig«, sagte Squeers, indem er Messer und Gabel, mit denen er eine Zeitlang schweigend gespielt hatte, niederlegte.

»Es ist Mastochsenfleisch«, entgegnete die Dame. »Ich kaufte ein schönes, großes Stück in der Absicht –«

»In was für einer Absicht?« rief Squeers hastig. »Doch nicht für die – –«

»Nein, nein, nicht für sie«, erwiderte Frau Squeers, »sondern für dich, wenn du wieder nach Hause kämest. Du mein Himmel, wie kann dir nur einfallen, daß mir ein solcher Mißgriff begegnen könnte?«

»Auf Ehre, meine Liebe, ich konnte mir nicht denken, was du sagen wolltest«, entschuldigte sich Squeers, der ganz blaß geworden war.

»Brauchst dir keine unnötigen Sorgen zu machen«, bemerkte die Frau, herzlich lachend. «Auch nur zu denken, ich könnte eine solche Gans sein! Ei, Ei!«

Dieser Teil der Unterhaltung war etwas unverständlich, wenn man keine Kunde von dem in der Gegend im Umlaufe befindlichen Gerüchte hatte, Herr Squeers hasse alle Grausamkeit gegen Tiere so sehr, daß er für die Küche seiner Zöglinge Fleisch von Rindvieh aufkaufe, das eines natürlichen Todes gestorben sei; und vielleicht fürchtete er, bei dem vorerwähnten Anlasse, ohne es zu wissen, ein auserlesenes Stückchen, das für die jungen Herrchen bestimmt war, verzehrt zu haben.

Als das Nachtessen vorüber war, wurde es von einem kleinen Dienstmädchen mit hungrigen Augen wieder abgetragen, und Madame Squeers entfernte sich, um die Überbleibsel einzuschließen. Desgleichen trug sie Sorge, die Anzüge der fünf eben angekommenen Knaben aufzubewahren, die sich jetzt auf dem Wege zu ihrem Nachtlager, nämlich auf einer steilen Wendeltreppe, befanden, die man nicht mit Unrecht die Todesleiter nennen konnte, da es selten ohne eine Erkältung auf derselben ablief. Man hatte sie vorher mit einem leichten Süppchen beköstigt und packte sie nun, Seite an Seite, in eine kleine Bettstelle, wo sie sich gegenseitig wärmen und von einem besseren Mahle nebst einem geheizten Stübchen träumen konnten, wenn, wie nicht unwahrscheinlich, ihre Einbildungskraft diese Richtung einschlug.

Herr Squeers labte sich selbst mit einem tüchtigen Glase Grog, wobei er dem beliebten Grundsatze »ebensoviel Branntwein wie heißes Zuckerwasser« folgte, und sein liebenswürdiges Ehegemahl mischte für Nicolaus ein kleines Glas voll desselben Getränkes, nur in weit wässerigerer Zusammensetzung. Als dies geschehen war, rückten Herr und Frau Squeers dicht an das Feuer, setzten ihre Füße auf das Kamingitter und flüsterten vertraulich zusammen, während Nicolaus »den wohlberatenen Hofmeister« aufnahm und die ansprechenden Artikel desselben, nebst den darin enthaltenen Bildern, mit ebensoviel Bewußtsein dessen, was er tat, durchblätterte, als wäre er in magnetischem Schlaf gewesen.

Endlich gähnte Herr Squeers entsetzlich und meinte, es wäre hohe Zeit zu Bett zu gehen, worauf Frau Squeers und das Dienstmädchen eine kleine Strohmatratze und ein paar Decken in das Zimmer schleppten und sie zu einem Lager für Nicolaus zurüsteten.

»Wir wollen Ihnen morgen Ihr regelmäßiges Schlafgemach anweisen, Nickleby«, sagte Squeers. »Wer schläft in Brooks‘ Bett, meine Liebe?«

»In Brooks‘ Bett? versetzte Frau Squeers nachsinnend. »Jennings, der kleine Bolder, Graymarsh und – wie heißt doch der vierte –«

»Ach, so«, entgegnete Squeers; »richtig, Brooks‘ Bett ist voll.«

»Voll?« dachte Nicolaus. »Ich sollte es wohl selbst auch glauben.«

»Es muß aber irgendwo noch Platz geben«, fuhr Squeers fort, »ich kann mich nur im Augenblick nicht recht darauf besinnen. Doch lassen wir das bis morgen. Gute Nacht, Nickleby! Vergessen Sie nicht – morgen früh um sieben Uhr!«

»Ich werde bereit sein, Sir«, erwiderte Nicolaus. »Gute Nacht.«

»Ich will selbst kommen und Ihnen den Brunnen zeigen«, sagte Squeers. »Sie werden immer ein Stückchen Seife auf dem Küchenfenster finden; das gehört Ihnen.«

Nicolaus machte große Augen, ohne jedoch etwas zu entgegnen; und Squeers schickte sich aufs neue zum Fortgehen an, kehrte jedoch abermals zurück.

»Ich weiß in der Tat nicht«, sagte er, »wessen Handtuch ich Ihnen anweisen soll. Doch Sie können sich ja morgen früh mit etwas anderem behelfen, meine Frau wird dann im Laufe des Tages dafür Sorge tragen. Vergiß mir’s nicht, meine Liebe.«

»Ich will darauf Bedacht nehmen«, entgegnete Frau Squeers; »und Sie, junger Mann, sehen Sie darauf, daß Sie zuerst an den Brunnentrog kommen. Es ist nicht mehr als billig, daß der Lehrer sich desselben zuerst bediene; wenn Sie aber nicht eilen, so werden die Jungen Ihnen zuvorkommen.«

Ehe sich das edle Paar entfernte, gab Herr Squeers seiner Frau noch einen Wink, die Branntweinflasche fortzuschaffen, damit nicht Nicolaus in der Nacht Gebrauch davon mache, was denn auch von der Dame mit großer Eile besorgt wurde.

Als Nicolaus allein war, ging er ein halb dutzendmal in großer Aufregung durch das Zimmer. Allmählich wurde er jedoch ruhiger, setzte sich auf einen Stuhl und faßte den Entschluß, alles Ungemach, was da kommen möchte, eine Zeitlang geduldig über sich ergehen zu lassen, um seinem Onkel keinen Vorwand zu geben, die Hand von seiner hilflosen Mutter und Schwester abzuziehen. Eine edle Absicht verfehlt selten, gute Früchte in der Seele, in der sie entspringt, zu treiben. Sein Kleinmut legte sich, und – so lebhaft sind die Traume der Jugend – er hoffte sogar, daß sich die Angelegenheiten in Dotheboys Hall noch besser machen dürften, als es das Aussehen hatte.

Er wollte sich eben, wieder etwas erheitert, auf sein Lager werfen, als ein versiegelter Brief aus seiner Rocktasche fiel. Er hatte in der Eile, womit er London verließ, diesen ganz vergessen und sich seiner nicht mehr erinnert; setzt fiel ihm auf einmal wieder Newman Noggs und sein geheimnisvolles Benehmen ein.

»Himmel, was für eine wunderliche Hand!« sagte Nicolaus.

Der Brief war an ihn selbst adressiert, auf ein ungemein schmutziges Papier geschrieben und die Buchstaben so undeutlich gekritzelt, daß man sie kaum lesen konnte. Nach vieler Mühe gelang es ihm endlich, das Folgende herauszubringen:

»Mein lieber junger Herr!

Ich kenne die Welt. Ihr Vater kannte sie nicht, sonst würde er mir keine Wohltaten erwiesen haben, da er auf keinen Wiederersatz rechnen durfte. Auch Sie kennen sie nicht, sonst hätten Sie sich zu keiner solchen Reise verpflichtet.

Wenn Sie je eines Obdachs in London bedürfen sollten, (zürnen Sie nicht wegen dieses Ausdrucks, denn ich hielt es ehedem gleichfalls für unmöglich), so können Sie meine Wohnung bei dem Wirt zur Krone, Golden Square in der Silberstraße, erfahren. Es ist das Eckhaus der Silber- und Jacobsstraße und hat nach beiden Straßen hinaus eine Tür. Sie können abends kommen. Einst schämte sich niemand – doch das ist jetzt gleichgültig – es ist alles vorüber.

Entschuldigen Sie die schlechte Schrift. Ich würde sogar nicht einmal wissen, wie man einen ganzen Rock trägt. Ich habe alles Frühere vergessen und damit wohl auch meine Orthographie.

Newman Noggs.

P.S.

Wenn Sie nach Barnet Castle kommen, so treffen Sie im Königskopf gutes Bier. Sagen Sie, daß Sie mich kennen, und man wird Ihnen keine Rechnung machen. Sie können dort von Herrn Noggs sprechen, denn ich war damals ein Mann von Stande – ja, in der Tat.«

Es ist vielleicht nicht der Erwähnung wert; aber als Nicolaus Nickleby das Schreiben zusammenlegte und in seiner Brieftasche verwahrte, trübte eine Feuchtigkeit seine Augen, die man hätte für Tränen halten können.

Achtes Kapitel.


Achtes Kapitel.

Von dem inneren Haushalt in Dotheboys Hall.

Eine Fahrt von zweihundert und etlichen Meilen bei schlechtem Wetter kann auch das härteste Bett weich machen. Vielleicht ist sie auch imstande, die Träume zu versüßen; denn Träume, die Nicolaus‘ rauhes Lager umgaukelten und ihr luftiges Nichts in sein Ohr flüsterten, waren von der angenehmsten und glücklichsten Art. Er war eben im Begriff, das Glück auf Windesflügeln einzuholen, als der schwache Schimmer eines ersterbenden Lichtes auf seine Augen fiel und eine Stimme, die er ohne Schwierigkeit für die des Herrn Squeers erkennen konnte, ihn erinnerte, daß es Zeit sei aufzustehen.

»Sieben Uhr vorbei«, sagte Herr Squeers.

»Ist es schon Morgen?« fragte Nicolaus, im Bette aufsitzend.

Ah, freilich ist es«, antwortete Squeers, »und dazu ein recht eisiger. Nun, Nickleby, beeilen Sie sich.«

Nicolaus bedurfte keiner weitern Ermahnung, sondern beeilte sich und kleidete sich bei dem Kerzenlicht, das Herr Squeers in der Hand hatte, an.

»Das ist ein schöner Auftritt«, sagte der Schulmann; »der Brunnen ist eingefroren.«

»So«, entgegnete Nicolaus, den diese Nachricht nicht besonders interessierte.

»Ja«, erwiderte Squeers. »Sie können sich diesen Morgen nicht waschen.«

»Mich nicht waschen?« rief Nicolaus.

»Nein, es ist nicht daran zu denken«, erwiderte Squeers spitzig. »Sie müssen sich begnügen, sich eine trockene Politur zu geben, bis wir das Eis im Brunnen einstoßen und einen Eimer voll für die Jungen herausholen können. Was starren Sie mich so an? Geschwind! Geschwind!«

Nicolaus erwiderte nichts, sondern schlüpfte hastig in seine Kleider, während Squeers die Läden öffnete und das Licht ausblies. Bald darauf ließ sich die Stimme der liebenswürdigen Frau Schulmeisterin vernehmen, die Einlaß begehrte.

»Komm herein, mein Schatz«, sagte Squeers.

Frau Squeers kam herein, noch in denselben Bettkittel gekleidet, in dem sie sich schon in der vorigen Nacht so vorteilhaft ausgenommen hatte, nur daß sie als weitere Zierde einen altertümlichen Biberhut mit vieler Anmut und Leichtigkeit über der früher erwähnten Nachthaube trug.

»Hol’s» der Henker«, begann die Dame, den Wandschrank öffnend; »ich kann den Schullöffel nirgends finden.«

»Laß dich das nicht anfechten, meine Liebe«, bemerkte Squeers begütigend: »wir haben ihn ja vorderhand nicht nötig.«

»Nicht nötig? Wie kannst du nur so reden«, versetzte Frau Squeers beißend. »Ist heute nicht der Schwefelmorgen?«

«Ja, ja, du hast recht, ich habe das ganz vergessen«, entgegnete Herr Squeers. »Wir reinigen den Knaben hin und wieder das Blut, Nickleby.«

»Pah! Albernheiten!« sagte die Dame. »Glauben Sie ja nicht, junger Mann, daß wir uns für Schwefelblumen und Sirup in Unkosten versetzen, bloß um ihr Blut zu reinigen. Wenn Sie glaubten, wir trieben das Geschäft in dieser Weise, so wären Sie sehr im Irrtum. Ich will daher gleich offen Farbe bekennen.«

»Mein Schatz«, wandte Squeers mit einem Stirnrunzeln ein. »Hm!«

»Pah, Dummheiten!« erwiderte Frau Squeers. »Wenn der Herr hier Lehrer sein will, so muß er von vornherein wissen, daß es da keiner Alfanzereien bei den Knaben bedarf. Sie erhalten den Schwefel und Sirup – einmal, weil sie, wenn man anders mit ihnen dokterte, immer etwas zu klagen hätten, so daß man gar nicht fertig mit ihnen würde, und dann, weil es ihnen den Appetit verdirbt und auch wohlfeiler zu stehen kommt, als ein Frühstück und ein Mittagessen. So tut es zu gleicher Zeit ihnen und uns gut, und was will man weiter?«

Nach dieser Erklärung steckte Frau Squeers den Kopf in den Schrank und stellte genauere Nachforschung nach dem Löffel an, wobei ihr Herr Squeers half. Während des Suchens flüsterten sie miteinander; aber der Schrank dämpfte den Ton der Stimme, so daß Nicolaus nichts weiter unterscheiden konnte, als daß Herr Squeers meinte, seine Frau hätte etwas Unverständiges gesagt, eine Ansicht, die indessen Frau Squeers für dummes Geschwätz erklärte.

Als sich alles Suchen und Herumstöbern als fruchtlos erwies, wurde Smike herbeigerufen, der nun von Frau Squeers so lange mit Püffen und von Herrn Squeers mit Ohrfeigen bearbeitet wurde, bis sich im Laufe dieser Doppelbehandlung sein Geist so weit aufhellte, daß er die Vermutung auszusprechen imstande war, Madame Squeers habe ihn vielleicht in der Tasche, was sich denn auch als richtig herausstellte. Da jedoch Frau Squeers vorher beteuert hatte, sie wisse ganz bestimmt, daß er nicht dort wäre, so erhielt Smike eine weitere Ohrfeige, weil er sich unterfangen hatte, seiner Gebieterin zu widersprechen, und zugleich die Verheißung einer gesunden Tracht Schläge, wenn er sich in Zukunft nicht respektvoller benehme; so daß ihm also sein Scharfsinn keinen besonderen Gewinn brachte.

»Ein unbezahlbares Weib, Nickleby«, sagte Squeers, als seine Gattin hinauseilte und den armen Haussklaven vor sich hin stieß.

»Es scheint so«, bemerkte Nicolaus.

»Ich kenne nicht ihresgleichen«, fuhr Squeers fort. »Sie ist immer dieselbe, Nickleby – immer das gleiche, geschäftige, rührige, tätige, sparsame Geschöpf, wie Sie es zur Stunde sehen.«

Nicolaus seufzte unwillkürlich bei dem Gedanken an die liebenswürdigen Aussichten, die sich ihm in diesem Hause auftaten; aber Squeers war zufällig zu sehr von seinen eigenen Gedanken erfüllt, um es zu bemerken.

»Wenn ich in London oben bin«, fuhr Squeers fort, »so brauche ich gewöhnlich die Redensart, daß sie den Knaben eine Mutter sei. Aber sie ist ihnen zehnmal mehr als eine Mutter. Sie tut Dinge für die Jungen, Nickleby, daß ich wohl behaupten kann, die Hälfte der Mütter vermöchten es nicht, etwas der Art für ihre eigenen Söhne zu tun.«

»Ich glaube das selber auch, Sir«, entgegnete Nicolaus.

Das Wahre an der Sache war übrigens, daß beide, Herr und Frau Squeers, die Knaben als ihre eigentlichen und natürlichen Feinde betrachteten, oder mit andern Worten, sie waren der Ansicht, es sei ihr Beruf und Gewerbe, von jedem Knaben soviel wie nur immer möglich herauszupressen. Über diesen Punkt waren beide einig und richteten demgemäß ihr Benehmen ein. Es gab nur den einen Unterschied zwischen ihnen, daß Frau Squeers den Krieg gegen den Feind offen und furchtlos führte, während Squeers auch zu Hause seine Schuftigkeit mit einem Anstrich seiner gewohnten Verstellung verhüllte, als meine er wirklich, eines Tages sich selbst täuschen und überreden zu können, daß er eigentlich doch eine seelensgute Haut wäre.

»Aber kommen Sie«, sagte Squeers, einen ähnlichen Gedankengang in dem Geiste seines Gehilfen unterbrechend: »wir wollen nach dem Schulzimmer gehen. Helfen Sie mir meinen Schulrock anziehen.«

Nicolaus half seinem Dienstherrn ein altes barchentnes Jagdwams anzuziehen, das dieser von einem Kleiderständer in der Hausflur herunternahm. Squeers bewaffnete sich mit seinem spanischen Rohr und führte den Unterlehrer über einen Hof zu einer Tür des Hinterhauses.

»So!« sagte der Schulmeister, als sie miteinander eintraten: »das ist unsere Arbeitsstätte.«

Man traf hier auf ein so buntes Schauspiel und auf so viele Dinge, die die Aufmerksamkeit auf sich zogen, daß Nicolaus im Anfang nur aufschauen konnte, ohne eigentlich etwas zu unterscheiden. Nach und nach löste sich jedoch der Ort in ein kahles und schmutziges Zimmer mit ein paar Fenstern auf, an denen übrigens das Glas kaum den zehnten Teil ausmachen mochte, da der Rest mit Papier aus alten Schreibbüchern geflickt war. Außerdem fand man noch ein paar lange, alte, gebrechliche Tische, die mit Messern zerschnitten, mit Tinte beschmiert und auf jede nur mögliche Weise beschädigt waren, einige Bänke, ein besonderes Pult für Herrn Squeers und ein anderes für seinen Gehilfen. Die Decke war, wie die einer Scheune, durch Querbalken und Sparren unterstützt und die Wände so besudelt und geschwärzt, daß es unmöglich war zu ermitteln, ob ihr ursprünglicher Anstrich, wenn ein solcher vorhanden war, von dem Tüncher oder dem Maler herrührte.

Und erst die Zöglinge – die jungen Edelleute! Die letzten schwachen Hoffnungsstrahlen, der entfernteste Lichtblick einer Möglichkeit, daß seine Bemühungen in dieser Schauerhöhle je etwas Gutes erzielen könnten, schwanden aus Micolaus‘ Seele, als er mit Schrecken der Wirklichkeit ansichtig wurde. Bleiche, hagere Gesichter, abgezehrte Gerippe, Kinder mit den Zügen von Greisen, Mißgestalten mit eisernen Schienen an den Gliedern, Knaben von verkümmertem Wuchs, und andere, deren lange, dürre Beine die gebeugten Körper kaum zu tragen vermochten –, alles dieses drängte sich vor seinem Blick. Da waren Triefaugen, Hasenscharten, Klumpfüße, kurz jede Häßlichkeit und Entstellung, die auf eine unnatürliche Abneigung der Eltern gegen ihre Sprößlinge oder auf ein Leben hindeutete, das von frühester Kindheit an nur Grausamkeit und Vernachlässigung gekannt hatte. Man sah einige kleine Gesichter, die schön gewesen sein würden, wären sie nicht durch den finstern Blick eines durch Leiden verstockten Inneren verdüstert gewesen; eine Kindheit, der der Glanz des Auges erloschen, deren Schönheit entschwunden und wo nur die Hilflosigkeit zurückgeblieben war; boshafte Gesichter, die bleiernen Auges, wie Übeltäter in einem Gefängnis, vor sich hinbrüteten; und arme Geschöpfe, die, die Sünden ihre schwachen Eltern büßend, selbst nach den gedungenen Wärterinnen weinten – dem einzigen, was sie gekannt hatten, und wo sie doch nicht ganz verlassen in ihrer Einsamkeit waren. Welche heranschießende Höllensaat wurde hier erzogen, wo Mitgefühl und Liebe schon in der Geburt erstickt wurden, wo man jedes frische und jugendliche Gefühl durch Schläge und Hunger erdrückte und wo jede der Rachsucht entquellende Leidenschaft sich leise ihre Eitergänge bis in das Innerste des übervollen Herzens fraß!

Und doch hatte dieser Anblick, so schmerzlich er auch war, seine komischen Züge, die bei einem minderbeteiligten Zuschauer, als Nicolaus es war, wohl ein Lächeln hervorrufen konnten. Frau Squeers stand hinter einem der Lehrerpulte und hatte eine ungeheure Schüssel mit Schwefel und Sirup vor sich. Von dieser köstlichen Mischung gab sie einem jeden Knaben eine starke Dosis, wobei sie sich eines gemeinschaftlichen, ursprünglich wohl für einen Riesen angefertigten hölzernen Löffels bediente, der den Mund eines jeden der jungen Herrchen beträchtlich erweiterte, da sie unter schweren Strafandrohungen den ganzen Löffel voll auf einmal hinunterschlucken mußten. In einer Ecke der Stube hatten sich, der Kameradschaft halber, die in der Nacht angekommenen kleinen Knaben zusammengedrückt, drei von ihnen in ungemein weiten Lederhosen und zwei in alten langen Hosen, die sogar noch bedeutend enger anlagen, als man gewöhnlich Unterbeinkleider zu tragen pflegt. In einer kleinen Entfernung von ihnen saß Herrn Squeers‘ jugendlicher Sohn und Erbe, ein sprechendes Ebenbild seines Vaters. Er wehrte sich aus Leibeskräften mit Händen und Füßen gegen Smike, der ihm ein Paar neue Stiefel von verdächtiger Ähnlichkeit mit denen, die der kleinste der neuen Ankömmlinge auf der Herreise getragen hatte, anziehen wollte; und auch der kleine Knabe schien sein Eigentum zu erkennen, denn er betrachtete dasselbe mit einem Blick der kläglichsten Verwunderung. Außerdem stand eine lange Reihe von Knaben harrend da, freilich mit Gesichtern, die nicht das angenehmste Vorgefühl hinsichtlich des Gesiruptwerdens aussprachen; und ein anderes Häuflein, das eben diese Tortur überstanden hatte, deutete durch allerhand Mundverzerrungen an, daß dieses Löffeltraktament eben nicht zu den angenehmsten gehöre. Die Knaben waren insgesamt so buntscheckig, übel zusammenpassend und ungewöhnlich gekleidet, daß man sich des Lachens nicht hätte erwehren können, wäre nicht der ekelerregende Anblick von Schmutz, Unordnung und Kränklichkeit damit verbunden gewesen.

»Nun«, sagte Squeers, indem er mit seinem Rohr so heftig auf den Tisch schlug, daß die Hälfte der Knaben beinahe aus ihren Stiefeln gesprungen wäre; »ist das Doktern endlich vorbei?«

»Im Augenblick«, versetzte Frau Squeers, die dem letzten Knaben, den sie in ihrer Eile beinahe erstickt hätte, mit dem hölzernen Löffel auf den Scheitel klopfte, um ihn wieder zu sich zu bringen. »Smike, nimm die Schüssel fort – geschwind!«

Smike hinkte mit der Schüssel hinaus, und Frau Squeers folgte ihm, nachdem sie zuvor ihre schmutzigen Finger in dem Lockenkopfe eines Knaben abgewischt hatte, hastig nach einer Art Waschhaus, wo ein kleines Feuer unter einem großen Kessel brannte und eine Anzahl kleiner hölzerner Näpfe auf einem Tische standen.

In diese Näpfe goß Frau Squeers, unter dem Beistände ihres ausgehungerten Dienstmädchens, ein braunes Gemisch, das wie Lohbrühe aussah und Suppe genannt wurde. In jeden Napf kam ein winziges Scheibchen Schwarzbrot, und als die Knaben ihre Suppe mit dem Brote ausgelöffelt und hintendrein auch diesen Löffel verzehrt hatten, womit das Früstück beendigt war, sprach Herr Squeers mit feierlicher Stimme: »Herr, laß uns aufrichtig dankbar sein für alles Gute, was wir von dir empfangen«, und begab sich dann zu seiner eigenen Morgenerquickung.

Nicolaus erweiterte seinen Magen mit einem Napf Suppe, wohl aus demselben Grunde, der einige Milde veranlaßt, Erde zu verschlucken – damit nämlich hernach ihr Eingeweide sie nicht quäle, wenn sie nichts zu essen hätten. Als er hierauf noch eine Brotschnitte mit Butter verzehrt hatte, die ihm vermöge seiner Eigenschaft als Lehrer zuteil wurde, so setzte er sich nieder und harrte, bis der Unterricht begänne.

Es konnte ihm nicht entgehen, daß statt des Lebensmutes nur stumme Trauer unter den Knaben herrschte. Dort war keine Spur von dem Tumult und Lärmen eines Schulzimmers, nichts von seinen geräuschvollen Spielen und seiner herzlichen Fröhlichkeit. Die Kinder kauerten sich zitternd zusammen und schienen nicht den Mut zu haben, sich zu bewegen. Der einzige Zögling, der einige Neigung zu Scherz und Bewegung kundgab, war der junge Herr Squeers. Da aber seine Hauptbelustigung darin bestand, daß er mit seinen Stiefeln den andern Knaben auf die Zehen trat, so konnte man an seiner Munterkeit gerade keinen besonderen Gefallen finden.

Nach einer halben Stunde trat Herr Squeers wieder ein. Die Knaben gingen an ihre Plätze und griffen nach ihren Büchern, von denen durchschnittlich etwa eins auf acht Schüler kam. Herr Squeers nahm einige Minuten eine sehr gelehrte Miene an, als könne er alles in den Büchern auswendig und wisse jedes Wort aus dem Kopfe herzusagen, wenn er sich nur die Mühe nehmen wollte, und rief dann die erste Klasse auf.

Dem Geheiße gehorsam, stellten sich ein halb Dutzend Vogelscheuchen mit Löchern an den Knien und Ellenbogen vor dem Pulte des Schulmeisters auf, und eine davon legte ein zerrissenes und schmutziges Buch unter sein gelehrtes Auge.

»Dies ist die erste Klasse; sie erhält Unterricht im Englischlesen und in der Philosophie, Nickleby«, sagte Squeers, indem er Nicolaus näher zu treten winkte. »Wir wollen auch eine lateinische Klasse gründen und sie Ihnen übertragen. Wohlan denn, wo ist der Primus?«

»Er putzt in der hintern Stube die Fenster«, sagte der damalige Zugführer der philosophischen Klasse.

»Ah, richtig«, erwiderte Squeer«. »Wir halten uns an die praktische Lehrmethode, Nickleby – das einzige richtige Erziehungssystem. P-u-tz, Putz, e-n, en, Putzen, Zeitwort, reinmachen, reinigen. F-e-n, Fen, s-t-e-r, ster, Fenster, eine mit einer durchsichtigen Substanz verwahrte Öffnung, durch die Licht in die Häuser fällt. Wenn ein Knabe etwas der Art aus dem Buche gelernt hat, so geht er hin und tut es. Wir folgen hier ganz demselben Grundsatz, den man beim Gebrauch der Globen geltend macht. Wo ist der Zweite?«

»Er jätet im Garten Unkraut aus«, entgegnete eine zarte Stimme.

»Ja ja«, fuhr Squeers fort, ohne sich aus der Fassung bringen zu lassen;, »so ist’s. B-o, Bo, t-a, ta, Bota, n-i-k, nik, Botanik, Hauptwort, Kenntnis der Pflanzen. Wenn er gelernt hat, daß Botanik Kenntnis der Pflanzen bedeutet, so geht er hin und lernt sie kennen. Dies ist unser System, Nickleby. Was halten Sie davon?«

»Jedenfalls ist es ein sehr nutzenbringendes«, antwortete Nicolaus bedeutsam.

»Das will ich meinen«, entgegnete Squeers, dem die ironische Betonung seines Hilfslehrers nicht aufgefallen war. »Nun, du Dritter, was ist ein Pferd?«

»Ein Tier, Sir«, versetzte der Knabe.

»Richtig«, sagte Squeers: »nicht wahr, Nickleby?«

»Ich glaube, daß hier kein Zweifel obwalten kann, Sir«, erwiderte Nicolaus.

»Natürlich nicht«, sagte Squeers. »Ein Pferd ist ein Quadruped, und Quadruped ist das lateinische Wort für Tier, wie jeder, der die Grammatik durchgemacht hat, weiß; denn wo läge sonst der Nutzen der Grammatik?«

»In der Tat, wo läge er?« sprach Nicolaus zerstreut.

»Da du deine Sache so gut gemacht hast«, nahm Squeers wieder auf, »so geh und sieh nach meinem Pferd; striegle es ordentlich, sonst will ich dich striegeln. Die übrigen der Klasse gehen hinaus und schöpfen Wasser, bis man sie aufhören heißt; denn die Kessel müssen für die morgige Wäsche gefüllt werden.«

Mit diesen Worten entließ er die erste Klasse zu ihren Übungen in der praktischen Philosophie und sah Nicolaus mit einem halb verschmitzten, halb zweifelhaften Blick an, als wolle er sich überzeugen, welchen Eindruck dieses Verfahren auf seinen Hilfslehrer gemacht hatte.

»So wird die Sache bei uns betrieben, Nickleby«, sagte er nach einer langen Pause.

Nicolaus zuckte auf eine kaum bemerkliche Weise die Achseln und sagte, daß ihn dies der Augenschein lehre.

»Es ist übrigens eine sehr gute Methode«, fuhr Squeers fort. »Doch lassen Sie jetzt diese vierzehn kleinen Knaben lesen; denn Sie müssen anfangen, sich nützlich zu machen. Faulenzerei geht hier nicht an.«

Herr Squeers sagte dies mit einem Ton, als sei ihm plötzlich eingefallen, daß er seinem Hilfslehrer nicht zuviel sagen dürfe, oder daß dieser ihm nicht genug zum Lobe der Anstalt gesagt hätte. Die Kinder mußten sich nun in einen Halbkreis um den neuen Lehrer stellen, und bald horchte dieser auf ihr träges, schleppendes und stockendes Hersagen jener wichtigen Geschichten, die in den älteren Fibelbüchern zu finden sind.

Unter dieser angenehmen Beschäftigung schlich der Morgen schwerfällig hin. Um ein Uhr kamen die Knaben, nachdem man ihnen vorher den Appetit durch Haferbrei und Kartoffeln benommen hatte, zu einem Stückchen tüchtig eingepökelten Ochsenfleisches in die Küche, und Nicolaus erhielt gnädigst die Erlaubnis, seinen Anteil nach seinem einsamen Pult zu tragen, um es dort ungestört verzehren zu können. Dann kauerten sich die Knaben abermals eine Stunde fröstelnd in dem kalten Schulzimmer zusammen, worauf der Unterricht wieder seinen Anfang nahm.

Herr Squeers pflegte nach jedem seiner halbjährlichen Besuche in der Hauptstadt die Knaben zusammenzurufen und ihnen eine Art Mitteilung zu machen über Verwandte, die er gesehen, Neuigkeiten, die er gehört, Briefe, die er mitgebracht, Rechnungen, die man bezahlt, oder Auslagen, die man schuldig geblieben war usw. Diese festliche Musterung fand jedesmal an dem Nachmittag des ersten Tages nach seiner Zurückkunft statt; vielleicht, um durch die Spannung des Morgens die Selbstüberwindung der Knaben zu kräftigen, vielleicht auch, weil Herr Squeers durch gewisse warme Getränke, die er gewöhnlich nach dem Mittagessen zu sich zu nehmen pflegte, größeren Ernst und größere Unbeugsamkeit gewann. – Doch, sei dem, wie ihm wolle – die Knaben wurden von den Fenstern, dem Garten, dem Stall und dem Hof zurückgerufen, und das Schulzimmer barg die volle Versammlung, als Herr Squeers, mit einem kleinen Paketchen Briefschaften in der Hand und von Frau Squeers begleitet, die ein paar Haselnußstöcke trug, in das Zimmer trat und Stillschweigen gebot.

»Wenn einer, ohne daß er gefragt wird, das Maul auftut«, sagte Herr Squeers in mildem Tone, »so kriegt er Hiebe, bis ihm die Haut vom Leibe fällt.«

Diese Ankündigung hatte den beabsichtigten Erfolg; denn im Augenblick trat eine totengleiche Stille ein, und Herr Squeers fuhr fort:

»Jungen, ich bin in London gewesen und so gesund und wohl wie je wieder zu meiner Familie und zu euch zurückgekehrt.«

Die Jungen begrüßten diese erfreuliche Nachricht, dem halbjährlichen Brauche zufolge, mit drei schwachen Freuderufen. Aber was für Freuderufe? – kaum wie ein starker Seufzer aus der Brust eines Menschen, dem der Todesschweiß auf der Stirn steht.

»Ich habe die Eltern von einigen unter euch gesehen«, fuhr Squeers, seine Papiere durchblätternd, fort; »und sie sind so erfreut über die Fortschritte ihrer Söhne, daß an ein Zurücknehmen derselben gar nicht zu denken ist, was natürlich allen Parteien in gleicher Weise zustatten kommt.«

Bei diesen Worten fuhren zwei oder drei Hände zu zwei oder drei Augen, aber der größere Teil der jungen Leutchen wußte nicht viel von seinen Eltern zu sagen und war daher bei der Sache in keiner Weise beteiligt.

»Ich hatte mit Widerwärtigkeiten zu kämpfen«, sagte Squeers, indem er eine zürnende Miene annahm; »Bolders Vater blieb zwei Pfund, zehn Schillinge schuldig. Wo ist Bolder?«

»Hier, Sir«, erwiderten zwanzig diensteifrige Stimmen. Knaben sind in solchen Fällen gerade wie die Männer.

»Komm her, Bolder«, rief Squeers.

Ein kränklich aussehender Knabe mit von Warzen bedeckten Händen trat leichenblaß und klopfenden Herzens an das Pult des Lehrers und erhob seine Augen flehend zu Squeers‘ Gesicht.

»Bolder«, begann Squeers in einem langsamen Ton; denn er überlegte im Sprechen, wie er ihm am besten beikommen könne.

»Bolder, wenn dein Vater glaubt, daß – doch was soll das, Bürschlein?«

Mit diesen Worten faßte Squeers die Hand des Knaben bei dem Ärmelaufschlag und betrachtete sie mit einem erbaulichen Ausdruck von Entsetzen und Ekel.

»Wie nennst du dies, Musje?« fragte der Schulmeister, indem er dem Knaben gleich vornweg einen Streich mit der Haselnußgerte gab, um die Antwort zu beschleunigen.

»Ach, ich kann ja nicht dafür, Sir«, erwiderte der Knabe weinend. »Sie kommen von selbst; ich glaube, es ist die schmutzige Arbeit, Sir – wenigstens weiß ich nicht, woher es kommt, Sir; aber meine Schuld ist es gewiß nicht.«

»Bolder«, sagte Squeers, indem er seine Hemdärmel zurückschlug und die Fläche der rechten Hand anfeuchtete, um den Stock besser fassen zu können; »du bist ein unverbesserlicher junger Schlingel, und da die letzte Tracht Prügel nicht angeschlagen hat, so wollen wir sehen, ob eine andere nicht bessere Wirkung tut.«

Squeers fiel sofort, ohne des kläglichen Geschreis um Schonung zu achten, über den Knaben her und bearbeitete denselben so lange mit seinem Rohr, bis er kaum mehr den Arm zu rühren vermochte.

»So!« sagte Squeers, als er fertig war; »reibe dir den Rücken, so viel du willst. Das wenigstens wirst du nicht sofort herunterreiben. – Wie, du willst nicht zu heulen aufhören? Führe ihn hinaus, Smike.«

Der Haussklave wußte aus Erfahrung zu gut, daß durch Zögerung nichts gewonnen werde, und schaffte daher das arme Opfer durch eine Seitentür, während Herr Squeers sich wieder auf seinen Stuhl pflanzte und Frau Squeers einen andern an seiner Seite einnahm.

»Nun laßt uns weiter sehen«, sagte Squeer«. »Ein Brief für Cobbey. Steh auf, Cobbey!«

Ein anderer Knabe erhob sich und betrachtete mit ängstlichen Blicken den Brief, während Squeers den Inhalt in einem kurzen Auszug vortrug.

»Ah!« sagte Squeers, »Cobbeys Großmutter ist tot und sein Onkel Johann hat sich dem Trinken ergeben. Das sind alle Neuigkeiten, die seine Schwester sendet, achtzehn Penc ausgenommen, die gerade hinreichen werden, die zerbrochene Fensterscheibe zu bezahlen. Liebe Frau, willst du das Geld zu dir nehmen?«

Die würdige Dame steckte die achtzehn Pence mit der gleichgültigsten Geschäftsmiene ein, und Squeers ging so kaltblütig wie möglich zu dem nächsten Knaben über.

»Die Reihe kommt jetzt an Graymarsh«, sagte Squeers. »Steh auf, Graymarsh!«

Der Knabe gehorchte, und der Schulmeister überflog wie vorher den Brief.

»Graymarsh‘ Tante mütterlicherseits –« fuhr Squeers fort, nachdem er sich den Inhalt zu eigen gemacht hatte – »ist sehr erfreut über die Nachricht, daß er so gesund und zufrieden ist: sie läßt Madame Squeers ihre achtungsvollsten Komplimente vermelden und glaubt, daß sie ein Engel sein müsse. In gleicher Weise meint sie, Herr Squeers sei zu gut für diese Welt, hofft jedoch, daß er ihr noch lange erhalten bleibe, um sein Geschäft fortzusetzen. Sie würde die verlangten zwei Paar Strümpfe geschickt haben, wenn in ihrer Kasse nicht Ebbe wäre; statt dessen sendet sie ein Traktätlein und hofft, daß Graymarsh sein Vertrauen auf Gott setzen werde. Vor allem aber wünscht sie, daß er sich Mühe gebe, Herrn und Frau Squeers in jeder Hinsicht zu Gefallen zu leben und sie als seine einzigen Freunde zu betrachten. Er solle den jungen Herrn Squeers lieben und sich nicht auf eine unchristliche Weise darüber beschweren, daß er zu fünf in einem Bett schlafen müsse. »Ah!« sagte Squeers, das Schreiben zusammenschlagend, »ein köstlicher Brief, sehr liebreich – in der Tat!«

Er war in einem gewissen Sinne allerdings sehr liebreich, denn Graymarsh‘ mütterlicherseits Tante war, wie sich ihre vertrauten Freundinnen ins Ohr flüsterten, niemand anders, als Graymarsh‘ wirkliche Mutter. Squeers fuhr jedoch, ohne auf diesen Teil der Geschichte anzuspielen, da es vor dem Knaben unmoralisch geklungen haben würde, in seinem Geschäft fort, indem er den Namen »Mobbs« rief, worauf sich ein anderer Knabe erhob und Graymarsh wieder Platz nahm.

»Mobbs Stiefmutter –« sagte Squeers – »mußte sich zu Bett legen, als sie hörte, daß er kein Fett essen wolle, und ist seitdem immer krank gewesen. Sie wünscht mit einer der nächsten Posten zu erfahren, wo er hingebracht zu werden erwartet, da er sich über die Kost beklagt, und will wissen, mit welchen Gefühlen er seine Nase über die Kuhleberbrühe rümpfen kann, nachdem sein guter Lehrer den Segen darüber gesprochen hat. Daß das letztere geschieht, hat sie aus den Londoner Zeitungen und nicht von Herrn Squeers erfahren, der zu menschenfreundlich und wohlwollend ist, um Leute gegeneinander aufzuhetzen; sie fühlt sich übrigens in einer Weise gekränkt, daß sich Mobbs gar keinen Begriff davon machen kann. Es tut ihr leid, eine sündhafte und abscheuliche Unzufriedenheit an ihm zu bemerken, weshalb sie hofft, Herr Squeers werde ihn schon in einen ruhigeren Gemütszustand hineinprügeln. Wegen seines schlechten Betragens behält sie auch den wöchentlichen halben Penny Taschengeld zurück und hat ein Messer mit doppelter Klinge und einem Korkzieher, das für ihn gekauft worden war, den Missionaren geschenkt.

Ein widerspenstiger Gemütszustand führt zu nichts«, fuhr Herr Squeers fort, indem er abermals die Fläche seiner rechten Hand anfeuchtete; »Heiterkeit und Zufriedenheit müssen stets aufrechterhalten werden. Mobbs, tritt hervor!«

Mobbs bewegte sich langsam nach dem Pult hin und rieb in der Vorahnung, bald genug Anlaß dazu zu erhalten, seine Augen; er erhielt auch denselben in so hohem Grade, wie sich’s ein Knabe nur immer wünschen kann, und wurde gleichfalls durch die Seitentür entfernt.

Herr Squeers fuhr dann fort, die verschiedenen übrigen Briefe zu öffnen. Einige von ihnen enthielten Geld, das Frau Squeers »zum Aufheben« gegeben wurde, und andere bezogen sich auf verschiedene kleine Anzugsartikel, wie Mützen usw., die aber alle nach der Ansicht der genannten Dame bald zu groß, bald zu klein waren und für niemand als den jungen Squeers passen wollten, der in der Tat die allergefügigsten Gliedmaßen zu haben schien, da alles, was in die Anstalt kam, ihm wie angegossen war; besonders mußte sein Kopf eine wunderbare Elastizität besitzen, da ihm Hüte und Mützen von jeder Weite gleich gut saßen.

Nach Abmachung dieses Geschäfts hudelte man noch einige Schulstunden ab, worauf sich Herr Squeers in seinen Familienkreis zurückzog und dem Lehrgehilfcn die Obhut der Knaben in der äußerst kalten Schulstube überließ, wo man, sobald es dunkel wurde, eine Abendmahlzeit von Brot und Käse austeilte.

In einer Ecke der Schulstube, zunächst dem Pult des Schulmeisters, befand sich ein kleiner Ofen, bei dem sich Nicolaus niedersetzte und in dem Gefühl seiner herabgewürdigten Stellung den Tod als einen beglückenden Erlöser aus seiner traurigen Lage herbeiwünschte. Die Grausamkeit, deren unfreiwilliger Zeuge er gewesen, Squeers‘ rohes und schuftiges Benehmen, selbst wenn er in der besten Laune war – überhaupt alles, was er an diesem schmutzigen Ort sah oder hörte, vereinigte sich, diese trübe Stimmung hervorzurufen. Wenn er aber gar dachte, daß er dabei mitwirken und – gleichgültig, welche Verkettung der Umstände ihn dazu gezwungen hatte – als Helfer und Mitschuldiger eines Systems erscheinen mußte, das nur Ekel und Unwillen in seiner Seele hervorrief, so verabscheute er sich selbst, und es kam ihm in diesem Augenblick vor, als ob es ihm schon die bloße Rückerinnerung an seine gegenwärtige Erniedrigung für alle Zeiten unmöglich mache, sein Antlitz wieder vor den Leuten zu erheben.

Vorderhand war jedoch sein Entschluß gefaßt, und die Vorsätze der vorangehenden Nacht blieben ungetrübt. Er hatte seiner Mutter und Schwester geschrieben, ihnen die glückliche Beendigung seiner Reise mitgeteilt und von Dotheboys Hall nur sehr wenig, aber auch dieses Wenige in der möglichst heitern Weise erzählt. Er hoffte, wenn er bliebe, selbst hier einiges Gute wirken zu können, und jedenfalls hingen andere zu sehr von der Gunst seines Onkels ab, als daß er sich jetzt schon seinen Groll hätte zuziehen dürfen.

Ein Gedanke beunruhigte ihn jedoch weit mehr, als alle aus seiner Lage entsprießenden Rücksichten für die eigene Persönlichkeit – nämlich das wahrscheinliche Los seiner Schwester. Sein Onkel hatte ihn hintergangen, und stand da nicht zu befürchten, daß er sie auf irgendeinen elenden Ort beschränke, wo ihre Schönheit und Jugend ihr zu einem weit größeren Fluch gereichen konnten als Häßlichkeit und Alter? Dies war ein schrecklicher Gedanke für einen an Händen und Füßen gebundenen Mann; – doch nein, seine Mutter war ja bei ihr und auch die Malerin, freilich ein sehr einfaches Wesen, die aber doch in und von der Welt lebte. Er war geneigt zu glauben, daß Ralph einen persönlichen Widerwillen gegen ihn nährte. Da nun hinlänglicher Grund vorhanden war, einen gleichen in seinem eigenen Innern zu hegen, so wurde ihm diese Vermutung zur Gewißheit, obgleich er sich zu überreden suchte, daß der gegenseitige Groll auf niemand anders als auf sie beide Bezug habe.

In solche Betrachtungen vertieft, fiel sein Blick zufällig auf Smike, der auf seinen Knien vor dem Ofen lag, ein paar abgesprungene Aschenfunken von dem Herde auflas und sie wieder in das Feuer legte. Der arme Junge hatte eben innegehalten, um einen verstohlenen Blick auf Nicolaus zu werfen. Als er jedoch sah, daß er bemerkt wurde, schrak er zurück, als fürchte er, dafür gezüchtigt zu werden.

»Du brauchst dich nicht vor mir zu fürchten«, sagte Nicolaus freundlich. »Friert es dich?«

»N–e–i–n.«

»Deine Zähne klappern?«

»Es friert mich nicht«, versetzte Smike rasch. »Ich bin daran gewöhnt.«

In seinem Benehmen zeigte sich so augenscheinlich die Furcht, Anstoß zu geben, auch war er überhaupt so scheu und niedergedrückt, daß Nicolaus sich des Ausruf«: »Armer Junge!« nicht erwehren konnte.

Wenn er den armen Leidensträger geschlagen hätte, so würde sich dieser, ohne ein Wort zu sprechen, davongeschlichen haben; so aber brach er in Tränen aus.

»Ach du mein Gott!« rief er, indem er mit den aufgesprungenen und schwieligen Händen sein Gesicht bedeckte; »das Herz bricht mir, – ach, das Herz bricht mir.«

»Ruhig«, sagte Nicolaus, die Hand auf seine Achsel legend. »Sei ein Mann – du bist´s ja fast an Jahren; Gott helfe dir.«

»An Jahren?« rief Smike. »O mein Himmel, wie viele sind ihrer! Wie viele Jahre sind dahingegangen, seit ich als ein kleines Kind hierherkam, jünger, als irgendeines von denen, die jetzt da sind! Wo sind sie alle!«

»Wovon sprichst du?« fragte Nicolaus, der das arme, halb blödsinnige Geschöpf zur Vernunft zurückbringen wollte. »Rede.«

»Meine Verwandte«, erwiderte er, »ich – mein – ach! welche Leiden habe ich erduldet!«

»Die Hoffnung stirbt nicht«, versetzte Nicolaus, ohne zu wissen, was er sagen sollte.

»Nein, entgegnete der andere, »nein, für mich gibts keine. Erinnern Sie sich des Knaben, der hier starb?« »Du weißt, ich war damals noch nicht hier«, sagte Nicolaus sanft, »aber was ist mit ihm?«

»Ei«, antwortete Smike, indem er dem Frager näher rückte, »ich wachte bei ihm, und als alles still um uns her war, rief er nicht mehr nach seinen Verwandten, von denen er wünschte, daß sie sich bei ihm niedersetzen möchten, sondern er fing an, Gesichter um sich her zu sehen, die von Hause kamen. Er sagte, sie lächelten ihm zu und sprächen mit ihm, und endlich starb er, als er eben den Kopf aufrichtete, um sie zu küssen. Hören Sie?«

»Ja, ja«, entgegnete Nicolaus.

»Welche Gesichter werden mir zulächeln, wenn ich sterbe?« fuhr Smike schaudernd fort. »Wer wird zu mir sprechen in jenen langen Nächten? Sie können nicht von Hause kommen; sie würden mich erschrecken, wenn sie es täten; denn ich weiß nichts von einer Heimat und würde sie nicht kennen. Für mich gibt’s nur Furcht und Leiden – Furcht und Leiden im Leben und im Tode; aber keine Hoffnung – keine Hoffnung.«

Die Glocke läutete zum Schlafengehen, und Smike, der bei diesem Ton wieder in seinen gewohnten, gleichgültigen Stumpfsinn versank, schlich fort, als scheue er sich bemerkt zu werden. Bald hernach folgte ihm Nicolaus, da er kein eigenes Gemach hatte, nach dem schmutzigen und überfüllten Schlafsaal.

Zweites Kapitel


Zweites Kapitel

Von Herrn Ralph Nickleby, seinen Geschäften und Unternehmungen; desgleichen von einer großen Aktiengesellschaft, die für das ganze Land von höchster Bedeutung ist.

Herr Ralph Nickleby war, im eigentlichen Sinne des Wortes, weder Kaufmann, noch Bankier, noch Notar, und man hätte ihn überhaupt nicht leicht irgendeinem bestimmten Gewerbe zuteilen können. Demungeachtet aber ließ sich aus dem Umstande, daß er in einem geräumigen Hause in Golden Square wohnte, das nebst einer Messingplatte an der Haustür eine zweite viel kleinere an dem Türpfosten linker Hand hatte, die sich an dem Messingmodell einer Kinderhand befand und die Aufschrift »Bureau« trug, entnehmen, daß Herr Ralph Nickleby irgendein Geschäft betrieb oder zu betreiben schien. Dies ging auch noch zum Überfluß aus der weiteren Tatsache hervor, daß zwischen halb zehn und fünf Uhr täglich ein Mann mit einem aschfahlen Gesicht und in einem rostbraunen Anzug zugegen war, der in einem speisekammerähnlichen Gemache am Ende der Hausflur auf einem ungewöhnlich harten Stuhl saß und stets eine Feder hinter dem Ohr hatte, wenn er auf den Ruf der Klingel die Haustür öffnete.

Golden Square ist ziemlich abgelegen; es hat seine Zeit durchlebt und gehört nunmehr unter die herabgekommenen Plätze, so daß nur wenige Geschäftsleute dort ihren Aufenthalt wählen. Die Wohnungen werden meistens vermietet, und die ersten und zweiten Stockwerke gewöhnlich bereits möbliert an ledige Herren abgegeben, die zugleich auch im Hause einen Kosttisch finden. Es ist der vorzugsweise Zufluchtsort der Fremden. Die sonnverbrannten Männergestalten mit großen Ringen, schweren Uhrketten und buschigen Backenbärten, die sich zwischen vier und fünf des Nachmittags unter der Säulenhalle des Opernhauses und um Herrn Seguins Bureau versammeln, sobald er es geöffnet hat, um die Logenbillets auszugeben – all diese leben in Golden Square oder in dessen Nähe. Einige Violinisten und ein Trompeter von der Opernbande haben hier ihren Wohnsitz aufgeschlagen. In den Kosthäusern wird musiziert, und die Töne der Klaviere und Harfen schwimmen in den Abendstunden um das Haupt der trauernden Statue, des Schutzgeistes eines kleinen wirren Buschwerks in dem Mittelpunkt des Platzes. In Sommernächten kann man aus den offenen Fenstern Gruppen von dunklen schnurrbärtigen Gesichtern sehen, die schreckliche Rauchwolken von sich blasen. Die Töne rauher, im Singen sich übender Stimmen unterbrechen die Stille des Abends, und der Rauch aller Sorten von Tabak durchduftet die Luft. Schnupftabak und Zigarren, Flöten, Violinen oder Violoncellos streiten hier miteinander ohne Unterlaß um die Oberherrschaft. Es ist das Reich des Rauches und der Töne. Herumziehende Musikantenbanden fühlen sich in Golden Square wieder neu belebt und erbeben unwillkürlich, wenn sie ihre Stimmen an diesem Ort laut werden lassen.

Dem Anscheine nach eignet sich ein derartiger Platz nicht besonders für einen Geschäftsmann. Aber Herr Ralph Nickleby wohnte bereits seit vielen Jahren hier, ohne daß man je eine Beschwerde von ihm vernommen hätte. Er kannte niemanden in der ganzen Umgebung und niemand kannte ihn, obgleich er in dem Rufe eines unermeßlich reichen Mannes stand. Die Handwerker oder Kaufleute hielten ihn für eine Art von Rechtsgelehrten, und die andern Nachbarn meinten, er wäre ein Generalagent oder so etwas; alle diese Vermutungen waren aber so genau und richtig, wie Mutmaßungen über anderer Leute Angelegenheiten gewöhnlich sind oder zu sein pflegen.

Herr Ralph Nickleby saß eines Morgens, vollständig zum Ausgehen angekleidet, in seinem Bureau. Er trug einen flaschengrünen Umhang über einem blauen Frack, eine weiße Weste, graumelierte Hosen und darüberhergezogene Wellingtonstiefeln. Der Zipfel eines schmalgefältelten Busenstreifs kämpfte sich, als ob er sich mit Gewalt sehen lassen wolle, zwischen dem Kinn und dem obersten Knopfe seines Umhangs hervor, während das besagte Überwämschen nicht weit genug herunterging, um eine lange, aus einer Reihe von einfachen goldenen Ringen bestehende Uhrkette zu verbergen. Diese nahm in dem Griffe einer goldenen Repetieruhr in Herrn Nicklebys Tasche ihren Ursprung und endete in zwei Schlüssel, von denen der eine zu der Uhr selbst und der andere zu irgendeinem Patentvorlegeschloß gehörte. Er trug etwas Puder in den Haaren, als wünsche er, sich dadurch ein wohlwollendes Aussehen zu geben. Wenn dies aber wirklich seine Absicht war, so hätte er wohl auch sein Gesicht pudern müssen, denn in jeder Falte desselben, nicht minder wie in seinen kalten, unsteten Augen lag etwas, was die im Innern hausende Arglist gegen den Willen des Mannes kundgab. Sei dem jedoch, wie ihm wolle – er saß einmal da, und in der Einsamkeit, in der er sich befand, brachten weder Puder noch Falten noch die Augen auch nur den mindesten guten oder schlimmen Eindruck auf irgend jemand hervor, weshalb auch alles dieses vor der Hand von keinem Belange für uns ist.

Herr Nickleby schlug ein auf seinem Pulte liegendes Kontobuch zu, warf sich in seinem Stuhle zurück und blickte mit zerstreuter Miene durch die glanzlosen Fensterscheiben. Einige Häuser in London haben einen trübseligen kleinen Raum hinter sich, der gewöhnlich durch vier hohe, weißgetünchte Mauern umschlossen ist, von denen die Schornsteine zürnend herabblicken. Auf diesem Erdfleckchen welkt alle Jahre ein verkümmerter Baum, der im Spätherbst, wenn andere Bäume ihre Blätter verlieren, tut, als ob er etwas Laub hervorbringen wolle, gar bald aber wieder von seiner Anstrengung abläßt und bis zum nächsten Sommer ausgedörrt dasteht, wo er dann den gleichen Prozeß wiederholt und vielleicht, wenn das Wetter besonders günstig ist, irgendeinen rheumatischen Sperling in Versuchung führt, auf seinen Zweigen zu zirpen. Man nennt diese dunkeln Höfe bisweilen »Gärten«; doch darf man nicht glauben, daß sie jemals angebaut werden, da sie allem Anschein nach nichts weiter als ein unbenutztes Land mit der verwitterten Vegetation des ursprünglichen Tonbodens sind. Niemand denkt daran, an solchen verödeten Plätzen spazierenzugehen oder sie in irgendeiner Weise zu benutzen. Der Mieter wirft vielleicht gleich bei seinem Einzuge – dann aber nimmer – einige Packkörbe, ein halb Dutzend zerbrochener Gläser und ähnlichen Schutt hinein, und da bleibt alles, bis wieder ausgezogen wird, liegen, um unter dem spärlichen Buchsbaum, dem verkümmerten Immergrün und den zerbrochenen Blumentöpfen im Schmutz und Kot nach Belieben zu modern.

Nach einem derartigen Raum blickte Herr Ralph Nickleby, als er, die Hände in die Taschen gesteckt, durch das Fenster sah. Er hatte seine Augen auf eine krumme Tanne geheftet, die irgendein früherer Hausbewohner in eine ehedem grüne Kufe gepflanzt und vor Jahren dagelassen hatte, wo sie nach und nach vom Moder aufgezehrt wurde. Der Anblick hatte gerade nichts Einladendes; aber Herr Nickleby war ganz in düstere Gedanken verloren und betrachtete daher diesen Gegenstand mit weit größerer Aufmerksamkeit, als er solche bei klarerem Bewußtsein vielleicht der seltensten ausländischen Pflanze geschenkt haben würde. Endlich wanderten seine Augen zu einem kleinen schmutzigen Fenster linker Hand, durch das das Gesicht des Schreibers undeutlich sichtbar war; und da dieser Ehrenmann gerade aufblickte, so winkte er diesem, hereinzutreten.

Der Aufforderung entsprechend, erhob sich der Schreiber von dem hohen Stuhle, der von dem ewigen Auf- und Abrutschen wie poliert aussah, und zeigte sich in Herrn Nicklebys Zimmer. Er war ein großer Mann in mittleren Jahren mit einem Paar Glotzaugen, von denen das eine unbeweglich war, einer Karfunkelnase, einem leichenfahlen Gesichte und einem Anzug, der aufs äußerste abgetragen, um ein namhaftes zu knapp und kurz, und mit so wenigen Knöpfen versehen war, daß man sich wohl höchlich verwundern durfte, wie es der Eigentümer anfing, um ihn überhaupt auf dem Leibe zu behalten.

»War das halb ein Uhr, Noggs?« fragte Herr Nickleby mit einer scharfen und unangenehmen Stimme.

»Nicht mehr als fünfundzwanzig Minuten nach der –« Noggs wollte beifügen, nach der Wirtshausuhr; er besann sich jedoch noch und ergänzte den Schluß seiner Rede – »nach der Sonnenzeit.«

»Meine Uhr ist stehengeblieben«, sagte Herr Nickleby, »ohne daß ich mir denken könnte, warum.«

»Nicht aufgezogen«, meinte Noggs.

»Nein, das ist nicht der Fall«, versetzte Herr Nickleby.

»Dann vielleicht zu stark aufgezogen«, entgegnete Noggs.

»Kann auch nicht wohl sein«, entgegnete Herr Nickleby.

»Muß sein«, erwiderte Noggs.

»Nun, meinetwegen«, sagte Herr Nickleby, die Repetieruhr wieder in seine Tasche steckend. »Vielleicht ist’s so.«

Noggs gab einen eigentümlich grunzenden Laut von sich, wie er gewöhnlich am Schlusse eines jeden Wortwechsels mit seinem Herrn zu tun pflegte, um dadurch anzudeuten, daß das Recht auf seiner eigenen Seite sei, und versank darauf, da er selten sprach, ohne daß er angeredet wurde, in ein grämliches Schweigen, wobei er sich langsam die Hände rieb, an den Fingern knackte und sie in allen möglichen Richtungen verdrehte. Der Umstand, daß er diese Manipulationen bei jeder Gelegenheit anbrachte, und daß er dem gesunden Auge denselben starren und ungewöhnlichen Ausdruck zu geben wußte, den das andere besaß, wodurch es unmöglich wurde, zu ermitteln, nach was er sehe, war eine von den zahlreichen Eigentümlichkeiten des Herrn Noggs, der jedem, selbst dem gleichgültigsten Beobachter auf den ersten Blick auffallen mußte.

»Ich will jetzt nach der London Taverne gehen«, sagte Herr Nickleby.

»Öffentliche Versammlung?« fragte Noggs.

Herr Nickleby nickte bejahend und versetzte:

»Ich erwarte einen Brief von meinem Sachwalter wegen Ruddles Pfandverschreibung. Wenn das Schreiben überhaupt eintrifft, so muß es um zwei Uhr hier sein. Ich werde um diese Zeit die City verlassen und auf der linken Seite des Wegs nach Charing-Croß gehen. Wenn also Briefe anlangen, so werden Sie mir dieselben entgegenbringen.«

Noggs nickte, und während er nickte, wurde die Klingel des Bureaus gezogen. Der Herr blickte von seinen Papieren auf, und der Schreiber blieb unbeweglich stehen.

»Man hat geläutet«, sagte Noggs, als halte er es für nötig, seinen Gebieter darauf aufmerksam zu machen. »Zu Hause?«

»Ja.«

»Für jedermann?«

»Ja.«

»Für den Steuereinnehmer?«

»Nein. Er soll ein andermal wiederkommen.«

Noggs ließ sein gewohntes Grunzen vernehmen, was so viel als »ich dacht‘ es ja« sagen sollte, und ging, da das Läuten wiederholt wurde, nach der Tür. Er kehrte übrigens schnell wieder mit einem blassen Herrn, namens Bonney, zurück, der eine sehr schmale weiße Halsbinde ganz nachlässig umgeknöpft trug, mit verwirrten Haaren und ungestümer Hast ins Zimmer trat, und überhaupt aussah, als wäre er in der Nacht aus den Federn geklopft worden, ohne daß er sich zum Ankleiden hätte Zeit nehmen können.

»Mein lieber Nickleby«, sagte der Herr, seinen weißen Hut abnehmend, der mit Papieren so vollgepfropft war, daß er kaum auf dem Kopfe festsitzen konnte – »es ist kein Augenblick zu verlieren; ich habe einen Wagen vor der Türe. Sir Matthäus Pupker übernimmt den Vorsitz, und auf drei Parlamentsmitglieder können wir mit Bestimmtheit rechnen. Ich habe selbst zwei von ihnen wohlbehalten aus dem Bett gebracht, und der dritte, der die ganze Nacht durch bei Crockfords am Spieltische gesessen, ist eben nach Hause gegangen, um seine Wäsche zu wechseln und einige Flaschen Sodawasser zu sich zu nehmen; er wird jedoch bestimmt zur rechten Zeit dort eintreffen, um vor der Versammlung seine Rede zu halten. Die durchwachte Nacht hat ihn zwar in einen etwas aufgeregten Zustand versetzt, aber das hat nichts zu sagen; seine Worte werden dadurch nur um so mehr an Nachdruck gewinnen.«

»Es scheint, man kann sich etwas Nettes von der Sache versprechen«, versetzte Herr Ralph Nickleby, dessen bedächtiges Benehmen in einem scharfen Gegensatz zu der Lebhaftigkeit des andern Geschäftmannes stand.

»Etwas Nettes?« wiederholte Herr Bonney. »Es ist die schönste Idee, die je in eines Menschen Gehirn entsprang. Vereinigte, verbesserte, hauptstädtische, warme Semmel- und Kuchenbäckerei- und pünktliche Ablieferungsgesellschaft. Kapital fünf Millionen in fünfmal hunderttausend Aktien zu je zehn Pfund. Ha, schon der Name wird machen, daß die Aktien in zehn Tagen mit Agio verkauft werden.«

»Und wenn’s so weit ist?« entgegnete Herr Ralph Nickleby lächelnd.

»Wenn’s so weit ist, so wissen Sie so gut wie irgendeine andere lebende Seele, was man damit anzufangen hat, und wie man sich in Zeiten ganz ruhig aus der Sache ziehen kann«, versetzte Herr Bonney, indem er dem Kapitalisten vertraulich auf die Schulter klopfte. »Übrigens, Sie haben da einen gar seltsamen Menschen zum Schreiber.«

»Hm, es ist ein armer Teufel«, sagte Ralph, seine Handschuhe anziehend; »und doch hat Newman Noggs seinerzeit sich Pferde und Jagdhunde gehalten.«

»Ach was!« versetzte der andere gleichgültig.

»Ja«, fuhr Ralph fort, »und zwar vor noch nicht langer Zeit; aber er brachte sein Geld durch, legte es aufs Geratewohl an, borgte auf Zinsen und wurde, mit einem Worte, aus einem vollständigen Narren in kurzer Zeit zu einem Bettler. Er ergab sich dem Trinken, wurde von einem Schlagfluß gerührt und kam dann zu mir, um ein Pfund zu borgen, weil ich zur Zeit, als er noch in besseren Verhältnissen war –«

»Ah, Sie standen damals mit ihm in Geschäftsverbindung?« entgegnete Herr Bonney mit einem bedeutungsvollen Blicke.

»Ganz richtig«, entgegnete Ralph, »Sie werden begreifen, daß ich ihm nichts leihen konnte.«

»Ganz natürlich!«

»Aber ich bedurfte gerade eines Schreibers und Dieners, der die Tür öffnete usw., weshalb ich ihn aus Barmherzigkeit aufnahm, und so ist er denn seitdem hier geblieben. Ich glaube zwar, daß es in seinem Kopf nicht ganz richtig ist«, fügte Herr Nickleby mit einem Blicke affektierten Mitleids bei – »aber er ist mir nützlich genug, der arme Bursche; ich kann ihn zur Not schon brauchen.«

Der weichherzige Mann unterließ es jedoch, hinzuzusetzen, daß der gänzlich verarmte Newman Noggs ihm fast für einen geringeren Lohn diente, als man gewöhnlich einem dreizehnjährigen Knaben zahlt; und in gleicher Weise fand er es nicht für passend, in seiner kurzen Geschichtserzählung des Umstandes zu erwähnen, daß die außerordentliche Schweigsamkeit des Dieners ihn zu einer besonders wertvollen Person an einem Ort machte, wo so viele Geschäfte abgetan wurden, von denen Ralph wünschen mußte, daß diese außer dem Hause nicht zur Sprache kämen. Der andere Herr war jedoch augenscheinlich sehr beeilt, und so verfügten sich denn beide mit einer Hast nach einer Mietdroschke, daß es Herr Nickleby ganz vergaß, solche unwesentlichen Dinge zu erwähnen.

Als sie in der Bischoftorstraße anlangten, trafen sie auf ein sehr rühriges Treiben. Es war ein sehr windiger Tag, und ein halb Dutzend Männer durchzogen mit ungeheuren Papierbogen die Straße, auf denen mit riesigen Buchstaben die Ankündigung zu lesen war, daß Punkt ein Uhr eine öffentliche Versammlung stattfinden würde, um die Zweckmäßigkeit einer Petition an das Parlament hinsichtlich der Vereinigten, verbesserten, hauptstädtischen, warmen Semmel- und Kuchenbäckerei- und pünktlichen Ablieferungsgesellschaft zu beraten, deren Kapital aus fünf Millionen in fünfmal hunderttausend Aktien zu je zehn Pfund bestände. Die genannten Zahlen waren gebührend in gewaltigen schwarzen Ziffern auf den Plakaten gemalt. Herr Bonney brach sich unter den tiefen Bücklingen der Aufwärter, die ihm die Treppe hinauf Platz machten, mit dem Ellenbogen Bahn und gelangte mit Herrn Nickleby in eine Reihe von Gemächern hinter dem großen öffentlichen Vorplatz, In dem zweiten derselben befand sich ein geschäftsmäßig aussehender Tisch, um den mehrere geschäftsmäßig aussehende Personen versammelt waren.

»Hört!« rief ein Herr mit einem doppelten Kinn, als sich Herr Bonney vorstellte – »einen Stuhl, meine Herren, einen Stuhl!«

Die neuen Ankömmlinge wurden mit allgemeinem Beifall aufgenommen. Herr Bonney trat rasch an das Ende des Tisches, nahm seinen Hut ab, strich mit den Fingern durch das Haar und schlug mit einem kleinen Hammer kräftig auf den Tisch, worauf mehrere Herren »Hört!« riefen und sich gegenseitig leicht zunickten, als wollten sie ihre Bewunderung über dieses geistreiche Benehmen ausdrücken. In demselben Augenblicke riß ein Aufwärter in fieberhafter Aufregung geräuschvoll die Tür auf, stürzte in das Gemach und schrie: »Sir Matthäus Pupker!«

Das Komitee stand auf und klatschte vor Freude in die Hände; und während man noch klatschte, trat Sir Matthäus Pupker ein, begleitet von zwei leibhaftigen Parlamentsmitgliedern, einem irischen und einem schottischen. Alle drei lächelten, verbeugten sich und benahmen sich so liebenswürdig, daß es als ein wahres Wunder hätte erscheinen müssen, wenn irgendwer den Mut gehabt hätte, gegen sie zu stimmen. Besonders war Sir Matthäus Pupker, der auf dem Scheitel seines kleinen runden Kopfes eine Flachsperücke trug, von einer solchen Verbeugungswut befallen, daß die Perücke jeden Augenblick herunterzufliegen drohte. Als sich diese Symptome einigermaßen gelegt hatten, drängten sich die Herren, die mit Sir Matthäus Pupker und den beiden Parlamentsmitgliedern näher vertraut waren, in drei kleine Gruppen um sie her, während die, die sich einer solchen Ehre nicht zu erfreuen hatten, sich sehnsüchtig heranmachten und lächelnd die Hände rieben, in der verzweifelten Hoffnung, etwas anbringen zu können, was die Aufmerksamkeit auf sie lenken möchte. Inzwischen teilten Sir Matthäus Pupker und die beiden andern Parlamentsmitglieder den sie umgebenden Kreisen die Auffassungen mit, die die Regierung hinsichtlich der Aufnahme der Bill hege, berichteten ausführlich, was ihnen die Minister, als sie das letztemal bei denselben gespeist, zugeflüstert, und welche bedeutungsvollen Winke sie dabei hätten fallen lassen. Aus all diesen Vorgängen könnten sie nur die Folgerung ziehen, daß, wenn sich die Regierung irgendeinen Gegenstand vorzugsweise zu Herzen nähme, dieser kein anderer sei, als das Gedeihen der Vereinigten, verbesserten, hauptstädtischen, warmen Semmel- und Kuchenbäckerei- und pünktlichen Ablieferungsgesellschaft.

In der Zwischenzeit, während die Verhandlungsvorbereitungen getroffen und die Ordnung, in der die Sprecher auftreten sollten, festgesetzt wurde, betrachtete das Publikum in dem weiten Raume abwechselnd die leere Tribüne und die Damen auf der Musikantengalerie. Da jedoch der größere Teil der Anwesenden sich schon einige Stunden vorher in dieser erbaulichen Weise unterhalten hatte, und da selbst die angenehmste Zerstreuung, wenn sie allzu lange währt, endlich ermüdet, so begannen einige entschlossene Geister den Boden mit ihren Stiefelabsätzen zu bearbeiten und ihre Unzufriedenheit durch verschiedene Rufe an den Tag zu legen. Diese Musik rührte von denen her, die am längsten da waren und daher der Tribüne am nächsten und dem um der Ordnung willen aufgestellten Polizeipersonal am fernsten standen. Da nun das letztere nicht im Sinn hatte, sich durch das Gedränge durchzukämpfen, trotzdem aber den lobenswerten Wunsch hegte, etwas zu tun, um den Tumult zu beschwichtigen, so begann es sofort allmählich das ruhige, in der Nähe der Tür stehende Volk an den Kragen und Rockschößen zu zerren und gelegentlich einige Hiebe und Stöße mit den Amtsstöcken auszuteilen, ganz in der sinnreichen Weise des Meister Polichinell, dessen glänzendes Beispiel bei diesem Zweig der exekutiven Gewalt, sowohl hinsichtlich der Waffengattung, als der Art ihrer Anwendung, so häufig Nachahmung findet.

Es war bereits zu einigen sehr lebhaften Scharmützeln gekommen, als plötzlich ein lauter Ruf die Aufmerksamkeit selbst der kriegführenden Parteien auf sich zog. Jetzt trat durch eine Nebentür eine lange Reihe von Herren mit unbedeckten Häuptern auf die Tribüne, die mit rückwärts gewandten Blicken laute Freudenrufe ausstießen. Die Ursache davon erklärte sich bald in der Erscheinung des Sir Matthäus Pupker und der beiden andern Parlamentsmitglieder, die unter einem betäubenden Geschrei vortraten und sich gegenseitig durch stumme Winke zu verstehen gaben, daß sie in ihrer ganzen öffentlichen Laufbahn nie einen so glorreichen Augenblick wie den gegenwärtigen erlebt hätten.

Endlich ließ der Lärm nach, wiederholte sich aber aufs neue für die Dauer von fünf Minuten bei der Ankündigung, daß Sir Matthäus Pupker zum Präsidenten gewählt sei. Als sich der Tumult abermals beschwichtigt hatte, schickte sich Sir Matthäus Pupker an zu sagen, welche Gefühle ihn bei dieser feierlichen Gelegenheit durchdrängen, was der gegenwärtige Augenblick in den Augen der Welt sein würde, wie groß die Einsicht seiner Mitbürger vor ihm und der Reichtum und die Achtbarkeit seiner ehrenwerten Freunde hinter ihm sein müßten; und endlich, welchen wichtigen Einfluß auf den Wohlstand, das Glück, die Bequemlichkeit, die Freiheit und sogar auf die ganze Existenz eines freien und großen Volkes ein Institut üben könne, wie das der Vereinigten, verbesserten, hauptstädtischen, warmen Semmel- und Kuchenbäckerei- und pünktlichen Ablieferungsgesellschaft.

Nun trat Herr Bonney vor, um die erste Entscheidung zu beantragen. Er fuhr mit der Rechten durch sein Haar, pflanzte seine Linke gar zierlich gegen seine Rippen, vertraute seinen Hut der Sorgfalt des Herrn mit dem doppelten Kinn, der außerdem auch noch die Weinflaschen für die Redner bereit hielt, und erklärte, daß er den ersten Antrag vorzulesen gedenke – »daß nämlich diese Versammlung nur mit Besorgnis und Unruhe auf den gegenwärtigen Stand des Semmelhandels in der Hauptstadt und deren Nachbarschaft blicken könne; daß die Semmeljungen, wie sie gegenwärtig wären, das Vertrauen des Publikums ganz und gar nicht verdienten, und daß das ganze Semmelsystem ebenso benachteiligend für die Gesundheit und Sittlichkeit des Volkes, wie verderblich für die höchsten Interessen einer großen Handelsstadt wären.« Die Rede des ehrenwerten Herrn lockte Tränen aus den Augen der Damen und weckte bei allen Anwesenden die lebhaftesten Empfindungen. Er hatte die Wohnungen der Armen in den verschiedenen Distrikten Londons besucht und auch nicht die mindesten Semmelspuren daselbst aufgefunden, wodurch er sich zu der Annahme berechtigt glaubte, daß manche dieser dürftigen Personen jahraus, jahrein keine Semmel zu kosten bekämen. Er hatte bemerkt, daß unter den Semmelverkäufern Trunkliebe und Ausschweifungen aller Art herrschten, was er der entsittlichenden Natur ihres Geschäftes in dem gegenwärtigen Betrieb desselben zuschrieb. Er hatte die gleichen Laster unter der ärmeren Klasse des Volkes, die doch auch an der Semmelkonsumtion teilnehmen sollte, entdeckt und glaubte den Grund in der Verzweiflung zu finden, die diese Leute antrieb, ein falsches Reizmittel in berauschenden Getränken zu suchen, weil sie nicht in der Lage wären, sich ein so ungemein kräftigendes Nahrungsmittel wie die Semmel zu verschaffen.

Er wollte es auf sich nehmen, vor einem Komitee des Unterhauses zu beweisen, daß eine geheime Verbindung bestehe, um den Preis der Semmeln stets recht hoch zu halten und um deren Austrägern ein Monopol zu verschaffen. Er erklärte sich bereit, dieses durch die eigenen Worte der Verkäufer vor den Schranken dieses Hauses zu beweisen. Er wollte auch dartun, daß diese Menschen sich gegenseitig durch geheime Worte und Zeichen als »Snooks«, »Walker«, »Ferguson«, »Ist Murphy fertig« und dergleichen in ein Einvernehmen setzten. Die Gesellschaft beabsichtige nun, diesem betrübenden Zustand der Dinge abzuhelfen, indem sie erstlich beantrage, daß aller und jeder Privatsemmelverkauf bei schwerer Strafe verboten werde, und zweitens, daß sie selbst das Publikum ausschließlich mit dieser Ware versehe, und zwar so, daß auch die Armen in ihren eigenen Häusern mit Semmeln von vorzüglicher Güte zu herabgesetzten Preisen bedient werden könnten.

Der patriotische Präsident dieser Versammlung, Sir Matthäus Pupker, habe über diesen Gegenstand bereits eine Bill vor das Parlament gebracht, zu deren Unterstützung die gegenwärtige Versammlung beantragt worden sei. Wer diese Bill unterstütze, würde unsterblichen Ruhm und Glanz über England bringen unter dem Namen der Vereinigten, verbesserten, hauptstädtischen, warmen Semmel- und Kuchenbäckerei- und pünktlichen Ablieferungsgesellschaft mit einem Kapital von fünf Millionen in fünfmal hunderttausend Aktien zu je zehn Pfund.

Herr Ralph Nickleby unterstützte diesen Antrag, und ein anderer Herr machte den Vorschlag, daß in dem Aufsatze des Herrn Bonney, wo immer das Wort Semmeln vorkäme, auch die Kuchen beigefügt werden sollten, was auch siegreich durchging. Nur ein Mann im Gedränge rief »nein«, wurde aber dafür auf der Stelle festgenommen und ohne weiteres fortgeschafft.

Der zweite Vorschlag, der die Zweckmäßigkeit einer unmittelbaren Ausrottung aller Semmel- und Kuchenverkäufer – mochten sie nun Männer oder Weiber, Knaben oder Erwachsene, Glockenmänner oder mit keinen Schellen versehene Leute sein – behandelte, wurde durch einen weinerlichen Herrn in halb geistlichem Habit vorgebracht, der mit einem so ergreifenden Pathos sprach, daß er augenblicklich den ersten Sprecher rein ausstach. Man hätte eine Stecknadel – doch, was sage ich, eine Stecknadel! nein, man hätte eine Feder fallen hören können, als er die Grausamkeit schilderte, mit der die Semmeljungen von ihren Herren behandelt würden und die, wie er weislich hervorhob, an sich schon ein hinreichender Grund wäre, um die beantragte, in ihrem Werte nicht genug zu schätzende Gesellschaft zu bilden. Er sagte, die unglücklichen Jungen würden jede Nacht, selbst in der rauhesten Jahreszeit, auf die nassen Straßen hinausgestoßen, um stundenlang ohne Obdach, Nahrung oder warme Bekleidung durch Finsternis und Regen, Hagel und Schnee umherzuwandern, und machte das Publikum insbesondere darauf aufmerksam, daß man die Knaben, völlig verwahrlost, nur ihren eigenen kümmerlichen Hilfsquellen überlasse, während man doch die Semmeln in warme Tücher einschlage. (Schändlich!) Der ehrwürdige Herr erzählte einen Fall von einem Semmeljungen, der diesem unmenschlichen und barbarischen System nicht weniger als fünf Jahre ausgesetzt war und endlich das Opfer einer Erkältung wurde, unter der er immer weiter herunterkam, bis er endlich in einen Schweiß verfiel und wieder genas. Diesen Vorfall konnte er als Augenzeuge bekräftigen. Er hatte aber auch von einem andern viel herzzerreißenderen und schrecklicheren gehört, dessen Wahrheit zu bezweifeln er keinen Grund finden konnte. Er hatte sich von einem verwaisten Semmelknaben erzählen lassen, der durch einen Mietwagen überfahren wurde, sich in dem Krankenhaus den Fuß unter dem Knie abnehmen lassen mußte und im gegenwärtigen Augenblick noch sein Geschäft auf Krücken fortsetzte. O Quell der Gerechtigkeit! sollen diese Abscheulichkeiten nie aufhören?

Dies war der rührendste Teil der Verhandlung, der seine Wirkung auf das Mitgefühl der Versammlung nicht verfehlte. Die Männer riefen Beifall, und die Damen weinten in ihre Taschentücher, bis sie ganz naß, und schwenkten sie so lange, bis sie wieder trocken waren. Die Aufregung war außerordentlich, und Herr Nickleby flüsterte seinem Freunde zu, daß die Aktien bereits jetzt schon fünfundzwanzig Prozent über dem Nennwert anzuschlagen wären.

Der Antrag ging natürlich mit lautem Beifall durch, und jeder bekundete seine Zustimmung mit beiden Händen. Man würde in der Begeisterung sogar beide Beine in die Höhe gestreckt haben, wenn es sich füglich hätte ausführen lassen. Es ging nun an das förmliche Verlesen der Petition, in der – wie bei allen Petitionen – vorkam, daß die Bittsteller sehr untertänig und die Empfänger derselben sehr ehrenwert wären, und daß es sich bei der Frage um das allgemeine Beste handle, weshalb der Antrag alsbald, zum unvergänglichen Ruhme der höchst ehrenwerten und ruhmwürdigen versammelten Unterhaus-Abgeordneten des englischen Parlaments, in Gesetzeskraft treten müsse.

Dann trat der Herr auf, der die ganze Nacht über im Spielhause gesessen und daher etwas verstörten Blicks war, erklärte seinen Mitbürgern, was für eine Prachtrede er zugunsten der Petition zu halten gedächte, wenn sie im Parlament zur Sprache käme, und setzte ihnen auseinander, mit welchem verzweifelten Hohn er die Unterhaus-Abgeordneten behandeln wolle, wenn es ihnen einfallen sollte, den Antrag zu verwerfen. Er drückte sofort sein Bedauern aus, daß seine ehrenwerten Freunde nicht eine Klausel beigefügt hätten, die es allen Klassen der bürgerlichen Gesellschaft zur zwingenden Aufgabe mache, Semmeln und Kuchen zu kaufen; denn er sei kein Freund von halben Maßregeln und ziehe es vor, allenthalben geradedurch unmittelbar aufs Ziel loszugehen; er behalte sich jedoch vor, dem Komitee hierüber seine Vorschläge zu machen. Der ehrenwerte Herr wurde, nachdem er diese Absicht kundgegeben, scherzhaft; und da Patentstiefel, zitronenfarbige, ziegenlederne Handschuhe und ein Pelzkragen einen Spaß wesentlich unterstützen, so erfolgte ungemeines Lachen und lebhafte Heiterkeit, wobei die Taschentücher der Damen auf eine so glänzende Weise mitwirkten, daß der vorhergehende Sprecher mit seiner empfindsamen Rede ganz in den Schatten zu stehen kam.

Als die Petition nach einem abermaligen Verlesen eben förmlich angenommen werden sollte, trat das irische Parlamentsmitglied, ein junger Mann von feurigem Temperament, mit einer Rede auf, wie sie nur ein irisches Parlamentsmitglied halten kann; denn sie war ganz Poesie und schoß in einem solchen Glutstrom dahin, daß man sich schon erwärmt fühlte, wenn man nur den Sprecher ansah. Im Verlauf derselben sagte er, daß er die Ausdehnung dieser großen Wohltat auch auf sein Geburtsland beantragen wolle, für das er, wie bei allen andern, so auch bei dem Semmelgesetz Rechtsgleichheit beanspruche. Auch hoffe er noch den Tag zu erleben, wo Kuchen in Irlands armseligsten Hütten gebacken würden und das Geläut der Semmelglocke dessen reiche, grüne Täler durchtöne.

Nach ihm kam das schottische Parlamentsmitglied mit verschiedenen erfreulichen Hindeutungen auf den wahrscheinlichen Belauf des Gewinns, was die gute Laune, die der dichterische Schwung des Irländers geweckt hatte, nur noch mehr erhöhte. Mit einem Wort, alle diese Reden zusammengenommen bewirkten gerade das, was sie erzielen sollten, und brachten den Zuhörern die Überzeugung bei, daß keine Spekulation so vielverheißend und zu gleicher Zeit so preiswürdig sei als die der Vereinigten, verbesserten, hauptstädtischen, warmen Semmel- und Kuchenbäckerei- und pünktlichen Ablieferungs-Gesellschaft.

So wurde denn die Petition zugunsten der Bill einstimmig angenommen, und die Versammlung ging unter Beifallrufen auseinander. Herr Nickleby und die andern Direktoren verfügten sich nach einem Speisehause, wo sie das gewöhnliche Halbzweiuhrmahl einnahmen, und brachten, da die Gesellschaft erst im Entstehen war, nur je drei Guineen für ihre eigenen Bemühungen bei dieser Sache in Anrechnung.

Neunundzwanzigstes Kapitel.


Neunundzwanzigstes Kapitel.

Von Nicolaus‘ weiteren Schicksalen und gewissen Spaltungen in der Gesellschaft des Herrn Vincent Crummles.

Herr Vincent Crummles ließ sich durch den unerwarteten Erfolg und den Beifall, den sein Unternehmen in Portsmouth gefunden, veranlassen, seinen Aufenthalt in dieser Stadt um vierzehn Tage über die ursprünglich beabsichtigte Zeit zu verlängern. Nicolaus trat bei dieser Gelegenheit in den verschiedensten Rollen mit ungemindertem Beifall auf und lockte so viele Personen an, die man früher nie im Theater gesehen hatte, daß dem Direktor ein Benefiz als eine vielversprechende Spekulation erschien. Nicolaus willigte in die vorgeschlagenen Bedingungen ein, und das Benefiz fand statt, was ihm nicht weniger als die Summe von zwanzig Pfunden einbrachte.

Sobald er sich so unerwartet reich fühlte, packte er zuerst den Betrag von Johann Browdies freundlichem Darlehen ein und begleitete die Rücksendung mit vielen Dankes- und Achtungsversicherungen, nebst vielen Wünschen für sein eheliches Glück. Dann übermachte er Newman Noggs die Hälfte seiner Einnahme mit der Bitte, sie gelegentlich Käthchen im geheimen einzuhändigen und sie seiner wärmsten und innigsten brüderlichen Liebe zu versichern. Er erwähnte seine theatralische Laufbahn gar nicht, sondern gab Newman bloß die Weisung, daß ein Brief unter der Adresse seines angenommenen Namens und des Postamts Portsmouth ihn unfehlbar treffen würde, und bat dabei seinen treuen Freund, ihm alle Einzelheiten über die Lage seiner Mutter und Schwester zu schreiben und über alle die großartigen Dinge, die Ralph Nickleby seit seiner Entfernung von London für sie getan hatte, Bericht zu erstatten.

»Sie sind niedergeschlagen?« sagte Smike an dem Abend, an dem der Brief abgesandt worden war.

»O nicht doch«, entgegnete Nicolaus mit angenommener Heiterkeit, denn eine Bejahung würde den armen Jungen die ganze Nacht über unglücklich gemacht haben; »ich dachte an meine Schwester, Smike.«

»Schwester?«

»Ja.«

»Ist sie Ihnen ähnlich?« fragte Smike.

»Die Leute sagen es«, versetzte Nicolaus lachend, »freilich aber um ein gut Teil schöner.«

»Dann muß sie sehr schön sein«, entgegnete Smike nach einer Weile Besinnens, währenddem er seine Hände gefaltet und die Augen auf seinen Freund geheftet hatte.

»Einer, der dich nicht so gut kennt wie ich, mein lieber Junge, würde sagen, du wärest ein vollendeter Kavalier«, sagte Nicolaus.

»Ich weiß nicht, was das ist«, versetzte Smike kopfschüttelnd. »Werde ich je Ihre Schwester sehen?«

»Gewiß«, rief Nicolaus. »Wir werden eines Tages alle beisammen sein – wenn wir reich sind, Smike.«

»Wie kommt es, daß Sie, der Sie doch so freundlich und gütig gegen mich sind, niemanden haben, der auch gegen Sie wohlwollend wäre?« fragte Smike. »Ich kann mir das nicht erklären.«

»Ach, das ist eine lange Geschichte«, versetzte Nicolaus, »die du, wie ich fürchte, nicht einmal leicht fassen würdest. Ich habe einen Feind – du weißt, was das ist?«

»O ja, das weiß ich wohl«, entgegnete Smike.

»Nun, diesem hab ich´s zu verdanken«, erwiderte Nicolaus. »Er ist reich und kann nicht so leicht gezüchtigt werden wie dein alter Feind, der Schulmeister Squeers. Er ist mein Onkel, aber ein Schurke, der mich aufs tiefste verletzt hat.«

»Hat er das?« fragte Smike, sich lebhaft vorbeugend. »Wie heißt er? Sagen Sie mir seinen Namen.«

»Ralph – Ralph Nickleby.«

»Ralph Nickleby«, wiederholte Smike. »Ralph. Ich will diesen Namen auswendig lernen.«

Er hatte ihn etwa zwanzigmal vor sich hingemurmelt, als ihn ein lautes Pochen an der Tür in seiner Beschäftigung unterbrach. Ehe er jedoch öffnen konnte, steckte bereits Herr Folair, der Pantomimist, seinen Kopf herein.

Herrn Folairs Kopf war gewöhnlich mit einem runden Hut geziert, der eine ungewöhnlich hohe Krone und schmal aufgeschlagene Krempen hatte. Bei dem gegenwärtigen Anlaß trug er ihn ganz schräg gestellt und den Hinterteil nach vorn gekehrt, weil derselbe am wenigsten abgenützt war. Um den Hals hatte er einen flammroten wollenen Schal gewunden, dessen Zipfel unter dem von oben bis unten zugeknöpften Newmarketrock hervorsahen. In seiner Hand trug er einen sehr schmutzigen Handschuh und einen billigen Kleiderausklopfer mit einem gläsernen Handgriff – kurz, sein ganzes Äußere war ungewöhnlich blank und bekundete eine weit sorgfältigere Aufmerksamkeit auf seine Toilette, als sie sonst bei ihm üblich war.

»Guten Abend, Sir«, sagte Herr Folair, indem er seinen Hut abnahm und mit den Fingern durch das Haar fuhr. »Ich bringe eine Mitteilung – hm!«

»Von wem und weshalb?« fragte Nicolaus. »Sie sind ja diesen Abend ungemein geheimnisvoll.«

»Kalt vielleicht«, entgegnete Herr Folair – »kalt vielleicht. Die Schuld davon trifft meine Stellung, nicht meine Persönlichkeit, Herr Johnson. Meine Stellung fordert dies, da ich ein Freund von beiden Parteien bin, Sir.«

Herr Folair hielt jetzt mit einem sehr ausdrucksvollen Blicke inne, griff in den vorerwähnten Hut, holte ein kleines Stück seltsam gefalteten, weißlich-braunen Papiers heraus, in das der Schonung wegen ein Schreiben eingewickelt war, und händigte das letztere Nicolaus mit dem Ersuchen ein, daß er es lesen möchte.

Nicolaus nahm verwundert das Schreiben hin, erbrach das Siegel mit einem Blick auf Herrn Folair, der, die Augen beharrlich nach der Decke kehrend, dasaß, die Stirne runzelte und den Mund mit großer Würde aufwarf.

Das Billett trug die Adresse: »Herr Johnson, Esquire – Herrn Augustus Folair, Esquire, zur gefälligen Besorgung übertragen«; und Nicolaus‘ Verwunderung war keineswegs gemindert, als er innen die folgenden lakonischen Worte las:

»Herr Lenville vermeldet Herrn Johnson seinen höflichen Gruß und wird es dankbar anerkennen, wenn Herr Johnson ihm wissen lassen will, zu welcher Stunde des kommenden Morgens es ihm bequem sein wird, mit Herrn Lenville im Schauspielhause zusammenzutreffen, um sich von letzterem in Gegenwart der ganzen Gesellschaft die Nase zerschlagen zu lassen.

Herr Lenville ersucht Herrn Johnson, der von ihm etwa zu machenden Bestimmung nachzukommen, da Herr Lenville einige Kollegen eingeladen hat, Zeugen der Zeremonie zu sein, deren Erwartungen er in keinem Fall getäuscht sehen möchte. Portsmouth, Dienstag abend –«

So entrüstet auch Nicolaus über diese Unverschämtheit war, so erschien ihm doch die ganze Aufforderung so ausgesucht abgeschmackt, daß er sich in die Lippen beißen und den Wisch zwei- oder dreimal überlesen mußte, ehe er genug Würde und Ernst zusammenbringen konnte, um den Kartellträger anzureden, der die ganze Zeit über weder die Augen von der Decke verwandte, noch den Ausdruck seines Gesichts auch nur im mindesten veränderte.

»Kennen Sie den Inhalt dieses Schreibens?« fragte endlich Nicolaus.

»Ja«, versetzte Herr Folair, indem er sich eine kurze Weile umsah, aber dann schnell wieder seine Augen nach der Decke richtete.

»Und wie unterstehen Sie sich, den Überbringer zu machen, Sir«, fuhr Nicolaus fort, indem er das Papier in viele kleine Stücke zerriß und die Schnitzel dem Boten ins Gesicht warf. »Fürchteten Sie sich nicht, die Treppe hinuntergeworfen zu werden, Sir?«

Herr Folair wandte seinen Kopf, der nunmehr mit einigen Bruchstücken des Aufforderungsschreibens geziert war, gegen Nicolaus und erwiderte kurz mit derselben unzerstörlichen Würde:

»Nein.«

»Dann«, sagte Nicolaus, indem er Herrn Folair seinen hohen Hut abnahm und gegen die Tür schleuderte, »dann werden Sie guttun, Ihrem Deckel, noch ehe zwölf Sekunden vergehen, zu folgen. Sie könnten sonst auf eine unangenehme Weise enttäuscht werden.«

»Ich sage Ihnen, Johnson«, entgegnete Herr Folair, der plötzlich alle seine Würde aufgab, »ein solches Betragen ist nicht am Orte. Nur keine solche Possen mit eines Gentlemans Garderobe.«

»Verlassen Sie mein Zimmer«, herrschte ihm Nicolaus zu. »Wie konnten Sie sich unterstehen, mir eine solche Botschaft zu überbringen, Sie Halunke!«

»Pah! pah!« sagte Herr Folair, indem er seinen Schal löste und sich allmählich herauswickelte. »So – das ist genug.«

»Genug?« rief Nicolaus, auf ihn zutretend. »Ich frage Sie zum letztenmal, Sir, ob Sie sich packen wollen?«

»Nur Ruhe, ich sage Ihnen«, versetzte Herr Folair, indem er die Hand vorhielt, als wolle er jeden weiteren Wutausbruch abwehren; »es war von keinem Ernst die Rede. Ich brachte den Zettel bloß des Spaßes halber.«

»So werden Sie guttun, bei derartigen Späßen zuvor Ihre Leute genau anzusehen«, entgegnete Nicolaus, »Ihr Witz könnte sonst Ihnen selber eine zerschlagene Nase eintragen. Sollte der Wisch auch nur ein Spaß sein?«

»Nein, nein, das ist gerade das Schöne an der Sache«, antwortete Herr Folair. »Er ist purer, trockener Ernst – auf Ehre.«

Nicolaus konnte sich eines Lächeln ob der sonderbaren Gestalt vor ihm nicht erwehren, die zu allen Zeiten eher Heiterkeit als Unwillen zu erregen imstande war, besonders aber in dem gegenwärtigen Augenblick, wo Herr Folair, mit einem Knie auf dem Boden, seinen alten Hut auf der Hand im Kreise herumtanzen ließ und eine ängstliche Besorgnis zur Schau stellte, ob sich nicht etwa einige Filzfasern abgestoßen hätten, eine Zierde, deren sich übrigens – wie wir kaum anzumerken nötig haben werden – seine Kopfbedeckung seit vielen Monaten nicht mehr zu rühmen hatte.

»Aber jetzt, Sir, werden Sie die Güte haben, mir eine Erklärung zu geben«, sagte Nicolaus, wider Willen lachend.

»Je nun, ich will Ihnen sagen, wie sich die Sache verhält«, entgegnete Herr Folair, indem er sich mit großer Kaltblütigkeit auf einen Stuhl setzte. »Seit Ihrem Eintritt fielen Lenville nur zweite Rollen zu, und statt wie früher jeden Abend eine Rezeption zu haben, benahm sich das Publikum bei seinem Auftreten, als ob er der Niemand wäre.«

»Was verstehen Sie unter dem Ausdruck Rezeption?« fragte Nicolaus.

»Lieber Himmel!« rief Herr Folair, »was sind Sie nicht für ein unschuldiger Schäfer, Johnson. So nennt man das Klatschen des Publikums bei dem ersten Betreten der Bühne. Er mußte Abend für Abend spielen, ohne daß sich eine Hand rührte, während Sie mindestens ihrer zwei, bisweilen auch drei Beifallsszenen erhielten. Endlich ist er darüber ganz verzweifelt, so daß er erst gestern abend halb und halb im Sinne hatte, den Tybalt mit einem wirklichen Schwert zu spielen und Ihnen eins zu versetzen – nicht gefährlich zwar, aber doch so, daß Sie für einen Monat oder zwei fest hätten liegen müssen.«

»Sehr gut ausgedacht«, bemerkte Nicolaus.

»Ja, das war es den Umständen nach in der Tat; denn sein Künstlerruhm stand auf dem Spiel«, sagte Herr Folair mit dem ernsthaftesten Gesicht. »Aber es gebrach ihm an Mut, und so sann er auf ein anderes Mittel, Ihnen beizukommen, wodurch er sich zugleich populär zu machen gedachte – denn das ist die Hauptsache. Ruhm, Berühmtheit ist das höchste Ziel des Schauspielers. Du mein Himmel, wenn er Sie mit scharfer Klinge gekitzelt hätte«, fuhr Herr Folair fort, nachdem er eine Weile innegehalten hatte, um eine Berechnung zu machen, »es wäre ihm – ah, es wäre ihm acht oder zehn Schillinge in der Woche wert gewesen. Die ganze Stadt wäre gekommen, um den Schauspieler zu sehen, der infolge eines Mißgriffs beinahe einen Menschen tötete. Es sollte mich nicht wundernehmen, wenn es ihm ein Engagement in London eingetragen hätte. Sei dem übrigens, wie es sei, er mußte einen andern Weg zur Popularität einschlagen, und da fiel ihm der gegenwärtige ein. Der Gedanke ist in der Tat nicht übel. Hätten Sie sich einschüchtern lassen und ihm Ihre Nase offeriert, so wäre die Geschichte in die Zeitungen gekommen, und hätten Sie einen Frieden mit ihm geschworen, so wäre das gleiche geschehen, da man dann ebensoviel von ihm als von Ihnen gesprochen haben würde. Begreifen Sie?«

»Allerdings«, versetzte Nicolaus; »aber angenommen, ich kehre den Stiel um und zerbläue ihm die Nase – was dann? Kann daraus auch ein Vorteil für ihn erwachsen?«

»Glaube kaum«, entgegnete Herr Folair, sich am Kopfe kratzend, »denn es wäre nichts Romantisches dabei, und er würde dadurch nicht zu seinem Vorteil bekannt. Doch offen gestanden, auf so etwas rechnet er nicht besonders, denn Sie haben sich immer als sanftmütig gezeigt und sind so populär unter den Frauen, daß wir hinter Ihnen nicht viel kriegerischen Sinn vermuteten. Führen Sie aber das im Schilde, so hat er – verlassen Sie sich darauf – ein Mittel, sich leicht aus der Sache zu ziehen.«

»Wirklich?« erwiderte Nicolaus. »Wir wollen´s doch morgen früh versuchen. Inzwischen mögen Sie ihm über unsere Unterredung mitteilen, was Ihnen beliebt. Gute Nacht.«

Da Herr Folair unter seinen Kollegen als schadenfroh bekannt war, der keineswegs seine Schritte ängstlich erwog, wenn es Unheil zu stiften gab, so zweifelte Nicolaus nicht, daß das Ganze eine Aufhetzung von seiten dieses Ehrenmanns wäre und daß dieser seine Sendung hochtrabend genug ausgeführt haben würde, wenn er nicht durch den höchst unerwarteten Empfang, der ihm zuteil wurde, eingeschüchtert worden wäre. Es verlohnte sich jedoch nicht der Mühe, ernsthaft gegen ihn zu verfahren, und Nicolaus entließ daher den Pantomimisten mit einer höflichen Andeutung, daß ihm die nächste derartige Beleidigung einen zerbrochenen Schädel eintragen könnte. Herr Folair nahm die Warnung in ungemein guter Laune hin und entfernte sich, um mit seinem Auftraggeber Rücksprache zu nehmen und diesem von dem Erfolge seiner Bemühungen einen Bericht zu erstatten, wie er ihn zur Durchführung des Scherzes am geeignetsten hielt.

Er hatte ohne Zweifel erzählt, daß Nicolaus in die größte Angst und Furcht geraten sei; denn als dieser des andern Morgens zur gewohnten Stunde ganz ruhig in dem Schauspielhaus erschien, fand er die ganze Gesellschaft augenscheinlich erwartungsvoll versammelt, während Herr Lenville mit dem grimmigsten Thcatergesicht majestätisch auf einem Tisch saß und herausfordernd pfiff.

Die Damen waren auf Nicolaus‘ Seite, während die neidischen Herren für den ausgestochenen Tragöden Partei nahmen; sie bildeten eine kleine Gruppe um den furchtbaren Herrn Lenville, während jene nicht ohne ängstliches Herzklopfen aus einiger Entfernung zusahen. Als Nicolaus haltmachte, um sie zu begrüßen, brach Herr Lenville in ein verächtliches Lachen aus und machte eine allgemeine Bemerkung hinsichtlich der Naturgeschichte der Hasenfüße.

»Ach«, sagte Nicolaus, sich ruhig umsehend, »sind Sie da?«

»Knecht!« versetzte Herr Lenville, indem er mit seinem rechten Arm ausholte und in einem Theaterschritt auf Nicolaus zuging.

Er schien jedoch in diesem Augenblick mit einigem Schrecken wahrzunehmen, Nicolaus sehe doch nicht ganz so furchtsam aus, als er erwartet hatte, weshalb er auch auf einmal so linkisch haltmachte, daß die versammelten Damen in ein schrilles Gelächter ausbrachen.

»Gegenstand meines Grolles und Hasses«, sagte Herr Lenville, »ich verachte dich.«

Nicolaus setzte dieser Komödiantenphrase ein höchst unerwartetes Lachen entgegen, und die Damen, die ihren Günstling ermutigen wollten, lachten noch lauter als vorher, worauf Herr Lenville den Mund zu seinem bittersten Lächeln verzog und seine Meinung dahin abgab, daß sie »Zierpüppchen« wären.

»Aber sie sollen dich nicht schützen«, fuhr der Tragöde fort, indem er Nicolaus Blicke zuwarf, die von seinen Stiefelspitzen begannen und auf dem Scheitel endigten, dann aber bei dem Scheitel wieder anfingen und mit den Stiefelspitzen schlossen – Blicke, die, wie männiglich bekannt, auf der Bühne Herausforderung bedeuten. »Sie sollen dich nicht schützen, Knabe!«

Mit diesen Worten schlug Herr Lenville seine Arme zusammen und gab Nicolaus eines jener Gesichter zum besten, mit denen er im Melodrama die tyrannischen Könige anzusehen pflegte, wenn sie sagten: ›Hinweg mit ihm ins tiefste Gefängnis unter dem Schloßgraben!‹ und die, wenn es von ein wenig Kettengeklirr begleitet wurde, seinerzeit jedesmal die trefflichste Wirkung taten.

Lag es nun an der Abwesenheit der Fesseln oder nicht – jedenfalls war der Eindruck auf Herrn Lenvilles Gegner kein sehr tiefer; denn die heitere Laune, die sich in seinem Antlitze ausdrückte, schien dadurch nur erhöht zu werden. Aber während die Sachen so standen, wurden einige der Herren, die ausdrücklich hergekommen waren, um das Zerschlagen von Nicolaus‘ Nase mit anzusehen, ungeduldig und ließen sich murrend darüber vernehmen, daß die Sache, wenn sie überhaupt vor sich gehen solle, rasch abgemacht werden möchte, und daß Herr Lenville, wenn er keine Lust dazu hätte, besser täte, es gleich zu sagen, damit sie nicht durch vergebliches Harren hingehalten würden. So gedrängt, schlug der Tragöde den Aufschlag seines Rockärmels zurück, um die Operation vorzunehmen, und ging mit pompösen Schritten auf Nicolaus zu, der ihn bis auf die erforderliche Entfernung herankommen ließ und ihn dann mit der größten Ruhe mit einem Streiche zu Boden schlug.

Ehe noch der gefallene Tragöde seinen Kopf von den Brettern erheben konnte, stürzte Madame Lenville (die sich, wie schon früher angedeutet wurde, in anderen Umständen befand) aus der Hinterreihe der Damen hervor und warf sich mit einem durchbohrenden Geschrei über ihren Gatten hin.

»Siehst du dies, Ungeheuer? Siehst du dies?« rief Herr Lenville, indem er sich aufsetzte und auf seine neben ihm hingestreckte Gattin deutete, die ihre Arme um seinen Leib geschlungen hielt.

Nicolaus nickte mit dem Kopfe und sagte: »Leisten Sie Abbitte wegen des unverschämten Schreibens, das Sie mir gestern abend sandten, und vergeuden Sie nicht noch mehr Zeit mit albernen Phrasen.«

»Nie!« rief Herr Lenville.

»Ja – ja – ja –« kreischte seine Gattin. »Um meinetwillen, um meinetwillen, Lenville – unterziehe dich allen diesen eitlen Förmlichkeiten, wenn du mich nicht als eine Leiche zu deinen Füßen sehen willst.«

»Das ist angreifend«, sagte Herr Lenville, indem er mit dem Rücken seiner Hand über die Augen fuhr. »Die Bande der Natur sind stark. Der schwache Gatte und Vater – der zukünftige Vater läßt sich erweichen. Ich leiste Abbitte.«

»De- und wehmütig?« fragte Nicolaus.

»De- und wehmütig«, entgegnete der Tragöde, finster aufblickend. »Aber nur um ihrer zu schonen; denn es wird eine Zeit kommen – –«

»Genug«, sagte Nicolaus. »Ich hoffe, für Madame Lenville wird eine gute kommen, und wenn das der Fall ist und Sie die Freuden eines Vaters fühlen, so können Sie die Erklärung zurücknehmen, wenn Sie den Mut dazu haben. Wir sind jetzt fertig, Sir. Überlegen Sie aber ein andermal besser, wohin Sie Ihre Verärgerung führen kann, und vergessen Sie nicht, ehe Sie zu weit gehen, sich über das Temperament Ihres Gegners Gewißheit zu verschaffen.«

Mit diesen Worten nahm Nicolaus Herrn Lenvilles Eschenstock, der ihm aus der Hand geflogen war, auf, brach ihn entzwei, warf ihm die Stücke vor die Füße und entfernte sich mit einer leichten Verbeugung gegen die Zeugen des Auftritts.

Denselben Abend zollte man Nicolaus die tiefste Ehrerbietung, und die, die am begierigsten darauf gewesen waren, ihm die Nase zerschlagen zu sehen, benutzten jede Gelegenheit, ihn beiseite zu nehmen und ihm mit der größten Teilnahme zu versichern, wie sehr es sie gefreut hätte, daß er diesen Lenville so nach Verdienst heimgeschickt hätte, da er ein ganz unerträglicher Kerl wäre, dem sie alle – gewiß ein höchst merkwürdiges Zusammentreffen – zu verschiedenen Malen schon die verdiente Züchtigung zugedacht hätten, die nur aus Rücksichten des Mitleids unterblieben wäre. In der Tat mußte man aus dem stereotypen Schluß aller dieser Phrasen die Folgerung ziehen, daß es auf der ganzen Erde keine humaneren und mitleidigeren Menschen gäbe als die männlichen Mitglieder von Herrn Crummles´ Truppe.

Nicolaus bewies bei seinem Triumphe, wie überhaupt bei seinen Erfolgen in der kleinen Theaterwelt, die größte Mäßigung und Ruhe. Der aus dem Feld geschlagene Herr Lenville machte zwar noch einen letzten Racheversuch, indem er einen Knaben auf die Galerie schickte, um dort zu pfeifen. Aber dieser fiel als ein Opfer der allgemeinen Entrüstung, denn er wurde ohne weiteres hinausgeworfen und erhielt sein Geld nicht wieder zurück.

»Nun, Smike«, sagte Nicolaus, als er nach dem ersten Stück sich fast ganz zum Nachhausegehen angekleidet hatte: »ist noch immer kein Brief da?«

»Ja«, versetzte Smike, »hier ist einer, den ich von der Post geholt habe.«

»Von Newman Noggs«, sagte Nicolaus, die Schwefelhölzerschrift der Adresse ansehend. »Es ist nicht leicht, diese Züge zu entwirren. Doch – wir wollen sehen, wir wollen sehen.«

Nach halbstündigem Studium gelang es ihm, den Inhalt des Briefes herauszubringen, der übrigens keineswegs imstande war, sein Gemüt zu beruhigen. Newman hatte es auf sich genommen, die zehn Pfund zurückzuschicken, denen er die Bemerkung beifügte, er wisse bestimmt, daß weder Madame Nickleby noch Käthchen für den Augenblick das Geld nötig hätten. Es könne aber in vielleicht kurzer Zeit der Fall eintreten, daß es Nicolaus selber besser zustatten käme. Er ersuchte ihn, sich durch das, was er ihm zu melden hätte, nicht beunruhigen zu lassen – es wäre nichts Schlimmes vorgefallen, und alles befände sich in guter Gesundheit. Aber es käme ihm vor, als könnten sich Dinge ereignen, oder wären vielleicht wirklich schon im Gange, die für Käthchen ihres Bruders Schutz unbedingt nötig machten. Wenn dies jedoch einträfe, meinte Newman, so wolle er Nicolaus das Geeignete unverzüglich melden.

Nicolaus las diese Stelle wieder und wieder, und je mehr er darüber nachdachte, desto mehr ahnte ihm irgendeine Schurkerei von seiten Ralph Nicklebys. Ein- oder zweimal fühlte er sich versucht, auf jede Gefahr hin sofort nach London zu eilen. Aber ein wenig Nachdenken belehrte ihn, daß Newman, wenn ein solcher Schritt nötig wäre, ohne Rückhalt sich darüber ausgesprochen haben würde.

»Jedenfalls sollte ich die Leute hier auf die Möglichkeit meines plötzlichen Austritts vorbereiten«, sagte Nicolaus. »Ich will daher keine Zeit verlieren, es zu tun.«

Sobald ihm dieser Gedanke aufgetaucht war, nahm er seinen Hut und eilte in das Garderobenzimmer.

»Nun, Herr Johnson«, sagte Madame Crummles, die in dem vollen Kostüm einer Königin dasaß und das Wunderkind mit ihren mütterlichen Armen umschloß, »die nächste Woche geht’s nach Ryde, dann nach Winchester, dann nach – –«

»Ich habe einigen Grund, zu fürchten«, fiel Nicolaus ein, »daß meine Laufbahn bei Ihnen geschlossen sein wird, noch ehe Sie Portsmouth verlassen.«

»Geschlossen?« rief Madame Crummles, ihre Hände erstaunt emporhebend.

»Geschlossen?« rief Fräulein Snevellicci, die in ihren Beinkleidern so heftig zitterte, daß sie ihre Hand auf die Schulter der Direktorin legen mußte, um sich zu stützen.

»Er will damit doch nicht sagen, daß er uns zu verlassen gedenkt?« fügte Madame Grudden bei, indem sie sich zu Madame Crummles durchdrängte. »Donnerwetter, was wäre das für ein Unsinn!«

Das Wunderkind, das von gar zarter Natur und sehr reizbarem Wesen war, erhob ein lautes Geschrei, und Fräulein Belvawney vergoß nebst Fräulein Bravassa wirkliche Tränen. Selbst die männlichen Mitglieder der Gesellschaft unterbrachen ihre Unterhaltung und beteten die Worte ›uns verlassen‹ nach, obgleich einige darunter (namentlich die, die den Tag über in ihren Glückwünschen am lautesten gewesen waren) sich gegenseitig zunickten, als täte es ihnen nicht sehr leid, einen so begünstigten Nebenbuhler zu verlieren – eine Ansicht, die in der Tat auch der ehrliche Herr Folair, der bereits als Wilder angekleidet war, ganz offen gegen einen Teufel aussprach, mit dem er sich eben in einen Krug Porter teilte.

Nicolaus erklärte rasch, er fürchte, daß es so kommen könnte, obgleich er sich vorderhand keinesfalls mit Bestimmtheit darüber auszusprechen vermöge. Er entfernte sich dann, sobald er konnte, und ging nach Haus, um Newmans Brief noch einmal durchzubuchstabieren und aufs neue Betrachtungen darüber anzustellen.

Wie geringfügig erschien ihm in jener schlaflosen Nacht alles, was seit so vielen Wochen seine Zeit und seine Gedanken in Anspruch genommen hatte, und wie beharrlich und unablässig vergegenwärtigte sich seiner Einbildungskraft der eine Gedanke, daß Käthchen mitten in Gefahr und Unglück – ach und vergeblich – nach ihm aussähe.

Dreißigstes Kapitel.


Dreißigstes Kapitel.

Festlichkeiten, die Nicolaus zu Ehren veranstaltet werden. Dieser entzieht sich plötzlich der Vincent Crummlesschen Theatergesellschaft.

Herr Vincent Crummles hatte kaum von der öffentlichen Erklärung gehört, die Nicolaus über die Wahrscheinlichkeit seines baldigen Austritts aus der Gesellschaft abgegeben hatte, als er viele Zeichen des Kummers und der Bestürzung an den Tag legte. In dem Übermaß seiner Verzweiflung machte er sogar gewisse unbestimmte Versprechungen wegen einer baldigen Aufbesserung nicht nur der regelmäßigen Gage, sondern auch der schriftstellerischen Nebeneinkünfte. Als er aber fand, daß Nicolaus sich von seinem Vorhaben, die Gesellschaft zu verlassen, nicht abbringen lassen wollte – denn dieser war nun fest entschlossen, auch ohne weitere Nachrichten von Newman auf jede Gefahr hin sich nach London zu begeben und durch persönlichen Augenschein sich über die Lage seiner Schwester Beruhigung zu verschaffen –, so mußte er sich begnügen, auf dessen Zurückkunft zu hoffen, wobei er es jedoch nicht unterließ, schnelle und energische Maßregeln zu treffen, um ihn vor seinem Abgang noch bestmöglich auf die Bühne zu stellen.

»Warten Sie einmal«, sagte Herr Crummles, indem er seine Geächtetenperücke abnahm, um die Lage der Dinge um so ruhiger überschauen zu können – »warten Sie einmal: heute haben wir Mittwoch abend. Das erste Geschäft für morgen soll sein, daß Zettel angeklebt werden, die für diesen Tag Ihr letztes Auftreten ankündigen.«

»Sie können aber nicht wissen, ob ich morgen zum letzten Male auftrete«, versetzte Nicolaus. »Wenn ich nicht abgerufen werde, so sollen Sie durch mich bis zum Ende dieser Woche in keine Angelegenheit geraten.«

»Um so besser«, entgegnete Herr Crummles. Wir können dann aufs allerbestimmteste Ihr letztes Auftreten auf den Donnerstag ankündigen – ein neues Engagement noch für eine einzige Nacht am Freitag – und endlich auf ausdrückliches Verlangen der einflußreichsten Gönner, die bei der letzten Vorstellung keine Sitze mehr erhalten haben, ein allerletztes Auftreten am Samstag. Das muß uns drei ganz anständig gefüllte Häuser bringen.«

»So soll ich also dreimal zum letzen Male auftreten?« fragte Nicolaus lächelnd.

»Ja«, erwiderte der Theaterdirektor, indem er sich verdrießlich am Kopfe kratzte, »es ist das noch zu wenig und verdirbt mir das ganze Konzept, daß wir nicht noch einige ›zum letzten Male‹ zusammenbringen können. Aber da läßt sich nun einmal nichts machen, und durch Schwatzen darüber wird nichts gewonnen. Etwas Neues käme auch sehr gelegen. Glauben Sie wohl, ein komisches Liedchen, auf dem Pony sitzend, singen zu können?«

»Das wird sich in der Tat kaum machen lassen«, versetzte Nicolaus.

»Es hat früher schon Geld eingebracht«, entgegnete Herr Crummles mit einem Blick unangenehmer Enttäuschung. »Was halten Sie von einem brillanten Feuerwerk?«

»Daß es ziemlich kostspielig werden dürfte«, erwiderte Nicolaus trocken.

»Achtzehn Pence würden ausreichen«, sagte Herr Crummles. »Sie stünden auf einer Tribüne mit dem Wunderkind in eleganter Haltung: hinten ein Transparent mit einem ›Lebewohl‹; an den Kulissen neun Leute mit einem bengalischen Licht in jeder Hand – das ganze anderthalb Dutzend müßte auf einmal losgehen – es würde sich von vorn ganz grandios – ergreifend, wahrhaft ergreifend auenehmen.«

Da Nicolaus von der Großartigkeit einer solchen Szene nicht sonderlich überzeugt zu sein schien, sondern im Gegenteil den Vorschlag auf eine höchst unehrerbietige Weise recht herzlich verlachte, so gab ihn Herr Crummles sogleich wieder auf und bemerkte düster, daß sie eben dann den Zettel aufs beste mit Kämpfen und Tänzen ausstatten und sich an das regelmäßige Drama halten müßten.

Um diesen Plan augenblicklich auszuführen, verfügte sich der Theaterdirektor sogleich in ein anstoßendes kleines Ankleidezinnner, wo Madame Crummles eben beschäftigt war, die Gewänder einer Kaiserin aus einem Melodrama gegen den gewöhnlichen Anzug von Frauen des neunzehnten Jahrhunderts zu vertauschen. Mit dieser Dame und der in allen Sätteln gerechten Madame Grudden, die ein wahres Genie zu Abfassung von Theaterprogrammen besaß (denn sie wußte die auf Bewunderung abzielenden Bemerkungen recht gut einzuschalten und kannte aus langjähriger Erfahrung genau, was in fetter Schrift gedruckt werden müsse), wurde nun die Abfassung der Anschlagzettel aufs ernstlichste beraten.

»Ach«, seufzte Nicolaus, sich in dem Stuhl des Souffleurs zurücklehnend, nachdem er Smike die nötigen telegraphischen Zeichen gegeben hatte, der in einem Zwischenspiel als ein magerer Schneider aufgetreten war und als solcher nur einen Rockschoß besaß, in dem sich ein kleines, sehr durchlöchertes Taschentuch befand, eine wollene Nachtmütze auf dem Kopf trug und nebst anderen charakteristischen Merkmalen der Schneider auf den Brettern eine rote Nase hatte. »Ach, ich wünschte, all das wäre vorüber.«

»Vorüber, Herr Johnson?« wiederholte hinter ihm eine weibliche Stimme mit einer Art schmerzlichen Staunens.

»Es klang allerdings etwas ungalant«, versetzte Nicolaus, der, als er sich umsah, in der Sprecherin Fräulein Snevellicci erkannte, »und ich würde nicht so gesprochen haben, wenn ich gewußt hätte, daß ich mich in dem Bereiche Ihres Ohres befände.«

»Was für ein köstlicher Mensch der Herr Dickby ist!« sagte Fräulein Snevellicci, als der Schneider am Ende des Stücks unter großem Beifall auf der andern Seite der Bühne abtrat. (Smikes Theatername war Dickby.)

»Ich will ihm sogleich Ihre Worte hinterbringen, die ihn natürlich ungemein erfreuen müssen«, versetzte Nicolaus.

»O Sie loser Mensch!« entgegnete Fräulein Snevellicci. Aber es kann mir so ziemlich gleichgültig sein, ob er meine Meinung von ihm erfährt, während es in der Tat bei andern Leuten –«

Fräulein Snevellicci hielt hier inne, als erwarte sie eine Frage, die aber nicht erfolgte, weil Nicolaus an weit ernstere Dinge dachte.

»Wie freundlich es von Ihnen ist«, nahm Fräulein Snevellicci nach einer kurzen Pause wieder auf, »dazusitzen und Abend für Abend auf ihn zu warten, so ermattet Sie auch sein mögen. Und was Sie sich Mühe mit ihm geben, und alles mit so viel Freude und Bereitwilligkeit tun, als ob es Ihnen Geld einbrächte.«

»Er verdient alle Freundlichkeit, die ich ihm erweisen kann, und noch viel mehr«, versetzte Nicolaus. »Er ist das dankbarste, redlichste und liebevollste Geschöpf, das je geatmet hat.«

»Und auch das sonderbarste – nicht wahr?« bemerkte Fräulein Snevellicci.

»Das weiß Gott, und möge er denen verzeihen, die ihn dazu gebracht haben!« entgegnete Nicolaus, seinen Kopf schüttelnd.

»Er ist ein verdammt schweigsamer Kunde«, sagte Herr Folair, der ein wenig näher getreten war und sich nun in die Unterhaltung mischte. »Kein Mensch kann etwas aus ihm herausbringen.«

»Und was will man denn aus ihm herausbringen?« fragte Nicolaus jäh und wandte sich nach dem Sprecher um.

»Donnerwetter, wie das gleich sprudelt und kocht, Johnson«, erwiderte Herr Folair, indem er die Ferse seines Tanzschuhes in die Höhe zog. »Ich spreche nur von der natürlichen Neugierde der Leute hier, die auch etwas von seinem Leben erfahren möchten.«

»Der arme Junge! Ich sollte aber meinen, es liege klar auf der Hand, daß er nicht genug Klarheit besitzt, um für Sie oder für jemand anders von besonderem Interesse zu sein«, sagte Nicolaus.

»Freilich«, versetzte der Schauspieler, indem er den Effekt seines Gesichtes in einem Lampenreflektor betrachtete; »aber eben deshalb liegt die ganze Frage um so näher.«

»Welche Frage?« entgegnete Nicolaus.

»Je nun, das wer und was er ist, und wie Sie beide, trotz der großen Verschiedenheit der Charaktere, so enge Freunde geworden sind«, erwiderte Herr Folair, ganz entzückt über die Gelegenheit, jemandem etwas Unangenehmes sagen zu können. »Alle Welt spricht davon.«

»Diese alle Welt besteht übrigens, wie ich mir denke, nur in dem Theatervolk?« sagte Nicolaus verächtlich.

»In Theatervolk und andern Leuten«, versetzte der Schauspieler. »Wissen Sie nicht, daß Lenville sagt –«

»Ich dachte, ich hätte diesen wohl für einige Zeit zum Schweigen gebracht«, fiel Nicolaus rot werdend ein.

»Möglich«, entgegnete der unabweisliche Herr Folair, »und wenn dies der Fall ist, so sagte er es wahrscheinlich vorher. Lenville sagte also, Sie wären ein wahrer Stock von einem Schauspieler, und das ganze Glück, das Sie hier bei dem Publikum gemacht hätten, läge in dem Geheimnis, womit Sie sich umgäben, und das Crummles wegen seines eigenen Vorteils begünstigte. Dabei meint Lenville, es stecke wohl weiter nichts hinter dem Ganzen, als daß Sie irgendwo tief in der Patsche gesessen und wegen irgendeinem Streich davongelaufen wären.«

»Ah!« sagte Nicolaus, ein Lächeln erzwingend.

»Das ist übrigens nur ein Teil von dem, was er sagt«, fügte Herr Folair bei, »und ich teile es Ihnen als Freund beider Teile und im strengsten Vertrauen mit. Sie wissen, daß ich nicht seiner Ansicht bin. Er sagt, er halte Dickby mehr für einen Spitzbuben als für einen Einfaltspinsel, und unser Packesel, der alte Fluggers, erzählt, in der vorletzten Saison, als er im Conventgarden Ausläufer war, sei immer ein Taschendieb um den Fiakerplatz herumgeschlichen, der genau das Gesicht von Dickby gehabt hätte. Er fügte übrigens hinzu, es sei doch vielleicht nicht Dickby gewesen, sondern nur sein Bruder oder ein anderer naher Verwandter.«

»Ah!« rief Nicolaus abermals.

»Ja, so sagen sie«, fuhr Folair in ungetrübter Ruhe fort. »Ich nahm mir vor, es Ihnen zu erzählen, weil Sie eigentlich davon wissen sollten. Ah, da kommt endlich das holdselige Wunderkind. Uff! Du kleiner Wechselbalg, ich wollte, ich hätte dich – ich komme gleich, mein Schätzchen. – Der Affe! Klingeln Sie zum Aufziehen, Madame Grudden, und lassen Sie das Schoßhündchen des Publikums seinen Tanz aufführen.«

Während Folair das, was von den letzteren Anspielungen für das Wunderkind schmeichelhaft war, laut aussprach und den Rest Nicolaus vertraulich »beiseite« zuflüsterte, folgte er dem aufgehenden Vorhang mit den Augen und war mit höhnischem Bick Zeuge des Beifallsturmes vor Fräulein Crummles. Dann trat er ein paar Schritte zurück, um einen bessern Anlauf zu gewinnen, ließ ein einleitendes Geheul erschallen und schoß, mit den Zähnen klappernd und einen blechernen Tomahawk schwingend, als wilder Indianer auf die Bühne.

»Das sind also einige von den Geschichtchen, die über uns erdichtet werden und von Mund zu Mund laufen?« dachte Nicolaus. »Will jemand ein unverzeihliches Verbrechen gegen irgendeine Gesellschaft, mag sie groß oder klein sein, begehen, so braucht er nur Glück zu haben; alles andere wird ihm vergeben, nur nicht dieses.«

»Sie nehmen’s sich doch nicht zu Herzen, was dieser boshafte Mensch sagte?« bemerkte Fräulein Snevellicci in ihren gewinnendsten Tönen.

»Nicht doch«, versetzte Nicolaus. »Wenn ich im Sinn hätte hierzubleiben, so würde ich es vielleicht der Mühe wert halten, die Sache weiter zu verfolgen. Da dies aber nicht der Fall ist, so mögen sie sich meinetwegen heiser schwatzen. Doch da kommt der, den ein Teil Ihres Wohlwollens trifft«, fügte Nicolaus bei, als Smike näher trat; »und so wollen wir Ihnen denn miteinander gute Nacht sagen.«

»Nein, nein, Sie dürfen mir nicht so kommen«, entgegnete Fräulein Snevellicci. »Sie müssen mich nach Haus begleiten und meine Mutter besuchen, die erst heute in Portsmouth ankam und vor Begierde stirbt, Sie kennenzulernen. »Liebe Led, helfen Sie mir Herrn Johnson überreden.«

»O gewiß«, erwiderte Fräulein Ledrook mit großer Lebhaftigkeit; »wenn Sie ihn nicht überreden können –«

Fräulein Ledrook sagte nichts weiter, gab aber durch eine geschickte Pantomime zu verstehen, daß ihn wohl niemand zu überreden vermöchte, wenn es Fräulein Snevellicci nicht gelänge.

»Herr und Madame Lillyvick haben sich in unserem Hause einquartiert und teilen für den Augenblick unser Zimmer«, sagte Fräulein Snevellicci. »Wird nicht vielleicht dies Sie bestimmen?«

»Was kann es eines weiteren Bestimmungsgrundes nach Ihrer Einladung bedürfen?« versetzte Nicolaus.

»O, das find ich auch!« entgegnete Fräulein Snevellicci.

Und Fräulein Ledrook meinte: »Hab ich’s nicht gesagt?« worauf Fräulein Snevellicci sagte, Fräulein Ledrook wäre ein loses Ding; und Fräulein Ledrook versicherte, Fräulein Snevellicci brauche nicht so rot zu werden; und Fräulein Snevellicci gab Fräulein Ledrook einen Klaps, und Fräulein Ledrook klapste Fräulein Snevellicci wieder.

»Kommen Sie, Herr Johnson«, sagte Fräulein Ledrook, »es ist hohe Zeit zum Nachhausegehen, sonst meint die arme Madame Snevellicci, Sie seien mit ihrer Tochter davongelaufen, und da würden wir nur zu trösten haben.«

»Liebe Led, wie können Sie nur so sprechen«, verwies ihr Fräulein Snevellicci.

Fräulein Ledrook erwiderte nichts, sondern nahm Smikes Arm und überließ es Nicolaus und ihrer Freundin, nach Gefallen zu folgen. Es gefiel ihnen jedoch, oder vielmehr es gefiel Nicolaus, dem es unter obwaltenden Umständen nicht besonders um ein trauliches Beisammensein zu tun war, ihr auf dem Fuße nachzukommen.

Es fehlte, als sie die Straße erreichten, nicht an Unterhaltungsstoff; denn es fand sich, daß Fräulein Snevellicci ein kleines Körbchen und Fräulein Ledrook eine kleine Schachtel nach Hause zu tragen hatten, in denen sie jeden Abend den kleineren Toilettenbedarf mit sich zu führen pflegten. Nicolaus wollte es sich nun nicht nehmen lassen, das Körbchen zu tragen, und Fräulein Snevellicci bestand darauf, es selber zu tun, was zu einem Kampf Veranlassung gab, in dem Nicolaus sich des Körbchens und der Schachtel zugleich bemächtigte. Dann sagte Nicolaus, er möchte doch wissen, was in dem Körbchen wäre, und versuchte es, hineinzusehen, worauf Fräulein Snevellicci schrie und die Erklärung abgab, daß sie, wenn sie denken müßte, er hätte etwas gesehen, gewiß in Ohnmacht sinken würde. Er machte nun einen ähnlichen Versuch mit der Schachtel, was dieselben Demonstrationen von Fräulein Ledrook zur Folge hatte. Dann beteuerten beide Damen, daß sie keinen Schritt von der Stelle gehen würden, bis Nicolaus versprochen hätte, nicht mehr hineinzusehen. Endlich gelobte Nicolaus, keine fernere Neugierde zu verraten, und sie gingen weiter, wobei beide Damen sehr viel kicherten und erklärten, sie hätten all ihrer Lebtage keinen so gottlosen Menschen gesehen – nein, in ihrem Leben nie!

Indem sie sich den Weg mit derartigen Scherzen kürzten, erreichten sie bald das Haus des Schneiders, wo sich nun eine recht hübsche kleine Gesellschaft zusammengefunden hatte; denn außer Herrn und Frau Lillyvick war nicht nur Fräulein Snevelliccis Mutter, sondern auch ihr Vater zugegen. Und was für ein ungemein schöner Mann war nicht dieser Vater? Er hatte eine Habichtsnase, eine weiße Stirne, krauses schwarzes Haar, hohe Backenknochen und im ganzen ein hübsches Gesicht, das nur – vielleicht vom Trinken – etwas kupfern angelaufen war. Er hatte eine sehr breite Brust und trug einen dicht zugeknöpften, fadenscheinigen blauen Rock mit vergoldeten Knöpfen. Sobald er Nicolaus in das Zimmer treten sah, steckte er die beiden Vorderfinger seiner rechten Hand zwischen die beiden mittleren Knöpfe, indem er zugleich den andern Arm anmutig in die Seite stemmte, als wolle er sagen: »Nun, hier bin ich, junger Mensch; was ist dein Begehr?«

Dies war das Äußere und die Haltung von Fräulein Snevelliccis Papa, der, seit er die zehnjährigen Teufelchen in den Weihnachtspantomimen gespielt hatte, der Kunst lebte. Er konnte ein wenig singen, ein wenig tanzen, ein wenig fechten, ein wenig spielen und von allem ein wenig, aber nicht viel. Er war bald beim Ballett, bald als Chorist, und überhaupt bei jedem Theater in London engagiert gewesen und wurde seiner Figur wegen für die Rollen militärischer Besuche und stummer Edelleute ausgewählt. Er war immer schmuck gekleidet und nahm sich besonders gut aus, wenn er Arm in Arm mit einer hübschen Dame in kurzem Röckchen ging, was er mit so viel Würde tat, daß ihm das Publikum im Parterre immer »Bravo« zurief, weil es ihn für etwas Besonderes hielt. Dies war Fräulein Snevelliccis Papa, dem einige neidische Personen nachsagten, er prügle hin und wieder Fräulein Snevelliccis Mama, die noch immer eine Tänzerin von ziemlich niedlicher Figur war und noch einige Reste eines früher schönen Gesichts zeigte. Sie saß jetzt da, wie sie tanzte, nämlich im Hintergrunde, da sie etwas zu alt für den vollen Glanz der Lampen des Proszeniums geworden war.

Diesen guten Leutchen wurde Nicolaus mit großer Förmlichkeit vorgestellt. Als die Zeremonie vorüber war, sagte Fräulein Snevelliccis Papa (der bedeutend nach Grog roch), er wäre ganz entzückt, die Bekanntschaft eines so ungemein talentvollen jungen Mannes zu machen, und bemerkte dabei noch weiter, daß ihm noch kein Künstler vorgekommen sei, der so rasch sein Glück gemacht hätte – nein, keiner – seit dem ersten Auftreten seines Freundes, des Herrn Glavormelly auf dem Coburg-Theater.

»Sie haben ihn wohl gesehen, Sir?« fragte Fräulein Snevelliccis Papa.

»Nein, ich kann mich dessen nicht rühmen«, versetzte Nicolaus.

»Wie – meinen Freund Glavormelly nicht gesehen, Sir?« rief Fräulein Snevelliccis Papa. »Dann haben Sie noch nie einen Schauspieler gesehen. Wenn er noch am Leben wäre – –«

»Ach, er ist also tot?« fiel Nicolaus ein.

»Ja«, antwortete Herr Snevellicci; »aber er ist zur Schande seines Zeitalters nicht in der Westminsterabtei. Er war ein – – Nun, gleichgültig! Er ist hingegangen nach dem Lande, aus dem kein Wanderer wiederkehrt. Ich hoffe, daß dort sein Wert mehr Anerkennung finden wird.«

Bei diesen Worten rieb Fräulein Snevelliccis Papa die Spitze seiner Nase mit einem sehr gelben seidenen Taschentuch und gab dadurch der Gesellschaft zu verstehen, daß ihn diese Rückerinnerungen überwältigten.

»Nun, Herr Lillyvick«, sagte Nicolaus, »wie geht es Ihnen?«

»Ganz gut«, erwiderte der Steuereinnehmer. »Verlassen Sie sich darauf, es geht nichts über den Ehestand.«

»Was Sie sagen!« entgegnete Nicolaus lachend.

»Nichts, gar nichts, Sir«, bekräftigte Herr Lillyvick. »Was meinen Sie?« flüsterte der Steuereinnehmer Nicolaus ins Ohr, indem er ihn beiseite nahm. »Wie kommt Ihnen diesen Abend ihr Aussehen vor?«

»So schön wie immer«, erwiderte Nicolaus mit einem Blick nach dem vormaligen Fräulein Petowker.

»Es liegt etwas in ihrem Wesen, Sir«, flüsterte der Steuereinnehmer fort, »das ich nie bei einem andern Frauenzimmer sah. Sehen Sie nur jetzt, wie sie dahinschwebt, um den Kessel auf das Feuer zu setzen. Ist nicht ein wahrer Zauber darin, Sir?«

»Sie sind ein glücklicher Mann«, sagte Nicolaus.

»Hahaha!« lachte der Steuereinnehmer. »Meinen Sie wirklich? Kann sein, kann sein! Ich sage Ihnen, ich hätte es nicht besser treffen können, wenn ich ein junger Mann gewesen wäre – meinen Sie nicht auch? Sie selbst hätten keinen besseren Treffer machen können. Oder hätten Sie – wie? – hätten Sie?«

Unter diesen und vielen ähnlichen Fragen stieß Herr Lillyvick fortwährend seinen Ellbogen in Nicolaus‘ Seite und kicherte, bis sein Gesicht unter der Bemühung, sein Vergnügen nicht laut werden zu lassen, ganz rot wurde.

Mittlerweile war durch die vereinten Bemühungen aller Damen das Tischtuch auf zwei aneinandergerückte Tische gelegt worden, von denen der eine hoch und schmal, der andere niedrig und breit war. Am oberen Ende standen Austern, unten Würste, in der Mitte eine Lichtputze und überall, wo es anging, Teller mit gebratenen Kartoffeln. Man hatte aus dem Schlafzimmer zwei weitere Stühle herbeigebracht. Fräulein Snevellicci saß oben an der Tafel, Herr Lillyvick unten, und Nicolaus hatte nicht nur die Ehre, neben Fräulein Snevellicci zu sitzen, sondern erhielt auch noch Fräulein Snevelliccis Mama auf die rechte Seite und Fräulein Snevelliccis Papa zum Visavis. Mit einem Wort, er war der Held des Festes, und als die Tafel aufgeräumt war und warmes Getränk herumgereicht wurde, stand Herr Snevellicci auf und hielt auf die Gesundheit des abreisenden Künstlers eine so rührende Rede, daß Fräulein Snevellicci weinte und sich nach ihrem Schlafgemach zurückziehen mußte.

»Pst! Lassen Sie sich nicht stören!« sagte Fräulein Ledrook, als sie aus dem Schlafzimmer herausblickte. »Sagen Sie ihr, wenn sie wieder zurückkommt, sie möchte sich nicht so sehr angreifen.«

Fräulein Ledrook stattete, ehe sie die Tür wieder schloß, ihre Worte mit so viel geheimnisvollem Nicken und Winken aus, daß auf einmal ein tiefes Schweigen eintrat, währenddem Fräulein Snevelliccis Papa sich sehr breit machte, der Reihe nach jedermann, insbesondere aber Nicolaus, mit vollen Blicken von oben her maß und ohne Unterlaß sein Glas leerte und wieder füllte, bis die Damen in einer Gruppe, in deren Mitte sich Fräulein Snevellicci befand, wieder zurückkehrten.

»Sie brauchen sich nicht im mindesten zu beunruhigen, Herr Snevellicci«, sagte Madame Lillyvick. »Sie ist nur etwas schwach und angegriffen und war es schon den ganzen Tag über.«

»Ach – so; ist’s weiter nichts?« entgegnete Herr Snevellicci.

»Nein, weiter nichts. Machen Sie nur kein Wesen davon«, riefen die Damen untereinander.

Das war nun freilich keine Antwort für Herrn Snevellicci, der seine ganze Bedeutung als Mann und Vater fühlte; und so griff er sich denn die unglückliche Madame Snevellicci heraus und fragte sie, was zum Teufel das heißen wolle, daß sie so mit ihm spreche.

»Ach Gott, mein Lieber – –« entgegnete Madame Snevellicci.

»Nenne mich nicht deinen Lieben, wenn ich bitten darf«, versetzte Herr Snevellicci.

»Bitte, Papa, nicht so«, fiel Fräulein Snevellicci ein.

»Was nicht so, mein Kind?«

»Reden Sie nicht in dieser Weise.«

»Warum nicht?« sagte Herr Snevellicci. »Du nimmst hoffentlich nicht an, daß hier jemand ist, der mir verbieten kann zu reden, wie mir beliebt?«

»Das hat ja niemand im Sinn, Papa«, versetzte die Tochter.

Und niemand würde es vermögen, wenn man es auch im Sinn hätte«, entgegnete Herr Snevellicci. »Ich brauche mich meiner selbst nicht zu schämen. Ich heiße Snevellicci und bin Bogenstraße im ›Breiten Hof‹ zu finden, wenn ich mich in der Stadt aufhalte. Bin ich nicht zu Hause, so kann man mich im Theater erfragen. Gott verdamme mich, ich denke, man kennt mich dort! Die meisten Leute haben mein Porträt an dem Tabaksladen um die Ecke gesehen. Auch in den Zeitungen hat man von mir gelesen – oder etwa nicht? – Nicht sprechen sollen! Ich will dir was sagen: wenn ich ausfindig machte, daß ein Mann mit den Gefühlen meiner Tochter sein Spiel getrieben hätte, so würde ich nicht sprechen; aber er sollte mir aufsehen, ohne daß ein Wort von meinen Lippen käme – das ist so meine Weise.«

So sprechend schlug Herr Snevellicci dreimal mit der geballten Faust in die Fläche seiner linken Hand, knuffte eine »Nase« mit den Knöcheln der Vorderfinger seiner rechten Hand und schluckte ein weiteres Glas voll auf einen Zug hinunter.

»Das ist so meine Weise«, wiederholte Herr Snevellicci.

Die meisten öffentlichen Persönlichkeiten haben ihre Mängel: und die Wahrheit ist, daß Herr Snevellicci ein wenig dem Trunk ergeben war, oder wenn wir die ganze Wahrheit zugestehen wollen, daß er fast nie nüchtern wurde. Er kannte in seinem Zechersystem drei bestimmte Grade der Betrunkenheit – den würdevollen, den streitsüchtigen und den zärtlichen. Wenn er auftreten mußte, so ging er nie über den würdevollen hinaus. In Privatgesellschaften pflegte er jedoch alle drei, und zwar mit einer solchen Raschheit des Übergangs durchzumachen, daß die, die nicht die Ehre seiner näheren Bekanntschaft hatten, ganz verblüfft darüber wurden.

Herr Snevellicci hatte kaum noch ein weiteres Glas hinuntergeschluckt, als er in glücklicher Vergessenheit der eben zur Schau gestellten Kampflust allen Anwesenden zulächelte und in liebenswürdiger Aufregung einen Toast »auf die süßen Herzen der Damen« ausbrachte.

»Ich liebe sie«, sagte Herr Snevellicci, indem er sich an dem Tische umsah. »Ich liebe sie samt und sonders.«

»Nicht samt und sonders«, entgegnete Herr Lillyvick mild.

»Ja, samt und sonders«, wiederholte Herr Snevellicci.

»Da wären ja auch die verheirateten Damen mit eingeschlossen?« versetzte Herr Lillyvick.

»Ich liebe auch diese, Sir«, erwiderte Herr Snevellicci.

Der Steuereinnehmer sah auf die ihn umgebenden Gesichter mit einem Blicke würdevoller Verwunderung, der zu sagen schien, »das ist mir ein sauberes Früchtchen.« Er war auch augenscheinlich ein wenig überrascht, daß Madame Lillyvick keine Zeichen von Entsetzen und Entrüstung an den Tag legte.

»Eine Hand wäscht die andere«, fuhr Herr Snevellicci fort. »Ich liebe sie und sie lieben mich.«

Und als ob durch diese Äußerung der Sittlichkeit nicht genug Hohn gesprochen wäre – was tat Herr Snevellicci? Er blinzelte – blinzelte offen und ohne Hehl; blinzelte mit seinem rechten Auge – Madame Henriette Lillyvick zu!

Der Steuereinnehmer fiel im Übermaß seines Entsetzens auf seinem Stuhle zurück. Wenn ihr jemand als Henriette Petowker zugeblinzelt hätte, so wäre es schon im höchsten Grade unanständig gewesen! Aber als Madame Lillyvick – der Gedanke trieb ihm den kalten Schweiß auf die Stirn, und während er darüber nachsann, ob es wirklich auch möglich sei und er nicht bloß träume, wiederholte Herr Snevellicci sein Blinzeln, trank Madame Lillyvick mit allerlei Gesten zu und sandte – wirklich, er sandte sogar ein Kußhändchcn nach ihr hinüber. Herr Lillyvick verließ seinen Stuhl, ging geradezu nach dem andern Ende der Tafel und fiel augenblicklich – fallen im buchstäblichen Sinn genommen – über ihn her. Herr Lillyvick war keine leichte Last, und wenn er also über Snevellicci herfiel, so mußte Herr Snevellicci unter den Tisch fallen. Herr Lillyvick folgte ihm, und die Damen kreischten laut auf.

»Was haben die zwei miteinander? Sind sie toll?« rief Nicolaus, indem er unter den Tisch griff, den Steuereinnehmer mit kräftiger Faust hervorzog und denselben wie einen Strohmann in einen Stuhl warf. »Was soll das bedeuten? Was hatten Sie vor? Was ist über Sie gekommen?«

Während sich Nicolaus mit dem Steuereinnehmer zu schaffen machte, leistete Smike Herrn Snevellicci den gleichen Liebesdienst, der jetzt seinen Gegner mit dem leeren Blicke der Trunkenheit anstierte.

»Sehen Sie dorthin, Sir«, versetzte Herr Lillyvick, indem er auf seine erstaunte Gattin zeigte. »Da ist Reinheit und Anmut vereinigt; und ihre Gefühle sind beleidigt – tief verwundet worden.«

»Um Gottes willen, was schwatzt er für Unsinn!« rief Madame Lillyvick auf Nicolaus‘ fragenden Blick. »Niemand hat etwas zu mir gesagt.«

»Gesagt, Henrietta?« rief der Steuereinnehmer. »Habe ich nicht selbst mit angesehen, wie er dir –«

Herr Lillyvick konnte es nicht über sich gewinnen, das Wort auszusprechen, sondern äffte das Blinzeln des andern nach.

»Nun«, entgegnete Madame Lillyvick heftig, »glaubst du, niemand dürfe mich ansehen? Wenn das Brauch wäre, so möchte der Henker verheiratet sein!«

»Du fühltest dich also nicht gekränkt?« rief der Steuereinnehmer.

»Gekränkt?« wiederholte Madame Lillyvick mit einem Ton der Verachtung. »Du solltest die ganze Gesellschaft auf den Knien um Verzeihung bitten.«

»Um Verzeihung bitten, meine Liebe?« entgegnete der verblüffte Steuereinnehmer.

»Ja, und mich zuerst«, versetzte Madame Lillyvick. »Glaubst du, ich wisse nicht selbst am besten, was sich schickt, und was sich nicht schickt?«

»Ganz natürlich«, riefen alle Damen. »Meinen Sie, wir würden nicht die ersten sein, die sprächen, wenn etwas Auffallendes vorkäme?«

»Und glauben Sie etwa, daß den Damen kein Urteil zusteht, Sir?« fragte Fräulein Snevelliccis Papa, indem er seinen Kragen in die Höhe zog und etwas von Schädelzertrümmern sprach, wenn ihn nicht die Rücksicht auf das Alter seines Gegners zurückhielte. Herr Snevellicci faßte hierauf Herrn Lillyvick einige Augenblicke fest und strenge ins Auge, stand dann ganz bedächtig vom Stuhle auf und küßte die Damen der Reihe nach, wobei er mit Madame Lillyvick den Anfang machte.

Der unglückliche Steuereinnehmer warf seiner Gattin einen kläglichen Blick zu, als wolle er sich überzeugen, ob auch nur noch ein Zug von Fräulein Petowker in Madame Lillyvick übriggeblieben sei. Als er aber – leider nur zu deutlich – das Gegenteil fand, so bat er die ganze Gesellschaft demütig um Verzeihung und setzte sich – niedergeschlagen, entmutigt und entzaubert, so daß er trotz seiner Selbstsucht und Eigenliebe ein würdiger Gegenstand des Erbarmens war.

Fräulein Snevelliccis Papa schwebte ob diesem Triumph und dem augenfälligen Belege seines Glückes bei den Damen ganz in höheren Gefilden und ließ seiner Munterkeit so weit den Zügel, daß man es fast Ausgelassenheit hätte nennen können. Er gab dann mehr als ein beträchtlich langes Lied zum besten und ergötzte in den Pausen den geselligen Zirkel mit Reminiszenzen an verschiedene herrliche Frauen, die im Verdacht gestanden hätten, in ihn verliebt zu sein. Auf die Namen einiger von ihnen brachte er Toaste aus und verfehlte dabei nicht anzumerken, daß er, wenn er in früheren Jahren seinen Vorteil besser verstanden hätte, gegenwärtig mit vieren fahren könnte. Diese Erinnerungen schienen jedoch in Madame Snevelliccis Brust keine besonders schmerzlichen Gefühle zu erwecken, denn sie war zu sehr beschäftigt, Nicolaus die mannigfaltigen Vorzüge und Verdienste ihrer Tochter auseinanderzusetzen.

Auch die junge Dame selbst verfehlte nicht, allen ihren Zauber spielen zu lassen. Aber so sehr dieser durch Fräulein Ledrooks kleine Künste gehoben war, so vermochte er doch Nicolaus‘ Aufmerksamkeit nicht zu vermehren, da dieser junge Mann das Bild von Fräulein Squeers noch zu lebhaft im Gedächtnis hatte, um sich neuen Lockungen hinzugeben, weshalb er auch sein Benehmen so sorgfältig bewachte, daß ihn, als er sich entfernt hatte, die Damen einstimmig für ein wahres Ungeheuer von Fühllosigkeit erklärten.

Am andern Tage wurden die Theaterzettel pflichtschuldig ausgehängt, und das Publikum erfuhr durch Buchstaben, die in allen Farben des Regenbogens und in jeder nur denkbaren Rückgratsverkrümmung prangten, Herr Johnson werde die Ehre haben, diesen Abend zum letztenmal aufzutreten, weshalb man bitte, die Plätze zeitig zu bestellen, da ein ungeheurer Zudrang zu erwarten stehe. Es ist gewiß ein merkwürdiger Umstand in den Chroniken des Theaterwesens, der aber längst durch Erfahrung über allen Zweifel erhaben ist, daß man sich vergeblich bemühen wird, Leute zum Besuch eines Schauspielhauses zu veranlassen, wenn man ihnen nicht den Glauben beibringen kann, daß sie keinen Platz finden würden.

Als Nicolaus am Abend die Bühne betrat, wußte er sich die ungewöhnliche Verstörung und Aufregung, die sich in den Gesichtern aller Gesellschaftsmitglieder spiegelten, nicht recht zu deuten. Er blieb aber nicht lange über die Ursache im Zweifel, denn ehe er noch Zeit hatte, darüber Nachfrage anzustellen, trat Herr Crummles auf ihn zu und teilte ihm ziemlich erhitzt mit, daß ein Londoner Theaterdirektor in einer der Logen säße.

»Sicherlich wegen des Wunderkindes, Sir«, sagte Crummles, indem er Nicolaus nach der kleinen Öffnung in dem Vorhang hinzog, damit er sich den Londoner Theaterdirektor betrachte. »Ich zweifle nicht im geringsten, daß ihn der Ruf des Wunderkindes hergelockt hat. Dort ist er – der Mann in dem Überrock und ohne Hemdkragen. Er muß ihr zehn Pfund wöchentlich zahlen, Johnson. Ich lasse sie um keinen Heller weniger auf den Londoner Brettern auftreten. Auch gebe ich sie nicht her, wenn nicht meine Frau zu gleicher Zeit engagiert wird – zwanzig Pfund wöchentlich für beide; oder ich will Ihnen was sagen, ich gebe mich und die zwei Jungen in den Kauf, wenn er für die ganze Familie dreißig zahlt. Ehrlicher kann man gewiß nicht zu Werke gehen. Er muß uns alle nehmen, denn keines geht ohne das andere. Viele Londoner machen’s so, und es entspricht immer ihrem Zweck. Dreißig Pfund wöchentlich, Johnson – es ist ein Spottgeld, Johnson, ein Spottgeld.«

Nicolaus pflichtete bei, und Herr Vincent Crummles eilte, nachdem er sich durch mehrere tüchtige Prisen gestärkt hatte, hinweg, um Madame Crummles zu sagen, daß er über die einzigen annehmbaren Bedingungen mit sich eins geworden wäre und den festen Entschluß gefaßt hätte, um keinen Heller davon abzuweichen.

Als alles angekleidet war und der Vorhang aufgezogen wurde, steigerte sich die durch die Anwesenheit des Londoner Theaterdirektors veranlaßte Aufregung tausendfältig. Jedes Mitglied der Gesellschaft war fest überzeugt, der besagte Herr wäre ausdrücklich hierhergekommen, um sein eigenes Spiel anzusehen, weshalb sich auch alle in der höchsten Spannung befanden. Einige von denen, die in der ersten Szene nichts zu tun hatten, eilten zwischen die Kulissen und reckten ihre Hälse, um den gefeierten Mann zu sehen, und andere stahlen sich in die zwei kleinen Schauspielerlogen über dem Eingang, um von da aus den Londoner Direktor zu mustern.

Einmal bemerkte man, daß der Londoner Direktor lächelte – er lächelte über den komischen Landmann, der tat, als ob er Schmeißfliegen fange, während Madame Crummles eben eine Glanzszene hatte. »Sehr gut, Bursche«, sagte Herr Crummles, indem er dem komischen Landmann, als er abtrat, die Faust nachschüttelte, »künftigen Sonntag kannst du dich um ein anderes Engagement umsehen.«

In der gleichen Weise sah jeder auf der Bühne kein Auditorium, sondern nur eine Person – den Londoner Theaterdirektor, für den alle ausschließlich spielten. Als Herr Lenville in einem plötzlichen Ausbruch der Wut den Kaiser einen Elenden nannte, dann aber in seinen Handschuh biß und sagte: »Ich muß mich verstellen«, so hielt er, statt, wie sonst in solchen Fällen üblich ist, finster zur Erde zu sehen und auf sein Stichwort zu warten, den Blick unverwandt auf den Londoner Direktor geheftet. Als Fräulein Bravassa in ihrem Liedchen ihren Geliebten ansang, der wie gewöhnlich bereit stand, um ihr zwischen den Versen die Hände zu schütteln, sahen sie sich nicht gegenseitig an, sondern blickten einzig und allein nach dem Londoner Direktor. Herr Crummles starb und richtete noch im Sterben seine Augen nach ihm, und als die Leibwache kam, um den in einem harten Todeskampf Verschiedenen hinauszutragen, bemerkte man, wie er aufs neue die Augen öffnete und nach dem Londoner Direktor schielte. Endlich entdeckte man, daß der Londoner Direktor eingeschlafen war. Als er dann bald nachher wieder aufwachte und das Theater verließ, fiel der ganze Schwarm über den unglücklichen komischen Landmann her und erklärte, daß seine Buffonerie einzig und allein schuld daran wäre. Herr Crummles behauptete, daß er lange Zeit damit Geduld gehabt hätte, nun aber sie nicht mehr länger ertragen könnte; es würde daher ihm, dem Direktor, sehr angenehm sein, wenn er sich nach einem andern Engagement umsehe.

All das gewährte Nikolaus viel Belustigung, und er freute sich aufrichtig, daß der große Mann von hinnen ging, noch ehe er selbst aufzutreten hatte. Er spielte seine Rollen in den zwei letzten Stücken so rasch wie möglich, und nachdem er mit unbegrenztem Wohlwollen und unerhörtem Beifall seinen Abschied gefeiert hatte – so sagten wenigstens die Zettel für den andern Tag, die schon ein paar Stunden vor dem Spiel gedruckt worden waren –, nahm er Smikes Arm und ging nach Hause, um sich schlafen zu legen.

Mit der Post des nächsten Morgens traf ein sehr verkleckster, sehr kurzer, sehr schmutziger, sehr kleiner und sehr geheimnisvoller Brief von Newman Noggs ein, der Nicolaus zu einer unverzüglichen Rückkehr nach London aufforderte. Er solle keine Zeit verlieren, hieß es darin, und womöglich noch am selben Abend in London anlangen.

»Das soll geschehen«, sagte Nicolaus. »Der Himmel weiß, ich bin in der besten Absicht und sehr gegen meinen eigenen Willen hiergeblieben, vielleicht habe ich aber doch zu lange gezögert. Was mag sich wohl zugetragen haben? Smike, guter Junge, da – nimm meinen Geldbeutel. Packe unsere Sachen ein und bezahle unsere kleinen Schulden. Beeile dich, daß wir die Morgenpost noch benutzen können. Ich will nur Crummles meine Abreise anzeigen und werde im Augenblick wieder hier sein.«

Er nahm nun seinen Hut und eilte nach Herrn Crummles‘ Wohnung, wo er die Klingel so kräftig handhabte, daß er diesen Herrn, der noch im Bett lag, aufweckte und Herrn Bulph, den Lotsen, so erschreckte, daß ihm beinahe seine Morgenpfeife aus dem Mund gefallen wäre.

Die Tür wurde geöffnet, und Nicolaus eilte ohne besondere Förmlichkeit die Treppe hinauf. Er trat rasch in das Wohnzimmer des ersten Stocks, wo die beiden jüngeren Herren Crummles aus der Sofabettstelle gesprungen waren und nun in aller Eile ihre Kleider anzogen, weil sie wähnten, es sei mitten in der Nacht, und das nächste Haus stehe in Feuer.

Ehe ihnen Nicolaus ihren Irrtum aufklären konnte, kam der Theaterdirektor im Flanellschlafrock und in der Nachtmütze herunter; und der junge Mann setzte ihm nun die Umstände, die eine schleunige Reise nach London nötig machten, in Kürze auseinander.

»Und somit Gott befohlen«, sagte Nicolaus; »leben Sie wohl! leben Sie wohl!«

Er war bereits schon wieder zur Hälfte die Treppe hinunter, ehe sich Herr Crummles von seiner Überraschung so weit erholt hatte, um etwas hinsichtlich der Theaterzettel hervorzustottern.

»Ich kann’s nicht ändern«, entgegnete Nicolaus. »Setzen Sie das, was ich für diese Woche zu fordern habe, dagegen, oder wenn Sie das nicht entschädigen sollte, so sagen Sie ohne Umschweife, was Sie verlangen. Geschwind! Geschwind!«

»Wir wollen da gegenseitig unsere Rechnungen streichen«, versetzte Crummles. »Aber könnten wir nicht wenigstens noch ein einziges zum letzenmal haben?«

»Jede Stunde – jede Minute ist mir unersetzlich«, erwiderte Nicolaus ungeduldig.

»Wollen Sie nicht auch noch Madame Crummles Lebewohl sagen?« sagte Herr Crummles, indem er ihm nach der Tür hinunter folgte.

»Ich dürfte nicht länger verweilen, und wenn ich dadurch mein Leben um zwei Jahrzehnte verlängern könnte«, antwortete Nicolaus. »Da, nehmen Sie meine Hand und zugleich meinen herzlichsten Dank. O, daß ich meine Zeit hier so lange mit Faseleien vergeudete!«

Er begleitete diese Worte mit einem ungeduldigen Stampfen auf den Boden. Dann entriß er sich gewaltsam den Armen des Direktors, stürzte in großer Eile auf die Straße hinunter und war in einem Augenblick verschwunden.

»Lieber Himmel«, sagte Herr Crummles, indem er spähend nach der Stelle sah, an der Nicolaus eben unsichtbar geworden war, »was müßte es nicht Geld eintragen, wenn er sich so auf der Bühne benähme! Hätte er nur noch diese Szene mit mir gemacht, wo er mir sonst schon von so gutem Nutzen gewesen ist. Aber er weiß nicht, was ihm gut ist. Er ist ein Hans Obenhinaus; aber so sind junge Leute – immer voreilig, schrecklich voreilig.«

Da Herr Crummles einmal im Moralisieren war, so würde er wohl leicht noch einige Minuten fortgefahren haben, wenn nicht seine Hand mechanisch nach der Westentasche gegriffen hätte, wo er seinen Schnupftabak gewöhnlich aufzubewahren pflegte. Die gänzliche Abwesenheit einer Tasche an der gewohnten Stelle rief ihm jedoch ins Gedächtnis, daß er keine Weste anhatte, und das führte ihn zu einer weiteren Betrachtung seines äußerst knappen Anzugs. Er schloß daher plötzlich die Tür und verfügte sich in großer Eile wieder die Treppe hinauf.

Smike hatte sich in Nicolaus‘ Abwesenheit nach Kräften beeilt, und durch seine Beihilfe war alles bald zur Abreise bereit. Sie erlaubten sich kaum, ein mageres Frühstück zu sich zu nehmen, und in weniger als einer halben Stunde befanden sie sich ganz atemlos vor Eile in dem Postbureau. Sie hatten nur noch einige Minuten übrig, die Nicolaus, nachdem er die Plätze bezahlt hatte, dazu benutzte, um in einem benachbarten Kleidergeschäft für Smike einen Überrock zu kaufen; er wäre zwar für einen stämmigen Pächter groß genug gewesen, aber der Kleiderhändler versicherte – und das war keine Lüge –, daß er ganz außerordentlich passe, und Nicolaus würde ihn in seiner Ungeduld gekauft haben, wenn er auch noch mal so groß gewesen wäre.

Als sie wieder zu der Postkutsche zurückkamen, die nun bereits auf der Straße und zum Aufbruche bereitstand, war Nicolaus nicht wenig überrascht, als er sich plötzlich so dicht und ungestüm umarmt fühlte, daß er mit den Füßen fast in der Luft baumelte. Auch wurde seine Verwunderung nicht im geringsten gemindert, als er Herrn Crummles ausrufen hörte: »Er ist’s – mein Freund! mein Freund!«

»Um Gottes willen«, rief Nicolaus, indem er sich in den Armen des Theaterdirektors sträubte, »was wandelt Sie an?«

Herr Crummles nahm auf diese Frage keine Rücksicht, sondern drückte ihn abermals an seine Brust und rief:

»Lebe wohl, mein edler, mein löwenherziger Junge!«

Die Sache verhielt sich nämlich so: Herr Crummles, der keine Gelegenheit unbenutzt vorbeigehen ließ, sein mimisches Talent zu entfalten, war ausdrücklich in der Absicht hergekommen, sich von Nicolaus öffentlich zu verabschieden, und um die Szene noch imponierender zu machen, entwickelte er nun zu Nicolaus‘ größtem Verdruß eine Reihe von Bühnenumarmungen, die bekanntermaßen darin bestehen, daß der oder die Umarmende das Kinn auf die Schulter des Gegenstandes ihrer Neigung legt und über diese wegsieht. Herr Crummles tat das im höchsten melodramatischen Stile und ließ dabei die beweglichsten Abschiedsphrasen entströmen, an die er sich aus seinem Komödienvorrat erinnern konnte. Aber das war noch nicht alles, denn der ältere Sohn des Herrn Crummles machte eine ähnliche Zeremonie mit Smike durch, während Herr Percy Crummles in einem aus einer Trödelbude gekauften Lakaienmantel, den er theatralisch über seine linke Schulter geworfen hatte, danebenstand, ganz in der Haltung eines Dieners der Gerechtigkeit, der bereit ist, die beiden Opfer nach dem Schafott zu führen.

Die Zuschauer lachten herzlich, und da es das Geratenste war, zum bösen Spiele eine gute Miene zu machen, so lachte Nicolaus mit, sobald er sich Herrn Crummles‘ Krallen entrissen hatte. Er kam dann dem erstaunten Smike zu Hilfe, kletterte mit diesem auf das Kutschendach, küßte die Hand zu Ehren der abwesenden Madame Crummles, und also fuhren sie von dannen.

Einunddreißigstes Kapitel.


Einunddreißigstes Kapitel.

Von Ralph Nickleby und Newman Noggs, nebst einigen weisen Vorsichtsmaßregeln, deren günstiges oder ungünstiges Ergebnis die Folge zeigen wird.

In glücklicher Unwissenheit darüber, daß sein Neffe sich mit der vollen Eile von vier guten Pferden seinem Wirkungskreise näherte und daß jede entschwindende Minute die gegenseitige Entfernung verminderte, saß Ralph Nickleby an jenem Morgen bei seinen gewohnten Geschäften, ohne es übrigens verhindern zu können, daß seine Gedanken hin und wieder zu der Besprechung zurückkehrten, die tags zuvor zwischen ihm und seiner Nichte stattgefunden hatte. Bei solchen Unterbrechungen, die für Augenblicke sein Gehirn verwirrten, pflegte Ralph irgendeine unmutige Verwünschung vor sich hin zu murmeln und kehrte dann mit erneuter Emsigkeit zu dem vor ihm liegenden Hauptbuche zurück. Aber der gleiche Gedankengang kam wieder und wieder trotz seiner Bemühungen, ihn fernzuhalten, wodurch Verwirrung in seine Berechnung kam und seine Aufmerksamkeit ganz von den Ziffern, über denen er brütete, abgelenkt wurde. Endlich legte er seine Feder nieder und lehnte sich in seinem Stuhle zurück, als sei er entschlossen, dem aufdringlichen Ideenstrome seinen Lauf zu lassen, um dadurch, daß er ihm vollen Spielraum gäbe, sich seiner auf eine wirksame Weise zu entledigen.

»Ich bin nicht der Mann, der sich durch ein hübsches Gesicht rühren läßt«, brummte Ralph vor sich hin. »Ein grinsender Schädel liegt dahinter, und Männer wie ich, die nicht bloß an dem Oberflächlichen hängen, sehen das Tieferliegende, ohne sich durch die hinfällige Hülle blenden zu lassen. Und doch kommt es mir fast vor, als liebe ich dies Mädchen, oder ich könnte sie lieben, wenn sie weniger stolz und weniger eigen erzogen wäre. Läge der Bube in irgendeinem Flusse oder hinge an einem Galgen und wäre die Mutter tot, so sollte dies Haus ihre Heimat sein. Ja, ich wünsche von ganzem Herzen, daß es so wäre.«

Ungeachtet des tödlichen Hasses, den Ralph gegen Nicolaus hegte, und der bittern Verachtung, womit er die arme Frau Nickleby verhöhnte –, ungeachtet der Schlechtigkeit, mit der er sich sogar gegen Käthchen benommen hatte, noch benahm und sich zu jeder Zeit benommen haben würde, wenn es mit seinem Vorteile im Einklang stand –, ungeachtet alles dessen lag doch, so sonderbar es auch klingen mag, in diesem Augenblick etwas Menschliches und sogar Zartes in seinen Gedanken. Er stellte Betrachtungen darüber an, was sein Haus sein könnte, wenn Käthchen darin waltete, vergegenwärtigte sich diese auf einem der leeren Stühle, blickte nach ihr hin und hörte den Ton ihrer Stimme. Er fühlte abermals auf seinem Arme den sanften Druck ihrer zitternden Hand. Er erfüllte seine kostbaren Gemächer mit den hundert stummen Anzeichen weiblicher Gegenwart und Geschäftigkeit; dann kehrten seine Gedanken zu dem verödeten Herde und zu dem stummen und traurigen Prunk seiner Wohnung zurück. In diesem einzigen Lichtblick seiner bessern Natur, so sehr er auch durch Selbstsucht verkümmert war, fühlte sich der reiche Mann einsam, freund- und kinderlos. Das Gold hatte in diesem Augenblicke keinen Wert für ihn: denn er fühlte eine Ahnung zahlloser Schätze des Herzens, die sich nicht durch klingende Münze erkaufen ließen.

Ein höchst geringfügiger Umstand war jedoch hinreichend, derartige Betrachtungen aus der Seele eines solchen Mannes zu verscheuchen. Als Ralph zerstreut über den Hof nach dem Fenster des andern Bureaus hinblickte, gewahrte er plötzlich, daß Newman Noggs mit seiner roten Nase fast das Glas berührte, scheinbar zwar mit dem rostigen Bruchstücke eines Federmessers seine Feder spitzend, in Wirklichkeit aber seinen Brotherrn mit dem aufmerksamsten Späherblicke beobachtend.

Ralph änderte seine träumerische Stellung und beugte sich wieder über sein Buch. Newmans Gesicht verschwand, und der eben unterbrochene Gedankenzug war mit einemmal dahin.

Nach einigen Minuten zog Ralph seine Klingel. Newman trat ein und Ralph erhob verstohlen seine Augen zu dessen Gesicht, als fürchte er auf diesem ein Wissen um seine kürzlichen Gedanken zu lesen.

In Newman Noggs‘ Gesicht lag jedoch nicht die mindeste Spur einer ausforschenden Absicht. Wenn man sich einen Mann mit zwei weit offenen Augen im Kopf denken kann, die in keine Richtung hinschauen und nichts sehen, so mochte Newman in dem Augenblick, als ihn Ralph Nickleby betrachtete, einen solchen Mann vorstellen.

»Nun, was gibt’s?« brummte Ralph.

»Ach«, sagte Newman, der plötzlich eine Spur von Verstand in seine Augen legte und sie auf seinen Herrn fallen ließ, »ich glaubte, Sie hätten geklingelt.«

Ntit dieser lakonischen Bemerkung wandte sich Newman um und hinkte der Tür zu.

»Halt!« rief Ralph.

Newman blieb ohne die mindeste Verlegenheit stehen.

»Ich klingelte.«

»Das wußte ich.«

»Wenn Sie das wußten, warum wollten Sie gehen?«

»Ich dachte, Sie hätten geklingelt, um mir zu sagen, daß Sie nicht geklingelt hätten«, versetzte Newman. »Sie machen’s oft so.«

»Wie können Sie sich unterstehen, den Spürhund zu machen, nach mir zu sehen und mich anzugaffen. Sie Lumpenkerl«, fragte Ralph.

»Sie anzugaffen«, rief Newman. »Haha!«

Das war die ganze Erwiderung, die Newman dieser Frage würdigte.

»Sehen Sie sich vor, Herr«, sagte Ralph, indem er ihn festen Blickes betrachtete. »Ich will keinen betrunkenen Narren in meinem Hause haben. Sehen Sie dieses Paket?«

»Es ist groß genug«, versetzte Newman.

»Tragen Sie es in die City – zu Croß in der Breiten Straße und lassen Sie es dort – rasch. Hören Sie?«

Newman nickte eine verdrießliche Bejahung, verließ das Zimmer und kehrte nach einigen Sekunden mit seinem Hut zurück. Nachdem er einige erfolglose Versuche gemacht hatte, das ein paar Fuß im Quadrat habende Paket in seiner Kopfbedeckung unterzubringen, nahm er es unter den Arm, zog dann, die ganze Zeit über Herrn Ralph Nickleby fixierend, sehr sorgfältig seine fingerlosen Handschuhe an, setzte mit scheinbarer oder wirklicher Bedächtigkeit seinen Hut auf den Kopf, als wäre er nagelneu und von der ausgesuchtesten Qualität, und verließ endlich das Zimmer, um seine Botschaft zu bestellen.

Er vollzog seinen Auftrag mit großer Pünktlichkeit und Eile, indem er nur auf eine halbe Minute in einem einzigen Wirtshaus einsprach, das ihm recht eigentlich auf dem Wege lag; denn er ging durch die eine Tür hinein und kam durch die andere wieder heraus. Als er jedoch wieder umkehrte und auf seinem Heimweg den Strand berührte, begann er mit der unsicheren Miene eines Mannes, der nicht ganz schlüssig ist, ob er halten oder weitergehen soll, zu zögern. Nach einer sehr kurzen Überlegung entschied er sich für das erstere, klopfte mit einem bescheidenen, oder besser gesagt mit einem unsicheren einfachen Doppelschlag an Fräulein La Creevys Tür.

Sie wurde durch ein fremdes Dienstmädchen geöffnet, auf das die sonderbare Figur des Besuchers nicht den günstigsten Eindruck zu machen schien; denn sie war seiner kaum ansichtig geworden, als sie die Tür wieder beinahe schloß und sich mit der Frage, was er begehre, hinter die schmale Spalte stellte. Newman ließ aber nur ganz einsilbig das Wort »Noggs« hören, als habe dasselbe beschwörende Bedeutung und müßten vor seinem Klang die Riegel zurück- und die Türen weit auffliegen. Er drängte sich rasch an dem Mädchen vorbei und erreichte die Tür von Fräulein La Creevys Arbeitszimmer, ehe noch der erschrockene Dienstbote etwas einzuwenden vermochte.

»Um Gottes willen!« rief Fräulein La Creevy erschreckt, als Newman auf ihr »Herein!« ins Zimmer stürzte. »Was steht zu Diensten, Sir?«

»Sie erinnern sich meiner nicht mehr?« sagte Newman mit einer Kopfneigung. »Das nimmt mich nicht wunder. Es ist freilich begreiflich genug, daß mich niemand kennt, der mich in früheren Tagen gekannt hat; aber es gibt wenige, die mich, wenn sie mich jetzt sehen – und wäre es auch nur ein einziges Mal – wieder vergessen.«

Er blickte bei diesen Worten auf seine abgetragenen Kleider und sein gelähmtes Bein und schüttelte leicht den Kopf.

»Ich konnte mich allerdings nicht gleich Ihrer entsinnen«, versetzte Fräulein La Creevy, indem sie aufstand und Newman entgegentrat; »und ich schäme mich deshalb vor mir selber; denn Sie sind ein guter und wohlwollender Mann, Herr Noggs. Setzen Sie sich und erzählen Sie mir, was Sie von Fräulein Nickleby wissen. Das arme Kind! Ich habe sie seit vielen Wochen nicht gesehen.«

»Warum das?« fragte Newman.

»Offen gestanden, Herr Noggs«, sagte Fräulein La Creevy, »ich habe auswärts einen Besuch gemacht – die erste Reise seit fünfzehn Jahren.«

»Das ist eine lange Zeit«, entgegnete Newman melancholisch.

»Es ist allerdings eine sehr lange Zeit, wenn man die Jahre zählt. Aber die einzelnen Tage schwinden, Gott sei Dank, auf die eine oder die andere Weise friedlich und glücklich genug dahin«, versetzte die Miniaturmalerin. »Ich habe einen Bruder, Herr Noggs – der einzige Verwandte, der mir geblieben ist –, und ich habe ihn in dieser ganzen Zeit kein einziges Mal gesehen. Nicht daß wir je im Streit miteinander gelebt hatten, aber er wurde im Lande unten in die Lehre getan, verheiratete sich dort, und in den neuen Banden, die ihn da umschlossen, vergaß er ein so armes kleines Frauenzimmer, wie ich bin, was auch ganz begreiflich ist. Glauben Sie übrigens nicht, daß ich mich darüber beklage; denn ich sagte mir immer: ›Es liegt in der Natur der Sache. Der arme Johann sucht sich in der Welt fortzuhelfen, so gut er kann, hat eine Frau, der er seinen Kummer und seine Sorgen mitteilen kann, und Kinder, die um ihn spielen, und so möge Gott ihn und sie segnen und uns alle seinerzeit an einem Ort zusammenführen, wo wir uns nie wieder trennen werden.‹ – Aber was sagen Sie dazu, Herr Noggs?« fuhr die Porträtmalerin fort, indem sie mit erheitertem Gesicht ihre Hände zusammenschlug. »Derselbe Bruder kommt kürzlich nach London und läßt nicht ab, bis er mich aufgefunden hat. Was meinen Sie – er kam hierher, saß in demselben Stuhl, in dem Sie sitzen, und weinte wie ein Kind aus lauter Freunde, mich wiederzusehen. Was sagen Sie dazu, daß er darauf bestand, mich mit aufs Land in sein Haus zu nehmen – ein ganz prächtiges Haus, Herr Noggs, mit einem großen Garten und ich weiß nicht wieviel Morgen Feld, einem Diener in Livree, der bei Tisch aufwartet, mit Kühen, Pferden, Schweinen und Gott weiß was sonst noch. Er hielt mich einen ganzen Monat zurück und drang in mich, mein ganzes Leben über bei ihm zu bleiben – ja, mein ganzes Leben über. Das gleiche tat sein Weib und dasselbe taten seine Kinder – es sind ihrer vier; und dem ältesten davon, einem Mädchen, haben sie vor gut acht Jahren meinen Namen beigelegt – ja, das haben sie. Ich war nie so glücklich, – in meinem ganzen Leben nie!«

Die gute Dame verbarg ihr Gesicht in ihrem Taschentuch und schluchzte laut; denn Newmans Besuch gab ihr zum erstenmal Gelegenheit, ihrem Herzen Luft zu machen.

»Aber du mein Himmel«, fuhr Fräulein La Creevy nach einer kurzen Pause fort, indem sie ihre Augen trocknete und ihr Tuch mit großer Geschäftigkeit und Hast in den Strickbeutel steckte, »wie töricht muß es Ihnen vorkommen, Herr Noggs! Ich hätte eigentlich davon schweigen sollen, und ich erzählte es Ihnen nur, um Ihnen zu erklären, warum ich Fräulein Nickleby so lange nicht gesehen habe.«

»Sind Sie auch nicht mit der alten Frau zusammengekommen?« fragte Newman.

»Sie meinen Madame Nickleby?« versetzte Fräulein La Creevy. »Dann will ich Ihnen was sagen, Herr Noggs – wenn Sie bei ihr gut angeschrieben bleiben wollen, so werden Sie guttun, sie nie mehr die alte Frau zu nennen, denn ich vermute, daß sie diesen Ehrentitel nicht besonders wohlgefällig aufnehmen dürfte. – Ja, ich besuchte sie vorgestern abend, aber sie schwebte ganz auf dem hohen Seile und tat so vornehm und geheimnisvoll, daß ich nicht wußte, was ich aus ihr machen sollte. Offen gestanden, ich spielte dann auch die Vornehme, und so kamen wir auseinander. Ich dachte, sie würde bald ihre Saiten wieder herunterspannen; sie hat mich aber noch nicht wieder besucht.«

»Und Fräulein Nickleby?« entgegnete Newman.

»Sie war in meiner Abwesenheit zweimal hier«, erwiderte Fräulein La Creevy. »Ich fürchtete, sie möchte es ungern sehen, wenn ich sie unter den vornehmen Leuten, bei denen sie lebt, besuchte, und so wollte ich ein paar Tage abwarten, ob sie nicht wieder herkäme, und ihr dann schreiben.«

»Ah!« rief Newman, an seinen Fingern knackend.

»Ich möchte übrigens durch Sie Neuigkeiten von ihnen erfahren«, sagte Fräulein La Creevy. »Was macht das alte, grobe und zähe Ungeheuer von Golden Square? Es ist natürlich wohl, denn solches Volk ist es immer. Ich meine also nicht seine Gesundheit, sondern wie er sich gegen seine Verwandten benimmt?«

»Gott verdamm‘ ihn!« rief Newman, seinen gehätschelten Hut auf den Boden schleudernd; »er benimmt sich wie der nichtswürdigste Hund, den die Erde trägt.«

»Barmherziger Himmel, Herr Noggs, Sie erschrecken mich«, rief Fräulein La Creevy erbleichend.

»Ich würde ihm gestern nachmittag sein Gesicht gezeichnet haben, wenn ich es hätte wagen dürfen«, sagte Newman, indem er in großer Aufregung auf und ab ging und seine Faust gegen Cannings Porträt über dem Kaminsims schüttelte. »Ich war nahe daran und mußte meine Hände mit Gewalt in der Tasche festhalten; aber ich tue es einmal – gewiß, ich tue es einmal in dem kleinen Hinterzimmer. – Ich hätte ihn schon früher einmal in Arbeit genommen, wenn ich nicht gefürchtet hätte, das Übel noch viel schlimmer zu machen. Aber ich will mich einschließen mit ihm und die Sache mit ihm ausfechten, ehe ich sterbe – gewiß und wahrhaftig.«

»Ich werde schreien, wenn Sie sich nicht zusammennehmen, Herr Noggs«, entgegnete Fräulein La Creevy. »Ich kann so nicht allein mit Ihnen im Zimmer bleiben.«

»Kehren Sie sich nicht daran«, erwiderte Newman, ungestüm auf und ab schießend. »Er kommt heute abend; ich habe ihm geschrieben. Er hat keine Ahnung davon, daß ich um seine Schliche weiß und daß ich mich um diese kümmere. Der verschmitzte Schurke! Er träumt sich nichts davon – nein, nein! Doch gleichgültig. Ich will ihm einen Strich durch die Rechnung machen, ich, Newman Noggs. Ho, ho, der Bösewicht!«

Newmans Wut steigerte sich bis zum höchsten Gipfel, und er schoß mit so exzentrischen Bewegungen im Zimmer hin und her, wie man sie wohl nie an einem menschlichen Wesen gesehen, indem er bald gegen die kleinen Miniaturbilder an der Wand gestikulierte, bald, um die Illusion zu erhöhen, mit den Fäusten seinen Kopf zerhämmerte, bis er ganz atemlos und erschöpft wieder auf seinen früheren Sitz sank.

»So!« sagte Newman, seinen Hut wieder aufnehmend: »das hat mir gutgetan. Ich fühle mich jetzt besser, und Sie sollen nun alles erfahren.«

Es bedurfte einiger Zeit, um Fräulein La Creevy, die durch diese merkwürdige Demonstration aufs höchste erschreckt und ganz außer Fassung gekommen war, wieder zu beruhigen. Dann aber erstattete Newman treuen Bericht über alles, was sich bei Gelegenheit von Käthchens Unterredung mit ihrem Onkel zugetragen hatte, wobei er seine Erzählung mit der Versicherung, daß er schon früher aus diesen und jenen Gründen Argwohn geschöpft, bekräftigte, und mit der Mitteilung schloß, daß er heimlich an Nicolaus geschrieben hätte.

Obgleich sich die Entrüstung der kleinen La Creevy nicht in einer so ungewöhnlichen Weise äußerte wie bei Newman, so war sie doch kaum weniger lebhaft. In der Tat – wenn Ralph Nickleby in diesem Augenblick ins Zimmer getreten wäre, so hätte man nicht wissen können, ob er in Fräulein La Creevy oder in Newman Noggs einen gefährlicheren Gegner gefunden haben würde.

»Gott verzeih‘ mir die Sünde«, schloß Fräulein La Creevy ihren Zornerguß, »aber es ist mir, als könnte ich ihm mit Vergnügen das ins Herz stoßen.«

Fräulein La Creevys Waffe war freilich keine besonders furchtbare: denn sie bestand in nicht mehr und nicht minder als in einem Bleistift. Als sie jedoch ihren Irrtum wahrnahm, vertauschte ihn die kleine Malerin mit einem Perlenmutterobstmesser, womit sie, zum Beweis ihrer Wut, einen Stoß führte, der kaum ein Krümchen von einem Brotlaib heruntergesäbelt haben würde.

»Sie wird morgen nicht mehr in dem Hause sein«, sagte Newman; »das ist ein Trost.«

»Ach, ich wollte, sie hätte es schon vor Wochen verlassen«, rief Fräulein La Creevy.

»Ja, wenn man’s hätte wissen können«, versetzte Newman: »aber das war eben nicht der Fall. Es steht niemandem zu, sich in die Sache zu mischen, als ihrer Mutter oder ihrem Bruder. Die Mutter ist schwach – ein armes, schwaches Ding. Aber der liebe junge Mann wird noch diesen Abend hier sein.«

»Um Gottes willen«, rief Fräulein La Creevy, »er wird etwas Verzweifeltes beginnen, wenn Sie ihm gleich alles sagen.«

Newman hörte auf, die Hände zu reiben, und nahm eine gedankenvolle Miene an.

»Verlassen Sie sich darauf«, sagte Fräulein La Creevy mit Nachdruck, »wenn Sie ihm die Wahrheit nicht sehr behutsam beibringen, so wird er irgendeine Gewalttätigkeit gegen seinen Onkel oder einen dieser Menschen verüben, die ihn in ein schreckliches Unglück stürzen und Gram und Sorge über uns bringen kann.«

»Daran dachte ich nicht«, versetzte Newman, dessen Gesicht sich immer mehr verdunkelte. »Ich kam her, um Sie zu fragen, ob Sie die Schwester aufnehmen würden, wenn sie zu Ihnen gebracht würde, aber –«

»Aber es ist von weit größerer Wichtigkeit«, unterbrach ihn Fräulein La Creevy, »daß Sie die Sache besser bedacht hätten, ehe Sie kamen; denn der Ausgang dieser Dinge läßt sich nicht voraussehen, wenn Sie nicht mit der größten Behutsamkeit zu Werke gehen.«

»Was kann ich tun?« rief Noggs, indem er sich verlegen am Kopf kratzte. »Wenn er sagt, er wolle sie alle totschießen, was bleibt mir da anders zu erwidern, als: ›Nur zu – aber treffen Sie gut.‹«

Fräulein La Creevy konnte bei diesen Worten einen Angstruf nicht unterdrücken und ging sogleich ans Werk, Newman das feierliche Versprechen abzudringen, daß er alles aufbieten wolle, den Zorn des jungen Nickleby zu besänftigen, was denn auch nach einigem Zögern zugestanden wurde. Dann hielten sie miteinander Rat, wie man ihm die Umstände, die seine Gegenwart notwendig machten, auf die sicherste und gefahrloseste Weise mitteilen könne.

»Man muß es so einrichten, daß er Zeit hat, um ruhiger zu werden, ehe er entsprechende Schritte tun kann«, sagte Fräulein La Creevy. Das ist von der größten Wichtigkeit. Man darf es ihm erst spät in der Nacht sagen.«

»Aber er wird schon abends zwischen sechs und sieben Uhr in der Stadt sein«, versetzte Newman. »Ich darf ihm den wahren Stand der Dinge nicht vorenthalten, wenn er mich fragt.«

»So müssen Sie ausgehen, Herr Noggs«, entgegnete Fräulein La Creevy. »Sie können ja leicht durch ein Geschäft verhindert worden sein und dürfen nicht vor Mitternacht nach Hause kommen.«

»Dann wird er schnurstracks hierherkommen«, erwiderte Newman.

»Wahrscheinlich wird er das tun«, erwiderte Fräulein La Creevy; »aber er soll auch mich nicht finden; denn ich gehe, sobald Sie mich verlassen, in die City, versöhne mich mit Madame Nickleby und nehme sie mit ins Theater, so daß er nicht einmal den Aufenthalt seiner Schwester erfährt.«

Nach einer weiteren Erörterung stellte sich dieser Ausweg als der sicherste und tunlichste heraus. Es wurde daher ausgemacht, die Maßregeln danach zu nehmen, und Newman, der zum Schlusse noch viele Verwarnungen und Bitten anhören mußte, verabschiedete sich von Fräulein La Creevy und humpelte nach Golden Square zurück, wobei er unterwegs eine Unzahl von Wahrscheinlichkeiten und Unwahrscheinlichkeiten wiederkäute, die infolge der eben geendigten Unterhaltung sein Gehirn bedrängten.

Zweiunddreißigstes Kapitel.


Zweiunddreißigstes Kapitel.

Berichtet hauptsächlich eine merkwürdige Unterredung und einige daraus fließende merkwürdige Folgen.

»Endlich wären wir in London«, rief Nicolaus, indem er seinen Mantelkragen zurückschlug und Smike aus einem langen Schlaf weckte. »Kam es mir doch vor, als ob wir es nie erreichen würden.«

»Und doch haben’s meine Pferde an nichts fehlen lassen«, bemerkte der Kutscher, indem er mit einer nicht sehr freundlichen Miene über die Schulter nach Nicolaus hinblickte.

»Ich weiß das«, lautete die Antwort, »aber es war mir ungemein viel an der Beendigung meiner Reise gelegen, und das macht, daß einem der Weg lang vorkommt.«

»Nun«, meinte der Kutscher, »wenn Ihnen der Weg mit einem solchen Tier lang vorkam, so müssen Sie es ungemein eilig haben.«

Um seinen Worten mehr Nachdruck zu geben, holte er mit seiner Peitsche aus und berührte mit der Schnur die Waden eines kleinen Knaben.

Sie rasselten weiter durch die geräuschvollen, belebten Straßen von London, die jetzt eine lange Doppelreihe hellglänzender Lampen, hin und wieder mit den farbigen Lichtkugeln eines Apothekers untermischt, zeigten und außerdem durch die strahlende Flut beleuchtet waren, die aus den Ladenfenstern strömte, wo sich funkelnde Juwelen, Seiden- und Samtstoffe in den reichsten Farben, die einladendsten Leckereien und die üppigsten Putzartikel in bunter Verwirrung folgten. Volksmassen strömten fast endlos ab und zu, stießen sich an und eilten weiter, ohne der Reichtümer zu beiden Seiten zu achten, während Fuhrwerke von allen Formen in eine bewegte Masse zusammengemengt wie herabstürzendes Wasser den Tumult und Lärm durch ihr endloses Rollen vermehren halfen.

Seltsam war die Reihenfolge der Dinge, wie sie im beharrlichen Wechsel vor den Augen der Vorbeifahrenden auftauchten. Läden voll prächtiger Kleider, deren Stoffe aus allen Teilen der Welt herbeigeschafft waren, lockende Vorräte aller Art, um den gesättigten Appetit anzureizen und dem oft wiederholten Schlemmermahle einen neuen Reiz zu geben; Gefäße aus blankem Gold und Silber in den ausgesuchtesten Vasen-, Teller- und Schalenformen; Flinten, Säbel, Pistolen und andere Zerstörungsmaschinen: Schrauben und Eisen für die Verkrümmten, Linnen für die neugeborenen Kinder, Arzneien für die Kranken, Särge für die Gestorbenen und Kirchhöfe für die Begrabenen – all das schwang sich durcheinander und häufte sich Seite an Seite, ähnlich den phantastischen Gruppen in Holbeins Totentanz, der gedanken- und ruhelosen Menge stets dieselbe ernste Lehre vorhaltend.

In dem Gedränge selbst fehlte es gleichfalls nicht an Gegenständen, die der wechselnden Szene bestimmte Anhaltspunkte gaben. Die Lumpen des schmutzigen Bänkelsängers flatterten in dem reichen Lichte, das die Schätze eines Goldarbeiters sichtbar werden ließ. Bleiche, verhungerte Gesichter schwebten um die Fenster, wo lockende Speisen ausgestellt waren, gierige Augen wanderten über das bunte Gewirre, das nur durch eine dünne Glasscheibe – für sie aber eine eherne Mauer – geschützt wurde. Halbnackte, frierende Gestalten blieben stehen, um chinesische Halstücher und Goldstoffe aus Indien zu bewundern. Bei dem größten Sargmacher war ein Kindtaufschmaus, und Beerdigungsvorbereitungen hatten einige großartige Bauveränderungen in dem prachtvollsten Palaste zum Stocken gebracht. Leben und Tod gingen Hand in Hand; Reichtum und Armut standen sich zur Seite; Schlemmerei und Hunger legten sich nebeneinander nieder.

Aber es war London, und die alte Dame vom Lande, die im Wagen saß und schon zwei Meilen vor Kingston ihren Kopf aus dem Kutschenfenster gesteckt hatte, um dem Kutscher zuzurufen, daß er bestimmt über die Stadt hinausgefahren sei und vergessen habe, sie abzusetzen, war endlich beruhigt.

Nicolaus bestellte in dem Wirtshaus, wo die Kutsche hielt, Betten für sich und Smike und begab sich dann, ohne einen Augenblick zu zögern, nach Newman Noggs‘ Wohnung; denn seine Angst und Ungeduld hatten mit jeder Minute zugenommen und waren fast nicht mehr zu bewältigen.

In Newmans Dachstübchen war Feuer angezündet, und ein brennendes Licht stand auf dem Tische; der Boden war gefegt, das Gemach so behaglich, wie es sich machen ließ, hergerichtet und auch für Speise und Trank gesorgt. Alles deutete auf Newman Noggs‘ teilnehmende Sorge und Aufmerksamkeit; aber Newman selbst war nicht zugegen.

»Wissen Sie nicht, wann er nach Hause kommen wird?« fragte Nicolaus, an die Wand von Newmans Nachbar pochend.

»Ah, Herr Johnson«, sagte Crowl, in die Stube tretend. »Willkommen, Sir! – Aber wie gut Sie aussehen! Ich hätte nie geglaubt – –«

»Entschuldigen Sie«, fiel Nicolaus ein. »Meine Frage – ich bin äußerst begierig, Ihre Antwort zu vernehmen.«

»Je nun, er hat ein langweiliges Geschäft abzumachen«, versetzte Crowl, »und wird vor zwölf Uhr nicht nach Hause kommen. Er ging zwar sehr ungern daran, kann ich Ihnen sagen; aber da war nichts zu ändern. Er hinterließ jedoch, Sie möchten sich’s bequem machen, bis er zurückkäme, und ersuchte mich, Sie zu unterhalten, wozu ich auch gern bereit bin.«

Zum Beweise seiner Bereitwilligkeit, sich für das allgemeine Beste aufzuopfern, schob Herr Crowl, während er so sprach, einen Stuhl an den Tisch, verhalf sich zu einer ziemlichen Portion kalten Braten und lud Nicolaus und Smike ein, seinem Beispiele zu folgen.

Unruhe und getäuschte Erwartung ließen Nicolaus keinen Bissen berühren. Er verließ daher, nachdem Smike sich’s an dem Tische bequem gemacht hatte – trotz der vielen Gegenvorstellungen, die Herr Crowl mit vollen Backen vorbrachte, das Haus, Smike beauftragend, daß er Newman zurückhalten möchte, wenn dieser zuerst zurückkehren sollte.

Nlcolaus schlug, wie Fräulein La Creevy vermutet hatte, seinen Weg schnurstracks nach ihrer Wohnung ein. Als er sie nicht zu Hause traf, ging er eine Weile mit sich selbst zu Rate, ob er nicht zu seiner Mutter gehen sollte, selbst auf die Gefahr hin, sie mit Ralph Nickleby zu verfeinden. In der vollen Überzeugung, daß ihn Newman nicht zur Rückkehr aufgefordert haben würde, wenn nicht gewichtige Gründe seine Anwesenheit nötig machten, entschied er sich endlich für diesen Schritt und eilte mit möglichster Hast ostwärts.

Madame Nickleby würde vor zwölf Uhr oder gar noch später nicht zu Hause sein, sagte das Mädchen. Sie glaubte, Fräulein Nickleby wäre wohlauf, aber sie wohne gegenwärtig nicht mehr bei ihrer Mutter und käme auch nur selten zu Besuch. Ihren Aufenthalt kannte sie nicht und wußte nur so viel mit Bestimmtheit, daß sie nicht mehr bei Madame Mantalini wäre.

Mit heftig pochendem Herzen und voll der trübsten Ahnungen kehrte Nicolaus zu Smike zurück. Newman war noch nicht nach Hause gekommen und durfte vor zwölf Uhr keinesfalls erwartet werden. War es nicht möglich, ihn auf einen Augenblick holen zu lassen oder ihm ein paar Zeilen zuzuschicken, auf die er eine mündliche Antwort geben konnte? Das ging nicht an, denn er war nicht in Golden Square und hatte wahrscheinlich einen Auftrag auswärts zu besorgen.

Nicolaus versuchte es, ruhig in Newmans Wohnung zu bleiben, aber er fühlte sich zu ergriffen und aufgeregt, um still sitzenbleiben zu können. Es deuchte ihm Zeitverlust, wenn er sich nicht bewege – allerdings eine törichte Einbildung, er wußte es wohl, aber er war nicht imstande, sich ihrer zu erwehren. Er nahm daher seinen Hut und ging wieder auf die Straße.

Diesmal lenkte er seine Schritte gegen Westen und eilte, von tausend bangen Besorgnissen geängstigt, deren er nicht Herr zu werden vermochte, durch die Straßen. Er kam in den Hyde Park, der jetzt still und verlassen war, und vermehrte noch seine Geschwindigkeit, als hoffe er, dadurch seine Gedanken hinter sich zu lassen. Aber sie bedrängten ihn jetzt nur um so lebhafter, da ihm nichts begegnete, was seine Aufmerksamkeit hätte anlocken können. Besonders wollte sich der eine Gedanke nicht abweisen lassen, es hätte sich ein so schreckliches Unglück zugetragen, daß jedermann sich scheue, es ihm mitzuteilen. Die alte Frage – was kann es wohl sein? tauchte immer wieder in seiner Seele auf. Er lief fort, bis er müde war, ohne auch nur um eine Spur klüger zu werden, und verließ endlich den Park nur noch verwirrter, als er ihn betreten hatte.

Er hatte seit dem frühen Morgen fast nichts genossen und fühlte sich nun abgemattet und erschöpft. Als er sich mit langsameren Schritten dem Ort zuwandte, von wo er ausgegangen war, traf er an einer der Durchfahrten, die zwischen Park Lane und der Landstraße liegen, auf ein schönes Hotel, vor dem er mechanisch stehen blieb.

»Wahrscheinlich ein teurer Ort«, dachte Nicolaus, »aber ein Glas Wein und ein Stückchen Brot sind nie eine große Verschwendung, wo sie auch verkauft werden mögen. Und doch weiß ich nicht –«

Er ging einige Schritte weiter. Als er jedoch nach einem aufmerksamen Blick auf die lange Reihe von Gaslampen, die vor ihm sich breitete, überlegte, wie lange er brauchen würde, bis sie zu Ende wäre – vielleicht auch, weil er in einer Stimmung war, worin der Mensch am meisten geneigt ist, den ersten Eindrücken zu folgen – möglicherweise aber auch, weil er durch Neugier oder durch irgendeine seltsame Mischung von Gefühlen, die er sich nicht recht klarzumachen wußte, zu dem Hotel hingezogen wurde – kurz, Nicolaus kehrte wieder um und trat in da» Kaffeezimmer.

Es hatte eine sehr schöne Einrichtung. Die Wände waren mit den ausgesuchtesten französischen Tapeten bekleidet und mit einem sehr eleganten vergoldeten Fries verziert. Auf dem Boden lag ein reicher Teppich. Zwei prachtvolle Spiegel, einer über dem Kamingesims und ein anderer an dem entgegengesetzten Ende des Zimmers, von dem Boden bis zur Decke reichend, vervielfältigten die übrigen Herrlichkeiten und halfen durch ihren eigenen Glanz den Gesamteffekt verstärken. In der Nähe des Kamins befand sich eine ziemlich lärmende Gesellschaft, die aus vier Herren bestand. Außerdem waren nur noch zwei andere Personen anwesend, beide ältere Herren, die abgesondert saßen.

Nicolaus sah flüchtig umher, um sich zu orientieren, wie dies wohl alle tun, die einen Ort, der ihnen neu ist, zum erstenmal betreten, und nahm in der lärmenden Gesellschaft, der er den Rücken zukehrte, Platz, verschob es jedoch, sich eine Flasche Claret bringen zu lassen, bis der Kellner und einer der älteren Herren einen Streit über den Preis eines gewissen Artikels auf der Speisekarte ausgeglichen hätten, und beschäftigte sich inzwischen mit dem Lesen einer Zeitung.

Er hatte noch keine zwanzig Zeilen gelesen und befand sich in der Tat in einem halben Schlummer, als er durch die Erwähnung des Namen« seiner Schwester wieder aufgeschreckt wurde. »Das kleine Käthchen Nickleby« waren die Worte, die sein Ohr getroffen hatten. Er richtete verwundert seinen Kopf auf und bemerkte dann im Reflex der beiden Spiegel, daß zwei von der Gesellschaft hinter ihm ihre Sitze verlassen hatten und vor dem Feuer standen. »Sie müssen von einem dieser zwei herrühren«, dachte Nicolaus. Er erwartete mit ziemlich entrüstetem Gesicht noch mehr zu hören; denn der Ton, womit die Worte gesprochen wurden, war nichts weniger als achtungsvoll gewesen, und das Äußere des Individuums, von dem sie seiner Meinung nach herrührten, sah ziemlich locker und renommistisch aus.

Dieser Mann, dessen Gesicht Nicolaus in dem Spiegel sehen konnte, hatte den Rücken dem Feuer zugekehrt und unterhielt sich mit einem jüngeren Herrn, der der Gesellschaft den Rücken zuwandte, den Hut auf dem Kopf hatte und mit Hilfe des Spiegels seinen Hemdkragen zurechtrückte. Sie sprachen flüsternd und brachen hin und wieder in ein lautes Lachen aus, aber Nicolaus konnte keine Wiederholung jener Worte noch sonst etwas, das Ähnlichkeit mit denselben gehabt hätte, vernehmen.

Endlich nahmen die beiden ihre Sitze wieder ein, und da sie noch mehr Wein herbeibringen ließen, so wurde die Gesellschaft nur noch lauter und lustiger. Doch sprachen sie von niemandem, den Nicolaus gekannt hätte, und er kam endlich zu der Überzeugung, seine aufgeregte Phantasie hätte ihm entweder diese Laute vorgezaubert oder andere Worte in den Namen umgewandelt, der eben alle seine Gedanken in Anspruch nahm.

»Es ist aber doch merkwürdig«, dachte Nicolaus. »Wäre es ›Käthchen‹ oder ›Käthchen Nickleby‹ gewesen, so hätte es mich nicht wundernehmen sollen, aber das ›kleine Käthchen Nickleby‹!«

In diesem Augenblick kam der Wein, der Nicolaus verhinderte, seinen Satz vollends auszudenken. Er trank ein Glas voll und nahm die Zeitung wieder auf. In demselben Augenblick rief eine Stimme hinter ihm:

»Das kleine Käthchen Nickleby!«

»Ich hatte doch recht«, murmelte Nicolaus, und das Blatt entsank seiner Hand. »Auch ist es derselbe Mann, den ich vorhin im Verdacht hatte.«

»Da es nicht wohl tunlich ist, ihre Gesundheit aus leeren Gläsern zu trinken«, sagte die Stimme wieder, »so soll sie die ersten aus der neuen Flasche erhalten. – Das kleine Käthchen Nickleby!«

»Das kleine Käthchen Nickleby!« riefen die andern drei, und die Gläser wurden leer wieder niedergesetzt.

Diese leichtfertige und unbekümmerte Erwähnung des Namens seiner Schwester an einem öffentlichen Ort schnitt Nicolaus ins Herz und fachte Glut an in seinem Innern. Er gab sich jedoch alle Mühe, an sich zu halten, und wandte nicht einmal den Kopf um.

»Das Teufelsmädel!« sagte die Stimme, die vorhin gesprochen hatte. »Sie ist echtes Nicklebyblut – eine würdige Nachahmerin ihres alten Onkels Ralph. Sie zieht sich zurück, um desto mehr gesucht zu werden, und er macht’s gleichfalls so. Es ist nichts bei ihm zu holen, nur wenn man ihm keine Ruhe läßt – das Geld kommt dann doppelt willkommen, und die Interessen werden doppelt hoch gespannt, denn unsereiner ist ungeduldig, und er ist’s nicht. Ah, verteufelt schlau.«

»Verteufelt schlau«, echoten zwei Stimmen.

Die zwei älteren Herren auf der anderen Seite standen nun einer nach dem andern auf, um sich zu entfernen, was Nicolaus in eine wahre Todesangst versetzte: denn er fürchtete, in dem Geräusch, das die Abgehenden verursachten, ein Wörtchen von dem, was gesprochen wurde, zu verlieren. Es trat jedoch gerade eine Pause in der Unterhaltung ein, und später ging die letztere nur um so ungezwungener fort.

»Ich fürchte«, sagte der jüngere Herr, »die A-alte ist eifersüchtig geworden und hat sie eingesperrt. – Wahrhaftig, es hat ganz das Aussehen.«

»Wenn sie Streit miteinander kriegen und die kleine Nickleby zu ihrer Mutter heimgeht – um so besser. Ich kann mit der alten Madame alles anfangen. Sie glaubt alles, was ich ihr sage.«

»Jawohl«, entgegnete die zweite Stimme: »hahaha! eine waschechte Gans.«

Die beiden anderen Stimmen, die alles gleichzeitig taten, stimmten in das Gelächter ein, das nun auf Madame Nicklebys Kosten allgemein wurde. Nicolaus wandte sich zornglühend um, aber er meisterte sich einen Augenblick und harrte, um noch weiteres zu hören.

Was er hier vernahm, brauchen wir nicht zu wiederholen. Je rascher der Becher kreiste, je mehr lernte er die Charaktere und Absichten seiner Nachbarn kennen, wie ihm denn Ralphs Büberei in ihrem vollen Umfange klar wurde und über den wahren Grund, warum seine Anwesenheit in London verlangt wurde, ein helles Licht aufging. Er hörte all dieses und noch mehr. Er war Zeuge davon, wie man die Leiden seiner Schwester verlachte, ihr sittsames Benehmen verhöhnte und auf die roheste Weise mißdeutete, und wie ihr Name von Mund zu Mund ging oder zum Gegenstand roher und unverschämter Wetten und unzüchtiger Scherze gemacht wurde.

Der Mann, der zuerst gesprochen hatte, führte die Unterhaltung fast ausschließlich und wurde nur hin und wieder durch eine hingeworfene Bemerkung von dem einen oder andern seiner Zechgenossen gespornt. An diesen also wendete sich Nicolaus, als er sich hinreichend gesammelt hatte, um der Gesellschaft gegenüberzutreten und seine Worte aus der zusammengeschnürten Kehle hervorzuzwängen.

»Ich muß ein Wort mit Ihnen sprechen, Sir«, sagte Nicolaus.

»Mit mir, Sir?« entgegnete Sir Mulberry Hawk, indem er ihn verwundert mit einem Blick der Geringschätzung maß.

»Ja, mit Ihnen«, versetzte Nicolaus mit vor Wut fast erstickter Stimme.

»Wahrhaftig, ein geheimnisvoller Unbekannter«, rief Sir Mulberry, indem er sein Glas an die Lippen führte und seine Freunde der Reihe nach ansah.

»Wollen Sie ein paar Minuten mit mir zur Seite treten, oder weigern Sie sich, es zu tun?« fragte Nicolaus finster.

Sir Mulberry setzte sein Glas auf einen Augenblick ab und forderte ihn auf, entweder sein Begehren vorzubringen oder den Tisch zu verlassen.

Nicolaus nahm eine Karte aus der Tasche und warf sie auf die Tafel.

»Da, Sir!« rief Nicolaus. »Mein Begehren werden Sie erraten.«

Ein vorübergehender Ausdruck von Überraschung und Verwirrung überflog Sir Mulberrys Gesicht, als er den Namen las; er faßte sich jedoch schnell wieder, stieß die Karte dem Lord Verisopht zu, der ihm gegenübersaß, nahm aus einem vor ihm stehenden Glas einen Zahnstocher und machte gar gemächlich Gebrauch davon.

»Ihr Name und Ihre Adresse?« sagte Nicolaus, der, je mehr sich seine Leidenschaft steigerte, immer blasser wurde.

»Sie werden weder den einen noch die andere erfahren«, versetzte Sir Mulberry.

»Wenn ein Mann von Ehre in dieser Gesellschaft ist«, rief Nicolaus, dessen weiße Lippen kaum imstande waren, die Worte zu bilden, »so wird er mir den Namen und die Wohnung dieses Menschen mitteilen.«

Es herrschte eine Totenstille.

»Ich bin der Bruder der jungen Dame, die der Gegenstand der hier geführten Unterhaltung war«, fuhr Nicolaus fort. »Ich erkläre diesen Menschen für einen Lügner und für eine Memme. Wenn er einen Freund hier hat, so wird dieser ihm die Schmach des erbärmlichen Versuches, seinen Namen geheimzuhalten, ersparen, um so mehr, da es ihm doch nichts nützen wird; denn ich ruhe nicht, bis ich ihn ausfindig gemacht habe.«

Sir Mulberry blickte verächtlich gegen ihn hin und sprach dann zu seinen Gefährten:

»Laßt den Kerl schwatzen. Ich habe nichts Ernsthaftes mit Milchbärten von seiner Stellung zu verhandeln, und er verdankt es nur seiner hübschen Schwester, daß er meinetwegen bis Mitternacht fortplaudern kann, ohne daß ich ihm den Schädel einschlage.«

»Sie sind ein niederträchtiger und feiger Schurke«, rief Nicolaus, »und die ganze Welt soll Sie als einen solchen kennenlernen. Ich erfahre schon, wer Sie sind, und ich werde Ihnen nachfolgen, wenn Sie auch bis zum Morgen in den Straßen herumlaufen.«

Sir Mulberrys Hand fuhr unwillkürlich nach einer Weinflasche, und er schien einen Augenblick willens zu sein, sie nach dem Kopf seine« Beleidigers zu schleudern. Er füllte jedoch bloß sein Glas und lachte höhnisch.

Nicolaus setzte sich unmittelbar der Gesellschaft gegenüber, rief den Kellner herbei und bezahlte seinen Wein.

»Kennen Sie den Namen dieses Menschen?« fragte er den Diener ziemlich laut, indem er auf Sir Mulberry deutete.

Sir Mulberry lachte abermals, und die zwei Stimmen, die immer miteinander gesprochen hatten, bestätigten das Lachen, aber nicht sehr lebhaft.

»Dieses Herrn, Sir?« versetzte der Kellner, der seine Rolle gut verstand, gerade mit so wenig Achtung und so viel Unverschämtheit, wie er nur irgend zur Schau tragen konnte. »Nein, Sir, ich kenne ihn nicht.«

»Und wissen Sie auch«, rief Sir Mulberry dem sich entfernenden Kellner zu, »wie dieser Mensch heißt?«

»Wie er heißt, Sir? Nein, Sir.«

»Dann können Sie ihn hier lesen«, sagte Sir Mulberry, indem er ihm Nicolaus‘ Karte zuwarf, »und wenn Sie es getan haben, so werfen Sie den Fetzen ins Feuer – hören Sie?«

Der Kellner verzog den Mund zu einem Grinsen, blickte zweifelhaft nach Nicolaus hin und legte die Sache bei, indem er die Karte an den Kaminspiegel steckte. Als er das getan hatte, entfernte er sich.

Nicolaus schlug die Arme zusammen, biß sich in die Lippen und blieb in vollkommener Ruhe sitzen; in seiner Miene ließ sich aber der feste Entschluß nicht verkennen, die Drohung, Sir Mulberry nach Hause zu folgen, auszuführen.

Aus dem Ton, womit das jüngere Mitglied der Gesellschaft zu seinem Freunde sprach, schien zu erhellen, daß er diesem Gegenvorstellungen wegen seines Betragens machte und daß er ihn drängte, Nicolaus‘ Verlangen zu erfüllen. Sir Mulberry aber, der nicht mehr ganz nüchtern war, beharrte auf seiner Störrigkeit, brachte die Vorstellungen seines schwachen jungen Freundes bald zum Schweigen und schien noch außerdem – vielleicht um keiner Wiederholung derselben ausgesetzt zu sein – darauf zu bestehen, daß man ihn allein lasse. Wie dem übrigens auch sein mag, der junge Herr und die zwei andern, die immer zugleich gesprochen hatten, standen bald nachher auf, entfernten sich und ließen ihren Freund mit Nicolaus allein.

Es läßt sich leicht denken, daß für einen Mann in Nicolaus‘ Lage die Minuten auf bleiernen Fittichen entschwanden und daß ihr Enteilen durch den monotonen Pendelgang einer französischen Uhr oder den schrillen Ton der kleinen Glocke, die die Viertelstunden anzeigte, nicht beschleunigt zu werden schien. Aber da saß er, während auf der entgegengesetzten Seite des Zimmers Sir Mulberry Hawk auf seinem alten Sitz zurücklehnte, die Füße auf das Polster stützte, sein Taschentuch nachlässig über die Knie geworfen hatte und mit der größten Ruhe und Gleichgültigkeit seine Claretflasche vollends leerte.

So blieben sie wohl eine Stunde in vollkommenem Schweigen einander gegenüber. – Nicolaus kam es wohl dreimal so lang vor, aber die kleine Glocke hatte erst viermal geviertelt. Zwei- oder dreimal sah er sich zornig und ungeduldig um. Aber da saß Sir Mulberry noch immer in derselben Stellung, hin und wieder das Glas an seine Lippen setzend und die Wand anstierend, als wäre er sich selbst durchaus nicht der Anwesenheit irgendeines lebenden Wesens bewußt.

Endlich streckte er sich, gähnte und stand auf. Dann trat er ganz ruhig vor den Spiegel, betrachtete sich darin und drehte sich endlich nach Nicolaus um. Nicolaus tat das gleiche, worauf Sir Mulberry seine Achseln zuckte, den Mund zu einem leichten Lächeln verzog, klingelte und den Kellner aufforderte, ihm seinen Mantel anziehen zu helfen.

Der Kellner gehorchte und hielt ihm die Tür offen.

»Sie können gehen«, sagte Sir Mulberry, und beide waren nun wieder allein.

Sir Mulberry ging, sorglos vor sich hinpfeifend, einigemal in dem Zimmer auf und ab, hielt dann an, um das letzte Glas Claret, das er einige Minuten vorher eingegossen hatte, zu leeren, nahm seinen Spaziergang wieder auf, drückte sich vor dem Spiegel seinen Hut auf den Kopf, zog seine Handschuhe an und ging langsam hinaus. Nicolaus, den die innere Wut beinahe verzehrte, sprang von seinem Sitz auf und folgte seinem Gegner – so dicht, daß, ehe noch die Tür nach Sir Mulberrys Hinaustreten in ihr Schloß eingeschlagen hatte, beide Seite an Seite auf der Straße standen.

Hier harrte eine Equipage. Der Hausknecht warf den ledernen Schlag zurück und eilte dann zu dem Kopf des Pferdes.

»Wollen Sie mir Ihren Namen sagen?« sagte Nicolaus mit vor Wut erstickter Stimme.

»Nein«, entgegnete der andere aufbrausend und seine Weigerung mit einem Fluch bekräftigend; »nein!«

»Wenn Sie der Geschwindigkeit Ihres Pferdes vertrauen, so sind Sie im Irrtum. Ich werde Sie begleiten – ja, beim Himmel, und wenn ich mich hinten anhängen müßte.«

»Dann sollen Sie heruntergepeitscht werden«, versetzte Sir Mulberry.

»Sie sind ein Schurke«, sagte Nicolcms.

»Und Sie wahrscheinlich ein Laufjunge«, entgegnete Sir Mulberrg Hawk.

»Ich bin der Sohn eines Gentlemans aus der Provinz«, erwiderte Nicolaus, »Ihnen gleich an Geburt und Erziehung, in jeder andern Hinsicht aber, wie ich wohl behaupten darf, überlegen. Ich sage Ihnen noch einmal, Käthchen Nickleby ist meine Schwester. Wollen Sie mir für Ihr unmännliches und niederträchtiges Betragen Rede stehen?«

»Einem geeigneten Kämpen – ja. Ihnen – nein«, versetzte Sir Mulberry, die Zügel zur Hand nehmend. »Aus dem Weg, Lumpenhund! Wilhelm, los.«

»Ihr tut besser, es bleiben zu lassen«, rief Nicolaus, indem er, als Sir Mulberry hineinsprang, auf den Kutschentritt trat und die Zügel ergriff. »Er hat das Pferd nicht in seiner Macht. – Nein, Sie sollen nicht von der Stelle – ich schwöre es Ihnen, Sie sollen mir nicht von der Stelle, bis Sie mir gesagt haben, wer Sie sind.«

Der Knecht zögerte; denn das Pferd, ein rasches und feuriges Tier, bäumte sich so gewaltsam, daß er es kaum zu halten vermochte.

»Los, sag ich dir!« donnerte Sir Mulberry.

Der Knecht gehorchte. Das Tier schlug hinten und vorn aus, als ob es den Wagen zu tausend Stücken zerschlagen wollte. Aber Nicolaus, der sich nur seiner Wut bewußt und blind gegen alle Gefahr war, blieb auf seinem Platz, ohne die Zügel fahren zu lassen.

»Wollen Sie loslassen?«

»Wollen Sie mir sagen, wer Sie sind?«

»Nein!«

»Nein?«

Diese Worte wurden rascher gewechselt, als sie die geläufigste Zunge auszusprechen vermag, worauf Sir Mulberry seine Peitsche kürzer faßte und damit aus Leibeskräften auf Nicolaus‘ Kopf und Schultern schlug. Sie zerbrach in dem Kampf, und Nicolaus, der sich der schweren Handhabe bemächtigte, versetzte damit seinem Gegner einen Schlag ins Gesicht, daß vom Auge bis zur Lippe eine blutende Wunde zurückblieb. Er sah die Schmarre, wußte, daß das Roß in tollem Galopp dahinraste; hundert Lichter tanzten vor seinen Augen, und er fühlte sich gewaltsam zur Erde geschleudert.

Er war unwohl und schwindlig; aber er half sich sogleich wieder auf die Beine, durch das laute Schreien der Leute aufgeweckt, die sich in den Straßen drängten und den Vorderen zuriefen, aus dem Wege zu gehen. Er war sich bewußt, daß ein Strom von Menschen rasch an ihm vorbeirauschte – beim Aufsehen konnte er die Equipage erkennen, wie sie mit fürchterlicher Eile das Pflaster entlang jagte – er hörte dann einen lauten Schrei, das Zerschmettern irgendeines schweren Körpers und das Klirren zerbrochenen Glases – dann bildete in der Ferne die Menschenmenge einen Haufen, und er konnte nichts mehr sehen oder hören.

Er war ganz allein; denn die allgemeine Aufmerksamkeit hatte sich ausschließlich der Person im Wagen zugewandt. Er schloß daher ganz richtig, daß es unter solchen Umständen Tollheit wäre, seinem Gegner zu folgen, und bog in ein Nebengäßchen ab, um den nächsten Droschkenstandort aufzusuchen, weil er bald die Entdeckung machte, daß er wie ein Betrunkener wanke und daß ihm ein Strom von Blut über Gesicht und Brust herunterfloß.