Philosophische Leitsätze zum Gebrauch für die Jugend

04

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Die erste Pflicht im Leben ist: so künstlich wie möglich zu sein. Eine zweite Pflicht hat bis heute noch keiner entdeckt.

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Lasterhaftigkeit ist ein Mythos, den gute Leute erfunden haben, um die merkwürdige Anziehungskraft anderer zu erklären.

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Wären die Armen nur nicht so häßlich, die soziale Frage ließe sich leicht lösen.

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Die einen Unterschied zwischen Körper und Seele machen, haben keines von beiden.

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Eine wirklich tadellose Knopflochblume ist das einzige, was Kunst mit Natur verbindet.

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Religionen sterben, wenn ihre Wahrheit erwiesen ist. Die Wissenschaft ist das Archiv toter Religionen.

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Guterzogene widersprechen anderen. Weise widersprechen sich.

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Tatsachen haben nicht die geringste Bedeutung.

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Stumpfsinn ist mündig gewordener Ernst.

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In allen unwichtigen Dingen ist Stil, nicht Ernsthaftigkeit, wesentlich.

In allen wichtigen Dingen ist Stil, nicht Ernsthaftigkeit, wesentlich.

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Wer die Wahrheit sagt, wird früher oder später dabei ertappt.

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Vergnügen ist das einzige, wofür man leben sollte. Nichts macht so alt wie Glück.

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Nur wer seine Rechnungen nicht bezahlt, darf hoffen, im Gedächtnis der Krämer-Kaste weiterzuleben.

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Kein Verbrechen ist vulgär. Aber jede Vulgarität ist ein Verbrechen. Vulgär ist das Benehmen anderer.

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Nur Flachköpfe kennen sich.

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Zeit ist Geldverschwendung.

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Man sollte stets ein wenig unwahrscheinlich sein.

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Gute Vorsätze haben etwas Fatales: sie werden immer zu früh gefaßt.

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Es gibt nur eine Entschuldigung, wenn man sich gelegentlich exzentrisch kleidet: man muß sich stets exzentrisch benehmen.

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Frühreif sein heißt vollkommen sein.

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Jedes Vorurteil über richtiges oder falsches Verhalten beweist eine gestörte intellektuelle Entwicklung.

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Ehrgeiz ist die letzte Zuflucht des Versagers.

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Eine Wahrheit hört auf wahr zu sein, wenn mehr als einer an sie glaubt.

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In Prüfungen stellen Toren Fragen, die Weise nicht beantworten können.

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Die griechische Kleidung war wesentlich unkünstlerisch. Nichts als der Körper sollte den Körper offenbaren.

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Man sollte entweder ein Kunstwerk sein oder ein Kunstwerk tragen.

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Nur die oberflächlichen Eigenschaften dauern. Des Menschen tiefere Natur ist bald entlarvt.

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Fleiß ist die Wurzel aller Häßlichkeit.

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Nur die Götter kosten den Tod. Apollo ist nicht mehr. Aber Hyacinth, den er erschlug, lebt weiter. Nero und Narziß sind immer mit uns.

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Greise glauben alles. Männer bezweifeln alles. Kinder wissen alles.

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Voraussetzung zur Vollkommenheit ist Muße. Ziel der Vollkommenheit ist Jugend.

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Nur Meistern des Stils gelingt es, dunkel zu sein.

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Die Zeitalter leben in der Geschichte durch ihre Anachronismen.

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Es ist tragisch, daß so viele gutaussehende junge Männer ins Leben treten, um in einem nützlichen Beruf zu enden.

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Eigenliebe ist Anfang einer lebenslangen Romanze.

Der Modellmillionär

03

Ein Zeichen der Bewunderung

Wenn man nicht reich ist, hat es keinen Sinn, ein netter Junge zu sein. Romantik ist das Vorrecht der Reichen, nicht der Beruf der Arbeitslosen. Der Arme muß praktisch und prosaisch sein. Es ist besser, ein sicheres Einkommen zu haben, als die Leute zu bezaubern. Das sind die großen Wahrheiten des modernen Lebens, die Hugo Erskine niemals erkannte. Armer Hugo! In intellektueller Beziehung, das muß ich zugeben, war er freilich nicht von großer Bedeutung. Er hat nie in seinem Leben ein glänzendes oder auch nur ein bissiges Wort gesagt – aber er sah wunderhübsch aus mit seinem krausen braunen Haar, seinem feingeschnittenen Profil und seinen braunen Augen. Er war ebenso beliebt bei Männern wie bei Frauen, und er hatte jede Tugend, nur nicht die, Geld machen zu können. Sein Vater hatte ihm seinen Kavalleriesäbel und eine Geschichte des spanischen Erbfolgekriegs in fünfzehn Bänden hinterlassen. Hugo hing den ersteren über seinen Spiegel und stellte die letzteren auf ein Regal zwischen Ruff’s Guide durch London und Bailey’s Magazine und lebte von zweihundert Pfund im Jahr, die eine alte Tante ihm aussetzte. Er hatte alles versucht. Er war sechs Monate auf die Börse gegangen; aber was soll ein Schmetterling zwischen gierigen Raubtieren anfangen? Etwas längere Zeit war er Teehändler gewesen, aber Pekoe und Souchong langweilten ihn bald. Dann hatte er versucht, herben Sherry zu verkaufen. Das ging nicht – der Sherry war etwas zu herb. Endlich war er nichts weiter als ein entzückender, harmloser junger Mann mit einem vollendeten Profil, aber ohne Beruf.

Um das Übel voll zu machen, war er überdies verliebt. Das Mädchen, das er liebte, war Laura Merton, die Tochter eines pensionierten Obersten, der seine gute Laune und seine gute Verdauung in Indien verloren hatte und keines von beiden je wiederfand. Laura betete Hugo an, und er war bereit, ihre Schuhbänder zu küssen. Es gab kein hübscheres Paar in London, aber sie besaßen zusammen keinen Heller. Der Oberst hatte Hugo sehr gern, wollte aber nichts von einer Verlobung wissen.

»Kommen Sie zu mir, mein Junge, wenn Sie einmal zehntausend Pfund besitzen – dann werden wir weiter sehen«, pflegte er zu sagen; und an solchen Tagen blickte Hugo sehr sauer drein, und Laura mußte ihn trösten.

Eines Morgens, als er gerade auf dem Wege nach dem Holland Park war, wo die Mertons wohnten, kam ihm der Gedanke, einen guten Freund, Alan Trevor, zu besuchen. Trevor war ein Maler. Es gelingt heutzutage wirklich wenig Leuten, dies nicht zu sein. Aber er war auch ein Künstler, und Künstler sind doch schon etwas seltener. Äußerlich war er ein seltsam grober Bursche mit einem sommersprossigen Gesicht und einem wilden roten Bart. Wenn er aber seinen Pinsel in die Hand nahm, war er ein wirklicher Meister, und seine Bilder waren sehr gesucht. Er war anfangs von Hugo lediglich seiner äußeren Vorzüge wegen entzückt gewesen. »Die einzigen Leute, mit denen ein Maler verkehren sollte«, pflegte er zu sagen, »sind Leute, die dumm und schön sind, Leute, die anzusehen ein künstlerischer Genuß ist, und bei denen der Geist ausruht, wenn man mit ihnen spricht. Männer, die Dandys und Frauen die Darlings sind, regieren die Welt oder sollten es wenigstens.« Als er aber Hugo besser kennenlernte, gewann er ihn ebenso lieb wegen seines frischen, heiteren Wesens und seiner sorglosen, noblen Natur; und so hatte er ihm erlaubt, ihn jederzeit in seinem Atelier zu besuchen.

Als Hugo eintrat, war Trevor gerade dabei, die letzte Hand an ein wundervolles, lebensgroßes Bildnis eines Bettlers zu legen. Der Bettler selbst stand auf einer erhöhten Plattform in einer Ecke des Ateliers. Es war ein vertrocknetes, zerknittertes altes Männchen mit einem Gesicht wie Pergament und mit einem sehr kläglichen Ausdruck in den Zügen. Über seine Schulter war ein elender brauner Mantel geworfen, ganz zerfetzt und zerlumpt. Seine plumpen Schuhe waren geflickt, und mit einer Hand stützte er sich auf einen derben Stock, mit der anderen hielt er seinen zerschlissenen Hut nach Almosen hin.

»Welch ein verblüffendes Modell!« flüsterte Hugo, als er seinem Freund die Hand schüttelte.

»Ein verblüffendes Modell?!« schrie Trevor mit der ganzen Kraft seiner Stimme. »Das will ich wohl meinen! Solchen Bettlern begegnet man nicht alle Tage. Eine trouvaille, mon cher, ein lebender Velasquez! Beim Himmel – was für eine Radierung hätte Rembrandt nach ihm gemacht.«

»Armer alter Kerl!« sagte Hugo. »Wie elend er aussieht! Aber für euch Maler muß ja sein Gesicht ein wahres Vermögen bedeuten.«

»Gewiß«, antwortete Trevor. »Sie können ja schließlich nicht verlangen, daß ein Bettler glücklich aussieht.«

»Wieviel bekommt ein Modell für eine Sitzung?« fragte Hugo, nachdem er sich bequem auf den Diwan niedergelassen hatte.

»Einen Schilling für die Stunde.«

»Und wieviel bekommen Sie für ein Bild, Alan?«

»Na – für das bekomme ich zweitausend.«

»Pfund?«

»Guineen. Maler, Poeten und Ärzte rechnen immer nur nach Guineen.«

»Das Modell sollte eigentlich eine Tantieme bekommen!« rief Hugo lachend. »Es hat eine ebenso schwere Arbeit wie Sie.«

»Unsinn, Unsinn! … Sehen Sie nur, was mir das Farbenauftragen allein schon für Mühe macht, und glauben Sie, es ist nichts, so den ganzen Tag vor der Staffelei zu stehen? Sie haben leicht reden, Hugo, aber ich versichere Sie, daß es Augenblicke gibt, wo die Kunst fast die Würde des Handwerks erreicht. Aber jetzt stören Sie mich nicht – ich habe noch sehr viel zu tun! Nehmen Sie eine Zigarette und verhalten Sie sich ruhig.«

Nach einiger Zeit kam der Diener herein und sagte Trevor, daß der Rahmenmacher ihn zu sprechen wünsche.

»Laufen Sie nicht davon, Hugo«, sagte er, als er hinausging. »Ich bin im Augenblick zurück.«

Der alte Bettler benützte die Abwesenheit Trevors, um sich ein wenig auf der hölzernen Bank, die hinter ihm stand, auszuruhen. Er sah so verloren und elend aus, daß Hugo Mitleid mit ihm haben mußte. Er suchte in seinen Taschen, um zu sehen, was er an Kleingeld bei sich habe. Er fand aber nur einen Sovereign und einige Kupfermünzen. ›Armer alter Kerl‹, sagte er zu sich selbst. ›Er braucht das Geld nötiger als ich. Für mich bedeutet das allerdings vierzehn Tage lang keinen Wagen.‹ Er ging durch das Atelier und schob den Sovereign in die Hand des Bettlers.

Der alte Mann sah verwundert auf, und ein schwaches Lächeln zuckte um seine vertrockneten Lippen. »Danke, Sir«, sagte er, »danke.«

Dann kam Trevor zurück, Hugo nahm Abschied und errötete dabei ein wenig über seine Tat. Er verbrachte den Tag mit Laura, sie schalt ihn liebenswürdig wegen seiner Extravaganz, und dann mußte er zu Fuß heimgehen. Gegen elf Uhr abends ging er noch in den Paletteklub, und dort fand er Trevor, der einsam im Rauchzimmer saß und Rheinwein mit Selterswasser trank.

»Nun, Alan, haben Sie Ihr Bild fertigbekommen?« sagte er und zündete sich eine Zigarette an.

»Fix und fertig und eingerahmt, mein Junge«, antwortete Trevor. »Sie haben übrigens eine Eroberung gemacht. Das alte Modell, das Sie gesehen haben, ist ganz und gar in Sie verschossen. Ich mußte ihm alles über Sie erzählen, wer Sie sind, wo Sie wohnen, wie hoch Ihr Einkommen ist, was für Aussichten Sie haben.«

»Mein lieber Alan«, rief Hugo. »Wenn ich jetzt nach Hause komme, wird er mich sicher schon erwarten. Sie machen hoffentlich nur einen Scherz? Der arme Jammergreis! Ich wünschte, ich könnte etwas für ihn tun. Es muß schrecklich sein, wenn man gar so elend ist. Ich habe Stöße von alten Kleidern zu Hause glauben Sie, daß er was davon gebrauchen könnte? Seine Fetzen fielen ihm ja schon in Stücken vom Leibe.«

»Aber er sieht prachtvoll darin aus«, sagte Trevor. »Nicht um alles in der Welt würde ich ihn im Frack malen. Was Sie Fetzen nennen, nenne ich romantisch. Was Ihnen jammervoll erscheint, ist für mich pittoresk. Übrigens werde ich ihm von Ihrem Anerbieten Mitteilung machen.«

»Alan«, sagte Hugo ernsthaft. »Ihr Maler seid doch ein herzloses Pack.«

»Eines Künstlers Herz ist sein Kopf«, antwortete Trevor. »Und überdies besteht unser Beruf darin, die Welt zu verwirklichen, wie wir sie sehen, nicht sie zu verbessern, weil wir sie kennen. A chacun son métier! Und nun sagen Sie mir, wie es Laura geht. Das alte Modell hat sich ungemein für sie interessiert.«

»Wollen Sie damit etwa sagen, daß Sie ihm von ihr erzählt haben?« fragte Hugo.

»Gewiß hab‘ ich das getan! Er weiß alles über den eigensinnigen Oberst, die liebliche Laura und die fehlenden zehntausend Pfund.«

»Sie haben also einem alten Bettler alle meine Privatverhältnisse erzählt?!« rief Hugo und wurde sehr rot und ärgerlich.

»Mein lieber Junge«, sagte Trevor und lächelte. »Dieser alte Bettler, wie Sie ihn nennen, ist einer der reichsten Männer in Europa. Er könnte morgen ganz London zusammenkaufen, ohne sein Konto zu überziehen. Er hat ein Haus in jeder Hauptstadt, speist von goldenen Schüsseln und kann, wenn es ihm gerade einfällt, Rußland verhindern, Krieg zu führen.«

»Wie meinen Sie das?« fragte Hugo erstaunt.

»Wie ich es sage«, antwortete Trevor. »Der alte Mann, dem Sie heute in meinem Atelier begegnet sind, ist Baron Hausberg. Er ist ein guter Freund von mir, kauft alle meine Bilder und hat mir vor einem Monat den Auftrag gegeben, ihn als Bettler zu malen. Que voulez-vous? La fantaisie d’un millionnaire! Und ich muß sagen, er sah wundervoll aus in seinen Lumpen, oder besser gesagt in meinen Lumpen; ich habe die ganze Garnitur einmal alt in Spanien gekauft.«

»Baron Hausberg?!« rief Hugo. »Allmächtiger – und ich hab‘ ihm einen Sovereign gegeben!« Und er sank, ein Bild des Jammers, in den Lehnstuhl.

»Sie haben ihm einen Sovereign gegeben?!« brüllte Trevor und konnte sich vor Lachen nicht halten. »Mein lieber Junge, Sie werden Ihr Geld nie wiedersehen. Son affaire cest l’argent des autres.«

»Sie hätten mir das aber auch vorher sagen können!« schmollte Hugo. »Dann hätt‘ ich mich nicht so zum Narren gemacht.«

»Na, hören Sie mal, Hugo!« sagte Trevor. »Erstens konnte ich nicht annehmen, daß Sie so sorglos mit Almosen um sich werfen! Ich verstehe, daß man einem hübschen Modell einen Kuß gibt, aber einem häßlichen Modell einen Sovereign – nein, das geht über meinen Horizont. Überdies war ich tatsächlich an diesem Tage für niemanden zu sprechen. Als Sie kamen, wußte ich nicht, ob Hausberg eine offizielle Vorstellung passen würde. Sie wissen ja – er war nicht gerade in full dress

»Für was für einen Trottel muß er mich halten!« sagte Hugo.

»Aber durchaus nicht! Er war, nachdem Sie uns verlassen hatten, in der denkbar besten Laune. Er lachte immer in sich hinein und rieb fortwährend seine alten, verrunzelten Hände. Ich verstand nicht, warum er sich so für Sie interessierte. Aber nun kapiere ich es. Er wird den Sovereign für Sie anlegen, Hugo, Ihnen alle sechs Monate Ihre Zinsen zahlen und bei jedem Diner den kapitalen Spaß erzählen.«

»Ich bin ein unglücklicher Teufel«, brummte Hugo. »Das beste ist, ich gehe zu Bett. Bitte, Alan, erzählen Sie niemandem die Geschichte – ich könnte mich sonst nicht mehr auf der Straße sehen lassen!«

»Unsinn, die Sache wirft auf Ihren philanthropischen Geist das beste Licht, Hugo. Und jetzt laufen Sie nicht davon! Nehmen Sie noch eine Zigarette, und dann schwatzen wir über Laura, soviel Sie wollen!«

Aber Hugo wollte nun einmal nicht bleiben, sondern ging nach Hause, und es war ihm sehr unbehaglich zumute. Alan Trevor aber blieb zurück und lachte sich halbtot.

Als Hugo am nächsten Morgen beim Frühstück saß, brachte ihm das Mädchen eine Karte, auf der unter dem Namen Monsieur Gustave Naudin geschrieben war: De la part de M. le Baron Hausberg. ›Er kommt offenbar, um meine Entschuldigung entgegenzunehmen‹, sagte Hugo zu sich selbst. Und er ließ den Fremden hereinbitten.

Ein alter Herr mit goldener Brille und grauem Haar trat ein und sagte mit leicht französischem Akzent: »Habe ich die Ehre, mit Monsieur Erskine zu sprechen?«

Hugo verbeugte sich.

»Ich komme vom Baron Hausberg«, fuhr er fort, »und der Baron –«

»Ich bitte Sie, mein Herr, ihm meine aufrichtigsten Entschuldigungen zu übermitteln«, stammelte Hugo.

»Der Baron«, sagte der alte Herr mit einem Lächeln, »hat mich beauftragt, Ihnen diesen Brief zu bringen«; und er reichte ihm ein versiegeltes Kuvert.

Auf dem Briefumschlag stand geschrieben: »Ein Hochzeitsgeschenk für Hugo Erskine und Laura Merton von einem alten Bettler.« Und darin lag ein Scheck auf zehntausend Pfund.

Als sie heirateten, war Alan Trevor Brautführer, und der Baron hielt beim Hochzeitsmahl eine Rede.

»Es gibt wenig Millionärmodelle«, bemerkte Alan, »aber wahrhaftig – Modellmillionäre sind noch seltener.«

Lord Arthur Saviles Verbrechen

01

Eine Studie über die Pflicht

I

Es war Lady Windermeres letzter Empfang vor Ostern, und Bentinck House war noch voller als gewöhnlich. Sechs Kabinettsminister waren direkt vom Morgenempfang des Unterhauspräsidenten gekommen mit allen ihren Sternen und Ordensbändern, alle die hübschen Frauen trugen ihre schönsten Toiletten, und am Ende der Gemäldegalerie stand die Prinzessin Sophia von Karlsruhe, eine gewichtige Dame mit einem Tatarenkopf, kleinen schwarzen Augen und wundervollen Smaragden, die sehr laut ein schlechtes Französisch sprach und maßlos über alles lachte, was man zu ihr sagte. Es war gewiß ein wundervolles Gemisch von Menschen. Peersfrauen in all ihrer Pracht plauderten liebenswürdig mit extremen Radikalen, volkstümliche Prediger sah man neben hervorragenden Skeptikern, ein ganzer Trupp von Bischöfen folgte Schritt für Schritt einer dicken Primadonna von Zimmer zu Zimmer, auf der Treppe standen einige Mitglieder der Königlichen Akademie, die sich als Künstler gaben, und es hieß, daß zeitweise der Speisesaal mit Genies geradezu vollgepfropft sei. Alles in allem war es einer von Lady Windermeres schönsten Abenden, und die Prinzessin blieb bis fast halb zwölf Uhr.

Kaum war sie fort, kehrte Lady Windermere in die Gemäldegalerie zurück, wo gerade ein berühmter Nationalökonom einem unwillig zuhörenden ungarischen Virtuosen einen feierlichen Vortrag über die theoretische Musikwissenschaft hielt, und begann mit der Herzogin von Paisley zu plaudern. Sie sah wundervoll aus mit ihrem herrlichen elfenbeinweißen Hals, ihren großen Vergißmeinnichtaugen und den schweren Flechten ihres goldenen Haares. Or pur war ihr Haar, nicht die blasse Strohfarbe, die sich heute den edlen Namen des Goldes anmaßt, nein, es war Gold, wie es in Sonnenstrahlen verwebt ist oder in seltenem Bernstein ruht. Und dieses Haar gab ihrem Gesicht gleichsam die Umrahmung eines Heiligenbildes, doch nicht ohne den berückenden Zauber einer Sünderin. Sie war ein interessantes psychologisches Studienobjekt. Sie hatte sehr früh die große Wahrheit entdeckt, daß nichts so sehr nach Unschuld aussieht wie ein leichtfertiges Benehmen. Und durch eine Reihe von leichtsinnigen Streichen, von denen die Hälfte ganz harmlos war, hatte sie sich alle Vorrechte einer Persönlichkeit erworben. Sie hatte mehr als einmal ihren Gatten gewechselt, und der Adelskalender belastete ihr Konto mit drei Ehen. Da sie aber niemals ihren Liebhaber wechselte, hatte die Welt längst aufgehört, über sie zu klatschen. Sie war nun vierzig Jahre alt, hatte keine Kinder, aber die ausschweifende Freude am Vergnügen, die das Geheimnis ist, jung zu bleiben.

Plötzlich sah sie sich eifrig im Zimmer um und sagte mit ihrer klaren Altstimme: »Wo ist mein Chiromant?«

»Ihr was, Gladys?« rief die Herzogin und sprang unwillkürlich auf.

»Mein Chiromant, Herzogin. Ich kann jetzt ohne ihn nicht leben.«

»Liebe Gladys, Sie sind immer so originell«, murmelte die Herzogin und versuchte sich zu erinnern, was ein Chiromant eigentlich sei, wobei sie hoffte, es sei nicht dasselbe wie Chiropodist.

»Er kommt regelmäßig zweimal in der Woche, um meine Hand anzusehen«, fuhr Lady Windermere fort. »Und interessiert sich sehr dafür.«

›Großer Gott!‹ sagte die Herzogin zu sich selbst. ›Es ist also doch eine Art Chiropodist, wie schrecklich! Hoffentlich ist er wenigstens Ausländer – dann wäre es doch nicht ganz so schlimm.‹

»Ich muß ihn Ihnen vorstellen.«

»Ihn mir vorstellen?« rief die Herzogin. Ist er denn hier?« Und sie suchte ihren kleinen Schildpattfächer und einen sehr ramponierten Spitzenschal, um im gegebenen Augenblick zum Fortgehen bereit zu sein.

»Natürlich ist er hier, ich würde nicht daran denken, ohne ihn eine Soiree zu geben. Er behauptet, ich hätte eine rein psychische Hand und daß ich, wenn mein Daumen nur ein ganz kleines Stückchen kürzer wäre, eine unverbesserliche Pessimistin geworden wäre und heute in einem Kloster säße.«

»Ach so«, sagte die Herzogin und atmete erleichtert auf. »Er ist ein Wahrsager, nicht wahr? Und prophezeit er Glück?«

»Auch Unglück«, antwortete Lady Windermere. »Und zwar eine ganze Menge. Nächstes Jahr zum Beispiel bin ich in großer Gefahr, sowohl zu Wasser als zu Lande. Ich habe also die Absicht, in einem Ballon zu leben, und werde jeden Abend mein Essen in einem Korb heraufziehen. Das steht alles auf meinem kleinen Finger geschrieben oder in meiner Handfläche, ich weiß nicht mehr genau.« »Aber das heißt doch die Vorsehung versuchen, Gladys.«

»Meine liebe Herzogin, die Vorsehung kann heutzutage sicher schon der Versuchung widerstehen. Ich glaube, daß jeder Mensch einmal im Monat in seiner Hand lesen lassen müßte, um zu wissen, was er nicht tun darf. Natürlich tut man es doch, aber es ist so hübsch, wenn man gewarnt wird. Und wenn jetzt nicht gleich jemand Mr. Podgers holt, so werde ich ihn wohl selbst holen müssen.«

»Gestatten Sie, daß ich ihn hole«, sagte ein schlanker, hübscher junger Mann, der in der Nähe stand und dem Gespräch mit heiterem Lächeln zugehört hatte.

»Ich danke Ihnen vielmals, Lord Arthur, aber ich fürchte, Sie werden ihn nicht erkennen.«

»Wenn er ein so wunderbarer Mensch ist, wie Sie sagen, Lady Windermere, kann ich ihn wohl kaum verfehlen. Sagen Sie mir nur, wie er aussieht, und ich schaffe ihn sofort zur Stelle.«

»Er sieht durchaus nicht wie ein Chiromant aus – das heißt, er sieht weder mystisch noch esoterisch, noch romantisch aus. Er ist ein kleiner, untersetzter Mann mit einem komischen, kahlen Kopf und einer großen goldenen Brille. So ein Mittelding zwischen einem Hausarzt und einem Provinzadvokaten. Es tut mir sehr leid, Sie zu enttäuschen, aber es ist nicht meine Schuld. Die Leute sind immer so langweilig. Alle meine Pianisten sehen genau wie Dichter aus, und alle meine Dichter wie Pianisten. Ich erinnere mich, daß ich in der vorigen Saison einmal einen schrecklichen Verschwörer zu Tisch eingeladen habe, der schon eine ganze Menge Menschen in die Luft gesprengt hatte und immer ein Panzerhemd trug und einen Dolch in seinem Rockärmel verbarg. Und denken Sie sich, als er ankam, sah er just aus wie ein netter, alter Pastor und riß den ganzen Abend Witze. Natürlich – er war sehr unterhaltend, aber ich war schrecklich enttäuscht. Und als ich ihn wegen des Panzerhemdes befragte, lachte er bloß und sagte, dafür sei es zu kalt in England. Ach – da ist ja Mr. Podgers. Mr. Podgers, Sie müssen der Herzogin von Paisley die Hand lesen. Herzogin, ziehen Sie den Handschuh aus. Nicht den linken, den anderen!«

»Liebe Gladys, ich weiß wirklich nicht, ob das ganz recht ist«, sagte die Herzogin und knöpfte zögernd einen ziemlich schmutzigen Glacehandschuh auf.

»Das sind alle interessanten Dinge, nicht?« sagte Lady Windermere. » On a fait le monde ainsi. Aber ich muß Sie vorstellen. Herzogin, das ist Mr. Podgers, mein Lieblingschiromant. Mr. Podgers, das ist die Herzogin von Paisley, und wenn Sie sagen, daß ihr Mondberg größer ist als der meine, dann glaube ich Ihnen nie wieder.«

»Ich bin sicher, Gladys, daß in meiner Hand nichts Derartiges ist«, sagte die Herzogin ernsthaft.

»Euer Gnaden haben ganz recht«, sagte Mr. Podgers und blickte auf die kleine, fette Hand mit den kurzen, dicken Fingern. »Der Mondberg ist nicht entwickelt. Aber die Lebenslinie ist jedenfalls ausgezeichnet. Bitte, beugen Sie ein wenig das Gelenk. Danke. Drei deutliche Linien auf der Rascette. Sie werden ein hohes Alter erreichen, Herzogin, und werden außerordentlich glücklich sein. Ehrgeiz – sehr mäßig, Intelligenzlinie nicht übertrieben. Herzlinie –«

»Jetzt seien Sie einmal indiskret, Mr. Podgers!« rief Lady Windermere.

»Nichts wäre mir erwünschter«, sagte Mr. Podgers und verbeugte sich. »Wenn die Herzogin jemals dazu Anlaß gegeben hätte. Aber ich muß leider sagen, daß ich nichts anderes sehe als eine große Beständigkeit der Neigung, verbunden mit einem strengen Pflichtgefühl.«

»Bitte, fahren Sie nur fort, Mr. Podgers«, sagte die Herzogin und sah sehr vergnügt drein.

»Sparsamkeit ist nicht die letzte von Euer Gnaden Tugenden«, fuhr Mr. Podgers fort, und Lady Windermere brach in lautes Lachen aus.

»Sparsamkeit hat ihr Gutes«, bemerkte die Herzogin gnädig. »Als ich Paisley heiratete, hatte er elf Schlösser und nicht ein einziges Haus, in dem man wohnen konnte.«

»Und jetzt hat er zwölf Häuser und nicht ein einziges Schloß!« rief Lady Windermere.

»Ja, meine Teure«, sagte die Herzogin. »Ich liebe …«

»Den Komfort«, sagte Mr. Podgers. »Und die Errungenschaften der Neuzeit, wie Heizung in jedem Schlafzimmer. Euer Gnaden haben ganz recht. Komfort ist das einzige, was unsere Kultur uns zu geben vermag.«

»Sie haben den Charakter der Herzogin bewundernswürdig getroffen, Mr. Podgers – jetzt müssen Sie uns aber auch den Charakter Lady Floras enthüllen.«

Und auf ein Kopfnicken der lächelnden Hausfrau erhob sich ein hochgewachsenes Mädchen mit rötlichem Haar und hohen Schultern verlegen vom Sofa und streckte ihm eine lange knochige Hand mit spateiförmigen Fingern entgegen.

»Ah, eine Klavierspielerin, wie ich sehe«, sagte Mr. Podgers. »Eine ausgezeichnete Pianistin, aber vielleicht nicht sehr musikalisch. Sehr zurückhaltend, sehr ehrlich. Sie lieben Tiere sehr.«

»Sehr wahr!« rief die Herzogin und wandte sich Lady Windermere zu. »Das ist vollkommen wahr. Flora hält in Macloskie zwei Dutzend Collies und würde auch unser Stadthaus in eine Menagerie verwandeln, wenn der Vater es erlaubte.«

»Wie ich es mit meinem Haus jeden Donnerstagabend tue«, rief Lady Windermere lachend. »Nur habe ich Salonlöwen lieber als Collies.«

»Das ist Ihr einziger Fehler, Lady Windermere«, sagte Mr. Podgers mit einer pompösen Verbeugung.

»Wenn eine Frau ihre Fehler nicht mit Reiz umkleiden kann, ist sie bloß ein Weibchen«, war die Antwort. »Aber Sie müssen uns noch einige Hände lesen. Bitte, Sir Thomas, zeigen Sie doch Mr. Podgers die Ihre!« Und ein lustig dreinschauender alter Herr mit einer weißen Weste kam heran und hielt eine dicke, rauhe Hand hin, deren Mittelfinger sehr lang war.

»Eine Abenteurernatur. Sie haben vier lange Reisen hinter sich und eine vor sich. Sie haben dreimal Schiffbruch erlitten. Nein, nur zweimal – aber die Gefahr eines Schiffbruchs droht Ihnen auf der nächsten Reise. Streng konservativ, sehr pünktlich. Sie sammeln mit Leidenschaft Kuriositäten. Eine schwere Krankheit zwischen dem sechzehnten und achtzehnten Jahr. Große Erbschaft nach dem dreißigsten Jahr. Große Abneigung gegen Katzen und Radikale.«

»Außerordentlich!« rief Sir Thomas aus. »Sie müssen unbedingt auch die Hand meiner Frau lesen.«

»Ihrer zweiten Frau«, sagte Mr. Podgers ruhig und hielt Sir Thomas‘ Hand noch in der seinen fest. »Ihrer zweiten Frau. Es wird mir ein Vergnügen sein.« Aber Lady Marvel, eine melancholisch aussehende Dame mit braunem Haar und sentimentalen Wimpern, lehnte entschieden ab, sich ihre Vergangenheit oder Zukunft enthüllen zu lassen. Und was Lady Windermere auch versuchte, nichts konnte Monsieur de Koloff, den russischen Botschafter, dazu bewegen, auch nur seine Handschuhe auszuziehen. Ja, viele schienen sich zu fürchten, dem seltsamen kleinen Mann mit dem stereotypen Lächeln, der goldenen Brille und den glänzenden Kugelaugen gegenüberzutreten; und als er der armen Lady Fermor klipp und klar vor allen Leuten erklärte, daß sie gar keinen Sinn für Musik habe, aber in Musiker vernarrt sei, fühlte man allgemein, daß Chiromantie eine sehr gefährliche Wissenschaft sei und daß man sie nur unter vier Augen betreiben dürfe.

Lord Arthur Savile aber, der von Lady Fermors unglückseliger Geschichte nichts wußte und Mr. Podgers mit großem Interesse beobachtet hatte, war furchtbar neugierig, sich aus der Hand lesen zu lassen, und da er sich etwas scheute, sich in den Vordergrund zu drängen, ging er durch das Zimmer hinüber zu Lady Windermeres Platz und fragte sie mit reizendem Erröten, ob sie wohl glaube, daß Mr. Podgers ihm den Gefallen tun würde.

»Gewiß, gewiß«, sagte Lady Windermere. »Dazu ist er ja hier. Alle meine Löwen, lieber Lord Arthur, sind dressierte Löwen, die durch den Reifen springen, wenn ich es ihnen befehle. Aber ich sage Ihnen im voraus, daß ich Sybil alles wiedererzählen werde. Sie kommt morgen zum Lunch zu mir – wir haben über Hüte zu reden –, und wenn Mr. Podgers herausfinden sollte, daß Sie einen schlechten Charakter oder Anlage zur Gicht haben oder daß Sie bereits eine Frau besitzen, die irgendwo in Bayswater lebt, so werde ich sie das alles bestimmt wissen lassen!«

Lord Arthur lächelte und schüttelte den Kopf. »Ich fürchte mich nicht«, sagte er, »Sybil kennt mich so gut, wie ich sie kenne.«

»Ach, das tut mir eigentlich leid. Die passende Grundlage für eine Ehe ist gegenseitiges Mißverstehen. Nein, ich bin durchaus nicht zynisch. Ich habe bloß Erfahrung gesammelt, was übrigens fast auf dasselbe hinauskommt … Mr. Podgers, Lord Arthur Savile ist furchtbar neugierig, was in seiner Hand steht. Aber erzählen Sie ihm nicht, daß er mit einem der schönsten Mädchen Londons verlobt ist, denn das hat bereits vor einem Monat in der Morning Post gestanden!«

»Liebe Lady Windermere«, rief die Marquise von Jedburgh. »Lassen Sie Mr. Podgers nur noch einen Augenblick hier! Er hat mir eben gesagt, daß ich zur Bühne gehen würde, und das interessiert mich schrecklich.«

»Wenn er Ihnen das gesagt hat, Lady Jedburgh, werde ich ihn gewiß sofort abberufen. Kommen Sie gleich herüber, Podgers, und lesen Sie Lord Arthurs Hand.«

»Schön«, sagte Lady Jedburgh und verzog etwas das Mündchen, als sie vom Sofa aufstand. »Wenn man mir nicht erlauben will, zur Bühne zu gehen, will ich wenigstens Publikum sein.«

»Natürlich, wir sind alle Publikum«, sagte Lady Windermere. »Und nun, Mr. Podgers, erzählen Sie uns etwas recht Hübsches. Lord Arthur ist einer meiner besonderen Lieblinge.«

Als aber Mr. Podgers Lord Arthurs Hand erblickte, erblaßte er ganz merkwürdig und sagte gar nichts. Ein Schauer schien ihn zu schütteln, und seine großen, buschigen Augenbrauen zuckten konvulsivisch auf eine ganz seltsame, erregte Art, wie immer, wenn er sich in einer schwierigen Situation befand. Dann traten große Schweißtropfen auf seine gelbe Stirn wie giftiger Tau, und seine dicken Finger wurden kalt und feucht.

Lord Arthur entgingen natürlich diese merkwürdigen Zeichen von Aufregung nicht, und zum erstenmal in seinem Leben empfand er Furcht. Sein erster Gedanke war, aus dem Zimmer zu stürzen, aber er bezwang sich. Es war besser, das Schlimmste zu erfahren, was es auch sein mochte, als in dieser fürchterlichen Ungewißheit zu bleiben.

»Ich warte, Mr. Podgers«, sagte er.

»Wir warten alle«, sagte Lady Windermere in ihrer raschen, ungeduldigen Art, aber der Chiromant gab keine Antwort.

»Wahrscheinlich soll Arthur auch zur Bühne gehen«, sagte Lady Jedburgh. »Und da Sie vorhin gescholten haben, traut sich Mr. Podgers nicht, es zu sagen.«

Plötzlich ließ Mr. Podgers Lord Arthurs rechte Hand fallen und ergriff seine linke; um sie zu prüfen, beugte er sich so tief herab, daß die goldene Fassung seiner Brille die Handfläche zu berühren schien. Einen Augenblick legte sich das Entsetzen wie eine bleiche Maske über sein Gesicht, aber er fand bald seine Kaltblütigkeit wieder und sagte mit einem Blick auf Lady Windermere und mit einem erzwungenen Lächeln: »Es ist die Hand eines reizenden jungen Mannes.«

»Das stimmt natürlich«, antwortete Lady Windermere. »Aber wird er auch ein reizender Ehemann werden? Das möchte ich gern wissen.«

»Das ist die Bestimmung aller reizenden jungen Männer«, sagte Podgers.

»Ich glaube nicht, daß ein Ehemann gar zu reizend sein sollte«, murmelte nachdenklich Lady Jedburgh. »Das ist zu gefährlich.«

»Mein liebes Kind, Ehemänner sind niemals reizend genug!« rief Lady Windermere. »Was ich aber wissen möchte, sind Einzelheiten. Einzelheiten sind nämlich das einzige, was interessant ist. Was wird also Lord Arthur begegnen?«

»In den nächsten Monaten wird Lord Arthur eine Reise machen –«

»Seine Hochzeitsreise natürlich.«

»Und eine Verwandte verlieren.«

»Doch hoffentlich nicht seine Schwester«, sagte Lady Jedburgh mit kläglicher Stimme.

»Bestimmt nicht seine Schwester«, sagte Mr. Podgers mit einer abwehrenden Handbewegung. »Bloß eine entfernte Verwandte.«

»Ich bin schrecklich enttäuscht«, sagte Lady Windermere. »Da habe ich ja morgen Sybil gar nichts zu erzählen. Kein Mensch kümmert sich doch heutzutage um entfernte Verwandte – die sind schon seit Jahren aus der Mode. Jedenfalls werde ich ihr aber raten, ein schwarzes Seidenkleid bereitzuhalten. Es macht sich immer gut in der Kirche … Nun wollen wir zu Tisch gehen. Gewiß ist alles schon aufgegessen worden, aber vielleicht finden wir doch noch etwas warme Suppe. François war sonst ein Meister in Suppen, aber er beschäftigt sich jetzt so viel mit Politik, daß gar kein Verlaß mehr auf ihn ist. Ich wünschte, General Boulanger würde endlich Ruhe geben. Sie scheinen etwas abgespannt, Herzogin?«

»Nicht im geringsten, teure Gladys«, antwortete die Herzogin und wackelte zur Türe. »Ich habe mich ausgezeichnet unterhalten, und der Chiropodist, ich meine der Chiromant, ist sehr interessant. Flora, wo kann mein Schildpattfächer nur sein? Oh, vielen Dank, Sir Thomas! Und mein Spitzenschal, Flora? Oh, ich danke Ihnen, Sir Thomas, Sie sind sehr liebenswürdig.« Und die würdige Dame kam endlich die Treppe hinunter und hatte ihr Riechfläschchen bloß zweimal fallen lassen.

Die ganze Zeit über hatte Lord Arthur Savile am Kamin gestanden mit einem Gefühl des Schreckens, mit dem lähmenden Vorgefühl kommenden Unheils. Er lächelte traurig seiner Schwester zu, als sie an Lord Plymdales Arm vorüberkam, reizend anzuschauen mit ihrem roten Brokatkleid und ihren Perlen, und er hörte kaum, als Lady Windermere ihn aufforderte, mit ihr zu kommen. Er dachte an Sybil Merton, und der Gedanke, daß etwas zwischen sie beide treten könnte, verschleierte seine Augen mit Tränen.

Wer ihn ansah, hätte glauben können, die Nemesis habe den Schild der Pallas gestohlen, um ihm das Medusenhaupt vorzuhalten. Er schien in Stein verwandelt, und sein Gesicht war marmorn in seiner Melancholie. Er hatte das verfeinerte Luxusleben eines jungen Mannes von Rang und Vermögen geführt, ein Leben, wunderbar frei von häßlicher Sorge, herrlich in seiner knabenhaften Unbekümmertheit. Zum erstenmal war ihm das furchtbare Geheimnis des Schicksals zum Bewußtsein gekommen, der schreckliche Sinn des Verhängnisses.

Wie wahnsinnig und schrecklich ihm all das erschien! Konnte irgendein furchtbares sündiges Geheimnis, ein blutrotes Zeichen des Verbrechens in seiner Hand geschrieben stehen, in Hieroglyphen, die er selbst nicht zu lesen vermochte, die aber ein anderer zu entziffern verstand? War es nicht möglich, diesen drohenden Dingen zu entgehen? Waren wir denn nichts anderes als Schachfiguren, die eine unsichtbare Macht bewegt, nichts anderes als Gefäße, die ein Töpfer formt, wie es ihm beliebt, um sie mit Schmach oder Ehre zu füllen? Sein Verstand empörte sich dagegen, und doch fühlte er, daß irgendeine Tragödie über ihm hing und daß ihm plötzlich beschieden war, eine unerträgliche Last zu tragen. Wie glücklich sind doch Schauspieler! Sie haben die Wahl, ob sie in der Tragödie oder Komödie auftreten wollen, ob sie leiden oder lustig sein, lachen oder Tränen vergießen wollen. Aber im wirklichen Leben ist das so ganz anders. Die meisten Männer und Frauen sind gezwungen, Rollen zu verkörpern, für die sie gar nicht geeignet sind. Unsere Güldensterns spielen uns den Hamlet vor, und unsere Hamlets müssen scherzen wie Prinz Heinz. Die Welt ist eine Bühne, aber das Stück ist falsch besetzt.

Plötzlich trat Mr. Podgers ins Zimmer. Als er Lord Arthur erblickte, fuhr er zusammen, und sein grobes, dickes Gesicht wurde ganz grünlichgelb. Die Augen der beiden Männer begegneten sich, und einen Augenblick herrschte Schweigen.

»Die Herzogin hat einen ihrer Handschuhe hier vergessen, Lord Arthur, und hat mich gebeten, ihn ihr zu bringen«, sagte endlich Mr. Podgers. »Ach, ich sehe ihn da auf dem Sofa. Guten Abend.«

»Mr. Podgers, ich muß darauf bestehen, daß Sie mir eine Frage, die ich an Sie stellen will, aufrichtig beantworten.«

»Ein anderes Mal, Lord Arthur, die Herzogin wartet. Ich muß wirklich gehen.«

»Sie werden nicht gehen. Die Herzogin hat keine Eile.«

»Man darf Damen nie warten lassen, Lord Arthur«, sagte Mr. Podgers mit seinem matten Lächeln. »Das schöne Geschlecht wird leicht ungeduldig.«

Um Lord Arthurs feingezeichnete Lippen spielte eine stolze Verachtung. Die arme Herzogin hatte für ihn in diesem Augenblick nicht die geringste Bedeutung. Er ging auf Mr. Podgers zu und hielt ihm seine Hand entgegen.

»Sagen Sie mir, was Sie hier gesehen haben«, sagte er. »Sagen Sie mir die Wahrheit. Ich muß sie wissen. Ich bin kein Kind.«

Mr. Podgers Augen blinzelten hinter der goldenen Brille, und er trat unruhig von einem Fuß auf den andern, während seine Finger nervös mit einer dicken Uhrkette spielten.

»Warum glauben Sie denn, Lord Arthur, daß ich mehr in Ihrer Hand gesehen habe, als ich Ihnen gesagt habe?«

»Ich weiß es und bestehe darauf, daß Sie mir sagen, was es war. Ich werde Ihnen natürlich diesen Dienst bezahlen. Ich gebe Ihnen einen Scheck auf hundert Pfund.«

Die grünen Augen blitzten einen Augenblick auf, und dann wurden sie wieder trübe.

»Guineen?« sagte Herr Podgers endlich leise.

»Gewiß. Ich sende Ihnen morgen den Scheck. Wie heißt Ihr Klub?«

»Ich bin in keinem Klub. Das heißt, momentan nicht. Meine Adresse ist … Aber gestatten Sie mir, Ihnen meine Karte zu geben.« Und Mr. Podgers zog aus seiner Westentasche eine goldgeränderte Visitenkarte und überreichte sie Lord Arthur mit einer tiefen Verbeugung. Auf der Karte stand:

Mr. Septimus R. Podgers

BERUFSMÄSSIGER CHIROMANT

103A WEST MOON STREET

»Meine Sprechstunden sind von zehn bis vier«, murmelte Mr. Podgers mechanisch. »Familien haben ermäßigte Preise.«

»Schnell, schnell«, rief Lord Arthur, ganz blaß im Gesicht, und hielt ihm die Hand entgegen. Mr. Podgers blickte sich unruhig um, und dann zog er die schwere Portiere vor die Türe. »Es wird einige Zeit dauern, Lord Arthur, wollen Sie sich nicht lieber setzen?«

»Rasch, rasch!« rief Lord Arthur wieder und stampfte ärgerlich mit dem Fuß auf das Parkett.

Mr. Podgers lächelte, zog aus seiner Brusttasche ein kleines Vergrößerungsglas und wischte es sorgfältig m Taschentuche ab.

»Ich stehe ganz zu Ihrer Verfügung.« sagte er.

II

Zehn Minuten später stürzte Lord Arthur Savile mit entsetzensbleichem Gesicht, mit Augen, aus denen der Schrecken starrte, aus dem Hause, brach sich Bahn durch die Menge pelzumhüllter Lakaien, die unter der großen, gestreiften Markise herumstanden und nichts zu sehen und zu hören schienen. Die Nacht war bitterkalt, und die Gaslaternen rings auf dem Platze flatterten und zuckten im scharfen Wind. Aber seine Hände waren fieberheiß, und seine Stirn brannte wie Feuer. Er ging weiter und weiter, fast schwankend wie ein Betrunkener. Ein Schutzmann sah ihm neugierig nach, als er an ihm vorübergegangen war, und ein Bettler, der aus einem Torweg herauskroch, um ihn um ein Almosen anzusprechen, schauderte zusammen, denn er sah einen Jammer, der größer war als der seine. Einmal blieb er unter einer Laterne stehen und betrachtete seine Hände. Er glaubte Blutspuren auf ihnen zu entdecken, und ein schwacher Schrei brach von seinen zitternden Lippen.

Mord – das war es, was der Chiromant da gesehen hatte. Mord! Die Nacht selbst schien es zu wissen, und der einsame Wind heulte es ihm ins Ohr. Die dunklen Ecken der Straße waren davon voll. Von den Dächern der Häuser grinste es ihn an.

Zuerst kam er zum Park, dessen dunkles Gehölz ihn festzubannen schien. Er lehnte sich müde gegen das Gitter, kühlte seine Stirn am feuchten Metall und horchte auf das zitternde Schweigen der Bäume. »Mord! Mord!« wiederholte er immer wieder, als ob die Wiederholung den Schrecken des Wortes mindern könnte. Der Klang seiner eigenen Stimme ließ ihn erschauern, aber er hoffte fast, daß das Echo ihn höre und die schlafende Stadt aus ihren Träumen wecke. Er fühlte ein tolles Verlangen, einen der zufällig Vorübergehenden festzuhalten und ihm alles zu sagen.

Dann ging er durch die Oxford Street in enge, verrufene Gäßchen. Zwei Weiber mit geschminkten Gesichtern kicherten hinter ihm her. Aus einem dunklen Hof kam der Lärm von Flüchen und Schlägen, gefolgt von schrillem Geschrei, und zusammengesunken auf feuchten Torstufen sah er die verkrümmten Gestalten der Armut und des Alters. Ein seltsames Mitleid überkam ihn. War diesen Kindern der Sünde und des Elends ihr Ende vorherbestimmt wie ihm das seine? Waren sie wie er bloß Puppen in einem ungeheuerlichen Theater?

Und doch war es nicht das Geheimnis, sondern die Komödie des Leidens, die ihn ergriff, seine absolute Nutzlosigkeit, seine groteske Sinnlosigkeit. Wie schien doch alles zusammenhanglos, wie bar jeder Harmonie! Er war bestürzt über den Zwiespalt zwischen dem schalen Optimismus des Tages und den wirklichen Tatsachen des Lebens. Er war noch sehr jung.

Nach einiger Zeit fand er sich vor der Marylebone Church wieder. Die schweigende Landstraße glich einem langen Band von glänzendem Silber, in das zitternde Schatten hier und da dunkle Flecken einzeichneten. Weit in der Ferne wand sich eine Linie flackernder Gaslaternen, und vor einem kleinen, ummauerten Hause stand ein einsamer Wagen, dessen Kutscher eingeschlafen war. Er ging hastig in der Richtung von Portland Place und sah sich ab und zu um, als fürchte er, verfolgt zu werden. An der Ecke der Rich Street standen zwei Männer und lasen einen kleinen Anschlagzettel an einem Zaun. Ein merkwürdiges Gefühl der Neugier überkam ihn, und er ging hinüber. Als er näher kam, traf sein Blick das Wort »Mord«, das da mit schwarzen Lettern gedruckt stand. Er fuhr zusammen, und ein dunkles Rot schoß in seine Wangen. Es war eine Bekanntmachung, die eine Belohnung aussetzte für jede Nachricht, die dazu führen könnte, einen Mann von mittlerer Größe zwischen dreißig und vierzig Jahren festzunehmen, der einen weichen Hut, schwarzen Rock und karierte Hosen trug und eine Narbe auf der rechten Wange hatte. Er las den Steckbrief wieder und immer wieder und dachte darüber nach, ob der unglückliche Mensch gefangen werden würde und wieso er wohl verwundet worden sei. Vielleicht würde auch einmal sein eigner Name so an den Mauern Londons zu lesen sein! Vielleicht würde auch auf seinen Kopf eines Tages ein Preis gesetzt werden.

Der Gedanke erfüllte ihn mit namenlosem Grauen. Er wandte sich ab und eilte hinaus in die Nacht.

Er wußte kaum, wohin er ging. Er erinnerte sich dunkel, daß er durch ein Labyrinth schmutziger Häuser wanderte, daß er sich in einem riesigen Spinnennetz finsterer Straßen verlor, und es dämmerte schon, als er sich endlich auf dem Piccadilly Circus befand. Als er dann langsam heimwärts, dem Belgrave Square zu ging, begegnete er den großen Marktwagen auf dem Wege nach Covent Garden. Die Fuhrleute in den weißen Röcken, mit ihren lustigen, sonnengebräunten Gesichtern und den derben Krausköpfen, gingen mit festen Schritten neben ihren Wagen her, knallten mit der Peitsche und riefen dann und wann einander etwas zu. Auf einem großen grauen Pferde, dem Leitpferde eines lärmenden Gespanns, saß ein pausbäckiger Junge mit einem Strauß von Primeln an seinem abgenutzten Hut, hielt sich mit seinen kleinen Händen an der Mähne fest und lachte. Und die großen Haufen von Gemüse auf den Wagen, die sich vom Morgenhimmel abhoben, glichen großen Haufen von grünem Nephrit, die sich von den roten Blättern einer wunderbaren Rose abheben.

Lord Arthur fühlte sich merkwürdig bewegt – er wußte selbst nicht, warum. Es lag etwas in der zarten Lieblichkeit des aufdämmernden Morgens, das ihn mit merkwürdiger Gewalt ergriff, und er dachte an all die Tage, die in Schönheit anbrechen und im Sturme enden. Und welch ein seltsames London sahen diese Bauern mit ihren rauhen, fröhlichen Stimmen und ihrem nachlässigen Gehabe! Ein London, frei von der Sünde der Nacht und dem Rauch des Tages, eine bleiche, gespenstische Stadt, eine öde Stadt der Gräber. Er fragte sich, was sie wohl von dieser Stadt dächten, ob sie irgend etwas wüßten von ihrem Glanz und ihrer Schande, von ihren wilden, feuerfarbenen Freuden und ihrem schrecklichen Hunger, von all ihren guten und bösen Taten vom Morgen bis zum Abend. Wahrscheinlich war ihnen die Stadt nur der Markt, auf den sie ihre Früchte und Gemüse brachten, um sie zu verkaufen, und wo sie höchstens einige Stunden verweilten, bis sie wieder die immer noch schweigenden Straßen, die noch schlafenden Häuser hinter sich ließen. Es machte ihm Vergnügen, sie zu beobachten, wie sie vorüberzogen. Rauh, wie sie waren mit ihren schweren, genagelten Schuhen und ihrem schwerfälligen Gang, brachten sie ein Stück Arkadien mit sich. Er fühlte, daß sie mit der Natur gelebt hatten und daß die Natur sie den Frieden gelehrt hatte. Er beneidete sie um alles, was sie nicht wußten.

Als er den Belgrave Square erreicht hatte, war der Himmel blaß-blau, und die Vögel begannen in den Gärten zu zwitschern.

III

Als Lord Arthur erwachte, war es zwölf Uhr, und die Mittagssonne strömte herein durch die elfenbeinfarbenen Seidenvorhänge seines Zimmers. Er stand auf und blickte aus dem Fenster. Ein trüber Glutnebel hing über der großen Stadt, und die Dächer der Häuser flimmerten wie mattes Silber. In dem schimmernden Grün unten auf dem Platze huschten einige Kinder gleich weißen Schmetterlingen hin und her, und auf den Bürgersteigen wimmelte es von Leuten, die in den Park gingen. Niemals war ihm das Leben schöner erschienen, niemals schien alles Böse weiter von ihm entfernt.

Dann kam sein Kammerdiener und brachte ihm eine Tasse Schokolade auf einem Tablett. Nachdem er sie ausgetrunken hatte, schob er eine schwere Portiere von pfirsichfarbenem Plüsch beiseite und ging ins Badezimmer. Das Licht fiel sanft von oben durch dünne Scheiben von durchsichtigem Onyx, und das Wasser im Marmorbecken schimmerte wie ein Mondstein. Er stieg rasch hinein, bis die kühlen Wellen ihm Brust und Haare benetzten, und dann tauchte er auch den Kopf unter, als wolle er die Flecken irgendeiner schmachvollen Erinnerung von sich abspülen. Als er herausstieg, fühlte er sich fast beruhigt. Das ausgezeichnete physische Wohlbefinden des Augenblicks beherrschte ihn, wie dies oft bei sehr feingearteten Naturen der Fall ist, denn die Sinne können, wie das Feuer, ebensogut reinigen wie zerstören.

Nach dem Frühstück legte er sich auf den Diwan und zündete sich eine Zigarette an. Auf dem Kaminsims, gerahmt in köstlichen alten Brokat, stand eine große Photographie von Sybil Merton, wie er sie zum ersten Male auf dem Ball von Lady Noel gesehen hatte. Der schmale, entzückend geschnittene Kopf war leicht zur Seite geneigt, als könne der zarte Hals, schlank wie ein Rohr, die Last so vieler Schönheit nicht tragen. Die Lippen waren leicht geöffnet und schienen zu süßer Musik geschaffen. Und all die zarte Reinheit der Jungfräulichkeit blickte wie verwundert aus den träumerischen Augen. Mit ihrem leichten, sich an den Körper schmiegenden Kleide aus Crêpe de Chine und ihrem breiten, blattförmigen Fächer glich sie einer jener kleinen, zarten Figuren, die man in den Olivenwäldern bei Tanagra findet. Ein Hauch griechischer Grazie lag auch in der Stellung und Haltung. Und doch war sie nicht petite. Sie war einfach von vollendetem Ebenmaß, eine Seltenheit in einer Zeit, wo so viele Frauen entweder übergroß oder zu klein sind.

Als Lord Arthur jetzt das Bild ansah, erfüllte ihn das furchtbare Mitleid, das der Liebe entspringt. Er fühlte, daß sie zu heiraten mit dem Verhängnis des Mordes, das über seinem Haupte schwebte, ein Verrat wäre, gleich dem des Judas, ein Verbrechen, schlimmer als je ein Borgia es erträumt. Welches Schicksal würde ihrer harren, wenn jeder Augenblick ihn rufen konnte, das zu erfüllen, was in seiner Hand geschrieben stand? Welches Leben würden sie führen, indes seine unheilvolle Bestimmung in der Waagschale des Fatums lag! Die Heirat mußte um jeden Preis verschoben werden. Dazu war er unbedingt entschlossen. Fest entschlossen, obwohl er das Mädchen liebte und die bloße Berührung ihrer Fingerspitzen, wenn sie beisammensaßen, ihm jeden Nerv in wunderbarer Wonne erbeben ließ; er erkannte klar, was seine Pflicht war, und war sich bewußt, daß er nicht das Recht hatte zu heiraten, ehe er den Mord begangen hatte. War es einmal geschehen, dann konnte er mit Sybil Merton vor den Altar treten und sein Leben in ihre Hände legen, ohne fürchten zu müssen, unrecht zu handeln. War es einmal geschehen, so konnte er sie in seine Arme schließen, und sie würde niemals für ihn erröten, niemals den Kopf in Schande beugen müssen. Aber geschehen mußte es erst, und je früher, desto besser für beide.

Viele Männer in seiner Lage hätten gewiß den Blumenpfad der Liebeständelei den steilen Höhen der Pflicht vorgezogen. Aber Lord Arthur war zu gewissenhaft, um den Genuß dem Prinzip vorzuziehen. Seine Liebe war mehr als bloße Leidenschaft. Und Sybil war ihm ein Symbol für alles Gute und Edle. Einen Augenblick hatte er einen natürlichen Widerwillen gegen die Tat, die ihm aufgezwungen war, aber das ging rasch vorüber. Sein Herz sagte ihm, daß es keine Sünde, sondern ein Opfer wäre; seine Vernunft erinnerte ihn daran, daß ihm kein anderer Weg offenstünde. Er hatte zu wählen zwischen einem Leben für sich selbst und einem Leben für andere, und so schrecklich zweifellos die Aufgabe war, die er erfüllen mußte, er wußte doch, daß er den Eigennutz nicht über die Liebe triumphieren lassen dürfe. Früher oder später werden wir alle vor dieselbe Entscheidung gestellt, wird uns dieselbe Frage vorgelegt. An Lord Arthur trat sie früh im Leben heran – ehe sein Charakter von dem berechnenden Zynismus der mittleren Jahre verdorben war, bevor sein Herz zerfressen war von dem oberflächlichen Mode-Egoismus unserer Tage, und er zögerte nicht, seine Pflicht zu tun. Zu seinem Glücke war er kein bloßer Träumer, kein müßiger Dilettant. Wäre er das gewesen, würde er gezögert haben wie Hamlet, und die Unentschlossenheit hätte seinen Willen gelähmt. Aber er war eine durch und durch praktische Natur. Das Leben bestand für ihn mehr im Handeln als im Denken. Er besaß das Seltenste auf Erden: gesunden Menschenverstand.

Die wilden, verworrenen Empfindungen der vergangenen Nacht waren mittlerweile verschwunden, und er blickte beinahe mit einem Gefühl von Scham auf seine kopflose Wanderung von Straße zu Straße, auf den wütenden Aufruhr in seiner Seele zurück. Gerade die Wahrheit seiner Qualen ließ sie ihm jetzt unwirklich erscheinen. Er fragte sich verwundert, warum er so töricht gewesen sei, gegen das Unvermeidliche zu toben und zu rasen. Die einzige Frage, die ihn jetzt zu quälen schien, war, wen er umbringen sollte; denn er war nicht blind gegen die Tatsache, daß der Mord, wie die Religionsübungen der heidnischen Welt, ebenso ein Opfer verlangt wie einen Priester. Da er kein Genie war, hatte er keine Feinde, und er fühlte auch, daß es jetzt nicht an der Zeit wäre, irgendeine persönliche Antipathie oder Ranküne zu befriedigen, daß vielmehr die Aufgabe, die ihm auferlegt war, eine große und tiefe Feierlichkeit erforderte. Er setzte also auf einem Blatt Papier eine Liste seiner Freunde und Verwandten auf und entschied sich nach langer Überlegung für Lady Clementina Beauchamp, eine gute alte Dame, die in der Curzon Street wohnte und die seine Cousine zweiten Grades von Mutterseite her war. Er hatte Lady Clem, wie alle in der Familie sie nannten, immer sehr gern gehabt, und da er selbst sehr wohlhabend war – er hatte bei seiner Volljährigkeit den ganzen Besitz Lord Rugbys geerbt –, so bestand nicht die Möglichkeit, daß man ihm gemeine Geldinteressen an ihrem Tod unterschieben könnte. Je mehr er über die Sache nachdachte, desto mehr schien sie ihm die richtige zu sein, und da er fühlte, daß jeder Aufschub unrecht gegen Sybil sein würde, entschloß er sich, sofort seine Vorbereitungen zu treffen.

Zuallererst mußte natürlich die Angelegenheit mit dem Chiromanten geordnet werden; er setzte sich also an einen kleinen Sheratonschreibtisch, der am Fenster stand, und schrieb einen Scheck über hundertfünf Pfund aus, zahlbar an Mr. Septimus Podgers, steckte die Anweisung in einen Umschlag und gab seinem Diener den Auftrag, ihn nach der West Moon Street zu bringen. Dann liess er seinen Wagen kommen und zog sich zum Ausgehen an. Bevor er das Zimmer verließ, warf er noch einen Blick auf Sybil Mertons Bild zurück und schwor sich zu, daß, was auch kommen möge, er sie nie wissen lassen würde, was er jetzt um ihretwillen tue; er würde vielmehr das Geheimnis seiner Selbstaufopferung immer in seinem Herzen bewahren.

Auf dem Wege zu seinem Klub ließ er vor einem Blumenladen halten und schickte Sybil einen wundervollen Korb mit Narzissen mit entzückenden weißen Blütenblättern und starren Fasanenaugen. Als er in seinem Klub ankam, ging er sofort in das Bibliothekszimmer, klingelte dem Diener und ließ sich ein Glas Selterswasser mit Zitrone und ein Buch über Toxicologie bringen. Er war sich vollkommen darüber klar, daß Gift das beste Mittel für sein schwieriges Unternehmen sei. Jede persönliche Gewaltanwendung widerstrebte ihm durchaus, und überdies wollte er Lady Clementina entschieden nicht auf eine Weise umbringen, die öffentliche Aufmerksamkeit erregen konnte. Der Gedanke, bei Lady Windermeres Empfängen zum Löwen des Tages gemacht zu werden oder seinen Namen in den Spalten gemeiner Klatschblätter zu finden, war ihm ein Greuel. Außerdem mußte er an Sybils Eltern denken, die ziemlich altmodische Leute waren und sich vielleicht der Heirat widersetzen könnten, wenn es jetzt irgendeinen Skandal gab; trotzdem war er vollkommen davon überzeugt, daß sie, wenn er ihnen den wahren Sachverhalt mitteilte, die ersten wären, die Motive, die ihn zur Tat getrieben hatten, zu würdigen. Alles war also dazu angetan, ihn zur Wahl von Gift zu bestimmen. Das war sicher, ruhig und unfehlbar, und man vermied dabei alle peinlichen Szenen, gegen die er, wie die meisten Engländer, eine eingewurzelte Abneigung hatte.

In der Giftkunde aber waren seine Kenntnisse gleich Null, und da der Diener in der Bibliothek nichts darüber finden konnte als Ruff ’s Guide und Bailey’s Magazine, sah er selbst in den Büchergestellen nach und stieß schließlich auf eine hübsch gebundene Ausgabe der Pharmacopœia und ein Exemplar von Erskines Toxicologie, herausgegeben von Sir Mathew Reid, dem Präsidenten der Königlichen Physikalischen Gesellschaft und einem der ältesten Mitglieder des Klubs, in den er irrtümlich an Stelle eines andern aufgenommen worden war – ein Versehen, das das Komitee so geärgert hatte, daß es, als der richtige Mann erschien, ihn einstimmig durchfallen ließ. Lord Arthur kannte sich in den Fachausdrücken der beiden Bücher gar nicht aus und begann schon bitter zu bereuen, daß er in Oxford nicht fleißiger die klassischen Sprachen studiert hatte, als er im zweiten Bande von Erskine einen sehr interessanten und vollständigen Bericht über die Eigenschaften des Akonits fand, der ziemlich klar geschrieben war. Das schien ihm gerade das Gift zu sein, das er brauchte. Es wirkte schnell – seine Wirkung wurde sogar augenblicklich genannt –, vollkommen schmerzlos, und, wenn man es in einer Gelatinekapsel nahm, wie dies Sir Mathew empfahl, schmeckte es keineswegs unangenehm. Er notierte sich also auf seiner Manschette die für einen letalen Ausgang notwendige Dosis, stellte die Bücher auf ihren Platz zurück und schlenderte in die St. James Street zu Pestle & Humbey’s, dem großen Chemikaliengeschäft. Mr. Pestle, der die Aristokratie immer selbst bediente, war einigermaßen überrascht über den Auftrag und murmelte in sehr untertäniger Weise etwas über die Notwendigkeit einer ärztlichen Verordnung. Als ihm aber Lord Arthur erklärte, daß er das Gift für eine große dänische Dogge brauche, die er töten müsse, weil sie Zeichen beginnender Tollwut zeige und den Kutscher bereits zweimal in die Wade gebissen habe, war er vollkommen zufriedengestellt, beglückwünschte Lord Arthur zu seinen ausgezeichneten Kenntnissen in der Toxicologie und ließ das Gewünschte sofort herstellen.

Lord Arthur legte die Kapsel in eine hübsche, kleine Silberbonbonniere, die er in der Bond Street in einer Auslage sah, warf die häßliche Pillenschachtel von Pestle & Humbey’s weg und fuhr sofort zu Lady Clementina.

»Ei, Monsieur le mauvais sujet!« rief die alte Dame, als er ins Zimmer trat. »Warum hast du dich denn so lange nicht bei mir blicken lassen?«

»Meine teure Lady Clem, ich hatte wirklich keinen Augenblick Zeit«, sagte Lord Arthur und lächelte.

»Willst du damit vielleicht sagen, daß du den ganzen Tag herumläufst, um mit Sybil Merton Einkäufe zu machen und Unsinn zu schwatzen? Ich verstehe gar nicht, warum die Menschen soviel Wesens davon machen, wenn sie heiraten. Zu meiner Zeit dachte kein Mensch daran, aus diesem Anlaß öffentlich oder heimlich zu girren und zu schnäbeln.«

»Ich versichere dich, ich habe Sybil seit vierundzwanzig Stunden nicht gesehen, Lady Clem. Soweit ich in Erfahrung bringen konnte, ist sie ganz und gar in den Händen ihrer Modistinnen.«

»Natürlich – das ist auch der einzige Grund, warum du einer alten, häßlichen Frau wie mir einen Besuch machst! Daß ihr Männer euch doch nicht warnen laßt! On a fait des folies pour moi – und heute sitze ich da, ein armes rheumatisches Wesen mit einem falschen Scheitel und schlechter Laune! … Wahrhaftig, wenn mir nicht die liebe Lady Jansen die schlechtesten französischen Romane schickte, die sie auftreiben kann, ich wüßte nicht, was ich mit meinem Tag anfangen sollte. Ärzte taugen gar nichts, höchstens Honorare können sie einem abpressen. Nicht einmal mein Sodbrennen können sie heilen.«

»Ich habe dir ein Mittel dagegen mitgebracht, Lady Clem«, sagte Lord Arthur ernst. »Ein ganz ausgezeichnetes Mittel. Ein Amerikaner hat es erfunden.«

»Weißt du, ich liebe amerikanische Erfindungen nicht sehr, Arthur. Eigentlich ganz und gar nicht. Neulich habe ich ein paar amerikanische Romane gelesen, die waren der reine Unsinn.«

»Dies Mittel ist aber durchaus nicht unsinnig, Lady Clem. Ich versichere dich, es wirkt außerordentlich. Du mußt mir versprechen, es zu versuchen.« Und Lord Arthur zog die kleine Büchse aus der Tasche und übergab sie ihr.

»Die Büchse ist wirklich reizend, Arthur. Ist das ein Geschenk? Das ist aber wirklich lieb von dir. Und das ist das Wundermittel? Es sieht aus wie ein Bonbon. Ich werd‘ es gleich mal nehmen.«

»Um Gottes willen, Lady Clem«, rief Lord Arthur und hielt ihre Hand fest. »Tu das nicht. Es ist ein homöopathisches Mittel. Wenn du es nimmst, ohne Sodbrennen zu haben, kann es dir nur schaden. Du mußt warten, bis du einen Anfall hast, und es dann nehmen. Der Erfolg wird dich überraschen.«

»Ich möchte es aber gleich nehmen«, sagte Lady Clementina und hielt die kleine, durchsichtige Kapsel mit dem darin schwimmenden Tropfen Akonit gegen das Licht. »Es schmeckt gewiß ausgezeichnet. Doktoren hasse ich, aber einnehmen tue ich ganz gern. Also meinetwegen, ich werde mir’s aufheben bis zum nächsten Anfall.«

»Und wann wird der sein?« fragte Lord Arthur eifrig. »Bald?«

»Ich hoffe, diese Woche nicht mehr. Gestern früh ging es mir sehr schlecht. Aber man weiß ja nie.«

»Aber du wirst doch sicher noch einen Anfall vor Ende des Monats haben, Lady Clem?«

»Das befürchte ich leider. Aber wie mitfühlend du heute bist, Arthur! Sybil hat wirklich einen sehr guten Einfluß auf dich! Jetzt mußt du aber gehen, denn ich habe ein paar sehr langweilige Menschen zum Essen eingeladen, die nicht die geringste Skandalgeschichte kennen, und wenn ich jetzt nicht mein Schläfchen mache, bin ich bestimmt nicht imstande, während des Essens wachzubleiben. Leb wohl, Arthur, grüß Sybil von mir und vielen Dank für das amerikanische Mittel.«

»Du wirst nicht vergessen, es zu nehmen, Lady Clem, nicht wahr?« sagte Lord Arthur und stand von seinem Stuhl auf.

»Gewiß nicht, mein Junge. Es war sehr nett von dir, daß du an mich gedacht hast, und ich werde dir schreiben, wenn ich noch mehr davon nötig habe!«

Lord Arthur verließ das Haus in froher Laune und mit dem Gefühl ungeheurer Erleichterung.

Am Abend hatte er eine Unterredung mit Sybil Merton. Er sagte ihr, daß er plötzlich in eine furchtbar schwierige Situation geraten sei, von der weder Ehre noch Pflicht ihm zurückzutreten gestatte. Er sagte ihr, daß die Hochzeit verschoben werden müsse, denn ehe er sich nicht aus seinen furchtbaren Verpflichtungen gelöst habe, sei er kein freier Mann. Er bat sie, ihm zu vertrauen und wegen der Zukunft keine Zweifel zu hegen. Alles würde wieder in Ordnung kommen, nur Geduld sei notwendig.

Das Gespräch fand im Wintergarten bei Mertons in Park Lane statt, wo Lord Arthur, wie gewöhnlich, zum Diner geblieben war. Sybil war ihm nie glückstrahlender erschienen, und einen Augenblick war Lord Arthur versucht gewesen, feige zu sein, an Lady Clementina wegen der Pille zu schreiben und es bei dem festgesetzten Hochzeitstermine zu lassen, als ob es überhaupt keinen Menschen namens Podgers auf der Welt gäbe. Aber sein besseres Ich gewann doch die Oberhand, und selbst als Sybil sich ihm weinend in die Arme warf, wurde er nicht schwach. Ihre Schönheit, die seine Sinne erregte, rührte auch an sein Gewissen. Er fühlte, daß es unrecht wäre, ein so herrliches Leben um einiger Monate willen zu zerstören.

Er blieb fast bis Mitternacht mit Sybil beisammen, tröstete sie und ließ sich von ihr trösten. Am nächsten Morgen reiste er nach Venedig, nachdem er in einem männlich entschlossenen Briefe Mr. Merton die notwendige Verschiebung der Hochzeit mitgeteilt hatte.

IV

In Venedig traf er seinen Bruder, Lord Surbiton, der eben in seiner Yacht von Korfu angekommen war. Die beiden jungen Leute verbrachten zwei wundervolle Wochen zusammen. Des Morgens ritten sie auf dem Lido oder glitten in ihrer schwarzen Gondel die grünen Kanäle auf und ab. Am Nachmittag empfingen sie Besuche auf ihrer Yacht. Und am Abend dinierten sie bei Florian und rauchten ungezählte Zigaretten auf der Piazza. Aber Lord Arthur war nicht glücklich. Jeden Tag studierte er die Totenliste in der Times, immer in der Erwartung, auf Lady Clementinens Todesnachricht zu stoßen, aber jeden Tag wurde er enttäuscht. Er begann zu fürchten, daß ihr irgendein Unfall zugestoßen sei, und bedauerte oft, daß er sie daran gehindert hatte, das Akonit zu nehmen, als sie so begierig darauf war, die Wirkung des Mittels zu erproben. Auch Sybils Briefe, so voll von Liebe, Vertrauen und Zärtlichkeit sie auch waren, klangen oft sehr traurig, und manchmal war ihm zumute, als sei er von ihr für ewig geschieden.

Nach vierzehn Tagen hatte Lord Surbiton von Venedig genug und beschloß, längs der Küste nach Ravenna zu fahren, da er gehört hatte, es gäbe dort wundervolle Gelegenheit, Wasserhühner zu schießen. Lord Arthur weigerte sich anfangs entschieden mitzukommen, aber Surbiton, den er sehr gern hatte, überzeugte ihn schließlich, daß er, wenn er allein bei Danieli bliebe, sich unfehlbar zu Tode langweilen würde, und so fuhren sie denn am Morgen des 15. bei einer kräftigen Nordostbrise und ziemlich rauher See ab. Die Jagd war ausgezeichnet, und das Leben in freier Luft färbte Lord Arthurs Wangen wieder; aber um den 22. herum wurde er wieder ängstlich wegen Lady Clementina, und Surbitons Gegenvorstellungen zum Trotz reiste er mit der Bahn nach Venedig zurück.

Als er vor den Stufen des Hotels aus der Gondel stieg, kam ihm der Hotelwirt mit einem Haufen Telegramme entgegen. Lord Arthur riß sie ihm aus der Hand und öffnete sie. Alles war nach Wunsch gegangen. Lady Clementina war ganz plötzlich in der Nacht des 17. gestorben.

Sein erster Gedanke galt Sybil, und er telegraphierte ihr, daß er sofort nach London zurückkehre. Dann befahl er seinem Kammerdiener, alles für den Nachtzug einzupacken, schickte dem Gondoliere etwa das Fünffache der Taxe und eilte leichtfüßig und frohen Herzens auf sein Zimmer. Dort erwarteten ihn drei Briefe. Der eine war von Sybil, voller Sympathie und Teilnahme, die anderen waren von seiner Mutter und von Lady Clementinens Anwalt. Es schien, daß die alte Dame noch am Abend mit der Herzogin gespeist hatte; sie hatte alle Welt durch ihren Witz und Geist entzückt, war aber frühzeitig nach Hause gegangen, da sie über Sodbrennen klagte. Des Morgens fand man sie tot in ihrem Bette. Sie hatte offenbar keinerlei Schmerz erduldet. Man hatte sofort nach Sir Mathew Reid geschickt, aber es war natürlich nichts mehr zu machen gewesen, und so sollte sie am 22. in Beauchamp Chalcote begraben werden. Einige Tage vor ihrem Tode hatte sie ihr Testament gemacht. Sie hinterließ Lord Arthur ihr kleines Haus in der Curzon Street mit seiner ganzen Einrichtung, mit ihrem ganzen persönlichen Besitz und allen Gemälden mit Ausnahme ihrer Miniaturensammlung, die sie ihrer Schwester, Lady Margarete Ruffort, vermachte, und ihres Amethystenkolliers, das Sybil Merton erhalten sollte. Der Besitz hatte keinen großen Wert. Aber Mr. Mansfield, der Anwalt, drängte, daß Lord Arthur so rasch als möglich heimkehre, da eine ganze Menge Rechnungen zu bezahlen wären, weil Lady Clementina nie rechte Ordnung in ihren Geldangelegenheiten gehalten hätte.

Lord Arthur war sehr gerührt, daß Lady Clementina so gütig seiner gedacht hatte, und er fühlte, daß eigentlich nur Mr. Podgers daran schuld sei. Aber seine Liebe zu Sybil brachte jedes andere Gefühl zum Schweigen, und das Bewußtsein, seine Pflicht getan zu haben, gab ihm Ruhe und Frieden. Als er in Charing Cross ankam, fühlte er sich vollkommen glücklich. Die Mertons empfingen ihn sehr liebenswürdig. Sybil ließ sich von ihm hoch und heilig versprechen, daß er nun nichts mehr zwischen sie beide treten lassen würde, und die Hochzeit wurde auf den 7. Juni festgesetzt. Das Leben schien ihm noch einmal so hell und schön, und sein alter Frohsinn kehrte zurück.

Eines Tages aber ging er mit Lady Clementinens Anwalt und Sybil in das Haus in der Curzon Street. Er verbrannte Pakete vergilbter Briefe, und sie kramte aus Schubladen allerhand merkwürdiges Zeug. Plötzlich schrie das junge Mädchen ganz entzückt auf.

»Was hast du gefunden, Sybil?« sagte Lord Arthur und sah lächelnd auf.

»Diese entzückende kleine Silberbonbonniere, Arthur. Ist sie nicht reizend? Holländische Arbeit, nicht wahr? Sei so gut und gib sie mir. Ich weiß ja doch, daß mir Amethyste nicht stehen werden, ehe ich nicht über achtzig bin.«

Es war das Büchschen, in dem das Akonit gewesen war.

Lord Arthur schrak zusammen, und ein schwaches Rot stieg in seine Wangen. Er hatte seine Tat schon fast völlig vergessen, und es schien ihm ein merkwürdiges Zusammentreffen, daß Sybil, um derentwillen er all die furchtbare Angst durchgemacht, nun die erste war, die ihn an sie erinnerte.

»Natürlich kannst du es haben, Sybil. Ich selbst habe es Lady Clem geschenkt.«

»Oh, ich danke dir, Arthur. Und nicht wahr, ich darf das Bonbon auch haben? Ich wußte gar nicht, daß Lady Clementina Süßigkeiten gern hatte. Ich glaubte immer, sie sei dazu viel zu intellektuell.«

Lord Arthur wurde totenbleich, und ein furchtbarer Gedanke schoß ihm durchs Gehirn.

»Ein Bonbon, Sybil – was meinst du damit?« sagte er mit leiser, heiserer Stimme.

»Es ist nur eins darin, ein einziges. Aber es sieht schon ganz alt und staubig aus, und ich habe durchaus nicht die Absicht, es zu essen. Aber – was ist dir denn, Arthur, du bist ja ganz blaß geworden?!«

Lord Arthur sprang auf und ergriff das Büchschen. Darin lag die bernsteinfarbene Kapsel mit dem Gifttropfen. Lady Clementina war also eines ganz natürlichen Todes gestorben!

Die Entdeckung warf ihn fast um. Er schleuderte die Kapsel ins Feuer und sank mit einem Schrei der Verzweiflung aufs Sofa.

V

Mr. Merton war einigermaßen unwillig, als er von einer zweiten Verschiebung der Hochzeit hörte, und Lady Julia, die bereits ihre Toilette für die Hochzeit bestellt hatte, tat alles, was in ihrer Macht lag, um Sybil zur Lösung des Verlöbnisses zu bewegen. Sosehr aber auch Sybil ihre Mutter liebte, sie hatte nun einmal ihr Leben in Arthurs Hände gelegt, und nichts, was Lady Julia auch sagen mochte, konnte ihren Glauben an ihn erschüttern. Lord Arthur brauchte Tage, bis er über die furchtbare Enttäuschung hinwegkam, und eine Zeitlang waren seine Nerven total erschöpft. Aber sein ausgezeichneter Menschenverstand machte sich bald wieder geltend, und sein gesunder, praktischer Sinn ließ ihn nicht lange darüber im Zweifel, was nun zu tun sei. Da er mit dem Gift einen so vollkommenen Mißerfolg gehabt hatte, mußte er jetzt die Sache offenbar mit Dynamit oder einem anderen Explosivstoff versuchen.

Er sah also nochmals die Liste seiner Freunde und Verwandten durch, und nach sorgfältiger Überlegung entschloß er sich, seinen Onkel, den Dechanten von Chichester, in die Luft zu sprengen. Der Dechant, ein hochgebildeter und sehr gelehrter Mann, war ein großer Liebhaber von Uhren und besaß eine wundervolle Uhrensammlung (vom fünfzehnten Jahrhundert bis zur Gegenwart), und Lord Arthur glaubte nun, daß dieses Steckenpferd des guten Dechanten ihm eine ausgezeichnete Gelegenheit biete, seinen Plan auszuführen. Wie und woher sich aber eine Höllenmaschine verschaffen – das war freilich eine andere Sache. Im Londoner Adreßbuch fand er keine Bezugsquelle dafür angegeben, und er fühlte, daß es ihm wenig nützen würde, sich an die Polizeidirektion zu wenden, da man dort über die Bewegungen der politischen Partei, die mit Dynamit argumentierte, immer erst nach einer Explosion etwas erfuhr und auch dann noch herzlich wenig.

Plötzlich dachte er an seinen Freund Rouvaloff, einen jungen Russen von höchst revolutionärer Gesinnung, den er bei Lady Windermere im Laufe des Winters kennengelernt hatte. Es hieß, daß Graf Rouvaloff eine Geschichte Peters des Großen schreibe und daß er nach England gekommen sei, um die Dokumente zu studieren, die sich auf den Aufenthalt des Zaren als Schiffszimmermann in diesem Lande beziehen. Aber man glaubte allgemein, daß er ein nihilistischer Agent sei, und zweifellos war seine Gegenwart in London der russischen Botschaft nicht sehr angenehm. Lord Arthur fühlte, daß das gerade der Mann sei, den er brauche, und so fuhr er denn eines Morgens zu ihm nach Bloomsbury, um von ihm Rat und Hilfe zu erbitten.

»Sie wollen sich also ernstlich mit Politik beschäftigen?« sagte Graf Rouvaloff, als Lord Arthur ihm den Zweck seines Besuchs genannt hatte. Aber Lord Arthur, der jede Prahlerei haßte, fühlte sich verpflichtet, ihm mitzuteilen, daß er nicht das geringste Interesse an sozialen Fragen habe und die Höllenmaschine bloß für eine Familienangelegenheit brauche, die nur ihn allein angehe.

Graf Rouvaloff sah ihn einige Augenblicke verblüfft an; als er aber dann merkte, daß Lord Arthur ganz ernsthaft blieb, schrieb er eine Adresse auf ein Stück Papier, zeichnete es mit seinen Anfangsbuchstaben und reichte es ihm dann über den Tisch hinüber.

»Die Polizei würde ein hübsches Stück Geld dafür bezahlen, diese Adresse zu erfahren, mein lieber Freund.«

»Aber sie soll sie nicht kriegen«, lachte Lord Arthur. Er schüttelte dem Russen die Hand, lief die Treppe hinunter und befahl, nachdem er einen Blick auf das Papier geworfen hatte, dem Kutscher, nach dem Soho Square zu fahren.

Dort schickte er den Wagen weg und ging die Greek Street hinunter, bis er zu einem Platze kam, der Bayle’s Court genannt wird. Er ging durch den Torweg und befand sich in einer merkwürdigen Sackgasse, in der sich offenbar eine Wäscherei befand, denn ein Netzwerk von Wäscheleinen war von Haus zu Haus gespannt, und weiße Wäsche flatterte in der Morgenluft. Er ging bis zum Ende der Sackgasse und klopfte an ein kleines, grünes Haus. Nach einiger Zeit, während der an jedem Fenster des Hofes ein dichter Schwarm neugieriger Gesichter erschien, wurde die Tür von einem Ausländer mit groben Zügen geöffnet, der ihn in einem sehr schlechten Englisch fragte, was er wünsche. Lord Arthur reichte ihm das Papier, das Graf Rouvaloff ihm gegeben hatte. Als der Mann es sah, verbeugte er sich tief und bat Lord Arthur, in ein sehr schäbiges Zimmer zu ebener Erde einzutreten; einige Minuten später trat geschäftig Herr Winckelkopf, wie er in England genannt wurde, ins Zimmer, mit einer fleckigen Serviette um den Hals und einer Gabel in der Hand.

»Graf Rouvaloff hat mir eine Empfehlung an Sie gegeben«, sagte Lord Arthur mit einer leichten Verbeugung. »Und ich möchte gern in einer geschäftlichen Angelegenheit eine kurze Unterredung mit Ihnen haben. Mein Name ist Smith, Robert Smith, und ich möchte mir bei Ihnen eine Explosionsuhr verschaffen.«

»Es freut mich sehr, Sie zu sehen, Lord Arthur«, sagte der muntere, kleine Deutsche lachend. »Blicken Sie nicht so bestürzt drein. Es ist meine Pflicht, jedermann zu kennen, und ich erinnere mich, Sie eines Abends bei Lady Windermere gesehen zu haben. Die Gnädige befindet sich doch hoffentlich wohl?… Wollen Sie mir nicht das Vergnügen machen, mir Gesellschaft zu leisten, indes ich mein Frühstück beende? Es gibt eine wundervolle Pastete, und meine Freunde behaupten, daß mein Rheinwein besser ist als irgendein Tropfen auf der deutschen Botschaft.«

Und ehe Lord Arthur seine Überraschung, erkannt worden zu sein, überwunden hatte, saß er schon im Hinterzimmer, schlürfte den köstlichsten Markobrunner aus einem blaßgelben Römer mit dem kaiserlichen Monogramm und plauderte in der freundschaftlichsten Weise mit dem berühmten Verschwörer.

»Explosionsuhren«, sagte Herr Winkelkopf, »eignen sich nicht sehr für den Export ins Ausland. Selbst wenn es ihnen gelingt, den Zoll zu passieren, ist der Bahndienst so unregelmäßig, daß sie gewöhnlich losgehen, bevor sie ihren Bestimmungsort erreicht haben. Wenn Sie aber so etwas für den eigenen Bedarf nötig haben, kann ich mit einer ausgezeichneten Ware dienen und garantiere Ihnen, daß Sie mit der Wirkung zufrieden sein werden. Darf ich fragen, für wen das Ding bestimmt ist? Sollte es für die Polizei bestimmt sein oder für irgend jemand, der mit der Polizeidirektion in Verbindung steht, so kann ich zu meinem großen Leidwesen nichts für Sie tun. Die englischen Detektive sind in der Tat unsere besten Freunde, und ich habe immer gefunden, daß wir tun können, was wir wollen, wenn wir uns nur auf ihre Dummheit verlassen. Ich möchte keinen von ihnen missen.«

»Ich versichere Sie«, sagte Lord Arthur, »daß die Sache mit der Polizei nicht das geringste zu schaffen hat. Die Uhr ist für den Dechanten von Chichester bestimmt.«

»O du meine Güte! Ich hätte gar nicht gedacht, daß Sie in religiösen Fragen so radikale Ansichten haben, Lord Arthur! Nur wenige junge Leute denken heute so.«

»Ich fürchte, Sie überschätzen mich, Herr Winckelkopf«, sagte Lord Arthur und errötete. »Ich kümmere mich gar nicht um theologische Dinge.«

»So handelt es sich also um eine reine Privatsache?«

»Um eine reine Privatsache!«

Herr Winckelkopf zuckte die Achseln, verließ das Zimmer und kam nach einigen Minuten zurück mit einer runden Dynamitpatrone in der Größe eines Pennystückes und einer hübschen, kleinen, französischen Uhr, auf der eine vergoldete Figur der Freiheit stand, die mit dem Fuß die Hydra des Despotismus zertrat.

Lord Arthurs Gesicht leuchtete auf, als er die Uhr sah. »Das ist gerade, was ich brauche. Nun sagen Sie mir nur, wie die Geschichte losgeht.«

»Ach – das ist mein Geheimnis«, sagte Herr Winckelkopf, indem er seine Erfindung mit einem Blick berechtigten Stolzes betrachtete. »Sagen Sie mir nur, wann die Uhr explodieren soll, dann werde ich die Maschine auf die Sekunde einstellen.«

»Also heute ist Dienstag, und wenn Sie die Uhr gleich wegschicken können?…«

»Das ist unmöglich. Ich habe für einige Freunde in Moskau eine Menge wichtiger Sachen zu erledigen. Aber ich kann sie morgen wegschicken.«

»Oh, das ist früh genug«, sagte Lord Arthur höflich. »Dann wird sie morgen abend oder Donnerstag früh zugestellt. Also nehmen wir als Moment der Explosion Freitag Punkt zwölf Uhr mittag. Um diese Stunde ist der Dechant immer zu Hause.«

»Freitag mittag«, wiederholte Herr Winckelkopf und machte eine Notiz in ein großes Hauptbuch, das auf einem Schreibtisch beim Kamine lag.

»Und nun lassen Sie mich wissen«, sagte Lord Arthur, von seinem Sitze aufstehend, »was ich Ihnen schuldig bin.«

»Es ist eine solche Kleinigkeit, Lord Arthur, daß ich nichts daran verdienen will. Das Dynamit kommt auf sieben Schilling Sixpence, die Uhr macht drei Pfund zehn, Emballage und Porto fünf Schilling. Es ist mir ein Vergnügen, einem Freund des Grafen Rouvaloff gefällig zu sein!«

»Und Ihre Mühe, Herr Winckelkopf?«

»Oh – durchaus nicht! Es ist mir wirklich ein Vergnügen. Ich arbeite nicht für Geld. Ich lebe nur für meine Kunst.«

Lord Arthur legte vier Pfund, zwei Schilling und sechs Pence auf den Tisch, dankte dem kleinen deutschen Herrn für seine Liebenswürdigkeit, und nachdem es ihm gelungen war, eine Einladung zu einem kleinen Anarchistentee für den nächsten Sonnabend abzulehnen, verließ er das Haus und ging in den Park.

In den nächsten zwei Tagen war er in einem Zustand höchster Erregung, und Freitag um zwölf Uhr fuhr er in seinen Klub, um auf Nachrichten zu warten. Den ganzen Nachmittag schlug der dumme Portier Telegramme aus allen Teilen des Landes an, mit Resultaten von Pferderennen, Urteilen in Ehescheidungssachen, dem Wetterbericht und ähnlichen Dingen, während auf dem schmalen Band im Telegraphenapparat langweilige Details über eine Nachtsitzung im Unterhause und eine kleine Panik an der Börse erschienen. Um vier Uhr kamen die Abendblätter, und Lord Arthur verschwand in der Bibliothek mit der Pall Mall, der St.James Gazette, dem Globus und dem Echo unter dem Arm, zur ungeheueren Entrüstung des Colonel Goodchild, der den Bericht über die Rede lesen wollte, die er am Morgen im Mansion House gehalten hatte – über das Thema der südafrikanischen Missionen und über die Zweckmäßigkeit schwarzer Bischöfe in jeder Provinz –, und der aus irgendeinem Grunde ein tiefes Vorurteil gegen die Evening News hatte. Aber keine der Zeitungen enthielt die geringste Anspielung auf Chichester, und Lord Arthur fühlte, daß das Attentat mißlungen sein müsse. Das war ein furchtbarer Schlag für ihn, und eine Zeitlang fühlte er sich ganz niedergedrückt. Herr Winckelkopf, den er am nächsten Tage aufsuchte, erging sich in Entschuldigungen und bot ihm zum Ersatz ganz kostenlos eine andere Uhr an oder eine Schachtel mit Nitroglyzerinbomben zum Selbstkostenpreis. Aber Lord Arthur hatte alles Vertrauen zu den Sprengstoffen verloren, und Herr Winckelkopf selbst gab zu, daß heutzutage alles so verfälscht werde, daß man selbst Dynamit kaum in gutem Zustande erhalten könne. Der kleine deutsche Herr räumte zwar ein, daß etwas in der Maschinerie nicht gestimmt haben müsse, aber er gab die Hoffnung doch nicht auf, daß die Uhr noch losgehen könnte, und zitierte als Beispiel ein Barometer, das er einmal an den Militärgouverneur von Odessa geschickt habe und das so eingestellt worden war, daß es in zehn Tagen explodieren sollte, aber erst nach etwa drei Monaten losging. Allerdings wurde, als das Barometer endlich losging, nur ein Hausmädchen in Stücke zerrissen, denn der Gouverneur hatte die Stadt bereits seit sechs Wochen verlassen. Aber es war dadurch doch wenigstens festgestellt, daß Dynamit als zerstörende Kraft unter der Kontrolle der Maschine ein mächtiger, wenn auch etwas unpünktlich wirkender Faktor ist. Lord Arthur war durch die Bemerkung einigermaßen getröstet, aber auch hier drohte ihm bald eine Enttäuschung, denn als er zwei Tage später die Treppe hinaufstieg, rief ihn die Herzogin in ihr Boudoir und zeigte ihm einen Brief, den sie aus dem Dechanat erhalten hatte. »Jane schreibt entzückende Briefe«, sagte die Herzogin. »Du mußt wirklich ihren letzten lesen. Er ist genauso gut wie die Romane, die wir aus der Leihbibliothek bekommen.«

Lord Arthur riß ihr den Brief aus der Hand. Er lautete folgendermaßen:

»Dechanat Chichester,
den 27. Mai.

Teuerste Tante!

Ich danke Dir vielmals für den Flanell für die Dorcas-Gesellschaft und auch für das Baumwollzeug. Ich bin ganz Deiner Meinung, daß es Unsinn ist, wenn die Leute hübsche Sachen tragen wollen, aber alle sind nun einmal heute so radikal und unreligiös, daß es ihnen schwer begreiflich zu machen ist, wie unpassend es ist, sich so zu kleiden wie die besseren Klassen. Ich weiß wirklich nicht, wohin wir noch kommen werden. Wie Papa so oft in seinen Predigten sagt: wir leben in einer Zeit des Unglaubens.

Wir haben großen Spaß mit einer Uhr gehabt, die ein unbekannter Verehrer am letzten Donnerstag Papa geschickt hat. Sie kam in einer frankierten Holzschachtel aus London. Papa meint, der Absender müsse jemand sein, der seine bemerkenswerte Predigt: ›Ist Zügellosigkeit Freiheit?‹ gelesen hat, denn auf der Uhr steht die Figur eines Frauenzimmers, und Papa sagte, daß sie die Freiheitsmütze auf dem Kopfe trage. Ich fand die Figur nicht gerade sehr passend, aber Papa sagte, sie sei historisch, und so ist wohl alles in Ordnung. Parker packte die Uhr aus, und Papa stellte sie auf den Kaminsims im Bibliothekszimmer. Dort saßen wir alle Freitag vormittag, und gerade, als die Uhr zwölf schlug, hörten wir ein schnarrendes Geräusch. Eine kleine Rauchwolke kam aus dem Postament der Figur, die Göttin der Freiheit fiel herunter, und ihre Nase zerbrach am Kaminvorsetzer. Marie war ganz außer sich, aber die Sache war so komisch, daß James und ich in Lachen ausbrachen und auch Papa seinen Spaß daran hatte. Als wir die Geschichte näher untersuchten, fanden wir, daß die Uhr eine Art Weckuhr ist. Wenn man sie auf eine bestimmte Stunde einstellt und ein bißchen Schießpulver und ein Zündhütchen unter einen kleinen Hammer legt, geht sie los, wann man will. Papa sagte, sie dürfe nicht im Bibliothekszimmer bleiben, weil sie zuviel Lärm mache. So nahm sie Reinhold mit ins Schulzimmer und macht dort den ganzen Tag nichts als kleine Explosionen. Glaubst Du, daß Arthur sich über so eine Uhr als Hochzeitsgeschenk freuen würde? Ich glaube, daß diese Uhren in London jetzt in Mode sind. Papa meint, daß sie sehr viel Gutes stiften könnten, denn sie zeigten, daß die Freiheit keinen Bestand habe, sondern fallen müsse. Papa sagt, daß die Freiheit zur Zeit der Französischen Revolution erfunden worden ist. Wie schrecklich!…

Ich gehe jetzt in die Dorcas-Gesellschaft, wo ich den Leuten Deinen sehr lehrreichen Brief vorlesen werde. Wie wahr, liebe Tante, ist doch Dein Gedanke, daß sie in ihrer Lebensstellung keine gutsitzenden Kleider zu tragen brauchen. Ich muß wirklich sagen, daß ihre Sorge für die Kleidung einfach unsinnig ist, da es doch so viele wichtigere Dinge gibt, sowohl in dieser Welt wie in jener. Ich freue mich sehr, daß der geblümte Popelin so gut gehalten hat und daß Deine Spitzen nicht zerrissen sind. Ich werde jetzt die gelbe Seide tragen, die Du so lieb warst mir zu schenken – bei Bischofs am Mittwoch –, und ich glaube, sie wird sich sehr gut machen. Meinst Du, daß ich Schleifen nehmen soll oder nicht? Jennings sagt, daß jetzt alle Welt Schleifen trägt und daß der Jupon plissiert sein müsse. Gerade hat Reinhold wieder eine Explosion gemacht, und Papa hat befohlen, daß die Uhr in den Stall geschafft wird. Ich glaube, daß Papa sie nicht mehr so gern hat wie anfangs, obwohl er sich sehr geschmeichelt fühlt, daß man ihm solch ein hübsches und geistvolles Spielzeug geschickt hat. Es zeigt eben wieder, daß die Leute seine Predigten lesen und Nutzen aus ihnen ziehen.

Papa schickt beste Grüße, ebenso James, Reinhold und Maria. Ich hoffe, daß es Onkel Cecil mit seiner Gicht besser geht, und bleibe, teure Tante, Deine Dich innigst liebende Nichte

Jane Percy.

P.S. Bitte sage mir Deine Meinung über die Schleifen. Jennings bleibt dabei, daß sie Mode sind.«

 

Lord Arthur blickte so ernst und unglücklich auf den Brief, daß die Herzogin in Lachen ausbrach.

»Mein lieber Arthur«, rief sie. »Ich werde dir nie wieder Briefe von jungen Damen zeigen. Was soll ich aber zu der Uhr sagen? Das ist ja eine großartige Erfindung, ich möchte auch so eine haben.«

»Ich halte nicht viel davon«, sagte Lord Arthur mit einem traurigen Lächeln, küßte seiner Mutter die Hand und verließ das Zimmer.

Als er oben in seinem Zimmer war, streckte er sich auf das Sofa, und seine Augen füllten sich mit Tränen. Er hatte getan, was in seinen Kräften stand, um einen Mord zu begehen, aber beide Male war es ihm mißlungen, und nicht durch seine Schuld. Er hatte versucht, seine Pflicht zu tun, aber es schien, als ob das Schicksal sich selbst untreu geworden wäre. Ihn bedrückte die Erkenntnis, daß gute Vorsätze nutzlos waren, daß jeder Versuch, korrekt zu sein, vergeblich war. Vielleicht wäre es besser, das Verlöbnis ein für allemal zu lösen? Gewiß – Sybil würde leiden, aber Leid konnte einer so edlen Natur wie der ihren nichts anhaben. Und er selbst? Es gibt immer einen Krieg, in dem ein Mann sterben kann, immer eine Sache, für die ein Mann sein Leben opfern kann, und da das Leben keine Freude mehr für ihn hatte, hatte der Tod keinen Schrecken mehr für ihn. Das Schicksal sollte nur selbst sein Urteil vollziehen – er würde keinen Finger mehr rühren, ihm dabei zu helfen!…

Um halb acht kleidete er sich an und ging in den Klub. Surbiton war da mit einer Menge junger Leute, und er mußte mit ihnen speisen. Ihr triviales Gespräch und ihre faulen Witze interessierten ihn nicht, und als der Kaffee aufgetragen worden war, erfand er eine Verabredung, um fortzukommen. Als er den Klub verlassen wollte, übergab ihm der Portier einen Brief. Er war von Herrn Winckelkopf, der ihn einlud, ihn am nächsten Abend zu besuchen und sich einen Explosivschirm anzusehen, der losging, wenn man ihn öffnete. Es sei die allerneueste Erfindung und eben erst aus Genf gekommen. Er riß den Brief in Stücke. Er war entschlossen, keine weiteren Versuche mehr zu machen. Dann ging er hinunter zum Themseufer und saß stundenlang am Fluß. Der Mond blickte durch eine Mähne lohfarbener Wolken wie das Auge eines Löwen, und zahllose Sterne funkelten im weiten Raum wie Goldstaub, ausgestreut über eine purpurne Kuppel. Dann und wann schaukelte eine Barke auf dem trüben Strom und schwamm dahin mit der Flut, und die Eisenbahnsignale wechselten von Grün zu Rot, wenn die Züge ratternd über die Brücke fuhren. Nach einiger Zeit schlug es zwölf Uhr vom hohen Westminsterturm, und bei jedem Tone der dröhnenden Glocke schien die Nacht zu erzittern. Dann erloschen die Eisenbahnlichter, nur eine einsame Lampe brannte weiter und glühte wie ein großer Rubin an einem Riesenmast, und der Lärm der Stadt wurde schwächer.

Um zwei Uhr stand er auf und schlenderte in der Richtung nach Blackfriars zu. Wie unwirklich alles aussah! Wie in einem seltsamen Traum! Die Häuser auf der anderen Seite des Flusses schienen aus der Finsternis emporzuwachsen. Es war, als hätten Silber und Schatten die Welt neu geformt. Die mächtige Kuppel von St. Paul ragte undeutlich aus der dunklen Luft auf wie eine Wasserblase.

Als er sich Cleopatra’s Needle näherte, sah er einen Mann über die Brüstung gelehnt, und als er näher kam, blickte der Mann auf, und das Licht einer Gaslaterne fiel voll auf sein Gesicht.

Es war Mr. Podgers, der Chiromant! Das fette, schlaffe Gesicht, die goldene Brille, das matte Lächeln, der sinnliche Mund waren nicht zu verkennen.

Lord Arthur blieb stehen. Eine glänzende Idee zuckte ihm durch den Kopf, und leise trat er hinter Mr. Podgers. Im Nu hatte er ihn bei den Füßen gepackt und in die Themse geworfen. Ein rauher Fluch, ein hohes Aufspritzen – dann war alles still. Lord Arthur blickte ängstlich nach unten, aber er sah vom Chiromanten nichts mehr als einen hohen Hut, der sich in einem Wirbel des mondbeschienenen Wassers drehte. Nach einiger Zeit versank auch der Hut, und keine Spur von Mr. Podgers war mehr sichtbar. Einen Augenblick glaubte er zu sehen, wie die dicke, unförmige Gestalt aus dem Wasser nach der Treppe bei der Brücke griff, und eine furchtbare Angst, daß wieder alles mißlungen sei, überkam ihn, aber es stellte sich als eine bloße Einbildung heraus, die vorüberging, als der Mond hinter einer Wolke hervortrat. Endlich schien er die Bestimmung des Schicksals erfüllt zu haben! Ein tiefer Seufzer der Erleichterung hob seine Brust, und Sybils Namen kam auf seine Lippen.

»Haben Sie etwas fallen lassen, Sir?« sagte plötzlich eine Stimme hinter ihm.

Er wandte sich um und sah einen Polizisten mit einer Blendlaterne.

»Nichts von Bedeutung, Wachtmeister!« antwortete er lächelnd, rief einen vorüberfahrenden Wagen an, sprang hinein und befahl dem Kutscher, nach dem Belgrave Square zu fahren.

Während der nächsten Tage schwankte er zwischen Hoffnung und Furcht. Es gab Augenblicke, in denen er fast glaubte, Mr. Podgers müsse jetzt ins Zimmer treten, und dann fühlte er wieder, daß das Schicksal nicht so ungerecht gegen ihn sein könne. Zweimal ging er zur Wohnung des Chiromanten in der West Moon Street, aber er brachte es nicht über sich, die Glocke zu ziehen. Er sehnte sich nach Gewißheit und fürchtete sie gleichzeitig.

Endlich kam die Gewißheit. Er saß im Rauchzimmer seines Klubs, trank seinen Tee und hörte zerstreut zu, wie Surbiton vom letzten Couplet in der Gaiety erzählte, als der Diener mit den Abendblättern hereinkam. Er nahm die St. James Gazette zur Hand und blätterte verdrossen darin, als eine merkwürdige Überschrift seinen Blick fesselte:

Selbstmord eines Chiromanten.

Er wurde blaß vor Aufregung und begann zu lesen. Der Artikel lautete:

Gestern früh um sieben Uhr ist der Leichnam des Mr. Septimus R. Podgers, des berühmten Chiromanten, bei Greenwich, gerade gegenüber dem Shiphotel, ans Ufer gespült worden. Der Unglückliche wurde seit einigen Tagen vermißt, und in chiromantischen Kreisen war man seinetwegen in größter Besorgnis. Es ist anzunehmen, daß er infolge einer durch Überarbeitung verursachten geistigen Störung Selbstmord begangen hat, und in diesem Sinne hat sich auch heute nachmittag die Totenschaukommission ausgesprochen. Mr. Podgers hatte soeben eine große Abhandlung über die menschliche Hand vollendet, die demnächst erscheinen und gewiß großes Aufsehen erregen wird. Der Verstorbene war 65 Jahre alt, und es scheint, daß er keine Verwandten hinterlassen hat.

Lord Arthur stürzte aus dem Klub, die Zeitung noch immer in der Hand, zur großen Verwunderung des Portiers, der ihn vergeblich aufzuhalten suchte, und fuhr sofort nach Park Lane. Sybil sah ihn vom Fenster aus kommen, und eine innere Stimme sagte ihr, daß er gute Nachrichten bringe. Sie lief hinunter, ihm entgegen, und als sie sein Gesicht sah, wußte sie, daß alles gut stünde.

»Meine liebe Sybil«, rief Lord Arthur. »Wir heiraten morgen!«

»Du dummer Bub – die Hochzeitskuchen sind ja noch nicht einmal bestellt!« sagte Sybil und lachte unter Tränen.

VI

Als drei Wochen später die Hochzeit stattfand, war St. Peter gedrängt voll von einer wahren Horde eleganter Leute. Der Dechant von Chichester vollzog die heilige Handlung in eindrucksvollster Weise, und alle Welt war einig, daß man nie ein hübscheres Paar gesehen habe als Braut und Bräutigam. Aber sie waren mehr als hübsch, denn sie waren glücklich. Keinen Augenblick bedauerte Lord Arthur, was er um Sybils willen alles erlitten hatte, während sie ihrerseits ihm das Beste gab, was eine Frau einem Mann geben kann: Anbetung, Zärtlichkeit und Liebe. Für sie beide hatte die Realität des Lebens seine Romantik nicht getötet. Sie fühlten sich immer jung.

Einige Jahre später, als ihnen bereits zwei schöne Kinder geboren waren, kam Lady Windermere zu Besuch nach Alton Priory, einem entzückenden alten Schloß, das der Herzog seinem Sohne zur Hochzeit geschenkt hatte. Und als sie eines Nachmittags mit Lady Arthur unter einer Linde im Garten saß und zusah, wie das Bübchen und das kleine Mädchen gleich munteren Sonnenstrahlen auf dem Rosenweg spielten, nahm sie plötzlich die Hände der jungen Frau in die ihren und sagte:

»Sind Sie glücklich, Sybil?«

»Teuerste Lady Windermere, natürlich bin ich glücklich. Sind Sie es nicht?«

»Ich habe keine Zeit, glücklich zu sein, Sybil. Ich habe immer den letzten Menschen gern, den man mir vorstellt. Aber gewöhnlich habe ich gleich von den Leuten genug, wenn ich sie näher kennenlerne.«

»Ihre Löwen genügen Ihnen also nicht mehr, Lady Windermere?«

»O Gott, nein. Löwen sind höchstens gut für eine Saison. Sind einmal ihre Mähnen geschnitten, sind sie die dümmsten Wesen auf Erden. Überdies benehmen sie sich meist sehr schlecht, wenn man nett zu ihnen ist. Erinnern Sie sich noch an den gräßlichen Mr. Podgers? Er war ein schrecklicher Schwindler. Natürlich ließ ich mir nichts merken, und selbst wenn er Geld von mir borgte, verzieh ich ihm – nur, daß er mir den Hof machte, konnte ich nicht vertragen. Er hat es tatsächlich so weit gebracht, daß ich die Chiromantie hasse. Ich schwärme jetzt für Telepathie – das ist viel amüsanter.«

»Sie dürfen hier nichts gegen die Chiromantie sagen, Lady Windermere. Das ist der einzige Gegenstand, auf den Arthur nichts kommen läßt. Ich versichere Sie, daß es ihm damit vollkommen ernst ist.«

»Sie wollen doch damit nicht etwa sagen, daß er wirklich daran glaubt, Sybil?«

»Fragen Sie ihn doch selbst, Lady Windermere – da ist er.« Lord Arthur kam den Garten herauf mit einem großen Strauß gelber Rosen in der Hand, und seine zwei Kinder umtanzten ihn.

»Lord Arthur!«

»Ja, Lady Windermere.«

»Wollen Sie mir wirklich einreden, daß Sie an Chiromantie glauben?«

»Ganz gewiß glaube ich daran!« antwortete der junge Mann lächelnd.

»Aber warum denn?«

»Weil ich der Chiromantie das ganze Glück meines Lebens verdanke«, murmelte er und setzte sich in einen Korbsessel.

»Was verdanken Sie ihr, lieber Lord Arthur?«

»Sybil«, antwortete er und überreichte seiner Frau die Rosen und schaute in ihre blauen Augen.

»Was für ein Unsinn!« rief Lady Windermere. »Ich habe in meinem ganzen Leben noch nicht solchen Unsinn gehört.«

Die Sphinx ohne Geheimnis

02

Eine Radierung

Eines Nachmittags saß ich vor dem Cafe de la Paix und betrachtete den Glanz und die Schäbigkeit des Pariser Lebens und bewunderte hinter meinem Glas Wermut das merkwürdige Panorama von Stolz und Armut, das sich vor mir entwickelte. Da hörte ich, wie jemand meinen Namen rief. Ich wandte mich um und sah Lord Murchison. Wir waren einander nicht begegnet, seitdem wir vor beinah zehn Jahren zusammen studierten, und so war ich denn entzückt, ihn wiederzusehen, und wir schüttelten uns herzlich die Hände. In Oxford waren wir gute Freunde gewesen. Ich hatte ihn riesig gern gehabt, denn er war sehr hübsch, gradsinnig und anständig. Wir pflegten von ihm zu sagen, daß er gewiß der beste Kerl wäre, wenn er nur nicht immer die Wahrheit spräche. Aber ich glaube, wir bewunderten ihn ehrlich, gerade wegen seiner Offenherzigkeit. Ich fand ihn ziemlich verändert. Er sah ängstlich und zerstreut aus und schien über irgend etwas im Zweifel zu sein. Ich dachte mir, das könne kein moderner Skeptizismus sein, Murchison war durch und durch Tory und glaubte so fest an den Pentateuch wie an das Oberhaus. So schloß ich denn, daß es sich offenbar um eine Frau handle, und fragte ihn, ob er schon verheiratet sei.

»Ich verstehe Frauen zu wenig«, antwortete er.

»Mein lieber Gerald«, sagte ich. »Frauen wollen geliebt, nicht verstanden sein.«

»Ich kann nicht lieben, wo ich nicht vertrauen kann«, antwortete er.

»Ich glaube, es gibt ein Geheimnis in deinem Leben, Gerald«, rief ich aus. »Erzähle es mir doch!«

»Wollen wir nicht zusammen eine Spazierfahrt machen? Hier ist mir’s zu voll«, antwortete er. »Nein, keinen gelben Wagen, lieber eine andere Farbe. Ja, der dunkelgrüne dort ist mir recht.« Und einige Augenblicke später fuhren wir den Boulevard in der Richtung nach der Madeleine hinunter.

»Wohin wollen wir?« sagte ich.

»Wohin du willst«, antwortete er. »Zum Restaurant im Bois. Wir werden dort dinieren, und du wirst mir von dir erzählen.«

»Ich möchte erst etwas von dir hören«, sagte ich. »Erzähle mir dein Geheimnis.«

Er zog ein kleines silberbeschlagenes Saffianetui aus der Tasche und reichte es mir. Ich öffnete es – es enthielt die Photographie einer Frau. Sie war hoch und schlank und sah seltsam malerisch aus mit ihren großen, träumerischen Augen und dem offenen Haar. Sie sah aus wie eine Hellseherin und war in einen kostbaren Pelz gehüllt.

»Was hältst du von dem Gesicht?« fragte er. »Kann man ihm trauen?«

Ich betrachtete es aufmerksam. Das Gesicht sah aus wie das eines Menschen, der ein Geheimnis hat, aber ich hätte nicht sagen können, ob dies Geheimnis gut oder böse ist. Ihre Schönheit war eine aus vielen Geheimnissen gebildete Schönheit – eine Schönheit psychischer, nicht plastischer Natur –, und das schwache Lächeln, das ihre Lippen umspielte, war viel zu überlegen, als daß es wirklich süß hätte sein können.

»Nun«, rief er ungeduldig, »was sagst du zu ihr?«

»Eine Gioconda in Zobel«, antwortete ich. »Erzähl mir doch Näheres von ihr.«

»Nicht jetzt«, sagte er. »Nach Tisch.« Und er begann von anderen Dingen zu sprechen.

Als der Kellner uns den Kaffee und die Zigaretten gebracht hatte, erinnerte ich Gerald an sein Versprechen. Er stand auf und ging zwei- oder dreimal auf und ab, ließ sich dann in einen Lehnstuhl fallen und erzählte mir folgende Geschichte.

»Eines Abends«, sagte er, »ging ich nach fünf Uhr die Bond Street hinunter. Es herrschte ein furchtbares Gewirr von Wagen, und der Verkehr stockte fast völlig. Ganz nahe am Bürgersteig stand ein kleiner gelber Einspänner, der aus irgendeinem Grunde meine Aufmerksamkeit erregte. Als ich daran vorüberging, blickte mich das Gesicht an, das ich dir eben gezeigt habe. Es fesselte mich sofort. Die ganze Nacht und den ganzen nächsten Tag über dachte ich daran. Ich lief die verflixte Straße immer auf und ab, guckte in jeden Wagen und wartete auf den gelben Einspänner. Aber ich konnte ma belle inconnue nicht finden, und schließlich begann ich zu glauben, daß es nur ein Traum gewesen sei. Etwa eine Woche später dinierte ich bei Madame de Rastail. Das Diner war auf acht Uhr angesetzt, aber um halb neun wartete man noch immer im Salon. Endlich öffnete der Diener die Tür und meldete eine Lady Alroy. Es war die Frau, die ich gesucht hatte. Sie kam sehr langsam herein, sah aus wie ein Mondstrahl in grauen Spitzen, und zu meinem unbeschreiblichen Entzücken wurde ich aufgefordert, sie zu Tische zu führen. Als wir uns gesetzt hatten, bemerkte ich ganz unschuldig: ›Ich glaube, ich habe Sie vor einiger Zeit in der Bond Street gesehen, Lady Alroy.‹ Sie wurde sehr blaß und sagte leise zu mir: ›Bitte, sprechen Sie nicht so laut, man könnte Sie hören.‹ Ich fühlte mich sehr unbehaglich, daß ich mich so schlecht bei ihr eingeführt hatte, und stürzte mich kopfüber in ein Gespräch über das französische Theater. Sie sprach sehr wenig, immer mit derselben leisen, musikalischen Stimme und schien immer Angst zu haben, daß jemand zuhören könne. Ich verliebte mich leidenschaftlich, wahnsinnig in sie, und die unbeschreibliche Atmosphäre des Geheimnisses, die sie umgab, erregte aufs heftigste meine brennende Neugier. Als sie fortging – und sie ging sehr bald nach dem Diner fort –, fragte ich sie, ob ich ihr meinen Besuch machen dürfe. Sie zögerte einen Augenblick, sah sich um, ob jemand in der Nähe sei, und sagte dann: ›Ja, – morgen um dreiviertel fünf.‹ Ich bat Madame de Rastail, mir etwas über sie zu sagen, aber alles, was ich erfahren konnte, war, daß sie Witwe sei und ein wunderschönes Haus in Park Lane besitze. Als dann irgendein wissenschaftlicher Schwätzer eine lange Abhandlung über Witwen begann, um an Beispielen zu beweisen, daß die Überlebenden stets die zur Ehe Geeignetsten seien, stand ich auf und ging nach Hause.

Am nächsten Tag erschien ich in Park Lane pünktlich zur angegebenen Stunde, aber der Kammerdiener sagte mir, daß Lady Alroy eben ausgegangen sei. Ich ging in meinen Klub, unglücklich und voller Unruhe. Nach langer Überlegung schrieb ich ihr einen Brief, in dem ich anfragte, ob es mir erlaubt sei, an einem anderen Tage mein Glück zu versuchen. Einige Tage lang erhielt ich keine Antwort, aber endlich bekam ich ein kleines Briefchen, in dem stand, daß sie Sonntag um vier Uhr zu Hause sein würde, und das folgendes sonderbare Postskriptum enthielt: ›Bitte, schreiben Sie mir nicht mehr hierher. Ich werde Ihnen den Grund bei unserem Wiedersehen sagen.‹ Am Sonntag empfing sie mich und war entzückend. Als ich fortging, bat sie mich, wenn ich ihr wieder einmal schriebe, den Brief an Mrs. Knox, c/o Whittakers Buchhandlung, Green Street, zu senden. ›Es gibt Gründe, warum ich in meinem Hause keine Briefe empfangen kann‹, sagte sie.

Den ganzen Winter hindurch sah ich sie sehr oft, und die Atmosphäre des Geheimnisses verließ sie nie. Manchmal glaubte ich, sie sei in der Gewalt irgendeines Mannes, aber sie sah immer so unnahbar aus, daß ich diese Meinung bald aufgab. Es war für mich sehr schwer, zu irgendeinem Ergebnis zu kommen, denn sie glich jenen seltsamen Kristallen, die man in Museen findet und die einen Augenblick ganz klar und dann wieder ganz trüb sind. Endlich entschloß ich mich, ihr einen Antrag zu machen. Ich war ganz krank und erschöpft von dem fortwährenden Geheimnis, mit dem sie alle meine Besuche und die wenigen Briefe, die ich ihr sandte, umgab. Ich schrieb ihr also in die Buchhandlung, um sie zu fragen, ob sie mich am nächsten Montag um sechs Uhr empfangen könne. Sie antwortete mit ›Ja‹, und ich war im siebenten Himmel des Entzückens. Ich war ganz behext von ihr – trotz des Geheimnisses, dachte ich damals, wegen des Geheimnisses, weiß ich jetzt. Nein, es war die Frau selbst, die ich liebte. Das Geheimnis beunruhigte mich, machte mich toll. Warum hat der Zufall mir auf die Spur geholfen?«

»Du hast es also entdeckt!« rief ich aus.

»Ich fürchte fast«, antwortete er. »Urteile selbst.

Als der Montag kam, ging ich mit meinem Onkel frühstücken, und etwa um vier Uhr war ich in der Marylebone Road. Wie du weißt, wohnt mein Onkel am Regent’s Park. Ich wollte nach Piccadilly und schnitt den Weg ab, indem ich durch eine Menge armseliger, kleiner Straßen ging. Plötzlich sah ich vor mir Lady Alroy, tief verschleiert und eilenden Schrittes. Als sie zum letzten Haus der Straße kam, ging sie die Stufen hinauf, zog einen Drücker aus der Tasche, öffnete und trat ein. Hier ist also das Geheimnis, sagte ich zu mir selbst. Ich stürzte vor und betrachtete das Haus. Es schien eine Art Absteigequartier zu sein. Auf der Türschwelle lag ihr Taschentuch, das sie hatte fallen lassen. Ich hob es auf und steckte es in die Tasche. Dann begann ich darüber nachzudenken, was ich tun sollte. Ich kam zu dem Schluß, daß ich kein Recht hätte, ihr nachzuspionieren, und fuhr in meinen Klub. Um sechs machte ich ihr meinen Besuch. Sie lag auf dem Sofa, in einem silberdurchwirkten Schlafrock mit einer Spange von seltsamen Mondsteinen, die sie immer trug. Sie sah entzückend aus. ›Ich freue mich, Sie zu sehen‹, sagte sie. ›Ich war den ganzen Tag nicht aus.‹ Ich sah sie ganz verblüfft an, dann zog ich ihr Taschentuch aus meiner Tasche und übergab es ihr.

›Sie haben dieses Taschentuch heute nachmittag in der Cumnor Street verloren, Lady Alroy‹, sagte ich sehr ruhig. Sie sah mich ganz erschrocken an, machte aber keine Bewegung, das Taschentuch zu nehmen. ›Was haben Sie dort getan?‹ fragte ich. – ›Welches Recht haben Sie, mich das zu fragen?‹ antwortete sie. – ›Das Recht eines Mannes, der Sie liebt. Ich kam hierher, um Sie zu bitten, meine Frau zu werden.‹ Sie verbarg ihr Gesicht in den Händen und brach in eine Tränenflut aus. ›Sie müssen mir alles sagen‹, fuhr ich fort. Sie stand auf, blickte mir voll ins Gesicht und sagte: ›Lord Murchison, ich habe nichts zu sagen.‹ – ›Sie wollten dort jemand treffen‹, schrie ich, ›das ist Ihr Geheimnis.‹ Sie wurde schrecklich bleich und sagte: ›Ich wollte niemand treffen. ›Können Sie nicht die Wahrheit sagen?‹ rief ich aus. ›Ich habe sie gesagt‹, antwortete sie. Ich war toll, außer mir. Ich weiß nicht, was ich ihr gesagt habe, aber es waren furchtbare Dinge. Endlich stürzte ich aus dem Hause. Sie schrieb mir am nächsten Tage einen Brief. Ich sandte ihn ihr ungeöffnet zurück und fuhr mit Alan Colville nach Norwegen. Nach einem Monat kam ich zurück, und das erste, was ich in der Morgenpost las, war die Todesnachricht von Lady Alroy. Sie hatte sich in der Oper erkältet und war fünf Tage später an einer Lungenentzündung gestorben. Ich schloß mich ein und sah niemanden. Ich hatte sie wahnsinnig geliebt. Großer Gott, wie habe ich dieses Weib geliebt!«

»Du gingst natürlich in die Straße und in das Haus«, sagte ich.

»Ja«, antwortete er.

»Eines Tages ging ich nach der Cumnor Street. Ich konnte einfach nicht anders – der Zweifel quälte mich. Ich klopfte an die Tür, und eine würdig aussehende Dame öffnete mir. Ich fragte, ob sie nicht ein Zimmer zu vermieten hätte. ›Ja, Sir!‹ sagte sie. ›Mein Salon ist eigentlich vermietet, aber ich habe die Dame seit drei Monaten nicht gesehen. Und da das Zimmer nicht bezahlt ist, können Sie es haben.‹ ›Ist das diese Dame?‹ fragte ich und zeigte ihr das Bild. ›Gewiß!‹ rief sie aus, ›das ist sie. Und wann kommt sie denn zurück?‹ ›Die Dame ist tot‹, antwortete ich. ›O mein Gott‹, sagte die Frau. ›Sie war meine beste Mieterin. Sie hat mir drei Guineen die Woche bezahlt, um ab und zu hier im Salon zu sitzen.‹ ›Traf sie jemand?‹ fragte ich. Aber die Frau versicherte mir, daß sie immer allein kam und niemand traf. ›Was, um Gottes willen, hat sie dann hier getan?‹ rief ich aus. ›Sie saß bloß im Salon, las Bücher und trank manchmal eine Tasse Tee‹, antwortete die Frau. Ich wußte nicht, was ich sagen sollte, und so gab ich ihr einen Sovereign und ging. – Was glaubst du, hat das alles bedeutet? Glaubst du, daß die Frau die Wahrheit gesagt hat?«

»Gewiß glaube ich das«, antwortete ich.

»Warum ist Lady Alroy dann aber hingegangen?«

»Mein lieber Gerald«, antwortete ich. »Lady Alroy war einfach eine Frau mit der Manie für das Geheimnisvolle. Sie hat das Zimmer aus Vergnügen daran genommen, tiefverschleiert hingehen zu können und sich einzubilden, sie sei eine Romanheldin. Sie hatte die Leidenschaft der Geheimnistuerei, aber sie selbst war bloß eine Sphinx ohne Geheimnis.«

»Glaubst du das wirklich?«

»Ich bin davon überzeugt«, antwortete ich.

Er nahm das Saffianetui aus der Tasche, öffnete es und blickte auf das Bild. »Wer weiß?« sagte er endlich.

Geleitwort

»Bist Du also mein Testamentsvollstrecker – schrieb Oscar Wilde aus Reading in einem Briefe vom 1. April 1897 an seinen Freund Robert Ross –, so mußt Du im Besitze des einzigen Dokuments sein, das über mein außergewöhnliches Verhalten Aufschluß gibt … Wenn Du den Brief gelesen hast, wirst Du die psychologische Erklärung für ein Betragen finden, das dem Außenstehenden eine Verbindung von absolutem Blödsinn und vulgärer Renommisterei scheint. Eines Tages muß die Wahrheit bekannt werden – es braucht ja nicht bei meinen Lebzeiten zu sein … Aber ich habe keine Lust, für alle Zeit an dem lächerlichen Pranger zu stehn, an den man mich gestellt hat; aus dem einfachen Grunde, weil ich von meinem Vater und meiner Mutter einen in der Literatur und der Kunst hochgeehrten Namen geerbt habe, und ich kann nicht in alle Ewigkeit dulden, daß dieser Name geschändet sein soll. Ich verteidige meine Handlungsweise nicht. Ich erkläre sie. In meinem Briefe finden sich auch etliche Stellen, die von meiner geistigen Entwicklung im Zuchthaus handeln und der unausbleiblichen Wandlung meines Charakters und meiner intellektuellen Stellung zum Leben, die sich vollzogen hat …

Wird die Abschrift in Hornton-Street hergestellt, so läßt man die Schreibdame vielleicht durch einen Schieber in der Tür füttern, wie die Kardinäle, wenn sie zur Papstwahl schreiten, bis sie auf den Balkon hinaustritt und der Welt verkünden kann: ›Habet Mundus Epistolam‹; denn tatsächlich ist es eine Enzyklika, und wie die Bullen des Heiligen Vaters nach den einleitenden Worten heißen, mag man von ihr als der ›Epistola: In Carcere et Vinculis‹ sprechen …

Nahezu zwei Jahre habe ich die immer schwerer werdende Bürde der Verbitterung in mir getragen; viel davon habe ich jetzt abgeschüttelt.«

Zu Oscar Wildes Lebzeiten ist, gemäß der Weisung, nichts von dieser Epistel bekannt geworden. Bruchstücke daraus habe ich als erster in der ›Neuen Rundschau‹ (Januar- und Februar-Heft 1905) mitgeteilt; die deutsche Buchausgabe folgte kurz darauf. Sie zog die Veröffentlichung in der Ursprache nach sich. Hier waren die Stellen, die von der geistigen Entwicklung des Briefschreibers im Zuchthaus handelten, mit großem Geschick aneinandergereiht, alles, was den Briefempfänger betraf, mit größerer Kühnheit ausgeschaltet. Für seine – milde gesagt – Umredigierung erfand Robert Ross den Titel ›De Profundis‹. »Mag Ross dem Ideal eines philologischen Herausgebers nicht entsprechen, die Beteiligten werden ihn als das Ideal eines taktvollen Menschen rühmen.«

In meiner etwas erweiterten Ausgabe des Jahres 1909 bin ich dann zu dem vom Verfasser vorgeschlagenen Titel zurückgekehrt, wenn er ursprünglich auch halb im Scherz gemeint war.

»Erst jetzt rückt das Werk in die rechte Beleuchtung, wo es als Brief kenntlich wird. ›De Profundis‹ oder das, was wir ›De Profundis‹ zu nennen pflegen, ist … ein Brief Oscar Wildes aus dem Zuchthaus in Reading an seinen Freund Lord Alfred Douglas; ein sehr langer Brief allerdings von achtzig eng beschriebenen Seiten, aber doch seinem ganzen Charakter nach ein Brief. Und daß sein Verfasser ihn als solchen empfunden, zeigt der von ihm vorgeschlagene Titel ›Epistola: In Carcere et Vinculis‹. Da ihn Wilde selbst gewählt hat, entschloß ich mich, ihn beizubehalten, obwohl sich ›De Profundis‹ schon, eingebürgert hat.«

Robert Ross hat im Jahre 1909 dem Britischen Museum in London die Urschrift des Werkes mit der ausdrücklichen Bestimmung übergeben, daß es nicht vor dem Jahre 1960 in England veröffentlicht werden solle. Die Rücksicht auf den noch lebenden Adressaten des Schreibens bewog ihn dazu. Als dieser im Frühjahr 1915 einen Beleidigungsprozeß gegen den Schriftsteller Arthur Ransome führte, wurde das gesamte Werk, um die Darstellung des Angeklagten zu erhärten, vor Gericht verlesen; die englischen Zeitungen der ganzen Welt, auch deutsche, brachten spaltenlange Auszüge, so daß es für keinen Menschen mehr ein Geheimnis war, was die von Ross unterdrückten Stellen enthielten.

Diese völlig ungekürzte, zum ersten Mal erscheinende Buchausgabe der ›Epistola‹ erfolgt mit besonderer Genehmigung von Oscar Wildes Erben.

Berlin, 4. August 1924

Max Meyerfeld

Epistola: in carcere et vinculis

I. M. Gefängnis Reading

Lieber Bosie!

Nach langem, fruchtlosem Warten habe ich beschlossen, selbst an Dich zu schreiben, ebensosehr in Deinem wie in meinem Interesse; denn der Gedanke widerstrebt mir, daß ich zwei lange Gefängnisjahre durchgemacht haben soll, ohne jemals eine einzige Zeile von Dir empfangen zu haben oder eine Nachricht oder auch nur einen Gruß, außer solchen, die mich schmerzten.

Unsre unselige, höchst beklagenswerte Freundschaft hat für mich mit Verderben und öffentlicher Schande geendet. Doch die Erinnrung an unsre frühere Zuneigung verläßt mich selten, und der Gedanke, daß Abscheu, Verbitterung und Verachtung für immer den Platz in meinem Herzen einnehmen könnten, den Liebe vordem innehatte, ist sehr traurig für mich; und Du selbst wirst wohl im Herzen fühlen, daß es besser ist, an mich, der ich in der Einsamkeit des Gefängnislebens liege, zu schreiben, als ohne meine Genehmigung Briefe von mir zu veröffentlichen oder, ohne mich zu fragen, mir Gedichte zu widmen, mag auch die Welt nichts erfahren von Worten des Kummers oder der Leidenschaft, der Gewissensbisse oder der Gleichgültigkeit, die es Dir als Antwort oder Rechtfertigung zu schicken beliebt.

Zweifellos wird in diesem Brief, den ich über Dein und mein Leben zu schreiben habe, über die Vergangenheit und die Zukunft, über Süßes, das sich in Bitterkeit gewandelt, und über Bittres, das vielleicht zur Freude werden kann, vieles stehn, was Deine Eitelkeit bis aufs Blut verletzt. Sollte dem so sein, dann lies den Brief immer wieder, bis er Deine Eitelkeit ertötet. Wenn Du darin etwas findest, das Dich Deinem Gefühl nach zu Unrecht beschuldigt, so vergiß nicht: man soll dankbar dafür sein, daß es Fehler gibt, deren man zu Unrecht beschuldigt werden kann. Wenn eine einzige Stelle darin vorkommt, die Tränen Dir in die Augen treibt, dann weine, wie wir im Gefängnis weinen, wo der Tag, nicht minder als die Nacht, Tränen aufgespart ist. Es ist das einzige, was Dich retten kann. Wenn Du zu Deiner Mutter gehst und Dich beklagst, wie damals, über die Verachtung, die ich in meinem Brief an Robbie gegen Dich äußerte, damit sie Dir schmeichle und Dich wieder in Selbstgefälligkeit und Überhebung einlulle, so bist Du völlig verloren. Wenn Du Eine Ausrede für Dich findest, wirst Du bald hundert finden und ganz das sein, was Du vorher warst. Behauptest Du noch, wie Du es in Deiner Antwort an Robbie tatest, ich schriebe Dir »unwürdige Motive« zu? Ach, Du hattest keine Motive im Leben. Du hattest nur Gelüste. Ein Motiv ist ein geistiges Ziel. Behauptest Du noch, Du seist »sehr jung« gewesen, als unsre Freundschaft begann? Dein Gebrechen war nicht, daß Du so wenig, sondern daß Du so viel vom Leben wußtest. Die Morgenröte der Knabenzeit mit ihrem zarten Flaum, ihrem klaren, reinen Licht, ihrer unschuldigen, erwartungsvollen Freude hattest Du weit hinter Dir gelassen. Sehr geschwinden, laufenden Fußes warst Du von der Romantik zum Realismus gelangt. Die Gosse und was darin lebt hatten Dich zu fesseln begonnen. Daraus ging die Unannehmlichkeit hervor, in der Du Hilfe bei mir suchtest, und ich ließ sie Dir, unklugerweise nach dem, was dieser Welt als Klugheit gilt, aus Mitleid und Güte zuteil werden. Du mußt diesen Brief von A bis Z durchlesen, mag jedes Wort auch für Dich zum Feuer oder zum Messer des Wundarztes werden, so daß das zarte Fleisch brennt oder blutet. Bedenke: der Tor in den Augen der Götter und der Tor in Menschenaugen sind etwas ganz andres. Wer gar nichts von den Formen offenbarter Kunst, von der Entwicklung fortschrittlichen Denkens, von dem Gepränge des lateinischen Verses, von der klangvolleren Musik des vokalreichen Griechisch, von toskanischer Skulptur und elisabethanischer Lyrik weiß, kann doch der allerholdesten Klugheit voll sein. Der wahre Tor, den die Götter verspotten oder verderben, ist der, welcher sich selbst nicht kennt. Ich war ein solcher zu lange. Du warst ein solcher zu lange. Sei es nicht mehr! Fürchte Dich nicht! Das höchste Laster ist Seichtheit. Alles, was zum Bewußtsein kommt, ist richtig. Denke auch daran, daß alles, was Dich zu lesen betrübt, mich ärger betrübt niederzuschreiben. Gegen Dich sind die unsichtbaren Mächte sehr gut gewesen. Sie haben Dich die seltsamen, tragischen Gestalten des Lebens sehn lassen, wie man Schatten im Glase sieht. Das Haupt der Meduse, das lebendige Menschen in Stein verwandelt, war Dir vergönnt, bloß im Spiegel zu schaun. Du selbst bist frei zwischen Blumen dahingeschritten. Mir ist die schöne Welt der Farbe und der Bewegung genommen.

Ich will damit anfangen, Dir zu sagen, daß ich mir schreckliche Vorwürfe mache. Während ich hier in der dunklen Zelle in Sträflingskleidung sitze, ein entehrter, vernichteter Mann, mache ich mir Vorwürfe. In den qualvollen Nächten mit ihren Angstanfällen, in den langen, eintönigen Tagen mache ich mir selbst Vorwürfe. Ich mache mir Vorwürfe, daß ich eine ungeistige Freundschaft, eine Freundschaft, deren ursprünglicher Zweck es nicht war, Schönes zu schaffen und zu schaun, mein Leben völlig beherrschen ließ. Von Anbeginn war eine zu weite Kluft zwischen uns. Du bist in der Schule faul gewesen, schlimmer als faul auf der Universität. Es kam Dir nicht zum Bewußtsein, daß ein Künstler, zumal einer wie ich, will sagen: einer, bei dem der Wert der Arbeit von der innern Kraft der Persönlichkeit abhängt, zur Entfaltung seiner Kunst den Umgang mit Ideen, ein geistiges Milieu, Ruhe, Frieden und Einsamkeit nötig hat. Du bewundertest meine Arbeiten, wenn sie fertig waren; Du ergötztest Dich an den glänzenden Erfolgen meiner Premierenabende und den glänzenden Festessen hernach; Du warst stolz darauf, ganz natürlicherweise, der intime Freund eines so hervorragenden Künstlers zu sein. Aber Du konntest die zum Schaffen künstlerischer Werke erforderlichen Bedingungen nicht verstehn. Ich spreche nicht in rhetorisch übertriebenen Phrasen, sondern in durchaus wahren, auf reinen Tatsachen beruhenden Worten, wenn ich Dir zu Gemüte führe, daß ich während der ganzen Zeit, die wir zusammen waren, nie eine einzige Zeile geschrieben habe. Ob in Torquay, Goring, London, Florenz oder sonstwo, mein Leben ist, solange Du an meiner Seite warst, völlig unfruchtbar und unschöpferisch gewesen. Und mit nur wenigen Unterbrechungen warst Du leider immer an meiner Seite.

Ich erinnre mich zum Beispiel: im September 1895, um nur einen Fall von vielen herauszugreifen, mietete ich mehrere möblierte Zimmer, lediglich um ungestört zu arbeiten; ich hatte nämlich meinen Kontrakt mit John Hare gebrochen, dem ich ein Theaterstück zugesagt hatte und der auf schleunige Erledigung drängte. Während der ersten Woche ließest Du Dich nicht blicken. Wir hatten uns, nur zu natürlich, über den künstlerischen Wert Deiner Übersetzung der »Salome« gestritten. Du begnügtest Dich deshalb damit, mir törichte Briefe in der Angelegenheit zu senden. In dieser Woche schrieb und vollendete ich bis ins kleinste den ersten Akt des »Idealen Gatten«, so wie er schließlich aufgeführt wurde. In der zweiten Woche kamst Du wieder, und mit meiner Arbeit war es tatsächlich aus. Ich begab mich jeden Vormittag um ½ 12 nach St. James’s Place, um Gelegenheit zum Nachdenken und Schreiben zu haben ohne die von meinem Haushalt unzertrennliche Störung, so still und friedlich dieser auch war. Aber der Versuch war nutzlos. Um 12 Uhr kamst Du angefahren und bliebst, Zigaretten rauchend und plaudernd, bis ½2 Uhr; dann mußte ich Dich zum Lunch ins Cafe Royal oder ins Berkeley mitnehmen. Das Lunch mit seinen Schnäpsen dauerte gewöhnlich bis ½4 Uhr. Auf eine Stunde zogst Du Dich in White’s Club zurück. Zur Teezeit erschienst Du wieder und bliebst, bis es Zeit war, sich zum Diner umzuziehn. Du speistest mit mir, entweder im Savoy oder in Tite-Street. Wir trennten uns in der Regel erst nach Mitternacht, da ein Souper bei Willis den berauschenden Tag zum Abschluß bringen mußte. Das war mein Leben während jener drei Monate, jeden einzigen Tag, mit Ausnahme der vier Tage, die Du verreist warst. Ich mußte dann selbstverständlich nach Calais hinüberfahren und Dich zurückholen. Für einen Menschen meines Schlags und meines Temperaments war es eine gleichermaßen groteske und tragische Lage.

Du mußt das jetzt gewiß begreifen. Du mußt jetzt einsehn, daß Dein Unvermögen, allein zu sein, Dein begehrliches Wesen, das an die Rücksicht und die Zeit der andern beständig Forderungen stellte, Deine Unfähigkeit zu anhaltender geistiger Konzentration, der unglückliche Zufall – denn ich möchte nicht gern es für mehr nehmen –, daß Du noch nicht imstande gewesen, Dir »Oxforder Sinnesart« in geistigen Dingen anzueignen, ich meine: nie ein Mensch gewesen bist, der mit Ideen anmutig spielen konnte, sondern bloß zu ungestümen Ansichten gelangt war – daß all das im Verein mit der Tatsache, daß Deine Wünsche und Interessen dem Leben, nicht der Kunst galten, für Deinen eignen Bildungsfortschritt ebenso schädlich war wie für meine künstlerische Arbeit. Wenn ich meine Freundschaft mit Dir der Freundschaft mit noch Jüngern Männern, wie John Gray und Pierre Louys, vergleich«, schäme ich mich. Mein wahres Leben, mein höheres Leben gehörte ihnen und ihresgleichen.

Von den grauenhaften Folgen meiner Freundschaft mit Dir spreche ich jetzt nicht. Ich denke bloß an ihr Wesen, solange sie währte. Sie war geistig entwürdigend für mich. Ansätze eines künstlerischen Temperaments im Keimen fanden sich bei Dir. Aber ich bin Dir entweder zu spät oder zu früh begegnet – ich weiß nicht, welches von beiden. Wenn Du weg warst, war alles in bester Ordnung mit mir. In dem Augenblick, Anfang Dezember des Jahres, auf das ich vorhin anspielte, als es mir gelungen war, Deine Mutter zu bestimmen, Dich aus England fortzuschicken, sammelte ich wieder das zerrissene, verwirrte Netz meiner Phantasie, bekam wieder Gewalt über mein Leben und beendete nicht nur die übrigen drei Akte des »Idealen Gatten«, sondern ersann auch zwei andre Stücke von gänzlich verschiedener Grundform: die »Florentinische Tragödie« und »La Sainte Courtisane«, und hatte sie fast vollendet. Da plötzlich kamst Du unaufgefordert, unwillkommen, unter Umständen, die für mein Glück verhängnisvoll waren, nach Hause. Die beiden damals noch unvollendeten Werke vermochte ich nicht wieder aufzunehmen. Die Stimmung, aus der sie geflossen waren, konnte ich nie wiedererlangen. Du wirst jetzt, nachdem Du selbst einen Gedichtband veröffentlicht hast, imstande sein, die Wahrheit alles dessen, was ich hier gesagt habe, zu erkennen. Ob Du es kannst oder nicht: es bleibt als gräßliche Wahrheit im tiefsten Herzen unsrer Freundschaft. Solange Du bei mir warst, warst Du der vollkommne Verderb meiner Kunst; und darüber, daß ich Dich beständig zwischen der Kunst und mir stehn ließ, empfinde ich Scham und Gram in vollstem Maße. Du konntest nicht wissen, konntest nicht verstehn, konntest nicht würdigen. Ich hatte kein Recht, es überhaupt von Dir zu erwarten. Deine Interessen galten lediglich Deinem Gaumen und Deinen Launen. Deine Wünsche richteten sich einfach auf Vergnügungen, auf gewöhnliche oder minder gewöhnliche Freuden. Die brauchte oder dachte Dein Temperament im Augenblick zu brauchen. Ich hätte Dir mein Haus und meine Arbeitsräume verbieten sollen, außer wenn ich Dich besonders einlud. Ich mache mir ob meiner Schwäche rückhaltlose Vorwürfe. Es war nur Schwäche. Eine einzige halbe Stunde in der Gesellschaft der Kunst bedeutete für mich stets mehr als ein Zyklus in Deiner Gesellschaft. Nichts war wirklich zu irgendeiner Zeit meines Lebens jemals von der geringsten Bedeutung für mich neben der Kunst. Aber beim Künstler kommt Schwäche einem Verbrechen gleich, wenn es eine Schwäche ist, welche die Phantasie lähmt.

Ich mache mir Vorwürfe, daß ich Dich meinen völligen, schimpflichen finanziellen Zusammenbruch herbeiführen ließ. Ich erinnre mich eines Vormittags Anfang Oktober 1892, als ich in den vergilbenden Wäldern zu Bracknell bei Deiner Mutter saß. Damals wußte ich noch sehr wenig von Deiner wahren Natur. Ich hatte mich von einem Sonnabend bis Montag bei Dir in Oxford aufgehalten. Du warst zehn Tage bei mir in Cromer gewesen und hattest Golf gespielt. Die Unterhaltung kam auf Dich, und Deine Mutter begann, über Deinen Charakter mit mir zu sprechen. Sie erzählte mir von Deinen beiden Hauptfehlern: Deiner Eitelkeit und davon, daß Du, wie sie es ausdrückte, keine Ahnung vom Geld hättest. Ich entsinne mich genau, wie ich lachte. Ich ließ mir nicht träumen, daß die erste Eigenschaft mich ins Gefängnis, die zweite zum Bankrott bringen werde. Ich hielt Eitelkeit für eine Art anmutiger Blume, die ein junger Mensch trägt; was Verschwendungssucht betrifft – denn ich dachte, Deine Mutter meine nicht mehr als Verschwendung –, so lagen die Tugenden der Bedachtsamkeit und Sparsamkeit meinem eignen Wesen und meinem Stamme fern. Aber eh‘ unsre Freundschaft vier Wochen älter war, sah ich langsam, was Deine Mutter wirklich meinte. Dein Beharren auf einem Leben rücksichtslosen Vergeudens, Deine unablässigen Geldforderungen, Dein Anspruch, ich solle für alle Deine Vergnügungen zahlen, ob ich bei Dir war oder nicht, brachten mich nach einiger Zeit in ernste Geldschwierigkeiten; und was die Ausschweifung, für mich wenigstens, so einförmig uninteressant machte, während Dein beharrlicher Eingriff in mein Leben immer stärker wurde, war, daß das Geld wirklich für kaum etwas andres ausgegeben wurde als für die Freuden des Essens, Trinkens und dergleichen. Dann und wann ist’s eine Lust, seinen Tisch mit Wein und Rosen rot zu haben; doch Du gingst über allen Geschmack und alle Mäßigkeit hinaus. Du fordertest ohne Höflichkeit und empfingst ohne Dank. Du dachtest allmählich, Du hättest eine Art Recht, auf meine Kosten und in einer üppigen Schwelgerei zu leben, an die Du durchaus nicht gewöhnt warst und die aus diesem Grunde Deine Begierden immer heftiger werden ließ; und zuletzt, wenn Du beim Spiel in einem Kasino in Algier Geld verlorst, telegraphiertest Du mir einfach nach London am nächsten Morgen, ich möchte den Betrag Deines Verlustes Deinem Bankguthaben überweisen, und dachtest an die Sache ganz und gar nicht mehr.

Wenn ich Dir sage, daß ich vom Herbst 1892 bis zum Zeitpunkt meiner Gefangenschaft mit Dir und für Dich mehr als 5000 Pfund in barem Gelde verausgabte, abgesehn von Schulden, die ich machte, so wirst Du eine Vorstellung von der Art Leben bekommen, die Du durchaus führen wolltest. Glaubst Du, ich übertreibe? Meine gewöhnlichen Ausgaben mit Dir für einen gewöhnlichen Tag in London – für Mittag-, Abendessen, Nachtmahl, Vergnügungen, Droschken und das übrige – schwankten zwischen 12 und 20 Pfund, und die wöchentlichen Ausgaben waren natürlich dementsprechend und schwankten zwischen 80–130 Pfund. Während unsers Vierteljahrs in Goring betrugen meine Ausgaben (die Miete selbstverständlich mitgerechnet) 1340 Pfund. Schritt für Schritt mußte ich mit dem Konkursverwalter jeden Posten meines Lebens durchgehn. Es war greulich. »Einfache Lebensweise und hoher Gedankenflug« war allerdings ein Ideal, das Du damals nicht hättest würdigen können, aber eine solche Verschwendung war eine Schande für uns beide. Eines der entzückendsten Essen, an die ich mich erinnre, hatten Robbie und ich zusammen in einem kleinen Café in Soho es kostete ungefähr so viel Schilling wie die Essen, die ich Dir gab, gewöhnlich Pfund kosteten. Bei diesem Essen mit Robbie entstand der erste und allerbeste meiner Dialoge. Idee, Titel, Behandlung, Form, alles wurde bei einem Menü zu 3 Francs 50 c. entworfen. Von den leichtsinnigen Schmausen mit Dir bleibt nichts zurück als die Erinnrung, daß zu viel gegessen und zu viel getrunken wurde. Und daß ich mich Deinem Begehren fügte, war schlecht für Dich. Du weißt das jetzt. Es hat Dich oft anspruchsvoll gemacht; manchmal recht rücksichtslos; immer ungnädig. Bei allzuvielen Gelegenheiten war es eine zu geringe Freude oder Ehre, Dich zu bewirten. Du vergaßest – ich will nicht sagen: die formelle Höflichkeit zu danken, denn formelle Höflichkeiten zerren an einer engen Freundschaft –, sondern einfach die Anmut lieber Gesellschaft, den Zauber angenehmer Unterhaltung, jenes τερπνὸν καλόν, wie die Griechen es nannten, und all die sanften Menschlichkeiten, die das Leben liebenswert machen und eine Begleitung dazu sind, die, ähnlich wie die Musik, keine Verstimmung aufkommen läßt und die mißtönenden oder stummen Stellen mit Melodie erfüllt. Und wenn es Dir auch seltsam erscheinen mag, daß jemand in der schrecklichen Lage, in der ich mich befinde, zwischen einer Schande und der andern einen Unterschied macht, so bekenne ich doch unumwunden, daß die Torheit, all das Geld für Dich wegzuwerfen und Dich mein Vermögen zu Deinem Schaden ebenso wie zu meinem verschleudern zu lassen, mir und in meinen Augen meinem Bankrott eine Note gemeiner Liederlichkeit gibt, deren ich mich doppelt schäme. Ich war zu andern Dingen geschaffen.

Am allermeisten jedoch mache ich mir Vorwürfe, daß ich Dich meine völlige ethische Erniedrigung über mich bringen ließ. Die Grundlage des Charakters ist Willenskraft, und meine Willenskraft wurde durchaus der Deinen Untertan. Das klingt grotesk, ist aber trotzdem wahr. Diese unaufhörlichen Szenen, die für Dich gradezu ein physisches Bedürfnis zu sein schienen, worin Geist und Körper sich bei Dir verzerrten und Du ebenso schrecklich anzusehn wie anzuhören wurdest; diese gräßliche Manie, die Du von Deinem Vater geerbt hast: die Manie, empörende, widerwärtige Briefe zu schreiben; der gänzliche Mangel, Deine Gefühlsregungen zu beherrschen, wie er in langen Verstimmungen mürrischen Schweigens von Dir nicht minder zur Schau gestellt wurde als in den plötzlichen Ausbrüchen einer fast epileptischen Wut – alle diese Dinge, worüber einer meiner Briefe an Dich, den Du im Savoy oder sonst einem Hotel herumliegen ließest, so daß er vom Anwalt Deines Vaters dem Gericht vorgelegt wurde, eine von Pathos nicht freie Beschwörung enthielt, wärst Du damals imstande gewesen, Pathos in seinem Grundwesen oder seinen Äußerungen zu erkennen – diese Dinge, sage ich, waren der Ursprung und die Veranlassung, daß ich Dir in Deinen täglich wachsenden Ansprüchen so verhängnisvoll nachgab. Du hast einen abgenutzt! Es war der Triumph der kleinern über die größere Natur. Es war ein Fall von jener Tyrannei der Schwachen über die Starken, die ich irgendwo in einem meiner Stücke als »die einzige Tyrannei von Dauer« bezeichne.

Und sie war unausbleiblich. In jedem Verhältnis des Zusammenlebens muß man ein moyen de vivre finden. In Deinem Falle mußte man entweder Dir nachgeben oder Dich aufgeben. Es blieb keine andre Wahl. Aus tiefer, wiewohl übel angebrachter Zuneigung zu Dir; aus großem Mitleid mit den Gebrechen Deiner Natur und Deines Naturells; aus meiner eignen sprichwörtlichen Gutmütigkeit und keltischen Trägheit heraus; aus künstlerischer Abneigung gegen rohe Auftritte und häßliche Worte; aus der für mich damals bezeichnenden Unfähigkeit heraus, einem etwas nachzutragen; aus Widerwillen, das Leben bitter und unschön gestaltet zu sehn durch das, was mir, der seine Augen wirklich auf andre Dinge gerichtet hatte, bloße Lappalien, zu geringfügig für mehr als momentanes Nachdenken oder Interesse, schien – aus diesen Gründen, so einfach sie klingen mögen, gab ich Dir immer nach. Als natürliche Folge wuchsen Deine Ansprüche, Dein Herrschbestreben, Deine erpresserischen Forderungen immer unvernünftiger an. Dein schäbigster Beweggrund, Dein niedrigstes Gelüst, Deine gemeinste Leidenschaft wurden für Dich Gesetze, von denen sich das Leben andrer Menschen jederzeit sollte lenken lassen und denen sie, wenn nötig, skrupellos geopfert werden sollten. Da Dir bekannt, daß Du bloß eine Szene zu machen brauchtest, um Deinen Willen stets durchzusetzen, war es nur natürlich, daß Du – fast unbewußt, wie ich nicht zweifle – die ordinäre Gewalttätigkeit bis zum Übermaß steigertest. Schließlich wußtest Du nicht, zu welchem Ziel Du eiltest oder welcher Zweck Dir vorschwebte. Nachdem ich Dich aus meinem Genius, meiner Willenskraft und meinem Vermögen erschaffen hatte, verlangtest Du in der Blindheit unersättlicher Gier mein gesamtes Sein. Du nahmst es. In dem einen zu allerhöchst und in tragischer Weise kritischen Augenblick meines ganzen Lebens, just bevor ich den beklagenswerten Schritt unternahm, meinen albernen Prozeß einzuleiten, griff auf der einen Seite Dein Vater mich mit scheußlichen Karten an, die er in meinem Klub abgab, griffst Du auf der andern Seite mich mit nicht minder widerwärtigen Briefen an. Der Brief, den ich von Dir am Morgen des Tages bekam, als ich mich von Dir zur Polizeiwache schleppen ließ, um den lächerlichen Haftbefehl gegen Deinen Vater zu beantragen, war einer der schlimmsten, die Du je geschrieben hast, und zwar aus dem schändlichsten Grunde. Zwischen euch beiden hatte ich den Kopf verloren. Mein Urteil verließ mich. Furcht nahm seine Stelle ein. Ich sah keine Möglichkeit des Entrinnens, wie ich offen sagen will, vor euch beiden. Blind schwankte ich dahin wie der Ochs zum Schlachthaus. Ich hatte einen riesenhaften psychologischen Irrtum begangen. Ich hatte immer gedacht, es habe nichts zu bedeuten, daß ich Dir in Kleinigkeiten nachgab; ich selbst könnte, wenn ein großer Augenblick käme, meine Willenskraft in ihrer natürlichen Überlegenheit wieder geltend machen. Es war nicht so. In dem großen Augenblick versagte meine Willenskraft vollständig. Im Leben gibt es tatsächlich nichts Großes oder Kleines. Alles ist von gleichem Wert und gleicher Größe. Meine Gewohnheit – im Anfang hauptsächlich eine Folge von Gleichgültigkeit –, Dir in allem nachzugeben, war unmerklich ein wesentlicher Teil von mir geworden. Ohne daß ich es wußte, hatte sie mein Temperament zu einer ständigen, unheilvollen Stimmung schematisiert. Darum sagt Pater in dem feinen Nachwort zur ersten Auf läge seiner Essays: »Unterliegen ist Gewohnheiten annehmen«. Als er das aussprach, meinten die stumpfen Leute in Oxford, der Satz sei bloß eine eigensinnige Umkehrung des etwas langweiligen Wortlauts Aristotelischer Ethik, aber es ist eine wundervolle, schreckliche Wahrheit darin verborgen. Ich hatte meine Charakterstärke von Dir untergraben lassen, und bei mir hatte sich die Annahme einer Gewohnheit nicht nur als ein Unterliegen, sondern als der Untergang erwiesen. In ethischer Hinsicht warst Du für mich noch verderblicher gewesen als in künstlerischer.

Nachdem der Haftbefehl einmal ausgestellt war, lenkte Dein Wille selbstverständlich alles. Zu der Zeit, als ich in London hätte sein, sachverständigen Rat einholen und über die scheußliche Falle, in der ich mich hatte fangen lassen – die Gimpelschlinge, wie Dein Vater sie heute noch nennt –, ruhig hätte nachdenken sollen, da bestandest Du darauf, daß ich mit Dir nach Monte Carlo ginge, grade diesem abstoßenden Ort auf Gottes Erdboden, damit Du den ganzen Tag wie die ganze Nacht, solange das Kasino geöffnet blieb, spielen könntest. Was mich betrifft – da Baccarat keine Reize für mich hat –, so wurde ich draußen allein gelassen. Du lehntest es ab, auch nur fünf Minuten lang die Lage zu besprechen, in die Du und Dein Vater mich gebracht hatten. Meine Aufgabe war lediglich, Deine Hotelrechnung und Deine Verluste zu bezahlen. Die geringste Anspielung auf die Höllenpein, die mich erwartete, wurde als öde empfunden. Eine neue Champagnermarke, die man uns empfahl, interessierte Dich mehr.

Bei unsrer Rückkehr nach London beschworen mich diejenigen meiner Freunde, denen es wirklich um mein Wohl zu tun war, ins Ausland zu flüchten und nicht einen unmöglichen Prozeß herauszufordern. Du schobst ihnen gemeine Motive unter, weil sie solchen Rat erteilten, und mir Feigheit, weil ich darauf hörte. Du zwangst mich zu bleiben; ich sollte die Sache, wenn möglich, vor Gericht durch geschmacklose, dumme Lügen dreist ausfechten. Schließlich verhaftete man mich, und Dein Vater wurde der Held der Stunde, ja, mehr noch als der Held der Stunde nur: Deine Familie zählt jetzt, komisch genug, zu den Unsterblichen; denn mit der grotesken Wirkung, die gleichsam ein gotischer Bestandteil der Geschichte ist und Klio zu der am wenigsten ernsten sämtlicher Musen macht, wird Dein Vater allezeit unter den gütigen, rein gesinnten Eltern der Erbauungsliteratur fortleben. Dein Platz ist bei dem Kinde Samuel; und im tiefsten Schlamm von Malebolge sitze ich zwischen Gilles de Retz und dem Marquis de Sade.

Natürlich hätte ich mich von Dir losmachen sollen. Ich hätte Dich aus meinem Leben abschütteln sollen, wie einer von seinem Gewand etwas abschüttelt, das ihn gestochen hat. In der wundervollsten aller seiner Tragödien erzählt uns Aischylos von dem großen Herrn, der in seinem Hause ein Löwenjunges, λέοντος ἶνιν, aufzieht und es Hebt, weil es seinem Lockruf leuchtenden Auges folgt und sich, wenn es Nahrung will, an ihn schmiegt: φαιδρωπῶς ποτὶ χεῖρα σαίνοντα γαστρὸς ἀνάγκαις, und das Geschöpf wächst heran und zeigt die eingeborene Art, ἤϑος τὸ ρπὸς τοκέων, und vernichtet den Herrn und sein Haus und alles, was er besitzt. Ich fühle, ich war ein solcher wie er. Aber mein Fehler war: nicht daß ich mich nicht von Dir trennte, sondern daß ich mich viel zu oft von Dir trennte. Soweit ich mich entsinnen kann, habe ich regelmäßig meine Freundschaft mit Dir alle drei Monate beendet. Und jedesmal, wenn dies geschehn war, brachtest Du es durch dringende Bitten, Telegramme, Briefe, die Vermittlung Deiner Freunde, die Vermittlung der meinen und dergleichen dahin, mich umzustimmen und Dich wiederkommen zu lassen. Als Du Ende März 1893 mein Haus in Torquay verließest, hatte ich beschlossen, nie mehr mit Dir zu sprechen und Dir unter keinen Umständen mehr zu gestatten, bei mir zu sein, so empörend war der Auftritt gewesen, den Du am Abend vor Deiner Abreise machtest. Schriftlich und telegraphisch batest Du mich aus Bristol, Dir zu verzeihn und mit Dir zusammenzukommen. Dein Universitätslehrer, der dageblieben war, sagte mir, er glaube, Du seist zu Zeiten ganz und gar nicht verantwortlich zu machen für das, was Du sprächest und tätest, und die meisten, wenn nicht alle Studenten am Magdalen-College seien derselben Ansicht. Ich willigte ein, mit Dir zusammenzukommen, und verzieh Dir natürlich. Auf der Fahrt nach London batest Du mich, mit Dir ins Savoy zu gehn. Das war freilich ein verhängnisvoller Besuch für mich. Drei Monate später, im Juni, waren wir in Goring. Einige Deiner Oxforder Bekannten kamen auf Besuch von Sonnabend bis Montag. Am Vormittag ihrer Abreise machtest Du eine so schreckliche, so qualvolle Szene, daß ich Dir sagte, wir müßten uns trennen. Ich erinnre mich ganz gut, als wir auf dem ebenen Krocketplatz standen, von dem hübschen Rasen rings umgeben, wie ich Dir auseinandersetzte, daß wir einer dem andern das Leben vergällten, daß Du das meine durchaus vernichtetest und ich Dich offenbar auch nicht wirklich beglückte, und daß unwiderruflicher Abschied und völlige Trennung das eine Kluge, Philosophische wäre, das wir tun sollten. Du gingst schmollend nach dem Mittagessen und ließest einen von Beleidigungen strotzenden Brief dem Diener zurück, der ihn mir nach Deiner Abreise übergeben sollte. Ehe drei Tage verstrichen waren, batest Du telegraphisch aus London, ich möchte Dir verzeihn und Dich zurückkommen lassen. Ich hatte Dir zuliebe dort gemietet. Ich hatte Deine eignen Dienstboten auf Dein Ersuchen engagiert. Es tat mir stets furchtbar leid, daß Du der gräßlichen Gemütsverfassung zum Opfer fielst. Ich hatte Dich gern. Ich ließ Dich also zurückkommen und verzieh Dir. Drei Monate später jedoch, im September, spielten sich neue Szenen ab; der Anlaß dazu war, daß ich Dir die Schuljungenschnitzer in Deinem Übersetzungsversuch der »Salome« nachwies. Du mußt es jetzt im Französischen so weit gebracht haben, zu wissen, daß die Übersetzung Deiner als eines Oxforder Akademikers ebenso unwürdig war wie des Werkes, das sie wiederzugeben vorhatte. Du wußtest es damals allerdings nicht, und in einem der heftigen Briefe, die Du mir in der Angelegenheit schriebst, sagtest Du, Du stündest mir gegenüber unter »keinerlei geistiger Verpflichtung«. Ich weiß noch: als ich diese Behauptung las, fühlte ich, daß es wirklich das einzig Wahre sei, das Du mir im ganzen Verlauf unsrer Freundschaft geschrieben hattest. Ich sah ein, daß ein weniger gebildetes Wesen Dir viel besser getaugt hätte. Ich sage das keineswegs in Verbitterung, sondern einfach als Tatsache, die für allen geselligen Umgang gilt. In letztem Betracht ist das Band jedes geselligen Umgangs, ob nun in der Ehe oder in der Freundschaft, die Unterhaltung, und Unterhaltung muß eine gemeinsame Grundlage haben, und zwischen zwei Menschen von weit verschiedener Bildung ist die einzig mögliche gemeinsame Grundlage der Nullpunkt. Das Triviale im Denken und Handeln ist reizend. Ich hatte es zum Schlußstein einer sehr geistreichen, in Theaterstücken und Paradoxen ausgesprochenen Philosophie gemacht. Aber die Hohlheit und Torheit unsers Lebens ödeten mich oftmals sehr an. Nur im Schlamm sind wir uns begegnet; und so bestrickend, so schrecklich bestrickend auch das eine Thema war, um das Deine Unterhaltung unveränderlich kreiste, es wurde schließlich dennoch ganz monoton für mich. Es langweilte mich oft zu Tode, und ich nahm es hin, wie Deine Vorliebe fürs Varieté oder Deine Manie für abgeschmackte Ausschweifungen im Essen und Trinken oder sonst eine Deiner für mich weniger reizvollen Eigenschaften, will sagen: wie etwas, womit man sich einfach abzufinden hatte – ein Teil des hohen Preises, den man für die Bekanntschaft mit Dir zahlen mußte.

Als ich nach meiner Rückkehr aus Goring für vierzehn Tage nach Dinard ging, warst Du mir sehr böse, weil ich Dich nicht mitnahm, machtest deswegen vor meiner Abreise überaus unerquickliche Szenen im Albemarle-Hotel und schicktest mir ebenso unerquickliche Telegramme in ein Landhaus, wo ich etliche Tage weilte. Ich sagte Dir, wie ich mich erinnre, ich hielte es für Deine Pflicht, daß Du eine Zeitlang bei Deinen Verwandten bliebest, da Du den ganzen Sommer fern von ihnen zugebracht hättest. Aber tatsächlich, um vollkommen offen mit Dir zu sein, konnte ich Dich unter keinen Umständen bei mir sein lassen. Wir waren fast zwölf Wochen zusammen gewesen. Ich brauchte Ruhe und Befreiung von dem schrecklichen Druck Deiner Gesellschaft. Es war nötig für mich, ein wenig allein zu sein. Es war in geistiger Beziehung nötig. Und so – daß ich’s nur gestehe – sah ich in Deinem Brief, aus dem ich zitiert habe, eine sehr gute Gelegenheit, die unselige Freundschaft, die zwischen uns aufgekommen war, zu beenden, und zwar ohne Bitternis zu beenden, wie ich es schon vor einem Vierteljahr an dem leuchtenden Junimorgen in Goring versucht hatte. Es wurde mir jedoch nahegelegt – ich fühle mich verpflichtet, es ehrlich zu sagen: von einem meiner eignen Freunde, zu dem Du in Deiner mißlichen Lage gegangen warst –, daß Du tief verletzt seist, vielleicht sogar gedemütigt, wenn man Dir Deine Arbeit wie einen Schulaufsatz zurückschicke; daß ich geistig viel zu viel von Dir erwartete; und daß Du doch, was Du auch schriebest oder tätest, ganz entschieden an mir hingest. Ich wollte nicht der erste sein, der Dich in Deinen literarischen Anfängen hemmt oder entmutigt. Ich wußte ganz gut, daß keine Übersetzung, es sei denn, daß sie von einem Dichter herrührte, die Farbe und den Tonfall meines Werks in angemessener Weise wiederzugeben vermöchte. Anhänglichkeit schien mir, scheint mir noch, etwas Wundervolles, das man nicht leichthin wegwerfen soll. Deshalb nahm ich die Übersetzung und Dich zurück.

Genau drei Monate später, nach einer Reihe von Auftritten, die in einem mehr als üblich empörenden ihren Gipfel erreichten, als Du an einem Montagabend in Begleitung zweier Deiner Freunde zu mir in die Wohnung kamst, fand ich mich am nächsten Morgen buchstäblich auf der Flucht ins Ausland, um Dir zu entrinnen. Ich gab meiner Familie einen albernen Grund für meine plötzliche Abreise an und ließ meinem Diener eine falsche Adresse zurück aus Furcht, Du könnest mit dem nächsten Zuge nachkommen. Und ich weiß noch, an diesem Nachmittag, als ich im Eisenbahnwagen saß und nach Paris sauste, dachte ich darüber nach, in was für eine unmögliche, schreckliche, gänzlich schiefe Lage mein Leben gelangt war, wenn ich, ein Mann von Weltruf, mich buchstäblich gezwungen sah, aus England fortzueilen, um eine Freundschaft loszuwerden, die alles Gute in mir, vom geistigen oder ethischen Standpunkt aus, völlig vernichtete. Dabei war der Mensch, vor dem ich mich auf der Flucht befand, kein schreckliches, aus Unrat oder Schlamm ins moderne Leben hineingesprungenes Geschöpf, mit dem ich mich eingelassen, sondern Du, ein junger Mann meines eignen Rangs und Standes, der das gleiche College wie ich in Oxford besucht hatte und ein ständiger Gast in meinem Hause war. Die üblichen Telegramme mit Beschwörungen und Gewissensbissen folgten. Ich beachtete sie nicht. Schließlich drohtest Du damit, falls ich nicht einwilligte, mit Dir zusammenzukommen, unter keinen Umständen nach Ägypten zu reisen. Ich selbst hatte, mit Deinem Wissen und Zustimmen, Deine Mutter gebeten, Dich von England fort nach Ägypten zu schicken, weil Du Dein Leben in London zuschanden machtest. Ich wußte, daß es für sie, wenn Du nicht gingest, eine schreckliche Enttäuschung sein würde, und um ihretwillen kam ich mit Dir zusammen, und unter dem Einfluß großer Erregung, die Du sogar nicht vergessen haben kannst, verzieh ich die Vergangenheit, obschon ich von der Zukunft gar nichts sagte. Nach London am nächsten Tag zurückgekehrt, saß ich in meinem Zimmer und suchte traurig und ernst mit mir ins klare zu kommen, ob Du wirklich das seist, als was Du mir erschienst, oder nicht: so voll schrecklicher Gebrechen, so durchaus verderblich für Dich selbst wie für andre, ein so verhängnisvoller Bekannter und Gesellschafter. Eine ganze Woche lang dachte ich darüber nach und fragte mich, ob ich im Grunde nicht ungerecht sei und Dich falsch einschätze. Am Ende der Woche ward ein Brief Deiner Mutter abgegeben. Er drückte in demselben Grade jedes Gefühl aus, das ich Dir gegenüber hegte. Sie sprach darin von Deiner blinden, übertriebenen Eitelkeit, die Dich Dein Heim verachten und Deinen altern Bruder – diese candidissima anima – als »Philister« behandeln lasse; von Deiner Gemütsart, die ihr Angst einflöße, mit Dir über Dein Leben zu sprechen, das Leben, das Du, wie sie fühle, wie sie wisse, führtest: über Dein Verhalten in Geldangelegenheiten, das ihr in mehr als einer Hinsicht schmerzlich sei; von der Entartung und Veränderung, die mit Dir vorgegangen. Deine Mutter sah selbstverständlich, daß Erblichkeit Dir ein entsetzliches Vermächtnis aufgebürdet hatte, und räumte es offen ein, räumte es mit Entsetzen ein: er ist »das eine meiner Kinder, welches das unselige Douglas-Temperament geerbt hat«, schrieb sie von Dir. Zum Schluß äußerte sie, sie fühle sich zu der Erklärung verpflichtet, Deine Freundschaft mit mir habe ihrer Ansicht nach Deine Eitelkeit so gesteigert, daß sie der Quell aller Deiner Fehler geworden sei, und sprach die ernste Bitte aus, ich möchte nicht im Ausland mit Dir zusammenkommen. Ich antwortete ihr sogleich und sagte ihr, daß ich mit jedem ihrer Worte völlig übereinstimme. Ich fügte noch viel mehr hinzu. Ich ging so weit, wie es irgend möglich war. Ich sagte ihr, unsre Freundschaft stamme aus Deinen Oxforder Studententagen her, als Du an mich mit der Bitte herantratest, Dir in einer sehr ernsten Kalamität sehr besondrer Art zu helfen. Ich sagte ihr, Dein Leben sei beständig in der gleichen Weise heimgesucht gewesen. Die Schuld an Deiner Fahrt nach Belgien hättest Du Deinem Gefährten auf dieser Reise zugeschoben, und Deine Mutter hätte mir Vorwürfe gemacht, weil ich Dich mit ihm bekannt gemacht hätte. Ich schob die Schuld auf die richtigen Schultern zurück: die Deinen. Ich versicherte ihr zum Schluß, ich hätte nicht die geringste Absicht, Dich im Ausland zu treffen, und bat sie, sie möchte versuchen, Dich dort zu halten, entweder als Gesandtschaftsattaché, falls das möglich wäre, oder, wenn nicht, zur Erlernung fremder Sprachen; oder aus irgendeinem Grunde, der ihr gut dünke, mindestens zwei bis drei Jahre, und in Deinem Interesse ebensosehr wie in dem meinen. Inzwischen schriebst Du mir mit jeder Post aus Ägypten. Ich nahm nicht die geringste Notiz von irgendeiner Deiner Mitteilungen. Ich las sie und zerriß sie. Ich hatte mir fest vorgenommen, ich wollte nichts mehr mit Dir zu tun haben. An meinem Entschluß war nicht zu rütteln, und ich gab mich freudig der Kunst hin, deren Fortschritt ich Dich hatte unterbrechen lassen. Nach Ablauf eines Vierteljahrs schreibt mir tatsächlich Deine Mutter selbst mit jener unglücklichen, für sie bezeichnenden Willensschwäche, die in der Tragödie meines Lebens ein nicht minder verhängnisvoller Bestandteil gewesen ist als die Gewalttätigkeit Deines Vaters, sagt mir – auf Dein Anstiften hin, wie ich natürlich nicht zweifelte –, Du seist überaus begierig, von mir zu hören, und sendet mir, damit ich keinen Vorwand hätte, nicht mit Dir in schriftliche Verbindung zu treten, Deine Athener Adresse, die ich selbstverständlich nur zu gut kannte. Ich gebe zu, ich war sprachlos vor Erstaunen über ihren Brief; ich konnte nicht begreifen, wie sie, nach dem, was sie mir im Dezember geschrieben und was ich ihr darauf geantwortet hatte, es auch nur versuchen konnte, meine unglückliche Freundschaft mit Dir wiederherzustellen oder zu erneuern. Ich bestätigte freilich ihren Brief und legte ihr abermals ans Herz, den Versuch zu machen, Dich bei einer auswärtigen Gesandtschaft anzubringen, um Deine Rückkehr nach England zu verhindern; aber an Dich schrieb ich nicht und nahm so wenig Notiz von Deinen Telegrammen wie vorher, ehe Deine Mutter an mich geschrieben hatte. Schließlich telegraphiertest Du an meine Frau und batest sie, ihren Einfluß bei mir aufzubieten und mich zum Schreiben an Dich zu veranlassen. Unsre Freundschaft war von jeher eine Quelle des Kummers für sie gewesen; nicht nur, weil sie Dich persönlich nie leiden mochte, sondern weil sie sah, wie Dein beständiger Umgang mich veränderte, und nicht zum Besseren. Immerhin, ganz so, wie sie stets höchst gütig und gastlich Dir gegenüber gewesen war, konnte sie den Gedanken nicht ertragen, daß ich lieblos – denn so kam es ihr vor – gegen einen meiner Freunde sei. Sie dachte, ja, wußte, daß das nicht in meinem Charakter lag. Auf ihr Bitten hin setzte ich mich mit Dir in Verbindung. Ich entsinne mich des Wortlauts meines Telegramms recht gut. Ich sagte, die Zeit heile jede Wunde, doch viele Monate noch möchte ich weder an Dich schreiben noch Dich sprechen. Du reistest unverzüglich nach Paris ab und schicktest mir von unterwegs leidenschaftliche Telegramme mit der Bitte, ich möchte Dich doch wenigstens einmal sprechen. Ich lehnte es ab. Du trafst spät in Paris an einem Samstagabend ein und fandest einen kurzen Brief von mir in Deinem Hotel vor, des Inhalts, ich möchte Dich nicht sprechen. Am nächsten Morgen empfing ich in Tite-Street ein zehn bis elf Seiten langes Telegramm von Dir. Du brachtest darin zum Ausdruck: einerlei was Du mir getan hättest, Du könntest nicht glauben, daß ich es glatt ablehnte, Dich zu sprechen; Du erinnertest mich daran, daß Du zu dem Zwecke, mich auch nur eine Stunde zu sprechen, sechs Tage und Nächte durch ganz Europa ohne Aufenthalt gefahren seist; Du beschworst mich auf eine – ich kann es nicht leugnen – überaus rührende Art und schlössest mit einer, wie mir schien, nicht einmal schwach verhüllten Selbstmord-Drohung. Du selbst hattest mir oft erzählt, wie viele Deiner Angehörigen ihre Hände mit ihrem eignen Blute befleckt hatten: sicher Dein Onkel, wahrscheinlich Dein Großvater, neben andern aus dem tollen, schlechten Stamm, dem Du entsprossen. Mitleid, meine alte Liebe zu Dir, Rücksicht auf Deine Mutter, für die Dein Tod unter so fürchterlichen Umständen ein für sie fast unverwindlicher Schicksalsschlag gewesen wäre, die grauenhafte Vorstellung, daß ein so junges Leben, eines, das bei all seinen häßlichen Fehlern noch Schönes verhieß, ein so empörendes Ende nehmen sollte, reine Menschenliebe – all das muß, wenn es der Entschuldigungen bedarf, mir als Entschuldigung dienen, daß ich Dir eine letzte Zusammenkunft zu gewähren einwilligte. Als ich in Paris ankam, brachst Du den ganzen Abend immer wieder in Tränen aus; wie Regen fielen sie über Deine Wangen, als wir zuerst bei Voisin dinierten, hernach bei Paillard soupierten. Deine ungeheuchelte Freude über das Wiedersehn mit mir, die sich darin äußerte, daß Du, sooft es ging, meine Hand hieltest, als ob Du ein folgsames, reuiges Kind wärst, Deine im Augenblick so schlichte und aufrichtige Zerknirschung ließen mich in eine Erneuerung unsrer Freundschaft willigen. Zwei Tage nach unsrer Rückkehr nach London sah Dich Dein Vater mit mir im Café Royal lunchen, setzte sich an meinen Tisch, trank von meinem Wein und begann diesen Nachmittag, durch einen an Dich gerichteten Brief, seinen ersten Angriff auf mich.

Es mag seltsam sein, aber noch einmal wurde mir, ich will nicht sagen: die Gelegenheit, doch die Pflicht, mich von Dir zu trennen, aufgezwungen. Ich brauche Dich kaum zu erinnern, daß ich auf Dein Benehmen mir gegenüber in Brighton vom 10. bis 13. Oktober 1894 anspiele. Drei Jahre zurückzublicken ist für Dich eine lange Zeit. Aber wir, die im Gefängnis leben und in deren Leben es kein andres Ereignis als Leiden gibt, müssen die Zeit nach den Pulsschlägen des Schmerzes und dem Register bittrer Augenblicke messen. Wir haben an nichts andres zu denken. Das Leiden ist – so wunderlich es Dir klingen mag – das Mittel, durch das wir existieren, weil es das einzige Mittel ist, durch das wir uns der Existenz bewußt werden; und die Erinnrung an Leiden in der Vergangenheit ist für uns nötig als Gewähr und Beweis unsrer fortdauernden Identität. Zwischen mir und dem Gedächtnis an Freudiges liegt eine nicht minder tiefe Kluft als zwischen mir und Freudigem in seiner gegenwärtigen Wirklichkeit. Wäre unser gemeinsames Leben gewesen, wie die Welt es sich vorstellte: einfach aus Vergnügen, Liederlichkeit, Lachen bestehend, so wär‘ ich nicht in der Lage, mir einen einzigen Vorfall zurückzurufen. Weil es voll tragischer, bittrer, in ihren Warnungen finstrer, in ihren eintönigen Auftritten und ungeziemenden Heftigkeiten langweiliger oder schrecklicher Momente und Tage war, kann ich jedes besondere Ereignis bis ins kleinste sehn, ja, kann sonst wenig sehn oder hören. So sehr lebt man an diesem Orte vom Schmerz, daß meine Freundschaft mit Dir, in der Art wie ich daran denken muß, mir stets als ein Präludium im Einklang mit den unterschiedlichen Angststimmungen vorkommt, die ich jeden Tag durchzumachen habe; nein, mehr: sogar nötig zu haben scheine, als wäre mein Leben, wofür ich und andre es auch gehalten haben mögen, die ganze Zeit eine wirkliche Symphonie des Leidens gewesen, die durch ihre rhythmisch verbundenen Sätze zu ihrer bestimmten Auflösung fortschreitet mit jener Unabwendbarkeit, die für die Behandlung jedes großen Themas in der Kunst bezeichnend ist.

Ich sprach von Deinem Benehmen mir gegenüber an drei aufeinander folgenden Tagen vor drei Jahren – nicht wahr? Ich war damit beschäftigt, mein letztes Stück in der Einsamkeit von Worthing zu vollenden. Die beiden Besuche, die Du mir gemacht hattest, waren zu Ende. Da erschienst Du plötzlich ein drittes Mal und brachtest einen Gefährten mit, der, schlugst Du allen Ernstes vor, bei mir im Hause wohnen sollte. Ich lehnte das (Du mußt jetzt zugeben: wie es ganz richtig war) aufs entschiedenste ab. Ich hielt Dich selbstverständlich frei; ich hatte in diesem Punkte keine andre Wahl: aber an fremdem Ort, nicht bei mir zu Hause. Am nächsten Tag, einem Montag, kehrte Dein Genosse zu den Pflichten seines Berufs zurück, und Du bliebst bei mir. Von Worthing angeödet und noch mehr zweifellos von meinen vergeblichen Versuchen, meine Aufmerksamkeit auf mein Stück zu konzentrieren – das einzige, was mich im Augenblick wirklich fesselte –, bestehst Du darauf, daß ich mit Dir nach Brighton ins Grand Hôtel fahre. In der Nacht unsrer Ankunft erkrankst Du an dem gräßlichen, niederträchtigen Fieber, das man dummerweise Influenza nennt – Dein zweiter, wenn nicht Dein dritter Anfall. Ich brauche Dich nicht zu erinnern, wie ich Dich bediente und pflegte, nicht nur mit allen Annehmlichkeiten, wie Früchten, Blumen, Geschenken, Büchern und dergleichen, was man für Geld haben kann, sondern auch mit jener Zärtlichkeit und Liebe, die man – einerlei, wie Du darüber denkst – nicht für Geld haben kann. Abgesehn von einem einstündigen Spaziergang am Vormittag, einer einstündigen Spazierfahrt am Nachmittag bin ich nie aus dem Hotel fortgewesen. Ich ließ besondere Trauben für Dich aus London kommen, da Dir die vom Hotel gelieferten nicht schmeckten, erfand allerlei Kurzweil, blieb bei Dir oder im Zimmer nebenan, saß jeden Abend bei Dir, um Dich zu beruhigen oder zu belustigen. Nach vier oder fünf Tagen bist Du wiederhergestellt, und ich miete möblierte Zimmer und suche, mein Stück zu vollenden. Selbstverständlich begleitest Du mich. Am Morgen nach dem Tag, als wir dort eingezogen, fühle ich mich schwer krank. Du mußt zu geschäftlichen Zwecken nach London fahren, versprichst aber, nachmittags wieder dazusein. In London triffst Du Dich mit einem Freund und kommst erst spät am nächsten Tag nach Brighton zurück; da habe ich schon hohes Fieber, und der Arzt stellt fest, daß ich mir die Influenza bei Dir geholt habe. Nichts hätte für einen Kranken unbequemer sein können, als möblierte Zimmer sich erweisen. Mein Wohnzimmer liegt im ersten Stock, mein Schlafzimmer im dritten. Es ist kein Diener da, der eine Handreichung leisten, nicht einmal jemand, der einen Gang tun oder holen könnte, was der Arzt verordnet. Du bist ja da. Ich weiß mich geborgen. Die folgenden beiden Tage läßt Du mich ganz allein, ohne Obhut, ohne Aufwartung, ohne alles. Es handelte sich nicht um Trauben, Blumen und reizende Gaben; es handelte sich um das Allernötigste: ich konnte nicht einmal die Milch bekommen, die der Arzt verschrieben hatte; Limonade war mir streng verboten. Und als ich Dich bat, ein Buch in der Buchhandlung zu besorgen oder, wenn das, worauf ich es abgesehn, nicht vorrätig, etwas andres auszusuchen, nimmst Du Dir nicht einmal die Mühe hinzugehn. Und nachdem ich infolgedessen einen ganzen Tag ohne Lektüre geblieben war, erzählst Du mir ruhig, Du habest mir das Buch gekauft und man habe es zu schicken versprochen – eine Angabe, die, wie sich nachher zufällig herausstellte, Wort für Wort erlogen war. Während der ganzen Zeit lebst Du natürlich auf meine Kosten, fährst spazieren, speist im Grand Hôtel und läßt Dich nur bei mir blicken, um Geld zu holen. Am Samstagabend, nachdem Du mich seit Vormittag völlig ohne Bedienung und allein gelassen, bat ich Dich, nach dem Abendessen wiederzukommen und ein wenig bei mir zu bleiben. In gereiztem Tone und unfreundlichen Wesens versprichst Du es. Ich warte bis elf Uhr; Du erscheinst nicht. Ich ließ dann ein paar Zeilen für Dich auf Deinem Zimmer, die Dich just an das Versprechen erinnern sollten, das Du mir gegeben und wie Du es gehalten hattest. Um drei Uhr morgens, da ich nicht schlafen konnte und von Durst geplagt war, machte ich mich im Dunkeln und Kalten nach dem Wohnzimmer auf in der Hoffnung, dort Wasser zu finden. Ich fand Dich. Du fielst mit allen Schimpfworten über mich her, die sich eine unmäßige Stimmung, eine undisziplinierte, zuchtlose Natur ausdenken konnte. Vermittels der schrecklichen Alchimie des Egoismus verwandeltest Du Deine Gewissensbisse in Wut. Du warfst mir Selbstsüchtigkeit vor, weil ich Dich in meiner Krankheit bei mir haben wollte: ich stünde zwischen Dir und Deinen Vergnügungen und suchte Dich Deiner Freuden zu berauben. Du sagtest mir – und ich weiß, daß es der Wahrheit entsprach –, Du seist um Mitternacht nach Hause gekommen, einfach um Dich umzuziehn und wieder dahin zu gehn, wo neue Freuden, wie Du hofftest, Deiner warteten; aber durch den für Dich zurückgelassenen Brief, worin ich Dich erinnert hatte, daß Du mich den ganzen Tag und den ganzen Abend vernachlässigt, hätte ich Dich faktisch der Lust zu weitern Genüssen beraubt und Dein Fassungsvermögen für neue Wonnen vermindert. Angeekelt ging ich wieder hinauf und blieb bis Tagesanbruch ohne Schlaf, und erst lange danach war ich imstande, etwas zu bekommen, das meinen Fieberdurst löschte. Um elf Uhr kamst Du in mein Zimmer. In dem vorangegangenen Auftritt mußte ich die Wahrnehmung machen, daß ich Dir durch meinen Brief wenigstens in einer an mehr als den üblichen Ausschweifungen reichen Nacht Einhalt getan hatte. Am Morgen warst Du ganz Du selbst. Ich wartete natürlich daraufzuhören, was für Entschuldigungen Du vorzubringen hättest und in welcher Weise Du meine Verzeihung erbitten würdest, die, wie Du im Herzen wußtest, unwandelbar Deiner harrte, was Du auch tatest; Dein unbedingtes Vertraun, daß ich Dir stets verzeihn würde, war die Eigenschaft an Dir, die ich von jeher am besten leiden mochte, vielleicht die beste Eigenschaft an Dir, die ich leiden mochte. Weit davon entfernt, so zu handeln, wiederholtest Du mit erneutem Nachdruck und noch heftigerer Anmaßung den gleichen Auftritt. Schließlich befahl ich Dir, aus dem Zimmer zu gehn; Du machtest Miene, es zu tun, doch als ich den Kopf von dem Kissen erhob, in das ich ihn vergraben hatte, warst Du noch da und gingst mit rohem Lachen in hysterischer Wut plötzlich auf mich los. Ein Gefühl des Entsetzens packte mich – aus welcher genauen Veranlassung konnte ich nicht ausfindig machen; aber ich stand sofort aus dem Bett auf und wankte, barfüßig und wie ich grade war, die zwei Treppen hinunter ins Wohnzimmer, das ich nicht eher verließ, bis mir der Inhaber der Wohnung – nach dem ich geklingelt hatte – die Versicherung, Du wärest aus meinem Schlafzimmer gegangen, und das Versprechen gegeben hatte, im Notfall in Rufweite zu bleiben. Nach Verlauf einer Stunde – währenddessen war der Arzt erschienen und fand mich selbstverständlich in einem Zustand völliger Nervenerschöpfung, ebenso bei höherer Temperatur, als ich sie zu Beginn gehabt hatte – kamst Du lautlos um Geld zurück, nahmst, was Du auf dem Toilettetisch und dem Kaminsims finden konntest, und verließest das Haus mit Deinem Gepäck. Brauche ich Dir zu sagen, was ich während der folgenden beiden einsamen und elenden Krankheitstage von Dir dachte? Hab‘ ich nötig darzulegen, daß ich klar einsah, es sei für mich entehrend, auch nur die Bekanntschaft mit einem solchen Menschen fortzusetzen, als den Du Dich erwiesen hattest? Daß ich erkannte, der Augenblick des Abschieds sei gekommen, und daß ich ihn wirklich als große Erleichterung empfand? Und daß ich wußte, fortan würden meine Kunst und mein Leben freier, besser und schöner in jeder denkbaren Beziehung sein? So krank ich war, ich fühlte mich beruhigt. Die Tatsache, daß die Trennung unwiderruflich sei, verschaffte mir Frieden.

Bis zum Dienstag war das Fieber gewichen; zum erstenmal aß ich unten. Dienstag war mein Geburtstag. Unter den Telegrammen und Posteingängen auf meinem Tisch befand sich ein Brief in Deiner Handschrift. Ich öffnete ihn mit einem Gefühl der Wehmut. Ich wußte, die Zeit war vorbei, daß ein hübscher Satz, ein liebevoller Ausdruck, ein Wort des Bedauerns mich veranlassen würden, Dich wieder aufzunehmen. Aber ich war durchaus im Irrtum. Ich hatte Dich unterschätzt. Dein Geburtstagsbrief war eine fein ausgearbeitete Wiederholung der beiden Auftritte, durchtrieben und sorgfältig schwarz auf weiß zu Papier gebracht! Du machtest Dich mit gemeinen Spaßen über mich lustig. Deine einzige Genugtuung in der ganzen Angelegenheit war, daß Du wieder ins Grand Hôtel zogst und mir Dein Lunch, ehe Du nach London abfuhrst, auf die Rechnung setzen ließest. Du beglückwünschtest mich zu meiner Vorsicht, vom Krankenbett aufzustehn, zu meiner plötzlichen Flucht treppabwärts. »Es war ein häßlicher Augenblick für Dich«, schriebst Du, »häßlicher, als Du Dir vorstellst.« Ach, ich fühlte es nur zu gut. Was wirklich damit gemeint war, weiß ich nicht: ob Du den Revolver bei Dir trugst, den Du Dir gekauft hattest, um Deinem Vater Furcht einzujagen, und den Du einmal, als Du ihn für ungeladen hieltest, in öffentlichem Restaurant in meiner Gesellschaft abgefeuert hattest; ob Du mit der Hand eine Bewegung nach einem gewöhnlichen Messer machtest, das zufällig zwischen uns auf dem Tische lag; ob Du in Deiner Wut Deine Kleinheit und Deine geringere Körperkraft vergaßest und an eine ganz besonders persönliche Beschimpfung oder gar einen Angriff gedacht hattest, als ich krank dalag, konnte ich nicht sagen. Ich weiß es bis zum gegenwärtigen Augenblick nicht. Ich weiß nur, daß mich ein Gefühl höchsten Entsetzens beschlichen hatte und daß ich unter dem Eindruck stand, Du würdest, falls ich nicht sofort das Zimmer verließe und die Flucht ergriffe, etwas getan oder zu tun versucht haben, das selbst für Dich zeitlebens eine Quelle der Scham gewesen wäre. Nur einmal in meinem Leben hatte ich schon vorher ein solches Gefühl des Grauens vor einem menschlichen Wesen gehabt. Das war damals, als Dein Vater mit seinem Spießgesellen oder Freund zwischen uns in meiner Bibliothek in Tite-Street mit seinen kleinen Händen in epileptischer Wut in der Luft herumfuchtelte, alle unsaubern Schimpfwörter von sich gab, die sein unsaubres Hirn ausdenken konnte, und die abscheulichen Drohungen brüllte, die er nachher mit solcher Schläue ausführte. In diesem Falle war er freilich derjenige, der das Zimmer zuerst verlassen mußte. Ich warf ihn hinaus. In Deinem Falle ging ich. Es war nicht das erste Mal, daß ich Dich vor Dir selbst bewahren mußte.

Du schlössest Deinen Brief mit dem Satz: »Wenn Du nicht auf Deinem Piedestal stehst, bist Du nicht interessant. Das nächste Mal, wenn Du krank bist, will ich sofort verschwinden.« Ach, was für eine Grobheit der Denkfaser verrät das! Welchen völligen Mangel an Phantasie! Wie abgestumpft, wie gemein war das Temperament da schon geworden! »Wenn Du nicht auf Deinem Piedestal stehst, bist Du nicht interessant. Das nächste Mal, wenn Du krank bist, will ich sofort verschwinden.« Wie oft sind mir in der elenden, einsamen Zelle der verschiedenen Gefängnisse, in die man mich geschafft hat, diese Worte eingefallen! Ich habe sie mir immer wieder aufgesagt und in ihnen, ich hoffe: mit Unrecht, zum Teil das Geheimnis Deines seltsamen Schweigens gesehn. So an mich zu schreiben, da ich mir doch die Krankheit und das Fieber, woran ich litt, dadurch, daß ich Dich pflegte, zugezogen hatte, war in seiner Grobheit und Roheit empörend von Dir; doch von jedem Menschengeschöpf auf der ganzen weiten Welt so an ein andres zu schreiben wäre Sünde, für die es keine Verzeihung gibt, gäbe es eine Sünde, für die es keine Verzeihung gibt. Ich gestehe, ich fühlte mich, als ich Deinen Brief zu Ende gelesen hatte, fast besudelt, als ob ich durch den Umgang mit einem solchen Wesen mein Leben unheilbar beschmutzt und geschändet hätte. Es war allerdings geschehn, aber wie sehr, das sollte ich erst genau sechs Monate später im Leben erfahren. Ich machte mit mir aus, Freitag nach London zurückzufahren, Sir George Lewis privatim zu besuchen und ihn zu bitten, daß er Deinem Vater schreibe, ich hätte beschlossen, unter gar keinen Umständen mehr Dich mein Haus betreten, an meinem Tisch sitzen, mit mir plaudern, mit mir ausgehn oder irgendwo und zu irgendeiner Zeit in meiner Gesellschaft weilen zu lassen. Danach hätte ich Dir die von mir gewählte Handlungsweise schriftlich zur Kenntnis gebracht; die Gründe dafür würdest Du selbst unausbleiblich begriffen haben. Ich hatte alles Donnerstagabend vorbereitet; da, am Freitagmorgen, als ich beim Frühstück saß, eh‘ ich mich auf den Weg machte, öffnete ich zufällig die Zeitung und sah darin ein Telegramm, Dein älterer Bruder, das wirkliche Haupt der Familie, der Erbe des Titels, die Säule des Hauses, sei in einem Graben tot aufgefunden worden, sein abgefeuertes Gewehr neben ihm. Die grauenvollen Umstände der Tragödie, die, wie man jetzt weiß, auf einem unglücklichen Zufall beruhte, damals aber mit einer dunklern Vermutung bemakelt war; das Ergreifende des plötzlichen Todes eines von allen, die ihn kannten, so geliebten Menschen, und noch dazu gleichsam am Vorabend seiner Vermählung; das Bild, das ich mir davon machte, wie Dein eigner Schmerz sein würde oder sein sollte; das Bewußtsein des Elends, das Deine Mutter erwartete durch den Verlust des Einen, an den sie sich klammerte, um Trost und Lebensfreude bei ihm zu suchen, und der, wie sie mir einmal selbst erzählte, vom Tag seiner Geburt an sie niemals eine einzige Träne hatte vergießen lassen; das Bewußtsein Deiner eignen Vereinsamung, da Deine andern beiden Brüder nicht in Europa weilten und Du daher der einzige warst, an den sich Deine Mutter und Deine Schwester halten konnten, nicht nur wenn sie Gesellschaft in ihrem Leid wünschten, sondern auch zur Erledigung der düstern Verantwortlichkeiten voll schrecklicher Einzelheiten, die der Tod allemal im Gefolge hat; das bloße Gefühl für die lacrimae rerum, für die Tränen, daraus die Welt gemacht ist, und für die Traurigkeit aller menschlichen Dinge – aus dem Zusammenströmen dieser Gedanken und Regungen, die sich in mein Hirn drängten, erwuchs unendliches Mitleid für Dich und Deine Angehörigen. Meine eignen Sorgen und meine Verbitterung gegen Dich vergaß ich. Was Du mir in meiner Krankheit gewesen warst, konnte ich Dir in Deinem schmerzlichen Verluste nicht sein. Ich telegraphierte Dir sogleich mein tiefstes Mitgefühl, und in dem Brief, der folgte, lud ich Dich ein, in mein Haus zu kommen, sobald Du in der Lage seist. Ich empfand: in diesem besondern Augenblick Dich aufzugeben, noch dazu in aller Form durch einen Anwalt, wäre zu schrecklich für Dich gewesen.

Bei Deiner Rückkehr nach London vom Tatort der Tragödie, wohin man Dich gerufen hatte, kamst Du sogleich sehr lieb und schlicht in Deinem Trauergewande tränenverschleierten Blicks zu mir. Du suchtest Trost und Hilfe, wie ein Kind. Ich öffnete Dir mein Haus, mein Heim, mein Herz. Ich machte Deinen Schmerz auch zu dem meinen, um Dir ihn tragen zu helfen. Nie hab ich, auch nur mit einem Wort, auf Dein Benehmen gegen mich, auf die empörenden Szenen und den empörenden Brief angespielt. Dein Kummer, der echt war, schien Dich mir näherzubringen, als Du mir je gestanden hattest. Die Blumen, die Du von mir an Deines Bruders Grab mitnahmst, sollten ein Sinnbild sein, nicht nur für die Schönheit seines Lebens, sondern für die Schönheit, die in jedem Leben schlummert und zum Lichte gefördert werden kann.

Die Götter sind wunderlich. Nicht nur aus unsern Lastern machen sie Zuchtruten. Sie stürzen uns ins Verderben durch das, was in uns gut, edel, menschenfreundlich, liebreich ist. Ohne mein Mitleid und meine Zuneigung zu Dir und den Deinen flössen jetzt nicht an diesem schrecklichen Orte Tränen.

Natürlich sehe ich in all unsern Beziehungen nicht nur eine Schicksalsfügung, sondern ein Verhängnis – das Verhängnis, das immer rasch dahinschreitet, weil es auf dem Wege zum Blutvergießen ist. Durch Deinen Vater entstammst Du einem Geschlecht, mit dem die Ehe grauenvoll, die Freundschaft verderbenbringend ist, und das gewaltsam Hand an das eigne Leben oder das Leben andrer legt. In jedem kleinen Vorfall, in dem unsre Lebensstraßen sich kreuzten; in jedem Umstand von großer oder anscheinend geringfügiger Bedeutung, der Dich auf der Suche nach Vergnügen oder Hilfe zu mir kommen ließ; im Zufallsspiel, in den winzigen Begebenheiten, die in ihrer Tragweite nicht mehr erscheinen als der Staub, der im Sonnenstrahle tanzt, oder das Blatt, das vom Baume rieselt, kam Verderben nach, wie das Echo einem Schmerzensrufe oder wie der Schatten, der mit den Raubtieren um die Wette läuft. Unsre Freundschaft beginnt tatsächlich damit, daß Du in einem überaus rührenden, reizenden Brief mich um Beistand bittest in einer für jedermann, für einen jungen Menschen in Oxford doppelt entsetzlichen Lage. Ich leiste Dir ihn und verliere schließlich, dadurch daß Du mich Sir George Lewis gegenüber als Deinen Freund ausgibst, seine Hochschätzung und Freundschaft, die sich in fünfzehn Jahren bewährt hat. Als ich seinen Rat, seine Hilfe, seine Achtung einbüßte, ging mir der eine große Schutz und Schirm meines Lebens verloren.

Du schickst mir ein sehr hübsches Gedicht aus dem akademischen Poetenkreis zur Begutachtung ein. Ich erwidere darauf mit einem Brief voll phantastischer literarischer Spielereien. Darin vergleiche ich Dich mit Hylas oder Hyakinthos, Jonquil oder Narkissos oder sonst einem, den der große Gott der Dichtkunst bevorzugte und mit seiner Liebe beehrte. Der Brief mutet an wie eine nach Moll transponierte Stelle aus einem Sonett Shakespeares. Er kann bloß von denen verstanden werden, die Platos Symposion gelesen oder den Geist einer gewissen ernsten Stimmung, die für uns in griechischen Marmorwerken zur Schönheit geworden, in sich aufgenommen haben. Es war – laß es mich offen sagen – die Art Brief, wie ich sie in einem glücklichen, obwohl launischen Moment jedem netten jungen Studenten beider Universitäten geschrieben haben würde, der mir ein von ihm verfaßtes Gedicht gesandt hätte, in der Überzeugung, daß er genug Witz und Bildung besäße, die phantastischen Ausdrücke des Briefes richtig zu deuten. Sieh Dir die Geschichte dieses Briefes an! Er gelangt von Dir in die Hände eines widerlichen Burschen, von ihm an eine Erpresserbande. Abschriften davon werden in London herumgeschickt an meine Freunde und den Theaterdirektor, bei dem mein Werk aufgeführt wird. Jede Auslegung, nur nicht die richtige, wird meinem Brief gegeben. Die Gesellschaft packt ein Schauer infolge der albernen Gerüchte, ich hätte eine mächtige Summe dafür zahlen müssen, daß ich Dir einen schändlichen Brief geschrieben. Dies bildet die Grundlage für den schlimmsten Angriff Deines Vaters. Ich selbst lege das Original des Briefes dem Gericht vor, um zu zeigen, was daran ist. Er wird als empörender, tückischer Versuch, die Unschuld zu verführen, vom Anwalt Deines Vaters gebrandmarkt. Schließlich bildet er einen Teil einer Kriminalklage. Der Staatsanwalt macht ihn sich zunutze. Der Richter läßt sich in seinem Resümee mit wenig Wissen und viel Moral darüber aus. Das Ende vom Lied ist: ich gehe dafür ins Gefängnis. Das habe ich davon, daß ich Dir einen reizenden Brief schrieb.

Während unsers Aufenthalts in Salisbury bist Du schrecklich beunruhigt über die schriftliche Drohung eines früheren Genossen von Dir; Du bittest mich, mit dem Briefschreiber zu sprechen und Dir zu helfen; ich tue es. Das Ergebnis ist: Verderben für mich. Ich sehe mich gezwungen, alles, was Du getan hast, auf meine Schultern zu nehmen und dafür einzustehn. Als es Dir mißlingt, einen akademischen Grad zu erwerben, und Du von Oxford weggehn sollst, telegraphierst Du mir nach London und bittest mich, zu Dir zu kommen. Ich tue es auf der Stelle. Du ersuchst mich, Dich nach Goring mitzunehmen, da Du unter diesen Umständen nicht gern nach Hause gehn wolltest. In Goring siehst Du ein Haus, das Dich entzückt; ich miete es für Dich. Das Ergebnis in jeder Hinsicht ist: Verderben für mich. Eines Tages kommst Du zu mir und erbittest als persönlichen Gefallen, ich möchte etwas für ein Oxforder Studentenblatt schreiben, das einer Deiner Freunde grade begründen soll, von dem ich in meinem ganzen Leben nichts gehört habe und nicht das mindeste wußte. Dir zuliebe – was hab ich Dir zuliebe nicht alles getan? – schicke ich ihm eine Seite paradoxer Aussprüche, die ursprünglich für die »Saturday Review« bestimmt waren. Ein paar Monate später finde ich mich auf der Anklagebank des Old Bailey wegen des Rufs dieser Zeitschrift. Sie gehört mit zum Belastungsmaterial des Staatsanwalts. Man fordert mich auf, Deines Freundes Prosa und Deine eignen Verse zu verteidigen. Jene kann ich nicht beschönigen; diese verteidige ich mit Rücksicht auf die bittre Not, auf Deine jugendliche Schriftstellerei wie Dein jugendliches Leben sehr stark und will es nicht wahr haben, daß Du Unanständiges schreibest. Aber ich muß ins Gefängnis, trotz alledem, für Deines Freundes Studentenblatt und die »Liebe, die sich nicht getraut, ihren Namen zu nennen«. Weihnachten mache ich Dir ein »sehr hübsches Geschenk«, wie Du es in Deinem Dankbrief bezeichnetest, an das Du, wie ich wußte, Dein Herz gehängt hattest, im Werte von 40 oder 50 Pfund allerhöchstens. Als der Krach meines Lebens kommt und ich ruiniert bin, legt der Büttel Beschlag auf meine Bücherei und läßt sie verkaufen, um das »sehr hübsche Geschenk« zu bezahlen. Dafür hat man die Zwangsversteigerung über mein Haus verhängt. Im schrecklichen Endstadium, als ich geneckt und durch Deine Neckereien dahin getrieben werde, einen Prozeß gegen Deinen Vater anzustrengen und ihn verhaften zu lassen, ist der letzte Strohhalm, an den ich mich in meinen kläglichen Fluchtbemühungen klammre, der schreckliche Kostenaufwand. Ich sage dem Anwalt in Deiner Gegenwart, daß ich kein Kapital besitze, daß ich unmöglich die schauderhaften Spesen auf bringen kann, und daß ich kein Geld zur Verfügung habe. Was ich sagte, ist, wie Du weißt, durchaus wahr gewesen. An jenem unseligen Freitag wäre ich, statt bei Humphreys im Büro zu sein, wo ich aus Schwäche in mein eignes Verderben einwilligte, glücklich und frei in Frankreich gewesen, fern von Dir und Deinem Vater, ohne seine widerliche Karte zu beachten und mich um Deine Briefe zu kümmern, wenn ich imstande gewesen wäre, das Avondale-Hotel zu verlassen. Doch die Hotelangestellten wollten mich um keinen Preis gehn lassen. Du hattest zehn Tage dort mit mir gewohnt; ja, Du brachtest schließlich zu meiner großen und, wie Du zugeben wirst, berechtigten Entrüstung einen Genossen von Dir mit, der auch bei mir wohnen sollte. Meine Rechnung für die zehn Tage betrug annähernd 140 Pfund. Der Besitzer sagte, er könne nicht gestatten, daß mein Gepäck aus dem Hotel geschafft werde, bis ich volle Zahlung geleistet hätte. Das hat mich in London gehalten. Ohne die Hotelrechnung wäre ich am Donnerstagmorgen nach Paris gefahren.

Als ich dem Anwalt sagte, ich hätte kein Geld, wäre den Riesenkosten nicht gewachsen, schlugst Du Dich sofort ins Mittel. Du sagtest, Deine Angehörigen wären nur zu froh, alle nötigen Ausgaben zu bezahlen; Dein Vater hätte auf ihnen insgesamt wie ein Alp gelastet; sie hätten die Möglichkeit oft erörtert, ihn einer Irrenanstalt zu überweisen, um ihn unschädlich zu machen; er wäre eine tägliche Quelle der Plage und des Kummers für Deine Mutter und alle übrigen; die Familie würde mich, wenn ich mich nur dazu hergäbe, ihn einsperren zu lassen, als ihren Vorkämpfer und Wohltäter betrachten; und die reichen Verwandten Deiner Mutter würden es selbst als eine Herzensfreude ansehn, wenn es ihnen vergönnt wäre, sämtliche Kosten und Auslagen zu bezahlen, die bei einem solchen Kampfe zu tragen wären. Der Anwalt war sofort dafür, und man drängte mich zum Polizeigericht. Es blieb mir keine Ausrede, nicht zu gehn. Ich wurde hineingenötigt. Selbstverständlich zahlen Deine Angehörigen die Kosten nicht; und als ich für bankrott erklärt werde, geschieht es durch Deinen Vater und zwar für die Kosten – den schäbigen Rest – einige 700 Pfund. Gegenwärtig trifft meine Gattin, mir entfremdet durch die wichtige Frage, ob ich 60 oder 70 Schilling wöchentlich zum Leben bekommen soll, Anstalten zur Ehescheidung, für die selbstverständlich ganz neue Zeugenaussagen und eine ganz neue Verhandlung vonnöten sein werden, im Anschluß daran vielleicht ein ernsteres Gerichtsverfahren. Ich weiß natürlich nichts von den Einzelheiten. Ich kenne nur den Namen des Zeugen, auf dessen Aussage sich die Anwälte meiner Frau stützen. Es ist Dein eigner Oxforder Diener, den ich auf Dein besondres Ersuchen hin für unsern Sommer in Goring angestellt hatte.

Doch wahrhaftig, ich brauche nicht weiter zu gehn mit mehr Beispielen für das seltsame Verhängnis, das Du in allem, ob groß oder klein, über mich anscheinend heraufbeschworen hast. Ich habe manchmal das Gefühl, als seist Du selbst lediglich eine von geheimer, unsichtbarer Hand geschaffene Marionette gewesen, die schreckliche Dinge zu schrecklichem Ende führen sollte. Aber sogar Marionetten haben Leidenschaften. Sie bringen eine neue Fabel in das, was sie darstellen, und verwickeln die vorgeschriebene, abwechslungsreiche Wirkung, einer ihrer eignen Launen oder Lüste zuliebe. Vollkommen frei zu sein und zur selben Zeit vollkommen unter der Herrschaft des Gesetzes zu stehn ist das ewige, in jedem Augenblick von uns empfundene Paradoxon des Menschenlebens; und das, denke ich oft, ist die einzig mögliche Erklärung Deines Wesens, wenn es für das tiefe, furchtbare Geheimnis einer Menschenseele überhaupt eine Erklärung gibt, es sei denn eine, die das Geheimnis noch wunderbarer macht.

Natürlich hattest Du Deine Illusionen, lebtest fürwahr in ihnen und sahst durch die wechselnden Nebel und farbigen Schleier alle Dinge verändert. Du dachtest, ich weiß es ganz gut, Deine treue Anhänglichkeit an mich, die bis zu völliger Ausschließung Deiner Familie und des Familienlebens ging, sei ein Beweis Deiner wundervollen Wertschätzung für mich und Deiner großen Zuneigung. Unbedingt, Dir kam es so vor. Doch vergiß nicht: bei mir war Prachtliebe, hohe Lebensweise, unbegrenzte Freude, Geld ohne Maß. Dein Familienleben langweilte Dich. Der »kalte, billige Wein in Salisbury«, um einen Ausdruck Deiner Prägung zu gebrauchen, war Dir zuwider. Auf meiner Seite und im Bunde mit meinen geistigen Lockungen waren die Fleischtöpfe Ägyptens. Wenn Du mich nicht zur Gesellschaft haben konntest, waren die Gefährten, die Du Dir als Ersatz aussuchtest, nicht schmeichelhaft.

Du dachtest ferner: wenn Du durch den Anwalt einen Brief an Deinen Vater schicken ließest, des Inhalts: eher als Deine ewige Freundschaft mit mir lösen, wollest Du das Taschengeld von 250 Pfund im Jahr aufgeben, das er, glaube ich, Dir damals, mit Abzügen für Deine Oxforder Schulden, bewilligte, dann setztest Du der Freundschaft ritterliches Wesen in die Tat um, schlügest den edelsten Ton der Selbstverleugnung an. Aber der Verzicht auf Deine kleine Rente bedeutete nicht, daß Du Lust hättest, auch nur eine Deiner überflüssigsten Üppigkeiten oder unnötigsten Ausschweifungen aufzugeben. Im Gegenteil: Deine Gier nach üppigem Leben war niemals so stark. Meine Ausgaben während der acht Tage in Paris für mich, Dich und Deinen italienischen Diener grenzten an 150 Pfund, wovon Paillard allein 85 verschlang. Bei dem Stil, in dem Du leben wolltest, hätte Dein ganzes Jahreseinkommen, wenn Du Deine Mahlzeiten allein verzehrt hättest und besonders sparsam in der Auswahl der wohlfeileren Gattung von Genüssen gewesen wärst, kaum drei Wochen gereicht. Die Tatsache, daß Du in einer Anwandlung, die lediglich renommistische Geste war, auf Dein Taschengeld, so viel es nun einmal betrug, verzichtet hattest, gab Dir wenigstens einen glaubwürdigen Grund für Deinen Anspruch, auf meine Kosten zu leben; oder das, was Du für einen glaubwürdigen Grund hieltest; und bei vielen Gelegenheiten hast Du Dich seiner im Ernst bedient und ihm kräftigsten Ausdruck gegeben; und die fortgesetzten Abzapfungen, die Du hauptsächlich an mir, doch auch in schrecklichem Umfang, wie ich weiß, an Deiner Mutter vornahmst, waren nie so peinlich, weil sie, wenigstens in meinem Falle, nie vom geringsten Dankeswort oder Mäßigkeitsgefühl begleitet waren.

Du dachtest ferner: wenn Du Deinen eignen Vater mit fürchterlichen Briefen, beleidigenden Telegrammen und frechen Postkarten angriffest, schlügest Du in Wirklichkeit die Schlachten Deiner Mutter, indem Du als ihr Vorkämpfer auf dem Plan erschienst und die zweifellos schrecklichen Kränkungen und Leiden ihres Ehelebens rächtest. Es war durchaus eine Illusion Deinerseits, eine Deiner schlimmsten sogar. Das Mittel für Dich, die Kränkungen Deiner Mutter an Deinem Vater zu rächen, wenn Du das für einen Teil der Sohnespflicht hieltest, war: Deiner Mutter ein besserer Sohn zu sein, als Du ihr gewesen; sie keine Angst haben zu lassen, mit Dir über ernste Dinge zu sprechen; keine Wechsel zu unterschreiben, deren Bezahlung ihr anheimfiel; artiger gegen sie zu sein und kein Leid auf ihr Haupt zu bringen. Dein Bruder Francis entschädigte sie reich für das, was sie erduldet hatte, durch sein liebes, gütiges Wesen während der kurzen Jahre seines blumenhaften Lebens. Du hättest Dir ihn zum Vorbild nehmen sollen. Du irrtest auch in der Vermutung, es wäre für Deine Mutter eitel Wonne gewesen, wenn Du durch mich Deinen Vater ins Gefängnis gebracht hättest. Ich bin überzeugt, Du irrtest. Und willst Du wissen, was eine Frau wirklich fühlt, wenn ihr Gatte und der Vater ihrer Kinder in Gefängniskleidung, in einer Gefängniszelle ist, dann schreib an meine Frau und frage sie. Sie wird es Dir sagen.

Auch ich hatte meine Illusionen. Ich dachte, das Leben solle eine geistsprühende Komödie und Du eine der anmutigen Gestalten darin werden. Ich habe gefunden, daß es eine empörende, abstoßende Tragödie ist und daß der unheilvolle Anlaß zur großen Katastrophe, unheilvoll in der Anspannung seines Strebens und in der Stärke eingeengter Willenskraft, Du warst, nachdem die Maske der Lust und Freude gefallen war, von der Du Dich, ebenso wie ich, hattest täuschen und in die Irre führen lassen.

Du kannst jetzt ein wenig von dem, was ich leide, verstehn – nicht wahr? Irgendeine Zeitung, die Pall Mall Gazette, glaube ich, hat bei der Beschreibung der Generalprobe eines meiner Stücke von Dir gesprochen als von meinem Schatten, der mich überallhin begleite. Die Erinnrung an unsre Freundschaft ist der Schatten, der hier neben mir geht; der mich nie zu verlassen scheint; der mich bei Nacht aufweckt und mir dieselbe Geschichte immer wieder erzählt, bis ihre ermüdende Wiederholung allen Schlaf bis Tagesanbruch verscheucht; bei Tagesanbruch beginnt er von neuem; er folgt mir auf den Gefängnishof und läßt mich mit mir selbst reden, während ich im Kreis herumstapfe. Jede Einzelheit im Gefolge jedes schrecklichen Augenblicks muß ich mir zurückrufen. Nichts, was sich In jenen unseligen Jahren ereignet hat, ist der für den Schmerz oder die Verzweiflung bestimmten Gehirnkammer entschwunden. Jeder gepreßte Ton Deiner Stimme, jedes Zupfen und jede Gebärde Deiner nervösen Hände, jedes bittre Wort, jeder vergiftete Satz ist mir gegenwärtig. Ich erinnre mich an die Straße oder den Fluß, an dem wir entlang gingen, an die Wand oder Waldung, die uns umgab, auf welcher Stelle des Zifferblattes die Zeiger der Uhr standen, welchen Weg die Schwingen des Windes wählten, an die Gestalt und Farbe des Mondes.

Ich weiß, es gibt auf alles, was ich zu Dir gesagt habe, eine Antwort, und die ist: daß Du mich geliebt, daß während der zweieinhalb Jahre, in denen die Parzen die Fäden unsrer getrennten Lebensschicksale zu einem einzigen scharlachroten Muster woben, Du mich wirklich geliebt hast. Jawohl, ich weiß, Du hast es getan. Einerlei, wie Du Dich gegen mich benahmst – ich fühlte stets, daß im Herzen Du mich wirklich liebtest. Wenn ich auch ganz klar einsah, daß meine Stellung in der Kunstwelt, das Interesse, das meine Persönlichkeit von jeher geweckt hatte, mein Geld, der Überfluß, in dem ich lebte, die tausenderlei Dinge, die dazu beitrugen, ein Leben in so reizender, wundervoller Weise unwahrscheinlich zu gestalten wie das meine, insgesamt und jedes einzeln die Elemente waren, die Dich fesselten und an mich kletteten – so gab es doch neben all dem noch etwas mehr, eine seltsame Anziehungskraft für Dich: Du hast mich weit inniger geliebt als irgendeinen andern Menschen. Aber auch Du hast, wie ich, eine schreckliche Tragödie in Deinem Leben gehabt, obwohl sie von entgegengesetzter Art wie die meine war. Willst Du erfahren, was sie gewesen ist? Dies: in Dir war der Haß immer stärker als die Liebe. Dein Haß gegen Deinen Vater war von solchem Wuchs, daß er Deine Liebe zu mir völlig überholte, über den Haufen rannte und in den Schatten stellte. Es fand überhaupt kein Kampf zwischen ihnen statt oder nur sehr wenig; von solchem Umfang und Riesenmaß war Dein Haß. Es kam Dir nicht zum Bewußtsein, daß für beide Leidenschaften in derselben Seele nicht Raum war. Sie können nicht in dem schönen, geschnitzten Haus zusammen wohnen. Die Liebe nährt sich von der Phantasie, durch die wir klüger werden, als wir wissen, besser, als wir fühlen, edler, als wir sind; durch die wir das Leben in seiner Gesamtheit sehn können; durch die und durch die allein wir andre in ihren realen wie in ihren idealen Beziehungen verstehn können. Nur Schönes und schön Ersonnenes kann die Liebe nähren. Aber alles nährt den Haß. Du hast in all den Jahren kein Glas Champagner getrunken, kein üppiges Gericht verzehrt, das Deinen Haß nicht genährt und gemästet hätte. Deshalb hast Du, um ihn zu befriedigen, mit meinem Leben gespielt wie mit meinem Gelde, sorglos, rücksichtslos, unbekümmert um die Folgen. Wenn Du verlorst, war es, wie Du wähntest, nicht Dein Verlust. Wenn Du gewannst, waren, wie Du wußtest, für Dich der Triumph und die Vorteile des Sieges.

Der Haß macht die Menschen blind. Das hast Du nicht bemerkt. Die Liebe kann Geschriebenes auf dem fernsten Gestirn lesen; aber der Haß hat Dich so blind gemacht, daß Du nicht weiter sehn konntest als bis zum engen, ummauerten und schon lustverblühten Garten Deiner alltäglichen Wünsche. Deine schreckliche Phantasielosigkeit, das eine wirklich verhängnisvolle Gebrechen Deines Wesens, war ganz und gar die Folge des Hasses, der in Dir lebte. Hinterlistig, lautlos und insgeheim. Haß hat an Deiner Natur genagt, wie die Flechte an der Wurzel einer blassen Pflanze beißt, bis Du allmählich nur noch die kärgsten Interessen und die kleinlichsten Zwecke sahst. Die Fähigkeit in Dir, deren Wachstum die Liebe gefördert haben würde, hat der Haß vergiftet und gelähmt. Als Dein Vater mich anzugreifen begann, tat er es zuerst als Dein Privatfreund, in einem Privatbrief an Dich. Sobald ich den Brief mit seinen unflätigen Drohungen und plumpen Gewalttätigkeiten gelesen hatte, sah ich sofort, daß eine schreckliche Gefahr am Horizont meiner beunruhigten Tage aufsteige. Ich sagte Dir, ich wolle nicht für euch beide in eurem alten Haß gegeneinander die Kastanien aus dem Feuer holen; ich in London sei natürlich viel edleres Wild für ihn als ein Sekretär des Auswärtigen Amts in Bad Homburg; es sei unbillig, mich auch nur einen Augenblick in eine solche Lage zu versetzen; ich hätte etwas besseres im Leben zu tun, als mich mit einem Manne herumzubalgen, der betrunken, deklassiert und halb blöde sei wie er. Du wolltest das nicht einsehn. Der Haß machte Dich blind. Du betontest, der Zwist hätte nichts mit mir zu schaffen; Du wollest Deinem Vater nicht gestatten, Dir in Deinen Privatfreundschaften Vorschriften zu machen; es wäre höchst unbillig von mir, mich einzumischen. Du hattest bereits, ehe Du mit mir in der Angelegenheit sprachst, Deinem Vater ein törichtes, pöbelhaftes Antworttelegramm geschickt. Das verpflichtete Dich natürlich alsdann zu törichter, pöbelhafter Handlungsweise. Die verhängnisvollen Irrtümer des Lebens sind nicht menschlicher Unvernunft zuzuschreiben. Ein unvernünftiger Augenblick kann unser schönster Augenblick werden. Sie sind dem Umstand zuzuschreiben, daß der Mensch logisch ist. Dazwischen liegt ein großer Unterschied. Jenes Telegramm bildete die Voraussetzung für Dein ganzes künftiges Verhältnis zu Deinem Vater und folglich auch für mein ganzes Leben. Und das Groteske daran ist, daß es ein Telegramm war, dessen sich der gemeinste Straßenjunge geschämt hätte. Von kecken Telegrammen zu pedantischen Anwaltbriefen war der natürliche Fortschritt, und die Folge der Briefe Deines Rechtsbeistands an Deinen Vater war, ihn noch weiter zu treiben. Du ließest ihm keine andre Wahl als weiterzugehn. Du zwangst es ihm als Ehrensache oder vielmehr Unehrensache auf, damit Deine Herausforderung um so mehr wirke. Das nächste Mal greift er mich also nicht mehr in einem Privatbrief und als Dein Freund, sondern öffentlich und als Mann der Öffentlichkeit an. Ich hab ihn aus meinem Hause zu jagen. Er geht von Restaurant zu Restaurant auf der Suche nach mir, um mich vor der ganzen Welt zu beschimpfen in einer Art und Weise, daß ich, wenn ich es ihm heimzahlte, vernichtet wäre und, wenn ich es ihm nicht heimzahlte, desgleichen vernichtet wäre. Da gewiß war es für Dich an der Zeit, hervorzutreten und zu sagen, Du wollest mich nicht um Deinetwillen so scheußlichen Angriffen, so niederträchtiger Verfolgung aussetzen, sondern gäbest gern und unverzüglich jeden Anspruch, den Du an meine Freundschaft hättest, auf. Das fühlst Du jetzt wohl. Aber damals ist Dir nie der Gedanke gekommen. Der Haß machte Dich blind. Alles, was Dir einfiel (ab gesehn davon, daß Du Deinem Vater beleidigende Briefe und Telegramme schriebst), war: Dir eine lächerliche Pistole zu kaufen, die im Berkeley losgeht unter Umständen, die einen schlimmeren Skandal hervorrufen, als Dir je zu Ohren kam. Tatsächlich schien Dich der Gedanke, daß Du der Gegenstand eines furchtbaren Streites zwischen Deinem Vater und einem Manne meiner Stellung sein solltest, zu entzücken. Er gefiel wohl, nur zu natürlich, Deiner Eitelkeit und schmeichelte Deinem Eigendünkel. Daß Dein Vater möglicherweise Deinen Leib, der mich nicht interessierte, zugesprochen bekam und mir Deine Seele überließ, die ihn nicht interessierte – das wäre für Dich eine schmerzliche Lösung der Frage gewesen. Du wittertest die Gelegenheit zu einem öffentlichen Skandal und stürztest Dich darauf. Die Aussicht auf einen Kampf, in dem Du geborgen warst, ergötzte Dich. Ich erinnre mich, Dich nie in besserer Stimmung getroffen zu haben, als Du für den Rest des Jahres warst. Deine einzige Enttäuschung schien es zu sein, daß nichts faktisch geschah und daß keine weitere Begegnung oder Rempelei zwischen uns stattgefunden hatte. Du tröstetest Dich damit, ihm Telegramme in solchem Tone zu schicken, daß der Elende Dir schließlich schrieb, er hätte seinen Dienstboten anbefohlen, ihm unter gar keinem Vorwand mehr Telegramme zu bringen. Das schüchterte Dich nicht ein. Du sahst die ungeheuren Möglichkeiten, die die offene Postkarte bietet, und machtest von ihnen in vollem Maße Gebrauch. Du hetztest ihn immer weiter auf der Jagd. Ich glaube nicht, daß er sie je wirklich abgebrochen hätte. Der Familieninstinkt war zu stark in ihm. Sein Haß gegen Dich war ebenso beharrlich wie Dein Haß gegen ihn, und ich war für euch beide das Schießpferd und zum Angriff ebenso geeignet wie zur Deckung. Seine Leidenschaft, von sich reden zu machen, war nicht bloß individuell, sondern ein Rassemerkmal. Immerhin, wäre sein Interesse einen Augenblick erschlafft, so würden Deine Briefe und Postkarten es bald wieder zur alten Flamme angefacht haben. Es gelang ihnen. Und er ging natürlich noch weiter. Nachdem er mich als Privatmann und privat, als Mann der Öffentlichkeit und öffentlich angegriffen hat, beschließt er zuguterletzt, seinen großen Endangriff auf mich, den Künstler, und zwar an der Stätte zu unternehmen, wo meine Kunst zur Darstellung gelangt. Er verschafft sich durch Betrug einen Platz zur Première eines meiner Stücke und ersinnt einen Anschlag, die Vorstellung zu stören, eine hundsföttische Rede gegen mich vor der Hörerschaft zu halten, meine Schauspieler zu beleidigen, anstößige oder unanständige Wurfgeschosse nach mir zu schleudern, wenn ich zum Schluß vor den Vorhang gerufen werde, um mich auf scheußliche Art durch mein Werk zu vernichten. Ganz von ungefähr, in der kurzen, zufälligen Aufrichtigkeit einer mehr als gewöhnlichen Rauschstimmung, rühmt er sich seiner Absicht vor andern. Die Polizei wird benachrichtigt, und man läßt ihn nicht ins Theater. Du hattest da Deine Chance. Da war die Gelegenheit für Dich. Fällt es Dir jetzt nicht bei, daß Du sie hättest sehn sollen und vortreten und sagen, meine Kunst wenigstens wollest Du Deinethalben nicht vernichten lassen? Du wußtest, was meine Kunst mir war: die große Hauptnote, durch die ich mich offenbart hatte, zuerst mir selbst, alsdann der Welt; die große Leidenschaft meines Lebens; die Liebe, neben der alle andern Äußerungen der Liebe wie Sumpfwasser neben rotem Weine waren oder wie der Glühwurm im Sumpfe neben dem magischen Spiegelbilde des Mondes. Begreifst Du noch immer nicht, daß Deine Phantasielosigkeit das eine wirklich verhängnisvolle Gebrechen Deines Wesens war? Was Du zu tun hattest, war ganz einfach und lag ganz klar vor Dir, aber der Haß machte Dich blind, und Du konntest nichts sehn. Ich konnte mich nicht bei Deinem Vater dafür entschuldigen, daß er mich beschimpft und nahezu neun Monate lang auf die widerlichste Weise verfolgt hatte. Ich konnte Dich aus meinem Leben nicht loswerden. Ich hatte es immer wieder versucht. Ich war soweit gegangen, England tatsächlich zu verlassen und ins Ausland zu reisen in der Hoffnung, Dir zu entrinnen. Alles hatte keinen Zweck gehabt. Du warst der Einzige, der etwas hätte tun können.

Der Schlüssel zur Lage ruhte durchaus bei Dir. Es war die eine große Gelegenheit, die Du hattest, mir einen kleinen Dank für all die Liebe und Freundlichkeit und Güte und Freigebigkeit und Pflege, die ich Dir erwiesen, abzustatten. Hättest Du mich auch nur zu einem Zehntel meines künstlerischen Wertes zu würdigen gewußt, Du hättest es getan. Aber der Haß machte Dich blind. Die Fähigkeit, »durch die und durch die allein wir andre in ihren realen wie in ihren idealen Beziehungen verstehn können«, war tot in Dir. Du dachtest einfach daran, wie Du Deinen Vater ins Gefängnis bringen könntest. Ihn auf der Anklagebank zu sehn – das war Deine einzige Idee. Der Ausdruck wurde eine der vielen »scies« Deiner täglichen Unterhaltung. Man bekam ihn bei jeder Mahlzeit zu hören. Nun wohl, Dein Wunsch ging in Erfüllung. Der Haß gab Dir jedes einzige Ding, das Du begehrtest. Er war Dir ein nachsichtiger Herr. Er ist’s fürwahr allen, die ihm dienen. Zwei Tage saßest Du mit den Sheriffs auf hohem Sitz und weidetest Deine Augen am Anblick Deines Vaters, der auf der Anklagebank des Hauptkriminalgerichts saß. Und am dritten Tag nahm ich seinen Platz ein. Was war geschehn? In eurem widerlichen Haßspiel hattet ihr beide um meine Seele gewürfelt, und Du hattest durch Zufall verloren. Das war alles.

Du siehst, ich habe Dein Leben für Dich zu schreiben, und Du hast es zu begreifen. Wir kennen einander nun länger als vier Jahre. Die Hälfte der Zeit sind wir zusammen gewesen; die andre Hälfte hab ich im Gefängnis zubringen müssen als Folge unsrer Freundschaft. Wo Du diesen Brief erhalten wirst, falls er Dich überhaupt je erreicht, weiß ich nicht. Rom, Neapel, Paris, Venedig, eine schöne Stadt an der See oder einem Strom, beherbergt Dich, wie ich nicht zweifle. Du bist, wenn auch nicht mit all dem unnützen Überfluß, den Du bei mir hattest, so doch mit allem umgeben, was wonnesam für Auge, Ohr und Geschmack ist. Das Leben ist für Dich ganz allerliebst. Und doch, wenn Du klug bist und das Leben noch viel lieblicher finden willst und von andrer Beschaffenheit, dann wirst Du die Lektüre dieses schrecklichen Briefes – denn ich weiß, es ist ein solcher – zu einer so wichtigen Krise und einem Wendepunkt Deines Lebens werden lassen, wie es seine Niederschrift für mich ist. Dein blasses Gesicht pflegte durch Weingenuß oder vor Freude leicht zu erröten. Sollte es, wenn Du liest, was hier geschrieben steht, von Zeit zu Zeit vor Scham brennen wie unter Hochofenglut, dann wird es um so besser für Dich sein. Das höchste Laster ist Seichtheit. Alles, was zum Bewußtsein kommt, ist richtig.

Ich bin jetzt bis zur Untersuchungshaft gelangt – nicht wahr? Nachdem ich eine Nacht in Polizeigewahrsam geblieben, werde ich im grünen Wagen hingeschafft. Du warst sehr aufmerksam und gütig. Beinahe jeden Nachmittag, wenn nicht tatsächlich jeden Nachmittag bis zu Deiner Abreise ins Ausland, nahmst Du Dir die Mühe, vorzufahren und mich in Holloway zu besuchen. Du schriebst mir auch sehr liebe, freundliche Briefe. Aber daß nicht Dein Vater, sondern daß Du mich ins Gefängnis gebracht hattest, daß von Anfang bis zu Ende Du der Verantwortliche warst, daß durch Deine Schuld, für Dich und durch Dich ich dort war, das ist Dir nie eine Sekunde lang aufgedämmert. Selbst der Anblick meiner Person hinter den Stäben eines hölzernen Käfigs vermochte diese tote, phantasiearme Natur nicht anzuregen. Du hattest das Mitgefühl und die Sentimentalität des Zuschauers, der vor einem überaus rührenden Stück sitzt. Daß Du der wahre Autor der scheußlichen Tragödie warst, fiel Dir nicht ein. Ich sah: von dem, was Du angerichtet hattest, kam Dir nichts zum Bewußtsein. Ich hatte keine Lust, der eine zu sein, der Dir sagt, was Dein eignes Herz Dir hätte sagen sollen, was es Dir auch gesagt hätte, wenn Du nicht den Haß es hättest verhärten und empfindungslos machen lassen. Alles muß einem aus der eignen Natur zuströmen. Es hat keinen Zweck, jemand etwas zu sagen, was er nicht fühlt und nicht verstehn kann. Wenn ich jetzt an Dich schreibe, wie ich es tue, so geschieht es? weil Dein eignes Schweigen und Verhalten während meiner langen Gefängniszeit es nötig gemacht haben. Außerdem, wie sich die Dinge gestaltet hatten, war der Hieb auf mich allein gefallen. Das war mir eine Freude. Ich gab mich damit zufrieden, für viele Ursachen zu leiden, obwohl von jeher für meine Augen, da ich Dich beobachtete, etwas nicht wenig Verächtliches in Deiner völligen, vorsätzlichen Blindheit lag. Ich erinnre mich, wie Du stolzerfüllt einen Brief hervorzogst, den Du in einem Sensationsblatt über mich veröffentlicht hattest. Es war eine sehr vorsichtige, gemäßigte, sogar alltägliche Arbeit. Du appelliertest an den »englischen Gerechtigkeitssinn«, oder etwas sehr Trauriges von dieser Gattung, zugunsten eines »Mannes, der am Boden lag«. Es war die Art Brief, die Du hättest schreiben können, wäre eine peinliche Anklage gegen eine ehrbare Person erhoben worden, mit der Du persönlich ganz unbekannt gewesen. Aber Du hieltest es für einen wunderbaren Brief. Du sahst darin einen Beweis fast abenteuerlicher Ritterlichkeit. Ich weiß, Du hast noch andre Briefe geschrieben an andre Zeitungen, die sie nicht abgedruckt haben. Doch dann sollten sie bloß berichten, daß Du Deinen Vater haßtest. Kein Hahn krähte danach, ob das der Fall war oder nicht. Der Haß – das hattest Du noch zu lernen – ist, intellektuell betrachtet, die ewige Verneinung. Vom Standpunkt des Gemüts aus betrachtet, ist er eine Form der Atrophie mit tödlichem Ausgang, nur nicht für sich selbst. An die Zeitungen zu schreiben, man hasse jemand, ist so, wie wenn man an die Zeitungen schreiben wolle, man habe eine geheime, schändliche Krankheit. Die Tatsache, daß der Mann, den Du haßtest, Dein eigner Vater war und daß das Gefühl gründlich erwidert wurde, machte Deinen Haß in keiner Weise vornehm oder schön. Wenn sie etwas bewies, so war es nur, daß es sich um eine angeborene Krankheit handelte.

Ich erinnre mich hinwiederum: als die Zwangsversteigerung über mein Haus verhängt und meine Bücher und Möbel mit Beschlag belegt und zum Verkauf ausgeboten wurden und der Bankrott vor der Tür stand, da schrieb ich Dir natürlich, um Dir davon Mitteilung zu machen. Ich erwähnte nicht, daß die Bezahlung etlicher meiner Spenden an Dich den Gerichtsvollzieher in das Haus gebracht hatte, in dem Du so oft gespeist. Ich dachte, mit Recht oder Unrecht, eine solche Nachricht werde Dich vielleicht ein wenig schmerzen. Ich sagte Dir nur die kahlen Tatsachen. Ich hielt es für schicklich, daß Du darum wissen solltest. Du antwortetest aus Boulogne in einem Ton fast lyrischen Frohlockens. Du schriebst, Du wissest, daß Dein Vater »schlecht bei Kasse« sei, daß er 1500 Pfund für die Kosten der Gerichtsverhandlung habe aufnehmen müssen und daß mein bevorstehender Bankrott ein »fabelhafter Triumph« über ihn sei, weil er dadurch nicht imstande sein werde, seine Spesen von mir hereinzubekommen! Begreifst Du jetzt, was der Haß, der einen blind macht, ist? Siehst Du ein, daß ich, als ich ihn eine in jedem Falle, nur nicht für sich selbst verderbliche Atrophie nannte, eine wirkliche, psychologische Tatsache wissenschaftlich beschrieb? – Daß alle meine reizenden Sachen verkauft werden sollten: meine Zeichnungen von Burne-Jones, von Whistler, mein Monticelli, meine Simeon Solomons, mein Porzellan, meine Bibliothek mit ihrer Sammlung von Widmungsexemplaren von fast allen Dichtern meiner Zeit: von Hugo bis Whitman, von Swinburne bis Mailand, von Morris bis Verlaine, mit ihren schön gebundenen Ausgaben der Werke meines Vaters und meiner Mutter, mit ihrer wundervollen Reihe von Universitäts- und Schulpreisen, ihren Luxusausgaben und dergleichen – das war schlechterdings nichts für Dich. Du sagtest, es öde Dich; das war alles. Du sahst darin nur die Möglichkeit, daß Dein Vater schließlich ein paar hundert Pfund verliere, und diese erbärmliche Auffassung erfüllte Dich mit ekstatischer Freude. Was die Prozeßkosten betrifft, so mag es Dich interessieren zu erfahren, daß Dein Vater im Orleans-Club offen erklärte, wenn ihn die Sache zwanzigtausend Pfund gekostet hätte, würde er das Geld für durchaus gut angewandt gehalten haben; er hätte davon so viel Genuß und Wohlbehagen und Triumph gehabt. Die Tatsache, daß er in der Lage war, nicht nur mich auf zwei Jahre ins Gefängnis zu bringen, sondern auch mich für einen Nachmittag herauszuholen und zum öffentlichen Bankrotteur zu machen, war eine extra raffinierte Freude, die er nicht erwartet hatte. Es war die Krönung meiner Demütigung und seines vollkommenen, einwandfreien Sieges. Hätte Dein Vater nicht seine Kosten von mir beanspruchen können, so würdest Du, das weiß ich nur zu gut, voll Mitgefühl, soweit es Worten gegeben ist, für den gänzlichen Verlust meiner Bibliothek, einen für einen Schriftsteller unersetzlichen Verlust, den für mich von allen meinen materiellen Verlusten betrüblichsten, gewesen sein. Du hättest sogar, im Angedenken an die Geldsummen, die ich im Übermaß für Dich ausgegeben, und daran, wie Du jahrelang von mir gelebt hattest, Dir vielleicht die Mühe genommen, einige meiner Bücher für mich zurückzukaufen. Die allerbesten gingen für weniger als 150 Pfund weg – ungefähr so viel, wie ich durchschnittlich in einer Woche für Dich ausgab. Aber die schadenfrohe Vorstellung, Dein Vater werde ein paar Groschen verlieren, ließ den Versuch gar nicht bei Dir aufkommen, mir einen kleinen Gegendienst zu leisten, der so unbedeutend, so leicht, so wenig kostspielig, so auf der Hand liegend und mir so ungeheuer erwünscht gewesen wäre, wenn Du ihn ausgeführt hättest. Hab ich nun recht, wenn ich sage, daß der Haß die Menschen blind macht? Siehst Du jetzt es ein? Wenn nicht, versuche, es zu sehn.

Wie klar ich es damals, so wie jetzt, sah, brauche ich Dir nicht zu erzählen. Aber ich sagte mir: ›Um jeden Preis muß ich mir die Liebe im Herzen erhalten. Wenn ich ohne Liebe ins Gefängnis gehe, was wird aus meiner Seele dann werden?‹ Die Briefe, die ich Dir damals aus Holloway schrieb, waren mein Bemühn, die Liebe meinem Wesen als Dominante zu erhalten. Ich hätte Dich, wenn ich gewollt hätte, mit bittern Vorwürfen in Stücke reißen können. Ich hätte Dich mit Flüchen zerschmettern können. Ich hätte Dir einen Spiegel vorhalten und ein Bild von Dir zeigen können, das Du nicht als Dein eignes erkannt hättest, bis Du ausfindig gemacht, daß es Deine grauenvollen Gebärden nachäffte, und dann hättest Du gewußt, wessen Gestalt es war, und hättest sie und Dich auf ewig gehaßt. Ja, noch mehr. Die Sünden eines Andern wurden mir zur Last gelegt. Hätte ich gewollt, ich hätte mich in beiden Verhandlungen auf seine Kosten retten können – zwar nicht vor der Schande, aber vor dem Gefängnis. Wäre es mir eingefallen zu zeigen, daß die Belastungszeugen – die drei wichtigsten – von Deinem Vater und seinem Rechtsbeistand sorgfältig instruiert waren, nicht bloß was sie zu verschweigen, sondern auch was sie auszusagen hätten in der Art, wie sie die Handlungen und Taten eines Andern vorsätzlich, abgekartet und einstudiert rundweg auf mich übertrugen – ich hätte es erreichen können, daß jeder einzelne von ihnen mit noch weniger Umständen vom Vorsitzenden aus dem Gerichtssaal entlassen worden wäre als der meineidige Lump Atkins. Ich hätte erhobenen Hauptes, die Hände in den Taschen, ein freier Mann hinausschreiten können. Man übte den stärksten Druck auf mich aus, es zu tun. Leute, deren einziges Interesse mein und meines Hauses Wohl war, rieten mir ernstlich zu, baten, beschworen mich. Aber ich lehnte es ab. Ich konnte mich nicht dazu verstehn. Ich habe meinen Entschluß niemals auch nur einen Augenblick bedauert, selbst nicht in den bittersten Zeiten meiner Haft. Eine solche Handlungsweise wäre unter meiner Würde gewesen. Die Sünden des Fleisches sind nichts. Es sind Krankheiten, die der Arzt heilt, wenn man sie überhaupt heilen lassen soll. Einzig die Sünden der Seele sind schmachvoll. Mir meine Freisprechung durch solche Mittel erwirkt zu haben, wäre zeitlebens eine Qual für mich gewesen. Aber glaubst Du wirklich, Du habest die Liebe verdient, die ich Dir damals erwies, oder ich hätte einen Augenblick geglaubt, daß Du sie verdientest? Glaubst Du wirklich, Du habest zu irgendeiner Zeit unsrer Freundschaft die Liebe verdient, die ich Dir erwies, oder ich hätte einen Augenblick geglaubt, daß Du sie verdientest? Ich habe gewußt, daß Du sie nicht verdienst. Doch Liebe feilscht nicht auf dem Marktplatz und benutzt nicht die Wage des Krämers. Ihre Freude ist, wie die Freude des Geistes: sich lebendig zu fühlen. Das Streben der Liebe ist: zu lieben – nicht mehr und nicht weniger. Du warst mein Feind, ein Feind, wie kein Mensch ihn je gehabt hat. Ich hatte Dir mein Leben geschenkt; um die allerniedrigsten, verächtlichsten menschlichen Leidenschaften zu befriedigen: Haß, Eitelkeit und Gier, hattest Du es weggeworfen. In weniger als drei Jahren hattest Du mich in jedem Betracht völlig vernichtet. In meinem eignen Interesse blieb mir nichts zu tun, als Dich zu lieben. Ich wußte: wenn ich mir gestattete, Dich zu hassen, dann würde in der trocknen Wüste des Daseins, durch die ich ziehn mußte und noch immer ziehe, jeder Fels seinen Schatten verlieren, jeder Palmbaum verdorren, jeder Wasserquell an seinem Ursprung vergiftet sein. Fängst Du nun an, ein wenig zu verstehn? Erwacht Deine Phantasie aus dem langen Todesschlaf, darin sie gelegen? Du weißt schon, was der Haß ist. Fängt es Dir aufzudämmern an, was die Liebe und was der Liebe Wesen ist? Es ist nicht zu spät für Dich, es zu erlernen, wenn ich auch, es Dich zu lehren, in die Sträflingszelle gehn mußte.

Nach meiner fürchterlichen Verurteilung, als ich Gefängniskleidung anhatte und das Gefängnishaus sich um mich schloß, saß ich unter den Trümmern meines wundervollen Lebens, von Angst zermalmt, vor Schreck verwirrt, durch Schmerz betäubt. Aber ich wollte Dich nicht hassen. Jeden Tag sagte ich mir: ›Ich muß mir heut im Herzen die Liebe bewahren; wie soll ich sonst den Tag überstehn?‹ Ich erinnerte mich daran, daß Du es nicht böse gemeint hast, mit mir wenigstens; ich bemühte mich zu denken, daß Du nur aufs Geratewohl einen Bogen abgeschnellt und daß der Pfeil einen König zwischen den Scharnieren seines Harnischs durchbohrt hatte. Dich abzuwägen gegen das kleinste meiner Leiden, den geringsten meiner Verluste, das wäre, wie ich fühlte, ungerecht gewesen. Ich beschloß, auch Dich als einen Dulder zu betrachten. Ich zwang mich in den Glauben, daß Dir endlich die Schuppen von den lange verblendeten Augen gefallen seien. Ich pflegte mir voll Schmerz vorzustellen, wie groß Dein Entsetzen gewesen sein müsse, als Du Deiner Hände schreckliches Werk anschautest. Es gab Zeiten, sogar in jenen dunklen Tagen, den dunkelsten meines ganzen Lebens, da es mich wahrhaft verlangte, Dich zu trösten; so sicher war ich, daß Dir endlich zum Bewußtsein gekommen sei, was Du getan hattest.

Es fiel mir da nicht bei, daß Du das höchste Laster: Seichtheit haben könnest. Ja, es war für mich ein wirklicher Kummer, als ich Dich das mußte wissen lassen. Ich sah mich genötigt, die erste Gelegenheit zum Empfang eines Briefes Familienzwecken aufzusparen; denn mein Schwager hatte mich benachrichtigt, wenn ich nur einmal an meine Frau schreiben möchte, würde sie, um meinetwillen und unsrer Kinder wegen, keine Ehescheidungsklage einreichen. Ich fühlte: meine Pflicht war, das zu tun. Von andern Gründen zu schweigen, konnte ich den Gedanken der Trennung von Cyril nicht ertragen, diesem meinem schönen, liebreichen, liebenswerten Kinde, meinem Freund von allen Freunden, meinem Gefährten über alle Gefährten hinaus; ein einziges Haar von seinem goldnen Köpfchen hätte mir teurer und wertvoller sein sollen als – ich will nicht sagen: Du vom Scheitel bis zur Zehe, doch als der ganze Chrysolith der gesamten Welt, war es mir in der Tat auch immer, wiewohl ich zu spät erst es verstand.

Zwei Wochen nach Deinem Annäherungsversuch erhalte ich Nachricht über Dich. Robert Sherard, dieses tapferste und ritterlichste aller prächtigen Geschöpfe, besucht mich und sagt mir unter anderen, Du gingest damit um, in dem lächerlichen »Mercure de France« mit seiner albernen Ziererei, der wahre Mittelpunkt literarischer Korruption zu sein, einen Aufsatz über mich nebst Proben aus meinen Briefen zu veröffentlichen. Er fragt mich, ob es wirklich auf meinen Wunsch geschehe. Ich war höchlich erstaunt und sehr verärgert und gab Auftrag, der Sache sofort Einhalt zu tun. Du hattest meine Briefe herumliegen lassen, so daß erpresserische Gesellen sie stehlen, Hoteldiener stibitzen, Hausmädchen verkaufen konnten. Das war einfach Dein Leichtsinn, weil es Dir an Wertschätzung für das gebrach, was ich Dir geschrieben hatte. Aber daß Du im Ernst daran dachtest, Auszüge aus den übrigen zu veröffentlichen, war fast unglaublich für mich. Und welche meiner Briefe waren es? Ich konnte nichts Näheres erfahren. Das war meine erste Kunde von Dir. Sie mißfiel mir.

Die zweite Nachricht ließ nicht lange auf sich warten. Die Anwälte Deines Vaters hatten sich im Gefängnis eingefunden und machten mir die gerichtliche Eröffnung meines Konkurses wegen lumpiger 700 Pfund, die ihre Kostenaufstellung betrug. Man erklärte mich als zahlungsunfähigen Schuldner und ordnete an, ich solle dem Gericht vorgeführt werden. Ich hatte das sehr starke Gefühl, habe es noch und will auf die Sache zurückkommen, daß diese Kosten hätten von Deiner Familie bezahlt werden sollen. Du hattest persönlich die Verantwortung auf Dich genommen, indem Du die Erklärung abgabst, Deine Angehörigen würden es tun. Dies hatte den Anwalt bewogen, den Fall zu übernehmen in der Art, wie er es tat. Du warst durchaus verantwortlich. Auch unabhängig von Deiner verpflichtenden Zusage für Deine Angehörigen hättest Du das Gefühl haben müssen: da Du mich ins Verderben gestürzt hattest, so war das Mindeste, das man hätte tun können, mir die weitere Schande des Bankrotts zu ersparen wegen einer schlechterdings verächtlichen Summe, weniger als die Hälfte von dem, was ich in drei kurzen Sommermonaten in Goring für Dich ausgegeben habe. Doch davon hier nicht mehr. Ich empfing, wie ich nicht leugne, durch den Bürovorsteher des Anwalts eine Botschaft von Dir betreffs der Sache oder doch in Verbindung mit dem Anlaß. An dem Tag, als er kam, um meine Darlegungen und Angaben in Empfang zu nehmen, beugte er sich über den Tisch – der Gefängniswärter war zugegen –, und nachdem er in ein Stück Papier, das er aus der Tasche zog, gesehn, sagte er zu mir mit leiser Stimme: »Prinz Fleur de Lys läßt Sie grüßen«. Ich starrte ihn an. Er wiederholte die Botschaft. Ich wußte nicht, was er meinte. »Der Herr ist gegenwärtig im Ausland«, fügte er geheimnisvoll hinzu. Da wurde mir alles blitzartig klar, und ich weiß noch, daß ich zum ersten und letztenmal in meiner ganzen Gefängniszeit lachte. In diesem Lachen war alle Verachtung aller Welt. Prinz Fleur de Lys! Ich sah – und spätere Ereignisse zeigten mir, daß ich recht sah –: nichts, was sich zugetragen hatte, war Dir zum Bewußtsein gekommen. Du warst in Deinen Augen immer noch der anmutige Prinz einer trivialen Komödie, nicht die düstre Gestalt eines tragischen Schauspiels. Alles, was vorgefallen, war wie eine Feder nur für das Barett, das einen beschränkten Kopf schmückt, eine Blume ins Wams zu stecken, worunter ein Herz schlägt, das der Haß, der Haß allein, wärmen kann, das die Liebe, die Liebe allein, kalt findet. Prinz Fleur de Lys! Du hattest gewiß ganz recht, unter angenommenem Namen mit mir in Verbindung zu treten. Ich selbst hatte damals überhaupt keinen Namen. In dem großen Gefängnis, worin ich damals eingekerkert war, war ich bloß die Zahl und der Buchstabe einer kleinen Zelle in einem langen Gang, eine von tausend leblosen Nummern wie eines von tausend leblosen Leben. Aber es gab sicherlich viele wirkliche Namen in der wirklichen Geschichte, die weit besser zu Dir gepaßt und an denen ich sogleich Dich unschwer erkannt hätte. Ich vermutete Dich nicht unter dem Flitter eines schimmernden Visiers, das nur für ein kurzweiliges Maskenfest passend war. Ach, wäre Deine Seele, wie um ihrer eignen Vollendung willen sie es hätte sein sollen, von Leid verwundet, von Gewissensbissen gebeugt und vor Gram demütig gewesen, sie hätte nicht solche Vermummung gewählt, in ihrem Schatten Eingang zum Haus des Schmerzes zu suchen. Die großen Dinge des Lebens sind, was sie scheinen, und aus diesem Grunde, so seltsam es Dir klingen mag, oft schwer zu deuten. Aber die kleinen Dinge des Lebens sind Symbole. Durch sie erhalten wir am leichtesten unsre bittern Lehren. Die anscheinend zufällige Wahl eines fingierten Namens war symbolisch und wird es bleiben. Er hat Dich verraten.

Sechs Wochen später trifft eine dritte Nachricht ein. Ich werde aus dem Spital geholt, wo ich elend krank lag, um durch den Gefängnisdirektor eine besondre Botschaft von Dir zu erhalten. Er liest mir einen an ihn gerichteten Brief vor, worin Du Mitteilung machtest, Du habest vor, einen Aufsatz über den »Fall Oscar Wilde« im »Mercure de France« zu veröffentlichen (einer Zeitschrift, die, wie Du aus einem merkwürdigen Grunde hinzufügtest, »der englischen Fortnightly Review entspricht«) und seist begierig, meine Erlaubnis zur Veröffentlichung zu erlangen; es handle sich um Proben und eine Auswahl von … was für Briefen? Den Briefen, die ich aus dem Holloway-Gefängnis an Dich geschrieben hatte; den Briefen, die Du heilig und geheim hättest halten sollen, mehr als irgendetwas auf der ganzen Welt! Das waren tatsächlich die Briefe, die Du herausgeben wolltest, damit der schlaffe Dekadent sie anstaune, der gierige Feuilletonist sie ausschlachte, die kleinen Löwen des Quartier Latin das Maul aufrissen und sie verschlängen. Hätte nichts in Deinem Herzen gegen so gemeinen Frevel aufgeschrien, so hättest Du zum mindesten an das Sonett denken sollen, das einer schrieb, der mit solchem Schmerz und Hohn zusah, wie die Briefe von John Keats in London öffentlich versteigert wurden, und hättest endlich die wahre Bedeutung meiner Verse verstehn sollen:

»Der, glaub‘ ich, ist für Kunst erkaltet,
der den Kristall des Dichterherzens spaltet,
daß ekle Augen glotzend danach spähn.«

Denn was sollte Dein Aufsatz dartun? Daß ich Dich zu gerne gehabt hatte? Die Tatsache war ja dem pariser gamin bekannt. Sie lesen alle die Zeitungen, und die meisten von ihnen schreiben dafür. Daß ich ein Genie war? Die Franzosen verstanden das und die besondre Art meines Genies viel besser, als Du es tatest oder als man es von Dir hätte erwarten können. Daß Hand in Hand mit dem Genie oft eine eigentümliche Perversität der Leidenschaft und des Verlangens geht? Vortrefflich; aber der Gegenstand kommt eher einem Lombroso als Dir zu. Außerdem findet sich die vorliegende pathologische Erscheinung auch bei solchen, die kein Genie besitzen. Daß ich in Deinem Haßkrieg gegen Deinen Vater jedem von euch zugleich Schild und Waffe war? Nein, mehr: daß auf der scheußlichen Jagd nach meinein Leben, die einsetzte, als der Krieg vorbei war, Dein Vater mich nie hätte zur Strecke bringen können, wäre mein Fuß nicht schon in Deinen Netzen gewesen? Ganz richtig; aber ich höre, Henri Bauer hat das schon ausgezeichnet gesagt. Zur Bestätigung seiner Ansicht, falls das Dein Vorhaben gewesen, brauchtest Du nicht meine Briefe zu veröffentlichen – wenigstens nicht die aus Holloway geschriebenen.

Wirst Du auf meine Fragen erwidern, ich selbst hätte Dich in einem meiner Briefe aus Holloway gebeten, Du möchtest, soweit Du dazu imstande wärest, den Versuch machen, mich bei einem kleinen Teil der Welt ein wenig ins rechte Licht zu setzen? Gewiß, ich hab es getan. Bedenke, wie und warum ich in diesem Augenblick hier bin. Glaubst Du, ich sei hier wegen meiner Beziehungen zu den Zeugen in meinem Prozeß? Meine Beziehungen, die wirklichen oder vermeintlichen, zu Leuten jenes Schlages waren von keinem Interesse, weder für die Regierung noch die Gesellschaft. Man wußte davon nichts und fragte noch weniger danach. Ich bin hier, weil ich versucht habe, Deinen Vater ins Gefängnis zu bringen. Mein Unterfangen schlug fehl, selbstverständlich. Mein Anwalt legte die Verteidigung nieder. Dein Vater drehte den Spieß um und brachte mich ins Gefängnis, wo ich noch bin. Deshalb fühlt man gegen mich Verachtung. Deshalb verhöhnen mich die Menschen. Deshalb muß ich jeden Tag, jede Stunde, jede Minute meiner schrecklichen Gefängniszeit absitzen. Deshalb wurden meine Gesuche abschlägig beschieden.

Du warst der einzige, der, ohne sich irgendwie dem Spott, einer Gefahr oder einem Tadel auszusetzen, der ganzen Angelegenheit eine andre Farbe hätte geben, die Sache in ein unterschiedliches Licht rücken, bis zu einem gewissen Grade zeigen können, wie die Dinge wirklich lagen. Ich hätte selbstverständlich nicht erwartet oder auch nur gewünscht, daß Du angegeben hättest, wie und zu welchem Zweck Du meinen Beistand in Deinen Oxforder Unannehmlichkeiten gesucht hast oder wie und zu welchem Zweck, falls Du überhaupt einen hattest, Du nahezu drei Jahre mir faktisch nie von der Seite gewichen bist. Meine ständigen Versuche, eine Freundschaft abzubrechen, die für mich als Künstler, als Mann von Stellung, sogar als Mitglied der Gesellschaft so verderblich war, hätten nicht so genau gebucht zu werden brauchen, wie sie hier aufgezeichnet sind. Ich hätte auch nicht verlangt, daß Du die Szenen beschriebest, die Du in fast eintöniger Weise wiederholt hast; oder daß Du Deine wundervolle Reihe von Telegrammen an mich in ihrer sonderbaren Mischung von Romantik und Finanz abdrucktest; oder daß Du die empörenderen oder herzloseren Stellen aus Briefen anführtest, wozu ich gezwungen war. Immerhin, ich dachte, es wäre gut gewesen, für Dich sowohl wie für mich, wenn Du Verwahrung eingelegt hättest gegen Deines Vaters Lesart von unsrer Freundschaft – eine Lesart, nicht minder grotesk als giftig und in ihren Dich betreffenden Folgerungen ebenso albern wie entehrend mit Bezug auf mich. Sie ist jetzt tatsächlich historisch geworden; wird zitiert, geglaubt, gebucht; der Pastor hat sie zu seinem Text, der Moralprediger zu seinem unfruchtbaren Thema genommen; und ich, der bei allen Menschenaltern Anklang fand, mußte meinen Urteilsspruch hinnehmen von einem, der ein Affe und ein Hanswurst ist. Ich habe in diesem Brief, nicht ohne Verbitterung, wie ich zugebe, gesagt, darin liege die Ironie der Dinge, daß Dein Vater als Held eines Traktätchens weiterlebe; daß Du mit dem Kinde Samuel auf einer Stufe stehest; und daß mein Platz zwischen Gilles de Retz und dem Marquis de Sade sei. So ist es wohl am besten. Ich will mich nicht darüber beklagen. Eine der vielen Lehren, die man dem Gefängnis verdankt, ist die: daß die Dinge sind, was sie sind, und es in alle Zukunft bleiben werden. Ich zweifle auch nicht im geringsten daran, daß der mittelalterliche Wüstling und der Verfasser der »Justine« bessere Gesellschafter sind als Sandford und Merton.

Aber zu der Zeit, als ich Dir schrieb, empfand ich, daß es in unser beider Interesse gut, zweckmäßig, richtig sei, uns nicht bei der Darstellung zu beruhigen, die Dein Vater durch seinen Rechtsbeistand zur Erbauung einer philisterhaften Welt hatte abgeben lassen, und deshalb bat ich Dich, etwas zu erdenken und zu schreiben, was der Wahrheit näher komme. Es wäre wenigstens besser für Dich gewesen, als etwas über das häusliche Leben Deiner Eltern für die französischen Zeitungen hinzukritzeln. Was fragten die Franzosen danach, ob Deine Eltern ein glückliches Familienleben geführt hatten oder nicht! Ein für sie uninteressanterer Gegenstand ist schwer erfindlich. Was sie dagegen interessierte, war, wie ein Künstler meines Ranges, einer, der durch die Lehre und Bewegung, die er verkörperte, hervorragenden Einfluß auf die Richtung französischen Denkens ausgeübt hatte, nach einem solchen Leben, wie er es geführt, einen solchen Prozeß hatte führen können. Hättest Du Dir für Deinen Aufsatz vorgenommen, die (wie ich fürchte: zahllosen) Briefe zu veröffentlichen, worin ich zu Dir von dem Verderben, das Du über mein Leben brachtest, gesprochen hatte; von dem Wahnsinn der Wutanfälle, die Du Gewalt über Dich gewinnen ließest, zu Deinem eignen wie zu meinem Schaden; von meinem Wunsch oder vielmehr Entschluß, eine für mich in jeder Art so verhängnisvolle Freundschaft zu beenden: ich hätte es verstehn können, wenn ich auch die Veröffentlichung solcher Briefe nicht gestattet hätte. Als Deines Vaters Anwalt mich bei einem Widerspruch fassen wollte und einen von mir im März 1895 an Dich geschriebenen Brief dem Gericht plötzlich vorlegte – ich erklärte darin: eher als eine Wiederholung der scheußlichen Auftritte zu dulden, an denen Du anscheinend so schreckliches Wohlgefallen fändest, sei ich bereit, »mich von jedem Erpresser in London schröpfen zu lassen« – da war es ein wirklicher Kummer für mich, daß diese Seite meiner Freundschaft mit Dir versehentlich gemeinen Blicken enthüllt wurde. Aber daß Du so schwer von Begriffen warst, so bar jedes Feingefühls und so stumpf im Erfassen des Seltenen, Zarten, Schönen, daß Du selbst die Briefe herauszugeben vorhattest, in denen und durch die ich den Geist und die Seele der Liebe lebendig zu erhalten suchte, damit sie in meinem Körper während der langen Jahre der Demütigung für diesen Körper wohnen könne – das war und ist noch für mich eine Quelle des tiefsten Schmerzes, der heftigsten Enttäuschung. Warum Du es tatest, weiß ich leider nur zu gut. Machte der Haß Deine Augen blind, so nähte die Eitelkeit Deine Augenlider mit eisernen Fäden zusammen. Die »Fähigkeit, durch die und durch die allein man andre in ihren realen wie in ihren idealen Beziehungen verstehn kann«, die hatte Dein enger Egoismus abgestumpft und langer Mißbrauch unwirksam gemacht. Die Phantasie lag ebensosehr im Gefängnis wie ich. Die Eitelkeit hatte die Fenster vergittert, und der Wärter hieß Haß.

All das hat sich in der ersten Novemberhälfte des vorletzten Jahres zugetragen. Ein breiter Lebensstrom fließt zwischen mir und einem so entfernten Zeitpunkt. Kaum, wenn überhaupt, kannst Du einen so weiten Zwischenraum überblicken. Mir aber kommt es vor, als war es mir, ich will nicht sagen: gestern, nein, heute zugestoßen. Leiden ist ein sehr langer Augenblick. Es läßt sich nicht nach Jahreszeiten abteilen. Wir können nur seine Stimmungen aufzeichnen und ihre Wiederkehr buchen. Für uns schreitet die Zeit selbst nicht fort. Sie dreht sich. Sie scheint um einen Mittelpunkt zu kreisen: den Schmerz. Die lähmende Unbeweglichkeit eines Lebens, das in allem und jedem nach einer unverrückbaren Schablone geregelt ist, so daß wir essen und trinken und spazieren gehn und uns hinlegen und beten oder wenigstens zum Gebet niederknien nach den unabänderlichen Satzungen einer eisernen Vorschrift: diese Unbeweglichkeit, die jeden Tag mit seinen Schrecken bis auf die kleinste Einzelheit seinem Bruder gleichen läßt, scheint sich den äußern Gewalten mitzuteilen, deren ureignes Wesen der beständige Wechsel ist. Von Saat und Ernte, von den Schnittern, die sich über das Getreide neigen, von den Winzern, die sich durch die Rebstöcke schlängeln, von dem Gras im Garten, über das sich die weiße Decke der abgefallenen Blüten breitet oder die reifen Früchte ausgestreut sind: davon wissen wir nichts und können nichts wissen.

Für uns gibt es nur eine Jahreszeit: die Jahreszeit des Grams. Die Sonne selbst und der Mond scheinen uns genommen. Draußen mag der Tag in blauen und goldnen Farben leuchten – das Licht, das zu uns hereinkriecht durch das dicht beschlagene Glas des kleinen, mit Eisenstäben vergitterten Fensters, unter dem wir sitzen, ist grau und karg. In unsrer Zelle herrscht stets Zwielicht, in unserm Herzen Mitternacht. Und im Bereich des Denkens stockt, ebenso wie im Kreislauf der Zeit, alle Bewegung. Was Du persönlich längst vergessen hast oder leicht vergessen kannst, trifft mich heut und wird mich morgen wiederum treffen. Das bedenke, und Du vermagst ein wenig zu verstehn, warum ich schreibe und so schreibe.

Eine Woche später schafft man mich hierher. Drei Monate verstreichen, da stirbt meine Mutter. Du weißt, niemand weiß es besser, wie sehr ich sie geliebt und verehrt habe. Ihr Tod war mir furchtbar; aber ich, einst der Sprache Meister, finde nicht Worte, meinen Kummer und meine Beschämung auszudrücken. Niemals, nicht einmal in den glücklichsten Tagen meiner künstlerischen Entwicklung, war ich imstande gewesen, Worte zu finden, die eine so erhabene Last hätten tragen oder wohllautend und hoheitsvoll genug im purpurnen Zuge meines unaussprechlichen Wehs hätten einherschreiten können. Von ihr und meinem Vater hatte ich einen Namen geerbt, dem sie Ruhm und Ehre verschafft, nicht nur in der Literatur, Kunst, Archäologie und Naturwissenschaft, sondern auch in der politischen Geschichte meines Vaterlands, in seiner nationalen Entwicklung. Ich hatte diesen Namen für ewig geschändet. Zu einem gemeinen Schimpfworte bei gemeinen Menschen gemacht. In den Schlamm gezerrt. Rohen Gesellen ausgeliefert, daß sie ihn verrohen lassen durften. Verrückten, daß er ihnen gleichbedeutend mit Verrücktheit werden durfte. Was ich damals gelitten habe und noch leide, kann keine Feder schreiben, kein Buch künden. Meine Frau, die in jenen Tagen sehr gütig und liebenswert gegen mich war, wollte es mir ersparen, daß ich die Nachricht von gleichgültigen Menschen, von fremden Lippen hörte, und kam trotz ihrem Kranksein den ganzen Weg von Genua nach England gereist, um mir die Botschaft eines so unersetzlichen, so unermeßlichen Verlustes selbst zu überbringen. Von allen, die mir noch zugetan waren, erreichten mich Beileidskundgebungen. Sogar Leute, die mich nicht persönlich gekannt hatten, ließen mir, als sie hörten, daß ein neuer Schmerz in mein Leben getreten sei, den Ausdruck ihres Anteils übermitteln.

Drei Monate verstreichen. Der tägliche Ausweis über meine Führung und Arbeit, der draußen an der Tür meiner Zelle hängt – auch mein Name und mein Urteil stehn darauf –, sagt mir, es ist Mai.

Meine Freunde kommen wieder zu Besuch. Ich erkundige mich, wie stets, nach Dir. Man erzählt mir, Du seist in Deiner Villa in Neapel und wollest einen Band Gedichte herausbringen. Am Schluß der Unterredung wird zufällig erwähnt, Du wollest ihn mir widmen. Die Neuigkeit trieb mir gradezu den Lebensekel hoch. Ich sagte nichts, ging aber schweigend, Verachtung und Hohn im Herzen, in meine Zelle zurück. Wie konntest Du Dir es träumen lassen, mir einen Band Gedichte zu widmen, ohne mich erst um Erlaubnis zu fragen? Träumen, sage ich? Wie konntest Du Dich unterstehn, etwas derartiges zu tun? Wirst Du darauf zur Antwort geben, in den Tagen meiner Größe und meines Ruhms hätte ich eingewilligt, die Widmung Deines Frühwerks anzunehmen? Gewiß hab ich das getan, genau so wie ich mir die Huldigung jedes andern jungen Mannes, der mit der schweren und schönen Kunst der Literatur beginnt, hätte gefallen lassen. Jede Huldigung ist für den Künstler köstlich und doppelt angenehm, wenn die Jugend sie darbringt. Der Lorbeer welkt, wenn ihn bejahrte Hände pflücken. Nur die Jugend hat das Recht, einen Künstler zu krönen. Darin liegt der wahre Vorzug, jung zu sein, wenn es die Jugend nur wüßte. Aber die Tage der Erniedrigung und Schande sind von denen der Größe und des Ruhms verschieden. Das hattest Du noch zu lernen.

Glück, Wohlleben und Erfolg mögen von rauher Oberfläche und aus gemeinem Stoffe sein: das Leid ist das Zarteste in aller Schöpfung. Es gibt nichts in der ganzen geistigen Welt, an das der Schmerz mit seinem schrecklichen, überaus feinen Pulsschlag nicht heranreicht. Das dünne, ausgehämmerte Zittergoldblättchen, das die Richtung der dem Auge nicht wahrnehmbaren Kräfte anzeigt, ist im Vergleich damit grob. Das Leid ist eine Wunde, die zu bluten anfängt, wenn eine andre Hand als die der Liebe daran rührt, und selbst dann von neuem bluten muß, wenn auch nicht vor Schmerz.

Du konntest doch an den Direktor des Gefängnisses in Wandsworth schreiben und mich um Erlaubnis bitten zur Veröffentlichung meiner Briefe im »Mercure de France«, »der unsrer englischen Fortnightly Review entspricht«. Warum nicht an den Direktor des Gefängnisses in Reading schreiben und mich um Erlaubnis zur Widmung Deiner Gedichte bitten, eine wie phantastische Beschreibung von ihnen zu geben Dir auch beliebt hätte? Geschah es, weil in dem einen Fall ich der betreffenden Zeitschrift untersagt hatte, Briefe zu veröffentlichen, deren Urheberrechte, wie Dir selbstverständlich vollkommen bekannt war, durchaus bei mir ruhten und noch ruhn, während in dem andern Fall Du dachtest, Du könnest Dein eigenmächtiges Vorgehn auskosten, ohne daß ich etwas davon erführe, bis es zum Eingreifen zu spät sei? Die bloße Tatsache, daß ich ein entehrter, vernichteter und zu Gefängnis verurteilter Mann war, hätte Dich, wenn Du meinen Namen auf die erste Seite Deines Werkes zu setzen wünschtest, es von mir als Gunst, Auszeichnung, Vorrecht erbitten lassen sollen. Das ist die Art, an Menschen heranzutreten, die im Unglück sind und in Schande sitzen.

Wo Leid ist, da ist geweihte Erde. Eines Tages wird die Menschheit begreifen, was das heißt. Vorher weiß sie nichts vom Leben. Robbie und Wesen seiner Art können es ermessen. Als ich zwischen zwei Polizisten aus dem Zuchthaus vor den Konkursgerichtshof geführt wurde, da wartete Robbie in dem langen, düstern Korridor, um zum Erstaunen der ganzen Menge, die ob einer so lieben, schlichten Handlung verstummte, ernst den Hut vor mir abzuziehn, während ich in Handschellen gesenkten Hauptes an ihm vorüberging. Um kleinerer Dienste willen sind Menschen in den Himmel gekommen. Von diesem Geiste beseelt, von solcher Liebe erfüllt, knieten die Heiligen nieder, um den Armen die Füße zu waschen, neigten sie sich, um den Aussätzigen auf die Wange zu küssen. Ich habe nie ein Wort darüber zu ihm gesagt. Bis zur Stunde weiß ich nicht einmal, ob er eine Ahnung hat, daß ich seine Handlungsweise überhaupt bemerkte. Dafür kann man nicht in förmlichen Worten förmlichen Dank aussprechen. In der Schatzkammer meines Herzens lasse ich es lagern. Dort bewahr ich es als eine geheime Schuld, die ich zu meiner Freude wahrscheinlich nie zurückzahlen kann. Dort ist es einbalsamiert und behält sein liebliches Aussehn durch die Myrrhen und Narden vieler Tränen. Wenn alle Klugheit mir wertlos, die Philosophie unfruchtbar und die Redensarten und Sprüche derer, die mich zu trösten suchten, wie Staub und Asche im Munde erschienen, dann hat mir die Erinnrung an diesen kleinen, holden, stummen Akt der Liebe alle Brunnen des Mitleidens rauschen, die Wüste wie eine Rose aufblühn lassen, mich aus der Bitternis der einsamen Verbannung herausgehoben und in Einklang gebracht mit dem verwundeten, gebrochnen, großen Weltenherz. Wer fähig ist zu begreifen, nicht allein, wie schön Robbies Handlungsweise war, sondern warum sie mir so viel bedeutete und immer so viel bedeuten wird, der kann vielleicht einsehn, wie und mit welcher Gesinnung er mir nahen sollte.

Der erste Gedichtband, den ein junger Mensch im Lenze seines Mannesalters in die Welt hinausschickt, soll wie eine Frühlingsblüte oder -blume sein, wie der Hagedorn auf den Wiesen Oxfords oder wie die Primeln auf den Feldern Cumnors. Das Werk soll nicht mit dem Gewicht einer schrecklichen, empörenden Tragödie, eines schrecklichen, empörenden Skandals belastet sein. Hätte ich einem solchen Buche meinen Namen als Herold dienen lassen, es wäre ein schwerer künstlerischer Irrtum gewesen; es hätte das ganze Werk in ein falsches Milieu gestellt, und in der modernen Kunst hat das Milieu so großen Wert. Das moderne Leben ist kompliziert und relativ; dies sind seine beiden unterscheidenden Merkmale. Um das erste wiederzugeben, bedürfen wir des Milieus mit seinen zarten Nuancen und Andeutungen, seinen seltsamen Perspektiven; das zweite verlangt Hintergrund. Deswegen ist die Plastik für uns keine repräsentierende Kunst mehr, ist es die Musik, ist, war und wird die Literatur stets die höchste repräsentierende Kunst bleiben.

Ich habe so ausführlich über diese Sache zu Dir gesprochen, damit Du ihre volle Tragweite erfaßt und verstehst, warum ich an Robbie auf der Stelle in Ausdrücken solchen Hohnes und der Geringschätzung über Dich schrieb, die Widmung rundweg verbot und den Wunsch äußerte, die auf Dich bezüglichen Worte sollten sorgfältig abgeschrieben und Dir geschickt werden. Ich fühlte, die Zeit war endlich gekommen, daß man Dich von dem, was Du angerichtet, ein wenig sehn, erkennen, begreifen lassen müsse. Blindheit kann so weit getrieben werden, daß sie grotesk wirkt, und eine phantasiearme Natur wird sich, wenn nicht etwas geschieht, sie aufzurütteln, zu völliger Fühllosigkeit versteinern: der Leib mag noch essen und trinken und seine Freuden haben, doch die Seele, deren Haus er ist, stirbt völlig ab, wie die Seele des Branca d’Oria bei Dante. Mein Brief ist offenbar nicht eine Minute zu früh gekommen. Er traf Dich, soweit ich urteilen kann, wie ein Donnerkeil. Du nanntest Dich in Deiner Antwort an Robbie »unfähig zum Denken und Darstellen«. In der Tat, Dir fällt, scheint es, nichts besseres ein, als Dich schriftlich bei Deiner Mutter zu beklagen. Sie natürlich, mit der Blindheit für Dein wahres Wohl, die ihr und Dein unseliges Schicksal gewesen ist, gewährt Dir jeden erdenklichen Trost und lullt Dich wieder in Deinen früheren unglücklichen, unwürdigen Zustand ein. Was mich dagegen betrifft, so läßt sie meine Freunde wissen, sie sei »sehr ungehalten« über meine strengen Bemerkungen an Deine Adresse. Ja, nicht nur meinen Freunden drückt sie ihre Gefühle der Ungehaltenheit aus, sondern auch denen, die nicht meine Freunde sind – eine sehr viel größere Zahl, wie ich Dich kaum zu erinnern brauche; und ich erfahre jetzt, und zwar durch Mittelspersonen, die Dir und den Deinen sehr wohl gesinnt sind, daß infolgedessen ein gut Teil des Mitgefühls, das auf Grund meiner hervorragenden Begabung und meiner schrecklichen Leiden langsam aber sicher für mich aufgekommen war, mir gänzlich entzogen worden ist. Die Leute sagen: »Aha! erst hat er den gütigen Vater ins Gefängnis zu bringen versucht, was ihm nicht gelungen ist; jetzt wendet er das Blättchen um und legt dem unschuldigen Sohn den Fehlschlag zur Last. Wie recht hatten wir doch, ihn zu verabscheun! Wie sehr verdient er unsre Mißachtung!« Es will mir scheinen: wenn man in Gegenwart Deiner Mutter meinen Namen erwähnt und sie kein Wort des Leids oder des Bedauerns für ihren Anteil – keinen geringen – an dem Zusammenbruch meines Hauses hat, so wäre es schicklicher, sie schwiege. Und was Dich angeht – glaubst Du jetzt nicht, daß es, statt sich schriftlich bei ihr zu beschweren, für Dich in jeder Beziehung besser gewesen wäre, Du hättest an mich direkt geschrieben und den Mut gehabt, mir alles zu sagen, was Du zu sagen hattest oder wähntest?

Es ist jetzt fast ein Jahr her, seit ich jenen Brief geschrieben habe. Du kannst nicht während der ganzen Zeit »unfähig zum Denken und Darstellen« geblieben sein. Warum hast Du mir nicht geschrieben? Du sahst aus meinem Brief, wie tief verletzt, wie schändlich behandelt ich mich durch Dein gesamtes Verhalten fühlte. Mehr als das: Du sahst Deine ganze Freundschaft mit mir endlich in ihr wahres Licht gestellt, in einer nicht mißzuverstehenden Weise. Oft in alten Tagen hatte ich zu Dir gesagt, Du wärest der Verderb meines Lebens. Du hattest immer gelacht. Als Edwin Levy am Urbeginn unsrer Freundschaft Deine Art sah, mich für den heftigsten Anprall, die Scherereien und die Kosten Deines unglücklichen Oxforder Fehltritts, wenn wir es einmal so nennen wollen, in den Vordergrund zu schieben – bei ihm hatte man in dieser Sache Rat und Beistand gesucht – und mich eine geschlagene Stunde vor der Bekanntschaft mit Dir warnte, lachtest Du, als ich in Bracknell Dir meine lange und eindringliche Unterredung mit ihm schilderte. Als ich Dir erzählte, sogar der unglückliche junge Mann, der schließlich neben mir auf der Anklagebank saß, habe mich mehr als einmal gewarnt, Du würdest in weit verhängnisvollerer Weise gänzliches Verderben über mich bringen als irgendeiner der gemeinen Burschen, die ich töricht genug war zu kennen, lachtest Du, wenn auch nicht ganz so belustigt. Als meine vorsichtigeren oder weniger wohlgesinnten Freunde mich wegen meiner Freundschaft mit Dir entweder warnten oder verließen, lachtest Du höhnisch. Du lachtest unbändig, als ich, bei Gelegenheit des ersten beleidigenden Briefes, den Dir Dein Vater über mich schrieb, zu Dir sagte, ich wisse, daß ich bloß als Werkzeug in eurem furchtbaren Streit gebraucht und zwischen euch in der Mitte zu Schaden kommen würde. Aber alles ist so geworden, wie ich es voraussagte, wenn man das Ergebnis betrachtet. Du hattest keinen Vorwand, nicht zu sehn, wie sich alles entwickelt hatte. Warum hast Du mir nicht geschrieben? War es Feigheit? War es Dickhäutigkeit? Was war es? Die Tatsache, daß ich durch Dich gekränkt war und das Gefühl der Kränkung geäußert hatte, war um so mehr Grund zum Schreiben. Wenn Du meinen Brief für gerecht hieltest, hättest Du schreiben sollen. Wenn Du ihn im kleinsten Punkte für ungerecht hieltest, hättest Du schreiben sollen. Ich wartete auf einen Brief. Ich war überzeugt: wenn alte Zuneigung, oft beteuerte Liebe, die tausend Akte übel vergoltener Freundlichkeit, mit denen ich Dich überschüttet, die tausend unbezahlten Schulden der Dankbarkeit, die Du bei mir hattest – wenn Dir all das nichts wäre, dann hätte die bloße Pflicht, das sprödeste von allen Banden zwischen Mensch und Mensch, Dich veranlassen sollen zu schreiben. Du kannst nicht sagen, Du hättest im Ernst gedacht, ich dürfe lediglich Geschäftsnachrichten von Mitgliedern meiner Familie empfangen. Du wußtest durchaus, daß Robbie mir alle zwölf Wochen ein kleines Bündel literarischer Neuigkeiten schickt. Es kann nichts Entzückenderes geben als seine Briefe, die so witzig, so geschickt zusammengefaßt, so leicht hingeworfen sind. Es sind wirkliche Briefe: Plaudereien unter vier Augen. Sie haben die Vorzüge einer französischen »causerie intime«; und in seiner feinen Art, mir zu huldigen, die sich bald an meine Urteilsgabe, bald an meinen Humor, dann wieder an meine angeborene Neigung zur Schönheit oder an meine Bildung wendet und mich auf hunderterlei Weise zart daran erinnert, daß ich einst vielen als Autorität in künstlerischen Stilfragen, einigen als die höchste Autorität galt, zeigt er, daß er den Takt der Liebe ebenso wie literarischen Takt besitzt. Seine Briefe sind die Boten gewesen zwischen mir und der herrlichen, unwirklichen Kunstwelt, in der ich ehedem König war und König geblieben wäre, hätte ich mich nicht in die unzulängliche Welt rauher, unvollkommner Leidenschaften, eines wahllosen Geschmackes, eines Verlangens ohne Grenzen und einer formlosen Gier locken lassen. Doch wenn alles gesagt ist, wirst Du gewiß verstehn oder Dir vorstellen können, daß zum mindesten rein als psychologische Kuriosität es mich mehr interessiert hätte, etwas Näheres von Dir zu hören, als zu erfahren, daß Alfred Austin einen Band Gedichte zu veröffentlichen plane, daß George Street jetzt Theaterkritiken für die Daily Chronicle schreibe, oder daß Mrs. Meynell von einem, der kein begeistertes Loblied singen kann, ohne zu stottern, als die neue Sybille des Stils ausgerufen worden sei.

Ach, wärest Du ins Gefängnis gekommen – ich will nicht sagen: durch meine Schuld, denn das wäre für mich ein unerträglicher Gedanke –, sondern durch eigne Schuld, eignes Irren, Vertraun zu unwürdigen Freunden, Straucheln im Sumpf der Sinnlichkeit, mißbrauchte Zuversicht, übel angewendete Liebe oder nichts oder alles dieses – glaubst Du, ich hätte zugegeben, daß Du Dich in Finsternis und Einsamkeit verzehrst, ohne auf noch so kleine Art zu versuchen, Dir die bittre Bürde Deiner Schmach tragen zu helfen? Glaubst Du, ich hätte Dich nicht wissen lassen, daß, wenn Du littest, auch ich litt; daß, wenn Du weintest, in meinen Augen ebenso Tränen waren; und daß, wenn Du im Hause der Fron lägest und von den Menschen verachtet wärest, ich aus meinem Gram ein Haus errichtet hätte, in dem sich bis zu Deiner Rückkunft wohnen ließ, eine Schatzkammer, in der alles, was Menschen Dir verweigert hätten, zu Deiner Heilung zurückgelegt war mit hundertfachem Zins? Hätte bittre Notwendigkeit oder Vorsicht, für mich noch bittrer, mir verwehrt, in Deiner Nähe zu sein, und mich der Freude Deiner Gegenwart beraubt, die nur durch Eisenstäbe und im Schein der Schande wahrnehmbar, so hätte ich jederzeit an Dich geschrieben in der Hoffnung, ein bloßer Ausdruck, ein einziges Wort, ein gebrochener Ton der Liebe dringe als Echo zu Dir. Hättest Du es abgelehnt, meine Briefe zu empfangen, so hätte ich trotzdem geschrieben, damit Du gewußt hättest, es harrten wenigstens immer Briefe Dein. Viele haben es bei mir so getan. Alle drei Monate schreiben mir Menschen oder nehmen sich vor, mir zu schreiben. Ihre Briefe und Mitteilungen werden aufgehoben. Sie gelangen in meine Hände, wenn ich das Gefängnis verlasse. Ich weiß, sie sind da. Ich weiß die Namen der Menschen, die geschrieben haben. Ich weiß, sie sind voll Mitgefühl und Freundlichkeit und Güte. Das genügt mir. Ich brauche nicht mehr zu wissen. Dein Schweigen ist grauenvoll gewesen. Es hat nicht Wochen und Monate nur gedauert, sondern Jahre – Jahre, mit denen sogar die rechnen müssen, die, wie Du, im Glück hastig leben und kaum die vergoldeten Füße der vorübertanzenden Tage zu erhaschen vermögen und auf der Jagd nach Freuden außer Atem sind. Es ist ein Schweigen, für das es keine Entschuldigung, ein Schweigen, für das es keine Beschönigung gibt. Ich wußte, Du hattest tönerne Füße. Wer wußte es besser? Als ich in meinen Aphorismen schrieb, nichts andres als die tönernen Füße machten das Gold des Standbildes wertvoll, hab ich an Dich dabei gedacht. Aber Du hattest kein goldnes Standbild mit tönernen Füßen für Dich geschaffen. Aus dem Staub der gemeinen Heerstraße, den die Hufe des Hornviehs zu Kot zermantschen, hast Du Dein vollkommenes Ebenbild für meine Blicke geformt, so daß, was auch mein heimliches Verlangen gewesen sein mochte, es mir jetzt unmöglich wäre, für Dich etwas andres zu empfinden als Verachtung und Hohn (beides), Und, von allen andern Gründen abgesehn, Deine Gleichgültigkeit, Deine Weltklugheit, Deine Dickhäutigkeit, Deine Vorsichtigkeit, wie immer Du es zu nennen beliebst, ist für mich doppelt bitter geworden durch die besondern Umstände, die meinen Fall begleiteten oder ihm folgten.

Andre beklagenswerte Geschöpfe, die ins Gefängnis geworfen werden, sind, wenn ihnen die Schönheit der Welt geraubt ist, wenigstens bis zu einem gewissen Grade vor den tückischsten Schlingen, den bittersten Pfeilen der Welt sicher. Sie können sich im Dunkel ihrer Zelle verbergen und aus ihrer Schande noch eine Art unverletzliches Heiligtum machen. Der Welt ist Genüge geschehn, die Welt geht ihren Weg weiter; man läßt sie ungestört leiden. Nicht so bei mir. Ein Leid nach dem andern hat auf der Suche nach mir an die Gefängnistüren geklopft; man hat ihm die Tore weit geöffnet und es hereingelassen. Meinen Freunden ist kaum oder gar nicht gestattet worden, mich zu besuchen. Aber meine Feinde haben jederzeit in vollem Maße Zutritt zu mir gehabt: zweimal, als ich vor dem Konkursgerichtshof öffentlich erscheinen mußte, und dann noch zweimal, als ich von einem Kerker zum andern öffentlich transportiert wurde, war ich unter unsagbar erniedrigenden Umständen den Blicken und dem Gespött der Menge preisgegeben. Der Bote des Todes hat mir seine Zeitung gebracht und ist davongegangen; völlig vereinsamt, ausgeschlossen von allem, was mich hätte trösten oder meinen Schmerz lindern können, habe ich die unerträgliche Pein des Elends und der Gewissensbisse erdulden müssen, die das Andenken an meine Mutter in mir hervorrief und noch immer hervorruft. Kaum hat die Zeit diese Wunde verharscht, nicht geheilt, da läßt mir meine Frau durch ihren Anwalt barsche, bittre, schroffe Briefe schreiben. Man droht mir mit Armut und macht sie mir gleichzeitig zum Vorwurf. Das kann ich ertragen. Ich kann mich an noch Schlimmeres gewöhnen. Aber meine beiden Kinder nimmt man mir auf gesetzlichem Wege. Das verursacht und wird mir stets unendlichen Schmerz, unendlichen Kummer, grenzenlosen Gram verursachen. Daß das Gesetz bestimmen kann und sich die Bestimmung anmaßt, mir stehe es nicht zu, bei meinen eignen Kindern zu sein, ist mir etwas ganz Fürchterliches. Die Schande, im Kerker zu sitzen, ist im Vergleich damit ein Nichts. Ich beneide die andern Männer, die mit mir im Gefängnishof auf- und abschreiten. Ihre Kinder warten gewiß auf sie, freun sich auf ihr Kommen, werden lieb und gut gegen sie sein.

Die Armen sind klüger, barmherziger, freundlicher, empfindungstiefer als wir. In ihren Augen ist das Gefängnis eine Tragödie im Leben eines Menschen, ein Mißgeschick, eine Fügung des Zufalls, etwas, das bei andern Teilnahme weckt. Sie sprechen von einem, der im Gefängnis sitzt, als von einem, der einfach »im Unglück« ist. Das ist die Redensart, die sie immer gebrauchen, und der Ausdruck enthält die höchste Weisheit der Liebe. Bei Leuten unsers Standes ist es anders. Bei uns macht das Gefängnis einen zum Paria. Ich und meinesgleichen haben kaum noch ein Anrecht auf die Luft und die Sonne. Unsre Gegenwart besudelt die Freuden der andern. Wir sind ungebetene Gäste, wenn wir wieder zum Vorschein kommen. Aufs neu des Mondes Dämmerschein zu besuchen, steht uns nicht zu. Unsre Kinder werden uns genommen. Diese holden Bande, die uns an die Menschheit knüpfen, werden zerrissen. Wir sind dazu verurteilt, einsam zu sein, während unsre Söhne noch am Leben sind. Uns verwehrt man das eine, das uns heilen und erhalten, das dem zerschlagenen Herzen Balsam und der Seele in ihrem Schmerz Frieden bringen könnte.

Und zu all dem kommt die grausame Tatsache hinzu, daß Du durch Deine Handlungen und Dein Schweigen, durch das, was Du getan und ungetan gelassen, es mir an jedem Tag meiner langen Kerkerzeit noch schwerer gemacht hast, ihn zu überstehn. Selbst Brot und Wasser der Gefängniskost hast Du durch Dein Benehmen verändert. Du hast mir das eine bitter, das andre brackig gemacht. Das Leid, das Du hättest teilen sollen, hast Du verdoppelt; den Schmerz, den Du zu erleichtern hättest suchen sollen, hast Du zur Qual angefacht. Ich hege keinen Zweifel, Du hast es nicht gewollt. Ich weiß, Du hast es nicht gewollt. Es war nichts andres als »das eine wirklich verhängnisvolle Gebrechen Deines Wesens: Deine völlige Phantasielosigkeit«.

Und das Ende von allem ist, daß ich Dir zu vergeben habe. Ich muß es tun. Ich schreibe diesen Brief nicht, um Bitternis in Dein Herz zu legen, sondern um sie aus dem meinen auszureißen. Um meinetwillen muß ich Dir vergeben. Man kann nicht immer eine Natter in der Brust bewahren, daß sie an einem zehrt, und nicht jede Nacht aufstehn, um im Garten der Seele Dornen zu säen. Es wird gar nicht schwer für mich sein, es zu tun, wenn Du mir ein bißchen hilfst. Was Du mir auch in den alten Tagen zugefügt hast, ich habe Dir immer gern verziehn. Es hat Dir damals nicht gut getan. Nur der, dessen Leben ganz fleckenlos ist, kann Sünden vergeben. Aber jetzt, da ich in Erniedrigung und Schande sitze, ist es anders. Meine Verzeihung sollte jetzt sehr viel für Dich bedeuten. Eines Tages wird es Dir zum Bewußtsein kommen. Ob es früh oder spät, bald oder gar nicht geschieht – mein Weg liegt klar vor mir. Ich kann Dich nicht durchs Leben gehn lassen mit der Bürde auf dem Herzen, einen Mann wie mich vernichtet zu haben. Der Gedanke könnte Dich bis zur Stumpfheit gleichgültig, bis zum Kranksein traurig machen. Ich muß Dir die Last abnehmen und sie auf meine eignen Schultern legen.

Ich muß mir sagen, daß weder Du noch Dein Vater, und wenn man euch mit tausend multiplizierte, einen Menschen wie mich hätten zugrunde richten können; daß ich mich selbst zugrunde gerichtet habe; daß niemand, ob hoch oder niedrig, zugrunde gerichtet werden kann außer von seiner eignen Hand. Ich bin gern bereit, das zu sagen. Ich versuche, es zu sagen, mag man es mir auch gegenwärtig nicht zutraun. Habe ich eine unbarmherzige Klage erhoben, so bedenke: dies ist eine Klage, die ich ohn‘ Erbarmen gegen mich selbst erhebe. So Schreckliches mir auch die Welt angetan hat: ich habe weit Schrecklicheres an mir selbst getan.

Ich war ein Repräsentant der Kunst und Kultur meines Zeitalters. Ich hatte dies selbst schon an der Schwelle meines Mannesalters erkannt und meine Zeitgenossen später zur Anerkennung gezwungen. Wenige Menschen nehmen eine solche Stellung bei Lebzeiten ein, und wenigen wird sie so bestätigt. Gewöhnlich, wenn überhaupt, wird sie erst vom Historiker oder Kritiker bestimmt, lange nachdem der Mann wie sein Zeitalter dahingegangen sind. Bei mir war es anders. Ich habe sie selbst empfunden und andre empfinden lassen. Auch Byron war ein Repräsentant, aber er spiegelte die Leidenschaft seiner Zeit und ihren Leidenschaftsüberdruß. Ich vertrat etwas Edleres, Bleibenderes, etwas von vitalerer Bedeutung, von weiterem Umkreis.

Die Götter hatten mir fast alles verliehn. Ich besaß Genie, einen erlauchten Namen, eine hohe soziale Stellung, Ruhm, Glanz, intellektuellen Wagemut; ich habe die Kunst zu einer Philosophie, die Philosophie zu einer Kunst gemacht; ich habe die Menschen anders denken gelehrt und den Dingen andre Farben gegeben; alles, was ich sagte oder tat, setzte die Leute in Erstaunen. Ich nahm das Drama, die objektivste Form, die die Kunst kennt, und machte es zu einem so persönlichen Ausdrucksmittel, wie das lyrische Gedicht oder das Sonett; zugleich erweiterte ich seinen Bezirk und bereicherte es in der Charakteristik. Drama, Roman, Gedicht in Prosa, Versgedicht, den geistreichen oder den phantastischen Dialog – alles, was ich berührte, hüllte ich in ein neues Gewand der Schönheit; der Wahrheit selbst gab ich das Falsche ebenso wie das Wahre als ihr rechtmäßiges Reich und zeigte, daß das Falsche und das Wahre lediglich intellektuelle Daseinsformen sind. Die Kunst behandelte ich als die oberste Wirklichkeit, das Leben nur als einen Zweig der Dichtung. Ich erweckte die Phantasie meines Jahrhunderts, so daß es rings um mich Mythen und Legenden erschuf. Alle philosophischen Systeme faßte ich in einen Satz, das ganze Dasein in ein Epigramm zusammen. Daneben hatte ich noch andres. Aber ich ließ mich in lange Perioden eines sinnlosen, sinnlichen Wohlbehagens locken. Ich belustigte mich damit, ein Flaneur, ein Dandy, ein Modeheld zu sein. Ich umgab mich mit den kleineren Naturen und den geringeren Geistern. Ich ward zum Verschwender meines eignen Genies und fand absonderliches Wohlgefallen daran, eine ewige Jugend zu vergeuden. Müde, auf den Höhen zu wandeln, stieg ich aus freien Stücken in die Tiefen und fahndete nach neuen Reizen. Was mir das Paradoxe in der Sphäre des Denkens war, wurde mir das Perverse im Bereich der Leidenschaft. Die Begierde war schließlich eine Krankheit oder Wahnsinn oder beides. Ich kümmerte mich nicht mehr um das Leben andrer. Ich vergnügte mich, wo es mir beliebte, und schritt weiter. Ich vergaß, daß jede kleine Handlung des Alltags den Charakter prägt oder zerstört, und daß man deshalb das, was man im geheimen Zimmer getan hat, eines Tages mit lauter Stimme vom Dach herunter rufen muß. Ich verlor die Herrschaft über mich. Ich war nicht mehr der Steuermann meiner Seele und wußte es nicht. Ich ließ mich vom Vergnügen knechten. Ich endete in greulicher Schande. Jetzt bleibt mir nur eins: völlige Demut.

Ich habe fast zwei Jahre im Kerker gelegen. Wilde Verzweiflung ist bei mir zum Ausbruch gekommen; ein Wühlen im Jammer, dessen Anblick schon Mitleid erregte; schreckliche, ohnmächtige Wut; Bitterkeit und Verachtung; Seelenpein, die laut weinte; Elend, das keine Stimme finden konnte; Schmerz, der stumm blieb. Alle erdenklichen Leidensmöglichkeiten habe ich durchgemacht. Besser als Wordsworth selbst weiß ich, was er mit den Versen sagen wollte:

»Das Leiden ist beständig, trüb und finster
Und hat das Wesen der Unendlichkeit.«

Aber während ich zuzeiten in der Vorstellung selig war, daß meine Leiden endlos sein sollten, konnte ich es nicht ertragen, daß sie keine Bedeutung hatten. Jetzt finde ich an einem fernen Punkt in meinem Wesen etwas verborgen, das mir sagt, nichts in der Welt sei ohne Bedeutung, am allerwenigsten das Leiden. Dieses Etwas, das tief in mir vergraben liegt, wie ein Schatz auf einem Felde, ist die Demut.

Sie ist das letzte, das noch in mir, und das beste; das äußerste Ziel, an dem ich angelangt bin; der Ausgangspunkt einer neuen Entwicklung. Ganz aus mir selbst heraus ist sie gekommen; ich weiß darum, daß sie zur rechten Zeit gekommen. Sie hätte nicht eher, aber auch nicht später kommen können. Hätte mir einer davon gesprochen, ich hätte sie von mir gewiesen. Hätte man sie mir gebracht, ich hätte sie abgelehnt. Ich habe sie gefunden und will sie deshalb bewahren. Ich kann nicht anders. Sie ist das einzige, was Lebenskeime in sich birgt, Keime eines neuen Lebens, einer Vita Nuova für mich. Von allen Dingen ist sie das Wunderbarste; man kann sie nicht verschenken und sich nicht von einem andern schenken lassen. Man kann sie nicht erwerben, es sei denn, daß man allem entsage, was man sein eigen nennt. Erst wenn man alles verloren hat, weiß man, daß man sie besitzt.

Jetzt, da ich überzeugt bin, daß sie in mir liegt, seh ich klar und deutlich, was ich tun soll, unbedingt tun muß. Und wenn ich mich eines solchen Ausdrucks bediene, brauche ich nicht zu versichern, daß damit keine Anspielung auf irgendein äußeres Gesetz oder Gebot gemeint ist. Für mich gibt es keine. Ich bin weit mehr Individualist, als ich es je war. Alles scheint mir ganz wertlos, was man nicht aus sich selbst hat. Meine Natur ist auf der Suche nach einer neuen Art der Selbstverwirklichung. Das ist das einzige, was mich beschäftigt. Und das erste, was ich zu tun habe, ist: mich von einer etwa vorhandenen Verbittrung gegen die Welt zu befrein.

Ich bin völlig mittellos, gänzlich obdachlos. Allein es gibt Härteres auf der Welt als das. Es ist mein heiliger Ernst, wenn ich sage: eh‘ ich dies Gefängnis mit Groll gegen die Welt verlasse, will ich lieber herzlich gern von Tür zu Tür gehn und um Brot betteln. Wenn ich in den Häusern der Reichen nichts bekäme, würden mir die Armen etwas schenken. Wer viel besitzt, ist oft geizig; wer wenig hat, ist immer zum Teilen bereit. Mir war es ganz gleich, müßte ich im Sommer im kühlen Gras schlafen und, wenn der Winter käme, in einem warmen, dichten Heuschober oder unter dem Wetterdach einer großen Scheune Zuflucht suchen – vorausgesetzt, daß ich Liebe im Herzen hätte. Die äußern Dinge des Lebens scheinen mir jetzt von gar keiner Bedeutung mehr. Daraus magst Du ersehn, wie weit ich es schon im Individualismus gebracht habe – oder vielmehr allmählich bringen werde, denn der Weg ist lang, und »wo ich gehe, sind Dornen«.

Ich weiß freilich, auf der Landstraße um Almosen betteln wird nicht mein Los sein, und wenn ich je bei Nacht im kühlen Gras liege, werde ich Sonette an den Mond schreiben. Verlasse ich das Gefängnis, dann wird Robbie draußen vor dem großen Tore mit den Eisenpfosten auf mich warten, und er deutet nicht nur seine eigne Zuneigung sinnbildlich an, sondern auch die Zuneigung vieler andrer außer ihm. Ich soll, glaube ich, soviel bekommen, daß ich auf jeden Fall ungefähr anderthalb Jahre davon leben kann; wenn ich dann keine schönen Bücher schreibe, bin ich wenigstens in der Lage, schöne Bücher zu lesen. Gibt es eine größere Freude? Danach werde ich hoffentlich meine Schaffenskraft neu schaffen können.

Aber wäre es anders: hätte ich keinen Freund mehr auf der Welt; stünde mir nicht ein Haus mitleidig offen; müßte ich das Felleisen und den zerlumpten Mantel der baren Armut nehmen: solang ich von aller Rachbegierde, Grausamkeit und Verachtung frei bin, könnte ich dem Leben mit viel größerer Ruhe und Zuversicht ins Auge schaun, als wenn mein Leib in Purpur und feines Linnen gekleidet und meine Seele krank vor Haß wäre.

Und ich werde wirklich keine Schwierigkeit haben. Wer wahrhaft Liebe begehrt, wird sie für sich bereit finden.

Ich brauche nicht zu sagen, daß meine Aufgabe hier noch nicht endet. Sonst wäre sie verhältnismäßig leicht. Viel mehr steht mir bevor. Ich habe weit steilere Höhen zu ersteigen, viel dunklere Täler zu durchwandern. Und ich muß alles aus mir selbst haben. Nicht die Religion, nicht die Moral, nicht die Vernunft können mir irgendwie dabei helfen.

Die Moral hilft mir nicht. Ich bin ein geborener Antinomist. Ich gehöre zu denen, die für Ausnahmen, nicht für Gesetze geschaffen sind. Aber so gut ich einsehe, daß kein Unrecht in dem liegt, was man tut, sehe ich auch ein, daß ein gewisses Unrecht in dem liegt, was man wird. Diese Erkenntnis kommt einem zustatten.

Die Religion hilft mir nicht. Glauben andre an das Unsichtbare, so glaube ich an das, was man berühren und erblicken kann. Meine Götter bewohnen von Menschenhand erbaute Tempel; und innerhalb des Bereichs der wirklichen Erfahrung vervollständigt und vervollkommnet sich mein Evangelium – vielleicht allzusehr: denn wie die meisten oder alle von denen, die ihren Himmel auf dieser Erde suchen, habe ich auf ihr sowohl die Schönheit des Himmels wie die Greuel der Hölle gefunden. Wenn ich überhaupt an Religion denke, ist es mir, als ob ich gern einen Orden für die gründen möchte, die nicht glauben können: Brüderschaft der Ungläubigen möchte man ihn nennen. Hier würde an einem Altar, auf dem keine Kerze brennte, ein Priester, in dessen Herzen der Friede keine Ruhestatt hätte, mit ungeweihtem Brot und einem Kelche, in dem kein Wein wäre, die Messe lesen. Um wahr zu sein, muß alles zur Religion werden. Und die Lehre der Agnostiker sollte ebenso ihr Ritual haben wie der Glaube. Sie hat ihre Märtyrer gesät, sie sollte ihre Heiligen ernten und Gott täglich dafür danken, daß er sich den Blicken der Menschen verborgen hat. Doch ob Glaube, ob Agnostizismus: es darf nichts Äußerliches für mich sein. Ich muß seine Symbole selbst geschaffen haben. Transzendent ist nur, was sich seine eigne Form gestaltet. Finde ich sein Geheimnis nicht in mir, dann werde ich es nie finden; besitze ich es nicht schon, so wird es mir nie zuteil werden.

Die Vernunft hilft mir nicht. Sie sagt mir, daß die Gesetze, deren Opfer ich geworden bin, verkehrt und ungerecht sind, daß das System, unter dem ich gelitten habe, verkehrt und ungerecht ist. Aber irgendwie habe ich diese beiden Dinge für mich gerecht und richtig zu machen. Und ganz so, wie man sich in der Kunst nur damit abgibt, was einem ein besondrer Gegenstand in einem besondern Moment ist, verhält es sich mit der ethischen Entwicklung des Charakters. Es ist meine Aufgabe, alles, was mich betroffen hat, zum Guten für mich zu wenden. Die Lattenpritsche, die ekelerregende Nahrung, die rauhen Stricke, die man zu Werg zerzupft, bis einem vor Schmerz die Fingerspitzen empfindungslos werden, die Gesindeverrichtungen, mit denen jeder Tag beginnt und endet, die schroffen Befehle, die das Herkommen zu erfordern scheint, die abscheuliche Kleidung, die den Kummer grotesk erscheinen läßt, das Schweigen, die Einsamkeit, die Schande – alle diese Erfahrungen habe ich ins Geistige umzusetzen. Es gibt keine einzige körperliche Erniedrigung, die ich nicht zu einer geistigen Erhebung zu machen versuchen muß.

Ich wünsche dahin zu gelangen, ganz schlicht und ohne Heuchelei sagen zu können, daß mein Leben zwei große Wendepunkte hatte: als mich mein Vater nach Oxford und als mich die Gesellschaft ins Gefängnis schickte. Ich will nicht sagen: das Gefängnis war das beste, was mich hätte treffen können; denn das würde zu sehr nach Verbitterung gegen mich schmecken. Ich möchte lieber sagen oder von mir gesagt wissen, ich sei ein so typisches Kind meiner Zeit gewesen, daß ich in meiner Perversität und um dieser Perversität willen das Gute meines Lebens in Schlechtes und das Schlechte meines Lebens in Gutes verkehrte.

Indes, was ich oder andre sagen, darauf kommt es wenig an. Das Wichtige, das, was vor mir liegt, was ich zu tun habe, wenn der kurze Rest meiner Tage nicht verstümmelt, vernichtet und unvollständig werden soll, ist: alles, was an mir getan worden ist, in mich aufzusaugen, zu einem Teil von mir zu machen, ohne Murren, Bangen und Sträuben hinzunehmen. Das höchste Laster ist Seichtheit. Was zum Bewußtsein kommt, ist richtig.

Als meine Gefängniszeit eben begonnen hatte, gaben mir einige Leute den Rat, ich möge zu vergessen suchen, wer ich sei. Es war ein verderblicher Rat. Nur darin, daß mir zum Bewußtsein kommt, was ich bin, habe ich irgendwelchen Trost gefunden. Jetzt raten mir andre, ich solle, wenn ich freigelassen werde, zu vergessen suchen daß ich je im Gefängnis war. Ich weiß, das wäre ebenso verhängnisvoll. Es hieße, daß ich zeitlebens von einem unerträglichen Gefühl der Schande verfolgt würde, daß das, was für mich ebensogut bestimmt ist wie für jeden andern – die Schönheit der Sonne und des Mondes, der Festzug der Jahreszeiten, die Musik bei Tagesanbruch und das Schweigen langer Nächte, der Regen, der durch die Blätter rieselt, der Tau, der über das Gras schleicht und es versilbert – daß all das für mich befleckt und seine Heilkraft und seine Fähigkeit, Freude zu spenden, verloren sein sollte. Seine eignen Erfahrungen bedauern heißt seine eigne Entwicklung hemmen. Seine eignen Erfahrungen verleugnen heißt seinem eignen Leben eine Lüge auf die Lippen legen. Es ist nicht weniger, als wollte man seine Seele verleugnen.

Denn ebenso wie der Körper alles Mögliche in sich aufnimmt, Gewöhnliches und Unreines nicht minder als das, was der Priester oder die Ekstase geweiht hat, und es in Rüstigkeit oder Kraft umwandelt, in das Spiel schöner Muskeln und die Formen des leuchtenden Fleisches, in die Rundungen und Farben des Haares, der Lippen, des Auges: so hat die Seele ihrerseits ihre nährende Tätigkeit und kann das, was an und für sich gemein, grausam und erniedrigend ist, in edle Regungen und Leidenschaften voll tiefer Bedeutung umsetzen – ja, noch mehr: grade darin ihren erhabensten Stoff zur Betätigung finden und sich oft am vollkommensten durch das offenbaren, was ursprünglich eine entweihende oder zerstörende Absicht hatte.

Die Tatsache, daß ich in einem gemeinen Zuchthaus ein gemeiner Gefangner war, muß ich bedingungslos hinnehmen, und so merkwürdig es auch scheinen mag, eine von den Lehren, die ich mir beizubringen habe, ist, mich dessen nicht zu schämen. Ich muß es als Strafe hinnehmen, und wenn man sich einer Strafe schämt, dann ist es ebensogut, als hätte man sie nie empfangen. Allerdings, ich bin für viel verurteilt worden, was ich nicht getan habe, aber auch für viel, was ich getan habe, und es gibt noch mehr in meinem Leben, für das ich niemals zur Rechenschaft gezogen wurde. Und wie ich schon in diesem Briefe gesagt habe: da die Götter wunderlich sind und uns für das, was gut und menschenfreundlich in uns ist, ebenso strafen wie für das, was schlecht und pervers ist, so muß ich die Tatsache hinnehmen, daß man gleichermaßen für das Gute wie für das Schlechte, das man tut, bestraft wird. Ich zweifle nicht daran, daß es durchaus mit Recht geschieht. Es hilft einem oder sollte einem helfen, beides zu durchschaun und sich auf keins von beiden zu viel einzubilden. Wenn ich mich demnach meiner Strafe nicht schäme – und ich hoffe das –, dann werde ich frei denken, frei herumgehn und leben können.

Viele nehmen bei ihrer Entlassung das Gefängnis mit sich hinaus und verbergen es als geheimen Schimpf in ihrem Herzen und kriechen schließlich wie arme vergiftete Wesen in ein Loch und sterben. Es ist abscheulich, daß ihnen nichts andres übrig bleibt, und es ist unrecht, schrecklich unrecht von der Gesellschaft, sie dahin zu treiben. Die Gesellschaft maßt sich das Recht an, dem Individuum entsetzliche Strafen aufzuerlegen; aber sie besitzt auch das höchste Laster der Seichtheit, und es gelingt ihr nicht, sich über das, was sie getan hat, klar zu werden. Hat der Betreffende seine Strafe abgebüßt, dann überläßt sie ihn sich selbst, will sagen: sie läßt ihn just in dem Augenblicke fallen, wo ihre vornehmlichste Pflicht gegen ihn anfängt. Sie schämt sich tatsächlich ihrer eignen Handlungen und meidet die Bestraften, wie Leute einem Gläubiger ausweichen, dem sie ihre Schulden nicht bezahlen können, oder einem, dem sie unersetzlichen, unwiderruflichen Schaden zugefügt haben. Ich kann meinerseits den Anspruch erheben, wenn ich mir vergegenwärtige, was ich gelitten habe, daß die Gesellschaft sich vergegenwärtige, was sie mir angetan hat, und daß auf beiden Seiten keine Verbitterung, kein Haß herrsche.

Selbstverständlich weiß ich, daß von einem Gesichtspunkt aus die Dinge sich für mich schwieriger gestalten werden als für andre, durch die Natur der Sache es sein müssen. Die armen Diebe und Vagabunden, die hier mit mir eingesperrt sind, sind in vieler Hinsicht glücklicher als ich. Der kurze Weg in grauer Stadt oder auf grünem Felde, der ihre Sünde sah, ist eng; sie brauchen, wollen sie Menschen finden, die von ihrem Verschulden nichts wissen, nicht weiter zu gehn, als ein Vogel zwischen Zwielicht und Morgendämmerung fliegt. Für mich dagegen ist die Welt zu einer Handbreite zusammengeschrumpft, und überall, wo ich mich hinwende, ist mein Name in ehernen Lettern an die Felsen geschrieben. Denn ich bin nicht aus dem Dunkel in das grelle Licht momentaner Verbrecherberühmtheit getreten, sondern von unsterblichem Ruhm zu ewiger Ehrlosigkeit gelangt, und manchmal scheint es mir, als hätte ich dargetan, wenn es dieses Beweises überhaupt bedurfte, daß vom Berühmten zum Berüchtigten nur ein Schritt ist oder noch weniger als ein Schritt.

Immerhin, grade in dem Umstand, daß die Menschen mich erkennen werden, wo ich mich auch zeige, und alles aus meinem Leben wissen, soweit seine Torheiten in Betracht kommen, kann ich noch Gutes für mich entdecken. Daraus erwächst mir die Notwendigkeit, mich wieder als Künstler durchzusetzen – und zwar so bald wie irgend möglich. Kann ich auch nur ein schönes Kunstwerk hervorbringen, dann werde ich imstande sein, der Bosheit ihr Gift, der Feigheit ihr Hohnlächeln zu rauben und der Schmähsucht die Zunge an der Wurzel auszureißen.

Und sollte das Leben, wie es gewiß der Fall ist, für mich ein Problem sein, so bin ich für das Leben nicht minder ein Problem. Die Leute müssen mir gegenüber einen Modus finden, wie sie sich zu verhalten haben, und dadurch sich wie mir das Urteil sprechen. Ich brauche nicht zu sagen, daß ich nicht auf bestimmte Individuen anspiele. Die einzigen Menschen, die ich jetzt um mich wünsche, sind Künstler und solche, die gelitten haben: solche, die wissen, was Schönheit, und solche, die wissen, was Schmerz ist. Sonst interessiert mich niemand. Ich stelle auch keine Ansprüche an das Leben. Alles, was ich hier geäußert habe, zielt einfach auf meine eigne geistige Stellung gegenüber dem Leben in seiner Gesamtheit; und ich fühle, daß mich meiner Strafe nicht zu schämen einer der ersten Punkte ist, die ich erreichen muß, um meiner eignen Vollendung willen und weil ich so unvollkommen bin.

Dann muß ich glücklich sein lernen. Einst wußte ich es oder glaubte es zu wissen, instinktmäßig. Ehedem war immer Frühling in meinem Herzen. Mein Temperament war der Lebensfreude verwandt. Bis hoch zum Rande füllte ich mein Leben mit Vergnügen, wie man einen Becher bis zum Rande mit Wein füllt. Jetzt trete ich von einem völlig neuen Standpunkt an das Leben heran, und mir auch nur eine Vorstellung vom Glück zu machen wird mir oft überaus schwer. Ich erinnre mich aus meinem ersten Semester in Oxford der Lektüre von Paters Renaissance – des Buches, das einen so seltsamen Einfluß auf mein Leben gewonnen hat –, wie Dante in den Tiefen des Inferno die ansiedelt, die eigenwillig in Traurigkeit leben; ich ging in die College-Bibliothek und schlug die Stelle in der Göttlichen Komödie nach, wo unter dem Höllenmoor diejenigen hausen, die »in der süßen Luft grämlich« waren und nun ewig in ihren Seufzern stöhnen:

Tristi fummo
Nell‘ aer dolce che dal sol s’allegra.

Ich wußte, die Kirche verurteilte accidia, aber die ganze Idee schien mir ziemlich phantastisch, so recht die Art Sünde, dachte ich mir, die ein lebensunkundiger Priester erfinden würde. Ebenso wenig begriff ich, wie Dante, der doch sagt: »Der Schmerz vereint uns wiederum mit Gott«, so schroff gegen die sein konnte, die in der Wonne der Wehmut schwelgten, wenn es wirklich solche gab. Ich ahnte nicht, daß dies eines Tages eine der größten Versuchungen meines Lebens werden sollte.

Während ich im Gefängnis in Wandsworth saß, sehnte ich den Tod herbei. Sterben war mein einziger Wunsch. Als ich nach einem Aufenthalt von zwei Monaten in der Krankenabteilung hierher gebracht wurde und meine physische Gesundheit sich allmählich besserte, schäumte ich vor Wut. Ich beschloß, an dem Tage meiner Entlassung Selbstmord zu begehn. Nach einiger Zeit legte sich diese Verstimmung, und ich setzte es mir in den Kopf zu leben, aber Trübsal anzutun, wie ein König seinen Purpur; nie wieder zu lächeln; jedes Haus, das ich betrat, zu einem Hause der Trauer zu machen; meine Freunde langsamen Schrittes in Schwermut neben mir gehn zu lassen; sie zu lehren, daß die Melancholie das wahre Geheimnis des Lebens ist; ihre Freude durch fremdes Leid zu vergällen; sie mit meinem eignen Schmerze zu peinigen. Jetzt denke ich ganz anders. Ich sehe ein, es wäre undankbar und unliebenswürdig von mir, ein so langes Gesicht zu machen, daß meine Freunde, wenn sie mich besuchten, noch längere Gesichter machen müßten, um mir ihr Mitgefühl auszudrücken, oder, wenn ich sie bewirten wollte, sie einzuladen, sich schweigend zu bittern Kräutern und einem Leichenschmause niederzusetzen. Ich muß lernen, guter Dinge werden und glücklich sein.

Die beiden letzten Male, als ich meine Freunde hier empfangen durfte, gab ich mir Mühe, so heiter wie möglich zu sein und ihnen meine Frohlaune zu zeigen, um sie doch ein klein wenig dafür zu entschädigen, daß sie den ganzen Weg von London zu mir hergekommen waren. Ich weiß, es ist nur ein spärlicher Dank, aber keiner – davon bin ich durchdrungen – wäre ihnen lieber. Ich habe mich Sonnabend vor acht Tagen eine Stunde mit Robbie unterhalten und ließ es mir angelegen sein, ihn die herzliche Freude, die ich über unser Zusammensein empfand, so deutlich wie möglich merken zu lassen. Daß ich mit den Ansichten und Auffassungen, die ich mir hier im stillen bilde, auf der rechten Fährte bin, das beweist mir die Tatsache, daß ich jetzt zum ersten Male seit meiner Verurteilung wahres Verlangen nach dem Leben habe.

Vor mir liegt so viel, daß ich es als eine schreckliche Tragödie betrachten würde, wenn ich sterben müßte, eh‘ es mir verstattet wäre, wenigstens einen kleinen Teil davon durchzuführen. Ich sehe neue Entwicklungen in der Kunst und im Leben, von denen jede eine ungebrauchte Form der Vollkommenheit ist. Ich sehne mich nach dem Leben, damit ich erforschen kann, was jetzt so gut wie eine neue Welt für mich ist. Willst Du wissen, was diese neue Welt ist? Du kannst es wohl erraten. Es ist die Welt, in der ich zuletzt gelebt habe. Das Leid also und alles, was man von ihm lernt, ist meine neue Welt.

Ich habe früher ausschließlich dem Vergnügen gelebt. Ich ging Schmerzen und Leiden jeder Art aus dem Wege. Sie waren mir beide zuwider. Ich hatte mir vorgenommen, sie so weit wie möglich nicht zu beachten, sie gewissermaßen als Formen der Unvollkommenheit zu behandeln. Sie gehörten nicht zu meinem Lebensgebäude. Für sie war in meiner Philosophie kein Platz. Meine Mutter, die das Leben durch und durch kannte, pflegte mir oft die Goetheschen Verse zu zitieren, die ihr vor langen Jahren Carlyle in ein Buch geschrieben hatte und die – wenn ich mich recht erinnre – in seiner Übersetzung folgendermaßen lauteten:

Who never ate his bread in sorrow,
Who never spent the midnight hours
Weeping and waiting for the morrow, –
He knows you not, ye heavenly powers.

Diese Verse pflegte die edle Königin von Preußen, die Napoleon so brutal behandelt hat, in ihrer Erniedrigung und Verbannung zu zitieren; diese Verse hat meine Mutter im Ungemach ihres späteren Lebens oft angeführt. Ich lehnte es rundweg ab, die ungeheure Wahrheit, die darin verborgen liegt, mir zu eigen zu machen oder einzuräumen. Ich konnte sie nicht verstehn. Ich erinnre mich noch sehr wohl, wie ich damals meiner Mutter sagte, ich hätte keine Lust, mein Brot in Tränen zu essen, die Nächte zu durchweinen und einem noch traurigeren Morgen entgegenzuwachen.

Ich ahnte nicht, daß es zu den besondern Dingen gehörte, die mir das Schicksal vorbehalten hatte: daß ich ein ganzes Jahr meines Lebens kaum etwas andres tun sollte. Aber so ist mir mein Teil zugemessen worden; und während der letzten Monate ist es mir nach fürchterlichen Überwindungen und Kämpfen gelungen, einige Lehren zu begreifen, die im Herzen des Grams verborgen sind. Geistliche und Leute, die Redensarten ohne Sinn und Verstand anwenden, sprechen manchmal vom Leiden als einem Geheimnis. In Wahrheit ist es eine Offenbarung. Man erkennt Dinge, die einem nie aufgefallen sind. Man tritt unter einem andern Gesichtswinkel an die Geschichte heran. Was man schwach, instinktiv von der Kunst geahnt hat, gewahrt man im Bereich des Denkens und Fühlens mit vollendeter Klarheit des Sehvermögens und mit absoluter Stärke der Vorstellungskraft.

Jetzt erkenne ich, daß der Schmerz als die edelste Regung, deren der Mensch fähig ist, gleichermaßen Urform und Prüfstein aller großen Kunst ist. Wonach der Künstler immer sucht, das ist die Daseinsart, in der Leib und Seele eins und unzertrennlich sind; in der das Äußere der Ausdruck des Innern ist; in der sich die Form enthüllt. Solcher Daseinsarten gibt es etliche: der junge Menschenleib und die Künste, die mit seiner Darstellung beschäftigt sind, können uns gelegentlich als Modell dienen; dann wieder mag uns der Gedanke erfreun, daß in der Zartheit und Feinheit ihrer Eindrücke, in der Weise, wie sie einen Geist andeutet, der im Äußerlichen wohnt und sich aus Erde und Luft, aus Nebel und Städtebild sein Gewand schafft, die moderne Landschaftsmalerei in ihrer krankhaft reizbaren Harmonie von Stimmungen, Tönen und Farben das für uns koloristisch verwirklicht, was die Griechen zu so plastischer Vollendung gebracht. Die Musik, in der alles Stoffliche im Ausdruck aufgeht und nicht von ihm getrennt werden kann, ist ein kompliziertes Beispiel und eine Blume oder ein Kind ein einfaches Beispiel für das, was ich meine; aber der Schmerz ist der höchste Typ, im Leben sowohl wie in der Kunst.

Hinter Lust und Lachen mag ein Temperament stecken, rauh, hart und knorrig: hinter dem Schmerz ist stets nur Schmerz. Das Leid trägt keine Maske wie die Freude. Die Wahrheit in der Kunst ist keine Verbindung zwischen der wesenhaften Idee und der zufälligen Existenz; ist nicht die Ähnlichkeit von Gestalt und Schatten oder von dem Spiegelbild der Form und der Form selbst; ist kein Echo, das aus einem hohlen Hügel tönt, so wenig wie ein silberner Quell im Tale, dessen Wasser den Mond dem Monde und Narkissos dem Narkissos zeigt. Die Wahrheit in der Kunst ist die Übereinstimmung eines Dinges mit sich selbst; das Äußere Ausdruck des Innern geworden; die Seele Fleisch; der Leib vom Geiste belebt. Darum läßt sich keine Wahrheit dem Leiden vergleichen. Zu Zeiten scheint mir das Leiden die einzige Wahrheit. Andre Dinge mögen Wahngebilde des Auges oder des Hungers sein, jenes zu blenden, diesen zu sättigen; aber aus dem Leiden sind die Welten erbaut, und bei der Geburt eines Kindes oder eines Sternes geht es nicht ohne Schmerz ab.

Ja, noch mehr: das Leiden hat eine ungewöhnlich starke Wirklichkeit an sich. Ich habe von mir gesagt, ich sei ein Repräsentant der Kunst und Kultur meines Zeitalters gewesen. Es gibt keinen Elenden in diesem Hause des Elends, keinen meiner Mitgefangnen, der nicht ein Repräsentant des Lebensgeheimnisses wäre. Denn das Geheimnis des Lebens heißt Leiden. Hinter allem ist es verborgen. Kaum fangen wir zu leben an, so schmeckt uns das Süße so süß, das Bittre so bitter, daß wir unvermeidlich unser ganzes Verlangen auf Freuden richten und nicht nur »einen Monat oder zwei von Honig zehren« wollen, sondern unser ganzes Leben lang keine andre Nahrung kosten möchten, und wissen doch die ganze Zeit nicht, daß wir die Seele in Wirklichkeit verhungern lassen.

Ich erinnre mich, ich sprach einmal hierüber mit einem der herrlichsten Wesen, die ich je gekannt habe, einer Frau, deren reges Mitgefühl und edle Güte, sowohl vor wie seit der Tragödie meiner Kerkerhaft, sich unmöglich beschreiben lassen; die mir, wenn sie es auch nicht weiß, wirklich mehr als irgend jemand auf der ganzen Welt beigestanden hat, die Last meiner Sorgen zu tragen, und zwar bloß durch die Tatsache, daß sie lebt, daß sie ist, was sie ist – teils ein Ideal, teils eine einflußreiche Macht: eine Andeutung dessen, was man werden könnte, wie eine wirkliche Stütze des Vorsatzes, dahin zu gelangen; eine Seele, die der Alltagsluft Süßigkeit leiht und Geistiges einfach und natürlich erscheinen läßt wie das Licht der Sonne oder das Meer; für die Schönheit und Leid Hand in Hand gehn und dieselbe Botschaft haben. Ich besinne mich genau, wie ich ihr bei der Gelegenheit, die mir vorschwebt, sagte: es gäbe in einer engen Gasse in London schon genug Kummer, zu beweisen, daß Gott die Menschen nicht liebe, und überall, wo jemand leide, sei es auch nur ein Kind, das in einem Gärtchen weine über ein Vergehn, dessen es sich schuldig oder nicht schuldig gemacht, da sei das ganze Antlitz der Schöpfung entstellt. Ich hatte völlig Unrecht. Sie sagte mir das auch, doch ich konnte es nicht glauben. Ich lebte nicht in dem Vorstellungskreis, der einen zu solchem Glauben gelangen läßt. Jetzt dünkt mich, daß Liebe irgendeiner Art die einzig mögliche Erklärung ist für das ungeheure Maß von Weh, das es auf der Welt gibt. Eine andre Erklärung kann ich mir nicht denken. Ich bin überzeugt, es gibt keine andre; und wenn die Welt wirklich, wie ich vorhin sagte, aus Leid gebaut ist, so ist sie von der Hand der Liebe gebaut, weil auf keine Weise sonst die Seele des Menschen, für den die Welt erschaffen ist, zu dem ganzen Wuchs ihrer Vollendung gelangen könnte. Freude für den schönen Körper, Schmerz für die schöne Seele.

Wenn ich sage, ich sei hiervon überzeugt, so liegt allzuviel Stolz in meinen Worten. Weit in der Ferne kann man, wie eine Perle sonder Fehl, die Stadt Gottes sehn. Sie ist so wundervoll, daß man meinen möchte, ein Kind könne sie an einem Sommertag erreichen. Und ein Kind kann es. Aber mit mir und meinesgleichen verhält es sich anders. In einem einzigen Augenblick kann man etwas in seiner ganzen Stärke fühlen, aber es geht einem wieder verloren in den langen Stunden, die bleiernen Fußes folgen. Es ist so schwer, »Höhen zu behaupten, darauf mit Fug die Seele wandeln darf«. Unsre Gedanken gehören der Ewigkeit, doch wir bewegen uns langsam durch die Zeit. Wie langsam die Zeit für uns vergeht, die wir im Gefängnis sitzen – davon brauche ich nicht mehr zu reden, nicht von der Müdigkeit und Verzweiflung, die in unsre Zelle und die Zelle unsers Herzens mit so seltsamer Beharrlichkeit zurückschleichen, daß man gewissermaßen sein Haus für sie fegen und schmücken muß, wie für einen unerwünschten Gast, einen gestrengen Herrn oder Sklaven, dessen Sklave man durch Zufall oder eigne Wahl ist.

Vielleicht finden es meine Freunde jetzt schwer, es zu glauben, es ist aber trotzdem so: sie, deren Leben Freiheit, Müßiggang und Wohlbehagen, haben es leichter die Lehren der Demut zu erlernen als ich, der ich den Tag damit beginne, auf den Knien den Boden meiner Zelle aufzuwaschen. Denn das Leben im Gefängnis mit seinen zahllosen Entbehrungen und Einschränkungen macht einen zum Rebellen. Das Schrecklichste daran ist nicht, daß es einem das Herz bricht – Herzen sind dazu da, zu brechen –, sondern daß es einem das Herz in Stein verwandelt. Manchmal hat man das Gefühl, man könne den Tag überhaupt nur mit einer Stirn von Eisen und mit Hohn auf den Lippen überleben. Und wer sich im Zustande der Empörung befindet, kann nicht der Gnade teilhaftig werden, um den Ausdruck zu gebrauchen, dessen sich die Kirche mit Vorliebe bedient – und zwar mit Recht, möchte ich behaupten –, denn im Leben wie in der Kunst verschließt die aufrührerische Stimmung die Kanäle der Seele und sperrt die Luft des Himmels aus. Doch, soll ich diese Lehren irgendwo erlernen, so muß es hier geschehn, und ich muß voller Freude sein, wenn meine Füße auf der rechten Straße sind und mein Angesicht »dem Tore zugekehrt, das schön genannt wird«, mag ich auch vielmals im Schmutz fallen und oft im Nebel irre gehn.

Dieses Neue Leben, wie ich es bisweilen aus Liebe zu Dante gern nenne, ist natürlich überhaupt kein neues Leben, sondern einfach, vermittels Entwicklung und Evolution, die Fortsetzung meines früheren Lebens. Ich erinnre mich, daß ich in Oxford zu einem meiner Freunde sagte, als wir eines Morgens in dem Jahr, eh‘ ich promovierte, auf den engen, von Vögeln umschwärmten Wegen um Magdalen-College wandelten, es gelüste mich, von der Frucht aller Bäume im Garten der Welt zu essen, und mit dieser Leidenschaft im Herzen träte ich in die Welt hinaus. Und so, auf mein Wort, trat ich hinaus, und so lebte ich. Mein einziger Fehler war, daß ich mich so ausschließlich auf die Bäume beschränkte, welche, wie mir schien, auf der Sonnenseite des Gartens standen, während ich den andern Teil mit seinem Schatten und seiner Düsterheit mied. Mißerfolg, Schande, Armut, Kummer, Verzweiflung, Leid, selbst Tränen, die Worte, die Lippen im Schmerze stammeln, die Reue, die Dornen auf unsern Pfad streut, das Gewissen, das verdammt, die Selbsterniedrigung, die straft, das Elend, das Asche auf sein Haupt gießt, die Seelenpein, die sich in Sackleinwand kleidet und Galle in ihr eignes Getränk mischt – all dem wich ich ängstlich aus. Und da ich beschlossen hatte, nichts davon wissen zu wollen, so wurde ich gezwungen, sie alle der Reihe nach zu kosten, mich von ihnen zu nähren, eine Zeitlang auf jede andre Speise zu verzichten.

Keinen Augenblick bedaure ich, dem Vergnügen gelebt zu haben. Ich tat es bis zum Rande, wie man alles tun soll, was man tut. Es gab kein Vergnügen, das ich nicht genoß. Ich warf die Perle meiner Seele in einen Becher Weins. Ich schritt zum Klange der Flöten den Blumenpfad hinab. Ich lebte von Honig. Aber es wäre falsch gewesen, dieses Leben fortzusetzen, weil es einseitig gewesen wäre. Ich mußte weiter. Die andre Hälfte des Gartens hatte auch ihre Geheimnisse für mich. Natürlich ist all das in meiner Kunst vorgebildet und wirft seine Schatten voraus. Spuren davon sind im »Glücklichen Prinzen«; auch in dem Märchen »Der junge König«, besonders an der Stelle, wo der Bischof zu dem knienden Jüngling spricht: »Ist Er, der das Elend schuf, nicht weiser als du?« – Worte, die mir, als ich sie schrieb, kaum mehr schienen als Worte; ein gut Teil davon ist hineingeheimnißt in die mahnende Stimme, die sich wie ein Purpurfaden durch den Goldbrokat des »Dorian Gray« zieht; in vielen Farben schimmert es in der »Kritik als Kunst«; in allzu leicht lesbaren Lettern steht es in der »Seele des Menschen«; es ist einer der Refrains, deren wiederkehrendes Motiv »Salome« so sehr einem Musikstück gleichen läßt und wie eine Ballade zusammenschließt; in dem Prosagedicht von dem Manne, der aus dem Erz des Bildes der »Freude, die einen Augenblick lebt«, das Bild der »Sorge, die ewig währet«, zu schaffen hat, ist es Fleisch und Blut geworden. Anders hätte es auch gar nicht sein können. In jedem einzelnen Moment seines Lebens ist man das, was man sein wird, nicht minder als das, was man gewesen ist. Die Kunst ist ein Symbol, weil der Mensch ein Symbol ist. Kann ich ganz dahin gelangen, so ist es die letzte Verwirklichung des Künstlerlebens. Denn das Künstlerleben ist einfach Selbstentwicklung. Die Demut beim Künstler liegt darin, daß er alle Erfahrungen bedingungslos hinnimmt, genau so wie die Liebe beim Künstler einfach der Sinn für Schönheit ist, der der Welt ihren Körper und ihre Seele offenbart. In »Marius dem Epikuräer« sucht Pater das Künstlerleben mit dem religiösen Leben in der tiefen, holden und herben Bedeutung des Wortes in Einklang zu bringen. Aber Marius ist wenig mehr als ein Zuschauer – ein idealer Zuschauer allerdings, einer, dem es gegeben ist, »das Schauspiel des Lebens mit eignen Empfindungen zu betrachten«, was Wordsworth als die wahre Bestimmung des Dichters bezeichnet; doch ein Zuschauer nur und vielleicht ein wenig zu sehr mit der Anmut der Bänke im Tempel beschäftigt, um zu gewahren, daß es der Leidenstempel ist, auf dem sein Blick ruht.

Ich sehe eine weit innigere, unmittelbarere Verbindung zwischen dem wahren Leben Christi und dem wahren Leben des Künstlers, und der Gedanke erfüllt mich mit großer Freude, daß ich, lange bevor sich das Leid meiner Tage bemächtigt und mich an sein Rad gebunden hatte, in der »Seele des Menschen« geschrieben habe: wer ein Christus ähnliches Leben führen wolle, müsse ganz und gar er selbst sein, und als Beispiele nicht nur den Schäfer auf der Heide und den Gefangnen in seiner Zelle angeführt habe, sondern auch den Maler, dem die Welt ein Mummenschanz, und den Dichter, dem die Welt ein Lied ist. Ich erinnre mich, ich sagte einmal zu André Gide, als wir in einem Pariser Café zusammensaßen, die Metaphysik besitze für mich nur geringes wirkliches Interesse und die Moral nicht das mindeste; indessen ließe sich alles, was Plato und Christus gesagt hätten, ohne weiteres auf das Gebiet der Kunst übertragen und fände hier seine vollkommne Erfüllung. In dieser Verallgemeinerung war das ebenso tief wie neu.

Die enge Verbindung von Persönlichkeit und Vollkommenheit, die wir in Christus entdecken können, ist es nicht allein, die den wirklichen Unterschied zwischen klassischer und romantischer Kunst bildet und Christus als den wahren Vorläufer der romantischen Bewegung im Leben erscheinen läßt, sondern die Grundlage seines Wesens war dieselbe, die das Wesen des Künstlers ausmacht: eine starke, lodernde Phantasie. Er empfand in dem ganzen Bereich menschlicher Beziehungen jene Anteilnahme der Phantasie, die in der Kunst das einzige Geheimnis des Schaffens ist. Er begriff die Krankheit des Aussätzigen, das Dunkel des Blinden, das grimme Elend derer, die dem Vergnügen leben, die wundersame Armut der Reichen. Du hast mir in meinem Unglück geschrieben: »Wenn Du nicht auf Deinem Piedestal stehst, bist Du nicht interessant«. Wie weit warst Du von dem entfernt, was Matthew Arnold das »Geheimnis Jesu« nennt! Sie beide hätten Dich belehrt, daß alles, was einen andern trifft, einen selbst trifft; und wenn Du eine Inschrift haben willst, die Du in der Frühe und am Abend lesen kannst, im Schmerz und in der Freude, dann schreib‘ an die Wände Deines Hauses, daß es die Sonne vergolde und der Mond versilbere: »Alles, was einen andern trifft, trifft einen selbst«.

Christus gehört fürwahr unter die Dichter. Seine ganze Auffassung von der Menschheit entsprang gradeswegs der Phantasie und kann nur von ihr begriffen werden. Was Gott dem Pantheisten war, das war ihm der Mensch. Er hat zuerst die unterschiedlichen Rassen als eine Einheit erfaßt. Vor ihm hatte es Götter und Menschen gegeben; und da er durch eine geheimnisvolle Sympathie fühlte, daß beide in ihm Fleisch geworden waren, nennt er sich den Sohn des einen oder den Sohn des andern, wie es ihm eben beifiel. Mehr als irgend jemand in der Geschichte erweckt er in uns jene Stimmung für das Wunder, an die sich die Romantik allemal wendet. Die Idee hat für mich noch immer fast etwas Unglaubliches an sich, daß ein junger galiläischer Landmann sich vorstellt, er könne auf seinen Schultern die Last der ganzen Welt tragen: alles, was bereits getan und erduldet worden war, und alles, was dereinst noch getan und erduldet werden sollte: die Sünden Neros, Cesare Borgias, Alexanders VI. und dessen, der Kaiser von Rom und Sonnenpriester war; die Leiden derer, deren Zahl Legion ist und die zwischen Gräbern hausen, der unterdrückten Völker, der Kinder in Fabriken, der Diebe, der Sträflinge, der Enterbten, derer, die in ihrer Knechtschaft stumm sind und deren Schweigen nur von Gott vernommen wird; und sich nicht bloß vorstellt, sondern es auch tatsächlich durchsetzt, so daß noch im gegenwärtigen Augenblick alle, die mit seiner Person in Berührung kommen, selbst wenn sie weder vor seinem Altar sich neigen noch vor seinem Priester knien, doch irgendwie die Empfindung haben, daß die Häßlichkeit ihrer Sünde von ihnen genommen und die Schönheit ihres Leidens ihnen offenbart werde.

Ich hatte gesagt: Christus zählt zu den Dichtern. Das ist so. Shelley und Sophokles sind seine Brüder. Doch auch sein ganzes Leben ist das wundervollste Gedicht. Wenn man nach »Furcht und Mitleid« sucht, gibt es nichts im ganzen Sagenkreise der griechischen Tragödie, was sich damit messen könnte. Die makellose Reinheit des Protagonisten erhebt das ganze Gebäude zu einer Höhe romantischer Kunst, von der die Leiden des thebanischen Hauses und der Pelopiden schon durch ihre Greuel ausgeschlossen sind, und zeigt, wie falsch der Ausspruch des Aristoteles in seiner Abhandlung über das Drama ist, der Anblick eines schuldlos Leidenden sei unausstehlich. Weder bei Äschylus noch bei Dante, den strengen Meistern der Zartheit, weder bei Shakespeare, dem am reinsten Menschlichen von allen großen Künstlern, noch in sämtlichen keltischen Mythen und Legenden, darinnen die Lieblichkeit der Welt durch einen Tränennebel blinkt und das Leben eines Menschen nicht mehr gilt als das Leben einer Blume, gibt es irgend etwas, das an ergreifender Einfachheit, die sich der Erhabenheit tragischer Wirkung paart und in ihr aufgeht, dem letzten Akt der Leidensgeschichte Christi gleich oder auch nur nahe käme. Das schlichte Mahl mit seinen Jüngern, von denen ihn einer schon um des Gewinnstes willen verkauft hat; die Seelenangst in dem ruhigen, mondbeglänzten Garten – der falsche Freund tritt dicht an ihn heran, um ihn mit einem Kusse zu verraten; der Freund, der noch an ihn glaubte und auf dem er wie auf einem Felsen eine Zufluchtsstätte für die Menschheit zu gründen gehofft hatte, verleugnet ihn, als der Hahn dem dämmernden Tag entgegenkräht – seine völlige Vereinsamung, seine Unterwürfigkeit und wie er sich allem fügt; daneben wiederum solche Szenen, da der Hohepriester der Orthodoxie im Zorne sein Gewand zerreißt und der Beamte des bürgerlichen Gerichtshofs Wasser holen läßt in der eitlen Hoffnung, sich von dem Fleck unschuldigen Blutes zu reinigen, der ihn zur Scharlachfigur der Geschichte macht; der Krönungsakt mit dem Dornenkranz – eine der wunderbarsten Begebenheiten in den Büchern aller Zeiten – die Kreuzigung des Unschuldigen vor den Augen seiner Mutter und des Jüngers, den er lieb hatte – die Soldaten spielen und würfeln um seine Kleider – der schreckliche Tod, durch den er der Welt ihr ewigstes Symbol gab; und schließlich sein Begräbnis in der Gruft des reichen Mannes – sein Leichnam wird mit kostbaren Spezereien und Wohlgerüchen gesalbt und in ägyptische Leinwand gewickelt, als war er eines Königs Sohn gewesen –: wenn man all das einzig und allein von künstlerischem Standpunkt aus betrachtet, muß man dafür dankbar sein, daß der feierlichste Gottesdienst der Kirche die Darstellung der Tragödie ohne das Blutvergießen ist: die mystische Vorführung der Leidensgeschichte des Herrn mit Hilfe von Dialog, Kostüm und Gesten sogar; und der Gedanke ist für mich stets eine Quelle ehrfürchtiger Erhebung, daß der letzte Überrest des griechischen Chors, der der Kunst sonst verloren gegangen ist, sich in dem Ministranten findet, der dem Messe lesenden Priester antwortet.

Doch in seiner Gesamtheit ist das Leben Christi – so völlig können Leid und Schönheit in ihrer Bedeutung und ihrer Darstellung verschmelzen – wirklich ein Idyll mag es auch damit enden, daß der Vorhang im Tempel zerreißt, Finsternis das Antlitz der Erde bedeckt und der Stein vor des Grabes Tür gewälzt wird. Man stellt sich ihn immer als einen jungen Bräutigam im Kreise seiner Jünger vor, wie er sich ja an einer Stelle beschreibt; als einen Hirten, der mit seinen Schafen durch ein Tal streift auf der Suche nach grünen Auen oder einem kühlenden Strom; als einen Sänger, der die Mauern der Stadt Gottes durch Musik aufbaun möchte; als einen Liebenden, für dessen Liebe die ganze Welt zu klein war. Seine Wunder dünken mich köstlich wie das Nahen des Lenzes und ebenso natürlich. Ich sehe durchaus keine Schwierigkeit darin, an einen solchen Zauber seiner Persönlichkeit zu glauben, daß seine bloße Gegenwart gequälten Seelen Frieden bringen konnte und daß die, welche sein Gewand oder seine Hände berührten, ihres Schmerzes vergaßen; oder daß, wenn er auf der Heerstraße des Lebens vorüberschritt, Leute, denen bisher des Lebens Geheimnis verborgen geblieben war, es deutlich sahen, und daß andre, die jedem Laut ihr Ohr verschlossen hatten außer dem der Lust, zum erstenmal die Stimme der Liebe vernahmen und sie »musikalisch wie Phöbus‘ Leier« fanden; oder daß üble Leidenschaften bei seiner Ankunft flohen und Menschen, deren stumpfes, phantasieloses Leben nur eine Form des Todes gewesen war, gleichsam aus dem Grabe auferstanden, da er sie rief; oder daß die Menge, als er am Hang des Hügels predigte, ihres Hungers und Durstes und der Sorgen dieser Welt vergaß und daß seinen Freunden, die ihm lauschten, als er beim Mahle saß, die grobe Nahrung wohlschmeckte, das Wasser wie trefflicher Wein mundete und das ganze Haus von dem süßen Duft der Narden erfüllt war.

Renan sagt irgendwo in seinem »Leben Jesu« – dem anmutigen fünften Evangelium, dem Evangelium, das man nach dem heiligen Thomas nennen möchte –: Christi großes Werk sei es gewesen, daß er sich die Liebe, die er bei Lebzeiten besessen, nach seinem Tode zu erhalten gewußt habe. Sicherlich, wenn sein Platz unter den Dichtern ist, so führt er den Reigen der Liebenden. Er erkannte, daß die Liebe an erster Stelle das Geheimnis der Welt sei, nach dem die Weisen ausgeschaut hatten, und daß man sich nur durch Liebe dem Herzen des Aussätzigen und den Füßen Gottes nähern könne.

Vor allem aber: Christus ist der höchste Individualist. Die Demut ist, wie die Künstler alle Erfahrungen hinnehmen, bloß eine Offenbarungsform. Nach der Seele des Menschen fahndet Christus immer. Er nennt sie »das Reich Gottes« – την βασιλειαν τού δεού – und findet sie bei jedem. Er vergleicht sie mit Kleinigkeiten: einem winzigen Saatkorn, einer Handvoll Sauerteig, einer Perle. Aus dem Grunde: weil man seine Seele nur dadurch ausbildet, daß man alle fremden Leidenschaften, alle erworbne Kultur und allen äußerlichen Besitz – ob gut oder schlecht – abstreift.

Mit der Hartnäckigkeit meines Willens und mehr noch mit dem Widerspruchsgeist meines Wesens bäumte ich mich gegen alles auf, bis ich nichts, gar nichts mehr auf der Welt hatte, als Cyril. Ich hatte meinen Namen, meine Stellung, mein Glück, meine Freiheit, mein Vermögen eingebüßt. Ich war ein Sträfling und bettelarm. Aber noch war mir ein holder Besitz geblieben: meine Söhne. Plötzlich wurden sie mir vom Gesetz genommen. Es war ein so betäubender Schlag, daß ich nicht aus noch ein wußte; ich warf mich auf die Knie, neigte das Haupt, weinte und sprach: »Der Leib eines Kindes ist wie der Leib des Herrn; ich verdiene sie beide nicht«. Dieser Augenblick hat mich, scheint’s, gerettet. Damals erkannte ich, daß es nichts andres für mich gäbe, als alles hinzunehmen. Seitdem – so merkwürdig es unzweifelhaft klingen wird – bin ich glücklicher gewesen. Ich hatte nämlich meine Seele in ihrem letzten Wesensgehalt gefunden. In vieler Hinsicht war ich ihr Feind gewesen, aber ich fand, daß sie wie ein Freund auf mich wartete. Wenn man mit der Seele in Berührung kommt, läßt sie einen einfältig werden wie ein Kind, was man nach Christi Worten sein soll.

Es ist tragisch, wie wenige Menschen vor ihrem Tode im Besitze ihrer Seele sind. Emerson sagt: »Nichts ist bei einem Menschen so selten, wie eine eigne Willenshandlung«. Das trifft ganz zu. Die meisten Leute sind andre Leute. Ihre Gedanken sind die Meinungen andrer, ihr Leben Mimikry, ihre Leidenschaften ein Zitat. Christus war nicht nur der größte Individualist, sondern auch der erste in der Geschichte. Man hat versucht, aus ihm einen gewöhnlichen Philanthropen zu machen, vom Schlage der schauderhaften Philanthropen des 19. Jahrhunderts, oder hat ihn als Altruisten unter die Ungebildeten und Gefühlsschwärmer eingereiht. In Wirklichkeit war er weder das eine noch das andre. Gewiß, er hat Mitleid mit den Armen, den Eingekerkerten, den Niedrigen und Elenden; aber er hat viel mehr Mitleid mit den Reichen, den eingefleischten Hedonisten, mit denen, die ihre Freiheit verschwenden, indem sie Sklaven der Dinge werden, mit denen, die weiche Gewänder tragen und in königlichen Schlössern wohnen. Reichtum und Wohlleben schienen ihm größere Tragödien als Armut und Gram. Und was den Altruismus betrifft – wer wußte besser als er, daß es Anlage und nicht Willenskraft ist, was bei uns den Ausschlag gibt, und daß man nicht Trauben von Dornen oder Feigen von Disteln lesen kann?

Für andre leben als bestimmter, einem selbst bewußter Zweck: das war nicht seine Lehre. Nicht die Grundlage seiner Lehre. Wenn er sagt: »Vergebet euren Feinden«, so sagt er es nicht dem Feind zuliebe, sondern um unser selbst willen, und weil Liebe schöner ist als Haß. Wenn er den reichen Jüngling auffordert: »Verkaufe, was du hast, und gib es den Armen«, so denkt er dabei nicht an die Lage der Armen, sondern an die Seele des Jünglings, die liebliche Seele, die der Reichtum ins Verderben zog. In seiner Lebensauffassung ist er eins mit dem Künstler, der weiß, daß infolge des unvermeidlichen Gesetzes der Selbstvollendung der Dichter singen, der Bildhauer in Bronze denken, der Maler die Welt zum Spiegel seiner Stimmungen machen muß, so unbedingt sicher, wie der Hagedorn im Frühling blühn, das Getreide im Herbst zur goldnen Frucht reifen und der Mond auf seiner vorgezeichneten Bahn von der Scheibe zur Sichel, von der Sichel zur Scheibe werden muß.

Hat Christus also nicht zu den Menschen gesprochen: »Lebet für andere«, so hat er vielmehr dargetan, daß gar kein Unterschied zwischen dem Leben der andern und unserm eignen Leben besteht. Hierdurch gab er dem Menschen eine ausgedehnte, titanische Persönlichkeit Seitdem er erschienen, ist die Geschichte jedes einzelnen Individuums die Weltgeschichte oder kann dazu werden. Freilich, die Kultur hat die Persönlichkeit des Menschen gesteigert. Die Kunst hat unsern Myriadengeist geschaffen. Wer das Künstlernaturell besitzt, der geht mit Dante ins Exil und lernt, wie salzig das Brot der andern ist und wie steil ihre Stufen sind; der erlangt einen Augenblick die heitere Ruhe Goethes und weiß dennoch nur zu gut, daß Baudelaire zu Gott aufschrie:

»O Seigneur, donnez-moi la force et le courage
De contempler mon corps et mon coeur sans dégoût«.

Aus Shakespeares Sonetten holt er – sich selbst vielleicht zum Schaden – das Geheimnis seiner Liebe heraus und macht es sich zu eigen; er sieht mit andern Augen das moderne Leben, weil er einem von Chopins Nocturnen gelauscht oder sich mit griechischen Künsten abgegeben oder die Geschichte der Leidenschaft eines toten Mannes gelesen hat zu einer toten Frau, deren Haar feinen Goldfäden, deren Mund einem Granatapfel glich. Aber das Mitfühlen des künstlerischen Temperaments richtet sich notwendigerweise auf das, was zum Ausdruck gelangt ist. In Worten oder Farben, in Tönen oder Marmor, hinter den gemalten Masken eines Äschyleischen Dramas oder durch die durchbohrten und aneinandergefügten Schilfrohre eines sizilischen Hirten muß der Mensch und seine Sendung offenbart worden sein.

Dem Künstler ist Ausdruck die einzige Form, unter der er das Leben überhaupt begreifen kann. Für ihn ist tot, was stumm ist. Anders bei Christus. Mit einer wunderbar umfangreichen Phantasie, die einen gradezu mit heiliger Scheu erfüllt, erkor er die ganze Welt des Unausgesprochnen, die Welt des Schmerzes, die keine Stimme hat, zu seinem Königreich und machte sich zu ihrem ewigen Sprachrohr. Die, von denen ich schon gesprochen habe, die unter einem Druck stumm sind und »deren Schweigen nur von Gott vernommen wird«, wählte er sich zu Brüdern. Er suchte, das Auge des Blinden, das Ohr des Tauben und ein Notschrei auf den Lippen derer zu werden, denen die Zunge gebunden war. Sein Wunsch war es, den Myriaden, die keine Sprache gefunden hatten, eine Drommete zu sein, durch die sie zum Himmel rufen könnten. Und da er mit der Künstlernatur eines, dem Leiden und Kummer Formen waren, durch die er seinen Schönheitsbegriff verwirklichen konnte, empfand, daß eine Idee wertlos sei, bis sie Fleisch wird und zum Bilde, so machte er aus sich das Bild des Leidenden, und als solches hat er die Kunst angeregt und beherrscht, wie es niemals einem griechischen Gotte gelang.

Denn die griechischen Götter waren trotz dem Weiß und Rot ihrer schönen, geschmeidigen Glieder in Wirklichkeit nicht das, was sie zu sein schienen. Die geschwungene Stirn Apolls glich der Sonnenscheibe, die in der Dämmerung über einem Hügel steht, und seine Füße den Fittichen des Morgens; aber er selbst war grausam gegen Marsyas gewesen und hatte Niobe ihrer Kinder beraubt. In den Stahlschilden der Augen Athenes blitzte kein Erbarmen mit Arachne; die prunkvolle Hoheit und die Pfauen Heras waren alles, was wirklich vornehm an ihr war; und der Vater der Götter selbst hatte die Menschentöchter zu gern gehabt. Die beiden bedeutungsvollsten Gestalten der griechischen Mythologie waren in der Religion Demeter, eine irdische Gottheit, keine der Olympischen, und in der Kunst Dionys, der Sohn einer Sterblichen, für die der Augenblick seiner Geburt auch zum Augenblick ihres Todes geworden.

Aber das Leben selbst brachte aus seiner untersten, bescheidensten Schicht eine weit herrlichere Gestalt hervor, als die Mutter Proserpinas oder den Sohn der Semele. Aus der Zimmermannswerkstatt in Nazareth war eine unendlich größere Persönlichkeit hervorgegangen, als je eine in Mythe und Sage erstandene, eine Persönlichkeit, die seltsamerweise dazu bestimmt war, der Welt die geheimnisvolle Bedeutung des Weins und die wahre Schönheit der Lilien des Feldes zu enthüllen, wie es keiner je auf dem Kithäron oder in Enna getan hatte.

Die Worte Jesaias: »Er war der allerverachtetste und unwerteste, voller Schmerzen und Krankheit. Er war so verachtet, daß man das Angesicht vor ihm verbarg«, hatten ihm wie eine Vorankündigung seiner selbst geklungen, und die Prophezeiung ward an ihm erfüllt. Wir brauchen einen solchen Ausdruck nicht zu scheun. Jedes Kunstwerk ist die Erfüllung einer Prophezeiung; denn jedes Kunstwerk ist die Umwandlung einer Idee in ein Bild. Jedes menschliche Wesen sollte die Erfüllung einer Prophezeiung sein; denn jedes menschliche Wesen sollte die Verwirklichung eines Ideals sein, entweder in den Augen Gottes oder der Menschen. Christus fand den Typus und legte ihn fest, und der Traum eines Virgilischen Dichters in Jerusalem oder Babylon verkörperte sich im langen Lauf der Jahrhunderte in ihm, auf dessen Ankunft die Welt harrte. »Seine Gestalt war häßlicher denn anderer Leute und sein Ansehen denn der Menschen Kinder«: das hatte Jesaia unter den Erkennungsmerkmalen des neuen Ideals aufgezeichnet; und sobald die Kunst verstand, was damit gemeint war, brach sie auf wie ein Blumenkelch in Gegenwart dessen, an dem die Wahrheit in der Kunst zutage trat wie nie zuvor. Denn ist nicht Wahrheit in der Kunst, wie ich schon sagte, das, worin »das Äußere Ausdruck des Innern, worin die Seele Fleisch und der Leib vom Geiste belebt« ist, worin die Form sich offenbart?

Für mich gehört es mit zum Bedauerlichsten in der Geschichte, daß die richtige christliche Renaissance, die den Dom in Chartres, den Legendenzyklus von König Arthur, das Leben des Heiligen Franz von Assisi, die Kunst Giottos und Dantes Göttliche Komödie hervorgebracht hat, in ihrer eignen Bahn sich nicht weiter entwickeln durfte, sondern gehemmt und verdorben wurde von der traurigen klassischen Renaissance, die uns Petrarca schenkte und Raphaels Fresken und Palladios Architektur und die formenstarre französische Tragödie und die St. Paulskirche und Popes Dichtung und alles, was von außen und nach toten Regeln gemacht ist, statt von innen zu kommen aus einem belebenden Geiste. Allein überall, wo es eine romantische Bewegung in der Kunst gibt, ist irgendwie und unter irgendeiner Gestalt Christus oder Christi Seele. Er ist in »Romeo und Julia«, im »Wintermärchen«, in der provençalischen Poesie, im »Alten Matrosen«, in der »Belle Dame sans merci« und in Chattertons »Ballade von der Barmherzigkeit«.

Wir verdanken ihm die unterschiedlichsten Dinge und Menschen. »Les Misérables« von Hugo, Baudelaires »Fleurs du Mal«, die Mitleidsnote in russischen Romanen, Verlaine und seine Gedichte, das bunte Glas, die Tapeten und die Quattrocento-Arbeiten von Burne-Jones und Morris gehören ebenso zu ihm wie der Glockenturm Giottos, Lancelot und Guinevere, Tannhäuser, die qualvollen romantischen Marmorwerke Michelangelos und der Spitzbogenstil. Auch die Liebe zu Kindern und Blumen. Für beide war in der klassischen Kunst nur wenig Raum übrig, kaum so viel, daß sie darin wachsen und spielen konnten; doch vom zwölften Jahrhundert an bis herab zu unsern Tagen sind sie immerwährend unter verschiedenen Formen und zu verschiedenen Zeiten erschienen – launenhaft und eigenwillig, wozu Kinder, wozu Blumen neigen. Der Lenz machte einem stets den Eindruck, als ob sich die Blumen versteckt hielten und nur ans Licht der Sonne träten, aus Furcht, Erwachsene möchten es müde werden, nach ihnen auszuschaun, und nicht weiter suchen. Und das Leben eines Kindes war nicht mehr als ein Apriltag, an dem die Narzisse bald Regen, bald Sonnenschein hat.

Das Phantasiereiche in Christi eignem Wesen macht ihn zum Puls und Mittelpunkt der Romantik. Die seltsamen Gestalten des poetischen Dramas und der Ballade werden von der Phantasie andrer erdacht, aber völlig aus seiner eignen Phantasie erschuf sich Jesus von Nazareth. Der Prophetenruf Jesaias hatte wirklich mit seinem Erscheinen nicht mehr zu tun, als das Lied der Nachtigall mit dem Aufgang des Mondes – nicht mehr, doch vielleicht auch nicht weniger. Er war sowohl die Verneinung wie die Bestätigung des Prophetenwortes. Auf jede Erwartung, die er erfüllte, kam eine andre, die er vernichtete. »In aller Schönheit«, sagt Bacon, »liegt eine absonderliche Proportion«, und von denen, die vom Geiste geboren, will sagen: die wie er dynamische Kräfte sind, sagt Christus, daß sie dem Winde gleichen, der »bläset, wo er will, aber du weißt nicht, von wannen er kommt und wohin er fährt«. Darum bezaubert er Künstler so. Ihm eignen alle farbigen Lebenselemente: Rätsel, Neuheit, Pathos, Anregung, Verzückung, Liebe. Er spricht das für Wunder empfängliche Naturell an und erzeugt jene Stimmung, aus der heraus er einzig verstanden werden kann.

Und mit Freuden denke ich daran, daß, wenn er ganz und gar ›aus Einbildung besteht‹, die Welt aus demselben Stoffe ist. Im »Dorian Gray« habe ich gesagt, die großen Sünden der Welt vollzögen sich im Hirn. Im Hirn vollzieht sich aber alles. Wir wissen jetzt, daß wir nicht mit dem Auge sehn und nicht mit dem Ohre hören. Auge und Ohr sind in Wirklichkeit zweckdienliche oder unzulängliche Leitungskanäle der Sinneseindrücke. Im Hirn ist der Mohn rot, duftet der Apfel, singt die Feldlerche.

Seit einiger Zeit studiere ich mit heißem Bemühn die vier Prosagedichte, die von Christus handeln. Zu Weihnachten gelang es mir, ein griechisches Testament aufzutreiben, und jeden Morgen, wenn ich meine Zelle gereinigt und mein Zinngeschirr geputzt hatte, las ich ein wenig in den Evangelien, ein Dutzend Verse, aufs Geratewohl herausgegriffen. Es ist eine entzückende Art, damit den Tag zu beginnen. Jeder, selbst wenn er ein stürmisches, schlecht geregeltes Leben führt, sollte es tun. Endlose Wiederholung – zur rechten Zeit und unzeitgemäß – hat uns die Frische, die Naivität, den schlichten, romantischen Zauber der Evangelien verdorben. Wir hören sie viel zu oft und viel zu schlecht lesen, und alle Wiederholung ist geisttötend. Kehrt man aber zum Griechischen zurück, so ist es, als träte man aus enger, dunkler Stube in einen Liliengarten.

Und mir wird die Freude verdoppelt durch die Erwägung, daß wir höchst wahrscheinlich die tatsächlichen Ausdrücke, ipsissima verba Christi vor uns haben. Früher herrschte allgemein die Ansicht, Christus habe aramäisch gesprochen. Sogar Renan dachte es noch. Jetzt aber wissen wir, daß die Bauern in Galiläa zwei Sprachen redeten, wie heutzutage die irischen Bauern, und daß Griechisch in ganz Palästina, ja im ganzen Orient die übliche Verkehrssprache war. Ich konnte mich nie mit dem Gedanken befreunden, daß wir die eignen Worte Christi nur durch die Übersetzung einer Übersetzung kennen sollten. Mit Entzücken denke ich jetzt daran, daß Charmides seiner Unterhaltung zugehört, Sokrates mit ihm philosophiert, Plato ihn verstanden haben könnte; daß er wirklich sagte: »Ἐγώ εἰμι ὁ ποιμὴν ὁ καλός«; daß, als er der Lilien auf dem Felde gedachte, die nicht arbeiten und nicht spinnen, sein Ausdruck unbedingt lautete: »Καταμάθετε τὰ κρίνα τοῦ ἀγροῦ πῶς αὐξάνει· οὐ κοπιᾷ, οὐδὲ νήθει«; und daß sein letztes Wort, als er ausrief: »Mein Leben ist zu Ende, hat seine Erfüllung gefunden, ist vollendet«, genau hieß, wie Johannes uns mitteilt: »Τετέλεσται« – nichts weiter.

Beim Lesen der Evangelien – zumal dessen, das Johannes selbst verfaßt hat oder sonst ein Gnostiker der Frühzeit, der seinen Namen als Deckmantel benutzte – erblicke ich darin, wie sich die Phantasie beständig geltend macht, die Grundlage alles geistigen und materiellen Lebens, sehe ich ferner, daß für Christus die Phantasie einfach eine Form der Liebe und die Liebe im vollsten Sinne des Wortes Herr war.

Ungefähr vor sechs Wochen erlaubte mir der Arzt, Weißbrot zu essen statt des groben schwarzen oder braunen Brotes, der üblichen Gefängniskost. Es ist ein Leckerbissen. Es wird seltsam klingen, daß einem trocknes Brot ein Leckerbissen sein kann. Mir ist es das so sehr, daß ich nach jeder Mahlzeit sorgsam alle Krumen esse, die auf meinem Zinnteller übrig geblieben oder auf das rauhe Handtuch gefallen sind, das man über seinen Tisch deckt, um ihn nicht zu beschmutzen; ich tue es nicht aus Hunger – jetzt bekomme ich völlig ausreichend zu essen – sondern einfach, damit nichts von dem, was man mir gibt, verschwendet werde. So soll man es mit der Liebe halten.

Christus besaß, wie alle bestrickenden Persönlichkeiten, die Gabe, nicht nur selbst Schönes zu sagen, sondern sich auch von andern Schönes sagen zu lassen. Ich liebe die Geschichte, die uns Markus von dem griechischen Weib erzählt, das, als Jesus, um ihren Glauben zu prüfen, zu ihr sprach, er könne ihr nicht das Brot der Kinder Israels geben, ihm antwortete: »Die Hündlein – χυνάρια – unter dem Tische essen von den Brosamen der Kinder«. Die meisten Menschen leben für Liebe und Bewunderung. Von Liebe und Bewunderung sollten wir leben. Erweist man uns Liebe, so sollten wir erkennen, daß wir ihrer ganz unwert sind. Niemand verdient geliebt zu werden. Die Tatsache, daß Gott die Menschen liebt, zeigt uns, daß in der göttlichen Anordnung der ideellen Güter geschrieben steht, ewige Liebe solle dem ewig Unwürdigen geschenkt werden. Oder, wenn der Satz zu bitter klingt, sagen wir so: jeder verdient Liebe, nur der nicht, der glaubt, daß er sie verdiene. Die Liebe ist ein Sakrament, das man kniend empfangen soll, und »Domine, non sum dignus« müßte auf den Lippen und im Herzen derer sein, die es erhalten.

Wenn ich je wieder schreibe, ich meine: ein Kunstwerk schaffe, möchte ich mich just über und durch zwei Themen äußern: das eine heißt »Christus als Vorläufer der romantischen Bewegung im Leben«; das andre »Künstlerleben und Lebenskunst«. Das erste ist natürlich außerordentlich verlockend; denn ich erblicke in Christus nicht nur die wesentlichen Merkmale des höchsten romantischen Typus, sondern auch alles Zufällige, sogar die Eigenwilligkeiten des romantischen Temperaments. Er hat als erster die Menschen aufgefordert, ein ›blumengleiches Leben‹ zu führen. Er hat den Ausdruck geprägt. Er sah in Kindern das Vorbild dessen, was man streben soll zu werden. Er stellte sie älteren Leuten als Muster hin; das habe auch ich stets für den Hauptzweck der Kinder gehalten, sofern das Vollkommne einen Zweck haben soll. Dante beschreibt die Seele eines Menschen, wie sie aus der Hand des Schöpfers hervorgeht, »weinend und lachend wie ein kleines Kind«, und auch Christus erkannte, daß die Seele eines jeden »a guisa di fanciulla che piangendo e ridendo pargoleggia« sein soll. Er fühlte, daß das Leben wechselvoll, flüssig, handlungsreich und daß es der Tod sei, es in irgendeine starre Form zwängen zu lassen. Er sah ein, daß die Menschen die materiellen Interessen des Tages nicht zu ernst nehmen dürften; daß es etwas Großes sei, unpraktisch zu sein; daß man sich nicht zu viel Gedanken über den Lauf der Welt machen dürfe. Die Vögel kümmerten sich ja auch nicht darum, warum also die Menschen? Es ist köstlich, wenn er sagt: »Sorget nicht für den anderen Morgen! Ist nicht das Leben mehr denn die Speise? und der Leib mehr denn die Kleidung?« Ein Grieche hätte das letzte sagen können, so sehr spricht sich darin griechisches Fühlen aus. Aber Christus allein konnte beides sagen und damit für uns die Summe des Lebens zusammenfassen.

Seine Moral ist durchaus Liebe, eben was Moral sein soll. Hätte er nichts weiter gesagt als: »Ihr sind viele Sünden vergeben, denn sie hat viel geliebet«, es hätte sich verlohnt, für ein solches Wort zu sterben. Seine Gerechtigkeit ist durchaus poetische Gerechtigkeit, genau das, was Gerechtigkeit sein soll. Der Bettler kommt in den Himmel, weil er unglücklich gewesen ist. Ich kann mir keinen besseren Grund dafür denken. Die Leute, die eine Stunde am kühlen Abend im Weinberg arbeiten, erhalten ebensoviel Belohnung wie die, welche sich den ganzen Tag über in der heißen Sonne abgemüht haben. Warum auch nicht? Wahrscheinlich hat keiner etwas verdient. Oder es waren vielleicht Menschen von verschiedener Art. Christus konnte die stumpfen, leblosen, mechanischen Systeme nicht ausstehn, die Menschen wie Dinge und folglich alle gleich behandeln. Gesetze gab es für ihn nicht, nur Ausnahmen, als ob jeder und jedes seinesgleichen nicht noch einmal auf der Welt hätte.

Das, was der Grundton der romantischen Kunst ist, war für ihn die eigentliche Basis des natürlichen Lebens. Eine andre sah er nicht. Und als man ein Weib zu ihm brachte, das auf frischer Tat im Ehebruch ergriffen war, und ihm ihr Urteil, wie es im Gesetz geschrieben stand, vorwies und ihn fragte, was geschehn solle, da schrieb er mit dem Finger auf die Erde, wie wenn er sie nicht höre, und als sie von neuem in ihn drangen, da blickte er schließlich auf und sprach: »Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie«. Es verlohnte sich, für ein solches Wort zu leben.

Wie alle Dichternaturen, liebte er Ungebildete. Er wußte, daß in der Seele eines Ungebildeten stets Raum für eine große Idee ist. Aber Dumme waren ihm unerträglich, besonders die, welche die Erziehung verdummt hat: Leute, die voll Ansichten sind, davon sie keine einzige wirklich verstehn – ein vornehmlich moderner Typus, den Christus zusammenfassend als den Typus dessen beschreibt, der den Schlüssel zum Wissen hat, ihn selbst nicht gebrauchen kann und andern den Gebrauch nicht gestattet, wenn der Schlüssel auch dazu da ist, das Tor zum Reiche Gottes zu öffnen.

Sein Hauptkrieg war gegen die Philister gerichtet. Diesen Krieg hat jedes Kind des Lichts zu führen. Das Philistertum war das Kennzeichen des Zeitalters und des Staates, darin er lebte. In ihrer schwerfälligen Unzugänglichkeit, ihrer stumpfen Ehrbarkeit, ihrer langweiligen Orthodoxie, ihrer Anbetung der Tagesgötzen, ihrer völligen Befangenheit in grob materialistischen Lebensfragen, ihrem lächerlichen Selbstdünkel und ihrer Wichtigtuerei waren die Juden in Jerusalem zur Zeit Christi genau das Seitenstück zum britischen Philister unsrer Tage. Christus verspottete die »übertünchten Gräber« der Ehrbarkeit und hat diesen Ausdruck für alle Zeiten geprägt. Er behandelte den weltlichen Erfolg als etwas durchaus Verächtliches. Er sah gar nichts darin. Er betrachtete den Reichtum als eine Beschwer für den Menschen. Er wollte von einem Leben nichts wissen, das irgendeinem philosophischen oder ethischen System geopfert wird. Er setzte auseinander, daß Formen und Bräuche für den Menschen da seien, aber nicht der Mensch für Formen und Bräuche. Er hielt die Sabbatheiligung für etwas Nichtiges. Die kalte Philanthropie, das Schaugepränge der öffentlichen Wohltätigkeitsanstalten, der lästige Formalismus, den der Spießbürgerverstand so liebt, wurden von ihm mit äußerstem, unerbittlichem Hohn gegeißelt. Uns ist, was Orthodoxie heißt, bloß ein bequemes, geistloses Ja- und Amen-Sagen; ihnen aber und in ihrer Hand war es eine furchtbare, lähmende Tyrannei. Christus räumte damit auf. Er zeigte, daß der Geist allein von Wert sei. Es bereitete ihm hohe Lust, ihnen klarzumachen, daß sie zwar beständig das Gesetz und die Propheten läsen, in Wirklichkeit aber nicht die geringste Ahnung hätten, was beide bedeuteten. Im Gegensatz zu ihnen, die jeden einzelnen Tag mit seiner starren Schablone vorgeschriebener Pflichten verzehnteten, ebenso wie sie Minze und Raute verzehnten, predigte er, wie es über alle Maßen wichtig sei, durchaus dem Augenblick zu leben.

Die er von ihren Sünden erlöste, die werden einfach um schöner Momente willen in ihrem Leben erlöst. Als Maria Magdalena Christus erblickt, zerbricht sie die kostbare Alabastervase, die einer ihrer sieben Liebhaber ihr geschenkt hat, und gießt die wohlriechenden Salben über seine ermüdeten, staubigen Füße aus; dieses einen Moments wegen sitzt sie für alle Zeiten mit Ruth und Beatrice unter den Gewinden aus schneeweißen Rosen im Paradiese. Alles, was Christus in leise mahnendem Tone zu uns spricht, ist, daß jeder Augenblick schön, daß die Seele stets zur Ankunft des Bräutigams gerüstet sein und immer auf die Stimme des Liebenden warten soll, wobei das Philistertum einfach der Teil des menschlichen Wesens ist, der nicht von der Phantasie erhellt wird. Christus betrachtet alle lieblichen Einflüsse des Lebens als Lichtgattungen: die Phantasie selbst ist das Weltlicht, τò φως τον χόσμον. Die Welt ist von ihr erschaffen, und sie kann es doch nicht fassen; das kommt daher, daß die Phantasie nur eine Offenbarung der Liebe ist, und die Liebe und die Innigkeit zu lieben unterscheiden ein Geschöpf vom andern.

Aber wenn er es mit einem Sünder zu tun hat, ist Christus am romantischsten im Sinne von am wirklichsten. Die Welt hatte von jeher den Heiligen als die nächstmögliche Stufe zur Vollendung Gottes geliebt. Christus scheint vermöge eines göttlichen Instinkts den Sünder von jeher als die nächstmögliche Stufe zur Vollendung des Menschen geliebt zu haben. Sein vornehmlichster Zweck war nicht, die Leute zu bessern, so wenig wie es sein vornehmlichster Zweck war, Leiden zu lindern. Ihm kam es nicht darauf an, einen interessanten Dieb in einen langweiligen Ehrenmann zu verwandeln. Er hätte von der Gesellschaft zur Unterstützung haftentlassener Sträflinge und ähnlichen modernen Bestrebungen wenig gehalten. Die Bekehrung eines Zöllners zu einem Pharisäer wäre ihm nicht als Heldentat erschienen. Doch in einer von der Welt noch nicht begriffenen Weise erachtete er Sünde und Leiden als etwas an sich Schönes und Heiliges, als Grade der Vollendung.

Das klingt sehr gefährlich. Ist es auch – alle großen Ideen sind gefährlich. Daß dies Christi Glaube war, daran ist kein Zweifel möglich. Daß es der wahre Glaube ist, bezweifle ich selbst nicht.

Der Sünder muß natürlich bereun. Aber warum? Einfach aus dem Grunde, weil er sonst nicht imstande wäre, das, was er getan hat, zu begreifen. Der Moment der Reue ist der Moment der Weihe. Ja, noch mehr: ist das Mittel, durch das man seine Vergangenheit ändert. Die Griechen hielten das für unmöglich. In ihren Sinnsprüchen heißt es oft: »Nicht einmal die Götter können die Vergangenheit ändern«. Christus zeigte, daß der gemeinste Sünder dazu in der Lage sei; daß es das einzige sei, was er tun könne. Hätte man Christus gefragt, er würde – ich bin dessen ganz sicher – gesagt haben, daß der verlorene Sohn, nachdem er sein Gut mit Dirnen verpraßt und dann die Schweine gehütet und Hunger gelitten und nach den Trebern begehrt hatte, die sie aßen, in dem Augenblick, da er auf die Knie fiel und weinte, all das zu schönen und heiligen Momenten seines Lebens machte. Den meisten Menschen wird es schwer, den Gedanken zu fassen. Vielleicht muß man im Gefängnis gewesen sein, um ihn zu verstehn. Dann verlohnte es sich der Mühe, im Gefängnis zu sitzen.

Christi Gestalt hat etwas so Einziges. Gewiß, grade so wie es trügerische Lichtschimmer vor der Dämmerung gibt und Wintertage, an denen die Sonne plötzlich so hell scheint, daß sie den vorsichtigen Krokus verlocken, sein Gold vor der Zeit zu verschwenden, und ein törichter Vogel seinem Weibchen zuruft, das Nest auf kahlen Zweigen zu baun: so gab es Christen vor Christus. Dafür müßten wir dankbar sein. Leider hat es nur seitdem keine mehr gegeben. Mit einer Ausnahme: Franz von Assisi. Aber ihm hatte Gott bei seiner Geburt die Seele eines Dichters verliehn, so wie er selbst, da er noch ganz jung war, in mystischer Ehe die Armut zu seiner Braut erkoren hatte; und mit der Seele eines Dichters und dem Leib eines Bettlers fand er den Weg zur Vollendung nicht schwer. Er verstand Christus und ward ihm dadurch ähnlich. Wir wollen nicht vom Liber Conformitatum belehrt sein, daß das Leben des Heiligen Franz die wahre Imitatio Christi gewesen sei – ein Gedicht, im Vergleich mit dem das Buch jenes Namens bare Prosa ist.

In der Tat, das ist in letztem Betracht der Reiz, der von Christus ausgeht: er gleicht völlig einem Kunstwerk. Er lehrt uns wirklich nichts, aber dadurch, daß wir mit ihm in Berührung kommen, werden wir etwas. Und jeder ist dazu prädestiniert. Einmal mindestens im Leben geht jeder Mensch mit Christus nach Emmaus.

Was das andre Thema betrifft, »Künstlerleben und Lebenskunst«, so wirst Du es zweifellos merkwürdig finden, daß ich es mir wähle. Die Menschen deuten auf das Zuchthaus in Reading und sagen: »Dahin führt einen das Künstlerleben«. Nun, es könnte zu noch schlimmeren Stätten führen. Banausen, denen das Leben eine scharfsinnige Spekulation ist, die sich aus einer sorgfältigen Berechnung der Mittel und Wege ergibt, wissen immer, wohin sie gehn, und gehn dahin. Sie treten mit dem idealen Lebenszweck auf den Plan, Kirchendiener zu werden, und einerlei, auf welchen Posten man sie stellt, es gelingt ihnen. Mehr nicht. Wer danach trachtet, etwas zu werden, das nicht in ihm liegt: Parlamentsmitglied, ein erfolgreicher Gewürzkrämer, ein hervorragender Anwalt, Richter oder sonst etwas gleich Langweiliges, sieht allemal sein Streben von Erfolg gekrönt. Das ist seine Strafe. Wer eine Larve will, muß sie tragen.

Doch mit den treibenden Kräften des Lebens und denen, die diese Kräfte verkörpern, verhält es sich anders. Menschen, die nur auf die Entfaltung ihres eignen Ichs aus sind, wissen niemals, wohin ihr Weg sie führt. Sie können es nicht wissen. In einer Bedeutung des Wortes ist es natürlich nötig, wie es das griechische Orakel verlangte, sich selbst zu kennen; das ist der erste Schritt zu allem Wissen. Aber die Erkenntnis, daß die Menschenseele unergründlich sei, ist der Weisheit letzter Schluß. Wir selbst sind das Endgeheimnis. Hat man die Sonne auf die Wagschale gelegt, den Lauf des Mondes gemessen und die sieben Himmel Stern für Stern auf der Karte verfolgt, so bleibt noch eins übrig: wir selbst. Wer kann die Bahn seiner eignen Seele berechnen? Als der Sohn ausging, seines Vaters Eselinnen zu suchen, wußte er nicht, daß ein Mann Gottes mit dem Krönungssalböl auf ihn wartete und daß seine Seele bereits die Seele eines Königs war.

Ich hoffe, so lange am Leben zu bleiben und solche Werke zu schaffen, daß ich am Ende meiner Tage sprechen darf: »Da seht ihr es nun, wohin das Künstlerleben einen Menschen führt!« Zu dem Vollkommensten, das mir im Bereich meiner Erfahrung begegnet ist, gehört das Leben Verlaines und das des Fürsten Kropotkin. Beides Männer, die jahrelang im Gefängnis gesessen haben: Verlaine der einzige christliche Dichter seit Dante; der andre ein Mann mit der Seele jenes schönen, weißen Christus, der aus Rußland hervorzugehn scheint. Und während der letzten sieben oder acht Monate habe ich, trotz einer Reihe großer Unannehmlichkeiten, die ohne Unterbrechung von der Außenwelt an mich herangetreten sind, enge Fühlung unterhalten mit einem neuen Geist, der in diesem Gefängnis Menschen und Dinge beseelt und mir mehr, als ich es in Worten auszudrücken vermöchte, zugute gekommen ist. Habe ich im ersten Jahre meiner Haft nichts andres getan und kann ich mich an nichts andres erinnern, als daß ich in ohnmächtiger Verzweiflung die Hände rang und ausrief: »Was für ein Ende, was für ein entsetzliches Ende!« so versuche ich jetzt mir zu sagen und sage auch manchmal, wenn ich mich nicht selbst quäle, wirklich und aufrichtig: »Was für ein Anfang, was für ein wunderbarer Anfang!« Das mag es wahrhaft werden. Und wenn es dazu kommt, so verdanke ich viel der neuen Persönlichkeit, die das Leben aller an diesem Orte geändert hat. Die Dinge an sich sind von geringer Bedeutung – laßt uns wenigstens einmal der Philosophie für etwas danken, das sie uns gelehrt hat – ich meine nicht die Vorschriften, denn die sind nach eisernen Regeln bestimmt, sondern den Geist, der in ihnen waltet.

Du kannst das ermessen, wenn ich sage: wär‘ ich letzten Mai auf freien Fuß gesetzt worden, wie ich es versuchte, ich hätte diesen Ort voll Abscheu verlassen und alle Beamten hier mit so bittrem Hasse, daß er mein Leben vergiftet hätte. Ich mußte noch ein Jahr im Kerker bleiben, aber Menschlichkeit war für uns alle ins Gefängnis eingezogen; und wenn ich jetzt loskomme, werde ich mich stets der großen Freundlichkeit erinnern, die ich hier fast von allen erfahren habe, und am Tage meiner Entlassung werde ich vielen vielmals danken und sie bitten, sich meiner mitunter zu erinnern.

Die Gefängniseinrichtungen sind durch und durch verkehrt. Ich gäbe alles darum, wenn ich hierin später Wandel schaffen könnte. Ich habe auch vor, es zu versuchen. Aber nichts in der Welt ist so verkehrt, daß der Geist der Humanität, der der Geist der Liebe ist, der Geist Christi, den man nicht in Kirchen antrifft, es wenn auch nicht ins rechte Geleise bringen, so doch ohne allzu große Verbitterung erträglich machen könnte.

Ich weiß ferner, daß draußen vieles meiner harrt, was entzückend ist: von dem angefangen, was der Heilige Franz von Assisi »meinen Bruder den Wind und meine Schwester das Wasser« nennt – beides eine Wonne –, bis zu den Schaufenstern und den Sonnenuntergängen der Großstädte. Wenn ich eine Liste machen wollte von alledem, was mir noch bleibt, ich wüßte nicht, wo ich aufhören sollte: denn wahrlich, Gott hat die Welt ebenso gut für mich wie für irgend jemand erschaffen. Vielleicht trete ich hinaus im Besitze von etwas, das ich zuvor nicht hatte. Ich brauche Dir nicht zu sagen, daß für mich Moralreformen ebenso bedeutungslos und abgeschmackt sind wie theologische Reformen. Aber während es unwissenschaftliche Heuchelei wäre, wollte man sich vornehmen, ein besserer Mensch zu werden, ist es das Vorrecht dessen, der gelitten, ein tieferer Mensch geworden zu sein. Und das bin ich, glaube ich, geworden.

Gäbe nach meiner Entlassung einer meiner Freunde ein Fest und lüde mich nicht dazu ein, so wäre mir gar nichts daran gelegen. Ich kann mit mir selbst ganz glücklich sein. Mit Freiheit, Blumen, Büchern und dem Monde – wer könnte nicht ganz glücklich sein? Außerdem passen Feste nicht mehr zu mir. Ich habe zu viele gegeben, um ihnen noch einen Reiz abzugewinnen. Dieser Teil des Lebens ist für mich vorüber, sehr zu meinem Glück, möchte ich sagen. Aber wenn nach meiner Entlassung einer meiner Freunde einen Kummer hätte und mir nicht gestatten wollte, ihn zu teilen, das würde ich schmerzlich empfinden. Wenn er mir die Tore des Trauerhauses verschlösse, würde ich immer wieder kommen und um Einlaß bitten, damit ich an dem Anteil hätte, wozu ich befugt wäre. Wenn er mich für unwürdig hielte, für ungeeignet, mit ihm zu weinen, würde ich es als die grausamste Erniedrigung betrachten, als die schrecklichste Art, auf die mir ein Schimpf zugefügt werden könnte. Aber das wäre ja gar nicht möglich. Ich habe ein Recht, den Gram zu teilen; wer die Lieblichkeit der Welt schaun, ihren Gram teilen und etwas von dem Wunderbaren, das in beiden liegt, ermessen kann, der steht in unmittelbarer Berührung mit göttlichen Dingen und ist Gottes Geheimnis so nahe gekommen, wie es irgend jemand vermag.

Vielleicht dringt auch in meine Kunst, nicht minder als in mein Leben, eine noch tiefere Note, eine Note von größerer Einheitlichkeit der Leidenschaft und stärkerer Unmittelbarkeit. Intensität, nicht Extensität ist das wahre Ziel der modernen Kunst. Wir haben es in der Kunst nicht mehr mit dem Typus zu tun, sondern mit der Ausnahme. Ich kann meine Leiden nicht in eine Form bringen, die sie gehabt haben – das brauche ich kaum zu sagen. Die Kunst fängt erst da an, wo die Nachahmung aufhört; aber etwas muß in mein Werk kommen: ein vollerer Wortklang vielleicht, reichere Melodie, seltsamere Wirkungen, ein schlichteres architektonisches Gefüge – auf jeden Fall ästhetische Werte.

Als Marsyas ›aus der Scheide seiner Glieder gezogen wurde‹ – della vagina delle membra sue, um eins von Dantes furchtbarsten, taciteischen Bildern zu gebrauchen – da war es mit seinem Lied zu Ende, sagten die Griechen. Apollo war Sieger geblieben. Die Hirtenflöte war der Leier unterlegen. Aber vielleicht befanden sich die Griechen im Irrtum. Ich höre in der modernen Kunst vielfach den Schrei des Marsyas: bitter bei Baudelaire, süß und klagend bei Lamartine, geheimnisvoll bei Verlaine. In den hingehaltenen Auflösungen der Chopinschen Musik. In dem Mißvergnügen, das die immer wiederkehrenden Frauengesichter bei Burne-Jones umwittert. Sogar Matthew Arnold, dessen Lied des Callicles von dem »Triumph der süßen, eindrucksvollen Leier« und dem »berühmten schließlichen Siege« in so hellen Tönen von lyrischer Schönheit erzählt – sogar er hat in der angstvollen Unterstimme seiner Verse, aus denen Zweifel und Pein klingen, ein gut Teil davon; weder Goethe noch Wordsworth konnten ihm helfen, obwohl er sich abwechselnd beiden anschloß. Und wenn er »Thyrsis« zu beklagen oder von dem »Zigeuner-Studenten« zu singen versucht, muß er zur Hirtenflöte greifen, um seine Stimmung wiederzugeben. Ob nun der phrygische Faun verstummt ist oder nicht: ich kann nicht schweigen. Mir ist Darstellen eine Notwendigkeit, wie Treiben und Blühn den schwarzen Ästen der Bäume, die über die Gefängnismauern ragen und so ruhelos im Winde schwanken. Zwischen meiner Kunst und der Welt klafft jetzt eine weite Kluft, aber nicht zwischen der Kunst und mir. Ich hoffe es wenigstens nicht.

Einem jeden von uns ist ein andres Los beschieden. Dir: Freiheit, Freuden, Vergnügungen, Wohlbehagen; mir sind öffentliche Schande, lange Kerkerhaft, Elend, Bankrott, Entehrung zugefallen, doch ich bin es nicht wert – noch nicht zum mindesten. Ich erinnre mich, davon gesprochen zu haben, ich dächte, eine wirkliche Tragödie ertragen zu können, wenn sie mir im Purpurmantel und in der Maske eines edlen Schmerzes nahe; das Schreckliche der Moderne sei dagegen, daß sie die Tragödie ins Gewand der Komödie stecke, wodurch die großen Wirklichkeiten alltäglich, grotesk oder stillos erschienen. Das mit der Moderne hat seine Richtigkeit. Auf das gegenwärtige Leben ist es vermutlich immer zugetroffen. Man hat behauptet, alle Martyrien kämen dem Zuschauer gemein vor. Das neunzehnte Jahrhundert macht keine Ausnahme von der Regel.

Alles an meiner Tragödie ist scheußlich, gemein, abstoßend, stillos gewesen; schon unsre Kleidung läßt uns grotesk erscheinen. Wir sind die Hanswürste des Leids. Wir sind Clowns mit gebrochnem Herzen. Wir haben die besondre Bestimmung, auf die Lachmuskeln zu wirken. Am 13. November 1895 hat man mich von London hierher geschafft. Von zwei bis halb drei Uhr nachmittags mußte ich an diesem Tag in Sträflingskleidung und Handschellen auf dem mittleren Bahnsteig der Station Clapham Junction stehn, den Bücken der Welt ausgesetzt. Ich war aus der Krankenabteilung geholt worden, ohne auch nur eine Minute vorher darauf vorbereitet zu werden. Unter allen möglichen Verworfenen war ich der groteskeste. Als mich die Leute sahen, lachten sie. Mit jedem neuen Zug, der ankam, vermehrten sich die Zuschauer. Ihr Spaß kannte keine Grenzen. Das war natürlich so, ehe sie wußten, wer ich war. Sobald sie es erfahren hatten, lachten sie noch mehr. Eine halbe Stunde lang stand ich im grauen Novemberregen da, vom johlenden Pöbel umringt.

Noch ein Jahr, nachdem mir das widerfahren, habe ich jeden Tag zur selben Stunde gleich lange geweint. Das ist nicht so tragisch, wie es Dir wahrscheinlich klingt. Denen, die im Gefängnis sitzen, sind Tränen ein Teil ihrer täglichen Erfahrung. Ein Tag im Gefängnis, an dem man nicht weint, ist ein Tag, an dem unser Herz verhärtet, kein Tag, an dem unser Herz glücklich ist.

Nun denn, ich bedaure allmählich die Leute, die lachten, wirklich mehr als mich. Als sie mich sahen, stand ich natürlich nicht auf meinem Piedestal, ich stand am Pranger. Aber ein ganz phantasieloses Wesen kümmert sich nur um Leute auf dem Piedestal. Ein Piedestal kann etwas sehr Unwirkliches sein; der Pranger ist eine fürchterliche Wirklichkeit. Sie hätten auch den Schmerz besser auslegen sollen. Ich sagte schon: hinter dem Schmerze birgt sich stets Schmerz. Es wäre noch richtiger zu sagen: hinter dem Schmerze birgt sich stets eine Seele. Und eine Seele in ihrer Qual verspotten ist etwas Grausiges. Wer das tut, dessen Leben ist unschön. In dem merkwürdig einfachen Haushalt der Welt bekommt man nur, was man fortgibt; kann man denen, die nicht genug Phantasie haben, die bloße Außenseite der Dinge zu durchschaun und Mitleid zu empfinden, ein andres Mitleid zollen als das der Verachtung?

Ich schreibe diesen Bericht über meine Überführung in dieses Gefängnis nur nieder, damit es einleuchte, wie schwer es mir wurde, meiner Strafe irgendetwas andres als Verbitterung und Verzweiflung abzugewinnen. Immerhin muß ich es tun, und ab und zu habe ich Momente der Ergebung und Unterwürfigkeit. In der einzelnen Knospe mag sich, der ganze Frühling verstecken, und das Nest der Lerche in den Ackerfurchen kann alle Wonne umspannen, die dereinst dem Fuße mancher rosigen Morgenröte voraufeilt. So ist vielleicht auch alle Schönheit, die mir das Leben noch aufspart, in einem Augenblick der Hingabe, der Erniedrigung und Demütigung enthalten. Wie dem auch sei, ich kann lediglich in den Geleisen meiner eignen Entwicklung weiter schreiten und dadurch, daß ich alles hinnehme, was mir widerfahren ist, mich dessen würdig erzeigen.

Man pflegte mir nachzusagen, ich sei zu individuell. Ich muß ein noch viel größerer Individualist werden, als ich je war. Ich muß weit mehr aus mir herausholen, als ich je tat, und weniger von der Welt heischen. Im Grunde war mein Verderben nicht die Folge eines zu großen, sondern eines zu geringen Individualismus. Der einzige schändliche, unverzeihliche und für alle Zeiten verächtliche Schritt meines Lebens bestand darin, daß ich mir erlaubte, die Gesellschaft um Hilfe und Schutz anzugehn. Vom individualistischen Standpunkt aus wäre es schon schlimm genug gewesen, derart bei ihr Zuflucht zu suchen; aber welche Entschuldigung läßt sich je zu meinen Gunsten vorbringen? Sobald ich einmal die Kräfte der Gesellschaft in Gang gebracht hatte, wandte sie sich selbstverständlich gegen mich und sagte: ›Du hast die ganze Zeit meinen Gesetzen zum Trotz gelebt und rufst nun diese Gesetze zum Schutz an? Man wird dich diese Gesetze in vollem Maße spüren lassen. Du sollst die Folgen davon tragen‹. Das Ergebnis ist, daß ich im Kerker sitze. Und ich hab im Laufe meiner drei Prozesse die schmachvolle Ironie meiner Stellung bitter empfunden.

Sicher ist nie ein Mensch so schändlich und durch so schändliche Werkzeuge gefallen wie ich. An einer Stelle des »Dorian Gray« heißt es: »Man kann in der Wahl seiner Feinde nicht vorsichtig genug sein«. Ich ließ es mir nicht träumen, daß ich durch Parias selbst zum Paria werden sollte. Deshalb verachte ich mich so.

Das Philisterhafte im Leben besteht nicht in dem Unvermögen, die Kunst zu begreifen. Reizende Menschen, wie Fischer, Hirten, Pflüger, Bauern und dergleichen, wissen nichts von der Kunst und sind doch das Salz der Erde. Der ist der wahre Philister, der den schwerfälligen, lästigen, blinden, mechanischen Kräften der Gesellschaft Vorschub leistet und sie unterstützt, ohne die dynamische Kraft, wenn er sie in einem Menschen oder in einer Bewegung trifft, zu erkennen.

Man hat es mir entsetzlich verdacht, daß ich die Schädlinge des Lebens zu Tische lud und an ihrer Gesellschaft Vergnügen fand. Jedoch von dem Standpunkt aus, von dem ich ihnen als Künstler im Leben nahetrete, waren sie herrlich anregende Reizmittel. Es war, wie wenn man mit Panthern schwelgte; die Gefahr war der halbe Rausch. Ich kam mir vor wie ein Schlangenbeschwörer, wenn er die Kobra durch seinen Lockruf dahin bringt, sich von dem bunten Tuch oder aus dem Rohrkorb zu erheben, und sie auf seinen Befehl ihr Schild breiten und in der Luft hin und her schwingen läßt, wie eine Pflanze geruhig im Strome schwingt. Sie waren für mich die leuchtendsten vergoldeten Schlangen, ihr Gift ein Teil ihrer Vollkommenheit. Ich wußte nicht, daß sie ihren Angriff auf mich nach der Pfeife eines andern und gegen Bezahlung unternehmen sollten. Ich schäme mich keineswegs, sie gekannt zu haben, sie waren höchst interessant; wessen ich mich aber schäme, das ist der greulich philiströse Dunstkreis, in den ich geschleppt wurde. Meine Beschäftigung als Künstler rief mich zu Ariel. Ich machte mich daran, mit Caliban zu ringen. Statt prachtvoll farbige, musikalische Werke zu schreiben, wie »Salome«, die »Florentinische Tragödie« und »La Sainte Courtisane«, zwang ich mir lange Advokatenbriefe ab und sah mich genötigt, mich unter den Schutz eben der Dinge zu begeben, gegen die ich mich von jeher verwahrt hatte. Clibborn und Atkins waren wundervoll in ihrem niederträchtigen Kriege gegen das Leben. Sie zu bewirten war ein erstaunliches Wagestück; der ältere Dumas, Cellini, Goya, Edgar Allan Poe, Baudelaire würden genau dasselbe getan haben. Abscheulich ist mir die Erinnrung an endlose Besuche, die ich dem Rechtsanwalt Humphreys machte: in dem gräßlich blendenden Licht eines kahlen Zimmers saß ich da mit ernsthaftem Gesicht und redete einem glatzköpfigen Herrn ernsthafte Lügen vor, bis ich wirklich vor Langweile ächzte und gähnte. Da befand ich mich so recht im Mittelpunkt von Philistäa, von allem entfernt, was schön, glänzend, wunderbar, kühn ist. Ich war als Vorkämpfer der Ehrbarkeit, der Sittenstrenge im Leben und der Moral in der Kunst aufgetreten. Voilà où mènent les mauvais chemins.

Und das Sonderbare für mich ist, daß Du versucht haben mußt, Deinen Vater in seinen Hauptwesenszügen nachzuahmen. Ich kann nicht begreifen, warum er Dir ein Vorbild war, wo er ein warnendes Beispiel hätte sein sollen; nur daß überall, wo Haß zwischen zwei Menschen besteht, ein Band oder eine Brüderschaft irgendwelcher Art ist. Vermöge eines seltsamen Gesetzes der Antipathie des Ähnlichen verabscheutet ihr einander wohl, nicht weil ihr in so vielen Punkten so verschieden, sondern weil ihr in etlichen so gleich wart. Im Juni 1893, als Du Oxford verließest, ohne akademischen Grad und mit Schulden, an sich gering, doch beträchtlich für einen Mann vom Einkommen Deines Vaters, schrieb er Dir einen sehr gemeinen, rohen, beleidigenden Brief. Der Brief, den Du als Antwort darauf sandtest, war in jeder Beziehung schlimmer und natürlich weit weniger entschuldbar, und deshalb warst Du äußerst stolz auf ihn. Ich erinnre mich noch ganz gut, Du sagtest zu mir mit Deinem dünkelhaftesten Gebaren, Du könnest Deinen Vater »in seinem eignen Gewerbe« schlagen. Ganz richtig. Doch was für ein Gewerbe! Was für ein Wettbewerb! Du pflegtest Deinen Vater zu verlachen und zu höhnen, weil er sich aus dem Haus Deines Vetters, wo er wohnte, entfernte, um Schmutzbriefe aus einem benachbarten Hotel an ihn zu schreiben. Du pflegtest es mit mir ebenso zu halten. Du aßest mittags ständig mit mir in einem öffentlichen Restaurant, schmolltest oder führtest während des Essens einen Auftritt herbei, zogst Dich dann in White’s Club zurück und schriebst mir einen hundsgemeinen Brief. Der einzige Unterschied zwischen Dir und Deinem Vater war der, daß Du, nachdem Du Deinen Brief an mich durch Eilboten abgesandt hattest, einige Stunden später zu mir in die Wohnung kamst, nicht um Dich zu entschuldigen, sondern um zu erfahren, ob ich schon das Abendessen im Savoy bestellt hätte, und wenn nicht, warum nicht. Manchmal kamst Du tatsächlich, ehe der beleidigende Brief gelesen war. Ich erinnre mich einer Gelegenheit, da hattest Du mich gebeten, zum Lunch ins Café Royal zwei Deiner Freunde einzuladen, von denen ich einen nie im Leben gesehn hatte. Ich tat es und bestellte auf Deinen besondern Wunsch ein besonders üppiges Mahl. Der Küchenchef – ich seh‘ ihn noch – wurde geholt und ins Einzelne gehende Weisungen für die Weine gegeben. Statt zum Essen zu kommen, schicktest Du mir ins Café einen Schmähbrief, der so der Zeit nach abgemessen war, daß er mich erreichte, nachdem wir eine halbe Stunde auf Dich gewartet hatten. Ich las die erste Zeile und wußte Bescheid, steckte den Brief in die Tasche und verständigte Deine Freunde, Du seist plötzlich erkrankt; der übrige Brief handle von den Krankheitserscheinungen. Tatsächlich las ich den Brief erst, als ich mich in Tite-Street abends zum Essen umzog. Ich hielt mitten in seinem Schlamm, voll unendlicher Trauer, wie Du Briefe schreiben konntest, die wirklich dem Schaum und Gischt auf den Lippen eines Epileptikers glichen, da wurde mir gemeldet, Du seist in der Diele und möchtest mich unbedingt fünf Minuten sprechen. Ich ließ Dich sogleich heraufholen. Du sahst, ich gebe es zu, verstört und bleich aus, wolltest mich um Rat und Beistand bitten, da Dir zu Ohren gekommen war, daß jemand aus dem Büro des Anwalts Lumley sich nach Dir in Cadogan-Place erkundigt hatte, und warst in Angst, Deine Oxforder Ungelegenheit oder eine neue Gefahr steige drohend herauf. Ich tröstete Dich, sagte Dir, wie es sich nachher herausstellte, wahrscheinlich sei es nur die Rechnung eines Geschäftsmanns, ließ Dich zum Essen bleiben und den Abend bei mir verbringen. Du erwähntest mit keiner Silbe Deinen gräßlichen Brief; ich auch nicht. Ich behandelte ihn einfach als unglückliches Symptom eines unglücklichen Temperaments. Der Gegenstand wurde nicht berührt. Mir um ½3 einen widerwärtigen Brief zu schreiben und um ¼8 desselben Nachmittags zu mir zu stürzen auf der Suche nach Hilfe und Mitgefühl, war ein durchaus gewöhnlicher Vorfall in Deinem Leben. Du gingst noch über Deinen Vater in solchen Gepflogenheiten hinaus, wie auch in andern. Als seine empörenden Briefe an Dich vor Gericht verlesen wurden, schämte er sich natürlich und tat so, als ob er weine. Wären Deine Briefe an ihn von seinem Anwalt vorgelesen worden, jedermann hätte noch mehr Entsetzen und Widerwillen empfunden. Und nicht nur stilistisch schlugst Du ihn »in seinem eignen Gewerbe«, sondern in der Angriffsart ließest Du ihn weit hinter Dir. Du bedientest Dich des öffentlichen Telegramms und der offnen Postkarte. Ich meine, Du hättest solche Formen der Drangsalierung Leuten wie Alfred Wood überlassen sollen, deren einzige Einnahmequelle sie ist. Nicht? Was ihm und seinem Stand Beruf war, war Dir eine Freude – eine sehr üble. Du hast auch Deine schauderhafte Angewohnheit, beleidigende Briefe zu schreiben, niemals aufgegeben nach allem, was mir durch sie und ihretwegen widerfahren ist. Du siehst noch immer darin bei Dir ein Talent und wendest es meinen Freunden oder denen gegenüber an, die gut zu mir im Gefängnis gewesen sind, wie Robert Sherard und andre. Das ist schändlich von Dir. Als Robert Sherard von mir erfuhr, ich wünsche nicht, daß Du einen Aufsatz über mich im »Mercure de France« veröffentlichest, mit Briefen oder ohne, hättest Du ihm dankbar sein sollen, daß er meine Wünsche in dieser Sache ermittelt und Dich davor bewahrt hatte, mir, ohne es zu wollen, noch mehr Schmerz zuzufügen, als Du es bereits getan. Du mußt doch bedenken: ein gönnerhafter, philiströser Brief über »faire Behandlung« für einen »Mann, der am Boden liegt«, ist ganz schön und gut für eine englische Zeitung. Er setzt die Traditionen der englischen Presse hinsichtlich ihrer Haltung gegenüber Künstlern fort. Aber in Frankreich hätte ein solcher Ton mich der Lächerlichkeit, Dich der Verachtung preisgegeben. Ich hätte einen Aufsatz erst gestatten können, wenn ich seinen Zweck, sein Wesen, die Art, wie er angefaßt wird, und dergleichen gekannt hätte. In der Kunst sind gute Absichten nicht vom geringsten Wert. Alle schlechte Kunst ist die Folge guter Absichten.

Auch ist Robert Sherard nicht der einzige Freund von mir, an den Du beißende und bittre Briefe gerichtet hast, weil man dachte, meine Wünsche und Gefühle sollten in Angelegenheiten berücksichtigt werden, die mich betreffen, wie die Veröffentlichung von Aufsätzen über mich, die Widmung Deiner Gedichte, die Rückgabe meiner Briefe und Geschenke und dergleichen. Du hast auch andre belästigt oder zu belästigen gesucht. Kommt es Dir je in den Sinn, in einer wie furchtbaren Lage ich mich die letzten beiden Jahre, während meiner entsetzlichen Strafzeit, befunden hätte, wenn ich auf Dich als Freund angewiesen wäre? Denkst Du je daran? Fühlst Du je Dankbarkeit denen gegenüber, die durch maßlose Güte, grenzenlose Ergebenheit, heitere Freude am Schenken mir meine schwarze Last erleichtert, mich immer wieder besucht, mir schöne, teilnehmende Briefe geschrieben, meine Angelegenheiten für mich besorgt, für mein künftiges Leben Vorkehrungen getroffen und zu mir gehalten haben, der Verleumdung, Stichelei, dem offnen Hohn, ja selbst Beleidigungen zum Trotz? Ich verdanke ihnen alles. Sogar die Bücher in meiner Zelle hat Robbie von seinem Taschengelde bezahlt; aus derselben Quelle sollen mir, wenn ich entlassen werde, Kleider zukommen. Ich schäme mich nicht, zu nehmen, was in herzlicher Liebe geschenkt wird; ich bin stolz darauf. Ja wahrhaftig, ich denke an meine Freunde, an More Adey, Robbie, Robert Sherard, Frank Harris, Arthur Clifton, und daran, was sie mir durch ihre Hilfe, Liebe und Teilnahme gewesen sind. Das ist Dir wohl nie aufgegangen. Und doch – wenn Du einen Funken Einbildungskraft in Dir hättest – wüßtest Du, daß es nicht einen Menschen gibt, der nicht gut zu mir war in meinem Gefängnisleben, bis herab zu dem Wärter, der mir ›Guten Morgen‹ und ›Gute Nacht‹ wünscht (keine seiner vorgeschriebenen Pflichten), bis herab zu den gemeinen Schutzmännern, die in ihrer vertraulichen, rauhen Art mich zu trösten suchten, als ich zum Konkursgerichtshof und zurück im Zustand schrecklicher Seelennot fuhr – bis herab zu dem armen Dieb, der mich erkannte, als wir im Gefängnishof zu Wandsworth die Runde machten, und mir mit der heiseren Kerkerstimme, die man von langem, unfreiwilligem Schweigen bekommt, die Worte zuflüsterte: »Sie tun mir leid; es trifft einen Ihresgleichen härter als unsereinen« – nicht einen von allen, sag‘ ich, vor dem niederzuknien und ihm den Staub von den Schuhen zu wischen Du nicht zu stolz sein solltest.

Hast Du genug Einbildungskraft zu sehn, was für eine furchtbare Tragödie es für mich war, Deiner Familie in den Weg gelaufen zu sein? Was für eine Tragödie es für jeden gewesen wäre, der eine große Stellung, einen großen Namen, irgendetwas von Bedeutung zu verlieren hatte? Unter den älteren Deiner Familienangehörigen ist kaum einer – mit Ausnahme von Percy, der wirklich ein guter Kerl ist –, der nicht in gewisser Beziehung zu meinem Untergang beigetragen hat.

Ich habe von Deiner Mutter nicht ohne Bitterkeit zu Dir gesprochen, und ich rate Dir dringend, sie diesen Brief sehn zu lassen, hauptsächlich in Deinem eignen Interesse. Wenn es schmerzlich für sie ist, eine solche Anklage gegen einen ihrer Söhne zu lesen, so mag sie bedenken, daß meine Mutter, die geistig mit Elizabeth Barrett-Browning und historisch mit Madame Roland auf einer Stufe steht, an gebrochnem Herzen starb, weil der Sohn, auf dessen Begabung und Kunst sie stolz gewesen war und in dem sie von jeher den würdigen Fortsetzer eines erlauchten Namens gesehn hatte, zu zweijähriger Tretmühle verurteilt worden war.

Du wirst mich fragen, in welcher Weise Deine Mutter zu meinem Verderben beitrug. Ich will es Dir sagen. Genau so, wie Du bestrebt warst, alle Deine unmoralischen Verantwortlichkeiten auf mich abzuwälzen, war es Deine Mutter, alle ihre moralischen Verantwortlichkeiten in bezug auf Dich mir zuzuschieben. Statt gradezu mit Dir über Dein Leben zu sprechen, wie es Pflicht einer Mutter ist, schrieb sie immer privat an mich mit ernsten, furchtsamen Bitten, Dich nicht wissen zu lassen, daß sie an mich schreibe. Du siehst, in welche Stellung ich zwischen Dich und Deine Mutter gerückt wurde. Sie war so falsch, albern und tragisch wie die, in welche ich zwischen Dir und Deinem Vater geriet. Im August 1892 und am 8. November desselben Jahres hatte ich zwei lange Unterredungen mit Deiner Mutter über Dich. Beide Male fragte ich sie, warum sie nicht direkt mit Dir spreche. Beide Male gab sie mir dieselbe Antwort: »Ich habe Angst; er wird so ärgerlich, wenn man mit ihm spricht.« Das erstemal kannte ich Dich so wenig, daß ich nicht verstand, was sie meinte. Das zweitemal kannte ich Dich so gut, daß ich es durchaus verstand. (In der Zwischenzeit hattest Du einen Anfall von Gelbsucht gehabt, solltest auf Verordnung des Arztes hin eine Woche nach Bournemouth gehn und hattest mich veranlaßt mitzukommen, weil Du das Alleinsein haßtest.) Aber die erste Pflicht einer Mutter ist: keine Angst zu haben, mit ihrem Sohn ernstlich zu sprechen. Hätte Deine Mutter ernstlich mit Dir gesprochen über die Unannehmlichkeit, in der sie Dich im Jahre 1892 sah, und Dich bewogen, Dich ihr anzuvertraun, es wäre schließlich für euch beide viel besser und viel segensreicher gewesen. Alle diese versteckten, heimlichen Mitteilungen an mich waren verkehrt. Was hatte es für einen Zweck, daß Deine Mutter mir zahllose, auf dem Umschlag als »privat« bezeichnete Briefchen schickte mit der Bitte, Dich nicht so oft zum Essen einzuladen und Dir kein Geld zu geben, wobei jeder Brief mit einer ernsten Nachschrift endete: »Lassen Sie Alfred um keinen Preis wissen, daß ich an Sie geschrieben habe«? Was konnte aus einer solchen Korrespondenz Gutes entstehn? Hast Du je darauf gewartet, zum Essen eingeladen zu werden? Nie. Du nahmst alle Mahlzeiten als etwas Selbstverständliches mit mir ein. Wenn ich dagegen Einspruch erhob, hattest Du immer eine Bemerkung: »Wenn ich nicht mit Dir esse, wo soll ich denn essen? Du glaubst doch nicht, daß ich zu Hause essen werde.« Das war unwiderlegbar. Und wenn ich Dich unter keinen Umständen mit mir essen lassen wollte, drohtest Du stets damit, eine Dummheit zu machen, und tatest es auch. Was für eine mögliche Folge konnten Briefe haben, wie Deine Mutter sie mir schickte, außer der, die eingetreten ist: ein törichtes, verhängnisvolles Abwälzen der moralischen Verantwortlichkeit auf meine Schultern! Von den mannigfachen Einzelheiten, in denen sich die Schwäche Deiner Mutter und ihr Mangel an Mut als so verderblich für sie, Dich und mich erwiesen, will ich nicht mehr sprechen; aber wahrhaftig, als sie hörte, daß Dein Vater in mein Haus drang, um eine widerliche Szene zu machen und einen öffentlichen Skandal herbeizuführen, da hätte sie sehn können, daß eine schwere Krise bevorstand, und Schritte tun sollen, sie zu vermeiden zu suchen. Doch ihr fiel nichts besseres ein, als den gescheiten George Wyndham mit seiner geschmeidigen Zunge zu mir zu schicken; sein Vorschlag war – was? Ich solle Dich allmählich »links liegen lassen«. Als ob für mich eine Möglichkeit gewesen wäre, Dich »allmählich« links liegen zu lassen! Ich hatte auf jede mögliche Art versucht, unsre Freundschaft zu beenden, war so weit gegangen, England tatsächlich zu verlassen und eine falsche Adresse im Ausland anzugeben in der Hoffnung, mit einem Schlage ein Band zu zerreißen, das mir lästig, verhaßt und verderblich geworden war. Glaubst Du, ich hätte Dich »allmählich« links liegen zu lassen vermocht? Glaubst Du, damit wäre Deinem Vater Genüge geschehn? Du wußtest, daß es nicht der Fall war. Was Dein Vater wollte, war nicht der Abbruch unsrer Freundschaft, sondern ein öffentlicher Skandal. Danach strebte er. Sein Name hatte jahrelang nicht, in den Zeitungen gestanden. Er sah die Gelegenheit, vor dem britischen Publikum in einer ganz neuen Rolle zu erscheinen: in der des liebenden Vaters. Sein Humor war angereizt. Hätte ich meine Freundschaft mit Dir gelöst, es wäre eine schreckliche Enttäuschung für ihn gewesen, und das bißchen Stadtgespräch einer zweiten Ehescheidung, wenn sie in ihren Einzelheiten und ihrem Anlaß auch noch so empörend war, hätte ihm nur schwachen Trost gespendet. Denn sein Ziel war: Popularität und sich aufzublähen als, wie man es nennt, Vorkämpfer der Sittenstrenge – im gegenwärtigen Zustand des britischen Publikums das sicherste Verfahren, für den Augenblick eine heroische Gestalt zu werden. Von diesem Publikum hab ich in einem meiner Stücke gesagt, es sei in der einen Hälfte des Jahres Caliban, in der andern Tartüff; und Dein Vater, in dem beide Charaktere, wie man wohl sagen darf, ihre Verkörperung fanden, war somit abgestempelt als der eigentliche Vertreter des Puritanertums in seiner aggressiven und bezeichnendsten Form. Dich allmählich links liegen zu lassen hätte nichts genützt, selbst wenn es ausführbar gewesen wäre. Fühlst Du jetzt nicht, daß das Einzige, was Deine Mutter hätte tun sollen, war: Dich zu bitten, zu ihr zu kommen, mich und Deinen Bruder dabei zu haben und auf das bestimmteste zu erklären, die Freundschaft müsse unbedingt aufhören. Sie hätte in mir ihren wärmsten Fürsprecher gefunden und brauchte, da Drumlanrig und ich zugegen waren, keine Angst zu haben, mit Dir zu sprechen. Sie hat es nicht getan. Sie hatte Angst vor der Verantwortung und suchte sie auf mich abzuwälzen. Einen Brief hat sie allerdings an mich geschrieben. Er war nur kurz und sprach die Bitte aus, das Schreiben des Anwalts an Deinen Vater mit der Aufforderung, weiteres zu unterlassen, nicht abzuschicken. Sie hatte ganz recht. Es war lächerlich von mir, Anwälte zu Rate zu ziehn und Schutz bei ihnen zu suchen. Doch sie machte jede Wirkung, die ihr Brief hätte haben können, durch ihr gewöhnliches Postskriptum zunichte: »Lassen Sie Alfred um keinen Preis wissen, daß ich an Sie geschrieben habe.« Du warst berauscht von dem Gedanken, daß ich an Deinen Vater sowohl wie Dich Advokatenbriefe schickte. Es geschah auf Deine Anstiftung hin. Ich konnte Dir nicht sagen, daß Deine Mutter stark dagegen war, denn sie hatte mich durch feierlichste Versprechungen gebunden, Dir nie ein Wort über ihre Briefe an mich zu sagen, und ich habe törichterweise mein Versprechen ihr gegenüber gehalten.

Siehst Du nicht, daß es falsch von ihr war, nicht mit Dir direkt zu sprechen? Daß all die Hintertreppenunterredungen mit mir und der Kolportage-Briefwechsel falsch waren? Niemand kann seine Verantwortung einem andern zuschieben. Sie kehrt letzten Endes immer zu dem eigentlichen Besitzer zurück. Deine eine Vorstellung vom Leben, Deine eine Philosophie, sofern man auf Dein Konto eine Philosophie setzen darf, war: was Du auch tatest, ein andrer mußte dafür bezahlen, ich meine nicht nur im finanziellen Sinne – das war einfach die praktische Anwendung Deiner Philosophie auf das Alltagsleben –, sondern im weitesten, vollsten Sinne übertragener Verantwortlichkeit. Die machtest Du zu Deinem Glaubensbekenntnis. Sie hatte großen Erfolg, soweit sie kam. Du zwangst mich in einen Prozeß hinein, weil Du wußtest, daß Dein Vater Dein Leben oder Dich in keiner Weise angreifen und daß ich beide bis zum äußersten verteidigen und alles auf meine Schultern nehmen würde, was man mir aufdrängte. Du hattest ganz recht. Dein Vater und ich, jeder selbstverständlich aus andern Beweggründen, taten genau das, womit Du rechnetest. Doch irgendwie bist Du, trotz allem, nicht heil davongekommen. Die »Theorie vom Kinde Samuel«, wie man sie der Kürze halber nennen kann, ist ja sehr schön in den Augen von Hinz und Kunz. Sie mag in London weidlich verspottet und in Oxford ein bißchen belächelt werden, aber doch nur deswegen, weil es ein paar Menschen gibt, die Dich an jedem Orte kennen, und weil Du an jedem Orte Wegspuren zurückgelassen hast. Außerhalb einer kleinen Gruppe in diesen beiden Städten sieht die Welt in Dir den guten Mann, der von dem bösen, unmoralischen Künstler um ein Haar zu Missetaten verführt worden wäre, doch grade noch im rechten Augenblick von seinem gütigen, hebenden Vater gerettet wurde. Das klingt herrlich. Und doch, Du weißt, Du bist nicht heil davongekommen. Ich meine damit nicht eine dumme, von einem dummen Geschworenen gestellte Frage, die von der Staatsanwaltschaft und dem Vorsitzenden natürlich mit Verachtung behandelt wurde. Darauf legte keiner Wert. Ich meine: vielleicht im Prinzip vor Dir selbst, in Deinen Augen. Eines Tages wirst Du über Dein Verhalten nachdenken müssen; Du bist nicht, kannst nicht ganz zufrieden sein mit der Wendung, die die Dinge genommen haben. Im stillen mußt Du mit reichlicher Scham an Dich denken. Eine eherne Stirn der Welt zu zeigen ist etwas Großartiges; aber dann und wann, wenn Du allein bist und keine Zuschauer hast, mußt Du wohl die Maske abnehmen, um atmen zu können. Sonst fürwahr würdest Du ersticken.

Und ebenso muß Deine Mutter zuzeiten bedauern, daß sie ihre schweren Verantwortlichkeiten auf jemand anders zu schieben suchte, der schon eine genügend große Last zu tragen hatte. Sie vertrat die Stelle beider Eltern an Dir. Hat sie wirklich die Pflichten auch nur eines Teiles erfüllt? Wenn ich mit Deiner Launenhaftigkeit, Deiner Heftigkeit und Deinen Auftritten Nachsicht hatte, hätte sie auch damit fertig werden können. Als ich meine Frau zuletzt sah – es sind jetzt vierzehn Monate her –, sagte ich ihr, sie werde unserm Cyril Vater sowohl wie Mutter sein müssen. Ich erzählte ihr alles von der Art, wie Deine Mutter Dich behandelte, mit jeder in diesem Brief dargestellten Einzelheit, nur viel ausführlicher natürlich. Ich gab ihr die Gründe an für die zahllosen Briefe mit »privat« auf dem Umschlag, die in Tite-Street von Deiner Mutter eintrafen, so regelmäßig, daß meine Frau lachend sagte, wir müßten wohl einen Gesellschaftsroman oder etwas Ähnliches gemeinsam verfassen. Ich beschwor sie, an Cyril nicht so zu handeln wie Deine Mutter an Dir. Ich sagte ihr, sie solle ihn so erziehn, daß, wenn er unschuldiges Blut vergösse, er zu ihr käme und es ihr anvertraute, damit sie ihm erst die Hände reinwasche und nachher beibringe, wie er durch Reue oder Sühne seine Seele später reinwaschen könne. Ich sagte ihr, wenn sie fürchte, die Verantwortung für das Leben eines andern, sei es selbst ihr eignes Kind, auf sich zu nehmen, möge sie einen Vormund zu ihrer Unterstützung bestellen lassen. Das hat sie, wie ich mich zu sagen freue, getan. Ihre Wahl ist auf Adrian Hope gefallen, einen Mann von hoher Abkunft und Bildung und edlem Charakter, ihren Vetter, den Du einmal in Tite-Street getroffen hast, und bei ihm haben Cyril und Vyvyan gute Aussicht auf eine schöne Zukunft. Deine Mutter hätte, wenn sie Angst hatte, ernst mit Dir zu reden, jemand von ihren eignen Verwandten auswählen sollen, auf den Du vielleicht gehört hättest. Aber sie hätte nicht Angst haben sollen. Sie hätte Dir tüchtig Bescheid sagen und die Stirn bieten sollen. Sieh Dir doch das Ergebnis an. Ist sie befriedigt und froh?

Ich weiß, sie mißt mir die Schuld bei. Ich höre es, nicht von Leuten, die Dich kennen, sondern von Leuten, die Dich nicht kennen und nicht kennen wollen. Ich höre oft davon. Sie spricht zum Beispiel von dem Einfluß des älteren auf den jüngeren Mann. Sie bekennt sich mit Vorliebe zu diesem Standpunkt, da er bei der landläufigen Voreingenommenheit und Unwissenheit immer seine Wirkung tut. Ich brauche Dich nicht zu fragen, welchen Einfluß ich auf Dich hatte. Du weißt, ich hatte keinen. Du rühmtest Dich häufig dessen, daß ich keinen hatte – das einzige, worauf stolz zu sein Du alle Ursache hattest. Was war tatsächlich an Dir, das sich beeinflussen ließ? Dein Verstand? Er war unentwickelt. Deine Phantasie? Sie war tot. Dein Herz? Es war noch nicht geboren. Von allen Menschen, die je meinen Weg gekreuzt haben, warst Du der eine und einzige, den ich in keiner Weise nach keiner Richtung hin zu beeinflussen vermochte.

Als ich hilflos und fieberkrank, von Dir angesteckt, zu Bett lag, hatte ich auf Dich nicht so viel Einfluß, daß ich Dich bewegen konnte, mir auch nur einen Becher Milch zum Trinken zu holen oder nachzusehn, daß es mir nicht an den üblichen Bedarfsgegenständen des Krankenzimmers fehle, oder Dir die Mühe zu nehmen, zweihundert Meter weit in eine Buchhandlung zu fahren und mir auf meine Kosten ein Buch zu beschaffen. Als ich mitten in der Arbeit des Schreibens war und Komödien verfaßte, die Congreve an Geist, den jüngeren Dumas an Weltweisheit und jeden andern wohl in jedem andern Vorzug übertreffen sollten, hatte ich bei Dir nicht so viel Einfluß, Dich dahin zu bringen, daß Du mich ungestört ließest, wie es der Künstler sein soll. Überall wo mein Schreibzimmer war, war es für Dich die übliche Diele, ein Raum, in dem sich rauchen, Weißwein mit Selterwasser trinken und über albernes Zeug plaudern ließ. Der »Einfluß des älteren auf den jüngeren Mann« ist eine famose Theorie, bis sie mir zu Ohren kommt. Dann wird sie grotesk. Wenn sie Dir zu Ohren kommt, lächelst Du wohl – vor Dir selbst bist Du gewiß dazu befugt.

Ich höre auch viel davon, was Deine Mutter über den Geldpunkt sagt. Sie bemerkt, was durchaus richtig ist, sie habe mich unaufhörlich ersucht, Dich nicht mit Geld zu versehn. Ich gebe es zu. Ihre Briefe waren zahllos, und die Nachschrift: »Bitte, lassen Sie Alfred nicht wissen, daß ich an Sie geschrieben habe« kommt in allen vor. Aber es machte mir keinen Spaß, für Dich jede Einzelheit bezahlen zu müssen, vom Rasieren in der Frühe bis zur Droschke um Mitternacht. Es war eine Mordsplage. Ich habe Dir deswegen immer und immer wieder Vorhaltungen gemacht. Ich habe Dir wiederholt gesagt – Du erinnerst Dich doch, nicht wahr? –, wie sehr es mir zuwider sei, daß Du in mir eine »nützliche« Person sähest, wie weder der Künstler noch die Kunst selbst ihrem innersten Wesen nach ganz nutzlos seien. Du wurdest sehr böse, so oft ich es zu Dir sagte. Die Wahrheit hat Dich immer böse gemacht. Die Wahrheit ist freilich ein Ding, das anzuhören und zu äußern höchst schmerzlich ist. Aber sie hat Dich Deine Anschauungen oder Deinen Lebenszuschnitt nicht ändern lassen. Jeden Tag mußte ich für jede Einzelheit zahlen, die Du den ganzen Tag über tatest. Nur ein Mensch von sinnloser Gutmütigkeit oder unbeschreiblicher Torheit hätte es getan. Leider war ich die vollkommene Vereinigung von beidem. Wenn ich zu verstehn gab, Deine Mutter solle Dich mit dem nötigen Geld versorgen, hattest Du stets eine sehr hübsche, würdevolle Antwort. Du sagtest, die ihr von Deinem Vater ausgesetzte Rente – einige 1500 Pfund im Jahr, glaube ich – sei für die Bedürfnisse einer Dame ihres Standes ganz unzureichend und Du wollest sie nicht um mehr Geld angehn, als Du schon bekämest. Du hattest darin ganz recht, daß ihre Rente für eine Dame ihres Standes und Geschmacks durchaus unschicklich war; doch Du hättest das nicht zum Vorwand nehmen sollen, im Überfluß von mir zu leben: es hätte im Gegenteil für Dich ein Fingerzeig zur Sparsamkeit in Deiner eignen Lebensführung sein sollen. Tatsache ist: Du warst und bist vermutlich noch immer ein typischer Gefühlsschwärmer. Denn der ist ein Gefühlsschwärmer, der sich den Luxus einer Gemütsregung leisten möchte, ohne dafür zu bezahlen. Deiner Mutter Tasche schonen zu wollen war schön; es auf meine Kosten zu tun war häßlich.

Gefühlskräfte sind, wie ich an einer Stelle der »Intentions« sage, in ihrer Ausdehnung und Dauer ebenso begrenzt wie die Kräfte körperlicher Energie. Der kleine Becher, der ein gewisses Quantum fassen soll, kann so viel aufnehmen und nicht mehr, wenn auch alle Purpurfässer Burgunds bis zum Rande mit Wein gefüllt sind und die Kelterer bis an die Knie in der Traubenlese der gerölligen Weinberge Spaniens stehn. Kein Irrtum ist weiter verbreitet als der, daß Menschen, welche große Tragödien verursachen oder veranlassen, die der tragischen Stimmung entsprechenden Gefühle teilen; kein Irrtum verhängnisvoller, als das von ihnen zu erwarten. Der Märtyrer in seinem »Flammenhemd« erschaut vielleicht das Antlitz Gottes, aber dem, der die Reisigbündel aufschichtet oder das Holz lockert, damit der Wind hindurchblasen kann, bedeutet die ganze Szene nicht mehr als dem Metzger, wenn er einen Ochsen schlachtet, dem Köhler im Walde, wenn er einen Baum fällt, oder einem, der das Gras mit der Sense mäht, wenn eine Blume umsinkt. Große Leidenschaften sind für große Seelen, und große Ereignisse können nur von denen erkannt werden, die auf gleicher Höhe mit ihnen stehn.

Ich denke, wenn Du auf Dein Verhalten gegen das Einkommen Deiner Mutter und auf Dein Verhalten gegen mein Einkommen zurückschaust, wirst Du nicht stolz auf Dich sein, und vielleicht dürftest Du eines Tages, wenn Du diesen Brief Deiner Mutter nicht zeigst, ihr auseinandersetzen, daß in Deiner Art, von mir zu leben, meine Wünsche keinen Augenblick berücksichtigt wurden. Es war einfach eine besondre und für mich persönlich höchst betrübende Form, die Deine Verehrung für mich annahm. Dich für die kleinsten wie die größten Summen von mir abhängig zu machen, lieh Dir in Deinen eignen Augen allen Zauber der Kindheit, und indem Du mich beharrlich für jede Deiner Freuden zahlen ließest, dachtest Du, das Geheimnis ewiger Jugend gefunden zu haben. Ich bekenne, es schmerzt mich, wenn ich von den Bemerkungen Deiner Mutter über mich höre, und ich bin sicher, Du wirst mir bei etlichem Nachdenken zugeben: wenn sie kein Wort des Bedauerns oder Mitleids für das Verderben hat, das Deine Sippe über mich heraufbeschworen, dann wäre es besser, sie schwiege. Selbstverständlich braucht sie nicht den Abschnitt dieses Briefes zu sehn, der von einer geistigen Entwicklung handelt, die ich durchgemacht habe, oder von einem Punkt der Wegfahrt, den ich hoffentlich erreiche. Es würde sie nicht interessieren. Aber die lediglich mit Deinem Leben beschäftigten Teile würde ich ihr zeigen, wenn ich Du wäre.

Wenn ich Du wäre, dann hätte ich keine Lust, unter falschen Vorspiegelungen geliebt zu werden. Es gibt keinen Grund, warum ein Mensch sein Leben der Welt zeigen soll. Die Welt versteht Dinge nicht. Aber mit Menschen, deren Liebe man will, ist es anders.

Ein guter Freund von mir, der sich in zehn Jahren bewährt hat, besuchte mich unlängst und sagte mir, er glaube von all dem, was gegen mich vorgebracht werde, kein einziges Wort; er gab mir zu verstehn, daß er von meiner Unschuld überzeugt sei und mich für das Opfer eines abscheulichen Komplotts halte. Ich brach in Tränen aus, als er so zu mir sprach, und sagte ihm, viele Punkte der Anklage, die mir schließlich zur Last gelegt wurden, seien völlig unwahr und mit empörender Tücke auf mich übertragen worden, mein Leben jedoch sei voll perverser Freuden und absonderlicher Leidenschaften gewesen, und wenn er sich nicht mit dieser Tatsache abfinde und sie sich deutlich vergegenwärtige, dann könne ich unmöglich länger sein Freund sein oder je wieder in seiner Gesellschaft weilen. Es war ein fürchterlicher Schlag für ihn; aber wir sind noch befreundet, und ich habe seine Freundschaft nicht unter falschen Vorspiegelungen erschlichen. Ich habe Dir gesagt: die Wahrheit sprechen ist etwas Peinliches; Lügen sagen müssen ist viel schlimmer.

Es war während meines letzten Prozesses, ich saß auf der Sünderbank und lauschte Lockwoods niederschmetternder Anklage; sie hörte sich an wie eine Stelle aus Tacitus, ein Vers aus Dante, eine von Savonarolas Brandreden wider die römischen Päpste. Mich packte der Ekel bei dem, was mein Ohr vernahm. Da plötzlich fuhr’s mir durch den Kopf: ›Wie großartig war‘ es, wenn ich all das selbst über mich aussagte!‹ Sofort leuchtete mir ein: das, was von einem Menschen gesagt wird, ist nichts; es kommt darauf an, wer es sagt. Der höchste Augenblick eines Menschen – daran hege ich nicht den mindesten Zweifel – ist der, wenn er im Staube niederkniet, sich an die Brust schlägt und alle Sünden seines Lebens bekennt.

So auch mit Dir. Du würdest viel glücklicher sein, wenn Du Deine Mutter wenigstens ein bißchen von Deinem Leben durch Dich selbst erfahren ließest. Ich habe ihr ein gut Teil davon im Dezember 1895 erzählt, war aber natürlich zu Verschweigungen und Allgemeinheiten gezwungen. Es hat ihr anscheinend in ihrem Verhältnis zu Dir nicht mehr Mut eingeflößt. Im Gegenteil: sie vermied es geflissentlicher denn je, die Wahrheit anzuschaun. Wenn Du selbst mit ihr sprächest, wäre es anders. Meine Worte sind vielleicht oft zu bitter für Dich, aber die Tatsachen kannst Du nicht leugnen. Die Dinge sind gewesen, wie ich es gesagt habe, und wenn Du diesen Brief sorgfältig gelesen hast, wie Du es hättest tun sollen, hast Du Dir Aug‘ in Auge gegenübergestanden.

Ich habe Dir jetzt geschrieben, und zwar sehr ausführlich, damit Dir zum Bewußtsein komme, was Du mir vor meiner Gefängniszeit, während jener drei Jahre einer verhängnisvollen Freundschaft, warst; was Du mir während meiner Gefängniszeit gewesen bist, die nun in zwei Monden bereits vor ihrer Vollendung steht; und was ich mir selbst und andern zu sein hoffe, wenn meine Gefängniszeit vorüber ist.

Ich kann meinen Brief nicht umbaun oder um-schreiben. Du mußt ihn nehmen, wie er steht, an vielen Stellen von Tränen verwischt, an einigen mit den Spuren des Leids oder der Leidenschaft, und ihn entziffern, so gut Du kannst, Tintenkleckse, Verbesserungen und alles. Was die Verbesserungen und Schreibfehler betrifft, so hab ich sie gemacht, damit meine Worte der deckende Ausdruck für meine Gedanken seien und keine Fehler durch Überflüssiges oder Unzulängliches entstünden. Die Sprache will, wie eine Geige, gestimmt sein; und genau wie zu viele oder zu wenige Schwingungen in der Stimme des Sängers oder im Beben der Saite den Ton unrein machen, so verdirbt ein Zuviel oder Zuwenig an Worten den Bericht. Wie er steht zum mindesten, hat mein Brief seine ausdrückliche Bedeutung hinter jedem Satz. Es ist keine Rhetorik darin. Überall, wo ausgestrichene oder zugefügte Stellen sind, wenn auch noch so unbeträchtliche, noch so gefeilte, geschieht es, weil ich meinen wirklichen Eindruck wiederzugeben, für meine Stimmung den genauen Gegenwert zu finden suche. Was im Gefühl zuerst da ist, kommt in der Form zuletzt.

Ich will einräumen, daß es ein strenger Brief ist. Ich habe Dich nicht geschont. Ja Du darfst sagen, wenn ich zugebe, daß es wirklich unbillig wäre, Dich gegen das kleinste meiner Leiden, den geringsten meiner Verluste abzuwiegen, ich hätte tatsächlich so gehandelt und Gran um Gran die sorgsamste Gewichtsprobe Deines Wesens angestellt. Das ist wahr. Aber Du mußt bedenken: Du hast Dich selbst auf die Wagschale gelegt.

Du mußt bedenken: wenn Du mit einem einzigen Augenblick meiner Gefängniszeit zusammengetan wirst, dann schnellt die Schale, in der Du liegst, empor. Eitelkeit hat Dich die Wage wählen, Eitelkeit daran haften lassen. Da lag der eine schwere psychologische Irrtum unsrer Freundschaft, ihr völliger Proportionsmangel. Du erzwangst Deinen Weg in ein für Dich zu großes Leben, dessen Bahn über Dein Sehvermögen hinausging, nicht minder als über Dein Vermögen zyklischer Bewegung, ein Leben, dessen Gedanken, Leidenschaften und Handlungen von starkem Gehalt, von weitem Interesse und mit wunder- oder grauenvollen Folgen fürwahr zu schwer befrachtet waren. Dein kleines Leben kleiner Launen und Stimmungen war in seiner eignen kleinen Kreisbahn herrlich. Es war herrlich in Oxford, wo das Schlimmste, was Dich treffen konnte, eine Rüge vom Dekan oder ein Verweis vom Rektor war und wo der Sieg von Magdalen im Wettrudern und das Abbrennen eines Freudenfeuers im Universitätshof zur Feier des hehren Ereignisses als höchstes der Gefühle galt. Dein Leben hätte sich in seiner eignen Kreisbahn weiter abspielen sollen, nachdem Du Oxford verlassen hattest. In Dir selbst war alles in bester Ordnung. Du warst ein tadelloses Exemplar einer sehr modernen Gattung. Nur in Parallele zu mir paßtest Du nicht. Deine rücksichtslose Verschwendung war ein Verbrechen. Jugend ist immer verschwenderisch. Daß Du mich zwangst, für Deine Verschwendungssucht zu bezahlen, war schändlich. Dein Wunsch, einen Freund zu haben, mit dem Du vom Morgen bis zur Nacht Deine Zeit hinbringen konntest, war reizend. Er war beinah idyllisch. Doch der Freund, an den Du Dich anschlossest, hätte nicht ein Schriftsteller, ein Künstler sein sollen, nicht jemand, dem Deine ständige Gegenwart ebensosehr jedes schöne Werk vernichtete wie die Schöpferkraft lähmte. Es war kein Arg von Dir dabei, in ernsthafte Erwägung zu ziehn, daß die vollendetste Art, einen Abend zu verbringen, ein Champagner-Diner im Savoy war, darauf eine Loge in einem Varieté und ein Champagner-Souper bei Willis als »bonne bouche« zum Abschluß. Ganze Rudel entzückender junger Leute in London sind derselben Ansicht. Es ist nicht einmal eine Ausschweifung. Es ist der Befähigungsnachweis zum Eintritt in White’s Club. Doch Du hattest kein Recht, von mir zu verlangen, daß ich der Lieferant solcher Freuden für Dich werde. Es verriet Deinen Mangel an wirklicher Wertschätzung meines Genies.

Dein Streit mit Deinem Vater hinwiederum, was man auch darüber denken mag, hätte offenbar durchaus eine Frage zwischen euch zweien bleiben müssen. Er hätte in einem Hinterhof ausgetragen werden sollen. Das geschieht wohl in der Regel mit solchen Streitigkeiten. Dein Fehler lag darin, ihn mit Gewalt als Tragikomödie auf hohem Brettergerüst spielen zu lassen vor dem Forum der Geschichte, mit der ganzen Welt als Hörerschaft und mit mir selbst als Preis für den Sieger in dem verächtlichen Strauß. Die Tatsache, daß Dein Vater Dich und Du Deinen Vater verabscheutest, war nicht von Belang für das englische Publikum. Solche Gefühle sind im englischen Familienleben gang und gäbe und sollten auf den dafür bezeichnenden Ort beschränkt bleiben: das traute Heim. Außerhalb dieses Kreises sind sie ganz fehl am Ort. Sie auf einen andern Schauplatz zu verlegen, ist eine Beleidigung. Das Familienleben läßt sich nicht wie eine rote Fahne behandeln, mit der man auf den Straßen prunkt, oder wie ein Horn, das man heiser vom First des Daches bläst. Du hobst Häusliches aus dem ihm zukommenden Bereich, ganz so, wie Du Dich aus dem Dir zukommenden Bereich hobst. Und wer sein eigentliches Feld aufgibt, der ändert bloß seine Umgebung, nicht seine Natur. Er eignet sich nicht die Gedanken oder Leidenschaften an, die in dem von ihm betretenen Kreis vorherrschen. Es liegt nicht in seiner Macht.

Von künstlerischem Gesichtspunkt aus kenne ich in der gesamten dramatischen Literatur nichts Unvergleichlicheres, in der Feinheit der Beobachtung Anregenderes als die Art, wie Shakespeare Rosenkranz und Güldenstern zeichnet. Sie sind Hamlets Universitätsfreunde; sind seine Gefährten gewesen. Sie bringen Erinnerungen an gemeinsam verlebte frohe Tage mit. In dem Augenblick, da sie Hamlet im Stücke begegnen, taumelt er unter der Last einer Bürde, die für einen Menschen seiner Gemütsart unerträglich ist. Der Tote ist gewaffnet aus dem Grabe auferstanden, um ihm eine Mission aufzuerlegen, die zu groß und gleichzeitig zu niedrig für ihn ist. Er ist ein Träumer und soll handeln. Er hat die Veranlagung eines Dichters, und man verlangt von ihm, er solle mit der gewöhnlichen Verknüpfung von Ursache und Wirkung ringen, mit dem Leben in seiner praktischen Gestalt, von dem er nichts weiß, nicht mit dem Leben in seinem idealen Wesen, von dem er so viel weiß. Er hat keine Ahnung, was er tun soll, und sein Wahnsinn besteht darin, Wahnsinn zu heucheln. Brutus benutzte die Schwermut als Mantel, das Schwert seiner Absicht, den Dolch seines Wissens darunter zu verbergen; aber Hamlets Tollheit ist lediglich eine Maske für seine Schwäche. Im Grimassenschneiden und Witzereißen erblickt er eine Gelegenheit zum Aufschub. Er spielt beständig mit der Tat, wie ein Künstler mit einer Theorie spielt. Er macht sich zum Späher seiner eignen Handlungen, und wenn er seinen eignen Worten lauscht, weiß er, es sind nur »Worte, Worte, Worte«. Statt einen Versuch zu wagen, der Held seiner eignen Geschichte zu werden, bemüht er sich, der Zuschauer seiner eignen Tragödie zu sein. Er glaubt an nichts, sich selbst mitgerechnet, und doch nützt ihm sein Zweifeln nicht, da es nicht dem Skeptizismus, sondern einem zwiespältigen Willen entspringt.

Von alledem begreifen Güldenstern und Rosenkranz nichts. Sie verbeugen sich und schmunzeln und lächeln, und was der eine sagt, echot der andre mit widerlichem Tonfall. Als schließlich, mit Hilfe des Spiels im Spiele und der Marionetten in ihrem Getändel, Hamlet den König in der »Schlinge seines Gewissens« fängt und den Unhold in seiner Angst vom Throne jagt, da sehn Güldenstern und Rosenkranz in seinem Betragen höchstens eine ziemlich peinliche Verletzung der Hofetikette. So weit ist es ihnen nur gegeben, »das Schauspiel des Lebens mit eignen Empfindungen zu betrachten«. Sie sind in der Nähe seines Geheimnisses und wissen nichts davon. Und es hätte auch keinen Zweck, sie einzuweihn. Sie sind die kleinen Becher, die so viel fassen und nicht mehr. Gegen Ende wird angedeutet, daß sie bei einem hinterlistigen Anschlag, den sie gegeneinander planen, abgefaßt werden und einen gewaltsamen, plötzlichen Tod gefunden haben oder finden werden. Aber ein tragisches Ende solcher Art, wenn Hamlets Humor ihm auch einen Anstrich von komödienhafter Überraschung und Gerechtigkeit gibt, kommt Burschen ihres Schlags wirklich nicht zu. Sie sterben nie. Horatio, der, um »Hamlet und seine Sache den Unbefriedigten zu erklären«,

»sich noch verbannet von der Seligkeit
und in der herben Welt mit Mühe atmet«

– Horatio stirbt, wenn auch nicht vor den Zuhörern, und hinterläßt keinen Bruder. Güldenstern und Rosenkranz jedoch sind unsterblich wie Angelo und Tartüff und sollten mit ihnen in einer Reihe stehn. Sie sind der Beitrag des modernen Lebens zum antiken Freundschaftsideal. Wer künftig ein neues Buch »De amicitia« schreibt, muß ihnen eine Nische anweisen und sie in ciceromanischer Prosa preisen. Sie sind stehende Typen für alle Zeiten. Sie schelten, hieße es an der richtigen Würdigung fehlen lassen. Sie sind einfach nicht an ihrem Platze: das ist das Ganze. Seelengröße ist nicht ansteckend. Erhabne Gedanken und erhabne Gefühle stehn von Haus aus allein da.

Was eine Ophelia nicht verstehn konnte, vermochten Güldenstern und der »liebe« Rosenkranz, Rosenkranz und der »liebe« Güldenstern nicht zu begreifen. Ich will euch natürlich nicht vergleichen. Es ist ein weiter Unterschied zwischen euch. Was bei ihnen Zufall war, war bei Dir freie Wahl. Mit Vorbedacht und von mir unaufgefordert, drängtest Du Dich in meinen Bereich, rissest dort einen Platz an Dich, auf den Du weder ein Recht noch für den Du die Eignung besaßest, brachtest durch eine sonderbare Beharrlichkeit und dadurch, daß Du Deine Anwesenheit zu einem Bestandteil jedes einzelnen Tages werden ließest, es fertig, mein gesamtes Leben ganz für Dich in Anspruch zu nehmen, und wußtest nichts besseres mit diesem Leben anzufangen, als es in Stücke zu brechen. So seltsam es Dir klingen mag, es war nur natürlich, daß Du es getan hast. Wenn man einem Kind ein für sein Hirnchen zu wundervolles oder für seine erst halb wachen Augen zu schönes Spielzeug gibt, zerbricht es, wenn es eigensinnig ist, das Spielzeug; wenn es sorglos ist, läßt es das Spielzeug fallen und läuft zu seinen Gefährten davon. So war es mit Dir. Nachdem Du mein Leben in der Gewalt hattest, wußtest Du nicht, was Du damit anfangen solltest. Du konntest es nicht wissen. Es war etwas zu Wundervolles, in Deinem Griff zu sein. Du hättest es aus der Hand gleiten lassen und wieder zu Deinen eignen Spielkameraden gehn sollen. Doch leider warst Du eigensinnig, und so zerbrachst Du es. Das ist vielleicht, wenn alles gesagt ist, das letzte Geheimnis sämtlicher Geschehnisse. Denn Geheimnisse sind immer kleiner als ihre Offenbarungen. Durch die Verrückung eines Atoms wird vielleicht eine Welt erschüttert. Und um mich nicht mehr zu schonen als Dich, will ich noch dieses beifügen: so gefährlich für mich die Bekanntschaft mit Dir war, sie wurde verhängnisvoll durch den besondern Augenblick, in dem sie erfolgte. Denn Du standest in dem Alter, in welchem alles, was man tut, nicht mehr ist als das Auswerfen der Saat, und ich stand in dem Alter, in welchem alles, was man tut, nicht weniger ist als das Einbringen der Ernte.

Es gibt noch ein paar andre Punkte, über die ich Dir schreiben muß. Der erste betrifft meinen Bankrott. Ich hörte vor einigen Tagen – mit großem Verdruß, wie ich zugebe –, daß es jetzt für Deine Familie zu spät sei, Deinen Vater abzufinden, daß es wider das Gesetz verstoße und daß ich noch geraume Zeit in meiner gegenwärtigen peinlichen Lage bleiben müsse. Es ist bitter für mich, denn es wird mir von rechtskundiger Seite versichert, ich könne nicht einmal ein Buch veröffentlichen ohne Genehmigung des Konkursverwalters, dem alle Abrechnungen vorgelegt werden müßten; ich könne keinen Kontrakt mit einem Theaterdirektor abschließen oder ein Stück aufführen lassen, ohne daß die Tantiemen an Deinen Vater und meine paar andern Gläubiger gelangten. Selbst Du wirst jetzt wohl zugeben, daß der Plan, Deinen Vater »hineinzulegen«, indem man ihm gestattete, mich für bankrott erklären zu lassen, wirklich nicht der glänzende Erfolg auf der ganzen Linie geworden ist, wie Du ihn Dir vorgestellt hast.

Für mich wenigstens ist es schmerzlich gewesen, und mein Gefühl der durch meine Bettelarmut hervorgerufenen Demütigung hätte man eher berücksichtigen sollen als Deinen noch so ätzenden oder unvermuteten Humor. Die unleugbare Tatsache besteht: dadurch daß Du in meinen Bankrott willigtest und mich in den ursprünglichen Prozeß hineinhetztest, hast Du Deinem Vater in die Karten gespielt und genau das getan, was er wollte.

Allein und ohne Unterstützung wäre er von Anbeginn machtlos gewesen. In Dir – wenn es auch nicht Deine Absicht war, einen so greulichen Posten zu bekleiden – hat er stets seinen Hauptverbündeten gefunden.

Ich erfahre durch More Adey in einem Brief, Du habest letzten Sommer bei mehr als einem Anlaß den Wunsch geäußert, mir »ein wenig von dem, was ich für Dich ausgab«, zurückzuzahlen. Wie ich in meiner Antwort an ihn sagte: leider habe ich meine Kunst, mein Leben, meinen Namen, meine Stellung in der Geschichte für Dich hingegeben; und wenn Deine Angehörigen alle wunderbaren Dinge auf der Welt zur Verfügung hätten oder das, was der Welt wunderbar scheint: Genie, Schönheit, Reichtum, hoher Rang und dergleichen, und sie mir alle zu Füßen legten, würden sie mir nicht ein Zehntel der kleinsten Dinge zurückzahlen, die mir genommen worden sind, oder eine Träne von den letzten Tränen, die ich vergossen habe. Jedoch man muß selbstverständlich für alles, was man tut, zahlen. Sogar einer, der bankrott ist, muß es.

Du stehst, wie es scheint, unter dem Eindruck, der Bankrott sei ein bequemes Mittel, wodurch man die Bezahlung seiner Schulden vermeiden, tatsächlich »seine Gläubiger hineinlegen« könne. Es ist ganz etwas andres.

Es ist das Verfahren, wodurch die Gläubiger eines Mannes »ihn hineinlegen«, um bei Deinem Lieblingsausdruck zu bleiben, und wodurch das Gesetz, vermittels der Beschlagnahme seines gesamten Eigentums, ihn zwingt, jede seiner Schulden zu bezahlen, und, wenn er dazu nicht imstande ist, ihn mittellos läßt wie den gemeinsten Bettler, der in einem Bogengang steht oder eine Straße hinunterrutscht und seine Hand nach Almosen streckt, um die zu bitten er, in England wenigstens, Angst hat. Das Gesetz hat mir nicht nur alles genommen, was ich habe: meine Bücher, Möbel, Bilder, meine Urheberrechte an meinen veröffentlichten Werken, meine Urheberrechte an meinen Theaterstücken, alles tatsächlich vom »Glücklichen Prinzen« und »Lady Windermeres Fächer« an bis herab zu den Treppenläufern und dem Kratzeisen meines Hauses, sondern auch alles, was ich je besitzen werde. So zum Beispiel wurde mein Anteil an meinem Ehegut verkauft.

Glücklicherweise war ich in der Lage, ihn durch meine Freunde zurückzukaufen. Sonst wären, falls meine Frau stürbe, meine beiden Kinder bei meinen Lebzeiten ebenso mittellos wie ich. Mein Anteil an unserm irischen Grundbesitz, den mir mein Vater vererbt hat, wird vermutlich als nächstes an die Reihe kommen.

Sein Verkauf weckt sehr bittre Gefühle in mir, doch ich muß mich fügen.

Deines Vaters siebenhundert Pence – oder sind es Pfunde? – stehn im Weg und müssen zurückerstattet werden. Selbst wenn man mich von allem entblößt, was ich besitze und je besitzen werde, und das Verfahren wegen hoffnungsloser Zahlungsunfähigkeit eingestellt wird, bleiben noch meine Schulden. Die Diners im Savoy: die klare Schildkrötensuppe; die köstlichen, in ihre zackigen sizilischen Weinblätter gehüllten Ortolane; der schwere, bernsteinfarbene, ja, fast nach Bernstein duftende Champagner– Dagonet, 1880er, war, glaube ich, Dein Lieblingswein – sind alle noch zu bezahlen. Die Soupers bei Willis: die besondern cuvées von Perrier-Jouet, die man für uns immer reservierte; die ausgezeichneten Gänseleberpasteten, die direkt von Straßburg kamen; die wunderbare fine champagne, die immer auf dem Grunde großer, glockenförmiger Gläser serviert wurde, damit die Blume desto besser gewürdigt werde von den wahren epikuräischen Genießern dessen, was wirklich erlesen im Leben war – die können nicht unbezahlt bleiben, als böswillige Schulden eines unehrlichen Gastes. Selbst die zierlichen Manschettenknöpfe – vier herzförmige Mondsteine von silbrigem Hauch, mit Rubinen und Diamanten abwechselnd eingefaßt – die ich entworfen und bei Henry Lewis in Auftrag gegeben hatte, als ein besondres kleines Geschenk für Dich zur Feier des Erfolges meiner zweiten Komödie – selbst die – obwohl Du sie, glaube ich, ein paar Monate später für ein Butterbrot verkauft hast – sind noch zu bezahlen. Ich kann den Juwelier für die Geschenke, die ich Dir gemacht habe, nicht zu Schaden kommen lassen, einerlei, was Du damit angefangen hast. Du siehst also: ich habe, selbst wenn das Verfahren eingestellt wird, noch meine Schulden zu bezahlen.

Und was von einem für bankrott Erklärten gilt, das gilt von jedem andern im Leben. Für jedes einzelne Ding, das man tut, hat jemand zu zahlen. Selbst Du – mit all Deinem Verlangen, aller Pflichten ledig zu sein, Deiner Beharrlichkeit, jedes Ding von andern geliefert zu bekommen, Deinen Versuchen, Ansprüche an Deine Liebe, Rücksicht oder Dankbarkeit zurückzuweisen – selbst Du wirst eines Tages ernsthaft darüber nachdenken müssen, was Du getan hast, und, sei er noch so vergeblich, einen Wiedergutmachungsversuch nicht unterlassen können. Die Tatsache, daß Du zur Ausführung nicht imstande bist, wird einen Teil Deiner Strafe bilden. Du kannst Deine Hände nicht von aller Verantwortung reinwaschen und achselzuckend oder lächelnd Dir vornehmen, zu einem neuen Freund oder einem frisch gedeckten Gelage fürbaß zu gehn. Du kannst nicht alles, was Du über mich gebracht hast, als sentimentale Erinnrung behandeln, die man gelegentlich mit den Zigaretten und Likören aufträgt, als malerischen Hintergrund für ein modernes Leben der Freude, gleich einem alten Wandteppich, der in einer Kneipe hängt. Es mag für den Augenblick den Reiz einer neuen Speise oder eines frischen Weinjahrgangs haben, aber die Brocken eines Festmahls werden hart, und der Bodensatz einer Flasche ist bitter. Entweder heut oder morgen oder irgendeinen Tag wirst Du Dir das zum Bewußtsein bringen müssen. Sonst könntest Du sterben, ohne es getan zu haben, und was für ein armseliges, verhungertes, phantasieloses Leben hättest Du dann gehabt!

In meinem Brief an More hab ich einen Standpunkt durchblicken lassen, von dem aus an die Sache so bald wie möglich heranzutreten Du besser tätest. Er wird Dir sagen, was es ist. Es zu verstehn, wirst Du Deine Phantasie entwickeln müssen. Bedenke: Phantasie ist die Gabe, die einen befähigt, Dinge und Menschen in ihren realen wie in ihren idealen Beziehungen zu sehn. Wenn Du es nicht allein Dir zum Bewußtsein bringen kannst, sprich mit andern darüber. Ich habe meine Vergangenheit Aug in Aug ansehn müssen. Sieh Du Deine Vergangenheit Aug in Aug an. Setze Dich ruhig hin und betrachte sie. Das höchste Laster ist Seichtheit. Alles, was zum Bewußtsein kommt, ist richtig. Sprich, mit Deinem Bruder darüber. Der rechte Mensch dafür ist Percy. Laß ihn diesen Brief lesen und alle Umstände unsrer Freundschaft erfahren. Wenn ihm die Dinge klar hingestellt werden, ist keines Urteil besser. Hätten wir ihm die Wahrheit gesagt, was wäre mir für eine Menge Leid und Schande erspart geblieben! Du erinnerst Dich, ich machte den Vorschlag, es zu tun, an dem Abend, als Du von Algier in London ankamst. Du lehntest es glatt ab. Wir hatten daher, als er sich nach dem Essen einfand, die Komödie zu spielen, Dein Vater sei ein Geisteskranker und albernen, unerklärbaren Wahnvorstellungen unterworfen. Es war eine herrliche Komödie, solange sie dauerte, um so mehr, als Percy alles ganz ernst nahm. Leider endete sie auf sehr empörende Art. Das, worüber ich jetzt schreibe, ist eine ihrer Folgen; und wenn es für Dich eine Belästigung ist, so vergiß bitte nicht, daß es die tiefste meiner Demütigungen ist, eine, durch die ich hindurch muß. Ich habe keine andre Wahl. Auch Du hast keine.

Das zweite, worüber ich mit Dir sprechen muß, betrifft die Bedingungen, Umstände und den Ort unsrer Begegnung, wenn meine Strafzeit um ist. Aus Stellen Deines im Frühsommer des letzten Jahres an Robbie geschriebenen Briefes ersehe ich, daß Du in zwei Paketen meine Briefe und meine Geschenke an Dich versiegelt hast – wenigstens so viel von beiden noch übrig ist – und sie mir sehr gern persönlich einhändigen möchtest. Sie müssen natürlich unbedingt zurückgegeben werden. Du hast nicht verstanden, warum ich schöne Briefe an Dich schrieb, so wenig wie Du verstanden hast, warum ich Dir schöne Geschenke machte. Du begriffst nicht, daß jene nicht zur Veröffentlichung, so wenig wie diese dazu bestimmt waren, verpfändet zu werden. Außerdem gehören sie einem Abschnitt meines Lebens an, der lange vorüber ist, einer Freundschaft, die Du in ihrem wahren Wert nicht zu würdigen vermochtest. Du mußt jetzt mit Erstaunen auf die Tage zurückblicken, da Du mein ganzes Leben in der Hand hattest. Auch ich blicke mit Erstaunen auf sie zurück und mit andern, mit sehr verschiedenen Gefühlen.

Für einen, der so modern ist wie ich, so sehr »enfant de mon siècle«, wird es natürlich stets eine Lust sein, die Welt auch nur zu sehn. Ich zittre vor Freude, wenn ich daran denke, daß an dem Tag, an dem ich das Gefängnis verlasse, Goldregen und Flieder in den Gärten blühn, und daß ich sehn werde, wie der Wind das hangende Gold des einen ohne Rast und Ruh rütteln und das blaß-purpurne Gefieder des andern zausen wird, so daß die ganze Luft Arabien für mich sein soll. Linné sank auf die Knie und weinte vor Seligkeit, als er zum erstenmal die lange Heide eines englischen Hochlands sah, das die würzigen Ginsterblüten gelb gefärbt hatten; und ich, dem Blumen ein Teil der Sehnsucht sind, ich weiß, daß Tränen meiner in den Blättern einer Rose harren. Von Jugend auf war es so mit mir. Es gibt nicht eine Farbe, die sich in dem Kelch einer Blume oder in der Rundung einer Muschel versteckt, auf die ich vermöge einer zarten Sympathie mit der Seele aller Kreatur nicht einginge. Wie Gautier bin ich stets einer von denen gewesen, »pour qui le monde visible existe«.

Immerhin weiß ich jetzt, daß hinter all dieser Schönheit, so überzeugend sie auch sein mag, ein Geist verborgen ist, von dem die bunten Formen und Gestalten nur Erscheinungsspielarten sind, und mit diesem Geist wünsche ich mich in Einklang zu bringen. Des deutlich vernehmbaren Ausdrucks der Menschen und Dinge bin ich überdrüssig geworden. Das Mystische in der Kunst, das Mystische im Leben, das Mystische in der Natur – das ist es, wonach ich suche, und in den großen Musiksymphonien, dem weihevollen Schmerz und den Tiefen des Meeres werde ich es vielleicht finden. Ja, es ist unbedingt nötig, daß ich es irgendwo finde.

Ich habe eigentümliches Verlangen nach den großen, einfachen Urdingen, wie dem Meer, das mir ebenso wie die Erde eine Mutter ist. Mir will es scheinen, als sähen wir alle die Natur zu viel an und lebten zu wenig mit ihr. Ich erblicke viel gesunden Verstand in der Haltung der Griechen gegenüber der Natur. Sie schwatzten nie von Sonnenuntergängen, erörterten nie die Frage, ob die Schatten auf dem Grase wirklich violett seien oder nicht. Aber sie erkannten, daß das Meer für den Schwimmer und der Sand für die Füße des Wettläufers da sei. Sie liebten die Bäume um der Schatten willen, die sie werfen, und den Wald um seines Schweigens willen zur Mittagszeit. Der Winzer im Weinberg kränzte sein Haar mit Efeu, um die Sonnenstrahlen abzuwehren, wenn er sich über die jungen Schößlinge neigte, und für den Künstler und den Athleten – die beiden Typen, die uns Hellas geschenkt hat – flochten sie die Blätter des bittern Lorbeers und der wilden Petersilie, die sonst dem Menschen nichts getaugt hätten, zum Kranze.

Wir nennen uns ein Utilitätszeitalter und wissen kein einziges Ding zu nützen. Wir haben vergessen, daß Wasser reinigen, Feuer läutern kann und daß die Erde unsre Allmutter ist. Infolgedessen ist unsre Kunst vom Monde und spielt mit Schatten, während die griechische Kunst von der Sonne ist und sich unmittelbar mit den Dingen befaßt. Ich bin überzeugt, die Elemente haben läuternde Kraft, und ich will zu ihnen zurückkehren und in ihrer Gesellschaft leben.

Alle Prozesse sind Prozesse, bei denen es ums Leben geht, genau so wie alle Urteile Todesurteile sind; und dreimal ist mir der Prozeß gemacht worden. Das erstemal verließ ich den Gerichtssaal, um verhaftet zu werden, das zweitemal, um in das Haftlokal zurückgeführt, das drittemal, um auf zwei Jahre in eine Gefängniszelle zu gehn. Die Gesellschaft, wie wir sie eingerichtet, wird keinen Platz für mich haben, hat mir keinen zu bieten; aber die Natur, deren süßer Regen auf Gerechte und Ungerechte gleichermaßen fällt, wird Felsschluchten im Gebirge für mich haben, wo ich mich verstecken kann, und geheime Täler, in deren Schweigen ich ungestört weinen darf. Sie wird die Nacht mit Sternen behängen, daß ich, ohne zu straucheln, im Finstern außer Landes gehn kann, und den Wind meine Fußstapfen verwehn lassen, daß niemand mich zu meinem Schaden verfolgen kann. Sie wird mich in großen Wässern entsühnen und mit bittern Kräutern heilen.

Ich werden wenn alles mit mir gut geht, gegen Ende Mai frei kommen und hoffe dann, mit Robbie und More Adey sogleich nach einem kleinen Platz an der See ins Ausland zu fahren.

Das Meer, sagt Euripides in einer seiner Iphigenien, spült die Flecken und Wunden der Welt hinweg.

Ich hoffe, mindestens einen Monat mit meinen Freunden zu verbringen und in ihrer gesunden, liebevollen Gesellschaft Frieden und Gleichgewicht, ein weniger geängstigtes Herz und eine sanftere Stimmung zu gewinnen. Nach Ablauf eines Monats, wenn die Junirosen in all ihrer üppigen Pracht sind, will ich, falls ich mich dazu imstande fühle, durch Robbie Anstalten treffen lassen zu einem Wiedersehn mit Dir in einer ruhigen Stadt des Auslands, wie Brügge, dessen graue Häuser, grüne Kanäle, kühle, stille Wege vor Jahren einen Zauber für mich hatten. Vorübergehend wirst Du Deinen Namen ändern müssen. Den kleinen Titel, der Dich so eitel machte – und wahrhaftig, er ließ Deinen Namen wie den Namen einer Blume klingen –, wirst Du ablegen müssen, wenn Du mich sehn willst; ganz so wie ich meinen Namen, der früher so musikalisch im Munde des Ruhms war, meinerseits aufzugeben habe. Wie beschränkt und erbärmlich, wie wenig seinen Lasten gewachsen ist dieses unser Jahrhundert! Es kann dem Erfolg seinen Palast aus Porphyr geben, aber für Leid und Schande hat es nicht einmal eine Strohhütte zum Wohnen. Alles, was es für mich tun kann, ist: mich aufzufordern, meinen Namen gegen einen andern umzutauschen, wo selbst das Mittelalter mir die Mönchskapuze oder das Gesichtstuch des Aussätzigen gegeben hätte, so daß ich dahinter in Frieden sein könnte.

Hoffentlich wird unsre Begegnung das werden, was eine Begegnung zwischen Dir und mir nach allem, was vorgefallen ist, sein soll. In alten Tagen war immer eine weite Kluft zwischen uns – die Kluft vollendeter Kunst und erworbener Kultur; jetzt ist eine noch weitere Kluft zwischen uns: die des Leidens, doch der Demut ist nichts unmöglich, und der Liebe wird alles leicht.

Was Deinen Brief an mich als Antwort hierauf betrifft, so mag er lang oder kurz sein, wie es Dir beliebt. Adressiere an den »Direktor, I.  M. Gefängnis, Reading«. In einen zweiten, offnen Umschlag lege Deinen Brief an mich ein. Wenn Dein Papier sehr dünn ist, beschreibe nicht beide Seiten, weil dadurch das Lesen erschwert wird. Ich habe Dir mit vollster Freiheit geschrieben. Du kannst mir ebenso schreiben. Was ich von Dir erfahren muß, ist: warum Du nie den Versuch gemacht hast, mir seit August des vorletzten Jahres zu schreiben, besonders nachdem Du im Mai des letzten Jahres, also jetzt vor elf Monaten, erfuhrst und vor andern daraus kein Hehl machtest, wie ich durch Dich litt und wie es mir zum Bewußtsein kam.

Ich habe Monat um Monat auf Nachricht von Dir gewartet. Selbst wenn ich nicht gewartet, sondern Dir die Türen versperrt hätte, hättest Du bedenken sollen, daß niemand für immer der Liebe die Türen versperren kann. Der ungerechte Richter in den Evangelien erhebt sich schließlich, um einen gerechten Spruch zu fällen, weil die Gerechtigkeit täglich kommt und an seine Tür klopft; und zur Nachtzeit gibt der Freund, in dessen Herzen keine wahre Freundschaft ist, schließlich dem Freunde nach »um seines unverschämten Geilens willen«. Auf keiner Welt gibt es ein Gefängnis, zu dem sich Liebe nicht den Eintritt erzwingen kann. Wenn Du das nicht verstanden hast, hast Du gar nichts von Liebe verstanden. Laß mich ferner alles von Deinem Aufsatz über mich für den »Mercure de France« wissen. Ich weiß einiges davon. Zitiere lieber daraus. Er ist schon gesetzt. Laß mich auch den Wortlaut der Widmung Deiner Gedichte wissen. Wenn sie in Prosa ist, zitiere die Prosa; wenn in Versen, zitiere die Verse. Ich zweifle nicht, es wird Schönes darin stehn. Schreibe mir frank und frei über Dich, Dein Leben, Deine Freunde, Deine Beschäftigung, Deine Bücher. Erzähle mir von Deinem Gedichtband und seiner Aufnahme. Was Du auch für Dich zu sagen hast, sag es ohne Furcht. Schreibe nicht, was Du nicht meinst. Das ist alles. Wenn etwas in Deinem Briefe falsch oder unecht ist, werde ich es am Klang sofort erkennen.

Nicht umsonst und nicht vergeblich bin ich in meinem lebenslänglichen Kult der Literatur zu einem geworden, der

»Mit Laut und Silbe geizt, nicht minder als
mit seinem Golde Midas«.

Bedenke auch, daß ich Dich noch kennenzulernen habe. Vielleicht haben wir einander noch kennenzulernen. Für Dich hab ich nur dieses letzte noch zu sagen: habe keine Angst vor der Vergangenheit. Wenn Dir die Menschen sagen, sie sei unabänderlich, glaube ihnen nicht: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sind ein Augenblick vor Gott, vor dem wir zu leben bemüht sein sollten. Zeit und Raum, Aufeinanderfolge und Ausdehnung sind bloß zufällige Gedankenverbindungen. Die Phantasie kann sie überschreiten und sich in einem freien Bezirk idealer Existenzen bewegen. Auch die Dinge sind ihrem Wesen nach das, was uns daraus zu machen beliebt. Ein Ding ist, entsprechend der Art, wie wir es anschaun. »Wo andre«, sagt Blake, »nur die Dämmerung über den Berg kommen sehn, da sehe ich die Söhne Gottes vor Freude jauchzen.« Was die Welt und ich selbst als meine Zukunft auffaßten, das habe ich unwiederbringlich verloren, als ich mich in den Prozeß gegen Deinen Vater hetzen ließ; hatte sie wohl schon lange vorher verloren. Vor mir liegt meine Vergangenheit. Ich habe mich dahin zu bringen, daß ich sie mit andern Augen ansehe, habe Gott dahin zu bringen. Das kann ich nicht, wenn ich sie unbeachtet lasse, geringschätzig behandle, lobe oder verleugne. Es läßt sich nur erreichen, wenn ich sie als einen unvermeidlichen Teil der Entwicklung meines Lebens und Wesens hinnehme: indem ich vor allem, was ich erduldet, den Kopf neige. Wie weit ich von dem wahren Seelengleichmut entfernt bin, zeigt Dir ganz deutlich dieser Brief mit seinen wechselvollen, unsicheren Stimmungen, seiner Verachtung und seiner Bitterkeit, seinem Streben und dem Unvermögen, dieses Streben in die Tat umzusetzen. Vergiß aber nicht, in einer wie schrecklichen Schule ich an meiner Aufgabe sitze. Und so unvollständig, so unvollkommen ich bin, Du magst noch viel von mir zu gewinnen haben. Du wolltest bei mir die Lebensfreude und die Kunstfreude lernen. Vielleicht bin ich dazu berufen, Dich etwas viel Wundervolleres zu lehren: die Bedeutung des Schmerzes und seine Schönheit.

Dein Dich liebender Freund                                        

Oscar Wilde

Der selbstsüchtige Riese

Wenn die Kinder am Nachmittag aus der Schule kamen, gingen sie für gewöhnlich in den Garten des Riesen, um dort zu spielen.

Es war ein großer, wunderschöner Garten mit weichem grünen Gras. Hier und da standen prächtige Blumen sternengleich auf der Wiese, außerdem zwölf Pfirsichbäume, die im Frühjahr zarte Blüten in rosa und perlweiß hervorbrachten und im Herbst reiche Frucht trugen. Die Vögel saßen in den Bäumen und sangen so lieblich, dass die Kinder im Spiel innehielten, um ihnen zuzuhören. »Wie glücklich sind wir doch hier!«, riefen sie einander zu.

Eines Tages kam der Riese zurück. Er hatte seinen Freund besucht, den Menschenfresser von Cornwall, und er war sieben Jahre lang bei ihm geblieben. Nachdem die sieben Jahre vergangen waren, hatte der Riese all das gesagt, was zu sagen war; seine Gesprächsbereitschaft war nämlich begrenzt, und so entschied er sich dafür, in sein eigenes Schloss zurückzukehren. Als er dort ankam, sah er die Kinder in seinem Garten spielen.

»Was macht ihr hier?«, schrie er mit äußerst mürrischer Stimme und die Kinder liefen verängstigt davon.

»Mein eigener Garten ist immer noch mein eigener Garten«, sagte der Riese, »das muss jeder einsehen, und ich werde niemals jemandem außer mir selbst erlauben, darin zu spielen«. Und so errichtete er eine hohe Mauer rings um den Garten und stellte ein Warnschild mit den folgenden Worten auf: Unbefugten ist der Zutritt bei Strafe verboten! – Er war wirklich ein sehr selbstsüchtiger Riese.

Die armen Kinder hatten von nun an keinen Ort mehr, wo sie spielen konnten. Sie versuchten auf der Straße zu spielen, aber diese war sehr staubig und voll mit spitzen Steinen, und das gefiel den Kindern nicht. Immer wieder schlenderten sie nach dem Unterricht um die hohe Mauer herum und sprachen von dem herrlichen Garten, der dahinter verborgen lag. »Wie glücklich waren wir doch dort«, sagten sie zueinander.

Dann kam der Frühling und überall – landauf, landab – waren kleine Blüten zu sehen, und junge Vögel zwitscherten vergnügt. Nur im Garten des selbstsüchtigen Riesen war immer noch Winter. Die Vögel wollten dort nicht singen und die Bäume vergaßen zu blühen, weil keine Kinder mehr da waren. Einmal streckte eine wunderschöne Blume ihren Kopf aus dem Gras heraus, aber als sie das Hinweisschild sah, hatte sie so großes Mitleid mit den Kindern, dass sie sich sofort wieder in den Boden zum Schlafen zurückzog. Die einzigen, denen der Garten noch gefiel, waren der Schnee und der Frost. »Der Frühling hat diesen Garten vergessen«, riefen sie erfreut, »wir werden das ganze Jahr über hier bleiben«. Der Schnee bedeckte das Gras mit seinem dicken weißen Mantel und der Frost ließ alle Bäume silbern erscheinen. Dann luden sie den Nordwind ein, ihnen Gesellschaft zu leisten – und er kam. Er war in warme Felle gehüllt, brüllte unaufhörlich durch den Garten und blies die Schornsteinbleche hinunter. »Welch ein herrlicher Platz«, schwärmte er, »wir sollten den Hagel bitten, uns zu besuchen«. Und der Hagel kam. Jeden Tag prasselte er drei Stunden lang auf das Dach des Schlosses, bis er fast alle Ziegel zerstört hatte, und danach sauste er, so schnell er konnte, quer durch den Garten. Er war ganz in grau gekleidet und sein Atem war so kalt wie Eis.

»Ich kann nicht verstehen, warum der Frühling in diesem Jahr so spät kommt«, sagte der selbstsüchtige Riese, als er an dem Fenster saß und in seinen kalten weißen Garten blickte; »ich hoffe, dass sich das Wetter bald ändert«.

Aber es kamen weder Frühling noch Sommer. Der Herbst beschenkte jeden Garten mit goldenen Früchten, nur den Garten des Riesen sparte er aus. »Er ist zu selbstsüchtig«, sagte der Herbst. So war anhaltender Winter im Garten; und der Nordwind, der Hagel, der Frost und der Schnee tanzten im Wechsel zwischen den Bäumen herum.

Eines Morgens lag der Riese wach in seinem Bett, als er eine wunderschöne Musik hörte. Sie klang so lieblich in seinen Ohren, dass er dachte, es könnten nur die Musiker des Königs sein, die vorbeizögen. In Wirklichkeit aber war es nur ein kleiner Hänfling, der draußen vor seinem Fenster sang; aber es war so lange her, seit er einen Vogel in seinem Garten hatte singen hören, dass er das Gefühl hatte, die schönste Musik der Welt zu vernehmen. In diesem Moment hörte der Hagel auf, über seinem Kopf herumzutanzen, der Nordwind stellte sein Gebrüll ein und ein köstlicher Duft strömte ihm durch das geöffnete Fenster entgegen. »Ich glaube, nun kommt der Frühling wohl doch noch«, sagte der Riese, sprang aus dem Bett und guckte nach draußen.

Und was sah er da?

Es war der wundervollste Anblick, den man sich denken konnte. Die Kinder waren durch ein kleines Loch in der Mauer in den Garten gekrochen und saßen nun auf den Zweigen der Bäume – in jedem Baum, den er sehen konnte, ein kleines Kind. Und die Bäume waren so froh, die Kinder endlich wieder bei sich zu haben, dass sie sich mit Blüten schmückten und ihre Zweige gleich schützenden Händen über den Köpfen der Kinder auf und ab bewegten. Die Vögel flogen umher und zwitscherten vor Vergnügen und die Blumen schauten lachend aus dem frischen grünen Gras heraus. Es war ein anmutiges Bild, nur in einer Ecke des Gartens war noch immer Winter. Dort, in dem entferntesten Winkel, stand ein kleiner Junge. Er war so klein, dass er nicht an die Zweige des Baumes heranreichen konnte; immer wieder ging er um ihn herum und weinte bitterlich. Der arme Baum war immer noch über und über mit Eis und Schnee bedeckt und der Nordwind blies und heulte über ihn hinweg. »Klettere nur hinauf, kleiner Junge!«, sagte der Baum freundlich, und beugte seine Zweige so tief herunter, wie er konnte, aber der Junge war einfach zu klein.

Als der Riese das sah, wurde es ihm ganz warm um das Herz. »Wie selbstsüchtig bin ich gewesen!«, sprach er reumütig zu sich selbst, »jetzt verstehe ich, warum der Frühling nicht in meinen Garten kommen wollte. Ich werde den kleinen Jungen auf die Spitze des Baumes setzen und danach die Mauer niederreißen. Von nun an soll der Garten auf ewig der Spielplatz der Kinder sein«. Er bedauerte aufrichtig, was er getan hatte.

Der Riese schlich nach unten, öffnete ganz leise die Haustür und trat in den Garten. Aber als die Kinder ihn sahen, hatten sie solche Angst, dass sie alle davonrannten – und augenblicklich wurde es wieder Winter im Garten. Nur der kleine Junge lief nicht fort; denn er hatte, da seine Augen ganz mit Tränen gefüllt waren, den Riesen nicht kommen sehen. Dieser näherte sich dem Jungen ganz vorsichtig von hinten, nahm ihn sanft in seine Hand und setzte ihn in den Baum. Unverzüglich erstrahlte der Baum in üppiger Blütenpracht und die Vögel kamen, setzten sich hinein und sangen; und der kleine Junge streckte seine Arme aus, schlang sie dem Riesen um den Hals und küsste ihn. Und als all die anderen Kinder sahen, dass der Riese nicht länger böse war, kamen sie eilig zurück – und mit ihnen kam der Frühling. »Von nun an, Kinder, ist dies euer Garten«, sagte der Riese, nahm eine riesige Axt und riss die Mauer nieder. Und als die Menschen um die Mittagszeit zum Markt gingen, sahen sie den Riesen mit den Kindern im Garten spielen, dem schönsten Garten, den sie jemals gesehen hatten.

Sie spielten den ganzen Tag lang, und am Abend gingen sie auf den Riesen zu, um sich von ihm zu verabschieden.

»Aber wo ist denn euer kleiner Spielgefährte, der Junge, den ich auf den Baum gesetzt habe?«, fragte der Riese. Den kleinen Jungen liebte er nämlich am meisten, weil dieser ihn geküsst hatte.

»Das wissen wir nicht«, antworteten die Kinder, »er ist fortgegangen«.

»Ihr müsst ihm sagen, dass er morgen unbedingt wiederkommen soll«, sagte der Riese. Aber die Kinder entgegneten, dass sie nicht wüssten, wo er wohne, und dass sie ihn auch niemals zuvor gesehen hätten. Daraufhin wurde der Riese sehr traurig.

Jeden Nachmittag, wenn die Schule zu Ende war, kamen die Kinder und spielten mit dem Riesen. Aber den kleinen Jungen, den der Riese besonders liebte, sah man nie mehr. Der Riese war sehr freundlich zu all den Kindern, und dennoch blieb in ihm die Sehnsucht nach seinem ersten kleinen Freund; immer wieder sprach er von dem Jungen. »Wie gerne würde ich ihn wiedersehen«, pflegte der Riese dann zu sagen.

Jahre vergingen und der Riese wurde ganz alt und schwach. Er konnte nicht mehr im Garten spielen, und so saß er in einem riesigen Lehnstuhl, sah den Kindern beim Spielen zu und erfreute sich an seinem Garten. »Ich habe zwar viele herrliche Blumen, aber die Kinder sind die schönsten von allen«, sagte er zu sich selbst.

An einem Wintermorgen schaute er, während er sich anzog, aus dem Fenster. Jetzt hasste er den Winter nicht mehr, denn er wusste, dass dies nur die Zeit des schlafenden Frühlings und der sich ausruhenden Blumen war. Plötzlich rieb er sich verwundert die Augen – und schaute und schaute. Es war in der Tat ein wundervoller Anblick. In der entlegensten Ecke des Gartens war ein Baum über und über mit herrlichen weißen Blüten bedeckt. Seine Zweige waren vergoldet und silberne Früchte hingen von ihnen herab. Und unter dem Baum stand der kleine Junge, den der Riese so sehr in sein Herz geschlossen hatte.

Hocherfreut rannte der Riese nach unten und hinaus in den Garten. Er hastete über die Wiese und näherte sich dem Kind. Und als er ganz nah herangekommen war, wurde sein Gesicht rot vor Zorn, und er fragte: »Wer hat es gewagt, dich zu verletzen?« Auf den Handflächen des Kindes waren nämlich die Male von zwei Nägeln zu erkennen, und die Male von zwei Nägeln waren auch an seinen kleinen Füßen.

»Wer hat es gewagt, dich zu verletzen?«, schrie der Riese noch einmal, »sag es mir, damit ich mein mächtiges Schwert ziehen und ihn erschlagen kann«. »Nein!«, antwortete das Kind, »denn dies sind die Wunden der Liebe«. »Wer bist du?«, fragte der Riese; eine seltsame Ehrfurcht überkam ihn und er kniete vor dem kleinen Jungen nieder.

Daraufhin lächelte das Kind den Riesen an und sagte zu ihm. »Du hast mich einst in deinem Garten spielen lassen, heute sollst du mit mir in meinen Garten kommen – in das Paradies eingehen«.

Und als die Kinder an diesem Nachmittag in den Garten gelaufen kamen, fanden sie den Riesen tot auf – er lag unter dem Baum und war über und über mit weißen Blüten bedeckt.

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The Happy Prince


Der glückliche Prinz

Hoch über der Stadt stand auf einer schlanken Säule die Statue des glücklichen Prinzen. Er war über und über mit dünnen Blättern feinen Goldes vergoldet, er hatte zwei schimmernde Saphire als Augen, und an seinem Schwertknauf glühte ein großer roter Rubin.

Alle Welt bewunderte ihn sehr. »Er ist so schön wie ein Wetterhahn«, meinte ein Ratsherr, der den Ruf eines Kunstkenners zu erlangen trachtete. »Nur nicht ganz so nützlich«, setzte er hinzu, denn er fürchtete, die Leute könnten ihn für unpraktisch halten, und das war er keineswegs.

»Warum kannst du nicht sein wie der glückliche Prinz?« fragte eine empfindsame Mutter ihren kleinen Jungen, der weinend nach dem Mond verlangte. »Dem glücklichen Prinzen fällt’s nun und nimmer ein, nach irgend etwas zu weinen.«

»Ich bin froh, daß es in dieser Welt doch Einen gibt, der vollkommen glücklich ist«, flüsterte ein Enttäuschter vor sich hin, als er zu dem wundervollen Standbild emporschaute.

»Er sieht ganz wie ein Engel aus«, sagten die Waisenkinder, wenn sie in ihren hellen scharlachroten Mänteln und den sauberen weißen Schürzchen aus der Kathedrale kamen.

»Woher wollt ihr das wissen?« fragte der Rechenlehrer. »Ihr habt ja nie einen gesehen.«

»O doch! In unseren Träumen«, antworteten die Kinder; und der Rechenlehrer runzelte die Stirn und machte ein sehr strenges Gesicht, denn er konnte es gar nicht leiden, daß Kinder träumten.

Eines Nachts nun flog eine kleine Schwalbe über die Stadt, ein Schwalbenjüngling. Seine Gefährten waren schon vor sechs Wochen nach Ägypten gezogen, er aber hatte gesäumt, denn er war in das hübscheste aller Schilfrohre verliebt. Er hatte seine Schöne im jungen Frühling kennengelernt, als er hinter einem dicken gelben Falter her den Fluß entlangflog, und war von ihrer zarten Taille so betört gewesen, daß er in seinem Fluge eingehalten hatte, um mit ihr zu plaudern.

»Soll ich dich lieben?« fragte der Schwalbenjüngling, der gern ohne viel Umschweife zur Hauptsache kam, und die Schöne neigte sich tief vor ihm. Da flog und kreiste er um sie her und streifte das Wasser leicht mit seinen Flügeln, daß es sich silbern kräuselte. Auf solche Art warb er, und es ging so den ganzen Sommer lang.

»Das ist eine lächerliche Liebschaft«, zwitscherten die anderen Schwalben, »sie hat kein Geld und viel zuviel Verwandte« – und in der Tat war der Fluß ganz voller Röhricht. Dann, als der Herbst kam, flogen die Schwalben alle davon.

Da sie nun fort waren, fühlte der kleine Vogel sich einsam und fing an, seiner Dame überdrüssig zu werden. »Man kann sich gar nicht mit ihr unterhalten«, sagte er, »und mir scheint fast, sie ist kokett, denn allzeit flirtet sie mit dem Wind.« Und wirklich, wann immer der Wind wehte, grüßte sie ihn mit den anmutvollsten Verneigungen. »Ich gebe zu, sie ist häuslich«, fuhr der Vogel fort, »aber ich liebe das Reisen, und folglich sollte meine Frau es auch lieben.«

»Willst du mit mir kommen?« fragte er sie schließlich; aber sie schüttelte nur den Kopf, sie wurzelte allzu fest in ihrem Heim. »Du hast dein Spiel mit mir getrieben!« schrie er. »Ich mache mich davon nach den Pyramiden. Leb wohl!« Und er flog von dannen.

Den ganzen Tag flog er, und im Abenddämmern kam er in der Stadt an. »Wo soll ich absteigen?« sagte er zu sich. »Hoffentlich haben sie hier ihre Zurüstungen getroffen.«

Dann sah er das Standbild auf der hohen Säule.

»Dort will ich absteigen«, rief er, »die Lage ist schön, und frische Luft gibt‘s da oben genug.« Damit ließ er sich just zwischen den Füßen des glücklichen Prinzen nieder.

»Ich habe ein goldenes Schlafzimmer«, sagte der kleine Vogel träumerisch zu sich selber, als er um sich blickte, und machte sich zum Schlafengehen bereit; aber da er eben den Kopf unter den Flügel stecken wollte, fiel ein großer Tropfen Wasser auf ihn herab. »Wie sonderbar!« rief er, »nicht ein einziges Wölkchen steht am Himmel, die Sterne scheinen klar und hell, und dabei regnet es. Das Klima im nördlichen Europa ist wirklich schauderhaft. Das Schilfrohr schwärmte zwar für Regen, aber das war nichts als Egoismus.«

Da fiel ein zweiter Tropfen.

»Wozu nützt ein Standbild, wenn es nicht einmal den Regen abhalten kann?« sagte er, »ich muß mich nach einem soliden Schornsteinaufsatz umsehen «, und er beschloß weiterzufliegen.

Doch ehe er seine Flügel ausgebreitet hatte, fiel ein dritter Tropfen, und er blickte auf und sah … Ah, was sah er?

Die Augen des glücklichen Prinzen waren voll Tränen, und Tränen strömten ihm über die goldenen Wangen. Sein Antlitz war so schön im Mondlicht, daß Mitleid die kleine Schwalbe erfüllte.

»Wer bist du?« fragte sie.

»Ich bin der glückliche Prinz.«

»Warum weinst du dann?« fragte die Schwalbe, »ich bin davon ganz naß geworden.«

»Als ich lebte und ein Menschenherz besaß«, erwiderte das Standbild, »wußte ich nicht, was Tränen sind, denn ich lebte im Schloß Sorgenlos, das kein Leid betreten darf. Am Tage spielte ich mit meinen Gespielen im Garten, und des Abends führte ich den Tanz im großen Saale an. Rings um den Garten lief eine sehr hohe Mauer; aber nie kam mir die Frage, was dahinter sein möge, denn alles um mich her war so schön. Die Herren vom Hofe nannten mich den glücklichen Prinzen, glücklich war ich fürwahr, wofern Freude Glück bedeutet. So lebte ich, so starb ich. Und nun, da ich tot bin, haben sie mich in solche Höhe hier heraufgestellt, daß ich alles sehen kann, was häßlich, alles, was jammervoll ist in meiner Stadt, und wenn ich auch ein bleiernes Herz habe – wie sollte ich nicht weinen?«

»Was, er ist nicht aus massivem Gold?« fragte sich die Schwalbe im stillen. Sie war zu höflich, um irgendwelche anzüglichen Bemerkungen laut auszusprechen.

»Weit entfernt von hier«, fuhr das Standbild mit leiser, melodischer Stimme fort, »weit entfernt von hier in einer kleinen Gasse steht ein ärmliches Haus. Eins der Fenster ist offen, und durch dieses Fenster kann ich eine Frau an einem Tische sitzen sehen. Ihr Gesicht ist mager und verhärmt, rauh und rot sind ihre Hände und ganz von der Nadel zerstochen, denn sie ist eine Näherin. Sie stickt Passionsblumen auf ein Atlaskleid, das die reizendste unter den Ehrendamen der Königin beim nächsten Hofball tragen will. In einer Ecke der Kammer liegt ihr kleiner Junge krank im Bett. Er fiebert und möchte so gerne Orangen. Seine Mutter aber hat nichts ihm zu geben als Wasser aus dem Fluß, und deshalb weint er. Schwalbe, Schwalbe, kleine Schwalbe, willst du ihr nicht den Rubin aus meinem Schwertknauf bringen? Meine Füße sind an dies Postament gefesselt, und ich kann nicht hinab.«

»Ich werde in Ägypten erwartet«, sagte die Schwalbe. »Meine Freunde fliegen den Nil auf und nieder und plaudern mit den prangenden Lotosblumen. Bald werden sie im Grabmal des großen Königs schlafen gehen. Der König selbst liegt dort unten in seinem buntbemalten Sarge. Er ist in ein gelbes Leintuch gewickelt und mit Wohlgerüchen einbalsamiert. Um seinen Nacken schlingt sich eine Kette von blaßgrüner Jade, und seine Hände sind wie welkes Laub.«

»Schwalbe, Schwalbe, kleine Schwalbe«, sagte der Prinz, »willst du nicht eine Nacht lang bei mir bleiben und mein Bote sein? Der Knabe verschmachtet, und der Mutter ist so bang.«

»Ich kann Jungen eigentlich gar nicht leiden«, entgegnete die Schwalbe. »An dem Flusse, wo ich vorigen Sommer wohnte, waren zwei ungezogene Jungen, die Müllerssöhne; die warfen immerfort mit Steinen nach mir. Sie haben mich natürlich nie getroffen, wir Schwalben fliegen dafür viel zu gut, und überdies stamme ich aus einer Familie, die wegen ihrer Hurtigkeit berühmt ist; es war aber doch ein Zeichen von Nichtachtung.« Aber der glückliche Prinz sah so traurig aus, daß es die kleine Schwalbe jammerte. »Es ist sehr kalt hier«, sagte sie, »doch ich will eine Nacht lang bei dir bleiben und dein Bote sein.«

»Danke, kleine Schwalbe«, sagte der Prinz.

Also pickte die Schwalbe den großen Rubin aus des Prinzen Schwert, und den Edelstein im Schnabel, flog sie davon, über die Dächer der Stadt.

Sie kam am Turm der Kathedrale vorüber, von dem die weißen Marmorengel niederschauten. Sie kam am Schloß vorüber und hörte den Lärm des Balles. Ein schönes Mädchen trat mit seinem Anbeter auf den Altan hinaus. »Wie wunderreich die Sterne sind«, sagte er zu ihr, »und wie wunderreich ist die Macht der Liebe!«

»Hoffentlich wird mein Kleid rechtzeitig für den Hofball fertig«, antwortete sie. »Ich habe Auftrag gegeben, daß Passionsblumen daraufgestickt werden; aber die Näherinnen sind so faul.«

Die Schwalbe flog über den Fluß und sah die Laternen an den Masten der Schiffe hängen. Sie flog über das Getto und sah die alten Juden miteinander handeln und Geld auf kupfernen Waagschalen wägen. Endlich kam sie zu dem armen Häuschen und blickte hinein. Der Knabe warf sich fieberheiß im Bette hin und her, und die Mutter war eingeschlafen, sie war so müde. Durchs Fenster hinein hüpfte die Schwalbe und legte den großen Rubin auf den Tisch, neben den Fingerhut der Schlafenden. Dann umflog sie mit weichen Flügelschlägen das Bett, und ihre Schwingen fächelten des Knaben Stirn. »Wie kühl mir ist«, sagte der Knabe, »ich glaube, nun werde ich gesund.« Und er sank in einen erquickenden Schlummer.

Darauf flog die Schwalbe zurück zu dem glücklichen Prinzen und erzählte ihm, was sie getan hatte. »Es ist sonderbar«, bemerkte sie, »aber mich friert jetzt gar nicht mehr, obwohl es so kalt ist.«

»Das kommt, weil du eine gute Tat getan hast«, sagte der Prinz. Und die kleine Schwalbe begann darüber nachzudenken, und dann schlief sie ein. Denken machte sie immer schläfrig.

Als es tagte, flog sie hinab zum Fluß und nahm ein Bad. »Welch bemerkenswertes Phänomen!« sagte der Professor der Ornithologie, der eben über die Brücke ging. »Eine Schwalbe im Winter!« Und er schrieb über diesen Gegenstand einen langen Artikel für die Lokalzeitung. Jedermann zitierte ihn, er war voll so vieler Wörter, die niemand verstand.

»Heute abend reise ich nach Ägypten«, sagte der kleine Vogel, und er fühlte sich ganz angeregt von dieser Aussicht. Er besuchte alle Denkmäler und bedeutenden Bauten der Stadt und saß lange auf der Kirchturmspitze. Wo er auch hinkam, überall riefen die Spatzen zwitschernd einander zu: »Was für ein vornehmer Fremder!« So unterhielt sich die Schwalbe ganz ausgezeichnet.

Als der Mond aufging, flog sie zurück zu dem glücklichen Prinzen. »Soll ich in Ägypten etwas für dich ausrichten?« rief sie. »Ich breche jetzt auf.«

»Schwalbe, Schwalbe, kleine Schwalbe«, sagte der Prinz, »willst du nicht diese eine Nacht noch bei mir bleiben?«

»Ich werde in Ägypten erwartet«, antwortete die Schwalbe. »Morgen fliegen meine Freunde hinauf zum zweiten Katarakt. Das Nilpferd ruht dort zwischen den Binsen, und auf einem großen granitenen Throne sitzt der Gott Memnon. Die ganze Nacht hindurch schaut er nach den Sternen, und wenn das Morgengestirn aufgeht, stößt er einen einzigen tönenden Jubelschrei aus und schweigt dann wieder still. Zu Mittag kommen die gelben Löwen herab zum Ufersaum, um zu trinken. Sie haben Augen gleich grünen Beryllen, und ihr Gebrüll ist mächtiger als das Brüllen des Katarakts.«

»Schwalbe, Schwalbe, kleine Schwalbe«, sagte der Prinz, »weit entfernt von hier, am Ende der Stadt, sehe ich einen jungen Mann in einer Dachkammer. Er beugt sich über ein Schreibpult, das mit Papieren bedeckt ist, und ein Bund verdorrter Veilchen steht neben ihm in einem Wasserglas. Sein Haar ist braun und gelockt, und er hat große verträumte Augen, und seine Lippen sind wie ein Granatapfel rot. Er müht sich, ein Stück für den Theaterdirektor zu vollenden, aber er friert so sehr, daß er nicht weiterschreiben kann. Kein Feuer brennt in seinem Kamin, und der Hunger hat ihn entkräftet.«

»Ich will diese eine Nacht noch bei dir bleiben«, sagte die Schwalbe, die wirklich ein gutes Herz hatte. »Soll ich ihm auch einen Rubin bringen?«

»Ach nein, ich habe keinen Rubin mehr«, sagte der Prinz, »meine Augen sind alles, was mir geblieben ist. Sie sind aus köstlichen Saphiren gemacht, die man vor tausend Jahren aus Indien hergebracht hat. Reiß eines von ihnen aus und trag es zu ihm hin. Er wird den Edelstein zum Goldschmied bringen und Nahrung und Feuerholz kaufen und sein Stück vollenden.«

»Lieber Prinz«, sagte die Schwalbe, »das kann ich nicht.« Und sie begann zu weinen.

»Schwalbe, Schwalbe, kleine Schwalbe«, sagte der Prinz, »tu, wie ich dich heiße.«

Also riß die Schwalbe des Prinzen eines Auge aus und flog fort zur Dachkammer des Studenten. Es war leicht genug, hineinzugelangen, denn das Dach hatte ein Loch. Da hindurch schoß sie und kam in die Kammer. Der junge Mann hatte den Kopf in den Händen vergraben; so hörte er das Flattern der Vogelschwingen nicht, und als er aufsah, fand er den schönen Saphir, der auf den verdorrten Veilchen lag.

»Man beginnt mich anzuerkennen«, rief er, »dies hier kommt gewiß von einem großen Bewunderer. Nun kann ich mein Stück vollenden«, und er sah ganz glücklich aus.

Am nächsten Tage flog die Schwalbe hinunter zum Hafen. Sie saß auf dem Mast eines gewaltigen Schiffes und sah zu, wie die Matrosen schwere Kisten an Tauen aus dem Schiffsleib hochwanden. »Hievt, a-hoi! a-hoi!« schrien sie bei jeder Kiste, die sie aufhievten. »Ich reise nach Ägypten!« rief die Schwalbe; aber niemand beachtete sie, und als der Mond aufging, flog sie zurück zu dem glücklichen Prinzen.

»Ich bin gekommen, dir Lebewohl zu sagen«, rief sie.

»Schwalbe, Schwalbe, kleine Schwalbe«, sagte der Prinz, »willst du nicht diese eine Nacht noch bei mir bleiben?«

»Es ist Winter«, antwortete die Schwalbe, »und der eisige Schnee wird bald dasein. In Ägypten scheint die Sonne warm auf die grünen Palmenbäume, und die Krokodile liegen im Schlamm und blicken träge um sich. Meine Gefährten bauen ein Nest im Tempel von Baalbek, und die weiß- und rosenfarbenen Tauben sehen ihnen zu, und eine gurrt der andern Zärtlichkeiten. Lieber Prinz, ich muß Abschied nehmen, aber ich will dich nie vergessen, und im nächsten Frühling bringe ich dir zwei schöne Edelsteine statt derer, die du weggegeben hast.

Der Rubin soll röter sein als eine rote Rose, und der Saphir so blau wie die weite See.«

»Auf dem Platze unten«, sagte der glückliche Prinz, »steht ein kleines Mädchen und verkauft Streichhölzer. Sie hat ihre Hölzchen in die Gosse fallen lassen, und sie sind ganz verdorben.

Ihr Vater wird sie schlagen, wenn sie kein Geld nach Hause bringt, und darum weint sie. Sie hat nicht Strümpfe noch Schuhe, und ihr Köpfchen ist bloß. Reiß mein anderes Auge aus und gib es ihr, und ihr Vater wird sie nicht schlagen.« »Ich will diese eine Nacht noch bei dir bleiben«, sagte die Schwalbe, »aber ich kann dir das Auge nicht ausreißen. Du wärest dann ja ganz blind.«

»Schwalbe, Schwalbe, kleine Schwalbe«, sagte der Prinz, »tu, wie ich dich heiße.«

Da riß sie des Prinzen anderes Auge aus und stieß damit hinab auf den Platz. Sie schwirrte an dem Streichholzmädchen vorbei und ließ das Juwel in ihre Hand gleiten. »Was für ein hübsches Stückchen Glas!« rief die Kleine; und lachend lief sie heim.

Dann kam die Schwalbe zurück zu dem Prinzen. »Du bist nun blind«, sagte sie, »so will ich immerdar bei dir bleiben.«

»Nein, kleine Schwalbe«, sagte der arme Prinz, »du mußt nach Ägypten reisen.«

»Ich will immerdar bei dir bleiben«, sagte die Schwalbe, und zu Füßen des Prinzen schlief sie ein.

Den ganzen folgenden Tag saß sie auf des Prinzen Schulter und erzählte ihm von allerlei Seltsamem, das sie in fremden Landen geschaut hatte. Sie erzählte ihm von den roten Ibissen, die in langen Reihen an den Ufern des Niles stehen und mit ihren Schnäbeln Goldfische fangen; von der Sphinx, die so alt ist wie die Welt und in der Wüste lebt und jedes Ding weiß; von den Kaufleuten, die gemessenen Schrittes zur Seite ihrer Kamele gehen und Rosenkränze aus Bernstein in den Händen tragen; von dem König der Mondberge, der schwarz ist wie Ebenholz und einen riesigen Kristall anbetet; von der großen grünen Schlange, die in einem Palmbaum schläft und zwanzig Priester um sich hat, ihr zu dienen und sie mit Honigkuchen zu füttern; und von den Pygmäen, die über einen großen See auf flachen breiten Blättern segeln und allzeit im Krieg liegen mit den Schmetterlingen.

»Liebe kleine Schwalbe«, sagte der Prinz, »du erzählst mir von wundersamen Dingen, aber wundersamer als alles in der Welt ist das Menschenleid. Kein Wunder ist so tief wie die Wunden des Elends. Flieg über meine Stadt, kleine Schwalbe, und erzähl mir, was du dort siehst.«

So flog die kleine Schwalbe über die große Stadt und sah, wie sich’s die Reichen in ihren schönen Häusern wohl sein ließen, indes die Bettler draußen an den Toren saßen. Sie flog in dunkle Gassen und sah die weißen Gesichter hungernder Kinder, die unfroh auf die düsteren Straßen blickten. Unter einem Brückenbogen lagen zwei kleine Jungen, einer in des andern Arm geschmiegt, um sich zu wärmen. »Wir haben solchen Hunger!« sagten sie. »Ihr dürft hier nicht liegen!« brüllte der Wächter, und sie gingen hinaus in den Regen.

Da flog die Schwalbe zurück und erzählte dem Prinzen, was sie gesehen hatte.

»Ich bin mit feinem Golde bedeckt«, sagte der Prinz, »das sollst du abheben, Blatt um Blatt, und meinen Armen geben; die Lebenden meinen, daß Gold sie glücklich machen könne.« Blatt für Blatt des feinen Goldes pickte die Schwalbe ab, bis der glückliche Prinz ganz stumpf und grau aussah. Blatt für Blatt des feinen Goldes brachte sie den Armen, und die Wangen der Kinder erblühten, und sie lachten und spielten ihre Spiele auf den Straßen. »Nun haben wir Brot!« riefen sie.

Dann kam der Schnee, und nach dem Schnee kam der Frost. Die Straßen sahen aus, als wären sie aus Silber geschmiedet, so hell glitzerten sie; lange Eiszapfen, kristallenen Dolchen gleich, hingen von den Dächern der Häuser, alle Welt ging in Pelzen einher, und die kleinen Jungen trugen rote Wollkappen und liefen Schlittschuh auf dem Eise.

Die arme kleine Schwalbe fror und fror immer ärger, aber sie wollte den Prinzen nicht verlassen, dazu hatte sie ihn zu lieb. Sie pickte Krumen vor der Tür des Bäckers auf, wenn der Bäcker nicht hinsah, und suchte sich zu wärmen, indem sie mit den Flügeln schlug.

Endlich aber erkannte sie, daß sie sterben müsse. Sie hatte gerade noch Kraft genug, sich noch einmal auf des Prinzen Schulter zu schwingen. »Leb wohl, lieber Prinz!« sagte sie leise, »darf ich deine Hand küssen?«

»Ich freue mich, daß du endlich nach Ägypten reisest, kleine Schwalbe«, sagte der Prinz, »du bist schon viel zu lange hiergeblieben; aber du mußt mich auf die Lippen küssen, denn ich liebe dich.«

»Nicht nach Ägypten reise ich«, sagte die Schwalbe, »ich reise zum Haus des Todes. Der Tod ist der Bruder des Schlafes, ist’s nicht so?«

Und sie küßte den glücklichen Prinzen auf die Lippen und fiel tot zu seinen Füßen nieder.

In diesem Augenblick tönte aus dem Innern des Standbildes ein seltsames Knacken, als ob etwas zerbrochen wäre. Und wirklich, das bleierne Herz war mitten entzweigesprungen. Es war ja auch eine grimmig kalte Nacht.

Früh am nächsten Morgen ging der Bürgermeister mit den Ratsherren unten über den Platz. Als sie an der Säule vorbeikamen, blickte er hinauf zu dem Standbild. »Ach, du liebe Zeit! Wie armselig der glückliche Prinz aussieht!« sagte er. »Gewiß, wie armselig!« riefen die Ratsherren, die stets einer Meinung mit dem Bürgermeister waren; und sie stiegen hinauf, um den Schaden von der Nähe zu besehen.

»Der Rubin ist aus seinem Schwert gefallen, die Augen sind weg, und er ist gar nicht mehr golden«, sagte der Bürgermeister. »Er sieht buchstäblich kaum besser aus als ein Bettler.«

»Kaum besser als ein Bettler«, sagten die Ratsherren. »Und hier liegt wahrhaftig ein toter Vogel vor seinen Füßen!« fuhr der Bürgermeister fort. »Wir müssen tatsächlich eine Verordnung erlassen, daß es Vögeln verboten ist, hier zu sterben.« Und der Stadtschreiber notierte sich diesen Hinweis. Also wurde das Standbild des glücklichen Prinzen herabgeholt. »Da er nicht mehr schön ist, ist er nicht mehr nützlich«, sagte der Kunstprofessor der Universität.

Darauf schmolzen sie das Standbild in einem Schmelzofen, und der Bürgermeister hielt eine Sitzung mit dem Stadtrat ab, um zu entscheiden, was mit dem Metall geschehen solle. »Wir

müssen selbstverständlich ein neues Standbild haben«, sagte er, »und das soll mein eigenes Standbild sein.« »Mein eigenes«, sagte jeder der Ratsherren, und sie zankten sich und stritten. Als ich zuletzt von ihnen hörte, stritten sie sich noch immer.

»Ist das aber merkwürdig!« sagte der Werkmeister in der Schmelzhütte. »Dieses zerbrochene Herz will im Ofen nicht schmelzen. Wir müssen es wegwerfen.« So warfen sie es auf einen Kehrichthaufen, auf dem auch die tote Schwalbe lag. »Bring mir die beiden kostbarsten Dinge dieser Stadt«, sagte Gott zu einem seiner Engel; und der Engel brachte ihm das bleierne Herz und den toten Vogel.

»Du hast recht gewählt«, sagte Gott, »denn in meinem Paradiesgarten soll der kleine Vogel singen für und für, und in meiner goldenen Stadt soll der glückliche Prinz mich lobpreisen.«

Der Priester und der Messnerknabe

Eine Erzählung

»Oh, mein Vater, ich habe gesündigt, gib mir deinen Segen.« Der Priester hob seinen Kopf auf; er war müde an Geist und Körper, seine Seele traurig und sein Herz schwer. Er saß in der bedrückenden Einsamkeit des Beichtstuhles und mußte die immergleichen Sünden anhören. Er war müde des alten Tones und der heuchlerischen Ausdrucksweise. Wollte die Welt immer die gleiche bleiben? Fast zwanzig Jahrhunderte lang haben die Priester im Beichtstuhl gesessen und der nämlichen alten Weise gelauscht.

Die Welt erschien ihm nicht besser; immer das Gleiche, das Gleiche. Der junge Priester seufzte, und für einen Augenblick wünschte er fast, die Menschen möchten sündiger sein.

Warum konnten sie nicht von jenen seit ewig gewohnten Pfaden abweichen und ein wenig ursprünglicher sein in ihren Lastern, wenn sie schon sündigen mußten? Jedoch die Stimme, die er jetzt vernahm, weckte ihn aus seiner Träumerei. Sie war sanft und weich, schüchtern und scheu.

Er gab den Segen und lauschte.

Er erkannte die Stimme. Gerade an diesem Morgen hatte er sie zum ersten Male gehört: die Stimme des kleinen Meßnerknaben, der ihn bei der Messe bedient hatte.

Er wandte den Kopf und betrachtete durch das Gitterwerk den Kleinen. Kein Makel war an diesen langen, weichen Locken. Für einen Augenblick nur erhob sich das Gesicht, die großen, tränenfeuchten blauen Augen trafen den Priester; er sah das kleine, längliche Antlitz schamübergossen der einfachen kindlichen Sünden wegen, die ihm gebeichtet wurden.

Ein Beben durchfuhr ihn, denn er fühlte, daß hier zumindest etwas Schönes in der Welt sei, etwas, das wahrhaft echt war. Würde der Tag kommen, da jene sanften roten Lippen hart und falsch sein würden, die liebliche, schüchterne Stimme frech und gewöhnlich?

Seine Augen füllten sich mit Tränen, und mit einer Stimme, die alle Festigkeit verloren hatte, gab er die Absolution.

Nach einer Weile hörte er den Knaben zu seinen Füßen sich erheben. Er sah, wie jener seine Schritte durch die kleine Kapelle lenkte und vor dem Altar niederkniete, während er sein Bußgebet sprach.

Der Priester verbarg sein müdes, abgezehrtes Gesicht in den Händen und seufzte erschöpft.

Am nächsten Morgen, als er vor dem Altar kniete und sich anschickte, die Worte des Bekenntnisses dem kleinen Meßnerknaben vorzusprechen, dessen Kopf so ehrfurchtsvoll sich neigte, beugte er sich tiefer herab, bis sein Haar leise die goldenen Locken berührte, die wie ein Heiligenschein das zarte Antlitz umgaben.

Er fühlte sein Blut glühen und klingen in einer seltsamen, nie erlebten Bezauberung.

Wenn das Wundersamste in der Welt, Liebe zu einem anderen, die Seele erfüllend plötzlich einen Mann ergreift, so weiß er, was der Himmel meint, und versteht die Hölle: wenn aber jener Mann ein Asket ist, ein Priester, dessen ganzes Herz ekstatischer Entsagung hingegeben ist, es wäre besser für ihn, er wäre nie geboren worden. Als sie in der Sakristei waren und der Knabe vor ihm stand und mit ehrfürchtiger Scheu die geweihten Gewänder anlegte, da wußte der Priester, daß hinfort alle Andacht seines Glaubens, all der verzückte Eifer seiner Gebete mit einem sich verknüpfen — nein, einzig von einem ihm eingehaucht werden würde.

Mit der gleichen Ehrfurcht und Demut, die er gefühlt hätte bei der Berührung von etwas Heiligem, legte er seine Hände auf das lockige Haupt, strich er über das schmale, blasse Antlitz.

Er neigte sich und berührte leise die glatte, weiße Stirn mit seinen Lippen.

Als der Knabe die Liebkosung seiner Finger fühlte, versank für einen Augenblick Alles vor ihm. Doch da er die leichte Berührung von des hageren Priesters Lippen verspürte, ergriff ihn eine wundersame Sicherheit: er verstand.

Er hob die kleinen Arme, legte die schlanken weißen Finger um des Priesters Hals und küßte ihn auf die Lippen.

Mit einem Aufschrei fiel der Priester auf die Knie, zog die kleine, in Scharlachrot und Spitzen gekleidete Gestalt an seine Brust und bedeckte das zart errötende Antlitz mit glühenden Küssen.

Dann überkam beide ein Gefühl der Furcht; hastig standen sie auf, legten mit heißen, zitternden Fingern die heiligen Gewänder ab und trennten sich in schweigender Scheu.

Der Priester kehrte in die armselige Wohnung zurück, versuchte niederzusitzen und zu denken.

Vergeblich wollte er essen, er schob sein Mahl unwillig zurück; er versuchte zu beten, doch statt der stillen Gestalt am Kreuz, der stillen, kalten Gestalt mit den traurigen, ach so traurigen Zügen, sah er das errötende Antlitz des lieblichen Knaben, die großen, sternengleichen Augen seines neugefundenen Lieblings.

Während des ganzen Tages durchschritt der junge Priester den Kreis seiner verschiedenen Pflichten völlig mechanisch.

Er konnte weder essen noch ruhen; sobald er allein war, glaubte er schrillen Gesang zu vernehmen, und er fühlte, daß er ins Freie fliehen müsse, daß er dem Wahnsinn nahe sei.

Endlich, als die Nacht gekommen war, warf er sich, erschöpft und zerrüttet von dem langen, heißen Tag, auf die Knie vor dem Kruzifix und zwang seine Gedanken. Er ließ seine Kindheit, seine früheste Jugend wiedererstehen. Gedanken an die furchtbaren Kämpfe der letzten fünf Jahre stiegen in ihm auf.

Hier kniete er, Ronald Heatherington, Priester der Heiligen Kirche, achtundzwanzig Jahre alt: sollte Alles, was er während dieser fünf Jahre wütenden Kampfes mit den furchtbaren Leidenschaften seiner Knabenzeit ausgehalten hatte, vergeblich sein?

Im letzten Jahre hatte er wirklich gefühlt, daß alle Leidenschaft unterdrückt war, all jene fürchterlichen Ausbrüche glühender Liebe hatte er für immer ausgelöscht geglaubt. So hart, so unablässig hatte er gearbeitet während dieser fünf Jahre nach seiner Weihung, er hatte sich ganz seinem heiligen Amte hingegeben; alle Heftigkeit seiner Natur war gebunden, völlig erfüllt worden von den wundervollen Mysterien seines Glaubens.

Alles, was ihn erregen konnte, hatte er gemieden. Alles, was in ihm die Erinnerung an sein früheres Leben wachrufen konnte.

Dann hatte er dieses Pfarramt angenommen, die Obhut der kleinen Kapelle dicht neben der Hütte, in der er jetzt wohnte, der kleinen Missionskapelle, die am weitesten abseits lag von allen anderen, welche die alte Pfarrkirche von St. Anselm rings umgaben.

*

Vor zwei oder drei Tagen erst war er angekommen, und als er mit den beiden Alten sprach, die in der Hütte lebten, deren Rückwand seinen kleinen Garten begrenzte, hatten diese ihm die Dienste ihres Enkels als Meßnerknaben angeboten. »Mein Sohn war ein Künstler, Ehrwürden,« sprach der alte Mann, »er fühlte sich hier niemals wohl, und so schickten wir ihn fort nach London. Dort hatte er Glück, und heiratete eine vornehme Dame. Aber das kalte Wetter raffte ihn im Winter dahin, und seine arme junge Frau war allein mit dem Kleinen. Sie erzog und lehrte ihn selbst, doch letzten Winter starb auch sie, und so kam es, daß der arme Junge bei uns wohnt. So zart ist er, und gar nicht wie wir; er ist der geborene Edelmann, der Wilfred. Seine arme Mutter ließ ihn in der Kirche nahe bei ihnen in London Dienste verrichten, und der Knabe mochte das so gern, daß wir dachten, wenn Sie einverstanden sind, Ehrwürden, es würde ihm Freude machen, wenn er hier dasselbe tun könne.«

»Wie alt ist der Knabe?« fragte der Priester.

»Vierzehn Jahre, Ehrwürden«, entgegnete die Großmutter.

»Gut, lassen Sie ihn morgen früh zur Kapelle kommen«, hatte Ronald zugestimmt. Der Priester war ganz in seine Andacht versunken, so daß er den kleinen Meßnerknaben kaum bemerkte. Er sah ihn nicht eher, als bis er jene Beichte hörte, die ihm seine wundervolle Lieblichkeit offenbart hatte.

»O Gott! Hilf mir! Hab Mitleid mit mir! Nach all der unendlichen Mühe und Qual, da ich gerade beginne zu hoffen, soll Alles vergeblich sein? Soll ich Alles verlieren? Hilf mir, hilf mir, o Gott!« Und während er betete, während seine Hände in qualvollem Flehen ausgestreckt waren gegen die Füße des Gekreuzigten, vor dem er immer die härtesten Kämpfe ausgefochten und bestanden hatte, während Tränen bitterer Zerknirschung und elenden Mißtrauens gegen sich selbst seine Augen trübten, da geschah ein leises Klopfen an das Glas des Fensters an seiner Seite. Er erhob sich, zog verwundert den dunklen Vorhang zurück.

Im Mondschein, vor dem offenen Fenster, stand eine kleine weiße Gestalt, mit nackten Füßen auf dem vom Mondlicht überfluteten Rasen. Nur in sein langes, weißes Nachtgewand gekleidet, stand dort sein kleiner Ministrant; der Knabe, der sein künftiges Geschick in kleinen, kindlichen Händen hielt.

»Wilfred, was tust du hier?« fragte er mit zitternder Stimme.

»Ich konnte nicht schlafen, Ehrwürden, weil ich an Sie denken mußte. Ich sah Licht in Ihrem Zimmer, da kam ich zu Ihnen. Sind Sie mir böse, mein Vater?« Seine Stimme stockte, als er den fast wilden Ausdruck in dem bleichen, abgezehrten Gesicht wahrnahm. »Warum kamst du zu mir?« Der Priester wagte nicht zu erkennen, was hier vor sich ging, und kaum hörte er, was der Knabe sagte.

»Weil ich Sie lieb habe, o, so lieb habe! Aber Sie zürnen mir, o, warum kam ich auch! Aber ich dachte nicht, daß Sie zornig sein würden!« Der Kleine sank in das Gras und weinte.

Der Priester schwang sich durch das offene Fenster, nahm die schlanke Gestalt in seine Arme und trug sie in das Zimmer. Er zog den Vorhang zu, sank in den tiefen Sessel, legte den blonden Kopf an seine Brust und küßte die Locken immer und immer wieder.

»O, mein Liebling! mein einziger schöner Liebling!« flüsterte er.

»Wie könnte ich dir je zürnen? Du bist mir mehr als Alles in der Welt. Wie liebe ich dich, mein einziger, süßer Knabe!« Fast eine Stunde lang ruhte der Knabe in seinen Armen, drückte die weichen Wangen gegen die des Priesters; dann sagte dieser ihm, daß er gehen müsse. Ihre Lippen fanden sich in einem langen Kusse, und die schlanke, weißbekleidete Gestalt schlüpfte durch das Fenster, eilte durch den kleinen Garten und verschwand im gegenüberliegenden Fenster.

*

Als sie am nächsten Morgen in die Sakristei traten, erhob der Knabe sein schönes, blumengleiches Antlitz, und der Priester schlang sanft seine Arme um ihn und küßte ihn zärtlich auf die Lippen.

»Mein Liebling! mein Liebling!« war Alles, was er sagte, jedoch der Knabe erwiderte seinen Kuß mit einem Lächeln wundervoller, fast himmlischer Liebe, in einem Schweigen, aus dem mehr zu sprechen schien, als Worte sagen können.

*

»Ich weiß garnicht, was Ehrwürden heute morgen hatte?« sagte eine alte Frau zu der andern, als sie von der Kapelle zurückkehrten. »Er schien ganz abwesend zu sein; er machte heute morgen mehr Fehler als Vater Thomas während all der Jahre, die er hier war.«

»Es war, als hätte er niemals vorher eine Messe gelesen!« entgegnete ihre Freundin ein wenig verächtlich.

Und in dieser Nacht und in vielen Nächten noch zog der Priester mit dem bleichen, ermüdeten Antlitz den Vorhang über das Kruzifix und wartete am Fenster auf den Schimmer des bleichen Sommermondscheins auf einem Scheitel goldener Locken, auf den Anblick eines schlanken Knabenkörpers, der in ein langes, weißes Nachtgewand gekleidet war, das die Anmut jeder Bewegung nur noch mehr hervorhob, auf die Blässe der kleinen Füße, die über das Gras hineilten.

Dort am Fenster wartete er Nacht für Nacht, um die zärtlich liebenden Arme sich um seinen Hals schlingen zu fühlen und das berauschende Entzücken der Küsse schöner Knabenlippen zu verspüren.

Ronald Heatherington beging jetzt keinen Fehler mehr in der Messe.

Er sprach die heiligen Worte mit einer Ehrfurcht und Ergebenheit, daß die wenigen armen Leute, die dabei waren, später von ihm mit fast ehrfürchtiger Scheu sprachen, während das Antlitz des kleinen Meßnerknaben an seiner Seite in einem Eifer leuchtete, der die Leute einander fragen ließ, was dieser seltsame Schimmer bedeuten könne.

Sicher mußte der junge Priester ein Heiliger sein, und der Knabe neben ihm glich eher einem himmlischen Engel als einem Kinde der Menschenerde.

*

Die Gesellschaft ist unerbittlich gegen die, so ihr trotzen. Sie legt ihre Satzungen fest, und wehe denen, die an sich zu denken wagen, die verwegen ihrer Natur folgen; ihre Eigenart wird ausgelöscht, ihr Charakter zerbrochen von den eisernen Fingern des Herkömmlichen. Wahrlich, das Herkömmliche ist zum Eckstein geworden in dem fahrlässig gebauten Tempel unserer oberflächlichen, willkürlichen Zivilisation.

»Und wer über diesen Stein fällt, der soll zerbrochen werden, aber auf wen er fällt, den soll er zu Staub zermalmen.« Wenn die Welt etwas sieht, das sie nicht verstehen kann, so glaubt sie an die niedrigsten Beweggründe, sie wittert eine geheime Schändlichkeit, die in der Vorstellung wenigstens ihr engbeschränktes Verständnis zu begreifen fähig ist.

Nicht länger betrachtete man den Priester als einen Heiligen und den Knaben als einen Engel.

Man sprach von ihnen nur noch mit verhaltenem Atem und mit dem Finger auf den Lippen; man wich aus, wenn man einem von ihnen begegnete. Doch bald rottete man sich zusammen in Gruppen zu zweien und dreien und schüttelte die Köpfe.

Der Priester und sein Meßnerknabe beachteten es nicht; sie bemerkten nicht einmal die argwöhnischen Blicke und das halbunterdrückte Flüstern.

Jeder hatte im andern vollkommene Zuneigung und Liebe gefunden. Was kümmerte sie jetzt die Welt?

Einer war dem andern die vollendetste Erfüllung eines kaum ausdenkbaren Ideals; nicht Himmel, nicht Hölle hätten mehr zu geben vermocht. Allein, der Stein des Herkömmlichen war gelockert. Die Zeit, da er fallen mußte, konnte nicht fern sein.

*

Klar und schön leuchtete der Mond; die kühle Nachtluft war schwer vom Dufte der altmodischen Blumen, die in verschwenderischer Fülle in dem kleinen Garten blühten.

Aber die dicht zugezogenen Vorhänge schlossen des Priesters Zimmer ab von der Schönheit der Nacht.

In völliger Vergessenheit der Umwelt, nichts wissend als sich, versenkt in die Traumbilder einer Liebe, die den Schimmer der Sommernacht weit überstrahlte, waren der Priester und der Knabe beieinander.

Der Knabe saß auf den Knien des Priesters, er hielt mit den Armen seinen Hals eng umschlungen, und seine goldenen Locken schmiegten sich an des Priesters kurz geschorenes Haar. Sein weißes Nachtgewand bildete einen seltsamen und schönen Gegensatz zu dem matten Schwarz des langen Priesterrocks.

Da wurden Schritte laut auf der Treppe draußen, Schritte, die näher und näher kamen; ein Klopfen an der Tür. Sie hörten es nicht. Gänzlich ineinander versenkt, berauscht von dem süßen Gifthauche der die Gabe der Liebe ist, saßen sie schweigend.

Doch das Ende war gekommen: der Schlag fiel.

Die Tür öffnete sich, und vor ihnen stand die hohe Gestalt des Rektors.

Keiner sagte etwas; nur schmiegte sich der Knabe enger an, seine Augen wurden groß vor Furcht.

Der junge Priester erhob sich ruhig und setzte den Knaben nieder: »Es ist besser, wenn du gehst, Wilfred«.

Schweigend standen die beiden Priester und warteten, bis das Kind durch das Fenster geschlüpft war, über das Gras huschte und in der Hütte gegenüber verschwand.

Dann wandten sie sich und sahen einander an.

Der junge Priester sank in seinen Sessel, faltete die Hände und wartete, bis der andere zu sprechen begann.

»Soweit ist es gekommen!« sagte der, »die Leute hatten nur zu recht in dem, was sie mir sagten! O Gott, daß hier so etwas sich ereignen konnte! Daß ich verpflichtet sein muß, Ihre Schande aufzudecken. Unsere Schande! Daß ich es bin, der Sie der Gerechtigkeit übergeben und sehen muß, wie Sie die volle Strafe für Ihre Sünden erleiden! Haben Sie mir nichts zu sagen?«

»Nichts«, erwiderte er ruhig. »Um Mitleid kann ich nicht bitten; erklären kann ich nichts. Sie würden mich niemals verstehen. Ich bitte Sie um nichts für mich, ich bitte Sie nicht, mich zu schonen; doch denken Sie an das schreckliche Ärgernis für unsere liebe Kirche.« »Es ist besser, alle diese schrecklichen Ärgernisse aufzudecken und dafür zu sorgen, daß sie geheilt werden. Torheit ist es, Schaden zu verhehlen. Besser die Schande zeigen, als sie tiefer einwurzeln lassen.«

»Denken Sie an das Kind.«

»Das hätten Sie tun sollen. Sie hätten eher daran denken sollen. Was hat die Schande mit mir zu tun? Ihnen kam das zu. Aber ich will es auch nicht schonen, selbst wenn ich könnte. Welches Mitleid kann ich empfinden für solch einen –?«

Der junge Mann war aufgesprungen mit bleichen Lippen.

»Schweigen Sie!« gebot er mit lauter Stimme, »ich verbiete Ihnen, von dem Knaben anders als mit Achtung zu sprechen.« Dann leise zu sich selbst: »Anders als mit Ehrfurcht, anders als mit Ergebenheit.«

Verdutzt schwieg der andere für einen Augenblick.

Dann brach sein Zorn aus: »Sie wagen, offen so zu sprechen? Wo bleibt Ihre Reue, Ihre Scham? Haben Sie kein Empfinden für die Schrecklichkeit Ihrer Sünde?«

»Es ist keine Sünde, deren ich mich zu schämen hätte«, antwortete er sehr ruhig. »Gott gab mir meine Liebe zu ihm und Er gab ihm auch seine Liebe zu mir. Wer widersetzt sich Gott und der Liebe, die Seine Gabe ist?«

»Dürfen Sie den Namen entweihen, indem Sie eine Leidenschaft wie diese ›Liebe‹ nennen?«

»Es war Liebe, vollkommene Liebe. Es ist Liebe.«

»Ich kann jetzt nichts mehr sagen: morgen wird alles bekannt werden. Gott sei Dank werden Sie all diesen Schimpf teuer bezahlen«, fügte der Ältere in einem plötzlichen Zornesausbruch hinzu.

»Es tut mir leid, daß Sie keine Gnade kennen. Nicht daß ich Sorge trüge meiner Bloßstellung und Bestrafung wegen. Doch Gnade wird selten bei einem Christen gefunden«, fügte er hinzu, wie einer, der von weither spricht. Der Rektor wandte sich ihm zu und streckte die Hände aus.

»Der Himmel vergebe mir meine Herzenshärte,« sagte er; »ich bin grausam gewesen. Ich habe in meiner Bedrängnis grausam gesprochen. Ach, können Sie nichts sagen, um Ihr Verbrechen zu erklären?«

»Nein. Ich glaube nicht, daß ich dadurch etwas gutmachen könnte. Wenn ich versuchte, alle Schuld zu leugnen, so würden Sie nur denken, ich lüge; obgleich ich meine Unschuld beweisen könnte, ist mein Ruf, meine Laufbahn, meine ganze Zukunft für immer vernichtet. Doch wollen Sie mir für kurze Zeit Gehör schenken? Ich will Ihnen ein wenig von mir erzählen.«

Der Rektor setzte sich. Der junge Priester erzählte die Geschichte seines Lebens. Er saß am Kamin, sein Kinn ruhte auf den gefalteten Händen.

»Ich war in einer großen Gemeindeschule, wie Sie wissen. Immer war ich von anderen Knaben verschieden. Um ihre Spiele kümmerte ich mich nicht, nahm wenig Anteil an jenen Dingen, die Knaben gewöhnlich so stark beschäftigen. Ich war nicht sehr glücklich in meiner Jugend, glaube ich. Mein einziges Bestreben war, das Ideal zu finden, nach dem ich mich sehnte. Stets ist es so gewesen. Ich trug immer eine dunkle Sehnsucht in mir nach etwas, einem unbestimmten Etwas, das niemals völlig sich gestaltete, das ganz zu erkennen ich niemals fähig war. Mein größter Wunsch ist immer gewesen, etwas zu finden, das meine Sehnsucht stillte. Die Sünde zog mich plötzlich an, meine ganze Jugend ist befleckt und beschmutzt mit dem Makel der Sünde. Doch zuweilen denke ich, daß es Sünden gibt, schöner als alles in der Welt, Laster, die fast unwiderstehlich jeden anziehen, der Schönheit über alles hebt. Ich habe immer nach Liebe gesucht. Wieder und wieder bin ich Opfer von Ausbrüchen leidenschaftlicher Neigungen geworden. Von Zeit zu Zeit schien es, als habe ich endlich mein Ideal gefunden. Das Ziel meines Lebens ist gewesen, jemandes Liebe zu gewinnen. Zuweilen waren meine Bemühungen erfolgreich; doch ich erwachte nur, um wertlos zu finden, was ich errang. Wenn ich die Beute ergriffen hatte, verlor sie all ihre Anziehung, und ich kümmerte mich nicht länger um etwas, das ich vorher von ganzem Herzen ersehnte. Vergebens bemühte ich mich, das Verlangen meines Herzens mit niedrigen Vergnügungen und Lastern zu betäuben, wie sie gewöhnlich die Jugend verlocken.

Ich mußte einen Beruf wählen. Ich wurde Priester. Die ganze Schönheitssehnsucht meiner Seele wurde heftig angezogen durch die wundervollen Mysterien des Christentums, die künstlerische Schönheit unserer Gottesdienste. Seit meiner Weihe war ich bestrebt, mich selbst zu betrügen in dem Glauben, daß endlich Ruhe gekommen, endlich mein Verlangen befriedigt sei, doch vergebens. Unaufhörlich habe ich mit den alten wollüstigen Begierden gerungen, und vor allem mit dem müden, unablässigen Durste nach vollkommener Liebe. Ich fand und finde noch ein Entzücken in der Religion: nicht in den regelmäßigen Pflichten religiösen Lebens, nicht in dem gewöhnlichen Ablauf der Amtshandlungen des Priesters, diesen bin ich von je abgeneigt; mein Entzücken beruht auf der künstlerischen Schönheit unserer Gottesdienste, der ekstatischen Hingebung, dem leidenschaftlichen Eifer, der eintritt bei langem Fasten und Betrachten.«

»Haben sie keinen Trost im Gebet gefunden?« fragte der Rektor.

»Trost? — nie. Aber Wonne, Erregung, fast das wilde Entzücken der Sünde fand ich im Gebet.«

»Sie hätten nicht Priester werden sollen, dann hätten Sie heiraten können. Das, denke ich, würde Sie gerettet haben.«

Ronald Heatherington erhob sich und legte die Hand auf des Rektors Arm. »Sie verstehen mich nicht. Niemals in meinem Leben hat eine Frau mich gereizt. Können Sie nicht sehen, daß die Menschen verschieden, völlig verschieden von einander sind? Es ist unmöglich zu denken, wir alle seien gleich; unsere Naturen, unsere Temperamente sind durchaus ungleich. Aber das wollen die Menschen niemals sehen. Sie bauen ihre Meinungen auf einer falschen Grundlage auf. Wie können ihre Schlüsse richtig sein, wenn ihre Voraussetzungen falsch sind? Eine Bestimmung, die von der Mehrheit derer festgelegt ist, welche zufällig gleicher Sinne sind, verpflichtet die Minderheit nur gesetzlich, nicht moralisch. Welches Recht haben Sie oder irgend jemand, mir zu sagen, diese und jene Handlung sei sündig für mich? Oh, warum kann ich Ihnen das nicht erklären, warum kann ich Sie nicht zwingen, zu sehen?« und sein Griff preßte des anderen Arm. Dann fuhr er ernst und fest fort:

»Für mich, für meine Natur würde es Sünde sein, wenn ich geheiratet hätte: es würde ein Verbrechen gewesen sein, eine große Unsittlichkeit, und mein Gewissen würde sich empört haben.« Dann fügte er bitter hinzu: »Gewissen sollte jener göttliche Naturtrieb sein, der uns heißt, unseren natürlichen Anlagen nachzufolgen, das haben wir vergessen. Für die Meisten von uns, für die Welt vielmehr, sogar im allgemeinen für Christen ist Gewissen nur ein anderer Name für die Feigheit, die da fürchtet, dem Herkömmlichen zu trotzen. Verflucht sei dieses Herkommen! Ich habe kein moralisches Vergehen solcher Art verübt; vor Gott ist meine Seele schuldlos; für Sie jedoch und die Welt bin ich eines abscheulichen Verbrechens schuldig, abscheulich, weil es Sünde ist gegen das Herkömmliche. Ich fand diesen Knaben. Ich liebte ihn, wie ich niemals vorher jemanden oder etwas geliebt habe. Ich brauchte nicht um seine Neigung zu werben, er war in Wahrheit mein. Von Anfang an liebte er mich wie ich ihn. Er war die notwendige Ergänzung meiner Seele. Wie darf die Welt sich erdreisten, uns zu richten? Was ist uns das Herkömmliche? Obgleich ich wahrhaftig weiß, daß solch eine Liebe schön und rein ist, obgleich ich vom Grunde meines Herzens aus das niedrige Urteil der Menschen verachte, versuchte ich zuerst, Widerstand zu leisten, nur zu seinem Heil und zum Heil unserer Kirche. Ich kämpfte gegen die Bezauberung, die er auf mich ausübte. Niemals würde ich zu ihm gegangen sein und ihn um seine Liebe gebeten haben; bis zum Ende würde ich gekämpft haben. Aber was konnte ich tun? Er war es, der zu mir kam und mir den Reichtum seiner edlen Seele bot. Wie konnte ich ihm das häßliche Bild zeigen, das die Welt malt? So wie Sie ihn diesen Abend sahen, ist er Nacht für Nacht zu mir gekommen; wie durfte ich die süße Reinheit seiner Seele zerstören, durch Andeutung des fürchterlichen Argwohns, den seine Gegenwart hätte erwecken können? Ich wußte, was ich tat. Ich habe der Welt Trotz geboten und mich gegen sie aufgelehnt. Ich habe offen über ihre Vorschriften gespottet. Ich bitte Sie nicht, Mitleid mit mir zu haben, noch bettele ich, daß Sie Ihrer Hand wehren. Ihre Augen sind blind durch einen lügnerischen Star. Sie sind gefesselt, gefesselt durch jene elenden Bande, die Ihren Leib und Ihre Seele von der Wiege an gebunden hielten. Sie müssen tun, was Ihre Pflicht gebietet. In Gottes Augen sind wir Märtyrer, und wir sollten selbst vor dem Tode nicht zurückschrecken in diesem Kampfe gegen die abgötterische Anbetung des Herkömmlichen.«

Ronald Heatherington sank in den Sessel und verbarg sein Gesicht in den Händen.

Der Rektor verließ schweigend den Raum.

Einige Minuten hielt der junge Priester sein Gesicht begraben.

Dann erhob er sich mit einem Seufzer und durchschritt den Garten, bis er vor seines Lieblings offenem Fenster stand.

»Wilfred«, rief er sehr leise.

Das liebliche Antlitz, bleich und mit Tränen benetzt, erschien am Fenster. »Ich bedarf deiner, mein Liebling; willst du kommen?« flüsterte er. »Ja, Vater.«

Der Priester trug ihn in sein Zimmer zurück, schloß ihn sanft in die Arme; er versuchte, die kalten kleinen Füße zu erwärmen.

»Mein Liebling, alles ist dahin.«

Und er erzählte ihm, so schonend er vermochte, was ihnen bevorstand. Der Knabe verbarg das Gesicht an seiner Schulter und schluchzte leise. »Was kann ich tun, lieber Vater?« Für einen Augenblick schwieg er. »Ja, du kannst für mich sterben; du kannst mit mir sterben.«

Die liebenden Arme umschlangen noch einmal seinen Hals, und die warmen Lippen küßten die seinen. »Alles will ich für Sie tun. Oh laß uns zusammen sterben.«

»Ja mein Knabe, es ist besser so.« Ruhig und zärtlich bereitete er den Knaben zum Tode vor; er hörte seine letzte Beichte und gab ihm die letzte Absolution. Sie knieten Hand in Hand vor dem Kruzifix nieder.

»Bete für mich, mein Liebling.«

Still sandten sie ihre Gebete hinauf, daß der Herrgott Mitleid haben möge für den Priester, der gefallen war im furchtbaren Lebenskampfe.

Bis Mitternacht knieten sie dort, dann nahm Ronald den Knaben in die Arme und trug ihn in die Kapelle.

»Ich will eine Messe lesen für die Ruhe unserer Seelen,« sagte er.

Über sein Nachtgewand zog der Knabe den scharlachfarbenen Priesterrock mit Stickerei und Spitzen, bedeckte die nackten Füße mit den geweihten Schuhen; er zündete die Kerzen an und half ehrerbietig dem Priester, sich zu bekleiden.

Bevor sie die Sakristei verließen, nahm der Priester ihn in seine Arme und zog ihn fest an die Brust. Er streichelte das weiche Haar und flüsterte ihm ermunternd zu. Der Knabe weinte still, seine schlanke Gestalt zitterte unter Schluchzen, das er kaum unterdrücken konnte.

Nach kurzer Zeit beruhigte ihn die zärtliche Umarmung, und er erhob den schönen Mund zu dem des Priesters.

Ihre Lippen fanden sich und ihre Arme umfingen einander eng.

»Oh mein Knabe, mein einziger süßer Liebling«, flüsterte der Priester zärtlich. »Bald werden wir für immer zusammen sein.« »Dann soll uns niemand mehr trennen,« sagte das Kind.

»Ja, es ist besser so; weit besser, im Tode vereint, als getrennt im Leben.« In der schweigenden Nacht knieten sie vor dem Altar, während der Schimmer der Kerzen die Gesichtszüge des Gekreuzigten in seltsamer Deutlichkeit aufleuchten ließ.

Niemals hatte des Priesters Stimme in so wundervollem Ernst gezittert, niemals hatte der Knabe mit solcher Ergebenheit geantwortet, wie bei dieser mitternächtigen Messe für den Frieden ihrer eigenen scheidenden Seelen.

Vor der Einsegnung nahm der Priester ein winziges Fläschchen aus der Tasche seines Gewandes, segnete es und schüttete den Inhalt in den Kelch.

Als er den Kelch nehmen mußte, setzte er ihn an die Lippen, doch er trank nicht.

Er reichte dem Kind die geweihte Hostie, dann nahm er den schönen goldenen, mit kostbaren Steinen besetzten Kelch zur Hand und wandte sich dem Knaben zu; doch als er das Leuchten in dem schönen Antlitz sah, kehrte er sich ab zu dem Kruzifix und stöhnte leise.

Für kurze Zeit verließ ihn sein Mut, doch dann neigte er sich zu dem Knaben und bot seinen Lippen den Kelch.

»Das Blut unseres Herrn Jesu Christi, das für dich vergossen wurde, bewahre deinen Leib und deine Seele zu ewigem Leben.«

Niemals hatte der Priester so reine Liebe, solch vollkommenes Vertrauen in den lieben Augen erblickt, wie jetzt aus ihnen strahlte, jetzt, da er mit erhobenem Antlitz den Tod empfing aus den Händen dessen, den er am meisten in der Welt liebte.

Als er getrunken hatte, fiel Ronald neben ihm auf die Knie und leerte den Kelch bis zur Neige; setzte ihn nieder und schlang seine Arme um die Gestalt seines geliebten Meßnerknaben.

Die Lippen fanden sich in einem letzten Kuß vollkommener Liebe, und alles war vorüber.

Da die Sonne am Himmel emporstieg, sandte sie einen breiten Strahl auf den Altar der kleinen Kapelle.

Die kaum zur Hälfte abgebrannten Kerzen leuchteten noch.

Die traurig blickende Gestalt am Kreuz hing in majestätischer Ruhe. An den Stufen des Altars war die hagere, asketische Gestalt des jungen Priesters ausgestreckt, in die geheiligten Gewänder gekleidet; dicht bei ihm, das lockige Haupt auf die prächtigen Stickereien gebettet, die seine Brust bedeckten, lag der Knabe in Scharlach und Spitzen. Ihre Arme hielten einander umschlungen; seltsame Stille lag wie ein Grabtuch über allem.

»Und wer über diesen Stein fällt, der soll zerbrochen werden, aber auf wen er fällt, den soll er zu Staub zermalmen.«

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Erster Akt

Szene: Morgen-Zimmer in Lord Windermeres Haus in Carlton House Terrace. Schreibtisch mit Büchern und Papieren. Sofa mit kleinem Teetisch. Fenster, durch welches man eine Terrasse sieht. Lady Windermere steht beim Schreibtisch und arrangiert Rosen in einer Vase. Parker tritt auf.

Parker: Ist Ihre Ladyschaft zuhause heute Nachmittag?

Lady Windermere: Ja – wer hat sich gemeldet?

Parker: Lord Darlington, my Lady.

Lady Windermere: (Zögert einen Augenblick.) Führen Sie ihn herein – und ich bin für jeden, der sich meldet, zuhause.

Parker: Jawohl, my Lady. (Parker tritt ab.)

Lady Windermere: Es ist für mich am besten, ihn vor heute Abend zu sehen. Ich freue mich, dass er gekommen ist. (Parker tritt auf.)

Parker: Lord Darlington. (Lord Darlington tritt auf, Parker tritt ab.)

Lord Darlington: Guten Nachmittag, Lady Windermere.

Lady Windermere: Guten Nachmittag, Lord Darlington. Nein, ich kann Ihnen die Hand nicht geben. Meine Hände sind nass wegen dieser Rosen. Sind sie nicht lieblich? Sie kamen aus Selby heute Morgen.

Lord Darlington: Sie sind ganz perfekt. (Sieht einen Fächer auf dem Tisch.) Und welch ein schöner Fächer! Darf ich ihn sehen?

Lady Windermere: Aber natürlich. Ganz nett, ja? Er hat meinen Namen auf sich, und alles. Selbst habe ich ihn erst jetzt gesehen. Er ist das Geburtstagsgeschenk meines Mannes an mich. Wissen Sie, dass es heute mein Geburtstag ist?

Lord Darlington: Nein? Wirklich?

Lady Windermere: Ja, heute werde ich volljährig. Ein ganz wichtiger Tag meines Lebens, nicht? Deswegen gebe ich heute Abend dieses Fest. Bitte, setzen Sie sich. (Arrangiert immer noch die Blumen.)

Lord Darlington: (Setzt sich.) Hätte ich bloß gewusst, dass es Ihr Geburtstag ist, Lady Windermere. Ich hätte die ganze Straße vor Ihrem Haus mit Blumen für Sie bedeckt. Blumen sind für Sie geschaffen.

Lady Windermere: (Nach einer kurzen Pause.) Lord Darlington, Sie missfielen mir gestern Abend im Außenministerium. Ich befürchte, dass Sie mir wieder missfallen werden.

Lord Darlington: Ich, Lady Windermere? (Parker tritt mit einem Teebrett auf.)

Lady Windermere: Stellen Sie es dort, Parker. Das reicht. (Trocknet sich die Hände an einem Handtuch, setzt sich an den Teetisch.) Kommen Sie herüber, Lord Darlington. (Parker tritt ab.)

Lord Darlington: (Nimmt einen Stuhl.) Ich bin ganz unglücklich, Lady Windermere. Sie müssen mir erzählen, was ich getan habe. (Setzt sich an den Teetisch.)

Lady Windermere: Also, Sie fuhren den ganzen Abend fort, mir auserlesene Komplimente zu geben.

Lord Darlington: (Lächelnd.) Ach, heutzutage sind wir alle so verarmt, dass das einzige, was wir geben können, Komplimente sind.

Lady Windermere: (Schüttelt den Kopf.) Nein, ich spreche sehr ernst. Sie dürfen nicht lachen, ich bin ganz ernst. Ich mag Komplimente nicht, und ich verstehe nicht, warum ein Mann glaubt, er gefällt einer Frau außerordentlich, wenn er ihr eine Menge Dinge sagt, die er nicht meint.

Lord Darlington: Oh, aber ich meinte sie, wirklich. (Nimmt eine Tasse Tee, die sie ihm bietet.)

Lady Windermere: (Ernsthaft.) Das hoffe ich nicht. Es würde mir leid tun, mich mit Ihnen zu streiten. Ich mag Sie sehr, wissen Sie. Aber ich würde Sie gar nicht mögen, wenn ich glauben würde, dass Sie wären, was die meisten Männer sind. Glauben Sie mir, Sie sind besser als die meisten anderen Männer, aber ab und zu glaube ich, dass Sie tun, als ob Sie schlechter seien.

Lord Darlington: Wir haben alle unsere kleinen Eitelkeiten, Lady Windermere.

Lady Windermere: Warum machen Sie die Ihre spezielle?

Lord Darlington: Ah, heutzutage gibt es so viele Leute, die tun, als ob sie gut seien, dass ich finde, dass es eher ein süßes und bescheidenes Auftreten zeigt, so zu tun, als ob man schlecht sei. Übrigens gibt es folgendes zu sagen. Wenn man tut, als ob man gut sei, nimmt die Welt einen sehr ernst. Wenn man tut, als ob man schlecht sei, tut sie es nicht. So ist die unglaubliche Dummheit des Optimismus.

Lady Windermere: Aber wollen Sie nicht, dass die Welt Sie ernst nimmt, Lord Darlington?

Lord Darlington: Nein, nicht die Welt. Wer sind die Leute, die die Welt ernst nimmt? Alle die langweiligen Leute, an welche man denken kann. Ich möchte, dass Sie mich sehr ernst nehmen, Lady Windermere, Sie mehr als irgenein anderer im Leben.

Lady Windermere: Warum – warum ich?

Lord Darlington: (Nach einem kurzen Zögern.) Weil ich glaube, dass wir wahre Freunde werden können. Lassen Sie uns wahre Freunde sein! Eines schönen Tages brauchen Sie vielleicht einen Freund.

Lady Windermere: Warum sagen Sie das?

Lord Darlington: Ah – wir brauchen alle zuweilen Freunde.

Lady Windermere: Ich finde, dass wir schon sehr gute Freunde sind, Lord Darlington. Und das können wir bleiben, solange Sie …

Lord Darlington: Solange ich was?

Lady Windermere: … Sie es nicht zerstören, indem Sie mir extravagante, törichte Dinge sagen. Ich vermute, Sie finden, ich bin puritanisch? Ja, ich habe etwas Puritanisches in mir. So wurde ich erzogen. Ich freue mich darüber. Meine Mutter starb, als ich noch ein Kind war. Ich habe immer mit Lady Julia gewohnt, der älteren Schwester meines Vaters, wissen Sie. Sie war streng gegen mich, aber sie lehrte mich, was die Welt vergisst: den Unterschied, den es zwischen Recht und Unrecht gibt. Sie ließ keine Kompromisse zu. Ich lasse keine zu.

Lord Darlington: Aber meine liebe Lady Windermere!

Lady Windermere: Sie betrachten mich, als wäre ich nicht auf der Höhe der Zeit. Auch gut, ich bin es nicht! Ich würde es bedauern, wenn ich auf der Höhe einer Zeit wie unserer wäre.

Lord Darlington: Sie finden unsere Zeit sehr schlecht?

Lady Windermere: Ja. Heutzutage scheinen die Leute, das Leben als eine Spekulation anzusehen. Es ist keine Spekulation. Es ist ein Sakrament. Sein Ideal ist Liebe. Seine Läuterung ist Aufopferung.

Lord Darlington: (Lächelnd.) Ah – alles ist besser als geopfert zu werden.

Lady Windermere: (Lehnt sich vor.) Sagen Sie das nicht.

Lord Darlington: Ich sage es. Ich fühle es. Ich weiß es. (Parker tritt auf.)

Parker: Die Leute möchten wissen, ob sie die Teppiche auf die Terrasse für heute Abend legen sollen, my Lady.

Lady Windermere: Glauben Sie, dass es regnen wird, Lord Darlington?

Lord Darlington: Ich toleriere keinen Regen an Ihrem Geburtstag!

Lady Windermere: Gebieten Sie ihnen, es sofort zu tun, Parker. (Parker tritt ab.)

Lord Darlington: Finden Sie dann – natürlich spreche ich rein hypothetisch – aber finden Sie, dass wenn es ein junges Ehepaar gibt, wir können annehmen, dass sie seit etwa zwei Jahren verheiratet sind, wenn der Mann plötzlich der intime Freund einer Frau – hm, mehr als zweifelhaften Charakters – wird, unablässig ihr Besuche macht, mit ihr zu Mittag isst und wahrscheinlich auch ihre Rechnungen bezahlt – finden Sie dann nicht, dass die Gattin ein Recht hat, sich mit jemandem zu trösten?

Lady Windermere: (Missbilligend.) Sich mit jemandem zu trösten?

Lord Darlington: Ja, ich finde, es ist ihr Recht.

Lady Windermere: Weil der Gatte gemein ist – soll die Gattin auch gemein sein?

Lord Darlington: Gemeinheit ist ein schreckliches Wort, Lady Windermere.

Lady Windermere: Es ist ein schreckliches Ding, Lord Darlington.

Lord Darlington: Wissen Sie was, ich befürchte, dass gute Menschen ziemlich viel Schaden in dieser Welt anrichten. Der größte Schaden, den sie verursachen, ist, dass sie Schlechtheit so außerordentliche Wichtigkeit zuteilen. Es ist absurd, die Leute in Gute und Schlechte einzuteilen. Alle Leute sind entweder charmant oder langweilig. Ich ergreife Partei für die Charmanten, und Sie, Lady Windermere, können es nicht vermeiden, zu denen zu gehören.

Lady Windermere: Hm, Lord Darlington. (Erhebt sich.) Erschrecken Sie nicht, ich werde nur meine Blumen fertig machen.

Lord Darlington: (Erhebt sich.) Und ich muss sagen, dass ich finde, dass Sie sehr streng gegen das moderne Leben sind, Lady Windermere. Natürlich gibt es viel dagegen zu sagen, dass muss ich zugeben. Die meisten Frauen, zum Beispiel, sind ganz geschäftlich heutzutage.

Lady Windermere: Sprechen Sie von solchen Leuten nicht.

Lord Darlington: Die Geschäftlichen abgerechnet, die natürlich fürchterlich sind, finden Sie dann im Ernst, dass Frauen, die, was die Welt einen Fehler nennt, begangen haben, nie verziehen werden soll?

Lady Windermere: Ich finde, dass ihnen nie verziehen werden soll.

Lord Darlington: Und Männer? Finden Sie, dass dieselben Gesetze für Männer gelten sollen, wie für Frauen?

Lady Windermere: Unbedingt!

Lord Darlington: Ich finde das Leben zu kompliziert, um von solchen unbeugsamen Regeln geordnet zu werden.

Lady Windermere: Wenn wir „solche unbeugsamen Regeln“ hätten, würden wir das Leben viel einfacher finden.

Lord Darlington: Sie lassen keine Ausnahmen zu?

Lady Windermere: Gar keine!

Lord Darlington: Welch eine bezaubernde Puritanerin Sie sind, Lady Windermere!

Lady Windermere: Das Adjektiv war unnötig, Lord Darlington.

Lord Darlington: Ich konnte es nicht umhin. Ich kann allem widerstehen – außer Versuchung!

Lady Windermere: Sie haben die moderne Zuneigung zu Schwäche.

Lord Darlington: Es ist aber eine erkünstelte Zuneigung, Lady Windermere. (Parker tritt auf.)

Parker: Die Herzogin von Berwick und Lady Agatha Carlisle. (Die Herzogin von Berwick und Lady Agatha Carlisle treten auf, Parker tritt ab.)

Die Herzogin von Berwick: Liebe Margaret, es freut mich so, Sie zu sehen. Sie erinnern sich an Agatha, nicht? Guten Nachmittag, Lord Darlington. Ich werde Sie meine Tochter nicht kennenlernen lassen, dazu sind Sie durchaus zu verdorben.

Lord Darlington: Sagen Sie das nicht, Herzogin. Als ein verdorbener Mann bin ich ein vollkommenes Fiasko. Ja, es gibt sogar Leute, die sagen, dass ich niemals mein Leben lang etwas ernstlich Schlechtes getan habe. Natürlich sagen sie so was nur hinter meinem Rücken.

Die Herzogin von Berwick: Ist er nicht schrecklich? Agatha, das ist Lord Darlington. Achte darauf, dass du kein Wort glaubst, das er sagt. (Darlington bietet Tee an.) Danke, keinen Tee, mein Lieber. Wir haben gerade Tee bei Lady Markby getrunken. Ganz schlechter Tee, wirklich. Er war völlig ungenießbar. Ich war überhaupt nicht überrascht. Ihr eigener Schwiegersohn liefert ihn. Agatha freut sich so sehr auf Ihren Ball heute Abend, liebe Margaret.

Lady Windermere: Ah, Sie dürfen nicht glauben, dass es ein Ball wird, Herzogin. Es ist nur ein Tanz aus Anlass meines Geburtstags. Ganz klein und bescheiden.

Lord Darlington: Sehr klein, sehr bescheiden und sehr ausgewählt, Herzogin.

Die Herzogin von Berwick: Aber natürlich wird ausgewählt. Das wissen wir, liebe Margaret, von Ihrem Haus. Es ist wirklich eines der einzigen Häuser in London, wozu ich Agatha bringen kann, und wo ich des lieben Berwick völlig sicher fühle. Ich weiß nicht, was mit dem gesellschaftlichen Leben los ist. Die fürchterlichsten Leute scheinen überall zu kommen. Wahrhaftig kommen sie zu meinen Gesellschaften – die Männer werden ganz rasend, wenn man sie nicht einlädt. Ehrlich gestanden, jemand sollte dagegen Aufruhr machen.

Lady Windermere: Ich werde, Herzogin. In meinem Haus toleriere ich niemanden, der sich im Geringsten skandalös benommen hat.

Lord Darlington: Ah, sagen Sie so was nicht, Lady Windermere. Ich würde nie eingeladen werden!

Die Herzogin von Berwick: Ah, Männer spielen keine Rolle. Aber Frauen ist was anders. Wir sind gut. Einige von uns, wenigstens. Aber wir werden offenbar in die Ecke weggedrängt. Unsere Männer würden unsere ganze Existenz ganz vergessen, wenn wir sie ab und zu nicht kritisierten, nur um sie daran zu erinnern, dass wir im Vollgenuss unserer Rechte sind, so zu tun!

Lord Darlington: Es ist ein merkwürdiges Ding, Herzogin, betreffs des Spiels der Ehe – ein Spiel, übrigens, das auf dem Weg ist, aus der Mode zu gehen – dass die Gattinnen mit allen Trümpfen sitzen, aber unvermeidlich den letzten Stich verlieren.

Lady Windermere: Der letzte Stich? Ist das der Gatte, Lord Darlington?

Lord Darlington: Es würde ein ganz betreffender Name für den modernen Ehemann sein.

Die Herzogin von Berwick: Mein lieber Lord Darlington, was sind Sie doch durchaus korrumpiert!

Lady Windermere: Lord Darlington ist trivial.

Lord Darlington: Sagen Sie das nicht, Lady Windermere.

Lady Windermere: Aber warum sprechen Sie dann so trivial vom Leben?

Lord Darlington: Weil ich finde, dass das Leben allzu wichtig ist, um je davon ernst zu sprechen.

Die Herzogin von Berwick: Was meint er? Es ist mir ganz unfassbar. Lord Darlington, erklären Sie mir bitte, was Sie eigentlich meinen.

Lord Darlington: Es wäre besser, es zu lassen, Herzogin. Verständlich zu sein, ist heutzutage dasselbe als entlarvt zu werden. Auf Wiedersehen! (Gibt der Herzogin die Hand.) Und jetzt, (geht zu Lady Windermere) Lady Windermere, auf Wiedersehen. Darf ich heute Abend kommen? Bitte, lassen Sie mich kommen.

Lady Windermere: Selbstverständlich. Aber Sie dürfen keine törichten, unaufrichtigen Dinge sagen.

Lord Darlington: (Lächelnd.) Ah! Sie wollen mich verbessern. Es ist eine gefärliche Sache, jemanden zu verbessern, Lady Windermere. (Darlington verbeugt sich und tritt ab.)

Die Herzogin von Berwick: Welch ein charmanter Bösewicht! Er gefällt mir außerordentlich. Es ist gewiss eine Erleichterung, dass er gegangen ist! Was sehen Sie doch süß aus! Woher kommen Ihre Kleider? Aber jetzt muss ich Ihnen erzählen, wie leid es mir für Sie tut, liebe Margaret. (Setzt sich neben Lady Windermere auf das Sofa.) Agatha, Liebling!

Agatha: Ja, Mutti.

Die Herzogin von Berwick: Kannst du dahin gehen und das Foto-Album anschauen, das ich dort sehe?

Agatha: Ja, Mutti. (Geht zum Schreibtisch.)

Die Herzogin von Berwick: Liebes Mädchen! Sie ist so froh über Fotografien von der Schweiz. So ein verfeinerter Geschmack, finde ich. Aber es tut mir wirklich so leid für Sie, Margaret.

Lady Windermere: (Lächelnd.) Warum, Herzogin?

Die Herzogin von Berwick: Oh, wegen dieses schrecklichen Weibsbilds. Sie kleidet sich so gut, was alles viel schlechter macht. Augustus – Sie kennen ja meinen berüchtigten Bruder – solch eine Prüfung für uns alle – also, Augustus ist vollkommen vergafft in sie. Es ist ziemlich skandalös, denn sie ist völlig unannehmbar in der besseren Gesellschaft. Manch eine Frau hat eine Vergangenheit, aber ich habe gehört, dass sie am mindesten ein Dutzend hat!

Lady Windermere: Über wen sprechen Sie, Herzogin?

Die Herzogin von Berwick: Über Mrs. Erlynne.

Lady Windermere: Mrs. Erlynne? Von der habe ich nie gehört, Herzogin. Und was in aller Welt hat sie mit mir zu tun?

Die Herzogin von Berwick: Mein armes Kind! Agatha, Liebling!

Agatha: Ja, Mutti.

Die Herzogin von Berwick: Willst du auf die Terrasse hinausgehen und den Sonnenuntergang angucken?

Agatha: Ja, Mutti. (Agatha tritt ab.)

Die Herzogin von Berwick: Süßes Mädchen! Ist Sonnenuntergängen so ergeben! Das zeigt hohen Seelenadel, nicht wahr? Es gibt doch unstreitig nichts wie die Natur!

Lady Windermere: Aber was ist denn los, Herzogin? Warum erzählen Sie mir von dieser Person?

Die Herzogin von Berwick: Aber wissen Sie es wirklich nicht? Ich versichere Ihnen, dass wir alle sehr unglücklich darüber sind. Erst gestern Abend bei Lady Jansen waren alle einig, wie unglaublich es ist, dass sich Windermere, von allen Männern in London, so benimmt.

Lady Windermere: Mein Mann – was hat der mit einer solchen Frau zu tun?

Die Herzogin von Berwick: Ja, meine Liebe, das ist wahrhaftig die Frage. Er besucht sie unablässig, stundenlang jedesmal, und solange er dort ist, ist sie für niemanden zuhause. Nicht dass viele Damen ihr Visiten machen, meine Liebe, aber sie hat ganz viele männliche Freunde – insbesondere meinen eigenen Bruder, wie ich Ihnen erzählte – und das ist genau, was die ganze Sache mit Windermere so fürchterlich macht. Wir haben alle ihn als den idealen Ehemann betrachtet, aber ich befürchte, dass kein Zweifel darüber ist. Meine liebe Nichten – Sie kennen ja die Saville–Schwestern – solche gemütlichen Mädels – nicht gerade hübsch, überhaupt nicht, aber sehr gut – also, sie sitzen immer beim Fenster mit einer Handarbeit und machen hässliche Sachen für die Armen, was ich sehr nützlich finde in dieser schrecklichen sozialistischen Zeit, und diese fürchterliche Frau hat ein Haus in Curzon Street bekommen, ihnen gerade gegenüber – eine solche nette Straße. Ich weiß nicht, was mit der Welt los ist! Und sie sagen mir, dass Windermere vier– oder fünfmal in der Woche dorthin geht – sie sehen ihn. Sie können nichts dafür – und obgleich sie nie klatschen – aber natürlich! – lassen sie allen darüber ein Wörtchen fallen. Und das Schlimmste dabei ist, dass ich erfahren habe, dass diese Frau jemandem eine große Geldsumme abgezwungen hat, denn es scheint, dass sie vor sechs Monaten nach London so gut wie ohne Mittel gekommen ist, und jetzt hat sie dieses charmante Haus in Mayfair, fährt mit ihren Ponys jeden Nachmittag im Park, und alles nachdem sie den armen Windermere kennengelernt hat.

Lady Windermere: Oh, ich kann es nicht glauben!

Die Herzogin von Berwick: Aber es ist ganz wahr, meine Liebe. Ganz London weiß Bescheid. Deswegen dachte ich, dass es besser wäre, hierher zu kommen und mit Ihnen sprechen, und Ihnen zu raten umgehend Windermere nach Hamburg oder Aix mitzunehmen, wo er unterhalten sein wird, und wo Sie ihn den ganzen Tag im Auge behalten können. Ich versichere Ihnen, meine Liebe, dass ich oftmals, nachdem ich Berwick heiratete, so tun musste, als ob ich sehr krank wäre, und das ekelhafteste Mineralwasser trinken musste, nur um ihn aus der Stadt zu bewegen. Er war äußerst empfindlich für weiblichen Reiz. Jedoch muss ich sagen, dass er nie große Geldsummen verschenkt hat. Er hat allzu hohe Prinzipe, um so was zu tun!

Lady Windermere: (Unterbricht.) Herzogin, Herzogin, es ist unmöglich! (Erhebt sich.) Wir sind nur zwei Jahre verheiratet. Unser Kind ist bloß sechs Monate alt.

Die Herzogin von Berwick: Ah, das liebe, schöne Kind. Wie geht es dem kleinen Liebling? Ist es ein Junge oder ein Mädchen? Ein Mädchen, hoffe ich – Quatsch, es ist ein Junge, erinnere ich mich. Es tut mir leid. Jungen sind so verdorben. Mein Junge ist außerordentlich unmoralisch. Sie werden nicht glauben, wie spät er nach Hause kommt. Er ist von Oxford abgegangen seit nur ein paar Monaten – ich habe keine Ahnung, was man sie dort lehrt.

Lady Windermere: Sind alle Männer schlecht?

Die Herzogin von Berwick: Alle, meine Liebe, alle, gar ohne Ausnahmen. Und sie werden nie besser werden. Männer werden alt, aber sie werden nie gut.

Lady Windermere: Windermere und ich heirateten aus Liebe.

Die Herzogin von Berwick: Ja, so fangen wir alle an. Lediglich Berwicks brutale und unabhörliche Selbstmorddrohungen bewegten mich, ihn zuletzt zu akzeptieren, und bevor das Jahr um war, lief er Schürzen aller Art nach – aller Farbe, aller Form, allen Materials. Tatsächlich entlarvte ich ihn während der Flitterwochen, als er meinem Dienstmädchen zuzwinkerte, ein sehr nettes, achtbares Mädchen. Ich entließ sie augenblicklich ohne Zeugnis – nein, ich erinnere mich, dass ich sie meiner Schwester weitergab. Der arme Sir George ist so kurzsichtig, dass ich es für harmlos hielt. Das war es jedoch nicht – es war eine höchst ungute Sache. Aber jetzt, mein liebes Kind, muss ich gehen, denn wir werden außer dem Haus speisen. Und nehmen Sie ihn nun nicht zu schwer, diesen kleinen Irrtum von Windermere. Gehen Sie mit ihm ins Ausland, und er wird zu Ihnen zurückkommen.

Lady Windermere: Zu mir zurückkommen?

Die Herzogin von Berwick: Ja, meine Liebe, diese bösen Frauen nehmen unsere Männer von uns weg, aber sie kommen immer zurück, leichter beschädigt, natürlich. Und machen Sie keine Szene, Männer hassen so was!

Lady Windermere: Es ist sehr nett von Ihnen, Herzogin, mir all das zu erzählen. Ich kann aber nicht glauben, dass mein Mann mir untreu ist.

Die Herzogin von Berwick: Süßes Kind! Ich war einmal wie Sie. Jetzt weiß ich, dass alle Männer Ungeheuer sind. (Lady Windermere klingelt.) Die einzige Sache zu tun, ist, die Schurken zu ernähren. Ein guter Koch tut Wunder, und ich weiß, dass Sie einen solchen haben. Meine liebe Margaret, Sie werden doch nicht weinen?

Lady Windermere: Keine Angst, Herzogin, ich weine nie.

Die Herzogin von Berwick: Daran tun Sie wohl, meine Liebe. Das Weinen ist die Zuflucht der hässlichen Frauen, aber der Untergang der schönen. Agatha, Liebling!

Agatha: (Agatha tritt auf.) Ja, Mutti.

Die Herzogin von Berwick: Komm und sag Lady Windermere auf Wiedersehen, und dank ihr für diesen charmanten Besuch. Übrigens muss ich Ihnen danken, dass Sie Mr. Hopper eingeladen haben – er ist der junge Australier, den alle sehr bemerken zur Zeit. Sein Vater hat ein großes Vermögen gemacht durch das Verkaufen einer Art von Büchsenessen – äußerst wohlschmeckend, glaube ich – ich vermute, es ist, was sich die Dienstboten immer zu essen weigern. Aber der Sohn ist ganz interessant. Ich glaube, dass er von der eleganten Konversation der lieben Agatha angezogen ist. Natürlich würde es uns sehr leid tun, sie zu verlieren, aber ich finde, dass eine Mutter, die sich von einer Tochter jede Saison nicht trennt, keine echte Ergebenheit hat. Wir werden heute Abend kommen, Liebe. (Parker öffnet die Tür.) Und vergessen Sie meinen Rat nicht, bringen Sie den Armen sofort aus der Stadt heraus, das ist das einzige Ding zu tun. Auf Wiedersehen noch ein Mal. Komm, Agatha. (Die Herzogin von Berwick und Agatha treten ab.)

Lady Windermere: Wie schrecklich! Jetzt verstehe ich, was Lord Darlington mit diesem eingebildeten Beispiel des Ehepaars gemeint hat. Oh! Es kann nicht wahr sein … sie sprach über ungeheure Summen, die zu dieser Frau gezahlt seien. Ich weiß, wo Arthur sein Einlagebuch aufbewahrt – in einer Schublade in diesem Schreibtisch. Ich könnte es herausfinden. Ich werde herausfinden. (Öffnet die Schublade.) Nein, es ist ein furchtbares Missverständnis. Dumme Klatscherei! Er liebt mich! Er liebt mich! Aber warum sollte ich nicht nachschauen? Ich bin seine Frau, ich habe ein Recht nachzuschauen! (Geht zum Schreibtisch, nimmt das Einlagebuch und studiert es, Seite für Seite, lächelt und seufzt erleichtert.) Ich wusste es! Es gibt kein wahres Wort in dieser dummen Geschichte. (Legt das Einlagebuch in die Lade zurück. Indem sie es tut, erstarrt sie und nimmt dann ein anderes Buch aus.) Ein zweites Einlagebuch … privat … abgeschlossen! (Versucht es zu öffnen, kann aber nicht. Nimmt ein Papiermesser vom Screibtisch und schneidet das Buch offen.) „Mrs. Erlynne – 600 Pfund – Mrs. Erlynne – 700 Pfund – Mrs. Erlynne – 400 Pfund.“ Oh! Es ist wahr! Es ist wahr! Wie fürchterlich! (Wirft das Buch auf den Boden. Lord Windermere tritt auf.)

Lord Windermere: So, meine Liebe, ist der Fächer schon gekommen? (Sieht das Einlagebuch.) Margaret, du hast mein Einlagebuch aufgeschnitten. Du hast kein Recht, so was zu tun!

Lady Windermere: Du findest es unrecht, dass du entlarvt bist, oder?

Lord Windermere: Ich finde es unrecht, dass eine Frau ihren Mann auskundschaftet.

Lady Windermere: Ich habe dich nicht ausgekundschaftet. Ich kannte die Existenz dieser Frau bis vor einer halben Stunde nicht. Jemand hat mir aus Mitleid erzählt, was alle in London schon wissen: deine täglichen Besuche in Curzon Street, deine wahnsinnige Vernarrtheit, die ungeheuren Summen, die du auf diese schändliche Frau verschwendest.

Lord Windermere: Margaret! Sprich nicht so über Mrs. Erlynne, du weißt nicht, wie ungerecht es ist!

Lady Windermere: Du bist sehr besorgt um die Ehre der Mrs. Erlynne. Ich wünschte, du wärst ebenso besorgt um meine gewesen.

Lord Windermere: Deine Ehre ist unberührt, Margaret. Du glaubst doch wohl nicht, dass …

Lady Windermere: Ich glaube nichts. Ich finde nur, dass du dein Geld merkwürdig verwendest. Stell dir nicht vor, dass ich mich um das Geld kümmere. Was mich betrifft, darfst du alles, was wir haben, verschwenden. Was aber für mich von Bedeutung ist, ist, dass du, der du mich geliebt hast, du, der du mich gelehrt hast, dich zu lieben, die Liebe, die gekauft ist, der Liebe, die gegeben ist, vorziehst. Oh, es ist schrecklich! Ich fühle mich herabgewürdigt, nicht du, du fühlst nichts. Ich fühle mich entehrt, durchaus entehrt. Du begreifst nicht, wie fürchterlich mir die letzten sechs Monate jetzt scheinen – jeder Kuss, den du mir gegeben hast, ist besudelt in meiner Gedächtnis.

Lord Windermere: Sag so was nicht, Margaret. Außer dir habe ich niemanden in der ganzen Welt geliebt.

Lady Windermere: Wer ist dann diese Frau? Warum hast du ihr ein Haus gekauft?

Lord Windermere: Ich habe ihr kein Haus gekauft.

Lady Windermere: Du hast ihr das Geld gegeben, was dasselbe ist.

Lord Windermere: Margaret, solange ich Mrs. Erlynne gekannt habe …

Lady Windermere: Gibt es eigentlich einen Mr. Erlynne – oder ist der einfach ein Phantom?

Lord Windermere: Ihr Mann ist längst gestorben. Sie ist allein in dieser Welt.

Lady Windermere: Keine Verwandte?

Lord Windermere: (Eine Pause.) Keine

Lady Windermere: Ganz merkwürdig, oder?

Lord Windermere: Margaret, als ich dir sagte – und ich bitte dich, mich anzuhören – hat sich Mrs. Erlynne, solange ich sie gekannt habe, ausgezeichnet benommen. Wenn sie vor Jahren …

Lady Windermere: Oh! Ich wünsche keine Details von ihrem Leben zu hören!

Lord Windermere: Ich werde dir keine erzählen. Ich sage dir nur dies: Mrs. Erlynne war einst geehrt, geliebt, respektiert. Sie hatte einen Namen, eine Position … sie verlor alles … warf es weg, wenn du willst. Das macht es nur bitterer. Missgeschicke kann man aushalten … sie kommen von draußen, das ist Pech. Aber wegen eigener Fehler zu leiden – ah! – da hast du die wahre Tragödie des Lebens. Außerdem ist es zwanzig Jahre her. Sie war fast nur ein Mädchen damals. Sie war eine Gattin seit kürzerer Zeit, als du jetzt bist.

Lady Windermere: Ich habe keine Interesse an dieser Frau … und … du sollst sie und mich nicht im selben Atemzug erwähnen. Das ist eine Geschmacklosigkeit.

Lord Windermere: Margaret, du könntest diese Frau retten. Sie wünscht, zurück in die bessere Gesellschaft zu kommen, und sie wünscht, dass du ihr damit hilfst.

Lady Windermere: Ich!

Lord Windermere: Ja, du.

Lady Windermere: Wie unverschämt!

Lord Windermere: Margaret, ich kam, um dich um einen Gefallen zu bitten, und ich bitte dich noch, obgleich du entdeckt hast, was du meinem Vorsatz nach nie hättest wissen sollen: dass ich Mrs. Erlynne eine große Geldsumme gegeben habe. Ich will, dass du ihr eine Einladung zu unserem Ball heute Abend schickst.

Lady Windermere: Du bist verrückt!

Lord Windermere: Ich flehe dich an. Möglicherweise quatschen die Leute über sie, ja natürlich quatschen sie, aber sie wissen nichts Konkretes gegen sie. Sie ist in mehreren Häusern gewesen – nicht Häuser, in welche du gehen würdest, das gebe ich zu, aber doch Häuser, in welche Frauen von den höheren Kreisen gehen. Das stellt sie aber nicht zufrieden. Sie will, dass du sie einmal empfängst.

Lady Windermere: Als ein Triumph für sie, vermute ich?

Lord Windermere: Nein. Aber weil sie weiß, dass du eine gute Frau bist – und dass sie, wenn sie hier einmal kommt, die Möglichkeit hat, ein Leben zu bekommen, das glücklicher, sicherer ist, als was sie vorher hatte. Bitte, hilf einer Frau, die versucht zurückzukommen.

Lady Windermere: Nein! Wenn eine Frau wirklich bereut, hat sie keine Lust, zurück zu dem Milieu zu kommen, das ihren Fall verursacht oder gesehen hat.

Lord Windermere: Ich bitte dich.

Lady Windermere: Ich werde mich für den Mittag umziehen, und erwähn diesen Gegenstand nicht wieder heute Abend. Arthur, du glaubst, dass ich, weil ich keine Eltern habe, allein in der Welt bin, und dass du mich behandeln kannst, wie du willst. Du irrst dich, ich habe Freunde, viele Freunde.

Lord Windermere: Margaret, du sprichst närrisch, übereilt. Ich werde mich mit dir nicht streiten. Ich bestehe aber darauf, dass du Mrs. Erlynne heute Abend einlädst.

Lady Windermere: Ich werde nichts dergleichen tun.

Lord Windermere: Du weigerst dich?

Lady Windermere: Völlig!

Lord Windermere: Oh, Margaret, tu es um meinetwillen. Es ist ihre letzte Chance.

Lady Windermere: Was geht es mich an?

Lord Windermere: Wie hart gute Frauen sind!

Lady Windermere: Wie schwach schlechte Männer sind!

Lord Windermere: Margaret, keiner von uns Männern ist vielleicht gut genug für die Frauen, die wir heiraten – das ist ganz wahr – stell dir aber nicht vor, ich würde jemals – oh, diese Andeutung ist ungeheuerlich!

Lady Windermere: Warum solltest du besser als andere Männer sein? Ich habe gehört, dass es in London kaum einen Mann gibt, der sein Leben nicht an irgend eine schändliche Leidenschaft verschwendet.

Lord Windermere: Zu denen gehöre ich nicht.

Lady Windermere: Dessen bin ich nicht sicher!

Lord Windermere: Im Herzen bist du sicher. Und mach die Kluft zwischen uns nicht größer. Nach den letzten fünf Minuten ist sie bei Gott groß genug geworden. Setz dich und schreib die Karte.

Lady Windermere: Nichts in der ganzen Welt könnte mich dazu bewegen.

Lord Windermere: Dann werde ich! (Klingelt, setzt sich und schreibt eine Karte.)

Lady Windermere: Du wirst diese Frau einladen?

Lord Windermere: Ja. (Parker tritt auf.) Parker!

Parker: Jawohl, my Lord.

Lord Windermere: Senden Sie diese Karte zu Mrs. Erlynne, Curzon Street 84A. Es wird keine Antwort geben. (Parker tritt ab.)

Lady Windermere: Arthur, wenn diese Frau hierher kommt, werde ich sie beleidigen.

Lord Windermere: Margaret, sag das nicht.

Lady Windermere: Ich meine es.

Lord Windermere: Kind, wenn du so ein Ding tun würdest, gäbe es keine Frau in London, die dich nicht bedauern würde.

Lady Windermere: Wenn ich es tue, wird es keine gute Frau in London geben, die mir nicht applaudieren wird. Unsere Moral ist zu locker geworden. Ein Beispiel muss statuiert werden. Ich gedenke, heute Abend anzufangen. (Nimmt den Fächer.) Ja, du hast mir diesen Fächer heute gegeben, es war dein Geburtstagsgeschenk. Wenn diese Frau meine Türschwelle überschreitet, werde ich sie damit ins Gesicht schlagen.

Lord Windermere: Margaret, so was könntest du nicht tun.

Lady Windermere: Du kennst mich nicht! (Parker tritt auf.) Parker!

Parker: Jawohl, my Lady.

Lady Windermere: Ich werde in meinem eigenen Zimmer speisen. Nein, tatsächlich werde ich gar nicht speisen. Sorgen Sie dafür, dass alles um halb elf fertig ist. Und, Parker, stellen Sie sicher, dass Sie heute Abend die Namen der Gäste sehr deutlich aussprechen. Manchmal sprechen Sie so schnell, dass ich sie überhöre. Ich bin besonders eifrig, die Namen klar zu hören, um keinen Irrtum zu begehen. Sie verstehen, Parker?

Parker: Ja, my Lady.

Lady Windermere: Das ist alles. (Parker tritt ab.). Arthur, wenn diese Frau hierher kommt … ich warne dich …

Lord Windermere: Margaret, du wirst uns zerstören!

Lady Windermere: Uns! Von diesem Augenblick ab ist mein Leben von deinem getrennt. Wenn du aber einen öffentlichen Skandal vermeiden willst, dann schreib dieser Frau sofort, dass ich sie verbiete, hierher zu kommen!

Lord Windermere: Ich will nicht … ich kann nicht … sie muss kommen!

Lady Windermere: Dann werde ich tun, genau wie ich gesagt habe. Du gibst mir keine Wahl. (Lady Windermere tritt ab.)

Lord Windermere: Margaret! Margaret! … Mein Gott! Was soll ich tun? Ich wage nicht, ihr zu sagen, wer diese Frau wirklich ist. Die Schande würde sie zerstören. (Sinkt auf einen Stuhl herab und begräbt das Gesicht in den Händen. Der Vorhang fällt.)