2. Kapitel. Der Empfang

Vier Tage später kam die glänzende Gesellschaft in Havre an. Es war fünf Uhr nachmittags, und man wußte noch nichts Genaues über die Ankunft der englischen Prinzessin. Manicamp aber war da und wartete auf Herrn von Guiche, der eben seine Dienerschaft auf die Suche nach Wohnungen ausschicken wollte, als sein lockerer Freund, ein rechter Hans-Dampf-in-allen-Gassen, zu ihm heranritt mit den Worten: »Gib dir keine Mühe, Guiche. Ich habe bereits ausgekundschaftet, daß sämtliche Häuser von Havre schon im voraus mit Beschlag belegt sind. Jedes einzelne Zimmer ist vermietet.« – »Alle Wetter! Wer hat sie gemietet?« – »Der Quartiermacher der Prinzessin, Lord Buckingham.« – »Vielleicht zehn, zwölf Häuser,« rief Guiche, »aber Havre hat deren hundert.« – »Und sie sind alle hundert vermietet,« antwortete Manicamp.

Es war Nacht geworden. Am Stadttore und auf dem Marktplatze wimmelte es von Fackeln, Pagen, Lakaien, Stallknechten, Pferden und Kutschen. Das Wasser des Kanals schimmerte rot von dem vielfältigen Fackellicht, und auf der anderen Seite des Hafendamms sah man Matrosen und Einwohner der Stadt, die sich nichts von dem Schauspiel entgehen lassen wollten.

»Was kann Lord Buckingham dazu bewogen haben,« fragte von Guiche, »eine solche Menge von Wohnungen zu mieten?« – Manicamp warf einen Blick auf Bragelonne und von Wardes, die neben Guiche hielten, neigte sich zum Ohre des Grafen und flüsterte: »Die Liebe.« – »Das verstehe ich nicht,« sagte der Graf achselzuckend. – »Man hält es für ausgemacht, Monsieur werde der unglücklichste Ehemann sein.« – »Wie, Herzog von Buckingham–?« – »Dieser Name bringt den Prinzen des Hauses Frankreich Unglück. Buckingham soll wahnsinnig in die junge Prinzessin verliebt sein. Er will nicht dulden, daß jemand anderes als er sich ihr nähere.« – »Ich danke dir, Manicamp,« antwortete Guiche. »Sorge dafür, daß diese Handlungsweise Buckinghams nicht ruchbar wird, während wir fort sind, sonst können vielleicht die Schwerter die Empfangsmusik spielen.« – »Jenun, was kümmert es uns,« meinte Manicamp, »ob es Monsieur ebenso ergehen wird wie dem verstorbenen König? Buckingham-Vater für die Königin, Buckingham-Sohn für die Prinzessin, Gott für uns alle.« – »Still!« rief der Graf.

»Warum still?« fiel von Wardes ein. »Wir haben es gehört. Und es ist eine für die französische Nation sehr ehrenvolle Tatsache. Sind Sie nicht auch dieser Meinung, Graf von Bragelonne?« – »Was soll eine ehrenvolle Tatsache sein?« fragte Rudolf zerstreut. – »Daß die Engländer der Schönheit unserer Königinnen und Prinzessinnen in dieser Weise huldigen,« sagte von Wardes. – »Ich weiß nicht, wovon die Rede ist.« versetzte Rudolf. – »Buckingham-Vater mußte nach Paris kommen,« erklärte Wardes, »um Ludwig XIII. darauf aufmerksam zu machen, daß die Königin eine der schönsten Frauen bei Hofe sei; und nun soll Buckingham-Sohn dafür sorgen, daß der Schönheit einer Prinzessin von französischem Geblüt durch die Anbetung, die er ihr zollt, die gebührende Huldigung erwiesen werde. Engländern Liebe einzuflößen, wird künftighin als Maßstab für Schönheit gelten.«

»Ueber solche Dinge,« antwortete Bragelonne, »höre ich nicht gern scherzen. Wir Edelleute sind die Ehrenwächter der Königinnen und Prinzessinnen. Wenn wir schon über sie spotten, was sollen die Lakaien tun?« – »Oho, Herr Graf!« rief von Wardes. »Wie soll ich das deuten?« – »Wie Sie wollen, mein Herr,« versetzte Rudolf. – »Meine Herren,« rief Graf Guiche dazwischen, alt er sah, daß von Wardes Miene machte, auf Bragelonne loszureiten. »Keinen Streit auf offener Straße.«

»Ruht Euch erst aus, ehe Ihr Euch schlagt,« setzte Manicamp hinzu. »Ihr würdet sonst nichts Vernünftiges ausrichten.« – »Vorwärts, meine Herren!« rief Graf Guiche. »Ich werde dem stolzen Engländer doch einen Strich durch die Rechnung machen!« Und er ritt auf den Marktplatz. Der ganze Zug folgte ihm.

Am folgenden Tage wehte ein ziemlich scharfer Wind, und die See ging hoch. Von den Mastkörben der vor Anker liegenden Schiffe wurde scharfe Ausschau gehalten, und gegen elf Uhr vormittags erklang der Ruf: »Schiff in Sicht!« – Man erkannte ein mit vollen Segeln herannahendes Schiff, dem zwei andere in geringer Entfernung folgten. Bald ließ sich unterscheiden, daß die Fahrzeuge die englische Flagge führten, das vordere außerdem noch den Admiralswimpel. Dies also war das Schiff, auf dem die Prinzessin sich befand. Der ganze französische Adel versammelte sich nun am Hafen; das Volk füllte die Quais und die Hafendämme. Kurz vor dem Eingang zum Hafen gingen die Schiffe, die bei dem herrschenden Seegang nicht zu landen wagten, vor Anker und salutierten mit zwölf Kanonenschüssen, die vom Hafen erwidert wurden. Allein infolge des stürmischen Wetters getraute sich nun auch keines der Empfangsbote auf die See hinaus, und die allgemeine Begrüßungsfahrt des versammelten Adels, die geplant war, unterblieb zum großen Verdruß der anwesenden Edelleute, die viel darum gegeben hätten, ein günstigeres Wetter herbeizuzaubern.

»Rudolf,« sagte von Guiche, der um jeden Preis seinen Auftrag, die Prinzessin auf hoher See zu empfangen, ausführen wollte, »sollen wir, starke, energische Kriegsmänner, der rohen Kraft des Wassers und des Windes weichen? Das wäre doch schmachvoll.« – »Das ist auch meine Meinung,« antwortete Rudolf. – »Nun, wollen wir das Lotsenboot dort besteigen? Es scheint mir standfest genug. Bist du dabei, Wardes?« – »Nehmen Sie sich in acht,« warf Manicamp ein, »Sie ertrinken.« – »Sie erreichen bei diesem Gegenwind die Schiffe im ganzen Leben nicht,« setzte Wardes hinzu. – »Du willst also nicht mitfahren?« fragte Graf Guiche nochmals. – »Im Kampfe gegen Menschen setze ich mein Leben gern aufs Spiel« antwortete von Wardes, mit einem Seitenblick auf Bragelonne. »Aber mich mit Salzwasser zu messen, ist nicht nach meinem Geschmack.« – »Und ich würde meinen letzten saubern Rock dabei einbüßen«, meinte Manicamp. »Salzwasser richtet alles zugrunde.« – »Aber seht doch nur, dort drüben am Stern stehen die Prinzessinnen und schauen zu uns herüber!« rief von Guiche. – »Ein Grund mehr, vor ihren Augen kein lächerliches Bad zu nehmen!« versetzte Manicamp. – »Dann fahre ich allein,« entschied der Graf. – »Nicht doch,« rief Bragelonne. »Ich komme mit.« Er erkannte wirklich die Größe der Gefahr, in die er sich begeben wollte; aber er ließ sich zu dem Wagnis verleiten, weil von Wardes nicht den Mut dazu fand.

»Hollah, Lotse!« rief Graf Guiche dem Boote zu, das sich eben anschickte, die Fahrt zu wagen. »Wir wollen mit.« Er wickelte ein paar Silbermünzen in ein Stück Papier und warf es dem Patron zu. – »Sie scheinen keine Angst vor Salzwasser zu haben, junge Herren,« rief der Lotse zurück. – »Wir haben vor nichts Angst,« erwiderte der Graf. – »Na, dann nur zu!« sagte der Schiffer. Die beiden jungen Männer sprangen ins Boot. »In dieser Börse,« rief Guiche, sie den Matrosen zeigend, »sind noch zwanzig Pistolen. Sie sind euer, wenn wir das Admiralsschiff erreichen.« – Die Leute legten aus, und das Boot tanzte auf den Wellen.

Die Tausende von Menschen, die den Hafen umstanden, beobachteten voll Spannung den Fortgang der Barke. Sie schien einen Augenblick auf der Spitze der Wogen zu schweben, im nächsten Augenblick glitt sie in einen brausenden Abgrund; aber so schwer sie auch zu kämpfen hatte, sie kam vorwärts, sie arbeitete sich näher und näher an das englische Schiff heran, das nun auch zwei Schaluppen aussetzte, um ihr zu Hilfe zu kommen. Auf dem Heck des Admiralsschiffes standen unter einem Baldachin von Samt und Hermelin die verwitwete Königin Henriette-Marie und ihre Tochter Henriette-Anna, an ihrer Seite der Admiral, der junge Graf Norfolk. Sie sahen angstvoll nach dem mit dem wilden Element kämpfenden Boote aus. Die Matrosen, die Gewandtheit des Lotsen und die Kraft der Ruderer bewundernd, ließen ein Hurrah nach dem andern hören.

Einstimmiger Jubel empfing die beiden Edelleute. Graf Norfolk selbst ging ihnen entgegen und führte sie zu den Fürstinnen. Von Guiche stand nun vor der Braut, deren Bild er im Zimmer ihres künftigen Gemahls so aufmerksam betrachtet hatte. Er verglich das Original mit diesem Gemälde, und als er das etwas bleiche Gesicht, die lebhaft funkelnden Augen, das wunderschöne, kastanienbraune Haar und den frischen, etwas schmollenden Mund sah, da wurde er von der Schönheit dieser Erscheinung so tief ergriffen, daß er geschwankt haben würde, hätte Rudolf ihn nicht rasch und unmerklich gestützt. Der erstaunte Blick Bragelonnes brachte ihn zur Besinnung. Mit wenigen Worten erklärte er, was ihm aufgetragen worden sei, und begrüßte im Namen seines Herrn und seines Landes die Hoheiten und ihre Begleitung.

Rudolf wurde vorgestellt und mit großer Liebenswürdigkeit aufgenommen, wußte doch jedermann, welchen großen Anteil sein Vater an der Wiedereinsetzung Karls II. hatte. Da Rudolf sehr gut Englisch sprach, konnte er nun als Dolmetscher zwischen seinem Freunde und den britischen Kavalieren dienen. Unter diesen fiel ein junger Mann von schöner Erscheinung und überaus vornehmer Tracht besonders auf. Er trat zu den Prinzessinnen und sagte im Tone mühsam bekämpfter Ungeduld: »Königliche Hoheiten, es ist Zeit zu landen.« – »Gemach, Mylord von Buckingham,« antwortete der Admiral, »eine Landung ist jetzt noch unmöglich. Die See geht zu hoch. Vor vier Uhr wird der Wind nicht abflauen so daß wir also erst gegen Abend landen können.«

»Sie halten die Damen zurück, Admiral,« versetzte Buckingham, ohne seine Gereiztheit zu verbergen, »dazu haben Sie gar kein Recht. Die eine dieser Damen gehört Frankreich an, und Sie sehen, Frankreich ruft sie durch die Stimme seiner Abgesandten.« – »Es wird nicht die Absicht dieser Herren sein,« antwortete Norfolk, »das Leben der Prinzessinnen in Gefahr zu bringen.« – »Die Herren sind trotz des Windes glücklich an Bord gekommen,« entgegnete der Lord. »Die Gefahr wird für die Damen nicht größer sein, zumal man landwärts mit dem Winde fährt.« – Buckingham war offenbar eifersüchtig auf Norfolk und entbrannte vor Verlangen, die Prinzessin von dem Boden zu entführen, auf dem der Admiral Herrscher war. – »Mylord,« antwortete ihm der Seemann, »ich trage die Verantwortung, daß Madame, die königliche Braut, wohlbehalten nach Frankreich kommt. Ich habe versprochen, sie gesund hinüberzubringen, und dieses Versprechen werde ich halten.« – »Aber es ist doch –« begann Buckingham. – »Mylord,« fiel ihm Norfolk ins Wort, »gestatten Sie mir, daran zu erinnern, daß hier niemand zu befehlen hat als ich.« – »Mylord!« brauste Buckingham auf, »wissen Sie, was Sie da sagen?« – »Ich weiß es sehr wohl,« antwortete der Admiral. »und wiederhole es. Hier befehle nur ich, und jedermann hat mir zu gehorchen.« – Diese Worte sprach er mit edlem Ausdruck, und Buckingham bebte am ganzen Leibe. Das Blut schoß ihm in die Augen, und seine Hand fuhr nach dem Degen.

»Mylord,« rief jetzt die Königin, »erlauben Sie mir zu bemerken, daß ich ganz der Meinung des Admirals bin. Und wenn das Wetter auch nicht so nebelig und stürmisch wäre, so würden wir es doch dem Offizier, der uns sorgsam bis hierher gebracht hat, schuldig sein, ihm noch ein paar Stunden zu schenken, zumal er uns an der französischen Küste verlassen muß.« – Buckingham gab keine Antwort, sondern sah die Prinzessin an. – Madame aber achtete auf den Wortwechsel nicht; sie schien augenblicklich nur Augen für den Grafen von Guiche und Rudolf zu haben. Das war ein neuer Schlag für Buckingham, glaubte er doch in ihren Blicken ein tieferes Gefühl als bloße Neugierde zu erkennen. Er ließ die Hände sinken und ging mit einem Seufzer fort.

Bei Tische in der Kapitänskajüte harrte seiner eine neue Demütigung, denn Madame ließ von Guiche und von Bragelonne an ihrer Seite sitzen, und Buckingham sah sich an einen entfernten Platz verwiesen. Von Guiche, den sein Glück noch blässer machte, als seinen Nebenbuhler der Zorn, nahm fast zitternd seinen Sitz neben der Prinzessin ein, deren seidnes Gewand ihn leise berührte. Nach der Mahlzeit eilte Buckingham auf die Prinzessin zu, um ihr die Hand zu reichen.

»Mylord,« sagte Graf von Guiche, »haben Sie die Güte, sich von jetzt ab nicht mehr zwischen Ihre königliche Hoheit und mich zu drängen. Von diesem Augenblick an gehört Lady Henriette Frankreich an, und wenn sie mir die Ehre erweist, meine Hand zu berühren, so berührt sie damit die Hand Monsieurs, ihres Gemahls.«

Rudolf beobachtete seinen Freund scharf. Er liebte ja selbst unglücklich und verstand alles. Er warf ihm einen vielsagenden Blick der Teilnahme zu.

Gegen zwei Uhr schlug das Wetter um; die Sonne kam zum Vorschein, der Wind legte sich, und das Meer wurde glatt wie ein Spiegel. Der Nebel zerriß gleich einem Schleier, der in kleinen Stücken davonfliegt. Das freundliche Gestade Frankreichs grüßte herüber mit seinen grünen Hügeln und weißen Häuschen.

3. Kapitel. Zwei Liebende

Der Befehl zum Landen wurde gegeben, und Buckingham atmete freudig auf. Doch alsbald sah er sich abermals um eine Hoffnung betrogen, denn die Königin-Witwe rief ihn zu sich. »Mylord,« sagte sie zu ihm, »Sie dürfen meine Tochter nicht an Land fahren lassen, ohne sich zu vergewissern, ob die Wohnungen in Ordnung sind. Fahren Sie also bitte voraus.« – Lord Buckingham errötete, aber es gab keine Widerrede. Er mußte darauf verzichten, die Prinzessin zu begleiten. Er warf einen Blick der Verzweiflung auf die Gruppe, die von Lady Henriette, dem Admiral und den beiden Franzosen gebildet wurde, trat an Bord und sprang so blindlings hinab in das kaum ausgesetzte Boot, daß er es fast zum Kentern gebracht hätte. – »Mylord scheint den Verstand verloren zu haben,« sagte Norfolk kalt. – »Das fürchte ich in der Tat,« antwortete Bragelonne.

Die Ruderer legten sich in die Riemen, das Boot fuhr davon. Aber Buckingham blieb aufrecht darin stehen und wandte kein Auge von dem Fahrzeug, das einige Minuten später mit der Prinzessin das Schiff verließ. Als Buckingham an Land war, stürmte er in die Stadt hinein. Er sah nicht nach den vielen Kähnen, die vom Ufer abstießen, um der Prinzessin entgegenzufahren, er hörte nicht auf die Kanonenschüsse, die zu ihrer Begrüßung abgefeuert wurden. Er lief auf den Marktplatz zum Rathause, um hier nach dem Rechten zu schauen. Da sah er zu seiner Bestürzung eine Anzahl von Zelten errichtet, auf denen die französische Flagge wehte und die im Halbkreis das Rathaus umschlossen. Pagen und Soldaten hielten davor Wache. Zwischen den luftigen Bauten aber sah man eine große Anzahl von Offizieren und Edelleuten hin und her schreiten oder plaudernd herumstehen. Buckingham trieb sein Pferd mitten hinein in die bunte Menge, und rasend vor Wut richtete er sich im Sattel empor. »Was hat das hier zu bedeuten?« schrie er, um sich schauend.

Ein Mann trat zu ihm heran. »Was gibt’s?« fragte er ganz gelassen. »Wer macht hier solchen Lärm?« Buckingham betrachtete die lange, hagere Gestalt, die vor ihm stand, mit unverhohlener Geringschätzung. – »Wer sind Sie?« rief er. – »Wer sind denn Sie?« fragte der Mann mit der größten Ruhe. – »Ich bin Herzog von Buckingham,« war die Antwort, »ich habe alle Häuser um das Rathaus herum gemietet; die Häuser gehören also mir, und da ich sie gemietet habe, um ungehindert zum Rathause zu gelangen, so haben Sie kein Recht, mir den Weg zu versperren.« – »Es steht Ihnen ja frei, ins Rathaus zu gehen,« versetzte der andere. – »Ihre Schildwachen halten mich auf,« rief der Engländer. – »Weil Sie zu Pferde hin wollen, und der Befehl lautet, nur Fußgänger durchzulassen.«

»Hier hat niemand Befehle zu erteilen als ich,« rief Buckingham. – »Wieso?« lautete die gelassene Antwort. »Erklären Sie mir das, bitte.« – »Weil die Häuser und dieser ganze Platz mein ist!« – »Sie sind im Irrtum, mein Herr. Der Platz gehört dem König, wir sind Abgesandte des Königs, also gehört der Platz uns.« – »Mein Herr, ich habe Sie schon einmal gefragt, wer Sie sind!« schrie jetzt der Brite erbost. – »Ich heiße Manicamp,« antwortete der Franzose. – »Sie haben die Zelte da wegzuräumen, verstanden!« rief der Lord.

In diesem Augenblick kamen Graf Guiche und Rudolf von Bragelonne an. Sie hatten geahnt, daß Buckingham beim Anblick der Zelte, die seinen schönen Plan zunichte machen sollten, in Zorn geraten würde, und aus Furcht, daß ein ernster Streit die Folge sein könnte, hatten sie sich beeilt, den Rathausplatz zu erreichen. Gleichzeitig kam auch von Wardes hinzu, der im Rathause zu tun gehabt hatte.

»Mylord,« rief Graf Guiche, heranreitend, »belieben Sie sich an mich zu wenden. Auf meinen Befehl sind diese Zelte errichtet worden.« – »Ich habe bereits gesagt,« rief Buckingham, vor Wut bebend, »sie müssen weg!« – »Unmöglich,« antwortete von Guiche, indem er sich auf einen Blick Rudolfs hin zur Ruhe zwang. »Wir haben damit nur gegen Ihren eigenen Mißbrauch Front gemacht, Mylord. Sie kommen einfach hierher und legen die ganze Stadt in Beschlag, ohne sich darum zu kümmern, wo wir Franzosen Obdach finden können. Das ist nicht brüderlich gehandelt von dem Vertreter einer befreundeten Nation.« – »Die Erde gehört dem, der zuerst von ihr Besitz ergreift,« versetzte Buckingham. – »Nicht in Frankreich, Mylord.« – »Warum nicht in Frankreich?« – »Weil es das Land der Höflichkeit ist.«

»Was wollen Sie damit sagen?« brauste Buckingham auf. Sein Pferd bäumte sich unter dem Ruck seiner Faust, daß die Umstehenden erschrocken zurückwichen. Graf Guiche verzog keine Miene. »Ich will damit sagen,« versetzte er, »ich ließ diese Zelte für mich und meine Freunde, für die Abgesandten des Königs von Frankreich, errichten, als einziges Obdach, das Ihre Rücksichtslosigkeit uns gelassen hat. Wir werden darin wohnen, bis ein mächtigerer Wille als der Ihrige uns abruft.« – »Herr Graf, ich fordere Genugtuung!« schrie Buckingham und riß an seinem Degen.

Da legte sich Rudolfs Hand auf seine Schulter. – »Ein Wort, Mylord.« sagte Bragelonne ruhig. – »Zuerst will ich mein Recht!« rief der ungestüme Mann. – »Eben über diesen Punkt will ich mit Ihnen reden,« antwortete Rudolf. »Eine einzige Frage: Wer wird die Enkelin Heinrichs IV. heiraten, Sie oder der Herzog von Orléans?« – Buckingham trat verblüfft zurück. »Was soll das?« stammelte er. – »Antworten Sie mir, bitte, Mylord,« sagte der Vicomte gelassen. – »Wollen Sie Spott mit mir treiben?« murmelte der Brite. – »Nun, auch das ist eine Antwort, die mir genügt,« antwortete Rudolf. »Sie geben also zu, daß Sie die Prinzessin Stuart nicht heiraten werden.« – »Mich dünkt, das wissen Sie recht wohl, Graf.« – »Pardon, nach Ihrem Benehmen schien das nicht ganz klar zu sein.« –

»Zur Sache, Vicomte!« rief der Lord. »Was haben Sie mir zu sagen?« – Rudolf trat ganz dicht an ihn heran. »Ihr Zorn,« sprach er, »sieht ganz der Eifersucht ähnlich, wissen Sie das, Mylord? Solche Eifersucht auf eine Dame steht jedem schlecht an, der weder ihr Gemahl noch ihr Geliebter ist, um so mehr jedoch, wenn diese Dame eine Prinzessin ist.« – »Graf, wollen Sie Lady Henriette beleidigen?« stieß Buckingham hervor. – »Sie beleidigen sie, mein Herr,« versetzte Bragelonne unbeirrt. »Nehmen Sie sich in acht. Auf dem Admiralschiffe haben Sie schon großes Aergernis gegeben.« – »Herr! Sie führen eine Sprache, der man Einhalt tun muß!« murmelte Buckingham. – »Wägen Sie Ihre Worte, Mylord,« sagte Rudolf mit stolzem Ernst. »Ich bin von einem Geschlechte, das sich nicht Einhalt tun läßt, solange es auf dem rechten Wege ist. Sie aber sind von einem Geschlecht, dessen Leidenschaft den guten Franzosen verdächtig ist. Nochmals, nehmen Sie sich in acht, Mylord!«

»Wollen Sie mir etwa drohen?« – »Ich bin der Sohn des Grafen de la Fère und drohe nie, weil ich immer gleich dreinschlage. Wir wollen uns also verständigen. Bei dem ersten Worte über Ihre königliche Hoheit, das die Grenzen des Anstandes verletzt – o, bleiben Sie ruhig, Mylord, ich bin es ja auch.« – »Sie?!« – »Allerdings. Solange Madame auf englischem Boden war, schwieg ich. Jetzt steht sie auf französischem Boden, und wir sind im Namen des Prinzen hier, sie zu empfangen. Bei der ersten Schmach, die Sie in Ihrer sonderbaren Ergebenheit dem Hause Frankreich antun könnten, stehen mir zwei Wege offen: entweder ich verkündige öffentlich, von welchem Wahnwitz Sie besessen sind, und sorge dafür, daß Sie schimpfbedeckt nach England zurückgeschickt werden, oder aber ich stoße Ihnen in voller Versammlung den Dolch in die Kehle. Das letztere Mittel scheint mir das bessere, und ich werde es wohl anwenden.«

Buckinghams Gesicht wurde weiß wie die Spitzenkrause, die seinen Hals schmückte. »Herr von Bragelonne,« stammelte er, »sind das wirklich die Worte eines Edelmanns?« – »Ja, nur sind sie an einen Wahnsinnigen gerichtet,« antwortete Rudolf. »Genesen Sie, Mylord, und er wird anders zu Ihnen sprechen.« – »Herr von Bragelonne,« murmelte der Brite. »Sie sehen meinen Zustand – es bleibt mir nur eins –« – »Das wäre in der Tat ein großes Glück,« antwortete Rudolf mit seinem unerschütterlichen Gleichmut. »Dadurch würde mancher üblen Nachrede über die erlauchten Personen, die Sie kompromittieren, vorgebeugt.« – »Sie haben recht, Sie haben recht!« sagte der junge Mann außer sich. »Ja, ja, lieber sterben, als so leiden zu müssen!« – Er zog einen juwelengeschmückten Dolch hervor.

Rudolf stieß seine Hand zurück. – »Sind Sie von Sinnen, Mylord!« flüsterte er ihm zu. »Wenn Sie sich jetzt erstechen, machen Sie sich lächerlich und beflecken das königliche Brautkleid mit Blut.« – Buckingham stand ein Weilchen atemlos da, seine Lippen zuckten, auf seinen Wangen wechselten Blässe und Röte. Dann sagte er plötzlich: »Sie sind der edelste Charakter, den ich kenne, Bragelonne; Sie sind der würdige Sohn des vollendetsten Edelmannes unserer Zeit.« Er fiel dem Vicomte um den Hals.

Erstaunt über das unerwartete Ende dieser Unterredung, die die Umstehenden nicht verstanden hatten, über deren kritischen Inhalt aber niemand in Zweifel bleiben konnte, klatschte die Menge in die Hände, und tausendstimmiger Jubelruf erscholl. Engländer und Franzosen, die sich schon fast mit feindseligen Blicken gemustert hatten, schlossen Freundschaft.

Jetzt erschien der Zug der Prinzessin, welche ohne Bragelonnes beherzte Ermahnung über den ausgestreuten Blumen zwei Heerhaufen in blutigem Kampfe angetroffen haben würde. Die Menge bildete beim Anblick der Banner zu beiden Seiten des Marktplatzes Spalier.

Madame empfing auf ihrem Einzug in die Stadt einstimmige Glückwünsche. Von allseitiger Ehrerbietung begleitet, schritt sie einher wie eine Königin. Ihre Mutter zeigte den Franzosen, obwohl man sie dort zur Zeit ihres Unglücks sehr schlecht behandelt hatte, ein huldvolles Gesicht, war doch Frankreich ihre eigentliche Heimat.

Als der feierliche Empfang beendet war und ringsum nächtliche Ruhe herrschte, trat von Guiche in sein Zelt und ließ sich auf einen Schemel nieder. Sein Gesicht zeigte einen so tiefen Ausdruck des Schmerzes, daß Bragelonne kein Auge von ihm abwandte, bis er ihn seufzen hörte. Da ging Rudolf zu ihm heran. Der Graf stützte die Ellbogen auf die Knie und vergrub das Gesicht in den Händen.

»Du bist erschöpft, Freund,« sagte Bragelonne. »Der Tag war sehr anstrengend.« – »Ja, ich möchte schlafen,« antwortete Guiche. – »Soll ich dich allein lassen?« – »Nein, ich habe mit dir zu reden.« – »Zuerst habe ich ein paar Fragen an dich zu richten,« sagte Rudolf, »dann erst werde ich mit mir reden lassen. Weißt du, weshalb Buckingham so wütend war?« – »Ich vermute es.« – »Er liebt die Prinzessin, nicht wahr?« fragte Rudolf. – »Wenigstens möchte man das glauben, wenn man ihn ansieht,« sagte Graf Guiche. – »Nun, es ist nichts daran,« warf Rudolf hin, mit einem scharfen Blicke auf seinen Freund. »Lord Buckingham ist nicht gefährlich.«

»Gefährlich?« antwortete der Graf zaudernd. »Mag sein, nein. Aber zudringlich – lästig. Hätte er nicht bald das ganze Fest verdorben? Wenn du nicht gewesen wärest, es hätte wahrlich blutige Köpfe gegeben. Was hast du zu ihm gesagt? Und glaubst du wirklich, er liebt sie nicht?«

Diese Worte sprach von Guiche mit einem seltsamen Nachdruck. – »Was ich zu ihm gesagt habe, lieber Freund,« antwortete Rudolf in eindringlichem Tone, »das will ich dir wiederholen. Höre mich an. Ich sagte folgendes: Herr, Sie werfen lüsterne, begehrliche Blicke auf die Schwester Ihres Königs; sie ist nicht Ihre Braut, sie ist nicht Ihre Geliebte, sie kann beides nicht sein. Sie beleidigen also diejenigen, die gekommen sind, das junge Mädchen dem Gatten zuzuführen. Ich bin sogar noch weitergegangen; ich sagte noch folgendes: Was würden Sie wohl denken, wenn einer von uns die Vermessenheit, die Treulosigkeit besäße, für eine unserm Herrn bestimmte Prinzessin andere Gefühle als reinste Ehrerbietung zu hegen?«

Der Graf erblaßte und zitterte plötzlich, so offenbar waren diese Worte auf ihn gemünzt. Er preßte die Hand auf die Stirn. – »Doch Gott sei Dank!« fuhr Rudolf fort, »die Franzosen, die man für leichtfertig und sittenlos hält, wissen in Fragen der Wohlanständigkeit stets sicher zu entscheiden. Wir Franzosen opfern dem Dienst unsers Königs nicht nur Gut und Leben, sondern auch unsere Leidenschaften. Wenn uns der böse Geist einmal einen Gedanken eingibt, der eine Sünde an unserm König wäre, so löschen wir diese Flamme, sei es auch mit unserm Blute. Auf diese Weise retten wir dreifach die Ehre: die des Vaterlandes, die des Königshauses und die eigene. So handeln wir, Herr Buckingham, und so muß jeder charaktervolle Mann handeln. Du siehst, Guiche, der Lord hat sich meinen Gründen gefügt.«

Der Graf, den Rudolfs Worte niedergedrückt hatten, richtete sich jetzt stolz auf; seine Augen flammten; er faßte Bragelonnes Hand und sagte mit gepreßter Stimme: »Brav gesprochen, Rudolf, habe Dank! und nun – laß mich allein. Ich bedarf der Ruhe. Mein Herz ist erschüttert, mein Geist beklommen. Wenn du morgen wiederkommst, werde ich ein anderer Mensch sein.« – Der Vicomte ging hinaus. – »Wie stark belagert ist das arme Mädchen,« dachte er bei sich. »Da ist das Fräulein von Montalais wahrlich keine sehr zuverlässige Besatzung!«

7. Kapitel. Porthos

In einer Verkleidung, die ihn halb als herrschaftlichen Diener, halb als Bauer erscheinen ließ, ritt d’Artagnan in jenem Teil der bretonischen Küste, der der »schönen Insel«, oder Belle-Ile, gegenüberlag, von einem Fischerdorf zum andern, überall die Augen aus, überall die Ohren gespitzt. Es währte nicht lange, so hatte er festgestellt, daß in diesem Lande Herr Fouquet König, ja Gott war. Am meisten fielen ihm die vielen Barken auf, die mit Steinladungen nach Belle-Ile hinüberfuhren. »Herr Fouquet bessert alle Jahre die Schloßmauer aus,« sagte man ihm, als er ganz im Tone eines neugierigen Provinzlers, der zum ersten Male das Treiben am Meeresstrande beobachtet, die Leute fragte. In dem Dorfe Croissic beschloß er, einen Kahn zu suchen, der ihn nach Belle-Ile hinüberbringen könnte. Er ging vorsichtig zu Werke, um ja keinen Verdacht zu erregen, und schlenderte stundenlang hin und her, ehe er sich endlich, wie einer, der sich nach langem Bedenken zu etwas entschließt, wovon er sich kein rechtes Vergnügen verspricht, das er aus Neugierde aber doch mitmachen möchte, an ein paar Fischer wendete mit der Frage, ob sie ihn mal auf eine kleine Fahrt mitnehmen möchten.

»Warum nicht, Mann?« antwortete der Patron des Kahnes. »Wir warten nur auf die Flut, dann gehn wir auf den Fang.« – »Wo fischt ihr denn heute?« – »Drüben bei Belle-Ile.« – »Ist das weit von hier?« – »Vier Meilen.« – »O, das ist ja schon eine kleine Reise. Da werde ich wohl seekrank werden, was meint Ihr?« – »Das kann schon sein. Aber wenn’s zu schlimm kommt, können wir Euch ja in Belle-Ile an Land setzen,« meinte der Fischer. – »Darf man denn dort landen?«

»Wir dürfen,« war die Antwort, »wir verkaufen oft unsere Fische an die Korsaren.« – »An was für Korsaren?« fragte der Gaskogner. – »Herr Fouquet rüstet zwei Korsarenschiffe aus, um auf die Holländer und die Engländer Jagd zu machen.« – »Sieh da,« dachte der verkappte Musketier. »Er baut Festungswerke und hält Korsarenschiffe, da hat der König vielleicht doch nicht unrecht. Fouquet ist, soweit ich ihn kenne, ein Feind, vor dem man allen Respekt haben muß. Ich will ihn scharf aufs Korn nehmen.«

Die Flut kam, die Barke ging in See. In zwei Stunden war sie schon außer Sicht des Landes. Die Fischer gingen ihrem Handwerk nach, und es fiel ihnen nicht auf, daß ihr Passagier, obwohl die See ziemlich hoch ging, nicht die geringste Spur von Seekrankheit zeigte. Sie machten einen guten Fang an Schellfischen und Meeraalen und erklärten, der Fremde brächte ihnen Glück. D’Artagnan half schließlich beim Heraufholen der Netze mit und vergaß über den Fischfang ganz seine politische Mission, bis der Patron ihn daran erinnerte, indem er aufs Meer hinauszeigte. »Belle-Ile!« sagte er. – D’Artagnan ließ einen großen Aal, der sich zwischen seinen Fingern wand, entwischen, fuhr herum und sah in geringer Entfernung dunkelgraue Felsen emporragen, die von den weißen Mauern eines prachtvollen Schlosses gekrönt waren. Die Mittagssonne warf goldene Strahlen aufs Meer, und die Zauberinsel war von schimmernder Atmosphäre umhüllt, in der die jenseits des Schlosses sich erstreckenden Wiesen und Waldungen verschwammen. Er stand im Anschauen verloren, aber bald besann er sich, daß es seines Amtes nicht sei, landschaftliche Schönheiten zu bewundern, und er ließ sein Auge forschend an der Insel entlangwandern. Da erkannte er alsbald, daß tatsächlich Festungswerke gebaut wurden.

»Potzblitz,« rief er plötzlich, »da sind ja auch Soldaten!« – »Natürlich,« antwortete der Fischer. »Es liegen 1700 Mann auf der Insel. Jede einzelne Garnison ist mit 22 Kompagnien Infanterie besetzt.« – »Alle Wetter!« dachte d’Artagnan. »Ich glaube immer mehr, der König hat recht.«

Die Barke landete, und während die Fischer mit ihrem Kahn und ihrem Fang beschäftigt waren, entfernte sich d’Artagnan langsam und unauffällig von ihnen und schlenderte am Strande entlang. Rings sah er Barken, mit Steinen beladen, und überall gingen die Schubkarren hin und her. Die Ausdehnung der Bauarbeiten konnte d’Artagnan vorläufig nicht übersehen. Welchem Zweck sie dienten, darüber war er als Soldat keinen Augenblick im Zweifel. An den beiden Enden des Hafens waren zwei Batterien errichtet, von denen aus die Landungsstellen ins Kreuzfeuer genommen werden konnten. Die Batterien schienen zur Aufnahme schwerer Geschütze bestimmt, doch waren diese selbst noch nicht da, obwohl alle Vorbereitungen zu ihrer Aufstellung schon getroffen waren.

Nachdem d’Artagnan die Küstenbatterien betrachtet, wendete er seine Aufmerksamkeit auf die Festungswerke und unterschied, daß diese nach einem ganz neuen System angelegt waren, welches ihm der Graf de la Fère einmal eingehend erläutert hatte. Das Neue an dieser Bauart war, daß die Werke nicht als Schanzen über den Erdboden emporragten, sondern in Form von Gräben unterhalb des Niveaus lagen, so daß sie feindlichen Geschützen kein Ziel boten. Zugleich hatten sie den Vorteil, daß sie jederzeit durch Schleusen vom Meere aus unter Wasser gesetzt werden konnten. Die Arbeiten waren beinahe beendet, die Leute legten die letzten Steine auf, unter dem Befehl eines Mannes, der den ganzen Bau zu leiten schien. Er trug ein prächtiges Wams, an dem man gleich erkannte, daß er nicht zu der Klasse der Leute gehörte, die er beaufsichtigte. Er hatte einen Federhut, und vor ihm auf einem Steine lag ein Plan, nach welchem er die Arbeiten anordnete. Er betrachtete eben sechs Männer, die alle Kraft aufboten, um einen gewaltigen Stein ein wenig zu lüften und ein Querholz unterzuschieben. Der Stein war ihnen aber schon zweimal aus den Händen geglitten, ohne daß sie ihn hoch genug hatten heben können, um Raum für den Balken zu schaffen. Der Mann mit dem Federhut verlor die Geduld und trat hinzu.

»Ihr seid samt und sonders schlappe Kerle!« rief er. »Macht Platz! Ich will euch zeigen, wie man das anzustellen hat.« – »Alle Wetter!« dachte d’Artagnan, »er will doch nicht etwa den Steinkoloß allein heben?« – Die Arbeiter traten kopfschüttelnd auf die Seite; der Ingenieur bückte sich, legte die Hände an den Stein, spannte die herkulischen Muskeln und hob den Quaderstein mit der Ruhe und Sicherheit einer Maschine vom Boden auf. Der Arbeiter schob rasch den Hebebaum darunter. – »Alle Wetter!« rief d’Artagnan unwillkürlich. »Ich kenne nur einen, der so etwas fertig bringt.« – »Was?« fragte der bärenstarke Mensch und drehte sich um.

»Porthos!« rief der Gaskogner. »Porthos in Bellelle!« – Der Mann mit dem Federhut sah die spießbürgerliche Gestalt an, die vor ihm stand, und erkannte sie trotz der Verkleidung. – »D’Artagnan!« rief er. Die beiden Freunde hatten sich erkannt und wußten im selben Moment auch, daß ein jeder sein besonderes Geheimnis hatte, das er nicht gern preisgeben wollte. – »Was zum Teufel hat Porthos in Belle-Ile zu suchen?« Diese Frage legte sich d’Artagnan vor, doch ohne sie laut auszusprechen. – Porthos jedoch, der kein so feiner Diplomat war wie der Gaskogner, dachte mit Worten. »Was zum Teufel haben Sie in Belle-Ile zu suchen?« fragte er, und da mußte d’Artagnan wohl oder übel sofort antworten.

»Ei, meiner Treu,« lachte er, »Sie suche ich hier.« Und ehe sein Freund Zeit hatte, darüber nachzudenken, setzte er hinzu: »Ich habe Sie in Pierrefonds aufgesucht. Und da ich Sie nicht fand –« – »Aber Mousqueton kann Ihnen doch nicht gesagt haben, daß ich hier bin. Er weiß es ja selber nicht.« – »Das schon, allein ein so vornehmer Herr wie Sie hinterläßt doch, wenn er auf Reisen ist, eine Spur, nach der man sich richten kann, und die hat mich hierher geführt.« – »Wie kann ich eine Spur hinterlassen haben?« versetzte Porthos, »bin ich doch verkleidet hergereist.« – »So, so?« meinte d’Artagnan, »Sie haben sich verkleidet?« – »Ja, als Müller, und ich habe meine Rolle sehr gut gespielt. Wie konnten Sie mich da auffinden?« – »Jenun, ich habe Sie eben doch gefunden. Nur nicht ungeduldig!« antwortete d’Artagnan. »Aramis hatte Ihnen doch einen Brief nach Pierrefonds geschrieben, und darin stand, Sie möchten vor der Tag- und Nachtgleiche zur Stelle sein, nicht wahr?« – »Das ist richtig.« – »Na also!« schloß d’Artagnan, als wenn diese Worte die selbstverständlichste Lösung des Rätsels enthielten. – Porthos schien seinen Geist gewaltig anzustrengen. »Ach so, nun verstehe ich,« sagte er endlich. »Aramis hatte mir geschrieben, und nun sagten Sie sich, wo Aramis ist, da ist auch Porthos. Sie suchten einfach zu erfahren, wo Aramis stecke; und da Sie herausbrachten, daß er in der Bretagne weilte, so war es für Sie klar, daß ich auch in der Bretagne sei.« – »Getroffen, Freund! Daß Sie nun gerade in Belle-Ile seien, das wußte ich allerdings nicht. Ich hatte nur von den prachtvollen Bauten gehört, die hier aufgeführt würden, und bin aus Neugierde einmal herübergefahren.« – Die beiden Freunde schlossen sich noch einmal in die Arme, und Porthos drückte den Chevalier so fest an die Brust, daß ihm alle Luft ausging. – »Noch immer alle Kraft in den Armen!« stöhnte d’Artagnan, als er ihn losließ, und bei sich selbst setzte er hinzu: »Ich werde also hier kein leichtes Spiel haben.«

»Warum haben Sie sich denn in so einen Spießbürgerkittel gesteckt?« fragte Porthos; aber der Gaskogner war glücklicherweise auf diese Frage gefaßt. »Ich bin jetzt Spießbürger und kleide mich nur standesgemäß.« – »Sie als Musketier?« – »Bin ich nicht mehr – habe den Abschied genommen.« – Porthos schlug die Hände zusammen. »Das ist ja erstaunlich!« rief er. »Und warum das?« – »Der König gefiel mir nicht – da warf ich meinen Reitermantel ins Unkraut. Mein erstes, nachdem ich frei geworden, war, zu Ihnen nach Pierrefonds zu eilen.« – »Sieh da, sieh da!« rief Porthos. »Brauchen Sie vielleicht Geld – in diesem Falle wissen Sie –«

»Danke, bin versehen. Ich habe nämlich mein Erspartes bei Planchet angelegt, und der zahlt mir Zinsen dafür. Sie staunen? Warum soll ich nicht ebensogut wie andere Leute sparen? Natürlich ist’s nicht so viel, wie Sie, der Herr Baron du Vallon, haben; denn Sie sind ja ein Millionär. Aber 200 000 Livres ist auch schon ganz hübsch.« – »Wo haben Sie denn diesen Reichtum her?« rief Porthos verblüfft. – »Das werde ich Ihnen später erzählen. Erst erzählen Sie mal –«

»Ich erzählen? Was denn?« – »Na, zum Beispiel, wie Aramis –« – »Ach so, wie Aramis Bischof von Vannes wurde –« – »So, so? Aramis ist Bischof von Vannes? Er hat doch eben Glück, der Aramis.« – »Ja, und obendrein, was ihm noch in Aussicht steht.« – »Was denn? Soll er etwa gar Kardinal werden?« – »Es ist ihm bestimmt versprochen worden.« – »Vom König?« – »Von jemand, der noch mächtiger ist als der König.« – »Also von Fouquet. So, so! Der hat ihm den Kardinalshut versprochen? Sagen Sie doch –« Aber Porthos nahm eine sehr zurückhaltende Miene an, und d’Artagnan hielt es für besser, dem Gespräch eine Wendung zu geben. Er sah sich rings um und sagte dann: »Die Festungswerke, die Sie da bauen, sind ganz prachtvoll. Sie sind doch der Bauleiter, vermute ich, der geniale Ingenieur, der dieses Rattennest uneinnehmbar macht?« – Porthos warf sich in die Brust. – »Ich kann nur staunen und bewundern,« fuhr d’Artagnan fort. »Ich hoffe, Sie zeigen mir alles genau.« – »Das ist leicht,« antwortete du Vallon, »hier ist der Plan.« Und er beugte sich über den Stein und erklärte seinem Freunde die ganze Anlage. D’Artagnan erfuhr auf diese Weise jede Einzelheit. Während er den Bauriß betrachtete, erkannte er unter den imposanten Schriftzügen des Barons eine feine, zierliche Handschrift, die mit Radiergummi fast ganz ausgemerzt worden war. Bei diesem Anblick erinnerte er sich gewisser an Marie Michon adressierter Briefe, die er vor vielen Jahren zu Gesicht bekommen hatte. – »So,« sagte Porthos, faltete den Plan zusammen und steckte ihn ein, »nun wissen Sie alles.« – »Nur noch eins!« antwortete d’Artagnan. »Wer ist der Herr, der dort unten auf und ab geht?« – »Das ist Gétard, der Architekt des Hauses.« – »Des Hauses? Sie sagen das, als wären Sie hier zu Hause? Gehören Sie denn zu Fouquets Haushalt?« – Porthos biß sich auf die Lippe. »Wieso?« versetzte er verdrießlich. »Gétard ist Fouquets Architekt, damit gut. Mit den Festungswerken hat er gar nichts zu tun, die sind ganz meine Sache. Wollen wir jetzt zu Tisch gehn?« – »Einverstanden!« – »Doch, um es gleich zu sagen, ich habe nur zwei Stunden Zeit.« – »Dann müssen wir uns danach einrichten,« sagte der Chevalier. »Aber warum nur zwei Stunden?« – »Weil um ein Uhr die Flut kommt und ich dann nach Vannes fahre,« antwortete der Baron. – »Um Aramis zu besuchen?« rief der Gaskogner. »Hollah, da komme ich mit – wie lange dauert die Reise?« – »Sechs Stunden. Drei zu Wasser bis Sarzeau, und drei zu Lande von Sarzeau bis Vannes.« – »Sehr bequem. Da Sie so nahe sind, gehen Sie wohl öfter nach Vannes?« – »Alle Woche einmal,« antwortete du Ballon. – »Hm,« meinte d’Artagnan, zu sich selbst sprechend, »ich glaube, ich kenne jetzt den wahren Urheber dieser Befestigungswerke.«

Zwei Stunden später trat Flut ein, und d’Artagnan und Porthos fuhren zusammen nach Sarzeau hinüber. Die Fahrt ging auf einem jener leichtgebauten Korsarenschiffe, von denen der Chevalier schon unterwegs gehört hatte, leicht und rasch von statten. Es war dem schlauen Gaskogner nicht schwer zu entdecken, daß sein Freund Porthos von Staatsgeheimnissen nicht viel wußte. Diese Unkenntnis der herrschenden Verhältnisse war bei Porthos keine Verstellung, das wußte d’Artagnan; denn wenn der Baron in irgend etwas eingeweiht gewesen wäre, so hätte er damit nicht hinterm Berge halten oder doch seine Mitwissenschaft gegen die schlauen Kreuz- und Querfragen des Gaskogners nicht wirksam verteidigen können. – »In Vannes,« dachte der Chevalier, »werde ich in einer halben Stunde mehr erfahren, als ich von Porthos in zwei Monaten erfahren könnte. Allerdings muß ich dafür sorgen, daß meine Ankunft den guten Aramis unvorbereitet trifft.«

In Sarzeau standen zwei Pferde bereit, die Aramis für Porthos und dessen Knappen hingeschickt hatte. Der Knappe blieb zurück, und d’Artagnan nahm das Pferd für sich. – »Als Gäule eines Bischofs sind sie sehr gut,« meinte der Chevalier. »Aramis ist freilich ein Bischof, wie man selten einen findet.« – »Ein gar frommer Mann!« sprach Porthos in näselndem Tone, indem er die Augen gen Himmel kehrte. – »Dann hat er sich offenbar sehr geändert,« sagte der Chevalier. »Wir haben ihn doch als einen ziemlich sündhaften Kumpan gekannt.«

»Das Licht der Gnade ist über ihn gekommen,« warf du Vallon hin. – »Sehr gut!« rief der Gaskogner. »Ich bin begierig, ihn wiederzusehen.«

Sie plauderten von dem und jenem, vom Lande, vom Wetter, von ihren Pferden, von sich selbst, bis du Ballon die Hand ausstreckte und rief: »Da ist Vannes.«

»Sieh da – gar kein übles Nest,« sagte d’Artagnan. – »Ich finde es düster,« meinte der Baron. »Der Turm dort ist die Kathedrale, die Peterskirche – links davon, mehr am Rande des Ortes, ist Sankt-Paternus, Aramis‘ Lieblingskirche. Das große, weiße Gebäude mit den vielen Fenstern ist das Jesuiten-Kolleg, und daneben das große Haus mit den Türmchen, das ist die Wohnung unsers Freundes. Aramis wohnt nämlich lieber in der Vorstadt, und außerdem ist der eigentliche Bischofssitz eine Ruine. Aramis‘ Haus liegt hart am Wasser, und wenn unser Korsarenschiff nicht acht Schuh Tiefgang hätte, dann hätten wir mit vollen Segeln bis unter seine Fenster fahren können.«

Sie ritten in die Vorstadt ein und bemerkten zu ihrer Verwunderung, daß die Straßen mit Blumen und frischen Blättern bestreut waren. Teppiche hingen zu den Fenstern heraus, und alle Häuser schienen leer zu sein, als ob sämtliche Bewohner sich an einem bestimmten Punkt der Stadt versammelt hätten. Es währte nicht lange, so schlug Gesang an das Ohr der Reiter. Dann sah man eine bunt geputzte Menschenmenge erscheinen, und leichte Wolken von Weihrauch stiegen in die Luft. Darüber hinweg waren die Prozessionsfahnen und das Kruzifix zu erkennen. Soldaten mit Blumensträußen auf den Bajonettspitzen, Mädchen in Weißen Kleidern eröffneten den feierlichen Zug einer Prozession. Eine Schar von kirchlichen Würdenträgern, Jesuiten und Dominikanern begleitete den Baldachin, unter dem ein Mann mit blassem, edlem Gesicht, schwarzen Augen, schwarzem, schon von silbernen Fäden durchzognem Haar und ausdrucksvollem Munde einherging. Die Bischofsmütze verlieh diesem majestätischen Antlitz das Gepräge der Hoheit und Strenge.

»Aramis!« rief der Musketier unwillkürlich, als diese stolze Erscheinung an ihm vorüberging. – Der Prälat stutzte, sah rasch nach der Seite, von wo dieser Ruf kam und erkannte sofort Porthos und d’Artagnan. Ein flüchtiges Erröten huschte über seine Wangen, dann sah er wieder so streng und gebieterisch aus wie zuvor. Aber hinter dieser Ruhe seines Antlitzes verbarg sich nun der Gedanke: »Was will d’Artagnan hier?« – Denn Aramis war noch immer der Alte und hatte stets irgendein Geheimnis zu behüten. Der Blick des Gaskogners hatte ihm verraten, daß sein Freund ein Spürhund geworden war, vor dem er sich in acht zu nehmen hatte.

»Ein guter Mensch!« murmelte Porthos. »Sehen Sie nur, wie rasch er jetzt geht. Er beeilt sich, um möglichst bald zu seinen Freunden zu kommen. Er sehnt sich danach, uns zu begrüßen.« – D’Artagnan antwortete nicht. Bei sich selber aber sagte er: »Er hat mich nun gesehen, der Fuchs, und kann sich bequem auf die Unterredung mit mir vorbereiten.« – Sie begaben sich unverzüglich zum bischöflichen Palast und warteten dort. Nach zehn Minuten erschien Aramis wie ein Triumphator, die Soldaten präsentierten wie vor einem General, und die Bürger begrüßten ihn auf seinem Wege mehr wie einen Freund und Gönner als wie ein kirchliches Oberhaupt. D’Artagnan achtete auf alle Vorgänge mit größter Aufmerksamkeit. »Porthos ist dicker, Aramis aber größer geworden,« dachte er bei sich.

8. Kapitel. Aramis

Nach einer Viertelstunde, während welcher Porthos und d’Artagnan lange Gesichter machten und die Daumen umeinander drehten, öffnete sich endlich eine Tür, und Seine Herrlichkeit erschien im Prälatenkleid. Er trug das Haupt hoch, wie jemand, der gewohnt war zu befehlen. Das weite, violette Gewand war an der Seite zurückgeschlagen, und er stemmte eine Hand auf die Hüfte. Er trug noch den zierlichen Schnurrbart und den langen Knebelbart à la Louis XIII. Ohne Umstände ging er auf den Musketier zu und schloß ihn in die Arme. Dann reichte er Porthos die Hand, die der Herkules mit seinen riesigen Fäusten ungestüm ergriff. D’Artagnan wunderte sich nicht, daß es die linke Hand war: die mit Ringen geschmückte rechte hatte ihm Porthos wohl schon mal zu arg gequetscht. Darauf bot Aramis dem Musketier einen Stuhl, den er so stellte, daß das Licht seinem Freunde ins Gesicht fiel, während er selbst sich in den Schatten setzte.

D’Artagnan entging dieser Kniff nicht, er ließ sich aber nichts merken. Er dachte: Wer zuletzt lacht, lacht am besten. Aramis begann das Gespräch. »Lieber alter Freund, welch glücklicher Zufall!« rief er. – »Allerdings ist es ein Zufall, hochwürdiger Freund,« antwortete der Gaskogner. »Meine Freundschaft zu Ihnen bewog mich, Sie zu suchen, wie ich dies stets getan habe, wenn ich ein paar Stunden frei war.« – »Wahrlich, er hat Sie gesucht, Aramis,« bestätigte Porthos, »und dabei mich in Belle-Ile gefunden.« – »Da haben wir’s,« dachte der Chevalier, »Porthos muß doch immer mit der Tür ins Haus fallen.« – »In Belle-Ile? Soweit ist er gekommen. Sehr liebenswürdig von ihm!« sagte Aramis. – »Und da habe ich ihm erzählt, Sie seien in Vannes,« setzte Porthos hinzu. – »Das wußte ich so schon,« sagte d’Artagnan. »Und nun sagen Sie mal, lieber Aramis, wollen Sie sich hier zeitlebens begraben? So weit von Paris?« – »Lieber Freund,« antwortete d’Herblay, »Vannes ist ein Bistum, das 20 000 Livres im Jahre einbringt. Das ist für einen armen Prälaten ganz hübsch. Und dann: ich werde alt; das großstädtische Treiben fällt mir auf die Nerven. Mit meinen 57 Jahren sehne ich mich nach Ruhe. Und die habe ich in dieser alten ehrwürdigen Stadt gefunden. Einkehr halten und Gott näherkommen, das ist’s, was mir jetzt nottut.«

»Ein vollkommener Mann der Kirche!« rief der Gaskogner, »beredsam, weise, bescheiden!« – »Lieber Freund, Sie sind doch aber gewiß nicht hergekommen, um mir ein paar Schmeicheleien zu sagen. Also, was führt Sie zu mir? Kann ich Ihnen irgendwie von Nutzen sein?« – »Gott sei Dank, lieber Freund,« erwiderte der Chevalier, »ich bin vermögend und unabhängig. Das heißt, nicht im Vergleich zu Ihnen. 15 000 Livres Rente habe ich jetzt im Jahre.« – Aramis sah ihn mißtrauisch an. Er mochte nicht glauben, daß d’Artagnan mit einem Male so viel Geld haben solle, zumal er ihn in ziemlich schäbigem Anzug vor sich sah. Daraufhin erzählte nun der Chevalier sein englisches Abenteuer. Der Prälat hörte mit großem Interesse, und seine Augen blitzten manchmal recht weltlich auf. Porthos brach ab und zu in seiner urwüchsigen Weise in laute Rufe des Beifalls aus. – »Sie sehen also,« schloß d’Artagnan, »ich habe mächtige Freunde in England gewonnen und besitze dort ein Landgut und in Frankreich einen Schatz. Und das wollte ich Sie wissen lassen.« – So fest sein Blick auch war, er konnte dem des Prälaten doch nicht standhalten, wich zur Seite und fiel auf Porthos.

»Hm,« versetzte Aramis, »Sie haben einen recht seltsamen Reiseanzug gewählt.« – »Jenun, ich wollte weder als ehemaliger Offizier noch als vornehmer Herr reisen,« erwiderte der Chevalier, »seit ich reich bin, bin ich geizig.«

»Und Sie sind also nach Belle-Ile gefahren?« fragte Aramis. – »Ja, ich wußte, daß ich Sie und Porthos dort finden würde,« antwortete d’Artagnan. – »Mich? Ei, ich bin nicht ein einziges Mal auf See gewesen.« – »Jenun, ich wußte nicht, daß Sie solch ein Stubenhocker geworden seien.« – »Ich bin nicht mehr der Alte, Freund, ich bin ein armer, kränkelnder Priester, dem nur noch zu tun ist um seine Aussöhnung mit dem Himmel.« – »Auch gut! Wir werden wahrscheinlich Nachbarn werden, denn ich habe vor, ein paar Salinen zwischen Pirrac und Croissic zu kaufen. Man soll 12 Prozent dabei verdienen.«

Aramis sah Portos an, wie um ihn zu fragen, ob dies alles wahr sei oder ob irgendeine Falle dahinter stecke. »Ich hörte,« sagte er, »Sie hätten sich mit dem Hof ein wenig überworfen, aber es scheint ja noch glücklich abgelaufen zu sein.« – »Jenun,« antwortete der Gaskogner, »ich habe meinen Abschied genommen.« – »Aha, und dann haben Sie Ihre alten Freunde gesucht und nicht gefunden, worauf Sie ganz allein, Sie wunderbarer Mann, ausführten, was Sie mit uns zusammen vollbringen wollten. Ich dachte mir gleich, daß Sie bei der Rückkehr Karls II. die Hand im Spiele hätten. Was macht denn Athos? – »Es geht ihm sehr gut.« – »Und Rudolf?« – »Er scheint die Gewandtheit seines Vaters und die Kraft seines Vormunds Porthos geerbt zu haben. Erst am Tage meiner Abreise konnte ich mich noch davon überzeugen. Lassen Sie sich erzählen! Auf dem Grèveplatz brach anläßlich einer Hinrichtung ein Aufruhr aus. Da mußten wir vom Leder ziehen, und er hat seine Sache ausgezeichnet gemacht.« – »Ein Aufruhr? und weshalb?« fragte Aramis. – »Zwei Finanzpächter wurden gehenkt – zwei Freunde Fouquets,« bemerkte der Gaskogner, indem er Aramis fixierte. »D’Eymeris und Lyodot hießen sie – waren sie Ihnen bekannt?«

»Nein,« antwortete der Prälat in geringschätzigem Tone. – »Fouquet hat es geschehen lassen, daß seine Freunde hingerichtet wurden?« rief Porthos. »Wäre ich an seiner Stelle gewesen –« – »Es geschah auf Befehl des Königs,« sagte d’Herblay, und aus Furcht, Porthos würde eine Dummheit sagen, brach er das Gespräch ab. »Genug von fremden Leuten!« rief er aus. »Reden wir von Ihnen, lieber d’Artagnan!«

»Ich habe Ihnen ja alles erzählt,« antwortete dieser. »Reden wir also vielmehr von Ihnen, lieber d’Herblay!« – »Ich bin nicht mehr der alte, wie ich Ihnen schon sagte. Gott hat mich hierher gesetzt, in eine Stelle, die all meine Hoffnungen übertrifft.« – »Gott? Ach!« versetzte der Gaskogner. »Ich dachte, Fouquet wäre es gewesen. Bazin sagte mir’s wenigstens.« – »Der Esel! Ich habe Fouquet nie gesehen,« entgegnete Aramis. – »Nun, was wäre auch dabei?« erwiderte der Chevalier. »Fouquet ist ein netter Mensch und ein großer Staatsmann – mächtiger als der König. Und hier gehört ja alles Fouquet, Dörfer, Schiffe, Soldaten, Inseln mit Festungswerken – was weiß ich alles!« – »Ich bin, Gott sei Dank, von keinem Menschen abhängig, außer dem Papst und dem König. Ich bin mein eigener Herr,« antwortete der Prälat.

Das für alle drei nicht eben angenehme Gespräch wurde durch die Meldung, das Abendessen sei aufgetragen, beendet. Bei Tisch sprach man von nebensächlichen Dingen, denn ein jeder mochte wohl erkennen, daß jetzt nichts weiter herauszukriegen sei. Der Gaskogner plauderte von Kriegs- und Finanzsachen, von schönen Frauen und ließ erst ganz zuletzt, wie einen lange aufgesparten Trumpf, den Namen Colbert fallen. – »Wer ist denn das?« fragte d’Herblay. – Aber nun wußte d’Artagnan ganz genau, daß er wirklich auf der Hut sein müsse, denn Aramis hatte sich während des ganzen Gesprächs unwissend gestellt. Daß er jedoch noch nichts von Colbert wissen wollte, das war dem Chevalier denn doch zu bunt. Indessen sagte er, als wenn er gar nichts merkte, von Colbert alles, was er selbst wußte. Das Abendessen währte bis ein Uhr. Punkt zehn Uhr war Porthos eingeschlafen und schnarchte wie eine Orgel. Man weckte ihn und schickte ihn zu Bett. – »Ich glaube, ich bin eingenickt,« sagte er. »Das Gespräch war übrigens sehr interessant.« – Aramis geleitete d’Artagnan in das für ihn bestimmte Schlafzimmer und schied mit einem herzlichen Kuß von ihm.

Kaum war in d’Artagnans Zimmer das Licht erloschen, so trat Aramis in das Zimmer des wackern Porthos, der schon im festen Schlafe lag. Der Prälat, der allen Lärm vermeiden wollte, rüttelte ihn an der Schulter, und der Herkules fuhr in die Höhe und brüllte mit Donnerstimme: »Was ist los?« – »Still! still!« beschwichtigte ihn Aramis. »Ich bin’s. Sie müssen sogleich fort, Porthos.« – »Fort? Wohin denn?« – »Nach Paris!« – »O, pfui Teufel! das sind ja hundert Meilen.« – »Hundertundvier,« verbesserte der Bischof. »Morgen vormittag können Sie dort sein. Auf, auf! es ist keine Zeit zu verlieren.« – »Zum Kuckuck!« brummte Porthos, der sich schon wieder auf die Seite gelegt hatte. »Ist es denn durchaus notwendig?« – »Durchaus! durchaus! Machen Sie sich fertig!« sagte Aramis in jenem Tone, der keine Wahl läßt. »Und verhalten Sie sich mäuschenstill dabei, daß niemand wach wird!«

Das erste war, daß Porthos Schwert; Gürtel und Börse fallen ließ und ein lautes Gelächter anschlug. – »Leise, Porthos, leise!« flüsterte der Bischof aufgebracht.

»Richtig! Ich hatte es schon wieder vergessen,« antwortete Porthos. »Es ist sonderbar, gerade wenn man sich recht beeilen will, geht alles besonders langsam, und man macht nie mehr Lärm, als wenn man recht ruhig sein will. Aber die Sache scheint wirklich Eile zu haben.«

»Allerdings, wenn nicht ein großes Unglück geschehen soll. D’Artagnan hat Sie ausgefragt, nicht wahr?« – »Nicht daß ich wüßte.« – »Denken Sie nur mal recht nach. Hat er am Ende gar unsern Befestigungsplan zu sehen bekommen?« – »Gewiß, aber Ihre Schrift hatte ich ausradiert. Er kann nicht ahnen, daß Sie daran beteiligt sind.« – »Unser Freund kann aber sehr gut sehen,« sagte d’Herblay. »Es ist damit zu rechnen, daß alles entdeckt ist, und da gilt es, ein großes Unglück zu verhüten. Ich habe dafür gesorgt, daß d’Artagnan vor Tagesanbruch nicht fort kann. Aber Sie müssen auf der Stelle reiten. Wenn er um fünf Uhr auf den Beinen ist, können Sie schon 15 Meilen weit sein. Die ganze Strecke können Sie in 30 Stunden hinter sich haben.«

Wie der geschickteste Kammerdiener half er ihm beim Ankleiden, trieb ihn wieder und wieder zur Eile an und führte ihn in den Hof hinab, wo ein Pferd reisefertig dastand. Er sorgte dafür, daß kein Geräusch gemacht wurde, und hielt selbst dem Tier die Nüstern zu, damit es nicht wieherte. »Und nun, Porthos,« sagte er dann, »in einem Atem bis Paris! Keine Rast! Zu Pferde essen und trinken, keine Minute verlieren, und sollten Sie ein halb Dutzend Pferde totreiten! Dieses Schreiben geben Sie an Fouquet ab, und koste es, was es wolle, morgen mittag muß er es haben.« – »Er soll es haben.« – »Dann werden Sie Herzog und Pair werden.« – »Oho!« rief Porthos, und seine Augen funkelten. »Dann soll die Reise nur 24 Stunden dauern. Vorwärts!« – Er drückte dem Pferde die Sporen in den Leib und jagte davon.

D’Artagnan glaubte wunders wie schlau er wäre, als er um fünf Uhr aufstand. »Aramis hat gesagt, ich sollte um acht Uhr bereit sein,« dachte er bei sich. »Ich weiß, was das bedeutet. Ich werde ihn in aller Frühe überraschen.« Er trat ans Fenster. Der Morgen graute eben; allem Anschein nach schlief noch alles. D’Artagnan, der in Aramis‘ Schlafgemach getreten war, merkte jedoch, daß dieser sich nur schlafend stellte, denn er mußte Aramis zweimal an der Schulter rütteln. Er wußte aber von früher her, daß der Prälat einen sehr leisen Schlaf hatte und beim geringsten Geräusch, bei der leisesten Berührung zu erwachen pflegte. – »Ah, Sie sind’s!« rief der Mann der Kirche. »Ich hatte über Nacht ganz vergessen, daß Sie bei mir sind. Es ist wohl noch sehr früh. Hatten wir uns nicht auf acht Uhr verabredet?« – »Das ist möglich, aber ich dachte, je früher desto besser,« antwortete der Gaskogner. »Ich bin nun einmal ans Frühaufstehen gewöhnt.« – »Dann lassen Sie mich wenigstens meine Morgenandacht halten.« – »Gut, ich gehe inzwischen zu Porthos. – »Ja, tun Sie das,« antwortete Aramis, ohne eine Miene zu verziehen.

Der Gaskogner entfernte sich, kam aber schon nach zwei Minuten wieder. – »Porthos ist nicht mehr auf seinem Zimmer,« sagte er, den Prälaten ansehend, den er jetzt in Gesellschaft zweier Ordensbrüder traf. – »Was Sie sagen?« rief er, mit meisterlich gespielter Verwunderung. »Wo mag er wohl sein? Haben Sie sich schon erkundigt?« – »Man hat mir gesagt, er sei ausgegangen.« – »Ah, er wird fortgeritten sein, um uns eine Ueberraschung zu machen. Am Kanal von Vannes gibt es viele Wildenten, da wird er ein paar zum Frühstück schießen. Reiten Sie ihm nach!« – »Das will ich tun,« sagte d’Artagnan. – Er ließ sich ein Pferd satteln und trieb sich zwei Stunden lang am Kanal herum, in der Hoffnung, die kolossale Gestalt seines Freundes zu entdecken; aber er fand keine Spur von ihm. Als er zurückkehrte, erwartete ihn Aramis. – »Es tut mir leid,« Freund,« rief er ihm zu, »daß Sie sich einen vergeblichen Weg gemacht haben. Ein Pfarrer war eben bei mir, der Porthos begegnet ist. Er hat ihn ersucht, uns mitzuteilen, daß er nach Belle-Ile hinübergefahren sei, weil er die Aufsicht doch nicht dem Architekten Gétard allein überlassen will.«

D’Artagnan nahm am Frühstück teil, aber eine fieberhafte Ungeduld ließ keinen rechten Appetit bei ihm aufkommen. Er entfernte sich mit dem Vorgeben, nun doch noch ein wenig auf die Jagd zu gehen, da er auf feinem Morgenritt wirklich schönes Federwild getroffen habe.« In Wahrheit aber ritt er zum Hafen, mietete eine Barke und fuhr schleunigst nach Belle-Ile. Vom Turm seines Hauses aus ließ Aramis vermittels eines Fernrohrs den Hafen beobachten, so daß d’Artagnans Abfahrt ihm nicht verborgen blieb. Der Gaskogner suchte nun auch in Belle-Ile vergebens nach dem Baron, und nun begann ihm ein Licht aufzugehen. Sofort fuhr er nach dem Festlande zurück und eilte nach Vannes, um seinem Freunde Aramis wegen des falschen Spiels heftige Vorwürfe zu machen. Als er im Hause des Prälaten ankam, übergab man ihm einen Brief, der folgendermaßen lautete:

»Lieber Freund! Dringende Geschäfte rufen mich in meine Diözese. Ich hoffte, Sie vor meiner Abreise noch einmal zu sehen. Aber Sie werden vermutlich ein paar Tage bei unserm Freunde Porthos in Belle-Ile bleiben wollen. Leben Sie also wohl. Es tut mir unendlich leid, daß ich das schöne Vergnügen Ihrer Gesellschaft nicht länger haben kann.«

»Alle Wetter!« rief d’Artagnan, »ich bin hinters Licht geführt worden. Ich Esel! Genarrt – genarrt wie ein Affe, der eine hohle Nuß bekommt!« – Er gab in seiner Wut dem süßlich grinsenden Kammerdiener eine Ohrfeige und stürmte von dannen. Auf der Postanstalt wählte er das beste Pferd aus.

9. Kapitel. Schachzüge

Dreißig Stunden nach den eben erzählten Ereignissen, fuhr ein Wagen, mit vier Pferden bespannt, im Hofe des Fouquetschen Palasts zu Saint-Mandé vor. Der Reisende nannte seinen Namen und wurde vom Diener sofort angemeldet, Fouquet öffnete alsbald sein Zimmer und erschien auf der Schwelle. – »O, armer Freund!« rief er. »In welchem Zustande –?« – »Ja, todmüde, wie Sie sehen!« antwortete Aramis keuchend. »Hauptsache, ich bin da!« – »Was aber ist die Ursache?« fragte Fouquet und zog ihn ins Zimmer. »Reden Sie!« – »Ist du Vallon angekommen?« – »Ja.« – »Und Sie haben meinen Brief erhalten?« – »Ja. Scheint ja bedenklich zu sein, zumal Sie nun selbst nachkommen.« – »Höchst bedenklich. Hat du Vallon Ihnen nichts gesagt, als er den Brief überbrachte?« – »Nein. Ich hörte einen Höllenlärm, eilte ans Fenster und sah einen Reiter, der einer Marmorsäule glich. Ich ging hinunter, er gab mir den Brief, und das Pferd brach tot unter ihm zusammen. Man hob den Reiter auf und trug ihn in ein Bett. Da liegt er noch und schnarcht wie ein Bär. Ich ließ ihm die Stiefel von den Füßen schneiden, denn man konnte sie ihm nicht ausziehen, so geschwollen waren seine Füße. Wir haben ihm Rotwein und Kraftbrühe eingeflößt, er ist darüber nicht munter geworden. Nochmals, was ist die Ursache dieser Anstrengung?«

»Sie haben den Chevalier d’Artagnan kennen gelernt, nicht wahr?« fragte der Bischof. – »Ja,« antwortete der Minister, »ein Mann, der Kopf und Herz auf dem rechten Fleck hat, obwohl er mit am Tode meiner Freunde Lyodot und d’Eymeris schuld war.« – »Haben Sie denn über diese Hinrichtung nachgedacht? Haben Sie eingesehen, daß darin ein scharfer Vorstoß gegen Ihre Oberherrlichkeit liegt?« fuhr d’Herblay fort. »Nochmals, dieser d’Artagnan – bei welcher Gelegenheit lernten Sie ihn kennen?« – »Er holte sich Geld auf eine Anweisung vom König.« – »Nun, sehen Sie, d’Artagnan ist nach Belle-Ile gefahren, verkleidet, mit dem Vorgeben, für jemand Salinen kaufen zu sollen. D’Artagnan hat keinen anderen Herrn als den König, er ist also ein Abgesandter Seiner Majestät. Und nun hat er Porthos – Verzeihung! den Baron du Vallon getroffen und weiß nun, daß Belle-Ile befestigt ist.«

»Und Sie glauben, der König habe ihn abgesandt?« fragte Fouquet sinnend. »Dieser d’Artagnan ist also in den Händen des Königs ein gefährliches Werkzeug?« – »Das gefährlichste, das es geben kann. Der mutigste, schlaueste und gewandteste Mann in ganz Frankreich.« – »Ich muß ihn um jeden Preis an mich fesseln.« – »Das wird Ihnen nicht gelingen. Dazu ist es jetzt zu spät. Er hatte sich mit dem Hofe überworfen, diese Gelegenheit haben wir vorübergelassen. Dann ging er nach England und erwarb sich durch die tollkühne Gefangennahme Monks ein Vermögen. Nun nahm ihn der König wieder in Dienst. Wir haben einstweilen nur einen Feind in ihm zu erblicken und seine Pläne zu vereiteln.«

»Und wie das?« fragte der Minister unruhig. »Lassen Sie uns das überlegen. Wir haben ja Zeit genug dazu. Ohne Zweifel haben Sie doch guten Vorsprung.« – »Zehn Stunden.« – »Nun, in zehn Stunden–« Allein Aramis schüttelte sein bleiches Haupt. – »Sehen Sie die Wolken am Himmel, sehen Sie die Schwalben in der Luft; ich sage Ihnen, d’Artagnan ist schneller als diese!« – »Sie übertreiben.« – »Ich sage Ihnen, er hat etwas Übermenschliches; ich kenne ihn seit fünfunddreißig Jahren,« rief der Prälat. »Lassen Sie mich rechnen: den Baron du Vallon habe ich um zwei Uhr nachts abgeschickt. Wann kam er an?« – »Vor vier Stunden etwa.« – »Sie sehen, ich bin um vier Stunden schneller gereist als er. Porthos ist schwer und wird mehrere Pferde totgeritten haben. Ich habe Eilpostpferde genommen, aber ich habe die Gicht und bin steinleidend, da verträgt man’s nicht mehr so gut. In Tours mußte ich aus dem Sattel heraus und einen Wagen mieten. Daher habe ich gegen Porthos nur vier Stunden gutmachen können. D’Artagnan wiegt keine dreihundert Pfund wie Porthos und ist nicht steinleidend wie ich. Wenn ich auch zehn Stunden Vorsprung vor ihm hatte, so wird er doch zwei Stunden nach mir ankommen.« – »Mein Gott, welch ein Mann!« – »Ja, ein Mann, den ich bewundere, weil er gut und edel ist, und weil er den Höhepunkt menschlicher Kraft und Gewandtheit darstellt. Aber bei aller Bewunderung ist er eben doch zu fürchten, denn ich sehe voraus, was er tun wird. Er wird zum König eilen und ihm sagen, was er in Belle-Ile gesehen hat. Kommen Sie ihm zuvor – das ist das einzige, was noch zu tun ist; fahren Sie schleunigst zum Louvre und –«

»Und?« stieß Fouquet hervor, von Aramis‘ Eifer mit fortgerissen. – »Und schenken Sie dem König Belle-Ile!« – Fouquet sank in einen Stuhl. »O, d’Herblay, d’Herblay!« rief er. So wäre alles fehlgeschlagen.« – »Hier hilft kein Verzweifeln!« rief der Prälat. »Hier gilt es allein, keinen Augenblick zu versäumen. Eilen Sie! D’Artagnan kommt von Minute zu Minute näher. Bedenken Sie, daß er nicht erst über Saint-Mandé zu reiten braucht, sondern geradeswegs zum Louvre galoppieren kann. Wir müssen also von dem Vorsprung, den wir haben, sogar noch eine Stunde abrechnen.« – »In fünfundzwanzig Minuten bin ich im Louvre!« rief Fouquet, riß die Fenster auf und schrie hinaus, man solle seine englischen Pferde anspannen. Fünf Minuten später war er unterwegs nach Paris. – Aramis ließ sich in ein Zimmer führen und sank völlig erschöpft auf ein Ruhebett.

*

Der König arbeitete mit Colbert. »Herr Intendant,« sagte er nachdenklich, »ich habe manchmal bei mir gedacht, die beiden Finanzpächter, deren Verurteilung Sie beantragten, sind vielleicht doch nicht so schuldig gewesen –« – »Sire, wir haben sie aus dem großen Haufen herausgerissen, und an dieser Rotte mußte einmal ein Exempel statuiert werden. Das war durchaus notwendig.« – »Es waren Fouquets beste Freunde, nicht wahr?« – »Ja, sie hätten für ihn ihr Leben hingegeben.« – »Und haben es nun ja auch hingegeben,« sagte der König. »Wieviel Geld mögen die beiden wohl beiseitegebracht haben?« – »Zehn Millionen – sechs sind konfisziert worden.« – »Und in meine Kasse geflossen?« – »Ja. Aber diese Konfiskation war nur eine Drohung für Herrn Fouquet, noch kein Schlag. Er hat eine Bande von Strauchdieben mobil gemacht, die die beiden Verurteilten der königlichen Gerechtigkeit entreißen sollten, und er wird, wenn es sich um seine Person handelt, eine Armee aufbieten, um sich der Strafe zu entziehen.« – »Was denken Sie eigentlich über das Benehmen des Oberintendanten? Rund herausgesagt, Colbert!« – »Ich denke,« antwortete der Intendant, »Herr Fouquet geht geradezu darauf aus, die Macht Eurer Majestät zu verkleinern, Eure Majestät in den Hintergrund zu verdrängen und sich selbst zum allergewaltigsten Manne des Reichs aufzuschwingen. Noch mehr, Sire! er plant das nicht nur, er geht sogar schon daran, es auszuführen! Ich habe aus sicherer Quelle erfahren, daß er Belle-Ile befestigt, daß er dort Korsarenschiffe und Soldaten erhält. Und weshalb das? Offenbar doch, um sich im Notfalle gegen Eure Majestät verteidigen zu können.« – »Aber, Colbert, wenn dies der Fall ist, so muß Fouquet auf der Stelle verhaftet und unter Anklage des Majestätsverbrechens gestellt werden.«

»Sie können einstweilen nichts gegen Fouquet tun, Sire,« antwortete Colbert achselzuckend. »Als Finanzminister hat er das Parlament für sich; er hat durch seine Freigebigkeit und Gastfreundschaft die gesamte literarische Welt auf seiner Seite, und durch Geschenke hat er sich den ganzen Adel gewonnen.« – »Das heißt also, ich bin ohnmächtig gegen Fouquet?« rief der König. »Sie sind ein Ratgeber, der keinen Rat zu geben weiß, Colbert!« – »Sire, durch Geld ist Fouquet groß geworden, durch Geld kann er wieder gestürzt werden. Ruinieren Sie ihn! Majestät haben jetzt eben eine günstige Gelegenheit dazu.« – »Erklären Sie sich deutlicher!« – »Eurer Majestät Bruder vermählt sich in nächster Zeit. Fordern Sie also eine Million von Herrn Fouquet. Er kann ja den Leuten statt 5000 Livres 20 000 auszahlen, also wird er auch eine Million für Eure Majestät flüssig machen können.«

»Das will ich tun,« sagte der König. – In diesem Augenblick trat der Türhüter ein und meldete: »Herr Fouquet!« – Ludwig erblaßte, Colbert ließ die Feder fallen. – Der Minister trat ein und übersah mit dem Scharfblick des gewiegten Hofmannes sofort die Situation. In Colberts kleinen, zusammengekniffenen Augen, die vor Neid schillerten, in Ludwigs klaren, freimütigen Augen, die vor Zorn funkelten, las er die Gefahr, die ihm drohte. Der Minister trat näher. – »Sire,« begann er, das verlegene Schweigen des Königs benützend, »ich bin in großer Ungeduld zu Ihnen geeilt, um Ihnen eine erfreuliche Nachricht zu überbringen. Geruhen Majestät diese Arbeit eines Blickes zu würdigen.« Mit diesen Worten legte er ein Papier auf den Tisch, das der König langsam auseinanderfaltete.

»Das sind ja Pläne,« sagte Ludwig XIV. – »Eine neue Art der Fortifikation,« antwortete Fouquet, »die ich praktisch erprobt habe.« – »So? Sie beschäftigen sich also mit Taktik und Strategie?« rief Ludwig im Tone des Mißtrauens. – »Ich beschäftige mich mit allem, was dem Reiche Eurer Majestät förderlich werden kann,« antwortete Fouquet unbefangen. »Hier sehen Majestät die Ringmauern, die Forts, die Außenwerke –« – »Und was ist das hier ringsherum?« – »Das ist das Meer.« – »Also stellt dieser Plan eine Insel dar?« fragte der König. – »Es ist Belle-Ile, Majestät.« – Colbert fuhr bei Nennung dieses Namens heftig auf. Fouquet schien das gar nicht zu bemerken. –

»Wie?« rief Ludwig XIV. ungehalten, »Sie haben Belle-Ile befestigen lassen?« – »Jawohl, und lege hier Eurer Majestät die Rechnungen vor,« antwortete Fouquet. »Es sind 1 600 000 Frank dafür ausgegeben worden.« – »Wozu das?« fragte Ludwig kalt. – »Das liegt auf der Hand. Majestät standen auf gespanntem Fuß mit England.« – »Aber seit Karls Thronbesteigung besteht ein Bündnis mit England.« – »Erst seit Monatsfrist,« versetzte Fouquet. »Die Befestigungsarbeiten sind aber schon vor einem halben Jahre begonnen worden.« – »Sind aber nun unnütz,« warf der König ein. – »Festungen sind nie unnütz, Majestät,« erwiderte der Minister. »Brauchen wir Belle-Ile nicht gegen die Engländer, so können wir’s gegen die Holländer brauchen, mit denen es über kurz oder lang zu ernsten Differenzen kommen muß.«

Der König schwieg einen Augenblick, dann fragte er: »Sie sind ja wohl der Eigentümer von Belle-Ile?« – »Nein, die Insel gehört Eurer Majestät,« antwortete der Minister. – Colbert erschrak, als wenn sich ein Abgrund vor seinen Füßen aufgetan hätte. Der König konnte sich eines Gefühls der Bewunderung nicht erwehren, hatte doch Fouquet es trefflich verstanden, seinen Vorstoß gegen die königliche Oberherrschaft als gutgemeinte Wachsamkeit und als edelsinnige Aufopferung hinzustellen. – »Belle Ile war mein Besitz, und auf meine Kosten habe ich die Insel befestigen lassen. Ich mache sie Eurer Majestät zum Geschenk. Sie können nun auf diesem festen Platze eine zuverlässige Garnison halten.« – Colbert wäre auf dem spiegelglatten Fußboden fast gefallen und mußte sich an einem Stuhle festhalten. – »Sie haben mit dieser Arbeit einen großen Beweis von taktischer Geschicklichkeit geliefert, Herr Fouquet,« sagte der König huldreich. – »Ich habe einen sehr tüchtigen Ingenieur gehabt,« antwortete der Minister bescheiden. – »Wie heißt der Mann?« – »Baron du Vallon.« – »Ist mir nicht bekannt,« sagte Ludwig XIV. »Herr Colbert, es ist mir nicht lieb, daß mir die Namen solcher talentvollen Männer, die meinem Lande zur Zierde gereichen, unbekannt bleiben. Sie werden sich diesen Namen merken, Herr Colbert.«

Colbert verneigte sich; sein Gesicht war weißer als seine flandrischen Spitzenmanschetten. Der König wendete sich wieder an den Oberintendanten. »Sie müssen sehr reich sein, Herr Fouquet, daß Sie eine solche Befestigung von Ihrem Gelde anfertigen lassen konnten.« – »Eure Majestät sind reich,« antwortete der Minister diplomatisch. »Belle-Ile ist ja eine königliche Domäne.« – »Trotzdem aber fehlt es mir an Bargeld,« versetzte Ludwig. »Morgen wird mein Bruder sich mit Lady Henriette Stuart vermählen, das kostet Geld. Ich brauche dazu –« Er zögerte und drehte sich nach Colbert um. Ihn wollte er den Schlag führen lassen, und der Intendant setzte denn auch in triumphierenden Tone hinzu: »Eine Million.«

»Majestät,« entgegnete Fouquet in geringschätzigem Tone, »was wollen Sie mit einer Million anfangen?«

»Es scheint mir aber doch –,« begann Ludwig, doch der Minister unterbrach ihn mit den Worten: »Soviel gibt der kleinste deutsche Fürst bei seiner Vermählung aus. Majestät brauchen mindestens zwei Millionen. Eine halbe kosten ja allein die Pferde. Ich werde Eurer Majestät heute abend 1 600 000 Livres senden. Ich weiß,« fuhr er fort, »es fehlen dann noch 400 000. Aber dieser Herr,« und er deutete mit dem Daumen nach seinem Rivalen, »hat von mir 900 000 in der Kasse. Er hat vor acht Tagen 1 600 000 Livres erhalten. 100 000 hat er an die Garde bezahlt, 75 000 an die Hospitäler, 25 000 an die Schweizer, 30 000 an das Proviantamt, 60 000 an das Arsenal und 10 000 für kleine Ausgaben. Es sind also noch 900 000 übrig. Diese Summe werden Sie heute noch Seiner Majestät zukommen lassen, Herr Intendant.« – »Aber das macht ja eine halbe Million über zwei,« sagte der König. – »Ich weiß, Majestät,« antwortete Fouquet, »den Ueberschuß weisen Sie Ihrem königlichen Bruder zum Taschengeld an.« – Damit verneigte er sich und ging hinaus, ohne Colbert, der vor Aerger seine Spitzenmanschetten zerriß, eines Blickes zu würdigen. Fouquet war noch in der Tür, als ein Lakai hereintrat und meldete: »Ein Kurier aus der Bretagne!«

»D’Herblay hat Recht behalten,« murmelte der Minister. »Eine Stunde nach mir! Es war die höchste Zeit!«

D’Artagnan trat eilig ein, und über und über voll Staub und Straßenschmutz, mit glühendem Gesicht, mit von Schweiß zusammengeklebtem Haar, mit steifen Beinen und blutbespritzten Stiefeln. Fouquet begrüßte den Mann, der ihm, wäre er eine Stunde früher gekommen, den Tod gebracht hätte, mit seinem freundlichen Lächeln. Der Chevalier erwiderte den Gruß flüchtig und eilte zum König, der bei seinem Anblick Colbert entließ. – »Ein treuer Diener wie Sie, Chevalier, darf schon in solchem Aufzuge kommen,« begrüßte er ihn, indem er lächelnd auf das abgerissene Kostüm des Musketiers blickte. – »Vor allem mußte ich zu Ihnen, Sire. Umziehen kann ich mich nachher,« versetzte der Gaskogner. – »Sie bringen also wichtige Nachricht?« fragte der König. – »Sehr wichtige, Majestät,« antwortete der Chevalier. »In kurzen Worten: Belle-Ile ist befestigt, und zwar sehr gut, hat Außenwerke, Zitadellen und Forts. Im Hafen ankern drei Korsarenschiffe, und die Küstenbatterien harren nur noch der Kanonen.«

»Das alles weiß ich bereits,« erwiderte Ludwig XIV. – »Was? Majestät wissen das schon?« rief der Musketier erstaunt. – »Hier ist sogar der Plan der Befestigungen,« sagte der König, und d’Artagnan sah zu seiner Verblüffung jenen Grundriß, den Porthos ihm gezeigt hatte. Er runzelte die Stirn. »Ha!« stieß er hervor. »Majestät haben die Sache also nicht mir allein anvertraut, sondern noch einen andern Boten in die Bretagne geschickt? Nun, Majestät, es war wirklich nicht der Mühe wert, daß ich die Reise gemacht und mich dabei zwanzigmal der Gefahr ausgesetzt habe, mir sämtliche Knochen zu brechen, wenn ich hier bei meiner Rückkehr mit einer solchen Antwort empfangen werden soll. Sire, wenn man jemand nicht traut oder ihn für unfähig hält, so soll man ihm überhaupt erst gar keinen Auftrag erteilen.«

Der König sah ihn triumphierend an. »Ich bin nicht nur genau unterrichtet über Belle-Ile,« sagte er, »sondern die Insel ist sogar mein Eigentum.« – »Es ist gut, Sire,« versetzte der Haudegen, »ich verlange von Eurer Majestät nichts weiter – als meinen Abschied. Ich besitze zuviel Selbstgefühl, um das Brot Eurer Majestät zu essen, wenn ich es so schlecht verdiene. Ich bitte um den Abschied.« – »Sind Sie mir böse, Chevalier?« lachte der König. – »Potz Sporn und Degenknauf! ich habe wohl Ursache dazu,« rief der Musketier. »Ich komme zweiunddreißig Stunden nicht aus dem Sattel, reite Tag und Nacht so schnell wie der wilde Jäger, bin bei meiner Ankunft steif wie einer, der eine Nacht lang am Galgen gebaumelt hat – und stehe dennoch da als Schafskopf. Donnerwetter! Meinen Abschied, Sire – oder ich nehme ihn mir einfach.«

»Im Gegenteil, Chevalier,« antwortete Ludwig XIV. fröhlich und zog ein Dokument aus seinem Schreibtische, »hier ist Ihre Ernennung zum General-Kapitän der Musketiere. Sie haben’s verdient, Herr Chevalier.« – D’Artagnan faltete das Papier auseinander und las es zweimal. Er wollte seinen Augen nicht trauen. – »Und dieses Patent ist Ihr Lohn für Ihre Reise nach Belle-Ile und für Ihr wackeres Auftreten bei der Hinrichtung auf dem Grèveplatze. Sie haben mir da einen trefflichen Dienst erwiesen.« – »Majestät haben das erfahren?« antwortete d’Artagnan. »O, da war ich nicht allein der Macher – da hatte ich einen Helfer – und zwar einen sehr guten.« – »Es war ein junger Mann, nicht wahr?« fragte der König. »Colbert hat mir auch über ihn viel Gutes berichtet.« – »Colbert? So!« brummte der Kapitän. »Das ist sein Glück. Hat auch nur Recht damit.« – »Ja, der junge Mann scheint sehr brav zu sein,« sagte der König.– »Brav, Majestät?« erwiderte d’Artagnan. »Das will ich meinen!« – »Also kennen Sie ihn schon länger?« – »Seit 25 Jahren, Sire.« – »Ei, er soll ja kaum 25 Jahre alt sein,« rief Ludwig XIV. – »Ich kenne ihn auch von der Geburt an. Der junge Mann ist der Sohn meines besten Freundes!« – »Der Graf von Bragelonne?« – »Jawohl, Sire! Er ist der Sohn des Grafen de la Fère, der dem König von England so tatkräftig geholfen hat. O, Bragelonne entstammt einem tapferen Geschlecht.«

»Der Graf de la Fère ist also ein wackerer Krieger?«

»Der Graf,« versetzte der Chevalier, »hat für Höchstdero seligen Vater öfter das Schwert gezogen, als Eure Majestät Tage in Ihrem Leben zählen.« – »Gut, Chevalier,« antwortete Ludwig und biß sich auf die Lippe. »Wollen Sie Ihren jungen Freund sehen?« Und er klingelte und rief dem Türhüter zu: »Graf von Bragelonne soll zu mir kommen.« – »Wie?« rief d’Artagnan. »Rudolf ist hier?« – »Ja, er ist mit der Garde des Prinzen auf Wache im Schlosse,« antwortete der König.

Im nächsten Augenblick trat Rudolf ein. Der Chevalier, ohne sich an die Anwesenheit des Königs zu kehren, lief auf ihn zu und drückte ihn an die Brust. Der junge Graf verneigte sich mit Anmut und Ehrfurcht vor der Majestät. – »Herr Graf,« sprach Ludwig, »ich habe den Prinzen von Condé gebeten, Sie mir abzutreten. Eben ist seine Antwort angekommen. Er ist damit einverstanden und Sie gehören seit diesem Morgen also mir an. Condé war ein guter Herr, und ich hoffe nur, Sie machen keinen schlechten Tausch.« – »O, sei nur getrost, Rudolf,« rief der Musketier dazwischen, »es ist gut auskommen mit dem König.« – »Majestät,« sagte Rudolf in der ihm eigenen herzgewinnenden Weise, »ich gehöre Ihnen nicht erst seit heute morgen an.«

»Ah, Sie spielen auf jenen Aufruhr am Grèveplatz an?« erwiderte der König. »Ja, da hielten Sie in der Tat zu mir.« – »Ich meine auch nicht diesen Tag, denn es würde mir schlecht anstehn, an einen so unbedeutenden Dienst zu erinnern; ich meine vielmehr einen Umstand, der in meinem Leben einen wichtigen Abschnitt darstellt und mich seit dem 16. Lebensjahre an Eure Majestät gebunden hat.« – »O, lassen Sie mich wissen, Graf –« – »Auf meinem ersten Kriegszug bei der Armee des Prinzen von Conds begleitete mich der Graf de la Fère bis nach Saint-Denis, und dort ließ er mich bei der Asche Ludwigs XIII. schwören, daß ich allzeit dem Königtum, das nun in der Person Eurer Majestät verkörpert sei, in Gedanken, Worten und Taten treu und eifrig dienen wolle! Ich leistete den Schwur, den Gott und die seligen Herrscher, Eurer Majestät Ahnen, empfangen haben. Seit zehn Jahren nun hatte ich nicht so oft, wie ich gewünscht hätte, Gelegenheit, danach zu handeln. Ich bin also schon lange Eurer Majestät Soldat; jetzt habe ich nicht den Herrn, sondern nur die Garnison gewechselt.« Er schwieg und verneigte sich, während Ludwig XIV. noch immer lauschte, als hörte er eine liebliche Melodie, welche seinem Ohre wohltat.

»Potz Sporn und Degenknauf!« rief der Musketier. »Das ist brav gesprochen!« – »Sie reden nur die Wahrheit, Vicomte,« sagte der König gerührt. »Ueberall, wo Sie waren, sind Sie für den König eingetreten. Sie sollen nun aber bei dem Garnisonwechsel eine Ihrer würdige Beförderung erhalten. Chevalier,« wendete er sich an d’Artagnan, »haben Sie mir noch etwas zu melden?« – »Jawohl, Sire – eine traurige Nachricht!« antwortete der Kapitän. »Als ich durch Blois kam, vernahm ich, daß Ihr Oheim, Gaston von Orleans, gestorben sei.« – »Monsieur, mein Oheim!« rief der König. »Und ich habe noch keine Nachricht erhalten!« – »Seien Sie deshalb nicht böse,« versetzte d’Artagnan, »die Kuriere von Blois können nicht so schnell reiten wie Höchstdero gehorsamster Diener. Der Bote wird erst in zwei Stunden hier sein, und man kann ihn dann noch nicht einmal der Saumseligkeit zeihen.« – »Mein Ohm Gaston!« murmelte Ludwig XIV. und preßte die Hand auf die Stirn. Aber man sah es ihm an, daß die Nachricht ihm nicht sonderlich naheging. Durch die Intrigen, die der Verstorbene seinerzeit gegen Ludwig XIII. angezettelt hatte, war er auch dem Sohne fremd und unsympathisch geblieben.

»Doch ich vergesse, Chevalier,« sagte der König mit einer huldreichen Handbewegung, »Sie haben 110 Meilen im Galopp zurückgelegt und bedürfen der Ruhe. Gehen Sie und sorgen Sie für einen meiner besten Soldaten. Wenn Sie ausgeruht haben, stellen Sie sich wieder zu meiner Verfügung.«

1. Kapitel. Protektion

Malicorne, der Verehrer des Fräuleins Aure von Montalais, der junge Mann, auf den die gute Frau von Saint-Rémy sehr schlecht zu sprechen war und von dem sie im ersten Kapitel unserer Erzählung in wenig schmeichelhafter Weise gesprochen hat, war der Sohn des Stadtsyndikus von Orléans. Malicorne, der Vater, hatte die Ehre, der Bankier und Geldleiher Seiner königlichen Hoheit des Prinzen von Condé zu sein, und diese Beziehungen des Vaters zu den höchsten Kreisen hatten in dem Sohne den Ehrgeiz entstehen lassen, in der vornehmen Welt eine Rolle zu spielen – ein Verlangen, das er mit zielbewußter Energie zur Wirklichkeit zu machen strebte. Dank einer immer vollen Börse stand er auf dem besten Fuße mit einem immer geldbedürftigen Adeligen, einem echten und rechten Windbeutel namens Manicamp, welcher aber bei aller Lüderlichkeit den Vorzug hatte, ein intimer Freund des Grafen von Guiche zu sein, welcher wiederum ein bevorzugter Günstling Philipps, des jungen Herzogs von Anjou, war. Dieser Philipp, der jüngere Bruder Ludwigs XIV., hatte nach dem Tode Gastons von Orléans dessen Titel und Würden geerbt, und da seine Vermählung mit Henriette Stuart, der Schwester des Königs von England, bevorstand, so war man bereits mit der Bildung eines prinzlichen Hofstaates beschäftigt. Malicorne war nun entschlossen, sich diese günstige Gelegenheit zur Erlangung einer Hofstelle nicht entgehen zu lassen. Sein erster Schritt war, daß er sich die dauernde Gunst seiner Angebeteten, des Fräuleins von Montalais, sicherte. Nach Gastons von Orléans Tode hatte das Fräulein keine Lust mehr, am Hofe der verwitweten Prinzessin zu bleiben, zumal dieselbe an einem schmutzigen Geize litt und das freudlose Dasein in ihrer Umgebung keinen Reiz für ein lebenslustiges Mädchen haben konnte. Die Montalais hatte es sich in den Kopf gesetzt, Ehrenfräulein bei der zukünftigen jungen Herzogin von Orléans, bei Henriette Stuart, zu werden, und Malicorne trat alsbald in Aktion, indem er seinem adeligen Freunde aus der Geldverlegenheit half und sich zum Lohn dafür ein Ehrenfräuleinpatent für die Montalais beschaffen ließ. Das kostete Herrn von Manicamp nur ein paar Worte an den Grafen von Guiche, und dieser hatte weiter nichts nötig, als Monsieur, dem Bruder des Königs, das Papier zur Unterschrift vorzulegen.

Kaum hatte aber die Montalais ihren Willen erreicht, so erinnerte sie sich ihrer Busenfreundin, der Luise von Lavallière, der Tochter der Frau von Saint-Rémy. Luise ging traurig umher und weinte schon jetzt bei dem Gedanken, allein in Blois zurückbleiben zu müssen. Kurz entschlossen, wandte die Montalais sich noch einmal an Malicorne und verlangte ein zweites Patent für ihre Freundin, mit dem Bemerken, daß sie selbst auf das ihrige verzichten wolle, wenn er nicht auch für Luise eines beschaffen könne. Malicorne, der um keinen Preis die Gunst der Montalais verscherzen wollte, da er sich mit dem festen Vorsatz trug, sie zu seiner Frau zu machen und durch die Ehe mit einer Adeligen sich selbst zu diesem Stande emporzuschwingen, machte gute Miene zum schlechten Spiele und griff ein zweitesmal in den Geldbeutel, um die Fürsprache seines Freundes Manicamp zu erkaufen.

Auf diese Weise geschah es nun, daß Luise von Lavallière von Blois nach der Residenz kam, wo sie eine so große Umwälzung hervorrufen sollte. Das arme Kind, das einstweilen noch unbefangen und heiter am Arme ihrer Mutter in dem stillen Schloßgarten von Blois einherging, hatte keine Ahnung, welche seltsame Zukunft ihr beschieden sei.

Die Montalais und Malicorne waren die beiden Mittelspersonen, durch welche Blois mit Orléans und wiederum Orléans mit Paris verknüpft war. Denn der junge Mann brachte stets interessante Neuigkeiten aus der Hauptstadt mit und tauschte dagegen die ergötzlichsten Anekdoten aus dem Leben der alten Herzogin ein, die er brühwarm seinem Freunde Manicamp weitererzählte. Und Manicamp hatte natürlich nichts Eiligeres zu tun, als alle diese Geschichten zum Totlachen dem Grafen von Guiche aufzutischen, der seinerseits sie dem jungen Prinzen zutrug. Der alte Malicorne, der Syndikus von Orléans, der täglich in seinem altmodischen Frack auf dem Katharinenplatze zu Orléans spazierenging, ließ es sich nicht träumen, daß alles schelmische Kichern, alles hämische Geflüster, alle kleinen Kabalen und Intrigen, die eine 45 Meilen lange Kette von Blois bis zum Palais-Royal bildeten, aus seiner Börse bezahlt wurden.

Malicorne, der Sohn, war mit seinem Freunde Manicamp einig geworden, auch die Lavallière sollte die Stelle eines Ehrenfräuleins bei der jungen Gemahlin Philipps von Orléans erhalten. Aber damit war Malicorne noch nicht zufrieden. Er hatte den Entschluß gefaßt, einfach selbst einmal zum Grafen von Guiche zu gehen und für seine eigene Person das Eisen zu schmieden. Gegen die stattliche Summe von 500 Pistolen, die er Manicamp in klingender Münze auf den Tisch zahlte, erhielt er von diesem das hierzu nötige Empfehlungsschreiben und ein Dokument, das dem Bruder des Königs nur zur Unterschrift vorgelegt zu werden brauchte. In froher Zuversicht machte sich der junge Mann auf den Weg; endlich sollte er nun das heißersehnte Ziel erreichen. Er hatte das Patent zu einer Hofstelle in der Tasche, es kostete dem Prinzen nur einen Federstrich, so war Malicornes Sehnsucht erfüllt.

Als Malicorne in Orléans eintraf, erfuhr er, daß der Graf von Guiche bereits nach Paris abgereist sei. Malicorne ruhte zwei Stunden und reiste dann weiter. Er kam in der Nacht zu Paris an und begab sich am andern Morgen zeitig in das Palais Grammont. Es war die höchste Zeit, denn der Graf wollte eben fort, um sich von Monsieur, dem Bruder des Königs, zu verabschieden, ehe er nach Havre reiste, wo die Blüte des französischen Adels Madame, die Braut Philipps, bei ihrer Ankunft aus England empfangen und nach Paris geleiten sollte. Malicorne berief sich auf seinen Freund Manicamp und wurde sogleich vorgelassen. Der Graf von Guiche stand im Schloßhofe und sah zu, wie seine Stallburschen und Kutscher Pferde und Wagen reisefertig machten. – »Manicamp?« rief der Graf. »Er ist willkommen! Her mit ihm!«

Malicorne trat näher. »Verzeihung, gnädigster Herr,« sagte er geschmeichelt, »es ist nur ein Abgesandter von ihm.« – »Warum kommt er denn nicht selbst?« fragte der Graf. »Er hat wohl wieder kein Geld? Was macht er denn mit dem vielen Gelde?« – Malicorne zuckte die Achseln. – »Also wird er wohl nicht mit nach Havre kommen?« fragte von Guiche weiter. »Das ist arg – alle Welt reist hin. Wo steckt er denn? Noch in Orléans? Und Sie, mein Herr,« fuhr er fort, Malicornes Rock betrachtend, »scheinen übrigens ein Mann von Geschmack zu sein; mit wem habe ich denn eigentlich die Ehre?« – »Ich heiße Malicorne.« – »Sie tragen im einen wunderschönen Rock, so fein wird in der Provinz nicht zugeschnitten.« – »Der Rock kommt allerdings direkt aus Paris, Herr Graf.« – »Das dachte ich mir – man sieht es gleich. Also was schreibt mir Manicamp?« fragte von Guiche, den Brief lesend. »Wie? Er will noch eine zweite Dame zum Ehrenfräulein machen? Wer war denn gleich das erste?« – »Fräulein von Montalais,« antwortete Malicorne. »Ein sehr hübsches Ehrenfräulein.« – »Ah, Sie kennen sie, Herr von Malicorne?« – »Sie ist meine Braut – das heißt, wir sind so gut wie verlobt,« sagte der junge Mann lächelnd. – »So, so?« versetzte der Graf. »Gratuliere vielmals. Und wer soll das zweite Ehrenfräulein sein?« – »Fräulein von Labaume-Leblanc und von Lavallière.« – »Mir nicht bekannt,« sagte Guiche. »Na, wollen mit Monsieur darüber reden. Adelig ist das Fräulein doch?« – »Aus sehr gutem Hause. Sie ist Ehrenfräulein der verwitweten Herzogin.« – »Schön. Wollen Sie mich zu Monsieur begleiten?« – »Gewiß, wenn Sie mir diese Ehre erweisen wollen. Doch,« setzte er hinzu, als er sah, das Graf Guiche den Brief Manicamps in die Tasche steckte, »Sie haben noch nicht alles gelesen, gnädigster Herr. Es waren zwei Billette in dem Umschlag.« – »So?« antwortete der Graf. »Dann müssen wir noch einmal nachlesen. In der Tat.« Und er entfaltete das Papier. »Aha! Eine Anweisung auf eine Stelle in der Hofhaltung Monsieurs. Manicamp ist unersättlich. Scheint damit geradezu Schacher zu treiben.« – »Nein, Herr Graf, er will ein Geschenk damit machen.« – »Wem?« – »Mir,« sagte Malicorne. – »Haha! Sie müssen ein ganz ausgezeichneter Mensch sein und viele wertvollen Eigenschaften haben, daß Manicamp, dieser Egoist, Ihnen etwas schenken will. Aber nein, seien Sie aufrichtig, er macht es doch wohl nicht ganz umsonst. Ich erinnere mich übrigens, daß es in Orléans einen Mann, namens Malicorne gibt, der dem Prinzen von Condé Geld leiht. – »Das ist mein Vater, Herr Graf.« – »Der Prinz hat den Vater, und Manicamp, der gierige, hat den Sohn. Nehmen Sie sich in acht, er saugt Sie aus bis aufs Blut.« – »Der Unterschied ist nur, ich leihe ihm Geld ohne Zinsen.« – »Da sind Sie ja sozusagen ein Heiliger. Na, Sie sollen die Stelle erhalten, so wahr ich ein Graf Guiche bin.« Er schritt zur Türe und winkte Malicorne, ihm zu folgen.

Ein junger Mann trat herein, ein Kavalier von etwa 25 Jahren, mit blassem Gesicht, braunen Locken und stechenden Augen. – »Guten Morgen!« rief er dem Grafen zu. – »Sie hier, von Wardes?« rief Graf Guiche. »Reisefertig, wie ich sehe. Morgen wird kein vernünftiger Mensch mehr in Paris sein. Gestatten Sie, Herr Malicorne – Herr von Wardes.« Die beiden verneigten sich, und der Graf fuhr fort: »Sagen Sie mal, von Wardes, Sie wissen doch genau, wieviel Stellen am Hofe Monsieurs noch zu vergeben sind.« – »Warten Sie mal – ich glaube, die Stelle des Oberstallmeisters,« antwortete der junge Mann. – »O, so hoch versteigen sich meine Wünsche nicht,« warf Malicorne ein. – Von Wardes musterte ihn mit einem raschen, durchdringenden Blick. »Um diese Stelle bekleiden zu können,« sagte er, »muß man Herzog und Pair sein.« – »Ich trachte auch nur nach einem ganz bescheidenen Posten,« antwortete Malicorne. »Ich schätze mich nicht höher ein, als ich stehe.« – »Ohne Rang und Geburt,« fuhr Wardes fort, »kann man überhaupt nicht hoffen, eine Anstellung bei Monsieur zu erhalten.« – »Zum Teufel ja!« rief von Guiche, »die Etikette ist streng, daran hatte ich gar nicht gedacht.« – »O, das ist ja ein großes Malheur für mich,« sagte Malicorne. – »Dem aber hoffentlich abzuhelfen sein wird,« setzte Guiche hinzu. – »Sehr leicht, Herr,« rief Wardes, »man macht Sie einfach zum Edelmann. Kardinal Mazarin hat den ganzen Tag über nichts weiter gemacht.« – »Still, von Wardes,« unterbrach ihn der Graf. »Keinen unzeitigen Scherz! Allerdings ist der Adel käuflich, aber das ist für uns, die wir ihm durch Geburt angehören, ein Unglück, und Edelleute sollten nicht darüber lachen.«

»Herr Graf von Bragelonne!« meldete ein Diener.

»Ah, willkommen, lieber Rudolf!« rief der Günstling Monsieurs. »Auch gestiefelt und gespornt. Also soll’s auch nach Havre gehn?« – Bragelonne trat hinzu und grüßte die jungen Leute mit Anmut. Von Wardes erwiderte seinen Gruß mit auffallender Kälte. Von Guiche stellte vor, und die Herren wechselten eine steife Verbeugung. Bragelonne und von Wardes schienen einander vom ersten Augenblick an unsympathisch. – »Sei Schiedsrichter zwischen mir und von Wardes, Rudolf,« sagte von Guiche. »Er behauptet, es würde Mißbrauch mit Titeln getrieben, und ich erkläre, Titel sind ganz unnütz.« – »In diesem Falle hast du recht,« antwortete Bragelonne. – »Aber auch ich habe recht,« warf von Wardes ein. »Ich behaupte, man tut in Frankreich alles, um die Edelleute zu demütigen.« – »Wer täte das?« versetzte Rudolf. – »Der König selbst. Er umgibt sich mit Leuten, die nicht einmal auf vier Generationen zurück die Ahnenprobe aushalten. Soll ich ein Beispiel nennen? Weißt du, von Guiche, wer zum Generalkapitän der Musketiere ernannt worden ist? Wer diese Stelle erhalten hat, die mehr wert ist als die Pairswürde und Anspruch auf den Marschallstab verleiht? Diese Stelle, die der König einem Günstling seines Oheims verweigert hat, ist einem Gaskogner, einem gewissen Chevalier d’Artagnan verliehen worden, der dreißig Jahre lang sein Schwert in den Antichambres herumgeschleppt hat.«

Rudolf wurde blutrot. »Erlauben Sie, daß ich Sie unterbreche, Herr von Wardes,« sagte er, sich zur Ruhe zwingend, »Sie scheinen den Mann, von dem Sie sprechen, nicht zu kennen.« – »Ich sollte den Chevalier d’Artagnan nicht kennen?« rief der junge Mann. »Mein Gott, wer kennt ihn nicht?« – »Nun, wer ihn kennt, mein Herr,« fuhr Rudolf fort, »der weiß, daß er an Mut und Edelsinn keinem König der Welt nachsteht, wenn er auch von Geburt kein so guter Edelmann ist wie der König. Doch das ist nicht sein Verschulden. Ich, mein Herr, kenne den Chevalier d’Artagnan seit meiner Geburt.« – Von Wardes wollte antworten, aber von Guiche unterbrach ihn, denn er merkte, daß das Gespräch auf dem Punkte stand, eine feindselige Wendung zu nehmen. – »Meine Herren,« sagte der Graf, »wir müssen uns jetzt trennen, denn ich muß zu Monsieur. Von Wardes, Sie kommen mit in den Louvre, Rudolf, du verwaltest inzwischen mein Haus und beaufsichtigst die Vorbereitungen zur Abreise. Ich vergaß,« setzte er hinzu, »mich nach dem Befinden des Grafen de la Fère zu erkundigen.« Bei diesen Worten beobachtete er scharf de Wardes Gesicht und sah in dessen Augen einen Blitz des Hasses aufflammen. – »Ich danke,« antwortete Rudolf, »der Graf befindet sich wohl.« – »Wir treffen uns also im Hofe des Palais-Royal,« sagte Guiche, Rudolf die Hand schüttelnd. »Folgen Sie mir, Malicorne!« – Bragelonne stutzte, als er diesen Namen hörte, doch konnte er sich nicht darauf besinnen, wo er ihn schon früher einmal vernommen habe.

Von Guiche begab sich mit seinen zwei Begleitern in das Palais-Royal, wo Monsieur wohnte. Malicorne blieb bescheiden zurück, er ahnte, daß die beiden Edelleute sich etwas zu sagen hatten. – »Sind Sie denn nicht bei Sinnen, von Wardes?« begann der Graf von Guiche, sobald sie ein paar Schritte gegangen waren, »Sie lassen in Rudolfs Gegenwart beleidigende Worte gegen d’Artagnan fallen. Warum hassen Sie ihn? Was hat er Ihnen getan?« – »Fragen Sie den Schatten meines Vaters,« versetzte Wardes düster. – »Ich muß mich wundern, Freund,« sprach Guiche, »d’Artagnan ist kein Mensch, der eine Rechnung unausgeglichen läßt. Ihr Vater war, soweit ich gehört habe, ein tapferer Mann, und es gibt keine Feindschaft, die nicht durch einen biedern Schwertstreich abgetan werden könnte.« – »Mein Vater hat seinen Haß auf mich übertragen. Als ich noch Kind war, lehrte er mich diesen d’Artagnan hassen. Es ist ein besonderes Vermächtnis, das er mir neben meinem Erbteil hinterlassen hat.« – »Und beschränkt sich dieser Haß auf d’Artagnan allein?« – »Er ist mit seinen Freunden zu innig verbunden, als daß das Uebermaß nicht auch auf sie sich erstrecken sollte. Das Maß des Hasses ist voll, und die andern werden sich über ihren Anteil nicht zu beklagen haben.« Er sprach diese Worte mit einem kalten Lächeln, und von Guiche, ihn betrachtend, erbebte unwillkürlich, von dunkeln Ahnungen berührt. – »Gegen Herrn von Bragelonne persönlich habe ich nichts,« setzte von Wardes hinzu. »Ich kenne ihn noch kaum.« – »Jedenfalls werden Sie nicht vergessen,« antwortete der Graf, »Rudolf ist mein bester Freund.« – Von Wardes verneigte sich.

Sie hatten das Palais-Royal erreicht. Von Guiche ließ seine beiden Begleiter an der großen Treppe zurück und ging geradeswegs zu Monsieur hinauf. Er fand den jungen Prinzen in Gesellschaft des Chevaliers von Lorraine, mit welchem Guiche ein wenig auf gespanntem Fuße stand. Philipp war damit beschäftigt, sich zu schminken, während Lorraine im Hintergrunde des Zimmers auf einer Chaiselongue lag. – »Ah, du bist’s, Guiche,« rief der Prinz. »Komm her und sage mir die Wahrheit. Denke dir, der Chevalier hat mir wehgetan. Er behauptet, Lady Henriette sei als Frau hübscher wie ich als Mann. Sieh mich aufmerksam an, Guiche, und dann betrachte hier ihr Porträt. Beeile dich nicht, Guiche – laß dir Zeit.«

Der Graf schaute lange auf das allerliebste Miniaturgemälde, das Monsieur ihm reichte. Dann sagte er: »In der Tat, ein ganz reizendes Antlitz, Königliche Hoheit.« – »Und nun sieh mich an – so sieh mich doch an!« rief der junge Prinz, die Locken schüttelnd. – »Wundervoll, wundervoll!« wiederholte Guiche, noch immer im Anschauen des Bildes versunken. – »Man könnte glauben, du hättest das kleine Mädel noch nie gesehen,« sagte Philipp ungehalten. – »Ich habe sie gesehen, Hoheit, aber es sind nun fünf Jahre her, und zwischen einem zwölfjährigen Kinde und einer siebzehnjährigen Jungfrau ist ein großer Unterschied.« – »So sage doch wenigstens deine Meinung!« – »Hoheit können sich glücklich schätzen, eine so schöne Braut zu haben,« sagte Guiche. – »Ich will doch deine Meinung über mich hören,« erwiderte Philipp mit fast weiblichem Schmollen. – »Meine Meinung ist, Sie sind für einen Mann viel zu schön,« antwortete Guiche.

Chevalier von Lorraine brach in ein lautes Lachen aus. Der Prinz runzelte die Stirn. »Ich habe recht ungalante Freunde,« sagte er verdrießlich und fuhr fort sich zu schminken. Als er fertig war, betrachtete er sich sehr selbstgefällig im Spiegel. Offenbar war er mit seinem Aussehen sehr zufrieden. »Ich fürchtete schon,« sagte er zu Guiche, »du würdest ohne Abschied reisen. Du hast gewiß noch ein Anliegen vor dem Aufbruch. Um was handelt es sich?« – »Um ein Patent für ein Ehrenfräulein.« – »Ei, Guiche, du bist mir ein sauberer Gönner,« lachte der Prinz. »Wirst du dich denn immer nur für Plaudertaschen bei mir verwenden?« – »Ich bin nicht unmittelbar der Gönner der betreffenden Dame,« antwortete von Guiche. »Ein Freund von mir bewirbt sich in ihrem Namen.« – »So? Wie heißt denn dieser Schützling deines Freundes?« – »Fräulein von Labaume-Leblanc und von Lavallière, bereits Ehrendame bei Ihrer Hoheit der Herzogin-Witwe.« – »O, die hinkt ja,« rief Lorraine dazwischen. – »Was? Sie hinkt?« sagte Philipp. »Madame sollte so etwas vor Augen haben? Das wäre gefährlich für ihre Schwangerschaften.« – Chevalier von Lorraine lachte abermals laut auf. – »Chevalier,« sagte Graf von Guiche, »Sie handeln nicht eben freundlich. Ich komme mit einer Bitte, und Sie verderben es mir.« – »Pardon, Graf!« versetzte Lorraine, betroffen über den Ton, in dem Guiche diese Worte gesprochen hatte. »Ich kann mich ja auch irren. Jedenfalls verwechsle ich diese Dame mit einer andern.« – »Das ist auch in der Tat so,« sagte der Graf. – »Liegt dir denn sehr viel daran, lieber Guiche?« fragte Orléans. – »Sehr viel, gnädigster Prinz.« – »Dann ist es bewilligt – doch nun suche auch kein Patent mehr nach, es ist keine Stelle mehr frei.« – Er unterzeichnete das Papier, das der Graf vor ihn hinlegte.

Draußen eilte Malicorne erfreut auf den Grafen zu und nahm das Patent mit Worten des Dankes in Empfang. Allein er schien noch etwas zu erwarten. – »Geduld, Herr Malicorne,« sagte Guiche. »Der Chevalier von Lorraine war da, und ich hätte alles verdorben, wenn ich zuviel auf einmal verlangt hätte. Es muß für später bleiben. Schicken Sie mir Manicamp her! Uebrigens, ist es wahr, daß Fräulein von Lavallière hinkt?« – Als er diese Worte sprach, machte hinter ihm ein Pferd mit jähem Ruck halt. Guiche drehte sich um und erblickte Rudolf von Bragelonne, der die letzte Frage gehört hatte, und erblaßte. – »Warum wird hier von Luise gesprochen?« dachte der Vicomte bei sich. »Von Wardes lächelt spöttisch. Er soll sich nicht einfallen lassen, in meiner Gegenwart ein herabwürdigendes Wort über sie zu sagen.«

Ein Zug von Reitern, Wagen und Dienern war Rudolf gefolgt, und die mit flatternden Bändern, Schärpen und Federbüschen reich geschmückte Schar zog jetzt an den Fenstern des jungen Prinzen vorüber. Philipp erschien und wurde mit Jubel begrüßt. Gleich darauf war der Zug am Palais vorüber.

3. Kapitel. D’Artagnan macht weiter sein Glück

Als Athos nach seinem Besuch im Palais-Royal in seine Pariser Wohnung zurückkehrte, fand er dort den Grafen von Bragelonne, der sich von Grimaud das ganze englische Abenteuer hatte erzählen lassen. – Rudolf fragte seinen Vater vorwurfsvoll, warum man ihn ganz in Unkenntnis über diese Reise gelassen habe. – »Reden wir nicht weiter davon,« antwortete Athos. »Ich entschloß mich blitzschnell dazu. Ich hatte Blaisois beauftragt, dir hundert Pistolen auszuzahlen, falls du Geld brauchtest. Aber du bist ohne Geld ausgekommen.«

»Der Prinz hatte vor drei Monaten die Güte, mich 200 Pistolen im Spiel gewinnen zu lassen.« – »Es ist mir nicht lieb, daß du spielst,« sagte Athos streng. – »Tu es auch nicht. Der Prinz ließ sich eine halbe Stunde von mir vertreten, und als er seinen Platz wieder einnahm, hieß er mich das Gewonnene behalten. Das macht der Prinz alle Woche so. Auf diese Weise bekommen alle fünfzig Ehrenkavaliere Seiner Hoheit abwechselnd mal ein Geschenk. Letztens war die Reihe an mir.« – »Du bist seit einem Monat aus Spanien zurück?« – »Ja, Herr Graf.« – »Und wo warst du diesen Monat über? Ich hoffe, nicht in Blois.« – »Nein. Ich habe die Person, auf die Sie anspielen, nicht gesehen,« antwortete Rudolf mit bebender Stimme. »Sie haben mir ja doch verboten, Fräulein von Lavallière aufzusuchen.«

»Und daran tat ich wohl, Rudolf,« versetzte de la Fère. »Ich bin kein grausamer, ungerechter Vater, der für wahre Liebe keinen Sinn hat. Aber mir liegt deine Zukunft am Herzen. Es wird Kriege geben, Rudolf; da werden feurige, junge Männer gebraucht, die frei und ledig in der Welt dastehen. Glaube mir, mein Junge. Halte alle weichen Gefühle von deinem Herzen fern. Stähle es für die Forderungen unserer Zeit. Du hast die Fähigkeit, ein ausgezeichneter, ein hervorragender Mann zu werden. Gehe deinen Weg allein, damit du ihn um so sicherer, um so schneller gehen kannst.« – »Sie haben befohlen,« antwortete Rudolf, »und ich gehorche.« – »Nicht befohlen, nur gebeten,« entgegnete Athos. – »Nein, befohlen, mein Vater,« wiederholte der junge Mann. »Und wenn Sie gebeten hätten, so würde die Bitte noch wirksamer gewesen sein als der Befehl.« – »Und dabei ist dir weh ums Herz. Du liebst das Fräulein – deine weiten, langen Reisen haben nichts daran geändert, ich weiß es – ich weiß es, Rudolf. Nun ja, du bist großjährig, du bedarfst meiner Einwilligung nicht – heirate sie.« – »Sehr gütig, Herr Graf – aber ich werde von dieser Erlaubnis keinen Gebrauch machen.«

»Du weigerst dich nun? Ich weiß nicht, was ich davon denken soll,« sagte Athos. – »Wenn Sie mir jetzt auch die Erlaubnis zur Heirat erteilen, Vater,« antwortete Rudolf. »Im Herzen sind Sie doch dagegen.« – »Das ist wahr, Rudolf.« – »Nun, so werde ich warten, bis Sie andern Sinnes geworden sind.«

»Wird aber das Fräulein von Lavallière auch mit dem Warten einverstanden sein?« fragte de la Fère. »Wenn nun andere Absichten –« – »Sie meinen, wenn sie den Blick auf einen andern Mann richtet?« fragte Rudolf erbleichend. – »Das meine ich.« – »Dieser Mann würde durch mein Schwert fallen,« antwortete Rudolf mit fester Stimme, »er und alle, auf die Fräulein von Lavallières Wahl etwa fiele, bis einer von ihnen mich erschlägt oder das Fräulein mir ihr Herz wieder schenkte.« – Athos erbebte. »Genug!« rief er. »Genug über diesen Punkt! Das geht zuweit. Tu deinen Dienst und liebe das Fräulein – bist ja ein Mann und Herr deiner Entschlüsse. Nur vergiß nicht, daß ich dich zärtlich liebe, und daß du auch mich zu lieben behauptest.«

»Vater!« rief Rudolf, die Hand des Grafen ergreifend. – »Es ist gut, mein Junge. Uebrigens – d’Artagnan ist mit mir aus England zurückgekommen – du bist ihm einen Besuch schuldig.« – »Ich gehe mit Freuden zu ihm!« rief Rudolf. – »Weißt du, wo du ihn findest?« – »Nun, doch im Louvre oder im Palais – überall, wo der König ist – ist er doch Leutnant der Musketiere –« – »Das ist er nicht mehr – er hat den Dienst quittiert. Du findest ihn bei seinem früheren Diener Planchet, der in der Lombardstraße eine Kolonialwaren-Handlung aufgemacht hat. Grüße ihn von mir und bringe ihn zum Diner hierher. Adieu, Rudolf!«

Rudolf fand d’Artagnan jedoch nicht bei Planchet. Aber als er tags darauf an der Spitze von 50 Dragonern aus Vincennes zurückkehrte, sah er auf dem Baudoyer-Platze einen Mann stehen, der ein Haus angelegentlich betrachtete, als wenn er sich mit dem Gedanken trüge, es zu kaufen. Dieser Mann trug einen Zivilrock, den er bis ans Kinn zugeknöpft hatte, und dazu einen kleinen Hut und ein langes Schwert in lederner Scheide. Im Näherreiten erkannte Rudolf in diesem spießbürgerlichen Zivilisten den gesuchten Chevalier. »Sehe ich recht?« rief er. »Herr d’Artagnan!« – Und er sprang ab und drückte seinem alten Freunde die Hand. – Der Chevalier warf einen Blick auf die Reiterschar und sagte: »Gib acht, Rudolf, das zweite Pferd in der fünften Reihe verliert ein Hufeisen, ehe ihr 200 Meter weiter seid. Willst du mit mir speisen?« – »Gewiß. Mein Unteroffizier kann die Leute nach Hause führen.« Er gab sein Pferd ab und nahm den Arm des Chevaliers. – »Kommst du von Vincennes?« fragte dieser. – »Ja.« – »Und was macht der Kardinal?« – »Man sagt, er sei tot.« – D’Artagnan zuckte gleichgültig die Achseln. »Wie stehst du zu Fouquet, Rudolf?« – »Den kenne ich nicht.« – »Das ist bedauerlich. Ein neuer König will poussiert sein.« – »O, der König ist mir gewogen,« rief Bragelonne.

»Ich meine nicht den, der die Krone trägt, sondern den, der in Wahrheit König ist, und das ist, nachdem Mazarin tot, kein anderer als Fouquet. Stell dich gut zu ihm, sonst verschimmelst du, wie’s mir gegangen ist. Ja, wenn Ludwig wäre wie Karl II. Das ist noch ein König, sage ich dir! Bei dem müßtest du Dienste nehmen. Da gibt es keine knauserigen Finanzpächter und italienischen Langfinger. Ach, geh mir einer mit einem König, der den ganzen Tag über seufzt, und über dessen Lippe niemals ein anständiger Fluch kommt!« – »Deshalb also haben Sie Ihren Abschied genommen, Chevalier?« antwortete Rudolf. »Ja, wer so denkt, kann auch nicht sein Glück machen.« – »Pah,« versetzte d’Artagnan, »ich bin versorgt. Ich habe Vermögen.«

Rudolf sah ihn erstaunt an, denn d’Artagnans Armut war sozusagen sprichwörtlich geworden, wie die des alten guten Hiob. – »Na, hat dir’s dein Vater nicht erzählt?« fuhr der Chevalier fort. »Ich habe in England Glück gehabt. Der Vizekönig von Irland und Schottland hat mir zu einer Erbschaft verholfen. Und zwar zu einer ganz hübschen runden Summe. Eben habe ich das Haus dort gekauft, das ich so angelegentlich betrachtete. Eine gute Kapitalsanlage, sage ich dir. Ja, ja, man muß auch Geschäftsmann sein. Es ist eine Kneipe in dem Hause, Junge, die ich für eine schöne Pachtsumme vermieten kann. Und weißt du warum? weil die Hinterfenster der Kneipe auf den Grèveplatz hinaussehen, und wenn dort eine Hinrichtung stattfindet, dann verkauft der Wirt Zuschauerplätze für teures Geld. Und diese schauerliche Kneipe führt den schönen Namen »Gasthaus Notre-Dame«. Doch nun laß uns zu Planchet gehen, dort wohne ich einstweilen noch.«

Der Krämer war ausgegangen, aber das Mittagessen stand bereit. Denn es herrschte dort noch ein Rest von militärischer Pünktlichkeit. D’Artagnan und Rudolf setzten ihr Gespräch fort. – »Sage mal, mein Junge,« begann der Chevalier, »dein Vater nimmt dich fest in die Kandare?« – »Und mit Recht, Herr Chevalier.« – »Na, ich weiß, Athos ist ein bißchen genau. Wenn du mal ein paar Pistolen brauchst, so denke dran, daß der alte Musketier auch noch da ist. Du spielst gern mal ’ne Partie, was? Nein? Dann hast du wohl Glück in der Liebe. Mach keine Flausen, Junge. Warum wirst du so rot? Liebschaften kosten noch mehr als das Spiel. Aber es findet sich dabei wenigstens bald mal Gelegenheit, vom Leder zu ziehen, wozu man unter einem König wie Ludwig XIV. sonst gar nicht mehr kommt. Denn gib acht, Rudolf! Jetzt, wo er den Kardinal los ist, wird Ludwig sich ein Gnadengehalt von Fouquet aussetzen lassen und nach Fontainebleau ziehen, um auf ein Fräulein von Mancini Verse zur Laute zu singen. Und dann nimmt er seiner Schweizergarde die silbernen Tressen und läßt sie unechtes Zeug tragen, und den Musketieren nimmt er die Pferde, weil jedes davon für 50 Sous täglich Hafer frißt. Doch mir ist’s gleich. Ich bin ja nicht mehr Musketier. Ob sie nun beritten sind oder zu Fuß gehn, ob sie Schwerter tragen oder Bratspieße, was schiert das mich?«

»Chevalier, reden Sie nicht so geringschätzig von Seiner Majestät, denn ich stehe in königlichem Dienst und darf dergleichen nicht mit anhören,« sagte Rudolf ernst. »Der Reichtum scheint Sie auch nicht lustiger zu stimmen als vorher die Armut.« – »Hast recht, mein Junge,« sagte d’Artagnan, »ich bin eine alte verrostete Klinge, ein durchlöcherter Panzer, ein Sporn ohne Rad, ein Stiefel ohne Sohle.« – Sie lachten beide herzlich und wurden darin durch einen Ladendiener unterbrochen, der hereinkam und einen an d’Artagnan adressierten Brief abgab. – »Das ist meines Vaters Handschrift,« sagte Bragelonne. – »Ja,« rief der Chevalier, öffnete den Brief und ließ ihn erstaunt auf den Tisch fallen. »Du, Junge, ich soll zum König kommen. Man hat mich bei deinem Vater gesucht. Was steckt denn nun da wieder dahinter!«

»Ich finde nichts Sonderbares dabei,« sagte Rudolf. »Es ist ganz natürlich, daß der König einen so treuen Diener wie Sie vermißt.« – »Schmeichelkätzchen!« rief d’Artagnan. »Nein, die Sache hat einen andern Haken, mein Junge. Du weißt noch wenig von der Hofluft und ihren Gefahren. Wenn man zwei Kardinäle hat sterben sehen wie ich – zwei Kardinäle, von denen der eine ein Tiger, der andere ein Fuchs war – dann sieht man schärfer. Höre, geh zu deinem Vater und sag ihm, ich sei nach England gereist. Du guckst mich an? Denkst du denn etwa, ich würde nun gleich zum Louvre eilen und mich dem gekrönten Gelbschnabel zur Verfügung stellen? Ich weiß, was er will. Er will mich in die Bastille stecken. Denn wisse, Junge, eines Tages in Blois habe ich ihm gründlich die Wahrheit gesagt, hab ihn, wenn auch in verblümter Form, eine Memme, einen Trottel gescholten. Damals konnte er mich nicht verhaften lassen, denn ich war selber Kommandant der Wache und hätte den Befehl einfach nicht ausgeführt, hätte mich mir selber widersetzt. Jetzt ist Mazarin tot, nun will sich das Jüngelchen aufspielen und mich gefangennehmen. Das konnte er nicht riskieren, solange die Eminenz lebte; denn Mazarin und ich, wir kannten einander. Er wußte von mir allerlei Kleinigkeiten und ich ebenso von ihm; also schätzten wir uns gegenseitig. Kurz und gut, Rudolf, d’Artagnan reißt aus. Sag‘ deinem Vater, ich sei nach England.«

»Sie können nicht mehr fliehen, Chevalier,« sagte Rudolf mit einem Blick auf die Straße, »dort unten steht ein Offizier der Schweizergarde, der auf Sie wartet.« – »Ei, da geh ich einfach nicht auf die Straße, sondern schlüpfe zur Hintertür hinaus, und wenn ich vier Pferde totreite – ein Luxus, den ich mir jetzt leisten kann, so bin ich in elf Stunden in Boulogne.« – »Aber, lieber Chevalier, der König wird sagen, Sie fürchteten sich vor ihm.« – »Da wird er zum erstenmale in seinem Leben recht haben,« antwortete d’Artagnan ruhig. »Ich fürchte mich auch wirklich. Potzblitz, soll ich mich denn in die Bastille stecken lasten?« – »Der Graf de la Fère würde nicht fliehen,« sagte Rudolf mit Stolz.

D’Artagnan kaute an seinem Schnurrbart. – »Aber wenn ich nun in die Bastille gesteckt werde?« rief er polternd. – »Dann holen wir Sie heraus,« sagte Rudolf ruhig. – »Potzblitz, Junge!« lachte d’Artagnan und drückte ihm die Hand. »Das nenne ich ein Manneswort. Gut! Mein Geld ist dir und deinem Vater vermacht. Meinetwegen laßt dafür Messen für mich lesen.« Damit schnallte er den Degen um, nahm den Federhut vom Nagel, umarmte Rudolf noch einmal und schritt auf die Straße hinaus. – »Hier bin ich, Herr,« sagte er zu dem Schweizer-Offizier. »Lassen Sie mich den Degen wenigstens bis zum Louvre tragen. Ich komme mir so dumm vor ohne Schwert, und Sie würden sich wohl noch dümmer vorkommen, wenn Sie zwei trügen.« – »Was denn?« antwortete der Offizier. »Davon hat der König nichts gesagt. Behalten Sie nur Ihre Plempe.«

Zur Verwunderung des Chevaliers wurde er in der Tat mit Degen in den Louvre geführt und auch alsbald beim Könige angemeldet und vorgelassen. Ludwig XIV. saß und schrieb. Er blickte nicht auf, als d’Artagnan eintrat. »Du willst mich demütigen,« dachte der Chevalier. »Na, warte, du sollst es gewahr werden, was ein Mann vermag, der dem Kardinal, und zwar dem wahren Kardinal, dem Richelieu, das Hugenottenlied ins Gesicht gepfiffen hat.« – In diesem Augenblick wandte der König sich um. »Sind Sie da, Chevalier?« – »Zu Befehl, Majestät.« – »Warten Sie – ich habe nur noch ein paar Zahlen zu addieren.« – D’Artagnan verneigte sich. »Immer noch ziemlich höflich,« dachte er. – Ludwig tat ein paar Federzüge, warf dann das Schreibzeug weg und stand auf, einen zugleich gebieterischen und wohlwollenden Blick auf den früheren Leutnant heftend.

»Der Kardinal ist tot, Chevalier, das wissen Sie wohl schon,« begann er. »Ich bin also jetzt mein eigner Herr.« – »Das ist nicht erst seit dem Tode des Kardinals der Fall,« antwortete d’Artagnan ruhig. »Man ist immer sein eigner Herr, wenn man nur will.« – »Aber nach Ihrer Meinung war ich es nicht. Wenigstens sagten Sie mir das in Blois ziemlich deutlich,« sprach der König. – »Aha!« dachte d’Artagnan, »jetzt geht’s los. Ich habe doch eben eine ganz feine Nase.« – »Erinnern Sie sich dessen nicht mehr?« fragte Ludwig. – »O, doch wohl,« versetzte der Leutnant außer Dienst. »Aber es ist schon so lange her.« – »Ich habe es genau behalten,« sprach der junge König. »Fast Wort für Wort, Herr Chevalier.« – D’Artagnan strich mit der Hand über die Hutfeder und dann über den Schnurrbart und schwieg. –»Ja, Sie sagten mir die Wahrheit,« fuhr der Monarch fort, »und dann nahmen Sie den Abschied. Sie verurteilten zugleich den König und den Menschen. Doch genug! reden wir nicht mehr davon. Es würde Ihnen Reue und mir Schmerz verursachen. Was haben Sie gemacht, seit Sie verabschiedet sind?« – »Seit ich nicht mehr in Ihren Diensten bin, Majestät,« erwiderte d’Artagnan, »habe ich endlich mein Glück gemacht.« – »Ein hartes Wort, Mann! Sie haben eine glänzende Tat verrichtet – drüben in England – ich weiß. Tut mir nur leid, daß Sie Ihr Versprechen nicht hielten. Nun ja! Sie gaben mir doch Ihr Wort, keinem andern König zu dienen.« – »Das da drüben tat ich auch nur auf eigne Faust, halten zu Gnaden, Sire.« – »Und es ist Ihnen geglückt?« – »Es hat mir 100 000 Taler eingebracht.« – »Ganz nett und damit ist nun Ihr Ehrgeiz ein für alle Mal befriedigt? Wollen Sie untätig leben? Ihr Schwert endgültig an den Nagel hängen?« – »Das ist geschehen, Majestät.« – »Unmöglich, Mann! Ich sage Ihnen, ich dulde es nicht!« rief der König mit Entschiedenheit.

D’Artagnan sah fast verblüfft auf. Die Wendung die das Gespräch genommen hatte, entsprach nicht seinen Befürchtungen. Er harrte mit Spannung, was der König ihm wohl zu sagen hätte. – »Chevalier,« fuhr Ludwig fort, »es ist jetzt alles anders geworden.« – »Das ist es,« war die Antwort des ehemaligen Musketiers, »und ich wünsche Eurer Majestät Glück dazu. Aber ich bin kein Staatsmann. Ich sehe nur eins: Mazarins Regierung ist vorbei, nun wird die der Finanzkünstler angehen. Die haben das Geld in Händen. Eure Majestät wird keins zu sehen bekommen.«

Es klopfte an die Tür und Colbert trat mit einem Aktenbündel herein. – »Entschuldigen Sie mich auf einen Augenblick, Chevalier,« sprach der König. »Ich habe mit dem Herrn hier zu reden. Sie kennen sich doch beide, wie?« – Die beiden Männer sahen sich an: d’Artagnan mit offnem, funkelndem Auge; Colbert mit zusammengekniffenen Lidern. – »Aha, das ist der Herr, der das schöne Wagstück in England vollführt hat,« sagte der Staatsmann. – »Und das ist Herr Colbert,« sagte der Gaskogner, »der den Schweizern die Silbertressen entzogen hat. Eine lobenswerte Sparsamkeit!«

»Nun, Colbert,« fragte der König, »ist die Untersuchung beendet? Wie ist das Resultat?« – »Es ist auf Einziehung der Güter und auf Todesstrafe erkannt worden,« antwortete Colbert. – »So!« sagte Ludwig, sehr befriedigt. »Es handelt sich um gewissenlose Finanzpächter, Chevalier,« wendete er sich mit Hoheit und scharfer Betonung an d’Artagnan, »die mich jahrelang betrogen haben und die ich nun vor Gericht stellen ließ.« – Der Chevalier machte kein Hehl aus seiner Verblüffung. Im selben Moment aber sagte Colbert: »Majestät, die Sache hat ihre Schwierigkeiten, und vielleicht ist die Strafvollziehung ganz unmöglich. Die beiden Verurteilten sind gute Freunde einer sehr hochstehenden Person, und ein Angriff gegen die Finanzpächter ist zugleich ein Angriff gegen das Finanz-Ministerium.« – Ludwig errötete; er sah d’Artagnan an und glaubte in dessen Gesicht ein leises Lächeln der Ironie zu erkennen. Sofort ergriff er die Feder und unterschrieb die beiden Urteile.

»Herr Colbert,« sagte er streng, »wenn Sie künftig von Geschäften mit mir reden, so streichen Sie das Wort Schwierigkeit aus Ihren Vorschlägen. Das Wort Unmöglichkeit will ich überhaupt nicht mehr hören. Auf welchen Betrag belaufen sich die Konfiskationen?« – »Auf fünf Millionen, Majestät.« – »Folglich sind jetzt in meiner Privatschatulle?« – »Insgesamt 18 Millionen,« antwortete Colbert. – »Alle Wetter!« dachte d’Artagnan, »das ist ’ne hübsche Summe.« – »Haben Sie an Seine Majestät den König von England schon gemeldet, daß ich in die Vermählung seiner Schwester Henriette mit meinem Bruder willige?« – Dies war längst geschehen, und der König fragte nur, um unter der Hand d’Artagnan davon in Kenntnis zu setzen. Colbert verneigte sich stumm, und der König entließ ihn.

»Nun wieder zu unserer Sache!« fuhr der König fort, als wenn nichts vorgefallen wäre. »Sie haben gesehen, es ist manches anders geworden. Sie sagten in Blois, Sie seien nicht reich.« – »Jetzt bin ich es, Majestät.« – »Ja, doch das kümmert mich nicht. Sie leben von Ihrem Gelde, nicht von meinem. Und kurz und gut, wären Sie mit einem Jahressolde von 20 000 Livres zufrieden –?« – D’Artagnan machte große Augen. – »Wozu noch vier Pferde geliefert und außerordentliche Zuschüsse je nach Bedürfnis gewährt werden sollen?« fragte Ludwig weiter, »oder würden Sie es vorziehen, gegen einen höheren Gehalt alle Kosten auf sich selbst zu nehmen? In diesem Falle würden wir sagen, 40 000 Livres jährlich?« – »Majestät!« – »Sie sind erstaunt – das habe ich erwartet. Ihre Antwort?« – »20 000 jährlich ist sehr viel –« – »Sie wären also damit zufrieden? Gut! es ist auch besser, die einzelnen Ausgaben bei besonderen Anlässen von Fall zu Fall anzurechnen. Darüber setzen Sie sich dann mit Colbert auseinander. Hier ist Ihr Bestallungsbrief. Sie sind General-Kapitän der Musketiere am Hofe des allerchristlichsten Königs – und Sie wissen, daß über diesem Range nur noch der Marschall steht. Kein Wort, Chevalier! Sie treten Ihren neuen Dienst sogleich an. Seit Ihrer Abreise herrscht sowieso keine Mannszucht mehr unter den Musketieren. Sie werden Ordnung schaffen, sind stets um meine Person und begleiten mich bei der Armee.« – »Dann brauchen Majestät mir keine 20 000 Livres zu zahlen,« versetzte d’Artagnan fast barsch. »Der Dienst ist das Geld nicht wert.« – »Aber mein General-Kapitän soll standesgemäß auftreten können, repräsentieren, ein großes Haus halten –« – »Ich will kein gefundenes Geld, ich will mein Geld verdienen,« erwiderte der Chevalier. »Was ich da machen soll, das macht Ihnen jeder Faulenzer für 4000 Livres.«

Ludwig XIV. lachte. »Die Gaskogner haben’s hinter den Ohren,« sagte er. »Sie entlocken mir mein Geheimnis, Chevalier.« – »Majestät haben ein Geheimnis?« antwortete d’Artagnan. »Dann nehme ich die 20 000; denn ich werde es heilig halten, und Verschwiegenheit ist heutzutage fast unbezahlbar. Wollen Majestät zu sprechen geruhen.« – »Nun denn, Sie müssen in zwei Tagen reisefertig sein.« – »Wohin senden mich Majestät?« – »Nach der Bretagne. Können Sie eine wirkliche Festung von einer einfachen Befestigung, wie unsere Vasallen sie aufführen dürfen, unterscheiden?«

»Wie einen Panzer von einer Käserinde, Majestät. Genügt das?« – »Ich denke wohl, Chevalier. Sie müssen allein reisen und dürfen nicht einmal einen Diener mitnehmen; denn Sie werden wohltun, sich hin und wieder selbst als Lakai zu verkleiden. Ihre Physiognomie ist in Frankreich ziemlich bekannt. In der Bretagne ziehen Sie die Kreuz und die Quer und besichtigen alle Befestigungen des Landes. Mit Belle-Ile-en-mer machen Sie den Anfang.«

»Die gehört doch Herrn Fouquet,« meinte d’Artagnan mit einem Blick auf den König. »Was soll ich da erforschen. Ob’s ein guter Platz ist, ob die Befestigungswerke neu oder alt sind, ob die Vasallen des Oberintendanten eine ausreichende Besatzung bilden?« – »Getroffen! Und wenn dort keine Fortifikationen aufgeführt werden, halten Sie an andern Plätzen der Bretagne Umschau.« – »Hm,« meinte d’Artagnan, sich den Schnurrbart streichend, »ich bin also ein königlicher Spion.« – »Nein, Sie spionieren nicht, Sie rekognoszieren nur,« antwortete Ludwig XIV., »es ist genau dasselbe, als wenn Sie in Feindesland an der Spitze meiner Musketiere das Gelände aufklärten.« – »Und wenn nun tatsächlich Befestigungen gebaut werden?« – »Dann zeichnen Sie mir einen genauen Plan der Werke.« – »Wird man mich auch einlassen?« – »Das ist Ihre Sorge. Ich habe Ihnen ja auch einen Zuschuß zu den 20 000 Livres, je nach Bedürfnis zu erheben, gewährt.« – »Sehr wohl, Sire. Und wenn nicht befestigt wird?« – »Dann können Sie ganz gemächlich heimkehren.« – »Majestät, ich bin bereit.« – »Den Anfang machen Sie damit, daß Sie sich morgen beim Oberintendanten melden und sich das erste Viertel Ihres Gehalts auszahlen lassen. Er wird Ihnen die Zahlung verweigern, und eben darauf kommt es mir zuvörderst an. Wenn man Ihnen das Geld nicht geben will, holen Sie es sich bei Colbert. Dann brechen Sie in der Nacht auf, denn niemand darf Sie sehen. Es kann sein, Sie werden gefangengenommen –«

»Das ist nicht anzunehmen.« – »Es kann sogar sein, Sie kommen ums Leben –« – »Das ist noch weniger wahrscheinlich.« – »Im erstern Falle bewahren Sie mein Geheimnis, im letztern sorgen Sie dafür, daß man keine Papiere bei Ihnen findet, die mich verraten könnten. Und nun adieu, Chevalier.« – D’Artagnan steckte die Anweisung auf ein Viertel seines Gehalts in die Tasche und kehrte nach Hause zurück.

4. Kapitel. Fouquet

Um dieselbe Zeit, da diese Unterredung im Louvre stattfand, ereignete sich ein anderes Gespräch zwischen Personen, die dem Gegenstande jener Unterredung sehr nahestanden: nämlich zwischen dem Oberintendanten und einem seiner Vertrauten. Der Finanzminister hatte schon erfahren, daß man gegen zwei seiner Freunde gerichtlich vorgegangen war, und schwebte in größter Besorgnis, als Gourville, sein Sekretär, in sein Arbeitszimmer hereinstürzte mit dem Rufe: »Gnädigster Herr, eine furchtbare Neuigkeit!« – »Was gibt es denn? Ich will ungestört sein –« – »Euer Gnaden, es besteht eine geheime Justizkammer.« – »Das weiß ich – auf dem Papier.« – »Nein, sie ist schon zusammengetreten, ja sie hat schon zwei Urteile gefällt, und zwar zwei Todesurteile.« – Der Minister schnellte von seinem Sitze auf. »Gegen wen?« rief er erbleichend. – »Gegen Lyodot und d’Eymeris.« – »Sie irren sich, das ist unmöglich!«

»Hier ist die Abschrift – der König soll heute unterzeichnen.«

Fouquet nahm das Papier, las es und gab es zurück. »Aber er wird nicht unterzeichnen,« sagte er. – Gourville schüttelte den Kopf. »Euer Gnaden, Colbert ist ein gefährlicher Ratgeber –« – »Schon wieder Colbert!« rief Fouquet außer sich. »Warum muß ich fortwährend diesen Namen hören? Das ist zuviel des Lärms von einer so unbedeutenden Person. Ich werde dem Mann gegenübertreten und ihn zermalmen.« – »Gnädigster Herr, Colbert hat bereits zwei Galgen bestellt, und ich werde erfahren, ob diese aufgestellt werden. Denn das wäre der Beweis –« – »Daß der König unterzeichnet hat –« beendete Fouquet. »So weit wird es nicht kommen! Ihr irrt euch alle. Vorgestern erst war Lyodot bei mir, und vor drei Tagen noch erhielt ich von dem armen d’Eymeris eine Sendung Wein.« – »Sie sind inzwischen verhaftet worden, und es wird jetzt eben in den Straßen von Paris öffentlich ausgerufen.« – »Dann muß ich zum König!« rief Fouquet. »Aber ehe ich in den Louvre gehe, will ich aufs Rathaus – ist das Urteil unterzeichnet, dann werden wir sehen –«

Er war im Begriff, fortzueilen, als Gourville ihn aufhielt mit den Worten: »Euer Gnaden, Abbé Fouquet ist da.« – »Mein Bruder?« rief der Minister ärgerlich. »Dann steht es schlecht mit mir. Mein Bruder kommt immer nur, wenn es gilt, mir eine unangenehme Mitteilung zu machen.« – »Sie tun ihm Unrecht,« antwortete Gourville. »Er will nur Geld.« – »Schon seit zwei Jahren zahle ich ihm alle Monate 100 000 Taler. Wo soll das hinführen? Fort mit ihm, ich habe keinen Sou mehr.« – »Gnädiger Herr, es hat selbst der schlechteste Mensch seine nützliche Seite.« – »Was? Haben etwa auch die Banditen, die der Abbé besoldet, ihre nützliche Seite?« – »Es können Umstände eintreten, wo man froh sein wird, sie bei der Hand zu haben. Ich rate Ihnen, sich nicht mit 120 Strauchdieben zu überwerfen, die im Notfalle eine Schar von 3000 Soldaten zu ersetzen imstande sind.« – Fouquet sah seinen Vertrauten mit einem vielsagenden Blick an. »Gut,« antwortete er. »Laß den Abbé herein.«

Mit tiefen Bücklingen erschien ein etwa 45 Jahre alter Mann, halb Pfaff, halb Kriegsmann, ein auf den Abbé gepfropfter Raufbold. Er trug kein Schwert – aber man konnte unschwer erkennen, daß er Pistolen bei sich führte. – »Was wünschen Sie, Herr Abbé?« rief der Minister. – »So spricht ein Bruder zum Bruder?« antwortete der Abbé. – »Ich habe es eilig.« – »Ich muß heute abend eine Spielschuld von 300 Pistolen bezahlen,« fuhr der Abbé fort, »tausend Pistolen an einen Fleischer, der nicht mehr borgen will, 1200 an den Schneider, der für meine Leute keine Livree mehr liefern will.« »Soviel an einen Schneider?« rief der Minister. »Dafür kann man eine Masse Kleider machen.« – »Ich unterhalte auch 100 Mann. Das ist keine Kleinigkeit.«

»Wozu 100 Mann?« rief der Oberintendant. »Bist du etwa Richelieu? Wozu 100 Mann?« – »Höre ich recht?« versetzte der andere. »So kannst du fragen, Bruder? Ich für mich allein brauche keinen Menschen, aber du hast ja so viele Feinde, da genügen kaum 100 Mann, dich zu verteidigen. 10 000 müßte ich haben. Die Leute sorgen dafür, daß an öffentlichen Stellen niemand gegen dich zu sprechen wagt.« – »Ich wußte gar nicht, daß ich an dir einen solchen Beschützer habe,« sagte Fouquet. – »Es wird dir jetzt mehr nottun als je, solche Helfershelfer zu haben,« rief der Abbé. »Denn jetzt tritt ein Colbert gegen dich auf, da heißt es seinen Mann stehen. Erst gestern kam es auf der Straße zu einem Handgemenge, weil die Menge Colbert hochleben ließ. Da hat einer meiner Leute, ein gewisser Menneville – er ist erst seit kurzem in meiner Schar, bewährt sich aber sehr gut – einen der Schreier niedergestochen. Das hat einen Höllenlärm gegeben, aber zuletzt blieb doch Fouquet Sieger über Colbert. So verwende ich das Geld, das du mir gibst, und auf diese Weise verteidige ich die Familienehre.« – »Gut,« sagte Fouquet, »laß dir von Gourville deine Rechnung bezahlen und bleib heute abend zum Souper bei mir. Gourville,« sagte er dann in leisem Tone, »laß anspannen, ich fahre zum Rathaus.«

Eine Schar von Gästen – Aristokraten, Künstler, Dichter, Gelehrte und Schmarotzer – versammelte sich im Palais des Ministers, während der Hausherr in den Wagen stieg und mit Gourville nach Paris jagte. Allein als sie in die Nähe des Grèveplatzes kamen, begegnete ihnen ein Lastfuhrwerk, auf dem zwei mit Ketten aneinander befestigte Galgen standen. Eine Bande von Vagabunden und jugendlichen Schreiern gab dem Wagen das Geleit. – »Sie sehen,« sagte Gourville, »es ist entschieden.« – »Zum Louvre!« rief Fouquet. – »Fahren Sie nicht hin, gnädigster Herr,« antwortete Gourville. – »Ich soll meine Freunde verlassen?« entgegnete der Minister. »Ich bin imstande zu kämpfen und soll die Waffen strecken?« – »Sind Sie imstande, das Ministerium in diesem Augenblick niederzulegen?« wandte sein Vertrauter ein. – »Aber meine Freunde dürfen nicht sterben.«

»Wenn Sie einmal im Louvre sind, müssen Sie entweder Ihre Freunde verteidigen, das heißt sich mit ihnen gleichstellen, oder sie einfach fallen lassen. Eine andere Wahl wird Ihnen der König nicht lasten. Deshalb muß fürs erste jeder Zusammenstoß mit Ludwig XIV. vermieden werden. Für Ihre Person brauchen Sie nichts zu fürchten. Sie haben 150 Millionen und sind damit mehr als der König. Kehren Sie nach Saint-Mandé zurück.« – »Zurück nach Saint-Mandé!« rief Fouquet.

Die Ankunft des Ministers wurde von den versammelten Gästen mit Freude begrüßt; aber diejenigen, die ihn genau kannten, merkten, daß er in unruhiger Stimmung war. Vergebens zwang er sich zur Heiterkeit; das Bewußtsein, daß mit jeder Stunde die Entscheidung näherrückte, daß ein Entschluß gefaßt, eine Tat vollbracht werden müsse, drückte ihn nieder. Das Tischgespräch drehte sich um das Testament Mazarins und um die Ernennung Colberts zum Kontrolleur der Finanzen, und da an dieser Tafel nur Leute anwesend waren, die zu Fouquets Partei gehörten und von seinem Gelde lebten, so ließ man an Colbert kein gutes Haar. Dennoch bewahrten Fouquet und seine intimeren Freunde in ihren Aeußerungen eine große Vorsichtigkeit, und selbst der Abbé Fouquet, der kein Blatt vor den Mund zu nehmen pflegte, verhielt sich abwartend.

Nach dem Diner gab es ein Feuerwerk, das die Mehrzahl der Gäste in den Garten lockte. Fouquet benutzte die Gelegenheit, um mit seinen vertrautesten Freunden zu sprechen. Sein Bruder trat ans offene Fenster und beobachtete die draußen sich vergnügende Schar, um aufzupassen, daß kein weniger Berufener hereinkäme und etwa ein paar Brocken des Gesprächs aufschnappe. – »Meine Herren,« begann der Minister, »vermissen Sie nicht heute zwei unserer besten Freunde?«

»Ganz recht,« bemerkte Pelisson, der in alle Geheimnisse des Oberintendanten eingeweiht war, »die Herren Lyodot und d’Eymeris.« – »Wir werden sie nie wiedersehen,« fuhr der Minister fort, »denn beide müssen sterben.« – »Was?« rief Pelisson, »und vor ein paar Tagen sah ich sie noch frisch und munter. Wie rasch doch eine Krankheit –« – »Es ist keine Krankheit,« unterbrach ihn Fouquet. »Und doch haben sie nur noch eine Nacht zu leben. Sie sollen an den Galgen.«

Ein Schrei des Entsetzens erklang aus aller Munde. Im selben Moment stiegen prasselnd die ersten Raketen des Feuerwerks über die dunkeln Baumwipfel empor. – »Meine Herren,« sprach Fouquet in dumpfem Tone, »Colbert hat meine beiden Freunde verhaften und zum Tode verurteilen lasten. Eben stellt man die Galgen auf dem Grèveplatze auf. Was soll ich tun?« – »Wir hauen Colbert in Stücke!« rief der Abbé. – »Sie müssen mit Seiner Majestät reden,« sagte Pelisson. – »Die Hinrichtung darf nicht stattfinden,« ließ sich Chanost, der Schwiegersohn des Ministers, vernehmen. – »Man muß den Gouverneur der Bastille bestechen,« meinte Gourville. »Er kann in dieser Nacht noch die Gefangenen entkommen lassen.«

Fouquet drehte sich um. »Laß wieder anspannen, Gourville!« rief er. »Wir fahren nach Paris. Pelisson kommt mit. Erwarten Sie mich hier, meine Herren!« Und mit Gourville und Pelisson hinwegeilend, murmelte er: »Für eine Million wird er zu haben sein.« – »Und sind die Gefangenen entkommen,« setzte Pelisson hinzu, »so versammeln wir alle Feinde Colberts und beweisen dem König, daß diese geheime Justizkammer eine Uebertreibung ist, die ihm selbst ebenso gefährlich werden kann wie uns.« – Im selben Augenblick fiel ein Funkenregen des Feuerwerks auf einen nahen Wald, und ein paar Bäume gerieten in Brand. Geigenspiel unterbrach die nächtliche Stille.

Die Pferde brausten wie ein Sturmwind davon. Kein Hindernis stellte sich ihnen entgegen. Sie fuhren in die Stadt und brauchten auf den zu so später Stunde menschenleeren Straßen kaum ihre Geschwindigkeit zu verringern. Vor der Conciergerie machten sie halt. Denn da es bis zur Hinrichtung, die am frühen Morgen stattzufinden hatte, nur noch wenige Stunden waren, so mußten die Verurteilten inzwischen schon von der Bastille nach der Conciergerie, dem letzten Aufenthaltsort aller Delinquenten, geschafft worden sein. Man traf den Gouverneur der Conciergerie noch wach, er schritt im Hofe auf und ab und begrüßte den Minister mit dem Hut in der Hand. – »Welche Ehre für mich, gnädigster Herr!« sagte er, sich verbeugend. – »Ein Wort, Herr Gouverneur. Ich komme, Sie um eine Gefälligkeit zu bitten,« begann Fouquet ohne Umschweife, wie ein Mann, der gewohnt ist, gerade aus sein Ziel loszugehen, weil er sich im Besitz sicherer Mittel weiß, es zu erreichen. »Um eine Gefälligkeit, die kompromittierend ist, von mir aber mit Gold aufgewogen wird. Ich biete Ihnen für zwei Ihrer Gefangenen eine Million. Lasten Sie in dieser Nacht die Herren Lyodot und d’Eymeris entweichen.«

Der Beamte zuckte die Achseln. »Die sind nicht mehr hier,« antwortete er. – Fouquet wurde totenbleich. – »Was sagen Sie?« – »Die beiden Gefangenen sind seit einer Viertelstunde fort. Man hat sie auf Befehl des Königs in den Schloßturm von Vincennes gebracht.« – Fouquet sprach kein Wort weiter. Er rannte zum Wagen zurück und warf sich stöhnend in die Polster. »Unsere Freunde sind verloren,« rief er. »Colbert hat sie in den Turm von Vincennes gesperrt.« – Pelisson war wie vom Donner gerührt. »Wohin nun?« fragte er. – »Sie fahren nach Saint-Mandé zurück und schicken mir meinen Bruder her. Er soll so rasch wie möglich in meinen Pariser Palast kommen,« antwortete Fouquet.

Es war schon späte Nacht, als der Abbé zu seinem Bruder kam. Fouquet ging in rasender Ungeduld auf und nieder, Gourville versuchte umsonst ihn zu beruhigen. »Abbé,« rief der Oberintendant seinem Bruder entgegen, »du sprachst von gewissen Leuten, die in deinem Solde stehen. Kannst du auf sie zählen?« – »Sie stecken Paris für mich in Brand,« antwortete der Abbé. – »Höre, was ich verlange,« fuhr Fouquet fort, sich den Schweiß von der Stirn wischend, »versammle deine 120 Mann, Abbé, und halte sie morgen, Punkt zwei Uhr, auf der nach Vincennes führenden Straße kampfbereit.« – »Ich errate es,« unterbrach ihn der Bruder. »Lyodot und d’Eymeris sollen entführt werden. Es wäre aber wirklich besser, man ließe dem König diese kleine Genugtuung und verhielte sich ruhig.« – »Das geht nicht. Der Tod dieser beiden wäre ein Vorspiel meines Ruins,« versetzte der Oberintendant. »Wenn ich aber falle, so fällst du, so fallt ihr alle. Sie müssen gerettet werden. Und du sollst sie dem Feinde entreißen, wird sich’s machen lassen?« – »Selbstverständlich,« antwortete der andere. »Es ist ja ganz einfach. Die Wache bei Hinrichtungen besteht gewöhnlich aus 12 Mann. – »Sie wird morgen aus 100 bestehen,« warf der Minister ein. – »Darauf bin ich gefaßt,« fuhr der kriegerische Pfaffe fort. »Ich nehme sogar an, zweihundert. Allein unter einer Menge von Zuschauern sind immer 10 000 Banditen, die auf eine Gelegenheit zum Losschlagen und Plündern warten, die sich nur nicht getrauen, den Anfang zu machen. Meine 120 Mann werden also morgen auf dem Grèveplatz Hilfstruppen finden. Die Gefangenen bringen wir in ein Haus. Einige der Häuser haben zwei Ausgänge, und ich kenne im besondern eins ganz genau, das einen zweiten Ausgang nach dem Baudoyerplatze hat. Es ist ein gut besuchtes Gasthaus. »Notre-Dame« nennt es sich. Nun, die Gefangenen gehen zur einen Tür hinein, zur andern hinaus.« – »Das ist eine gute Idee. Gourville, zahlen Sie dem Abbé 100 000 Livres, damit er seine Leute in die nötige Stimmung versetzen kann. Gilt es doch, gegen den König zu kämpfen, und in einem solchen Kampfe will man auch siegen.« – »Gnädigster Herr,« antwortete Gourville. »wenn es herauskommt, legt man uns den Kopf vor die Füße.« – »Mein Kopf sitzt noch fest auf den Schultern,« rief Fouquet stolz. – »Man wird den wahren Zusammenhang nicht durchschauen,« sagte der Abbé. »Ich lasse meine Leute rufen: ›Es lebe Colbert‹, und dann sollen sie über die Verurteilten herfallen, als wenn sie sie in Stücke zerreißen wollten.« – »Das läßt sich hören,« stimmte Gourville bei. »Sie haben eine reiche Phantasie, Herr Abbé.« – »Wenn es gilt, die Familienehre zu retten,« versetzte der Abbé, sich in die Brust werfend.

5. Kapitel. Der Kampf auf dem Grèveplatze

D’Artagnan hatte sich reisefertig gemacht und von seinem Freunde Athos Abschied genommen. Gemäß der Einteilung, die er sich für die ihm bis zum Aufbruch noch übrigen Stunden zurechtgelegt hatte, begab er sich nun, begleitet von Rudolf, mit dem er ein paar Tagereisen zusammen machen wollte, nach dem Wirtshause ›Notre-Dame‹, um von seinem Pächter den fälligen Mietszins einzukassieren. Er hatte gehört – denn die Ausrufer hatten es in der ganzen Stadt verkündet – daß zwei betrügerische Finanzpächter, zwei Erzdiebe und Halsabschneider, am frühen Morgen dieses Tages auf dem Grèveplatz vom Leben zum Tode befördert werden sollten, und wollte nun diese günstige Gelegenheit, die sicherlich seinem Pächter eine volle Gaststube verschaffen würde, benützen, sich sein Geld von ihm zahlen zu lassen. Als der Chevalier und Rudolf auf dem Grèveplatz anlangten – es war gegen halb 2 Uhr nachts – wimmelte es dort schon von Menschen, und es war schwer vorwärtszukommen. Sie bahnten sich mit Ellbogen und Degengefäß mühsam einen Weg durch die Kopf an Kopf gedrängte Menge und erreichten endlich den Eingang zu dem Wirtshaus ›Notre-Dame‹.

Der Chevalier musterte mit Befriedigung die vollen Bänke. »Da hat der Wirt keinen Vorwand,« sagte er zu Rudolf, »mir die Pacht nicht zu zahlen. Volles Haus, volle Börse.« – »Und all dieses Volk ist nur da, um zwei arme Kerle baumeln zu sehen. Pfui Teufel!« murmelte Rudolf. – D’Artagnan hielt den Wirt, der geschäftseifrig hin und her lief, am Schürzenzipfel fest. – »Ah, Sie sind’s, Herr Chevalier!« rief der Mann. »Nur einen Augenblick! Hier sind hundert durstige Seelen – ich kann nicht genug herbeischaffen. Ihr Pachtgeld liegt oben, aber in dem Zimmer sitzen auch dreißig Kumpane, die seit heute früh ein Fäßchen Portwein ausgetrunken haben. Eine Minute, Herr Chevalier!« – »Ich gehe fort,« sagte Rudolf, »das alles ist mir zuwider.« – »Du bleibst, Junge,« versetzte d’Artagnan. »Ein Soldat muß sich an alles gewöhnen. Ein jugendliches Auge muß sich abhärten. Wir treten dort in den Hof unter den hohen Baum, da haben wir frische Luft.«

Hätte der Chevalier sich als Vorposten aufstellen wollen, so hätte er keinen günstigeren Platz wählen können. Von hier aus entging ihnen nichts – ja, sie hörten jeden Ausruf, sahen jede Gebärde der Zecher im Gasthause. – »Die Delinquenten werden gleich kommen,« sagte Rudolf. »Sie haben den Wirt wieder laufen lassen, und wir werden nun doch warten müssen, bis die Hinrichtung vorüber ist. Das ist mir gar nicht lieb. Ich sehe so etwas nun einmal nicht gern.« – »So schau nach der andern Seite,« sagte d’Artagnan und betrachtete mit argwöhnischem Blick einen kriegerisch aussehenden Mann, der eben an ihnen vorbeischritt und in das Gasthaus trat. Das Schreien und Toben drinnen hörte auf, die Zechenden scharten sich um den Ankömmling, der eine Ansprache an sie zu halten schien. Dann entfernten sich die Leute gruppenweise, und nur sechs von ihnen blieben zurück. Während der Unbekannte den Wirt auf die Seite zog und ein ernstes Gespräch mit ihm führte, zündeten die sechs Männer ein großes Feuer im Kamin an, was bei dem warmen Wetter dieses Tages sehr auffallend war.

»Sonderbar,« meinte d’Artagnan, »diese Gesichter kommen mir bekannt vor.« – »Riecht es nicht nach Rauch?« fragte Rudolf. – »Ja, es scheint brenzlig werden zu wollen,« murmelte der Chevalier. »Das sieht fast aus wie Verschwörung.« – Im selben Augenblick traten vier der Zurückgebliebenen in den Hof und stellten sich, scheinbar unabsichtlich, bei der Verbindungstür auf. Sie sahen ganz aus, als wollten sie Schildwache stehen. – »Du, Rudolf,« flüsterte der Chevalier. »Hier liegt was in der Luft.« – Er zog mit diesen Worten seinen jungen Freund in die Gaststube. Als die beiden letzten Gäste sie eintreten sahen, stießen sie einander an. »Verstärkung!« flüsterte einer von ihnen. – »Ja, Kameraden, Verstärkung,« sagte d’Artagnan, sich umdrehend. »Ein brillantes Feuer! Was soll denn da gekocht werden?« – Die beiden Kerle lachten laut auf, antworteten aber nicht, sondern legten nur noch mehr Holz auf. – d’Artagnan gab Bragelonne einen Wink, und beide traten wieder an das Fenster.

Der große Platz war ganz mit Menschen angefüllt. Die dichtgedrängten Köpfe wogten wie Aehren auf einem weiten Kornfelde. Bis dicht an die Hellebardiere hin, die das Schafott umringten, schob sich die Menge vor, und hin und wieder ließen die Soldaten das Eisen ihrer Waffen auf die Köpfe der Menschen niederfallen, wenn sie gar zu zudringlich wurden. Außer diesen Soldaten sah man noch an einer Stelle mitten unter der Menschenmenge eine Gruppe von etwa fünfzig Musketieren. D’Artagnan erkannte sie und sah zu seiner Beruhigung, daß sie in Rufweite von ihm standen. In der Nähe der Galgen machte sich ein lärmender Haufe bemerkbar, und weiterhin sah man hier und dort unter den einfältigeren Physiognomien der alltäglichen Zuschauer tollkühne, unternehmende Gesichter, die einander über die andern hinweg Zeichen gaben. In der dichtgedrängtesten Gruppe bemerkte d’Artagnan einen Mann zu Pferde, in dem er zu seiner Verwunderung Menneville erkannte, seinen Helfershelfer von früher. Ein dumpfes Gemurmel, das von einer andern Seite her erklang, lenkte jetzt seine Aufmerksamkeit von seinem alten Bekannten ab. Die Verurteilten kamen an, eskortiert von einer starken Abteilung berittner Soldaten, von der Menge mit einem tausendstimmigen Geschrei empfangen.

Die Männer in der Gaststube schürten das Feuer – Rudolf wandte sich mit einem Laut des Mißbehagens zur Seite. Die Todeskandidaten gingen zu Fuß, der Henker hinter ihnen her. Fünfzig Soldaten bildeten zu beiden Seiten Spalier. – »An den Strang mit ihnen, an den Strang. Es lebe der König!« schrie das Volk.

»Nein, weg mit dem Galgen! Es lebe Colbert!« erklang es dagegen. – »Was bedeutet das?« murmelte d’Artagnan. »Ich glaubte, sie würden auf Betreiben Colberts gehenkt.« – Es entstand ein Gedränge, das den Zug auf einen Augenblick zum Stillstand zwang. Als er wieder weiter vorrücken konnte, hatten sich die Leute mit den auffallend tollkühnen Gesichtern ganz dicht an die Soldaten herangedrängt. Und plötzlich fielen diese Kerle mit dem Ruf: »Es lebe Colbert!« über die Mannschaften her. Es gab im Nu ein fürchterliches Handgemenge. Die Hellebarden der Soldaten sausten auf die Köpfe hernieder, die Schwerter blitzten, Musketenschüsse fielen. Man sah nur noch eine verworrene Masse von Waffen, Armen und Köpfen, eine einzelne Gestalt zu unterscheiden war nicht mehr möglich. Die Verurteilten wurden den Soldaten entrissen und nach dem Gasthause geschleppt. Ein Höllenlärm begleitete die Verwirrung, in welchem man aber immer noch deutlich den Ruf heraushörte: »Es lebe Colbert!«

Das Volk war unschlüssig, ob es den Soldaten oder den Aufrührern helfen solle, denn es begriff nicht, weshalb die Aufrührer, die doch die Verurteilten zu befreien schienen, dabei schrien: »Nicht an den Galgen! Ins Feuer mit ihnen.« Wenn man sie doch töten wollte, wozu entriß man sie erst der Justiz? Schließlich tat aber doch der Ruf: »Bratet die Volksschinder lebendig!« seine Wirkung, der Pöbel strömte herbei, und als man gar im Gasthause einen Mann erblickte, der ein brennendes Holzstück schwang, wollte jedermann sich an der Vollstreckung dieses Lynchurteils beteiligen. Der Ruf: »Ins Feuer mit den Dieben!« wurde zur allgemeinen Parole.

»Jetzt wird’s ernst,« sagte d’Artagnan. – Im selben Moment hatte einer der Männer am Feuer einen Brand an das ausgedörrte Wandgetäfel und an die Türverkleidung gehalten, und alsbald loderte die Flamme auf, Rauch erfüllte das Zimmer. – Ohne ein Wort zu sagen, entriß d’Artagnan dem Schnapphahn das brennende Holz und schlug ihn damit mitten ins Gesicht. Den zweiten packte Rudolf um den Leib und warf ihn zum Fenster hinaus. Darauf riß er die brennende Bekleidung an der Wand herab und zertrat die Glut mit den Füßen. D’Artagnan überzeugte sich mit einem Blick davon, daß die Gefahr des Feuers beseitigt war, und eilte vor die Türe hinaus, auf die jetzt die Schnapphähne losstürmten, Menneville an der Spitze.

»Was wollt ihr hier?« schrie der Chevalier, das Schwert schwingend. – »Tod und Teufel, Herr d’Artagnan!« rief Menneville, ihn erkennend, »macht Platz!« – »In das Feuer mit den Dieben!« schrien seine Kameraden, schrie die Menge hinter ihnen. – »Musketiere, her zu mir!« brüllte d’Artagnan, und dieser Ruf, mit dem er schon oft seine Schar zum Siege geführt hatte, tat auch diesmal seine Wirkung. Die Soldaten erkannten daran ihren Befehlshaber. Gleichzeitig warf d’Artagnan sich mit erhobenem Schwerte den Anstürmenden entgegen, Rudolf folgte seinem Beispiel. Der erste, der fiel, war Menneville, von einem Schwerthiebe des Chevaliers niedergestreckt. »Sagte ich dir nicht, du solltest ein anständiger Mensch werden?« rief d’Artagnan, indem er ihm den Schädel einschlug. Nun arbeiteten die beiden Recken, der junge und der alte, wie Riesen, wie Erzengel mit Flammenschwertern, und jeder Streich warf einen Feind darnieder. »Im Namen des Königs!« riefen sie, und dieser neue Ruf wurde zur Losung des Siegers. Von hinten rückten die Musketiere und die Soldaten der Wache unwiderstehlich vor, die Reihen des Volks kamen ins Wanken, lösten sich auf und stoben schließlich zur Seite, wie Wellen des Meers vor dem vorwärtsdringenden Schiffsschnabel. Die Schnapphähne mußten ihre Sache verloren geben, ließen die Delinquenten im Stich und suchten sich zu retten. Das Feuer im Ofen wurde nun mit Wasser gelöscht, und die Todeskandidaten vollendeten den Weg zum Galgen. In einer Minute hatte der Henker seine Arbeit getan.

Es war ruhig auf dem Platze; kein Mensch war mehr zu sehen, außer den Soldaten, die sich zum Abmarsch fertig machten. Am Dreibein hingen die Leichen der Gerichteten. – »Kommen Sie nun aber endlich fort, Chevalier,« sagte Rudolf. – »Einen Augenblick!« antwortete d’Artagnan, »ich will nur erst noch meinen Mietszins einkassieren. Das Haus bringt zwar viel ein – aber ich möchte doch lieber eins in einem andern Stadtteil haben.«

6. Kapitel. Kein Geld für die Musketiere

Einer der flüchtenden Schnapphähne hatte sich auf ein Pferd geschwungen und war zum Palast des Finanzministers geritten, um dort Bericht über den Mißerfolg zu erstatten. Als Fouquet alles gehört hatte, schritt er in furchtbarer Niedergeschlagenheit auf und ab, sein Bruder und Gourville bewahrten das schmerzliche Schweigen der vollsten Enttäuschung. Endlich rief der Abbé: »Also der Eigentümer des Hauses! Das war der eingefleischte Teufel, der die Sache unserer Feinde zum Siege führte. Wie heißt der Eigentümer dieses Hauses? Wem gehört das Wirtshaus ›Notre-Dame‹? Das muß ergründet werden, denn dieser Mensch soll es büßen, daß er uns den Spaß so schändlich verdorben hat.«

»Still!« unterbrach ihn der Finanzminister. »Keine Anklagen, gegen wen es auch sei! Ich allein bin schuld daran, ich hätte mich nicht auf fremde Leute verlassen sollen. Geh jetzt, Bruder, und verschone mich mit deinem Besuch, bis ich dich rufen lasse. Wir haben viel Stillschweigen und Vorsicht nötig. Also keine Gewalttat! Ich verbiete es dir!« – Der Abbé verneigte sich, und Fouquet wollte eben mit Gourville hinausgehen, als der Türsteher hereintrat und meldete: »Chevalier d’Artagnan!«

»Wer ist das?« rief Fouquet geringschätzig. – »Ein königlicher Musketier-Leutnant außer Dienst,« sagte Gourville, »der vielleicht seine Pension einkassieren will.«

»Er soll zum Teufel gehn!« rief Fouquet. »Was kommt er zu so ungelegner Zeit?« – »Erlauben Sie, gnädiger Herr, daß ich ihn abfertige,« sagte Gourville. »Ich kenne den Mann, und wie es jetzt mit uns steht, ist es besser, solche Männer zu Freunden statt zu Feinden zu haben.« – »Antworten Sie ihm, was Sie wollen,« warf Fouquet hin, im Begriff hinauszugehen. – »Antworten Sie ihm, es sei kein Geld da,« sagte der Abbé, »am wenigsten für die Musketiere.«

»Kein Geld für die Musketiere!« ließ sich jetzt d’Artagnan vernehmen, mitten in die Tür tretend. »Das wußte ich, und weiter wollte ich hier auch nichts hören. Das wollte ich mir nur bestätigen lassen. Nun gehe ich zu Colbert.« – Er drehte sich auf dem Absatz herum und stampfte davon. – »Heißen Sie ihn bleiben, Gourville,« rief Fouquet, und der Sekretär eilte hinaus und nötigte den Chevalier zur Umkehr. – »Schnurrige Leutchen, diese Herren von der Finanz,« sagte dieser, wieder eintretend, »ich will bei Herrn Fouquet eine mir vom König angewiesene Summe abholen, und man empfängt mich wie einen Bettler oder wie einen Dieb, der das Silberzeug stehlen will.« – »Sie mußten nicht gleich sagen, Sie wollten zu Colbert gehn,« murmelte Gourville. – »Gerade sage ich es,« rief der Musketier, »und ich wiederhole es. Ich habe von Herrn Colbert Genugtuung zu fordern, denn mir ist mein Haus angezündet worden, und man hat dabei gerufen: ›Es lebe Colbert!‹«

Gourville stutzte. »So, so?« versetzte er. »Das war also Ihr Haus, das man auf dem Grèveplatz anzünden wollte? Sie sind also der Eigentümer des Wirtshauses Notre-Dame? Dann sind Sie ja wohl auch der tapfere Mann, der die Aufrührer verjagt und die Verurteilten zum Galgen geschleppt hat?« – »Und sie damit vor dem Tode in den Flammen errettete, jawohl,« antwortete d’Artagnan. »Ich habe den armen Teufeln zu einem leichtern Ende verholfen. Ist Ihnen bekannt, daß man sie lebendig braten wollte? Es übersteigt allen Glauben.« – Fouquet hatte schweigend zugehört. D’Artagnan wischte eine Blutspur von seinem Degen ab, die seiner Aufmerksamkeit entgangen war. »Ich muß um Verzeihung bitten,« sagte er dann, »ich habe nicht viel Zeit, wenn ich noch zu Herrn Colbert will, um mir dort mein Geld geben zu lassen.« – »Aber Sie können es ja auch hier bekommen, Herr Chevalier,« sagte nun Fouquet. »Ich habe schon viel von Ihnen gehört. Haben Sie eine Anweisung?« – D’Artagnan wies das Papier vor, und Fouquet trat mit ihm in ein Nebenzimmer.

»Sie haben zu fordern?« fragte er. – »5000 Livres.« – »Rückständigen Sold?« – »Nein, das erste Quartal meines Jahresgehalts.« – »Also zahlt Ihnen der König 20 000 Livres jährlich?« – »Finden Sie das vielleicht zuviel?« – »Keineswegs, bei Ihren Verdiensten,« antwortete Fouquet. »Wenn es nach mir ginge, würden Sie 100 000 jährlich erhalten und nicht dem König, sondern mir angehören.« – D’Artagnan war nicht unempfänglich für Schmeicheleien, namentlich, wenn sie in so seiner Form ausgesprochen wurden, wie jetzt diese seitens des Herrn Fouquet. Der Minister öffnete einen Schubkasten und nahm vier Geldrollen heraus. – »Das sind ja 20 000 Livres,« sagte d’Artagnan. – »Ich will Ihnen die Mühe ersparen, viermal aufs Ministerium zu kommen,« antwortete Fouquet. – »Sehr gütig, Herr Minister,« antwortete d’Artagnan. – »Nur meine Schuldigkeit,« sagte Fouquet. »Darf ich Sie noch um eine Gefälligkeit bitten?« fuhr er fort und zog einen Diamantring vom Finger, der seine tausend Pistolen wert sein mochte. »Diesen Stein erhielt ich von einem Jugendfreunde, dem Sie heute einen großen Dienst erwiesen haben. Sein Name war d’Eymeris.« – »Einer der Verurteilten?« – »Ja, und zum Dank für Ihren Dienst nehmen Sie bitte diesen Ring an. Ich habe heute einen Freund verloren und suche einen andern dafür zu gewinnen. Adieu, Herr Chevalier, oder vielmehr auf Wiedersehen!« rief Fouquet bewegt, erhob sich und eilte hinaus.

»Das begreife, wer kann,« brummte d’Artagnan, vor dem Gelde und dem Ringe stehend. »Mir ist nur eins klar, dieser Fouquet ist ein ganz netter Mensch. Das soll mir Colbert erklären.«

Colbert hatte inzwischen Bericht über die Vorfälle auf dem Grèveplatz erhalten und war in sehr schlechter Stimmung, zumal das Rätsel, weshalb bei diesem Aufruhr Hochrufe auf seine Person geschehen waren, sich in einer für ihn nicht eben schmeichelhaften Weise aufgeklärt hatte. Ueber d’Artagnans Teilnahme an dem Kampfe war er unterrichtet, und als er den Chevalier eintreten sah, rief er ihm entgegen: »Sie kommen zu spät, ich weiß schon alles.« – »Wieso, Herr Kontrolleur?« erwiderte der Gaskogner. »Ich komme nicht her, um Bericht zu erstatten.« – »Sie haben dabei aber doch eine Tat vollbracht, die der Erwähnung wert ist,« meinte Colbert. – »Bah,« sagte der Musketier trocken, »das Alltägliche hat zuletzt keinen Reiz mehr.« – »Nun, was führt Sie sonst zu mir?« – »Der König hat mir befohlen, mich bei Ihnen einzufinden.« – »In Geldangelegenheiten?« fragte Colbert, als er sah, daß d’Artagnan ein Papier hervorzog. – »Warten Sie einen Augenblick, ich habe nur eine kleine Sache zuvor zu erledigen.« – D’Artagnan aber machte kurz kehrt und schickte sich an hinauszugehen. Colbert war verblüfft; die Soldaten warteten sonst, wenn sie Geld holten, mit der größten Geduld. Wollte der Musketier vielleicht zum König gehen, sich beschweren und seine Heldentat erzählen? Es war doch wohl besser, ihn nicht zu erzürnen.

»Wie denn?« rief er. »Wollen Sie mich schon verlassen?« – »Na ja doch, wir haben uns nichts mehr zu sagen,« versetzte der Gaskogner. – »Aber Sie wollten doch Geld holen?« – »Keineswegs, das habe ich schon von Fouquet bekommen.« – Colbert erblaßte. – »Warum zeigen Sie mir dann dieses Papier vor?« fragte er. – »Der König hat mir befohlen, ein Viertel meines Jahresgehalts bei Fouquet einzukassieren. Majestät meinte, der Oberintendant würde sich weigern, es mir zu zahlen, und dann sollte ich zu Ihnen gehn. Nun war aber Fouquet doch bei Kasse, ja er hat mir nicht nur ein Viertel, sondern das ganze Jahresgehalt auf einmal ausgezahlt, nämlich 20 000 Livres.«

»Zwanzigtausend Livres!« rief Colbert, ebenso erstaunt über die Höhe der Summe, wie Fouquet. »Da bekommen Sie ja zehnmal mehr als ich.« – »Der König sagte, es sei ja wenig, aber er wollte es in Zukunft besser machen, wenn er erst reich wäre,« meinte d’Artagnan. – »Wie kommt der Minister dazu, Ihnen statt eines Viertels gleich das ganze Gehalt zu zahlen?« murmelte Colbert verdrießlich. »Dazu hatte er kein Recht. Zeigen Sie Ihre Anweisung mal her. Da, sehen Sie, Herr Chevalier – der König hat ausdrücklich geschrieben: 5000 Livres. Warum hat der Minister Ihnen mehr gegeben? – »Weil er eben wollte. Das geht niemand was an.« – »Sie sind mit dem Finanzwesen nicht vertraut – ich aber bin Kontrolleur des Finanzministers,« versetzte der Intendant in hochfahrendem Tone. »Fouquet hatte Ihnen nicht mehr zu zahlen, als der König Ihnen schuldig ist. Sie haben also 15 000 Livres an die Staatskasse zurückzuzahlen.« – »Ich zahle nie zurück,« antwortete d’Artagnan lachend. – »Der König ist auf sein Geld angewiesen.« – »Und ich auf das des Königs.« – »Dann wollen wir sehen, was Seine Majestät dazu sagen wird,« rief Colbert. »Ich zeige ihm diese Anweisung –« – »Oho!« rief der Gaskogner und entriß Colbert das Papier. »Das werden Sie nicht tun!« Und er steckte das Papier in die Tasche. – »Was fällt Ihnen ein, Chevalier!« rief Colbert wütend. – »Keine Aufregung!« versetzte d’Artagnan ironisch. »Ein Kriegsmann pflegt nicht lange zu fackeln. Küß die Hand!« Er lachte ihm ins Gesicht und ging hinaus.