IX.

Das Geheimniß Myladys.

D’Artagnan hatte das Hotel verlassen, statt sogleich zu Ketty hinaufzugehen, um hier die Stunde seiner Unterredung mit Mylady abzuwarten, und dies aus zwei Gründen: einmal vermied er auf diese Art die Vorwürfe, den Tadel und die Bitten des jungen Mädchens, und dann war es ihm nicht unangenehm, Zeit zu kalter Ueberlegung zu haben, um wo möglich in die Gedanken dieser Frau einzudringen.

Am klarsten war ihm dabei, daß er sich der Gefahr aussetzte, wahnsinnig in Mylady verliebt zu werden, und daß sie ihn im Gegentheil ganz und gar nicht liebte und nie lieben würde. Einen Augenblick sah er ein, daß es das Gescheiteste wäre, wenn er nach Hause kehrte, einen langen Brief schriebe und gestände, er und der Graf von Wardes seien für sie bis jetzt eine und dieselbe Person; er könne daher, wenn er sich nicht eines Selbstmordes schuldig machen wolle, die Verbindlichkeit nicht übernehmen, den Grafen von Wardes zu tödten, über den sie sich ihrer Behauptung nach zu beklagen habe; aber mit der Ueberzeugung, daß sie ihn haßte, und nur als ein feiles Werkzeug ihrer Rache betrachtete, das sie nach dem Gebrauch zerbrechen würde, kehrte auch das Verlangen, für sich selbst Rache zu üben, in sein Herz zurück. Er wollte diese Frau beherrschen, die mit ihm spielte und ihn als Mitschuldige an der Entführung von Madame Bonacieux in seiner reinen aufrichtigen Liebe verletzt hatte.

Er ging, durch entgegengesetzte Gefühle in Bewegung erhalten, fünf bis sechsmal auf der Place Royale umher, und wandte sich von zehn zu zehn Schritten zurück, um das Licht in Myladys Zimmer zu betrachten, das man durch die Jalousien erblickte; offenbar hatte die junge Frau diesmal weniger Eile, in ihr Zimmer zurückzukehren, als das erste Mal.

Endlich schlug es elf Uhr.

Bei diesem Getöne entwich alle Unentschlossenheit aus dem Herzen d’Artagnans. Er erinnerte sich der Einzelheiten der Unterredung, die so eben zwischen Mylady und ihm stattgefunden hatte, und in einer, unter solchen Umständen so häufig vorkommenden raschen Wendung des Entschlusses trat er mit klopfendem Herzen und entzündetem Kopfe in das Hotel und stürzte in Kettys Zimmer.

Das junge Mädchen wollte, bleich wie der Tod, an allen Gliedern zitternd, d’Artagnan zurückhalten, aber Mylady mit ihren lauernden Ohren hatte das durch seinen Eintritt verursachte Geräusch vernommen, öffnete die Thüre und hieß ihn hereinkommen.

D’Artagnan hatte seine Vernunft verloren, er glaubte von einer jener phantastischen Itriguen fortgezogen zu werden, wie sie uns im Traume vorkommen. Der Anziehungskraft weichend, welche der Magnet auf das Eisen ausübt, ging er auf Mylady zu.

Die Thüre schloß sich hinter ihm.

Ketty stürzte ebenfalls nach der Thüre.

Die Eifersucht, die Wuth, der beleidigte Stolz, alle Leidenschaften, welche sich in dem Herzen eines verliebten weiblichen Wesens streiten, trieben sie zu einer Offenbarung; aber sie war verloren, wenn sie zugestand, daß sie die Hände bei einer solchen Machination im Spiele gehabt hatte, und was mehr als Alles in Betracht kam, – d’Artagnan war für sie verloren; dieser letzte Liebesgedanke rieth ihr, noch ein Opfer zu bringen.

D’Artagnan überließ sich seiner Seite ganz der Eingebungen seiner Eitelkeit. Es war nicht mehr ein Nebenbuhler, den man in ihm liebte, sondern es hatte das Ansehen, als liebte man ihn selbst. Eine geheime Stimme sagte ihm wohl im Hintergrund seines Herzens, er sei nur die Waffe, die man liebkose, bis sie den Tod gegeben habe; aber der Stolz, die Eigenliebe, die Tollheit brachten diese Stimme zum Schweigen, erstickten dieses Gemurmel. Dann verglich sich der Gascogner vermöge seiner bekannten Dosis von Selbstvertrauen mit dem Grafen von Wardes und fragte sich, warum man nicht am Ende ihn selbst um seiner selbst willen lieben könnte.

Durch das Blendwerk dieser Gedanken war Mylady für ihn nicht mehr das Weib mit den unseligen Absichten, die ihn einen Augenblick vorher erschreckt hatten; sie war eine reizende Frau, welche die Liebe selbst zu fühlen versprach, die sie einflößte.

Aber Mylady, welche nicht dieselben Gründe zum Vergessen hatte, wie d’Artagnan, entzog ihn bald seinen Betrachtungen und rief ihn zu der Wirklichkeit dieser Zusammenkunft zurück; sie fragte ihn, ob die Maßregeln, welche am andern Tage einen Streit zwischen ihm und dem Grafen von Wardes herbeiführen sollten, bereits in seinem Kopfe festgestellt seien.

D’Artagnan jedoch, dessen Gedanken einen ganz andern Gang genommen hatten, vergaß sich wie ein Thor und antwortete schmeichelnd: in ihrer Nähe, wo er sich ganz nur dem Glück hingebe, sie zu hören und zu sehen, könne er sich unmöglich mit Duellen und Degenstößen beschäftigen.

Diese Kälte für das einzige Interesse, von dem sie in Anspruch genommen war, erschreckte Mylady, deren Fragen dringender wurden.

D’Artagnan hatte nie ernstlich an dieses Duell gedacht: er wollte dem Gespräch eine andere Wendung geben, aber es lag nicht in seinen Kräften.

Mylady hielt die Unterredung innerhalb der Gränzen, die sie zum Voraus mit ihrem unwiderstehlichen Geist und mit ihrem eisernen Willen festgesetzt hatte.

D’Artagnan hielt sich nun für sehr geistreich, indem er Mylady rieth, Wardes zu vergeben und auf ihre wüthenden Pläne Verzicht zu leisten.

Aber bei den ersten Worten, die er sprach, nahm das Gesicht der jungen Frau einen finsteren Ausdruck an.

»Habt Ihr vielleicht Furcht, lieber Herr d’Artagnan?« rief sie in einem spitzigen, spöttischen Tone, der seltsam in den Ohren des jungen Mannes klang. – »Das kann nicht Euer Ernst sein, meine theure Seele,« erwiderte d’Artagnan; »aber wenn dieser arme Graf Wardes am Ende minder schuldig wäre, als Ihr glaubt?« – »In jedem Fall,« versetzte Mylady ernst, »in jedem Fall hat er mich getäuscht, und von dem Augenblick an, wo er mich getäuscht hat, verdient er den Tod.« – »Er wird also sterben, da Ihr ihn verurtheilt,« sprach d’Artagnan mit so festem Tone, daß dieser Mylady als der Ausdruck einer jede Prüfung bestehenden Ergebenheit erschien.

Alsbald lächelte sie ihm von Neuem zu.

»Ja ich bin ganz bereit,« rief nun d’Artagnan in unwillkürlicher Begeisterung; »aber zuvor wünschte ich einer Sache gewiß zu sein.« – »Und welcher?« fragte Mylady. – »Daß Ihr mich liebt.« – »Eure Anwesenheit dahier scheint mir der beste Beweis zu sein,« antwortete sie mit scheinbarer Verlegenheit. – »Ja; ich bin auch Euer mit Leib und Seele. Verfügt über meinen Arm!« – »Ich danke, mein tapferer Vertheidiger, und eben so, wie ich Euch meine Liebe dadurch beweise, daß ich Euch hier empfange, eben so werdet Ihr mir die Eurige beweisen, nicht wahr?« – »Ganz gewiß. Aber wenn Ihr mich liebt, wie Ihr mir sagt, habt Ihr nicht ein wenig bange für mich?« – »Was sollte ich fürchten?« – »Daß ich gefährlich verwundet, sogar getödtet werde?« – »Unmöglich!« sprach Mylady, »Ihr seid ein so muthiger Mann, ein so geschickter Degen!« – »Ihr würdet also ein Mittel nicht vorziehen, das Euch rächte, während der Kampf dabei überflüssig wäre?«

Mylady schaute den jungen Mann stilleschweigend an; ihre klaren Augen hatten einen seltsam düsteren Ausdruck angenommen.

»In der That,« sprach sie, »ich glaube, Ihr zaudert abermals!«– »Nein, ich zaudere nicht, aber es thut mir in der That leid um den armen Grafen von Wardes, seitdem Ihr ihn nicht mehr liebt, und es scheint mir, ein Mann muß schon durch den Verlust Eurer Liebe so grausam bestraft sein, daß er keiner anderen Züchtigung mehr bedarf.« – »Wer sagt Euch, daß ich ihn geliebt habe?« fragte Mylady. – »Wenigstens kann ich jetzt ohne zu große Abgeschmacktheit glauben, daß Ihr einen Andern liebt,« sprach der junge Mann in höflichem Tone, »und ich wiederhole Euch, ich interessire mich für den Grafen.« – »Ihr?« fragte Mylady. – »Ja, ich.« – »Und warum Ihr?« – »Weil ich allein weiß …« – »Was?« – »Daß er bei weitem nicht so schuldig gegen Euch ist, oder war, als es scheint.« – »In der That?« sprach Mylady mit unruhiger Miene, »erklärt Euch, denn ich weiß wahrhaftig nicht, was Ihr damit sagen wollt.«

Und sie schaute d’Artagnan mit Augen an, in denen sich allmälig ein düsteres Feuer entzündete.

»Ja, ich bin ein Mann von guter Lebensart,« sprach d’Artagnan, entschlossen ein Ende zu machen, »und seitdem Ihr mir Eure Liebe gestanden habt, seitdem ich ihres Besitzes gewiß bin, denn nicht wahr, ich besitze sie?« – »Ganz und gar. Fahrt fort.« – »Seitdem fühle ich mich verwandelt. Ein Geständniß bedrückt mich.« – »Ein Geständniß?« – »Hätte ich an Eurer Liebe gezweifelt, so würde ich es nicht abgelegt haben, aber Ihr liebt mich, nicht wahr, Ihr liebt mich?« – »Allerdings.« – »Wenn ich mich also aus maßloser Liebe zu Euch vergangen hätte, würdet Ihr mir vergeben?« – »Vielleicht. Aber das Geständniß,« sprach sie erbleichend, »was habt Ihr mir zu gestehen?« – »Ihr hattet am vorigen Donnerstag dem Grafen Wardes in diesem Zimmer Rendezvous gegeben, nicht wahr?« – »Ich! nein! das ist nicht der Fall!« sprach Mylady mit so fester Stimme und mit solcher Ruhe im Gesicht, daß d’Artagnan, wenn er nicht vollkommene Gewißheit gehabt hätte, gezweifelt haben würde. – »Lügt nicht, mein schöner Engel, es wäre unnütz,« sprach d’Artagnan und zwang sich dabei zu einem Lächeln. – »Wie so? sprecht doch! Ihr peinigt mich zu Tode.« – »Dieser Ring – ist in meinen Händen. Der Graf von Wardes vom Donnerstag und d’Artagnan von heute sind eine und dieselbe Person.«

Der Unkluge erwartete ein Staunen vermischt mit Scham, einen kleinen Sturm, der sich in Thränen auflösen würde; aber er täuschte sich gewaltig, und sein Irrthum währte nicht lange.

Bleich und furchtbar erhob sich Mylady und wollte d’Artagnan, der in ihrer Nähe war, durch einen heftigen Schlag auf die Brust zurückstoßen und sich von ihm entfernen. D’Artagnan hielt sie am Kleide zurück, um ihre Vergebung zu erflehen, aber mit einer kräftigen, entschlossenen Bewegung suchte sie zu entfliehen. Da zerriß das Kleid oben am Leibe und d’Artagnan erblickte auf einer von ihren schönen Schultern, welche nun entblößt war, zu seinem unaussprechlichen Schrecken die Lilie, das nie zu tilgende Mal, das die Hand des Henkers ausdrückt.

»Großer Gott!« rief er, das Kleid aus den Händen lassend, und blieb stumm, unbeweglich, zu Eis geworden an seiner Stelle.

Aber Mylady fühlte sich gerade durch den Schrecken d’Artagnan’s verrathen. Ohne Zweifel hatte er Alles gesehen; der junge Mann wußte nun ihr Geheimniß, ein furchtbares Geheimniß, das außer ihr der ganzen Welt unbekannt war.

Sie wandte sich um, nicht mehr wie ein wüthendes Weib, sondern wie ein verwundetes Panterthier.

»Ha! Elender!« sprach sie, »Du hast mich feig verrathen, und mehr noch. Du bist im Besitze meines Geheimnisses! Du sollst sterben!«

Und sie lief nach einem kleinen Kistchen mit eingelegter Arbeit, das auf ihrer Toilette stand, öffnete es mit fieberhaft zitternder Hand, zog einen kleinen Dolch mit goldenem Griff und dünner spitziger Klinge heraus und stand mit einem Sprunge wieder vor d’Artagnan, welcher sitzen geblieben war.

Obgleich der junge Mann viel Muth besaß, erschrak er doch vor diesem verstörten Gesichte, diesen hervortretenden Augen, diesen bleichen Wangen, diesen blutigen Lippen; er stand auf und wich zurück, wie vor einer Schlange, die auf ihn zugekrochen wäre, fuhr instinktmäßig mit seiner von Schweiß befeuchteten Hand an den Degen und zog ihn aus der Scheide.

Aber ohne durch den Anblick der blanken Klinge beunruhigt zu werden, rückte Mylady auf ihn zu, um ihm einen Stoß beizubringen, und hielt nicht eher stille, als bis sie die Spitze der Klinge auf ihrer Brust fühlte.

Nun suchte sie den Degen mit ihren Händen zu fassen, aber d’Artagnan entzog ihn fortwährend ihren Griffen, streckte ihr denselben, ohne zu stoßen, bald gegen die Brust, bald gegen die Augen entgegen und wich immer mehr zurück, in der Absicht, die Thüre zu suchen, welche zu Ketty führte, und durch diese seinen Rückzug zu nehmen.

Mylady drang während dieser Zeit mit furchtbarer Anstrengung und einem wahren Löwengebrülle auf ihn ein.

Da dies jedoch am Ende wie ein Duell aussah, so beruhigte sich d’Artagnan nach und nach.

»Gut, schöne Dame, gut,« sprach er; »aber ich bitte Euch um Gotteswillen, besänftigt Euch, oder ich zeichne eine zweite Lilie auf Eure andere Schulter.«

»Heilloser, Elender!« heulte Mylady.

Doch fortwährend die Thüre suchend, war d’Artagnan nur auf seine Vertheidigung bedacht.

Bei dem Geräusch, das sie durch das Umwerfen der Gerätschaften verursachten, sie, um zu ihm zu gelangen, er, um sich hinter dem Geräthe vor ihr zu schützen, öffnete Ketty die Thüre. D’Artagnan, der beständig manövriert hatte, um sich der Thüre zu nähern, war nur noch drei Schritte von dieser entfernt. Mit einem einzigen Sprung warf er sich aus dem Zimmer Mylady’s in das der Zofe, und verschloß schnell wie der Blitz die Thüre wieder, gegen die er sich mit seiner ganzen Macht stützte, während Ketty die Riegel vorstieß.

Dann suchte Mylady die Thüre zu sprengen und zwar mit Kräften, welche weit über das gewöhnliche Maß einer Frau gingen. Da sie fühlte, daß dies unmöglich war, so versetzte sie der Thüre Dolchstöße, von denen einige das Holz in seiner ganzen Dicke durchdrangen.

Jeder Stoß war von einer furchtbaren Verwünschung begleitet.

»Geschwind, geschwind, Ketty,« sprach d’Artagnan mit leiser Stimme, »mach‘, daß ich aus diesem Hotel komme; denn wenn wir ihr Zeit gönnen, sich umzudrehen, läßt sie mich durch ihre Bedienten tödten. Eilen wir, verstehst Du wohl, es hängt Leben und Tod davon ab!«

Ketty verstand nur zu gut. Sie führte ihn in der Dunkelheit über die Stufen hinab. Es war die höchste Zeit. Mylady hatte bereits geschellt und weckte das ganze Haus auf; der Portier zog auf die Stimme Ketty’s in demselben Augenblicke die Schnur, wo Mylady »Oeffnet nicht!« rief.

Der junge Mann floh, während sie ihn mit einer ohnmächtigen Geberde bedrohte. In der Sekunde, in der sie ihn aus dem Gesicht verlor, stürzte sie ohnmächtig in ihrem Zimmer nieder.

VI.

Ein Procuratorsmahl.

Das Duell, bei welchem Porthos eine so glänzende Rolle gespielt hatte, ließ ihn indessen das Mittagsmahl nicht vergessen, wozu er von der Frau Procuratorin eingeladen worden war. Am andern Tag gegen ein Uhr ließ er sich von Mousqueton den letzten Bürstenstrich geben, und wanderte der Rue aux Ours zu. Sein Herz klopfte, aber nicht wie das von d’Artagnan, von einer jungen und ungeduldigen Liebe. Nein, ein materielles Interesse leitete seine Schritte. Er sollte endlich die geheimnißvolle Schwelle überschreiten, die unbekannte Treppe ersteigen, welche die alten Thaler des Meisters Coquenard einer um den andern erstiegen hatten. Er sollte wirklich eine gewisse Kiste sehen, deren Bild ihm zwanzigmal in seinen Träumen erschienen war; eine Kiste von langer und tiefer Form, mit Schlössern und Riegeln versehen, und mit eisernen Bändern an den Boden befestigt; eine Kiste, von der er so oft sprechen gehört, und welche die Hände des Procurators nun vor seinen bewundernden Blicken öffnen sollten.

Und er, der in der Welt umherirrende Mensch, der Mann ohne Vermögen, ohne Familie, der an Herbergen, Gasthöfen, Schenken und Wirtschaften aller Art gewöhnte Soldat, der Gourmand, der meistens nur auf zufällige Schmausereien angewiesen war, sollte sich an den Tisch einer bürgerlichen Haushaltung setzen, die Annehmlichkeiten eines so wohlhäbigen Heimwesens kennen lernen.

Täglich in der Eigenschaft eines Vetters bei einer guten Tafel erscheinen, die gelbe gefaltete Stirne des alten Procurators entrunzeln, die jungen Schreiber durch den Unterricht im Bassettspiele, im Lanzknecht und im Würfeln mit den feinsten Kunstgriffen rupfen und ihnen in Form eines Honorars für die Lection, die er ihnen in einer Stunde geben würde, die Ersparnisse eines Monats abnehmen. Alles dies lag in den seltsamen Sitten jener Zeit und war in der Voraussicht ungemein ergötzlich für Porthos.

Der Musketier erinnerte sich wohl der schlimmen Gerüchte, welche über die Procuratoren, ihre Knickerei, ihre Fasttage im Umlaufe waren. Da er aber im Ganzen die Procuratorin, abgesehen von einigen ökonomischen Anfällen, welche er stets sehr unzeitig fand, ziemlich freigebig gesehen hatte, wohl verstanden für eine Procuratorsfrau, so hoffte er ein angenehm eingerichtetes Haus zu finden.

An der Thüre regten sich jedoch einige Zweifel in dem Musketier. Der Zutritt hatte durchaus nichts Einladendes. Er fand einen übelriechenden schwarzen Gang, eine nur schlecht beleuchtete Treppe mit einem Fenster, durch dessen eiserne Stangen das graue Licht eines benachbarten Hofes mühsam eindrang. Im ersten Stock kam er vor eine niedere und, wie die Hauptthüre des großen Chatelet, mit ungeheuren eisernen Nägeln beschlagene Thüre. Porthos klopfte mit dem Finger an. Ein großer, bleicher und unter einem Wald von struppigen Haaren verborgener Schreiber öffnete und grüßte mit der Miene eines Mannes, der sich genöthigt sieht, an einem Andern den kräftigen hohen Wuchs, eine militärische Uniform und das frische rothe Gesicht zu achten, das die Gewohnheit gut zu leben andeutet.

Ein zweiter, kleinerer Schreiber hinter dem ersten, ein anderer größerer Schreiber hinter dem zweiten, ein Gassenjunge von zwölf Jahren hinter dem dritten.

Im Ganzen drei und ein halber Schreiber, was für jene Zeit eine Schreibstube von sehr bedeutender Kundschaft ankündigte.

Obgleich der Musketier erst um ein Uhr erscheinen sollte, war doch die Procuratorin seit der Mittagstunde mit ihrem Auge auf der Lauer, und versah sich zu dem Herzen und vielleicht auch zu dem Magen ihres Anbeters, daß er vor der bestimmten Zeit erscheinen werde.

Madame Coquenard kam also beinahe in demselben Augenblick aus der Zimmerthüre, wo ihr Gast durch die Treppenthüre eintrat, und die Erscheinung der würdigen Dame entzog Porthos einer großen Verlegenheit. Die Schreiber sahen äußerst neugierig aus, und er blieb völlig stumm, da er nicht wußte, was er zu dieser aufsteigenden Tonleiter sagen sollte.

»Das ist mein Vetter!« rief die Procuratorin. »Tretet doch ein, Herr Porthos!«

Der Name Porthos brachte die gehörige Wirkung auf die Schreiber hervor, welche zu lachen anfingen; aber Porthos wandte sich um und auf alle Gesichter kehrte der Ernst zurück.

Man gelangte in das Kabinet des Procurators, nachdem man ein Vorzimmer, wo die Schreiber waren, und die Schreibstube, in der sie hätten sein sollen, durchschritten hatte. Die letztere war eine Art von schwarzem Saale, mit beschriebenem Papier tapezirt. Aus der Schreibstube heraustretend, ließ man die Küche zur Rechten und gelangte in das Empfangszimmer.

Alle diese Zimmer, welche mit einander in Verbindung standen, brachten Porthos durchaus keine guten Begriffe bei. Man mußte die Worte von ferne durch alle diese offenen Thüren hören; dann hatte er im Vorübergehen einen raschen, forschenden Blick in die Küche geworfen und sich zur Schande der Procuratorsfrau und zu seinem eigenen Bedauern gestanden, daß er nichts von dem Feuer, von der Belebtheit von der Bewegung wahrzunehmen vermochte, wie dergleichen gewöhnlich im Augenblicke eines guten Mahles im Heiligthum der Gern- und Gutesserei zu herrschen pflegt.

Der Procurator war ohne Zweifel zum Voraus von seinem Besuche in Kenntniß gesetzt worden, denn er gab nicht das geringste Erstaunen bei dem Anblick von Porthos kund, der sich ihm mit vollkommen ungezwungener Miene näherte und ihn höflich begrüßte.

»Wir sind Vettern, wie es scheint, mein Herr Porthos?« sagte der Procurator und stand, sich mit den Armen stützend, von seinem Rohrstuhle auf.

Der Greis war in ein großes schwarzes Wamms gehüllt, in welchem sich sein schmächtiger Körper verlor, und sah gelb und vertrocknet aus. Seine kleinen grauen Augen glänzten wie Karfunkel und schienen nebst seinem Munde, der in beständigen Grimassen begriffen war, der einzige Theil seines Gesichtes zu sein, wo noch Leben wohnte. Leider fingen die Beine an, dieser ganzen Knochenmaschine den Dienst zu verweigern. Seit den fünf oder sechs Monaten, wo sich diese Schwäche fühlbar gemacht hatte, war der würdige Procurator beinahe der Sklave seiner Gattin geworden.

Der Vetter wurde mit Resignation aufgenommen und nicht weiter. Wäre Meister Coquenard noch flink auf den Beinen gewesen, so würde er alle Verwandtschaft mit Porthos abgelehnt haben.

»Ja, wir sind Vettern,« sprach Porthos, der nie auf eine begeisterte Aufnahme von Seiten des Gatten gerechnet hatte, ohne sich aus der Fassung bringen zu lassen.

»Durch die Frauen, glaube ich,« sagte der Procurator boshaft.

Porthos fühlte diesen Spott nicht und hielt ihn für eine Naivetät, worüber er in seinen dicken Schnurrbart lachte; Madame Coquenard, welche wußte, daß der naive Prokurator eine äußerst seltene Varietät in der Gattung ist, lächelte ein wenig und erröthete stark.

Herr Coquenard hatte seit der Ankunft von Porthos seine Augen unruhig auf einen großen, seinem eigenen Schreibtisch gegenüber stehenden Schrank geworfen. Porthos begriff, daß dieser Schrank, obgleich er seiner Form nach durchaus nicht demjenigen entsprach, welchen er in seinen Träumen gesehen hatte, das glückselige Geräthe sein mußte, und er beglückwünschte sich darüber, daß sie Wirklichkeit sechs Fuß mehr Höhe hatte, als der Traum.

Meister Coquenard trieb seine genealogischen Forschungen nicht weiter; aber seinen unruhigen Blick vom Schranke wieder Porthos zuwendend, begnügte er sich, zu sagen:

»Euer Herr Vetter wird wohl, ehe er in das Feld zieht, uns die Ehre erweisen, mit uns zu Mittag zu essen, nicht wahr, Madame Coquenard?«

Diesmal empfing Porthos den Stich in den vollen Leib und fühlte ihn; Madame Coquenard schien ihrerseits nicht unempfindlicher zu sein, denn sie fügte bei:

»Mein Vetter wird nicht wieder kommen, wenn er findet, daß wir ihn schlecht behandeln; aber im entgegengesetzten Fall hat er zu wenig Zeit noch in Paris zuzubringen und folglich uns zu sehen, als daß wir ihn nicht um jeden Augenblick bitten sollten, über den er noch zu verfügen vermag.«

»Oh! meine Beine, meine armen Beine!« murmelte Herr Coquenard und suchte zu lächeln.

Diese Hülfe, welche Porthos in dem Augenblicke zugekommen war, wo man ihn in seinen gastronomischen Hoffnungen angegriffen hatte, flößte dem Musketier große Dankbarkeit gegen seine Procuratorin ein.

Bald schlug die Mittagsstunde; man ging in das Speisezimmer, eine große dunkle Stube der Küche gegenüber.

Die Schreiber, denen, wie es scheint, die ungewöhnlichen Gerüche im Hause nicht entgangen waren, beobachteten eine militärische Pünktlichkeit und hielten, bereits sich niedersetzend, ihre Bestecke in der Hand. Man sah sie zum Voraus mit furchtbarem Tätigkeitsdrang ihre Kinnbacken bewegen. »Bei Gott!« dachte Porthos, indem er einen Blick auf die drei Ausgehungerten warf, denn der Gassenjunge wurde, wie man sich denken kann, nicht zu der Ehre eines Herrentisches zugelassen. »Bei Gott! an der Stelle meines Vetters würde ich solche Fresser nicht behalten. Sie sehen aus wie Schiffbrüchige, die seit sechs Wochen nicht gegessen.«

Herr Coquenard wurde auf seinem Rollstuhl von Madame Coquenard hereingeschoben, welche Porthos, bis er den Tisch erreichte, zuvorkommend im Rollen unterstützte. Kaum war er im Zimmer, als er Nase und Kinnbacken nach dem Beispiel seiner Schreiber in Bewegung setzte.

»Oh! oh!« sagte er, »das ist eine einladende Suppe.«

»Was Teufel riechen sie denn Außerordentliches in dieser Suppe?« sagte Porthos zu sich selbst beim Anblick einer blassen, weißlichen, aber ganz blinden Fleischbrühe, auf der einige seltene Krusten, wie die Inseln eines Archipels, schwammen.

Madame Coquenard lächelte und auf ein Zeichen von ihr beeilte sich Jedermann niederzusitzen.

Herr Coquenard wurde zuerst bedient, dann Porthos, hierauf füllte Madame Coquenard ihren Teller und theilte die Krusten ohne Fleischbrühe unter die Ungeduldigen aus.

In diesem Augenblick öffnete sich die Thüre des Speisezimmers knarrend von selbst, und Porthos erblickte durch die halbgeöffneten Flügel den kleinen Schreiber, der, da er nicht an dem Mahl Theil nehmen durfte, sein Brod bei dem doppelten Geruch von der Küche und dem Speisezimmer verzehrte.

Nach der Suppe brachte die Magd eine gesottene Henne, ein Prachtstück, bei dessen Anblick sich die Augenlider der Gäste so sehr erweiterten, daß man glaubte, sie müßten zerreißen.

»Man sieht, Ihr liebt Eure Familie, Madame Coquenard,« sprach der Procurator mit einem beinahe tragischen Lächeln, »das ist offenbar eine Galanterie, die Ihr Eurem Vetter erweist.«

Die arme Henne war alt und mit einer von den dicken, rauhen Häuten bekleidet, welche die Knochen mit aller Anstrengung nicht zu durchdringen vermögen. Man mußte sie lange gesucht haben, um ihre Aufsitzstange zu finden, auf die sie sich zurückgezogen hatte, um an Altersschwäche zu sterben.

»Teufel!« dachte Porthos, »das ist doch sehr traurig. Ich ehre das Alter, aber ich mache mir wenig daraus, wenn es gesotten oder gebraten ist.«

Und er schaute in der Runde umher, um zu beobachten, ob seine Meinung getheilt würde; aber er sah im Gegenteil nur flammende Augen, welche zum Voraus diese erhabene Henne, den Gegenstand seiner Verachtung, verschlangen.

Madame Coquenard zog die Platte zu sich heran, löste geschickt die zwei großen schwarzen Pfoten, die sie ihrem Gatten auf den Teller legte, schnitt den Hals ab, den sie mit dem Kopfe für sich nahm, trennte einen Flügel für Porthos ab und gab der Magd, welche es gebracht hatte, das Thier zurück, so daß es beinahe unberührt zurückkehrte und verschwunden war, ehe der Musketier Zeit hatte, die Veränderungen zu beobachten, welche diese Enttäuschung je nach den Charakteren und Temperamenten der Umsitzenden auf den Gesichtern hervorbrachte.

Nach der Henne machte eine Platte mit Bohnen ihre Aufwartung, in der sich einige Schöpsenknochen zu zeigen schienen, von denen man Anfangs glauben konnte, sie seien mit Fleisch bekleidet. Aber die Schreiber ließen sich durch diesen Trug nicht bethören, und ihre düstern Mienen wurden ergebungsvolle Gesichter.

Madame Coquenard theilte dieses Gericht mit der Mäßigung einer guten Hauswirthin unter die jungen Leute aus.

Nun kam die Reihe an den Wein; Herr Coquenard schenkte aus einem sehr mageren Weinkruge jedem von den jungen Leuten das Drittheil eines Glases em, nahm für sich ungefähr in gleichem Verhältniß, und die Flasche ging sogleich zu Porthos und Madame Coquenard über.

Die jungen Leute füllten das Drittel Wein mit Wasser; wenn sie die Hälfte des Glases getrunken hatten, füllten sie es abermals, und so machten sie dies fortwährend, wodurch sie am Ende des Mahles ein Getränke verschluckten, das von der Farbe des Rubins zu der des Rauchtopases übergegangen war.

Porthos verspeiste schüchtern seinen Flügel. Er trank auch ein halbes Glas von diesem so spärlich zugemessenen Weine und erkannte ihn als einen Montreuil. Meister Coquenard sah ihn den Wein ungemischt trinken und stieß einen Seufzer aus.

»Eßt Ihr vielleicht von diesen Bohnen, mein Vetter Porthos?« sprach Madame Coquenard mit jenem Tone, welcher sagen will: »Glaubt mir, eßt nichts davon.«

»Ich danke meiner Base,« erwiderte er, »ich habe keinen Hunger mehr.«

Es trat ein Stillschweigen ein. Porthos wußte nicht, wie er sich benehmen sollte. Der Procurator wiederholte mehrmals:

»Ah, Madame Coquenard, ich mache Euch mein Compliment. Euer Mittagsbrod ist ein wahres Festmahl!«

Porthos glaubte, man wolle ihn zum Besten halten, und fing an, seinen Schnurrbart in die Höhe zu streichen und die Stirne zu falten. Aber der Blick von Madame Coquenard ermahnte ihn zur Geduld.

In diesem Augenblick standen die Schreiber auf einen Wink des Procurators langsam vom Tische auf, legten ihre Servietten noch langsamer zusammen, verbeugten sich und traten ab.

»Geht, Ihr jungen Leute, geht und verdauet durch Arbeiten,« sagte der Procurator ernsthaft.

Als die Schreiber sich entfernt hatten, erhob sich Madame Coquenard und holte aus einem Speiseschrank ein Stück Käse, eingemachte Quitten und einen Kuchen, den sie aus Mandeln und Honig selbst verfertigt hatte.

Herr Coquenard runzelte die Stirne, weil er zu viel Gerichte erblickte.

»Ein Festmahl, ganz entschieden!« rief er, ungeduldig sich auf seinem Stuhl hin und her bewegend. »Ein wahres Festmahl! Epulae epularum: Lucullus speist bei Lucullus zu Mittag!«

Porthos schaute die Flasche an, die in seiner Nähe stand, und hoffte sich im Wein, Brod und Käse gütlich zu thun. Aber der Wein ging bald aus, die Flasche war leer. Herr und Madame Coquenard thaten, als ob sie es nicht bemerkten.

»Das ist gut,« sprach Porthos zu sich selbst, »ich weiß nun, woran ich bin.«

Er leckte ein wenig an einem Löffel voll eingemachter Quitten und verbiß sich die Zähne in dem zähen Teige von Madame Coquenard.

»Nun ist das Opfer gebracht,« sprach er.

Herr Coquenard fühlte nach den Leckereien eines solchen Mahles, das er einen Exceß nannte, das Bedürfniß, Siesta zu halten.

Porthos hoffte, dies würde an Ort und Stelle und in demselben Räume vorgehen, aber der Procurator wollte nichts davon hören. Man mußte ihn in sein Zimmer zurückbringen, und er schrie, so lange er nicht vor seinem Schranke war, auf dessen Rand er sodann aus Vorsicht seine Füße stellte.

Die Procuratorin führte Porthos in ein anstoßendes Zimmer. »Ihr könnt dreimal in der Woche zu Tisch kommen,« sagte Madame Coquenard. – »Ich danke,« erwiderte Porthos, »ich mache nicht gerne Mißbrauch von solchen Einladungen. Ueberdies muß ich an meine Equipirung denken.« – »Das ist wahr,« sprach die Prokuratorin seufzend, »diese unglückliche Equipirung nimmt Euch in Anspruch, nicht wahr?« – »Ach ja,« sagte Porthos. – »Aber worin besteht denn die Equipirung Eueres Corps, Herr Porthos?« – »Oh! in Mancherlei,« sprach Porthos, »die Musketiere sind, wie Ihr wißt, Elitesoldaten, und sie brauchen viele Dinge, welche die Garden und die Schweizer entbehren können.« – »Nennt sie mir einzeln.« – »Das belauft sich etwa auf … erwiderte Porthos, der sich lieber über den Gesammtbetrag, als über die einzelnen Punkte aussprechen wollte.

Die Procuratorin wartete zitternd.

»Auf wie viel?« fragte sie; »ich hoffe, es wird nicht mehr als …« hier blieb sie stecken, es fehlte ihr das Wort.

»Oh! nein, es beträgt nicht über zwei tausend fünf hundert Livres. Ich glaube sogar, daß ich bei einiger Sparsamkeit mit zwei tausend ausreichen könnte.«

»Guter Gott! zwei tausend Livres!« rief sie, »das ist ja ein ganzes Vermögen, und mein Mann wird sich nie herbeilassen, eine solche Summe zu borgen!«

Porthos machte eine sehr bezeichnende Grimasse; Madame Coquenard verstand ihren Sinn.

»Ich fragte nach den einzelnen Punkten,« sprach sie, »weil ich viele Verwandte und Kunden bei dem Handelsstand habe, und folglich überzeugt sein kann, daß ich die Sache um hundert Procent unter dem Preise bekomme, den Ihr dafür bezahlen müßt.« – »Ah! ah!« rief Porthos, »wenn Ihr damit andeuten wolltet …« – »Ja, mein lieber Herr Porthos. Ihr braucht also vor Allem …« – »Ein Pferd.« – »Ja, ein Pferd. Gut! das ist es gerade, was ich für Euch abmachen kann.« – »Ah!« sprach Porthos strahlend, »in Beziehung auf mein Pferd stehen also die Angelegenheiten ganz gut; dann brauche ich noch ein Pferd für meinen Bedienten und ein Felleisen. Was die Waffen betrifft, so dürft Ihr Euch nicht darum bekümmern, diese habe ich bereits.« – »Ein Pferd für Euern Bedienten?« versetzte die Procuratorin zögernd. »Aber das klingt sehr vornehm.« – »Ei! Madame!« sprach Porthos stolz, »bin ich etwa ein armer Schlucker?« – »Nein. Ich wollte Euch nur sagen, ein hübsches Maulthier sehe gleichsam eben so gut aus, wie ein Pferd, und es scheine mir, wenn ich Euch ein gutes Maulthier für Euren Mousqueton verschaffen würde …« – »Es mag sein, ein hübsches Maulthier; Ihr habt Recht, ich habe sehr vornehme spanische Herren gesehen, deren ganzes Gefolge auf Maulthieren ritt. Aber Ihr werdet dann begreifen, Madame Coquenard, daß ich ein Maulthier mit Federbusch und Schelle haben muß.« – »Seid unbesorgt,« erwiderte die Procuratorin. – »Nun ist noch das Felleisen übrig,« sagte Porthos. – »Oh! das darf Euch nicht beunruhigen,« rief Madame Coquenard, »mein Mann besitzt fünf oder sechs Felleisen, und Ihr sucht Euch das beste aus; es ist besonders eines darunter, das er sehr gerne mit auf Reisen nahm, man könnte eine ganze Welt hineinpacken.« – »Euer Felleisen ist also leer?« fragte Porthos. – »Gewiß, es ist leer,« antwortete die Procuratorin. – »Ah! dasjenige, welches ich brauche,« rief Porthos, »ist ein wohl ausgerüstetes, meine Theure.«

Madame Coquenard stieß neue Seufzer aus. Molière hatte damals seinen Geizhals noch nicht geschrieben. Madame Coquenard gebührt also der Vorrang vor Harpagon.

Der Rest der Equipirung wurde nach und nach auf dieselbe Weise debattirt, und das Resultat der Sitzung war, daß die Procuratorin von ihrem Gatten acht hundert Livres in baarem Gelde verlangen und das Pferd und das Maulthier liefern sollte, welchen beiden Geschöpfen die Ehre zugedacht war, Porthos und Mousqueton zum Ruhme zu tragen.

Als diese Bedingungen festgestellt und die Interessen vertragsmäßig bestimmt waren, nahm Porthos von Madame Coquenard Abschied und kehrte mit abscheulichem Hunger nach seiner Wohnung zurück.

Epilog.

Der Hülfe der englischen Flotte und der von Buckingham versprochenen Diversion beraubt, ergab sich La Rochelle nach einer einjährigen Belagerung; am 25. Oktober 1628 unterzeichnete man seine Kapitulation.

Der König hielt am 23. Dezember desselben Jahres seinen Einzug in Paris. Man feierte ihm einen Triumph, als ob er den Feind und nicht Franzosen besiegt hätte. Er zog unter Bogen von grünem Laubwerk durch das Faubourg Saint-Jacques ein.

D’Artagnan nahm Besitz von seinem Grade. Porthos verließ den Dienst und heirathete im Verlauf des darauf folgenden Jahres Madame Coquenard. Die so schmerzlich ersehnte Kiste enthielt achtmalhunderttausend Livres.

Mousqueton trug eine prächtige Livree und genoß die Befriedigung, nach der er sein ganzes Leben getrachtet hatte, nämlich hinter einer vergoldeten Carrosse stehen zu dürfen.

Aramis verschwand plötzlich nach einer Reise ins Lothringische und schrieb seinen Freunden nicht mehr. Man erfuhr später durch Frau von Chevreuse, daß er in ein Kloster in Nancy eingetreten war. Bazin wurde Laienbruder.

Athos blieb unter d’Artagnans Befehl Musketier bis zum Jahr 1633, wo er, in Folge einer Reise in Roussillon, unter dem Vorwand eine kleine Erbschaft gemacht zu haben, ebenfalls quittirte.

Grimaud folgte Athos.

D’Artagnan schlug sich dreimal mit Rochefort und verwundete ihn dreimal.

»Ich werde Euch wahrscheinlich das vierte Mal tödten,« sagte er zu ihm und reichte ihm die Hand, um ihn aufzuheben.

»Es ist also besser für Euch und für mich, wir lassen es hiebei bewenden,« antwortete der Verwundete. »Zum Henker, ich meine es besser mit Euch, als Ihr vielleicht glaubt, denn bei unserem ersten Zusammentreffen durfte ich nur ein Wort zu dem Kardinal sagen, und man hätte Euch den Hals abgeschnitten.«

Sie umarmten sich, aber diesmal mit vollem Herzen und ohne einen Hintergedanken.

Planchet erhielt von Rochefort den Grad eines Sergenten im Regiment Piemont.

Herr Bonacieux lebte in vollkommener Ruhe, wußte durchaus nicht, was aus seiner Frau geworden war, und kümmerte sich auch nicht darum. Eines Tags hatte er die Unklugheit, sich dem Kardinal ins Gedächtniß zurückzurufen. Der Kardinal ließ ihm antworten, er werde dafür sorgen, daß es ihm in Zukunft an nichts mangle.

Am andern Tage ging Herr Bonacieux wirklich Abends um sieben Uhr aus, um sich nach dem Louvre zu begeben, und erschien nie mehr in der Rue des Fossoyeurs. Die Meinung derjenigen, welche sich für sehr gut unterrichtet hielten, ging dahin, daß er in irgend einem königlichen Schlosse auf Kosten Seiner freigebigen Eminenz freie Kost und Wohnung genieße.

 

Ende


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V.

Zofe und Gebieterin.

Trotz der Stimme seines Gewissens, trotz der weisen Rathschläge von Athos und der zarten Erinnerung an Madame Bonacieux, verliebte sich d’Artagnan von Stunde zu Stunde mehr in Mylady; auch verfehlte er nicht, ihr täglich auf eine Weise den Hof zu machen, von welcher der eitle Gascogner überzeugt war, sie müsse früher oder später eine Erwiderung zur Folge haben.

Als er eines Tages, die Nase hochtragend, leichten Sinnes wie ein Mensch, der einem Goldregen entgegensieht, nach dem Hotel von Mylady kam, traf er die Zofe unter der Einfahrt; aber diesmal begnügte sich die hübsche Ketty nicht mit einem flüchtigen Lächeln, sie nahm ihn sachte bei der Hand.

»Gut!« sprach d’Artagnan zu sich selbst, »sie ist mit einer Botschaft ihrer Herrin an mich beauftragt; sie wird mir ein Rendezvous bezeichnen, das man mir mündlich zu geben nicht gewagt hat,« und dabei schaute er das schöne Kind mit der siegreichsten Miene an.

»Ich wünschte ein paar Worte mit Euch zu sprechen, Herr Chevalier,« stammelte die Kammerjungfer. – »Sprich, mein Kind, sprich,« sagte d’Artagnan, »ich höre.« – »Hier unmöglich; was ich Euch zu sagen habe, ist zu lang und besonders zu geheim.« – »Nun! was ist aber dann zu machen?« – »Wenn der Herr Chevalier mir folgen wollte,« sagte Ketty schüchtern. – »Wohin Du willst, mein schönes Kind.« – »So kommt.«

Und Ketty, die seine Hand nicht losgelassen hatte, zog ihn nach sich auf eine düstere Wendeltreppe, und öffnete eine Thüre, nachdem sie etwa fünfzehn Stufen hinaufgestiegen waren.

»Tretet ein, Herr Chevalier, hier sind wir allein und können ruhig mit einander sprechen.«

»Was ist das für ein Zimmer, mein schönes Kind?« fragte d’Artagnan. »Das meinige, gnädiger Herr; es steht mit dem meiner Gebieterin durch diese Thüre in Verbindung. Aber seid ohne Sorgen, sie kann nicht hören, was wir sprechen, da sie sich nie vor Mitternacht schlafen legt.«

D’Artagnan ließ seine Blicke umherschweifen. Das kleine Zimmer war reizend, sowohl was den Geschmack, als was die Reinlichkeit betraf, aber unwillkürlich hefteten sich seine Augen auf die Thüre, von der ihm Ketty gesagt hatte, sie führe nach dem Zimmer von Mylady.

Ketty erriet, was in der Seele des jungen Mannes vorging, und seufzte.

»Ihr liebt also meine Gebieterin sehr, Herr Chevalier?« fragte sie.

»Ich weiß nicht, ob ich sie wahrhaft liebe, ich weiß nur, daß ich wahnsinnig in sie verliebt bin.«

Ketty stieß einen zweiten Seufzer aus.

»Ach! mein Herr, das ist schade.«

»Was Teufels siehst Du denn darin so Unangenehmes?«

»Ich meine, weil meine Gebieterin Euch gar nicht liebt.«

»Wie!« rief d’Artagnan, »sollte sie Dich beauftragt haben, mir dies zu sagen?«

»Oh! nein, gnädiger Herr, aber ich habe aus Theilnahme für Euch den Entschluß gefaßt, es Euch kund zu thun.«

»Ich danke, meine gute Ketty, aber nur für die Absicht, denn Du wirst wohl zugeben, daß eine solche Eröffnung nicht gerade angenehm ist.«

»Das heißt, Ihr glaubt nicht an das, was ich Euch gesagt habe, nicht wahr?«

»Ich gestehe, daß ich, bis Du mir irgend einen Beweis für Deine Behauptung zu geben vermagst …«

»Was sagt Ihr zu diesem?«

Ketty zog aus ihrem Busen ein kleines Billet ohne Aufschrift hervor.

»Für mich?« rief d’Artagnan, sich rasch des Briefchens bemächtigend, und mit der Geschwindigkeit eines Gedankens zerriß er den Umschlag, trotz des Geschreies, das Ketty erhob, als sie sah, was er thun wollte, oder vielmehr, was er that.

»Ach! mein Gott! Herr Chevalier, was macht Ihr da?« sprach sie.

»Ei! bei Gott,« erwiderte d’Artagnan, »muß ich nicht von dem, was an mich gerichtet ist, Kenntniß nehmen?« Und er las: »Ihr habt auf mein erstes Billet nicht geantwortet: seid Ihr leidend, oder habt Ihr vergessen, mit welchen Augen Ihr mich auf dem Ball der Frau von Guise ansahst? Die Gelegenheit ist da, Graf, laßt sie nicht entschlüpfen.«

D’Artagnan erbleichte, er war in seiner Eigenliebe verletzt, er glaubte sich in seiner Liebe verwundet.

»Dieses Billet ist nicht für mich!« rief er. – »Nein es ist für einen Andern; Ihr habt mir nicht Zeit gelassen, dies Euch zu sagen.« – »Für einen Andern! sein Name! sein Name!« rief d’Artagnan wüthend. – »Für den Grafen von Wardes.«

Die Erinnerung an die Scene in Saint-Germain trat plötzlich wieder vor den Geist des anmaßenden Gascogners und bestätigte die Eröffnung Ketty’s.

»Armer, lieber Herr d’Artagnan,« sprach diese in einem Tone voll Mitleids und drückte dem jungen Manne abermals die Hand. – »Du beklagst mich, gute Kleine,« sagte d’Artagnan. »Oh! ja, von ganzem Herzen, denn ich weiß, was Liebe heißt.« – »Du weißt, was Liebe heißt?« fragte d’Artagnan und schaute sie zum ersten Male mit einer gewissen Aufmerksamkeit an. – »Ach! ja.« – »Nun wohl! dann würdest Du, statt mich zu beklagen, viel besser daran thun, mir zu meiner Rache an Deiner Gebieterin zu verhelfen.« – »Und was für eine Rache wollt Ihr nehmen?« – »Meinen Nebenbuhler aus seiner Stelle verdrängen.« – »Dazu werde ich Euch nie behülflich sein, Herr Chevalier,« erwiderte Ketty lebhaft. – »Und warum nicht?« – »Aus zwei Gründen.« – »Aus welchen?« – »Erstens, weil meine Gebieterin Euch nie lieben wird.« – »Weißt Du dies?« – »Ihr habt sie in ihrem Innersten verletzt.« – »In welcher Beziehung kann ich sie verletzt haben, da ich doch, seit ich sie kenne, wie ein Sklave zu ihren Füßen liege? Sprich, ich bitte Dich.« – »Ich werde dieß nur dem Manne gestehen … der in der Tiefe meines Herzens zu lesen vermag.«

D’Artagnan schaute Ketty zum zweiten Male an. Das junge Mädchen war von einer Frische und Schönheit, wofür manche Herzogin ihre Krone gegeben hätte.

»Ketty, ich werde in der Tiefe Deines Herzens lesen, darüber beruhige Dich, mein liebes Kind; aber sprich.«

»O! nein,« rief Ketty, »Ihr liebt mich nicht, Ihr liebt meine Gebieterin; das habt Ihr mir soeben gesagt.«

»Und das hält Dich ab, mir den zweiten Grund zu nennen?«

»Der zweite Grund, mein Herr Chevalier,« sprach Ketty, durch den Ausdruck der Augen des jungen Mannes ermuthigt! »der zweite Grund heißt: in der Liebe sorgt jedes für sich.«

Jetzt erinnerte sich d’Artagnan der schmachtenden Blicke Kettys, ihres Lächelns und ihrer unterdrückten Seufzer, so oft er ihr begegnete; aber ganz und gar von dem Verlangen beseelt, der vornehmen Dame zu gefallen, hatte er die Zofe verachtet: wer den Adler jagt, kümmert sich nicht um den Sperling.

Aber diesmal begriff unser Gascogner blitzschnell, welchen Nutzen man aus dieser Liebe ziehen konnte, die ihm Ketty auf eine so naive Weise zugestanden hatte – Auffangung der an den Grafen von Wardes gerichteten Briefe, Einverständniß am Platze, Eintritt zu jeder Stunde durch Kettys Zimmer, welches an das ihrer Gebieterin stieß. Der Treulose opferte, wie man sieht, bereits in Gedanken das arme Mädchen der vornehmen Dame auf.

Es schlug Mitternacht und man hörte beinahe um dieselbe Zeit das Glöckchen in Myladys Zimmer ertönen.

»Großer Gott!« rief Ketty, »meine Herrin ruft, geht, geht geschwind.«

D’Artagnan stand auf, nahm seinen Hut, als ob er zu gehorchen beabsichtigte, öffnete aber rasch statt der Treppenthüre die Thüre eines großen Schrankes und kauerte sich mitten unter die Kleider und Mäntel von Mylady hinein.

»Was macht Ihr denn?« rief Ketty.

D’Artagnan, der zum Voraus den Schlüssel genommen hatte, schloß sich in seinen Schrank ein, ohne zu antworten.

»Nun!« rief Mylady mit scharfer Stimme, »schläfst Du, daß Du nicht kommst, wenn ich läute?«

D’Artagnan hörte, daß die Verbindungsthüre heftig geöffnet wurde.

»Hier bin ich, Mylady, hier bin ich!« rief Ketty ihrer Gebieterin entgegenlaufend.

Alle Beide traten in das Schlafzimmer ein und da die Thüre offen blieb, konnte d’Artagnan noch einige Zeit hören, wie Mylady ihre Kammerjungfer auszankte; endlich beruhigte sie sich, und es kam auf ihn die Rede, während Ketty ihre Gebieterin bediente.

»Ei!« sagte Mylady, »ich habe unsern Gascogner diesen Abend nicht gesehen.« – »Wie, Madame,« sprach Ketty, »er ist nicht gekommen! Sollte er flatterhaft sein, ehe er glücklich gewesen ist?« – »Oh! nein, Herr von Treville, oder Herr des Essarts werden ihn abgehalten haben. Ich verstehe mich darauf, Ketty, diesen halte ich fest.« – »Was wird die gnädige Frau mit ihm machen?« – »Was ich mit ihm machen werde? sei unbesorgt, Ketty; zwischen diesem Menschen und mir liegt ein Ding, das er nicht kennt. Er hat mich beinahe um meinen Kredit bei Sr. Eminenz gebracht. O! ich werde mich rächen.« – »Ich glaubte, die gnädige Frau liebe ihn?« – »Ich, ihn lieben! ich verabscheue ihn. Ein Einfaltspinsel, der das Leben von Lord Winter in den Händen hat, ihn nicht tötet und mir dadurch einen Verlust von dreimal hunderttausend Livres Rente zuzieht.« – »Das ist richtig,« sagte Ketty. »Euer Sohn wäre der einzige Erbe seines Oheims, und bis zu seiner Volljährigkeit hättet Ihr die Nutznießung seines Vermögens gehabt.«

D’Artagnan schauerte bis in das Mark seiner Knochen, als er hörte, wie ihm dieses liebreizende Geschöpf, mit der scharfen Stimme, die sie nur mit größter Mühe im Gespräch zu verbergen vermochte, vorwarf, daß er einen Mann nicht getötet habe, den sie, wie er selbst gesehen hatte, mit Freundschaftsbeweisen überhäufte.

»Auch hätte ich mich bereits an ihm gerächt,« fuhr Mylady fort, »wenn mir nicht der Kardinal, ich weiß nicht aus welchem Grunde, befohlen hätte, ihn zu schonen.«

»Oh! ja, aber Madame hat die kleine Frau nicht geschont, die er liebte.«

»Ah! die Krämerin aus der Rue des Fossoyeurs! hat er nicht bereits vergessen, daß sie lebte? eine schöne Rache, meiner Treu!«

Der kalte Schweiß lief d’Artagnan von der Stirne: dieses Weib war ein Ungeheuer.

Er horchte wieder, aber leider war die Toilette beendigt.

»Gut,« sprach Mylady, »geh in Dein Zimmer, und suche morgen eine Antwort auf den Brief zu bekommen, den ich Dir gegeben habe.«

»Für Herrn von Wardes?« fragte Ketty.

»Allerdings.«

»Das ist ein Mann,« sprach Ketty, »der mir vorkommt, als wäre er gerade das Gegentheil von dem armen Herrn d’Artagnan.«

»Geht, Mademoiselle,« sagte Mylady, »ich liebe die Kommentare nicht.«

D’Artagnan hörte die Thüre zumachen, dann vernahm er das Geräusch von zwei Riegeln, welche Mylady vorschob, um sich in ihrem Zimmer einzuschließen. Ketty drehte auf ihrer Seite, aber so sachte als möglich, den Schlüssel einmal um. Dann stieß d’Artagnan die Thüre des Schrankes auf.

»Oh! mein Gott!« sprach Ketty mit gedämpfter Stimme, »was habt Ihr denn und wie bleich seht Ihr aus!«

»Das abscheuliche Geschöpf!« murmelte d’Artagnan.

»Stille! stille! kommt heraus; es ist nur eine dünne Scheidewand zwischen meinem Zimmer und dem von Mylady; man hört in dem einen ganz genau, was in dem andern gesprochen wird.«

»Schon gut; aber ich gehe nicht eher heraus, als bis Du mir gesagt hast, was aus Madame Bonacieux geworden ist.«

Das arme Mädchen schwur d’Artagnan auf das Krucifix, daß sie es nicht wisse, da ihre Gebieterin ihre Geheimnisse nie mehr als zur Hälfte durchdringen lasse. Nur glaube sie dafür stehen zu können, daß sie nicht tot sei.

Was die Ursache betraf, aus der Mylady beinahe ihren Kredit bei dem Kardinal verloren hatte, so wußte Ketty auch hievon nicht mehr. Aber diesmal war d’Artagnan besser eingeweiht, als sie. Da er Mylady in dem Augenblick, wo er selbst England verließ, auf einem konsignirten Schiffe gesehen hatte, so vermuthete er, daß von den diamantenen Nestelstiften die Rede war.

Am klarsten trat bei Allem hervor, daß der wahre, tiefe und eingefleischte Haß Myladys gegen ihn davon herrührte, daß er ihren Schwager nicht getötet hatte.

D’Artagnan kehrte am andern Tag zu Mylady zurück. Sie war sehr übler Laune. D’Artagnan begriff, daß das Ausbleiben des Briefes ihre gereizte Stimmung veranlaßt hatte. Ketty trat ein, wurde aber äußerst hart von Mylady behandelt. Ein Blick, den sie d’Artagnan zuwarf, wollte sagen: »Ihr seht, wie ich um Euretwillen leide.«

Doch am Ende des Abends besänftigte sich die schöne Löwin; sie hörte lächelnd die zärtlichen Worte d’Artagnan’s und gab ihm sogar die Hand zu küssen.

Als d’Artagnan sich entfernte, wußte er nicht mehr, was er denken sollte; da er aber ein Gascogner war, den man nicht so leicht den Kopf verlieren machte, so ersann er in seinem Innern ein Plänchen.

Er fand Ketty an der Thüre und ging wie am vorhergehenden Tage mit ihr hinauf, um Neuigkeiten von ihr zu erfahren. Ketty war viel gescholten worden; man hatte sie der Nachlässigkeit beschuldigt. Mylady konnte das Stillschweigen des Grafen von Wardes gar nicht begreifen und sie hatte ihr befohlen, am Morgen um neun Uhr in ihrem Schlafzimmer zu erscheinen, um ihre Aufträge zu vernehmen.

D’Artagnan ließ sich von Ketty das Versprechen geben, am andern Tage in seine Wohnung zu kommen, um ihm den Inhalt dieser Befehle mitzutheilen. Die Arme versprach alles, was d’Artagnan haben wollte; sie liebte wahnsinnig.

Um elf Uhr sah er Ketty kommen. Sie hielt ein neues Billet von Mylady in der Hand. Diesmal suchte es das arme Kind d’Artagnan nicht einmal streitig zu machen und ließ ihn gewähren. Sie gehörte mit Leib und Seele dem schönen Soldaten.

D’Artagnan öffnete dieses zweite Billet, das ebenfalls weder mit einer Unterschrift noch mit einer Adresse versehen war, und las, wie folgt:

»Ich schreibe Euch zum dritten Male, um Euch zu sagen, daß ich Euch liebe. Hütet Euch, daß ich Euch nicht zum vierten Male schreibe, um Euch zu sagen, daß ich Euch hasse.«

D’Artagnan wurde wiederholt blaß und roth, während er dieses Billet las.

»Oh! Ihr liebt sie immer noch!« sprach Ketty, die nicht einen Moment die Augen von dem Gesicht des jungen Mannes abgewandt hatte.

»Nein, Ketty, Du täuschest Dich; ich liebe sie nicht mehr, aber ich will mich für ihre Verachtung rächen.«

Ketty seufzte.

D’Artagnan nahm eine Feder und schrieb:

»Madame, bis jetzt habe ich gezweifelt, ob Eure beiden ersten Billets auch gewiß an mich gerichtet wären, so sehr wähnte ich mich einer solchen Ehre unwürdig.

»Heute aber muß ich an das Uebermaß Eurer Güte glauben, weil nicht nur Euer Brief, sondern auch Euere Kammerfrau mir die Versicherung geben, daß ich das Glück habe, von Euch geliebt zu werden.

»Ich werde heute Abend um elf Uhr meine Verzeihung erflehen. Einen Tag länger zögern, wäre jetzt in meinen Augen eine neue Beleidigung.

»Derjenige, welchen Ihr zum glücklichsten Sterblichen macht.«

Dieses Billet war nicht gerade eine Fälschung – d’Artagnan unterzeichnete es nicht – aber es war eine Unzartheit, es war sogar, aus dem Gesichtspunkte unserer gegenwärtigen Sitten betrachtet, etwas wie eine Schändlichkeit; man machte sich in jener Zeit weniger Bedenken, als gegenwärtig. Ueberdieß wußte d’Artagnan durch das eigene Geständniß von Mylady, daß sie des Verraths an wichtigeren Häuptern schuldig war, und er hegte nur eine sehr geringe Achtung vor ihr.

Auch hatte er sich an ihr wegen ihrer Koketterie gegen ihn und wegen ihres Benehmens gegen Madame Bonacieux zu rächen.

D’Artagnans Plan war ganz einfach. Durch Ketty’s Zimmer gelangte er in das ihrer Gebieterin. Er beschämte die Treulose, er drohte, sie durch öffentlichen Skandal zu kompromittiren, und erhielt von ihr durch den Schrecken alle Auskunft, die er über Constance’s Schicksal zu haben wünschte. Vielleicht konnte sogar die Freiheit der hübschen Krämerin das Resultat dieser Zusammenkunft sein.

»Hier,« sprach der junge Mann und stellte Ketty das Billet ganz versiegelt zu, »gib diesen Brief Mylady; es ist die Antwort des Herrn von Wardes.«

Die arme Ketty wurde bleich wie der Tod; sie vermuthete, was das Billet enthielt.

»Höre, mein liebes Kind,« sagte d’Artagnan zu ihr, »Du begreifst, daß Alles dies auf die eine oder auf die andere Weise endigen muß; Mylady kann entdecken, daß Du das erste Billet meinem Bedienten übergeben hast, statt es dem Bedienten des Grafen einzuhändigen und daß ich die anderen entsiegelt habe, welche Herr von Wardes entsiegeln sollte. Dann wird Dich Mylady fortjagen, und Du kennst sie, sie ist nicht die Frau, ihre Rache hierauf zu beschränken.«

»Ach,« rief Ketty, »wofür habe ich mich Allem dem ausgesetzt!«

»Für mich, ich weiß es wohl, meine Schönste,« sagte der junge Mann; »auch bin ich Dir in hohem Maße dankbar, das schwöre ich.«

»Aber was enthält denn Euer Billet?«

»Mylady wird es Dir sagen.«

»Ach, Ihr liebt mich nicht!« rief Ketty, »und ich bin sehr unglücklich!«

Ketty weinte sehr, ehe sie sich entschloß, diesen Brief Mylady zu übergeben; aber endlich entschloß sie sich dennoch aus Ergebenheit für den jungen Musketier, und das war Alles, was d’Artagnan in diesem Augenblick wollte.

VI.

Worin von der Equipirung von Aramis und Porthos die Rede ist.

Seitdem jeder der vier Freunde seiner Equipirung nachjagte, fand keine bestimmte Zusammenkunft mehr unter ihnen statt; die Einen speisten ohne die Andern, wo man sich traf, oder vielmehr man traf sich, wo man konnte. Der Dienst nahm auch einen Theil der so schnell verrinnenden Zeit weg. Nur hatte man sich verabredet, einmal wöchentlich gegen ein Uhr bei Athos zusammen zu kommen, weil der letztere seinem Schwure getreu nicht mehr über seine Thürschwelle ging.

Gerade der Tag, an welchem Ketty d’Artagnan aufgesucht hatte, war auch der Tag der Zusammenkunft. Kaum hatte Ketty das Haus verlassen, als sich d’Artagnan nach der Rue Ferou wandte.

Er fand Athos und Aramis, welche philosophirten. Aramis war halb Willens, zu der Sutane zurückzukehren. Athos rieth ihm, seiner Gewohnheit gemäß, weder ab, noch ermuthigte er ihn dazu. Athos war dafür, Jedem seinen freien Willen zu lassen. Er gab nur Rathschläge, die man von ihm forderte, und man mußte sie zweimal fordern.

»Im Allgemeinen fordert man Rathschläge nur,« sagte er, »um sie nicht zu befolgen, oder wenn man sie befolgt, um Jemand zu haben, dem man einen Vorwurf daraus machen kann, daß er sie gegeben.«

Porthos kam einen Augenblick nach d’Artagnan. Die Versammlung der vier Freunde war also vollzählig.

Die vier Gesichter drückten vier verschiedene Gefühle aus: das von Porthos Ruhe, das von d’Artagnan Hoffnung, das von Aramis Unruhe, das von Athos Sorglosigkeit.

Nach einem kurzen Gespräch, in welchem Porthos durchblicken ließ, eine sehr hochgestellte Person wolle es gütigst übernehmen, ihn aus der Verlegenheit zu ziehen, trat Mousqueton ein. Er bat Porthos, in seine Wohnung zu kommen, wo, wie er mit sehr kläglicher Miene sagte, seine Gegenwart dringend nothwendig sei.

»Betrifft es meine Equipirung?« fragte Porthos. – »Ja und nein,« antwortete Mousqueton. – »Aber was willst Du denn? …« – »Kommt, gnädiger Herr!«

Porthos stand auf, grüßte seine Freunde und folgte Mousqueton.

Einen Augenblick später erschien Bazin auf der Thürschwelle.

»Was willst Du von mir, mein Freund?« sagte Aramis mit jener Weichheit der Sprache, die man jedes Mal bei ihm bemerkte, so oft ihn seine Gedanken zu der Kirche zurückführten. – »Ein Mann erwartet den gnädigen Herrn zu Hause,« antwortete Bazin. – »Ein Mann! was für ein Mann?« – »Ein Bettler.« – »Gib ihm ein Almosen, Bazin, und sage ihm, er möge für einen armen Sünder beten.« – »Dieser Bettler will mit aller Gewalt Euch sprechen, und behauptet, Ihr würdet sehr erfreut sein, ihn zu sehen.« – »Hat er nichts Besonderes für mich?« – »Allerdings.« »»Wenn Herr Aramis,«« sagte er, »»mich nicht sogleich aufsuchen will, so meldet ihm, ich komme von Tours.«« – »Von Tours? ich gehe!« rief Aramis. »Meine Herren, ich bitte tausendmal um Vergebung, aber ohne Zweifel bringt mir dieser Mensch Nachrichten, welche ich erwarte.« So sprechend stand er auf und entfernte sich rasch.

Es blieben noch Athos und d’Artagnan.

»Ich glaube, daß diese Spitzbuben ihre Sachen gefunden haben. Was denkt Ihr davon, d’Artagnan?« sagte Athos.

»Ich weiß, daß Porthos im schönsten Zug ist,« erwiderte d’Artagnan, »und in Bezug auf Aramis bin ich in der That nie ernstlich in Unruhe gewesen. Aber Ihr, mein lieber Athos, der Ihr so edelmüthig die Pistolen des Engländers ausgetheilt habt, die Euch von Rechts wegen zukamen, was gedenkt Ihr zu thun?«

»Ich bin sehr froh, daß ich diesen Schurken getötet habe, da er die alberne Neugierde hatte, meinen wahren Namen erfahren zu wollen; aber wenn ich seine Pistolen eingesackt hätte, so würden sie mich drücken, wie ein Gewissensbiß.«

»Ei, ei, mein lieber Athos, Ihr habt ein wahrhaft unbegreifliches Zartgefühl.«

»Lassen wir das! Apropos, Herr von Treville, der mich gestern mit seinem Besuch beehrte, sagte mir, daß Ihr sehr häufig die verdächtigen Engländer besuchet, welche der Kardinal beschützt.«

»Das heißt, daß ich einer Engländerin meinen Besuch mache, derjenigen, von welcher ich mit Euch gesprochen habe.«

»Ah, ja, die blonde Frau, in Bezug auf welche ich Euch Rathschläge gab, die Ihr natürlich nicht befolgt habt.«

»Ich habe Euch meine Gründe genannt. Ich bin jetzt fest überzeugt, daß diese Dame bei der Entführung der Frau Bonacieux mitgewirkt hat.«

»Ja, und ich begreife, daß Ihr, um eine Frau aufzufinden, einer andern den Hof macht. Das ist der längste Weg, aber der unterhaltendste.«

Wir wollen die zwei Freunde, die sich nichts Wichtiges zu sagen hatten, verlassen, um Aramis zu folgen.

Wir haben gesehen, mit welcher Geschwindigkeit der junge Mann, bei der Nachricht, daß sein Unbekannter von Tours komme, Bazin folgte, oder vielmehr ihm vorauslief. Er machte gleichsam nur einen Sprung von der Rue Ferou nach der Rue Vaugirard.

Beim Eintritt in seine Wohnung fand er wirklich einen Mann von kleinem Wuchs und gescheidten Augen, aber mit Lumpen bedeckt.

»Ihr verlangt nach mir,« sagte der Musketier. – »Das heißt, ich verlange nach Herrn Aramis. Heißt Ihr so?« – »Allerdings. Habt Ihr mir etwas zu übergeben?« – »Ja, wenn Ihr mir ein gewisses gesticktes Taschentuch zeigt.« – »Hier ist es,« sprach Aramis, indem er einen Schlüssel aus der Brust zog und ein kleines, mit Perlmutter inkrustirtes Kistchen von Ebenholz öffnete, »seht, hier ist es.« – »Gut,« sprach der Bettler, »schickt Euren Bedienten weg.«

Bazin hatte wirklich, um zu erfahren, was der Bettler von seinem Herrn wollte, gleichen Schritt mit ihm gehalten und war beinahe zugleich mit ihm angekommen. Aber diese Geschwindigkeit nützte ihn nicht sehr viel. Auf diese Aufforderung des Bettlers gab ihm sein Herr ein Zeichen, sich zu entfernen, und er mußte gehorchen.

Sobald Bazin sich entfernt hatte, warf der Bettler einen raschen Blick umher, um sich zu versichern, daß ihn Niemand hören oder sehen konnte, öffnete seine mit einem ledernen Gürtel nur schlecht verschlossene, zerlumpte Überweste, und fing an, sein Wamms oben aufzutrennen, aus dem er einen Brief hervorzog.

Aramis stieß ein Freudengeschrei bei dem Anblick des Siegels aus und öffnete mit beinahe religiöser Ehrfurcht den Brief, welcher Folgendes enthielt:

»Freund! das Schicksal will, daß wir noch einige Zeit getrennt sein sollen; aber die schönen Tage der Jugend sind nicht unwiederbringlich verloren. Thut Eure Pflicht im Felde, ich thue die meinige anderswo. Nehmt, was der Ueberbringer Euch zustellen wird. Macht den Feldzug als schöner und braver Edelmann mit, und denkt an mich. Adieu, oder vielmehr auf Wiedersehen!«

Der Bettler trennte immer noch auf. Er zog aus seinen schmutzigen Kleidern hundert und fünfzig Doppelpistolen hervor, die er auf dem Tisch an einander reihte; dann öffnete er die Thüre, grüßte und ging ab, ohne daß der erstaunte junge Mann ihm ein Wort hatte sagen können.

Aramis las den Brief noch einmal und bemerkte, daß derselbe eine Nachschrift hatte.

»N. S. Ihr könnt dem Ueberbringer einen guten Empfang zu Theil werden lassen. Er ist Graf und Grand von Spanien.«

»Goldene Träume!« rief Aramis, »oh! das schöne Leben! ja, wir sind jung! ja, wir werden noch schöne Tage haben! oh! Dir! Dir meine Liebe, mein Blut, mein Dasein! Alles, Alles, Alles, meine schöne Geliebte!«

Und er küßte den Brief leidenschaftlich, ohne nur das Gold anzuschauen, das auf dem Tische funkelte.

Bazin kratzte an der Thüre, Aramis hatte keine Ursache mehr ihn entfernt zu halten, und erlaubte ihm einzutreten.

Bazin blieb beim Anblick des Goldes ganz erstaunt stehen und vergaß d’Artagnan zu melden, der aus Neugierde in Betreff des Bettlers zu Aramis kam, nachdem er Athos verlassen hatte.

Da sich aber d’Artagnan bei Aramis keinen Zwang anthat, so meldete er sich selbst, als er sah, daß ihn Bazin vergaß.

»Ah, Teufel, mein lieber Aramis,« sprach d’Artagnan, »wenn das die Pflaumen sind, die man Euch von Tours schickt, so macht dem Gärtner, der sie pflanzt, mein Kompliment.«

»Ihr täuscht Euch, mein Lieber,« erwiderte der allzeit verschwiegene Aramis. »Mein Buchhändler hat mir so eben das Honorar für das Gedicht in einsilbigen Versen geschickt, das ich da unten angefangen habe.«

»Ah, wahrhaftig?« rief d’Artagnan. »Nun wohl! Euer Buchhändler ist splendid, mein lieber Aramis; das ist Alles, was ich sagen kann.«

»Wie, gnädiger Herr,« rief Bazin, »ein Gedicht wird so hoch bezahlt? Das ist unglaublich! Oh, gnädiger Herr! Ihr macht Alles, was Ihr wollt, Ihr könnt es noch so weit bringen, wie Herr Voiture und Herr von Benserade.«

»Bazin, mein Freund,« sagte Aramis, »ich glaube, Du mischest Dich in das Gespräch.«

Bazin begriff, daß er Unrecht hatte, senkte den Kopf und trat ab.

»Wie?« sprach d’Artagnan lächelnd. »Ihr laßt Euch Eure Erzeugnisse mit Gold aufwiegen? Ihr seid sehr glücklich, mein Freund! Aber nehmt Euch in Acht, Ihr verliert den Brief, der aus Eurer Kasake hervorsieht und ohne Zweifel auch von Eurem Buchhändler kommt.«

Aramis erröthete bis unter das Weiß der Augen, drückte seinen Brief tiefer hinein und knöpfte sein Wamms wieder zu.

»Mein lieber d’Artagnan,« sagte er, »wir wollen, wenn es Euch genehm ist, unsere Freunde aufsuchen, und da ich jetzt reich bin, heute wieder anfangen mit einander zu diniren, bis Ihr ebenfalls reich seid.«

»Meiner Treu!« erwiderte d’Artagnan, »mit großem Vergnügen. Wir haben seit geraumer Zeit kein anständiges Mittagsmahl mehr eingenommen, und da ich, für meinen Theil, diesen Abend ein etwas gewagtes Unternehmen auszuführen habe, so wäre es mir, ehrlich gestanden, nicht unangenehm, den Kopf mit einigen Flaschen altem Burgunder zu erwärmen.«

»Es mag sein, alter Burgunder, ich hasse ihn auch nicht,« sprach Aramis, dem der Anblick des Goldes die Gedanken an Zurückgezogenheit abgestreift hatte.

Er steckte drei bis vier Doppelpistolen in seine Tasche, um den Bedürfnissen des Augenblicks zu genügen, und schloß die übrigen in das mit Perlmutter inkrustirte Kistchen von Ebenholz, worin das bereits bekannte Taschentuch lag, das ihm als Talisman gedient hatte.

Die zwei Freunde begaben sich zuerst zu Athos, der es, getreu seinem Schwur nicht auszugehen, übernahm, das Mittagbrod in seine Wohnung bringen zu lassen. Da er sich sehr gut auf die gastronomischen Einzelheiten verstand, so machten d’Artagnan und Aramis keine Schwierigkeit, ihm diese wichtige Sorge zu überlassen.

Sie waren auf dem Wege zu Porthos, als sie an der Ecke der Rue du Bac Mousqueton begegneten, der mit kläglicher Miene ein Maulthier und ein Pferd vor sich hertrieb.

D’Artagnan stieß einen Schrei des Erstaunens aus, dem es nicht an einer Beimischung von Freude fehlte.

»Ah! mein gelbes Pferd!« rief er, »seht dieses Pferd an!«

»Oh! die abscheuliche Mähre!« sagte Aramis.

»Was wollt Ihr, mein Lieber,« versetzte d’Artagnan, »das ist das Pferd, auf welchem ich nach Paris gekommen bin.«

»Wie, der gnädige Herr kennt dieses Pferd?« sprach Mousqueton.

»Es hat eine ganz originelle Farbe,« rief Aramis, »es ist das einzige, das ich mit einer solchen Haut gesehen habe.«

»Ich glaube wohl!« sagte d’Artagnan, »ich habe es auch um drei Thaler verkauft, und das muß der Haut wegen gewesen sein, denn das Gerippe ist sicherlich keine achtzehn Livres werth. Aber wie kommt dieses Pferd in Deine Hände, Mousqueton?«

»Oh! sprecht mir nicht hievon, gnädiger Herr,« erwiderte der Bediente, »das ist ein abscheulicher Streich vom Gemahle unserer Herzogin.«

»Wie so, Mousqueton?«

»Ja, wir sind sehr wohl gelitten bei einer Frau von hohem Stande, bei der Herzogin von … Doch um Vergebung, mein Herr hat mir Verschwiegenheit empfohlen. Sie hatte uns genöthigt, ein kleines Andenken, ein spanisches Roß und ein andalusisches Maulthier anzunehmen, und Beides war herrlich anzuschauen. Der Gemahl erfuhr die Sache, konfiscirte unterwegs die zwei prächtigen Thiers, die man uns schickte, und vertauschte sie mit diesen abscheulichen Bestien.«

»Die Du ihm zurückbringst?«

»Natürlich,« antwortete Mousqueton. »Ihr begreift, daß wir keine solchen Thiere für diejenigen annehmen können, welche uns versprochen waren.«

»Nein, bei Gott! obgleich ich Porthos gerne auf meinem gelben Pferde gesehen haben möchte. Das hätte mir eine Idee davon gegeben, wie ich aussah, als ich nach Paris kam. Aber wir wollen Dich nicht aufhalten, Mousqueton; geh und besorge den Auftrag Deines Herrn. Ist er zu Hause?«

»Ja, gnädiger Herr; aber in sehr verdrießlicher Laune,« sprach Mousqueton.

Und er setzte seinen Weg nach dem Quai des Grands-Augustins fort, während die zwei Freunde an der Thüre des unglücklichen Porthos läuteten. Dieser hatte sie durch den Hof schreiten sehen, und war nicht Willens zu öffnen. Sie klopften also vergebens.

Mousqueton aber trieb seine zwei Mähren vor sich her über den Pont Neuf und erreichte die Rue aux Ours. Hier angelangt, band er, nach dem Befehle seines Herrn, Pferd und Maulthier an den Thürklopfer des Procurators und kehrte sodann, ohne sich um ihr ferneres Schicksal zu bekümmern, zu seinem Herrn zurück, um diesem zu melden, daß sein Auftrag vollzogen sei.

Nach einiger Zeit machten die unglücklichen Thiers, die seit dem Morgen nichts gefressen hatten, dadurch, daß sie den Klopfer aufhoben und wieder fallen ließen, einen solchen Lärm, daß der Procurator seinem Gassenjungen befahl, sich in der Nachbarschaft zu erkundigen, wem das Pferd und das Maulthier gehörten.

Madame Coquenard erkannte ihr Geschenk und konnte Anfangs diese Zurücksendung gar nicht begreifen; aber bald bekam sie Licht durch den Besuch des Musketiers. Der Zorn, der in seinen Augen funkelte, obschon er an sich zu halten suchte, erschreckte die empfindsame Liebende. Mousqueton hatte seinem Herrn wirklich nicht verborgen, daß er d’Artagnan und Aramis begegnet war, und daß d’Artagnan in dem gelben Pferde die Bearner Mähre erkannt, auf der er nach Paris gekommen war und die er sodann um drei Thaler verkauft hatte.

Porthos entfernte sich, nachdem er der Procuratorin im Kloster Saint-Magloire Rendezvous gegeben hatte. Als der Procurator Porthos gehen sah, lud er ihn zum Mittagessen ein, der Musketier aber schlug diese Einladung mit einer Miene voll Majestät aus.

Madame Coquenard begab sich ganz zitternd nach dem Kloster Saint-Magloire, denn sie ahnte die Vorwürfe, die ihrer harrten, aber sie wurde gänzlich geblendet durch die großartigen Manieren von Porthos.

Alles was ein in seiner Eitelkeit verletzter Mensch von Verwünschungen und Vorwürfen auf das Haupt einer Frau herabströmen lassen kann, ließ Porthos auf das gebeugte Haupt der Procuratorin strömen.

»Ach! ich glaubte äußerst klug zu Werke zu gehen,« sagte sie. »Einer von unsern Kunden ist Pferdehändler; er war der Schreibstube Geld schuldig und zeigte sich hartnäckig; ich nahm das Maulthier und das Pferd für das, was wir von ihm zu fordern hatten. Er versprach mir zwei königliche Thiere.«

»Wohl! Madame,« erwiderte Porthos, »wenn er Euch mehr als fünf Thaler schuldig war, so ist Euer Pferdehändler ein Dieb.«

»Es ist nicht verboten, das Wohlfeile zu suchen, Herr Porthos,« entgegnete die Procuratorsfrau, sich entschuldigend.

»Nein, Madame, aber diejenigen, welche das Wohlfeile suchen, müssen Anderen erlauben, sich nach edelmüthigeren Freunden umzusehen.«

Hierauf wandte sich Porthos auf den Absätzen und machte einen Schritt um sich zu entfernen.

»Herr Porthos! Herr Porthos!« rief die Procuratorin, »ich habe Unrecht, ich erkenne es; ich hätte nicht feilschen sollen, da es sich darum handelte, einen Cavalier, wie Ihr seid, zu equipiren.«

Porthos machte, ohne zu antworten, einen zweiten Schritt zum Rückzug.

Die Procuratorin glaubte ihn in einer glänzenden Wolke zu erblicken, umgeben von lauter Herzoginnen uns Marquisen, die ihm Säcke voll Gold vor die Füße warfen.

»Bleibt doch um’s Himmels willen, Herr Porthos!« rief sie, »bleibt und laßt mit Euch sprechen.« – »Mit Euch sprechen bringt mir Unglück,« entgegnete Porthos.« – »Sagt mir doch, was wünscht Ihr?« – »Nichts; denn das kommt gerade auf dasselbe heraus, als wenn ich etwas wünschen würde.«

Die Procuratorin hing sich Porthos an den Arm und rief in überströmendem Schmerz:

»Herr Porthos, ich bin unwissend in allen diesen Dingen. Weiß ich, was ein Pferd ist! Weiß ich, was Equipirung heißt?« – »Dann müßt Ihr Euch an mich halten, der ich mich darauf verstehe; aber Ihr wolltet sparen und folglich auf Wucher leihen.« – »Das war Unrecht von mir, Herr Porthos, und ich werde es auf mein Ehrenwort wieder gut machen.« – »Und wie dies?« fragte der Musketier. – »Hört. Diesen Abend geht Coquenard zu dem Herrn Herzog von Chaulnes, der ihn hat rufen lassen. Es findet eine Berathung statt, welche wenigstens zwei Stunden dauert. Kommt zu mir, wir werden allein sein und unsere Angelegenheiten ordnen.« – »Gut. Das heiße ich vernünftig sprechen, meine Liebe.« – »Ihr verzeiht mir?« – »Wir werden sehen,« erwiderte Porthos majestätisch.

Und sie trennten sich nach wiederholtem: »Diesen Abend also.«

»Teufel!« dachte Porthos auf dem Rückweg, »es scheint mir, ich komme dem Geldkasten des Herrn Coquenard immer näher.

VII.

Bei Nacht sind alle Katzen grau.

Der so ungeduldig von Porthos und von d’Artagnan erwartete Abend kam.

D’Artagnan fand sich wie gewöhnlich gegen neun Uhr bei Mylady ein. Er traf sie in der angenehmsten Laune, nie hatte sie ihn so gut empfangen. Unser Gascogner sah auf den ersten Blick, daß Ketty ihrer Gebieterin das vermeintliche Billet des Grafen von Wardes zugestellt hatte, und daß dieses Billet seine Wirkung hervorbrachte.

Ketty trat ein, um Sorbets zu reichen. Ihre Gebieterin machte ihr die freundlichste Miene, lächelte ihr auf das Anmuthigste zu; aber die Arme war so traurig über die Anwesenheit d’Artagnans bei Mylady, daß sie das Wohlwollen der letzteren gar nicht gewahr wurde.

D’Artagnan schaute die zwei Frauen nach einander an und mußte sich gestehen, daß sich die Natur bei ihrer Hervorbringung getäuscht hatte; der vornehmen Dame hatte sie eine giftige, treulose Seele, der Zofe ein liebendes, treues Herz gegeben.

Um zehn Uhr fing Mylady an, unruhig zu scheinen; d’Artagnan errieth ihre Gedanken sehr wohl; sie schaute auf die Uhr, erhob sich, setzte sich wieder und lächelte d’Artagnan mit einer Miene zu, als wollte sie sagen; »Ihr seid allerdings liebenswürdig, aber Ihr wäret allerliebst, wenn Ihr Euch entferntet.«

D’Artagnan stand auf und nahm seinen Hut; Mylady reichte ihm die Hand zum Kusse. Der junge Mann fühlte, daß sie ihm seine Hand drückte, und begriff, daß er diese Gunst einem Gefühl, nicht der Koketterie, sondern der Dankbarkeit für seinen Aufbruch verdankte.

»Sie liebt ihn wahnsinnig!« murmelte er.

Diesmal erwartete ihn Ketty weder im Vorzimmer, noch auf der Flur, noch im Thorweg. D’Artagnan mußte ganz allein die Treppe und das kleine Zimmer finden.

Ketty hatte an einem Tisch sitzend das Gesicht in den Händen verborgen und weinte.

Sie hörte d’Artagnan eintreten, aber sie hob den Kopf nicht in die Höhe. Der junge Mann näherte sich ihr und nahm sie bei der Hand; dann brach sie in ein Schluchzen aus.

Mylady hatte, wie d’Artagnan voraussetzte, als sie den Brief erhielt, den sie für eine Antwort des Grafen von Wardes hielt, im Uebermaß der Freude der Zofe alles gesagt und ihr als Belohnung für die Art und Weise, wie sie sich ihres Auftrags entledigt, eine Börse geschenkt.

In ihr Zimmer zurückkehrend hatte Ketty die Börse in einen Winkel geworfen, wo sie neben drei oder vier Goldstücken, welche herausgefallen waren, offen liegen blieb.

Bei der Stimme d’Artagnans schaute das arme Mädchen endlich empor. D’Artagnan erschrack über die Veränderung in ihren Gesichtszügen; sie faltete die Hände mit flehender Miene, aber ohne daß sie ein Wort zu sprechen vermochte.

So wenig empfindsam das Herz d’Artagnans war, so fühlte er sich doch gerührt durch diesen stummen Schmerz; aber er hing zu fest an seinen Entwürfen und besonders an diesem, als daß er es hätte über sich gewinnen können, etwas an dem Programm zu verändern, das er zum Voraus gemacht hatte. Er ließ Ketty keine Hoffnung, das von ihm beschlossene kecke Unternehmen zu verhindern. Nur stellte er ihr es als das dar, was es in Wirklichkeit war, das heißt als eine einfache Rache für die Koketterie Mylady’s und als das einzige Mittel, von ihr die gewünschte Auskunft über Madame Bonacieux dadurch zu erlangen, daß er sie durch Furcht vor Skandal beherrschen würde.

Dieser Plan war um so leichter ausführbar, als Mylady aus Gründen, die man sich nicht erklären konnte, die jedoch von großem Gewichte zu sein schienen, Ketty den Befehl gegeben hatte, alle Lichter in ihrem Zimmer und sogar die im Zimmer der Zofe auszulöschen.

Bald hörte man Mylady, welche in ihr Gemach zurückkehrte. D’Artagnan stürzte sogleich in den Schrank; kaum war er hineingeschlüpft, als die Glocke ertönte.

Ketty ging zu ihrer Gebieterin hinein und ließ die Thüre diesmal nicht offen, aber die Scheidewand war so dünn, daß man beinahe Alles hörte, was zwischen den zwei Frauen gesprochen wurde.

Mylady schien trunken vor Freude; sie ließ sich von Ketty die geringsten Einzelnheiten der angeblichen Zusammenkunft der Kammerjungfer mit dem Grafen von Wardes wiederholen, – wie er ihren Brief empfangen, wie er geantwortet, welchen Ausdruck sein Gesicht gezeigt habe, ob er sehr verliebt geschienen; auf alle diese Fragen antwortete die arme Ketty, welche sich keine Blöße geben durfte, mit einer erstickten Stimme, deren schmerzhaften Ton ihre Gebieterin nicht einmal bemerkte – so selbstsüchtig ist das Glück.

Als endlich die Stunde nahte, wo der Graf von Wardes erscheinen sollte, ließ Mylady in der That Alles bei sich auslöschen, und hieß Ketty in ihr Zimmer zurückkehren und den Grafen von Wardes bei ihr einführen, sobald er sich zeigen würde.

Ketty hatte nicht lange zu warten. Kaum hatte d’Artagnan durch das Schlüsselloch seines Schrankes gesehen, daß das ganze Zimmer in Finsterniß gehüllt war, so sprang er in dem Augenblick, wo Ketty die Verbindungsthüre wieder schloß, aus seinem Versteck hervor.

»Was soll dieses Geräusch bedeuten?« fragte Mylady.

»Ich bin es,« sagte d’Artagnan mit halber Stimme, »ich, der Graf von Wardes.«

»O, mein Gott, mein Gott!« murmelte Ketty, »er konnte nicht einmal die Stunde abwarten, die er selbst festgesetzt hatte.«

»Nun!« sprach Mylady mit zitternder Stimme, »warum tritt er nicht ein? Graf, Graf, Ihr wißt, daß ich Euch erwarte.«

Auf diesen Ruf schob d’Artagnan Ketty sachte bei Seite und eilte in das Zimmer von Mylady.

Müssen Wuth und Schmerz eine Seele foltern, so ist dies im höchsten Grad bei einem Liebenden der Fall, welcher unter einem Namen, der nicht ihm gehört, Liebesbetheuerungen empfängt, die seinem glücklichen Nebenbuhler gelten.

D’Artagnan befand sich in einer peinvollen Lage, die er nicht vorhergesehen hatte; die Eifersucht marterte sein Herz, und er litt beinahe so sehr, wie die arme Ketty, welche in demselben Augenblick im anstoßenden Zimmer weinte.

»Ja, Graf,« sagte Mylady mit ihrer weichsten Stimme und drückte dabei eine seiner Hände, »ja, ich bin glücklich durch die Liebe, die mir Eure Blicke und Eure Worte ausdrückten. Aber ich liebe Euch auch. Morgen, morgen will ich irgend ein Pfand von Euch, das beweisen soll, daß Ihr an mich denkt, und da Ihr mich vergessen könntet, so nehmt.«

Und sie zog einen Ring von ihrem Finger und steckte ihn d’Artagnan an.

Es war ein prächtiger Saphir, umgeben von Brillanten.

Die erste Regung d’Artagnans war, ihr denselben zurückzugeben; aber Mylady fügte bei:

»Nein, nein, behaltet diesen Ring, mir zu Liebe. Ueberdies leistet Ihr mir, indem Ihr ihn annehmt,« setzte sie mit bewegter Stimme hinzu, »einen größeren Dienst, als Ihr Euch vorstellen könnt.«

»Diese Frau ist doch voll von Geheimnissen,« dachte d’Artagnan.

In diesem Augenblick fühlte er sich geneigt, Alles zu enthüllen. Er öffnete den Mund, um Mylady zu sagen, wer er sei, und welcher Racheplan ihn herbeigeführt; aber sie fügte hinzu:

»Armer Engel, den dieses Ungeheuer von einem Gascogner beinahe getötet hätte!«

Das Ungeheuer war er.

»Oh!« fuhr Mylady fort, »habt Ihr noch an Euren Wunden zu leiden?« – »Ja, viel,« erwiderte d’Artagnan, der nicht wußte, was er sagen sollte. – »Seid ruhig,« antwortete Mylady, in einem für ihren Zuhörer wenig beruhigenden Ton, »ich werde Euch rächen, grausam rächen!« – »Pest,« sprach d’Artagnan zu sich selbst, »der Augenblick der Offenbarung ist noch nicht gekommen.«

D’Artagnan brauchte einige Zeit, um sich von diesem kleinen Dialog zu erholen: alle rachsüchtigen Gedanken, die er mitgebracht hatte, waren völlig verschwunden. Diese Frau übte eine unglaubliche Macht über ihn aus; er haßte sie und betete sie zugleich an; er hatte nie geglaubt, daß zwei so entgegengesetzte Gefühle in einem Herzen wohnen und ihrer Vereinigung eine seltsame, gleichsam teuflische Liebe bilden können.

Es hatte indessen ein Uhr geschlagen; man mußte sich zurückziehen. In dem Augenblick, wo d’Artagnan Mylady verließ, fühlte er nur ein lebhaftes Bedauern, sich von ihr entfernen zu müssen, und bei dem leidenschaftlichen Lebewohl, das sie an einander richteten, wurde eine neue Zusammenkunft für die nächste Woche verabredet.

Die arme Ketty hoffte einige Worte mit d’Artagnan sprechen zu können, wenn er durch ihr Zimmer gehen würde; aber Mylady geleitete ihn selbst in der Dunkelheit und verließ ihn erst auf der Treppe.

Am andern Morgen lief d’Artagnan zu Athos. Er war in ein so seltsames Abenteuer verwickelt, daß er ihn um seinen Rath bitten wollte, und erzählte ihm deßhalb Alles, was vorgefallen war. Athos runzelte wiederholt die Stirne.

»Eure Mylady,« sprach er, »scheint mir ein heilloses Geschöpf zu sein. Aber es war darum von Euch nicht minder unrecht, sie zu täuschen, und Ihr habt nun auf die eine oder auf die andere Weise eine Feindin auf dem Nacken.«

Während Athos sprach, schaute er beständig den mit Diamanten umgebenen Saphir an, der an d’Artagnan’s Finger die Stelle des Ringes der Königin eingenommen hatte, welcher sorgfältig in ein Kästchen verschlossen worden war.

»Ihr schaut diesen Ring an,« sagte der Gascogner, stolz darauf, vor den Blicken des Freundes ein so reiches Geschenk glänzen lassen zu können.

»Ja,« sagte Athos, »er erinnert mich an ein Familienjuwel.«

»Der Ring ist schön, nicht wahr?« sprach d’Artagnan.

»Herrlich!« antwortete Athos, »ich glaubte nicht, daß zwei Saphire von so schönem Wasser vorhanden wären. Habt Ihr ihn gegen Euren Diamant ausgetauscht?«

»Nein,« sagte d’Artagnan, »es ist ein Geschenk von meiner schönen Engländerin oder vielmehr von meiner schönen Französin, denn, obgleich ich sie nicht darüber befragt habe, bin ich doch überzeugt, daß sie in Frankreich geboren ist.«

»Dieser Ring ist Euch von Mylady zugekommen?« rief Athos mit einer Stimme, in der sich leicht die große Gemüthsbewegung erkennen ließ.

»Von ihr selbst, sie hat ihn mir heute Nacht gegeben.«

»Zeigt mir den Ring,« sprach Athos.

»Hier ist er,« antwortete d’Artagnan und zog ihn vom Finger.

Athos betrachtete denselben und wurde sehr bleich. Dann probirte er ihn an dem Ringfinger seiner linken Hand. Er ging so gut an diesen Finger, als ob er dafür gemacht worden wäre.

Eine Wolke des Zorns und der Rache zog über die gewöhnlich so ruhige Stirne des Edelmanns.

»Es kann unmöglich derselbe sein,« sprach er. »Wie sollte sich dieser Ring in den Händen von Mylady Clarick finden! Und doch läßt sich kaum zwischen zwei Juwelen eine solche Ähnlichkeit denken!«

»Kennt Ihr diesen Ring?« fragte d’Artagnan.

»Ich glaubte ihn zu erkennen,« erwiderte Athos, »aber ich täuschte mich ohne Zweifel.«

Und er gab d’Artagnan den Ring zurück, schaute ihn aber fortwährend an.

»Ich bitte Euch!« sprach er nach einem Augenblick, »ich bitte Euch, d’Artagnan, nehmt diesen Ring von Eurem Finger oder dreht den Saphir nach Innen. Er ruft so schreckliche Erinnerungen in mir zurück, daß ich nicht die nöthige Besinnung hätte, um mit Euch zu plaudern. Wolltet Ihr nicht Rath von mir haben? Sagtet Ihr mir nicht, Ihr seiet in Verlegenheit, was Ihr thun sollet? Aber halt, gebt mir nochmals diesen Ring. Derjenige, von welchem ich sprechen wollte, muß an einer der Seiten des Steines in Folge eines Unfalls geritzt sein.«

D’Artagnan zog den Ring abermals von seinem Finger und gab ihn Athos.

Athos bebte: »Seht,« sprach er; »seht! ist das nicht seltsam!«

Und er zeigte d’Artagnan die Ritze, deren er sich erinnerte.

»Aber von wem hattet Ihr diesen Saphir, Athos?«

»Von meiner Mutter, die ihn von der ihrigen erbte. Wie ich Euch sage, es ist ein alter Juwel, der nie aus der Familie kommen sollte.«

»Und Ihr habt ihn verkauft?« fragte d’Artagnan zögernd.

»Nein,« antwortete Athos mit seltsamem Lächeln. »Ich habe ihn während einer Liebesstunde verschenkt, wie er an Euch verschenkt worden ist.«

D’Artagnan wurde ebenfalls nachdenkend. Es kam ihm vor, als erblicke er in Myladys Leben Abgründe mit düsteren, furchtbaren Tiefen.

Er steckte den Ring nicht an seinen Finger, sondern in seine Tasche.

»Hört,« sprach Athos und faßte ihn bei der Hand, »Ihr wißt, daß ich Euch liebe, d’Artagnan; hätte ich einen Sohn, ich könnte ihn nicht mehr lieben als Euch; nun, glaubt mir, verzichtet auf diese Frau. Ich kenne sie nicht, aber eine unbestimmte Ahnung sagt mir, daß sie ein verdorbenes Geschöpf ist und daß etwas Unseliges in ihr sein muß.«

»Und Ihr habt Recht,« sprach d’Artagnan, »glaubt mir, ich trenne mich von ihr. Ich gestehe Euch, auch mich erfüllt diese Frau mit Schrecken.«

»Werdet Ihr den Muth haben?« sagte Athos.

»Ich werde ihn haben,« antwortete d’Artagnan, »und zwar in diesem Augenblick.«

»Wohl, mein Junge, Ihr habt Recht,« sprach der Edelmann und drückte dem Gascogner mit wahrhaft väterlicher Zuneigung die Hand. »Gott wolle, daß diese Frau, die kaum in Eure Existenz eingetreten ist, keine traurige Spur darin zurücklasse.«

Und Athos grüßte d’Artagnan mit dem Kopf, wie ein Mensch, der zu verstehen geben will, daß es ihm nicht unangenehm wäre, mit seinen Gedanken allein bleiben zu können.

Als d’Artagnan nach seiner Wohnung zurückkehrte, fand er Ketty, die auf ihn wartete. Ein Monat Fieber hätte das arme Kind nicht mehr verändert, als dies durch eine Stunde der Eifersucht und des Schmerzes geschehen war.

Sie wurde von ihrer Gebieterin zum Grafen von Wardes geschickt. Ihre Gebieterin war toll vor Liebe, trunken vor Freude. Sie wollte wissen, wann der Graf ihr eine zweite Zusammenkunft geben würde.

Bleich und zitternd sah die arme Ketty der Antwort d’Artagnan entgegen.

Athos übte einen großen Einfluß über diesen jungen Mann aus. Der Rath seines Freundes hatte ihn in Verbindung mit den Gefühlen seines eigenen Herzens und der Erinnerung an Madame Bonacieux, welche ihn nur selten verließ, in dem Entschlüsse befestigt, jetzt, da sein Stolz gerettet war, Mylady nicht wieder zu sehen. Statt jeder Antwort nahm er eine Feder und schrieb folgenden Brief, den er eben so wenig unterzeichnete, als den vorhergehenden:

»Rechnet nicht auf mich, Madame; seit meiner Wiederherstellung habe ich so viele Unterhaltungen dieser Art zu bewilligen, daß ich eine gewisse Ordnung in die Sache bringen mußte. Kommt die Reihe an Euch, so werde ich die Ehre haben, Euch davon in Kenntniß zu setzen.«

Von dem Saphir kein Wort; der Gascogner wollte ihn bis auf neuen Befehl als eine Waffe gegen Mylady behalten.

Man hätte übrigens Unrecht, die Handlungen einer Epoche aus dem Gesichtspunkte einer andern zu betrachten. Was man heute als eine Schmach für einen Mann von Welt halten würde, war in jener Zeit etwas ganz Einfaches und Natürliches.

D’Artagnan gab den Brief Ketty offen; diese las ihn anfangs, ohne ihn zu verstehen, und wäre beinahe wahnsinnig geworden, als sie ihn zum zweiten Male las.

Ketty konnte nicht an dieses Glück glauben. D’Artagnan war genöthigt, ihr mündlich die Versicherung zu wiederholen, die ihr der Brief schriftlich gab. Wie groß auch die Gefahr war, welche die Arme bei dem heftigen Charakter von Mylady lief, wenn sie dieses Billet ihrer Gebieterin einhändigte, so ging sie doch so geschwind, als sie konnte, nach der Place Royale zurück.

Das Herz der besten Frau ist gefühllos gegen die Schmerzen einer Nebenbuhlerin.

Mylady öffnete den Brief mit derselben Eile, mit der ihn Ketty gebracht hatte, aber bei den ersten Worten, die sie las, wurde sie leichenblaß, dann zerknitterte sie das Papier und wandte sich mit einem Blitze in den Augen gegen Ketty.

»Was soll dieser Brief?« sprach sie.

»Es ist die Antwort auf den der gnädigen Frau,« erwiderte Ketty zitternd.

»Unmöglich!« versetzte Mylady, »unmöglich kann ein Edelmann an eine Frau einen solchen Brief geschrieben haben.«

Dann rief sie plötzlich:

»Mein Gott! sollte er wissen …«

Und sie hielt bebend inne. Sie knirschte mit den Zähnen, ihr Gesicht war leichenfarbig. Sie wollte einen Schritt gegen das Fenster machen, um Luft zu schöpfen; aber sie konnte nur den Arm ausstrecken, die Kraft versagte ihr und sie sank auf einen Stuhl zurück.

Ketty glaubte, sie befinde sich unwohl, und eilte zu ihr, um den Schnürleib zu öffnen. Aber Mylady sprang auf und rief lebhaft:

»Was willst Du? Warum legst Du Hand an mich?« »Ich glaubte, Mylady befinde sich unwohl, und wollte ihr Hülfe leisten,« antwortete die Zofe, ganz erschrocken über den furchtbaren Ausdruck, den das Gesicht ihrer Gebieterin angenommen hatte.

»Ich mich unwohl befinden! hältst Du mich für ein erbärmliches Weib? Soll ich krank werden, wenn man mich beleidigt? Nein, ich räche mich, verstehst Du wohl?«

Und sie gab Ketty ein Zeichen, sich zu entfernen.

VIII.

Rachetraum.

Am Abend gab Mylady Befehl, Herrn d’Artagnan einzuführen, sobald er seiner Gewohnheit gemäß kommen würde. Aber er kam nicht.

Am andern Tag besuchte Ketty den jungen Mann abermals und erzählte ihm Alles, was am Abend vorgefallen war. D’Artagnan lächelte. Dieser eifersüchtige Zorn war seine Rache.

Am zweiten Abend war Mylady noch ungeduldiger, als Tags zuvor; sie erneuerte den Befehl in Beziehung auf den Gascogner; aber sie wartete vergeblich, wie am Tag vorher. Am nächsten Morgen erschien Ketty wiederum bei d’Artagnan, nicht heiterer, nicht aufgeräumter, als an den zwei vorhergehenden Tagen, sondern im Gegentheil zum Sterben traurig. D’Artagnan fragte das arme Mädchen, was sie habe; aber sie zog statt jeder Antwort einen Brief aus der Tasche und händigte ihm denselben ein.

Dieser Brief war von der Hand Myladys, nur mit dem Unterschied, daß er diesmal wirklich für d’Artagnan und nicht für Herrn von Wardes bestimmt war.

Er öffnete und las Folgendes:

»Lieber Herr d’Artagnan, es ist nicht schön, seine Freunde zu vernachlässigen, besonders in dem Augenblick, wo man sie auf lange Zeit zu verlassen im Begriffe ist. Mein Schwager und ich haben Euch gestern und vorgestern vergebens erwartet. Wird dies heute Abend ebenso sein? Eure dankbare

Lady Winter

»Das ist ganz einfach,« sprach d’Artagnan. »Ich erwartete diesen Brief. Mein Kredit steigt durch das Sinken des Grafen von Wardes.«

»Werdet Ihr gehen?« fragte Ketty.

»Höre, mein liebes Kind,« sagte der Gascogner, der sich in seinen eigenen Augen darüber zu entschuldigen suchte, daß er von dem Versprechen, welches er Athos geleistet hatte, abgehen wollte; »Du begreifst, daß es unpolitisch wäre, einer so bestimmten Einladung nicht Folge zu leisten. Würde Mylady mich nicht zurückkommen sehen, so dürfte sie das Abbrechen meiner Besuche nicht begreifen; sie könnte dann irgend etwas vermuthen, und wer weiß, wie weit die Rache einer Frau von diesem Schlage gehen könnte?«

»O mein Gott!« sprach Ketty, »Ihr wißt die Dinge so darzustellen, daß Ihr immer Recht habt. Aber Ihr werdet ihr den Hof machen, und wenn Ihr Mylady diesmal unter Eurem wahren Namen und mit Eurem wahren Gesicht gefallen würdet, so wäre es noch viel schlimmer, als das erste Mal.«

Der Instinkt ließ das arme Mädchen einen Theil von dem, was da kommen sollte, ahnen.

D’Artagnan suchte sie so gut als möglich zu beruhigen und versprach ihr, unempfindlich gegen Myladys Verführungen zu bleiben.

Er ließ dieser antworten, er sei äußerst dankbar für ihre Güte und werde ihrem Befehl gehorchen; aber er wagte es nicht, ihr zu schreiben, weil er für so geübte Augen, wie Mylady’s, seine Handschrift nicht gehörig verstellen zu können fürchtete.

Mit dem Schlag neun Uhr war d’Artagnan auf der Place Royale. Die Bedienten, welche im Vorzimmer warteten, waren offenbar von seiner Erscheinung in Kenntniß gesetzt, denn sobald er kam, sogar ehe er gefragt hatte, ob Mylady sichtbar sei, lief einer von ihnen hinweg, um ihn zu melden.

»Laßt ihn eintreten,« sprach Mylady mit raschem, aber so durchdringendem Tone, daß d’Artagnan es im Vorzimmer hörte.

Man führte ihn ein.

»Ich bin für Niemand zu Hause,« sprach Mylady, »verstehst Du, für Niemand.«

Der Lakai entfernte sich.

D’Artagnan warf einen neugierigen Blick auf Mylady. Sie war bleich und hatte matte Augen, mochte dies nun von Thränen oder von Schlaflosigkeit herrühren. Man hatte absichtlich die gewöhnliche Zahl der Lichter vermindert, und dennoch gelang es der jungen Frau nicht, die Spuren des Fiebers zu verbergen, von dem sie seit zwei Tagen verzehrt wurde.

D’Artagnan näherte sich ihr mit seiner gewöhnlichen Höflichkeit. Sie machte eine gewaltige Anstrengung, um ihn zu empfangen, aber nie hat ein verstörteres Gesicht ein liebenswürdigeres Lächeln Lügen gestraft.

Auf die Frage, welche d’Artagnan über ihre Gesundheit an sie richtete, antwortete Mylady:

»Schlecht, sehr schlecht.«

»Dann begehe ich eine Unbescheidenheit,« sagte d’Artagnan, »Ihr bedürft ohne Zweifel der Ruhe, und ich entferne mich.«

»Nein, im Gegentheil, bleibt, Herr d’Artagnan. Eure liebenswürdige Gesellschaft wird mich zerstreuen.«

»Sie ist nie so reizend gewesen,« dachte d’Artagnan. »Wir wollen ihr Trotz bieten.«

Mylady nahm die liebevollste Miene an, die sie anzunehmen vermochte und verlieh ihrer Unterhaltung allen möglichen Reiz. Zu gleicher Zeit gab das Fieber, das sie einen Augenblick verlassen hatte, ihren Augen den Glanz, ihren Wangen die Farbe ihren Lippen den Karmin wieder. D’Artagnan fand abermals die Circe, die ihn bereits in ihren Zauber verstrickt hatte. Mylady lächelte, und es war d’Artagnan zu Muthe, als könnte er für dieses Lächeln die Höllenqualen erleiden.

Es gab einen Augenblick, wo er etwas wie einen Gewissensbiß über das fühlte, was er gegen sie gethan hatte.

Nach und nach wurde Mylady mittheilsam. Sie fragte d’Artagnan, ob er eine Liebe im Herzen trage.

»Ach!« rief d’Artagnan mit seinem empfindsamsten Tone, »könnt Ihr so grausam sein, eine solche Frage an mich zu richten, an mich, der ich, nachdem ich Euch gesehen habe, nur für Euch, für Euch allein athme und seufze!«

Mylady lächelte seltsam.

»Also liebt Ihr mich?« sprach sie. – »Habe ich nöthig, Euch dies zu sagen? Habt Ihr es nicht selbst wahrgenommen?« – »Allerdings, aber Ihr wißt, je stolzer die Herzen sind, desto schwieriger sind sie zu erobern.« – »Oh! die Schwierigkeiten erschrecken mich nicht,« sprach d’Artagnan; »nur die Unmöglichkeiten können mich erschrecken.« – »Nichts ist einer wahren Liebe unmöglich,« sagte Mylady. – »Nichts, Madame?« – »Nichts!« wiederholte Mylady. – »Teufel,« dachte d’Artagnan, »die Note verändert sich. Sollte sie vielleicht verliebt in mich werden? Sollte sie geneigt sein, mir einen zweiten Saphir zu geben, dem ähnlich, welchen sie mir für Herrn von Wardes gegeben hat?« – »Laßt hören,« sagte Mylady, »was würdet Ihr thun, um mir die Liebe zu beweisen, von der Ihr sprecht?« – »Alles, was man von mir verlangte. Man befehle, ich bin bereit.« – »Zu Allem?« – »Zu Allem!« rief d’Artagnan, welcher zum Voraus wußte, daß er nicht viel wagte, wenn er eine solche Verpflichtung einging. – »Schön! plaudern wir ein wenig,« sprach Mylady und rückte ihren Stuhl d’Artagnan näher. – »Ich höre, gnädige Frau,« sprach dieser.

Mylady blieb einen Augenblick nachdenkend und unentschieden, dann schien sie einen Entschluß zu fassen und sagte:

»Ich habe einen Feind.« – »Ihr Madame?« rief d’Artagnan, den Erstaunten spielend. »Mein Gott, ist es möglich … bei Eurer Schönheit und Güte!« – »Einen Todfeind.« – »In der That?« – »Einen Feind, der mich grausam beleidigt hat, daß zwischen ihm und mir ein Krieg auf Leben und Tod stattfindet. Könnte ich auf Euch als auf einen Bundesgenossen rechnen?«

D’Artagnan begriff sogleich, was das rachsüchtige Geschöpf beabsichtigte.

»Ihr könnt es,« sprach er mit Emphase. »Mein Arm und mein Leben gehören Euch, wie meine Liebe.« – »Dann,« sprach Mylady: »da Ihr in demselben Grade edelmüthig seid, in dem Ihr liebt…« – »Nun?« fragte d’Artagnan. – »Nun!« versetzte Mylady nach kurzem Stillschweigen, »sprecht fortan nicht mehr von Unmöglichkeiten.« – »Tödtet mich nicht durch so viel Glück!« rief d’Artagnan, stürzte auf die Kniee und bedeckte die Hände, die man ihm überließ, mit Küssen. – »Räche mich an diesem heillosen Wardes,« dachte Mylady, »und ich werde mich Deiner alsbald zu entledigen wissen, doppelter Dummkopf, lebendige Degenklinge!« – »Ja, sage mir. Du liebest mich, nachdem Du mich so schändlich betrogen hast, heuchlerisches, gefährliches Weib,« dachte d’Artagnan, »und ich verlache Dich dann mit demjenigen, welchen Du durch meine Hand bestrafen willst.«

D’Artagnan schaute empor und sagte:

»Ich bin bereit.« – »Ihr habt mich also begriffen, lieber Herr d’Artagnan,« sprach Mylady. – »Ich würde Eure Blicke errathen.« – »Ihr werdet also für mich Euren Arm gebrauchen, der sich bereits einen so hohen Ruf erworben hat?« – »Sogleich.« – »Und wie werde ich Euch je für einen solchen Dienst danken können?« sprach Mylady. – »Eure Liebe ist die einzige Belohnung, welche ich verlange,« erwiderte d’Artagnan, »die einzige, die Euer und meiner würdig ist.« – »Eigennütziger!« sagte sie lächelnd. – »Ah!« rief d’Artagnan, einen Augenblick durch die Leidenschaft fortgerissen, welche diese Frau in seinem Herzen zu entzünden gewußt hatte; »ah! weil mir Eure Liebe unwahrscheinlich vorkommt, und weil ich sie wie meine Träume verschwinden zu sehen fürchte, drängt es mich die bestimmte Versicherung aus Eurem Munde zu empfangen.« – »Verdient Ihr denn bereits ein solches Geständniß?« – »Ich bin zu Euren Befehlen,« sagte d’Artagnan. – »Gewiß?« rief Mylady mit einem leichten Zweifel. – »Nennt mir den Elenden, der diese schönen Augen weinen gemacht bat.« – »Wer sagt Euch, daß ich geweint habe?« fragte Mylady lebhaft. – »Es schien mir so …« – »Frauen, wie ich, weinen nicht,« versetzte Mylady. »Desto besser! O sagt mir dann, wie er heißt.« – »Bedenkt, daß sein Name ganz mein Geheimniß ist.« – »Ich muß ihn jedoch wissen.« – »Ja, Ihr sollt ihn erfahren. Seht, welches Vertrauen ich in Euch setze!« – »Ihr erfüllt mich mit Freude! Wie heißt er?« – »Ihr kennt ihn.« – »Wirklich?« – »Ja!« – »Es ist keiner von meinen Freunden?« sprach d’Artagnan zögernd, um an seine Unwissenheit glauben machen.

»Wenn es einer von Euren Freunden wäre, würdet Ihr also zögern?« rief Mylady, und ein drohender Blitz zuckte aus ihren Äugen. – »Nein, und wäre es mein Bruder,« sprach d’Artagnan, als würde er von der Begeisterung fortgerissen.

Unser Gascogner betheuerte, ohne zu wagen, denn er wußte, wohin dies alles führen sollte.

»Ich liebe Eure Ergebenheit,« sagte Mylady. – »Ach! liebt Ihr nur das an mir?« fragte d’Artagnan. – »Ich werde Euch das ein andermal sagen,« antwortete sie und nahm ihn bei der Hand.

Und dieser Druck machte d’Artagnan schaudern, als ob ihn das Fieber, welches Mylady verzehrte, durch die Berührung ebenfalls ergriffen hätte.

»Werdet Ihr mich eines Tages lieben?« rief er. »O, wenn dies der Fall wäre, ich könnte den Verstand darüber verlieren!«

D’Artagnan war in der That trunken vor Freude, und in seinem Wahnsinn glaubte er beinahe an die Zärtlichkeit Myladys, er glaubte beinahe an das Verbrechen von Wardes. Wenn Wardes in diesem Augenblicke unter seiner Hand gewesen wäre, er hätte ihn getödtet.

Mylady ergriff die Gelegenheit.

»Er heißt…« sprach sie. – »Von Wardes, ich weiß es,« unterbrach d’Artagnan. – »Und woher wißt Ihr dies?« fragte Mylady, indem sie seine beiden Hände nahm und in seinen Augen bis auf den Grund seiner Seele zu lesen suchte.

D’Artagnan fühlte, daß er sich hatte hinreißen lassen und daß er einen Fehler gemacht hatte.

»Sprecht, sprecht, sprecht doch!« wiederholte Mylady. »Woher wißt Ihr es?« – »Woher ich es weiß?« sprach d’Artagnan, – »Ja.« – »Ich weiß es, weil gestern von Wardes in einem Salon, wo ich mich befand, einen Ring zeigte, von dem er behauptete, er habe ihn von Euch bekommen.« – »Der Elende!« rief Mylady.

Dieser Beiname trug seinen Klang, wie man leicht begreift, bis tief in d’Artagnans Herz.

»Nun wohl…« fuhr sie fort. – »Wohl! ich werde Euch rächen an diesem Elenden!« versetzte d’Artagnan, und gab sich dabei das Ansehen des Don Japhet von Armenien.

»Ich danke Euch, mein muthiger Freund!« rief Mylady »und wann werde ich gerächt sein?«

»Morgen, sogleich, wenn Ihr wollt.«

Mylady wollte ausrufen: Sogleich! Aber sie bedachte, daß eine solche Eile nicht sehr erfreulich für d’Artagnan wäre.

Ueberdies hatte sie tausenderlei Vorsichtsmaßregeln zu nehmen, ihrem Vertheidiger tausenderlei Rathschläge zu geben, damit er Erklärungen vor Zeugen mit dem Marquis vermeiden möchte.

»Morgen,« sprach d’Artagnan, »seid Ihr gerächt, oder ich bin todt.« – »Nein,« sagte sie, »Ihr werdet mich rächen, aber Ihr werdet nicht sterben. Ich weiß etwas.« – »Was wißt Ihr?« – »Es scheint mir, Ihr hattet Euch bei Eurem Streit mit ihm nicht über das Glück zu beklagen.« – »Das Glück ist eine Buhlerin; heute günstig, kann es mich morgen verrathen.« – »Das heißt: Ihr zögert jetzt.« – »Nein, ich zögere nicht, Gott soll mich bewahren, aber …« – »Stille!« unterbrach sie ihn, »ich höre meinen Schwager. Er braucht Euch nicht hier zu finden.«

Sie schellte. Ketty erschien.

»Geht durch diese Thüre,« sagte sie zu d’Artagnan, und stieß dabei eine kleine verborgene Thüre auf. »Kommt um elf Uhr wieder, und wir werden unsere Unterredung zu Ende bringen. Ketty führt Euch bei mir ein.«

Das arme Kind glaubte umzusinken, als sie diese Worte hörte.

»Nun, was macht Ihr denn, Mademoiselle, Ihr bleibt hier unbeweglich, wie eine Statue? Hört Ihr, führt diesen Herrn zurück, und um elf Uhr, vergeßt es nicht.«

»Es scheint, alle ihre Rendezvous finden um elf Uhr statt,« dachte d’Artagnan. »Das ist eine feste Gewohnheit.«

Mylady reichte ihm die Hand, die er zärtlich küßte.

»Sachte,« dachte er sich entfernend und kaum auf die Vorwürfe Kettys antwortend; »sachte, wir wollen kein Thor sein. Offenbar ist diese Frau eine große Missethäterin. Sei auf Deiner Hut, d’Artagnan!«

XXXVII.

Das Gericht.

Es war eine stürmische, finstere Nacht. Schwere Wolken jagten am Himmel hin und verschleierten den Glanz der Gestirne; der Mond sollte erst um Mittemacht aufgehen. Zuweilen gewahrte man beim Schimmer eines Blitzes, der am Horizont zuckte, die Straße, wie sie sich weiß und einsam entrollte. Erlosch der Blitz, so trat wieder dieselbe Finsterniß ein.

Jeden Augenblick rief Athos d’Artagnan zu, der stets an der Spitze der kleinen Truppe ritt, und nöthigte ihn, in sein Glied zurückzukehren, das er nach einem Augenblick abermals verließ. Er hatte nur einen Gedanken, nämlich vorwärts zu kommen, und es drängte ihn. Man zog in der Stille durch das Dorf Festubert, wo der verwundete Bediente zurückgeblieben war, und dann längs dem Dorfe Richebourg. In Herlier angelangt, wandte sich Planchet, der den Zug stets anführte, nach links.

Wiederholt hatten es Lord Winter, Porthos oder Aramis versucht, den Mann mit dem rothen Mantel anzureden, aber auf jede Frage, die man an ihn richtete, verneigte er sich, ohne zu antworten. Die Reisenden begriffen sodann, daß der Unbekannte sein Stillschweigen aus triftigen Gründen beobachtete, und hörten auf, ihn auszuforschen.

Ueberdies nahm das Gewitter immer mehr zu, die Blitze folgten sich rascher, der Donner fing an zu rollen, und der Wind der Vorläufer des Orkans, pfiff durch die Federn und Haare der Reiter.

Die Reitertruppe schlug einen Trab an.

Jenseits Fromelles kam der Sturm zum Ausbruch. Man zog die Mäntel an. Es waren noch drei Meilen zurückzulegen, man machte sie unter Strömen von Regen. D’Artagnan hatte seinen Hut abgenommen und den Mantel nicht angezogen. Es war ihm eine Erquickung, das Wasser über seine glühende Stirne und seinen von Fieberschauern geschüttelten Körper rinnen zu lassen.

Im Augenblick, nachdem die kleine Truppe durch Goscal geritten war und sich vor der Post befand, machte sich ein an einen Baum gelehnter Mann von dem Stamme los, wo man ihn in der Dunkelheit nicht erkannt hatte, und trat, seinen Finger auf die Lippen legend, bis an die Mitte der Straße vor.

Athos erkannte Grimaud.

»Was gibt es?« rief d’Artagnan. »Sollte sie Armentières verlassen haben?«

Grimaud machte mit dem Kopfe ein bejahendes Zeichen. D’Artagnan knirschte mit den Zähnen.

»Stille, d’Artagnan!« sprach Athos, »ich habe Alles übernommen, und es ist folglich meine Sache, Grimaud zu befragen.«

»Wo ist sie?« fragte Athos.

Grimaud streckte die Hand in der Richtung der Lys aus.

»Fern von hier?«

Grimaud zeigte seinem Herrn einen gebogenen Finger.

»Allein?«

Grimaud bejahte durch ein Zeichen.

»Meine Herren,« sagte Athos, »sie ist eine halbe Meile von hier, in der Richtung des Flusses.«

»Gut,« sprach d’Artagnan; »führe uns, Grimaud.«

Grimaud ging querfeldein und diente der Cavalcade als Führer. Nach ungefähr fünfhundert Schritten fand man einen Bach, den man durchwatete. Beim Schimmer eines Blitzes gewahrte man ein Dorf.

»Ist es hier?« fragte d’Artagnan.

Grimaud schüttelte verneinend den Kopf.

»Stille also,« sprach Athos.

Und die Truppe setzte ihren Weg fort.

Ein anderer Blitz leuchtete. Grimaud streckte den Arm aus, und bei dem bläulichen Schein unterschied man ein kleines, einzeln stehendes Haus am Rande des Flusses, hundert Schritte von einer Fähre. Ein Fenster war erhellt.

»Wir sind an Ort und Stelle,« sprach Athos.

In diesem Augenblick erhob sich ein in einem Graben liegender Mann: es war Mousqueton. Er deutete mit dem Finger nach dem erleuchteten Fenster.

»Sie ist hier,« sagte er.

»Und Bazin?« fragte Athos.

»Während ich das Fenster bewachte, bewachte er die Thüre.«

»Gut,« sagte Athos, »Ihr seid Alle getreue Diener.«

Athos sprang von seinem Pferde, dessen Zügel er Grimaud überließ, und ging auf das Fenster zu, nachdem er den übrigen Mitgliedern seiner Truppe durch ein Zeichen angedeutet hatte, sie möchten sich nach der Thüre wenden.

Das kleine Haus war von einer lebendigen, zwei bis drei Fuß hohen Hecke umgeben. Athos sprang über die Hecke und gelangte bis zu dem Fenster, das der Läden entbehrte, dessen Halbvorhänge aber sorgfältig zugezogen waren.

Er stieg auf die steinerne Randleiste, damit sein Auge über die Höhe der Vorhänge reichen möchte. Beim Schimmer einer Lampe sah er eine in einen dunkelfarbigen Mantel gehüllte Frau auf einem Schemel in der Nähe eines erlöschenden Feuers sitzen. Sie stützte ihren Ellenbogen auf einen schlechten Tisch und hatte ihren Kopf in ihre elfenbeinweiße Hände gelegt.

Man konnte ihr Gesicht nicht unterscheiden, aber ein finsteres Lächeln zog über die Lippen von Athos. Es war keine Täuschung möglich. Er sah diejenige, welche er suchte.

In diesem Augenblick wieherte ein Pferd. Mylady schaute empor, erblickte dicht vor dem Fenster das bleiche Antlitz von Athos und stieß einen Schrei aus.

Athos begriff, daß sie ihn erkannt hatte, stieß mit dem Knie und der Hand an das Fenster, dieses gab nach, die Scheiben zerbrachen und Athos sprang, dem Gespenst der Rache ähnlich, in das Zimmer.

Mylady lief nach der Thür und öffnete sie. Noch bleicher, noch drohender als Athos, stand d’Artagnan auf der Schwelle.

Mylady wich kreischend zurück. D’Artagnan glaubte, sie habe ein Mittel zu entfliehen, und zog, ihr Entkommen befürchtend, eine Pistole aus seinem Gürtel. Aber Athos hob die Hand und sprach:

»Stecke die Waffe wieder an ihren Ort, d’Artagnan. Diese Frau soll gerichtet und nicht ermordet werden. Warte noch einen Augenblick, d’Artagnan, und Du sollst befriedigt sein. Tretet ein, meine Herren.«

D’Artagnan gehorchte, denn Athos hatte die feierliche Stimme und die mächtige Geberde eines vom Herrn im Himmel abgesandten Richters. Hinter d’Artagnan traten Porthos, Aramis, Lord Winter und der Rothmantel ein.

Die vier Lakaien bewachten die Thüre und das Fenster.

Mylady war auf ihren Sitz zurückgesunken und streckte die Hände aus, als wollte sie diese furchtbare Erscheinung beschwören. Als sie ihren Schwager erblickte, stieß sie einen gräßlichen Schrei aus.

»Was verlangt Ihr?« rief Mylady.

»Wir verlangen,« antwortete Athos, »Anna von Breuil, die sich Anfangs Gräfin de la Fère und sodann Lady Winter, Baronin von Sheffield genannt hat.«

»Ich bin es,« murmelte sie in höchster Bestürzung. »Was wollt Ihr von mir?«

»Wir wollen Euch richten nach Euren Verbrechen,« sagte Athos. »Es steht Euch frei, Euch zu vertheidigen; rechtfertigt Euch, wenn Ihr könnt. Herr d’Artagnan, Euch kommt die erste Anklage zu.«

D’Artagnan schritt vor und sprach:

»Vor Gott und den Menschen klage ich diese Frau an, Constance Bonacieux, welche gestern Abend verschieden ist, vergiftet zu haben.«

Er wandte sich gegen Porthos und Aramis um.

»Wir bezeugen es,« sagten mit einer Bewegung die zwei Musketiere. D’Artagnan fuhr fort:

»Vor Gott und den Menschen klage ich diese Frau darüber an, daß sie mich mit dem Weine vergiften wollte, den sie mir von Villeroi mit einem falschen Briefe zuschickte, als ob der Wein von meinen Freunden käme. Gott hat mich gerettet, aber ein Mann, Namens Baisemout, ist statt meiner gestorben.«

»Wir bezeugen es,« sagten einstimmig Porthos und Aramis.

»Vor Gott und den Menschen,« sprach d’Artagnan weiter, »klage ich diese Frau an, mich zur Ermordung des Grafen von Wardes angereizt zu haben, und da Niemand hier ist, um die Wahrheit dieser Beschuldigung zu bezeugen, so bezeuge ich sie. Ich habe es gesagt.«

Nach diesen Worten trat d’Artagnan mit Porthos und Aramis auf die andere Seite des Zimmers.

»An Euch, Mylord,« sagte Athos.

Der Baron trat ebenfalls vor und sprach:

»Vor Gott und den Menschen klage ich diese Frau darüber an, daß sie den Herzog von Buckingham ermorden ließ.«

»Der Herzog von Buckingham ermordet!« riefen alle Anwesenden wie aus einem Munde.

»Ja,« erwiderte der Baron, »ermordet! Auf Euer warnendes Schreiben hin ließ ich diese Frau verhaften und übergab sie einem redlichen Diener zur Bewachung. Sie verführte diesen Menschen, drückte ihm den Dolch in die Hand, hieß ihn den Herzog ermorden, und in diesem Augenblick bezahlt Felton vielleicht mit seinem Kopfe das Verbrechen dieser Furie.«

Ein Schauer durchlief die Richter bei der Enthüllung dieser noch unbekannten Verbrechen.

»Das ist noch nicht Alles,« versetzte Lord Winter. »Mein Bruder, der Euch zu seiner Erbin eingesetzt hatte, ist in drei Stunden an einer seltsamen Krankheit gestorben, welche auf dem ganzen Körper schwarzblaue Flecken zurückläßt. Meine Schwester, wie ist Euer Gatte gestorben?«

»Gräulich!« riefen Porthos und Aramis.

»Mörderin Buckinghams! Mörderin Feltons! Mörderin meines Bruders! ich verlange Gerechtigkeit von Euch, und wenn sie mir nicht gegeben wird, so werde ich sie mir selbst nehmen!«

Und Lord Winter stellte sich neben d’Artagnan und ließ den Platz für einen andern Ankläger frei.

Myladys Stirne sank in ihre beiden Hände, sie suchte ihre durch einen tödtlichen Schwindel verwirrten Gedanken zu klären.

»Nun ist es an mir,« sprach Athos selbst, indem er zitterte, wie ein Löwe beim Anblick einer Schlange zittert, »nun ist es an mir. Ich heirathete diese Frau, als sie noch ein junges Mädchen war; ich heirathete sie wider den Willen meiner Familie; ich übergab ihr mein Vermögen, ich gab ihr meine Hand, und eines Tages bemerkte ich, daß diese Frau gebrandmarkt war. Diese Frau trug das Brandmal einer Lilie auf der linken Schulter.«

»Oh!« rief Mylady, sich erhebend, »ich fordere Euch auf, das Tribunal, welches diesen schändlichen Spruch über mich verhängt hat, aufzufinden. Ich fordere Euch auf, denjenigen, welcher ihn vollstreckte, zu finden.«

»Stille!« ließ sich eine Stimme vernehmen, »dies zu beantworten kommt mir zu!«

Und der Rothmantel trat ebenfalls näher.

»Wer ist dieser Mann? wer ist dieser Mann?« rief durch den Schrecken niedergeschmettert Mylady, deren Haare sich lösten und auf dem leichenblassen Haupte empor starrten, als ob sie lebendig gewesen wären.

Aller Augen wandten sich nach diesem Manne, denn mit Ausnahme von Athos war er allen unbekannt. Doch auch Athos schaute ihn mit eben so großer Verwunderung an, wie die Andern; er wußte nicht, wie derselbe im Zusammenhang mit dem furchtbaren Drama stehen konnte, das sich in diesem Augenblicke entwickelte.

Nachdem der Unbekannte sich langsam und feierlich Mylady genähert hatte, so daß ihn nur noch der Tisch von ihr trennte, nahm er seine Maske ab.

Mylady schaute einige Zeit mit allen Zeichen wachsenden Schreckens das bleiche, mit schwarzen Haaren und schwarzem Bart umgebene Gesicht an, dessen einziger Ausdruck eine eisige Unempfindlichkeit war. Dann rief sie plötzlich aufstehend und bis an die Wand zurückweichend:

»Oh! nein, nein, nein! Das ist eine höllische Erscheinung! Er ist es nicht! Zu Hülfe, zu Hülfe!« schrie sie mit rauher Stimme, und wandte sich nach der Wand um, als ob sie sich mit ihren Händen einen freien Durchgang hätte öffnen können.

»Aber wer seid Ihr denn?« riefen alle Zeugen dieser Scene. »Fragt diese Frau,« antwortete der Rothmantel; »denn Ihr seht wohl, daß sie mich wieder erkannt hat.«

»Der Henker von Lille! der Henker von Lille!« rief Mylady, von wahnsinnigem Schrecken erfaßt und sich mit den Händen an die Wand klammernd, um nicht zu fallen.

Alle Anwesenden wichen zurück und der Rothmantel stand allein mitten in der Stube.

»Oh! Gnade! Barmherzigkeit!« rief die Elende, auf die Kniee stürzend.

Der Unbekannte wartete, bis es wieder stille geworden war, und sprach sodann:

»Ich sagte Euch, daß sie mich wiedererkannt hat. Ja, ich bin der Henker der Stadt Lille. Hört meine Geschichte.«

Aller Augen waren auf den Mann geheftet, dessen Worten man mit ängstlicher Neugier entgegenharrte.

»Diese Frau war einst ein junges Mädchen, so schön, wie sie heute ist. Sie war eine Nonne im Kloster der Benedictinerinnen von Templemar. Ein junger Priester von schlichtem, gläubigem Herzen versah den Gottesdienst in der Kirche dieses Klosters. Sie unternahm es, ihn zu verführen, und es gelang ihr. Sie hätte auch einen Heiligen verführt.

»Ihre Gelübde, die Gelübde Beider, waren heilig, unwiderruflich: ihre Liebschaft konnte nicht lange dauern, ohne Beide in das Verderben zu stürzen. Sie bewog ihn, mit ihr die Gegend zu verlassen; aber um gemeinschaftlich nach einem andern Theil Frankreichs zu entfliehen, wo sie als Unbekannte ruhig leben könnten, brauchten sie Geld, und keines von Beiden besaß Geld. Der Priester stahl die heiligen Gefäße und verkaufte sie; aber als sie eben abreisen wollten, wurden Beide verhaftet.

»Acht Tage nachher hatte sie den Sohn des Kerkermeisters verführt und sich geflüchtet. Der junge Priester wurde zu zehn Jahren Kettenstrafe und zur Brandmarkung verurtheilt. Ich war der Henker der Stadt Lille, wie diese Frau sagt. Ich mußte den Schuldigen brandmarken, und der Schuldige, meine Herren, war mein Bruder.

»Ich schwor, daß diese Frau, welche ihn zu Grunde gerichtet hatte und mehr als seine Mitschuldige war, weil sie ihn zum Verbrechen antrieb, wenigstens seine Strafe theilen sollte. Ich vermuthete, an welchem Orte sie verborgen war, verfolgte, erreichte, knebelte sie, und drückte ihr dasselbe Mal auf, das ich meinem Bruder aufgedrückt hatte.

»Am Tage nach meiner Rückkehr nach Lille gelang es meinem Bruder, ebenfalls zu entweichen. Man klagte mich der Mitschuld an und verurtheilte mich, so lange im Gefängniß zu bleiben, bis er sich wieder gestellt hätte. Mein armer Bruder wußte nichts von diesem Urtheil. Er war mit der ehemaligen Nonne wieder zusammengetroffen und mit ihr nach Berri gezogen, wo er eine kleine Pfarre erhielt. Diese Frau galt für seine Schwester.

»Der Herr des Gutes, auf welchem die Kirche des Pfarrers lag, sah die angebliche Schwester und verliebte sich in sie, so daß er ihr die Ehe antrug. Da verließ sie denjenigen, welchen sie ins Verderben gestürzt hatte, um dem Manne zu folgen, den sie ins Verderben stürzen sollte, und wurde Gräfin de la Fère.«

Aller Augen wandten sie gegen Athos, dessen wirklicher Name dies war. Athos aber bestätigte mit einem Zeichen seines Kopfes, daß Alles, was der Henker gesagt hatte, der Wahrheit entsprach. Dieser fuhr fort: »In Verzweiflung, entschlossen sich eines Daseins zu entledigen, dem sie Ehre, Glück, Alles geraubt hatte, kam mein armer Bruder nun nach Lille zurück, und als er von dem Spruche hörte, der mich statt seiner verurtheilt hatte, gab er sich freiwillig in Haft und erhing sich an demselben Abend am Luftloche seines Kerkers.

»Um denjenigen, welche mich verurtheilt hatten, Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, muß ich bemerken, daß sie Wort hielten. Kaum war die Identität des Leichnams nachgewiesen, als man mich wieder in Freiheit setzte. Dies ist das Verbrechen, dessen ich sie anklage, dies die Ursache, warum ich sie gebrandmarkt habe.«

»Herr d’Artagnan,« sprach Athos, »welche Strafe verlangt Ihr gegen diese Frau?«

»Die Todesstrafe!« antwortete d’Artagnan.

»Mylord von Winter.« fuhr Athos fort, »welche Strafe verlangt Ihr gegen diese Frau?«

»Die Todesstrafe!« antwortete Lord Winter.

»Meine Herren Porthos und Aramis,« sagte Athos, »Ihr, die Ihr ihre Richter seid, welche Strafe verhängt Ihr gegen diese Frau?«

»Die Todesstrafe!« antworteten mit dumpfer Stimme die zwei Musketiere.

Mylady stieß ein furchtbares Geheul aus und schleppte sich auf den Knieen einige Schritte gegen ihre Richter.

Athos streckte die Hand gegen sie aus.

»Anna von Breuil, Gräfin de la Fère, Mylady Winter,« sagte er, »Eure Verbrechen haben die Menschen auf Erden und Gott im Himmel ermüdet. Wenn Ihr ein Gebet wißt, so sprecht es, denn Ihr seid verurtheilt und müßt sterben.«

Bei diesen Worten, die ihr keine Hoffnung mehr übrig ließen, richtete sich Mylady in ihrer ganzen Höhe auf und wollte reden. Aber es fehlten ihr die Laute. Sie fühlte, daß eine mächtige, unwiderstehliche, unversöhnliche Hand sie an den Haaren faßte und unwiderruflich fortzog, wie das Verhängniß den Menschen fortzieht. Sie versuchte daher nicht einmal Widerstand zu leisten, und verließ die Hütte.

Lord Winter, d’Artagnan, Athos, Porthos und Aramis gingen nach ihr hinaus; die Bedienten folgten ihren Herren, und die Stube blieb verlassen mit ihren zerbrochenen Fenstern, ihrer offenen Thüre und ihrer rauchigen Lampe, welche düster auf dem Tische fortbrannte.

XXXVIII.

Die Hinrichtung.

Es war um die Mitternachtsstunde. Der in seiner Abnahme sichelförmige und durch die letzten Spuren des Gewitters blutig gefärbte Mond ging hinter dem Dorfe Armentières auf, das in seinem bleichen Schimmer die düstere Silhouette seiner Häuser und das Skelett seines hohen, durchbrochenen Glockenthurms hervorhob. Vorn wälzte die Lys, einem Flusse von geschmolzenem Zinn ähnlich, ihre Wasser, während man auf dem andern Ufer das Profil einer schwarzen Masse von Bäumen auf einem stürmischen Himmel erblickte, dessen dicke, kupferrothe Wolken mitten in der Nacht eine Art von Dämmerung hervorriefen. Zur Linken erhob sich eine alte verlassene Mühle mit unbeweglichen Flügeln, in deren Trümmern von Zeit zu Zeit eine Nachteule ihr monotones, schrilles Geschrei hören ließ. Da und dort erschienen in der Ebene rechts und links vom Wege, auf dem sich der traurige Zug bewegte, niedrige, untersetzte Bäume, welche wie mißgestaltete Zwerge aussahen, die sich niedergekauert hätten, um in dieser finsteren Stunde Menschen aufzulauern.

Zuweilen öffnete ein mächtiger Blitz den Horizont in seiner ganzen Breite, schlängelte sich über die schwarze Masse der Bäume hin und trennte, wie ein furchtbarer Säbel, den Himmel und das Wasser in zwei Theile. Nicht der leiseste Wind bewegte die schwerfällige Atmosphäre. Eine Todtenstille lastete auf der ganzen Natur, der Boden war feucht und schlüpfrig von dem gefallenen Regen und die wiederbelebten Gräser und Kräuter ergossen ihre Wohlgerüche mit neuer Kraft.

Zwei Bediente schleppten Mylady, welche jeder von ihnen an einem Arme hielt. Der Henker ging hinter ihr. Lord Winter, d’Artagnan, Athos, Porthos und Aramis gingen hinter dem Henker. Planchet und Bazin kamen zuletzt.

Die zwei Diener führten Mylady nach dem Flusse. Ihr Mund war stumm, aber ihre Augen sprachen mit jener unaussprechlichen Beredsamkeit und flehten abwechselnd zu Jedem, den sie anschaute.

Als sie sich einige Schritte voraus sah, sagte sie zu den Bedienten:

»Tausend Pistolen für jeden von Euch, wenn ihr meine Flucht begünstigt; wenn Ihr mich aber Euren Herren ausliefert, so habe ich hier in meiner Nähe Rächer, die Euch meinen Tod theuer bezahlen lassen.«

Grimaud zögerte, Mousqueton zitterte an allen Gliedern.

Athos, der die Stimme Myladys gehört hatte, näherte sich rasch, Lord Winter that dasselbe.

»Schickt diese Bedienten weg,« sagte er, »sie hat mit ihnen gesprochen, sie sind nicht mehr sicher.«

Man rief Planchet und Bazin, welche die Stelle von Grimaud und Mousqueton einnahmen.

An den Rand des Wassers gelangt, trat der Henker zu Mylady und band ihre Hände und Füße.

Da brach sie das Schweigen und rief: »Ihr seid feige, elende Mörder, Ihr erhebt Euch zu zehn, um eine Frau umzubringen. Nehmt Euch in Acht, wenn man mir auch keine Hülfe bringt, so wird man mich doch rächen! …«

»Ihr seid kein Weib,« sprach Athos kalt, »Ihr gehört nicht dem Menschengeschlechts an, Ihr seid ein der Hölle entsprungener Teufel, den wir wieder dahin zurückschicken werden.«

»Oh! meine tugendhaften Herren,« sprach Mylady, gebt wohl Acht, daß derjenige von Euch, welcher ein Haar von meinem Haupte berührt, nicht auch ein Mörder ist.«

»Der Henker kann tödten, ohne darum ein Mörder zu sein, Madame,« sprach der Rothmantel und klopfte dabei an sein breites Schwert. »Er ist der Nachrichter, der letzte Richter und nichts Anderes.«

Während er sie band und diese Worte sprach, stieß Mylady wiederholt ein Geschrei aus, das gar düster und seltsam klang, ais es durch die Nacht hinflog und sich in der Tiefe des Waldes verlor.

»Wenn ich schuldig bin, wenn ich die Verbrechen begangen habe, deren Ihr mich bezichtigt,« heulte Mylady, »so führt mich vor ein Tribunal. Ihr seid nicht die Richter, die mich verdammen können.«

»Ich habe Euch Tyburn vorgeschlagen,« entgegnete Lord Winter, »warum habt Ihr es nicht angenommen?«

»Weil ich nicht sterben will,« rief Mylady, gegen den Henker sich sträubend, »weil ich zu jung bin, um zu sterben.«

»Die Frau, welche Ihr in Bethune vergiftet habt, war noch jünger, als Ihr, und ist dennoch gestorben,« sagte d’Artagnan.

»Ich werde in ein Kloster eintreten, ich werde den Schleier nehmen,« rief Mylady.

»Ihr waret in einem Kloster,« sprach der Henker, »und Ihr habt es verlassen, um meinen Bruder zu verderben.«

Mylady stieß abermals ein Angstgeschrei aus und fiel auf die Kniee.

Der Henker hob sie bei den Armen auf und wollte sie nach dem Nachen tragen.

»Oh! mein Gott, mein Gott!« rief sie. »Wollt Ihr mich denn ertränken?«

Dieses Geschrei hatte etwas so Herzzerreißendes, daß d’Artagnan, der Anfangs der erbittertste Verfolger Myladys war, sich auf einen Baumstumpf niederließ, das Haupt neigte und die Ohren mit seinen flachen Händen verstopfte; aber dennoch hörte er sie schreien und drohen.

D’Artagnan war der jüngste von allen diesen Männern; sein Herz erweichte sich.

»Oh! ich kann dieses furchtbare Schauspiel nicht ansehen,« sagte er; »ich kann nicht zugeben, daß diese Frau so stirbt.«

Mylady hatte die letzten Worte gehört und gab sich wieder einem Strahle der Hoffnung hin.

»D’Artagnan! d’Artagnan!« rief sie, »erinnerst Du Dich, daß ich Dich geliebt habe?«

Der junge Mann stand auf und machte einen Schritt gegen sie.

Athos stand ebenfalls auf, zog seinen Degen und stellte sich ihm in den Weg.

»Wenn Ihr noch einen Schritt macht, d’Artagnan,« sprach er, »so mögen sich unsere Schwerter kreuzen.«

D’Artagnan fiel auf die Kniee und betete.

»Auf!« fuhr Athos fort, »Henker, thue Deine Pflicht.«

»Gern, gnädiger Herr,« antwortete der Henker; »denn so wahr ich ein guter Katholik bin, glaube ich, daß ich gerecht handle, wenn ich mein Geschäft an dieser Frau vollziehe.«

Athos trat näher zu Mylady und sprach:

»Ich vergebe Euch das Böse, was Ihr mir zugefügt habt, ich vergebe Euch meine zertrümmerte Zukunft, meine verlorene Ehre, meine befleckte Liebe und mein für immer durch die Verzweiflung, in die Ihr mich gestürzt habt, zu Grunde gerichtetes Glück. Sterbt im Frieden!«

Lord Winter kam ebenfalls heran und sagte:

»Ich vergebe Euch die Vergiftung meines Bruders, die Ermordung Seiner Herrlichkeit, des Lord Buckingham, ich vergebe Euch den Tod des armen Felton, ich vergebe Euch, was Ihr gegen meine Person versucht habt. Sterbt im Frieden!«

»Was mich betrifft,« sprach d’Artagnan, »so vergebt mir, Madame, daß ich durch einen eines Edelmannes unwürdigen Betrug Euren Zorn hervorgerufen habe, und dagegen vergebe ich Euch die Ermordung meiner armen Freundin und die grausame Rache, die Ihr an mir verübt habt. Sterbt im Frieden!«

»I am lost!« murmelte Mylady englisch, »I must die!« 2

Dann erhob sie sich und warf einen jener leuchtenden Blicke um sich, die aus einem Flammenauge hervorzuspringen schienen.

Sie sah nichts. Sie horchte, sie hörte nichts.

Sie hatte nur Feinde um sich her.

»Wo soll ich sterben?« fragte sie.

»Auf dem andern Ufer,« antwortete der Henker.

Dann ließ er sie in seine Barke eintreten, und als er den Fuß auf diese setzte, um ihr zu folgen, überreichte ihm Athos eine Summe Geldes.

»Nehmt,« sprach er, »hier ist der Lohn der Hinrichtung, damit man sehe, daß wir als Richter handeln.«

»Gut,« versetzte der Henker, »diese Frau soll nun erfahren, daß ich nicht mein Gewerbe treibe, sondern meine Pflicht erfülle.«

Und er warf das Geld in den Fluß.

»Seht,« sagte Athos, »diese Frau hat ein Kind, und dennoch hat sie kein Wort von ihrem Kinde gesprochen.«

Der Nachen entfernte sich nach dem linken Ufer der Lys, die Schuldige und den Nachrichter mit sich tragend. Die Anderen blieben auf dem rechten Ufer, und waren niedergekniet.

Der Nachen glitt langsam den Strick der Fähre entlang unter dem Widerschein einer bleichen Wolke, welche in diesem Augenblick über dem Wasser schwebte.

Man sah ihn am andern Ufer landen. Die Personen zeichneten sich schwarz an dem röthlichen Horizont ab. Mylady hatte während der Ueberfahrt den Strick an ihren Füßen loszumachen gewußt. Als sie sich nahe am Ufer befand, sprang sie leicht zu Boden und ergriff die Flucht.

Aber der Boden war feucht: oben auf der Böschung angelangt, glitt sie aus und fiel auf ihre Kniee nieder.

Ein abergläubischer Gedanke berührte sie ohne Zweifel. Sie sah ein, daß der Himmel ihr seinen Beistand versagte, und verharrte gebeugten Hauptes und mit gefalteten Händen in der Stellung, worin sie sich befand.

Da sah man vom andern Ufer den Henker langsam seine Arme erheben, ein Strahl des Mondes spiegelte sich auf der Klinge seines breiten Schwertes. Die beiden Arme fielen nieder, man hörte das Zischen des Schwertes, und eine verstümmelte Masse wälzte sich unter dem Streiche.

Dann nahm der Henker seinen rothen Mantel ab, legte den Körper darauf, warf den Kopf dazu, knüpfte den Mantel an seinen vier Enden zusammen, lud ihn auf seine Schulter, und stieg wieder in den Nachen.

Als er die Mitte der Lys erreicht hatte, hielt er die Barke an, hob seine Last über den Fluß und rief:

»Gottes Gerechtigkeit mag walten!«

Und er schleuderte den Leichnam in die Tiefe des Wassers, das sich über demselben schloß.

  1. Ich bin verloren! ich muß sterben!

XXXIX.

Eine Botschaft des Kardinals.

Drei Tage nachher kamen die vier Musketiere nach Paris zurück. Sie hatten sich innerhalb der Grenzen ihres Urlaubs gehalten und statteten noch an demselben Abend Herrn von Treville ihren gewöhnlichen Besuch ab.

»Nun, meine Herren,« fragte sie der brave Kapitän, »habt Ihr Euch bei Eurem Ausfluge gut unterhalten?«

»Außerordentlich,« antwortete Athos in seinem und seiner Freunde Namen.

Am 6. des darauf folgenden Monats verließ der König, dem Versprechen getreu, das er dem Kardinal in Bezug auf seine Rückkehr nach La Rochelle geleistet hatte, die Stadt Paris, noch ganz betäubt von der Nachricht, die sich über die Ermordung Buckinghams verbreitete.

Obgleich davon unterrichtet, daß der Mann, den sie so sehr geliebt hatte, von einer Gefahr bedroht war, wollte die Königin, als man ihr diesen Tod ankündigte, nicht daran glauben. Sie rief sogar unkluger Weise aus: »Das ist falsch, er hat mir kürzlich erst geschrieben!«

Aber am andern Tage mußte sie wohl der unseligen Kunde Glauben schenken. La Porte, wie alle Menschen in England durch den Befehl des Königs Karl I. zurückgehalten, kam als Ueberbringer des letzten traurigen Geschenkes an, das Buckingham der Königin überschickte.

Der König war voll Freude, als er die Nachricht erhielt. Er gab sich nicht einmal die Mühe, diese Freude zu verbergen, sondern ließ sie sogar geflissentlich in Gegenwart der Königin hervorbrechen. Ludwig XIII. fehlte es, wie allen schwachen Geistern, an allem Edelmuth.

Bald aber wurde der König wieder düster und übler Laune. Seine Stirne war keine von denen, welche sich auf lange Zeit erheitern. Er fühlte, daß er sich, in das Lager zurückkehrend, wieder in seine Sklaverei begab, und dennoch kehrte er zurück.

Der Kardinal war für ihn die bezaubernde Schlange, und er war der Vogel, der von Zweig zu Zweig hüpft, ohne ihr entweichen zu können.

Die Rückkehr nach La Rochelle war auch äußerst traurig. Unsere Freunde besonders setzten ihre Kameraden in Erstaunen. Sie ritten dicht neben einander mit düsteren Augen und gesenkten Häuptern. Nur Athos allein hob seine breite Stirne von Zeit zu Zeit empor, ein Blitz leuchtete in seinen Augen, ein bitteres Lächeln zog über seine Lippen hin, und dann überließ er sich wieder, wie seine Kameraden, seinen finstern Träumereien.

Gleich nach der Ankunft der Eskorte in einer Stadt zogen sich die vier Freunde, sobald sie den König nach seiner Wohnung geleitet hatten, entweder nach ihren Quartieren oder in eine abgelegene Schenke zurück, wo sie weder spielten noch tranken, sondern nur unter sorgfältigem Umherschauen, ob Niemand sie hören könne, leise mit einander sprachen.

Als der König eines Tages auf dem Wege Halt gemacht hatte, um die Elster zu beizen, und die vier Freunde ihrer Gewohnheit gemäß, statt der Jagd zu folgen, in einem Wirthshaus an der Landstraße saßen, sprengte ein Mann, der von La Rochelle kam, mit verhängtem Zügel heran, hielt vor der Thüre, um ein Glas Wein zu trinken, und schaute ins Innere der Stube, wo sich die vier Musketiere befanden.

»Holla! Herr d’Artagnan,« sprach er, »seid Ihr es nicht, den ich da innen sehe?«

D’Artagnan schaute auf und stieß ein Freudengeschrei aus. Der Unbekannte, der ihn rief, war sein Gespenst, sein Unbekannter von Meung, von der Rue des Fossoyeurs und von Arras.

D’Artagnan zog den Degen und stürzte nach der Thüre. Aber statt zu fliehen, sprang der Unbekannte vom Pferde und lief d’Artagnan entgegen.

»Ah! mein Herr,« sprach der junge Mann, »endlich treffe ich Euch. Diesmal sollt Ihr mir nicht entgehen!«

»Das ist auch diesmal gar nicht meine Absicht, denn ich suchte Euch. Ich verhafte Euch im Namen des Königs!«

»Wie, was sagt Ihr?« rief d’Artagnan.

»Ihr habt mir Euren Degen zu geben, mein Herr, und zwar ohne Widerstand. Es geht um Euren Kopf, das sage ich Euch.«

»Wer seid Ihr denn?« fragte d’Artagnan den Degen senkend, aber ohne ihn abzugeben.

»Ich bin der Chevalier von Rochefort, der Stallmeister des Herrn Kardinals von Richelieu, und habe Befehl, Euch vor Se. Eminenz zu führen.«

»Wir kehren zu Seiner Eminenz zurück, Herr Chevalier,« sagte Athos vortretend, »und Ihr werdet wohl Herrn d’Artagnan auf sein Wort glauben, daß er sich in gerader Richtung nach La Rochelle begibt.«

»Ich muß ihn den Wachen überliefern, die ihn nach dem Lager führen werden.«

»Wir werden ihm als solche dienen, mein Herr, bei unserem adeligen Ehrenwort! Aber ich sage Euch auch,« fügte Athos die Stirne faltend bei, »ich sage Euch bei unserem adeligen Ehrenwort, daß uns Herr d’Artagnan nicht verläßt.«

Der Chevalier von Rochefort warf einen Blick zurück und sah, daß sich Porthos und Aramis zwischen ihn und die Thüre gestellt hatten. Er begriff, daß er ganz der Willkür dieser vier Männer bloßgestellt war.

»Meine Herren,« sagte er, »wenn mir Herr d’Artagnan seinen Degen übergeben und sein Wort dem Eurigen beifügen will, so begnüge ich mich mit Eurem Versprechen, Herrn d’Artagnan in das Quartier des Herrn Kardinals zu führen.«

»Ihr habt mein Wort,« sprach d’Artagnan, »und hier meinen Degen.«

»Das ist mir um so lieber,« fügte Rochefort bei, »als ich meine Reise fortsetzen muß.«

»Geschieht dies, um Mylady aufzusuchen,« sprach Athos kalt, »so bemüht Euch nicht, Ihr werdet sie nicht finden.«

»Was ist denn aus ihr geworden?« fragte Rochefort heftig.

»Kommt in das Lager zurück, und Ihr sollt es erfahren.«

Rochefort blieb einen Augenblick in Gedanken versunken. Da man aber nur noch eine Tagereise von Surgères entfernt war, bis wohin der Kardinal dem König entgegenkommen wollte, so beschloß er, den Rath von Athos zu befolgen und mit ihm zurückzukehren.

Ueberdies bot ihm diese Rückkehr einen weiteren Vortheil: er konnte seinen Gefangenen selbst überwachen.

Man setzte sich in Marsch.

Am andern Tag um drei Uhr Nachmittags erreichte man Surgères: der Kardinal erwartete hier Ludwig XIII. Der Minister und der König tauschten hier viele Schmeicheleien und Liebkosungen aus und beglückwünschten sich über den glücklichen Zufall, der Frankreich von dem erbitterten Feinde befreite, welcher ganz Europa gegen dasselbe aufwiegelte.

Sobald dies geschehen war, verabschiedete sich der Kardinal, welcher von Rochefort die Ankunft d’Artagnan’s erfahren hatte und diesen sogleich vernehmen wollte, von dem König, indem er ihn einlud, am andern Tag die vollendeten Dammarbeiten zu besichtigen.

Als der Kardinal am Abend nach seinem Quartier am Pont de Pierre zurückkam, fand er d’Artagnan ohne Degen und die drei Musketiere bewaffnet vor dem Hause, das er bewohnte.

Da er ihnen diesmal an Kräften überlegen war, so schaute er sie streng an und gab d’Artagnan mit den Augen und mit der Hand ein Zeichen, ihm zu folgen.

»Wir erwarten Dich, d’Artagnan,« sprach Athos laut genug, daß es der Kardinal hören konnte.

Seine Eminenz faltete die Stirne, stand einen Augenblick still und setzte sodann seinen Weg fort, ohne eine Silbe zu sprechen.

D’Artagnan trat hinter dem Kardinal, Rochefort hinter d’Artagnan ein. Die Thüre wurde bewacht.

Seine Eminenz begab sich in das Zimmer, das ihm als Arbeitskabinet diente, und befahl Rochefort durch ein Zeichen, d’Artagnan einzuführen.

Rochefort gehorchte und zog sich zurück.

D’Artagnan blieb allein bei dem Kardinal. Es war seine zweite Zusammenkunft mit Richelieu, und er gestand später, er sei überzeugt gewesen, daß es seine letzte sein würde.

Richelieu blieb an dem Kamin stehen. Ein Tisch war zwischen ihm und d’Artagnan.

»Mein Herr,« sprach der Kardinal, »Ihr seid auf meinen Befehl verhaftet worden.« – »Man hat es mir gesagt, Monseigneur.« – »Wißt Ihr, warum?« – »Nein, Monseigneur, denn die einzige Sache, wegen deren ich verhaftet werden könnte, ist Seiner Eminenz noch unbekannt.«

Richelieu schaute den jungen Mann fest an und rief:

»Holla! was wollt Ihr damit sagen?«

»Wenn mich Monseigneur zuerst über die Verbrechen belehren will, die man mir aufbürdet, so werde ich ihm sodann die Handlungen nennen, die ich begangen habe.«

»Man bürdet Euch Verbrechen auf, welche noch höhere Häupter, als das Eurige, fallen gemacht haben,« sagte der Kardinal.

»Welche, Monseigneur?« fragte d’Artagnan mit einer Ruhe, die den Kardinal in Erstaunen setzte.

»Man klagt Euch an, Ihr habet mit den Feinden des Königreichs korrespondirt; man klagt Euch an, Ihr habet Staatsgeheimnisse erlauscht; man klagt Euch an, Ihr habet die Pläne Eures Generals zu vereiteln gesucht.«

»Und wer beschuldigt mich dessen, Monseigneur?« sprach d’Artagnan, welcher sich dachte, daß die Anklage von Mylady komme. »Ein von den Gerichten gebrandmarktes Weib, ein Weib, das einen Mann in Frankreich und einen andern in England geheirathet, ein Weib, das seinen zweiten Gatten vergiftet und mich selbst zu vergiften gesucht hat.«

»Was sagt Ihr da, Herr!« rief der Kardinal voll Erstaunen, »von welchem Weibe sprecht Ihr so?«

»Von Mylady Winter,« antwortete d’Artagnan, »ja, von Mylady Winter, deren Verbrechen Eure Eminenz ohne Zweifel nicht kannte, als sie dieselbe mit ihrem Vertrauen beehrte.«

»Mein Herr,« sprach der Kardinal, »wenn Mylady Winter die Verbrechen begangen hat, deren Ihr sie bezichtigt, so soll sie bestraft werden.« – »Sie ist bestraft.« – »Und wer hat sie bestraft?« – »Wir.« – »Sie ist im Gefängniß?« – »Sie ist todt.«

»Todt!« wiederholte der Kardinal, der nicht an das glauben konnte, was er hörte. »Habt Ihr nicht gesagt, sie sei todt?«

»Dreimal versuchte sie es, mich zu tödten, und ich verzieh ihr; aber sie mordete eine Frau, die ich liebte; dann nahmen meine Freunde und ich sie gefangen, hielten Gericht und verurtheilten sie.«

D’Artagnan erzählte nun die Vergiftung von Madame Bonacieux im Kloster der Karmeliterinnen in Bethune, das Gericht in dem einsamen Hause und die Hinrichtung am Ufer der Lys. Ein Schauer lief dem Kardinal durch den ganzen Leib, und doch schauerte der Kardinal nicht so leicht.

Aber als ob sich plötzlich ein stummer Gedanke seiner bemeisterte, erhellte sich allmälig das bisher so düstere Antlitz des Kardinals und erlangte die vollkommenste Ruhe.

»Ihr habt Euch also,« sprach er mit einer Stimme, deren Weichheit in seltsamem Widerspruch mit der Strenge der Worte stand, »Ihr habt Euch also zu Richtern aufgeworfen, ohne zu bedenken, daß diejenigen, welche strafen und nicht den Auftrag dazu haben, Mörder sind?«

»Monseigneur, ich schwöre, daß ich nicht einen Augenblick die Absicht gehabt habe, meinen Kopf gegen Euch zu vertheidigen; ich werde mich der Strafe unterziehen, die Eure Eminenz über mich ausspricht. Ich hänge nicht so sehr am Leben, daß ich den Tod fürchten sollte.«

»Ja, ich weiß es, Ihr seid ein beherzter Mann,« sprach der Kardinal mit beinahe zärtlichem Tone; »ich kann Euch also zum Voraus sagen, daß man Gericht über Euch halten, ja sogar Euch verurtheilen wird.«

»Ein Anderer könnte Seiner Eminenz entgegnen, er habe seine Begnadigung in der Tasche; ich aber begnüge mich zu antworten: befehlt, Monseigneur, ich bin bereit.« – »Eure Begnadigung?« fragte Richelieu erstaunt. – »Ja, Monseigneur,« erwiderte d’Artagnan. – »Und von wem unterzeichnet? Vom König?«

Der Kardinal sprach diese Worte mit einem eigenthümlichen Ausdruck der Verachtung.

»Nein, von Eurer Eminenz.« – »Von mir? Ihr seid ein Narr, mein Herr.« – »Monseigneur wird ohne Zweifel seine Handschrift erkennen.«

Bei diesen Worten überreichte d’Artagnan dem Kardinal das kostbare Papier, das Athos Mylady entrissen und d’Artagnan übergeben hatte, dem es als Schutzwache dienen sollte.

Seine Eminenz nahm es und las es langsam und mit starker Betonung jeder einzelnen Silbe.

»Auf meinen Befehl und zum Wohle des Staates hat der Träger des Gegenwärtigen gethan, was er gethan hat.

»Im Lager von Rochelle, den 3. Aug. 1628.

» Richelieu

Der Kardinal versank in tiefes Nachsinnen, nachdem er das Papier gelesen hatte, gab es aber d’Artagnan nicht zurück.

»Er überlegt, durch welche Strafe er mich zum Tode befördern soll,« sagte der Gascogner ganz leise zu sich selbst. »Gut, er soll sehen, wie ein Edelmann stirbt.«

Der junge Musketier war in der besten Fassung, um heldenmütig zu scheiden.

Richelieu dachte immer noch nach, rollte das Papier in seiner Hand zusammen und rollte es wieder aus einander. Dann schaute er auf und heftete seinen Adlerblick auf diese redlichen, offenen, gescheiten Züge, auf dieses in Folge der Leiden, die er seit einem Monat ausgestanden, von Thränen durchfurchte Antlitz, und dachte zum dritten und vierten Male, wie viel dieser Junge von zwanzig Jahren Zukunft vor sich hatte, und welche Mittel seine Thätigkeit, sein Muth und sein Geist einem guten Herrn bieten konnten.

Andererseits hatten ihn die Verbrechen, die Macht, das höllische Genie Myladys mehr als einmal erschreckt. Er fühlte etwas wie eine geheime Freude darüber, daß er für immer von dieser gefährlichen Schuldgenossin befreit war.

Langsam zerriß er das Papier, welches ihm d’Artagnan so edelmüthig übergeben hatte.

»Ich bin verloren,« sprach d’Artagnan zu sich selbst.

Und er verbeugte sich tief vor dem Kardinal, wie ein Mensch, der da sagt: »Gnädiger Herr, Euer Wille soll geschehen.«

Der Kardinal trat an den Tisch, schrieb, ohne sich zu setzen, ein paar Zeilen auf ein Pergament, das zu zwei Dritteln bereits voll geschrieben war, und druckte sein Siegel darunter.

»Das ist meine Verurtheilung,« dachte d’Artagnan, »er erspart mir die Unannehmlichkeiten der Bastille und den langsamen Gang eines Gerichts. Ich finde das noch sehr liebenswürdig von ihm.«

»Nehmt,« sprach der Kardinal zu dem jungen Manne, »ich habe Euch ein Blanket genommen und gebe Euch ein anderes. Der Name fehlt auf diesem Patent, Ihr werdet ihn selbst eintragen.«

D’Artagnan ergriff das Papier zögernd und warf einen Blick darauf.

Es war eine Lieutenants-Stelle bei den Musketieren.

D’Artagnan fiel dem Kardinal zu Füßen.

»Monseigneur,« rief er, »mein Leben gehört von nun an Euch, verfügt darüber: aber ich verdiene die Gunst nicht, die Ihr mir bewilligt; ich habe drei Freunde, welche würdiger …«

»Ihr seid ein braver Junge, d’Artagnan,« unterbrach ihn der Kardinal und klopfte ihn, entzückt, diese widerspenstige Natur besiegt zu haben, vertraulich auf die Schulter; »macht mit diesem Patent, was Ihr wollt, da der Name weiß ist; nur erinnert Euch, daß ich es Euch gebe.«

»Ich werde es nie vergessen,« antwortete d’Artagnan, »Eure Eminenz darf dessen versichert sein.«

Der Kardinal wandte sich um und rief: »Rochefort«.

Der Chevalier hatte sich ohne Zweifel vor der Thüre aufgehalten, und trat sogleich ein.

»Rochefort,« sagte der Kardinal, »Ihr seht hier Herrn d’Artagnan, ich nehme ihn unter die Zahl meiner Freunde auf. Man umarme sich also und sei vernünftig, wenn man sein Leben lieb hat.«

Rochefort und d’Artagnan küßten sich mit dem Rande ihrer Lippen; aber der Kardinal war da und beobachtete sie mit wachsamem Auge. Sie verließen zu gleicher Zeit das Zimmer.

»Wir treffen uns wieder, nicht wahr, mein Herr?« sprachen sie. – »Wann es Euch gefällig ist,« sagte d’Artagnan.

»Die Gelegenheit wird sich finden,« erwiderte Rochefort.

»Was da?« brummte der Kardinal die Thüre öffnend.

Die Männer lächelten sich zu, drückten sich die Hand und verbeugten sich vor Seiner Eminenz.

»Wir fingen an unruhig zu werden,« sprach Athos, als der Musketier zurückkam.

»Hier bin ich, meine Freunde,« antwortete d’Artagnan. – »Frei?« – »Nicht allein frei, sondern in Gunsten.« – »Ihr werdet uns das erzählen.« – »Noch diesen Abend. Doch für diesen Augenblick trennen wir uns.«

D’Artagnan begab sich wirklich noch denselben Abend in die Wohnung von Athos, den er im besten Zuge fand, seine Flasche spanischen Wein zu leeren, ein Geschäft, dem er gewissenhaft jeden Abend oblag.

Er erzählte seinem Freunde, was zwischen ihm und dem Kardinal vorgefallen war, zog sein Patent aus der Tasche und sprach:

»Nehmt, mein lieber Athos, was Euch ganz natürlich zukommt.«

Athos lächelte in seiner sanften, liebenswürdigen Art und erwiderte: »Freund, für Athos ist es zu viel, für den Grafen de la Fère ist es zu wenig. Behaltet dieses Patent, es gehört Euch: ach! Ihr habt es theuer genug bezahlen müssen.«

D’Artagnan entfernte sich aus dem Zimmer von Athos und trat bei Porthos ein.

Er traf ihn in einem prächtigen, mit glänzenden Stickereien bedeckten Rock, wie er sich eben im Spiegel beschaute.

»Ah! ah!« rief Porthos, »Ihr seid es, lieber Freund; wie findet Ihr, daß mir dieser Rock steht?«

»Vortrefflich,« sprach d’Artagnan; »doch ich komme, um Euch ein Kleid anzutragen, das Euch noch viel besser stehen wird.«

»Welches?« – »Die Uniform eines Musketierlieutenants.«

D’Artagnan erzählte Porthos seine Unterredung mit dem Kardinal, zog das Patent aus seiner Tasche und sagte:

»Nehmt, mein Lieber, schreibt Euern Namen darauf und seid ein guter Chef für mich.«

Porthos warf einen Blick auf das Patent und gab es zum großen Erstaunen des jungen Mannes zurück.

»Ja,« sprach er, »das würde mir sehr schmeicheln, aber ich könnte diese Gunst nicht lange genug genießen; während unseres Zuges nach Bethune ist der Gatte meiner Herzogin gestorben, und da mir die Kasse des Seligen die Hand reicht, so heirathe ich die Wittwe. Seht, ich habe so eben meinen Hochzeitsanzug probirt. Behaltet das Lieutenantspatent, mein Lieber, behaltet es.«

Und er legte es d’Artagnan wieder in die Hände.

Der junge Mann begab sich zu Aramis.

Er fand ihn vor einem Betpult knieend, seine Stirne auf ein Andachtsbuch gestützt.

D’Artagnan erzählte ihm seine Zusammenkunft mit dem Kardinal, zog sein Patent zum dritten Mal aus der Tasche und sprach:

»Ihr, unser Freund, unser Licht, unser unsichtbarer Beschützer, empfangt dieses Patent; Ihr habt es mehr als jeder Andere durch Eure Weisheit und Eure stets von gutem Erfolge begleiteten Rathschläge verdient.«

»Ach! theurer Freund,« erwiderte Aramis, »unsere letzten Abenteuer haben mir einen gänzlichen Widerwillen gegen das Soldatenleben eingeflößt. Diesmal steht mein Entschluß unwiderruflich fest: nach der Belagerung trete ich bei den Lazaristen ein. Behaltet dieses Patent, d’Artagnan. Das Waffenhandwerk sagt Euch zu; Ihr werdet ein kühner und verwegener Kapitän sein.«

Das Auge feucht von Dankbarkeit, strahlend vor Freude kehrte d’Artagnan zu Athos zurück, den er immer noch am Tisch fand, wo er sein letztes Glas Malaga beim Schein einer Lampe beäugelte.

»Auch sie haben mich zurückgewiesen,« sagte er.

»Ganz einfach, lieber Freund, keiner war dieses Vorzugs würdiger, als Ihr.«

Er nahm eine Feder, schrieb in das Patent den Namen d’Artagnan und gab es ihm zurück.

»Ich werde also keine Freunde mehr haben,« sprach der junge Mann. »Ach! nichts mehr, als bittere Erinnerungen.«

Und er ließ sein Haupt zwischen seine beiden Hände fallen, während zwei Thränen an seinen Wangen herabrollten.

»Ihr seid noch jung,« erwiderte Athos, und Euere bittern Erinnerungen haben Zeit, sich in süße Erinnerungen zu verwandeln.«