Neunzehntes Kapitel.


Neunzehntes Kapitel.

Beschreibung eines Diners bei Herrn Ralph Nickleby, und der Art, wie sich die Gesellschaft vor, bei und nach diesem Diner unterhielt.

Die Galle und die Erbitterung der würdigen Mamsell Knag erlitten während des Restes der Woche keine Milderung, sondern mehrten sich vielmehr von Stunde zu Stunde. Auch der ehrenwerte Zorn der jungen Damen steigerte sich oder schien sich doch im gleichen Verhältnisse mit der Entrüstung der alten Jungfrau zu steigern, und beides erreichte jedesmal eine besondere Höhe, wenn Mamsell Nickleby die Treppe hinaufgerufen wurde, woraus sich entnehmen läßt, daß das Los des armen Mädchens keineswegs das glücklichste oder beneidenswerteste war. Sie begrüßte die Ankunft des Sonnabends wie ein Gefangener die wenigen köstlichen Stunden, wann er der langsam ertötenden Qual seines Kerkers entronnen ist, und fühlte, daß der armselige Lohn für die Arbeit der ersten Woche schwer und teuer verdient war, und wenn er auch das Dreifache betragen hätte.

Als Käthchen ihre Mutter wie gewöhnlich an der Straßenecke aufsuchte, war sie nicht wenig überrascht, diese im Gespräch mit Herrn Ralph Nickleby anzutreffen. Aber ihr Erstaunen sollte noch ebensosehr durch den Gegenstand ihrer Unterhaltung, wie durch das geschmeidigere und achtungsvollere Benehmen des Herrn Nickleby verdoppelt werden.

»Ah, meine Liebe, wir sprechen eben von dir«, rief ihr Ralph entgegen.

»Wirklich?« versetzte Käthchen, unwillkürlich vor dem kalten, stechenden Blicke ihres Onkels zurückbebend.

»Ja, ja«, entgegnete Ralph, »ich wollte bei dir vorkommen, ehe du noch Madame Mantalinis Haus verließest; aber ich sprach mit deiner Mutter über Familienangelegenheiten, und da glitt die Zeit so rasch dahin –«

»Ach, war dies wirklich der Fall?« fiel Madame Nickleby ein, ohne den Sarkasmus zu fühlen, womit Ralph diese letzlere Bemerkung betont hatte. »Auf mein Wort, ich hätte es nicht für möglich gehalten, daß eine solche – – liebes Käthchen, du sollst morgen um halb sieben Uhr bei deinem Onkel speisen.«

Überglücklich, diese außerordentliche Neuigkeit zuerst verkündigt zu haben, nickte und lächelte Madame Nickleby zu wiederholten Malen, um die ganze Bedeutsamkeit derselben dem verwunderten Käthchen recht nahe ans Herz zu legen, und schweifte dann unter einem spitzen Winkel auf die für diese Einladung erforderlichen Vorbereitungen ab.

»Laß einmal sehen«, sagte die gute Dame. »Dein schwarzseidenes Gewand wird dich gut genug kleiden, meine Liebe; dann die hübsche kleine Schärpe, ein einfaches Band im Haar und ein Paar schwarzseidene Strümpfe – – ach du mein Himmel«, rief Madame Nickleby, wieder unter einem andern Winkel abspringend, »wenn ich nur meine unglückseligen Amethysten noch hätte! Du erinnerst dich ihrer noch, liebes Käthchen – wie sie funkelten, weißt du? – Aber dein Vater, dein armer, lieber Vater – ach, nie ist etwas so grausam hingeopfert worden als diese Edelsteine – nein, gewiß nie!«

Von diesem schmerzlichen Gedanken überwältigt, schüttelte Madame Nickleby traurig den Kopf und fuhr mit dem Taschentuch nach den Augen.

»Gewiß, Mama, ich bedarf ihrer nicht«, versetzte Käthchen. »Vergessen Sie, daß wir jemals welche hatten.«

»Ach Gott, liebes Käthchen«, entgegnete Frau Nickleby unzufrieden, »du sprichst wie ein Kind. – Vierundzwanzig silberne Teelöffel, Schwager, zwei Saucieren, vier Salzfäßchen, alle Amethysten – Halsband, Busennadel und Ohrringe – alles zu gleicher Zeit fort; und ich sagte fast auf meinen Knien zu der armen, guten Seele: Warum tust du denn nichts, Nicolaus? Warum unternimmst du nichts dagegen? Gewiß, wer damals um mich war, wird mir die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß ich das nicht nur ein einziges Mal, sondern fünfzigmal des Tags zu ihm sagte. Ist’s nicht so, liebes Käthchen? Habe ich je eine Gelegenheit unbenutzt gelassen, es deinem armen Vater ans Herz zu legen?«

»Nein, nein, Mama, gewiß keine«, erwiderte Käthchen.

Auch wir müssen dies Madame Nickleby bezeugen und lassen nebenbei allen verheirateten Damen insgesamt die Gerechtigkeit widerfahren, daß sie nur selten eine Gelegenheit nicht benützen, wo es sich um ähnliche goldene Regeln handelt. Es ist dabei nur schade, daß sie gewöhnlich etwas undeutlich und unbestimmt an den Mann gebracht werden.

»Ach«, sagte Madame Nickleby in großer Aufregung, »wenn er nur gleich anfangs meinen Rat befolgt hätte! Doch ich habe wenigstens stets meine Pflicht wahrgenommen, und das gereicht mir einigermaßen zum Trost.«

Bei dieser Selbstberuhigung angelangt, seufzte Madame Nickleby, rieb die Hände, blickte gen Himmel und nahm schließlich eine demütig gefaßte Miene an, um damit anzudeuten, sie sei eine verfolgte Heilige, wolle aber ihre Zuhörer nicht mit der Erwähnung dieses Umstandes belästigen, da er ja jedermann in die Augen fallen mußte.

»Nun«, sagte Ralph mit einem Lächeln, das, wie alle anderen Ausdrücke seiner Empfindungen, mehr hinter seinem Gesichte zu lauern, als frei sich auf diesem zu entfalten schien – »um auf den Punkt, von dem wir abschweiften, zurückzukommen, so habe ich auf morgen eine kleine Gesellschaft von – von – Herren, mit denen ich gegenwärtig in Geschäftsverbindung stehe, zu Gast gebeten, und deine Mutter versprach mir, daß du das Amt der Hausdame übernehmen würdest. Ich bin an solche Partien nicht besonders gewöhnt, aber die morgige ist eine Geschäftssache, und derartige Torheiten sind bisweilen von Wichtigkeit. Du willigst doch ein, mir eine Gefälligkeit zu erweisen?«

»Einwilligen?« rief Madame Nickleby. »Mein liebes Käthchen, warum –«

»Bitte«, fiel Ralph ein, indem er ihr zu schweigen winkte: »ich spreche mit meiner Nichte.«

»Ich tue es natürlich mit Vergnügen, Onkel«, versetzte Käthchen, »aber ich fürchte, Sie werden mich sehr ungeschickt und verlegen finden.«

»Nicht doch«, entgegnete Ralph. »Du kannst, wenn du willst, in einer Mietkutsche kommen – ich zahle sie. Gute Nacht – und – und – Gott befohlen!«

Der Segenswunsch schien in Herrn Ralph Nicklebys Kehle steckenbleiben zu wollen, als sei er dieser Passage nicht gewohnt und könne den Weg nicht ausfinden. Demungeachtet fand er sich endlich, obgleich ungeschickt genug, zurecht, und nachdem sich der Ehrenmann dieses entledigt hatte, schüttelte er seinen zwei Verwandten die Hände und eilte von hinnen.

»Was für ein ausgeprägtes Gesicht dein Onkel hat«, sagte Frau Nickleby, etwas verdutzt über Ralphs Blicke beim Abschied. »Ich kann bei ihm auch nicht die mindeste Ähnlichkeit mit seinem armen Bruder entdecken.«

»Mama«, erwiderte Käthchen verweisend, »wie mögen Sie nur an so etwas denken?«

»Nein«, entgegnete Madame Nickleby nachsinnend, »ähnlich sieht er ihm nicht, aber es ist doch ein sehr ehrliches Gesicht.«

Die würdige Dame entlud sich dieser Bemerkung mit einer so wichtigen Betonung, als ob solche sie nicht wenig Scharfsinn und Spähergeist gekostet hätte; und in der Tat, die Entdeckung hätte es auch wohl verdient, den außerordentlichsten unseres Jahrhunderts beigezählt zu werden. Käthchen sah hastig auf, ließ aber ebenso rasch ihre Augen wieder sinken.

»Um Gottes willen, was ist denn über dich gekommen, meine Liebe?« sagte Madame Nickleby, als sie schweigend eine Strecke weitergegangen waren.

»Ich habe bloß über etwas nachgedacht«, entgegnete Käthchen.

»Nachgedacht?« wiederholte Frau Nickleby. »Nun ja, wir haben in der Tat Ursache genug nachzudenken. Dein Onkel hat eine große Zuneigung zu dir gefaßt, das ist offenbar: und ich kann nur sagen, daß es mich wundernehmen wird, wenn dir daraus nicht irgendein außerordentliches Glück erwächst.«

Madame Nickleby erging sich hierauf in allerhand Anekdötchen von jungen Damen, denen wunderliche Onkel Tausendpfund-Noten in ihre Strickbeutel gesteckt, und von jungen Damen, die zufällig liebenswürdige Herren von ungeheurem Reichtum in den Häusern ihrer Onkels getroffen und diese nach kurzen, aber glühenden Werbungen geheiratet hatten. Käthchen aber, die im Anfang gleichgültig und nachher mit Vergnügen zuhörte, fühlte allmählich auf ihrem Spaziergange einiges von dem phantastischen Wesen ihrer Mutter in dem eigenen Herzen erwachen, so daß sie anfing, einer glänzenderen Zukunft und schöneren Tagen, die für sie noch aufdämmern könnten, entgegenzusehen. So ist die Hoffnung – eine wahre Himmelsgabe für den leidenden Sterblichen, gleich dem luftigen Äther alles durchdringend. Gutes und Böses – allgemein wie der Tod und ansteckender als die Pest.

Die matte Wintersonne – und Wintersonnen sind wahrlich in der City sehr matt –- hätte wohl heller erglänzen mögen, als sie durch die trüben Fenster des großen alten Hauses schien und Zeuge des ungewöhnlichen Anblicks war, den eines der halbmöblierten Zimmer darbot. In einem düsteren Winkel, wo vordem viele Jahre lang ein stiller, staubiger Warenhaufen lag, der, einer Kolonie von Mäusen Schutz verleihend, düster und leblos den Raum des getäfelten Zimmers beengte und nur, wenn schwere Wagen durch die Straßen rollten, durcheinander schütterte und bebte, so daß die hellen Augen seiner kleinen Bewohner vor Furcht noch heller leuchteten und die erschreckten Tierchen mit aufmerksamem Ohr und klopfendem Herzen regungslos blieben, bis der Lärm vorüber war – in diesem düsteren Winkel lag Käthchens kleiner Schmuck für den Tag aufs sorgfältigste ausgebreitet. Jeder einzelne Putzartikel hatte etwas von jener eigentümlichen und unbeschreiblichen Anmut, die Kleidungsstücke – sei es durch Ideenverbindung, oder weil man sich die Besitzerin darin denkt – in den Augen derer haben, die in ihnen eine schmucke Gestalt kennen oder doch durch ihre Phantasie die leeren Gewänder mit einer solchen ausfüllen. An der Stelle eines vermoderten Warenballens lag das schwarze seidene Kleid, das an sich schon einen allerliebsten Anblick bot. Die kleinen Schuhe mit den zarten Abdrücken der Zehen standen auf derselben Stelle, wo einige alte Eisengewichte Eindrücke in den Dielen zurückgelassen hatten. Ein Haufen groben, mißfarbigen Leders hatte unfreiwillig denselben kleinen schwarzseidenen Strümpfen Platz gemacht, die der Gegenstand von Madame Nicklebys besonderer Sorgfalt gewesen waren. Ratten und Mäuse, nebst ähnlicher kleiner Brut, waren schon längst verhungert oder nach besseren Quartieren ausgewandert, und an ihrer Statt erblickte man Handschuhe, Bänder, Schärpen, Haarnadeln und noch viele andere kleine Erfindungen, die in ihrer Weise ebenso scharfsinnig im Quälen der Menschen sind wie Ratten und Mäuse.

Zwischen alledem bewegte sich Käthchen hin und her, die ungewohnteste, aber keineswegs die am mindesten schöne Zierde des düstern alten Gebäudes.

In guter – oder in schlimmer Zeit, wie es dem Leser beliebt, denn Madame Nicklebys Ungeduld überflügelte die Glocken der Turmuhren bei weitem, und Käthchen hatte bereits anderthalb volle Stunden, ehe es nötig war, nur an den Beginn der Toilette zu denken, ihre letzte Haarnadel festgesteckt – in guter oder in schlimmer Zeit also war die Dame vollständig aufgeputzt. Als nun endlich die zum Aufbrechen bestimmte Stunde erschien, wurde der Milchmann beauftragt, von dem nächsten Standorte eine Mietdroschke zu holen. Käthchen stieg, nachdem sie ihrer Mutter zu wiederholten Malen Lebewohl gesagt und ihr viele freundliche Grüße an Fräulein La Creevy, die zum Tee erwartet wurde, aufgetragen hatte, in die Kutsche und fuhr ganz stattlich von hinnen, wenn man anders in einem Mietwagen stattlich fahren kann. Und die Kutsche und der Kutscher und die Pferde rasselten und quenkelten und peitschten und fluchten und stolperten, bis sie Golden Square erreichten.

Der Kutscher pochte mit einem wuchtigen Doppelschlag an die Tür, die sich, noch ehe er ganz damit zustande gekommen war, so rasch öffnete, als ob jemand mit der Hand auf der Klinke dahinter gestanden hätte. Käthchen, die keine ungewöhnlichere Erscheinung als Newman Noggs mit einem reinen Hemde erwartet hatte, war nicht wenig erstaunt, in dem Manne, der die Tür öffnete, einen Bedienten in schöner Livree zu finden, wie sie denn auch noch zwei oder drei andere in der Hausflur stehen sah. Im Hause konnte man sich indessen nicht geirrt haben, denn Ralphs Name stand an der Tür; und so nahm sie den mit Borten geschmückten Rockärmel, der ihr geboten wurde, an, trat in das Haus und folgte ihrem Führer die Treppe hinauf nach einem hintenhinausgehenden Gesellschaftszimmer, wo sie allein gelassen wurde.

Hatte sie schon die Erscheinung des Dieners überrascht, so konnte sie jetzt über den Reichtum und den Glanz der Einrichtung gar nicht zu sich selber kommen. Die weichsten und elegantesten Teppiche, die ausgesuchtesten Gemälde, die köstlichsten Spiegel und die reichsten Schmuckstücke, deren verschwenderische Pracht die Augen blendete und verwirrte, traten allenthalben ihren Blicken entgegen. Selbst das Stiegenhaus fast bis zur Hausflurtür hinunter war mit schonen und prachtvollen Gegenständen überfüllt, als ob das Haus bis an den Rand voll von Reichtum wäre und bei dem geringsten Zuwachs nach der Straße zu überfließen müßte.

Bald darauf hörte sie eine Reihe von lauten Doppelschlägen an der Haustüre und nach jedem Pochen eine neue Stimme in dem nächsten Zimmer. Die des Herrn Ralph Nickleby war im Anfang leicht zu erkennen; allmählich erstickte sie aber in dem allgemeinen Gesumme der Unterhaltung, und Käthchen konnte nun weiter nichts unterscheiden, als daß einige Herren mit nicht sehr musikalischen Stimmen da waren, die sehr laut sprachen, alle Augenblicke hellauf lachten und mehr schworen, als ihr wahrscheinlich nötig dünkte. Doch das war Geschmackssache.

Endlich ging die Tür auf, und Ralph selbst, nicht wie gewöhnlich in Stiefeln, sondern gar anständig in schwarzseidenen Strümpfen und Schuhen, zeigte sein listiges Gesicht.

»Ich konnte dich nicht früher begrüßen, meine Liebe«, sagte er leise, indem er zugleich auf das nächste Zimmer deutete, »denn ich mußte die da drinnen empfangen. Nun – kann ich dich jetzt vorstellen?«

»Aber lieber Onkel«, sagte Käthchen etwas betreten, wie es wohl auch Leuten gehen mag, die mehr an Gesellschaften gewöhnt sind, wenn sie in ein mit lauter Fremden angefülltes Zimmer treten sollen und vorher Zeit gehabt haben, darüber nachzudenken; »sind auch Damen da?«

»Nein«, versetzte Ralph abgebrochen; »ich kenne keine Damen.«

»Muß ich jetzt gleich hineingehen?« fragte Käthchen, sich ein wenig zurückziehend.

»Wie dir beliebt«, antwortete Ralph mit einem Achselzucken. »Die Gäste sind beisammen, und das Essen wird gleich angehen.«

Käthchen hätte wohl gerne um ein paar Minuten Verzug gebeten; sie bedachte aber, daß ihr Onkel vielleicht die Bezahlung der Kutschenmiete für eine Art Verpflichtung betrachte und dafür von ihrer Seite Pünktlichkeit fordere, und so nahm sie seinen Arm an und ließ sich fortführen.

Als sie eintraten, standen sieben oder acht Herren um das Feuer. Da diese jedoch sehr laut miteinander sprachen, so gewahrten sie die Eingetretenen nicht früher, als bis Herr Ralph Nickleby den einen am Rockärmel berührte und mit rauher und nachdrücklicher Stimme, als wolle er die allgemeine Aufmerksamkeit erregen, begann:

»Lord Friedrich Verisopht – meine Nichte, Fräulein Nickleby.«

Die Gruppe trat überrascht auseinander, und der angeredete Herr, der sich rasch umwandte, zeigte einen Anzug von dem allermodernsten Zuschnitt, einen dito Backen- und Schnurrbart, einen Kopf voll Haare und ein junges Gesicht.

»Ha!« sagte der Herr. »Wa-as – der – Teufel!«

Unter diesen abgebrochenen Ausrufungen heftete er seine Lorgnette vor das Auge und starrte Fräulein Nickleby in großer Überraschung an.

»Meine Nichte, Mylord«, sagte Ralph.

»Wirklich? – täuschen mich meine Ohren nicht, und ist es kein W–a–chsbild?« entgegnete Seine Herrlichkeit. »Wie geht es Ihnen? Ich schätze mich außerordentlich glücklich.«

Und dann drehte sich Seine Herrlichkeit gegen einen andern höchst modernen Herrn, der etwas älter, etwas stämmiger, etwas röter im Gesicht und etwas ausgekochter war, und sagte ihm laut ins Ohr, das Mädchen wäre ›verteufelt hübsch‹.

»Stellen Sie mich vor, Nickleby«, sagte dieser Herr, der mit dem Rücken gegen den Kamin lehnte und beide Ellenbogen auf das Gesimse stützte.

»Sir Mulberry Hawk«, sagte Ralph.

»Der bekannteste Gentleman in der ganzen Sta–adt, Fräulein Nickleby«, fügte Lord Verisopht bei.

»Vergessen Sie mich nicht, Nickleby«, rief ein Herr mit einem scharfen Gesichtszug, der auf einem niedrigen Stuhl mit hoher Lehne saß und eine Zeitung las.

»Herr Pyke«, sagte Ralph.

»Mich auch nicht, Nickleby«, rief ein anderer geschniegelter Herr mit einem roten Gesicht, der an Sir Mulberry Hawks Seite stand.

»Herr Pluck«, sagte Ralph.

Dann wandte er sich gegen einen Herrn mit einem Storchhals und den Beinen eben keines besonderen Tieres und stellte ihn als den ehrenwerten Herrn Snobb, – wie auch einen an dem Tisch sitzenden Mann in weißen Haaren als den Obersten Chowser vor. Der Oberst war im Gespräch mit irgend jemand, der nur eine Zugabe zu sein schien und daher nicht vorgestellt wurde.

Schon jetzt fielen unserem Käthchen zwei Umstände ungemein auf, und das Blut schoß ihr dabei glühend nach dem Gesicht: einmal die unbekümmerte Verachtung, womit die Gäste augenscheinlich ihren Onkel behandelten, und dann die leichtfertige Unverschämtheit ihres Benehmens gegen sie selbst. Auch ließ sich leicht voraussehen, daß die erstere höchstwahrscheinlich noch zu einer Verschlimmerung des zweiten führte. Und hier hatte Herr Ralph Nickleby die Rechnung ohne den Wirt gemacht! denn mag ein Mädchen von nur einiger Erziehung auch frisch vom Lande weggekommen und mit dem konventionellen Benehmen durchaus unbekannt sein, so ist doch die größte Wahrscheinlichkeit vorhanden, daß ihr angeborenes Schicklichkeitsgefühl sie über das, was sich im Leben ziemt, ebensogut belehrt, als ob sie ein ganzes Dutzend Saisons in London mitgemacht hätte – ja vielleicht noch besser: denn man hat Beispiele, daß ein derartiges Gefühl durch die angedeutete Verbesserungslaufbahn ziemlich abgestumpft wurde.

Als Ralph die Zeremonie der Einführung beendigt hatte, führte er seine errötende Nichte zu einem Platz, indem er zugleich einen schlauen Blick um sich warf, als wolle er sich überzeugen, welchen Eindruck ihre unerwartete Erscheinung gemacht hatte.

»Ein unverhoffter Zeitvertreib, Nickleby«, sagte Lord Verisopht und nahm die Lorgnette von seinem rechten Auge, wo sie bis jetzt Käthchen gegenüber ihre Pflicht getan, um sie an das linke bringen und Ralph betrachten zu können.

»Er hatte die Absicht, Sie zu überraschen, Lord Friedrich«, entgegnete Herr Pluck.

»Keine üble Idee«, meinte Seine Herrlichkeit, »die sogar eine Beifügung von noch weiteren dritthalb Prozenten rechtfertigen würde.«

»Nickleby«, sagte Sir Mulberry Hawk mit dicker, heiserer Stimme, »benutzen Sie den Wink, schlagen Sie dieses Geständnis des edlen Lords zu den andern fünfundzwanzig, oder wieviel es ausmachen mag, und geben Sie mir die Hälfte für meinen Rat.«

Sir Mulberry verzierte seine Worte mit einem heiseren Lachen und schloß diese mit einem scherzhaften Fluch über Herrn Nicklebys Gliedmaßen, worüber die Herren Pyke und Pluck sich fast totlachen wollten.

Diese Herren hatten sich von ihrer Heiterkeit noch nicht ganz erholt, als gemeldet wurde, daß aufgetragen sei, worauf sie durch eine ähnliche Scherzrede aufs neue in einen Lachkrumpf gerieten. Dann schoß Sir Mulberry Hawk im Übermaß seiner guten Laune gewandt an Lord Friedrich Verisopht, der eben Käthchen die Treppe hinunterführen wollte, vorbei und legte ihren Arm in den seinigen.

»Nein, zum Teufel, Verisopht«, sagte Sir Mulberry, »ich lobe mir ein ehrliches Spiel. Fräulein Nickleby und ich haben die Sache schon vor zehn Minuten mit den Augen abgemacht.«

»Ha! ha! ha!« lachte der ehrenwerte Herr Snobb, »sehr gut, sehr gut.«

Sir Mulberry Hawk, der durch diesen Beifall noch witziger wurde, schielte schalkhaft nach seinen Freunden und führte Käthchen mit einem so vertraulichen Wesen die Stiege hinunter, daß in dem edlen Herzen des Mädchens ein Abscheu und eine Entrüstung aufflammten, die sie fast nicht zu unterdrücken vermochte. Die Gewalt dieser Gefühle wurde auch nicht im mindesten gedämpft, als man ihr einen Platz oben an der Tafel zwischen Sir Mulberry Hawk und Lord Verisopht anwies.

»Ah, Sie haben auch den Weg in unsere Nachbarschaft gefunden«, sagte Sir Mulberry, als sich Seine Herrlichkeit niederließ.

»Natürlich«, versetzte Lord Friedrich, seine Augen auf Fräulein Nickleby heftend, »wie mögen Sie nur fra–a–gen?«

»Nun so beschäftigen Sie sich recht hübsch mit Ihrem Teller«, entgegnete Sir Mulberry, »und kümmern Sie sich nicht um Fräulein Nickleby und mich: denn ich versichere Sie, wir werden zur Unterhaltung der Gesellschaft sehr wenig beitragen.«

»Da müssen Sie sich ins Mittel legen, Nickleby«, rief Lord Verisopht.

»Worum handelt sich’s, Mylord?« fragte Ralph, der am untern Ende der Tafel zwischen den Herren Pyke und Pluck saß.

»Dieser Kerl, der Hawk, will ein Monopol auf Ihre Nichte geltend machen«, versetzte Lord Verisopht.

»Er nimmt einen erträglichen Anteil von allem, worauf Sie selbst Anspruch machen, Mylord«, entgegnete Ralph mit einem höhnischen Zucken der Lippen.

»Beim Henker, das tut er«, rief der junge Herr; »der Teufel soll mich holen, wenn ich weiß, welcher von uns beiden Herr in meinem Hause ist.«

»Ich weiß es wohl«, brummte Ralph vor sich hin.

»Nun, ich denke, ich schüttle ihn seinerzeit ab, und vermache ihm einen Schilling«, sagte der junge Edelmann scherzend.

»Nein, nein, mein Goldmännchen«, sagte Sir Mulberry. »Wenn Sie zu dem Schilling kommen – dem letzten, meine ich – will ich Sie geschwind genug abschütteln; aber bis dahin werde ich nicht von Ihnen lassen – nehmen Sie mein Wort darauf.«

Diese Scherzrede, die jedoch nur Sir Mulberrys wahre Gesinnung aussprach, wurde mit allgemeinem Brüllen aufgenommen, aus dem man aber das Gelächter der Herren Pyke und Pluck, die augenscheinlich Sir Mulberrys besondere Verehrer waren, deutlich unterscheiden konnte. In der Tat war auch leicht zu bemerken, daß die Mehrzahl der Gesellschaft den unglücklichen jungen Lord, der zwar schwach und einfältig, aber offenbar der am wenigsten Lasterhafte unter dieser Horde war, so viel wie möglich auszubeuten suchte.

Sir Mulberry Hawk war berühmt wegen seiner bewunderungswürdigen Geschicklichkeit, unter Beihilfe seiner Kreaturen reiche junge Herren zugrunde zu richten – ein sehr anständiges und ehrenwertes Gewerbe, in dem er unbezweifelt den ersten Rang einnahm. Mit der ganzen Kühnheit und Originalität eines Genies hatte er eine den früheren Methoden ganz entgegengesetzte, vollkommen neue Verfahrungsweise ausgesonnen; denn er pflegte diejenigen, über die er das Übergewicht gewonnen, eher zu zügeln als sie ihren eigenen Wegen zu überlassen, wie er es denn auch liebte, seinen Witz offen und ohne Rückhalt an ihnen auszuüben. Er hatte sie daher in doppeltem Sinne zu Narren; denn während er sie mit ungemeiner Fertigkeit rupfte, nötigte er sie auch, zur Belustigung der Gesellschaft zu dienen.

Das Mahl war hinsichtlich des Glanzes und der Rundung seiner Anordnung so ausgezeichnet wie die Gemächer, und die Gesellschaft ermangelte nicht, ihm volle Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, wobei namentlich die Herren Pyke und Pluck etwas Ausgezeichnetes leisteten. Diese beiden Ehrenmänner nämlich aßen von jeder Schüssel und tranken aus jeder Flasche mit einer Fähigkeit und Ausdauer, die wirklich Erstaunen erregte. Sie blieben aber trotz ihrer großen Anstrengung merkwürdig frisch: denn sogar in dem Dessert richteten sie Verheerungen an, als ob sie seit dem Frühstück nichts Namhaftes zu sich genommen hätten.

»Nun«, sagte Lord Friedrich, als er noch an seinem ersten Glas schlürfte, »wenn das ein Diskontodiner ist, so weiß ich weiter nichts zu sagen, als daß mich der Teufel holen soll, wenn ich es nicht für etwas Herrliches halte, jeden Ta–a–g zu diskontieren.«

»Sie werden seinerzeit vollauf davon bekommen«, entgegnete Sir Mulberry Hawk; »Nickleby wird’s Ihnen schon anschreiben.«

»Was sagen Sie dazu?« fragte der junge Herr. »Werde ich ein guter Kunde sein?«

»Das hängt ganz von den Umständen ab, Mylord«, erwiderte Ralph.

»Nämlich von Eurer Herrlichkeit Umständen«, bemerkte Oberst Chowser von der Miliz – »und von den Wettrennplätzen.«

Der brave Oberst warf einen Blick auf die Herren Pyke und Pluck, als erwarte er von ihnen, daß sie seinen Witz belachen sollten. Da aber diese würdigen Männer nur die Verpflichtung hatten, für Sir Mulberry Hawk zu lachen, so blieben sie, zu des Obersten großem Mißvergnügen, so ernst wie ein paar Leichenbitter. Um seine Niederlage noch zu vergrößern, betrachtete Sir Mulberry, der solche Versuche für einen Eingriff in die ihm ausschließlich zustehenden Rechte hielt, den Übertreter fest durch seine Lorgnette, als sei er höchlich erstaunt über diese Anmaßung, und ließ seinen Unwillen durch eine Äußerung über ›höllische Freiheit‹ laut werden. Dies faßte Lord Friedrich für einen Wink auf, sich gleichfalls seiner Lorgnette zu bedienen und den Gegenstand des Tadels zu beäugeln, als sei er irgendein außerordentliches, wildes Tier, das man zum erstenmal zur Schau stellte. Natürlich folgten Herr Pyke und Herr Pluck Sir Mulberry Hawks Beispiel, und so sah sich der arme Oberst, um seine Verwirrung zu verbergen, in die Notwendigkeit versetzt, sein Glas Portwein vor das rechte Auge zu halten und zu tun, als prüfe er dessen Farbe mit dem angelegentlichsten Interesse.

Diese ganze Zeit über saß Käthchen so stumm wie möglich da und wagte es kaum, ihre Augen zu erheben, damit sie nicht dem bewundernden Blicke des Lord Friedrich Verisopht oder – was sie noch mehr in Verlegenheit setzte, dem kühnen seines Freundes Sir Mulberry begegneten. Der letztere Herr war verbindlich genug, die allgemeine Aufmerksamkeit auf sie zu lenken.

»Hier ist Fräulein Nickleby«, bemerkte Sir Mulberry, »und wundert sich, warum, zum Henker, ihr niemand den Hof macht.«

»O gewiß nicht«, versetzte Käthchen hastig aufblickend, »ich – –« dann hielt sie plötzlich inne, denn sie fühlte, es wäre besser gewesen, wenn sie gar nicht gesprochen hätte.

»Ich wette fünfzig Pfund gegen jeden«, sagte Sir Mulberry, »daß Fräulein Nickleby mir nicht ins Gesicht sehen und behaupten kann, sie hätte nicht diesen Gedanken gehegt.«

»Es gilt«, rief der hochadlige Gimpel. »Innerhalb zehn Minuten.«

»Gilt!« entgegnete Sir Mulberry.

Das Geld wurde von beiden Seiten aufgezählt, und der ehrenwerte Herr Snobb für das doppelte Amt erkoren, die Summe in Verwahrung zu nehmen und die Zeit abzumessen.

»Ich bitte«, sagte Käthchcn, die sich während dieser Einleitung in der größten Verwirrung befand, »ich bitte, mich nicht zum Gegenstand einer Wette zu machen. Onkel, ich kann in der Tat nicht – –«

»Warum nicht, meine Liebe«, versetzte Ralph, in dessen schnarrender Stimme sich übrigens eine ungewöhnliche Heiserkeit kundgab, als ob er nur ungern so spräche und es lieber gesehen hätte, wenn diese Wette unterblieben wäre. »Es liegt nichts Verfängliches darin und ist in einem Augenblick geschehen. Wenn die Herren darauf bestehen – –«

»Ich bestehe nicht darauf«, entgegnete Sir Mulberry mit einem lauten Lachen. »Das heißt, ich bestehe keineswegs darauf, daß es Fräulein Nickleby in Abrede zieht, denn wenn sie es tut, so verliere ich. Aber es würde mir eine Freude machen, ihre schönen Augen zu sehen, zumal sie diese Gunst nur diesem Mahagonitisch zugedacht zu haben scheint.«

»Ja, da« tut sie – und es ist zu a–a–arg von Ihnen, Fräulein Nickleby«, sagte der junge Lord.

»Ganz grausam«, meinte Herr Pyke.

»Schrecklich grausam«, beteuerte Herr Pluck.

»Ich mache mir nichts daraus, wenn ich verliere«, erklärte Sir Mulberry, »denn ein einziger richtiger Blick aus Fräulein Nicklebys Augen ist doppelt so viel wert.«

»Mehr«, sagte Herr Pyke.

»Weit mehr«, bekräftigte Herr Pluck.

»Wie steht’s mit dem Feind, Snobb?« fragte Herr Mulberry Hawk.

»Fünf Minuten vorbei.«

»Bravo!«

»Möchten Sie nicht zu meinen Gunsten einen Versuch ma–a–achen, Fräulein Nickleby?« fragte Lord Friedrich nach einer kurzen Pause.

»Bemühen Sie sich nicht mit solchen vorlauten Fragen, mein Bester«, sagte Sir Mulberry. »Fräulein Nickleby und ich verstehen uns gegenseitig. Sie erklärt sich für mich und zeigt dadurch ihren Geschmack. Sie dürfen sich keine Hoffnung machen, mein Guter. Wie steht’s, Snobb?«

»Acht Minuten vorbei.«

»Halten Sie das Geld bereit«, entgegnete Sir Mulberry, »Sie werden es bald aushändigen müssen.«

»Ha! ha! ha!« lachte Herr Pyke.

Herr Pluck, der immer den Nachtreter machte und seinen Freund womöglich zu überbieten suchte, brüllte laut auf.

Das arme Mädchen, das vor Verwirrung kaum wußte, was sie tat, hatte sich vorgenommen, ganz ruhig zu bleiben. Da sie aber fürchtete, hierdurch den Anschein zu erhalten, als unterstütze sie Sir Mulberrys Prahlerei, die er in so roher und gemeiner Weise ausgesprochen hatte, so erhob sie ihre Augen und sah ihm ins Gesicht. In seinem Blick lag aber etwas so Gehässiges, Unverschämtes und Zurückstoßendes, daß sie – unfähig, auch nur eine Silbe hervorzustammeln – aufstand und aus dem Zimmer eilte. Sie drängte ihre Tränen mit Gewalt zurück, bis sie sich allein in dem obern Zimmer befand, und ließ ihnen dann freien Jauf.

»Vortrefflich!« rief Sir Mulberry Hawk, indem er die Einlagen zu sich steckte. »Das Mädel hat Temperament – wir müssen auf ihre Gesundheit trinken!«

Es ist unnötig zu sagen, daß Pyke und Kompanie auf diesen Vorschlag mit großer Wärme eingingen, und daß die Gesundheit unter manchen kleinen Anspielungen von seiten der genannten Firma auf die Vollständigkeit von Sir Mulberrys Eroberung getrunken wurde. Ralph, der die Hauptpersonen des vorhergehenden Auftritts, während sie die Aufmerksamkeit aller andern Gäste auf sich zogen, mit den Augen eines Wolfes beobachtet hatte, schien nach der Entfernung seiner Nichte freier zu atmen. Er lehnte sich, während die Gläser rascher kreisten, in seinem Stuhl zurück und sah, je mehr die Gäste durch den Wein erhitzt wurden, von einem Sprecher auf den andern, und zwar mit Blicken, die bis in ihr Innerstes zu dringen und einen leidigen Zeitvertreib darin zu finden schienen, jeden müßigen Gedanken desselben zu zergliedern.

Inzwischen hatte sich Käthchen, die ganz sich selbst überlassen war, wieder einigermaßen gefaßt. Sie erfuhr durch ein Dienstmädchen, daß ihr Onkel sie noch zu sehen wünschte, ehe sie das Haus verließe, und vernahm dabei auch die beruhigende Kunde, daß die Herren ihren Tee bei Tisch trinken würden. Die Hoffnung, nicht mehr mit ihnen in Berührung zu kommen, trug viel dazu bei, ihr aufgeregtes Gemüt zu besänftigen, und so sammelte sie sich endlich so weit, um ein Buch nehmen und lesen zu können.

Hin und wieder fuhr sie jedoch zusammen, wenn ein plötzliches Öffnen der Tür des Speisesaals das wilde Toben der Zecher hörbar werden ließ, und mehr als einmal sprang sie in Todesängsten auf, wenn ein eingebildeter Fußtritt auf der Treppe die Furcht in ihr rege machte, irgendein betrunkenes Glied der Gesellschaft möchte sich zu ihr verirren. Es fiel jedoch nichts vor, was ihre Besorgnis verwirklicht hätte, und sie bemühte sich, ihre Aufmerksamkeit ganz dem Buche zuzuwenden, an dem sie nachgerade so viel Interesse fand, daß sie, ohne der Zeit oder des Orts zu achten, einige Kapitel durchlas, als sie auf einmal ob dem Laut ihres Namens aufschrak, der dicht neben ihr von einer männlichen Stimme ausgesprochen wurde.

Das Buch entfiel ihrer Hand; denn gerade neben ihr dehnte sich Sir Mulberry Hawk auf einer Ottomane, augenscheinlich durch den Wein noch verschlimmert; denn ein schuftiges Herz zeigt nicht einmal in der Stunde einer derartigen Begeisterung eine gute Seite.

»Welch ein entzückendes Studium!« sagte der würdige Ritter. »War es Ihnen ernst damit, oder wollen Sie nur Ihre Augenwimpern zeigen?«

Käthchen biß sich in die Lippe und blickte, ohne zu antworten, ängstlich nach der Tür.

»Ich habe Sie schon fünf Minuten lang bewundert«, fuhr Sir Mulberry fort. »Bei meiner Seele, Sie sind vollendet schön. Warum mußte ich auch sprechen und ein so anmutiges Bildchen zerstören?«

»Haben Sie die Güte, mich mit Ihren Worten zu verschonen, Sir«, versetzte Käthchen.

»Ach, sprechen Sie nicht so«, entgegnete Sir Mulberry, indem er seinen Chapeau claque zusammenschlug, den Ellenbogen darauf stützte und noch näher an die junge Dame rückte. »Bei meinem Leben, Sie dürfen nicht so sprechen. Es ist teuflisch, daß Sie den Sklaven, der zu Ihren Füßen bittet, so hart behandeln; ja das ist es, bei meiner Seele.«

»Ich möchte Ihnen begreiflich machen, Sir«, sagte Käthchen mit unwillkürlichem Beben, obgleich sie in höchster Entrüstung sprach, »daß Ihr Benehmen mich beleidigt und kränkt. Wenn Sie nur noch einen Funken von Ehre in sich fühlen, so werden Sie mich auf der Stelle verlassen.«

»Ei, warum wollen Sie denn stets noch diesen Schein übermäßiger Strenge beibehalten, mein Schätzchen?« versetzte Sir Mulberry. »Seien Sie mehr Natur, liebes Fräulein – mehr Natur.«

Käthchen sprang hastig auf; aber als sie sich erhob, faßte sie Sir Mulberry beim Kleide und hielt sie zurück.

»Lassen Sie mich los, Sir«, rief sie, und ihr Herz schwoll vor Zorn. »Hören Sie? Augenblicklich – auf der Stelle!«

»Setzen Sie sich – setzen Sie sich«, entgegnete Sir Mulberry: »ich muß etwas mit Ihnen sprechen.«

»Ob Sie mich loslassen wollen, Sir! Augenblicklich – augenblicklich!« rief Käthchen.

»Nicht um eine Welt«, versetzte Sir Mulberry.

Mit diesen Worten beugte er sich über sie, um sie auf ihren Sitz zurückzudrängen, aber die junge Dame machte eine gewaltsame Anstrengung, sich loszureißen, wodurch er das Gleichgewicht verlor und der Länge nach zu Boden stürzte. Käthchen wollte eben aus dem Zimmer eilen, als ihr Herr Ralph Nickleby an der Tür in den Weg trat.

»Was gibt’s da?« fragte Ralph.

»Nichts weiter, Sir«, erwiderte Käthchen in heftiger Aufregung, »als daß ich unter dem Dach, wo ich als hilfloses Mädchen und als das Kind Ihres verstorbenen Bruders hätte Schutz finden sollen, Beleidigungen ausgesetzt gewesen bin, ob denen Sie zurückbeben sollten, wenn Sie meiner nur ansichtig werden. Lassen Sie mich hinaus.«

Ralph bebte zurück, als das entrüstete Mädchen das flammende Auge auf ihn heftete, ohne jedoch ihrem Verlangen zu willfahren: denn er führte sie nach einem entfernt stehenden Sitz, näherte sich dann Sir Mulberry Hawk, der inzwischen wieder aufgestanden war, und deutete nach der Tür.

»Ihr Weg geht da hinaus, Sir«, sagte Ralph mit einer erstickten Stimme, die sogar einem Teufel Ehre gemacht haben würde.

»Was wollen Sie damit sagen?« fragte sein Freund trotzig.

Die angeschwollenen Adern traten auf Ralphs gefurchter Stirne wie straffe Sehnen hervor, und die Muskeln seines Mundes zuckten wie in unerträglichem Schmerze; aber er lächelte verächtlich und wies abermals nach der Tür.

»Wissen Sie, wer ich bin. Sie Narrenhauskandidat?« sagte Sir Mulberry.

»Ja!« sagte Ralph.

Der fashionable Taugenichts erbebte einen Augenblick unter dem festen Blick des alten Sünders und ging, vor sich hinbrummend, nach der Tür.

»Ah, Sie wollten den Lord – nicht wahr?« sagte er, indem er plötzlich an der Tür haltmachte und sich wieder gegen Ralph wandte, als ob ihm auf einmal ein neues Licht aufgegangen wäre. »Zum Teufel – und ich war im Weg – ist’s so?«

Ralph lächelte wieder, gab aber keine Antwort.

»Wer hat ihn zuerst zu Ihnen gebracht«, fuhr Sir Mulberry fort, »und wie wäre es Ihnen je möglich geworden, ihn ohne mich zu umgarnen?«

»Das Garn ist groß und ziemlich voll«, entgegnete Ralph. »Nehmt Euch in acht, daß niemand in den Maschen erwürgt wird.«

»Sie wären fähig, Ihr eigen Fleisch und Blut für Geld zu verkaufen und sich selbst noch obendrein, wenn der Kontrakt mit dem Teufel nicht bereits abgeschlossen wäre«, erwiderte der andere. »Sie wollen mir etwa gar weismachen, Ihre hübsche Nichte sei nicht als Köder für den betrunkenen Laffen da drunten hergeschafft worden?«

Obgleich dieses hastige Zwiegespräch von beiden Seiten mit gedämpfter Stimme geführt wurde, so sah sich doch Ralph schnell um, um sich zu überzeugen, ob Käthchen ihren Platz nicht so weit gewechselt hätte, daß sie dies hätte hören können. Sein Gegner nahm den Vorteil, der sich ihm hieraus ergab, wahr und verfolgte ihn weiter.

»Wollen Sie mir wirklich weismachen, daß dies nicht der Fall ist?« fragte er wieder. »Haben Sie im Sinn zu behaupten, daß Sie, wenn er statt meiner den Weg hierher gefunden hätte, nicht ein bißchen blinder, tauber oder etwas weniger patzig gewesen wären, als es der Fall war? Beantworten Sie mir das, Nickleby?«

»Ich sage Ihnen bloß«, versetzte Ralph, »wenn ich sie wegen einer Geschäftssache hierher brachte –«

»Ja, ja, das ist der richtige Ausdruck«, fiel Sir Mulberry mit Lachen ein; »nun werden Sie wieder ganz Ralph Nickleby.«

»– wegen einer Geschäftssache hierher brachte«, fuhr Ralph langsam und fest, wie ein Mann, der seine Worte abgemessen hat, fort, »weil ich glaubte, sie möchte auf den einfältigen jungen Menschen, den Sie in Ihren Händen haben und zu ruinieren im Begriff sind, einigen Eindruck machen, so wußte ich – denn ich kenne ihn –, daß es lange dauern würde, bis er die Gefühle des Mädchens verletzte, und daß er, wenn er auch durch sein läppisches, hohlköpfiges Wesen Anstoß erregte, bei ein klein wenig Routine von ihrer Seite das Geschlecht und die Sittsamkeit sogar an der Nichte seines Wucherers achten müßte. Aber wenn ich ihn auch durch diesen Kunstgriff auf eine sanftere Weise anlocken wollte, so fiel es mir doch keinen Augenblick ein, das Mädchen der Zügellosigkeit und Roheit eines so alten Wüstlings, wie Sie es sind, auszusetzen. Und nun verstehen wir uns.«

»Zumal, weil nichts dabei zu gewinnen war – he?« höhnte Sir Mulberry.

»Ganz richtig«, sagte Ralph.

Er hatte sich abgewandt und diese letzte Antwort über seine Schulter gesprochen. Bei dieser Gelegenheit begegneten sich jedoch die Augen der beiden Ehrenmänner mit einem Ausdruck, als ob jeder fühlte, daß er seine Schuftigkeit nicht vor dem andern verbergen könne. Sir Mulberry zuckte die Achseln und ging hinaus.

Sein Freund schloß die Tür und blickte unruhig nach dem Platz, wo sich seine Nichte noch immer in der Stellung, in der er sie verlassen hatte, befand. Sie hatte den Kopf auf ein Polster des Sofas niedersinken lassen, ihr Gesicht in den Händen verborgen und schien noch immer im Übermaß des Schmerzes und der Scham zu weinen.

Ralph wäre wohl in das Haus eines in Armut versunkenen Schuldners gegangen und hätte ihn ohne Bedenken dem Gerichtsdiener überantwortet, selbst wenn dieser an dem Sterbebett seines Kindes geweint hätte; denn so etwas lag ganz in dem gewöhnlichen Gang des Geschäftslebens, und der Mann hätte gegen das einzige Sittengesetz der Geldseelen gesündigt. Aber hier war ein junges Mädchen, das kein anderes Unrecht begangen, als daß es lebendig in die Welt gekommen war, das sich geduldig allen seinen Wünschen gefügt und das sich ihm zu Gefallen harten Prüfungen unterzogen hatte – vor allem aber, das ihm kein Geld schuldig war – und er fühlte sich verlegen und unbehaglich.

Ralph nahm einen Stuhl in einiger Entfernung, dann einen näher stehenden, rückte diesen noch näher, und immer näher, bis er sich endlich auf das gleiche Sofa setzte, und legte dann seine Hand auf Käthchens Arm.

»Ruhig, meine Liebe«, sagte er, als sie den Arm zurückzog und von neuem zu schluchzen begann, »ruhig, ruhig! Kümmre dich nicht darum; denke nicht mehr daran.«

»Ach, um Gottes willen, lassen Sie mich heimgehen«, rief Käthchen, »lassen Sie mich dieses Haus verlassen und heimgehen.«

»Ja, ja, das sollst du«, versetzte Ralph; »aber du mußt zuerst deine Augen trocknen und dich sammeln. Komm, laß dir den Kopf aufrichten. So – so!«

»Ach Onkel«, rief das arme Mädchen, die Hände zusammenschlagend; »was habe ich getan – was habe ich getan – daß Sie mich diesem aussetzen konnten? Ja, wenn ich Sie in Gedanken, Worten oder Tal gekränkt hätte, so wäre es schon die größte Grausamkeit gegen mich und eine Verhöhnung gegen das Andenken eines Verstorbenen gewesen, den Sie in früheren Zeiten geliebt haben müssen; aber –«

»Höre mich nur einen Augenblick an«, unterbrach sie Ralph, der ob dem Ungestüm ihrer Aufregung ernstlich beunruhigt war. »Ich wußte nicht, daß es so kommen würde; ich konnte es unmöglich voraussehen. Aber ich tat alles, was ich konnte. – Komm, wir wollen ein wenig auf und ab gehen; die abgeschlossene Luft und die Hitze dieser Lampen haben dich unwohl gemacht. Es wird dir gleich besser werden, wenn du dir nur ein wenig Bewegung machst.«

»Ich will alles tun«, versetzte Käthchen, »wenn Sie mich nur nach Haus lassen.«

»Ja, ja, ich will es«, entgegnete Ralph, »aber du mußt vorher wieder wie sonst aussehen, sonst erschreckst du deine Mutter. Überhaupt niemand braucht von dem Vorgefallenen etwas zu wissen als ich und du. Nun, wir wollen jetzt in dieser Richtung gehen. So! du siehst schon wieder besser aus.«

Unter solchen Ermutigungen führte Ralph Nickleby seine Nichte am Arm im Zimmer auf und ab. Aber er hätte in die Erde sinken mögen, wenn er ihrem Auge begegnete, und unter ihrer Berührung überlief ein Zittern seine Glieder.

Als er es für ratsam hielt, sie gehen zu lassen, half er ihr in derselben Weise die Treppe hinunter, nachdem er ihr vorher – wahrscheinlich zum erstenmal in seinem Leben – das Halstuch umgeworfen und ähnliche kleine Dienste geleistet hatte. Er begleitete sie auch über die Hausflur und Türtreppen und ließ sie nicht eher los, als bis er sie in dem Wagen hatte.

Als der Kutschenschlag ungestüm zugeschlagen wurde, fiel ein Kamm aus Käthchens Haaren gerade vor des Onkels Füßen nieder; und wie er ihn aufhob und zurückgab, fiel das Licht einer nahe hängenden Lampe auf ihr Gesicht. Die losgewordene Haarlocke, die in leichten Ringeln um ihre Stirne flog, die Spuren der kaum getrockneten Tränen, die geröteten Wangen, der kummervolle Blick – alles das weckte eine Reihe schlummernder Empfindungen in der Brust des alten Mannes. Das Gesicht seines toten Bruders schien vor ihn hinzutreten, gerade so, wie es aussah, wenn es irgendein kindischer Schmerz trübte, und jeder, auch der kleinste Zug, blitzte mit einer Bestimmtheit, wie von gestern, in seiner Seele auf.

Ralph Nickleby, der gegen alle Gesetze des Bluts und der Verwandtschaft gewappnet und gegen die ergreifendsten Szenen von Kummer und Unglück gestählt war – dieser eherne Mann wankte bei diesem Anblick zurück und taumelte in sein Haus wie ein Mensch, der eine Erscheinung aus einer andern Welt jenseits des Grabes gesehen.

Zwanzigstes Kapitel.


Zwanzigstes Kapitel.

worin Nicolaus endlich mit seinem Onkel zusammenkommt und ihm mit vieler Offenheit die Meinung sagt. Sein Entschluß.

Montag morgens früh – dem Tag nach dem im vorigen Kapitel beschriebenen Diner – eilte das kleine Fräulein La Creevy durch verschiedene Straßen im Westend der Stadt, mit der wichtigen Botschaft beauftragt, Madame Mantalini zu melden, daß Käthchen zu unwohl sei, um an diesem Tage ihrem Geschäft nachzukommen, daß sie jedoch hoffe, sich am nächsten Morgen wieder einfinden zu können. Während aber Fräulein La Creevy so dahintrippelte und in ihrem Geiste verschiedene zierliche Formen und Wendungen des Gesichtsausdrucks erwog, um sich die besten auszuwählen und ihren Auftrag darin abzustatten, dachte sie auch ziemlich viel über die wahrscheinlichen Ursachen des Unwohlseins ihrer jungen Freundin nach.

»Ich weiß nicht, was ich daraus machen soll«, sagte Fräulein La Creevy. »Ihre Augen waren gestern offenbar sehr rot. Sie sagte, sie hätte Kopfweh, aber Kopfweh macht keine rote Augen. Sie muß geweint haben.«

Bei diesem Schlusse angelangt, den sie sich übrigens schon den Abend vorher gebildet hatte, erwog sie weiter – und in der Tat, sie hatte es fast die ganze Nacht hindurch getan –, welches neue Unglück ihre Freundin möglicherweise könnte getroffen haben.

»Ich kann mir gar nichts vorstellen«, sagte die kleine Porträtmalerin; »nicht das mindeste, es müßte denn das Benehmen jenes alten Bären sein. Grob gegen sie – denke ich? Der garstige Flegel!«

Durch diese Feststellung ihrer Meinung, obgleich sie nur in die Winde ging, erleichtert, eilte Fräulein La Creevy in Madame Mantalinis Haus. Auf die Mitteilung, daß die Inhaberin des Geschäfts noch nicht aufgestanden sei, wünschte sie ihre Stellvertreterin zu sprechen, worauf Mamsell Knag erschien.

»Wenn es von mir abhinge«, sagte Mamsell Knag, als die Botschaft unter manchen Redensarten vermittelt war, »so könnte sich Mamsell Nickleby das Wiederkommen für immer ersparen.«

»Ha, wirklich, Mamsell?« entgegnete Fräulein La Creevy höchlich beleidigt. »Nun, es ist gut, daß Sie nicht die Inhaberin des Geschäfts sind; und so hat Ihre Ansicht nicht viel zu bedeuten.«

»Sehr gut, Madame«, versetzte Mamsell Knag. »Haben Sie sonst noch etwas zu befehlen?«

»Nein, Mamsell«, sagte Fräulein La Creevy.

»Dann guten Morgen, Madame«, entgegnete Mamsell Knag.

»Auch Ihnen guten Morgen und schönen Dank für Ihre außerordentliche Artigkeit und Ihr gebildetes Benehmen«, erwiderte Fräulein La Creevy.

Nach dieser Besprechung, während der beide Damen gezittert hatten und bewunderungswürdig höflich gewesen waren – gewisse Zeichen, daß nur sehr wenig fehlte, in einen heftigen Streit auszubrechen – stürmte Fräulein La Creevy aus dem Zimmer auf die Straße.

»Ich möchte nur wissen, wer die ist«, sagte die kleine Malerin. »Es verlohnt sich der Mühe, das Persönchen kennenzulernen! Ich wollte nur, ich könnte sie malen, um ihr ihr Recht zukommen zu lassen.«

Sehr befriedigt, etwas sehr Bissiges auf Mamsell Knags Kosten gesagt zu haben, brach Fräulein La Creevy in ein lustiges Lachen aus und langte in ungemein guter Laune zu Hause bei ihrem Frühstück an.

Hier sprach sich einer der Vorteile aus, den man einem langen Alleinleben verdankt. Das kleine, geschäftige, rührige, heitere Geschöpf hatte sich ganz in sich selbst hineingelebt, sprach mit sich selbst, machte sich selbst zu ihrer Vertrauten, teilte sich selbst die beißendsten Bemerkungen über Leute mit, die sie beleidigt hatten, gefiel sich selbst und tat niemandem etwas zuleide. Wenn sie jemandem Arges nachsagte, so litt doch kein Ruf darunter, und wenn sie ein klein bißchen Rache übte, so spürte keine lebende Seele auch nur das mindeste davon. Sie war eine von den vielen, die ihrer beschränkten Mittel wegen keine Verbindungen nach ihrem Geschmack anknüpfen können und doch auch nicht geneigt sind, sich Gesellschaften, die ihnen zugänglich sind, anzuschließen, wodurch London für sie eine so vollständige Öde wird wie die Ebenen von Syrien. Die bescheidene Künstlerin hatte ihren Weg viele Jahre einsam gemacht, ohne Freunde zu besitzen, bis das eigentümliche Mißgeschick der Familie Nickleby ihre Aufmerksamkeit erregte, obgleich sie von den freundschaftlichsten Gefühlen gegen alle Welt überströmte. Es gibt viele warme Herzen, die gleich dem des armen Fräuleins La Creevy in der Einsamkeit begraben liegen.

Doch das nur nebenbei. Sie ging zu ihrem Frühstück nach Haus und hatte sich kaum des Duftes ihrer ersten Tasse erfreut, als das Dienstmädchen einen Herrn ankündigte und Fräulein La Creevy wegen des noch auf dem Tische stehenden Teezeugs in eine unsägliche Verwirrung brachte; denn die Künstlerin dachte nicht anders, als daß der Besuch, ganz entzückt von ihrem Haustürrahmen, gekommen sei, um sich malen zu lassen.

»Da – nimm dies hinweg! – lauf damit ins Schlafzimmer oder sonstwohin«, sagte Fräulein La Creevy. »Mein Gott, daß ich gerade diesen Morgen so spät frühstücken muß, während ich doch seit drei Wochen jedesmal schon um halb neun fix und fertig war, ohne daß sich eine Seele zeigte.«

»Lassen Sie sich durch mich nicht stören«, sagte eine Stimme, die Fräulein La Creevy kannte. »Ich hieß das Mädchen meinen Namen verschweigen, weil ich Sie zu überraschen wünschte.«

»Herr Nicolaus!« rief Fräulein La Creevy, erstaunt aufspringend.

»Ich sehe, Sie haben mich nicht vergessen«, versetzte Nicolaus, indem er ihr die Hand bot.

»Nun, ich denke, ich würde Sie sogar erkannt haben, wenn ich Ihnen auf der Straße begegnet wäre«, sagte Fräulein La Creevy lächelnd. »Hanna, noch eine Tasse! Aber eines muß ich Ihnen sagen, junger Herr, bemühen Sie sich nicht, die Verwegenheit zu wiederholen, deren Sie sich an dem Morgen vor Ihrer Abreise schuldig gemacht haben.«

»Würden Sie denn so gar böse darüber werden?« fragte Nicolaus.

»Ob ich es würde?« entgegnete Fräulein La Creevy. »Sie sollten´s nur einmal versuchen.«

Nicolaus nahm mit gebührender Galanterie Fräulein La Creevy sogleich beim Worte. Die Dame stieß einen leisen Schrei aus und schlug ihn ins Gesicht, aber aufrichtig gesagt, der Streich war kein sehr harter.

»Ich habe nie einen so verwegenen Menschen gesehen«, rief Fräulein Creevy.

»Sie sagten mir, ich solle es versuchen«, erwiderte Nicolaus.

»Wohl, aber ich meinte das ironisch«, sagte Fräulein La Creevy.

»O, das ist was anderes«, entgegnete Nicolaus. »Sie hätten mir das vorher sagen sollen.«

»Natürlich – als ob Sie das nicht selbst gewußt hätten!« versetzte Fräulein La Creevy. »Doch wenn ich Sie recht ansehe – Sie kommen mir magerer vor als bei unserem letzten Zusammentreffen. Auch ist Ihr Gesicht blaß und eingefallen. Warum haben Sie Yorkshire verlassen?«

Sie hielt hier inne; in ihrem veränderten Ton und Benehmen sprach sich aber so viel Herz aus, daß Nicolaus ganz gerührt wurde.

»Ich muß wohl etwas verändert aussehen«, sagte er nach einem kurzen Schweigen; »denn ich habe, seit ich London verließ, manche Leiden sowohl des Körpers als der Seele durchgemacht. Auch bin ich von Armut und Mangel nicht verschont geblieben.«

»Gott im Himmel!« rief Fräulein La Creevy, »was Sie da sagen!«

»Es braucht Sie übrigens nicht zu beunruhigen«, fuhr Nicolaus heiterer fort, »denn ich komme nicht hierher, um mein Schicksal zu beklagen, sondern aus einem ganz anderen Grunde. Ich möchte nämlich Angesicht gegen Angesicht vor meinen Onkel treten, und das ist das erste, was ich Ihnen mitteilen will.«

»Dann kann ich Ihnen nur sagen«, fiel Fräulein La Creevy ein, »daß ich Ihren Geschmack nicht beneide. Es würde mich vierzehn Tage in üble Stimmung versetzen, wenn ich nur mit seinen Stiefeln in demselben Zimmer sein müßte.«

»Was das anbelangt, so waltet in der Hauptsache keine besondere Meinungsverschiedenheit ob«, sagte Nicolaus. »Sie müssen aber wissen, daß ich ihm entgegenzutreten wünsche, um mich zu rechtfertigen und ihm seine Doppelzüngigkeit und Bosheit an den Kopf zu werfen.«

»Das ist etwas anderes«, versetzte Fräulein La Creevy. »Verzeih mir’s Gott, aber ich würde mir nicht die Augen darüber ausweinen, wenn er daran erstickte. Was weiter?«

»Ich habe deshalb diesen Morgen bei ihm vorgesprochen«, fuhr Nicolaus fort. »Er kam letzten Sonnabend in die Stadt zurück, was ich übrigens erst gestern nacht spät erfuhr.«

»Haben Sie ihn gesehen?« fragte Fräulein La Creevy.

»Nein«, antwortete Nicolaus, »er war ausgegangen.«

»Ach«, entgegnete Fräulein La Creevy, »wahrscheinlich zu einem Liebeswerk?«

»Den Mitteilungen eines Freundes zufolge, der sein Treiben kennt«, fuhr Nicolaus fort, »habe ich Grund zu glauben, daß er heute meine Mutter und Schwester zu besuchen gedenkt, um ihnen das, was mir begegnet ist, in seiner Weise zu erzählen. Dort will ich ihn treffen.«

»Schön«, rief Fräulein La Creevy, ihre Hände reibend; »und doch weiß ich nicht« – fügte sie bei – »man möchte es wohl überlegen – wegen der Rücksichten auf andere.«

»Ich habe diese Rücksichten erwogen«, entgegnete Nicolaus; »da es sich aber um meine Ehre handelt, so soll mich nichts abschrecken.«

»Sie müssen das freilich am besten wissen«, versetzte Fräulein La Creevy.

»Ich hoffe, hier den geeigneten Weg einzuschlagen«, erwiderte Nicolaus. »Jedenfalls muß ich Sie aber bitten, meine Mutter und meine Schwester auf meine Ankunft vorzubereiten. Sie wähnen mich in weiter Ferne, und wenn ich so ganz unerwartet eintrete, könnte es sie erschrecken. Wenn Sie soviel Zeit erübrigen können, um ihnen zu sagen, daß Sie mich gesehen hätten, und daß ich in einer Viertelstunde bei ihnen sein würde, so werden Sie mir einen großen Dienst leisten.«

»Ich wollte, ich könnte Ihnen oder den Ihren einen größeren Dienst leisten«, sagte Fräulein La Creevy; »aber es trifft sich so selten, daß der, der kann, auch will, und der, der will, auch kann.«

Fräulein La Creevy beendete ihr Frühstück unter fortwährendem Geplauder in großer Eile. Dann schaffte sie ihr Teegeschirr auf die Seite, versteckte den Schlüssel, setzte ihren Hut auf, nahm Nicolaus‘ Arm und trat sofort den Weg nach der City an. Nicolaus verließ sie in der Nähe der Wohnung seiner Mutter und versprach, spätestens in einer Viertelstunde nachzukommen.

Newman Noggs war der Meinung gewesen, Ralph Nickleby würde zuerst nach einem andern Teil der Stadt einen Geschäftsgang machen. Zufälligerweise hatte sich jedoch dieser Ehrenmann, da es seinen Absichten entsprach, die Schändlichkeiten, deren sich Nicolaus schuldig gemacht, so schnell als möglich aufzudecken, unmittelbar zu seiner Schwägerin begeben. Fräulein La Creevy traf daher, als sie von einem Mädchen, das das Haus scheuerte, in das Zimmer gewiesen wurde, Frau Nickleby und Käthchen in Tränen, da Ralph eben mit den Mitteilungen über die nichtswürdige Aufführung seines Neffen zum Schlusse kam. Käthchen winkte ihr dazubleiben, und Fräulein La Creevy nahm schweigend einen Stuhl.

»Aha, der Ehrenmann ist bereits hier«, dachte die kleine Dame.

»Nun, dann mag er sich selbst ankündigen. Wir wollen sehen, was das für eine Wirkung auf sie übt.«

»Das ist ein feines Benehmen«, sagte Ralph, indem er Fräulein Squeers‘ Brief zusammenlegte – »ein sehr feines Benehmen. Ich empfehle ihn – ganz gegen meine Überzeugung; denn ich sah voraus, daß er nicht gut tun würde – an einen Mann, bei dem er, wenn er sich ordentlich aufführte, jahrelang ein behagliches Auskommen gehabt hätte. Was ist das Resultat? Er benimmt sich auf eine Weise, wofür er vielleicht in dem Gerichtshofe zu Old Bailey die Hand emporhalten muß3.«

»Ich kann das nimmermehr glauben«, sagte Käthchen unwillig, »nun und nimmermehr. Es ist ein nichtswürdiges Komplott, das das Gepräge der Lüge an der Stirne trägt.«

»Meine Liebe«, entgegnete Ralph, »du tust dem würdigen Mann Unrecht. Hier ist von keiner Erdichtung die Rede. Der Schulmeister ist überfallen worden, dein Bruder nirgends zu finden, und der fragliche Junge ist mit ihm gegangen – vergleiche dir diese Umstände.«

»Es ist unmöglich«, erwiderte Käthchen. »Nicolaus! – und noch obendrein ein Dieb! Mama, wie können Sie nur ruhig hier sitzen und solche Erzählungen anhören?«

Die arme Frau Nickleby, die sich nie durch den Besitz einer besonders klaren Fassungskraft ausgezeichnet hatte und durch den kürzlichen Wechsel ihres Geschicks ganz und gar verwirrt war, wußte bei dieser Aufforderung nichts weiter zu entgegnen, als daß sie hinter einem großen Taschentuche hervorrief, sie würde das nie geglaubt haben, indem sie dabei gar scharfsinnig ihre Zuhörer annehmen ließ, daß sie es jetzt wirklich glaubte.

»Wenn er mir in den Weg käme, so würde ich es für meine Pflicht, für meine heilige Pflicht halten, ihn den Händen der Gerechtigkeit zu überliefern, da ich als Geschäftsmann und als Mann, der in der Öffentlichkeit steht, nicht anders handeln könnte. Und doch« – fuhr er mit einer schärferen Betonung und einem verstohlenen, aber festen Blick auf Käthchen fort, »und doch möchte ich es wieder nicht tun, um die Gefühle seiner – seiner Schwester zu schonen. Und natürlich auch seiner Mutter«, fügte er bei, als ob ihm das erst nachher eingefallen wäre, wiewohl mit weit geringerem Nachdruck.

Käthchen begriff recht wohl, daß ihr dies nur als ein weiterer Wink geboten wurde, über die Ereignisse des letzten Abends das strengste Stillschweigen zu beobachten. Sie blickte daher, als Ralph zu sprechen aufgehört hatte, unwillkürlich nach ihm hin; aber er hatte seine Augen abgewendet und schien für den Augenblick sich ihrer Anwesenheit gar nicht mehr bewußt zu sein.

»Alles« – fuhr Ralph nach einer langen Pause fort, die nur durch Madame Nicklebys Schluchzen unterbrochen wurde – »alles vereinigt sich, die Glaubwürdigkeit dieses Briefes zu bekunden, sofern auch nur der mindeste Grund vorhanden wäre, diese zu beanstanden. Läuft ein unschuldiger Mensch vor ehrlichen Leuten davon, um sich wie ein dem Gesetze Verfallener in Schlupfwinkel zu verstecken? Wiegelt ein Unschuldiger namenlose Landstreicher auf, um mit ihnen müßiggängerisch durch das Land zu ziehen? Überfall, Aufwiegelung, Diebstahl – wie nennt man das?«

»Eine Lüge!« rief eine zornige Stimme, während die Tür aufflog und Nicolaus mitten ins Zimmer stürmte.

In dem ersten Augenblick der Überraschung und vielleicht auch des Schreckens fuhr Ralph von seinem Stuhle auf und prallte ob dieser unerwarteten Erscheinung, seiner gewohnten Besonnenheit ganz vergessend, einige Schritte zurück. Im nächsten Augenblick stand er jedoch fest und unbeweglich mit verschlungenen Armen da und betrachtete seinen Neffen mit einem Blicke voll des tödlichsten Hasses, während Käthchen und Fräulein La Creevy sich zwischen die beiden warfen, um irgendeiner persönlichen Gewalttätigkeit vorzubeugen, die von Nicolaus‘ wilder Aufregung zu befürchten stand.

»Lieber Nicolaus«, rief die Schwester, sich an ihn klammernd, »sei ruhig! Bedenke –«

»Bedenken, Käthchen?« entgegnete Nicolaus, indem er in der Aufwallung seines Zorns ihre Hand so fest drückte, daß sie fast vor Schmerz aufschrie. »Wenn ich alles bedenke und mir alles, was vorgegangen ist, ins Gedächtnis zurückrufe, so müßte ich von Stein sein, um ihm gegenüber ruhig bleiben zu können.«

»Oder von Erz«, entgegnete Ralph mit Kälte, »Fleisch und Blut hat freilich nicht Frechheit genug, den Blick eines ehrlichen Mannes auszuhalten.«

»Ach Gott im Himmel«, rief Frau Nickleby, »daß die Dinge doch so weit kommen mußten!«

»Wer spricht hier in einem Tone, als ob ich ein Verbrechen begangen und Schande auf die Meinigen gebracht hätte?« grollte Nicolaus, wild umherblickend.

»Deine Mutter, junger Herr!« versetzte Ralph, indem er auf Frau Nickleby deutete.

»In deren Ohren Sie Gift gegossen haben«, fuhr Nicolaus fort. »Ja, Sie – Sie, der Sie unter dem Vorwand, ihren Dank zu verdienen, jede Schmähung und Entehrung auf mein Haupt gehäuft haben! Sie, der Sie mich nach einem Höllennest geschickt haben, wo die niedrigste Grausamkeit, wie sie nur Ihrer selbst würdig ist, in der schwelgerischsten Üppigkeit wuchert – wo namenloses Elend schon die Kinder zu Greisen stempelt und jeder Funke des Guten schon im Keime erstickt wird! Ich rufe den Himmel zum Zeugen auf«, fuhr er mit leuchtenden Blicken fort, »daß ich all das mit eigenen Augen angesehen habe, und daß dieser Mensch darum weiß!«

»Widerlege diese Verleumdungen«, sagte Käthchen, »aber tue es mit mehr Ruhe, damit deine Feinde keinen Vorteil über dich gewinnen. Sage uns, was du getan hast, und beweise ihre Lügenhaftigkeit.«

»Und wessen klagt man mich – oder wessen klagt er mich an?« fragte Nicolaus.

»Erstlich hast du deinen Prinzipal überfallen und in einer Weise mißhandelt, daß nur wenig daran fehlte, um dich als Mörder in die Hände des Richters zu liefern«, fiel Ralph ein. »Ich rede geradeheraus, junger Mensch, du magst toben, wie du willst.«

»Ich legte mich ins Mittel«, sagte Nicolaus, »um ein elendig, unglückliches Geschöpf gegen die niederträchtigste Grausamkeit zu schützen. Dabei erteilte ich einem Nichtswürdigen eine Züchtigung, die er nicht so leicht vergessen wird, obgleich sie lange nicht so war, wie er sie von mir verdiente. Erneuerte sich dieser Auftritt in meiner Gegenwart, so würde ich um kein Haar anders handeln; es müßte denn sein, daß ich kräftiger zuschlüge und ihn in einer Weise zeichnete, daß er die Brandmale mit ins Grab nähme, und wenn er auch noch so lange lebte.«

»Hören Sie?« sagte Ralph zu Frau Nickleby. »Das ist seine Reue!«

»Ach du mein Gott!« rief Frau Nickleby; »wahrlich, ich weiß nicht, was ich denken soll.«

»Ich bitte, Mama, sprechen Sie jetzt noch nicht«, fiel Käthchen ein. »Lieber Nicolaus, ich sage es dir nur, damit du weißt, wie weit ihre Verworfenheit geht, aber sie beschuldigen dich des – ein Ring wird vermißt, und sie erfrechen sich zu sagen, daß – –«

»Das Weibsbild«, entgegnete Nicolaus stolz, »die Frau des Kerls, von dem diese Anklagen herrühren, ließ – wie ich vermute – denselben Morgen, als ich das Haus verließ, einen wertlosen Ring zwischen einige meiner Kleider fallen. Wenigstens weiß ich, daß sie in der Kammer war, wo sie lagen, und daß sie daselbst ein unglückliches Kind mißhandelte. Ich fand den Ring, als ich unterwegs mein Bündel öffnete, und sandte ihn sogleich durch die Post zurück; sie müssen ihn daher bereits lange wiederhaben.«

»Ich wußte es ja, ich wußte es ja«, sagte Käthchen mit einem Blicke auf ihren Onkel. »Aber was ist’s mit dem Jungen, den du mit fortgenommen haben sollst?«

»Der Junge – ein hilfloses Geschöpf, das durch die roheste und unnatürlichste Behandlung blödsinnig geworden ist – befindet sich bei mir«, versetzte Nicolaus.

»Sie hören?« bemerkte Ralph abermals gegen die Mutter. »Alles ist sogar durch sein eigenes Geständnis erwiesen. Wirst du den Jungen wieder zurückgeben?«

»Gewiß nicht«, entgegnete Nicolaus.

»So? – nicht?« höhnte Ralph.

»Nein«, erwiderte Nicolaus mit Nachdruck, »wenigstens nicht dem Menschen, bei dem ich ihn fand. Ich wünschte den zu kennen, dem er das Leben verdankt, damit ich ihm wenigstens ein Gefühl der Scham abringen könnte, wenn er auch für jedes Gefühl der Natur erstorben ist.«

»Wirklich? Nun wohlan denn, ist es dem jungen Herrn gefällig, ein paar Wörtchen von mir anzuhören?«

»Sie können sprechen, wann und wie es Ihnen beliebt«, versetzte Nicolaus, seine Schwester umarmend. »Ich kümmere mich wenig um Ihre Worte oder Drohungen.«

»Schön gesagt, mein junger Herr«, erwiderte Ralph; »aber vielleicht kümmern sich andere darum und halten es möglicherweise für der Mühe wert, auf meine Worte zu hören und sie zu erwägen. Ich will mich an deine Mutter wenden, die die Welt kennt.«

»Ach, hätte ich sie doch nie kennengelernt«, schluchzte Frau Nickleby.

Die gute Dame hatte freilich nicht besonders nötig, sich diesen Umstand sehr zu Herzen zu nehmen, da der Umfang ihrer Weltkenntnis im glimpflichsten Falle ein höchst zweifelhafter war; und so schien auch Ralph zu denken, denn er lächelte bei seinen Worten, sah dann abwechselnd sie und Nicolaus mit festen Blicken an und fuhr folgendermaßen fort:

»Ich will dessen, was ich für Sie, Madame, tat oder zu tun gedachte, mit keiner Silbe erwähnen. Ich gab kein Versprechen und überlasse das daher Ihrem eigenen Urteil. Auch habe ich nicht im Sinne zu drohen, sagte aber, daß dieser starrköpfige, eigensinnige und liederliche Bursche keinen Pfennig von meinem Geld, keine Krume von meinem Brot und keinen Finger von meiner Hand erhalten soll, und könnte ich ihn damit von dem höchsten Galgen in ganz Europa retten. Ich will ihn nie wieder sehen – nie wieder seinen Namen hören. Er hat keinen Beistand von mir zu hoffen, und ebensowenig die, die ihm Beistand leisten. Er weiß recht gut, was aus seinem Benehmen für Sie erwachsen muß, aber er kommt in seiner selbstsüchtigen Trägheit zurück, um Ihre Not zu vermehren und den kümmerlichen Verdienst seiner Schwester aufzehren zu helfen. Ich bedaure, meine Hand zurückziehen zu müssen, besonders um Käthchens willen, aber ich will diesem Ausbund von Gemeinheit und Niedrigkeit nicht noch Vorschub leisten, und da ich Ihnen nicht zumuten kann, ihn aufzugeben, so wird das mein letzter Besuch sein.«

Hätte Ralph nicht gewußt, wie sehr es in seiner Macht stand, die, die er haßte, zu verwunden, so würden ihn seine Blicke auf Nicolaus von dem vollen Nachdruck seiner Worte überzeugt haben. Der junge Mann war sich durchaus keines Vergehens bewußt; trotzdem aber schnitt ihm jede versteckte Beschuldigung, jeder wohlberechnete Sarkasmus tief in die Seele, so daß Ralph, als er Nicolaus‘ blasses Gesicht und seine bebenden Lippen bemerkte, sich vor Freude selbst hätte umarmen mögen, weil es ihm gelungen war, durch seine Hohnreden das glühende Herz des Jünglings aufs tiefste zu verletzen.

»Ich kann’s nicht ändern«, rief Frau Nickleby. »Ich weiß, Sie sind sehr gütig gegen uns gewesen und hatten auch für meine arme Tochter noch viel Gutes im Sinne. Ich bin davon vollkommen überzeugt und weiß Ihre Güte zu schätzen, daß Sie diese voll der wohlwollendsten Absichten in Ihr Haus kommen ließen. Natürlich würde auch die Ausführung Ihres Entwurfs sie und mich ungemein glücklich gemacht haben; aber, Herr Schwager, Sie wissen, ich kann meinen eigenen Sohn nicht verstoßen, selbst wenn er alles das, wovon Sie sprachen, getan hat – es ist unmöglich, ich kann es nicht tun; und so müssen wir eben das Schlimmste über uns ergehen lassen, mein liebes Käthchen – ich werde es wohl ertragen können.«

Unter diesen und einer ganzen Kette anderer unzusammenhängender Wehklagen, die gewiß keine andere sterbliche Macht als die der Witwe Nickleby aneinanderzureihen imstande gewesen wäre, rang diese Dame ihre Hände und ließ ihre Tränen reichlicher strömen.

»Warum sagen Sie, ›wenn Nicolaus alles das, wovon gesprochen wurde, getan‹, Mama?« fragte Käthchen mit edlem Unwillen. »Sie wissen ja, daß dies nicht der Fall ist.«

»Ich weiß nicht, was ich denken soll, meine Liebe, so oder so«, sagte Frau Nickleby. »Nicolaus ist so heftig, und dein Onkel spricht mit so viel Ruhe, daß ich nur auf ihn, nicht aber auf Nicolaus hören kann. Doch es ist gleichgültig – wir wollen nicht mehr davon reden. Wir können ja in das Armenhaus, in das Arbeitshaus oder in das Magdalenenspital gehen; und je bälder wir es tun, desto besser wird es sein.«

Nach dieser seltsamen Zusammenstellung von wohltätigen Instituten ließ Frau Nickleby aufs neue ihren Tränen den Lauf.

»Bleiben Sie noch«, sagte Nicolaus, als Ralph nach der Tür ging. »Sie brauchen diesen Ort nicht zu verlassen, Sir: denn er soll in einer Minute von mir gesäubert sein, und es wird lange – sehr lange dauern, ehe ich dieses Haus wieder betrete.«

»Nicolaus, lieber Bruder!« rief Käthchen, indem sie sich an den Hals ihres Bruders warf und ihn mit ihren Armen umschlang, »sprich nicht so, wenn du mir nicht das Herz brechen willst. Mama, reden Sie doch mit ihm. Laß dir ihre Worte nicht zu Herzen gehen, Nicolaus: sie meint es nicht so – du solltest sie besser kennen. Onkel! – oder wer da ist, um Gottes willen, redet ihm zu.«

»Ich hatte nie die Absicht, Käthchen« – sagte Nicolaus – »ich hatte nie die Absicht, bei euch zu bleiben. Ich weiß, du denkst besser von mir, als daß du dies von mir vermuten könntest. Ich kehre vielleicht dieser Stadt ein paar Stunden früher, als ich dachte, den Rücken – aber was will das heißen? Wir werden auch getrennt einander nicht vergessen, und es kommen wohl noch bessere Tage, wo uns nichts mehr scheiden soll. Benimm dich mit Würde, Käthchen«, flüsterte er ihr zu, »und mach‘ mich nicht zu einem Weib, während er zusieht.«

»Nein, ich will das nicht«, entgegnete Käthchen lebhaft: »aber du sollst uns nicht verlassen. Oh, erinnere dich der glücklichen Tage, die wir miteinander verlebten, ehe dieses herbe Mißgeschick über uns kam. Denke an das Glück der Heimat und an die schweren Prüfungsstunden, die jetzt über uns ergehen. Wir haben in den Demütigungen und Kränkungen, denen die Armut ausgesetzt ist, keinen Beschützer, und du kannst nicht fort wollen, damit wir ihnen allein und ganz und gar hilflos preisgegeben seien.«

»Ihr werdet Hilfe finden, wenn ich fort bin«, entgegnete Nicolaus hastig. »Ich kann euch keinen Beistand, keinen Schutz gewähren, sondern nur euren Kummer, euren Mangel und eure Leiden vermehren. Die Mutter sieht das ein, und ihre Zärtlichkeit und Besorgtheit für dich zeigt mir den Weg, den ich zu wählen habe. So mögen denn alle guten Engel dich bewahren, Käthchen, bis ich dich in eine Heimat führen kann, wo uns das Glück, das uns jetzt versagt ist, wieder auflebt und die Prüfungsstunden der Gegenwart nur als etwas Gewesenes erscheinen. Halte mich nicht länger zurück, sondern laß mich ohne Zögern fort. So! liebes – liebes Mädchen.«

Die Hand, die ihn zurückhielt, erschlaffte, und Käthchen wurde in seinen Armen ohnmächtig. Nicolaus beugte sich einige Augenblicke über sie hin, ließ sie sanft auf einen Stuhl nieder und empfahl sie der Sorge ihrer wackeren Freundin.

» Ihr Mitleid brauche ich nicht anzuflehen«, sagte er, ihre Hand drückend, »denn ich kenne Ihr Herz. Sie werden ihr immer eine wohlwollende Freundin sein.«

Er trat nun auf Ralph zu, der noch immer regungslos in derselben Stellung dastand, die er die ganze Zeit über beobachtet hatte, und sprach mit so leiser Stimme, daß es nur von ihnen beiden gehört werden konnte, die folgenden Worte:

»Was Sie auch für Schritte tun mögen, Sir, ich werde strenge Abrechnung mit Ihnen darüber halten. Ich überlasse Ihnen Ihrem Wunsche gemäß die Meinigen. Aber früher oder später werde ich die Rechnung abschließen, und wehe Ihnen, wenn jenen ein Leid geschehen ist.«

Keine Muskelbewegung in Ralphs Gesicht kündigte an, daß er auch nur ein Wort von dieser Abschiedsanrede hörte. Nicolaus hatte übrigens kaum ausgesprochen, als er schon entschwunden war, ehe sich noch Frau Nickleby entschließen konnte, ihren Sohn, im Notfalle mit Gewalt, zurückzuhalten.

Als er mit einer Hast, die mit der Schnelligkeit der ihn bedrängenden Gedanken gleichen Schritt zu halten schien, durch die Straßen hin nach seiner armseligen Wohnung eilte, stiegen viele Zweifel und Bedenklichkeiten in seiner Seele auf und veranlaßten ihn beinahe, wieder umzukehren. Doch was konnten sie dadurch gewinnen? Angenommen auch, daß er Ralph Nickleby Trotz bot und vielleicht glücklich genug war, irgendeine kleine Anstellung zu erhalten, so konnte doch sein Aufenthalt bei ihnen ihre gegenwärtige Lage nur verschlimmern und ihre Aussichten für die Zukunft vernichten; denn seine Mutter hatte von einigen neuen Beweisen seines Wohlwollens gegen Käthchen gesprochen, die diese nicht in Abrede gestellt hatte. »Nein«, dachte Nicolaus, »es ist besser so, wie es ist.«

Aber ehe er noch fünfhundert Schritte gegangen war, tauchten wieder andere Gefühle in ihm auf. Er zögerte aufs neue, drückte den Hut in seine Augen und gab den trüben Betrachtungen Raum, die ihn mit aller Macht bestürmten. Sich keines Vergehens bewußt zu sein und doch so ganz allein in der Welt zu stehen; getrennt zu sein von den einzigen Personen, die er liebte, und umherirren zu müssen wie ein Verbrecher, da er doch sechs Monate vorher sich in der behaglichsten Lage befunden hatte und von seiner Familie als die schönste Hoffnung betrachtet wurde – es war in der Tat ein hartes – ein unverdient hartes Los. Doch lag ein Trost in diesem letztern; und in der Seele des armen Nicolaus wurde es abwechselnd heller oder trüber, je nachdem der Umschwung seiner Gedanken Licht- oder Schattenseiten berührte.

Unter diesem Wechsel zwischen Hoffnung und Furcht, wie ihn wohl jeder, sogar in Stunden gewöhnlicher Prüfung erfahren haben mag, erreichte Nicolaus endlich seine ärmliche Stube, wo er – nicht länger gehoben durch die Aufregung, die bisher seine Lebensgeister angespornt hatte, sondern ganz niedergedrückt durch die Erschlaffung, die sie zurückgelassen, – sich auf sein Lager warf, sein Gesicht der Wand zukehrte und den lang erstickten Gefühlen freien Spielraum gab.

Er hatte niemanden eintreten hören und gewahrte auch Smikes Anwesenheit nicht eher, bis er, bei einem zufälligen Aufrichten seines Kopfes, diesen am oberen Ende des Zimmers stehen und mit achtsamem Auge nach ihm hinblicken sah. Smike wandte sich ab, als er bemerkte, daß er beobachtet wurde, und stellte sich an, als sei er emsig mit den sparsamen Vorbereitungen zu ihrem Abendessen beschäftigt.

»Nun Smike«, sagte Nicolaus so heiter, wie es ihm möglich war, »laß hören, welche neuen Bekanntschaften du den Tag über gemacht oder welche Wunderdinge du in dem Bereich dieser und der nächsten Straße aufgefunden hast.«

»Nein«, versetzte Smike mit einem traurigen Kopfschütteln, »ich muß jetzt von etwas anderem sprechen.«

»Wie dir beliebt«, entgegnete Nicolaus gutgelaunt.

»Nun denn«, erwiderte Smike; »ich weiß, Sie sind unglücklich und haben sich große Ungelegenheiten zugezogen, weil Sie mich mit sich gehen ließen. Ich hätte das wissen und zurückbleiben sollen – auch würde ich es in der Tat nicht getan haben, wenn ich daran gedacht hätte. Sie – Sie sind nicht reich, haben nicht einmal genug für sich selber, und ich sollte nicht hier sein. Sie werden«, fuhr er fort, indem er schüchtern Nicolaus‘ Hand faßte, »Sie werden mit jedem Tage magerer, Ihre Wangen erbleichen und Ihre Augen sinken immer tiefer ein. Ich kann Sie in der Tat nicht mehr so ansehen, wenn ich dabei bedenke, welche Last ich für Sie bin. Ich versuchte es, Sie heimlich zu verlassen, aber der Gedanke an Ihr freundliches Gesicht hielt mich zurück; ich konnte nicht fort, ohne mich von Ihnen zu verabschieden.«

Der arme Bursche konnte nicht weiter sprechen; seine Augen füllten sich mit Tränen, und die Stimme versagte ihm.

»Von einem Abschied und einer Trennung zwischen uns beiden soll nie die Rede sein«, sagte Nicolaus, indem er Smike freundlich am Arme faßte, »denn bei dir finde ich noch meinen einzigen Trost und meine einzige Stütze. Ich möchte dich jetzt um alle Schätze der Welt nicht verlieren. Der Gedanke an dich hat mich heute in allem, was ich erduldete, aufrecht erhalten und wird es wohl noch oft tun. Gib mir deine Hand. Mein Herz ist an das deinige gefesselt. Wir wollen miteinander die Stadt verlassen, noch ehe die Woche zu Ende ist. Was macht es, wenn mich Armut packt; du wirst mir sie erleichtern, und wir tragen sie dann eben gemeinschaftlich.«

Einundzwanzigstes Kapitel.


Einundzwanzigstes Kapitel.

Madame Mantalini gerät in eine schwierige Stellung, worüber Fräulein Nickleby die ihre ganz und gar verliert.

Der überstandene Gemütssturm machte es Käthchen Nickleby drei Tage lang unmöglich, ihre Geschäfte in dem Hause der Putzmacherin wieder aufzunehmen, und am vierten verfügte sie sich wieder zur gewohnten Stunde mit widerstrebenden Schritten nach dem Tempel der Mode, wo Madame Mantalini eine unumschränkte Herrschaft übte.

Mamsell Knags feindselige Gesinnung hatte in der Zwischenzeit nichts von ihrem Gift verloren; denn die jungen Damen vermieden gewissenhaft jede Gemeinschaft mit ihrer so schwer beschuldigten Mitarbeiterin. Als die musterhafte alte Jungfer einige Minuten nachher anlangte, gab sie sich keine Mühe, das Mißvergnügen zu verhehlen, womit sie Käthchens Wiederkehr betrachtete.

»In der Tat«, sagte Mamsell Knag, als sich die Trabanten um sie scharten, um ihr den Hut und das Halstuch abzunehmen, »ich hätte gedacht, gewisse Leute hätten Verstand genug, um überhaupt wegzubleiben, wenn sie wissen, wie sehr ihre Gegenwart rechtlich gesinnten Personen zur Last fällt. Aber es ist eine seltsame Welt; oh, es ist eine seltsame Welt!«

Nachdem Mamsell Knag diese Bemerkung über die Welt in einem Tone ausgesprochen hatte, wie ihn überhaupt Leute, die sich in übler Laune befinden, in ihren Bemerkungen anzubringen pflegen – das heißt: in einer Weise, als ob sie derselben ganz und gar nicht angehörten, schloß sie mit einem schweren Seufzer, wodurch sie gar demütig ihr Mitleid mit der Verderbtheit des menschlichen Geschlechts kundgeben zu wollen schien.

Die Arbeiterinnen säumten nicht, das Echo zu diesem Seufzer zu bilden, und Mamsell Knag schickte sich augenscheinlich an, ihnen noch einige weitere moralische Betrachtungen zum besten zu geben, als Madame Mantalini Käthchen durch das Sprachrohr aufforderte, die Stiegen hinaufzukommen und im Ankleidezimmer behilflich zu sein – eine Auszeichnung, die Mamsell Knag veranlaßte, den Kopf in die Höhe zu werfen und sich so stark in die Lippen zu beißen, daß der Fluß ihrer Rede auf eine Weile vollständig eingefror.

»Nun, mein liebes Kind«, begann Madame Mantalini, als Käthchen sich vorstellte, »sind Sie wieder ganz wohl?«

»Viel besser, Madame«, antwortete Käthchen; »ich danke Ihnen.«

»Ich wünschte, ich könnte von mir das gleiche sagen«, bemerkte Madame Mantalini, indem sie sich anscheinend sehr erschöpft niederließ.

»Sind Sie krank?« fragte Käthchen. »Das täte mir ungemein leid.«

»Nicht gerade krank, aber bekümmert, mein Kind – sehr bekümmert«, entgegnete Madame.

»Da bedaure ich Sie um so mehr«, versetzte Käthchen mit Zartheit; »denn die Leiden des Körpers lassen sich leichter tragen, als die der Seele.«

»Ja, und noch leichter ist es, davon zu sprechen, als sich dem einen oder dem andern zu unterziehen«, erwiderte Madame, indem sie sich empfindlich die Nase rieb. »Doch – gehen Sie an Ihre Arbeit und bringen Sie die Sachen hier in Ordnung.«

Während Käthchen verwundert nachsann, was wohl diese Symptome einer ungewöhnlichen Stimmung zu bedeuten hätten, steckte Herr Mantalini die Spitzen seines Backenbartes und allmählich seinen Kopf durch die halboffene Tür und rief mit sentimentaler Stimme:

»Ist mein Leben und meine Seele hier?«

»Nein«, versetzte seine Gattin.

»Wie kann sie so sprechen, wenn sie im Vorderzimmer wie eine kleine Rose in einem verteufelten Blumentopf blüht?« entgegnete Mantalini. »Darf ihr Püppchen hereinkommen und sprechen?«

»Unter keinen Umständen«, erwiderte Madame. »Du weißt, daß ich dich hier durchaus nicht brauchen kann. Geh nur wieder fort.«

Aber das Püppchen, vielleicht durch den milden Ton dieser Erwiderung ermutigt, wagte sich aufzulehnen, stahl sich auf den Zehenspitzen ins Zimmer und warf Madame Mantalini im Nähertreten Kußhändchen zu.

»Warum will sie sich ungebärdig stellen und ihr hübsches Gesicht in häßliche Falten verziehen?« sagte Mantalini, indem er seine Linke um die Taille seines Lebens und seiner Seele schlang und sie mit seiner Rechten an sich zog.

»Ach, du bist unausstehlich«, versetzte seine Gattin.

»Wie – ich? – unausstehlich?« rief Mantalini. »Possen, Possen, das kann nicht sein. Kein lebendes Mädchen könnte mir so etwas ins Gesicht sagen – ja, geradezu ins Gesicht sagen.«

Herr Mantalini streichelte bei diesen Worten sein Kinn und betrachtete sich voll Selbstgefälligkeit in einem Wandspiegel.

»Eine solche, alles Maß überschreitende Verschwendung«, haderte Madame mit leiser Stimme.

»Alles nur in der Freude, ein so liebenswürdiges Wesen, eine solche kleine Venus, eine solche verteufelt bezaubernde, behexende, hinreißende kleine Venus gewonnen zu haben«, sagte Mantalini.

»Sieh nur, in welche Lage du mich versetzt hast,« entgegnete Madame.

»Meinem Herzchen kann und soll kein Leid widerfahren«, entgegnete Herr Mantalini. »Es ist alles vorüber und das Ganze erledigt. Geld wird bald da sein, und wenn es nicht geschwind genug eingeht, so muß der alte Nickleby wieder dran glauben, oder ich schneide ihm den Hals ab, wenn er es wagt, meine kleine –«

»Pst«, fiel Madame ein, »siehst du nicht?«

Herr Mantalini, der im Eifer, sich mit seiner Frau zu versöhnen, bisher Fräulein Nickleby übersehen oder sich vielleicht auch nur so gestellt hatte, nahm den Wink auf, legte den Finger an seine Lippen und dämpfte seine Stimme noch mehr. Sie flüsterten lange miteinander, und Madame Mantalini schien mehr als einmal auf gewisse Schulden anzuspielen, die er vor ihrer Heirat eingegangen war, an die unerwarteten Geldauslagen zur Begleichung der erwähnten Schulden zu erinnern, und außerdem auf einige liebenswürdige Schwächen von seiten ihres Herrn Gemahls, als da sind: Spiel, Verschwendung, Müßiggang, Liebhaberei für Pferde und dergleichen hinzudeuten – Anklagen, die Herr Mantalini je nach deren Wichtigkeit durch einen oder mehrere Küsse beschwichtigte; und das Ende von allem war, daß Madame Mantalini von ihrem Gatten ganz entzückt wurde und mit ihm die Stiege hinauf zum Frühstück ging.

Käthchen beschäftigte sich mit ihrer Aufgabe und ordnete schweigend die verschiedenen Putzartikel mit allem ihr zu Gebote stehenden Geschmack, als sie plötzlich durch die Stimme eines fremden Mannes in Schrecken gesetzt wurde. Dieser steigerte sich noch, als sie beim Umsehen wahrnahm, daß sich ein weißer Hut, ein rotes Halstuch, ein breites, rundes Gesicht, ein großer Kopf und ein Teil eines grünen Rockes im Zimmer befand.

»Erschrecken Sie nicht, Fräulein«, sagte der Eigentümer dieser Sonderbarkeit. »Nicht wahr, hier ist das Modegeschäft?«

»Ja«, antwortete Käthchen sehr bestürzt. »Was ist Ihr Wunsch?«

Der Fremde antwortete nicht, sondern blickte erst zurück, als ob er irgendeiner noch nicht sichtbaren Person winke, und trat dann sehr bedächtig ins Zimmer, wobei ihm ein kleiner Mann in einem braunen, sehr abgetragenen Rock folgte, der eine ganze Atmosphäre von Landmannsknaster- und frischem Zwiebelduft mit sich brachte. Die Kleider dieses Herrn hingen voll Flaum, und seine Schuhe, Strümpfe und Beinkleider waren bis zu den unteren Knöpfen seines Fracks mit Kot bespritzt, der sich allerwenigstens von vierzehn Tagen her datieren mußte, da bereits so lange schön Wetter war.

Käthchens erster Gedanke war, daß diese einladenden Personen in der Absicht gekommen waren, um sich widerrechtlicher Weise in den Besitz ein oder des andern tragbaren Artikels, der ihnen gerade einleuchtete, zu setzen. Sie hielt es auch nicht der Mühe für wert, ihre Sorgen zu verhehlen, und machte eine Bewegung nach der Tür.

»Warten Sie noch ein Augenblickchen«, sagte der Mann in dem grünen Rock, indem er sachte die Tür schloß und sich mit dem Rücken gegen diese stellte. »Es ist freilich ein unangenehmes Geschäft – aber wo ist Mosjö?«

»Nach was – fragten Sie?« entgegnete Käthchen zitternd: denn sie dachte, dieses Mosjö möchte ein Kunstausdruck der Spitzbuben für Uhr oder Geld sein.

»Herr Montilinie«, antwortete der Mann. »Was ist mit ihm? Ist er zu Hause?«

»Er ist eine Treppe weiter oben, glaube ich«, versetzte Käthchen, durch diese Frage etwas beruhigt. »Wünschen Sie ihn zu sprechen?«

»Das muß es gerade nicht sein«, entgegnete der Fremde, »wenn er uns einen Gefallen damit zu tun meint. Sie können ihm aber diese Karte geben und ihm sagen, wenn er mich zu sprechen wünsche und sich eine Unannehmlichkeit ersparen wolle, so sei ich hier; weiter ist nichts nötig.«

Mit diesen Worten überreichte er Käthchen eine dicke viereckige Karte und bemerkte dann gegen seinen Freund in ziemlich plumper Weise, »daß die Zimmer eine schöne Höhe hätten«, worin ihm der Freund beipflichtete und erläuternd hinzusetzte, »daß ein kleiner Junge darin zum Manne aufwachsen könnte, ohne je mit dem Kopf an die Decke zu stoßen.«

Käthchen zog die Klingel, um Madame Mantalini herbeizurufen, warf dann einen Blick auf die Karte und sah darauf den Namen ›Scaley‹ nebst einigen andern Andeutungen, die sie noch nicht durchgelesen hatte, als Herr Scaley selbst ihre Aufmerksamkeit auf sich zog, indem er auf einen der Toilettenspiegel losging und mit seinem Stock ganz kaltblütig auf dessen Mitte loshämmerte, als ob er von Gußeisen gewesen wäre.

»Das ist gutes Glas, Tix«, sagte Herr Scaley zu seinem Freunde.

»Hm«, versetzte Herr Tix, indem er mit seiner schmierigen Pfote ein Stück blauen Seidenzeugs anfühlte und den Abdruck seiner Finger darauf zurückließ, »und dieser Artikel hat auch das seine gekostet.«

Von dem Seidenzeug verpflanzte Herr Tix seine Bewunderung auf einige elegante Putzartikel, während Herr Scaley ganz gemächlich sein Halstuch vor dem Spiegel zurechtrückte. Er war noch ganz in dieses Geschäft vertieft, als Madame Mantalini ins Zimmer trat und ihn durch einen Ausruf des Erstaunens aus seiner Anschauung weckte.

»Ah, ist das die Frau?« fragte Scaley.

»Es ist Madame Mantalini«, sagte Käthchen.

»Nun«, sagte Herr Scaley, indem er ein kleines Dokument aus seiner Tasche holte und es mit ungemeiner Bedachtsamkeit entfaltete, »ich habe da einen Pfändungsbefehl, und wenn es nicht genehm ist zu bezahlen, so wollen wir mit Ihrer Erlaubnis das Haus durchgehen und eine Pfand-Inventur aufnehmen.«

Die arme Madame Mantalini schlug entsetzt ihre Hände zusammen, klingelte dann ihrem Mann und fiel endlich ohnmächtig in einen Stuhl. Die beiden Amtspersonen ließen sich jedoch durch dieses Ereignis nicht im mindesten anfechten: denn Herr Scaley lehnte sich über ein Gestell, an dem ein schönes Damenkleid hing, über das seine Schultern fast ebensoweit hervorragten, als es bei den Schultern der Dame der Fall gewesen sein würde, für die der Anzug bestimmt war. Dann schob er seinen Hut auf die eine Seite und kratzte sich ganz unbekümmert den Kopf, während sein Freund, Herr Tix, die Gelegenheit wahrnahm, sich, ehe er in das eigentliche Geschäft einging, einen vorläufigen Überblick über das Zimmer zu verschaffen, und deshalb, sein Inventarbuch unter dem Arm und den Hut in der Hand, im Geist jeden Gegenstand, der in seinem Gesichtskreise lag, taxierte.

Dies war der Stand der Dinge, als Herr Mantalini hereinstürzte. Da jedoch dieser vortreffliche Herr in den Tagen seines Junggesellenlebens sehr oft in Verkehr mit Herrn Scaleys Genossenschaft gekommen war und außerdem durch das jetzige Auftreten derselben nicht im mindesten überrascht wurde, so zuckte er bloß die Achseln, steckte seine Hände bis auf den Boden seiner Taschen, zog die Augenbrauen in die Höhe, pfiff einen oder zwei Takte, ließ einen oder zwei Flüche vernehmen, streckte sich auf einen Stuhl und machte mit vielem Anstand und großer Fassung die beste Miene zu der Sache.

»Was beträgt die verteufelte Totalsumme?« war seine erste Frage.

»Fünfzehnhundertsiebenundzwanzig Pfund, vier Schillinge, neun Pence und einen halben Penny«, antwortete Herr Scaley, ohne ein Glied zu rühren.

»Hole der Teufel den halben Penny«, sagte Herr Mantalini ungeduldig.

»Habe nichts dagegen, wenn Sie so wünschen«, entgegnete Herr Scaley; »meinetwegen auch die neun Pence.«

»Uns ist es gleichgültig, wenn auch die fünfzehnhundertsiebenundzwanzig Pfund desselben Weges fahren.«

»Kümmert uns keinen Pfifferling«, sagte Scaley.

»Nun«, fuhr derselbe Herr nach einer Pause fort, »was soll geschehen – etwas? Ist es nur ein kleiner Ausfall oder ein totaler Durchfall? Wie – gar eine Auflösung der ganzen Konkursmasse? – Sehr gut. Nun denn, Herr Tom Tix, dann müssen Euer Wohlgeboren Ihren Engel von Frau und Ihre ganze liebenswürdige Familie benachrichtigen, daß Sie die nächsten drei Nächte nicht nach Hause kommen können, weil Sie so lange hierbleiben müssen. Wozu regt sich denn die Frau so gewaltig auf?« fuhr Herr Scaley fort, als er Madame Mantalini schluchzen hörte. »Ich wette, über die Hälfte von dem, was hier ist, steht doch noch im Buch, und welcher Trost muß das für ihre Gefühle sein.«

Mit diesen Bemerkungen, die ebenso spaßhaft klangen, wie sie ungemein viel Trost für Madame Mantalinis Lage enthielten, schickte sich Herr Scaley an, das Inventar aufzunehmen. Bei diesem peinlichen Geschäft sah er sich durch den ungewöhnlichen Takt und die vieljährige Erfahrung des Herrn Tix unterstützt.

»Meine Glückseligkeitsbecherversüßerin«, sagte Herr Mantalini, indem er sich mit reuiger Miene seiner Gattin näherte, »willst du mich zwei Minuten anhören?«

»Oh, ich will nichts von dir hören«, versetzte seine Gattin. »Es ist genug, daß du mich zugrunde gerichtet hast.«

Herr Mantalini, der ohne Zweifel seine Rolle vorher wohl überlegt hatte, vernahm kaum diese Worte, die im Ton des Schmerzes und der Strenge ausgesprochen wurden, als er um etliche Schritte zurückprallte, den Ausdruck der höchsten Verzweiflung annahm und ungestüm aus dem Zimmer stürzte. Bald nachher hörte man ihn die Tür des Besuchszimmers im zweiten Stock mit großer Heftigkeit zuschlagen.

«Mamsell Nickleby!« rief Madame Mantalini, als dieser Ton ihr Ohr traf, »eilen Sie um Gottes willen, er will sich das Leben nehmen. Ich bin unfreundlich gegen ihn gewesen, und das kann er von mir nicht vertragen. Alfred! o mein lieber Alfred!«

Mit solchen Ausrufen eilte sie die Treppe hinauf, und Käthchen folgte in einiger Unruhe, obgleich sie die Besorgnisse der zärtlichen Gattin nicht ganz teilte. Die Zimmertür flog rasch auf, und vor ihnen stand Herr Mantalini, der seinen Hemdkragen ganz symmetrisch zurückgeschlagen hatte und ein Tischmesser auf einem Streichriemen schärfte.

»Ah«, rief Herr Mantalini, »unterbrochen!« und blitzschnell wanderte das Tischmesser in Herrn Mantalinis Schlafrocktasche, während Herrn Mantalinis Augen rasch umherrollten, und Haare und Backenbart ihm in großer Verwirrung um den Kopf flogen.

»Alfred!« rief Madame Mantalini, indem sie ihn mit ihren Armen umschlang; »ich habe es nicht so bös gemeint – ich habe es nicht so bös gemeint!«

»Zugrunde gerichtet!« rief Herr Mantalini. »Ich habe Verderben über das beste und reinste Wesen gebracht, das je einen verteufelten Vagabunden beglückte! Zum Teufel – laß mich gehen!«

Auf dieser Glanzhöhe seines Rasens griff Herr Mantalini wieder nach seinem Messer, wurde aber von den Händen seiner Gattin zurückgehalten. Darauf versuchte er es, mit dem Kopf gegen die Wand zu rennen – nahm sich aber jedenfalls dabei sehr in acht, wenigstens sechs Fuß von ihr entfernt zu bleiben.

»Fasse dich, mein Engel«, sagte Madame. »Wir können dieses Unglück niemandem zur Last legen; wenigsten« bin ich ebensogut schuld daran wie du, aber es wird schon wieder besser kommen. Beruhige dich, Alfred – beruhige dich.«

Herr Mantalini hielt es nicht für passend, sich sogleich wieder zu beruhigen, sondern nachdem er mehrere Male nach Gift gerufen und das Ansinnen gestellt hatte, irgendein Herr oder eine Dame möchte ihm das Gehirn aus dem Kopf schlagen, gewannen sanftere Gefühle bei ihm die Oberhand, und er begann auf eine ergreifende Weise zu weinen. In dieser besänftigten Gemütsstimmung hatte er nichts dagegen, daß ihm das Messer genommen wurde – was ihm, die Wahrheit zu gestehen, zu einem ungemeinen Trost gereichte, da ein Tischmesser ein unbequemer und gefährlicher Artikel für eine linnene Schlafrocktasche ist –, und endlich ließ er sich von seiner zärtlichen Gattin fortführen.

Nach zwei oder drei Stunden wurde den jungen Damen die Mitteilung gemacht, daß sie ihrer Dienste bis auf weiteres enthoben seien, und zwei Tage später erschien der Name Mantalini auf der Liste derer, die Bankerott machten. Fräulein Nickleby erhielt noch außerdem an demselben Morgen ein Schreiben, daß das Geschäft in Zukunft unter dem Namen der Mamsell Knag fortbetrieben würde, übrigens ihre Dienste nicht weiter vonnöten wären.

Frau Nickleby hatte dies kaum erfahren, als die gute Dame sogleich erklärte, sie hätte etwas der Art längst vorausgesehen, wobei sie verschiedene unbekannte Anlässe namhaft machte, bei denen sie gleichfalls ganz richtig prophezeit hatte.

»Und ich sage es noch einmal«, ging Frau Nickleby in ihrem Redefluß weiter – wir haben aber kaum nötig, zu bemerken, daß sie etwas der Art nie vorher gesagt hatte – »ich sage es noch einmal, Käthchen, daß das Geschäft einer Putz- und Kleidermacherin das allerletzte ist, zu dem du dich hättest verwenden lassen sollen. Ich will dir keinen Vorwurf machen, meine Liebe, aber ich muß es wiederholen, daß ich, wenn du deine Mutter um Rat gefragt hättest –«

»Gut, gut, Mama«, sagte Käthchen sanft; »aber was raten Sie mir setzt?«

»Raten?« rief Madame Nickleby. »Ist es nicht augenfällig, meine Liebe, daß von allen Beschäftigungen der Welt die eines Gesellschaftsfräuleins bei einer liebenswürdigen Dame gerade diejenige ist, für die du dich vermöge deiner Erziehung, deiner Manieren, deines Äußeren und alles Sonstigen am allerbesten eignest? Hast du deinen armen seligen Vater nie von der jungen Dame sprechen hören – einer Tochter der alten Dame, die in dem Hause, wo er einst als Junggeselle seinen Mittagstisch hatte, das Essen reichte? – Ach wie heißt sie doch? Ich weiß, ihr Name fängt mit einem B an und endigte mit einem ag – oder hieß sie vielleicht Waters? – Nein, dann kann’s doch nicht gewesen sein; aber wie sie auch geheißen haben mochte – weißt du nicht, daß diese junge Dame als Gesellschafterin zu einer verheirateten Dame kam, die bald nachher starb, und daß sie dann den Witwer heiratete und einen der schönsten kleinen Knaben bekam, den je eine Hebamme auf den Armen hatte – und alles dies in dem Zeitraum von nur achtzehn Monaten?«

Käthchen begriff leicht, daß dieser Strom von belegenden Rückerinnerungen durch irgendeine wirkliche oder eingebildete Aussicht veranlaßt wurde, die ihre Mutter betreffs einer solchen Laufbahn sich zusammenphantasiert hatte. Sie wartete daher geduldig, bis alle Remiscenzen und Histörchen – zur Sache gehörig oder nicht – erschöpft waren, und wagte dann endlich die Frage, ob der Mutter vielleicht etwas Derartiges zu Ohren gekommen sei. Die Wahrheit stellte sich nun heraus. Madame Nickleby hatte an demselben Morgen das gestrige Blatt einer sehr ehrenwerten Zeitung in die Hände bekommen, in dem durch ein im reinsten und grammatikalisch richtigsten Englisch geschriebenes Inserat angezeigt wurde, daß eine verheiratete Dame eine gebildete junge Person zur Gesellschafterin suche, und daß die Adresse der besagten Dame in einer gewissen Leihbibliothek im Westend der Stadt zu erfragen sei.

»Und ich sage dir«, rief Madame Nickleby, indem sie die Zeitung im Triumph niederlegte, »daß es wohl der Mühe wert ist, den Versuch zu machen, wenn dein Onkel nichts dagegen einzuwenden hat.«

Käthchen hatte infolge der herben Erfahrungen, die sie bereits gemacht, zu viel Herzeleid und kümmerte sich in der Tat auch vorderhand zu wenig um das, was ihr das Schicksal vorbehalten haben mochte, um sich einen Einwand zu erlauben. Herr Ralph Nickleby hatte gleichfalls nichts dagegen, sondern ließ im Gegenteil dieser Absicht seinen unverhohlenen Beifall zuteil werden. Auch schien ihm, wie sich aus seinem Benehmen zeigte, Madame Mantalinis plötzlicher Bankerott nicht besonders unerwartet gekommen zu sein – was freilich sonderbar hätte zugehen müssen, da hauptsächlich er es gewesen war, der diesen herbeigeführt hatte. Die Adresse wurde daher ohne Zeitverlust erfragt, und Fräulein Nickleby machte sich mit ihrer Mutter noch denselben Vormittag auf den Weg, um Madame Wititterly, Cadoganplatz, Sloanestraße aufzusuchen.

Cadoganplatz ist das einzige leichte Band zwischen zwei großen Extremen, das Mittelglied zwischen dem aristokratischen Boden von Bel-Grave-Square und dem plebejischen von Chelsea. Er ist in der Sloanestraße, ohne jedoch derselben anzugehören. Die Bewohner von Cadoganplatz blicken auf die der Sloanestraße herunter und halten Brompton für gewöhnlich. Sie wollen fashionable sein und können nicht begreifen, wie man New Road kennen kann. Sie stehen zwar nicht auf gleicher Höhe mit Bel-Grave-Square und Grosvenor Place, aber es besteht doch ein Verhältnis zu jenen, ungefähr wie das unehelicher Kinder großer Herren, die sich mit ihren Verwandten brüsten, obgleich sie von denselben nicht anerkannt werden. Die Bewohner von Cadogan Place geben sich so gut wie möglich das Ansehen von Leuten des höchsten Ranges, obgleich sie in der Tat nur der mittleren Klasse angehören. Sie bilden gleichsam den Transformator, der den Bewohnern der jenseitigen Bezirke den elektrischen Schlag des Geburts- und Rangstolzes mitteilt, den sie allerdings nicht selber besitzen, aber doch von einer naheliegenden Hauptquelle ableiten – oder mit andern Worten, sie gleichen dem Band, das die siamesischen Zwillinge vereinigt und das etwas von dem Leben und der Wesenheit zweier verschiedenen Körper enthält, ohne dem einen oder dem andern wirklich anzugehören.

Auf diesem neutralen Gebiet wohnte Madame Wititterly, und an Madame Wititterlys Tür klopfte Käthchen Nickleby mit zitternder Hand. Die Tür wurde von einem stämmigen Diener geöffnet, dessen Kopf mit Mehl, Kreide oder etwas Ähnlichem, denn es sah nicht wie echter Puder aus – bestreut war. Er nahm Käthchen die Karte ab und gab sie einem kleinen Boy, der in der Tat so klein war, daß sein Rock die Anzahl kleiner Knöpfe, die unerläßlich zu dem Anzug eines kleinen Boy gehören, in der gewöhnlichen Ordnung nicht fassen konnte, weshalb sie auch zu vier nebeneinander gesetzt worden waren. Dieses Herrchen trug die Karte auf einem Präsentierteller die Treppe hinauf, und Käthchen nebst ihrer Mutter wurden bis zu seiner Rückkehr in ein Speisezimmer gewiesen, das so schmutzig, schäbig und unbehaglich aussah, daß es eher für alles andere, als für Essen und Trinken zu passen schien.

Dem gewöhnlichen Lauf der Dinge zufolge und nach allem, was man als glaubwürdige Berichte über das Treiben der vornehmen Gesellschaft in Büchern findet, hätte Madame Wititterly im Boudoir sitzen sollen. Mochte indessen vielleicht Herr Wititterly sich gerade dort den Bart abnehmen, oder sonst eine Ursache vorhanden sein – wir wissen nur so viel gewiß, daß Madame Wititterly sich ihrem Besuchszimmer Audienz gab, wo sich alles Vornehme und Notwendige vorfand, mit Einschluß rosenroter Fenstervorhänge und dergleichen Möbelüberzüge, um ein zartes Rot auf Madame Wititterlys Antlitz zu gießen, eines kleinen Hundes, um zu Madame Wititterlys Belustigung Fremden nach den Beinen zu schnappen, und des vorerwähnten Boy, um zu Madame Wititterlys Erfrischung Schokolade zu präsentieren.

Die Dame hatte ein süßlich schmachtendes, ansprechend blasses Gesicht; auch war ihr ganzes Äußere wie ihre Einrichtung und alles im Hause – verblichen. Sie lehnte sich in einer so unstudierten Haltung auf ihrem Sofa zurück, daß man sie für eine Tänzerin hätte halten können, die für die erste Szene eines Balletts gekleidet ist und nur noch auf das Aufziehen des Vorhangs wartet.

»Stühle!«

Der Boy stellte die Stühle bereit.

»Verlasse das Zimmer, Alphons!«

Der Boy trat ab. Wenn es aber je einen Alphons gab, dem der Grobmichel ins Gesicht geschrieben war, so war es dieser Knabe.

»Ich wagte es, bei Ihnen vorzusprechen, Madame«, sagte Käthchen nach einer kurzen, beengenden Pause, »da ich Ihre Anzeige gelesen.«

»Ja«, versetzte Madame Wititterly. »Einer meiner Leute setzte es in die Zeitung. Ja.«

»Ich dachte«, fuhr Käthchen bescheiden fort, »Sie würden mir, wofern Sie nicht bereits eine Wahl getroffen, verzeihen, wenn ich Sie mit einer Bewerbung um die angezeigte Stelle behellige.«

»Ja«, entgegnete Madame Wititterly abermals in gedehnter Weise.

»Wenn Sie bereits versehen sind – –«

»O mein Gott, nein«, fiel die Dame ein. »Ich bin nicht so leicht zufriedengestellt. Ich weiß in der Tat nicht, was ich sagen soll. Sie sind früher nie Gesellschafterin gewesen – oder?«

Madame Nickleby, die begierig die Gelegenheit wahrgenommen hatte, riß gewandt die Rede an sich, ehe noch Käthchen antworten konnte.

»Nicht bei Fremden, Madame«, sagte die Dame, »aber sie ist seit Jahren meine Gesellschafterin gewesen. Ich bin ihre Mutter, Madame.«

»Ah«, sagte Madame Wititterly, »ich begreife.«

»Ich versichere Sie, Madame«, versetzte Frau Nickleby, »ich hätte es früher nicht für möglich gehalten, daß ich meine Tochter in die Welt hinausschicken müßte, denn ihr armer Vater war ein unabhängiger Mann und würde es auch noch im gegenwärtigen Augenblick sein, hätte er nur bei Zeiten auf meine beharrlichen Bitten – –«

»Liebe Mama«, bat Käthchen leise.

»Liebes Käthchen, wenn du mich aussprechen lassen willst«, entgegnete Madame Nickleby, »so werde ich mir die Freiheit nehmen, dieser Dame auseinanderzusetzen –«

»Ich meine, es ist unnötig, Mama.«

Und ungeachtet alles Stirnrunzelns und Winkens, womit Madame Nickleby andeutete, sie habe im Sinne, etwas zu sagen, was die Sache mit einem Male abmachen würde, beharrte Käthchen durch einen ausdrucksvollen Blick auf ihrer Ansicht, so daß Madame Nickleby nicht vermochte, die begonnene Tirade fortzusetzen.

»Was haben Sie gelernt?« fragte Madame Wititterly, die Augen zudrückend.

Käthchen zählte errötend ihre Hauptfähigkeiten auf, und Madame Nickleby rechnete ihr eine nach der andern an den Fingern nach, da sie bereits, ehe sie diesen Gang angetreten, alles gehörig zusammengestellt hatte. Glücklicherweise stimmten beide Berechnungen miteinander überein, und so hatte Madame Nickleby keinen Anlaß, das Wort an sich zu reißen.

»Ist Ihr Charakter umgänglich?« fragte Madame Wititterly, indem sie die Augen für einen Augenblick öffnete und dann wieder schloß.

»Ich hoffe es«, versetzte Käthchen.

»Sind Sie auch mit guten Empfehlungen versehen?«

Käthchen bejahte diese Frage und legte die Karte ihres Onkels auf den Tisch.

»Haben Sie die Güte, Ihren Stuhl ein wenig näher zu rücken, damit ich Sie ansehen kann«, sagte Madame Wititterly. »Ich bin sehr sehr kurzsichtig und kann daher Ihre Züge nicht ganz unterscheiden.«

Käthchen entsprach dieser Aufforderung nicht ohne einige Verlegenheit, und Madame Wititterly musterte mit mattem Blick ihr Gesicht mehrere Minuten lang.

»Ihr Äußeres gefällt mir«, sprach die Dame, indem sie eine kleine Klingel zog. »Alphons, ersuche deinen Vorgesetzten, hierherzukommen.«

Der Boy entfernte sich mit dieser Botschaft, und nach einer kurzen Pause, in der von beiden Seiten nicht ein Wort gesprochen wurde, trat ein wichtigtuender Herr von ungefähr achtunddreißig Jahren mit ziemlich plebejischen Zügen und lichten Haaren durch die Tür, der sich eine Weile über Madame Wititterly beugte und sich flüsternd mit ihr unterhielt.

»Ah – so!« sagte er, indem er sich umwandte, »das ist eine höchst wichtige Angelegenheit. Madame Wititterly ist von sehr reizbarem Wesen, sehr zart, sehr schwächlich, eine Treibhauspflanze, ein exotisches Gewächs.«

»Ach, lieber Heinrich!« fiel Madame Wititterly ein.

»Du bist’s, meine Liebe – du weißt, daß du es bist. Ein Hauch –« sagte Herr Wititterly, indem er sich anstellte, als blase er eine Feder weg – »puh! und du bist nicht mehr.«

»Deine Seele ist zu groß für deinen Körper«, fuhr Herr Wititterly fort. »Dein hoher Geist reibt dich auf. Du weißt, es gibt keinen Arzt, der nicht stolz darauf wäre, zu dir gerufen zu werden. Wie lautet ihre einstimmige Erklärung? ›Mein lieber Doktor‹, sagte ich in diesem Zimmer zu Sir Tumley Snuffim bei seinem letzten Besuch, ›mein lieber Doktor, was fehlt meiner Frau? Sagen Sie mir alles, ich kann es wohl ertragen. Sind es die Nerven?‹ ›Mein lieber Freund‹, sagte er, ›Sie dürfen stolz sein auf Ihre Gemahlin. Halten Sie sie hoch in Ehren: sie ist eine Zierde für die fashionable Welt und für Sie. Ihre ganze Krankheit liegt in ihrem hohen Geist. Er schwillt, dehnt sich aus, erweitert sich – das Blut entzündet sich, die Pulse fliegen rascher, die Erregung steigert sich‹ – puh.«

Herr Wititterly hatte in dem Feuer seiner Beschreibung mit seiner rechten Hand in der Luft herumgefuchtelt und war dabei Frau Nicklebys Hut um weniger als einen Zoll nahe gekommen; er hielt daher hastig inne und blies dann seine Nase so gewaltig auf, als wirke in seinem Innern eine mächtige Maschinerie.

»Du machst mich immer schwächer, als ich bin, Heinrich«, hauchte Madame Wititterly.

»Das tu‘ ich nicht, Julia – nein, gewiß nicht«, entgegnete Herr Wititterly. »Die Gesellschaft, in der du dich bewegst und deiner Stellung, deiner Familie und deiner hohen Gaben willen notwendig bewegen mußt, ist ein unablässiger Strudel und Wirbel der furchtbarsten Aufregung. Ich will nicht leben, wenn ich je die Nacht vergesse, in der du auf dem Wahlballe zu Exeter mit dem Neffen des Baronets tanztest. Es war schrecklich!«

»Ich habe für solche Triumphe immer hintendrein zu leiden«, sagte Madame Wititterly.

»Und gerade deshalb«, erwiderte ihr Gatte, »mußt du eine Gesellschafterin haben, in der du Sanftmut und Zartheit, die höchste Sympathie und die schönste Seelenruhe findest.«

Hier brachen beide, Herr und Madame Wititterly, die dies mehr für die Nicklebys als unter sich gesprochen hatten, ab und blickten auf die beiden Zuhörerinnen mit einem Gesichtsausdruck, der zu fragen schien, wie ihnen das alles imponiere.

»Madame Wititterly«, sprach der Gatte zu Frau Nickleby, »wird von den glänzendsten Gesellschaften, den brillantesten Zirkeln begehrt und gefeiert. Sie wird aufgeregt durch die Oper, das Schauspiel, die schönen Künste, die – die – die –«

»Den Adel, mein Lieber«, fiel Madame Wititterly ein.

»Natürlich, den Adel«, sagte Herr Wititterly, »und das Militär. Sie ist eine ungemein tiefe Denkerin und lebt in einer ungeheuren Mannigfaltigkeit von Ansichten über die allermannigfaltigsten Gegenstände. Wenn gewisse Leute im öffentlichen Leben Madame Wititterlys wahre Meinung über sie kennen würden, so würden sie wahrscheinlich ihre Köpfe nicht so hoch tragen, wie sie es tun.«

»Pst, Heinrich«, sagte die Dame, »das ist nicht in der Ordnung.«

»Ich erwähne ja keine Namen, Julia«, versetzte Herr Wititterly, »und so kann sich niemand gekränkt fühlen. Ich berühre den Umstand auch nur, um zu zeigen, daß du keine gewöhnliche Frau bist, daß eine beharrliche Reibung ohne Unterlaß zwischen deiner Seele und deinem Körper vorgeht, und daß du deshalb die allerzarteste Behandlung nötig hast. Aber jetzt wünsche ich eine ruhige und leidenschaftslose Schilderung der Eigenschaften, durch die sich dieses junge Mädchen für die Stelle befähigt.«

Infolge dieser Aufforderung wurden die Eigenschaften Käthchens abermals durchgegangen, wobei jedoch Herrn Wititterlys Zwischenfragen manche Unterbrechung veranlaßten. Endlich kam man zu dem Beschluß, daß man Erkundigungen einziehen und den Endbescheid Fräulein Nickleby innerhalb zweier Tage unter der Adresse ihres Onkels zugehen lassen wolle. Nach diesen Verhandlungen begleitete sie der Boy bis zu dem Treppenfenstcr, wo durch den dicken Diener eine Ablösung stattfand, so daß Mutter und Tochter in dieser Weise wohlbehalten auf die Straße gelangten.

»Das sind augenscheinlich sehr vornehme Personen«, sagte Frau Nickleby, als sie den Arm ihrer Tochter nahm. »Was nicht Madame Wititterly für eine vortreffliche Dame ist.«

»Meinen Sie, Mama?« war Käthchens ganze Antwort.

»Wie sollte ich nicht, liebes Käthchen«, erwiderte die Mutter. »Sie ist ja so blaß und sieht ganz erschöpft aus. Ich will hoffen, daß sie sich nicht ganz verzehrt, aber ich fürchte sehr für ihr Leben.«

Diese Gedanken führten die tiefblickende Dame zu der Berechnung von Madame Wititterlys mutmaßlicher Lebensdauer, wobei sie es nicht unterließ, die hohe Wahrscheinlichkeit abzuwägen, daß der trostlose Witwer ihrer Tochter die Hand bieten würde. Noch ehe die gute Frau zu Haus anlangte, hatte sie Madame Wititterlys Seele von allen Beengungen des Körpers befreit, Käthchen mit großem Glanz nach St. Georgs Hannover Squar verheiratet und nur noch die minder wichtige Frage unentschieden gelassen, ob eine prachtvolle Mahagonibettstelle für sie selbst in dem zwei Treppen hohen Hinterzimmer nach Cadogan Place hinaus oder in einem andern Zimmer des dritten Stockes aufgeschlagen werden sollte. Sie konnte jedoch nicht mit sich ins reine kommen, was von beiden das Vorteilhaftere sein dürfte. Deshalb schloß sie ihr Bedenken damit ab, daß sie die Entscheidung darüber ihrem Schwiegersohn überlassen wollte.

Die Nachforschungen wurden angestellt, und die Antwort fiel – gerade nicht zu Käthchens besonderer Freude – günstig aus. Nach dem Ablauf einer Woche übersiedelte Fräulein Nickleby mit aller ihrer beweglichen Habe in Madame Wititterlys Wohnung, wo wir sie vorderhand lassen wollen.

Zweiundzwanzigstes Kapitel.


Zweiundzwanzigstes Kapitel.

Nicolaus begibt sich in Smikes Begleitung auf den Weg, um sein Glück zu suchen, und macht bei dieser Gelegenheit eine interessante Bekanntschaft in der Person des Herrn Vincent Crummles.

Nicolaus‘ ganzes Vermögen bestand, nach Bezahlung der Haus- und Möbelmiete, in wenig mehr als zwanzig Schillingen; und doch begrüßte er den Morgen, an dem er London verlassen wollte, mit leichtem Herzen. Er verließ sein Bett mit jener Schwungkraft des Geistes, die zum Glück nur das Erbteil der Jugend ist, da sonst die Welt nie mit alten Leuten bevölkert sein würde.

Es war ein kalter, dunstiger Morgen in den ersten Tagen des Frühlings. Nur wenige leichte Schatten glitten in den Straßen hin und her. Zuweilen zeigten sich in dem dicken Nebel die schwerfälligen Umrisse einer heimkehrenden Mietkutsche, die langsam näherzog, vorbeirasselte, die dünne Reifrinde von ihrer Decke abschüttelte und sich bald wieder in der Wolke verlor. Bisweilen hörte man den Tritt eines mit hinten niedergetretenen Schuhen versehenen Fußes und den frostigen Ruf eines armen Schornsteinfegers, der mit klappernden Zähnen an sein frühes Tagewerk ging; den schweren Stiefel des Nachtwächters, der langsam auf- und abschritt und die trägen Stunden verwünschte, die noch zwischen ihm und seinem Schlafe lagen; das Rollen schwerer Frachtfuhrwerke und das Klappern der leichteren Wagen, die Käufer und Verkäufer nach den verschiedenen Märkten brachten; das vergebliche Klopfen an den Türen fester Schläfer – kurz, alle diese Töne schlugen von Zeit zu Zeit ans Ohr; aber sie schienen durch den Nebel gedämpft zu werden, so daß sie dem Gehör eben so unbestimmt vorkamen, wie die Gegenstände selbst dem Auge. Die dunstige Atmosphäre wurde immer dichter, je weiter der Tag vorrückte; und die, die den Mut hatten, aufzustehen und durch ihr Gardinenfenster in die düstere Straße hinauszublicken, blickten wieder zurück, schlüpften in ihr Bett und kauerten sich zusammen, um weiterzuschlafen.

Noch ehe diese Anzeichen des erwachenden Morgens in dem geschäftigen London allgemeiner wurden, hatte Nicolaus ohne Begleitung seinen Weg nach der City eingeschlagen und stand unter den Fenstern der Wohnung seiner Mutter. Sie sah öde und düster aus, aber in ihrem Innern war Licht und Leben für ihn; denn in ihren alten Wänden befand sich wenigstens ein Herz, das bei Kränkung oder Schmach das Blut ebenso rasch durch die Adern jagte, wie es das seinige tat.

Er ging über die Straße hinüber und erhob seine Augen zu dem Fenster des Zimmers, wo, wie er wußte, seine Schwester schlief. Es war geschlossen und dunkel. »Armes Mädchen«, dachte Nicolaus, »du ahnst nicht, wer hier außen weilt!«

Er sah abermals hin und fühlte sich einen Augenblick fast gekränkt, daß Käthchen nicht auf war, um ihm ein Wort des Abschieds zuzurufen. »Mein Gott«, dachte er dann, sich plötzlich wieder verbessernd, »was für ein Kind ich doch bin!«

»Es ist besser so, wie es ist«, sagte sich Nicolaus, nachdem er etlichemal vor dem Haus auf und ab gegangen war. »Als ich mich früher von ihnen trennte und tausendmal hätte Lebewohl sagen können, wenn ich gewollt hätte, suchte ich ihnen den Schmerz des Abschieds zu ersparen – und warum nicht auch jetzt?«

Jetzt kam es ihm auf einmal vor, als bewege sich der Vorhang, und er suchte sich einen Augenblick zu überreden, daß Käthchen am Fenster wäre. Infolge eines jener seltsamen Widersprüche der Gefühle, die uns allen eigen sind, trat er unwillkürlich unter einen Torweg zurück, damit sie ihn nicht sehen möchte. Er lächelte über seine Schwäche, empfahl seine Lieben dem Schutz Gottes und entfernte sich mit leichten Schritten.

Als er seine alte Wohnung erreichte, traf er den ängstlich harrenden Smike und Newman Noggs, der das Einkommen eines Tages auf eine Kanne Rum und Milch verwendet hatte, um die Wanderer für ihren Weg zu stärken. Smike nahm das Gepäck auf die Schulter, und so gingen sie weiter, von Noggs begleitet, der darauf bestand, so lange mit ihnen zu gehen, bis der Tag angebrochen wäre.

»Welchen Weg?« fragte Newman nachdenkend.

»Zuerst nach Kingston«, versetzte Nicolaus.

»Und wohin dann?« fragte Newman. »Warum sollten Sie mir´s nicht sagen?«

»Weil ich es selber kaum weiß, mein Freund«, entgegnete Nicolaus, die Hand auf Newmans Schulter legend; »und wenn ich es auch wüßte, so habe ich doch vorderhand weder Plan noch Aussicht und mag vielleicht meinen Aufenthalt schon hundertmal gewechselt haben, ehe mich eine Nachricht von Ihnen erreichen kann.«

»Ich fürchte, Sie haben einen tief überlegten Entwurf in Ihrem Kopfe«, sagte Newman kopfschüttelnd.

»In der Tat, so tief«, erwiderte sein junger Freund, »daß ich selber keinen Boden darin finden kann. Ich verspreche Ihnen jedoch zu schreiben, sobald ich zu einem Entschluß gekommen bin.«

»Sie wollen es aber nicht vergessen?« fragte Newman.

»Wenigstens ist es nicht sehr wahrscheinlich«, versetzte Nicolaus.

»Ich habe nicht so viele Freunde, daß mich ihre Zahl verwirren und ich des besten darunter vergessen könnte.«

In solchen Gesprächen gingen sie ein paar Stunden miteinander fort, und sie würden es wohl ebenso viele Tage getan haben, wenn sich nicht Nicolaus auf einen Stein am Wege niedergesetzt und aufs bestimmteste erklärt hätte, daß er sich nicht eher von der Stelle bewegen würde, bis Newman Noggs den Heimweg angetreten hätte. Nachdem Newman zuerst nur noch um eine halbe Meile und dann um eine Viertelmeile vergeblich gebettelt hatte, mußte er sich endlich darein fügen, den Rückweg nach Golden Square wieder anzutreten, was er denn auch nach manchem herzlichen und zärtlichen Lebewohl und unter vielem Zurückblicken und Winken mit dem Hute tat, selbst als die beiden Wanderer durch die Entfernung bis auf ein paar Punkte zusammengeschmolzen waren.

»Nun höre, Smike«, sagte Nicolaus, während sie rüstig vorwärts trabten; »wir gehen nach Portsmouth.«

Smike nickte mit dem Kopf und lächelte, ohne eine weitere Regung auszudrücken, denn es war ihm ganz gleichgültig, ob es nach Portsmouth oder Port-Royal ging, wenn sie nur beisammen blieben.

»Ich verstehe mich zwar nicht sonderlich auf solche Dinge«, nahm Nicolaus wieder auf; »aber Portsmouth ist ein Seehafen, und wenn sich nicht irgend etwas anderes finden läßt, so bekommen wir vielleicht ein Unterkommen an dem Bord eines Schiffes. Ich bin jung und tätig und kann mich in jeder Hinsicht nützlich machen. Dasselbe ist bei dir der Fall.«

»Ich hoffe so«, versetzte Smike. »Während meines Aufenthaltes in – Sie wissen wohl, wo ich meine?«

»Ja, ich weiß es«, entgegnete Nicolaus. »Du brauchst den Ort nicht zu nennen.«

»Nun, während meines Aufenthaltes daselbst«, entgegnete Smike, und seine Augen leuchteten bei der Aussicht, von seiner Geschicklichkeit Gebrauch machen zu können, »habe ich die Kuh gemolken und machte den Pferdeknecht so gut wie einer.«

»Ach«, sagte Nicolaus ernst, »ich fürchte, man hält gewöhnlich nicht viel Tiere der Art an Bord eines Schiffes, und dann, wenn sich daselbst auch hin und wieder Pferde finden, so nimmt man’s nicht so genau mit dem Putzen. Doch du kannst ja etwas anderes lernen. Wo der Mensch will, findet er wohl einen Weg.«

»Und am Willen soll’s bei mir gewiß nicht fehlen«, erwiderte Smike freudestrahlend.

»Das weiß Gott«, versetzte Nicolaus, »und wenn es bei dir nicht gehen sollte, so werde doch ich, und sollte es auch sauer hergehen, für uns beide genug tun können.«

»Machen wir heute den ganzen Weg?« fragte Smike nach einer langen Pause.

»Das würde doch eine zu große Aufgabe selbst für deine willigen Beine sein«, antwortete Nicolaus mit einem gutmütigen Lächeln.

»Godalming ist – soviel ich in einer Karte, die ich borgte, fand – etliche dreißig Meilen von London entfernt, und ich habe im Sinne, dort zu übernachten. Morgen geht’s dann wieder weiter, denn wir sind nicht reich genug, um unnötigerweise zu zögern. Komm, gib das Bündel her, ich will dich ablösen.«

»Nein – nein«, entgegnete Smike, um einige Schritte zurückweichend. »Verlangen Sie nicht von mir, daß ich es Ihnen geben soll.«

»Warum nicht?« fragte Nicolaus.

»Lassen Sie mich wenigstens etwas für Sie tun«, erwiderte Smike. »Sie wollen mich nie dienen lassen, wie ich eigentlich sollte: aber Sie wissen eben nicht, wie ich Tag und Nacht darauf sinne, Ihnen zu Gefallen zu leben.«

»Ach du närrischer Mensch, ich weiß das freilich und sehe es, denn ich müßte sonst blind und gefühllos sein«, sagte Nicolaus. »Aber das bringt mich eben darauf, dir, weil wir allein sind, eine Frage vorzulegen«, fügte er bei, indem er ihm fest ins Gesicht sah. »Hast du ein gutes Gedächtnis?«

»Ich weiß nicht«, versetzte Smike, traurig den Kopf schüttelnd. »Ich glaube, ich hatte einmal eines, jetzt ist es aber fort – ganz fort.«

»Warum glaubst du, daß du einmal eines hattest?« fragte Nicolaus, indem er sich rasch gegen Smike umwandte, als wolle er durch diese Frage den Tatbestand erproben.

»Als ich noch ein Kind war, konnte ich mich an alles erinnern«, sagte Smike: »aber das ist schon sehr – sehr lange her, oder es scheint mir wenigstens so. Ich war immer verwirrt und schwindlig an dem Ort, den ich mit Ihnen verließ, und konnte mich nie auf etwas besinnen, bisweilen nicht einmal verstehen, was man zu mir sagte. Ich – lassen Sie mich sehen – lassen Sie mich sehen.«

»Wie – träumst du?« fragte Nicolaus, den Arm seines Begleiters berührend.

»Nein«, versetzte Smike mit einem leeren Stieren. »Ich dachte nur, wie – –« Er schauderte unwillkürlich, als er sprach.

»Denke nicht mehr an jenen Ort; es ist jetzt alles vorüber«, entgegnete Nicolaus, indem er sein Auge voll auf das seines Gefährten heftete, der in jenes nichtssagende Stieren verfallen wollte, das ihm sonst gewöhnlich und sogar auch in neuerer Zeit nicht selten war. »Was wolltest du von dem ersten Tage sagen, nachdem du zu Yorkshire angelangt warest?«

»Wie?« rief der Junge.

»Ich meine von der Zeit, ehe du dein Gedächtnis zu verlieren anfingst«, erwiderte Nicolaus ruhig. »War das Wetter warm oder kalt?«

»Naß«, versetzte Smike, »sehr naß. Ich sagte immer, wenn es recht stark regnete, es regne wie an dem Abend meiner Ankunft; und dann umringten sie mich und lachten mich aus, wenn sie sahen, daß ich über den schweren Regen weinen mußte. Sie sagten, es wäre kindisch, aber das ließ mich nur noch mehr dran denken. Bisweilen überlief es mich kalt, denn ich konnte mich sehen, wie ich damals war, als ich durch dieselbe Tür hereinkam.«

»Wie du damals warst?« wiederholte Nicolaus mit angenommener Gleichgültigkeit, »und wie warst du denn?«

»Ein so kleines Geschöpf«, entgegnete Smike, »daß man nur bei der Erinnerung daran Mitleid und Erbarmen mit mir hätte haben sollen.«

»Du kamst doch nicht allein hin?« sagte Nicolaus.

»Nein«, erwiderte Smike, »o nein.«

»Wer war bei dir?«

»Ein Mann – ein finsterer, abgelebter Mann; ich hörte das in der Schule sagen, und ich erinnerte mich sonst auch dessen. Ich war froh, als er mich verließ, denn ich fürchtete mich vor ihm. Aber sie haben mich noch mehr fürchten gemacht und mich noch härter behandelt.«

»Sieh mich einmal an«, sagte Nicolaus, der seine ganze Aufmerksamkeit auf eines zusammenzudrängen wünschte. »So; wende dich nicht ab. Erinnerst du dich keiner Frau, keines liebevollen weiblichen Wesens, das ehedem deiner wartete, deine Lippen küßte und dich ihr Kind nannte?«

»Nein«, antwortete das arme Geschöpf kopfschüttelnd; »nein, nie.«

»Auch nicht eines andern Hauses als dessen in Yorkshire?«

»Nein«, erwiderte Smike mit einem Blick voll Trauer; »aber eines Zimmers – ich erinnere mich, daß ich in einem Zimmer schlief, in einem großen, einsamen Zimmer, hoch oben in einem Haus, und in der Decke war eine Falltür. Ich habe oft das Kissen über meinen Kopf gezogen, um sie nicht zu sehen, denn ich war ein kleines Kind und fürchtete mich vor ihr, wenn ich des Nachts allein war; auch hätte ich immer gar zu gerne wissen mögen, was auf der andern Seite wäre. Dann stand eine Uhr – eine alte Wanduhr in einer Ecke; ich kann mich dessen noch gut entsinnen. Das Zimmer ist mir nie aus dem Gedächtnis gekommen; denn wenn ich schreckliche Träume habe, so tritt es genau so, wie es war, wieder vor meine Seele. Ich sehe Dinge und Leute darin, die ich damals nie gesehen hatte, aber das Zimmer ist ganz, wie es damals war; dieses ändert sich nicht.«

»Willst du mich jetzt das Bündel nehmen lassen?« fragte Nicolaus, schnell den Gegenstand des Gesprächs abbrechend.

»Nein, nein«, antwortete Smike. »Lassen Sie uns weitergehen.«

Er beschleunigte bei diesen Worten seine Schritte, wie es schien, in der Meinung, sie hätten das ganze Gespräch über stillgestanden. Nicolaus betrachtete ihn aufmerksam und prägte jedes Wort dieser Unterhaltung mit unauslöschlichen Zügen seinem Gedächtnis ein.

Inzwischen war es fast Mittag geworden, und obgleich noch ein dichter Nebel die Stadt, die sie eben verlassen hatten, umhüllte, als ob der Atem ihrer geschäftigen Bewohner über dem Schatten ihres Gewinnes schwebe und hier eine größere Anziehung finde als in den ruhigen, höherliegenden Regionen, so war es draußen auf dem Lande doch schön und hell. Hin und wieder trafen sie in einer Niederung auf Stellen, wo die Sonne den Nebel noch nicht hatte verscheuchen können; doch kamen sie bald über diese weg, und als sie die jenseitigen Berge hinanstiegen, war es gar lieblich, in das Tal zu blicken und zu sehen, wie die trägen Massen sich schwerfällig vor dem belebenden Einfluß des Tages hinschoben. Eine schöne, heitere Sonne bestrahlte die grünen Weideplätze und verlieh dem Wasser ein sommerliches Glitzern, während sie die Wanderer die ganze belebende Frische dieser frühen Jahreszeit genießen ließ. Der Boden unter ihren Füßen schien elastisch zu sein; die Schafglöckchen tönten wie Musik in ihren Ohren; und erheitert durch die Bewegung, wie auch von Hoffnung gehoben, schritten sie mit Löwenkraft weiter.

Der Tag rückte weiter vor. All diese glänzenden Farben wurden matter und nahmen ruhigere Töne an, wie junge Hoffnungen durch die Zeit gemildert werden oder jugendliche Gesichter allmählich in die ruhige Heiterkeit des Alters übergehen. Aber sie waren kaum weniger schön in ihrem langsamen Erbleichen als in ihrem frischen Glanze, denn die Natur gibt jeder Tages- und Jahreszeit bestimmte eigentümliche Schönheiten, und von dem Morgen bis zur Nacht, von der Wiege bis zum Grabe findet ohne Unterlaß ein so sanfter und leichter Wechsel statt, daß wir dessen Fortschreiten kaum gewahren können.

Sie kamen endlich nach Godalming, wo sie um ein paar schlechte Lagerstätten handelten und herrlich schliefen. Am Morgen machten sie sich zeitig, obgleich nicht gerade mit der Sonne, auf den Weg, allerdings nicht ganz so frisch wie gestern, aber doch voll mutiger Hoffnung und heitern Sinnes.

Sie hatten an diesem Tage einen mühevolleren Marsch zu machen als an dem vorigen, denn es gab lange und ermüdende Berge zu ersteigen; und bekanntlich geht es auf Reisen wie im Leben um vieles leichter bergab als bergan. Trotzdem aber schritten sie mit unverdrossener Beharrlichkeit weiter; und noch kein Berg hat den Gipfel himmelan gestreckt, ohne daß er nicht zuletzt noch der Beharrlichkeit überwindbar gewesen wäre.

Sie kamen an dem Rande von »des Teufels Punschbowle« vorbei, und Smike horchte begierig auf, als Nicolaus die Inschrift auf dem Stein las, der an jener wilden Stelle aufgerichtet ist und von einem schauderhaften, hinterlistigen Morde erzählt, der nächtlicherweile daselbst begangen wurde. Das Gras, auf dem sie standen, war mit Blut gefärbt gewesen, und das Blut des Ermordeten tropfenweise in die Höhle geronnen, die dem Orte den Namen gibt. »Des Teufels Punschbowle«, dachte Nicolaus, als er in den tiefen Schlund hinunterschaute, »hat nie eine passendere Flüssigkeit aufgenommen als diese.«

Sie gingen mutig weiter und kamen endlich in eine weite und geräumige Hochebene, die, mit vielen kleinen Hügeln wechselnd, der Oberfläche einen heitern grünen Anblick gab. Hier stieg fast senkrecht eine Anhöhe gen Himmel, daß sie fast nur den Schafen und Ziegen, die an den Seiten derselben Futter suchten, zugänglich war. Dort stand ein mächtiger, grüner Erdhügel, der sich so leicht emporhob und so sanft mit der Ebene wieder verschmolz, daß sich die Grenzen kaum bestimmen ließen. Hügel, einer höher als der andere, und Wellenlinien, zierlich und unförmlich, glatt und zerrissen, anmutig und wild, nachlässig Seite an Seite liegend, begrenzten die Aussicht nach jeder Richtung. Währenddessen flog nicht selten, ehe man sich’s versah, eine Schar schwarzer Krähen mit ihrem unangenehmen Geschrei von dem Boden auf und umkreiste die nächsten Berge; als wüßte sie nicht, wohin sie sich wenden sollte. Dann ließ sie sich mit Windeseile plötzlich in irgendeine Talöffnung herab.

Allmählich wurde die Aussicht nach beiden Seiten beengter, und nachdem sie eine Weile der reichen und herrlichen Szenerie beraubt gewesen, kamen sie mit einemmal wieder in offenes Land. Das Bewußtsein, daß sie sich dem Ort ihrer Bestimmung immer mehr näherten, ermutigte sie auf ihrem Wege. Aber der Marsch war beschwerlich gewesen; sie hatten sich unterwegs aufgehalten, und Smike war müde. Es dunkelte bereits, als sie in den Pfad nach einem Wirtshaus, das noch zwölf Meilen vor Portsmouth am Wege liegt, einbogen.

»Zwölf Meilen«, sagte Nicolaus, indem er sich mit beiden Händen auf seinen Stock stützte und Smike zweifelnd ansah.

»Zwölf starke Meilen«, wiederholte der Wirt.

»Ist der Weg gut?« fragte Nicolaus.

»Sehr schlecht«, antwortete der Wirt. Als Wirt konnte er natürlich nicht anders sagen.

»Ich möchte wohl noch weiter«, sagte Nicolaus zögernd; »aber ich weiß nicht, was ich tun soll.«

»Ich will Sie zwar nicht bestimmen«, entgegnete der Wirt, »aber an Ihrer Stelle ginge ich nicht weiter.«

»Wirklich?« fragte Nicolaus in derselben Ungewißheit.

»Nein, zumal nicht, wenn ich wüßte, daß ich an einem Orte gut aufgehoben wäre.«

Mit diesen Worten schob der Wirt seine Schürze beiseite, steckte die Hände in seine Taschen, trat ein paar Schritte vor das Haus hinaus und blickte, anscheinend mit großer Gleichgültigkeit, die dunkle Straße hinunter.

Ein Blick auf die Jammermiene des abgematteten Smike bestimmte Nicolaus, und so entschloß er sich ohne weiteres zu bleiben, wo er war.

Der Wirt führte sie in die Küche, und da sich dort ein tüchtiges Feuer befand, so bemerkte er, daß es sehr kalt wäre, wie er denn auch ohne Zweifel bei einem schwachen oder gar keinem Feuer sich über zu große Wärme beschwert haben würde.

»Was können Sie uns zum Abendessen geben?« war Nicolaus‘ erste Frage.

»Was ist Ihnen gefällig?« lautete des Wirts Erwiderung.

Nicolaus verlangte kalten Braten, aber der war nicht da – gebackene Eier, es gab auch keine Eier – Hammelrippchen, die waren auf drei Meilen nicht zu finden, obgleich man in der letzten Woche mehr hatte, als man zu verwenden wußte, und auch übermorgen die schwere Menge davon haben würde.

»Je nun, so muß ich’s eben ganz Ihnen überlassen«, sagte Nicolaus, »wie ich es gleich anfangs willens war, wenn Sie mich nicht nach meinem Belieben gefragt hätten.«

»Ei, dann will ich Ihnen was sagen«, entgegnete der Wirt. »In dem Gastzimmer ist ein Herr, der bis neun Uhr einen warmen Beefsteakpudding und Kartoffeln befohlen hat. Er wird nicht alles allein aufessen können, und ich zweifle nicht, daß er Sie, wenn ich ihm das Ansinnen stelle, an seinem Mahl teilnehmen lassen wird. Ich will die Sache sofort ins reine bringen.«

»Nein, nein«, erwiderte Nicolaus, ihn zurückhaltend, »ich wünsche das nicht. Ich – wenigstens – ach, warum sollte ich’s nicht aussprechen – Sie sehen, ich reise auf eine sehr bescheidene Weise und habe meinen Weg zu Fuß hierher gemacht. Es ist daher wohl mehr als wahrscheinlich, daß der Herr keinen Geschmack an meiner Gesellschaft findet, und obgleich ich vom Staub bedeckt bin, so bin ich doch zu stolz, um mich der seinigen aufzudrängen.«

»Aber lieber Himmel«, sagte der Wirt, »es ist ja nur der Herr Crummles: der nimmt’s nicht so genau.«

»Wirklich?« fragte Nicolaus, auf dessen Geschmacksorgane – aufrichtig gestanden – die Aussicht auf einen saftigen Pudding einigen Eindruck machte.

»Nicht im geringsten«, versetzte der Wirt. »Soweit ich ihn kenne, wird ihm Ihre Gesellschaft angenehm sein. Doch wir werden bald sehen – haben Sie nur eine Minute Geduld.«

Der Wirt eilte, ohne weitere Erlaubnis abzuwarten, in das Gastzimmer, und Nicolaus versuchte es nicht, ihn zurückzuhalten, denn er überlegte weislich, daß unter obwaltenden Umstanden ein Abendessen von zu großer Wichtigkeit wäre, um damit zu scherzen. Der Wirt kehrte auch bald in großer Aufregung wieder zurück.

»Alles in Richtigkeit«, sagte er leise. »Ich wußte es ja. Aber Sie werden drinnen auch etwas Sehenswertes finden. Donnerhagel, wie die aneinander sind!«

Nicolaus konnte nicht mehr fragen, was diese Schlußbemerkung, die in ganz entzücktem Tone ausgesprochen wurde, bedeute, denn der Wirt hatte bereits die Tür des Zimmers aufgerissen, worauf denn die beiden Reisenden – Smike mit dem Bündel auf dem Rücken, den er mit einer Sorgfalt bewahrte, als wäre er ein Beutel mit Gold gewesen – unverzüglich eintraten.

Nicolaus hatte sich auf etwas Seltsame« gefaßt gemacht, keineswegs aber auf etwas so gar Seltsames, wie es hier seinen Augen begegnete. An dem oberen Ende des Zimmers befanden sich zwei Knaben, von denen der eine sehr lang und der andere sehr kurz war, beide in Matrosentracht – wenigstens in einer theatralischen, mit Gürteln, Schnallen, Schließern und Pistolen. Diese fochten mit zwei kurzen Korbsäbeln, wie man sie gewöhnlich bei kleinen Theatern antrifft, einen schrecklichen Kampf – wie es die Komödienzettel nennen – miteinander aus. Der kurze Knabe hatte einen großen Vorteil über den langen gewonnen, der sich in einer gefährlichen Klemme befand, und als Zuschauer lehnte ein großer, schwerfälliger Mann an einer Tischecke, der die Streiter nachdrücklich aufforderte, noch mehr Feuer aus ihren Schwertern zu schlagen; es könne ihnen dann bei der nächsten Vorstellung an einem wütenden Beifall nicht fehlen.

»Herr Vincent Crummles«, sagte der Wirt mit sehr unterwürfiger Miene, »das ist der junge Herr.«

Herr Vincent Crummles begrüßte Nicolaus mit einer Verneigung des Kopfes, die zwischen dem herablassenden Empfang eines römischen Kaisers und dem vertraulichen Nicken eines Zechgenossen die Mitte hielt, und hieß dann den Wirt die Tür schließen und das Zimmer verlassen.

»Das ist eine schöne Nummer«, sagte Herr Crummles, indem er Nicolaus winkte, stehenzubleiben, damit der Kampf nicht gestört würde. »Der Kleine hat ihn; wenn der Große sich nicht in drei Sekunden unterwirft, so ist er ein toter Mann. Macht das noch einmal, Jungen.«

Die beiden Kämpen fingen von vorne an und klopften aufeinander los, daß die Funken stoben – zur großen Zufriedenheit des Herrn Crummles, der dies augenscheinlich als Hauptsache betrachtete. Der Kampf begann mit ungefähr zweihundert Hieben, die der kurze Matrose mit dem langen wechselte, ohne daß dadurch ein besonderes Resultat erzielt wurde, bis der kurze Matrose auf ein Knie niederstürzte. Dieser machte sich jedoch nichts daraus, sondern arbeitete sich mit Beihilfe seiner linken Hand auf dem Knie weiter und focht ganz verzweifelt fort, bis ihm der lange Matrose das Schwert aus der Hand schlug. Man hätte vermuten sollen, daß jetzt der kurze Matrose, so in die letzte Enge getrieben, um Gnade gebeten hätte. Aber statt dessen zog er schnell eine große Pistole aus seinem Gürtel und zielte mit ihr nach dem Gesicht des langen Matrosen, so daß dieser ob einem so unerwarteten Manöver zurückschrak und dem Kurzen Zeit ließ, sein Schwert wieder aufzunehmen und von neuem anzufangen.

Dann ging es wieder an ein Klopfen, bei dem von beiden Seiten ganz absonderliche Hiebe geführt wurden, indem die Kämpfer die Schwerter bald in die linke Hand nahmen, bald unter den Beinen oder über den Achseln weg ihre Schläge austeilten, und als der kurze Matrose einen gewaltigen Streich nach den Beinen des langen führte, der im Falle des Nichtausweichens beide rund abgehauen haben würde, hüpfte der Lange über das Schwert des Kurzen weg, worauf denn der Lange, um die Sache ins Gleichgewicht zu bringen, einen ähnlichen Hieb führte und den Kurzen über die Klinge springen ließ.

Darauf machten sie noch verschiedene Finten, wobei sie gelegentlich bei den fehlenden Hosenträgern ihre abgeglittenen Hosen in die Höhe zogen, bis endlich der Kurze, der augenscheinlich der Heldendarsteller war, weil er sich immer im Vorteil befand, einen gewaltigen Ausfall machte, sich über den Langen herwarf und ihn nach einigem fruchtlosen Widerstande zu Boden brachte, worauf dann der Lange unter großen Qualen den Geist aufgab, nachdem ihm der Kurze den Fuß auf die Brust gesetzt und ihn mit dem Schwert durchbohrt hatte.

»Da wird das Publikum nach Wiederholung brüllen, Jungens, wenn ihr euch rechte Mühe gebt«, sagte Herr Crummles. »Doch laßt jetzt eure Blasbälge verschnaufen und wechselt eure Kleider.«

Nach dieser den Fechtern erteilten Weisung begrüßte er Nicolaus, der jetzt erst bemerkte, daß Herrn Crummles‘ Gesicht ganz in gleichem Verhältnis mit seinem Körper war. Der Mann hatte eine sehr dicke Unterlippe, eine heisere Stimme, wie es bei Leuten der Fall ist, die viel zu schreien pflegen, und schwarzes, fast kahl abgeschorenes Haar, um sich – wie sich nachher herausstellte – um so leichter Charakterperücken jeder Form und Art anpassen zu können.

»Wie gefällt Ihnen das, Sir?« fragte Herr Crummles.

»Es war in der Tat sehr gut – vortrefflich«, antwortete Nicolaus.

»Ich denke, Jungens wie diese werden Sie nicht oft zu sehen bekommen«, sagte Herr Crummles.

Nicolaus stimmte bei, bemerkte aber, »daß, wenn sie nur mehr gleich wären –«

»Gleich?« rief Herr Crummles.

»Ich meine hinsichtlich der Größe«, fügte Nicolaus erklärend bei.

»Größe?« wiederholte Herr Crummles. »Ei, das ist ja gerade die Hauptsache des Kampfes, daß sie um einen oder zwei Fuß verschieden sind. Wie kann man auf den Beifall des Publikums zählen, wenn nicht ein Kleiner gegen einen Großen kämpft? Man müßte andernfalls wenigstens fünf gegen einen stellen, und dazu haben wir nicht Leute genug in unserer Gesellschaft.

»Das wird mir klar, und ich bitte daher um Verzeihung«, versetzte Nicolaus. »Ich muß gestehen, daß ich hieran nicht dachte.«

»Es ist die Hauptsache«, entgegnete Herr Crummles. »Ich gebe übermorgen in Portsmouth eine Vorstellung. Wenn Sie dahin reisen, so besuchen Sie das Theater und Sie werden sehen, wie es anspricht.

Nicolaus versprach, es zu tun, wenn er könnte, rückte dann seinen Stuhl an das Feuer und begann mit dem Direktor ein Gespräch. Dieser war äußerst redselig und mitteilsam, vielleicht ebensosehr infolge seines Temperaments als infolge des Grogs, dem er kräftig zusprach, oder des Schnupftabaks, den er in starken Portionen aus einem Papiertütchen, das er in der Westentasche aufbewahrte, seiner Nase zuführte. Er besprach seine Angelegenheiten ohne Rückhalt und erging sich ein langes und breites über die Vorzüge seiner Gesellschaft und die Talente seiner Familie, von der die beiden Kämpfer einen achtbaren Teil ausmachten. Allem Anschein nach sollten sich die Herren und Damen des Trupps morgen in Portsmouth zusammenfinden, wohin sich auch der Vater mit seinen Söhnen auf dem Wege befand. Die Gesellschaft hatte keinen dauernden Aufenthalt, sondern gehörte in die Klasse der fahrenden Kunstgenossenschaft und kam eben von Guildford, wo sie durch ihr Debut einen rasenden Beifall geerntet hatte.

»Sie gehen desselben Wegs?« fragte der Direktor.

»J–a«, versetzte Nicolaus verlegen.

»Sind Sie in der Stadt bekannt?« fragte der Bühnenkünstler weiter, der auf dasselbe Vertrauen Anspruch zu machen schien, das er selbst an den Tag gelegt hatte.

»Nein«, entgegnete Nicolaus.

»Nie dort gewesen?«

»Nie.«

Herr Vincent Crummles ließ ein trockenes Hüsteln vernehmen, als wolle er damit sagen, »wenn du verschlossen sein willst, so sei’s«, und holte so viele Prisen aus seinem Tütchen, eine nach der andern, daß sich Nicolaus eigentlich wundern mußte, wo all der Schnupftabak hinkam.

Während dieser Beschäftigung sah Herr Crummles von Zeit zu Zeit mit großem Interesse auf Smike, der ihm gleich vornweg ungemein aufgefallen zu sein schien. Dieser war eingeschlafen und nickte in seinem Stuhl.

»Entschuldigen Sie meine Bemerkung«, sagte der Direktor leise, indem er sich gegen Nicolaus beugte, »aber betrachten Sie nur, was Ihr Freund da für ein Kapitalgesicht hat.«

»Der arme Junge!« entgegnete Nicolaus mit einem halben Lächeln; »ich wollte, es wäre etwas voller, und nicht so abgemagert.«

»Voller?« rief der Direktor fast mit einem Ausdruck des Entsetzens. »Es wäre dann für immer verdorben.« –

»Meinen Sie?«

»Freilich, Sir«, sagte der Direktor, indem er mit Nachdruck auf sein Knie schlug. »So, wie er jetzt ist, unwattiert und kaum mit einer Spur von Schminke auf dem Gesicht, wäre er ein Darsteller für die Hungerleiderrollen, wie man nie einen auf der Bühne gesehen hat. Wenn er mit einem leichten Anflug von Not auf der Spitze seiner Nase als Apotheker in ›Romeo und Julie‹ nur den Kopf aus der Ladentür steckte, so dürfte er versichert sein, dreimal gerufen zu werden.«

»Ach, Sie betrachten ihn von dem Standpunkt des Schauspielers,« sagte Nicolaus lachend.

»Und zwar mit allem Recht«, erwiderte der Direktor. »Ich habe, seit ich Künstler bin, nie einen jungen Burschen gesehen, der so ganz für diese Rolle geschaffen wäre, und ich habe doch die schweren Kinderrollen gespielt, als ich kaum achtzehn Monate alt war.«

Die Erscheinung des Beefsteakpuddings, mit dem zugleich auch die Jungen Crummels eintraten, gab der Unterhaltung eine andere Wendung und unterbrach sie für eine Weile ganz und gar. Die beiden jungen Herren handhabten ihre Messer und Gabeln mit kaum geringerer Geschicklichkeit als ihre Schwerter, und da die ganze Gesellschaft ziemlich gleich hungrig war, so nahm man sich keine Zeit zum Sprechen, bis das Abendessen aufgeräumt war.

Die Herren Crummles Söhne hatten nicht sobald den letzten verfügbaren Bissen hinuntergeschluckt, als sie durch ein wiederholtes, halbunterdrücktes Gähnen und Recken ihrer Glieder ihren Wunsch zu erkennen gaben, sich zur Ruhe zu begeben, den Smike sogar früher schon auf eine noch augenfälligere Weise an den Tag gelegt hatte, da er einige Male sogar mit dem Bissen im Mund eingenickt war. Nicolaus machte daher den Vorschlag, sogleich aufzubrechen. Aber der Schauspieldirektor wollte hiervon durchaus nichts hören und beteuerte, er lasse sich das Vergnügen, seinen neuen Bekannten zu einer Bowle Punsch einzuladen, gar nicht nehmen und würde eine Ablehnung als ein sehr unfreundliches Betragen betrachten.

»Lassen wir die Jungen gehen«, sagte Herr Vincent Crummles, »und bleiben wir noch ein wenig behaglich beim Feuer sitzen.«

Nicolaus war viel zu aufgeregt, um besondere Neigung zum Schlafen zu empfinden, und nahm daher die Einladung nach einigem Zögern an. Als er den jungen Crummles‘ die Hand gedrückt und der Schauspieldirektor Smike ungemein wohlwollend gute Nacht gesagt hatte, setzten sich beide am Feuer einander gegenüber, um gemeinschaftlich die Bowle zu leeren, die bald nachher erschien, so hübsch dampfend, daß es eine Freude war, es nur mit anzusehen, indem sie zugleich die lieblichsten und einladendsten Düfte entsandte.

Aber ungeachtet des Punsches und des Schauspieldirektors, der eine Menge Geschichtchen erzählte und erstaunlich viel Tabak sowohl durch seine Pfeife als auch durch seine Nase konsumierte, war Nicolaus zerstreut und niedergeschlagen. Seine Gedanken weilten in seiner Heimat, und wenn sie auf seine gegenwärtige Lage zurückkamen, so umhüllte ihn die Unsicherheit seiner Zukunft mit einem Düster, das er trotz aller seiner Anstrengungen nicht zu verscheuchen vermochte. Sein Geist stieß sich an allem; und obgleich er die Stimme des Schauspieldirektors hörte, so war er doch taub für den Inhalt seiner Worte, so daß Nicolaus, als Herr Vincent Crummles die Geschichte irgendeines langen Abenteuers mit einem lauten Lachen und der Frage geschlossen hatte, was sein Begleiter unter denselben Umständen getan haben würde, sich gezwungen sah zu bekennen, daß er von dem Gesprochenen auch nicht das mindeste vernommen hätte und daher für seine Zerstreutheit um Entschuldigung bitten müsse.

»Ei, ich habe es wohl bemerkt«, sagte Herr Crummles. »Ihr Geist ist unruhig. Wo fehlt es Ihnen?«

Nicolaus konnte nicht anders, als über das Unverhohlene dieser Frage zu lächeln, hielt es aber nicht der Mühe wert, ihr auszuweichen, und gestand daher seine Sorgen ein, es möchte ihm mit der Erreichung des Zieles, das ihn nach diesem Landesteil gebracht hatte, nicht gelingen.

»Und was ist Ihr Ziel?« fragte der Theaterdirektor.

»Eine Beschäftigung, die mir und meinem armen Reisegefährten die gewöhnlichen Bedürfnisse des Lebens schafft«, antwortete Nicolaus. »So ist der Stand meiner Verhältnisse, den Sie vermutlich schon lange erraten haben, weshalb ich mich auch nicht zu scheuen brauche, Ihnen diesen unverhohlen mitzuteilen.«

»Welche Beschäftigung könnten Sie in Portsmouth besser als an einem andern Ort finden?« fragte Herr Vincent Crummles, indem er das Siegelwachs an dem Saftsack seiner Pfeife gegen das Licht hielt und es mit seinem kleinen Finger auseinanderdrückte.

»Ich denke, es laufen viele Schiffe im Hafen ein und aus«, entgegnete Nicolaus. »Ich will auf dem einen oder dem andern ein Unterkommen suchen. Jedenfalls hat man doch da sein Essen und Trinken.«

»O ja, Pökelfleisch und jungen Rum, Erbsenpudding und Zwieback«, versetzte der Direktor, indem er ruhig einen Fidibus ans Licht hielt.

»Man kann’s noch schlechter haben als so«, meinte Nicolaus, »und ich glaube, ich werde es so gut aushalten können, wie so viele andere in meinem Alter, die es gleichfalls nicht gewöhnt waren.«

»Wenn Sie auf einem Schiff unterkommen wollen, so müssen Sie auch brauchbar sein«, sagte der Bühnenkünstler; »aber dies ist kaum bei Ihnen der Fall.«

»Warum nicht?«

»Weil es keinen Schiffer oder Bootsmann gibt, der Sie nur des Salzes zur Suppe wert halten wird, wenn ihm geübte Hände zu Gebot stehen, und deren gibt es in Portsmouth so viele wie Austerschalen in den Straßen.«

»Wie soll ich das nehmen?« fragte Nicolaus, durch diese Voraussagung und besonders durch den zuversichtlichen Ton, womit sie gesprochen wurde, erschreckt. »Der Mensch kommt nicht als Matrose auf die Welt, und ich denke, er muß sich dazu heranbilden?«

Herr Vincent Crummles nickte mit dem Kopf und fügte hinzu:

»Allerdings, aber das tut man nicht mehr in Ihrem Alter, und so ein junger Herr weiß sich schon von vornherein nicht dareinzufinden.«

Es trat eine Pause ein. Nicolaus‘ Gesicht verlängerte sich, und er blickte betrübt ins Feuer.

»Fällt Ihnen kein anderer Stand, kein anderes Gewerbe ein, das ein junger Mann von Ihrer Gestalt und Gewandtheit sich leicht zu eigen machen und bei dem er noch obendrein sich ein bißchen in der Welt umsehen könnte?« fragte der Direktor.

»Nein«, antwortete Nicolaus kopfschüttelnd.

»Nicht? – Dann will ich Ihnen eine Laufbahn nennen«, sagte Herr Crummles, indem er seine Pfeife ins Feuer warf und seine Stimme erhob – »die Bretter.«

»Die Bretter?« rief Nicolaus fast ebenso laut.

»Die Schauspielkunst«, fiel Herr Vincent Crummles fort. »Ich bin Schauspieler, meine Frau ist Schauspielerin, meine Kinder sind Schauspieler. Ich hatte einen Hund, der von der Zitze weg die Kunst trieb und auf der Bühne starb. Auch mein Pferd, das unsere Theaterrequisiten führt, läßt sich auf den Brettern brauchen und tritt in ›Timur dem Tataren‹ auf. Ich will Sie und Ihren Freund unterbringen. Sagen Sie ja. Ich brauche gerade etwas Neues.«

»Aber ich verstehe mich nicht darauf«, versetzte Nicolaus, dem dieser plötzliche Vorschlag fast den Atem benommen hatte. »Ich bin nie, außer vielleicht auf der Schule, in einer Rolle aufgetreten.«

»Ihr Gang und Ihre Haltung qualifizieren Sie für das edlere Lustspiel. In Ihrem Auge liegt der jugendliche Held des Trauerspiels, und Ihr Lachen eignet sich ganz für die Posse«, entgegnete Herr Vincent Crummles. »Es wird bei Ihnen so gut gehen, als ob Sie von Geburt her an nichts anderes als an die Lampen gedacht hätten.«

Nicolaus dachte an das kleine Sümmchen kleiner Münze, das in seiner Tasche bleiben mochte, wenn er die Wirtsrechnung bezahlt hatte, war aber immer noch unschlüssig.

»Sie können uns auf hunderterlei Weise nützlich werden«, sagte Herr Crummles. »Bedenken Sie nur, welche Kapitaltheaterzettel für die Straßenecken ein Mann von Ihrer Erziehung schreiben könnte.«

»Nun, diesem Zweige wäre ich allenfalls gewachsen«, meinte Nicolaus.

»Ohne Zweifel«, versetzte Herr Crummles; »›weitere Einzelheiten siehe die kleinen Handzettel‹ – wir können in jeden von ihnen einen halben Band bringen. Auch Stücke – ei, Sie könnten uns für den Notfall ein Stück schreiben, in dem sich die ganze Kraft der Gesellschaft entfalten könnte.«

»Dessen bin ich doch nicht so ganz sicher«, entgegnete Nicolaus, »obschon ich glaube, hin und wieder etwas zusammenbringen zu können, das für Sie paßte.«

»Wir wollen ehestens ein neues Revuestück auf die Bühne bringen«, erwiderte der Theaterdirektor. »Lassen Sie sehen – ganz besondere Einrichtungen –- neue prachtvolle Dekoration – Sie müssen es einrichten, daß ein wirklicher Brunnen und zwei Waschzuber darin vorkommen.«

»In dem Stück?« fragte Nicolaus.

»Freilich«, antwortete der Künstler. »Ich kaufte sie vor ein paar Tagen wohlfeil in einer Versteigerung, und sie werden einen bewunderungswürdigen Effekt machen. So machen sie’s in London. Man kauft sich Kostüme, Dekorationen und läßt sich ein Stück dazu schreiben. Die meisten Theater halten sich zu diesem Zweck einen Schriftsteller.«

»Wirklich?« rief Nicolaus.

»Natürlich«, sagte Herr Crummles; »so was kommt alle Tage vor. Und wie gut muß sich’s nicht auf den Zetteln machen, wenn man in abgesonderten Zeilen und mit fußlangen Buchstaben liest – › laufender Brunnen – wirkliche Waschzuber‹ – das muß ziehen. Sind Sie nicht vielleicht auch ein Stück von einem Künstler, Zeichner, Maler oder so etwas?«

»Kann mich dessen nicht rühmen«, antwortete Nicolaus.

»Schade!« erwiderte der Direktor. »In diesem Falle hätten wir einen großen Holzschnitt an den Straßenecken ankleben können, der die ganze letzte Szene samt dem Hintergrund, Brunnen und Waschzuber in der Mitte dargestellt hätte. Je nun – so müssen wir eben darauf verzichten.«

»Und was erhalte ich für all das?« fragte Nicolaus nach einem kurzen Nachsinnen. »Kann ich davon leben?«

»Davon leben?« rief der Mime – »wie ein Fürst! Mit Ihrer Gage, der Ihres Freundes und dem Honorar für Ihre schriftstellerischen Bemühungen können Sie’s – hm! – auf ein Pfund wöchentlich bringen.«

»Sie scherzen.«

»Gewiß nicht; und wenn wir starken Zulauf haben, so trägt’s Ihnen vielleicht fast das Doppelte ein.«

Nicolaus zuckte die Achseln, aber seine einzige Aussicht war die drückendste Not, und wenn er auch für seine Person sich mutig jedem Mangel zu unterziehen vermochte, so mußte er doch Rücksicht auf Smike nehmen; denn wozu hatte er dieses hilflose Geschöpf den Händen seiner Quälgeister entrissen, wenn er ihm kein besseres Los zu bereiten vermochte, als sein früheres war? Solange er sich mit dem Mann, der ihn so übel behandelt und die tiefste Erbitterung in ihm geweckt hatte, in derselben Stadt befand, konnten ihm siebzig Meilen allerdings als etwas Unbedeutendes vorkommen, aber jetzt glaubte er weit genug entfernt zu sein. Konnten denn nicht in der Zeit, die er außer Landes zubrachte, seine Mutter oder Käthchen sterben?

Ohne sich länger zu besinnen, erklärte er sich gegen Herrn Vincent Crummles bereit und bekräftigte den Vertrag durch einen Handschlag.

Dreizehntes Kapitel.


Dreizehntes Kapitel.

Nicolaus bringt durch ein äußerst tatkräftiges und merkwürdiges Verfahren einige Veränderungen in die Einförmigkeit von Dotheboys Hall, was zu nicht unwichtigen Folgen führt.

Die kalte, matte Dämmerung eines Januarmorgens stahl sich durch die Fenster des gemeinschaftlichen Schlafsaals, als Nicolaus, auf den Ellenbogen gestützt, unter den hingestreckten Gestalten, die ihn auf allen Seiten umgaben, umherblickte, als suche er irgendeinen besonderen Gegenstand.

Es bedurfte eines raschen Auges, um unter der wirren Masse von Schläfern die Umrisse eines bestimmten Individuums zu entdecken, denn da sie dicht nebeneinandergepackt mit ihren geflickten und zerrissenen Kleidern bedeckt dalagen, so konnte man wenig mehr als die scharfen Umrisse blasser Gesichter unterscheiden, über die das düstere Licht dieselben unangenehmen Farben goß, mit denen es hin und wieder einen hageren Arm färbte, der sich, von keiner Bedeckung verhüllt, dem Auge in seiner ganzen eingeschrumpften Häßlichkeit zeigte. Einige davon, die mit aufwärtsgerichteten Gesichtern und zusammengeklammerten Händen auf dem Rücken lagen und in der trüben Beleuchtung nur eben sichtbar waren, sahen mehr Leichen als lebenden Geschöpfen gleich, während andere sich in so seltsame und phantastische Lagen zusammengekrümmt hatten, daß man diese eher für die unruhigen Bemühungen des Schmerzes, der sich vorübergehend Linderung verschaffen will, als für Grillen des Schlummers halten konnte. Nur wenige, und diese gehörten unter die jüngsten der Kinder, schliefen friedlich mit einem Lächeln auf ihren Zügen und träumten vielleicht von ihrer Heimat. Aber von Zeit zu Zeit verkündete ein tiefer und schwerer Seufzer, der die Stille des Gemaches unterbrach, daß abermals ein Schläfer zu dem Elend eines neuen Tages erwacht sei; und wie der Morgen die Nacht verdrängte, so schwand das Lächeln allmählich mit der freundlichen Dunkelheit, die es erzeugt hatte, dahin.

Träume sind liebliche Kinder der Phantasie, die in bunten, märchenhaften Bildern nächtlicherweile auf der Erde spielen und in den ersten Strahlen der Sonne hinwegschmelzen, die mit ihrer Leuchte die finstere Sorge und die traurige Wirklichkeit in die Welt einführt.

Nicolaus blickte auf die Schläfer – anfangs mit der Miene eines Menschen, der auf ein zwar bekanntes, demungeachtet aber nicht minder schmerzerregendes Schauspiel sieht, dann aber mehr in der achtsamen und spähenden Weise eines Mannes, dessen Auge irgendeinen gewohnten Gegenstand vermißt. Er war noch in seinem Suchen begriffen, zu welchem Ende er sich halb in seinem Bette aufgerichtet hatte, als sich Squeers‘ Stimme von dem Fuße der Treppe her vernehmen ließ.

»Was soll das?« rief der Ehrenmann. »Wollt ihr den ganzen Tag schlafen? Aufgestanden –«

»Ihr faulen Hunde«, beendigte Madame Squeers den Satz, indem sie zu gleicher Zeit einen Ton hervorbrachte, ähnlich dem, der durch das Zuschnüren eines Korsetts veranlaßt wird.

»Wir werden im Augenblick hinunterkommen, Sir«, antwortete Nicolaus.

»Im Augenblick hinunterkommen?« sagte Squeers. »Ja, Sie werden gut tun, bald herunterzukommen, ich möchte sonst noch bälder einen und den andern von euch unter mich kriegen. Wo ist Smike?«

Nicolaus blickte rasch umher, ohne jedoch zu antworten.

»Smike!« brüllte Squeer«.

»Willst du, daß dir der Schädel an einer neuen Stelle eingeschlagen wird, Smike?« fragte die liebenswürdige Frau Schulmeisterin in demselben Tone.

Noch immer keine Antwort. Nicolaus sah sich allenthalben um und ebenso auch der größere Teil der Knaben, die inzwischen erwacht waren.

»Heillose Unverschämtheit!« wütete Squeers, indem er ungeduldig mit seinem Rohr auf das Stiegengeländer schlug. »Nickleby!«

»Was steht zu Diensten, Sir?«

»Schicken Sie den störrischen Schlingel herunter; hören Sie mich denn nicht rufen?«

»Er ist nicht hier, Sir«, versetzte Nicolaus.

»Lügen Sie mich nicht an«, entgegnete der Schulmeister: »er ist bestimmt da.«

»Nein, er ist’s nicht«, erwiderte Nicolaus gekränkt: »das Lügen ist auf Ihrer Seite.«

»Wir wollen bald sehen«, sagte Herr Squeers, die Treppe hinaufstürmend. »Was gilt’s, ich finde ihn!«

Unter dieser Versicherung stürzte Herr Squeers mit zum Schlage geschwungenem Stock in den Schlafsaal und eilte nach dem Winkel, wo der ausgemergelte Körper des Haussklaven gewöhnlich des Nachts lag. Das Rohr flog, ohne Schaden zu tun, nieder, denn das Bett war leer.

»Was soll das heißen?« sagte Squeers, sich mit leichenblassem Gesicht umwendend. »Wo haben Sie ihn versteckt?«

»Ich habe ihn seit gestern abend nicht mehr gesehen«, versetzte Nicolaus.

»Lassen Sie diese Possen«, sagte Squeers, augenscheinlich geängstigt, obgleich er es zu verbergen suchte; »Sie werden ihm auf diese Weise nicht durchhelfen. Wo ist er?«

»Den Vorgängen nach wahrscheinlich auf dem Grunde des nächsten Teiches«, entgegnete Nicolaus leise mit einem scharfen Blicke nach dem Gesicht seines Chefs.

»Zum Teufel, was wollen Sie damit sagen?« erwiderte Squeers in großer Verwirrung. Und ohne auf eine Antwort zu warten, fragte er die Knaben, ob keiner von ihnen etwas von ihrem abhanden gekommenen Schulkameraden wüßte.

Alle murmelten ein ängstliches Nein, und nur eine schrille Stimme ließ laut werden, was in der Tat alle anderen dachten –

»Ich glaube, Sir, Smike ist weggelaufen.«

»Ha!« rief Squeers, sich schnell umwendend; »wer hat das gesagt?«

»Tomkins, Toms, Sir«, entgegnete ein Chor von Stimmen.

Herr Squeers stürzte sich in den Haufen und erwischte im Augenblick einen winzigen Knaben, der noch im Hemdchen dastand, und dessen verwirrter Gesichtsausdruck, als er hervorgeholt wurde, anzudeuten schien, daß er noch ungewiß sei, ob er wohl für seine Vermutung belohnt oder bestraft werden würde. Er blieb jedoch nicht lange im Zweifel.

»Du meinst also, er sei weggelaufen, Bürschchen – he?« fragte Squeers.

»Ja, Sir«, antwortete der kleine Knabe.

»Und welchen Grund, Bürschlein –« sagte Squeers, indem er den kleinen Knaben plötzlich bei den Armen packte und dessen leichte Bekleidung gar gewandt in die Höhe streifte – »welchen Grund hast du für die Annahme, daß ein Knabe aus dieser Anstalt fortlaufen sollte? Nun, Bürschlein, rede!«

Das Kind erhob, statt der Antwort, ein Zetergeschrei, und Herr Squeers, der die günstigste Stellung für die gehörige Anwendung seiner Kräfte annahm, schlug so lange drauf los, bis ihm der arme Knabe in seinen Krümmungen förmlich aus der Hand kugelte, worauf ihm denn der Schulmeister allergnädigst gestattete, so weit wegzurollen, wie er konnte.

»So!« sagte Squeers. »Ist vielleicht noch einer unter euch der Meinung, Smike sei weggelaufen? Es wäre mir recht angenehm, ein Wörtchen mit ihm zu sprechen.«

Natürlich meldete sich niemand, und während des nun folgenden Schweigens legte Nicolaus seine Abscheu so offen, als er es durch Blicke tun konnte, an den Tag.

»Nun, Nickleby«, sagte Squeers mit einem boshaften Blicke nach dem Angeredeten; »vielleicht sind Sie der Meinung, daß er weggelaufen ist?«

»Es scheint mir äußerst wahrscheinlich«, versetzte Nicolaus in dem ruhigsten Tone.

»Ah, Sie halten’s also für höchst wahrscheinlich?« höhnte Squeers. »Vielleicht wissen Sie es sogar gewiß?«

»Ich weiß von nichts der Art.«

»Vermutlich sagte er Ihnen nicht, daß er gehen wollte – oder?« höhnte Squrers.

»Er sagte mir nichts«, entgegnete Nicolaus; »und ich freue mich dessen, da ich es sonst für meine Pflicht gehalten hätte, Sie beizeiten zu warnen.«

»Was Ihnen ohne Zweifel teufelmäßig schwer angekommen wäre«, spöttelte Squeers.

»Allerdings«, erwiderte Nicolaus; »Sie wissen meine Gefühle sehr gut zu deuten.«

Frau Squeers hatte diese Unterhaltung von dem untern Ende der Stiege aus mit angehört; aber nun ging ihr die Geduld aus, und hastig ihren Bettkittel umwerfend, eilte sie nach dem Schauplatze der Handlung.

»Was soll all das heißen?« begann die Dame, als die Knaben nach rechts und links auswichen, um ihr die Mühe zu ersparen, sich mit ihren sehnigen Armen einen Weg zu bahnen. »Um des Himmels willen, was hast du mit diesem da abzumachen, Squeerschen?«

»Ei, mein Schatz«, sagte Squeers, »der Umstand ist, daß man den Smike nirgends auffinden kann.«

»Wohl, ich weiß das«, versetzte die Dame, »aber wie kann man sich darüber wundern? Was ließ sich anders voraussehen, wenn man einen Haufen übermütiger Lehrgehilfen ins Haus nimmt, die die Hunde rebellisch machen? Junger Herr, Sie werden auf der Stelle die Güte haben, sich mit den Knaben in die Schulstube hinunterzupacken und sich dort nicht von der Stelle zu rühren, bis Sie Erlaubnis haben, oder ich und Sie könnten in einer Weise aneinander kommen, in der Ihre Schönheit etwas Not leiden dürfte, so viel Sie sich auch darauf einbilden mögen; das sage ich Ihnen.«

»Wirklich?« sagte Nicolaus lächelnd.

»Ja – wirklich, und noch einmal wirklich, Musje Maulaffe«, polterte die aufgeregte Dame fort; »und wenn es von mir abhinge, so würde ich einen solchen Wicht wie Sie keine Stunde mehr im Hause behalten.«

»Das sollten Sie auch nicht, wenn es von mir abhinge«, entgegnete Nicolaus. »Kommt, Kinder!«

»Ja, kommt, Kinder«, belferte Frau Squeers weiter, indem sie, so gut sie konnte, die Stimme und das Benehmen des Unterlehrers nachäffte. »Folgt eurem Führer und nehmt euch Smike zum Beispiel, wenn ihr das Herz habt. Aber seht zu, was er vor sich bringen wird, wenn er wieder hier ist, und denkt an das, was ich sage: es soll euch ebenso schlimm und zweimal so schlimm ergehen, wenn ihr nur das Maul über ihn auftut.«

»Wenn ich ihn erwische, so will ich nicht eher von ihm ablassen, als bis ich ihn lebendig geschunden habe – merkt’s euch, ihr Buben!«

»Wenn du ihn erwischst?« entgegnete Madame Squeers verächtlich. »Ist hieran auch nur zu zweifeln, wenn du den rechten Weg einschlägst? – Marsch, fort mit euch!«

Mit diesen Worten entließ Frau Squeers die Knaben, und nach einigen Püffen auf die letzten, die vorwärts drückten, um aus dem Bereich der Fäuste dieser liebenswürdigen Dame zu kommen, aber einige Augenblicke durch das Gedränge vorn aufgehalten wurden, gelang es ihr, das Zimmer zu reinigen, um nun mit ihrem Gatten allein das Nötige zu beraten.

»Er ist wirklich fort«, sagte Frau Squeers. »In den Ställen kann er nicht sein, da sie verschlossen sind, und ebensowenig ist er unten im Haus, denn das Mädchen hat alles durchsucht. Er muß York zugegangen sein, und zwar auf einer der Landstraßen.«

»Warum denn das?«

»Dummkopf!« entgegnete Frau Squeers verdrießlich. »Er hatte doch kein Geld bei sich?«

»Er hat meines Wissens in seinem ganzen Leben keinen Heller besessen«, entgegnete Squeers.

»Nun ja«, versetzte Frau Squeers; »und etwas zum Essen hat er auch nicht mitgenommen, dafür kann ich stehen. Ha! ha! ha!«

»Ha! ha! ha!« stimmte Herr Squeers ein.

»Er muß sich also natürlich durch Betteln fortbringen«, setzte Frau Squeers weiter auseinander, »und das kann er nirgends als an der Landstraße.«

»Das ist wahr«, rief Squeers, die Hände zusammenschlagend.

»Allerdings wahr, aber dir wäre es in deinem ganzen Leben nicht eingefallen, wenn ich’s nicht gesagt hätte«, bedeutete ihm seine Gattin. »Du nimmst jetzt deinen Einspänner und fährst den einen Weg, während ich Swallows Wagen borge und den andern einschlage. Wenn wir dann nur unsere Augen offen behalten und bei den Leuten Nachfrage anstellen, so muß er notwendig dir oder mir wieder in die Hände fallen.«

Der Plan der würdigen Dame fand Beifall und wurde ohne die mindeste Zögerung in Vollzug gesetzt.

Sie nahmen in aller Eile ein Frühstück zu sich, stellten im Dorfe einige Nachfragen an, deren Ergebnis anzudeuten schien, daß sie auf der rechten Spur wären, und nun brach Herr Squeers rachgierig mit seinem Einspänner auf. Bald nachher schlug Frau Squeers, mit ihrem weißen Kapuzenmantel aufgeputzt und in eine Menge von Halstüchern eingehüllt, in einem andern Wagen eine andere Richtung ein, indem sie zugleich einen tüchtigen Knüttel, einige feste Stricke und einen stämmigen Arbeiter mit sich nahm. Alle diese Vorkehrungen hatten den einzigen Zweck, bei der Habhaftwerdung des unglücklichen Smike Dienste zu leisten und denselben, sobald man ihn hätte, in sichere Verwahrung zu bringen.

Nicolaus blieb in einem Sturm von Gefühlen zurück; denn er wußte wohl, daß aus der Flucht des Knaben nur schmerzliche und bedauerliche Folgen hervorgehen konnten, mochte sie nun gelingen oder nicht. Tod aus Mangel an Nahrung und Obdach war noch das Beste, was einem so armen und hilflosen Geschöpf, das allein und freundlos durch eine ihm vollkommen unbekannte Gegend wanderte, auf einem längeren Marsche erwachsen mußte. Es war vielleicht eine schlechte Wahl zwischen diesem Schicksal und einer Rückkehr zu den Wohltaten der Yorkshirer Schule. Aber das unglückliche Wesen hatte sich so sehr sein Mitleid und seine Teilnahme gewonnen, daß Nicolaus das Herz blutete, wenn er der Leiden gedachte, die das Schicksal über den armen Smike verhängen mochte. Er malte sich in unablässiger Beängstigung tausend Möglichkeiten aus, bis am Abend des nächsten Tages Herr Squeers allein, und ohne seinen Zweck erreicht zu haben, zurückkehrte.

»Nichts Neues von dem Ausreißer?« fragte der Schulmeister, der augenscheinlich, seinem alten Grundsatz zufolge, während der Fahrt nicht selten seine Beine gestreckt hatte. »Nun, ich will mich dafür an irgend jemand trösten, Nickleby, wenn meine Frau ihn aufjagt; verlassen Sie sich darauf.«

»Es ist nicht in meiner Macht, Sie zu trösten, Sir«, versetzte Nicolaus. »Die Sache geht mich nichts an.«

»So?« entgegnete Herr Squeers in drohendem Tone. »Wir wollen sehen.«

»Sei’s drum«, erwiderte Nicolaus.

»Das Pferd hat sich aufgerieben, so daß ich mit einem Mietgaule heimkehren mußte – kostet fünfzehn Schillinge, außer den andern Ausgaben«, sagte Squeers. »Wer wird mich dafür entschädigen – he?

Nicolaus zuckte die Achseln und schwieg.

»Ich sage Ihnen, einer soll’s mir tun«, fuhr Squeers fort, indem er seine gewöhnliche rauhe und verschmitzte Weise mit dem Tone einer offenen Herausforderung vertauschte. »Nichts da mit Ihren greinenden Grillen, Musje Hasenfuß, sondern fort mit Ihnen nach Ihrem Loche, wo Sie schon lange sein sollten. Marsch, hinaus!«

Nicolaus biß sich in die Lippen und ballte unwillkürlich seine Fäuste, denn es prickelte ihn bis in die Fingerspitzen, diese Beleidigung zu rächen; aber er erinnerte sich, daß der Mann betrunken war und daß die Sache zu nichts als zu einem ärgerlichen Auftritt führen konnte, und so begnügte er sich, einen Blick der Verachtung auf den armseligen Tyrannen zu werfen, und ging stolzen Trittes die Stiegen hinauf, obgleich er nicht ohne Ärger bemerken mußte, daß Fräulein Squeers, der junge Squeers und das Dienstmädchen sich aus einer Ecke heraus über den Auftritt lustig machten. Die beiden erstern ergingen sich in manchen erbaulichen Bemerkungen über den Dünkel armer Emporkömmlinge und begleiteten diese mit einem schallenden Gelächter, worin sogar das armseligste aller armseligen Dienstmädchen mit einstimmte, wahrend Nicolaus, bis aufs Innerste verletzt, das bischen Bettzeug, das er hatte, über den Kopf zog und den festen Entschluß faßte, die zwischen ihm und Herrn Squeers aufgelaufene Rechnung um ein ziemliches früher auszugleichen, als der letztere wohl ahnen mochte.

Nicolaus war am nächsten Morgen kaum erwacht, als er einen Wagen auf das Haus zurasseln hörte. Sie machte halt. Man vernahm die Stimme der Frau Squeers, die mit einem Frohlocken, das allein schon hinreichend andeutete, daß irgend etwas Außerordentliches vorgefallen war, ein Glas Branntwein für irgend jemand verlangte. Nicolaus getraute sich kaum, zu dem Fenster hinauszusehen; aber er tat es endlich doch, und der erste Gegenstand, der seinen Augen begegnete, war der unglückliche Smike, aber so durchnäßt und beschmutzt, so abgemagert und verwildert, daß man wohl seine Identität hätte bezweifeln können, wenn sie nicht durch seine Kleider, die von einer Art waren, wie man sie nicht einmal an einer Vogelscheuche sieht, zur Genüge wäre dargetan worden.

»Heraus mit ihm!« rief Squeers, nachdem er seine Augen schwelgend auf dem Schuldigen hatte haften lassen. »Bringt ihn herein, bringt ihn herein!«

»Sich dich vor«, sagte Frau Squeers, als ihr Gatte seinen Beistand anbot; »wir haben seine Beine in dem Korbe festgebunden, damit er uns nicht wieder entkomme.«

Mit vor Entzücken zitternden Händen löste Squeers den Knoten des Strickes, und Smike, der mehr tot als lebendig war, wurde, nachdem man ihn ins Haus gebracht hatte, zur sichern Verwahrung in einen Keller gesteckt, um seinerzeit wieder hervorgezogen zu werden, wenn es Herrn Squeers geeignet scheinen sollte, die Operation in Gegenwart der ganzen Schule an ihm vorzunehmen.

Bei einer flüchtigen Erwägung der Umstände dürfte es vielleicht überraschen, daß Herr und Frau Squeers sich so viele Mühe gaben, um wieder in den Besitz einer Last zu kommen, über die sie sich so laut zu beklagen gewöhnt waren. Man wird sich jedoch nicht mehr wundern, wenn man weiß, daß die mannigfachen Dienste des Haussklaven, wenn sie von jemand anders verrichtet werden mußten, der Anstalt doch auch zehn oder zwölf Schillinge Wochenlohn kosteten; und zudem forderte es die Politik von Dotheboys Hall, daß an allen Ausreißern stets ein strenges Exempel statuiert wurde, sintemalen die Reize der Anstalt zu wenig Anziehungskraft besaßen, um einen Zögling, der mit der gewöhnlichen Anzahl von Beinen und mit der Macht, sie zu gebrauchen, versehen war, anders als durch den mächtigen Hebel der Furcht zurückzuhalten.

Die Neuigkeit, daß Smike wieder aufgegriffen und im Triumph zurückgebracht worden wäre, verbreitete sich wie ein Lauffeuer unter den ausgehungerten Zöglingen der Anstalt, und alles war den ganzen Morgen über in der gespanntesten Erwartung. Diese sollte jedoch erst am Nachmittag befriedigt werden; denn Squeers erschien, nachdem er sich durch sein Mittagessen erfrischt und noch überdies durch einen Extratrunk gehörig gekräftigt hatte, von seiner liebenswürdigen Ehehälfte begleitet, mit gar bedeutsamem Gesicht und einem schrecklichen Geißlungsinstrumente, stark, biegsam, unten gewichst und nagelneu – mit einem Wort, erst am Morgen für den gegenwärtigen Fall angekauft.

»Sind alle Knaben hier?« fragte Squeers mit einer Donnerstimme.

Es waren alle hier, aber keiner hatte den Mut zu sprechen. Squeers ließ daher seinen Blick an den Reihen hinuntergleiten, und wo dieser hinfiel, senkten sich die Augen oder duckten sich die Köpfe.

»Jeder bleibe an seinem Platz«, sagte Squeers, mit dem Stock auf das Pult schlagend, indem er zugleich mit düsterem Wohlbehagen das allgemeine Auffahren betrachtete, das gewöhnlich dieser seiner Lieblingsostentation folgte. »Nickleby, an Ihr Pult!«

Mehr als einer der kleinen Zuschauer hatte bemerkt, daß ein sehr seltsamer und ungewöhnlicher Ausdruck auf dem Gesicht des Unterlehrers lag, obgleich er, ohne die Lippen zu einer Antwort zu öffnen, seinen Sitz einnahm. Squeers warf einen Blick des Triumphs auf seinen Gehilfen und einen des unumschränktesten Despotismus auf die Knaben, verließ das Zimmer und kam bald darauf mit Smike wieder zurück, den er am Rockkragen oder vielmehr an jenem Jackenüberreste hereinzerrte, der der Stelle am nächsten war, wo der Kragen hätte sitzen müssen, wenn sich die Brustbekleidung des Knaben einer solchen Zierde hätte rühmen können.

An jedem andern Orte würde die Erscheinung des elenden, abgehetzten und mutlosen Delinquenten ein Gemurmel des Mitleids und der Einsprache veranlaßt haben. In der Tat übte sie auch selbst hier einige Wirkung; denn die Zuschauer bewegten sich unruhig auf ihren Sitzen, und einige der kühnsten wagten es sogar, sich gegenseitig verstohlene Blicke der Entrüstung und des Mitleids zuzuwerfen.

So etwas war jedoch bei Squeers verloren, der sein Auge fest auf den unglücklichen Smike heftete und diesen nach der in solchen Fällen hergebrachten Gewohnheit fragte, ob er etwas zu seinen Gunsten vorzubringen hätte.

»Du wirst wohl nichts wissen?« schloß Squeers mit einem teuflischen Grinsen.

Smike blickte umher, und sein Auge ruhte einen Moment auf Nicolaus, als erwarte er von ihm eine Einmischung; aber dieser hatte seinen Blick fest auf das Pult geheftet.

»Hast du noch etwas zu sagen?« fragte Squeers abermals und schwang dabei seinen rechten Arm zwei- oder dreimal durch die Luft, als wolle er dessen Gewandtheit und Kraft prüfen. »Tritt ein wenig beiseite, liebe Frau, denn ich werde Raum genug brauchen.«

»Ach, haben Sie Barmherzigkeit mit mir, Sir«, rief Smike.

»Ah, ist das alles?« sagte Squeers. »Ja, ich will Barmherzigkeit mit dir haben und dich peitschen, bis dir das Herz stille steht und ich den Arm nicht mehr rühren kann.«

»Ha! ha! ha!« lachte Frau Squeers. »Das ist gut – das ist gut.«

»Man hat mich mit Gewalt so weit gebracht«, entgegnete Smike mit schwacher Stimme, indem er abermals einen flehenden Blick um sich warf.

»So, du wurdest mit Gewalt dazu getrieben?« erwiderte Squecrs. »Ah, es war also nicht deine Schuld, sondern vermutlich die meinige?«

»Du unstetiger, undankbarer, schweinsköpfiger, viehischer, störrischer, kriechender Hund«, rief Madame Squeers, indem sie Smikes Kopf unter ihren Arm nahm und ihm bei jedem Beiworte einen Rippenstoß versetzte; »was willst du damit sagen?«

»Tritt ein wenig auf die Seite, meine Liebe«, sagte Squeers. »Wir wollen sehen, ob wir’s herauskriegen.«

Frau Squeers, die durch ihre Anstrengungen bereits atemlos geworden war, willfahrte. Herr Squeers packte den Jungen fest. Ein Hieb aus Leibeskräften fiel auf den Körper des armen Jungen nieder, der sich unter dem Streiche krümmte und vor Schmerz winselte. Es wurde noch einmal ausgeholt, und abermals sollte ein Schlag fallen, als Nicolaus Nickleby plötzlich aufsprang und mit einer Stimme, daß die Decke dröhnte, ›halt!‹ schrie.

»Wer rief ›halt‹?« tobte Squeers mit einem wilden Blick rückwärts.

»Ich«, sagte Nicolaus, vorwärtstretend. »So darf nicht fortgefahren werden!«

»Darf nicht fortgefahren werden?« kreischte Squeers.

»Nein!« donnerte Nicolaus.

Erstarrt ob der Verwegenheit dieser Einrede, ließ Squeers Smike fahren, trat ein paar Schritte zurück und sah Nicolaus mit in der Tat fürchterlichen Blicken an.

»Ich sage, es darf nicht!« wiederholte Nicolaus, ohne sich einschüchtern zu lassen, – »und soll nicht! Ich dulde es nicht.«

Squeers fuhr fort, ihn mit Augen, die fast aus ihren Höhlen sprangen, anzustieren, denn das Erstaunen hatte ihn wirklich für den Augenblick der Sprache beraubt.

»Sie haben mein ruhiges Fürwort für den Jungen nicht beachtet«, sagte Nicolaus, »und auch den Brief keiner Antwort gewürdigt, in dem ich für ihn um Verzeihung bat und meine Bürgschaft anbot, daß er ruhig hierbleiben würde. Sie können mir daher dieses öffentliche Einschreiten nicht zum Vorwurf machen, da Sie es nur sich selbst, nicht mir zuzuschreiben haben.«

»Geh an deinen Platz, armseliger Bettelbube«, schrie Squeers, fast außer sich vor Wut, indem er abermals nach Smike griff.

»Elender«, entgegnete Nicolaus heftig; »wenn Sie ihn anrühren, so geschieht es auf Ihre eigene Gefahr. Ich werde nicht untätig zusehen. Mein Blut kocht, und ich habe die Kraft von zehn solchen Menschen, wie Sie. Nehmen Sie sich in acht, denn bei Gott, ich werde Sie nicht schonen, wenn Sie mich aufs äußerste treiben.«

»Zurück!« schrie Squeers, mit seiner Waffe ausholend.

»Ich habe eine lange Reihe von Beleidigungen zu rächen«, erwiderte Nicolaus zornrot, »und meine Erbitterung wird noch erhöht durch die feige Grausamkeit, die man in dieser scheußlichen Höhle an hilflosen Kindern verübt. Sehen Sie sich vor; denn wenn Sie den Teufel in mir wecken, so werden die Folgen davon schwer auf Ihr eigenes Haupt fallen.«

Er hatte kaum ausgesprochen, als Squeers in einem heftigen Wutausbruch und mit einem Schrei, ähnlich dem Geheul einer wilden Bestie, den Hilfslehrer anspie und ihm mit seinem Peinigungsinstrumente einen Schlag über das Gesicht versetzte, der, wo er hinfiel, eine rote Wulst zurückließ. In diesem Augenblick drängten sich alle Gefühle von Wut und Verachtung in Nicolaus‘ Seele zusammen; er sprang auf, entriß die Waffe Squeers‘ Händen, packte den Schurken an der Kehle und zerbläute ihn, bis er um Gnade brüllte.

Die Knaben – mit Ausnahme des jungen Squeers, der seinem Vater zu Hilfe kam und den Feind im Nacken angriff – rührten weder Hand noch Fuß. Aber Madame Squeers hängte sich unter fortwährendem Schreien nach Hilfe an den Rockschoß ihres Gemahls und mühte sich, ihn den Händen seines wütenden Gegners zu entreißen, während Fräulein Squeers, die in der Erwartung einer ganz anderen Szene durch das Schlüsselloch gelauscht hatte, gerade im Augenblick des beginnenden Angriffs hereinstürzte und, nachdem sie dem Unterlehrer eine Menge Tintenfässer an den Kopf geworfen hatte, nach Herzenslust von hinten auf ihn losschlug, indem sie sich zu jedem Streiche durch die Erinnerung an die Verschmähung ihrer Liebe ermutigte, und so einem Arme, der (da sie in dieser Beziehung ihrer Mutter nachartete) ohnehin nicht der schwächste war, noch mehr Kraft verlieh.

Nicolaus empfand jedoch in dem vollen Strome seiner Leidenschaft die Schläge nicht stärker, als ob sie mit Federn ausgeteilt würden. Endlich aber wurde er des Lärmens und des Aufruhr müde, und da noch außerdem sein Arm erlahmte, so vereinigte er alle ihm noch zu Gebote stehenden Kräfte zu einem halben Dutzend Schlußhieben und schleuderte Squeers mit aller Gewalt von sich. Die Macht des Stoßes riß auch Madame Squeers mit sich fort und stürzte sie gegen eine im Weg liegende Bank, gegen die Herr Squeers im Fallen so kräftig anstieß, daß er der ganzen Länge nach betäubt und regungslos auf dem Boden lag.

Als Nicolaus das Werk in dieser Weise glücklich zu Ende gebracht und sich zu seiner völligen Beruhigung überzeugt hatte, daß Squeers nicht tot – über welchen Punkt er im Anfang einige unbehagliche Zweifel empfand –, sondern nur betäubt war, überließ er dessen Wiederherstellung seiner Familie und entfernte sich, um zu überlegen, welcher Weg jetzt wohl der geeignetste für ihn sein dürfte. Er sah sich, als er das Zimmer verließ, ängstlich nach Smike um, aber er konnte ihn nirgends entdecken.

Nach einer kurzen Überlegung packte er seine wenigen Kleider in ein kleines ledernes Felleisen, ging, da sich niemand seinem Abzuge in den Weg stellte, kühn durch die vordere Tür und bog bald nachher in den Weg ein, der nach Greta Bridge führte.

Als er hinreichend abgekühlt war, um über seine dermaligen Verhältnisse ein wenig nachzudenken, erschienen sie ihm freilich nicht in einem sehr ermutigenden Lichte, denn er hatte nur vier Schillinge und einige Pence in der Tasche und war etwas mehr als zweihundertundfünfzig Meilen von London entfernt, wohin er zuvorderst seine Schritte zu lenken willens war, um sich unter anderem auch zu erkundigen, wie Herr Squeers wohl die Vorgänge dieses Tages seinem liebevollen Onkel vortragen würde.

Diese Betrachtungen führten leider zu dem traurigen Schlusse, daß es bei der dermaligen unglücklichen Sachlage keine Hilfsquelle für ihn gebe; und als er da zufällig seine Augen aufrichtete, sah er auf einmal einen Mann auf sich zureiten, in dem er beim Näherkommen zu seinem großen Verdruß niemand anderen als Herrn Johann Browdie erkannte, der in lederbesetzten Beinkleidern auf seinem Tier saß und dasselbe mittelst eines starken Stockes, den er kurz zuvor von irgendeiner jungen stämmigen Esche abgeschnitten zu haben schien, vorwärtstrieb.

»Es gelüstet mich nicht nach weiterem Lärmen und Zank«, dachte Nicolaus, »und doch wird mir, ich mag es machen, wie ich will, wahrscheinlich noch ein Wortwechsel mit diesem ehrlichen Dummkopf, vielleicht auch der eine oder der andere Streich von jenem Stock blühen.«

Wirklich schien auch einiger Grund vorhanden zu sein, von dieser Begegnung einen solchen Ausgang zu erwarten; denn Johann Browdie hatte kaum Nicolaus des Weges herziehen sehen, als er sein Pferd auf den Fußweg trieb und so lange harrte, bis jener herankam, wobei er unablässig zwischen den Ohren seines Pferdes hindurch nach Nicolaus sah, der gemächlich einherschritt.

»Gehorsamer Diener, junger Herr«, sagte Johann.

»Gleichfalls«, entgegnete Nicolaus.

»Nun, wir haben uns endlich getroffen«, bemerkte Johann, indem er mit seinem Eschenstock an den Steigbügel schlug, daß dieser erklirrte.

»Ja«, versetzte Nicolaus stockend. »Doch –« fuhr er nach einer augenblicklichen Pause freimütig fort – »wir sind, als wir uns das letzte Mal sahen, nicht unter den freundlichsten Verhältnissen voneinander geschieden. Es war, glaube ich, meine Schuld, aber ich hatte nicht die Absicht, Sie zu beleidigen, und ließ mir’s auch nicht träumen, daß Sie sich beleidigt fühlen könnten. Es hat mir nachher sehr leid getan. Wollen wir gegenseitig die Sache vergleichen und uns die Hand zur Versöhnung reichen?«

»Die Hand zur Versöhnung reichen?« rief der gutmütige Yorkshirer; »nun denn, da bin ich auch dabei.« Er beugte sich sofort vom Sattel nieder und drückte Nicolaus‘ Hand kräftig. »Aber was hast du in deinem Gesicht, Mensch? Es sieht ja aus wie zerbläut!«

»Es ist ein Schlag«, entgegnete Nicolaus hocherrötend; »aber ein Schlag, den ich dem Geber mit reichlichen Zinsen wieder zurückerstattete.«

»Ach was, das haben Sie getan?« rief Johann Browdie. »Recht so. Sie gefallen mir darum.«

»Ich wurde nämlich mißhandelt«, entgegnete Nicolaus, der nicht recht wußte, wie er sein Zugeständnis einleiten sollte.

»O je!« fiel Johann Browdie in einem Ton des Mitleids ein, denn er war ein Riese an Kraft und Gestalt, und Nicolaus mochte in seinen Augen wohl nur wie ein Zwerg erscheinen; »sagen Sie mir das nicht.«

»Es ist leider so«, erwiderte Nicolaus, »und zwar von jenem schuftigen Squeers; ich habe ihn aber gesund abgedroschen und darauf sein Haus verlassen.«

»Was!« schrie Johann Browdie in einer solchen Wonne, daß sein Pferd darüber scheute; »den Schulmeister abgedroschen! Wer hat je etwas der Art gehört? Gib mir noch einmal deine Hand, Kamerad! Den Schulmeister abgedroschen! Zum heiligen Donnerwetter, ich möchte dich darum küssen.«

Unter diesen Ausbrüchen des Entzückens lachte Johann Browdie wiederholt so laut, daß das Echo weit und breit nur die jovialen Töne der Heiterkeit zurückgab, wobei der Kornhändler die Hand des Hilfslehrers mit der größten Herzlichkeit drückte. Als sich seine Lachlust gelegt hatte, fragte er Nicolaus, was er jetzt zu tun gedächte, schüttelte jedoch auf die Mitteilung, daß er schnurstrack nach London wolle, bedenklich den Kopf und meinte, er werde wohl nicht wissen, wie viel die Eilwagen für eine so weite Fahrt verlangten.

»Ich weiß es allerdings nicht«, versetzte Nicolaus; »es kommt aber auch nicht sonderlich in Betracht, da ich im Sinn habe, meine Reise zu Fuß zu machen.«

»Eine Reise nach London zu Fuß?« rief der Kornhändler verwundert.

»Jeden Schritt des Wegs«, entgegnete Nicolau«. »Ich hätte aber, statt hier zu stehen, schon eine schöne Strecke hinter mich bringen können; und somit Gott befohlen!«

»Nicht doch«, erwiderte der ehrliche Landmann, sein ungeduldiges Pferd zügelnd; »halt noch ein wenig, sag‘ ich. Wieviel Geld hast du in deiner Tasche?«

»Nicht viel«, antwortete Nicolaus errötend! »aber ich muß es eben zu strecken suchen. Kräftiger Wille kann viel ausrichten.«

Johann Browdie machte nicht viel Worte, sondern steckte die Hand in seine Tasche, zog einen alten, abgenutzten, ledernen Geldbeutel hervor und bestand darauf, daß Nicolaus so viel von ihm borgen müsse, als er zu seinem gegenwärtigen Bedürfnis für nötig erachte.

»Brauchst dich nicht zu schämen, Mann«, sagte er. »Nimm so viel, als du zum Heimkommen nötig hast. Ich habe keine Sorge; du wirst’s mir schon einmal wieder bezahlen.«

Nicolaus ließ sich jedoch durchaus nicht bewegen, mehr als eine Guinee anzunehmen, mit welchem Anlehen Herr Browdie sich nach vielem Drängen, daß er besser zugreifen solle, begnügen mußte, obgleich er seinem Freunde, nicht ohne einen Anflug von Yorkshirer Bedachtsamkeit, vorgestellt hatte, daß er das, was er nicht ausgebe, ja aufbewahren könne, bis sich eine Gelegenheit finde, es ohne Porto zurückzusenden.

»Nimm auch diesen Stecken mit, daß er dir auf deinem Wege forthelfe, Kamerad«, fügte er hinzu, indem er seinen Eschenstock Nicolaus hinreichte und ihm noch einmal die Hand drückte. »Bewahre dir einen guten Mut, und Gott sei dein Geleitsmann. Den Schulmeister geprügelt! Bei Gott, das ist das Beste, was ich in zwanzig Jahren gehört habe.«

Nach diesen Worten brach Johann Browdie mit mehr Zartgefühl, als man von ihm erwartet hätte, aufs neue in ein lautes Gelächter aus, um nicht auf Nicolaus‘ Dankergießungen achten zu müssen; dann gab er seinem Pferde die Sporen und ritt in scharfem Trab davon, indem er sich noch hin und wieder nach Nicolaus umsah und ihm freudig mit der Hand zuwinkte, als wolle er ihm zu seiner Reise Mut zusprechen, während dieser stehen blieb und seinem Wohltäter nachblickte, bis Roß und Reiter hinter dem Kamm eines fernen Hügels verschwunden waren; dann setzte er seinen Weg fort.

Er kam an diesem Abend nicht mehr weit; denn es war inzwischen dunkel geworden, und da es stark geschneit hatte, so war der Weg nicht nur sehr mühsam, sondern auch in der Nacht für jemanden, der die Gegend nicht genau kannte, unsicher und schwer aufzufinden. Er blieb in einer Hütte über Nacht, wo für Wanderer der geringeren Klassen Betten zu wohlfeilem Preise zu haben waren, stand am andern Morgen zeitig auf und kam noch vor Einbruch der Nacht nach Boroughbridge. Als er durch diese Stadt ging, um irgendein wohlfeiles Nachtlager aufzufinden, traf er ein paar hundert Ellen von der Straße seitwärts eine leere Scheune, in der er sich eine warme Decke aussuchte, seine müden Glieder ausstreckte und bald in einen gesunden Schlaf verfiel.

Als er des andern Morgens erwachte und seine Träume, die alle mit seinem kürzlichen Aufenthalt zu Dotheboys Hall in Verbindung standen, ins Gedächtnis zurückzurufen versuchte, setzte er sich auf, rieb die Augen und starrte – wahrscheinlich nicht in der größten Fassung – auf irgendeinen unbeweglichen Gegenstand, der einige Ellen vor ihm zu stehen schien.

»Sonderbar!« rief Nicolaus. »Sollte das noch unter die Traumgebilde gehören, die mich eben verlassen haben? Es kann nicht wirklich sein – und doch – ich bin wach – Smike?«

Die Gestalt bewegte sich, stand auf, trat näher und ließ sich bei seinen Außen auf die Knie nieder. Es war wirklich Smike.

»Warum kniest du vor mir?« sagte Nicolaus, ihn hastig aufhebend.

»Damit Sie mir erlauben, mit Ihnen zu gehen, – überall hin – bis an der Welt Ende – bis ins Grab«, versetzte Smike, seine Hand umfassend. »O gestatten Sie mir’s! Sie sind meine Heimat – mein einziger Freund – nehmen Sie mich mit sich, ich bitte.«

»Aber dieser Freund kann wenig für dich tun«, sagte Nicolaus sanft. »Wie kommst du hierher?«

Der arme Bursche hatte, wie es schien, Nicolaus‘ Spur verfolgt, ihn auf dem ganzen Wege nie aus dem Gesicht verloren, und stets auf ihn acht gegeben, wenn er schlief oder eine Erfrischung einnahm, aber immer sich gescheut, vor ihm zu erscheinen, damit er nicht wieder zurückgeschickt werden möchte. Es war auch nicht seine Absicht, schon jetzt hervorzutreten, aber Nicolaus war früher erwacht, als er vermutet hatte, und so hatte er keine Zeit mehr gehabt, sich zu verbergen.

»Armer Junge«, sagte Nicolaus; »dein hartes Geschick versagt dir Freunde, bis auf einen einzigen, und dieser ist beinahe so arm und hilflos wie du selbst.«

»Darf ich – darf ich mit Ihnen gehen«, sagte Smike schüchtern. »Ich will keine Mühe scheuen und Ihr treuer Diener sein. Ich brauche keine Kleider«, fügte das arme Geschöpf bei, indem es seine Lumpen zusammenzog, »da ich mit diesen gut ausreiche. Es fehlt mir daher nichts, als in Ihrer Nähe zu sein.«

»Und das sollst du!« rief Nicolaus. »Wir wollen unser Geschick teilen, bis einer von uns diese Welt mit einer bessern vertauscht. So komm denn!«

Mit diesen Worten warf er sein Ränzel auf den Rücken, nahm seinen Stock in die eine Hand, reichte die andere dem entzückten Smike, und so verließen beide miteinander die Scheune.

Vierzehntes Kapitel.


Vierzehntes Kapitel.

Hat das Unglück, nur von gewöhnlichen Leuten zu handeln, und ist daher notwendigerweise gleichfalls von niedrigem und gewöhnlichem Charakter.

In dem Teil von London, wo Golden Square liegt, gibt es eine alte verfallene Straße mit zwei unregelmäßigen Reihen hoher, schmaler Häuser, die sich gegenseitig so lange angestarrt zu haben scheinen, daß sie schon seit Jahren ganz außer Fassung sind. Selbst die Schornsteine sind düster und melancholisch geworden, da sie nichts Besseres anzusehen haben als die Schornsteine über der Straße. Sie sind brüchig, zerrissen und von Rauch geschwärzt, und hin und wieder scheint ein über die anderen hervorragender Kamin, der sich schwerfällig auf die eine Seite neigt und schon halb über das Dach herabgestürzt ist, für die Vernachlässigung eines halben Jahrhunderts durch Zerschmetterung der in tiefer liegenden Dachstübchen wohnenden Leute Rache nehmen zu wollen.

Das Geflügel, das in den Gossen herumpickt und in der trübseligen Londoner Manier, die ein Hahn oder eine Henne vom Dorfe nur verblüfft mit ansehen könnte, umherhüpft, steht in vollkommenem Einklang mit den baufälligen Wohnungen seiner Eigentümer. Schmutzig, halb entfiedert und schläfrig wird es, wie viele Kinder in der Nachbarschaft, auf die Straßen hinausgeschickt, um selbst seinen Lebensunterhalt zu suchen; und so hüpfen denn die armen Tiere von Stein zu Stein, um irgend etwas Freßbares aus dem Kot herauszusuchen, was sie jedoch so ärmlich nährt, daß die Hähne nicht einmal zu krähen vermögen. Der einzige, der noch etwas hat, was einer Stimme ähnelt, ist ein alter Hahn in dem Hause eines Bäckers, und selbst der ist infolge der schlechten Kost bei seinem früheren Herrn heiser geworden.

Dem Umfang der Häuser nach zu schließen, müssen sie ehedem reichere Besitzer als ihre gegenwärtigen gehabt haben. Jetzt aber werden die Stockwerke oder einzelnen Zimmer wochenweise vermietet, und jede Haustür hat fast so viele Namentäfelchen oder Klingelgriffe, wie sich Gemächer im Innern befinden. Die Fenster bieten aus demselben Grunde einen hinreichend wechselnden Anblick dar, da sie mit jeder denkbaren Art von Fensterschirmen und Vorhängen geziert sind, während jede Hausflur verbarrikadiert und gleichsam unwegsam gemacht wird durch bunte Haufen von Kindern und von Porterkrügen von jeder Größe; denn man trifft hier den Säugling auf dem Arm und das Halblotkännchen, bis zu dem erwachsenen Mädchen und dem halben Gallonenkrug.

An der Tür eines dieser Häuser, das vielleicht schmutziger als irgendeines seiner Nachbarn war, auch mehr Klingelgriffe, Kinder und Porterkrüge zeigte, und den Qualm eines dicken Rauches, der Tag und Nacht aus einer großen, nebenanliegenden Brauerei aufstieg, von der ersten Hand hatte, klebte ein Zettel mit der Anzeige, daß in seinen Mauern noch ein Zimmer zu vergeben sei, obgleich es die Macht des besten Rechnungsschülers überstiegen haben würde, den Stock, in dem sich das zu vermietende Zimmer befand, auszumitteln, wenn er die äußeren Merkmale der vielen Bewohner ins Auge faßte, die die ganze Front des Hauses, von der Wäschemangel an dem Küchenfenster an bis zu den Blumentöpfen der Dachstube hinauf in Rechnung stellte.

Vor der gemeinschaftlichen Treppe dieses Hause lag keine Strohmatte. Wenn aber ein Neugieriger bis zum Giebel hinaufklomm, so konnte er bemerken, daß es, je höher er hinaufkam, nicht an Merkmalen der zunehmenden Armut fehlte, obgleich die Zimmer der Bewohner verschlossen waren. So hatten die im ersten Stock, die mit Möbeln reichlich versehen waren, einen alten Mahagonitisch – von wirklichem Mahagoni – im Pesel stehen, der nur in das Zimmer durfte, wenn es die Gelegenheit erforderte. Im zweiten Stock sank das überflüssige Hausgerät auf ein paar alte tannene Stühle herab, von denen der eine zu einem Hintergemach gehörte, eines Beines und der Lehne beraubt war. Der dritte Stock konnte sich keines weiteren entbehrlichen Möbels rühmen als eines wurmstichigen Waschzubers; und die Flur des Gelasses unter dem Dache zeigte keine kostbareren Gegenstände als zwei beschädigte Wasserkrüge und einige zerbrochene Wichseschachteln.

In diesem Dachgemach bückte sich ein ältlicher, schäbig gekleideter Mann mit harten Zügen und breitem Gesicht, um die Tür des nach vorn hinausgehenden Stübchens zu öffnen, in das er mit der Miene des gesetzlichen Eigentümers eintrat, nachdem er mit dem Geschäft, einen verrosteten Schlüssel in dem noch mehr verrosteten Schlosse umzudrehen, zustande gekommen war.

Der Mann trug eine Perücke mit kurzen, groben, roten Haaren, die er mit seinem Hut zugleich abnahm und an einen Nagel hängte. Nachdem er diese Kopfbedeckung durch eine schmutzige baumwollene Nachtmütze ersetzt und im Dunkeln nach einem Lichtstümpfchen umhergetappt hatte, klopfte er an die Wand, die die beiden Dachstuben trennte, und fragte mit lauter Stimme, ob Herr Noggs Licht hätte.

Die zurückkommenden Töne waren zwar durch die mit Mörtel beworfene hölzerne Wand gedämpft, es schien übrigens noch außerdem, als ob sie aus dem Innern eines Kruges oder eines andern Trinkgefäßes kamen. Jedenfalls war es aber Newmans Stimme und die Antwort eine bejahende.

»Eine garstige Nacht, Herr Noggs«, sagte der Mann in der Nachtmütze, als er in das Gemach des anderen trat, um sein Licht anzuzünden.

»Regnet es?« fragte Newman.

»Ob es regnet?« versetzte der erstere verdrossen. »Ich bin bis auf die Haut durchnäßt.«

»Es braucht nicht viel, uns beide bis auf die Haut zu durchnässen, Herr Crowl«, sagt Newman, indem er seine Hand auf den Ärmel seines fadenscheinigen Rocks legte.

»Um so ärgerlicher«, sagte Herr Crowl in demselben verdrossenen Tone.

Der Mann, dessen rauhe Züge die eingefleischteste Selbstsucht ausdrückten, brummte noch eine Weile, sich beschwerend, fort, bedeckte das spärliche Feuer so mit Brennmaterial, daß es fast erstickte, trank das Glas, das ihm Noggs hingeschoben hatte, aus und fragte, wo Newman seine Kohlen hätte.

Newman Noggs zeigte nach dem untersten Fach eines Schrankes, worauf Herr Crowl die Schaufel ergriff und die Hälfte des Vorrats in den Kamin warf, den Noggs jedoch, ohne ein Wort zu sagen, gar bedächtig wieder zurückholte.

»Ich hoffe nicht, daß Sie heute anfangen wollen zu sparen?« sagte Crowl.

Newman zeigte auf das leere Glas, als ob dies hinreiche, eine solche Beschuldigung zurückzuweisen, und sagte kurz, daß er zum Nachtessen hinuntergehe.

»Zu den Kenwigsen?« fragte Crowl.

Newman nickte bejahend.

»Sieh doch einer an!« fuhr Crowl fort. »Wenn ich nicht gedacht hätte. Sie gingen gewiß nicht hin, weil Sie sich so ausgesprochen haben, so hätte ich zu Kenwigs nicht gesagt, ich könne nicht kommen, wie ich mir dann auch nicht vorgenommen hätte, diesen Abend bei Ihnen zuzubringen.«

»Man bestand ausdrücklich darauf, daß ich kommen solle, und so mußte ich zusagen«, entgegnete Newman.

»Gut, aber was soll aus mir werden?« wendete der Ehrenmann ein, der nie an etwas anderes als an sich selbst dachte. »Sie sind völlig schuld daran. Doch ich will Ihnen was sagen – ich bleibe bei Ihrem Feuer sitzen, bis Sie wiederkommen.«

Newman warf einen verzweifelten Blick auf seinen kleinen Vorrat von Brennmaterial; da er aber nicht den Mut hatte, nein zu sagen – ein Wort, das er sein ganzes Leben über weder gegen sich selbst noch gegen jemanden anders zur rechten Zeit gebrauchen konnte – so ließ er sich den Vorschlag gefallen, und Herr Crowl schickte sich sogleich an, sich von Newman Noggs‘ Mitteln so gütlich zu tun, wie es die Umstände gestatteten.

Die Hausbewohner, die Crowl mit dem Ausdruck »die Kenwigsen« bezeichnet hatte, waren die Gattin und die hoffnungsvollen Sprößlinge eines Elfenbeindrechslers, namens Kenwigs, der in dem Hause als ein Mann von einiger Bedeutung betrachtet wurde, da er die ganze erste Etage, die aus zwei Zimmern bestand, innehatte. Außerdem spielte Madame Kenwigs ganz die Dame, da sie aus einer achtbaren Familie stammte und einen Wassersteuereinnehmer zum Onkel hatte. Die zwei ältesten ihrer Mädchen erhielten zweimal wöchentlich in der Nachbarschaft Tanzunterricht, hatten ihr Flachshaar mit blauen Bändern in üppige Zöpfe geflochten, die über ihren Rücken hinunterfielen, und trugen kleine weiße Beinkleider mit Krausen um die Knöchel – lauter Dinge, die nebst zahllosen anderen, gleich wichtigen, einen hinreichenden Grund abgaben, Madame Kenwigs zu einer sehr wünschenswerten Bekanntschaft und zum beharrlichen Thema der Klatschbasen in der Straße – und vielleicht auch noch ein wenig um die Ecke hinum – zu machen.

Es war die Jahresfeier des glücklichen Tages, an dem die englische Kirche zwischen Herrn und Frau Kenwigs das Band der heiligen Ehe knüpfte, und Frau Kenwigs hatte in dankbarer Erinnerung an diese denkwürdige Periode ihres Lebens einige auserlesene Freunde auf eine Kartenpartie und ein Nachtessen in den ersten Stock eingeladen. Sie trug zum Zweck des Empfangs ein neues flammenfarbiges Kleid mit sehr jugendlichem Zuschnitt, was eine so günstige Wirkung hervorbrachte, daß Herr Kenwigs erklärte, die acht Jahre seiner Ehe und die fünf Kinder wären ihm nur wie ein Traum und Frau Kenwigs käme ihm jünger und blühender vor, als an dem Sonntag, da er sie zum erstenmal gesehen hätte.

Frau Kenwigs sah in ihrem Putz wirklich so schön und stattlich aus, daß man hätte vermuten können, es stünde ihr wenigstens eine Köchin und eine Dienstmagd zu Gebot, und sie hätte nichts weiter zu tun, als diesen zu befehlen. Demungeachtet aber hatte sie mit ihren Vorbereitungen unsägliche Mühe gehabt – mehr sogar, als sie um ihrer zarten Konstitution willen durchzumachen imstande gewesen wäre, wenn sie nicht der Stolz, sich in dem Glanze ihrer Wirtlichkeit zu zeigen, aufrecht gehalten hätte. Endlich war jedoch alles, was herbeigeschafft werden sollte, beisammen, das, was stören konnte, aus dem Wege und alles in gehöriger Ordnung. Auch hatte der Wassersteuereinnehmer versprochen, an dem Festmahl teilzunehmen, und so ließ sich für das Glück des Abends nichts mehr wünschen.

Die Gesellschaft war zum Bewundern gewählt. Zuerst Herr Kenwigs und Frau Kenwigs nebst vier Kenwigsschen Sprößlingen, die zum Abendessen aufbleiben durften, einmal, weil es nicht mehr als billig war, daß sie sich an einem solchen Tag auch etwas zugute täten, und zweitens, weil ihr Zubettgehen in Gegenwart der Gesellschaft unpassend, um nicht zu sagen unschicklich gewesen wäre. Sodann die junge Dame, die die Toilette der Festgeberin besorgt und, da sie – auf die schicklichste Weise von der Welt – zwei Treppen höher hintenhinaus wohnte, ihr Bett für das jüngste Kenwigslein, ein Knäblein in der Wiege, hergegeben und ein kleines Mädchen für die Bewachung desselben besorgt hatte. Drittens, als passende Gesellschaft für die junge Dame, ein unverheirateter junger Mann, den Herr Kenwigs in früheren Jahren kennengelernt hatte und der von den Damen sehr geschätzt wurde, weil er in dem Rufe eines Bruders Liederlich stand. Hierzu kam noch ein neuvermähltes Paar, das bei Herrn und Frau Kenwigs Brautvisite gemacht hatte, und eine Schwester von Madame Kenwigs, die als eine vollkommene Schönheit galt; außerdem noch ein anderer junger Mann, von dem man glaubte, daß er ehrbare Absichten auf die ebenerwähnte Dame hätte, und Herr Noggs, der deshalb eingeladen wurde, weil er ehedem ein Mann von Stand war.

Dann kam eine ältliche Dame, die in einem Hinterzimmer des Erdgeschosses wohnte, und eine jüngere Dame, die nächst dem Löwen Wassersteuereinnehmer vielleicht die größte Löwin der Gesellschaft war, da sie einen Theaterspritzenmann zum Vater hatte, bisweilen als Statistin auftrat und das ausgezeichnetste mimische Talent, von dem man je gehört, besaß; denn sie konnte so schön singen und deklamieren, daß Frau Kenwigs dadurch stets bis zu Tränen gerührt wurde. Die Lust, solche Freunde um sich zu sehen, wurde nur durch einen unangenehmen Umstand verbittert, und dieser bestand darin, daß die Dame vom Hinterzimmer im Erdgeschoß, die sehr beleibt und über die Sechzig hinaus war, in einem gewöhnlichen Musselinkleide und kurzen Lederhandschuhen ihre Aufwartung machte, was Madame Kenwigs so verdroß, daß letztgenannte Dame ihrer Schwester im Vertrauen mitteilte, sie würde diese unverschämte Person gewiß auf der Stelle wieder gehen heißen, wenn nicht im gegenwärtigen Augenblick das Abendessen auf dem Kochherde des Parterrehinterstübchens stünde.

»Meine Liebe«, sagte Herr Kenwigs, »wäre es nicht am besten, wenn wir ein Gesellschaftsspiel anfingen?«

»Lieber Kenwigs«, versetzte seine Gattin, »wie kommst du mir vor? Wolltest du ohne meinen Onkel anfangen?«

»Ah, ich habe den Steuereinnehmer vergessen«, entgegnete Kenwigs, »nein, das geht nicht an.«

»Er ist so eigen«, sagte Frau Kenwig« zu der andern verheirateten Dame, »daß er uns für immer aus seinem Testament streichen würde, wenn wir ohne ihn anfangen.«

»Wäre es möglich?« rief die verheiratete Dame.

»Sie haben keine Idee davon, was er für Besonderheiten hat«, versetzte Frau Kenwigs, »obgleich er sonst der gutmütigste Mann von der Welt ist.«

»Die liebevollste Seele, die je existierte«, bekräftigte Kenwigs.

»Es schneidet ihm, glaube ich, ins Herz, den Leuten das Wasser entziehen zu müssen, wenn sie nicht bezahlen können«, bemerkte der Bruder Liederlich, der einen Witz machen wollte.

»Georg, nichts der Art, wenn ich bitten darf«, sagte Herr Kenwigs feierlich.

»Es war nur ein Scherz«, sagte der junge Mann kleinlaut.

»Georg«, erwiderte Herr Kenwigs, »ein Scherz ist wohl etwas Hübsches – etwas recht Hübsches – wenn aber dieser Scherz die Gefühle meiner Frau verletzt, so muß ich mich dagegen verwahren. Ein Mann, der einen öffentlichen Charakter hat, muß sich freilich Spottreden gefallen lassen – die Schuld liegt aber an seiner hohen Stellung, nicht an ihm selbst. Der Verwandte meiner Frau ist ein Beamter, Georg. Er weiß das und kann auch das damit verbundene Unangenehme tragen. Aber abgesehen von meiner Frau, wenn man anders Madame Kenwigs bei einem Anlasse, wie der gegenwärtige, aus dem Spiele lassen kann – so habe ich die Ehre, mit dem Steuereinehmer durch Heirat verwandt zu sein, und ich kann daher solche Bemerkungen in meinem –« Herr Kenwigs war im Begriff »Haus« zu sagen, er rundete aber den Satz ab durch die Verbesserung – »in meinen Zimmern nicht dulden.«

Bei dem Schluß dieser Zurechtweisung, die Frau Kenwigs Tränen entlockte und ihre Wirkung, die Bedeutsamkeit des Wassersteuereinnehmers der Gesellschaft recht nahe ans Herz zu legen, nicht verfehlte, ließ sich der Ton der Klingel vernehmen.

»Das ist er«, flüsterte Herr Kenwigs sehr aufgeregt. »Morlina, liebes Kind, eile hinunter und lasse den Onkel herein; vergiß es aber nicht, sobald du die Tür offen hast, ihm einen Kuß zu geben. Hm! Lassen Sie uns ein Gespräch anfangen!«

Herrn Kenwigs Aufforderung entsprechend begann die Gesellschaft sogleich eine sehr laute Unterhaltung, um unbefangen zu erscheinen. Sie hatten indessen kaum angefangen, als ein kleiner, alter Herr in gelben Beinkleidern und Gamaschen und mit einem Gesicht, das wie aus Holz geschnitzt aussah, von Fräulein Morlina Kenwigs unter Scherzen hereingeführt wurde. Wir müssen hier bemerken, daß Madame Kenwigs diesen höchst ungewöhnlichen Taufnamen vor ihrem ersten Wochenbett zu dem Zwecke erfunden hatte, ihn als besondere Auszeichnung ihrem ältesten Kinde, wenn sich dieses als ein Mädchen erweisen sollte, beizulegen.

»Ach, lieber Onkel, wie freut es mich, Sie zu sehen«, sagte Madame Kenwigs, indem sie den Steuereinnehmer zärtlich auf beide Wangen küßte; »ich bin so froh.«

»Möge der Tag oft und glücklich wiederkehren, meine Liebe«, versetzte der Steuereinnehmer, das Kompliment erwidernd.

Es war in der Tat ein interessanter Augenblick. Hier war ein Einnehmer der Wassersteuer ohne sein Buch, ohne Feder und Tinte, ohne seinen schreckenerregenden Doppelschlag – ein Steuereinnehmer, der eine hübsche Frau küßte – in der Tat küßte – und Steuern, Vorladungen, Mahnzettel usw. ganz beiseite ließ. Es war eine wahre Lust, mit anzusehen, wie die Gesellschaft, ganz hingerissen von dem Anblick, den Mann von allen Seiten beäugelte und sich gegenseitig durch Nicken und Winken das innere Vergnügen zu erkennen gab, das man über dem Umstand empfand, daß bei einem Steuereinnehmer so viel Leutseligkeit zu finden wäre.

»Wo wollen Sie Platz nehmen, Onkel?« sagte Frau Kenwigs in der vollen Entfaltung ihres Familienstolzes, der durch die Anwesenheit ihres so hochstehenden Verwandten veranlaßt wurde.

»Wo du mich hinsetzest, meine Liebe«, antwortete der Steuereinnehmer; »ich bin hierin nicht eigen.«

Nicht eigen! Welch ein bescheidener Steuereinnehmer! Wenn er ein Schriftsteller gewesen wäre, der seinen Platz kennt, er hätte nicht demütiger sprechen können.

»Herr Lillyvick«, sagte Herr Kenwigs zu dem Steuereinnehmer; »es sind hier einige Freunde, die sich schon lange nach der Ehre Ihrer Bekanntschaft sehnen. Herr und Frau Cutler, Sir.«

»Ich bin stolz darauf, Sie kennenzulernen, Sir«, versicherte Herr Cutler, »da ich so oft schon von Ihnen sprechen hörte.«

Dies waren keine bloßen Worte der Höflichkeit; denn da Herr Cutler in Herrn Lillyvicks Stadtteil gewohnt, so hatte er in der Tat sehr oft von ihm gehört. Der Einnehmer war außerordentlich pünktlich in seinen Besuchen.

»Georg, ich glaube, Sie kennen den Herrn Lillyvick bereits«, sagte Kenwig«; – »die Dame aus dem Erdgeschoß – Herr Lillyvick. Herr Snewkes – Herr Lillyvick. Fräulein Green – Herr Lillyvick. Herr Lillyvick – Fräulein Petowker vom Königlichen Drury-Lane-Theater. Ich bin sehr erfreut, zwei beamtete Persönlichkeiten miteinander bekannt machen zu können. – Liebe Frau, willst du die Spielmarken herausgeben?«

Frau Kenwigs gehorchte dieser Aufforderung unter dem Beistand von Newman Noggs, von dem man nur im allgemeinen als von einem in seinen Vermögensumständen heruntergekommenen Mann von Stand flüsterte. Man hatte nämlich seinem Wunsch, keine Notiz von ihm zu nehmen, entsprochen, weil er jederzeit mit Gefälligkeiten gegen die Kinder zur Hand war. Der größere Teil der Gäste setzte sich nun zum Kartenspielen nieder, während Newman, Frau Kenwigs und Fräulein Petowker von dem Königlichen Drury- Lane-Theater mit der Zurüstung der Abendtafel zu tun hatten.

Solange die Damen in dieser Weise beschäftigt waren, richtete Herr Lillyvick seine ausschließliche Aufmerksamkeit auf das Spiel, und weil alles Fisch sein mußte, was in eines Wassersteuereinnehmers Netz kommt, so war der gute, alte Herr keineswegs blöde, sich das Eigentum seiner Partner anzueignen, da er es im Gegenteil, sooft sich eine Gelegenheit dazu bot, an sich zu bringen wußte. Dabei lächelte er fortwährend gar leutselig und sprach den Verlierenden so herablassend zu, daß diese ganz entzückt über seine Liebenswürdigkeit wurden und in ihren Herzen dachten, daß er mindestens Kanzler der Schatzkammer zu sein verdiente.

Nach vieler Mühe und nach Verabfolgung manchen Klapses auf die Köpfe der kleinen Kenwigschen, von denen sogar zwei der aufrührerischsten summarisch verbannt werden mußten, breitete man das Tischtuch mit vieler Eleganz aus und trug ein paar gekochte Hühner, einen Schinken, eine Apfelpastete, Kartoffeln und Gemüse auf, bei deren Anblick der würdige Herr Lillyvick viele witzige Einfälle auftischte und zum unaussprechlichen Entzücken der Gesamtheit seiner Verehrer mit einer bewunderungswürdigen Fertigkeit aufräumte.

Das Abendessen ging sehr gut und sehr schnell vorüber, wie man denn überhaupt dabei auf keine ernsteren Schwierigkeiten als auf diejenigen stieß, die aus den unablässigen Fragen nach reinen Messern und Gabeln entsprangen. Das ließ die arme Frau Kenwigs mehr als einmal wünschen, daß bei Privatgesellschaften der Grundsatz der Asyle eingeführt werden möchte, wo jeder Gast Löffel, Messer und Gabel mitbringen muß. Allerdings müßte dies in vielen Fällen sehr bequem sein, und für niemanden mehr als für den Herrn und die Frau des Hauses, besonders wenn der Schulgrundsatz in seiner vollen Ausdehnung in Anwendung käme, demzufolge erwartet wird, daß niemand so unzart sei, sein Besteck wieder mit fortzunehmen.

Da jeder von allem aß, so leerte sich der Tisch mit einer nicht wenig beunruhigenden Eile und einem ziemlichen Lärm. Dann kam die Reihe an die geistigen Getränke, die nebst heißem und kaltem Wasser in schönster Ordnung aufgestellt waren und denen Newman Noggs‘ Augen schon längst entgegengeglänzt hatten. Die Gesellschaft schickte sich nun an, der Freuden des Gelages recht zu genießen, und Herr Lillyvick erhielt einen Ehrenplatz in einem großen Lehnsessel am Herd, wahrend die vier kleinen Kenwigschen, mit ihrem Gesicht dem Feuer und ihren Flachszöpfen der Gesellschaft zugekehrt, ganz vorn auf einer niedrigen Bank aufgepflanzt wurden. Diese Anordnung war kaum vollendet, als Madame Kenwigs, im Übermaß ihrer Muttergefühle, an die linke Schulter ihres teuren Ehegemahls flog und in Tränen zerfloß.

»Sie sind so schön«, sagte Frau Kenwigs schluchzend.

»Ach, du lieber Himmel!« stimmten alle Damen ein; »Sie haben vollkommen recht, und es ist sehr begreiflich, daß Sie stolz darauf sind; aber geben Sie diesen Gefühlen nicht zuviel Raum.«

»Ich kann – ich kann mir nicht helfen, und Tränen der Wonne bringen keinen Schaden«, schluchzte Frau Kenwigs; »aber ach, sie sind zu schön, viel zu schön, um hoffen zu dürfen, daß sie mir erhalten bleiben.«

Als die vier kleinen Mädchen die beunruhigende Vorahnung, als ob sie bestimmt wären, in der Blüte ihrer Jugend einen frühen Tod zu erleiden, vernahmen, erhoben sie ein jämmerliches Gewinsel, begruben zu gleicher Zeit ihre Köpfe in dem Schoß ihrer Mutter und schluchzten in so herzerschütternden Stößen, daß ihre acht Flachszöpfe ohne Unterlaß auf und nieder baumelten. Madame Kenwigs nahm bei dieser Gelegenheit, indem sie eines nach dem andern an ihr beklommenes Mutterherz drückte, so ausdrucksvolle Stellungen des inneren Schmerzes an, daß selbst Fräulein Petowker sich daran hätte ein Muster nehmen können.

Endlich ließ sich die bekümmerte Mutter wieder beruhigen, und die kleinen Kenwigschen faßten sich gleichfalls, worauf letztere unter die Gesellschaft verteilt wurden, um es unmöglich zu machen, daß Frau Kenwigs durch den Glanz ihrer vereinten Schönheit abermals überwältigt würde. Als dies geschehen war, vereinigten sich Herren und Damen in der Prophezeiung, daß sie noch viele, viele Jahre leben würden, und daß für Frau Kenwigs durchaus kein Grund vorhanden sei, sich zu betrüben, was denn in der Tat auch recht wohl sein mochte, da die Liebenswürdigkeit der Kinder keineswegs die Besorgnis der empfindsamen Mutter rechtfertigte.

»Heute vor acht Jahren«, sagte Herr Kenwigs nach einer Pause. »Lieber Gott – ach!«

Dieser Anhang wurde von allen Anwesenden nachgebetet, nur mit dem Unterschiede, daß sie das »Ach!« zuerst und das »Lieber Gott!« hintendrein laut werden ließen.

»Ich war damals jünger«, kicherte Frau Kenwigs.

»Nicht doch!« sagte der Steuereinnehmer.

»Gewiß nicht«, fügte jedermann bei.

»Ich kann mir meine Nichte noch vorstellen«, sagte Herr Lillyvick, indem er den Blick mit ernster Würde über seine Zuhörer hingleiten ließ, »ich kann sie mir noch vorstellen, wie sie eines Nachmittags ihrer Mutter zum ersten Male ihre Neigung für Kenwigs gestand. »Mutter«, sagte sie, »ich liebe ihn.«

»Bete ihn an, sagte ich, Onkel«, fiel Frau Kenwigs ein.

»Liebe ihn, hieß es, soviel ich mich erinnere, meine Teuerste«, sagte der Steuereinnehmer mit Festigkeit.

»Sie mögen wohl recht haben«, versetzte Frau Kenwigs unterwürfig; »ich meine aber, mich des Ausdrucks ›anbeten‹ bedient zu haben.«

»Lieben, meine Beste«, entgegnete Herr Lillyvick. »›Mutter‹, sagte sie, ›ich liebe ihn‹. >Was höre ich?‹ ruft ihre Mutter und verfällt augenblicklich in starke Krämpfe.«

Allgemeiner Ausruf des Staunens von seiten der Gesellschaft.

»In starke Krämpfe«, wiederholte Herr Lillyvick, indem er sich mit stolzen Blicken umsah. »Kenwigs wird mich entschuldigen, wenn ich in der Gegenwart seiner Freunde des Umstandes erwähne, daß man gar viel gegen seine Bewerbung einzuwenden hatte, weil er dem Range nach unter der Familie stand und ihr daher Unehre machen konnte. Sie entsinnen sich dessen, Kenwigs?«

»Gewiß«, versetzte dieser Herr, den diese Erinnerung keineswegs unangenehm berührte, da es dadurch außer allem Zweifel stand, welcher hohen Familie Madame Kenwigs entstammte.

»Ich teilte damals diese Ansicht«, fuhr Herr Lillyvick fort, »die vielleicht natürlich war, vielleicht aber auch nicht.«

Ein leises Murmeln schien anzudeuten, daß bei einem Mann von Lillyvicks Stellung ein solcher Einwurf nicht nur natürlich, sondern sogar höchst lobenswert sein mußte.

»Er gewann mich jedoch bald für sich«, sagte Herr Lillyvick. »Als sie verheiratet waren und sich in der Sache nichts mehr ändern ließ, gehörte ich unter die ersten, die sagten, daß man Kenwigs beachten müsse. Die Familie tat dies infolge meiner Vorstellung, und ich fühle mich verpflichtet, zu sagen – ja, ich bin stolz darauf, es sagen zu können – daß ich ihn immer als einen sehr ehrenwerten, anständigen, rechtschaffenen, achtbaren Mann gefunden habe. Kenwigs, geben Sie mir Ihre Hand!«

»Ich bin stolz darauf, es zu tun«, sagte Herr Kenwigs.

»Ich gleichfalls, Kenwigs«, sagte Herr Lillyvick.

»Ich habe sehr glücklich mit Ihrer Nichte gelebt«, sagte Kenwigs.

»Es müßte Ihre eigene Schuld sein, wenn das nicht der Fall wäre«, entgegnete Herr Lillyvick.

»Morlina«, rief die durch diese Auseinandersetzung tief gerührte Mutter, »küsse deinen lieben Großonkel.«

Das Mädchen tat, wie verlangt wurde, und dann wurden auch die drei andern Kinder zu dem Gesicht des Wassersteuereinnehmers emporgehoben, um das gleiche Verfahren vorzunehmen, was dann nachher bei der Mehrzahl der Anwesenden wiederholt wurde.

»Liebe Madame Kenwigs«, sagte Fräulein Petowker, »lassen Sie doch Morlina Herrn Lillyvick den Tanz mit den neuen Figuren vortanzen, während Herr Noggs den Punsch macht, mit dem wir die Wiederkehr dieses Festes unter Trinksprüchen feiern wollen.«

»Nein, nein, meine Liebe«, versetzte Frau Kenwigs, »es würde meinen Onkel nur langweilen.«

»Unmöglich«, entgegnete Fräulein Petowker; »es wird ihn im Gegenteil recht gut unterhalten – nicht wahr, Sir?«

»Gewiß«, erwiderte der Steuereinnehmer mit einem Blick nach dem Punschkünstler.

»Wohlan, so will ich einen Vorschlag machen«, sagte Frau Kenwigs. »Morlina soll uns vortanzen, wenn der Onkel Fräulein Petowker überreden kann, uns nachher ›der Bluttrinkerin Begräbnis‹ zu deklamieren.«

Der Vorschlag wurde von allen Seiten mit großem Beifall, den man mit Händen und Füßen zu erkennen gab, aufgenommen, und die Dame, der er galt, neigte zum Zeichen der Anerkennung mehrere Male das Haupt.

»Sie wissen«, sagte Fräulein Petowker vorwurfsvoll, »wie ungern ich in Privatgesellschaften mit Leistungen, die zu meinem Beruf gehören, auftrete.«

»O, hier ist´s etwas anderes«, entgegnete Frau Kenwigs. »Wir sind hier ganz unter Freunden und so guter Dinge, daß Sie ebensowenig Anstand zu nehmen brauchen, wie in Ihrem eigenen Zimmer; zudem, der gegenwärtige Anlaß – –«

»Wer könnte da widerstehen«, fiel Fräulein Petowker ein. »Unter solchen Umständen wird es mir ein Vergnügen machen, alles, was in meinen Kräften steht, zur Verherrlichung des Festes beizutragen.«

Frau Kenwigs und Fräulein Petowker hatten unter sich ein kleines Programm entworfen, das die ebengenannte Reihenfolge der Abendunterhaltungen vorschrieb. Es war aber dabei ausgemacht worden, daß man sich auf beiden Seiten ein wenig bitten lassen wolle, weil es dann natürlich aussähe. Die Gesellschaft war des Schauspiels gewärtig, und Fräulein Petowker summte eine Arie, während der Morlina ihren Tanz ausführte, nachdem man ihr die Schuhsohlen zuvor so sorgfältig mit Kreide bestrichen hatte, als ob sie hätte auf dem straffen Seile gehen müssen. Der Tanz war sehr schön anzusehen, besonders da die Arme fast noch mehr dabei zu tun hatten als die Beine. So wurde er auch mit unbändigem Beifall aufgenommen.

»Wenn ich so glücklich wäre, ein – ein Kind zu haben –« sagte Fräulein Petowker errötend, »das so viel Talent wie das Ihrige zeigte, so würde ich es im Augenblick bei der Oper unterbringen.«

Frau Kenwigs seufzte und blickte nach Herrn Kenwigs, der den Kopf schüttelte und meinte, daß man da doch ein Bedenken haben müsse.

»Kenwigs fürchtet –« sagte Frau Kenwigs.

»Was?« fragte Fräulein Petowker – »doch nicht, daß es ihr mißlänge?«

»Nicht doch«, versetzte Frau Kenwigs, »aber wenn sie in dieser Weise fortfährt und heranwächst – denken Sie nur an die jungen Herzöge und Grafen.«

»Ganz richtig«, bemerkte der Steuereinnehmer.

»Ach«, entgegnete Fräulein Petowker, »wenn sie ihren eigenen Wert fühlt, so wissen Sie wohl –«

»Es liegt allerdings viel Wahres in dieser Bemerkung«, erwiderte Frau Kenwigs mit einem Blick nach ihrem Gatten.

»Jedenfalls kann ich sagen –« stotterte Fräulein Petowker – »freilich ist es wohl nicht die allgemeine Regel – mir ist aber nie eine derartige Angelegenheit und Unannehmlichkeit begegnet.«

Herr Kenwigs erklärte mit geziemender Galanterie, daß das jedenfalls ein entscheidender Punkt sei, weshalb er sich auch die Sache in ernstere Erwägung ziehen wolle. Nachdem dies abgemacht worden war, wurde Fräulein Petowker gebeten, das ›Begräbnis der Bluttrinkerin‹ zum besten zu geben. Die junge Dame löste zu diesem Ende ihre Haare auf und nahm ihre Stellung oben in dem Zimmer, indem sie zugleich den unverheirateten Freund in eine Ecke stellte, damit er bei dem Stichworte »der letzte Hauch entweicht« herbeieile und sie in seinen Armen auffange, wenn sie im Wahnsinn stürbe. Die Darstellung geschah mit außerordentlichem Feuer, was aber die kleinen Kenwigschen so sehr in Schrecken setzte, daß sie fast in Krämpfe fielen. Die dieser Kunstleistung folgende Begeisterung war noch in vollem Zug, und Newman, der sich seit langer Zeit bei so später Stunde nie so nüchtern befunden, hatte noch immer nicht dazu kommen können, sein Wörtchen, daß der Punsch fertig sei, anzubringen, als sich plötzlich ein hastiges Pochen an der Zimmertür vernehmen ließ, das Madame Kenwigs, die im Augenblick ahnte, daß das kleinste Kenwigschen aus dem Bett gefallen sei, einen Schrei des Entsetzens entlockte.

»Wer ist da?« fragte Herr Kenwigs unmutig.

»Lassen Sie sich nicht stören – nur ich bin’s« sagte Crowl, der in seiner Nachtmütze zur Tür hereinsah. »Der Kleine ist vollkommen wohl, denn ich blickte beim Heruntergehen in das Zimmer hinein. Er ist fest eingeschlafen und das Mädchen desgleichen. Auch glaube ich nicht, daß das Licht die Bettvorhänge in Brand stecken wird, wenn nicht ein Windzug in das Zimmer kommt. Man wünscht Herrn Noggs zu sprechen.«

»Mich?« rief Newman höchlich verwundert.

»Es ist allerdings eine etwas unpassende Stunde – nicht wahr?« versetzte Crowl, der bei der Aussicht, sein Feuer zu verlieren, nicht in der besten Stimmung war; »und auch die Leute sind wunderlich genug, denn sie sind über und über durchnäßt und beschmutzt. Soll ich sie wieder gehen heißen?«

»Nein«, entgegnete Newman aufstehend. »Leute? Wie viele?«

»Zwei«, erwiderte Crowl.

»Wünschen mich zu sprechen? Haben sie meinen Namen genannt?« fragte Newman.

»Ja«, antwortete Crowl. »Herr Newman Noggs so deutlich, wie man es nur wünschen kann.«

Newman überlegte ein paar Augenblicke und eilte dann mit der Versicherung hinaus, daß er sogleich wieder zurückkommen würde. Er hielt auch Wort; denn nach etlichen Sekunden stürzte er wieder ins Zimmer, nahm, ohne ein Wort der Entschuldigung oder Erklärung, eine angezündete Kerze und ein Glas heißen Punsches von dem Tische und schoß wie ein Verrückter wieder zur Tür hinaus.

»Was zum Henker geht mit ihm vor?« rief Crowl, die Tür aufreißend. »Hört! Ist kein Lärm oben?«

Die Gäste standen in großer Verwirrung auf, sahen sich gegenseitig bestürzt und verlegen an, streckten ihre Hälse und horchten aufmerksam.

Fünfzehntes Kapitel.


Fünfzehntes Kapitel.

Macht den Leser mit der Veranlassung der im vorigen Kapitel beschriebenen Unterbrechung und einigen andern Dingen, die zu wissen nötig sind, bekannt.

Newman Noggs kletterte in ungestümer Hast die Stiegen hinan, den dampfenden Punsch in der Hand, den er mit so wenig Umständen von Herrn Kenwigs Tische, und in der Tat auch dem Herrn Wassersteuereinnehmer, der über den Inhalt des Glases mit sehnsüchtigem Behagen hinschnupperte, recht eigentlich vor der Nase weggenommen hatte. Er trug seine Beute geradeswegs nach seinem Dachstübchen, wo mit wunden Füßen und beinahe schuhlos, naß, schmutzig, abgemattet und durch alle Spuren einer ermüdenden Reise entstellt, Nicolaus neben Smike, dem Urheber und Teilhaber dieser mühevollen Wanderschaft, saß.

Newmans erstes Geschäft war, Nicolaus mit sanfter Gewalt zu nötigen, die Hälfte des fast kochenden Punsches auf einmal hinunterzuschlucken, und sein zweites, den Rest in Smikes Kehle zu gießen, der, da er in seinem Leben nie etwas Kräftigeres als eine abführende Arznei gekostet hatte, durch manche seltsame Gebärde seine Überraschung und Freude an den Tag legte, daß der Trank so behaglich hinunterglitt, und dann seine Augen auf eine höchst merkwürdige Weise verdrehte.

»Sie sind durch und durch naß«, sagte Newman, indem er den Rock, den Nicolaus abgelegt hatte, mit der Hand befühlte, und ich – ich kann Ihnen keine andere Bedeckung anbieten«, fügte er mit einem trübseligen Blick auf die abgeschabten Kleider, die er selbst trug, bei.

»Ich habe trockene Kleider in meinem Ränzel«, versetzte Nicolaus. »Wenn Sie aber eine so betrübte Miene zu meinem Besuch machen, so werden Sie den Schmerz, den ich bereits fühle, für eine Nacht bei Ihren spärlichen Mitteln Beistand und Obdach suchen zu müssen, nur noch erhöhen.«

Newmans betrübte Miene gewann jedoch durch Nicolaus‘ Worte keineswegs einen heiteren Ausdruck. Als ihn aber sein junger Freund herzlich bei der Hand faßte und die Versicherung abgab, daß nichts als das unbedingte Vertrauen zu der Aufrichtigkeit seines Versprechens und der in diesem an den Tag gelegten wohlwollenden Gesinnungen ihn hätte veranlassen können, Herrn Newman seine Ankunft in London auch nur wissen zu lassen, so erheiterten sich die Mienen des letzteren, und er schickte sich mit dem größten Eifer an, alle Vorkehrungen für die Bequemlichkeit seiner Gäste, wie sie ihm eben zu Gebote standen, zu treffen.

Diese waren freilich einfach genug; denn die Mittel des armen Newmans konnten mit seinen Wünschen bei weitem nicht gleichen Schritt halten. Aber trotz ihrer Geringfügigkeit ging es dabei doch nicht ohne viel Geräusch und Hin- und Herrennen ab. Da Nicolaus mit seinem spärlichen Geldvorrat so gut hausgehalten hatte, daß ihm sogar noch etwas übrig war, so stand der Tisch bald mit einem Nachtessen von Brot und Käse nebst einem Stücke kalten Rindfleisches aus einer benachbarten Garküche besetzt; und der Umstand, daß diesen Lebensmitteln eine Flasche Branntwein und ein Krug Bier zur Seite stand, entfernte wenigstens allen Grund zu Besorgnissen hinsichtlich des Hungers und des Durstes. Dies waren die Vorbereitungen, die Newman zu Gebot standen; denn die Zurüstung der Nachtlager war in der Tat bald erledigt. Dann bestand Herr Noggs ausdrücklich darauf, daß Nicolaus seine Kleider wechseln und Smike sich in seinen (Newmans) einzigen Rock hüllen solle. Denn er ließ sich durch keine Bitte abhalten, denselben zu diesem Zwecke auszuziehen. Nun nahmen die Wanderer ihr spärliches Mahl mit mehr Zufriedenheit ein, als wenigstens der eine von ihnen bei mancher besseren Tafel gefühlt hatte.

Nachdem sie sich gelabt hatten, setzten sie sich an das Feuer, das Newman Noggs so gut anschürte, wie es sich nach Crowls Angriffen auf das Brennmaterial tun ließ; und Nicolaus, der bisher durch die außerordentlich besorgten Aufforderungen seines Freundes, daß er sich nach den Anstrengungen seiner Reise kräftigen möchte, fast nicht hatte zum Wort kommen können, bedrängte diesen nun mit ernsten Fragen nach seiner Mutter und Schwester.

»Wohl«, antwortete Newman mit seiner gewohnten Kürze; »beide wohl.«

»Wohnen sie noch in der City?« fragte Nicolaus.

»Ja«, versetzte Newman.

»Und meine Schwester –« fügte Nicolaus bei, »ist sie noch immer bei dem Geschäft, von dem sie mir schrieb, sie glaube, daß es ihr gut gefallen würde?«

Newman riß seine Augen etwas weiter auf als gewöhnlich und antwortete nur durch ein Jappen, das je nach der dieses Jappen begleitenden Kopfbewegung von seinen Freunden als ja oder nein gedeutet werden konnte. In dem gegenwärtigen Falle bestand die Pantomine in einem Nicken und nicht in einem Schütteln, weshalb Nicolaus die Antwort für eine günstige nahm.

»Hören Sie mir jetzt zu«, sagte Nicolaus, indem er seine Hand auf Newmans Schulter legte.

»Ich hielt es, ehe ich den Versuch machen wollte, meine Angehörigen zu besuchen, für geeignet, zu Ihnen zu kommen, damit ich ihnen durch eine Nachsicht gegen meine eigenen selbstsüchtigen Wünsche keinen Schaden zufüge, der sich vielleicht nicht wieder ausgleichen ließe. Was hat mein Onkel von Yorkshire gehört?«

Newman öffnete und schloß seinen Mund mehrere Male, als versuche er, mit aller Anstrengung zu sprechen, ohne jedoch etwas hervorbringen zu können, und heftete endlich seine Augen in gespensterhaftem Starren auf Nicolaus.

»Was hat er gehört?« drängte Nicolaus erglühend. »Sie sehen, daß ich vorbereitet bin, das Schlimmste zu hören, was die Bosheit aushecken konnte. Wozu eine Schonung gegen mich, da ich es früher oder später doch erfahren muß? Und was können Sie mit der Zögerung einiger Minuten gewinnen, da Sie mich in der Hälfte dieser Zeit von allen Vorgängen in Kenntnis setzen können? Ich bitte, endigen Sie meine Ungewißheit.«

»Morgen früh«, sagte Newman; »morgen früh sollen Sie alles erfahren.«

»Aber warum erst morgen – warum nicht gleich jetzt?« drängte Nicolaus.

»Sie werden besser schlafen«, versetzte Newman.

»Nein, ich werde um so schlechter schlafen«, entgegnete Nicolaus ungeduldig. »Schlafen! So erschöpft wie ich bin und so sehr ich einer gründlichen Ruhe bedarf, so kann ich doch nicht hoffen, die ganze Nacht über auch nur ein Auge zu schließen, wenn Sie mir nicht alles sagen.«

»Und wenn ich Ihnen alles sage?« erwiderte Newman stockend.

»Je nun«, sagte Nicolaus, »ich komme dann vielleicht etwas in Wallung oder mein Stolz wird verletzt – in keinem Falle aber wird meine Ruhe für länger getrübt; denn stünde mir eine solche Szene abermals bevor, so würde ich doch um kein Haar anders handeln, was auch für Folgen daraus entspringen möchten. Auch werde ich nie bereuen, was ich tat – nie; und wenn ich deshalb auch betteln oder Hungers sterben müßte. Was ist Armut und Leiden gegen die Schmach der niederträchtigsten und unmenschlichsten Feigheit! Ich sage Ihnen, wenn ich gelassen und untätig hätte dabeistehen können, so hätte ich mich selbst hassen müssen und die Verachtung eines jeden ehrlichen Mannes verdient. Der niederträchtige Schurke!«

Mit dieser zarten Anspielung auf den abwesenden Herrn Squeers drückte Nicolaus seinen steigenden Zorn nieder, und nachdem er Newman die Vorgänge in Dotheboys Hall umständlich mitgeteilt hatte, bat er diesen zu sprechen, ohne sich weiter nötigen zu lassen. So beschworen, nahm Herr Noggs aus einer alten Truhe ein Blatt Papier, das in großer Eile überkritzelt zu sein schien, und machte sich dann nach einigen ungewöhnlichen Andeutungen seines Widerstrebens in folgenden Worten Luft:

»Mein lieber junger Herr, man darf sich nicht so gehen lassen; bekanntlich tun derartige Sachen nie gut, und man kommt nicht fort in der Welt, wenn man sich eines jeden Mißhandelten annehmen will – aber – nein, zum Henker, ich freue mich, das von Ihnen zu hören, und ich würde selbst nicht anders gehandelt haben.«

Newman begleitete diesen höchst ungewöhnlichen Ausbruch mit einem gewaltigen Schlag auf den Tisch, als ob er in der Hitze des Augenblicks diesen für den Rücken oder für die Rippen des Herrn Wackford Squeers gehalten hätte; und da er sich durch diese offene Entfaltung seiner eigenen Gefühle jede Einwirkung durch weltkluge Belehrungen, die er anfangs anzubringen gedachte, abgeschnitten hatte, so zögerte er nicht weiter.

»Vorgestern«, sagte Newman, »erhielt Ihr Onkel diesen Brief. Ich habe in der Geschwindigkeit, als er nicht zu Hause war, eine Abschrift davon genommen. Soll ich ihn vorlesen?«

»Wenn’s Ihnen gefällig ist«, versetzte Nicolaus«.

Newman Noggs las demgemäß folgendes:

»Dotheboys Hall, Donnerstag morgens.

Sir!

Mein Bapa trägt mir auf, Ihnen zu schreiben. Die Ärzte halten es für zweifelhaft, ob er je wieder zum Gebrauch seiner Beine kommen wird, was ihn verhendert, die Feeder zu halden.

Wir send in einem Selenzustande, der außer aller Beschreibung ist und mein Bapa ist im gansen Leibe nur eine Beile, bald blau bald grön; auch sind zwei Benke mit seinem Blute beflegt. Wir sahen uns genetigt, ihn in die Kiche hinunter zu bringen, woer jetzt ligt. Sie werden hieraus selber urteilen, daß er sehr heruntergekommen ist.

Nachdem Ihr Newö, den Sie als einen Leerer recommandirten, meinem Bapa dieß angedan und mit baren Füsen auf seinem Leib herumgesprungen hate und auch schempfte mit was ich die Beschreibung meiner Feder nicht beschmutzen mag, so grif er Mama auf eine firchderliche Weise an, schleuderte sie zu Boden und schlug ihr den Kam einige Zol tief in den Kopf, ein klein wenig weider und es were in den Schedel gegangen. Wir haben ein medizinisches Zerdifikat, das, wenn dieß geschehen wäre, der Schildkrot das Hirn verletzt haben würde.

Dann wurde ich und mein Bruder die Opfer seiner Wut und wir haben seitdem ser viele schmerzen ausgestanden, was uns zu der peinlichen Vermutung leitet, daß wir irgendwo innerlich Schaden genommen haben, besonders da euserlich keine Spuren der Gewaldsamkeit sichtbar sind.

Ich muß die ganse Zeit über, das ich schreibe, immer laud aufschreien, und so auch mein Bruder, was meine Aufmergsamkeit zerstreut und ich hoffe, meine schlechte Schrift entschultigen wirt.

Als das Ungeheuer seinen Blutdurst gesettigt hatte, ging er durch und nam einen Menschen von gans geferlichen Karakter, den er zu einem Röböller verleidet hatte, wie auch einen der Mama gehörenten Granatring mit und da ihn die Konstabel nicht einfangen konnten, so glauben wir daß er auf einem Eilwagen fortgefahren ist. Bapa bittet, man möchte den Ring, wen er zu inen kommt, wieder zurügschicken und daß sie den Dieb und Maichelmörder laufen lassen, da er, wenn man ihn vor Gericht stellte, nur debortiert würde und er, wenn man ihn laufen läßt, über kurz oder lang, gehengt wird, was uns die Mihe erspart und zu viel greserer Freude gereichen muß. In der Hofnung, etwas zu heren, wen es ihnen anstet, verbleibe ich

ihre
etzetera
Fanny Squers.

P.S.

ich bemitleite seine Unwissentheit und verachde ihn.«

Während des dem Vortrage dieser auserlesenen Epistel folgenden Schweigens blickte Newman Noggs, als er seine Abschrift wieder zusammengefaltet hatte, mit einer Art komischen Mitleids auf den Menschen von gefährlichem Charakter, von dem der Brief sprach, während dieser, ohne einen deutlicheren Begriff von der Sache zu haben, als daß er der unglückliche Anlaß der Menge von Verdrießlichkeiten und Lügen wäre, die Nicolaus umgarnten, stumm und niedergeschlagen mit dem Ausdrucke des peinlichsten Kummers dasaß.

»Herr Noggs«, sagte Nicolaus nach einem kurzen Besinnnen, »ich muß geschwind fort.«

»Fort?« rief Newman.

»Ja«, versetzte Nicolaus, »nach Golden Square. Niemand, wer mich kennt, wird diese Geschichte von dem Ringe glauben. Aber es kann dem Zweck des Herrn Ralph Nickleby entsprechen oder vielleicht seinem Hasse dienen, wenn er tut, als schenke er ihr Glauben. Ich bin es – nicht ihm – sondern mir selbst schuldig, daß die Wahrheit ans Licht kommt, und außerdem habe ich noch ein paar Worte mit ihm zu sprechen, die nicht verschoben werden dürfen.«

»Sie müssen verschoben werden«, entgegnete Newman.

»In keinem Falle«, erwiderte Nicolaus mit Festigkeit und schickte sich an, das Haus zu verlassen.

»So hören Sie mich doch«, sagte Newman, indem er seinem ungestümen jungen Freunde den Weg vertrat. »Er ist nicht zu Hause. Er ist über Land und wird vor drei Tagen nicht zurückkommen. Auch weiß ich gewiß, daß das Schreiben erst beantwortet wird, wenn er wieder hier ist.«

»Sind Sie dessen auch ganz gewiß?« fragte Nicolaus, indem er glühend vor Entrüstung mit raschen Schritten in dem engen Gemach auf und ab ging.

»Ganz gewiß«, antwortete Newman. »Er hatte den Wisch kaum gelesen, als er abgerufen wurde. Sein Inhalt ist niemandem als ihm und uns bekannt.«

»Kann ich mich darauf verlassen?« fragte Nicolaus hastig; »nicht einmal meiner Mutter oder Schwester? Wenn ich denken könnte, daß sie – ich will hingehen – ich muß sie sehen. Welchen Weg habe ich einzuschlagen? Wo wohnen sie?«

»Aber so nehmen Sie doch Rat an«, sagte Newman, der in diesem ernsten Augenblick wie ein anderer Mensch sprach: »unterlassen Sie Ihren Besuch, bis er nach Hause kommt. Ich kenne den Mann. Es darf nicht den Anschein haben, als ob Sie jemanden für sich zu gewinnen gesucht hätten. Wenn er wieder hier ist, so treten Sie vor ihn hin und sprechen Sie so kühn, wie es Ihnen beliebt. Verlassen Sie sich darauf, er durchschaut die Wahrheit so gut wie Sie oder ich.«

»Sie meinen es gut mit mir und müssen ihn natürlich besser kennen als ich«, versetzte Nicolaus nach einer Pause des Nachsinnens.

»Nun, meinetwegen!«

Newman, der sich während dieser Verhandlung mit dem Rücken gegen die Tür gepflanzt hatte, um nötigenfalls seinen Gast mit Gewalt abzuhalten, das Zimmer zu verlassen, nahm nun sehr zufrieden seinen Platz wieder ein; und da das Wasser im Kessel inzwischen zum Kochen gekommen war, mischte er ein Glas Grog für Nicolaus und einen Krug voll für sich selbst und Smike, von dem diese beiden in großer Eintracht Gebrauch machten, während Nicolaus, den Kopf auf die Hand gestützt, in trübem Sinnen versunken blieb.

Die Gesellschaft in der ersten Etage hatte sich, als man nach einem aufmerksamen Horchen kein Geräusch vernahm, was eine Einmischung im Interesse der Befriedigung ihrer Neugierde hätte rechtfertigen können, wieder in das Zimmer der Kenwigse zurückgezogen und beschäftigte sich nun mit einer Menge von Vermutungen hinsichtlich der Ursache von Herrn Noggs‘ plötzlichem Verschwinden und Ausbleiben.

»Lieber Himmel, wenn etwa gar ein Eilbote mit der Kunde angekommen wäre, daß er wieder Herr seines früheren Vermögens sei?« meinte Frau Kenwigs.

»Bei Gott, es wäre nicht unmöglich«, sagte Herr Kenwigs. »Wir würden für diesen Fall vielleicht gut tun, wenn wir hinaufschickten und fragen ließen, ob ihm nicht noch etwas Punsch beliebe.«

»Kenwigs«, sagte Herr Lillyvick mit lauter Stimme, »Sie setzen mich in Erstaunen.«

»Wieso, Sir?« fragte Herr Kenwigs mit der gebührenden Ergebenheit gegen den Einnehmer der Wassersteuer.

»Weil Sie eine solche Bemerkung machen«, versetzte Herr Lillyvick unmutig, »Er hat bereits Punsch gehabt – oder etwa nicht, Sir? Ich betrachte die Art, wie er den Punsch – um mich eines geeigneten Ausdrucks zu bedienen – geraubt hat, als höchst unehrerbietig gegen diese Gesellschaft und als skandalös, – ja als vollkommen skandalös. Es mag vielleicht Sitte in diesem Hause sein, sich derartige Dinge gefallen zu lassen, aber ich bin nicht gewöhnt, daß man sich in meiner Gegenwart so benimmt, und ich nehme daher keinen Anstand, es Ihnen zu sagen, Kenwigs. Ein Mann von Erziehung hat ein Glas Punsch vor sich, das er eben an die Lippen setzen will; da kommt ein anderer daher, nimmt das Glas Punsch ohne ein ›Mit Erlaubnis‹ oder ein ›Verzeihen Sie‹ weg und geht mit dem Glas Punsch davon. Das mögen allerdings schöne Manieren sein, und ich will es auch nicht im mindesten bezweifeln; aber ich für meine Person verstehe sie nicht, und was noch mehr ist, ich will sie auch nicht verstehen lernen. Es ist meine Art und Weise zu sprechen, wie mir’s ums Herz ist, Kenwigs, und wenn Ihnen meine Meinung nicht behagt, so ist meine gewohnte Schlafengehenszeit schon vorüber, und ich kann mich nach Hause finden, ohne daß ich’s noch später werden lasse.«

Jetzt war Not im Hause. Der Steuereinnehmer, der im Gefühl seiner beleidigten Würde einige Minuten in stummem

Zürnen dagesessen hatte, war nun losgebrochen. Der große Mann – der reiche Verwandte – der unverheiratete Onkel, der es in seiner Macht hatte, Morlina zu einer reichen Erbin zu machen und sogar das Wiegenkenwigslein mit einem schönen Legate zu bedenken – dieser Mann war beleidigt. Ihr himmlischen Mächte, wie konnte dies enden!

»Es tut mir sehr leid, Sir«, sagte Herr Kenwigs demütig.

»Reden Sie mir nicht von Ihrem Leidwesen«, versetzte Herr Lillyvick unmutig; »Sie hätten es verhindern sollen.«

Die Gesellschaft war durch diesen häuslichen Blitzstrahl förmlich gelähmt. Die Dame aus dem Parterrehinterstübchen saß mit weit offnem Munde da und schaute mit stummem Entsetzen den Steuereinnehmer an, während die übrigen Gäste durch den Zorn des großen Mannes kaum weniger verblüfft waren. Herr Kenwigs, der in derartigen Angelegenheiten keinen besonders feinen Takt besaß, fachte die Flamme noch mehr an, indem er sie auszulöschen suchte.

»Gewiß, Sir, ich habe nicht daran gedacht«, sagte Herr Kenwigs. »Ich konnte mir überhaupt auch gar nicht denken, daß eine solche Kleinigkeit, wie ein Glas Punsch, Sie mißlaunig machen könnte.«

»Mißlaunig? Was zum Teufel bezwecken Sie mit dieser neuen Unfreundlichkeit, Herr Kenwigs?« entgegnete der Steuereinnehmer. »Morlina, Kind, – gib mir meinen Hut!«

»Ach, Sie werden uns Loch nicht schon verlassen, Herr Lillyvick?« vermittelte Fräulein Petowker mit ihrem bezauberndsten Lächeln.

Aber Herr Lillyvick rief, ohne sich durch die Sirene beschwatzen zu lassen, fortwährend »Morlina, meinen Hut«, bis endlich bei der vierten Wiederholung dieser Aufforderung Frau Kenwigs mit einem Schrei, der sogar ein Wasserfaß, geschweige denn einen Wassersteuereinnchmer hätte erweichen können, in ihren Stuhl zurücksank, während die vier kleinen Mädchen, die im geheimen darauf abgerichtet worden waren, die Beinkleider ihres Großonkels mit ihren Armen umschlangen und ihn in ihrem gebrochenen Plappern zu bleiben baten.

»Warum soll ich hier bleiben, meine Lieben?« fragte Herr Lillyvick. »Man braucht mich hier nicht.«

»Ach, sprechen Sie nicht so grausam, Onkel«, schluchzte Frau Kenwigs, »wenn Sie mich nicht töten wollen.«

»Es sollte mich nicht wundernehmen, wenn mir gewisse Leute etwas der Art nachsagten«, versetzte Herr Lillyvick mit einem aufgebrachten Blicke nach Kenwigs. »Man höre doch, – mißlaunig!«

»Ach, ich kann es nicht ertragen, daß Sie solche Blicke nach meinem Manne schleudern«, rief Frau Kenwig«. »Es ist etwas Schreckliches, wenn derartige Auftritte in Familien vorkommen. Ach!«

»Herr Lillyvick«, sagte Kenwigs, »ich hoffe, um Ihrer Nichte willen, daß Sie nicht unversöhnlich sein werden.«

Die Züge des Steuereinnehmers wurden milder, als die ganze Gesellschaft ihre Bitten mit denen des Mannes seiner Nichte vereinigte. Er legte den Hut ab und streckte die Hand aus.

»Da, Kenwigs«, sagte Herr Lillyvick, »und damit Sie sehen, wie mißlaunig ich war, will ich Ihnen nur sagen, daß ich, wenn ich auch ohne ein weiteres Wort weggegangen wäre, hinsichtlich meiner Verfügung über die paar Pfunde, die ich nach meinem Tode Ihren Kindern hinterlassen werde, keine Änderung hätte eintreten lassen.«

»Morlina!« rief Madame Kenwigs in der höchsten Rührung, »falle vor dem lieben Onkel auf die Knie nieder und bitte ihn, daß er dich sein ganzes Leben über liebhaben möge; denn er ist mehr ein Engel als ein Mensch, wie ich immer gesagt habe.«

Morlina trat näher, um den ihr anbefohlenen Huldigungsakt zu vollziehen, wurde aber ohne Umstände von Herrn Lillyvick auf den Arm genommen und geküßt, worauf Frau Kenwigs herbeistürzte und den Steuereinnehmer küßte, während ein ununterdrückbares Beifallsgemurmel seitens der übrigen Gesellschaft, die Zeuge dieser Großmutsszene war, laut wurde.

Der Ehrenmann wurde abermals das Leben und die Seele der Gesellschaft und nahm seine alte Stelle als Löwe wieder ein, von der er durch die vorübergehende allgemeine Gedankenverwirrung für einen Augenblick heruntergesunken war. Vierfüßige Löwen sind, wie es heißt, nur wild, wenn sie hungrig sind, was auch bei den zweibeinigen zutrifft, da sie selten länger schmollen, wenn einmal ihr Appetit nach Auszeichnung beschwichtigt ist. Herr Lillyvick stand höher als je; denn er hatte seine Macht gezeigt, einen Wink hinsichtlich seines Vermögens und seiner testamentarischen Verfügungen fallen lassen, große Achtung wegen seiner Uneigennützigkeit und Tugend gewonnen und nebst all diesem zuletzt noch ein weit größeres Glas Punsch erhalten, als das gewesen war, mit dem Newman Noggs auf eine so unverantwortliche Weise davongegangen war.

»Ich muß noch einmal um Verzeihung für meine Zudringlichkeit bitten«, sagte Crowl, als er nach dieser glücklichen Wendung abermals durch die Tür hereinsah »aber das ist eine seltsame Geschichte – nicht wahr? Noggs wohnt nun schon fünf Jahre in diesem Hause, und die ältesten Mietsleute können sich nicht erinnern, je Besuch bei ihm gesehen zu haben.«

»Gewiß ist es etwas höchst Seltsames, wenn man so in der Nacht abgerufen wird«, entgegnete der Wassersteuereinnehmer; »und das Benehmen des Herrn Noggs ist, im mildesten Lichte betrachtet, wenigstens sehr geheimnisvoll.«

»Sie haben recht«, versetzte Crowl, »und ich will Ihnen noch mehr sagen, ich glaube, diese zwei Kraftgenies, wer sie auch sein mögen, sind irgendwo entlaufen.« »Was bringt Sie auf diesen Gedanken?« fragte der Steuereinnehmer, der durch eine stillschweigende Übereinkunft zum Wortführer der Gesellschaft erwählt zu sein schien. »Ich hoffe, Sie haben keinen Grund für die Annahme, daß sie irgendwo entlaufen sind, ohne ihre Steuern und Taxen zu bezahlen?«

Herr Crowl rümpfte die Nase und war eben im Begriff, gegen die Bezahlung von Steuern und Taxen im allgemeinen und unter allen Umständen zu protestieren, als er noch zeitig genug von seiten Herrn Kenwigs durch ein Flüstern und von seiten der Madame Kenwigs durch verschiedene Winke und Gesichtsverzerrungen vor einem so gewagten Schritte gewarnt wurde.

»Je nun«, sagte Crowl, der an Newmans Tür mit der größten Aufmerksamkeit gehorcht hatte; »sie sprachen so laut miteinander, daß sie mich fast aus meinem Zimmer vertrieben, und so mußte ich wohl hier und da ein Wort auffangen; aber alles, was ich daraus entnehmen kann, scheint darauf hinzudeuten, daß sie an dem einen oder dem andern Orte entlaufen sind. Ich möchte Frau Kenwigs nicht beunruhigen und hoffe daher, daß sie nicht aus irgendeinem Gefängnisse oder Hospitale kommen und vielleicht ein Fieber oder eine andere derartige Unannehmlichkeit mit sich bringen, wodurch die Kinder angesteckt werden könnten.«

Frau Kenwigs wurde durch diese Vermutung so überwältigt, daß es der ganzen zärtlichen Aufmerksamkeit der Fräulein Petowker vom Königl. Drury-Lane-Theater bedurfte, um sie nur einigermaßen wieder zu beruhigen; der Emsigkeit des Herrn Kenwigs gar nicht zu gedenken, der ein ziemlich umfangreiches Riechfläschchen so lange an die Nase seiner Gattin hielt, bis es zweifelhaft wurde, ob die Tränen, die ihr über die Wangen rollten, Wirkungen ihrer Gefühle oder das Resultat des Salmiakgeistes waren.

Die Damen, die anfangs ihr Mitgefühl einzeln ausgesprochen hatten, brachen nunmehr in einen kleinen Chor von beschwichtigenden Phrasen aus, unter denen die Redensarten: »die gute arme Frau!« – »an ihrer Stelle würde ich das nämliche fühlen« – »gewiß, eine schwere Prüfung« – und »niemand als eine Mutter weiß, was ein Mutterherz fühlt«, –die hervorstechendsten waren und am häufigsten wiederholt wurden. Kurz, die Gesellschaft sprach ihre Ansicht so unverhohlen aus, daß Herr Kenwigs im Begriffe war, sich nach Herrn Noggs‘ Zimmer zu begeben und eine Erklärung zu fordern. Er hatte auch in der Tat zu besserer Kräftigung und Befestigung seines Vorsatzes bereits ein muteinflößendes Glas Punsch zu sich genommen, als die Aufmerksamkeit aller Anwesenden durch eine neue schreckliche Überraschung in Anspruch genommen wurde.

Diese bestand in nichts Geringerem als in einem schrillen und durchbohrenden Geschrei, das von einem obern Stocke und allem Anschein nach von dem Dachhinterstübchen herkam, wo der junge Herr Kenwigs in seiner Wiege lag. Der Lärm hatte kaum angefangen, als Frau Kenwigs sogleich auf die Ahnung verfiel, eine fremde Katze habe sich hineingeschlichen und dem Kleinen, während das Dienstmädchen schlief, das Blut ausgesogen, weshalb sie auch nach der Tür stürzte, die Hände rang und zur großen Bestürzung und Verwirrung der Gesellschaft in die entsetzlichsten Angstrufe ausbrach.

»Kenwigs, sehen Sie nach, was es ist – eilen Sie!« rief die Schwester der Festgeberin, indem sie Madame Kenwigs mit Gewalt zurückhielt. »Ach, meine Liebe, zapple doch nicht so schrecklich, sonst kann ich dich nicht mehr halten.«

»Mein Kind! mein liebes – liebes – liebes – liebes Kind«, kreischte Frau Kenwigs, indem sie jedes folgende »liebes« lauter als das vorhergehende betonte. »Mein Ein und mein Alles, mein liebes, unschuldiges Lillyvickchen! O laßt mich zu ihm, laßt mich ge-he-he-hen!«

Unter diesem tollen Gekreisch und dem Weinen und Wehklagen der vier kleinen Mädchen eilte Herr Kenwigs die Stiegen hinauf nach dem Zimmer, von wo aus die Töne, die den Anlaß zu dieser Verwirrung gegeben hatten, herkamen. An der Tür begegnete er aber Nicolaus, der, das Kind auf seinen Armen, mit einem solchen Ungestüm herausstürztc, daß der ängstliche Vater sechs Stufen hinuntergeworfen wurde und gegen das nächste Geländer flog, ehe er noch Zeit gehabt hatte, den Mund zu der Frage, was es gäbe, zu öffnen.

»Seien Sie unbesorgt«, rief Nicolaus hinuntereilend! »hier ist es! Es ist alles vorbei – es ist alles vorüber! Ich bitte, fassen Sie sich; es ist kein Unglück geschehen.«

Mit diesen und tausend anderen Versicherungen überlieferte er das Kind, das er in der Eile mit nach unten gekehrtem Kopf fortgeschleppt hatte, der Frau Kenwigs und stürmte wieder hinaus, um Herrn Kenwigs beizustehen, der sich von seinem Fall noch nicht ganz erholt hatte und mit verwirrten Blicken sich den Kopf zerrieb.

Durch diese frohe Botschaft beruhigt, erholten sich die Anwesenden nach und nach wieder von ihrer Furcht, die sich bei einigen Gliedern der Gesellschaft zu einem gänzlichen Mangel der Geistesgegenwart gesteigert hatte. So hielt z. B. der unverheiratete Freund statt der Madame Kenwigs lange Zeit Madame Kenwigs‘ Schwester in seinen Armen; und den würdigen Herr Lillyvick sah man in der Verwirrung seiner Lebensgeister hinter der Zimmertür mehrere Male Fräulein Petowker so ruhig küssen, als ob ganz und gar nichts Ungewöhnliches vorginge.

»Die Sache ist durchaus von keiner Bedeutung«, sagte Nicolaus, als er zu Frau Kenwigs zurückkehrte. »Das kleine Mädchen, das das Kind hütete, ist – vermutlich aus Ermüdung – eingeschlafen und hat sich das Haar angezündet.«

»O du boshafte kleine Kreatur!« schrie Frau Kenwigs, indem sie ausdrucksvoll ihren Zeigefinger gegen die arme Unglückliche schüttelte, die etwa dreizehn Jahre alt sein mochte und mit versengten Haaren und an allen Gliedern zitternd dastand.

»Ich habe sie schreien hören«, fuhr Nicolaus fort, »und kam noch zeitig genug dazu, um zu verhindern, daß das Feuer nicht weiter um sich griff. Sie können sich darauf verlassen, daß das Kind unversehrt ist, denn ich nahm es selbst aus dem Bett und brachte es her, um Sie zu überzeugen.«

Nach dieser kurzen Auseinandersetzung wurde der Kleine, der, da er nach dem Steuereinnehmer getauft war, sich der Namen Lillyvick Kenwigs erfreute, von den Liebkosungen der Anwesenden fast erstickt und von der Mutter so lange an die Brust gedrückt, bis er abermals zu schreien begann. Die Aufmerksamkeit der Gesellschaft wurde nun vermöge eines ganz natürlichen Übergangs auf das kleine Mädchen gerichtet, das die Kühnheit gehabt hatte, sich das Haar zu verbrennen, und das nach verschiedenen kleinen Püffen von den aufgeregteren Damen in Gnaden nach Hause geschickt wurde; die neun Pence, die ihr als Lohn verheißen waren, fielen begreiflicherweise der Familie Kenwigs anheim.

»Aber wir wissen ja gar nicht, was wir zu Ihnen sagen sollen, Sir«, rief Frau Kenwigs, die sich endlich an den Überbringer des jungen Lillyvick wandte.

»Sie brauchen gar nichts zu mir zu sagen«, versetzte Nicolaus, »denn gewiß, ich habe nichts getan, wodurch ich einen besonderen Aufwand Ihrer Beredsamkeit verdient hätte.«

»Der Kleine hätte verbrennen können, wenn Sie nicht gewesen wären«, bemerkte Fräulein Petowker geziert.

»Ich halte dies nicht für sehr wahrscheinlich«, entgegnete Nicolaus, »denn es hätte von hier unten aus nicht an Beistand fehlen können, der das Kind erreicht haben würde, ehe es wirklich in Gefahr gekommen wäre.«

»Sie erlauben uns aber doch, auf Ihre Gesundheit zu trinken, Sir«, fragte Herr Kenwigs, sich dem Tische nähernd.

»In meiner Abwesenheit allerdings«, versetzte Nicolaus lächelnd. »Ich habe eine sehr ermüdende Reise gemacht und würde schlecht in eine Gesellschaft passen, da ich selbst im Falle, daß ich wach bliebe, was ich übrigens für sehr zweifelhaft halte, eher Ihre Heiterkeit stören als fördern würde. Sie werden mir daher erlauben, zu meinem Freunde, Herrn Noggs, zurückzukehren, der sich, als er sah, daß nichts Ernstliches vorgefallen, wieder nach seinem Zimmer verfügte. Gute Nacht!«

So der Teilnahme an den Festlichkeiten ausweichend, verabschiedete sich Nicolaus von Frau Kenwigs und den übrigen Damen in einer sehr gewinnenden Weise und entfernte sich, einen nicht unbedeutenden Eindruck bei der Gesellschaft zurücklassend.

»Welch ein herrlicher junger Mann!« rief Frau Kenwigs.

»Er hat ganz das Äußere eines Mannes von Stande«, sagte Herr Kenwigs. »Meinen Sie nicht auch so, Herr Lillyvick?«

»Ja«, meinte der Steuereinnehmer mit einem bedenklichen Achselzucken; »das Äußere – das Äußere.«

»Ich hoffe. Sie finden nichts an ihm auszusetzen, Onkel?« fragte Frau Kenwigs.

»Nicht doch, meine Liebe«, entgegnete der Steuereinnehmer, »nicht doch. Ich hoffe, er wird seinem Äußeren Ehre machen. – Nun – hat nichts zu sagen. Dir, Nichte, meine Liebe, und langes Leben dem Kinde!«

»Das Ihren Namen trägt«, fügte Flau Kenwigs mit einem süßen Lächeln bei.

»Und, wie ich hoffe, ihn mit Ehren tragen wird«, bemerkte Herr Kenwigs in der Absicht, den Steuereinnehmer wieder ganz zu versöhnen. »Ich bin überzeugt, der Kleine wird seinem Paten nie eine Schande machen und in späteren Jahren als ein Stück der Lillyvicks betrachtet werden, deren Namen er trägt. Ich darf wohl sagen – und meine Frau ist der gleichen Meinung, da sie es ebenso lebhaft wie ich empfindet –, daß ich es für eine der größten Segnungen und Ehren meines Lebens ansehe, ihn mit dem Namen Lillyvick nennen zu können.«

»Für die größte Segnung, Kenwigs«, flüsterte Madame.

»Ja, für die größte Segnung«, verbesserte sich Herr Kenwigs – »eine Segnung, die ich, wie ich hoffe, dermaleinst zu verdienen imstande sein werde.«

Das war ein Meisterstreich der Kenwigsschen Politik, da er Herrn Lillyvick zur Hauptquelle der Bedeutsamkeit des Kleinen machte. Der gute Herr fühlte die Zartheit und Feinheit dieser Anspielungen und brachte auf einmal die Gesundheit des unbekannten Herrn in Vorschlag, der in dieser Nacht so viele Raschheit und Besonnenheit gezeigt hatte.

»Der, wie ich mich zu sagen nicht geniere –« fuhr Herr Lillyvick, der damit gewiß nicht wenig einräumte, fort – »ein recht anständig aussehender junger Mann ist und sich so gut zu benehmen weiß, daß ich hoffe, sein Charakter werde damit im Einklang stehen.«

»In der Tat, ein recht hübsches Gesicht und ganz seine Manieren«, sagte Frau Kenwigs.

»Niemand kann ihm das streitig machen«, fügte Fräulein Petowker bei: »er hat etwas in seinem Äußeren, etwas ganz – ach du mein Himmel, wie heißt nur das Wort?«

»Was für ein Wort?« fragte Herr Lillyvick.

»Ach Gott, wie ich doch so dumm bin«, entgegnete Fräulein Petowker zögernd. »Wie nennt man es doch, wenn die Herren von Adel Klingeln abreißen, anderer Leute Geld verspielen, und was dergleichen mehr ist?«

»Aristokratisch?« meinte der Steuereinnehmer.

»Richtig, aristokratisch«, erwiderte Fräulein Petowker. »Er hat etwas ungemein Aristokratisches an sich. Ist’s nicht so?«

Die Herren blieben ruhig und lächelten sich gegenseitig zu, als wollten sie sagen, das wäre Geschmackssache: die Damen aber erklärten einstimmig, daß Nicolaus ein ganz aristokratisches Äußere hätte, und da sich’s niemand angelegen sein ließ, den Satz zu bestreiten, so wurde er auch als unbestreitbar angenommen.

Der Punsch war mittlerweile auf die Neige gegangen, und die kleinen Kenwigse, die schon seit einiger Zeit ihre kleinen Augen mit ihren kleinen Zeigefingern hatten offen halten müssen, wurden widerspenstig und verlangten dringend nach dem Bett. Der Steuereinnehmer gab das Zeichen zum Aufbruch, indem er seine Uhr herauszog und der Gesellschaft ankündete, daß es bald zwei Uhr sei, wodurch einige Gäste überrascht und andere erschreckt wurden. Man suchte die Herren- und Damenhüte unter den Tischen hervor, und als diese nach und nach aufgefunden waren, entfernten sich ihre Eigentümer nach vielen Händedrücken und oft wiederholten Beteuerungen, daß sie noch nie einen so köstlichen Abend erlebt hätten, daß sie sich wundern müßten, daß es schon so spät wäre, da sie gemeint hätten, es könne höchstens halb elf Uhr sein, daß sie wünschten, Herr und Frau Kenwigs möchten jede Woche einen solchen Tag feiern, daß sie nicht begreifen könnten, wie es Frau Kenwigs nur ermöglicht hätte, alles so hübsch anzuordnen – und was dergleichen Phrasen mehr sind.

Herr und Madame Kenwigs beantworteten alle diese schmeichelhaften Komplimente damit, daß sie jeder Dame und jedem Herrn der Reihe nach für das Vergnügen ihrer Gesellschaft dankten und den Wunsch aussprachen, sie möchten sich nur halb so gut unterhalten haben, wie dieses bei ihnen selbst der Fall gewesen wäre.

Was unsern Nicolaus anbelangt, so war er – des Eindrucks, den er hervorgebracht hatte, ganz unbewußt – schon längst in Schlaf verfallen, indem er es Herrn Newman Noggs und Smike überließ, gemeinschaftlich die Branntweinflasche zu leeren. Sie verrichteten auch dieses Geschäft so außerordentlich bereitwillig, daß Newman endlich ebensowenig zu unterscheiden wußte, ob er selbst vollkommen nüchtern wäre, oder, ob er je einen Menschcn so schwer und vollkommen betrunken gesehen hätte, wie seinen neuen Bekannten.

Sechzehntes Kapitel.


Sechzehntes Kapitel.

Nicolaus sucht eine Anstellung und nimmt, da ihm dieses fehlschlägt, eine Privatlehrerstelle an.

Am andern Morgen war es Nicolaus‘ erste Sorge, sich nach einem Zimmer umzusehen, wo er bis auf bessere Zeiten wohnen konnte, ohne Newman Noggs zur Last zu fallen, der mit Freude auf der Stiege geschlafen haben würde, wenn es nur sein junger Freund dadurch etwas bequemer bekam.

Das leerstehende Zimmer, auf das sich die Anzeige an der Haustür bezog, erwies sich bei näherer Nachforschung als ein kleines Hinterstübchen im zweiten Stock, von wo aus man eine gar liebenswürdige Aussicht auf mit Ruß bedeckte Dachziegel und Schornsteine hatte. Der Hausbesitzer hatte dem Mieter des Erdgeschosses die Vollmacht übertragen, diesen Teil des Hauses unter anständigen Bedingungen von Woche zu Woche zu vermieten, wie denn auch überhaupt der letztere den Auftrag hatte, die Zimmer, sobald sie leer würden, wieder zu vergeben und ein scharfes Auge auf die Hausbewohner zu haben, damit sie nicht davonliefen. Um den Mann zu einer pünktlichen Vollziehung dieser letzteren Obliegenheit zu vermögen, erhielt er freie Wohnung, damit er nicht in Versuchung käme, einmal selber davonzulaufen.

Der Erlös aus einigen entbehrlichen Kleidungsstücken setzte Nicolaus in den Stand, diese Kammer zu erstehen und auch die Miete für etliche notwendige Möbel, die er sich von einem benachbarten Trödler verschaffte, auf eine Woche voraus zu bezahlen. Hier saß er nun in seinen vier Wänden, um über seine Aussichten für die Zukunft nachzudenken, die aber freilich – wie die seines Fensters – gar beschränkt und trübe waren. Sie wurden aber durch das Nachsinnen nicht besser, und da allzu genaue Bekanntschaft leicht Verachtung erzeugt, so faßte er den Entschluß, seine Gedanken durch einen tüchtigen Spaziergang zu verscheuchen. Er nahm daher seinen Hut und überließ das Gemach dem armen Smike, der es stets aufs neue, und zwar mit einem Entzücken ordnete, als wenn es der herrlichste Palast gewesen wäre, während er sich selbst in das Gewühl der Straßen mengte.

Wenn man sich als eine bloße Einheit in einem geschäftigen Gedränge sieht, wo man von niemandem beachtet wird, so kann man allerdings das Gefühl der eigenen Wichtigkeit verlieren; aber es folgt daraus keineswegs, daß man sich ebenso leicht des drückenden Bewußtseins von der Wichtigkeit und Größe seiner Sorgen entledigen kann. Nicolaus‘ Gehirn war ausschließlich mit dem trostlosen Zustand seiner eigenen Angelegenheiten beschäftigt – Gedanken, die ungeachtet des schärfsten Laufes nicht weichen wollten –; und wenn er es auch versuchte, sie durch Betrachtungen über die Lage und Aussichten der ihn umgebenden Menge zu verscheuchen, so nahm ihn vielleicht der Vergleich der Gegensätze auf einige Augenblicke in Anspruch, führte ihn aber, ehe er sich’s versah, wieder auf seinen alten Gedankengang zurück.

Als er, von solchen Betrachtungen hingenommen, in einer von Londons Hauptstraßen hinschlenderte, trafen seine Blicke auf einmal eine blaue Tafel, worauf mit goldenen Buchstaben zu lesen stand: »General-Agentur; Plätze und Stellen aller Art sind im Hause zu erfragen.« Es war ein Laden mit einer Gasblende und einer inneren Tür, hinter deren Glasscheiben eine lange und lockende Reihe von Ankündigungen hing, die offene Stellen jeden Grades vom Sekretär bis zum Laufjungen hinunter anboten.

Nirolaus machte unwillkürlich vor diesem Tempel der Verheißung halt und überflog mit dem Auge die in großen Lettern beschriebenen Stellungen, die hier so verschwenderisch angeboten wurden. Als er mit diesem Studium zu Ende gekommen war, ging er eine Strecke weiter, kehrte aber wieder um und ging eine Weile unschlüssig vor der Tür des Bureaus der Generalagentur auf und ab, bis er sich endlich ein Herz faßte und eintrat.

Er befand sich nun in einem kleinen mit Bodenteppichen versehenen Zimmer, in dem ein hohes, mit einem Geländer versehenes Pult stand. Hinter diesem Pult saß ein magerer junger Mann mit schlauen Augen und einem hervorragenden Kinn, dessen Leistungen in Frakturschrift die Scheiben der Ladentür verdunkelten. Er hatte ein großes Hauptbuch aufgeschlagen vor sich liegen und die Finger seiner rechten Hand zwischen den Blättern desselben stecken, während seine Augen auf eine sehr beleibte alte Dame in einer Morgenhaube – augenscheinlich die Eigentümerin des Geschäfts – geheftet waren, die sich am Feuer wärmte. Er schien ihre Aufträge zu erwarten, um über einige Punkte, die sich in dem Bereiche der rostigen Klappen seines Buches befanden, Bericht zu erstatten.

Nicolaus hatte außen eine Tafel gesehen, die dem Publikum anzeigte, daß hier von zehn bis vier Uhr Dienstboten aller Art gemietet werden könnten, und konnte sich daher den Zweck der Anwesenheit von einem halben Dutzend kräftiger junger Frauenspersonen, die in Überschuhen und mit Sonnenschirmen auf einer Eckbank saßen, um so leichter erklären, da die armen Dinger gar ängstlich und verdrießlich aussahen. Nicht ganz so sicher war er hinsichtlich des Berufs und der Stellung zweier schmucker junger Frauenzimmer, die sich mit der dicken Dame am Feuer unterhielten, bis diese – er hatte sich inzwischen mit der Erklärung, daß er warten wolle, bis die übrigen Kunden bedient wären, in eine Ecke gesetzt – das Gespräch, das durch sein Eintreten unterbrochen wurde, wieder aufnahm.

»Köchin – Tom«, sagte die dicke Frau, die sich, wie vorhin bemerkt, an dem Feuer wärmte.

»Köchin«, versetzte Tom, einige Blätter seines Hauptbuches umschlagend; »gut.«

»Lesen Sie eine oder zwei leichte Stellen«, entgegnete die dicke Dame.

»Wenn ich bitten darf, ein paar recht leichte, junger Herr«, fügte ein modisch gekleidetes Frauenzimmer in buntkarrierten Zeugstiefeln, die die Klientin zu sein schien, bei.

»Frau Marker«, las Tom, »Russelplatz, Russelquare; bietet achtzehn Guineen, auch Tee und Zucker. Eine Familie von zwei Personen, die äußerst wenig Gesellschaft sieht. Hält fünf Dienstboten, aber keinen männlichen. Duldet auch keine Liebhaber.«

»Ach, lieber Himmel, das ist nichts«, kicherte die Klientin; »lesen Sie eine andere, junger Herr.«

»Frau Wrymug«, sagte Tom. »Angenehme Stelle in Finsbury, Lohn zwölf Guineen. Kein Tee, kein Zucker. Fromme Familie –«

»Ach lassen Sie das nur«, fiel die Klientin ein.

»Drei fromme Diener«, fuhr Tom mit Nachdruck fort.

»Drei, sagten Sie?« rief die Klientin in einem veränderten Tone.

»Drei fromme Diener«, wiederholte Tom – »Köchin, Haus- und Stubenmädchen: jeder weibliche Dienstbote muß Sonntags dreimal in die Kirche – mit einem frommen Diener. Wenn die Köchin frommer ist als der Diener, so erwartet man von ihr, daß sie den Diener bessere; ist der Diener frommer als die Köchin, so hofft man von ihm, daß er einen gleichen Einfluß auf die Köchin übe.«

»Ich bitte um die Adresse dieses Ortes«, sagte die Klientin; »ich weiß nicht, aber ich meine, diese Stelle könnte mir zusagen.«

»Hier ist noch eine andere«, bemerkte Tom, einige Blätter umschlagend; »Familie des Herrn Gallanbile, Parlamentsmitglied. Fünfzehn Guineen, Tee und Zucker; die weiblichen Dienstboten dürfen männliche Verwandte sehen, wenn diese recht fromme Personen sind. NB. Am Sabbat kaltes Mittagessen in der Küche, da Herr Gallanbile für strenge Beobachtung des Sabbats gestimmt hat. Am Tage des Herrn wird durchaus nichts gekocht, als das Mittagessen für Herrn und Frau Gallanbile, was natürlich als ein Werk der Frömmigkeit und Notwendigkeit eine Ausnahme erleidet. Herr Gallanbile speist an dem Tage der Ruhe spät, um der Köchin die Sünde des Ankleidens zu ersparen.«

»Ich glaube nicht, daß mir diese Stelle so gut wie die vorige ansteht«, sagte die Klientin nach einem kurzen Flüstern mit ihrer Freundin. »Seien Sie so freundlich, mir die Markersche Adresse zu geben, junger Herr. Ich kann ja wiederkommen, wenn sich’s nicht schicken will.«

Tom schrieb verlangtermaßen die Adresse heraus, und die modisch gekleidete Klientin entfernte sich mit ihrer Freundin, nachdem sie einstweilen die dicke Dame mit einer kleinen Gabe befriedigt hatte.

Nicolaus wollte eben seinen Mund öffnen, um den jungen Mann zu ersuchen, unter dem Buchstaben S die verfügbaren Sekretärstellen aufzusuchen, als eine Dame in das Bureau trat, deren Äußeres ihn ebensosehr überraschte, wie ansprach, weshalb er auch zu ihren Gunsten zurücktrat.

Die Dame, die kaum achtzehn Jahre zählen konnte und außerordentlich schön und zart gebaut war, trat schüchtern an den Schreibtisch und fragte mit leiser Stimme nach einer Stelle als Erzieherin oder als Gesellschafterin einer Dame.

Sie schlug, während sie ihre Angabe vorbrachte, ihren Schleier einen Augenblick zurück und ließ ein Gesicht von vollendeter Schönheit blicken, obgleich es durch eine Wolke der Trauer beschattet wurde, die bei einem so jungen Wesen doppelt auffallend war. Man schrieb ihr aus dem Buche eine Adreßkarte, und nachdem sie die gewöhnliche Gebühr entrichtet hatte, glitt sie hinaus.

Sie war nett, aber ungemein bescheiden gekleidet, so daß ihr Anzug an einem Mädchen von weniger persönlicher Anmut sogar als ärmlich erschienen wäre. Ihre Begleiterin – denn sie hatte eine solche – war ein schmutziges Mädchen mit rotem Gesicht und großen Augen, das nach einer gewissen Rauheit an den bloßen Armen, die unter dem schlampig umgeworfenen Halstuche hervorsahen, und nach den halbgewaschenen Spuren von Schmutz und Ruß, die ihr Gesicht tätowierten, zu schließen, augenscheinlich zu der Klasse der Dienstmägde auf der Bank gehörte, mit denen sie auch einige Blicke und Gebärden wechselte, die auf eine gewisse Geheimbündelei des Gewerbes hinwiesen.

Das Mädchen folgte ihrer Gebieterin; und noch ehe sich Nicolaus von den ersten Wirkungen der Überraschung erholt hatte, war die junge Dame verschwunden. Es ist nicht so ganz unwahrscheinlich, wie sich vielleicht einige nüchterne Leute denken mögen, daß er ihnen nachgefolgt wäre, wenn er nicht durch das, was zwischen der dicken Dame und ihrem Buchhalter verhandelt wurde, zurückgehalten worden wäre.

»Wann kommt sie wieder, Tom?« fragte die dicke Dame.

»Morgen früh«, antwortete Tom, seine Feder spitzend.

»Wo haben Sie sie hingesandt?« fragte die dicke Dame.

»Zu Madame Clarks«, entgegnete Tom.

»Sie wirds gut kriegen, wenn sie dort unterkommt«, bemerkte die dicke Dame, indem sie eine Prise aus einer zinnernen Schnupftabaksdose nahm.

Tom erwiderte nicht«, sondern deutete mit der Feder auf Nicolaus – eine Erinnerung, die der dicken Dame die Frage entlockte:

»Nun, Sir, was können wir für Sie tun?«

Nicolaus antwortete mit kurzen Worten, daß er wissen möchte, ob nicht irgendeine Stelle als Sekretär oder Hilfskraft bei einem Herrn zu haben sei.

»O, ein halbes Dutzend statt einer«, versetzte die Kommissionärin. »Nicht wahr, Tom?«

»Ich sollt’s meinen«, antwortete der junge Herr.

Er winkte bei diesen Worten Nicolaus mit einem Grad von Vertraulichkeit zu, der ohne Zweifel als ein sehr schmeichelhaftes Kompliment gelten sollte, was jedoch von dem Bewerber um die Sekretärstelle höchst undankbarerweise nur mit Widerwillen aufgenommen wurde.

Als man das Buch zu Rate zog, stellte sich heraus, daß die Dutzend Stellen zu einer einzigen eingeschrumpft waren. Herr Gregsbury, das große Parlamentsmitglied von Manchester Buildings in Westminster, suchte einen jungen Mann, der seine Papiere und Korrespondenz in Ordnung halten sollte, und Nicolaus war gerade von dem Schlag, dessen Herr Gregsbury bedurfte.

»Die Bedingungen sind uns unbekannt, da der Auftraggeber sie mit dem Stellungsuchenden selbst abzumachen gedenkt«, bemerkte die dicke Dame; »aber sie können nur sehr vorteilhaft sein, da er Parlamentsmitglied ist.«

So unerfahren auch Nicolaus war, so war er doch von der Richtigkeit dieses Schlusses nicht ganz überzeugt. Ohne jedoch auf weitere Nachfragen einzugehen, ließ er sich die Adresse aufschreiben und nahm sich vor, Herrn Gregsbury unverzüglich seine Aufwartung zu machen.

»Ich kann Ihnen die Hausnummer nicht angeben«, sagte Tom; »aber Manchester Buildings ist nicht groß, und im schlimmsten Falle finden sie ihn, wenn Sie an allen Türen auf beiden Seiten der Straße anklopfen, wozu Sie nicht allzulange brauchen werden. Aber nicht wahr – das war ein hübsches Mädchen?«

»Was für ein Mädchen, Sir?« fragte Nicolaus finster.

»O ja, ich weiß schon – was für ein Mädchen, he?« flüsterte Tom, indem er blinzelnd sein Kinn vorschob. »Sie haben sie natürlich nicht gesehen – was meinen Sie, möchten Sie morgen nicht an meiner Stelle sein, wenn sie wiederkommt?«

Nicolaus sah den häßlichen Schreiber mit einem Blicke an, als hätte er gute Lust, ihm als Lohn für seine Bewunderung der jungen Dame das Hauptbuch um die Ohren zu schlagen. Er hielt jedoch an sich und verließ stolz das Bureau, indem er in seiner Entrüstung den alten Gesetzen der Ritterlichkeit Trotz bot, die es nicht nur allen braven Rittern zur Pflicht machten, das Lob der Damen ihres Herzens anzuhören, sondern sogar von ihnen fordern, in der Welt herumzustreifen und allen jenen hölzernen und prosaischen Kerlen den Schädel einzuschlagen, die sich weigern, Damen in den Himmel zu erheben, von denen sie zufälligerweise nie etwas gesehen oder gehört hatten – als ob dieser letzte Umstand wirklich als eine Entschuldigung gelten könnte.

Nicolaus vergaß über den Betrachtungen, worin wohl das Unglück dieses schönen Mädchens bestehen möchte, seine eigene traurige Lage, und unter solchen Gedanken lenkte er seine Schritte nach Manchester Buildings, obgleich er nicht selten fehlging, da er auf seine vielen Fragen fast ebenso viele falsche Anweisungen erhielt.

In den Grenzen der früheren Stadt Westminster, ein paar hundert Schritte von ihrem alten Heiligtum, ist ein enger und schmutziger Bezirk, das Sanktuarium der unbedeutenderen Parlamentsmitglieder unserer Tage. Es beschränkt sich auf eine einzige Straße voll düsterer Häuser, von dessen Fenstern zur Zeit der Parlamentsferien lange, traurige Reihen von Anschlagzetteln herunterhängen, die ebenso offen wie die Gesichter der früheren Hausbewohner, die sich auf den Bänken der Regierung und der Opposition herumtreiben, der Welt sagen: »zu vermieten«, – »zu vermieten.« Ist das Parlament versammelt, so verschwinden diese Zettel, und die Häuser wimmeln von Gesetzgebern – Gesetzgeber im Erdgeschosse, in der ersten Etage, im zweiten und dritten Stock bis zu den Dachstuben hinauf; die kleinen Gemächer dampfen von dem Atem der Deputationen und Delegierten. Bei feuchtem Wetter sieht man nichts von dem Ort, da er in den Dünsten, die von den durchwässerten Parlamentsakten und den muffigen Petitionen aufsteigen, ganz umnebelt wird. Die Briefträger verfallen in Schwächezustände, wenn sie die Grenzen dieses angesteckten Bezirks betreten, und schäbige Gestalten, die die Postfreiheit der Parlamentsmitglieder ausbeuten möchten, schießen rastlos wie die aufgestörten Geister dahingeschiedener Briefsteller hin und her.

Das ist Manchester Buildings, und hier kann man alle Stunden der Nacht das Rasseln der Schlüssel in ihren Schlössern und hin und wieder – wenn ein über das Wasser, das den Fuß der Gebäude bespült, hinfegender Windstoß den Ton nach dem Eingänge führt – die schwache, schrille Stimme irgendeines Parlamentsmitglieds, das eine Rede auf den andern Morgen einübt, vernehmen. Hier hört man den ganzen Tag das Quieken der Drehorgeln und das Leiern von Spieluhren und Spieldosen; denn Manchester Buildings ist ein Sack, der keinen andern Ausgang hat als die unzierliche Mündung – ein Flaschenfutter ohne Durchgang mit einem kurzen und engen Hals –, und in dieser Hinsicht kann man es wohl das Vorbild des Schicksals von so manchem seiner Bewohner nennen, der, nachdem er sich mit vielem Mühen und Ducken ins Parlament geschlichen hat, am Ende findet, daß kein Ausweg für ihn vorhanden ist, und alles nur, wie Manchester Buildings, zu nichts als zu sich selbst führte, so daß er am Ende gern wieder herausgeht, wie er hineinkam, weder reicher noch weiser oder auch nur um einen Pfifferling berühmter.

Nach diesem Ort wanderte Nicolaus mit der Adresse des großen Herrn Gregsbury in der Hand und fand gleich am Eingang eine große Menschenmasse, die in ein armseliges Haus strömte. Er wartete, bis sich die Straße geleert hatte, suchte dann einen Diener dieses Hauses auf und fragte, ob er nicht wisse, wo Herr Gregsbury wohne.

Der Diener war ein blasser, schäbiger, junger Mensch, der aussah, als ob er von seiner Kindheit an in Kellern geschlafen hätte, was vielleicht auch der Fall war.

»Herr Gregsbury?« sagte er; »Herr Gregsbury wohnt hier. Sie sind ganz recht. Kommen Sie herein.«

Da Nicolaus keinen Grund einsah, warum er nicht hineingehen sollte, so tat er es; und kaum war dies geschehen, so schloß der junge Mensch die Tür und machte sich davon.

Das war seltsam genug, aber noch mehr verwirrte ihn der Umstand, daß sich auf der engen Hausflur und den engen Stiegen eine wirre Masse von Menschen befand, die sich mit gar bedeutungsvollen und wichtigen Gesichtern an die Fenster stellten und den dunklen Eingang noch dunkler machten. Sie harrten augenscheinlich in schweigender Erwartung auf ein bevorstehendes Ereignis; denn von Zeit zu Zeit flüsterte einer seinem Nachbar etwas zu, oder flüsterte eine kleine Gruppe zusammen, und dann nickten oder schüttelten die Flüsternden bedeutungsvoll ihre Köpfe, als ob sie etwas Verzweifeltes im Schilde führten und fest entschlossen wären, sich unter keinen Umständen abschütteln zu lassen.

Einige Minuten vergingen, ohne daß etwas vorfiel, was diesen Auftritt erklärt hätte, und Nicolaus, der sich nicht sonderlich behaglich in seiner Lage fühlte, schickte sich eben an, bei einem Nachbar einige Erkundigungen einzuziehen, als plötzlich eine lebhafte Bewegung auf den Stiegen bemerkbar wurde und eine Stimme sich vernehmen ließ:

»Nun, meine Herren, haben Sie die Güte, heraufzukommen.«

Die Herren auf den Stiegen begannen übrigens, statt hinaufzugehen, rasch hinunterzusteigen, und baten dann die Herren in der Nähe der Tür mit außerordentlicher Höflichkeit, voranzugehen. Diese erwiderten mit gleicher Höflichkeit, daß sie um keinen Preis an so etwas denken würden: aber sie taten es, ohne daran zu denken, denn die anderen Herren drängten ein halbes Dutzend, unter denen sich auch Nicolaus befand, vorwärts und stießen diese, indem sie sich hinten anschlossen, nicht nur die Stiegen hinauf, sondern auch bis in das Audienzzimmer des Herrn Gregsbury hinein, in das sie mit der ungebührlichsten Hast einzutreten genötigt waren, ohne imstande zu sein, sich wieder zurückzuziehen, da die nachdrängende Menge das Gemach füllte.

»Meine Herren«, sagte Herr Gregsbury, »Sie sind willkommen. Ich bin erfreut, Sie zu sehen.«

Für einen Mann, der erfreut war, einen ganzen Haufen Gäste bei sich zu sehen, sah Herr Gregsbury so unbehaglich wie nur möglich aus. Aber das hatte vielleicht seinen Grund in der Würde des Gesetzgebers und dem Zwang, den Staatsmänner ihren Gefühlen aufzuerlegen pflegen. Er war ein sehr wohlbeleibter, dickköpfiger Herr mit lauter Stimme und pomphaftem Wesen, dem eine erträgliche Menge nichtssagender Phrasen zu Gebot stand, und der – mit einem Worte – alle Erfordernisse eines guten Parlamentsmitgliedes besaß.

»Nun, meine Herren«, sagte Herr Gregsbury, indem er einen großen Stoß Papiere in einen zu seinen Füßen stehenden geflochtenen Korb warf und sich selbst mit übereinandergeschlagenen Armen in seinem Stuhle zurücklehnte: »Sie sind, wie ich aus den Zeitungen entnehme, unzufrieden mit meiner Art der Führung meines Amtes?«

»Ja, Herr Gregsbury, das sind wir«, versetzte ein plumper, alter Herr, der mit vielem Ungestüm aus dem Gedränge hervorbrach und sich vorn aufpflanzte.

»Wie?« entgegnete Herr Gregsbury, den Sprecher betrachtend; »täuschen mich meine Augen, oder ist dies wirklich mein alter Freund Pugstyles?«

»Der bin ich und kein anderer, Sir«, erwiderte der plumpe, alte Herr.

»Geben Sie mir Ihre Hand, mein würdiger Freund«, sagte Herr Gregsbury. »Pugstyles, mein teurer Freund, ich bedaure ungemein, Sie hier zu sehen.«

»Und ich bedaure ungemein, daß ich hier sein muß«, versetzte Herr Pugstyles; »aber Ihr Benehmen, Herr Gregsbury, hat diese Abordnung seitens Ihrer Wähler gebieterisch notwendig gemacht.«

»Mein Benehmen, Pugstyles«, entgegnete Herr Gregsbury, indem er die Deputierten der Reihe nach mit huldreicher Herablassung betrachtete – »mein Benehmen wurde stets und wird stets durch die aufrichtige Berücksichtigung der wahren und wirklichen Interessen dieses großen und glücklichen Landes geleitet werden. Ob ich auf meine Heimat oder auf andere Landesteile blicke, ob ich die friedlichen, gewerbtätigen Gemeinden unserer heimischen Insel betrachte, ihre mit Dampfbooten bedeckten Flüsse, ihre Straßen mit Fuhrwerken und Dampfwagen, ihren Himmel mit Luftschiffen von einer Macht und Größe, die in der Geschichte der Luftschiffahrt (sowohl dieses als eines anderen Volkes) nicht ihresgleichen haben – ich sage, ob ich bloß auf meine Heimat blicke oder meine Augen weiter gleiten lasse und die endlose Aussicht auf Eroberung und Besitz betrachte, die sich vor mir eröffnet, und die durch britische Ausdauer und britischen Mut errungen wurde – so schlage ich meine Hände zusammen, richte meine Blicke zu dem weiten Gewölbe über meinem Haupt und rufe: Dank dir Himmel, daß ich ein Brite bin!«

Es war einmal eine Zeit, wo dieser Ausbruch von Begeisterung allenthalben freudigen Anklang gefunden haben würde; aber in dem gegenwärtigen Augenblicke nahm ihn die Abordnung mit der tödlichsten Kälte auf. Der Gesamteindruck schien zu sein, daß diese Phrase, wenn sie als eine Erklärung von Herrn Gregburys politischem Benehmen gelten sollte, nicht genug ins Einzelne einginge, und ein Herr im Hintergrunde nahm keinen Anstand, laut zu bemerken, daß das Ganze ziemlich nach Wind röche.

»Ich weiß nicht, was Sie hier mit dem Ausdrucke ›Wind‹ sagen wollen«, entgegnete Herr Gregsbury: »wenn aber damit angedeutet werden soll, daß ich ein wenig zu glühend, vielleicht sogar hyperbolisch in Erhebung der Vorzüge meines Geburtslandes wurde, so erkenne ich die volle Gerechtigkeit dieser Bemerkung an. Ich bin stolz auf dieses freie und glückliche Land. Ich fühle mich größer; meine Augen glänzen, meine Brust hebt sich, mein Herz schwillt, mein Busen brennt, wenn ich mir seinen Ruhm und seine Größe ins Gedächtnis rufe.«

»Wir wünschen Ihnen einige Fragen vorzulegen«, bemerkte Herr Pugstyles ruhig.

»Ich stehe zu Diensten, meine Herren. Meine Zeit gehört Ihnen – und meinem Vaterlande – ja, und meinem Vaterlande –« erwiderte Herr Gregsbury.

Sobald diese Erlaubnis erteilt war, setzte Herr Pugstyles seine Brille auf und durchlief ein beschriebenes Papier, das er aus seiner Tasche zog, worauf fast alle übrigen Deputationsmitglieder gleichfalls Schriften aus ihren Taschen zogen, um Herrn Pugstyles, während er die Fragen ablas, nachzuprüfen.

Als dies geschehen war, ging Herr Pugstyles zu seinem Zweck über.

»Frage Numero eins. Gaben Sie vor Ihrer Erwählung nicht das freiwillige Versprechen, daß Sie, im Fall Sie reussierten, der üblen Gewohnheit des Hustens und Grunzens im Unterhaus ein Ende machen wollten, und haben Sie sich nicht schon in der ersten Debatte der Sitzung niederhusten und niedergrunzen lassen, ohne auch nur den Versuch zu machen, eine Abstellung dieses Unfugs zu beantragen? Haben Sie ferner nicht das Versprechen abgelegt, die Minister niederzudonnern und sie zu Kreuze kriechen zu machen – und haben Sie sie niedergedonnert und zu Kreuze kriechen gemacht?«

»Gehen Sie auf den nächsten Punkt über, mein lieber Pugstyles«, sagte Herr Gregsbury.

»Haben Sie hinsichtlich dieser Frage eine Erklärung abzugeben, Sir?« fragte Herr Pugstyles.

»Gewiß nicht«, antwortete Herr Gregsbury.

Die Mitglieder der Abordnung warfen sich zuerst untereinander und dann dem Mitgliede wilde Blicke zu, und »der liebe Pugstyles« nahm, nachdem er Herrn Gregsbury geraume Zeit über seine Brille weg scharf fixiert hatte, seine Fragenliste wieder auf.

»Frage Numero zwei. Haben Sie nicht in gleicher Weise freiwillig gelobt, daß Sie Ihren Kollegen bei jeder Gelegenheit unterstützen würden, und haben Sie ihn nicht vorgestern nachmittag verlassen und mit der Gegenpartei gestimmt, weil die Frau eines Haupthahns von der Gegenpartei Madame Gregsbury zu einer Abendgesellschaft eingeladen hatte?«

»Weiter«, sagte Herr Gregsbury.

»Haben Sie auch hierauf nichts zu sagen, Sir?« fragte der Sprecher.

»Nicht das mindeste«, versetzte Herr Gregsbury.

Die Abordnung, die ihn nur zur Zeit der Stimmenwerbung und der Wahl gesehen hatte, wurde durch die Kaltblütigkeit nicht wenig verblüfft. Er schien nicht mehr derselbe Mann zu sein; denn damals war er ganz Milch und Honig, während er sich jetzt als Galle und Essig zeigte. Aber die Menschen ändern sich wie die Zeiten.

»Endlich und schließlich Frage Numero drei –« fuhr Herr Pugstyles mit Nachdruck fort. »Haben Sie nicht während der Wahl Ihren festen und unabänderlichen Entschluß zu erkennen gegeben, sich jedem Vorschlage zu widersetzen, bei jeder Frage Abstimmung zu verlangen, über jeden Gegenstand aktenmäßige Nachweisung zu fordern, jeden Tag einen Antrag zu stellen und – um mich kürzlich Ihrer eigenen denkwürdigen Worte zu bedienen – aller Welt den Teufel im Glas zu zeigen?«

Mit dieser inhaltsschweren Frage faltete Herr Pugstyles sein Papier zusammen, und seine Hintermänner taten dasselbe.

Herr Gregsbury überlegte, schneuzte sich, lehnte sich in seinem Stuhl zurück, beugte sich dann wieder vorwärts, stützte seine Ellenbogen auf den Tisch, machte mit seinen zwei Daumen und seinen zwei Zeigefingern ein Dreieck, schlug sich mit der Spitze desselben auf die Nase und entgegnete lächelnd:

»Ich stelle alles in Abrede.«

Bei dieser unverhofften Antwort erhob sich unter der Abordnung ein unwilliges Murren, und derselbe Herr, der schon früher seine Ansicht über die windartige Beschaffenheit der Begrüßungsanrede zum besten gegeben hatte, ließ abermals eine einsilbige Demonstration laut werden, indem er das Wort »Verzichtleistung« brummte, das durch die Art und Weise, wie seine Gefährten darin einstimmten, in der Tat zu einer ernsten und allgemeinen Unwillensäußerung anschwoll.

»Ich bin beauftragt, Sir«, sagte Herr Pugstyles mit einer nachlässigen Verbeugung, »Ihnen zu erklären, daß eine große Mehrzahl Ihrer Wähler wünscht, Sie möchten die Güte haben, auf Ihren Sitz zugunsten eines Bewerbers zu verzichten, dem man besser vertrauen zu dürfen glaubt.«

Herr Gregsbury las nun die folgende Antwort ab, die er in dem Vorgefühl einer solchen Aufforderung in der Form eines Briefes abgefaßt hatte, um Abschriften davon an die Redaktionen der Tagesblätter senden zu können:

»Mein lieber Pugstyles!

Nächst der Wohlfahrt unserer geliebten Insel – dieses großen, freien und glücklichen Landes, dessen Kräfte und Hilfsquellen nach meiner innigsten Überzeugung grenzenlos sind – schlage ich die edle Unabhängkeit, deren sich ein Engländer mit hohem Stolze rühmen kann, und die ich meinen Kindern unbefleckt und unbesudelt hinterlassen möchte, am höchsten an. Durch keine persönlichen Triebfedern geleitet, sondern einzig und allein veranlaßt durch hohe und wichtige konstitutionelle Rücksichten, die ich nicht auseinanderzusetzen versuchen will, da sie in der Tat die Fassungskraft von Personen übersteigen, die sich nicht wie ich die Politik durch ein verwickeltes und mühsames Studium zu eigen gemacht haben – halte ich es für geeignet, meinen Sitz zu behaupten, und habe auch die Absicht, dieses wirklich zu tun.

Haben Sie die Güte, der Wahlkorporation meine Empfehlung mitzuteilen und ihr diese meine Entschließung kundzutun.

Mit großer Hochachtung
Mein lieber Pugstyles
usw.«

»Sie wollen also unter keinen Umständen zurücktreten?« fragte der Sprecher.

Herr Gregsbury lächelte und schüttelte den Kopf.

»Dann guten Morgen, Sir«, sagte Pugstyles zornig.

»Gott geleite Sie«, entgegnete Herr Gregsbury.

Und die Abordnung stürmte unter Brummen und Schelten so schnell hinaus, wie es das enge Stiegenhaus nur gestatten mochte.

Als sich der letzte Mann entfernt hatte, rieb Herr Gregsbury seine Hände und kicherte, wie lustige Burschen es tun, wenn sie glauben, daß sie etwas ungewöhnlich Gutes gesagt oder ausgeführt hätten. Er war überhaupt so sehr von seiner Selbstzufriedenheit hingenommen, daß er unsern Nicolaus, der hinter einer Fenstergardine zurückgeblieben war, nicht gewahrte, bis dieser in der Besorgnis, irgendein Selbstgespräch, das für keine fremden Ohren bestimmt war, mit anhören zu müssen, zwei- oder dreimal hustete, um die Aufmerksamkeit des Parlamentsmitglieds auf sich zu ziehen.

»Was ist das?« rief Herr Gregsbury mit scharfem Ton.

Nicolaus trat hervor und verbeugte sich.

»Was haben Sie hier zu schaffen, Sir?« fragte Herr Gregsbury. »Ein Spion in meinem Privatzimmer! ein versteckter Wähler! Sie haben meine Antwort vernommen, Sir; ich muß daher bitten, daß Sie der Abordnung folgen.«

»Wenn ich zu ihr gehörte, so würde es bereits geschehen sein«, entgegnete Nicolaus: »das ist jedoch nicht der Fall.«

»Aber was wollen Sie denn hier, Sir?« war natürlich die nächste Frage des Herrn Gregsbury, Parlamentsmitglied. »Und wo zum Teufel kommen Sie her, Sir?« lautete die zweite.

»Ich erhielt diese Karte von der Generalagentur, Sir«, antwortete Nicolaus, »und möchte mich Ihnen als Sekretär anbieten, da Sie dem Vernehmen nach eines solchen bedürfen.«

»Das wäre alles, weshalb Sie hergekommen sind?« fragte Herr Gregsbury, den Bittsteller mit bedenklichen Blicken messend.

Nicolaus bejahte diese Frage.

»Sie stehen in keiner Verbindung mit irgendeinem dieser schuftigen Zeitungsblätter?« fuhr Herr Gregsbury fort. »Sie haben sich nicht in das Zimmer geschlichen, um zu behorchen, was vorgeht, und es nachher drucken zu lassen – he?«

»Es tut mir leid, sagen zu müssen, daß ich vorderhand mit gar nichts in Verbindung stehe«, entgegnete Nicolaus zwar höflich, aber unbefangen.

»Ach, so«, erwiderte Herr Gregsbury. »Wie fanden Sie aber Ihren Weg hier herauf?«

Nicolaus erzählte, wie er durch die Abordnung herauf gedrängt worden.

»So ging es also zu?« versetzte Herr Gregsbury. »Nehmen Sie Platz.«

Nicolaus nahm einen Stuhl, und Herr Gregsbury betrachtete ihn eine Weile mit festen Blicken, als ob er sich vorher überzeugen wolle, daß in seinem Äußeren nichts Verdächtiges liege, ehe er weitere Fragen stellte.

»Sie möchten also mein Sekretär werden?« begann er endlich.

»Ja«, antwortete Nicolaus.

»Schön«, versetzte Herr Gregsbury, »aber was können Sie leisten?«

»Ich denke«, entgegnete Nicolaus lächelnd, »daß ich das, was gewöhnlich Sekretären anheimfällt, zu versehen imstande bin.«

»Und das wäre?« fragte Herr Gregsbury.

»Wie?« erwiderte Nicolaus.

»Ja, ja, worin besteht dies?« sagte das Parlamentsmitglied, indem es den Bittsteller, das Haupt auf eine Seite geneigt, mit schlauen Blicken ansah.

»Die Obliegenheiten eines Sekretärs sind vielleicht etwas schwer abzugrenzen«, sagte Nicolaus nach einigem Besinnen. »Sie umfassen, wie ich mir denke, die Korrespondenz.«

»Gut«, fiel Herr Gregsbury ein.

»Das Ordnen von Papieren und Dokumenten.«

»Sehr gut.«

»Hin und wieder vielleicht ein Niederschreiben dessen, was Sie diktieren, und wahrscheinlich –« sagte Nicolaus mit einem halben Lächeln – »das Abschreiben einer Rede für irgendein öffentliches Journal, wenn Sie eine solche von mehr als gewöhnlicher Wichtigkeit gehalten haben.«

»Gewiß«, versetzte Herr Gregsbury. »Was sonst noch?«

»In der Tat«, entgegnete Nicolaus nach einem kurzen Nachdenken, »ich bin im Augenblick nicht imstande, noch eine weitere Aufgabe eines Sekretärs namhaft zu machen, es müßte denn die allgemeine sein, sich seinem Prinzipal so viel wie möglich angenehm und nützlich zu machen, ohne dabei der eigenen Ehre etwas zu vergeben und ohne die Grenze der Verpflichtungen zu überschreiten, die nach allgemeinen Begriffen schon durch den Titel seines Amtes angedeutet sind.«

Herr Gregsbury faßte Nicolaus eine Weile fest ins Auge, ließ dann den Blick schlau durch das Zimmer schießen und sagte mit unterdrückter Stimme:

»Das ist alles ganz recht, Herr – wie ist Ihr Name?«

»Nickleby.«

»Das ist alles ganz recht, Herr Nickleby, und vollkommen in der Ordnung, soweit wie es geht – ja, soweit wie es geht: aber es geht nicht weit genug. Es gibt auch noch andere Verpflichtungen, Herr Nickleby, die der Sekretär eines Mannes, der im Parlament sitzt, nicht aus den Augen verlieren darf. Ich müßte die Forderung an ihn stellen, von ihm gedeckt zu werden, Sir.«

»Entschuldigen Sie –« fiel Nicolaus ein, zweifelhaft, ob er recht gehört habe oder nicht.

»Gedeckt zu werden, Sir«, wiederholte das Parlamentsmitglied.

»Ich muß nochmals um Entschuldigung bitten – darf ich fragen, was Sie unter diesem Ausdruck verstehen?« fragte Nicolaus.

»Der Sinn desselben ist deutlich genug, Sir«, versetzte Herr Gregsbury mit einer feierlichen Miene. »Mein Sekretär müßte sich vollständig mit der auswärtigen Politik, soweit sie sich in den Zeitungen abspiegelt, vertraut machen; er müßte alle Berichte über öffentliche Versammlungen wie auch die Hauptartikel, die in denselben zur Sprache kommen, überlesen und müßte sich alles aufzeichnen, was ihm geeignet dünkt, als ein Schlageffekt in irgendeiner kleinen Rede bei Behandlung einer oder der anderen Frage der Tagesordnung angebracht werden zu können. Verstehen Sie mich?«

»Ich denke, Sir«, versetzte Nicolaus.

»Dann«, fuhr Herr Gregsbury fort, »würde es für ihn nötig sein, mit den Tagesbegebenheiten, die in den Zeitungen besprochen werden, stets auf dem laufenden zu bleiben und Artikel, wie: ›Geheimnisvolles Verschwinden und mutmaßlicher Selbstmord eines Bierausträgers‹ und dergleichen, woran sich eine Frage an den Staatssekretär des Ministeriums für das Innere knüpfen ließe, nicht zu übersehen. Er hätte dann die Anfrage und das, was mir von der Antwort noch im Gedächtnis wäre, nebst Beifügung eines kleinen Kompliments über meine Unabhängigkeit und Einsicht aufzuschreiben und das Manuskript an irgendein Lokalblatt zu senden, könnte es allenfalls auch mit einem halben Dutzend Zeilen bevorworten und darin andeuten, daß ich im Parlament stets auf meinem Platz befunden würde, mich nie der Ausübung meiner schweren und wichtigen Pflichten entzöge usw. – Begreifen Sie?«

Nicolaus verbeugte sich.

»Außerdem würde ich von ihm erwarten, daß er hin und wieder auch einen Blick in die gedruckten statistischen Tabellen werfe und einige Resultate herauslese, die mir z.B. bei der Holzzollfrage und ähnlichen finanziellen Verhandlungen einen Namen machen könnten. Auch wäre es mir angenehm, wenn er einige kleine Belege für die unheilvollen Wirkungen einer Wiedereinführung der Zahlungen in gemünztem Geld und des Metallumlaufs, nebst gelegentlichen Andeutungen über die Ausfuhr von Gold- und Silberbarren, den Kaiser von Rußland, Banknoten und derartige Dinge sammelte, womit man’s jedoch nicht besonders gründlich zu nehmen braucht, da es doch niemand versteht. Ist Ihnen das klar?«

»Ich glaube. Sie zu verstehen«, sagte Nicolaus.

»Bei Fragen von nicht politischem Charakter«, verfolgte Herr Gregsbury, immer wärmer werdend, seine Rede, »und bei solchen, um die man sich nicht besonders zu kümmern nötig hat, es sei denn, daß man gebührende Sorge dafür tragen müßte, es denen, die unter uns stehen, nicht allzuwohl werden zu lassen (denn wo wären sonst unsere Privilegien?) – bei solchen Fragen würde ich es gerne sehen, wenn mein Sekretär einige kleine, begeisterte, patriotische Reden ausarbeitete. Wenn zum Beispiel irgendeine widersinnige Bill vorgebracht würde, um armen Teufeln von Schriftstellern ein Recht an ihr literarisches Eigentum zu sichern, so würde ich etwa sagen, daß ich für meine Person nie meine Zustimmung geben könne, wenn es gälte, der Verbreitung des Wissens unter dem Volke ein unübersteigliches Hindernis in den Weg zu legen (verstehen Sie mich?); daß das, was durch Geld geschaffen wird, soferne Geld für jedermann erreichbar ist, recht wohl einem Menschen oder einer Familie angehören könne; daß aber die Schöpfungen des Geistes, der ein Geschenk von oben ist, begreiflicherweise das Eigentum des Volkes im allgemeinen sein müßten. Wenn ich heiter gestimmt wäre, so würde ich einen Scherz über die Nachwelt beifügen und sagen, daß die, die für die Nachwelt schrieben, sich damit begnügen sollten, durch den Beifall der Nachwelt belohnt zu werden. So etwas würde das Haus belustigen und könnte mir nie schaden, da ich von der Nachwelt nicht erwarten kann, daß sie von mir oder meinem Spaß Notiz nimmt. Leuchtet Ihnen das ein?«

»Vollkommen«, versetzte Nicolaus.

»Sie müssen in derartigen Fällen, wobei wir nicht persönlich beteiligt sind, vorzugsweise Ihr Augenmerk darauf richten, das Volk aufs kräftigste in den Vordergrund zu stellen, weil es uns zur Zeit der Wahl gar gut zustatten kommt«, sagte Herr Gregsbury, »während Sie sich über die Schriftsteller so lustig machen können, wie Ihnen beliebt; denn ich glaube, der größte Teil derselben wohnt zur Miete und hat kein Stimmrecht. Das wäre ein flüchtiger Umriß Ihrer Hauptobliegenheiten, zu denen noch kommt, daß Sie jeden Abend in dem Vorsaale zu warten hätten, für den Fall, daß ich etwas vergessen hätte und einer frischen Deckung bedürfte. Hin und wieder bei wichtigen Debatten setzen Sie sich in die vordere Reihe der Galerie und sagen zu Ihren Nachbarn: ›Sehen Sie jenen Herrn mit der Hand an der Stirn und dem Arm um den Pfeiler – das ist Herr Gregsbury, der berühmte Herr Gregsbury‹ – nebst irgendeinem andern kleinen Lobspruch, wie ihn eben der Augenblick eingibt. Was das Gehalt anbelangt«, fuhr Herr Gregsbury rasch zum Schlusse eilend fort, da er ganz außer Atem gekommen war – »was endlich das Gehalt anbelangt, so will ich, um Sie völlig zufriedenzustellen, eine runde Summe nicht ansehen und Ihnen, wenn Sie mir zusagen – obgleich es mehr ist, als ich gewöhnlich zu geben pflege – fünfzehn Schillinge wöchentlich auswerfen, wobei Sie sich jedoch selbst zu verköstigen haben.«

Bei diesem schönen Anerbieten lehnte sich Herr Gregsbury mehr als einmal in seinem Stuhle zurück und gab sich ganz die Miene eines Mannes, der zwar verschwenderisch freigebig gewesen, aber trotzdem fest entschlossen ist, seine Großmut nicht zu bereuen.

»Fünfzehn Schillinge wöchentlich sind nicht viel«, sagte Nicolaus schüchtern.

»Nicht viel! Fünfzehn Schillinge wöchentlich nicht viel, junger Mann?« rief Herr Gregsbury. »Fünfzehn Schillinge wöch –«

»Ich bitte, glauben Sie nicht, daß ich mich über die Summe beschwere«, fiel Nicolaus ein, »denn ich schäme mich nicht, zu bekennen, daß sie, wie gering sie auch sein mag, für mich immer noch bedeutend ist. Aber die Pflichten und Verantwortlichkeiten machen die Belohnung zu einer geringen, und diese sind in der Tat so schwer, daß ich mich scheue, sie zu übernehmen.«

»Sie wollen also die Stelle nicht annehmen, Sir?« fragte Herr Gregsbury, mit der Hand an der Klingelschnur.

»Ich fürchte, ich bin ihr nicht gewachsen, wie gut auch der Wille sein mag«, entgegnete Nicolaus.

»Das will also so viel besagen, daß Sie den Posten nicht übernehmen und daß Sie fünfzehn Schillinge wöchentlich für zu wenig halten«, sagte Herr Gregsbury klingelnd. »Sie lehnen ihn also wirklich ab, Sir?«

»Ich habe keine andere Wahl«, versetzte Nicolaus.

»Die Tür, Matthäus!« rief Herr Gregsbury, als der Bediente erschien.

»Es tut mir leid, Sie unnötig belästigt zu haben, Sir«, sagte Nicolaus.

»Mir gleichfalls«, entgegnete Herr Gregsbury, Nicolaus den Rücken kehrend. »Die Tür, Matthäus!«

»Guten Morgen«, sagte Nicolaus.

»Die Tür, Matthäus!« rief Herr Gregsbury.

Der Diener winkte Nicolaus, taumelte träge die Stiege hinunter voraus, öffnete die Tür und führte ihn auf die Straße. Mit trauriger, nachdenklicher Miene trat er seinen Heimweg an.

Smike hatte von den Überresten des gestrigen Abendessens eine Mahlzeit zusammengescharrt und harrte ängstlich seiner Rückkehr. Die Ereignisse des Morgens waren nicht geeignet, Nicolaus‘ Appetit zu vermehren, und so blieb denn das Mittagsmahl von seiner Seite unangetastet. Er saß in nachdenklicher Stellung da und hatte den Teller, den der arme Junge emsig mit den auserlesensten Bissen gefüllt hatte, unberührt vor sich stehen, als Newman Noggs in das Zimmer sah.

»Wieder zurück?« fragte Newman.

»Ja«, antwortete Nicolaus, »aber todmüde, und was noch das schlimmste ist, ich hätte hinsichtlich des Erfolges meines Ausgangs ebensogut zu Hause bleiben können.«

»Sie konnten nicht erwarten, an einem Morgen viel auszurichten«, sagte Newman.

»Kann sein, aber ich bin etwas temperamentvoll und hoffte«, sagte Nicolaus. »Ich bin jedoch jetzt in demselben Maße enttäuscht.«

Er erzählte nun Newman den Verlauf seiner Bemühungen.

»Wenn ich etwas tun könnte«, fuhr Nicolaus fort, »nur etwas Weniges tun könnte, ehe Ralph Nickleby zurückkehrt, so würde ich ihm leichteren Herzens und in glücklicherer Stimmung entgegentreten. Der Himmel weiß, daß ich es nicht für eine Schande halte zu arbeiten, und es könnte mich wahnsinnig machen, daß ich untätig hier liegen soll wie ein halbgezähmtcs wildes Tier.«

»Ich weiß nicht«, sagte Newman; »etwas Geringes wäre zur Hand – es würde wenigstens die Hausmiete bezahlen und noch etwas mehr; aber es wird Ihnen nicht anstehen – nein, es läßt sich kaum erwarten, daß Sie darauf eingehen – nein, nein.«

»Auf was sollte ich nicht eingehen?« fragte Nicolaus, die Augen erhebend. »Zeigen Sie mir in dieser weiten Öde von London ein ehrliches Mittel, durch das ich nur die wöchentliche Miete dieses armseligen Zimmers aufbringen könnte, und geben Sie acht, ob ich davor zurückschrecke. Eingehen? Ich habe schon zu viel eingegangen, mein Freund, um jetzt besonders eigen zu sein oder dem Stolz Raum zu geben. Ich rede natürlich nur von Dingen«, fügte Nicolaus nach einem kurzen Schweigen hastig bei, »die auf ehrlichen Wegen ausgeführt werden können und sich mit der Selbstachtung vertragen; denn es ist keine große Wahl zwischen dem Gehilfen eines viehischen Schulmeisters und der Kreatur eines gemeinen und unwissenden Pilzes, mag er nun Parlamentsmitglied sein oder nicht.«

»Ich getraue mich kaum, Ihnen mitzuteilen, was ich diesen Morgen gehört habe«, versetzte Newman.

»Steht es in Verbindung mit dem, was Sie vorhin andeuteten?« fragte Nicolaus.

»Ja.«

»Nun so rücken Sie ins Himmels Namen damit heraus, mein Freund«, entgegnete Nicolaus. »Bedenken Sie um Gottes willen meine klägliche Lage und lassen Sie mich wenigstens Ihre Meinung hören; ich will Ihnen ja gerne versprechen, keinen Schritt zu tun, ohne mich mit Ihnen beraten zu haben.«

Newman ließ sich durch diese dringende Bitte erweichen und stotterte eine Masse der unverständlichsten und verwirrtesten Sätze hervor, deren Gesamtinhalt darin bestand, daß Madame Kenwigs ihn ein langes und breites über den Ursprung seiner Bekanntschaft mit Nicolaus und über dessen Leben, Schicksale und Familie ausgefragt hätte; er (Newman) sei zwar diesen Fragen solange als möglich ausgewichen, zuletzt aber so in die Enge getrieben worden, daß er endlich zugestanden hätte, Nicolaus wäre ein Lehrer von trefflichen Talenten, gegenwärtig freilich in einige mißliche Verhältnisse verwickelt, deren Natur er nicht weiter auseinandersetzen dürfe, und hieße Johnson. Madame Kenwigs hätte hierauf, von Dankbarkeit, Ehrgeiz, mütterlichem Stolz oder mütterlicher Liebe, vielleicht auch von allen diesen vier mächtigen Beweggründen geleitet – mit Herrn Kenwigs geheime Rücksprache genommen und wäre endlich mit dem Vorschlage zurückgekehrt, daß Herr Johnson die vier kleinen Kenwigschen in der französischen Sprache, wie sie von den geborenen Franzosen gesprochen würde, gegen ein wöchentliches Honorar von fünf Schilling landläufiger Münze unterrichten möchte, wobei sie wöchentlich einen Schilling für jede ihrer Töchter und auch noch außerdem einen Schilling für den Knaben in der Wiege bis zu der Zeit berechnet hätte, wann dieser an den Unterrichtsstunden teilzunehmen imstande wäre. Dies könne jedoch, wie Madame Kenwigs meinte, unmöglich lange anstehen, da es ihrer Ansicht nach auf der ganzen Welt keine klügeren Kinder als die ihrigen gäbe.

»Sie haben hier den ganzen Antrag«, schloß Newman. »Er ist zwar, wie ich wohl weiß, unter Ihrer Würde, aber ich dachte, er könnte vielleicht –«

»Vielleicht?« rief Nicolaus mit großer Lebhaftigkeit aus; »nein, nein, er kommt mir vollkommen gelegen. Sie können, lieber Freund, der würdigen Mutter ohne Verzug erklären, daß ich bereit bin, anzufangen, sobald es ihr beliebt.«

Newman eilte vergnügt hinunter, um Madame Kenwigs die Zustimmung seines Freundes mitzuteilen, und kehrte bald mit der Nachricht zurück, daß man sich glücklich schätzen werde, wenn er, sobald es ihm gelegen sei, einen Besuch in der ersten Etage machen wolle. Madame Kenwigs habe augenblicklich nach einer alten französischen Grammatik und nach französischen Gesprächen fortgeschickt, die schon lange Zeit auf einem Bücherkarren (Stück für Stück zu sechs Pence) herumgefahren wären; und die Familie, hochentzückt über die Aussicht, dem vornehmen Ton ihres Hauswesens einen neuen vornehmen Geleitton beizufügen, hege den lebhaften Wunsch, daß die erste Unterrichtsstunde sogleich gegeben würde.

Der Leser wird hieraus entnehmen, daß Nicolaus kein hochmütiger junger Mann im gewöhnlichen Sinne dieses Wortes war. Er mochte zwar eine Beleidigung, die ihm selbst widerfuhr, ahnden, oder ein Unrecht, das einen anderen bedrohte, so kühn und freimütig wie nur irgendein Ritter, der je eine Lanze brach, zu verhindern suchen. Aber es fehlte ihm an jenem hohen Maß von Besonnenheit und edler Selbstsucht, das unabänderlich zu dem Charakter der hochsinnigen Herren gehört. Wir für unsere Person sind freilich geneigt, solche Herren in Familien, die sich emporschwingen wollen, eher für eine Last zu betrachten, da wir zufälligerweise manche kennengelernt haben, die durch ihren hohen Sinn verhindert wurden, sich zu irgendeiner niedrigen Beschäftigung herabzulassen, und es vorzogen, denselben nur in der Kultivierung ihrer Schnurrbärte und in wilden Blicken zu zeigen. Obschon nun Schnurrbärte und ein wildes Aussehen in ihrer Art gar hübsche und ungemein empfehlenswerte Dinge sind, so müssen wir eben doch gestehen, daß wir diese lieber auf Kosten ihres Eigentümers als auf Unkosten der bescheiden gesinnten Leute gehegt zu sehen wünschen.

Da nun Nicolaus – nach der gewöhnlichen Ausdrucksweise – kein hochgesinnter junger Mann war und er es für eine größere Schmach hielt, zur Bestreitung seiner notwendigsten Bedürfnisse von Newman Noggs zu borgen, als die kleinen Kenwigschen für fünf Schillinge wöchentlich Französisch zu lehren, so nahm er das Anerbieten mit der bereits angedeuteten Bereitwilligkeit an und verfügte sich mit aller gebührenden Eile nach dem ersten Stock.

Hier wurde er von Madame Kenwigs mit einer vornehmen Miene, die den Lehrer des wohlwollenden Schutzes und Beistandes der Dame versichern sollte, empfangen. Auch fand er daselbst Herrn Lillyvick und Fräulein Petowker, die vier Fräulein Kenwigs auf ihrer Bank, des Unterrichts gewärtig, und den kleinen Herrn Kenwigs in einem mit einem tannenen Tischbrettchen versehenen Kindertragstuhl, wo er sich mit einem hölzernen Pferd ohne Kopf unterhielt. Das besagte Pferd bestand aus einem hölzernen Zylinder auf vier krummen Stäbchen, das auf eine sehr sinnreiche Weise mit Zinnober und Schuhwichse angestrichen war.

»Wie befinden Sie sich, Herr Johnson?« fragte Madame Kenwigs. »Onkel – Herr Johnson.«

»Wie geht es Ihnen, Sir?« fragte Herr Lillyvick in etwas barschem Tone, denn er hatte in der vorigen Nacht Nicolaus‘ Stand nicht gekannt, und allzugroße Höflichkeit gegen einen Hauslehrer wäre einem Steuereinnehmer nicht zu verzeihen gewesen.

»Wir haben Herrn Johnson als Hauslehrer für die Kinder angenommen, Onkel«, sagte Madame Kenwigs.

»Ich habe das eben von dir vernommen, meine Liebe«, versetzte Herr Lillyvick.

»Aber ich hoffe«, fuhr Frau Kenwigs, sich in die Brust werfend, fort, »daß sie dadurch nicht stolz werden, sondern ihrem guten Glück danken, das ihnen schon durch ihre Geburt eine bessere Stellung anweist als den Kindern gewöhnlicher Leute. Hörst du, Morlina?«

»Ja, Mama«, entgegnete Fräulein Kenwigs.

»Und wenn ihr auf die Straßen oder sonst wohin kommt, so verlange ich, daß ihr nicht gegen andere Kinder damit großtut«, sagte Frau Kenwigs. »Wenn ihr etwas darüber sprechen müßt, so sollt ihr nur sagen, wir haben einen Privatlehrer angenommen, der uns zu Hause Unterricht erteilt, aber wir sind nicht stolz darauf, denn Mama sagt, es wäre eine Sünde. Hörst du Morlina?«

»Ja, Mama«, antwortete Fräulein Kenwigs wieder.

»So vergiß es nicht und tu‘, wie ich dir sage«, sprach Frau Kenwigs. »Soll Herr Johnson anfangen, Onkel?«

»Ich bin bereit zuzuhören, wenn Herr Johnson anzufangen bereit ist, meine Liebe«, sagte der Steuereinnehmer mit einer Kennermiene. »Für was für eine Art von Sprache halten Sie das Französische, Sir?«

»Wie meinen Sie das?« fragte Nicolaus.

»Halten Sie es für eine gute Sprache, Sir?« fuhr der Steuereinnehmer fort – »für eine schöne Sprache, eine vernünftige Sprache?«

»Für eine schöne Sprache, gewiß«, versetzte Nicolaus; »und da sie für alles eine Bezeichnung hat und auch eine gewandte und zierliche Konversation zuläßt, so möchte ich sie auch eine verständige nennen.«

»Ich weiß nicht«, meinte Herr Lillyvick kopfschüttelnd. »Halten Sie das Französische auch für eine muntere Sprache?«

»Ganz gewiß«, entgegnete Nicolaus.

»Dann muß es sich seit meiner Zeit sehr geändert haben – ja, ja, recht sehr«, sagte der Steuereinnehmer.

»War es denn zu Ihrer Zeit eine traurige?« fragte Nicolaus, kaum imstande, ein Lächeln zu unterdrücken.

»Allerdings«, antwortete Herr Lillyvick mit einiger Heftigkeit. »Ich spreche von der Kriegszeit – von dem letzten Kriege. Es mag meinetwegen eine muntere Sprache sein, denn ich möchte niemandem gerne widersprechen, das aber kann ich behaupten – ich hörte die französischen Gefangenen, die sich doch als Eingeborene darauf verstehen müssen, in einer so traurigen Weise sprechen, daß es mir von dem Zuhören schon ganz elend wurde. Ja, ja, das ist mir fünfzigmal – wenigstens fünfzigmal vorgekommen, Sir.«

Herr Lillyvick war in seiner Ereiferung so unwillig geworden, daß es Madame Kenwigs für zweckmäßig erachtete, Nicolaus einen Wink zu geben, daß er nichts darauf erwidern möchte. Auch bedurfte es mancher Schmeichelworte von seiten Fräulein Petowkers, bis der vortreffliche alte Herr wieder ruhiger wurde und sich herabließ, das Schweigen durch die Frage zu unterbrechen:

»Wie heißt ›das Wasser‹ auf Französisch?«

»L’eau«, antwortete Nicolaus.

»Ah«, sagte Herr Lillyvick, den Kopf schüttelnd, »ich dachte mir so etwas. Lo – nicht wahr? Nein, ich halte nichts – nicht das mindeste auf diese Sprache.«

»Wollen wir die Kinder nicht anfangen lassen, Onkel?« fragte Madame Kenwigs.

»O ja, sie können anfangen, meine Liebe«, erwiderte der Steuereinnehmer unzufrieden. »Ich habe nicht die Absicht, ihnen etwas in den Weg zu legen.«

Auf diese Zustimmung setzten sich die vier Kenwigschen in eine Reihe, alle mit ihren Zöpfen nach einer Seite und Morlinchen obenan, während Nicolaus das Buch zur Hand nahm und die einleitenden Erklärungen begann. Fräulein Petowker und Madame Kenwigs sahen in bewunderndem Schweigen zu, das nur hin und wieder durch ein Flüstern der letztern unterbrochen wurde, die versicherte, Morlina werde in der kürzesten Zeit alles begriffen haben; und Herr Lillyvick betrachtete die Gruppe mit finsteren und achtsamen Blicken, der Gelegenheit harrend, die ihm zu einer neuen Erörterung über diese Sprache Anlaß geben könnte.

Siebzehntes Kapitel.


Siebzehntes Kapitel.

Käthchen Nicklebys weitere Schicksale.

Mit schwerem Herzen und vielen trüben Vorahnungen, die sie trotz aller Mühe nicht zu verbannen vermochte, verließ Käthchen Nickleby um dreiviertel auf acht Uhr des Morgens, der zu ihrem Eintritt in Madame Mantalinis Geschäft bestimmt war, die City und suchte allein mitten durch das Geräusch und die Geschäftigkeit der Straßen ihren Weg nach dem Westen Londons.

In dieser frühen Stunde sieht man viele dahinsiechende Mädchen durch die Straßen ihrem Geschäft nacheilen, das, wie das jenes armen Wurmes, darin besteht, mit unermüdlicher Emsigkeit den Schmuck zu schaffen, der die Üppigen und Gedankenlosen bedeckt. Auf diesem hastigen Gange nach dem Schauplatze ihrer täglichen Mühe fangen sie fast verstohlen den einzigen Atemzug gesunder Luft und den einzigen Sonnenblick auf, die ihr einförmiges Dasein während der langen Kette von Stunden, die einen Arbeitstag ausmachen, erheitern. Als sich Käthchen dem fashionableren Teil der Stadt näherte, bemerkte sie im Vorbeigehen manche Geschöpfe dieser Klasse, die, wie sie selbst, einer mühevollen Beschäftigung entgegeneilten, und erkannte aus ihrem ungesunden Aussehen und ihrem matten Gang nur zu deutlich, daß ihre Besorgnisse nicht ganz grundlos wären.

Sie langte bei Madame Mantalinis Hause einige Minuten vor der bestimmten Stunde an und ging einige Male, in der Hoffnung, ein anderes Frauenzimmer möchte kommen und ihr dadurch die Verlegenheit ersparen, ihr Anliegen dem Diener vortragen zu müssen, vor demselben auf und ab. Endlich aber wagte sie es, furchtsam an die Tür zu klopfen; sie wurde nach einigem Zögern durch den Diener geöffnet, der eben erst auf der Stiege sein gestreiftes Wams angezogen hatte und jetzt im Begriff war, eine Schürze vorzubinden.

»Ist Madame Mantalini zu Hause?« stotterte Käthchen.

»Sie geht zu dieser Stunde selten aus, mein Fräulein«, versetzte der Diener mit einem Ton, der das ›mein Fräulein‹ sogar noch beleidigender machte, als wenn er ›mein Schatz‹ gesagt hätte.

»Kann ich sie sprechen?« fragte Käthchen.

»Wie?« entgegnete der Mann, die Tür in der Hand haltend, indem er die Fragerin mit einem unverschämten Grinsen anstierte; »Es ist nicht daran zu denken.«

»Ich komme aber auf ihr eigenes Geheiß«, sagte Käthchen: »ich bin – ich soll – hier Beschäftigung finden.«

»Ah, da hätten Sie die Klingel für die Arbeiterinnen ziehen sollen«, versetzte der Diener, indem er den Griff derselben neben der Tür berührte. »Doch, wir wollen sehen – wenn ich nicht irre, Fräulein Nickleby?«

»Ja«, erwiderte Käthchen.

»Wollen Sie dann nur gefälligst die Stiege hinaufgehen«, sagte der Diener. »Madame Mantalini wünscht Sie zu sehen – hier hinauf – nehmen Sie die Sachen auf dem Boden in acht.«

Mit diesen Worten der Warnung, nicht über ein buntes Gewirre von Pastetenbrettern, Lampen, Flaschengestellen und umgeworfenen Stühlen, das alles in der Halle umherlag und auf ein Gelage der letzten Nacht hindeutete, zu stolpern, ging der Diener nach dem zweiten Stock voran und führte Käthchen in ein Hinterzimmer, das durch Flügeltüren mit dem Gemach, in dem sie die Modehändlerin zum erstenmal gesehen hatte, in Verbindung stand.

»Wenn Sie sich hier einen Augenblick gedulden wollen, so werde ich ihr sogleich Ihre Anwesenheit melden«, sagte der Diener.

Nach diesem mit der freundlichsten Miene gegebenen Versprechen entfernte er sich und ließ Käthchen allein.

Das Gemach enthielt nicht viel, woran man sich hätte unterhalten können. Das Hervorragendste war ein in Öl gemaltes Brustbild des Herrn Mantalini, den der Künstler dargestellt hatte, wie er sich ungezwungen am Kopf kratzte, um einen Diamantring, ein Geschenk der Madame Mantalini vor der Hochzeit, auf die vorteilhafteste Weise ins Auge fallen zu lassen. Im nächsten Zimmer hörte man jedoch einige Stimmen; und da die Unterhaltung ziemlich laut und die Wand dünn war, so entdeckte Käthchen im Augenblick, daß sie Herrn und Frau Mantalini gehörten.

»Wenn du so gehässig und abscheulich eifersüchtig sein willst, meine Seele, so wirst du dich selber sehr elend – schrecklich elend – verteufelt elend machen.«

Nach diesem ließ sich ein Ton vernehmen, als ob Herr Mantalini Kaffee schlürfe.

»Ach, ich bin schon elend«, erwiderte Madame Mantalini, augenscheinlich sehr übel gelaunt.

»Dann bist du eine undankbare, abscheuliche, verteufelt böse, kleine Zauberin«, entgegnete Herr Mantalini.

»Das bin ich nicht«, entgegnete Madame Mantalini schluchzend.

»Bringe dich nicht selbst in üble Laune«, sagte Herr Mantalini, ein Ei aufschlagend. »Du hast ein so schönes, bezauberndes, verteufeltes Gesichtchen, aber du solltest keinem Unmut darauf Raum geben, denn er beraubt es seiner Liebenswürdigkeit und macht es finster und widerwärtig, wie das eines schrecklichen, abscheulichen, verteufelten Kobolds.«

»Auf diese Weise wirst du mich nimmermehr beschwatzen«, versetzte Madame Mantalini schmollend.

»Je nun, so geht’s vielleicht auf eine lindere, oder meinetwegen auch auf gar keine«, entgegnete Herr Mantalini, mit dem Eilöffel nach seinem Munde fahrend.

»Diese leichten Reden –« sagte Frau Mantalini.

»Nicht so leicht, wenn man ein so verteufeltes Ei ißt«, erwiderte Herr Mantalini; »denn das Dotter läuft einem die Weste hinunter, und Eidotter paßt nicht gut mit einer Weste zusammen, es müßte denn eine verteufelte gelbe sein.«

»Du hast bei ihr die ganze Nacht den Schmetterling gemacht«, sprach Madame Mantalini, die augenscheinlich die Unterhaltung nach dem Punkte zurückzuführen wünschte, von dem sie abgeschweift war.

»Nein, nein, mein Leben.«

»Ja, sage ich«, versetzte Madame; »ich habe dich die ganze Zeit über im Auge gehabt.«

»Ach, dieses himmlische, allerliebste Auge – es war also die ganze Zeit auf mich gerichtet?« rief Mantalini in einer Art schläfrigen Entzückens: »ei der Teufel!«

»Und ich sage dir noch einmal«, nahm Madame wieder auf, »daß du mit niemandem als mit deiner Frau walzen sollst. Ich lasse mir’s nicht gefallen, Mantalini, und würde lieber Gift nehmen.«

»Ach was, sie wird kein Gift nehmen und schreckliche Schmerzen ausstehen«, sagte Mantalini, der, dem veränderten Ton seiner Stimme nach zu schließen, seinen Stuhl dem seiner Gattin genähert hatte, »sie wird kein Gift nehmen, weil sie einen verteufelt schönen Mann hat, der zwei Gräfinnen hätte heiraten können und eine Witwe –«

»Zwei Gräfinnen?« fiel Madame Mantalini ein: »du sagtest mir früher nur von einer.«

»Zwei«, beteuerte Mantalini, »zwei verteufelt schöne Damen, wirkliche Gräfinnen und unermeßlich reich, hol mich der Teufel.«

»Und warum tatest du’s nicht?« fragte Madame neckend.

»Warum ich’s nicht tat?« entgegnete ihr Gatte. »Hatte ich nicht in einem Morgenkonzert die verteufeltste kleine Zauberin aus der ganzen Welt gesehen? Und da diese kleine Zauberin gegenwärtig meine Frau ist, können da nicht alle Gräfinnen und Witwen in England zum –«

Herr Mantalini beendigte seinen Satz nicht, sondern gab Madame Mantalini einen sehr lauten Kuß, der von Madame Mantalini erwidert wurde; dann schienen noch mehrere Küsse von Zeit zu Zeit das Geschäft des Frühstücks zu unterbrechen.

»Und wie sieht es in der Kasse aus, du Juwel meines Daseins?« fragte Mantalini, als er mit diesen Liebkosungen zu Ende gekommen war. »Über wieviel können wir verfügen?«

»Nur über sehr wenig«, versetzte Madame.

»So müssen wir mehr beschaffen«, entgegnete Mantalini. »Der alte Nickleby muß uns wieder einen Vorschuß zahlen, daß wir uns durchschlagen können.«

»Du kannst aber doch im gegenwärtigen Augenblick nicht das Geld nötig haben?« fragte Madame einschmeichelnd.

»Mein Leben und meine Seele«, erwiderte ihr Gatte, »bei Scrubbs steht ein Pferd zum Verkauf, und es wäre Sünde und Schande, wenn man dieses hinausließe – man hat’s umsonst, Wonne meiner Augen.«

»Umsonst?« rief Madame. »Das freut mich.«

»Ein wahres Nichts«, versetzte Mantalini. »Für hundert Guineen kann man’s haben; Mähne, Hals, Schwanz, alles von der verteufeltsten Schönheit. Ich will darauf im Park gerade vor dem Wagen der verschmähten Gräfinnen herreiten. Die verteufelte alte Witwe wird vor Schmerz und Wut in Ohnmacht fallen, und die beiden anderen werden sagen: »Er ist verheiratet, er ist unsern Liebesnetzen entwischt – ein verteufeltes Ding, jetzt ist alles aus.« Sie werden sich gegenseitig teufelmäßig hassen und dich tot und begraben wünschen. Ha! ha! zum Teufel!«

Madame Mantalinis Klugheit, wenn sie überhaupt welche besaß, war nicht gegen diese Bilder ihres Triumphs gewaffnet. Sie klimperte ein wenig mit den Schlüsseln und erklärte, daß sie nachsehen wolle, was sich in ihrem Pult befände. Zu diesem Zweck öffnete sie die Flügeltür und trat in das Zimmer, wo Käthchen saß.

»Du lieber Himmel«, rief Madame Mantalini, überrascht zurückprallend: »wie kamen Sie hierher, mein Kind?«

»Kind?« rief Mantalini hereineilend. »Wie kam es – eh! oh – zum Teufel, wie geht es Ihnen?«

»Ich warte hier schon einige Zeit, Madame«, erklärte Käthchen gegen Madame Mantalini. »Vermutlich hat der Diener vergessen, Ihnen zu sagen, daß ich hier bin.«

»Du mußt wirklich diesem Burschen einmal etwas am Zeuge flicken«, sagte Madame zu ihrem Gatten.

»Ich will ihm seine verteufelte Nase aus dem Gesicht reißen, weil er so ein schönes Wesen hier ganz allein läßt«, sagte der Gatte.

»Mantalini«, rief Madame, »du vergissest dich.«

»Ich vergesse dich nicht, meine Seele, und kann und werde dich nie vergessen«, versetzte Mantalini, die Hand seiner Gattin küssend, indem er zugleich heimlich Fräulein Nickleby, die sich jedoch verächtlich abwandte, ein Gesicht zuschnitt.

Durch diese Schmeichelei beschwichtigt, nahm Madame Mantalini einige Papiere aus ihrem Schreibpult und händigte sie ihrem Gatten ein, der sie mit großem Vergnügen hinnahm. Sie forderte dann Käthchen auf, ihr zu folgen, und nach einigen vergeblichen Versuchen von seiten des Herrn Mantalini, die Aufmerksamkeit der jungen Dame auf sich zu ziehen, entfernten sie sich und ließen den würdigen Mann allein, der der vollen Länge nach auf dem Sofa ausgestreckt und die Füße nach oben gekehrt ein Zeitungsblatt in der Hand hielt.

Madame Mantalini führte Käthchen eine Stiegenflucht hinunter und über einen Gang nach einem großen Hinterzimmer, wo eine Anzahl junger Frauenzimmer mit Nähen, Zuschneiden, Ausputzen, Verändern und noch verschiedenen anderen Verrichtungen beschäftigt waren, die übrigens nur denen bekannt sind, die sich auf die Kunst des Putz- und Kleidermachens verstehen. Es war ein enges Zimmer, in das das Licht durch eine Öffnung in der Decke hereinfiel, und so düster und abgeschlossen, wie ein Zimmer nur sein kann.

Madame Mantalini rief laut nach Mamsell Knag, worauf sich sogleich ein kleines, geschäftiges, wichtigtuendes, überladen gekleidetes Frauenzimmer vorstellte, während alle anwesenden Mädchen einen Augenblick in ihren Beschäftigungen innehielten, sich gegenseitig kritische Bemerkungen über den Schnitt und Stoff von Käthchens Anzug zuflüsterten und auch ihr ganzes Äußere mit demselben guten Ton musterten, wie es die allerbeste Gesellschaft in einem gedrängt vollen Ballsaale tun würde.

»Mamsell Knag, das ist die junge Person, von der ich mit Ihnen gesprochen habe«, begann Madame Mantalini.

Mamsell Knag erwiderte diese Vorstellung durch ein achtungsvolles Lächeln, was sie gegen Käthchen gar geschickt in ein herablassendes umzuwandeln wußte, und erklärte dann, daß man zwar mit jungen Leuten, die an das Geschäft nicht gewöhnt wären, viele Mühe hätte; sie sei indes überzeugt, daß die junge Person ihr Bestes tun würde, wie sie denn in dieser Überzeugung bereits schon jetzt Interesse für Käthchen empfände.

»Ich denke, es wird vorderhand am besten sein, wenn Mamsell Nickleby mit Ihnen in das Ankleidezimmer geht und den Damen die Sachen anpassen hilft«, sagte Madame Mantalini. »Sie wird sich jetzt noch in keiner andern Weise nützlich machen können, und ihr Äußeres –«

»Paßt ganz zu dem meinigen, Madame Mantalini«, fiel Mamsell Knag ein. »Es ließ sich freilich erwarten, daß Ihnen dieser Punkt ins Auge fiel; denn Sie haben in allen derartigen Dingen so viel Geschmack, daß ich in der Tat den jungen Damen oft sage, ich könne gar nicht begreifen, wie, wann und wo es Ihnen nur möglich geworden sei, all das zu lernen, was Sie wissen. Hm – Mamsell Nickleby und ich sind ein ganz geeignetes Paar, Madame Mantalini, nur ist mein Teint ein wenig dunkler als der ihre, und – hm – ich glaube, mein Fuß wird ein wenig kleiner sein. Gewiß, Mamsell Nickleby wird mir nicht übelnehmen, daß ich so spreche, wenn sie hört, daß unsere Familie immer um ihrer kleinen Füße willen berühmt war, – seit – hm – seit, glaube ich, unsere Familie überhaupt Füße besaß. Ich hatte einmal einen Onkel, Madame Mantalini, der in Cheltenham wohnte und eine sehr ausgedehnte Tabaksfabrik besaß; – hm – dieser hatte so kleine Füße, nicht größer als die, die man gewöhnlich an hölzernen Beinen anbringt – Füße mit so schönem Ebenmaß, Madame Mantalini, wie Sie sich’s nur denken können.«

»Sie mögen wohl einige Ähnlichkeit mit den Klumpfüßen gehabt haben, Mamsell Knag«, sagte Madame.

»Ach, herrlich, herrlich, das sieht Ihnen ganz gleich«, entgegnete Mamsell Knag, »ha! ha! ha! Klumpfüße – in der Tat sehr gut! Wie oft äußerte ich gegen die jungen Damen, das muß ich gestehen, und ich kümmere mich nicht darum, wer es hört, ›von allem treffenden Witze‹ –hm – ›von dem ich je gehört habe‹, und ich habe viel gehört; denn als mein Bruder noch lebte (ich führte seine Wirtschaft, Mamsell Nickleby), hatten wir jede Woche zwei oder drei junge Männer beim Abendessen, die wegen ihres Witzes in hohem Ruf standen, Madame Mantalini – ›von allem treffenden Witz‹, sage ich den jungen Damen, ›von dem ich je gehört habe, ist der von Madame Mantalini der pikanteste‹ – hm! Er ist so edel, so sarkastisch und doch so gutmütig, daß es mir, wie ich erst diesen Morgen noch gegen Mamsell Simmonds behauptete, ein wahres Rätsel ist, wie, wann oder durch was für Mittel Sie dazu gekommen sind.«

Hier hielt Mamsell Knag inne, um Atem zu schöpfen, und während dieser Pause wollen wir bemerken, nicht daß sie wunderbar geschwätzig und wunderbar unterwürfig gegen Madame Mantalini war, – denn dies sind Tatsachen, die keines weiteren Kommentars bedürfen, – sondern daß es ihre Gewohnheit war, hin und wieder in den Strom ihrer Rede ein lautes, schrilles und helles ›Hm!‹ einzuflechten, dessen Sinn von ihren Bekannten auf eine verschiedene Weise gedeutet wurde. Einige hielten dafür, daß Mamsell Knag sich gern in Übertreibungen ergehe und diese kleine Silbe mit einlaufen lasse, wenn sie im Begriff sei, einen neuen in diese Klasse gehörenden Einfall in ihrem Gehirn auszuprägen, während andere der Ansicht waren, daß sie diese hinwerfe, um, wenn es ihr an einem Worte gebreche, Zeit zu gewinnen und doch dabei zu verhindern, daß ihr jemand in die Rede falle. Wir müssen ferner darauf aufmerksam machen, daß Mamsell Knag noch immer für jung gelten wollte, obgleich sie schon ziemlich hoch in Jahren stand, und daß man sie um ihrer Schwäche und Eitelkeit willen zu den Personen zählen konnte, die am besten durch den Ausdruck geschildert werden, man könne ihnen trauen, so weit man sie sehe, aber nicht weiter.

»Sie werden Sorge dafür tragen, daß Mamsell Nickleby ihre Stunden und das Weitere kennenlernt«, sagte Madame Mantalini, »ich überlasse sie daher jetzt Ihrer Obhut. Sie werden meine Anweisungen nicht vergessen, Mamsell Knag?«

Mamsell Knag entgegnete natürlich, daß es eine moralische Unmöglichkeit wäre, etwas zu vergessen, was Madame Mantalini befohlen hatte, worauf denn diese Dame nach einem allgemeinen guten Morgen gegen die Arbeiterinnen von dannen segelte.

»Eine bezaubernde Dame, – nicht wahr, Mamsell Nickleby?« fragte Mamsell Knag, sich die Hände reibend.

«Ich habe noch sehr wenig von ihr gesehen«, antwortete Käthchen, »und kann mir daher kaum ein Urteil erlauben.«

»Haben Sie schon Herrn Mantalini gesehen?« fragte Mamsell Knag.

»Ja, ich bin ihm schon zweimal begegnet.«

»Ist er nicht ein ganz charmanter Mann?«

»Er ist mir durchaus nicht so vorgekommen«, versetzte Käthchen.

»Nicht?« rief Mamsell Knag, ihre Hände zusammenschlagend. »Ei, barmherziger Himmel, wie sieht es mit Ihrem Geschmack aus! So ein schöner, schlanker, glänzender, vornehm aussehender Herr mit solchen Haaren, solchem Backenbart und – hm – nein, Sie setzen mich in Erstaunen!«

»Ich will wohl glauben, daß ich recht töricht bin, aber da meine Ansicht weder für ihn, noch für jemand anders einen besondern Wert hat, so bedaure ich nicht, sie gewonnen zu haben, wie ich auch nicht glaube, daß ich sie so schnell ändern werde.«

»Aber halten Sie ihn nicht für einen sehr hübschen Mann?« fragte eine der jungen Damen.

»Das mag wohl sein; jedenfalls maße ich mir nicht an, das Gegenteil zu behaupten«, antwortete Käthchen.

»Und hält sehr schöne Pferde – ist’s nicht so?« fragte eine andre.

»Ich will das nicht in Abrede ziehen, da ich sie nie gesehen habe«, antwortete Käthchen.

»Sie nie gesehen?« fiel Mamsell Knag ein. »O dann finde ich’s wohl begreiflich, denn wie könnten Sie ein richtiges Urteil über einen Herrn fällen – hm – wenn Sie ihn nicht gesehen haben, wie sich seine ganze Figur macht.«

Es lag so viel von der Welt – sogar von der kleinen Welt des Landmädchens – in diesem Einfall der alten Putzmacherin, daß Käthchen, die der Unterhaltung gerne eine andere Richtung gegeben hätte, sich keine weitere Bemerkung erlaubte und Mamsell Knag im vollen Besitze des Sieges ließ.

Nach einem kurzen Schweigen, währenddessen die Mädchen Käthchens Äußeres einer genaueren Beaugenscheinigung würdigten und ihre Ansichten darüber sich gegenseitig mitteilten, erbot sich eine davon, ihr das Halstuch abzunehmen, und fragte, als das Anerbieten angenommen wurde, ob sie sich in ihrer schwarzen Tracht nicht sehr unbehaglich fühle.

»Ach freilich«, versetzte Käthchen mit einem bittern Seufzer.

»So staubig und heiß«, bemerkte dieselbe Sprecherin, indem sie ihr das Kleid zurechtrückte.

Käthchen hätte sagen können, daß Schwarz die kälteste Tracht sei, die der Mensch anlegen kann, daß es nicht allein die Brust, die sie bedeckt, durcheist, sondern auch ihren Einfluß auf die Sommerfreunde ausdehnt, indem sie die Quellen ihres Wohlwollens und ihrer Teilnahme erstarren und die Knospen der Versprechungen, die sonst so reichlich wucherten, ersterben macht und nichts zurückläßt als nackte, kranke Herzen. Es gibt wenige, die, wenn sie einen Freund oder Verwandten verloren haben, an dem ihre einzige Lebenshoffnung hing, nicht den erkältenden Einfluß ihres schwarzen Gewandes bitter empfunden hätten. Auch auf Käthchen hatte er schwer gelastet, und da sie ihn auch in dem gegenwärtigen Augenblick fühlte, so konnte sie ihre Tränen nicht zurückhalten.

»Ach, es tut mir außerordentlich leid, Sie durch meine Unbedachtsamkeit verletzt zu haben«, sagte die Putzmachermamsell. »Sie trauern um irgendeinen nahen Verwandten?«

»Um meinen Vater«, antwortete Kätchen weinend.

»Um wen, Mamsell Simmonds?« fragte Mamsell Knags mit vernehmlicher Stimme.

»Um ihren Vater«, entgegnete die andere leise.

»Ihren Vater – wie?« fuhr Mamsell Knag in demselben Tone fort. »Ah, wahrscheinlich eine lange Krankheit, Mamsell Simmonds.«

»Pst – bitte«, erwiderte das Mädchen; »ich weiß es nicht.«

»Unser Unglück überfiel uns sehr unverhofft«, sagte Käthchen sich abwendend, »sonst wäre ich vielleicht zu einer Zeit, wie diese, imstande, es besser zu ertragen.«

Das Arbeiterinnenpersonal war, der unabänderlichen Gewohnheit zufolge, wenn irgendeine neue ›junge Person‹ ins Geschäft trat, nicht wenig neugierig gewesen, das Wer, Was und Warum von Käthchen zu erfahren. Aber obgleich das Äußere und die Gemütserregung des jungen Mädchens diesen Wunsch nur vermehren konnte, so reichte doch die Überzeugung, daß es sie schmerzen würde, wenn man sie darnach fragte, zu, diesen zu unterdrücken, weshalb denn auch Mamsell Knag den Versuch, weitere Kundschaft einzuziehen, vorderhand als hoffnungslos aufgab und – obgleich ungern – ihre Gehilfinnen an die Arbeit gehen ließ.

Die Mädchen arbeiteten in stummer Emsigkeit bis halb zwei Uhr fort, um welche Zeit eine gebratene Hammelkeule mit Kartoffeln in der Küche aufgetragen wurde. Als die Mahlzeit vorüber war und sich die jungen Damen der weiteren Erholung des Händewaschens erfreut hatten, ging es wieder ans Geschäft, das schweigend fortgesetzt wurde, bis der Lärm von Wagen, die durch die Straßen rasselten, und laute Doppelschläge an den Türen das Zeichen gaben, daß das Tagewerk der beglückteren Mitglieder der menschlichen Gesellschaft seinen Anfang nehme.

Einer dieser Doppelschläge an Madame Mantalinis Tür verkündigte die Equipage irgendeiner großen Dame – oder besser, einer reichen, denn hin und wieder ist ein gar mächtiger Abstand zwischen Reichtum und Größe – die mit ihrer Tochter gekommen war, um einige Gesellschaftskostüme, die schon seit langer Zeit in Arbeit waren, anzuprobieren. Käthchen wurde beauftragt, nebst Mamsell Knag – natürlich unter dem Vortritt der Madame Mantalini – die Dame zu empfangen.

Käthchens Rolle bei diesem Prunkaufzug war bescheiden genug, da sich ihre ganze Obliegenheit darauf beschränkte, einige Modekostümstücke zu halten, bis Mamsell Knag bereit war, sie anzuprobieren, und hin und wieder eine Schleife zu knüpfen oder eine Hafte einzuhaken. Man hätte daher glauben sollen, daß diese untergeordnete Stellung sie der Anmaßung oder den Ausbrüchen übler Laune hätte entheben können. Zufälligerweise war aber die reiche Dame und ihre reiche Tochter an diesem Tage gar nicht guter Stimmung, und so fiel auch für das arme Mädchen ihr Anteil an Scheltworten ab. Sie war tölpisch – ihre Hände kalt – schmutzig – rauh; – kurz, sie konnte nichts recht machen. Man wunderte sich, wie Madame Mantalini solche Leute um sich dulden könne, verlangte, wenn man das nächste Mal wieder herkäme, ein anderes junges Frauenzimmer zu sehen usw.

Ein so alltägliches Ereignis würde kaum der Erwähnung wert sein, wenn wir seiner nicht um der Folgen willen, die es auf das arme Mädchen hervorbrachte, erwähnen müßten. Als die Damen fort waren, vergoß Käthchcn bittere Tränen und fühlte zum ersten Male das Demütigende ihrer Stellung. Ihr Mut war zwar allerdings schon bei der Aussicht auf Dienstbarkeit und schwere Arbeit sehr zusammengesunken. Aber sie hatte nichts Herabwürdigendes in dem Gedanken, um Brot zu arbeiten, gefühlt, bis sie sich dem Übermut und dem rohesten Stolz ausgesetzt sah. Eine philosophische Weltanschauung würde sie zwar gelehrt haben, daß das Erniedrigende eines solchen Benehmens auf seiten derer sei, die so tief gesunken waren, um ohne alle Ursache ihrer Leidenschaftlichkeit die Zügel schießen zu lassen. Sie war jedoch zu jung, um hierin einen Trost zu finden, und ihr Ehrgefühl fühlte sich gekränkt. Hat nicht vielleicht die Klage, daß gewöhnliche Leute gern über ihren Stand hinauswollen, oft ihren Grund nur in dem Umstand, daß nicht gewöhnliche Leute unter den ihrigen heruntersinken?

Unter solchen Auftritten und Beschäftigungen rückte die Feierabendstunde heran, und Käthchen enteilte, ermattet und entmutigt von den Vorgängen des Tages, dem engen Raum des Arbeitszimmers, um ihrer Mutter an der Straßenecke zu begegnen und nach Haus zu gehen – ein schmerzlicher Abendgang, denn sie mußte ihre wahren Empfindungen verbergen und sich stellen, als teile sie alle die glutvollen Träume ihrer Begleiterin.

»Ach du meine Güte, Käthchen«, sagte Frau Nickleby, »ich habe den ganzen Tag darüber nachgedacht, was es für eine köstliche Sache sein würde, wenn Madame Mantalini mit dir in Kompanie träte – und wie leicht wäre dies nicht möglich? Die Schwägerin eines Vetters deines armen lieben Vaters – ein Fräulein Browndock – trat in Kompanie mit einer Dame, die ein Erziehungsinstitut in Hammersmith hatte, und machte in ganz kurzer Zeit ihr Glück. Ich weiß nicht mehr so genau, ob diese Miß Browndock dieselbe war, die zehntausend Pfund in der Lotterie gewann; aber ich glaube beinahe so; nein, ich kann mich jetzt wieder ganz genau entsinnen – ich weiß ganz bestimmt, daß sie es war. ›Mantalini und Nickleby‹, wie gut das klingen würde! Und wenn Nicolaus nur ein wenig Glück hat, so kann er noch als Doktor Nickleby, Vorstand der Westminsterschule, mit dir in derselben Straße wohnen.«

»Der liebe Nicolaus!« rief Käthchen, indem sie den Brief ihres Bruders, den er zuletzt von Dotheboys Hall geschrieben hatte, aus dem Strickbeutel nahm. »Wie glücklich können wir sogar in all unserem Mißgeschick sein, Mama, da wir hören, daß es ihm gut geht, und aus seinem Brief entnehmen, daß er heiter ist. Ach, wie tröstet es mich bei allem, was über uns verhängt sein mag, wenn ich denke, daß er vergnügt und glücklich ist.«

Armes Käthchen, sie dachte wenig daran, wie schwach dieser Trost war und wie bald sie enttäuscht werden sollte.

Achtzehntes Kapitel.


Achtzehntes Kapitel.

Mamsell Knag, nachdem sie drei ganze Tage in Käthchen Nickleby ganz vernarrt gewesen, nimmt sich vor, sie für immer zu hassen. Die Gründe, die Mamsell Knag zu diesem Entschluß veranlassen.

Es gibt so manches Leben, das eine Kette von Kummer, Not und Leiden ist und für niemanden als für den, der es hinschleppen muß, ein aufregendes Interesse hat, da selbst gefühlvolle Personen ihre Teilnahme gar gerne verzärteln und nur da Rücksichten nehmen, wo ihr Mitleid durch kräftige Reizmittel geweckt wird.

Die Jünger der Menschenliebe zählen nicht wenige, die, um zu handeln, einer nicht geringeren künstlichen Aufregung bedürfen als die, die den Lüsten fröhnen, für ihr Treiben nötig haben. Daher kommt es auch, daß ein krankhaftes Mitleid und Mitgefühl jeden Tag auf außer dem Wege liegende Gegenstände verschwendet wird, während doch sogar in der Gesichts- und Gehörweite der gedankenlosesten Person jeden Augenblick nur zu viele Anforderungen an die zweckmäßige Übung dieser Tugenden, sobald man sie richtig verstehen will, ergehen.

Kurz, die Menschenliebe bedarf ihrer Romantik, wie sie der Roman- oder Schauspieldichter haben muß. Ein Dieb im Zwillichkittel ist ein gemeiner Charakter, an den Leute von Bildung gar nicht denken mögen; aber kleidet ihn in grünen Samt, gebt ihm einen hohen Hut und verlegt den Schauplatz seiner Tätigkeit aus einer dichtbevölkerten Stadt auf einen Gebirgspfad, und ihr werdet in ihm den poetischsten Abenteurer finden, der sich nur denken läßt. Ebenso geht es mit dieser einen großen Kardinaltugend, die, zweckmäßig gehegt und gepflegt, zu allen übrigen führt, die sie nicht vorweg notwendig in sich begreift. Sie muß ihr romantisches Interesse haben, und je weniger sich diesem von dem wirklichen mühevollen Werktagsleben beimischt, desto besser.

Das Leben, zu dem das arme Käthchen Nickleby durch eine unvorgesehene Verkettung von Umständen, die bereits in dieser Erzählung dargelegt sind, gezwungen war, gehörte in der Tat zu den drückenden. Aber damit ihm die Eintönigkeit, der ungesunde Aufenthalt in einem kerkerähnlichen Gemach und die körperliche Anstrengung, die die Hauptsache bildete, die Teilnahme der großen Masse von mitleidigen und gefühlvollen Seelen nicht ganz und gar entziehen, wollen wir lieber Fräulein Nickleby selbst im Auge behalten, um nicht gleich im Anfang jene wohlwollenden Herzen durch eine ausführliche und gedehnte Schilderung von Madame Mantalinis Etablissement zu erkälten.

»In der Tat, Madame Mantalini«, sagte Mamsell Knags, als Käthchen am ersten Abend ihres Antritts ihren mühsamen Weg nach Hause angetreten hatte, »diese Mamsell Nickleby ist eine vorzügliche junge Person – in der Tat, eine ganz vorzügliche junge Person – hm – auf mein Wort, Madame Mantalini. Es gereicht Ihrem Urteil zu einer außerordentlichen Ehre, daß Sie ein so ausgezeichnetes, anständiges und – hm – so wenig anmaßendes junges Frauenzimmer aufgefunden haben, um beim Anprobieren zu helfen. Ich habe manches junge Frauenzimmer gesehen, das, wenn es Gelegenheit bekam, sich vor Vornehmeren zu zeigen, sich auf eine Weise benahm – ach du mein Himmel! – aber Sie treffen’s doch auch immer, Madame Mantalini – ja, jedesmal: und ich sage den jungen Frauenzimmern stets, daß ich es nicht begreifen kann, wie Sie es anfangen, um in allem das Richtige zu treffen, da doch andere Leute so oft einen falschen Weg einschlagen.«

»Ich habe aber nicht bemerkt, daß Mamsell Nickleby heute etwas Besonderes getan hätte; es müßte denn sein, daß sie einen meiner besten Kunden in üble Laune versetzt hat«, entgegnete Madame Mantalini.

»Du mein Gott«, sagte Mamsell Knag, »Sie wissen ja, daß man der Unerfahrenheit viel zugut halten muß.«

»Und der Jugend?« fragte Madame.

»O davon will ich gerade nicht reden, Madame Mantalini«, versetzte Mamsell Knag errötend. »Wenn Jugend ein Entschuldigungsgrund wäre, so würden Sie keine –«

»So gute Aufseherin haben, wie das wirklich der Fall ist, denke ich«, ergänzte Madame.

»Ach, ich habe nie jemanden wie Sie gekannt, Madame Mantalini«, erwiderte Mamsell Knag äußerst selbstgefällig. »Ja, das muß wahr sein; denn Sie wissen, was jemand sagen will, ehe man noch Zeit hat, es über die Lippen zu bringen. Ach, vortrefflich, ha! ha! ha!«

»Was mich betrifft«, bemerkte Madame Mantalini, indem sie mit erkünstelter Unbefangenheit ihre Gehilfin ansah, aber sich im Innern dabei halb totlachen wollte, »so betrachtete ich Mamsell Nickleby für das ungeschickteste Mädchen, das ich je in meinem Leben sah.«

»Das arme, gute Ding«, sagte Mamsell Knag: »sie ist nicht schuld daran, wenn dies der Fall wäre, so könnten wir hoffen, den Schaden zu heilen: aber da es ihr Unglück ist, Madame Mantlalini – ei, Sie wissen ja, was der Mann von dem blinden Pferde sagte – so müssen wir eben Nachsicht haben.«

»Ihr Onkel sagte mir, sie hätte für hübsch gegolten«, bemerkte Madame Mantalini: »mir scheint sie aber eines der gewöhnlichsten Mädchen, das mir je vorgekommen ist.«

»Gewöhnlich!« rief Mamsell Knag mit vor Wonne strahlendem Gesicht; »und ungeschickt! Nun, alles, was ich sagen kann, Madame Mantalini, ist dies, daß ich das arme Mädchen ungemein liebe. Und sähe sie auch zweimal so gewöhnlich aus, und wäre sie noch einmal ungeschickter, als sie ist, so würde ich nur um so mehr ihre Freundin sein – ja, ja, gewiß und wahrhaftig.«

Mamsell Knag hatte in der Tat schon eine kleine Zuneigung zu Käthchen Nickleby gefaßt, als sie Zeuge ihres mißlungenen ersten Auftretens am Morgen gewesen war, und die eben erwähnte kurze Unterhaltung mit ihrer Vorgesetzten gab ihrer guten Meinung von dem Mädchen die überraschendste Ausdehnung, was um so merkwürdiger war, da ihr bei der ersten Musterung von Käthchens Gesicht und Figur manche Ahnungen aufgestiegen waren, daß sie nicht am besten miteinander auskommen würden.

»Aber jetzt«, sagte Mamsell Knag, indem sie ihr Ebenbild in einem nahen Spiegel betrachtete, »jetzt liebe ich sie – ich liebe sie von ganzer Seele – und mache durchaus kein Hehl daraus.«

Diese edle Freundschaft war so uneigennützig und so erhaben über die kleinen Schwächen der Schmeichelei oder Mißgunst, daß die gutherzige Mamsell Knag des andern Tages Käthchen Nickleby unverhohlen erklärte: sie sehe wohl, Käthchen würde nie für das Geschäft passen; sie brauche sich aber deshalb nicht im mindesten zu grämen; denn sie (Mamsell Knag) wolle durch vermehrte Anstrengungen so viel wie möglich die Aufmerksamkeit von Mamsell Nickleby ablenken, wobei sie weiter nichts zu tun hätte, als sich ganz ruhig zu verhalten, wenn Leute da wären, indem dann ihre Ungeschicklichkeit weniger augenfällig würde. Diese letztere Ermutigung stand so sehr im Einklange mit den Gefühlen und Wünschen des schüchternen Mädchens, daß sie ohne Bedenken versprach, dem Rat der vortrefflichen alten Jungfer aufs genaueste nachzukommen, ohne auch nur einen Augenblick den Gründen, denen er entspringen mochte, nachsinnen zu wollen.

»Auf mein Wort, ich hege die wärmste Teilnahme für Sie, meine Liebe«, sagte Mamsell Knag, »gewiß – eine schwesterliche Teilnahme, so daß ich’s mir selber nicht zu erklären vermag.«

Es war allerdings etwas unerklärlich, daß, wenn Mamsell Knag in der Tat eine warme Teilnahme für Käthchen Nickleby fühlte, diese nicht vielmehr die einer Tante oder Großmutter war, da eine solche für die gegenseitigen Altersverhältnisse weit eher gepaßt hätte. Aber Mamsell Knag kleidete sich sehr jugendlich, und da mochten wohl auch ihre Gefühle von derselben Art sein.

»Mein Gott«, sagte Mamsell Knag, indem sie am Schlusse des zweiten Tages Käthchen einen Kuß gab: »wie entsetzlich ungeschickt sind Sie heute den ganzen Tag über gewesen!«

»Ich fürchte, Ihre wohlwollende und offene Mitteilung, die mich meiner Mängel nur noch schmerzlicher bewußt machte, hat nichts dazu beigetragen, sie zu verbessern«, seufzte Käthchen.

»Das hat sie freilich nicht getan«, versetzte Mamsell Knag in ganz ungewöhnlich guter Laune. »Aber wie viel besser ist’s, daß man es Ihnen gleich im Anfang sagte; denn Sie können jetzt mit mehr Ruhe Ihrem Ziele entgegeneilen. Welchen Weg nehmen Sie, meine Liebe?«

»Nach der City«, antwortete Käthchen.

»Nach der City?« rief Mamsell Knag, während sie sich mit großer Selbstgefälligkeit den Hut vor dem Spiegel zuknüpfte. »Du lieber Himmel, Sie wohnen wirklich in der City?«

»Ist es denn etwas so gar Ungewöhnliches, dort zu wohnen?« sagte Käthchen mit einem halben Lächeln.

»Ich hätte es nicht für möglich gehalten, daß ein junges Frauenzimmer, wie auch die Umstände sein mögen, nur drei Tage dort leben könnte«, erwiderte Mamsell Knag.

»Zurückgekommene – ich wollte sagen, arme Leute«, versetzte Käthchen, rasch sich selbst verbessernd, da sie nicht als stolz erscheinen mochte, »müssen leben, wo sie können.«

»Ach, sehr wahr, das müssen sie; es ist nichts Befremdliches darin«, entgegnete Mamsell Knag mit jener Art von halbem Seufzer, der in Verbindung von einigen nickenden Bewegungen des Kopfes gewöhnlich das Kleingeld des Mitleids vorstellt. »Ich sage das auch immer meinem Bruder, wenn unsere Dienstmädchen eins nach dem andern krank wieder entlassen werden müssen und er die Schuld auf die Hinterküche schiebt, weil sie zu feucht sei, um darin zu schlafen. Diese Art Leute, sage ich ihm, sind froh, wenn sie irgendwo schlafen können. Der Himmel bildet die Schultern nach der Bürde. Und ist’s nicht recht gut, daß es so ist?«

»O freilich«, erwiderte Käthchen, sich abwendend.

»Ich will Sie eine Strecke weit begleiten, meine Liebe«, sagte Mamsell Knag, »denn Sie kommen ziemlich nahe an unserem Hause vorbei, und da es schon ganz dunkel ist und unser letztes Mädchen vor einer Woche wegen einer Gesichtsrose ins Spital mußte, so freut es mich recht sehr, Sie zur Begleiterin zu haben.«

Käthchen hätte sich dieser schmeichelhaften Gesellschaft gerne entschlagen, aber Mamsell Knag nahm, nachdem sie sich den Hut zu ihrer völligen Zufriedenheit zurechtgesetzt hatte, ihren Arm mit einer Miene, die deutlich zeigte, wie hoch sie die Ehre, die sie erwies, anschlage, und so befanden sich beide auf der Straße, ehe Käthchen ein Wort sagen konnte.

»Ich fürchte«, stotterte Käthchen, »daß Mama – meine Mutter meine ich – auf mich wartet.«

»Sie brauchen sich dessen nicht im geringsten zu entschuldigen, meine Liebe«, sagte Mamsell Knag mit einem süßen Lächeln. »Ich bin überzeugt, daß sie eine achtbare alte Frau ist, und es wird mich sehr – hm – sehr freuen, sie kennenzulernen.«

Da die arme Frau Nickleby, am ganzen Leibe fröstelnd, an der Straßenecke stand, so hatte Käthchen keine andere Wahl, als sie der Mamsell Knag vorzustellen, die, die letzte in eigener Equipage vorgefahrene Kundin nachahmend, sich mit sehr herablassender Höflichkeit benahm. Alle drei gingen dann Arm in Arm weiter, Mamsell Knag, die ungemein herzlich und liebenswürdig war, in der Mitte.

»Sie können sich keinen Begriff davon machen, wie lieb ich Ihre Tochter habe«, sagte Mamsell Knag, als sie eine Weile in würdevollem Schweigen gegangen war.

»Es freut mich ungemein, das zu hören«, versetzte Frau Nickleby, »obgleich es gerade nichts Neues für mich ist, daß selbst landfremde Personen Käthchen liebgewinnen.«

»Hm!« räusperte sich Mamsell Knag.

»Sie werden sie übrigens noch mehr lieben, wenn Sie ihr gutes Herz kennengelernt haben«, fuhr Frau Nickleby fort. »Es wird mir zu einem großen Segen in meinem Unglück, daß ich ein Kind habe, das weder Stolz noch Eitelkeit kennt, obgleich es eine Erziehung genossen hat, die wohl ein bißchen von dem einen oder anderen entschuldigen könnte. Ach, Sie wissen nicht, was es heißt, einen Mann zu verlieren, Fräulein Knag.«

Da Mamsell Knag noch nicht einmal wußte, wie man einen Mann bekommt, so folgte daraus ganz natürlich, daß sie nicht wissen konnte, was es heißt, einen zu verlieren. Sie versetzte daher mit einiger Hast: »Nein, das weiß ich in der Tat nicht«, und sagte das mit einer Miene – die vielleicht andeuten sollte, daß sie bereit gewesen wäre, sich das Joch der heiligen Ehe auflegen zu lassen, meint vielleicht der Leser? – nein sie kannte etwas Besseres.

»Ich zweifle nicht, daß Käthchen sich schon in dieser kurzen Zeit ordentlich gemacht hat«, fuhr Madame Nickleby mit einem stolzen Blick auf ihre Tochter fort.

»Ah, natürlich«, versetzte Mamsell Knag.

»Und wird sich immer noch weiter vervollkommnen«, fügte Madame Nickleby bei.

»Ganz gewiß«, entgegnete Mamsell Knag, indem sie Käthchens Arm fester an den ihrigen drückte, um sie auf den köstlichen Spaß aufmerksam zu machen.

»Sie war immer, schon von Kindesbeinen an, sehr gelehrig«, sagte die arme Frau Nickleby mit leuchtenden Augen. »Ich erinnere mich noch, daß, als sie erst anderthalb Jahre alt war, ein Herr, der sehr viel in unser Haus kam – Herr Watkins – du kennst ihn noch, derselbe, für den dein armer Vater Bürgschaft leistete, und der dann heimlich nach den Vereinigten Staaten entwich und uns ein paar Schneeschuhe nebst einem so rührenden Brief schickte, daß dein armer seliger Vater eine ganze Woche lang darüber weinen mußte. – Du wirst dich des Briefes wohl noch entsinnen? Er sagte darin, daß es ihm sehr leid tue, die fünfzig Pfund vorderhand nicht zurückzahlen zu können, weil seine Kapitalien auf Zinsen angelegt wären. Er sei gegenwärtig ungemein tätig, um sein Glück zu machen, er hätte aber nicht vergessen, daß du sein Patchen wärest, und er würde es sehr übelnehmen, wenn wir dir nicht ein silbergefaßtes Korallenhalsband kauften und es auf seine alte Rechnung schrieben – wie, du erinnerst dich nicht mehr? Ach, wie dumm du doch bist! Und wie lobte er nicht den alten Portwein, von dem er jedesmal, sooft er kam, anderthalb Flaschen bei uns zu trinken pflegte! Ach, es muß dir einfallen, Käthchen?«

»Ja, ja, Mama, was ist es mit ihm?«

»Ei, dieser Herr Watkins, meine Liebe«, fuhr Madame Nickleby langsam fort, als fordere es nicht wenig Anstrengung, sich auf einen so besonders wichtigen Umstand zu besinnen: »dieser Herr Watkins – Sie müssen wissen, Fräulein Knag, daß er kein Verwandter des Watkins war, dem das Wirtshaus zum alten Eber im Dorf gehört; – doch ich weiß nicht mehr ganz genau, ob es der alte Eber oder Georg der Vierte ist – jedenfalls ist es eins von diesen beiden, und so kommt also nicht viel darauf an – dieser Herr Watkins sagte, als du erst anderthalb Jahre alt warst, du wärest ein solches Wunderkind, wie er nie eines in seinem Leben gesehen hätte. Ja, so sagte er, Fräulein Knag, obschon er sonst nichts weniger als ein Kinderfreund war und auch nicht den mindesten Grund haben konnte, so zu sprechen, wenn es nicht wahr gewesen wäre. Ich weiß ganz bestimmt, daß es Herr Watkins war, der dieses sagte; denn ich erinnere mich noch so gut, als ob es erst gestern gewesen wäre, daß er unmittelbar darauf zwanzig Pfund von meinem armen Manne borgte.«

Nachdem Madame Nickleby dieses außerordentliche und höchst uneigennützige Zeugnis für die Vorzüge ihrer Tochter angeführt hatte, hielt sie inne, um Atem zu schöpfen. Als aber nun Mamsell Knag bemerkte, daß die Unterhaltung auf Familiengröße ablenkte, so verlor sie keine Zeit, mit einer kleinen Erinnerung für ihre eigene Rechnung einzufallen.

»Sprechen Sie mir nicht vom Geldausborgen, Madame Nickleby«, sagte Mamsell Knag, »oder Sie treiben mich zur Verzweiflung – ja, vollkommen zur Verzweiflung. Meine Mama – hm – war das liebenswürdigste und schönste Wesen mit der auffallendsten und vollkommensten – hm – der allervollkommensten Nase, die man, glaube ich, je in einem menschlichen Gesicht gesehen hat, Madame Nickleby« – (Mamsell rieb sich hierbei sympathetisch ihre eigene Nase) – »die angenehmste und vollendetste Frau, die je lebte; aber sie hatte den einzigen Fehler, Geld auszuborgen, und ergab sich diesem in einer solchen Ausdehnung, daß sie – hm – o, tausende von Pfunden, all unser kleines Vermögen, und was noch mehr ist, Madame Nickleby, in einer Weise ausborgte, daß wir, wie ich glaube, nie etwas zurückerhalten werden, und wenn wir das Leben hätten, bis – bis – hm – bis zum jüngsten Tage.«

Als Mamsell Knag mit diesem Aufschwung ihrer Erfindungsgabe ohne Unterbrechung zu Ende gekommen war, erging sie sich in noch vielen andern ebenso ansprechenden wie wahren Rückblicken, deren Strom Madame Nickleby vergebens zu hemmen suchte, weshalb sich diese begnügen mußte, ihre eigenen Erinnerungen auf einer Nebenströmung mitsegeln zu lassen. So gingen denn die beiden Damen plaudernd und in vollkommener Zufriedenheit nebeneinander her. Der einzige Unterschied zwischen ihnen bestand darin, daß, wählend Mamsell Knag sich gewöhnlich an Käthchen wandte und ungemein laut sprach, Madame Nickleby in einem ununterbrochenen monotonen Fluß fortfuhr und vollkommen vergnügt war, daß sie nur sprechen konnte, ohne sich sonderlich darum zu kümmern, ob jemand zuhörte oder nicht.

So gingen sie aufs freundschaftlichste nebeneinander her, bis sie das Haus von Mamsell Knags Bruder erreichten, der mit buntem Papier handelte, in einem Nebengäßchen der St.-Giles-Straße eine Leihbibliothek hielt und auf Tage, Wochen, Monate oder das ganze Jahr die neuesten alten Romane auslieh, deren Titel auf einem großen Pappendeckel, der an dem Türpfosten hin und her baumelte, aufgezeichnet waren. Mamsell Knag befand sich in diesem Augenblick zufällig mitten in der Erzählung von dem zweiundzwanzigsten Heiratsantrag, den ihr ein sehr reicher Herr gemacht hatte, weshalb sie darauf bestand, daß ihre Begleiterinnen mit ihr zu Abend essen sollten, und so gingen sie miteinander ins Haus.

»Du brauchst nicht fortzulaufen, Mortimer«, sagte Mamsell Knag, als sie miteinander eintraten; »es ist nur eine von unsern jungen Mädchen und ihre Mutter, Madame und Mamsell Nickleby.«

»Ah – so«, entgegnete Herr Mortimer Knag.

Als Herr Knag diese Laute mit einer gar tiefsinnigen und gedankenvollen Miene ausgestoßen hatte, schneuzte er langsam die zwei Küchenlampen auf dem Ladentisch, dann zwei weitere an dem Fenster und endlich sich selbst, worauf er eine Dose aus seiner Westentasche hervorholte und eine Prise nahm.

Es lag etwas ungemein Ergreifendes in der gespenstigen Weise, in der das alles getan wurde; und da Herr Knag ein hoher, hagerer Herr mit ernsten Zügen war, eine Brille trug und weit weniger Haar hatte, als ein Mann um die Vierziger zu haben pflegt, so flüsterte Madame Nickleby ihrer Tochter zu, sie dächte, daß er ein Gelehrter sein müßte.

»Zehn vorbei«, sagte Herr Knag, seine Uhr zu Rat ziehend. »Thomas, schließe das Magazin.«

Thomas war ein Knabe, beinahe halb so groß wie ein Fensterladen, und das Magazin war ein Gelaß, ungefähr dreimal so groß als eine Mietkutsche.

»Ach«, sagte Herr Knag abermals mit einem tiefen Seufzer, indem er das Buch, in dem er gelesen hatte, wieder an seinen ursprünglicken Ort stellte. »Nun – ja – ich glaube, das Abendessen ist fertig, Schwester.«

Herr Knag nahm nun mit einem neuen Seufzer die Küchenlampen von dem Ladentisch und führte die Damen mit Trauerschritten nach einem Hinterzimmer, wo eine Taglöhnerin, die gegen einen Abzug von dem Lohn der kranken Magd im Betrage von täglich achtzehn Pence den Dienst derselben versah, das Abendessen auf den Tisch stellte.

»Frau Blockson«, sagte Mamsell Knag vorwurfsvoll, »wie oft habe ich Ihr gesagt, Sie solle nicht mit der Haube auf dem Kopf ins Zimmer kommen.«

»Ich kann Ihnen nicht helfen, Mamsell Knag«, entgegnete die Taglöhnerin schnippisch. »Man kann ohnehin in diesem Hause nicht fertig werden; und wenn Ihnen meine Haube nicht zusagt, so sehen Sie sich nur nach jemand anders um; ich bin für meine Mühe ohnehin nur halb bezahlt – ja, und ich müßte so reden, und wenn ich auch in der nächsten Minute gehenkt werden sollte.«

»Ich brauche Ihre Bemerkungen nicht«, sagte Mamsell Knag mit einem starken Nachdruck auf das ›Ihre‹. »Ist Feuer unten, um schnell heißes Wasser haben zu können?«

»Nein, es ist keins drunten, Mamsell«, entgegnete die provisorische Dienstmagd, »damit Sie nur gleich die Wahrheit wissen.«

»Warum nicht?« fragte Mamsell Knag.

»Weil man keine Kohlen herausgegeben hat. Wenn ich Kohlen machen könnte, so würde ich es tun. Da ich es aber nicht kann, so lasse ich’s bleiben und bin so keck, es dem Mamsellchen zu sagen.«

»Will Sie wohl das Maul halten, Weibsbild«, unterbrach Herr Mortimer Knag diesen Dialog etwas ungestüm.

»Mit Erlaubnis, Herr Knag«, erwiderte die Taglöhnerin, sich rasch umwendend, »ich bin froh, wenn ich in diesem Hause nicht sprechen muß, ausgenommen hier und da, wenn ich angeredet werde, Sir: und mit Respekt zu melden, wenn ich ein Weibsbild bin, Sir, so möchte ich doch wissen, was Sie eigentlich sind?«

»Ein elender Mensch!« rief Herr Knag, sich vor die Stirne schlagend – »ein elender Mensch!«

»Freut mich sehr, zu finden, daß Sie sich bei Ihrem rechten Namen nennen, Sir«, fuhr Frau Blockson fort, »und da ich erst vorgestern vor sieben Wochen Zwillinge gehabt habe und mein kleines Karlchcn am letzten Montag gefallen ist und sich den Ellenbogen verstaucht hat, so tun Sie mir den Gefallen und schicken Sie mir die neun Schillinge Wochenlohn ins Haus, ehe die Glocke morgen zehn schlägt.«

So sich verabschiedend, verließ die gute Frau mit sehr unbefangenem Wesen das Zimmer und ließ die Tür weit offen stehen, während Herr Knag in demselben Augenblick nach dem ›Magazin‹ stürzte und laut aufstöhnte.

»Ich bitte, was ist denn diesem Herrn?« fragte Madame Nickleby, nicht wenig durch diese Töne beunruhigt.

»Ist er krank?« fragte Käthchen erschrocken.

»Pst«, versetzte Mamsell Knag. »Es ist eine traurige Geschichte. Er war einmal ein glühender Anbeter von – hm – von Madame Mantalini.«

»Mein Gott!« rief Madame Nickleby.

»Ja«, fuhr Mamsell Knag fort: »sie begünstigte auch seine Bewerbung, und er hoffte zuversichtlich, sie zu heiraten. Er hat ein äußerst gefühlvolles Herz, Madame Nickleby, wie überhaupt – hm – wie überhaupt alle in unserer Familie, und das Fehlschlagen seiner Hoffnung war ein schrecklicher Schlag für ihn. Er ist ein Mann von höchst vortrefflichen – wunderbar vortrefflichen Eigenschaften – liest – hm – liest jeden neuen Roman, der herauskommt; ich meine jeden Roman, der – hm – der modern ist, natürlich. Die Sache ist so: er fand in den Büchern, die er las, so viel, was sich auf sein eigenes Unglück anwenden läßt, und fand in jeder Hinsicht eine so große Ähnlichkeit zwischen sich und den Helden derselben – begreiflich, weil er sich seiner eigenen Überlegenheit bewußt ist, wie dies natürlich bei uns allen sein muß –, daß er die Welt zu verachten anfing und ein Genie wurde. Ja, ich bin sogar überzeugt, daß er im gegenwärtigen Augenblick selbst ein Buch schreibt.«

»Ein Buch?« wiederholte Käthchen, als Mamsell Knag hier einen Augenblick innehielt, wodurch es möglich wurde, daß auch jemand anders ein Wörtchen anbringen konnte.

»Ja«, sagte Mamsell Knag mit triumphierendem Kopfnicken, »ein Buch in drei großen Oktavbänden. Natürlich ist es ein großer Vorteil für ihn, daß ihm bei allen seinen kleinen Schilderungen aus dem modernen Leben die Wohltat meiner – hm – meiner Erfahrung zustatten kommt, weil natürlich wenige Schriftsteller, die von derartigen Dingen schreiben, so gute Gelegenheit haben, es kennenzulernen als ich. Er hat sich so sehr in das vornehme und romantische Treiben vertieft, daß er bei der geringsten Andeutung auf Geschäfte oder Dinge aus der Wirklichkeit – wie es vorhin bei diesem Weibe der Fall war – ganz außer sich gerät. Ich glaube aber und habe es ihm oft gesagt, daß die Täuschung, die er erlitt, ein Ereignis von der höchsten Wichtigkeit für ihn ist: denn wäre sie nicht eingetreten, so hätte er nicht von geknickten Hoffnungen und dergleichen schreiben können. Auch bin ich überzeugt, daß sein Genie nicht zum Ausbruch gekommen wäre, wenn nicht alles gegangen wäre, wie es ging.«

Was die mitteilsame Mamsell Knag unter günstigeren Umständen eröffnet haben würde, läßt sich nicht erraten; da sich aber der Melancholikus in Hörweite befand und das Feuer angemacht werden mußte, so hatten ihre Enthüllungen hiermit ein Ende.

Da es ziemlich schwierig war, warmes Wasser zu erhalten, so mußte man fast auf die Vermutung kommen, daß die kranke Magd nicht sonderlich an ein anderes Feuer, als an das des St. Antonius gewöhnt war. Endlich brachte man aber doch etwas Branntwein und Wasser auf, und die Gäste nahmen, nachdem sie sich an kaltem Hammelbraten, Brot und Käse gelabt hatten, zeitigen Abschied. Käthchen unterhielt sich auf dem ganzen Heimweg mit der Erinnerung an ihren letzten Blick auf Herrn Mortimer Knag, der in tiefen Gedanken versunken in dem Laden saß; und Madame Nickleby überlegte in ihrem Innern, ob die Putzmacherfirma zuletzt wohl »Mantalini, Knag und Nickleby« oder »Mantalini, Nickleby und Knag« heißen würde.

Mamsell Knags Freundschaft hielt sich drei ganze Tage auf dieser Höhe, zur großen Verwunderung von Madame Mantalinis jungen Damen, die bei ihrer Direktrice nie vorher eine solche Beständigkeit gesehen hatten. Aber am vierten erhielt sie einen ebenso heftigen als plötzlichen Stoß, was folgendermaßen zuging:

Ein alter Lord von bedeutender Familie, der im Begriff war, eine junge Dame, die eigentlich aus gar keiner Familie stammte, zu ehelichen, kam mit dieser jungen Dame und der Schwester derselben in den Putzladen, um der Zeremonie des Anprobierens von zwei Hochzeitshüten, die tags zuvor bestellt worden waren, beizuwohnen. Madame Mantalini ließ die Kunde von diesem Besuch mittels eines schrillen Diskanttons durch das mit dem Arbeitszimmer in Verbindung stehende Sprachrohr an Mamsell Knag gelangen, die alsbald, mit einem Hut in jeder Hand, die Stiege hinaufstürzte und das Ankleidezimmer in einem bezaubernden Zustand von Atemlosigkeit betrat, der ihre eilige Hingabe an die Sache recht ins gehörige Licht stellen sollte. Die Hüte waren kaum aufgesetzt, als Mamsell Knag und Madame Mantalini in eine wahre Ekstase von Bewunderung verfielen.

»Es macht sich höchst elegant«, sagte Madame Mantalini.

»Ich habe in meinem Leben nie etwas so ausgesucht Geschmackvolles gesehen«, fügte Mamsell Knag bei.

Der alte Lord, der ein sehr alter Lord war, sagte nichts dazu, sondern murmelte und kicherte höchst vergnügt über die Brauthüte, über deren Trägerinnen und endlich über seine eigene Gewandtheit, die ihm eine so schöne Braut gewonnen hatte, vor sich hin. Die junge Dame aber, die eine sehr lebhafte Dame war, trieb den alten Herrn, als sie sein Entzücken bemerkte, hinter einen Toilettenspiegel und gab ihm hin und wieder einen Kuß, während Madame Mantalini und die andere junge Dame rücksichtsvoll in eine andere Richtung blickten.

Während dieses Zärtlichkeitsergusses trat jedoch Mamsell Knag, die einen guten Teil Neugierde besaß, ganz zufällig hinter den Spiegel und begegnete dem Auge der jungen Dame gerade in demselben Augenblick, als sie den alten Lord küßte, worauf die junge Dame übellaunig etwas von ›einer alten Jungfer‹ und ›großer Unverschämtheit‹ fallen ließ und mit verächtlichem Lächeln einen Blick des Unwillens nach Mamsell Knag schoß.

»Madame Mantalini«, sagte die junge Dame.

»Sie befehlen?« versetzte Madame Mantalini.

»Ich bitte, lassen Sie doch das artige junge Mädchen heraufkommen, das wir gestern sahen.«

»O ja, rufen Sie diese«, fügte die Schwester bei.

»Von allen Dingen auf der Welt, Madame Mantalini«, fügte die zukünftige gnädige Frau bei, indem sie sich nachlässig auf ein Sofa warf, »ist mir nichts mehr verhaßt, als von Vogelscheuchen oder alten Personen bedient zu werden. Ich bitte, lassen Sie mich, sooft ich komme, stets jenes junge Geschöpf sehen.«

»Allerdings«, fügte der alte Lord ein, »wir wollen von dem niedlichen Mädchen bedient sein.«

»Alle Welt spricht von ihr«, fuhr die junge Dame in derselben unbekümmerten Weise fort, »und mein Bräutigam, der ein großer Bewunderer von Schönheit ist, muß sie durchaus sehen.«

»Sie wird allgemein bewundert«, versetzte Madame Mantalini. »Mamsell Knag, senden Sie Mamsell Nickleby herauf: Sie brauchen nicht wiederzukommen.«

»Entschuldigen Sie, Madame Mantalini, was haben Sie zuletzt gesagt?« fragte Mamsell Knag zitternd.

»Sie brauchen nicht wiederzukommen«, wiederholte die Prinzipalin in scharfem Ton.

Mamsell Knag verschwand, ohne ein weiteres Wort zu sprechen, und wurde bald darauf durch Käthchen ersetzt, die den Damen die neuen Hüte abnahm und die alten wieder aufsetzte. Sie errötete indessen hoch und wurde ganz verwirrt, als sie bemerkte, daß der alte Herr und die beiden jungen Damen sie ohne Unterlaß fest ins Auge faßten.

»Ei, wie Sie rot werden, Kind«, sagte des Lords erkorene Braut.

»Sie ist noch nicht ganz so in ihr Geschäft eingeschossen, wie sie es wohl in einigen Wochen sein wird«, entschuldigte Madame Mantalini mit einem huldvollen Lächeln.

»Ich fürchte, Sie haben ihr einige Ihrer gottlosen Blicke zugeworfen, Mylord«, sagte die Verlobte.

»Nein, nein, nein«, versetzte der alte Lord, »nein, nein – ich bin im Begriff, mich zu verehelichen und ein neues Leben anzufangen – ha! ha! ha! ein neues Leben, ein neues Leben, ha! ha! ha!«

Es war tröstlich, mit anzuhören, daß der alte Herr im Begriff war, ein neues Leben anzufangen: denn es war augenscheinlich, daß das alte nicht mehr lange dauern konnte. Schon die bloße Anstrengung eines in die Länge gezogenen Kicherns bewirkte einen schrecklichen Anfall von Husten und Keuchen, und es brauchte einige Minuten, ehe er Atem zu der Bemerkung fand, daß das Mädchen zu hübsch für eine Putzmacherin sei.

»Ich hoffe nicht, daß Sie der Ansicht sind, ein gutes Aussehen beeinträchtige die Befähigung zu einem Geschäfte, Mylord«, sagte Madame Mantalini geziert.

»Nicht gerade«, versetzte der alte Lord, »sonst würden Sie es schon lange aufgegeben haben.«

»Sie Bösewicht«, rief die lebhafte junge Dame, indem sie das Mitglied des Oberhauses mit ihrem Sonnenschirme kitzelte: »wie können Sie es wagen, in meiner Gegenwart so zu sprechen?«

Sie begleitete diese scherzende Frage mit wiederholten neckenden Schlägen, bis endlich der alte Lord den Sonnenschirm auffing und ihn ihr nicht wieder hergeben wollte. Dies veranlaßte die andere Dame, ihrer Schwester zu Hilfe zu kommen, woraus sich denn ein ganz niedlicher Flirt entspann.

»Sorgen Sie dafür, daß diese kleinen Änderungen noch angebracht werden, Madame«, sagte die junge Dame. »Nein, Mylord, Sie müssen durchaus vorangehen; ich möchte Sie nicht eine halbe Sekunde mit diesem hübschen Mädchen in meinem Rücken lassen. Ich kenne Sie zu gut. Liebes Hannchen, lass ihn vorangehen, dass wir seiner sicher sind.«

Der alte Herr, der sich augenscheinlich durch diesen Argwohn sehr geschmeichelt fühlte, beschenkte Käthchen im Vorbeigehen mit einem komischen Seitenblick – eine Bosheit, wofür er einen zweiten Klaps erhielt – und humpelte die Stiege hinunter nach der Tür, wo sein beweglicher Leichnam von zwei stämmigen Lakaien in den Wagen gehoben wurde.

»Pfui«, sagte Madame Mantalini; »es ist mir unbegreiflich, wie der in einen Wagen steigen kann, ohne an eine Totenbahre zu denken. – Da, nehmen Sie den Plunder weg, meine Liebe; nehmen Sie ihn hinunter.«

Käthchen, die die ganze Szene über mit bescheiden zur Erde gehefteten Augen dagestanden hatte, fühlte sich bei der Erlaubnis, sich zurückziehen zu dürfen, höchst glücklich, und eilte freudig die Stiegen hinunter nach dem Herrschergebiete der Mamsell Knag.

In diesem kleinen Königreiche hatten sich jedoch während der kurzen Periode von Käthchens Abwesenheit die Umstände wesentlich verändert. Statt daß Mamsell Knag mit all der Würde und Erhabenheit einer Repräsentantin von Madame Mantalini auf ihrem gewohnten Platze saß, ruhte diese edle Seele in Tränen gebadet auf einer großen Kiste, während drei oder vier der jungen Frauenzimmer mit Salmiakgeist, Weinessig und andern Belebungsmitteln um sie her standen – ein hinreichender Beweis, daß sie in Ohnmacht lag, wenn auch nicht die Verwirrung ihres Kopfputzes und ihrer Locken darauf hingedeutet hätte.

»Ach Gott!« rief Käthchen, hastig vortretend: »was gibt es denn?«

Diese Frage bewirkte bei Mamsell Knag heftige Symptome eines Rückfalls, worauf mehrere junge Damen, Zornblicke nach Käthchen schießend, noch mehr Weinessig und Salmiakgeist anwendeten und sagten, daß es »eine Schande« wäre.

»Was ist eine Schande?« fragte Käthchen. »Worum handelt sich’s? Was ist vorgefallen? Reden Sie doch!«

»Vorgefallen?« rief Mamsell Knag, indem sie sich auf einmal zur großen Bestürzung der versammelten Mädchen pfeilgerade aufrichtete; »vorgefallen? Pfui über Sie, Sie garstiges Geschöpf!«

»Barmherziger Himmel!« rief Käthchen ganz erstarrt ob der

230 Heftigkeit, womit Mamsell Knag dieses Prädikat durch die zusammengebissenen Zähne hervorstieß: »habe ich Sie denn beleidigt?«

»Sie mich beleidigt!« erwiderte Mamsell Knag, »Sie! Ein Kind, ein Frätzchen, ein Pilz von gestern! O freilich! ha! ha!«

Da Mamsell Knag jetzt lachte, so war es augenscheinlich, daß ihr etwas ungemein spaßhaft vorkam, und da die jungen Damen sich stets nach Mamsell Knag als ihrer Vorgesetzten richteten, so brachen alle zumal ohne Zögern in ein Gelächter aus, nickten mit den Köpfen und lächelten sich gegenseitig sarkastisch zu, als wollten sie sich sagen, wie sehr gut das wäre.

»Da ist sie«, fuhr Mamsell Knag fort, indem sie sich von der Kiste erhob und Käthchen mit großer Förmlichkeit und vielen tiefen Knixen dem kichernden Mädchenkreise vorstellte; »hier ist sie – alle Welt spricht von ihr – dem hübschen Mädchen, meine Damen, – der Schönheit, der – o Sie unverschämtes Ding.«

In dieser Krisis war Mamsell Knag nicht imstande, einen tugendhaften Schauer zu unterdrücken, der sich augenblicklich allen übrigen jungen Damen mitteilte. Dann lachte Mamsell Knag aufs neue und fing endlich zu weinen an.

»Fünfzehn Jahre lang«, rief Mamsell Knag unter dem beweglichsten Schluchzen aus, »fünfzehn Jahre lang bin ich die Ehre und Zierde des Arbeits- und Ankleidezimmer« gewesen. Gott sei Dank!« fuhr sie fort, indem sie merkwürdig energisch zuerst mit dem rechten und dann mit dem linken Fuße stampfte, »ich bin diese ganze Zeit über nie den Kunstgriffen, den nichtswürdigen Kunstgriffen eines Geschöpfes ausgesetzt gewesen, das uns alle durch sein Benehmen entehrt und anständige Leute zum Erröten zwingt. Aber jetzt muß mir eine Kränkung widerfahren, die ich trotz des Abscheus, den ich gegen diese Person hege, schmerzlich empfinde.«

Mamsell Knag wurde hier wieder mit einem Rückfalle bedroht; die jungen Damen erneuerten ihre Aufmerksamkeit, meinten, sie solle sich über solche Dinge hinwegsetzen, und erklärten, daß sie für ihre Personen solche Künste verschmähten und gar nicht der Beachtung wert hielten. Zum Belege dieser Beteuerung riefen sie noch nachdrücklicher als vorher, »es wäre eine Schande, und sie fühlten sich so empört darüber, daß sie nicht wüßten, was sie mit sich selbst anfangen sollten.«

»Habe ich so lange leben müssen, um mich eine Vogelscheuche nennen zu lassen«, rief Mamsell Knag, indem sie in Krämpfe verfiel und mit ihren Fingern krampfhaft ihre Haare zerzauste.

»O nein, nein«, fiel der Chor ein: »bitte, sprechen Sie nicht so; nein, sprechen Sie nicht so.«

»Habe ich’s verdient, eine alte Person genannt zu werden?« schrie Mamsell Knag, gegen ihre dienstbeflissenen Untergebenen ankämpfend.

»Denken Sie nicht an solche Dinge, meine Liebe«, antwortete der Chor.

»Ich hasse sie«, rief Mamsell Knag. »Ich hasse und verabscheue sie. Sie soll es nicht wagen, mich je wieder anzureden, und niemand, der es gut mit mir meint, soll je wieder ein Wort mit ihr sprechen. Die Schlampe! Das Weibsstück! Die unverschämte Dirne!«

Nachdem Mamsell Knag den Gegenstand ihrer Wut mit diesen Worten näher bezeichnet hatte, schrie sie noch einmal laut auf, schluchzte dreimal und gurgelte in der Kehle: dann schloß sie die Augen, schauerte, erwachte, kam wieder zu sich, ordnete ihren Kopfputz und erklärte endlich, daß sie wieder ganz wohl sei.

Das arme Käthchen hatte diese Vorgänge anfangs in vollkommener Geistesabwesenheit mit angesehen: dann wurde sie abwechselnd rot und bleich und versuchte einigemal zu sprechen. Als ihr jedoch die Beweggründe allmählich klar wurden, trat sie einige Schritte zurück und sah ruhig zu, ohne sich durch eine Erwiderung zu entehren. Aber obgleich sie stolz nach ihrem Sitz ging und dem Haufen kleiner Trabanten, der sich in der entferntesten Ecke des Zimmers um seinen leitenden Planeten sammelte, den Rücken wandte, so entströmten ihr doch im stillen so bittere Tränen, daß Mamsell Knag im Innersten ihrer Seele erfreut gewesen wäre, wenn sie diese hätte fallen sehen.