Einunddreißigstes Kapitel.


Einunddreißigstes Kapitel.

Von Ralph Nickleby und Newman Noggs, nebst einigen weisen Vorsichtsmaßregeln, deren günstiges oder ungünstiges Ergebnis die Folge zeigen wird.

In glücklicher Unwissenheit darüber, daß sein Neffe sich mit der vollen Eile von vier guten Pferden seinem Wirkungskreise näherte und daß jede entschwindende Minute die gegenseitige Entfernung verminderte, saß Ralph Nickleby an jenem Morgen bei seinen gewohnten Geschäften, ohne es übrigens verhindern zu können, daß seine Gedanken hin und wieder zu der Besprechung zurückkehrten, die tags zuvor zwischen ihm und seiner Nichte stattgefunden hatte. Bei solchen Unterbrechungen, die für Augenblicke sein Gehirn verwirrten, pflegte Ralph irgendeine unmutige Verwünschung vor sich hin zu murmeln und kehrte dann mit erneuter Emsigkeit zu dem vor ihm liegenden Hauptbuche zurück. Aber der gleiche Gedankengang kam wieder und wieder trotz seiner Bemühungen, ihn fernzuhalten, wodurch Verwirrung in seine Berechnung kam und seine Aufmerksamkeit ganz von den Ziffern, über denen er brütete, abgelenkt wurde. Endlich legte er seine Feder nieder und lehnte sich in seinem Stuhle zurück, als sei er entschlossen, dem aufdringlichen Ideenstrome seinen Lauf zu lassen, um dadurch, daß er ihm vollen Spielraum gäbe, sich seiner auf eine wirksame Weise zu entledigen.

»Ich bin nicht der Mann, der sich durch ein hübsches Gesicht rühren läßt«, brummte Ralph vor sich hin. »Ein grinsender Schädel liegt dahinter, und Männer wie ich, die nicht bloß an dem Oberflächlichen hängen, sehen das Tieferliegende, ohne sich durch die hinfällige Hülle blenden zu lassen. Und doch kommt es mir fast vor, als liebe ich dies Mädchen, oder ich könnte sie lieben, wenn sie weniger stolz und weniger eigen erzogen wäre. Läge der Bube in irgendeinem Flusse oder hinge an einem Galgen und wäre die Mutter tot, so sollte dies Haus ihre Heimat sein. Ja, ich wünsche von ganzem Herzen, daß es so wäre.«

Ungeachtet des tödlichen Hasses, den Ralph gegen Nicolaus hegte, und der bittern Verachtung, womit er die arme Frau Nickleby verhöhnte –, ungeachtet der Schlechtigkeit, mit der er sich sogar gegen Käthchen benommen hatte, noch benahm und sich zu jeder Zeit benommen haben würde, wenn es mit seinem Vorteile im Einklang stand –, ungeachtet alles dessen lag doch, so sonderbar es auch klingen mag, in diesem Augenblick etwas Menschliches und sogar Zartes in seinen Gedanken. Er stellte Betrachtungen darüber an, was sein Haus sein könnte, wenn Käthchen darin waltete, vergegenwärtigte sich diese auf einem der leeren Stühle, blickte nach ihr hin und hörte den Ton ihrer Stimme. Er fühlte abermals auf seinem Arme den sanften Druck ihrer zitternden Hand. Er erfüllte seine kostbaren Gemächer mit den hundert stummen Anzeichen weiblicher Gegenwart und Geschäftigkeit; dann kehrten seine Gedanken zu dem verödeten Herde und zu dem stummen und traurigen Prunk seiner Wohnung zurück. In diesem einzigen Lichtblick seiner bessern Natur, so sehr er auch durch Selbstsucht verkümmert war, fühlte sich der reiche Mann einsam, freund- und kinderlos. Das Gold hatte in diesem Augenblicke keinen Wert für ihn: denn er fühlte eine Ahnung zahlloser Schätze des Herzens, die sich nicht durch klingende Münze erkaufen ließen.

Ein höchst geringfügiger Umstand war jedoch hinreichend, derartige Betrachtungen aus der Seele eines solchen Mannes zu verscheuchen. Als Ralph zerstreut über den Hof nach dem Fenster des andern Bureaus hinblickte, gewahrte er plötzlich, daß Newman Noggs mit seiner roten Nase fast das Glas berührte, scheinbar zwar mit dem rostigen Bruchstücke eines Federmessers seine Feder spitzend, in Wirklichkeit aber seinen Brotherrn mit dem aufmerksamsten Späherblicke beobachtend.

Ralph änderte seine träumerische Stellung und beugte sich wieder über sein Buch. Newmans Gesicht verschwand, und der eben unterbrochene Gedankenzug war mit einemmal dahin.

Nach einigen Minuten zog Ralph seine Klingel. Newman trat ein und Ralph erhob verstohlen seine Augen zu dessen Gesicht, als fürchte er auf diesem ein Wissen um seine kürzlichen Gedanken zu lesen.

In Newman Noggs‘ Gesicht lag jedoch nicht die mindeste Spur einer ausforschenden Absicht. Wenn man sich einen Mann mit zwei weit offenen Augen im Kopf denken kann, die in keine Richtung hinschauen und nichts sehen, so mochte Newman in dem Augenblick, als ihn Ralph Nickleby betrachtete, einen solchen Mann vorstellen.

»Nun, was gibt’s?« brummte Ralph.

»Ach«, sagte Newman, der plötzlich eine Spur von Verstand in seine Augen legte und sie auf seinen Herrn fallen ließ, »ich glaubte, Sie hätten geklingelt.«

Ntit dieser lakonischen Bemerkung wandte sich Newman um und hinkte der Tür zu.

»Halt!« rief Ralph.

Newman blieb ohne die mindeste Verlegenheit stehen.

»Ich klingelte.«

»Das wußte ich.«

»Wenn Sie das wußten, warum wollten Sie gehen?«

»Ich dachte, Sie hätten geklingelt, um mir zu sagen, daß Sie nicht geklingelt hätten«, versetzte Newman. »Sie machen’s oft so.«

»Wie können Sie sich unterstehen, den Spürhund zu machen, nach mir zu sehen und mich anzugaffen. Sie Lumpenkerl«, fragte Ralph.

»Sie anzugaffen«, rief Newman. »Haha!«

Das war die ganze Erwiderung, die Newman dieser Frage würdigte.

»Sehen Sie sich vor, Herr«, sagte Ralph, indem er ihn festen Blickes betrachtete. »Ich will keinen betrunkenen Narren in meinem Hause haben. Sehen Sie dieses Paket?«

»Es ist groß genug«, versetzte Newman.

»Tragen Sie es in die City – zu Croß in der Breiten Straße und lassen Sie es dort – rasch. Hören Sie?«

Newman nickte eine verdrießliche Bejahung, verließ das Zimmer und kehrte nach einigen Sekunden mit seinem Hut zurück. Nachdem er einige erfolglose Versuche gemacht hatte, das ein paar Fuß im Quadrat habende Paket in seiner Kopfbedeckung unterzubringen, nahm er es unter den Arm, zog dann, die ganze Zeit über Herrn Ralph Nickleby fixierend, sehr sorgfältig seine fingerlosen Handschuhe an, setzte mit scheinbarer oder wirklicher Bedächtigkeit seinen Hut auf den Kopf, als wäre er nagelneu und von der ausgesuchtesten Qualität, und verließ endlich das Zimmer, um seine Botschaft zu bestellen.

Er vollzog seinen Auftrag mit großer Pünktlichkeit und Eile, indem er nur auf eine halbe Minute in einem einzigen Wirtshaus einsprach, das ihm recht eigentlich auf dem Wege lag; denn er ging durch die eine Tür hinein und kam durch die andere wieder heraus. Als er jedoch wieder umkehrte und auf seinem Heimweg den Strand berührte, begann er mit der unsicheren Miene eines Mannes, der nicht ganz schlüssig ist, ob er halten oder weitergehen soll, zu zögern. Nach einer sehr kurzen Überlegung entschied er sich für das erstere, klopfte mit einem bescheidenen, oder besser gesagt mit einem unsicheren einfachen Doppelschlag an Fräulein La Creevys Tür.

Sie wurde durch ein fremdes Dienstmädchen geöffnet, auf das die sonderbare Figur des Besuchers nicht den günstigsten Eindruck zu machen schien; denn sie war seiner kaum ansichtig geworden, als sie die Tür wieder beinahe schloß und sich mit der Frage, was er begehre, hinter die schmale Spalte stellte. Newman ließ aber nur ganz einsilbig das Wort »Noggs« hören, als habe dasselbe beschwörende Bedeutung und müßten vor seinem Klang die Riegel zurück- und die Türen weit auffliegen. Er drängte sich rasch an dem Mädchen vorbei und erreichte die Tür von Fräulein La Creevys Arbeitszimmer, ehe noch der erschrockene Dienstbote etwas einzuwenden vermochte.

»Um Gottes willen!« rief Fräulein La Creevy erschreckt, als Newman auf ihr »Herein!« ins Zimmer stürzte. »Was steht zu Diensten, Sir?«

»Sie erinnern sich meiner nicht mehr?« sagte Newman mit einer Kopfneigung. »Das nimmt mich nicht wunder. Es ist freilich begreiflich genug, daß mich niemand kennt, der mich in früheren Tagen gekannt hat; aber es gibt wenige, die mich, wenn sie mich jetzt sehen – und wäre es auch nur ein einziges Mal – wieder vergessen.«

Er blickte bei diesen Worten auf seine abgetragenen Kleider und sein gelähmtes Bein und schüttelte leicht den Kopf.

»Ich konnte mich allerdings nicht gleich Ihrer entsinnen«, versetzte Fräulein La Creevy, indem sie aufstand und Newman entgegentrat; »und ich schäme mich deshalb vor mir selber; denn Sie sind ein guter und wohlwollender Mann, Herr Noggs. Setzen Sie sich und erzählen Sie mir, was Sie von Fräulein Nickleby wissen. Das arme Kind! Ich habe sie seit vielen Wochen nicht gesehen.«

»Warum das?« fragte Newman.

»Offen gestanden, Herr Noggs«, sagte Fräulein La Creevy, »ich habe auswärts einen Besuch gemacht – die erste Reise seit fünfzehn Jahren.«

»Das ist eine lange Zeit«, entgegnete Newman melancholisch.

»Es ist allerdings eine sehr lange Zeit, wenn man die Jahre zählt. Aber die einzelnen Tage schwinden, Gott sei Dank, auf die eine oder die andere Weise friedlich und glücklich genug dahin«, versetzte die Miniaturmalerin. »Ich habe einen Bruder, Herr Noggs – der einzige Verwandte, der mir geblieben ist –, und ich habe ihn in dieser ganzen Zeit kein einziges Mal gesehen. Nicht daß wir je im Streit miteinander gelebt hatten, aber er wurde im Lande unten in die Lehre getan, verheiratete sich dort, und in den neuen Banden, die ihn da umschlossen, vergaß er ein so armes kleines Frauenzimmer, wie ich bin, was auch ganz begreiflich ist. Glauben Sie übrigens nicht, daß ich mich darüber beklage; denn ich sagte mir immer: ›Es liegt in der Natur der Sache. Der arme Johann sucht sich in der Welt fortzuhelfen, so gut er kann, hat eine Frau, der er seinen Kummer und seine Sorgen mitteilen kann, und Kinder, die um ihn spielen, und so möge Gott ihn und sie segnen und uns alle seinerzeit an einem Ort zusammenführen, wo wir uns nie wieder trennen werden.‹ – Aber was sagen Sie dazu, Herr Noggs?« fuhr die Porträtmalerin fort, indem sie mit erheitertem Gesicht ihre Hände zusammenschlug. »Derselbe Bruder kommt kürzlich nach London und läßt nicht ab, bis er mich aufgefunden hat. Was meinen Sie – er kam hierher, saß in demselben Stuhl, in dem Sie sitzen, und weinte wie ein Kind aus lauter Freunde, mich wiederzusehen. Was sagen Sie dazu, daß er darauf bestand, mich mit aufs Land in sein Haus zu nehmen – ein ganz prächtiges Haus, Herr Noggs, mit einem großen Garten und ich weiß nicht wieviel Morgen Feld, einem Diener in Livree, der bei Tisch aufwartet, mit Kühen, Pferden, Schweinen und Gott weiß was sonst noch. Er hielt mich einen ganzen Monat zurück und drang in mich, mein ganzes Leben über bei ihm zu bleiben – ja, mein ganzes Leben über. Das gleiche tat sein Weib und dasselbe taten seine Kinder – es sind ihrer vier; und dem ältesten davon, einem Mädchen, haben sie vor gut acht Jahren meinen Namen beigelegt – ja, das haben sie. Ich war nie so glücklich, – in meinem ganzen Leben nie!«

Die gute Dame verbarg ihr Gesicht in ihrem Taschentuch und schluchzte laut; denn Newmans Besuch gab ihr zum erstenmal Gelegenheit, ihrem Herzen Luft zu machen.

»Aber du mein Himmel«, fuhr Fräulein La Creevy nach einer kurzen Pause fort, indem sie ihre Augen trocknete und ihr Tuch mit großer Geschäftigkeit und Hast in den Strickbeutel steckte, »wie töricht muß es Ihnen vorkommen, Herr Noggs! Ich hätte eigentlich davon schweigen sollen, und ich erzählte es Ihnen nur, um Ihnen zu erklären, warum ich Fräulein Nickleby so lange nicht gesehen habe.«

»Sind Sie auch nicht mit der alten Frau zusammengekommen?« fragte Newman.

»Sie meinen Madame Nickleby?« versetzte Fräulein La Creevy. »Dann will ich Ihnen was sagen, Herr Noggs – wenn Sie bei ihr gut angeschrieben bleiben wollen, so werden Sie guttun, sie nie mehr die alte Frau zu nennen, denn ich vermute, daß sie diesen Ehrentitel nicht besonders wohlgefällig aufnehmen dürfte. – Ja, ich besuchte sie vorgestern abend, aber sie schwebte ganz auf dem hohen Seile und tat so vornehm und geheimnisvoll, daß ich nicht wußte, was ich aus ihr machen sollte. Offen gestanden, ich spielte dann auch die Vornehme, und so kamen wir auseinander. Ich dachte, sie würde bald ihre Saiten wieder herunterspannen; sie hat mich aber noch nicht wieder besucht.«

»Und Fräulein Nickleby?« entgegnete Newman.

»Sie war in meiner Abwesenheit zweimal hier«, erwiderte Fräulein La Creevy. »Ich fürchtete, sie möchte es ungern sehen, wenn ich sie unter den vornehmen Leuten, bei denen sie lebt, besuchte, und so wollte ich ein paar Tage abwarten, ob sie nicht wieder herkäme, und ihr dann schreiben.«

»Ah!« rief Newman, an seinen Fingern knackend.

»Ich möchte übrigens durch Sie Neuigkeiten von ihnen erfahren«, sagte Fräulein La Creevy. »Was macht das alte, grobe und zähe Ungeheuer von Golden Square? Es ist natürlich wohl, denn solches Volk ist es immer. Ich meine also nicht seine Gesundheit, sondern wie er sich gegen seine Verwandten benimmt?«

»Gott verdamm‘ ihn!« rief Newman, seinen gehätschelten Hut auf den Boden schleudernd; »er benimmt sich wie der nichtswürdigste Hund, den die Erde trägt.«

»Barmherziger Himmel, Herr Noggs, Sie erschrecken mich«, rief Fräulein La Creevy erbleichend.

»Ich würde ihm gestern nachmittag sein Gesicht gezeichnet haben, wenn ich es hätte wagen dürfen«, sagte Newman, indem er in großer Aufregung auf und ab ging und seine Faust gegen Cannings Porträt über dem Kaminsims schüttelte. »Ich war nahe daran und mußte meine Hände mit Gewalt in der Tasche festhalten; aber ich tue es einmal – gewiß, ich tue es einmal in dem kleinen Hinterzimmer. – Ich hätte ihn schon früher einmal in Arbeit genommen, wenn ich nicht gefürchtet hätte, das Übel noch viel schlimmer zu machen. Aber ich will mich einschließen mit ihm und die Sache mit ihm ausfechten, ehe ich sterbe – gewiß und wahrhaftig.«

»Ich werde schreien, wenn Sie sich nicht zusammennehmen, Herr Noggs«, entgegnete Fräulein La Creevy. »Ich kann so nicht allein mit Ihnen im Zimmer bleiben.«

»Kehren Sie sich nicht daran«, erwiderte Newman, ungestüm auf und ab schießend. »Er kommt heute abend; ich habe ihm geschrieben. Er hat keine Ahnung davon, daß ich um seine Schliche weiß und daß ich mich um diese kümmere. Der verschmitzte Schurke! Er träumt sich nichts davon – nein, nein! Doch gleichgültig. Ich will ihm einen Strich durch die Rechnung machen, ich, Newman Noggs. Ho, ho, der Bösewicht!«

Newmans Wut steigerte sich bis zum höchsten Gipfel, und er schoß mit so exzentrischen Bewegungen im Zimmer hin und her, wie man sie wohl nie an einem menschlichen Wesen gesehen, indem er bald gegen die kleinen Miniaturbilder an der Wand gestikulierte, bald, um die Illusion zu erhöhen, mit den Fäusten seinen Kopf zerhämmerte, bis er ganz atemlos und erschöpft wieder auf seinen früheren Sitz sank.

»So!« sagte Newman, seinen Hut wieder aufnehmend: »das hat mir gutgetan. Ich fühle mich jetzt besser, und Sie sollen nun alles erfahren.«

Es bedurfte einiger Zeit, um Fräulein La Creevy, die durch diese merkwürdige Demonstration aufs höchste erschreckt und ganz außer Fassung gekommen war, wieder zu beruhigen. Dann aber erstattete Newman treuen Bericht über alles, was sich bei Gelegenheit von Käthchens Unterredung mit ihrem Onkel zugetragen hatte, wobei er seine Erzählung mit der Versicherung, daß er schon früher aus diesen und jenen Gründen Argwohn geschöpft, bekräftigte, und mit der Mitteilung schloß, daß er heimlich an Nicolaus geschrieben hätte.

Obgleich sich die Entrüstung der kleinen La Creevy nicht in einer so ungewöhnlichen Weise äußerte wie bei Newman, so war sie doch kaum weniger lebhaft. In der Tat – wenn Ralph Nickleby in diesem Augenblick ins Zimmer getreten wäre, so hätte man nicht wissen können, ob er in Fräulein La Creevy oder in Newman Noggs einen gefährlicheren Gegner gefunden haben würde.

»Gott verzeih‘ mir die Sünde«, schloß Fräulein La Creevy ihren Zornerguß, »aber es ist mir, als könnte ich ihm mit Vergnügen das ins Herz stoßen.«

Fräulein La Creevys Waffe war freilich keine besonders furchtbare: denn sie bestand in nicht mehr und nicht minder als in einem Bleistift. Als sie jedoch ihren Irrtum wahrnahm, vertauschte ihn die kleine Malerin mit einem Perlenmutterobstmesser, womit sie, zum Beweis ihrer Wut, einen Stoß führte, der kaum ein Krümchen von einem Brotlaib heruntergesäbelt haben würde.

»Sie wird morgen nicht mehr in dem Hause sein«, sagte Newman; »das ist ein Trost.«

»Ach, ich wollte, sie hätte es schon vor Wochen verlassen«, rief Fräulein La Creevy.

»Ja, wenn man’s hätte wissen können«, versetzte Newman: »aber das war eben nicht der Fall. Es steht niemandem zu, sich in die Sache zu mischen, als ihrer Mutter oder ihrem Bruder. Die Mutter ist schwach – ein armes, schwaches Ding. Aber der liebe junge Mann wird noch diesen Abend hier sein.«

»Um Gottes willen«, rief Fräulein La Creevy, »er wird etwas Verzweifeltes beginnen, wenn Sie ihm gleich alles sagen.«

Newman hörte auf, die Hände zu reiben, und nahm eine gedankenvolle Miene an.

»Verlassen Sie sich darauf«, sagte Fräulein La Creevy mit Nachdruck, »wenn Sie ihm die Wahrheit nicht sehr behutsam beibringen, so wird er irgendeine Gewalttätigkeit gegen seinen Onkel oder einen dieser Menschen verüben, die ihn in ein schreckliches Unglück stürzen und Gram und Sorge über uns bringen kann.«

»Daran dachte ich nicht«, versetzte Newman, dessen Gesicht sich immer mehr verdunkelte. »Ich kam her, um Sie zu fragen, ob Sie die Schwester aufnehmen würden, wenn sie zu Ihnen gebracht würde, aber –«

»Aber es ist von weit größerer Wichtigkeit«, unterbrach ihn Fräulein La Creevy, »daß Sie die Sache besser bedacht hätten, ehe Sie kamen; denn der Ausgang dieser Dinge läßt sich nicht voraussehen, wenn Sie nicht mit der größten Behutsamkeit zu Werke gehen.«

»Was kann ich tun?« rief Noggs, indem er sich verlegen am Kopf kratzte. »Wenn er sagt, er wolle sie alle totschießen, was bleibt mir da anders zu erwidern, als: ›Nur zu – aber treffen Sie gut.‹«

Fräulein La Creevy konnte bei diesen Worten einen Angstruf nicht unterdrücken und ging sogleich ans Werk, Newman das feierliche Versprechen abzudringen, daß er alles aufbieten wolle, den Zorn des jungen Nickleby zu besänftigen, was denn auch nach einigem Zögern zugestanden wurde. Dann hielten sie miteinander Rat, wie man ihm die Umstände, die seine Gegenwart notwendig machten, auf die sicherste und gefahrloseste Weise mitteilen könne.

»Man muß es so einrichten, daß er Zeit hat, um ruhiger zu werden, ehe er entsprechende Schritte tun kann«, sagte Fräulein La Creevy. Das ist von der größten Wichtigkeit. Man darf es ihm erst spät in der Nacht sagen.«

»Aber er wird schon abends zwischen sechs und sieben Uhr in der Stadt sein«, versetzte Newman. »Ich darf ihm den wahren Stand der Dinge nicht vorenthalten, wenn er mich fragt.«

»So müssen Sie ausgehen, Herr Noggs«, entgegnete Fräulein La Creevy. »Sie können ja leicht durch ein Geschäft verhindert worden sein und dürfen nicht vor Mitternacht nach Hause kommen.«

»Dann wird er schnurstracks hierherkommen«, erwiderte Newman.

»Wahrscheinlich wird er das tun«, erwiderte Fräulein La Creevy; »aber er soll auch mich nicht finden; denn ich gehe, sobald Sie mich verlassen, in die City, versöhne mich mit Madame Nickleby und nehme sie mit ins Theater, so daß er nicht einmal den Aufenthalt seiner Schwester erfährt.«

Nach einer weiteren Erörterung stellte sich dieser Ausweg als der sicherste und tunlichste heraus. Es wurde daher ausgemacht, die Maßregeln danach zu nehmen, und Newman, der zum Schlusse noch viele Verwarnungen und Bitten anhören mußte, verabschiedete sich von Fräulein La Creevy und humpelte nach Golden Square zurück, wobei er unterwegs eine Unzahl von Wahrscheinlichkeiten und Unwahrscheinlichkeiten wiederkäute, die infolge der eben geendigten Unterhaltung sein Gehirn bedrängten.

Zweiunddreißigstes Kapitel.


Zweiunddreißigstes Kapitel.

Berichtet hauptsächlich eine merkwürdige Unterredung und einige daraus fließende merkwürdige Folgen.

»Endlich wären wir in London«, rief Nicolaus, indem er seinen Mantelkragen zurückschlug und Smike aus einem langen Schlaf weckte. »Kam es mir doch vor, als ob wir es nie erreichen würden.«

»Und doch haben’s meine Pferde an nichts fehlen lassen«, bemerkte der Kutscher, indem er mit einer nicht sehr freundlichen Miene über die Schulter nach Nicolaus hinblickte.

»Ich weiß das«, lautete die Antwort, »aber es war mir ungemein viel an der Beendigung meiner Reise gelegen, und das macht, daß einem der Weg lang vorkommt.«

»Nun«, meinte der Kutscher, »wenn Ihnen der Weg mit einem solchen Tier lang vorkam, so müssen Sie es ungemein eilig haben.«

Um seinen Worten mehr Nachdruck zu geben, holte er mit seiner Peitsche aus und berührte mit der Schnur die Waden eines kleinen Knaben.

Sie rasselten weiter durch die geräuschvollen, belebten Straßen von London, die jetzt eine lange Doppelreihe hellglänzender Lampen, hin und wieder mit den farbigen Lichtkugeln eines Apothekers untermischt, zeigten und außerdem durch die strahlende Flut beleuchtet waren, die aus den Ladenfenstern strömte, wo sich funkelnde Juwelen, Seiden- und Samtstoffe in den reichsten Farben, die einladendsten Leckereien und die üppigsten Putzartikel in bunter Verwirrung folgten. Volksmassen strömten fast endlos ab und zu, stießen sich an und eilten weiter, ohne der Reichtümer zu beiden Seiten zu achten, während Fuhrwerke von allen Formen in eine bewegte Masse zusammengemengt wie herabstürzendes Wasser den Tumult und Lärm durch ihr endloses Rollen vermehren halfen.

Seltsam war die Reihenfolge der Dinge, wie sie im beharrlichen Wechsel vor den Augen der Vorbeifahrenden auftauchten. Läden voll prächtiger Kleider, deren Stoffe aus allen Teilen der Welt herbeigeschafft waren, lockende Vorräte aller Art, um den gesättigten Appetit anzureizen und dem oft wiederholten Schlemmermahle einen neuen Reiz zu geben; Gefäße aus blankem Gold und Silber in den ausgesuchtesten Vasen-, Teller- und Schalenformen; Flinten, Säbel, Pistolen und andere Zerstörungsmaschinen: Schrauben und Eisen für die Verkrümmten, Linnen für die neugeborenen Kinder, Arzneien für die Kranken, Särge für die Gestorbenen und Kirchhöfe für die Begrabenen – all das schwang sich durcheinander und häufte sich Seite an Seite, ähnlich den phantastischen Gruppen in Holbeins Totentanz, der gedanken- und ruhelosen Menge stets dieselbe ernste Lehre vorhaltend.

In dem Gedränge selbst fehlte es gleichfalls nicht an Gegenständen, die der wechselnden Szene bestimmte Anhaltspunkte gaben. Die Lumpen des schmutzigen Bänkelsängers flatterten in dem reichen Lichte, das die Schätze eines Goldarbeiters sichtbar werden ließ. Bleiche, verhungerte Gesichter schwebten um die Fenster, wo lockende Speisen ausgestellt waren, gierige Augen wanderten über das bunte Gewirre, das nur durch eine dünne Glasscheibe – für sie aber eine eherne Mauer – geschützt wurde. Halbnackte, frierende Gestalten blieben stehen, um chinesische Halstücher und Goldstoffe aus Indien zu bewundern. Bei dem größten Sargmacher war ein Kindtaufschmaus, und Beerdigungsvorbereitungen hatten einige großartige Bauveränderungen in dem prachtvollsten Palaste zum Stocken gebracht. Leben und Tod gingen Hand in Hand; Reichtum und Armut standen sich zur Seite; Schlemmerei und Hunger legten sich nebeneinander nieder.

Aber es war London, und die alte Dame vom Lande, die im Wagen saß und schon zwei Meilen vor Kingston ihren Kopf aus dem Kutschenfenster gesteckt hatte, um dem Kutscher zuzurufen, daß er bestimmt über die Stadt hinausgefahren sei und vergessen habe, sie abzusetzen, war endlich beruhigt.

Nicolaus bestellte in dem Wirtshaus, wo die Kutsche hielt, Betten für sich und Smike und begab sich dann, ohne einen Augenblick zu zögern, nach Newman Noggs‘ Wohnung; denn seine Angst und Ungeduld hatten mit jeder Minute zugenommen und waren fast nicht mehr zu bewältigen.

In Newmans Dachstübchen war Feuer angezündet, und ein brennendes Licht stand auf dem Tische; der Boden war gefegt, das Gemach so behaglich, wie es sich machen ließ, hergerichtet und auch für Speise und Trank gesorgt. Alles deutete auf Newman Noggs‘ teilnehmende Sorge und Aufmerksamkeit; aber Newman selbst war nicht zugegen.

»Wissen Sie nicht, wann er nach Hause kommen wird?« fragte Nicolaus, an die Wand von Newmans Nachbar pochend.

»Ah, Herr Johnson«, sagte Crowl, in die Stube tretend. »Willkommen, Sir! – Aber wie gut Sie aussehen! Ich hätte nie geglaubt – –«

»Entschuldigen Sie«, fiel Nicolaus ein. »Meine Frage – ich bin äußerst begierig, Ihre Antwort zu vernehmen.«

»Je nun, er hat ein langweiliges Geschäft abzumachen«, versetzte Crowl, »und wird vor zwölf Uhr nicht nach Hause kommen. Er ging zwar sehr ungern daran, kann ich Ihnen sagen; aber da war nichts zu ändern. Er hinterließ jedoch, Sie möchten sich’s bequem machen, bis er zurückkäme, und ersuchte mich, Sie zu unterhalten, wozu ich auch gern bereit bin.«

Zum Beweise seiner Bereitwilligkeit, sich für das allgemeine Beste aufzuopfern, schob Herr Crowl, während er so sprach, einen Stuhl an den Tisch, verhalf sich zu einer ziemlichen Portion kalten Braten und lud Nicolaus und Smike ein, seinem Beispiele zu folgen.

Unruhe und getäuschte Erwartung ließen Nicolaus keinen Bissen berühren. Er verließ daher, nachdem Smike sich’s an dem Tische bequem gemacht hatte – trotz der vielen Gegenvorstellungen, die Herr Crowl mit vollen Backen vorbrachte, das Haus, Smike beauftragend, daß er Newman zurückhalten möchte, wenn dieser zuerst zurückkehren sollte.

Nlcolaus schlug, wie Fräulein La Creevy vermutet hatte, seinen Weg schnurstracks nach ihrer Wohnung ein. Als er sie nicht zu Hause traf, ging er eine Weile mit sich selbst zu Rate, ob er nicht zu seiner Mutter gehen sollte, selbst auf die Gefahr hin, sie mit Ralph Nickleby zu verfeinden. In der vollen Überzeugung, daß ihn Newman nicht zur Rückkehr aufgefordert haben würde, wenn nicht gewichtige Gründe seine Anwesenheit nötig machten, entschied er sich endlich für diesen Schritt und eilte mit möglichster Hast ostwärts.

Madame Nickleby würde vor zwölf Uhr oder gar noch später nicht zu Hause sein, sagte das Mädchen. Sie glaubte, Fräulein Nickleby wäre wohlauf, aber sie wohne gegenwärtig nicht mehr bei ihrer Mutter und käme auch nur selten zu Besuch. Ihren Aufenthalt kannte sie nicht und wußte nur so viel mit Bestimmtheit, daß sie nicht mehr bei Madame Mantalini wäre.

Mit heftig pochendem Herzen und voll der trübsten Ahnungen kehrte Nicolaus zu Smike zurück. Newman war noch nicht nach Hause gekommen und durfte vor zwölf Uhr keinesfalls erwartet werden. War es nicht möglich, ihn auf einen Augenblick holen zu lassen oder ihm ein paar Zeilen zuzuschicken, auf die er eine mündliche Antwort geben konnte? Das ging nicht an, denn er war nicht in Golden Square und hatte wahrscheinlich einen Auftrag auswärts zu besorgen.

Nicolaus versuchte es, ruhig in Newmans Wohnung zu bleiben, aber er fühlte sich zu ergriffen und aufgeregt, um still sitzenbleiben zu können. Es deuchte ihm Zeitverlust, wenn er sich nicht bewege – allerdings eine törichte Einbildung, er wußte es wohl, aber er war nicht imstande, sich ihrer zu erwehren. Er nahm daher seinen Hut und ging wieder auf die Straße.

Diesmal lenkte er seine Schritte gegen Westen und eilte, von tausend bangen Besorgnissen geängstigt, deren er nicht Herr zu werden vermochte, durch die Straßen. Er kam in den Hyde Park, der jetzt still und verlassen war, und vermehrte noch seine Geschwindigkeit, als hoffe er, dadurch seine Gedanken hinter sich zu lassen. Aber sie bedrängten ihn jetzt nur um so lebhafter, da ihm nichts begegnete, was seine Aufmerksamkeit hätte anlocken können. Besonders wollte sich der eine Gedanke nicht abweisen lassen, es hätte sich ein so schreckliches Unglück zugetragen, daß jedermann sich scheue, es ihm mitzuteilen. Die alte Frage – was kann es wohl sein? tauchte immer wieder in seiner Seele auf. Er lief fort, bis er müde war, ohne auch nur um eine Spur klüger zu werden, und verließ endlich den Park nur noch verwirrter, als er ihn betreten hatte.

Er hatte seit dem frühen Morgen fast nichts genossen und fühlte sich nun abgemattet und erschöpft. Als er sich mit langsameren Schritten dem Ort zuwandte, von wo er ausgegangen war, traf er an einer der Durchfahrten, die zwischen Park Lane und der Landstraße liegen, auf ein schönes Hotel, vor dem er mechanisch stehen blieb.

»Wahrscheinlich ein teurer Ort«, dachte Nicolaus, »aber ein Glas Wein und ein Stückchen Brot sind nie eine große Verschwendung, wo sie auch verkauft werden mögen. Und doch weiß ich nicht –«

Er ging einige Schritte weiter. Als er jedoch nach einem aufmerksamen Blick auf die lange Reihe von Gaslampen, die vor ihm sich breitete, überlegte, wie lange er brauchen würde, bis sie zu Ende wäre – vielleicht auch, weil er in einer Stimmung war, worin der Mensch am meisten geneigt ist, den ersten Eindrücken zu folgen – möglicherweise aber auch, weil er durch Neugier oder durch irgendeine seltsame Mischung von Gefühlen, die er sich nicht recht klarzumachen wußte, zu dem Hotel hingezogen wurde – kurz, Nicolaus kehrte wieder um und trat in da» Kaffeezimmer.

Es hatte eine sehr schöne Einrichtung. Die Wände waren mit den ausgesuchtesten französischen Tapeten bekleidet und mit einem sehr eleganten vergoldeten Fries verziert. Auf dem Boden lag ein reicher Teppich. Zwei prachtvolle Spiegel, einer über dem Kamingesims und ein anderer an dem entgegengesetzten Ende des Zimmers, von dem Boden bis zur Decke reichend, vervielfältigten die übrigen Herrlichkeiten und halfen durch ihren eigenen Glanz den Gesamteffekt verstärken. In der Nähe des Kamins befand sich eine ziemlich lärmende Gesellschaft, die aus vier Herren bestand. Außerdem waren nur noch zwei andere Personen anwesend, beide ältere Herren, die abgesondert saßen.

Nicolaus sah flüchtig umher, um sich zu orientieren, wie dies wohl alle tun, die einen Ort, der ihnen neu ist, zum erstenmal betreten, und nahm in der lärmenden Gesellschaft, der er den Rücken zukehrte, Platz, verschob es jedoch, sich eine Flasche Claret bringen zu lassen, bis der Kellner und einer der älteren Herren einen Streit über den Preis eines gewissen Artikels auf der Speisekarte ausgeglichen hätten, und beschäftigte sich inzwischen mit dem Lesen einer Zeitung.

Er hatte noch keine zwanzig Zeilen gelesen und befand sich in der Tat in einem halben Schlummer, als er durch die Erwähnung des Namen« seiner Schwester wieder aufgeschreckt wurde. »Das kleine Käthchen Nickleby« waren die Worte, die sein Ohr getroffen hatten. Er richtete verwundert seinen Kopf auf und bemerkte dann im Reflex der beiden Spiegel, daß zwei von der Gesellschaft hinter ihm ihre Sitze verlassen hatten und vor dem Feuer standen. »Sie müssen von einem dieser zwei herrühren«, dachte Nicolaus. Er erwartete mit ziemlich entrüstetem Gesicht noch mehr zu hören; denn der Ton, womit die Worte gesprochen wurden, war nichts weniger als achtungsvoll gewesen, und das Äußere des Individuums, von dem sie seiner Meinung nach herrührten, sah ziemlich locker und renommistisch aus.

Dieser Mann, dessen Gesicht Nicolaus in dem Spiegel sehen konnte, hatte den Rücken dem Feuer zugekehrt und unterhielt sich mit einem jüngeren Herrn, der der Gesellschaft den Rücken zuwandte, den Hut auf dem Kopf hatte und mit Hilfe des Spiegels seinen Hemdkragen zurechtrückte. Sie sprachen flüsternd und brachen hin und wieder in ein lautes Lachen aus, aber Nicolaus konnte keine Wiederholung jener Worte noch sonst etwas, das Ähnlichkeit mit denselben gehabt hätte, vernehmen.

Endlich nahmen die beiden ihre Sitze wieder ein, und da sie noch mehr Wein herbeibringen ließen, so wurde die Gesellschaft nur noch lauter und lustiger. Doch sprachen sie von niemandem, den Nicolaus gekannt hätte, und er kam endlich zu der Überzeugung, seine aufgeregte Phantasie hätte ihm entweder diese Laute vorgezaubert oder andere Worte in den Namen umgewandelt, der eben alle seine Gedanken in Anspruch nahm.

»Es ist aber doch merkwürdig«, dachte Nicolaus. »Wäre es ›Käthchen‹ oder ›Käthchen Nickleby‹ gewesen, so hätte es mich nicht wundernehmen sollen, aber das ›kleine Käthchen Nickleby‹!«

In diesem Augenblick kam der Wein, der Nicolaus verhinderte, seinen Satz vollends auszudenken. Er trank ein Glas voll und nahm die Zeitung wieder auf. In demselben Augenblick rief eine Stimme hinter ihm:

»Das kleine Käthchen Nickleby!«

»Ich hatte doch recht«, murmelte Nicolaus, und das Blatt entsank seiner Hand. »Auch ist es derselbe Mann, den ich vorhin im Verdacht hatte.«

»Da es nicht wohl tunlich ist, ihre Gesundheit aus leeren Gläsern zu trinken«, sagte die Stimme wieder, »so soll sie die ersten aus der neuen Flasche erhalten. – Das kleine Käthchen Nickleby!«

»Das kleine Käthchen Nickleby!« riefen die andern drei, und die Gläser wurden leer wieder niedergesetzt.

Diese leichtfertige und unbekümmerte Erwähnung des Namens seiner Schwester an einem öffentlichen Ort schnitt Nicolaus ins Herz und fachte Glut an in seinem Innern. Er gab sich jedoch alle Mühe, an sich zu halten, und wandte nicht einmal den Kopf um.

»Das Teufelsmädel!« sagte die Stimme, die vorhin gesprochen hatte. »Sie ist echtes Nicklebyblut – eine würdige Nachahmerin ihres alten Onkels Ralph. Sie zieht sich zurück, um desto mehr gesucht zu werden, und er macht’s gleichfalls so. Es ist nichts bei ihm zu holen, nur wenn man ihm keine Ruhe läßt – das Geld kommt dann doppelt willkommen, und die Interessen werden doppelt hoch gespannt, denn unsereiner ist ungeduldig, und er ist’s nicht. Ah, verteufelt schlau.«

»Verteufelt schlau«, echoten zwei Stimmen.

Die zwei älteren Herren auf der anderen Seite standen nun einer nach dem andern auf, um sich zu entfernen, was Nicolaus in eine wahre Todesangst versetzte: denn er fürchtete, in dem Geräusch, das die Abgehenden verursachten, ein Wörtchen von dem, was gesprochen wurde, zu verlieren. Es trat jedoch gerade eine Pause in der Unterhaltung ein, und später ging die letztere nur um so ungezwungener fort.

»Ich fürchte«, sagte der jüngere Herr, »die A-alte ist eifersüchtig geworden und hat sie eingesperrt. – Wahrhaftig, es hat ganz das Aussehen.«

»Wenn sie Streit miteinander kriegen und die kleine Nickleby zu ihrer Mutter heimgeht – um so besser. Ich kann mit der alten Madame alles anfangen. Sie glaubt alles, was ich ihr sage.«

»Jawohl«, entgegnete die zweite Stimme: »hahaha! eine waschechte Gans.«

Die beiden anderen Stimmen, die alles gleichzeitig taten, stimmten in das Gelächter ein, das nun auf Madame Nicklebys Kosten allgemein wurde. Nicolaus wandte sich zornglühend um, aber er meisterte sich einen Augenblick und harrte, um noch weiteres zu hören.

Was er hier vernahm, brauchen wir nicht zu wiederholen. Je rascher der Becher kreiste, je mehr lernte er die Charaktere und Absichten seiner Nachbarn kennen, wie ihm denn Ralphs Büberei in ihrem vollen Umfange klar wurde und über den wahren Grund, warum seine Anwesenheit in London verlangt wurde, ein helles Licht aufging. Er hörte all dieses und noch mehr. Er war Zeuge davon, wie man die Leiden seiner Schwester verlachte, ihr sittsames Benehmen verhöhnte und auf die roheste Weise mißdeutete, und wie ihr Name von Mund zu Mund ging oder zum Gegenstand roher und unverschämter Wetten und unzüchtiger Scherze gemacht wurde.

Der Mann, der zuerst gesprochen hatte, führte die Unterhaltung fast ausschließlich und wurde nur hin und wieder durch eine hingeworfene Bemerkung von dem einen oder andern seiner Zechgenossen gespornt. An diesen also wendete sich Nicolaus, als er sich hinreichend gesammelt hatte, um der Gesellschaft gegenüberzutreten und seine Worte aus der zusammengeschnürten Kehle hervorzuzwängen.

»Ich muß ein Wort mit Ihnen sprechen, Sir«, sagte Nicolaus.

»Mit mir, Sir?« entgegnete Sir Mulberry Hawk, indem er ihn verwundert mit einem Blick der Geringschätzung maß.

»Ja, mit Ihnen«, versetzte Nicolaus mit vor Wut fast erstickter Stimme.

»Wahrhaftig, ein geheimnisvoller Unbekannter«, rief Sir Mulberry, indem er sein Glas an die Lippen führte und seine Freunde der Reihe nach ansah.

»Wollen Sie ein paar Minuten mit mir zur Seite treten, oder weigern Sie sich, es zu tun?« fragte Nicolaus finster.

Sir Mulberry setzte sein Glas auf einen Augenblick ab und forderte ihn auf, entweder sein Begehren vorzubringen oder den Tisch zu verlassen.

Nicolaus nahm eine Karte aus der Tasche und warf sie auf die Tafel.

»Da, Sir!« rief Nicolaus. »Mein Begehren werden Sie erraten.«

Ein vorübergehender Ausdruck von Überraschung und Verwirrung überflog Sir Mulberrys Gesicht, als er den Namen las; er faßte sich jedoch schnell wieder, stieß die Karte dem Lord Verisopht zu, der ihm gegenübersaß, nahm aus einem vor ihm stehenden Glas einen Zahnstocher und machte gar gemächlich Gebrauch davon.

»Ihr Name und Ihre Adresse?« sagte Nicolaus, der, je mehr sich seine Leidenschaft steigerte, immer blasser wurde.

»Sie werden weder den einen noch die andere erfahren«, versetzte Sir Mulberry.

»Wenn ein Mann von Ehre in dieser Gesellschaft ist«, rief Nicolaus, dessen weiße Lippen kaum imstande waren, die Worte zu bilden, »so wird er mir den Namen und die Wohnung dieses Menschen mitteilen.«

Es herrschte eine Totenstille.

»Ich bin der Bruder der jungen Dame, die der Gegenstand der hier geführten Unterhaltung war«, fuhr Nicolaus fort. »Ich erkläre diesen Menschen für einen Lügner und für eine Memme. Wenn er einen Freund hier hat, so wird dieser ihm die Schmach des erbärmlichen Versuches, seinen Namen geheimzuhalten, ersparen, um so mehr, da es ihm doch nichts nützen wird; denn ich ruhe nicht, bis ich ihn ausfindig gemacht habe.«

Sir Mulberry blickte verächtlich gegen ihn hin und sprach dann zu seinen Gefährten:

»Laßt den Kerl schwatzen. Ich habe nichts Ernsthaftes mit Milchbärten von seiner Stellung zu verhandeln, und er verdankt es nur seiner hübschen Schwester, daß er meinetwegen bis Mitternacht fortplaudern kann, ohne daß ich ihm den Schädel einschlage.«

»Sie sind ein niederträchtiger und feiger Schurke«, rief Nicolaus, »und die ganze Welt soll Sie als einen solchen kennenlernen. Ich erfahre schon, wer Sie sind, und ich werde Ihnen nachfolgen, wenn Sie auch bis zum Morgen in den Straßen herumlaufen.«

Sir Mulberrys Hand fuhr unwillkürlich nach einer Weinflasche, und er schien einen Augenblick willens zu sein, sie nach dem Kopf seine« Beleidigers zu schleudern. Er füllte jedoch bloß sein Glas und lachte höhnisch.

Nicolaus setzte sich unmittelbar der Gesellschaft gegenüber, rief den Kellner herbei und bezahlte seinen Wein.

»Kennen Sie den Namen dieses Menschen?« fragte er den Diener ziemlich laut, indem er auf Sir Mulberry deutete.

Sir Mulberry lachte abermals, und die zwei Stimmen, die immer miteinander gesprochen hatten, bestätigten das Lachen, aber nicht sehr lebhaft.

»Dieses Herrn, Sir?« versetzte der Kellner, der seine Rolle gut verstand, gerade mit so wenig Achtung und so viel Unverschämtheit, wie er nur irgend zur Schau tragen konnte. »Nein, Sir, ich kenne ihn nicht.«

»Und wissen Sie auch«, rief Sir Mulberry dem sich entfernenden Kellner zu, »wie dieser Mensch heißt?«

»Wie er heißt, Sir? Nein, Sir.«

»Dann können Sie ihn hier lesen«, sagte Sir Mulberry, indem er ihm Nicolaus‘ Karte zuwarf, »und wenn Sie es getan haben, so werfen Sie den Fetzen ins Feuer – hören Sie?«

Der Kellner verzog den Mund zu einem Grinsen, blickte zweifelhaft nach Nicolaus hin und legte die Sache bei, indem er die Karte an den Kaminspiegel steckte. Als er das getan hatte, entfernte er sich.

Nicolaus schlug die Arme zusammen, biß sich in die Lippen und blieb in vollkommener Ruhe sitzen; in seiner Miene ließ sich aber der feste Entschluß nicht verkennen, die Drohung, Sir Mulberry nach Hause zu folgen, auszuführen.

Aus dem Ton, womit das jüngere Mitglied der Gesellschaft zu seinem Freunde sprach, schien zu erhellen, daß er diesem Gegenvorstellungen wegen seines Betragens machte und daß er ihn drängte, Nicolaus‘ Verlangen zu erfüllen. Sir Mulberry aber, der nicht mehr ganz nüchtern war, beharrte auf seiner Störrigkeit, brachte die Vorstellungen seines schwachen jungen Freundes bald zum Schweigen und schien noch außerdem – vielleicht um keiner Wiederholung derselben ausgesetzt zu sein – darauf zu bestehen, daß man ihn allein lasse. Wie dem übrigens auch sein mag, der junge Herr und die zwei andern, die immer zugleich gesprochen hatten, standen bald nachher auf, entfernten sich und ließen ihren Freund mit Nicolaus allein.

Es läßt sich leicht denken, daß für einen Mann in Nicolaus‘ Lage die Minuten auf bleiernen Fittichen entschwanden und daß ihr Enteilen durch den monotonen Pendelgang einer französischen Uhr oder den schrillen Ton der kleinen Glocke, die die Viertelstunden anzeigte, nicht beschleunigt zu werden schien. Aber da saß er, während auf der entgegengesetzten Seite des Zimmers Sir Mulberry Hawk auf seinem alten Sitz zurücklehnte, die Füße auf das Polster stützte, sein Taschentuch nachlässig über die Knie geworfen hatte und mit der größten Ruhe und Gleichgültigkeit seine Claretflasche vollends leerte.

So blieben sie wohl eine Stunde in vollkommenem Schweigen einander gegenüber. – Nicolaus kam es wohl dreimal so lang vor, aber die kleine Glocke hatte erst viermal geviertelt. Zwei- oder dreimal sah er sich zornig und ungeduldig um. Aber da saß Sir Mulberry noch immer in derselben Stellung, hin und wieder das Glas an seine Lippen setzend und die Wand anstierend, als wäre er sich selbst durchaus nicht der Anwesenheit irgendeines lebenden Wesens bewußt.

Endlich streckte er sich, gähnte und stand auf. Dann trat er ganz ruhig vor den Spiegel, betrachtete sich darin und drehte sich endlich nach Nicolaus um. Nicolaus tat das gleiche, worauf Sir Mulberry seine Achseln zuckte, den Mund zu einem leichten Lächeln verzog, klingelte und den Kellner aufforderte, ihm seinen Mantel anziehen zu helfen.

Der Kellner gehorchte und hielt ihm die Tür offen.

»Sie können gehen«, sagte Sir Mulberry, und beide waren nun wieder allein.

Sir Mulberry ging, sorglos vor sich hinpfeifend, einigemal in dem Zimmer auf und ab, hielt dann an, um das letzte Glas Claret, das er einige Minuten vorher eingegossen hatte, zu leeren, nahm seinen Spaziergang wieder auf, drückte sich vor dem Spiegel seinen Hut auf den Kopf, zog seine Handschuhe an und ging langsam hinaus. Nicolaus, den die innere Wut beinahe verzehrte, sprang von seinem Sitz auf und folgte seinem Gegner – so dicht, daß, ehe noch die Tür nach Sir Mulberrys Hinaustreten in ihr Schloß eingeschlagen hatte, beide Seite an Seite auf der Straße standen.

Hier harrte eine Equipage. Der Hausknecht warf den ledernen Schlag zurück und eilte dann zu dem Kopf des Pferdes.

»Wollen Sie mir Ihren Namen sagen?« sagte Nicolaus mit vor Wut erstickter Stimme.

»Nein«, entgegnete der andere aufbrausend und seine Weigerung mit einem Fluch bekräftigend; »nein!«

»Wenn Sie der Geschwindigkeit Ihres Pferdes vertrauen, so sind Sie im Irrtum. Ich werde Sie begleiten – ja, beim Himmel, und wenn ich mich hinten anhängen müßte.«

»Dann sollen Sie heruntergepeitscht werden«, versetzte Sir Mulberry.

»Sie sind ein Schurke«, sagte Nicolcms.

»Und Sie wahrscheinlich ein Laufjunge«, entgegnete Sir Mulberrg Hawk.

»Ich bin der Sohn eines Gentlemans aus der Provinz«, erwiderte Nicolaus, »Ihnen gleich an Geburt und Erziehung, in jeder andern Hinsicht aber, wie ich wohl behaupten darf, überlegen. Ich sage Ihnen noch einmal, Käthchen Nickleby ist meine Schwester. Wollen Sie mir für Ihr unmännliches und niederträchtiges Betragen Rede stehen?«

»Einem geeigneten Kämpen – ja. Ihnen – nein«, versetzte Sir Mulberry, die Zügel zur Hand nehmend. »Aus dem Weg, Lumpenhund! Wilhelm, los.«

»Ihr tut besser, es bleiben zu lassen«, rief Nicolaus, indem er, als Sir Mulberry hineinsprang, auf den Kutschentritt trat und die Zügel ergriff. »Er hat das Pferd nicht in seiner Macht. – Nein, Sie sollen nicht von der Stelle – ich schwöre es Ihnen, Sie sollen mir nicht von der Stelle, bis Sie mir gesagt haben, wer Sie sind.«

Der Knecht zögerte; denn das Pferd, ein rasches und feuriges Tier, bäumte sich so gewaltsam, daß er es kaum zu halten vermochte.

»Los, sag ich dir!« donnerte Sir Mulberry.

Der Knecht gehorchte. Das Tier schlug hinten und vorn aus, als ob es den Wagen zu tausend Stücken zerschlagen wollte. Aber Nicolaus, der sich nur seiner Wut bewußt und blind gegen alle Gefahr war, blieb auf seinem Platz, ohne die Zügel fahren zu lassen.

»Wollen Sie loslassen?«

»Wollen Sie mir sagen, wer Sie sind?«

»Nein!«

»Nein?«

Diese Worte wurden rascher gewechselt, als sie die geläufigste Zunge auszusprechen vermag, worauf Sir Mulberry seine Peitsche kürzer faßte und damit aus Leibeskräften auf Nicolaus‘ Kopf und Schultern schlug. Sie zerbrach in dem Kampf, und Nicolaus, der sich der schweren Handhabe bemächtigte, versetzte damit seinem Gegner einen Schlag ins Gesicht, daß vom Auge bis zur Lippe eine blutende Wunde zurückblieb. Er sah die Schmarre, wußte, daß das Roß in tollem Galopp dahinraste; hundert Lichter tanzten vor seinen Augen, und er fühlte sich gewaltsam zur Erde geschleudert.

Er war unwohl und schwindlig; aber er half sich sogleich wieder auf die Beine, durch das laute Schreien der Leute aufgeweckt, die sich in den Straßen drängten und den Vorderen zuriefen, aus dem Wege zu gehen. Er war sich bewußt, daß ein Strom von Menschen rasch an ihm vorbeirauschte – beim Aufsehen konnte er die Equipage erkennen, wie sie mit fürchterlicher Eile das Pflaster entlang jagte – er hörte dann einen lauten Schrei, das Zerschmettern irgendeines schweren Körpers und das Klirren zerbrochenen Glases – dann bildete in der Ferne die Menschenmenge einen Haufen, und er konnte nichts mehr sehen oder hören.

Er war ganz allein; denn die allgemeine Aufmerksamkeit hatte sich ausschließlich der Person im Wagen zugewandt. Er schloß daher ganz richtig, daß es unter solchen Umständen Tollheit wäre, seinem Gegner zu folgen, und bog in ein Nebengäßchen ab, um den nächsten Droschkenstandort aufzusuchen, weil er bald die Entdeckung machte, daß er wie ein Betrunkener wanke und daß ihm ein Strom von Blut über Gesicht und Brust herunterfloß.

Drittes Kapitel


Drittes Kapitel

Herr Ralph Nickleby erhält traurige Nachrichten von seinem Bruder, weiß sich aber dabei mit edler Standhaftigkeit zu fassen. Der Leser erfährt, wie Nicolaus, der hier eingeführt wird, seinem Onkel gefällt, und wie dieser den wohlwollenden Entschluß faßt, sogleich das Glück seines Neffen zu machen.

Nachdem Herr Ralph Nickleby bei dem Mahle mit der vollen Rührigkeit eines Geschäftsmannes eifrigen Beistand geleistet hatte, nahm er von seinen Mitspekulanten einen herzlichen Abschied und trat in ungewöhnlich guter Laune den Heimweg an. Als er zu der St.-Pauls-Kirche kam, machte er in einem Torweg halt, um seine Uhr zu richten, und wie er so, den Schlüssel in der Hand und das Auge auf den Zeiger der Kirchturmuhr geheftet, dastand, trat plötzlich ein Mann an seine Seite. Es war Newman Noggs.

»Ah, Newman!« sagte Herr Nickleby, während seiner Beschäftigung aufblickend; »das Schreiben wegen der Hypothek ist angelangt, nicht wahr? Ich dachte mir’s wohl.«

»Mit nichten«, versetzte Newman.

»Wie? Und hat niemand deshalb angefragt?« fuhr Herr Nickleby nach einer Pause fort.

Noggs schüttelte mit dem Kopfe.

»Aber was ist denn gekommen?« fragte Herr Nickleby.

»Ich«, entgegnete Newman.

»Und was sonst?« fragte sein Dienstherr strenge.

»Dies«, erwiderte Newman, indem er langsam einen versiegelten Brief aus der Tasche zog. »Postzeichen Strand, schwarzes Siegel, schwarzer Rand, Frauenhand, C. N. in der Ecke.«

»Schwarzes Siegel?« sagte Herr Nickleby mit einem Blick auf den Brief. »Ich glaube, ich kenne die Hand. Es sollte mich nicht wundernehmen, Newman, wenn mein Bruder tot wäre.«

»Will’s wohl glauben«, versetzte Newman ruhig.

»Warum?« fragte Herr Nickleby.

»Einfach deshalb, weil Sie nie etwas wundernimmt«, antwortete Newman.

Herr Nicklcby riß den Brief aus der Hand seines Dieners, betrachtete ihn mit kalten Blicken, öffnete, las, steckte ihn in seine Tasche und begann nun, da die Zeit jetzt bis auf die Sekunde eintraf, seine Uhr aufzuziehen.

»Es ist, wie ich erwartete, Newman«, sagte Herr Nickleby während dieser Beschäftigung, »er ist tot. Du mein Himmel, das kommt recht unverhofft. Ich hätte es in der Tat nicht gedacht.«

Mit diesem rührenden Ausbruch seines Schmerzes steckte Herr Nickleby seine Uhr in die Tasche, streifte sich seine Handschuhe zurecht und ging langsam, die Hände auf den Rücken legend, weiter.

»Kinder hinterlassen?« fragte Noggs, seinem Herrn folgend.

»Ei, das ist’s eben«, erwiderte Herr Nickleby, dessen Gedanken gerade mit diesem Gegenstande beschäftigt schienen, »zwei lebendige Kinder.«

»Zwei?« wiederholte Newman Noggs mit leiser Stimme.

»Und auch die Witwe«, fügte Herr Nickleby bei. »Alle drei sind jetzt in London – hole sie der Henker! Alle drei hier, Newman!«

Newman blieb etwas hinter seinem Gebieter zurück, und sein Gesicht wurde durch eine seltsame Grimasse verzerrt – ob jedoch infolge seiner körperlichen Schwäche, eines Schmerzgefühls oder eines innerlichen Lachens, konnte niemand als er selbst sagen. Der Ausdruck des menschlichen Gesichts ist gewöhnlich ein Spiegel der Gedanken oder der Erklärer der Worte; aber Newman Noggs Züge blieben in allen Gemütsstimmungen ein unlösliches Rätsel.

»Gehen Sie nach Hause«, sagte Herr Nickleby nach einer Weile, indem er seinem Schreiber einen Blick zuwarf, als ob dieser sein Hund wäre. Die Worte waren kaum ausgesprochen, als Newman über die Straße glitt und sich augenblicklich in dem Gedränge verlor.

»Wohl ausersonnen!« brummte Herr Nickleby im Weitergehen vor sich hin, »trefflich ausgedacht! Mein Bruder hat nie etwas für mich getan, und ich erwartete es auch nicht; aber kaum ist ihm der Atem ausgegangen, so sieht man sich nach mir um, als der einzigen Stütze eines großen, stämmigen Weibes, eines herangewachsenen Jungen und eines dito Mädchens. Was sind sie mir? Ich habe sie in meinem Leben nie gesehen.«

Unter diesen und ähnlichen Betrachtungen schlug Herr Nickleby den nächsten Weg nach dem Strand ein, zog den Brief zu Rate, um sich hinsichtlich der Hausnummer, die er suchte, Gewißheit zu verschaffen, und machte vor der Tür eines Hauses etwa in der Mitte dieser sehr belebten Straße halt.

Es mußte hier ein Miniaturmaler wohnen, denn über der Türe war ein großer vergoldeter Rahmen festgeschraubt, in dem sich auf schwarzem Samtgrunde zwei Porträts in Marineuniform nebst den bezeichnenden Teleskopen, das eines jungen Herrn im Scharlachfracke, der einen Säbel schwang, und das eines Gelehrten mit hoher Stirn, einer Feder, einem Tintenfaß, sechs Büchern und einem Vorhange befanden. Daneben sah man noch das ungemein ansprechende Gemälde einer jungen Dame, die in einem endlosen Walde ein Manuskript las, und die liebenswürdige ganze Figur eines großköpfigen, kleinen Knaben, der mit Beinen, die zu der Größe von Salzlöffelchen verkürzt waren, auf einem Schemel saß. Außer diesen Kunstprodukten zeigten sich auch noch viele Köpfe von alten Damen und Herren, die aus blauen und braunen Hintergründen sich gegenseitig zulächelten, und eine zierlich geschriebene Preisliste mit gepreßtem Rande.

Herr Nickleby blickte mit großer Verachtung auf diese Armseligkeiten und klopfte mit Doppelschlägen an die Tür, was er jedoch dreimal wiederholen mußte, ehe ihm ein Dienstmädchen mit einem ungemein schmutzigen Gesicht öffnete.

»Ist Madame Nickleby zu Hause, Mädchen?« fragte Ralph ungeduldig.

»Sie heißt nicht Nickleby«, antwortete das Mädchen; »Sie meinen vielleicht La Creevy?«

Herr Nickleby blickte das Dienstmädchen, das ihn in dieser Weise verbessern wollte, unwillig an und fragte sie in einem strengen Tone, was sie damit sagen wolle. Das Mädchen war auch eben im Begriffe, sich näher zu erklären, als eine weibliche Stimme von einer fast senkrechten Treppe an dem Ende der Hausflur herunter die Frage vernehmen ließ, zu wem man wolle.

»Zu Frau Nickleby«, versetzte Ralph.

»Es ist der zweite Stock, Hanna«, fuhr dieselbe Stimme fort. »Was du doch für ein dummes Ding bist. Ist man im zweiten Stock zu Hause?«

»Es ist eben jemand hinausgegangen, aber ich glaube, es kam von der Dachstube, aus der man den Kehricht heruntergetragen hat«, versetzte das Mädchen.

»So sieh nach!« erwiderte das unsichtbare Frauenzimmer. »Zeige dem Herrn, wo die Klingel ist, und sage ihm, er dürfe nicht mit einem Doppelschlag für den zweiten Stock anpochen. Ich kann überhaupt das Pochen nicht gestatten, es müßte denn die Klingel zerbrochen sein, und dann muß es durch zwei einfache Schläge geschehen.«

»Nun«, sagte Herr Ralph, ohne weiteres ins Haus tretend, »ich bitte um Verzeihung; sind Sie Madame La – wie ist Ihr Name?«

»Creevy – La Creevy«, versetzte die Stimme, indem zugleich ein gelber Kopfputz über dem Geländer auftauchte.

»Ich möchte, wenn Sie erlauben, einen Augenblick mit Ihnen sprechen, Madame«, entgegnete Ralph.

Die Stimme ersuchte den Herrn, heraufzukommen. Dies war aber bereits geschehen, ehe sie noch gesprochen hatte, und als Herr Nickleby in dem ersten Stock anlangte, wurde er von der Besitzerin des gelben Kopfputzes empfangen, deren Kleid und Gesicht so ziemlich von derselben Farbe waren. Fräulein La Creevy war eine gezierte junge Dame von fünfzig, und ihr Zimmer bildete ein passendes Seitenstück zu dem vergoldeten Rahmen über der Tür, nur daß hier die Kunstproduktionen noch zahlreicher und der Raum selbst um ein gutes schmutziger war.

»Hm!« begann Fräulein La Creevy, gar zimperlich hinter ihren seidenen Halbhandschuhen hustend, »ich denke, Sie wünschen ein Miniaturporträt? Ihr Gesicht hat hierfür ganz den geeigneten kräftigen Ausdruck, Sir. Sind Sie früher schon gesessen?«

»Sie sind, wie ich sehe, hinsichtlich meines Zweckes im Irrtum, Madame«, versetzte Herr Nickleby in seiner gewohnten plumpen Weise. »Ich habe kein Geld, um es für Miniaturbilder wegzuwerfen, Madame, und, Gott sei Dank, auch niemanden, dem ich eins schenken könnte, im Falle ich es hätte. Da ich Sie aber gerade auf der Treppe sah, so wollte ich Ihnen nur eine Frage über einige der hier wohnenden Mieter vorlegen.«

Fräulein La Creevy hustete aufs neue – diesmal, um den Verdruß über die fehlgeschlagene Erwartung zu verbergen – und sagte:

»Ah, in der Tat?«

»Ich vermute aus den an Ihre Magd gerichteten Worten«, entgegnete Herr Nickleby, »daß das zweite Stockwerk Ihnen gehört, Madame?«

Fräulein La Creevy erwiderte, daß dem so sei; der obere Teil des Hauses gehöre ihr, und da sie der Zimmer des zweiten Stocks zurzeit nicht bedürfe, so pflege sie dieselben zu vermieten; in der Tat sei es auch gegenwärtig an eine Dame vom Lande mit ihren beiden Kindern vergeben.

»An eine Witwe, Madame?« fragte Ralph.

»Ja, sie ist eine Witwe«, antwortete die Dame.

»Eine arme Witwe, Madame?« fuhr Ralph mit einer starken Betonung dieses kleinen Beiworts, das so viel in sich faßt, fort.

»Ach, ich fürchte, sie ist arm«, versetzte Fräulein La Creevy.

»Ich weiß zufällig, daß dem so ist, Madame«, sagte Ralph. »Und nun frage ich Sie, was hat eine arme Witwe in einem Hause wie diesem zu schaffen?«

»Sehr wahr«, erwiderte Fräulein La Creevy, die solch ein Kompliment über die Schönheit ihrer Zimmer nicht ungnädig aufnahm: »Sie haben vollkommen recht.«

»Ich kenne ihre Umstände ganz genau, Madame«, versetzte Ralph. »Mit einem Wort, ich bin mit ihrer Familie verwandt, und ich möchte Ihnen raten, sie nicht zu behalten.«

»Wäre nicht zu hoffen«, entgegnete Fräulein La Creevy mit einem weiteren Husten, »daß, im Falle die Dame nicht imstande sein sollte, ihre Zahlungsverbindlichkeiten einzuhalten, ihre Familie –«

»Nein, nein, Madame«, unterbrach sie Ralph hastig – »daran ist nicht zu denken.«

»Wenn ich dies glauben muß«, erwiderte Fräulein La Creevy, »so erhält die Sache freilich ein ganz anderes Aussehen.«

»Glauben Sie es immerhin, Madame«, sagte Ralph, »und treffen Sie danach Ihre Vorkehrungen. Ich bin diese Familie – wenigstens glaube ich der einzige Verwandte zu sein, den sie haben, und ich halte es für meine Pflicht, Sie in Kenntnis zu setzen, daß ich ihre verschwenderische Lebensweise nicht unterstützen kann. Auf wie lange haben sie sich bei Ihnen eingemietet?«

»Es geht nur von Woche zu Woche«, versetzte Fräulein Creevy. »Madame Nickleby zahlte für die ersten acht Tage voraus.«

»Dann werden Sie gut tun, wenn Sie ihnen für das Ende derselben aufkündigen«, versetzte Ralph. »Das beste ist, wenn sie wieder aufs Land zurückgehen, denn hier sind sie jedermann im Wege.«

»Gewiß«, erwiderte Fräulein La Creevy, die Hände reibend, »es wäre sehr unschicklich für eine Dame wie Frau Nickleby, wenn sie Zimmer mietete, ohne die Mittel zu besitzen, ste zu bezahlen.«

»Natürlich, natürlich, Madame«, bekräftigte Ralph.

»Und da ich vorderhand – hm – nur eine einzelne, schutzlose Dame bin«, fuhr Fräulein La Creevy fort, »so könnte ich einen Verlust an meinen Zimmern nicht verschmerzen.«

»Das können Sie freilich nicht, Madame«, stimmte Ralph bei.

»Und doch –« fuhr Fräulein Creevy fort, die augenscheinlich zwischen ihrer Gutmütigkeit und ihrem Vorteil schwankte – »kann ich durchaus nichts gegen die Dame sagen; denn obgleich sie ungemein niedergedrückt zu sein scheint, so ist sie doch sehr gefällig und freundlich; und auch die jungen Leutchen sind so artig und wohlerzogen, daß man nicht leicht ihresgleichen findet.«

»Nun wohl, Madame«, sagte Ralph, indem er sich der Tür zuwandte, da ihn dieses der Armut gezollte Lob empörte; »ich habe meine Schuldigkeit getan, und vielleicht mehr, als ich hätte tun sollen. Indessen finde ich es natürlich, daß mir kein Mensch für das, was ich gesagt habe, Dank weiß.«

»Ich für meine Person wenigstens bin Ihnen sehr verbunden, Sir«, versetzte Fräulein La Creevy mit einer zierlichen Verbeugung. »Wollen Sie mir die Gunst erweisen, einige Proben meiner Porträtmalerei anzusehen?«

»Sie sind sehr gütig, Madame«, entgegnete Herr Nickleby, indem er sich mit großer Eile davonmachte; »aber da ich noch einen Besuch eine Stiege weiter oben abzustatten habe und meine Zeit kostbar ist, so bin ich in der Tat außerstande –«

»Ich werde mich zu jeder Zeit glücklich schätzen, wenn Sie etwa im Vorbeigehen vorsprechen wollen«, erwiderte Fräulein La Creevy. »Vielleicht haben Sie die Gefälligkeit, meine Karte anzunehmen? – Ich danke Ihnen – guten Morgen!«

»Guten Morgen, Madame«, brach Ralph plötzlich ab, indem er rasch die Tür hinter sich schloß, um jede Fortsetzung des Gesprächs zu verhindern. »Noch jetzt zu meiner Schwägerin – Wartet!«

Herr Ralph Nickleby klomm nun eine zweite senkrechte Stiegenflucht hinan, die mit großem mechanischem Scharfsinn nur aus Eckstufen zusammengesetzt war, und hielt eben an dem Geländer inne, um ein wenig zu Atem zu kommen, als er von Fräulein La Creevys Dienstmädchen überholt wurde, die seit ihrer letzten Begegnung augenscheinlich einige nicht sehr gelungene Versuche gemacht hatte, ihr schmutziges Gesicht mit einer noch viel schmutzigeren Schürze zu reinigen, und nun von ihrer höflichen Gebieterin abgeschickt worden war, den Herrn anzumelden.

»Wie ist Ihr Name?« fragte das Mädchen.

»Nickleby«, antwortete Ralph.

»Ah, Madame Nickleby«, rief das Mädchen, die Tür aufreißend, »hier ist Herr Nickleby.«

Eine tief in Trauer gekleidete Dame erhob sich, als Herr Ralph Nickleby ins Zimmer trat, war jedoch augenscheinlich nicht imstande, ihm entgegenzugehen, sondern stützte sich auf den Arm eines zarten, aber ungemein schönen Mädchens von ungefähr siebzehn Jahren das ihr zur Seite gesessen hatte. Ein Jüngling, der um ein oder zwei Jahre älter sein mochte, trat vor und grüßte Ralph als seinen Onkel.

»Aha!« brummte Ralph mit einem ungnädigen Stirnrunzeln, »du bist vermutlich der Nicolaus?«

»Das ist mein Name, Sir«, sagte der Jüngling.

»Nimm mir den Hut ab«, versetzte Ralph gebieterisch. »Nun, wie geht’s Ihnen, Madame? Sie müssen den Kummer niederkämpfen, Madame; ich mache es auch nie anders.«

»Mein Verlust war kein gewöhnlicher!« entgegnete Madame Nickleby, indem sie mit ihrem Taschentuch nach den Augen fuhr.

»Es war kein ungewöhnlicher Verlust, Madame«, erwiderte Ralph und knöpfte kaltblütig seinen Umhang auf. »Familienväter sterben alle Tage, Madame; und Mütter nicht minder.«

»Und auch Brüder, Sir«, fügte Nicolaus mit einem Blicke des Unwillens bei.

»Ja, Musje, und auch naseweise Zierbengel und Schoßhunde«, bemerkte sein Onkel, indem er einen Stuhl nahm. »Sie sprachen sich in Ihrem Briefe nicht darüber aus, an was mein Bruder litt, Madame?«

»Die Ärzte konnten seinen Tod keiner besondern Krankheit beimessen«, sagte Frau Nickleby, in Tränen ausbrechend. »Ach! wir haben nur allzuviel Grund zu glauben, daß er an einem gebrochenen Herzen starb.«

»Bah!« sagte Ralph, »so was gibt es nicht. Ich kann mir zwar wohl denken, wie ein Mensch an einem gebrochenen Hals sterben oder an einer zerbrochenen Nase, einem zerbrochenen Arm, Fuß oder Schädel daniederliegen kann: aber ein gebrochenes Herz – Dummheiten, von denen man nur um der lieben Mode willen schwatzt. Wenn einer seine Schulden nicht bezahlen kann, so stirbt er an einem gebrochenen Herzen, und seine Witwe gilt als eine Märtyrerin.«

»Ich will glauben, daß es Leute gibt, denen kein Herz brechen kann, weil sie keins haben«, bemerkte Nicolaus ruhig.

»Wie alt, zum Kuckuck, ist wohl dieser Bursche?« fragte Ralph, seinen Stuhl umwendend und mit unaussprechlicher Geringschätzung seinen Neffen vom Kopf bis zu den Füßen betrachtend.

»Nicolaus ist bald neunzehn«, antwortete die Witwe.

»Wie? Neunzehn?« fuhr Ralph fort. »Und was gedenkst du anzufangen, um dir deinen Unterhalt zu erwerben, Musje?«

»Ich bin nicht willens, auf meiner Mutter Kosten zu leben«, versetzte Nicolaus, dem während des Sprechens das Herz schwoll.

»Würdest wenig genug zu leben haben, wenn du das im Schilde führtest«, entgegnete der Onkel mit einem Blick der Verachtung.

»Was es auch immer sein mag«, erwiderte Nicolaus zornrot, »auf keinen Fall werde ich von Ihnen erwarten, daß Sie es vermehren.«

»Nicolaus, mein Lieber, vergiß dich nicht«, verwies ihn Madame Nickleby.

»Bitte, lieber Nicolaus«, flehte die Schwester.

»Halt’« Maul, Musje«, sagte Ralph. »Auf mein Wort, das ist ein schöner Anfang, Madame Nickleby – ein sauberer Anfang.« Frau Nickleby machte keine weitere Entgegnung, als daß sie Nicolaus durch eine Gebärde bat, sich ruhig zu verhalten, und Onkel und Neffe maßen sich gegenseitig einige Sekunden, ohne ein Wort zu sprechen. Die Züge des Alten waren streng, hart und zurückstoßend, die des Jünglings offen, schön und edel. In Ralphs stechendem Auge drückte sich die unruhige Bewegung des Geizes und der Hinterlist aus, während in Nicolaus‘ leuchtenden Augensternen Verstand und Mut sprachen. Die Gestalt des letzteren war etwas schmächtig, aber männlich schön geformt, und abgesehen von der Anmut der Jugend zeigte sich in seinem Blick und in seiner ganzen Haltung der Widerstrahl eines warmen Herzens, der den alten Mann in den Schranken hielt.

Wie schreiend aber auch ein derartiger Gegensatz für den Zuschauer sein mag, so wird er doch nur in seiner ganzen Schärfe und Bitterkeit von dem empfunden, der darin die armseligere Rolle übernehmen muß. Ralph fühlte das Innere seines Herzens mit Galle erfüllt und haßte Nicolaus von dieser Stunde an.

Der gegenseitigen Besichtigung wurde endlich durch Ralph ein Ende gemacht, der mit der Miene der höchsten Geringschätzung seine Augen abwandte und Nicolaus einen Knaben nannte. Dieser Ausdruck wird von älteren Personen gern gegen jüngere im Ton des Tadels gebraucht, wahrscheinlich in der Absicht, den Leuten glauben zu machen, daß sie um keinen Preis wieder jung werden möchten, selbst wenn sie es könnten.

»Nun, Madame«, begann Ralph ungeduldig, »die Gläubiger sind eingeschritten, wie Sie mir schrieben, und es ist nichts für Sie übriggeblieben?«

»Nichts«, antwortete Frau Nickleby.

»Und Sie haben das bißchen Geld, das Sie noch hatten, auf die weite Reise nach London verwandt, um zu sehen, was ich für Sie tun könnte?« fuhr Ralph fort.

»Ich hoffte«, stotterte Madame Nickleby, »daß Sie imstande sein würden, den Kindern Ihres Bruders zu ihrem Fortkommen behilflich zu sein. Es war der Wunsch des Sterbenden, daß ich mich deshalb an Sie wenden sollte.«

»Ich weiß nicht, wie es kommt«, brummte Ralph, im Zimmer auf und ab gehend; »aber wenn jemand stirbt, ohne selbst etwas zu hinterlassen, so scheint er stets zu glauben, er hätte ein Recht, über das Vermögen anderer Leute zu verfügen. Was hat Ihre Tochter gelernt, Madame?«

»Käthchen ist gut erzogen«, schluchzte Frau Nickleby. »Sage deinem Onkel, meine Liebe, wie weit du im Französischen und in anderen Lehrgegenständen gekommen bist.«

Das arme Mädchen schickte sich an, einige Worte vorzubringen, als ihr der Onkel plötzlich ziemlich unhöflich in die Rede fiel.

»Wir müssen versuchen, dich in einer Kostschule unterzubringen«, sagte Ralph. »Du bist doch hoffentlich nicht zu zärtlich dafür erzogen?«

»Nein, gewiß nicht, Onkel«, versetzte das weinende Mädchen; »ich will mich allem unterziehen, womit ich mir meinen Unterhalt verschaffen kann.«

»Nun – nun«, entgegnete Ralph, vielleicht durch die Schönheit, vielleicht aber auch (um ihm nicht gerade alles abzusprechen) durch das Unglück seiner Nichte etwas besänftigt; »du mußt’s eben versuchen, und wenn’s dich zu hart ankommt, so geht’s vielleicht mit der Kleidernäherei oder dem Stickrahmen. Hast du je etwas gearbeitet, Musje?« fuhr er gegen seinen Neffen fort.

»Nein«, erwiderte Nicolaus unbefangen.

»Das konnte ich mir denken«, sprach Ralph. »Das ist also die Art, wie mein Bruder seine Kinder erzogen hat, Madame?«

»Mein armer Mann hat Nicolaus so weit herangebildet, wie er es selbst zu tun vermochte«, versetzte die Witwe, »und er dachte eben daran –«

»eines Tags etwas aus ihm zu machen«, fiel Ralph ein; »die alte Geschichte! Man denkt immer und handelt nie. Wäre mein Bruder ein tätiger und kluger Mann gewesen, so würde er Ihnen ein schönes Vermögen hinterlassen haben, Madame; und hätte er seinen Sohn in die Welt hinausgeschickt, wie es mein Vater mit mir machte, als ich noch anderthalb Jahre jünger als dieser Bursche war, so würde er in der Lage sein, Sie zu unterstützen, während er Ihnen jetzt zur Last fällt und Ihre traurige Lage nur noch vergrößert. Mein Bruder war ein unüberlegter, gedankenloser Mensch, Madame Nickleby, und gewiß kann das niemand mehr fühlen, als Sie selbst.«

Diese Berufung an die Witwe weckte in ihr den Gedanken, wie sie vielleicht mit ihren tausend Pfund doch wohl eine bessere Partie hätte machen können, und welche ansehnliche Summe ihr in diesem Falle möglicherweise jetzt zu Gebote stünde. Unter solchen leidigen Betrachtungen strömten ihre Tränen reichlicher, und in dem Übermaße ihres Schmerzes begann sie, da sie zwar eine gute Frau, aber äußerst schwach war, ihr hartes Los zu beklagen. Sie gab unter vielem Schluchzen zu, daß sie von dem armen Nicolaus in einer wahrhaft sklavischen Abhängigkeit gehalten worden sei, und daß sie ihm oft gesagt hätte, wie viel bessere Partien sie hätte machen können (was auch in der Tat sehr oft geschehen war). Sie hätte die ganze Zeit über nie gewußt, wo das Geld hinkäme, und es wäre wohl alles weit besser gegangen, wenn er mehr Vertrauen in sie gesetzt hätte – und was dergleichen bittere Erinnerungen mehr sind, die man gewöhnlich bei verheirateten Frauen während ihres Ehestandes oder nachher, vielleicht auch in beiden dieser Perioden zu hören bekommt. Frau Nickleby schloß mit der Klage, daß der teure Selige nie von ihrem Rat habe Nutzen ziehen wollen, eine einzige Gelegenheit ausgenommen, was auch in der Tat vollkommen der Wahrheit gemäß war, denn er war demselben nur ein einziges Mal nachgekommen und hatte sich dadurch zugrunde gerichtet.

Herr Ralph Nickleby hörte alles dieses mit einem halben Lächeln, und als die Witwe mit ihrem Wehklagen fertig war, nahm er den Gegenstand gerade da wieder auf, wo er durch die Herzensergießung seiner Schwägerin unterbrochen worden war.

»Hast du Lust zu arbeiten, Musje?« fragte er seinen Neffen mit gerunzelter Stirn.

»Das versteht sich«, antwortete Nicolaus stolz.

»So sieh her«, fuhr sein Onkel fort. »Dies fiel mir diesen Morgen ins Auge, und du magst deinen Sternen dafür danken.«

Nach dieser Einleitung zog Herr Ralph Nickleby ein Zeitungsblatt aus der Tasche, entfaltete es, sah sich eine Weile unter den Anzeigen um und las wie folgt:

Erziehungs-Anstalt. – In Herrn Wackford Squeers Akademie, Dotheboys Hall, bei dem anmutigen Dorfe Dotheboys, in der Nähe von Greta Bridge in Yorkshire, werden Knaben beköstigt, gekleidet, mit Büchern, Taschengeld und allem Erforderlichen versehen; auch erhalten sie Unterricht in allen Sprachen, lebenden und toten, der Mathematik, Rechtschreibung, Geometrie, Astronomie, Trigonometrie, dem Gebrauch der Erd- und Himmelskugeln, der Algebra, im Fechten (wo es verlangt wird), Schreiben, Rechnen, in der Fortifikation und jedem andern Zweige der klassischen Literatur. Pensionsgeld zwanzig Guineen jährlich. Keine Extranachforderungen, keine Ferien und unvergleichlich gute Kost. Herr Squeers ist gegenwärtig in London und täglich von ein bis vier Uhr im Mohrenkopf auf Snow Hill zu sprechen. – N. B. Es wird ein fähiger Hilfslehrer gesucht. Jährliches Gehalt fünf Pfund. Ein Magister der freien Künste erhält den Vorzug.

»So!« sagte Ralph, indem er sein Papier wieder faltete. »Erhält er diese Stelle, so ist sein Glück gemacht.«

»Aber er ist nicht Magister der freien Künste«, versetzte Frau Nickleby.

»Das wird sich, glaube ich, machen lassen«, entgegnete Ralph.

»Aber das Gehalt ist so gering und die Entfernung so sehr groß, Onkel«, stotterte Käthchen.

»Still, liebes Käthchen«, verwies ihr die Mutter, »dein Onkel muß es am besten verstehen.«

»Ich sage es noch einmal«, bemerkte Ralph mit Schärfe, »bekommt er die Stelle, so ist sein Glück gemacht. Behagt sie ihm übrigens nicht, so mag er selbst für eine sorgen. Wenn er aber ohne Freunde, ohne Geld, ohne Empfehlung oder ohne irgendwelche Geschäftskenntnisse eine ehrliche Beschäftigung in London finden kann, womit er sich nur die Schuhsohlen verdient, so will ich ihm tausend Pfund geben – das heißt«, unterbrach er sich selbst, »ich würde sie ihm geben, wenn ich sie hätte.«

»Armer Bruder!« sagte das Mädchen. »Ach Onkel, müssen wir uns denn schon so bald trennen?«

»Belästige deinen Onkel nicht mit Fragen, wenn er nur für unser Wohl bedacht ist, mein liebes Kind«, bemerkte Frau Nickleby. »Lieber Nicolaus, weißt du denn gar nichts darauf zu sagen?«

»Doch, doch, Mutter«, antwortete Nicolaus, der bisher schweigend und in Gedanken vertieft dagesessen hatte. »Wenn ich so glücklich bin, diese zu erhalten, für die ich mich so wenig geeignet fühle, was wird aus denen werden, die ich zurücklasse?«

»In diesem Falle, aber auch nur in diesem Falle, will ich für deine Mutter und deine Schwester sorgen«, versetzte Ralph, »und sie in eine Stellung bringen, in der sie unabhängig leben können. Es wird dann meine Sorge sein, daß sie keine Woche nach deiner Abreise in ihrer gegenwärtigen Lage bleiben.«

»Dann« – entgegnete Nicolaus freudig aufspringend und seines Onkels Hand drückend – »dann bin ich bereit, alles zu tun, was Sie von mir wünschen. Wir wollen unverzüglich unser Glück bei Herrn Squeers versuchen; denn er kann mir höchstens eine abschlägige Antwort geben.«

»Es wird das nicht«, sprach Ralph. »Er wird dich mit Freuden annehmen, wenn ich dich ihm empfehle. Suche ihm nach Kräften nützlich zu werden, und du wirst dich in kurzem zum Teilhaber an seinem Institut emporschwingen. Du mein Himmel, wenn er dann gar mit Tod abginge – dein Glück wäre auf immer gemacht.«

»Gewiß, ich sehe dies alles«, erwiderte der arme Nicolaus, durch tausend herrliche Träume entzückt, die sein lebhafter Geist und seine Unerfahrenheit heraufbeschworen. »Oder vielleicht gewinnt mich irgendein junger Edelmann, der in der Anstalt erzogen wird, lieb, erbittet mich von seinem Vater, wenn er die Schule verläßt und auf Reisen geht, als Hofmeister und verschafft mir nach unserer Zurückkunft von dem Festlande irgendeine hübsche Anstellung. Was halten Sie davon, Onkel?«

»Ach, höchst wahrscheinlich«, höhnte Ralph.

»Und wer weiß – wenn er kommt, um mich in meinem Hausstande zu besuchen, wie er natürlich tun würde, so verliebt er sich vielleicht in Käthchen, die meine Wirtschaft führt, und – und – heiratet sie. Ei, Onkel, wer weiß.«

»Ja, wer weiß«, brummte Ralph.

»Wie glücklich würden wir sein«, rief Nicolaus begeistert. »Der Schmerz der Trennung ist nichts gegen die Freude des Wiedersehens. Ich werde stolz darauf sein, Käthchen eine schöne Frau nennen zu hören; und wie glücklich ist dann nicht erst die Mutter, wenn sie wieder bei uns weilt und alle diese traurigen Zeiten vergessen sind; ja, und –«

Die Farben dieses Gemäldes waren zu strahlend, um nicht zu blenden, und Nicolaus, der sich dadurch ganz überwältigt fühlte, lächelte leicht und brach dann in Tränen aus.

Die einfache Familie, die in ihrer Zurückgezogenheit nichts von dem kennengelernt hatte, was man vermöge einer konventionellen Phrase »Welt« nennt und was eigentlich die Schurken in derselben bedeuten, ließ ihre Tränen bei dem Gedanken an ihre nahe Trennung zusammenströmen. Als dieser erste Ausbruch ihrer Gefühle vorüber war, fuhren sie mit der Schwungkraft nie getäuschter Hoffnungen fort, ihre Zukunft sich aufs schönste auszumalen, bis Herr Ralph Nickleby einwandte, daß leicht ein glücklicherer Bewerber unseren Nicolaus des Glücks berauben könnte, das das Zeitungsblatt in Aussicht stellte, und alle Luftschlösser untergraben dürfte, wenn man längere Zeit verliere. Diese Erinnerung steckte der Unterhaltung ein Ziel, und nachdem Nicolaus die Adresse des Herrn Squeers sorgfältig aufgeschrieben hatte, schickten sich Onkel und Neffe an, diesen Ehrenmann sofort aufzusuchen. Nicolaus gewann nun die feste Überzeugung, er hätte seinem Verwandten sehr unrecht getan, als er bei der ersten Begegnung einen Widerwillen gegen denselben gefaßt hatte, und Frau Nickleby gab sich nicht wenig Mühe, ihre Tochter zu belehren, daß der Onkel gewiß ein viel wohlwollenderer Mann wäre, als es den Anschein hätte, worauf Käthchen pflichtschuldigst bemerkte, daß dies sehr leicht der Fall sein könne.

Um die Wahrheit zu sagen, so hatte die Berufung ihres Schwagers an ihre bessere Einsicht und das darin eingehüllte Kompliment für ihre hohen Verdienste nicht wenig zur Bildung dieser Ansicht beigetragen; und obgleich die gute Dame ihren Mann zärtlich geliebt hatte und in ihre Kinder eigentlich vernarrt war, so hatte doch Ralph, der mit den Schwächen des menschlichen Herzens aufs innigste vertraut war, obgleich ihm die schöneren Seiten desselben fremd blieben, eine jener kleinen mißtönenden Saiten mit so günstigem Erfolge berührt, daß sie sich allen Ernstes für das beklagenswerte, duldende Opfer der Unklugheit ihres hingeschiedenen Gatten zu betrachten begann.

Sechsundzwanzigstes Kapitel.


Sechsundzwanzigstes Kapitel.

In dem Käthchen Nicklebys Seelenfrieden in Gefahr gerät.

Wir führen den Leser nach einer Reihe schöner Zimmer in der Regentenstraße. Die Zeit ist drei Uhr nachmittags für den geplagten Arbeiter und die erste Morgenstunde für den lustigen Lebemann. Dort finden wir den Lord Friedrich Verisopht und seinen Freund Sir Mulberry Hawk.

Das edle Paar lümmelte verdrossen auf zwei Sofas. Zwischen ihnen stand ein Tisch, auf dem die Materialien eines unberührten Frühstücks in bunter Verwirrung umherlagen. Durch das Zimmer waren Zeitungsblätter zerstreut; aber auch diese blieben, wie das Mahl, unbeachtet. Freilich nicht, weil eine lebhafte Unterhaltung die Aufmerksamkeit von den Journalen ablenkte; denn man vernahm keine Silbe aus dem Munde der beiden und auch keinen anderen Ton, als wenn etwa einer von ihnen sich umherwälzte, um eine bequemere Unterlage für seinen schmerzenden Kopf zu suchen, oder wenn er ungeduldig knurrte, was dann den Gefährten in seiner Ruhe störte.

Schon diese Merkmale hätten einen hinreichenden Schlüssel zu der Ausdehnung der in der vergangenen Nacht stattgehabten Schwelgerei geben können, wenn auch keine anderen Spuren vorhanden gewesen wären, aus denen die Art ihrer Vergnügungen sich hätte erkennen lassen. Ein paar beschmutzte Billardbälle, zwei zerknüllte Hüte, eine Champagnerflasche, um deren Hals ein unsauberer Handschuh gewunden war, um sie bequemer als eine Angriffswaffe benutzen zu können, ein zerbrochener Stock, umhergestreute Karten, ein leerer Geldbeutel, eine zersprengte Uhrkette, eine Handvoll Silbermünzen mit den Resten halbausgerauchter Zigarren vermischt – diese und andere Abzeichen von Unordnung und Ausschweifung bekundeten unverkennbar die Art, wie sich die beiden gnädigen Herren in der letzten Nacht belustigt hatten.

Lord Friedrich Verisopht war der erste, der zu sprechen begann. Er ließ einen bepantoffelten Fuß auf den Boden gleiten, gähnte gewaltig, mühte sich aufzusitzen, heftete die abgelebten Augen auf seinen Freund und rief ihm mit schläfriger Stimme zu.

»Was gibt’s?« versetzte Sir Mulberry, sich umwendend.

»Wollen wir den ganzen Ta-ag hier liegen?« sagte der Lord.

»Ich weiß nicht, ob wir zu etwas anderem zu brauchen sind«, entgegnete Sir Mulberry. »Vorderhand können wir wenigstens nichts Besseres tun. Ich habe diesen Morgen kein Quentchen Leben in mir.«

»Leben?« rief Lord Verisopht; »mir wäre nichts angenehmer und beha-aglicher, als wenn ich auf der Stelle sterben könnte.«

»Nun, warum sterben Sie denn nicht?« erwiderte Sir Mulberry.

Mit diesen Worten kehrte er sein Gesicht auf die andere Seite und versuchte aufs neue einzuschlafen.

Sein hoffnungsvoller Freund und Zögling zog einen Stuhl an den Frühstückstisch und versuchte zu essen. Als er aber fand, daß dies nicht möglich sei, schleppte er sich nach dem Fenster, schlenderte dann, die Hand an den glühenden Kopf gelegt, im Zimmer auf und ab, warf sich endlich wieder auf das Sofa und weckte seinen Freund aufs neue.

»Was zum Teufel wollen Sie denn von mir?« stöhnte Sir Mulberry, indem er sich auf seinem Diwan aufrichtete.

Obgleich Sir Mulberry das in ziemlich übler Laune sagte, schien er doch nicht zu glauben, daß er sich ganz ruhig verhalten dürfe; denn nachdem er sich ziemlich oft gerekelt und unter einigem Frösteln erklärt hatte, daß es teufelmäßig kalt wäre, machte er gleichfalls einen Versuch mit dem Frühstück und blieb, da ihm dieser besser gelang als seinem weniger aufgelegten Freunde, an dem Tisch sitzen.

»Angenommen«, sagte Sir Mulberry, ein Stückchen Fleisch auf seiner Gabelspitze betrachtend, »wir kämen wieder auf den Nicklebyschen Gegenstand zurück, – wie?«

»Welchen Nicklebyschen? Meinen Sie den Geldjuden oder das Mädchen?« fragte Lord Verisopht.

»Ich sehe. Sie verstehen mich«, versetzte Sir Mulberry. »Natürlich das Mädchen.«

»Sie versprachen mir, sie ausfindig zu machen«, sagte Lord Verisopht.

»Wahr«, erwiderte sein Freund, »aber ich habe seitdem reiflicher über die Sache nachgedacht. Sie trauen mir in der Sache nicht, und ich überlasse es daher Ihnen selbst, sie aufzufinden.«

»O nicht doch«, antwortete Lord Verisopht.

»Und ich sage ja«, versetzte Sir Mulberry. »Forschen Sie nach ihr nur selber nach. Aber ich setze meinen Kopf daran, wenn Sie auch nur eine Spur von ihr ohne mich zu Gesicht bekommen. Doch ich will Sie nicht zappeln lassen. Ich sage. Sie sollen sie auffinden – werden sie auffinden, und ich will Ihnen den Weg andeuten.«

»Nun, mich soll der Teufel holen, wenn Sie nicht ein wahrer, verteufelter, aufrichtiger, durch und durch wackerer Freund sind«, entgegnete der junge Lord, auf den diese Worte die belebendste Wirkung geübt hatten.

»Ich will Ihnen sagen, wie sich’s machen läßt«, versetzte Sir Mulberry. »Sie war bei jenem Diner als ein Köder für Sie zugegen.«

»Ha!« rief der junge Lord, »das wäre der Teu–«

»Als ein Köder für Sie«, wiederholte sein Freund; »der alte Nickleby hat es mir selbst gesagt.«

»Das ist ja ein Mordkerl«, rief Lord Verisopht, »ein nobler Spitzbube.«

»Ja«, entgegnete Sir Mulberry, »er wußte, daß sie ein niedliches Geschöpfchen –«

»Niedlich?« fiel der junge Lord ein. »So wahr ich lebe, Hawk, sie ist eine vollendete Schönheit, ein – ein Bild, ein Kunstwerk, ein – ein – meiner Seele, das ist sie.«

»Meinetwegen«, erwiderte Sir Mulberry, indem er die Achseln zuckte und wenigstens gleichgültig schien, mochte er es nun sein oder nicht. »Das ist Geschmacksache; es ist nur um so besser, wenn der meine nicht mit dem Ihrigen harmoniert.«

»Hol Sie der Teufel«, sagte der Lord; »Sie waren an jenem Tage scharf genug auf sie. Ich konnte kaum zu Worte kommen.«

»Sie war gut genug für einmal – gut genug für einmal«, versetzte Sir Mulberry, »aber keineswegs so, daß ich es der Mühe wert hielt, ein zweites Mal den Kavalier bei ihr zu spielen. Wenn Sie allen Ernstes die Nichte aufspüren wollen, so sagen Sie dem Onkel, Sie müßten wissen, wo, wie und mit wem sie lebt, oder Sie würden allen Geschäftsverkehr mit ihm abbrechen. Passen Sie auf, er wird’s Ihnen schnell genug sagen.«

»Warum sagten Sie das nicht schon früher«, fragte Lord Verisopht, »und lassen mich da brennen, vergehen und ein miserables Dasein durch ein ganzes Menschenalter hinschleppen?«

»Erstlich wußte ich es nicht«, antwortete Sir Mulberry unbekümmert, »und zweitens glaubte ich nicht, daß es Ihnen so Ernst mit der Sache wäre.«

Nun verhielt sich aber die Sache so, daß Sir Mulberry Hawk seit Ralph Nicklebys Diner im geheimen alle ihm zu Gebot stehenden Mittel angewandt hatte, um zu entdecken, woher Käthchen so plötzlich erschienen und wohin sie so plötzlich verschwunden war. Da ihm aber Ralphs Beistand fehlte, den er seit dem damaligen nicht sehr freundlichen Abschied nicht mehr gesehen hatte, so waren alle seine Anstrengungen vergeblich. Dadurch wurde er denn auch bewogen, dem jungen Lord das Wesentliche des Zugeständnisses, das er Ralph, dem Ehrenmanne, entlockt hatte, mitzuteilen. Hierzu bewogen ihn verschiedene Rücksichten, unter denen die Gewißheit, daß der schwache junge Mann alle Nachrichten, die er einzuholen vermochte, ihm mitteilen würde, nicht die geringste war. Der Wunsch nämlich, die Nichte des Wucherers wiederzusehen, durch Anwendung aller seiner Künste ihren Stolz zu beugen und sich für die Verachtung, die sie ihm erwiesen, zu rächen, hatte in seiner Seele ganz die Oberhand gewonnen. Sein Verfahren war dabei allerdings so schlau berechnet, daß sich alles, wie es auch gehen mochte, zu seinem Vorteile wenden mußte. Denn die Tatsache, daß er Ralph Nickleby seine wahre Absicht, warum er Käthchen in eine solche Gesellschaft eingeführt, entlockt hatte, wie auch die hohe Uneigennützigkeit, womit er diese so unverhohlen seinem Freunde mitteilte, mußte nicht nur seinen Plänen in der gedachten Hinsicht förderlich sein, sondern auch die ohnehin schon häufigen Geldwanderungen aus den Taschen des Lord Friedrich Verisopht in die des Sir Mulberry Hawk ungemein erleichtern.

So folgerte Sir Mulberry und begab sich daher bald darauf mit seinem Freund zu Ralph Nickleby, um dort einen von ihm entworfenen Feldzugsplan in Gang zu setzen, der angeblich die Absichten seines Freundes unterstützen, in der Tat aber nur seinen eigenen Vorschub leisten sollte.

Sie fanden Ralph zu Hause und allein. Als er sie in das Besuchszimmer führte, schien ihm die Erinnerung an den Auftritt, der hier stattgehabt hatte, wieder aufzutauchen; denn er warf einen forschenden Blick auf Sir Mulberry, der diesen nur mit einem unbekümmerten Lächeln erwiderte.

Sie sprachen eine kleine Weile über Geldangelegenheiten, und als diese abgemacht waren, erklärte (infolge von Sir Mulberrys Anweisungen) der hochgeborne Pinsel mit einiger Verlegenheit, daß er Ralph allein sprechen wollte.

»Wie – allein?« rief Sir Mulberry mit geheuchelter Überraschung. »Ah, sehr gut, ich will in das nächste Zimmer gehen. Halten Sie mich aber nicht lange auf.«

Mit diesen Worten nahm Sir Mulberry seinen Hut, summte einige Takte aus einer Arie, entfernte sich durch die Verbindungstüre der beiden Zimmer und schloß sie hinter sich ab.

»Nun, Mylord«, sagte Ralph, »womit kann ich Ihnen dienen?«

»Nickleby«, sagte der Lord, indem er sich der Länge nach auf dem Sofa, wo er vorhin gesessen, ausstreckte, um seine Lippen dem Ohr des alten Mannes näher zu bringen, »was Sie nicht für ein niedliches Geschöpfchcn als Nichte haben!«

»Meinen Sie, Mylord?« versetzte Ralph. »Mag sein – mag sein – ich bemühe meinen Kopf nicht mit derartigen Dingen.«

»Sie wissen, daß sie ein verdammt hübsches Mädchen ist«, entgegnete der Lord; »Sie müssen das wissen, Nickleby. Versuchen Sie’s nur nicht, zu leugnen.«

»Nun, ich glaube, man hält sie dafür«, erwiderte Ralph, »und in der Tat, ich weiß auch, daß sie es ist. Wenn das aber auch nicht der Fall ist, so gelten Sie mir als eine gewichtige Autorität für derartige Dinge, denn Ihr Geschmack, Mylord, ist in jeder Hinsicht als der beste anerkannt.«

Keinem als dem jungen Manne, an den diese Worte gerichtet waren, hätte der Ton des Hohns in ihnen oder der Blick der Verachtung, womit sie begleitet wurden, entgehen können. Aber Lord Friedrich Verisopht gewahrte nichts davon, sondern er sah in dem Ganzen nur die gerechte Anerkennung seiner Verdienste.

»Nun«, sagte er, »vielleicht haben Sie ein wenig recht – vielleicht auch ein wenig unrecht – möglicherweise auch ein wenig von beiden, Nickleby. Ich möchte eigentlich wissen, wo diese Schönheit wohnt, um ihr noch einmal einen Blick nachwerfen zu können, Nickleby.«

»Wirklich –« begann Ralph in seinem gewöhnlichen Tone.

»Sprechen Sie nicht so laut«, rief der andere, der diesen Hauptpunkt der ihm erteilten Anweisungen zum Wundern gut aufgefaßt hatte; »Hawk braucht nichts davon zu hören.«

»Sie wissen, daß er Ihr Nebenbuhler ist?« fragte Ralph, den Lord scharf ansehend.

»Das ist der verda-ammte Spitzbube immer«, versetzte der Lord, »und ich möchte ihm einmal ganz sacht den Rang ablaufen. Hahaha! Es wird ihn schon genug empören, Nickleby, daß wir hier ohne ihn miteinander reden. Wo wohnt sie, Nickleby? Ich brauche nichts weiter zu wissen. Sagen Sie mir nur, wo sie wohnt, Nickleby.«

»Er beißt an«, dachte Nickleby, »er beißt an.«

»Nun, so reden Sie doch«, fuhr der Besucher fort. »Wo wohnt sie?«

»In der Tat«, sagte Ralph, indem er langsam die Hände übereinanderrieb, »ich muß erst überlegen, ehe ich es Ihnen sagen kann.«

»Ei, lassen Sie das bleiben, Nickleby«, versetzte Verisopht. »Sie sollten überhaupt nie überlegen. Wo ist sie?«

»Es kommt vielleicht nichts Gutes dabei heraus, wenn Sie es wissen«, entgegnete Ralph. »Sie ist tugendhaft und wohlerzogen; auch schön, aber arm und schutzlos – ein armes, armes Mädchen.« –

Ralph überflog diesen kurzen Inbegriff von Käthchens Stellung, als ginge er ihm nur so durch den Kopf, ohne daß er die Absicht hätte, laut zu sprechen; aber der verschmitzte Blick, den er auf den jungen Herrn richtete, strafte diese armselige Verstellung Lügen.

»Ich versichere Ihnen, daß ich sie nur sehen will«, rief der Lord. »Man darf doch einem hübschen Mädchen nachschauen, ohne daß es ihr Scha-aden tut – oder nicht? Nun, wo wohnt sie? Sie wissen, daß Sie mit mir gute Geschäfte machen, Nickleby, und meiner Seele, niemand soll mich vermögen, zu jemand anderem zu gehen, wenn Sie mir diese Kleinigkeit mitteilen.«

»Da Sie mir dies versprechen, Mylord«, sagte Nalph mit verstelltem Widerstreben, »und ich Ihnen recht gerne einen Gefallen erweisen möchte – und da außerdem kein Schaden daraus erwachsen kann – ja, kein Schaden –, so will ich’s Ihnen sagen. Aber Sie werden gut tun, wenn Sie es für sich behalten, Mylord – ausschließlich für sich.«

Ralph deutete bei diesen Worten nach der Tür des anstoßenden Zimmers und nickte ausdrucksvoll mit dem Kopfe.

Der junge Lord tat, als fühle er gleichfalls die Notwendigkeit dieser Vorsichtsmaßregel, und Ralph teilte ihm nun mit, wo und unter welchen Verhältnissen seine Nichte zurzeit lebte, indem er zugleich den Charakter der Familie, in deren Hause sich Käthchen befand, näher bezeichnete und die Ansicht äußerte, daß ein Lord ohne Zweifel leicht Zutritt finden könnte, wenn er Lust hätte, da man dort viel auf vornehme Bekanntschaften zu halten schiene.

»Und da Sie meine Nichte nur zu sehen wünschen«, schloß Ralph, »so können Sie auf diesem Wege zu jeder Zeit Ihren Zweck erreichen.«

Lord Verisopht dankte für diesen Wink mit manchem Druck auf Ralphs harte und hornige Hand und flüsterte dann, daß sie jetzt gut tun würden, die Unterhaltung abzubrechen, worauf er Sir Mulberry Hawk wieder hereinrief.

»Es kam mir fast vor, als wäret ihr eingeschlafen«, sagte Sir Mulberry, als er sehr übelgelaunt wieder in das Zimmer trat.

»Tut mir leid, daß Sie warten mußten«, versetzte der Gimpel; »aber Nickleby ist so erstaunlich spa-aßhaft gewesen, daß ich mich nicht von ihm losreißen konnte.«

»Nicht doch«, entgegnete Ralph; »die Schuld liegt ganz an Seiner Herrlichkeit. Sie wissen, welch ein witziger, humoristischer, geistreicher junger Herr Lord Friedrich ist. Bitte, spazieren Sie voran, Mylord – Sir Mulberry?«

Mit solchen Höflichkeitsphrasen, vielen tiefen Bücklingen und dem gleichen, kalten, höhnischen Zug im Gesicht, den er die ganze Zeit über bewahrt hatte, begleitete Ralph die beiden adligen Herren die Treppe hinunter, ohne den verwunderten Blick Sir Mulberrys, der ihm ein Kompliment über seine vollendete Spitzbüberei zu machen schien, mit etwas anderem als einem leichten Zucken der Mundwinkel zu erwidern.

Einige Augenblicke vorher hatte die Klingel getönt, und Newman Noggs öffnete eben die Tür, als sie in der Hausflur anlangten. Der gewöhnlichen Hausordnung zufolge würde Newman den neuen Besuch schweigend eingelassen oder ihn ersucht haben, ein wenig beiseite zu treten, bis die Herren hinaus wären; er hatte jedoch kaum die Person erkannt, als er sich auf eigene Faust hin eine Abweichung von der Regel erlaubte und mit einem Rückblick auf das achtbare Trio laut ausrief: »Madame Nickleby.«

»Madame Nickleby?« rief Sir Mulberry Hawk, als sich Ralph umwandte und ihm ins Gesicht sah.

Es war in der Tat diese dienstfertige Dame, die, da ein Anerbieten für das leere Haus in der City gemacht worden war, sich ohne Zögern mit der Eile eines Briefträgers auf den Weg gemacht hatte, um das Schreiben Herrn Nickleby selber zu überbringen.

»Es ist niemand, den Sie kennen«, sagte Ralph. »Treten Sie in das Kontor, meine – meine – Liebe. Ich werde sogleich bei Ihnen sein.«

»Niemand, den ich kenne?« rief Sir Mulberry Hawk, auf die bestürzte Dame zugehend. »Ist dies Madame Nickleby – die Mutter von Fräulein Nickleby – dem bezaubernden Wesen, das ich so glücklich war, bei dem letzten Diner in diesem Hause zu sehen? –- Aber nein«, sprach Sir Mulberry, plötzlich abbrechend, »nein, es kann nicht sein. Es ist zwar der nämliche Schnitt des Gesichts, derselbe unbeschreibliche Ausdruck des – aber nein, nein. Diese Dame ist zu jung dazu.«

»Ich denke, Sie können dem Herrn sagen, wenn es ein Interesse für ihn hat«, sagte Madame Nickleby, indem sie das Kompliment mit einer huldvollen Verbeugung anerkannte, »daß Käthchen Nickleby meine Tochter ist.«

»Ihre Tochter, Mylord?« rief Sir Mulberry, sich zu seinem Freunde wendend. »Die Tochter dieser Dame, Mylord!«

»Mylord?« dachte Madame Nickleby. »Nun, ich hätte mir doch nimmer –!«

»Das, Mylord, ist also die Dame«, fuhr Sir Mulberry fort, »deren holdem Ehebund wir so viel Glück verdanken. Diese Dame ist die Mutter des liebenswürdigen Käthchens. Bemerken Sie nicht die außerordentliche Ähnlichkeit, Mylord? Nickleby – stellen Sie uns vor.«

Ralph tat es in einer Art von Verzweiflung.

»Aber nein, das ist ja köstlich«, rief Lord Friedrich, sich vordrängend. »Freut mich, Sie kennenzulernen.«

Madame Nickleby war infolge dieser ungewöhnlich freundlichen Begrüßungen, wie auch eines innerlichen Ärgers, nicht ihren andern Hut aufgesetzt zu haben, zu verwirrt, als daß sie eine Antwort hätte geben können, weshalb sie sich begnügte, fortwährend zu knixen, zu lächeln und große Aufregung zu verraten.

»Und wa-as macht Fräulein Nickleby?« sagte Lord Friedrich. »Sie ist hoffentlich wohl?«

»Ganz wohl, danke der Nachfrage, Mylord«, antwortete Madame Nickleby sich sammelnd. »Sie war einige Tage nach dem Diner hier im Hause unwohl, und ich kann mir nicht anders denken, als daß sie sich beim Heimfahren in der Mietkutsche erkältete. Mietkutschen, Mylord, sind solche garstige Dinger, daß man fast besser tut, wenn man zu Fuß geht. Obgleich ich nämlich glaube, daß ein Mietkutscher Deportation auf Lebenszeit verdient, wenn er zerbrochene Fenster hat, so sind doch alle so unbekümmert, daß es wohl kaum einen einzigen gibt, der nicht zerbrochene Fenster hätte. Ich habe mir einmal beim Fahren in einer Mietkutsche einen Gesichtsrheumatismus geholt, Mylord, wegen dem ich sechs Wochen im Bett bleiben mußte – ich glaube, es war eine Mietkutsche«, fuhr Madame Nickleby nach einigem Besinnen fort, »wenn ich gleich nicht ganz gewiß bin, ob es nicht eine Chaise war. Jedenfalls erinnere ich mich, daß sie grün angestrichen war und eine sehr lange Nummer hatte, die mit einer Null anfing und mit einer Neun endigte – nein, mit einer Neun anfing und mit einer Null endigte. Ja, so war’s – und natürlich würde die Polizei, wenn sie Nachforschungen anstellte, leicht ausfindig machen können, ob es eine Kutsche oder eine Chaise gewesen. Sei dem jedoch wie ihm wolle, sie hatte ein zerbrochenes Fenster, und ich bekam auf sechs Wochen einen Gesichtsrheumatismu«. Ich denke, es war dieselbe Mietkutsche, in der wir nachher wieder fuhren und die die ganze Zeit über ein zurückgeschlagenes Verdeck hatte – wir würden dieses Umstandes nicht einmal wahrgenommen haben, wenn man uns deshalb nicht einen Schilling extra für die Stunde abgefordert hätte, was Gesetz zu sein scheint oder vielleicht damals Gesetz war; aber jedenfalls ist es ein schändliches Gesetz. Ich verstehe mich zwar nicht auf die Sache, aber ich darf sagen, die Korngesetze sind nichts gegen eine solche Parlamentsakte.«

Nachdem Madame Nickleby in dieser Weise ihrer Zunge den Lauf gelassen hatte, hielt sie so plötzlich, als sie angefangen hatte, inne und wiederholte, daß Käthchen ganz wohl wäre.

»In der Tat«, fügte sie bei, »ich glaube nicht, daß sie sich je wohler befand, seit sie den Keuchhusten, das Scharlachfieber und die Masern – und zwar alle drei zu gleicher Zeit – hatte. Ja, das muß wahr sein.«

»Ist das Schreiben an mich?« brummte Ralph, auf das Päckchen deutend, das Madame Nickleby in ihrer Hand hielt.

»Ja, an Sie, Schwager«, versetzte Madame Nickleby, »und ich bin deshalb den ganzen Weg hierher, so schnell ich konnte, gelaufen, um es Ihnen zu geben.«

»Den ganzen Weg hierher gelaufen?« rief Sir Mulberry, der diese Gelegenheit erfaßte, um zu erfahren, woher Madame Nickleby käme. »Das muß wohl eine verdammte Entfernung sein? Wie weit ist es wohl?«

»Wie weit?« entgegnete Madame Nickleby. »Warten Sie mal – es ist genau eine Meile von unserer Haustür bis nach Oldbailey.«

»Nein – nein – nein, so weit kann’s nicht sein«, meinte Sir Mulberry.

»Aber, ganz gewiß«, erwiderte Madame Nickleby. »Ich berufe mich auf Seine Herrlichkeit.«

»Ich kann Ihnen bestimmt versichern, daß es eine Meile ist«, bemerkte Lord Friedrich mit der ernsthaftesten Miene.

»Es muß so sein – gewiß, keine Elle weniger«, fuhr Madame Nickleby fort. »Die ganze Newgatestraße und ganz Cheapside herunter, die ganze Lombardstraße hinauf, die Gnadenkirchstraße hinunter und auf der Themsestraße fort bis zum Spigwiffins-Kai. O, es ist eine Meile.«

»Wenn ich mir’s näher betrachte, so haben Sie recht«, sagte Sir Mulberry. »Aber Sie haben doch gewiß nicht im Sinn, den ganzen Weg wieder zu Fuß zurückzulegen?«

»O nein«, erwiderte Madame Nickleby, »ich will einen Omnibus benutzen. Ach, ich bin freilich nicht in Omnibussen gefahren, als mein armer Nicolaus noch lebte, Schwager! Aber Sie wissen, wie’s geht.«

»Ja, ja«, entgegnete Ralph ungeduldig, »und Sie täten besser, sich auf den Weg zu machen, ehe es dunkel wird.«

»Sie haben recht, Schwager – ich danke Ihnen«, erwiderte Madame Nickleby. »Es wird daher wohl am besten sein, wenn ich mich gleich verabschiede.«

»Wollen Sie nicht noch ein wenig bleiben und – ausruhen?« sagte Ralph, der selten eine Erfrischung anbot, wenn nichts dabei zu gewinnen war.

»Ach, lieber Gott, nein«, versetzte Madame Nickleby mit einem Blick nach der Uhr.

»Lord Friedrich«, sagte Sir Mulberry, »wir haben mit Madame Nickleby einen Weg. Wir müssen doch sehen, daß sie sicher in einem Omnibus unterkommt.«

»J-a freilich.«

»Ach, eine solche Ehre wäre allzu groß«, meinte Madame Nickleby.

Aber Sir Mulberry Hawk und Lord Verisopht bestanden darauf, ihr diese Ehre zu erweisen, und verließen, Madame Nickleby in der Mitte, das Haus, ohne auf Ralph Rücksicht zu nehmen, der – und zwar nicht mit Unrecht – anzunehmen schien, daß er als bloßer Zuschauer eine weniger lächerliche Rolle spielen würde, als wenn er in den Verhandlungen Partei ergriffe. Die gute Dame fühlte sich überglücklich, sowohl durch die Aufmerksamkeiten, die ihr von zwei adligen Herren erwiesen wurden, als auch durch die feste Überzeugung, daß ihr Käthchen jetzt mindestens zwischen zwei ungeheuer reichen und durchaus tadellosen Freiern die Wahl hätte.

Während sie sich so einem Strom von Gedanken, die alle mit der künftigen Größe ihrer Tochter in Verbindung standen, hingab, wechselten Sir Mulberry Hawk und sein Freund über den Hut weg, den die arme Frau nicht zu Hause gelassen zu haben so sehr bedauerte, Blicke der Verständigung und ließen sich in hohem Entzücken, jedoch auch mit vieler Achtung über Fräulein Nicklebys mannigfaltige Vorzüge aus.

»Welche Wonne, welcher Trost, welches Glück muß nicht dieses holde Wesen für Sie sein!« sagte Sir Mulberry mit dem Ausdruck des wärmsten Gefühls in seiner Stimme.

»Das ist sie in der Tat, Sir«, versetzte Madame Nickleby. »Sie ist das sanfteste und gutherzigste Geschöpf – und so verständig!«

»Man steht ihr den Versta-and an«, sagte Lord Verisopht mit der Miene eines Mannes, dem ein Urteil in derartigen Dingen zusteht.

»Ich versichere Ihnen, sie ist es, Mylord«, entgegnete Madame Nickleby. »Als sie in der Pension zu Devonshire war, galt sie allgemein und ohne alle Ausnahme für das gescheiteste Mädchen, und es waren doch viele recht verständige unter den Pensionärinnen – das muß man sagen. Fünfundzwanzig junge Damen, von denen jede fünfzig Guineen ohne die Nebenausgaben bezahlte. Die beiden Fräulein Dowdles, die vollkommensten, elegantesten und bezauberndsten Wesen. – Ach du mein Himmel«, fuhr Madame Nickleby fort, »ich werde nie vergessen, wieviel Freude sie mir und ihrem armen Vater bereitete, als sie in jener Pension war – nie! Wenn ich nur an die herrlichen Briefe denke, die sie jedes halbe Jahr schrieb, und in denen sie uns sagte, daß sie die Erste in der ganzen Anstalt sei und bessere Fortschritte gemacht habe als alle andern. Ach, ich darf kaum mehr daran denken! Die Mädchen schrieben die Briefe alle selber«, fügte Madame Nickleby bei, »und der Lehrer verbesserte sie nachher mit einem Vergrößerungsglas und einer silbernen Feder. Wenigstens glaube ich, daß es eigenhändige Briefe waren, obgleich es Käthchen nicht ganz gewiß behaupten konnte, weil sie nachher ihre Handschrift nicht erkannte. Jedenfalls weiß ich aber, daß es ein Musterbrief war, den alle abzuschreiben hatten, und die Eltern mußten dann natürlich eine große Freude darüber haben.«

Mit ähnlichen Erinnerungen verscheuchte Madame Nickleby die Langeweile des Weges, bis sie bei dem Omnibus anlangten. Die neuen Freunde wollten sie aus lauter Höflichkeit nicht verlassen, bis sie wirklich abgefahren wäre. Bei dieser Gelegenheit, so versicherte Madame Nickleby nachher ihren Zuhörern oft genug, nahmen die Kavaliere ihre Hüte »ganz« ab und küßten Madames strohfarbenen Glacéhandschuhe, bis sie ihnen aus dem Gesicht entschwunden war.

Madame Nickleby drückte sich in die hinterste Ecke des Omnibusses zurück, schloß ihre Augen und überließ sich einer Fülle der angenehmsten Betrachtungen. Käthchen hatte nie ein Wort von diesen Herren gesagt, »und dies«, dachte sie, »beweist, daß sie einen von ihnen begünstigt«. Aber welcher von beiden mochte es wohl sein? Der Lord war der jüngste und sein Rang entschieden der höhere; aber Käthchen war nicht das Mädchen, das sich durch derartige Rücksichten bestimmen ließ. »Ich werde ihren Neigungen nie einen Zwang antun«, sagte Madame Nickleby zu sich selbst. »Aber in der Tat, ich glaube, es kann zwischen Seiner Lordschaft und Sir Mulberry von einer schwierigen Wahl gar keine Rede sein – Sir Mulberry ist ein gar aufmerksamer, galanter Herr, hat so viel Manier, so viel Ton und überhaupt so viel, was für ihn spricht. Ich hoffe, es ist Sir Mulberry – ja gewiß, es muß Sir Mulberry sein!« Und dann kehrten ihre Gedanken auf ihre alten Prophezeiungen zurück, indem sie sich erinnerte, wie viel hundertmal sie gesagt hätte, Käthchen würde ohne Vermögen eine weit bessere Versorgung finden, als anderer Leute Töchter mit Tausenden. Als sie sich aber dabei mit der lebhaften Phantasie einer Mutter die Schönheit und Anmut des armen Mädchens vergegenwärtigte, die sich so ganz ohne Murren den Mühseligkeiten und Beschwerden der letzteren Zeit unterzogen hatte, da schwoll ihr das Herz, und die Tränen rollten ihr über die Wangen.

Ralph ging inzwischen in seinem kleinen Bureau auf und ab, nicht wenig durch das, was eben vorgefallen, beunruhigt. Es wäre zwar die gröbste Verleumdung, wenn man sagen wollte, daß Ralph gegen irgendein Geschöpf Gottes Liebe oder Teilnahme – in dem gewöhnlichen Sinn dieser Worte – empfand. Trotzdem aber beschlich ihn hin und wieder ein Gedanke an seine Nichte, der eine leichte Färbung von Mitleid hatte – freilich nur ein matter Schimmer, im günstigsten Falle ein schwacher, kränkelnder Strahl, der durch die düstere Wolke von Unlust oder Gleichgültigkeit, womit er alle Menschen betrachtete, brach – aber dennoch ein Etwas, das ihm das arme Mädchen in einem bessern und reinern Lichte zeigte, als ihm bis jetzt die Menschheit überhaupt erschienen war.

»Ich wünschte«, dachte Ralph, »ich hätte es nicht getan. Und doch – es wird diesen jungen Laffen an mich fesseln, solange noch Geld bei ihm herauszuholen ist. – Freilich, ein Mädchen verkaufen! Ihr Versuchung, Beleidigung, Roheiten in den Weg werfen! Aber bereits fast zweitausend Pfund Profit von ihm gezogen? Ach was! Heiratstiftende Mütter tun jeden Tag das nämliche.«

Er setzte sich nieder und zählte die Möglichkeiten für und gegen an den Fingern ab.

»Wenn ich sie heute nicht auf die rechte Spur geleitet haben würde«, dachte Ralph, »so hätte es dieses einfältige Weib getan. Je nun, wenn ihre Tochter so fest ist, wie sie den Vorgängen nach zu sein scheint, was kann daraus Übles erwachsen? Ein bißchen Quälerei, ein wenig Demütigung, ein paar Tränen – ja«, sagte Ralph laut, indem er seine eiserne Kasse verschloß, »sie mag sich selber durchhelfen. Ihr Geschick liegt in ihrer eigenen Hand.«

Siebenundzwanzigstes Kapitel.


Siebenundzwanzigstes Kapitel.

Madame Nickleby wird mit den Herren Pyke und Pluck bekannt, deren Ergebenheit und Teilnahme über alle Grenzen geht.

Wie stolz und wichtig fühlte sich nicht Madame Nickleby, als sie ihre Wohnung erreichte und sich ganz den schönen Träumen hingeben konnte, die sie auf ihrem Wege begleitet hatten. Lady Mulberry Hawk! – Dies war die vorwaltende Idee. Lady Mulberry Hawk! – Am letzten Dienstag wurde in der St. Georgskirche Hannovers Square durch den hochwürdigen Bischof von Clandaff Sir Mulberry Hawk von Mulberry Castle in Nordwales mit Katharina, der einzigen Tochter des verstorbenen Nicolaus Nickleby, Esquire in Devonshire, ehelich verbunden. »Meiner Treu«, rief Herrn Nicolaus Nicklebys Hinterbliebene, »das klingt ja ganz prächtig.«

Nachdem die Trauungszeremonie mit den dazu gehörigen Festlichkeiten abgetan war, vergegenwärtigte sich die phantasievolle Mutter eine lange Reihe von Ehren und Auszeichnungen, die notwendig im Gefolge von Käthchens neuer und glänzender Laufbahn sein mußten. Sie wurde natürlich bei Hofe vorgestellt. An ihrem Geburtstage, der auf den neunzehnten fiel (»zehn Minuten nach drei Uhr morgens«, dachte Madame Nickleby in einer Parenthese, »denn ich erinnere mich noch recht gut, daß ich fragte, wieviel Uhr es wäre«), gab Sir Mulberry allen seinen Pächtern ein großes Fest und erließ ihnen dreieinhalb Prozent von dem Ertrage des letzten halbjährigen Pachtes, was dann natürlich zum unbegreiflichen Vergnügen und Staunen aller Leser umständlich in den öffentlichen Blättern beschrieben wurde. Käthchens Porträt erschien wenigstens in einem halben Dutzend von Taschenbüchern, und auf der andern Seite war in den elegantesten Lettern zu lesen: »Verse bei Betrachtung eines Porträts der Lady Mulberry Hawk, von Sir Dingleby Dabber.« Vielleicht enthielt auch ein nach einem umfassenderen Plane bearbeitetes Taschenbuch ein Porträt von Lady Mulberry Hawks Mutter mit Versen von Sir Dingleby Dabbers Vater. Es kommen ja jeden Tag noch viel unwahrscheinlichere Dinge vor. Schon viel unbedeutendere Porträts sind erschienen. Als der guten Dame dieser Gedanke auftauchte, nahm ihr Gesicht unwillkürlich jenen gemischten Ausdruck von Schmachten und Schläfrigkeit an, der allen derartigen Porträts eigen ist, und in dem vielleicht der Grund liegt, daß sie immer so reizend und liebenswürdig aussehen.

Mit solchen glorreichen Luftschlössern beschäftigte sich Madame Nickleby den ganzen Abend, an dem sie zufälligerweise Ralphs vornehmen Freunden vorgestellt worden war. Nicht weniger prophetische und verheißungsvolle Träume umgaukelten die Nacht über ihren Schlaf. Sie bereitete des andern Tages eben ihr einfaches Mittagessen – natürlich noch immer in denselben Ideen sich ergehend, die vielleicht durch den Schlaf und das Licht der Sonne etwas gemildert waren –, als das Mädchen, das ihr teils als Gesellschafterin, teils als Beistand in ihrem Haushalt diente, mit ungewohnter Aufregung in das Zimmer stürzte und zwei Herren anmeldete, die in dem Hausflur stünden und um die Erlaubnis bäten, Madame Nickleby ihren Besuch zu machen.

»Allmächtiger Himmel!« rief Madame Nickleby, hastig Haube und Locken ordnend; »wenn es am Ende gar die – um Himmels willen! Müssen da die ganze Zeit in der Hausflur stehen. Warum läufst du nicht und fragst sie, ob sie nicht heraufspazieren wollen, du dummes Ding?«

Sobald sich das Mädchen mit diesem Auftrage entfernt hatte, fuhr Madame Nickleby mit allen Spuren von Essen und Trinken in den Schrank und setzte sich dann in möglichst gefaßter Haltung nieder, als auf einmal zwei ihr völlig fremde Herren ins Zimmer traten.

»Wie befinden Sie sich?« fragte der eine Herr, indem er einen großen Nachdruck auf das zweite Wort seiner Frage legte.

» Wie befinden Sie sich?« fragte der andere Herr, das erste Wort stärker betonend, um eine Abwechslung in die Frage zu bringen.

Madame Nickleby knixte und lächelte, und knixte wieder und bemerkte händereibend, »daß sie nicht – wirklich – daß sie nicht die Ehre hätte –«

»Uns zu kennen?« sagte der erste Herr. »Der Nachteil ist auf unserer Seite, Madame Nickleby. Ist der Nachteil nicht auf unserer Seite, Pyke?«

»Ohne Widerrede, Pluck«, antwortete der andere Herr.

»Wir haben es, glaube ich, schon sehr oft bedauert«, bemerkte der erste Herr.

»Sehr oft«, versetzte der zweite.

»Aber jetzt«, sagte der erste Herr, »jetzt erfreuen wir uns des lange ersehnten Glückes. Haben lange nach diesem Glück geschmachtet – oder haben wir nicht, Pyke?«

»Sie können unmöglich vergessen haben, Pluck, daß wir es taten«, entgegnete Pyke vorwurfsvoll.

»Hören Sie ihn?« fragte Herr Pluck, indem er sich umsah. »Sie hören das unparteiische Zeugnis meines Freundes Pyke. Doch das erinnert mich – Förmlichkeiten, Madame – Förmlichkeiten dürfen nie in einer gebildeten Gesellschaft hintangesetzt werden. Pyke – Madame Nickleby.«

Herr Pyke legte die Hand aufs Herz und verbeugte sich tief.

»Ob ich mich selbst mit derselben Förmlichkeit einführen soll«, fuhr Herr Pluck fort, »ob ich selbst sagen soll, daß mein Name Pluck ist, oder ob ich meinen Freund Pyke bitten soll (der jetzt als regelmäßig eingeführt dieses Amt versehen kann), mich Ihnen, Madame Nickleby, als Herrn Pluck vorzustellen; ob ich den Anspruch, den ich auf Ihre Bekanntschaft mache, auf das lebhafte Interesse, das ich an Ihrem Wohle nehme, begründe, oder ob ich mich Ihnen als einen Freund des Sir Mulberry Hawk vorstellen soll – das, Madame Nickleby, sind Erwägungen, die ich Ihrer Entscheidung überlassen will.«

»Ein Freund des Sir Mulberry Hawk bedarf bei mir keiner weitern Einführung«, bemerkte Madame Nickleby huldvoll.

»Es macht mich glücklich, Sie so sprechen zu hören«, versetzte Herr Pluck, indem er einen Stuhl zu Madame Nickleby rückte und sich niedersetzte. »Es tut mir in allen Gliedern wohl, zu erfahren, daß Sie meinen vortrefflichen Freund, Sir Mulberry, so hochschätzen. Ein Wort ins Ohr, Madame Nickleby. Wenn Sir Mulberry es erfährt, so wird er sich überglücklich fühlen – ich sage Ihnen, Madame, überglücklich fühlen; Pyke, setzen Sie sich!«

» Meine gute Meinung«, entgegnete Madame Nickleby – und die arme Frau frohlockte bei dem Gedanken, daß sie ihr Sprüchlein wundervoll angebracht hätte, » meine gute Meinung kann für einen Herrn, wie Sir Mulberry, nur von sehr geringer Bedeutung sein.«

»Von geringer Bedeutung?« rief Herr Pluck. »Pyke, von welcher Bedeutung ist die gute Meinung der Frau Nickleby für Sir Mulberry?«

»Von welcher Bedeutung?« echote Pyke.

»Ja«, entgegnete Pluck. »Ist sie für ihn nicht von der größten Bedeutung?«

»Von der allergrößten Bedeutung«, erwiderte Pyke.

»Es kann Madame Nickleby nicht unbekannt sein«, sagte Herr Pluck, »welchen allmächtigen Eindruck jenes süße Mädchen auf –«

»Pluck!« verwies ihm sein Freund; »was tun Sie?«

»Pyke hat recht«, murmelte Herr Pluck nach einer kurzen Pause. »Ich hätte mir keine derartige Anspielung erlauben sollen. Pyke hat vollkommen recht. Ich danke Ihnen, Pyke.«

»Was Sie sagen!« dachte Frau Nickleby; »eine solche interessante Geschichte ist mir noch nie vorgekommen.«

Herr Pluck tat einige Minuten, als hätte ihn seine Unbedachtsamkeit in große Verlegenheit gesetzt, und nahm dann die Unterhaltung wieder auf, indem er Madame Nickleby bat, nicht auf das zu achten, was ihm so unwillkürlich entwischt wäre, und ihn lieber für unklug, voreilig und gedankenlos zu betrachten. Dabei wolle er sich weiter nichts zu seinen Gunsten ausbitten, als daß seine gute Absicht nicht verkannt werden möchte.

»Aber wenn ich« – fuhr Herr Pluck fort, – »wenn ich so viel Schönheit und Anmut auf der einen Seite und so viel Glut und aufopferungsfähige Liebe auf der anderen sehe, so – verzeihen Sie, Pyke, ich kam unabsichtlich wieder auf das Thema zurück. Beginnen Sie eine andere Unterhaltung, Pyke.«

»Wir versprachen Sir Mulberry und Lord Friedrich«, sagte Pyke, »daß wir Sie diesen Morgen besuchen und nachfragen wollten, ob Sie sich gestern abend nicht erkältet hätten.«

»O, gestern abend? – nein, nicht im mindesten, Sir«, versetzte Madame Nickleby. »Ich danke übrigens Seiner Herrlichkeit und Sir Mulberry untertänigst für diese gnädige Nachfrage. – O nein, nicht im mindesten, was mich um so mehr wundernimmt, da ich in der Tat zu Erkältungen sehr geneigt bin – ja gewiß und wahrhaftig, sehr geneigt bin. Ich habe mir einmal bei einer Erkältung einen Schnupfen geholt«, fuhr Madame Nickleby fort. »Ich glaube, es war im Jahr Achtzehnhundertundsiebzehn. Warten Sie einmal – vier und fünf ist neun, und – ja, Achtzehnhundertundsiebzehn – und ich meinte, ich könne ihn gar nimmer loswerden. Gewiß und wahrhaftig, ich meinte, er wolle gar nicht mehr von mir weichen. Ich wurde endlich nur durch ein Mittel kuriert, von dem Sie vielleicht nie etwas gehört haben, Herr Pluck. Sie nehmen einige Liter Wasser, so heiß, als Sie es nur kriegen können, tun ein Pfund Salz und für sechs Pence feinste Kleie hinein und baden sich damit alle Abende vor dem Schlafengehen wenigstens zwanzig Minuten lang den Kopf – ach nein, nicht den Kopf – ich wollte sagen, die Füße. Es ist ein ganz außerordentliches Mittel – gewiß ein höchst außerordentliches Mittel. Ich erinnere mich noch, daß ich es das erstemal den Tag nach dem Christfest anwandte, und in der Mitte des April war der Schnupfen weg. Es scheint ein wahres Wunder zu sein, wenn man bedenkt, daß ich ihn vom Anfang des September an hatte.«

»Welch ein bedauerlicher Unfall«, sagte Herr Pyke.

»Ganz schrecklich!« rief Herr Pluck.

»Aber es ist wohl der Pein wert, es zu hören, wenn man nur hintendrein erfährt, daß Madame Nickleby wieder davon genas – nicht wahr, Pluck?« rief Herr Pyke.

»Und eben das ist es, was die Sache so sehr interessant macht«, versetzte Herr Pluck.

»Aber wir dürfen in dem Vergnügen dieser Begegnung unsern Auftrag nicht vergessen«, sagte Herr Pyke in einem Ton, als ob er sich desselben plötzlich entsinne. »Wir haben nämlich einen Auftrag, Madame Nickleby.«

»Einen Auftrag?« rief die gute Dame, deren Geist sich plötzlich einen Heiratsantrag für Käthchen in den lebhaftesten Farben vergegenwärtigte.

»Von Sir Mulberry«, fuhr Pyke fort. »Sie müssen hier ein sehr langweiliges Leben führen?«

»Ich gestehe es – ziemlich langweilig«, versetzte Madame Nickleby.

»Sir Mulberry Hawk läßt Ihnen beste Grüße bestellen und Sie inständig bitten, daß Sie ein Privatlogenbillett für das heutige Stück von ihm annehmen möchten«, entgegnete Herr Pluck.

»Ach du mein Himmel!« erwiderte Madame Nickleby. »Aber ich gehe ja nie aus.«

»Das ist gerade der triftigste Grund, Madame Nickleby, heute abend auszugehen«, versicherte Herr Pluck. »Pyke, helfen Sie mir Madame Nickleby erweichen.«

»Ach, ich bitte«, sagte Pyke.

»Sie müssen durchaus«, drängte Pluck.

»Sie sind allzu gütig«, versetzte Madame Nickleby; »aber –«

»Wir lassen uns von keinem Aber abspeisen, verehrteste Madame Nickleby«, entgegnete Herr Pluck. »Es gibt im ganzen Wörterbuch kein solches Wort. Ihr Schwager kommt, Lord Friedrich kommt, Sir Mulberry kommt, Pyke kommt – es kann also von einer Ablehnung keine Rede sein. Sir Mulberry sendet Ihnen einen Wagen – genau fünfundzwanzig Minuten vor sieben. Sie werden nicht so grausam sein, der ganzen Gesellschaft die Freude zu verderben, Madame Nickleby?«

»Sie drängen mich so, daß ich kaum weiß, was ich sagen soll«, erwiderte die würdige Dame.

»Sagen Sie nichts – kein Wort – keine Silbe, meine Verehrteste«, drängte Herr Pluck. »Madame Nickleby«, fuhr der treffliche Herr flüsternd fort, »ich mißbrauche zwar ein Vertrauen, wenn ich Ihnen eine Mitteilung mache, aber ich denke, es läßt sich entschuldigen. Und doch, wenn mein Freund Pyke davon hörte – er hat ein so ungemein zartes Ehrgefühl, Madame Nickleby, daß er mich, glaube ich, noch vor dem Mittagessen herausfordern würde.«

Madame Nickleby warf einen besorgten Blick auf den gurgelschneiderischen Pyke, der an das Fenster getreten war, während Herr Pluck ihr die Hand drückte und fortfuhr:

»Ihre Tochter hat eine Eroberung gemacht – eine Eroberung, zu der ich Ihnen nur Glück wünschen kann. Sir Mulberry, meine Verehrteste, Sir Mulberry schmachtet in ihren Fesseln – ahem.«

»Ha«, rief jetzt Herr Pyke, indem er mit theatralischer Stellung etwas von dem Kamingesims wegnahm, »was ist das? Was sehe ich?«

»Was sehen Sie, mein lieber Freund?« fragte Herr Pluck.

»Es ist das Gesicht, der Ausdruck, die Züge«, rief Herr Pyke, mit einem Miniaturporträt in der Hand auf einen Sessel sinkend. »Zwar nur in schwachen Umrissen und unvollkommener Auffassung, aber doch das Gesicht, der Ausdruck, die Züge

»Ich erkenne es schon auf diese Entfernung«, rief Herr Pluck in einem Anfall von Begeisterung. »Ist es nicht, meine Verehrte, ist es nicht das unvollkommene Ebenbild von –«

»Es ist das Porträt meiner Tochter«, sagte Madame Nickleby mit großem Stolz.

Und so war es. Das kleine Fräulein La Creevy hatte es einige Tage vorher zum Ansehen hergebracht.

Herr Pyke hatte sich kaum überzeugt, daß er mit seiner Vermutung auf dem rechten Wege war, als er sich in die ausschweifendsten Lobsprüche des göttlichen Originals ergoß. In der Wärme seiner Begeisterung küßte er das Bildchen tausend Male, während Herr Pluck Madame Nicklebys Hand an sein Herz drückte und ihr mit so viel Feuer und Teilnahme zu dem Besitz einer solchen Tochter Glück wünschte, daß ihm die Tränen in den Augen standen oder doch zu stehen schienen. Die arme Madame Nickleby, die anfangs in einem Zustande beneidenswerter Selbstgefälligkeit zugehört hatte, wurde endlich durch so viele Beweise von Achtung und Zuneigung in ihren Gefühlen ganz überwältigt; und selbst das Dienstmädchen, das durch die Tür hereinsah, blieb vor Erstaunen über die Begeisterung der beiden freundlichen Herren wie angewurzelt auf ihrer Stelle stehen.

Die Ausbrüche des Entzückens milderten sich nach und nach, und Madame Nickleby schickte sich an, ihre Gäste mit Wehklagen über ihre gesunkenen Glücksumstände und einer malerischen Beschreibung ihrer alten Wohnung auf dem Lande zu unterhalten. Sie erging sich in einer umständlichen Schilderung der verschiedenen Gemächer, wobei sie ihnen nicht einmal das kleine Speisekämmerchen schenkte, erzählte ihnen, wie viele Stufen in den Garten hinuntergingen, welchen Weg man von den Wohnzimmern eingeschlagen hatte, und wie alles so solide in ihrer Küche ausgesehen. Diese letzte Erinnerung führte sie natürlich in das Waschhaus, wo sie über den Brauapparat stolperte und wahrscheinlich auch eine volle Stunde unter demselben herumgewandclt wäre, wenn nicht schon die bloße Erwähnung derartiger Requisiten vermöge einer naheliegenden Ideenverknüpfung Herrn Pyke gemahnt hätte, daß er »erstaunlich durstig« wäre.

»Und ich will Ihnen etwas sagen«, fügte Herr Pyke bei; »wenn Sie nach dem Wirtshaus hinüberschicken und eine Kanne milden Halbundhalb holen lassen wollten, so würde ich sie gewiß unfehlbar trinken.«

Und Herr Pyke leerte sie zielbewußt und unentwegt unter Herrn Plucks Beistand, während Madame Nickleby ihre Verwunderung zwischen der Herablassung der beiden Herren und der Fertigkeit, womit sie die Zinnkanne zu handhaben wußten, teilte. Um dieses scheinbare Wunder zu erklären, erlauben wir uns hier die Bemerkung, daß Herren, die wie Pyke und Pluck von ihrem Verstand (oder vielleicht besser – von der Abwesenheit des Verstandes bei andern Leuten) leben, hin und wieder ziemlich in die Klemme kommen und bei solchen Anlässen sich auf eine sehr einfache Weise zu erholen pflegen.

»Zwanzig Minuten vor sieben Uhr also« – sagte Herr Pyke aufstehend – »wird die Kutsche hier sein. Doch jetzt nur noch einen Blick – nur noch einen einzigen kleinen Blick auf dieses holde Antlitz! Ach, da ist es – bewegungslos, unverändert!« (Das war allerdings ein höchst merkwürdiger Umstand, da Miniaturporträts so gar vielen Wechseln des Ausdrucks unterworfen sind). »O Pluck! Pluck!«

Herrn Plucks Erwiderung bestand bloß darin, daß er mit vielem Sentiment Madame Nicklebys Hand küßte. Als Herr Pyke das gleiche getan hatte, entfernten sich beide Herren mit großer Eile.

Madame Nickleby tat sich gern etwas auf ihren Scharfsinn und ihre Menschenkenntnis zugut. Aber nie war sie so ganz und gar mit sich selbst zufrieden gewesen, wie an diesem Tag. Sie hatte das alles schon am gestrigen Abend gewußt. Sie hatte zwar Sir Mulberry und Käthchen nie zusammen gesehen – nicht einmal Sir Mulberrys Namen gehört, und doch – war nicht alles von ihr vorausgesagt worden? Lag nicht alles schon von dem ersten Augenblick an klar vor ihrer Seele? Welch ein Triumph jetzt für sie; denn wer hätte auch noch daran zweifeln können? Wenn man die schmeichelhaften Aufmerksamkeiten gegen sie nicht für einen hinreichenden Beweis wollte gelten lassen, hatte nicht Sir Mulberrys vertrauter Freund das Geheimnis in so manchen Worten verlauten lassen?

»In der Tat, ich bin ganz verliebt in diesen entzückenden Herrn Pluck«, sagte Madame Nickleby.

Aber mitten in diesem Glück war es ihr doch nicht wohl; denn sie hatte niemanden, dem sie es hätte vertrauen können. Einige Male war sie fast entschlossen, schnurstracks zu Fräulein La Creevy zu eilen und ihr alles zu erzählen. »Aber ich weiß nicht«, dachte die gute Frau; »sie ist zwar eine sehr achtbare Person, jedoch ich fürchte, sie steht zu tief unter Sir Mulberrys Rang, als daß sie eine passende Gesellschaft für uns wäre. Das arme Ding!«

Aus diesem wichtigen Grund wies sie den Gedanken ab, die kleine Porträtmalerin in ihr Vertrauen zu ziehen, und begnügte sich, einige unbestimmte und geheimnisvolle Hoffnungen hinsichtlich einer bevorstehenden großen Veränderung gegen das Dienstmädchen laut werden zu lassen, die diese unklaren Hindeutungen auf eine aufdämmernde Größe mit heiliger Verehrung hinnahm.

Der versprochene Wagen erschien pünktlich zu der bestimmten Zeit – kein Mietwagen, sondern eine Privatequipage mit einem Lakaien hintenauf, dessen Beine, obgleich sie etwas zu groß für seinen Körper waren, an sich betrachtet Modelle für die königliche Akademie hätten abgeben können. Es war ganz entzückend, das Getöse und den Lärm zu hören, womit er den Kutschenschlag auf- und zuwarf und dann, sobald Madame Nickleby innen saß, wieder hinten hinaufsprang. Da die gute Dame keine Ahnung davon hatte, daß derselbe den goldenen Knopf seines langen Stocks an seine Nase hielt und in dieser Weise gerade über ihrem Haupte weg höchst respektwidrig dem Kutscher telegraphisch Zeichen zugehen ließ, so saß sie auch nicht wenig stolz auf ihre dermalige Stellung mit vieler Steifheit und Würde da.

An dem Theatereingang wurde der Kutschenschlag noch entzückender auf- und zugeworfen. Auch waren schon die Herren Pyke und Pluck zugegen, die ihrer harrten, um sie nach der Loge zu führen. Sie waren dabei so ungemein höflich und zuvorkommend, daß Herr Pyke einem sehr alten Mann, der zufällig mit einer Laterne über ihren Weg stolperte, mit vielen Eiden zuschwor, er wolle ihn »kanonisieren« – zum großen Schrecken der Dame Nickleby, die mehr aus der Aufregung des Herrn Pyke als aus einer nähern Vertrautheit mit der Bedeutung des Wortes schloß, daß Kanonisieren und Blutvergießen in der Hauptsache wohl ein und dasselbe sein müsse, und daher ob des Gedankens, daß sich so etwas zutragen könnte, über die Maßen geängstigt war.

Glücklicherweise beschränkte sich jedoch Herrn Pykes Kanonisieren nur auf Worte, und sie gelangten zu ihrer Loge, ohne eine ernstere Unterbrechung zu erfahren, als daß derselbe kampflustige Herr den Logenhüter »zu Haarpuder zermalmen« wollte, weil er sich in der Nummer geirrt hatte.

Madame Nickleby hatte sich kaum in einem Armsessel hinter dem Logenvorhang niedergelassen, als Sir Mulberry und Lord Verisopht, von dem Scheitel bis zu den Enden ihrer Handschuhe und von den Enden ihrer Handschuhe bis zu den Spitzen ihrer Stiefel aufs eleganteste und kostbarste gekleidet, eintraten. Sir Mulberry war noch ein wenig heiserer als tags zuvor, und Lord Verisopht sah etwas schläfrig und verstört aus, wozu sich noch der weitere Umstand gesellte, daß beide etwas unsicher auf ihren Beinen waren – lauter Anzeichen, aus denen Madame Nickleby den richtigen Schluß zog, daß sie vom Dinieren herkämen.

»Wir haben – wir haben – Ihre liebenswürdige Tochter hochleben lassen, Madame Nickleby«, flüsterte ihr Sir Mulberry zu, der hinter ihr Platz nahm.

»Ah – so«, dachte die erfahrene Frau; »der Wein geht hinein, die Wahrheit heraus. – Sie sind sehr gütig, Sir Mulberry.«

»Nein, nein, meiner Seele!« entgegnete Sir Mulberry Hawk. »S i e sind gütig, meiner Seele! Es war sehr gütig von Ihnen, daß Sie diesen Abend kamen.«

»Sie wollen sagen, daß es sehr gütig von Ihnen war, mich einzuladen, Sir Mulberry«, entgegnete Madame Nickleby, indem sie mit einem zum Verwundern schlauen Blick den Kopf in die Höhe warf.

»Ich wünsche so sehr, Sie näher kennenzulernen, so sehr, Ihre gute Meinung zu gewinnen, und hoffe so sehnlich, es möchte sich eine Art süßen Familienverhältnisses zwischen uns bilden«, sagte Sir Mulberry, »daß Sie ja nicht glauben dürfen, meinen Handlungen liege nicht auch ein bestimmtes Interesse zugrunde. Ich bin verdammt selbstsüchtig – ja das bin ich, meiner Seele.«

»Gewiß, Sie können nicht selbstsüchtig sein, Sir Mulberry«, versetzte Madame Nickleby. »In Ihrem offenen, edlen Antlitz steht wenigstens nichts davon geschrieben.«

»Was Sie nicht für eine außerordentliche Beobachtungsgabe haben!«

»O nicht doch, mein Blick ist nicht besonders scharf, Sir Mulberry«, versetzte Madame Nickleby mit einem Ton in der Stimme, der dem Baronet andeuten sollte, daß sie in der Tat sehr scharfsichtig sei.

»Ich muß mich wahrhaftig vor Ihnen fürchten«, entgegnete der Baronet. »Wahrhaftig«, wiederholte Sir Mulberry, indem er sich nach seinem Gefährten umsah, »ich muß mich vor Madame Nickleby fürchten. Sie ist ein wahrer Schrecken von Verstand.«

Die Herren Pyke und Pluck schüttelten geheimnisvoll ihre Köpfe und bemerkten miteinander, daß sie das schon längst gefunden hätten, worauf Madame Nickleby kicherte, Sir Mulberry lachte und Pyke und Pluck brüllten.

»Aber wo ist denn mein Schwager, Sir Mulberry?« fragte Madame Nickleby. »Es schickt sich nicht, daß ich ohne ihn hier bin. Ich hoffe, er wird doch noch kommen?«

»Pyke«, sagte Sir Mulberry, indem er seinen Zahnstocher herausnahm und sich in seinem Stuhl zurücklehnte, als wäre er zu trüge, eine Antwort auf diese Frage zu ersinnen, »wo ist Ralph Nickleby?«

»Pluck«, sagte Pyke, die Miene des Baronets nachahmend und die Lüge auf seinen Freund überwälzend, »wo ist Ralph Nickleby?«

Herr Pluck war im Begriff, irgendeine ausweichende Antwort zu geben, als ein Geräusch, veranlaßt durch den Eintritt einiger Personen in die nächste Loge, die Aufmerksamkeit aller vier Herren, die sich vielsagende Blicke zuwarfen, in Anspruch zu nehmen schien. Sobald übrigens die neuen Ankömmlinge unter sich zu sprechen begannen, nahm Sir Mulberry plötzlich die Stellung eines aufmerksamen Horchers an und beschwor seine Freunde, nicht zu atmen – nein, nicht einmal zu atmen.

»Warum nicht?« fragte Madame Nickleby. »Was gibt’s denn?«

»Pst«, versetzte Sir Mulberry, indem er eine Hand auf ihren Arm legte. »Lord Friedrich, erkennen Sie den Ton dieser Stimme?«

»Der Teufel soll mich holen, wenn es mir nicht vorkommt, als wäre es die Stimme von Fräulein Nickleby.«

»O Himmel, Mylord!« rief Fräulein Nicklebys Mama, indem sie den Kopf um den Vorhang hinumsteckte. »Ei, in der Tat, Käthchen, mein liebes Käthchen!

»Sie hier, Mama? – Ist’s möglich?«

»Möglich – meine Liebe? Warum nicht?«

»Und wen – um Gottes willen – wen haben Sie bei sich, Mama?« sagte Käthchen zurückfahrend, als sie eines Mannes ansichtig wurde, der ihr lächelnd Kußhändchen zuwarf.

»Was meinst du wohl, meine Liebe?« versetzte Madame Nickleby, indem sie sich ein wenig gegen Madame Wititterly hinbeugte und etwas lauter sprach, damit sich auch diese Dame daran ergötzen könnte. »Es ist Herr Pyke, Herr Pluck, Sir Mulberry Hawk und Lord Friedrich Verisopht.«

»Barmherziger Gott!« dachte Käthchen, »wie kommt sie in solche Gesellschaft?«

Das rasche Aufblitzen dieses Gedankens, die plötzliche Überraschung und die Erinnerung alles dessen, was bei Ralphs ergötzlichem Diner vorgefallen war – alles dieses bewirkte, daß Käthchcn ungemein blaß wurde und sehr aufgeregt erschien, was Madame Nickleby im Augenblick wahrnahm und vermöge ihres ungemeinen Scharfsinns als die Wirkungen einer leidenschaftlichen Liebe deutete. Aber obgleich sie nicht wenig entzückt bei dieser Entdeckung war, die ihrer schnellen Auffassungsgabe so viel Ehre machte, so minderte sie doch ihre mütterliche Besorgnis um Käthchen nicht. Deshalb verließ sie denn auch mit allen zärtlichen Bekümmernissen einer Mutter ihre eigene Loge, um in die der Madame Wititterly zu eilen. Madame Wititterly, gespornt durch die Aussicht auf den Ruhm, einen Lord und einen Baronet unter ihre Hausfreunde zu zählen, verlor keine Zeit, Herrn Wititterly zuzuwinken, er möchte die Tür öffnen, und in weniger als dreißig Sekunden hatte Madame Nicklebys Gesellschaft einen Einfall in Madame Wititterlys Loge gemacht, die dadurch bis zur Tür angefüllt und in der Tat so vollgepfropft wurde, daß für die Herren Pyke und Pluck der Raum nur so weit reichte, ihre Köpfe und Westen hereinzustecken.

»Mein liebes Käthchen«, sagte Madame Nickleby, indem sie ihre Tochter zärtlich küßte, »wie blaß hast du vor einem Augenblick ausgesehen! Ich versichere dir, daß du mich vorhin ganz erschrecktest.«

»Es kam Ihnen nur so vor, Mama, – der – der – Widerschein der Lichter vielleicht«, versetzte Käthchen, indem sie sich ängstlich umsah und die Unmöglichkeit erkannte, ihrer Mutter irgendeine Erklärung oder Warnung zuzuflüstern.

»Siehst du Sir Mulberry Hawk nicht, meine Liebe?«

Käthchen bückte sich leicht, biß sich in die Lippe und wandte den Kopf gegen die Bühne.

Aber Sir Mulberry Hawk ließ sich nicht so leicht zurückweisen: denn er trat mit ausgestreckter Hand näher, und da Madame Nickleby dienstfertig Käthchen diesen Umstand mitteilte, so sah sich diese gleichfalls genötigt, die ihrige auszustrecken. Sir Mulberry hielt sie fest, murmelte eine Flut von Schmeicheleien, die Käthchen – nach dem, was zwischen ihnen vorgefallen war – mit Recht als eben so viele Erschwerungen der Beleidigung betrachtete, die er ihr bereits zugefügt hatte. Dann folgte eine Erkennungsszene mit Lord Verisopht, dann eine Begrüßung von Herrn Pyke, dann ein Kompliment von Herrn Pluck, und endlich, um den Verdruß vollkommen zu machen, sah sich Käthchen durch Madame Wititterlys Geheiß genötigt, die Personen, die sie nur mit dem höchsten Unwillen und Abscheu betrachten konnte, förmlich vorzustellen.

»Madame Wititterly ist ganz entzückt«, sagte Herr Wititterly, die Hände reibend: – »ich versichere Ihnen, Mylord – ganz entzückt ob dieser Gelegenheit, eine Bekanntschaft anzuknüpfen, die, wie ich hoffe, Mylord, eine dauerndere sein wird. Liebe Julia, ich bitte dich, laß dich nicht zu sehr aufregen – in der Tat, du darfst es nicht. Madame Wititterly ist von äußerst sensiblem Wesen, Sir Mulberry – die Schnuppe einer Kerze – der Docht einer Lampe – der Duft auf einer Pfirsich – der Flügelstaub eines Schmetterlings – Sie könnten sie wegblasen, Mylord: Sie könnten sie wegblasen.«

Sir Mulberry schien zu denken, daß es gar bequem sein dürfte, wenn die Dame weggeblasen, nur weggeblasen werden möchte. Er sagte jedoch nur, daß das Entzücken wechselseitig wäre, und Lord Verisopht versicherte das gleiche, wie denn auch die Herren Pyke und Pluck, die man aus der Entfernung murmeln hörte, gleichfalls an dieser Wechselseitigkeit des Entzückens im höchsten Grad teilnehmen wollten.

»Ich nehme ein Interesse, Mylord –« sagte Madame Wititterly mit schmachtendem Lächeln – »ach, ein zu großes Interesse an dem Schauspiel.«

»I-a, es ist sehr interessant«, versetzte Lord Verisopht.

»Ich fühle mich immer nach Shakespeare unwohl«, entgegnete Madame Wititterly. »Ich bin am nächsten Tage kaum mehr vorhanden; ich befinde mich nach einem Trauerspiel in einer zu großartigen Reaktion, Mylord, und Shakespeare ist ein zu köstliches Geschöpf.«

»I-a«, erwiderte Lord Verisopht. »Er war ein gescheiter Mann.«

»Ich kann Ihnen sagen, Mylord«, fuhr Madame Wititterly nach einer langen Pause fort, »daß ich, nachdem ich in dem zu allerliebsten armseligen Häuschen war, worin er geboren wurde, ein noch viel größeres Interesse an seinem Stücke finde. Sind Sie einmal dort gewesen, Mylord?«

»Nein, nie«, versetzte Verisopht.

»Dann müssen Sie in der Tat hingehen, Mylord«, entgegnete Madame Wititterly mit einer ungemein schmachtenden und gedehnten Betonung. »Ich weiß nicht, wie es zugeht, aber wenn man den Ort gesehen und seinen Namen in das kleine Buch eingeschrieben hat, so scheint man irgendwie ganz begeistert: es entzündet ein eigentliches Feuer in dem Innern.«

»I-a«, erwiderte Lord Verisopht, »ich muß wahrhaftig hingehen.«

»Julia, mein Leben«, fiel Herr Wititterly ein, »du täuschest Seine Herrlichkeit – Mylord, sie täuscht Sie, ohne es zu wollen. Dein poetisches Temperament, meine Liebe – deine ätherische Seele – deine glühende Einbildungskraft stürzt dich in eine Glut von Aufregung und Begeisterung. Der Platz will nichts heißen, meine Liebe – nichts – gar nichts.«

»Ich sollte doch meinen, daß es etwas damit wäre«, sagte Madame Nickleby, die bisher schweigend zugehört hatte; »denn bald nach meiner Hochzeit fuhr ich mit meinem armen seligen Manne von Birmingham aus in einer Postkutsche – war es auch eine Postkutsche?« unterbrach sich Madame Nickleby überlegend. – »Ja, es muß eine Postkutsche gewesen sein; denn ich erinnere mich noch recht gut, wie es mir auffiel, daß der Postillion einen grünen Schirm über dem linken Auge hatte. – Ich fuhr also in einer Postkutsche von Birmingham nach Stratford, und nachdem wir Shakespeares Grab und das Haus, wo er geboren wurde, gesehen hatten, gingen wir in das Wirtshaus zurück, wo wir über Nacht blieben, und ich erinnere mich, daß mir die ganze Nacht über von nichts als einem schwarzen, gipsernen Herrn in Lebensgröße träumte, dessen umgeschlagener Kragen mit zwei Troddeln zusammengeknüpft war. Er lehnte nachdenkend an einem Pfahl, und als ich am andern Morgen aufwachte und die Gestalt meinem seligen Manne beschrieb, so sagte er, das wäre Shakespeare gewesen, wie er geleibt und gelebt hätte. Das war doch gewiß höchst sonderbar. Stratford – Stratford«, fuhr Madame Nickleby sich besinnend fort. »Ja, ich bin dessen ganz gewiß, denn ich erinnere mich, ich war damals mit meinem Sohn Nicolaus guter Hoffnung, und an demselben Morgen hatte mir ein junger italienischer Gipsfigurenhändler einen großen Schrecken eingejagt. Es war in der Tat Gnade vom Himmel, Madame«, flüsterte Madame Nickleby Madame Wititterly zu, »daß mein Sohn nicht als ein Shakespeare auf die Welt kam, was ja ganz etwas Schreckliches gewesen wäre.«

Als Madame Nickleby diese ansprechende Anekdote zu Ende erzählt hatte, machten Pyke und Pluck – stets eifrig in den Angelegenheiten ihres Gönners – den Vorschlag, einen Teil der Gesellschaft in die nächste Loge zu verlegen. Die Einleitungen wurden mit solcher Gewandtheit getroffen, daß Käthchen trotz alles ihres Einspruches keine andere Wahl blieb, als sich von Sir Mulberry Hawk hinüberführen zu lassen. Ihre Mutter und Herr Pluck begleiteten sie. Aber die würdige Dame nahm sich mit einer Diskretion, auf die sie sich wunder was zugute tat, soviel wie möglich in acht, den ganzen Abend nicht auf ihre Tochter zu sehen, und tat, als wäre sie durch Herrn Plucks humoristische Unterhaltung ganz hingerissen. Dieser Ehrenmann aber hatte die Aufgabe, Madame Nickleby zu hüten, weshalb er auch keine Gelegenheit versäumte, ihre Aufmerksamkeit zu fesseln.

Lord Friedrich Verisopht blieb in der nächsten Loge, um sich mit Madame Wititterly zu unterhalten, und Herr Pyke war zur Hand, um, wo nötig, ein oder zwei Worte einzuflicken. Was Herrn Wititterly anbelangt, so war dieser im ganzen Hause herum ungemein geschäftig, indem er allen Freunden und Bekannten, die er aufzufinden vermochte, mitteilte, die zwei Herren, die sie in der Loge mit Madame Wititterly hätten sprechen sehen, wären der ausgezeichnete Lord Friedrich Verisopht und dessen vertrautester Freund, der heitere Sir Mulberry Hawk, – eine Eröffnung, die mehrere achtbare Personen, die auf gesellschaftlichen Verkehr hielten, mit der größten Wut und Eifersucht erfüllte und sechzehn unverheiratete Töchter ganz an den Rand der Verzweiflung brachte. Das Stück war endlich vorüber. Aber Käthchen mußte sich noch durch den von ihr verabscheuten Sir Mulberry die Stiege hinunterführen lassen, wobei die Herren Pyke und Puck so geschickt manövrierten, daß sie und der Baronet die letzten des Zuges waren und sogar – ohne daß es den Anschein eines überdachten Planes hatte – ein wenig hinter der übrigen Gesellschaft zurückblieben.

»Nur etwas langsam – etwas langsam«, sagte Sir Mulberry, als Käthchen vorwärtsdrängte und ihren Arm loszumachen suchte.

Sie erwiderte nichts, sondern vermehrte ihre Bemühungen.

»Wohlan denn« – bemerkte Sir Mulberry kaltblütig, indem er sie ohne weitere Umstände zum Stehen zwang.

»Sie werden guttun, wenn Sie mich nicht zurückzuhalten suchen, Sir«, sagte Käthchen unwillig.

»Und warum – wenn ich fragen darf?« entgegnete Sir Mulberry. »Mein holdes Wesen, warum stellen Sie sich denn immer noch so ungnädig?«

» Stellen?« wiederholte Käthchen mit Entrüstung. »Wie kommen Sie überhaupt zu der Frechheit, mit mir zu sprechen, Sir, – mich anzureden – mir unter die Augen zu treten?«

»Ihre Aufwallung macht Sie nur noch hübscher, Fräulein Nickleby«, versetzte Sir Mulberry Hawk, sich niederbeugend, um ihr besser ins Gesicht sehen zu können.

»Ich kenne Ihnen gegenüber kein anderes Gefühl als das der tiefsten Verachtung und des höchsten Abscheus, Sir«, sagte Käthchen. »Wenn Sie an Blicken, die solche Empfindungen ausdrücken, Gefallen finden, so – doch zurück! Lassen Sie mich augenblicklich zu meiner Gesellschaft. Wenn mich noch Rücksichten zurückgehalten haben, ich werde alle schwinden lassen und einen Weg einschlagen, der selbst Ihnen empfindlich fallen dürfte, wenn Sie mich nicht auf der Stelle loslassen.«

Sir Mulberry lächelte und ging – noch immer in ihr Gesicht blickend und ihren Arm festhaltend – nach der Tür.

»Wenn nicht die Achtung für mein Geschlecht oder meine hilflose Lage Sie veranlassen kann, von dieser rohen und unmännlichen Verfolgung abzulassen«, fuhr Käthchen fort, indem sie in dem Sturm ihrer Gefühle kaum wußte, was sie sagte; »so habe ich einen Bruder, der es eines Tages schwer zu rächen wissen wird.«

»Wahrhaftig«, rief Sir Mulberry, gleichsam als spräche er nur mit sich selber, indem er zugleich seinen Arm um ihren Leib legte, »ihr Äußeres gewinnt immer mehr, und sie gefällt mir in diesem Zorne viel besser, als wenn sie die Augen niederschlägt und vollkommen ruhig ist!«

Käthchen gelangte zu der in der Vorhalle ihrer harrenden Gesellschaft, ohne selbst zu wissen wie, stürzte rücksichtslos an dieser vorbei, stieß ihren Begleiter zurück und sprang in die Kutsche, wo sie sich in den hintersten Winkel warf und in Tränen ausbrach.

Die Herren Pyke und Pluck, die ihr Schlagwort wußten, brachten auf einmal die Gesellschaft in eine große Verwirrung, indem sie nach dem Wagen riefen und mit einigen Umherstehenden einen heftigen Streit anfingen. Mitten in diesem Tumult brachten sie die erschrockene Madame Nickleby in ihren Wagen, und nachdem man sich dieser glücklich entledigt hatte, faßten sie Madame Wititterly ins Auge, deren Aufmerksamkeit sie in sehr wirksamer Weise dadurch von Käthchen ablenkten, daß sie die Dame in einen Zustand der höchsten Bestürzung und Verwirrung versetzten. Endlich rollte der Wagen, in dem sie angekommen war, mit seiner Last weiter, und die vier Braven, die allein in der Säulenhalle zurückblieben, brachen nun in ein schallendes Gelächter aus.

»So!« sagte Sir Mulberry zu seinem edlen Freund. »Sagte ich Ihnen nicht gestern abend, daß wir diese Leute übertölpeln würden, wenn wir durch Bestechung eines Dieners ihre Loge ausfindig machten und mit der Mutter gerade nebenan Platz nähmen? Da haben wir’s jetzt – alles in vierundzwanzig Stunden fertiggebracht!«

»J-a«, versetzte der adelige Pinsel, »aber ich habe den ga-anzen Abend bei dem alten Weibe aushalten müssen.«

»Hört doch«, sagte Sir Mulberry zu seinen zwei Freunden – »hört nur diesen unzufriedenen Brummer. Sollte man’s da nicht satt bekommen, ihm je wieder bei seinen Entwürfen und Ränken Beistand zu leisten? Muß das einen nicht verdammt verdrießen?«

Pyke fragte Pluck, ob einen so etwas nicht verdammt verdrießen müsse, und Pluck fragte Pyke das gleiche, ohne daß einer von beiden die Frage beantwortete.

»Habe ich nicht recht?« fragte Verisopht. »War es nicht so?«

»War es nicht so?« wiederholte Sir Mulberry. »Wie haben Sie’s denn haben wollen? Wie hätten wir bei der ersten Begegnung eine allgemeine Einladung erhalten können, zu kommen, wenn’s beliebt, zu gehen, wenn’s beliebt, zu bleiben, solange es beliebt, zu tun, was beliebt – wenn nicht Sie, der Lord, – sich der einfältigen Frau vom Hause angenehm machten? Kümmere ich mich um das Mädchen aus einem anderen Grund, als um Ihretwillen? Habe ich nicht den ganzen Abend Ihr Loblied in ihr Ohr gesungen und um Ihretwillen ihre empfindlichen und schnippischen Reden hingenommen? Meinen Sie denn, ich sei aus einem besonderen Stoffe gemacht? Würde ich das für jedermann tun? – Und habe ich nicht einen Anspruch auf Ihre Dankbarkeit?«

»Sie sind ein teufelmäßig guter Kerl«, sagte der arme Lord, den Arm seines Freundes ergreifend. »Bei meinem Leben, Sie sind ein teufelmäßig guter Kerl, Hawk.«

»Und habe ich’s nicht recht gemacht – wie?« fragte Sir Mulberry.

»Ga-anz recht.«

»Und wie ein gutmütiger Tropf gehandelt, der alles den Rücksichten für den Freund opfert – wie?«

»J-a – wie ein Freund«, entgegnete der andere.

»Nun denn, dann bin ich zufrieden«, erwiderte Sir Mulberry. »Aber jetzt lassen Sie uns gehen und an dem deutschen Baron und dem Franzosen Revanche nehmen, die Ihnen gestern abend die Taschen so rein ausfegten.«

Mit diesen Worten nahm der aufopferungsvolle Freund den Lord beim Arm und führte ihn fort, indem er sich dabei halb umdrehte und mit einem verächtlichen Lächeln den Herren Pyke und Pluck zublinzelte, die, um ihre geheime Freude über den ganzen Verlauf der Sache anzudeuten, ihre Taschentücher in den Mund preßten und ihrem Gönner nebst dessen Opfer in einiger Entfernung nachfolgten.

Achtundzwanzigstes Kapitel.


Achtundzwanzigstes Kapitel.

Käthchen Nickleby, durch Sir Mulberry Hawks Verfolgung und die verschiedenen Schwierigkeiten und Unfälle, die sie umgeben, zur Verzweiflung gebracht, sucht, als letztes Mittel, den Schutz ihres Onkels nach.

Der andere Morgen brachte, wie es gewöhnlich zu gehen pflegt, Überlegung. Aber ganz verschieden war der Gang der Gedanken bei den verschiedenen Personen, die den Abend vorher durch die gewandte Tätigkeit der Herren Pyke und Pluck so unerwartet zusammengeführt worden waren.

Die Betrachtungen Sir Mulberry Hawks – wenn sich anders die Gedanken eines systematischen, berechnenden Lüstlings so nennen lassen, dessen Freuden und Leiden, Schmerzen und Vergnügungen sämtlich selbstsüchtig sind, und der von seinen geistigen Fähigkeiten kaum etwas anderes behalten zu haben scheint, als das Vermögen, sich zu erniedrigen und die menschliche Natur zu schänden – die Betrachtungen Sir Mulberry Hawks wandten sich Käthchen Nickleby zu und bestanden – kurz zusammengefaßt – darin, daß das Mädchen unbestritten schön sei, daß ihre Sprödigkeit durch einen Mann von seiner Gewandtheit und Erfahrung sich leicht besiegen lassen müsse, und daß der Sieg über ein solches Mädchen nicht verfehlen könne, den Ruf, dessen er sich in der Welt erfreute, durch neuen Glanz zu erhöhen. Damit jedoch diese letztere Erwägung – für Sir Mulberry keineswegs eine geringfügige oder untergeordnete – nicht allzu befremdlich in den Ohren der Leser klinge, möchten wir daran erinnern, daß die meisten Menschen in ihrer eigenen Welt leben, und daß ihr Ehrgeiz nur von diesem beschränkten Zirkel Auszeichnung und Beifall erwartet. Sir Mulberrys Welt war mit Wüstlingen bevölkert, und demgemäß handelte er.

Wir sehen Handlungen der Ungerechtigkeit, der Unterdrückung, der Tyrannei und der maßlosesten Scheinheiligkeit um uns vorgehen, und man pflegt nicht zu unterlassen, verwundert und erstaunt in die Welt hineinzuschreien, daß die Täter solcher Handlungen der öffentlichen Meinung so ganz und gar Hohn sprächen. Aber man tut ihnen Unrecht, wenn man ihnen allein die Schuld zur Last legt, denn derartige Dinge könnten nicht stattfinden und die große Welt in starres Erstaunen versetzen, wenn sie nicht dabei den Beifall ihrer eigenen kleinen Welt für sich hätten.

Madame Nicklebys Erwägungen waren von der stolzesten und selbstgefälligsten Art, weshalb sie sich auch unter dem Einflusse der lieblichen Trugbilder, die sie umgaben, sogleich niedersetzte und einen langen Brief an Käthchen abfaßte, in dem sie ihre volle Billigung über die vortreffliche Wahl ihrer Tochter ausdrückte und Sir Mulberry bis in den Himmel erhob. Sie fügte diesen Lobsprüchen noch die beruhigende Versicherung bei, daß sie keinen andern Schwiegersohn gewählt haben würde, wenn ihr auch das Aussuchen unter der ganzen Männerwelt freigestanden hätte. Hierauf erteilte die gute Dame – nach der vorläufigen Bemerkung, daß sie gewiß nicht solange in der Welt gelebt haben könne, ohne erfahren zu haben, wie es in derselben zuginge – eine große Menge schlauer Lehren über Käthchens Benehmen gegen ihren Freier, deren Weisheit sie durch eigene Erfahrung erprobt hatte. Vor allem aber empfahl sie eine strenge jungfräuliche Zurückhaltung, da sie nicht nur an sich selbst sehr löblich wäre, sondern auch wesentlich dazu diente, die Glut eines Liebhabers zu kräftigen und zu vermehren. »Und in meinem ganzen Leben war ich nie entzückter, meine Liebe«, fügte Madame Nickleby bei, »als gestern abend, weil ich bemerkte, daß dein eigenes richtiges Gefühl dir bereits ein gleiches gesagt hat.« Zu diesem Gefühlserguß fügte sie noch wiederholt hinzu, wie sehr sie erfreut darüber sei, daß ihre Tochter einen so großen Teil ihrer eigenen Klugheit und ihres richtigen Taktes geerbt hätte und deren volles Maß sie ihr seinerzeit hinterlassen zu können hoffte, wenn Käthchen nach Kräften mitwirkte. Also schloß Madame Nickleby ihren sehr langen und ziemlich unleserlichen Brief.

Das arme Käthchen war dem Wahnsinn nahe, als die Mutter ihr auf vier eng übers Kreuz geschriebenen Seiten zu einer Sache Glück wünschte, ob der sie die ganze Nacht kein Auge schließen konnte, sondern voller Tränen in ihrem Kämmerlein gewacht hatte. Noch schmerzlicher und drückender empfand sie die Notwendigkeit, sich Madame Wititterly angenehm zu machen, die nach der Aufregung des letzten Abends äußerst herabgestimmt war und daher von ihrer Gesellschafterin (denn wofür anders gab sie Kost und Lohn?) die heiterste Stimmung verlangte.

Was Herrn Wititterly betraf, so ging er den ganzen Tag bebend von Entzücken umher, daß ihm ein Lord die Hand gedrückt und daß er diesen wirklich eingeladen hatte, ihn in seinem eigenen Zirkel zu besuchen. Der Lord selbst, der von keiner allzu reichlichen Denkkraft geplagt war, labte sich an einer Unterhaltung mit den Herren Pyke und Pluck, die ihren Witz durch lebhaften Genuß verschiedener köstlicher Herzstärkungen auf seine Kosten schärften.

Es war vier Uhr nachmittags – das heißt des gewöhnlichen Nachmittags der Sonne und der Uhr – und Madame Wititterly ruhte wie gewöhnlich auf dem Sofa ihres Besuchzimmers, während ihr Käthchen einen neuen Roman in drei Bänden, betitelt: »Die Lady Flabella«, vorlas, den Alphons der Zweifelhafte am Morgen aus der Leihbibliothek geholt hatte. Der Roman war wirklich wunderbar geeignet für eine Dame, die an Madame Wititterlys Krankheit litt, da er vom Anfang bis zum Ende nicht eine einzige Zeile enthielt, die auch nur in der entferntesten Beziehung die mindeste Spur einer Aufregung bei irgendeinem lebenden Wesen hätte hervorbringen können.

Käthchen las:

»›Cherizette‹, sagte Lady Flabella, mit den mäuschengleichen Füßchen in die blauen Seidenschuhchen schlüpfend, jene Schuhchen, die sozusagen den halb ernst-, halb scherzhaften Wortwechsel zwischen ihr und dem jugendlichen Obersten Befillaire letzten Abend im › Salon de dance‹ des Herzogs von Mincefenille veranlaßt hatten. › Cherizette, donnez moi de l’eau-de-cologne, s’il vous plaît, mon enfant!

Merci – ich danke‹, sagte Lady Flabella, als die lebhafte, aber warm ergebene Cherizette Lady Flabellas Mouchoir mit der duftenden Essenz benetzt hatte. Das Mouchoir war mit reichen Spitzen besetzt und in den vier Ecken mit der Flabellakrone und dem prächtigen Wappen dieser altadligen Familie in reicher Stickerei geschmückt; › Merci – das wird mir wohl bekommen.‹

In diesem Augenblick, wahrend Lady Flabella noch ihr Mouchoir an die herrliche, gedankenvoll geformte Nase hielt und den köstlichen Wohlgeruch einatmete, öffnete sich die Tür des Boudoirs (künstlich verhüllt durch reiche Damastvorhänge von der Farbe des italienischen Himmels), und mit lautlosen Schritten traten zwei Kammerdiener, in prachtvolle pfirsichblütrote und mit Gold verbrämte Livreen gekleidet, in das Zimmer. Hinter ihnen ein Page in bas de soie – seidenen Strümpfen – der sich, während die beiden in einiger Entfernung die anmutigsten Verbeugungen machten, seiner liebenswürdigen Gebieterin näherte, auf ein Knie niedersank und ihr auf einem prachtvoll getriebenen, goldenen Präsentierteller ein parfümiertes Billett überreichte.

Die Dame Flabella riß mit einer Aufregung, die sie nicht zu unterdrücken vermochte, hastig die Enveloppe ab und erbrach das duftende Siegel. Ja, es war von Befillaire – dem jugendlichen, dem schlanken, dem schmachtenden – von ihrem Befillaire.«

»Ach, entzückend!« fiel Käthchens Gebieterin ein, die bisweilen die Kritikerin spielte; »in der Tat sehr poetisch. Lesen Sie diese Schilderung noch einmal, Mamsell Nickleby.«

Käthchen gehorchte.

»In der Tat, recht süß!« sagte Madame Wititterly mit einem Seufzer. »So wollustatmend, so weich – nicht wahr?«

»Ja, es kommt mir ungemein weich vor«, versetzte Käthchen schüchtern.

»Schließen Sie das Buch, Mamsell Nickleby«, sagte Madame Wititterly. »Ich kann heute nichts mehr hören: denn ich möchte nicht gerne den Eindruck dieser Schilderung verwischen. Schließen Sie das Buch.«

Käthchen gehorchte mit Freuden. Madame Wititterly aber brachte mit matter Hand ihre Lorgnette vor das Auge und bemerkte, daß sie blaß aussähe.

»Vielleicht von dem Schrecken – der Lärm, die Verwirrung des gestrigen Abends«, versetzte Käthchen.

»Wie sonderbar!« rief Madame Wititterly mit einem Blick der Überraschung.

Und in der Tat, bei genauerer Überlegung mußte es sehr sonderbar erscheinen, daß irgend etwas einen beunruhigenden Eindruck auf eine Gesellschafterin machen konnte. Das Explodieren einer Dampfmaschine oder die Zerstörung irgendeiner anderen sinnreichen Maschine wäre nichts dagegen gewesen.

»Wie machten Sie die Bekanntschaft des Lord Friedrich und der andern angenehmen Herren, Kind?« fragte Madame Wititterly, Käthchen fortwährend durch ihre Lorgnette beäugelnd.

»Ich traf sie im Hause meines Onkels«, antwortete Käthchcn verlegen; denn sie fühlte, daß sie tief errötete, wie sie denn überhaupt unfähig war, ihrem Blut zu wehren, nach ihrem Antlitz zu strömen, sooft sie an jenen Mann dachte.

»Datiert sich diese Bekanntschaft schon von lange?«

»Nein, nicht von lange«, entgegnete Käthchen.

»Ich war sehr erfreut, daß uns die achtbare Frau, Ihre Mutter, Gelegenheit gab, sie kennenzulernen«, sagte Madame Wititterly in ziemlich herablassendem Tone. »Übrigens ist es ein merkwürdiges Zusammentreffen, daß einige unserer Freunde auf dem Punkte waren, sie bei uns einzuführen.«

Das wurde gesagt, damit Käthchen sich nicht zu viel auf die Ehre zugute täte, vier Personen von Stande – denn Pyke und Pluck wurden den angenehmen Herren beigezählt – gekannt zu haben, die Madame Wititterly nicht kannte. Da aber Käthchen in keiner Weise einen Wert auf die Tatsache legte, so ging die beabsichtigte Wirkung natürlich ganz verloren.

»Sie haben um die Erlaubnis gebeten, mich besuchen zu dürfen«, sagte Madame Wititterly, »und es versteht sich von selber, daß ich diese nicht versagte.«

»Erwarten Sie heute ihren Besuch?« wagte Käthchen zu fragen.

Madame Wititterlys Antwort verlor sich unter dröhnendem Klopfen an die Haustür, und ehe dieses noch verklungen war, fuhr eine schöne Equipage vor, aus der Sir Mulberry Hawk und sein Freund Lord Verisopht heraussprangen.

»Da sind sie«, sagte Käthchen aufstehend und forteilend.

»Mamsell Nickleby!« lief Madame Wititterly, ganz erstarrt ob dem Unterfangen ihrer Gesellschafterin, das Zimmer verlassen zu wollen, ohne zuerst Erlaubnis nachgesucht und erhalten zu haben; »Sie werden das Zimmer nicht verlassen.«

»Sie sind sehr gütig«, versetzte Käthchen, »aber –«

»Um des Himmels willen, bringen Sie mich nicht in Wallung, indem Sie mich so viel sprechen lassen«, entgegnete Madame Wititterly scharf. »Mein Gott, Mamsell Nickleby, ich bitte –«

Käthchen versicherte vergeblich, daß sie unwohl wäre; denn die Fußtritte der Besuchenden, wer sie auch sein mochten, ließen sich schon auf der obersten Treppe vernehmen. Sie setzte sich wieder, und kaum war das geschehen, als der zweifelhafte Boy in das Zimmer stürzte und Herrn Pyke, Herrn Pluck, Lord Friedrich Verisopht und Sir Mulberry Hawk – alle zumal – ankündigte.

»Wie höchst sonderbar es auf der Welt zugeht«, sagte Herr Pluck, nachdem er die beiden Damen mit der größten Herzlichkeit begrüßt hatte; »in der Tat, höchst sonderbar. Als Lord Friedrich und Sir Mulberry anfuhren, pochten Pyke und ich eben an der Tür.«

»Wir pochten eben«, pflichtete Pyke bei.

»Da Sie einmal hier sind, so ist es gleichgültig, wie Sie kamen«, versetzte Madame Wititterly, die, da sie dreieinhalb Jahr auf demselben Sofa gelegen, ziemlich viele anmutige Körperhaltungen eingelernt hatte und nun die imposanteste von diesen annahm, um die Besuchenden in Staunen zu versetzen. »Gewiß, ich bin ganz entzückt, Sie bei mir zu sehen.«

»Und was macht Fräulein Nickleby?« sagte Sir Mulberry Hawk mit leiser Stimme zu Käthchen, jedoch nicht so leise, daß seine Worte nicht Madame Wititterlys Ohren erreicht hätten.

»Ach, sie beklagt sich über Unwohlsein infolge des Schreckens der gestrigen Nacht«, antwortete die Dame. »Ich wundere mich übrigens nicht darüber; denn meine Nerven sind ganz zerrissen.«

»Und doch sehen Sie«, bemerkte Sir Mulberry, sich umwendend – »und doch sehen Sie –«

»Unvergleichlich aus«, fiel Herr Pyke, seinem Gönner zu Hilfe kommend, ein; und Herr Pluck sagte natürlich dasselbe.

»Ich fürchte, Sir Mulberry ist ein Schmeichler, Mylord«, sagte Madame Wititterly, sich an Verisopht wendend, der schweigend an seinem Stockknopf sog und Käthchen anstierte.

»O, teufelmäßig«, versetzte Verisopht.

Und nach dieser geistreichen Erwiderung nahm er seine frühere Beschäftigung wieder auf.

»Fräulein Nickleby ist darum nicht weniger interessant geworden«, sagte Sir Mulberry, indem er sie mit dreisten Blicken musterte. »Sie war immer schön, aber bei meiner Seele, Madame, es scheint, Sie haben ihr außerdem noch etwas von Ihrem eigenen guten Aussehen mitgeteilt.«

Der Glut nach zu schließen, die bei diesen Worten das Antlitz des armen Mädchens übergoß, hätte Madame Wititterly mit einigem Schein von Grund annehmen mögen, daß sich etwas von der künstlichen Blume ihrer eigenen Wangen in Käthchens Zügen widerstrahle. Madame Wititterly mußte nun – freilich nicht in der gnädigsten Weise – zugestehen, daß Käthchen hübsch aussähe. Auch fing sie an zu glauben, daß Sir Mulberry nicht ganz der angenehme Mann wäre, für den sie ihn anfangs gehalten; denn obgleich der gewandteste Schmeichler der ergötzlichste Gesellschafter ist, wenn man ihn ganz für sich behalten kann, so wird doch sein Geschmack sehr zweifelhaft, wenn er sich unterfängt, anderen Leuten Artigkeiten zu sagen.

»Pyke«, begann der achtsame Herr Pluck, als er die Wirkung gewahrte, die Käthchens Lob hervorgebracht hatte.

»Wie beliebt, Pluck«, versetzte Pyke.

»Gibt es nicht jemanden«, fragte Herr Pluck geheimnisvoll; »eine Dame, die Sie kennen – an die Madame Wititterlys Profil erinnert?«

»Erinnert?« erwiderte Pyke. »Ei freilich.«

»Was meinen Sie?« sagte Pluck in derselben geheimnisvollen Weise. »Die Herzogin von B…?«

»Die Gräfin von B…«, versetzte Pyke mit einem leichten Zucken der Mundwinkel. »Die schöne Schwester ist die Gräfin, nicht die Herzogin.«

»Richtig«, entgegnete Pluck, »die Gräfin von B…. Ist die Ähnlichkeit nicht wundervoll?«

»Zum Sprechen«, erwiderte Herr Pyke.

Wie nun jetzt? Madame Wititterly war durch das Zeugnis zweier wahrheitsliebender und kompetenter Beurteiler für das leibhaftige Ebenbild einer Gräfin erklärt! So geht es, wenn man mit guter Gesellschaft verkehrt. Sie hätte sich zwanzig Jahre unter ordinären Leuten herumtreiben können, ohne je etwas von dieser Tatsache zu erfahren. Wie wäre es auch möglich gewesen – denn was wissen die von Gräfinnen?

Nachdem die beiden Herren aus der Gier, womit dieser kleine Köder verschluckt wurde, den Umfang von Madame Wititterlys Hunger nach Schmeichelei erprobt hatten, fuhren sie fort, diese Ware in den allerkräftigsten Dosen auszuteilen, wodurch sie Sir Mulberry Hawk Gelegenheit verschafften, Fräulein Nickleby mit Fragen und Bemerkungen zu quälen, auf die sie notwendig etwas erwidern mußte. Lord Verisopht erfreute sich inzwischen unbelästigt des vollen Wohlgeschmacks seines goldenen Stockknopfes – ein Genuß, der wohl bis zum Schluß dieses Besuchs nicht unterbrochen worden wäre, wenn nicht durch Herrn Wititterlys Nachhausekommen die Unterhaltung auf das Lieblingsthema dieses würdigen Mannes übergeleitet worden wäre.

»Mylord«, sagte Herr Wititterly, »ich fühle mich hochgeehrt – bin ganz entzückt – stolz. Bitte, Mylord, nehmen Sie wieder Platz. Ich bin stolz – in der Tat ungemein stolz auf diese Gnade.«

Madame Wititterly hatte keinen kleinen Ärger über die Worte ihres Gemahls. Obgleich sie nämlich vor Stolz und Hochmut fast bersten wollte, so wäre es ihr doch lieber gewesen, wenn sie ihre vornehmen Gäste hätte können glauben machen, daß ihr Besuch ein ganz gewöhnliches Ereignis wäre, und daß sie jeden Tag der Woche Lords und Baronets bei sich empfange. Aber Herrn Wititterlys Gefühle gingen einen zu erhabenen Schwung, um sich unterdrücken zu lassen.

»Ja gewiß, wir fühlen uns hochgeehrt«, sagte Herr Wititterly. »Julia, mein Herz, du wirst morgen dafür zu leiden haben.«

»Zu leiden?« rief Lord Verisopht.

»Die Reaktion, Mylord, die Reaktion«, erwiderte Herr Wititterly. »Diese gewaltsame Anspannung des ganzen Nervensystems, Mylord –was kann die Folge sein? Ein Sinken, eine Abspannung, eine Erschlaffung, eine Herunterstimmung, eine Schwäche. Mylord, wenn der Arzt Sir Tumley Snuffim dieses zarte Wesen in dem gegenwärtigen Augenblick sehen könnte, er würde kein – kein – nicht so viel für ihr Leben geben.«

Um diese Bemerkung näher zu erläutern, nahm Herr Wititterly eine Prise Schnupftabak aus seiner Dose und warf sie leicht in die Luft, um damit die Vergänglichkeit sinnbildlich anzudeuten.

»Nicht so viel«, sagte Herr Wititterly, indem er sich mit einem ernsten Gesicht umsah; »nicht eine Prise Tabak würde Sir Tumley Snuffim für Madame Wititterlys Dasein geben.«

Herr Wititterly sagte das mit einer Art von besonnener Begeisterung, als ob es keine kleine Auszeichnung für einen Mann sei, eine Gattin zu besitzen, die sich in einem so verzweifelten Zustande befand. Madame Wititterly aber seufzte und sah aus, als fühle sie die Ehre, die sie ihrem Gemahle damit machte, recht wohl, obschon sie entschlossen sei, sich dieser so wenig als möglich zu überheben.

»Madame Wititterly« – sagte der Gatte – »ist Sir Tumley Snuffims Lieblingspatientin. Ich glaube, wohl behaupten zu dürfen, daß Madame Wititterly die erste war, die die neue Arznei einnahm, von der man glaubt, sie hätte eine ganze Familie in den Kensingtonkiesgruben getötet. Ich glaube, sie war’s. Wenn ich im Irrtum bin, liebe Julia, so wirst du mich verbessern.«

»Ja, ich glaube, daß ich die erste war«, sagte Madame Wititterly mit schwacher Stimme.

Da es zweifelhaft erscheinen mochte, ob Sir Mulbcrry sich gut in diese Unterhaltung finden könne, so warf sich der unermüdliche Herr Pyke selbst in die Bresche und fragte, um doch wenigstens etwas dazu zu sagen, ob denn die eben erwähnte Arznei gut zu nehmen wäre.

»Nein, Sir – nicht im geringsten. Sie hatte nicht einmal diese Empfehlung«, antwortete Herr Wititterly.

»Madame Wititterly ist eine wahre Märtyrerin«, bemerkte Pyke mit einer höflichen Verbeugung.

»Ich glaube das selber auch«, versetzte Madame Wititterly lächelnd.

»Und ich gleichfalls, meine liebe Julia«, entgegnete der Gatte in einem Ton, der anzudeuten schien, daß er zwar nicht eitel sei, aber doch auf seinen Vorrechten bestehen wolle. »Wenn mir jemand, Mylord«, fügte Herr Wititterly mit einer Wendung gegen Seine Herrlichkeit bei, »wenn mir jemand einen größeren Märtyrer als Madame Wititterly zeigen will, so kann ich weiter nichts sagen, als daß es mich freuen würde, diesen Märtyrer, sei er nun ein männlicher oder ein weiblicher, zu sehen – das ist alles, Mylord.«

Pyke und Pluck bemerkten hierauf sogleich, daß man nicht mehr von ihm verlangen könne. Da aber der Besuch bereits schon ziemlich lange gedauert hatte, so gehorchten sie Sir Mulberrys Wink und standen auf, um sich zu entfernen. Das brachte auch Sir Mulberry selbst und Lord Verisopht auf die Beine. Man tauschte viele Freundfchaftsbeteuerungen aus und sprach von dem Vergnügen, das man sich unausbleiblich von einer so angenehmen Bekanntschaft versprach. Endlich entfernte sich der Besuch unter der erneuerten Versicherung, daß sich das Haus der Wititterlys zu jeder Tageszeit sehr geehrt fühlen würde, so unschätzbare Gäste unter seinem Dach zu empfangen.

Daß sie zu jeder Tageszeit kamen – daß sie das eine Mal in Herrn Wititterlys Hause dinierten, das andere Mal soupierten, dann wieder dinierten, kurz, beständig ab- und zugingen – daß gemeinschaftliche Vergnügungausflüge und zufällige Begegnungen an öffentlichen Orten stattfanden – daß bei all diesen Anlässen Fräulein Nickleby den beharrlichen Verfolgungen Sir Mulberrys ausgesetzt war, der seine Ehre sogar bei seinen Helfershelfern gefährdet glaubte, wenn es ihm nicht gelänge, den Stolz des Mädchens kirre zu machen – daß sie nur dann Ruhe hatte, wenn sie sich in ihrem einsamen Kämmerlein über die Prüfungen des Tages ausweinen konnte – all das waren Folgen, die notwendig aus Sir Mulberrys wohlüberlegten Plänen und einer geschickten Ausführung derselben durch seine Handlanger, die Herren Pyke und Pluck, entstehen mußten.

So ging es vierzehn Tage lang fort. Wir brauchen aber kaum zu bemerken, daß jeder, der nicht an der höchsten Beschränktheit und Geistesarmut litt, bei der ersten Begegnung erkennen mußte, wie wenig Lord Verisopht und Sir Mulberry Hawk, obgleich beide dem höheren Adel angehörten, an gute Gesellschaft gewöhnt waren, und wie wenig ihr Benehmen, ihre Bildung und ihre Unterhaltung in Gesellschaft von Namen zu glänzen vermochten. Aber für Madame Wititterly waren die beiden Titel vollkommen hinreichend. Die Roheit galt als Humor, die Gemeinheit milderte sich zur bezauberndsten Originalität, und die Unverschämtheit wurde als unbefangener Freimut betrachtet, den nur solche sich anzueignen vermögen, die das Glück gehabt haben, sich in höheren Kreisen zu bewegen.

Wenn sich die Gebieterin die Aufführung ihrer neuen Freunde in dieser Weise deutete, was durfte dann wohl eine Gesellschafterin gegen diese einwenden? Wenn die seinen jungen Herrchen sogar der Dame des Hauses gegenüber sich alles Zwanges begaben, um wie viel rückhaltsloser mußte dann nicht ihr Benehmen gegen eine bezahlte Dienerin sein! Aber das war noch nicht das Schlimmste. Als Sir Mulberry Hawk seine Maske immer mehr und mehr ablegte und Käthchen seine ausschließliche Aufmerksamkeit zuwendete, fing Madame Wititterly an, auf die überlegenen Reize ihres Dienstboten eifersüchtig zu werden. Wenn dieses Gefühl zu einer Verbannung aus dem Besuchszimmer, sobald derartige Gesellschaft zugegen war, geführt haben würde, so hätte sich Käthchen dazu nur Glück wünschen können. Aber unglücklicherweise besaß sie jene angeborene Anmut, jenen wahren Adel des Benehmens und jene tausend namenlosen Vorzüge, die dem Weibe den schönsten Reiz geben: und da diese allenthalben Anerkennung finden, so mußte dies um so mehr in einem Hause der Fall sein, wo die Gebieterin nur eine belebte Puppe war. Für Käthchen folgte daraus ein zweifaches Leiden, einmal daß sie ein unentbehrliches Gesellschaftsglied war, wenn Sir Mulberry und seine Freunde das Haus mit einem Besuch beehrten, und dann, daß sie aus demselben Grund alle üblen Launen der Dame Wititterly zu tragen hatte, sobald die feine Gesellschaft fort war. Sie fühlte sich daher ganz und gar unglücklich.

Madame Wititterly hatte hinsichtlich des Sir Mulberry die Maske nie abgeworfen, sondern jedesmal ein Übermaß ihrer üblen Laune, wie Damen bisweilen zu tun pflegen, einer nervösen Verstimmtheit zugeschrieben. Als aber endlich der schreckliche Gedanke in ihrem Geist zu dämmern und allmählich zur Gewißheit zu werden begann, daß Lord Verisopht gleichfalls in Käthchen verliebt sei, und sie nur eine ganz untergeordnete Rolle spiele, so überkam sie auf einmal ein solches Übermaß von zartem Anstandsgefühl und hoher tugendhafter Entrüstung, daß sie es für ihre Pflicht betrachtete, als eine verheiratete Frau und als ein sittlich reines Glied der Gesellschaft »der jungen Person« die Sache ohne Zögerung vorzuhalten.

Demgemäß nahm Madame Wititterly des andern Morgens während einer Pause im Romanlesen die Gelegenheit wahr.

»Mamsell Nickleby«, sagte Madame Wititterly, »ich muß ein ganz ernstes Wörtchen mit Ihnen reden. Es tut mir leid, dazu genötigt zu sein – in der Tat sehr leid; aber Sie lasÿsen mir keine andere Wahl, Mamsell Nickleby.«

Hier warf Madame Wititterly ihren Kopf in die Höhe – nicht leidenschaftlich, sondern nur tugendhaft – und bemerkte mit einigem Anschein von Aufregung, daß sie eine Rückkehr ihres Herzklopfens befürchte.

»Ihr Benehmen, Mamsell Nickleby«, nahm die Dame wieder auf, »ist sehr weit entfernt, sich meines Beifalls zu erfreuen – ja, sehr weit. Ich bin auf Ihre Wolfahrt ängstlich bedacht, aber verlassen Sie sich darauf, Mamsell Nickleby, daß Sie Ihr Glück selbst verscherzen, wenn Sie so fortfahren.«

»Madame!« rief Käthchen stolz.

»Regen Sie mich nicht auf, indem Sie in diesem Tone mit mir sprechen, Mamsell Nickleby«, sagte Madame Wititterly, »oder Sie werden mich zwingen, die Klingel zu ziehen.«

Käthchen blickte ihre Gebieterin an und schwieg.

»Glauben Sie ja nicht, Mamsell Nickleby«, fuhr Madame Wititterly fort, »daß Sie mich durch derartige Blicke verhindern werden, das auszusprechen, was ich für eine heilige Pflicht halte. Sie brauchen mich nicht so anzusehen –« fügte sie mit einem plötzlichen Hohnausbruch bei – »ich bin nicht Sir Mulberry, nicht Lord Friedrich Verisopht, Fräulein, und ebensowenig Herr Pyke oder Herr Pluck.«

Käthchen sah sie wieder an, aber weniger fest als früher. Dann stützte sie ihren Ellbogen auf den Tisch und bedeckte mit der Hand ihre Augen.

»Wenn etwas Derartiges zur Zeit meiner Jugend vorgefallen wäre«, sagte Madame Wititterly – wir bemerken nebenbei, daß darüber eine ziemliche Frist hingeschwunden sein mochte –, »so würde es in der Tat kein Mensch geglaubt haben.«

»Ach, es wird auch kein Mensch glauben, zu welchen Leiden ich verdammt zu sein scheine, wenn er es nicht mit mir fühlen kann!« flüsterte Käthchen.

»Sprechen Sie mir nicht von ›verdammt zu sein scheinen‹ und ›leiden‹, Mamsell Nickleby, wenn ich bitten darf«, sagte Madame Wititterly mit einer Schrillheit des Tones, die bei einer so gebrechlichen Dame wirklich ungemein überraschen mußte. »Ich will keine Erwiderung, Mamsell Nickleby. Ich bin an Erwiderungen nicht gewöhnt und werde sie auch keinen Augenblick dulden. – Hören Sie?« fügte sie bei, indem sie etwas inkonsequent dennoch eine Erwiderung zu erwarten schien.

»Ich höre es allerdings, Madame«, versetzte Käthchen, »und zwar mit einer Überraschung, die ich nicht auszudrücken vermag.«

»Ich habe Sie immer als eine für Ihre Stellung besonders wohlanständige junge Person betrachtet«, entgegnete Madame Wititterly; »und da Sie gesund aussehen, ordentlich in Ihrer Kleidung sind und dergleichen, so habe ich ein Interesse an Ihnen genommen und tue es auch noch, da ich dieses für eine Art von Pflicht halte, die ich der achtbaren alten Frau, Ihrer Mutter, schuldig bin. Aber eben deshalb, Mamsell Nickleby, muß ich Ihnen ein für allemal sagen und Sie bitten, daß Sie sich meine Worte zu Herzen nehmen. Ich verlange durchaus, daß Sie Ihr dreistes Benehmen gegen die Herren, die dieses Haus besuchen, ändern. Es ist in der Tat nicht passend« – fuhr Madame Wititterly fort, indem sie während dieser Worte ihre keuschen Augen schloß – »es ist unschicklich, äußerst unschicklich!«

»Ach!« rief Käthchen, indem sie ihre Augen gen Himmel richtete und die Hände zusammenschlug, »muß auch diese grausame Prüfung noch über mich kommen? Ist es nicht genug, daß ich Tag und Nacht gelitten und geduldet habe, und daß ich mich fast selber verachten mußte aus Scham, mit solchen Leuten in Berührung gebracht worden zu sein! Muß auch diese ungerechte und ganz grundlose Beschuldigung auf mein Haupt fallen?«

»Wollen Sie sich erinnern, Mamsell Nickleby«, sagte Madame Wititterly, »daß Sie mich geradezu einer Unwahrheit beschuldigen, wenn Sie sich Ausdrücke wie ›ungerecht‹ und ›grundlos‹ – erlauben.«

»Das ist auch meine Absicht«, versetzte Käthchen mit edlem Unwillen. »Es ist mir gleichgültig, ob Sie aus eigenem Antrieb oder aus Veranlassung anderer mir einen solchen Vorwurf machen – jedenfalls ist er so niederträchtig wie böswillig unwahr. Ist’s möglich«, rief Käthchen, »daß eine meines eigenen Geschlechts zusehen und nicht bemerken konnte, welchen Jammer mir diese Menschen bereiteten? Ist es möglich, daß Sie, Madame, anwesend sein konnten, ohne die beleidigende Dreistigkeit, die aus jedem ihrer Blicke sprach, zu gewahren? Konnte es Ihnen entgehen, daß diese Wüstlinge, die alle Achtung gegen Sie, gegen ihre eigene Ehre und gegen alles Schicklichkeitsgefühl beiseite setzten, bei ihrem Eindringen in Ihr Haus nur einen bestimmten Zweck hatten, der darin besteht, ihre Absichten gegen ein freund- und hilfloses Mädchen auszuführen, das, sogar ohne dieses demütigende Geständnis, Beistand und Teilnahme von einer so viel älteren Frau hätte sollen erwarten dürfen? Nein – nein, ich kann es nicht glauben, daß Sie von all dem nichts bemerkten!«

Wenn das arme Käthchen nur die mindeste Menschenkenntnis besessen hätte, so würde sie es doch gewiß, trotz der Aufregung, in die sie gesetzt worden war, nicht gewagt haben, so unüberlegte Äußerungen fallen zu lassen. Der Erfolg war auch genau so, wie ihn jeder von mehr Weltkenntnis voraussehen konnte. Madame Wititterly hatte den Angriff auf ihre Wahrheitsliebe mit musterhafter Ruhe hingenommen und Käthchens Schilderung ihrer eigenen Leiden mit dem größten Heldenmut mit angehört. Als aber Käthchen auf die geringe Achtung hindeutete, mit der sie von den Herren behandelt wurde, zeigten sich bereits Symptome heftiger Erregung, und als diesem Schlage gar eine Hinweisung auf ihr höheres Alter folgte, so fiel sie unter jämmerlichem Kreischen auf das Sofa zurück.

»Was gibt’s?« rief Herr Wititterly, ins Zimmer stürzend. »Himmel – was sehe ich! Julia! Julia! Blicke auf, mein Herz – blicke auf!«

Da aber Julia durchaus nicht aufblicken wollte und nur um so lauter schrie, so zog Herr Wititterly die Klingel und tanzte wie wahnsinnig um das Sofa herum, auf dem Madame Wititterly lag, wobei er ohne Unterlaß nach Sir Tumley Snuffim rief und fortwährend nach einer Erklärung des Auftritts fragte.

»Lauf zu Sir Tumley!« rief Herr Wititterly dem Boy mit drohend geschwungenen Fäusten zu.

»Ich wußte es wohl, Mamsell Nickleby«, fuhr er mit melancholisch-triumphierender Miene fort, daß diese Gesellschaft zu viel für sie sein würde. Da ist alles Geist und Leben, jedes Wort, das gesprochen wird.«

Mit dieser Versicherung nahm Herr Wititterly seine hingestreckte Gattin auf und schleppte sie nach ihrem Bett.

Käthchen wartete, bis Sir Tumley Snuffim seinen Besuch gemacht und den Bericht erstattet hatte, daß Madame Wititterly durch die Dazwischenkunft einer gnädigen Vorsehung – Sir Tumleys eigene Worte – in Schlaf verfallen sei. Sie kleidete sich dann hastig zum Ausgehen an, versprach in ein paar Stunden zurückzukommen und eilte dem Hause ihres Onkels zu.

Ralph Nickleby hatte einen guten – einen ganz glücklichen Tag gehabt. Er ging in seinem kleinen Hinterzimmer mit auf dem Rücken zusammengeschlagenen Armen auf und ab und berechnete im Kopf all die Summen, die er aus dem Geschäfte des Morgens ergaunert hatte oder zu ergaunern hoffte. Sein Mund verzog sich dabei zu einem harten, strengen Lächeln, und das Eherne der Linien desselben wie auch der verschmitzte Blick seines ruhigen, stechenden Auges schienen anzudeuten, daß er es nicht an Pfiffen und Schlichen fehlen zu lassen gedächte, wenn dadurch der Gewinn vergrößert werden könnte.

»Sehr gut!« dachte Ralph, ohne Zweifel in Beziehung auf irgendeinen Vorfall des Tages. »Er bietet dem Wucherer Trotz – wirklich? Nun wir werden ja sehen. Ehrlichkeit ist die beste Klugheit‘ – meinst du? Auch das können wir probieren.«

Er hielt eine Weile inne und setzte dann seinen Spaziergang wieder fort.

»Er begnügt sich«, setzte Ralph sein Selbstgespräch fort, indem er den Mund zu einem milderen Lächeln verzog, »seinen anerkannt ehrenwerten Charakter gegen die Macht des Geldes ankämpfen zu lassen – der Treber, wie er es nennt. Ha! ha! Was für ein Dummkopf muß der Kerl sein – Treber – gar Treber! – Wer ist da?«

»Ich«, versetzte Newman Noggs hereinsehend. »Ihre Nichte.«

»Was ist mit ihr?« fragte Ralph scharf.

»Sie ist hier.«

»Hier?«

Newman winkte mit dem Kopf gegen sein kleines Gemach, um dadurch anzudeuten, daß sie dort harre.

»Was will sie?« fragte Ralph.

»Weiß nicht«, entgegnete Newman. »Soll ich fragen?« fügte er rasch bei.

»Nein«, erwiderte Ralph. »Führen Sie sie her – doch halt!«

Er stellte hastig eine mit einem Vorlegschloß versehene Geldkasse, die auf dem Tische stand, beiseite, und legte statt ihrer einen leeren Geldbeutel hin.

»So«, sagte Ralph; »jetzt kann sie hereinkommen.«

Newman schnitt eine grinsende Fratze ob dieses Manövers, winkte der Dame hereinzutreten, stellte ihr einen Sitz hin und hinkte langsam hinaus, indem er Ralph über die Achseln verstohlen einen Nick zuwarf.

»Nun«, begann Ralph in ziemlich rauhem Ton, obgleich in seinem Benehmen mehr Freundlichkeit lag, als er gegen sonst jemanden an den Tag gelegt haben würde: »nun, meine – Liebe. Was gibt’s?«

Käthchen schlug ihre in Tränen schwimmenden Augen auf und gab sich alle Mühe, ihre Erregung niederzukämpfen und zu sprechen – aber umsonst. Sie ließ ihren Kopf sinken und schwieg. Sie hatte ihr Gesicht mit den Händen bedeckt, aber Ralph konnte sehen, daß sie weinte.

»Ich kann den Grund erraten«, dachte Ralph, nachdem er sie eine Weile schweigend angeblickt hatte: »ja, ich kann – ich kann den Grund erraten. Je nun« – meinte er dann weiter, denn der Anblick des Kummers seiner schönen Nichte hatte ihn ganz aus der Fassung gebracht –, »was hats viel zu sagen? Ein paar Tränen – und außerdem ist’s eine herrliche Lehre für sie – eine herrliche Lehre.«

»Was führt dich zu mir?« fragte Ralph, indem er ihr gegenüber einen Stuhl hinstellte und sich niederließ.

Er fuhr jedoch etwas zurück ob der plötzlichen Festigkeit, mit der Käthchen aufsah und ihm antwortete.

»Was mich zu Ihnen führt, Sir«, sagte sie, »ist von der Art, daß es Ihnen das Blut in die Wangen jagen und Ihr Gesicht glühen machen muß, wenn Sie es hören, wie es auch die gleiche Wirkung auf mich übt, wenn ich es erzähle. Ich bin mißhandelt worden; meine Gefühle wurden verletzt, gekränkt, unheilbar verwundet – und zwar durch Ihre Freunde.«

»Freunde?« rief Ralph mit Nachdruck. »Ich habe keine Freunde, Mädchen.«

»Nun denn – durch die Männer, die ich hier sah«, entgegnete Käthchen rasch. »Wenn es nicht Ihre Freunde waren und Sie diese kannten – ach, um so mehr Schande für Sie, Onkel, daß Sie mich in ihre Gesellschaft brachten. Wäre ich dem, was mir hier widerfuhr, durch irgendein übel angebrachtes Vertrauen oder eine unvollkommene Kenntnis Ihrer Gäste ausgesetzt worden, so würden Sie sich kaum zu entschuldigen vermögen. Wenn Sie es aber taten, während Sie den Charakter dieser Menschen kannten – wie ich jetzt glauben muß –, so war es eine Unmenschlichkeit und Niederträchtigkeit, die nicht ihresgleichen hat.«

Ralph rückte bei dieser unverhohlenen Sprache in höchstem Erstaunen seinen Stuhl etwas zurück und betrachtete Käthchen mit strengem Blick. Sie begegnete aber demselben mit Stolz und Festigkeit, und obgleich ihr Antlitz äußerst blaß war, so erschien es doch in seiner Aufregung edler und schöner als je.

»Es ist etwas von dem Blut des Knaben in dir, wie ich bemerke«, sagte Ralph in seinem rauhesten Ton, da ihn etwas in ihrem blitzenden Auge an sein letztes Zusammentreffen mit Nicolaus erinnerte.

»Ich hoffe es«, versetzte Käthchen, »und darf stolz darauf sein. Ich bin jung, Onkel, und die Not und der Kummer meiner Lage haben es niedergehalten. Aber heute hat es allen Zwang durchbrochen, und – mag kommen, was da will – ich werde, so wahr ich das Kind Ihres Bruders bin, diese Kränkungen nicht länger ertragen.«

»Welche Kränkungen, Mädchen?« fragte Ralph mit Schärfe.

»Rufen Sie sich das, was hier an dieser Stelle vorging, ins Gedächtnis und fragen Sie sich selbst«, sagte Käthchen hoch errötend. »Onkel, Sie müssen – und ich bin überzeugt, daß Sie es werden –, Sie müssen mich von dem schändlichen und entehrenden Umgang befreien, dem ich bis jetzt ausgesetzt war. – Es ist nicht meine Absicht«, fuhr Käthchen fort, indem sie auf den Alten zueilte und ihre Hand auf seine Schulter legte, »es ist nicht meine Absicht, leidenschaftlich und heftig zu sein, und ich bitte um Verzeihung, wenn es den Anschein hatte, lieber Onkel. Aber Sie wissen in der Tat nicht, was ich erduldet habe. Sie kennen das Herz eines jungen Mädchens nicht – und ich kann dies auch unmöglich von Ihnen verlangen; aber ich bin überzeugt, daß Sie mir helfen werden, wenn ich Ihnen sage, daß ich elend bin und daß mein Herz bricht. Ja, gewiß – gewiß, Sie werden mir helfen.«

Ralph sah sie einen Augenblick an, wandte dann den Kopf seitwärts und stampfte heftig mit dem Fuß auf den Boden.

»Ich habe von einem Tag auf den andern gehofft«, sagte Käthchen, indem sie sich über ihn hinbeugte und ihre kleine Hand schüchtern in die seine legte, »diese Verfolgung würde ein Ende nehmen. Ein Tag verstrich um den andern, und ich mußte sogar heiter scheinen, trotz der tiefen Wunde in meinem Herzen. Ich hatte niemanden, bei dem ich mir Rat holen oder Schutz suchen konnte. Die Mutter hält diese Menschen für achtbar, reich und angesehen; und wie kann ich – wie kann ich sie enttäuschen – da sie sich in diesem Wahn so glücklich fühlt – das einzige Glück, das sie hat? Die Dame, in deren Haus Sie mich untergebracht haben, ist keine Frau, der ich eine Angelegenheit von so zarter Natur anvertrauen könnte, und ich komme daher zu Ihnen, dem einzigen Freund, der mir nahe ist – fast dem einzigen Freund, den ich überhaupt besitze –, um Ihre Hilfe, Ihren Beistand zu erflehen.«

»Und wie könnte ich dir beistehen, Kind?« versetzte Ralph, indem er von seinem Stuhle aufstand und wieder im Zimmer auf und ab ging.

»Ich weiß. Sie haben Einfluß bei einem dieser Männer«, entgegnete Käthchen mit Nachdruck. »Würde nicht ein Wort aus Ihrem Munde sie veranlassen, von ihrem unmännlichen Benehmen abzustehen?«

»Nein«, erwiderte Ralph, indem er sich plötzlich umwandte – »wenigstens das – ich kann nicht über die Sache mit ihm sprechen, selbst wenn sich ein Erfolg davon versprechen ließe.«

»Sie können nicht?«

»Nein«, sagte Ralph, der mit einem Male regungslos stillstand und seine Hände hinter dem Rücken noch dichter zusammenklammerte, »ich kann es nicht.«

Käthchen trat ein paar Schritte zurück und sah ihn an, als zweifle sie, ob sie recht gehört hätte.

»Wir stehen in Geschäftsverbindung«, sagte Ralph, indem er sich abwechselnd auf den Zehen und den Fersen wiegte und seiner Nichte kaltblütig ins Gesicht sah – »ja in Geschäftsverbindung, und ich darf es nicht wagen, sie zu beleidigen. Was ist’s denn auch im Grunde? Wir alle haben unsere Nöte, und das ist eine von den deinigen. Manche Mädchen würden stolz sein, solche Kavaliere zu ihren Füßen liegen zu sehen.«

»Stolz?« rief Käthchen.

»Ich sage nicht«, versetzte Ralph, indem er seinen Zeigefinger erhob, »daß du nicht recht daran tust, sie zÿu verachten. Nein, du zeigst hierin nur dein richtiges Urteil, und in der Tat, ich wußte es voraus, daß du so handeln würdest. Was willst du nun weiter, da deine Stellung in jeder Hinsicht eine behagliche ist? Wie magst du von Leiden sprechen? Wenn dieser junge Lord dir überall nachläuft und dir seine läppischen Albernheiten ins Ohr flüstert – was macht es? Wenn’s auch eine unehrenhafte Leidenschaft ist – nun so sei’s drum – er wird es bald satt haben. Es kommt ihm irgend etwas Neues in dn Wurf, und du bist erlöst. Inzwischen –«

»Inzwischen« – fiel Käthchen mit einem Stolz und mit einer Entrüstung ein, wie sie für ihre Lage paßten – »soll ich die Verachtung meines eigenen Geschlechtes auf mich häufen und das Spielzeug des andern sein – mit Recht verdammt von allen züchtigen Frauen, verachtet von allen ehrenhaften Männern, gesunken in meiner eigenen Achtung und erniedrigt vor jedem Auge, das auf mich blickt. Nein, ich ertrage es nicht länger, und wenn ich mir die Finger bis auf die Knochen abarbeiten und mich den rauhesten und schwersten Arbeiten unterziehen müßte. Mißverstehen Sie mich nicht! Ich will Ihrer Empfehlung keine Unehre machen und in dem Hause bleiben, in dem Sie mich untergebracht haben, bis ich durch die Bedingungen meines Vertrages berechtigt bin, es zu verlassen. Aber merken Sie sich’s, daß ich diese Männer nie wiedersehen werde. Wenn ich das Haus verlasse, so werde ich mich vor jenen Elenden und vor Ihnen verbergen, und ich hoffe dann, indem ich meine Mutter durch harte Händearbeit ernähre, wenigstens im Frieden leben zu können; denn gewiß – Gott wird mich nicht verlassen.«

Mit diesen Worten winkte sie mit der Hand, eilte aus dem Zimmer und ließ Ralph Nickleby regungslos wie eine Steinfigur stehen.

Die Überraschung, womit Käthchen, als sie die Zimmertür schloß, dicht hinter dieser Newman Noggs wie eine Vogelscheuche im Winterquartier kerzengerade in einer kleinen Mauervertiefung stehen sah, hätte ihr fast einen Schrei erpreßt. Aber Newman legte den Finger auf seine Lippen, und so behielt sie Geistesgegenwart genug, an sich zu halten.

»Nicht doch«, sagte Newman, als er aus seinem Winkel hervorschlüpfte und sie über die Hausflur hingeleitete, »Sie müssen nicht weinen – Sie müssen nicht weinen.«

Wir müssen nebenbei bemerken, daß zwei große Tränen in Newmans Wimpern hingen, als er so sprach.

»Ich sehe, wie die Sachen stehen«, fuhr der arme Noggs fort, indem er etwas aus der Tasche zog, was einem alten Wischlappen glich, und damit Käthchens Auge so sanft, als ob sie ein Kind wäre, abtrocknete. »Sie lassen Ihren Tränen jetzt den Lauf. Nun, nun, das ist schon gut und gefällt mir, aber Sie taten recht, vor ihm sich zusammenzunehmen. Ja, ja! Hahaha! Ach ja. Armes Kind! Ach ja. Armes Kind!«

Unter diesen unzusammenhängenden Ausrufen wischte Newman seine eigenen Augen mit dem vorerwähnten Wischlappen und hinkte nach der Haustür, um das Mädchen hinauszulassen.

»Weinen Sie nicht mehr«, sagte Ncwman, »ich werde Sie bald besuchen. Hahaha! Und auch ein anderer soll es tun. Ja, ja! Haha!«

»Gott behüte Sie«, entgegnete Käthchen hinauseilend: »Gott behüte Sie.«

»Sie gleichfalls«, versetzte Noggs, indem er die Tür wieder ein wenig öffnete, um ihr nachrufen zu können: »Hahaha! Hohoho!«

Und Newman Noggs öffnete die Tür abermals, um ihr freudig zuzuwinken und zu lachen; dann schloß er sie, um traurig den Kopf zu schütteln und zu weinen. Ralph blieb in derselben Stellung, bis er die Tür ins Schloß fallen hörte, dann zuckte er die Achseln, ging einigemal im Zimmer hin und her – zuerst rasch, aber allmählich langsamer, je ruhiger er wurde, und setzte sich endlich an seinem Pult nieder.

Es gehört unter die Rätsel der menschlichen Natur, deren man wohl gewahrt, ohne sie jedoch lösen zu können: – obgleich Ralph in jenem Augenblick wegen seines Betragens gegen das unschuldige, aufrichtige Mädchen keine Gewissensbisse fühlte, und obgleich seine zügellosen Kumpane genau das getan, was er erwartet, gewünscht und seinen Zwecken förderlich erachtet hatte, so haßte er sie doch um ihres Betragens willen aus dem Grunde seiner Seele. »Wartet nur«, sagte Ralph, indem er finster zürnend umherblickte und die geballte Hand schüttelte, als die Gesichter der beiden Wüstlinge vor seinem geistigen Auge auftauchten; »ihr sollt mir dafür bezahlen. Oh, ihr sollt mir dafür bezahlen!«

Während der Wucherer sich bei seinen Büchern und Papieren Trost holen wollte, ging vor der Tür seines Bureaus ein Auftritt vor, der ihn nicht wenig überrascht haben würde, wenn er irgendwie hätte Kunde davon erhalten können.

Newman Noggs war die einzige handelnde Person. Er stand in einiger Entfernung von der Tür, der er das Gesicht zukehrte, hatte die Ärmel seines Rockes über die Handgelenke zurückgeschlagen und war eben beschäftigt, die kräftigsten und kunstgerechtesten Hiebe in die leere Luft zu führen.

Bei dem ersten Anblicke hätte das bloß als eine kluge Vorsichtsmaßregel eines zu einer sitzenden Lebensweise bestimmten Mannes erscheinen mögen, der die Absicht hatte, die Brust zu erweitern und seine Armmuskeln zu kräftigen. Aber die lebhafte Freude, die sich in Newman Noggs‘ von Schweiß triefendem Gesicht spiegelte, der wunderbare Nachdruck, womit er seine Schläge fortwährend gegen eine bestimmte Stelle ungefähr fünf Fuß über dem Boden führte, und die unermüdliche Ausdauer, in der er sich abarbeitete, würde einem aufmerksamen Beobachter hinreichend erklärt haben, daß er im Geiste den Körper seines Chefs, des Herrn Ralph Nickleby, windelweich prügelte.

Zweites Kapitel


Zweites Kapitel

Von Herrn Ralph Nickleby, seinen Geschäften und Unternehmungen; desgleichen von einer großen Aktiengesellschaft, die für das ganze Land von höchster Bedeutung ist.

Herr Ralph Nickleby war, im eigentlichen Sinne des Wortes, weder Kaufmann, noch Bankier, noch Notar, und man hätte ihn überhaupt nicht leicht irgendeinem bestimmten Gewerbe zuteilen können. Demungeachtet aber ließ sich aus dem Umstande, daß er in einem geräumigen Hause in Golden Square wohnte, das nebst einer Messingplatte an der Haustür eine zweite viel kleinere an dem Türpfosten linker Hand hatte, die sich an dem Messingmodell einer Kinderhand befand und die Aufschrift »Bureau« trug, entnehmen, daß Herr Ralph Nickleby irgendein Geschäft betrieb oder zu betreiben schien. Dies ging auch noch zum Überfluß aus der weiteren Tatsache hervor, daß zwischen halb zehn und fünf Uhr täglich ein Mann mit einem aschfahlen Gesicht und in einem rostbraunen Anzug zugegen war, der in einem speisekammerähnlichen Gemache am Ende der Hausflur auf einem ungewöhnlich harten Stuhl saß und stets eine Feder hinter dem Ohr hatte, wenn er auf den Ruf der Klingel die Haustür öffnete.

Golden Square ist ziemlich abgelegen; es hat seine Zeit durchlebt und gehört nunmehr unter die herabgekommenen Plätze, so daß nur wenige Geschäftsleute dort ihren Aufenthalt wählen. Die Wohnungen werden meistens vermietet, und die ersten und zweiten Stockwerke gewöhnlich bereits möbliert an ledige Herren abgegeben, die zugleich auch im Hause einen Kosttisch finden. Es ist der vorzugsweise Zufluchtsort der Fremden. Die sonnverbrannten Männergestalten mit großen Ringen, schweren Uhrketten und buschigen Backenbärten, die sich zwischen vier und fünf des Nachmittags unter der Säulenhalle des Opernhauses und um Herrn Seguins Bureau versammeln, sobald er es geöffnet hat, um die Logenbillets auszugeben – all diese leben in Golden Square oder in dessen Nähe. Einige Violinisten und ein Trompeter von der Opernbande haben hier ihren Wohnsitz aufgeschlagen. In den Kosthäusern wird musiziert, und die Töne der Klaviere und Harfen schwimmen in den Abendstunden um das Haupt der trauernden Statue, des Schutzgeistes eines kleinen wirren Buschwerks in dem Mittelpunkt des Platzes. In Sommernächten kann man aus den offenen Fenstern Gruppen von dunklen schnurrbärtigen Gesichtern sehen, die schreckliche Rauchwolken von sich blasen. Die Töne rauher, im Singen sich übender Stimmen unterbrechen die Stille des Abends, und der Rauch aller Sorten von Tabak durchduftet die Luft. Schnupftabak und Zigarren, Flöten, Violinen oder Violoncellos streiten hier miteinander ohne Unterlaß um die Oberherrschaft. Es ist das Reich des Rauches und der Töne. Herumziehende Musikantenbanden fühlen sich in Golden Square wieder neu belebt und erbeben unwillkürlich, wenn sie ihre Stimmen an diesem Ort laut werden lassen.

Dem Anscheine nach eignet sich ein derartiger Platz nicht besonders für einen Geschäftsmann. Aber Herr Ralph Nickleby wohnte bereits seit vielen Jahren hier, ohne daß man je eine Beschwerde von ihm vernommen hätte. Er kannte niemanden in der ganzen Umgebung und niemand kannte ihn, obgleich er in dem Rufe eines unermeßlich reichen Mannes stand. Die Handwerker oder Kaufleute hielten ihn für eine Art von Rechtsgelehrten, und die andern Nachbarn meinten, er wäre ein Generalagent oder so etwas; alle diese Vermutungen waren aber so genau und richtig, wie Mutmaßungen über anderer Leute Angelegenheiten gewöhnlich sind oder zu sein pflegen.

Herr Ralph Nickleby saß eines Morgens, vollständig zum Ausgehen angekleidet, in seinem Bureau. Er trug einen flaschengrünen Umhang über einem blauen Frack, eine weiße Weste, graumelierte Hosen und darüberhergezogene Wellingtonstiefeln. Der Zipfel eines schmalgefältelten Busenstreifs kämpfte sich, als ob er sich mit Gewalt sehen lassen wolle, zwischen dem Kinn und dem obersten Knopfe seines Umhangs hervor, während das besagte Überwämschen nicht weit genug herunterging, um eine lange, aus einer Reihe von einfachen goldenen Ringen bestehende Uhrkette zu verbergen. Diese nahm in dem Griffe einer goldenen Repetieruhr in Herrn Nicklebys Tasche ihren Ursprung und endete in zwei Schlüssel, von denen der eine zu der Uhr selbst und der andere zu irgendeinem Patentvorlegeschloß gehörte. Er trug etwas Puder in den Haaren, als wünsche er, sich dadurch ein wohlwollendes Aussehen zu geben. Wenn dies aber wirklich seine Absicht war, so hätte er wohl auch sein Gesicht pudern müssen, denn in jeder Falte desselben, nicht minder wie in seinen kalten, unsteten Augen lag etwas, was die im Innern hausende Arglist gegen den Willen des Mannes kundgab. Sei dem jedoch, wie ihm wolle – er saß einmal da, und in der Einsamkeit, in der er sich befand, brachten weder Puder noch Falten noch die Augen auch nur den mindesten guten oder schlimmen Eindruck auf irgend jemand hervor, weshalb auch alles dieses vor der Hand von keinem Belange für uns ist.

Herr Nickleby schlug ein auf seinem Pulte liegendes Kontobuch zu, warf sich in seinem Stuhle zurück und blickte mit zerstreuter Miene durch die glanzlosen Fensterscheiben. Einige Häuser in London haben einen trübseligen kleinen Raum hinter sich, der gewöhnlich durch vier hohe, weißgetünchte Mauern umschlossen ist, von denen die Schornsteine zürnend herabblicken. Auf diesem Erdfleckchen welkt alle Jahre ein verkümmerter Baum, der im Spätherbst, wenn andere Bäume ihre Blätter verlieren, tut, als ob er etwas Laub hervorbringen wolle, gar bald aber wieder von seiner Anstrengung abläßt und bis zum nächsten Sommer ausgedörrt dasteht, wo er dann den gleichen Prozeß wiederholt und vielleicht, wenn das Wetter besonders günstig ist, irgendeinen rheumatischen Sperling in Versuchung führt, auf seinen Zweigen zu zirpen. Man nennt diese dunkeln Höfe bisweilen »Gärten«; doch darf man nicht glauben, daß sie jemals angebaut werden, da sie allem Anschein nach nichts weiter als ein unbenutztes Land mit der verwitterten Vegetation des ursprünglichen Tonbodens sind. Niemand denkt daran, an solchen verödeten Plätzen spazierenzugehen oder sie in irgendeiner Weise zu benutzen. Der Mieter wirft vielleicht gleich bei seinem Einzuge – dann aber nimmer – einige Packkörbe, ein halb Dutzend zerbrochener Gläser und ähnlichen Schutt hinein, und da bleibt alles, bis wieder ausgezogen wird, liegen, um unter dem spärlichen Buchsbaum, dem verkümmerten Immergrün und den zerbrochenen Blumentöpfen im Schmutz und Kot nach Belieben zu modern.

Nach einem derartigen Raum blickte Herr Ralph Nickleby, als er, die Hände in die Taschen gesteckt, durch das Fenster sah. Er hatte seine Augen auf eine krumme Tanne geheftet, die irgendein früherer Hausbewohner in eine ehedem grüne Kufe gepflanzt und vor Jahren dagelassen hatte, wo sie nach und nach vom Moder aufgezehrt wurde. Der Anblick hatte gerade nichts Einladendes; aber Herr Nickleby war ganz in düstere Gedanken verloren und betrachtete daher diesen Gegenstand mit weit größerer Aufmerksamkeit, als er solche bei klarerem Bewußtsein vielleicht der seltensten ausländischen Pflanze geschenkt haben würde. Endlich wanderten seine Augen zu einem kleinen schmutzigen Fenster linker Hand, durch das das Gesicht des Schreibers undeutlich sichtbar war; und da dieser Ehrenmann gerade aufblickte, so winkte er diesem, hereinzutreten.

Der Aufforderung entsprechend, erhob sich der Schreiber von dem hohen Stuhle, der von dem ewigen Auf- und Abrutschen wie poliert aussah, und zeigte sich in Herrn Nicklebys Zimmer. Er war ein großer Mann in mittleren Jahren mit einem Paar Glotzaugen, von denen das eine unbeweglich war, einer Karfunkelnase, einem leichenfahlen Gesichte und einem Anzug, der aufs äußerste abgetragen, um ein namhaftes zu knapp und kurz, und mit so wenigen Knöpfen versehen war, daß man sich wohl höchlich verwundern durfte, wie es der Eigentümer anfing, um ihn überhaupt auf dem Leibe zu behalten.

»War das halb ein Uhr, Noggs?« fragte Herr Nickleby mit einer scharfen und unangenehmen Stimme.

»Nicht mehr als fünfundzwanzig Minuten nach der –« Noggs wollte beifügen, nach der Wirtshausuhr; er besann sich jedoch noch und ergänzte den Schluß seiner Rede – »nach der Sonnenzeit.«

»Meine Uhr ist stehengeblieben«, sagte Herr Nickleby, »ohne daß ich mir denken könnte, warum.«

»Nicht aufgezogen«, meinte Noggs.

»Nein, das ist nicht der Fall«, versetzte Herr Nickleby.

»Dann vielleicht zu stark aufgezogen«, entgegnete Noggs.

»Kann auch nicht wohl sein«, entgegnete Herr Nickleby.

»Muß sein«, erwiderte Noggs.

»Nun, meinetwegen«, sagte Herr Nickleby, die Repetieruhr wieder in seine Tasche steckend. »Vielleicht ist’s so.«

Noggs gab einen eigentümlich grunzenden Laut von sich, wie er gewöhnlich am Schlusse eines jeden Wortwechsels mit seinem Herrn zu tun pflegte, um dadurch anzudeuten, daß das Recht auf seiner eigenen Seite sei, und versank darauf, da er selten sprach, ohne daß er angeredet wurde, in ein grämliches Schweigen, wobei er sich langsam die Hände rieb, an den Fingern knackte und sie in allen möglichen Richtungen verdrehte. Der Umstand, daß er diese Manipulationen bei jeder Gelegenheit anbrachte, und daß er dem gesunden Auge denselben starren und ungewöhnlichen Ausdruck zu geben wußte, den das andere besaß, wodurch es unmöglich wurde, zu ermitteln, nach was er sehe, war eine von den zahlreichen Eigentümlichkeiten des Herrn Noggs, der jedem, selbst dem gleichgültigsten Beobachter auf den ersten Blick auffallen mußte.

»Ich will jetzt nach der London Taverne gehen«, sagte Herr Nickleby.

»Öffentliche Versammlung?« fragte Noggs.

Herr Nickleby nickte bejahend und versetzte:

»Ich erwarte einen Brief von meinem Sachwalter wegen Ruddles Pfandverschreibung. Wenn das Schreiben überhaupt eintrifft, so muß es um zwei Uhr hier sein. Ich werde um diese Zeit die City verlassen und auf der linken Seite des Wegs nach Charing-Croß gehen. Wenn also Briefe anlangen, so werden Sie mir dieselben entgegenbringen.«

Noggs nickte, und während er nickte, wurde die Klingel des Bureaus gezogen. Der Herr blickte von seinen Papieren auf, und der Schreiber blieb unbeweglich stehen.

»Man hat geläutet«, sagte Noggs, als halte er es für nötig, seinen Gebieter darauf aufmerksam zu machen. »Zu Hause?«

»Ja.«

»Für jedermann?«

»Ja.«

»Für den Steuereinnehmer?«

»Nein. Er soll ein andermal wiederkommen.«

Noggs ließ sein gewohntes Grunzen vernehmen, was so viel als »ich dacht‘ es ja« sagen sollte, und ging, da das Läuten wiederholt wurde, nach der Tür. Er kehrte übrigens schnell wieder mit einem blassen Herrn, namens Bonney, zurück, der eine sehr schmale weiße Halsbinde ganz nachlässig umgeknöpft trug, mit verwirrten Haaren und ungestümer Hast ins Zimmer trat, und überhaupt aussah, als wäre er in der Nacht aus den Federn geklopft worden, ohne daß er sich zum Ankleiden hätte Zeit nehmen können.

»Mein lieber Nickleby«, sagte der Herr, seinen weißen Hut abnehmend, der mit Papieren so vollgepfropft war, daß er kaum auf dem Kopfe festsitzen konnte – »es ist kein Augenblick zu verlieren; ich habe einen Wagen vor der Türe. Sir Matthäus Pupker übernimmt den Vorsitz, und auf drei Parlamentsmitglieder können wir mit Bestimmtheit rechnen. Ich habe selbst zwei von ihnen wohlbehalten aus dem Bett gebracht, und der dritte, der die ganze Nacht durch bei Crockfords am Spieltische gesessen, ist eben nach Hause gegangen, um seine Wäsche zu wechseln und einige Flaschen Sodawasser zu sich zu nehmen; er wird jedoch bestimmt zur rechten Zeit dort eintreffen, um vor der Versammlung seine Rede zu halten. Die durchwachte Nacht hat ihn zwar in einen etwas aufgeregten Zustand versetzt, aber das hat nichts zu sagen; seine Worte werden dadurch nur um so mehr an Nachdruck gewinnen.«

»Es scheint, man kann sich etwas Nettes von der Sache versprechen«, versetzte Herr Ralph Nickleby, dessen bedächtiges Benehmen in einem scharfen Gegensatz zu der Lebhaftigkeit des andern Geschäftmannes stand.

»Etwas Nettes?« wiederholte Herr Bonney. »Es ist die schönste Idee, die je in eines Menschen Gehirn entsprang. Vereinigte, verbesserte, hauptstädtische, warme Semmel- und Kuchenbäckerei- und pünktliche Ablieferungsgesellschaft. Kapital fünf Millionen in fünfmal hunderttausend Aktien zu je zehn Pfund. Ha, schon der Name wird machen, daß die Aktien in zehn Tagen mit Agio verkauft werden.«

»Und wenn’s so weit ist?« entgegnete Herr Ralph Nickleby lächelnd.

»Wenn’s so weit ist, so wissen Sie so gut wie irgendeine andere lebende Seele, was man damit anzufangen hat, und wie man sich in Zeiten ganz ruhig aus der Sache ziehen kann«, versetzte Herr Bonney, indem er dem Kapitalisten vertraulich auf die Schulter klopfte. »Übrigens, Sie haben da einen gar seltsamen Menschen zum Schreiber.«

»Hm, es ist ein armer Teufel«, sagte Ralph, seine Handschuhe anziehend; »und doch hat Newman Noggs seinerzeit sich Pferde und Jagdhunde gehalten.«

»Ach was!« versetzte der andere gleichgültig.

»Ja«, fuhr Ralph fort, »und zwar vor noch nicht langer Zeit; aber er brachte sein Geld durch, legte es aufs Geratewohl an, borgte auf Zinsen und wurde, mit einem Worte, aus einem vollständigen Narren in kurzer Zeit zu einem Bettler. Er ergab sich dem Trinken, wurde von einem Schlagfluß gerührt und kam dann zu mir, um ein Pfund zu borgen, weil ich zur Zeit, als er noch in besseren Verhältnissen war –«

»Ah, Sie standen damals mit ihm in Geschäftsverbindung?« entgegnete Herr Bonney mit einem bedeutungsvollen Blicke.

»Ganz richtig«, entgegnete Ralph, »Sie werden begreifen, daß ich ihm nichts leihen konnte.«

»Ganz natürlich!«

»Aber ich bedurfte gerade eines Schreibers und Dieners, der die Tür öffnete usw., weshalb ich ihn aus Barmherzigkeit aufnahm, und so ist er denn seitdem hier geblieben. Ich glaube zwar, daß es in seinem Kopf nicht ganz richtig ist«, fügte Herr Nickleby mit einem Blicke affektierten Mitleids bei – »aber er ist mir nützlich genug, der arme Bursche; ich kann ihn zur Not schon brauchen.«

Der weichherzige Mann unterließ es jedoch, hinzuzusetzen, daß der gänzlich verarmte Newman Noggs ihm fast für einen geringeren Lohn diente, als man gewöhnlich einem dreizehnjährigen Knaben zahlt; und in gleicher Weise fand er es nicht für passend, in seiner kurzen Geschichtserzählung des Umstandes zu erwähnen, daß die außerordentliche Schweigsamkeit des Dieners ihn zu einer besonders wertvollen Person an einem Ort machte, wo so viele Geschäfte abgetan wurden, von denen Ralph wünschen mußte, daß diese außer dem Hause nicht zur Sprache kämen. Der andere Herr war jedoch augenscheinlich sehr beeilt, und so verfügten sich denn beide mit einer Hast nach einer Mietdroschke, daß es Herr Nickleby ganz vergaß, solche unwesentlichen Dinge zu erwähnen.

Als sie in der Bischoftorstraße anlangten, trafen sie auf ein sehr rühriges Treiben. Es war ein sehr windiger Tag, und ein halb Dutzend Männer durchzogen mit ungeheuren Papierbogen die Straße, auf denen mit riesigen Buchstaben die Ankündigung zu lesen war, daß Punkt ein Uhr eine öffentliche Versammlung stattfinden würde, um die Zweckmäßigkeit einer Petition an das Parlament hinsichtlich der Vereinigten, verbesserten, hauptstädtischen, warmen Semmel- und Kuchenbäckerei- und pünktlichen Ablieferungsgesellschaft zu beraten, deren Kapital aus fünf Millionen in fünfmal hunderttausend Aktien zu je zehn Pfund bestände. Die genannten Zahlen waren gebührend in gewaltigen schwarzen Ziffern auf den Plakaten gemalt. Herr Bonney brach sich unter den tiefen Bücklingen der Aufwärter, die ihm die Treppe hinauf Platz machten, mit dem Ellenbogen Bahn und gelangte mit Herrn Nickleby in eine Reihe von Gemächern hinter dem großen öffentlichen Vorplatz, In dem zweiten derselben befand sich ein geschäftsmäßig aussehender Tisch, um den mehrere geschäftsmäßig aussehende Personen versammelt waren.

»Hört!« rief ein Herr mit einem doppelten Kinn, als sich Herr Bonney vorstellte – »einen Stuhl, meine Herren, einen Stuhl!«

Die neuen Ankömmlinge wurden mit allgemeinem Beifall aufgenommen. Herr Bonney trat rasch an das Ende des Tisches, nahm seinen Hut ab, strich mit den Fingern durch das Haar und schlug mit einem kleinen Hammer kräftig auf den Tisch, worauf mehrere Herren »Hört!« riefen und sich gegenseitig leicht zunickten, als wollten sie ihre Bewunderung über dieses geistreiche Benehmen ausdrücken. In demselben Augenblicke riß ein Aufwärter in fieberhafter Aufregung geräuschvoll die Tür auf, stürzte in das Gemach und schrie: »Sir Matthäus Pupker!«

Das Komitee stand auf und klatschte vor Freude in die Hände; und während man noch klatschte, trat Sir Matthäus Pupker ein, begleitet von zwei leibhaftigen Parlamentsmitgliedern, einem irischen und einem schottischen. Alle drei lächelten, verbeugten sich und benahmen sich so liebenswürdig, daß es als ein wahres Wunder hätte erscheinen müssen, wenn irgendwer den Mut gehabt hätte, gegen sie zu stimmen. Besonders war Sir Matthäus Pupker, der auf dem Scheitel seines kleinen runden Kopfes eine Flachsperücke trug, von einer solchen Verbeugungswut befallen, daß die Perücke jeden Augenblick herunterzufliegen drohte. Als sich diese Symptome einigermaßen gelegt hatten, drängten sich die Herren, die mit Sir Matthäus Pupker und den beiden Parlamentsmitgliedern näher vertraut waren, in drei kleine Gruppen um sie her, während die, die sich einer solchen Ehre nicht zu erfreuen hatten, sich sehnsüchtig heranmachten und lächelnd die Hände rieben, in der verzweifelten Hoffnung, etwas anbringen zu können, was die Aufmerksamkeit auf sie lenken möchte. Inzwischen teilten Sir Matthäus Pupker und die beiden andern Parlamentsmitglieder den sie umgebenden Kreisen die Auffassungen mit, die die Regierung hinsichtlich der Aufnahme der Bill hege, berichteten ausführlich, was ihnen die Minister, als sie das letztemal bei denselben gespeist, zugeflüstert, und welche bedeutungsvollen Winke sie dabei hätten fallen lassen. Aus all diesen Vorgängen könnten sie nur die Folgerung ziehen, daß, wenn sich die Regierung irgendeinen Gegenstand vorzugsweise zu Herzen nähme, dieser kein anderer sei, als das Gedeihen der Vereinigten, verbesserten, hauptstädtischen, warmen Semmel- und Kuchenbäckerei- und pünktlichen Ablieferungsgesellschaft.

In der Zwischenzeit, während die Verhandlungsvorbereitungen getroffen und die Ordnung, in der die Sprecher auftreten sollten, festgesetzt wurde, betrachtete das Publikum in dem weiten Raume abwechselnd die leere Tribüne und die Damen auf der Musikantengalerie. Da jedoch der größere Teil der Anwesenden sich schon einige Stunden vorher in dieser erbaulichen Weise unterhalten hatte, und da selbst die angenehmste Zerstreuung, wenn sie allzu lange währt, endlich ermüdet, so begannen einige entschlossene Geister den Boden mit ihren Stiefelabsätzen zu bearbeiten und ihre Unzufriedenheit durch verschiedene Rufe an den Tag zu legen. Diese Musik rührte von denen her, die am längsten da waren und daher der Tribüne am nächsten und dem um der Ordnung willen aufgestellten Polizeipersonal am fernsten standen. Da nun das letztere nicht im Sinn hatte, sich durch das Gedränge durchzukämpfen, trotzdem aber den lobenswerten Wunsch hegte, etwas zu tun, um den Tumult zu beschwichtigen, so begann es sofort allmählich das ruhige, in der Nähe der Tür stehende Volk an den Kragen und Rockschößen zu zerren und gelegentlich einige Hiebe und Stöße mit den Amtsstöcken auszuteilen, ganz in der sinnreichen Weise des Meister Polichinell, dessen glänzendes Beispiel bei diesem Zweig der exekutiven Gewalt, sowohl hinsichtlich der Waffengattung, als der Art ihrer Anwendung, so häufig Nachahmung findet.

Es war bereits zu einigen sehr lebhaften Scharmützeln gekommen, als plötzlich ein lauter Ruf die Aufmerksamkeit selbst der kriegführenden Parteien auf sich zog. Jetzt trat durch eine Nebentür eine lange Reihe von Herren mit unbedeckten Häuptern auf die Tribüne, die mit rückwärts gewandten Blicken laute Freudenrufe ausstießen. Die Ursache davon erklärte sich bald in der Erscheinung des Sir Matthäus Pupker und der beiden andern Parlamentsmitglieder, die unter einem betäubenden Geschrei vortraten und sich gegenseitig durch stumme Winke zu verstehen gaben, daß sie in ihrer ganzen öffentlichen Laufbahn nie einen so glorreichen Augenblick wie den gegenwärtigen erlebt hätten.

Endlich ließ der Lärm nach, wiederholte sich aber aufs neue für die Dauer von fünf Minuten bei der Ankündigung, daß Sir Matthäus Pupker zum Präsidenten gewählt sei. Als sich der Tumult abermals beschwichtigt hatte, schickte sich Sir Matthäus Pupker an zu sagen, welche Gefühle ihn bei dieser feierlichen Gelegenheit durchdrängen, was der gegenwärtige Augenblick in den Augen der Welt sein würde, wie groß die Einsicht seiner Mitbürger vor ihm und der Reichtum und die Achtbarkeit seiner ehrenwerten Freunde hinter ihm sein müßten; und endlich, welchen wichtigen Einfluß auf den Wohlstand, das Glück, die Bequemlichkeit, die Freiheit und sogar auf die ganze Existenz eines freien und großen Volkes ein Institut üben könne, wie das der Vereinigten, verbesserten, hauptstädtischen, warmen Semmel- und Kuchenbäckerei- und pünktlichen Ablieferungsgesellschaft.

Nun trat Herr Bonney vor, um die erste Entscheidung zu beantragen. Er fuhr mit der Rechten durch sein Haar, pflanzte seine Linke gar zierlich gegen seine Rippen, vertraute seinen Hut der Sorgfalt des Herrn mit dem doppelten Kinn, der außerdem auch noch die Weinflaschen für die Redner bereit hielt, und erklärte, daß er den ersten Antrag vorzulesen gedenke – »daß nämlich diese Versammlung nur mit Besorgnis und Unruhe auf den gegenwärtigen Stand des Semmelhandels in der Hauptstadt und deren Nachbarschaft blicken könne; daß die Semmeljungen, wie sie gegenwärtig wären, das Vertrauen des Publikums ganz und gar nicht verdienten, und daß das ganze Semmelsystem ebenso benachteiligend für die Gesundheit und Sittlichkeit des Volkes, wie verderblich für die höchsten Interessen einer großen Handelsstadt wären.« Die Rede des ehrenwerten Herrn lockte Tränen aus den Augen der Damen und weckte bei allen Anwesenden die lebhaftesten Empfindungen. Er hatte die Wohnungen der Armen in den verschiedenen Distrikten Londons besucht und auch nicht die mindesten Semmelspuren daselbst aufgefunden, wodurch er sich zu der Annahme berechtigt glaubte, daß manche dieser dürftigen Personen jahraus, jahrein keine Semmel zu kosten bekämen. Er hatte bemerkt, daß unter den Semmelverkäufern Trunkliebe und Ausschweifungen aller Art herrschten, was er der entsittlichenden Natur ihres Geschäftes in dem gegenwärtigen Betrieb desselben zuschrieb. Er hatte die gleichen Laster unter der ärmeren Klasse des Volkes, die doch auch an der Semmelkonsumtion teilnehmen sollte, entdeckt und glaubte den Grund in der Verzweiflung zu finden, die diese Leute antrieb, ein falsches Reizmittel in berauschenden Getränken zu suchen, weil sie nicht in der Lage wären, sich ein so ungemein kräftigendes Nahrungsmittel wie die Semmel zu verschaffen.

Er wollte es auf sich nehmen, vor einem Komitee des Unterhauses zu beweisen, daß eine geheime Verbindung bestehe, um den Preis der Semmeln stets recht hoch zu halten und um deren Austrägern ein Monopol zu verschaffen. Er erklärte sich bereit, dieses durch die eigenen Worte der Verkäufer vor den Schranken dieses Hauses zu beweisen. Er wollte auch dartun, daß diese Menschen sich gegenseitig durch geheime Worte und Zeichen als »Snooks«, »Walker«, »Ferguson«, »Ist Murphy fertig« und dergleichen in ein Einvernehmen setzten. Die Gesellschaft beabsichtige nun, diesem betrübenden Zustand der Dinge abzuhelfen, indem sie erstlich beantrage, daß aller und jeder Privatsemmelverkauf bei schwerer Strafe verboten werde, und zweitens, daß sie selbst das Publikum ausschließlich mit dieser Ware versehe, und zwar so, daß auch die Armen in ihren eigenen Häusern mit Semmeln von vorzüglicher Güte zu herabgesetzten Preisen bedient werden könnten.

Der patriotische Präsident dieser Versammlung, Sir Matthäus Pupker, habe über diesen Gegenstand bereits eine Bill vor das Parlament gebracht, zu deren Unterstützung die gegenwärtige Versammlung beantragt worden sei. Wer diese Bill unterstütze, würde unsterblichen Ruhm und Glanz über England bringen unter dem Namen der Vereinigten, verbesserten, hauptstädtischen, warmen Semmel- und Kuchenbäckerei- und pünktlichen Ablieferungsgesellschaft mit einem Kapital von fünf Millionen in fünfmal hunderttausend Aktien zu je zehn Pfund.

Herr Ralph Nickleby unterstützte diesen Antrag, und ein anderer Herr machte den Vorschlag, daß in dem Aufsatze des Herrn Bonney, wo immer das Wort Semmeln vorkäme, auch die Kuchen beigefügt werden sollten, was auch siegreich durchging. Nur ein Mann im Gedränge rief »nein«, wurde aber dafür auf der Stelle festgenommen und ohne weiteres fortgeschafft.

Der zweite Vorschlag, der die Zweckmäßigkeit einer unmittelbaren Ausrottung aller Semmel- und Kuchenverkäufer – mochten sie nun Männer oder Weiber, Knaben oder Erwachsene, Glockenmänner oder mit keinen Schellen versehene Leute sein – behandelte, wurde durch einen weinerlichen Herrn in halb geistlichem Habit vorgebracht, der mit einem so ergreifenden Pathos sprach, daß er augenblicklich den ersten Sprecher rein ausstach. Man hätte eine Stecknadel – doch, was sage ich, eine Stecknadel! nein, man hätte eine Feder fallen hören können, als er die Grausamkeit schilderte, mit der die Semmeljungen von ihren Herren behandelt würden und die, wie er weislich hervorhob, an sich schon ein hinreichender Grund wäre, um die beantragte, in ihrem Werte nicht genug zu schätzende Gesellschaft zu bilden. Er sagte, die unglücklichen Jungen würden jede Nacht, selbst in der rauhesten Jahreszeit, auf die nassen Straßen hinausgestoßen, um stundenlang ohne Obdach, Nahrung oder warme Bekleidung durch Finsternis und Regen, Hagel und Schnee umherzuwandern, und machte das Publikum insbesondere darauf aufmerksam, daß man die Knaben, völlig verwahrlost, nur ihren eigenen kümmerlichen Hilfsquellen überlasse, während man doch die Semmeln in warme Tücher einschlage. (Schändlich!) Der ehrwürdige Herr erzählte einen Fall von einem Semmeljungen, der diesem unmenschlichen und barbarischen System nicht weniger als fünf Jahre ausgesetzt war und endlich das Opfer einer Erkältung wurde, unter der er immer weiter herunterkam, bis er endlich in einen Schweiß verfiel und wieder genas. Diesen Vorfall konnte er als Augenzeuge bekräftigen. Er hatte aber auch von einem andern viel herzzerreißenderen und schrecklicheren gehört, dessen Wahrheit zu bezweifeln er keinen Grund finden konnte. Er hatte sich von einem verwaisten Semmelknaben erzählen lassen, der durch einen Mietwagen überfahren wurde, sich in dem Krankenhaus den Fuß unter dem Knie abnehmen lassen mußte und im gegenwärtigen Augenblick noch sein Geschäft auf Krücken fortsetzte. O Quell der Gerechtigkeit! sollen diese Abscheulichkeiten nie aufhören?

Dies war der rührendste Teil der Verhandlung, der seine Wirkung auf das Mitgefühl der Versammlung nicht verfehlte. Die Männer riefen Beifall, und die Damen weinten in ihre Taschentücher, bis sie ganz naß, und schwenkten sie so lange, bis sie wieder trocken waren. Die Aufregung war außerordentlich, und Herr Nickleby flüsterte seinem Freunde zu, daß die Aktien bereits jetzt schon fünfundzwanzig Prozent über dem Nennwert anzuschlagen wären.

Der Antrag ging natürlich mit lautem Beifall durch, und jeder bekundete seine Zustimmung mit beiden Händen. Man würde in der Begeisterung sogar beide Beine in die Höhe gestreckt haben, wenn es sich füglich hätte ausführen lassen. Es ging nun an das förmliche Verlesen der Petition, in der – wie bei allen Petitionen – vorkam, daß die Bittsteller sehr untertänig und die Empfänger derselben sehr ehrenwert wären, und daß es sich bei der Frage um das allgemeine Beste handle, weshalb der Antrag alsbald, zum unvergänglichen Ruhme der höchst ehrenwerten und ruhmwürdigen versammelten Unterhaus-Abgeordneten des englischen Parlaments, in Gesetzeskraft treten müsse.

Dann trat der Herr auf, der die ganze Nacht über im Spielhause gesessen und daher etwas verstörten Blicks war, erklärte seinen Mitbürgern, was für eine Prachtrede er zugunsten der Petition zu halten gedächte, wenn sie im Parlament zur Sprache käme, und setzte ihnen auseinander, mit welchem verzweifelten Hohn er die Unterhaus-Abgeordneten behandeln wolle, wenn es ihnen einfallen sollte, den Antrag zu verwerfen. Er drückte sofort sein Bedauern aus, daß seine ehrenwerten Freunde nicht eine Klausel beigefügt hätten, die es allen Klassen der bürgerlichen Gesellschaft zur zwingenden Aufgabe mache, Semmeln und Kuchen zu kaufen; denn er sei kein Freund von halben Maßregeln und ziehe es vor, allenthalben geradedurch unmittelbar aufs Ziel loszugehen; er behalte sich jedoch vor, dem Komitee hierüber seine Vorschläge zu machen. Der ehrenwerte Herr wurde, nachdem er diese Absicht kundgegeben, scherzhaft; und da Patentstiefel, zitronenfarbige, ziegenlederne Handschuhe und ein Pelzkragen einen Spaß wesentlich unterstützen, so erfolgte ungemeines Lachen und lebhafte Heiterkeit, wobei die Taschentücher der Damen auf eine so glänzende Weise mitwirkten, daß der vorhergehende Sprecher mit seiner empfindsamen Rede ganz in den Schatten zu stehen kam.

Als die Petition nach einem abermaligen Verlesen eben förmlich angenommen werden sollte, trat das irische Parlamentsmitglied, ein junger Mann von feurigem Temperament, mit einer Rede auf, wie sie nur ein irisches Parlamentsmitglied halten kann; denn sie war ganz Poesie und schoß in einem solchen Glutstrom dahin, daß man sich schon erwärmt fühlte, wenn man nur den Sprecher ansah. Im Verlauf derselben sagte er, daß er die Ausdehnung dieser großen Wohltat auch auf sein Geburtsland beantragen wolle, für das er, wie bei allen andern, so auch bei dem Semmelgesetz Rechtsgleichheit beanspruche. Auch hoffe er noch den Tag zu erleben, wo Kuchen in Irlands armseligsten Hütten gebacken würden und das Geläut der Semmelglocke dessen reiche, grüne Täler durchtöne.

Nach ihm kam das schottische Parlamentsmitglied mit verschiedenen erfreulichen Hindeutungen auf den wahrscheinlichen Belauf des Gewinns, was die gute Laune, die der dichterische Schwung des Irländers geweckt hatte, nur noch mehr erhöhte. Mit einem Wort, alle diese Reden zusammengenommen bewirkten gerade das, was sie erzielen sollten, und brachten den Zuhörern die Überzeugung bei, daß keine Spekulation so vielverheißend und zu gleicher Zeit so preiswürdig sei als die der Vereinigten, verbesserten, hauptstädtischen, warmen Semmel- und Kuchenbäckerei- und pünktlichen Ablieferungs-Gesellschaft.

So wurde denn die Petition zugunsten der Bill einstimmig angenommen, und die Versammlung ging unter Beifallrufen auseinander. Herr Nickleby und die andern Direktoren verfügten sich nach einem Speisehause, wo sie das gewöhnliche Halbzweiuhrmahl einnahmen, und brachten, da die Gesellschaft erst im Entstehen war, nur je drei Guineen für ihre eigenen Bemühungen bei dieser Sache in Anrechnung.

Neunzehntes Kapitel.


Neunzehntes Kapitel.

Beschreibung eines Diners bei Herrn Ralph Nickleby, und der Art, wie sich die Gesellschaft vor, bei und nach diesem Diner unterhielt.

Die Galle und die Erbitterung der würdigen Mamsell Knag erlitten während des Restes der Woche keine Milderung, sondern mehrten sich vielmehr von Stunde zu Stunde. Auch der ehrenwerte Zorn der jungen Damen steigerte sich oder schien sich doch im gleichen Verhältnisse mit der Entrüstung der alten Jungfrau zu steigern, und beides erreichte jedesmal eine besondere Höhe, wenn Mamsell Nickleby die Treppe hinaufgerufen wurde, woraus sich entnehmen läßt, daß das Los des armen Mädchens keineswegs das glücklichste oder beneidenswerteste war. Sie begrüßte die Ankunft des Sonnabends wie ein Gefangener die wenigen köstlichen Stunden, wann er der langsam ertötenden Qual seines Kerkers entronnen ist, und fühlte, daß der armselige Lohn für die Arbeit der ersten Woche schwer und teuer verdient war, und wenn er auch das Dreifache betragen hätte.

Als Käthchen ihre Mutter wie gewöhnlich an der Straßenecke aufsuchte, war sie nicht wenig überrascht, diese im Gespräch mit Herrn Ralph Nickleby anzutreffen. Aber ihr Erstaunen sollte noch ebensosehr durch den Gegenstand ihrer Unterhaltung, wie durch das geschmeidigere und achtungsvollere Benehmen des Herrn Nickleby verdoppelt werden.

»Ah, meine Liebe, wir sprechen eben von dir«, rief ihr Ralph entgegen.

»Wirklich?« versetzte Käthchen, unwillkürlich vor dem kalten, stechenden Blicke ihres Onkels zurückbebend.

»Ja, ja«, entgegnete Ralph, »ich wollte bei dir vorkommen, ehe du noch Madame Mantalinis Haus verließest; aber ich sprach mit deiner Mutter über Familienangelegenheiten, und da glitt die Zeit so rasch dahin –«

»Ach, war dies wirklich der Fall?« fiel Madame Nickleby ein, ohne den Sarkasmus zu fühlen, womit Ralph diese letzlere Bemerkung betont hatte. »Auf mein Wort, ich hätte es nicht für möglich gehalten, daß eine solche – – liebes Käthchen, du sollst morgen um halb sieben Uhr bei deinem Onkel speisen.«

Überglücklich, diese außerordentliche Neuigkeit zuerst verkündigt zu haben, nickte und lächelte Madame Nickleby zu wiederholten Malen, um die ganze Bedeutsamkeit derselben dem verwunderten Käthchen recht nahe ans Herz zu legen, und schweifte dann unter einem spitzen Winkel auf die für diese Einladung erforderlichen Vorbereitungen ab.

»Laß einmal sehen«, sagte die gute Dame. »Dein schwarzseidenes Gewand wird dich gut genug kleiden, meine Liebe; dann die hübsche kleine Schärpe, ein einfaches Band im Haar und ein Paar schwarzseidene Strümpfe – – ach du mein Himmel«, rief Madame Nickleby, wieder unter einem andern Winkel abspringend, »wenn ich nur meine unglückseligen Amethysten noch hätte! Du erinnerst dich ihrer noch, liebes Käthchen – wie sie funkelten, weißt du? – Aber dein Vater, dein armer, lieber Vater – ach, nie ist etwas so grausam hingeopfert worden als diese Edelsteine – nein, gewiß nie!«

Von diesem schmerzlichen Gedanken überwältigt, schüttelte Madame Nickleby traurig den Kopf und fuhr mit dem Taschentuch nach den Augen.

»Gewiß, Mama, ich bedarf ihrer nicht«, versetzte Käthchen. »Vergessen Sie, daß wir jemals welche hatten.«

»Ach Gott, liebes Käthchen«, entgegnete Frau Nickleby unzufrieden, »du sprichst wie ein Kind. – Vierundzwanzig silberne Teelöffel, Schwager, zwei Saucieren, vier Salzfäßchen, alle Amethysten – Halsband, Busennadel und Ohrringe – alles zu gleicher Zeit fort; und ich sagte fast auf meinen Knien zu der armen, guten Seele: Warum tust du denn nichts, Nicolaus? Warum unternimmst du nichts dagegen? Gewiß, wer damals um mich war, wird mir die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß ich das nicht nur ein einziges Mal, sondern fünfzigmal des Tags zu ihm sagte. Ist’s nicht so, liebes Käthchen? Habe ich je eine Gelegenheit unbenutzt gelassen, es deinem armen Vater ans Herz zu legen?«

»Nein, nein, Mama, gewiß keine«, erwiderte Käthchen.

Auch wir müssen dies Madame Nickleby bezeugen und lassen nebenbei allen verheirateten Damen insgesamt die Gerechtigkeit widerfahren, daß sie nur selten eine Gelegenheit nicht benützen, wo es sich um ähnliche goldene Regeln handelt. Es ist dabei nur schade, daß sie gewöhnlich etwas undeutlich und unbestimmt an den Mann gebracht werden.

»Ach«, sagte Madame Nickleby in großer Aufregung, »wenn er nur gleich anfangs meinen Rat befolgt hätte! Doch ich habe wenigstens stets meine Pflicht wahrgenommen, und das gereicht mir einigermaßen zum Trost.«

Bei dieser Selbstberuhigung angelangt, seufzte Madame Nickleby, rieb die Hände, blickte gen Himmel und nahm schließlich eine demütig gefaßte Miene an, um damit anzudeuten, sie sei eine verfolgte Heilige, wolle aber ihre Zuhörer nicht mit der Erwähnung dieses Umstandes belästigen, da er ja jedermann in die Augen fallen mußte.

»Nun«, sagte Ralph mit einem Lächeln, das, wie alle anderen Ausdrücke seiner Empfindungen, mehr hinter seinem Gesichte zu lauern, als frei sich auf diesem zu entfalten schien – »um auf den Punkt, von dem wir abschweiften, zurückzukommen, so habe ich auf morgen eine kleine Gesellschaft von – von – Herren, mit denen ich gegenwärtig in Geschäftsverbindung stehe, zu Gast gebeten, und deine Mutter versprach mir, daß du das Amt der Hausdame übernehmen würdest. Ich bin an solche Partien nicht besonders gewöhnt, aber die morgige ist eine Geschäftssache, und derartige Torheiten sind bisweilen von Wichtigkeit. Du willigst doch ein, mir eine Gefälligkeit zu erweisen?«

»Einwilligen?« rief Madame Nickleby. »Mein liebes Käthchen, warum –«

»Bitte«, fiel Ralph ein, indem er ihr zu schweigen winkte: »ich spreche mit meiner Nichte.«

»Ich tue es natürlich mit Vergnügen, Onkel«, versetzte Käthchen, »aber ich fürchte, Sie werden mich sehr ungeschickt und verlegen finden.«

»Nicht doch«, entgegnete Ralph. »Du kannst, wenn du willst, in einer Mietkutsche kommen – ich zahle sie. Gute Nacht – und – und – Gott befohlen!«

Der Segenswunsch schien in Herrn Ralph Nicklebys Kehle steckenbleiben zu wollen, als sei er dieser Passage nicht gewohnt und könne den Weg nicht ausfinden. Demungeachtet fand er sich endlich, obgleich ungeschickt genug, zurecht, und nachdem sich der Ehrenmann dieses entledigt hatte, schüttelte er seinen zwei Verwandten die Hände und eilte von hinnen.

»Was für ein ausgeprägtes Gesicht dein Onkel hat«, sagte Frau Nickleby, etwas verdutzt über Ralphs Blicke beim Abschied. »Ich kann bei ihm auch nicht die mindeste Ähnlichkeit mit seinem armen Bruder entdecken.«

»Mama«, erwiderte Käthchen verweisend, »wie mögen Sie nur an so etwas denken?«

»Nein«, entgegnete Madame Nickleby nachsinnend, »ähnlich sieht er ihm nicht, aber es ist doch ein sehr ehrliches Gesicht.«

Die würdige Dame entlud sich dieser Bemerkung mit einer so wichtigen Betonung, als ob solche sie nicht wenig Scharfsinn und Spähergeist gekostet hätte; und in der Tat, die Entdeckung hätte es auch wohl verdient, den außerordentlichsten unseres Jahrhunderts beigezählt zu werden. Käthchen sah hastig auf, ließ aber ebenso rasch ihre Augen wieder sinken.

»Um Gottes willen, was ist denn über dich gekommen, meine Liebe?« sagte Madame Nickleby, als sie schweigend eine Strecke weitergegangen waren.

»Ich habe bloß über etwas nachgedacht«, entgegnete Käthchen.

»Nachgedacht?« wiederholte Frau Nickleby. »Nun ja, wir haben in der Tat Ursache genug nachzudenken. Dein Onkel hat eine große Zuneigung zu dir gefaßt, das ist offenbar: und ich kann nur sagen, daß es mich wundernehmen wird, wenn dir daraus nicht irgendein außerordentliches Glück erwächst.«

Madame Nickleby erging sich hierauf in allerhand Anekdötchen von jungen Damen, denen wunderliche Onkel Tausendpfund-Noten in ihre Strickbeutel gesteckt, und von jungen Damen, die zufällig liebenswürdige Herren von ungeheurem Reichtum in den Häusern ihrer Onkels getroffen und diese nach kurzen, aber glühenden Werbungen geheiratet hatten. Käthchen aber, die im Anfang gleichgültig und nachher mit Vergnügen zuhörte, fühlte allmählich auf ihrem Spaziergange einiges von dem phantastischen Wesen ihrer Mutter in dem eigenen Herzen erwachen, so daß sie anfing, einer glänzenderen Zukunft und schöneren Tagen, die für sie noch aufdämmern könnten, entgegenzusehen. So ist die Hoffnung – eine wahre Himmelsgabe für den leidenden Sterblichen, gleich dem luftigen Äther alles durchdringend. Gutes und Böses – allgemein wie der Tod und ansteckender als die Pest.

Die matte Wintersonne – und Wintersonnen sind wahrlich in der City sehr matt –- hätte wohl heller erglänzen mögen, als sie durch die trüben Fenster des großen alten Hauses schien und Zeuge des ungewöhnlichen Anblicks war, den eines der halbmöblierten Zimmer darbot. In einem düsteren Winkel, wo vordem viele Jahre lang ein stiller, staubiger Warenhaufen lag, der, einer Kolonie von Mäusen Schutz verleihend, düster und leblos den Raum des getäfelten Zimmers beengte und nur, wenn schwere Wagen durch die Straßen rollten, durcheinander schütterte und bebte, so daß die hellen Augen seiner kleinen Bewohner vor Furcht noch heller leuchteten und die erschreckten Tierchen mit aufmerksamem Ohr und klopfendem Herzen regungslos blieben, bis der Lärm vorüber war – in diesem düsteren Winkel lag Käthchens kleiner Schmuck für den Tag aufs sorgfältigste ausgebreitet. Jeder einzelne Putzartikel hatte etwas von jener eigentümlichen und unbeschreiblichen Anmut, die Kleidungsstücke – sei es durch Ideenverbindung, oder weil man sich die Besitzerin darin denkt – in den Augen derer haben, die in ihnen eine schmucke Gestalt kennen oder doch durch ihre Phantasie die leeren Gewänder mit einer solchen ausfüllen. An der Stelle eines vermoderten Warenballens lag das schwarze seidene Kleid, das an sich schon einen allerliebsten Anblick bot. Die kleinen Schuhe mit den zarten Abdrücken der Zehen standen auf derselben Stelle, wo einige alte Eisengewichte Eindrücke in den Dielen zurückgelassen hatten. Ein Haufen groben, mißfarbigen Leders hatte unfreiwillig denselben kleinen schwarzseidenen Strümpfen Platz gemacht, die der Gegenstand von Madame Nicklebys besonderer Sorgfalt gewesen waren. Ratten und Mäuse, nebst ähnlicher kleiner Brut, waren schon längst verhungert oder nach besseren Quartieren ausgewandert, und an ihrer Statt erblickte man Handschuhe, Bänder, Schärpen, Haarnadeln und noch viele andere kleine Erfindungen, die in ihrer Weise ebenso scharfsinnig im Quälen der Menschen sind wie Ratten und Mäuse.

Zwischen alledem bewegte sich Käthchen hin und her, die ungewohnteste, aber keineswegs die am mindesten schöne Zierde des düstern alten Gebäudes.

In guter – oder in schlimmer Zeit, wie es dem Leser beliebt, denn Madame Nicklebys Ungeduld überflügelte die Glocken der Turmuhren bei weitem, und Käthchen hatte bereits anderthalb volle Stunden, ehe es nötig war, nur an den Beginn der Toilette zu denken, ihre letzte Haarnadel festgesteckt – in guter oder in schlimmer Zeit also war die Dame vollständig aufgeputzt. Als nun endlich die zum Aufbrechen bestimmte Stunde erschien, wurde der Milchmann beauftragt, von dem nächsten Standorte eine Mietdroschke zu holen. Käthchen stieg, nachdem sie ihrer Mutter zu wiederholten Malen Lebewohl gesagt und ihr viele freundliche Grüße an Fräulein La Creevy, die zum Tee erwartet wurde, aufgetragen hatte, in die Kutsche und fuhr ganz stattlich von hinnen, wenn man anders in einem Mietwagen stattlich fahren kann. Und die Kutsche und der Kutscher und die Pferde rasselten und quenkelten und peitschten und fluchten und stolperten, bis sie Golden Square erreichten.

Der Kutscher pochte mit einem wuchtigen Doppelschlag an die Tür, die sich, noch ehe er ganz damit zustande gekommen war, so rasch öffnete, als ob jemand mit der Hand auf der Klinke dahinter gestanden hätte. Käthchen, die keine ungewöhnlichere Erscheinung als Newman Noggs mit einem reinen Hemde erwartet hatte, war nicht wenig erstaunt, in dem Manne, der die Tür öffnete, einen Bedienten in schöner Livree zu finden, wie sie denn auch noch zwei oder drei andere in der Hausflur stehen sah. Im Hause konnte man sich indessen nicht geirrt haben, denn Ralphs Name stand an der Tür; und so nahm sie den mit Borten geschmückten Rockärmel, der ihr geboten wurde, an, trat in das Haus und folgte ihrem Führer die Treppe hinauf nach einem hintenhinausgehenden Gesellschaftszimmer, wo sie allein gelassen wurde.

Hatte sie schon die Erscheinung des Dieners überrascht, so konnte sie jetzt über den Reichtum und den Glanz der Einrichtung gar nicht zu sich selber kommen. Die weichsten und elegantesten Teppiche, die ausgesuchtesten Gemälde, die köstlichsten Spiegel und die reichsten Schmuckstücke, deren verschwenderische Pracht die Augen blendete und verwirrte, traten allenthalben ihren Blicken entgegen. Selbst das Stiegenhaus fast bis zur Hausflurtür hinunter war mit schonen und prachtvollen Gegenständen überfüllt, als ob das Haus bis an den Rand voll von Reichtum wäre und bei dem geringsten Zuwachs nach der Straße zu überfließen müßte.

Bald darauf hörte sie eine Reihe von lauten Doppelschlägen an der Haustüre und nach jedem Pochen eine neue Stimme in dem nächsten Zimmer. Die des Herrn Ralph Nickleby war im Anfang leicht zu erkennen; allmählich erstickte sie aber in dem allgemeinen Gesumme der Unterhaltung, und Käthchen konnte nun weiter nichts unterscheiden, als daß einige Herren mit nicht sehr musikalischen Stimmen da waren, die sehr laut sprachen, alle Augenblicke hellauf lachten und mehr schworen, als ihr wahrscheinlich nötig dünkte. Doch das war Geschmackssache.

Endlich ging die Tür auf, und Ralph selbst, nicht wie gewöhnlich in Stiefeln, sondern gar anständig in schwarzseidenen Strümpfen und Schuhen, zeigte sein listiges Gesicht.

»Ich konnte dich nicht früher begrüßen, meine Liebe«, sagte er leise, indem er zugleich auf das nächste Zimmer deutete, »denn ich mußte die da drinnen empfangen. Nun – kann ich dich jetzt vorstellen?«

»Aber lieber Onkel«, sagte Käthchen etwas betreten, wie es wohl auch Leuten gehen mag, die mehr an Gesellschaften gewöhnt sind, wenn sie in ein mit lauter Fremden angefülltes Zimmer treten sollen und vorher Zeit gehabt haben, darüber nachzudenken; »sind auch Damen da?«

»Nein«, versetzte Ralph abgebrochen; »ich kenne keine Damen.«

»Muß ich jetzt gleich hineingehen?« fragte Käthchen, sich ein wenig zurückziehend.

»Wie dir beliebt«, antwortete Ralph mit einem Achselzucken. »Die Gäste sind beisammen, und das Essen wird gleich angehen.«

Käthchen hätte wohl gerne um ein paar Minuten Verzug gebeten; sie bedachte aber, daß ihr Onkel vielleicht die Bezahlung der Kutschenmiete für eine Art Verpflichtung betrachte und dafür von ihrer Seite Pünktlichkeit fordere, und so nahm sie seinen Arm an und ließ sich fortführen.

Als sie eintraten, standen sieben oder acht Herren um das Feuer. Da diese jedoch sehr laut miteinander sprachen, so gewahrten sie die Eingetretenen nicht früher, als bis Herr Ralph Nickleby den einen am Rockärmel berührte und mit rauher und nachdrücklicher Stimme, als wolle er die allgemeine Aufmerksamkeit erregen, begann:

»Lord Friedrich Verisopht – meine Nichte, Fräulein Nickleby.«

Die Gruppe trat überrascht auseinander, und der angeredete Herr, der sich rasch umwandte, zeigte einen Anzug von dem allermodernsten Zuschnitt, einen dito Backen- und Schnurrbart, einen Kopf voll Haare und ein junges Gesicht.

»Ha!« sagte der Herr. »Wa-as – der – Teufel!«

Unter diesen abgebrochenen Ausrufungen heftete er seine Lorgnette vor das Auge und starrte Fräulein Nickleby in großer Überraschung an.

»Meine Nichte, Mylord«, sagte Ralph.

»Wirklich? – täuschen mich meine Ohren nicht, und ist es kein W–a–chsbild?« entgegnete Seine Herrlichkeit. »Wie geht es Ihnen? Ich schätze mich außerordentlich glücklich.«

Und dann drehte sich Seine Herrlichkeit gegen einen andern höchst modernen Herrn, der etwas älter, etwas stämmiger, etwas röter im Gesicht und etwas ausgekochter war, und sagte ihm laut ins Ohr, das Mädchen wäre ›verteufelt hübsch‹.

»Stellen Sie mich vor, Nickleby«, sagte dieser Herr, der mit dem Rücken gegen den Kamin lehnte und beide Ellenbogen auf das Gesimse stützte.

»Sir Mulberry Hawk«, sagte Ralph.

»Der bekannteste Gentleman in der ganzen Sta–adt, Fräulein Nickleby«, fügte Lord Verisopht bei.

»Vergessen Sie mich nicht, Nickleby«, rief ein Herr mit einem scharfen Gesichtszug, der auf einem niedrigen Stuhl mit hoher Lehne saß und eine Zeitung las.

»Herr Pyke«, sagte Ralph.

»Mich auch nicht, Nickleby«, rief ein anderer geschniegelter Herr mit einem roten Gesicht, der an Sir Mulberry Hawks Seite stand.

»Herr Pluck«, sagte Ralph.

Dann wandte er sich gegen einen Herrn mit einem Storchhals und den Beinen eben keines besonderen Tieres und stellte ihn als den ehrenwerten Herrn Snobb, – wie auch einen an dem Tisch sitzenden Mann in weißen Haaren als den Obersten Chowser vor. Der Oberst war im Gespräch mit irgend jemand, der nur eine Zugabe zu sein schien und daher nicht vorgestellt wurde.

Schon jetzt fielen unserem Käthchen zwei Umstände ungemein auf, und das Blut schoß ihr dabei glühend nach dem Gesicht: einmal die unbekümmerte Verachtung, womit die Gäste augenscheinlich ihren Onkel behandelten, und dann die leichtfertige Unverschämtheit ihres Benehmens gegen sie selbst. Auch ließ sich leicht voraussehen, daß die erstere höchstwahrscheinlich noch zu einer Verschlimmerung des zweiten führte. Und hier hatte Herr Ralph Nickleby die Rechnung ohne den Wirt gemacht! denn mag ein Mädchen von nur einiger Erziehung auch frisch vom Lande weggekommen und mit dem konventionellen Benehmen durchaus unbekannt sein, so ist doch die größte Wahrscheinlichkeit vorhanden, daß ihr angeborenes Schicklichkeitsgefühl sie über das, was sich im Leben ziemt, ebensogut belehrt, als ob sie ein ganzes Dutzend Saisons in London mitgemacht hätte – ja vielleicht noch besser: denn man hat Beispiele, daß ein derartiges Gefühl durch die angedeutete Verbesserungslaufbahn ziemlich abgestumpft wurde.

Als Ralph die Zeremonie der Einführung beendigt hatte, führte er seine errötende Nichte zu einem Platz, indem er zugleich einen schlauen Blick um sich warf, als wolle er sich überzeugen, welchen Eindruck ihre unerwartete Erscheinung gemacht hatte.

»Ein unverhoffter Zeitvertreib, Nickleby«, sagte Lord Verisopht und nahm die Lorgnette von seinem rechten Auge, wo sie bis jetzt Käthchen gegenüber ihre Pflicht getan, um sie an das linke bringen und Ralph betrachten zu können.

»Er hatte die Absicht, Sie zu überraschen, Lord Friedrich«, entgegnete Herr Pluck.

»Keine üble Idee«, meinte Seine Herrlichkeit, »die sogar eine Beifügung von noch weiteren dritthalb Prozenten rechtfertigen würde.«

»Nickleby«, sagte Sir Mulberry Hawk mit dicker, heiserer Stimme, »benutzen Sie den Wink, schlagen Sie dieses Geständnis des edlen Lords zu den andern fünfundzwanzig, oder wieviel es ausmachen mag, und geben Sie mir die Hälfte für meinen Rat.«

Sir Mulberry verzierte seine Worte mit einem heiseren Lachen und schloß diese mit einem scherzhaften Fluch über Herrn Nicklebys Gliedmaßen, worüber die Herren Pyke und Pluck sich fast totlachen wollten.

Diese Herren hatten sich von ihrer Heiterkeit noch nicht ganz erholt, als gemeldet wurde, daß aufgetragen sei, worauf sie durch eine ähnliche Scherzrede aufs neue in einen Lachkrumpf gerieten. Dann schoß Sir Mulberry Hawk im Übermaß seiner guten Laune gewandt an Lord Friedrich Verisopht, der eben Käthchen die Treppe hinunterführen wollte, vorbei und legte ihren Arm in den seinigen.

»Nein, zum Teufel, Verisopht«, sagte Sir Mulberry, »ich lobe mir ein ehrliches Spiel. Fräulein Nickleby und ich haben die Sache schon vor zehn Minuten mit den Augen abgemacht.«

»Ha! ha! ha!« lachte der ehrenwerte Herr Snobb, »sehr gut, sehr gut.«

Sir Mulberry Hawk, der durch diesen Beifall noch witziger wurde, schielte schalkhaft nach seinen Freunden und führte Käthchen mit einem so vertraulichen Wesen die Stiege hinunter, daß in dem edlen Herzen des Mädchens ein Abscheu und eine Entrüstung aufflammten, die sie fast nicht zu unterdrücken vermochte. Die Gewalt dieser Gefühle wurde auch nicht im mindesten gedämpft, als man ihr einen Platz oben an der Tafel zwischen Sir Mulberry Hawk und Lord Verisopht anwies.

»Ah, Sie haben auch den Weg in unsere Nachbarschaft gefunden«, sagte Sir Mulberry, als sich Seine Herrlichkeit niederließ.

»Natürlich«, versetzte Lord Friedrich, seine Augen auf Fräulein Nickleby heftend, »wie mögen Sie nur fra–a–gen?«

»Nun so beschäftigen Sie sich recht hübsch mit Ihrem Teller«, entgegnete Sir Mulberry, »und kümmern Sie sich nicht um Fräulein Nickleby und mich: denn ich versichere Sie, wir werden zur Unterhaltung der Gesellschaft sehr wenig beitragen.«

»Da müssen Sie sich ins Mittel legen, Nickleby«, rief Lord Verisopht.

»Worum handelt sich’s, Mylord?« fragte Ralph, der am untern Ende der Tafel zwischen den Herren Pyke und Pluck saß.

»Dieser Kerl, der Hawk, will ein Monopol auf Ihre Nichte geltend machen«, versetzte Lord Verisopht.

»Er nimmt einen erträglichen Anteil von allem, worauf Sie selbst Anspruch machen, Mylord«, entgegnete Ralph mit einem höhnischen Zucken der Lippen.

»Beim Henker, das tut er«, rief der junge Herr; »der Teufel soll mich holen, wenn ich weiß, welcher von uns beiden Herr in meinem Hause ist.«

»Ich weiß es wohl«, brummte Ralph vor sich hin.

»Nun, ich denke, ich schüttle ihn seinerzeit ab, und vermache ihm einen Schilling«, sagte der junge Edelmann scherzend.

»Nein, nein, mein Goldmännchen«, sagte Sir Mulberry. »Wenn Sie zu dem Schilling kommen – dem letzten, meine ich – will ich Sie geschwind genug abschütteln; aber bis dahin werde ich nicht von Ihnen lassen – nehmen Sie mein Wort darauf.«

Diese Scherzrede, die jedoch nur Sir Mulberrys wahre Gesinnung aussprach, wurde mit allgemeinem Brüllen aufgenommen, aus dem man aber das Gelächter der Herren Pyke und Pluck, die augenscheinlich Sir Mulberrys besondere Verehrer waren, deutlich unterscheiden konnte. In der Tat war auch leicht zu bemerken, daß die Mehrzahl der Gesellschaft den unglücklichen jungen Lord, der zwar schwach und einfältig, aber offenbar der am wenigsten Lasterhafte unter dieser Horde war, so viel wie möglich auszubeuten suchte.

Sir Mulberry Hawk war berühmt wegen seiner bewunderungswürdigen Geschicklichkeit, unter Beihilfe seiner Kreaturen reiche junge Herren zugrunde zu richten – ein sehr anständiges und ehrenwertes Gewerbe, in dem er unbezweifelt den ersten Rang einnahm. Mit der ganzen Kühnheit und Originalität eines Genies hatte er eine den früheren Methoden ganz entgegengesetzte, vollkommen neue Verfahrungsweise ausgesonnen; denn er pflegte diejenigen, über die er das Übergewicht gewonnen, eher zu zügeln als sie ihren eigenen Wegen zu überlassen, wie er es denn auch liebte, seinen Witz offen und ohne Rückhalt an ihnen auszuüben. Er hatte sie daher in doppeltem Sinne zu Narren; denn während er sie mit ungemeiner Fertigkeit rupfte, nötigte er sie auch, zur Belustigung der Gesellschaft zu dienen.

Das Mahl war hinsichtlich des Glanzes und der Rundung seiner Anordnung so ausgezeichnet wie die Gemächer, und die Gesellschaft ermangelte nicht, ihm volle Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, wobei namentlich die Herren Pyke und Pluck etwas Ausgezeichnetes leisteten. Diese beiden Ehrenmänner nämlich aßen von jeder Schüssel und tranken aus jeder Flasche mit einer Fähigkeit und Ausdauer, die wirklich Erstaunen erregte. Sie blieben aber trotz ihrer großen Anstrengung merkwürdig frisch: denn sogar in dem Dessert richteten sie Verheerungen an, als ob sie seit dem Frühstück nichts Namhaftes zu sich genommen hätten.

»Nun«, sagte Lord Friedrich, als er noch an seinem ersten Glas schlürfte, »wenn das ein Diskontodiner ist, so weiß ich weiter nichts zu sagen, als daß mich der Teufel holen soll, wenn ich es nicht für etwas Herrliches halte, jeden Ta–a–g zu diskontieren.«

»Sie werden seinerzeit vollauf davon bekommen«, entgegnete Sir Mulberry Hawk; »Nickleby wird’s Ihnen schon anschreiben.«

»Was sagen Sie dazu?« fragte der junge Herr. »Werde ich ein guter Kunde sein?«

»Das hängt ganz von den Umständen ab, Mylord«, erwiderte Ralph.

»Nämlich von Eurer Herrlichkeit Umständen«, bemerkte Oberst Chowser von der Miliz – »und von den Wettrennplätzen.«

Der brave Oberst warf einen Blick auf die Herren Pyke und Pluck, als erwarte er von ihnen, daß sie seinen Witz belachen sollten. Da aber diese würdigen Männer nur die Verpflichtung hatten, für Sir Mulberry Hawk zu lachen, so blieben sie, zu des Obersten großem Mißvergnügen, so ernst wie ein paar Leichenbitter. Um seine Niederlage noch zu vergrößern, betrachtete Sir Mulberry, der solche Versuche für einen Eingriff in die ihm ausschließlich zustehenden Rechte hielt, den Übertreter fest durch seine Lorgnette, als sei er höchlich erstaunt über diese Anmaßung, und ließ seinen Unwillen durch eine Äußerung über ›höllische Freiheit‹ laut werden. Dies faßte Lord Friedrich für einen Wink auf, sich gleichfalls seiner Lorgnette zu bedienen und den Gegenstand des Tadels zu beäugeln, als sei er irgendein außerordentliches, wildes Tier, das man zum erstenmal zur Schau stellte. Natürlich folgten Herr Pyke und Herr Pluck Sir Mulberry Hawks Beispiel, und so sah sich der arme Oberst, um seine Verwirrung zu verbergen, in die Notwendigkeit versetzt, sein Glas Portwein vor das rechte Auge zu halten und zu tun, als prüfe er dessen Farbe mit dem angelegentlichsten Interesse.

Diese ganze Zeit über saß Käthchen so stumm wie möglich da und wagte es kaum, ihre Augen zu erheben, damit sie nicht dem bewundernden Blicke des Lord Friedrich Verisopht oder – was sie noch mehr in Verlegenheit setzte, dem kühnen seines Freundes Sir Mulberry begegneten. Der letztere Herr war verbindlich genug, die allgemeine Aufmerksamkeit auf sie zu lenken.

»Hier ist Fräulein Nickleby«, bemerkte Sir Mulberry, »und wundert sich, warum, zum Henker, ihr niemand den Hof macht.«

»O gewiß nicht«, versetzte Käthchen hastig aufblickend, »ich – –« dann hielt sie plötzlich inne, denn sie fühlte, es wäre besser gewesen, wenn sie gar nicht gesprochen hätte.

»Ich wette fünfzig Pfund gegen jeden«, sagte Sir Mulberry, »daß Fräulein Nickleby mir nicht ins Gesicht sehen und behaupten kann, sie hätte nicht diesen Gedanken gehegt.«

»Es gilt«, rief der hochadlige Gimpel. »Innerhalb zehn Minuten.«

»Gilt!« entgegnete Sir Mulberry.

Das Geld wurde von beiden Seiten aufgezählt, und der ehrenwerte Herr Snobb für das doppelte Amt erkoren, die Summe in Verwahrung zu nehmen und die Zeit abzumessen.

»Ich bitte«, sagte Käthchcn, die sich während dieser Einleitung in der größten Verwirrung befand, »ich bitte, mich nicht zum Gegenstand einer Wette zu machen. Onkel, ich kann in der Tat nicht – –«

»Warum nicht, meine Liebe«, versetzte Ralph, in dessen schnarrender Stimme sich übrigens eine ungewöhnliche Heiserkeit kundgab, als ob er nur ungern so spräche und es lieber gesehen hätte, wenn diese Wette unterblieben wäre. »Es liegt nichts Verfängliches darin und ist in einem Augenblick geschehen. Wenn die Herren darauf bestehen – –«

»Ich bestehe nicht darauf«, entgegnete Sir Mulberry mit einem lauten Lachen. »Das heißt, ich bestehe keineswegs darauf, daß es Fräulein Nickleby in Abrede zieht, denn wenn sie es tut, so verliere ich. Aber es würde mir eine Freude machen, ihre schönen Augen zu sehen, zumal sie diese Gunst nur diesem Mahagonitisch zugedacht zu haben scheint.«

»Ja, da« tut sie – und es ist zu a–a–arg von Ihnen, Fräulein Nickleby«, sagte der junge Lord.

»Ganz grausam«, meinte Herr Pyke.

»Schrecklich grausam«, beteuerte Herr Pluck.

»Ich mache mir nichts daraus, wenn ich verliere«, erklärte Sir Mulberry, »denn ein einziger richtiger Blick aus Fräulein Nicklebys Augen ist doppelt so viel wert.«

»Mehr«, sagte Herr Pyke.

»Weit mehr«, bekräftigte Herr Pluck.

»Wie steht’s mit dem Feind, Snobb?« fragte Herr Mulberry Hawk.

»Fünf Minuten vorbei.«

»Bravo!«

»Möchten Sie nicht zu meinen Gunsten einen Versuch ma–a–achen, Fräulein Nickleby?« fragte Lord Friedrich nach einer kurzen Pause.

»Bemühen Sie sich nicht mit solchen vorlauten Fragen, mein Bester«, sagte Sir Mulberry. »Fräulein Nickleby und ich verstehen uns gegenseitig. Sie erklärt sich für mich und zeigt dadurch ihren Geschmack. Sie dürfen sich keine Hoffnung machen, mein Guter. Wie steht’s, Snobb?«

»Acht Minuten vorbei.«

»Halten Sie das Geld bereit«, entgegnete Sir Mulberry, »Sie werden es bald aushändigen müssen.«

»Ha! ha! ha!« lachte Herr Pyke.

Herr Pluck, der immer den Nachtreter machte und seinen Freund womöglich zu überbieten suchte, brüllte laut auf.

Das arme Mädchen, das vor Verwirrung kaum wußte, was sie tat, hatte sich vorgenommen, ganz ruhig zu bleiben. Da sie aber fürchtete, hierdurch den Anschein zu erhalten, als unterstütze sie Sir Mulberrys Prahlerei, die er in so roher und gemeiner Weise ausgesprochen hatte, so erhob sie ihre Augen und sah ihm ins Gesicht. In seinem Blick lag aber etwas so Gehässiges, Unverschämtes und Zurückstoßendes, daß sie – unfähig, auch nur eine Silbe hervorzustammeln – aufstand und aus dem Zimmer eilte. Sie drängte ihre Tränen mit Gewalt zurück, bis sie sich allein in dem obern Zimmer befand, und ließ ihnen dann freien Jauf.

»Vortrefflich!« rief Sir Mulberry Hawk, indem er die Einlagen zu sich steckte. »Das Mädel hat Temperament – wir müssen auf ihre Gesundheit trinken!«

Es ist unnötig zu sagen, daß Pyke und Kompanie auf diesen Vorschlag mit großer Wärme eingingen, und daß die Gesundheit unter manchen kleinen Anspielungen von seiten der genannten Firma auf die Vollständigkeit von Sir Mulberrys Eroberung getrunken wurde. Ralph, der die Hauptpersonen des vorhergehenden Auftritts, während sie die Aufmerksamkeit aller andern Gäste auf sich zogen, mit den Augen eines Wolfes beobachtet hatte, schien nach der Entfernung seiner Nichte freier zu atmen. Er lehnte sich, während die Gläser rascher kreisten, in seinem Stuhl zurück und sah, je mehr die Gäste durch den Wein erhitzt wurden, von einem Sprecher auf den andern, und zwar mit Blicken, die bis in ihr Innerstes zu dringen und einen leidigen Zeitvertreib darin zu finden schienen, jeden müßigen Gedanken desselben zu zergliedern.

Inzwischen hatte sich Käthchen, die ganz sich selbst überlassen war, wieder einigermaßen gefaßt. Sie erfuhr durch ein Dienstmädchen, daß ihr Onkel sie noch zu sehen wünschte, ehe sie das Haus verließe, und vernahm dabei auch die beruhigende Kunde, daß die Herren ihren Tee bei Tisch trinken würden. Die Hoffnung, nicht mehr mit ihnen in Berührung zu kommen, trug viel dazu bei, ihr aufgeregtes Gemüt zu besänftigen, und so sammelte sie sich endlich so weit, um ein Buch nehmen und lesen zu können.

Hin und wieder fuhr sie jedoch zusammen, wenn ein plötzliches Öffnen der Tür des Speisesaals das wilde Toben der Zecher hörbar werden ließ, und mehr als einmal sprang sie in Todesängsten auf, wenn ein eingebildeter Fußtritt auf der Treppe die Furcht in ihr rege machte, irgendein betrunkenes Glied der Gesellschaft möchte sich zu ihr verirren. Es fiel jedoch nichts vor, was ihre Besorgnis verwirklicht hätte, und sie bemühte sich, ihre Aufmerksamkeit ganz dem Buche zuzuwenden, an dem sie nachgerade so viel Interesse fand, daß sie, ohne der Zeit oder des Orts zu achten, einige Kapitel durchlas, als sie auf einmal ob dem Laut ihres Namens aufschrak, der dicht neben ihr von einer männlichen Stimme ausgesprochen wurde.

Das Buch entfiel ihrer Hand; denn gerade neben ihr dehnte sich Sir Mulberry Hawk auf einer Ottomane, augenscheinlich durch den Wein noch verschlimmert; denn ein schuftiges Herz zeigt nicht einmal in der Stunde einer derartigen Begeisterung eine gute Seite.

»Welch ein entzückendes Studium!« sagte der würdige Ritter. »War es Ihnen ernst damit, oder wollen Sie nur Ihre Augenwimpern zeigen?«

Käthchen biß sich in die Lippe und blickte, ohne zu antworten, ängstlich nach der Tür.

»Ich habe Sie schon fünf Minuten lang bewundert«, fuhr Sir Mulberry fort. »Bei meiner Seele, Sie sind vollendet schön. Warum mußte ich auch sprechen und ein so anmutiges Bildchen zerstören?«

»Haben Sie die Güte, mich mit Ihren Worten zu verschonen, Sir«, versetzte Käthchen.

»Ach, sprechen Sie nicht so«, entgegnete Sir Mulberry, indem er seinen Chapeau claque zusammenschlug, den Ellenbogen darauf stützte und noch näher an die junge Dame rückte. »Bei meinem Leben, Sie dürfen nicht so sprechen. Es ist teuflisch, daß Sie den Sklaven, der zu Ihren Füßen bittet, so hart behandeln; ja das ist es, bei meiner Seele.«

»Ich möchte Ihnen begreiflich machen, Sir«, sagte Käthchen mit unwillkürlichem Beben, obgleich sie in höchster Entrüstung sprach, »daß Ihr Benehmen mich beleidigt und kränkt. Wenn Sie nur noch einen Funken von Ehre in sich fühlen, so werden Sie mich auf der Stelle verlassen.«

»Ei, warum wollen Sie denn stets noch diesen Schein übermäßiger Strenge beibehalten, mein Schätzchen?« versetzte Sir Mulberry. »Seien Sie mehr Natur, liebes Fräulein – mehr Natur.«

Käthchen sprang hastig auf; aber als sie sich erhob, faßte sie Sir Mulberry beim Kleide und hielt sie zurück.

»Lassen Sie mich los, Sir«, rief sie, und ihr Herz schwoll vor Zorn. »Hören Sie? Augenblicklich – auf der Stelle!«

»Setzen Sie sich – setzen Sie sich«, entgegnete Sir Mulberry: »ich muß etwas mit Ihnen sprechen.«

»Ob Sie mich loslassen wollen, Sir! Augenblicklich – augenblicklich!« rief Käthchen.

»Nicht um eine Welt«, versetzte Sir Mulberry.

Mit diesen Worten beugte er sich über sie, um sie auf ihren Sitz zurückzudrängen, aber die junge Dame machte eine gewaltsame Anstrengung, sich loszureißen, wodurch er das Gleichgewicht verlor und der Länge nach zu Boden stürzte. Käthchen wollte eben aus dem Zimmer eilen, als ihr Herr Ralph Nickleby an der Tür in den Weg trat.

»Was gibt’s da?« fragte Ralph.

»Nichts weiter, Sir«, erwiderte Käthchen in heftiger Aufregung, »als daß ich unter dem Dach, wo ich als hilfloses Mädchen und als das Kind Ihres verstorbenen Bruders hätte Schutz finden sollen, Beleidigungen ausgesetzt gewesen bin, ob denen Sie zurückbeben sollten, wenn Sie meiner nur ansichtig werden. Lassen Sie mich hinaus.«

Ralph bebte zurück, als das entrüstete Mädchen das flammende Auge auf ihn heftete, ohne jedoch ihrem Verlangen zu willfahren: denn er führte sie nach einem entfernt stehenden Sitz, näherte sich dann Sir Mulberry Hawk, der inzwischen wieder aufgestanden war, und deutete nach der Tür.

»Ihr Weg geht da hinaus, Sir«, sagte Ralph mit einer erstickten Stimme, die sogar einem Teufel Ehre gemacht haben würde.

»Was wollen Sie damit sagen?« fragte sein Freund trotzig.

Die angeschwollenen Adern traten auf Ralphs gefurchter Stirne wie straffe Sehnen hervor, und die Muskeln seines Mundes zuckten wie in unerträglichem Schmerze; aber er lächelte verächtlich und wies abermals nach der Tür.

»Wissen Sie, wer ich bin. Sie Narrenhauskandidat?« sagte Sir Mulberry.

»Ja!« sagte Ralph.

Der fashionable Taugenichts erbebte einen Augenblick unter dem festen Blick des alten Sünders und ging, vor sich hinbrummend, nach der Tür.

»Ah, Sie wollten den Lord – nicht wahr?« sagte er, indem er plötzlich an der Tür haltmachte und sich wieder gegen Ralph wandte, als ob ihm auf einmal ein neues Licht aufgegangen wäre. »Zum Teufel – und ich war im Weg – ist’s so?«

Ralph lächelte wieder, gab aber keine Antwort.

»Wer hat ihn zuerst zu Ihnen gebracht«, fuhr Sir Mulberry fort, »und wie wäre es Ihnen je möglich geworden, ihn ohne mich zu umgarnen?«

»Das Garn ist groß und ziemlich voll«, entgegnete Ralph. »Nehmt Euch in acht, daß niemand in den Maschen erwürgt wird.«

»Sie wären fähig, Ihr eigen Fleisch und Blut für Geld zu verkaufen und sich selbst noch obendrein, wenn der Kontrakt mit dem Teufel nicht bereits abgeschlossen wäre«, erwiderte der andere. »Sie wollen mir etwa gar weismachen, Ihre hübsche Nichte sei nicht als Köder für den betrunkenen Laffen da drunten hergeschafft worden?«

Obgleich dieses hastige Zwiegespräch von beiden Seiten mit gedämpfter Stimme geführt wurde, so sah sich doch Ralph schnell um, um sich zu überzeugen, ob Käthchen ihren Platz nicht so weit gewechselt hätte, daß sie dies hätte hören können. Sein Gegner nahm den Vorteil, der sich ihm hieraus ergab, wahr und verfolgte ihn weiter.

»Wollen Sie mir wirklich weismachen, daß dies nicht der Fall ist?« fragte er wieder. »Haben Sie im Sinn zu behaupten, daß Sie, wenn er statt meiner den Weg hierher gefunden hätte, nicht ein bißchen blinder, tauber oder etwas weniger patzig gewesen wären, als es der Fall war? Beantworten Sie mir das, Nickleby?«

»Ich sage Ihnen bloß«, versetzte Ralph, »wenn ich sie wegen einer Geschäftssache hierher brachte –«

»Ja, ja, das ist der richtige Ausdruck«, fiel Sir Mulberry mit Lachen ein; »nun werden Sie wieder ganz Ralph Nickleby.«

»– wegen einer Geschäftssache hierher brachte«, fuhr Ralph langsam und fest, wie ein Mann, der seine Worte abgemessen hat, fort, »weil ich glaubte, sie möchte auf den einfältigen jungen Menschen, den Sie in Ihren Händen haben und zu ruinieren im Begriff sind, einigen Eindruck machen, so wußte ich – denn ich kenne ihn –, daß es lange dauern würde, bis er die Gefühle des Mädchens verletzte, und daß er, wenn er auch durch sein läppisches, hohlköpfiges Wesen Anstoß erregte, bei ein klein wenig Routine von ihrer Seite das Geschlecht und die Sittsamkeit sogar an der Nichte seines Wucherers achten müßte. Aber wenn ich ihn auch durch diesen Kunstgriff auf eine sanftere Weise anlocken wollte, so fiel es mir doch keinen Augenblick ein, das Mädchen der Zügellosigkeit und Roheit eines so alten Wüstlings, wie Sie es sind, auszusetzen. Und nun verstehen wir uns.«

»Zumal, weil nichts dabei zu gewinnen war – he?« höhnte Sir Mulberry.

»Ganz richtig«, sagte Ralph.

Er hatte sich abgewandt und diese letzte Antwort über seine Schulter gesprochen. Bei dieser Gelegenheit begegneten sich jedoch die Augen der beiden Ehrenmänner mit einem Ausdruck, als ob jeder fühlte, daß er seine Schuftigkeit nicht vor dem andern verbergen könne. Sir Mulberry zuckte die Achseln und ging hinaus.

Sein Freund schloß die Tür und blickte unruhig nach dem Platz, wo sich seine Nichte noch immer in der Stellung, in der er sie verlassen hatte, befand. Sie hatte den Kopf auf ein Polster des Sofas niedersinken lassen, ihr Gesicht in den Händen verborgen und schien noch immer im Übermaß des Schmerzes und der Scham zu weinen.

Ralph wäre wohl in das Haus eines in Armut versunkenen Schuldners gegangen und hätte ihn ohne Bedenken dem Gerichtsdiener überantwortet, selbst wenn dieser an dem Sterbebett seines Kindes geweint hätte; denn so etwas lag ganz in dem gewöhnlichen Gang des Geschäftslebens, und der Mann hätte gegen das einzige Sittengesetz der Geldseelen gesündigt. Aber hier war ein junges Mädchen, das kein anderes Unrecht begangen, als daß es lebendig in die Welt gekommen war, das sich geduldig allen seinen Wünschen gefügt und das sich ihm zu Gefallen harten Prüfungen unterzogen hatte – vor allem aber, das ihm kein Geld schuldig war – und er fühlte sich verlegen und unbehaglich.

Ralph nahm einen Stuhl in einiger Entfernung, dann einen näher stehenden, rückte diesen noch näher, und immer näher, bis er sich endlich auf das gleiche Sofa setzte, und legte dann seine Hand auf Käthchens Arm.

»Ruhig, meine Liebe«, sagte er, als sie den Arm zurückzog und von neuem zu schluchzen begann, »ruhig, ruhig! Kümmre dich nicht darum; denke nicht mehr daran.«

»Ach, um Gottes willen, lassen Sie mich heimgehen«, rief Käthchen, »lassen Sie mich dieses Haus verlassen und heimgehen.«

»Ja, ja, das sollst du«, versetzte Ralph; »aber du mußt zuerst deine Augen trocknen und dich sammeln. Komm, laß dir den Kopf aufrichten. So – so!«

»Ach Onkel«, rief das arme Mädchen, die Hände zusammenschlagend; »was habe ich getan – was habe ich getan – daß Sie mich diesem aussetzen konnten? Ja, wenn ich Sie in Gedanken, Worten oder Tal gekränkt hätte, so wäre es schon die größte Grausamkeit gegen mich und eine Verhöhnung gegen das Andenken eines Verstorbenen gewesen, den Sie in früheren Zeiten geliebt haben müssen; aber –«

»Höre mich nur einen Augenblick an«, unterbrach sie Ralph, der ob dem Ungestüm ihrer Aufregung ernstlich beunruhigt war. »Ich wußte nicht, daß es so kommen würde; ich konnte es unmöglich voraussehen. Aber ich tat alles, was ich konnte. – Komm, wir wollen ein wenig auf und ab gehen; die abgeschlossene Luft und die Hitze dieser Lampen haben dich unwohl gemacht. Es wird dir gleich besser werden, wenn du dir nur ein wenig Bewegung machst.«

»Ich will alles tun«, versetzte Käthchen, »wenn Sie mich nur nach Haus lassen.«

»Ja, ja, ich will es«, entgegnete Ralph, »aber du mußt vorher wieder wie sonst aussehen, sonst erschreckst du deine Mutter. Überhaupt niemand braucht von dem Vorgefallenen etwas zu wissen als ich und du. Nun, wir wollen jetzt in dieser Richtung gehen. So! du siehst schon wieder besser aus.«

Unter solchen Ermutigungen führte Ralph Nickleby seine Nichte am Arm im Zimmer auf und ab. Aber er hätte in die Erde sinken mögen, wenn er ihrem Auge begegnete, und unter ihrer Berührung überlief ein Zittern seine Glieder.

Als er es für ratsam hielt, sie gehen zu lassen, half er ihr in derselben Weise die Treppe hinunter, nachdem er ihr vorher – wahrscheinlich zum erstenmal in seinem Leben – das Halstuch umgeworfen und ähnliche kleine Dienste geleistet hatte. Er begleitete sie auch über die Hausflur und Türtreppen und ließ sie nicht eher los, als bis er sie in dem Wagen hatte.

Als der Kutschenschlag ungestüm zugeschlagen wurde, fiel ein Kamm aus Käthchens Haaren gerade vor des Onkels Füßen nieder; und wie er ihn aufhob und zurückgab, fiel das Licht einer nahe hängenden Lampe auf ihr Gesicht. Die losgewordene Haarlocke, die in leichten Ringeln um ihre Stirne flog, die Spuren der kaum getrockneten Tränen, die geröteten Wangen, der kummervolle Blick – alles das weckte eine Reihe schlummernder Empfindungen in der Brust des alten Mannes. Das Gesicht seines toten Bruders schien vor ihn hinzutreten, gerade so, wie es aussah, wenn es irgendein kindischer Schmerz trübte, und jeder, auch der kleinste Zug, blitzte mit einer Bestimmtheit, wie von gestern, in seiner Seele auf.

Ralph Nickleby, der gegen alle Gesetze des Bluts und der Verwandtschaft gewappnet und gegen die ergreifendsten Szenen von Kummer und Unglück gestählt war – dieser eherne Mann wankte bei diesem Anblick zurück und taumelte in sein Haus wie ein Mensch, der eine Erscheinung aus einer andern Welt jenseits des Grabes gesehen.

Zwanzigstes Kapitel.


Zwanzigstes Kapitel.

worin Nicolaus endlich mit seinem Onkel zusammenkommt und ihm mit vieler Offenheit die Meinung sagt. Sein Entschluß.

Montag morgens früh – dem Tag nach dem im vorigen Kapitel beschriebenen Diner – eilte das kleine Fräulein La Creevy durch verschiedene Straßen im Westend der Stadt, mit der wichtigen Botschaft beauftragt, Madame Mantalini zu melden, daß Käthchen zu unwohl sei, um an diesem Tage ihrem Geschäft nachzukommen, daß sie jedoch hoffe, sich am nächsten Morgen wieder einfinden zu können. Während aber Fräulein La Creevy so dahintrippelte und in ihrem Geiste verschiedene zierliche Formen und Wendungen des Gesichtsausdrucks erwog, um sich die besten auszuwählen und ihren Auftrag darin abzustatten, dachte sie auch ziemlich viel über die wahrscheinlichen Ursachen des Unwohlseins ihrer jungen Freundin nach.

»Ich weiß nicht, was ich daraus machen soll«, sagte Fräulein La Creevy. »Ihre Augen waren gestern offenbar sehr rot. Sie sagte, sie hätte Kopfweh, aber Kopfweh macht keine rote Augen. Sie muß geweint haben.«

Bei diesem Schlusse angelangt, den sie sich übrigens schon den Abend vorher gebildet hatte, erwog sie weiter – und in der Tat, sie hatte es fast die ganze Nacht hindurch getan –, welches neue Unglück ihre Freundin möglicherweise könnte getroffen haben.

»Ich kann mir gar nichts vorstellen«, sagte die kleine Porträtmalerin; »nicht das mindeste, es müßte denn das Benehmen jenes alten Bären sein. Grob gegen sie – denke ich? Der garstige Flegel!«

Durch diese Feststellung ihrer Meinung, obgleich sie nur in die Winde ging, erleichtert, eilte Fräulein La Creevy in Madame Mantalinis Haus. Auf die Mitteilung, daß die Inhaberin des Geschäfts noch nicht aufgestanden sei, wünschte sie ihre Stellvertreterin zu sprechen, worauf Mamsell Knag erschien.

»Wenn es von mir abhinge«, sagte Mamsell Knag, als die Botschaft unter manchen Redensarten vermittelt war, »so könnte sich Mamsell Nickleby das Wiederkommen für immer ersparen.«

»Ha, wirklich, Mamsell?« entgegnete Fräulein La Creevy höchlich beleidigt. »Nun, es ist gut, daß Sie nicht die Inhaberin des Geschäfts sind; und so hat Ihre Ansicht nicht viel zu bedeuten.«

»Sehr gut, Madame«, versetzte Mamsell Knag. »Haben Sie sonst noch etwas zu befehlen?«

»Nein, Mamsell«, sagte Fräulein La Creevy.

»Dann guten Morgen, Madame«, entgegnete Mamsell Knag.

»Auch Ihnen guten Morgen und schönen Dank für Ihre außerordentliche Artigkeit und Ihr gebildetes Benehmen«, erwiderte Fräulein La Creevy.

Nach dieser Besprechung, während der beide Damen gezittert hatten und bewunderungswürdig höflich gewesen waren – gewisse Zeichen, daß nur sehr wenig fehlte, in einen heftigen Streit auszubrechen – stürmte Fräulein La Creevy aus dem Zimmer auf die Straße.

»Ich möchte nur wissen, wer die ist«, sagte die kleine Malerin. »Es verlohnt sich der Mühe, das Persönchen kennenzulernen! Ich wollte nur, ich könnte sie malen, um ihr ihr Recht zukommen zu lassen.«

Sehr befriedigt, etwas sehr Bissiges auf Mamsell Knags Kosten gesagt zu haben, brach Fräulein La Creevy in ein lustiges Lachen aus und langte in ungemein guter Laune zu Hause bei ihrem Frühstück an.

Hier sprach sich einer der Vorteile aus, den man einem langen Alleinleben verdankt. Das kleine, geschäftige, rührige, heitere Geschöpf hatte sich ganz in sich selbst hineingelebt, sprach mit sich selbst, machte sich selbst zu ihrer Vertrauten, teilte sich selbst die beißendsten Bemerkungen über Leute mit, die sie beleidigt hatten, gefiel sich selbst und tat niemandem etwas zuleide. Wenn sie jemandem Arges nachsagte, so litt doch kein Ruf darunter, und wenn sie ein klein bißchen Rache übte, so spürte keine lebende Seele auch nur das mindeste davon. Sie war eine von den vielen, die ihrer beschränkten Mittel wegen keine Verbindungen nach ihrem Geschmack anknüpfen können und doch auch nicht geneigt sind, sich Gesellschaften, die ihnen zugänglich sind, anzuschließen, wodurch London für sie eine so vollständige Öde wird wie die Ebenen von Syrien. Die bescheidene Künstlerin hatte ihren Weg viele Jahre einsam gemacht, ohne Freunde zu besitzen, bis das eigentümliche Mißgeschick der Familie Nickleby ihre Aufmerksamkeit erregte, obgleich sie von den freundschaftlichsten Gefühlen gegen alle Welt überströmte. Es gibt viele warme Herzen, die gleich dem des armen Fräuleins La Creevy in der Einsamkeit begraben liegen.

Doch das nur nebenbei. Sie ging zu ihrem Frühstück nach Haus und hatte sich kaum des Duftes ihrer ersten Tasse erfreut, als das Dienstmädchen einen Herrn ankündigte und Fräulein La Creevy wegen des noch auf dem Tische stehenden Teezeugs in eine unsägliche Verwirrung brachte; denn die Künstlerin dachte nicht anders, als daß der Besuch, ganz entzückt von ihrem Haustürrahmen, gekommen sei, um sich malen zu lassen.

»Da – nimm dies hinweg! – lauf damit ins Schlafzimmer oder sonstwohin«, sagte Fräulein La Creevy. »Mein Gott, daß ich gerade diesen Morgen so spät frühstücken muß, während ich doch seit drei Wochen jedesmal schon um halb neun fix und fertig war, ohne daß sich eine Seele zeigte.«

»Lassen Sie sich durch mich nicht stören«, sagte eine Stimme, die Fräulein La Creevy kannte. »Ich hieß das Mädchen meinen Namen verschweigen, weil ich Sie zu überraschen wünschte.«

»Herr Nicolaus!« rief Fräulein La Creevy, erstaunt aufspringend.

»Ich sehe, Sie haben mich nicht vergessen«, versetzte Nicolaus, indem er ihr die Hand bot.

»Nun, ich denke, ich würde Sie sogar erkannt haben, wenn ich Ihnen auf der Straße begegnet wäre«, sagte Fräulein La Creevy lächelnd. »Hanna, noch eine Tasse! Aber eines muß ich Ihnen sagen, junger Herr, bemühen Sie sich nicht, die Verwegenheit zu wiederholen, deren Sie sich an dem Morgen vor Ihrer Abreise schuldig gemacht haben.«

»Würden Sie denn so gar böse darüber werden?« fragte Nicolaus.

»Ob ich es würde?« entgegnete Fräulein La Creevy. »Sie sollten´s nur einmal versuchen.«

Nicolaus nahm mit gebührender Galanterie Fräulein La Creevy sogleich beim Worte. Die Dame stieß einen leisen Schrei aus und schlug ihn ins Gesicht, aber aufrichtig gesagt, der Streich war kein sehr harter.

»Ich habe nie einen so verwegenen Menschen gesehen«, rief Fräulein Creevy.

»Sie sagten mir, ich solle es versuchen«, erwiderte Nicolaus.

»Wohl, aber ich meinte das ironisch«, sagte Fräulein La Creevy.

»O, das ist was anderes«, entgegnete Nicolaus. »Sie hätten mir das vorher sagen sollen.«

»Natürlich – als ob Sie das nicht selbst gewußt hätten!« versetzte Fräulein La Creevy. »Doch wenn ich Sie recht ansehe – Sie kommen mir magerer vor als bei unserem letzten Zusammentreffen. Auch ist Ihr Gesicht blaß und eingefallen. Warum haben Sie Yorkshire verlassen?«

Sie hielt hier inne; in ihrem veränderten Ton und Benehmen sprach sich aber so viel Herz aus, daß Nicolaus ganz gerührt wurde.

»Ich muß wohl etwas verändert aussehen«, sagte er nach einem kurzen Schweigen; »denn ich habe, seit ich London verließ, manche Leiden sowohl des Körpers als der Seele durchgemacht. Auch bin ich von Armut und Mangel nicht verschont geblieben.«

»Gott im Himmel!« rief Fräulein La Creevy, »was Sie da sagen!«

»Es braucht Sie übrigens nicht zu beunruhigen«, fuhr Nicolaus heiterer fort, »denn ich komme nicht hierher, um mein Schicksal zu beklagen, sondern aus einem ganz anderen Grunde. Ich möchte nämlich Angesicht gegen Angesicht vor meinen Onkel treten, und das ist das erste, was ich Ihnen mitteilen will.«

»Dann kann ich Ihnen nur sagen«, fiel Fräulein La Creevy ein, »daß ich Ihren Geschmack nicht beneide. Es würde mich vierzehn Tage in üble Stimmung versetzen, wenn ich nur mit seinen Stiefeln in demselben Zimmer sein müßte.«

»Was das anbelangt, so waltet in der Hauptsache keine besondere Meinungsverschiedenheit ob«, sagte Nicolaus. »Sie müssen aber wissen, daß ich ihm entgegenzutreten wünsche, um mich zu rechtfertigen und ihm seine Doppelzüngigkeit und Bosheit an den Kopf zu werfen.«

»Das ist etwas anderes«, versetzte Fräulein La Creevy. »Verzeih mir’s Gott, aber ich würde mir nicht die Augen darüber ausweinen, wenn er daran erstickte. Was weiter?«

»Ich habe deshalb diesen Morgen bei ihm vorgesprochen«, fuhr Nicolaus fort. »Er kam letzten Sonnabend in die Stadt zurück, was ich übrigens erst gestern nacht spät erfuhr.«

»Haben Sie ihn gesehen?« fragte Fräulein La Creevy.

»Nein«, antwortete Nicolaus, »er war ausgegangen.«

»Ach«, entgegnete Fräulein La Creevy, »wahrscheinlich zu einem Liebeswerk?«

»Den Mitteilungen eines Freundes zufolge, der sein Treiben kennt«, fuhr Nicolaus fort, »habe ich Grund zu glauben, daß er heute meine Mutter und Schwester zu besuchen gedenkt, um ihnen das, was mir begegnet ist, in seiner Weise zu erzählen. Dort will ich ihn treffen.«

»Schön«, rief Fräulein La Creevy, ihre Hände reibend; »und doch weiß ich nicht« – fügte sie bei – »man möchte es wohl überlegen – wegen der Rücksichten auf andere.«

»Ich habe diese Rücksichten erwogen«, entgegnete Nicolaus; »da es sich aber um meine Ehre handelt, so soll mich nichts abschrecken.«

»Sie müssen das freilich am besten wissen«, versetzte Fräulein La Creevy.

»Ich hoffe, hier den geeigneten Weg einzuschlagen«, erwiderte Nicolaus. »Jedenfalls muß ich Sie aber bitten, meine Mutter und meine Schwester auf meine Ankunft vorzubereiten. Sie wähnen mich in weiter Ferne, und wenn ich so ganz unerwartet eintrete, könnte es sie erschrecken. Wenn Sie soviel Zeit erübrigen können, um ihnen zu sagen, daß Sie mich gesehen hätten, und daß ich in einer Viertelstunde bei ihnen sein würde, so werden Sie mir einen großen Dienst leisten.«

»Ich wollte, ich könnte Ihnen oder den Ihren einen größeren Dienst leisten«, sagte Fräulein La Creevy; »aber es trifft sich so selten, daß der, der kann, auch will, und der, der will, auch kann.«

Fräulein La Creevy beendete ihr Frühstück unter fortwährendem Geplauder in großer Eile. Dann schaffte sie ihr Teegeschirr auf die Seite, versteckte den Schlüssel, setzte ihren Hut auf, nahm Nicolaus‘ Arm und trat sofort den Weg nach der City an. Nicolaus verließ sie in der Nähe der Wohnung seiner Mutter und versprach, spätestens in einer Viertelstunde nachzukommen.

Newman Noggs war der Meinung gewesen, Ralph Nickleby würde zuerst nach einem andern Teil der Stadt einen Geschäftsgang machen. Zufälligerweise hatte sich jedoch dieser Ehrenmann, da es seinen Absichten entsprach, die Schändlichkeiten, deren sich Nicolaus schuldig gemacht, so schnell als möglich aufzudecken, unmittelbar zu seiner Schwägerin begeben. Fräulein La Creevy traf daher, als sie von einem Mädchen, das das Haus scheuerte, in das Zimmer gewiesen wurde, Frau Nickleby und Käthchen in Tränen, da Ralph eben mit den Mitteilungen über die nichtswürdige Aufführung seines Neffen zum Schlusse kam. Käthchen winkte ihr dazubleiben, und Fräulein La Creevy nahm schweigend einen Stuhl.

»Aha, der Ehrenmann ist bereits hier«, dachte die kleine Dame.

»Nun, dann mag er sich selbst ankündigen. Wir wollen sehen, was das für eine Wirkung auf sie übt.«

»Das ist ein feines Benehmen«, sagte Ralph, indem er Fräulein Squeers‘ Brief zusammenlegte – »ein sehr feines Benehmen. Ich empfehle ihn – ganz gegen meine Überzeugung; denn ich sah voraus, daß er nicht gut tun würde – an einen Mann, bei dem er, wenn er sich ordentlich aufführte, jahrelang ein behagliches Auskommen gehabt hätte. Was ist das Resultat? Er benimmt sich auf eine Weise, wofür er vielleicht in dem Gerichtshofe zu Old Bailey die Hand emporhalten muß3

»Ich kann das nimmermehr glauben«, sagte Käthchen unwillig, »nun und nimmermehr. Es ist ein nichtswürdiges Komplott, das das Gepräge der Lüge an der Stirne trägt.«

»Meine Liebe«, entgegnete Ralph, »du tust dem würdigen Mann Unrecht. Hier ist von keiner Erdichtung die Rede. Der Schulmeister ist überfallen worden, dein Bruder nirgends zu finden, und der fragliche Junge ist mit ihm gegangen – vergleiche dir diese Umstände.«

»Es ist unmöglich«, erwiderte Käthchen. »Nicolaus! – und noch obendrein ein Dieb! Mama, wie können Sie nur ruhig hier sitzen und solche Erzählungen anhören?«

Die arme Frau Nickleby, die sich nie durch den Besitz einer besonders klaren Fassungskraft ausgezeichnet hatte und durch den kürzlichen Wechsel ihres Geschicks ganz und gar verwirrt war, wußte bei dieser Aufforderung nichts weiter zu entgegnen, als daß sie hinter einem großen Taschentuche hervorrief, sie würde das nie geglaubt haben, indem sie dabei gar scharfsinnig ihre Zuhörer annehmen ließ, daß sie es jetzt wirklich glaubte.

»Wenn er mir in den Weg käme, so würde ich es für meine Pflicht, für meine heilige Pflicht halten, ihn den Händen der Gerechtigkeit zu überliefern, da ich als Geschäftsmann und als Mann, der in der Öffentlichkeit steht, nicht anders handeln könnte. Und doch« – fuhr er mit einer schärferen Betonung und einem verstohlenen, aber festen Blick auf Käthchen fort, »und doch möchte ich es wieder nicht tun, um die Gefühle seiner – seiner Schwester zu schonen. Und natürlich auch seiner Mutter«, fügte er bei, als ob ihm das erst nachher eingefallen wäre, wiewohl mit weit geringerem Nachdruck.

Käthchen begriff recht wohl, daß ihr dies nur als ein weiterer Wink geboten wurde, über die Ereignisse des letzten Abends das strengste Stillschweigen zu beobachten. Sie blickte daher, als Ralph zu sprechen aufgehört hatte, unwillkürlich nach ihm hin; aber er hatte seine Augen abgewendet und schien für den Augenblick sich ihrer Anwesenheit gar nicht mehr bewußt zu sein.

»Alles« – fuhr Ralph nach einer langen Pause fort, die nur durch Madame Nicklebys Schluchzen unterbrochen wurde – »alles vereinigt sich, die Glaubwürdigkeit dieses Briefes zu bekunden, sofern auch nur der mindeste Grund vorhanden wäre, diese zu beanstanden. Läuft ein unschuldiger Mensch vor ehrlichen Leuten davon, um sich wie ein dem Gesetze Verfallener in Schlupfwinkel zu verstecken? Wiegelt ein Unschuldiger namenlose Landstreicher auf, um mit ihnen müßiggängerisch durch das Land zu ziehen? Überfall, Aufwiegelung, Diebstahl – wie nennt man das?«

»Eine Lüge!« rief eine zornige Stimme, während die Tür aufflog und Nicolaus mitten ins Zimmer stürmte.

In dem ersten Augenblick der Überraschung und vielleicht auch des Schreckens fuhr Ralph von seinem Stuhle auf und prallte ob dieser unerwarteten Erscheinung, seiner gewohnten Besonnenheit ganz vergessend, einige Schritte zurück. Im nächsten Augenblick stand er jedoch fest und unbeweglich mit verschlungenen Armen da und betrachtete seinen Neffen mit einem Blicke voll des tödlichsten Hasses, während Käthchen und Fräulein La Creevy sich zwischen die beiden warfen, um irgendeiner persönlichen Gewalttätigkeit vorzubeugen, die von Nicolaus‘ wilder Aufregung zu befürchten stand.

»Lieber Nicolaus«, rief die Schwester, sich an ihn klammernd, »sei ruhig! Bedenke –«

»Bedenken, Käthchen?« entgegnete Nicolaus, indem er in der Aufwallung seines Zorns ihre Hand so fest drückte, daß sie fast vor Schmerz aufschrie. »Wenn ich alles bedenke und mir alles, was vorgegangen ist, ins Gedächtnis zurückrufe, so müßte ich von Stein sein, um ihm gegenüber ruhig bleiben zu können.«

»Oder von Erz«, entgegnete Ralph mit Kälte, »Fleisch und Blut hat freilich nicht Frechheit genug, den Blick eines ehrlichen Mannes auszuhalten.«

»Ach Gott im Himmel«, rief Frau Nickleby, »daß die Dinge doch so weit kommen mußten!«

»Wer spricht hier in einem Tone, als ob ich ein Verbrechen begangen und Schande auf die Meinigen gebracht hätte?« grollte Nicolaus, wild umherblickend.

»Deine Mutter, junger Herr!« versetzte Ralph, indem er auf Frau Nickleby deutete.

»In deren Ohren Sie Gift gegossen haben«, fuhr Nicolaus fort. »Ja, Sie – Sie, der Sie unter dem Vorwand, ihren Dank zu verdienen, jede Schmähung und Entehrung auf mein Haupt gehäuft haben! Sie, der Sie mich nach einem Höllennest geschickt haben, wo die niedrigste Grausamkeit, wie sie nur Ihrer selbst würdig ist, in der schwelgerischsten Üppigkeit wuchert – wo namenloses Elend schon die Kinder zu Greisen stempelt und jeder Funke des Guten schon im Keime erstickt wird! Ich rufe den Himmel zum Zeugen auf«, fuhr er mit leuchtenden Blicken fort, »daß ich all das mit eigenen Augen angesehen habe, und daß dieser Mensch darum weiß!«

»Widerlege diese Verleumdungen«, sagte Käthchen, »aber tue es mit mehr Ruhe, damit deine Feinde keinen Vorteil über dich gewinnen. Sage uns, was du getan hast, und beweise ihre Lügenhaftigkeit.«

»Und wessen klagt man mich – oder wessen klagt er mich an?« fragte Nicolaus.

»Erstlich hast du deinen Prinzipal überfallen und in einer Weise mißhandelt, daß nur wenig daran fehlte, um dich als Mörder in die Hände des Richters zu liefern«, fiel Ralph ein. »Ich rede geradeheraus, junger Mensch, du magst toben, wie du willst.«

»Ich legte mich ins Mittel«, sagte Nicolaus, »um ein elendig, unglückliches Geschöpf gegen die niederträchtigste Grausamkeit zu schützen. Dabei erteilte ich einem Nichtswürdigen eine Züchtigung, die er nicht so leicht vergessen wird, obgleich sie lange nicht so war, wie er sie von mir verdiente. Erneuerte sich dieser Auftritt in meiner Gegenwart, so würde ich um kein Haar anders handeln; es müßte denn sein, daß ich kräftiger zuschlüge und ihn in einer Weise zeichnete, daß er die Brandmale mit ins Grab nähme, und wenn er auch noch so lange lebte.«

»Hören Sie?« sagte Ralph zu Frau Nickleby. »Das ist seine Reue!«

»Ach du mein Gott!« rief Frau Nickleby; »wahrlich, ich weiß nicht, was ich denken soll.«

»Ich bitte, Mama, sprechen Sie jetzt noch nicht«, fiel Käthchen ein. »Lieber Nicolaus, ich sage es dir nur, damit du weißt, wie weit ihre Verworfenheit geht, aber sie beschuldigen dich des – ein Ring wird vermißt, und sie erfrechen sich zu sagen, daß – –«

»Das Weibsbild«, entgegnete Nicolaus stolz, »die Frau des Kerls, von dem diese Anklagen herrühren, ließ – wie ich vermute – denselben Morgen, als ich das Haus verließ, einen wertlosen Ring zwischen einige meiner Kleider fallen. Wenigstens weiß ich, daß sie in der Kammer war, wo sie lagen, und daß sie daselbst ein unglückliches Kind mißhandelte. Ich fand den Ring, als ich unterwegs mein Bündel öffnete, und sandte ihn sogleich durch die Post zurück; sie müssen ihn daher bereits lange wiederhaben.«

»Ich wußte es ja, ich wußte es ja«, sagte Käthchen mit einem Blicke auf ihren Onkel. »Aber was ist’s mit dem Jungen, den du mit fortgenommen haben sollst?«

»Der Junge – ein hilfloses Geschöpf, das durch die roheste und unnatürlichste Behandlung blödsinnig geworden ist – befindet sich bei mir«, versetzte Nicolaus.

»Sie hören?« bemerkte Ralph abermals gegen die Mutter. »Alles ist sogar durch sein eigenes Geständnis erwiesen. Wirst du den Jungen wieder zurückgeben?«

»Gewiß nicht«, entgegnete Nicolaus.

»So? – nicht?« höhnte Ralph.

»Nein«, erwiderte Nicolaus mit Nachdruck, »wenigstens nicht dem Menschen, bei dem ich ihn fand. Ich wünschte den zu kennen, dem er das Leben verdankt, damit ich ihm wenigstens ein Gefühl der Scham abringen könnte, wenn er auch für jedes Gefühl der Natur erstorben ist.«

»Wirklich? Nun wohlan denn, ist es dem jungen Herrn gefällig, ein paar Wörtchen von mir anzuhören?«

»Sie können sprechen, wann und wie es Ihnen beliebt«, versetzte Nicolaus, seine Schwester umarmend. »Ich kümmere mich wenig um Ihre Worte oder Drohungen.«

»Schön gesagt, mein junger Herr«, erwiderte Ralph; »aber vielleicht kümmern sich andere darum und halten es möglicherweise für der Mühe wert, auf meine Worte zu hören und sie zu erwägen. Ich will mich an deine Mutter wenden, die die Welt kennt.«

»Ach, hätte ich sie doch nie kennengelernt«, schluchzte Frau Nickleby.

Die gute Dame hatte freilich nicht besonders nötig, sich diesen Umstand sehr zu Herzen zu nehmen, da der Umfang ihrer Weltkenntnis im glimpflichsten Falle ein höchst zweifelhafter war; und so schien auch Ralph zu denken, denn er lächelte bei seinen Worten, sah dann abwechselnd sie und Nicolaus mit festen Blicken an und fuhr folgendermaßen fort:

»Ich will dessen, was ich für Sie, Madame, tat oder zu tun gedachte, mit keiner Silbe erwähnen. Ich gab kein Versprechen und überlasse das daher Ihrem eigenen Urteil. Auch habe ich nicht im Sinne zu drohen, sagte aber, daß dieser starrköpfige, eigensinnige und liederliche Bursche keinen Pfennig von meinem Geld, keine Krume von meinem Brot und keinen Finger von meiner Hand erhalten soll, und könnte ich ihn damit von dem höchsten Galgen in ganz Europa retten. Ich will ihn nie wieder sehen – nie wieder seinen Namen hören. Er hat keinen Beistand von mir zu hoffen, und ebensowenig die, die ihm Beistand leisten. Er weiß recht gut, was aus seinem Benehmen für Sie erwachsen muß, aber er kommt in seiner selbstsüchtigen Trägheit zurück, um Ihre Not zu vermehren und den kümmerlichen Verdienst seiner Schwester aufzehren zu helfen. Ich bedaure, meine Hand zurückziehen zu müssen, besonders um Käthchens willen, aber ich will diesem Ausbund von Gemeinheit und Niedrigkeit nicht noch Vorschub leisten, und da ich Ihnen nicht zumuten kann, ihn aufzugeben, so wird das mein letzter Besuch sein.«

Hätte Ralph nicht gewußt, wie sehr es in seiner Macht stand, die, die er haßte, zu verwunden, so würden ihn seine Blicke auf Nicolaus von dem vollen Nachdruck seiner Worte überzeugt haben. Der junge Mann war sich durchaus keines Vergehens bewußt; trotzdem aber schnitt ihm jede versteckte Beschuldigung, jeder wohlberechnete Sarkasmus tief in die Seele, so daß Ralph, als er Nicolaus‘ blasses Gesicht und seine bebenden Lippen bemerkte, sich vor Freude selbst hätte umarmen mögen, weil es ihm gelungen war, durch seine Hohnreden das glühende Herz des Jünglings aufs tiefste zu verletzen.

»Ich kann’s nicht ändern«, rief Frau Nickleby. »Ich weiß, Sie sind sehr gütig gegen uns gewesen und hatten auch für meine arme Tochter noch viel Gutes im Sinne. Ich bin davon vollkommen überzeugt und weiß Ihre Güte zu schätzen, daß Sie diese voll der wohlwollendsten Absichten in Ihr Haus kommen ließen. Natürlich würde auch die Ausführung Ihres Entwurfs sie und mich ungemein glücklich gemacht haben; aber, Herr Schwager, Sie wissen, ich kann meinen eigenen Sohn nicht verstoßen, selbst wenn er alles das, wovon Sie sprachen, getan hat – es ist unmöglich, ich kann es nicht tun; und so müssen wir eben das Schlimmste über uns ergehen lassen, mein liebes Käthchen – ich werde es wohl ertragen können.«

Unter diesen und einer ganzen Kette anderer unzusammenhängender Wehklagen, die gewiß keine andere sterbliche Macht als die der Witwe Nickleby aneinanderzureihen imstande gewesen wäre, rang diese Dame ihre Hände und ließ ihre Tränen reichlicher strömen.

»Warum sagen Sie, ›wenn Nicolaus alles das, wovon gesprochen wurde, getan‹, Mama?« fragte Käthchen mit edlem Unwillen. »Sie wissen ja, daß dies nicht der Fall ist.«

»Ich weiß nicht, was ich denken soll, meine Liebe, so oder so«, sagte Frau Nickleby. »Nicolaus ist so heftig, und dein Onkel spricht mit so viel Ruhe, daß ich nur auf ihn, nicht aber auf Nicolaus hören kann. Doch es ist gleichgültig – wir wollen nicht mehr davon reden. Wir können ja in das Armenhaus, in das Arbeitshaus oder in das Magdalenenspital gehen; und je bälder wir es tun, desto besser wird es sein.«

Nach dieser seltsamen Zusammenstellung von wohltätigen Instituten ließ Frau Nickleby aufs neue ihren Tränen den Lauf.

»Bleiben Sie noch«, sagte Nicolaus, als Ralph nach der Tür ging. »Sie brauchen diesen Ort nicht zu verlassen, Sir: denn er soll in einer Minute von mir gesäubert sein, und es wird lange – sehr lange dauern, ehe ich dieses Haus wieder betrete.«

»Nicolaus, lieber Bruder!« rief Käthchen, indem sie sich an den Hals ihres Bruders warf und ihn mit ihren Armen umschlang, »sprich nicht so, wenn du mir nicht das Herz brechen willst. Mama, reden Sie doch mit ihm. Laß dir ihre Worte nicht zu Herzen gehen, Nicolaus: sie meint es nicht so – du solltest sie besser kennen. Onkel! – oder wer da ist, um Gottes willen, redet ihm zu.«

»Ich hatte nie die Absicht, Käthchen« – sagte Nicolaus – »ich hatte nie die Absicht, bei euch zu bleiben. Ich weiß, du denkst besser von mir, als daß du dies von mir vermuten könntest. Ich kehre vielleicht dieser Stadt ein paar Stunden früher, als ich dachte, den Rücken – aber was will das heißen? Wir werden auch getrennt einander nicht vergessen, und es kommen wohl noch bessere Tage, wo uns nichts mehr scheiden soll. Benimm dich mit Würde, Käthchen«, flüsterte er ihr zu, »und mach‘ mich nicht zu einem Weib, während er zusieht.«

»Nein, ich will das nicht«, entgegnete Käthchen lebhaft: »aber du sollst uns nicht verlassen. Oh, erinnere dich der glücklichen Tage, die wir miteinander verlebten, ehe dieses herbe Mißgeschick über uns kam. Denke an das Glück der Heimat und an die schweren Prüfungsstunden, die jetzt über uns ergehen. Wir haben in den Demütigungen und Kränkungen, denen die Armut ausgesetzt ist, keinen Beschützer, und du kannst nicht fort wollen, damit wir ihnen allein und ganz und gar hilflos preisgegeben seien.«

»Ihr werdet Hilfe finden, wenn ich fort bin«, entgegnete Nicolaus hastig. »Ich kann euch keinen Beistand, keinen Schutz gewähren, sondern nur euren Kummer, euren Mangel und eure Leiden vermehren. Die Mutter sieht das ein, und ihre Zärtlichkeit und Besorgtheit für dich zeigt mir den Weg, den ich zu wählen habe. So mögen denn alle guten Engel dich bewahren, Käthchen, bis ich dich in eine Heimat führen kann, wo uns das Glück, das uns jetzt versagt ist, wieder auflebt und die Prüfungsstunden der Gegenwart nur als etwas Gewesenes erscheinen. Halte mich nicht länger zurück, sondern laß mich ohne Zögern fort. So! liebes – liebes Mädchen.«

Die Hand, die ihn zurückhielt, erschlaffte, und Käthchen wurde in seinen Armen ohnmächtig. Nicolaus beugte sich einige Augenblicke über sie hin, ließ sie sanft auf einen Stuhl nieder und empfahl sie der Sorge ihrer wackeren Freundin.

» Ihr Mitleid brauche ich nicht anzuflehen«, sagte er, ihre Hand drückend, »denn ich kenne Ihr Herz. Sie werden ihr immer eine wohlwollende Freundin sein.«

Er trat nun auf Ralph zu, der noch immer regungslos in derselben Stellung dastand, die er die ganze Zeit über beobachtet hatte, und sprach mit so leiser Stimme, daß es nur von ihnen beiden gehört werden konnte, die folgenden Worte:

»Was Sie auch für Schritte tun mögen, Sir, ich werde strenge Abrechnung mit Ihnen darüber halten. Ich überlasse Ihnen Ihrem Wunsche gemäß die Meinigen. Aber früher oder später werde ich die Rechnung abschließen, und wehe Ihnen, wenn jenen ein Leid geschehen ist.«

Keine Muskelbewegung in Ralphs Gesicht kündigte an, daß er auch nur ein Wort von dieser Abschiedsanrede hörte. Nicolaus hatte übrigens kaum ausgesprochen, als er schon entschwunden war, ehe sich noch Frau Nickleby entschließen konnte, ihren Sohn, im Notfalle mit Gewalt, zurückzuhalten.

Als er mit einer Hast, die mit der Schnelligkeit der ihn bedrängenden Gedanken gleichen Schritt zu halten schien, durch die Straßen hin nach seiner armseligen Wohnung eilte, stiegen viele Zweifel und Bedenklichkeiten in seiner Seele auf und veranlaßten ihn beinahe, wieder umzukehren. Doch was konnten sie dadurch gewinnen? Angenommen auch, daß er Ralph Nickleby Trotz bot und vielleicht glücklich genug war, irgendeine kleine Anstellung zu erhalten, so konnte doch sein Aufenthalt bei ihnen ihre gegenwärtige Lage nur verschlimmern und ihre Aussichten für die Zukunft vernichten; denn seine Mutter hatte von einigen neuen Beweisen seines Wohlwollens gegen Käthchen gesprochen, die diese nicht in Abrede gestellt hatte. »Nein«, dachte Nicolaus, »es ist besser so, wie es ist.«

Aber ehe er noch fünfhundert Schritte gegangen war, tauchten wieder andere Gefühle in ihm auf. Er zögerte aufs neue, drückte den Hut in seine Augen und gab den trüben Betrachtungen Raum, die ihn mit aller Macht bestürmten. Sich keines Vergehens bewußt zu sein und doch so ganz allein in der Welt zu stehen; getrennt zu sein von den einzigen Personen, die er liebte, und umherirren zu müssen wie ein Verbrecher, da er doch sechs Monate vorher sich in der behaglichsten Lage befunden hatte und von seiner Familie als die schönste Hoffnung betrachtet wurde – es war in der Tat ein hartes – ein unverdient hartes Los. Doch lag ein Trost in diesem letztern; und in der Seele des armen Nicolaus wurde es abwechselnd heller oder trüber, je nachdem der Umschwung seiner Gedanken Licht- oder Schattenseiten berührte.

Unter diesem Wechsel zwischen Hoffnung und Furcht, wie ihn wohl jeder, sogar in Stunden gewöhnlicher Prüfung erfahren haben mag, erreichte Nicolaus endlich seine ärmliche Stube, wo er – nicht länger gehoben durch die Aufregung, die bisher seine Lebensgeister angespornt hatte, sondern ganz niedergedrückt durch die Erschlaffung, die sie zurückgelassen, – sich auf sein Lager warf, sein Gesicht der Wand zukehrte und den lang erstickten Gefühlen freien Spielraum gab.

Er hatte niemanden eintreten hören und gewahrte auch Smikes Anwesenheit nicht eher, bis er, bei einem zufälligen Aufrichten seines Kopfes, diesen am oberen Ende des Zimmers stehen und mit achtsamem Auge nach ihm hinblicken sah. Smike wandte sich ab, als er bemerkte, daß er beobachtet wurde, und stellte sich an, als sei er emsig mit den sparsamen Vorbereitungen zu ihrem Abendessen beschäftigt.

»Nun Smike«, sagte Nicolaus so heiter, wie es ihm möglich war, »laß hören, welche neuen Bekanntschaften du den Tag über gemacht oder welche Wunderdinge du in dem Bereich dieser und der nächsten Straße aufgefunden hast.«

»Nein«, versetzte Smike mit einem traurigen Kopfschütteln, »ich muß jetzt von etwas anderem sprechen.«

»Wie dir beliebt«, entgegnete Nicolaus gutgelaunt.

»Nun denn«, erwiderte Smike; »ich weiß, Sie sind unglücklich und haben sich große Ungelegenheiten zugezogen, weil Sie mich mit sich gehen ließen. Ich hätte das wissen und zurückbleiben sollen – auch würde ich es in der Tat nicht getan haben, wenn ich daran gedacht hätte. Sie – Sie sind nicht reich, haben nicht einmal genug für sich selber, und ich sollte nicht hier sein. Sie werden«, fuhr er fort, indem er schüchtern Nicolaus‘ Hand faßte, »Sie werden mit jedem Tage magerer, Ihre Wangen erbleichen und Ihre Augen sinken immer tiefer ein. Ich kann Sie in der Tat nicht mehr so ansehen, wenn ich dabei bedenke, welche Last ich für Sie bin. Ich versuchte es, Sie heimlich zu verlassen, aber der Gedanke an Ihr freundliches Gesicht hielt mich zurück; ich konnte nicht fort, ohne mich von Ihnen zu verabschieden.«

Der arme Bursche konnte nicht weiter sprechen; seine Augen füllten sich mit Tränen, und die Stimme versagte ihm.

»Von einem Abschied und einer Trennung zwischen uns beiden soll nie die Rede sein«, sagte Nicolaus, indem er Smike freundlich am Arme faßte, »denn bei dir finde ich noch meinen einzigen Trost und meine einzige Stütze. Ich möchte dich jetzt um alle Schätze der Welt nicht verlieren. Der Gedanke an dich hat mich heute in allem, was ich erduldete, aufrecht erhalten und wird es wohl noch oft tun. Gib mir deine Hand. Mein Herz ist an das deinige gefesselt. Wir wollen miteinander die Stadt verlassen, noch ehe die Woche zu Ende ist. Was macht es, wenn mich Armut packt; du wirst mir sie erleichtern, und wir tragen sie dann eben gemeinschaftlich.«

Einundzwanzigstes Kapitel.


Einundzwanzigstes Kapitel.

Madame Mantalini gerät in eine schwierige Stellung, worüber Fräulein Nickleby die ihre ganz und gar verliert.

Der überstandene Gemütssturm machte es Käthchen Nickleby drei Tage lang unmöglich, ihre Geschäfte in dem Hause der Putzmacherin wieder aufzunehmen, und am vierten verfügte sie sich wieder zur gewohnten Stunde mit widerstrebenden Schritten nach dem Tempel der Mode, wo Madame Mantalini eine unumschränkte Herrschaft übte.

Mamsell Knags feindselige Gesinnung hatte in der Zwischenzeit nichts von ihrem Gift verloren; denn die jungen Damen vermieden gewissenhaft jede Gemeinschaft mit ihrer so schwer beschuldigten Mitarbeiterin. Als die musterhafte alte Jungfer einige Minuten nachher anlangte, gab sie sich keine Mühe, das Mißvergnügen zu verhehlen, womit sie Käthchens Wiederkehr betrachtete.

»In der Tat«, sagte Mamsell Knag, als sich die Trabanten um sie scharten, um ihr den Hut und das Halstuch abzunehmen, »ich hätte gedacht, gewisse Leute hätten Verstand genug, um überhaupt wegzubleiben, wenn sie wissen, wie sehr ihre Gegenwart rechtlich gesinnten Personen zur Last fällt. Aber es ist eine seltsame Welt; oh, es ist eine seltsame Welt!«

Nachdem Mamsell Knag diese Bemerkung über die Welt in einem Tone ausgesprochen hatte, wie ihn überhaupt Leute, die sich in übler Laune befinden, in ihren Bemerkungen anzubringen pflegen – das heißt: in einer Weise, als ob sie derselben ganz und gar nicht angehörten, schloß sie mit einem schweren Seufzer, wodurch sie gar demütig ihr Mitleid mit der Verderbtheit des menschlichen Geschlechts kundgeben zu wollen schien.

Die Arbeiterinnen säumten nicht, das Echo zu diesem Seufzer zu bilden, und Mamsell Knag schickte sich augenscheinlich an, ihnen noch einige weitere moralische Betrachtungen zum besten zu geben, als Madame Mantalini Käthchen durch das Sprachrohr aufforderte, die Stiegen hinaufzukommen und im Ankleidezimmer behilflich zu sein – eine Auszeichnung, die Mamsell Knag veranlaßte, den Kopf in die Höhe zu werfen und sich so stark in die Lippen zu beißen, daß der Fluß ihrer Rede auf eine Weile vollständig eingefror.

»Nun, mein liebes Kind«, begann Madame Mantalini, als Käthchen sich vorstellte, »sind Sie wieder ganz wohl?«

»Viel besser, Madame«, antwortete Käthchen; »ich danke Ihnen.«

»Ich wünschte, ich könnte von mir das gleiche sagen«, bemerkte Madame Mantalini, indem sie sich anscheinend sehr erschöpft niederließ.

»Sind Sie krank?« fragte Käthchen. »Das täte mir ungemein leid.«

»Nicht gerade krank, aber bekümmert, mein Kind – sehr bekümmert«, entgegnete Madame.

»Da bedaure ich Sie um so mehr«, versetzte Käthchen mit Zartheit; »denn die Leiden des Körpers lassen sich leichter tragen, als die der Seele.«

»Ja, und noch leichter ist es, davon zu sprechen, als sich dem einen oder dem andern zu unterziehen«, erwiderte Madame, indem sie sich empfindlich die Nase rieb. »Doch – gehen Sie an Ihre Arbeit und bringen Sie die Sachen hier in Ordnung.«

Während Käthchen verwundert nachsann, was wohl diese Symptome einer ungewöhnlichen Stimmung zu bedeuten hätten, steckte Herr Mantalini die Spitzen seines Backenbartes und allmählich seinen Kopf durch die halboffene Tür und rief mit sentimentaler Stimme:

»Ist mein Leben und meine Seele hier?«

»Nein«, versetzte seine Gattin.

»Wie kann sie so sprechen, wenn sie im Vorderzimmer wie eine kleine Rose in einem verteufelten Blumentopf blüht?« entgegnete Mantalini. »Darf ihr Püppchen hereinkommen und sprechen?«

»Unter keinen Umständen«, erwiderte Madame. »Du weißt, daß ich dich hier durchaus nicht brauchen kann. Geh nur wieder fort.«

Aber das Püppchen, vielleicht durch den milden Ton dieser Erwiderung ermutigt, wagte sich aufzulehnen, stahl sich auf den Zehenspitzen ins Zimmer und warf Madame Mantalini im Nähertreten Kußhändchen zu.

»Warum will sie sich ungebärdig stellen und ihr hübsches Gesicht in häßliche Falten verziehen?« sagte Mantalini, indem er seine Linke um die Taille seines Lebens und seiner Seele schlang und sie mit seiner Rechten an sich zog.

»Ach, du bist unausstehlich«, versetzte seine Gattin.

»Wie – ich? – unausstehlich?« rief Mantalini. »Possen, Possen, das kann nicht sein. Kein lebendes Mädchen könnte mir so etwas ins Gesicht sagen – ja, geradezu ins Gesicht sagen.«

Herr Mantalini streichelte bei diesen Worten sein Kinn und betrachtete sich voll Selbstgefälligkeit in einem Wandspiegel.

»Eine solche, alles Maß überschreitende Verschwendung«, haderte Madame mit leiser Stimme.

»Alles nur in der Freude, ein so liebenswürdiges Wesen, eine solche kleine Venus, eine solche verteufelt bezaubernde, behexende, hinreißende kleine Venus gewonnen zu haben«, sagte Mantalini.

»Sieh nur, in welche Lage du mich versetzt hast,« entgegnete Madame.

»Meinem Herzchen kann und soll kein Leid widerfahren«, entgegnete Herr Mantalini. »Es ist alles vorüber und das Ganze erledigt. Geld wird bald da sein, und wenn es nicht geschwind genug eingeht, so muß der alte Nickleby wieder dran glauben, oder ich schneide ihm den Hals ab, wenn er es wagt, meine kleine –«

»Pst«, fiel Madame ein, »siehst du nicht?«

Herr Mantalini, der im Eifer, sich mit seiner Frau zu versöhnen, bisher Fräulein Nickleby übersehen oder sich vielleicht auch nur so gestellt hatte, nahm den Wink auf, legte den Finger an seine Lippen und dämpfte seine Stimme noch mehr. Sie flüsterten lange miteinander, und Madame Mantalini schien mehr als einmal auf gewisse Schulden anzuspielen, die er vor ihrer Heirat eingegangen war, an die unerwarteten Geldauslagen zur Begleichung der erwähnten Schulden zu erinnern, und außerdem auf einige liebenswürdige Schwächen von seiten ihres Herrn Gemahls, als da sind: Spiel, Verschwendung, Müßiggang, Liebhaberei für Pferde und dergleichen hinzudeuten – Anklagen, die Herr Mantalini je nach deren Wichtigkeit durch einen oder mehrere Küsse beschwichtigte; und das Ende von allem war, daß Madame Mantalini von ihrem Gatten ganz entzückt wurde und mit ihm die Stiege hinauf zum Frühstück ging.

Käthchen beschäftigte sich mit ihrer Aufgabe und ordnete schweigend die verschiedenen Putzartikel mit allem ihr zu Gebote stehenden Geschmack, als sie plötzlich durch die Stimme eines fremden Mannes in Schrecken gesetzt wurde. Dieser steigerte sich noch, als sie beim Umsehen wahrnahm, daß sich ein weißer Hut, ein rotes Halstuch, ein breites, rundes Gesicht, ein großer Kopf und ein Teil eines grünen Rockes im Zimmer befand.

»Erschrecken Sie nicht, Fräulein«, sagte der Eigentümer dieser Sonderbarkeit. »Nicht wahr, hier ist das Modegeschäft?«

»Ja«, antwortete Käthchen sehr bestürzt. »Was ist Ihr Wunsch?«

Der Fremde antwortete nicht, sondern blickte erst zurück, als ob er irgendeiner noch nicht sichtbaren Person winke, und trat dann sehr bedächtig ins Zimmer, wobei ihm ein kleiner Mann in einem braunen, sehr abgetragenen Rock folgte, der eine ganze Atmosphäre von Landmannsknaster- und frischem Zwiebelduft mit sich brachte. Die Kleider dieses Herrn hingen voll Flaum, und seine Schuhe, Strümpfe und Beinkleider waren bis zu den unteren Knöpfen seines Fracks mit Kot bespritzt, der sich allerwenigstens von vierzehn Tagen her datieren mußte, da bereits so lange schön Wetter war.

Käthchens erster Gedanke war, daß diese einladenden Personen in der Absicht gekommen waren, um sich widerrechtlicher Weise in den Besitz ein oder des andern tragbaren Artikels, der ihnen gerade einleuchtete, zu setzen. Sie hielt es auch nicht der Mühe für wert, ihre Sorgen zu verhehlen, und machte eine Bewegung nach der Tür.

»Warten Sie noch ein Augenblickchen«, sagte der Mann in dem grünen Rock, indem er sachte die Tür schloß und sich mit dem Rücken gegen diese stellte. »Es ist freilich ein unangenehmes Geschäft – aber wo ist Mosjö?«

»Nach was – fragten Sie?« entgegnete Käthchen zitternd: denn sie dachte, dieses Mosjö möchte ein Kunstausdruck der Spitzbuben für Uhr oder Geld sein.

»Herr Montilinie«, antwortete der Mann. »Was ist mit ihm? Ist er zu Hause?«

»Er ist eine Treppe weiter oben, glaube ich«, versetzte Käthchen, durch diese Frage etwas beruhigt. »Wünschen Sie ihn zu sprechen?«

»Das muß es gerade nicht sein«, entgegnete der Fremde, »wenn er uns einen Gefallen damit zu tun meint. Sie können ihm aber diese Karte geben und ihm sagen, wenn er mich zu sprechen wünsche und sich eine Unannehmlichkeit ersparen wolle, so sei ich hier; weiter ist nichts nötig.«

Mit diesen Worten überreichte er Käthchen eine dicke viereckige Karte und bemerkte dann gegen seinen Freund in ziemlich plumper Weise, »daß die Zimmer eine schöne Höhe hätten«, worin ihm der Freund beipflichtete und erläuternd hinzusetzte, »daß ein kleiner Junge darin zum Manne aufwachsen könnte, ohne je mit dem Kopf an die Decke zu stoßen.«

Käthchen zog die Klingel, um Madame Mantalini herbeizurufen, warf dann einen Blick auf die Karte und sah darauf den Namen ›Scaley‹ nebst einigen andern Andeutungen, die sie noch nicht durchgelesen hatte, als Herr Scaley selbst ihre Aufmerksamkeit auf sich zog, indem er auf einen der Toilettenspiegel losging und mit seinem Stock ganz kaltblütig auf dessen Mitte loshämmerte, als ob er von Gußeisen gewesen wäre.

»Das ist gutes Glas, Tix«, sagte Herr Scaley zu seinem Freunde.

»Hm«, versetzte Herr Tix, indem er mit seiner schmierigen Pfote ein Stück blauen Seidenzeugs anfühlte und den Abdruck seiner Finger darauf zurückließ, »und dieser Artikel hat auch das seine gekostet.«

Von dem Seidenzeug verpflanzte Herr Tix seine Bewunderung auf einige elegante Putzartikel, während Herr Scaley ganz gemächlich sein Halstuch vor dem Spiegel zurechtrückte. Er war noch ganz in dieses Geschäft vertieft, als Madame Mantalini ins Zimmer trat und ihn durch einen Ausruf des Erstaunens aus seiner Anschauung weckte.

»Ah, ist das die Frau?« fragte Scaley.

»Es ist Madame Mantalini«, sagte Käthchen.

»Nun«, sagte Herr Scaley, indem er ein kleines Dokument aus seiner Tasche holte und es mit ungemeiner Bedachtsamkeit entfaltete, »ich habe da einen Pfändungsbefehl, und wenn es nicht genehm ist zu bezahlen, so wollen wir mit Ihrer Erlaubnis das Haus durchgehen und eine Pfand-Inventur aufnehmen.«

Die arme Madame Mantalini schlug entsetzt ihre Hände zusammen, klingelte dann ihrem Mann und fiel endlich ohnmächtig in einen Stuhl. Die beiden Amtspersonen ließen sich jedoch durch dieses Ereignis nicht im mindesten anfechten: denn Herr Scaley lehnte sich über ein Gestell, an dem ein schönes Damenkleid hing, über das seine Schultern fast ebensoweit hervorragten, als es bei den Schultern der Dame der Fall gewesen sein würde, für die der Anzug bestimmt war. Dann schob er seinen Hut auf die eine Seite und kratzte sich ganz unbekümmert den Kopf, während sein Freund, Herr Tix, die Gelegenheit wahrnahm, sich, ehe er in das eigentliche Geschäft einging, einen vorläufigen Überblick über das Zimmer zu verschaffen, und deshalb, sein Inventarbuch unter dem Arm und den Hut in der Hand, im Geist jeden Gegenstand, der in seinem Gesichtskreise lag, taxierte.

Dies war der Stand der Dinge, als Herr Mantalini hereinstürzte. Da jedoch dieser vortreffliche Herr in den Tagen seines Junggesellenlebens sehr oft in Verkehr mit Herrn Scaleys Genossenschaft gekommen war und außerdem durch das jetzige Auftreten derselben nicht im mindesten überrascht wurde, so zuckte er bloß die Achseln, steckte seine Hände bis auf den Boden seiner Taschen, zog die Augenbrauen in die Höhe, pfiff einen oder zwei Takte, ließ einen oder zwei Flüche vernehmen, streckte sich auf einen Stuhl und machte mit vielem Anstand und großer Fassung die beste Miene zu der Sache.

»Was beträgt die verteufelte Totalsumme?« war seine erste Frage.

»Fünfzehnhundertsiebenundzwanzig Pfund, vier Schillinge, neun Pence und einen halben Penny«, antwortete Herr Scaley, ohne ein Glied zu rühren.

»Hole der Teufel den halben Penny«, sagte Herr Mantalini ungeduldig.

»Habe nichts dagegen, wenn Sie so wünschen«, entgegnete Herr Scaley; »meinetwegen auch die neun Pence.«

»Uns ist es gleichgültig, wenn auch die fünfzehnhundertsiebenundzwanzig Pfund desselben Weges fahren.«

»Kümmert uns keinen Pfifferling«, sagte Scaley.

»Nun«, fuhr derselbe Herr nach einer Pause fort, »was soll geschehen – etwas? Ist es nur ein kleiner Ausfall oder ein totaler Durchfall? Wie – gar eine Auflösung der ganzen Konkursmasse? – Sehr gut. Nun denn, Herr Tom Tix, dann müssen Euer Wohlgeboren Ihren Engel von Frau und Ihre ganze liebenswürdige Familie benachrichtigen, daß Sie die nächsten drei Nächte nicht nach Hause kommen können, weil Sie so lange hierbleiben müssen. Wozu regt sich denn die Frau so gewaltig auf?« fuhr Herr Scaley fort, als er Madame Mantalini schluchzen hörte. »Ich wette, über die Hälfte von dem, was hier ist, steht doch noch im Buch, und welcher Trost muß das für ihre Gefühle sein.«

Mit diesen Bemerkungen, die ebenso spaßhaft klangen, wie sie ungemein viel Trost für Madame Mantalinis Lage enthielten, schickte sich Herr Scaley an, das Inventar aufzunehmen. Bei diesem peinlichen Geschäft sah er sich durch den ungewöhnlichen Takt und die vieljährige Erfahrung des Herrn Tix unterstützt.

»Meine Glückseligkeitsbecherversüßerin«, sagte Herr Mantalini, indem er sich mit reuiger Miene seiner Gattin näherte, »willst du mich zwei Minuten anhören?«

»Oh, ich will nichts von dir hören«, versetzte seine Gattin. »Es ist genug, daß du mich zugrunde gerichtet hast.«

Herr Mantalini, der ohne Zweifel seine Rolle vorher wohl überlegt hatte, vernahm kaum diese Worte, die im Ton des Schmerzes und der Strenge ausgesprochen wurden, als er um etliche Schritte zurückprallte, den Ausdruck der höchsten Verzweiflung annahm und ungestüm aus dem Zimmer stürzte. Bald nachher hörte man ihn die Tür des Besuchszimmers im zweiten Stock mit großer Heftigkeit zuschlagen.

«Mamsell Nickleby!« rief Madame Mantalini, als dieser Ton ihr Ohr traf, »eilen Sie um Gottes willen, er will sich das Leben nehmen. Ich bin unfreundlich gegen ihn gewesen, und das kann er von mir nicht vertragen. Alfred! o mein lieber Alfred!«

Mit solchen Ausrufen eilte sie die Treppe hinauf, und Käthchen folgte in einiger Unruhe, obgleich sie die Besorgnisse der zärtlichen Gattin nicht ganz teilte. Die Zimmertür flog rasch auf, und vor ihnen stand Herr Mantalini, der seinen Hemdkragen ganz symmetrisch zurückgeschlagen hatte und ein Tischmesser auf einem Streichriemen schärfte.

»Ah«, rief Herr Mantalini, »unterbrochen!« und blitzschnell wanderte das Tischmesser in Herrn Mantalinis Schlafrocktasche, während Herrn Mantalinis Augen rasch umherrollten, und Haare und Backenbart ihm in großer Verwirrung um den Kopf flogen.

»Alfred!« rief Madame Mantalini, indem sie ihn mit ihren Armen umschlang; »ich habe es nicht so bös gemeint – ich habe es nicht so bös gemeint!«

»Zugrunde gerichtet!« rief Herr Mantalini. »Ich habe Verderben über das beste und reinste Wesen gebracht, das je einen verteufelten Vagabunden beglückte! Zum Teufel – laß mich gehen!«

Auf dieser Glanzhöhe seines Rasens griff Herr Mantalini wieder nach seinem Messer, wurde aber von den Händen seiner Gattin zurückgehalten. Darauf versuchte er es, mit dem Kopf gegen die Wand zu rennen – nahm sich aber jedenfalls dabei sehr in acht, wenigstens sechs Fuß von ihr entfernt zu bleiben.

»Fasse dich, mein Engel«, sagte Madame. »Wir können dieses Unglück niemandem zur Last legen; wenigsten« bin ich ebensogut schuld daran wie du, aber es wird schon wieder besser kommen. Beruhige dich, Alfred – beruhige dich.«

Herr Mantalini hielt es nicht für passend, sich sogleich wieder zu beruhigen, sondern nachdem er mehrere Male nach Gift gerufen und das Ansinnen gestellt hatte, irgendein Herr oder eine Dame möchte ihm das Gehirn aus dem Kopf schlagen, gewannen sanftere Gefühle bei ihm die Oberhand, und er begann auf eine ergreifende Weise zu weinen. In dieser besänftigten Gemütsstimmung hatte er nichts dagegen, daß ihm das Messer genommen wurde – was ihm, die Wahrheit zu gestehen, zu einem ungemeinen Trost gereichte, da ein Tischmesser ein unbequemer und gefährlicher Artikel für eine linnene Schlafrocktasche ist –, und endlich ließ er sich von seiner zärtlichen Gattin fortführen.

Nach zwei oder drei Stunden wurde den jungen Damen die Mitteilung gemacht, daß sie ihrer Dienste bis auf weiteres enthoben seien, und zwei Tage später erschien der Name Mantalini auf der Liste derer, die Bankerott machten. Fräulein Nickleby erhielt noch außerdem an demselben Morgen ein Schreiben, daß das Geschäft in Zukunft unter dem Namen der Mamsell Knag fortbetrieben würde, übrigens ihre Dienste nicht weiter vonnöten wären.

Frau Nickleby hatte dies kaum erfahren, als die gute Dame sogleich erklärte, sie hätte etwas der Art längst vorausgesehen, wobei sie verschiedene unbekannte Anlässe namhaft machte, bei denen sie gleichfalls ganz richtig prophezeit hatte.

»Und ich sage es noch einmal«, ging Frau Nickleby in ihrem Redefluß weiter – wir haben aber kaum nötig, zu bemerken, daß sie etwas der Art nie vorher gesagt hatte – »ich sage es noch einmal, Käthchen, daß das Geschäft einer Putz- und Kleidermacherin das allerletzte ist, zu dem du dich hättest verwenden lassen sollen. Ich will dir keinen Vorwurf machen, meine Liebe, aber ich muß es wiederholen, daß ich, wenn du deine Mutter um Rat gefragt hättest –«

»Gut, gut, Mama«, sagte Käthchen sanft; »aber was raten Sie mir setzt?«

»Raten?« rief Madame Nickleby. »Ist es nicht augenfällig, meine Liebe, daß von allen Beschäftigungen der Welt die eines Gesellschaftsfräuleins bei einer liebenswürdigen Dame gerade diejenige ist, für die du dich vermöge deiner Erziehung, deiner Manieren, deines Äußeren und alles Sonstigen am allerbesten eignest? Hast du deinen armen seligen Vater nie von der jungen Dame sprechen hören – einer Tochter der alten Dame, die in dem Hause, wo er einst als Junggeselle seinen Mittagstisch hatte, das Essen reichte? – Ach wie heißt sie doch? Ich weiß, ihr Name fängt mit einem B an und endigte mit einem ag – oder hieß sie vielleicht Waters? – Nein, dann kann’s doch nicht gewesen sein; aber wie sie auch geheißen haben mochte – weißt du nicht, daß diese junge Dame als Gesellschafterin zu einer verheirateten Dame kam, die bald nachher starb, und daß sie dann den Witwer heiratete und einen der schönsten kleinen Knaben bekam, den je eine Hebamme auf den Armen hatte – und alles dies in dem Zeitraum von nur achtzehn Monaten?«

Käthchen begriff leicht, daß dieser Strom von belegenden Rückerinnerungen durch irgendeine wirkliche oder eingebildete Aussicht veranlaßt wurde, die ihre Mutter betreffs einer solchen Laufbahn sich zusammenphantasiert hatte. Sie wartete daher geduldig, bis alle Remiscenzen und Histörchen – zur Sache gehörig oder nicht – erschöpft waren, und wagte dann endlich die Frage, ob der Mutter vielleicht etwas Derartiges zu Ohren gekommen sei. Die Wahrheit stellte sich nun heraus. Madame Nickleby hatte an demselben Morgen das gestrige Blatt einer sehr ehrenwerten Zeitung in die Hände bekommen, in dem durch ein im reinsten und grammatikalisch richtigsten Englisch geschriebenes Inserat angezeigt wurde, daß eine verheiratete Dame eine gebildete junge Person zur Gesellschafterin suche, und daß die Adresse der besagten Dame in einer gewissen Leihbibliothek im Westend der Stadt zu erfragen sei.

»Und ich sage dir«, rief Madame Nickleby, indem sie die Zeitung im Triumph niederlegte, »daß es wohl der Mühe wert ist, den Versuch zu machen, wenn dein Onkel nichts dagegen einzuwenden hat.«

Käthchen hatte infolge der herben Erfahrungen, die sie bereits gemacht, zu viel Herzeleid und kümmerte sich in der Tat auch vorderhand zu wenig um das, was ihr das Schicksal vorbehalten haben mochte, um sich einen Einwand zu erlauben. Herr Ralph Nickleby hatte gleichfalls nichts dagegen, sondern ließ im Gegenteil dieser Absicht seinen unverhohlenen Beifall zuteil werden. Auch schien ihm, wie sich aus seinem Benehmen zeigte, Madame Mantalinis plötzlicher Bankerott nicht besonders unerwartet gekommen zu sein – was freilich sonderbar hätte zugehen müssen, da hauptsächlich er es gewesen war, der diesen herbeigeführt hatte. Die Adresse wurde daher ohne Zeitverlust erfragt, und Fräulein Nickleby machte sich mit ihrer Mutter noch denselben Vormittag auf den Weg, um Madame Wititterly, Cadoganplatz, Sloanestraße aufzusuchen.

Cadoganplatz ist das einzige leichte Band zwischen zwei großen Extremen, das Mittelglied zwischen dem aristokratischen Boden von Bel-Grave-Square und dem plebejischen von Chelsea. Er ist in der Sloanestraße, ohne jedoch derselben anzugehören. Die Bewohner von Cadoganplatz blicken auf die der Sloanestraße herunter und halten Brompton für gewöhnlich. Sie wollen fashionable sein und können nicht begreifen, wie man New Road kennen kann. Sie stehen zwar nicht auf gleicher Höhe mit Bel-Grave-Square und Grosvenor Place, aber es besteht doch ein Verhältnis zu jenen, ungefähr wie das unehelicher Kinder großer Herren, die sich mit ihren Verwandten brüsten, obgleich sie von denselben nicht anerkannt werden. Die Bewohner von Cadogan Place geben sich so gut wie möglich das Ansehen von Leuten des höchsten Ranges, obgleich sie in der Tat nur der mittleren Klasse angehören. Sie bilden gleichsam den Transformator, der den Bewohnern der jenseitigen Bezirke den elektrischen Schlag des Geburts- und Rangstolzes mitteilt, den sie allerdings nicht selber besitzen, aber doch von einer naheliegenden Hauptquelle ableiten – oder mit andern Worten, sie gleichen dem Band, das die siamesischen Zwillinge vereinigt und das etwas von dem Leben und der Wesenheit zweier verschiedenen Körper enthält, ohne dem einen oder dem andern wirklich anzugehören.

Auf diesem neutralen Gebiet wohnte Madame Wititterly, und an Madame Wititterlys Tür klopfte Käthchen Nickleby mit zitternder Hand. Die Tür wurde von einem stämmigen Diener geöffnet, dessen Kopf mit Mehl, Kreide oder etwas Ähnlichem, denn es sah nicht wie echter Puder aus – bestreut war. Er nahm Käthchen die Karte ab und gab sie einem kleinen Boy, der in der Tat so klein war, daß sein Rock die Anzahl kleiner Knöpfe, die unerläßlich zu dem Anzug eines kleinen Boy gehören, in der gewöhnlichen Ordnung nicht fassen konnte, weshalb sie auch zu vier nebeneinander gesetzt worden waren. Dieses Herrchen trug die Karte auf einem Präsentierteller die Treppe hinauf, und Käthchen nebst ihrer Mutter wurden bis zu seiner Rückkehr in ein Speisezimmer gewiesen, das so schmutzig, schäbig und unbehaglich aussah, daß es eher für alles andere, als für Essen und Trinken zu passen schien.

Dem gewöhnlichen Lauf der Dinge zufolge und nach allem, was man als glaubwürdige Berichte über das Treiben der vornehmen Gesellschaft in Büchern findet, hätte Madame Wititterly im Boudoir sitzen sollen. Mochte indessen vielleicht Herr Wititterly sich gerade dort den Bart abnehmen, oder sonst eine Ursache vorhanden sein – wir wissen nur so viel gewiß, daß Madame Wititterly sich ihrem Besuchszimmer Audienz gab, wo sich alles Vornehme und Notwendige vorfand, mit Einschluß rosenroter Fenstervorhänge und dergleichen Möbelüberzüge, um ein zartes Rot auf Madame Wititterlys Antlitz zu gießen, eines kleinen Hundes, um zu Madame Wititterlys Belustigung Fremden nach den Beinen zu schnappen, und des vorerwähnten Boy, um zu Madame Wititterlys Erfrischung Schokolade zu präsentieren.

Die Dame hatte ein süßlich schmachtendes, ansprechend blasses Gesicht; auch war ihr ganzes Äußere wie ihre Einrichtung und alles im Hause – verblichen. Sie lehnte sich in einer so unstudierten Haltung auf ihrem Sofa zurück, daß man sie für eine Tänzerin hätte halten können, die für die erste Szene eines Balletts gekleidet ist und nur noch auf das Aufziehen des Vorhangs wartet.

»Stühle!«

Der Boy stellte die Stühle bereit.

»Verlasse das Zimmer, Alphons!«

Der Boy trat ab. Wenn es aber je einen Alphons gab, dem der Grobmichel ins Gesicht geschrieben war, so war es dieser Knabe.

»Ich wagte es, bei Ihnen vorzusprechen, Madame«, sagte Käthchen nach einer kurzen, beengenden Pause, »da ich Ihre Anzeige gelesen.«

»Ja«, versetzte Madame Wititterly. »Einer meiner Leute setzte es in die Zeitung. Ja.«

»Ich dachte«, fuhr Käthchen bescheiden fort, »Sie würden mir, wofern Sie nicht bereits eine Wahl getroffen, verzeihen, wenn ich Sie mit einer Bewerbung um die angezeigte Stelle behellige.«

»Ja«, entgegnete Madame Wititterly abermals in gedehnter Weise.

»Wenn Sie bereits versehen sind – –«

»O mein Gott, nein«, fiel die Dame ein. »Ich bin nicht so leicht zufriedengestellt. Ich weiß in der Tat nicht, was ich sagen soll. Sie sind früher nie Gesellschafterin gewesen – oder?«

Madame Nickleby, die begierig die Gelegenheit wahrgenommen hatte, riß gewandt die Rede an sich, ehe noch Käthchen antworten konnte.

»Nicht bei Fremden, Madame«, sagte die Dame, »aber sie ist seit Jahren meine Gesellschafterin gewesen. Ich bin ihre Mutter, Madame.«

»Ah«, sagte Madame Wititterly, »ich begreife.«

»Ich versichere Sie, Madame«, versetzte Frau Nickleby, »ich hätte es früher nicht für möglich gehalten, daß ich meine Tochter in die Welt hinausschicken müßte, denn ihr armer Vater war ein unabhängiger Mann und würde es auch noch im gegenwärtigen Augenblick sein, hätte er nur bei Zeiten auf meine beharrlichen Bitten – –«

»Liebe Mama«, bat Käthchen leise.

»Liebes Käthchen, wenn du mich aussprechen lassen willst«, entgegnete Madame Nickleby, »so werde ich mir die Freiheit nehmen, dieser Dame auseinanderzusetzen –«

»Ich meine, es ist unnötig, Mama.«

Und ungeachtet alles Stirnrunzelns und Winkens, womit Madame Nickleby andeutete, sie habe im Sinne, etwas zu sagen, was die Sache mit einem Male abmachen würde, beharrte Käthchen durch einen ausdrucksvollen Blick auf ihrer Ansicht, so daß Madame Nickleby nicht vermochte, die begonnene Tirade fortzusetzen.

»Was haben Sie gelernt?« fragte Madame Wititterly, die Augen zudrückend.

Käthchen zählte errötend ihre Hauptfähigkeiten auf, und Madame Nickleby rechnete ihr eine nach der andern an den Fingern nach, da sie bereits, ehe sie diesen Gang angetreten, alles gehörig zusammengestellt hatte. Glücklicherweise stimmten beide Berechnungen miteinander überein, und so hatte Madame Nickleby keinen Anlaß, das Wort an sich zu reißen.

»Ist Ihr Charakter umgänglich?« fragte Madame Wititterly, indem sie die Augen für einen Augenblick öffnete und dann wieder schloß.

»Ich hoffe es«, versetzte Käthchen.

»Sind Sie auch mit guten Empfehlungen versehen?«

Käthchen bejahte diese Frage und legte die Karte ihres Onkels auf den Tisch.

»Haben Sie die Güte, Ihren Stuhl ein wenig näher zu rücken, damit ich Sie ansehen kann«, sagte Madame Wititterly. »Ich bin sehr sehr kurzsichtig und kann daher Ihre Züge nicht ganz unterscheiden.«

Käthchen entsprach dieser Aufforderung nicht ohne einige Verlegenheit, und Madame Wititterly musterte mit mattem Blick ihr Gesicht mehrere Minuten lang.

»Ihr Äußeres gefällt mir«, sprach die Dame, indem sie eine kleine Klingel zog. »Alphons, ersuche deinen Vorgesetzten, hierherzukommen.«

Der Boy entfernte sich mit dieser Botschaft, und nach einer kurzen Pause, in der von beiden Seiten nicht ein Wort gesprochen wurde, trat ein wichtigtuender Herr von ungefähr achtunddreißig Jahren mit ziemlich plebejischen Zügen und lichten Haaren durch die Tür, der sich eine Weile über Madame Wititterly beugte und sich flüsternd mit ihr unterhielt.

»Ah – so!« sagte er, indem er sich umwandte, »das ist eine höchst wichtige Angelegenheit. Madame Wititterly ist von sehr reizbarem Wesen, sehr zart, sehr schwächlich, eine Treibhauspflanze, ein exotisches Gewächs.«

»Ach, lieber Heinrich!« fiel Madame Wititterly ein.

»Du bist’s, meine Liebe – du weißt, daß du es bist. Ein Hauch –« sagte Herr Wititterly, indem er sich anstellte, als blase er eine Feder weg – »puh! und du bist nicht mehr.«

»Deine Seele ist zu groß für deinen Körper«, fuhr Herr Wititterly fort. »Dein hoher Geist reibt dich auf. Du weißt, es gibt keinen Arzt, der nicht stolz darauf wäre, zu dir gerufen zu werden. Wie lautet ihre einstimmige Erklärung? ›Mein lieber Doktor‹, sagte ich in diesem Zimmer zu Sir Tumley Snuffim bei seinem letzten Besuch, ›mein lieber Doktor, was fehlt meiner Frau? Sagen Sie mir alles, ich kann es wohl ertragen. Sind es die Nerven?‹ ›Mein lieber Freund‹, sagte er, ›Sie dürfen stolz sein auf Ihre Gemahlin. Halten Sie sie hoch in Ehren: sie ist eine Zierde für die fashionable Welt und für Sie. Ihre ganze Krankheit liegt in ihrem hohen Geist. Er schwillt, dehnt sich aus, erweitert sich – das Blut entzündet sich, die Pulse fliegen rascher, die Erregung steigert sich‹ – puh.«

Herr Wititterly hatte in dem Feuer seiner Beschreibung mit seiner rechten Hand in der Luft herumgefuchtelt und war dabei Frau Nicklebys Hut um weniger als einen Zoll nahe gekommen; er hielt daher hastig inne und blies dann seine Nase so gewaltig auf, als wirke in seinem Innern eine mächtige Maschinerie.

»Du machst mich immer schwächer, als ich bin, Heinrich«, hauchte Madame Wititterly.

»Das tu‘ ich nicht, Julia – nein, gewiß nicht«, entgegnete Herr Wititterly. »Die Gesellschaft, in der du dich bewegst und deiner Stellung, deiner Familie und deiner hohen Gaben willen notwendig bewegen mußt, ist ein unablässiger Strudel und Wirbel der furchtbarsten Aufregung. Ich will nicht leben, wenn ich je die Nacht vergesse, in der du auf dem Wahlballe zu Exeter mit dem Neffen des Baronets tanztest. Es war schrecklich!«

»Ich habe für solche Triumphe immer hintendrein zu leiden«, sagte Madame Wititterly.

»Und gerade deshalb«, erwiderte ihr Gatte, »mußt du eine Gesellschafterin haben, in der du Sanftmut und Zartheit, die höchste Sympathie und die schönste Seelenruhe findest.«

Hier brachen beide, Herr und Madame Wititterly, die dies mehr für die Nicklebys als unter sich gesprochen hatten, ab und blickten auf die beiden Zuhörerinnen mit einem Gesichtsausdruck, der zu fragen schien, wie ihnen das alles imponiere.

»Madame Wititterly«, sprach der Gatte zu Frau Nickleby, »wird von den glänzendsten Gesellschaften, den brillantesten Zirkeln begehrt und gefeiert. Sie wird aufgeregt durch die Oper, das Schauspiel, die schönen Künste, die – die – die –«

»Den Adel, mein Lieber«, fiel Madame Wititterly ein.

»Natürlich, den Adel«, sagte Herr Wititterly, »und das Militär. Sie ist eine ungemein tiefe Denkerin und lebt in einer ungeheuren Mannigfaltigkeit von Ansichten über die allermannigfaltigsten Gegenstände. Wenn gewisse Leute im öffentlichen Leben Madame Wititterlys wahre Meinung über sie kennen würden, so würden sie wahrscheinlich ihre Köpfe nicht so hoch tragen, wie sie es tun.«

»Pst, Heinrich«, sagte die Dame, »das ist nicht in der Ordnung.«

»Ich erwähne ja keine Namen, Julia«, versetzte Herr Wititterly, »und so kann sich niemand gekränkt fühlen. Ich berühre den Umstand auch nur, um zu zeigen, daß du keine gewöhnliche Frau bist, daß eine beharrliche Reibung ohne Unterlaß zwischen deiner Seele und deinem Körper vorgeht, und daß du deshalb die allerzarteste Behandlung nötig hast. Aber jetzt wünsche ich eine ruhige und leidenschaftslose Schilderung der Eigenschaften, durch die sich dieses junge Mädchen für die Stelle befähigt.«

Infolge dieser Aufforderung wurden die Eigenschaften Käthchens abermals durchgegangen, wobei jedoch Herrn Wititterlys Zwischenfragen manche Unterbrechung veranlaßten. Endlich kam man zu dem Beschluß, daß man Erkundigungen einziehen und den Endbescheid Fräulein Nickleby innerhalb zweier Tage unter der Adresse ihres Onkels zugehen lassen wolle. Nach diesen Verhandlungen begleitete sie der Boy bis zu dem Treppenfenstcr, wo durch den dicken Diener eine Ablösung stattfand, so daß Mutter und Tochter in dieser Weise wohlbehalten auf die Straße gelangten.

»Das sind augenscheinlich sehr vornehme Personen«, sagte Frau Nickleby, als sie den Arm ihrer Tochter nahm. »Was nicht Madame Wititterly für eine vortreffliche Dame ist.«

»Meinen Sie, Mama?« war Käthchens ganze Antwort.

»Wie sollte ich nicht, liebes Käthchen«, erwiderte die Mutter. »Sie ist ja so blaß und sieht ganz erschöpft aus. Ich will hoffen, daß sie sich nicht ganz verzehrt, aber ich fürchte sehr für ihr Leben.«

Diese Gedanken führten die tiefblickende Dame zu der Berechnung von Madame Wititterlys mutmaßlicher Lebensdauer, wobei sie es nicht unterließ, die hohe Wahrscheinlichkeit abzuwägen, daß der trostlose Witwer ihrer Tochter die Hand bieten würde. Noch ehe die gute Frau zu Haus anlangte, hatte sie Madame Wititterlys Seele von allen Beengungen des Körpers befreit, Käthchen mit großem Glanz nach St. Georgs Hannover Squar verheiratet und nur noch die minder wichtige Frage unentschieden gelassen, ob eine prachtvolle Mahagonibettstelle für sie selbst in dem zwei Treppen hohen Hinterzimmer nach Cadogan Place hinaus oder in einem andern Zimmer des dritten Stockes aufgeschlagen werden sollte. Sie konnte jedoch nicht mit sich ins reine kommen, was von beiden das Vorteilhaftere sein dürfte. Deshalb schloß sie ihr Bedenken damit ab, daß sie die Entscheidung darüber ihrem Schwiegersohn überlassen wollte.

Die Nachforschungen wurden angestellt, und die Antwort fiel – gerade nicht zu Käthchens besonderer Freude – günstig aus. Nach dem Ablauf einer Woche übersiedelte Fräulein Nickleby mit aller ihrer beweglichen Habe in Madame Wititterlys Wohnung, wo wir sie vorderhand lassen wollen.