Dreiunddreißigstes Kapitel.


Dreiunddreißigstes Kapitel.

Zum Ende.

Die Veränderungen im Zimmer eines Fieberkranken sind langsam und schwankend; aber die Veränderungen in der fiebernden Welt sind rasch und unwiderruflich.

Es war Klein-Dorrits Los, für beide Arten von Veränderungen zu sorgen zu haben. Die Mauern des Marschallgefängnisses hüllten sie wieder während eines Teiles des Tages als ihr Kind in ihre Schatten ein, während sie für Clennam dachte, für ihn arbeitete und ihn nur verließ, um ihm ihre größte Liebe und Sorge zu weihen. Auch ihr Leben außerhalb des Gefängnisses machte drängende Anforderungen an sie, denen zu entsprechen ihre Geduld nicht müde wurde. Hier war Fanny, stolz, launenhaft, phantastisch, noch weiter in der Unfähigkeit vorgerückt, in Gesellschaft zu gehen, jener Unfähigkeit, die sie an jenem Abend des Schildpattmessers so sehr geärgert hatte; sie war entschlossen, immer des Trostes zu bedürfen, und entschlossen, keinen Trost anzunehmen, entschlossen, sich tief verletzt zu fühlen, und entschlossen, es nicht zu dulden, daß jemand die Kühnheit haben dürfte, dies zu glauben. Ferner ihr Bruder, ein schwacher, stolzer, berauschter, junger Greis, der vom Kopf bis zu den Füßen zitterte, so undeutlich sprach, als ob etwas von dem Geld, auf das er sich so viel zugute tat, ihm im Munde steckengeblieben und nicht mehr herauszubringen wäre, unfähig, irgend etwas in seinem Leben allein durchzuführen, und den Gönner seiner Schwester spielend, die er selbstsüchtig liebte (er hatte immer dieses negative Verdienst gehabt, der arme Tip mit seinem Unglücksstern!), weil er duldete, daß sie ihn führte. Ferner Mrs. Merdle in einer Trauerkleidung von Gaze – die ursprüngliche Haube war möglicherweise in einem Anfall von Schmerz zerrissen worden, hatte dagegen sicher einem sehr kleidsamen Artikel vom Pariser Markt Platz gemacht – mit Fanny in beständiges Kampfe und sie jede Stunde des Tages mit ihrem öden Jammer eingreifend. Ferner der arme Mr. Sparkler, der nicht wußte, wie er den Frieden zwischen ihnen aufrechterhalten sollte, aber bescheiden sich zu der Meinung neigte, daß sie nichts Besseres tun könnten als zuzugeben, daß sie beide zwei merkwürdig schöne Frauen seien, und daß keine einen Unsinn an sich habe – zum Dank für welche freundliche Empfehlung sie vereint furchtbar über ihn herfielen. Endlich Mrs. General, die aus fremden Ländern heimgekehrt war und jeden andern Tag einen Prunes- und Prismbrief sandte, worin sie um ein neues Zeugnis zum Zweck der Empfehlung für eine oder die andere erledigte Stelle bat. Über diese merkwürdige Dame möge zum Schluß noch bemerkt werden, daß sicher nie eine Name existiert hat, von deren überschwenglicher Befähigung für jede erledigte Stelle auf dieser Welt (wie aus der Wärme der Zeugnisse hervorging) so viele Leute so vollkommen überzeugt waren –- oder die so unglücklich war, einen so großen Kreis glühender und vornehmer Verehrer zu haben, die niemals Gelegenheit fanden, sie anzustellen.

In der ersten Aufregung, die der Tod Mr. Merdles veranlaßte, waren viele angesehene Personen ungewiß, ob sie Mrs. Merdle fallen lassen oder sie trösten sollten. Da es jedoch, um ihre eigne Sache in ein recht grelles Licht zu stellen, dienlich schien, sie als grausam hintergangen zu betrachten, so machten sie gnädigst dieses Zugeständnis und kannten sie auch ferner. Die Folge war, daß Mrs. Merdle, als eine Dame von Welt und feiner Erziehung, die der List eines gemeinen Barbaren (denn Mr. Merdle galt vom Scheitel bis zur Zehe als ein solcher, seit man seine Taschen leer gefunden hatte) zum Opfer gefallen war, um ihres Standes willen von ihrem Stande tapfer verteidigt werden mußte. Sie vergalt diese Treue, indem sie zu verstehen gab, daß sie gegen den verbrecherischen Schatten des Verstorbenen viel erzürnter war als jeder andere: so kam sie aus dem feurigen Ofen als eine weise Frau hervor und befand sich in diesem Zustand ausnehmend wohl.

Mr. Sparklers Lordschaft war glücklicherweise einer von den Ruheplätzen, auf denen man hoffen kann, sein ganzes Leben zu bleiben, es sei denn, daß Gründe vorhanden wären, ihn mit dem Barnacleschen Kran zu einer gewinnbringenderen Stellung emporzuheben. Dieser patriotische Diener hielt deshalb fest zu seiner Fahne (dem Banner mit den vier Ahnen) und war ein wahrer Nelson in der Art, wie er sie an den Mast nagelte. In die Früchte seiner Unerschrockenheit teilten sich Mrs. Sparkler und Mrs. Merdle, die verschiedene Stockwerke des vornehmen kleinen Tempels der Unbehaglichkeit bewohnten, dem der Geruch der vorgestrigen Suppe und der Kutschenpferde so treu blieb wie der Tod dem Menschen, und rüsteten sich zum Kampfe in den Schranken der Gesellschaft als geschworene Feinde. Und Klein-Dorrit, die der Entwicklung aller dieser Dinge zusah, mußte sich unwillkürlich besorgt fragen, in welche versteckte Ecke des vornehmen Haushaltes Fannys Kinder nach und nach gedrängt werden würden, und wer sich der kleinen ungeborenen Opfer annehmen würde.

Da Arthur viel zu krank war, als daß man hätte über aufregendere und beunruhigende Dinge mit ihm sprechen dürfen, und seine Genesung wesentlich von der Ruhe anhing, die man seiner Schwäche verschaffte, so war Klein-Dorrits einzige Stütze während dieser schweren Zeit Mr. Meagles. Er war noch immer auf Reisen im Ausland. Aber sie hatte durch seine Tochter, unmittelbar nachdem sie Arthur im Marschallgefängnis gesprochen, und seitdem öfters an ihn geschrieben, indem sie ihm ihre Sorgen über die Punkte mitteilte, die ihr am meisten am Herzen lagen, besonders aber über einen. Dieser eine Punkt war schuld, daß Mr. Meagles noch immer auf Reisen war, während seine Anwesenheit im Marschallgefängnis so viel Tröstliches gehabt hätte.

Ohne ihn ganz genau über das Wesen der Dokumente aufzuklären, die in Rigauds Hände gefallen, hatte Klein-Dorrit Mr. Meagles in allgemeinen Umrissen diese Geschichte mitgeteilt und ihm auch sein Schicksal erzählt. Die alten vorsichtigen Gewohnheiten von Schale und Schaufel zeigten Mr. Meagles sogleich die Wichtigkeit, wieder in den Besitz der Originalpapiere zu gelangen; deshalb schrieb er zurück an Klein-Dorrit, bekräftigte sie in dem dringenden Verlangen, das sie in dieser Richtung ausgesprochen, und fügte hinzu, daß er nicht nach England zurückkehren werde, ohne den Versuch gemacht zu haben, sie aufzufinden.

Mr. Henry Gowan war inzwischen zu der Ansicht gekommen, daß es angenehm für ihn sein würde, die Meagles nicht zu kennen. Er war so rücksichtsvoll in diesem Punkt, seiner Frau darüber keine besondern Vorschriften zu geben. Aber er äußerte Mr. Meagles gegenüber, daß es ihm dünke, als ob sie persönlich nicht füreinander taugten, und daß sie es für gut halten würde, wenn sie – höflich und ohne eine Szene oder etwas Derartiges – gegenseitig anerkennten, sie seien die besten Menschen von der Welt, die aber am besten täten, sich nicht zu sehen. Der arme Mr. Meagles, der ohnehin das Gefühl hatte, als mehre er das Glück seiner Tochter nicht, wenn er in ihrer Gegenwart so geringschätzig behandelt werde, sagte: »Gut, Henry! Sie sind der Gatte meiner Pet; Sie haben mich, wie es die Natur der Dinge mit sich bringt, ersetzt; wenn Sie es wünschen, gut!« Dieses Arrangement hatte den weiteren Vorteil, den Henry Gowan vielleicht nicht vorausgesehen hatte, daß Mr. und Mrs. Meagles, seitdem sie nur noch mit ihrer Tochter und deren kleinem Kinde verkehrten, noch freigebiger waren als zuvor; und daß sich sein Stolz noch besser mit Geld versehen sah, ohne der erniedrigenden Notwendigkeit ausgesetzt zu sein, zu wissen, woher es kam.

Mr. Meagles widmete sich natürlich, da die Sachen jetzt so lagen, mit großem Eifer der Beschäftigung, die sich ihm bot. Er wußte von seiner Tochter die verschiedenen Städte, die Rigaud seit längerer Zeit besucht, und in welchen Hotels er gewohnt hatte. Die Beschäftigung, der er sich widmete, war die, diese Orte mit aller Diskretion und so rasch es ging zu beweisen und, im Fall, daß jener irgendwo eine Rechnung unbezahlt und eine Kiste oder einen Pack statt der Bezahlung zurückgelassen, die Rechnung zu bezahlen und Kiste oder Pack mitzunehmen.

Ohne andre Begleitung als die seiner Frau trat Mr. Meagles seine Reise an und erlebte zahlreiche Abenteuer. Nicht die unbedeutendste der Schwierigkeiten war die, daß er nie verstand, was die Leute zu ihm sagten, und daß er unausgesetzt seine Nachforschungen unter Leuten anstellte, die nie wußten, was er zu ihnen sagte. Mit dem unerschütterlichen Vertrauen, daß die englische Sprache gewissermaßen die Muttersprache der ganzen Welt sei und daß die Leute sie aus reiner Einfalt nicht verständen, überhäufte Mr. Meagles die Hotelbesitzer mit den geläufigsten Reden, erging sich in lauten Auseinandersetzungen der verwickeltsten Art und wies Antworten in der heimischen Sprache aufs entschiedenste zurück, weil es lauter »dummes Zeug« sei. Bisweilen wurden Dolmetscher herbeigerufen, die Mr. Meagles in so volksmäßigen Ausdrücken anredete, daß sie augenblicklich zum Schweigen gebracht waren – was die Sache nur noch schlimmer machte. Reiflich erwogen jedoch steht zu bezweifeln, ob er viel verlor; denn, obgleich er kein Eigentum vorfand, fand er so viele Schulden und so vielerlei schlechte Gerüchte in Verbindung mit dem Namen – dem einzigen Wort, das er verständlich machen konnte, daß er fast überall mit beleidigenden Beschuldigungen bedrängt wurde. Nicht weniger denn viermal wurde die Polizei herbeigerufen, um Mr. Meagles bei ihr als Industrieritter, als Taugenichts und Dieb zu denunzieren; Schimpfwörter, die er mit der ruhigsten Fassung hinnahm (da er keine Idee davon hätte, was sie bedeuteten) – und dabei wurde er auf die schmählichste Weise nach Dampfbooten und Postwagen transportiert, nur, damit man ihn loswurde, wobei er, die Mutter am Arme führend, die ganze Zeit als redefertiger und heiterer Engländer unaufhörlich fortschwatzte.

Aber in seiner eigenen Sprache und in seiner eigenen Meinung war Mr. Meagles ein klarblickender, schlauer und ausdauernder Mann. Als er sich, wie er es nannte, bis Paris »durchgearbeitet« hatte, ohne etwas erreicht zu haben, war er noch nicht entmutigt. »Je näher ich seine Spur gegen England verfolge, siehst du, Mutter«, argumentierte Mr. Meagles, »desto näher bin ich wahrscheinlich seinen Papieren, mögen sie zum Vorschein kommen oder nicht. Denn es ist die einzige vernünftige Ansicht, die man haben kann, daß er sie irgendwo niedergelegt hat, wo sie vor den Leuten in England sicher sind, während sie für ihn doch immer leicht zugänglich bleiben, nicht wahr?«

In Paris fand Mr. Meagles einen Brief von Klein-Dorrit vor, der ihn erwartet hatte. In diesem erwähnte sie, daß sie mit Mr. Clennam ein paar Minuten über den Mann habe sprechen können, der unter den Ruinen begraben worden war; und daß auf ihre Mitteilung, sein Freund Mr. Meagles, der auf dem Wege zu ihm sei, habe ein Interesse, womöglich etwas über diesen Mann zu erfahren, Mr. Clennam ihr geantwortet habe, sie möge Mr. Meagles sagen, er sei mit Miß Wade bekannt gewesen, die in der und der Straße in Calais wohne. »Oh!« sagte Meagles.

So kurz darauf, wie es in jenen Tagen möglich war, wo man noch mit Eilwagen fuhr, zog Mr. Meagles die zersprungene Klinge an dem zersprungenen Tor, und es ging auf, und die Bauersfrau stand in dem dunklen Torweg und sagte in ihrem französischen Englisch: »Was gibt es, Sir? Zu wem wollen Sie?« Dieser Anrede Gerechtigkeit widerfahren lassend, murmelte Mr. Meagles vor sich hin, daß diese Leute von Calais doch einigen Verstand hätten und einigermaßen wüßten, was man von ihnen wolle; er gab deshalb zur Antwort: »Miß Wade, meine Liebe!« Sie führte ihn alsbald zu Miß Wade.

»Es ist lange her, daß wir uns begegneten«, sagte Mr. Meagles, indem er sich räusperte; »ich hoffe. Sie haben sich immer wohl befunden. Miß Wade?«

Ohne die Hoffnung auszusprechen, daß er oder sonst jemand sich wohl befunden, fragte ihn Miß Wade, welchem Umstand sie die Ehre verdanke, ihn wiederzusehen? Mr. Meagles sah inzwischen im ganzen Zimmer umher, ob er nichts in Form einer Kiste entdecke.

»Die Wahrheit zu sagen. Miß Wade«, sagte Mr. Meagles in gemütlichem, vertraulichem, wir wollen nicht sagen, schmeichelndem Ton, »es ist möglich, daß Sie imstande sind, etwas Licht auf eine Sache zu werfen, die bislang noch im Dunkel schwebt. Alles Unangenehme, was zwischen uns vorgekommen, ist hoffentlich vergessen. Es ist jedoch nicht mehr zu ändern. Sie erinnern sich meiner Tochter? Die Zeiten, ändern sich so! Sie ist jetzt Mutter!«

Mr. Meagles hätte in seiner Unschuld keine schlimmere Saite anschlagen können. Er wartete auf ein Wort der Teilnahme, aber er wartete vergebens.

»Das ist wohl nicht die Sache, wegen der Sie mit mir zu sprechen wünschen?« sagte sie nach einem kalten Schweigen.

»Nein, nein«, versetzte Mr. Meagles, »nein. Ich dachte. Ihr gutes Herz werde –«

»Ich dachte. Sie wüßten«, unterbrach sie ihn mit einem Lächeln, »daß auf mein gutes Herz nicht zu rechnen ist.«

»Sagen Sie das nicht«, versetzte Mr. Meagles; »Sie tun sich unrecht. Um jedoch auf die Sache selbst zu kommen« – denn er fühlte, daß er nichts gewonnen hatte, indem er sich auf einem Umwege zu nähern gesucht, – »ich hörte von meinem Freunde Clennam, der, wie Sie gewiß mit Bedauern hören werden, seit längerer Zeit sehr krank darniederliegt –«

Er hielt wieder inne, und sie schwieg abermals.

»– daß Sie einige Bekanntschaft mit einem gewissen Blandois gehabt haben, der kürzlich in London durch einen Unglücksfall getötet wurde. Ich bitte mich nicht mißzuverstehen! Ich weiß, daß es eine sehr oberflächliche Bekanntschaft war«, sagte Mr. Meagles, gewandt einer ungehaltenen Unterbrechung, die er drohen sah, vorbeugend. »Ich weiß das ganz gut. Ich weiß, es war eine oberflächliche Bekanntschaft. Aber die Frage ist die«, hier wurde Mr. Meagles‘ Stimme wieder zutraulich, »hinterließ er nicht auf seiner Reise nach England das letztemal eine Kiste mit Papieren oder einen Pack Papiere oder überhaupt Papiere in irgendeinem Behälter – kurz, Papiere bei Ihnen, mit der Bitte, sie bei Ihnen für kurze Zeit deponieren zu dürfen, bis er sie brauchte?«

»Die Frage ist?« wiederholte sie. »Wessen Frage ist das?«

»Meine Frage«, sagte Mr. Meagles. «Und nicht nur meine Frage, sondern Clennams Frage und anderer Leute Frage. Ich bin überzeugt«, fuhr Mr. Meagles fort, dessen Herz von Pet überströmte, »daß Sie kein unfreundliches Gefühl gegen meine Tochter hegen können; es ist unmöglich. Nun, denn! Es ist auch ihre Frage, weil eine intime Freundin nahe bei der Sache interessiert ist. Ich bin denn hierhergekommen, um Ihnen offen zu sagen, daß dies die Frage ist, und Sie zu fragen: Hat er etwas zurückgelassen?«

»Wahrhaftig«, erwiderte sie, »ich scheine die Zielscheibe der Nachfragen für jeden zu sein, der irgend etwas von einem Manne wissen will, den ich mal in meinem Leben gemietet und bezahlt habe.«

»Bitte«, warf Mr. Meagles ein, »fühlen Sie sich doch nicht verletzt, denn es ist die einfachste Frage in der Welt, die jedem Menschen vorgelegt werden könnte. Die Dokumente, um die es sich handelt, gehörten nicht ihm, waren auf unrechtmäßige Weise erlangt, können irgendeinmal einer unschuldigen Person, die sie aufbewahrte, Unannehmlichkeiten bereiten und werden von Leuten gesucht, denen sie wirklich gehören. Er kam auf der Reise nach London durch Calais, und es gibt Gründe, weshalb er sie nicht mit sich genommen haben dürfte, aber den Wunsch gehegt, sie beständig in der Hand zu haben, und sie nicht Leuten seines Schlages anvertrauen wollte. Ließ er sie hier? Ich erkläre, wenn ich wüßte, wie ich es vermeiden könnte, Sie zu verletzen, ich würde mir alle Mühe geben, es zu tun. Ich stelle die Frage persönlich, aber es ist nichts Persönliches in ihr. Ich würde sie jedermann vorlegen und habe sie bereits vielen Leuten vorgelegt. Hat er sie hier gelassen? Hat er überhaupt etwas hier gelassen?«

»Nein.«

»So wissen Sie unglücklicherweise nichts davon, Miß Wade?«

»Ich weiß nichts davon. Ich habe jetzt Ihre unerklärliche Frage beantwortet. Er hat sie nicht hier gelassen, und ich weiß nichts davon.«

»So!« sagte Mr. Meagles und stand auf. »Ich bedaure es sehr; nun ist die Sache abgemacht; und ich hoffe, es ist nicht viel Ungelegenheit damit. – Befindet sich Tattycoram wohl, Miß Wade?«

»Harriet, wohl? O ja!« »Da habe ich wieder etwas falsch gemacht«, sagte Mr. Meagles, als sie ihn auf diese Weise korrigierte. »Es scheint, als ob ich hier alles falsch machen müßte. Vielleicht, wenn ich mir die Sache zweimal überlegt, hätte ich ihr nicht den seltsam klingenden Namen gegeben. Aber wenn man mit jungen Leuten einen vertraulichen und scherzhaften Ton anschlagen will, so überlegt man sich’s nicht zweimal. Ihr alter Freund läßt ein freundliches Wort für sie zurück, Miß Wade, wenn Sie es für ratsam halten, es ihr zu sagen.«

Sie sagte nichts darauf, und Mr. Meagles verließ mit seinem ehrlichen Gesicht das dunkle Zimmer, wo es wie eine Sonne geglänzt, brachte es mit nach dem Hotel, wo er Mrs. Meagles gelassen und wo er den Bericht abstattete: »Geschlagen, Mutter; erfolglos!« Er nahm es mit nach dem nächsten Londoner Dampfschiff, das in derselben Nacht abfuhr, und dann nach dem Marschallgefängnis.

Der treue John hatte den Dienst, als Vater und Mutter gegen Abend sich an dem Pförtchen einfanden. Miß Dorrit, sagte er, sei nicht da; aber sie sei vormittags dagewesen und käme jeden Abend. Mr. Clennam erhole sich langsam, und Maggy und Mrs. Plornish und Mr. Baptist pflegten ihn abwechselnd. Miß Dorrit würde ganz gewiß noch kommen, ehe die Abendglocke läutete. Wenn sie Lust hätten, könnten sie in dem Zimmer, das der Marschall ihr oben eingeräumt, auf sie warten. In der Befürchtung, daß es Arthur schaden könnte, wenn er ihn unvorbereitet besuchte, nahm Mr. Meagles das Anerbieten an, und sie blieben allein in dem Zimmer und sahen durch das vergitterte Fenster in das Gefängnis hinab. Der enge Raum des Gefängnisses machte einen solchen Eindruck auf Mrs. Meagles, daß sie zu weinen anfing, und auf Mr. Meagles, daß er begann, nach Luft zu schnappen. Er ging keuchend im Zimmer auf und ab und verschlimmerte seinen Zustand noch, indem er sich eifrig mit dem Taschentuch fächerte, als er sich nach der aufgehenden Tür umsah.

»Ei, du Grundgütiger!« sagte Mr. Meagles, »das ist ja nicht Miß Dorrit! Sieh, Mutter, sieh! Tattycoram!«

Es war niemand anderes. Und in Tattycorams Armen befand sich eine eisenbeschlagene Kapsel von zwei Fuß im Quadrat. Solch eine Kapsel hatte Affery Flintwinch im ersten ihrer Träume in stiller Nacht unter des Doppelgängers Armen aus dem Hause gehen sehen. Diese stellte Tattycoram vor die Füße ihres alten Herrn auf den Boden; dann fiel Tattycoram auf ihre Knie und schlug mit den Händen darauf, indem sie halb triumphierend, halb verzweifelnd, halb lachend, halb weinend ausrief: »Verzeihung, guter Herr, nehmen Sie mich wieder an, gute Herrin, hier ist es!«

»Tatty!« rief Mr. Meagles.

»Was Sie suchen!« sagte Tattycoram. »Hier ist es! Ich wurde ins nächste Zimmer geschickt, daß ich Sie nicht sehen sollte. Ich hörte Sie danach fragen, ich hörte sie sagen, sie habe es nicht bekommen, während ich dabei war, wie er es daließ, und ich nahm den Kasten nachts, als ich zu Bett gehen sollte, und brachte ihn weg. Hier ist er!«

»Nun, mein Kind«, rief Mr. Meagles, atemloser denn zuvor, »wie kamst du denn herüber?«

»In demselben Boot mit Ihnen. Ich saß eingehüllt am andern Ende. Als Sie am Kai einen Wagen nahmen, nahm ich einen andern Wagen und folgte Ihnen hierher. Sie hätte den Kasten nie herausgegeben nach dem, was Sie zu ihr über das Verlangen sagten, das man danach hatte; sie würde ihn lieber ins Meer geworfen oder verbrannt haben. Aber hier ist er!«

Mit wunderbarem Frohlocken und Entzücken sagte das Mädchen das: Hier ist er!

»Das muß ich zu ihrer Verteidigung sagen, daß sie ihn durchaus nicht wollte; aber Blandois ließ ihn zurück, und ich wußte wohl, daß, nach dem, was Sie gesagt, und nachdem sie ihn verleugnet, sie ihn nie herausgegeben haben würde. Doch nun ist er hier! Lieber Herr, liebe Herrin, nehmen Sie mich wieder an und geben Sie mir den lieben alten Namen wieder! Lassen Sie dies für mich sprechen. Hier ist er!«

Vater und Mutter Meagles verdienten ihren Namen nie besser als in dem Augenblick, als sie das trotzige Findelkind wieder in ihren Schutz nahmen.

»Oh, ich bin so unglücklich gewesen«, rief Tattycoram, indem sie noch mehr weinte denn zuvor, »ich habe so unglückliche Tage verlebt und so viel Reue empfunden. Von dem ersten Augenblick, da ich sie sah, fürchtete ich mich vor ihr. Ich wußte, sie hatte eine Macht über mich erlangt, indem sie so scharf erkannte, was böse in mir war. Es brütete ein Wahnsinn in mir, und sie konnte ihn heraufbeschwören, sooft sie wollte. Ich dachte gewöhnlich, wenn ich in diesen Zustand verfiel, die Leute seien alle wegen meiner frühern Jugend mir feindlich gesinnt; und je freundlicher sie gegen mich waren, desto schlimmer fand ich sie. Ich setzte mir in den Kopf, daß sie über mich triumphierten, und daß sie mich neidisch auf sich machen wollten, während ich weiß – was ich selbst damals wußte, wenn ich ehrlich sein wollte –, daß sie nie an dergleichen gedacht. Und meine hübsche junge Herrin ist nicht so glücklich, als sie zu sein verdient, und ich bin von ihr weggelaufen. Für wie schlecht und roh sie mich halten muß! Aber wollen Sie ein Wort für mich bei ihr einlegen und sie bitten, so versöhnlich zu sein, als Sie beide sind? Denn ich bin nicht so schlecht, wie ich war«, sagte Tattycoram zu ihren Gunsten. »Ich bin sehr schlecht, aber doch nicht so schlecht wie ich war. Wahrhaftig nicht! Ich hatte die ganze Zeit Miß Wade vor Augen, als mein zur Reife gekommenes Ich – das alles nach der schlimmen Seite wendet und Gutes in Böses verwandelt hat. Ich habe sie die ganze Zeit vor mir gehabt, wie sie an nichts Vergnügen fand, als mich zu einem ebenso elenden, mißtrauischen und selbstquälerischen Wesen zu machen, wie sie selbst eines ist. Nicht daß ihr das große Mühe gekostet hätte«, rief Tattycoram in einem letzten Ausbruch reuevollen Schmerzes, »denn ich war so schlimm wie nur möglich. Ich will nur sagen, daß, nach dem, was ich durchgemacht, ich hoffe, nie wieder ganz so schlimm zu werden, und langsam Fortschritte zum Bessern zu machen glaube. Ich will mir alle Mühe geben. Ich will nicht bei fünfundzwanzig stehen bleiben, Sir. Ich will bis fünfundzwanzighundert, bis fünfundzwanzigtausend zählen!«

Die Tür öffnete sich wieder, und Tattycoram schwieg, und Klein-Dorrit trat ein, und Mr. Meagles brachte mit Stolz und Freude die Kiste herbei, und ihr sanftes Gesicht strahlte von Dank und Freude und Glück. Das Geheimnis war jetzt in Sicherheit! Sie konnte ihm ihren eigenen Anteil daran verschweigen; er sollte nie ihren Verlust erfahren; in spätern Zeiten sollte er alles wissen, was von Wichtigkeit für ihn sein konnte; aber er sollte niemals erfahren, was nur sie allein betraf. Das war alles vorbei, vergeben und vergessen.

»Nun, meine liebe Miß Dorrit«, sagte Mr. Meagles, »ich bin ein Geschäftsmann – oder war es wenigstens –, und ich will sogleich in dieser Richtung meine Maßregeln treffen. Wäre es nicht besser, wenn ich Arthur noch heute abend spräche?«

»Ich glaube nicht, daß es heute abend gut wäre. Ich will nach seinem Zimmer gehen und sehen, wie er sich befindet.«

»Da haben Sie ganz recht, meine Liebe«, sagte Mr. Meagles, »und deshalb bin ich ihm auch nicht näher gekommen als bis in dies ungemütliche Zimmer. Ich werde ihn wohl in der nächsten Zeit noch nicht zu sehen bekommen. Aber ich werde Ihnen auseinandersetzen, wenn Sie wiederkommen, was ich meine.«

Sie verließ das Zimmer. Mr. Meagles blickte ihr durch das Gefängnisgitter nach und sah sie aus dem Schließerhäuschen unten in den Gefängnishof treten. Dann sagte er sanft: »Tattycoram, komme einen Augenblick zu mir, mein gutes Kind.«

Sie trat zu ihm ans Fenster.

»Du siehst die junge Dame, die eben hier war – die kleine, stille, zarte Gestalt, die dort geht, Tatty? Sieh. Die Leute treten beiseite, um sie vorüberzulassen. Die Männer – sieh die armen, schäbigen Burschen – ziehen höflich vor ihr den Hut ab, und nun schlüpft sie dort in den Torweg. Siehst du sie, Tattycoram?«

»Ja, Sir.«

»Ich hörte sagen, Tatty, daß man sie einst gewöhnlich das Kind dieses Ortes hieß. Sie wurde hier geboren und lebte viele Jahre hier. Ich kann hier nicht atmen. Ein trauriger Ort, um hier geboren zu werden und aufzuwachsen, nicht wahr, Tattycoram?«

»Gewiß, Sir!«

»Wenn sie immer an sich gedacht und sich der Ansicht hingegeben, daß jedermann ihr den Ort entgelten lasse, ihn ihr zum Vorwurf mache und ihr vorhalte, so würde sie ein sehr gereiztes und wahrscheinlich nutzloses Dasein geführt haben. Aber ich habe mir sagen lassen, Tattycoram, daß ihr junges Leben voll tätiger Resignation, voll Güte und edler Dienstbereitwilligkeit gewesen sei. Soll ich dir sagen, was diese Augen, die soeben hier waren, meiner Meinung nach beständig als ihr Ziel betrachtet, um diesen Ausdruck zu bekommen?«

»Ja, wenn Sie so gut sein wollen, Sir.«

»Die Pflicht, Tattycoram. Fange frühzeitig damit an und erfülle sie nach strengem Gewissen; und nichts, in welchem Stande wir geboren sind oder in welcher Stellung wir leben, wird gegen uns vor dem Allmächtigen oder vor uns auftreten.«

Sie blieben am Fenster stehen, nachdem die Mutter zu ihnen getreten war, und bemitleideten die Gefangenen, bis man sie zurückkommen sah. Sie war bald in dem Zimmer und bat, Arthur, den sie ruhig und gefaßt verlassen hatte, diesen Abend nicht zu besuchen.

»Gut!« sagte Mr. Meagles heiter. »Ich zweifle nicht, daß es das beste ist. Ich werde Ihnen, meine süße Pflegerin, Grüße für ihn auftragen, und ich weiß, daß sie in keinen besseren Händen sein können. Ich reise morgen früh wieder ab.«

Klein-Dorrit fragte ihn verwundert: »Wohin?«

»Meine Liebe«, sagte Mr. Meagles, »ich kann nicht leben, ohne zu atmen. Dieser Ort hat mir den Atem benommen, und ich werde nicht früher aus voller Brust Luft schöpfen, als bis ich Arthur hier heraushabe.«

»Inwiefern ist das ein Grund, morgen früh wieder abzureisen?«

»Sie werden es gleich einsehen«, sagte Mr. Meagles. »Diese Nacht bleiben wir alle drei in einem City-Hotel. Morgen früh werden Mutter und Tattycoram hinunter nach Twickenham gehen, wo Mrs. Tickit, die mit Dr. Buchan neben sich am Wohnzimmerfenster sitzt, sie für ein paar Gespenster halten wird; und ich verreise wieder, um Doyce aufzusuchen. Wir müssen Dan hier haben. Ich will Ihnen sagen, meine Liebe, es ist unnütz, zu schreiben und Pläne zu machen und zu spekulieren über dies und das und jenes und alles aufs Ungewisse und unsichere, wir müssen Doyce hier haben. Vom morgenden Tag an, wenn die Sonne aufgeht, soll es meine Aufgabe sein, Doyce hierherzubringen. Es ist eine Kleinigkeit für mich, ihn ausfindig zu machen. Ich bin ein alter Reisender, und alle fremden Sprachen und Gebräuche sind mir gleich – ich habe nie etwas davon verstanden. Deshalb kann ich auch in keine Ungelegenheiten kommen. Gehen muß ich auf der Stelle, das ist klar; weil ich nicht leben kann, ohne frei zu atmen: und ich kann nicht frei atmen, bis Arthur aus diesem Marschallgefängnis heraus ist. Ich ersticke beinahe in diesem Augenblick und habe kaum Atem genug, um dies zu sagen und Ihnen diese kostbare Kiste die Treppe hinabzubringen.« Sie kamen in die Straße, als die Glocke zu läuten begann: Mr. Meagles trug die Kiste. Klein-Dorrit hatte keinen Wagen, was ihn ziemlich überraschte. Er rief eine Kutsche für sie herbei, und sie stieg ein; er stellte die Kiste neben sie, als sie sich gesetzt hatte. In ihrer Freude und Dankbarkeit küßte sie ihm die Hand.

»Das gefällt mir nicht, meine Liebe«, sagte Mr. Meagles. »Es widerstrebt meinem Gefühl von dem, was recht ist, daß Sie mir diese Huldigung erweisen – hier am Tore des Marschallgefängnisses.«

Sie beugte sich vor und küßte ihn auf die Wange.

»Sie erinnern mich an frühere Tage«, sagte Mr. Meagles und verfiel plötzlich in einen ernsteren Ton, »aber sie hat ihn sehr lieb und verbirgt seine Fehler und denkt, niemand sieht sie – und er hat außer allem Zweifel vornehme Verbindungen und ist von guter Familie.«

Es war der einzige Trost, den er für den Verlust seiner Tochter hatte, und wenn er ihn soviel wie möglich ausbeutete, wer könnte ihn darob tadeln?

Vierunddreißigstes Kapitel.


Vierunddreißigstes Kapitel.

Ende

An einem schönen Herbsttag lauschte der Gefangene im Marshalsea, noch schwach, aber sonst genesen, einer Stimme, die ihm vorlas. Es war ein froher Herbsttag, wo die goldenen Felder geerntet und wieder gepflügt werden, wo die Sommerfrüchte gereift und gebleicht sind, wo die grünen Gassen der Hopfenstangen von den fleißigen Lesern umgestürzt waren, wo die Äpfel in Büscheln rotbäckig und die Beeren der Eberesche purpurn zwischen dem gelben Laub hervorsahen. Im Walde konnte man schon Spuren des nahenden rauhen Winters sehen in den ungewohnten Öffnungen des Laubgewölbes, wo die Aussicht sich klar und bestimmt zeigte, ohne den Duft des schläfrigen Sommerwetters, der darauf lag wie der Reif auf einer Pflaume. Und auch am Strand schlummerte der Ozean nicht mehr in der Hitze; seine tausend funkelnden Augen standen offen, und sein ganzer Atem war freudiges Leben, von dem kühlen Sand am Ufer bis zu den kleinen Segeln am Horizont, die dahintrieben wie herbstlich gefärbte Blätter, die von den Bäumen herabwirbelten.

Unveränderlich und kahl, gleichgültig alle Jahreszeiten mit dem stieren, hagern Gesicht der Armut und Not ansehend, hatte das Gefängnis auch nicht eine Spur von all diesen Schönheiten an sich. Mochte blühen, was da wollte, seine Mauern und Gitter trugen immer dieselben toten Halme. Aber Clennam vernahm, während er der Stimme lauschte, die ihm vorlas, in ihr alles, was die große Natur schafft, alle die versöhnenden Lieder, die sie dem Menschen singt. An keiner andern Mutter Knie als an dem ihrigen hatte er je in der Jugend bei hoffnungsvollen Versprechungen, bei heitern Träumen, bei den reichen Ernten von Liebe und Demut verweilt, die in dem frühzeitig gepflegten Samen der Phantasie verborgen liegen; oder an den Eichen, die uns vor verheerenden Winden schützen und deren starke Wurzeln in dem Keim von Ammenstubeneicheln ruhen. Aber in den Tönen der Stimme, die ihm vorlas, lagen Erinnerungen an alte Empfindungen solcher Dinge und Echos jedes barmherzigen und liebevollen Geflüsters, das sich jemals in seinem Leben zu ihm geschlichen hatte. Als die Stimme schwieg, legte er die Hand über seine Augen und murmelte, daß das Licht ihn blende. Klein-Dorrit legte das Buch weg und stand sogleich auf, um das Fenster zu verhängen. Maggy saß an ihrem alten Platz bei der Arbeit. Als das Licht gedämpft war, rückte Klein-Dorrit den Stuhl näher zu ihm. »Das wird nun bald vorüber sein, lieber Mr. Clennam, Nicht nur sind Mr. Doyces Briefe an Sie so freundschaftlich und ermutigend, sondern Mr. Rugg sagt auch, seine Briefe an ihn äußerten sich hilfsbereit, und jedermann spreche (nachdem das bißchen Ärger vorüber ist) sich so rücksichtsvoll und gut über Sie aus, daß es jetzt bald vorüber sein werde.« »Liebes Mädchen. Teures Herz. Guter Engel!« »Sie sprechen viel zu gut von mir. Und doch ist es ein so süßes Gefühl für mich, Sie so warm von mir reden zu hören und dabei – zu sehen«, sagte Klein-Dorrit, indem sie ihre Augen zu ihm erhob, »wie es aus tiefster Seele kommt, daß ich nicht sagen kann: Tun Sie es nicht.« Er hob ihre Hand an seine Lippen. »Sie waren hier viele, viele Male, wo ich Sie nicht gesehen habe, Klein-Dorrit.« »Ja, ich war hier manchmal, ohne in dies Zimmer gekommen zu sein.« »Sehr oft?« »Ziemlich oft«, sagte Klein-Dorrit schüchtern. »Jeden Tag?« »Ich denke«, sagte Klein-Dorrit nach einigem Zögern, »daß ich wenigstens zweimal täglich hier war.« Er hätte die kleine leichte Hand loslassen können, nachdem er sie glühend geküßt, wenn sie nicht durch das zarte Verweilen, wo sie war, ihn aufzufordern schien, sie zu behalten. Er nahm sie in seine beiden Hände und legte sie sanft an seine Brust. »Liebe Klein-Dorrit, nicht nur meine Gefangenschaft ist es, die bald vorüber sein wird, sondern auch Ihr Opfer muß ein Ende nehmen. Wir müssen lernen, zu scheiden und unsere gesonderten Wege zu gehen. Sie haben nicht vergessen, was wir zusammen gesprochen haben, als Sie in die Heimat zurückkehrten?« »O nein, ich habe es nicht vergessen. Aber etwas – Sie fühlen sich heute recht wohl, nicht wahr?« »Recht wohl.«

Die Hand, die er hielt, näherte sich ein wenig mehr seinem Gesicht.

»Fühlen Sie sich stark genug, um zu erfahren, was für ein großes Vermögen ich erhalten?«

»Ich werde mich freuen, es zu vernehmen. Kein Vermögen kann zu groß oder zu gut für Klein-Dorrit sein.«

»Ich wartete lange auf den Augenblick, wo ich es Ihnen sagen könnte. Ich habe mich seit lange gesehnt, es Ihnen zu sagen. Wissen Sie ganz gewiß, daß Sie es nicht annehmen werden?« »Nie!«

»Sie wissen ganz gewiß, daß Sie nicht die Hälfte annehmen werden?«

»Nie, liebe Klein-Dorrit.«

Wie sie ihn so schweigend ansah, lag etwas in ihrem liebevollen Gesicht, das er nicht ganz verstand; ein Etwas, das in einem Augenblick hätte in Tränen ausbrechen können und dennoch glücklich und stolz war.

»Es wird Ihnen leid tun, zu hören, was ich Ihnen von Fanny zu sagen habe. Die arme Fanny hat alles verloren. Alles, was ihr Papa bei der Verheiratung gab, ist verloren, wie Ihr Geld verlorenging. Es befand sich in denselben Händen und ist verloren.«

Arthur war von dieser Nachricht mehr erschüttert als überrascht. »Ich hatte gehofft, es wäre nicht so schlimm«, sagte er, »aber ich hatte bei der Verwandtschaft zwischen ihrem Gatten und dem Bankerottierer einen schweren Verlust befürchtet.«

»Ja. Es ist alles verloren. Fanny tut mir sehr leid; sehr leid, sehr leid, sehr leid, die arme Fanny. Auch mein armer Bruder.«

»Hatte er gleichfalls Geld in diesen Händen?«

»Ja. Und es ist alles verloren. Wie groß glauben Sie wohl, daß mein eigenes Vermögen ist?«

Als Arthur, von einer neuen Ahnung erfaßt, sie fragend ansah, zog sie ihre Hand weg und legte ihr Gesicht an den Ort, wo jene geruht.

»Ich habe nichts in der Welt. Ich bin so arm, wie da ich hier gewohnt. Als Papa nach England herüberkam, vertraute er alles, was er besaß, denselben Händen an, und es ist alles verloren. Oh, liebster und bester Mann, wissen Sie jetzt ganz gewiß, daß Sie mein Vermögen nicht mit mir teilen wollen?«

In seine Arme geschlossen, an sein Herz gepreßt, mit seinen Mannestränen auf ihren Wangen, legte sie ihre zarte Hand um seinen Hals und schlang sie dort in die andere.

»Nie scheiden wir wieder, liebster Arthur; nie wieder bis zum letzten Augenblick! Ich war noch nie so reich, noch nie so stolz, noch nie so glücklich wie jetzt. Ich bin reich, da du mich nimmst, ich bin stolz, daß du mir entsagtest, ich bin glücklich, daß ich mit dir in diesem Gefängnis bin, wie ich glücklich sein würde, wenn ich mit dir hierher zurückkehren könnte, wenn es der Wille Gottes wäre, um dich mit all meiner Liebe und Wahrheit zu trösten und zu pflegen. Ich gehöre dir in allem und überall! Ich liebe dich von Herzen! Ich möchte lieber hier mein Leben mit dir verbringen und täglich in die Stadt gehen, um für unser Brot zu arbeiten, als das größte Vermögen haben, das man je gekannt, und die größte Dame sein, der man je gehuldigt hat. Oh, wenn der arme Papa jetzt nur wissen könnte, wie glücklich endlich mein Herz in diesem Zimmer ist, wo er so viele Jahre gelitten!«

Maggy hatte natürlich vom ersten Augenblick die Augen weit aufgerissen und sich die Augen lange vor diesen Worten ausgeweint. Maggy war jetzt so überglücklich, daß sie ihre kleine Mutter ungestüm umarmte und dann die Treppe hinuntertanzte, um irgend jemanden zu finden, dem sie ihres Herzens Freude mitteilen könnte. Wem konnte Maggy anders begegnen als Flora und Mr. Finchings Tante, die gerade im rechten Augenblick eintraten? Und wen anders konnte Klein-Dorrit infolge dieser Begegnung auf sich warten finden, als sie volle zwei bis drei Stunden später ausging?

Floras Augen waren ein wenig rot, und sie schien nicht sonderlich guter Stimmung. Mr. Finchings Tante war so steif, daß sie aussah, als ob man sie nicht mehr bewegen könnte, außer mit Anwendung von großen mechanischen Kräften. Ihr Hut stand hinten in schrecklicher Weise in die Höhe, und ihr steinharter Strickbeutel war so starr, als wäre er durch das Haupt der Medusa versteinert und hätte es jetzt eingepackt. Mit diesen imposanten Eigenschaften war Mr. Finchings Tante, die auf den Stufen der Amtswohnung des Marschalls saß, in jenen zwei bis drei Stunden den jüngern Bewohnern der Nachbarschaft ein großer Genuß gewesen, indem sie, die humoristischen Ausfälle derselben von Zeit zu Zeit mit der Spitze ihres Regenschirms zurückweisend, sich sehr erhitzt hatte.

»Ich fühle wirklich recht schmerzlich Miß Dorrit«, sagte Flora, »daß es als eine Zudringlichkeit erscheinen muß wenn ich Ihnen, die an Vermögen so weit über mir steht und der von der besten Gesellschaft so sehr gehuldigt wird, den Vorschlag mache sich mit mir an einen Ort zu begeben selbst wenn es kein Pastetenbäckerladen der weit unter Ihrer gegenwärtigen Stellung steht und ein hinteres Zimmer wäre obgleich ein höflicher Mann aber wenn ich um Arthurs willen – kann es nicht überwinden obgleich es unschicklicher ist als früher Doyce und Clennam – eine letzte Bemerkung machen eine letzte Erklärung abgeben möchte so würde vielleicht Ihr gutes Herz unter dem Vorwand von drei Nierenpasteten den bescheidenen Ort der Unterhaltung entschuldigen.«

Diese ziemlich dunkle Rede richtig auslegend, erwiderte Klein-Dorrit, daß sie ganz zu Floras Diensten stehe. Flora führte sie deshalb über die Straße nach dem fraglichen Pastetenbäckerladen; Mr. Finchings Tante schritt hinterher und setzte sich mit einer Beharrlichkeit, die einer bessern Sache wert gewesen, der Gefahr aus, überfahren zu werden.

Als die drei »Nierenpasteten«, die als Vorwand für die Unterhaltung dienen sollten, auf drei kleinen Zinnplatten vor sie gesetzt waren, jede Pastete oben mit einer Öffnung geziert, in die der höfliche Mann heiße Bouillon aus einer mit einer Schnauze versehenen Kanne goß, als ob er drei Lampen speiste, nahm Flora ihr Taschentuch heraus.

»Wenn die schönen Träume der Phantasie«, begann sie, »mir jemals vorgespiegelt daß wenn Arthur – kann es nicht überwinden bitte entschuldigen Sie mich – wieder frei wäre selbst eine Pastete die so wenig frisch ist wie die gegenwärtige und so wenig Niere hat daß sie in dieser Hinsicht wie eine zerhackte Muskatnuß aussieht würde nicht unannehmbar erscheinen wenn die Hand wahrer Achtung sie darböte so sind solche Träume längst dahin und alles ist vorbei aber da ich weiß daß zärtlichere Beziehungen in Aussicht stehen so bitte ich sagen zu dürfen daß ich von Herzen beiden alles Glück wünsche und an keinem von beiden im mindesten etwas auszusetzen habe es mag wohl peinlich sein zu wissen daß ehe die Hand der Zeit mich viel weniger schlanker als früher gemacht und bei der geringsten Anstrengung schrecklich rot namentlich nach dem Essen wo wie ich wohl weiß es die Form von Hitzblattern annahm es hätte geschehen können aber durch das Dazwischentreten der Eltern nicht geschah und es trat eine geistige Gefühllosigkeit ein bis Mr. Finching den geheimnisvollen Schlüssel brachte so möchte ich doch nicht ungroßmütig gegen beide sein und ich wünsche beiden von Herzen Glück.«

Klein-Dorrit nahm ihre Hand und dankte ihr für all ihre frühere Güte.

»Nennen Sie es nicht Güte«, versetzte Flora, indem sie ihr einen ehrlichen Kuß gab, »denn Sie waren immer das beste und liebste kleine Ding das je existierte wenn ich mir die Freiheit nehmen darf und selbst im Geldpunkte eine Ersparnis da Sie das Gewissen selbst waren obgleich ich hinzufügen muß viel angenehmer als meines jemals für mich war obschon ich hoffe daß es nicht mit größeren Sünden beladen sei als das von andern so habe ich es doch immer bereitwilliger gefunden einem das Leben unangenehm statt angenehm zu machen und offenbar das erstere lieber – aber ich schweife da wieder ab eine Hoffnung wünsche ich auszusprechen ehe die letzte Szene spielt und die ist daß ich hoffe um der alten Zeit und der alten Aufrichtigkeit willen soll Arthur erfahren daß ich ihn in seinem Unglück nicht verlassen habe sondern beständig dort aus- und eingegangen bin um mich zu erkundigen ob ich irgend etwas für ihn tun könnte und daß ich in dem Pastetenbäckerladen saß wo sie sehr höflich etwas Warmes für mich in einem Glase aus dem Hotel herbeiholten und es war wirklich sehr hübsch eine Stunde um die andere ihn über die Straße zu besuchen ohne daß er es wußte.« Flora hatte wirklich in diesem Augenblick Tränen in den Augen, und sie standen ihr sehr gut.

»Außerdem«, sagte Flora, »bitte ich Sie inständig als das herzigste Ding das es jemals gab die Vertraulichkeit einer Person zu entschuldigen die sich in ganz andern Kreisen bewegt wenn ich Sie bitte Arthur zu verstehen zu geben daß ich nach allem doch nicht wisse ob es lauter dummes Zeug zwischen uns war obgleich angenehm und auch versuchungsvoll und gewiß hat Mr. Finching eine Veränderung zuwege gebracht und nachdem der Zauber zerbrochen war konnte natürlich nichts herauskommen ohne ihn neu zu weben was zu verhindern sich verschiedene Umstände vereinigten von denen vielleicht nicht der unwichtigste der war daß es nicht sein sollte ich möchte jedoch nicht sagen daß ich nicht froh gewesen wenn es Arthur angenehm gewesen und sich im ersten Augenblick auf natürliche Weise gemacht hätte denn ich bin von lebhafter Natur und langweile mich zu Hause wo Papa gewiß der ärgerlichste Mensch von der Welt ist und sich auch seit der Zeit nicht gebessert da er von der Hand des Aufwieglers zu einem Wesen zusammengeschnitten worden ist wie ich in meinem ganzen Leben nichts Ähnliches sah; Eifersucht liegt jedoch nicht in meinem Charakter so wenig als Mißgunst obgleich ich viele Fehler habe.«

Ohne ganz imstande zu sein, Mrs. Finching durch dieses Labyrinth zu folgen, verstand Klein-Dorrit doch, was sie meinte, und übernahm mit herzlicher Bereitwilligkeit diesen Auftrag.

»Der verwelkte Kranz meiner Liebe«, sagte Flora mit großem Genuß, »ist nun zerrissen die Säule ist gefallen und die Pyramide steht verkehrt auf ihrem wie heißt es nur nennen Sie es nicht Unbeständigkeit nennen Sie es nicht Schwäche nennen Sie es nicht Torheit ich muß mich jetzt in die Einsamkeit zurückziehen und darf nicht mehr auf die Asche verschwundener Freuden blicken sondern mir nur noch die Freiheit nehmen für die Pasteten zu bezahlen die den bescheidenen Vorwand für unsere Unterhaltung gebildet haben und dann Ihnen auf ewig Lebewohl sagen!«

Mr. Finchings Tante, die ihre Pastete mit großer Feierlichkeit verzehrt und über einer herzzerreißenden Anklageschrift gebrütet hatte, seitdem sie zuerst die öffentliche Stellung auf den Stufen der Marschallswohnung eingenommen, ergriff nun diese Gelegenheit, folgende sibyllinischen Worte an die Witwe ihres verstorbenen Neffen zu richten.

»Bringt ihn her und ich will ihn zum Fenster hinauswerfen!«

Flora suchte vergeblich die ausgezeichnete Frau zu besänftigen, indem sie ihr erklärte, daß sie zum Essen nach Hause gingen. Mr. Finchings Tante bestand auf ihrem: »Bringt ihn her und ich will ihn zum Fenster hinauswerfen!« Nachdem sie dieses Verlangen unzählige Male mit einem festen und herausfordernden Blick auf Klein-Dorrit wiederholt hatte, faltete Mr. Finchings Tante die Arme und setzte sich in eine Ecke des Pastetenbäckerladens, indem sie sich standhaft weigerte, dort wegzugehen, bis »er hergebracht« wäre und sie ihn zum Fenster hinausgeworfen hätte.

In dieser Lage vertraute Flora Klein-Dorrit an, daß sie Mr. Finchings Tante so lebenskräftig und charakterfest seit Wochen nicht gesehen; daß sie es notwendig finde, vielleicht »stundenlang« hierzubleiben, bis die unerbittliche alte Frau besänftigt werden könnte, und daß sie am besten mit ihr fertig werden würde. Sie schieden deshalb in der freundschaftlichsten Weise und mit den freundlichsten Gefühlen von beiden Seiten.

Da Mr. Finchings Tante wie eine grollende Festung aushielt und Flora sich nach einer Erfrischung sehnte, so wurde ein Bote nach dem bereits erwähnten Glase in das Hotel geschickt, das später noch einmal gefüllt wurde. Mit Hilfe seines Inhalts, einer Zeitung und dem Abrahmen des Pastetenvorrats brachte Flora den übrigen Teil des Tages in vollkommen gutem Humor zu; obgleich sie bisweilen durch die Folge eines leeren Gerüchtes gequält wurde, das unter der leichtgläubigen Jugend der Nachbarschaft zirkulierte, daß nämlich eine alte Frau sich dem Pastetenbäcker zum Verarbeiten verkauft und jetzt in dem Pastetenladen sitze, beharrlich sich weigernd, ihren Kontrakt zu erfüllen. Dies zog so viele junge Leute beiderlei Geschlechts herbei und verursachte, als der Abend hereinbrach, so viel Störungen in dem Geschäft, daß der Pastetenhändler endlich mit seinem Vorschlag, Mr. Finchings Tante fortzuschaffen, sehr dringend wurde. Man brachte deshalb einen Wagen vor die Tür, in den einzusteigen sich diese merkwürdige Frau durch die gemeinschaftlichen Bemühungen des Pastetenhändlers und Floras endlich bewegen ließ. Obschon nicht ohne auch dann noch den Kopf zum Fenster hinauszustecken und zu verlangen, daß man ihn zu dem ursprünglich erwähnten Zwecke »herbeibringe«. Da sie bei diesen Worten giftige Blicke nach dem Marschallgefängnis schoß, so war man der Meinung, daß diese wunderbar konsequente Frau unter diesem »ihn« Arthur Clennam verstand. Dies ist jedoch bloße Vermutung; wer die Person war, die zur Beruhigung von Mr. Finchings Tante hätte hergebracht werden sollen und niemals hergebracht wurde, wird nie mit Bestimmtheit bekannt werden.

Die Herbsttage dauerten noch fort, und Klein-Dorrit kam jetzt nie nach dem Marschallgefängnis und ging nie weg, ohne ihn gesehen zu haben. Nein, nein, nein.

Eines Morgens, als Arthur horchte, ob die leichten Füße nicht kämen, die jeden Morgen beschwingt zu seinem Herzen kamen und den himmlischen Glanz einer neuen Liebe in das Zimmer brachten, wo die alte Liebe sich so eifrig gemüht und so treu gewesen, – eines Morgens, als er so lauschte, hörte er sie kommen, jedoch nicht allein.

»Lieber Arthur«, sagte ihre heiter klingende Stimme schon vor der Tür, »ich habe jemanden mitgebracht, darf ich ihn hereinführen?« Nach den Tritten hatte er geglaubt, es seien zwei mit ihr gekommen. Er antwortete »Ja«, und sie trat mit Mr. Meagles ein. Sonngebräunt und vergnügt sah Mr. Meagles aus, und er öffnete seine Arme und umschlang Arthur wie ein sonngebräunter und vergnügter Vater.

»Nun ist alles in Ordnung«, sagte Mr. Meagles nach einer Minute. »Nun ist alles vorbei. Arthur, mein lieber Junge, gestehen Sie nur, daß Sie mich früher erwartet haben.«

»Allerdings«, versetzte Arthur; »aber Amy sagte mir –« »Klein-Dorrit. Nie einen andern Namen.« (Sie war es, die ihm das zuflüsterte.)

» – aber meine Klein-Dorrit sagte mir, daß ich, ohne weitere Erklärung zu verlangen, Sie nicht eher erwarten sollte, als bis ich Sie sähe.«

»Und nun sehen Sie mich, mein Junge«, sagte Mr. Meagles und schüttelte ihm derb die Hand; »und nun sollen Sie alle und jede Erklärung haben. Ich war nämlich hier – kam direkt von den Alloners und Marschoners, sonst würde ich mich geschämt haben, Ihnen heute ins Gesicht zu sehen –, aber Sie waren damals nicht zu haben und ich mußte gleich wieder fort, um Doyces habhaft zu werden.«

»Der arme Doyce«!« seufzte Arthur. »Geben Sie ihm keine Namen, die er nicht verdient«, sagte Mr. Meagles. »Er ist nicht arm; er befindet sich in ganz guten Verhältnissen. Drüben auf dem Kontinent ist Doyce ein ganz wunderbarer Kerl. Ich versichere Sie, er zeigt dort, was er wert ist. Er ist auf seine Beine gefallen, dieser Dan. Wo sie etwas nicht getan haben wollen und einen Mann finden, der es tun kann, da ist er nicht auf dem rechten Fleck. Aber wo sie etwas getan haben wollen und den Mann finden, der es tut, da ist er auf dem rechten Fleck. Sie werden keine Veranlassung mehr haben, das Circumlocution Office zu belästigen. Ich will Ihnen ganz einfach sagen, Dan ist auch ohnehin vorwärtsgekommen.«

»Welch eine Last Sie mir vom Herzen nehmen!« rief Arthur. »Wie glücklich Sie mich machen!«

»Glücklich«, versetzte Mr. Meagles. »Sprechen Sie mir nicht von Glück, bis Sie Dan sehen. Ich versichere Sie, Dan leitet dort drüben Arbeiten und führt Werke aus, daß Ihnen die Haare zu Berge stünden, wenn Sie’s sähen. Er ist jetzt kein Verbrecher am Staate mehr, bewahre nicht! Er bekommt Medaillen und Bänder und Sterne und Kreuze, und ich weiß nicht was alles, wie ein geborner Edelmann. Aber Sie dürfen hier in England nicht davon sprechen.«

»Warum nicht?«

»Nun, Sie wissen ja!« sagte Mr. Meagles, indem er sehr ernst den Kopf schüttelte, »er muß, wenn er hier herüberkommt, alle diese Sachen hinter Schloß und Riegel verbergen. Es geht hier nicht. In dieser speziellen Sache ist Britannia wie eine

Klein-Dorrit im Brautkleide

Britannia in der Speisenkammer – will ihren Kindern selbst keine solche Auszeichnung geben und will sie auch nicht zeigen lassen, wenn andre Länder sie geben. Nein, nein, Dan!« sagte Mr. Meagles wieder kopfschüttelnd. »Das ginge hier nicht.«

»Wenn Sie mir das Doppelte meines Verlustes gebracht hätten«, rief Arthur!, »so würden Sie mir (außer um Doyces willen) nicht solche Freude gemacht haben als durch diese Nachricht.«

»Nun, natürlich, natürlich«, stimmte Mr. Meagles bei. »Natürlich weiß ich das, mein Bester, und deshalb mußte ich auch gleich im ersten Augenblick damit herausplatzen. Aber um wieder darauf zurückzukommen, daß ich Doyces habhaft zu werden suchte. Ich fand Doyce. Ich stieß auf ihn unter einem Haufen jener schmutzigen braunen Hände in Frauennachtmützen, die ihnen viel zu groß sind und sich Araber heißen, oder irgendein solcher verzettelter Stamm sind. Sie kennen sie ja! Nun! Er kam direkt auf mich zu, und ich ging direkt auf ihn zu, und so sind wir beide zurückgekommen.« »Doyce in England?« rief Arthur.

»Da haben wir’s«, sagte Mr. Meagles und breitete seine Arme auseinander. »Ich bin der ungeeignetste Mensch zu einer solchen Geschichte. Ich weiß nicht, was ich getan hätte, wenn ich Diplomat gewesen wäre – vielleicht hätt‘ ich’s recht, gemacht! Das Lange und das Kurze von der Sache ist, Arthur, daß wir beide seit vierzehn Tagen in England sind. Und wenn Sie weiter fragen, wo Doyce jetzt ist, nun, so lautet meine einfache Antwort: – Hier ist er! Und nun kann ich endlich wieder atmen!«

Doyce sprang hinter der Tür hervor, ergriff Arthur bei beiden Händen und sagte das übrige selbst.

»Meine Sache, die ich vorbringen wollte, hat nur drei Teile, mein lieber Clennam«, sagte Doyce, indem er sie nebeneinander mit seinem plastischen Daumen auf die Fläche seiner Hand zeichnete, »und sie sind bald abgemacht. Erstlich nicht ein Wort von dem, was geschehen ist. Es war ein Irrtum in Ihrer Berechnung. Ich weiß, was das heißen will. Es greift die ganze Maschine an, die infolgedessen nicht gehen kann. Sie werden aus dem gemachten Fehler Nutzen ziehen und ihn zum zweiten Male vermeiden. Ich habe selbst bei der Konstruktion Ähnliches getan. Jeder Fehler lehrt uns etwas, wenn wir lernen wollen; und Sie sind ein viel zu verständiger Mann, um nicht aus diesem Fehler zu lernen. Soviel fürs erste. Zweitens. Ich bedauerte, daß Sie es sich so sehr zu Herzen genommen und sich so schwere Vorwürfe gemacht haben. Ich reiste Tag und Nacht, um mit der Unterstützung unseres Freundes die Sache in Ordnung zu bringen, als ich unserem Freunde begegnete, wie er Ihnen sagte. Drittens: Wir beide waren der Ansicht, daß, nach dem, was Sie gelitten haben, nach Ihrem Kummer und nach Ihrer Krankheit, es eine angenehme Überraschung für Sie sein würde, wenn wir uns soweit still verhalten könnten, bis wir alles ohne Ihr Wissen arrangiert und dann kämen und sagten, daß das Geschäft Ihrer jetzt mehr bedurfte denn je und daß uns beiden als Kompagnons eine neue und glückliche Karriere offenstünde. Dies ist das Dritte. Aber Sie wissen, daß wir immer etwas für die Friktion zugeben, und deshalb habe ich noch einen freien Raum übrig. Mein lieber Clennam, ich setze mein ganzes Vertrauen auf Sie; Sie haben es in Händen, mir ebenso nützlich zu sein, wie ich es in meinen Händen habe oder hatte, Ihnen nützlich zu sein: Ihr alter Platz erwartet Sie und bedarf Ihrer sehr: es gibt nichts, was Sie nur eine halbe Stunde länger hier festhalten könnte.« Es trat eine Pause ein, die nicht früher unterbrochen wurde, als bis Arthur einige Zeit, den Rücken ihnen zugekehrt, am Fenster gestanden und seine künftige kleine Frau zu ihm getreten und bei ihm geblieben war. »Ich machte vorhin eine Bemerkung«, sagte Daniel Doyce, »die ich nun für nicht ganz richtig zu halten geneigt bin. Ich sagte, es gebe nichts, was Sie eine halbe Stunde länger hier festhalten könnte. Täusche ich mich, wenn ich vermute, daß Sie lieber bis morgen früh hierbleiben möchten? Errate ich, ohne sonderlich klug zu sein, wohin Sie direkt aus diesen Mauern und diesem Zimmer gehen möchten?« »Ja, Sie erraten es«, versetzte Arthur. »Es war unser liebster Wunsch.« »Gut denn!« sagte Doyce. »Wenn diese junge Dame mir die Ehre erzeigen will, mich für vierundzwanzig Stunden als ihren Vater zu betrachten, und mit mir nach der St. Paulskirche fahren will, so glaube ich sagen zu können, was wir dort wollen.« Klein-Dorrit und er verließen bald darauf das Zimmer, und Mr. Meagles blieb noch einen Augenblick zurück, um seinem Freunde ein Wort zu sagen. »Ich glaube, Arthur, Sie werden morgen Mutter und mich nicht brauchen; wir wollen wegbleiben. Es möchte Mutter an Pet erinnern; sie ist eine weichherzige Frau, sie bleibt am besten auf dem Landhaus, und ich bleibe bei ihr und leiste ihr Gesellschaft.« Damit schieden sie vorderhand. Und der Tag endigte und die Nacht endigte und der Morgen kam und Klein-Dorrit, einfach gekleidet wie gewöhnlich und ohne andre Begleitung als Maggy, erschien mit dem Sonnenschein im Gefängnis. Wo in der Welt war ein Zimmer so voll stiller Freude! »Mein liebes Kind«, sagte Arthur. »Warum zündet Maggy Feuer an? Wir gehen ja im nächsten Augenblick.« »Ich bat sie darum. Ich habe mir das in den Kopf gesetzt. Ich möchte, daß du mir etwas verbrennest.« »Was?« »Nur dies zusammengelegte Papier. Wenn du es eigenhändig in das Feuer werfen würdest, so wie es ist, so ist meine Grille befriedigt.« »Abergläubisch, liebe Klein-Dorrit. Ist es ein Zauber?« »Es ist alles, was du willst, mein Lieber«, antwortete sie, indem sie mit strahlenden Augen lachte und sich auf die Zehenspitzen erhob, um ihn zu küssen, »wenn du nur meiner Laune genügst, sowie das Feuer in die Höhe flackert.«

So standen sie vor dem Feuer und warteten; Clennam hatte den Arm um sie geschlungen, während das Feuer, wie es oft an diesem Ort getan, in Klein-Dorrits Augen glänzte. »Brennt es schon stark genug?« sagte Arthur. »Vollkommen stark genug«, sagte Klein-Dorrit. »Müssen bei dem Zauber auch Worte gesprochen werden?« fragte Arthur, während er das Papier über die Flamme hielt. – »Du kannst sagen (wenn du nichts dawider hast): ›Ich liebe dich!‹«, antwortete Klein-Dorrit. So sagte er denn diese Worte, und das Papier loderte auf.

Sie gingen sehr still über den Hof; denn niemand war da, obgleich viele Köpfe verstohlen aus den Fenstern guckten. Nur ein vertrautes Gesicht befand sich in dem Schließerstübchen. Als sie beide es angeredet und viele freundliche Worte mit ihm gewechselt hatten, wandte sich Klein-Dorrit noch einmal, zum letzten Male, nach ihm um, bot ihm ihre Hand und sagte: »Leben Sie wohl, guter John! Ich hoffe. Sie werden sehr glücklich werden. Sie lieber Mensch!«

Dann schritten sie die Stufen der nahen St. Georgskirche hinauf und traten an den Altar, wo Daniel Doyce in seiner Funktion als Vater ihrer wartete. Dort stand auch Klein-Dorrits alter Freund, der ihr das Begräbnisregister als Pfühl gegeben: voll von Bewunderung, daß sie doch noch zu ihnen käme, um sich trauen zu lassen.

Und sie wurden getraut, während die Sonne durch die gemalte Gestalt unseres Erlösers im Fenster auf sie herabschien. Und sie traten in dasselbe Zimmer, wo Klein-Dorrit nach ihrer Abendgesellschaft geschlummert hatte, um dort in das Trauungsregister sich einzuzeichnen. Dort sah Mr. Pancks (bestimmt, erster Kommis bei Doyce und Clennam und später Geschäftsteilhaber zu werden), den Aufwiegler im friedlichen Freund aufgehen lassend, zur Tür herein, um Zeuge des Aktes zu sein, während er in seiner Galanterie Flora am einen Arm und Maggy am andern führte, mit einem Hintergrunde von John Chivery und dessen Vater und andern Schließern, die auf einen Augenblick herübergelaufen waren und das väterliche Marschallgefängnis verlassen hatten, um sein glückliches Kind zu sehen. Flora zeigte nicht die geringste Spur eines eingezogenen Lebens, trotz ihrer neulichen Erklärung, sondern sah im Gegenteil ungemein frisch und munter aus und hatte eine große Freude an der Zeremonie, wenn auch in einer etwas aufgeregten Weise.

Klein-Dorrits alter Freund hielt das Tintenfaß, während sie ihren Namen unterschrieb, und der Küster hielt einen Augenblick inne, als er dem guten Geistlichen den Chorrock abnahm, und alle Zeugen waren mit größtem Interesse bei der Handlung. »Denn Sie müssen wissen«, sagte Klein-Dorrits alter Freund, »diese junge Dame ist eine von unsern Merkwürdigkeiten und ist jetzt bei dem

Nach dem Trauungsprotokoll.

dritten Bande unserer Register angekommen. Ihre Geburt steht in dem, was ich den ersten Band nenne; sie lag auf diesem Boden mit ihrem hübschen Köpfchen auf dem, was ich den zweiten Band nenne; und nun schrieb sie ihren kleinen Namen als Braut in das, was ich den dritten Band nenne, nun.«

Sie traten alle auf die Seite, als das Einschreiben vorüber war, und Klein-Dorrit und ihr Gatte gingen allein aus der Kirche hinweg. Einen Augenblick blieben sie auf den Stufen des Portals stehen, schauten in die frische Perspektive der Straße, die im Morgenstrahl der Herbstsonne glänzte, und stiegen dann hinab.

Stiegen hinab in ein bescheidenes Leben voll Nützlichkeit und Glück. Stiegen hinab, um mit der Zeit Fannys vernachlässigten Kindern keine geringere mütterliche Sorgfalt zu widmen als ihren eigenen und diese Dame statt dessen immer und ewig in Gesellschaft gehen zu lassen. Stiegen hinab, um noch einige wenige Jahre Tip zu pflegen, der sich niemals Gewissensbisse über die großen Opfer machte, die er als Ersatz für die Reichtümer verlangte, die er ihr gegeben haben würde, wenn er sie selbst gehabt, und der liebevoll seine Augen vor dem Marschallgefängnis und allen seinen am Wachstum verhinderten Früchten schloß. Sie stiegen still hinab in die lärmenden Straßen, unzertrennlich und glücklich, und wie sie im Sonnenschein und im Schatten dahingingen, eilten und stürmten die Lärmenden und die Geschäftigen, die Anmaßenden und die Eigensinnigen und die Eitlen ungestüm an ihnen vorüber und machten ihr gewöhnliches Getöse.

Viertes Kapitel.


Viertes Kapitel.

Ein Brief von Klein-Dorrit.

Lieber Mr. Clennam!

Ich schreibe Ihnen aus meinem Zimmer in Venedig, in der Erwartung, daß es Sie freuen werde, von mir zu hören. Aber ich weiß, es kann Ihnen keine so große Freude bereiten, von mir zu hören, als mir, Ihnen zu schreiben; denn alles um Sie her ist, wie Sie es zu sehen gewohnt sind, und Sie vermissen nichts – wenn nicht mich, was nur auf Augenblicke und höchst selten der Fall sein mag –, während alles in meinem jetzigen Leben so fremdartig ist und ich so viel vermisse.

Klein-Dorrit in Venedig.

Als wir in der Schweiz waren, was mich jetzt schon dünkt, als wäre es vor Jahren gewesen, obgleich es nur wenige Wochen her ist, traf ich die junge Mrs. Gowan, die, wie wir, sich auf einem Bergausflug befand. Sie sagte mir, sie sei sehr wohl und sehr glücklich. Sie trug mir auf, Ihnen zu sagen, daß sie Ihnen herzlich für Ihre Teilnahme danke und Sie nie vergessen werde. Sie sprach sehr vertraulich mit mir, und ich liebte sie beinahe im ersten Augenblick, als ich mit ihr sprach. Aber dabei ist nichts zu verwundern: wer müßte nicht ein so schönes und gewinnendes Wesen lieben! Ich würde über keinen erstaunen, der sie liebte. Nein, wahrhaftig nicht.

Es wird Ihnen hoffentlich keinen Kummer bereiten – denn ich erinnere mich, daß Sie sagten, Sie hätten das Interesse eines wahren Freundes für sie –, wenn ich Ihnen sage, ich wünschte, sie hätte einen Mann geheiratet, der besser für sie paßte. Mr. Gowan scheint sie zu lieben, und natürlich liebt auch sie ihn sehr, aber mir kam es vor, als wenn er es nicht ernst genug meinte, – ich meine nicht in dieser Hinsicht, ich meine im ganzen. Ich konnte mir’s nicht aus dem Kopf bringen, daß, wenn ich Mrs. Gowan wäre (welcher Tausch würde das sein und wie müßte ich mich ändern, um ihr zu gleichen), ich mich allein und verlassen fühlen würde, weil mir jemand fehlte, der fest und beharrlich im Entschlüsse wäre. Mir kam es sogar vor, al« wenn sie diesen Mangel etwas fühlte, jedoch ohne es genau zu wissen. Aber lassen Sie sich dadurch nicht beunruhigen, denn sie war »sehr wohl und sehr glücklich«. Und sie sah außerordentlich hübsch aus.

Ich hoffe, sie in kurzer Zeit wiederzusehen und erwarte sie sogar seit einigen Tagen hier. Ich werde ihr stets so freundlich um Ihretwillen zugetan sein wie ich kann. Lieber Mr. Clennam, Sie werden wohl wenig daran denken, daß Sie mir ein Freund gewesen sind, wie ich keinen andern hatte (nicht daß ich jetzt welche hätte: denn ich habe keine neuen Freundschaften geschlossen), ich denke viel daran und kann es nicht vergessen.

Ich möchte wohl wissen – aber es ist am besten, wenn mir niemand schreibt –, wie sich Mr. und Mrs. Plornish bei dem Geschäft befinden, das ihnen mein lieber Vater gekauft, und ob der alte Mr. Nandy glücklich bei ihnen und seinen zwei Enkeln lebt und immer und immer wieder seine alten Lieder singt. Ich kann die Tränen nicht zurückhalten, wenn ich an meine arme Maggy denke und die Leere, die sie anfangs ohne ihr Mütterchen gefühlt haben muß, so freundlich sie auch alle gegen sie sind. Wollen Sie sie besuchen und ihr unter dem Siegel der Verschwiegenheit mit meinen besten Grüßen sagen, daß sie unsere Trennung nicht inniger beklagt haben kann als ich? Und wollen Sie ihnen allen sagen, daß ich jeden Tag an sie gedacht habe, daß mein Herz treu an ihnen hängt, wie ich auch sein mag? Oh, wenn Sie wissen könnten, wie treu, Sie würden mich beinahe bemitleiden, daß ich so fern und so reich bin.

Sie werden sich gewiß freuen zu erfahren, daß mein lieber Vater sehr wohl ist und daß all diese Veränderungen sehr wohltätig auf ihn einwirkten, und daß er ganz anders ist als damals, da Sie ihn noch häufig besuchten. Auch mit meinem Onkel, glaube ich, ist eine Veränderung zum Bessern vorgegangen, wenn er sich auch früher nie beklagte und über das Jetzt nicht gerade in Entzücken gerät. Fanny ist sehr anmutig, lebhaft und gewandt. Es steht ihr ganz natürlich, die Lady zu spielen, sie hat sich an unser neues Glück mit wunderbarer Leichtigkeit gewöhnt.

Das erinnert mich daran, daß es mir nicht so leicht wird und daß ich bisweilen ganz daran verzweifle. Ich finde, daß ich das nicht lernen kann. Mrs. General ist immer mit uns, und wir sprechen Französisch und sprechen Italienisch, und sie gibt sich Mühe, uns auf mancherlei Weise zu bilden. Wenn ich sage, wir sprechen Französisch und Italienisch, so meine ich, sie tun’s. Was mich betrifft, so bin ich so langsam, daß ich kaum weiter komme. Sobald ich Pläne zu entwerfen, nachzudenken und Versuche zu machen beginne – geht all mein Planentwerfen, Nachdenken und Versuchemachen in alten Geleisen, und ich fange wieder an, um die Kosten des Tages und um meinen Vater und meine Arbeit zu sorgen, und dann erinnere ich mich wieder, daß keine solchen Sorgen mehr existieren, und das ist mir an und für sich so neu und unwahrscheinlich, daß ich mich dem Grübeln ergebe. Ich hätte nicht den Mut, das gegen irgend jemanden als gegen Sie zu erwähnen.

Dasselbe ist mit all diesen neuen Ländern und wunderbaren Szenen der Fall. Sie sind sehr schön und setzen mich in Erstaunen, aber ich bin nicht gesammelt genug, nicht vertraut genug mit mir, wenn Sie verstehen können, was ich damit meine – all das Vergnügen aus ihnen zu schöpfen, das ich haben könnte. Was ich vor ihnen kennenlernte, vermischt sich überdies mit ihnen so seltsam. Zum Beispiel, als wir in den Bergen waren, war mir’s oft (ich zögere, selbst Ihnen so lächerliche Geschichten zu erzählen, Mr. Clennam), als wenn das Marschallgefängnis hinter diesem großen Felsen sein müßte, oder als wenn das Zimmer von Mrs. Clennam, wo ich so manchen Tag gearbeitet und wo ich Sie zum ersten Male sah, jenseits dieses Schneefeldes sein müßte. Erinnern Sie sich jener Nacht, als ich mit Maggy nach Ihrer Wohnung in Covent Garden kam? Es war oft und häufig, als wenn ich jenes Zimmer vor mir sähe und es meilenweit neben unsrem Wagen herginge, wenn ich zum Fenster hinaus in die Dunkelheit sah. Wir waren jene Nacht ausgeschlossen und saßen an dem eisernen Tor und gingen umher bis zum Morgen. Ich sehe oft zu den Sternen empor, namentlich von dem Balkon dieses Zimmers aus, und glaube wieder in jener Straße zu sein, mit Maggy ausgeschlossen. Das gleiche ist mit den Menschen der Fall, die ich in England zurückgelassen. Wenn ich hier in einer Gondel umherfahre, überrascht es mich oft selbst, daß ich, in andre Gondeln blickend, sie zu sehen hoffte. Es würde mir eine unendliche Freude bereiten, sie zu sehen, aber ich glaube nicht, daß es mich anfangs sehr überraschen würde. In meinen träumerischen Stunden ist es mir, als wenn sie überall sein müßten; und ich meine ihre lieben Gesichter auf Brücken und Quais zu sehen.

Eine andre Schwierigkeit, die ich habe, wird Ihnen sehr seltsam erscheinen und erscheint mir sogar so: ich fühle oft das alte traurige Mitleid mit – ich brauchte das Wort nicht zu schreiben – mit ihm. Obgleich er in ganz andrer Lage ist, und so unaussprechlich glücklich und dankbar ich bin, daß ich das weiß, drängt sich das alte kummervolle Gefühl des Mitleids mir bisweilen mit solcher Heftigkeit auf, daß ich wünsche, ich könnte meinen Arm um seinen Hals schlingen, ihm sagen, wie ich ihn liebe, und einige Zeit an seiner Brust weinen. Ich würde dann wieder froh und stolz und glücklich sein. Aber ich weiß, daß ich das nicht tun darf, daß er es nicht gern sähe, daß Fanny ärgerlich würde und Mrs. General aufstaunen müßte, und so beruhige ich mich wieder. Aber wenn ich das tue, kämpfe ich mit dem Gefühl, daß ich eine Kluft zwischen mir und ihm entstehen sehen muß, und daß er mitten unter all seinen Dienern und Untergebenen verlassen ist und ich ihm fehle.

Lieber Mr. Clennam, ich habe viel von mir geschrieben, aber ich muß noch etwas mehr schreiben; denn das, woran mir am meisten lag, daß es in diesem schwachen Briefe eine Stelle finde, müßte sonst ausbleiben. Bei all diesen meinen törichten Gedanken, die ich so kühn war. Ihnen zu bekennen, weil ich weiß, daß Sie allein mich verstehen, wenn irgend jemand dazu imstande ist, und mehr Nachsicht gegen mich haben werden, als irgend jemand sonst, wenn Sie es nicht können – bei all diesen törichten Gedanken ist einer, der kaum je – nie – aus meinem Gedächtnis schwinden wird, und dieser ist, daß ich hoffe, Sie werden bisweilen in einem stillen Augenblick an mich denken. Ich muß Ihnen sagen, daß ich in dieser Beziehung beständig, seit ich fort bin, eine Angst habe, die ich mir um jeden Preis vom Herzen zu schaffen wünsche. Ich fürchtete, Sie möchten mich in einem neuen Licht, als ein neues Wesen betrachten. Tun Sie das nicht – ich könnte es nicht ertragen – es würde mich unglücklicher machen, als Sie vermuten. Um was ich Sie bitten und ersuchen möchte, ist, daß Sie nie an mich als an die Tochter eines reichen Mannes denken; daß Sie nie an mich denken, als ob ich besser gekleidet wäre, besser lebte, denn da ich Sie zum ersten Male sah. Daß Sie sich meiner nur als des dürftig gekleideten Mädchens erinnern, das Sie mit so viel Zärtlichkeit beschützt, von dessen fadenscheinigem Kleid Sie den Regen abgehalten und dessen nasse Füße Sie an Ihrem Kamin getrocknet haben. Daß Sie an mich und meine wahre Liebe und innige Dankbarkeit (wenn Sie überhaupt an mich denken) immer und ohne Veränderung gedenken, als an

Ihr armes Kind Klein-Dorrit.

PS. Besonders erinnern Sie sich, daß Sie wegen Mrs. Gowan nicht unruhig sein dürfen. Ihre Worte waren: »Sehr wohl und sehr glücklich.« Und sie sah außerordentlich hübsch aus.

Fünftes Kapitel.


Fünftes Kapitel.

Es ist nicht richtig irgendwo.

Die Familie war ein bis zwei Monate in Venedig gewesen, als Mr. Dorrit, der viel unter Grafen und Marquis verkehrte und nur wenig übrige Zeit hatte, sich vornahm, eine Stunde an einem besondern Tage zu dem Zweck zu erübrigen, um eine Konferenz mit Mrs. General zu halten.

Als die Zeit, die er sich in Gedanken reserviert hatte, gekommen war, schickte er Mr. Tinkler, seinen Kammerdiener, nach Mrs. Generals Zimmer, (das ungefähr ein Dritteil der Grundfläche des Marschallgefängnisses eingenommen haben würde), um dieser Dame seine Empfehlung zu sagen und sie wissen zu lassen, daß er wünsche, sie möge ihm die Gefälligkeit einer Unterredung mit ihr gönnen. Da es die Zeit des Vormittags war, in der die verschiedenen Glieder der Familie auf ihren besondern Zimmern Kaffee tranken, etwa zwei Stunden, ehe man sich in einer verblichenen Halle, die ehemals prächtig gewesen, nun aber die Beute wässriger Dünste und steter Melancholie war, zum Frühstück versammelte, so konnte der Kammerdiener bei Mrs. General vorkommen. Der Abgesandte fand sie auf einem kleinen viereckigen Teppich, der so außerordentlich winzig war im Vergleich mit dem Umfang ihres steinernen und marmornen Fußbodens, daß es aussah, als ob sie ihn ausgebreitet, um eine Paar neuer, im Laden gekaufter Schuhe darauf anzuprobieren, oder als wenn sie in den Besitz des bezauberten Stückes Teppich gekommen, der von einem der drei Prinzen in Tausend und eine Nacht für vierzig Beutel gekauft worden war, – und nun auf ihren Wunsch hin, in diesem Augenblick, auf demselben in einen Salon eines Palastes getragen wäre, der in gar keiner Beziehung zu ihr stand.

Da Mrs. General dem Abgesandten, die leere Kaffeetasse niedersetzend, antwortete, sie beabsichtige sich augenblicklich nach dem Zimmer von Mr. Dorrit zu begeben, um ihm die Mühe, zu ihr zu kommen, zu ersparen (was er ihr in seiner Galanterie vorgeschlagen), so stieß der Abgesandte die Tür auf und begleitete Mrs. General zu seinem Herrn. Es war wirklich ein weiter Weg über geheimnisvolle Treppen und Gänge von Mrs. Generals Zimmer nach Mr. Dorrits Gemach: ersteres wurde durch eine enge Seitenstraße, mit einer niedern finstern Brücke, und kerkerartige gegenüberliegende Häuser verdunkelt, deren Mauern mit Tausenden von abwärts gehenden Flecken und Streifen beschmiert waren, als wenn jede baufällige Öffnung in denselben Tränen von Rost seit Jahrhunderten in das Adriatische Meer geweint hatte: das letztere hatte so viel Fenster wie eine ganze englische Hausfront, die Aussicht auf herrliche Kirchtürme, die aus dem Wasser, das sie widerspiegelte, in den klaren blauen Himmel emporstiegen, und man hörte das gedämpfte Gemurmel des großen Kanals, der die Torwege umspüte und auf dem die Gondoliere auf einen Befehl harrten, indem sie träge zwischen dem kleinen Wald von Pfählen hin und her schwammen.

Mr. Dorrit, der einen glänzenden Morgenrock und eine elegante Mütze trug – die schlafende Raupe, die so lange ihre Zeit unter den Kollegen ausgehalten, hatte sich in einen seltenen Schmetterling verwandelt –, erhob sich, um Mrs. General zu empfangen. Einen Stuhl für Mrs. General. Einen bequemeren Stuhl, Sir; was tun Sie, was machen Sie, was wollen Sie? Nun, verlassen Sie uns!

»Mrs. General«, sagte Mr. Dorrit, »ich nahm mir die Freiheit –«

»Nicht doch!« warf Mrs. General ein. »Ich stand ganz zu Ihrem Befehl. Ich hatte meinen Kaffee getrunken.«

»Ich nahm mir die Freiheit«, wiederholte Mr. Dorrit, mit der vornehmen Selbstgefälligkeit eines Mannes, der über jede Verbesserung erhaben ist, »mir die Gunst einer kleinen Privatunterhaltung mit Ihnen zu erbitten, – weil mir meine – ha – meine jüngere Tochter ziemlich viel Sorge macht. Sie werden einen großen Unterschied im Temperament zwischen meinen zwei Töchtern bemerkt haben, Madame?«

Mrs. General antwortete, indem sie die behandschuhten Hände ineinanderlegte (sie war nie ohne Handschuhe, und diese waren nie schmutzig und immer sehr anliegend): »Es ist allerdings ein großer Unterschied.«

»Darf ich Sie um die Gefälligkeit ersuchen, mir Ihre Ansicht darüber mitzuteilen?« sagte Mr. Dorrit mit einer Herablassung, die mit majestätischer Ruhe wohl vereinbar war.

»Fanny«, versetzte Mrs. General, »hat Charakterstärke und Selbstvertrauen; Amy beides nicht.«

Nicht? Oh, Mrs. General, fragen Sie die Steine und Gitter des Marschallgefängnisses. Oh, Mrs. General, fragen Sie die Putzmacherin, die sie nähen lehrte, und den Tanzmeister, der ihre Schwester im Tanzen unterwies. Oh, Mrs. General, Mrs. General, fragen Sie mich, ihren Vater, was ich ihr schuldig bin; und hören Sie mein Zeugnis über das Leben dieses schwächlichen, kleinen Geschöpfes von ihrer Kindheit an!

Keine solche Beschwörung kam Mr. Dorrit in den Sinn. Er blickte Mrs. General an, die in ihrer gewöhnlichen aufrechten Haltung auf ihrem Wagensitz hinter ihren Anstandsgefühlen saß, und sagte in gedankenvoller Weise: »Richtig, Madame.«

»Merken Sie wohl«, sagte Mrs. General, »ich möchte nicht so verstanden werden, als wollte ich sagen, es sei nichts an Fanny zu tadeln. Es ist vielleicht nur zuviel Material vorhanden.«

»Wollen Sie so freundlich sein, Madame«, sagte Mr. Dorrit, »sich etwas – ha – deutlicher auszusprechen. Ich verstehe nicht ganz, was das heißen soll, es sei bei meiner älteren Tochter zuviel Material vorhanden. Was für Material?« »Fanny«, versetzte Mrs. General, »bildet sich gegenwärtig zuviel Meinungen. Vollendete Erziehung bildet keine und ist nur demonstrativ.«

Damit er nicht in Verdacht käme, als mangelte ihm die vollendete Erziehung, beeilte sich Mr. Dorrit zu erwidern: »Ganz gewiß, Madame, Sie haben recht.« Mrs. General antwortete in ihrer apathischen und ausdruckslosen Weise: »Ich glaube wenigstens.«

»Aber Sie wissen, meine liebe Madame«, sagte Mr. Dorrit, »daß meine Töchter das Unglück hatten, ihre tief beweinte Mutter zu verlieren, als sie noch sehr jung waren; und daß sie infolge des Umstandes, der mich erst spät in den Besitz meines rechtmäßigen Erbes setzte, bei mir, einem verhältnismäßig armen, wenn auch immerhin stolzen Gentleman, ein – ha – zurückgezogenes Leben geführt!«-

»Ich lasse diesen Gesichtspunkt nicht aus den Augen«, sagte Mrs. General.

»Madame«, fuhr Mr. Dorrit fort, »wegen meiner Tochter Fanny habe ich, solange sie unter der gegenwärtigen Leitung steht und solch ein Beispiel beständig vor Augen hat –«

Mrs. General schloß ihre Augen.

»– keine Besorgnisse. Fanny besitzt einen bildungsfähigen Charakter. Aber meine jüngere Tochter, Mrs. General, flößt mir vielfache Besorgnisse ein und quält meine Gedanken. Ich muß Ihnen sagen, daß sie immer mein Liebling war.«

»Diese Vorliebe«, sagte Mr«. General, »kommt nicht in Anrechnung.«

»Ha – nicht«, stimmte Mr. Dorrit zu. »Nicht. Nun macht es mir aber Verdruß, daß ich bemerken muß, daß Amy sozusagen nicht zu den Unsrigen zählt. Es liegt ihr nichts daran, mit uns umherzugehen; sie existiert für die Gesellschaft, die wir hier haben, gar nicht; unser Geschmack harmoniert offenbar nicht mit dem ihrigen. Was«, sagte Mr. Dorrit, mit richterlicher Feierlichkeit summierend, »kurz so viel heißen will, als ob etwas nicht richtig sei bei – ha – Amy.«

»Sollen wir nicht zu der Vermutung hinneigen«, sagte Mr«. General mit einem leichten Pinsel voll Firnis, »daß der Neuheit der Lage einige Rechnung zu tragen ist?«

»Entschuldigen Sie, Madame«, bemerkte Mr. Dorrit ziemlich lebhaft. »Die Tochter eines Gentleman, wenn er auch – ha – zu einer Zeit verhältnismäßig weit entfernt vom Überfluß war – verhältnismäßig – und sie selbst in – hm – großer Zurückgezogenheit aufwuchs, muß diese Lage nicht so unbedingt neu finden.«

»Richtig«, sagte Mrs. General, »richtig.«

»Deshalb, Madame«, sagte Mr. Dorrit, »nahm ich mir die Freiheit«, (er legte ein großes Gewicht auf diese Phrase und wiederholte sie, als wollte er sich mit höflicher Bestimmtheit ausgebeten haben, daß ihm nicht abermals widersprochen werde), »ich nahm mir die Freiheit, Sie um diese Unterredung zu bitten, um Ihnen die Sache vorzutragen und Ihren Rat zu vernehmen.«

»Mr. Dorrit«, sagte Mrs. General, »ich sprach zu verschiedenen Malen, seit wir hier wohnen, mit Amy im allgemeinen über die Bildung des Betragens. Sie drückte mir ihr großes Staunen über Venedig aus. Ich sagte ihr, daß es besser sei, nicht zu staunen. Ich deutete darauf hin, daß der berühmte Mr. Eustace, der klassische Tourist, nicht viel davon hielt und daß er den Rialto, sehr zu dessen Nachteil, mit den Westminster- und Blackfriars-Brücken verglich. Ich brauche, nach dem, was Sie selbst gesagt, nicht hinzuzufügen, daß ich mit meinen Argumenten keinen großen Erfolg erzielte. Sie erzeigen mir die Ehre, mich um meinen Rat zu befragen. Es erscheint mir immer (sollte es eine grundlose Annahme sein, so bitte ich um Entschuldigung), als wenn Mr. Dorrit gewöhnt gewesen wäre, Einfluß auf den Willen anderer zu üben.«

»Hm – Madame«, sagte Mr. Dorrit, »ich stand an der Spitze einer – ha – einer beträchtlichen Gesellschaft. Sie haben recht, wenn Sie vermuten, daß ich an eine einflußreiche Stellung gewöhnt bin.«

»Ich bin glücklich«, versetzte Mrs. General, »meine Ansicht so bestätigt zu sehen. Ich möchte deshalb mit um so größerer Zuversicht raten, daß Mr. Dorrit selbst mit Amy spreche und ihr seine Beobachtungen und Wünsche mitteile. Da sie überdies sein Liebling ist und ohne Zweifel sehr an ihm hängt, so wird sie auch um so sicherer seinem Einflusse offen stehen.«

»Ich hatte Ihren Wink geahnt, Madame«, sagte Mr. Dorrit, »war jedoch nicht sicher – ha –, ob ich nicht – hm – dadurch Übergriffe –«

»Auf mein Terrain machen, Mr. Dorrit?« sagte Mrs. General freundlich. »Sprechen Sie nicht davon.«

»Dann, Madame«, fuhr Mr. Dorrit fort, indem er seinem Kammerdiener läutete, »dann will ich sogleich nach ihr schicken.«

»Wünscht Mr. Dorrit, daß ich bleibe?«

»Vielleicht, wenn Sie nichts anderes zu tun haben, werden Sie mir eine oder zwei Minuten schenken –«

»Gewiß.«

Tinkler, der Kammerdiener, wurde beauftragt. Miß Amys Mädchen zu suchen und diesem untergeordneten Wesen zu sagen, daß sie Miß Amy davon in Kenntnis setze, Mr. Dorrit wünsche, sie in seinem Zimmer zu sprechen. Mr. Dorrit sah Tinkler streng an, während er ihm diesen Auftrag erteilte, und hatte einen argwöhnischen Blick auf ihn geheftet, bis er zur Türe hinaus war; denn er mißtraute ihm, er möchte etwas, was der Familienwürde Eintrag tun könnte, im Sinne haben; er möchte von einem kollegialen Scherz Wind bekommen haben, ehe er in seinen Dienst kam, und nun im gegenwärtigen Augenblick zu seinem Hohn die Erinnerung wieder auffrischen. Hätte Tinkler zufällig gelacht, wenn auch noch so flüchtig und unschuldig, würde doch Mr. Dorrit bis zu seiner Todesstunde nichts davon haben überzeugen können, daß dies nicht der Fall gewesen. Da Tinkler jedoch zufällig, und zu seinem großen Glück, gerade ein ernstes und ruhiges Gesicht machte, so entging er der geheimen Gefahr, die ihm drohte. Und da er bei seiner Wiederkunft – als Mr. Dorrit ihn ansah – Miß Amy meldete, als käme sie zu einem Leichenbegängnis, so machte er auf Mr. Dorrit den allgemeinen Eindruck eines ordentlichen Jungen, der im Studium seines Katechismus von seiner verwitweten Mutter erzogen worden.

»Amy«, sagte Mr. Dorrit, »du warst gerade der Gegenstand einer Unterredung zwischen mir und Mrs. General. Wir sind beide der Ansicht, daß du dich hier nicht heimisch fühlst. Ha – wie kommt das?«

Eine Pause.

»Ich glaube, Vater, ich brauche etwas Zeit.«

»Papa ist eine bessere Anredeweise«, bemerkte Mrs. General. »Vater ist etwas gewöhnlich, meine Liebe. Das Wort Papa gibt überdies den Lippen eine hübsche Form. Papa, potatoes, poultry, prunes und prism sind lauter gute Worte für die Lippen: namentlich prunes und prism. Sie werden es für die Bildung Ihres Benehmens sehr zweckdienlich finden, wenn Sie bisweilen in Gesellschaft, zum Beispiel beim Einritt in ein Zimmer, vor sich hin sagen: Papa, potatoes, poultry, prunes und prism.«

»Bitte, mein Kind«, sagte Mr. Dorrit, »höre auf die Vorschriften von Mrs. General.«

Die arme Klein-Dorrit versprach, mit einem ziemlich flüchtigen Blick auf die große Lackiererin, es zu versuchen.

»Du sagst, Amy«, fuhr Mr. Dorrit fort, »daß du Zeit zu brauchen glaubst. Zeit, wozu?«

Ein zweite Pause.

»Um mich an mein neues Leben zu gewöhnen, das war alles, was ich meinte«, sagte Amy, indem ihr liebevoller Blick auf ihrem Vater ruhte, den sie in ihrem Eifer, Mrs. General zu folgen und ihm zu Gefallen zu sein, nahe daran gewesen, als poultry, wenn nicht gar als prunes und prism anzureden.

Mr. Dorrit krauste die Stirn und schien nichts weniger als erfreut. »Amy«, versetzte er, »es scheint mir, offen gesagt, als wenn du reichlich Zeit gehabt hättest. Ha – du setzest mich in Erstaunen, du enttäuschst meine Erwartungen. Fanny hat all die kleinen Schwierigkeiten überwunden, und – hm – warum du nicht auch?«

»Ich hoffe, es wird bald besser gehen«, sagte Klein-Dorrit.

»Ich hoffe auch«, versetzte ihr Vater. »Ich hoffe wahrhaftig recht von Herzen, Amy. Ich schickte nach dir, um dir zu sagen, – hm – dir recht eindringlich, und zwar in Gegenwart von Mrs. General, der wir alle zu so großem Danke verpflichtet sind, daß sie bei dieser und ähnlichen Gelegenheiten zugegen ist«, Mrs. General schloß ihre Augen, »zu sagen, daß ich – hm – gar nicht zufrieden mit dir bin. Du machst Mrs. Generals Arbeit zu einer sehr undankbaren. Du – ha – setzt mich in große Verlegenheit. Du warst stets (wie ich Mrs. General mitgeteilt habe) mein Liebling; ich habe dich immer – hm – als Freundin und Gesellschafterin um mich gehabt: dafür bitte ich – ha – bitte – ha – ich dich, daß du dich besser den – hm – Umständen anbequemst und pflichtgetreuer tust, was – deine Stellung verlangt.«

Mr. Dorrit sprach sogar noch etwas abgebrochener als sonst, da ihn der Gegenstand aufregte und er einen besonderen Nachdruck in seine Worte legen wollte.

»Ich bitte dich«, wiederholte er, »daß du dies im Auge behältst und dir ernstlich Mühe gibst, dich in einer Weise zu benehmen, die einerseits für deine Stellung als – ha – Miß Amy Dorrit paßt, anderseits mir und Mrs. General Befriedigung gewährt.«

Diese Dame schloß die Augen wieder, als sie abermals sich erwähnen hörte; dann, sie langsam öffnend und aufschlagend, fügte sie diese Worte hinzu:

»Wenn Miß Amy Dorrit auf die Bildung einer standesgemäßen Außenseite bedacht sein und meine arme Unterstützung dabei annehmen will, so wird Mr. Dorrit fortan keinen Grund zu Besorgnissen mehr haben. Darf ich diese Gelegenheit ergreifen zu bemerken, daß es zum Beispiel nicht sonderlich fein ist, Vagabunden solche Aufmerksamkeit zu schenken, wie ich es eine mir sehr liebe junge Freundin tun sah? Man steht solche Leute nicht an. Man sollte überhaupt nie etwas Unangenehmes ansehen. Namentlich da eine solche Gewohnheit einer anmutigen Gleichmütigkeit des Gesichtsausdrucks im Wege steht, die mehr als alles ein Zeugnis guter Erziehung ist, scheint es kaum mit seiner Bildung vereinbar zu sein. Ein wirklich feingebildeter Geist wird immer den Anschein haben, als ob er gar nichts von der Existenz von Dingen wüßte, die nicht vollkommen schön, gefällig und angenehm sind.« Nachdem Mrs. General diesen erhabenen Gedanken zum besten gegeben, machte sie eine rauschende Verbeugung und verließ das Zimmer mit einem Ausdruck des Mundes, als ob auf ihren Lippen die Worte prunes und prism schwebten.

Klein-Dorrit mochte sprechen oder schweigen, sie behielt ihren ruhigen Ernst und ihren liebevollen Blick. Er hatte sich bis jetzt, mit Ausnahme eines flüchtigen Augenblicks, noch nicht umwölkt. Aber nun, da sie allein mit ihrem Vater war, bewegten sich die Finger ihrer leicht gefalteten Hände etwas unruhig, und in ihrem Gesicht lag eine unterdrückte Aufregung.

Nicht ihr selbst galt diese. Sie mochte sich wohl leicht verwundet fühlen, aber ihre Sorge galt nicht ihr selbst. Ihre Gedanken richteten sich wie immer auf ihn. Eine schwache Ahnung, die, seit sie reich geworden, auf ihr gelastet, daß sie selbst jetzt nie mehr die Freude haben sollte, ihn zu sehen, wie er ehedem, vor den Toren des Gefängnisses wartete, hatte mit der Zeit Gestalt bekommen. Sie fühlte, daß in dem, was er soeben zu ihr gesagt, und in seinem ganzen Benehmen gegen sie der wohlbekannte Schatten der Mauern des Marschallgefängnisses auf ihm ruhe. Er nahm jetzt eine neue Gestalt an, aber es war der alte traurige Schatten. Sie begann sich schmerzlich ungern einzugestehen, daß sie nicht stark genug sei, die Furcht von sich fernzuhalten, daß kein noch so langer Zeitraum im Menschenleben jenes Vierteljahrhundert hinter den Gefängnisriegeln zu verwischen vermöge. Sie konnte ihm darob keinen Vorwurf machen; kein Tadel drängte sich auf ihre Lippen, kein andres Gefühl lebte in ihrem treuen Herzen als innige Teilnahme und grenzenlose Zärtlichkeit.

Das war der Grund, weshalb sie, selbst jetzt, da er vor ihr auf seinem Sofa saß, in dem glänzenden Lichte eines herrlichen italienischen Tages, – draußen die wundervolle Stadt und drinnen die Pracht eines alten Palastes – ihn in dem wohlbekannten Dunkel seiner Marschallgefängniswohnung zu erblicken glaubte und ihren Sitz neben ihm einzunehmen und ihn zu trösten und wieder voll Zutraulichkeit gegen ihn und voll Dienstbarkeit für ihn zu sein wünschte. Wenn er ahnte, was in ihren Gedanken vorging, so standen die seinen nicht im Einklang damit. Nachdem er sich auf seinem Sitz mehrmals hin und her bewegt, stand er auf und ging mit sehr unzufriedenem Ausdruck im Gesicht auf und ab.

»Willst du mir noch irgend etwas anderes sagen, lieber Vater?«

»Nein, nein. Nichts sonst.«

»Ich bedaure sehr, daß du nicht mit mir zufrieden bist. Ich hoffe, du denkst jetzt nicht mit Kummer an mich. Ich will mir mehr denn je Mühe geben, mich, wie es dein Wunsch ist, an meine Umgebung anzupassen – denn ich habe wahrhaftig die ganze Zeit her mir alle Mühe gegeben; es ist mir freilich, ich weiß es, nicht gelungen.«

»Amy«, versetzte er, sich plötzlich nach ihr umwendend. »Du – ha – verletzt mich fort und fort.«

»Ich dich verletzen, Vater! Ich!«

»Es gibt einen – hm – einen Punkt«, sagte Mr. Dorrit, indem er dabei an der ganzen Decke umhersah und dem aufmerksamen, schmerzlich bewegten und doch klaglosen Gesicht keinen Blick gönnte, »einen peinlichen Punkt, eine Reihe von Erlebnissen, die ich – ha – gänzlich aus dem Gedächtnis gelöscht wissen möchte. Deine Schwester hat dies begriffen und eingesehen und dich bereits darüber in meiner Gegenwart zur Rede gestellt; dein Bruder hat es eingesehen. Jedermann – ha, hm – hat es eingesehen, wer nur irgend Zartgefühl und Takt besitzt, nur du – ha – es tut mir leid, daß ich es sagen muß – nur du willst es nicht begreifen. Du, Amy, – hm – du allein und nur du – rührst diesen Punkt beständig wieder auf, wenn auch nicht gerade in Worten.«

Sie legte ihre Hand auf seinen Arm. Sie tat nichts weiter. Sie berührte ihn sanft. Die zitternde Hand sagte vielleicht mit —Text fehlt— an meine vielen Sorgen!« Aber sie selbst sagte nicht eine Silbe.

Es lag in dieser Berührung der Hand ein Vorwurf, den sie nicht geahnt, sonst würde sie sie zurückgezogen haben. Er begann sich zu rechtfertigen: in einer erhitzten, unbeholfenen und ärgerlichen Weise, die doch nicht« besagen wollte.

»Ich war all diese Jahr« dort. Ich war – ha – allgemein als die wichtigste Person jenes Platzes anerkannt. Ich – hm – war Ursache, daß du dort Ansehen genossest, Amy. Ich – ha, hm – gab meiner Familie dort eine Stellung. Ich verdiene Erkenntlichkeit. Ich verlange Erkenntlichkeit. Ich sage, tilge es von der Oberfläche der Erde und beginne ein neues Leben, Ist das viel? Ich frage, ist das viel?«

Er sah sie nicht einmal an, während er sie in dieser Weise quälte, gestikulierte dabei jedoch in der leeren Luft herum, als wenn er’s mit Gespenstern der Vergangenheit zu tun hätte.

»Ich habe viel gelitten. Ich weiß wahrscheinlich besser als irgend jemand, was ich gelitten, ha – ich sage, mehr als irgend jemand. Wenn ich das von mir wälzen kann, wenn ich die Male meiner Wunden vertilgen kann und mich vor die Welt als ein – ha – flecken- und makelloser Gentleman hinzustellen vermag –, so läßt sich doch wohl mit vollem Recht erwarten – ich sage es noch einmal, mit vollem Recht erwarten –, daß meine Kinder – hm – dasselbe tun und diese verwünschte Erfahrung von der Oberfläche der Erde vertilgen!«

Trotz seines erhitzten Zustandes sprach er all diese ungehaltenen Worte mit sorgfältig gedämpfter Stimme, damit der Kammerdiener nichts höre.

»Wie sich’s gebührt, tun sie es. Deine Schwester tut es. Dein Bruder tut es. Du allein, mein Liebling, die ich zur Freundin und Gesellschafterin meines Lebens machte, als du noch ein – hm – bloßes Kind warst, du tust es nicht. Du allein sagst, du könntest es nicht tun. Ich versehe dich mit der besten Stütze, um es tun zu können. Ich gebe dir eine vollendete und außerordentlich fein erzogene Dame – ha – Mrs. General, zur Gesellschaft, um dies zu ermöglichen. Ist es zu verwundern, daß ich ungehalten bin? Soll ich mich gar noch entschuldigen, daß ich mein Mißvergnügen darüber ausspreche? Nein!«

Trotzdem fuhr er fort, sich zu entschuldigen, ohne daß sich jedoch seine Hitze gelegt hätte.

»Ich bin stets dafür besorgt, ehe ich mein Mißfallen ausdrücke, zuvor die Bestätigung bei dieser Dame einzuholen. Natürlich – hm – apelliere ich innerhalb bestimmten Grenzen, sonst – ha – würde ich dieser Dame zu lesen ermöglichen, was ich ausgewischt zu wissen wünsche. Bin ich egoistisch? Beklage ich mich um meiner selbst willen? Nein. Nein. Vornehmlich um – ha, hm – deinetwillen, Amy.« Diese Worte schienen in der Art, wie er sie vorbrachte, erst in diesem Augenblick in seinem Innern aufgestiegen zu sein.

»Ich sagte, ich sei verletzt worden. Das bin ich auch. Ja, ich – ha – bin entschlossen, es zu sein, was auch für das Gegenteil vorgebracht worden. Es verletzt mich, daß meine Tochter, die in dem – hm – Schoß des Glückes sitzt, in stiller Zurückgezogenheit sich ihren Träumereien hingibt und damit sagt, daß sie der hohen Stellung ihres Vermögens und Rangs nicht gewachsen sei, Es verletzt mich, daß sie – ha – systematisch das wieder auffrischt, was die andern aus der Erinnerung getilgt, und daß sie – ich hätte beinahe gesagt, ängstlich darauf bedacht scheint, der reichen und vornehmen Welt zu offenbaren, sie sei an einem Orte – ha – geboren und aufgewachsen, den zu nennen mir zuwider ist. Aber es ist kein Widerspruch darin, nicht der geringste, wenn ich mich verletzt fühle und mich doch vornehmlich deinetwegen beklage, Amy. Ich beklage mich, ich wiederhole es. Um deinetwillen wünsche ich, daß du dir unter den Auspizien von Mrs. General eine – ha – Außenseite bildest. Um deinetwillen wünsche ich, daß du dir – ha – eine echt gesellschaftliche Bildung erwirbst und (um mit den treffenden Worten von Mrs. General zu sprechen) allem fremd bleibest, was nicht schön, angenehm und gefällig ist.«

Den letzten Passus seiner Rede hatte er ruckweise wie einen schlecht geordneten Alarm zu Tag gebracht, Amys Hand lag noch immer auf seinem Arm. Er schwieg; und nachdem er noch einmal eine Zeitlang an der Decke umhergeschaut, blickte er wieder auf sie herab. Ihr Kopf hatte sich gesenkt, und er konnte ihr Gesicht nicht sehen: aber die Berührung ihrer Hand war zärtlich und ruhig, und in dem Ausdruck ihrer gebeugten Gestalt lag kein Vorwurf –, sondern nur Liebe. Er begann zu weinen wie in jener Nacht im Gefängnis, wo sie später bis zum Morgen an seinem Bette gesessen; dann rief er, er sei eine arme Ruine, ein armer, unglücklicher Mann inmitten seines Reichtums und umschlang sie mit seinen Armen. »Ruhig, ruhig, mein lieber Vater! Küsse mich!« war alles, was sie sagte. Seine Tränen waren bald getrocknet, viel rascher als bei jener früheren Gelegenheit, und er benahm sich im nächsten Augenblick sehr hochfahrend gegen seinen Kammerdiener, um sich dafür zu rächen, daß er welche vergossen hatte.

Mit einer bemerkenswerten Ausnahme, die an ihrem Platze erwähnt werden wird, war dies von dem Tage ab, da er frei und reich ward, das einzige Mal, daß er zu seiner Tochter Amy von vergangenen Zeiten sprach.

Aber nun war die Stunde des Frühstücks herangerückt; und mit ihr erschienen Miß Fanny, die aus ihrem Zimmer kam, und Mr. Edward, der von seinem Zimmer kam. Diese beiden vornehmen Personen waren wegen der späten Stunde etwas schlimmer daran. Miß Fanny war das Opfer der unersättlichen Manie, immer, wie sie es nannte, »in Gesellschaft zu gehen«, und wäre zu jedermann zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang hingegangen, wenn ihr so viele Gelegenheiten zu Gebote gestanden hätten. Auch Mr. Edward hatte ausgebreitete Bekanntschaften und war gewöhnlich den größten Teil der Nacht (meist in Spielklubs und andern ähnlicher Art) in Anspruch genommen. Dieser Gentleman hatte nämlich, als seine Vermögensverhältnisse sich veränderten, den großen Vorteil, daß er bereits für die höchsten Gesellschaften vorbereitet war und wenig zu lernen brauchte: so viel verdankte er dem glücklichen Umstand, der ihn mit dem Pferdehandel und Billardmarkieren bekannt gemacht.

Beim Frühstück erschien auch Mr. Frederick Dorrit. Da der alte Gentleman den höchsten Stock des Palastes bewohnte, wo er sich im Pistolenschießen hätte üben können, ohne daß die andern Bewohner des Hauses es auch nur bemerkt hätten, so hatte seine jüngere Nichte den Mut gefaßt, den Vorschlag zu machen, man solle ihm seine Klarinette zurückgeben, die Mr. Dorrit zu konfiszieren befohlen, die sie jedoch aufzubewahren gewagt. Trotz einiger Einwendungen von Miß Fanny, daß es ein gemeines Instrument sei und daß sie den Ton desselben verabscheue, wurde doch die Konzession gemacht. Aber man machte auch die Entdeckung, daß er des Instrumentes satt war und es nie spielte, nun da es nicht länger das Mittel für ihn war, sein Brot damit zu erwerben. Er hatte unmerklich eine neue Liebhaberei bekommen: nämlich in die Gemäldegalerien zu schlendern: dabei hatte er immer seine zusammengedrückte Papiertüte mit Schnupftabak in der Hand (zum großen Unwillen von Miß Fanny, die den Vorschlag gemacht, ihm eine goldene Dose zu kaufen, damit die Familie nicht in Mißkredit gerate, die er jedoch entschieden zu tragen ausgeschlagen hatte, als sie gekauft war). Er brachte ganze Stunden vor den Bildern berühmter Venezianer zu. Es blieb unentschieden, was seine geblendeten Augen in denselben sahen; ob er ein Interesse an ihnen, als bloß Gemälden hatte, oder ob er sie unklar mit einer Herrlichkeit identifizierte, die vorüber war, wie die Stärke seines eignen Geistes. Aber er machte ihnen mit großer Pünktlichkeit seine Aufwartung und schöpfte offenbar Vergnügen aus diesem Treiben. Nach den ersten wenigen Tagen nahm Klein-Dorrit zufällig an einem dieser Besuche teil: und es mehrte seinen Genuß so sichtlich, daß sie ihn später oft begleitete, und das größte Vergnügen, für das sich der alte Mann seit seinem Ruin empfänglich zeigte, erwuchs ihm aus diesen Gängen, bei denen er ihr gewöhnlich einen Stuhl von Bild zu Bild trug und trotz aller Einwendungen hinter ihr stand, und sie schweigend den edeln Venezianern vorstellte.

Bei diesem Familienfrühstück erwähnte er zufällig, daß er am vorhergehenden Tage in einer Galerie die Dame und den Herrn gesehen hatte, die sie auf dem St. Bernhard getroffen. »Ich vergesse den Namen«, sagte er. »Du wirst dich wohl derselben erinnern, William? Oder du, Edward?« »Ich erinnere mich ihrer allerdings sehr gut«, sagte der letztere.

»Ich begreife das«, bemerkte Miß Fanny, mit einem Schütteln ihres Kopfes und einem Blick auf ihre Schwester. »Aber sie wären nicht wieder in unserem Gedächtnis aufgetaucht, glaube ich, wenn Onkel nicht über sie gestolpert wäre.«

»Meine Liebe, was für ein seltsamer Ausdruck«, sagte Mrs. General. »Ihnen nicht unvermutet begegnet oder – sie zufällig erwähnt hätte, wäre besser.«

»Ich danke Ihnen, Mrs. General«, versetzte die junge Dame, »nein, ich bin aber anderer Meinung. Überhaupt ziehe ich meinen eigenen Ausdruck vor.«

Dies war immer die Art, wie Miß Fanny eine Verbesserung von Mrs. General hinnahm. Aber sie bewahrte sie stets sorgfältig in ihrem Gedächtnis und brachte sie bei einer andern Gelegenheit an.

»Ich würde unsre Begegnung mit Mr. und Mrs. Gowan erwähnt haben, Fanny«, sagte Klein-Dorrit, »auch wenn Onkel es nicht getan hätte. Ich habe euch seit der Zeit, wie ihr wißt, kaum gesehen. Ich meinte beim Frühstück davon gesprochen zu haben, weil ich Mrs. Gowan einen Besuch zu machen und näher mit ihr bekannt zu werden wünsche, wenn Papa und Mrs. General nichts dagegen einzuwenden haben.«

»Wahrhaftig, Amy«, sagte Fanny, »es sollte mich freuen, wenn du zuletzt noch den Wunsch aussprächest, mit allen Leuten in Venedig näher bekannt werden zu wollen. Es bleibt freilich eine Frage, ob Mr. und Mrs. Gowan sehr wünschenswerte Bekanntschaften sind.«

»Ich sprach von Mrs. Gowan, meine Liebe.«

»Allerdings«, sagte Fanny. »Aber du kannst sie, soviel ich weiß, nicht ohne einen Akt des Parlamentes von ihrem Manne trennen.«

»Glaubst du, Papa«, fragte Klein-Dorrit mit schüchternem Zögern, »daß sich irgend etwas gegen meinen Besuch bei Mrs. Gowan einwenden lasse?«

»Nein«, versetzte er. »Ha – ich – was ist Mrs. Generals Ansicht?«

Mrs. Generals Ansicht war, daß, sofern sie nicht die Ehre habe, die Dame und den Herrn zu kennen, sie auch nicht in der Lage sei, diese Angelegenheit zu firnissen. Sie könne nur die Bemerkung machen, als einen Grundsatz, der bei allem Firnissen beobachtet werden müsse, daß sehr viel davon abhänge, von welcher Seite die genannte Dame an eine Familie empfohlen werde, die eine so hervorragende Nische im sozialen Tempel einnehme wie die Familie Dorrit.

Bei dieser Bemerkung verfinsterte sich das Gesicht von Mr. Dorrit bedeutend. Er war bereits im Begriff (da die Empfehlung mit einer aufdringlichen Persönlichkeit namens Clennam in Verbindung stand, deren er sich nur unklar aus einer früheren Zeit erinnerte), dem Namen Gowan eine schwarze Kugel zu geben, als Edward Dorrit, Esquire sich, das Glas im Auge, in die Unterhaltung mischte und die vorläufige Bemerkung: »Ich sage – he da! Geht hinaus, nicht wahr?« zum besten gab. Diese Bemerkung war an zwei Männer gerichtet, die die Tische herbeitrugen, und konnte als eine höfliche Aufforderung gelten, ihre Dienste für einen Augenblick zu suspendieren.

Nachdem die Diener der Aufforderung Genüge geleistet, fuhr Edward fort:

»Vielleicht ist es eine Klugheitsmaßregel, euch alle wissen zu lassen, daß Mrs. und Mr. Gowan – für die, oder wenigstens für welch letztern ich sehr eingenommen zu sein nicht in den Verdacht geraten kann – mit Leuten von Bedeutung in Verbindung stehen, wenn das einen Unterschied macht.«

»Das, möchte ich behaupten«, bemerkte die schöne Firnisserin, »gibt den bedeutendsten Ausschlag, Die fragliche Verbindung, wenn es wirklich Leute von Bedeutung und Ansehen sind –«

»Was das betrifft«, sagte Edward Dorrit, »so will ich Ihnen die Mittel an die Hand geben, selbst zu urteilen. Sie kennen vielleicht den berühmten Namen Merdle?«

»Den großen Merdle?« rief Mrs. General.

» Den Merdle!« sagte Edward Dorrit, Esquire. »Sie sind mit ihm bekannt. Mrs. Gowan – ich meine die Witwe, meines höflichen Freundes Mutter – ist die intime Freundin von Mrs. Merdle, und ich weiß, diese beiden stehen auf ihrer Besuchsliste.«

»Wenn dem so ist, bedarf es keiner bessern Garantie mehr«, sagte Mrs. General, indem sie ihre Handschuhe erhob und ihr Haupt senkte, als ob sie irgendeinem sichtbaren geschnitzten Bilde ihre Huldigung darbrächte.

»Ich bitte meinen Sohn zu fragen, aus Gründen der – ha – Neugier«, bemerkte Mr. Dorrit mit einer entschiedenen Änderung in seinem Wesen, »wie er in den Besitz dieser – hm – rechtzeitigen Kenntnis kommt?«

»Es ist keine lange Geschichte, Sir«, versetzte Edward Dorrit, Esquire, »und Sie sollen es auf der Stelle erfahren. Erstens ist Mrs. Merdle die Dame, mit der Sie die Unterredung hatten, in, wie heißt es nur?«

»Martigny«, warf Miß Fanny mit unendlich matter Miene ein.

»Martigny«, bejahte ihr Bruder, mit einem leichten Nicken und einem leichten Blinzeln: Miß Fanny wurde darüber etwas verlegen, lachte und errötete.

»Wie ist das möglich, Edward?« sagte Mr, Dorrit. »Du teiltest mir doch mit, daß der Name des Herrn, mit dem du verhandelt, Sparkler sei. Wahrhaftig, du zeigtest mir ja seine Karte. Hm. Sparkler.«

»Allerdings, Vater; aber daraus folgt ja nicht, daß seiner Mutter Name der gleiche sein muß. Mrs. Merdle war bereits früher verheiratet, und er ist ihr Sohn. Sie ist jetzt in Rom, wo wir wahrscheinlich mehr von ihr erfahren werden, da du den Winter über dort zu bleiben gedenkst. Sparkler ist soeben hier angekommen. Ich brachte die letzte Nacht in Gesellschaft von Sparkler zu, Sparkler ist im ganzen ein sehr guter Junge, obgleich in einer Beziehung ein langweiliger, unausstehlicher Mensch: denn er ist schrecklich verliebt in eine gewisse junge Dame.« Bei diesen Worten sah Edward Dorrit, Esquire, Miß Fanny durch sein Monokel über den Tisch hinüber an, »Wir tauschten zufällig diese Nacht gegenseitig Bemerkungen über unsere Reise aus, und ich erhielt auf diese Weise die Kunde von Sparkler, die ich euch soeben mitgeteilt habe.« Hier brach er ab, beobachtete jedoch Miß Fanny unaufhörlich durch sein Glas, wobei sich sein Gesicht, nicht gerade zur Vermehrung seiner Schönheit, teilweise durch das Festhalten des Glases im Äuge, teilweise durch die große Schlauheit seines Lächelns bedeutend verzog.

»Unter diesen Umständen«, sagte Mr. Dorrit, »glaube ich ebensosehr die Gefühle von – ha – Mrs, General als meine eigenen auszudrücken, wenn ich sage, daß kein Hindernis vorhanden ist, sondern – ha, hm – gerade das Gegenteil obwaltet, deinem Wunsche zu entsprechen, Amy, Ich glaube sogar – ha –, diesen Wunsch freudig begrüßen zu müssen«, sagte Mr. Dorrit, mit ermutigendem und vergebendem Ton, »und zwar als ein günstiges Omen. Es ist ganz hübsch, wenn du diese Leute kennst. Es ist ganz passend. Mr. Merdle ist ein – ha – weltberühmter Name. Mr. Merdles Unternehmungen sind außerordentlich. Sie bringen ihm so große Summen Geldes, daß sie als – hm – Nationalwohltaten betrachtet werden. Mr. Merdle ist der Mann unsrer Zeit. Der Name Merdle ist der Name des Jahrhunderts. Bitte, erweise um meinetwillen Mr. und Mrs. Gowan alle Artigkeiten, denn wir wollen – ha – wir wollen sie mit Aufmerksamkeit behandeln.«

Dieses großartige Zugeständnis von Mr. Dorrits Anerkennung machte der Sache ein Ende. Man hatte nicht bemerkt, daß der Oheim seinen Teller weggestoßen und sein Frühstück vergessen hatte; aber man achtete überhaupt wenig auf ihn, nur Klein-Dorrit tat es. Die Diener wurden hereingerufen, und das Mahl ging seinem Ende zu. Mrs, General stand auf und verließ den Tisch. Klein-Dorrit stand auf und verließ den Tisch. Als Edward und Fanny über denselben hinüber plaudernd zusammen sitzenblieben und Mr. Dorrit, Feigen essend und eine französische Zeitung lesend, gleichfalls sitzenblieb, zog der Onkel plötzlich die Aufmerksamkeit von allen dreien auf sich, indem er sich erhob, mit seiner Hand auf den Tisch schlug und ausrief: »Bruder! Ich protestiere dagegen!«

Wenn er in einer unbekannten Sprache eine Rede gehalten und dann auf der Stelle den Geist aufgegeben, er hätte seine Zuhörer in nicht größeres Erstaunen setzen können. Die Zeitung entfiel Mr. Dorrits Händen, und er saß, eine Feige nach dem Mund führend, wie versteinert da.

»Bruder«, sagte der alte Mann, indem er seiner zitternden Stimme eine überraschende Energie verlieh, »ich protestiere dagegen! Ich liebe dich! Du weißt, ich liebe dich von Herzen. Seit vielen Jahren war ich dir niemals auch nur mit einem einzigen Gedanken untreu! So schwach ich bin, würde ich jeden, der je schlecht von dir gesprochen, zu Boden geschmettert haben. Aber Bruder, Bruder, Bruder, ich protestiere dagegen!«

Es war merkwürdig zu sehen, welch heftigen Ausbruchs von Eifer dieser gebrochene Mann fähig war. Seine Augen funkelten, sein graues Haar stand zu Berge, Spuren von Willen, die seit fünfundzwanzig Jahren verschwunden waren, traten wieder auf Gesicht und Stirn hervor, und in seiner Hand lag eine Energie, die ihre Aktion kraftvoll machte.

»Mein lieber Frederick!« rief Mr. Dorrit matt. »Was ist nicht recht? Was gibt es denn?«

»Wie kannst du das wagen?« sagte der alte Mann, indem er sich zu Fanny hinwandte. »Hast du denn kein Gedächtnis? Hast du kein Herz?«

»Onkel!« rief Fanny erschrocken und in Tränen ausbrechend, »warum greifst du mich in dieser grausamen Weise an? Was habe ich getan?«

»Getan«, versetzte der alte Mann, auf ihrer Schwester Platz deutend, »wo ist deine liebevolle, unschätzbare Freundin? Wo ist dein aufopfernder Schutzengel? Wo ist die, die dir mehr als Mutter war? Wie kannst du es wagen, ein Vorrecht gegenüber all diesen in deiner Schwester vereinigten Eigenschaften geltend zu machen? Schäme dich, falsches Mädchen, schäme dich!«

»Ich liebe Amy«, rief Fanny schluchzend und weinend, »ich liebe sie wie mein Leben – mehr als mein Leben. Ich verdiene nicht, daß man mich so behandelt. Ich bin so dankbar gegen Amy und habe Amy so lieb, wie es menschenmöglich ist. Ich wollte, ich wäre tot. Doch nie wurde so schlimm mit mir umgegangen. Und nur, weil ich für den Ruf der Familie besorgt bin.«

»Zum Teufel mit dem Ruf der Familie!« rief der alte Mann mit größter Wut und Entrüstung. »Bruder, ich protestiere gegen jeden von uns hier, der erfahren hat, was wir erfahren und gesehen, was wir gesehen, und sich doch etwas erlaubt, was Amy auch nur einen Moment nachteilig sein oder sie nur einen Moment kränken könnte. Wir müssen wissen, daß es eine schlechte Anmaßung ist, da sie diese Wirkung hat. Es müßte ein Gericht über uns herbeiführen. Bruder, ich protestiere dagegen im Namen Gottes!«

Die Art, wie er seine Faust emporhob und auf den Tisch fallen ließ, war die eines Grobschmieds. Nach einer kurzen Pause trat wieder seine gewöhnliche Mattigkeit ein. Er ging in seinem bekannten schlürfenden Schritte zu seinem Bruder hin, legte die Hand auf seine Schulter und sagte in milderem Ton: »William, mein Lieber, ich fühle mich verpflichtet, es zu sagen; vergib mir, denn ich fühle mich verpflichtet, es zu sagen!« und dann verließ er in seiner gebeugten Haltung die Palasthalle, gerade wie wenn er das Marschallgefängnis verließe.

Die ganze Zeit über hatte Fanny geschluchzt und geweint und tat dies noch. Edward hatte nur einen Augenblick voll Erstaunen den Mund geöffnet und dann die Lippen geschlossen: er begnügte sich, die Sprechenden anzustarren. Mr. Dorrit fühlte sich ebenfalls sehr mißgestimmt und ganz außerstande, sich irgendwie zu verteidigen. Fanny war die erste, die das Wort ergriff.

»Ich wurde nie, nie so behandelt!« schluchzte sie. »Es ist mir noch nichts so Unfreundliches und Ungerechtfertigtes, so abscheulich Heftiges und Grausames vorgekommen! Die liebe, gute, ruhige, kleine Amy selbst, was würde sie fühlen, wenn sie ahnen könnte, daß sie das unschuldige Mittel gewesen, mich so grausam zu behandeln! Aber ich werde es ihr nie sagen. Nein, das gute Ding, ich werde es ihr nicht sagen!«

Das veranlaßte Mr. Dorrit, sein Schweigen zu brechen.

»Meine Liebe«, sagte er, »ich – ha – billige deinen Entschluß. Es wird – ha, hm – weit besser sein, nicht davon mit Amy zu sprechen. Es möchte – ha, hm – sie betrüben. Ha. Gewiß, es würde sie sehr betrüben. Es ist klug und billig, das zu vermeiden. Wir wollen es bei uns behalten.«

»Aber die Grausamkeit des Onkels!« rief Miß Fanny. »Oh, ich kann die mutwillige Grausamkeit des Onkels nie vergeben!«

»Meine Liebe«, sagte Mr. Dorrit, indem er seinen gewöhnlichen Ton wiederfand, obwohl er ungewöhnlich blaß blieb, »ich muß dich bitten, nicht in diesem Ton zu sprechen. Du mußt dich besinnen, daß dein Onkel nicht mehr ist – ha –, was er früher war. Du mußt dich erinnern, daß der Zustand deines Onkels – hm – große Nachsicht von unsrer Seite verlangt, große Nachsicht.«

»Ich bin überzeugt«, rief Fanny traurig, es ist nicht mehr als billig, daß man annimmt, es muß etwas nicht richtig bei ihm sein, sonst könnte er nicht gerade mich von allen Leuten so angegriffen haben.«

»Fanny«, versetzte Mr. Dorrit in äußerst brüderlichem Ton, »du weißt, was dein Onkel bei allen seinen unzähligen guten Eigenschaften für ein – hm – Wrack ist: und ich bitte dich, bei der Liebe, die ich für ihn hege, und bei der Treue, die ich ihm, wie du weißt, stets gezeigt habe, deine Schlüsse für dich zu ziehen und meine brüderlichen Gefühle zu schonen.«

Damit endigte die Szene; Edward Dorrit hatte während der ganzen Zeit nicht ein Wort gesprochen, sondern nur immer verblüfft und unschlüssig die Sprechenden angestarrt. Miß Fanny verursachte ihrer Schwester an jenem Tage mannigfache liebevolle Unbehaglichkeit, indem sie den größten Teil dieses Tages in heftige Umarmungen ausbrach, ihrer Schwester Broschen schenkte und wünschte, sie selbst wäre tot.

Sechstes Kapitel.


Sechstes Kapitel.

Etwas richtig irgendwo.

In dem schwankenden Zustande von Mr. Henry Gowan sich zu befinden, eine der beiden Mächte mit Abneigung verlassen zu haben, dabei aber die nötigen Eigenschaften zu entbehren, um Förderung durch eine andere zu finden, und verstimmt und beide verwünschend auf neutralem Boden sich umherzutreibcn, das heißt sich in einer für das Gemüt höchst verderblichen Lage befinden, die die Zeit schwerlich bessern wird. Die schlimmste Art von Summe, die in der Alltagswelt zusammengebracht wird, ist die von kranken Arithmetikern berechnete, die bei den Verdiensten und Erfolgen anderer die Subtraktion anwenden und bei ihren eigenen niemals die Addition.

Und dann die Gewohnheit, eine Art von Ersatz in dem mißvergnügten Schwatzen von Enttäuschung zu finden, ist ein gewöhnliches Zeichen der Verdorbenheit. Daraus entsteht dann bald eine gewisse Art von träger Nachlässigkeit und Gleichgültigkeit gegen den Bestand der Dinge. Würdige und nützliche Dinge durch unwürdige und unnützliche herunterzusetzen, ist eines von den verkehrten Vergnügen dieser Leute; und man kann mit der Wahrheit auf keinerlei Weise spielen, ohne daß sie dabei verlöre.

In seinen Aussprüchen über Werke der Malerei, die alles Verdienstes entbehrten, war Gowan der liberalste Mensch, den man sich denken kann. Er erklärte gewöhnlich, solch ein Mann habe mehr Kraft in seinem kleinen Finger (vorausgesetzt er hatte keine) als ein anderer (vorausgesetzt, er hatte viel) in seinem ganzen Geist und Körper. Wenn jedoch der Einwurf gemacht wurde, das Empfohlene sei Plunder, so antwortete er in bezug auf seine Kunst: »Mein Lieber, was produzieren wir alle anderes als Plunder? Ich produziere nichts anderes und mache Ihnen das offenherzige Geständnis davon zum Geschenk.«

Mit seiner Armut zu prahlen, war eine weitere Eigenheit seines niedergedrückten Zustandes. Freilich lag darin immer die versteckte Absicht anzudeuten, daß er reich sein sollte; gerade wie er gewöhnlich öffentlich die Barnacles pries und verschrie, damit man nicht vergesse, daß er zu ihrer Familie gehöre. Kurz, diese beiden Dinge waren sehr oft auf seinen Lippen, und er behandelte sie so geschickt, daß er sich hätte einen ganzen Monat lang loben können und doch keinen halb so bedeutenden Mann aus sich gemacht hätte, wie es ihm durch die leichtfertige Verkleinerung seiner Ansprüche auf die Anerkennung der Menschen gelang.

Gerade aus dieser Art, so von oben herab über sich zu sprechen, merkte man überall, wohin er mit seiner Frau kam, sehr bald, daß er gegen die Wünsche seiner übermütigen Verwandten geheiratet und viel zu tun hatte, daß sie sie duldeten. Er wies nie darauf hin, sondern schien im Gegenteil diese Idee zu verspotten. Aber es geschah, daß trotz all der Mühe, die er sich gab, sich herunterzusetzen, er doch immer die höhere Stellung bewahrte. Seit den Tagen ihrer Flitterwochen empfand es Winnie Gowan, daß man sie gewöhnlich als die Frau eines Mannes betrachtete, der durch die Heirat mit ihr herabgestiegen war, dessen ritterliche Liebe zu ihr jedoch diese Ungleichheit verwischt hatte.

Nach Venedig waren sie von Monsieur Blandois aus Paris begleitet worden, und in Venedig war Monsieur Blandois von Paris sehr viel in Gowans Gesellschaft. Als sie zum erstenmal mit diesem galanten Mann in Genf zusammengetroffen waren, war Gowan unentschieden, ob er abstoßend oder freundlich gegen ihn sein sollte, und blieb vierundzwanzig Stunden so unentschieden, was zu tun, daß er bereits ein Fünffrankenstück mit den Worten: »Rückseite, Fußtritt; Kopfseite, Entgegenkommen«, in die Höhe zu schleudern und sich der Stimme des Orakels zu unterwerfen im Begriff stand. Es geschah jedoch, daß seine Frau einen Widerwillen gegen den einschmeichelnden Blandois bekundete und daß die Wage der Stimmung im Hotel gegen ihn war. Daraufhin beschloß Gowan, freundlich gegen ihn zu sein.

Warum diese Verkehrtheit, wenn nicht in einer edlen Absicht? – dies war jedoch nicht der Fall. Warum aber befaßte sich Gowan, der doch weit über Blandois von Paris stand und diesen einnehmenden Mann in Stücke zu schlagen und den Stoff herauszubringen imstande gewesen, aus dem er gemacht war, warum befaßte er sich mit einem solchen Mann? Fürs erste widersetzte er sich dem ersten eignen Wunsche, den er bei seiner Frau fand, weil ihr Vater seine Schulden bezahlt und er wünschen mußte, die erste Gelegenheit zu ergreifen, seine Unabhängigkeit zur Geltung zu bringen. Zweitens widersetzte er sich dem vorwaltenden Gefühl, weil er bei mancherlei Fähigkeiten, etwas anderes zu sein, ein boshafter Mensch war. Er fand ein Vergnügen daran, zu erklären, daß ein Höfling, mit den feinen Manieren von Blandois, in jedem gebildeten Lande es zu der größten Stellung bringen müßte. Er fand ein Vergnügen daran, Blandois als den Typus der Eleganz auszugeben und ihn als Satire auf andere, die sich auf ihre persönlichen Gaben viel zugute taten, hinzustellen. Er versicherte feierlich und ernstlich, Blandois‘ Verbeugung sei vollendet, sein Benehmen unwiderstehlich und die malerische leichte Haltung desselben (wenn sie nicht eine angeborene Gabe und daher unverkäuflich wäre) nicht für hunderttausend Franken zu teuer erworben. Das Übertriebene in dem Benehmen des Mannes, das wir als ihm und jedem derartigen Menschen so eigentümlich gefunden hatten, wie die Sonne diesem System, welcher Art auch seine ursprüngliche Erziehung gewesen sein mag, war Gowan als eine Karikatur erwünscht, da sie ihm eine humoristische Quelle bot, die er stets zur Hand hatte, um eine Menge von Leuten lächerlich zu machen, die mehr oder weniger trieben, was Blandois übertrieb. Deshalb war er ihm willkommen; und gleichgültig diese Neigung durch die Gewohnheit mehrend und wohl auch an seiner Unterhaltung sich amüsierend, kam er nach und nach dazu, ihn beständig um sich haben zu müssen. Und dies, obgleich er vermutete, daß er von den Kniffen lebe, die er an Spieltischen und dergleichen entwickelte: obgleich er ferner vermutete, daß er ein Feigling sei, während er selbst unternehmend und mutig war; obgleich er endlich ganz genau wußte, daß Minnie ihn nicht leiden mochte, und obgleich er ihm im Herzen so gleichgültig war, daß, wenn er ihr die geringste fühlbare persönliche Ursache gegeben habe, ihn mit Verachtung zu strafen, er sich kein Gewissen daraus gemacht, ihn aus dem höchsten Fenster von Venedig in das tiefste Wasser der Stadt hinabzustürzen.

Klein-Dorrit hätte so gerne Mrs. Gowan ihren Besuch allein abgestattet. Da Fanny jedoch, die sich von ihres Onkels Protest noch nicht ganz erholt hatte, obgleich es vierundzwanzig Stunden her war, ihre Begleitung lebhaft aufdrang, stiegen die beiden Schwestern miteinander in eine der Gondeln unter ihres Vaters Fenster und begaben sich, in Begleitung des Kuriers, in pomphaftem Aufzug nach Mrs. Gowans Wohnung. Der Pomp war wirklich zu groß für jene Wohnung, die, wie Fanny klagte, »schrecklich abgelegen war« und sie durch ein Labyrinth von engen Wasserstraßen führte, die dieselbe Dame zu »elenden Gossen« herabwürdigte.

Das Haus, das auf einer kleinen verlassenen Insel lag, sah aus, als ob es irgendwo weggebrochen und an seinen gegenwärtigen Ankerplatz durch den Zufall geführt worden wäre, und zwar in Begleitung eines Weinstockes, der beinahe ebensosehr des Aufrichtens bedurfte, wie die armen Teufel, die unter seinen Blättern lagen. Die Staffage des Bildes bestand aus einer von Schutthaufen und Baugerüsten umgebenen Kirche, die so lange der vermutlichen Wiederherstellung harrte, daß das Baumaterial zur Wiederherstellung hundert Jahre alt schien und selbst in Verfall geraten war: einer Menge Wäsche, die zum Trocknen aufgehängt worden; einer Anzahl von Häusern, die miteinander uneinig und wunderlich aus der rechtwinkligen Stellung gerückt waren, wie wurmstichige, voradamitische Käse in phantastischen Gestalten und voll von Milben; und einem fieberhaften Wirrwarr von Fenstern mit ihren Gitterblenden, die alle seitwärts hingen und aus denen meist etwas Schmutziges und Schmieriges herausflatterte.

Im ersten Stockwerk des Hauses war eine Bank – für einen englischen Geschäftsmann, der allen Menschen Gesetze nach den Gewohnheiten einer britischen Stadt vorschreibt, eine befremdliche Erscheinung: zwei magere Kommis standen wie zwei getrocknete Dragoner in grünen Samtmützen mit goldenen Troddeln und großen Bärten hinter einem kleinen Schreibpult in einem kleinen Zimmer, das keinen andern sichtbaren Gegenstand enthielt als eine leere eiserne Geldkasse, deren Deckel offen stand, einen Wasserkrug und Papiertapeten mit Rosengirlanden. Diese Kommis durften jedoch, bei einer rechtmäßigen Forderung, nur die Hände ausstrecken, um unerschöpfliche Massen von Fünffrankenstücken zutage zu fördern. Unter der Bank war eine Reihe von drei bis vier Zimmern mit vergitterten Fenstern, die das Aussehen eines Gefängnisses für verbrecherische Ratten hatte. Über der Bank befand sich die Wohnung von Mr. Gowan.

Obgleich die Wände geschwärzt waren, als wenn Missionslandkarten daraus hervorkämen, um geographische Kenntnisse zu verbreiten; obgleich die alten Möbel zum Teil verschossen und muffig waren und der vorherrschende venezianische Geruch von eingedrungenem Wasser und Ebbe auf einem Ufer voll Unkraut sehr stark war, so sah der Ort doch besser von innen aus, als er versprach. Die Tür öffnete ein lächelnder Mann, der wie ein gebesserter Meuchelmörder aussah – ein für kurze Zeit angenommener Diener –, der sie in das Zimmer führte, wo Mrs. Gowan saß, indem er meldete, zwei schöne Engländerinnen wollten Mistreß besuchen.

Mrs. Gowan, die mit Nähen beschäftigt war, legte ihre Arbeit in einen bedeckten Korb und stand etwas rasch auf. Miß Fanny war ausnehmend höflich gegen sie und sagte die gewöhnlichen Nichtigkeiten mit der Fertigkeit einer Vielgeübten.

»Papa bedauerte außerordentlich«, fuhr Fanny fort, »heute in Anspruch genommen zu sein (er ist hier so viel in Anspruch genommen, da unsre Bekanntschaft so schrecklich groß ist!), und hat mir besonders aufgetragen, seine Karte für Mr. Gowan mitzunehmen. Um mich sicher eines Auftrags zu entledigen, den er mir wenigstens ein dutzendmal anempfohlen, erlauben Sie mir mein Gewissen zu entlasten, indem ich die Karte sogleich auf den Tisch niederlege.«

Das tat sie denn auch mit der Gewandtheit einer Vielgeübten.

»Wir waren außerordentlich entzückt«, sagte Fanny, »zu erfahren, daß Sie die Merdles kennen. Wir hoffen, dadurch wieder eine Möglichkeit gefunden zu haben, mit denselben zusammenzukommen.«

»Sie sind«, sagte Mrs. Gowan, »mit Mr. Gowans Familie befreundet. Ich hatte bis jetzt noch nicht das Vergnügen, die persönliche Bekanntschaft von Mrs. Merdle zu machen, aber ich vermute, daß ich ihr in Rom werde vorgestellt werden.«

»So?« versetzte Fanny, mit einem Schein von liebenswürdiger Beiseitesetzung ihrer Überlegenheit. »Ich hoffe, Sie werden Gefallen an ihr finden.«

»Sie kennen sie wohl sehr gut?«

»Nun, Sie wissen«, sagte Fanny mit einer kecken Bewegung ihrer hübschen Schultern, »in London kennt man jeden Menschen. Wir trafen auf der Reise hierher mit ihr unterwegs zusammen, und, offen gesagt, Papa war anfangs etwas böse mit ihr, weil sie eines von den Zimmern in Beschlag genommen, die unsere Leute für uns bestellt hatten. Das ging jedoch rasch vorüber, und wir waren bald alle wieder gute Freunde.«

Obwohl der Besuch Klein-Dorrit bislang noch keine Gelegenheit gegeben, mit Mrs. Gowan zu sprechen, herrschte doch ein schweigendes Einvernehmen zwischen beiden, bei dem sie ihren Zweck ebensogut erreichten. Sie betrachtete Mrs. Gowan mit lebhaftem und unverändertem Interesse. Der Klang ihrer Stimme drang ihr bis in die Seele. Nichts in ihrer ganzen Umgebung, oder was auch nur in geringster Beziehung zu ihr stand, entging Klein-Dorrit. Rascher denn irgendwo sonst – einen Ort ausgenommen – bemerkte sie hier die unbedeutendste Sache.

»Sie waren doch ganz wohl«, sagte sie jetzt, »seit jener Nacht?«

»Ganz wohl, meine Liebe. Und Sie?«

»Oh, ich bin immer wohlauf«, sagte Klein-Dorrit schüchtern. »Ich – ja, ich danke.«

Es war kein anderer Grund für ihr plötzliches Stocken und Abbrechen vorhanden, als daß Mrs. Gowan ihre Hand ergriffen hatte, während sie sprach, und ihre Blicke sich begegneten. Ein tiefbesorgter Ausdruck in den großen sanften Augen von Mrs. Gowan hatten Klein-Dorrit einen Moment stutzen machen.

»Sie wissen nicht, daß Sie ein Liebling meines Mannes sind, und daß ich beinahe Ursache hätte, eifersüchtig zu sein?« sagte Mrs. Gowan.

Klein-Dorrit errötete und schüttelte den Kopf.

»Er wird Ihnen sagen, falls er Ihnen sagt, was er mir sagt, daß Sie ruhiger und hilfsbereiter seien als irgendein weibliches Wesen, das er je gesehen.«

»Er spricht viel zu gut von mir«, sagte Klein-Dorrit.

»Das bezweifle ich; aber ich bezweifle nicht, daß es meine Pflicht ist, ihn von Ihrer Anwesenheit in Kenntnis zu setzen. Er würde es mir nie vergeben, wenn ich Sie – und Miß Dorrit gehen ließe, ohne es ihm gesagt zu haben. Darf ich? Sie werden die Unordnung und den Mangel an Komfort in dem Atelier eines Malers entschuldigen?«

Diese Fragen wurden an Miß Fanny gerichtet, die freundlich zur Antwort gab, daß es sie überaus interessieren und entzücken werde. Mrs, Gowan ging nach der Tür, sah hinein und kam zurück. »Erzeigen Sie Henry die Freundlichkeit einzutreten«, sagte sie. »Ich wußte, daß es ihn freuen würde!«

Das erste, was Klein-Dorrit, die vorausging, ins Auge fiel, war Blandois von Paris in einem großen Mantel und in einem etwas herabhängenden Hute. Er stand auf einer Erhöhung in einer Ecke, wie er auf dem großen St. Bernhard gestanden, als die Warnungspfosten alle nach ihm hinaufzeigten. Sie fuhr vor dieser Gestalt zurück, als er sie freundlich angrinste.

»Fürchten Sie sich nicht«, sagte Gowan, von seiner Staffelei hinter der Tür auf sie zukommend. »Es ist nur Blandois. Er dient mir heute als Modell. Ich mache eine Studie von ihm. Es erspart mir Geld, ihn so zu verwenden. Wir armen Maler haben nichts zu vergeuden.«

Blandois von Paris nahm seinen ins Gesicht gedrückten Hut ab und grüßte die Damen, ohne aus seinem Winkel hervorzukommen.

»Bitte tausendmal um Vergebung«, sagte er. »Aber der Professor hier ist so unerbittlich gegen mich, daß ich mich nicht zu bewegen wage.«

»Nun, so bewegen Sie sich nicht«, sagte Gowan kalt, als die Schwestern an die Staffelei traten. »Lassen Sie die Damen wenigsten« das Original der Sudelei sehen, damit sie wissen, was sie vorstellt. Da steht er, sehen Sie. Ein Bravo, der auf seine Beute harrt, ein vornehmer Nobili, der sein Land retten will, ein Engelsbote, der irgend jemandem etwas Gutes zu erweisen wünscht – wem von allen er am meisten ähnlich ist!«

»Sagen Sie, Professore mio, ein armer Gentleman, der der Anmut und Schönheit seine Huldigung darbringen will«, bemerkte Blandois.

»Oder sagen Sie Cattivo Sogetto mio«, versetzte Gowan, indem er das gemalte Gesicht mit einem Pinsel an dem Punkte berührte, wo das wirkliche Gesicht sich bewegt hatte, »ein Mörder nach der Tat. Zeigen Sie Ihre weiße Hand, Blandois. Stecken Sie sie aus dem Mantel heraus. Halten Sie nun still.«

Blandois‘ Hand war unruhig; er lachte, und das mußte sie natürlich bewegen.

»Er war vorher in einem Handgemenge mit einem andern Mörder oder mit einem Opfer, wie Sie bemerken«, sagte Gowan, indem er die Hand mit einigen raschen, ungeduldigen und oberflächlichen Strichen andeutete, »und das sind die Zeichen davon. Heraus mit der Hand aus dem Mantel! Corpo di San Marco, woran denken Sie!«

Blandois von Paris schüttelte sich wieder vor Lachen, so daß auch seine Hand sich wieder mehr bewegte. Dann erhob er sie, um seinen Schnurrbart zu drehen, der ein feuchtes Aussehen hatte, und nun stand er in der gewünschten Stellung; seine Haltung hatte wieder etwas Renommistisches.

Sein Gesicht war so nach der Stelle gekehrt, wo Klein-Dorrit bei der Staffelei stand, daß er sie scharf ins Auge fassen konnte. Nachdem sie einmal von seinen eigentümlichen Augen gefesselt war, konnte sie die ihren nicht mehr losreißen, und sie sahen sich die ganze Zeit unbeweglich an. Sie zitterte jetzt; Gowan, der dies fühlte und glaubte, sie fürchte sich vor dem großen Hund neben ihr, dessen Kopf sie mit ihrer Hand gestreichelt, und der gerade ein dumpfes Knurren hatte hören lassen, blickte sie an und sagte: »Er tut Ihnen nichts, Miß Dorrit.«

»Ich fürchte mich nicht vor ihm«, versetzte sie in demselben Atem; »aber sehen Sie ihn an!« In einem Nu hatte Gowan seinen Pinsel auf den Boden geworfen und den Hund mit beiden Händen am Halsband ergriffen.

»Blandois! Wie können Sie ein solcher Narr sein und ihn reizen! Beim Himmel und dem andern Orte, er reißt Sie in Stücke! Leg dich! Lion! Willst du mich hören, Rebelle!«

Der große Hund, der es nicht achtete, daß er von seinem Halsband halb erwürgt wurde, stemmte sich mit der ganzen Kraft seines Körpers gegen seinen Herrn, um durch das Zimmer zu springen. Er hatte sich gerade zum Sprung geduckt, als ihn sein Herr ergriffen.

»Lion! Lion!« Er stand auf seinen Hinterbeinen, und Herr und Hund rangen miteinander. »Zurück! Leg dich, Lion! Gehen Sie ihm aus dem Gesicht, Blandois! Was zum Teufel haben Sie in dem Hund beschworen?«

»Ich habe ihm nichts getan!«

»Gehen Sie ihm aus dem Gesicht, ich kann das wilde Tier sonst nicht halten! Verlassen Sie das Zimmer. Bei meiner Seele, er bringt Sie um!«

Der Hund machte mit wildem Gebell noch eine Anstrengung, als Blandois verschwand: und als der Hund sich beruhigte, warf ihn sein Herr, kaum weniger zornig als der Hund, mit einem Schlag auf den Kopf zu Boden und gab ihm, indem er über ihm stand, viele harte Stöße mit seinem Stiefelabsatz, so daß sein Maul augenblicklich blutete.

»Nun geh in die Ecke und lege dich nieder«, sagte Gowan, »oder ich packe dich und erschieße dich!«

Lion tat, wie man ihm befohlen, und legte sich, indem er sein Maul und seine Brust leckte. Lions Herr hielt einen Augenblick inne, um zu Atem zu kommen, und wandte sich, nachdem er seine gewöhnliche Kälte wieder erlangt, an seine erschrockene Frau und die Damenbesuche. Das ganze Ereignis hatte wohl nicht zwei Minuten gedauert.

»Nun, nun, Minnie! Du weißt, er ist immer gutmütig und leicht zu behandeln. Blandois muß ihn gereizt haben – ihm Gesichter geschnitten haben. Der Hund hat seine Sympathien und Antipathien, und Blandois ist kein großer Liebling von ihm: aber du wirst ihm sicherlich das Zeugnis geben, Minnie, daß er noch niemals vorher so war.«

Minnies Aufregung war zu groß, um etwas sagen zu können, das einer Antwort ähnlich gesehen: Klein-Dorrit war bereits bemüht, sie zu beruhigen: Fanny, die zwei- oder dreimal laut aufgeschrien hatte, hielt Gowans Arm, um sich zu schützen: Lion, der sich tief schämte, daß er so große Unruhe verursacht, kam geduckt bis zu den Füßen seiner Herrin herangeschlichen.

»Du wütendes Tier«, sagte Gowan, indem er ihn wieder mit den Füßen stieß. »Du sollst deine Strafe dafür haben.« Und er stieß ihn wieder und immer wieder.

»Oh, bitte, strafen Sie ihn nicht«, rief Klein-Dorrit. »Tun Sie ihm nicht weh. Sehen Sie, wie zahm er ist.« Auf ihre Bitte schonte ihn Gowan: und er verdiente ihre Einsprache: denn er war wirklich so demütig, so reuevoll und unglücklich, wie ein Hund nur sein konnte.

Es war nicht leicht, nach dieser gewaltsamen Unterbrechung wieder ins rechte Geleise zu kommen und den Besuch in die frühere Stimmung zu versetzen, selbst wenn Fanny, im besten Fall, die geringste Sache gewesen, die im Wege gelegen. Während des Verlaufs der Unterhaltung, ehe die Schwestern gingen, glaubte Klein-Dorrit die Bemerkung zu machen, daß Mr. Gowan seine Frau, bei all seiner Liebe, doch zu sehr wie ein hübsches Kind behandle. Er schien die Tiefe des Gefühls so wenig zu ahnen, die sie unter dieser Oberfläche verborgen wußte, daß sie zweifelte, ob in ihm solche Tiefen verborgen seien. Sie hätte gerne gewußt, ob sein Mangel an Ernst das natürliche Resultat seines Mangels an solchen Eigenschaften sei, und ob es mit Menschen wie mit Schiffen ergehe, daß ihre Anker in zu seichten und felsigen Wassern keinen Halt haben und sie deshalb überall herumtrieben.

Er begleitete sie die Treppe hinab, indem er sich scherzend wegen der armseligen Quartiere entschuldigte, auf die so arme Leute wie er angewiesen seien, und bemerkte, daß, wenn die hohen und mächtigen Barnacles, seine Verwandten, die sich derselben schämen würden, ihn besser ausstatteten, er besser wohnen würde, um sie zu verbinden. Um Ufer des Wassers wurden sie von Blandois begrüßt, der ziemlich weiß nach seinem letzten Abenteuer aussah, der sich aber trotzdem wenig daraus machte und bei der Erwähnung Lions lachte.

Die Schwestern fuhren so pomphaft, wie sie gekommen, wieder ab, während die beiden Männer unter dem Stückchen Weingelände am Dammweg stehenblieben. Gowan streute, in Gedanken versunken, das Weinlaub in das Wasser, und Blandois zündete sich eine Zigarre an. Sie waren erst wenige Minuten gefahren, als Klein-Dorrit bemerkte, daß Fanny sich mehr in die Brust warf, als für die Gelegenheit erforderlich schien, und indem sie durch das Fenster und durch die offne Tür sich nach der Ursache umsah, gewahrte sie eine andre Gondel, die offenbar der ihrigen folgte.

Da diese Gondel auf verschiedene künstliche Weise ihre Fahrt mitmachte, indem sie bald an ihnen vorüberschoß und dann wartete, um sie vorbei zu lassen, bald, wenn der Weg breit genug war, dicht neben ihnen fuhr, bald endlich dicht hinter ihnen drein folgte und da Fanny nach und nach offen mit jemandem in der andern Gondel kokettierte, während sie gleichzeitig volle Harmlosigkeit heuchelte, fragte Klein-Dorrit endlich, wer er sei.

Worauf Fanny die kurze Antwort gab: »Jener Laffe!«

»Wer?« sagte Klein-Dorrit.

»Mein liebes Kind«, versetzte Fanny (in einem Ton, dem man anmerkte, daß sie vor ihres Onkels Protest statt dessen ›du kleine Törin‹ gesagt haben würde), »wie langsam du doch begreifst! Der junge Sparkler!« Sie ließ das Fenster neben sich herab, lehnte sich zurück und legte den Ellbogen nachlässig hinaus, indem sie sich mit einem reichen spanischen Fächer von Schwarz und Gold Luft zufächelte. Als die begleitende Gondel wieder vorübergeschwebt war, wobei man einen flüchtigen Schein von einem Auge im Fenster beobachten konnte, lachte Fanny kokett und sagte: »Hast du je einen solchen Narren gesehen, meine Liebe?«

»Glaubst du, er beabsichtige, dir auf dem ganzen Wege zu folgen?« fragte Klein-Dorrit.

»Mein kostbares Kind«, versetzte Fanny, »ich kann unmöglich sagen, was ein Narr in einem verzweifelten Zustand tut, aber ich halte es für wahrscheinlich. Es ist keine so große Entfernung, Ganz Venedig, glaube ich, würde es kaum sein, wenn er schon nach einem flüchtigen Blick von mir sich sterblich sehnt.«

»Und tut er das?« fragte Klein-Dorrit in größter Einfalt.

»Nun, meine Liebe, das ist wirklich eine schwer für mich zu beantwortende Frage«, sagte ihre Schwester. »Ich glaube allerdings. Du würdest besser Edward fragen. Er sagte, glaube ich, zu Edward, er würde das tun. Ich höre, er macht förmliches Aufsehen auf dem Kasino und dergleichen Orten, durch die Art, wie er von mir spricht. Aber du fragst besser Edward, wenn du es wissen willst.«

»Ich wundre mich, daß er uns nicht besucht«, sagte Klein-Dorrit nach kurzem Sinnen.

»Meine liebe Amy, dein Staunen wird bald zu Ende sein, wenn ich recht unterrichtet bin. Ich wäre durchaus nicht überrascht, wenn er uns heute besuchte. Ich vermute, er ist uns bloß deshalb gefolgt, um sich Mut zu machen.«

»Wirst du ihn sehen?«

»Wahrhaftig, mein Liebling«, sagte Fanny, »je nach Umständen. Hier ist er wieder. Sieh ihn nur an. Oh, du Einfaltspinsel!«

Mr. Sparkler machte unleugbar einen jämmerlichen Eindruck; sein Auge in dem Fenster sah wie eine Blase im Glase aus, und seine Barke plötzlich halten zu lassen, gab’s auch auf der Welt keinen Grund als den wirklichen und wahren.

»Wenn du mich fragst, ob ich ihn sehen werde, meine Liebe«, sagte Fanny, beinahe ebenso gelassen in der anmutigen Nachlässigkeit ihrer Haltung wie Mrs. Merdle selbst, »was meinst du damit?«

»Ich meine«, sagte Klein-Dorrit, »ich denke, ich meine, was du meinst, liebe Fanny.«

Fanny lachte wieder auf eine ebenso herablassende als schalkhafte und freundliche Art und sagte, indem sie ihren Arm liebevoll scherzend um ihre Schwester schlang:

»Nun, sage mir, kleiner Liebling. Als wir diese Frau in Martigny sahen, wie glaubst du wohl, daß sie es sich aus dem Sinn geschafft. Sahst du, wozu sie sich augenblicks entschloß?«

»Nein, Fanny.« »Dann will ich dir’s sagen. Sie nahm sich vor: ich will bei so veränderten Umständen nie auf jene Begegnung wieder zurückkommen und mir den Gedanken aus dem Sinn schlagen, daß das dieselben Mädchen sind. Das ist ihre Art, wie sie sich aus einer Schwierigkeit hilft. Was sagte ich dir, als wir damals aus Harley Street weggingen? Sie ist so unaufrichtig und falsch, wie nur irgendein Weib auf der Welt ist. Aber bezüglich der ersteren Fähigkeit, meine Liebe, soll sie Leute finden, die es mit ihr aufnehmen können.«

Eine bezeichnende Wendung des spanischen Fächers gegen Fannys Busen zeigte höchst ausdrucksvoll, wo solch ein Wesen gefunden werden sollte.

»Nicht genug damit«, fuhr Fanny fort, »sondern sie gibt dem jungen Sparkler dieselbe Instruktion und läßt ihn mir nicht früher folgen, bis sie es ihm in seinen lächerlichsten aller lächerlichen Schädel (denn man kann nicht sagen Kopf) gebracht hat, daß er sich den Anschein geben müsse, als ob er sich zum ersten Male in jenem Wirtshaushof in mich verliebt.«

»Warum?« fragte Klein-Dorrit.

»Warum? Du mein Gott, mein liebes Kind!« (wieder in dem Ton von ›du beschränktes kleines Geschöpf‹) »wie kannst du fragen? Siehst du nicht, daß ich eine ziemlich wünschenswerte Partie für einen solchen Schädel bin? Und siehst du nicht, daß sie die Täuschung uns zuschiebt und sich den Anschein gibt, während sie es von ihren Schultern wälzt (sehr schöne Schultern sind es, das muß ich sagen)«, bemerkte Miß Fanny selbstgefällig auf sich herabblickend, »als ob sie unsren Gefühlen Rechnung trüge?«

»Aber wir können ja zu der einfachen Wahrheit zurückgehen.«

»Ja, doch wenn’s gefällig, so wollen wir nicht«, warf Fanny ein. »Nein; ich werde mir das nicht einfallen lassen, Amy. Ich gebe mir nicht den Schein, sondern sie, und sie soll genug davon haben.«

In der triumphierenden Aufregung ihrer Gefühle umschlang Miß Fanny, während sie ihren spanischen Fächer mit der einen Hand bewegte, den Leib ihrer Schwester mit der andern, als wenn sie Mrs. Merdle erdrücken wollte.

»Nein«, wiederholte Fanny. »Sie soll mich in ihren Fußstapfen finden. Sie schlug diesen Weg ein, und ich werde ihr folgen. Und wenn mir das Glück beisteht, werde ich in der Bekanntschaft dieser Frau solange Fortschritte zu machen suchen, bis ich ihrem Mädchen vor ihren Augen zehnmal so schöne Arbeiten meines Kleidermachers geschenkt habe, wie sie mir früher von dem ihrigen zukommen ließ.«

Klein-Dorrit schwieg: sie hatte das Gefühl, daß man sie doch in keiner Frage, die sich auf die Familienwürde bezog, hören würde, und wollte auch die kaum erst und unerwartet wiedergewonnene Gunst ihrer Schwester nicht schon einbüßen. Sie konnte es nicht billigen, schwieg jedoch. Fanny wußte wohl, woran sie dachte; so wohl, daß sie sie alsbald fragte. Ihre Antwort war: »Beabsichtigst du, Mr. Sparkler zu ermutigen, Fanny?«

»Ich ermutigen?« sagte ihre Schwester verächtlich lächelnd. »Das hängt davon ab, wie du das Wort ermutigen auffassest. Ich will einen Sklaven aus ihm machen.«

Klein-Dorrit sah sie ernst und ungewiß an, aber Fanny war nicht so leicht einzuschüchtern. Sie legte ihren Fächer von Schwarz und Gold zusammen und tätschelte damit die Nase ihrer Schwester. Sie hatte in diesem Augenblick ganz das Aussehen einer stolzen Schönheit und eines großen Geistes, der mit einer Unbeholfenen spielt und sie spielend unterrichtet.

»Ich will machen, daß er hebt und trägt, wie ich will, meine Liebe, und daß er sich ganz und gar mir unterwirft. Und wenn seine Mutter sich nicht auch mir unterwirft, so wird es nicht meine Schuld sein.«

»Glaubst du – liebe Fanny, sei nicht böse, wir sind jetzt so behaglich beieinander – glaubst du, das Ende von alledem absehen zu können?«

»Ich kann nicht sagen, daß ich schon so weit voraussehe, meine Liebe«, antwortete Fanny mit der größten Gleichgültigkeit: »das hat noch gute Zeit. Das ist mein Plan. Und dieser hat mich soviel Zeit gekostet, daß wir hier vor unsrem Hause sind. Und der junge Sparkler steht vor der Tür, um zu fragen, wer zu Hause sei. Natürlich durch den reinsten Zufall.«

Wirklich stand auch der junge Herr aufrecht in seiner Gondel, mit dem Visitenkartentäschchen in der Hand, und schien eine Frage an einen der Diener zu richten. Dieses Zusammentreffen von Umständen war die Ursache, daß er augenblicklich darauf sich vor den jungen Damen in einer Positur zeigte, die in alten Zeiten als keine günstige Vorbedeutung für sein Anliegen betrachtet worden wäre; denn die Gondeliere der jungen Damen, die durch die Jagd etwas ungehalten wurden, brachten ihr Boot so hübsch in Kollision mit der Barke des Mr. Sparkler, daß sie diesen Gentleman wie einen großen Kegel umwarfen, wodurch er in den Fall kam, dem Gegenstand seiner innigsten Wünsche die Sohlen seiner Schuhe darzubieten, während die edleren Teile seines Körperbaus am Boden seines Bootes in den Armen einer seiner Leute sich abmühten.

Als Miß Fanny jedoch mit großer Bestürzung fragte, ob der Gentleman sich weh getan, stand Mr. Sparkler schneller wieder auf, als man erwarten konnte, und stotterte errötend: »Durchaus nicht.« Miß Fanny erinnerte sich nicht, ihn jemals früher gesehen zu haben, und ging, mit einer flüchtigen Verbeugung an ihm vorüber: da nannte er seinen Namen. Auch dann kostete es ihr noch große Mühe, ihr Gedächtnis aufzufrischen, bis er endlich erklärte, er habe die Ehre gehabt, sie in Martigny zu sehen. Da erinnerte sie sich seiner und sprach die Hoffnung aus, daß seine Mutter wohl sei. »Ich danke«, stotterte Mr. Sparkler, »sie ist ungemein wohl – wenigstens nur unpäßlich.«

»In Venedig?«

»In Rom«, antwortete Mr. Sparkler. »Ich bin allein hier, allein. Ich kam, um Mr. Edward Dorrit zu besuchen. Und auch Mr. Dorrit, gewiß. Die ganze Familie, kann ich versichern.«

Anmutig sich zu den Dienern wendend, fragte Miß Fanny, ob ihr Papa und Bruder zu Hause seien? Da die Antwort lautete, sie seien beide zu Hause, so bot Mr. Sparkler respektvollst seinen Arm an. Miß Fanny nahm ihn und wurde von Mr. Sparkler die große Treppe hinaufgeleitet. Glaubte Mr. Sparkler noch (woran kein Grund zu zweifeln), daß sie keinen Unsinn an sich habe, so täuschte er sich ziemlich bedeutend.

Nachdem sie in ein modriges Empfangszimmer gekommen, wo die fadenscheinigen Vorhänge von einem traurigen Meergrün so gebleicht und verschossen waren, daß sie aussahen, als ob sie auf Verwandtschaft mit herrenlosem Seegrase Anspruch machten, das unter den Fenstern umhertrieb oder sich an die Mauern anklammerte und um seine eingesperrten Verwandten weinte, schickte Miß Fanny nach ihrem Vater und Bruder. Bis diese erschienen, stellte sie sich auf einem Sofa zu großem Vorteil zur Schau aus und vollendete Mr. Sparklers Eroberung durch einige Bemerkungen über Dante, – von dem dieser Gentleman nur so viel wußte, daß er ein exzentrischer Mann, in der Art eines Old fellow, war, der gewöhnliche Blätter um sein Haupt trug und aus einem unerklärlichen Grunde vor der Kathedrale von Florenz saß.

Mr. Dorrit bewillkommnete den Fremden mit der größten Zuvorkommenheit und den höflichsten Manieren. Er fragte besonders nach Mrs. Merdle und auch besonders nach Mr. Merdle. Mr. Sparkler sagte, oder zerrte es vielmehr in kleinen Stücken am Halstuche heraus, daß Mrs. Merdle, nachdem sie ihres Landaufenthaltes und auch ihres Hauses in Brigthon überdrüssig geworden und natürlich, wie man sich denken könne, nicht imstande gewesen wäre, in London zu bleiben, wenn keine Seele mehr da sei, und da sie auch dieses Jahr keine Lust gehabt, die Leute auf dem Lande zu besuchen, beschlossen habe, sich nach Rom zu begeben, wo eine Frau wie sie, von sprichwörtlich feinem Wesen und ohne Unsinn an sich, unbedingt eine große Akquisition für die Gesellschaft sein müsse. Mr. Merdle sei den Leuten in der City und an den übrigen Plätzen so unentbehrlich und sei ein so außerordentliches Phänomen als Kaufmann und Bankier, daß Mr. Sparkler zweifle, ob das Geldsystem des Landes ihn entbehren könne; obgleich Mr. Sparkler nicht verbarg, daß ihm seine Arbeit bisweilen über den Kopf wachse, und daß es besser für ihn wäre, wenn er sich zuweilen für einige Zeit auf einen ganz neuen Schauplatz und in ein andres Klima begäbe. Was ihn selbst betreffe, teilte Mr. Sparkler der Familie Dorrit mit, daß er in ganz besonderen Geschäften sich überall dahin begebe, wohin sie gingen.

Diese ungeheure Rede erforderte Zeit, aber sie wurde doch zustande gebracht. Nachdem sie zu Ende war, sprach Mr. Dorrit die Hoffnung aus, daß Mr. Sparkler bald mal mit ihnen zu Mittag speise. Mr. Sparkler nahm diesen Gedanken so freundlich auf, daß Mr. Dorrit ihn fragte, was er heute zum Beispiel zu tun beabsichtige? Da er heute nichts zu tun beabsichtigte (seine gewöhnliche Beschäftigung und eine solche, für die er besonders befähigt war), nahm man ihn alsbald in Beschlag und verpflichtete ihn, die Damen am Abend in die Oper zu begleiten.

Zur Zeit des Diners tauchte Mr. Sparkler aus dem Meer auf wie der Sohn der Venus, der seiner Mutter nachschwimmt, und gab sich ein glänzendes Ansehen, als er die große Treppe hinaufstieg. Wenn Fanny morgens reizend ausgesehen, so war sie es jetzt dreifach, denn sie hatte sich in die Farben gekleidet, die ihr am besten standen, und hatte dabei eine Nachlässigkeit über sich ergossen, die Mr. Sparklers Fesseln verdoppelte und sie noch fester nietete.

»Ich höre. Sie sind mit – ha – Mr. Gowan bekannt, Mr. Sparkler«, sagte der Wirt während des Essens. »Mit Mr. Henry Gowan?«

»Allerdings, mein Herr, sehr gut«, versetzte Mr. Sparkler. »Seine Mutter und meine Mutter sind gute alte Bekannte.«

»Wenn ich daran gedacht hätte, Amy«, sagte Mr. Dorrit mit so vornehmer Gönnermiene, als die von Lord Decimus selbst, »so hättest du ein Billett an sie schicken und sie zum Essen einladen können. Einige von unsern Leuten hätten sie – ha – holen und wieder nach Hause bringen können. Wir hätten eine Gondel zu diesem Zweck reservieren können. Bedaure, es vergessen zu haben. Bitte, erinnere mich morgen daran.«

Klein-Dorrit war etwas zweifelhaft, wie Henry Gowan ihre Gönnerschaft aufnehmen möchte; sie versprach jedoch, nicht zu vergessen, daran zu erinnern,

»Bitte, malt Mr. Henry Gowan – ha – Porträts?«

Mr. Sparkler vermutete, daß er alles malen werde, wozu er Auftrag bekäme.

»Er geht also nicht seinen besonderen Gang«, sagte Mr. Dorrit.

Mr. Sparkler, den die Liebe angespornt, den glänzenden Geist zu spielen, antwortete, zu einem besonderen Gang müsse man ein besonderes Paar Schuhe haben: wie zum Beispiel zum Schießen Schießstiefel, zum Kolbenspiel Kolbenstiefel. Er glaube dagegen, daß Henry Gowan keine besonderen Stiefel habe.«

»Keine Spezialität?« sagte Mr. Dorrit.

Da dies ein sehr langes Wort für Mr. Sparkler und sein Geist durch die letzte Anstrengung erschöpft war, antwortete er: »Nein, ich danke Ihnen. Ich nehme das selten.« »Gut!« sagte Mr. Dorrit. »Es wäre mir sehr angenehm, einem Manne von so großen Verbindungen einen – ha – Beweis meines Wunsches zu geben, seine Interessen zu fördern und die – hm – Keime seines Genies zu entfalten. Ich denke, ich sollte Mr. Gowan auffordern, mein Bild zu malen. Wenn der Erfolg gegenseitig – ha – ein zufriedenstellender wäre, würde ich ihn später auffordern, seine Hand an meiner Familie zu versuchen.«

Dieser ausgesucht kühne und originelle Gedanke brachte Mr. Sparkler auf den weitern, daß hier die Gelegenheit geboten wäre, zu sagen, es sei jemand in der Familie (auf das »jemand« mußte mit der größten Emphase der Nachdruck gelegt werden), dem kein Maler gerecht werden könne. Da es ihm jedoch an einer Form des Ausdrucks dafür fehlte, kehrte der Gedanke wieder in die Wolken zurück.

Dies war um so mehr zu bedauern, als Miß Fanny den Einfall mit dem Porträt lebhaft applaudierte und ihren Papa ihn bald zu verwirklichen drängte. Sie vermute, sagte sie, daß Mr. Gowan bessere und bedeutendere Gelegenheiten sich habe entgehen lassen, als er seine hübsche Frau geheiratet: und Liebe, in einer Hütte Bilder malend für das liebe Brot, sei ein so entzückender, interessanter Gedanke, daß sie Papa bäte, ihm den Auftrag zu geben, um zu beweisen, ob er ein ähnliches Bild malen könne oder nicht: obgleich sie und Amy wußten, daß er es konnte, da sie gerade heute eine sprechende Ähnlichkeit auf seiner Staffelei gesehen und Gelegenheit gehabt hätten, sie mit dem Original zu vergleichen. Diese Bemerkungen brachten Mr. Sparkler (wie es vielleicht in der Absicht lag) fast von Sinnen: denn während sie auf der einen Seite Miß Fannys Empfänglichkeit für zartere Empfindungen an den Tag legten, zeigte sie solch unschuldige Unbewußtheit seiner Bewunderung, daß seine Augen sich vor Eifersucht auf einen unbekannten Rivalen im Kopf hin und her drehten.

Nach Tische stieg man wieder auf das Meer und heraus aus demselben bei der Treppe des Opernhauses: voran ging einer ihrer Gondoliere, wie ein dienender Triton, mit einer großen leinenen Laterne: so traten sie in ihre Loge, und für Mr. Sparkler begann ein Abend voll Kampf. Da das Theater dunkel und die Loge hell war, so kamen mehrere Besuche während der Vorstellung: Fanny interessierte sich so lebhaft für diese Besuche und warf sich während des Gesprächs mit denselben in so reizende Attitüden, da sie kleine Vertraulichkeiten mit denselben hatte und kleine Streite über dir Identität dieser und jener Persönlichkeit in entfernten Logen führte, daß der unglückliche Sparkler alle Menschen haßte. Zweierlei tröstete ihn am Schlusse des Stücks. Sie gab ihm ihren Fächer, um ihn zu halten, während sie ihren Mantel umwarf, und es war sein glückliches Privilegium, ihr seinen Arm zu geben, während sie wieder die Treppe hinabgingen. Diese ermutigenden Brocken, dachte Mr. Sparkler, würden ihn aufrechterhalten: und es ist nicht unmöglich, daß Miß Dorrit ebenso dachte. Der Triton mit seinem Licht stand an der Logentür bereit, und andre Tritonen standen an andern Logen gleichfalls bereit. Der Dorritsche Triton hielt seine Laterne tief, um ihnen die Stufen zu zeigen, und Mr. Sparkler legte eine neue schwere Last von Fesseln an seine frühere, als er ihren glänzenden Fuß neben seinem die Treppen hinabtänzeln sah. Unter den Wartenden befand sich Blandois von Paris. Er sprach und ging neben Fanny her.

Klein-Dorrit ging voraus mit ihrem Bruder und Mrs. General (Mr. Dorrit war zu Hause geblieben): am Rande des Quais jedoch kamen sie alle zusammen. Sie erstaunte, Blandois wieder dicht neben sich zu sehen: er half Fanny in das Boot.

»Gowan hatte einen Verlust«, sagte er, »seit er so glücklich war, heute mit einem Besuch von schönen Damen beehrt zu werden.«

»Einen Verlust?« wiederholte Fanny, die von dem seiner holden Last beraubten Sparkler verlassen war und ihren Sitz einnahm.

»Einen Verlust«, sagte Blandois. »Seinen Hund, Lion.«

Klein-Dorrits Hand lag in der seinen, als er sprach.

»Er ist tot«, sagt« Blandois.

»Tot?« wiederholte Klein-Dorrit. »Das edle Tier?«

»Allerdings, meine Damen!« sagte Blandois lächelnd und die Achseln zuckend, »es hat jemand das edle Tier vergiftet. Er ist so tot wie die Dogen!«

Fünfundzwanzigstes Kapitel.


Fünfundzwanzigstes Kapitel.

Der Oberhaushofmeister gibt sein Amtssiegel zurück.

Das Diner fand bei dem berühmten Arzt statt. Advokat war dort und in vollem Glanz. Ferdinand Barnacle war dort und in seiner gewinnendsten Erscheinung. Wenige Wege des Lebens waren dem Arzt verborgen, und er betrat die dunkelsten Orte häufiger als sogar Bischof. Es gab glänzende Damen in London, die ganz in ihn verliebt waren und ihn den reizendsten Mann und den liebenswürdigsten Mann nannten, und die geschaudert hätten, so dicht bei ihm zu stehen, wenn sie gewußt hätten, worauf diese gedankenvollen Augen vor ein oder zwei Stunden geruht und an welchen Betten und unter welchen Dächern seine ruhige Gestalt gestanden hatte. Aber der Arzt war eine stille Natur, die weder auf ihrer eigenen Trompete, noch auf der Trompete andrer Leute blies. Mancherlei wunderbare Dinge sah und hörte er, und unter vielen unversöhnlichen Widersprüchen sittlicher Art verbrachte er sein Leben; aber sein teilnahmvolles Herz blieb sich unverändert gleich wie das des göttlichen Meisters aller Heilkunst. Er kam wie der Regen zu den Gerechten und Ungerechten, tat so viel Gutes, als er konnte, und verkündete es weder in den Synagogen noch an den Straßenecken.

Wie kein Mann von großer Menschenkenntnis, so wenig er auch daraus machen mag, anders als ungemein interessant durch den Besitz solchen Wissens sein kann, so war auch der Arzt eine anziehende Persönlichkeit. Selbst die feineren Herren und Damen, die keine Idee von seinem Geheimnis hatten, und die vor Schrecken von mehr Verstand gekommen wären, als sie besaßen, wenn er ihnen den ungeheuer unpassenden Vorschlag gemacht: »Kommt und seht, was ich sehe!«, gestanden, daß er ein anziehender Mann sei. Wo er war, war etwas Reelles. Und ein halber Gran Wirklichkeit gibt wie der kleinste Teil einiger anderer kaum natürlicher Produkte einem unermeßlichen Quantum Verdünnungsstoff Geschmack.

Daher kam es auch, daß die kleinen Diners des Arztes die Leute in ihrem mindest konventionellen Licht zeigten. Die Gäste sagten sich, unbewußt oder nicht: »Hier ist ein Mann, der uns wirklich kennt, wie wir sind, der jeden Tag einige von uns bei seinen Besuchen ohne Perücke und Schminke sieht, der unsern Gedankengang kennt und den unverstellten Ausdruck unserer Züge sieht, wenn wir über beide keine Macht mehr haben; wir können ihm gegenüber schon mehr die natürliche Seite herauskehren, denn er ist im Vorteil uns gegenüber und ist uns zu sehr überlegen.« Deshalb ließen sich die Gäste an seinem Tisch so überraschend gehen, daß sie beinahe natürlich waren.

Advokats Kenntnis der Masse der Jurymänner, die man Menschheit nennt, war so scharf wie ein Rasiermesser, aber ein Rasiermesser ist kein allgemein anwendbares Instrument, und des Arztes einfaches, glänzendes Skalpiermesser, obgleich weit weniger scharf, war zu unendlich mehr Zwecken zu gebrauchen. Advokat kannte die Leichtgläubigkeit und Unredlichkeit der Menschen; aber der Arzt hätte ihm in einer Woche seiner Krankenbesuche eine bessere Einsicht in ihre zarten und liebevollen Gefühle geben können als Westminster Hall und alle Assisen zusammen in siebenzig Jahren. Advokat hatte immer eine Ahnung davon und bestärkte sie vielleicht gern (denn wenn die Welt wirklich ein großer Gerichtshof wäre, so sollte man denken, die Schlußsitzung könnte nicht früh genug kommen);, so hatte er den Arzt ebensogern und respektierte ihn ebensosehr als jede andere Menschenklasse.

Mr. Merdles Ausbleiben ließ einen Bankostuhl am Tische frei: aber wenn er auch dagewesen, wäre er eben nur Banko gewesen, und folglich war es kein Verlust. Advokat, der rings um Westminster Hall nichts unaufgelesen ließ, gerade wie ein Rabe, wenn er so viel Zeit dort zugebracht, hatte in den letzten Tagen viele Strohhalme dort aufgelesen und in die Luft geworfen, um zu sehen, woher der Merdlewind bliese. Er sprach jetzt ein paar Worte über diese Sache mit Mrs. Merdle selbst, auf die er, natürlich mit seinem doppelten Augenglas und einer Juryverbeugung, zugekommen war.

»Ein gewisser Vogel,« sagte Advokat, und er sah dabei aus, als ob es kein anderer Vogel hätte sein können als eine Elster, »zwitscherte neuerdings unter uns Advokaten, daß die betitelten Personen dieses Reiches einen Zuwachs erhalten sollten.«

»Wirklich?« sagte Mrs. Merdle.

»Ja«, sagte Advokat, »Hat dieser Vogel nicht auch in weit andere Ohren als die unsrigen – in liebliche Ohren gezwitschert?« Er sah dabei ausdrucksvoll auf Mrs. Merdles nächsten Ohrring.

»Meinen Sie die meinigen?« fragte Mrs. Merdle.

»Wenn ich sage lieblich«, sagte Advokat, »so meine ich immer Sie.«

»Ich glaubte, Sie meinen nie etwas«, versetzte Mrs. Merdle (nicht unangenehm berührt).

»Oh, wie grausam ungerecht!« sagte Advokat. »Aber der Vogel?«

»Ich bin die letzte Person in der Welt, die Neuigkeiten hört«, bemerkte Mrs. Merdle, nachlässig sich ihren festen Platz zurechtrückend. »Wer ist es?«

»Was für eine bewundernswerte Zeugin würden Sie abgeben!« sagte Advokat. »Keine Jury (wenn wir sie nicht etwa aus Blinden zusammensetzten) könnte Ihnen widerstehen, wenn Sie auch noch so schlecht aussagten; aber Sie würden sicher nur gut aussagen.«

»Warum, Sie lächerlicher Mann?« fragte Mrs. Merdle lachend.

Advokat bewegte sein doppeltes Augenglas drei- bis viermal zwischen sich und dem Busen, gewissermaßen als scherzhafte Antwort, und fragte dann in dem einschmeichelndsten Ton:

»Wie darf ich die eleganteste, vollkommenste und reizendste der Frauen in einigen Wochen oder vielleicht in einigen Tagen nennen?«

»Hat Ihr Vogel Ihnen nicht gesagt, wie Sie sie nennen sollen?« antwortete Mrs. Merdle. »Fragen Sie ihn morgen, und sagen Sie es mir, wenn wir uns wieder sehen, was er sagt!«

Dies führte zu weitern scherzhaften Reden zwischen den beiden; aber Advokat konnte trotz all seiner Schlauheit nichts aus ihr herausbringen. Der Arzt dagegen, der Mrs. Merdle zu ihrem Wagen hinabbrachte und ihr den Mantel umnehmen half, erkundigte sich mit seiner gewöhnlichen ruhigen Gewandtheit nach den Symptomen.

»Darf ich fragen«, sagte er, »ob es wahr ist, mit Merdle?«

»Mein lieber Doktor«, erwiderte sie, »Sie fragen mich dieselbe Frage, die ich Lust hatte, an Sie zu richten.«

»An mich? Warum an mich?«

»Auf meine Ehre, ich denke, Mr. Merdle schenkt Ihnen größeres Vertrauen als irgend jemand.« »Im Gegenteil, er sagt mir absolut gar nichts, selbst nicht mal in ärztlicher Beziehung. Sie haben natürlich von dem Gerede gehört?«

»Natürlich. Aber Sie wissen, wie Merdle ist; Sie wissen, wie schweigsam und zurückhaltend er ist. Ich versichere Sie, ich weiß nicht im mindesten, ob die Sage Grund hat. Ich wünschte, es wäre wahr; warum soll ich das leugnen! Sie würden es doch besser wissen, wenn es wahr wäre!«

»Allerdings!« sagte der Arzt.

»Aber ob es ganz wahr, oder halb wahr, oder ganz falsch, bin ich außerstande zu sagen. Es ist eine höchst ärgerliche Lage, eine höchst abgeschmackte Lage; aber Sie kennen Mr. Merdle und werden sich nicht darüber wundern.«

Der Arzt war nicht verwundert, half ihr in den Wagen und wünschte ihr gute Nacht. Er stand einen Augenblick an der Tür seines Hauses und sah ruhig der eleganten Equipage nach, wie sie davonrollte. Als er wieder hinaufkam, zerstreuten sich die übrigen Gäste auch bald, und er war allein. Da er sich fleißig in aller Art von Literatur bewegte (über welche Schwäche er nie ein Wort der Entschuldigung verlor), setzte er sich behaglich nieder, um noch zu lesen. Die Uhr auf seinem Studiertisch zeigte ein paar Minuten vor zwölf, als ein Läuten an der Hausglocke seine Aufmerksamkeit auf sich zog. Als ein Mann von einfachen Gewohnheiten hatte er die Dienerschaft zu Bett gehen lassen und mußte nun selbst hinuntergehen, um die Tür zu öffnen. Er ging hinab und fand einen Mann ohne Hut und Rock, dessen Hemdärmel bis dicht unter die Schultern hinaufgestülpt waren. Einen Augenblick glaubte er, er komme von einer Boxerei; um so mehr, als er sehr aufgeregt und außer Atem war. Ein zweiter Blick jedoch zeigte ihm, daß der Mann besonders reinlich und an seinem Anzug nichts anderes in Unordnung war, als was eben beschrieben worden ist.

»Ich komme von den warmen Bädern, Herr, hier in der Straße nebenan.«

»Und was ist mit den warmen Bädern?«

»Wollten Sie so gefällig sein, sogleich hinzukommen. Wir fanden dies auf dem Tisch liegen.«

Er legte ein Stück Papier in die Hand des Arztes. Der Arzt betrachtete es und las seinen eigenen Namen und seine Adresse mit Bleistift geschrieben; nichts weiter. Er sah die Schrift näher an, blickte dann den Mann an, nahm seinen Hut von einem Haken, steckte den Hausschlüssel in die Tasche, und so eilten sie miteinander fort.

Als sie an das Badehaus kamen, erwarteten alle zu dem Etablissement gehörigen Leute sie an der Tür oder rannten in den Gängen auf und ab. »Bitte, lassen Sie niemand uns folgen«, sagte der Arzt laut zu dem Bademeister, »und führen Sie mich geradewegs an Ort und Stelle, mein Freund«, zu dem Boten.

Der Bote eilte ihm voraus an einer Reihe kleiner Kabinette vorüber und ging in eines am Ende der Reihe, indem er hineinblickte.

Der Arzt folgte ihm dicht auf dem Fuß und sah gleichfalls zur Tür hinein.

In dieser Ecke war ein Bad, aus dem man das Wasser in der Eile abgelassen hatte. In dem Bad lag wie in einem Grabe oder Sarkophag, flüchtig mit einem Leintuch und einer wollenen Bettdecke umwickelt, der Leichnam eines schwergebauten Mannes, mit aufgedunsenem Kopf und groben, gewöhnlichen Gesichtszügen. Ein Schrägfenster an der Decke war geöffnet, um den Dampf hinauszuschaffen, mit dem das Zimmer geschwängert war; aber er hing, zu Wassertropfen niedergeschlagen, schwer an den Wänden und auf dem Gesicht und der Gestalt im Bade. Das Zimmer war noch heiß und der Marmor des Bades noch warm; aber das Gesicht und der Körper war klebrig bei der Berührung. Der weiße Marmor am Boden des Bades war von einem schrecklichen Rot geädert. Auf dem Rand an der Seite sah man ein leeres Laudanumfläschchen und ein Schildpattfedermesser – befleckt, aber nicht mit Tinte.

»Durchschneiden der Halsader – rascher Tod – schon eine halbe Stunde tot.« Das Echo der Worte des Arztes schallte durch die Zimmer und Kabinette und durch das Haus, während er sich noch aus seiner gebückten Stellung emporrichtete, denn er hatte sich hinabgebeugt, um bis an den Boden des Bades zu reichen, und noch während er sich die Hände im Wasser abspülte, so daß dieses rötliche Adern durchzogen wie den Marmor, ehe dieser wie eine rote Wand aussah.

Er richtete seine Blicke auf die Kleider auf dem Sofa und die Uhr, das Geld und die Brieftasche auf dem Tisch. Ein gefaltetes Papier, halb umgebogen in dem Taschenbuch, halb aus demselben hervorsehend, fiel ihm in die Augen. Er sah es an, faßte es mit den Händen, zog es ein wenig weiter aus den Blättern heraus, sagte ruhig: »Das ist an mich gerichtet«, öffnete und las es.

Er hatte keine Anweisungen zu geben. Die Leute im Hause wußten, was sie zu tun hatten; die Beamten, deren Aufgabe dies war, fanden sich ein, und sie nahmen in gleichmütiger, geschäftsmäßiger Weise Besitz von dem Verstorbenen und was sein Eigentum gewesen, gerade so ruhig und gefaßt, wie wenn man eine Uhr aufzieht. Der Arzt war froh, wieder in die Nachtluft hinauszukommen – war sogar froh, trotz seiner großen Erfahrung, für einige Augenblicke auf eine Treppenstufe niederzusitzen; denn er fühlte sich unwohl und schwach.

Advokat wohnte nahe bei ihm, und als er vor das Haus kam, sah er ein Licht in dem Zimmer, wo er wußte, daß sein Freund oft noch spät bei seiner Arbeit saß. Da nie Licht dort war, wenn der Advokat nicht in seinem Zimmer war, so gab ihm dies die Gewißheit, daß Advokat noch nicht zu Bett gegangen war. In der Tat hatte der geschäftige Mann morgen ein Verdikt gegen die Zeugenaussagen zustandezubringen und benutzte die goldenen Morgenstunden, um den Herren von der Jury Schlingen zu legen.

Das Pochen des Arztes setzte Advokat in Erstaunen; da er aber augenblicklich Verdacht schöpfte, es komme jemand, um ihm zu sagen, daß ein anderer Jemand ihn zu bestehlen oder ihn anderweitig zu übervorteilen suchen wolle, so kam er rasch und leise herab. Er hatte sich den Kopf mit kaltem Wasser gekühlt, als gute Vorbereitung, die Köpfe der Jury mit heißem Wasser zu waschen, und las, während er den Hemdkragen weit offen hatte, damit er die Gegenzeugen um so besser würgen könnte. Er sah deshalb etwas wild aus. Als er den Arzt erblickte, den er am wenigsten erwartet hatte, sah er noch verstörter aus und sagte: »Was gibt’s?«

»Sie fragten mich einst, was Mr. Merdles Übel sei.«

»Seltsam! Ich erinnere mich dessen.«

»Ich sagte Ihnen, daß ich es noch nicht herausgefunden hätte.«

»Ja, ich weiß das.«

»Ich habe es nun gefunden.«

»Mein Gott!« sagte Advokat, erschrocken zurücktretend und seine Hand auf die Brust des andern legend. »Und ich weiß es jetzt auch! Ich lese es jetzt in Ihrem Gesicht.«

Sie gingen in das nächste Zimmer, wo der Arzt ihm einen Brief zu lesen gab. Er las ihn ein dutzendmal durch. Es stand nicht viel darin, aber er nahm seine volle und dauernde Aufmerksamkeit in Anspruch. Er konnte sein Bedauern nicht genug aussprechen, daß er nicht selbst den Schlüssel dazu gefunden. Der kleinste Schlüssel, sagte er, würde ihm genügt haben, und welch ein Glück wäre das gewesen, dieser Sache auf den Grund zu kommen!

Der Arzt hatte es übernommen, die Nachricht nach Harley Street zu bringen. Advokat war außerstande, sogleich wieder an seine Verlockungen der erleuchtetsten und bedeutendsten Jury zu gehen, die er je auf dieser Bank gesehen, bei denen, das konnte er seinem gelehrten Freunde sagen, keine seichte Sophisterei angebracht wäre, und die sich von keiner unglücklicherweise mißbrauchten advokatorischen Schlauheit und Geschicklichkeit imponieren lasse (auf diese Weise gedachte er zu beginnen); deshalb sagte er, er wolle seinen Freund begleiten und in der Nähe des Hauses auf und ab gehen, während sein Freund drinnen sei. Sie gingen zu Fuß, um in der Luft sich etwas zu erholen und zu fassen; und die Fittiche des Tages verscheuchten bereits die Nacht, als der Arzt an die Tür pochte.

Ein Bedienter, in den Farben des Regenbogens, so dünkte es dem Publikum, wartete auf seinen Herrn – das heißt, er schlief in der Küche vor ein paar Lichtern und einer Zeitung, indem er dadurch die große Masse mathematischen Übergewichts gegen die Wahrscheinlichkeit, daß ein Haus durch Zufall in Brand gerät, demonstrierte. Als dieser dienstbare Geist geweckt war, mußte der Arzt noch das Wecken des Oberhaushofmeisters abwarten. Endlich kam dieses vornehme Geschöpf in einem Flanellrock und Salbandschuhen in das Speisezimmer; aber er trug eine Krawatte und war von Kopf bis zu Fuß Haushofmeister. Es war jetzt Morgen. Der Arzt öffnete die Läden eines Fensters, während er wartete, um das Licht sehen zu können.

»Mrs. Merdles Kammerjungfer lassen Sie rufen, damit sie Mrs. Merdle aufwecke und sie so vorsichtig wie möglich auf meinen Besuch vorbereite. Ich habe ihr eine furchtbare Nachricht mitzuteilen.«

So sprach der Arzt zu dem Oberhaushofmeister. Der letztere, der ein Licht in der Hand hatte, rief dem Bedienten, daß er es nehme. Dann trat er würdevoll an das Fenster, indem er die Nachricht des Arztes genau so entgegennahm, wie er in demselben Zimmer den Diners zugesehen hatte.

»Mr. Merdle ist tot.«

»Ich wünschte in diesem Falle«, sagte der Oberhaushofmeister, »in einem Monat meine Stelle niederlegen zu dürfen.«

»Mr. Merdle hat sich das Leben genommen.«

»Sir«, sagte der Oberhaushofmeister, »das ist sehr unangenehm für die Gefühle eines Mannes in meiner Stellung, da es geeignet ist, Vorurteile zu erwecken; und ich wünschte meine Entlassung sogleich zu haben.«

»Wenn Sie auch nicht erschüttert sind, sind Sie nicht wenigstens erstaunt, Mann?« fragte der Arzt warm.

Der Oberhaushofmeister warf sich ruhig in die Brust und sagte die denkwürdigen Worte: »Sir, Mr. Merdle war nie ein Gentleman, und kein unnobler Akt von seiten Mr. Merdles würde mich überrascht haben. Kann ich Ihnen sonst jemand schicken oder irgend sonst etwas tun, was Sie wünschen sollten, ehe ich das Haus verlasse?«

Als der Arzt, nachdem er sich seiner Aufgabe oben entledigt, wieder zu Advokat auf die Straße hinabkam, sagte er nichts weiter von seiner Begegnung mit Mrs. Merdle, als daß er ihr noch nicht alles gesagt, daß sie aber, was er ihr gesagt, mit vieler Fassung getragen habe. Advokat hatte die Zeit, die er allein auf der Straße zubrachte, der Konstruktion einer höchst sinnreichen Falle, um die ganze Jury mit einem Schlage zu fangen, gewidmet; und nachdem er sich die Sache zurechtgelegt hatte, wurde es hell in seinem Geist, er konnte sich der letzten Katastrophe ganz hingeben, und sie gingen langsam miteinander nach Hause und besprachen sie nach allen Richtungen hin. Ehe sie an der Tür des Arztes schieden, sahen sie beide nach dem sonnenhellen Morgenhimmel auf, zu dem der Rauch einiger früher Feuer und der Atem und die Stimmen von einigen Frühaufgestandenen friedlich emporstiegen, blickten dann rund umher auf die ungeheure Stadt und sagten: Wenn alle diese Hunderte und Tausende von Bettlern, die noch schlafen, nur wissen könnten, wie sie beide, die jetzt miteinander sprachen, welches Verderben über ihnen schwebte, was für ein entsetzlicher Schrei gegen eine elende Seele würde zum Himmel aufgellen!

Das Gerücht, daß der große Mann tot sei, verbreitete sich mit erstaunlicher Schnelligkeit. Anfangs war er an allen Krankheiten gestorben, die man je gekannt, und an verschiedenen nagelneuen Krankheiten, die man mit Blitzesschnelligkeit für die Gelegenheit erfunden hatte. Er hatte von Kindheit an eine Wassersucht verheimlicht, er hatte vom Großvater eine große Masse Wasser auf der Brust geerbt, seit achtzehn Jahren wurde jeden Morgen eine Operation mit ihm vorgenommen, es platzten ihm zuweilen wichtige Adern (nach der Art von Feuerwerken), er hatte bald ein Lungenleiden, bald ein Herzleiden, bald auch ein Gehirnleiden. Fünfhundert Leute, die von nichts wissend sich zum Frühstück setzten, glaubten, ehe sie noch mit diesem zu Ende waren, daß sie privatim und persönlich in Erfahrung gebracht, der Arzt habe zu Mr. Merdle gesagt: »Sie müssen sich darauf gefaßt machen, eines Tages auszulöschen wie ein Licht«, und daß sie wüßten, Mr. Merdle habe geantwortet: »Der Mensch kann nur einmal sterben.« Gegen elf Uhr vormittags wurde die Gehirnkrankheit die Lieblingstheorie gegen alle übrigen; und um zwölf Uhr hatte man die Gehirnkrankheit näher als einen »Druck« bezeichnet.

Druck war so befriedigend für die öffentliche Meinung und schien jedermann so zu beruhigen, daß es den ganzen Tag hätte dabei bleiben können, wenn Advokat nicht um halb zehn Uhr den wirklichen Stand der Dinge im Gerichtshof mitgeteilt hätte. Dies führte anfangs dazu, daß man gegen ein Uhr in ganz London sich zuflüsterte, Mr. Merdle habe sich selbst entleibt. Aber das Wort »Druck« wurde, weit entfernt, durch diese Entdeckung beseitigt zu werden, mehr als je der Lieblingsausdruck. In jeder Straße moralisierten die Leute über den Druck. Alle Leute, die Geld zu gewinnen versucht hatten und denen es nicht gelungen war, sagten: Da habt ihr’s! Kaum fangt ihr an, dem Gelde nachzujagen, so bekommt ihr den Druck. Die Müßiggänger benutzten den Fall in ähnlicher Weise. Seht ihr, sagten sie, wohin ihr’s durch das ewige Arbeiten und wieder Arbeiten und wieder Arbeiten bringt! Ihr arbeitetet in einem fort, ihr übertriebt es, nun kam der Druck, und es war um euch geschehen! Diese Betrachtung machte an vielen Orten großen Eindruck, aber nirgends mehr, als bei den jungen Kommis und Associés, die noch niemals Gefahr gelaufen, daß sie sich überarbeiten würden. Diese erklärten einstimmig und feierlich, sie hofften ihr Leben lang diese Warnung nicht mehr zu vergessen und ihr Tun und Treiben so einzurichten, daß sie sich vor Druck bewahrten und sich selbst, zum Trost für ihre Freunde, noch lange am Leben erhielten.

Aber ungefähr um die Börsenzeit begann es mit dem Druck zu Ende zu gehen, und erschreckliches Geflüster verbreitete sich im Osten und Westen, Norden und Süden. Anfangs war es nur leise und ging nicht weiter als der Zweifel, ob Mr. Merdles Reichtum sich wohl so groß herausstellen würde, wie man vermutete; ob nicht eine augenblickliche Schwierigkeit eintreten würde, ihn zu »realisieren«; ob nicht sogar die wunderbare Bank eine Zeitlang (etwa einen Monat oder so) ihre Zahlungen einstellen würde. Je lauter das Geflüster wurde, was mit jeder Minute geschah, desto drohender wurde es. Er war aus nichts hervorgegangen und durch kein natürliches Wachstum oder Fortschreiten, soviel man wußte, in die Höhe gekommen; er war im Grunde doch ein gemeiner, nichtswissender Mensch; er hatte immer scheu zu Boden gesehen, und niemand war es je gelungen, einen Blick von ihm zu erhaschen; er war von allen Arten von Leuten in einer ganz unbegreiflichen Weise poussiert worden; er hatte nie eigenes Geld gehabt, seine Spekulationen waren außerordentlich planlos gewesen und seine Ausgaben unermeßlich. In stetigen Progressen nahm mit dem Dahinschwinden des Tages das Gerede an Stärke und Umfang zu. Er hatte in dem Bade einen an den Arzt adressierten Brief hinterlassen, und sein Arzt hatte den Brief erhalten, und der Brief würde morgen bei der Totenschau vorgelegt werden, und es werde die Tausende, die er betrogen, wie ein Donnerschlag treffen. Zahllose Menschen von jedem Stand und Gewerbe würden durch seine Zahlungsunfähigkeit vernichtet; alle Leute, die ihr ganzes Leben lang in behaglichen Umständen gewesen, würden ihr Vertrauen auf ihn an keinem andern Orte bereuen können als im Armenhause; Legionen von Frauen und Kindern würden ihre ganze Zukunft durch die Hand dieses mächtigen Schurken zerstört sehen. Jeder Gast bei seinen prachtvollen Festen würde sich als Teilnehmer an der Plünderung unzähliger Familien darstellen; jeder servile Verehrer des Reichtums, der ihn mit auf sein Piedestal zu heben geholfen, hätte besser daran getan, lieber gleich den Teufel selbst anzubeten. So schwoll das Gerede immer höher und wuchs durch eine Bestätigung um die andere, durch eine Abendzeitungsausgabe um die andere zu solchem Getöse an, daß man hätte glauben können, ein einsamer Wächter auf der Galerie an der St. Paulskirche hätte die Nachtluft von einem dumpfen Gemurmel des Namens Merdle geschwängert und mit jeder Art von Verwünschung erfüllt sehen müssen.

Denn um diese Zeit wußte man, daß das Übel des verstorbenen Mr. Merdle nichts als Fälschung und Betrug gewesen sei. Er, der wunderliche Gegenstand so weitverbreiteter Verehrung, der Gast bei den Festen der Vornehmen, das Wunder der großen Damengesellschaften, der Beseitiger der Ausschließlichkeit, der Vernichter des Stolzes, der Patron der Patrone, der Feilscher um die Lordschaften des Circumlocution Office, der Mann, der innerhalb von einigen zehn bis fünfzehn Jahren mehr Anerkennung gefunden, als seit mindestens zwei Jahrhunderten in England auf alle friedlichen öffentlichen Wohltäter und auf alle Führer von allen Arten der Kunst und Wissenschaft, trotz alles Zeugnisses ihrer Werke, gehäuft worden, – er, das leuchtende Wunder, der neue Stern, dem die Weisen mit Geschenken folgten, bis er stehenblieb über einem gewissen Aas am Boden einer Badewanne und verschwand – war einfach der größte Betrüger und der größte Dieb, der jemals den Galgen um seine Beute geprellt hatte.

Sechsundzwanzigstes Kapitel.


Sechsundzwanzigstes Kapitel.

Sturmernte.

Mr. Pancks, der sein Erscheinen durch ein ungestümes Keuchen und einen raschen Schritt angekündigt hatte, stürzte in Arthur Clennams Kontor. Die Totenschau war vorüber, der Brief publiziert, die Bank bankerott, die andern Musterbauten von Stroh hatten Feuer gefangen und waren in Rauch aufgegangen. Das bewunderte Piratenschiff war inmitten einer großen Flotte von Schiffen aller Art und Booten jeder Größe in die Luft geflogen, und auf dem Meere war nichts zu sehen als Trümmer; nichts als brennende Schiffsrümpfe, in die Luft fliegende Magazine, von selbst losgehende Kanonen, die Freunde und Nachbarn in Stücke zerrissen, Ertrinkende, die sich an untaugliche Bretter anklammerten und jede Minute unterzugehen drohten, todmüde Schwimmer, hin und her treibende Leichen und Haifische.

Der gewöhnliche Fleiß und die gewöhnliche Ordnung des Kontors der Fabrik war verschwunden. Uneröffnete Briefe und unsortierte Papiere lagen zerstreut auf dem Pult herum. Inmitten dieser Zeichen gebrochener Energie und erloschener Hoffnung stand der Herr des Kontors müßig an seinem gewöhnlichen Platz und hatte die Arme auf dem Pult gekreuzt, während sein Kopf darauf herabgesunken war.

Mr. Pancks stürzte herein, sah ihn und blieb stehen. In der nächsten Minute lagen auch Mr. Pancks‘ Arme auf dem Pult, und Mr. Pancks‘ Kopf lag auf den Armen; und sie blieben einige Zeit müßig und schweigend in dieser Stellung, nur durch die Breite des kleinen Zimmers voneinander getrennt.

Mr. Pancks war der erste, der den Kopf erhob und sprach.

»Ich habe Sie dazu überredet, Mr. Clennam. Ich weiß es. Sagen Sie, was Sie wollen. Sie können mir nicht mehr sagen, als ich mir selbst sage. Sie können mir nicht mehr sagen, als was ich verdiene.«

»Oh, Pancks, Pancks!« versetzte Mr. Clennam, »sprechen Sie nicht von verdienen. Was verdiene ich selbst!«

»Besseres Glück«, sagte Pancks.

»Ich«, fuhr Clennam fort, ohne auf ihn zu achten, »ich, der ich meinen Associé ruiniert habe! Pancks, Pancks, ich habe Doyle ruiniert! Den ehrlichen, sich selbst mühsam durchhelfenden, unermüdlichen, alten Mann, der alles durch sich selbst geworden ist; den Mann, der gegen so viele Enttäuschung angekämpft und aus dem Kampfe mit einer so guten und hoffnungsvollen Natur hervorgegangen ist; den Mann, für den ich so viel gefühlt und dem ich so treu und nützlich sein wollte; ich habe ihn ruiniert, habe ihn in Schande und Verderben gebracht – habe ihn ruiniert, ruiniert!«

Die Seelenqual, die ihm dieser Gedanke verursachte, bot einen so schmerzlichen Anblick, daß Mr. Pancks sich selbst beim Haar packte und es aus Verzweiflung über dies Schauspiel auszureißen schien.

»Machen Sie mir Vorwürfe!« rief Pancks. »Machen Sie mir Vorwürfe, Sir, oder ich tue mir ein Leid an. Sagen Sie: Du Narr, du Schurke. Sagen Sie: Esel, wie konntest du das tun; Vieh, was wolltest du damit! Packen Sie mich irgendwo. Sagen Sie mir irgend etwas Beleidigendes!« Während der ganzen Zeit zerrte Mr. Pancks auf die erbarmungsloseste und grausamste Weise an seinem struppigen Haar.

»Wenn Sie nie dieser unglückseligen Manie gefrönt hätten, Pancks«, sagte Clennam, mehr aus Mitleid als um der Wiedervergeltung willen, »wieviel besser für Sie wäre es gewesen und wieviel besser für mich!«

»Nur immer zu, Sir!« rief Pancks, indem er vor Reue mit den Zähnen knirschte. »Nur immer zu!«

»Wenn Sie sich nie auf diese verwünschten Berechnungen eingelassen und Ihre Resultate nicht mit so abscheulicher Klarheit dargelegt hätten«, seufzte Clennam, »wieviel besser wäre es für Sie, Pancks, und wieviel besser für mich!«

»Immer so fort, Sir!« rief Pancks, indem er sein Haar losließ, »immer so fort, so fort!«

Clennam jedoch, der fand, daß er bereits ruhiger wurde, hatte alles gesagt, was er sagen wollte, und sogar noch mehr. Er drückte ihm die Hand und fügte nur hinzu: »Blinde Führer der Blinden, Pancks! Blinde Führer der Blinden! Aber Doyce, Doyce, Doyce, mein zu Schaden gebrachter Kompagnon!« Damit legte er den Kopf wieder auf das Pult.

Die frühere Haltung und das frühere Schweigen wurden abermals von Pancks unterbrochen.

»Nicht zu Bett gewesen, Sir, seit es bekanntgeworden. Ich war an allen Ecken, in der Hoffnung, noch einige Kohlen aus dem Feuer zu retten. Alles vergeblich. Alles vorbei. Alles dahin!«

»Ich weiß es nur zu wohl«, erwiderte Clennam.

Mr. Pancks füllte eine Pause mit Seufzen aus, das aus der Tiefe seiner Seele kam.

»Erst gestern, Pancks«, sagte Arthur, »erst gestern, Montag, hatte ich die feste Absicht, alles zu verkaufen, zu realisieren und mich von der Sache ganz loszumachen.«

»Das kann ich nicht von mir sagen, Sir«, versetzte Pancks. »Obgleich es wunderbar ist, von wie vielen Leuten ich hörte, daß sie von allen dreihundertfünfundsechzig Tagen gerade gestern im Begriff gewesen seien zu realisieren, wenn es nicht zu spät gewesen wäre!«

Sein dampfmaschinenartiges Keuchen, gewöhnlich von drolliger Wirkung, war jetzt tragischer als ebenso viele Seufzer, während er von Kopf bis zu Fuß in dem rußigen, schmierigen und vernachlässigten Zustand war, daß man ihn für ein authentisches Porträt hätte halten können, das wegen mangelnder Reinigung kaum zu erkennen war.

»Mr. Clennam, haben Sie – alles verloren?« Er machte einen Gedankenstrich vor den letzten Worten und brachte sie nur mit großer Mühe hervor.

»Alles.«

Mr. Pancks packte wieder sein struppiges Haar und zerrte so heftig daran, daß er mehrere Zinken herausriß. Nachdem er sie mit dem Ausdruck wilden Zorns angesehen, steckte er sie in seine Tasche.

»Meine Maßregeln müssen sogleich getroffen werden«, sagte Clennam, indem er einige Tränen wegwischte, die ihm still über das Gesicht geflossen waren. »Das bißchen Ersatz, das ich leisten kann, muß geleistet werden. Ich muß den guten Ruf meines Kompagnons zu wahren suchen. Ich darf nichts für mich behalten. Ich muß in die Hände unsrer Gläubiger die Dispositionsbefugnis, die ich so sehr mißbraucht, niederlegen, und von meinem Fehler – oder Verbrechen – so viel wieder gutmachen, wie ich während meiner übrigen Lebenszeit noch gutmachen kann.«

»Ist es nicht möglich, Sir, über den Augenblick sich hinüberzuhelfen?«

»Durchaus nicht. Aufschub nützte doch nichts, Pancks. Je früher das Geschäft aus meinen Händen kommt, desto besser für dasselbe. Es sind diese Woche noch Verbindlichkeiten zu erfüllen, die die Katastrophe in wenigen Tagen herbeiführen müßten, selbst wenn ich sie nur einen Tag hinausschieben und das Geschäft so lange, trotz dem, was ich im stillen weiß, fortführen wollte. Die letzte Nacht habe ich bedacht, was ich tun will; es bleibt nur noch, was ich beschlossen, auszuführen.«

»Doch nicht ganz allein?« sagte Pancks, dessen Gesicht so feucht war, als wenn sein Dampf rasch zu Wasser würde, während er ihn in seiner Trübsal ausstieß. »Nehmen Sie juridischen Beistand an.«

»Vielleicht wäre es besser.«

»Nehmen Sie Rugg.«

»Es ist nicht viel zu tun, er wird es so gut machen wie ein anderer.«

»Soll ich Rugg holen, Mr. Clennam?«

»Wenn Sie Zeit dazu haben. Ich wäre Ihnen sehr verbunden.«

Pancks hatte auch schon den Hut auf und dampfte fort nach Pentonville. Während er fort war, richtete Arthur nicht einmal den Kopf vom Tische auf, sondern blieb unbeweglich in dieser Stellung.

Mr. Pancks brachte seinen Freund und Rechtsbeistand Mr. Rugg mit sich zurück. Mr. Rugg hatte unterwegs Mr. Pancks‘ unzurechnungsfähigen Zustand so genau kennengelernt, daß er seine geschäftliche Vermittlung damit eröffnete, diesen Herrn zu bitten, sich zu entfernen. Mr. Pancks gehorchte vernichtet und unterwürfig.

»Er ist geradeso, wie meine Tochter war, Sir, als wir den Prozeß wegen des gebrochenen Heiratsversprechens Rugg contra Bawkins einleiteten, in dem sie Klägerin war«, sagte Mr. Rugg. »Er nimmt ein zu lebhaftes und direktes Interesse an der Sache.

Seine Gefühle werden zu sehr davon in Mitleidenschaft gezogen. Und mit Gefühlen kommt man in unserm Berufe nicht vorwärts, Sir.«

Während er seine Handschuhe auszog und sie in seinen Hut legte, sah er mit einem oder zwei Seitenblicken, daß mit seinem Klienten eine große Veränderung vorgegangen war.

»Ich bedaure sehr zu bemerken, Sir«, sagte Mr. Rugg, »daß Sie Ihre Gefühle gleichfalls nicht aus dem Spiele zu lassen vermögen. Bitte, tun Sie das doch, bitte, tun Sie das doch. Die Verluste sind sehr zu beklagen, Sir, aber wir müssen ihnen ins Gesicht sehen.«

»Wenn das Geld, das ich geopfert habe, ganz mein eigenes gewesen wäre, Mr. Rugg«, seufzte Clennam, »so würde es mich weit weniger kümmern.«

»Wirklich, Sir?« sagte Mr. Rugg, indem er sich mit heiterer Miene die Hände rieb. »Sie setzen mich in Erstaunen. Das ist eigentümlich, Sir. Ich habe, soweit meine Erfahrung reicht, im allgemeinen gefunden, daß die meisten Leute mit ihrem eigenen Gelde am ängstlichsten sind. Ich habe Leute eine tüchtige Summe von anderer Leute Geld loswerden und es recht gut tragen sehen; wirklich recht gut.«

Mit diesen tröstenden Bemerkungen setzte sich Mr. Rugg auf einen Kontorstuhl am Pult und ging an die Arbeit.

»Jetzt, Mr. Clennam, lassen Sie uns mit Ihrer Erlaubnis an die Arbeit gehen. Lassen Sie uns sehen, wie die Sachen stehen. Die Frage ist einfach. Die Frage ist die gewöhnliche, simple, gerade, gemeinverständliche Frage. Was können wir für uns tun? Was können wir für uns tun?«

»Das ist für mich nicht die Frage, Mr. Rugg«, sagte Arthur. »Sie sind von vornherein im Irrtum. Die Frage ist, was kann ich für meinen Kompagnon tun, wie kann ich ihm am besten Entschädigung leisten?«

»Ich fürchte, Sir«, argumentierte Mr. Rugg mit überredendem Ton, »daß Sie sich noch immer von Ihren Gefühlen beeinflussen lassen? Ich höre das Wort ›Entschädigung‹ nicht gern, ausgenommen, wenn es ein Hebel in der Hand des Advokaten ist. Wollen Sie mir die Bemerkung erlauben, daß ich es für meine Pflicht halte, Sie zu warnen, daß Sie sich wirklich nicht von Ihren Gefühlen beeinflussen lassen?«

»Mr. Rugg«, sagte Clennam, indem er all seine Kraft zusammennahm, um das durchzuführen, was er beschlossen hatte, und diesen Herrn dadurch in Erstaunen versetzte, daß er trotz seiner Niedergeschlagenheit fest auf seinem Vorsatz beharrte, »Sie machen mir den Eindruck, als ob Sie nicht allzusehr geneigt wären, die Richtung einzuschlagen, die ich zu gehen entschlossen bin. Wenn Ihre Mißbilligung derselben Sie zu abgeneigt machen sollte, die notwendigen Geschäfte zu übernehmen, so tut es mir leid, und ich muß mich nach anderm Beistand umsehen. Aber ich versichere Sie einmal für allemal, daß es vergeblich wäre, dagegen zu argumentieren.«

»Gut, Sir«, antwortete Mr. Rugg achselzuckend. »Gut Sir. Da jemand die Sache in die Hand nehmen muß, so lassen Sie mich sie in die Hand nehmen. Das war mein Prinzip in der Sache Rugg contra Bawkins. Das ist mein Prinzip in den meisten Fällen.«

Clennam setzte dann Mr. Rugg seinen festen Vorsatz auseinander. Er sagte Mr. Rugg, daß sein Kompagnon ein Mann von großer Einfachheit und Rechtschaffenheit sei und daß er in allem, was er zu tun beabsichtige, sich ganz und einzig von der Kenntnis des Charakters seines Kompagnons und von der Rücksichtnahme auf seine Gefühle leiten lasse. Er setzte ferner auseinander, daß sein Kompagnon mit einem wichtigen Unternehmen im Ausland beschäftigt und daß es besonders seine Aufgabe sei, den Tadel für das, was unüberlegt geschehen, auf sich zu nehmen und seinen Kompagnon von aller Teilnahme an der Verantwortlichkeit für dasselbe zu entlasten, damit die erfolgreiche Leitung dieses Unternehmens auch nicht durch den leisesten Verdacht, der sich ungerechterweise an die Ehre und den Kredit seines Kompagnons im Auslande heften könnte, gefährdet werde. Er sagte Mr. Rugg, seinen Kompagnon moralisch im vollsten Sinne des Wortes zu reinigen und die öffentliche und rückhaltlose Erklärung abzugeben, er, Arthur Clennam, Teilhaber der Firma Clennam und Komp., habe aus eigenem freiem Antrieb und ausdrücklich gegen die Warnung seines Kompagnons die Kapitalien in den Schwindelspekulationen angelegt, die eben jetzt verunglückt – das sei die einzige wirkliche Sühne, die in seinem Bereich liege, für diesen Mann sogar eine weit bessere Sühne, als es für viele andere sein würde, und deshalb die Sühne, die er zuerst darzubringen habe. In dieser Absicht gedachte er eine Erklärung in dem angedeuteten Sinne drucken zu lassen – er hatte eine solche bereits aufgesetzt – und außer der Mitteilung derselben an alle die, die Geschäfte mit dem Hause hatten, sie auch in die öffentlichen Blätter einzurücken. Gleichzeitig mit dieser Maßregel (bei deren Auseinandersetzung Mr. Rugg unzählige Gesichter schnitt und eine große Unruhe in den Gliedern entwickelte) gedachte er ein Schreiben an alle Gläubiger zu erlassen, das seinen Kompagnon feierlich von aller Schuld freisprach, sie von der Zahlungseinstellung in Kenntnis setzte, die dann eintreten sollte, wenn ihre Wünsche bekannt wären und sein Kompagnon davon unterrichtet sein könnte, und sich ihnen ganz ergebenst zur Verfügung stellte. Wenn sie auf die Unschuld Rücksicht nehmen wollten und das Geschäft wieder so in Schwung gebracht werden könnte, um es mit Gewinn fortzusetzen und den gegenwärtigen Sturz zu verschmerzen, dann sollte sein Anteil an demselben seinem Kompagnon als die einzig mögliche Entschädigung anheimfallen, die er ihm an Geldeswert für die Sorgen und den Verlust geben konnte, die er unglücklicherweise veranlaßt, und er selbst wollte um Erlaubnis bitten, gegen ein so kleines Honorar wie zum Leben ausreichte, in dem Geschäft als Kommis tätig sein zu dürfen.

Obgleich Mr. Rugg deutlich sah, daß er sich nicht davon würde abbringen lassen, forderten doch die Verzerrungen seines Gesichts und die Unruhe seiner Glieder so gebieterisch einen Protest heraus, daß er ihn aussprach. »Ich mache keinen Einwand, Sir«, sagte er, »ich führe keine Gründe gegen Sie an. Ich will Ihre Ansichten durchführen, Sir; aber unter Verwahrung.« Mr. Rugg führte dann, nicht ohne Weitschweifigkeit, die Hauptpunkte seines Protestes an. Diese waren folgende: daß die ganze Stadt, oder er möchte sagen, das ganze Land noch in der ersten Aufregung über die Entdeckung der jüngsten Tage sei, und daß die Erbitterung gegen die Opfer sehr stark sein würde; diejenigen, die sich nicht hätten verführen lassen, würden sicherlich außerordentlich aufgebracht auf sie sein, weil sie nicht so klug gewesen waren wie sie; und diejenigen, die sich hätten verführen lassen, würden gewiß Entschuldigungen und Gründe für sich finden, von denen sie gleichfalls sicher sein könnten, daß sie sie bei den andern Leidenden vermissen würden; ganz abgesehen von der großen Wahrscheinlichkeit, daß sich jeder einzelne Leidende in seiner heftigen Entrüstung überreden würde, er habe sich nur durch das Beispiel aller andern Leidenden verleiten lassen.

Daß eine solche Erklärung, wie die von Clennam, zu einer solchen Zeit abgegeben, einen Sturm von Gehässigkeit auf ihn herabziehen und es unmöglich machen würde, auf Nachsicht bei den Gläubigern oder auf Einstimmigkeit unter ihnen zu rechnen, und ihn als vereinzelte Zielscheibe einem regellosen Kreuzfeuer aussetzte, das ihn von einem halben Dutzend Seiten aus zu gleicher Zeit zu Boden werfen würde.

Auf all dies antwortete Clennam bloß, daß, die Nichtigkeit des ganzen Protestes auch zugegeben, nichts die Kraft der freiwilligen und öffentlichen Schuldloserklärung seines Kompagnons schwächte oder schwächen könnte. Er forderte deshalb Mr. Rugg einmal für allemal auf, das Geschäft augenblicklich in Angriff zu nehmen. Mr. Rugg machte sich auch sofort an die Arbeit, und Arthur, der nichts für sich behielt als seine Kleider und Bücher und eine kleine Summe Geld, stellte sein kleines Privatkonto beim Bankier zu gleicher Zeit zu den Geschäftspapieren.

Die Auseinandersetzung erschien in der Öffentlichkeit, und der Sturm raste fürchterlich, tausende von Menschen suchten ungestüm nach einem Lebenden, auf den sie ihre Vorwürfe häufen könnten; und dieser ausgezeichnete Fall, der der Öffentlichkeit schmeichelte, stellte den so sehr gewünschten Lebendigen auf ein Schafott. Wenn Leute, die nichts mit der Sache zu tun haben, die Offenkundigkeit so übel aufnahmen, so war von Leuten, die Geld dabei verloren hatten, kaum zu erwarten, daß sie milde dabei verfahren würden. Es regnete Briefe von den Gläubigern, die voll von Vorwürfen und Beleidigungen waren; und Mr. Rugg, der täglich auf dem hohen Stuhl saß und sie alle las, benachrichtigte vor Ablauf der nächsten acht Tage seinen Klienten, er fürchte, es sei ein Verhaftsbefehl gegen ihn ausgestellt.

»Ich muß die Folgen von dem, was ich getan habe, auf mich nehmen«, sagte Clennam. »Die Verhaftsbefehle werden mich hier finden.«

Schon am nächsten Morgen, als er bei Mrs. Plornishs Ecke in den Hof zum blutenden Herzen einbog, stand Mrs. Plornish auf ihn wartend an der Tür und ersuchte ihn geheimnisvoll in die »Glückshütte« zu treten. Dort fand er Mr. Rugg.

»Ich dachte, ich wollte hier auf Sie warten. Wenn ich Sie wäre, ginge ich diesen Morgen nicht auf das Kontor.«

»Warum nicht, Mr. Rugg?«

»Es sind, soviel ich weiß, nicht weniger als fünf Verhaftsbefehle ausgewirkt.«

»Es kann nicht bald genug vorüber sein«, sagte Clennam. »Sie sollen mich nur gleich packen.«

»Wohl, aber«, sagte Mr. Rugg und trat zwischen ihn und die Tür, »nehmen Sie Vernunft an, nehmen Sie Vernunft an. Sie werden Sie bald genug festnehmen, Mr. Clennam, ich zweifle nicht daran; aber nehmen Sie Vernunft an. In solchen Fällen geschieht es immer, daß sich eine unbedeutende Sache in den Vordergrund drängt und viel Lärm macht. Nun finde ich, daß ein unbedeutender Verhaftsbefehl ausgewirkt ist – eine bloße Hausgerichtshofsache –, und ich habe Grund zu vermuten, daß man damit schon heute vorgeht. Ich möchte nicht, daß Sie deshalb verhaftet würden.«

»Warum nicht?« fragte Clennam.

»Ich möchte mich lieber wegen einer bedeutenden Sache verhaften lassen, Sir«, sagte Mr. Rugg. »Man muß auch den Schein aufrechterhalten. Als Ihr Rechtsbeistand würde ich es vorziehen, wenn Sie auf den Verhaftsbefehl eines höheren Hofes festgenommen würden; wenn Sie nichts dagegen haben, erweisen Sie mir diese Gefälligkeit. Es sieht besser aus.«

»Mr. Rugg«, sagte Arthur in seiner Niedergeschlagenheit, »mein einziger Wunsch ist, daß es vorbei wäre. Ich will gehen und es darauf ankommen lassen.«

»Noch ein vernünftiges Wort, Sir!« rief Mr. Rugg, »Das, werden Sie zugeben müssen, ist Verstand. Das andere mag Geschmacksache sein, aber das ist die reine Vernunft. Wenn Sie wegen der geringfügigen Sache verhaftet werden, Sir, so kommen Sie in das Marschallgefängnis. Nun, Sie wissen ja, was das Marschallgefängnis ist. Sehr beschränkt und außerordentlich eng, während die Kings Bench« – Mr. Rugg schwenkte die rechte Hand, um den Überfluß an Raum anzudeuten.

»Ich möchte mich lieber in das Marschallgefängnis einsperren lassen als in jedes andere Gefängnis«, sagte Clennam.

»Ist das Ihr Ernst, Sir?« versetzte Mr. Rugg. »Das ist Geschmacksache, und wir können gehen.« Er war anfangs etwas beleidigt, aber er dachte bald nicht mehr daran. Sie gingen durch den Hof nach dem andern Ende. Die »blutenden Herzen« nahmen an Arthur, seit es ihm schlecht ging, mehr Interesse als zuvor; sie betrachteten ihn jetzt als einen, der dem Charakter des Ortes treu war und sein Bürgerrecht erworben hat. Manche von ihnen kamen heraus, um ihm nachzusehen und mit großer Salbung die Bemerkung gegeneinander auszusprechen, daß es ihn »tief gebeugt« habe. Mrs. Plornish und ihr Vater standen sehr niedergeschlagen und den Kopf schüttelnd auf der Seite des Hofes, wo sie wohnten, oben an der Treppe.

Es war niemand da, der auf sie wartete, als Arthur und Mr. Rugg nach dem Kontor kamen. Aber ein ältliches Mitglied der jüdischen Gemeinde, in Rum konserviert, folgte ihnen dicht auf dem Fuße und sah zur Glastür herein, ehe Mr. Rugg einen von den heute eingetroffenen Briefen geöffnet hatte. »Oh!« sagte Mr. Rugg, indem er aufsah. »Wie geht es Ihnen? Kommen Sie herein. – Mr. Clennam, ich glaube, das ist der Herr, von dem ich sprach.«

Der »Herr« erklärte, der Zweck seines Besuches sei ein ganz »kleines unbedeutendes Geschäftchen«, und vollzog seine gesetzliche Funktion.

»Soll ich Sie begleiten, Mr. Clennam?« fragte Mr. Rugg höflich, indem er sich die Hände rieb.

»Ich will lieber allein gehen, ich danke Ihnen. Haben Sie die Güte, und senden Sie mir meine Kleider.« Mr. Rugg antwortete in sorglos heiterer Weise, daß er es besorgen werde, und schüttelte ihm die Hände. Er und sein Begleiter gingen dann die Treppe hinab, stiegen in den ersten besten Wagen, den sie fanden, und fuhren nach der alten Pforte.

»Ich dachte mir wahrhaftig nicht, der Himmel verzeihe mir, daß ich je unter solchen Umständen diese Schwelle betreten würde«, sagte Clennam bei sich.

Mr. Chivery hatte heute das Schließeramt, und der junge John war in dem Pförtnerstübchen; entweder eben erst abgelöst oder im Begriff abzulösen. Beide waren, da sie sahen, wer der neue Gefangene war, mehr erstaunt, als man es von Schließern je hätte erwarten sollen. Der ältere Mr. Chivery schüttelte ihm verlegen die Hand und sagte: »Ich erinnere mich nicht, Sir, daß ich Sie jemals so ungern gesehen habe.« Der junge Mr. Chivery, der entfernter stand, gab ihm nicht mal die Hand; er sah ihn im Gegenteil mit so sichtbarer Unentschlossenheit an, daß es selbst Clennam mit seinem schweren Herzen und seinen schweren Augen auffiel. Gleich darauf verschwand der junge John in dem Gefängnis.

Da Clennam die Ortsverhältnisse genau genug kannte, um zu wissen, daß er einige Zeit in dem Pförtnerstübchen warten müsse, nahm er einen Stuhl, setzte sich in eine Ecke und tat, als ob er mit Briefen beschäftigt wäre, die er aus der Tasche zog. Sie nahmen seine Aufmerksamkeit nicht so sehr in Anspruch, daß er nicht voll Dank hätte bemerken können, wie der ältere Mr. Chivery das Pförtnerstübchen von Gefangenen freihielt, wie er einigen mit den Schlüsseln winkte, daß sie nicht hereinkämen, wie er andre mit den Ellbogen stieß, daß sie hinausgingen, und wie er ihm sein Unglück so leicht machte, wie er konnte.

Arthur saß da, die Augen fest auf den Boden geheftet, während er die Vergangenheit an seinem Auge vorüberziehen ließ, über die Gegenwart brütete und wieder beide vergaß, als er fühlte, daß sich eine Hand auf seine Schulter legte. Der junge John tat dies und sagte: »Sie können jetzt kommen.«

Er stand auf und folgte dem jungen John. Als sie das innere Gittertor ein paar Schritte hinter sich hatten, drehte sich der junge John um und sagte zu ihm:

»Sie brauchen ein Zimmer. Ich habe eines für Sie in Bereitschaft.«

»Ich danke Ihnen herzlich.«

Der junge John wandte sich wieder um, führte ihn zum alten Torweg hinein, die alte Treppe hinauf, in das alte Zimmer. Arthur streckte seine Hand aus. Der junge John sah sie an, sah dann ihn an – ernst und stolz, und sagte etwas zurückhaltend:

»Ich weiß nicht, ob ich kann. Nein, ich kann’s nicht. Aber ich dachte nur, Sie würden das Zimmer gern haben, deshalb gab ich es Ihnen.«

Das Erstaunen über dies ungereimte Benehmen wich, als er weggegangen war (er ging sogleich weg), den Gefühlen, die das leere Zimmer in Clennams wunder Brust erweckte, und der Menge von Ideenassoziationen mit dem guten und lieben Wesen, das es geheiligt hatte. Ihre Abwesenheit bei seinen veränderten Glücksumständen ließen ihm das Zimmer und sich selbst darin so verlassen und so sehr eines so lieben und treuen Gesichtes bedürftig erscheinen, daß er sich gegen die Wand kehrte, um zu weinen, und seufzend sich der herzerleichternde Ausruf: »O, meine Klein-Dorrit!« aus seiner Brust losrang.

Siebenundzwanzigstes Kapitel.


Siebenundzwanzigstes Kapitel.

Der Zögling des Marschallgefängnisses.

Es war ein sonniger Tag, und das Marschallgefängnis lag in den heißen Mittagssonnenstrahlen ungewöhnlich still da. Arthur Clennam sank in einen einsamen Lehnstuhl, der so abgeschabt war wie die Schuldner in dem Gefängnis, und hing seinen Gedanken nach.

In dem unnatürlichen Frieden, der in dem Bewußtsein lag, die drohende Verhaftung überstanden zu haben, – dem ersten Wechsel der Gefühle, die das Gefängnis meist herbeiführt, und von welchem gefährlichen Ruhepunkt so manche in die Tiefen der Erniedrigung und der Schmach auf so manche Art gesunken waren, – konnte er an einige Episoden seines Lebens in einer Weise denken, als wenn er von ihnen in ein anderes Leben entrückt wäre. Wenn man erwägt, wo er war, welches Interesse ihn zuerst hierhergeführt, als es ihm noch freistand, wegzubleiben, wenn man an das sanfte Wesen denkt, das so untrennbar von Mauern und Gittern ringsum war wie von unfaßbaren Erinnerungen seines späteren Lebens, die weder Mauer noch Gitter einkerkern konnte, so war es nicht merkwürdig, daß ihm alles, worauf seine Erinnerung fiel, Klein-Dorrit zurückrief. Ihm war es aber dennoch merkwürdig; nicht die Tatsache selbst; sondern weil sie ihn daran mahnte, welch großen Einfluß das liebe kleine Geschöpf auf seine besseren Entschlüsse gehabt hatte.

Niemand von uns weiß, welchen Menschen oder Dingen wir in dieser Weise verschuldet sind, bis eine auffällige Stockung in dem rasch sich drehenden Rade des Lebens uns dies Bewußtsein gibt. Krankheiten, Kummer, der Verlust teurer Geliebten führen es uns zu Gemüt, und es ist eine der häufigsten nützlichen Folgen des Unglücks. Dies Gefühl überkam Clennam in seinem Unglück und machte einen tiefen und rührenden Eindruck auf ihn. »Als ich mich zuerst sammelte«, dachte er, »und meinen müden Augen etwas wie ein Ziel setzte, wen sah ich vor mir, mühevoll arbeitend, um eines guten Zweckes willen, ohne Entmutigung, und ohne der gemeinen Hindernisse zu achten, die eine Armee von Helden und Heldinnen entmutigt hätten? – Ein schwaches Mädchen! Als ich meine schlecht gewählte Liebe zu bekämpfen und gegen den Mann, der glücklicher als ich war, edel zu sein strebte, obgleich er es vielleicht nie erfahren oder nur mit einem freundlichen Worte danken würde, wessen Geduld, Selbstverleugnung, Selbstbezwingung, Barmherzigkeit und edle Großmut des Herzens beobachtete ich da? Eben dieses armen Mädchens! Wenn ich, ein Mann mit den Vorteilen und Mitteln und Kräften eines Mannes, die geheime Stimme meines Herzens mißachtet hätte, daß, wenn mein Vater gefehlt, es meine erste Pflicht sei, diesen Fehler zu verdecken und gutzumachen, – welche jugendliche Gestalt, die, ihre zarten Füße beinahe entblößt, durch die feuchten Straßen ging, mit ihren schwachen Händen immer arbeitete, ihren schwachen Körper vor der Rauheit des Wetters kaum geschützt hätte, wäre mir erschienen und hätte mich beschämt? Klein-Dorrit.« So dachte er in einem fort, solange er allein in dem abgeschabten Stuhle saß. Immer Klein-Dorrit. Bis es ihm schien, als wenn er jetzt den Lohn fände, daß er sie von sich gelassen und geduldet hätte, daß etwas zwischen ihn und seine Erinnerung an ihre Tugenden träte.

Seine Tür war offen, und der Kopf des älteren Chivery sah ein wenig herein, ohne daß er gerade ihm zugewandt gewesen wäre.

»Ich bin abgelöst, Mr. Clennam, und gehe weg. Kann ich etwas für Sie tun?«

»Vielen Dank. Nein.«

»Sie werden entschuldigen, daß ich die Tür aufgemacht habe, aber ich konnte mich nicht anders bemerklich machen«, sagte Mr. Chivery.

»Haben Sie geklopft?«

»Ein halbes dutzendmal.«

Clennam stand auf und sah, daß das Gefängnis von seinem Mittagsschläfchen erwacht war, daß die Bewohner sich auf dem schattigen Hofe umhertrieben und daß es schon spät am Nachmittag war. Er hatte stundenlang dagesessen und vor sich hingebrütet.

»Ihre Sachen sind angekommen«, sagte Mr. Chivery, »und mein Sohn wird sie herausbringen. Ich würde sie schon heraufgeschickt haben, aber er wünschte durchaus, sie selbst herauszubringen. Wahrhaftig, er ließ sich das nicht nehmen, deshalb konnte ich sie nicht heraufschicken. Mr. Clennam, dürft‘ ich ein Wort mit Ihnen sprechen?«

»Bitte, treten Sie ein«, sagte Arthur; denn von Mr. Chiverys Kopf war bislang nur ein kleines Stück zu sehen, und Mr. Chivery hatte ihm bloß ein Ohr zugewandt statt beide Augen. Das war angeborenes Zartgefühl bei Mr. Chivery – echte Höflichkeit; obgleich sein Äußeres sehr viel vom Schließer hatte und nicht das mindeste von einem Gentleman.

»Ich danke Ihnen, Sir«, sagte Mr. Chivery, ohne hereinzukommen. »Mr. Clennam, nehmen Sie es nicht übel (wenn Sie so gut sein wollen), falls Sie ihn etwas kurios finden, mein Sohn hat ein Herz, und meines Sohnes Herz ist auf dem rechten Fleck. Ich und seine Mutter wissen, wo es zu finden ist, und wir finden’s am rechten Platz.«

Nach dieser geheimnisvollen Rede zog Mr. Chivery sein Ohr zurück und schloß die Tür. Er mochte ungefähr zehn Minuten weggegangen sein, als sein Sohn ihm folgte.

»Hier ist Ihr Mantelsack«, sagte er zu Arthur, indem er ihn sorgfältig zu Boden setzte.

»Das ist sehr freundlich von Ihnen. Es beschämt mich, daß Sie sich so viel Mühe machen.«

Er war fort, ehe Clennam dies gesagt; kehrte jedoch bald wieder zurück, indem er genau wie zuvor sagte: »Hier ist Ihr schwarzes Kistchen«, das er ebenfalls sorgfältig hinstellte.

»Ich erkenne diese Aufmerksamkeit mit großem Dank an. Ich hoffe, wir können uns jetzt die Hand schütteln, Mr. John.«

Der junge John jedoch trat zurück, indem er sein rechtes Handgelenk in einer Höhlung drehte, die er mit dem linken Daumen und Mittelfinger bildete, und dann wie zuvor sagte: »Ich weiß nicht, ob ich kann. Nein; ich sehe, daß ich nicht kann!« Er sah darauf den Gefangenen mit einem ernsten Blick an, während seine Empfindung sich in einem Grade steigerte, daß sie beinahe in Mitleid überging.

»Warum sind Sie ungehalten auf mich«, sagte Mr. Clennam, »und doch so bereit, mir diese freundlichen Dienste zu erzeigen? Es muß ein Mißverständnis zwischen uns obwalten. Wenn ich irgendwie dazu Veranlassung gegeben haben sollte, so würde mir das sehr leid tun.«

»Kein Mißverständnis, Sir«, sagte John, indem er das Handgelenk in der Höhlung vor- und zurückbewegte, obgleich sie sehr eng war. »Kein Mißverständnis, Sir, waltet in dem Gefühle ob, mit dem meine Augen Sie im gegenwärtigen Moment betrachten. Wenn ich überhaupt mich Ihnen gleichstellen könnte, Mr. Clennam – was ich nicht kann; und wenn nicht ein Druck auf Ihnen lastete – was im Augenblick der Fall ist; und wenn es nicht gegen alle Regeln des Marschallgefängnisses wäre – was es doch ist; – so wären meine Gefühle derart, daß sie mich eher als zu allem andern dazu antreiben würden, auf der Stelle die Sache durch Boxen mit Ihnen abzumachen.«

Arthur sah ihn einen Augenblick erstaunt und etwas ungehalten an. »Nun, nun!« sagte er. »Ein Mißverständnis, ein Mißverständnis!« Er wandte sich weg und setzte sich mit einem schweren Seufzer wieder in den abgeschabten Stuhl.

Der junge John folgte ihm mit den Blicken und rief nach einer kurzen Pause: »Ich bitte um Vergebung!«

»Sie ist Ihnen gern gewährt«, sagte Clennam, indem er mit seiner Hand winkte, ohne sein gesunkenes Haupt zu erheben. »Sagen Sie nichts mehr. Ich bin dessen nicht würdig.«

»Diese Möbel, Sir«, sagte der junge John mit dem Ton zarter und freundlicher Erklärung, »gehören mir. Ich habe die Gewohnheit, sie an solche auszuleihen, die das Zimmer bewohnen und keine eigenen Möbel haben. Es ist nicht viel, aber es steht zu Ihren Diensten. Umsonst, meine ich. Ich könnte mir keine andren Bedingungen denken, unter denen ich sie Ihnen liehe. Es wird mich freuen, wenn Sie die Sachen umsonst benutzen wollen.«

Arthur erhob seinen Kopf wieder, um ihm zu danken und zu sagen, er könne diese Güte nicht annehmen. John drehte noch immer sein Handgelenk und war noch so unschlüssig wie früher.

»Was ist denn zwischen uns?« sagte Arthur.

»Ich kann es nicht nennen, Sir«, versetzte der junge John, plötzlich laut und scharf sprechend. »Nichts ist zwischen uns.«

Arthur sah ihn wieder an, aber sein Blick bat vergeblich um eine Erklärung dieses Benehmens. Kurz darauf wandte Arthur seinen Kopf wieder weg. Der junge John sagte alsbald mit der größten Weichheit:

»Der kleine runde Tisch, Sir, der neben Ihnen steht, gehörte – Sie wissen, wem – ich brauche ihn nicht zu nennen – er ist tot, ein echter Gentleman. Ich kaufte ihn von einem Menschen, dem er ihn schenkte und der nach ihm dieses Zimmer bewohnte. Aber dieser Mensch stand ihm in keiner Weise gleich. Die wenigsten Menschen würden imstande sein, sich auf seine Höhe zu schwingen.«

Arthur zog den kleinen Tisch näher an sich, legte seinen Arm darauf und blieb in dieser Stellung.

»Vielleicht wissen Sie nicht, Sir«, sagte der junge John, »daß ich ihm beschwerlich fiel, als er hier in London war. Er schien es wenigstens für eine Zudringlichkeit zu halten, obgleich er so freundlich war, mich sitzen zu heißen und nach dem Vater und allen alten Freunden zu fragen. Selbst nach seinen geringsten Bekannten. Er erschien mir sehr verändert, ich sagte es, als ich nach Hause kam. Ich fragte ihn, ob Miß Amy wohl sei – –«

»Und er sagte ja?«

»Ich hätte gedacht, das wüßten Sie, ohne diese Frage an mich zu richten«, versetzte der junge John, während er ein Gesicht machte, als verschluckte er eine große unsichtbare Pille. »Da Sie jedoch diese Frage an mich richten, schmerzt es mich, daß ich sie nicht beantworten kann. Aber offen gesagt, er sah die Frage nach ihrem Befinden als eine Anmaßung an und sagte: ›Was das mich angehet?‹ Da wurde ich erst recht gewahr, daß ich zudringlich gewesen; vorher hatte ich es nur befürchtet. Er sprach jedoch später sehr gütig; sehr gütig.«

Sie schwiegen beide mehrere Minuten lang; der junge John unterbrach die Pause nur einmal mit den Worten: »Er sprach und handelte wirklich sehr gütig.«

Später war es wieder der junge John, der die Pause mit der Frage unterbrach:

»Wenn es nicht zudringlich erscheinen sollte, wie lange beabsichtigen Sie ohne Essen und Trinken zu bleiben?«

»Ich habe bis jetzt noch in keiner Richtung ein Bedürfnis gefühlt«, versetzte Clennam. »Ich habe keinen Appetit.«

»Um so mehr Grund, Sir, daß Sie etwas zu sich nehmen sollten«, drängte der junge John. »Wenn Sie so Stunde um Stunde dasitzen und keine Erfrischung zu sich nehmen, weil Sie keinen Appetit haben, nun so sollen Sie eben eine Erfrischung zu sich nehmen ohne Appetit. Ich werde auf meinem Zimmer Tee trinken. Wenn es nicht zudringlich klingt, bitte, so kommen Sie mit mir und trinken Sie eine Tasse bei mir. Oder ich könnte das Teebrett auch in zwei Minuten herüberbringen.«

Da Arthur fühlte, daß der junge John sich diese Mühe machen würde, wenn er es ausschlüge, und da er zu gleicher Zeit zu zeigen den Wunsch hegte, daß er des ältern Mr. Chiverys Bitte und des jüngeren Chiverys Entschuldigung alle Beachtung schenke – so stand er auf und drückte seine Bereitwilligkeit aus, eine Tasse Tee in Mr. Johns Zimmer zu trinken. Der junge John schloß statt seiner die Tür, ließ ihm den Schlüssel mit großer Gewandtheit in die Tasche gleiten und führte ihn nach seiner Wohnung.

Diese befand sich im Giebel des Hauses, zunächst dem Torweg. Es war dasselbe Zimmer, nach dem Clennam an dem Tage geeilt war, an dem die reich gewordene Familie das Gefängnis für immer verließ, und wo er sie ohnmächtig vom Boden aufgehoben. Er ahnte, wohin sie gingen, sobald ihr Fuß die Treppe berührte. Das Zimmer hatte sich soweit geändert, daß es jetzt tapeziert und neu gemalt, auch weit komfortabler eingerichtet war; aber er konnte es sich genau erinnern, wie er es mit einem flüchtigen Blick gesehen, als er sie vom Boden aufhob und in den Wagen hinabtrug.

Der junge John sah ihn unverwandt an und nagte dabei an seinen Fingern.

»Ich sehe, Sie erinnern sich des Zimmers, Mr. Clennam?«

»Ich erinnere mich dessen ganz genau, Gott segne sie!«

Den Tee ganz vergessend, fuhr der junge John fort, an den Fingern zu nagen und seinen Gast zu betrachten, solange sich dieser in dem Zimmer umsah. Endlich aber griff er doch nach der Teekanne, scharrte aus einer Büchse rasch eine Portion zusammen, die er hineinwarf, und ging nach der gemeinschaftlichen Küche, um die Kanne mit heißem Wasser zu füllen.

Das Zimmer sprach trotz der veränderten Umstände, unter denen er das elende Marschallgefängnis betrat, so beredt zu ihm; es sprach so traurig von ihr und von seinem Verlust der Kleinen, daß es ihm schwer gewesen wäre, sich dem rührenden Eindruck zu entziehen, selbst wenn er nicht allein gewesen wäre. Allein wollte er es nicht versuchen. Er legte seine Hand auf die gefühllose Wand, so zärtlich, als wenn sie es selbst gewesen, die er berührt, und sprach ihren Namen mit leiser Stimme aus. Er stand an dem Fenster und sah über die Gefängnismauer mit ihrer abscheulichen Spitzenkante hin und flüsterte einen Segen durch die Sonnennebel nach dem fernen Lande hin, wo sie reich und glücklich war.

Der junge John war einige Zeit abwesend, und man sah, als er zurückkam, daß er außerhalb der Gefängnismauern gewesen, da er frische Butter in einem Kohlblatt, einige dünne Schnitten gekochten Schinken in einem zweiten Kohlblatt und ein kleines Körbchen mit Wasserkresse und Salatkräutern brachte. Als dies zu seiner Zufriedenheit auf dem Tische arrangiert war, setzten sie sich zum Tee nieder.

Clennam suchte der Einladung Ehre anzutun, aber es wollte ihm nicht gelingen. Der Schinken machte ihn krank, und das Brot schien sich in seinem Munde in Sand zu verwandeln. Er vermochte nicht mehr über sich, als eine Tasse Tee zu trinken.

»Versuchen Sie doch ein wenig Grünes«, sagte der junge John, indem er ihm das Körbchen darbot.

Er nahm etwas Wasserkresse und versuchte es aufs neue; aber das Brot verwandelte sich in noch schwereren Sand denn zuvor, und der Schinken (obwohl er an und für sich ganz gut war) schien einen schwachen Samum von Schinken durch das ganze Marschallgefängnis zu blasen.

»Versuchen Sie noch etwas mehr Grünes, Sir«, sagte der junge John und bot ihm wieder das Körbchen.

Dies machte so sehr den Eindruck, als wenn man grüne Kräuter in den Käfig eines traurigen, einsamen Vogels schöbe, und John hatte so offenbar das kleine Körbchen als eine Handvoll Erfrischung, die bei den alten, heißen Pflaster- und Mauersteinen des Gefängnisses nötig war, gekauft, daß Clennam mit einem Lächeln sagte: »Es war sehr freundlich von Ihnen, daß Sie auf den Gedanken kamen, dies zwischen die Drahtstäbe zu senken; aber ich kann heute nicht mal dies hinunterbringen.«

Als wenn die Schwierigkeit ansteckend wäre, schob auch der junge John bald seinen Teller weg und begann das Kohlblatt, in dem der Schinken gewesen war, aufzurollen. Als er es mehrmals zusammengerollt, daß es ganz klein zwischen seinen Händen geworden, begann er es platt zu drücken und sah dabei Clennam aufmerksam an.

»Ich wundre mich«, sagte er endlich, indem er sein grünes Bällchen mit einiger Kraft zusammendrückte, »daß, wenn Sie es nicht um Ihrer selbst willen für der Mühe wert halten, Sorge für sich zu tragen, Sie es nicht um einer andern Person willen tun.«

»Wahrhaftig«, versetzte Arthur mit einem Seufzer und einem Lächeln, »ich wüßte nicht, um wessen willen.«

»Mr. Clennam«, sagte John warm, »ich bin erstaunt, daß ein Gentleman, der solcher Offenheit fähig ist wie Sie, der niedrigen Handlung fähig sein soll, mir eine solche Antwort zu geben. Mr. Clennam, ich bin erstaunt, daß ein Gentleman, der ein Herz hat, die Herzlosigkeit besitzen soll, das meine in solcher Weise zu behandeln. Ich bin darüber erstaunt, Sir. Wirklich und wahrhaftig, ich bin erstaunt.«

Da er aufgestanden war, um seinen Schlußworten den rechten Nachdruck zu verleihen, setzte sich der junge John, nachdem er gesprochen hatte, wieder, und begann sein grünes Bällchen auf seinem rechten Bein zu rollen, indem er dabei kein Auge von Clennam abwandte, sondern ihn mit dem Blicke vorwurfsvoller Entrüstung ansah.

»Ich war mit der Sache fertig geworden«, sagte John, »Ich hatte sie bekämpft, da ich fühlte, daß sie bekämpft werden müsse, und war zu dem Entschluß gekommen, nicht mehr daran zu denken. Ich würde gar nicht mehr daran gedacht haben, hoffe ich, wenn man Sie nicht in dies Gefängnis gebracht, und dies in einer unglücklichen Stunde für mich, heute. (In seiner Aufregung brauchte der junge John die wirkungsvolle Satzkonstruktion seiner Mutter.) Als Sie heute zuerst in das Pförtnerstübchen traten, mehr wie ein gefangener Giftbaum denn wie ein Privatverbrecher, strömten so viele Gefühle auf mich ein, daß im ersten Augenblick alles von ihnen weggeschwemmt wurde und ich mich wie in einem Wirbel drehte. Ich rettete mich aus demselben. Ich kämpfte und rettete mich aus demselben. Wenn es das letzte Wort wäre, das ich zu sprechen hätte, gegen diesen Wirbel kämpfte ich mit der äußersten Kraft an und kam heraus. Ich dachte, wenn ich unzart gewesen, sei eine Entschuldigung nötig, und eine solche Entschuldigung machte ich. Und nun, da ich so lebhaft den Wunsch habe, zu zeigen, daß ich ein beinahe heiliges Gefühl hege, das mir über alle andern geht, – jetzt machen Sie Winkelzüge, während ich die Sache so zart andeute, und werfen mich zurück. »Denn Sie werden nicht so falsch sein«, sagte der junge John, »zu leugnen, daß Sie Winkelzüge machen und mich auf mich zurückwerfen.« Arthur sah ihn höchlich erstaunt und verlegen an; er konnte nicht mehr hervorbringen als: »Was soll’s damit? Was meinen Sie, John?« Aber John, der in jener Gemütsverfassung war, in der einer gewissen Klasse von Menschen nichts unmöglicher scheinen würde, als eine Antwort zu geben, fuhr blindlings fort.

»Ich hatte nie«, erklärte John, »nein, ich hatte niemals die Kühnheit, zu denken, das weiß ich gewiß, die Sache könne anders denn verloren sein. Ich hatte nie, nein, warum sollte ich sagen, ich hatte nie, wenn ich sie jemals gehabt, ich hatte nie die Hoffnung, daß es möglich wäre, ich könnte so glücklich sein, nach den Worten, die zwischen uns gewechselt wurden, selbst nicht, wenn keine so unübersteiglichen Hindernisse sich mir entgegengetürmt hätten. Aber ist das ein Grund, weshalb ich nicht mehr daran denken sollte, weshalb ich mich nicht erinnern dürfte, weshalb es für mich keine geheiligten Orte oder dergleichen geben sollte?«

»Was können Sie nur mit alledem meinen?« rief Arthur.

»Man kann ganz gut darauf herumtreten, Sir«, fuhr John fort, indem er eine Prärie von wilden Worten zum besten gab, »wenn jemand es über sich vermag, dieser Handlung sich schuldig zu machen. Man kann die Sache mit Füßen treten, aber sie bleibt doch, was sie ist. Wohl möglich, daß man sie nicht mit Füßen treten könnte, wenn sie nicht existierte. Aber das macht es nicht fein, das macht es nicht ehrenhaft, das rechtfertigt es nicht, einen Menschen wieder in den Strudel zurückzuschleudern, nachdem er sich herausgearbeitet hat wie ein Schmetterling. Die Welt mag über einen Schließer spötteln, aber er ist ein Mann – wenn er nicht eine Frau ist, was er wohl unter weiblichen Verbrechern sein wird.«

So lächerlich auch das Unzusammenhängende seiner Rede war, so lag doch etwas so Treuherziges in dem einfachen, sentimentalen Charakter des jungen John, und ein Gefühl, an einem zarten Punkt tief verletzt worden zu sein, in seinem glühenden Gesicht und in der Erregtheit seines Tones und Wesens, daß Arthur hätte grausam sein müssen, wenn er es hätte nicht beachten wollen. Er richtete seine Gedanken auf den Ausgangspunkt dieser ihm unbewußten Beleidigung, während der junge John, nachdem er sein grünes Bällchen hübsch rund gerollt hatte, es in drei Stücke schnitt und sorgfältig auf einen Teller legte, als wenn es eine besondere Delikatesse wäre.

»Es dünkt mich nicht unwahrscheinlich«, sagte Arthur, als er das Gespräch bis auf die Wasserkresse zurückverfolgt und dann aufs neue begann, »daß Sie auf Miß Dorrit angespielt haben?«

»Allerdings, Sir«, versetzte John Chivery.

»Ich verstehe das nicht. Ich hoffe, ich bin nicht so unglücklich, Sie glauben zu machen, ich wolle Sie wieder beleidigen, denn ich hatte nicht die Absicht, Sie zu beleidigen, wenn ich sage, ich verstehe Sie nicht.«

»Sir«, sagte der junge John, »wollen Sie so perfid sein, zu leugnen, daß Sie wissen und lange schon gewußt haben, daß ich für Miß Dorrit, nennen Sie es nicht Anmaßung der Liebe, sondern Verehrung und Hingebung fühle?«

»Wahrhaftig, John, es ist keine Perfidie, wenn ich es weiß; warum Sie solche bei mir voraussetzen, frage ich mich vergeblich. Hörten Sie je von Mrs. Chivery, Ihrer Mutter, daß ich sie eines Tages besuchte?«

»Nein, Sir«, versetzte John kurz. »Habe nie davon gehört.«

»Aber ich war bei ihr. Können Sie sich denken, weshalb?«

»Nein, Sir«, antwortete John kurz. »Ich kann mir nicht denken, warum.«

»So will ich es Ihnen sagen. Ich wünschte, zu Miß Dorrits Glück etwas beizutragen; und wenn ich glaubte, Miß Dorrit erwidere Ihre Liebe –«

Der arme John Chivery wurde hochrot bis hinter die Ohren. »Miß Dorrit erwiderte sie nicht. Ich wünsche ehrenhaft und wahr zu sein, soweit mir dies in meiner bescheidenen Stellung möglich ist, und ich würde es verschmähen, auch nur einen Augenblick zu behaupten, daß sie es je getan oder mich je glauben ließ, sie tue es; nein, nicht einmal, daß es je bei ruhigem Verstand zu erwarten war, sie werde oder könne es tun. Sie stand zu allen Zeiten und in jeder Beziehung weit über mir. Gerade wie ihre vornehme Familie«, fügte John hinzu.

Sein ritterliches Gefühl gegenüber von allem, was zu ihr gehörte, machte ihn, trotz seiner kleinen Gestalt und seiner ziemlich schwachen Beine und seines sehr schwachen Haares und seines poetischen Temperaments, doch so bedeutend, daß selbst ein Goliath an seiner Stelle weniger Respekt bei Arthur gefunden hätte.

»Sie sprechen wie ein Mann, mein lieber John«, sagte er mit herzlicher Bewunderung.

»Nun, Sir«, versetzte John, mit der Hand über die Augen fahrend, »dann wünsche ich, Sie würden dasselbe tun.«

Er war rasch mit dieser unerwarteten Antwort zur Hand, und Arthur sah ihn wieder mit einem staunenden Ausdruck des Gesichtes an.

»War das zu stark«, sagte John, indem er seine Hand über das Teebrett hinüberbot, »so nehme ich es zurück. Aber warum nicht, warum nicht? Wenn ich Ihnen sage, Mr. Clennam, sorgen Sie um einer andern Person willen für sich, warum soll ich nicht offenherzig sein, obgleich ich ein Schließer bin? Warum gab ich Ihnen das Zimmer, von dem ich wußte, daß es Ihnen das liebste sein würde? Warum brachte ich Ihre Sachen herauf? Nicht, daß ich sie schwer gefunden habe; ich sage das nicht in dieser Beziehung; weit entfernt. Warum habe ich mich seit diesem Morgen in solcher Weise um Sie gemüht? Wegen Ihrer eigenen Verdienste etwa? Nein. Sie mögen sehr groß sein; ich zweifle nicht daran; aber nicht auf Grund dieser. Die Verdienste eines andern Wesens fielen in die Wagschale und hatten für mich größeres Gewicht. Warum nicht offen sprechen?«

»Ehrlich und offen, John«, sagte Clennam, »Sie sind ein so guter Mensch, und ich habe eine so aufrichtige Achtung vor Ihrem Charakter, daß, wenn ich weniger, als es wirklich der Fall, die freundlichen Dienste, die Sie mir heute leisteten, dem Umstand zuzuschreiben schien, daß mich Miß Dorrit mit ihrer Freundschaft beehrt, – so gestehe ich dies als einen großen Fehler ein, und ich bitte um Vergebung.«

»Ah, warum nicht«, wiederholte John mit erneutem Hohn, »warum nicht offen sprechen?«

»Ich erkläre Ihnen«, versetzte Arthur, »daß ich Sie nicht verstehe. Betrachten Sie mich. Erwägen Sie die Sorgen, die mich niederdrücken. Ist es wahrscheinlich, daß ich zu den andern Vorwürfen, die ich mir machen muß, den fügen sollte, undankbar und verräterisch gegen Sie zu sein? Ich verstehe Sie nicht.«

Johns ungläubiges Gesicht bekam nach und nach den Ausdruck des Zweifels. Er stand auf, trat an das Fenster des Dachstubenzimmers, bat Arthur näher zu kommen und sah gedankenvoll zu ihm hin.

»Mr. Clennam, wollen Sie damit sagen, daß Sie es nicht wissen?«

»Was, John?«

»Himmel«, sagte John, indem er mit tiefem Atemholen an die Eisenspitzen auf der Mauer appellierte. »Er sagt: ›Was?‹«

Clennam sah nach den Eisenspitzen hin und dann John an; und sah die Eisenspitzen und dann John noch einmal an.

»Er sagt: Was! Und was noch mehr«, rief der junge John und betrachtete ihn in kläglicher Verlegenheit, »er scheint es sogar wirklich zu meinen! Sehen Sie dieses Fenster, Sir?«

»Natürlich sehe ich dieses Fenster.«

»Sehen Sie dieses Zimmer?«

»Nun, natürlich sehe ich dieses Zimmer.«

»Die gegenüberstehende Mauer und den Hof dort unten? Sie waren alle Zeugen davon, Tag für Tag, Nacht für Nacht, Woche für Woche, Monat für Monat. Denn wie oft habe ich Miß Dorrit hier gesehen, während sie mich nicht gesehen hat!«

»Zeugen, von was?« sagte Clennam.

»Von Miß Dorrits Liebe.«

»Zu wem?«

»Zu Ihnen!« sagte John. Und berührte mit dem Rücken seiner Hand Clennams Brust und trat zu seinem Stuhl zurück und setzte sich mit blassem Gesicht hinein, indem er die Arme übereinanderschlug und ihn kopfschüttelnd ansah.

Wenn er Clennam einen derben Schlag versetzt hätte, statt ihn so leicht zu berühren, so hätte dieser nicht mehr erschüttert sein können. Er stand erstaunt da, die Augen auf John geheftet und den Mund offen, während seine Lippen die Worte: ›Zu mir‹ zu bilden schienen, ohne sie jedoch laut auszusprechen; seine Hände hingen an seiner Seite herab, und seine ganze Erscheinung war die eines Mannes, der aus dem Schlaf erwacht ist und die bestürzende Nachricht, die man ihm gebracht hat, nicht begreifen kann.

»Zu mir!« sagte er endlich laut.

»Ach!« stöhnte der junge John. »Zu Ihnen!«

Er strengte sich an, ein Lächeln zu erzwingen, und er versetzte: »Das ist Einbildung von Ihnen. Sie sind vollständig im Irrtum.«

»Ich im Irrtum!« sagte der junge John. » Ich vollständig im Irrtum über diese Sache! Nein, Mr. Clennam, sagen Sie mir das nicht! Bei jeder andern Sache wäre das möglich, denn ich maße mir nicht an, sehr scharfblickend zu sein, und bin mir meiner Schwächen sehr gut bewußt. Aber ich soll mich irren über einen Punkt, der mir die Brust mehr zerrissen hat als ein Hagel von Pfeilen, die eine wilde Horde auf mich abschösse! Ich soll mich irren über einen Punkt, der mich beinahe in das Grab gebracht, was ich manchmal gewünscht, wenn sich das Grab nur mit dem Tabaksgeschäft und den Gefühlen für Vater und Mutter hätte vertragen können! Ich mich irren über einen Punkt, der mich selbst im gegenwärtigen Augenblick veranlaßt, mein Taschentuch, wie die Leute sagen, wie ein großes Mädchen herauszuziehen; obgleich ich nicht weiß, warum ein großes Mädchen ein Ausdruck des Vorwurfs sein sollte, denn jedes unverfälschte männliche Gemüt liebt sie groß und klein. Sagen Sie mir das nicht, sagen Sie mir das nicht!«

Im Grunde immer noch sehr ehrenwert, obgleich auf der Oberfläche lächerlich genug, zog der junge John sein Taschentuch heraus, und dies so ganz ohne Schaustellung oder Heimlichkeit, wie man es nur bei einem Mann, der ein tüchtiges Stück guten Charakters besitzt, finden wird, wenn er sein Taschentuch herauszieht, um sich die Augen damit abzuwischen. Nachdem er sie getrocknet und sich den harmlosen Genuß verschafft hatte zu schluchzen, steckte er es wieder ein.

Die Berührung wirkte noch immer so schlagartig nach, daß Arthur nicht viele Worte finden konnte, um die Sache zum Abschluß zu bringen. Er versicherte John Chivery, nachdem er sein Taschentuch wieder eingesteckt, daß er jener Uneigennützigkeit und der Treue, mit der er an Miß Dorrit festhalte, alle Anerkennung zollen müsse. Was die soeben von ihm kundgegebene Idee betreffe – hier unterbrach ihn John und sagte: »Keine Idee! Gewißheit!« –, so würden sie vielleicht ein andermal darüber sprechen, für den Augenblick aber wolle er nichts weiter sagen. Da er sich niedergedrückt und müde fühle, wolle er mit Johns Erlaubnis in sein Zimmer zurückkehren und es für diesen Abend nicht mehr verlassen. John gab seine Zustimmung, und er schlich in dem Schatten der Mauer nach seiner Wohnung zurück.

Das Gefühl des Schlags war noch so lebhaft, daß er, als das schmutzige alte Weib fort war, das er auf der Treppe vor seiner Tür sitzend fand, und das auf ihn wartete, um sein Bett zu machen, und ihm, während sie dies tat, zu verstehen gab, daß sie ihre Instruktionen von Mr. Chivery, ›nicht dem alten, sondern dem jungen‹, erhalten habe, – in den verschossenen Armstuhl sank und den Kopf mit beiden Händen zusammenpreßte, als wenn er betäubt wäre. Klein-Dorrit ihn lieben! Das machte ihn weit verwirrter als sein Unglück, weit verwirrter.

Man denke nur die Unwahrscheinlichkeit. Er war gewöhnt gewesen, sie sein Kind zu heißen, und sein liebes Kind, und ihr Vertrauen dadurch zu wecken, daß er auf den Unterschied in ihrem Alter Nachdruck legte und von sich wie von einem sprach, der alt würde. Aber sie hatte ihn vielleicht nicht für alt gehalten. Etwas erinnerte ihn sogar, daß er sich selbst nicht für alt gehalten habe, bis die Rosen auf dem Strom dahingeschwommen.

Er hatte ihre beiden Briefe unter andern Papieren in seinem Pult, und er holte sie hervor und las sie. Es schien ein Ton aus ihnen hervorzuklingen wie der Ton ihrer süßen Stimme. Es schlug an sein Ohr mit manchen zarten Tönen, die mit der neuen Bedeutung nicht unvereinbar waren. Jetzt fiel ihm die scheinbar ruhige und doch so verzweiflungsvolle Antwort: ›Nein, nein, nein‹ an jenem Abend in demselben Zimmer ein – an jenem Abend, wo er das Morgenrot ihres veränderten Schicksals gesehen und wo sie noch andere Worte gewechselt hatten, an die er sich nun in seiner Erniedrigung und Gefangenschaft erinnern sollte.

Man bedenke die Unwahrscheinlichkeit.

Aber diese nahm bei näherer Erwägung sichtlich ab. Eine andre und seltsame Frage seines Herzens drängte sich gleichzeitig immer mehr vor. Lag nicht in seinem Widerwillen gegen den Gedanken, daß sie einen andern liebe; in seinem Wunsche, diese Frage zu beseitigen; in seinem halbfertigen Bewußtsein, daß es edel sei, ihre Liebe zu einem andern zu unterstützen, – lag darin nicht ein unterdrücktes Etwas auf seiner Seite, das er beschwichtigt hatte, wie es in ihm lebendig zu werden anfing? Hatte er sich jemals zugeflüstert, daß er niemals denken dürfe, sie könne ihn lieben, daß er keinen Vorteil aus ihrer Dankbarkeit ziehen dürfe, daß er seine Erfahrung als Warnung und Mahnung vor Augen behalten müsse; daß er solche jugendliche Hoffnungen als geschiedene zu betrachten habe, wie seines toten Freundes Tochter geschieden sei; daß er nicht aufhören dürfe, sich zu sagen, die Zeit für ihn sei vorüber, und er sei zu ernst und zu alt?

Er hatte sie geküßt, als er sie vom Fußboden aufgehoben, an jenem Tage, als man sie so genau wie sonst und so bedeutungsvoll vergessen hatte. Ganz, wie er sie geküßt hätte, wenn sie bei Bewußtsein gewesen wäre? Kein Unterschied?

Das Dunkel fand ihn noch mit diesen Gedanken beschäftigt. Das Dunkel fand auch Mr. und Mrs. Plornish pochend an seiner Tür. Sie brachten ein Körbchen, gefüllt mit einer Auswahl jener Waren, die so raschen Absatz fanden und so langsam bezahlt wurden. Mrs. Plornish war zu Tränen gerührt. Mr. Plornish brummte liebenswürdig in seiner philosophischen, aber nicht sonderlich klaren Weise, daß es im Leben bald auf-, bald abwärts gehe. Es wäre vergeblich, zu fragen, warum bald auf-, bald abwärts, so sei es eben einmal. Er habe es als ganz sicher erzählen hören, daß, wie die Welt sich drehe, was gewiß und erwiesen sei, so müsse sich auch der vornehmste Mann gefallen lassen, mit dem Kopf nach unten zu stehen und sein Haar in der verkehrten Richtung im Raum, wenn man’s so nennen dürfe, fliegen zu lassen. Gut denn. Was Mr. Plornish sagte, war: Gut denn also. Des einen Herrn Kopf würde in die Höhe kommen, wenn die Reihe an ihm wäre. Des andern Herrn Haar würde einen reizenden Anblick darbieten, so glatt würde es werden, und damit gut!

Wir haben bereits erwähnt, daß Mrs. Plornish, die keinen philosophischen Geist besaß, weinte. Es geschah ferner, daß Mrs. Plornish, die keinen philosophischen Geist besaß, verständlich war. Es war eine Folge ihrer milderen Stimmung oder des weiblichen Scharfblicks oder der raschen Kombinationsgabe oder des Mangels an Logik, der den Frauen eigen, – aber es geschah auch, daß Mrs. Plornishs Verständlichkeit sich gerade an dem Gegenstände betätigte, mit dem Arthurs Gedanken beschäftigt waren.

»Was Vater von Ihnen sagte, Mr. Clennam, werden Sie kaum glauben«, sagte Mrs. Plornish. »Es hat ihn ganz unglücklich gemacht. Und seine Stimme hat dieses Unglück ganz weggenommen. Sie wissen, wie schön Vater singt, aber er konnte auch nicht einen Ton beim Tee für die Kinder herausbringen, wenn Sie mir glauben wollen, was ich Ihnen sage.«

Während sie so sprach, schüttelte Mrs. Plornish ihren Kopf, wischte ihre Augen und sah sich mit Gedanken an die Vergangenheit im Zimmer um.

»Und was Mr. Baptist tun wird, wenn er es erfährt, kann ich mir gar nicht denken oder träumen«, fuhr Mrs. Plornish fort. »Sie können sicher sein, er wäre schon hier gewesen, wenn er nicht in Ihren eigenen vertraulichen Aufträgen fort wäre. Die Ausdauer, mit der er diesen Aufträgen nachgeht und sich keine Ruhe gönnt, – ist wahrhaftig«, sagte Mrs. Plornish und schloß in ihrer italienischen Weise, »wie ich zu ihm sage: erstaunlich, Padrona.«

Obgleich nicht eingebildet, fühlte Mrs. Plornish doch, daß sie diese toskanische Sentenz mit besonderer Eleganz angebracht. Mr. Plornish konnte seine Freude über ihre vollendete sprachliche Bildung nicht verbergen.

»Aber was ich sagen wollte, Mr. Clennam«, fuhr die gute Frau fort, »ist, daß wir immer noch für etwas dankbar sein müssen, wie Sie gewiß selber zugeben werden. Da wir in diesem Zimmer sprechen, so ist es nicht schwer, zu finden, was dieses Etwas ist. Man muß wahrhaftig sehr dankbar sein, daß Miß Dorrit nicht hier ist und es weiß.«

Arthur glaubte, sie sehe ihn mit besonderem Ausdruck an.

»Es ist etwas«, wiederholte Mr«. Plornish, »wofür man wirklich dankbar sein muß, daß Miß Dorrit weit weg von hier ist. Es steht zu hoffen, daß sie nichts davon hört. Wenn sie hier gewesen und es gesehen hätte, Sir, so läßt sich nicht zweifeln, daß Ihr Anblick«, Mrs. Plornish wiederholte diese Worte, – »nicht zu zweifeln, daß Ihr Anblick, wie Sie im Unglück und Bedrängnis schmachten, beinahe zu viel für ihr liebreiches Herz gewesen wäre. Ich kann mir auf der Welt nichts denken, was Miß Dorrit so schmerzlich berührt haben müßte als dies!«

Ganz gewiß sah Mrs. Plornish ihn jetzt mit einer Art zitternder Herausforderung in ihrer freundlichen Rührung an.

»Ja«, sagte sie. »Und es zeigt, wie gut der Vater Achtung gibt, obgleich er schon so bei Jahren ist, daß er diesen Nachmittag zu mir sagte, was, wie die Glückshütte weiß, ich weder erfinde, noch vergrößere: ›Mary, wir müssen doch recht froh sein, daß Miß Dorrit nicht da ist und es mit ansehen muß.‹ Das waren Vaters eigene Worte. Vaters eigene Worte waren: ›Wir müssen sehr froh sein, Mary, daß Miß Dorrit nicht da ist, um es mit ansehen zu müssen‹. Darauf sage ich zum Vater, sage ich, ›Vater, du hast recht!‹ Das«, schloß Mrs. Plornish mit der Miene eines sehr gewissenhaften Zeugen vor Gericht, »das ist’s, was zwischen uns vorging. Und ich sage Ihnen nichts, als was zwischen mir und Vater vorging.«

Mr. Plornish, der von einem etwas lakonischeren Temperament war, ergriff diese Gelegenheit, um die Bemerkung einfließen zu lassen, daß sie jetzt Mr. Clennam sich selbst überlassen solle. »Denn du siehst«, sagte Mr. Plornish mit großem Ernst, »ich weiß, was es ist, Alte.« Diese wertvolle Bemerkung wiederholte er mehrmals, als ob sie ihm ein großes moralisches Geheimnis einzuschließen schiene. Zuletzt ging das würdige Paar Arm in Arm fort.

Klein-Dorrit, Klein-Dorrit, wieder ganze Stunden lang. Immer Klein-Dorrit!

Zum Glück, wenn es je so gewesen, war es vorbei, und es war besser so. Angenommen, daß sie ihn geliebt hätte und er es gewußt und seiner Liebe nachgegeben hätte, welchen Weg hätte er sie dann geführt, – den Weg, der sie an diesen Jammerort zurückgebracht hätte. Es mußte für ihn ein außerordentlich tröstlicher Gedanke sein, daß sie für immer von diesem Ort geschieden war; daß sie verheiratet war oder bald heiraten würde (unbestimmte Gerüchte von ihres Vaters Plänen in dieser Richtung waren in den Hof zum blutenden Herzen zur gleichen Zeit mit der Nachricht von ihrer Schwester Hochzeit gekommen), und daß das Tor des Marschallgefängnisses allen diesen wirren Möglichkeiten einer vergangenen Zeit sich für immer verschlossen hatte.

Liebe Klein-Dorrit!

Wenn er zurückblickte auf seine Leidensgeschichte, so erschien sie ihm wie ein verschwindendes Moment darin. Alles führte in der Perspektive auf ihre unschuldige Gestalt hin. Er war Tausende von Meilen nach diesem Ziele gereist; frühere unruhige Hoffnungen und Zweifel hatten sich davor gelöst, es war der Mittelpunkt der Interessen seines Lebens; es war der Schlußpunkt von allem, was gut und angenehm darin war; darüber hinaus war nichts als bloße Wüstenei und dunkler Himmel.

So ruhelos wie in der ersten Nacht, als er sich innerhalb dieser traurigen Mauern zu Bett gelegt hatte, brachte er diese Nacht mit solchen Gedanken zu. Unterdessen lag der junge John in friedlichem Schlummer, nachdem er folgende Grabschrift auf seinem Kissen zusammengestellt und angeordnet hatte:

Fremdling! Achte das Grab von John Chivery junior, gestorben in hohem Alter, das der Erwähnung nicht wert. Er begegnete seinem Nebenbuhler in Bedrängnis und fühlte Lust, sich mit ihm zu boxen. Aber um der Geliebten willen bekämpfte er diese bitteren Gefühle und zeigte sich hochherzig.

Achtundzwanzigstes Kapitel.


Achtundzwanzigstes Kapitel.

Eine Erscheinung im Marschallgefängnis.

Die Meinung der Gesellschaft außerhalb des Gefängnisses sprach sich mit der Zeit sehr hart über Clennam aus, und unter der Gesellschaft innerhalb der Mauern gewann er sich keine Freunde. Zu niedergedrückt, um sich unter den großen Haufen auf dem Hof zu mischen, der zusammenkam, um seine Sorgen zu vergessen; zu sehr zurückhaltend und zu unglücklich, um an den armseligen Freuden des Wirtshauses teilzunehmen, blieb er auf seinem eigenen Zimmer und ward mit Mißtrauen angesehen. Einige sagten, er sei stolz; andere meinten, er sei mürrisch und zurückhaltend; noch andere verachteten ihn, denn er sei ein armseliger Hans, der sich wegen seiner Schulden gräme. Die ganze Bevölkerung des Gefängnisses wich ihm scheu wegen dieser verschiedenen Beschuldigungen aus, namentlich wegen der letzteren, die eine Art Verrat am Hause in sich schloß, und er gewöhnte sich bald so sehr an seine Einsamkeit, daß er nur noch auf dem Hof auf und ab ging, wenn der Abendklub bei seinen Liedern und Toasten und Gefühlsüberschwenglichkeiten versammelt war und der Hof fast ausschließlich den Frauen und Kindern überlassen blieb.

Die Gefangenschaft begann Einfluß auf ihn zu gewinnen. Er wußte, daß er damit nur eitel seine Zeit verträumte. Nach dem, was er von dem Einfluß der Gefangenschaft in den vier engen Mauern dieses Zimmers, das er jetzt bewohnte, gesehen hatte, flößte ihm dies Gefühl Angst vor sich selbst ein. Vor dem beobachtenden Blicke anderer und seinem eigenen sich scheuend, begann er sich merklich zu ändern. Jedermann konnte sehen, daß der Schatten der Mauer dunkel auf ihn fiel.

Eines Tages – er mochte ungefähr zehn oder zwölf Wochen im Gefängnis gewesen sein –, als er zu lesen versucht und nicht imstande gewesen war, die dichterischen Gestalten des Buchs vom Marschallgefängnis zu trennen, hielt ein Schritt vor seiner Tür, und eine Hand pochte daran. Er stand auf und öffnete, und eine angenehme Stimme rief ihm entgegen: »Wie geht es Ihnen, Mr. Clennam? Ich hoffe, mein Besuch ist Ihnen nicht unangenehm.«

Es war der muntere junge Barnacle, Ferdinand Barnacle. Er sah sehr freundlich und einnehmend aus, vielleicht zu heiter und ungebunden im Gegensatz zu dem schmutzigen Gefängnis.

»Sie sind überrascht, mich zu sehen, Mr. Clennam«, sagte er, indem er den Stuhl nahm, den ihm Mr. Clennam bot.

»Ich muß gestehen, daß ich sehr überrascht bin.«

»Nicht unangenehm, hoffe ich.«

»Keineswegs.«

»Danke. Offen gestanden«, sagte der einnehmende junge Barnarle, »es hat mir ausnehmend leid getan, zu vernehmen, daß Sie sich in die Notwendigkeit versetzt sahen, sich zeitweilig hierher zurückzuziehen, und ich hoffe (natürlich spreche ich hier als Privatmann zum Privatmann), daß unser Amt nichts damit zu tun hat.«

»Ihr Amt?«

»Unser Circumlocution Office.«

»Ich kann keinen Teil meines Mißgeschicks auf dieses bedeutende Amt schieben.«

»Wahrhaftig«, sagte der lebhafte junge Barnacle, »ich bin herzlich froh, das zu erfahren. Es nimmt mir wirklich eine Last vom Herzen, Sie so sprechen zu hören. Ich würde es ausnehmend bedauert haben, erfahren zu müssen, daß unser Bureau irgend etwas mit Ihren Widerwärtigkeiten zu tun gehabt hätte.«

Clennam versicherte ihm abermals, daß er ihn von aller Verantwortlichkeit freispreche.

»Das ist recht«, sagte Ferdinand. »Ich bin sehr glücklich, das zu hören. Mir war innerlich nicht ganz wohl bei der Sache; ich befürchtete, wir möchten dazu beigetragen haben, Sie zu ruinieren, weil es außer Zweifel ist, daß wir das hier und da tun. Wir wollen es nicht; aber wenn Leute durchaus ruiniert sein wollen, nun – so können wir es nicht ändern.«

»Ohne Ihnen in dem, was Sie sagen, unbedingt beizustimmen«, versetzte Arthur düster, »bin ich Ihnen doch für Ihr Interesse an meinem Wohl und Wehe sehr verbunden.«

»Nein, aber wahrhaftig! Unser Bureau«, sagte der leutselige junge Barnacle, »ist das harmloseste Bureau, das man sich denken kann. Sie sagen vielleicht, unsere Sache sei Humbug. Ich will nicht das Gegenteil behaupten; aber alle diese Dinge sollen so sein und müssen so sein. Sehen Sie das nicht ein?«

»Nein«, sagte Clennam.

»Sie sehen die Sache nicht vom richtigen Gesichtspunkt an. Der Gesichtspunkt ist das wichtigste. Betrachten Sie unser Bureau von dem Gesichtspunkt, daß wir von Ihnen nur verlangen, uns ungeschoren zu lassen, und wir sind ein so ausgezeichnetes Departement, wie es nur eines geben kann.«

»Ist Ihr Bureau dazu da, um ungeschoren gelassen zu werden?« fragte Clennam.

»Sie treffen den richtigen Punkt«, versetzte Ferdinand. »Es besteht zu dem ausdrücklichen Zweck, daß man es ungeschoren lasse. Das ist’s, was es will. Allerdings muß eine gewisse Form zu andern Zwecken beobachtet werden, aber das ist nur eine Form. Nun, mein Gott, wir sind ja nichts als Form. Denken Sie nur, welche Masse von Formalitäten Sie haben durchmachen müssen. Und Sie sind dem Ziele doch nicht näher gekommen. Sehen Sie die Sache vom rechten Gesichtspunkt an, und Sie werden uns – in unsrer offiziellen Wirksamkeit haben. Es ist wie eine geschlossene Partie Kricket. Eine Partie Draußenstehender drängt sich immer herein, um nach dem Staatsdienst zu zielen, und wir schlagen die Bälle zurück.«

Clennam fragte, was aus den Ballwerfenden würde.

Der lustige junge Barnacle antwortete, daß sie der Sache müde, lahm und im Rücken gebrochen würden, abstürben, die Partie aufgäben und ein anderes Spiel begännen.

»Und dies veranlaßt mich abermals, mir zu gratulieren«, fuhr er fort, »daß unser Bureau keine Schuld an Ihrer momentanen Zurückgezogenheit trägt. Es hätte so leicht eine Hand darin haben können, weil sich nicht leugnen läßt, daß wir bisweilen mit unsrem Bureau sehr großes Unglück haben, namentlich bei Leuten, die uns nicht ungeschoren lassen. Mr. Clennam, ich spreche ganz offen mit Ihnen. Zwischen Ihnen und mir brauche ich nicht hinter dem Berg zu halten. Ich habe das schon getan, als ich zuerst bemerkte, daß Sie den Mißgriff machten, uns nicht ungeschoren lassen zu wollen; weil ich sah, daß Sie unerfahren und sanguinisch waren und – ich hoffe, Sie werden nichts gegen meinen Ausdruck einzuwenden haben – die Sache einfältig angriffen?«

»Durchaus nicht.«

»Etwas einfältig. Deshalb fühlte ich, wie schade es sei, und ich ging so weit von meinem gewöhnlichen Verfahren ab, daß ich Sie warnte (was freilich nicht amtlich gehandelt war, aber ich tue das nie, wenn ich nicht muß) und Ihnen andeutete, wenn ich Sie wäre, würde ich mich nicht weiter darum kümmern. Aber Sie quälten sich mit der Sache noch weiter herum und haben sich seitdem fortgequält. Nun aber, bitte ich Sie, lassen Sie die Sache gehen.«

»Es ist nicht wahrscheinlich, daß ich Gelegenheit habe, mich weiter darum zu mühen«, sagte Clennam.

»O doch! Sie werden diesen Ort wieder einmal verlassen. Niemand bleibt immer hier. Es gibt eine Menge Wege, von hier fortzukommen. Aber kommen Sie nicht wieder zu uns. Diese Bitte ist der zweite Grund meines Besuches. Bitte, kommen Sie nicht wieder zu uns. Auf meine Ehre«, sagte Ferdinand in sehr freundschaftlicher und vertraulicher Weise, »es wird mir sehr weh tun, wenn Sie sich nicht durch die Vergangenheit warnen lassen und sich fern von uns halten sollten.«

»Und die Erfindung?« sagte Clennam.

»Mein guter Freund«, versetzte Ferdinand, »wenn Sie mir erlauben wollen, Sie so zu nennen, niemand will etwas von dieser Erfindung wissen, und niemand gibt dritthalb Pence darauf.«

»Das heißt, niemand auf dem Bureau?«

»Weder in noch außerhalb des Bureaus. Jedermann ist bereit, die Erfindungen, die gemacht werden, zu verachten und zu verlachen. Sie glauben nicht, wie viele Menschen ungeschoren sein wollen. Sie haben keine Idee, wieviel dem Genius des Landes (achten Sie nicht auf den parlamentarischen Ton des Ausdrucks, und lassen Sie sich nicht dadurch langweilen) daran liegt, ungeschoren zu bleiben. Glauben Sie mir, Mr. Clennam«, sagte der muntere junge Barnacle in seiner freundlichsten Weise, »unser Bureau ist kein verderbenbringender Riese, auf den man mit eingelegter Lanze ansprengen muß, sondern bloß eine Windmühle, die Ihnen zeigt, während sie ungeheure Massen Spreu mahlt, woher der Wind des Landes weht.«

»Wenn ich das glauben könnte«, sagte Clennam, »so wäre es eine schlimme Aussicht für uns alle.«

»Oh, sagen Sie das nicht!« versetzte Ferdinand. »Es ist alles in Ordnung. Wir müssen Humbug haben, wir haben alle unsre Freude am Humbug, wir könnten ohne Humbug gar nicht vorwärts kommen. Ein wenig Humbug und ein gutes Geleise, und alles geht vortrefflich, wenn Sie die Sache ungeschoren lassen.«

Mit diesem hoffnungsvollen Geständnis seines Glaubens stand Ferdinand auf, als das Haupt der sich zu Ehrenstellen emporschwingenden Barnacles, die vom Weibe geboren waren, um unter einer Masse von Losungsworten, die sie äußerlich verleugneten und entkräfteten, Nachtreter zu finden. Nichts konnte angenehmer sein als seine offene und höfliche Haltung, oder mit einem vornehmeren Instinkt den Umständen seines Besuches angepaßt sein.

»Ist es erlaubt zu fragen«, sagte er, als Clennam ihm mit einem wirklichen Gefühl von Dankbarkeit für seine Offenheit und gute Laune die Hand gedrückt, »ob es wahr ist, daß unser verstorbener, beweinter Merdle die Ursache dieser vorübergehenden Fatalitäten ist?«

»Ich bin einer von den vielen, die er ruiniert hat. Ja.«

»Er muß ein außerordentlich schlauer Mensch gewesen sein«, sagte Ferdinand Barnacle.

Arthur, der nicht in der Stimmung war, das Andenken des Verstorbenen zu preisen, schwieg.

»Natürlich ein vollkommener Spitzbube«, sagte Ferdinand, »aber außerordentlich schlau; man muß ihn unwillkürlich bewundern. Er muß ein Meister im Humbug gewesen sein, kannte die Menschen so gut – kriegte sie so vollständig herum – wußte so viel mit ihnen anzufangen!«

Er war wirklich in seiner leichtfertigen Weise von aufrichtiger Bewunderung erfüllt.

»Ich hoffe«, sagte Arthur, »daß er und seine Betrogenen eine Warnung für die Leute sein werden, nicht so viel mit sich anfangen zu lassen.«

»Mein lieber Clennam«, versetzte Ferdinand lachend, »haben Sie wirklich eine so grüne Hoffnung? Der nächste beste Mann, der ebensoviel Klugheit und ebensoviel offenbaren Geschmack für den Humbug hat, wird ebenso sicher zu seinem Ziele kommen. Verzeihen Sie mir, aber ich glaube, Sie haben wirklich keine Vorstellung davon, wie die menschlichen Bienen dem Klappern jedes alten Blechkessels nachschwärmen. In dieser Tatsache liegt der ganze Schlüssel zum Geheimnis, sie zu beherrschen. Wenn man sie glauben machen kann, daß der Kessel von edlem Metall ist: darin liegt die ganze Macht von Menschen wie unser beweinter Verstorbener. Allerdings gibt es hier und da Ausnahmefälle«, sagte Ferdinand höflich, »wo sich Leute haben hintergehen lassen, weil ihnen die Sache auf viel besserer Grundlage zu beruhen schien; und ich brauche nicht weit zu gehen, um einen solchen Fall zu finden; aber diese stoßen die Regel nicht um. Leben Sie wohl! Ich hoffe, daß, wenn ich das Vergnügen habe, Sie das nächste Mal zu sehen, diese vorübergehende Wolke dem Sonnenschein gewichen sein wird. Begleiten Sie mich nicht über die Schwelle, Ich kenne den Weg ganz genau. Guten Tag!«

Mit diesen Worten ging der beste und gescheiteste der Barnacles die Treppe hinab, summte auf dem Weg durch das Schließerstübchen vor sich hin, bestieg sein Pferd im vordern Hof und ritt zu einer Konferenz mit seinem vornehmen Verwandten, der ein wenig des Einfahrens bedurfte, bis er mit Siegesbewußtsein gewissen ungläubigen Menschen aus dem Volke antworten konnte, die die vornehmen Herren über ihr staatsmännisches Prinzip beunruhigen wollten.

Er mußte Mr. Rugg unterwegs begegnet sein; denn eine oder zwei Minuten später leuchtete dieser rotköpfige Gentleman wie ein ältlicher Phöbus zur Tür herein.

»Wie befinden Sie sich heute, Sir?« sagte Mr. Rugg. »Kann ich heute irgendeine Kleinigkeit für Sie tun?«

»Nein, ich danke Ihnen.«

Mr. Ruggs Freude an gehäuften und verwirrten Geschäften war gleich der Freude der Hausfrau am Einsalzen und Einmachen oder gleich der Freude einer Waschfrau an einer großen Wäsche oder der Freude eines Kehrichtkärrners an einem überfüllten Kehrichtkasten oder jeder andern gewerbsmäßigen Freude an einem Geschäftsmischmasch.

»Ich sehe noch immer von Zeit zu Zeit nach, Sir«, sagte Mr. Rugg heiter, »ob sich noch welche verspätete Arreste an der Tür ansammeln. Sie sind ziemlich massenhaft vorhanden; so massenhaft, wie wir erwarten konnten.«

Er erwähnte dieses Umstandes, als ob er Grund zum Glückwünschen gäbe, rieb sich munter die Hände und wiegte dann den Kopf ein wenig hin und her.

»So massenhaft«, wiederholte Mr. Rugg, »wie wir vernünftigerweise erwarten konnten. Ein ganzer Regenschauer von solchen Verhaftsbefehlen. Ich störe Sie nicht oft, wenn ich hierherkomme, weil ich weiß, daß Sie Gesellschaft nicht lieben, und daß sie es im Schließerstübchen sagen würden, wenn Sie mich zu sprechen wünschten. Aber ich bin fast jeden Tag hier, Sir. Wäre dies eine unpassende Zeit, Sir«, fragte Mr. Rugg einschmeichelnd, »mir eine Bemerkung zu erlauben?«

»So passend wie jede andere Zeit.«

»Hm! Die öffentliche Meinung, Sir«, sagte Mr. Rugg, »hat sich sehr viel mit Ihnen beschäftigt.«

»Ich zweifle nicht daran.«

»Wäre es nicht ratsam, Sir«, sagte Mr. Rugg, noch einschmeichelnder, »jetzt ein für allemal der öffentlichen Meinung ein Zugeständnis zu machen? Wir tun es alle auf die eine oder andere Weise. Kurz, wir müssen es tun.«

»Ich kann mich damit nicht befreunden, Mr. Rugg, und sehe nicht voraus, daß ich es je können werde.«

»Sagen Sie das nicht, Sir, sagen Sie das nicht. Die Kosten, um sich in die Queens Bench versetzen zu lassen, sind kaum nennenswert, und wenn die allgemeine Meinung sich stark dafür ausspricht, daß Sie dort sein sollten, nun – wahrhaftig – –«

»Ich dachte, Sie hätten sich bei dem Gedanken beruhigt, Mr. Rugg«, sagte Arthur, »daß mein Entschluß, hierzubleiben, eine Geschmackssache sei.«

»Ja, Sir, ja. Aber ist es ein guter Geschmack, ist es ein guter Geschmack? Das ist die Frage.« Mr. Rugg war so besänftigend in seiner Überredung, daß er ganz pathetisch wurde. »Ich hätte beinahe gesagt, heißt das richtig fühlen? Ihre Sache ist eine bedeutende Sache, und daß Sie hierbleiben, wo man wegen ein oder zwei Pfund festgehalten werden kann, ist als etwas Seltsames besprochen worden. Es geht wirklich nicht. Ich kann Ihnen nicht sagen, an wie vielen Orten ich habe davon sprechen hören. Ich hörte vergangenen Abend in einem Salon, den ich die beste juridische Gesellschaft nennen würde, wenn ich nicht selbst dann und wann denselben besuchte, Bemerkungen darüber, die hören zu müssen mir leid tat. Sie haben mir Ihretwegen weh getan. Erst heute morgen wieder beim Frühstück. Meine Tochter (nur eine Frau, werden Sie sagen: aber doch ein feinfühlendes Wesen in Dingen dieser Art und selbst nicht ohne einige persönliche Erfahrung, sofern sie Klägerin in Sachen Rugg contra Bawkins war) hat ihr großes Erstaunen ausgedrückt; ihr großes Erstaunen. Würde unter solchen Umständen und in Anbetracht dessen, daß kein Mensch sich ganz über die öffentliche Meinung hinwegsetzen kann, eine kleine Konzession an diese Meinung nicht – nun, Sir«, sagte Rugg, »ich will das Geringste annehmen – nicht liebenswürdig sein?«

Arthurs Gedanken waren wieder einmal bei Klein-Dorrit, und die Frage blieb unbeantwortet.

»Was mich selbst betrifft, Sir«, sagte Mr. Rugg, in der Hoffnung, seine Beredsamkeit habe ihn in einen Zustand der Unentschiedenheit versetzt, »so ist es mein Grundsatz, keine Rücksicht auf mich zu nehmen, wenn die Neigungen eines Klienten in die Wagschale fallen. Da ich jedoch Ihren rücksichtsvollen Charakter und Ihren allgemeinen Wunsch, andere zu verbinden, kenne, so will ich wiederholen, daß ich es lieber sähe, wenn Sie in der Queens Bench säßen. Ihre Sache hat viel Lärm verursacht; sie verschafft dem Rechtsanwalt, der sie führt, Kredit; ich würde mich besser mit meinen Bekannten stehen, wenn Sie in die Queens Bench gingen. Lassen Sie sich jedoch dadurch nicht beeinflussen, Sir, ich führe nur die Tatsachen an.«

So abschweifender Natur war bereits die Aufmerksamkeit des Gefangenen durch die Einsamkeit und die Niedergeschlagenheit geworden, und so gewohnt war er, mit einer einzigen schweigsamen Gestalt innerhalb der finstern Mauern zu verkehren, daß Clennam sich aus einer Art Erstarrung aufraffen mußte, ehe er Mr. Rugg ansehen, den Faden des Gesprächs aufnehmen und sagen konnte: »Ich beharre unverändert auf meinem Entschluß. Bitte, lassen Sie die Sache ruhen; lassen Sie sie ruhen!«

Mr. Rugg gab, ohne zu verbergen, daß ihm dies ärgerlich und peinlich war, zur Antwort:

»Oh! Ganz gewiß, Sir! Ich bin von den Akten abgeschweift, das weiß ich wohl, indem ich Ihnen diesen Wink gab. Aber wahrhaftig, wenn ich in verschiedenen Gesellschaften und in sehr guten Gesellschaften die Bemerkung machen höre, wenn es auch für einen Fremden angehe, so sei es doch für den Charakter eines Engländers nicht würdig, im Marschallgefängnis zu bleiben, da die glorreichen Freiheiten seiner Insel ihm gestatten, sich nach der Queens Bench versetzen zu lassen, so glaube ich, ich dürfte von dem schmalen geschäftlichen Pfade, der mir vorgezeichnet ist, abweichen und es erwähnen. Persönlich habe ich keine Meinung über diese Sache«, sagte Mr. Rugg.

»Das ist gut«, versetzte Arthur.

»Oh! Nein, durchaus keine Meinung, Sir!« sagte Mr. Rugg, »sonst würde ich es nur ungern gesehen haben, daß vor einigen Minuten einer meiner Klienten von einem Gentleman aus vornehmer Familie, der zu Pferde kam, einen Besuch erhielt. Wenn ich eine Meinung hätte, so wünschte ich, daß ich ermächtigt wäre, einem andern Gentleman, einem Gentleman von militärischem Äußern, der jetzt im Schließerstübchen wartet, zu erkennen zu geben, daß mein Klient gar nicht beabsichtigte hierzubleiben und im Begriffe sei, eine vornehmere Wohnung zu beziehen. Aber mein Gang als juridische Maschine ist klar; ich habe nichts damit zu tun. Haben Sie Lust, den Gentleman zu sehen, Sir?«

»Wer, sagten Sie, wünsche mich zu sprechen?«

»Ich habe mir diese unjuristische Freiheit genommen, Sir. Da er hörte, daß ich Ihr juridischer Beistand sei, wollte er nicht früher eintreten, ehe ich meine sehr beschränkte juridische Funktion verrichtet hätte. Zum Glück«, sagte Mr. Rugg mit einem Sarkasmus, »habe ich mich nicht so weit aus den Akten verirrt, daß ich den Herrn nach seinem Namen gefragt hätte.«

»Ich vermute, ich kann nichts anders tun, als ihn empfangen«, seufzte Clennam müde.

»So haben Sie also Lust, Sir?« versetzte Rugg. »Wollen Sie mich mit dem Auftrag beehren, dies dem Herrn zu sagen, wenn ich hinausgehe? Soll ich? Ich danke Ihnen, Sir. Ich verabschiede mich«, und er empfahl sich wirklich, etwas übel gestimmt.

Der Herr von militärischem Aussehen hatte Clennams Neugierde bei seinem gegenwärtigen Gemütszustände in so geringem Grade rege gemacht, daß er die Erwähnung eines solchen Besuches halb vergessen und die schwache Erinnerung daran sich wie ein Teil des düstern Schleiers, der jetzt sein Gemüt beinahe immer verdunkelte, auf dasselbe gelegt hatte, als ein schwerer Tritt auf der Treppe ihn weckte. Er schien heraufzukommen, nicht sehr rasch und freiwillig, aber mit einem absichtlichen Lärm, der etwas Beleidigendes haben sollte. Als die Schritte einen Augenblick auf dem Ruheplatz vor der Tür anhielten, konnte er sich nicht auf die Ideenverbindung besinnen, die der eigentümliche Schall in ihm hervorgerufen hatte, obgleich er glaubte, dies sei der Fall gewesen. Nur ein Augenblick war ihm zum Besinnen vergönnt. Gleich darauf flog die Tür durch einen Stoß auf, und auf der Schwelle stand der vermißte Blandois, die Ursache so vieler Sorgen.

»Salve, Kamerade Gefängnisvogel!« sagte er, »Sie brauchen mich, wie es mir scheint. Hier bin ich.«

Ehe Arthur ihm seine entrüstete Verwunderung aussprechen konnte, folgte ihm Cavaletto in das Zimmer. Mr. Pancks folgte Cavaletto. Keiner von beiden war hier gewesen, seitdem sein gegenwärtiger Bewohner das Zimmer in Besitz genommen. Mr. Pancks bewegte sich langsam und schwer keuchend nach dem Fenster, stellte seinen Hut auf den Boden, strich sich das Haar mit beiden Händen in die Höhe und verschränkte die Arme wie ein Mann, der von einer schweren Tagesarbeit ausruht. Mr. Baptist, der kein Auge von dem gefürchteten ehemaligen Stubenburschen verwandte, ließ sich langsam mit dem Rücken gegen die Tür auf den Boden nieder und nahm einen seiner Fußknöchel in jede Hand; auf diese Weise nahm er dieselbe Stellung wieder ein (nur, daß sie jetzt unverwandte Wachsamkeit ausdrückte), die er vor demselben Mann in dem tieferen Schatten eines anderen Gefängnisses an einem heißen Morgen in Marseille eingenommen hatte.

»Ich habe diese beiden Wahnsinnigen zu Zeugen«, sagte Monsieur Blandois, sonst auch Lagnier oder Rigaud genannt, »daß Sie mich zu sehen wünschen, Brüderchen. Hier bin ich.«

Indem er einen verächtlichen Blick auf die Bettstelle warf, die während des Tages zugeschlagen war, lehnte er sich mit dem Rücken daran, ohne seinen Hut vom Kopfe zu nehmen, und stand trotzig herausfordernd, mit den Händen in den Taschen, da.

»Sie unheilbringender Bösewicht!« sagte Arthur. »Sie haben absichtlich einen schlimmen Verdacht auf das Haus meiner Mutter geworfen. Warum haben Sie das getan? Was veranlaßte Sie zu dieser teuflischen Erfindung?«

Nachdem Monsieur Rigaud ihn einen Augenblick zürnend angesehen, lachte er. »Da hört diesen edlen Herrn! Alle Welt höre dieses Tugendmuster. Aber nehmen Sie sich in acht. Nehmen Sie sich in acht! Es könnte leicht geschehen, daß Ihr Eifer ein wenig kompromittierend würde. Sacre bleu! Es wäre leicht möglich.«

»Signore!« unterbrach ihn Cavaletto, sich gleichfalls an Arthur wendend, »um anzufangen, hören Sie mich an! Sie gaben mir Instruktionen, ihn ausfindig zu machen, diesen Rigaud; nicht wahr?«

»Allerdings.«

»Ich ging deshalb zuerst zu meinen Landsleuten. Ich frage sie, was Neues in London von Fremden angekommen sei. Dann gehe ich zu den Franzosen. Dann zu den Deutschen. Sie sagen mir alles. Der größte Teil von uns kennt die andern gut, und sie sagen mir alles. Aber niemand kann mir etwas von ihm sagen, von diesem Rigaud. Fünfzehnmal«, sagte Cavaletto, indem er dreimal seine linke Hand mit ausgebreiteten Fingern vorwarf und dies so rasch tat, daß der Gesichtssinn dieser Aktion kaum folgen konnte, »fünfzehnmal habe ich an jedem Orte, wo man Fremde findet, nach ihm gefragt! und fünfzehnmal« – dabei wiederholte er dieselbe rasche Gebärde, – »wußten sie nichts. Aber! –«

Bei dem bezeichnenden italienischen Ausruhen auf dem Worte »Aber« kam sein Schütteln des verkehrten rechten Zeigefingers in das Spiel; nur sehr wenig und sehr vorsichtig.

»Aber! – Nach langer Zeit, während der ich nicht imstande gewesen war, ihn hier in London aufzufinden, erzählte mir jemand von einem Militär mit weißem Haar – hm? – nicht Haar wie das, das er trägt – einem Militär mit weißem Haar –, der an einem gewissen Ort ganz zurückgezogen lebe. Aber«, fuhr er fort, indem er abermals darauf ausruhte, »er gehe zuweilen nach dem Essen spazieren und rauche dabei. Man muß Geduld haben, wie sie in Italien sagen (und wissen, die armen Leute). Ich habe Geduld. Ich frage, wo jener Ort sei. Der eine meint da, der andere dort. Nun schön! Er ist jedoch weder da noch dort. Ich warte mit der größten Geduld. Zuletzt mache ich ihn doch ausfindig. Da stell‘ ich mich denn auf den Posten; ich verstecke mich, bis er spazierengeht und raucht. Es ist ein Militär mit grauem Haar, aber –«, er ruhte sehr entschieden auf dem Worte aus und bewegte den verkehrten Zeigefinger kräftig hin und her, »es ist dieser Mann, den Sie da sehen.«

Es war auffallend, daß er in seiner alten Gewohnheit, sich unterwürfig gegen einen Menschen zu benehmen, der sich die Mühe genommen, sich eine Überlegenheit über ihn anzumaßen, selbst jetzt noch verlegen vor Rigaud sich verbeugte, nachdem er so auf ihn hingewiesen.

»Nun denn, Signore!« schloß er, indem er sich wieder an Arthur wandte, »ich wartete auf eine gute Gelegenheit. Ich schrieb einige Worte an Signor Panco« – Mr. Pancks bekam durch diese Benennung ein ganz neues Aussehen – »er solle kommen und mir helfen. Ich zeigte Signor Panco diesen Rigaud an seinem Fenster, und Signor Panco stand oft den Tag über Wache. Ich schlief bei Nacht in der Nähe der Haustür. Endlich kamen wir hinein; erst heute, und nun sehen Sie ihn hier. Da er nicht in Gegenwart des berühmten Anwaltes« – dies war der Ehrentitel, den Mr. Baptist Mr. Rugg gab – »heraufkommen wollte, so warteten wir drunten zusammen, und Signor Panco bewachte die Straße.«

Am Schlusse dieser Erzählung richtete Arthur seinen Blick auf das freche und verworfene Gesicht. Und als der Blick des andern dem seinen begegnete, senkte sich die Nase über den Schnurrbart, und der Schnurrbart bäumte sich unter der Nase. Als Nase und Schnurrbart wieder an ihrem alten Platze waren, schnalzte Monsieur Rigaud ein halbes dutzendmal laut mit den Fingern und beugte sich dabei vor, um Arthur anzuschnalzen, als wenn es handgreifliche Wurfgeschosse wären, die er ihm ins Gesicht schleuderte.

»Nun, Philosoph!« sagte Rigaud, »was wollen Sie von mir?«

»Ich möchte von Ihnen wissen«, versetzte Arthur, ohne seinen Abscheu zu verbergen, »wie Sie es wagen können, einen Verdacht des Mordes auf meiner Mutter Haus zu lenken?«

»Wagen!« rief Rigaud. »Ho, ho! Da höre mal einer! Beim Himmel, mein kleiner Junge, Sie sind etwas unvorsichtig.«

»Ich will, daß dieser Verdacht behoben werde«, sagte Arthur. »Sie sollen dorthin gebracht werden, damit man Sie allgemein sieht. Ich wünsche außerdem zu wissen, was für ein Geschäft Sie dort hatten, als ich ein brennendes Verlangen fühlte, Sie die Treppe hinabzuwerfen. Werfen Sie mir keine solche finstern Blicke zu, Mann! Ich habe Sie genug kennengelernt, um zu wissen, daß Sie ein Renommist und eine Memme sind. Ich brauche mich nicht erst von den Einflüssen dieses traurigen Ortes zu erholen, um Ihnen eine so einfache Tatsache, die Sie ganz gut kennen, zu bestätigen.«

Weiß bis zu den Lippen, strich sich Rigaud den Schnurrbart und murmelte: »Beim Himmel, mein Junge, Sie kompromittieren ein wenig Mylady, Ihre verehrungswürdige Mutter.« Er schien einen Augenblick unschlüssig, was er tun sollte. Seine Unschlüssigkeit war jedoch bald vorüber. Er setzte sich mit drohender Prahlerei hin und sagte:

»Geben Sie mir eine Flasche Wein. Sie können hier welchen bekommen. Senden Sie einen von Ihren Verrückten fort, um mir eine Flasche Wein zu holen. Ich werde kein Wort reden ohne Wein. Wollen Sie? Ja oder nein?«

»Holen Sie, was er wünscht, Cavaletto«, sagte Arthur verachtungsvoll und nahm das Geld aus der Tasche.

»Schmugglerbestie«, fügte Rigaud hinzu, »bring Portwein! Ich trinke nichts als Portwein, Portwein.«

Da die Schmugglerbestie jedoch mit ihrem bezeichnenden Finger allen Anwesenden versicherte, daß sie sich aufs entschiedenste weigere, ihren Posten an der Tür zu verlassen, so bot Signor Panco seine Dienste an. Er kehrte bald mit der Flasche Wein zurück, die der Sitte des Ortes gemäß, an dem sie sich befanden, einer Sitte, die aus dem Mangel an Korkziehern unter den Kollegialen entstanden war (denn es fehlte an solchen, wie an noch vielem andern), bereits entkorkt war.

»Verrückter! Ein großes Glas!« sagte Rigaud.

Signor Panco stellte einen Becher vor ihm nicht ohne einen sichtbaren innern Kampf, ob er ihm denselben nicht an den Kopf werfen sollte.

»Haha!« prahlte Rigaud. »Einmal ein Kavalier und immer ein Kavalier. Ein Gentleman von Anfang bis zu Ende. Was zum Teufel! Ein Kavalier muß bedient werden, hoffe ich. Es liegt in meinem Charakter, bedient zu werden!«

Er füllte bei diesen Worten den Becher halb und trank ihn aus, nachdem er jene Worte gesprochen.

»Hah!« sagte er, mit den Lippen schmatzend, »kein sehr alter Gefangener, dieser Wein! Ich denke, nach Ihrem Aussehen, edler Herr, wird diese Haft Ihr Blut viel eher zähmen, als sie diesen Wein mildert. Sie werden mürbe, – verlieren schon an Fleisch und Blut. Ich trinke Ihnen zu!«

Er leerte wieder ein halbes Glas; und hielt es vorher und nachher in die Höhe, wie um seine kleine weiße Hand zu zeigen.

»Zu unsern Geschäften nun«, fuhr er dann fort. »Sprechen Sie. Sie haben sich in Worten freier gezeigt als mit dem Körper, Sir.«

»Ich habe mir die Freiheit genommen. Ihnen zu sagen, was Sie von sich selbst recht gut wissen. Sie wissen wie wir alle, daß Sie noch viel schlechter sind.«

»Setzen Sie immer hinzu, ein Gentleman, es hat nichts zu sagen. Außer in dieser Hinsicht sind wir alle gleich. Zum Beispiel: Sie könnten um Ihr Leben kein Gentleman sein; ich könnte um den gleichen Preis nichts anderes sein. Wie groß ist der Unterschied! Wir wollen fortfahren, Worte haben nie Einfluß auf die Lage der Karten oder den Fall der Würfel gehabt. Wissen Sie das? Wirklich? Ich spiele auch ein Spiel, und Worte sind ohne Einfluß darauf gewesen.«

Jetzt, da er Cavaletto gegenübergestellt war und wußte, daß man seine Geschichte kannte, ließ er die dünnste Verkleidung, die er getragen, fallen und trotzte, ein frecher Mensch, wie er einer war, mit offenem Visier.

»Nun, mein Sohn«, fuhr er mit einem Schnalzen seines Fingers fort. »Ich spiele trotz der Worte mein Spiel zu Ende; und – Tod meines Leibes und Tod meiner Seele! – ich will es gewinnen. Sie möchten wissen, warum ich diesen kleinen Streich spiele, den Sie unterbrochen. So wissen Sie denn, ich hatte und habe – verstehen Sie mich? habe – eine Ware an Mylady, Ihre verehrungswürdige Mutter, zu verkaufen. Ich schilderte meine kostbare Ware und bestimmte meinen Preis. Was diesen Handel betrifft, so war Ihre bewundernswürdige Mutter ein wenig zu ruhig, zu zähe, zu unbeweglich und statuenartig. Kurz, Ihre bewundernswürdige Mutter ärgerte mich. Um etwas Abwechslung in meine Lage zu bringen und mich zu amüsieren – ein Gentleman muß sich auf irgendeines andern Kosten amüsieren –, verfiel ich auf die glückliche Idee, zu verschwinden. Ein Gedanke, sehen Sie, den Ihre charaktervolle Mutter und mein lieber Flintwinch gar zu gern verwirklicht hätten. Ah! bah, bah, bah, sehen Sie nicht so von oben herab auf mich! Ich wiederhole es. Sie waren wirklich sehr froh gewesen, ausnehmend glücklich, wahrhaft bezaubert gewesen, wenn es in der Tat geschehen wäre. Wie stark soll ich mich noch ausdrücken?«

Er spritzte alles, was noch im Glase war, auf den Boden, so daß Cavaletto beinahe davon beschmutzt wurde. Dies schien aufs neue seine Aufmerksamkeit auf ihn zu lenken. Er setzte sein Glas nieder und sagte:

»Ich mag nicht einschenken. Was! Ich bin geboren, bedient zu werden. Kommt, Cavaletto, und füllt das Glas!«

Der kleine Mann sah Clennam an, dessen Augen mit Rigaud beschäftigt waren, und da er nichts Abmahnendes gewahrte, so stand er vom Boden auf und goß von der Flasche in das Glas. Die Art, wie sich seine alte Unterwürfigkeit beim Einschenken mit einem Gefühl für das Humoristische mischte; der Kampf dieser Empfindung mit einer gewissen kochenden Wut, die jeden Augenblick zum Ausbruch kommen konnte (wie der geborene Kavalier selbst zu fürchten schien; denn er hatte ein wachsames Auge auf ihn): und das bequeme Nachgeben gegenüber einer gutmütigen, sorglosen, vorherrschenden Neigung, sich wieder auf den Boden zu setzen, bildeten eine merkwürdige Zusammensetzung seines Charakters.

»Diese glückliche Idee, edler Herr«, fuhr Rigaud, nachdem er getrunken, fort, »war aus verschiedenen Gründen eine glückliche Idee. Es amüsierte mich, es ließ Ihrer teuren Mama und meinem lieben Flintwinch keine Ruhe, es machte ihnen Kummer und Sorgen (meine Bedingungen für eine Lektion der Höflichkeit gegen einen Gentleman), und es deutete allen liebenswürdigen Beteiligten an, daß Ihr ganz Ergebener ein zu fürchtender Mann ist. Beim Himmel, er ist ein Mann, der zu fürchten ist! Mehr noch; er hätte Mylady, Ihre Mutter, zur Vernunft bringen können, – hätte unter dem Druck des schwachen Verdachts, den Ihre Weisheit erkannt hat, sie endlich bewegen können, in den Zeitungen auf verdeckte Weise anzukündigen, daß die Schwierigkeiten eines gewissen Kontraktes durch das Erscheinen einer gewissen für die Sache sehr wichtigen Partei verschwinden würden. Vielleicht, vielleicht auch nicht. Aber das haben Sie abgeschnitten. Was haben Sie nun zu sagen? Was wollen Sie?«

Clennam hatte nie peinlicher gefühlt, daß er ein Gefangener war als jetzt, da er diesen Mann vor sich sah und ihn nicht nach seiner Mutter Haus begleiten konnte. All die unmerklichen Schwierigkeiten und Gefahren, die er je gefürchtet hatte, waren jetzt im Anzuge, wo er weder Hand noch Fuß rühren konnte.

»Vielleicht, mein Freund, Philosoph, Mann der Tugend, Tor, was Sie wollen, vielleicht«, sagte Rigaud und unterbrach sich im Trinken, um ihn mit seinem furchtbaren Lächeln über das Glas hin anzusehen, »vielleicht hätten Sie besser getan, mich in Ruhe zu lassen?«

»Nein!« sagte Clennam. »Wenigstens weiß man setzt, daß Sie am Leben und unverletzt sind. Wenigstens können Sie diesen beiden Zeugen jetzt nicht entgehen; und sie sind imstande, Sie vor jeder öffentlichen Behörde und vor Hunderten von Leuten zu zeigen.«

»Aber sie werden mich vor niemandem zeigen«, sagte Rigaud, indem er wieder mit einer siegesbewußten Drohung mit den Fingern schnalzte. »Zum Teufel mit Ihren Zeugen; zum Teufel mit Ihren Zeugen! Zum Teufel mit Ihnen selbst. Wie? Sollte ich deshalb wissen, was ich weiß? Habe ich dafür meine Ware zu verkaufen? Bah, armer Schuldner! Sie haben meinen kleinen Plan unterbrochen. Lassen wir das. Was nun? Was bleibt? Ihnen nichts; mir alles. Mich anzeigen? Ist’s das, was Sie wollen? Ich werde mich nur zu bald selbst anzeigen. Schmuggler! Gebt mir Feder, Tinte und Papier.«

Cavaletto stand wie zuvor auf und legte sie in seiner früheren Weise vor ihn. Nachdem Rigaud einen Augenblick boshaft nachgedacht und gelächelt, schrieb und las er folgendes:

»An Mrs. Clennam.

Um Antwort wird gebeten. Marschallgefängnis. Im Zimmer Ihres Sohnes.

Verehrte Frau!

Ich bin in Verzweiflung, heute von unserem Gefangenen hier (der die Güte gehabt, Spione nach mir auszusenden, da er aus politischen Gründen zurückgezogen lebt) zu erfahren, daß Sie wegen meiner Sicherheit besorgt sind.

Beruhigen Sie sich, verehrte Frau. Ich bin wohlauf, stark und beharrlich.

Mit der größten Ungeduld würde ich nach Ihrem Hause eilen, wenn ich nicht unter den obwaltenden Umständen die Möglichkeit voraussähe, daß Sie sich noch nicht definitiv über den kleinen Vorschlag entschieden haben sollten, den ich Ihnen zu machen die Ehre hatte. Ich setze eine Woche, von heute an gerechnet, als den Zeitpunkt fest, wo ich Sie zum letzten Male besuchen werde; dann mögen Sie den Vorschlag unbedingt annehmen oder denselben mit allen daraus hervorgehenden Folgen verwerfen.

Ich unterdrücke meinen heißen Wunsch, Sie zu umarmen und dieses interessante Geschäft zum Abschluß zu bringen, um Ihnen Gelegenheit zu geben, alle Einzelheiten zu unserer gegenseitigen Zufriedenheit zu ordnen.

Inzwischen ist es gewiß nicht zuviel, wenn ich Ihnen den Vorschlag mache (nachdem unser Gefangener mich in meiner Wirtschaft derangiert), daß Sie meine Ausgaben für Logis und Kost in einem Hotel bezahlen.

Empfangen Sie, verehrte Frau, die Versicherung meiner größten und ausgezeichnetsten Hochachtung

Rigaud Blandois.

Tausend Grüße an meinen lieben Flintwinch.

Ich küsse Madame Flintwinch die Hand.«

Als Rigaud diesen Brief zu Ende gelesen, faltete er ihn und warf ihn mit einem Schwunge Clennam vor die Füße. »Holla! Lassen Sie das jemanden an seine Adresse befördern und die Antwort zurückbringen.«

»Cavaletto«, sagte Arthur. »Wollen Sie den Brief dieses Menschen besorgen?«

Da jedoch Cavalettos ausdrucksvoller Finger wieder zu verstehen gab, daß es seine Aufgabe sei, an der Tür Rigaud zu bewachen, nachdem er ihn mit so viel Mühe ausfindig gemacht hatte, und daß es auf seinem Posten Pflicht für ihn sei, auf dem Boden mit dem Rücken an die Wand gelehnt zu sitzen, Rigaud anzusehen und seine eigenen Knöchel zu halten – so bot Signor Panco abermals freiwillig seine Dienste an. Als diese angenommen wurden, ließ Cavaletto die Tür gerade weit genug aufmachen, daß er sich durchquetschen konnte, und schloß sie dann gleich wieder hinter ihm.

»Berührt mich mit einem Finger, verletzt mich mit einem Wort, zieht meine Überlegenheit in Frage, während ich nach meinem Behagen meinen Wein trinke«, sagte Rigaud, »und ich folge meinem Brief und ich widerrufe meine Wochenfrist. Sie verlangten nach mir? Sie haben mich jetzt. Wie gefalle ich Ihnen?«

»Sie wissen«, versetzte Clennam mit einem bittern Gefühl seiner Hilflosigkeit, »daß, als ich Sie suchte, ich kein Gefangener war.«

»Zum Teufel mit Ihnen und Ihrem Gefängnis«, versetzte Rigaud langsam, indem er aus seiner Tasche eine Kapsel nahm, die die zum Anfertigen von Zigaretten nötigen Materialien enthielt, und mit seinen gewandten Händen einige für den augenblicklichen Gebrauch zurechtmachte, »ich kümmere mich um keinen von euch beiden. Schmuggler! Ein Licht!«

Cavaletto stand wieder auf und reichte ihm, was er brauchte. Es lag etwas Banges in dieser geräuschlosen Geschicklichkeit seiner kalten weißen Hände, deren Finger sich so geschmeidig durcheinander bewegten wie Schlangen. Clennam konnte sich eines innerlichen Schauers nicht erwehren; es war ihm, als ob er in ein Nest solcher Kreaturen sähe.

»Holla! Schwein!« rief Rigaud mit lauter, anspornender Stimme, als wenn Cavaletto ein italienisches Pferd oder Maultier wäre. »Wie! Das höllische, alte Gefängnis war wirklich prachtvoll gegen dieses. Es lag eine gewisse Würde in den Gittern und Steinen jenes Ortes. Es war ein Gefängnis für Männer, aber dies? Bah! Ein Hospital für Schwachsinnige!«

Er rauchte seine Zigarette aus, während das häßliche Lächeln auf seinem Gesicht so festgebannt war, daß er gerade aussah, als wenn er mit seinem gesenkten Schnabel von Nase und nicht mit seinem Mund rauchte. Eine phantastische Gestalt in einem Zauberbild. Als er eine zweite Zigarette an dem noch brennenden Ende der ersten angezündet, sagte er zu Clennam:

»Man muß sich die Zeit vertreiben, solange der Verrückte fort ist. Man muß schwatzen. Man kann nicht den ganzen Tag starke Weine trinken, sonst möchte ich wohl noch eine Flasche haben. Sie ist schön, Sir. Obgleich nicht ganz nach meinem Geschmack, so ist sie doch, bei Donner und Blitz! hübsch. Ich gratuliere Ihnen zu Ihrem Geschmack.«

»Ich weiß nicht und will nicht wissen, von wem Sie sprechen«, sagte Clennam.

»Della bella Gowana, Sir, wie sie in Italien sagen. Von der hübschen Gowan.«

»Deren Gemahl Sie – als Aufwärter begleiteten, glaube ich.«

»Sir! Aufwärter? Sie werden unverschämt. Als Freund.«

»Verkaufen Sie alle Ihre Freunde?«

Rigaud nahm die Zigarette aus dem Mund und sah ihn einen Augenblick voll Erstaunen an. Aber er steckte sie wieder zwischen die Lippen, als er kalt antwortete:

»Ich verkaufe Ihnen alles, was einen Preis hat. Wovon leben Ihre Advokaten, Ihre Politiker, Ihre Detektive, Ihre Bankiers? Wovon leben Sie? Wie kommen Sie hierher? Haben Sie nicht Ihren Freund verkauft? Heilige Jungfrau! Ich sollte doch meinen, ja!«

Clennam drehte ihm den Rücken und sah zum Fenster hinaus auf die Mauer.

»Wirklich, Sir«, sagte Rigaud, »die Gesellschaft verkauft sich selbst und verkauft mich, und ich verkaufe die Gesellschaft. Ich weiß, daß Sie auch mit einer andern Dame Bekanntschaft haben. Ebenfalls hübsch. Ein fester Charakter. Nun, wie heißt sie nur? Made.«

Er erhielt keine Antwort, konnte aber leicht merken, daß er das Ziel getroffen.

»Ja!« fuhr er fort, »jene hübsche Dame mit dem festen Charakter redete mich auf der Straße an, und ich bin nicht gefühllos. Ich antworte ihr. Die hübsche Dame mit dem festen Charakter erzeigt mir die Ehre, mir in großem Vertrauen zu sagen: ›Ich möchte etwas wissen und habe einen Kummer. Sie sind vielleicht ein Mensch von nicht mehr als gewöhnlicher Ehrbarkeit?‹ Ich erwidere: ›Ein Kavalier von Geburt und ein Kavalier bis zu meinem Tode; aber allerdings von nicht mehr als gewöhnlicher Ehrbarkeit. Ich verachte eine so schwächliche Phantasie.‹ Darauf war sie so freundlich, mir ein Kompliment zu machen. ›Der Unterschied zwischen Ihnen und den übrigen Menschen ist‹, antwortet sie, ›daß Sie es offen gestehen.‹ Denn sie kennt die Gesellschaft. Ich nehme ihre Gratulationen mit galanter Höflichkeit an. Höflichkeit und kleine Galanterien sind unzertrennlich von meinem Charakter. Sie macht mir dann einen Vorschlag, der darin besteht: sie habe uns oft zusammen gesehen, es scheine ihr, ich sei für den Augenblick die Hauskatze, ihre Neugier und ihr Kummer machten es ihr wünschenswert, zu erfahren, was Sie tun, zu wissen, wie Sie leben, ob die hübsche Gowana geliebt werde und so weiter. Sie ist nicht reich, erbietet sich jedoch zu der und der kleinen Entschädigung für die kleinen Mühen und Angelegenheiten solcher Dienste; und ich erkläre mich huldvoll – alles huldvoll zu tun, ist eine Eigenschaft meines Charakters – erkläre mich huldvoll bereit, die Entschädigung anzunehmen. O ja! So geht es in der Welt. Das ist die Mode.«

Obgleich Clennam ihm den Rücken zugewandt, während er sprach, und auch später noch bis zum Schluß der Verhandlung, heftete er doch seine funkelnden Augen, die zu nahe beieinander standen, so fest auf ihn und sah offenbar schon an der Haltung des Kopfes, während er mit seiner prahlerischen Rücksichtslosigkeit Punkt für Punkt erzählte, daß er nichts sagte, was Clennam nicht bereits wußte. »Oh! Die schöne Gowana!« sagte er, indem er eine dritte Zigarette mit einem Ton anzündete, wie wenn sein leichtester Atem sie wegblasen könnte. »Reizend, aber unvorsichtig. Denn es war nicht gut getan von der hübschen Gowan, Briefe von ehemaligen Liebhabern in dem Schlafzimmer zu verstellen, damit ihr Gatte sie nicht sehe. Nein, nein. Das war nicht gut. Oh! Die Gowana hat sich da getäuscht!«

»Ich hoffe in allem Ernst«, rief Arthur laut, »daß Pancks nicht lange fortbleibt, denn die Gegenwart dieses Mannes verpestet dies Zimmer.«

»Ja, aber er gedeiht hier und überall«, sagte Rigaud, indem er mit triumphierendem Blick die Finger schnalzen ließ. »Überall ist das geschehen, und immer wird es geschehen!« Darauf streckte er seinen Körper auf den einzigen drei Stühlen, die mit Ausnahme von dem, auf dem Clennam saß, im Zimmer waren, aus und sang, indem er sich auf die Brust schlug, als wäre er der Held des Liedes:

»Was kommt so spät bei Nacht vorbei?
Compagnon de la Majolaine;
Was kommt so spät bei Nacht vorbei?
Immer froh!«

»Sing‘ den Refrain, Schwein! Du konntest ihn ja sonst in einem andern Gefängnisse singen. Sing ihn. Oder, bei jedem Heiligen, der zu Tode gesteinigt wurde, ich werde mich als beleidigt betrachten und grob werden; dann würden einige Leute, die noch nicht tot sind, besser daran tun, sich mit ihnen steinigen zu lassen.«

»Die Blüte aller Ritterschaft,
Compagnon de la Majolaine;
Die Blüte aller Ritterschaft,
Immer froh!«

Teils aus alter unterwürfiger Gewohnheit, teils, weil, wenn er es nicht tat, dies vielleicht seinem Wohltäter schaden könnte, teils, weil er es ebensogut tun konnte wie etwas anderes, sang Cavaletto diesmal den Refrain. Rigaud lachte und rauchte mit geschlossenen Augen weiter.

Es mochte wohl noch eine Viertelstunde gedauert haben, ehe man Pancks‘ Tritte auf der Treppe hörte, aber die Zwischenzeit erschien Clennam unerträglich lang. Ein andrer Tritt begleitete ihn. Sobald Cavaletto die Tür öffnete, traten Mr. Pancks und Mr. Flintwinch ein. Der letztere war kaum sichtbar, so stürzte Rigaud auf ihn zu und umarmte ihn ungestüm.

»Wie befinden Sie sich, Sir?« sagte Mr. Flintwinch, sobald er sich wieder hatte losmachen können, was er mit sehr wenig Zeremonie zu bewerkstelligen suchte. »Ich danke Ihnen, nein; ich habe genug!« Das bezog sich auf eine neue Drohung zärtlicher Zuneigung von seiten seines wiedergefundenen Freundes. »Nun, Arthur, Sie erinnern sich, was ich Ihnen von schlafenden Hunden und von Vermißten sagte. Es ist wahr geworden, wie Sie sehen.« Er war allem Anschein nach so gefaßt wie immer und nickte moralisierend mit dem Kopfe, während er im Zimmer umhersah.

»Und das ist das Marschallgefängnis für Schuldner?« sagte Mr. Flintwinch. »Ha! Sie haben Ihre Ferkel auf einen sehr schlechten Markt gebracht, Arthur.«

Wenn Arthur Geduld hatte, so hatte Rigaud keine. Er nahm seinen kleinen Flintwinch mit ungestümem Scherz an den zwei Lappen seines Rockes und rief:

»Zum Teufel mit dem Markte, zum Teufel mit den Ferkeln, zum Teufel mit dem Ferkeltreiber. Nun! Geben Sie mir doch die Antwort auf meinen Brief.«

»Wenn es Ihnen beliebt, mich einen Augenblick loszulassen, Sir«, versetzte Mr. Flintwinch, »so will ich zuerst Mr. Arthur ein kleines Billett geben, das ich für ihn habe.«

Er tat dies. Es war auf einem Zettel, von der gelähmten Hand seiner Mutter geschrieben, und enthielt nur folgende Worte:

»Ich hoffe, es ist genug, daß du dich selbst ruiniert hast. Laß ab von Weiterem. Jeremiah ist mein Abgesandter und Stellvertreter. Deine dich liebende Mutter M.C.«

Clennam las es zweimal in der Stille und zerriß es dann in Stücke. Rigaud stieg unterdessen auf einen Stuhl und setzte sich auf die Rücklehne, indem er die Füße auf den Sitz stellte.

»Jetzt, schöner Flintwinch«, sagte er, nachdem er dem Zerreißen des Zettels aufmerksam zugesehen, »die Antwort auf meinen Brief?«

»Mrs. Clennam schrieb keine solche, Mr. Blandois, da ihre Hände zu gelähmt sind und sie es für ebensogut hielt, die Sache mündlich durch mich besorgen zu lassen.« Mr. Flintwinch schraubte dies schwer und rostig aus sich heraus. »Sie sendet Ihnen ihre Empfehlungen und sagte, sie wünsche im ganzen nicht unbillig gegen Sie zu sein und nehme an, ohne jedoch die Zusammenkunft von heute über acht Tagen zu präjudizieren.«

Nachdem Monsieur Rigaud ein Gelächter angeschlagen hatte, stieg er von seinem Throne und sagte: »Gut! Ich gehe, mir ein Hotel zu suchen!« Hier fielen seine Augen auf Cavaletto, der noch immer auf seinem Posten saß.

»Vorwärts, Ferkel«, fügte er hinzu, »du hast mich wider meinen Willen begleitet, nun sollst du’s auch wider deinen Willen tun. Ich sage euch, meine kleinen Reptilien, ich bin geboren, um bedient zu werden. Ich verlange den Dienst dieses Schmugglers bis heute über acht Tage.«

Als Antwort auf Cavalettos fragenden Blick gab ihm Clennam ein Zeichen zu gehen, aber er fügte laut hinzu: »Außer wenn Sie ihn fürchten.« Cavaletto antwortete mit sehr emphatischer Fingervereinung: »Nein, Herr, ich fürchte ihn nicht mehr, seitdem ich es nicht mehr geheimzuhalten brauche, daß er einst mein Kamerad gewesen ist.« Rigaud nahm keine Notiz von dieser Bemerkung, bis er seine letzte Zigarette angezündet und zum Aufbruch bereit war.

»Ihn fürchten«, sagte er und blickte sie dann der Reihe nach an. »Auf! meine Kinderchen, meine Püppchen, ihr fürchtet ihn alle! Ihr gebt ihm hier seine Flasche Wein: ihr gebt ihm Essen, Trinken, Wohnung; ihr wagt ihn nicht mit einem Finger anzurühren oder mit einem Wort zu kränken. Nein. Es liegt in seinem Charakter zu triumphieren! Auf!«

»Die Blüte aller Ritterschaft,
Ist immer froh!«

Mit dieser Anwendung des Refrains auf sich selbst verließ er das Zimmer, während ihm Cavaletto dicht auf der Ferse nachfolgte! er hatte diesen vielleicht für seinen Dienst verlangt, weil er recht gut wußte, daß es nicht leicht sein würde, ihn loszuwerden. Mr. Flintwinch, nachdem er sich am Kinn gerieben und mit deutlicher Geringschätzung des Schweinemarkts umgesehen, nickte Arthur zu und folgte. Mr. Pancks, immer noch bußfertig und niedergedrückt, folgte gleichfalls, nachdem er mit großer Aufmerksamkeit ein paar heimlichen Worten von Arthur das Ohr geliehen und ihm zugeflüstert hatte, daß er die Sache genau verfolgen und zu Ende führen wolle. Der Gefangene blieb mit dem Gefühl, daß er verachteter, verstoßener und hilfloser, kurz elender und gesunkener sei denn je, allein zurück.

Neunundzwanzigstes Kapitel.


Neunundzwanzigstes Kapitel.

Eine Bitte im Marschallgefängnis.

Bitterer Kummer und Reue sind schlechte Gesellen für einen Gefangenen. Den ganzen Tag vor sich hinbrüten und bei Nacht wenig ruhen kann einen Mann nicht gegen das Elend wappnen. Am nächsten Morgen fühlte Clennam, daß seine Gesundheit schwächer wurde, wie sein Mut bereits gesunken war, und daß die Last, unter der er seufzte, ihn erdrücken mußte.

Eine Nacht um die andere war er um zwölf oder ein Uhr von seinem Jammerlager aufgestanden und hatte sich an sein Fenster gesetzt, um die trübe brennenden Lampen im Hofe unten zu beobachten und auf den ersten bleichen Schimmer des Tags zu harren, stundenlang, ehe es möglich war, daß dieser am Himmel sich zeigte. Jetzt, da die Nacht kam, konnte er sich nicht mal überreden, sich auszukleiden.

Denn es stellte sich eine brennende Unruhe, eine qualvolle Ungeduld, wie das Gefängnis sie hervorbringt, und die Überzeugung ein, daß das Herz hier ihm brechen und er hier sterben müßte, was ihm unbeschreibliche Leiden verursachte. Sein Widerwille und Abscheu gegen diesen Ort wurde so groß, daß es ihm Mühe kostete, darin Atem zu holen. Das Gefühl zu ersticken bemächtigte sich seiner oft so gewaltig, daß er am Fenster stehenblieb und, den Hals haltend, nach Luft seufzte. Zu gleicher Zeit erweckte die Sehnsucht nach anderer Luft und das Verlangen, außerhalb dieser öden weißen Mauer sich bewegen zu können, ein Gefühl in ihm, als wenn ihn die Inbrunst dieses Wunsches wahnsinnig machen müßte.

Viele andere Gefangene hatten vor ihm ähnliche Gefühle gehabt, aber die Heftigkeit und Dauer derselben hatte sie abgestumpft, was auch bei ihm der Fall wurde. Dazu genügten zwei Nächte und ein Tag. Es kam wohl hier und da wieder, aber weit schwächer und auch in größeren Zwischenräumen. Eine traurige Ruhe folgte auf diesen Zustand, und schon um die Mitte der Woche war er in die Abgespanntheit eines langsam schleichenden Fiebers versunken.

Da Cavaletto und Pancks fort waren, hatte er keinen andern Besuch zu fürchten als Mr. und Mrs. Plornish. Sein Bemühen betreffs dieses würdigen Paares war, daß es ihm nicht zu nahe komme; denn in der krankhaften Stimmung seiner Nerven suchte er allein zu sein und von der Pein, daß man ihn in diesem gedrückten und schwachen Zustand sehe, verschont zu werden. Er schrieb einen Brief an Mrs. Plornish, worin er mitteilte, daß er von seinen Angelegenheiten in Anspruch genommen und durch die Notwendigkeit, sich ihnen ganz und gar zu widmen, sich gezwungen sehe, einige Zeit auf das Vergnügen verzichten zu müssen, sich durch den Anblick ihres freundlichen Gesichts zu zerstreuen. Wenn der junge John, der täglich zu einer gewissen Stunde, wo die Schließer abgelöst wurden, hereinsah, sich bei ihm erkundigte, ob er etwas für ihn besorgen könnte, tat er immer, als ob er mit Schreiben beschäftigt wäre, und antwortete mit einem freundlichen »Nein.« Der Gegenstand ihrer einzigen langen Unterredung war nie mehr mit einem Wort berührt worden. Durch alle diese Wandlungen des Unglücks hindurch hatte Clennam ihn nicht einen Augenblick aus dem Auge verloren.

Der sechste Tag der erwähnten Woche war ein feuchter, heißer, nebliger Tag. Es war, als nähme die Armut, die Schäbigkeit und der Schmutz in der schwülen Atmosphäre zu. Mit einem brennenden Kopf und müdem Herzen hatte Clennam die traurige Nacht durchwacht, indem er dem Tröpfeln des Regens auf das Hofpflaster gelauscht und an das sanftere Rieseln auf den Boden im Freien gedacht hatte. Ein trüber Kreis von gelbem Nebel war statt der Sonne am Himmel aufgestiegen, und er hatte den trüben Schein beobachtet, den er auf die Mauer warf und der wie ein Stück Gefängnislumpen aussah. Er hatte das Öffnen der Türen, das Hereinschlürfen der schlechten Schuhe, die draußen gewartet hatten, das Kehren und Pumpen und das Hin- und Hergehen gehört, womit der Gefängnismorgen gewöhnlich anfängt. Er fühlte sich so schwach und krank, daß er oftmals innehalten mußte,

Clennam im Schuldgefängnis.

während er sich wusch, und war endlich nach seinem Stuhl am offenen Fenster hingekrochen. Dort saß er schlummernd, während die alte Frau, die sein Zimmer aufräumte, ihre Morgengeschäfte besorgte.

Halb wirr durch den Mangel an Schlaf und Nahrung (sein Appetit und sogar sein Geschmack waren ganz verlorengegangen) war er sich zwei- oder dreimal im Verlauf der Nacht bewußt geworden, daß er an Sinnestäuschungen litt. Er hatte durch die warme Nachtluft Bruchstücke von Liedern und Melodien klingen hören, von denen er wußte, daß sie gar nicht existierten. Jetzt, da er in einem Zustand der Erschöpfung halb im Schlummer lag, vernahm er sie wieder. Stimmen schienen ihn anzureden, und er antwortete ihnen und fuhr auf.

Schlummernd und träumend, ohne die Kraft, die Zeit zu berechnen, so daß eine Minute eine Stunde und eine Stunde eine Minute hätte sein können, schlich sich dies Bild eines Gartens in seine Phantasie, eines Blumengartens, dessen Düfte ein feuchter bunter Wind auf sanften Schwingen trug. Es kostete ihn eine so schmerzliche Anstrengung, den Kopf aufzurichten, um sich darüber ins reine zu setzen oder überhaupt ins reine zu kommen, daß jene Vorstellung von dem Garten ihm eine alte und lustige erschien, als er sich umsah. Neben der Teetasse auf seinem Tische sah er einen blühenden Strauß; eine prächtige Handvoll der auserlesensten und lieblichsten Blumen.

Noch nie war etwas in seinen Augen so schön erschienen. Er nahm sie in die Hand, schlürfte ihren Duft ein, hielt sie an seine heiße Stirn, legte sie nieder und breitete seine trocknen Hände darüber, als wollte er die wohltuende Wärme eines Feuers genießen. Erst als er sich desselben einige Zeit erfreut hatte, fragte er sich, wer sie wohl geschickt, und öffnete seine Tür, um die Frau zu fragen, wie sie in ihre Hände gekommen. Aber sie war fort und schien schon lange gegangen zu sein; denn der Tee, den sie für ihn auf dem Tische gelassen, war kalt. Er wollte eine Tasse trinken, aber er konnte den Geruch desselben nicht ertragen; deshalb kroch er nach seinem Stuhl am offenen Fenster zurück und stellte die Blumen auf den kleinen runden Tisch aus alten Zeiten.

Als die erste Schwäche, die eine Folge seines Herumgehens gewesen, ihn verlassen hatte, verfiel er wieder in seinen früheren Zustand. Eine von den nächtlichen Melodien spielte in dem Wind, als die Tür seines Zimmers sich einem leichten Druck zu öffnen und nach einer kurzen Pause eine stille Gestalt in einem schwarzen Mantel auf der Schwelle zu stehen schien. Es war, als ob sie den Mantel fallen ließe, und dann schien es seine Klein-Dorrit in ihrem alten, abgeschabten Kleid zu sein. Sie schien zu zittern und ihre Hände zu falten und zu lächeln und in Tränen auszubrechen.

Er raffte sich auf und rief. Und dann sah er in dem liebevollen, mitleidigen, kummervollen, teuren Gesicht als wie in einem Spiegel, wie verändert er war. Sie kam auf ihn zu, und die Hände auf seine Brust legend, daß er sitzenbleibe, und vor ihm auf den Boden kniend und die Lippen zu ihm erhebend, um ihn zu küssen, und mit ihren Tränen ihn befeuchtend, wie der Regen vom Himmel die Blumen befeuchtet, rief ihn Klein-Dorrit, die leibhaftig vor ihm lag, bei seinem Namen.

»Oh, mein bester Freund! Lieber Mr. Clennam, lassen Sie mich keine Tränen sehen! Wenn Sie nicht gar aus Freude weinen, mich zu sehen. Ich hoffe, das ist der Fall! Ihr armes Kind ist wieder da!«

So treu, so zärtlich, so unverdorben vom Glück. Im Klang ihrer Stimme, im Licht ihrer Augen, in der Berührung ihrer Hände so engelhaft tröstend und wahr!

Als er sie küßte, sagte sie zu ihm: »Niemand hat mir gesagt, daß Sie krank seien«, und ihren Arm sanft um seinen Arm schlingend, zog sie seinen Kopf an ihre Brust, legte ihre Hand auf sein Haupt, ließ ihre Wange auf dieser Hand ruhen und liebkoste ihn so zärtlich und, Gott weiß, so unschuldig, wie sie ihren Vater in demselben Zimmer geliebkost hatte, als sie noch ein kleines Kind gewesen und alle die Pflege von andern bedurft hätte, die sie ihnen angedeihen ließ.

Als er sprechen konnte, sagte er: »Ist es möglich, daß Sie zu mir kommen? Und in diesem Kleid?«

»Ich hoffte, Sie würden mich in diesem Kleid lieber sehen als in jedem andern. Ich habe es immer zur Erinnerung aufbewahrt; obgleich ich die Erinnerung nicht brauche. Ich bin nicht allein, wie Sie sehen. Ich habe eine alte Freundin mit mir gebracht.«

Als er sich umsah, erblickte er Maggy in ihrer großen Haube, die sie schon lange nicht mehr getragen, mit einem Korb am Arm wie in früheren Tagen, und ganz vergnügt vor sich hin lachend.

»Erst gestern abend bin ich mit meinem Bruder in London angekommen. Ich schickte fast unmittelbar nach unserer Ankunft zu Mrs. Plornish, um von Ihnen zu hören und Sie meine Ankunft wissen zu lassen. Da hörte ich, daß Sie hier seien. Haben Sie vielleicht während der Nacht an mich gedacht? Ich glaube fast, daß Sie ein wenig an mich gedacht haben. Ich habe so besorgt an Sie gedacht, und es schien mir so lange, bis der Morgen anbrach.«

»Ich habe an Sie gedacht« – er stockte, da er nicht wußte, wie er sie nennen sollte. Sie merkte es augenblicklich.

»Sie haben mich noch nicht bei meinem rechten Namen genannt. Sie wissen, was stets mein rechter Name bei Ihnen war.«

»Ich habe jeden Tag, jede Stunde, jede Minute an Sie gedacht, Klein-Dorrit, seit ich hier bin.«

»Wirklich! Wirklich!«

Er sah die helle Freude auf ihrem Gesicht und die Röte, die darüber hinflammte, mit einem Gefühl der Scham. Er, ein gebrochner, bankerotter, kranker, entehrter Gefangener! »Ich war schon hier, ehe das Tor aufging, aber ich fürchtete mich, so geradezu zu Ihnen zu kommen. Ich hätte im ersten Augenblick mehr geschadet als genützt; denn das Gefängnis kam mir so vertraut und doch so fremd vor, und es rief so viele Erinnerungen an meinen armen Vater und auch an Sie in mir wach, daß ich anfangs ganz überwältigt davon war. Aber wir gingen zu Mr. Chivery, ehe wir hierher an das Tor kamen, und er brachte uns herein und schloß uns Johns Zimmer auf – Sie wissen, mein armes, altes Zimmer –, und wir warteten dort ein wenig. Ich brachte die Blumen an die Tür, aber Sie hörten mich nicht.«

Sie sah etwas frauenhafter als vor ihrer Reise aus, und die reifende Berührung der italienischen Sonne war auf ihrem Antlitz sichtbar. Im übrigen war sie jedoch ganz unverändert. Denselben tiefen, scheuen Ernst, den er immer und nie ohne Rührung an ihr bemerkt, fand er auch jetzt noch. Wenn dieser Ernst eine neue Bedeutung hatte, die ihm tief ins Herz drang, so lag die Veränderung in seiner Auffassung, nicht in ihr.

Sie nahm ihren alten Hut ab und hing ihn an die alte Stelle und fing an, mit Maggys Hilfe das Zimmer so frisch und sauber zu machen, wie es nur möglich war, und es mit wohlriechendem Wasser zu besprengen. Als dies geschehen, wurde der Korb, der mit Trauben und anderem Obst gefüllt war, ausgepackt und sein Inhalt geräuschlos untergebracht. Als auch dies geschehen war, wurde Maggy mit einigen zugeflüsterten Worten weggeschickt, um jemanden anders wegzuschicken, der den Korb wieder vollfüllen sollte. Dieser kam auch bald wieder mit neuen Vorräten, aus denen zuerst ein kühlendes Getränk und Gelee und weiter ein gebratenes Huhn und Wein und Wasser herausgenommen wurden. Nachdem diese verschiedenen Anordnungen getroffen waren, nahm sie ihr altes Nähkistchen heraus, um ihm einen Vorhang für sein Fenster zu machen; und so sah er Klein-Dorrit, während er ruhig in seinem Stuhl saß, ruhig in seinem Zimmer walten und arbeiten, eine Ruhe, die sich auch über das sonst so geräuschvolle Gefängnis zu verbreiten schien.

Das bescheidene Köpfchen wieder über die Arbeit herabgebeugt und die flinken Finger geschäftig an ihrer alten Arbeit zu sehen – obgleich sie nicht so in die Arbeit vertieft war, daß ihre teilnahmsvollen Blicke sich nicht zu ihm erhoben und, wenn sie sich senkten, Tränen zeigten – so getröstet und gestärkt zu werden und zu glauben, daß alle Hingebung dieser großen Natur in seinem Unglück ihm zugewandt sei, um ihren unerschöpflichen Reichtum von Güte über ihn auszuschütteln, machte Clennams zitternde Stimme oder Hand nicht ruhiger und stärkte ihn nicht in seiner körperlichen Schwäche. Aber es flößte ihm eine moralische Kraft ein, die mit seiner Liebe wuchs. Und wie zärtlich er sie jetzt liebte, vermögen Worte nicht auszudrücken.

Wie sie so nebeneinander saßen, in dem Schatten der Mauer, fiel der Schatten wie Licht auf ihn. Sie wollte ihn nicht viel sprechen lassen, und er legte sich in seinen Stuhl zurück und blickte sie an. Dann und wann stand sie auf und gab ihm ein Glas zum Trinken oder strich die Stelle glatt, wo sein Kopf ruhte; dann kehrte sie still zu ihrem Sitz zurück und beugte sich wieder über ihre Arbeit.

Der Schatten bewegte sich mit der Sonne, aber sie wich nicht von seiner Seite, außer wenn sie ihm etwas bringen wollte. Sie war jetzt mit ihrer Arbeit fertig, und ihre Hand, die, seitdem sie ihm zum letzten Male etwas gereicht, auf dem Arm des Stuhles zitternd geruht hatte, weilte noch darauf. Er legte seine Hand darauf, und sie faßte sie mit bebendem Flehen.

»Lieber Mr. Clennam, ich muß Ihnen etwas sagen, ehe ich gehe. Ich habe es von Stunde zu Stunde verschoben, aber nun muß ich es sagen.«

»Auch ich, liebe Klein-Dorrit. Auch ich habe aufgeschoben, was ich sagen mußte.«

Sie bewegte ängstlich besorgt ihre Hand nach seinen Lippen, als wollte sie ihn zum Schweigen bringen; dann ließ sie sie zitternd wieder sinken.

»Ich verlasse England nicht wieder. Mein Bruder hat die Absicht, aber ich nicht. Er war immer sehr anhänglich an mich, und er ist jetzt so dankbar gegen mich – viel zu dankbar, denn es ist nur, daß ich zufällig während seiner Krankheit bei ihm war –, daß er sagt, es soll ganz in meinem Willen stehen, zu bleiben, wo es mir am besten gefällt, und zu tun, was mir am besten gefällt. Er wünsche mich nur glücklich zu wissen, sagt er.«

Ein heller Stern glänzte am Himmel. Sie blickte zu ihm auf, während sie sprach, als wäre es der inbrünstige Vorsatz ihres Herzens, der über ihr erglänzte.

»Sie werden sich denken können, ohne daß ich es Ihnen zu sagen brauche, daß mein Bruder hierher gereist ist, um das Testament meines lieben Vaters zu eröffnen und von seinem Vermögen Besitz zu ergreifen. Er sagt, wenn ein Testament vorhanden wäre, würde ich gewiß reich bedacht sein; und wenn keines vorhanden sei, wolle er mich reich machen.«

Er wollte sprechen, aber sie hob wieder ihre zitternde Hand empor, und er schwieg.

»Ich wüßte nicht, was mit dem Gelde tun, und wünschte mir keines. Es wäre durchaus ohne Wert für mich, außer um Ihretwillen. Ich könnte unmöglich reich sein, solange Sie hier sind. Ich wäre im Gegenteil immer unsagbar arm, wenn Sie hier in Not schmachten. Wollen Sie mir erlauben, alles, was ich habe, Ihnen zu leihen? Wollen Sie mir gestatten, es Ihnen zu geben? Wollen Sie mir erlauben, Ihnen zu zeigen, daß ich nie vergessen habe und nie vergessen kann, wie Sie mich zu der Zeit, da dies meine Heimat war, beschützt haben? Lieber Mr. Clennam, machen Sie mich zum glücklichsten Menschen von der Welt, indem Sie Ja sagen. Machen Sie mich so glücklich, wie ich es sein kann, solange Sie hier bleiben, indem Sie mir heute abend noch keine Antwort geben und mich mit der Hoffnung von hier fortgehen lassen, daß Sie die Sache sich freundlich überlegen wollen; und daß Sie mir um meinetwillen – nicht um Ihretwillen, sondern um meinetwillen, einzig um meinetwillen! – die größte Freude machen würden, die ich je auf Erden erleben kann, die Freude, zu wissen, daß ich Ihnen einen Dienst geleistet habe, und daß ich etwas von der großen Schuld meiner Liebe und Dankbarkeit abgetragen. Ich kann nicht sagen, was ich sagen möchte. Ich kann Sie hier nicht besuchen, wo ich so lange gewohnt, ich kann nicht hier an Sie denken, wo ich Sie so viel gesehen habe, und so ruhig und trostvoll sein, wie ich sollte. Meine Tränen drängen sich unwillkürlich hervor. Ich kann sie nicht zurückhalten. Aber bitte, bitte, bitte, wenden Sie sich jetzt in Ihrem Kummer nicht von Ihrer Klein-Dorrit! Bitte, bitte, bitte! ich flehe Sie aus tiefstem bekümmertstem Herzen an, mein Freund – Sie Lieber! – nehmen Sie alles, was ich habe, und machen Sie es zu einem Segen für mich!«

Der Stern hatte bis jetzt auf ihr Gesicht geschienen, aber ihr Gesicht sank nun auf ihre und seine Hand.

Es war dunkler geworden, als er sie in seinem Arme aufrichtete und ihr mit sanftem Tone antwortete:

»Nein, liebe Klein-Dorrit. Nein, mein Kind. Ich darf nicht von einem solchen Opfer hören. Freiheit und Hoffnung um solchen Preis wären so teuer erkauft, daß ich nie ihre Last, nie den Vorwurf, sie zu besitzen, tragen könnte. Aber mit welch heißem Danke und welch inniger Liebe ich dies sage, mag der Himmel mir bezeugen!«

»Und doch wollen Sie nicht gestatten, Ihnen in Ihrem Unglück treu zu bleiben?«

»Sagen Sie, liebste Klein-Dorrit, und doch will ich versuchen, Ihnen treu zu bleiben. Wenn in vergangenen Tagen, wo dies Ihre Heimat und dies Ihr Kleid war, ich mich selbst besser verstanden (ich spreche nur von mir selbst) und die Geheimnisse meiner Brust deutlicher gelesen hätte; wenn ich trotz meiner Zurückhaltung und meines Mißtrauens gegen mich ein Licht erkannt hätte, das ich jetzt hell leuchten sehe, wo es weit entfernt von mir ist und meine schwachen Füße es nicht mehr einholen können; wenn ich damals gewußt und Ihnen gesagt hätte, daß ich Sie liebe und ehre, nicht als das arme Kind, als das ich Sie zu betrachten gewohnt war, sondern als eine Frau, deren wackere Hand mich weit über mich selbst erheben und mich zu einem weit glücklicheren und bessern Mann machen konnte; wenn ich so die Gelegenheit benutzt hätte, die nun nicht zurückzurufen ist, – wie ich wünsche, daß ich’s getan, und wie sehr ich das wünsche! – und wenn uns damals etwas fern voneinander gehalten hätte, wo ich mich in mäßigem Wohlstand befand, während Sie arm waren; da würde ich Ihr edles Anerbieten Ihres Vermögens, liebstes Mädchen, mit andern Worten angenommen haben und hätte doch erröten müssen, es anzurühren. Aber wie es jetzt ist, darf ich es nie anrühren, nie!«

Sie bat ihn ergreifender und inniger mit ihrer kleinen bittenden Hand, als sie es mit Worten hätte tun können.

»Ich bin genug mit Schmach beladen, meine liebe Klein-Dorrit. Ich darf nicht so tief sinken und Sie – ein so liebes, edles, gutes Wesen – mit mir hinabziehen. Gott segne Sie, Gott lohne Ihnen! Es ist vorbei!«

Er schloß sie in seine Arme, als wenn sie seine Tochter wäre.

»Immer so viel älter, so viel rauher, so viel weniger wert, müssen wir beide selbst das vergessen, was ich war, und Sie dürfen mich nur sehen, wie ich jetzt bin. Ich drücke diesen Scheidekuß auf Ihre Wange, mein Kind – das mir hätte näher stehen, aber nie lieber sein können – ich, ein zu Grunde gerichteter Mann, der weit ab von Ihnen steht, für immer von Ihnen getrennt, dessen Laufbahn beinahe zu Ende ist, während die Ihre eben beginnt. Ich habe nicht den Mut zu verlangen, daß Sie mich in meiner Erniedrigung vergessen; aber ich bitte Sie, meiner nur so zu gedenken, wie ich bin.«

Die Glocke begann zu läuten, zum Zeichen, daß die Fremden sich aus dem Gefängnis zu entfernen hatten. Er nahm ihren Mantel von der Wand und legte ihn zärtlich besorgt um ihre Schulter.

»Noch ein Wort, Klein-Dorrit. Ein hartes Wort für mich, aber ein notwendiges. Die Zeit, wo Sie und dies Gefängnis etwas miteinander gemein hatten, ist längst vorbei. Verstehen Sie mich?«

»Oh, Sie werden mir doch nicht sagen wollen, daß ich nicht wiederkommen soll«, rief sie, bitterlich weinend und ihre gefalteten Hände zu ihm aufhebend. »Sie werden mich gewiß nicht so verlassen!«

»Ich würde es sagen, wenn ich könnte; aber ich habe nicht den Mut, dieses liebe Gesicht so ganz von mir zu verbannen und auf alle Hoffnung, es wiederzusehen, zu verzichten. Aber kommen Sie nicht bald, kommen Sie nicht oft. Es ist ein verpesteter Ort, und ich weiß wohl, daß die Ansteckung mir anklebt. Sie gehören in eine heiterere und bessere Umgebung. Sie dürfen nicht hierher zurückschauen, meine Klein-Dorrit; Sie müssen auf ganz andere und glücklichere Pfade blicken. Noch einmal, Gott segne Sie auf denselben! Gott lohne Ihnen!«

Maggy, die sehr traurig gestimmt wurde, rief in diesem Augenblick: »Oh, bring‘ ihn in ein Spital. Er wird nie wieder wie früher werden, wenn man ihn nicht in ein Spital bringt. Und dann kann die kleine Frau, die immer an ihrem Rade spann, an den Schrank gehen mit der Prinzessin und sagen: Für wen bewahrt Ihr das Hühnchen auf? Und dann können sie es herausnehmen und ihm geben und alle glücklich sein!« Die Unterbrechung kam zur rechten Zeit! denn die Glocke hatte beinahe zu Ende geläutet. Arthur wickelte sie noch einmal sorgfältig in ihren Mantel, gab ihr seinen Arm (obgleich er ohne ihren Besuch beinahe zu schwach zum Gehen gewesen wäre) und führte sie die Treppe hinab. Sie war der letzte Besuch, der zum Schließerstübchen hinausging, und das Tor fiel schwer und hoffnungslos hinter ihr ins Schloß.

Mit dem Grabeston, der damit in Arthurs Herz klang, kehrte auch sein Gefühl der Schwäche zurück. Es war eine mühselige Reise die Treppe hinauf in sein Zimmer, und er betrat den dunklen einsamen Raum in unaussprechlich elender Stimmung.

Als es beinahe Mitternacht und im Gefängnis längst still geworden war, hörte man ein vorsichtiges Krachen die Treppe heraufkommen und ein vorsichtiges Klopfen eines Schlüssels an der Tür. Es war der junge John. Er schlüpfte auf Socken herein und hielt die Tür zu, während er flüsternd sprach:

»Es ist gegen alle Vorschriften, aber es ist mir einerlei. Ich war entschlossen, mir Bahn zu brechen und zu Ihnen zu kommen.«

»Was gibt es?«

»Nichts gibt’s, Sir. Ich wartete auf dem Hofe auf Miß Dorrit, bis sie herauskam. Ich dachte, es würde Ihnen angenehm sein, wenn jemand auf sie achtgebe.«

»Danke, danke! Sie führten sie nach Hause, John?«

»Ich begleitete sie bis in ihr Hotel. Dasselbe, in dem auch Mr. Dorrit gewohnt hatte. Miß Dorrit sprach auf dem ganzen Wege so freundlich mit mir, daß ich vor Freuden außer mir war. Warum glauben Sie wohl, daß sie ging, statt zu fahren?«

»Ich weiß es nicht, John.«

»Um von Ihnen zu reden. Sie sagte zu mir: ›John, Sie waren immer ein Ehrenmann, und wenn Sie mir versprechen, daß Sie für ihn sorgen wollen und es ihm nie an Hilfe und Trost fehlen lassen werden, wenn ich nicht um ihn bin, so wird mein Gemüt beruhigt sein.‹ Ich versprach es ihr. Und ich will Ihnen zur Seite sein in alle Ewigkeit«, sagte John Chivery.

Tief gerührt bot Clennam dem ehrlichen Menschen die Hand.

»Ehe ich sie nehme«, sagte John, indem er sie ansah, ohne die Tür zu verlassen, »müssen Sie erst raten, welche Botschaft mir Miß Dorrit gegeben hat.«

Clennam schüttelte den Kopf.

»›Sagen Sie ihm‹, wiederholte John mit deutlicher, obgleich zitternder Stimme, ›daß seine Klein-Dorrit ihm ihre nimmer aufhörende Liebe sendet.‹ Jetzt ist’s heraus. Habe ich redlich gehandelt?«

»Gewiß, gewiß!«

»Wollen Sie Miß Dorrit sagen, daß ich redlich gehandelt habe, Sir?«

»Das will ich.« »Hier ist meine Hand, Sir«, sagte John, »und ich will Ihnen zur Seite sein in alle Ewigkeit.«

Nach einem herzlichen Händedruck verschwand er mit demselben vorsichtigen Schritt, schlich ohne Schuhe über das Pflaster des Hofes, schloß das Tor hinter sich und ging nach dem Vordergebäude, wo er seine Schuhe gelassen hatte. Wäre dieser Weg mit glühenden Pflugscharen gepflastert gewesen, so ist doch nicht unwahrscheinlich, daß John um desselben Zweckes willen ihn mit der gleichen Hingebung gegangen wäre.