Die Schäbig-Vornehmen


Die Schäbig-Vornehmen

Es gibt eine gewisse Art von Leuten, die, sonderbar genug, London ausschließlich anzugehören scheinen. Man begegnet ihnen täglich in den Straßen der Hauptstadt, nie aber an irgendeinem anderen Orte. Sie scheinen Erzeugnisse des Bodens zu sein und sind für London so eigentümlich, wie sein Rauch und seine geschwärzten Backsteine. Wir könnten diese Bemerkung durch eine Menge von Beispielen veranschaulichen, wollen aber in dieser Skizze nur von einer der Leutearten, die wir im Sinne haben, reden – von der, die man so angemessen und bezeichnend »schäbig-vornehm« oder »schäbig-elegant« nennt.

Gott weiß, schäbige Leute kann man überall finden, und vornehme sind nicht seltner außerhalb als in London; aber dieses Gemisch aus beiden – diese schäbige Vornehmheit – ist so absolut örtlich wie die Statue von Charing-Cross oder der Brunnen in Aldgate. Auch verdient es bemerkt zu werden, daß nur Männer schäbig-vornehm sind; ein Frauenzimmer ist immer entweder höchst schmutzig und schlampig oder nett und sauber, wenn auch noch so ärmlich gekleidet. Ein sehr dürftiger Mann, der, wie die Phrase lautet, »bessere Tage gesehen hat«, ist eine merkwürdige Mischung aus schlotteriger Unsauberkeit und dem unglücklichen Trachten nach einer gewissen verschlissenen Nettigkeit. Doch wir wollen es versuchen, die Bedeutung, die wir mit dem Ausdruck »schäbig-vornehme Leute« verbinden, genauer dazulegen.

Begegnet ihr einem Manne, der Drury-Lane hinunterschlendert oder mit dem Rücken gegen einen Pfosten in Longacre lehnt und dabei die Hände in die Taschen seiner sehr fettfleckigen, sehr weit auf die Stiefel hinunterfallenden und mit Streifen gezierten Beinkleider gesenkt hat – auch einen braun gewesenen Rock mit Metallknöpfen trägt und einen Hut mit stark gekrümmten Seitenrändern auf die rechte Schläfe gedrückt hat –, bemitleidet ihn nicht: er ist nicht schäbig-elegant. Er treibt sich vorzugsweis‘ gern in den »harmonischen Gesellschaften« eines Gasthauses vierter Klasse oder in den Umgebungen eines Privattheaters umher; hegt einen eingewurzelten Abscheu vor Arbeit jeder Art und steht auf vertrautem Fuße mit mehreren, bei den größeren Theatern beschäftigten Pantomimenakteurs. Seht ihr aber einen Mann von vierzig bis fünfzig Jahren in einem alten schimmeligen Überrock von fadenscheinigem, schwarzem Tuch, das in seiner Abgetragenheit glänzt, als wenn es gewichst wäre, und in Beinkleidern, die teils besseren Aussehens wegen und teils, um die Schuhe an den Fersen festzuhalten, unter den Füßen sorgfältig befestigt sind, eine Nebengasse hinuntereilen und sich dabei so dicht wie möglich an die Gartengitter halten; bemerkt ihr ferner, daß er die Weste unter dem gelblich-weißen Halstuche dicht zugeknöpft hat, um das zerlumpte Weißzeug darunter zu verstecken und daß er ein Paar alte zerrissene Biberhandschuhe trägt, so könnt ihr ihn den schäbig-vornehmen Leuten zuzählen. Ein Blick auf sein verkümmertes Gesicht, worin sich ein niederdrückendes Bewußtsein der Armut ausdrückt, wird euch Herzweh verursachen – stets vorausgesetzt, daß ihr weder Philosoph noch »Staatswirtschaftler« seid.

Einst vermochten wir das Bild eines schäbig-vornehmen Mannes schlechterdings nicht loszuwerden; es stand vor uns Tag und Nacht. Der Mann, von dem Walter Scott in seiner Dämonologie spricht, litt nicht halb soviel von der Phantasiegestalt in schwarzem Samt wie wir von dem Bilde unseres Schäbig-Vornehmen im vormals schwarz gewesenen Rocke. Er erregte zuerst unsere Aufmerksamkeit, als er uns eines Tags und dann öfter im Lesezimmer des Britischen Museums gegenübersaß. Was ihn uns noch bemerklicher machte, war, daß er immer ein paar schäbig-elegante Bücher vor sich hatte – zwei alte eselsohrige Folianten in verschimmelten, wurmstichigen Bänden, die einmal prachtvoll gewesen waren. Er saß jeden Morgen, gerade wenn es zehn schlug, an seiner Stelle, war jeden Nachmittag der letzte im Zimmer, und verließ es mit einer Miene und einem Wesen, worin man deutlich las, daß er nicht wußte, wohin er gehen sollte, um Feuerung und eine Ruhestätte zu finden. Er saß den ganzen Tag da und so dicht wie möglich am Tische, um die fehlenden Knöpfe an seinem Rocke zu verstecken; und seinen abgetragenen Hut legte er immer sorgfältig neben seine Füße, wo er, wie er sich offenbar schmeichelte, der Beobachtung entging. Etwa um zwei Uhr seht ihr ihn eine Semmel verspeisen, die er nicht etwa dreist und vor aller Augen aus der Tasche hervorzieht, gleich einem Manne, der es weiß, daß er nur einen Lunch einnimmt, sondern von der er kleine Stücke in der Tasche abbricht und verstohlen zum Munde führt. Er ist sich nur gar zu wohl bewußt, daß sein ganzes Mittagessen darin besteht.

Als wir den Armen zum ersten Male sahen, hielten wir es für rein unmöglich, daß sein Anzug noch schlechter werden könnte, wir dachten sogar an die Möglichkeit, daß er binnen kurzem in anständigen Kleidern aus einem reputierlichen Trödlerladen erscheinen könnte. Wir hatten uns indes gar sehr geirrt. Er wurde mit jedem Tage noch elegant-schäbiger. Die Knöpfe verschwanden einer nach dem andern von seiner Weste, und er fing an, den Rock zuzuknöpfen, und als sich die Knöpfe von der einen Seite gleichfalls verloren, knöpfte er ihn über die andere Seite zu. Zu Anfang der Woche sah er etwas besser aus als am Ende, weil sein Halstuch dann, wenn auch gelb, doch minder erdfarben war, und nie zeigte er sich bei aller seiner Misere ohne Handschuhe und Sprungriemen an den Beinkleidern. In diesem Zustand verblieb er einige Wochen; endlich verschwand einer seiner Rückenknöpfe und dann er selbst, und wir glaubten, daß er tot sei.

Wir saßen etwa acht Tage nach seinem Verschwinden an unserm gewöhnlichen Tisch, hefteten die Blicke auf seinen leeren Stuhl und verfielen fast unbewußt in ein Nachsinnen über die Gründe, weshalb er sich aus dem öffentlichen Leben zurückgezogen haben möchte. Hatte er sich erhängt oder ins Wasser gestürzt, war er wirklich tot oder im Schuldgefängnis? Wir sannen hin und her – als er unversehens leibhaftig wieder vor uns stand. Es war eine merkwürdige Verwandlung mit ihm vorgegangen. Er ging mit einer Miene durch das Zimmer, die deutlich verkündigte, daß er sich seines besseren Aussehens vollkommen bewußt war. Es war äußerst sonderbar! Seine Kleider waren dunkel und glänzend schwarz und sahen doch wie dieselben aus – ja sogar die Flicken fehlten nicht, mit denen uns lange Bekanntschaft vertraut gemacht hatte. Auch der Hut – wer hätte ihn mit seiner hohen, etwas spitz zulaufenden Krone verkennen mögen? Er hatte infolge langer Dienste in ein Rotbraun gespielt, war aber jetzt ebenso schwarz wie der Rock.

Plötzlich ging ums ein Licht auf – er hatte alles färben lassen. Die schwarze und blaue Farbe ist aber gar trügerisch; wir haben es an manchem schäbig-eleganten Manne ersehen. Sie verführt die Opfer ihres Betrugs, eine vorübergehende Wichtigkeit anzunehmen, vielleicht ein Paar neue Handschuhe, eine wohlfeile Halsbinde oder andere Toilettenkleinigkeiten zu kaufen; erhebt ihren Mut auf eine Woche, lediglich um ihn nur zu bald, womöglich noch tiefer, wieder niederzudrücken. Es war so im vorliegenden Falle. Die vorübergehende Würde des unglücklichen Mannes nahm in demselben Verhältnis ab, wie die Farbe ausging. Die Knie der Unaussprechlichen, die Ellenbogen des Rockes und die Nähte insgemein wurden bald zum Erschrecken weiß. Der Hut wurde wieder unter den Tisch gelegt, und sein Eigentümer drückte sich so still auf seinen Stuhl wie je. – Eine Woche lang fiel ein unaufhörlicher Sprühregen und Nebel. Als sie zu Ende ging, war die Farbe gänzlich verschwunden, und der schäbig-vornehme Mann machte keinen Versuch mehr, seine äußere Erscheinung zu verbessern.

Es würde nicht leicht sein, einen besonderen Stadtteil als Hauptsammelplatz schäbig-vornehmer Leute zu bezeichnen. Wir haben ihrer viele in der Gegend der Inns of Court23 gesehen. Man sieht sie jeden Morgen zwischen acht und zehn Uhr in Holborn, und wer sich aus Neugier in den Gerichtshof der insolventen Schuldner begibt, wird ihrer dort eine große Menge unter den Zu- und Nichtzuschauern erblicken. Wir gingen nie zufällig auf die Börse, ohne einige schäbig-elegante Leute zu bemerken, und haben oft darüber gegrübelt, was sie dort in aller Welt zu tun haben könnten. Sie sitzen stundenlang da, stützen sich auf große, wassersüchtige, verschlossene Regenschirme oder essen Abernethyzwiebäcke;24 niemand spricht mit ihnen, und sie sprechen gleichfalls mit niemandem. Doch freilich, wir sahen einst ihrer zwei auf der Börse miteinander reden, können aber aus unserer Erfahrung versichern, daß so etwas sehr selten vorkommt und etwa nur durch das Anerbieten einer Prise Schnupftabak oder eine ähnliche Höflichkeit veranlaßt wird.

Es würde ebenso schwer sein, zu sagen, wo sie vornehmlich ihre Wohnungen haben oder womit sie sich in der Regel beschäftigen. Wir verkehrten nur ein einziges Mal mit einem schäbig-vornehmen Manne, einem trunksüchtigen Graveur, der ein dumpfiges Hinterzimmer in einer neuen Reihe, halb Straße, halb Backsteinbrennereifeld, in Camden Town bewohnte. Solch ein schäbig-vornehmer Elegant hat vielleicht gar kein Geschäft, oder ist Korn- oder Kohlen- oder Weinmakler, oder Schuldeneinsammler, oder Brokersgehilfe, oder ein verunglückter Anwalt, ein Schreiber unterster Klasse, oder ein ebenso untergeordneter Korrespondent für eine Zeitung. Wir wissen es nicht, ob unsern Lesern auf ihren Wanderungen diese Leute ebenso oft aufgefallen sind als uns; das aber wissen wir, daß der verarmte, schäbig-elegante Mann (gleichviel, ob er sein Herunterkommen selbst verschuldet hat oder nicht), der seine Dürftigkeit schmerzlich fühlt und sich vergeblich bemüht, sie zu verheimlichen, zu den unglücklichsten Geschöpfen unter der Sonne gehört.

Der Pfarrer – Die alte Dame – Der Kapitän


Der Pfarrer – Die alte Dame – Der Kapitän

Unser Pfarrer ist ein junger Mann von so einnehmendem Äußern und so gewinnendem, bezauberndem Wesen, daß noch kein Monat nach seinem Erscheinen im Kirchspiel vergangen war, als auch schon die Hälfte unserer jungen Damenwelt vor Frömmigkeit melancholisch wurde und die andere Hälfte vor Liebe in Tiefsinn oder Verzweiflung verfiel. Zu keiner anderen Zeit hatte man in unserer Kirche sonntags so viele junge Frauen gesehen, und nie hatten die kleinen runden Engelsgesichter auf Mr. Tomkins Grabmal im Seitengang eine so inbrünstige Andacht geschaut, wie die jungen Kirchgängerinnen jetzt an den Tag legten.

Der Pfarrer war etwa fünfundzwanzig Jahre alt, als er im Kirchspiel erschien, um es in Bewunderung und Erstaunen zu versetzen. Er trug das Haar gescheitelt, einen kostbaren Brillantring am Zeigefinger der linken Hand (die er stets an die linke Wange hielt, wenn er die Gebete las) und hatte eine tiefe, außerordentlich feierliche Grabesstimme. Kluge Mütter machten unzählbare Versuche beim neuen Pfarrer, der mit zahllosen Einladungen bestürmt wurde, die er auch bereitwillig annahm. Hatte sein Wesen auf der Kanzel schon einen günstigen Eindruck gemacht, so wurde dieser durch sein Erscheinen in der Gesellschaft noch zehnfach verstärkt. Die Kirchenstühle in der Nähe der Kanzel und des Altars stiegen im Preis, noch teurer wurden die Sitze im Mittelgang, und kein Zollbreit Raum auf den vordersten Bänken der Emporkirche war weder für Geld noch für gute Worte mehr zu haben. Einige gingen selbst so weit, zu versichern, daß sie die drei Miss Browns, die einen dunklen Kirchenstuhl dicht hinter dem der Kirchenvorsteher innehatten, eines Sonntags auf den freien Plätzen am Abendmahlstisch entdeckt hätten, offenbar um den Pfarrer in die Sakristei vorübergehen zu sehen!

Der Pfarrer fing an, freie Vorträge zu halten, und die Ansteckung ergriff selbst die bedächtigen Väter. Einst stand er in einer Winternacht um halb ein Uhr auf, um das Kind einer Wäscherin zu taufen, und die Dankbarkeit des Kirchspiels kannte keine Grenzen – sogar die Kirchenältesten wurden freigebig gesinnt und setzten es durch, daß das Kirchspiel die Kosten für das Schilderhaus auf Rädern übernahm, das sich der neue Pfarrer hatte bauen lassen, um darin bei nassem Wetter die Begräbnisgebete zu lesen. Er schickte einer armen Frau, die mit vier Kindern niedergekommen war, drei Maß Hafergrütze und ein Viertelpfund Tee – das Kirchspiel war entzückt. Er veranstaltete eine Sammlung für die Wöchnerin – ihr Glück war gemacht. Er redete eine Stunde und fünfundzwanzig Minuten in einer Anti-Sklavereiversammlung – der Enthusiasmus hatte seinen Gipfel erreicht.

Es wurde vorgeschlagen, dem neuen Pfarrer ein Zeichen der Achtung und Dankbarkeit für seine dem Kirchspiel geleisteten unschätzbaren Dienste zu widmen – im Nu war der Beitragsbogen gefüllt, und es wurde gestritten, und Kunstgriffe wurden angewendet, nicht, wie man sich der Beisteuer entziehen könne, sondern wer zuerst unterschreiben solle. Man ließ ein kostbares silbernes Schreibzeug mit einer passenden Inschrift anfertigen; der Pfarrer wurde zu einem öffentlichen Frühstück eingeladen; das Schreibzeug wurde ihm überreicht, und Mr. Gubbins, der Ex-Kirchenvorsteher, hielt eine treffliche Rede dabei, die der Pfarrer in Ausdrücken beantwortete, die allen Anwesenden Tränen entlockten – sogar die Kellner wollten zerschmelzen.

Man hätte meinen sollen, daß der Gegenstand der allgemeinen Bewunderung nunmehr den höchsten Gipfel der Beliebtheit erreicht gehabt hätte. Keineswegs! Der Pfarrer fing an zu husten – eines Morgens vier Hustenanfälle zwischen Litanei und Epistel und fünf beim Nachmittagsgottesdienst. Man machte die Entdeckung, daß er schwindsüchtig war. Welch eine interessante Melancholie!

Die Sympathie und Bekümmernis überstiegen alle Grenzen. Daß ein Mann wie der Pfarrer – solch ein lieber, vortrefflicher Mann – schwindsüchtig sein mußte! Es war zuviel. Geschenke von unbekannten Gebern, bestehend aus eingemachten Früchten und Gebacknem, elastischen Westen, »Seelenwärmern« und Trikotstrümpfen, strömten gleichsam in das Haus des Pfarrers, bis er mit Winterhüllen so vollständig ausgerüstet war, als wenn er im Begriff stände, eine Reise nach dem Nordpol zu unternehmen. Sechsmal an jedem Tag liefen mündliche Bulletins über seinen Gesundheitszustand im Kirchspiel um, und der Pfarrer befand sich im Zenit seiner Popularität.

Doch gerade um diese Zeit ging eine Veränderung in den Gesinnungen des Kirchspiels vor. Durch den Tod eines achtbaren, stillen, alten Mannes wurde die Predigerstelle bei der Kapelle frei. Der Nachfolger war ein blasser, schmächtiger, leichenhaft aussehender Mann mit großen schwarzen Augen und langem, straffem, schwarzem Haar. Er kleidete sich äußerst nachlässig, sein ganzes Wesen war abweisend, und noch abweisender war das, was er predigte. Mit einem Wort, er war in jeder Beziehung das Gegenstück des Pfarrers. Unsere Frauen und Mädchen strömten haufenweise hin, um ihn zu hören, zuerst, weil er so ausnehmend sonderbar aussah, dann, weil sein Gesicht höchst ausdrucksvoll war, hierauf, weil er so vortrefflich predigte, und endlich, weil sie wirklich glaubten, daß in seinem Wesen etwas ganz Unbeschreibliches läge.

Der Pfarrer war ohne Zweifel gerade so, wie er immer gewesen; allein es ließ sich nicht leugnen, daß – daß – kurzum, er war nichts Neues mehr wie der andere Geistliche. Die Unbeständigkeit der Volksgunst ist sprichwörtlich; seine Zuhörer verließen ihn einer nach dem andern. Er hustete, bis er schwarz im Gesicht wurde – es war vergeblich, Teilnahme für ihn zu erwecken. Man kann in unserer Pfarrkirche wieder überall Plätze haben, und die Kapelle soll erweitert werden, denn sie ist jeden Sonntag bis zum Erdrücken gefüllt.

Im ganzen Kirchspiel ist niemand bekannter und geachteter als eine alte Dame, die schon im Kirchspiel gewohnt hat, ehe unser – des Autors – Name in das Taufregister eingetragen wurde. Unser Kirchspiel liegt in einer Vorstadt, und die alte Dame bewohnt ein Haus in einer hübschen, aber noch auf der einen Seite freistehenden Häuserreihe, in der freiesten und angenehmsten Gegend des Kirchspiels. Das Haus ist ihr eigenes und inwendig und auswendig – nur die alte Dame sieht ein wenig älter als vor zehn Jahren aus – vollkommen in dem Zustand, in dem es bei Lebzeiten des alten Herrn war. Das kleine Wohnzimmer ist ein wahres Muster von Stille und Sauberkeit, der Teppich ist mit grauer Leinwand bedeckt, der Spiegel und die Bilderrahmen sind sorgfältig in gelben Musselin eingehüllt, die Tischdecken werden niemals abgehoben, ausgenommen, wenn die Tische gewachst werden, was regelmäßig einen über den andern Morgen nach neun Uhr geschieht, und alles und jedes, vom größten bis zum kleinsten, hat seinen bestimmten Platz, was denn auch natürlich von den Geschenken gilt, die der alten Dame von kleinen Mädchen, deren Eltern in derselben Häuserreihe wohnen, gemacht werden und seit vielen Jahren in ihrem Besitz sind, wie zum Beispiel die beiden altmodischen Uhren (von denen die eine stets eine Viertelstunde zurückbleibt und die andere eine Viertelstunde vorgeht), das kleine Bild der Prinzessin Charlotte und des Prinzen Leopold, wie sie sich in der königlichen Loge des Drury-Lane-Theaters zeigten, usw.

Hier sitzt nun die alte Dame emsig mit Nähereiarbeit beschäftigt – zur Sommerzeit am Fenster, und sieht sie dich die Treppenstufen heraufkommen und gehörst du zu ihren Günstlingen, so eilt sie hinaus, um dir, ehe du klopfst, die Haustür zu öffnen, und nötigt dir, da du vom Gehen in der Hitze ermüdet sein mußt, ein paar Glas Xeres auf, bevor du dich durch Sprechen noch mehr anstrengen darfst. Kommst du abends, so wirst du sie froh und heiter, aber doch ein wenig ernster finden als gewöhnlich. Sie hat auf dem Tisch vor sich die aufgeschlagene Bibel liegen, aus der Sarah, die ebenso sauber gekleidet und ebenso methodisch wie ihre Herrschaft ist, regelmäßig zwei oder drei Kapitel laut vorliest.

Die alte Dame sieht fast gar keine Gesellschaft, mit Ausnahme der bereits erwähnten kleinen Mädchen, von denen jedes seinen bestimmten Tag zum Teetrinken bei ihr hat, den das betreffende Kind als sein größtes Fest erwartet. Sie macht selten weitere Besuche als im zweiten Hause rechts und links, und wenn es der Fall ist, so läuft Sarah voran und klopft mit Macht, damit ihre »Frau« ja nicht vor der Tür zu warten braucht und sich einen Schnupfen holt. Sie ist höchst gewissenhaft darin, jede Einladung pünktlich zu erwidern, und gibt sie eine kleine Teegesellschaft, so putzt sie mit Sarah die Teemaschine, das Porzellanservice und die Päpstin-Johanna-Tafel auf das sorgfältigste, und die Damen werden im höchsten Staat im Besuchszimmer empfangen.

Sie hat nur wenig Verwandte, die in weiter Entfernung, der eine hier, der andere dort im Lande, wohnen und die sie daher selten sieht. Sie hat einen Sohn in Ostindien, den sie jedermann als einen herrlichen, bildschönen jungen Mann schildert – als sprechend ähnlich dem Bild seines geliebten seligen Vaters; doch fügt sie mit traurigem Kopfschütteln hinzu, daß sein Lebenswandel ihr das schwerste Leid im Leben zugefügt und ihr in der Tat das Herz fast gebrochen hätte, daß es jedoch Gott gefallen habe, ihr Kraft zu verleihen, auch das zu tragen, und man möge den Sohn in ihrer Anwesenheit doch ja nicht wieder erwähnen.

Sie hat eine große Menge Hausarme, und kehrt sie sonnabends vom Markt zurück, so findet auf dem Hausflur eine Versammlung von alten Männern und Frauen statt, die auf ihre Wochengabe warten. Ihr Name steht auf allen Beitragslisten für wohltätige Zwecke stets obenan, und ihre Beisteuer für die Winterfeuerungs- und Suppenverteilungsgesellschaft ist immer die reichlichste. Sie unterschrieb zwanzig Pfund für den Bau der Orgel in unserer Pfarrkirche und war am ersten Sonntag, als die Kinder dazu sangen, so überwältigt von ihren Gefühlen, daß sie sich von der Kirchenstuhlschließerin hinausführen lassen mußte.

Ihr Erscheinen in der Kirche ist jeden Sonntag das Signal zu einigem Geräusch im Seitengang, denn sämtliche armen Leute erheben sich und verbeugen sich und knicksen, bis die alte Dame von der Schließerin in ihren Kirchstuhl ehrfurchtsvoll hineingeknickst und die Tür hinter ihr wieder verschlossen ist. Ebenso geht es zu, wenn sie aus der Kirche mit einer Nachbarfamilie nach Hause geht und auf dem ganzen Weg von der Predigt spricht, nachdem sie die Unterredung ohne Ausnahme damit begonnen hat, daß sie den jüngsten Knaben nach dem Texte gefragt.

So verläuft das Leben der alten Dame, nur daß sie alljährlich einen kleinen Ausflug an die Seeküste macht und dort einige Zeit ein stilles Häuschen bewohnt. Ihr Leben ist schon viele Jahre so hingegangen, und sein Lauf muß bald das Ende erreichen, dem sie mit furchtloser Ruhe entgegensieht. Sie hat alles zu hoffen und nichts zu fürchten.

Ganz anders ist einer der nächsten Nachbarn der alten Dame, der sich in unserm Kirchspiel sehr hervorgetan hat. Er ist ein alter Seeoffizier auf Halbsold, und sein ungestümes und rücksichtsloses Benehmen stört die Hausordnung der alten Dame nicht wenig. Er läßt sich’s nicht abgewöhnen, Zigarren auf dem Hof vor dem Hause zu rauchen, und hebt, wenn er etwas dazu trinken will – was keineswegs selten der Fall ist – mit seinem Spazierstock den Türklopfer der alten Dame auf und bittet, ihm ein Glas Bier herauszureichen. Weiter ist er ein Tausendkünstler, oder wie er selbst sagt, »ein echter Robinson Crusoe«, und nichts bereitet ihm größeres Vergnügen, als Experimente mit Dingen zu machen, die der alten Dame gehören.

Eines Morgens stand er beizeiten auf und pflanzte zu ihrem grenzenlosen Erstaunen auf alle Beete ihres Gartens vor dem Hause Ringelblumen in voller Blüte. Sie meinte wirklich, als sie aufgestanden war und aus dem Fenster schaute, die Blumen seien über Nacht wunderbarerweise aus der Erde hervorgeschossen. Ein anderes Mal nahm er ihre acht Tage gehende Uhr, unter dem Vorwand, sie reinigen zu wollen, ganz auseinander und setzte dann das Werk auf eine bis dahin unbekannte Weise so wundervoll wieder zusammen, daß der große Zeiger seitdem nichts getan hat, als um den kleinen in verkehrter Richtung herumzulaufen.

Hierauf kam es ihm in den Sinn, Seidenwürmer zu ziehen, und er brachte sie in kleinen Papiertüten täglich mehrere Male zu der alten Dame, um sie ihr zu zeigen, und verlor fast bei jedem Besuch ein paar von den Tierchen. Die Folge war, daß eines Morgens ein recht tüchtiger Seidenwurm auf der Treppe gefunden wurde. Er kroch hinauf, wahrscheinlich in der Absicht, sieh nach seinen guten Freunden zu erkundigen; denn bei weiterem Nachsuchen wurde die Entdeckung gemacht, daß sich fast in allen Räumen des Hauses bereits einige seiner Geschlechtsgenossen eingebürgert hatten. Die alte Dame reiste in Verzweiflung an die Seeküste, und während ihrer Abwesenheit machte der Kapitän an ihrer messingnen Haustürplatte so erfolgreiche Polierversuche mit ätzenden Sachen, daß er den eingegrabenen Namen fast gänzlich austilgte.

Dies alles ist jedoch noch nichts gegen sein rebellisches, hitzköpfiges Benehmen in öffentlichen Angelegenheiten. Er besucht jede Kirchspielversammlung, tritt beständig gegen die bestehenden Autoritäten und als Ankläger der Ruchlosigkeit der Kirchenvorsteher auf, beginnt Streitigkeiten über gesetzliche Bestimmungen mit dem Kirchspielschreiber, läßt den Steuerboten so oft unverrichtetersache wieder umkehren, bis der Mann erklärt, nicht wieder zu ihm gehen zu wollen, und schickt dann das Geld durch die Post, tadelt jeden Sonntag die Predigt, erklärt laut, daß sich der Organist seines Spiels schämen müsse, und erbietet sich zu jeder Wette, die Psalmen besser singen zu wollen als sämtliche Kinder zusammengenommen – kurzum, er verursacht soviel Unruhe und Aufruhr, wie nur möglich ist. Das Schlimmste aber ist, daß er sich fortwährend bemüht, die alte Dame, weil er eine so große Achtung vor ihr hat, für seine Ansichten zu gewinnen, und deshalb mit seinem Zeitungsblatt in der Hand täglich ihr Wohnzimmer belagert und stundenlang heftig politisiert. Im Grunde seines Herzens ist er allerdings ein menschenfreundlicher, biederer alter Kauz und harmoniert auch mit der alten Dame im ganzen sehr gut, obgleich er sie oft genug ein wenig ärgert, und ist ihr Ärger verraucht, so lacht sie wie alle anderen Leute über seine Extravaganzen.

Ein lustiger Abend


Ein lustiger Abend

Pythias und Damon waren ohne Zweifel sehr wackere Leute auf ihre Art: der erstere wegen seiner ausnehmenden Bereitwilligkeit, persönliche Bürgschaft für einen Freund zu leisten, und der letztere wegen einer gewissen abtrumpfenden, kaum minder merkwürdigen Pünktlichkeit, gerade im letzten und entscheidenden Augenblicke wieder zur Stelle zu sein. Viele ihrer Charaktereigenheiten sind gegenwärtig veraltet. Damons sind in diesen Zeiten, wo sie ihrer Schulden wegen eingesperrt werden, schwer zu finden (die Scheine Damons ausgenommen, die eine halbe Krone kosten); und was die Pythiasse betrifft, so haben die wenigen, die es in diesem entarteten Zeitalter gab, die unglückliche Neigung gehabt, Versteck zu spielen, und zwar gerade in dem Moment, in dem ihr Erscheinen streng klassisch gewesen sein würde. Doch wenn sich in der neueren Zeit zu den Handlungen dieser Heroen keine Parallele findet, so ist es dafür in betreff ihrer Freundschaft der Fall. Wir haben Damon und Pythias auf der einen – Potter und Smithers auf der andern Seite; und da die letzterwähnten Namen das Ohr unserer unerleuchteten Leser mutmaßlich noch nicht erreicht haben, so können wir nichts Besseres tun, als sie mit den Eigentümern bekannt zu machen.

Wohlan denn! Mr. Thomas Potter war ein Kontorschreiber in der City, und Mr. Robert Smithers war ein Dito in ebenderselben; ihr Einkommen war beschränkt, aber ihre Freundschaft unbegrenzt. Sie wohnten in derselben Straße, dinierten jeden Tag in demselben Speisehause und zechten einer in des anderen Gesellschaft jeglichen Abend. Sie waren durch die engsten Bande der Freundschaft und Vertraulichkeit miteinander verbunden oder waren, wie Mr. Thomas Potter empfindsam bemerkte, »Dick-und-Dünn-Gefährten«. In Mr. Smithers‘ Gemütsart lag ein Anflug von Romantik – ein Strahl von Poesie – ein Aufblitzen von Zerrissenheit – eine Art Bewußtsein, er wußte nicht genau wovon, das ihn überkam, er wußte nicht recht eigentlich warum – wodurch ein schöner Gegensatz gebildet wurde zu dem Mr. Potter in einem eminenten Grade auszeichnenden munteren kecken Liebhabertaschendiebereiwesen.

Die Eigentümlichkeit ihrer Charaktere erstreckte sich auch auf ihre Kleidung. Mr. Smithers erschien in der Öffentlichkeit gewöhnlich in Überrock und Schuhen, mit einem losen, schwarzen Halstuch und einem Hut, dessen Rand stark gebogen war – Eigentümlichkeiten, die Mr. Potter durchaus mied; denn es war sein Ehrgeiz, die Elegants geringerer Klasse nachzuahmen, und er war so weit gegangen, Kapital zum Ankauf eines groben, blauen, wasserdichten Leibrocks mit hölzernen Knöpfen anzulegen, zu dem ein blumentopfuntersetzerartiger Hut mit niedriger Krone hinzukam, so daß er im Albion-Hotel und an verschiedenen andern öffentlichen und fashionablen Orten beträchtliche Sensation erregt hatte.

Mr. Potter und Mr. Smithers hatten verabredet, nach dem Empfang ihres Quartalgehaltes sich gemeinschaftlich und in Gesellschaft »einen lustigen Abend zu machen«, oder aber, wie sie sich auch ausdrückten, »den Abend recht kreuzfidel durchzubringen« – eine offenbar falsche Bezeichnung: denn alle Welt weiß, daß sich das Durchbringen nicht auf den Abend, sondern auf alles Geld bezieht, in dessen Besitze der Durchbringende sich eben befindet, wie denn beide Redensarten insofern sehr uneigentliche sind, als ihre Bedeutung dahin geht, daß noch mehrere Stunden der Nacht und des andern Morgens entlehnt und zum besagten Abend hinzugefügt werden sollen.

Der Quartalstag war endlich da – wir sagen endlich, weil Quartalstage so unberechenbar sind wie Kometen, indem sie mit erstaunlicher Raschheit von der Stelle rücken, wenn man viel zu zahlen und merkwürdig langsam, wenn man wenig zu empfangen hat. Mr. Thomas Potter und Mr. Robert Smithers blieben dem gegebenen Worte treu und machten den Anfang mit einem hübschen, reichhaltigen Mittagessen, das aus einem kleinen Aufzuge von vier Koteletts und vier Nieren, die einander folgten, bestand – einen Krug echtes und bestes Doppelbier und einige Brotpolster und Käsekeile in der Nachhut nicht zu vergessen.

Als das Tischtuch abgenommen worden war, befahl Mr. Thomas Potter dem Aufwärter, eine angemessene Quantität seines besten schottischen Whiskys nebst heißem Wasser und Zucker sowie ein paar seiner »leichtesten« Havannas zu bringen, was der Aufwärter tat. Mr. Thomas Potter mischte seinen Grog, zündete seine Zigarre an, und Mr. Robert Smithers tat dasselbe, worauf Mr. Thomas Potter scherzweise vorschlug, zu allererst »auf Abschaffung aller Kontors« zu trinken; auf diese Gesundheit wurde von Mr. Robert Smithers augenblicklich mit enthusiastischem Applaus getrunken. Sodann besprachen sie die Politika, rauchten ihre Zigarren und schlürften ihren Whisky-Grog, bis sie damit zu Ende waren. Sobald Mr. Robert Smithers dies gewahrte, ließ er eine abermalige Portion und frische Zigarren kommen, eine kleine Szene, die sich mehrere Male wiederholte, bis Mr. Robert Smithers endlich die Leichtigkeit der Havannas zu bezweifeln anfing und in hohem Maße das Gefühl hatte, als ob er rückwärts in einer Mietskutsche gefahren wäre.

Was Mr. Thomas Potter anbelangt, so lachte er eine halbe Minute um die andere laut auf, behauptete ohne alle Veranlassung oder Aufforderung in kaum artikulierten Tönen, vollkommen bei seinen fünf Sinnen zu sein, und ließ sich das Abendblatt reichen; ging aber, da er es einigermaßen schwierig fand, Neuigkeiten darin zu entdecken oder sich auch nur zu überzeugen, daß es überhaupt bedruckt war, langsam hinaus, um nach dem Kometen zu sehen, kehrte ganz blaß vom langen Himmelwärtsschauen zurück, bemühte sich, Heiterkeit darüber auszudrücken, daß sich Mr. Smithers vom Schlafe habe bewältigen lassen, legte unter hektischem Kichern den Kopf auf den Arm und schlummerte gleichfalls ein. Als er wieder aufwachte, wurde auch Mr. Smithers wach, und beide erklärten mit großem Ernst, es wäre äußerst unweise gewesen, soviel eingemachte Walnüsse zu Koteletts zu essen, da doch jedermann wisse, daß man davon stets unwirsch und schläfrig werde, und man könnte schlechterdings nicht sagen, wie schädlich sie ihnen hätten werden können, wenn der Whisky und die Zigarren nicht zum Glücke noch alles wieder gutgemacht hätten. Sie tranken daher eine Schale Kaffee, bezahlten ihre Zeche (dreizehn Schillinge mit der Erkenntlichkeit für den Aufwärter) und brachen auf, um in ihrem löblichen Unternehmen weiter voranzuschreiten.

Es war gerade halb neun; sie meinten daher nichts Besseres tun zu können, als zum Halbpreise in das Citytheater zu gehen, und verfuhren ihrer Ansicht gemäß. Mr. Robert Smithers, der, nachdem sie die Rechnung berichtigt hatten, ausnehmend poetisch geworden war, verkürzte unterwegs Mr. Thomas Potter die Zeit sehr angenehm, indem er ihm vertraulich mitteilte, daß er ein inneres Vorgefühl herannahender Auflösung habe, und fügte im Theater den Dekorationen des Hauses eine neue hinzu, indem er den Kopf und beide Arme graziös auf die Logenbrüstung sinken ließ und in dieser Attitüde abermals einschlief.

Dies war das ruhige Benehmen des anspruchslosen Smithers, und also taten sich die glücklichen Wirkungen des schottischen Whiskys und der Havannas bei diesem interessanten jungen Manne kund; Mr. Thomas Potter dagegen, der nicht wenig Wert darauf legte, sich als einen jungen Mann zu zeigen, »der es hinter den Ohren hat« und für einen »lustigen Gesellen« zu gelten, der »alles mitmacht und in Freuden lebt«, benahm sich auf eine ganz andere Weise und begann, sich zunächst sehr laut und endlich für die Langmut des Publikums zu laut zu benehmen. Sogleich bei seinem Eintreten wünschte er sämtlichen Zuschauern sehr herzlich einen guten Abend und fügte herablassend hinzu, sie möchten sich seinetwegen durchaus nicht abhalten lassen, wenn sie etwa ihren Rausch auszuschlafen wünschten. »Gebt doch dem Köter ’nen Knochen, daß er’s Maul hält«, rief ein Gentleman in Hemdärmeln. »Wo hast du dein Quart Branntwein getrunken?« rief ein zweiter, »Knote!« ein dritter, »Bartputzer!« ein vierter, »Werft ihn hinaus!« ein fünfter, während sich zahlreiche andere Stimmen zu dem wohlmeinenden Rate vereinigten, daß sich Mr. Thomas Potter »wieder hinscheren möge, wo er hergekommen sei«. Mr. Thomas Potter hörte all diese Stichelreden mit der vollkommensten Verachtung an, rückte, sooft eine Anspielung auf seine Persönlichkeit gemacht wurde, seinen Hut mit niedrigem Kopf noch etwas mehr auf das linke Ohr, stemmte die Arme in die Seite und drückte dadurch möglichst melodramatisch Herausforderung und Trotzbietung aus.

Die Ouvertüre, zu der dieses alles eine Ad-libitum-Begleitung gebildet hatte, war gespielt worden, das zweite Stück nahm seinen Anfang, und Mr. Thomas Potter, durch Straflosigkeit noch dreister geworden, fuhr fort, sich auf eine höchst unerhörte und außergewöhnliche Weise zu benehmen. Zuerst ahmte er den Triller der Primadonna nach, sodann zischte er mit dem blauen Feuer um die Wette und stellte sich an, als ob er bei Erscheinung des Geistes vor Schrecken Krämpfe bekäme, und schließlich lieferte er nicht nur mit hörbarer Stimme einen fortlaufenden Kommentar zum Bühnendialog, sondern weckte sogar Mr. Robert Smithers auf, der, als er den Freund lärmen hörte und nur eine sehr unbestimmte Vorstellung davon hatte, wo er sich befand oder was von ihm begehrt wurde, um ein gutes Beispiel nachzuahmen, ein so schauderhaftes und endloses Geheul ertönen ließ, wie es nur jemals von einem Theaterpublikum gehört worden war. Es war zuviel. »Hinaus mit den Tumultuanten!« war das allgemeine Geschrei. Man vernahm ein Geräusch wie von scharrenden Füßen und als ob ein paar Leute mit Heftigkeit gegen die Vertäfelung geworfen wurden und ein hastiges Zwiegespräch: »Hinaus – Nein – Sie sollen – Ich will aber nicht – Geben Sie mir Ihre Karte, Sir – Sie sind ein Lump, Sir«, und so fort, worauf ein Beifallssturm die Billigung des Publikums bekundete und Mr. Robert Smithers und Mr. Thomas Potter die Treppe hinunter und in die Straße hinaus mit so erstaunlicher Schnelligkeit flogen, daß sie gänzlich der Mühe überhoben waren, auch nur ein einziges Mal während der ganzen Prozedur die Füße auf den Boden zu setzen.

Mr. Robert Smithers, der keineswegs zum Vogelgeschlecht gehörte und wenigstens bis zum nächsten Quartalstage Fliegens und Mitmachens genug gehabt hatte, begann, sobald er mit dem Freunde die Ecke der Miltonstraße erreicht hatte, sich in entfernten Anspielungen auf die Süßigkeiten des Schlafs zu ergehen und darauf hinzudeuten, wie angemessen es sein dürfte, wenn er und Mr. Thomas Potter nach Islington zurückkehrten und wenn sie den Versuch anstellten, mit ihren Hausschlüsseln die Schlüssellöcher zu finden. Mr. Thomas Potter war jedoch tapferen und entschiedenen Sinnes. Sie hatten einmal beschlossen, sich einen lustigen Abend zu machen, und der Beschluß mußte ausgeführt werden. Mr. Robert Smithers, der zu drei Teilen betäubt und zu einem betrunken war, willigte verzweiflungsvoll ein; sie begaben sich daher in ein Weinhaus, um sich weitere Materialien zu einem lustigen Abend zu verschaffen, und fanden darin eine hübsche Anzahl junger Damen, verschiedene alte Herren und noch mehr trinkende und schwatzende Mietskutscher und Kabriolettführer; und Mr. Thomas Potter sowie Mr. Robert Smithers tranken kleine Gläser Branntwein und große Gläser Sodawasser, bis sie anfingen, von den Dingen im allgemeinen, wie von jeglichem Dinge im besondern nur sehr verwirrte Vorstellungen zu haben –: und als sie sich selbst bewirtet hatten, begannen sie alle anderen Leute zu traktieren, und das Ende der Vergnüglichkeit bestand in einem bunten Gemisch von Köpfen und Fersen, blauen Augen und blauen Uniformen, Straßenschmutz und Gaslichtern, dicken Eichentüren und einem Steinpflaster. Das Weitere von da an war eine »vollkommene Leere«; die Leere wurde am folgenden Morgen mit dem Wörtchen »Polizeiwache« ausgefüllt, sowie die Polizeiwache mit den Herren Smithers und Potter und dem größeren Teile ihrer Gasthausgesellschafter der vorigen Nacht nebst einem verhältnismäßig geringen Teil von Kleidungsstücken aller Art. Und auf der Polizei, zur Entrüstung der Richterbank und zum Erstaunen der Zuhörer, kam es an den Tag, wie ein gewisser Robert Smithers, angestiftet von einem gewissen Thomas Potter und unter dem Beistand »desselben«, in mehreren Straßen und zu verschiedenen Zeiten fünf Männer, vier Knaben und drei Frauen geschlagen und zu Boden geworfen; wie sich »besagter« Thomas Potter verbrecherisch in den Besitz von fünf Türklopfern, zwei Klingelgriffen und einem Frauenhut gesetzt; wie Robert Smithers, des »Besagten« Freund, wenigstens für fünfzig Pfund Flüche – das Stück zu fünf Schillingen gerechnet – ausgestoßen, ganze Straßen voll ruhiger Bürger durch fürchterliches Geschrei und Feuerrufen erschreckt, fünf Polizeidienern die Uniform verdorben und sich noch vieler anderer strafwürdiger Vergehen, zu zahlreich, um sie alle aufzählen zu können, schuldig gemacht habe. Und der Friedensrichter nahm nach einem angemessenen Vorhalt Mr. Thomas Potter und Mr. Robert Smithers jeden um fünf Schillinge in Strafe wegen Trunkenheit, wie der vulgäre Ausdruck des Gesetzes lautet, und um die Kleinigkeit von vierunddreißig Pfunden wegen siebzehn bewiesener Angriffe auf Personen, das Stück zu fünf Schilling, wobei es ihnen überlassen bleiben sollte, sich mit den Anklägern zu vergleichen.

Die Ankläger ließen mit sich reden, die Herren Potter und Smithers lebten indes ein Quartal auf Kredit, so gut sie konnten, und haben es nie wieder unternommen, sich einen lustigen Abend zu machen, obwohl die Ankläger sich sehr bereit erklärten, unter denselben Bedingungen zweimal wöchentlich Angriffe auf ihre Personen zu erdulden.

Die Morgenpostkutschen


Die Morgenpostkutschen

Wir haben oft darüber nachgesonnen, wie viele Monate unaufhörlichen Reisens in einer Postchaise wohl dazu gehören möchten, jemand vom Leben zum Tode zu bringen; und ebenso möchten wir wohl wissen, wie viele Monate beständigen Reisens nur in Morgenpostkutschen ein unglücklicher Sterblicher wohl aushalten könnte. Lebendig gerädert zu werden ist nichts dagegen, auf vier Rädern nicht nur seine Glieder, sondern auch seine Ruhe und seinen Frieden rädern zu lassen, wogegen wiederum die Strafe des Ixion (beiläufig das einzige praktische Individuum, das das Geheimnis der unterbrochenen Bewegung entdeckt hat) zu vollkommener Bedeutungslosigkeit schwindet. Wären wir ein mächtiger Kirchenfürst in jenen guten alten Zeiten gewesen, wo man für die geheiligte Sache der Religion Blut wie Wasser vergoß und Menschen wie Gras mähte, so würden wir uns ganz ruhig verhalten haben, bis wir einen besonders hartnäckigen Ketzer in die Hände bekommen hätten: und dann hätten wir ihm einen Innenplatz in einer engen, Tag und Nacht forteilenden Postkutsche gegeben, die übrigen Plätze an starke, ein wenig zum Räuspern und Husten neigende Männer verteilt, ihn auf seine letzte Reise ausgesendet, ihn ohne Erbarmen allen Qualen überliefert, die ihm anzutun den Kellnern, Wirten, Kutschern, Schirrmeistern, Hausknechten, Hausmägden und sonstigen Zugehörigen zur Heerstraße beliebt haben dürfte.

Wer kennt nicht die unvermeidlich folgenden Leiden, wenn man plötzlich frühmorgens eine eilige Reise antreten muß? Sobald die Notwendigkeit eintritt, wirst du samt deinem ganzen Hause in die entsetzlichste Unruhe versetzt; du schickst augenblicklich nach der Wäscherin, deine sämtlichen Hausgenossen haben alle Hände voll zu tun, und du selbst eilst mit einem Gefühle der Wichtigkeit, das du nicht gänzlich verbergen kannst, nach dem Postbüro, um einen Platz zu bestellen. Hier ergreift dich zuerst ein schmerzliches Bewußtsein deines Mangels an Bedeutung – die Offizianten sind so kaltblütig und gesammelt, als ob kein Mensch die Stadt zu verlassen gedächte oder als wenn eine Reise von hundert Meilen oder mehr ganz und gar nichts wäre. Du trittst ein in ein dumpfiges, mit mannigfachen Anschlägen verziertes Zimmer, vor dessen größere Abteilung eine plump gearbeitete Barriere läuft, während die andere in einzelne Verschlage abgeteilt ist, die den Käfigen der kleineren Tiere in einer Raubtierschau, aber ohne die Eisenstangen, gleichen. Ein halbes Dutzend Leute sortieren Poststücke, die von einem der Angestellten mit einer Sorglosigkeit in die erwähnten Verschläge geworfen werden, die dir, indem du an den neuen, soeben erst gekauften Reisesack denkst, durch die Seele geht; Lastträger, die wie ebenso viele Atlasse aussehen, gehen und kommen mit schweren Packen auf den Schultern, und während du wartest, um die notwendigen Fragen zu stellen, sinnst du darüber nach, was in aller Welt Postschreiber gewesen sein können, bevor sie Postschreiber wurden. Einer von ihnen steht, mit der Feder hinter dem Ohr und den Händen auf dem Rücken gleich einem Bilde Napoleons in Lebensgröße vor dem Kamine; ein zweiter, mit dem zum Herunterfallen schiefsitzenden Hut auf dem Kopfe trägt die Namen der Passagiere mit einer unsäglich ärgerlichen Kaltblütigkeit in ein großes Buch ein und pfeift dabei – der Spitzbube! – pfeift, während die Frage an ihn gerichtet wird, wieviel ein Außenplatz bis nach Holyhead koste – obendrein beim abscheulichsten Wetter! Sie sind offenbar eine ganz besondere Rasse, die keine der dem ganzen übrigen Menschengeschlechte gemeinsamen Sympathien und Gefühle besitzt. Du kommst endlich an die Reihe, hast deinen Platz bezahlt und fragst bebend: »Um welche Zeit muß ich morgen früh hier sein?« – »Um sechs Uhr«, antwortet der Pfeifer, deinen Sovereign gleichgültig in den auf dem Schreibtische stehenden hölzernen Napf werfend. »Lieber ’n bissel früher als später«, fügt der Mann mit den halbversengten Unaussprechlichen so ruhig und vergnügt hinzu, als wenn die ganze Welt um fünf Uhr das Bett verließe. Du gehst und trägst dich auf dem Heimweg mit dem Gedanken, in welchem Maße die Menschen durch Gewohnheiten in der Grausamkeit verhärtet werden können.

Wenn es in natura rerum ein Ungemach gibt, das noch schauderhafter ist als das andere, so ist es ganz ohne Frage die Notwendigkeit, bei Licht aufstehen zu müssen. Hast du Zweifel daran gehegt, so wirst du des Irrtums am Morgen deiner Abreise schmerzlich innewerden. Du erteiltest vor Schlafengehen strengen Befehl, daß man dich um halb fünf Uhr wecken solle, hast in der ganzen Nacht nicht länger als fünf Minuten ununterbrochenen Schlafs genossen, und jeder Glockenschlag hat dich aus bösen Träumen aufgeweckt. Endlich, wenn du vollkommen erschöpft bist, stellt sieh allmählich ein erquickender Schlummer ein – deine Gedanken werden verwirrt – die Postkutschen, die in der ganzen Nacht fortwährend vor deinen Augen abgingen, werden immer undeutlicher und verschwinden zuletzt gänzlich: im einen Augenblick fährst du selbst gleich dem geschicktesten Kutscher – im anderen gibst du Reiterkunststücke a la Ducrow auf dem linken Vorderpferde zum besten – wieder in einem anderen sitzt du behaglich eingehüllt in der Kutsche und hast soeben in dem Kondukteur einen alten Schulkameraden erkannt, dessen Begräbnis du, wie du dich selbst im Traum erinnerst, vor achtzehn Jahren beigewohnt hast. Sodann tritt der Zustand gänzlicher Vergessenheit bei dir ein, aus dem du sonderbarerweise in eine neue wunderliche Illusion fällst. Du bist Lehrling bei einem Koffermacher – gleichviel wie es zugeht – und eifrig mit dem Verkleben eines Koffers beschäftigt. O dieser verwünschte Gehilfe in der anderen Abteilung der Werkstatt! Wie er hämmert! Er ist auch gar zu fleißig und emsig! Du hast ihn schon seit einer halben Stunde gehört, und er hat während der ganzen Zeit unaufhörlich den Hammer geführt. Und nun ruft er gar! Was sagt er? Fünf Uhr! Du machst eine Gewaltanstrengung und raffst dich im Bette empor, als wenn du die Zeltszene im Richard III. probiertest. Die Täuschung hat augenblicklich ein Ende; der Koffermacherladen ist dein eigenes Schlafzimmer, und der Gehilfe dein fröstelnder Diener, der sich eine Viertelstunde lang auf die offenbare Gefahr, dir die Tür oder sich selbst die Knöchel einzuschlagen, vergeblich bemüht hat, dich aufzuwecken. Du kleidest dich in möglichster Eile an. Das flackernde Licht mit dem langen, verkohlten Dochte verbreitet gerade so viel Helligkeit, um dich erkennen zu lassen, daß alles, was du eben brauchst, nicht da zu finden ist, wo es sein sollte, und du erfährst einigen Aufenthalt, indem du inne wirst, daß du im Wirrwarr des gestrigen Abends einen deiner Stiefel sorgfältig mit eingepackt hast. Du kommst indes mit deiner Toilette noch bald genug zustande, denn du bist bei einer solchen Gelegenheit nicht umständlich und hast dich im voraus rasiert; wirfst dich in deinen Reiserock, knüpfst den grünen Reiseschal um, nimmst deinen Reisesack in die Hand, schleichst leise hinunter, um keine Störung zu verursachen, trittst auf einen Augenblick in das Familienzimmer (das äußerst komfortabel aussieht, in dem nichts an der rechten Stelle steht oder liegt und noch vielfache Spuren des Abendessens zu erblicken sind), trinkst hastig eine Tasse Kaffee, riegelst die Haustür auf, und stehst endlich auf der Straße.

Bei allem, was jammervoll ist, Tauwetter! Keine Spur mehr vom Froste. Du blickst die lange Oxfordstraße hinunter: die Gaslichter werfen einen traurigen Schein auf das nasse Pflaster, und du vermagst keinen dunklen Fleck zu entdecken, der dich hoffen ließe, eines Kabrioletts oder einer Mietskutsche habhaft zu werden – sogar die Mietskutscher sind verzweiflungsvoll nach Hause gefahren. Der kalte, mit Schnee vermischte Regen fällt mit der lieblichen Regelmäßigkeit, die eine wenigstens vierundzwanzigstündige Dauer bedeutet, der Nebel hängt über den Hausgiebeln und Lampenpfählen und hüllt dich gleich einem unsichtbaren Mantel ein. Das Wasser fließt in alle Höfe hinein – die Röhren sind geborsten – die Wassertonnen laufen über – die Straßenrinnen scheinen Zeitwettläufe anzustellen – Brunnenschwengel gehen von selbst nieder – Pferde vor Marktkarren stürzen und niemand hilft ihnen wieder auf – die Polizeidiener sehen aus, als wenn sie sorgfältig mit pulverisiertem Glas überschüttet wären – von Zeit zu Zeit begegnet dir eine Milchfrau mit zeugumwickelten Schuhen, um nicht auszugleiten – Jungen, die »außer dem Hause schlafen« und überhaupt wenig nächtliche Ruhe haben, können trotz allem Hämmern an den Ladentüren ihre Herren nicht aufwecken und heulen vor Kälte – die Mischung von Eis, Schnee und Wasser auf den Trottoirs ist einige Zoll dick – niemand wagt es, rasch zu gehen, um sich warm zu erhalten, und niemand würde sich warm erhalten, wenn er es auch täte.

Es schlägt ein Viertel nach fünf Uhr, wenn du auf deinem Wege nach Golden Cross auf dem Waterlooplatze anlangst, und du machst jetzt die Entdeckung, daß du ungefähr eine Stunde zu früh geweckt worden bist. Du hast keine Zeit zurückzukehren, die öffentlichen Lokale sind überall geschlossen, und du mußt daher weitergehen, was du äußerst zufrieden mit dir selbst und der ganzen Welt tust. Du langst im Posthause an, blickst im Hofe umher, entdeckst weder eine Kutsche noch Vorkehrungen zur Abfahrt einer solchen, gehst in das Büro, und der Kontrast bewirkt, daß es dir mit seiner Gaserleuchtung und seinem loderndem Feuer äußerst komfortabel erscheint – sofern überhaupt ein Gemach an einem Wintermorgen um halb sechs Uhr komfortabel aussehen kann. Derselbe Schreiber steht in derselben Stellung da, in der du ihn gestern gesehen hast, als wenn er seit der Zeit weder Hand noch Fuß geregt hätte. Er sagt dir, daß man die Kutsche in einer Viertelstunde herausbringen werde, und du begibst dich in das Schenkstübchen – nicht in der törichten Erwartung, dich wärmen zu können, sondern nur um dir ein Gläschen heißen Branntwein mit Wasser geben zu lassen – sobald nämlich das Wasser kocht, was genau drittehalb Minuten vor der Abfahrt der Fall sein wird.

Es schlägt gerade sechs auf, dem Turme der St. Martinskirche, indem du den Mund an das Glas setztest. Du stehst in zwei Augenblicken im Büro, und der Schenkwärter sitzt in derselben Zeit behaglich hinter deinem Branntwein mit Wasser. Die Pferde sind vorgespannt, der Kondukteur und einige Lastträger laufen atemlos mit Gepäck hin und her, der noch vor kurzem so stille Hof ist von Getümmel erfüllt, die Verkäufer der Morgenblätter sind angelangt, du vernimmst von allen Seiten Geschrei: »Times, meine Herren, Times – ein Chron, Sir – Herald,19 Sir – schreckliche Mordtat, meine Herren – merkwürdige Ehescheidungsgeschichte, meine Damen«, usw. usw. Die Innenpassagiere befinden sich schon in ihren Höhlen, und die Außenpassagiere, du ausgenommen, gehen auf und ab, um die Füße vor Erstarrung zu schützen. Es sind zwei junge Männer mit sehr langen Haaren, die vom Schnee und Regen wie kristallisierte Rattenschwänze aussehen; ein schmächtiges, frierendes und verdrießliches junges Frauenzimmer, ein alter Herr dito dito, und etwas in einem Mantel mit Kragen, das einen Offizier vorstellen soll. Alle haben große steife Schals über dem Kinn und sehen gerade aus, als wenn sie auf einer Papagenoflöte spielten.

»Nimm die Decken ‚runter, Bob«, ruft der Kutscher, der jetzt in einem groben blauen Reiserock erscheint, an dem die Rückenknöpfe so weit voneinander entfernt sind, daß man sie nicht beide zugleich sehen kann. »Gentlemen«, ruft der Kondukteur mit dem Passagierzettel in der Hand, »schon fünf Minuten über die Zeit!« Die Passagiere klimmen hinauf – die beiden jungen Herren wie Kalköfen rauchend, und der alte hörbar murrend. Das schmächtige junge Frauenzimmer ist endlich vermöge vielen und mannigfachen Ziehens, Nachschiebens, Hilfeleistens und Wirrwarrs hinauf geschafft und drückt dafür seine feste Überzeugung aus, nie wieder hinunterkommen zu können. »Alles gut!« ruft der Kondukteur endlich, springt hinauf, indem die Kutsche sich in Bewegung setzt, und stößt gleich darauf zum Beweise der Gesundheit seiner Lunge ins Horn. »Laß los, Harry«, ruft der Kutscher – und wir rasseln so munter davon, als wenn »alles« mit dem Morgen wie mit der Postkutsche »gut« wäre, und sehen dem Ziele unserer Reise so sehnsüchtig entgegen, als unsere Leser, wie wir fürchten, dem Ende unserer Skizze längst entgegengesehen haben.

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Die Omnibusse


Die Omnibusse

Allgemein wird anerkannt, daß die öffentlichen Fuhrwerke ein weites Feld für Unterhaltung und Beobachtung bieten. Von allen öffentlichen Fuhrwerken oder Transportmitteln überhaupt, die seit den Tagen der Arche Noah – doch wohl des frühesten, von dem man weiß – bis auf die Gegenwart erbaut worden sind, loben wir uns einen Omnibus. Eine Diligence ist nicht zu verachten, hat jedoch nur sechs Innenplätze und bietet keine Veränderung, keine Mannigfaltigkeit dar, denn in der Regel machen dieselben Leute die ganze Reise mit uns, werden außerdem nach den ersten zwölf bis fünfzehn Stunden einsilbig und schläfrig, und hat man jemand in seiner Nachtmütze gesehen, so verliert man allen Respekt vor ihm – was wenigstens bei uns der Fall ist. Weiter werden die Leute auf guten, ebenen Straßen oft langweilig und erzählen lange Geschichten, und selbst die Schweigsamen haben vielleicht unangenehme Gewohnheiten. Wir reisten einst vierhundert Meilen in einer Postkutsche mit einem starken Manne, der sich überall, wo die Pferde gewechselt wurden, ein heißes Glas Rum mit Wasser hereinreichen ließ, was ohne Frage höchst unangenehm war. Auch sind wir mehr als einmal in Gesellschaft eines kleinen, bläßlichen Knaben mit hellem Haar und ohne bemerkbaren Hals gereist, der unter dem Schutze des Schaffners aus der Schule nach London gebracht und in einem Posthause abgesetzt wurde, um von dort abgeholt zu werden. Dies ist vielleicht noch schlimmer als Rum und Wasser in einer eingeschlossenen Atmosphäre. Ferner kommt in Betracht die ganze Reihe von Übeln, die aus dem Kutscherwechsel hervorgehen, und die Fatalität der Entdeckung – die der Schaffner unfehlbar in dem Augenblicke macht, wo man einzuschlummern anfängt –, daß er ein Paket haben muß, das er sich deutlich erinnert in den Kasten des Sitzes gelegt zu haben, auf dem man sich der Ruhe überläßt. Ist diese dann auf eine unbestimmte und jedenfalls lange Zeit gründlich gestört, so entsinnt er sich, das Paket in den Kutscherkasten gelegt zu haben, wo es augenblicklich gefunden wird, nachdem er hat halten lassen und ausgestiegen ist. Die Diligence setzt sich wieder in Bewegung, und er bläst, wie zur Verhöhnung des verursachten Elends, sein Horn so laut er nur kann. In einem Omnibus hat man keins dieser Leiden zu fürchten. Die Passagiere wechseln während einer Fahrt wie die Figuren in einem Kaleidoskop und sind, wenn auch nicht so glitzernd, doch weit unterhaltender. Schwerlich ist es jemals vorgekommen, daß jemand in einem Omnibus eingeschlafen wäre. Wem würde es in den Sinn kommen, eine lange Geschichte in einem Omnibus zu erzählen? Und wenn es geschähe, was würde es schaden? Niemand würde ja auch nur das mindeste davon hören. Kinder findet man zwar bisweilen auch in Omnibussen, allein nicht oft, und wenn es der Fall und der Omnibus, wie in der Regel, voll ist, so sitzt jemand auf ihnen, und man merkt ihre Anwesenheit gar nicht. Ja, wir sind nach reiflicher Überlegung und bei ansehnlicher Erfahrung ganz entschieden der Meinung, daß von allen bekannten Fuhrwerken, von der Glaskutsche an, in der wir zur Taufe gefahren wurden, bis zu dem Leichenwagen, auf dem, wir einst unsere letzte, irdische Reise machen müssen, keins einem Omnibus gleichkommt.

Der unsrige, in dem wir uns täglich vom oberen Ende der Oxfordstraße her in die City rumpeln lassen, steht sicher keinem anderen in London nach, sowohl was die Eleganz seines Äußeren, als was die vollkommene Einfachheit seines Innern oder die angeborene Kaltblütigkeit seines Cad (Schaffners) betrifft. Dieser junge Gentleman ist ein wahres Muster von Hingebung; sein etwas maßloser Eifer für seine Geschäftsgeber bringt ihn fortwährend in Unannehmlichkeiten und bisweilen in das Korrektionshaus. Allein sobald er seine Freiheit wiedererlangt hat, widmet er sich den Obliegenheiten seines Berufs aufs neue und mit demselben Eifer. Er zeichnet sich hauptsächlich durch seine Tätigkeit aus. Sein vornehmstes Rühmen ist, »’nen alten Herrn in ’n Bus locken, einschließen und davonrasseln zu können, eh‘ der alte Kujon nur mal wüßte, wohin er führe« – eine Heldentat, die er häufig zur Belustigung jedermanns, mit Ausnahme des betreffenden Herrn, des »alten Kujons«, vollbringt, der, wie es auch zugehen mag, die Spaßhaftigkeit darin zu entdecken niemals imstande ist.

Unseres Wissens ist zu keiner Zeit die Frage entschieden worden, für wie viele Passagiere unser Omnibus Raum hat. Der Schaffner glaubt ohne Zweifel, daß er Raum für so viele Personen enthalte, als hineingelockt werden können. »Noch Platz da?« ruft ein Fußgänger, der vom Gehen sehr heiß geworden ist. »Die schwere Menge, Sir«, antwortet der Cad, öffnet langsam die Tür und enthüllt die wahre Lage der Dinge nicht eher, als bis der Unglückliche auf dem Tritt steht. »Wo denn?« fragt der in die Falle Gegangene und will sich wieder zurückziehen. »Auf beiden Seiten, Sir«, erwidert der Cad, schiebt ihn hinein, wirft den Schlag zu und ruft: »Alles gut, Bill!« Entrinnen ist außer Frage; der Neuangekommene taumelt umher, bis er irgendwo niederfällt und zu einer Art von Ruhe gelangt.

Da wir regelmäßig ein wenig vor zehn Uhr in die City fahren, so treffen wir stets mit vier oder fünf bestimmten Personen zusammen. Sie steigen immer an ein und derselben Straßenecke ein und sitzen gewöhnlich auf denselben Plätzen; sie sind stets auf dieselbe Weise gekleidet und sprechen ohne Ausnahme über dieselben Gegenstände – die zunehmende Schnelligkeit der Kabrioletts und die Nichtachtung moralischer Verbindlichkeiten, die von den Omnibusbesitzern und deren Leuten bewiesen wird. Gleich am Schlage rechter Hand sitzt Tag für Tag, die Hände auf die Spitze seines Regenschirms gestützt, ein kleiner, wunderlicher alter Mann mit gepudertem Kopf. Er ist äußerst ungeduldig und wählt seinen Platz in der Absicht, ein scharfes Auge auf den Cad zu haben, mit dem er sich vielfach zu unterhalten pflegt. Er ist sehr dienstfertig, Leuten herein- und hinauszuhelfen, und stößt, von freien Stücken den Cad mit seinem Regenschirm an, wenn jemand auszusteigen wünscht. Er empfiehlt den Damen regelmäßig, ihre sechs Pence bereitzuhalten, um Verzögerung zu vermeiden, und läßt jemand ein Fenster nieder, das er erreichen kann, so zieht er es augenblicklich wieder in die Höhe.

»Worauf wollen Sie denn warten?« fragt der kleine alte Mann jeden Morgen den Cad schon beim geringsten Anzeichen, daß an der Ecke der Regentstraße angehalten werden soll. »Worauf wollen Sie denn warten?«

Der Cad pfeift und stellt sich, als ob er die Frage nicht gehört hätte. Der kleine Alte stößt ihn mit seinem Schirm an und fährt fort: »Hören Sie nicht? Worauf wollen Sie warten?« »Auf Passagiere.«

»Das weiß ich, aber es kann Ihnen ja hier gar nichts helfen; also worauf warten Sie?«

»Ja, Sir, das ist ’ne etwas schwierige Frage. Ich glaube, wir warten, weil wir lieber warten als weiterfahren.«

»So so!« ruft der kleine Mann mit großer Heftigkeit aus. »Schon gut. Ich belange Sie morgen. Hab‘ oft damit gedroht, werd’s jetzt aber ausführen.«

»Danke schön, Sir«, erwiderte der Cad, mit einer spöttisch dankbaren Miene den Hut berührend. »Bin Ihnen verbunden, Sir.«

Die jungen Leute im Omnibus lachen laut auf, und der alte Herr wird sehr rot im Gesicht und scheint höchlich erzürnt zu sein. Der starke Herr mit dem weißen Halstuch im anderen Ende des Omnibus blickt sehr prophetisch und erklärt, es müsse gegen die Halunken bald etwas geschehen, oder man könne gar nicht sagen, wie das alles noch enden werde; und der schäbig elegante Herr mit dem grünen Beutel drückt seine vollkommene Beistimmung aus, wie er es regelmäßig jeden Morgen seit sechs Monaten getan hat.

Jetzt kommt ein zweiter Omnibus heran und hält unmittelbar hinter uns. Ein anderer alter Herr hebt seinen Spazierstock empor und läuft aus Leibeskräften auf unsern Omnibus zu; wir sehen ihm mit großer Teilnahme zu; der Schlag wird für ihn geöffnet und er ist plötzlich verschwunden – im Oppositions-Omnibus, der ihn weggekapert hat. Der Oppositions-Cad verhöhnt obendrein den unsrigen und rühmt sich, ihm »den alten Burschen vor der Nase wegstibitzt zu haben«, und man hört deutlich die Stimme des gegen seine gesetzwidrige Freiheitsberaubung vergeblich protestierenden »alten Burschen«. Wir fahren weiter, der andere Omnibus fährt hinter uns her, und sooft wir stillhalten, um einen Passagier mitzunehmen, hält er auch still, um gleichfalls danach zu fahnden; bisweilen bekommen wir ihn, bisweilen die Gegenpartei: wer ihn aber nicht bekommt, sagt, daß er ihn hätte haben müssen, und die Cads schimpfen daher heftig aufeinander. Wenn wir in Lincolns-Inn-Fields, Bedford-Row und anderen juristischen Bezirken anlangen, steigen sehr viele unserer ursprünglichen Mitpassagiere aus, wogegen wir andere mitnehmen, die einen äußerst kühlen Empfang haben; denn sonderbar genug sehen die in einem Omnibus schon einige Zeit gefahrenen Passagiere die neuen Ankömmlinge stets mit Mienen an, als ob bei ihnen der Gedanke im Hintergrund läge, daß diese im Fuhrwerk nichts zu tun hätten. Der kleine, alte Mann hegt ganz unfehlbar einen solchen Gedanken – ihr Hereinkommen erscheint ihm als eine Art von negativer Impertinenz. Die Unterhaltung stockt gänzlich; jeder schaut wie abwesend durch das Fenster vor ihm, und jeder glaubt, daß sein Nachbar gegenüber ihn anstarre. Steigt jemand in Shoe-Lane und noch jemand an der Ecke der Farringdonstraße aus, so brummt der kleine alte Mann in den Bart und bemerkt dem zuletzt Eingestiegenen, wenn er gleichfalls in Shoe-Lane ausgestiegen wäre, so würde er keinen doppelten Aufenthalt verursacht haben; worauf die jungen Leute abermals lachen und der alte Herr eine sehr feierliche Miene annimmt und nichts mehr sagt, bis er bei der Bank aussteigt und so schnell als möglich davontrabt, was wir gleichfalls tun, und zwar mit dem Wunsche, daß unsere Omnibusfahrt andern auch nur einen ganz geringen Teil des Vergnügens gewährt haben möchte, das sie uns selber gewährt hat.

Öffentliche Diners


Öffentliche Diners

Die öffentlichen Diners in London, von des Bürgermeisters alljährlichem Bankett zu Guildhall bis zur Schornsteinfegerjahresfeier zu White Conduit House – von den Gastmählern der Sheriffs oder Goldarbeiter bis zu denen der patentierten Viktualienhändler oder Fleischer – bieten ohne Ausnahme unterhaltende Szenen. Am unterhaltendsten von allen Ergötzlichkeiten dieser Art ist wahrscheinlich das alljährliche Diner einer Wohltätigkeitsgesellschaft. Bei einem solchen sind die Teilnehmenden einander ziemlich gleich – Leute, die jederzeit Stich halten und den Schmaus zu einer ernsthaften Geschäftssache machen, wobei nichts zu lachen ist. Bei einem politischen Gelage ist jedermann unangenehm und geneigt, lange Reden zu halten, was beiläufig gesagt ziemlich ein und dasselbe ist; wogegen man bei einem Wohltätigkeitsdiner Leute aller Art trifft. Mag sein, daß der Wein nicht von bester Qualität ist, daß einige hartherzige Ungeheuer beim Sammeln murren – die Unterhaltung, die man hier findet, das Vergnügen und die Heiterkeit überwiegen dennoch.

Laßt uns annehmen, wir wären geneigt, an einem Diner dieser Art teilzunehmen – etwa dem des Vereins der »Freunde armer Waisen«. Der ganze Titel der Gesellschaft ist ein paar Zeilen länger, uns jedoch entfallen. Wir entsinnen uns aber deutlich, daß wir auf Bitten eines Waisenfreundes ein Billett genommen haben, und werfen uns in einen Mietswagen. Der Kutscher – ohne Zweifel aus Fürsorge, daß wir uns mit gebührender Würde einführen – verschließt die Ohren gegen unser dringendstes Flehen, uns an der Ecke der Großen Königinstraße abzusetzen, und läßt es sich nicht nehmen, uns bis unmittelbar vor die Tür der Freimaurertaverne zu fahren, um die sich ein Volkshaufe gesammelt hat, die »Armen-Waisen-Freunde« ankommen zu sehen. Während wir den Kutscher bezahlen, hören wir die große Frage erörtern, ob wir vielleicht der edle Lord sein könnten, von dem angekündigt worden, daß er den Vorsitz übernehmen werde, und hören zu unserer Freude den Ausspruch erfolgen, daß wir ein bloßer »Sänger« wären. Das erste, was uns, sobald wir eintreten, auffällt, ist die erstaunliche Wichtigkeit des Komitees. Wir bemerken im ersten Stockwerk eine sorgfältig von zwei Aufwärtern bewachte Tür und gewahren, daß dicke Herren mit sehr roten Gesichtern hinein- und herauslaufen, und zwar mit einer Eilfertigkeit, die der Würde und Gravität von so bejahrten und korpulenten Männern ganz und gar nicht angemessen ist. Wir stehen erschrocken still und meinen in unserer Unschuld, daß sich irgendein Unglück, im Gedränge etwa, ereignet haben müsse. Doch einer der Türsteher enttäuscht uns sogleich –: »Belieben Sie oben hinaufzugehen, Sir; dies Zimmer ist das Komiteezimmer.« Wir begeben uns natürlich hinauf und sinnen im Steigen darüber nach, worin die Geschäfte des Komitees wohl bestehen mögen und ob die Herren sonst noch etwas tun, als daß sie verwirrt durcheinander reden und laufen und die Türsteher umwerfen.

Wir legen Hut und Mantel ab, empfangen dafür eine sehr kleine Pappmarke, die wir natürlich verlieren, ehe wir ihrer wieder bedürfen, und treten ein in den Saal, in dem wir vier lange Tafeln für die minder ausgezeichneten Gäste, und quer vor ihnen auf einer Plattform am oberen Ende eine fünfte erblicken, die für die besondern Freunde der armen Waisen bestimmt ist. Wir sind so glücklich, an der Tafel ein Kuvert zu finden, das noch mit niemands Karte belegt ist, setzen uns klugerweise sogleich und haben ein wenig Muße, umherzuschauen. Aufwärter mit Weinkörben in den Händen stellen in sehr ehrerbietigen Entfernungen Weinflaschen auf den Tisch. In weiten Zwischenräumen gewahren wir melancholisch aussehende Salzfässer und altersschwache Essigfläschchen, die einst sehr wohl den Eltern der armen Waisen angehört haben können. Die Messer und Gabeln sehen aus, als wenn sie bei allen öffentlichen Diners in London seit Georgs des Ersten Regierungsantritt Dienste geleistet hätten. Die Spielleute stimmen ihre Instrumente, probieren, präludieren und kratzen jammervoll, und mancher Herr läuft wie besessen an den Tischen auf und nieder, und sein Gesicht wird länger und immer länger, je länger es währt, ehe er seine Karte oder ein unbelegtes Kuvert findet.

Wir drehen uns um nach dem Tische hinter uns, und sind – da wir noch wenigen öffentlichen Diners beigewohnt haben – von dem sich uns darbietenden Anblicke einigermaßen betroffen. Wir erblicken nämlich mehrere Herren, unter denen ein kleiner Mann mit einem langen, ziemlich geröteten Gesicht und grauen, über der Stirn kerzengerade emporstehenden Haaren in besonderem Ansehen zu stehen scheint. Er trägt einen Streifen schwarzen Seidenzeugs ohne steifende Binde statt eines Halstuchs, und die Umstehenden reden ihn vertraulich »Fitz« an. Neben ihm steht ein dicker Mann mit einem weißen Halstuch und ledergelber Weste, glänzendem schwarzem, sehr kurz abgeschnittenem Haar und einem großen, runden, Gesundheit strahlenden Antlitz; um seinen Mund spielt fortwährend ein geziertes und halb sentimentales Lächeln. Zu ihren Freunden oder Bekannten gehören offenbar noch drei bis vier andere Herren, von denen der eine ein Männchen mit einem runden Gesicht, modischer Halsschleife und blauer Unterweste, ein zweiter ein Mann mit einem großen Kopf, schwarzem Haar und starkem Knebelbart ist. Ihr Aussehen und Benehmen deutet ohne Zweifel auf etwas Absonderliches hin, obgleich wir kaum imstande sein möchten anzugeben, worin es bestände; allein wir können uns von dem Gedanken nicht losmachen, daß sie zu einem andern Zwecke, als nur zum Essen und Trinken erschienen sein müssen. Wir haben jedoch nicht Zeit, der Sache genauer nachzuforschen, denn die Aufwärter ziehen sich von den Tischen nach dem unteren Ende des Saals zurück. Der schwärzliche Mann im blauen Rock mit glänzenden Knöpfen, der die Musik dirigiert, gibt seinen Leuten das Zeichen zum Anfangen, die Gäste erheben sich, und herein schreiten vierzehn Festordner, von denen ein, jeder, gleich dem bösen Geist in einer Pantomime, einen langen Stab in der Hand trägt; dann folgen der Vorsitzer und die vornehmen Gäste. Sie eilen so schnell sie können im Saal hinauf und verbeugen sich und schmunzeln und bemühen sich, unendlich liebenswürdig und leutselig auszusehen. Das Beifallrufen ist vorüber, das Tischgebet gesprochen, das Geklapper mit den Tellern und Löffeln beginnt, und alle scheinen äußerst erfreut zu sein:, über die Anwesenheit so ausgezeichneter Gäste oder den Anfang des lange ersehnten Mahls.

Bei dem Diner selbst geht es zu wie bei jedem anderen Diner. Suppenschalen werden mit erschrecklicher Schnelligkeit geleert – Aufwärter nehmen Teller mit Steinbutt weg, um Soße dazu zu holen, und bringen Teller mit Soße ohne Fisch zurück; Leute, die sich auf das Vorschneiden verstehen, sind große Toren, wenn sie es laut werden lassen; und Leute, die sich nicht darauf verstehen, zeigen kein Verlangen, es zu lernen. Die Messer und Gabeln bilden eine angenehme Begleitung zu Aubers Musik, und Aubers Musik würde eine angenehme Begleitung zum Diner abgeben, wenn man außer den Becken nur etwas davon hören könnte. Die inhaltsreichen Schüsseln verschwinden – die Schalen mit Eingemachtem werden geleert wie der Blitz – tüchtige Esser wischen sich die Stirnen – Leute, die bis jetzt äußerst verdrießlich ausgesehen haben, werden über die Maßen zutraulich und fordern uns so freundschaftlich als möglich zum Weintrinken mit ihnen auf – alte Herren machen uns auf die Damengalerie aufmerksam und geben sich große Mühe, uns einzuprägen, daß der Wohltätigkeitsverein durch die Damen stets ganz besonders begünstigt wird, jedermann scheint gesprächig werden zu wollen – laut und allgemein ertönt das Gesumm der Unterhaltung.

Sobald das Geräusch aufhört, erhebt sich der Toastmaster.

»Meine Herren, belieben Sie Ihre Gläser zu füllen.«

Sobald es geschehen ist, fährt er in regelmäßig aufsteigender Skala fort:

»Meine Herren – haben – Sie – sämtlich – die Gläser – gefüllt? Ich bitte – um – Gehör – meine Herren – für – den – Vor – sit – zer!«

Jetzt erhebt sich der Präsident, sagt, daß er es für vollkommen unnötig halte, die Gesundheit, die er vorzuschlagen gedenke, irgendwie zu bevorworten, ergeht sich darauf in einem Irrgarten von unverständlichen Redensarten und taumelt eine Viertelstunde lang zwischen Verstand und Unsinn zum Bewundern hin und her, bis er endlich bei den Worten: »gesetzlicher Souverän dieses Reichs«, durch lautes Bravorufen mehrerer alter Herren unterbrochen wird, die noch mehrere Minuten mit ihren Messergriffen furchtbar auf den Tisch loshämmern. Es würde ihm, fährt er fort, unter allen Umständen das größte Vergnügen gewähren, die stolzeste Freude einflößen, jene Gesundheit vorzuschlagen; aber man möge erwägen, was seine Gefühle sein müßten, da er anzukündigen imstande sei, daß Seine Majestät die Gnade gehabt, abermals Dero Beitrag zu den Zwecken des Vereins im Betrage von 25 Pfund anweisen zu lassen. Diese Ankündigung – von jedem Vorsitzer seit Gründung des Vereins vor zweiundvierzig Jahren alljährlich wiederholt – wird mit stürmischem Beifall begrüßt, die Gesundheit unter Geschrei und Gehämmer getrunken, das Nationallied von den Sängern und der Refrain von der ganzen Gesellschaft im Chor gesungen, und die Wirkung, wie die Zeitungen sich ausdrücken, ist »wahrhaftig elektrisierend!«

Nachdem die anderen »loyalen und patriotischen« Gesundheiten mit allem gebührenden Enthusiasmus getrunken sind, der Herr mit dem losen Halstuche ein komisches, und einer seiner Freunde ein rührendsentimentales Lied gesungen hat, kommt der Haupttoast des Abends an die Reihe: »Heil und Gedeihen dem Vereine der Armen-Waisen-Freunde!« Wir müssen uns hier abermals der Zeitungsphraseologie bedienen und unser Bedauern ausdrücken, »außerstande zu sein, auch nur das Wesentliche der Standrede des edlen Lords wiederzugeben«. Es muß genügen zu sagen, daß sie zu den längsten gehört und die ganze Versammlung hinreißt. Sobald der Toast getrunken worden ist, verlassen die Festordner mit noch weit wichtigeren Mienen, als sie bisher schon zur Schau getragen hatten, den Saal, und kehren gleich darauf an der Spitze eines Aufzugs von armen Waisen, Knaben und Mädchen, zurück, die rund im Saale herumgehen, sich verbeugen und knicksen, einander auf die Fersen treten und ganz so aussehen, als ob sie, zur großen Befriedigung der Gesellschaft überhaupt und der Ladies Patronesses auf der Galerie insbesondere, gar gern ein Glas Wein bekommen und trinken möchten. Die Kinder werden hinausgeführt, und die Festordner treten wieder herein, jeder mit einem blauen Teller in der Hand. Die Musikkapelle spielt ein munteres Stück, die Mehrzahl der Versammelten steckt die Hände in die Taschen und sieht einigermaßen ernsthaft aus, und überall hört man Goldstücke auf irdenem Geschirr klirren.

Nach einer kleinen Weile – man singt, trinkt und zahlt inzwischen – setzt der Sekretär seine Brille auf und beginnt den Jahresbericht vor- und die Subskriptionsliste abzulesen, auf die mit großer Aufmerksamkeit gehört wird.

»Mr. Smith, eine Guinea – Mr. Tomkins, eine Guinea – Mr. Wilson, eine Guinea – Mr. Hickson, eine Guinea – Mr. Nixon, eine Guinea – Mr. Charles Nixon, eine Guinea (hört, hört!) – Mr. James Nixon, eine Guinea – Mr. Thomas Nixon, ein Pfund und einen Schilling (unermeßlicher Beifall). – Lord Fitz Winkle, der Vorsitzer, außer jährlichen fünfzehn Pfunden – dreißig Guineas (endloses Hämmern; mehrere Herren hämmern in ihrer Begeisterung die Füße von ihren Weingläsern). – Lady Fitz Winkle, außer jährlichen zehn Pfunden – zwanzig Pfund« (ewiglanges Hämmern und Bravorufen).

Der Sekretär schweigt endlich, der Vorsitzer erhebt sich und schlägt die Gesundheit des Sekretärs vor – er kennt keinen eifrigern und würdigeren Mann als ihn. Der Sekretär dankt, bemerkt, daß ihm kein trefflicherer Mann bekannt sei als der Präsident – dem er nur den ersten Beamten der Waisenanstalt an die Seite setzen könne und dessen Gesundheit er vorschlage. Der erste Beamte dankt und bemerkt, daß er keinen schätzbareren Mann kenne als den Sekretär – mit Ausnahme Mr. Walkers, des Rechnungsführers, dessen Gesundheit vorzuschlagen er seinerseits sich erlaube. Mr. Walker dankt und macht ein anderes achtbares Individuum ausfindig, dem nur der erste Beamte nachsteht – und so nimmt das Toastausbringen, Loben und Danken seinen Fortgang, indem nur noch die Gesundheit der »anwesenden Gönnerinnen« ausgezeichnet zu werden verdient. Die Herren blicken entsetzlich lärmend nach der Galerie hinauf, und kleine geschniegelte Herren, die mehr Wein als gewöhnlich getrunken haben, werfen den Damen Handküsse zu und verdrehen die Gesichter auf das trübseligste, in der Meinung, zu charmieren; worauf die Gesellschaft sich endlich trennt und heimbegibt.

Doch genug und nur noch die Bemerkung, daß die Leser nicht glauben dürfen, wir wollen mißgünstig spotten, weil wir aus dem Spaßhaften der öffentlichen Diners Belustigung schöpfen. Nichts weniger. Wir sind weit entfernt, den Wert der wohltätigen Vereine und Anstalten, worin London so reich ist, zu verkennen, oder die edeln Gesinnungen und achtbaren Beweggründe der Mehrzahl ihrer Teilnehmer und Unterstützer in Abrede zu stellen.

Charaktere


Charaktere

Gedanken über Leute und Leutchen

Es ist merkwürdig, wie gänzlich unbeachtet man leben und sterben kann in London. Wirklich gibt es Unzählige in der großen Hauptstadt, die keinerlei Sympathie auch nur in eines einzigen Brust erwecken; an deren Dasein niemand ein Interesse nimmt, außer ihnen selbst; von denen sich nicht sagen läßt, sie würden vergessen nach ihrem Tode, weil bei ihrem Leben keine Seele an sie gedacht hat; die nicht einen einzigen Freund besitzen, und um die sich niemand, wirklich gar niemand kümmert. Gebieterische Notwendigkeit zwang sie, nach London zu gehen, um Beschäftigung und die Mittel zu ihrem Lebensunterhalt zu suchen. Es ist schmerzlich, die Bande zu zerreißen, die uns mit unserer Heimat und unsern Angehörigen und Freunden verbinden, und noch schmerzlicher, die tausend Erinnerungen glücklicher Tage und alter Zeiten aufzugeben, die jahrelang in unserm Innern schlummerten und nur erwachen, um uns die Gestalten der Lieben und Teuren, als wenn sie lebten, die Umgebungen, in denen wir uns mit ihnen bewegten und die wir wahrscheinlich nie wieder sehen sollen, Freud und Leid, das uns mit ihnen traf, und die Hoffnungen vor die Seele zurückzuführen, bei denen uns einst das Herz so hoch und freudig schlug und die wir wohl für immer hinter uns lassen müssen. Doch die Leute, von denen wir reden, haben zu ihrem eigenen Glück Gedanken dieser Art längst vergessen; die alten Freunde sind gestorben oder ausgewandert, ehemalige Korrespondenten haben sich in dem geschäftigen Citygedränge verloren, und sie selbst sind durch Zeit und Gewohnheit vollkommen passiv und teilnahmslos geworden.

Wir saßen eines Tags innerhalb der Umfriedung eines Teils des St.-James-Parks, als ein Mann unsere Aufmerksamkeit erregte, den wir sogleich dieser Klasse zuzählen zu müssen glaubten. Er war groß, hager und blaß und trug einen schwarzen Rock, knapp anschließende graue Beinkleider, kurze Gamaschen und braune, lederne Handschuhe. Er hatte einen Regenschirm in der Hand – nicht zum Gebrauch, denn das Wetter war schön, sondern offenbar, weil er ihn jeden Morgen ins Büro mitnahm. Er ging vor dem kleinen Rasenplatze, auf dem die zu vermietenden Stühle stehen, auf und ab, nicht, als wenn er es zum Vergnügen oder zur Erholung, sondern aus Notwendigkeit täte – geradeso wie er jeden Wochentag von Islington zu seinem Geschäftszimmer wandert. Es war ein Montag – der Ostermontag. Er war auf vierundzwanzig Stunden der Fronarbeit des Schreibtisches entronnen und machte einen Spaziergang, der Bewegung und frischen Luft, des Vergnügens wegen – vielleicht zum ersten Male in seinem Leben. Wir waren geneigt zu glauben, daß er noch nie einen Feiertag gehabt hatte und eigentlich noch immer nicht wußte, was er mit sich und seiner Zeit anfangen solle. Auf dem Grasplan spielten Kinder, hier und da erblickte man kleine plaudernde und lachende Gruppen – er aber ging fortwährend, achtlos und unbeachtet, auf und ab, und sein schmales und blasses Gesicht sah aus, als wenn es des Ausdrucks der Neugier oder Teilnahme unfähig wäre. In seiner Haltung, seinem ganzen Wesen lag ein Etwas, das uns, wie wir uns einbildeten, sein ganzes Leben oder vielmehr seinen ganzen Tag erzählte; denn ein Mann dieser Art kennt keine Abwechslung. Es war uns fast, als wenn wir das dumpfige Hinterstübchen vor uns sähen, in dem er jeden Morgen erscheint, den Hut an denselben Pflock hängt und die Beine unter demselben Schreibtisch ausstreckt, nachdem er den schwarzen Rock, der das ganze Jahr über aushalten muß, mit dem alten vertauscht hat, der ihm im vergangenen Jahre seine Dienste leistete und den er im Geschäftszimmer trägt, um den andern zu schonen. Und da sitzt er dann bis fünf Uhr, den Kopf nur emporhebend, wenn jemand eintritt, oder wenn er inmitten einer schwierigen Berechnung die Blicke an die staubige Decke heftet, als ob er aus ihrem Schwarz-Grau eine Inspiration erwarte; und da sitzt und arbeitet er den ganzen Tag so regelmäßig wie der Zeiger der Wanduhr über dem Kaminsims, deren lautes Ticken fast ebenso einförmig ist wie sein eigenes Dasein.

Um fünf oder halb sechs Uhr steigt er langsam von seinem gewohnten Stuhl herunter, wechselt abermals den Rock und begibt sich in sein Speisehaus in der Gegend von Bucklersburg, Er fragt: »Was gibt es Gutes?« Der Kellner nennt ihm in vertraulichem Tone, denn er hat es mit einem regelmäßigen Gast zu tun – die Gerichte des Tags, und er bestellt einen kleinen Teller mit Roastbeef nebst frischem Gemüse und einem halben Schoppen Porter. Er bekommt einen kleinen Teller, weil frisches Gemüse einen Penny teurer ist als Kartoffeln, und er hatte gestern »zwei Brote« und vorgestern sogar noch »einen Käse« dazu. Nachdem diese wichtige Sache abgemacht ist, hängt er den Hut auf und sagt zu dem nächstsitzenden Herrn, der das Zeitungsblatt in der Hand hat: »Wenn ich bitten darf, nach Ihnen, Sir!« Kann er das Blatt haben, während er speist, so speist er mit weit größerem Behagen, indem er es gegen die Wasserflasche stellt und abwechselnd einen Bissen zum Munde führt und ein paar Zeilen liest. Genau fünf Minuten vor Ablauf der Stunde bezahlt er und kehrt nach dem Geschäftszimmer zurück, das er abermals, sofern kein Posttag ist, nach einer halben Stunde verläßt, und begibt sich in seinem gewöhnlichen Schritt nach Hause in sein kleines Hinterzimmer, wo er seinen Tee trinkt und sich dabei vielleicht die Zeit durch Geplauder mit seiner Hauswirtin kleinem Knaben vertreibt, den er bisweilen für die Ausrechnung eines Additionsexempels mit einem Penny belohnt.

Manchmal liegt es ihm ob, seinem Geschäftsgeber in Bernard-Street, Russel-Square, einen Brief hinzubringen. Der reiche Mann hört seine Stimme und ruft ihm aus dem Speisezimmer zu: »Nur herein, Mr. Smith!« worauf Mr. Smith seinen Hut neben einem Stuhle des Vorsaales niederlegt, schüchtern hineingeht, das herablassende Geheiß, sich zu setzen, befolgt, die Füße sorgfältig unter den Stuhl zieht und in ehrerbietiger Entfernung vor dem Tisch dasitzt, während er das Glas Wein austrinkt, das ihm der älteste Knabe hat einschenken müssen. Er entfernt sich darauf unter fortwährenden Verbeugungen und unruhigem Herzklopfen, das sich erst wieder vollkommen verliert, wenn er das Haus verlassen hat und einige hundert Schritte gegangen ist.

Er und seinesgleichen sind mitleidswerte, harmlose Leute; zufrieden, aber nicht glücklich, mit gebrochener Lebenskraft und niedergebeugt, fühlen sie wohl keinen Schmerz, kennen aber auch keine Freude.

Vergleicht sie mit einer andern Klasse von Leuten, die ebenfalls weder Angehörige und Freunde noch Umgang haben, deren Stellung in der Gesellschaft aber eine Folge ihrer eigenen Wahl ist. Die meisten von ihnen sind alte Knaben mit weißen Köpfen und roten Gesichtern, lieben Portwein und hohe Stiefel, hegen aus wirklichen oder eingebildeten Gründen – in der Regel aus den wirklichen und vortrefflichen, daß sie selbst reich und ihre Anverwandten arm sind – Argwohn gegen jedermann, spielen die Menschenhasser, empfinden großes Vergnügen in dem Gedanken, unglücklich zu sein, und machen alles verstimmt, was in ihre Nähe kommt. Man kann Leute wie sie überall sehen, erkennt sie in Kaffeehäusern an ihren Unzufriedenheit ausdrückenden Ausrufen und den luxuriösen Diners, im Theater daran, daß sie stets auf demselben Platze sitzen – und mit neiderfüllten Blicken alle jungen Leute in ihrer Nähe ansehen; in der Kirche an ihrem prunkhaften Eintreten und der lauten Stimme, womit sie sich bei den Responsorien der Liturgie vernehmen lassen; in Gesellschaften endlich daran, daß sie beim Whist verdrießlich werden und keine Musik leiden können.

Ein alter Knabe dieser Art hat eine glänzend möblierte Wohnung, eine artige Büchersammlung, ein kostbares Silberservice und schöne Gemälde die Fülle; nicht so sehr, um sich selbst daran zu erfreuen, als um die zu ärgern, die das Verlangen, aber nicht die Mittel haben, es ihm gleichzutun. Er ist Mitglied von zwei oder drei Klubs, und man beneidet ihn, schmeichelt ihm und haßt ihn in allen. Bisweilen wird er von einem armen Verwandten – etwa einem verheirateten Neffen – um eine kleine Unterstützung angegangen, was er mit edler Entrüstung über die Unbesonnenheit junger Eheleute, die Wertlosigkeit einer Frau, die Anmaßung, Familie zu haben, die schwere Sünde bei jährlich hundertfünfundzwanzig Pfund in Schulden zu geraten und andere unverzeihliche Verbrechen erörtert. Mit einer selbstgefälligen Hinweisung auf sein eigenes Beispiel und einer zarten Anspielung auf Kirchspielunterstützung schließt er. Wenn er stirbt, so geschieht es, indem ihn nach dem Mittagessen der Schlag rührt. Sein Vermögen hat er der Bibelgesellschaft vermacht, die zu seinem Gedächtnis, ein Täfelchen errichtet, das ihre Bewunderung seines christlichen Wandels in dieser Welt und ihre tröstliche Gewißheit seiner Seligkeit in der anderen verkündet.

Nächst Mietskutschern, Kabriolettführern und Omnibuskondukteuren, die wir ganz besonders in unser Herz geschlossen haben und ganz nach dem Maße ihrer unerschütterlichen Unverschämtheit und vollkommenen Selbstbeherrschung bewundern, gewährt uns keine Menschenklasse eine größere Ergötzlichkeit als die der Londoner Lehrburschen. Sie sind gegenwärtig nicht mehr eine wohlorganisierte Körperschaft, verbunden durch feierlichen Vertrag, um ruhigen und friedlichen Leuten Schrecken einzujagen, sooft es ihnen beliebt, sich in die Köpfe zu setzen, beleidigt zu sein und Prügel in die Hände zu nehmen. Sie sind jetzt nur noch durch Lehrbriefe gebunden, und ihre Tapferkeit wird durch die heilsame Furcht vor der neuen Polizei und die Aussicht auf ein dumpfiges Arresthaus, ein Polizeiverhör und eine dahinter lauernde Geldstrafe leicht im Zaume gehalten. Demungeachtet sind sie noch immer eine eigentümliche Menschenklasse und nicht minder ergötzlich, weil unschädlich. Wer hätte sie nicht sonntags in den Straßen gesehen und bemerkt? Wo gäbe es sonst so wackere Versuche im Prunken und Großtun, wie die sind, die sie an ihren stattlichen Personen entwickeln? Vor ein paar Sonntagen gingen wir auf dem Strand hinter einem kleinen Häufchen von ihnen her, das uns für den ganzen Tag Unterhaltungsstoff gab. Sie kamen aus der City. Es war zwischen drei und vier Uhr nachmittags, und sie begaben sich in den Park. Es waren ihrer vier, sie gingen Arm in Arm in einer Reihe und prangten in weißen Glacéhandschuhen wie ebenso viele Bräutigame, in hellen Sommerbeinkleidern von Zeug, wie man es noch nie gesehen, und Röcken, für die unsere Sprache noch keinen Namen, hat –; einer Art Kreuzung zwischen Reise- und Überröcken, mit den Kragen der einen und den Aufschlägen der anderen und Taschen, die nur ihnen selbst eigentümlich waren.

Sämtliche vier Gentlemen führten tüchtige Handstöcke mit großen Troddeln an den Griffen, die sie bisweilen anmutig rund umwirbelten, und ihr Gang erhielt durch ihr Bemühen, eine gleichgültig-leichte und kecke Haltung zu behaupten, einen krampfhaft-renommistischen, unwiderstehlich lächerlichen Anstrich. Einer von ihnen hatte eingezwängt in der Westentasche eine Uhr von der Größe und Gestalt eines Ribstoner Apfels, und verglich sie sorgfältig mit den Uhren aller Kirchen und sonstigen öffentlichen Gebäuden, an denen der Weg vorüberführte; und als sie endlich im St.-James-Park angelangt waren, mietete einer von ihnen, der sich der bestgemachten Stiefel erfreute, ausdrücklich einen zweiten Stuhl, um die Füße darauf zu stellen, und genoß seine Naturfreuden für zwei Groschen mit einem Gehaben, das alle Unterschiede zwischen Brookes und Snooks, Crockfords und Bagnigge Wells

Ein Weihnachtsschmaus


Ein Weihnachtsschmaus

Weihnacht! – Der muß wahrlich ein Menschenhasser sein, in dessen Brust durch die Wiederkehr des Weihnachtsfestes kein frohes Gefühl, in dessen Seele durch sie keine freundliche Erinnerung geweckt wird. Es gibt Leute, die euch sagen werden, Weihnacht wäre nicht mehr für sie, was es vormals gewesen – bei jedem neuen Christfeste hätten sie sich um eine teure Hoffnung, eine schöne Aussicht ärmer als das Jahr zuvor gefunden, und das neueste erinnere sie nur an ihre verschlimmerte Lage, ihr vermindertes Einkommen – an die Gastereien, zu denen sie einst vorgebliche Freunde geladen und die kalte Begegnung, die ihnen jetzt in ihrem Unglück widerführe. Hinweg mit so trübseligen Gedanken – wiewohl jeder sie in sich hervorrufen kann an jedem Tag im Jahr, der lange genug die Welt gesehen. Erwählt nicht den frohesten der dreihundertundfünfundsechzig zu euren schmerzlichen Rückerinnerungen, sondern rückt euren Stuhl näher an das prasselnde Feuer – füllt die Gläser und stimmt den Rundgesang an – und ist euer Zimmer kleiner, als es vor einem Dutzend Jahren war, und ist euer Glas mit dampfendem Punsch statt mit funkelndem Weine gefüllt, so nehmt die böse Zeit auch für gut, leert es flugs, trällert euer altes Lieblingslied und dankt Gott, daß es nicht noch schlimmer mit euch steht. Schaut nur die fröhlichen Gesichter eurer am Kamin versammelten Kinder an! Vielleicht ist ein kleiner Stuhl leer – fehlt ein liebes, kleines Haupt, dessen Anblick des Vaters Herz erfreute und der Mutter Stolz erweckte. Laßt das Vergangene hinter euch – denkt nicht daran, daß das liebliche Kind, dessen Gestalt jetzt zu Staub zerfällt, noch vor einem kurzen Jahre mit der Blüte der Gesundheit auf den Wangen und mit Augen, strahlend in kindlicher, ahnungsloser Lust, vor euch saß. Gedenkt der Segnungen, deren ihr euch jetzt erfreut – deren viele einem jeglichen zuteil werden – nicht eurer vergangenen trüben Schicksale, deren mancherlei einen jeden treffen. Füllt euer Glas abermals mit fröhlichen Mienen und einem zufriedenen Herzen. Wir bürgen euch mit unserm Leben dafür, euer Weihnachtsfest wird heiter und euer neues Jahr glücklich sein.

Wer wäre unempfindlich gegen die Ergießungen guter und edler Gefühle, jenes Nehmen und Geben von Zärtlichkeit und Liebe, woran diese Zeit des Jahres so reich ist? Eine Familienweihnachtsfeier! Wir kennen nichts Herrlicheres. Schon in dem Namen Weihnacht scheint ein Zauber zu liegen. Kleine Eifersüchteleien und Zerwürfnisse sind vergessen; Mürrische, die sich seit langer Zeit absonderten, werden gesellig; Vater und Sohn oder Bruder und Schwester, die Monate lang mit kalten oder gar abgewendeten Blicken aneinander vorübergingen, schließen einander inbrünstig in die Arme und vergessen bei ihrem gegenwärtigen Frohsinn und Glück die Streitigkeiten, die ihre Einigkeit unterbrach; Herzen, die sich nacheinander sehnten, aber durch falschen Stolz, übertriebene Begriffe von Selbstwürde getrennt waren, werden wiederum vereinigt, und alles atmet Wohlwollen und liebende Zuneigung. O, daß Weihnacht das ganze Jahr hindurch währte, und daß die unsere bessere Natur entstellenden Vorurteile und Leidenschaften zum wenigsten niemals die trennten, denen sie stets fremd bleiben sollten!

Die Weihnachtsfamiliengesellschaft, die wir im Sinne haben, ist mitnichten eine bloße Versammlung von Verwandten, die verabredet wurde vor ein paar Wochen, nur für dieses Jahr, ohne eine Vorläuferin im zu Ende gehenden, oder eine wahrscheinliche Wiederholung im folgenden zu haben; nein, eine jährlich wiederkehrende Vereinigung aller, nur nicht gar zu entfernt wohnender, junger und alter, reicher und armer Familienmitglieder, der sämtliche Kinder zwei Monate vorher in fiebriger Erwartung entgegensehen. Sonst war sie beim Großvater; aber der Großvater und die Großmutter sind zu alt und zu schwach geworden, haben den eigenen Haushalt aufgegeben und ihre Wohnung beim Onkel George genommen. Die Gesellschaft versammelt sich daher stets in Onkel Georges Hause, nur tut die Großmutter unabänderlich das Beste dazu, und der Großvater läßt es sich nicht nehmen, nach dem entfernten Newgatemarkte zu wandern und den Truthahn zu kaufen, den er sich im Triumph nachtragen läßt; und der Träger muß dann stets außer dem bedungenen Lohn sein Gläschen haben, um Tante George »ein fröhliches Weihnachtsfest und ein glückliches Neujahr zuzutrinken«. Die Großmutter ist in den letzten Tagen äußerst verschwiegen und geheimnisvoll, obwohl demungeachtet Gerüchte umlaufen, daß sie für die Mägde neue Hauben mit roten Bändern, für die Kinder Bleistifte, Federn und Bücher eingekauft, und Tante Georges Bestellung beim Zuckerbäcker noch ihre besondere hinzugefügt habe.

Am Heiligen Abend ist die Großmutter ohne Ausnahme in rosiger Laune; und nachdem sie die Kinder den ganzen Tag mit Rosinenauskernen beschäftigt hat, besteht sie regelmäßig darauf, daß Onkel George in die Küche herunterkommt, den Rock auszieht und ein halbes Stündchen den Pudding rührt, was Onkel George zum lärmenden Entzücken der Kinder und der Dienerschaft auch gutmütig tut, und der Abend schließt dann mit einem großartigen Blindekuhspiel, wobei sich der Großpapa absichtlich sehr bald haschen läßt, um Gelegenheit zu erhalten, seine Behendigkeit zu zeigen.

Am folgenden Morgen geht das alte Paar mit so vielen von den Kindern, wie der Kirchenstuhl fassen kann, in großem Staate zur Kirche, während Tante George zu Hause Karaffen abstaubt und Kuchenteller füllt und Onkel George Flaschen in das Speisezimmer trägt und nach Korkziehern ruft und jedermann in den Weg läuft. – Wenn die Kirchgänger zum Lunch zurückkehren, zieht der Großvater einen kleinen Mistelzweig aus der Tasche und treibt die Knaben an, ihre kleinen Bäschen darunter zu küssen – was sowohl den Knaben als dem alten Herrn unsägliches Vergnügen gewährt, aber Großmutters Schicklichkeitsbegriffen einigermaßen zuwider ist. Der Großvater erklärt indes endlich, daß er, als er gerade dreizehn Jahre und drei Monate alt gewesen wäre, die Großmutter auch unter einem Mistelzweig geküßt habe, worauf die Kinder in die Hände klatschen und samt Onkel und Tante George in ein lautes und herzliches Gelächter ausbrechen, und die Großmutter sagt dann schmunzelnd und mit einem sehr gnädigen Lächeln, der Großvater sei immer ein Hans Leichtfuß gewesen, worüber die Kinder abermals herzlich lachen, und der Großvater herzlicher als irgendeins von ihnen.

Doch das alles ist noch nichts gegen die Last, wenn sich die Großmutter in einer hohen Haube und einem schieferfarbenen seidenen Kleid und der Großvater mit einem schöngefalteten Busenstreifen und weißen Halstuch in den Kaminwinkel setzen, und Onkel Georges Kinder und die unzähligen kleinen Vettern und Bäschen vor dem Kamin Platz nehmen und sehnsüchtig der Besucher harren. Endlich fährt eine Mietskutsche vor, und Onkel George sieht durch das Fenster und ruft: »Da ist Jane!« worauf die Kinder aus der Tür und holterpolter die Treppe hinunterstürmen und unter Jubelgeschrei Onkel Robert und Tante Jane, die Wärterin mit dem jüngsten Kind und wer sonst noch mitgekommen, die Treppe hinaufbegleiten. Der Großvater nimmt das Kind auf den Arm und die Großmutter küßt ihre Tochter, und der Tumult hat sich kaum ein wenig gelegt, als abermals Onkel und Tanten mit noch mehr Vetterchen und Bäschen eintreffen; und die Heranwachsenden unter den Vettern charmieren mit den heranwachsenden Basen, und die Kleinen tun es ihnen nach, und man hört nichts als ein verwirrtes Durcheinanderreden, Schwatzen, Lachen und Jubilieren.

Nach einiger Zeit vernimmt man während einer augenblicklichen Pause ein zögerndes, schüchternes Klopfen an der Haustür, und von allen Seiten wird gefragt, wer da sei. Und ein paar Kinder, die am Fenster gestanden, erwidern mit leiser Stimme: »Die arme Tante Margarete«, worauf Tante George hinausgeht, die Ankommende zu empfangen, und die Großmutter sich in die Brust wirft und ziemlich steif zurechtsetzt; denn Margarete heiratete ohne ihre Zustimmung einen armen Mann, und da Armut noch keine genügende Strafe für ihr Vergehen ist, so haben ihre Freundinnen mit ihr gebrochen und ihre nächsten Verwandten den Umgang mit ihr aufgehoben. Doch jetzt ist Weihnacht.

Wie das halbgebildete Eis vor der Morgensonne zerfließt, schmilzt die harte Herzrinde, die im Laufe des Jahres freundlichere und mildere Gefühle nicht durchbrechen ließ, vor der gesegneten Weihnachtsgeisteshelle und Herzenswärme. Es mag leicht geschehen, daß eine Mutter in einem Augenblicke der Entrüstung eine ungehorsame Tochter von sich entfernt; aber ganz etwas anderes ist es, sie zu einer Zeit, wo sich alle Herzen dem Wohlwollen und der Heiterkeit öffnen, von dem Herde zu verbannen, an dem sie so manches Christfest gesessen hat, als stammelndes Kind, als aufblühendes Mädchen und als rosige Jungfrau. Die Miene der Selbstgerechtigkeit und des kalten Verzeihens, die die alte Dame angenommen hat, steht ihr schlecht, und man sieht leicht, daß sie nur erkünstelt ist, indem die Schwester der Mutter die Arme zuführt, die sich bleich und niedergebeugt nähert, nicht infolge ihrer Dürftigkeit, die sie zu ertragen gelernt hat, sondern weil sie das Bewußtsein in sich trägt, unverdiente Härte und Vernachlässigung zu erfahren. Es tritt ein augenblickliches Stillschweigen ein. Sie reißt sich plötzlich von der Schwester los und wirft sich schluchzend an der Mutter Brust. Der Vater ergreift rasch ihres Gatten Hand. Die andern Anverwandten versammeln sich um sie, sprechen freundliche Glückwünsche aus, und Frohsinn, Herzlichkeit und Einigkeit herrschen wieder wie vorhin.

Das Mittagessen, der Christfestschmaus, ist nun gar eine königliche Lustbarkeit geworden! Nichts Störendes kommt vor, alle sind in der besten Laune und bemühen sich, zufrieden und froh zu machen und froh und zufrieden sein. Der Großvater erzählt ausführlich, wie es bei seinem Truthahnkauf zugegangen ist, und schweift zu früheren Truthahneinkäufen an früheren Christfesten ab, und die Großmutter bestätigt ihn in den geringfügigsten Kleinigkeiten. Onkel George erzählt Geschichten, tranchiert Geflügel, trinkt Wein und scherzt mit den Kindern am Nebentisch, blinzelt den Vettern und Basen zu, die scharmieren oder mit sich scharmieren lassen, und erheitert jedermann durch seine gute Laune und Gastlichkeit, und wenn endlich die stramme Köchin mit einem Riesenpudding, in dem ein Stechpalmzweig steckt, hereinwankt, so beginnt ein Lachen, Jubeln und Händeklatschen, das seinesgleichen nur hat, wenn angezündeter Branntwein in die Fleischpastetchen hineingegossen wird. Und dann der Nachtisch, der Wein, und aller Scherz und alle Lust dabei! Was für prachtvolle Reden gehalten werden, und welche Lieder Tante Margaretens Mann singt, der sich als ein so allerliebster Mann zeigt und so aufmerksam gegen die Großmutter ist! Der Großvater singt nicht nur sein jährliches Lied mit beispiellosem Feuer, sondern stimmt, sobald er, dem jährlichen Brauche gemäß, durch ein allgemeines Dakapo beehrt ist, ein ganz neues an, das außer der Großmutter noch niemand gehört hat; und ein junger Tausendsasa von Vetter, der wegen gewisser arger Unterlassungs- und Begehungssünden bei den alten Leuten in einiger Ungnade steht – er versäumt es, sie zu besuchen, und trinkt allen Vorstellungen zum Trotze Burtoner Ale – erregt unauslöschliches Gelächter durch ein so komisches Lied, wie wohl noch nie eins gesungen ist. Und so vergeht der Abend bei fortwährender Herzlichkeit und Heiterkeit und wirkt mehr zur Erweckung verwandtschaftlicher und liebevoller Gefühle und Gesinnungen bei den Versammelten für den Abend, sowie für das ganze kommende Jahr, als alle Predigten, die jemals geschrieben wurden von allen Geistlichen, die jemals gelebt haben.

Das neue Jahr


Das neue Jahr

Nächst Weihnacht ist Neujahr die lustigste Zeit des ganzen Jahres. Es gibt weinerliche Leute, die das neue Jahr mit Wachen und Fasten beginnen, als wenn es ihnen obläge, beim Begräbnis des alten in der Rolle des Hauptleidtragenden zu agieren. Wir können jedoch nicht umhin, es weit schmeichelhafter sowohl für das entschwindende alte als das eben erscheinende neue Jahr zu halten, daß man in fröhlicher Lust den alten Knaben entläßt und das neugeborene Kindlein begrüßt.

Im alten Jahr muß sich doch wohl einiges zugetragen haben, worauf wir mit einem Lächeln heiterer Erinnerung, wo nicht mit Gefühlen innigen Danks zurückblicken können; und jede Rechts- und Billigkeitsregel verpflichtet uns ja, von dem neuen Jahr anzunehmen, daß es gut sein werde, bis es sich des ihm bewiesenen Vertrauens unwürdig gezeigt hat.

Dies ist unsere Ansicht der Sache; und weil wir sie hegen, sitzen wir hier, trotz unserem Respekt vor dem alten Jahr, dessen letzte Augenblicke, indem wir die Feder führen, dahinschwinden: sitzen wir hier am letzten Abend des alten Jahres eintausendachthundertundsechsunddreißig an unserem Kamin und schreiben diese Skizze und schlürfen unseren Grog mit so fröhlicher Miene, als wenn sich gar nichts Außerordentliches, das unseren Gleichmut hätte stören können, zugetragen hätte oder zutragen könnte.

Mietskutschen und Equipagen rasseln in ewiger Folge die Straße hinauf und herunter und tragen ohne Zweifel geputzte Gäste in gefüllte Gesellschaftszimmer; laute und wiederholte Doppelschläge an die Tür des Hauses mit den grünen Jalousien gegenüber verkünden der ganzen Nachbarschaft, daß jedenfalls eine große Gesellschaft in der Straße gegeben wird; und wir sahen durch unser Fenster und obendrein durch den Nebel, bis er so dick wurde, daß wir Licht bringen ließen und unsere Vorhänge zuzogen, Konditorlehrlinge mit grünen Kästen auf den Köpfen und Karren, voll von Geräten für die Abendgesellschaften nach den vielen Häusern eilen, in denen sich Silvestergesellschaften versammelten.

Uns deucht, wir können uns eine solche Gesellschaft so lebhaft vorstellen, als wenn wir, gehörig befrackt und beballschuht, bei Ankündigung unseres Namens an der Besuchszimmertür ständen – etwa in dem Hause mit den grünen Jalousien. Man gibt dort eine Ballgesellschaft, denn als wir heute morgen bei unserem Frühstück saßen, sahen wir, daß im Besuchszimmer der Teppich weggenommen wurde, und, wenn es noch weiteren Beweises bedürfte und wenn wir die Wahrheit sagen müssen, wir sahen erst eben noch eine der jungen Damen nicht weit von einem Schlafzimmerfenster einer anderen das Haar »machen«, und zwar in einem so glänzenden Stil, wie er nur für eine Ballgesellschaft statthaft ist. – Der Herr des Hauses mit den grünen Jalousien ist ein öffentlicher Beamter; wir schließen es aus dem Schnitt seines Rockes, der Schleife seines Halstuchs und der Selbstgenügsamkeit seines Ganges – schon die grünen Jalousien haben ein Somerset-House-Air.22

Horch! Ein Kabriolett! Der Anlangende ist ein jüngerer Attaché aus demselben Büro, ein nicht wenig auf sein Äußeres haltender junger Mann mit einer Neigung zu Schnupfen und Hühneraugen. Er erscheint in tuchbesetzten Stiefeln, bringt die Schuhe in der Rocktasche mit und zieht sie im Hausflur an. Der Aufwärter im letzteren ruft seinen Namen einem zweiten Aufwärter – einem verkleideten Pedell des Büros – in einem blauen Leibrock zu.

Der Aufwärter auf dem ersten Treppenabsatz geht dem jungen Herrn nach dem Besuchszimmer voran, öffnet die Tür und schreit hinein: »Mr. Tupple!« Der Hausherr, der am Kamin politisiert und sich gewärmt hat, tritt ihm entgegen und erkundigt sich nach seinem Befinden. »Meine Liebe, dies ist Mr. Tupple« (die Dame vom Hause knickst verbindlich); »Mr. Tupple, meine älteste Tochter; liebe Julie, Mr. Tupple; Tupple, meine anderen Töchter und mein Sohn«, – und Mr. Tupple reibt sich die Hände sehr stark, verbeugt sich in einem fort links und rechts, bis die ganze Familie vorgestellt ist, läßt sich sodann auf einen Stuhl an der Sofaecke nieder, eröffnet eine Unterhaltung mit den jungen Damen über das Wetter, die Theater, das alte Jahr, die neueste Mordtat, den Luftballon, die Ärmel der Frauenkleider, die Lustbarkeiten der »Season« und eine Menge anderer Gegenstände des Tagesgesprächs. Abermalige Doppelschläge! Welch eine zahlreiche Gesellschaft – welch ein unaufhörliches Unterhaltungsgesumm und Kaffeeschlürfen! Wir sehen Tupple im Geist auf seiner höchsten Glanzstufe. Er hat soeben die Tasse der dicken alten Dame dem Aufwärter gereicht und verliert sich jetzt in dem Haufen der jungen Herren an der Tür, um den andern Aufwärter, ehe er hinausgeht, abzufangen und sich des Semmeltellers für die Tochter der alten Dame zu bemächtigen; und als er mit dem Teller am Sofa vorübergeht, wirft er den jungen Damen einen so herablassenden und vertraulichen Erkennungs- und Gönnerblick zu, als ob er sie von Kindheit an gekannt hätte.

Ein bezaubernder junger Mensch, der Mr. Tupple – ein vollkommener Kavalier – und welch ein herrlicher Gesellschafter! Und was sein Lachen betrifft! – Niemand verstand jemals Papas Scherze nur halb so gut wie Mr. Tupple, der sich bei jedem neuen Witzwort vor Lachen ausschütten wollte. Und welch ein angenehmer Mitspieler er ist! – Spricht während der ganzen Partie, und so romantisch, mit so erstaunlich viel Gefühl, wenn er sich auch anfangs etwas leichtfertig zeigte. Mit einem Worte, ein wahres Herz! Bei den jungen Herren ist er freilich eben nicht beliebt. Sie bespötteln ihn und stellen sich, als ob sie ihn verachteten; aber jedermann weiß, es ist purer Neid, und sie brauchten sich ganz und gar nicht zu bemühen, ihn zu verkleinern, denn die Mutter hat gesagt, er solle künftig zu jeder Mittagsgesellschaft eingeladen werden, schon um die Gäste zwischen den Gängen zu unterhalten und ihre Aufmerksamkeit zu beschäftigen, wenn eine unerwartete Verzögerung in der Küche einträte.

Bei Tisch zeigt sich Mr. Tupple noch mehr zu seinem Vorteil, als er es den ganzen Abend getan hat, und wenn der Hausherr die Gesellschaft bittet, die Gläser zu füllen, um Glück zum neuen Jahre zu trinken, ist Mr. Tupple so unendlich spaßhaft, besteht darauf, daß sämtliche junge Damen wirklich gefüllte Gläser haben müssen, trotz ihrer wiederholten Versicherungen, unmöglich austrinken zu können, bittet endlich um die Erlaubnis, Vaters Worten noch einige wenige hinzufügen zu dürfen, und hält eine so glänzende und poetische Rede über das neue und alte Jahr, wie man sich nur eine denken kann.

Nachdem die Gesundheit getrunken ist und die Damen sich entfernt haben, ersucht Mr. Tupple sämtliche Herren um die Gunst, abermals ihre Gläser zu füllen, denn er hat eine zweite Gesundheit in Vorschlag zu bringen. Die Herren rufen: »Hört, hört!« lassen die Flaschen herumgehen, und sobald der Wirt erklärt hat, daß die Gläser gefüllt seien und daß man auf die Gesundheit warte, erhebt sich Mr. Tupple und erlaubt sich, die Anwesenden daran zu erinnern, wie sehr sie durch die Fülle blendender Eleganz und Schönheit, die das Besuchszimmer an diesem Abend gewährt habe, entzückt, und wie hold umfangen ihre Sinne, wie gefesselt ihre Herzen gewesen durch den zauberischen Verein liebenswürdiger Damen. (Lautes und mehrfaches Hört!) Sosehr er (Tupple) sich indes sonst geneigt fühlen möge, die Abwesenheit der Damen, zu beklagen, so könne er doch nicht umhin, einigen Trost in der Erwägung zu finden, daß es ihm eben durch ihre Nichtanwesenheit möglich werde, eine Gesundheit vorzuschlagen, die er jetzt nur vorschlagen könne – die Gesundheit der Damen (großer Beifall), unter denen die holdseligen Töchter des trefflichen Wirts gleich sehr durch ihre Schönheit wie durch ihre feine Bildung hervorglänzten. Er forderte die Herren auf, ihre Gläser zu Ehren der Damen und auf ein glückliches neues Jahr für sie zu leeren. (Verlängerter Beifall, unter dem man jedoch deutlich hört, wie die Damen über den Köpfen der Herren den spanischen Tanz miteinander üben.)

Das Beifallrufen ist kaum vorüber, als ein junger Herr in einer rosa Unterweste ziemlich unten am Tische äußerst unruhig hin und her zu rücken anfängt und starke Anzeichen eines geheimen Wunsches blicken läßt, seinen Gefühlen durch eine Rede Luft zu machen. Der schlaue Tupple bemerkt es sogleich und beschließt, es dadurch zu verhindern, daß er selbst das Wort abermals nimmt. Er steht daher mit feierlich-wichtiger Miene auf und hofft, daß man ihm erlauben werde, noch eine Gesundheit vorzuschlagen (großer Beifall); ist überzeugt, daß alle von der Gastlichkeit – er könne sagen, der glänzenden Gastlichkeit –, die sie an diesem Abend von ihren ehrenwerten Wirten erfahren hätten, auf das tiefste durchdrungen sind (unbegrenzter Beifall). Obwohl dies die erste Gelegenheit ist, bei der ihm die hohe Freude zuteil geworden sei, an diesem Tische zu sitzen, so hat er doch seinen Freund Dobble schon lange und genau gekannt; er hat in Geschäftsverbindung mit ihm gestanden und wünscht, daß alle Anwesenden Dobble so gut kennen möchten wie er selbst. (Der Wirt hustet.) Er kann die Hand auf das Herz legen und seinen festen Glauben aussprechen, daß es nie und nirgends einen besseren Mann, einen besseren Gatten, einen besseren Vater, einen besseren Bruder, einen besseren Sohn, einen besseren Anverwandten und wohlmeinenderen Freund gegeben habe als Dobble. (Lautes Hört!) Die Anwesenden haben ihn an diesem Abende im friedlichen Schoße seiner Familie gesehen – daß sie ihn doch morgens sehen könnten bei Ausübung der schweren Pflichten seines Amts! – gesammelt beim Zeitungslesen, anspruchslos bei Unterzeichnung seines Namens, würdevoll bei seinen Antworten auf die vielfachen an ihn gerichteten Fragen, ehrerbietig in seinem Benehmen gegen die Vorgesetzten, majestätisch in seiner Haltung gegen die Pedelle. (Hurras.) Wenn er (Tupple) den trefflichen Eigenschaften seines Freundes Dobble die verdiente Würdigung angedeihen lasse, was könne er sagen, wenn er von einer Dame wie Mrs. Dobble zu reden beginne? Sollte es erforderlich sein, daß er sich über die Tugenden und Vorzüge dieser liebenswürdigen Frau verbreite? Nein; er will das Zartgefühl seines Freundes schonen, wenn er ihm die Ehre erlaubt, ihn so zu nennen. Mr. Dobble junior! (Mr. Dobble junior, der gerade den Mund zu einer beträchtlichen Weite ausgedehnt hat, um eine ausgezeichnet schöne Apfelsine hineinzustecken, unterbricht seine Operationen und nimmt die schickliche Miene tiefer Melancholie an.) Er (Tupple) begnügt sich, einfach zu sagen – und ist von der freudigen Zustimmung aller ihn Anhörenden vollkommen überzeugt, daß sein Freund Dobble so hoch über jedem Manne stehe, den er je gekannt, als Mrs. Dobble alle Damen, die er jemals gesehen hätte (ihre Töchter ausgenommen) überrage, und will damit schließen, daß er die Gesundheit vorschlägt: »Die ehrenwerten Wirte, und mögen sie noch viele glückliche und frohe Jahre leben!«

Die Gesundheit wird mit Jubel getrunken – der Wirt dankt – und die ganze Gesellschaft verfügt sich zu den Damen. Junge Herren, die vor dem Abendessen zum Tanzen zu schüchtern waren, finden Zungen und Tänzerinnen; die Musiker verraten durch unzweideutige Symptome, daß sie in das neue Jahr »hinein« getrunken haben, während die Gesellschaft draußen gewesen, und das Tanzen hat seinen Fortgang bis spät in den Neujahrsmorgen hinein.

Wir haben kaum das letzte Wort des letzten Absatzes niedergeschrieben, als der erste Schlag der Mitternachtsstunde von den Kirchen umher ertönt. Es liegt etwas Schaurigfeierliches in dem Klang. Genaugenommen mag er in der Neujahrsnacht nicht herzbewegender sein als in jeder anderen, und die Stunden entfliehen zu anderen Zeiten ebenso rasch, und wir beachten ihre Flüchtigkeit nur wenig. Allein, wir messen unser Leben eben nach Jahren; ernst und feierlich sind darum die Töne, die uns verkünden, daß wir abermals an einer der zwischen uns und dem Grabe errichteten Marken stehen, und ob und wie wir uns seiner auch erwehren möchten, unwiderstehlich drängt sich uns der Gedanke auf, daß wir, wenn die Glocke abermals ein neues Jahr verkündigt, die so oft vernachlässigte Mahnung vielleicht nicht mehr vernehmen, daß vielleicht alle jetzt noch in uns glühenden warmen Gefühle erloschen sind.

Doch es hat zwölf Uhr geschlagen, und die das neue Jahr begrüßenden Glocken klingen lustig zusammen. Hinweg denn mit allen düstern Betrachtungen! Wir waren glücklich und froh im vergangenen und werden froh und glücklich, so es Gott gefällt, auch in diesem Jahre sein. Und da wir allein sind und es weder tanzend noch singend empfangen können – wohlan! das Glas an die Lippen, und: Sei herzlich willkommen, du Jahr Eintausendachthundertsiebenunddreißig! Wenn es unsere Aufgabe wäre, die Gesellschaft zu klassifizieren, so würden wir eine gewisse besondere Art von Leuten sogleich unter den Titel: »Alte Knaben« bringen; und sie würden eine beträchtliche, lange Spalte erfordern. Welcher Ursache das rasche Zunehmen der Alte-Knaben-Bevölkerung zuzuschreiben ist, dies vermögen wir nicht zu sagen. Eine Nachforschung darüber dürfte zu interessanten und merkwürdigen Ergebnissen führen; allein wir haben hier den Raum nicht, sie anzustellen, und begnügen uns daher mit einfacher Angabe der Tatsache, daß sich die Zahl der alten Knaben seit den letzten Jahren allmählich vergrößert hat und in diesem Augenblicke in einem beunruhigenden Maße zunimmt.

Die Sache nur im allgemeinen genommen, möchten wir die alten Knaben in zwei genau unterschiedenen Abteilungen unterbringen – die der munteren und die der gesetzten alten Knaben. Jene sind hanswurstige alte und spielen die jungen Männer, frequentieren bei Tage den Quadranten und Regent-Street und abends die Theater (besonders die unter Damenleitung stehenden) und nehmen die ganze Geckenhaftigkeit und Leichtfertigkeit der jungen Leute an, ohne die Entschuldigung der Jugend und Unerfahrenheit für sich zu haben. Diese, die gesetzten alten Knaben, sind dicke alte Herren, tragen sich reinlich, besuchen jeden Abend zu denselben Stunden dieselben Gasthäuser und rauchen und trinken in derselben Gesellschaft.

Man fand einst alle Abende zwischen halb neun und halb zwölf Uhr eine schöne Sammlung alter Knaben an dem runden Tische in Offleys Restauration. Wir haben sie seit einiger Zeit aus den Augen verloren, aber im »Regenbogen« in der Fleetstraße sieht man noch zwei köstliche Exemplare in voller Blüte, die unabänderlich in dem Verschlag zunächst dem Kamin sitzen und aus so langen Kirschrohren rauchen, daß die Pfeifenköpfe auf dem Boden ruhen. Sie sind stolze, alte Knaben – wohlbeleibt, rotwangig, weißköpfig – fehlen niemals – nehmen stets ihre bestimmten Plätze einander gegenüber ein – schmauchen und trinken tapfer darauflos, ohne das mindeste Unbehagen deswegen zu empfinden – jedermann kennt sie, und von einigen werden sie für unsterblich gehalten.

Mr. John Dounce war ein alter Knabe der letzteren Klasse (der der gesetzten – nicht daß er unsterblich gewesen wäre), ein Handschuhmacher, der sich vom Geschäft zurückgezogen hatte, Witwer mit drei erwachsenen und unverheirateten Töchtern, und wohnte in Cursitor-Street, Chancery-Lane. Er war kurz und dick, hatte ein Vollmondgesicht und einen Bauch, trug einen breitrandigen Hut und einen karierten Rock, und hatte den, alten Knaben überhaupt eigentümlichen, bedächtigen, selbstzufriedenen, wiegenden Gang. Er lebte regelmäßig wie ein Uhrwerk – Frühstück um neun Uhr – Ankleiden und ein wenig Toilette machen – Gang in irgend jemands Kopf (Mohren-, Adler- oder Löwenkopf) – Glas Ale und die Zeitung – Spaziergang mit den Töchtern – Mittagessen um drei Uhr – Glas Grog und Pfeife – Schläfchen – Tee – kleiner Spaziergang – abermaliger Kopfbesuch – vortreffliches Haus! – köstliche Abende und wundervolle Gesellschaft, als: Mr. Harris, der Buchhändler, und Mr. Jennings, der Robenmacher (zwei fidele junge Kerlchen wie er selbst), und Jones, der Advokatenschreiber – ein schnurriger Kauz, der Jones – prachtvoller Gesellschafter – steckt ganz voll von Anekdoten. Und da saßen sie jeden Abend bis genau zehn Minuten vor zwölf Uhr, tranken ihren Branntwein mit Wasser, rauchten ihre Pfeifen, erzählten einander Geschichten und genossen einander mit einer Art absonderlich erbaulicher, feierlicher Vergnüglichkeit.

Bisweilen schlug Jonas einen Halbpreisbesuch in Drury-Lane oder Covent-Garden vor, zwei Akte eines fünfaktigen Schauspiels und eine neue Posse oder ein Ballett zu sehen, und dann gingen alle vier miteinander – ohne sich wie Toren zu übereilen; denn sie tranken erst mit gemächlicher Würde ihre Gläser aus, bestellten Steak und einige Austern auf nachher und begaben sich sodann langsam-feierlich in das Parterre, nachdem sich der Andrang verlaufen hatte, wie es alle vernünftigen Leute tun und auch taten, als Mr. Dounce noch ein junger Mann war, ausgenommen damals, als der berühmte Wunderknabe Mr. Betty auf dem Höhepunkte seiner Popularität stand, wo sich Mr. Dounce, wie er sich auf das genaueste erinnerte, einen freien Tag machte, um elf Uhr vormittags an die Tür des Schauspielhauses ging, mit ein paar Sandwiches in einem Taschentuche und ein paar Tropfen Wein in einem Fläschchen bis sechs Uhr abends wartete und vor Hitze und Ermüdung ohnmächtig wurde, ehe das Schauspiel seinen Anfang nahm, bis er in diesem Zustande aus dem Parterre in eine Loge des ersten Ranges gehoben wurde, mein Bester, und zwar von fünf der berühmtesten Schönheiten jener Zeit, mein Bester, die sich seiner so huldreich annahmen, ihn durch Riechsalze zur Besinnung zurückbrachten und am folgenden Morgen einen sechs Fuß hohen, schwarzen Diener in blau und silberner Livree schickten und ihn grüßen und sich nach seinem Befinden erkundigen ließen, Verehrtester – bei Gott! In den Zwischenakten pflegten die Herren Dounce, Harris und Jennings aufzustehen und im Hause umherzuschauen, und Jones – das Allerweltskerlchen kannte jedermann – zeigte dann den andern die vornehme und berühmte Lady Soundso in der Loge, worauf Mr. Dounce durch sein Haar fuhr, sein Halstuch zurechtzupfte, besagte Lady Soundso durch ein ungeheures Glas beäugelte und bemerkte, daß sie »eine schöne – in der Tat eine sehr schöne Frau sei« – oder »daß sie etwas voller sein könnte«, oder was ihm sein Genius sonst eben eingab. Wenn das Ballett begann, so zeigten sich John Dounce und die anderen alten Knaben ganz ausnehmend begierig, zu sehen, was auf der Bühne vorging, und Jones – ein witziger Bursche, der Jones – flüsterte John Dounce kleine, kritische Bemerkungen ins Ohr, die John Dounce wieder den andern beiden alten Knaben mitteilte, und dann lachten sie alle vier, daß ihnen die Tränen über die Wangen herunterliefen.

War der Vorhang gefallen, so gingen sie miteinander je zwei und zwei zu ihrem Steak und ihren Austern zurück; und wenn sie sich ihr zweites Glas Branntwein mit Wasser bringen ließen, dann erzählte Jones – der in schelmischem Aufziehen seinesgleichen suchte –, wie er eine Dame mit weißen Federn in einer Parterreloge bemerkt, die den ganzen Abend kein Auge von Mr. Dounce abgewendet, und wie er Mr. Dounce in einem Moment, wo er sich unbeachtet gewähnt hätte, der Dame hinwiederum leidenschaftliche Blicke habe zuwerfen sehen. Darüber lachten Mr. Harris und Mr. Jennings ausgelassen, und John Dounce schlug ein noch ausgelasseneres Gelächter auf, erklärte dabei jedoch, daß es freilich eine Zeit gegeben habe, wo er dergleichen wohl getan haben könnte; worauf ihn Jones in die Rippen stieß und ihm sagte, er werde es seinerzeit arg genug getrieben haben, was John Douncce kichernd zugestand. Und nachdem Mr. Harris und Mr. Jennings ebenfalls ihre Ansprüche, es zu ihrer Zeit arg genug getrieben zu haben, geltend gemacht hatten, sagten alle vier einander sehr einträchtig gute Nacht und gingen nach Hause.

Die Schicksalsbeschlüsse und die Wege, auf denen sie herbeigeführt werden, sind geheimnisvoll und unerforschlich. John Dounce hatte dieses Leben länger als zwanzig Jahre geführt, ohne sich nach Veränderung zu sehnen oder an Abwechslung zu denken, als sein ganzes soziales System plötzlich erschüttert und vollkommen über den Haufen geworfen wurde – nicht durch ein Erdbeben oder ein anderes schreckliches Naturereignis, wie der Leser vielleicht zu glauben geneigt sein möchte, sondern durch die einfache Wirkung einer Auster, womit es folgendermaßen zuging.

Mr. John Dounce begab sich, eines Abends aus dem Sir Jemandskopfe nach Hause – nicht betrunken, aber etwas aufgeregt; denn er und die andern alten Knaben hatten Mr. Jennings Geburtstag gefeiert, ein paar Rebhühner und ein paar Extragläser gehabt, und Jones war ungewöhnlich unterhaltend gewesen – als die Blicke John Dounces auf einen neueröffneten, großartigen Austernladen fielen, hinter dessen Fenstern die leckersten Austern in runden Marmorbecken und kleine Austerntönnchen mit Adressen an Lords und Baronets und Obersten und Kapitäne in aller Herren Länder zu schauen waren.

Hinter den Austern im Laden war eine junge Dame von etwa fünfundzwanzig Jahren, ganz in Blau und ganz allein, zu schauen – ein himmlisches Mädchen – welch ein liebliches Gesicht – welch ein bezaubernder Wuchs! Es ist schwer zu sagen, ob Mr. John Dounces rotes, durch das flackernde Gaslicht in dem Ladenfenster erleuchtetes Gesicht die Lachlust der Dame erregte, oder ob eben ihre Lebhaftigkeit zu groß war, um ihr zu erlauben, die gemessene Haltung zu behaupten, die durch die gesellschaftlichen Formen etwas diktatorisch vorgeschrieben werden: Gewiß ist aber, daß die Dame lächelte, die Hand vor den Mund legte, indem sie sich plötzlich bedachte, was sie sich selbst schuldig sei, und sich endlich mit austernartiger Verschämtheit so weit als möglich hinter den Ladentisch zurückzog. Seine alte Art, wonach er es seinerzeit arg genug getrieben hatte, regte sich in John Dounce mächtiger; er zögerte – die blaue Dame machte kein Zeichen; er hustete – allein sie näherte sich nicht. Er ging also hinein.

»Können Sie mir wohl eine Auster öffnen, meine Beste?« sagte Mr. John Dounce.

»Gewiß, Sir«, erwiderte die blaue Dame mit entzückender Scherzhaftigkeit. Und Mr. John Dounce speiste eine Auster, blickte darauf die junge Dame an, aß sodann noch eine Auster, und drückte ferner der jungen Dame die Hand, als sie die dritte öffnete, und so fort, bis er im Umsehen ein Dutzend von denen zu acht Pence genossen hatte.

»Können Sie mir nicht noch ein halbes Dutzend öffnen, meine Beste?« fragte Mr. John Dounce.

»Ich will sehen, was ich für Sie tun kann, Sir«, antwortete die blaue junge Dame sogar noch bezaubernder als vorhin; und Mr. John Dounce aß noch ein halbes Dutzend von denen zu acht Pence und fühlte, daß seine Galanterie mit jeder Minute zunahm.

»Sie würden mir wohl nicht ein Glas Branntwein mit Wasser besorgen können?« sagte er, als er mit den Austern fertig war, in einem Tone, der sein Vertrauen, daß sie es könne, deutlich anzeigte.

»Ich will sehen, Sir«, sagte die junge Dame und sprang aus dem Laden hinaus, lief die Straße hinunter, ihre langen braunen Locken flogen dabei im Winde auf die bezauberndste Weise um ihren Kopf herum, sie kehrte zurück und hüpfte mit einem großen Glase Branntwein-Grog gleich einem Kreisel über die Kohlenluken hinüber. Mr. John Dounce bestand nunmehr darauf, daß sie ihren Anteil von dem Getränke mitgenießen müßte, denn es sei echter Damengrog – heiß, stark und süß in Fülle.

Die junge Dame setzte sich zu Mr. John Dounce in einen kleinen roten Verschlag mit einem grünen Vorhang, schlürfte ein wenig Grog und warf John Dounce einige Blicke zu, wendete darauf das Gesicht ab und ließ verschiedene andere kleine pantomimische Bezauberungen folgen, die Mr. John Dounce stark an die erste Zeit seiner Bewerbung um seine erste Frau erinnerten und im Verein mit dem heißen Grog und den Austern eine zärtlichere Glut in ihm entzündeten, als er sie jemals empfunden hatte. Angetrieben von dieser Glut, forschte er die junge Dame über ihre Herzensverbindungen aus, und die junge Dame stellte es gänzlich in Abrede, dergleichen zu haben – denn sie könne die Männer ganz und gar nicht leiden, da diese so wankelmütig und treulos seien. Mr. John Dounce fragte darauf, ob sie diese Verurteilung auf andere als sehr junge Herren bezogen wissen wollte; die junge Dame wurde purpurrot – oder wendete doch zum wenigsten das Gesicht ab, sagte, daß Mr. John Dounce sie erröten machte, und errötete also – Mr. John Dounce trank lange seinen Branntwein mit Wasser, die junge Dame sagte sehr oft: »O, lassen Sie das«, und John Dounce ging endlich nach Hause und zu Bett, und träumte von seiner ersten und seiner zweiten Frau, von der jungen Dame, Rebhühnern, Austern, Grog und uneigennütziger Liebe.

Am folgenden Morgen war er von dem Extrabranntwein mit Wasser vom vorhergehenden Abend etwas fiebrig und begab sich teils in der Hoffnung, sich durch eine Auster abzukühlen, und teils in der Absicht, zu fragen, ob er der jungen Dame nicht vielleicht etwas schuldig geblieben sei, wiederum nach dem Austernladen. War die junge Dame bei Abend schön gewesen, so war sie bei Tag vollkommen unwiderstehlich, und John Dounce war fortan wie umgewandelt. Er kaufte Busennadeln, steckte einen Ring an den dritten Finger, las Gedichte, verleitete einen wohlfeinen Miniaturmaler dazu, eine schwache Ähnlichkeit mit einem jugendlichen Antlitz zustande zu bringen, mit einem Vorhang zu Häupten, einigen sehr großen Büchern zur Seite und einer Landschaft im Hintergrund (was er sein Porträt nannte), fing an, ein Polterer im Hause zu werden, so daß seine Töchter aus dem Hause gingen, und benahm sich mit einem Wort wie ein alter Türke.

Und was seine Busenfreunde und die anderen alten Knaben im Sir Jemandskopf anbetraf, so zog er sich allmählich von ihnen ganz zurück; denn wenn er sich in ihrem Kreise bisweilen noch blicken ließ, so fragte Jones – ein gemeiner Mensch, der Jones – »wann es sein würde?« und »ob er Hochzeitshandschuhe bekäme?« und was dergleichen verletzender Fragen mehr waren, die von Harris und Jennings obendrein belacht wurden. Er zog sich also, wie gesagt, gänzlich von ihnen zurück und attachierte sich ganz allein an die blaue junge Dame in dem stattlichen Austernladen.

Jetzt kommt aber die Moral der Geschichte – denn sie hat allerdings eine Moral. Nachdem die junge Dame nämlich hinreichenden Nutzen von Mr. John Dounces Annäherung gezogen hatte, erwiderte sie seinen endlichen, förmlichen Antrag nicht nur durch ein bestimmtes Nein, sondern erklärte ganz ausdrücklich (um uns ihrer eigenen, sehr verständlichen Worte zu bedienen), sie möchte um keinen Preis einen alten Geck zum Manne haben. John Dounce, der seine alten Freunde verloren, seine Angehörigen sich entfremdet und sich in aller Welt Augen lächerlich gemacht hatte, machte nach der Reihe einer Schulhalterin, einer Wirtin, einer Tabakshändlerin und einer Haushälterin Heiratsanträge, die sämtlich zurückgewiesen wurden, und fand schließlich Gehör bei seiner Köchin, die er jetzt geehelicht und die ihn unter dem Pantoffel hat – ein trauriges Denkmal altgewordenen Jammers und eine lebendige Warnung für alle heiratslustigen alten Knaben.

Der Strom


Der Strom

»Lieben Sie das Wasser?« ist eine Frage, die man in den heißen Sommertagen sehr häufig von amphibisch aussehenden jungen Leuten hört. »Sehr«, pflegt die Antwort zu sein. »Und Sie?« – »Kann mich kaum davon trennen«, lautet die von verschiedenen, des Sprechers tiefgefühlte Bewunderung für das Element ausdrückenden Beiwörtern begleitete Antwort.

Allein, mit allem Respekt vor der Meinung der Gesellschaft im allgemeinen und der Segelklubs im besonderen, möchten wir doch bescheidentlich daran erinnern, daß einige der schmerzlichsten Erinnerungen aller, die sich bisweilen auf der Themse ergötzt haben, ohne Frage mit den Vergnügungen dieser Art verknüpft sind. Wer hat je von einer gut ausgefallenen Wasserpartie gehört – jemals eine bis zum Ende glückliche Wassergesellschaft gesehen? Wir haben an Wasserfahrten ohne Zahl teilgenommen, versichern aber feierlich, daß wir uns keiner einzigen zu entsinnen vermögen, die nicht von mehr Leiden begleitet gewesen wäre, als irgend jemand binnen acht oder neun Stunden für möglich halten würde. Etwas ging immer verkehrt. Entweder verlor sich der Kork für die Salatsoßenflasche, oder das am sehnsüchtigsten erwartete Mitglied der Gesellschaft blieb aus, oder der unangenehmste Mensch in der Gesellschaft erschien wider Erwarten, oder es fielen ein paar Kinder ins Wasser, oder der Herr, der das Steuern übernahm, gefährdete auf der ganzen Exkursion das Leben jedermanns, oder die Herren, die sich zum Rudern erboten hatten, waren »außer Übung« und vollbrachten höchst beunruhigende Schwankungen, indem sie entweder die Ruder in das Wasser senkten und nicht imstande waren, sie wieder herauszubringen, oder indem sie aus Leibeskräften anzogen, ohne sie überhaupt hineinzubringen, und in beiden Fällen mit schrecklicher Heftigkeit hintenüberstürzten und den Nichtrudernden die Sohlen ihrer Schuhe auf eine sehr demütigende Weise zeigten.

Wir räumen ein, daß die Themseufer bei Richmond, Twickenham und anderen entfernten, oft gesuchten, aber selten erreichten Hafenorten sehr schön sind; allein vom Red-House bis zurück nach der Blackfriarsbrücke ändert sich die Szene gar bedauerlich. Das Korrektionshaus ist ohne Zweifel ein sehr schönes Gebäude, und die muntere, an schönen Sommerabenden dort badende Jugend mag sich von fern sehr gut ausnehmen: aber wenn ihr auf der Heimkehr genötigt seid, euch am Ufer zu halten, und wenn die jungen Damen erröten und beharrlich nach der anderen Seite schauen, während die verheirateten, halbunterdrückt husten und unverwandten Blicks in das Wasser sehen, so fühlt ihr euch sicher ziemlich verlegen – besonders wenn ihr etwa während der vorhergehenden paar Stunden eine leise Annäherung an das Sentimentale versucht habt.

Obwohl betrübende Erfahrung bei uns zu dem soeben angegebenen Erlebnis geführt hat, wollen wir keineswegs leugnen, daß die Themse- Schiffahrts-Dilettanten dem Zuschauer viel Spaß machen können. Was wäre ergötzlicher als Searles Yard an einem schönen Sonntagmorgen? Es gilt einer Fahrt nach Richmond, und einige Dutzend Boote werden zur Aufnahme der Gesellschaften, die sie bestellt haben, hergerichtet. Zwei oder drei Burschen in weiten, groben Beinkleidern und Guernseyhemden treffen die erforderlichen Vorkehrungen, kurze Stationen machend, indem sie jetzt mit einem Paar Ruder und einem Kissen im Yard herunterkommen, dann ein paar Worte mit dem »Jack« plaudern, der gleich seiner ganzen Zunft vollkommen unfähig zu sein scheint, etwas anderes zu tun, als umherzulungern, dann wieder fortgehen und mit einem Ruder und einem Fußstocke zurückkehren, dann sich abermals durch ein kleines Geplauder erquicken und sich endlich, die Hände in die geräumigen Taschen gesenkt, hinstellen und sagen, daß sie doch wissen möchten, »wo die Herrschaften wohl bleiben dürften, die die sechs bestellt haben«. Einer von diesen, der Bootsmeister, der die Beinkleider sorgfältig aufgekrempelt hat, wahrscheinlich, um dem Wasser freien Zugang zu verschaffen – denn das Wasser ist ein Element, in dem er weit mehr zu Hause ist als auf dem Lande –, der Bootsmeister, sagen wir, ist ein wahrhaftiges Original und teilt mit dem verstorbenen Austernesser den berühmten Namen »Dando«. Schaut ihn, wie er sich zu einer kurzen Erholung von seinen Mühen auf den Rand eines Boots setzt und seine breite, haarige Brust mit einer kaum halb so rauhen Pelzkappe fächelt. Seht seinen prachtvollen, wenn auch rötlichen Knebelbart, und bemerkt den angeborenen Humor, womit er die Jungen und Lehrlinge schilt oder den Herrschaften eine Kleinigkeit für ein Glas Branntwein ablistet, wovon er, unserer Überzeugung nach, in einem Tage mehr hinuntergießt als sechs gewöhnliche Männer, ohne daß es ihn auch nur im mindesten anficht.

Doch die Gesellschaft langt an, und Dando, befreit von seiner Ungewißheit, springt auf, um Hand anzulegen. Die Herrschaften erscheinen im vollständigen Wasserkostüm, in kurzen blauen Jacken, gestreiften Hemden, und mit Mützen von allen Größen und Gestalten.

Dies ist der ergötzlichste Zeitpunkt, eine Wasserpartiegesellschaft von Londoner Spießbürgern zu beobachten. Offenbar haben sich alle bis zu diesem Augenblicke in einem beträchtlichen Maße ihrer Schifffahrtskunde gerühmt; der Anblick des Wassers kühlt ihren Mut rasch ab, und die Selbstverleugnung, womit einer wie alle schlechterdings den anderen die Ruder überlassen wollen, ist wirklich zum Entzücken. Dem einen ist dieses, dem andern jenes Ruder nicht recht; der eine kann nicht an dieser, ein zweiter nicht an jener Seite und ein dritter überhaupt nicht rudern. Indes gelangt man endlich zum Sitzen, und der Bootsmeister gibt das Signal zum Abstoßen, und sieht dabei so ruhig und behaglich aus, als ob er in die Bay von Biscaya steuerte. Die Rudermannschaft leistet dem Befehl Gehorsam, das Boot ist im Nu vollkommen herumgedreht und nimmt unter dem schrecklichsten Platschen und Schwanken die Richtung nach der Westminsterbrücke. »Anders rum, Sir«, schreit Dando, »Sie da hinten, Sir, anders rum!« worauf jeder der Herr da hinten zu sein glaubt, alle verkehrt anziehen und das Boot mit dem Hinterteile zuerst auf dem Flecke wieder anlangt, von dem es abstieß. »Sie, Sir, da hinten, anders rum; können Sie nicht rumrudern, Sie da vorn?« ruft Dando ganz außer sich. »So zieh doch herum, Tom!« ruft ein Mitglied der Gesellschaft. »Tom ist ja nicht vorn«, ruft ein anderes; »das ist er allerdings«, ein drittes: und der unglückliche junge Mensch zieht und zieht auf die offenbarste Gefahr hin, ein Blutgefäß zu zersprengen, bis endlich das Vorderteil des Boots gehörig nach der Vauxhallbrücke gerichtet ist. »So ist’s recht – jetzt angezogen alle miteinander!« schreit Dando abermals, und fügt leise zu dem neben ihm Sitzenden hinzu: »Will verdammt sein, wenn ich mein Lebtag solch ’n Boot voll Dummköpfe gesehen habe!« und das Boot gleitet im Zickzack vorwärts, weil alle sechs Ruder zu verschiedenen Zeiten eingesetzt werden, und das Yard ist abermals verlassen bis zur Ankunft einer anderen Gesellschaft.

Ein gut ausgeführter Ruderwettkampf auf der Themse ist ein äußerst lebensvolles und anziehendes Schauspiel. Der Strom ist mit Booten jeder Art bedeckt – Plätze auf den Kohlenschiffen in den verschiedenen Schiffswerften sind an unzählige Zuschauer vermietet – an Bier und Tabak ist allerorten Überfluß – Männer, Weiber und Kinder horchen in atemloser Erwartung auf das Zeichen zur Abfahrt – Kutter von sechs bis acht Rudern gleiten auf und ab, bereit, ihre Günstlinge beim Wettrudern zu begleiten – Musikchöre tragen zur Belebung, wenn auch nicht zur Harmonie der Szene bei – auf den Flußtreppen sind Haufen von Fährmännern versammelt und stellen Vergleichungen zwischen den Vorzügen der verschiedenen Preisbewerber an – und die Preisjolle wird mit einem Paar kurzen Rudern als ein Gegenstand allgemeinen Interesses umhergerudert. Es schlägt zwei Uhr, und jedermann blickt sehnsüchtig nach der Brücke hin, durch deren Bogen die Wettruderer kommen werden – halb drei, und die allgemeine, so lange angespannt gewesene Aufmerksamkeit fängt an nachzulassen, als plötzlich ein Kanonenschuß und ein fernes Hurra vom Stromufer her vernommen wird. Alle Köpfe werden vorgebeugt – der Lärm kommt näher und näher – die Boote, die an der Brücke warteten, eilen rasch stromaufwärts – ein wohlbemanntes Ruderboot schießt durch den Bogen, und die darin Sitzenden rufen ermunternd den noch nicht Sichtbaren zu. »Da kommen sie!« ist das allgemeine Geschrei – und es zeigt sich das erste Boot, dessen Ruderer sich bis auf die Haut entkleidet haben und alle Kräfte aufbieten, den genommenen Vorsprung zu behaupten – vier andere folgen dicht hinter ihm – das Rufen und Schreien ist erschütternd und die Spannung auf dem höchsten Punkte. »Vorwärts, Rosa« – »Wacker gerudert, Rot« – »Sullivan für immer« – »Bravo, George« – »Jetzt, Tom, jetzt – warum zieht dein Nebenmann nicht an?« – »Zwei Quart gegen eins auf Gelb«, usw. usw. Jedes kleine Gasthaus brennt sein Geschütz ab und steckt seine Flagge auf, und die Gewinner steigen unter einem Platschen und Schreien, einem Getümmel und einer Verwirrung an das Land, wovon man sich nicht leicht eine Vorstellung machen kann, wenn man dem Schauspiele nicht beigewohnt hat, und wovon auch jede Beschreibung nur eine schwache Vorstellung geben würde.

Einer der unterhaltendsten Plätze von allen, die wir kennen, ist die Dampfbootwerft der Londoner Brücke oder der Katharinen-Dock-Gesellschaft an einem Sonnabendmorgen im Sommer, wo die Gravesend- und Margate-Dampfboote bis zum Übermaß gefüllt zu sein pflegen; und da wir soeben einen Blick auf den Strom oberhalb der Brücke geworfen haben, so hoffen wir, daß unsere Leser sich nicht weigern werden, uns an Bord eines Gravesend-Paket-Boots zu begleiten. Jeden Augenblick treffen Kutschen vor dem Eingange der Werften ein, und unsäglich lächerlich ist es, wie verwirrt und betäubt die darin Angekommenen sich und ihr Gepäck in die Hände der Träger hingeben, die sich, als wenn es sich von selbst verstände, sofort sämtlicher Packereien bemächtigen und damit fortlaufen, der Himmel mag wissen, wohin. Neben der Werft liegt ein Margateboot, und neben diesem das zuerst abfahrende Gravesendboot, und die Verwirrung wird dadurch nicht vermindert, daß man vom einen auf das andere auf einer durch eine Planke und ein Geländer gebildeten zeitweiligen Brücke gelangen kann.

»Gravesend?« fragt ein starker Herr mit Frau, Kindern und Dienerschaft, nachdem er die Gefahr glücklich überwunden, ein paar der Seinigen im Gedränge zu verlieren. »Gravesend?« – »Belieben Sie, ’nüber zu gehen, Sir – das andere Boot, Sir!« Die Familie begibt sich in das Margateboot, schätzt sich glücklich, bequeme Sitze zu finden, und der Vater entfernt sich, um nach dem Gepäck zu sehen, das er eine schwache Erinnerung hat, jemand gegeben zu haben, der es irgendwohin getragen hat. Es ist nirgends zu finden; er ruft laut nach dem Kapitän und trägt ihm seinen Fall in Gegenwart eines anderen Familienvaters vor – eines kleinen, schmächtigen Mannes, der ihm (dem starken Vater) vollkommen darin beipflichtet, daß es hohe Zeit sei, daß etwas geschehe mit diesen Dampfschiffgesellschaften, und zwar von andern Seiten, wenn es von Seiten der Korporationsbill unterbleibe; denn das Publikum dürfe nicht auf eine solche Weise um sein Eigentum gebracht werden, und wenn er sein Gepäck nicht ohne Verzug zurückerhalte, so werde er es in den Blättern bekanntmachen, denn die Nation dürfe nicht das Opfer dieser großen Monopole sein. Der Kapitän erwidert darauf, daß die Gesellschaft, solange sie die St.-Katharinen-Dockgesellschaft gewesen sei, Leben und Eigentum beschützt habe, daß er sich freilich, wenn es die Londoner-Brücken-Werftgesellschaft gewesen wäre, nicht gewundert haben würde, angesichts der Moralität der Gesellschaft, die allerdings auf schwachen Füßen stehe; so aber hege er die Überzeugung, daß eine Irrung obwalten müsse, und würde sich nicht bedenken, einen heiligen Eid vor einem Friedensrichter darauf abzulegen, daß der Herr sein Gepäck finden werde, bevor er nach Margate gelange. Jetzt klärt sich »die Irrung« auf, der starke Vater eilt hastig mit den Seinigen zurück auf das Gravesendboot, und findet richtig sein Gepäck, aber keinen bequemen Sitz mehr. Gleich darauf wird die Glocke des Gravesendboots furios geläutet, einige Dutzend Menschen stürzen in größter Hast hinaus und einige andere Dutzend ebenso hastig hinein. Das Geläut hört auf, das Boot fährt ab: Leute, die an Bord von ihren Freunden Abschied genommen haben, fahren wider Willen mit ab – und Passagiere, die am Ufer von ihren Freunden Abschied nehmen, finden, daß sie sich die Mühe und Rührung sehr wohl hätten sparen können, da sie sich genötigt sehen, zu bleiben, wo sie sind. Die Passagiere, die für die Season abonniert haben, gehen zum Frühstück hinunter; andere haben Morgenblätter gekauft und setzen sich zum Lesen zurecht; und wieder andere, die noch keine Stromfahrt mitgemacht haben, denken, die Schiffe und das Wasser nähmen sich aus der Ferne doch ein gutes Teil besser aus.

Wenn wir bis Blackwell gekommen sind und schneller zu fahren anfangen, scheinen die Passagiere in demselben Maße aufgeweckter zu werden. Alte Frauen, die große Handkörbe mitgebracht haben, begeben sich ernstlich ans Demolieren gewaltiger Fleischbutterschnitten und lassen ein Weinglas herumgehen, das häufig aus einer platten, einem Magenwärmer gleichenden Flasche mit großer Heiterkeit wieder gefüllt wird. Sie reichen es auch dem Gentleman, der die Harfe spielt – teils, um ihre Zufriedenheit mit seinen bisherigen Leistungen zu erkennen zu geben und andernteils, damit er Alicks Lieblingstanz spiele. Er tut es, und Alick, ein schwerfälliges, plumpes Kind in roten, wollenen Socken, macht zur unaussprechlichen Bewunderung des ganzen Familienkreises eine Anzahl merkwürdiger Sprünge auf dem Verdeck. Mädchen, die den ersten Band eines neuen Romans im Strickbeutel mitgebracht haben, werden ausnehmend elegisch und verbreiten sich gegen Mr. Brown oder den jungen Mr. O’Brian über die Bläue des Himmels oder den Spiegelglanz des Wassers; und Mr. Brown oder Mr. O’Brian bemerkt dann mit leiser Stimme, er sei seit einiger Zeit gegen die Schönheiten der Natur vollkommen unempfindlich gewesen, denn alle seine Gedanken und Wünsche hätten sich in einem einzigen Gegenstand konzentriert; worauf die junge Dame emporblickt und, weil es ihr mißlingt, unbefangen auszusehen, wieder niederblickt, und das nächste Blatt mit großer Langsamkeit umwendet, in der Absicht, Gelegenheit zu einem verlängerten Händedruck zu geben.

Ferngläser, Butterschnitten und Branntwein mit Wasser ohne Zucker sind Dinge, die anfangen, stark begehrt zu werden, und schüchterne Leute, die durch die Luke hinunter nach der Dampfmaschine geschaut haben, finden zu ihrer großen Herzenserleichterung einen Gegenstand, über den sie miteinander reden können. »Etwas sehr Wundervolles, der Dampf, Sir.« – »Ah, sehr wahr, Sir.« – »Gewaltige Kraft, Sir.« – »Unermeßlich, unermeßlich!« – »Durch den Dampf wird erstaunlich viel ausgerichtet, Sir!« – »Ah, das kann man wohl sagen, Sir!« – Das alles wird mit äußerst wichtigen Mienen gesprochen und ist in der Regel neben anderen ähnlichen ungewöhnlichen Bemerkungen, der Anfang einer Unterhaltung, die bis zur Beendigung der Reise fortgesetzt wird; letztere ist nicht lang, weder auf dem Wasser noch, wie wir hoffen, auf dem Papier. Ist sie uns langweilig vorgekommen, so kehrt unsere gute Laune im Augenblick des Landens zurück; und sollte unsere Beschreibung von ihr unglücklicherweise unsere gütigen Freunde gelangweilt haben, so trösten wir uns damit, daß sie sie vergessen werden – sobald sie den Strom verlassen.