Kapitel 4

Die alte Frau fing an, in ihrer Tasche nach der Brille zu suchen, aber Oliver vermochte diese neue Geduldsprobe nicht zu bestehen, sondern eilte, dem Drange seines Herzens folgend, in ihre Arme.

„Gott sei mir gnädig“, rief die alte Frau, ihn zärtlich umarmend, „es ist mein lieber, guter Junge!“

„Meine liebe alte Pflegemutter!“ rief Oliver.

„Ich sagte ja immer, daß er wiederkommen würde, und wie gut er aussieht und so fein angezogen. Wo bist du denn diese ganze lange Zeit gewesen? Ach, es ist noch dasselbe sanfte Gesicht, nur nicht so bleich – dasselbe sanfte Auge, nur nicht so traurig. Oh, ich weiß alles noch ganz genau.“

So redete sie endlos weiter und lachte und weinte zu gleicher Zeit, indem sie Oliver mal in Armlänge von sich hielt, um zu sehen, wie groß er geworden sei, dann ihn wieder an sich zog und ihm zärtlich die Haare streichelte. Herr Brownlow überließ die beiden ihren Gefühlen und führte Rosa in ein anderes Zimmer, woselbst ihm diese zu seiner größten Überraschung ihre Unterredung mit Nancy erzählte. Rosa setzte ihm auch ihre Gründe auseinander, warum sie sich nicht gleich Herrn Losberne, ihrem Freunde, anvertraut hätte, was der alte Herr billigte. Er erklärte sich bereit, mit dem würdigen Doktor die Sache angelegentlich zu besprechen. Um dies bald ausführen zu können, wurde abgemacht, Herr Brownlow solle abends acht Uhr bei ihnen vorsprechen, damit man Frau Maylie inzwischen mit allen Vorgängen bekannt machen könne. Nachdem man diese Verabredungen getroffen hatte, kehrten Rosa und Oliver nach Hause zurück.

Rosa hatte das Maß von des guten Doktors Zorn keineswegs überschätzt, denn kaum waren ihm Nancys Mitteilungen erzählt worden, als er sich in eine Flut von Drohungen und Verwünschungen erging. Er beteuerte, er wolle die Dirne zum Opfer des vereinten Scharfsinns der Herren Blathers und Duff machen, und setzte sich auch wirklich den Hut auf, um sich ungesäumt des Beistandes dieser Ehrenmänner zu versichern. Er würde auch höchstwahrscheinlich, ohne die Folgen zu bedenken, im ersten Eifer seinen Entschluß ausgeführt haben, wäre er nicht zurückgehalten worden durch eine entsprechende Heftigkeit des Herrn Brownlow, der selbst ziemlich temperamentvoll war, aber auch durch Gründe und Gegenvorstellungen, denen sich Losberne nicht verschließen konnte.

„Ja, zum Donnerwetter, was sollen wir denn tun?“ tobte der hitzige Doktor, als sie wieder zu den beiden Damen zurückgekehrt waren. „Wir sollen wohl diesem Spitzbubengesindel, Männern sowohl als Weibern, eine Dankadresse überreichen und sie bitten, hundert Pfund oder mehr anzunehmen als ein bescheidenes Zeichen unserer Achtung und unserer Erkenntlichkeit für die Güte und Liebe, die sie Oliver erwiesen haben?“

„Das gerade nicht“, sagte Herr Brownlow lachend. „Aber wir müssen sachte und mit großer Behutsamkeit vorgehen!“

„Sachte und behutsam“, schrie der Doktor. „Ich möchte sie alle samt und sonders zum – -„

„Es ist gleichgültig, wohin Sie sie schicken möchten“, fiel Herr Brownlow ein. „Ich bitte Sie nur, dabei zu bedenken, ob wir dadurch auch zum Ziel kommen!“

„Zu welchem Ziel?“ fragte der Doktor.

„Einfach zu dem, herauszukriegen, wer Olivers Eltern gewesen sind, und ihm zu seinem Erbe zu verhelfen, das ihm so schändlich geraubt wurde.“

„Ach“, sagte Herr Losberne, sich mit dem Taschentuche Kühlung fächelnd, Aas hatte ich ganz vergessen!“

„Angenommen“, fuhr Herr Brownlow fort, „von dem Mädchen kann ja ohnehin keine Rede sein, angenommen, es wäre möglich, alle andern Halunken dem Gerichte zu überliefern, was könnte wohl Gutes dabei herauskommen?“

„Daß aller Wahrscheinlichkeit einige davon gehenkt und die übrigen ins Zuchthaus kommen würden“, erwiderte der Doktor.

„Schön“, sagte Herr Brovrnlow lächelnd. „Dahin wird es mit ihnen sowieso kommen, wenn ihre Zeit abgelaufen ist. Greifen wir ihnen vor, so begehen wir meines Erachtens einen Don-Quichotte-Streich, der in geradem Widerspruch zu unserm oder doch Olivers Interesse steht, was so ziemlich ein und dasselbe ist.“

„Wieso?“ fragte der Doktor.

„Es ist doch klar, daß es schwierig genug sein wird, diesem Geheimnis auf den Grund zu kommen, wenn wir diesen Monks nicht zu einem Geständnis bringen können. Das ist nur durch eine Kriegslist möglich, indem wir ihn abfangen, wenn er nicht von seinen Kumpanen umgeben ist. Denn, lassen wir ihn auch festnehmen, was haben wir für Beweise gegen ihn? Soviel wir wissen oder aus den Tatsachen schließen können, ist er nicht einmal bei den Diebereien der Bande beteiligt. Wenn er auch nicht glatt freigesprochen werden würde, so könnte man ihn höchstens nur als Landstreicher für kurze Zeit einsperren, und nachher wäre aus ihm ebensowenig herauszubringen, als wenn er taubstumm oder blödsinnig wäre!“

„Ich muß nochmals die Frage stellen“, fiel der Doktor heftig ein, „Ob Sie es wohl für vernünftig halten, daß man sich durch das dieser Dirne gegebene Versprechen binden läßt? Es ist allerdings ein Versprechen, in der besten und wohlwollendsten Absicht gegeben, aber in Wirklicho keit –“

„Ich bitte, lassen Sie sich auf keine Erörterung dieses Punktes ein“, sagte Herr Brownlow zu Rosa, die eben reden wollte. „Ihr Versprechen soll gehalten werden. Ich glaube, daß wir dadurch keinen Nachteil haben. Aber bevor wir uns zu einem wirksamen Schritt entschließen können, ist es nötig, daß wir mit dem Mädchen Rücksprache nehmen und es fragen, ob es uns den Monks zeigen will, wenn wir ihm versichern, daß er nur mit uns und nicht mit dem Gericht zu tun haben soll. Will oder kann es das nicht, so müssen wir von ihm eine Beschreibung seiner Person und seines Aufenthaltsortes herauszubekommen versuchen, damit wir den Burschen fassen können. Man kann es erst Sonntag wieder sprechen, und heute ist Dienstag. Ich rate daher, vorderhand uns ganz ruhig zu verhalten und auch Oliver von der Angelegenheit nichts wissen zu lassen.“

Obgleich Herr Losberne zu dem Vorschlag, fünf volle Tage zu warten, ein scheeles Gesicht machte, so mußte er doch zugeben, augenblicklich keinen besseren Rat zu wissen. Rosa und Frau Maylie waren ganz auf seiten des Herrn Brownlow, und so fand dessen Vorschlag einstimmige Billigung.

„Es wäre mir lieb“, sagte letzterer, „meinen Freund Grimwig ins Vertrauen zu ziehen. Er ist zwar ein schnurriger Kauz, besitzt aber einen scharfen Verstand und könnte uns von erheblichem Nutzen sein. Er war Rechtsanwalt und gab seine Laufbahn aus Unmut darüber auf, daß ihm in zwanzig Jahren nur zwei Klagesachen übertragen worden waren. Sie mögen aber selbst urteilen, ob dies eine Empfehlung ist oder nicht.“

„Ich habe nichts dagegen, wenn Sie Ihren Freund zuziehen wollen, vorausgesetzt, daß ich mich auch mit dem meinigen beraten darf“, versetzte der Doktor.

„Darüber muß abgestimmt werden“, entgegnete Herr Brownlow. „Wer ist es?“

„Der Sohn dieser Dame und Fräulein Rosas – langjähriger Freund“, antwortete der Doktor mit einer Kopfwendung zu den beiden Damen.

Rosa wurde feuerrot im Gesicht, aber sie machte keine Einwendungen (weil sie wohl erkannte, sie würde in einer hoffnungslosen Minderheit bleiben), und so wurden Harry Maylie und Herr Grimwig in den Ausschuß aufgenommen.

„Wir bleiben natürlich so lange in der Stadt“, sagte Frau Maylie, „als noch die geringste Aussicht vorhanden ist, die Nachforschungen mit Erfolg weiter zu betreiben. Ich werde bei einer Sache, die uns alle so nahegeht, weder Mühe noch Kosten sparen und gern hierbleiben, selbst, wenn es ein Jahr dauern sollte, um sie zu einem guten Ende zu bringen.“

„Gut“, Versetzte Herr Brownlow, „und da ich in Ihren Gesichtern lese, daß Sie gern wissen möchten, wie es kam, damals nicht dagewesen zu sein, um Olivers Angaben zu bestätigen, so bitte ich Sie, mir deshalb keine Fragen vorzulegen. Zur gegebenen Zeit werde ich durch Erzählung meiner eigenen Geschichte alle heute unausgesprochenen Fragen beantworten. Sie dürfen überzeugt sein, daß ich für meine Forderung Gründe habe. Ich will nämlich keine Hoffnungen erwecken, die vielleicht nie in Erfüllung gehen und nur die zahlreichen Schwierigkeiten vermehren würden. – Doch man hat zum Abendessen gerufen, und der arme Oliver, welcher ganz allein im nächsten Zimmer sitzt, denkt vielleicht, wir sind seiner überdrüssig geworden und hätten uns hier verschworen, ihn wieder in die Welt hinauszustoßen.

Mit diesen Worten bot der alte Herr Frau Maylie den Arm und führte sie in das Speisezimmer, während Herr Losberne Rosa geleitete. Die Beratung hatte damit ein Ende.

Ein alter Bekannter Olivers, der entschiedene Spuren von Genie blicken läßt, wird eine öffentliche Persönlichkeit in der Hauptstadt

In derselben Nacht, in der Nancy ihre Botschaft bei Fräulein Rosa Maylie ausgerichtet hatte, wanderten auf der großen, nach dem Norden führenden Straße zwei Personen nach London, denen unsere Erzählung einige Aufmerksamkeit schenken muß.

Die eine davon gehörte dem männlichen Geschlechte an und war eine jener knöchernen Gestalten mit langen Gliedern und schlotternden Knien, deren Alter sich nur schwer erraten läßt. Die andere – ein Frauenzimmer – war jung, aber von starkem und kräftigem Bau, was ihr allerdings auch zustatten kam, da sie die Last eines mächtigen Bündels auf dem Rücken zu schleppen hatte. Ihr Begleiter war nicht sonderlich mit Gepäck beschwert, denn er trug weiter nichts als ein zusammengeknotetes Taschentuch, mit ein paar kümmerlichen Habseligkeiten drin, an einem Stock über den Schultern.

So zogen sie den staubigen Weg dahin, bis sie an das Tor von Highgate kamen. Hier blieb der schnellere Wanderer stehen und rief seiner Gefährtin ungeduldig zu:

„So komm doch! Du bist so langsam, Charlotte, kaum zum Aushalten.“

„Du hast gut reden, trag nur mal solche schwere Last“, sagte das Frauenzimmer atemlos.

„Schwer? Ach, rede doch nicht – wozu habe ich dich denn?“ entgegnete er und warf sein kleines Bündel auf die andere Schulter. „Nun willst du schon wieder ausruhen. Wenn man bei dir nicht die Geduld verliert, dann weiß ich nicht, wo man sie verlieren sollte.“

„Ist es noch weit?“ fragte sie und setzte sich auf eine Bank, ganz in Schweiß gebadet.

„Noch weit? Wir sind so gut wie da!“ sagte der langbeinige Bursche und zeigte mit der Hand geradeaus. „Siehst du jene Lichter? Das ist London.“

„Die sind wenigstens noch zwei gute Meilen entfernt“, sagte das Weib verzweiflungsvoll.

„Was macht es, ob es zwei oder zwanzig sind“, erwiderte Noah Claypole (denn dieser war es). „Steh jetzt auf und komm, oder ich will dir Beine machen! Paß auf, dann geht’s schneller!“

Auf diese Drohung hin erhob sich Charlotte ohne weitere Bemerkung und ging an seiner Seite weiter.

„Wo gedenkst du zu übernachten, Noah?“ fragte sie, nachdem sie wohl eine halbe Meile gegangen waren.

„Was weiß ich!“ sagte dieser mürrisch.

„Hoffentlich in der Nähe?“

„Nein, nicht in der Nähe. Da ist gar nicht dran zu denken.“

„Warum nicht?“

„Wenn ich einmal sage, ich will das nicht tun, so muß dir das genügen, und du hast nicht nach den Gründen zu fragen“, entgegnete Herr Claypole würdevoll.

„Brauchst nicht gleich so böse zu sein“, sagte Charlotte.

„So wäre es richtig, irn ersten besten Gasthaus vor der Stadt einzukehren, damit Sowerberry, falls er uns nachsetzt, uns sofort findet und mit Handschellen an den Armen gleich wieder mit nach Hause nimmt“, meinte Noah ironisch. „Nein, ich werde im entlegensten Gasthaus der entlegensten Gasse Rast machen. Du kannst deinem Herrgott danken, daß du mich zum Führer hast, denn wenn wir anfangs nicht absichtlich einen falschen Weg gegangen wären, so säßest du schon seit acht Tagen hinter Schloß und Riegel. Und es wäre dir deiner Dummheit wegen nur recht geschehen!“

„Ich weiß, daß ich nicht so pfiffig bin wie du, aber wälze nur nicht alle Schuld auf mich. Denn du würdest ebensogut eingesperrt werden, wenn man mich festsetzte.“

„Wer hat das Geld aus der Schublade genommen, du oder ich?“ fragte Herr Claypole.

„Ich nahm es für dich, lieber Noah“, erwiderte sie.

„Habe ich es etwa behalten?“

„Nein, du vertrautest es mir an und ließest es mich tragen, Liebling“, damit klopfte sie ihm unter das Kinn und legte ihren Arm in den seinigen.

Es verhielt sich wirklich so. Er hatte ihr das Geld aber nur gelassen, damit es bei ihr gefunden würde, falls man sie verfolgte. Er konnte dann seine völlige Unschuld an dem Diebstahl beteuern und der Verhaftung entgehen. Natürlich ließ er sich bei dem jetzigen Anlaß in keine Erörterung seiner Beweggründe ein, und so wanderten sie in schönstem Einvernehmen weiter.

Durch allerhand schmutzige Straßen schleppte der Jüngling nun Charlotte und blieb endlich vor dem elendesten Gasthaus stehen, das ihm bis jetzt zu Gesicht gekommen war. Hier beschloß er zu übernachten.

„Gib mir jetzt das Bündel“, sagte Noah, „und rede nur, wenn du gefragt wirst. Wie heißt das Wirtshaus? D-r-e-i, drei was?“

„Krüppel“, las Charlotte.

„Drei Krüppel“, wiederholte Noah. „Kein übler Name! – Bleib immer dicht bei mir, und nun los!“ Nach diesen Worten stieß er die knarrende Tür auf, und sie traten ein.

.In der Gaststube war nur ein Judenjüngling, der mit beiden Ellbogen sich auf den Schanktisch stützte und in einer schmutzigen Zeitung las. Er starrte Noah an und dieser ihn.

„Sind dies die ‚Drei Krüppel‘?“ fragte Noah.

„Das ist der Name des Hauses“, erwiderte der Jude, er sprach etwas durch die Nase.

„Ein Herr, den wir draußen trafen, hat uns hierher empfohlen. Wir möchten hier übernachten.“

„Ich weiß nicht, ob es gehen wird, aber ich will fragen“, sagte Barney, denn dieser war der dienstbare Geist.

„Geben Sie uns inzwischen etwas kaltes Fleisch und ’nen Schluck Bier.“

Barney führte sie in ein kleines Hinterzimmer und brachte das Verlangte. Nach ein paar Minuten kam er mit der Nachricht zurück, daß sie über Nacht bleiben könnten. Dann ließ er das Pärchen allein. – Das Zimmer konnte von der Gaststube aus durch ein kleines Fenster, das sich unter der Stubendecke befand, beobachtet werden, auch konnte man gut hören, was in ihm gesprochen wurde. Als Barney wieder an den Schanktisch zurückkehrte, trat Fagin ein, um nach einem seiner jungen Freunde zu fragen.

„Pst!“ machte Barney, „es sind Fremde im kleinem Zimmer.“

„Fremde?“ wiederholte der Alte leise.

„Ja, komisches Volk“, meinte Barney. „Sie kommen aus der Provinz, und ich müßte mich sehr täuschen, wenn sie nicht etwas für Euch wären.“

Fagin hörte diese Mitteilung mit großem Interesse und stieg sofort auf einen Stuhl, um das Paar durchs Fenster zu beobachten. Er sah, wie Herr Claypole dem Fleisch und Bier tüchtig zusprach und an Charlotte nur homöopathische Gaben verteilte.

„Aha!“ flüsterte Fagin, sich zu Bamey wendend. „Die Miene des Jünglings gefällt mir. Den können wir gebrauchen, er versteht es, mit dem Mädel richtig umzugehen. Sei jetzt mal mäuschenstille, Freundchen, damit ich hören kann, was sie sprechen.“ Er lauschte und hörte Noah sagen:

„Ich denke von jetzt ab den Herrn zu spielen und will nichts mehr von alten Särgen wissen. Und du, Charlotte, kannst eine Dame werden, wenn du Lust hast.“

„Ich möchte wohl, mein Lieber“, antwortete das Mädchen, „aber es gibt nicht alle Tage Schubladen zu leeren.“

„Hol der Teufel die Schubladen!“ entgegnete Herr Claypole. „Es gibt noch andere Dinge, die geleert werden können.“

„Und das wäre?“

„Taschen, Häuser, Postwagen, Banken“, meinte Noah, den das Bier mutig machte.

„Aber das kannst du doch nicht alles allein machen, Liebling“, sagte Charlotte.

„Ich werde mich nach Kameraden umsehen, die es können. Man wird uns auch brauchen können. Du selbst bist fünfzig Weiber wert, denn ich habe nie ein gerisseneres, spitzbübischeres Geschöpf gesehen als dich, sobald ich dich nur gewähren ließ.“

„Mein Gott, wie du schmeicheln kannst“, rief das Mädchen und drückte einen Kuß auf seine Lippen.

„Na, ’s ist schon gut! Sei nicht zu zärtlich, wenn ich Grund habe, mit dir böse zu sein“, sagte Noah, sehr würdig. „Ich möchte der Hauptmann einer Bande sein, ich würde gern die Zwanzigpfundnote, die du hast, darum geben – besonders, da wir doch nicht recht wissen, wie wir sie loswerden sollen.“

Nachdem Herr Claypole seinen Gedanken in dieser Weise Form gegeben hatte, öffnete sich plötzlich die Tür, und Herr Fagin trat ins Zimmer. Er hatte seine freundlichste Miene aufgesteckt, näherte sich mit einer tiefen Verbeugung und setzte sich an einen Tisch ihrer unmittelbaren Nachbarschaft nieder. Den grinsenden Barney beauftragte er, ihm etwas zu trinken zu bringen.

„Ein herrlicher Abend, aber etwas zu kalt für diese Jahreszeit“, sagte Fagin, sich die Hände reibend. „Vom Lande, wie ich sehe?“

„Woran sehen Sie das?“ fragte Noah.

„Wir haben in London nicht so viel Staub wie Sie mitschleppen“, erwiderte der Jude und zeigte auf ihre Schuhe.

„Sie sind ein schlauer Kerl“, sagte Noah. „Ha! ha! hör nur, was er sagt, Charlotte.“

„Ja, Freundchen, hier in London muß man gerissen sein“, meinte der Jude; er sagte das in einem vertraulichen Flüstertone und schlug mit seinem rechten Zeigefinger an die Nase. Noah versuchte die Bewegung nachzuahmen, es gelang ihm nur unvollständig, da sein Gesichtserker dazu nicht groß genug war. Fagin schien diesen Versuch als eine Zustimmung seiner Ansicht zu deuten und bot ihm in der liebenswürdigsten Weise sein Glas mit Schnaps an, das Barney gerade brachte.

„Das ist ein guter Stoff“, bemerkte Herr Claypole und schnalzte wohlbehaglich mit den Lippen.

„Aber teuer“, sagte Fagin, „wer ihn immer trinken will – muß immer etwas leeren. Eine Schublade, eine Tasche, ein Haus, eine Postkutsche oder eine Bank.“

Herr Claypole hatte kaum die Wiederholung seiner eigenen Worte gehört, als er auf seinen Stuhl zurücksank und mit aschfahlem Gesicht von dem Juden zu Charlotte hin blickte.

„Sie brauchen keine Angst zu haben, mein Lieber. Ha! ha! ha! Glücklicherweise habe ich es nur gehört. Das war wirklich ein Glück!“

„Ich hab’s nicht genommen“, stotterte Noah. „Sie hat’s ganz allein getan und hat das Geld auch noch. Du weißt das, Charlotte.“

„Es ist ganz gleich, wer es hat oder tat, Freundchen“, versetzte Fagin, der aber trotzdem einen lauernden Blick auf das Mädchen warf. „Ich bin in derselben Branche, und Sie gefallen mir deshalb.“

„In welcher Branche?“ fragte Noah aufatmend.

„Nun, derartige Geschäftchen zu machen wie Sie. Alle hier im Hause treiben dasselbe Gewerbe. Sie sind hier in die richtige Schmiede gekommen und so sicher, wie man es nur sein kann, das heißt, wenn ich will. Aber ich habe Sie und das junge Mädchen da in mein Herz geschlossen, und Sie können nun ganz ruhig sein.“

Trotz dieser Worte guckte ihn Noah immer noch ein wenig argwöhnisch an, so daß der Jude sich veranlaßt fühlte, in seiner Rede fortzufahren:

„Ich habe einen Freund, der Ihren Lieblingswunsch befriedigen kann und Ihnen gern den richtigen Weg zeigen wird zu dem Geschäftszweig, der Ihnen am meisten zusagt, wie er Ihnen auch in allen anderen Branchen Unterricht zu erteilen vermag!“

„Sie sprechen, als ob es Ihr Ernst wäre!“

„Was hätte ich davon, wenn ich hier scherzen wollte“, sagte der Jude achselzuckend. – „Doch ich möchte gern einige Worte mit Ihnen allein draußen sprechen.“

„Das ist nicht nötig, die Mühe können wir uns sparen. Sie kann das Gepäck hinauftragen. Charlotte, bring die Bündel hinauf!“

Diesen, mit viel Majestät gegebenen Befehl Noahs führte das Mädchen eilfertig aus, und befriedigt fragte er Fagin im Tone eines Tierbändigers:

„Halte ich sie nicht ordentlich in Zucht?“

„Großartig“, antwortete dieser und klopfte ihm auf die Schulter. „Sie sind ein Genie, mein Bester.“

„Wäre auch sonst nicht hier in London“, versetzte der Jüngling geschmeichelt. „Doch verlieren wir keine Zeit, sie wird bald wieder hier sein.“

„Nun, wie denken Sie darüber?“ fragte der Jude. „Wenn Ihnen mein Freund gefällt, gibt es dann etwas Besseres, als sich ihm anzuschließen?“

„Es kommt darauf an, ob sein Geschäft gut geht“, erwiderte Noah und zwinkerte mit einem Auge.

„Großartig geht’s, und er beschäftigt eine Masse Leute“, sprach der Jude. „Sie finden dort die beste Gesellschaft der Branche.“

„Alle aus der Stadt?“ fragte Herr Claypole.

„Kein Provinzler darunter, und er würde Sie selbst auf meine Empfehlung hin nicht annehmen, wenn es ihm nicht augenblicklich an Gehilfen fehlte.“

„Muß ich dann wohl mit diesem da ‚rausrücken?“ fragte Noah, auf seine Hosentasche klopfend.

„Läßt sich unmöglich anders machen“, sagte Fagin bestimmt.

„Aber zwanzig Pfund sind eine Masse Geld!“

„Nicht, wenn es eine Banknote ist, die Sie nicht los werden können. Man wird sich wohl Nummer und Datum gemerkt und sie bei der Bank gesperrt haben. Sie hat keinen großen Wert für ihn, denn er wird sie auswärts anbringen müssen und sicher viel daran verlieren.“

„Wann kann ich Ihren Freund sehen?“

„Morgen früh.“

„Wo?“

„Hier!“

„Hm! – Und der Lohn?“

„Ein Herrenleben – Kost, Wohnung, Tabak und Schnaps frei – und die Hälfte von allem, was Sie und die junge Frau erobern.“

Es ist zweifelhaft, ob Herr Noah Claypole, trotz seiner Habsucht, dieses lockende Angebot angenommen hätte, wenn er völlig frei hätte handeln können. Da er aber befürchtete, in der Gewalt Fagins zu sein, der ihn hätte den Gerichten übergeben können, so sagte er schließlich, daß ihm der Vorschlag annehmbar schiene.

„Aber sehen Sie“, bemerkte Noah, „daß mir recht Leichtes übertragen wird, denn Charlotte kann dafür desto mehr arbeiten!“

„Wie wäre es mit Ausbaldowern? Mein Freund braucht jemand, der dazu Talent hat.“

„Würde ich ganz gerne tun, es fällt aber bei dem Geschäft nicht viel für einen ab“, meinte Noah.

„Das ist wahr, viel zu verdienen ist dabei nicht.“

„Fällt Ihnen sonst nichts ein, eine ungefährliche Sache?“

„Was halten Sie von alten Damen? Wenn man ihnen die Handtaschen und Pakete aus der Hand reißt und um die nächste Ecke verschwindet – damit läßt sich ein schönes Stück Geld machen.“

„Schreien und kratzen die nicht zuweilen mächtig?“ fragte Noah, den Kopf schüttelnd. „Das sagt mir nicht besonders zu. Ist nichts Besseres für mich da?“

„Halt!“ rief der Jude, die Hand auf Noahs, Knie legend. „Ich hab’s, das Görenlausen!“

„Was ist das?“

„Die Gören“, sagte der Jude, „sind die kleinen Kinder, die von ihren Müttern mit Geld ausgeschickt werden, um allerhand einzuholen. Man laust sie, das heißt, nimmt ihnen das Geld weg und stößt sie in den Rinnstein. Wenn sie weinen, geht man langsam davon und tut, als ob weiter nichts passiert sei; die Leute denken, nur ein Kind sei hingefallen und habe sich wehgetan. Ha! ha! ha!“

„Ha! ha!“ brüllte Herr Claypole vor Lachen und trampelte mit den Füßen. „Das ist das Richtige für mich.“

„Glaub’s auch“, meinte Fagin. „Sie können ein paar feine Bezirke kriegen – zum Beispiel Camden Town und Battle Bridge, wo immer Kinder mit derartigen Aufträgen umherlaufen, und man zu jeder Tagesstunde Gören lausen kann. Ha! Ha!“

Mit diesen Worten stieß er ihm kitzelnd seinen Zeigefinger in die Seite, worauf beide abermals in ein langes Gelächter ausbrachen.

„Nun gut“, sagte Noah, als er sich von seinem Lachkrampf etwas erholt hatte und Charlotte wieder zurückgekehrt war. „Also um welche Zeit morgen?“

„Ist Ihnen zehn Uhr recht?“ fragte der Jude, und als Herr Claypole bejahte, fuhr er fort, „welchen Namen soll ich meinem Freunde nennen?“

„Bolter“, antwortete Noah, der sich auf eine solche Frage vorbereitet hatte. „Herr Morris Bolter und Frau Bolter.“

„Frau Bolter, ich empfehle mich Ihnen ergebenst“, sagte Fagin und verbeugte sich mit grotesker Höflichkeit. „Ich hoffe, Sie bald noch näher kennenzulernen.“

„Hörst du, was der Herr sagt, Charlotte?“ brüllte sie Herr Claypole an.

„Ja, lieber Noah“, erwiderte Frau Bolter, ihre Hand Fagin hinreichend.

„Noah ist ein Schmeichelname“, erklärte Herr Morris Bolter alias Claypole dem Juden. „Sie verstehen mich?“

„Vollkommen!“ antwortete Herr Fagin, der damit diesmal die Wahrheit sprach. „Gute Nacht. Gute Nacht.“

In dem gezeigt wird, wie der Gannef in die Patsche kommt

„So sind Sie also selbst der gute Freund gewesen?“ fragte Herr Claypole, sonst Bolter, als er am nächsten Vormittag das Haus des Juden betrat, wohin er bestellt worden war. „Ich Schafskopf hätte es mir gestern schon denken können.“

„Jedermann ist sein eigener Freund, mein Lieber“, versetzte Fagin mit bezeichnendem Grinsen, „er kann keinen besseren finden.“

„Mit Ausnahmen“, erwiderte Morris Bolter im Tone eines welterfahrenen Mannes. „Manche Menschen sind ihre eigenen größten Feinde, wissen Sie!“

„Glauben Sie das ja nicht“, sagte Fagin. „Ist ein Mensch sein eigener Feind, so nur deshalb, weil er zu sehr sein eigener Freund ist, und nicht, weil er andere mehr in sein Herz geschlossen hat. Das wäre gegen die Menschennatur.“

„Und käme es vor, so wäre es nicht in der Ordnung“, meinte Herr Bolter.

„Das liegt klar auf der Hand“, sprach Fagin. „Von den Magiern halten einige die 3 und andere die 7 für die Zauberzahl. Aber das stimmt nicht. Nummer eins ist’s!“

„Ha! ha!“ lachte Herr Bolter. „Hoch die Nummer eins.“

„In einer so kleinen Vereinigung wie die unsrige, mein Lieber“, sagte der Jude, „haben wir eine allgemeine Nummer eins. Das heißt, Sie können sich nicht selber als Nummer eins betrachten, ohne mich und all die anderen mit einzuschließen.“

„Teufel auch!“ rief Herr Bolter.

„Sie sehen“, fuhr Fagin fort und tat so, als ob er die Unterbrechung nicht gehört hätte, „unsere Interessen sind so miteinander verwachsen, daß es gar nicht anders sein kann. Zum Beispiel, Sie sorgen für Nummer eins – das heißt für sich selbst.“

„Ganz recht, gewiß!“

„Schön, Sie können aber nicht für sich als Nummer eins sorgen, ohne auch für mich zu sorgen, der ich gleiche falls Nummer eins bin.“

„Nummer zwei wollten Sie sagen“, meinte Herr Bolter.

„Nein, nicht doch“, erwiderte Fagin. „Ich bin für Sie ebenso wichtig, wie Sie es sich selbst sind.“

„Wissen Sie“, sagte Herr Bolter, „Sie sind ja ein netter Kerl, und ich habe Sie auch ganz gern, aber so dicke Freunde sind wir denn doch nicht.“

„Aber überlegt mal“, sagte der Jude, heftig gestikulierend, „bedenkt, Sie haben da einen Streich vollführt, der mir sehr gefällt. jedoch könnte er Ihnen leicht zu einer Krawatte verhelfen, die sich leichter knüpfen als aufmachen läßt – nämlich zum Strick.“

Herr Bolter fühlte sich an den Hals, als ob ihm der Kragen zu eng wäre, und murmelte etwas, das wie Zustimmung klang.

„Der Galgen“, fuhr Fagin fort, „ist ein häßlicher Wegweiser, der auf eine gefährliche Ecke zeigt, die der Laufbahn manches verwegenen Burschen ein plötzliches Ziel gesetzt hat. Sich von ihm fern zu halten, ist für Sie Nummer eins.“

„Selbstverständlich, doch warum reden Sie von solchen Dingen.“

„Nur, um Ihnen offen meine Meinung zu sagen“, entgegnete der Jude, die Augenbrauen hochziehend. „Sie hängen von mir ab, und ich hänge von Ihnen ab, wenn mein Geschäft gehen soll. Das erstere ist Ihre Nummer eins, das letztere die meinige. Je mehr Sie für Ihre Nummer eins sorgen, desto besorgter müssen Sie auf die meinige sein. So kommen wir zuletzt wieder auf das, was ich von Anfang an gesagt habe, daß nämlich die Rücksicht auf Nummer eins uns alle zusammenhält und zusammenhalten muß, wenn unsere Gemeinschaft nicht in die Brüche gehen soll!“

„Das ist richtig, ich merke schon, Sie sind ein schlauer alter Fuchs!“

„Ja, nur wenn wir fest zusammenstehen, kommt man über schwere Verluste weg“, sagte Fagin. „Gestern morgen habe ich meinen besten Mitarbeiter verloren.“

„Durch den Tod?“

„Nein, nein, so schlimm ist’s nicht!“

„Er ist wohl –“

„Abhanden gekommen“, ergänzte der Jude, „ja, ab, handen gekommen ist er!“

„Wie das?“ fragte Herr Bolter.

„Er wurde wegen versuchten Taschendiebstahls verhaftet, und man fand eine silberne Tabaksdose bei ihm – seine eigene, mein Lieber, denn er schnupft selbst gern. Ach, er war fünfzig silberne Dosen wert, und ich ließe mich’s gern das Geld dafür kosten, wenn ich ihn wieder hätte. Sie sollten den Gannef gekannt haben!“

„Nun, ich hoffe ihn wohl noch kennenzulernen, meinen Sie nicht auch?“

„Schwerlich“, sagte der Jude seufzend. „Man wird ihn wohl auf Lebenszeit in die Strafkolonie schicken.“

Das Gespräch wurde hier durch Herrn Karl Bates unterbrochen, der mit betrübtem Gesicht eintrat.

„Es ist mit ihm aus, Fagin“, sagte Karl, nachdem er und sein neuer Gefährte sich vorgestellt hatten.

„Was soll das heißen?“

„Man hat den Besitzer der Dose gefunden und auch noch einige andere Zeugen aufgetrieben. Der Gannef erhält freie Ausreise“, berichtete Karl Bates.

„Wir müssen herauskriegen, was er macht. Laß mich mal nachdenken“, sagte Fagin.

„Soll ich’mal gehen?“ fragte Karl.

„Bist du verrückt? Es ist vorläufig genug, einen verloren zu haben“, versetzte der Jude.

„Sie denken doch nicht etwa selbst hinzugehen?“

„Das wäre untunlich“, meinte Fagin kopfschüttelnd.

„Warum schicken Sie nicht das Grünhorn?“ fragte Herr Bates und legte seine Hand auf Noahs Arm. „Kein Mensch kennt ihn!“

„Wenn er nichts dagegen hat –“, meinte Fagin zögernd.

„Was soll er dagegen haben?“ fiel Karl ein.

„Es ist wirklich nichts zu befürchten“, sagte der Jude, sich an Noah wendend.

„Sie haben gut reden“, versetzte dieser. „Nein, ausgeschlossen, es schlägt nicht in mein Fach!“

„Was hat er denn für ein Fach gekriegt, Fagin?“ fragte Herr Bates mit einem verächtlichen Blick auf Noahs schlottrige Gestalt. „Vielleicht das Ausreißen, wenn’s nicht ganz geheuer ist, und das Fressen und Saufen, wenn alles geklappt hat. – Gehört das zu seinem Fach?“

„Geht dich gar nichts an!“ schnaubte Herr Bolter. „Nimm dir keine Frechheiten heraus gegen Leute, die mehr als du sind, Knirps. Bei mir kommst du an den Unrechten!“

Herr Bates lachte unbändig über die prahlerische Drohung, und es dauerte einige Zeit, ehe sich Fagin ins Mittel legen und Herrn Bolter klarmachen konnte, daß bei einem Gange nach der Polizei von einer Gefahr für ihn keine Rede sein konnte. Besonders, wenn er verkleidet sei. Herr Bolter ließ sich durch diese Ausführungen, mehr aber noch durch seine Furcht vor dem Juden bewegen, den Auftrag auszuführen. Er vertauschte auf Fagins Geheiß seinen eigenen Anzug mit einem Fuhrmannskittel, Manchesterhosen und Gamaschen, die der Jude gerade zur Hand hatte, und bekam eine Kärrnerpeitsche in die Hand.

Er stellte einen Bauernjungen mit großem Geschick dar (da er von Natur ein unbeholfener Bursche war), der aus Neugierde eine Verhandlung vor dem Polizeirichter mitanhören wollte. Nachdem ihm der Gannef genau beschrieben worden war, führte ihn Herr Bates in die Nähe des Polizeigebäudes und hieß ihn eilen. Er versprach, ihn an dem Orte, wo sie sich trennten, wieder zu erwarten.

Noah befolgte gewissenhaft die erhaltenen Anweisungen und gelangte auch richtig in den Gerichtssaal. Er kam hier in ein großes Gedränge von Menschen, zumeist Frauen, die Kopf an Kopf den muffigen Saal füllten. Auf der Anklagebank saßen ein paar Weiber, die ihren sie bewundernden Bekannten zunickten, während der Gerichtsschreiber einigen Polizisten und einem bürgerlich gekleideten Manne, der sich über den Tisch beugte, die Zeugenaussagen vorlas.

Noah sah sich neugierig nach dem Gannef um, konnte ihn aber nicht entdecken. Er erwartete daher ungeduldig das Urteil, welches über die Weiber gefällt wurde, die darauf mit stolzer Miene abgingen. Der Gefangene, der jetzt vorgeführt wurde, mußte nach der Beschreibung der Gannef sein. Und es war tatsächlich Jack Dawkins. Er setzte sich auf die Anklagebank mit der lauten Frage, warum man ihn hierherbringe.

„Willst du wohl den Mund halten“, sagte der Gerichtsdiener.

„Bin ich nicht ein Engländer?“ versetzte der Gannef. „wo sind meine Rechte?“

„Wirst sie bald genug bekommen und gepfeffert noch dazu“, erwiderte der Gerichtsdiener.

„Wollen mal sehen, was der Justizminister den Kadis sagen wird, wenn man meine Rechte nicht achtet“, brüllte der Gannef. „Aber nun man los. Ich bitte die Herren Richter, mich nicht mit ihrem Zeitungslesen aufzuhalten, sondern meine kleine Sache gleich zu erledigen. Ich habe mich nämlich mit einem Herrn in der City verabredet, und da ich ein Mann von Wort bin und in Geschäftssachen äußerst pünktlich, so könnte es leicht eine Schadenersatzklage gegen die geben, welche mich hier aufgehalten haben. Und das werden die Herren Richter nicht wollen.“

Da diese die Redensarten des Gannefs überhörten, so fragte der freche Junge den Gerichtsdiener „nach den Namen der beiden Hampelmänner auf der Richterbank“. Durch diese Frage fühlten sich die Zuhörer so gekitzelt, daß sie fast ebenso herzlich lachten, als es sicher Herr Karl Bates getan hätte, wenn er dagewesen wäre.

„Ruhe!“ brüllte der Gerichtsdiener.

„Was liegt vor?“ fragte einer der Polizeirichter.

„Ein Taschendiebstahl, Euer Gnaden.“

„Ist der Junge schon mal hier gewesen?“

„Hätte er schon oft sein sollen, aber solche Burschen trifft man eher woanders. Ich kenne ihn aber, Euer Gnaden“, sagte der Gerichtsdiener.

„So, Sie kennen mich, wirklich?“ rief der Gannef und tat so, als ob er sich eine Notiz machte. „Gut, das gibt eine Klage wegen Ehrabschneidung.“

Es entstand abermals ein großes Gelächter. Nachdem wieder Ruhe geboten war, fragte der Gerichtsschreiber:

„Nun, wo sind die Zeugen?“

„Richtig, wo sind sie, möchte sie auch gern sehen“, meinte der Gannef.

Seinem Wunsche wurde sofort willfahrt, denn ein Polizist trat vor und sagte aus, der Angeklagte hätte im Gedränge einem unbekannten Herrn das Schnupftuch aus derTasche gezogen, da es aber sehr alt gewesen, wieder in die Tasche zurückgesteckt, nachdem der Dieb es vorher an seiner eigenen Nase probiert. Er wäre deshalb zur Verhaftung geschritten und hätte bei der Durchsuchung des Festgenommenen eine silberne Schnupftabaksdose gefunden, auf deren Deckel der Name des Eigentümers eingegraben war. Die Wohnung desselben hätte man im Adreßbuch gefunden, und der Herr wäre als Zeuge anwesend. Dieser beschwor, daß die Dose sein Eigentum sei, und sie, als er aus dem Gedränge heraus war, sofort vermißte. Er fügte noch hinzu, daß im Gewühl sich ein junger Mensch auffallend viel um ihn zu schaffen gemacht habe, und daß dieser kein anderer als der vor ihm stehende Angeklagte sei.

„Hast du den Zeugen etwas zu fragen, Junge?“ sagte der Richter.

„Ich mag mich nicht so weit erniedrigen, eine Unterhaltung mit ihm anzuknüpfen“, war die Antwort.

„Hast du überhaupt noch etwas vorzubringen?“

„Hörst du nicht, Seine richterliche Gnaden fragen, ob du noch etwas zu sagen hättest“, wiederholte der Gerichtsdiener und stieß den stummen Gannef mit dem Ellenbogen an.

„Verzeihung, haben Sie mit mir gesprochen?“ fragte der Junge zerstreut.

„Ich habe nie einen durchtriebeneren Spitzbuben gesehen, Euer Gnaden“, sagte der Gerichtsdiener grinsend.

„Beabsichtigst du noch etwas zu bemerken, Halunke?“

„Nein“, entgegnete der Gannef, „hier nicht, denn das ist wirklich nicht der richtige Laden für Gerechtigkeit. Außerdem frühstückt mein Rechtsanwalt heute vormittag mit dem Vizepräsidenten des Parlaments. Aber anderswo werde ich reden, ebenso mein Anwalt und eine Masse anderer Bekannten, und zwar so, daß die Kadis wünschen werden, nie geboren zu sein. Daß es ihnen lieber gewesen wäre, wenn sie sich von ihren Bedienten an ihren eigenen Kleiderständern hätten aufhängen lassen, als daß sie heute mir ein Urteil gesprochen hätten. Ich – -„

„Er ist vollständig überführt!“ unterbrach der Gerichtsschreiber die Rede. „Führen Sie ihn ab.“

„Komm, Junge“, sagte der Gerichtsdiener.

„Ja, ich komme schon“, sagte der Gannef, seinen Hut mit der Hand glattstreichend. „Und mit Ihnen“, zur Richterbank gewandt, „werde ich kein Erbarmen haben, wenn Sie auch noch so ängstliche Mienen zeigen. Ihr Kerle sollt mir dafür büßen! Ich möchte nicht in eurer Haut stecken. Ich würde jetzt meine Freilassung nicht annehmen, und wenn Ihr mich auf den Knien darum bätet. Führt mich ab!“

Der Gerichtsdiener packte ihn am Kragen und der Gannef drohte noch, die Sache vors Parlament zu bringen. Dann grinste er dem Gerichtsdiener mit großer Frechheit ins Gesicht.

Herr Bolter eilte nun, so schnell er konnte, zu der Stelle, wo er Karl Bates verlassen hatte. Dieser zeigte sich erst, nachdem er sich vergewissert hatte, daß keine naseweise Person Noah folge, und die Luft rein sei.

Beide begaben sich nun schleunigst nach Hause, um Herrn Fagin die erfreuliche Kunde zu bringen, daß der Gannef seiner Erziehung alle Ehre und sich selbst einen glänzenden Namen gemacht habe.

Die Zeit kommt, da Nancy ihr Rosa gegebenes Versprechen halten soll. Sie wird verhindert

So schlau und erfahren auch Nancy in allen Verstellungskünsten war, so konnte sie doch die Zerrissenheit ihrer Seele nicht ganz verbergen, die ihr gewagter Schritt erzeugt hatte. Sie dachte daran, daß beide, sowohl der verschmitzte Jude als auch der rohe Sikes, sie ohne Argwohn in Pläne eingeweiht hatten, die allen anderen Diebesgenossen unbekannt waren. Aber trotz der Schändlichkeit dieser Pläne, der Verworfenheit ihrer Urheber und ihrer Erbitterung gegen den Juden, der sie immer tiefer in Verderben und Elend geführt hatte, fühlte sie doch manchmal sogar für ihn eine weiche Regung. Sie hätte ihn nur ungern den unerbittlichen Händen überantwortet, denen er so lange entgangen war und doch am Ende anheimfallen mußte – so sehr er auch ein solches Schicksal verdient haben mochte.

Es war Sonntagabend, die Uhr der nächsten Kirche verkündete die Stunde. Sikes und der Jude unterbrachen ihre Unterhaltung, um die Schläge zu zählen. Nancy horchte gleichfalls gespannt – Elf!

„Eine Stunde vor Mitternacht“, sagte Sikes, indem er das Fenster öffnete und hinaussah. Als er wieder zu seinem Stuhl ging, meinte er: „Eine herrliche Nacht fürs Geschäft – es ist rabenschwarz draußen.“

„Schade, Bill, daß wir sie nicht ausnutzen können“, versetzte der Jude.

„Daran dachte ich auch gerade“, entgegnete Sikes mürrisch. „Es ist jammerschade, ich wäre heute gerade in Stimmung.“

Der Jude seufzte und schüttelte betrübt den Kopf.

„Wir müssen die verlorene Zeit wieder einbringen, wenn wir etwas Gutes ausbaldowert haben“, sagte Sikes.

„So ist’s recht, das ist ein Wort, lieber Freund“, rief der Jude und wagte es, dem Einbrecher auf die Schulter zu klopfen. „Es freut mich wirklich, Euch so sprechen zu hören.“

„So – freut’s dich? Meinetwegen.“

„Ha! ha! ha!“ lachte der Jude, als ob ihm sogar dieses geringe Zugeständnis Freude machte. „Ihr seid heute abend wieder ganz der Alte, Bill!“

„Mir ist’s aber nicht so, solange deine dreckige alte Pfote auf meiner Schulter liegt – weg damit!“ schrie Sikes und stieß die Hand des Juden fort.

„Macht sie Euch nervös, Bill – erinnert sie Euch ans Gefaßtwerden“, fragte der Jude, der sich vorgenommen hatte, keine Empfindlichkeit zu zeigen.

„Sie erinnert mich an die Klaue des Teufels, nicht an die eines Häschers“, erwiderte Sikes. „Es hat nie einen Menschen gegeben mit einem Gesicht wie deines, höchstens deinen Vater. Ich glaube aber, dem wird jetzt sein ergrauter roter Bart in der Hölle gesengt, wenn nicht etwa Beelzebub selbst dein Vater ist. Wundern würde mich das weiter nicht.“

Fagin schwieg zu dieser Schmeichelei, zupfte aber Sikes am Ärmel und zeigte auf Nancy, die sich während der Unterhaltung der beiden Ehrenmänner den Hut aufgesetzt hatte und im Begriff war, das Zimmer zu verlassen.

„Hallo, Nancy!“ rief Sikes. „Donnerwetter, wohin willst du zu so später Stunde.“

„Nicht weit.“

„Was ist das für eine Antwort! Wohin gehst du?“

„Ich sage, nicht weit.“

„Und ich sage, wohin?“ schrie Sikes barsch. „Hörst du?“

„Ich weiß selbst nicht, wohin.“

„Dann weiß ich es“, sagte Sikes, mehr aus Widerspruchsgeist, als weil er etwas gegen Nancys Ausgang einzuwenden hatte. „Du gehst nirgends hin. Setz dich!“

„Ich fühle mich nicht wohl. Ich muß an die frische Luft, habe es dir vorhin schon gesagt.“

„Stecke den Kopf zum Fenster hinaus, das ist ebenso gut“, schrie Sikes.

„Das genügt mir nicht, ich muß mir Bewegung machen.“

„Daraus wird nichts“, brummte Sikes, der bei diesen Worten aufstand, die Tür abschloß, den Schlüssel herauszog und dem Mädchen den Hut vom Kopf riß, den er auf einen alten Schrank warf. „So“, sagte der Einbrecher, „willst du jetzt hierbleiben oder nicht?“

„Ich gehe auch ohne Hut“, sagte Nancy blaß werdend „Was soll das heißen, Bill? Du weißt wohl nicht, was du tust?“

„Ob ich es weiß, zum Donnerwetter“, schrie Sikes und drehte sich nach Fagin um. „Sie ist verrückt geworden, sonst würde sie sich nicht trauen, so mit mir zu reden.“

„Du wirst mich noch zur Verzweiflung bringen“, murmelte Nancy dumpf, mit Gewalt ihre Wut unterdrückend. „Laß mich sofort gehen – sofort!“

„Nein“, brüllte Sikes.

„Sagt Ihr es ihm, daß er mich gehen läßt, Fagin. Es ist besser für ihn. Hört Ihr?“ schrie das Mädchen und stampfte mit dem Fuß auf.

„Ich höre dich ganz gut“, sagte Sikes, seinen Stuhl umdrehend, um Nancy scharf ansehen zu können. „Wenn ich dich noch eine halbe Sekunde länger höre, so wird dir der Hund deine kreischende Stimme aus dem Halse reißen, verlaß dich darauf. Was fällt dir ein, dummes Frauenzimmer?“

„Laß mich gehen“, sagte Nancy bittend und setzte sich auf den Fußboden dicht bei der Tür. „Bitte laß mich gehen. Du weißt nicht, was du tust. Nur eine einzige Stunde – bitte, laß mich.“

„Ich laß mich hängen“, schrie der Einbrecher, sie rauh am Arm packend, „wenn das Mädchen nicht toll geworden ist! Steh auf!“

„Nicht eher, als bis du mich gehen läßt – nicht eher!“ kreischte Nancy.

Sikes faßte sie bei den Händen und schleppte die sich heftig Sträubende in ein anstoßendes, kleines Gemach. Er drückte sie auf einen Stuhl nieder und hielt sie fest. Die Uhr schlug zwölf, und müde und erschöpft ließ Nancy vom Kampfe ab.

„Donnerwetter“, sagte der Verbrecher, als er wieder zu Fagin zurückgekehrt war, sich den Schweiß von der Stirn wischend: „Ein ganz verrücktes Mädel!“

„In der Tat, Bill“, erwiderte der Jude nachdenklich.

„Was mag ihr wohl in die Krone gestiegen sein, daß sie durchaus heute nacht ausgehen wollte?“ fragte Sikes. „Du mußt sie besser kennen als ich, was meinst du wohl?“

„Weibereigensinn und Halsstarrigkeit, glaube ich“, sagte Fagin und zuckte mit den Achseln.

„Hm! ’s kommt mir auch so vor“, brummte der Räuber. „Ich glaubte schon, ich hätte sie klein gekriegt, aber sie ist so schlimm wie je.“

„Schlimmer, Bill“, sagte Fagin. „Ich habe sie nie so gesehen und noch dazu wegen eines so unbedeutenden Grundes.“

„Ich auch nicht. Ich glaube, es steckt ihr noch etwas Fieber im Blut, und es will nicht heraus. Was meinst du?“

„Schon möglich.“

„Ich will ihr ein bißchen zur Ader lassen, ohne den Doktor darum zu bemühen, wenn Sie mir wieder so kommt!“

Fagin nickte zustimmend.

„Sie war Tag und Nacht um mich, als ich krank daniederlag, während du falscher Hund dich nicht sehen ließest. Wir waren die ganze Zeit über im mächtigen Dalles, und das hat sie so mitgenommen. Und dann das Immer-im-Hause-bleiben-müssen – wie?“

„Das wird’s sein, mein Lieber. – Pst!“

Nancy trat jetzt ins Zimmer und nahm ihren alten Platz wieder ein. Ihre Augen waren vom Weinen ganz rot und geschwollen. Nach einer Weile brach sie in ein lautes Lachen aus.

„Nanu, jetzt kommt’s ja ganz anders“, schrie Sikes und sah Fagin verwundert an.

Der Jude bedeutete ihm, sie nicht weiter zu beachten, und nach einigen Minuten war sie wieder ganz die alte. Fagin nahm nun seinen Hut und bat, es möchte ihm jemand die Treppe hinunterleuchten. „Gute Nacht, Bill.“

„Tu das, Nancy“, sagte Sikes, der sich gerade eine Pfeife stopfte. „Es wäre schade, wenn er sich hier den Hals bräche und die schaulustige Menge um das Schauspiel seines Gehängtwerdens betröge. Da, nimm die Funzel!“

Nancy folgte dem Alten mit der Kerze die Treppe hinunter. Als sie unten im Hausflur waren, legte er den Finger an die Lippen und flüsterte Nancy zu:

„Was war los, liebes Kind?“

„Was meint Ihr“ flüsterte sie zurück.

„Was war der Grund, auszugehen?“ entgegnete der Jude. „Wenn er –“ er zeigte nach oben, „wenn er so gemein zu Ihnen ist – solch ein Vieh! Ein richtiges wildes Tier! Warum wollen Sie nicht –?“

„Nun?“ fragte Nancy, als er innehielt.

„Lassen wir’s für heute! Reden wir ein andermal darüber. Sie haben einen Freund an mir, Nancy, einen treuen, zuverlässigen Freund. Seien Sie nicht ängstlich, ich habe ihn in der Hand. Wenn Sie sich an ihm rächen wollen, der Sie wie einen Hund behandelt – ja, noch schlechter, denn seinen Hund streichelt er doch manchmal –, so kommen Sie zu mir. Ihn kennen Sie erst seit kurzer Zeit – mich aber von alters her, Nancy.“

„Euch kenne ich allerdings“, sagte sie, ohne die geringste Bewegung zu zeigen. „Gute Nacht!“

Sie fuhr zurück, als Fagin ihr die Hand bot, sagte aber nochmals mit ruhiger Stimme gute Nacht und schloß die Tür.

Der Jude ging sinnend heim. Er war nicht gerade durch den letzten Vorfall auf den Gedanken gekommen, daß Nancy, der Roheit des Verbrechers müde, eine Neigung zu einem neuen Freunde gefaßt hätte – er schien aber seine Ansicht zu bestätigen. Ihr verändertes Wesen, der Umstand, daß sie oft allein das Haus verließ, ihre Gleichgültigkeit gegen die Interessen der Bande und ihr heftiges Verlangen, gerade zu einer bestimmten Stunde heute ausgehen zu wollen – alles trug dazu bei, ihn in seiner Meinung zu bestärken. Der Gegenstand ihrer neuen Herzensfreundschaft war keiner von seinem Anhang. Er mußte mit einer Gehilfin wie Nancy eine wertvolle Erwerbung sein, die man sich ohne Verzug sichern müßte.

Auch war damit noch etwas anderes zu erreichen. Sikes wußte zuviel, und seine höhnischen Redensarten hatten den Juden tief verletzt, obgleich er sich nichts merken ließ. Nancy mußte sich klar sein, daß, wenn sie sich von Sikes trennte, sie nie vor seiner Wut sicher sein konnte, auch daß ihr neuer Liebhaber gefährdet war. „Mit ein bißchen Überredungskunst“, dachte Fagin, „läßt sie sich vielleicht bewegen, ihn zu vergiften. Weiber haben solche Sachen und noch schlimmere schon oft getan, um sich ihre Liebhaber zu sichern. Dadurch würde der Halunke, den ich hasse, beseitigt, und ein anderer träte an seine Stelle als guter Ersatz. Mein Mitwissen um dieses Verbrechen aber verschafft mir einen unbegrenzten Einfluß auf das Mädchen.“

Aber vielleicht bebte sie doch vor dem Vorschlag zurück, Sikes um die Ecke zu bringen, und das war doch das Hauptziel, nach dem er trachtete. „Wie kann ich wohl meinen Einfluß auf sie vergrößern und neue Macht über sie gewinnen?“ grübelte der Jude, als er nach Hause schlich.

Ein Gehirn wie das seinige ist fruchtbar in Plänen. Wenn er sie mit Spionen umstellte und auf diesem Wege den Gegenstand ihrer neuen Leidenschaft entdeckte und dann drohte, Sikes alles zu verraten – konnte er nicht da ihrer Willfährigkeit gewiß sein?

„So mache ich’s“, sagte Fagin fast laut. „Sie darf mir dann nichts abschlagen, wenn ihr das Leben lieb ist. Die Mittel zum Zweck stehen mir zur Verfügung. Ich kriege sie alle beide, Nancy sowohl als Sikes.“

Er sah sich mit einem finsteren Blick um und ballte die Faust nach der Richtung, wo Sikes‘ Wohnung lag.

Noah Claypole wird von Fagin in geheimer Mission verwandt

Der alte Jude stand am nächsten Tage zeitig auf und erwartete ungeduldig das neue Mitglied seiner Bande. Endlich kam es und fiel sofort gierig über das Frühstück her.

„Bolter!“ sagte Fagin, sich ihm gegenübersetzend.

„Ja? Was soll’s?“ antwortete Noah. „Verlangen Sie nur nichts von mir, ehe ich gegessen habe. Das ist ein großer Fehler hier, es wird einem nie ordentlich Zeit zum Essen gelassen.“

„Na, beim Essen kann man doch auch sprechen, nicht wahr?“ meinte Fagin, die Gefräßigkeit seines jungen Freundes aus dem Grund seines Herzens verwünschend.

„Ja, das ist richtig. Das Essen rutscht sogar besser, wenn man dabei plaudert“, erwiderte Noah und säbelte sich ein mächtiges Stück Brot ab. „Wo ist übrigens Charlotte?«‘

„Ausgegangen“, sagte der Jude. „Ich habe sie mit dem andern Mädel fortgeschickt, weil ich mit dir allein sein wollte.“

„So!“ versetzte Noah. „Hättet Ihr ihr nur aufgetragen, vorher noch die Brotschnitte zu rösten. Doch nun schießt los, ich werde mich nicht stören lassen!“

„Du hast gestern deine Sache gut gemacht, mein Freund, ganz großartig. Sechs Schillinge und zehn Pence am allerersten Tage! Du wirst durch das Görenlausen zum reichen Manne werden!“

„Sie müssen die drei Bierkannen und den Milchtopf nicht vergessen“, sagte Herr Bolter.

„Nein, nein, mein Lieber. Die Bierkannen waren Geniestreiche, doch der Milchtopf, das war ein Meisterstück.“

„Wohl für ’nen Anfänger nicht übel?“ bemerkte Herr Bolter selbstgefällig. „Die Bierkannen nahm ich von einem Kellerhals herunter, und der Milchtopf stand vor einem Gasthofe. Ich dachte, er möchte im Regen rostig werden oder sich erkälten, wißt Ihr? Ha! ha! ha!“

Der Jude stimmte in das Gelächter ein und sagte dann:

„Du mußt für mich eine Sache ausführen, bei der große Vorsicht nötig ist.“

„Nur nichts, wobei Gefahr ist“, meinte Bolter, „Oder mich wieder zum Polizeigericht schicken. So was behagt mir nicht und ich will davon nichts mehr wissen.“

„’s ist gar keine Gefahr damit verbunden, nicht die geringste. Es handelt sich nur darum, ein Frauenzimmer zu beobachten!‘

„Ist’s ein altes?“

„Nein, ein junges.“

„Nun, das verstehe ich ziemlich gut“, meinte Bolter. „Das war schon immer meine Lieblingsbeschäftigung, als ich noch zur Schule ging. Was soll ich bei dem Frauenzimmer ausbaldowern, doch nicht –?“

„Du sollst herauskriegen, wohin sie geht, mit wem sie verkehrt und womöglich, was sie spricht.“

„Was verdiene ich dabei?“ fragte Noah neugierig.

„Wenn du es gut machst, ein Pfund. Ein Pfund! Ich habe noch nie so viel für eine Arbeit gegeben, die mir eigentlich nichts einbringt!“

„Wer ist sie?“

„Eine der Unsrigen!“

„Soso“, sagte Noah, die Nase rümpfend. „Ihr mißtraut ihr?“

„Sie hat einige neue Bekanntschaften angeknüpft, und ich muß wissen, was das für Menschen sind.“

„Ich verstehe, bloß um das Vergnügen zu haben, sie kennenzulernen, wenn es respektable Leute sind, nicht wahr? Ha! ha! ha! Werde es schon machen.“

„Ich wußte das vorher!“ rief Fagin, vergnügt über die Bereitwilligkeit des anderen.

„Natürlich, natürlich. Wo ist sie? Wo muß ich ihr auflauern? Wann soll ich gehen?“

„Das wirst du von mir noch zur Zeit erfahren. Bei Gelegenheit zeige ich sie dir. Du hast weiter nichts zu tun, als dich bereitzuhalten, alles andere überlasse mir!“

Sechs Nächte gingen um, in denen Herr Bolter vergeblich in seinem Fuhrmannsanzug sich bereit hielt. In der siebenten Nacht kehrte Fagin früher nach Hause zurück, freudestrahlend. Es war Sonntag.

„Heute abend geht sie aus“, sagte der Jude. „Komm mit – rasch!“

Noah sprang, ohne ein Wort zu sagen, auf. Sie schlichen aus dem Hause, eilten durch ein Labyrinth von Straßen und langten endlich bei einem Wirtshause an, das Noah als die „Drei Krüppel“ wiedererkannte.

Es war elf Uhr und die Tür geschlossen. Auf ein leises Pfeifen Fagins öffnete sie sich langsam. Sie traten geräuschlos ein, und die Tür tat sich wieder hinter ihnen zu.

Fagin und der Judenjüngling, der sie eingelassen hatte, wagten kaum zu flüstern, sondern gaben Noah nur durch Zeichen zu verstehen, daß er durch das bekannte kleine Fenster die Person im anstoßenden Zimmer sich ansehen solle.

„Ist das das Frauenzimmer?“ fragte er ganz leise.

Der Jude nickte bejahend.

„Ich kann das Gesicht nicht gut sehen. Das Mädchen sieht zu Boden, und das Licht steht hinter ihr.“

„Einen Augenblick!“ flüsterte Fagin und machte Barney ein Zeichen, worauf sich dieser entfernte. Eine Minute später trat er in das benachbarte Gemach, brachte den Leuchter unter dem Vorwand, das Licht zu putzen, in die richtige Stellung und sprach Nancy an. Dadurch war sie gezwungen, den Kopf hochzuheben.

„Jetzt kann ich sie sehen“, sagte Bolter.

„Deutlich?“ fragte Fagin.

„So, daß ich sie unter Tausenden herauskennen würde.“

Nancy ging jetzt fort, und Barney hielt hinter ihr die Haustür offen. „Nun los!“

Noah wechselte mit Fagin einen Blick und huschte durch die offene Tür hinaus.

„Links!“ flüsterte Barney, „- halten Sie sich links auf der anderen Straßenseite!“

Noah sah das Mädchen schon in einiger Entfernung. Er eilte ihr nach. Sie blickte sich zwei- oder dreimal ängstlich um und blieb auch einmal stehen, um zwei Männer vorbeizulassen, die hinter ihr herkamen. Je weiter sie ging, desto mutiger schien sie zu werden; denn ihr Schritt klang immer fester. Noah hielt sich in angemessener Entfernung, aber ließ sie nicht aus den Augen.

Nancy hält ihr Versprechen

Die Turmuhren schlugen dreiviertel zwölf, als an der Londoner Brücke zwei Gestalten auftauchten. Die eine davon, ein rasch vorwärtseilendes Mädchen, sah sich wiederholt aufmerksam um, als suche sie jemand. Die andere Gestalt, ein Mann, der im dunkelsten Schatten, den er finden konnte, dem Mädchen nachschlich und sofort stilistand, wenn sie haltmachte, und heimlich wieder folgte, wenn sie weiterging. Mitten auf der Brücke blieb sie längere Zeit stehen. Es war eine dunkle Nacht, und nur wenige Menschen ließen sich um diese Zeit auf der Brücke sehen. Und diese wenigen liefen schnell vorüber, ohne sich um das Mädchen und dessen Beobachter zu kümmern. Über der Themse hing ein dichter Nebel. Doch waren die Türme der alten Erlöserkirche und der St. Magnuskirche durch die Dunkelheit sichtbar. Dagegen blieb der Mastenwald der Schiffe den Augen verhüllt.

Mitternacht war inzwischen herangekommen, als eine junge Dame, von einem grauhaarigen Herrn begleitet, in der Uferstraße aus einer Droschke stieg, den Kutscher entlohnte und auf die Brücke zuging.

Sobald die beiden dort angelangt waren, eilte ihnen das Mädchen rasch entgegen. Als sie sich trafen, kam an ihnen ein Mann in Fuhrmannstracht so dicht vorbei, daß er Nancys Kleider streifte.

„Nicht hier“, sagte diese zu der jungen Dame hastig. „Ich fürchte mich, hier mit Ihnen zu sprechen. Wir wollen dort die Treppe hinuntergehen.“

Diese Treppe bildet einen Teil der Brücke und besteht aus drei Absätzen. Am Ende des zweiten geht die Steinwand in einen verzierten Pfeiler über, der dem Flusse zugekehrt ist. Von diesem Punkte aus werden die unteren Stufen breiter, so daß eine Person, wenn sie um die Ecke der Mauer geht, notwendig denen verborgen sein muß, die sich weiter oben auf der Treppe befinden. Hier versteckte sich der Fuhrmann. Die Zeit entschwand an dieser einsamen Stelle ungemein langsam, so daß er schon im Begriff war, sein Versteck zu verlassen, als er Schritte und den Ton von Stimmen vernahm. Er drückte sich dicht an die Mauer und horchte mit verhaltenem Atem.

„Das ist weit genug“, sagte der Herr, „ich gebe nicht zu, daß die Dame weitergeht. Viele würden sich nicht darauf eingelassen haben. Sie sehen, daß wir uns nach Ihnen gerichtet haben.“

„Nach mir gerichtet?“ rief Nancy. „Wirklich?! – Aber das hat nichts zu sagen. Sie sind sehr vorsichtig.“

„Warum führen Sie uns aber auch an solchen Ort“, sagte der Herr in einem etwas freundlicheren Ton. „Warum wollten Sie mich nicht lieber da oben sprechen lassen, wo es doch hell ist und Menschen in der Nähe. Nun bringen Sie uns nach diesem finsteren Loche.“

„Ich sagte Ihnen schon vorhin“, versetzte Nancy, „daß ich mich fürchtete, dort mit Ihnen zu reden. Ich weiß nicht, wie es kommt, aber es ist mir so bange, und ich zittere derart, daß ich nicht auf den Füßen stehen kann.“

„Vor was sind Sie denn bange?“ fragte der Herr im Tone des Mitleids.

„Ich weiß es selbst nicht; den ganzen Tag haben mich furchtbare Gedanken von Tod und Hölle gequält!“

„Einbildungen“, sagte der Herr tröstend.

„Reden Sie freundlich mit ihr“, sagte die junge Dame zu ihrem Begleiter, „Die Arme scheint es zu bedürfen.“

Man ließ Nancy sich etwas beruhigen, dann fragte sie der Herr:

„Sie waren vorigen Sonntag nicht hier?“

„Ich konnte nicht kommen, ich wurde mit Gewalt zurückgehalten.“

„Von wem?“

„Von Bill – von dem ich Fräulein Maylie schon neulich erzählte.“

„Man wird doch keinen Verdacht gegen Sie hegen, daß Sie mit uns verkehren?“

„Nein“, erwiderte Nancy, den Kopf schüttelnd. „Es ist aber für mich nicht leicht, von ihm wegzukommen, ohne daß er weiß, wohin ich gehe. Ich hätte auch das erstemal die Dame nicht besuchen können, wenn ich ihm nicht einen Schlaftrunk beigebracht hätte!“

„Erwachte er, ehe Sie zurückkehrten?“

„Nein, auch hat weder er, noch jemand anders auf mich irgendeinen Verdacht.“

„Gut!“ sagte der Herr, „nun hören Sie mich mal an!“

„Ich bin ganz Ohr“, erwiderte Nancy.

„Diese junge Dame hat mir und einigen Freunden, denen man vollkommen vertrauen kann, alles, was Sie ihr vor vierzehn Tagen erzählten, mitgeteilt. Ich gestehe, anfangs Zweifel gehabt zu haben, ob man sich unbedingt auf Sie verlassen könne. jetzt glaube ich, daß man’s kann!“

„Sie dürfen es“, versetzte Nancy ernst.

„Ich wiederhole, daß ich Ihnen vollkommen traue. Zum Beweise dafür verrate ich Ihnen unsern Plan, nämlich, daß wir entschlossen sind, dem Manne, den Sie Monks nennen, durch Einschüchterung das Geheimnis zu entreißen. Wenn – wenn uns das nicht gelingen sollte, so müssen Sie uns den Juden in die Hände spielen.“

„Fagin?“ rief das Mädchen aus und prallte unwillkürlich zurück.

„Ja, dieser Mensch muß uns ausgeliefert werden.“

„Das tue ich nicht und werde ich nie tun. Solch ein Teufel er auch ist, und trotzdem er noch schlimmer als ein Teufel zu mir war, aber das mache ich nicht.“

„Sie wollen nicht?“ fragte der Herr, der das erwartet hatte.

„Niemals!“

„Und warum nicht?“

„Aus dem Grunde, den das Fräulein kennt. Mag er immerhin ein schlechtes Leben geführt haben – das meinige ist auch kein gutes gewesen. Ich will keine verraten, die mich auch hätten verraten können.“

„Dann –“ sagte der Herr lebhaft, anscheinend mit dem Erreichten zufrieden, „dann liefern Sie uns diesen Monks in die Hände!“

„Wenn er aber die anderen verrät?“

„Ich verspreche Ihnen für den Fall, daß er uns reinen Wein einschenkt, daß wir die Sache auf sich beruhen lassen wollen. In Olivers kleiner Geschichte gibt es vielleicht Punkte, die man nicht gern in die Öffentlichkeit bringt. Haben wir nur erst die Wahrheit herausgebracht, so liegt uns an der Bestrafung der Schuldigen nichts.“

„Wenn Sie aber nichts aus Monks herausbringen können?“ fragte Nancy.

„Dann soll ohne Ihre Einwilligung der Jude nicht dem Gerichte überliefert werden. Ich hoffe jedoch, diese von Ihnen zu bekommen, da ich Ihnen Gründe angeben kann, die Sie überzeugen werden.“

„Habe ich dafür das Wort der Dame?“

„Ja“, sagte Rosa, „ich verspreche es Ihnen feierlich!“

„Monks wird also nie erfahren, woher Sie Kunde kriegten?“ fragte Nancy nach kurzer Pause.

„Nie!“ antwortete der Herr. „Wir gehen dann in einer Weise vor, daß er es nicht einmal vermuten kann!“

„Ich bin eine Lügnerin gewesen und habe von Kindheit an unter Lügnern gelebt“, entgegnete das Mädchen nach abermaligem kurzen Schweigen. „Aber ich will Ihren Worten glauben!“

Beide versicherten ihr, daß sie das getrost könne, worauf Nancy mit so leiser Stimme, daß es dem Horcher oft schwer wurde, ihre Worte zu verstehen, die Lage des Wirtshauses zu den drei Krüppeln zu beschreiben begann. Der Herr schien sich einiges von ihren Mitteilungen aufzuschreiben. Als sie noch gesagt hatte, zu welchen Stunden Monks gewöhnlich dort einzukehren pflegte, hielt sie inne, um sich das Gesicht und das sonstige Äußere des Mannes genau ins Gedächtnis zurückzurufen. Sie begann:

„Er ist groß und kräftig gebaut, aber nicht dick und hat einen schlürfenden Gang, bei dem er beständig bald über die eine und dann über die andere Achsel schielt. Vergessen Sie das nicht, denn seine Augen liegen so viel tiefer als bei anderen Leuten, daß Sie ihn schon daran erkennen können. Er hat ein dunkles Gesicht und schwarze Augen und Haare. Und obgleich er erst sieben, oder achtundzwanzig Jahre alt ist, sieht er abgelebt und ältlich aus. Seine Lippen sind oft blaß und durch Bisse entstellt, denn er leidet an Krampfanfällen, wobei er sich häufig schrecklich in die Hände beißt – warum stutzen Sie?“ unterbrach sich Nancy, plötzlich innehaltend.

Der Herr erwiderte hastig, daß er sich dessen nicht bewußt sei, und bat sie fortzufahren.

„Einen Teil dieser Angaben habe ich aus den Gästen des genannten Wirtshauses herausgelockt, denn ich selbst sah ihn nur zweimal, und dann war er stets in einen großen Mantel gehüllt. Das ist wohl alles, was ich Ihnen von Monks sagen kann, doch halt – an seinem Halse, so hoch, daß man noch etwas davon über seinem Kragen sehen kann, wenn er den Kopf etwas dreht, ist –“

„Ein breites, rotes Brandmal?“ rief der Herr.

„Wie – Sie kennen ihn?“

Rosa entfuhr ein Ausruf höchsten Erstaunens, und alle drei schwiegen plötzlich. Der Lauscher konnte sie ganz deutlich atmen hören.

„Ich glaube es“, unterbrach der Herr das Schweigen, „wenigstens Ihrer Beschreibung nach. Wir werden ja sehen. Es gibt Leute, die sich auffallend ähneln. Vielleicht ist es doch nicht der nämliche.“

Der Horcher hörte ihn aber flüstern: „Er muß es sein“, laut fuhr er wieder fort:

„Sie haben uns einen großen Dienst geleistet, Fräulein, und wir möchten uns gern erkenntlich zeigen. Was kann ich für Sie tun?“

„Nichts“, erwiderte Nancy.

„Bitte, reden Sie nicht so“, sagte der Herr in so gütigem Tone, daß davon das härteste Herz hätte gerührt werden müssen. „überlegen Sie erst mal, und sprechen Sie dann.“

„Sie können mir nicht helfen“, entgegnete Nancy und fing zu weinen an. Für mich gibt’s keine Rettung mehr!“

„Sie dürfen die Hoffnung nicht aufgeben“, sagte der Herr, „setzen Sie sie auf die Zukunft! Ich sage nicht, daß es in unserer Macht steht, Ihnen den Frieden der Seele wiederzugeben, da Sie ihn nur finden können, wenn Sie ihn suchen. Es übersteigt aber nicht unser Vermögen und ist auch unser sehnlichster Wunsch, Sie in Sicherheit zu bringen und Ihnen eine ruhige Freistätte entweder hier in England oder, wenn Sie sich zu bleiben scheuen, im Auslande zu verschaffen. Noch ehe der Morgen graut, sollen Sie sich außer dem Bereich Ihrer Genossen befinden und so wenige Spuren hinterlassen, als wenn Sie plötzlich von der Erde verschwunden wären. Verlassen Sie diese Elenden, solange Sie noch können!“

„Ich kann nicht“, versetzte Nancy nach einem kurzen Kampfe mit sich. „Ich bin mit ehernen Banden an mein früheres Leben gekettet, das mir jetzt verhaßt ist. Ich bin zu weit gegangen, um umkehren zu können. Wenn Sie vor einiger Zeit so zu mir gesprochen hätten, wäre ich wahrscheinlich mit Freuden darauf eingegangen. Doch – mich packt wieder die Angst“, sagte sie, sich scheu umsehend, „ich muß nach Hause.“

„Nach Hause?“ wiederholte Rosa, großen Nachdruck auf die Worte legend.

„Nach Hause“, entgegnete Nancy, „nach einem solchen Heim, wie ich es mir durch die Arbeit eines ganzen schlechten Lebens geschaffen habe. Lassen Sie uns scheiden. Man könnte mich sehen oder beobachten. Gehen Sie! Gehen Sie! Wenn ich Ihnen einen Dienst geleistet habe, so wünsche ich dafür nur, daß Sie mich jetzt allein meines Weges ziehen lassen.“

„Es ist alles vergeblich“, seufzte der Herr. „Wir gefährden sie vielleicht, wenn wir noch bleiben, und haben sie wohl schon länger aufgehalten, als sie erwartet hatte.“

„Ja, so ist’s“, sagte Nancy.

„Was kann wohl das Ende dieser Armen sein?“ rief Rosa aus.

„Das Ende?“ wiederholte das Mädchen. Blicken Sie hinunter in das dunkle Wasser, Fräulein. Wie oft liest man von meinesgleichen, die sich in die Flut hinunterstürzen und kein lebendes Wesen zurücklassen, das sich um sie bangt oder beweint. Es können Jahre darüber hingehen oder auch nur Monate – aber schließlich wird das mein Ende sein.“

„Um Gotteswillen, reden Sie nicht so“, schluchzte Rosa.

Der Herr wandte sich ab.

„Nehmen Sie – um meinetwillen“, rief Rosa der sich entfernenwollenden Nancy zu. „Nehmen Sie diese Börse! Sie kann Ihnen in der Stunde der Not von Vorteil sein.“

„Nein, nein“, antwortete Nancy. „Was ich tat, habe ich nicht für Geld getan. Lassen Sie mir wenigstens diesen Trost. Doch – geben Sie mir ein Andenken, etwas, was Sie getragen haben. Nein – keinen Ring! Ihre Handschuhe oder Ihr Taschentuch. So! Gott segne Sie! Gute Nacht!“

Man vernahm sich entfernende Schritte, und die Stimmen schwiegen. Die Gestalten der jungen Dame und ihres Begleiters Herrn Brownlow erschienen bald nachher auf der Brücke.

Der Horcher blieb noch einige Minuten regungslos auf seinem Posten und kroch dann aus seinem Versteck hervor, nachdem er sich vorher überzeugt hatte, daß er wieder allein sei. Auf dem oberen Treppenabsatz schaute sich Noah Claypole noch einmal vorsichtig um und rannte dann, so schnell wie seine Beine konnten, dem Hause des Juden zu.

Unglückliche Folgen

Es war ungefähr zwei Stunden vor Tagesanbruch, als der Jude wachend in seiner Höhle mit bleichem Gesicht und blutrot unterlaufenen Augen dasaß, daß er nicht einem Menschen, sondern eher einem aus dem Grabe gestiegenen Gespenste glich.

Er kauerte, in eine alte zerrissene Bettdecke gehüllt, an einem kalten Herd und richtete seinen Blick auf ein dem Erlöschen nahes Licht, das neben ihm auf dem Tische stand.

Auf einer Matratze am Boden lag ausgestreckt Noah Claypole in tiefem Schlafe. Der alte Mann ließ zerstreut seinen Blick zwischen ihm und der Kerze schweifen, deren überhängender Docht den heißen Talg auf das Tischtuch träufeln ließ. Die Gedanken des Juden waren mit anderen Dingen beschäftigt. Der Verdruß über die Vereitlung seines Plans, der Haß gegen das Mädchen, das gewagt hatte, ihn an Fremde zu verraten, das Mißtrauen gegen die Aufrichtigkeit ihrer Weigerung, ihn auszuliefern, die Wut, sich an Sikes nicht rächen zu können, die Furcht vor der Entdeckung und dem Galgen – alles dies ging ihm durch den Kopf und brütete in seinem Hirn neue Pläne schwärzester Bosheit aus.

Er saß regungslos da und kümmerte sich nicht im geringsten um das Entschwinden der Zeit. „Endlich“, murmelte er, als er Schritte auf der Straße hörte. „Endlich!“

Die Klingel ertönte leise. Er schlich zur Haustür und kehrte bald mit einem vermummten Manne zurück, der einen Packen unter dem Arme trug. Es war Sikes.

„Da!“ sagte er, das Bündel auf den Tisch werfend. „Verwerte es, so gut du kannst. Es hat mir Mühe genug gemacht, es zu kriegen. Ich wollte schon vor drei Stunden hier sein.“

Fagin nahm den Packen und schloß ihn in den Schrank. Ohne ein Wort zu sagen, setzte er sich wieder, starrte aber den Verbrecher unverwandt mit zitternden Lippen an.

„Was ist los?“ schrie Sikes. „Warum siehst du mich so an? Sprich!“

Der Jude hob seine rechte Hand hoch und bewegte den Zeigefinger hin und her. Er versuchte zu sprechen, konnte aber nicht.

„Zum Teufel!“ schrie Sikes und faßte in seine Brusttasche. „Er ist wahnsinnig geworden – ich muß mich vorsehen.“

„Nein –. nein!“ sagte Fagin, der endlich seine Sprache wiederfand. „Es ist nicht – Ihr seid es nicht, Bill. Ich habe nichts gegen Euch, gar nichts.“

„Hast nichts gegen mich, wirklich?“ entgegnete Sikes und warf ihm einen wilden Blick zu. Er holte seine Pistole aus der Brusttasche. „Das ist ein Glück – für einen von uns. Für welchen, ist gleichgültig.“

„Ich habe Euch etwas zu sagen, Bill“, versetzte Fagin, seinen Stuhl näher rückend, „was Euch stark aufregen wird.“

„So?“ sagte der Verbrecher mit ungläubiger Miene.

„Rede, aber mach schnell, sonst denkt Nancy, mir ist ein Unglück zugestoßen.“

„Ein Unglück zugestoßen?“ rief Fagin. „Sie hat Euch selber eins zugedacht.“

Sikes blickte dem Juden betroffen ins Gesicht, und da er darin nichts lesen konnte, faßte er den Juden am Rockkragen und schüttelte ihn tüchtig mit derber Faust.

„Heraus mit der Sprache oder ich drück‘ dir die Kehle zu. Mach das Maul auf und rede, du alter Schurke, du!“

„Denkt Euch, der Junge, der hier liegt –“ begann Fagin.

Sikes drehte sich nach dem schlafenden Noah um, ließ den Juden los und sagte: „Weiter!“

„Nehmt mal an, fuhr Fagin fort, „dieser Bursche plauderte aus, verpfiff uns alle – suchte zu diesem Zweck zuerst die rechten Leute und träfe mit ihnen dann auf der Straße zusammen, um ihnen Beschreibungen von uns und unsern Schlupfwinkeln zu geben.“ Die Augen des Juden blitzten vor Wut. „Wenn er dies täte, was dann?“

„Was dann?“ sagte Sikes mit einem schrecklichen Fluche. „Den Schädel würde ich ihm in so viele Stücke zertreten, als er Haare auf dem Kopfe hat.“

„Aber wie, wenn ich es täte?“ rief der Jude mit kreischender Stimme. „Ich, der ich so viel weiß und so viele an den Galgen bringen könnte!“

„Ich weiß nicht“, entgegnete Sikes zähneknirschend und bei dem bloßen Gedanken schon erblassend. „Aber ich täte im Gefängnis etwas, daß man mich in Ketten legen müßte. Und stünde ich mit dir vor Gericht, würde ich vor den Richtern und allen Menschen dir im Gerichtssaal den Kopf einschlagen. Dein Schädel würde aussehen, als ob ein beladener Wagen darübergegangen wäre.“

„Das würdet Ihr tun?“

„Ob ich’s tun würde. Stelle mich mal auf die Probe!“

„Wenn’s aber Karl Bates oder der Gannef oder Betsy oder –“

„Mir gleichgültig“, sagte der Einbrecher ungeduldig. „Wer es auch sein mag, ich würde ihm in dieser Weise dienen.“

Fagin sah den Räuber fest an und bückte sich dann über den Jüngling, um ihn aus dem Schlafe zu rütteln. Sikes sah neugierig zu.

„Bolter! Bolter! – Der arme Junge!“ meinte Fagin, indem er im Vorgefühl einer höllischen Schadenfreude aufblickte und mit starker Betonung fortfuhr: „Er ist müde, weil er ihretwegen so lange wachen mußte – ihretwegen, Bill!“

„Was soll das heißen?“ fragte Sikes, sich im Stuhl aufrichtend.

Der Jude gab keine Antwort, sondern brachte den schlaftrunkenen Noah in eine sitzende Stellung. Dieser gähnte, rieb sich die Augen und guckte sich verwirrt um.

„Erzähle es noch einmal, daß der es auch hört“, sprach Fagin, auf Sikes deutend.

„Was soll ich erzählen?“ fragte Noah, sich rekelnd.

„Die Geschichte von – Nancy!“ erwiderte der Jude, Sikes‘ Handgelenk fest umklammernd, als wollte er verhindern, daß er das Haus verließe, ehe er genug gehört hätte. „Du folgtest ihr?“

„Ja.“

„Nach der Londoner Brücke?“

„Ja.“

„Wo sie mit zwei Personen zusammentraf?“

„Ja.“

„Einem Herrn und einer Dame, zu der sie früher schon aus freien Stücken gegangen war. Der Herr forderte sie auf, alle ihre Genossen anzugeben, besonders aber Monks, was sie tat – und ihn zu beschreiben, was sie tat – und zu verraten, in welchem Gasthause wir verkehrten, was sie tat – und zu welcher Zeit man unsere Leute dort treffen könne, was sie tat. Sie beichtete alles, ohne durch eine Drohung dazu gezwungen zu sein. Nicht wahr, das tat sie – das tat sie?“ rief der Jude halb verrückt vor Wut.

„Stimmt, genau so verhält sich die Sache“, sagte Noah, sich den Kopf kratzend.

„Und was sprach man vom letzten Sonntag?“ fragte der Jude.

„Vom letzten Sonntag?“ fragte Noah, sich besinnend. „Na, das habe ich Ihnen doch schon vorhin erzählt.“

„Erzähle es noch einmal, schnell“, schrie Fagin mit wutschäumenden Lippen.

„Man fragte sie“, sagte Noah, dem es jetzt zu dämmern schien, wer Sikes sein möchte, „warum sie letzten Sonntag nicht wie verabredet gekommen sei. Sie erwiderte darauf, sie hätte nicht können.“

„Sag ihm, warum sie nicht hätte können!“

„Weil sie mit Gewalt zurückgehalten worden sei – von Bill, dem Manne, von dem sie der jungen Dame schon früher erzählt hätte!“

„Was sagte sie weiter von ihm?“ schrie Fagin.

„Nun, sie sagte, es sei schwer, von ihm fortzukommen, ohne daß er wisse, wohin sie gehe. Sie hätte ihm daher das erstemal, als sie die Dame besuchte, einen Schlaftrunk gegeben. Ha! ha! ha! Ich mußte lachen, als ich sie so reden hörte.“

„Tod und Teufel!“ brüllte Sikes, den Juden zurückstoßend. „Laß mich los.“ Er schleuderte den Alten von sich und rannte aus dem Zimmer.

„Bill! Bill!“ rief der Jude ihm nacheilend. „Auf ein Wort, nur ein Wort!“

Es wäre zu diesem Worte nicht gekommen, wenn der Verbrecher imstande gewesen wäre, die Haustür zu öffnen, an der er vergebens unter mächtigem Fluchen seine Wut ausließ, als Fagin keuchend anlangte.

„Laß mich hinaus!“ tobte Sikes. „Laß mich hinaus, sag‘ ich dir. Will nichts mehr hören!“

„Nur ein Wort“, sagte der Jude und legte die Hand aufs Türschloß. „Ihr werdet doch nicht –“

„Was?“

„Ihr werdet doch – keine Gewalttat begehen, Bill?“

Der Tag brach an, und es war hell genug, daß die Männer ihre Gesichter erkennen konnten. Sie wechselten einen einzigen Blick; in beider Augen glühte ein Feuer, das sich nicht mißdeuten ließ.

„Ich meine“, fuhr der Jude fort, der erkannte, daß Verstellung nutzlos sei, „ich meine, der eigenen Sicherheit wegen, kein Blutvergießen. Seid schlau, Bill, und nicht zu gewalttätig.“

Sikes gab keine Antwort, sondern stürzte sofort aus dem Hause, sobald Fagin geöffnet hatte.

Ohne anzuhalten, mit zusammengebissenen Zähnen stürmte der Räuber nach seiner Wohnung. Er öffnete sie sachte mit dem Schlüssel und ging in sein Zimmer hinauf, dessen Tür er hinter sich zweimal abschloß. Nun schob er die Vorhänge des Bettes zurück.

Auf demselben lag halb angekleidet Nancy. Er rüttelte sie aus dem Schlafe, und sie fuhr mit erschrockenem Gesicht auf.

„Erheb dich!“ sagte Sikes.

„Ach, du bist’s, Bill?“ sprach das Mädchen, erfreut über sein Kommen.

„Ja“, war die Erwiderung. „Steh auf!“

Es brannte ein Licht, aber der Räuber riß es aus dem Leuchter und warf es in den Kamin. Nancy erhob sich und gewahrte, daß der Morgen graute. Sie wollte zum Fenster, um die Vorhänge zurückzuziehen.

„Laß das“, fuhr Sikes sie an und hielt sie mit der Hand zurück. „Für das, was ich vorhabe, ist’s hell genug.“

„Bill!“ sagte das Mädchen ängstlich, „was guckst du mich so an?“

Er sah sie eine Weile mit weit aufgerissenen Augen und keuchender Brust an. Dann packte er sie an die Kehle, schleppte sie in die Mitte des Zimmers und mit einem Blick nach der Tür legte er seine schwere Hand auf ihren Mund.

„Bill! Bill!“ keuchte das Mädchen in Todesangst, „ich will nicht schreien oder weinen – nicht ein einziges Mal – höre mich an – sprich mit mir – sage mir, was ich getan habe!“

„Du weißt’s selbst am besten, du weiblicher Satan, man hat dich heute nacht belauscht und jedes deiner Worte gehört!“

„Dann, um Himmelswillen, schone mein Leben, wie ich deines schonte“, rief Nancy, sich fest an ihn klammernd. „Bill, lieber Bill, du kannst mich doch nicht töten wollen. Bedenkt, was ich heute nacht alles deinetwegen aufgegeben habe. Komm wieder zu Sinnen und erspare dir dies Verbrechen. Ich laß dich nicht los, und du kannst mich nicht abschütteln. Bill, Bill, um Gotteswillen, komm zu dir, ehe du mein Blut vergießt! Ich bin dir treu gewesen, bei meiner sündigen Seele, ich war dir treu!“

Der Einbrecher kämpfte vergebens, um seine Arme freizukriegen, die Nancy mit der Kraft der Verzweiflung fest umklammert hielt.

„Bill!“ rief das Mädchen, indem sie sich bemühte, ihren Kopf an seine Brust zu legen. „Der alte Herr und die liebe Dame sprachen von einem fernen Lande, wo ich meine Tage in Frieden beschließen könnte. Laß mich noch einmal zu ihnen gehen und sie bitten, dir dieselbe Wohltat zu erweisen. Dann wollen wir beide diesen schrecklichen Ort verlassen und weit von hier ein neues Leben beginnen und uns niemals wiedersehen. Sie sagten mir, Reue komme nie zu spät – ich fühle es jetzt – aber wir müssen Zeit haben – nur ein wenig Zeit.“

Sikes hatte einen Arm freigekriegt und ergriff seine Pistole. Doch mitten in seiner Wut kam ihm der Gedanke, daß der Mord sogleich entdeckt werden würde, wenn er Feuer gäbe; so schlug er Nancy aus Leibeskräften mit dem Kolben zweimal auf das zu ihm emporgehobene, das seine fast berührende Gesicht.

Sie wankte und fiel, fast blind von dem Blut, das aus einer tiefen Stirnwunde ihr Gesicht überströmte. Mit aller Gewalt erhob sie sich mühsam auf die Knie und zog aus ihrem Busen ein weißes Taschentuch – es war Rosas -hielt es mit gefalteten Händen so hoch gen Himmel, als es ihre entschwindenden Kräfte erlaubten und stammelte ein Gebet um Gnade und Erbarmen zu ihrem Schöpfer.

Es war ein gräßlicher Anblick. Der Mörder wankte zurück bis zur Wand und ergriff einen schweren Knüttel. Er bedeckte mit einer Hand sein Gesicht und schlug die Kniende nieder.

Sikes‘ Flucht

Von allen Verbrechen, die in jener Nacht in dem großen London begangen wurden, war dieses das größte. Die Sonne ging über die menschenreiche Stadt in voller Pracht auf und schien auch in das Zimmer, wo das ermordete Mädchen lag. Sikes versuchte das Eindringen des Lichtes zu verhindern, aber vergebens. Der Mörder rührte sich nicht – Furcht hatte alle seine Glieder gelähmt. Noch ein Stöhnen war ihrem Munde entwichen und ihre Hand hatte noch einmal gezuckt, aber immer wieder und wieder hatte er auf sie eingeschlagen. Schließlich warf er eine zerrissene Decke über sie, aber es war ihm so, als ob sie die Augen auf ihn richtete, deshalb nahm er die Decke wieder fort. Und da lag die Leiche – weiter nichts als Blut und zerfetztes Fleisch.

Er machte Licht, zündete im Kamin ein Feuer an und verbrannte den Knüttel. Dann wusch er sich und reinigte seine Kleider, aber es waren Flecke da, die nicht weggehen wollten. Er schnitt sie deshalb heraus und verbrannte sie. Wie war das Zimmer mit Blut bespritzt! Sogar die Füße des Hundes waren blutig. – Nachdem er mit allem fertig war, ging er, den Hund mit sich fortziehend, aus dem Zimmer und verschloß die Tür. Eine Minute später hatte er das Haus verlassen. Er ging auf die andere Straßenseite und guckte nach dem Fenster hinauf, um sich zu überzeugen, daß von außen nichts zu sehen wäre. Der Vorhang, den Nancy wegziehen wollte, um das Licht einzulassen, das sie nie wieder sehen sollte, war noch vorgezogen. Er wußte, daß die Leiche ganz in der Nähe lag. Gott! wie strahlend die Sonne darauf schien.

Er wandte den Kopf rasch ab und fühlte sich erleichtert, das Zimmer verlassen zu haben. Er pfiff dem Hunde und eilte fort. Er kam durch Islington nach der Hampsteader Heide und wanderte kreuz und quer ohne Plan darin herum. Er war hungrig und durstig geworden und wollte in Hendon eine Erfrischung einnehmen. Als er dort anlangte, schienen ihn alle Leute, selbst die Kinder auf den Straßen, mit Argwohn zu betrachten. Er kehrte daher wieder um, ohne den Mut zu haben, einen Trunk Wasser oder einen Bissen Brot zu fordern, obgleich er seit Stunden nichts über die Lippen gebracht hatte.

So lief er stundenlang durch die Heide und kam doch immer wieder auf denselben Fleck zurück. Endlich ging er auf Hatfield zu, es war inzwischen wieder Abend geworden. Um neun Uhr erreichte er das kleine Gasthaus des Dorfes. Es brannte Feuer im Kamin der Gaststube, um den einige Bauern mit ihren Bier- und Schnapsgläsern saßen. Sie machten für den Fremden Platz, aber er ließ sich in der äußersten Ecke nieder und aß allein, oder vielmehr mit seinem Hund, dem er hin und wieder einen Bissen zuwarf.

Nachdem der Mörder seine Zeche bezahlt hatte, saß er stumm da und war fast eingeschlafen, als ihn der lärmende Eintritt eines neuen Gastes weckte.

Dieser war ein alter Bursche, halb Hausierer, halb Quacksalber, der im Lande umherzog, um Wetzsteine, Streichriemen, Rasiermesser, Seifen, Putzpulver, Arzneien für Hunde und Pferde, billige Parfüms, Schönheitsmittel und ähnliche Waren zu verkaufen, die er in einem Kasten auf dem Rücken trug. Sein Kommen war für die Bauern das Zeichen für allerhand derbe Witze.

„Was ist denn das für ein Ding da? Ist’s gut zum Essen, Heinrich?“ fragte ein grinsender Bauer, indem er auf eine in Tafeln geschnittene Masse deutete.

„Das –“ sagte der Händler, die Ware zeigend, „ist ein untrügliches und unbezahlbares Mittel, um alle Arten von Flecke, Rost-, Schmutz-, Öl-, Fett- und andere Flecke aus Seide, Atlas, Leinwand, Battist, Tuch, Flor, Teppiche, Musselin oder sonstigen Wollstoffen herauszumachen. Hat ein Mädchen seine Ehre befleckt, so braucht es nur ein Täfelchen zu verschlucken und ist dann ein für allemal kuriert – denn es ist Gift. Will ein Herr seine Ehre beweisen, so braucht er ebenfalls nur solch Täfelchen zu kaufen, denn es ist jedenfalls so gut wie eine Pistolenkugel, und um vieles ekliger im Geschmack. – Ein Penny das Täfelchen! Trotz dieser vielen Vorzüge, nur ein Penny das Täfelchen!“

Es meldeten sich sofort ein paar Käufer, doch eine ganze Masse war noch unschlüssig. Der Verkäufer steigerte deshalb seine Beredsamkeit:

„Sie gehen reißend ab, so daß man nicht genug machen kann. Vierzehn Wasserwerke, sechs Dampfmaschinen und eine galvanische Batterie sind Tag und Nacht in Tätigkeit und doch kann man nicht genug fertigstellen. Also ein Penny für das Täfelchen – zwei Halbpennys tun’s übrigens auch, und vier Viertelpennys werden gleichfalls mit Vergnügen angenommen. Wein-, Obst-, Bier-, Schmutz-, Teer-, Blutflecke! Hier ist ein Fleck am Hute eines Herrn, den ich heraushabe, ehe er mir ein Glas Bier bestellen kann!“

„Donnerwetter“, brüllte Sikes, „laßt meinen Hut liegen!“

„Ich will ihn rein haben“, versetzte der Hausierer, den übrigen zunickend, „ehe Sie durch das Zimmer kommen können, um ihn zu holen. Meine Herren, bemerken Sie den dunklen Fleck auf dem Hut? Nicht größer als ein Schilling, aber dicker als eine halbe Krone. Mag es nun ein Obstfleck, Bierfleck, Teerfleck oder ein Blutfleck –“

Der Mann kam nicht weiter, denn Sikes warf mit einem gräßlichen Fluche den Tisch um, riß ihm den Hut aus der Hand und stürzte aus dem Hause. Vor dem kleinen Postgebäude stand die Londoner Postkutsche, und Sikes ging über die Straße, um auf die Gespräche der Leute zu horchen.

„Nichts Neues aus der Stadt, Ben?“ fragte der Wildhüter den Postbegleiter.

„Das Korn ist ein wenig gestiegen“, sagte dieser und zog sich seine Handschuhe an. „Auch hörte ich von einem Morde in Spitalfields sprechen, aber wer weiß, ob das stimmt.“

„Doch, es hat seine Richtigkeit“, sagte ein Herr, aus dem Fenster der Postkutsche blickend. „Eine gräßliche Tat!“

„So? Ein Mann oder eine Frau“, fragte der Postbegleiter, seine Hand an den Hut legend.

„Ein Weib“, sagte der Herr. „Man glaubt –“

Die Kutsche zog an, und der Begleiter schwang sich drauf. Das Posthorn tönte in lustiger Weise.

Sikes blieb in der Straße stehen, scheinbar unbewegt von dem, was er gehört hatte. Er wußte nicht, wohin er gehen sollte. Endlich schlug er den Weg nach St. Albans ein. Als er den Ort hinter sich hatte, bemächtigte sich seiner in der Dunkelheit eine Angst, die ihm das Innerste erbeben machte. Wenn der Wind durch die Blätter der Bäume fuhr, glaubte er das Stöhnen der Sterbenden zu hören. Er vermeinte, die Ermordete folge ihm auf Schritt und Tritt. Man rede ja nicht, daß Mörder ihrem Strafgericht entgehen, und die Vorsehung zu schlafen scheine. In einer einzigen Minute der Verbrecherangst liegt oft die hundertfache Pein und Not des gewaltsamen Todes.

Er kam zu einer leeren Hütte auf freiem Felde, die ihm Obdach für die Nacht bot. Er streckte sich dicht an der Wand nieder, konnte aber nicht schlafen, denn ein schreckliches Gesicht trat vor seine Seele. Zwei starre, weit aufgerissene Augen, glanzlos und gläsern, erschienen ihm mitten in der Dunkelheit und leuchteten, gaben aber kein Licht von sich. Es waren nur zwei, aber sie waren überall. Wenn er seine Augen mit der Hand bedeckte, so sah er sein Zimmer im Geiste vor sich. Auch die Leiche lag noch auf derselben Stelle – es waren dieselben Augen, die ihn zu verfolgen schienen, als er aus dem Mordzimmer schlich. – Er sprang auf und eilte wieder ins Freie. Die Gestalt war gespenstisch hinter ihm. Er ging wieder in die Hütte und versuchte zu schlafen, aber die Augen waren da, noch ehe er sich hingestreckt hatte. An allen Gliedern zitternd lag er da, während ihm ein kalter Schweiß aus allen Poren drang. Da trug ihm plötzlich der Nachtwind den Lärm entfernter Stimmen zu. Er eilte ins Freie und rannte querfeldein.

Der ganze Himmel schien in Flammen zu stehen. Das Geschrei wurde lauter, da stets neue Stimmen den Lärm vergrößerten. Die Sturmglocke heulte, und er konnte ganz deutlich den Ruf „Feuer“ verstehen. Es waren Leute da, – Männer und Frauen – Licht und Tätigkeit. Neues Leben kam über ihn. Er sprang über Hecken und Zäune, der Hund laut bellend immer mit.

Er war endlich zur Stelle. Halbangekleidete Menschen rannten jammernd hin und her. Einige bemühten sich, die scheugewordenen Pferde aus den Ställen herauszujagen, während andere das Rindvieh in Sicherheit zu bringen suchten. Andere kamen mit Habseligkeiten beladen aus den brennenden Häusern. Frauen und Kinder weinten, während die Männer sich durch Zurufe gegenseitig Mut zu machen suchten. Sikes schrie gleichfalls, bis er heiser wurde und stürzte sich in das dichteste Gedränge, um der Erinnerung zu entfliehen. Er arbeitete an den Spritzen, stieg Leitern auf, Leitern ab, auf die Dächer der Häuser – er war allerorten. Allein er schien ein gefeites Leben zu haben, denn bei Tagesgrauen, als nur noch geschwärzte Trümmer übriggeblieben waren, hatte er auch nicht eine Beule oder Schramme erhalten; er fühlte sich nicht einmal müde.

Als jedoch die wahnsinnige Aufregung vorüber war, kehrte ihm mit zehnfacher Gewalt das schreckliche Bewußtsein seiner verbrecherischen Tat zurück. Er sah sich mißtrauisch um, denn die Leute standen in Gruppen beieinander, und er fürchtete, der Gegenstand ihrer Unterhaltung zu sein. Er wollte mit seinem Hunde wegschleichen, als ihm einige Spritzenmänner zuriefen, an ihrem Frühstück teilzunehmen. Er nahm etwas Fleisch und Brot an, und als er einen Schluck Bier trank, hörte er die Leute von dem Morde sprechen.

„Man sagt, der Mörder sei nach Birmingham geflüchtet, aber man wird ihn schon kriegen. Die Kriminalpolizei ist bereits hinter ihm her, und morgen ist sein Steckbrief im ganzen Lande bekannt!“

Sikes sprang auf und rannte fort. Er wanderte, in steter Furcht vor einer zweiten schlaflosen Nacht, planlos weiter.

Plötzlich faßte er den verzweifelten Entschluß, wieder nach London zurückzukehren.

„Jedenfalls kann ich doch dort mit jemand reden“, dachte er, „und finde ein gutes Versteck. Da vermutet mich die Polizei am wenigsten. Ich verhalte mich acht Tage ganz still, und Fagin muß Geld ausspucken, damit flüchte ich nach Frankreich. Teufel auch, ich wag’s.“

Er machte sich auch gleich auf den Weg. Aber der Hund! Wenn ein Steckbrief hinter ihn erlassen war, hatte man sicher auch den Hund nicht vergessen. Dieser konnte ihn auf seinem Wege durch die Straßen verraten. Er entschloß sich daher, ihn zu ersäufen und sah sich nach einem Gewässer um. Im Gehen nahm er einen schweren Stein auf und band ihn in sein Taschentuch.

Der Hund sah diese Vorbereitungen und blieb aus Instinkt etwas weiter zurück. Als der Mörder am Rande eines Weihers haltmachte und sich umsah, um ihn zu rufen, legte sich der Hund auf den Bauch und rührte sich nicht von der Stelle.

„Hörst du nicht? Komm her!“ schrie Sikes und pfiff.

Langsam kam der Hund endlich näher. Als aber sein Herr sich bückte, um das Schnupftuch an seinem Halse zu befestigen, knurrte er und rannte zurück.

„Wirst du herkommen!“ schrie der Mörder wütend.

Doch der Hund wedelte nur mit dem Schwanze, aber rührte sich nicht. Plötzlich wandte er sich um und jagte davon. Der Verbrecher pfiff zu wiederholten Malen, aber kein Hund kam. So mußte er allein weiterwandern.

Monks und Herr Brownlow treffen endlich zusammen. Ihre Unterhaltung und die Nachricht, die sie unterbricht

Es war bereits dunkel, als Herr Brownlow vor seinem Hause aus einer Droschke kletterte und leise an die Tür klopfte. Sobald die Haustür geöffnet war, entstiegen dem Wagen zwei Männer mit einem dritten in ihrer Mitte und gingen schleunigst in das Haus. Dieser dritte war Monks.

Ohne ein Wort zu sprechen, klommen sie, Herr Brownlow an der Spitze, die Treppe hinauf nach einem kleinen Hinterzimmer. Vor dessen Tür machte Monks, der nur widerstrebend mitgegangen war, halt. Die beiden stämmigen Männer blickten den alten Herrn fragend an.

„Wenn er irgendwelche Schwierigkeiten macht, so schleppen Sie ihn auf die Straße, rufen nach der Polizei und beschuldigen ihn in meinem Namen eines schweren Verbrechens.“

„Wie können Sie sich erkühnen, so etwas von mir zu sagen?“ fragte Monks.

„Wie können Sie es wagen, mich dazu zu drängen, junger Mann?“ erwiderte Herr Brownlow und sah ihn streng an. „Wären Sie töricht genug, dieses Haus zu verlassen? Lassen Sie ihn los! So, mein Herr. Sie können ungehindert fortgehen, aber niemand kann uns auch hindern, Ihnen zu folgen. Doch ich warne Sie! Ich schwöre Ihnen bei allem, was mir heilig ist, daß ich Sie wegen Raubes und Betruges verhaften lasse, sobald Sie den Fuß auf die Straße setzen. Ich bin dazu fest entschlossen. Sind Sie es auch, so kommt Ihr Blut auf Ihr eigenes Haupt.“

„Auf wessen Veranlassung bin ich von diesen Halunken aufgegriffen und hierher geschleppt worden?“ fragte Monks, die Männer dabei verächtlich ansehend.

„Auf meine Verantwortung hin. Wenn Sie sich wegen Freiheitsberaubung hätten beklagen wollen, unterwegs hatten Sie genügend Gelegenheit dazu. Sie hielten es aber für richtiger ruhig zu sein. Ich wiederhole, Sie können den Schutz des Gesetzes anrufen, aber ich werde dann gleich, falls die Gerichte in Anspruch nehmen. Ist die Sache aber erst vor den Richter gekommen, so haben Sie von mir keine Nachsicht mehr zu erwarten und dürfen dann nicht sagen, ich hätte Sie ins Verderben gestürzt.“

Monks zögerte, er wußte nicht, was tun.

„Sie müssen sich schnell entschließen“, fuhr Herr BrownIow mit Festigkeit fort. „Wollen Sie, daß ich Sie bei der Staatsanwaltschaft anzeige und Sie einer Strafe zuführe, deren Schwere ich wohl ahnen, aber nicht verhindern kann, so wissen Sie, was Sie zu tun haben. Wünschen Sie aber Nachsicht und die Vergebung derjenigen, die Sie so schwer geschädigt haben, so setzen Sie sich ohne Widerrede auf diesen Stuhl – er wartet auf Sie schon zwei Tage!“

„Gibt es –“ fragte Monks stotternd, „gibt es – keinen Mittelweg?“

„Nein, keinen!“

Monks setzte sich.

„Schließen Sie von außen die Tür“, sprach Herr Brownlow zu den beiden Männern, „und wenn ich klingele, kommen Sie herein!“

„Das ist eine nette Behandlung von dem ältesten Freunde meines Vaters.“

„Gerade weil ich Ihres Vaters ältester Freund war, junger Mann. Weil die Hoffnungen einer glücklichen Jugendzeit sich an ihn und das holde Wesen von seinem Blute knüpften, das zu früh zu Gott zurückkehrte und mich einsam und verlassen hier zurückließ. Weil er, noch ein Knabe, mit mir an dem Sterbebette seiner einzigen Schwester kniete und zwar an dem Tage, der sie zu meiner Frau gemacht hätte, wenn es der Wille Gottes gewesen wäre. Weil von jener Zeit an mein wundes Herz bis zu seinem Ende an ihm hing. Weil schöne Rückerinnerungen noch immer in meinem Herzen leben, und selbst Ihr Anblick mir ihn wieder ins Gedächtnis zurückruft. Das sind die Gründe, die mich veranlassen, Sie mit Nachsicht und Milde zu behandeln, obgleich Sie erröten müssen, Eduard Leeford, wie unwürdig Sie des Namens sind, den Sie tragen!“

„Was hat der Name mit dieser Sache zu tun?“ fragte Monks verstockt. „Was kümmert mich der Name?“

„Ihnen ist er nichts. Er war aber der Name des von mir geliebten Wesens und mir teuer. Ich bin froh, daß Sie einen anderen angenommen haben. Wirklich sehr froh.“

„Das ist alles recht schön“, sagte Monks trotzig nach einer ziemlich langen Pause, „aber was wollen Sie eigentlich von mir?“

„Sie haben einen Bruder, dessen leise ausgesprochener Name fast allein schon ausreichte, um Sie zu veranlassen, mich hierher zu begleiten.“

„Ich habe keinen Bruder. Sie wissen, daß ich der einzige Sohn meines Vaters bin.“

„Hören Sie, was ich weiß und Sie vielleicht nicht wissen. Es wird Sie interessieren. Es ist mir bekannt, daß Sie der einzige und unnatürliche Sprößling des unseligen Ehebundes sind, zu dem Familienstolz und schmutzigster Ehrgeiz seiner Verwandten Ihren Vater gezwungen haben, als er fast noch ein Knabe war!“

„Es ist mir gleichgültig, wie starke Ausdrücke Sie gebrauchen“, unterbrach ihn Monks mit höhnischem Lachen. „Sie kennen die Tatsache, und das genügt.“

„Aber ich kenne auch das Elend und die Qual dieser unpassenden Verbindung. Ich weiß, wie schwer die Unglücklichen die Kette trugen und sie durch die Welt schleppten. Ich weiß, wie der Gleichgültigkeit Abneigung, der Abneigung Haß und dem Hasse Abscheu folgte, bis sie zuletzt das Band zerrissen. Ihrer Mutter gelang es, die Vergangenheit bald zu vergessen, aber an Ihres Vaters Herzen fraß sie noch jahrelang.“

„Nun, sie haben sich getrennt“, versetzte Monks, „doch was hat das auf sich?“

„Zur Zeit ihrer Trennung hatte Ihre Mutter, während des lustigen Lebens auf dem Festland, ihren um zehn Jahre jüngeren Gatten ganz vergessen, der mit zerstörten Hoffnungen in der Heimat blieb und neue Freunde fand. Diesen Umstand wenigstens kennen Sie?“

„Nein“, antwortete Monks, die Augen abwendend und mit dem Fuß auf die Erde stampfend, wie ein Mann, der entschlossen ist, alles abzuleugnen.

„Ihr Benehmen wie Ihre Handlungen beweisen mir, daß Sie es nie vergessen und nie aufgehört haben, mit Bitterkeit daran zu denken. Ich spreche von der Zeit vor fünfzehn Jahren, wo Sie erst elf Jahre und Ihr Vater einunddreißig Jahre alt war; ich muß wiederholen, daß er beinahe noch ein Knabe war, als sein Vater ihm befahl, sich zu verheiraten. Muß ich auf Dinge zurückkommen, die einen Schatten auf das Andenken Ihres Erzeugers werfen, oder wollen Sie es mir ersparen und die Wahrheit enthüllen?“

„Ich habe nichts zu enthüllen“, versetzte Monks verwirrt. „Reden Sie nur ruhig weiter.“

„Nun denn“, fuhr Herr Brownlow fort, „zu Ihres Vaters neuen Freunden gehörte ein im Ruhestand lebender Seeoffizier, dessen Frau ein halbes Jahr zuvor gestorben war. Von seinen vielen Kindern waren ihm nur zwei Töchter geblieben, die eine ein schönes Mädchen von neunzehn, die andere noch ein Kind von drei Jahren.“

„Was geht mich das an?“ fragte Monks.

„Sie wohnten“, sprach Herr Brownlow weiter, ohne auf die Unterbrechung zu achten, „in einem Landesteil, den Ihr Vater auf seinen Reisen häufiger besucht und wo er auch später dauernden Aufenthalt genommen hatte. Die Bekanntschaft ging schnell in Vertraulichkeit und Freundschaft über. Ihr Vater war begabt wie wenige Männer – er hatte seiner Schwester Herz und Äußeres. Je mehr der alte Offizier ihn kennenlernte, desto inniger liebte er ihn. Ich wünschte, es hätte dabei sein Bewenden gehabt, aber seine Tochter tat dasselbe.“

Der alte Herr hielt inne. Monks biß sich in die Lippen und schlug die Augen nieder. Herr Brownlow bemerkte das und fuhr weiter fort:

„Am Ende des ersten Jahres war er verlobt, feierlich verlobt mit jener Tochter. Ihr Vater der Gegenstand der ersten, wahren, glühenden und einzigen Liebe eines arglosen, unerfahrenen Mädchens.“

„Ihre Erzählung wird lang“, bemerkte Monks, unruhig auf seinem Stuhl hin- und herrückend.

„Es ist eine wahrheitsgetreue Erzählung von Kummer, Prüfungen und Leiden, junger Mann“, versetzte der alte Herr, „und derartige Geschichten sind gewöhnlich lang, während die von ungetrübtem Glück gar kurz zu sein pflegen. Endlich starb einer der reichsten Verwandten und hinterließ ihm sein großes Vermögen. Ihr Vater mußte schleunigst nach Rom reisen, wo jener Verwandte gestorben war, ohne vorher seine eigenen Angelegenheiten ordnen zu können. Als er dort ankam, wurde er von einer tödlichen Krankheit befallen, worauf Ihre Mutter, als sie in Paris davon Kenntnis erhielt, zusammen mit Ihnen Ihrem Vater nachreiste. Er starb den Tag nach ihrer Ankunft in Rom – ohne Testament, so daß sein ganzes Vermögen Ihnen und ihr zufiel.“

Monks hörte bei diesem Teil der Geschichte atemlos zu.

„Ehe er abreiste“, sagte Herr Brownlow langsam, „kam er zu mir, da er auf seinem Wege nach Rom London berühren mußte.“

„Hiervon habe ich nie gehört!“ unterbrach ihn Monks, anscheinend unangenehm überrascht.

„Er kam zu mir und übergab mir unter anderm ein von ihm selbst gemaltes Bildnis jenes armen Mädchens, das er zwar ungern zurückließ, aber auf seiner eiligen Reise nicht mitnehmen konnte. Er war durch Kummer und Gewissensbisse zu einem Schatten abgezehrt und sprach in unzusammenhängender Weise von Schande und Verderben, die sein Werk wären. Er vertraute mir seine Absicht an, sein ganzes Vermögen zu barem Gelde zu machen, auch wenn es mit Verlust geschähe. Er gedachte, Ihre Mutter und Sie durch einen Teil des ihm durch die Erbschaft zugefallenen Vermögens abzufinden und wollte dann für immer England verlassen. Ich erriet nur zu gut, daß er nicht allein gehen würde. Selbst gegen mich, seinen alten Jugendfreund, war er mit weiteren Bekenntnissen zurückhaltend. Er versprach mir alles brieflich mitzuteilen und mich dann noch einmal zu besuchen. Ach, es war damals schon sein letzter Besuch! Ich erhielt keinen Brief und sah ihn nie wieder!“

„Ich ging“, fuhr Herr Brownlow nach einer kurzen Pause fort, „ich ging, als alles vorüber war, nach dem Schauplatz seiner sündigen Liebe, wie die Welt es nennen würde, fest entschlossen, wenn sich meine Befürchtungen bewahrheiten sollten, dem verirrten Mädchen Schutz und eine Heimat anzubieten. Die Familie hatte jedoch die Gegend eine Woche vorher, nach Regelung ihrer Angelegenheiten, bei Nacht und Nebel verlassen. Warum und wohin konnte mir niemand sagen.“

Monks atmete sichtlich auf und konnte ein triumphierendes Lächeln nicht unterdrücken.

„Als Ihr Bruder –“ sagte der alte Herr und rückte seinen Stuhl näher an Monks heran, „als Ihr Bruder, ein elendes, vernachlässigtes, in Lumpen gehülltes Kind, mir durch eine mächtigere Hand, als es der Zufall ist, in den Weg geführt wurde und durch mich einem Leben der Schande und des Lasters entrissen werden sollte –“

„Was?“ schrie Monks auf.

„Durch mich“, wiederholte Herr Brownlow. „Ich sagte ja, die Sache würde Sie interessieren. Ich sage: durch mich – denn ich sehe, daß Ihr schlauer Kumpan Ihnen meinen Namen verschwiegen hat, obgleich er sich nicht denken konnte, daß er Ihnen bekannt wäre. Als Ihr Bruder bei mir Zuflucht fand und krank in meinem Hause lag, setzte mich seine Ähnlichkeit mit dem erwähnten Gemälde in Erstaunen. Ich brauche Ihnen nicht zu erzählen, daß er mir wieder weggefangen wurde, ehe ich seine Geschichte erfuhr –“

„Warum nicht?“ fragte Monks hastig.

„Weil Sie es selbst sehr gut wissen!“

„Ich?“

„Das Leugnen nützt Ihnen nichts, ich werde Ihnen beweisen, daß ich noch mehr weiß.“

„Sie – Sie können mir nichts beweisen“, stotterte Monks. „Ich fordere Sie auf, es zu tun.“

„Wir werden sehen“, sagte der alte Herr mit einem prüfenden Blick. „Ich verlor den Knaben und vermochte ihn trotz aller Anstrengungen nicht wiederzufinden. Da Ihre Mutter tot ist, so konnten Sie nur das Geheimnis aufklären. Als ich das letztemal von Ihnen hörte, hieß es, Sie wären auf Ihrer Besitzung in Westindien. Dorthin hatten Sie sich zurückgezogen. um den Folgen Ihres verbrecherischen Lebens in London zu entgehen. Ich reiste Ihnen nach, aber Sie hatten Ihren Zufluchtsort schon vor Monaten verlassen. Man glaubte, Sie wären in London, aber niemand konnte mir etwas Näheres mitteilen. Ich kehrte zurück. Ihre Geschäftsfreunde wußten auch Ihre Adresse nicht, sie sagten, Sie kämen ebenso unregelmäßig wie früher, manchmal alle Tage, dann wieder monatelang nicht. Man glaubte, daß Sie wieder in den zweideutigen Kreisen verkehrten, wo Sie sich schon als nicht zu bändigender Knabe Ihre Freunde suchten. Ich durchs wanderte die Straßen bei Tag und bei Nacht, doch waren meine Mühen bis vor zwei Stunden vergeblich.“

„Und nun, da Sie mich gefunden haben, was weiter?“ fragte Monks dreist und stand auf. „Betrug und Raub sind starke Worte – und gerechtfertigt, wie Sie glauben, durch die eingebildete Ähnlichkeit eines jungen Landstreichers mit der elenden Kleckserei eines längst Verstorbenen. Sie wissen nicht einmal, ob der Umgang dieses Pärchens ein Kind zur Folge hatte. Selbst das wissen Sie nicht!“

„Ich wußte es nicht“, sagte Herr Brownlow, gleichfalls aufstehend, „aber ich habe in den letzten vierzehn Tagen alles erfahren. Sie haben einen Bruder – Sie wissen es und kennen ihn. Es war ein Testament vorhanden, Ihre Mutter vernichtete es und hinterließ Ihnen nach ihrem Tode das Geheimnis nebst dem dadurch erzielten Gewinn. Es enthielt einen Hinweis auf ein Kind – der wahrscheinlichen Folge dieser traurigen Verbindung. – Das Kind wurde geboren und kam Ihnen zufällig in die Quere, wobei seine Ähnlichkeit mit Ihrem Vater zuerst Ihren Verdacht erregte. Sie begaben sich nach seinem Geburtsorte. Dort befanden sich Beweise – lang unterdrückte Beweise seiner Geburt und Herkunft. Sie vernichteten sie und erzählten es Ihrem Mitschuldigen, dem Juden, mit den Worten: ‚Der einzige Beweis, der den Jungen legitimieren könnte, liegt auf dem Grunde des Flusses, und die alte Hexe, die ihn von der Mutter empfing, modert in ihrem Sarge!‘ Unwürdiger Sohn, Feigling, Lügner, du Genosse von Dieben und Mördern, Eduard Leeford, du willst mir noch Trotz bieten?“

„Nein, nein, nein!“ schrie der Feigling, überwältigt von der wuchtigen Anklage.

„Jedes Wort, das zwischen dir und diesem nichtswürdigen Schurken gewechselt wurde, ist mir bekannt. Schatten an der Wand haben dein Geflüster aufgefangen und es mir hinterbracht. Der Anblick des verfolgten Kindes hat selbst auf das Laster Eindruck gemacht und ihm Mut und die Eigenschaften der Tugend verliehen. Ein Mord ist begangen, für den du moralisch mit verantwortlich bist.“

„Nein – nein!“ fiel Monks ein. „Ich wußte nichts davon. Ich war im Begriff, Erkundigungen über die Mordtat einzuziehen, als Sie mich wegführten. Den Anlaß zur Tat kannte ich nicht und glaubte, sie sei die Folge eines gewöhnlichen Streites gewesen!“

„Sie war die Folge einer teilweisen Enthüllung Ihrer Geheimnisse. Wollen Sie diese nun ganz offenbaren?“

„Ja, ich will’s.“

„Und Ihre Angaben mit Ihrer Unterschrift beglaubigen und sie vor Zeugen wiederholen?“

„Auch das verspreche ich.“

„Und ruhig hierbleiben, bis ein solches Dokument aufgesetzt ist, und mit mir sich an den Ort begeben, wo es rechtsgültig gemacht wird?“

„Wenn Sie darauf bestehen, will ich auch das tun , antwortete Monks.

„Sie müssen noch mehr tun“, fuhr Herr Brownlow fort, „Sie müssen dem unschuldigen Kinde Schadenersatz leisten. Wenn er auch die Frucht einer sündigen Liebe ist, so bleibt er doch Ihr Bruder. Sie haben die hierauf bezüglichen Paragraphen des Testaments nicht vergessen. Bringen Sie dieselben, soweit sie Ihren Bruder betreffen, zur Ausführung und gehen Sie dann, wohin es Ihnen beliebt. Sie dürfen ihm in dieser Welt nicht wieder begegnen!“

Während Monks mit finsterem Blick im Zimmer auf und ab ging und über diesen Vorschlag und die Möglichkeit, ihm auszuweichen, nachsann, wurde die Tür hastig aufgeschlossen, und Herr Losberne trat aufgeregt ins Zimmer.

„Der Mann wird bald ergriffen werden. Man wird ihn heute nacht noch verhaften“, rief er.

„Den Mörder?“ fragte der alte Herr.

„Ja, ja!“ antwortete der Doktor. „Man hat seinen Hund um einen seiner Schlupfwinkel herumschleichen sehen, und man nimmt an, daß der Verbrecher diesen unter dem Schutz der Nacht aufsuchen wird. Allenthalben sind Detektive aufgestellt. Eine Belohnung von hundert Pfund ist vom Staatsanwalt für seine Festnahme ausgesetzt!“

„Ich lege noch fünfzig Pfund zu und will es selbst an Ort und Stelle verkünden“, rief Herr Brownlow. „Wo ist Herr Maylie?“

„Harry? – Als er Sie mit Ihrem Freund hier wohlbehalten in der Droschke sah, schwang er sich aufs Pferd und schloß sich den Verfolgern des Mörders an.“

„Und was ist mit dem Juden?“ fragte Brownlow weiter.

„Als ich das letztemal von ihm hörte, war er noch nicht festgenommen, doch ist man seiner sicher!“

„Haben Sie Ihren Entschluß gefaßt?“ fragte Herr Brownlow Monks leise.

„Ja“, antwortete dieser, „aber – Sie – werden mich doch nicht bloßstellen?“

„Nein. Bleiben Sie jetzt hier, bis ich wieder zurückkomme. Das ist Ihre einzige Rettung!“

Die beiden alten Herren verließen das Zimmer, dessen Tür wieder von außen verschlossen wurde.

„Was haben Sie erreicht?“ fragte der Doktor flüsternd.

„Alles, was ich erhoffen konnte, und mehr. Schreiben Sie unsern Freunden, daß die Zusammenkunft übermorgen abend um sieben Uhr stattfinden soll. Wir werden aber ein paar Stunden früher da sein. – Doch mir kocht das Blut in den Adern, das arme ermordete Mädchen zu rächen. Wohin muß ich gehen?“

„Wenn Sie sofort auf das Polizeiamt gehen, werden Sie noch zeitig genug kommen“, entgegnete Losberne.

Die beiden Herren verabschiedeten sich nun hastig und in ziemlicher Aufregung.

Verfolgung und Flucht

Einer der schmutzigsten Winkel Londons ist Southwark, an der Themse gelegen, mit der Jakobsinsel, die von einem acht Fuß tiefen und zwanzig Fuß breiten, sumpfigen Graben umgeben ist, der jetzt unter dem Namen Folly Ditch bekannt ist. Er ist eine Einbuchtung des Flusses und kann durch Öffnen von Schleusen ganz mit Wasser gefüllt werden. Dann kann man von einer der hölzernen Brücken aus, die bei der Mühlengasse über den Graben geschlagen sind, sehen, wie die Bewohner der Häuser aus ihren Fenstern und Türen Eimer und Geschirr aller Art herunterlassen, um Wasser zu schöpfen. Die Häuser stehen hier auf versinkenden Fundamenten, und ihre Wände sind mit Kot beschmiert. Die Fenster zerbrochen, die Stuben eng und schmutzig, überall Dreck, Unflat und abstoßende Armut. Auf der Jakobsinsel Warenhäuser, die leerstehen und kein Dach mehr haben. Die Wände dem Einstürzen nahe, die Fenster ausgebrochen, und die Türen auf der Straße umherliegend. Die Häuser sind ohne Eigentümer und werden nur von denen bewohnt, die gewichtige Gründe haben, sich zu verbergen, oder ganz verarmt sind.

In einem oberen Gemache eines dieser Häuser, das mit der Rückwand gegen den Folly Ditch stand, saßen drei Männer in düsterm Schweigen. Der eine davon war Toby Crackit, der andere Herr Chitling und der dritte ein Kerl von etwa fünfzig Jahren, dessen Gesicht eine furchtbare Narbe aufwies, wohl die Folge einer Schlägerei. Er war ein entlaufener Sträfling namens Kags.

„Ich wollte“, sagte Toby zu Herrn Chitling, „du hättest eine andere Bleibe ausgesucht, als die zwei andern zu warm wurden, und wärst nicht hierhergekommen.“

„Ja, du Dussel, warum tatest du es nicht?“ fragte Kags.

„Ich glaubte, ihr würdet erfreuter sein, mich zu sehen“, versetzte Herr Chitling mit melancholischer Miene.

„Sieh bloß mal an!“ sagte Toby ironisch. Nach einer kleinen Pause fragte er Chitling, wann man Fagin festgenommen hätte.

„Gerade zur Essenszeit – nachmittags zwei Uhr. Karl Bates und ich entwischten durch den Waschhausschornstein, aber Bolter, der sich im leeren Wasserfaß mit dem Kopf nach unten versteckt hatte, wurde bei seinen langen Hammelbeinen gefaßt und mitgenommen!“

„Und Betsy?“

„Die arme Bet!“ sagte Chitling mit trübseligem Gesicht. „Sie ging, um sich die Leiche anzusehen, fing bei ihrem Anblick zu toben an und wollte mit dem Kopf gegen die Wand. Man mußte sie in eine Zwangsjacke stecken und nach dem Krankenhaus bringen. Da ist sie noch.“

„Was ist denn aus dem jungen Bates geworden?“ fragte Kags.

„Er stromert bis zum Dunkelwerden umher, wird also bald hier sein. Die Leute in den ‚Drei Krüppeln‘ sind auch alle verhaftet, ich sah, als ich dort vorbeiging, eine Menge Kriminalpolizisten im Gastzimmer.“

„Das ist schlimm. Wird wohl noch mancher dran, glauben müssen“, bemerkte Toby, sich auf die Lippen beißend.

„Es ist gerade Schwurgerichtsperiode“, sagte Kags, „und wenn Bolter als Kronzeuge gegen Fagin auftritt, was er aller Wahrscheinlichkeit nach tun wird, so kann man dem Juden am Freitag sein Urteil sprechen. Drei Tage darauf baumelt er! Hol mich der Teufel, wenn’s nicht stimmt!“

„Ihr hättet nur sehen sollen, wie das Volk tobte“, fuhr Chitling fort. „Die Polizisten kämpften wie die Teufel, sonst hätte die Menge den Juden in Stücke zerrissen. Sie hatte ihn schon mal in den Händen, aber die Polizei befreite ihn rasch wieder. Er war ganz mit Blut und Dreck bedeckt und hängte sich an die Kriminalbeamten, als wenn sie seine besten Freunde wären. Die Leute hatten ihn mit den Füßen getreten, und die Weiber drohten ihm, das Herz aus dem Leibe zu reißen. Ich kann die Greifer noch sehen, wie sie in dem Gedränge der Menge kaum aufrecht zu stehen vermochten und ihn so zwischen sich hinschleppten!“

Entsetzt saßen die Männer eine Weile schweigend da. Da hörten sie plötzlich auf der Treppe ein Trappeln, und gleich darauf sprang Sikes‘ Hund ins Zimmer. Von seinem Herrn war jedoch nichts zu sehen.

„Was bedeutet das?“ sagte Toby. „Er wird doch nicht hierherkommen wollen? Ich – ich hoffe nicht!“

„Wenn das seine Absicht wäre, so würde er mit dem Hunde gekommen sein“, meinte Kags und gab dem Hunde Wasser.

„Er“ – keiner nannte den Mörder bei seinem Namen – „er wird sich doch nichts angetan haben? Was meint ihr?“ fragte Chitling.

Toby schüttelte den Kopf.

„Wenn das wäre“, sprach Kags, „so würde uns der Hund an die Stelle führen wollen, wo er liegt. Nein, ich denke mir, er ist ins Ausland geflüchtet und hat den Hund zurückgelassen, sonst wäre das Tier nicht so ruhig.“

Der Hund kroch unter einen Stuhl, kauerte sich zusammen und begann zu schlafen.

Da es dunkel geworden war, so wurde der Fensterladen geschlossen und eine Kerze angezündet. Die schrecklichen Ereignisse der zwei letzten Tage hatten auf sie einen mächtigen Eindruck gemacht, und die Unsicherheit ihrer eigenen Lage machte sie ängstlich. Bei jedem Laut fuhren sie auf und sprachen nur im Flüstertone. Sie hatten schon eine Weile ganz stumm dagesessen, als sich plötzlich ein lautes Klopfen an der Haustür vernehmen ließ.

„Der junge Bates“, meinte Kags.

Das Klopfen wiederholte sich. Bates war es nicht, der hatte nie so gepocht. Crackit ging aus Fenster und steckte zitternd den Kopf hinaus. Er brauchte den andern nicht zu sagen, wer unten sei. Sein blaßgewordenes Gesicht sprach deutlich genug. Der Hund war im Augenblick wach und lief winselnd an die Tür.

„Wir müssen ihn hereinlassen“, sagte Crackit, nach dem Kerzenleuchter greifend.

„Läßt sich’s nicht anders machen?“ fragte Kags mit heiserer Stimme.

„Nein, wir müssen ihm öffnen.“

Crackit ging hinunter und kam mit einem vermummten Mann zurück. Es war Sikes. Er hatte tiefliegende Augen im erdfahlen Gesicht, eingefallene Backen und atmete kurz und schwer. Er griff nach einem Stuhl und setzte sich dicht an die Wand, so dicht, als es gehen wollte.

Alle schwiegen, endlich fragte Sikes mit hohler Stimme:

„Wie kam der Hund hierher?“

„Allein. Vor drei Stunden.“

„Die Abendzeitungen schreiben, Fagin sei verhaftet. Ist es wahr oder gelogen?“

„Wahr.“

Es folgte abermals eine Pause.

„Geht zum Teufel alle miteinander!“ schrie Sikes und fuhr sich mit der Hand über die Stirn. „Habt ihr mir nichts zu sagen?“

Sie wurden unruhig, aber keiner sprach.

„Du, der du hier den Hausherrn spielst“, sagte Sikes zu Crackit, „hast du die Absicht, dir die Belohnung zu verdienen, oder darf ich mich hier verstecken, bis die Verfolgung vorüber ist?“

„Du kannst hierbleiben, wenn du es für richtig hältst“, antwortete der Angeredete nach einigem Zögern.

„Ist sie – sie – ist die Leiche – schon begraben?“ fragte Sikes mit stockender Stimme.

Sie schüttelten die Köpfe.

„Warum nicht? Warum behält man so etwas Häßliches über der Erde? – Wer klopft da?“

Crackit meinte, es wäre nichts zu befürchten. Er ging, um zu öffnen, und kam bald mit Karl Bates wieder. Sikes saß gerade der Tür gegenüber, so daß er dem eintretenden Jungen sofort ins Auge fallen mußte.

„Toby“, sagte Karl zurückprallend, als Sikes ihn anguckte, „warum habt Ihr mir das nicht vorher gesagt?“

Der Mörder wollte den Jungen für sich günstig stimmen und streckte ihm die Hand entgegen.

„Laßt mich in eine andere Stube gehen“, sagte Bates zurückweichend.

„Warum, Karl?“ fragte Sikes, auf ihn zugehend. „Kennst du – kennst du mich denn nicht?“

„Komm mir nicht zu nahe!“ schrie der Junge und wich wieder einige Schritte zurück. „Scheusal! Ungeheuer!“

Der Mörder blieb stehen, und sie sahen sich gegenseitig an, doch Sikes konnte den Blick nicht aushalten und schlug zuletzt die Augen nieder.

„Ich nehme euch drei zu Zeugen“, schrie der Junge, die geballte Faust schüttelnd, in mächtiger Aufregung, „ich nehme euch drei zu Zeugen – ich habe keine Angst vor ihm – ich verrate ihn, wenn man ihn hier sucht. Das tue ich! Ich sage es frei heraus und mag er mich kalt machen, falls er den Mut dazu hat, wenn ich hier bin, verrate ich den Unmenschen. Ich würde ihn auch angeben, wenn er lebendig verbrannt werden sollte. Hilfe! Mörder! Wenn ihr noch richtige Kerle wäret und keine feigen Memmen, so würdet ihr mir jetzt helfen. Hilfe! Mörder! Schlagt ihn nieder!“

Mit diesen Worten stürzte sich der Junge allein auf den großen, kräftigen Mann und brachte ihn durch die überraschende Schnelle und Heftigkeit des Angriffs zu Fall. Die drei Zuschauer waren wie vom Donner gerührt machten aber keine Miene einzugreifen. Der Junge wälzte sich mit dem Mörder auf dem Boden herum und schrie laut um Hilfe, doch war der Kampf zu ungleich, um lange zu währen. Sikes hatte Bates unter sich gebracht und setzte ihm das Knie auf die Kehle, als Crackit ihn zurückriß und bestürzt nach dem Fenster zeigte. Man sah unten auf der Straße Lichter schimmern und hörte laute Stimmen. Von der nächsten Brücke erscholl der Klang zahlloser Fußtritte. Unter der Menge, die über die Brücke quoll, schien sich auch ein Reiter zu befinden, denn der Schall von Huftritten ertönte auf dem holprigen Pflaster. Der Tumult wurde immer größer, schließlich wurde an die Haustür geklopft.

„Hilfe!“ schrie Karl Bates mit gellender Stimme. „Der Mörder ist hier! Schlagt die Tür ein!“

„Im Namen des Königs!“ wurde von draußen gerufen und gleich darauf erhob sich neuer Lärm.

„Schlagt die Tür ein!“ brüllte der Junge. „Man macht euch doch nicht auf. Kommt herauf ins Zimmer, wo Licht ist. Brecht die Tür auf!“

Wuchtige Schläge donnerten gegen die Tür und die Fensterläden des Erdgeschosses, und ein lautes Hurra gab den Halunken im Hause zum erstenmal einen richtigen Begriff von der Anzahl der Verfolger.

„Wo kann ich den schreienden Teufelsbraten einsperren?“ schrie Sikes wütend und warf den zappelnden Jungen in eine kleine Kammer, die Toby aufgeschlossen hatte. Er schob den Riegel vor und fragte:

„Ist die Haustür gut fest?“

„Doppelt verschlossen und dreifach verriegelt“, sagte Crackit, der wie betäubt dastand.

„Und die Fensterläden?“

„Gut gesichert.“

„Der Teufel soll euch holen!“, brüllte der Verbrecher aus dem Fenster zur Menge hinab. „Strengt euch an, so viel ihr wollt, ich pfeife darauf, ihr kriegt mich doch nicht!“

Ein Wutgeschrei der Volksmasse war die Antwort. Einige riefen, man solle Feuer an das Haus legen, andere schrien den Polizisten zu, den Mörder doch totzuschießen. Der Reiter schwang sich aus dem Sattel und rief mit Stentorstimme: „Zwanzig Guineen demjenigen, der mir eine Leiter bringt.“

Hunderte riefen nunmehr nach Leitern, und die Aufregung der immer größer werdenden Volksmasse wuchs zusehends. Einige der Kühnsten versuchten an der Wasserrinne und der zerbröckelten Wand hinaufzuklimmen.

„Ich kam an, als es Flutzeit war“, sagte der Mörder, nachdem er das Fenster wieder geschlossen hatte. „Gebt mir ein Seil – ein langes Seil. Ich werde mich hinten in den Graben hinunterlassen und entwischen. Sie sind ja alle vorn. Schnell ein Seil, oder ich begehe noch drei Morde und hänge mich dann auf!“

Toby wies nach einer Ecke, wo Stricke lagen, und Sikes suchte sich hastig den längsten und stärksten heraus. Er ging damit nach dem Dach.

Alle Fenster an der Hinterseite des Hauses waren zugemauert, mit Ausnahme eines Loches in der Kammer, wo Karl Bates eingesperrt war. Es war aber zu klein, als daß er hätte durchkriechen können. Durch diese Öffnung rief jedoch der Junge unaufhörlich den Außenstehenden zu, auch die Rückseite des Gebäudes zu bewachen. Als der Mörder aus dem Dachfenster stieg, wurde es sogleich bemerkt. Er kroch über die Ziegel und beugte sich über den Dachrand. Das Wasser war infolge der Ebbe abgelaufen und der Graben ein Schlammbett.

Die Menge sah lautlos und gespannt zu, was der Mörder nun wohl beginnen würde. Als sie gewahrte, daß er sich in der Flucht verrechnet hatte, erhob sie ein mächtiges Triumphgeschrei, gegen das alle früheren nur ein Flüstern waren.

„Jetzt hat man ihn!“ rief ein Mann auf der nächsten Brücke. „Hurra!“

Ein tausendfaches Echo folgte.

„Ich verspreche fünfzig Pfund demjenigen, der den Mörder lebend ergreift!“ rief ein alter Herr auf der Brücke. „Ich bleibe hier stehen, um die Summe sofort auszuzahlen.“

Neues Gebrüll. In diesem Augenblick verbreitete sich das Gerücht, daß die Haustür aufgebrochen und der Mann, der zuerst nach der Leiter gerufen, in das Zimmer eingedrungen sei. jeder wollte nun sehen, wie der Mörder von den Polizisten abgeführt würde. Es entstand ein furchtbares Gedränge, und die Aufmerksamkeit wurde von dem Dache abgelenkt.

Sikes beschloß jetzt, den letzten Rettungsversuch zu wagen und sich in den Graben hinunterzulassen, selbst auf die Gefahr hin, im Schlamme zu ersticken. Er schlang das eine Ende des Seiles fest um den Schornstein und machte an dem anderen Ende unter Zuhilfenahme der Zähne im Nu eine starke Laufschlinge. Er konnte sich mit dem Strick fast bis auf Manneslänge vom Boden hinunterlassen und hielt sein Messer bereit, um ihn rechtzeitig durchzuschneiden und sich fallen zu lassen.

Er hatte sich eben die Schlinge über den Kopf geworfen und war im Begriff mit den Armen gleichfalls durchzuschlüpfen, als der alte Herr die Leute darauf aufmerksam machte, daß der Verbrecher sich vom Dache hinunterlassen wolle. Im selben Augenblick sah sich Sikes um, stieß einen Schrei des Entsetzens aus und schlug die Hände über dem Kopfe zusammen.

„Da sind die Augen wieder!“ rief er mit Grabesstimme und taumelte wie vom Blitz getroffen. Er verlor das Gleichgewicht und fiel über den Rand des Daches. Die Schlinge am Halse, sauste er fünfunddreißig Fuß hinab. Ein plötzlicher Ruck, ein krampfartiges Zucken der Glieder – und da hing er, entseelt, das Messer in der erstarrten Hand!

Der alte Schornstein hatte der Erschütterung standgehalten. Sikes‘ Hund lief heulend auf dem Dache hin und her und nahm endlich einen Ansatz, um auf die Schultern des toten Mannes zu springen. Er verfehlte jedoch sein Ziel, fiel in den Graben, in dem er sich überkugelte. Mit dem Kopf auf einen Stein schlagend, verspritzte er sein Gehirn.

Enthüllt verschiedene Geheimnisse und enthält einen Heiratsantrag ohne ein Wort von Ausstattung und Nadelgeld

Zwei Tage nach den im letzten Kapitel erzählten Ereignissen befand sich Oliver nachmittags um drei Uhr In einem Reisewagen, der rasch dem Geburtsorte des Knaben zurollte. Frau Maylie, Rosa, Frau Bedwin und der gute Doktor waren bei ihm. Herr Brownlow folgte in einer Postkutsche, noch von jemand begleitet, dessen Name nicht erwähnt wurde.

Sie sprachen unterwegs wenig. Herr BrownIow hatte den beiden Damen und Oliver die Geständnisse, die er Monks abgerungen hatte, vorsichtig mitgeteilt. Jeder hing nun seinen Gedanken nach.

Als sie sich der Stadt näherten und endlich durch ihre engen Straßen fuhren, war der Junge ganz außer sich. Da stand Sowerberrys Haus gerade noch so wie früher. Er gewahrte Gamfields Karren vor einem Wirtshause. Das Armenhaus, das traurige Gefängnis seiner Kinderjahre, mit den düsteren Fenstern nach der Straße hinaus und demselben dürren Pförtner am Eingang. Es war ihm, als wenn er die Stadt erst gestern verlassen hätte, und sein neues Leben nur ein glücklicher Traum gewesen wäre.

Sie fuhren am ersten Gasthof vor, den Oliver nur mit Ehrfurcht anzusehen und für einen ganz gewaltigen Palast zu halten pflegte. Hier wurden sie von Herrn Grimwig empfangen, der eitel Freude und Sonnenschein war. Er küßte Rosa und auch die alte Dame, wie sie aus dem Wagen stiegen, als wäre er der Großvater der ganzen Gesellschaft. Er erbot sich nicht einmal, seinen Kopf aufzuessen – nicht einmal, als er einem sehr alten Postillion wegen des nächsten Weges nach London widersprach und es besser zu wissen behauptete, obgleich er ihn nur ein einziges Mal, und zwar im festen Schlaf gemacht hatte. Das Mittagessen und die Zimmer standen bereit alles war aufs beste angeordnet.

Herr Brownlow erschien nicht beim Essen, sondern blieb auf seinem Zimmer. Die beiden anderen Herren gingen mit wichtigen Mienen ein und aus und flüsterten geheimnisvoll, wenn sie im Zimmer waren. Einmal wurde Frau Maylie abgerufen und kam erst nach einer Stunde mit rotgeweinten Augen wieder zurück. Alles dies versetzte Rosa und Oliver in große Unruhe. Sie saßen stumm da und flüsterten nur, wenn sie sprachen, als fürchteten sie sich vor dem Ton ihrer eigenen Stimme.

Endlich, als die Uhr neun schlug, traten die Herren Losberne und Grimwig ins Zimmer, denen Herr Brownlow und ein Mann folgte, bei dessen Anblick Oliver laut aufschrie. Es war derselbe Mann, den er damals im Hofe des Gasthauses getroffen und dann an Fagins Seite vor dem Fenster seines kleinen Studierzimmers hatte stehen sehen. Monks warf einen haßerfüllten Blick auf den Jungen und setzte sich unweit der Tür. Herr Brownlow hatte einige Papiere in der Hand und trat an den Tisch, an dem Rosa und Oliver waren.

„Es ist zwar eine peinliche Sache begann er, „aber diese Erklärungen, die ich in London vor Zeugen niederschreiben und beglaubigen ließ, müssen der Hauptsache nach hier von Ihnen noch einmal persönlich abgegeben werden. Ich hätte Ihnen diese Demütigung gern erspart, aber Sie kennen die Gründe, warum wir sie aus Ihrem eigenen Munde abermals hören müssen, ehe wir uns trennen.“

„Los!“ sagte der Angeredete mit abgewandtem Gesicht, „machen Sie schnell. Ich habe genug getan. Halten Sie mich hier nicht unnötig auf.“

„Dieses Kind“, fuhr Herr Brownlow fort und zog Oliver an sich, „ist Ihr Halbbruder, der illegitime Sohn Ihres Vaters, meines teuren Freundes Edwin Leeford, und der unglücklichen Agnes Flemming, der die Geburt des Knaben das Leben kostete.“

„Ja“, sagte Monks, Oliver zornig anblickend, dessen Herz hörbar klopfte, „es ist ihr Bastard!“

„Der Ausdruck, dessen Sie sich bedienen“, sagte Herr BrownIow ernst, „enthält einen beleidigenden Vorwurf gegen Verstorbene, die dem Urteil dieser Welt längst entrückt sind, und beschimpft keine Lebenden außer dem, der ihn gebrauchte. Doch lassen wir das. Er wurde in dieser Stadt geboren?“

„In dem Armenhause dieser Stadt“, war die mürrische Antwort. „Sie haben die Geschichte doch in den Papieren dort aufgeschrieben.“

„Sie muß auch hier zur Sprache kommen.“

„Also hören Sie“, begann Monks. „Als sein Vater in Rom erkrankte, begab sich seine Frau, meine Mutter, von der er lange getrennt gelebt hatte, von Paris aus mit meiner Wenigkeit zu ihm – soviel ich weiß, um sich sein Vermögen zu sichern, denn sie hegte keine besondere Liebe für ihn, wie auch er nicht für sie. Er wußte nichts von unserer Anwesenheit, denn er war bereits besinnungslos und starb am folgenden Tag. Unter den Papieren, die sich in seinem Pulte vorfanden, waren zwei mit dem Datum des Tages, an dem er erkrankte. Sie waren nebst einigen kurzen Zeilen an Sie, Herr Brownlow, adressiert und trugen auf dem Umschlag die Weisung, daß sie erst nach seinem Tode abgeschickt werden sollten. Das eine dieser Papiere war ein Brief an jenes Mädchen Agnes und das andere ein Testament.“

„Und der Brief?“ fragte Herr Brownlow.

„Der Brief? Ein ganzer Bogen voll reuiger Selbstanklagen und Bitten, daß Gott ihr helfen möge. Er sagte darin dem Mädchen, daß ein Geheimnis, das sich eines Tages aufklären werde, ihn verhindert hätte, sich mit ihr zu vermählen. Sie hätte ihm hingebend vertraut, bis sie das verloren, was er ihr nicht mehr zurückgeben könnte. Sie hatte damals nur noch einige Monate bis zu ihrer Entbindung, und so teilte er ihr mit, was er zu tun beabsichtigte, um ihre Schande zu verdecken, wenn er am Leben bliebe. Er bat sie, wenn er sterben müßte, weder seinem Andenken zu fluchen, noch zu glauben, daß seine Sünde, an ihr oder seinem Kinde heimgesucht werden würde, da die ganze Schuld seine wäre. Er erinnerte sie an den Tag, an dem er ihr das Medaillon und den Ring schenkte, in dem ihr Taufname mit einer Lücke eingegraben war, die er eines Tages mit seinem Familiennamen auszufüllen gehofft hätte. Er flehte sie an, seine kleinen Geschenke an ihrem Herzen zu tragen, und kam dann immer wieder auf dieselben Worte zurück, als ob er schon nicht mehr klaren Geistes gewesen, was, wie ich vermute, auch der Fall war.“

„Das Testament“, sagte Herr Brownlow, während Oliver still vor sich hin weinte, „war in demselben Geiste abgefaßt wie der Brief. Ei sprach von dem Elend, das sein Weib über ihn gebracht hatte, und von dem störrischen Charakter, der Bosheit und den frühzeitigen lasterhaften Neigungen seines einzigen Sohnes, dem gelehrt worden war, den Vater zu hassen. Er vermachte Ihrer Mutter und Ihnen Jahresrenten von je achthundert Pfund. Sein Gesamtvermögen teilte er in zwei gleiche Teile und bestimmte den einen für Agnes Flemming und den andern für sein und ihr Kind, wenn es lebend zur Welt kommen und heranwachsen sollte. Für den Fall, daß es ein Mädchen wäre, sollte ihm die Erbschaft ohne weiteres zufallen. Wäre es jedoch ein Junge, so hafte die Bedingung daran, daß er während seiner Minderjährigkeit seinen Namen durch keine entehrende oder schlechte Tat befleckt habe, die das Einschreiten des Gerichts zur Folge gehabt hätte. Wie er ausführte, machte er diese Klausel, um dadurch sein Vertrauen zu der Mutter zu bekunden, daß das Kind der Erbe ihres schönen Herzens und ihres edlen Charakters werden würde. Sollte diese Erwartung trügen, so waren Sie zum Erben bestimmt; denn nur, wenn beide Kinder einander gleich wären – aber auch nur dann –, wollte er Ihren früheren Anspruch auf sein Vermögen anerkennen, obgleich Sie keinen auf sein Herz zu machen und ihn von früher Jugend an durch Kälte und Abneigung zurückgestoßen hätten.“

„Meine Mutter“, nahm nun Monks wieder das Wort, „tat, was jede Mutter getan hätte – sie verbrannte das Testament. Der Brief gelangte nie an seine Adresse. Aber sie bewahrte ihn und noch andere Schriftstücke für den Fall auf, daß man versuchen würde, den Fehltritt abzuleugnen. Sie berichtete dem Vater des Mädchens die Wahrheit mit Übertreibungen, die ihr der Haß eingab -ich liebe sie jetzt darum. Diese Nachricht bewog den alten Flemming, sich mit seinen Kindern in einen Winkel von Wales zurückzuziehen, wobei er zugleich seinen Namen änderte, damit seine Freunde ihn nicht entdeckten. Er wurde einige Zeit darauf tot in seinem Bette gefunden. Die Tochter hatte einige Wochen zuvor heimlich sein Haus verlassen. Er suchte sie in jedem Dorf und jeder Stadt der Umgegend. In der Nacht, als er mit der Überzeugung nach Hause kam, sie hätte sich das Leben genommen, um ihre Schande nicht zu überleben, brach das Herz des alten Mannes.“

Nach einem kurzen Schweigen fuhr Herr Brownlow in der Erzählung fort:

„Nach Jahren kam die Mutter dieses Menschen – dieses Eduard Leeford – zu mir. Er hatte sie verlassen, als er achtzehn Jahr alt war, und ihr Geld und Juwelen gestohlen. Das Gestohlene verspielt, Fälschungen begangen und war dann nach London geflüchtet, wo er in Verbrecherkreisen verkehrte. Sie siechte an einer unheilbaren Krankheit dahin und wünschte ihn vor ihrem Tode noch einmal zu sehen. Man forschte lange vergeblich nach ihm, endlich aber fand man ihn. Sie fuhren dann beide nach Frankreich zurück.“

„Nach einem langen Krankenlager“, erzählte Monks weiter, „starb sie dort. Auf ihrem Totenbette vermachte sie mir mit diesen Geheimnissen ihren tödlichen Haß gegen alle, die in die Angelegenheit verwickelt waren. Sie wollte nicht glauben, daß das Mädchen sich selbst und dem Kinde ein Leid angetan hätte, sie war vielmehr der festen Überzeugung, daß ein Knabe geboren und am Leben wäre. Ich schwur ihr, wenn der Junge je meinen Weg kreuzen würde, ihn mit unversöhnlicher Feindschaft zu verfolgen und ihn, den prahlerischen Redensarten des beleidigenden Testaments zum Trotz, an den Galgen zu bringen. Sie hatte recht. Er kam mir endlich in den Weg. Der Anfang ließ sich gut an, und wenn dieses verdammte Frauenzimmer nicht geschwatzt hätte, wäre dem guten Anfang auch ein dementsprechender Schluß gefolgt.“

Der Halunke verwünschte laut sich selbst, daß sein bösartiger Plan mißlungen war. Inzwischen erzählte Herr Brownlow den entsetzten Zuhörern, daß der Jude, Monks‘ Helfershelfer, eine große Belohnung für Olivers Verführung zum Schlechten erhalten hätte. Als der Junge entwich, sollte ein Teil der Summe wieder zurückerstattet werden, und der daraus entstandene Streit sei die Veranlassung gewesen, daß beide jenen Besuch in dem Landhause machten, der Olivers Identität feststellen sollte und diesen so erschreckte.

„Und was wurde aus dem Medaillon und dem Ringe?“ fragte Herr BrownIow Monks.

„Ich kaufte sie dem Manne und der Frau ab, die sie der Wärterin gestohlen hatten. Sie wissen, was daraus wurde“, sagte Monks, ohne die Augen zu erheben.

Herr Brownlow gab Grimwig einen Wink, der darauf plötzlich verschwand, aber bald wieder zurückkehrte, Frau Bumble ins Zimmer schob und deren widerstrebenden Eheherrn nach sich zerrte.

„Trügen mich meine Augen?“ rief Herr Bumble mit schlechtgespielter Freude, „oder ist dies wirklich der kleine Oliver? Ach, O-Ii-ver, wenn Sie wüßten, wie ich mich um Sie gegrämt habe!“

„Halt’s Maul, Dummkopf!“ murmelte Frau Bumble.

„Frau, ist’s nicht natürlich, ganz natürlich“, entgegnete Bumble, „muß mir nicht das Herz aufgehen, mir, der ich ihn als Gemeindekind erzogen habe – wenn ich ihn hier sitzen sehe zwischen so feinen Damen und Herren? Ich habe den Knaben immer geliebt wie meinen – meinen – meinen eigenen Großvater“, sagte endlich Herr Bumble, nachdem er einen passenderen Vergleich nicht gleich gefunden hatte,

„Ach bitte“, fiel Herr Grimwig ein, „unterdrücken Sie Ihre Gefühle!“

„Ich will mir Mühe geben“, sagte Herr Bumble. „Wie geht es Ihnen, mein Herr? Ich hoffe gut.“

Diese Begrüßung war an Herrn Brownlow gerichtet, der sich dem würdigen Ehepaar genähert hatte und nun, auf Monks zeigend, fragte:

„Kennen Sie diesen Mann?“

„Nein!“ antwortete Frau Bumble ohne Zögern.

„Aber Sie vielleicht, Herr Bumble?“

„Hab‘ ihn nie in meinem Leben gesehen!“

„Auch nichts verkauft?“

„Nein!“ entgegnete Frau Bumble.

„Sie haben auch nie ein gewisses goldenes Medaillon und einen Ring gehabt?“

„Allerdings nicht. Hat man uns bloß deshalb hierhergeholt, um uns derartig törichte Fragen beantworten zu lassen?“

Herr Brownlow winkte Herrn Grimwig abermals zu, und dieser verschwand wieder, um gleich darauf mit zwei gichtbrüchigen alten Weibern zurückzukehren.

„Sie haben zwar in der Nacht, als die alte Sally starb, die Tür verschlossen“, sagte die eine und hob ihre vertrocknete Hand hoch, „aber Sie konnten weder unsere Ohren noch die Ritzen in der Wand verstopfen.“

„Nein, nein, nein“, fügte die andere kopfwackelnd hinzu.

„Wir hörten, wie die Sterbende versuchte, Ihnen zu sagen, was sie getan, und sahen auch, wie Sie ein Papier aus ihrer Hand nahmen und am andern Tage ins Leihhaus gingen.“

„Haben Sie vielleicht Lust, den Pfandleiher selbst zu sehen?“ fragte Herr Grimwig und ging zur Tür.

„Nein“, sagte Frau Bumble, „weil er“, sie deutete auf Monks, „augenscheinlich Memme genug gewesen ist zu beichten, und da Sie unter allen diesen alten Hexen gerade die richtigen herausgefunden haben, so bleibt mir nicht mehr viel zu sagen. Ja, ich verkaufte ihm das Medaillon und den Ring, und der ganze Plunder liegt an einem Orte, wo Sie ihn nie wieder finden können. Und was weiter?“

„Nichts weiter“, antwortete Herr Brownlow, „als daß wir dafür sorgen werden, daß man euch aus euren Beamtenstellungen als unzuverlässig entfernt. Ihr könnt gehen.“

„Ich hoffe“, meinte Herr Bumble bestürzt, als Herr Grimwig mit den beiden alten Weibern wieder verschwunden war, „ich hoffe, daß dieser kleine Zwischenfall mir nicht mein Amt kosten wird.“

„Das wird er allerdings, darauf dürfen Sie sich gefaßt machen und noch froh sein, daß Sie so davonkommen.“

„Es war ausschließlich das Werk meiner Frau, sie wollte es so“, wandte Herr Bumble ein, nachdem er sich vorher mit einem schnellen Blick überzeugt hatte, daß seine Gattin nicht mehr im Zimmer war.

„Das ist keine Entschuldigung. Im Gegenteil, Sie sind für das Gesetz der schuldigere Teil, da in solchen Fällen angenommen wird, Ihr Weib hätte nach Ihrer Anweisung gehandelt.“

„Wenn das Gesetz so etwas annimmt“, erwiderte Herr Bumble und zerknüllte seinen Hut mit den Händen, „so ist das Gesetz ein Esel – ein Dummkopf. Wenn das Gesetz mit solchen Augen sieht, so ist es ein Junggeselle, und ich wünsche ihm das Ärgste, nämlich daß ihm die Augen durch Erfahrung aufgehen mögen – ja, durch Erfahrung.“

Nach diesen mit großem Nachdruck gesprochenen Worten stülpte Herr Bumble seinen Hut auf den Kopf, steckte die Hände in die Taschen und folgte seinem trauten Weib.

„Mein liebes Fräulein“, sagte Herr Brownlow, sich zu Rosa wendend, „geben Sie mir mal Ihre Hand. Zittern Sie nicht! Sie brauchen sich vor den paar Worten nicht zu fürchten, die noch zu sagen bleiben.“

„Wenn sie – ich weiß zwar nicht, wie das möglich wäre – doch wenn sie irgendwie mich betreffen, so lassen Sie sie mich ein andermal hören. Ich habe jetzt weder die Kraft noch den Mut dazu.“

„Ach“, sagte der alte Herr, ihren Arm durch seinen ziehend, „Sie sind mutiger, als Sie denken. – Kennen Sie diese junge Dame?“

„Ja,“ erwiderte Monks.

„Ich habe Sie nie gesehen“, sagte Rosa leise.

„Aber ich Sie oft“, versetzte Monks.

„Der Vater der unglücklichen Agnes hatte zwei Töchter. Was war das Schicksal der zweiten – des Kindes?“ fragte Herr Brownlow.

„Das Mädchen wurde, als der Vater an einem fremden Ort unter einem angenommenen Namen starb, von armen Leuten als eigenes Kind aufgezogen. Der Haß findet jedoch oft den Weg, wo die Liebe fehlgeht, denn meine Mutter entdeckte es nach Jahresfrist. Die Leute waren sehr arm und fingen an, wenigstens der Mann, ihrer Menschenfreundlichkeit müde zu werden. Sie ließ es deshalb da und machte ihnen ein kleines Geldgeschenk, womit sie jedoch keine großen Sprünge machen konnten. Meine Mutter versprach auch weitere Unterstützung, die zu schicken sie jedoch nicht im Sinne hatte. Sie hielt jedoch die Armut der Leute nicht für ausreichend, um das Kind recht unglücklich zu machen. Deshalb erzählte sie den Pflegeeltern noch die Geschichte von der ehrvergessenen Schwester und bat sie, auf das Kind recht acht zu haben. Es wäre doch ein uneheliches aus schlechter Familie, an dem man sicher wenig Gutes erleben würde. Die Umstände schienen dem recht zu geben, und die Leute glaubten alles. Das Mädchen wurde daher übel genug behandelt, so daß selbst wir damit zufrieden sein konnten. Da wollte es der Zufall, daß eine verwitwete Dame aus Chester das Kind sah und es aus Mitleid zu sich nahm. Der Teufel war gegen uns im Bunde, denn trotz aller unserer Bemühungen blieb es bei der Dame und war glücklich.“ Ich verlor es vor drei Jahren aus den Augen und sah es erst vor einigen Monaten wieder.“

„Sehen Sie es jetzt?“

„Ja – an Ihrem Arm.“

„Aber trotzdem meine Nichte –“ rief Frau Maylie, das beinahe ohnmächtig werdende Mädchen mit den Armen auffangend. „Du bleibst mein liebes Kind. Nicht für alle Schätze der Welt würde ich dich hergeben.“

„Sie sind die einzige Freundin, die ich hatte“, schluchzte Rosa an ihrem Busen, „die gütigste, die beste aller Freundinnen. Ich kann soviel auf einmal nicht ertragen, das Herz will mir brechen.“

„Du hast mehr getragen und bist trotzdem immer das gute, edle Mädchen geblieben, das Glück und Sonnenschein überall verbreitete. Komm zu dir, Liebling, sieh, wer es ist, der in deine Arme fliegen will, das arme Kind.“

„Ach, ich werde sie nie Tante nennen“, rief Oliver, seinen Arm um ihren Nacken schlingend, „Schwester, meine liebe Schwester. Meine Herzensrosa!“

Mögen die Tränen, die jetzt flossen, und die abgebrochenen Worte, die in den Umarmungen der beiden Waisen gewechselt wurden, geheiligt sein! – Sie blieben lange – lange allein. Ein leises Pochen an die Tür kündigte endlich an, daß jemand draußen sei. Oliver öffnete und ließ Harry Maylie ein, während er selbst hinausschlüpfte.

„Ich weiß alles“, sagte Harry, sich an der Seite des holden Mädchens niederlassend, „ich weiß alles, teuerste Rosa! Ich bin nicht aus Zufall hier, ich habe alles gestern schon gewußt. Errätst du wohl, daß ich komme, um dich an dein Versprechen zu erinnern?“

„Halt!“ sagte Rosa. „Du weißt wirklich alles?“

„Alles! Du gabst mir die Erlaubnis, innerhalb eines Jahres auf den Gegenstand unseres letzten Gesprächs wieder zurückzukommen.“

„Nicht um dich zu drängen, deinen Entschluß zu ändern, sondern nur, dich ihn wiederholen zu hören, wenn du noch derselben Ansicht wärest.“

„Dieselben Beweggründe, die mich damals bestimmten, werden mich auch jetzt leiten.“

„Die Aufklärungen heute abend –“ begann Harry.

„Diese Aufklärungen“, fiel ihm Rosa sanft ins Wort, „lassen mich dir gegenüber in derselben Lage, in der ich mich vorher befand.“

„Du verhärtest dein Herz gegen mich, Rosa!“

„Ach, Harry! Harry!“ sagte Rosa, in Tränen ausbrechend, „ich wollte, ich könnte es! Wieviele Schmerzen würde es mir ersparen!“

„Aber warum willst du dir selbst Schmerzen bereiten“, sagte Harry, ihre Hand ergreifend. „Denk doch an das, was du heute abend gehört hast, liebe Rosa!“

„Und was habe ich vernommen?“ schluchzte Rosa. „Daß das Gefühl, entehrt zu sein, so stark auf meinem Vater lastete, daß er sich von der Welt scheu zurückzog – wir haben genug über die Angelegenheit gesprochen, Harry, mehr als genug.“

„Noch nicht, noch nicht!“ entgegnete der junge Mann, das Mädchen, das aufstehen wollte, zurückhaltend. „Meine Hoffnungen, Wünsche, Aussichten – jeder Gedanke meines Lebens ist anders geworden, nur nicht meine Liebe zu dir. Ich biete dir jetzt keine hohe Stellung in der lärmenden Welt, sondern nur einen stillen Herd, ein Herz und einen Herd, ja, teuerste Rosa, nur diese beiden sind es, die ich dir anzubieten habe.“

„Was willst du damit sagen?“ stammelte das Mädchen.

„Nur, daß ich dich nach unserm letzten Abschied mit dem festen Entschluß verließ, alle eingebildeten Schranken zwischen mir und dir niederzureißen. Da meine Welt nicht die deinige sein konnte, so wollte ich deine zu der meinigen machen. Der Geburtsdünkel sollte nicht über dich die Nase rümpfen, deshalb habe ich ihm für immer Lebewohl gesagt. Die Gönner und die hochgestellten Verwandten blicken mich jetzt kaum an. Aber es gibt lächelnde Auen und rauschende Bäume in Englands schönster Provinz, und bei einer Dorfkirche – der meinigen, Rosa, der meinigen – steht ein kleines Landhaus, auf das du mich stolzer machen kannst, als mich alle Aussichten auf eine glänzende Laufbahn gemacht hätten. Das ist jetzt mein Rang und meine Stellung in der Welt – und ich lege sie dir hier zu Füßen.“

„Es ist eine harte Geduldsprobe, wenn man mit dem Essen auf ein Liebespaar warten soll“, meinte Herr Grimwig im Lehnstuhl aus einem kleinen Schlaf aufwachend. „Ich hatte ernstlich im Sinne“, sagte er zu den eintretenden Damen und Harry, „heute abend meinen Kopf aufzuessen, denn es kam mir nachgerade so vor, als sollte ich nichts anderes bekommen. übrigens nehme ich mir, mit Ihrer Erlaubnis die Freiheit, die Braut mit einem Kusse zu begrüßen.“

Herr Grimwig verlor keine Zeit, der erbetenen Freiheit die Tat folgen zu lassen, und da Beispiele ansteckend wirken, so taten es ihm der Doktor und Herr BrownIow nach. Gewisse Leute behaupten zwar, daß der Anfang in einem anstoßenden Zimmer von Harry Maylie gemacht wurde, aber die besten Autoritäten erklären das für eine Verleumdung, da an derartiges bei einem jungen Manne, der ein Geistlicher wäre, nicht zu denken sei.

Fagins letzte Stunden

Der Schwurgerichtssaal war brechend voll, aller Augen waren auf den Juden gerichtet. Dieser stand mit der Hand am Ohre, den Kopf vorgestreckt, in der Anklagebank, um kein Wort des Staatsanwalts zu verlieren, als dieser die Anklage dem Gerichtshof vortrug. Bisweilen sah Fagin scharf zu den Geschworenen hinüber, um den Eindruck auch nur des geringsten zu seinen Gunsten sprechenden Wortes zu erspähen, dann blickte er mit stummer Bitte auf seinen Verteidiger, doch etwas für ihn vorzubringen, wenn der Ankläger streng mit ihm ins Gericht ging. Seit dem Beginn der Verhandlung hatte er weder Hand noch Fuß bewegt, und als der Staatsanwalt jetzt zu sprechen auf, hörte, blieb er noch in derselben Stellung des angstvoll Horchenden, als höre er ihn immer noch reden.

Ein kleines Geräusch im Gerichtssaal brachte ihn wieder zu sich, und als er sich umsah, sah er die Geschworenen zu einer Beratung zusammentreten. Ein Blick in den Zuhörerraum zeigte ihm, daß sich die Leute auf die Zehenspitzen stellten, um sein Gesicht zu sehen. Aber auch nicht in einem Antlitz, nicht einmal unter den Weibern, konnte er die leiseste Spur von Mitleid oder von einem anderen Gefühl lesen als den Wunsch, ihn verurteilt zu sehen.

Wieder trat Totenstille ein – die Geschworenen hatten sich an den Richter gewandt. Horch! Sie baten um die Erlaubnis, sich ins Beratungszimmer zurückziehen zu dürfen.

Er sah ihnen forschend ins Gesicht, als sie abtraten. Wohin wohl die Stimmung der Mehrheit neige, aber er konnte nichts feststellen. Der Gerichtsdiener berührte ihn an der Schulter. Er folgte ihm mechanisch in den Hintergrund der Anklagebank und setzte sich auf einen Stuhl nieder.

Er blickte wieder in den Zuhörerraum. Einige der Leute aßen, während andere sich mit den Taschentüchern Kühlung zufächelten, denn es war im Saal drückend heiß. Da war ein junger Mann, der sein Gesicht auf einen Block zeichnete, er hätte wissen mögen, ob er ähnlich würde. Dann begann sich sein Geist mit dem Anzuge des Richters zu beschäftigen, was er wohl gekostet haben möchte. Auf der Richterbank hatte auch ein dicker alter Herr gesessen, der vor einer halben Stunde hinausgegangen und nun wieder zurückgekommen war. Fagin überlegte, ob dieser Mann wohl in der Zwischenzeit zu Mittag gespeist, und was er wohl gegessen hätte.

Er war allerdings die ganze Zeit über keinen Augenblick von dem drückenden Gefühle frei, daß das Grab zu seinen Füßen gähnte. Er fing nun an, die Stäbe des Gitters zu zählen, das die Anklagebank umgab. Er überlegte, wie es wohl zugegangen sein möchte, daß die Spitze des einen abgebrochen war, und ob man sie wohl wieder ersetzen würde. Dann dachte er an alle Schrecken des Galgens und Schafotts, bis ein Mann, der den Boden des Saales mit Wasser besprengte, ihn wieder von diesem Gedanken ablenkte.

Endlich wurde Schweigen geboten und alles blickte erwartungsvoll nach der Tür. Die Geschworenen kehrten zurück und kamen dicht an dem Angeklagten vorbei. Er konnte in ihren Gesichtern nichts lesen, sie waren wie von Stein. Es trat Totenstille ein – keine Bewegung – Stocken des Atems. – Schuldig!

Das Gebäude erbebte von Beifallsrufen, die sich verschiedenemal wiederholten. Dann hallte ein dumpfes, schweres, stets zunehmendes Getöse, einem zürnenden Donner gleich, von außen nach. Es war das Freudengeschrei des Volkes draußen, womit es die Nachricht begrüßte, daß der Jude am Montag sterben werde.

Nachdem sich der Lärm gelegt hatte, wurde Fagin gefragt, ob er etwas vorzubringen hätte, was der Vollstreckung des Todesurteils Einhalt gebieten könne. Er hatte seine horchende Stellung wieder eingenommen und sah den Richter gespannt an. Dieser mußte die Frage wiederholen, ehe sie der Jude zu verstehen schien. Fagin murmelte bloß, er wäre ein alter Mann – ein alter Mann, wobei sich seine Stimme in ein leises Flüstern verlor, bis sie schließlich ganz erstarb.

Der Richter setzte die schwarze Mütze auf, während der Gefangene noch immer in der gleichen Haltung dastand. Der Urteilsspruch war schauerlich anzuhören, aber der Verurteilte stand wie eine Bildsäule da, ohne daß ein Muskel in seinem Gesicht zuckte. Als ihn der Gerichtsdiener beim Arm nahm und ihm winkte, sah er ihn zuerst stumpfsinnig an, gehorchte aber dann.

Man führte ihn durch einen gepflasterten Gang in das Innere des Gefängnisgebäudes. Hier wurde er untersucht, ob er nicht vielleicht Mittel bei sich träge, dem Gesetze vorzugreifen. Dann brachte man ihn in eine der für die zum Tode Verurteilten bestimmten Zellen und ließ ihn

allein.

Er setzte sich der Tür gegenüber auf eine steinerne Bank, die als Stuhl und Bett dienen mußte, heftete seine blutunterlaufenen Augen auf den Boden und wollte seine Gedanken sammeln. Nach einer Weile begann er sich einiger zusammenhängender Bruchstücke von dem, was der Richter gesprochen, zu entsinnen. Er brachte sie in die richtige Ordnung und suchte das Fehlende zu ergänzen; in kurzer Zeit stand das Ganze fast so, wie er es angehört hatte, vor ihm. Aufgehängt zu werden am Halse, bis er tot wäre – lautete der Schluß. Aufgehängt zu werden am Halse, bis er tot wäre.

Als es immer dunkler und dunkler wurde, begann er sich aller seiner Bekannten, die am Galgen geendet -einige sogar durch seine Schuld –, zu entsinnen. Er hatte manche von ihnen sterben sehen und ihrer gespottet, weil sie mit Gebeten auf den Lippen hinübergingen. Wie plötzlich waren sie aus gesunden, kräftigen Männern in baumelnde, bekleidete Fleischklumpen verwandelt worden!

Einige von ihnen hatten vielleicht dieselbe Zelle bewohnt – hatten auf derselben Stelle gesessen. Es war sehr dunkel – warum brachte man kein Licht? Die Zelle war vor vielen Jahren erbaut – Dutzende von Verbrechern mußten hier ihre letzten Stunden zugebracht haben! Es war ihm, als sitze er in einem mit Leichen angefüllten Gewölbe – der Strick – die gefesselten Arme – die Armesünderkappe – die Gesichter, die er selbst unter diesem gräßlichen Schleier erkannte – Licht! Licht!

Endlich erschienen zwei Männer, von denen der eine ein Licht brachte, das er in einen eisernen, in der Mauer befindlichen Leuchter steckte, während der andere eine Matratze hereinschleppte, um die Nacht darauf zu schlafen; denn der Gefangene sollte fortan nicht mehr allein gelassen werden.

Die Nacht kam, die finstere, schauerliche, schweigende Nacht. Andere Wachende freuen sich, wenn sie die Uhren von den Kirchtürmen schlagen hören, verkünden sie doch den kommenden Tag und neues Leben. Dem Juden brachten sie Verzweiflung. jeder Glockenschlag rief ihm im hohlen Tone zu – Tod!

Der Tag entschwand – Tag? Es war kein Tag! Er war so schnell dahin, als er gekommen war. Und abermals brach die Nacht herein – eine Nacht, so lang und doch so kurz. Lang in ihrem schrecklichen Schweigen, und kurz in ihren flüchtigen Stunden. Das eine Mal raste er und lästerte Gott – dann heulte er wieder und raufte sich die Haare. Rabbiner waren gekommen, um mit ihm zu beten, er hatte sie jedoch mit Flüchen fortgejagt. Sie erneuerten ihre gutgemeinten Versuche, aber er schlug nach ihnen.

Sonnabend nacht – er hatte nur noch eine Nacht zu leben. Unter solchen Gedanken graute der Morgen

Sonntag!

Erst am Abend dieses letzten schrecklichen Tages bemächtigte sich seiner ein zu Boden drückendes Gefühl seiner hoffnungslosen Lage. Er sprang alle Augenblicke auf und raste mit keuchendem Atem auf und nieder. Dann kauerte er sich ermüdet auf sein Steinlager nieder und gedachte der Vergangenheit. Er war am Tage seiner Verhaftung durch die Steinwürfe des Volkes verwundet worden und hatte daher den Kopf mit einem Tuche verbunden. Sein rotes Haar hing über ein blutleeres Gesicht, in seinen Augen brannte ein schreckliches Feuer. Acht -neun – zehn. Wenn es nicht Absicht war, ihn so zu schrecken, wenn die Stunden wirklich so eilten, wo mußte er sein, wenn sie abermals schlugen? Elf! Um acht Uhr sollte er der einzige Leidtragende bei seinem eigenen Leichenbegängnis sein. Wenn es aber wieder elf Uhr schlug – –

Vom frühen Abend bis um Mitternacht erschienen unaufhörlich Leute am Gefängnistor und fragten mit besorgtem Gesicht, ob ein Aufschub der Hinrichtung verfügt sei. Auf die verneinende Antwort des Pförtners teilten sie die willkommene Botschaft den auf der Straße Wartenden mit. Diese zeigten einander die Tür, aus der der Verurteilte kommen mußte, und die Stelle, wo der Galgen errichtet werden würde. Nach und nach verliefen sich die Massen und um Mitternacht lag der Platz im Dunkeln.

Um diese Zeit erschien Herr Brownlow mit Oliver am Gefängnistor und wies eine vom Sheriff ausgestellte Erlaubniskarte vor, den Gefangenen besuchen zu dürfen. Sie wurden unverzüglich eingelassen.

„Will der junge Herr da auch mit?“ fragte der Schließer. „Es ist kein Anblick für Kinder.“

„Allerdings nicht, lieber Freund, aber was ich mit dein Verbrecher abzumachen habe, hat Bezug auf den Knaben. Er hat ihn als erfolgreichen Spitzbuben gekannt, und ich halte es für ganz gut, wenn er ihn auch jetzt sieht, mag es ihm immerhin peinlich sein.“

Diese Worte wurden so leise gesprochen, daß sie Oliver nicht hören konnte. Der Schließer berührte seinen Hut und blickte neugierig nach dem jungen hin, dann öffnete er eine Tür und führte sie durch dunkle Gänge nach der Armensünderzelle.

Der Jude saß auf seiner Steinbank und wiegte sich mit einem Gesicht, das mehr dem eines eingesperrten Tieres als dem eines Menschen ähnlich sah, hin und her. Sein Geist beschäftigte sich augenscheinlich mit seinem früheren Leben, denn er murmelte, ohne sich durch den Eintritt der beiden stören zu lassen, unaufhörlich vor sich hin.

„Guter Junge, Karl – brav gemacht! Oliver auch, ha! ha! ha! Oliver auch – ganz Herr jetzt – bringt ihn zu Bett! Ins Bett mit ihm! – Hört denn keiner von euch? – Er – er – ist gewissermaßen an allem schuld. Um des Geldes willen lohnt es sich, ihn dazu aufzuziehen – Bolters Hals, Bill. – Laßt doch das Mädchen laufen Schneid in Bolters Hals, so tief du kannst. Hau ihm den Kopf ab!“

„Fagin!“ sagte der Schließer.

„Hier!“ rief der Jude, plötzlich in die horchende Stellung verfallend, die er vor Gericht eingenommen hatte. „Ein alter Mann, Euer Gnaden. Ein sehr alter Mann.“

„Hier ist jemand“, sagte der Schließer, „der Euch etwas fragen will. Fagin, Fagin, seid Ihr ein Mann?“

„Werd’s nicht mehr lange sein!“ schrie der Jude mit schreckenerregender Stimme. „Schlagt alle tot. Was haben sie für ein Recht, mich abzumurksen?“

Jetzt erst bemerkte er Oliver und Herrn Brownlow und fragte, nach dem hintersten Winkel seiner Bank zurückweichend, was sie hier wollten.

„Ihr seid im Besitz einiger Papiere“, sagte Herr Brownlow nähertretend, „die Euch ein gewisser Monks zur Aufbewahrung übergeben hat.“

„Alles gelogen“, schrie Fagin. „Ich habe keine – keine.“

„Um Gotteswillen, sprecht nicht so am Rande des Grabes, sondern sagt, wo sie sind! Ihr wißt Sikes ist tot, und Monks hat gestanden. Es ist für Euch keine Hoffnung mehr vorhanden, daraus einen Gewinn zu erzielen. Also, wo sind die Papiere?“

„Oliver“, rief der Jude, ihm winkend. „Komm her, ich will es dir sagen.“

Ohne Furcht ging der Junge zu ihm und Fagin flüsterte ihm, ihn an sich ziehend, ins Ohr:

„Sie sind in einem Leinenbeutel in einem Loch des Schornsteins, oben in der Vorderstube. Ich möchte gern mit dir noch sprechen, Liebling.“

„Ja, ja“, entgegnete Oliver. „Lassen Sie mich beten und beten Sie mit mir. Und wenn es nur ein Gebet ist. Ich bleibe dann bei Ihnen bis zum Morgen.“

„Draußen, draußen“, sagte Fagin und drängte den Jungen vor sich her nach der Tür. „sage, ich schlafe, dir wird man glauben. Du kannst mich retten. Los! Jetzt!“

„Lieber Gott, vergib diesem Unglücklichen“, schrie Oliver, in Tränen ausbrechend.

„So ist’s recht“, sagte der Jude. „Das wird uns helfen! Diese Tür zuerst. Nur schnell! Komm!“

„Haben Sie ihn noch etwas zu fragen?“ erkundigte sich der Schließer bei Herrn Brownlow. Dieser verneinte. Man öffnete die Zellentür, und die Gefangenenwächter befreiten Oliver aus Fagins Griff. Er kämpfte mit einer Kraft, die ihm die Verzweiflung verlieh und stieß dabei schreckliche Jammertöne aus.

Oliver wurde bei diesem schrecklichen Auftritt fast ohnmächtig und es dauerte eine Stunde, ehe er sich so weit erholt hatte, daß sie den Heimweg antreten konnten. Der Tag brach an, und es wimmelte auf dem Platz bereits von Menschen. Die Fenster waren von Leuten besetzt, die sich mit Rauchen und Kartenspielen die Zeit vertrieben. Die Menge auf der Straße drängte sich, scherzte und lachte. Alles atmete Heiterkeit und Leben, mit Ausnahme eines schwarzen Gerüstes in der Mitte des Platzes. Der Querbalken und der Strick waren grauenvolle Wahrzeichen des Todes in häßlichster Gestalt.

Es waren noch keine drei Monate ins Land gegangen, als Rosa Flemmings und Harry Maylies Ehebund in der Dorfkirche geschlossen wurde, die fortan der Schauplatz der Tätigkeit des jungen Geistlichen sein sollte. An demselben Tage zogen sie in ihr neues Heim. Frau Maylie die sich für den Rest ihrer Tage an dem Glücke ihrer Kinder erfreuen wollte, schlug ihren Wohnsitz bei dem jungen Paare auf.

Monks und seine Mutter hatten den größten Teil des Leefordschen Vermögens verwirtschaftet. Es blieben noch für ihn und Oliver je dreitausend Pfund übrig. Dem letzten Willen des Vaters zufolge hätte Oliver Anspruch auf das Ganze gehabt. Herr Brownlow aber hatte diese Teilung vorgeschlagen, um den älteren Sohn in den Stand zu setzen, ein neues Leben zu beginnen. Und Oliver hatte gern zugestimmt. Monks behielt seinen angenommenen Namen bei und wanderte nach Amerika aus. Hier brachte er in kurzer Zeit sein Geld durch und beging verschiedene Betrügereien, die ihn ins Gefängnis führten, in dem er auch bald starb. Ebenso fern von der Heimat starben die noch übriggebliebenen Mitglieder der Bande seines gehenkten Freundes Fagin.

Herr BrownIow nahm Oliver an Kindesstatt an und bezog mit ihm und Frau Bedwin eine Wohnung, die nur zehn Minuten vom Maylieschen Pfarrhaus entfernt lag. Er erfüllte damit einen Herzenswunsch des Jungen.

Bald nach der Vermählung des jungen Paares kehrte der würdige Doktor nach Chertsey zurück. Er fühlte sich aber dort nicht mehr glücklich, da seine alten Freunde doch alle fortgezogen waren. Er übertrug daher seine Praxis seinem Assistenten und kaufte sich ganz in der Nähe des Dorfes, wo Harry Maylie Pfarrer war, ebenfalls ein kleines Häuschen. Er legte sich nun auf Ackerbau und Viehzucht und wurde bald von den Nachbarn als Autorität darin anerkannt. Mit Grimwig hatte er eine herzliche Freundschaft geschlossen. Dieser besuchte daher den Doktor häufig. An Sonntagen verfehlte Herr Grimwig nie, dem jungen Geistlichen seine Predigt ins Gesicht zu kritisieren, versicherte jedoch Herrn Losberne nachher im strengsten Vertrauen, daß sie ausgezeichnet gewesen sei; er halte es jedoch für richtig, es nicht zu sagen. Es machte ihm auch immer Vergnügen, Herrn Brownlow mit seiner alten Prophezeiung über Oliver zu necken und ihn an den Abend zu erinnern, an dem sie, die Uhr mitten zwischen sich, seine Rückkehr erwarteten. Herr Grimwig meinte dann, daß er in der Hauptsache doch recht hatte, denn Oliver sei eben nicht zurückgekommen. Dann lacht er vergnügt und ist in bester Stimmung.

Herr Noah Claypole wurde begnadigt, da er gegen den Juden als Kronzeuge aufgetreten war. Das Diebesgewerbe hielt er nach seinen Erfahrungen nicht für ganz sicher und wandte sich daher einem anderen Berufe zu, nämlich dem eines Denunzianten. Er geht alle Sonntage während der Kirchzeit mit Charlotte, fein angezogen, spazieren. Vor der Tür eines Wirtshauses fällt die Dame in Ohnmacht; um sie wieder zu sich zu bringen, kauft der Herr für einige Pence Kognak. Am anderen Tage erstattet er Anzeige gegen den menschenfreundlichen Gastwirt wegen Sabbatschändung und streicht die halbe Strafe ein. Manchmal wird auch Herr Claypole ohnmächtig, aber das Resultat ist dasselbe.

Herr und Frau Bumble verloren ihre Stellen, versanken allmählich in das größte Elend und kamen zuletzt als Arme in dieselbe Anstalt, in der sie einst geherrscht hatten.

Was Herrn Giles und Brittles anbelangt, so versehen sie noch immer ihre alten Posten, nur ist ersterer kahl und der junge Brittles grau geworden.

Herr Karl Bates war durch das Entsetzen, das ihm Sikes Verbrechen eingeflößt hatte, auf den Gedanken gekommen, daß ein anständiges Leben am Ende doch das beste wäre. Er wandte deshalb dem Schauplatz seiner Vergangenheit den Rücken und nahm sich vor, einen ehrlichen Beruf zu ergreifen. Es kam ihm zwar anfangs hart an, aber nachdem er bei einem Bauern und einem Fuhrmann seine Lehrjahre bestanden, hat er sich auf den Viehhandel gelegt und ist einer der gewandtesten und lustigsten jungen Viehhändler von ganz Northamptonshire geworden.

An dem Altar der alten Dorfkirche befindet sich eine weiße Marmortafel, auf der nur das einzige Wort – Agnes – eingegraben ist. Sie bezeichnet keinen Sarg, der darunter liegt. Doch wenn die Geister der Toten auf die Erde zurückkehren, um Stellen zu besuchen, die durch die Liebe geheiligt sind – die über das Grab hinaus, reichende Liebe derjenigen, die sie im Leben kannten – so glaube ich, daß der Geist der armen Dulderin oft diese feierliche Stätte umschwebt, trotzdem die Stätte in einer Kirche ist und sie selbst schwach war und sündig.

Kapitel 1


Oliver Twist

Handelt von dem Orte, wo Oliver Twist geboren ward, und von Umständen, die seine Geburt begleiteten

In einer Stadt, die ich aus mancherlei Gründen weder nennen will, noch mit einem erdichteten Namen bezeichnen möchte, befand sich unter anderen öffentlichen Gebäuden auch eines, dessen sich die meisten Städte rühmen können, nämlich ein Armenhaus. In diesem wurde an einem Tage, dessen Datum dem Leser kaum von Interesse sein kann, der Kandidat der Sterblichkeit geboren, dessen Namen die Kapitelüberschrift nennt.

Lange noch, nachdem er bereits durch den Armenarzt in dieses irdische Jammertal eingeführt war, blieb es höchst zweifelhaft, ob das Kind lange genug leben würde, um überhaupt eines Namens zu bedürfen. Es hielt nämlich ungernein schwer, Oliver zu bewegen, die Mühe des Atmens auf sich zu nehmen, allerdings eine schwere Arbeit, die jedoch die Gewohnheit zu unserm Wohlbefinden nötig gemacht hat. So lag er, eine geraume Zeit nach Luft ringend, auf einer kleinen Matratze, wobei sich die Waagschale seines Lebens entschieden einer besseren Welt zuneigte. Wäre Oliver damals von sorglichen Großmüttern, ängstlichen Tanten, erfahrenen Wärterinnen und hochgelehrten Ärzten umgeben gewesen, so wäe er unzweifelhaft mit dem Tode abgegangen, so aber war niemand bei ihm als eine arme alte Frau, die infolge ungewohnten Biergenusses ziemlich benebelt war, und ein Armenarzt, der vertragsgemäß bei Geburten Hilfe leisten mußte. Oliver hatte deshalb die Sache mit der Natur allein auszufechten. Das Ergebnis war, daß Oliver nach einigen Anstrengungen atmete, nieste und endlich damit zustande kam, den Bewohnern des Armenhauses die Ankunft einer neuen Bürde für die Gemeinde durch ein so lautes Schreien anzukündigen, als sich füglich von einem Jungen erwarten ließ, der die ungemein nützliche Beigabe einer Stimme erst seit drei und einer viertel Minute besaß. Da erhob sich das bleiche Gesicht einer jungen Frau mit Mühe von den Kissen und eine schwache Stimme flüsterte kaum vernehmbar: „Lassen Sie mich das Kind sehen, dann will ich gern sterben.“

Der Arzt saß vor dem Kamin und war bemüht, seine Hände bald durch Reiben, bald durch Ausstrecken über die Kohlen warm zu halten; als aber die junge Frau sprach, stand er auf, trat an das Kopfende des Bettes und sagte mit mehr Freundlichkeit, als man ihm zugetraut hätte: „Oh! Sie müssen nicht vom Sterben sprechen!“

Die Wöchnerin streckte die Hand nach ihrem Kinde aus, der Arzt legte es ihr in die Arme. Sie küßte es leidenschaftlich auf die Stirn, dann fuhr sie mit den Händen über ihr Gesicht, blickte wild um sich, schauderte, sank zurück – und starb.

„Sie hat ausgerungen“, sagte der Arzt nach einer kurzen Untersuchung zu der alten Frau. „Ihr braucht nicht nach mir zu schicken, wenn das Kind schreit, wahrscheinlich wird es etwas unruhig sein.“ Er zog bedächtig seine Handschuhe an. „Ihr könnt ihm dann ein wenig Haferschleim geben.“ Er setzte den Hut auf und trat, bevor er das Zimmer verließ, noch einmal ans Bett und sagte: „Es war ein hübsches Mädchen; woher kam sie?“

„Sie wurde gestern abend auf Anordnung des Armenvorstehers hier eingeliefert“, antwortete die alte Frau. „Man fand sie auf der Straße ohnmächtig; sie muß weit gelaufen sein, denn ihre Schuhe waren ganz zerrissen, jedoch, woher sie kam oder wohin sie wollte, weiß niemand.“

Der Arzt beugte sich über die Verblichene und hob ihre linke Hand hoch.

„Ich sehe schon, es ist die alte Geschichte“, sagte er kopfschüttelnd, „kein Trauring. Na! Gute Nacht!“

Er ging zu seinem Abendessen, und die alte Frau setzte sich auf einen Schemel in der Nähe des Kamins und begann das Kind zu kleiden.

In der Decke, die Oliver bisher umhüllt hatte, konnte man ihn ebensogut für das Kind eines Edelmannes als für das eines Bettlers halten. Aber jetzt in dem alten verwaschenen Kinderzeug, dlas durch langjährige Benutzung gelb geworden war, trug er Zeichen und Abzeichen seiner Stellung, nämlich die eines Gemeindekindes, einer Waise des Armenhauses, eines zum Hungern bestimmten Lasttieres, das von allen verachtet und von niemand bemitleidet, durch die Welt geknufft und gepufft wird.

Oliver schrie laut und kräftig; hätte er wissen können, daß er eine Waise war und der zärtlichen Fürsorge von Kirchen- und Armenvorstehern ausgeliefert, so hätte ervielleicht noch lauter geschrien.

Handelt davon, wie Oliver Twist heranwuchs, erzogen und ernährt wurde

In den ersten acht oder zehn Monaten war Oliver das Opfer eines systematischen Betrugs und einer unausgesetzten Gaunerei. Er wurde nämlich aufgepäppelt. Die Armenhausbehörde meldete den ausgehungerten und elenden Zustand des Waisenkindes pflichtschuldigst an den Gemeindevorstand. Dieser forderte einen Bericht darüber, ob sich „in dem Hause“ keine Frauensperson befände, die in der Lage sei, dem kleinen Oliver Twist die Nahrung zu reichen, deren er bedurfte. Die untertänige Antwort der Armenhausbehörde fiel verneinend aus, worauf der Gemeindevorstand den hochherzigen und menschenfreundlichen Entschluß faßte, Oliver in einem fünf Kilometer entfernten Filialarmenhaus unterzubringen. Dort wuchsen unter der mütterlichen Aufsicht einer älteren Frau zwanzig bis dreißig andere jugendliche Übertreter der Armengesetze auf, ohne von Kleidung und Nahrung allzusehr belästigt zu werden. Die Matrone nahm die kleinen Verbrecher gegen eine Entschädigung von wöchentlich sieben und einem halben Pence für den Kopf auf, und damit läßt sich ein Kind recht gut ernähren. Der Betrag reicht sogar zu, den Magen zu überladen und das Kind krank zu machen. Die alte.Dame war eine kluge und erfahrene Frau, sie wußte, was für Kinder – und noch mehr, was für sie selber gut war. Sie verwendete den größeren Teil des Kostgeldes zu ihrem eigenen Nutzen und setzte die heranwachsende Jugend auf noch kleinere Rationen, als von der Behörde beabsichtigt war.

Jedermann kennt die Geschichte eines praktischen Philosophen, der eine herrliche Theorie erfunden hatte, die ein Pferd befähigte, gänzlich ohne Nahrung zu leben. Der Versuch gelang so weit, daß er sein eigenes Pferd bis auf einen Strohhalm den Tag herunterbrachte und auch ohne Zweifel ein sehr mutiges, feuriges und gar nichts fressend des Tier aus ihm gemacht hätte, wenn es nicht vierundzwanzig Stunden vor dem Tage krepiert wäre, wo es sich zum ersten Male ausschließlich von der Luft ernähren sollte. Unglücklicherweise hatte das System der Frau, deren Fürsorge Oliver Twist anvertraut war, gewöhnlich einen ähnlichen Erfolg. Gerade wenn ein Kind so weit gekommen war, von dem kleinstmöglichen Teile der möglichst schwächsten Nahrung zu leben, so kam es acht-, bis neunmal in zehn Fällen vor, daß es an Hungertyphus erkrankte, oder sich verbrannte oder einen schweren Fall tat, lauter Zufälligkeiten, durch die das bedauernswerte kleine Wesen in eine andere Welt abgerufen und zu den Vätern versammelt wurde, die es in dieser nicht gekannt hatte.

Man kann nicht erwarten, daß diese Erziehungsmethode glänzende Ergebnisse zeitigte. Oliver Twist war an seinem neunten Geburtstage ein blasses, schmächtiges, im Wachstum zurückgebliebenes Kind. Aber Natur oder Vererbung hatte in seine Brust einen gesunden, kräftigen Geist gepflanzt, der auch, dank der spärlichen Diät der Anstalt hinreichend Raum hatte, sich auszudehnen. Vielleicht ist es nur diesem Umstande zuzuschreiben, daß er sich überhaupt seines neunten Geburtstages erfreuen durfte. Er feierte denselben in der erlesenen Gesellschaft zweier anderen jungen Herren im Kohlenkeller, wo sie nach einer tüchtigen Tracht Schläge eingesperrt worden waren, weil sie sich erdreistet hatten, hungrig zu sein. An diesem Tage wurde Frau Mann, die würdige Vorsteherin der Anstalt durch die unerwartete Erscheinung des Gemeindedieners, Herrn Bumble, in Schrecken gesetzt. Er bemühte sich gerade, die Gartentür zu öffnen.

„Herr du meine Güte! Sind Sie es, Herr Bumble?“ rief Frau Mann, indem sie ihren Kopf aus dem Fenster steckte, anscheinend hocherfreut dem Kirchendiener zu.

„Susanne, hole rasch den Oliver und die beiden anderen Rangen aus dem Keller und wasche sie. – Ach, wie mich das freut, Herr Bumble. Freue mich wirklich, Sie mal wiederzusehen“

Herr Bumble war ein dicker und außerdem jähzornige Mann und anstatt die freundliche Begrüßung zu erwidern, gab er der Gartentür einen Stoß, wie ihn nur der Fuß eines Gemeindedieners zu geben imstande ist.

„Mein Gott“, sagte Frau Mann hinauseilend – denn die drei Jungen waren inzwischen aus dem Keller geholt worden – „daß ich das vergessen konnte. Der lieben Kinder wegen hatte ich ja die Tür verriegelt. Treten Sie näher, Herr Bumble, bitte kommen Sie rein.“

Obgleich diese Einladung mit einer Liebenswürdigkeit vorgebracht wurde, die sogar das Herz eines Kirchenältesten erweicht, hätte, besänftigte sie den Gemeindediener durchaus nicht.

„Ist es etwa ein geziemendes und höfliches Benehmen, Frau Mann“, fragte Herr Bumble, „die Gemeindebeamten am Gartentor stehen zu lassen, wenn sie in Angelegenheiten, die die Gemeindewaisen betreffen, hierher kommen?‘

„Glauben Sie mir, ich war gerade dabei, den lieben Kindern zu erzählen, daß Sie kämen“, erwiderte Frau Mann unterwürfig.

Herr Bumble hatte eine hohe Meinung von seiner Beredsamkeit und seiner Wichtigkeit. Die eine hatte er entfaltet und die andere geltend gemacht. Er wurde dadurch milde gestimmt.

„Schon gut, Frau Mann“, entgegnete er in sanfterem Tone, „ich will es Ihnen glauben. Gehen Sie nur voran, Frau Mann, ich komme dienstlich und habe Ihnen etwas auszurichten.“

Frau Mann führte den Gemeindediener in ein kleines Zimmer, holte einen Stuhl herbei und nahm ihm dienstbeflissen den dreieckigen Hut und seinen Stock ab. Sie legte beides auf den Tisch vor ihm. Herr Bumble wischte sich den Schweiß von der Stirn und blickte wohlgefällig auf den dreieckigen Hut. Dann lächelte er. Tatsächlich, er lächelte. Gemeindediener sind auch nur Menschen, und Herr Bumble lächelte.

„Nehmen Sie mir nicht übel, was ich Ihnen jetzt sage“, bemerkte Frau Mann mit bestrickender Liebenswürdigkeit, „aber Sie haben einen weiten Spaziergang gemacht, darf ich Ihnen mit einem Gläschen aufwerten, Herr Bumble?“

„Nicht einen Tropfen, nicht einen!“ erwiderte Herr Bumble und wehrte mit seiner rechten Hand würdevoll, aber nicht unfreundlich ab.

„Sie dürfen’s mir nicht abschlagen“, sagte Frau Mann, der der Ton seiner Weigerung und die ihn begleitende Gebärde nicht entgangen war. „Nur ein kleines Gläschen mit ein wenig kaltem Wasser und ’nem Stückchen Zucker.“ Herr Bumble hustete.

„Nur einen Tropfen!“ fuhr Frau Mann im überredenden Tone fort.

„Was ist es denn?“ fragte der Gemeindediener.

„Nun, es ist etwas, von dem ich immer einen kleinen Vorrat haben muß, um es den lieben Kindern in den Kaffee gießen zu können, wenn sie nicht wohl sind“, versetzte Frau Mann, indem sie einen Eckschrank öffnete und eine Flasche nebst Glas zum Vorschein brachte. „Es ist Wachholder.“

„Den geben Sie den Kindern mit dem Kaffee, Frau Mann?“ fragte er, dabei mit seinen Augen den interessanten Vorgang der Mischung verfolgend.

„Ja, der liebe Gott weiß es, ich tu’s, so teuer er auch ist. Sie wissen ja, mein Herr, daß ich sie nicht vor meinen Augen leiden sehen könnte!‘

„Nein“, sagte Herr Bumble, „nein, das könnten Sie nicht. Ich weiß, daß Sie eine menschlich denkende Frau sind, Frau Mann“ (hier setzte sie ihm das Glas hin), „ich werde bei passender Gelegenheit den Gemeindevorstand besonders darauf aufmerksam machen.“ (Er zog das Glas näher an sich.) „Sie fühlen wie eine Mutter“ (er hob das Glas), „ich – mit Vergnügen trinke ich auf Ihre Gesundheit, Frau Mann“, damit trank er das Glas zur Hälfte leer.

„Doch nun zu unserm Geschäft!“ rief der Gemeindediener, indem er eine lederne Brieftasche herauszog. „Das mit der Nottaufe versehene Kind Oliver Twist ist heute neun Jahre alt geworden.“

„Gott segne ihn!“ fiel Frau Mann ein und rieb sich mit dem Schürzenzipfel ihr linkes Auge rot.

„Und trotz der angebotenen Belohnung von zehn Pfund, die nachher auf zwanzig erhöht wurde, trotz der äußersten – ich möchte fast sagen übernatürlichen – Anstrengungen seitens der Gemeinde sind wir nicht imstande gewesen, seinen Vater oder die Heimat, noch den Namen und den Stand seiner Mutter ausfindig zu machen.“

„Wie kommt es aber, daß er überhaupt einen Namen hat?“ fragte Frau Mann.

Der Gemeindediener warf sich in die Brust und entgegnete: „Den habe ich erfunden!“

„Sie, Herr Bumble?“

„Jawohl. Wir geben unsern Findlingen Namen nach dem Alphabet. Der letzte war ein S – ich taufte ihn Swubble. Dieser war ein T – ich benannte ihn Twist.“

„Sie sind ja ein wahrer Gelehrter, Herr Bumble.“

„Vielleicht“, sagte der Gemeindediener geschmeichelt, „kann sein, Frau Mann. – Oliver ist nun zu alt für dieses Haus, der Vorstand hat beschlossen, ihn wieder zurückzunehmen,.und ich soll ihn abholen. Bringen Sie ihn mal her.“

„Ich werde ihn sofort holen“, sagte Frau Mann und verließ das Zimmer. Oliver war inzwischen von dem Schmutz, der sein Gesicht und seine Hände bedeckte, so weit gereinigt worden, als es durch eine einmalige Wäsche geschehen konnte. An der Hand seiner wohlwollenden Beschützerin betrat er nun das Zimmer.

„Mach einen Diener vor dem Herrn, Oliver“, sagte Frau Mann.

Oliver machte eine tiefe Verbeugung sowohl vor Herrn Bumble auf dem Stuhl, als auch vor dem Dreispitz auf dem Tische.

„Willst du mit mir gehen, Oliver?“ fragte Herr Bumble mit hoheitsvoller Stimme.

Oliver wollte gerade sagen, daß er gern mit jedem fortgehen würde, als er bemerkte, daß ihm Frau Mann, die hinter den Stuhl des Gemeindedieners getreten war, mit wütender Miene die Faust zeigte. Er verstand diese Zeichensprache.

„Wird sie auch mitgehen?“ fragte der arme Junge.

„Nein, aber sie wird dich hin und wieder besuchen“, sagte Herr Bumble.

Das war kein sonderlicher Trost für Oliver. Trotz seiner Jugend war er jedoch klug genug, sich so zu gehaben, als verließe er Frau Mann nur ungern. Es wurde ihm nicht schwer, Tränen ins Auge zu locken, da Hunger und kürzlch überstandene Mißhandlungen recht geeignet sind, sie herbeizuführen. So weinte Oliver sehr natürlich. Frau Mann umarme ihn wohl tausendmal und gab ihm ein großes Butterbrot, damit er nicht allzu hungrig im Armenhuse ankäme. Unnötig zu sagen, daß ihm das Butterbrot leber war als die tausend Umarmungen der Frau Mann. Mit einer kleinen braunen Tuchmütze auf dem Kopf vere ließ nun Oliver die armselige Stätte, wo nie ein freundliches Wort oder ein zärtlicher Blick das Dunkel seiner Kinderjahre erhellt hatte.

Herr Bumble holte mit weiten Schritten aus, und der kleine Jnge trabte neben ihm her, wobei er alle fünf Minuten fragte, ob sie nicht bald „da“ seien.

Oliver war noch keine Viertelstunde im Armenhause und kaum mit der Vertilgung eines zweiten Stückchen Brotes fertig, als Bumble ihm sagte, daß heute abend eine Vorstandssitzung sei, und daß er unverzüglich vor dem Kollegium zu erscheinen habe.

Die Begriffe von Sitzung und Kollegium waren Oliver nicht besonders klar. Er wußte deshalb nicht, ob er bei dieser Nachricht lachen oder weinen sollte. Bumble führte ihn in ein großes weißgetünchtes Zimmer, wo acht bis zehn wohlbeleibte Herren um einen Tisch saßen. Oben am Tische machte sich auf einem Lehnstuhl, der etwas höher als die übrigen Stühle war, ein besonders wohlgenährter Herr mit einem sehr runden, roten Gesichte breit.

„Verbeuge dich vor den Vorstandsmitgliedern!“ sagte Bumble, und Oliver tat es.

„Wie heißt du, Junge?“ fragte der Mann im hohen Lehnstuhl.

Der Anblick so vieler Herren brachte Oliver so aus der Fassung, daß er zu zittern anfing. Er antwortete daher nur leise und schüchtern.

„Junge!“ sagte der Vorsitzende, „du weißt doch, daß du eine Waise bist?“

„Was ist das?“ fragte der arme Kerl.

„Du weißt doch, daß du keinen Vater und keine Mutter hast und daß du von der Gemeinde erzogen wirst, nicht wahr?“

„Jawohl, Herr“, erwiderte Oliver, bitterlich weinend.

„Warum heulst du?“ fragte ein Herr mit einer weißen Weste. In der Tat, der Grund, weshalb er weinte, war sehr schwer zu finden.

„Ich hoffe, du betest jeden Abend vorm Zubettgehen für die Leute, die dich aufziehen, wie es sich für einen Christen geziemt“, fragte ein anderer Herr mit barscher Stimme.

„Ja, Herr“, stotterte der Junge.

„Nun, wir haben dich hierherkommen lassen, damit du erzogen wirst und ein nützliches Gewerbe lernst“, sagte der Vorsitzende.

„Du wirst daher morgen früh um sechs Uhr anfangen, Werg zu zupfen“, fügte der Herr mit der weißen Weste hinzu.

Für die Verbindung dieser beiden Wohltaten machte Oliver auf einen Wink des Gemeindedieners eine tiefe Verbeugung und wurde dann schnell in einen großen Saal geführt, wo er sich auf einer harten Pritsche in den Schlaf weinte.

Armer Oliver! Er dachte nicht daran, als er so in einer glücklichen Selbstvergessenheit schlummernd dalag, daß jene Männer am selben Tage einen Entschluß gefaßt hatten, der den größten Einfluß auf sein künftiges Geschick haben sollte. Und doch war es der Fall, wie wir in folgendem sehen werden.

Die Mitglieder des Gemeinderats waren sehr weise, einsichtsvolle, philosophische Männer. Als sie ihre Aufmerksamkeit dem Armenhaus zuwandten, fanden sie mit einem Male, was bisher noch kein gewöhnlicher Sterblicher entdeckt hatte, daß es den Armen darin zu gut gefiel. Es war in ihren Augen ein rechtes Vergnügungslokal für die besitzlosen Klassen, ein Wirtshaus, wo nichts bezahlt wurde jahrein, jahraus Frühstück, Mittagessen, Tee und Abendbrot auf öffentliche Kosten –, ein Elysium aus Backsteinen und Mörtel mit Spiel und Tanz, ohne jede Arbeit.

„Oho“, sagten die Gemeinderäte, „das muß anders werden, und zwar sofort.“ Sie setzten daher als Richtlinie fest, daß die armen Leute die Wahl haben sollten (denn es war nicht ihre Absicht, jemand zu zwingen), in dem Hause langsam oder außer dem Hause schnell Hungers zu sterhen. Zu diesem Zwecke schlossen sie mit den Wasserwerken einen Vertrag über die Lieferung einer unbegrenzten Menge Wasser und trafen mit dem Getreidelieferanten eine Übereinkunft, von Zeit zu Zeit kleine Mengen Hafermehl herbeizuschaffen. So erhielten dann die Insassen des Armenhauses dreimal täglich einen dünnen Haferschleim, außerdem zweimal in der Woche eine Zwiebel und sonntags eine halbe Semmel.

Schon in den ersten sechs Monaten nach Olivers Rückkehr war dieses System in vollem Gange. Der Raum, in dem die Jungen abgefüttert wurden, war eine große Halle aus Stein, an deren einem Ende ein kupferner Kessel stand. Aus diesem schöpfte der Speisemeister, unterstützt von einigen Frauen, zur Essenszeit den Haferschleim. Von dieser köstlichen Speise erhielt jeder Junge einen Napf voll, und nicht mehr – festliche Anlässe ausgenommen, an denen sie auch noch ein nicht allzu großes Stück Brot bekamen. Die Näpfe brauchten nicht abgewaschen zu werden, die Jungens bearbeiteten sie mit ihren Löffeln so lange, bis sie wieder spiegelblank waren.

Kinder haben fast immer Hunger. Oliver und seine Kameraden hatten die Qualen des langsamen Hungertodes drei Monate lang ausgehalten. Da erklärte ein ziemlich großer Junge, dessen Vater eine kleine Kneipe hatte, und der daher reichliches Essen gewöhnt war, er fürchte seinen Schlafkameraden einmal nachts aufzuessen, wenn er nicht noch einen weiteren Napf Haferschleim täglich erhielte. Dabei rollten seine Augen wild. Die Jungen beratschlagen und losten dann, wer nach dem Abendessen zum Speisemeister gehen und um mehr bitten solle. Das Los fiel auf Oliver Twist.

Der Abend kam heran, der Speisemeister stellte sich an den Kessel, und nachdem ein langes Tischgebet über das kurze Mahl gesprochen war, wurde der Haferbrei aus, geteilt. Dieser war schnell im Magen der Kinder verschwunden, als Oliver aufstand und mit Napf und Löffel vor den Speisemeister hintrat. Hunger und Elend ließen ihn alle Rücksichten vergessen, doch zitterte er, als er sagte:

„Bitte, Herr, ich möchte noch etwas mehr.“

Der wohlgenährte, rotbäckige Koch wurde bei diesen Worten blaß und mußte sich am Kessel festhalten. Er blickte mit starrem Entsetzen auf den kleinen Rebellen und stieß schließlich mit schwacher Stimme aus: „Was?“

„Bitte, Herr, ich möchte noch etwas mehr!“

Da schlug ihn der Küchenmeister mit dem Löffel über den Kopf, packte Oliver bei den Händen und rief laut nach dem Gemeindediener.

Der Verwaltungsausschuß hielt eben eine Sitzung ab, als Herr Bumble aufgeregt ins Zimmer stürzte. Er wandte sich an den Vorsitzenden:

„Verzeihung, Herr Limbkins! Oliver Twist hat mehr haben wollen!“

Alle waren starr.

„Mehr?“ fragte Herr Limbkins. „Nehmen Sie sich zu, sammen, Bumble, und antworten Sie mir klar und deutlich. Habe ich das so zu verstehen, daß er noch mehr verlangte, nachdem er bereits seinen vorschriftsmäßigen Anteil erhalten hatte?“

„Jawohl, Herr!“

„Der Junge wird am Galgen enden“, sagte der Herr mit der weißen Weste. „Ich bin ganz sicher, daß der Bursche dereinst gehängt wird!“

Niemand widersprach dieser Prophezeiung. Nach kurzer Beratung wurde Oliver eingesperrt. Am nächsten Morgen wurde ein Anschlag an das Tor geklebt, der jedem, der Oliver der Gemeinde abnähme, eine Summe von fünf Pfund verhieß. Mit anderen Worten, Oliver Twist wurde nebst fünf Pfund jedem Mann oder jeder Frau – wer eben einen Lehrling oder einen Laufburschen brauchte – angeboten.

Berichtet, wie Oliver Twist dicht daran war, eine Stellung zu bekommen, die keine Sinekure gewesen wäre

Oliver blieb eine Woche lang in einer dunklen, eisamen Kammer eingesperrt. Er weinte den ganzen Tag über bitterlich. Wenn dann die lange, traurige Nacht kam, legte er seine Händchen auf die Augen, um nicht ins Dunkel starren zu müssen, kroch in eine Ecke und versuchte zu schlafen. Alle Augenblicke aber fuhr er aus seinem Schlaf auf und drückte sich dann dichter an die Mauer, als ob er sich selbst in ihrer kalten, harten Fläche einen Schutz gegen die ihn umgebende Finsternis verspräche.

Nun begab es sich, daß eines Morgens der Schornsteinfegermeister Gamfield die Landstraße entlangzog. Er dachte darüber nach, wie er gewisse Mietsrückstände, um die ihn sein Hauswirt ziemlich energisch gemahnt hatte, bezahlen solle. Er wußte nicht, wie er die ihm fehlenden fünf Pfund herbeischaffen könnte, und marterte damit bald sein Gehirn, bald den Kopf seines Esels. Da fiel ihm plötzlich der Anschlag ins Auge, als er beim Armenhause vorbeikam.

„Halt!“ sagte der Meister zu dem Esel, doch dieser, ebenfalls in tiefes Sinnen versunken, trabte, ohne auf den Befehl seines Herrn zu achten, ruhig weiter. Gamfield fluchte wie ein Heide und versetzte dem Esel einen Schlag auf den Kopf, daß dieser halb betäubt war und stillstand. Dann begann der Meister aufmerksam den Anschlag zu lesen.

Der Herr mit der weißen Weste stand, die Hände auf dem Rücken, am Tore. Er hatte dem kleinen Streit zwischen Gamfield und seinem Esel gespannt zugeschaut und lächelte gutgelaunt. Gamfield lächelte gleichfalls, als er das Schriftstück durchgelesen hatte, denn fünf Pfund waren gerade die Summe, die er brauchte. Was die Beigabe des Jungen anbelangt, so wußte der Meister, der die Armenhauskost kannte, daß es sich nur um ein ziemlich schmächtiges Menschenexemplar handeln könnte. Er buchstabierte also den Anschlag nochmals von Anfang bis zu Ende durch und redete dann den Herrn mit der weißen Weste an, indem er gleichzeitig grüßend die Hand an seine Pelzmütze legte:

„Diesen Jungen hier will also die Gemeinde als Lehrling vergeben?“

„Ja, lieber Freund“, erwiderte der Herr mit der weißen Weste leutselig, „warum?“

„Wenn die Gemeinde ihn ein leichtes, angenehmes Handwerk lernen lassen will, so möchte ich mein Schornsteinfegergeschäft empfehlen“, entgegnete der Meister. „Ich brauche einen Lehrling und bin bereit, ihn zu nehmen!“

„Kommen Sie rein“, sagte der Herr mit der weißen Weste.

Gamfield folgte diesem in das Sitzungszimmer und trug Herrn Limbkins seinen Wunsch vor.

„Es ist ein schmutziges Handwerk, man hat auch erlebt, daß Jungens in den Schornsteinen erstickt sind“, meinte Limbkins.

„Dies kommt daher“, versetzte Gamfield, „daß man das Stroh anfeuchtete, ehe man es im Kamin anzündete, um die Jungen herunterzuholen. Es gab nur Rauch aber kein Feuer. Rauch hat aber keinen Zweck, denn er veranlaßt einen Jungen nicht runterzukommen, er macht ihn nur schläfrig, und das ist es ja gerade, was solch ein Bursche will. Jungen sind faul und widerspenstig, meine Herren, und ein schönes, heißes Feuer das beste, um sie im Galopp herunterzubringen. Es ist auch ein humanes Mittel, meine Herren, denn wenn einer im Schornstein steckenbleibt und sich die Füße verbrennt, dann tut er schon selbst alles mögliche, um sich aus dieser Lage zu befreien.`

Die Vorstandsmitglieder berieten sich einige Minuten, dann verkündete Herr Limbkins:

„Wir haben Ihren Vorschlag überlegt, können aber nicht drauf eingehen.“

„Ganz und gar nicht“, sagte der Herr mit der weißen Weste.

„Entschieden nicht“, fügten die andern Vorstandsmitglieder hinzu.

„So soll ich ihn also nicht haben, meine Herren?“ fragte Gamfield.

„Nein“, antwortete Herr Limbkins, „oder Sie müßten mit einer kleineren Summe zufrieden sein, da es doch ein zu schmutziges Handwerk ist.“

„Was wollen Sie geben, meine Herren? Seien Sie nicht zu hart gegen einen armen Mann!“

„Nun, ich meine, drei Pfund und zehn Schillinge wären genug“, sagte Herr Limbkins.

„Schon zehn Schilling zuviel“, bemerkte der Herr mit der weißen Weste.

„Also, sagen wir vier Pfund, meine Herren“, versetzte Gamfield, „und Sie sind den Jungen für immer los. Vier Pfund, das ist anständig.“

„Drei Pfund und zehn Schillinge“, wiederholte Herr Limbkins unbeugsam.

„Wir wollen die Differenz teilen, meine Herren, drei Pfund und fünfzehn Schillinge also!“

„Nicht einen Penny mehr“, lautete die feste Antwort Herrn Limbkins.

„Sie sind mächtig hart zu mir“, sagte Gamfield kleinlaut.

„Unsinn“, sagte der Herr mit der weißen Weste. „Es wäre ein feines Geschäft auch ohne jeden Zuschuß. Greifen Sie zu, Mann. Er ist gerade der richtige Junge für Sie. Ab und zu hat er den Rohrstock nötig, und sein Essen braucht auch nicht üppig zu sein, denn er ist von seiner Geburt an nie überfüttert worden. Ha! Ha! Ha!

Der Handel wurde also geschlossen, und Bumble bekam den Auftrag, Oliver Twist noch am selben Nachmittag vor den Friedensrichter zu führen, um seinen Lehrbrief genehmigen und unterzeichnen zu lassen.

Der kleine Oliver wurde daher zu seinem großen Erstaunen aus der Haft entlassen und erhielt den Befehl, ein reines Hemd anzuziehen. Er hatte kaum diese ungewohnte gymnastische Übung beendet, als ihm Herr Bumble eigenhändig einen Napf voll Haferschleim und das sonntägliche Stück Brot brachte. Bei diesem Anblick fing Oliver kläglich an zu weinen, denn er dachte nichts anderes, als daß die Behörde ihn zu irgendeinem nützlichen Zwecke schlachten lassen wollte, da sie ihn wohl sonst kaum in dieser Weise mästen würde.

„Weine dir nicht die Augen rot, Oliver, sondern iß und sei dankbar“, sagte Herr Bumble würdevoll. „Du sollst Lehrling werden, Ofiver!“

„Lehrling, Herr?!“ rief der Junge zitternd.

„Jawohl, Oliver, die guten Herren, die an dir Elternstelle vertreten haben, wollen dich in die Lehre geben, damit du später im Leben vorwärts kommst und ein tüchtiger Kerl wirst. Das kostet der Gemeinde drei Pfund und zehn Schillinge, denke mal, Oliver, drei Pfund zehn Schillinge – siebzig Schillinge! – hundertvierzig Sixpences – und all das für einen ungezogenen Waisenjungen, den keiner leiden kann.“‚

Als Herr Bumble innehielt, um Atem zu schöpfen, rannen dem armen Oliver nur so die Tränen über die Backen, und er schluchzte bitterlich.

„Weine nicht!“ sagte Herr Bumble, der von der Wirkung seiner Beredsamkeit sehr befriedigt war. „Wisch dir die Tränen mit dem Ärmel ab und laß sie nicht -in die Suppe fallen. Das ist töricht.“ Das stimmte, denn in der Suppe war ohnehin schon Wasser genug.

Auf dem Wege zum Friedensrichter belehrte Herr Bumble seinen kleinen Begleiter, daß er dort weiter nichts zu tun habe, als recht glücklich auszusehen. Wenn ihn dann der Herr frage, ob er in die Lehre gehen wolle, so müsse er sagen, furchtbar gern. Oliver versprach zu gehhorchen, um so mehr als Herr Bumble die zarte Andeutung fallen ließ, er könne nicht sagen, was man ihm antun würde, wenn er nicht diesen seinen Unterweisungen getreulich nachkäme. Als sie an Ort und Stelle eintrafen, wurde Oliver in ein kleines Zimmer gebracht und von Herrn Bumble ermahnt, dort so lange zu verweilen, bis er ihn holen würde.

Klopfenden Herzens wartete der Junge bereits eine halbe Stunde, als endlich Herr Bumble seinen Kopf, der jetzt der Zierde des dreieckigen Hutes entbehrte, durch die Tür steckte und laut sagte:

„Nun, liebes Kind, komm zu dem Herrn.“ Dabei warf er Oliver einen drohenden Blick zu und flüsterte ihm zu: „Denke dran, was ich dir sagte, Bengel.“

Oliver sah bei diesem sich widersprechenden Ton der Anreden unschuldig zu Herrn Bumble auf. Dieser führte ihn sogleich in ein anstoßendes Zimmer, dessen Tür offen stand. Hinter einem Pult saßen dort zwei alte Herren mit gepuderten Perücken. Einer las eine Zeitung, der andere studierte mit Hilfe einer Schildpattbrille ein kleines vor ihm liegendes Pergament. Herr Limbkins stand vorn an einer Seite des Pultes und Meister Gamfield mit teilweise gewaschenem Gesicht auf der anderen.

Der alte Herr mit der Brille war über seinem Pergament eingenickt, und es entstand eine kurze Pause, nachdem Herr Bumble Oliver vor das Pult geführt hatte.

„Das ist der Junge, Euer Gnaden“, sagte Herr Bumble.

Der die Zeitung lesende Herr sah auf und zupfte den andern alten Herrn am Ärmel, worauf dieser erwachte.

„Ach, das ist also der Junge?“ fragte er.

„Ja, Euer Gnaden“, versetzte Herr Bumble. „Mach dem Herrn Richter eine Verbeugung, Oliver.“

Oliver machte seinen schönsten Diener.

„Der Junge will also gern Kaminfeger werden?“ sagte der Friedensrichter.

„Er ist ganz verrückt danach, Euer Gnaden“, sagte Bumble, „er würde davonlaufen, wenn wir ihn zwingen wollten, etwas anderes zu lernen!“

„Und dieser Mann da soll sein Meister sein, nicht wahr? Sie werden ihn doch gut behandeln, und was das Essen und die Kleidung anbelangt, nicht Not leiden lassen, versprechen Sie das?“

„Wenn ich einmal gesagt habe, ich will, so werde ich esauch tun“, entgegnete Gamfield mürrisch.

„Ihre Ausdrucksweise ist nicht gerade fein, mein Freund, aber Sie scheinen ein offener, ehrlicher Mensch zu sein“, sprach der Richter, den Meister dabei durch seine Brillengläser flüchtig anguckend. Wäre er nicht halb blind und beinahe schon kindisch gewesen, so hätte ihm die Brutalität in Gamfields Gesicht auffallen müssen.

„Ich denke das zu sein“, entgegnete der Meister mit einem häßlichen Blick.

„Daran zweifle ich nicht, mein Freund“, fuhr der alte Herr fort und suchte nach dem Tintenfaß.

Es war für Olivers Schicksal ein kritischer Augenblick. Hätte das Tintenfaß da gestanden, wo es der alte Herr vermutete, so hätte er seine Feder eingetaucht und den Lehrbrief unterzeichnet. Gamfield hätte dann Oliver gleich mitgenommen. Aber da es unmittelbar vor seiner Nase stand, so suchte er natürlich vergebens nach ihm auf dem Pulte herum. Er begegnete dabei dem verstörten Blicke Olivers, der trotz aller ermahnenden Winke und Püffe Bumbles seinen künftigen Lehrherrn mit Furcht und Schrecken betrachtete. Halb blind wie er war, fiel es doch dem Friedensrichter auf. Er hielt daher inne, legte die Feder hin und schaute von Oliver zu Herrn Limbkins hinüber, der unbefangen zu erscheinen versuchte und lächelnd eine Prise nahm.

„Mein Junge“, sagte der alte Herr und beugte sich über das Pult. Oliver fuhr bei diesem Tone zusammen, denn er war einer freundlichen Anrede nicht gewohnt. „Mein Kind, du siehst blaß und verstört aus. Was ist dir?“

„Tretet ein wenig auf die Seite, Bumble“, sagte der andere Ratsherr, die Zeitung weglegend. Er sah Oliver teilnahmsvoll an und sprach: „Junge, sag uns, was dir ist, habe keine Angst!“

Oliver fiel auf die Knie und bat mit gefalteten Händen, man möge ihn lieber in die finstere Kammer sperren, ihm nichts zu essen geben, ihn prügeln, ja totschlagen, nur solle man ihn nicht mit diesem schrecklichen Manne fortschicken.

„Nun“, sagte Herr Bumble, indem er feierlich Augen und Hände gen Himmel hob, „von allen lügnerischen, hinterlistigen Waisenkindern, die mir je vorgekommen sind, bist du der frechste.“

„Haltet den Mund, Gemeindediener!“ sagte der zweite alte Herr, als sich Herr Bumble in dieser Weise Luft gemacht hatte.

„Verzeihung, Euer Gnaden!“ entgegnete Bumble, der seinen Ohren nicht traute, „haben Euer Gnaden mich gemeint?“

„Jawohl. Sie sollen den Mund halten!“

Herr Bumble war starr. Einem Gemeindediener den Mund zu verbieten Das war ja Revolution.

Der Friedensrichter guckte seinen Kollegen bedeutungsvoll an und sagte dann:

„Wir versagen dem Lehrbriefe unsere Genehmigung“; damit schob er das Pergament beiseite.

„Ich hoffe“, stotterte Herr Limbkins, „Sie werden nicht glauben, daß die Behörde fahrlässig gehandelt hat, noch dazu auf das unhaltbare Zeugnis eines Kindes hin.“

„Wir sind nicht berufen, darüber eine Meinung auszusprechen“, versetzte der alte Herr ziemlich scharf. „Nehmen Sie den Jungen wieder mit und behandeln Sie ihn anständig. Er scheint’s nötig zu haben.“

Am nächsten Morgen wurde Oliver wieder für fünf Pfund ausgeboten.

Oliver findet eine Stelle und macht den ersten Schritt ins Leben

Angesehene Familien schicken die jüngeren Söhne, die sonst keine Aussicht haben vorwärtszukommen, gern auf die See. Der Armenhausvorstand beschloß dieses weise Beispiel nachzuahmen. Er glaubte, es wäre das beste für Oliver. Vielleicht würde ihn ein Schiffer in der Trunkenheit zu Tode prügeln oder sonstwie um die Ecke bringen. Herr Bumble erhielt also den Auftrag, einen Schiffer ausfindig zu machen, der Oliver nehmen würde. Als er von dieser Mission zurückkehrte, traf er in der Haustür den Leichenbestatter Herrn Sowerberry. Dieser war trotz seines ernsten Berufes keinem Scherze abgeneigt. Er schüttelte Herrn Bumble die Hand und sagte:

„Ich habe den beiden Weibern, die gestern abend starben, eben Maß genommen.“

„Sie werden noch reich werden, Herr Sowerberry.“

„Glauben Sie? Aber die von der Gemeinde bewilligten Preise sind zu gering, Herr Bumble.“

„Die Särge sind auch dementsprechend klein“, erwiderte der Gemeindediener würdevoll lächelnd.

Herr Sowerberry fand diesen Witz furchtbar komisch und lachte anhaltend. Endlich sagte er:

„Größere sind bei dem neuen Verpflegungssystem auch nicht nötig.“

„Übrigens, Herr Sowerberry, wissen Sie keinen, der einen Lehrjungen gebrauchen kann?“ fragte Herr Bumble, der das Gespräch ablenken wollte. „Sehr günstige Bedingungen, sehr günstig.“

Währenddessen zeigte er mit seinem Stock nach dem Anschlag an der Tür und schlug dreimal bedeutungsvoll auf die großgedruckten Worte „fünf Pfund“.

„Nun, wie wär’s?“

„Ach, Sie wissen, Herr Bumble, daß ich viel Armensteuer bezahle.“

„Nun?“

„Da dachte ich, wenn ich soviel bezahle, hätte ich auch ein Recht, wieder etwas davon rauszukriegen. Ich möchte deshalb schon den Jungen nehmen.“

Herr Bumble faßte den Leichenbestatter am Arme und führte ihn ins Haus. Dort hatte Herr Sowerberry eine Unterredung von fünf Minuten mit dem Vorstand, und man kam überein, daß Oliver ihm noch am selben Abend auf Probe übergeben werden solle. Dies wurde Oliver von den Herren mitgeteilt und ihm gleichzeitig angedroht, daß man ihn auf die See schicken würde, wenn er es in der Lehre nicht aushielte und der Gemeinde nochmal lästig fiele. Oliver hörte das schweigend an, dann führte ihn der würdige Herr Bumble an den neuen Schauplatz von Leiden. Als sie dem Orte ihrer Bestimmung näher kamen, sagte Herr Bumble:

„Schiebe dir die Mütze aus dem Gesicht, und halte den Kopf hoch.“

Der Leichenbesorger hatte eben die Fensterladen seiner Werkstätte geschlossen und trug beim Schein einer Kerze einige Posten in sein Buch ein, als Herr Bumble eintrat.

„Sind Sie es, Bumble?“ sagte Sowerberry und blickte von seinem Buche auf.

„Niemand anders“ versetzte der Gemeindediener, „und da ist der Junge.“

Oliver machte einen Diener.

„Also das ist der Junge“, sagte der Leichenbesorger und hob die Kerze hoch, um ihn besser betrachten zu können. „Liebe Frau, komm doch mal herein.“

Frau Sowerberry kam aus einem kleinen Zimmer hinter der Werkstätte, sie war eine kleine, magere Person mit einem Gesicht wie eine Xanthippe.

„Das ist der Junge aus dem Armenhause, von dem ich dir gesprochen habe.“

„,Mein Gott“, sagte sie, der ist aber doch zu klein.“

„Klein ist er freilich“, bemerkte Herr Bumble, „aber er wird wachsen, sicher, er wird wachsen.“

„Das glaub‘ ich wohl“, sagte Frau Sowerberry, „aber von unserer Kost. – Da, geh die Treppe herunter, kleines Gerippe! Charlotte, gib dem Jungen etwas von dem, was für den Hund zurückgestellt war, der kriegt nichts mehr, da er heute morgen nicht nach Hause gekommen ist“, rief sie dem Dienstmädchen zu.

Oliver verschlang mit Gier den Hundefraß.

„Nun“ sagte Frau Sowerberry, „bist du fertig?“ Sie hatte mit Entsetzen und düsterer Ahnungen voll zugesehen, wie ein solcher Appetit in Zukunft zu befriedigen sei. Oliver bejahte.

„So komm mit. Dein Bett ist unter dem Ladentisch. Ich denke, es macht dir nichts aus, unter den Särgen zu schlafen. Doch gleichviel, eine andere Schlafstelle können wir dirnicht geben.“

Oliver lernt seine neue Umgebung kennen und nimmt zum erstenmal an einem Leichenbegängnis teil. Er faßt eine ungünstige Meinung vom Geschäfte seines Meisters

Am Morgen wurde Oliver durch lautes Pochen an der Ladentür geweckt. Während er in seine Kleider fuhr und die Sperrkette zu lösen begann, ließ sich eine Stimme vernehmen:

„Öffne die Tür, ein bißchen schnell!“

„Sofort, Herr“, antwortete Oliver und schloß an der Tür.

„Ich vermute, du bist der neue Lehrling, nicht wahr?“ sagte die Stimme durchs Schlüsselloch.

„Jawohl“

„Wie alt?“

„Zehn Jahre.“

„Dann setzt es Keile, wenn ich erst drin bin. Paß bloß auf, du Armenhäusler!“ Dann hörte man pfeifen.

Oliver schob zitternd die Riegel zurück und machte die Tür auf. Ein paar Augenblicke sah Oliver die Straße rauf und runter, im Glauben, der Unbekannte sei einige Schritte weitergegangen. Er sah aber niemand als einen dicken Bengel, der auf einem Stein vor dem Hause saß und ein Butterbrot verschlang.

Da Oliver sonst niemand in der Nähe sah, sagte er zu ihm:

„Verzeihung, haben Sie geklopft?“

„Jawohl“, antwortete der Bengel.

„Wünschen Sie einen Sarg?“ fragte Oliver harmlos.

Der Bengel schnitt ein grimmiges Gesicht und schrie ihn an, es werde nicht lange dauern, bis er selbst einen brauchte, wenn er sich derartige Witze mit seinem Vorgesetzten erlaube.

„Du weißt wohl nicht, wer ich bin, Armenhäusler?“ fuhr der Bengel fort und kam näher.

„Allerdings nicht!“.

„Ich bin Herr Noah Claypole, und du bist mein Untergebener“, sagte der Bengel. „Mach die Fensterladen auf, Faultier!“ Mit diesen Worten versetzte Herr Claypole unserm Oliver einen Tritt und ging mit gewichtiger Miene in den Laden.

Bald nachdem Oliver die Fensterladen aufgemacht hatte, kamen Herr und Frau Sowerberry herunter. Claypole und Oliver gingen nun die steile Treppe zur Küche hinab, um zu frühstücken. Charlotte, die Köchin, legte Noah die besten Bissen vor, während Oliver mit dem Abfall vorliebnehmen mußte.

Noah war zwar der Zögling einer Armenschule, aber keine Waise. Seine Mutter war eine Waschfrau, und sein Vater ein abgedankter, immer betrunkener Soldat. Sie wohnten in der Nachbarschaft. Die Ladenschwengel schimpften Noah „Lederhose“ , „Barmherzigkeitsschüler“ und dergleichen, und er steckte es schweigend ein. Nun warf ihm der Zufall eine namenlose Waise in den Weg, und an dieser nahm er nun mit Wucherzinsen Rache.

Oliver war schon drei Wochen im Hause des Leichenbesorgers, als eines Morgens Herr Bumble in die Werkstätte trat und aus seiner großen ledernen Brieftasche ein Blatt Papier herausnahm, das er Herrn Sowerberry einhändigte.

„Aha“, sagte letzterer, „wohl eine Bestellung auf einen Sarg, nicht wahr?“

„Zuerst auf einen Sarg und dann auf ein Begräbnis“, erwiderte Herr Bumble, sich verabschiedend.

„Nun“, meinte Herr Sowerberry und nahm den Hut, „je eher dieses Geschäft erledigt wird, desto besser ist es. Noah, du bleibst in der Werkstatt, und du, Oliver, setzt die Mütze auf und kommst mit mir.“ Sie zogen los und waren bald vor dem Haus, wo man ihrer Dienste bedurfte. Es stand in einer schmutzigen, armseligen Gasse. Sie stiegen die Treppe hinauf und machten an einer offenenen Tür halt, die weder Klingel noch Klopfer hatte. Herr Sowerberry pochte. mit dem Finger an. Ein junges Mädchen von vierzehn Jahren öffnete. Sie waren am richtigen Orte. In einem kleinen, der Tür gegenüberliegenden Alkoven lag unter einer Decke die Leiche.

Der Leichenbesorger zog ein Band aus der Tasche, kniete an der Seite der Toten, eines jungen Mädchens, nieder und nahm Maß. Dann eilte er, Oliver hinter sich herziehend, rasch hinaus.

Am nächsten Tage kehrten Oliver und sein Meister wieder nach diesem Ort des Jammers zurück, wo sie bereits Herrn Bumble mit vier Männern aus dem Armenhause trafen, die Trägerdienste leisten sollten. Der rohe Sarg wurde zugeschraubt und auf die Straße gebracht. „Ihr müßt rasch machen“, flüsterte Sowerberry der Mutter der Toten zu. „Wir haben uns etwas verspätet, und es wäre unschicklich, den Geistlichen warten zu lassen. Los, Leute, – und so schnell wie ihr könnt.“

Man hätte übrigens nicht nötig gehabt, sich so zu beeilen, denn als sie den Kirchhof erreichten, war noch kein Geistlicher zu sehen. Der Küster, der in der Sakristei saß, meinte, es könne wohl noch eine Stunde dauern, bis der Prediger käme. Man setzte den Sarg am Rande des Grabes nieder. Zerlumpte Jungen, die dieses Schauspiel nach dem Friedhof gelockt hatte, spielten herum und machten sich das Vergnügen, über den Sarg hin und her zu springen. Sowerberry und Bumble saßen in der Sakristei beim Küster und lasen die Zeitung. Endlich, nach einer guten Stunde, sah man Herrn Bumble, Sowerberry und den Küster nach dem Grabe eilen, und gleich darauf erschien der Geistliche. Herr Bumble prügelte, um den Anstand zu wahren, ein paar Jungen durch. Der Prediger las aus dem Gebetbuch so viel als sich in fünf Minuten zusammenfassen ließ. Drauf gab er dem Küster seinen Talar und eilte fort.

„Nun, Bill“, sagte der Leichenbesorger ztim Totengräber, „wirf das Grab zu.“

Nachher wurde der Kirchhof geschlossen, und Sowerberry fragte auf dem Heimweg Oliver, wie es ihm gefallen hätte. Mit einigem Zögern sagte dieser, nicht sehr gut.

„Ach, mit der Zeit wirst du dich schon dran gewöhnen“, meinte der Meister. „Wenn man es gewöhnt ist, ist’s einem gar nichts, Junge.“

Oliver machte sich so seine Gedanken, ob Herr Sowerberry lange gebraucht habe, sich an etwas der Art zu gewöhnen. Er hielt es aber für besser, seine Frage für sich zu behalten.

Oliver erlaubt sich kräftiger aufzutreten

Der Probemonat war vorüber und Oliver wurde endgültig als Lehrling eingestellt. Die Jahreszeit war damals gerade ungesund und Särge fanden guten Absatz. Im Laufe einiger Wochen hatte Oliver ziemlich Erfahrung gesammelt. Da er seinen Meister in den meisten Geschäften begleitete, um sich die Ruhe des Gemütes und jene Herrschaft über seine Nerven anzueignen, die ein so notwendiges Erfordernis für einen Leichenbesorger sind, so hatte er oft Gelegenheit, Zeuge der Ergebung und Seelenstärke zu sein, mit der soviele Menschen ihre Heimsuchungen und Verluste trugen.

Wurde ein reicher alter Herr oder eine reiche alte Dame beraben, die von einer ganzen Anzahl Neffen und Nichten zur letzten Ruhe begleitet wurden, so konnte Oliver in den meisten Fällen beobachten, daß dieselben Verwandten, die während der Krankheit der Verblichenen sich ganz trostlos gebärdet hatten, recht fröhlich miteinander plauderten, als ob nichts in der Welt imstande wäre, ihre gute Launezu trüben. Männer ertrugen den Verlust ihrer Frauen mit der heldenmütigsten Ruhe. Frauen, die um den dahingeschiedenen Gatten Trauerkleider anlegten, schienen nur darauf bedacht zu sein, recht anziehend auszusehen.

Daß Oliver sich durch das Beispiel dieser guten Leute in eine gleiche Gemütsruhe hineingearbeitet hätte, wage ich als sein Lebensbeschreiber nicht zu behaupten. Ich kann nur sagen, daß er monatelang die schlechte Behandlung Noahs mit Geduld über sich ergehen ließ. Charlotte mißhandelte ihn, weil es Noah tat, und Frau Sowerberry war seine erklärte Feindin, da Herr Sowerberry ihn gern zu haben schien.

Oliver fühlte sich daher zwischen diesen drei Gegnern und den vielen Leichenbegängnissen nicht ganz so behaglich als das hungrige Ferkel, das aus Versehen in die Kornkammer einer Brauerei eingeschlossen wurde.

Oliver und Noah befanden sich eines Tages zur Essenszeit allein in der Küche. Charlotte war gerade abgerufen worden, und so mußte man aufs Essen warten. Die Wartezeit glaubte Noah nicht würdiger ausfüllen zu können, als daß er Oliver höhnte und neckte. Noah legte also seine Beine auf das Tischtuch, zupfte Oliver an den Haaren, kniff ihn in die Ohren, nannte ihn einen Kriecher und versprach ihm, dabei zu sein, wann und wo immer man ihn hängen würde. Da diese Neckereien ihren Zweck verfehlten, Oliver zum Weinen zu bringen, wurde Noah noch ausfallender. Er fragte:

„Armenhäusler!Wie geht’s deiner Mutter?“

„Sie ist tot“, versetzte Oliver, „unterstehdich aber nicht, über sie zu reden.“ Dabei wurde er feuerrot im Gesicht und um seinen Mund zuckte es verräterisch, als ob er im nächsten Augenblick losweinen müßte. Noah sah dies mit Befriedigung und fuhr fort:

„Woran starb sie denn?“

„An gebrochenem Herzen, wie mir eine alte Wärterin gesagt hat“,murmelte Oliver vor sich hin. „Ich kann mir denken, was das heißt.“

Als Noah eine Träne über Ollvers Backen rinnen sah, pfiff er ein lustiges Lied und sagte dann:

„Was bringt dich denn so zum Heulen?“

„Du nicht“ versetzte Oliver, indem er rasch die Träne wegwischte. „Glaub das nur nicht.“

„Was, ich nicht?“ höhnte Noah.

„Nein, du nicht“, entgegnete Oliver scharf. „Nun ist’s aber genug. Wenn du noch ein Wort über sie sagst, dann sollst du mal sehen.“

„Na, was denn? Was soll ich sehen. Armenhäusler, du wirst frech! Und deine Mutter! Wird auch ’ne feine Nummer gewesen sein. Du lieber Himmel!“ Noah rümpfte die Nase.

Oliver fraß seinen Ärger in sich und schwieg. Dadurch ermuntert, fuhr Noah im Ton spöttischen Mitleides fort:

„Du weißt, da ist nichts mehr zu ändern, auch tust du uns allen leid, aber du mußt doch wissen, daß deine Mutter eine ganz schlimme Person war, vollkommen herunter gekommen.“

„Was sagst du da“, fragte Oliver schnell aufblickend.

„Ein ganz heruntergekommenes Frauenzimmer, Armenhäusler“, versetzte Noah kühl, „und es ist nur gut, daß sie auf diese Weise starb, sonst hätte sie sicher im Gefängnis oder am Galgen geendet.“

Glutrot im Gesicht, sprang Oliver auf und Noah an die.Kehle, nahm dann seine ganze Kraft zusammen und schmetterte ihn mit einem Schlag zu Boden.

„Er bringt mich um!“ schrie Noah. „Charlotte! Frau Sowerberry! Hilfe, Hilfe! Oliver mordet mich! Er ist verrückt geworden! Char – lotte!“

Noahs Hilfegeschrei wurde durch ein lautes Kreischen Charlottens,und ein noch lauteres der Meisterin erwidert. Erstere eilte durch eine Seitentür in die Küche, während Frau Sowerberry so lange auf der Treppe stehen blieb, bis sie sich überzeugt hatte, daß keine Gefahr für ihr Leben zu fürchten sei.

„Du verfluchter Lump“, schrie Charlotte, indem sie Oliver mit kräftiger Faust packte, „du undankbarer, meuchelmörderischer, nichtswürdiger Schurke“, dabei schlug sie unbarmherzig auf ihn ein. Nun stürzte auch noch Frau Sowerberry in die. Küche und zerkratzte Oliver das Gesicht. Diesen günstigen Stand der Angelegenheit machte sich Noah zunutze, er sprang auf und knuffte Oliver von hinten.

Als alle drei müde waren und nicht mehr weiter prügeln konnten, schleppten sie den sich wehrenden, aber keineswegs entmutigten Oliver in den Keller und schlossen ihn da ein. Frau Sowerberry sank in einen Stuhl und brach in Tränen aus.

„Himmel, sie stirbt“, rief Charlotte. „Schnell, liebster Noah, ein Glas Wasser.“

„Ach, Charlotte“, stöhnte die Meisterin, „wir müssen Gott danken, daß wir nicht alle in unseren Betten ermordet wurden.“

„Ja, der arme Noah war schon halbtot, als ich hinzukam.“

„Armer Junge!“ sagte Frau Sowerberry mitleidig. „Doch was machen wir nun? Der Meister ist nicht zu Hause, und in zehn Minuten wird Oliver die Tür eingestoßen haben!“

Seine Fußtritte hörte man auch schon gegen diese donnern.

„Ich glaube, das beste wäre, man holte die Polizei“ , meinte Charlotte.

„Oder das Militär“, fügte Herr Noah Claypole hinzu.

„Nein“, rief Frau Sowerberry, die sich plötzlich an Olivers alten Freund erinnerte, lauf zu Herrn Bumble, Noah, und bitte ihn, er möge unverzüglich hierherkommen. Renne, eine Mütze brauchst du nicht.“

Ohne Zeit zu verlieren, stürzte Noah fort.

Oliver bleibt widerspenstig

Noah Claypole rannte ohne Aufenthalt nach dem Armenhause, wo er atermlos ankam. Nachdem er sich einige Minuten an der Tür ausgeruht hatte, setzte er eine klägliche Miene auf und klopfte dann laut an das Pförtchen. Nächdem man ihm geöffnet hatte, schrie Noah in ängstlichem Tone:

„Herr Bumble, Herr Bumble!“ Dieser eilte herbei.

„Ach, Herr Bumble!“ rief Noah, „Oliver hat – –“

„Was, – doch nicht etwa weggelaufen?“

„Nein, Herr, weggelaufen ist er nicht, aber ganz bösartig ist er geworden. Er hat mich umbringen wollen, und dann wollte er auch Charlotte und die Meisterin ermorden. Es war ganz schrecklich.“ Noah fing laut zu heulen an. Der Herr mit der weißen Weste ging gerade über den Hof; er trat auf Bumble zu und fragte, was mit dem Jungen los sei.

„Es ist ein Junge aus der Armenschule“, versetzte Herr Bumble, „der von dem jungen Twist beinahe ermordet worden wäre, jawohl, Herr.“

„Donnerwetter“, rief der Herr, „habe ich’s nicht gesagt? Ich hatte immer das Gefühl, daß Oliver Twist mal gehängt werden würde.“

„Er wollte auch die Köchin umbringen“, fuhr Herr Bumble bleichen Gesichts fort.

„Und die Meisiterin auch“, fügte Noah hinzu.

„Und den Meister ebenfalls –, so, sagtest du doch, Noah?“ ergänzte Herr Bumble.

„Nein, der war ausgegangen, sonst würde er ihn auch ermordet haben. Er sagte aber, er wolle –“

„So, sagte er das wirklich, er wolle“, fragte der Hery mit der weißen Weste.

„Ja, Herr!“ erwiderte Noah, „und die Meisterin wünscht zu wissen, ob Herr Bumble Zeit hat, hinüberzukommen und Oliver durchzuprügeln. Der Meister ist nämlich nicht zu Hause.“

„Gewiß, mein Junge, gewiß!“ sagte der Herr und streichelte Noahs Kopf. „Du bist ein guter Junge. Hier hast du einen Penny. Gehen Sie schnell mit Ihrem Stock zu Sowerberrys und schonen Sie Oliver Twist nicht.“

„Gewiß nicht,. Herr“, sagte Bumble und holte dann seinen Hut. Er begab sich in aller Eile, soweit es sich mit seiner Würde vertrug, nach der Werkstatt des Leichenbesorgers.

Hier hatte sich der Stand der Dinge nicht geändert. Da Oliver fortfuhr, mit ungeminderter Kraft gegen die Kellertüre zu stoßen, so hielt es Herr Bumble für klug, erst zu parlamentieren, bevor er die Tür öffnete. Er rief deshalb durchs Schlüsselloch:

„Oliver!“

„Lassen Sie mich raus“, erwiderte dieser von innen.

„Kennst du meine Stimme?“ fragte Herr Bumble.

„Und du fürchtest dich nicht, Junge? Zitterst nicht?“

„Nein!“

Eine solche Antwort hatte Herr Bumble nicht erwartet. Er war baff.

„Wissen Sie, Herr Bumble sagte Frau Sowerberry, der Junge muß verrückt sein, sonst würde er es nicht wagen, so mit Ihnen zu sprechen.“

„Das ist nicht Verrücktheit“, versetzte Herr Bumble nach einigen Augenblicken tiefen Nachdenkens, „das ist das Fleisch.“

„Was für Fleisch?“ fragte die Meisterin.

„Jawohl, das Fleisch. Sie haben ihn überfüttert. Daher kommt diese störrische Seele und der Geist des Widerspruchs, die für einen Menschen in seiner Lage nicht passen. Was haben überhaupt Arme mit Seele und Geist zu schaffen. Es ist genug, daß wir ihren Körper leben lassen. Hätten Sie dem Bengel nichts als Haferschleim gegeben, so wäre so etwas nie vorgefallen.“

In diesem Augenblick kam Herr Sowerberry nach Hause, und man erzählte ihm Olivers Verbrechen mit so viel Übertreibungen, daß er in einen mächtigen Zorn geriet. Er schloß die Kellertür im Nu auf und packte Oliver beim Kragen.

„Du bist mir ja ein nettes Früchtchen“, brüllte der Meister und gab ihm ein paar Maulschellen.

„Noah schmähte meine Mutter“, erwiderte Oliver trotzig.

„Wenn schon, du Strolch“, schrie die Meisterin. „Sie. hat’s verdient und noch viel mehr.“

„Sie hat’s nicht verdient“, entgegnete Oliver.

„Doch“, geiferte Frau Sowerberry.

„Das ist ’ne Lüge“, schrie der Junge.

Frau Sowerberry brach in einen Strom von Tränen aus, und dies ließ dem Meister keine Wahl. Er mußte seine teure Gattin zufriedenstellen, und so prügelte er denn, wenn auch ungern, den armen Jungen in einer Weise durch, die Herrn Bumbles nachträgliche Anwendung des Amtsstockes eigentlich unnötig machte. Dann wurde Oliver bei Wasser und Brot wieder eingeschlossen und durfte spät am Abend unter den Stichelreden Noahs und Charlottes sein trauriges Bett bei den Särgen aufsuchen.

Als Oliver in der düsteren Werkstätte allein war, ließ er seinen Gefühlen freien Lauf. Er hatte die Schmähungen mit Verachtung angehört und jede Mißhandlung ohne einen Schmerzenslaut hingenommen. Hier aber, wo ihn niemand sehen konnte, fiel er auf die Knie, verbarg sein Gesicht in den Händen und weinte heiße Tränen. Lange blieb Oliver in dieser Stellung. Als er wieder aufstand, war das Licht fast heruntergebrannt. Er horchte und entfernte dann leise die Riegel von der Tür. Er sah hinaus. Es war eine kalte, finstere Nacht. Kein Lüftchen wehte. Er schloß leise wieder die Tür, dann band er seine wenigen Kleidungsstücke mit einem Taschentuch zusammen und erwartete den Morgen auf einer Bank. Als die Sonne aufging, öffnete er aufs neue die Tür, sah sich scheu um und drückte sie dann hinter sich ins Schloß. Auf der Straße sah er sich nach rechts und links um, unschlüssig, wohin er fliehen sollte. Schließlich nahm er den Weg, der bergan führte, und bemerkte nach kurzer Zeit, daß er ganz nahe der Anstalt war, wo er seine ersten Kinderjahre zugebracht hatte.

Er langte bei dem Hause an. Niemand schien zu dieser frühen Stunde in demselben wach zu sein. Oliver blieb stehen und guckte durch das Gartengitter. Ein Kind jätete eben auf einem Beete Unkraut aus. Als es sein blasses Gesicht erhob, erkannte Oliver die Züge eines seiner früheren Kameraden.

„Pst, Dick!“ rief Oliver, und der Junge lief ans Tor und streckte seine dünnen Armchen zum Gruße durch das Gitter. „Ist niemand auf, Dick?“

„Außer mir, keiner“, entgegnete der Junge.

„Hör mal, du darfst nicht sagen, daß du mich gesehen hast, Dick“, sprach Oliver. „Ich bin weggelaufen. Man hat mich geschlagen und schrecklich mißhandelt. Ich will jetzt mein Glück in der Fremde versuchen. – Du siehst aber blaß aus, Dick.“

„Ich hörte, wie der Doktor sagte, ich müßte sterben“, sagte Dick mit einem schwachen Lächeln. „Ach, wie ich mich freue, dich wiedergesehen zu haben, Oliver, aber halt dich nicht auf. Eile.“

„Erst sage ich dir jedoch Lebewohl“, entgegnete Oliver. Ich werde dich wiedersehen, Dick; ganz gewiß. Du wirst noch gesund und glücklich werden.“

„Das hoffe ich auch, wenn ich einmal tot bin, früher nicht. Ich fühle, daß der Doktor recht hat, denn ich träume soviel vom Himmel und von Engeln und freundlichen Gesichtern, die ich nie sehe, wenn ich wach bin. Küsse mich“, sagte. der Kleine, indem er an dem niedrigen Tore emporkletterte und seine Ärmchen um Olivers Nacken schlang. „Lebwohl, lieber Oliver! Gott segne dich!“

Es war der Segenswunsch eines kleinen Kindes, aber es war der erste, den Oliver je über sein Haupt herabrufen hörte. Er vergaß ihn nie in allen Kämpfen, Mühen und Leiden seines späteren Lebens.

Oliver geht nach London, unterwegs begegnet er einem schnurrigen jungen Herrn

Bis Mittag wanderte Oliver, ohne zu rasten, die Landstraße entlang. Der Meilenstein, an dem er jetzt wagte auszuruhen, sagte ihm, – daß er noch hundert Kilometer von London entfernt sei. Dieser Name erweckte in der Seele des Knaben eine Flut von Gedanken. – London! – Diese große Stadt! – Niemand – nicht einmal Herr Bumble – konnte ihn dort auffinden. Er hatte im Armenhause oft alte Leute sagen hören, daß ein pfiffiger Junge in London nicht Hungers sterben würde. Nachdem er weiter sechs Kilometer zurückgelegt hatte, überlegte er, wie er wohl am besten hinkommen könne. Er hatte eine Brotrinde, ein Hemd, zwei Paar Strümpfe in seinem Bündel und einen Penny – ein Geschenk Sowerberrys – in der Tasche.

Ein reines Hemd, dachte Oliver, ist etwas sehr Angenehmes – wie auch das Paar gestopfter Strümpfe und der Penny aber für einen Marsch von vierundneunzig Kilometern nur geringe Hilfe. Oliver legte an diesem Tage dreißig Kilometer zurück und genoß die ganze Zeit über nichts als seine trockene Brotrinde und einige Glas Wasser. Mit Einbruch der Nacht kroch er in einen Heuhaufen und schlief bald fest ein. Er erwachte am nächsten Morgen durchgefroren und hungrig. Sein Penny ging für ein kleines Laib Brot drauf. An diesem Tage konnte er nicht mehr als achtzehn Kilometer schaffen. Nach einer weiteren im Freien zugebrachten Nacht fühlte er sich noch elender und konnte sich kaum auf den Beinen halten.

Er wartete am Fuße eines steilen Berges, bis eine Postkutsche kam, deren außensitzende Passagiere er anbettelte. Diese wollten sehen, wie weit er für einen halben Penny laufen könnte. Eine Weile versuchte Oliver mit der Kutsche Schritt zu hälten, aber die wunden Füße und seine Müdigkeit ließen es nicht lange zu. Als die Reisenden dies sahen, steckten sie ihren halben Penny wieder in die Tasche und nannten ihn einen faulen Hund.

In einigen Ortschaften waren große Warnungstafeln aufgestellt, die jeden Bettler mit Gefängnis bedrohten. Wenn sich nicht ein gutherziger Schrankenwärter und eine gutmütige alte Frau seiner erbarmt und ihm zu essen gegeben hätten, so.wäre es Oliver wahrscheinlich wie seiner Mutter ergangen; er wäre vor Hunger auf der Landstraße umgefallen.

Am siebenten Tage nach seiner Flucht hinkte Oliver morgens früh langsam in die kleine Stadt Barnet hinein. Die Fensterläden waren geschlossen, die Straßen leer. Die Sonne erhob sich soeben in all ihrer Herrlichkeit, aber, ihre Strahlen dienten nur dazu, dem Jungen, der mit blutenden Füßen auf einer Türschwelle saß, seine ganze trostlose Lage und Verlassenheit zu zeigen.

Allmählich öffneten sich die Fensterläden, und auf den Straßen zeigten sich Menschen. Einige blieben stehen, um Oliver anzustarren, aber niemand half ihm, ja, man nahm sich nicht einmal die Mühe, ihn zu fragen, woher er käme.

Da trat plötzlich ein Junge auf ihn zu, der ihn schon lange heimlich beobachtet hatte. Er sagte:

„Hallo, Dicker, was ist los mit dir?“

Der Junge mochte ungefähr von Olivers Alter sein und hatte ein ziemlich gemeines Gesicht, Stumpfnase, niedrige Stirn, kleine, stechende Augen, krumme Beine und war für sein Alter klein, dabei furchtbar schmutzig. Er benahm sich jedoch ganz wie ein Erwachsener. Sein Rock war zu weit und reichte ihm bis zu den Hacken. Der Hut saß so leicht auf seinem Kopfe, daß er jeden Augenblick herunterzufallen drohte, doch gab ihm der Junge dann mit einem Ruck einen Schwung, wodurch er wieder in die richtige Lage kam.

„Ich bin hungrig und müde“, antwortete Oliver mit Tränen in den Augen, „sieben Tage bin ich in einem fort gewandert.“

„In einem fort? Sieben Tage? Ich verstehe, wohl auf Schenkels Befehl? – Ich glaube, du weißt nicht mal, was ein Schenkel ist?“

„Doch“, erwiderte Oliver sanft, „das ist der obere Teil des Beins.“

„Mensch, du bist naiv!“ rief der junge Herr aus. „Ein Schenkel ist ein Friedensrichter, und wer auf Schenkels Befehl geht, kommt nicht vorwärts. Er muß immer aufwärts, ohne daß es je bergab ginge. Noch nie in der Mühle gewesen?“

„In was für einer Mühle?“ fragte Oliver.

„Na in der Tretmühle. – Doch du schiebst Kohldampf und mußt was zwischen die Zähne kriegen. Viel Moos habe ich ja auch nicht, aber es wird für dich schon reichen. Stell dich auf deine Hammelbeine und komm.“

Der junge Herr half Oliver aufstehen und nahm ihn mit in eine Schenke. Dort ließ er Bier, Brot und Schinken bringen. Oliver machte sich tüchtig über die Mahlzeit her, wobei ihn sein neuer Freund aufmerksam beobachtete. Als er mit dem Essen fertig war, fragte ihn der fremde Junge:

„Du willst nach London?“

„Ja.“

„Hast du schon ’ne Wohnung?“

„Nein.“

„Geld?“

„Nein.“

Der junge Herr pfiff durch die Zähne.

„Wohnst du in London?“ fragte jetzt Oliver.

„Ja, wenn ich zu Hause bin. – Aber du brauchst ’ne Schlafstelle, nicht wahr?“

„Freilich, ich habe seit einer Woche unter keinem Dach mehr geschlafen.“

„Laß dir darum keine grauen Haare wachsen, ich muß heute abend wieder nach London und kenne dort einen ganz respektablen alten Herrn, bei dem du umsonst wohnen kannst. Es muß dich allerdings ein Bekannter bei ihm einführen. Mich kennt er aber zur Genüge“, fügte der fremde Junge verschmitzt lächelnd hinzu.

Dieses unerwartete Anerbieten war zu verführerisch, um ausgeschlagen zu werden. Es entspann sich nun zwischen den beiden Jungen eine vertrauliche Unterhaltung, in deren Verlauf Oliver erfuhr, daß sein neuer Freund Jack Dawkins heiße und ein besonderer Liebling jenes alten Herrn sei. Dawkins Äußeres sprach allerdings nicht zugunsten einer solchen Protektion, da er aber ziemlich lockere Redensarten führte und auch gestand, daß seine Freunde ihn den pfiffigen Gannef(*Spitzbuben*) nannten, so folgerte Oliver, er möge wohl ein leichtsinniger Mensch sein, an dem die guten Lehren seines Wohltäters verlorengingen. Er beschloß daher bei sich, sich die gute Meinung des alten Herrn zu verschaffen und den weiteren Verkehr mit dem Gannef abzubrechen, wenn er ihn, wie er bereits jetzt schon vermutete, unverbesserlich finden sollte.

Da Dawkins nicht vor Einbruch der Nacht in London eintreffen wollte, so wurde es fast elf Uhr, als sie den Schlagbaum von Islington erreichten. Der Gannef riet Oliver, sich dicht hinter ihm zu halten, und eilte durch ein Gewirr kleiner Straßen und Gäßchen mit einer Geschwindigkeit, daß unser Held mächtig aufpassen mußte, um ihn nicht aus den Augen zu verlieren.

Trotzdem konnte sich Oliver nicht enthalten, ein paar hastige Blicke auf seine Umgebung zu werfen. Er befand sich jetzt an einer Stelle, wie er sie nie armseliger und schmutziger gesehen hatte. Die sich bergab ziehende Straße war schmal und dreckig und ihre Luft mit Gestank erfüllt Er konnte zwar ziemlich viel kleine Läden bemerken, aber die einzigen Warenvorräte schienen in Haufen von Kindern zu bestehen, die sogar in dieser späten Stunde vor den Türen herumkrochen. Die einzigen Stellen, die in dieser Atmosphäre gediehen, waren die Kneipen, in denen sich die niedrigste Klasse der Irländer mit Schimpfen und Raufen unterhielt. Bedeckte Gänge und Höfe, die sich von der Hauptstraße abzweigten, führten zu kleineren Häusergruppen, wo sich betrunkene Männer und Frauen buchstäblich im Kote wälzten. Aus dem Schatten der Torwege lösten sich große, verdächtig aussehende Kerle, die nichts Gutes im Schilde zu führen schienen, und schlichen scheuen Blicks über die Straße.

Sie waren am oberen Ende der Straße angelangt, und Oliver überlegte gerade, ob es nicht besser sei, davonzulaufen, als ihn sein Führer am Arm ergriff und durch die offene Tür in ein Haus in der Nähe der Field Lane zog. Sobald sie drin waren, schloß Dawkins die Tür ab.

„Der Gannef pfiff und antwortete auf eine Stimme von unten: „Was ist los?“

„Gannoven(*Spitzbuben*)!“

Unmittelbar darauf zeigte sich am hinteren Ende des Ganges ein schwacher Lichtschein, und das Gesicht eines Mannes erschien am zerbrochenen Geländer einer alten Kellertreppe.

„Ihr seid zwei, wer ist der andere?“

„Ein neuer Kumpel(*Kamerad*)“,.versetzte Jack Dawkins und stieß Oliver vorwärts.

„Wo kommt er her?“

„Aus der Fremde. Ist Fagin oben?“

„Ja, er sortiert die Rotzlappen(*seidene Taschentücher*). Geht hinauf.“ Die Kerze und das Gesicht verschwanden.

Oliver stolperte an der Hand Dawkins die Treppe hinauf. Oben angelangt, öffnete dieser die Tür eines Hinterzimmers und zog Oliver hinein.

Die Wände und die Decke des Gemachs waren von Alter und Schmutz ganz schwarz. Auf einem elenden Tisch brannte eine Kerze, die in den Hals einer Bierflasche gesteckt war. Über dem Feuer hing eine Bratpfanne, in der einige Würste prasselten, und daneben stand, eine Gabel in der Hand, ein alter, zusammengeschrumpfter Jude, dessen spitzbübisches Gesicht von verfilztem, rotem Haar umrahmt war. Er hatte einen schmierigen flanellenen Schlafrock an und schien seine Aufmerksamkeit zwischen der Bratpfanne und einem Kleiderständer zu teilen, auf dem eine Anzahl seidener Taschentücher hing. Um den Tisch saßen vier oder fünf Jungen, keiner älter als der Gannef, und rauchten aus langen Tonpfeifen Tabak und tranken Schnaps wie Alte. Sie drängten sich um Dawkins, als dieser dem Juden etwas zuflüsterte, und grinsten dann Oliver an.

„Das ist er, Fagin“, sagte Jack Dawkins laut; „mein Freund, Oliver Twist.“

Der Jude grinste, machte Oliver eine tiefe Verbeugung, nahm seine Hand und sagte, er freue sich, seine Bekannt,schaft gemacht zu haben. Hierauf umringten ihn die rauchenden jungen Herren und schüttelten ihm kräftig die Hände. Einer war besorgt, ihm die Mütze abzunehmen und aufzuhängen, während ein anderer seinen Diensteifer so weit trieb, ihm in die Taschen zu greifen, um ihm die Mühe zu ersparen, sie vor Schlafengehen auszuleeren. Hätte der Jude nicht mit der Gabel die Köpfe der liebenswürdigen Jünglinge bearbeitet, so hätten sich deren Höflichkeiten noch viel weiter erstreckt.

„Wir freuen uns alle sehr, dich kennenzulernen, Oliver“, sagte der Jude. „Gannef, nimm die Würste weg und laß Oliver an den Kamin, damit er sich wärmen kann. Du guckst nach den Taschentüchern, Liebling? Sind ’ne ganze Menge, nicht wahr? Wir haben sie für die Wäsche zusammengesucht, das ist alles, Oliver, ja, das ist alles! Ha! Ha! Ha!

In das Gelächter stimmten die hoffnungsvollen Schüler des alten Herrn laut ein. Dann setzte man sich zu Tisch.

Als Oliver seinen Teil gegessen, reichte ihm der Jude ein Glas Grog und ließ es ihn sogleich austrinken, weil noch ein anderer des Glases bedürfe. Nachdem Oliver dies getan, fiel er in einen tiefen Schlaf und wurde von seinem Freunde Jack auf ein aus alten Säcken bereitetes Lager getragen.

Enthält weitere Mitteilungen über den spaßhaften alten Herrn und seine hoffnungsvollen Schüler

Oliver erwachte am nächsten Morgen erst spät aus einem langen und festen Schlafe. Es befand sich nur noch der alte Jude im Zimmer, der sich zum Frühstück Kaffee kochte und leise vor sich hinpfiff. Oliver schlief zwar nicht mehr, er war aber auch noch nicht hellwach. Er sah mit halbgeschlossenen Augen den Juden und hörte sein leises Pfeifen.

Als der Kaffee fertig war, setzte der Alte die Pfanne auf den Kaminrost und stand einige Minuten unschlüssig da, als ob er nicht wisse, was er nun machen solle. Er drehte sich nach Oliver um und rief ihn an. Dieser antwortete jedoch nicht, sondern schien zu schlafen.

Der Jude beruhigte sich hierbei und verriegelte leise die Tür. Dann hob er eine Diele hoch und brachte ein Kästchen zum Vorschein, das er behutsam auf den Tisch stellte. Seine Augen funkelten, als er es öffnete und hineinsah. Er zog einen alten Stuhl an den Tisch, setzte sich und nahm eine herrliche, mit Brillanten besetzte, goldene Uhr heraus.

„Aha“, sagte der Jude, indem sich sein Gesicht zu einem scheußlichen Grinsen verzog, „verflucht schlaue Hunde! – Dichte gehalten bis zuletzt! Dem alten Pfaffen nicht das Versteck verpfiffen! Alten Fagin nicht reingelegt. Nu, was hätt’s auch genützt? Wären dem Strick doch nicht entgangen. Nein, nein, nein! Brave Jungens!“

Unter diesen und ähnlichen halblaut gesprochenen Betrachtungen legte der Jude die Uhr wieder behutsam an ihre Stelle zurück und holte dann wenigstens ein halbes Dutzend andere aus dem Kästchen, die er alle mit dem gleichen Vergnügen betrachtete. Dann kam die Reihe an Ringe, Busennadeln, Armbänder und solche Kostbarkeiten, die Oliver nicht einmal mit Namen kannte. Zuletzt nahm der Alte ein ganz kleines Geschmeide heraus. Es schien sich eine schwer zu lesende Inschrift darauf zu befinden, denn :der Jude legte es auf den Tisch, beschattete es mit der Hand und brütete lange darüber. An dem Gelingen seines Versuches verzweifelnd, lehnte er sich schließlich in seinen Stuhl zurück und murmelte vor sich hin:

„Es ist doch was Schönes ums Hängen! Tote bereuen nicht und machen keine Dummheiten. Plaudern auch nichts aus. Das ist gut fürs Geschäft. Fünf aufgehängt der Reihe nach, und keiner übriggeblieben, mich zu verpfeifen.“

Plötzlich fielen des Alten Augen auf Oliver, dessen Blicke in stummer Neugier auf ihn gerichtet waren. Er warf den Deckel des Kästchens hastig zu und ergriff das auf dem Tische liegende Brotmesser, dabei zitterte er am ganzen Körper.

„Was ist das?“ schrie Fagin. „Warum beobachtest du mich? Warum bist du wach? Was hast du gesehen? Rede, Junge, schnell, wenn dir dein Leben lieb ist.“

„Ich konnte nicht länger schlafen, Herr“, erwiderte Oliver demütig. „Es tut mir sehr leid, wenn ich Sie gestört habe.“

„Bist du nicht schon seit einer Stunde wach?“ fragte der Jude mit finsterem Blick.

„Nein, Herr, bestimmt nicht“, antwortete Oliver.

„lst’s auch wahr?“ versetzte der Jude, und er nahm eine noch drohendere Haltung ein.

„Auf mein Wort, es ist wahr, ich bin wirklich nicht wach gewesen“, entgegnete Oliver ernst.

„Schon gut, schon gut, mein Lieber!“ sagte der Jude, indem er sein früheres Wesen wieder annahm. Er spielte noch ein wenig mit dem Messer, ehe er es weglegte, um Oliver glauben zu machen, er hätte es nur aus Zerstreuung in die Hand genommen. „Ich wußte das schon vorher und wollte dir nur einen kleinen Schreck einjagen. Du bist ein braver Junge. Ha! ha! du bist ein braver Junge, Oliver.“ Er rieb sich kichernd die Hände, guckte aber unruhig nach dem Kästchen hin.

„Hast du etwas von den hübschen Sachen gesehen, Liebling?“ sagte dei Jude nach einer kurzen Pause und legte die Hand auf das Kästchen.

„Ja, Herr“, erwiderte Oliver.

„Ach!“ rief erblassend der Jude. „Sie sind – ja sie sind mein Eigentum, Oliver, mein winziges Eigentum, mein alles für meine alten Tage. Die Leute nennen mich einen Geizhals. Ja, das tun sie.“

Oliver dachte, der alte Herr müßte tatsächlich ein rechter Geizhals sein, sonst würde er nicht so elend wohnen. Dann fiel ihm aber ein, daß die Fürsorge für den Gannef und die übrigen Jungen ihn ein schönes Geld kosten möge. Oliver fragte nun bescheiden, ob er aufstehen dürfe.

„Gewiß, Liebling“, antwortete der Jude. „Dort in der Ecke steht ein Krug Wasser, hole ihn, ich werde dir eine Waschschüssel geben.“

Oliver tat, wie ihm geheißen, und als er sich umdrehte, war das Kästchen verschwunden. Nachdem er sich gerade gewaschen hatte, trat der Gannef mit einem jungen Kameraden ins Zimmer. Dieser wurde Oliver als Karl Bates förmlich vorgestellt, er war einer von den rauchenden Jungen des gestrigen Abends.

Sie setzten sich zum Frühstück nieder, und der Jude fragte mit einem bedeutungsvollen Blick auf Oliver den Gannef:

„Liebe Kinder, hoffentlich habt ihr heute morgen schon fleißig gearbeitet?`

„Aber mächtig“, entgegnete Dawkins.

„Wie ’n Pferd“, fügte Bates hinzu.

„Ihr seid brave Jungen! Was hast du erwischt, Gannef?“

„Ein paar Brieftaschen.“

„Gespickte?“ fragte der Jude aufgeregt.

„So ziemlich“, sagte Dawkins und holte eine rote und eine grüne aus der Tasche.

Der Alte durchsuchte sie sorgfältig und meinte dann: „Nicht so schwer, als sie hätten sein können, aber schöne Stücke, gediegene Arbeit. Nicht wahr, Oliver?“

„Ja, allerdings, Herr“, erwiderter Oliver. Bei dieser Antwort brach Karl Batees in ein lautes Gelächter aus, zur großen Verwunderung Olivers, der absolut keinen Grund dazu sah.

„Und was hast du mitgebracht?“ fragte Fagin den Karl Bates.

„Rotzlappen“, versetzte der junge Herr; dabei zog er vier Schnupftücher aus der Tasche.

Der Jude besichtigte sie genau und sagte dann: „Sie sind gut, sehr sogar. Aber du hast sie nicht richtig gezeichnet, wir müssen die Buchstaben mit der Nadel wieder auftrennen. Das kann Oliver machen. Willst du? Ha! ha! ha!“

„Gern“, sagte dieser.

„Möchtest du nicht auch so leicht wie Karl Bates Taschentücher besorgen, hättest du Lust, Liebling?“ fragte der Jude.

„Große Lust, wenn Sie es mich lehren wollten, Herr.“

Karl Bates fand in dieser Antwort etwas so unwiderstehlich Komisches, daß er abermals in ein schallendes Gelächter ausbrach. Er wäre dabei fast erstickt, da er gerade den ganzen Mund voll Kaffee hatte. „Er ist doch gar zu naiv!“ sagte Karl gleichsam als Entschuldigung für sein unhöfliches Benehmen. Der Gannef strich Oliver über das Haar und sagte, er würde es schon noch lernen. Als der Jude sah, daß Oliver rot wurde, brachte er das Gespräch auf einen anderen Gegenstand. Er fragte, ob bei der heutigen Hinrichtung viele Leute da waren. Aus den Antworten der beiden Jungen ging hervor, daß sie auch zugeguckt hatten. Oliver wunderte sich deshalb nicht wenig, wie sie trotzdem noch soviel hatten arbeiten können.

Als sie fertig mit Frühstücken waren, spielte der lustige alte Herr mit den beiden Jungen ein gar seltsames Spiel. Der Alte steckte nämlich eine Schnupftabakdose in die eine und eine Brieftasche in die andere Hosentasche. Eine Uhr, die an einer um den Hals geschlungenen Kette hing, brachte er in seiner Westentasche unter. An sein Hemd befestigte er eine unechte Brillantnadel. Dann knöpfte er den Rock fest zu, verstaute sein Brillenfutteral und das Schnupftuch in den Rocktaschen. Mit einem Stock in der Hand, ging er im Zimmer auf und ab, ganz so wie man alte Herren in den Straßen der Stadt umherschlendern sieht. Er blieb hin und wieder bei dem Kamin oder bei der Tür stehen und tat so, als ob er aufmerksam ein Schaufenster besähe. Dabei guckte er sich aber immer um, als wenn er sich vor Dieben fürchtete. Von Zeit zu Zeit klopfte er auf die Taschen, um sich zu überzeugen, daß er nichts verloren habe. Er meinte die Sache so natürlich, daß Oliver lachen mußte, und zwar lachte er derart, daß ihm die Tränen über die Backen liefen. Die ganze Zeit über waren die beiden Jungen dem alten Herrn gefolgt. Sobald er sich jedoch umdrehte, zogen sie sich mit unnachahmlicher Geschwindig;keit zurück. Schließlich trat ihm der Gannef auf die Zehen, oder strauchelte wie zufällig über seinen Stiefel, während Karl Bates ihn von hinten anrempelte. In diesem Augenblick entwendeten sie ihm mit außerordentlicher Geschicklichkeit Schnupftabaksdose, Brieftasche, Busennadel, Uhr, Taschentuch und sogar das Brillenfutteral. Fühlte der alte Herr eine Hand in einer seiner Taschen, so kündigte er das durch einen Schrei an, und das Spiel begann von neuem.

Das war so eine ganze Weile fortgegangen, als ein paar Damen erschienen, die die jungen Herren besuchen wollten. Eine hieß Bet, die andere Nancy. Sie hatten üppiges Haar, waren aber nicht ordentlich frisiert. Ihre Schuhe und Strümpfe waren im schlechten Zustande. Hübsch konnte man die Mädchen eigentlich nicht nennen, aber sie hatten ein frisches Aussehen und sympathische Gesichtszüge. Auch benahmen sie sich so gefällig und ungezwungen, daß sie Oliver für recht artige Mädchen hielt, was sie ohne Zweifel auch waren.

Die Besucherinnen blieben ziemlich lange. Man trank Schnaps und die Unterhaltung wurde bald sehr heiter und lebhaft. Schließlich meinte Karl, es wäre Zeit sich auf die Socken zu machen, was nach Olivers Vermutung ein französischer Ausdruck für Ausgehen sein mußte, denn unmittelbar danach brachen alle vier auf, nachdem der freundliche alte Jude ihnen noch vorher reichlich Geld gegeben hatte.

Als sie fort waren, sagte Fagin:

„Nicht wahr, das ist ein lustiges Leben?“

„Haben sie denn ihre Arbeit schon getan?“

.Ja`, erwiderte der Jude, „das heißt, wenn sie nicht zufällig unterwegs neue bekommen. Die nehmen sie natürlich mit, darauf kannst du dich verlassen. An denen kannst du dir ein Beispiel nehmen, besonders an dem Gannef. Der wird noch mal werden ein großer Mann und auch dich zu einem machen, wenn du ihm dir nimmst zum Vorbilde. – Hängt mir übrigens das Schnupftuch aus der ‚Tasche?“

„Jawohl.“

„Versuch’s mal herauszuziehen, ohne daß ich es merke. Du hast ja heute mittag gesehen, wie man es machen muß.“‚

Oliver machte es so, wie er es beim Gannef gesehen hatte.

„Hast du es?“ fragte der Jude.

„Hier ist es, Herr.“

„Du bist ein gewandter Bursche“, sagte der alte Herr und fuhr mit der Hand über Olivers Haar. „Ich habe niemals einen gelehrigeren Jungen gesehen. Hier hast n‘ Schilling. Fahr nur weiter so fort, dann wirste noch werden der größte Mann deiner Zeit. – Und nun werde ich dir zeigen, wie man die Namen aus den Schnupftüchern macht.“

Oliver konnte nicht recht begreifen, wie er dadurch, daß er dem alten Herrn im Scherze das Schnupftuch aus der Tasche gezogen hatte, ein großer Mann werden könne. Er dachte aber, der Jude müsse das besser wissen, war dieser doch um soviel älter als er. Er machte sich also unbekümmert daran, die Buchstaben aus den Taschentüchern zu entfernen.

Oliver lernt seine neuen Bekannten besser kennen und muß die Erfahrung teuer bezahlen

Oliver blieb eine Reihe von Tagen dauernd im Zimmer des Juden und fing an, sich nach frischer Luft zu sehnen. Er machte die Zeichen aus den Taschentüchern heraus, die in ziemlich großer Zahl ins Haus gebracht wurden. Hin und wieder nahm er auch an dem erwähnten Spiel teil, das Fagin regelmäßig jeden Morgen mit den beiden Jungen aufführte. Oliver hatte den alten Herrn verschiedenemal gebeten, mit Jack und Karl gemeinsam auf Arbeit ausgehen zu dürfen, endlich erhielt er die ersehnte Erlaubnis. Da seit einigen Tagen keine Schnupftücher da waren, an denen Oliver hätte arbeiten können, so gab der alte Herr wohl aus diesem Grunde seine Zustimmung.

Die drei Jungen zogen los und schlenderten gemächlich die Straße-entlang. Oliver fand keinen Geschmack an dem langsamen Gang seiner Genossen und kam auf die Vermutung, daß sie den alten Herrn betrögen und der Arbeit aus dem Wege gingen. Der Gannef hatte außerdem noch die üble Gewohnheit, kleinen Jungen die Mütze vom Kopf zu reißen, während Karl Bates ziemlich freie Ansichten hinsichtlich des Eigentumsrechts an den Tag legte. Von den Ständen der Straßenhändler ließ er hier einen Apfel, dort eine Zwiebel verschwinden. Dies mißfiel unserm Oliver so sehr, daß er gerade zu erklären beabsichtigte, er wolle nach Hause gehen, als er durch das eigenartige Benehmen des Gannefs von diesem Vorhaben abgebracht wurde. Dieser stand plötzlich still, legte den Finger an die Lippen und hielt seine Genossen zurück.

„Was ist los?“ fragte Oliver.

„Pst!“ machte der Gannef. „Siehst du jenen alten Knacker-an der Bücherbude?“

„Den alten Herrn da drüben? Ja, den sehe ich.“

„Bei dem wollen wir arbeiten“, sagte Dawkins.

„Scheint erstklassig zu sein“, bemerkte Karl.

Oliver guckte in größter Überraschung von einem auf den anderen. Die beiden Jungen gingen unauffällig auf die andere Straßenseite und schlichen sich dann dicht hinter den alten Herrn. Oliver harrte mit stummer Verwunderung der weiteren Vorgänge.

Der alte Herr schien den besseren Kreisen anzugehören, trug Puder in den Haaren und hatte eine goldene Brille auf. Er hatte sich aus einem Regal ein Buch genommen und sich so ins Lesen vertieft, als säße er zu Hause in seinem Lehnstuhl. Möglich, daß er dort zu sein wähnte,.denn er war offensichtlich durch die Lektüre so abgelenkt, daß er weder für die Straße noch für die Jungen ein Auge übrig hatte.

Man denke sich Olivers Entsetzen, als er sah, wie der Gannef dem alten Herrn das Schnupftuch aus der Tasche zog und es dann Karl Bates zusteckte. Im Augenblick war ihm das Geheimnis der Taschentücher, der Uhren und Kleinodien des Juden klar. Als er die beiden wegrennen sah, fing er auch aus Leibeskräften zu laufen an. Doch gerade als Oliver Reißaus nahm, griff der alte Herr nach seinem Tuch in die Tasche und wandte sich rasch um, als er es nicht finden konnte. Wie er nun den Jungen so Hals über Kopf davonlaufen sah, kam er auf den naheliegenden Gedanken, daß dieser ihn bestohlen hätte. Das Buch in der Hand haltend, lief er mit dem Ruf: „Haltet den Dieb!“ hinter ihm her. Doch. er war nicht der einzige, der dieses Geschrei erhob. Der Gannef und Karl Bates hatten, um nicht durch Rennen aufzufallen, sich in den ersten besten Torweg an der Ecke zurückgezogen. Sobald sie das Gebrüll: „Haltet den Dieb“ vernahmen und Oliver laufen sahen, errieten sie schnell den Zusammenhang. Sie schlossen sich dessen Verfolgern an und riefen kräftig mit.

„Haltet den Dieb! Haltet den Dieb!“ Es liegt ein Zauber in diesem Rufe. Der Krämer verläßt seinen Ladentisch, der Kutscher seinen Wagen, der Schlächter seine Fleischbank, der Bäcker seinen Trog, der Milchmann seine Kannen, der Junge seine Murmel, der Steinsetzer seine Ramme, der Straßenhändler seinen Karren und das Kind seine Fibel. Alles eilt, Hals über Kopf, im hellen Haufen fort, schreit, brüllt, überrennt ruhige Spaziergänger und macht die Hunde wild. Straßen, Gassen, Höfe – alles hallt von dem Rufe wider.

„Haltet den Dieb! Haltet den Dieb!“ Die Leidenschaft, etwas zu jagen, ist der menschlichen Brust tief eingepflanzt. Ein armes, atemloses Kind, keuchend vor Erschöpfung, Todesangst im Auge und große Schweißtropfen im Gesicht, strengt alle seine Kräfte an, den Verfolgern einen Vorsprung abzugewinnen. Man läßt aber nicht von ihm ab. Jeden Augenblick rückt man ihm näher. Je mehr seine Kräfte sinken, desto lauter wird der Lärm, das Gebrüll und der Ruf: „Haltet den Dieb!“

Endlich ist er eingeholt, niedergeschlagen und liegt auf dem Pflaster. Die Menge drängt sich um ihn. Jeder will den Verbrecher sehen.

„Tretet zurück!“ „Laßt ihn doch zu Atem kommen!“

„Ach was, er verdient es nicht!“ „Wo ist der Herr?“

„Da. er kommt die Straße herunter.“ „Platz für den Herrn!“ „Ist das der Junge, Herr?“ „Ja.“

Oliver lag, ganz beschmutzt, mit blutendem Munde da. Er blickte verwirrt auf die ihn umgebende Menge.

„Ja, ich fürchte, daß er es ist“, wiederholte der alte Herr. „Der arme Junge hat sich sicher verletzt.“

„Das war ich, Herr“, sagte ein großer, ungeschlachter Kerl „Ich schlug ihn in die Fresse, daß er hinfiel.“

Der Bursche griff grinsend an seine Mütze und erwartete wohl eine Belohnung für seine Tat. Der alte Herr warf ihm jedoch einen Blick des Abscheus zu und sah sich ängstlich um, als ob er selbst davonzulaufen gedächte. Da kam endlich ein Polizist, wie denn bei solchen Anlässen die Polizei gewöhnlich immer zuletzt kommt. Er hatte sich einen Weg durch die Menge gebahnt und packte Oliver nun beim Kragen.

„Aufgestanden“, brüllte er.

„Ich bin’s wirklich nicht gewesen, Herr. Es waren zwei andere Jungen“, sagte Oliver mit gefalteten Händen, dann sah er sich um: „Sie müssen hier in der Nähe sein.“

„Ach nein, es ist keiner da“, sagte der Polizist. Er meinte es ironisch, dabei war es die reine Wahrheit, denn der Gannef und Karl Bates hatten sich bei der ersten Gelegenheit, aus dem Staube gemacht. „Steh auf!“

„Ach, tun Sie ihm nichts“, sagte der alte Herr mitleidig.

„Ich tue ihm schon nichts“, antwortete der Polizist und riß ihm zum Beweise dafür die Jacke beinahe vom Leibe. „Nun komm schon! Donnerwetter, steh auf, du kleiner Strolch, du!“

Oliver versuchte mühsam aufzustehen‘, er konnte sich kaum auf den Beinen halten. Der Polizist packte ihn beim Kragen und zerrte ihn im Laufschritt durch die Straßen. Der alte Herr ging neben dem Polizisten her und eine johlende Menge begleitete die drei auf ihrem Weg.

Handelt von dem Polizeirichter Herrn Fang und gibt eine kleine Probe seiner Gerechtigkeit

Das Vergehen war in der unmittelbaren Nachbarschaft eines sehr bekannten Polizeiamtes der Hauptstadt begangen. Die johlende Menge hatte daher nur das Vergnügen, Oliver durch zwei oder drei Straßen zu begleiten. Angekommen, wurde Oliver in eine furchtbar schmutzige Zelle gesperrt. Der alte Herr sah, als.sich der Schlüssel in dem Schlosse drehte, fast ebenso kläglich wie Oliver aus. Mit einem tiefen Seufzer blickte er auf das Buch, das die unschuldige Ursache dieses aufregenden Auftritts gewesen war.

„Es ist etwas im Gesicht des Jungen“, sagte der alte Herr gedankenvoll zu sich selbst, „ein Ausdruck ist darin, der mich rührt und mich für ihn einnimmt. Sollte er nicht unschuldig sein? Er sah aus, wie – ja wie –“, hier hielt der alte Herr plötzlich inne; „Herrgott im Himmel, wo habe ich ein ähnliches Gesicht früher schon mal gesehen?“

Der alte Herr sann einige Augenblicke nach und trat dann in ein Wartezimmer des Polizeiamtes. Hier zog er sich in einen Winkel zurück und ließ eine Reihe von Gesichtern an seinem geistigen Auge vorbeiziehen. „Nein, es muß Einbildung sein“, sagte der alte Herr, den Kopf schüttelnd. Er stieß einen Seufzer aus und vertiefte sich wieder in die alte Schwarte.

Ein Gerichtsdiener berührte ihn an der Schulter und ersuchte ihn, ihm ins Amtszimmer zu folgen. Er schloß eilig das Buch und stand alsbald dem berühmten Herrn Fang gegenüber.

Das Amtszimmer lag nach vorn hinaus und hatte getäfelte Winde. Herr Fang saß am oberen Ende hinter einer Schranke. Neben der Tür war ein hölzerner Verschläg in dem sich bereits der arme, am ganzen Körper zitternde Oliver befand. Herr Fang war ein Mann von mittlerer Größe. Mager, glatzköpfig, hatte er ein finsteres, stark gerötetes Gesicht. Wenn er wirklich nicht mehr trank, alt ihm zuträglich war, so hätte er gegen sein Gesicht eine Verleumdungsklage anstrengen können. Beträchtlicher Schadenersatz wäre ihm sicher gewesen.

Der alte Herr verbeugte sich höflich, trat an das Pult und überreichte seine Karte. Zufälligerweise las Herr Fang gerade in der Zeitung einen Artikel, der eine seiner neuen Entscheidungen abfällig besprach. Er war daher höchst übel gelaunt und guckte ärgerlich auf.

„Wer sind Sie?“ herrschte er den alten Herrn an.

Der alte Herr wies etwas überrascht auf seine Karte.

„Gerichtsdiener“, sagte Herr Fang, indem er mit der Zeitung die Karte verächtlich vom Pult fegte, „wer ist dieser Mensch?“

Mein Name“, sagte der alte Herr würdig, „mein Name, Herr, ist Brownlow. Gestatten Sie mir nun auch, nach dem Namen des Richters zu fragen, der ohne irgendeinen Anlaß einen anständigen Mann so beleidigend behandelt.“

„Gerichtsdiener!“ fuhr Herr Fang unbeirrt fort, „wessen ist dieser Bursche angeklagt?“

„Euer Gnaden, er ist kein Angeklagter, sondern tritt als Kläger gegen diesen jungen auf“, erwiderte der Gerichtsdiener.

Seine Gnaden wußten das sehr gut, konnten jedoch auf diese Weise ohne Gefahr unverschämt werden.

„Tritt als Kläger gegen den Jungen auf, – so, so!“ sagte Herr Fang und maß Brownlow mit einem verächtlichen Blick. – „Nehmen Sie ihm den Eid ab.“

„Ehe man mich vereidigt, bitte ich ein paar Worte sagen zu dürfen“, sprach Herr Brownlow: „närnlich, daß ich nie geglaubt hätte, wäre es mir nicht selbst passiert –“

„Halten Sie den Mund, Herr!“ rief Herr Fang im Befehlston.

„Nein, Herr“, versetzte der alte Herr.

„Wenn Sie nicht augenblicklich den Mund halten, lasse ich Sie hinausführenl“ brüllte Herr Fang. „Sie sind ein ganz unverschämter Mensch. Wie können Sie es wagen, einen Richter anzuschnauzen?“

„Was sagen Sie da?“ rief der alte Herr puterrot.

„Vereidigen Sie den Menschen!“ sagte Fang zu einem Schreiber. „Ich will nichts mehr hören. Vereidigen Sie ihn.“

Herrn Brownlows Entrüstang war aufs höchste gestiegen, und er wollte seinen Gefühlen auch Luft machen. Da er aber befürchtete, damit Oliver zu schaden, so unterdrückte er sie und ließ sich vereidigen.

„Nun“, beginn Herr Fang, „wessen wird der Junge beschuldigt. Was haben Sie vorzubringen, Herr?“

„Ich stand an einer Bücherbude –“

»Schweigen Sie, Herr!“ unterbrach ihn Herr Fang. „Wo ist der Polizist? Hier, vereidigen Sie den Polizisten. Nun, was wissen Sie von der Sache?“

Der Polizist berichtete mit gebührender Unterwürfigkeit, was ihm von der Anklage bekannt geworden war. Er habe auch Oliver untersucht und nichts bei ihm gefunden. Weiter könne er nichts angeben.

„Sind Zeugen da?“ fragte Herr Fang.

„Nein, Euer Gnaden“, erwiderte der Polizist.

Herr Fang saß einige Minuten schweigend da, wandte sich dann an den Kläger und sprach mit immer zunehmender Heftigkeit:

„Wollen Sie nun endlich sagen, wessen Sie diesen Knaben beschuldigen? Sie haben geschworen. Wenn Sie Ihr Zeugnis verweigern, so werde ich Sie wegen Nichtachtung des Gerichts in Strafe nehmen. Ja, das will ich bei –“

Bei wem oder bei was ließ sich nicht vernehmen, denn der Schreiber und der Gefängniswärter brachen in diesem Augenblick in ein lautes Husten aus. Ersterer ließ auch noch ein schweres Buch auf die Erde fallen, zufällig natürlich, so daß man das Wort nicht verstehen konnte.

Unter mancherlei Unterbrechungen und wiederholten Beleidigungen gelang es endlich Herrn Brownlow, den Tatbestand auseinanderzusetzen. Er drückte dabei den Wunsch aus, daß das Gericht so nachsichtig, als es das Gesetz erlaube, mit dem Jungen verfahren möchte. „Er ist bereits verletzt“, schloß der alte Herr seine Ausführungen, „und ich fürchte, er fühlt sich gar nicht wohl.“

„Ich glaube es auch“, sagte Herr Fang höhnisch lächelnd. „Höre mal, du kleiner Landstreicher, mach hier kein Theater, damit kommst du bei mir nicht durch. Wie heißt du?“

Oliver wollte antworten, konnte aber keinen Ton herausbringen. Er wurde leichenblaß, und alles schien sich um ihn zu drehen.

„Wie heißt du, verstockter Lümmel?“, schrie ihn Herr Fang wiederholt an. „Gerichtsdiener, wie heißt er?“

Dieser, ein alter Mann, beugte sich über Oliver und wiederholte die Frage. Als er fand, daß der Junge tatsächlich außerstande war zu antworten, nannte er, um den Richter nicht noch wütender zu machen, aufs Geratewohl einen Namen.

„Er sagt, er heiße Tom White, Euer Gnaden!“

„Wo wohnt er?“ fuhr Herr Fang fort.

„Wo er kann, Euer Gnaden“, antwortete der Gerichtsdiener, indem er sich so anstellte, als spräche er Oliver nach.

„Hat er Eltern?“ fragte Herr Fang.

„Er sagt, sie seien in seiner frühesten Jügend gestorben, Euer‘ Gnaden“, entgegnete der Gerichtsdiener, indem er auf gut Glück die in solchen Fällen übliche Antwort gab.

Oliver hob jetzt den Kopf hoch, sah mit flehenden Blicken um sich, und bat leise um einen Schluck Wasser.

„Quatsch!“ sagte Herr Fang. „Willst mich wohl zum Narren halten?“

„Ich glaube, ihm ist wirklich schlecht, Euer Gnaden“, wandte der Gerichtsdiener ein.

„Ich weiß das besser“, brülIte Herr Fang.

„Halten Sie ihn, Gerichtsdiener“, rief der alte Herr, unwillkürlich die Hände ausstreckend, „er fällt gleich.“

„Nichts da, Gerichtsdiener“, schrie Herr Fang, „lassen Sie ihn fallen, wenn er Lust hat.“

Oliver machte von dieser gütigen Erlaubnis Gebrauch und fiel ohnmächtig zu Boden.

„Ich wußte, daß es Verstellung war“, sagte Herr Fang. „Laßt ihn liegen, er wird’s bald müde werden!“

„Wie gedenken Sie in diesem Falle zu verfahren, Herr?“ frägte leise der Gerichtsschreiber.

„Summarisch“, antwortete Herr Fang. Er wird drei Monate eingesperrt –, natürlich mit harter Arbeit. Schafft ihn fort!“

Einige Beamte schickten sich gerade an, den bewußtlosen Oliver in seine Zelle zu tragen, als ein ältlicher Mann von anständigem, aber erbärmlichem Äußern atemlos ins Zimmer stürzte und vor den Richter trat:

„Halt, halt! Tragt ihn noch nicht fort. Um Himmels willen, wartet einen Augenblick!“

„Was ist los? Wer sind Sie? Hinaus mit dem Menschen. Räumt den Gerichtssaal!“ schrie Herr Fang.

„Ich will aussagen“, rief der. Mann .“Ich lasse mich nicht hinauswerfen. Ich sah alles mit an. Ich bin der Besitzer der Bücherbude. Ich verlange vereidigt zu werden. Ich lasse mich nicht abweisen. Sie müssen mich anhören, Herr Fang. Sie dürfen mein Zeugnis nicht ablehnen!“

Der Mann war in seinem Rechte und trat bestimmt auf. Man konnte nicht darüber hinweggehen.

„Lassen. Sie den Menschen schwören“, knurrte Herr Fang mürrisch. „Nun, was haben Sie zu bekunden?“

„Folgendes. Ich sah drei Jungen – diesen hier und zwei andere – auf der anderen Seite der Straße dahinschlendern, als dieser Herr vor meiner Bude stand und las. Der Diebstahl wurde von einem anderen Jungen begangen. Ich habe es genau gesehen und auch bemerkt, daß dieser Junge hier darüber ganz erstaunt und wie vor den Kopf geschlagen war!“

„Warum kamen Sie nicht schon früher?“ fragte Fang nach einer Pause.

„Ich bin allein in meiner Bude und hatte keine Vertretung. Erst vor fünf Minuten konnte ich jemand auftreiben und bin dann Hals über Kopf hierhergeeilt.“

„Also der Ankläger las, nicht wahr?“, fragte Fang nach einer weiteren Pause.

„Ja“, erwiderte der Mann, „im selben Buche, das er jetzt noch in der Hand hat!“

„So – in diesem Buch? Ist es denn bezahIt?“erkundigte sich Herr Fang.

„Nein, noch nicht“, erwiderte der Buchhändler mit einem kleinen Lächeln.

„Himmel, das habe ich über der Geschichte hier ganz vergessen“, sagte der zerstreute alte Herr ganz unbefangen.

„Ein feiner Mann, aber eine Klage gegen einen armen Jungen vorbringen“, sagte Herr Fang und bemühte sich krampfhaft, eine menschenfreundliche Miene anzunehmen.

„Nach meiner Ansicht haben Sie sich unter sehr verdächtigen Umständen in den Besitz dieses Buches gesetzt und dürfen sich beglückwünschen, wenn der Eigentümer keine Anklage gegen Sie erhebt. Lassen Sie sich das zur Warnung dienen, sonst möchte das Gesetz einmal gegen Sie in Anwendung kommen. Der Junge ist freizulassen. Räumen Sie den Saal.“

„Donnerwetter“, schrie der alte Herr. Der so lange aufgespeicherte Zorn kam nunmehr zum Ausbruch. „Donnerwetter, ich will –“

„Gerichtsdiener! Räumen Sie den Saal! Hören Sie?“ brüllte der Richter.

Man führte den entrüsteten alten Herrn, der ein Bild der Wut und des Trotzes darbot, schnell auf den Hof heraus. Dort fand er den kleinen Oliver auf dem Steinpflaster liegend, sein Gesicht war leichenblaß, und ein krampfartiges Zittern ging durch seinen Körper. „Armes Kind!“ sagte Herr Brownlow, als er sich über ihn beugte. „Will niemand so gut sein und mir einen Wagen holen?“ Man holte einen und bettete Oliver auf einen Sitz, während Herr Brownlow auf dem anderenPlatz nahm.

„Darf ich Sie begleiten?“ fragte der Buchhändler.

„Himmel, ich hatte Sie ganz vergessen. Steigen Sie ein, lieber Freund. Und das unglückliche Buch habe ich auch noch. Der arme Junge! Geschwind, es ist keine Zeit zu verlieren.“

Nachdem der Buchhändler in den Wagen geklettert war, zogen die Pferde an.

In dem für Oliver besser gesorgt wird als je. Die Erzählung geht zu dem lustigen alten Herrn und seinen hoffnungsvollen Schülern zurück.

Nach ziemlich langer Fahrt hielt.die Kutsche vor einem hübschen Hause in einer ruhigen Straße, unweit Pentonville. Herr Brownlow ließ für seinen Schützling rasch ein Bett herrichten und sorgte für ihn mit einer Aufmerksamkeit, die keine Grenzen kannte.

Oliver blieb jedoch viele Tage für die Wohltaten seiner neuen Freunde unempfindlich. Ein starkes Fieber zehrte an seiner Kraft. Schwach, abgemagert und blaß erwachte er endlich wie aus einem langen, wüsten Traume. Er richtete sich mit Mühe in seinem Bette auf und blickte sich ängstlich um.

„Wo bin ich? Wer hat mich hergebracht?“ murmelte er leise. Der Vorhang vor seinem Bett wurde schnell zurückgezogen, und eine mütterliche alte Frau näherte sich ihm.

„Still, Liebling“, sagte die alte Dame sanft. „Du mußt dich ganz ruhig verhalten, sonst wirst du wieder kränker. Leg dich nur brav wieder hin.“ Mit diesen Worten drückte sie ihn sanft in die Kissen zurück. Drauf strich sie ihm das Haar aus der Stirn und schaute ihm so gütig und wohlwollend ins Gesicht, daß er sich nicht enthalten konnte, seine abgemagerten Händchen auf ihre zu legen und sie dann um seinen Nacken zu schlingen.

„Lieber Gott“, sagte die Frau mit Tränen in den Augen, „wie dankbar der Kleine ist. Was würde wohl seine Mutter fühlen, wenn sie so wie ich an seinem Krankenbette gesessen hätte und ihn jetzt sehen könnte.“

„Vielleicht sieht sie mich“, flüsterte Oliver und faltete die Hände. „Vielleicht hat sie bei mir gesessen. Mir ist ganz so, als ob sie hier gewesen wäre.“

„Das war das Fieber, Liebling“, sagte die alte Dame sanft.

„Wahrscheinlich“, erwiderte Oliver, „denn der Himmel ist weit weg, und man ist dort zu glücklich, als daß Engel an das Bett eines armen Jungen herunterkommen sollten. Aber wenn meine Mutter wußte, daß ich krank war, so mußte sie doch selbst im Himmel mit mir Mitleid haben. Denn sie war selbst sehr krank, ehe sie starb. Aber vielleicht weiß sie nichts von mir“, fügte Oliver nach kurzem Schweigen hinzu, „denn wenn sie gesehen hätte, wie man mich schlug, so muß sie traurig gewesen sein. Ach, ihr Gesicht sah immer so lieb und glücklich aus, wenn ich von ihr träumte.“

Die alte Dame sagte nichts, aber wischte sich gerührt die Augen. Dann streichelte sie ihm die Backen und ermahnte ihn, ganz ruhig zu liegen, damit es nicht wieder schlimmer werde.

Oliver verhielt sich daher still und fiel bald in einen sanften Schlaf. Aus diesem wurde er erst durch einen Herrn geweckt, der an seinem Bette stand und seinen Puls fühlte.

„Nicht wahr, mein Kind, du fühlst dich bedeutend wohler?“ fragte der Herr.

„Ja, ich danke“, entgegnete Oliver.

„Das wußte ich“, fuhr der Herr fort. Du hast auch Hunger, nicht wahr?“

„Nein, Herr“, antwortete Oliver.

„Hm! Ich wußte ja, du könntest nicht hungrig sein. Er hat keinen Hunger, Frau Bedwin“, sagte der Herr mit weiser Miene.

Die alte Dame neigte ehrfurchtsvoll den Kopf, womit sie andeuten wollte, daß sie den Doktor für einen sehr klugen Mann halte. Der Doktor schien so ziemlich dieselbe Meinung von sich zu haben.

„Du möchtest schlafen, nicht wahr, mein Kind?“ sprach der Doktor.

„Nein, Herr.“

„Nicht?“ versetzte der Doktor mit einem zufriedenen Blick. „Du fühlst dich also nicht schläfrig? Auch nicht durstig, wie?“

„Ja, Herr, durstig sehr.“

„Genau, wie ich’s erwartete, Frau Bedwin“, sagte der Doktor. Es liegt in der Natur der Sache, daß er Durst hat, vollkommen. Sie können ihm etwas Tee geben und eine geröstete Brotschnitte, aber ohne Butter. Halten Sie ihn nicht zu warm, Frau Bedwin, aber passen Sie gut auf, daß er sich nicht erkältet.“

Frau Bedwin knickste, und der Doktor verabschiedete sich. Oliver schlief bald darauf wieder ein, und als er erwachte, war es beinahe Mitternacht. Frau Bedwin sagte ihm freundlich gute Nacht und überließ ihn der Obhut einer dicken alten Frau, die eben gekommen war. Diese erzählte Oliver, daß sie die Nacht bei ihm wachen werde, und setzte sich eine große Nachtmütze aufs Haupt. Nachdem sie sich ihren Stuhl dicht an den Kamin gezogen und ein Gebetbuch vor sich auf den Tisch gelegt hatte, fing sie an einzunicken. In zehn Minuten war sie fest eingeschlafen.

Oliver lag noch einige Zeit wach, dann fiel er in jenen tiefen und ruhigen Schlaf, den nur das Genesungsstadium schwerer Krankheiten zu geben vermag.

Als Oliver die Augen öffnete, war es bereits heller, lichter Tag. Er fühlte sich froh und glücklich. Die Krisis war vorüber, er gehörte wieder der Welt an.

Nach drei Tagen konnte er schon, allerdings durch Kissen gestützt, in einem Lehnstuhl sitzen. Frau Bedwin hatte ihn in ihr eigenes Zimmer bringen lassen und fing vor Freude, ihn auf dem Weg zur Genesung zu sehen, laut zu weinen an.

„Kümmere dich nicht darum, Liebling“, sagte die alte Frau, „ich muß mich einmal recht ausweinen. Jetzt ist schon alles wieder vorüber, und mir ist leichter.“

„Sie sind auch zu gut zu mir“, sagte Oliver.

„Laß gut sein, liebes Kind“, versetzte Frau Bedwin. „Nun ist es aber Zeit, daß du deine Fleischbrühe kriegst. Der Doktor sagte, Herr Brownlow werde dich vielleicht heute vormittag besuchen.“ Sie machte ihm eine kräftige Brühe zurecht und beobachtete dabei, daß Oliver sein Auge aufmerksam auf ein Porträt geheftet hatte, das seinem Stuhle gegenüber an der Wand hing.

„Hast du Bilder gern, Liebling?“ fragte sie.

„Ich weiß nicht, ich habe noch zu wenig gesehen. Aber wie schön und sanft ist das Gesicht der Dame.“

„Ach“, sagte Frau Bedwin, „die Maler machen die Damen immer hübscher als sie sind, sonst würden sie keine Kundschaft kriegen.“

„Stellt es jemand vor?“

„Ja, es ist ein Porträt.“

„Von wem?“ fragte Oliver lebhaft.

„Ja, das kann ich dir nicht sagen. Es scheint dir zu gefallen, Kind?“

„Es ist gar zu schön!“

„Aber du fürchtest dich doch nicht davor?“ sagte Frau Bedwin, als sie verwundert den ängstlichen Blick bemerkte, mit dem das Kind das Gemälde betrachtete.

„O nein“, erwiderte Oliver rasch, „aber die Augen blicken so traurig und sind immer auf mich gerichtet; wo ich auch sitzen mag. Mir ist immer so, als sei das Bild lebendig und wolle mit mir sprechen, könne aber nicht.“

„Um Himmelswillen!“ rief Frau Bedwin aufspringend, „sprich nicht so, Kind. Du bist noch schwach und angegriffen von deiner Krankheit. Ich werde. deinen Sessel herumdrehen, dann kannst du es nicht mehr sehen!“

Oliver sah es jedoch im Geiste so deutlich, ab ob der Sessel nicht gerückt worden wäre. Da er aber die alte Dame nicht kränken wollte, so lächelte er ihr freundlich zu, als sie ihn anblickte. Jetzt ließ sich ein leises Pochen an der Tür vernehmen.

„Herein!“ rief Frau Bedwin, und ins Zimmer trat Herr Brownlpw.

Oliver machte einen vergeblichen Versuch aufzustehen, um seinen Wohltäter zu begrüßen, dem die Tränen in die Augen traten.

„Armer Junge, armer Junge“, sagte er, „wie geht es dir heute?“

„Sehr gut, Herr“, entgegnete Oliver, „und ich danke Ihnen auch für die große Güte, mit der Sie sich meiner angenommen haben.“

„Du bist ein guter Junge“, sagte Herr Brownlow, mit seinen Tränen kämpfend. „Was haben Sie ihm zu essen gegeben, Frau Bedwin? Wohl eine leichte Brühe?“

„Er hat eben einen Teller herrlicher, kräftiger Fleischbrühe bekommen“ sagte Frau Bedwin etwas empfindlich.

„Hm“, meinte Herr Brownlow mit leichtem Achselzucken, „ein paar Gläser Portwein hätten ihm vielleicht besser getan. Wie denkst du darüber, Tom White?“

„Ich heiße Oliver, Herr“, entgegnete der kleine Patient etwas verwundert.

„Oliver?“ fragte Herr Brownlow. „Oliver? – also Olliver White?“

„Nein, Twist. Oliver Twist.“

„Seltsamer Name. Warum sagtest du aber dem Richter, du heißest White?“

„Das habe ich ihm doch nicht gesagt“, erwiderte Oliver erstaunt.

Dies klang wie eine Lüge, so daß der alte Herr ihn strenge ansah. Es war aber unmöglich, die Aussage des Jungen zu bezweifeln, denn auf Olivers Stirn war die Wahrheit geschrieben.

„Ein Mißverständnis also“, bemerkte Herr Brownlow. Er behielt aber Oliver fest im Auge, da der frühere Gedanke einer Ahnlichkeit zwischen seinen Zügen und irgendeinem bekannten Gesicht sich ihm wieder aufdrängte.

„Ich hoffe, Sie sind mir nicht böse?“ sagte Oliver mit bittendem Augenaufschlag.

„Nein, nein – aber – großer Gott, was ist das? Frau Bedwin, sehen Sie – da!“ schrie der alte Herr.

Er deutete hastig auf das Porträt und dann auf Oliver.

Die Ähnlichkeit war sprechend.

Oliver entging die Ursache von Herrn Brownlows plötzlichem Ausruf und hatte einen furchtbaren Schrecken gekriegt. Er war ohnmächtig geworden.

Nachdem der Gannef und sein trefflicher Freund mit Befriedigung festgestellt hatten, daß die Menge in Oliver den vermeintlichen Dieb sah, und für sie nichts mehr zu befürchten war, machten sie sich auf den Heimweg.

„Was wird Fagin sagen?“ meinte der Gannef mit ernstem Gesicht.

„Na, was wird er sagen?“ erwiderte Karl Bates.

„Schließlich den Kopf kann er uns nicht abreißen“, meinte der Gannef. Das sollte ein Trost sein, aber keine Beruhigung. Karl Bates fühlte das auch und wurde nachdenklich.

Einige Minuten nach diesem kurzen Gespräch weckte das Geräusch von Fußtritten auf der knarrenden Treppe den alten Juden aus seinen Betrachtungen. Er war gerade beim Essen.

„Hm, was ist das?“ murmelte er, „ich höre bloß zwei. Wo mag der dritte sein? Sie werden ihn doch nicht geklappt haben? Horch!“

Langsam öffnete sich die Tür, und der Gannef und Karl Bates traten ins Zimmer.

Dem Leser werden einige neue Bekanntschaften vorgestellt, außerdem enthält es verschiedene hübsche Sachen, die zu dieser Geschichte gehören.

„Wo ist Ollver?“ rief der Jude wütend, „wo ist der Junge?“

Die jugendlichen Diebe waren über die Heftigkeit ihres Lehrmeisters so erschrocken, daß sie nicht sofort antworten konnten.

„Was ist aus dem Jungen geworden?“ schrie der Jude und packte den Gannef am Kragen, dabei schreckliche Verwünschungen ausstoßend. „Sprich, oder ich erwürge dich.“

„Die Polente(*Polizei*) hat ihn erwischt – das ist alles“, versetzte der Gannef mürrisch. „Nun lassen Sie mich mal los“, damit befreite er sich aus den Händen des Juden und ergriff äie Bratgabel. Er wollte damit gerade dem Alten zuleibe gehen, als die Tür aufging und ein stämmiger Kerl mit einem weißen, zottigen Hund eintrat.

„Was ist hier los, Fagin?“ Der Sprecher war ein Mann von ungefähr fünfundvierzig Jahren mit einem plumpen, unrasierten Gesicht, in dem zwei düster blickende Augen saßen. Eins davon schillerte in allen Regenbogenfarben, die Folgen eines gutgezielten Faustschlages.

„Warum bist du so aufgeregt, alter Gauner, und willst den Jungen verhauen?“ Er setzte sich bedächtig. „Es wundert mich nur, daß sie dir nicht den Hals abschneiden. Ich würde es an ihrer Stelle tun!“

„Stille, Herr Sikes, stille“, versetzte der Jude zitternd, „sprecht nicht so.laut.“

„Ich pfeife auf deine Anrede mit Herr“‚, sagte der Strolch, „du hast immer einen Schurkenstreich vor, wenn du mir so kommst. Du kennst meinen Namen, und ich werde ihm keine Schande machen, wenn meine Zeit gekommen ist.“

„Schön, nun denn – Bill Sikes“, sagte der Jude kriechend, „Ihr scheint schlechter Laune zu sein.“

„Kann sein“, erwiderte Sikes, ,bei dir scheint es jedoch auch der Fall zu sein. Aber nimm dich in acht, Halunke, wenn du schwatzst –“

„Seid Ihr verrückt?!“, rief der Jude, indem er Sikes am Ärmel erwischte und auf die Jungen zeigte.

Sikes begnügte sich pantomimisch unter seinem linken Ohre einen Knoten zu machen, und ließ dann den Kopf auf die rechte Schulter sinken. Eine sinnbildliche Darstellung, die der Jude vollkommen zu verstehen schien. Dann verlangte er Schnaps und fügte scherzend hinzu:

„Daß du mir aber kein Gift hineintust.“

Hätte er jedoch den teuflischen Seitenblick sehen können, mit dem der Jude sich in die Lippen biß, als er an den Wandschrank ging, so hätte er seine Mahnung sicher nicht für unnötig gehalten.

Nachdem Sikes einige Gläser Schnaps hinuntergestürzt hatte, zog er gnädig die beiden jungen Herrn in ein Gespräch. Der Gannef erzählte umständlich und mit allerhand Ausschmückungen von Olivers Verhaftung.

„Ich fürchte, er wird uns verpfeifen, und wir kommen dann in Teufels Küche“, sagte der Jude.

„Höchstwahrscheinlich“, antwortete Sikes boshaft grinsend. „Du fällst unbedingt rein.“

„Doch wenn mir das Handwerk gelegt wird“, fuhr der Jude fort, die andern dabei scharf ansehend, „kommen auch noch andere in den Schlamassel. Jedenfalls würde es Euch schlimmer ergehen als mir.“

Sikes sprang auf und wollte gegen Fagin heftig werden. Dieser zuckte jedoch nur mit den Achseln und starrte die gegenüberliegende Wand an. Es trat eine lange Pause ein. Schließlich begann Sikes im gedämpfen Tone:

„Wir müssen rauskriegen, was sich vor dem Richter mit Oliver zugetragen hat.“

Der Jude nickte zustimmend.

„Wenn er nicht gepfiffen hat und ist verurteilt, brauchen wir nichts zu befürchten, bis er wieder rauskommt. Dann aber müssen wir ein wachsames Auge auf ihn haben und versuchen, ihn in unsere Hände zu bekommen.“

Der Jude nickte wieder. Der Plan war gut, aber seiner Ausführung stellte sich ein großes Hindernis entgegen. Die vier Herren hatten einen nicht zu besiegenden Widerwillen dagegen, mit irgend etwas, das Polizei hieß, in Berührung zu kommen. Sie saßen stumm da und sahen sich unsicher an, als die zwei jungen Damen auftauchten, die Oliver bei einer früheren Gelegenheit kennengelernt hatte.

„Wie gerufen“, sagte der Jude. „Bet wird hingehen, nicht wahr, meine Liebe?“

„Wohin?“ fragte die junge Dame.

„Nur ein wenig auf die Polizei, Liebling“, sagte der Jude schmeichelnd.

Wir müssen der Dame Gerechtigkeit widerfahren lassen und sagen, daß sie dieses Ansinnen nicht geradezu ablehnte. Sie.erklärte bloß mit Nachdruck, der Henker solle sie holen, wenn sie auf die Polizei ginge. Eine ungemein zarte Ablehnung der Bitte, die beweist, daß das junge Mädchen zuviel Gutmütigkeit besaß, um ihre Mitmenschen durch eine runde und entschiedene Weigerung zu kränken. Der Jude wandte sich nun an Nancy:

„Was sagen Sie dazu, meine Liebe?“

„Geben Sie sich keine Mühe, Fagin, ich tue es auch nicht“, versetzte diese.

„Wie soll ich das verstehen?“ brauste Sikes auf.

„So, wie ich es gesagt habe, Bill“, sagte Nancy ruhig.

„Du bist gerade die rechte Person dazu“, entgegnete Sikes, „niemand kennt dich in dieser Gegend.“

„Ist mir auch sehr lieb, wünsche gar nichts anderes!“

„Also sie wird gehen, Fagin“, sagte Sikes.

„Sie wird sich hüten“, entgegnete Nancy.

„Doch, sie wird’s machen, Fagin“, bekräftigte Sikes. Und er hatte recht. Das Mädchen ließ sich durch Drohungen und Versprechungen endlich bewegen, den Auftrag auszuführen.

Aus den Vorräten des Juden wählte sie eine weiße Schürze, die sie umband, und einen Strohhut. In die Hand nahm sie ein Deckelkörbchen.

„Ach, mein Bruder! Mein armer, lieber, kleiner Bruder!“ rief Nancy, in Tränen ausbrechend. „Was ist aus ihm geworden? Wo hat man ihn hingebracht? Ach, habt Erbarmen, liebe Leute, und sagt mir, was mit dem Kinde geschehen ist. Bitte, bitte, sagt es mir doch.“

Als Nancy diese Worte im kläglichsten Tone hervorgebracht hatte, verbeugte sie sich lächelnd gegen die Zuhörer und verschwand.

„Das ist ein Mädel, Jungens“, sagte der Jude. „Da könnt ihr euch ein Beispiel dran nehmen.“

„Sie ist eine Zierde ihres Geschlechts“, rief Herr Sikes und hob sein Glas. „Sie lebe hoch!“

Nancy schlug indessen den nächsten Weg zur Polizei ein. Dort angekommen, trat sie durch die Hintertür in das Gebäude ein und klopfte leise mit dem Schlüssel an eine der Zellentüren. Dann horchte sie. Da sich nichts in der Zelle rührte, so hustete sie und horchte wieder. Abermals keine Antwort. Nancy wandte sich daher unmittelbar an den Gerichtsdiener und fragte mit den kläglichsten Jammertönen nach ihrem lieben Bruder.

„Er ist nicht hier“, sagte der alte Gerichtsdiener.

„Mein Gott, wo ist er denn?“ meinte Nancy trostlos.

„Nun, der Herr hat ihn mitgenommen.“

„Was für ein Herr, um Himmelswillen?“ rief Nancy.

Der Gerichtsdiener erzählte ihr den ganzen Vorgang und schloß damit, daß der alte Herr unweit Pentonville wohne.

Nancy eilte auf schnellstem Wege zum Juden zurück.

Sie hatte sich kaum ihres Berichtes entledigt, als Herr Bill Sikes schnell seinen Hund rief, den Hut auf den Kopf stülpte und sich schleunigst ohne Gruß entfernte.

„Wir müssen Oliver finden“, sagte der Jude in großer Aufregung. „Nancy, mein Liebling, ich muß ihn wiederhaben. Auf Sie und den Gannef kann ich mich am besten verlassen. Hier habt ihr Geld. Ich schließe heute nacht diese Wohnung, ihr wißt ja, wo ihr mich finden könnt. Eilt, zögert keinen Augenblick.“ Mit diesen Worten schob er sie aus dem Zimmer, und nachdem er hinter ihnen die Tür doppelt verschlossen und verriegelt hatte, holte er das Kästchen aus seinem Versteck hervor und verbarg in aller Eile Uhren und Juwelen unter seinen Kleidern.

„Bis jetzt hat er noch nichts ausgeplaudert“, sprach der Jude zu sich, indem er in seiner Arbeit fortfuhr. „Wenn er uns aber bei seinen neuen Freunden zu verpfeifen gedenkt, so werden wir ihm wohl noch das Maul stopfen können.“

Umfaßt weitere Einzelheiten über Olivers Aufenthalt bei Herrn Brownlow, nebst der merkwürdigen Prophezeihung, die ein gewisser Herr Grimwig über ihn aussprach, als man Oliver mit einem Auftrage ausschickte.

Oliver erholte sich bald wieder von der Ohnmacht, in die er bei Herrn Brownlows plötzlichem Ausruf gefallen war. Der alte Herr und Frau Bedwin vermieden es sorgfältig, im Gespräch wieder auf das Gemälde zurückzukommen. Der Junge war noch zu schwach, um zum Frühstück zu gehen. Als er am nächsten Tage in das Zimmer der Haushälterin hinuntergebracht wurde, suchten seine Blicke sofort das Bildnis der schönen Dame. Das Gemälde war aber entfernt worden.

„Ja“, sagte Frau Bedwin, „es ist fort, wie du siehst.“

„Oh, warum hat man es weggenommen?“ versetzte Oliver mit einem Seufzer.

„Weil Herr Brownlow sagte, daß es dich zu beängstigen scheine und daher deiner Wiederherstellung hinderlich sein könnte“, entgegnete die alte Dame.

„Ach nein, es beängstigte mich gar nicht“, sprach Oliver, „ich mochte es gern ansehen.“

„Nun, nun, liebes Kind, mache nur, daß du bald wieder gesund wirst“, sagte die gute Frau. „Man wird es dann wieder aufhängen, das verspreche ich dir. Doch jetzt wollen wir von etwas anderm sprechen.“

Oliver hörte aufmerksam zu, als ihm Frau Bedwin von ihrem verstorbenen Manne und ihren wohlerzogenen Kindern erzählte. Sie plauderte munter drauflos, bis die Zeit zum Teetrinken herankam. Nachdem dieser eingenommen war, unterrichtete sie Oliver im Kartenspielen, was er ebenso schnell auffaßte, wie sie zu lehren imstande war. Dann vertieften sie sich angelegentlich in diese Beschäftigung, bis es für den Patienten Zeit war, ins Bett zu gehen.

Die Tage der Genesung waren für Oliver Tage des Glückes. Jedermann war so lieb und gütig zu ihm, daß er im Himmel zu sein glaubte. Er hatte kaum wieder soviel Kräfte erlangt, um sich ankleiden zu können, als ihm Brownlow einen neuen Anzug anfertigen ließ. Da man Oliver sagte, er könne mit den alten Kleidern anfangen, was er wolle, so schenkte er sie einem Dienstmädchen, die sehr gut zu ihm gewesen war. Er riet ihr, die Lumpen an einen Juden zu verkaufen und dadurch zu etwas Geld zu kommen.

Eines Abends, als Oliver plaudernd bei Frau Bedwin saß, ließ Herr Brownlow sagen, daß er.Oliver auf seinem Stüdierzimmer sprechen möchte.

Frau Bedwin putzte ihn schnell schön heraus und führte ihn bis an die Tür des Studierzimmers. Oliver klopfte an, und als Herr Brownlow „Herein“ rief, trat er in ein kleines, ganz mit Bilchern angefülltes Hintergemach, durch dessen Fenster man in einige schöne, kleine Gärten sah. Vor dem Fenster stand ein Tisch, an dem Herr Brownlow lesend saß. Bei Olivers Eintritt schob er das Buch von sich und hieß den Jungen, näherzukommen und sich zu setzen. Oliver gehorchte, nicht wenig verwundert, wo all die Leute herkommen sollten; eine derartige Menge von Büchern zu lesen. Bücher, die geschrieben schienen, um die Welt weiser zu machen. Eine Verwunderung, die tagtäglich erfahrenere Leute mit unserm Helden teilen.

„Das ist ein ansehnlicher Haufen Bücher, nicht wahr, mein Junge?“ fragte Herr BrownIow, als er die Neugierde gewahrte, mit der Oliver die vom Boden bis zur Decke reichenden Bücherschränke betrachtete.

„Ach ja, ich habe noch nie so viele gesehen!“

„Wenn du immer hübsch artig bleibst, so sollst du sie auch lesen. Das wird dir besser gefallen, als das bloße Anschauen des Einbandes – das heißt nicht immer. Es gibt nämlich auch Bücher, an denen die Außenseite das Beste ist.“

„Das sind gewiß diese schweren da“, erwiderte Oliver, indem er auf einige dicke Quartanten mit reicher Vergoldung des Einbandes deutete.

„Nicht immer“, sagte der alte Herr lächelnd.

„Möchtest du wohl gern ein Gelehrter werden und Bücher schreiben, wie?“

„Ich würde es vorziehen, sie lieber zu lesen.“

„Wie? du willst kein Bücherschreiber werden?“

Oliver sann eine Weile nach, dann sagte er, es dünkte Ihn weit besser, Buchhändler zu sein.

Der alte Herr lachte herzlich und bemerkte, er hätte etwas sehr Gescheites gesagt. Oliver freute sich darüber, obgleich er nicht wußte, was das Gescheite war.

„Nun“, sagte der alte Herr wieder ernst, „hab keine Angst. Wir wollen keinen Schriftsteller aus dir machen, solange es noch ein ehrliches Handwerk oder Gewerbe zu erlernen gibt.“

„Ich danke Ihnen“, entgegnete Oliver, und der alte Herr lachte von neuem, und zwar über den Ernst, mit dem unser Held diese Antwort vorbrachte. Er ließ auch noch einige Worte von einem merkwürdigen Instinkt fallen, auf die aber Oliver nicht besonders acht gab, da er sie nicht verstand.

„Nun, mein Sohn“, fuhr Herr Brownlow in einem ernsteren Tone fort, „du mußt jetzt wohl auf das merken, was ich dir zu sagen habe. Ich will ohne Rückhalt mit dir reden, denn ich glaube, du wirst mich so gut verstehen können, wie manche ältere Person!“

„Ach, sagen Sie nur nicht, daß Sie mich fortschicken wollen. Weisen Sie mir nicht die Tür, daß ich wieder auf den Straßen herumwandern muß. Lassen Sie mich hier bleiben und Ihnen dienen. Erbarmen Sie sich über einen armen Jungen, bitte!“

„Mein liebes Kind“, sagte der alte Herr gerührt, „hab keine Furcht, ich werde dich nicht fortjagen, wenn du mir keinen Anlaß dazu gibst.“

„Nie werde ich das, niemals.“

„Ich hoffe es nicht und glaube auch nicht, daß du es je tun wirst“, versetzte der alte Herr. „Ich habe mich zwar früher oft in denen getäuscht, welchen ich Wohltaten erweisen wollte. Dir will ich jedoch vertrauen, weil ich wärmeren Anteil an dir nehme, als ich mir selbst erklären kann. Diejenigen, welche ich am innigsten geliebt habe, schlummern längst in den Gräbern, aber obgleich das Glück und die Freude meines Lebens mit ihnen begraben sind, habe ich doch mein Herz zu keinem Sarge gemacht und meine schönsten Gefühle drin verschlossen.“

Der alte Herr sprach dies leise vor sich hin, mehr zu sich als zu Oliver, der kaum zu atmen wagte. Nach einer kleinen Weile fuhr er in heiterem Tone fort:

„Genug, ich sage das nur, weil dein Herz jung ist und ich hoffe, daß du dich um so mehr vorsehen wirst mich zu betrüben, wenn du weißt, daß ich bereits großen Kummer und viele Leiden erduldet habe. Du sagst, du wärest eine Waise und ohne Verwandte in der Welt. Erkundigungen, die ich angestellt habe, bestätigen deine Angaben. Erzähle mir jetzt deine Geschichte – woher du kommst wer dich erzogen hat und wie du in die Gesellschaft geraten bist, in der ich dich gefunden habe. Sprich aber die Wahrheit. Wenn ich sehe, daß du kein Verbrechen begangen hast, wirst du an mir zeitlebens einen Freund und Beschützer haben.“

Olivers Schluchzen erstickte eine Weile seine Worte. Als er gerade anfangen wollte zu erzählen, kündigte das Dienstmädchen den Besuch des Herrn Grimwig an.

„Kommt er herauf?“ fragte Herr Brownlow das Mädchen.

„Ja“, versetzte das Mädchen. „Er fragte, ob es Keks im Hause gäbe, und als ich bejahte, sagte er, er wolle hier Tee trinken.“

Herr Brownlow lächelte und bemerkte zu Oliver, daß Grimwig ein alter Freund von ihm wäre, ein ungeschliffener Diamant.

„Soll ich mich entfernen?“ fragte Oliver.

.“Nein, du kannst hierbleiben.“

In diesem Augenblick trat, auf einen starken Stock gestützt, ein starker, alter Herr ins Zimmer. Er war auf einem Bein etwas gelähmt und humpelte. Im ausgestreckten Arm hielt er seinem Freunde ein Stückchen Orangenschale entgegen und rief polternd:

„Da, sehen Sie das? Ist es nicht zum Wahnsinnigwerden, daß ich in keines Menschen Hause vorsprechen kann, ohne.so was auf der Treppe zu finden. Durch eine Orangenschale bin ich lahm geworden, und eine Orangenschale wird noch mal mein Tod sein. Ich will meinen eigenen Kopf aufessen, wenn mich nicht eine 0rangenschale noch unter die Erde bringt. – Hallo! was ist das?“ fügte er mit einem Blick auf Oliver hinzu und trat einige Schritte zurück.

„Der junge Oliver Twist, von dem wir bereits gesprochen haben“, versetzte Herr Brownlow.

Oliver verbeugte sich.

„Das ist also der Junge“, begann Herr Grimwig.

„Ja, das ist der Junge“,. versetzte Herr Brownlow und nickte Oliver dabei zu.

„Nun, wie geht’s dir?“ fragte Herr Grimwig.

„Ich danke, viel besser“, antwortete Oliver.

Herr Brownlow schien zu befürchten, daß sein absonderlicher Freund irgend etwas Unangenehmes auf der Zunge hätte. Er trug daher Oliver auf, Frau Bedwin zu bestellen, daß sie den Tee bereithalten solle. Nachdem Oliver gegangen, fragte Herr Brownlow:

„Ist es nicht ein hübscher Junge?“

„Weiß nicht“, erwiderte Grimwig mürrisch.

„Wie, Sie wissen es nicht?“

„Nein, ich weiß es nicht. Kann nie einen Unterschied an Jungen entdecken. Kenne nur zwei Arten von Jungen, nämlich Mehlsuppengesichter und Beefsteakgesichter.“

„Und zu welchen gehört Oliver?“

„Zu den Mehlsuppengesichtern. Ein Bekannter, von mir hat einen Jungen, dessen Gesicht so recht die Fleischmastung ausdrückt. Sie nennen ihn einen schönen Jungen, weil er einen so runden Kopf, rote Backen und glänzende Augen hat. Mir ist der Bursche etwas Schreckliches – ein Körper und Gliedmaßen, die die Nähte seines blauen Anzuges auseinanderzusprengen drohen. Dazu kommt noch die Stimme eines Schifferknechts und der Hunger eines Wolfes. Ich kenne den Schlingel.“

„Nun, derartige Eigenschaften besitzt Ofiver nicht und verdient deshalb nicht Ihren Zorn.“

„Wenn nicht derartige, so hat er vielleicht noch schlimmere“, entgegnete Herr Grimwig.

Herr Brownlow hustete nervös, was Herrn Grimwig mächtig zu ergötzen schien.

„Ja, er hat vielleicht noch schlimmere, sage ich“, wiederholte Hee Grimwig. „Woher kommt er? Was ist er? Er hat Fieber gehabt – warum? Fieber ist bei ordentlichen Leuten nicht gewöhnlich. Schlechtes Volk hat bisweilen Fieber. Ich habe einen Menschen gekannt, der in Jamaika gehängt wurde, weil er seinen Herrn umgebracht hatte. Er hatte sechsmal das Fieber und wurde deshalb nicht zur Begnadigung empfohlen.“

Im Innern seines Herzens mußte Herr Grimwig aber zugeben, daß Oliver etwas Gewinnendes an sich hatte. Sein starker Hang zum Widersprechen und sein Grundsatz, sich nie von einem andern ein Urteil über das Aussehen eines Jungen vorschreiben zu lassen, hatte ihn bewogen, seinem Freunde Opposition zu machen. Als daher Herr Brownlow zugestand, daß er sich noch nicht eingehend über Oliver erkundigt hätte, kicherte Herr Grimwig bdshaft und fragte mit höhnischem Lächeln, ob die Haushälterin auch abends immer das Silbergeschirr nachzähle, denn er würde sich nicht wundern, wenn einen schönen Tages mal ein paar Löffel fehlten – – usw.

Herr Brownlow, der selbst etwas temperamentvoll war, nahm jedoch all dies gemütlich hin, da er die Eigentümlichkeiten seines Freundes kannte. Als dieser die Keks und den Tee lobte, wurde die Unterhaltung wieder angenehmer, so daß selbst Oliver, der inzwischen zurückgekommen war, freier zu atmen begann.

„Und wann gedenken Sie sich den ausführlichen und wahrhaften Bericht von Oliver Twists Leben und Taten erstatten zu lassen?“ fragte Grimwig, nachdem der Tee getrunken war. Er streifte dabei Oliver mit einem Blick.

„Morgen früh“, entgegnete Herr Brownlow. „Ich möchte dann allein mit ihm sein. Komm morgen um zehn Uhr zu mir herauf, mein Kind!“

„Ja, Herr Brownlow“, sagte Oliver mit einigem Zögern. Er war etwas verwirrt, da ihn Grimwig scharf ansah.

„Ich will Ihnen etwas sagen“, flüsterte Herr Grimwig BrownIow zu, „er wird morgen früh nicht zu Ihnen heraufkommen. Haben Sie nicht bemerkt wie er zögerte? Er betrügt Sie, lieber Freund!“

„Ich möchte drauf schwören, daß dies nicht der Fall ist« , erwiderte Herr Brownlow mit Wärme.

,;Wenn es nicht so ist, wie ich sagte, so will ich meinen Kopf – -„, damit stieß Grimwig seinen Stock heftig auf die Erde.

„Ich setze mein Leben auf die Wahrhaftigkeit des Jungen“, sagte Herr Brownlow und schlug mit. der Hand auf den Tisch.

„Und ich meinen Kopf auf seine Tücke“, schrie Herr Grimwig.

„Nun, wir werden ja sehen“, sagte Herr Brownlow, seinen Unmut bezwingend.

„Allerdings, wir werden es sehen“, sagte Herr Grimwig mit einem herausforderndem Lächeln.

Das Schicksal wollte es, daß in diesem Augenblick Frau Bedwin mit einigen Büchern hereintrat, die Brownlow am Vormittag bei demselben Buchhändler gekauft hatte, der schon einmal in unserer Geschichte eine Rolle spielte. Sie legte sie auf den Tisch und wollte das Zimmer wieder verlassen, als Brownlow sagte:

„Lassen Sie den Boten einen Augenblick warten, er muß noch etwas mitnehmen.“

„Er ist bereits fort“, versetzte Frau Bedwin.

„Rufen Sie ihm nach, die Sache ist wichtig. Die Bücher sind noch nicht bezahlt, und der Mann braucht sein Geld. Auch will ich ihm einige mir zur Ansicht gesandten Bücher zurückgeben.“

Man lief dem Boten nach, dieser war aber nirgends mehr zu sehen.

„Schicken Sie doch Oliver damit hin“, sagte Grimwig mit ironischem Lächeln. „Sie wissen, er wird sie sicher abliefern.“

„Ja, lassen Sie sie mich hintragen“, sagte Oliver. „Ich renne schnell hin.“

Der alte Herr wollte gerade erklären, daß Oliver auf keinen Fall gehen sollte, als ein boshaftes Husten Grimwigs ihn bestimmte, den Jungen doch zu schicken. Sein Freund sollte die Ungerechtigkeit seines Argwohnes einsehen lernen.

„Du kannst gehen, Oliver. Die Bücher liegen auf dem Stuhle neben meinem Tische. Bringe sie her!“

Oliver war froh, sich nützlich machen zu können. Die Bücher unterm Arm und die Mütze in der Hand, erwartete er den Auftrag.

„Sage also dem Buchhändler“, sprach Brownlow und sah dabei Grimwig scharf an, „du brächtest die Bücher wieder zurück und wolltest die vier Pfund und zehn Schillinge, die ich ihm schuldig bin, bezahlen. – -Hier ist eine Fünfpfundnote; er wird dir zehn Schillinge herausgeben.“

„In zehn Minuten bin ich wieder zurück“, sagte Oliver lebhaft, verbeugte sich und verließ das Zimmer. Frau Bedwin folgte ihm zur Haustür und bezeichnete ihm den Weg zum Buchhändler. „Gott sei mit dir“, murmelte sie, als sie ihm nachblickte. Es tut mir leid, daß ich ihn aus den Augen lassen soll.“

In diesem Augenblick sah sich Oliver um und winkte ihr zu, ehe er um die Ecke bog. Frau Bedwin erwiderte seinen Gruß und ging dann nach ihrem Zimmer zurück.

„Nun wollen wir sehen, in spätestens zwanzig Minuten wird er wieder zurück sein“, sagte Herr Brownlow und zog seine Uhr aus der Tasche, die er auf den.Tisch legte. „Inzwischen wird es dunkel geworden sein.“

„Sie glauben also wirklich, daß er wiederkommt?“ fragte Grimwig ironisch.

„Sie nicht?“ fragte Brownlow lächelnd zurück.

„Nein“, sagte er, indem er mit der Faust auf den Tisch schlug. „Der Junge hat einen neuen Anzug auf dem Leibe, einen Packen wertvoller Bücher unter dem Arme und eine Fünfpfundnote in der Tasche. Er wird wieder zu seinen alten Freunden, den Langfingern, gehen und Sie auslachen. Wenn der Junge je wieder hierher zurückkehrt, will ich meinen Kopf aufessen.“

Mit diesen Worten rückte er seinen Stuhl näher an den Tisch und so saßen die beiden Freunde, die Uhr vor sich, in schweigender Erwartung da. – –

Es wurde so dunkel, daß man die Zahlen der Uhr nicht mehr erkennen konnte, aber die beiden alten Herren saßen immer noch schweigend da – und warteten.

Zeigt, wie lieb der alte Jude und Fräulein Nancy Oliver Twist hatten

In einer armseligen Kneipe einer finsteren Straße in der Gegend von Little Saffron Hill, saß über einer kleinen Kanne und einem Schnapsglase brütend Herr William Sikes. Zu seinen Füßen lag ein weißer, rotäugiger Hund, der bald seinem Herrn zublinzelte, bald eine an der Seite seiner Schnauze befindliche große, frische Wunde leckte.

„Ruhig, Biest!“ rief plötzlich Herr Sikes und gab dem Hunde einen Fußtritt. Dieser biß ihn dafür in den Stiefel und zog sich dann knurrend unter eine Bank zurück. Dies entflammte Herrn Sikes Zorn mächtig. Er kniete nieder und begann das Tier mit einem Feuerhaken aufs wütendste anzugreifen. Der Hund sprang,schnappend und knurrend bald nach rechts, bald nach links. Der Kampf schien eben für den einen oder den anderen der beiden Kämpfer eine bedenkliche Wendung nehmen zu wollen, als plötzlich die Tür aufging. Der Hund schoß sofort hinaus und ließ Herrn Sikes allein.

Zu einem Streite gehören wenigstens zwei, sagt das Sprichwort, und da der Hund entkommen war, band Herr Sikes mit dem Eintretenden an.

„Was zum Teufel brauchst du zwischen mich und meinen Hund zu treten?“ fragte Sikes grob.

„Das hab ich doch nicht gewußt, wirklich nicht“, antwortete Fagin demütig – denn der neue Gast war niemand anders als der Jude.

„Nicht gewußt, Spitzbube?“ brummte Sikes unwirsch. „Hast du denn den Radau nicht gehört?“

„Keinen Ton, so wahr ich lebe“, entgegnete der Jude.

„Ja, ja, du hörst nie etwas“, sagte Sikes mit Hohnlachen, „ebensowenig wie man dich hört, wenn du rein und raus schleichst. Ich wünschte nur, du wärst vor einer Minute der Hund gewesen!“

„Warum?“ fragte der Jude mit gezwungenem Lächeln. „Darum, weil das Gesetz einem nicht verbietet, seinen Hund abzumurksen, während es um das Leben von Leuten deines Schlages besorgt ist, die nicht halb so viel wert sind als ein Köter“, entgegnete Sikes grimmig.

Der Jude rieb sich die Hände und setzte sich an den Tisch nieder. Obgleich ihm nicht besonders wohl zumute war, zwang er sich doch zu einem Lächeln über den „Scherz“ des Freundes.

„Ja, grinse nur“, sagte Sikes, „grinse nur immerzu. Über mich wirst du nicht lachen, ich habe dich in der Hand, Fagin, und der Teufel soll mich holen, wenn ich dich aus den Fingern lasse. Geh‘ ich verschütt, so gehst du auch. Also paß gut auf, daß sie mich nicht kriegen!“

„Schon gut, mein Lieber“, entgegnete der Jude, „wir haben das gleiche Interesse, ich weiß das ganz genau, Bill, dasselbe Interesse.“

„Na schön“, sagte Sikes, dem es so vorkam, als sei das Interesse mehr auf Seite des Juden, „was hast du mir eigentlich zu sagen?“

„Es ist alles glücklich durch den Schmelztiegel gewandert“, antwortete der Jude, „und dies ist Euer Anteil. Es ist zwar etwas mehr, als Euch zusteht, Bill, aber da, ich weiß, daß Ihr mir ein andermal wieder gefälfig sein werdet, so-„

„Hör bloß mit dem Geschmuse auf“, fiel der Dieb ungeduldig ein. „Wo ist’s? Rück heraus!“

„Ja doch, Bill, einen Augenblick“, versetzte der Jude begütigend. „Hier ist’s – bei Heller und Pfennig.“ Er brachte ein kleines, in braunes Papier eingeschlagenes Päckchen zum Vorschein, das ihm Sikes aus den Händen riß und hastig öffnete. Nachdem er die darin befindlichen Goldstücke gezählt hatte, fragte der Dieb:

„Ist das alles?“

„Jawohl“, antwortete der Jude.

„Hast du auch unterwegs das Päckchen nicht aufgemacht und ein paar Stücke verdrückt?“ fuhr Sikes argwöhnisch fort. „Stell dich nur nicht beleidigt, es wäre nicht das erstemal. Klingle mal.“

Fagin setzte den Klingelzug in Bewegung, und kurz darauf trat ein anderer Jude ein. Jünger zwar als Fagin, aber ebenso spitzbübisch und abstoßend in seinem Äußern.

Bill zeigte nur auf die leere Kanne, worauf der Jude, der den Wink verstand, sich entfernte, um sie wieder zu füllen. Beim Herausgehen hatte er jedoch Fagin einen bedeutungsvollen Blick zugeworfen, den dieser mit einem leichten Kopfschütteln beantwortete. Diese Zeichensprache ging Sikes verloren, da er sich gerade zufällig bückte. Hätte er sie bemerkt, würde er wohl wenig Gutes für sich selber daraus gefolgert haben.

„Ist jemand hier, Barney?“ fragte Fagin den wieder eintretenden Juden.

„Nur Fräulein Nancy“, erwiderte dieser.

„Nancy?“ rief Sikes. „Ein patentes Mädel.“

„Ja, sie ist drinnen am Büfett und hat sich einen Teller Rindfleisch geben lassen“, bemerkte Barney.

„Schick sie her! Schnell!“ rief Sikes.

Barney warf einen fragenden Blick auf Fagin, da ihm dieser aber kein Zeichen gab, so entfernte er sich und kehrte bald mit Nancy zurück.

„Du bist ihm auf der Spur, Nancy, nicht wahr?“ fragte Sikes und bot ihr ein Glas Schnaps an.

„Ja, Bill“, entgegnete die junge Dame und leerte das Glas mit einem Zuge. „Mühe genug hat es gekostet. Der Junge ist krank gewesen und mußte das Bett hüten, dann –“

„Sie sind ein Prachtmädel, Nancy!“ sagte Fagin. Ein Augenblinzeln des Juden warnte das Mädchen vor allzu großer Offenheit. Sie lenkte deshalb das Gespräch mit Herrn Sikes auf andere Gegenstände und erklärte nach ungefähr zehn Minuten, gehen zu müssen. Herr Sikes bemerkte, daß er denselben Weg habe, und sie gingen zusammen fort. Der Hund folgte in einiger Entfernung seinem Herrn. Nachdem Sikes das Zimmer verlassen hatte, schüttelte Fgin die geballte Faust hinter ihm her und murmelte einen schweren Fluch. Dann setzte er sich wieder an den Tisch und vertiefte sich in die Lektüre des Londoner Kriminalanzeigers.

Inzwischen eilte Oliver Twist dem Bücherladen zu und dachte darüber nach, wie glücklich und zufrieden er jetzt sei. Aus diesen Träumereien wurde er durch den Ruf geschreckt: „oh, mein lieber Bruder“. und fühlte gleichzeitig seinen Hals von einem Paar weiblichen Armen umschlungen.

.“Lassen Sie mich los“, rief Oliver sich wehrend. „Was wollen Sie denn von mir? Warum halten Sie mich auf?“

Die einzige Antwort hierauf war seitens des Mädchens:

„Gott sei Dank, ich habe ihn gefunden! O Oliver, böser Junge, wieviel Kummer hast du mir bereitet. Komm nach Hause, Liebling, komm! Ich bin ja so froh, ihn gefunden zu haben.“

Das junge Mädchen brach in Tränen aus und bekam so schreckliche Krämpfe, daß ein paar dabeistehende Weiber einen vorübergehenden Schlächterlehrling fragten, ob er es nicht für richtiger hielte, zum Arzt zu laufen. Der Lehrling, wenn auch nicht gerade gefühllos, schien aber ein ziemlich träger Bursche zu sein, denn er erwiderte, seiner Ansicht nach wäre das nicht nötig.

„Mir ist schon wieder besser“, sagte das Mädchen und nahm Oliver bei der Hand. „Aber nun komm schnell mit mir nach Hause, du böser, böser Junge, du!“

„Was ist denn los?“ fragte eine der Frauen.

„Ach, er ist vor ungefähr vier Wochen seinen Eltern, arbeitsamen und achtbaren Leuten, entlaufen und hat sich einer Diebesbande angeschlossen. Der armen Mutter ist darüber fast das Herz gebrochen.“

„Geh nach Hause, Bösewicht“, schrien die Weiber.

„Solch ein verdammter Bengel.“

„Das ist nicht wahr“, rief Oliver in großer Angst , „Ich kenne sie gar nicht. Ich habe weder Schwester noch Vater, noch Mutter. Ich bin eine Waise und wohne zu Pentonville.“

„Lieber Gott, wie frech er schon geworden ist“, schluchzte das junge Mädchen.

„Ach, Nancy!“ schrie Oliver, entsetzt zurückfahrend, als er ihr ins Gesicht sah.

„Ihr seht, er kennt mich“, sagte Nancy zu den Umstehenden. „Er kann es nicht leugnen. Helft mir, gute Leute, ihn nach Hause bringen, sonst sterben seine armen Eltern noch vor Kummer und Sorge, und mir bricht er das Herz.“

„Donnerwetter, was ist los?“ rief ein Mann, der aus einer Kneipe stürzte. „Ach, der junge Oliver, komm nach Hause zu deiner armen Mutter, du Galgenstrick. Sofort gehst du mit!“

„Ich gehöre nicht zu ihnen. Ich kenne sie nicht. Hilfe! Hilfe!“ brüllte Oliver und wehrte sich verzweifelt gegen den festen Griff des Mannes.

„Hilfe!“ wiederholte der Mann. „Ich will dir gleich helfen, Lümmel! Was sind das für Bücher? Wahrscheinlich gestohlen! Gib mal her.“

Mit diesen Warten entriß er ihm die Bände und gab ihm einen heftigen Schlag auf den Kopf.

„So ist’s recht, der einzige Weg, ihn wieder zur Vernunft zu bringen“, riefen die Zuschauer.

„Er kann noch mehr haben“, sagte Sikes, indem er Oliver einen zweiten Schlag versetzte und dann beim Kragen packte. „Marsch, du Taugenichts, und nimm dich vor meinem Hund dort in acht.“

Noch schwach von der eben erst überstandenen Krankheit, betäubt durch die Schläge und das Plötzliche des Angriffs, was konnte da wohl ein armes Kind machen? Es war dunkel geworden, nirgends Hilfe, so war jeder Widerstand fruchtlos. Oliver wurde in aller Eile durch ein Labyrinth enger, finsterer Höfe geschleppt und zu so schnellen Schritten gezwungen, daß die wenigen Hilferufe ungehört verhallten.

Die Gaslampen wurden angezündet. Frau Bedwin wartete besorgt an der offenen Haustür, und das Dienstmädchen war wohl zwanzigmal die Straße hinabgelaufen, ohne eine Spur von Oliver zu entdecken. Die beiden alten Herren saßen beharrlich im dunklen Zimmer, zwischen sich die Uhr auf dem Tische – und warteten.

Erzählt von Olivers Schicksalen nach seiner Begegnung mit Nancy

Die engen Straßen und Gassen endeten an einem großen Platz, der als Viehmarkt benutzt wurde. Sikes ging jetzt langsamer, da das Mädchen ganz außer Luft und Atem war. Er herrschte Oliver mit rauher Stimme an, Nancys Hand zu fassen.

„Hast du gehört?“ brüllte Sikes, als Oliver zögerte und sich umblickte.

Sie befanden sich in einem dunkeln, abgelegenen Teil der Stadt und Oliver erkannte, daß jeder Widerstand vergeblich sein würde. Er streckte daher seine Hand aus, die Nancy sofort mit der ihrigen erfaßte.

„Gib mir die andere“, sagte Sikes und packte ihn bei der noch freien Hand.

Sie kamen jetzt zum Smithfieldmarkt. Die Nacht war finster und neblig. Es schlug acht.

„Acht Uhr, Bill!“ sagte Nancy, als die Uhr ausgeschlagen hatte.

„Das brauchst du mir nicht zu erzählen, ich hab‘ ja Ohren“, erwiderte Sikes.

„Ob sie die Uhr auch schlagen hören?“ meinte Nancy.

„Natürlich“, versetzte Sikes. „Es war so um Bartholomae, als ich im Kittchen saß, und da war keine Pfennigtrompete auf dem ganzen Markt, die ich nicht quäken hörte.

„Die armen Jungens!“ seufzte Nancy. „Ach, Bill, was es für schneidige junge Kerle sind!“

„Ja, ja, so sind die Weiber, an etwas anderes denken sie nicht“, entgegnete Sikes. „Schneidige Kerle, meinetwegen; sie sind so gut wie tot, also kann’s mir gleichgültig sein.“

Mit diesem Trost schien Sikes eine Anwandlung von Eifersucht niederzukämpfen. Er faßte Olivers Handgelenk fester und eilte weiter. Nach einer halben Stunde bogen sie in eine enge, schmutzige Gasse, in der fast nur Trödler zu wohnen schienen. Vor einem anscheinend unbewohnten Laden machten sie halt.

„Gott sei Dank“, sagte Sikes und sah sich vorsichtig um.

Nancy bückte sich, und Oliver hörte eine Klingel. Sie gingen nun auf die andere Seite der Straße und stellten sich für einen Augenblick unter eine Laterne. Jetzt wurde geräuschlos die Haustür geöffnet, und Sikes packte Oliver ohne weitere Umstände am Kragen. In einer Sekunde befanden sich alle drei im Innern des Hauses. Sie warteten im dunklen Hausflur, bis die Person, die sie eingelassen, die Tür wieder verschlossen und verriegelt hatte.

„Ist jemand hier?“ fragte Sikes.

„Nein“, antwortete eine Stimme, die Oliver schon früher gehört zu haben glaubte.

„Ist der Alte da?“ fuhr der Spitzbube fort.

„Ja“, entgegnete die Stimme, „er geht aber mächtig sparsam mit seinen Worten um. Glaube nicht, daß er sehr erfreut ist, Sie zu sehen. Sicher nicht.“

„Bring eine Funzel!“, sagteSikes, „sonst brechen wir uns noch den Hals oder treten den Hund, und das ist gefährlich.“

„Einen Augenblick, werde sofort Licht bringen“, erwiderte eine Stimme. Nach einer Minute zeigte sich die Gestalt des Herrn John Dawkins, sonst auch der Gannef geheißen, in der rechten Hand eine brennende Kerze haltend. Der junge Herr gab Oliver kein anderes Zeichen des Wiedererkennens als ein höhnisches Grinsen, dann winkte er den Dreien, ihm zu folgen. Sie kamen durch eine leere Küche, und als sie die Tür eines niedrigen, dumpfen Gemaches öffneten, wurden sie mit einem schallenden Gelächter empfangen.

„Wer kommt denn da?“ brüllte Karl Bates, indem er sich vor Lachen die Seiten hielt. „Das ist er ja. Gucken Sie ihn an, Fagin. Sehen Sie ihn sich bloß mal an. Das ist ein Hauptspaß! Ich kann nicht mehr! Ich sterbe vor Lachen!‘ Damit legte er sich der Länge nach mit dem Rücken auf die Erde und strampelte minutenlang mit den Beinen. Dann sprang er auf, entriß dem Gannef die Kerze, und beleuchtete Oliver von allen Seiten. Zu gleicher Zeit machte der Jude, seine Nachtmütze abnehmend, unserm verwirrten Helden tiefe Verbeugungen. Der Gannef, ernster veranlagt und beim Geschäft keinen Spaß kennend, durchsuchte inzwischen eifrig Olivers Taschen.

„Ein vornehmer Herr“, sagte Bates. „Sehen Sie sich nur seine Klamotten an. Das feinste Tuch und der modernste Schnitt, Fagin! Und dann noch seine Bücher!“

„Entzückt Sie so wohl zu sehen, mein Herr“,. begann der Jude, indem er sich mit ironischer Höflichkeit vor Oliver verbeugte. Der Gannef wird Ihnen geben einen, anderen Anzug, damit Sie sich nicht gleich verderben Ihren Sonntagsstaat. Warum haben Sie uns nicht geschrieben, daß Sie kommen würden? Wir hätten Ihnen dann etwas Warmes zum Abendessen aufgehoben.“

Karl Bates begann aufs neue – und zwar so unbändig zu lachen, daß auch Fagin sein Gesicht verzog und sogar der Gannef lächelte. Da aber dieser in jenem Augenblick die Fünfpfundnote aus Olivers Tasche zog, so ist es zweifelhaft, ob die Lustigkeit seines Kameraden oder der wichtige Fund sein Lächeln hervorrief.

„Hallo, was ist, das?“ fragte Sikes vortretend, als der Jude die Banknote ergriff. „Das ist mein, Fagin!“

„Nein, mein“, sagte der Jude, „mein ist es. Ihr könnt die Bücher haben!“

„Wenn ich, das heißt, wenn ich und Nancy nicht die Fünfpfundnote kriegen“, sagte Sikes ganz energisch und setzte sich seinen Hut auf, „so nehme ich den Jungen wieder mit.“

Der Jude und Oliver fuhren zusammen, aber aus ganz verschiedenen Gründen. Hoffte doch letzterer, der Streit möchte damit endigen, daß er wieder zurückgebracht würde.

„Schnell, rück ‚raus! Was, du willst es nicht hergeben?“ ,schrie Sikes.

„Es ist ungerecht, Sikes, Nicht wahr, Nancy, er ist ungerecht?“ versetzte Fagin.

„Gerecht oder ungerecht! Gib her“, damit riß Sikes dem Juden die Banknote aus den Fingern. Er faltete sie zusammen und knüpfte sie in seine Halsbinde.

„Das ist für unsere Mühe“, fuhr Sikes fort, „und wenig genug. Du kannst meinetwegen die Bücher behalten und dazin lesen, wenn du Lust hast. Oder kannst sie auch verkaufen.“

„Sie gehören dem alten Herrn“, sagte Oliver händeringend, „dem guten, alten Herrn, der mich in sein Haus nahm und mich pflegte, als ich todkrank daniederlag. Ach, bitte, schicken Sie es ihm zurück, schicken Sie ihm Geld und Bücher zurück. Behalten Sie mich mein Leben lang hier, aber geben Sie ihm sein Eigentum wieder. Er wird sonst glauben, ich hätte ihn bestohlen; die alte Dame und.alle anderen, die so gut zu mir waren, werden denken, ich sei ein Dieb. Oh, haben Sie Mitleid mit mir und senden Sie Bücher und Geld zurück.“ Mit diesen Worten fiel Oliver vor dem Juden auf die Knie und rang verzweiflungsvoll die Hände.

„Der Junge hat recht“, sprach Fagin, sich im Kreise umsehend. „Man wird dich allerdings für den Dieb halten, Oliver. Ha! ha! ha! –“ kicherte der Jude. „Einen besseren Zeitpunkt hätten wir gar nicht wählen können.“

„Stimmt“, sagte Sikes. „Ich wußte das, als ich ihn mit den Büchern herankommen sah. Jetzt ist alles in schönster Ordnung.“

Oliver hatte wie ein Unzurechnungsfähiger während dieses Gespräches von dem einen Sprecher auf den anderen gesehen, er war sich nicht im geringsten darüber klar, was um ihn vorging. Plötzlich stürzte er aus dem Zimmer und rief laut und flehentlich um Hilfe. Das ganze Haus hallte von seinem Geschrei wider.

„Halt den Hund zurück, Bill!“ kreischte Nancy und schloß die Tür, durch die der Jude mit seinen beiden Zöglingen eben Oliver nachgeeilt war. „Halt den Hund zurück, er wird sonst den Jungen in Stücke reißen.“

„Geschieht ihm recht“, brüllte Sikes und suchte sich den Händen des Mädchens zu entwinden. „Laß mich los, oder ich schmeiß‘ dich an die Wand.“

„Mir gleich,“ schrie Nancy in heftigem Ringen mit dem Manne, „das Kind soll nicht vom Hunde zerrissen werden, da mußt du mich erst kaltmachen.“

„Das kann dir leicht passieren, wenn du mich nicht los läßt“, knirschte Sikes und schleuderte das Mädchen in eine Ecke des Zimmers. In diesem Augenblick kam der Jude mit seinen beiden Zöglingen zurück, die Oliver nachzerrten.

„Was ist denn hier, los?“ fragte der Jude sich umblickend.

„Das Weib ist verrückt geworden, glaub‘ ich“, erwiderte Sikes wütend.

„Durchaus nicht“, rief Nancy blaß und atemlos von dem Kampf. „Glauben Sie das ja nicht Fagin.“

„Dann halte den Mund“, schrie der Jude drohend.

„Habe ich nicht nötig“, kreischte Nancy..“Was sagst du nun?“

Fagin schien es im gegenwärtigen Augenblick nicht geraten, sich in einen weiteren Wortwechsel mit ihr einzulassen. Er wandte sich deshalb an Oliver und fuhr ihn an:

„Du wolltest also fortlaufen, mein Lieber“, dabei nahm er einen Knotenstock, der am Kamin lag, in die Hand. „Wolltest um Hilfe rufen, zur Polizei gehen! Das wollen wir dir austreiben.“ Hier packte er den Jungen und schlug ihn mit dem Stock über den Rücken. Als er zum zweiten Male ausholen wollte, eilte Nancy herbei und entwand den Stock seinen Händen. Sie schleuderte ihn in den Kamin, daß die Funken nur so im Zimmer herumflogen.

„Ich dulde es nicht“, schrie sie und stampfte mit dem Fuß zornig auf den Boden. „Ihr habt den Jungen, was wollt ihr mehr. Laßt ihn zufrieden, oder ich tue euch was an, selbst wenn es mich vor der Zeit an den Galgen bringen sollte.“

„Ach, Nancy!“ sagte- der Jude beschwichtigend nach einer Pause, während der er und Sikes sich verblüfft angeguckt hatten. „Sie spielen heute abend Ihre Rolle besser als je.“

„Wirklich?“ versetzte das Mädchen, „nehmt euch in acht, daß ich euch nicht tatsächlich mal was vorspiele. Das wäre schlimm für euch. Ich sage euch das rechtzeitig, damit ihr euch vorseht.“

„Was soll das heißen?“ tobte Sikes und stieß eine Flut von Verwünschungen gegen sie aus. „Der Teufel soll dich holen! Du hast wohl vergessen, wer du bist und was du bist?“

„O nein, ich weiß das ganz genau“, versetzte das Mädchen mit hysterischem Lachen.

„Na, dann sei ruhig“, sagte Sikes, „oder ich mach‘ dich für eine lange Zeit still.“

Das Mädchen lachte wieder und warf einen flüchtigen Blick auf ihn; dann drehte sie sich um und biß sich auf die Lippen, daß sie bluteten.

„Du bist mir gerade die Rechte, die Menschenfreundin ‚rauszubeißen“, fuhr Sikes im verächtlichen Tone fort. „Eine nette Freundin für das Kind, wie du den Jungen nennst.“

„Der Allmächtige ist mein Zeuge, daß ich es bin“, rief Nancy leidenschaftlich. „Lieber läge ich tot auf der Straße oder säße im Gefängnis, als daß ich mich dazu hergegeben hätte, ihn in euere Hände zu bringen. Er ist von diesem Augenblick an ein Dieb, ein Lügner, ein Teufel, kurz alles, was man sich nur Schlimmes denkt. Ist das nicht für den alten Halunken genug, muß er ihn auch noch prügeln?“

„Sehen Sie, Sikes“, sagte der Jude in einem belehrenden Tone, „wir müssen höflich sein und freundliche Worte gebrauchen. Immer höflich, Bill!“

„Höfliche Worte!“ schrie das Mädchen, das in seiner Wut schrecklich anzusehen war. „Freundliche Worte! Du Schurke! Du verdienst sie auch von mir. Ich stahl für dich, als ich noch ein Kind war, nicht halb so alt wie dieses (sie zeigte auf Oliver) und treibe nun seit zwölf Jahren dasselbe Gewerbe. Weißt du das nicht? Sprich!“

„Nun“, sagte der Jude begütigend, „wenn du es tatest, so hattest du doch dein Brot davon.“

„Das stimmt“, sprudelte das Mädchen mit steigender Heftigkeit heraus. Ihre Worte überstürzten sich förmlich.

„Es ist mein Brot, und die kalten, nassen, schmutzigen Straßen sind mein Heim. Und du bist der Lump, der mich heraustrieb und der mich Tag und Nacht hinaustreiben wird, bis ich verrecke!“

53. Kapitel


53. Kapitel

Was John Westlock zu Tom Pinchs Schwester sagte; was Tom Pinchs Schwester zu John Westlock sagte; was Tom Pinch zu ihnen beiden sagte, und wie sie zusammen den Rest des Tages verlebten

Herrlich funkelte die Tempelfontäne im Sonnenschein, und lachend spielte ihre flüssige Musik, und lustig tanzten die Wassertropfen und guckten neckisch unter den Bäumen hervor und duckten sich augenblicklich wieder, um sich zu verbergen, als die kleine Ruth und ihr Begleiter vorbeikamen.

Warum das Pärchen sich der Fontäne näherte, ist ein Geheimnis; zu schaffen hatten sie dort nichts. Der Ort lag gar nicht auf ihrem Wege; im Gegenteil. Sie hatten mit der Fontäne ebensowenig zu tun wie mit der Liebe oder irgend etwas derart. Wenn Tom Pinch und seine Schwester sich an der Fontäne ein Rendezvous gaben, so war das etwas ganz anderes; wenn Ruth ein bißchen warten mußte, so wäre es sehr ärgerlich gewesen, dies an einem andern als einem hübschen ruhigen Orte zu tun; und in Anbetracht aller Umstände war dies hier ein so ruhiger Ort, wie sich nur einer finden ließ. Aber wenn Mr. Westlock sie nach Hause führen sollte und Arm in Arm mit ihr eine andere Richtung einschlug, so war doch der Umstand, daß sie zu derselben Fontäne gelangten, ganz außerordentlich.

Wie dem übrigens auch sein mag, sie waren da – und wie sonderbar, sie schienen wie in stummem Einverständnis hierher gewandert zu sein, und das Wunderbarste dabei war, daß sie nicht wenig staunten, sich plötzlich dort zu sehen, denn an und für sich liegt doch im Anblick einer Fontäne nichts so Verwirrendes.

»Was für ein hübsches Plätzchen das ist!« rief John; er sagte es voller Ernst und von tiefer Liebe zu dem Ort durchdrungen.

»Ja, ein reizendes Plätzchen«, bekräftigte die kleine Ruth; »so schattig!«

Sie blieben eine Weile stehn; der Tag war wunderschön, und da sie nun einmal stehenblieben, so war es ganz natürlich, daß sie auch einen Blick nach Garden Court hinunterwarfen, denn Garden Court führt in den Garten, der Garten an den Strom, und die Aussicht dahin ist so schön und schimmert wie Silber an einem Sommertag. Warum guckte also die kleine Ruth nicht mit hin? Warum bemühte sie sich so, ihren allerliebsten, winzigen, schmalen, kleinen Fuß mit aller Gewalt in den zersprungenen Winkel eines fühllosen alten Quadersteins im Pflaster zu pressen und der Lücke so genau anzupassen? Wenn die Matrone mit dem feuerroten Gesicht, die John den Haushalt führte, sie hätte sehen können, als sie zusammen weitergingen, hätte sie für ihre Stellung in Mr. Westlocks Haus in Furnivals Inn wohl nicht mehr viel gegeben.

Das Pärchen ging weiter. Aber nicht durch die Straßen von London, nein, durch eine verzauberte Stadt, wo das Straßenpflaster aus Luft gewebt war, sich das Toben und Lärmen der Geschäftigkeit zu sanfter Musik milderte, wo alles glücklich dahinlebte und Raum und Zeit verschwunden waren. Zwei gutmütige, stämmige Bierkutscher ließen gerade ein paar große Fässer in einen Keller hinunter, und als John Ruth über den Strick hinüberhalf oder sie vielmehr hinüberhob, meinten sie, er müsse ihnen außerordentlich dankbar sein für die prachtvolle Gelegenheit, die sie ihm boten; himmlische Bierkutscher!

Grüne, schöne Weide in der Sommerzeit, tiefes, weiches Stroh im Winter und ewigen Überfluß an Hafer und Klee wünschte John dem edlen Roß, das da vor dem Gig auf dem Pflaster tanzte und Ruth so erschreckte, daß sie seinen Arm mit beiden Händen umfaßte und ihn anflehte, zum Pastetenbäcker hineinzuflüchten, von wo sie dann erschrocken zur Türe hinausguckte und ihn mit ihren lieben Augen fragend ansah, ob er glaube, daß sie jetzt ungefährdet weitergehn könnten. Wäre doch ein ganzes Gespann mit Rossen, ein Löwe, ein Bär, ein toller Stier oder etwas derart gekommen, um sie abermals zu veranlassen, mit ihren Händchen seinen Arm zu umschlingen.

Sie plauderten – und unterhielten sich von Tom, von den Begebnissen des Tages, von der Zuneigung, die Mr. Chuzzlewit zu Tom gefaßt, von den glänzenden Aussichten, die diesem dadurch erwüchsen, und was dergleichen mehr war. Je angelegentlicher sie übrigens plauderten, desto ängstlicher vermied die kleine Ruth jede Pause, denn lieber wollte sie alles Gesprochene noch einmal sagen als schweigen. Und wenn sie doch die Geistesgegenwart verließ, was häufig genug stattfand, so sah sie noch zehntausendmal bezaubernder und unwiderstehlicher aus als zuvor.

»Martin wird vermutlich bald heiraten«, sagte John.

Ruth glaubte es gleichfalls, aber niemals hat wohl ein berückendes, kleines Frauenzimmerchen etwas mit so schwacher Stimme gelispelt wie Ruth.

Schon wieder voller Furcht, daß eine jener beunruhigenden Pausen im Anzüge sei, bemerkte sie rasch, Martin bekomme eine schöne Frau, und ob Mr. Westlock das nicht auch glaube.

»Ja«, sagte John, »– o – ja.«

Sie fürchtete, er sei schwer zu befriedigen, da er das so zögernd sage.

»Sagen Sie lieber, ich sei schon befriedigt«, versetzte John. »Ich habe sie kaum gesehen – kümmerte mich auch gar nicht um sie – ich hatte diesen Morgen keine Augen für sie.«

»O Gott!«

Es war gut, daß sie ihren Bestimmungsort erreicht hatten, denn Ruth wäre nicht imstande gewesen, weiterzugehen. Wie wäre es auch möglich gewesen bei solchem Zittern. – Tom war noch nicht nach Hause gekommen. Sie traten also in das dreieckige Wohnstübchen und waren allein. Matrone mit dem feuerroten Gesicht und dem zerknitterten Hut, wie wird es dir wohl jetzt ergehen!

Ruth setzte sich auf das kleine Sofa und knüpfte ihr Hutband los. John nahm neben ihr Platz – sehr, sehr, sehr nahe. – Wie wild ihr das Herzchen schlug!

»Liebste, angebetete Ruth, wenn ich Sie weniger liebte, hätte ich Ihnen längst sagen können, daß ich Sie anbete. Gleich von Anfang an war ich in Sie verliebt, und noch nie ist ein Wesen auf Erden wahrhaftiger geliebt worden als Sie, liebe Ruth, von mir.«

Sie verbarg das Gesicht in ihren Händen. Sie sagte nichts, aber ihre Tränen – Tränen der Freude, des Stolzes, der Hoffnung und der zitternden Liebe – aus ihrem übervollen jungen Herzen heraus waren Antwort genug.

»Angebetetste, wenn dieses Geständnis – und ich wage es fast zu hoffen – nicht schmerzlich oder betrübend für Sie ist, so machen Sie mich glücklicher, als ich auszusprechen vermag oder Sie sich denken können. Angebetete Ruth, meine gute, sanfte, bezaubernde Ruth, ich hoffe, daß ich den Wert Ihres Herzens und den Wert Ihrer engelreinen Seele zu schätzen weiß. Lassen Sie mich Ihnen beweisen, daß ich ihn kenne, und Sie werden mich glücklicher machen, Ruth –«

»Nein, nicht glücklicher«, schluchzte sie, »als Sie mich bereits machen. Niemand kann glücklicher sein, John, als ich es durch Ihre Liebe schon bin.«

Matrone mit dem feuerroten Gesicht und dem zerknitterten Hut, sehen Sie sich nach einer andern Stelle um. Mit Ihrem Regiment ist es jetzt vorüber – bemühen Sie sich nicht weiter.

Kein scheuendes Pferd, keine Löwen, keine Bären oder tollen Stiere waren mehr nötig: Ruths kleine Händchen falteten sich jetzt um Johns Arm auch ohne sie, und es war alles viel besser und hübscher so. Keine Bierkutscher, keine großen Fässer waren mehr nötig als Gelegenheitsmacher. Die weiche, kleine Hand legt sich scheu und ganz natürlich auf die Schulter des Geliebten, und wenn sämtliche Pferde Arabiens mit einem Male scheu geworden wären, so hätte es nicht besser ausfallen können.

Dann fing das Pärchen wieder an, von Tom zu sprechen.

»Ich hoffe, er wird sich freuen, wenn er’s hört«, sagte John mit leuchtenden Augen.

Ruth schloß ihre kleinen Händchen noch etwas fester zusammen bei diesen Worten und blickte liebevoll zu ihm empor.

»Ich muß ihn doch nie verlassen, nicht wahr, Geliebter? Ich glaube, ich könnte Tom nie verlassen.«

»Glaubst du denn, ich würde das von dir verlangen?« rief John und küßte sie auf die Lippen.

»Ich wußte es, daß du es nie verlangen würdest«, antwortete sie, und die hellen Tränen standen ihr in den Augen.

»Und ich will es dir schwören, Ruth, wenn du es willst. Tom verlassen! Das würde ein merkwürdiger Anfang sein. Tom verlassen, Geliebte! Wenn Tom und wir nicht unzertrennlich sind und er nicht alle Liebe in unserm Heim finden sollte, dann möge dieses Heim lieber nie existieren. Und das ist ein schwerer Eid, Ruth!«

»Tom wird so glücklich, so stolz und froh sein«, jubelte Ruth, zitternd vor Glück. »Aber wie er staunen wird! Ich weiß, er denkt nicht im entferntesten an eine solche Möglichkeit.«

Allmählich rückte sie dann mit dem heraus, was sie von Toms Geheimnis wußte, und wie sie es entdeckt hatte, und John war voll Leid und Teilnahme darüber. Aber sie wollten, sagte er, deswegen nur um so mehr versuchen, ihn glücklich zu machen und ihm seine Herzenswünsche an den Augen abzulesen. Und dann schilderte er ihr mit dem ganzen Eifer und der Innigkeit junger Liebe, wie er jetzt vortreffliche Gelegenheit habe, sich auf dem Lande als Baumeister niederzulassen. Wie er schon daran gedacht habe, er könne auf diesem Wege Tom eine Beschäftigung verschaffen und es einleiten, daß sie behaglich miteinander leben könnten, ohne daß Tom sich abhängig fühlen müßte. Und sie waren so glücklich, wie der Tag lang war. Freude im Herzen und in den Mienen, hörte Ruth dies alles mit an, und sie bauten sich Luftschlösser und kauften Tom im Geiste eine auserlesene Bibliothek und ließen eine Orgel für ihn bauen, auf der er dann nach Herzenslust spielen könne. Da mit einem Male hörten sie ihn an die Türe klopfen.

Wie sehr sich auch die kleine Ruth danach sehnte, ihrem Bruder alles Vorgefallene mitzuteilen, war sie doch bei seiner Ankunft sehr aufgeregt – um so mehr, als sie wußte, daß Mr. Chuzzlewit ihn begleitete. Sie fragte daher mit Zittern:

»Was soll ich nur tun, lieber John? Ich kann den Gedanken nicht ertragen, daß er es von jemand anderem als von mir hört, und doch bin ich nicht imstande, ihm alles mitzuteilen, wenn wir nicht allein sind.«

»Handle ganz, Geliebte, nach deinem natürlichen Instinkt, und wie es der Augenblick dir eingibt«, riet John. »Ich bin überzeugt, dann wird es am besten sein.«

Er hatte kaum ausgesprochen und Ruth kaum Zeit gehabt, auf dem Sofa ein bißchen weiter von ihm wegzurücken, als Tom und Mr. Chuzzlewit hereinkamen. Der alte Herr trat zuerst über die Schwelle, und Tom folgte ihm gleich darauf.

In der Geschwindigkeit hatte sich Ruth entschlossen, Tom für eine kleine Weile in das obere Stübchen hinauf zu winken und ihm dort alles zu gestehen. Als sie jedoch sein liebes, altes Gesicht in der Türe erscheinen sah, war sie so ergriffen, daß sie sich ihm in die Arme warf, ihr Köpfchen an seine Brust legte und schluchzend rief:

»Wünsche mir Glück, Tom! Mein lieber, lieber Bruder!«

Tom blickte sie überrascht an und sah dicht neben sich John Westlock stehen, der ihm die Hand entgegenstreckte.

»John!« rief Tom, »John!«

»Lieber Tom«, sagte Mr. Westlock bewegt, »gib mir die Hand; wir sind Schwäger, Tom.«

Tom faßte seine Hand mit beiden Händen, drückte sie mit aller Macht, umarmte dann seine Schwester mit Innigkeit und legte sie John Westlock an die Brust.

»Sage mir nichts weiter John! Das Geschick ist so gütig gegen uns – ich –«; er fand keine Worte mehr, sondern verließ das Zimmer, und Ruth folgte ihm.

Und als sie endlich wieder zurückkamen, sah Ruth noch schöner und Tom womöglich noch treuer und gütiger aus als je. Und wenn er auch, überwältigt von Freude, noch nicht imstande war, über die Sache zu sprechen, so legte er doch seine Hände mit einem Nachdruck in die seines Freundes, der mehr bekundete als die vollendetste Rede.

»Es freut mich, daß Sie den heutigen Tag dazu gewählt haben«, sagte Mr. Chuzzlewit zu Mr. Westlock mit demselben pfiffigen Lächeln wie damals, als sie sich getrennt hatten – »wenn ich mir’s auch gleich gedacht habe. Ich hoffe, Tom und ich sind doch entsprechend lang ausgeblieben? Es ist so lange her, seit ich selbst solche Dinge praktisch erlebte, daß ich schon ganz unsicher wurde.«

»Sie scheinen aber immer noch ziemlich genaue Kenntnisse davon zu besitzen, Sir«, erwiderte John lachend, »wenn Sie vorauszusehen imstande waren, was sich heute begeben würde.«

»Nun, ich wüßte eben nicht, Mr. Westlock«, sagte der alte Herr, »daß dazu besonders viel prophetische Gabe gehörte, nachdem ich Sie und Ruth zusammen gesehen habe. Aber kommen Sie jetzt zu mir, mein hübsches Kind, und sehen Sie mal, was ich und Tom diesen Morgen mitsammen gekauft haben, während Sie mit diesem jungen Handelsmann hier Ihre Geschäfte abmachten.«

Die Art, wie sich der alte Herr an ihre Seite setzte und sie fast wie ein Kind behandelte, war eigentlich recht komisch, aber doch so voller Innigkeit, daß einem das Herz dabei aufgehen mußte. Und wie vortrefflich die hübsche kleine Ruth zu dem hübschen Bild paßte.

»Also, sehen Sie mal her«, sagte er und nahm ein Etui aus der Tasche. »Was für ein hübsches Halsband, nicht wahr? Wie das blitzt! Und dazu ein Paar Ohrringe, Armbänder und ein Gürtel. Das gehört Ihnen. Für Mary habe ich denselben Schmuck gekauft. Tom konnte absolut nicht begreifen, wozu ich zwei brauchte. Kurzsichtig ist er, das muß man ihm lassen. Ohrringe, Armbänder und ein Gürtel, schön, nicht wahr? Lassen Sie jetzt mal sehen, wie es Ihnen steht! Mr. Westlock soll Ihnen selbst den Schmuck anlegen.«

Es war ein reizendes Bild, wie Ruth ihren runden, weißen Arm hinhielt und John tat, als wäre das Bracelett unendlich schwer zu befestigen, wie sie dann den schönen kleinen Gürtel anzog und dazu ebenfalls Johns Hilfe brauchte, weil ihre Finger so gar nicht gehorchen wollten. Und wie verwirrt und verschämt sie aussah, während die Glut ihre Wangen färbte und ihr Antlitz strahlte wie die funkelnden Juwelen. Es war das lieblichste Bild, das man unter den gewöhnlichen Erlebnissen eines ganzen Jahres nur sehen konnte.

»Der Schmuck und die Trägerin passen so vortrefflich zusammen«, sagte der alte Herr, »daß ich wahrhaftig nicht weiß, welches von den beiden eigentlich die Zierde ist. Mr. Westlock könnte mir darüber zwar ohne Zweifel Auskunft geben, aber ich will ihn nicht fragen, da er wohl nicht unparteiisch ist. Also, tragen Sie den Schmuck in Gesundheit und Glück, meine Liebe, und möge er Ihnen eine Erinnerung an einen Freund sein, der Sie liebt.«

Er klopfte sie auf die Wange und wendete sich zu Tom:

»Auch hier muß ich die Rolle des Vaters übernehmen, Tom. Es gibt nicht viele Väter, die zwei solche Töchter an demselben Tage verheiraten. Aber wir wollen die Unwahrscheinlichkeit den Grillen eines alten Mannes zuliebe übersehn; soviel Nachsicht müssen Sie mir schon schenken«, setzte er hinzu, »denn der Himmel weiß, ich habe in meinem ganzen Leben leider nur zu wenig Grillen befriedigt, die das Glück andrer im Auge hatten.«

Über diesen Gesprächen verging die Zeit so rasch, daß, ehe sie sich’s versahen, nurmehr eine Viertelstunde zur Mittagszeit fehlte. Aber ein Fiaker brachte sie bald nach dem Tempel, wo sie bereits alles für ihren Empfang vorbereitet fanden. Mr. Tapley war hinsichtlich Anordnung des Dinners mit unbeschränkter Vollmacht versehen worden und hatte sich seiner Aufgabe so ehrenvoll entledigt, daß unter seiner und seiner zukünftigen Gattin vereinter Leitung ein prachtvolles Bankett vorbereitet war. Mr. Chuzzlewit bestand darauf, daß auch sie bei Tische Platz nähmen, und der junge Martin unterstützte eifrig den Wunsch seines Großvaters, aber Mark ließ sich durch nichts dazu bewegen und bemerkte, die Ehre, solchen Gästen aufzuwarten, sei so überwältigend für ihn, daß er sich schon jetzt als Wirt im Gasthaus zum »Fidelen Tapley« fühle und sich nicht in dem Wahne stören lassen wolle, das Fest finde bereits unter dem Dache dieses trefflichen Hotels statt.

Und um sich in dieser Vorstellung noch mehr zu bestärken, gab Mr. Tapley allerhand Anweisungen über die Aufstellung der Gerichte usw. usw. an die im Geiste anwesenden Gasthauskellner, und da seine Befehle gewöhnlich den vorhergehenden zuwiderliefen und stets in der launigsten Weise ausgedrückt wurden, so veranlaßte das stets eine große Heiterkeit, in die Mr. Tapley jedesmal aufs herzlichste mit einstimmte. Der junge Martin saß oben an, Mr. Pinch unten an der Tafel, und wenn es ein Gesicht gab, das an Heiterkeit und Fröhlichkeit alle andern noch weit schlug, so war es das Toms.

Er war überhaupt für alle tonangebend. Jedermann trank ihm zu, jedermann blickte nach ihm hin, jedermann dachte an ihn, und jedermann liebte ihn. Er brauchte nur einen Augenblick Gabel und Messer aus der Hand zu legen, und schon stand jemand da, um ihm die freigewordene Rechte zu drücken. Vor dem Dinner hatten Martin und Mary an seiner Seite Platz genommen und so herzlich und innig von ihrem künftigen Glück mit ihm gesprochen, und sie betonten so nachdrücklich, daß es durch seine Gesellschaft und Liebe erst vollständig werde, daß er bis zu Tränen gerührt wurde. Es war einfach zu viel für ihn. Sein Herz zersprang fast vor Glück, wie er sagte, und das war beinahe die Wahrheit; so groß auch sein Herz war, so quoll es doch über an diesem Tage vor lauter Glück und Seligkeit.

Auch Mr. Fips, der alte Fips von Austin Friars, war beim Dinner zugegen und benahm sich wie die fidelste alte Haut, die nur jemals ihrem geselligen Temperament dadurch Zwang angetan, daß sie sich in ein dunkles Bureau eingeschlossen. »Wo ist er?« waren Mr. Fips‘ erste Worte, als er über die Schwelle trat. Und dann stürzte er auf Tom zu und beteuerte ihm, er wolle sich für seinen ganzen früheren Zwang jetzt schadlos halten. Zuerst drückte er ihm die eine Hand, dann die andre, dann faßte er ihn an der Weste, und dann fragte er ihn ununterbrochen: »Wie geht es Ihnen?« Und dann sang er Couplets und hielt Reden, und dem Weine setzte er so tüchtig zu wie nur einer.

Und das Glück, abends nach Hause zu gehen und in Erinnerungen an die schöne Nacht von Furnivals Inn zu schwelgen! Die Freude des jungen Paares, alle seine kleinen Pläne Tom mitzuteilen und mit anzusehn, wie sein Gesicht immer mehr und mehr strahlte.

Als sie zu Hause anlangten, ließ Tom seinen Freund und Ruth im Wohnzimmer und ging unter dem Vorwande, sich ein Buch zu suchen, in sein eignes Zimmer hinauf. Dabei dachte er wunder was er Schlaues ausgeführt habe.

»Selbstverständlich wollen sie allein sein«, sagte er sich, »und ich habe das jetzt so natürlich arrangiert, daß ich nicht zweifle, sie erwarten mich jeden Augenblick zurück. Es ist ein famoser Spaß.«

Er hatte aber noch nicht lange dagesessen und gelesen, als es an seine Türe klopfte.

»Darf ich hereinkommen?« fragte John.

»Freilich, freilich.«

»Geh, komm zu uns, Tom! Du darfst hier nicht so alleine sitzen; wir wollen dich fröhlich sehen und nicht melancholisch.«

»Mein lieber Freund« – begann Tom mit strahlendem Lächeln.

»Oho, Schwager! Tom, Schwager!«

»Also lieber Schwager«, fuhr Tom fort, »du brauchst keine Angst zu haben, daß ich traurig bin. Wie könnte ich es auch sein, wo ich weiß, daß du und Ruth beide so glücklich miteinander seid. – – Es kommt mir vor, ich bin heute ein großer Redner, John«, setzte er nach einer kleinen Pause hinzu; »aber trotzdem finde ich nicht die Worte, dir zu sagen, welch unaussprechliche Wonne mir an diesem Tag zuteil geworden ist. Es würde unpassend von mir sein und nicht angebracht, wenn ich darüber mit dir reden wollte, daß du ein mitgiftloses Mädchen heiraten willst, wo ich weiß, daß du ihren Wert erkennst – ja, ich bin fest überzeugt davon, und das ist mehr wert als alles Geld.«

»Da hast du recht, Tom!« entgegnete John. »Wer könnte sie sehen und nicht lieben! Wer sie kennt, Tom, der muß sie hochhalten. Wer müßte nicht im Besitz eines solchen Herzens gleichgültig gegen alle Schätze der Welt werden! Wer könnte das Glück und das Entzücken meiner Liebe fühlen, Tom, ohne nicht auch ihren Wert zu würdigen! Du sagtest, deine Freude sei unaussprechlich – nein, nein, Tom – die meinige ist es.«

»Nein, nein, John«, widersprach Tom – »die meinige, die meinige!«

Ihr freundschaftlicher Zwist wurde durch Ruth selbst geschlichtet, die jetzt zur Türe hereinguckte mit einem Blick, der deutlich verriet, wie sehr und von Herzen sie John liebte.

Was Tom betrifft, so war er im siebenten Himmel. Wie sie so an seiner Seite saßen, stundenlang hätte er da sitzen und sie ansehen können.

War es wohl töricht von ihm, sich zu freuen, daß sie in einer solchen Zeit an ihn gedacht hatten und wollten, er möge immer bei ihnen bleiben? Waren ihre Liebkosungen töricht? War es töricht von ihnen, daß sie erst so spät sich trennten? War es Torheit, daß John von der Straße aus noch lange zu Ruths Fenster emporblickte und den matten Schimmer von Licht dahinter höher als alle Diamanten der Erde schätzte? War es töricht, daß Ruth seinen Namen auf den Lippen trug und niederkniete und ihr reines Herz vor jenem ausschüttete, von dem solche Liebe herab auf Erden strahlt?

Wenn das lauter Torheiten sind, dann freue dich, Matrone mit dem feuerroten Gesicht und dem zerknitterten Hut! Wenn aber nicht – dann ist’s wohl aus mit deinen Diensten bei John Westlock. Dann setze deinen zerknüllten Hut für einen andern Junggesellen auf, denn mit dem Dienst ist es für immer vorbei.

54. Kapitel


54. Kapitel

Macht dem Autor große Sorge, da es das letzte in diesem Buche ist

Bei Todgers‘ herrschte große Aufregung, denn es galt, gewaltige Vorbereitungen für ein opulentes Frühstück zu treffen. Der segensreiche Tag war gekommen, an dem Miss Pecksniff mit Mr. Augustus Moddle durch das Band des heiligen Ehestandes für immer vereinigt werden sollte. Miss Pecksniff befand sich in einem Gemütszustand, der nicht nur der großen Veranlassung, sondern auch ihrer selbst vollständig würdig war. Sie troff förmlich vor Sanftmut und Versöhnlichkeit und hatte mehrere Kübel voll glühender Kohlen bereit, um sie auf die Häupter ihrer Feinde zu »sammeln«. Auch nicht die Spur von Groll oder Bosheit wohnte in ihrem Herzen.

Streitigkeiten in der Familie, betonte sie immer wieder, seien etwas Schreckliches, und wenn sie auch ihrem teuern Papa niemals verzeihen könne, so wolle sie doch ihre übrigen Verwandten empfangen. Sie sei viel zu lange getrennt gewesen, bemerkte sie, viel zu lange, als daß nicht der Himmel die schwersten Strafen über die Familie habe verhängen müssen. Daß Jonas‘ Tod eine Strafe Gottes für alle diese Zwistigkeiten war, davon war sie fest überzeugt, und in diesem Glauben wurde sie noch durch die Leichtigkeit bestärkt, mit der sie diese Heimsuchung zu ertragen wußte.

Um jetzt ein Opfer zu bringen – nicht etwa aus Triumph, sondern aus reiner Demut heraus –, schrieb sie daher an ihre starkgeistige Verwandte und teilte ihr mit, wann die Trauung stattfinden werde. Ihr und ihrer Töchter hochfahrendes Betragen sei zwar sehr verletzend gewesen, aber sie hoffe, daß sie von Gewissensbissen verschont geblieben wären. Sie wünsche nunmehr ihrerseits ihren Feinden zu vergeben und Frieden mit der ganzen Welt zu schließen, ehe sie zu der feierlichen Zeremonie schreite und den Lebensbund eingehe mit dem edelsten der Männer, und biete ihnen jetzt in Freundschaft die Hand. Wenn besagte starkgeistige Dame darauf eingehe, so lade sie (Miss Pecksniff) ihre sämtlichen Verwandten ein, der Trauung beizuwohnen, und bitte zugleich ihre drei rotnasigen Töchter (die Anspielung auf die Nasen ließ Miss Pecksniff natürlich weg), als Brautjungfern zu fungieren.

Die starkgeistige Dame antwortete darauf, daß sie und ihre Töchter, was das Gewissen anbeträfe, sich einer robusten Gesundheit erfreuten, was, wie sie überzeugt sei, Miss Pecksniff gewiß mit Freuden hören werde. Sie habe Miss Pecksniffs Schreiben mit größter Freude empfangen, um so mehr, als sie die armseligen Eifersüchteleien, mit denen sie und die ihrigen seinerzeit angegriffen worden wären, niemals ernst genommen, sondern stets als eine harmlose Quelle unschuldiger Erheiterung angesehen habe. Sie werde mit Freuden Miss Pecksniffs Trauung beiwohnen, und auch ihre lieben drei Töchter schätzten sich glücklich an einer so spannenden – und so überraschend kommenden – diese Worte hatte die starkgeistige Dame unterstrichen – Gelegenheit teilzunehmen.

Nach Erhalt dieser hoheitsvollen Zusage dehnte Miss Pecksniff ihre Amnestie und Einladung auch auf Mr. und Mrs. Spottletoe, auf Mr. George Chuzzlewit, den ledigen Vetter, auf das unverheiratete alte Fräulein, das stets Zahnweh hatte, auf den behaarten jungen Gentleman mit der unterexponierten Visage – kurz, auf sämtliche noch am Leben befindlichen Überbleibsel jener Gesellschaft, die sich dereinst in ihres Vaters Wohnstube versammelt hatte, aus. – In der Erfüllung der Pflichten läge eine Süßigkeit, bemerkte sie, als sie sämtliche Briefe zugeklebt und in den Postkasten geworfen hatte, die die Bitternisse des menschlichen Lebens mehr als ausglichen.

Die Hochzeitsgäste hatten sich noch nicht versammelt, und es war noch so früh am Morgen, daß Miss Pecksniff sich mit aller Muße ankleiden konnte, als in der Nähe des Monumentes ein Wagen vorfuhr und Mark, vom Bock springend, Mr. Chuzzlewit beim Aussteigen half. Der Wagen hielt und wartete. Ebenso Mr. Tapley. Mr. Chuzzlewit begab sich zu Todgers‘!

Die entartete Nachfolgerin Mr. Baileys geleitete ihn zum Speisesaal, wo gleich darauf – man hatte seinen Besuch erwartet – Mrs. Todgers erschien.

»Sie sind, wie ich sehe, zur Hochzeit angekleidet«, sagte Mr. Chuzzlewit.

Mrs. Todgers bejahte. Vor lauter Vorbereitungen war sie so wirr im Kopf, daß sie kaum wußte, was man sie gefragt hatte.

»Es stimmt durchaus nicht mit meinen Wünschen überein, daß sie gerade jetzt stattfinden soll, das kann ich Ihnen versichern, Sir«, sagte sie. »Aber Miss Pecksniff hat sich’s nun mal in den Kopf gesetzt, und Zeit ist es schließlich auch, daß sie sich verheiratet. Das ist nun mal nicht zu leugnen, Sir.«

»Nein«, gab Mr. Chuzzlewit zur Antwort. »Allerdings nicht. – Und ihre Schwester ist nicht mit dabei?«

»Ach Gott, nein. Das arme Ding!« seufzte Mrs. Todgers und schüttelte wehmütig den Kopf. »Seit sie das Entsetzliche erfahren hat, ist sie nicht aus meinem Zimmer gekommen – dem Zimmer nebenan, Sir.«

»Glauben Sie, daß sie gefaßt genug ist, mich zu sehen?« fragte Mr. Chuzzlewit.

»O sicherlich, Sir.«

»So will ich keine Zeit verlieren.«

Mrs. Todgers führte Mr. Chuzzlewit in die kleine Hinterstube mit der Aussicht auf die Zisterne, und da saß die arme Gratia in Trauerkleidern – ach, wie so ganz anders, als damals, als sie das erstemal hier gewohnt hatte. Das Zimmer sah so düster und kummervoll aus wie sie selbst, aber sie hatte wenigstens einen treuen Freund an ihrer Seite – den alten Chuffey.

Als Mr. Chuzzlewit neben ihr Platz nahm, ergriff sie seine Hand und drückte sie an die Lippen. Die Tränen standen ihr in den Augen. Seit ihrem Abschied auf dem Kirchhof hatte sie ihn nicht wiedergesehen.

»Ich habe vorschnell über Sie geurteilt«, begann Mr. Chuzzlewit nach einer Weile mit leiser Stimme. »Es war grausam von mir. – Sagen Sie mir, daß Sie mir verzeihen.«

Sie küßte ihm abermals die Hand und behielt sie in der ihrigen, dabei dankte sie ihm schluchzend für alle die Güte, die er ihr erwiesen.

»Tom Pinch«, fuhr Mr. Chuzzlewit fort, »hat mir getreulich alles berichtet, was Sie ihm für mich auftrugen, obschon er es damals für sehr unwahrscheinlich hielt, je Gelegenheit zu haben, Ihrem Wunsche entsprechen zu können. Glauben Sie mir, wenn ich je wieder mit einem übelberatenen und unentschlossenen Wesen zu tun haben sollte, das seine Stärke als vermeintliche Schwäche verbirgt, so will ich lange und barmherzig Nachsicht haben.«

»Ach, die hatten Sie mit mir«, antwortete Gratia, »bitte, reden Sie nicht so. Ich sagte mir Ihre Worte immer wieder vor, als mein Unglück kaum mehr erträglich war, und will sie jetzt für andere gebrauchen als Rat, wenn man dessen bedarf. Sie haben zu mir gesprochen, nachdem Sie mich Tag für Tag gesehen und lange beobachtet haben. Sie haben es wirklich gut mit mir gemeint. Sie hätten vielleicht freundlicher zu mir sprechen können und mein Vertrauen durch größere Milde zu gewinnen suchen sollen; aber der Ausgang wäre immer derselbe geblieben.«

Mr. Chuzzlewit schüttelte schmerzlich das Haupt und, wie es schien, nicht ohne Selbstvorwürfe.

»Wie kann ich annehmen«, fuhr Gratia fort, »daß Ihre Dazwischenkunft etwas genützt hätte, wo ich doch weiß, wie halsstarrig ich war! Damals dachte ich nicht an die Zukunft, mein lieber, guter Mr. Chuzzlewit – ich dachte überhaupt nicht – Überlegung war mir fremd, Herz hatte ich auch nicht, und ob er mich liebte, war mir ebenfalls gleichgültig. Erst die Not hat mich zur Besinnung gebracht, und ich würde meine Leiden nicht ungeschehen machen, selbst wenn ich könnte. Weiß ich doch, daß sie immer noch leicht sind, verglichen mit den Qualen, die hundert bessere Menschen als ich jeden Tag durchzumachen haben. Das Unglück ist mir wie ein Freund gewesen, ohne den ich immer dieselbe geblieben wäre, und nichts sonst hätte mich wohl so umzuwandeln vermocht. Mißtrauen Sie mir nicht, weil ich weine, aber ich kann meine Tränen nicht zurückhalten. Ja, ich bin dem Himmel dankbar für mein Unglück.

»Das ist sie, weiß Gott!« bekräftigte Mrs. Todgers. »Sie können es ihr glauben, Sir.«

»Ich glaube es auch«, sagte Mr. Chuzzlewit. »Aber jetzt hören Sie mich an, mein Kind. Das Vermögen Ihres verstorbenen Gatten wird vom Gericht mit Beschlag belegt werden, wenn es nicht schon aufgezehrt ist durch die große Schuldverschreibung an die bankerotte Versicherungsanstalt, die die Spitzbuben, da sie ihnen auf dem Kontinent drüben nichts nützte, hergeschickt haben – weniger um der Gläubiger willen, die sie geschädigt, als um ihren Haß gegen Jonas zu befriedigen; sie glauben, er sei noch am Leben. Das Vermögen Ihres Mannes ist daher wohl bis auf den letzten Penny verloren. Der Besitz Ihres Vaters ist in ähnlicher Weise herangezogen, und was vielleicht noch übrig bleibt, wird bestimmt auf dem Prozeßweg durch die Advokatenkosten drauf gehen. Von dieser Seite aus könnten Sie also auf keine Aufnahme rechnen.«

»Ich könnte es auch nicht über mich bringen, zu meinem Vater zurückzukehren«, rief Gratia, denn unwillkürlich drängte sich ihr der Gedanke auf, daß er mit schuld daran war, daß sie Jonas geheiratet hatte. »Ich könnte es nicht über mich bringen.«

»Ich weiß das«, sagte Mr. Chuzzlewit, »und eben weil ich es weiß, bin ich zu Ihnen gekommen. Kommen Sie mit mir. Ich kann Ihnen die Versicherung geben, daß alle, die um mich sind, Sie herzlich willkommen heißen werden. Wenn Ihre Gesundheit wiederhergestellt sein wird und Sie sich erholt haben werden, um mit Ruhe diesen Empfang zu ertragen, so können Sie sich in der Nähe von London nach Belieben einen ruhigen Aufenthalt wählen – nicht gar zu weit entfernt, damit diese gute Frau, sooft es ihr gefällt, Sie besuchen kann. Sie haben viel gelitten, aber Sie sind noch jung, und eine bessere Zukunft erwartet Sie. Kommen Sie mit mir. Sagen Sie zu, denn ich weiß, daß Ihre Schwester Ihnen nicht helfen wird. Sie betreibt diese Heirat mit einer Hast und einer Ostentation, die, gelinde gesagt, kaum anständig ist und überdies unschwesterlich und schlecht. Verlassen Sie das Haus, bevor die Gäste ankommen, denn man hat vor, Ihnen wehe zu tun. Ersparen Sie Ihrer Schwester die Sünde und kommen Sie mit mir.«

Mrs. Todgers redete Gratia ebenfalls zu, obschon sie sich nur sehr ungern von ihr trennte. Sogar der alte Chuffey, der natürlich in den Plan mit eingeschlossen war, redete Mr. Chuzzlewits Vorschlag das Wort. Hastig kleidete sich Gratia an und war eben im Begriff, zu gehen, als ihre Schwester in das Zimmer stürzte.

Sie hatte nur Gratia zu finden gehofft und war daher in nicht geringer Verlegenheit, als sie auch Mr. Chuzzlewit erblickte. Ihre Frisur war zwar bereits herrlich aufgebaut, und sie hatte einen Hut mit Orangenblüten auf, um durch dessen Anblick ihre Schwester zu verletzen, aber sonst war sie noch im Unterrock.

»Sie wollen also heute Hochzeit machen, Miss?« fragte der alte Herr und musterte sie mit einem nicht sehr freundlichen Blick.

»Allerdings, Sir«, versetzte Charitas bescheiden. »Aber – o Gott der Aufzug – nein wirklich, Mrs. Todgers –«

»Ich sehe«, schnitt ihr Mr. Chuzzlewit das Wort ab, »Ihr Zartgefühl ist verletzt. Das überrascht mich nicht. Sie haben die Zeit zu Ihrer Vermählung eben ein wenig unglücklich gewählt.«

»Ich muß um Entschuldigung bitten, Mr. Chuzzlewit«, fuhr Charitas schnippisch auf, »aber wenn Sie diesbezüglich etwas einzuwenden haben, so muß ich Sie schon ersuchen, sich mit Augustus verständigen zu wollen. Es kommt mir nicht sehr gentlemanlike vor, daß Sie mir Vorstellungen machen, wo Augustus jederzeit besser mit Ihnen verhandeln könnte. Ich stehe den Betrügereien fern, die man an meinem Vater verübt hat, und da ich ausdrücklich wünsche, bei dem jetzigen feierlichen Anlaß mit jedermann aufs beste auszukommen, so hätte es mich gefreut, wenn Sie uns mit Ihrer Anwesenheit beim Frühstück beehrt hätten. Aber so, wie die Sachen stehen, will ich Sie natürlich nicht weiter belästigen. Ich sehe, daß Sie bereits von gewisser andrer Seite gegen mich eingenommen worden sind. Ich empfinde nun zwar eine natürliche Zuneigung zu dieser gewissen andern Seite und ein wohlangebrachtes Mitleid für ebendieselbe Seite, aber von Aufopferung meinerseits kann nicht mehr länger die Rede sein, Mr. Chuzzlewit. Das hieße zu große Anforderungen an mich stellen. Da habe ich denn doch zu viel Selbstachtung vor mir – schon als Braut des Mannes, der mich zum Altar führt.«

»Ihre Schwester hat sich durchaus nicht über Sie beklagt«, sagte Mr. Chuzzlewit; »übrigens steht sie jetzt im Begriff, mit mir zu gehen.«

»Es soll mich nur freuen, wenn es ihr endlich einmal nach Wunsch geht«; rief Miss Pecksniff und warf den Kopf zurück, »da kann man ihr ja von Herzen gratulieren. Ich wundere mich schließlich auch nicht, daß der heutige Tag ein schmerzliches Ereignis für sie bedeutet, aber meine Schuld ist es nicht, Mr. Chuzzlewit.«

»Miss Pecksniff«, sagte der alte Mann ruhig, »ich hätte es lieber gesehen, wenn Sie Ihrer Schwester ein herzlicheres Lebewohl gesagt hätten. Es hätte mich vielleicht mit Ihnen versöhnt. Früher oder später werden Sie gewiß einen Freund brauchen können.«

»Ich bitte um Verzeihung, Mr. Chuzzlewit«, unterbrach ihn Miss Pecksniff mit Würde, »aber alle meine Freundschaftsgefühle im Leben sind jetzt auf Augustus konzentriert. Solange Augustus mir gehört, brauche ich keinen Freund. Wenn Sie von Freundschaft sprechen, Sir, so muß ich Sie ein für allemal bitten, sich darüber mit Augustus zu verständigen. Das ist mein Begriff von der religiösen Feier, der ich in kurzer Frist mit Augustus am Altar beiwohnen werde. Ich trage zu keiner Zeit irgend jemandem Groll nach, und am allerwenigsten gebe ich solchen Gedanken in diesem Augenblick des Triumphs meiner Schwester gegenüber Raum. Ich wünsche ihr im Gegenteil alles Glück. Übrigens, da ich Augustus schuldig bin, bei einem Anlasse pünktlich zu sein, bei dem sich von ihm eine begreifliche Ungeduld voraussetzen läßt – ja wahrhaftig, Mrs. Todgers –, so muß ich jetzt um die Erlaubnis bitten, Sir, mich entfernen zu dürfen.«

Mit diesen Worten verschwand der Brauthut mit so viel Glanz und Würde, als es angesichts des Piqueunterrockes noch möglich war.

Mr. Chuzzlewit reichte Gratia seinen Arm, ohne ein Wort zu sagen, und führte sie hinaus. Mrs. Todgers mit im Winde rauschendem Sonntagsstaat begleitete sie an den Wagen, fiel Gratia beim Abschied um den Hals und lief dann schluchzend in ihr schmutziges Heim zurück. Äußerlich war die Brave mager und unscheinbar, aber ihr Herz war treu wie Gold. Vielleicht war der Samariter auch mager und unscheinbar – vielleicht fiel es auch ihm schwer, sich seinen Unterhalt zu erwerben.

Mr. Chuzzlewit folgte ihr mit den Blicken, bis sie die Haustüre hinter sich zugemacht hatte. Dann erst bemerkte er Mr. Tapley.

»Oh, Mark«, rief er, »ich habe Sie ja gar nicht gesehen. Nun, was gibt’s?«

»Das Allerwunderbarste, das man sich nur denken kann, Sir«, rief Mark ganz außer Atem, »ein Zusammentreffen ohnegleichen. Ich will hellblau anlaufen, wenn das da drüben nicht unsre beiden alten Nachbarn sind.«

»Was für Nachbarn?« rief der alte Herr und spähte zum Wagenfenster hinaus. »Wo denn?«

»Ich ging gerade auf und ab, und keine zehn Schritte von hier«, berichtete Mr. Tapley, »da kamen sie auf mich zu wie ihre eigenen Gespenster – für die ich sie übrigens auch hielt. Es ist das wundervollste Ereignis, das sich jemals zugetragen hat. Da hol mich doch gleich dieser und jener –«

»Von was reden Sie denn?« rief Mr. Chuzzlewit, von Marks Aufregung angesteckt. »Wo sind denn die Nachbarn?«

»Dort, Sir«, rief Mr. Tapley, »hier mitten in der City von London. Dort auf dem Stein. Dort sind sie, Sir. Ich werde sie doch kennen. Gott segne ihre braven Gesichter.«

Dabei deutete Mr. Tapley auf einen Mann und eine Frau in dem Monumenthof, eilte auf sie zu und umarmte sie abwechselnd wohl hundertmal.

»Nachbarn in Amerika, Nachbarn in Eden«, rief er dabei. »Nachbarn im Sumpf, Nachbarn im Busch, Nachbarn im Fieber. Wir beiden wären ohne sie gestorben.«

Mr. Chuzzlewit hatte kaum erfahren, wer die Leute waren, als er den Kutschenschlag weiß Gott wie aufsprengte, fast herausfiel und unter sie humpelte, als ob er, wie Mr. Tapley wahnsinnig geworden sei. Dann schüttelte er ihnen gleichfalls die Hände und legte auf jede nur mögliche Weise seine lebhafteste Freude an den Tag.

»Steigen Sie hinten auf!« rief er. »Steigen Sie auf, fahren Sie mit mir! Und Sie müssen sich auf den Bock setzen, Mark! Nach Hause, nach Hause!«

»Nach Hause, nach Hause!« jubelte Mr. Tapley und ergriff in einem Anfall von Begeisterung die Hand des alten Mannes. »Ganz meine Ansicht, Sir. Die Heimat soll leben. – Entschuldigen Sie, daß ich mir solche Freiheiten herausnehme, Sir, aber ich kann mir nicht helfen. Es blühe und gedeihe der ›Fidele Tapley‹! Alles sollen Sie bekommen, was im Hause zu kriegen ist, nur keine Rechnung nicht. – Also, nach Hause, nach Hause! Hurra!«

Und vorwärts ging’s, als der alte Herr wieder eingestiegen war. Und Marks Begeisterung verflog durchaus nicht auf dem Wege, sondern machte sich so zügellos und rücksichtslos Luft, als wären sie mitten in den Wiesen von Salisbury.

Die Hochzeitsgäste bei Todgers‘ begannen sich zu versammeln.

Mr. Jinkins, der einzige von den Kostgängern, der eingeladen war, fand sich zuerst an Ort und Stelle ein. Er trug einen funkelnagelneuen Anzug mit allerlei gewundenen Verzierungen um die Taschen herum, die der Kleiderkünstler extra zu Ehren des Tages erfunden hatte. Der unglückliche Augustus war selbst in bezug auf Mr. Jinkins nachsichtig geworden. Er hatte nicht genug Willenskraft mehr gehabt, sich seiner Einladung, die Miss Pecksniff so dringend befürwortet, zu widersetzen. »Meinetwegen soll er also kommen«, hatte er Miss Pecksniff gesagt. »Er war von jeher meine Todesklippe; soll er nur kommen. Haha! Jinkins soll nur kommen.«

Und Mr. Jinkins hatte sich mit tausend Freuden eingestellt; er war jetzt, wie gesagt, der erste am Platze. Einige Minuten lang hatte er keine andere Gesellschaft als das Frühstück, das im Empfangszimmer ungemein geschmackvoll aufgebaut war. Bald fand sich jedoch auch Mrs. Todgers ein, und dann folgten rasch aufeinander der ledige Vetter, der stark behaarte junge Gentleman und schließlich auch Mr. Spottletoe samt Gemahlin.

Mr. Spottletoe beehrte Mr. Jinkins mit großer Herablassung und Leutseligkeit. »Freut mich, Sie kennenzulernen«, sagte er, »und viel Glück und Segen.« Er war nämlich der Meinung, Mr. Jinkins sei der Glückliche.

Mr. Jinkins klärte sofort das Mißverständnis auf und verständigte die Herrschaften, daß er lediglich die Honneurs für seinen Freund Moddle mache, der nicht mehr im Hause wohne und noch nicht zugegen sei.

»Noch nicht da?« rief Mr. Spottletoe sehr erregt.

»Nein, noch nicht.«

»No Servus«, rief Mr. Spottletoe, »der fängt ja gut an. Scheint ein recht netter junger Mann zu sein! Möchte nur gerne wissen, wie’s kommt, daß jeder, der mit dieser Familie in Berührung kommt, sich eine grobe Ungebührlichkeit zuschulden kommen läßt. Tod und Teufel! Noch nicht da! Noch nicht da, um uns zu empfangen!«

Der Neffe mit der unterexponierten Visage meinte, der Herr warte vielleicht auf ein Paar neue Stiefel.

»Reden Sie nicht von Stiefeln, Sir!« verwies Mr. Spottletoe mit nicht zu hemmender Entrüstung. »Und wenn er in Pantoffeln oder barfuß kommen müßte, so gehörte es sich, daß er käme. Bringen Sie keine so dummen Entschuldigungen für Ihren Freund vor, Sir!«

»Er ist doch gar nicht mein Freund!« entschuldigte sich der Neffe. »Hab ihn doch gar nie gesehen.«

»Also, dann reden Sie nicht!« rief Mr. Spottletoe.

In diesem Augenblick ging die Türe auf, und Miss Pecksniff wankte, von ihren drei Brautjungfern gestützt, herein. Die starkgeistige Dame bildete die Nachhut. Sie hatte bisher draußen gewartet, um im richtigen Moment den Effekt zu verderben.

»Wie befinden Sie sich, Madame?« wendete sich Mr. Spottletoe im Tone feindseliger Herausforderung zu ihr. »Ich glaube, die Anwesenheit meiner Gattin dürfte Ihnen doch nicht entgangen sein? Oder?«

Die starkgeistige Dame bedauerte mit der Miene des größten Interesses Mrs. Spottletoes Gesundheitszustand, da die liebe Frau so schmal geworden sei, daß man sie de facto übersehen müsse.

»Na, sie ist wenigstens eher zu sehen als der Bräutigam, Madame«, entgegnete Mr. Spottletoe gereizt. »Das heißt, wenn er nicht gerade seine Aufmerksamkeit einem besonderen Zweige dieser Familie widmet, was übrigens ganz im Einklang mit seinem gewöhnlichen Benehmen stehen würde.«

»Wenn Sie mich meinen, Sir«, fing die Dame mit dem männlichen Geiste an –

»Bitte, bitte«, fiel ihr Miss Pecksniff ins Wort, »lassen Sie Augustus in diesem feierlichen Moment meines und seines Lebens nicht zum Anlaß der Störung jener Harmonie werden, die er und ich stets aufrechtzuerhalten wünschen. Augustus ist bisher noch keinem von meinen Verwandten vorgestellt worden. Er wünschte es nicht.«

»Nun, dann erlauben Sie mir die Bemerkung«, rief Mr. Spottletoe wütend, »daß der Mann, der nach der Ehre trachtet, sich dieser Familie anzuschließen, und nicht ›haben will‹, daß er ihren Mitgliedern vorgestellt werde – ein unverschämter Laffe ist. Das ist meine Ansicht von ihm.«

Die starkgeistige Dame gab mit größter Sanftmut zu, sie sei beinahe derselben Meinung, und ihre drei Töchter erklärten laut, es sei »eine Schändlichkeit«.

»Sie kennen Augustus nicht!« rief Miss Pecksniff unter Tränen. »Nein, wirklich, Sie kennen ihn nicht. Er ist die Demut und Milde selbst. Warten Sie nur, bis Sie ihn sehen, und ich bin überzeugt, er wird sich sofort Ihrer aller Herzen gewinnen.«

»Es handelt sich hier nur um die Frage«, rief Mr. Spottletoe dazwischen und verschränkte die Arme, »wie lange wir hier noch warten sollen! Ich bin an so etwas nicht gewöhnt! Ich verlange allen Ernstes zu wissen, wie lange man uns noch zumutet, hier zu warten.«

»Mrs. Todgers! Mr. Jinkins!« rief Charitas. »Ich fürchte, es liegt hier ein Mißverständnis vor. Wahrscheinlich ist Augustus direkt in die Kirche gegangen.«

Das war allerdings möglich, und da die Kirche sich in der Nähe befand, eilte Mr. Jinkins fort, um Mr. Moddle zu suchen. Mr. George Chuzzlewit, der ledige Vetter, begleitete ihn, da ihm alles lieber war, als in der Nähe eines Frühstücks zu sitzen, ohne zugreifen zu dürfen. Aber sie kamen beide zurück und brachten keine andere Nachricht mit, als daß der Küster sagen lasse, wenn sie diesen Morgen noch getraut werden wollten, würden sie gut tun, sich zu beeilen, da der Pfarrer durchaus keine Lust habe, den ganzen Tag zu vertrödeln. Die Braut wurde jetzt sehr unruhig – allen Ernstes unruhig. »Gott im Himmel, was konnte vorgefallen sein. Augustus! Geliebter Augustus!«

Mr. Jinkins machte sich erbötig, eine Droschke zu nehmen und in der neu möblierten Wohnung nachzusehn. Auch die starkgeistige Dame sprang Miss Pecksniff mit Trost bei. Es sei das ein kleines Pröbchen von dem, was ihrer in der Ehe harre, sagte sie. Das sei ganz gut und treibe ihr die Rosinen aus dem Kopf. Auch die rotnasigen drei Töchter sparten nicht mit Trostesworten. Vielleicht komme er schließlich doch noch, sagten sie, und der Neffe mit dem unterexponierten Gesicht warf etwas hin, was so klang wie: Augustus sei schon »vorzeitig ins Wasser gesprungen«. Mr. Spottletoes Wut trotzte allen Bitten und Vorstellungen seiner Gattin. Alle sprachen zugleich, und überall suchte sich Miss Pecksniff mit gerungenen Händen Trost, ohne welchen zu finden, als endlich Mr. Jinkins, der unter der Türe dem Postboten begegnet war, mit einem Brief zurückkehrte und ihn ihr aushändigte.

Miss Pecksniff riß das Kuvert auf, warf einen Blick auf das Schreiben, stieß einen durchdringenden Schrei aus, warf es auf den Boden und fiel in Ohnmacht.

Man hob den Brief auf. Die Anwesenden drängten sich wie eine Herde Schafe zusammen, sahen einander über die Achsel und lasen, wie folgt:

Gravesend, Schoner »Cupido«. Mittwoch abend.

Ewig gekränkte Miss Pecksniff!

Ehe diese Zeilen Sie erreichen, ist der Unterzeichnete, wenn nicht tot – so doch direkt auf dem Wege nach Van Diemens Land.

Es hat keinen Zweck, mich zu verfolgen. Lebendig wird man mich nicht bekommen.

Die Last – dreihundert Registertonnen, verzeihen Sie, daß ich in meiner Betäubung von dem Schiff spreche –, die auf meinem Herzen gelegen hat, war fürchterlich. Oft, wenn Sie meine Stirne mit Küssen bedeckten, um mich zu beschwichtigen, haben Selbstmordgedanken mein Gehirn durchzuckt, und ebensooft – so unglaublich es auch scheinen mag – habe ich die Idee wieder verworfen.

Ich liebe eine andre. Aber die gehört jetzt einem andern. Alles, was ich liebe, scheint überhaupt einem andern zu gehören. Nichts in der Welt habe ich mehr, nicht einmal meine Stelle, die ich mir verscherzte – indem ich übereilterweise so auf und davon gelaufen bin.

Wenn Sie mich je geliebt haben, so hören Sie jetzt meine letzte Bitte – die letzte Bitte eines elenden, vernichteten Flüchtlings: Schicken Sie beiliegenden Schlüssel – es ist der Schlüssel zu meinem Pult – aufs Kontor, und zwar expreß. Adresse: Bobb & Cholberry – pardon, ich wollte schreiben: Chobb & Bolberry – aber mein Geist ist bereits vollkommen umnachtet. Ich habe ein Federmesser – mit einem Hirschhornheft in Ihrem Nähetui gelassen, bezahlen Sie damit den Boten. Möge es ihn glücklicher machen, als ich gewesen bin.

Ach, Miss Pecksniff, warum haben Sie mich nicht in Ruhe gelassen! War es nicht grausam – grausam von Ihnen? O mein Gott, waren Sie denn nicht Zeuge meiner Empfindungen – haben Sie denn nicht die Tränen in meinen Augen gesehen – haben Sie mir nicht selbst vorgeworfen, daß ich an jenem schrecklichen Abend, als wir uns zum letzten Male sahen, mehr als gewöhnlich geweint hätte? Es war in demselben Hause wo ich einst friedlich wohnte – in Mrs. Todgers‘ Gesellschaft.

Aber es war bestimmt – im Talmud steht’s geschrieben –, daß Sie sich selbst in das unerforschliche und düstre Schicksal verstricken sollten, das zu erfüllen meine Sendung ist, und das sich sogar jetzt um meine Schläfen windet. Ich will Ihnen keine Vorwürfe machen, denn ich habe Ihnen viel Leid zugefügt. Möge das angeschaffte Mobiliar Ihnen als Schadenersatz dienen.

Leben Sie wohl! Werden Sie die stolze Braut eines Herzogs und vergessen Sie mich! Möge es lange dauern, bis Sie das Leid und den Schmerz kennenlernen, mit dem ich mich unterschreibe – mitten unter dem rohen Geheul – der Matrosen – als Ihr unveränderlicher, jedoch niemals der Ihrige gewesene

Augustus.

Die Herrschaften lasen so gierig den Brief und dachten so wenig an Miss Pecksniff, als ob sie die allerletzte auf Erden sei, die sein Inhalt etwas angehe. Aber Miss Pecksniff war allen Ernstes ohnmächtig geworden.

Die bittere Kränkung, das entsetzliche Gefühl, Zeugen – und noch obendrein solche Zeugen – selbst dazu eingeladen zu haben, der Gedanke, daß die starkgeistige Dame und die rotnasigen Töchter gerade in der Stunde, in der sie sie hatte demütigen wollen, triumphieren sollten! nein, das war unerträglich. Miss Pecksniff war allen Ernstes in Ohnmacht gefallen.

Was dröhnen da für erhabene Töne durch die Luft? Was ist das für eine dämmrige Stube?

Und wer ist die freundliche Gestalt, die dort vor der Orgel sitzt? Tom ist’s, der gute alte Freund! Sein Haar ist frühzeitig grau geworden, trotzdem er seine Tage sorglos und friedvoll inmitten seiner alten Freunde verbracht hat. Aus den Tönen, mit denen er das Zwielicht zu begrüßen pflegt, spricht die Musik seines Herzens und erzählt sich die Geschichte seines Lebens von selbst.

Dein Leben verläuft still, ruhig und glücklich, Tom. In deinen sanften Melodien mag so etwas durchklingen wie das Gedenken an deine alte Liebe, aber es ist eine angenehme, milde, süßflüsternde Erinnerung, ähnlich der, mit der wir hin und wieder der Toten gedenken. Sie quält und schmerzt dich nicht.

Rühre die Tasten leise, Tom, so leise, wie du willst, und doch wird deine Hand nicht halb so leicht auf das Instrument niederfallen, wie sie gegen deinen alten Tyrannen ist, der jetzt so tief, tief gesunken ist. Und nie wird das Instrument deinem Anschlage mit so hohlem heiserm Tone antworten, wie er es immer zu tun pflegt.

Ein betrunkener, bettelhafter Winkelschreiber namens Pecksniff mit seiner zänkischen, altjüngferlichen Tochter verfolgt dich und lauert auf dich, Tom, bettelt dich an und erinnert dich, daß er dein Glück besser begründet habe als sein eigenes. Dann versäuft er das Geld und erzählt den Zechkumpanen von seiner früheren Freigebigkeit gegen dich und deiner jetzigen Undankbarkeit. Und dann zeigt er auf die abgeschabten Ellbogen in seinen Ärmeln, legt seine sohlenlosen Schuhe auf die Bank und bittet seine Zuhörer, sich selbst zu überzeugen, wie es ihm ergehe, während du dahinlebest in Saus und Braus. Alles das weißt du, Tom. Und doch hast du Nachsicht mit ihm.

Mit lächelnder Miene gehst du jetzt allmählich in eine andere Tonart über, zu einem raschern, fröhlichen Takt, und kleine Füßchen fliegen bei dieser Musik, dich zu umtanzen, und leuchtende junge Augen blicken in dein Antlitz, und von allen am meisten liebst du ein kleines Geschöpfchen, Tom – ihr Kind, nicht Ruths –, du blickst ihm nach, wie es dich umtanzt und umhüpft; und wer ist bisweilen verwundert, dich so gedankenschwer zu sehen, und klettert auf dein Knie, um seine kleine Wange an die deine zu legen? – Wer liebt dich, Tom, mehr als alle übrigen, wenn das möglich ist? Wer wollte einmal in kranken Tagen von niemandem als von dir gepflegt sein und war sofort still und nicht mehr ungeduldig, Tom, als du neben seinem Bettchen saßest?

Und jetzt gehst du zu einer feierlichen Melodie über – zu einer Melodie, die alten Freunden und verklungenen Zeiten gewidmet ist. Und während deine Hand zögernd die Tasten berührt und die weichen Harmonien anschwellen, steigen Gesichte von Freunden und alten Zeiten vor dir auf. Der Geist jenes toten alten Mannes, der dir deine Wünsche von den Augen ablas, und dich nie hochzuhalten aufgehört hat, ist darunter. Und mit ruhigem Antlitz wiederholt er die Worte, die er auf seinem Totenbett zu dir sprach, und segnet dich.

Und aus dem Garten, Tom, den Kinderhände mit Blumen bestreut haben, kommt deine Schwester, die kleine Ruth, so leichtfüßig und leichtherzig wie in alten Tagen, um an deiner Seite Platz zu nehmen. Von der Gegenwart und der Vergangenheit, mit der sie in allen deinen Gedanken so zärtlich verbunden ist, schwingen sich deine Melodien zur Zukunft auf. Und wie es in und außer dir widerhallt, so blickt dein leuchtendes Gesicht auf sie mit einer Liebe und einem Vertrauen nieder, die über das Grab hinausgehen. Die erhabene Musik umgibt sie mit einer Wolke von Melodien, hilft jeden Gedanken an irdische Trennung tilgen und hebt euch beide, Tom, zum Himmel empor.

6. Kapitel


6. Kapitel

Enthält nebst wichtigen Pecksniffschen und architektonischen Dingen einen ausführlichen Bericht über die Fortschritte, die Mr. Pinch in dem Vertrauen und der Freundschaft des neuen Zöglings machte

Es war Morgen, und die schöne Aurora, von der schon so viel geschrieben, gesagt und gesungen worden, zupfte mit ihren Rosenfingern Miss Pecksniff an der Nase. Die rosenfarbene Göttin hatte nun einmal schon die Gewohnheit, die schöne Cherry jeden Morgen so zu begrüßen, oder, prosaischer ausgedrückt, die Nasenspitze des süßen Mädchens war jedesmal um die Frühstücksstunde lebhaft gerötet, sozusagen: frostig; während sich ein ähnliches Phänomen in der Laune der jungen Dame zeigte, die dann etwas scharfer und sauertöpfischer Qualität war und etwas Essigartiges hatte.

Diese überschüssige Säure führte gewöhnlich zu allerhand kleinen Folgen, als da waren: bedeutende Verwässerung von Mr. Pinchs Tee, ungewöhnliche Verkürzung seiner Person hinsichtlich der Butter und dergleichen. Am Morgen nach dem Empfangsbankett jedoch ließ sie ihn so frei und ungehindert mit Speise und Trank schalten und walten, daß er förmlich in Verwirrung geriet und sich wie ein unglücklicher Gefangener vorkam, der erst im hohen Alter seine Freiheit wiedererlangt und von ihr keinen rechten Gebrauch mehr zu machen weiß. Es fehlte ihm die gütige Hand, die ihm sonst immer sein Scheibchen Brot abschnitt, ihn hinsichtlich des Zuckers mit einem Stückchen abspeiste oder ihm die übrigen so liebgewordenen kleinen Aufmerksamkeiten erwies. Auch lag etwas fast Schauerliches in der Ungeniertheit des neuen Zöglings, der mit der größten Kaltblütigkeit Mr. Pecksniff um das Brot »bemühte« und sich sogar zu einer Schnitte von dem ausschließlich dem Herrn vom Hause reservierten Privatschinken verhalf. Und dabei schien er überdies zu glauben, das alles sei ganz in der Ordnung und sein Kollege werde seinem Beispiele folgen. Wenigstens ging das deutlich aus seiner Bemerkung hervor, »warum er denn nicht esse?« – Ein Wort, so inhaltsschwer und fürchterlich, daß Tom unwillkürlich die Augen niederschlug und sich wie ein Frevler an Mr. Pecksniffs Güte vorkam. Wirklich, das Entsetzen, eine so rücksichtslose Bemerkung vor der versammelten Familie an sich gerichtet zu wissen, mußte an sich schon wie ein Frühstück wirken. Der Bissen quoll ihm im Munde, obgleich er vielleicht noch nie so hungrig gewesen war wie gerade heute.

Die jungen Damen jedoch und auch Mr. Pecksniff blieben trotz dieser schweren Prüfung unverändert guter Laune, und es schien eine Art geheimen Einverständnisses unter ihnen zu herrschen. Als das Frühstück beinahe vorüber war, erklärte Mr. Pecksniff lächelnd die Ursache dieser allgemeinen Fröhlichkeit.

»Es geschieht nicht oft, Martin«, sagte er, »daß wir – meine Töchter und ich – unser ruhiges Haus verlassen, um uns in den Wirbel von Lustbarkeiten, die es draußen in der Welt gibt, zu stürzen. Aber heute gedenken wir es dennoch zu tun.«

»Wirklich, Sir?« rief der neue Schüler.

»Ja«, versetzte Mr. Pecksniff und klopfte auf einen Brief, den er seiner Brusttasche entnommen hatte. »Ich bin nach London bestellt. – In Berufsangelegenheiten, mein lieber Martin; – in Berufsangelegenheiten. Ich habe nun meinen Mädchen schon lange versprochen, sie mitzunehmen, wenn wieder einmal ein solcher Auftrag an mich erginge. Wir fliegen heute abend mit der Landkutsche aus – wie weiland Noahs Taube, mein lieber Martin –, und es wird wohl eine Woche vergehen, ehe wir unsre Ölzweige wieder in der Flur abladen. Wenn ich sage: ›Ölzweige‹«, erklärte Mr. Pecksniff, »so verstehe ich darunter unser bescheidenes Reisegepäck.«

»Ich hoffe, die jungen Damen werden viel Vergnügen auf ihrem Ausfluge haben«, sagte Martin.

»Oh, das können Sie sich denken!« rief Gratia und klatschte in die Hände. »Denk nur, Cherry, Herzensschwester: London! – Schon der Gedanke!«

»Feuriges Kind!« säuselte Mr. Pecksniff träumerisch. »Und doch liegt eine wehmütige Süßigkeit in diesen jugendlichen Hoffnungen! Es liegt etwas Angenehmes darin, zu wissen, daß sie nie in Erfüllung gehen können. Ich erinnere mich noch wie heute, daß ich in den Tagen meiner Kindheit wähnte, die Mixed Pickles wüchsen auf den Bäumen und jeder Elefant würde mit einer unbezwingbaren Burg auf dem Rücken geboren. Dann fand ich, daß sich die Sache anders verhielt; – und doch waren mir diese Phantasiegebilde ein Trost und eine Stärkung in den Stunden der Anfechtung. Selbst als ich die schmerzliche Entdeckung machen mußte, ich habe eine Viper am Busen genährt und nicht einen menschlichen Zögling, selbst in diesen schmerzvollen Stunden haben sie mich aufrechterhalten.«

Bei dieser schrecklichen Anspielung auf John Westlock quoll Mr. Pinch abermals der Bissen im Munde, denn er hatte erst heute morgen einen Brief von ihm erhalten, was Mr. Pecksniff natürlich recht gut wußte.

»Sie werden achtzugeben haben, mein lieber Martin«, sagte Mr. Pecksniff, seinen frühern heitern Ton wieder aufnehmend, »daß das Haus in unsrer Abwesenheit nicht davonläuft. Wir übergeben alles Ihrer Obhut. Wir haben kein Geheimnis vor Ihnen. Alles liegt frei und offen da. Nicht wie bei dem jungen Mann im morgenländischen Märchen. Nicht wie diesem, mein lieber Martin, ist es Ihnen verboten, gewisse Winkel dieses Hauses zu betreten. Sie werden im Gegenteile ersucht, sich’s überall so bequem zu machen, wie Sie nur wollen. Seien Sie fröhlich und lassen Sie sich’s gutgehen, lieber Martin, und schlachten Sie meinetwegen auch das Mastkalb!«

Ohne Zweifel hatte also der Treffliche durchaus nichts dagegen, wenn der junge Mann was immer für ein Kalb im Hause, fett oder mager, schlachtete und briet; da indes zufälligerweise kein solches Tier auf Mr. Pecksniffs Weideland graste, so mußte man diese Erlaubnis offenbar eher für eine höfliche Phrase als für eine buchstäblich zu nehmende Einladung halten. Sie bildete das Schlußornament der Unterhaltung, denn kaum hatte sie Mr. Pecksniff von sich gegeben, stand er auf und ging nach dem Treibhause architektonischen Genies, nämlich nach dem Vorderstübchen im zweiten Stock, voran.

»Lassen Sie mal sehen«, begann er und stöberte unter den Plänen herum, »wie Sie sich während meiner Abwesenheit am besten beschäftigen können. Gesetzt, Sie arbeiteten eine Idee zu einem Monument für den Lord-Mayor von London aus, oder einen Grabstein für einen Sheriff, allenfalls auch einen Kuhstall für den Meierhof eines Landedelmannes. – – Nun, wissen Sie was«, fügte er hinzu, faltete die Hände und sah seinen jungen Vetter mit nachdenklichem Interesse an, »ich möchte mich gern überzeugen, wie Sie sich einen Kuhstall denken.«

Martin schien diese Aufgabe keineswegs zu behagen.

»Oder einen Brunnen«, fuhr Mr. Pecksniff fort, »es ist eine nette, sozusagen keusche Arbeit. Auch habe ich gefunden, daß ein Laternenpfahl sehr geeignet ist, den Geist zu veredeln und ihm eine klassische Richtung zu geben. Ein ornamentaler Schlagbaum zum Beispiel übt einen merkwürdigen Einfluß auf die Einbildungskraft aus. – Was meinen Sie dazu, wenn Sie mit einem Schlagbaume anfingen?«

»Ganz, wie es Ihnen beliebt«, brummte Martin unschlüssig.

»Halt«, rief Mr. Pecksniff. »Ich hab’s. Da Sie ehrgeizig und ein geschickter Zeichner sind, so sollen Sie sich – ha, ha! – so sollen Sie sich an diesen Entwürfen zu einem Elementarschulgebäude versuchen, wobei Sie natürlich Ihren Plan den gedruckten Bedingungen anzupassen hätten. Auf mein Wort«, rief er aufgeräumt, »ich bin sehr neugierig, was Sie aus der Elementarschule machen werden. Wer weiß, ein junger Mann von Ihrem Geschmack verfällt vielleicht auf etwas zwar an und für sich Unausführbares und Unmögliches, das sich aber schließlich doch in eine Form bringen läßt. Allerdings, mein lieber Martin, in den letzten vervollkommnenden Strichen allein gibt sich lange Erfahrung und vieljähriges Studium zu erkennen. – – – Ha, ha, ha! Es wird mir wahrhaftig«, fuhr Mr. Pecksniff fort und klopfte seinem Freund launig auf den Rücken, »es wird mir wahrhaftig einen Riesenspaß machen, zu sehen, wie Sie mit der Elementarschule zurechtkommen.«

Martin übernahm bereitwillig die Arbeit, und Mr. Pecksniff ging sofort daran, ihm die zur Ausführung nötigen Materialien anzuvertrauen; dabei erging er sich immerwährend im Ausmalen des magischen Effektes, den oft ein paar Endstriche von der Hand eines Meisters hervorbrächten. Dieser Effekt war in der Tat – wie gewisse Leute, nämlich die alten Feinde des trefflichen Mannes, behaupteten – manchmal fast wunderbar gewesen. Oft hatte Mr. Pecksniff lediglich durch geniales Hinzufügen eines zweiten Hinterfensters, einer Küchentüre, eines halben Dutzends Treppen oder sogar nur einer Dachrinne den Entwurf eines Zöglings zu seiner eignen Arbeit gemacht und namhafte Beträge dafür eingesteckt. Doch das ist eben die Zauberkraft des Genies, daß alles, was seine Hand berührt, sich in Gold verwandelt!

»Und wenn Sie Ihren Geist durch eine Abwechslung erquicken wollen«, schloß Mr. Pecksniff, »so wird Sie Thomas Pinch in der Kunst unterweisen, den Garten zu vermessen, das Niveau des Weges zwischen dem Hause und dem Wegweiser auszurechnen oder eine andre praktische und angenehme Aufgabe zu lösen. Im Hinterhof befindet sich ein Karren voll Ziegelsteinen und etlichen Dutzenden alter Blumentöpfe. Wenn Sie, mein lieber Martin, sie in einer Weise aufschichten würden, die mich bei meiner Rückkehr etwa an die St.-Peters-Kirche in Rom oder an die Sophienmoschee in Konstantinopel erinnert, so wäre dies nicht nur sehr lehrreich für Sie, sondern auch eine hübsche Überraschung für mich. – – Und nun ganz vorderhand von Berufssachen. Es wird mir ein Vergnügen sein, während ich meinen Mantelsack packe, unten in meinem Zimmer ein paar Privatangelegenheiten mit Ihnen zu besprechen.« Martin begleitete ihn, und sie blieben wohl eine Stunde oder so in geheimer Konferenz beisammen, während Tom oben wartete. Als der junge Mann zurückkehrte, war er sehr schweigsam und finster und blieb auch den ganzen Tag über so, so daß Tom, nachdem er ein paarmal versucht hatte, eine gleichgültige Unterhaltung anzuknüpfen, nicht so unzart sein wollte, sich ihm weiter aufzudrängen, und daher lieber schwieg.

Übrigens würde Tom, selbst wenn sein neuer Freund noch so redselig gewesen wäre, nicht Muße gehabt haben, viel Worte zu machen, denn erst rief ihn Mr. Pecksniff hinunter und trug ihm auf, sich auf den Koffer zu stellen und antike Statuen zu mimen, damit der Deckel zuginge, und dann befahl ihm Miss Charitas, ihren Reisekorb mit Stricken zuzubinden. Dann wieder ließ sich Miss Gratia von ihm eine Hutschachtel ausbessern; dann galt es ein möglichst ausführliches Verzeichnis des ganzen Gepäcks zu schreiben, dann alles die Treppe hinuntertragen zu helfen, die Transportschubkarren bis zu dem alten Wegweiser am Ende der Gasse zu beaufsichtigen, und schließlich mußte er auf die Ankunft der Kutsche warten. Kurz, sein Tagewerk würde selbst einem Lastträger von Beruf hübsch sauer geworden sein, doch bei seinem guten Willen empfand er es nicht so, und während er auf dem Gepäck saß und wartete, bis endlich die Pecksniffs, von dem neuen Schüler begleitet, die Gasse herunterkommen würden, hüpfte ihm das Herz vor Freude und Hoffnung, sein Wohltäter werde mit ihm zufrieden sein.

»Ich fürchtete schon«, sagte er, zog einen Brief aus der Tasche und wischte sich mit seinem Sacktuch die Stirne ab – denn trotz des kalten Tages war es ihm doch bei der Arbeit recht heiß geworden –, »ich würde keine Zeit finden, die paar Zeilen zu schreiben. Und das wäre jammerschade gewesen. Wenn man nicht reich ist, kommt das Postporto ernstlich in Betracht. Das arme Mädchen wird sich freuen, von mir zu hören, daß Pecksniff immer noch so gütig zu mir ist. Ich hätte wohl John Westlock bitten können, sie aufzusuchen und ihr alles Schöne von mir auszurichten, aber ich fürchtete, er könne Pecksniff bei ihr schlechtmachen, und das hätte sie beunruhigt. Und dann sind ihre Leute so eigen, und ein Besuch eines jungen Mannes wie John würde vielleicht ein schiefes Licht auf sie geworfen haben. – – Arme Ruth!«

Tom Pinch schien ein wenig geneigt, sich für eine kleine Weile in melancholischen Gedanken zu ergehen, aber bald tröstete er sich und gab sich wieder seinen Selbstbetrachtungen hin:

»Ich bin wirklich ein sauberer Patron, wie John immer sagte – ein lieber Kerl! Nur schade, daß er Pecksniff nicht mehr schätzte. – Statt das Getrenntsein von ihr so schmerzlich zu empfinden, sollte ich für das außerordentliche Glück dankbar sein, das mich hierhergeführt hat. Meiner Treu, ich muß wirklich mit einem silbernen Löffel im Mund auf die Welt gekommen sein, daß ich Pecksniff in den Weg lief. Und jetzt wieder das Glück, das ich bei dem neuen Schüler habe! Noch nie ist mir ein so freundlicher, nobler und freimütiger Mensch vorgekommen. Im Handumdrehen waren wir die besten Kameraden. Und außerdem ist er ein Verwandter von Pecksniff und ein gescheiter, prächtiger junger Mensch, der sich so leicht seinen Weg durch die Welt bahnen wird wie ein Wurm den seinen durch ein Stück Käse. – – Doch da kommt er ja und schreitet die Gasse herunter, als wäre die Erde schon sein eigen.«

Wirklich kam auch Martin gerade des Weges, und zwar anscheinend nicht im mindesten außer sich, weder durch die Ehre, Miss Gratia Pecksniff am Arme führen zu dürfen, noch durch den zärtlichen Abschied, den die junge Dame von ihm nahm. Miss Charitas und Mr. Pecksniff gingen hinterdrein. Da in diesem Augenblick auch die Postkutsche ankam, verlor Tom keine Zeit und ersuchte seinen Lehrer eiligst um gütige Besorgung seines Briefes.

»Oh!« sagte Mr. Pecksniff und warf einen Blick auf die Adresse. »An Ihre Schwester, Thomas? Ja, gewiß. Soll geschehen, Mr. Pinch. Seien Sie unbesorgt. Sie soll ihn zuverlässig erhalten, Mr. Pinch.«

Er gab dieses Versprechen mit so herablassender Gönnermiene, daß Tom tief fühlte – es war ihm dies vorher gar nicht in den Sinn gekommen –, er habe um etwas außerordentlich Großes gebeten, weshalb er sich überschwenglich bedankte. Die beiden Misses Pecksniff waren natürlich bei der bloßen Erwähnung von Mr. Pinchs Schwester höchlichst ergötzt. Unglaublich! Schon der Gedanke, es könne auch eine Miss Pinch geben! Ha ha.

Tom freute sich herzlich über ihre Heiterkeit. War es doch wiederum ein Beweis ihres Wohlwollens und ihrer Teilnahme für ihn. Er lachte daher ebenfalls, rieb sich die Hände, wünschte ihnen eine angenehme Reise und glückliche Heimkehr; mit einem Wort, er war die Fröhlichkeit selbst. – Als die Kutsche dahinrollte, die »Ölzweige« auf dem Bock und die Taubenfamilie im Innern, blieb er noch winkend und sich verbeugend stehen – über das ungewöhnlich liebenswürdige Benehmen der jungen Damen so erfreut, daß er für den Moment gar nicht auf Martin Chuzzlewit achtete, der gedankenvoll am Wegweiser lehnte und, seit er seiner schönen Last losgeworden, kaum vom Boden aufgeblickt hatte.

Die tiefe Stille, die auf die geräuschvolle Abfahrt der Kutsche folgte, sowie die belebende scharfe Luft des Winternachmittags weckten beide fast zu gleicher Zeit aus ihrem Grübeln. Wie verabredet kehrten sie um und gingen Arm in Arm zum Hause zurück.

»Wie verstimmt Sie sind!« sagte Tom. »Was fehlt Ihnen denn?«

»Nichts, was der Rede wert wäre. Sehr wenig mehr als gestern, und doch hoffentlich viel mehr, als es morgen der Fall sein wird. Ich bin mißgelaunt, Pinch.«

»Oh«, rief Tom, »schade. Und ich bin gerade heute so vortrefflich aufgelegt. Ich hätte vielleicht einen bessern Gesellschafter abgeben können als sonst. – Es war doch sehr hübsch von Ihrem Vorgänger John, daß er an mich geschrieben hat – meinen Sie nicht?«

»Nun ja«, brummte Martin gleichgültig. »Ich hätte geglaubt, jetzt, wo er mitten im Vergnügen steckt, würde er gar keine Zeit übrig haben, an Sie zu denken, Pinch.«

»Genau dasselbe habe ich auch geglaubt«, rief Tom. »Aber nein, er hält Wort und schreibt: ›Mein lieber Pinch, ich denke oft an dich‹ und was dergleichen freundliche Worte mehr sind.«

»Er muß ein verteufelt gutmütiger Kerl sein«, sagte Martin etwas verdrießlich; »er kann das doch nicht wirklich im Ernst meinen.« »Wie? Sie glauben – –?« fragte Tom und sah seinem Kollegen forschend ins Gesicht. »Sie meinen, er schreibt das – – bloß so?«

»Nun, ist es denn wahrscheinlich«, versetzte Martin ernst, »daß ein junger Mann, der kaum diesem Zwinger entwischt und jetzt in London frei und Herr seiner Zeit und Vergnügungen ist, Muße oder Lust haben kann, gern an jemanden oder etwas zurückzudenken, das er hier zurückgelassen hat? Fragen Sie sich selbst, Pinch, ob das besonders wahrscheinlich ist.«

Nach kurzem Besinnen gab Mr. Pinch in betrübtem Tone zu, daß so etwas anzunehmen allerdings unvernünftig sei. Übrigens müsse das Martin ohne Zweifel besser wissen.

»Natürlich weiß ich’s besser«, bemerkte Martin.

»Ja, ich fühle das«, gestand Mr. Pinch sanft. »Ich fühle das.«

Dann verfielen beide wieder in tiefes Schweigen, bis sie zu Hause anlangten. Es war inzwischen dunkel geworden.

Nun hatte Miss Charitas in Erkenntnis der Unmöglichkeit, die Überreste des gestrigen Abendschmauses in der Kutsche mitzunehmen oder sie auf künstlichem Wege bis zur Rückkehr der Familie genießbar zu erhalten, alles auf ein paar Tellern offen stehen lassen. So winkte denn den beiden jungen Leuten das hohe Glück, sich im Wohnzimmer über zwei chaotische Haufen von Speiseüberbleibseln, bestehend aus ausgetrockneten Orangenschnittchen, einigen vertrockneten Sandwiches, unterschiedlichen zerbröckelten Trümmern des genealogischen Kuchens und mehreren ganzen Kapitänszwiebacken, hermachen zu dürfen. Und damit es zur Würze dieser Leckereien nicht an einem auserlesenen Labetrunke fehle, waren die Neigen der zwei Flaschen Johannisbeerwein zusammengegossen und mit einem Papierstöpsel zugepfropft worden, so daß zu einem lukullischen Mahle nichts fehlte.

Martin Chuzzlewit betrachtete diese prunkhaften Vorbereitungen mit tiefster Verachtung, schürte (zum größten Schaden für Mr. Pecksniffs Kohlenvorrat) das Feuer zu einer hellen Flamme an und setzte sich verdrießlich in den bequemsten Sessel, den er finden konnte, davor. Um sich besser in die kleine Kaminecke, die ihm frei blieb, drücken zu können, ließ sich Mr. Pinch auf Miss Gratias Schemel nieder, setzte sein Glas auf den Ofenteppich, nahm seinen Teller aufs Knie und fing an, sich gütlich zu tun.

Hätte Diogenes wieder aufleben, sich samt seinem Faß in Mr. Pecksniffs Wohnstube rollen und Tom Pinch sehen können, wie er, Teller und Glas vor sich, auf Gratias Schemel kauerte, so wäre es ihm auch in der sauertöpfischsten Stimmung unmöglich gewesen, ein gutmütiges Lächeln zu unterdrücken. Toms tiefe Zufriedenheit, der Hochgenuß, mit dem er sich über die dürren Sandwiches hermachte, die ihm wie Sägemehl im Munde zerbröckelten, das unaussprechliche Behagen, mit dem er den scharfen Wein tropfenweis schlürfte und dann mit den Lippen schmatzte, als wäre es eine Sünde, auch nur ein Atom seines köstlichen Wohlgeschmackes zu verlieren, der Blick, womit er hin und wieder, das Glas in der Hand, innehielt, im Stillen Toaste ausbringend, und dann der ängstliche Schatten, der sein zufriedenes Gesicht überflog, wenn seine Blicke auf ihrer entzückten Wanderung durch das trauliche Gemach plötzlich der finsteren Miene seines Gefährten begegneten – kein Zyniker der Welt, und hätte er den Menschenhaß eines Greifen in der Brust getragen, wäre imstande gewesen zu widerstehen.

So mancher würde vielleicht Tom auf den Rücken geklopft, ihm mit einem Glas des Johannisbeerweines, obgleich er saurer war als der schärfste Weinessig, Bescheid getan – ja, ihn sogar wohlschmeckend gefunden haben. Andere hätten vielleicht seine ehrliche Hand ergriffen und ihm für die Lehre gedankt, die er ihnen mit seinem einfachen Wesen gegeben. Einige würden mit ihm, andere über ihn gelacht haben – und zur letzteren Klasse gehörte auch Martin Chuzzlewit, der, unfähig, sich länger zurückzuhalten, in ein langes und lautes Gelächter ausbrach.

»Recht so«, sagte Tom und nickte beifällig. »Kopf hoch! Das ist das Richtige!«

Über diese Aufmunterung mußte der junge Martin abermals lachen.

»Ich habe wahrhaftig noch nie einen so närrischen Kauz wie Sie gesehen, Pinch!« rief er, als er wieder zu Atem gekommen war.

»Wirklich nicht? Nun, ich glaub’s Ihnen gern, daß Sie mich etwas sonderbar finden. Ich habe eben noch fast gar nichts von der Welt gesehen und Sie wahrscheinlich schon sehr viel?« »Ziemlich viel für mein Alter«, gestand Martin, rückte seinen Stuhl noch näher an das Feuer und stemmte seine Füße an das Kamingitter. »Aber zum Kuckuck, ich muß jemanden haben, dem ich mein Herz ausschütte. Seien Sie es diesmal, Pinch.«

»Aber mit Freuden!« rief Tom. »Sie erweisen mir damit einen großen Freundschaftsdienst.«

»Ich geniere Sie doch nicht?« fragte Martin und blickte auf Mr. Pinch hernieder, der eben über sein Bein hinweg ins Feuer sah.

»Durchaus nicht!«

»Um es kurz zu machen, müssen Sie also wissen«, fing Martin mit einer gewissen Anstrengung an, die verriet, daß es sich um eine für ihn nicht besonders angenehme Eröffnung handelte, »daß ich von Kindheit auf zu großen Erwartungen erzogen und stets in dem Glauben gehalten wurde, es müsse mir eines Tages ein sehr großes Vermögen zufallen. Dies würde auch zuverlässig eingetreten sein, wenn nicht gewisse Umstände, die ich Ihnen in Kürze mitteilen will, meine Enterbung herbeigeführt hätten.«

»Durch Ihren Vater?« fragte Mr. Pinch mit großen Augen.

»Durch meinen Großvater. – Ich habe schon seit so vielen Jahren keine Eltern mehr, daß ich mich kaum mehr an meinen Vater erinnern kann.«

»Auch bei mir ist das der Fall«, sagte Tom, berührte leise die Hand des jungen Mannes, zog aber gleich wieder schüchtern den Arm zurück. »Leider! Leider!«

»Nun, was das betrifft, Pinch«, fuhr Martin in seiner raschen wegwerfenden Weise fort und schürte wieder das Feuer, »so ist’s ja sehr gut und schön, seine Eltern zu lieben, wenn man welche besitzt, oder sie nach ihrem Tode in gutem Andenken zu halten, wenn man überhaupt etwas Näheres von ihnen weiß. Da ich jedoch meine Eltern kaum von Angesicht zu Angesicht kannte, so werden Sie wohl begreifen, daß bei mir von einer besondern Sentimentalität diesbezüglich nicht die Rede sein kann. Auch müßte ich lügen, wenn ich sagen wollte, es wäre anders.«

Mr. Pinch blickte gerade gedankenvoll auf das Kamingitter. Da sein Freund innehielt, fuhr er mit den Worten: »Natürlich, natürlich!« auf und war dann wieder ganz Ohr.

»Mit einem Wort«, erklärte Martin, »ich bin fast mein ganzes Leben lang von meinem Großvater erzogen worden. Er hat nun ohne Frage viele gute Eigenschaften, aber andererseits kann ich Ihnen die Tatsache nicht verhehlen, daß er auch zwei sehr große Fehler besitzt, die seine schlimme Seite ausmachen. Erstens ist er von einem Starrsinn, der kaum seinesgleichen hat, und dann ist er ein geradezu beispielloser Egoist.«

»Wirklich?« rief Tom.

»Hinsichtlich dieser beiden Punkte«, fuhr Martin fort, »ist er geradezu unübertroffen. Allerdings habe ich von Leuten, die es wissen müssen, oft genug gehört, das sei seit unvordenklichen Zeiten ein Erbfehler unserer Familie, und ich glaube auch gern, daß etwas Wahres daran ist, obschon ich nicht aus eigener Erfahrung darüber sprechen kann. – Alles, was ich tun kann, ist, dem Himmel danken, daß sie sich nicht auf mich vererbt haben, und achtgeben, daß ich sie nicht auch annehme.«

»Natürlich«, meinte Mr. Pinch. »Sehr, sehr richtig.«

»Und nun, Sir«, nahm Martin seine Erzählung wieder auf, stocherte mit dem Schüreisen im Feuer herum und zog seinen Stuhl noch näher an den Kamin, »sehen Sie, gewöhnte er sich in seiner Selbstsucht an, alle möglichen Ansprüche an mich zu stellen und in seinem Starrsinn nicht davon abzugehen. Die Folge davon war, daß er von mir alle erdenkliche Achtung, Unterwürfigkeit – ja, wo seine Wünsche mit ins Spiel kamen, geradezu grenzenlose Selbstverleugnung und so weiter verlangte. Ich habe mir viel von ihm gefallen lassen, weil ich Verpflichtungen gegen ihn hatte (wenn überhaupt von solchen gegenüber einem Großvater die Rede sein kann), und dann, weil ich wirklich eine aufrichtige Zuneigung zu ihm empfand. Trotzdem gab es alle Naselang Streit auf Streit, denn ich konnte mich sehr oft nicht in seine Art und Weise schicken – wohlgemerkt, durchaus nicht etwa meinetwillen, sondern –, weil – –«

Hier stockte er und wurde ziemlich verlegen.

Mr. Pinch war auf der ganzen Welt der letzte, der verstanden hätte, wie man jemandem aus einer derartigen Verlegenheit hilft, und blieb daher stumm wie ein Fisch.

»Also gut, da Sie verstehen, was ich meine«, fing Martin hastig wieder an, »so brauche ich ja nicht lange nach einem passenden Ausdruck zu suchen. Ich komme jetzt zum Kern meiner Geschichte und der Veranlassung meines Hierseins. Ich bin verliebt, Pinch.«

Mr. Pinch sah mit gesteigertem Interesse zu ihm auf.

»Also, kurz und gut, ich bin verliebt – und zwar verliebt in eines der schönsten Mädchen, die je unter der Sonne wandelten. Sie ist jedoch gänzlich mittellos und vollständig von dem Willen meines Großvaters abhängig, und wenn er erführe, daß sie meine Gefühle erwidert, so wäre es um ihr Obdach und um alles, was sie auf Erden besitzt, geschehen. Es ist doch nichts sonderlich Selbstsüchtiges in dieser Liebe, glaube ich?«

»Selbstsüchtiges!« rief Tom. »Sie haben edel gehandelt. – Sie mit Inbrunst zu lieben, wie es bei Ihnen der Fall ist, und ihr doch in Anbetracht ihrer abhängigen Stellung nicht einmal zu erklären – –«

»Ja, von was sprechen Sie eigentlich, Pinch?« fuhr Martin ärgerlich auf. »Machen Sie sich nicht lächerlich, mein guter Freund! Was soll ich ihr nicht entdeckt haben?«

»Ich bitte um Verzeihung«, stotterte Tom; »ich glaubte, Sie hätten es so gemeint, sonst würde ich es nicht gesagt haben.«

»Wenn ich ihr nicht gestanden hätte, daß ich sie liebe, wozu wäre da mein Verliebtsein gut gewesen? Zu nichts als zu beständigem Kummer und Herzweh!«

»Ganz richtig«, bestätigte Tom. – »Nun kann ich auch erraten, was sie sagte, als Sie sich ihr entdeckten!« fügte er mit einem bewundernden Blick in Martins schöne Züge bei.

»Nun, das wohl nicht, Pinch«, versetzte Martin mit leichtem Stirnrunzeln, »denn sie hat ein wenig mädchenhafte Begriffe von Pflicht, Dankbarkeit und was dergleichen mehr ist – kurz, Dinge, denen nicht so leicht auf den Grund zu kommen ist. – – In der Hauptsache haben Sie übrigens recht. – Ich sah, ihr Herz gehörte mir.«

»Das dachte ich mir«, sagte Tom, »ganz natürlich!« Und sehr zufrieden mit seinem Scharfsinn tat er einen langen Zug aus seinem Weinglase.

»Trotzdem ich von Anfang an mit größter Vorsicht vorgegangen war«, fuhr Martin fort, »hatte ich doch die Geschichte nicht ganz so geschickt eingeleitet, daß mein Großvater, der voll Argwohn und Mißtrauen ist, meine Liebe zu ihr nicht gemerkt hätte. Er sagte ihr zwar kein Wort davon, nahm mich aber unter vier Augen vor und bezichtigte mich, ich wolle ihm das junge Wesen entfremden. – Sie erkennen hieraus seine Selbstsucht, daß er sich eine ergebene Gefährtin erziehen wollte, wenn er mich dereinst, sowie er es für gut fand, verheiratet haben werde. Das brachte mich natürlich in Harnisch, und ich sagte ihm klipp und klar, ich gedächte, mich so zu verheiraten, wie ich es für gut fände, und hätte nicht vor, mich durch ihn oder irgendeinen andern Auktionator an den Meistbietenden losschlagen zu lassen.«

Mr. Pinch riß die Augen noch weiter auf und blickte noch angelegentlicher als bisher ins Feuer.

»Sie können sich denken, Tom, daß ihm das gewaltig in die Nase stach und daß er gerade keine Komplimente über mich ausgoß. Die Sache spitzte sich schließlich darauf zu, daß ich meine Ansprüche entweder an sie oder an ihn aufgeben sollte. Nun müssen Sie sich aber vor Augen halten, Pinch, daß ich das Mädchen nicht nur aufs leidenschaftlichste liebe, sondern auch, daß ein Hauptzug meines Charakters eine ganz entschiedene – –«

»Hartnäckigkeit ist«, ergänzte Tom arglos.

Die Bemerkung wurde jedoch nicht so gut aufgenommen, wie er erwartet hatte, denn Martin erwiderte sogleich unwillig:

»Sie sind wirklich ein unglaublicher Mensch, Pinch!«

»Ich bitte um Verzeihung«, stotterte Tom rasch. »Ich glaubte, Sie suchten nach einem Ausdruck.«

»Gewiß, aber doch nicht nach diesem! Ich sagte Ihnen bereits, Hartnäckigkeit sei keine Charaktereigenschaft von mir – oder vielleicht nicht? Ich wollte mit Ihrer gütigen Erlaubnis sagen, daß Festigkeit meine Haupttugend ist.«

»Ja, gewiß«, rief Tom eifrig nickend. »Ja, ja, ich sehe!«

»Und um dieser Festigkeit willen«, fuhr Martin fort, »konnte ich natürlich auch nicht einen Zollbreit nachgeben.«

»Gewiß nicht, gewiß nicht«, brummte Tom.

»Im Gegenteil; je mehr er drängte, desto entschiedener mußte ich mich dagegen stemmen.«

»Freilich, freilich!«

»Nun also«, erklärte Martin, lehnte sich in seinem Stuhle zurück und winkte gleichgültig mit der Hand ab, als ob der Gegenstand damit erledigt und nichts mehr darüber zu sagen sei – »das ist das Ende vom Lied, und deswegen bin ich jetzt hier!«

Mr. Pinch starrte einige Minuten so verwirrt ins Feuer, als hätte ihm jemand ein ungemein schwieriges Rätsel aufgegeben, und sagte dann:

»Pecksniff haben Sie natürlich schon früher gekannt?«

»Nur dem Namen nach. Ich hatte ihn nie gesehen, denn mein Großvater hielt nicht nur sich selbst, sondern auch mich von allen seinen Verwandten fern. Unsre Trennung fand jedoch in einer Stadt der benachbarten Grafschaft statt, von da aus kam ich nach Salisbury und las Pecksniffs Annonce. Sie sagte mir zu, da ich von jeher eine gewisse natürliche Neigung für die Gebiete hatte, die er darin anführte. Und da es gerade Pecksniff war, ließ ich mir’s doppelt angelegen sein, womöglich zu ihm zu kommen, um so mehr, als er – –«

»Ein so vortrefflicher Mann ist«, fiel Tom händereibend ein. »Ja, das ist ein wahres Wort. Sie hatten vollkommen recht.«

»Aufrichtig gesprochen«, entgegnete Martin kühl, »geschah es nicht deshalb, sondern weil mein Großvater einen alteingewurzelten Haß gegen ihn hegte. Und nach der tyrannischen Behandlung, die mir der alte Mann hat zuteil werden lassen, mußte begreiflicherweise in mir der natürliche Wunsch rege werden, allen seinen Ansichten gerade entgegenzuhandeln. – – Nun, wie gesagt, hier bin ich. Mein Verhältnis zu der jungen Dame, von der ich Ihnen erzählt habe, wird sich wahrscheinlich ziemlich in die Länge ziehen, denn unser beider Aussichten sind nicht gerade glänzend, und ich denke natürlich nicht ans Heiraten, ehe ich nicht die Mittel dazu besitze. Sie werden einsehen, daß ich mich nicht – mir nichts, dir nichts – in Armut, Entbehrung, Liebe ohne Brot und dergleichen stürzen oder vielleicht in einer Mansarde drei Treppen hoch wohnen kann.«

»Ihrer Braut gar nicht zu gedenken«, bemerkte Tom Pinch mit gedämpfter Stimme.

»Sehr richtig«, versetzte Martin und stand auf, um sich am Kamin anzulehnen und seinen Rücken zu wärmen. »Ihrer gar nicht zu gedenken. Obgleich es von ihr nicht allzuviel verlangt wäre –, erstens, weil sie mich sehr liebt, und zweitens, weil ich um ihretwillen sehr viel geopfert habe, und, wie Sie sich denken können, noch viel mehr geopfert haben würde.«

Es dauerte sehr lange, bis Tom »freilich ja« sagte – so lange, daß man in der Zwischenzeit ganz gut hätte ein Schläfchen machen können. Aber endlich sagte er es doch.

»Nun knüpft sich an diese Liebesgeschichte ein sonderbarer Zwischenfall«, sprach Martin weiter, »den ich noch erwähnen muß. Sie erinnern sich, was Sie mir in bezug auf Ihre schöne Kirchenbesucherin auf der Herfahrt mitgeteilt haben?«

»Natürlich«, rief Tom, stand von seinem Schemel auf und setzte sich in den Stuhl, von dem Martin soeben aufgestanden war, um Pinchs Gesicht besser sehen zu können. »Selbstverständlich.«

»Das war sie.«

»Ich fühlte, was Sie sagen wollten«, entgegnete Tom mit leiser Stimme und sah Martin fest dabei an. »Ist das Ihr voller Ernst?«

»Das war sie«, wiederholte der junge Mann; »nach all dem, was ich von Pecksniff gehört habe, zweifle ich nicht einen Augenblick, daß sie mit meinem Großvater kam und wieder abreiste. – Trinken Sie doch nicht soviel von diesem sauern Zeug! – Sie ziehen sich noch etwas zu.«

»Ich fürchte auch, es ist nicht sehr gesund«, sagte Tom und setzte das Glas, das er bereits eine Weile leer in der Hand gehalten hatte, nieder. »Das war sie also wirklich?«

Martin nickte bejahend und meinte dann unwirsch, wenn er nur ein paar Tage früher gekommen wäre, würde er sie haben sprechen können; jetzt dürfte sie wohl schon wieder hundert Meilen von hier weg sein. Nachdem er sodann einigemal ungeduldig im Zimmer auf und ab gegangen war, warf er sich in einen Stuhl und grollte wie ein verwöhntes Kind.

Tom Pinch hatte ein weiches, gefühlvolles Herz und konnte es nicht ertragen, einen ihm gleichgültigen Menschen leiden zu sehen – geschweige denn jemanden, an dem er Anteil nahm, und der ihm (wie er felsenfest überzeugt war) mit Freundschaft entgegenkam. Was auch einige Augenblicke zuvor seine Gedanken gewesen sein mochten – und seinem Gesicht nach zu urteilen, waren sie ziemlich ernsthafter Natur – er ließ sie sofort fallen und suchte seinen jungen Freund nach Kräften zu trösten.

»Mit der Zeit wird alles wieder gut werden«, sagte er. »Wenn Sie auch gegenwärtig mit Prüfungen und Widerwärtigkeiten zu kämpfen haben, so wird es nur dazu dienen, euch für bessere Tage inniger miteinander zu verketten. Ich habe immer gelesen, daß es so ist, und ein inneres Gefühl sagt mir, daß das recht und natürlich ist. Was bisher noch nicht glatt ging«, fügte er mit einem Lächeln hinzu, das trotz seines wenig schönen Gesichts etwas weit Lieblicheres hatte als der leuchtendste Blick so manch stolzen Antlitzes, »was bisher noch nicht glatt ging, von dem darf man nicht erwarten, daß es um unsertwillen im Handumdrehen anders wird. Wir müssen es eben nehmen, wie es ist, und ihm mit Geduld und guten Mutes die beste Seite abgewinnen. Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, daß ich fast nichts vermag, aber ich habe den allerbesten Willen, und wenn ich mich Ihnen je in was immer für einer Weise nützlich machen kann, so soll es mit Freuden geschehen.«

»Danke Ihnen«, entgegnete Martin und drückte ihm die Hand. »Auf mein Wort, Sie sind ein guter Kerl. – – – Gewiß«, fügte er nach einer Pause hinzu, während der er seinen Stuhl wieder ans Feuer rückte, »würde ich nicht zögern, von Ihrer Dienstwilligkeit Gebrauch zu machen, wenn Sie mir irgendwie behilflich sein können; aber, zum Teufel auch!« – er fuhr sich ungeduldig durch die Haare und blickte ärgerlich Tom an – »Ihre Hilfe, die Sie mir anbieten, Pinch, ist für mich so wenig wert wie eine Brotröstgabel oder eine Bratpfanne.«

»Außer, was den guten Willen betrifft«, sagte Tom leise.

»Natürlich. Das versteht sich von selbst. – – Wenn Zuneigung allein etwas vermöchte, würde es mir nicht an Beistand fehlen. – Übrigens, wissen Sie, was Sie tun könnten, wenn Sie Lust dazu haben – und zwar jetzt gleich?«

»Das wäre?« fragte Tom begierig.

»Lesen Sie mir vor.«

»Mit tausend Freuden«, rief Mr. Pinch enthusiastisch und griff nach der Kerze. »Entschuldigen Sie, wenn ich Sie einen Augenblick im Finsteren lasse, ich will nur ein Buch holen. Was möchten Sie, Shakespeare?«

»Ja!« antwortete Martin gähnend und sich räkelnd. »Das tut’s, ich bin müde von dem heutigen Trubel und der ungewohnten Umgebung. In einem solchen Falle gibt es auf der ganzen Welt keinen köstlicheren Genuß, als sich in Schlaf lesen zu lassen. Sie machen sich doch nichts daraus, daß ich einschlafe, während Sie vorlesen?«

»Durchaus nicht!« beteuerte Tom.

»So fangen Sie an, sobald es Ihnen beliebt. – Sie brauchen nicht aufzuhören, wenn Sie mich schläfrig werden sehen – Sie müßten denn selbst müde sein –, denn es ist riesig angenehm, nach und nach von den Tönen wieder geweckt zu werden. – Haben Sie das nie versucht?«

»Nein, nie.«

»Nun, so kann’s ja dieser Tage einmal geschehen, wenn wir beide entsprechend aufgelegt dazu sind. Nehmen Sie nur das Licht mit; aber beeilen Sie sich!«

Mr. Pinch verlor keine Zeit und kam in zwei Minuten mit einem seiner geliebten Bände von dem Sims neben seinem Bett wieder zurück. Martin hatte sich’s in der Zwischenzeit so bequem gemacht, wie es die Umstände gestatteten, nämlich sich vor dem Kamin aus drei Stühlen und Gratias Schemel als Kissen ein Sofa improvisiert, auf dem er sich selbst der Länge nach ausstreckte.

»Lesen Sie aber nicht zu laut, wenn ich bitten darf.«

»Nein, nein«, versprach Tom.

»Es friert Sie aber doch nicht?«

»Nicht im geringsten!«

»Nun, dann los!«

Mr. Pinch schlug die Seiten seines Buches so zart und behutsam um, als wären sie lebendige, innig geliebte Wesen, traf dann seine Wahl und begann vorzulesen. Noch ehe er es bis zu fünfzig Zeilen gebracht hatte, schnarchte sein Freund bereits laut.

»Der arme Mensch!« murmelte Tom und blickte ihm über die Stuhllehne ins Gesicht. »Er ist noch so jung und hat schon so viel gelitten. Wie treuherzig und großmütig von ihm, mir so viel Vertrauen zu schenken!– – – Also, das war – – sie!«

Dann erinnerte er sich plötzlich seines Versprechens, nahm sein Buch wieder auf und fuhr fort zu lesen, wo er stehengeblieben war, daß er darüber sogar das Schneuzen seiner Kerze vergaß, bis der Docht wie ein Pilz aussah. Er wurde allmählich so warm bei der Lektüre, daß er gar nicht daran dachte, das Feuer nachzuschüren – bis er durch Martin Chuzzlewit daran erinnert wurde, der nach Verfluß von etwa einer Stunde auffuhr und schaudernd vor Kälte rief:

»Wahrhaftig, das Feuer ist ausgegangen! Kein Wunder, daß mir träumte, ich sei erfroren. Holen Sie doch ein paar Kohlen. – Nein, was Sie für ein seltsamer Kauz sind, Pinch!«

7. Kapitel


7. Kapitel

Mr. Chevy Slyme legt große Unabhängigkeit an den Tag, und dem blauen Drachen wird ein Glied ausgerissen

Martin machte sich am andern Morgen mit so viel Eifer und Beflissenheit an seine »Elementarschule«, daß Mr. Pinch wiederum Grund hatte, die natürlichen Talente dieses jungen Gentlemans anzustaunen und dessen unendliche Überlegenheit anzuerkennen.– Martin nahm seine Komplimente sehr gnädig auf, und da er Pinch – in seiner Art – wirklich recht lieb gewonnen hatte, so prophezeite er, sie würden stets die allerbesten Freunde bleiben und er sei überzeugt, daß keiner von ihnen je Grund haben werde, sich nicht mit Freude des Tages zu erinnern, an dem sie miteinander bekannt geworden. Mr. Pinch, dem dies aus der Seele gesprochen war, freute sich natürlich unendlich darüber und fühlte sich so geschmeichelt durch die wohlwollenden Versicherungen von Freundesgefühl und Gönnerschaft, daß er gänzlich unfähig war, sein Entzücken in Worte zu kleiden. – Und wirklich ließ sich auch von diesem Bündnis, so wie die Sachen lagen, sagen, daß es längere Dauer versprach als so manche beschworene und verheißungsvolle Freundschaft. Solange der eine Teil sich darin gefiel, den Gönner zu spielen, und der andere sich darüber herzlich freute, wie hier der Fall lag, so lange war es so gut wie ausgeschlossen, daß sich je zwischen ihnen die Zwillingsdämonen Neid und Stolz erheben konnten.

Am Nachmittag nach der Abreise der Familie waren beide emsig beschäftigt – Martin mit seiner Elementarschule und Tom mit der Berechnung gewisser Pachtzinsbezüge, von denen er Mr. Pecksniffs Provisionen in Abrechnung brachte. Während sie so dasaßen – Martin durch seine liebenswürdige Gewohnheit, beim Zeichnen laut zu pfeifen, den armen Mr. Pinch bei seiner kniffligen Arbeit fast zur Verzweiflung bringend –, wurden sie nicht wenig durch den Umstand erschreckt, daß sich plötzlich ein menschlicher Kopf zur Türe hereinsteckte und ihnen, obgleich äußerst zottig und auch sonst wenig beruhigend, höchst leutselig und in einer Weise zulächelte, die zugleich schelmisch, gewinnend und gönnerhaft war.

»Ich selbst bin nicht fleißig, meine Herren«, begann der Kopf, »weiß aber diese Eigenschaft an andern zu schätzen. Ich will grau und häßlich werden, wenn ich nächst dem Genie den Fleiß nicht für eine der charmantesten Eigenschaften des menschlichen Geistes halte. Meiner Seel, ich bin meinem Freunde Pecksniff zu größtem Dank verpflichtet, daß er mir zu dem Anblick einer so köstlichen Szene verholfen hat. Sie erinnern mich an Whittington, der später dreimal Lord-Mayor von London wurde. Ich gebe Ihnen mein großes Ehrenwort, daß Sie mir diesen historischen Charakter lebhaft ins Gedächtnis rufen. Sie sind ein paar Whittingtons, meine Herrn, nur ohne die Katze. Und das ist für mich sehr angenehm, da ich der Katzenspezies nicht sonderlich zugetan bin. Mein Name ist Tigg. Wie geht es Ihnen, meine Herren?«

Martin blickte Mr. Pinch fragend an, und Tom, der in seinem Leben noch nie etwas von einem Mr. Tigg gesehen hatte, faßte die seltsame Erscheinung näher ins Auge.

»Chevy Slyme?« fuhr Mr. Tigg fragend fort und küßte zum Zeichen der Freundschaft seine linke Hand. »Sie werden mich verstehen, wenn ich sage, daß ich der Bevollmächtigte Mr. Chevy Slymes bin – Ambassadeur am Hofe Chivs. – – Ha, ha!« »Hallo!« rief Martin und stutzte bei Nennung dieses Namens. »Bitte, was will er von mir?«

»Wenn Sie Pinch heißen –« begann Mr. Tigg.

»Nein«, erklärte Martin reserviert. »Dies hier ist Mr. Pinch.«

»Wenn dies Mr. Pinch ist«, rief Tigg, küßte abermals seine Hand und ließ seinen Leib seinem Kopfe in das Zimmer nachfolgen, »so wird er mir die Versicherung gestatten, daß ich ihn höchlichst schätze und respektiere, da ihn mein Freund Pecksniff mir gegenüber außerordentlich lobte – auch, daß ich seine Begabung hinsichtlich Orgelspieles sehr bewundere, wenn ich auch dieses Instrument – darf ich mich des Ausdrucks bedienen – nicht selbst – – ›quetsche‹. Wenn dies also Mr. Pinch ist, so möchte ich die Hoffnung auszudrücken wagen, daß er sich wohlbefinde und ihm der Ostwind keine Gesundheitsbeeinträchtigung zugefügt hat.«

»Ich danke Ihnen«, sagte Tom. »Ich befinde mich sehr wohl.«

»Das ist ein großer Trost«, rief Mr. Tigg. »Übrigens«, er hielt geheimnisvoll die Hand vor den Mund, »komme ich wegen des Briefes.«

»Wegen des Briefes?« fragte Tom laut. »Was für einen Brief meinen Sie?«

»Den Brief«, flüsterte Tom vorsichtig, »den Ihnen mein Freund Pecksniff unter der Adresse ›Chevy Slyme, Esquire‹ zurückgelassen hat.«

»Er hat mir keinen Brief gegeben.«

»Pst!« flüsterte Mr. Tigg. »Das macht nichts aus – obgleich ich wünschte, daß mein Freund Pecksniff die Sache zartfühlender arrangiert hätte – also – das Geld.«

»Das Geld?« rief Tom erschreckt.

»Sehr richtig. – – – Das Geld«, wiederholte Mr. Tigg, tippte Tom ein paarmal auf die Brust und nickte verständnisinnig, als wolle er sagen, man brauche den Umstand nicht unnötigerweise vor einer dritten Person ausführlich zu erwähnen und er würde es für eine besondere Gunst halten, wenn ihm Tom den Betrag so unauffällig wie möglich in die Hand gleiten ließe.

Mr. Pinch war jedoch über dieses ihm gänzlich unerklärliche Benehmen dermaßen erstaunt, daß er unumwunden erklärte, es müsse hier offenbar ein Irrtum obwalten, da er durchaus keinen Auftrag erhalten habe, der sich irgendwie auf den Herrn oder dessen Freund bezöge. Mr. Tigg nahm diese Erklärung mit der ernsten Bitte entgegen, Mr. Pinch möge die Güte haben, sie noch einmal zu wiederholen, und als ihm Tom in einer noch nachdrücklicheren Weise willfahrte, rekapitulierte er sie Satz für Satz und nickte bei jedem Wort feierlich mit dem Kopf. Als Tom zum zweitenmal fertig geworden war, ließ sich Mr. Tigg in einen Stuhl nieder und hielt an die beiden jungen Leute folgende Ansprache:

»Dann will ich Ihnen also sagen, um was es sich handelt, meine Herren. Im gegenwärtigen Augenblicke befindet sich hier in diesem Orte eine vollendete Legierung von Talent und Genie, die durch das, was ich nur als tadelnswerte Nachlässigkeit meines Freundes Pecksniff bezeichnen kann, in eine so furchtbare Situation versetzt wurde, wie sie eben nur bei der sozialen Lage im neunzehnten Jahrhundert möglich ist. In diesem Augenblicke befindet sich im ›Blauen Drachen‹ dieses Dorfes – einer ordinären, armseligen, bäurischen, nach Tabak stinkenden Bierkneipe – ein Individuum, von dem man – um mit dem Dichter zu sprechen – behaupten kann, daß es eigentlich mit nichts verglichen werden kann als mit sich selber. Und dieses Individuum wird nun seiner Zeche wegen dort zurückgehalten. Ha! ha! – Seiner Zeche wegen! Ich wiederhole es: – seiner Zeche wegen. Wir alle«, fuhr Mr. Tigg fort, »haben wohl schon von Fox‘ Märtyrerbuch gehört, desgleichen auch von dem Schuldturm und der Sternkammer; aber ich fürchte keinen Widerspruch, weder von Lebenden, noch von Toten, wenn ich kühnlich behaupte: meinen Freund Chevy Slyme einer Zeche wegen als Geisel zurückzuhalten, das spricht allem Hohn!«

Martin und Mr. Pinch sahen zuerst einander an und dann Mr. Tigg, der, die Arme auf der Brust gekreuzt, ihren Blick halb trostlos, halb bitter erwiderte.

»Mißverstehen Sie mich nicht, meine Herren«, sagte er und streckte seine rechte Hand aus. »Wäre es wegen etwas anderem als einer Zeche wegen geschehen, so hätte ich es ertragen und das menschliche Geschlecht immerhin noch mit einem gewissen Gefühl von Achtung betrachten können. Wenn aber ein Mann wie mein Freund Slyme einer Wirtshausrechnung wegen festgehalten wird – wegen eines an sich selbst schon so gemeinen nichtigen Dinges, so fühle ich: es ist da irgendwo eine Schraube von so ungeheurer Wichtigkeit losgeworden, daß das ganze Gebäude der Gesellschaft in seinen Grundfesten schwankt und man sich nicht einmal mehr auf Hauptprinzipien der Welt verlassen kann. – Kurz – meine Herren –, wenn ein Mann wie Slyme wegen einer armseligen Zeche zurückgehalten wird, so weise ich alles, was die Jahrhunderte gezeitigt, als Wahn zurück und glaube an nichts mehr. Ja, Fluch über mich, wenn ich sogar glaube, daß ich nicht glaube!«

»Es tut mir wahrhaftig herzlich leid«, begann Tom nach einer Pause, »aber Mr. Pecksniff hat mir nichts davon gesagt, und ohne seine Weisung darf ich nichts tun. Würde es nicht am besten sein, Sir, wenn Sie – ich weiß nicht, woher Sie kommen – aber ich meine, würde es nicht am besten sein, wenn Sie nach Hause führen und Ihrem Freunde von dort das Geld schickten?«

»Wie ist das möglich, da ich gleichfalls hier festgehalten werde!« rief Mr. Tigg. »Und noch obendrein, wo ich – dank der unerhörten und, ich muß sagen, unverantwortlichen Nachlässigkeit meines Freundes Pecksniff – kein Geld habe, um einen Platz im Postwagen zu bezahlen?«

Tom wollte schon den Gentleman darauf aufmerksam machen, daß es auch eine Briefpost im Lande gebe – was dieser ohne Zweifel in seiner Aufregung vergessen hatte – und er ja nur an irgendeinen Freund oder Bevollmächtigten zu schreiben brauche, um sich das Geld kommen zu lassen – seine Gutmütigkeit ließ ihn jedoch erraten, daß es Gründe geben könne, diesen guten Rat für sich zu behalten. Er schwieg daher eine Weile und fragte dann:

»Sagten Sie nicht, Sir, daß man Sie ebenfalls zurückhält?«

»Kommen Sie einmal her«, rief Mr. Tigg und stand auf. – »Sie haben doch nichts dagegen, wenn ich einen Augenblick dieses Fenster öffne?«

»Durchaus nicht.«

»Sehr gut«, sagte Mr. Tigg und schob das Fenster in die Höhe. »Sehen Sie dort unten den Kerl mit dem roten Halstuch und ohne Weste?« »Natürlich!« rief Tom. »Das ist doch Mark Tapley.«

»So, Mark Tapley ist es!« entgegnete der Gentleman. »Also, Mark Tapley war so ungemein liebenswürdig, mich hierher zu begleiten und jetzt zu warten, ob ich auch wieder zurückkomme! – Und um dieser Aufmerksamkeit willen,« fügte Mr. Tigg hinzu und strich sich den Schnurrbart,« möchte ich sagen, es wäre besser für ihn gewesen, seine Frau Mutter hätte ihn in der Wiege erdrosselt, anstatt ihn zu solchen Schandtaten heranwachsen zu lassen!«

Mr. Pinch war ob dieser schrecklichen Drohung nicht so entsetzt, als daß ihm nicht noch Atem genug geblieben wäre, Mark heraufzurufen – eine Aufforderung, der dieser so schleunig Folge leistete, daß Tom und Mr. Tigg kaum ihre Köpfe zurückgezogen und das Fenster wieder geschlossen hatten, als er bereits im Zimmer stand.

»Hören Sie, Mark!« sagte Mr. Pinch. »Um Gottes willen, was geht denn zwischen Mrs. Lupin und diesem Gentleman vor?«

»Und welchem Gentleman?« fragte Mark. »Ich sehe hier keinen Gentleman, Sir, als Sie und den neuen Herrn da« – er machte Martin eine linkische Verbeugung – »und zwischen Ihnen und Mrs. Lupin ist durchaus nichts vorgefallen.«

»Possen, Mark!« rief Tom. »Sie sehen da Mr. –«

»Tigg,« ergänzte der Gentleman. »Ein bißchen Geduld; ich werde ihn gleich zermalmen. – Alles zu seiner Zeit!«

»Ach, den!« brummte Mark geringschätzig. »Ja, densehe ich allerdings. Ich könnte ihn zwar noch ein bißchen besser sehen, wenn er sich rasieren und das Haar schneiden lassen wollte –«

– Mr. Tigg schüttelte wütend den Kopf und schlug sich an die Brust. – »Hilft alles nichts«, sagte Mark. »An diese Tür können Sie klopfen, soviel Sie wollen. Da werden Sie keine Antwort kriegen, ich weiß das besser. Es steckt nichts dahinter als Watte, und zwar eine ziemlich schmierige.«

«Lassen Sie das, Mark«, bat Mr. Pinch und legte sich ins Mittel, um Feindseligkeiten zu verhüten, »beantworten Sie mir lieber, was ich Sie fragen werde. Sie sind doch hoffentlich nicht übler Laune?«

»Übler Laune, Sir?« rief Mark, übers ganze Gesicht lachend. »Nein, wahrhaftig nicht, Sir. Es macht einem ein bißchen Ehre – nicht viel zwar, aber doch ein bißchen –, wenn man fidel ist, trotzdem Kerle wie diese da wie brüllende Löwen mit Mähne herumziehen. – – Was es zwischen Mrs. Lupin und ihm gegeben hat? Je nun, eine unbezahlte Zeche hat es gegeben. – Ich glaube, es ist billig genug von Mrs. Lupin, daß sie ihm und seinem Freund nicht doppelte Preise anrechnete; sie sind doch geradezu ein Schandfleck für den ›Drachen‹. Das ist meine Meinung. Wenn ich an ihrer Stelle wäre, ich litte keine solchen Waldteufel in meinem Hause, und wenn man mir Wettrennpreise zahlte. – Das bloße Aussehen dieses Burschen könnte schon das Bier im Faß sauer werden lassen. – Und das Bier würde auch bestimmt sauer werden, wenn es Verstand hätte.«

»Sie haben mir noch immer meine Frage nicht beantwortet, Mark«, bemerkte Mr. Pinch.

»Nun, Sir«, entgegnete Mr. Tapley, »ich wüßte nicht, was es da lange zu beantworten gibt. Erst gehen die beiden in den ›Halbmond und die sieben Sterne‹, bis sie genügend in der Kreide stehen, dann kommen sie zu uns und treiben’s ebenso. Das gewöhnliche Zechprellen ist nichts gerade Neues für uns, Mr. Pinch; das hätte uns nicht so aufgeregt, wenn nicht das unverschämte Benehmen dieses Kerls gewesen wäre. – Nichts ist ihm gut genug; alle Weiber, meint er, seien sterblich in ihn verliebt und überglücklich, wenn er ihnen nur zublinzelt. Und die Männer, glaubt er, seien nur dazu da, um sich von ihm herumkommandieren zu lassen. Diesen Morgen noch sagte er zu mir in seiner gewöhnlichen liebenswürdigen Weise: ›Heute abend rücken wir aus, mein Bester.‹ – ›Wirklich, Sir?‹ sagte ich. ›Da soll ich Ihnen wohl die Rechnung vorbereiten, Sir?‹ – ›Ist nicht nötig, mein Bester‹, sagte er; ›Sie brauchen sich nicht damit zu bemühen. Ich werde Pecksniff schon anweisen, daß er die Kleinigkeit begleicht.‹ Darauf erwiderte der Drache: ›Besten Dank, Sir, daß Sie uns beehrt haben; aber da wir Sie nicht näher kennen und Sie ohne Gepäck reisen und Mr. Pecksniff nicht zu Hause ist – was Sie selbstverständlich nicht wissen –, so möchten wir gerne etwas Greifbares von Ihnen sehen.‹ So stehen die Sachen. Und jetzt frage ich Sie«, sagte Mr. Tapley und deutete mit der Hutkrempe auf Mr. Tigg, »welcher Herr oder welche Dame von gesundem Menschenverstand kann behaupten, daß der Bursche nicht ein ganz verdammter Lump ist!?«

»Sagen Sie, bitte«, mischte sich Martin ein und erstickte damit ein vernichtendes Anathema von seiten Mr. Tiggs im Keime, »wie hoch beläuft sich die Schuld?«

»Ach Gott, nicht besonders viel. – Höchstens drei Pfund, Sir«, meinte Mark. »Das würde auch weiter nichts ausmachen, – wenn nicht – wie gesagt – –«

»Ja, ja, das haben wir schon gehört«, unterbrach Martin Chuzzlewit kurz. »Pinch, auf ein Wort.«

»Was ist’s?« fragte Tom und zog sich mit seinem Kollegen in eine Ecke des Zimmers zurück.

»Offen gestanden – ich schäme mich fast, es auszusprechen – aber dieser Slyme ist ein Verwandter von mir, von dem ich nie viel Gutes gehört habe. Es paßt mir nicht, daß er sich hier herumtreibt, und ich möchte ihn für drei oder vier Pfund gerne loswerden. Sie haben wohl nicht so viel Geld, um diese Zeche zu begleichen?«

Tom schüttelte so nachdrücklich den Kopf, daß an seiner Aufrichtigkeit unmöglich zu zweifeln war.

»Das ist fatal, denn ich bin gleichfalls auf dem Trockenen. Falls Sie es gehabt hätten, würde ich Sie darum angegangen haben. – – Hm. – – Was, wenn wir aber der Wirtin sagen, wir wollten dafür gutstehen? Glauben Sie, daß sie darauf einginge?«

»Oh, sicher!« rief Tom. »Sie kennt mich. – Gottlob!«

»Dann wollen wir gleich zu ihr gehen und ihr den Vorschlag machen. Je eher wir diese Gesellschaft loswerden, desto besser. Da Sie bisher das Wort geführt haben, machen Sie dem Herrn vielleicht klar, was wir zu tun gedenken – wollen Sie?«

Mr. Pinch tat es mit Freuden und teilte Mr. Tigg das Nötige mit, der ihm dafür warm die Hand drückte und versicherte, sein Glaube an die Menschheit sei jetzt wieder gänzlich hergestellt. Nicht so sehr wegen des gütigen Beistandes als wegen des gelieferten Beweises, daß edle Naturen immer noch ein Verständnis für ihresgleichen auf Erden empfänden. Und er danke den Herren im Namen seines genialen Freundes ebenso warm und herzlich, als ob es sich um seine eigne Angelegenheit handle. In seiner schwungvollen Rede durch den allgemeinen Aufbruch gestört, bemächtigte er sich an der Haustüre des Rockärmels Mr. Pinchs, um weiteren Unterbrechungen vorzubeugen, und unterhielt seinen gutmütigen Zuhörer mit allerhand erbaulichen Gesprächen, bis sie vor dem »Drachen« anlangten.

Es bedurfte bei der blühenden Wirtin kaum Mr. Pinchs Fürsprache, da sie ihre beiden Gäste sowieso möglichst rasch los sein wollte. In Wirklichkeit hatten diese ihre kurze Haft lediglich Mr. Tapley zu verdanken, der eine prinzipielle Abneigung gegen großsprecherische Gentlemen mit durchlöcherten Ellenbogen hegte und ganz speziell gegen Prachtexemplare von der Sorte wie Mr. Tigg und sein Freund. Nachdem die Angelegenheit so in Kürze abgemacht war, wollten sich Mr. Pinch und Martin sogleich wieder entfernen, aber Mr. Tigg bat sie so inständig, ihm die Ehre zu erweisen, sie seinem Freunde vorstellen zu dürfen, daß sie teils aus Gutmütigkeit, teils aus Neugierde nachgaben und sich diesem ausgezeichneten Gentleman vorführen ließen.

Mr. Chevy Slyme brütete gerade über der Neige einer Brandyflasche vom gestrigen Abend und war mit der tiefsinnigen Aufgabe beschäftigt, mit dem nassen Boden seines Trinkglases eine Kette von Ringen auf den Tisch zu zeichnen. So elend und herabgekommen er auch jetzt aussah, so war er doch einst in seiner Art gewissermaßen tonangebend gewesen und hatte seine Ansprüche als Mann von unendlichem Geschmack und vielversprechenden Gaben allenthalben geltend gemacht. Die nötigen Requisiten zu diesem Beruf sind leicht beschafft: ein Naserümpfen, ein spöttisches Aufwerfen der Lippe, ein geringschätziges Lächeln – – was will man mehr! Aber dieses Pfropfreis des Stammes Chuzzlewit hatte es sich – nachdem seine Mittel aufgebraucht waren und er zu faul war für irgendwelche Tätigkeit – in einer schlimmen Stunde sogar beifallen lassen, eine Art Professor des guten Geschmacks werden zu wollen. Zu spät fand er, daß dazu etwas mehr erforderlich war als seine ursprünglichen Qualifikationen, um sich in diesem Berufe halten zu können, und schnell war er daher bis zu seiner gegenwärtigen Stufe herabgesunken. Nichts war ihm von seinem frühern Ich übriggeblieben als sein prahlerisches Wesen und seine Gallsucht, und ohne seinen Freund schien er gar nicht existieren zu können. Im gegenwärtigen Augenblick bot er in seinem trunkenweinerlichen Zustand, seiner Unverschämtheit und seinem Bettlerstolz eine so jämmerliche Figur, daß sogar sein Freund und Schmarotzer daneben einen ritterlichen Eindruck machte.

»Chiv«, begann Mr. Tigg und klopfte ihm auf den Rücken, »mein Freund Pecksniff war nicht zu Hause, und ich habe daher die Sache mit Mr. Pinch und seinem Freund in Ordnung gebracht. – – Mr. Pinch nebst Freund – Mr. Chevy Slyme.«

»Eine recht angenehme Lage, um sich Fremden vorstellen zu lassen«, versetzte Chevy Slyme und richtete seine blutunterlaufenen Augen auf Tom Pinch. »Ich glaube, ich bin der unglücklichste Mensch auf Erden!«

Tom bat ihn, nicht davon zu sprechen, und wollte sich nach einer Pause mit Martin entfernen, aber Mr. Tigg beschwor sie durch Räuspern und Nicken so dringend, sie möchten doch an der Tür stehen bleiben, daß sie unwillkürlich haltmachten.

»Ich schwöre«, rief Mr. Slyme, ließ seine Faust kraftlos auf den Tisch fallen und stützte dann den Kopf auf die Hand, während ein paar Tränen besoffenen Jammers aus seinen Augen niedertropften, »daß ich das elendeste Geschöpf weit und breit bin. Die Menschheit hat sich gegen mich verschworen. Ich bin der gebildetste Mensch, der je gelebt. Ich weiß alles und jedes, bin voll Geist, voller Kenntnisse, voll neuer Ansichten – und doch in der schmachvollen Lage, in diesem Augenblick einer elenden Zeche wegen zwei Fremden verpflichtet sein zu müssen!«

Mr. Tigg schenkte seinem Freund das Glas wieder voll, drückte es ihm in die Hand und gab den beiden durch Zeichen zu verstehen, daß sie Chevy Slyme sogleich in einem bessern Lichte zu sehen bekommen würden.

»Zwei Fremden verpflichtet für eine Wirtshausrechnung! Was?!« wiederholte Mr. Slyme, nachdem er dem Glase verdrießlich zugesprochen. »Nette Sachen das! Und Scharen von Betrügern werden indessen berühmt – Kerle, die ebenso unwürdig sind, mir die Schuhriemen zu lösen, wie – wie – – Tigg, ich rufe dich zum Zeugen an, daß ich der verfolgteste Hund bin, der über die Erde hinstreicht.« Mit einem Gewinsel, das wirklich etwas Hündisches hatte, setzte er wieder das Glas an den Mund. Er mußte einigen Mut oder Stärkung daraus geschöpft haben, denn, als er es niedersetzte, lachte er laut und verächtlich auf. – Abermals machte Mr. Tigg Martin und Tom sehr nachdrückliche Gebärden, daß jetzt der Augenblick gekommen sei, wo »Chiv« in seiner vollen Größe sich entpuppen werde.

»Ha, ha, ha!« lachte Mr. Slyme. »Zwei Fremden verpflichtet für eine Wirtshausrechnung! Ich! Verpflichtet zwei Architektenlehrlingen – Kerlen, die die Erde mit eisernen Ketten abmessen und Häuser bauen wie die Maurer. – Man nenne mir die Namen dieser beiden Lehrlinge! Wie können sie sich unterstehen, mir Verpflichtungen aufzuerlegen?«

Mr. Tigg war ganz außer sich vor Bewunderung über diesen edlen Charakterzug seines Freundes, wie er Mr. Pinch durch lebhaftes Gebärdenspiel deutlich zu erkennen gab.

»Sie sollen wissen, und alle Welt soll es wissen«, schrie Chevy Slyme, »daß ich keiner von den gemeinen, kriecherischen, zahmen Charakteren bin, die man im gewöhnlichen Leben antrifft. Ich bin unabhängig und frei. Mein Herz ist stolz. Ich habe eine Seele, die sich hoch erhebt über niedrige Rücksichten.«

»O Chiv, Chiv, Chiv!« murmelte Mr. Tigg. »Du hast eine edle unabhängige Natur, Chiv!«

»Geh hin und tue deine Pflicht«, herrschte ihn Mr. Slyme unwillig an. »Borg dir Geld aus für die Reise, und wer’s immer sei, der’s herborgt, sag ihm, daß ich einen hohen und stolzen Geist besitze und daß in meiner Seele höllisch tiefe Saiten erklingen, die eine Gönnerschaft nicht ertragen können. Hörst du? Sag ihnen, daß ich sie hasse und auf diese Art mir die Achtung vor mir selbst bewahre. Sag ihnen, daß noch nie ein Mensch sich selbst so geachtet hat wie ich mich!«

Er wollte noch hinzufügen, daß er zwei Arten von Menschen besonders hasse, nämlich alle, die ihm Wohltaten erwiesen, und alle, denen es besser ging als ihm selbst, da in beiden Fällen ihre Lage eine Kränkung für einen Mann von seinen unerhörten Verdiensten bedeute. – Er sprach es jedoch nicht aus, denn gleich darauf sank er mit dem Kopf auf den Tisch und verfiel in einen trunkenen Schlaf. – Zu hochmütig, um zu arbeiten, zu betteln, zu borgen oder zu stehlen, war er doch gemein genug, sich von einem andern die Kastanien aus dem Feuer holen zu lassen; zu patzig, um die Hand zu lecken, die ihn in seiner Not fütterte, war er doch Köter genug, hinterrücks zu beißen und sie zu zerfleischen!

»Hat es je«, rief Mr. Tigg und begleitete die jungen Leute hinaus und schloß sorgsam die Türe hinter sich, »hat es je einen so freien unabhängigen Geist gegeben wie diesen außerordentlichen Menschen? Je einen solchen Römer im Altertum wie unsern Freund Chiv! Je einen Mann von so streng klassischem Gedankenflug, von einer so togaartigen Einfachheit des Wesens? Gab es je einen Mann von so fließender Beredsamkeit? Ich frage Sie, meine Herrn, hätte er sich nicht im Altertum auf einen Dreifuß setzen und uns bis ins Grenzenlose prophezeien können, vorausgesetzt, man hätte ihn auf Staatskosten mit Grog versorgt?!«

Mr. Pinch war eben im Begriffe, diese kühne Behauptung mit seiner gewohnten Milde zu bezweifeln, als er bemerkte, daß sein Begleiter bereits die Treppe hinuntergegangen war. Er schickte sich daher an, ihm zu folgen.

»Sie wollen doch nicht schon gehen, Mr. Pinch?« fragte Tigg.

»Ja. – Ich danke«, antwortete Tom, »bitte, bemühen Sie sich nicht, bleiben Sie nur hier.«

»Wissen Sie, ich möchte noch gern ein Wörtchen im Vertrauen mit Ihnen reden«, versetzte Tigg. »Es würde mein Herz sehr erleichtern, wenn ich mich auf der Kegelbahn noch einige Minuten Ihrer Gesellschaft erfreuen könnte. Darf ich Sie um diese Gunst ersuchen?«

»O gewiß, wenn Ihnen soviel daran liegt«, erwiderte Tom. Er begleitete also Tigg, und als sie bei der Kegelbahn angekommen waren, zog dieser etwas, was wie die fossilen Überreste eines antediluvianischen Schnupftuchs aussah, aus seinem Hute und wischte sich die Augen damit.

»Sie haben mich heute in einem ungünstigen Lichte gesehen«, schluchzte Mr. Tigg.

»Bitte, reden wir nicht davon«, bat Tom.

»Es ist aber doch so«, rief Tigg. »Ich muß auf dieser Ansicht beharren. Hätten Sie mich an der Küste Afrikas an der Spitze meines Regiments sehen können, Mr. Pinch, wie ich ein Karree formierte – in der Mitte die Weiber, die Kinder und die Regimentskasse – und zum Angriff schritt, so würden Sie nicht glauben, daß jetzt derselbe Mann vor Ihnen steht. Sie würden den größten Respekt vor mir gehabt haben, Sir.«

– Tom schien diesbezüglich seine eigenen Ansichten zu haben und war daher von dieser Schilderung nicht ganz so hingerissen, wie Mr. Tigg wohl wünschen mochte. –

»Doch gleichviel! – Ich bitte um Verzeihung, wenn ich mich schwach zeigte. – – – Sie haben meinen Freund Slyme gesehen?«

»Kein Zweifel.«

»Und welchen Eindruck hat mein Freund Slyme auf Sie gemacht, Sir?«

»Keinen sehr angenehmen, muß ich sagen«, antwortete Tom stockend.

»Das tut mir leid, aber es überrascht mich nicht«, rief Mr. Tigg und hielt Tom an beiden Rockaufschlägen fest, »es ist auch meine Meinung. Aber, Mr. Pinch, wenn ich auch nur ein schlichter und gedankenloser Mensch bin, so weiß ich doch den Geist zu ehren. Ich ehre das Talent in meinem Freunde. Ich habe das Recht, Mr. Pinch, vor allen Menschen gerade an Sie um seines hohen Geistes willen zu appellieren, wenn ihm schon die Fähigkeit mangelt, in der Welt sein Glück zu machen. Und daher, Sir, – nicht um meinetwillen, der ich durchaus keine Ansprüche an Ihre Teilnahme habe, sondern um meines niedergedrückten, meines geistig so unendlich hochstehenden, stolzen Freundes willen, der zu wirklichen Ansprüchen berechtigt ist wie keiner sonst – bitte ich Sie um ein Darlehen von drei halben Kronen. Ich bitte Sie darum offen und ohne Erröten. Ich bitte darum, gewissermaßen wie um ein Recht. Und wenn ich hinzufüge, daß sie noch in dieser Woche zurückerstattet werden sollen, so fühle ich, daß Sie mich wegen dieser kleinlichen Worte innerlich nicht tadeln werden.«

Mr. Pinch zog einen altmodischen rotledernen Geldbeutel mit einem Stahlschloß, der wahrscheinlich seiner seligen Großmutter gehört hatte, hervor. Er enthielt eine einzige halbe Guinee – Toms ganzes Gehalt für dieses Quartal. »Halt!« rief Mr. Tigg, der ihn dabei scharf beobachtet hatte. »Ich wollte eben sagen, besser wäre noch eine halbe Guinee – – der Post wegen – Gold läßt sich bequemer zurückschicken. – – Ich danke Ihnen. Als Adresse genügt vermutlich: ›Mr. Pinch bei Mr. Pecksniff‹?«

»Ja, ganz richtig. Nur schreiben Sie, bitte, hinter Mr. Pecksniffs Namen: ›Hochwohlgeboren‹. Also an mich bei Mr. Seth Pecksniff, Hochwohlgeboren.«

»Bei Seth Pecksniff, Hochwohlgeboren«, buchstabierte Mr. Tigg und schrieb sich die Adresse mit einem Bleistiftstümpfchen sorgfältig auf. »Wir sagten, glaube ich, diese Woche?«

»Ja; oder meinetwegen auch Montag«, bemerkte Tom.

»Nein, nein, pardon! Montag, das geht nicht«, protestierte Mr. Tigg. »Wenn wir diese Woche ausgemacht haben, so ist Samstag der späteste Termin. Wurde diese Woche festgesetzt?«

»Wenn Sie’s schon so genau nehmen – ja«, entgegnete Tom. Mr. Tigg merkte sich auch dies genau an, überlas noch einmal die Notiz mit ernstem Stirnrunzeln und setzte dann, um das Geschäft noch korrekter und buchungsmäßiger zu machen, dem ganzen die Anfangsbuchstaben seines eigenen Namens bei. Sodann versicherte er Mr. Pinch, es sei jetzt alles vollkommen in Ordnung, drückte ihm mit großer Wärme die Hand und entfernte sich.

Da Mr. Pinch fürchtete – und wohl mit Recht –, Martin könne dieses Interview ins Lächerliche ziehen, wollte er nicht sogleich nachkommen und ging daher in der Kegelbahn auf und ab, bis Mr. Tigg und sein Freund den »Drachen« verlassen hatten. – Gerade als sie abzogen, begegnete er Mark vor dem Wirtshaus.

»Ich wollte eben sagen«, bemerkte Mark und deutete den beiden nach, »daß das so eine Art Dienst für mich wäre, wenn man davon leben könnte. Solchen Individuen aufzuwarten wäre doch noch besser, als Totengräber zu sein, Sir.«

»Hierzubleiben wäre besser als beides, Mark«, entgegnete Tom. »Lassen Sie sich raten und bleiben Sie, wo’s Ihnen gutgeht.«

»Dazu ist es jetzt zu spät, Sir«, sagte Mark. »Ich habe ihr bereits gekündigt, und morgen früh geht’s fort.«

»Wirklich fort? Und wohin denn?« »Nach London, Sir.«

»Und was dort?« fragte Mr. Pinch.

»Das weiß ich selbst noch nicht, Sir. Seit ich Ihnen mein Herz ausgeschüttet habe, hat sich noch nichts Geeignetes gefunden. All die Berufe, an die ich dachte, waren viel zu heiter, und man hätte keine besondere Ehre dabei einlegen können. Ich werde mich wohl um einen Privatdienst umsehen müssen, Sir. Ich möchte meine Kraft allenfalls an einer frommen Familie versuchen, Mr. Pinch.«

»Ob das aber die fromme Familie aushielte?« meinte Tom.

»Da könnten Sie recht haben, Sir. – Wäre ich imstande, bei einer gottlosen Familie unterzukommen, wäre das meinen Kräften vielleicht angemessener. Aber da ist wieder die Schwierigkeit: Wo finde ich das Richtige? Ein junger Mensch kann doch nicht gut in die Zeitung einrücken lassen: ›Stelle wird gesucht. Es wird mehr auf Gottlosigkeit als auf hohen Lohn gesehen.‹ Oder meinen Sie doch, Sir?«

»Nein, nein«, gab Tom zu. »Das geht keinesfalls.«

»Eine neidische Familie«, fuhr Mark mit gedankenvoller Miene fort, »eine streitsüchtige Familie, eine boshafte Familie, oder sogar eine so ganz durch und durch niederträchtige Familie würde mir einen Wirkungskreis öffnen, in dem ich etwas leisten könnte. Am besten von allen Leuten hätte mir der alte Herr gepaßt, der hier krank lag. Der war so der richtige Plagegeist. – Nun, ich muß eben warten und zusehen, was kommt, Sir. Hoffen wir das Schlimmste.«

»Sie sind also fest entschlossen zu gehen?« fragte Mr. Pinch.

»Mein Koffer ist bereits beim Fuhrmann, Sir, und ich gehe morgen zu Fuß fort. Wenn mich die Kutsche einholt, so sitze ich auf. Aber jetzt Gott befohlen, Mr. Pinch, leben Sie wohl – und auch Sie, mein Herr. Leben Sie wohl alle beide – und viel Glück und Wohlergehen!«

Lachend erwiderten die beiden Kollegen diesen Abschiedsgruß und gingen Arm in Arm nach Hause. Unterwegs teilte Mr. Pinch Martin zur näheren Erklärung die Einzelheiten von Mr. Mark Tapleys wunderlichem Ehrgeiz mit, die der Leser bereits kennt. Hartnäckig wich Mark den ganzen Nachmittag bis zum Abend seiner Gebieterin aus, denn er hatte gemerkt, daß sie sehr niedergeschlagen war, und glaubte seinerseits nicht so ganz für die Folgen eines verlängerten Tête-à-tête hinter dem Schankverschlag stehen zu können. Bei dieser Taktik wurde er durch den großen Andrang in der Bierstube unterstützt. Die Kunde von seinem Vorhaben war nämlich ruchbar geworden, und es gab deshalb den ganzen Abend ein förmliches Gedränge, da jeder noch auf seine Gesundheit trinken wollte, was natürlich in der Folge ein gewaltiges Krügegeklapper veranlaßte. Endlich wurde das Haus für die Nacht geschlossen. Mark mußte jetzt – da war nicht mehr zu helfen – die beste Miene zum bösen Spiel machen und begab sich daher anscheinend sehr verdrießlich zur Büfettüre.

»Wenn ich ihr in die Augen schaue«, sagte er sich, »so ist’s um mich geschehen. Ich fühle schon jetzt, wie’s mich reißt.«

»Endlich kriegt man Sie zu sehen«, begann Mrs. Lupin.

»Ja«, brummte Mark. »Da bin ich.«

»Und Sie sind also wirklich fest entschlossen, uns zu verlassen, Mark?«

»Nun freilich«, sagte Mark, ohne die Augen aufzuschlagen.

»Ich dachte«, fuhr die Wirtin mit ermutigendem Stocken fort, »Sie hätten den ›Drachen‹ gern?«

»Ich habe ihn auch gern«, antwortete Mark.

»Nun also«, fragte die Wirtin – und es war gewiß eine sehr natürliche Frage – »warum wollen Sie ihn denn dann verlassen?«

Da Mark auf diese Frage keine Antwort gab, nicht einmal, als sie wiederholt wurde, zählte ihm Mrs. Lupin daher sein Geld auf die Hand und fragte ihn – nicht ungütig, ganz im Gegenteil –, was er sonst noch etwa möchte.

Das Sprichwort sagt schon, es gebe gewisse Dinge, denen Fleisch und Blut nicht widerstehen können. Eine Frage wie diese, und noch dazu in solcher Art, zu einer solchen Zeit und von einer solchen Person gestellt, war – soweit es wenigstens Marks Fleisch und Blut betraf – gewiß eines dieser Dinge. Mark sah wider Willen auf und blickte, nachdem dies einmal geschehen war, nicht mehr zu Boden – stand doch die Blüte aller rundlichen, drallen, hübschen, glutäugigen, mit Wangengrübchen geschmückten Wirtinnen, die je auf Erden gewandelt, leibhaftig vor ihm.

»Nun, ich will Ihnen was sagen«, rief Mark, wurde plötzlich ganz Feuer und Flamme und schlang den Arm um Mrs. Lupins Taille – was diese ganz und gar nicht beunruhigte, wußte sie doch, was Mark für ein wackerer junger Mensch war – »wenn ich mir nehmen dürfte, was mir am meisten gefiele, so wären Sie es. Jawohl, Sie und nur Sie«, rief Mr. Tapley, nickte nachdrücklich und blieb mit seinen Blicken, ohne daran zu denken, was er sich so fest vorgenommen, an den Kirschenlippen der hübschen Witwe hängen. »Und kein Mensch würde sich wundern, wenn ich’s täte!«

Mrs. Lupin sagte, sie sei geradezu aus den Wolken gefallen. Wie er nur solches Zeug reden könne. Sie hätte das nie von ihm gedacht.

»Wahrhaftig, ich hätte es früher auch nie von mir gedacht!« entgegnete Mark und zog seine Augenbrauen in komischem Erstaunen in die Höhe. »Ich dachte immer, wir würden ganz mir nichts, dir nichts voneinander scheiden, und hatte mir eben vorhin noch, ehe ich eintrat, vorgenommen, es so zu halten. Aber Sie haben etwas an sich, das einem das Herz aufgehen macht. – Doch reden wir mal gescheit miteinander« – fügte er im ernsten Tone hinzu, um jedem Irrtum vorzubeugen – »Sie wissen, daß ich Ihnen keine Liebeserklärung nicht machen will.«

Eine Sekunde lang überflog ein Schatten – wenn auch kein gerade finsterer – das offene Gesicht der Wirtin, verschwand jedoch gleich wieder und machte einem herzlichen Lachen Platz.

»Meinen Sie nicht«, sagte sie, »wenn Sie an so was nicht denken, daß es besser wär, wenn Sie Ihren Arm wegtäten?«

»Warum sollt ich denn das?« rief Mark. »Es ist doch nichts Unrechtes dabei!«

»Natürlich ist nichts Unrechtes dabei«, entgegnete Mrs. Lupin, »sonst würde ich es auch nicht erlauben.«

»Na gut«, meinte Mark, »dann lassen wir’s halt dabei.«

Das war so vernünftig gesprochen, daß die Wirtin ihn lachend gewähren ließ, ihn aber zugleich aufforderte, mit dem, was er zu sagen habe – und zwar schnell – herauszurücken. – Übrigens sei er ein unverschämter Bursche, setzte sie hinzu. »Ha, ha! Mir kommt’s beinahe auch so vor«, lachte Mark, »ich hätt’s früher wahrscheinlich selbst nicht geglaubt. Aber macht nix, heut abend getrau ich mir schon was zu sagen.«

»Also, raus damit – endlich schon!« rief Mrs. Lupin. »Ich möcht zu Bett gehen.«

»Na, so hören S’«, sagte Mark, »und ich möcht den Mann sehen, der sagt, daß er je eine freundlichere Frau als Sie gesehen hat – was möcht eigentlich sein, wann wir zwei mitsamm –« »Aber Unsinn!« rief Mrs. Lupin. »Reden Sie nicht so dummes Zeug daher!«

»Gar kein dummes Zeug«, protestierte Mark, »und ich möcht Sie bitten, daß Sie mich bis zu End hören. Also, was möcht sein, wenn wir zwei zusamm ein Paar wären? Wenn mir jetzt schon nicht recht wohl in dem schönen ›Drachen‹ ist, wie könnt ich dann erst zufrieden sein?! Schon gar nicht. Das ist doch gar keine Frag nicht. Wenn Sie noch so gut aufgelegt wären, möchten Sie sich doch immer damit abquälen, ob Sie nicht zu alt für meinen Geschmack würden, und möchten sich einreden, daß ich an Sie angebunden wär wie der Drachen ober der Tür, und immer ausreißen möcht. – Ich weiß ja nicht, ob es so kommen würde«, fuhr Mark gedankenvoll fort, »aber sein könnt’s doch immerhin. Sie wissen, ich bin ein unsteter Mensch und hab gern Abwechslung. Ich glaub immer, daß ein Mensch von meiner Gesundheit und meiner guten Laune eigentlich nur dann Ehre einlegen kann, wenn er dort fidel ist, wo andere sich unglücklich fühlen. Vielleicht hab ich unrecht, aber sehen Sie, wenn’s auch so wär, was könnt’s da Besseres geben als Ausprobieren? Es ist also wohl das beste, wenn ich geh. Besonders, wo Sie mir erlaubt haben, alles das rund herauszusagen. So können wir wenigstens als gute Freunde scheiden, wie wir’s immer gewesen sind, seitdem ich zum erstenmal hier unter dem Dach dieses edlen Drachen eingezogen bin, an den ich«, setzte Mr. Tapley zum Schlüsse hinzu, »bis zum letzten Atemzug mit Hochachtung denken werde.«

Eine kleine Weile blieb die Wirtin ganz stumm sitzen, dann legte sie ihre beiden Hände in die Mr. Tapleys und drückte sie herzlich. »Sie sind halt ein guter Mensch«, sagte sie und sah ihm mit einem Lächeln, das sich an ihr ein wenig ernst ausnahm, ins Gesicht. »Ich glaube, Sie sind mir heute abend ein besserer Freund gewesen, als ich je einen in meinem ganzen Leben gehabt hab.«

»Ach, was das betrifft, wissen Sie«, entgegnete Mark, »das sind Possen. Aber, so wahr ich lebe!« rief er und sah sie mit einer Art Begeisterung an. »Wenn es Ihnen wirklich darum zu tun wäre – wieviel annehmbaren Freiern könnten Sie nicht den Kopf verdrehen!«

Mrs. Lupin lachte herzlich über dieses Kompliment, schüttelte ihm wieder die Hände und bat ihn, wenn er je einen Freund in der Not brauche, ihrer nicht zu vergessen. Dann verließ sie fröhlich das kleine Schenkzimmer und begab sich die Drachentreppe hinauf.

»Sie singt ein Liedchen im Gehen«, murmelte Mark lauschend, »damit ich nicht glauben soll, sie sei traurig. Na, da ist’s doch wenigstens ein bißchen Ehre, wenn man dabei fidel ist!«

Mit diesem Trosteswort, das recht kläglich klang, ging er nichts weniger als fidel zu Bett.

Am nächsten Morgen stand er noch früher auf als gewöhnlich und war schon bald nach Sonnenaufgang auf den Beinen. Doch das half alles nichts; der ganze Ort war gleichfalls schon wach, um Mark Tapley scheiden zu sehen: – die Buben, die Hunde, die Kinder, die alten Männer, die Fleißigen und die Müßiggänger, alle waren sie da und riefen jeder sein: »Leb wohl, Mark!« und jedem tat es leid, daß er ging. Tapley hatte auch so eine Art Ahnung, daß seine gewesene Gebieterin aus ihrem Kammerfenster heraussähe, aber er konnte es nicht übers Herz bringen, hinaufzuschauen.

»Lebt wohl – alle miteinander!« rief er, schwenkte seinen Hut auf seinem Wanderstab und marschierte mit raschen Schritten die schmale Gasse hinauf. »Brave Kerle, die Wagenmacher – hurra! Da kommt der Fleischerhund aus dem Garten nach Haus, alter Kerl! – Und Mr. Pinch geht zu seiner Orgel – leben Sie wohl, Sir! Und der kleine Dachshund vom Nachbar! Obs d‘ schaust, daß d‘ heimkommst! Und Kinder, genug, um das Menschengeschlecht bis zum jüngsten Tag fortzupflanzen – lebt wohl, ihr Buben und Mädels! – Na, da kann man wirklich mal Ehre einlegen – da braucht’s die ganze Manneskraft, um fidel zu bleiben. – Aber ich bin ungeheuer fidel! Nicht ganz so zwar, wie ich möchte – aber doch beinah. – Adjö, adjö!«

8. Kapitel


8. Kapitel

Was alles Mr. Pecksniff und seinen beiden lieblichen Töchtern auf der Reise nach London passierte

Als Mr. Pecksniff und die beiden jungen Damen am Ende der Gasse in die schwerfällige Postkutsche stiegen, fanden sie zu ihrer großen Freude die Innenplätze unbesetzt, was ihnen um so angenehmer schien, als die Außensitze überfüllt waren und die Reisenden sehr erfroren aussahen. Denn, wie Mr. Pecksniff sehr richtig bemerkte – nachdem er und seine Töchter ihre Füße tief im Stroh eingegraben, sich selbst bis ans Kinn eingemummt und beide Fenster geschlossen hatten –, fühlt sich der Mensch bei rauhem Wetter um so behaglicher, je deutlicher ihm zum Bewußtsein kommt, daß andere frieren. Und das, sagte er, sei ganz natürlich und eine sehr schöne Einrichtung, die sich nicht bloß auf Kutschen beschränke, sondern auf viele Gebiete geselligen Lebens erstrecke. »Denn«, meinte er, »wenn jedermann im Warmen säße und Speise und Trank die Hülle und Fülle hätte, müßte man des Genusses entbehren, den Heldenmut zu bewundern, mit dem eine gewisse Menschenklasse Kälte und Hunger erträgt. Und wenn wir nicht besser daran wären als andere, wie wäre es mit unserer Dankbarkeit bestellt, die« – sprach Mr. Pecksniff mit Tränen in den Augen und drohte einem Bettler, der gerade hinten aufsitzen wollte, mit der Faust – »bekanntlich eines unserer edelsten Gefühle ist.«

Mit gebührender Ehrfurcht lauschten die beiden Schwestern diesen moralischen Belehrungen von den Lippen ihres Vaters und gaben durch ein Lächeln ihre Zustimmung zu erkennen. Um die heilige Flamme der Dankbarkeit desto besser in seiner Brust nähren zu können, bemerkte Pecksniff zu seiner ältesten Tochter, er müsse sie leider schon in der ersten Stunde ihrer Reise um die Rumflasche bemühen. Sodann sog er aus dem engen Halse dieses steinernen Gefäßes eine reichliche Erfrischung.

»Was sind wir?« fragte er schmatzend und stöpselte sie wieder zu. »Sind wir etwas anderes als Kutschen? Einige von uns gehören zu den langsamen –«

»O Gott, Pa!« rief Charitas.

»Einige von uns, sage ich«, wiederholte der Treffliche mit Nachdruck, »gehören zu den langsamen Kutschen, einige von uns sind Eilwagen. – Unsere Leidenschaften sind die Pferde – jedenfalls sich bäumende Tiere.«

»Wahrhaftig, Pa!« riefen die beiden Schwestern einstimmig. »Wie peinlich!«

»Jedenfalls sich bäumende Tiere!« beharrte Mr. Pecksniff so entschlossen auf seiner Ansicht, daß man hätte sagen können, er habe sich in diesem Augenblick selbst gewissermaßen moralisch gebäumt – »und die Tugend ist der Hemmschuh. Auf der Mutter Armen treten wir in die Welt und eilen der Grabschaufel zu.« Begreiflicherweise von dieser Kraftanstrengung sehr erschöpft, nahm Mr. Pecksniff eine weitere Erquickung und legte sich zurück, um drei Stationen weit zu schlafen.

Es gehört zu den Eigenheiten der Menschen, wenn sie in Kutschen schlafen, daß sie verdrießlich aufwachen und einander mit den Beinen inkommodieren, was um so peinlicher wirkt, je mehr Hühneraugen die Zehen zieren. Mr. Pecksniff, der von diesem gemeinsamen Lose der Menschheit keine Ausnahme machte, war, als er von seinem Schläfchen erwachte, so ausgesprochen das Opfer dieser Gebresten, daß er eine unwiderstehliche Neigung empfand, seine üble Laune an seinen beiden Töchtern auszulassen. Auch hatte er bereits begonnen, sie in Form aufs Geratewohl geführter Fußtritte und anderer schwer zu parierender pedestrischer Attacken an den Tag zu legen, als die Kutsche plötzlich anhielt und nach einer kurzen erwartungsvollen Pause der Schlag aufgerissen wurde.

»Aber wohlgemerkt«, rief eine dünne scharfe Stimme aus der Dunkelheit, »ich und mein Sohn nehmen Innenplätze nur, weil das Dach voll ist, bezahlen aber bloß für Außenplätze. Abgemacht, was?«

»Sehr wohl, Sir«, erwiderte der Schaffner.

»Ist schon jemand drin?« forschte die Stimme.

»Drei Passagiere.«

»Dann bitte ich die drei Passagiere, mir diese Abmachung zu bezeugen, wenn sie so gut sein wollen«, sagte die Stimme. »Mein Junge, ich glaube, wir können jetzt unbesorgt einsteigen.«

Gleich darauf nahmen zwei Personen in dem Fuhrwerke Platz, das laut feierlichem Parlamentsakt autorisiert war, sechs Personen – vorausgesetzt, daß ihr Leibesumfang es zuließ, den Wagenschlag zu passieren – von Station zu Station zu befördern.

»Das war ein Glück« flüsterte der alte Mann, als die Kutsche wieder weiterfuhr. »Sehr politisch von dir, mein Junge, daß du es gleich bemerktest. – Hi, hi, hi! Wir hätten doch gar keinen Außensitz nehmen können. Ich wäre an Rheumatismus gestorben.«

Ob es dem pflichtgetreuen Sohn vielleicht einfiel, er habe durch unbeabsichtigte Verlängerung der Lebenstage seines Vaters gewissermaßen übers Ziel hinausgeschossen, oder ob dies so verstimmend auf ihn wirkte, ließ sich schwer feststellen. – Jedenfalls gab er seinem Vater einen derartigen Rippenstoß als Antwort, daß dieser einen Hustenanfall erlitt, der volle fünf Minuten ohne Unterlaß währte und schließlich Mr. Pecksniff zu der heftigen Äußerung reizte:

»Da hört sich denn doch alles auf! Leute, die sich den Kopf erkältet haben, gehören hier nicht herein!«

»Bei mir«, entgegnete der alte Mann nach einer kurzen Pause, »sitzt die Erkältung nicht im Kopf, sondern auf der Brust, – Pecksniff.«

Die Stimme, der Tonfall, die Anwesenheit des halbwüchsigen schweigsamen Burschen und die Nennung seines Namens – alles verriet Mr. Pecksniff sofort, wer da eingestiegen war.

»Hm! Ich meinte, es sei ein Fremder«, brummte er und kehrte sofort zu seiner gewohnten Milde zurück, »und jetzt sehe ich einen Verwandten vor mir. – Mr. Anthony Chuzzlewit und sein Sohn, Master Jonas«, erklärte er seinen Töchtern. »Sie werden mir eine scheinbar rauhe Bemerkung verzeihen. Ich wünsche nicht, die Gefühle wessen immer, zumal, wenn ich mit dem Betreffenden durch Familienbande verkettet bin, zu verletzen. – Ich mag zwar ein Heuchler sein«, sagte er spitzig, »bin aber kein Unmensch.«

»Puh, puh!« krächzte der alte Mann. »Was besagt denn das Wort, Pecksniff? Heuchler! Wir sind doch alle Heuchler. Unlängst waren wir alle Heuchler. Ich dachte, wir wüßten das alle ganz genau, sonst hätte ich Sie nicht so tituliert. Wir würden doch gar nicht zusammengekommen sein, wenn wir nicht Heuchler gewesen wären. Der einzige Unterschied zwischen Ihnen und den übrigen war – soll ich Ihnen den Unterschied sagen, Pecksniff?«

»Wenn Sie so gut sein wollen, mein guter, werter Herr, bitte, sagen Sie es nur.«

»Also, die widerwärtigste Eigenschaft an Ihnen ist, daß Sie bei Ihren Tiraden sozusagen nie einen Partner haben. Sie möchten am liebsten alle täuschen, sogar diejenigen, die selbst die Kunst praktizieren. Und dann haben Sie so eine Art, als ob Sie – hi, hi, hi – als ob Sie womöglich selbst glaubten, was Sie sagen. Wenn das Wetten meine Sache wäre, was jedoch nicht der Fall ist und nie der Fall war«, versicherte der Alte, »so möchte ich eine schöne Summe einsetzen, daß Sie, so gewissermaßen in stillem Einverständnis, sogar vor Ihren Töchtern hier den Schein wahren. Sehen Sie, wenn ich dagegen ein derartiges Geschäftchen vorhabe, so sage ich Jonas ruhig, was es ist, und wir sprechen ganz offen darüber. – Sie sind doch nicht am Ende beleidigt?«

»Beleidigt, mein werter Herr!« rief Mr. Pecksniff strahlend, als ob man ihm das größte Kompliment gemacht hätte.

»Reisen Sie nach London, Mr. Pecksniff?« mischte sich Master Jonas ein.

»Ja, so ist es, wir reisen nach London. Hoffentlich werden wir doch den ganzen Weg über das Vergnügen Ihrer Gesellschaft haben?«

»Na, ich dächte, Sie sollten da lieber meinen Vater fragen«, erwiderte Jonas. »Wissen Sie, ich möchte mich nicht gern verschnappen.« Begreiflicherweise fand Mr. Pecksniff diese Antwort äußerst humoristisch. Nachdem sich seine Heiterkeit ein wenig gelegt hatte, gab ihm Jonas zu verstehen, daß er und sein Vater allerdings nach Hause in die Hauptstadt reisten und daß sie seit jenem denkwürdigen Familientag sich in der Umgebung aufgehalten hätten, um einige Geldgeschäfte abzumachen, die sie gleich bei ihrem Herwege im Auge gehabt. Denn, sagte Mr. Jonas, es sei ihre Gewohnheit, womöglich immer zwei Fliegen mit einem Klapps zu erschlagen und nie einen Kreßling wegzuwerfen, außer um einen Walfisch zu ködern. Nachdem er Mr. Pecksniff so gründlich belehrt, schlug er ihm vor, mit ihm den Platz zu wechseln, wenn er nichts dagegen habe, um mit den »Mädeln« ein bißchen plaudern zu können. Da Mr. Pecksniff bereitwillig darauf einging, kam Jonas gleich darauf in der anderen Ecke neben der schönen Miss Gratia zu sitzen.

Die Erziehung des Mr. Jonas war von seiner Wiege an äußerst zielbewußt gewesen. Das erste Wort, das er buchstabieren lernte, war »Geld«, und das zweite (beim Übergang zu den zweisilbigen) »Gewinn«. Dieses Erziehungssystem hätte vollendet genannt werden können, wenn es nicht zu zwei Nebenprodukten geführt hätte, die sein wachsamer Vater wahrscheinlich nicht ganz klar vorausgesehen hatte. Diese unheilvollen Resultate waren erstens, daß Jonas, so lange von seinem Erzeuger darauf dressiert, jedermann zu übervorteilen, unmerklich den Hang angenommen hatte, auch seinen ehrwürdigen Lehrer zu begaunern, und zweitens, daß er – gemäß früh erworbener Gewohnheit, alles als Eigentumsfrage anzusehen – zuletzt auch seinen Vater als ein gewisses Kapital betrachtete, das kein Recht hatte, zu zirkulieren, und unbedingt so bald wie möglich festzulegen sei – in diesem Falle in der Kassa, die man gemeinhin »Sarg« zu nennen pflegt.

»Nun, Cousine«, sagte Mr. Jonas, »Sie wissen doch, daß wir entfernt miteinander verwandt sind – Sie gehen also nach London, so so?«

Miss Gratia bejahte und zwickte dabei, ausgelassen kichernd, ihre Schwester in den Arm.

»Massenhaft junge schöne Herren in London, Cousine!« fuhr Mr. Jonas fort und rückte ein wenig mit dem Ellenbogen näher. »Wirklich, Sir?« rief die junge Dame. »Nun, hoffentlich werden sie uns nicht inkommodieren.«

Und nachdem sie mit großer Sittsamkeit diese Antwort gegeben, wurde sie so sehr von ihrer Heiterkeit überwältigt, daß sie das Lachen im Schal ihrer Schwester verbeißen mußte.

»Aber Grazy«, rief die verständigere junge Dame. »Wirklich, ich muß mich deiner schämen! Wie kannst du dich nur so aufführen, du wildes Ding!«

Miss Gratia lachte daraufhin natürlich nur noch um so mehr.

»Ich habe schon neulich eine gewisse Ausgelassenheit in ihrem Blick bemerkt«, wendete sich Mr. Jonas zu Charitas. »Ja, Sie haben es hinter den Ohren. Wahrhaftig ja – Cousine.«

»Ach, die altmodische Vogelscheuche!« murmelte Gratia. – – »Liebste Cherry, auf mein Wort, du mußt dich neben ihn setzen. Ich sterbe, wenn er so weiterspricht – ja, wahrhaftig!«

Und um dieses schreckliche Ereignis von sich abzulenken, sprang die quecksilberne junge Dame von ihrem Sitze auf und drückte ihre Schwester auf den eben verlassenen Platz.

»Brauchen sich nichts daraus zu machen, wenn Sie mich auch ein bißchen drücken«, rief Mr. Jonas. »Ich hab das bei Mädeln ganz gern. Kommen Sie nur noch näher, Cousine!«

»Nein, nein, ich danke, Sir«, versetzte Charitas.

»Da lacht die natürlich schon wieder«, sagte Mr. Jonas, »und mir scheint gar, über meinen Vater. Na, wie wird das erst werden, wenn er seine alte Flanellnachtmütze aufsetzt! – – Sagen Sie, ist’s mein Vater, der da drüben so schnarcht, Pecksniff?«

»Ja, Mr. Jonas.«

»Möchten Sie nicht so gut sein und ihm auf den Fuß treten?« fragte der junge Gentleman. »Grad in dem Haxen neben dem Ihrigen hat er die Gicht.«

Da Mr. Pecksniff zögerte, dieser menschenfreundlichen Aufforderung nachzukommen, tat es Mr. Jonas selbst und schrie dabei:

»Heda, Vater, wach auf, sonst kriegst du wieder das Alpdrücken und schreist los. – Haben Sie je schon mal Alpdrücken gehabt, Cousine?« fragte er seine Nachbarin mit der ihm charakteristischen Galanterie und dämpfte seine Stimme wieder. »Bisweilen«, antwortete Charitas, »nicht oft.«

»Und die drüben? Was? Hat sie schon mal Alpdrücken gehabt?«

»Ich weiß es nicht«, versetzte Charitas. »Fragen Sie sie doch selbst.«

»Man kann doch mit ihr nicht reden«, knurrte Jonas. »Sie lacht doch in einem fort. Hören Sie nur, da bricht sie schon wieder los! Was denn, Sie! Sie sind halt die verständigere Cousine!«

»Ach, gehen Sie, Sie Schlimmer«, rief Charitas.

»Ja, ja, was wahr ist, ist wahr! Sie wissen’s doch selber auch.«

»Gratia ist ein bißchen lebhaft«, gab Miss Charitas zu. »Aber sie wird mit der Zeit schon gesetzter werden.«

»Na, das wird wohl hübsch lang brauchen, wenn’s überhaupt glückt«, meinte Jonas. »Machen Sie sich doch ein bißchen breiter.«

»Ich fürchte nur, ich drücke Sie«, zierte sich Charitas, kam aber trotzdem seiner Aufforderung nach.

Nach ein paar Bemerkungen über den »entsetzlichen Rumpelkasten« mit seinem ewigen Haltmachen trat ein Stillschweigen ein, das bis zur Abendessenszeit von niemandem in der Gesellschaft unterbrochen wurde.

Obgleich Mr. Jonas seine Cousine Charitas in der Station zu Tisch führte und sich neben sie setzte, so schielte er doch ziemlich deutlich auch auf »die andere«. Er blickte recht oft nach Gratia hinüber und schien Vergleiche zwischen den beiden Schwestern anzustellen, die – wahrscheinlich infolge der üppigeren Körperformen – zugunsten der jüngeren ausfielen. Besonders viel Zeit nahm er sich indes nicht zu diesen Betrachtungen, da ihn das Souper zu sehr interessierte, das, wie er seiner schönen Gefährtin ins Ohr flüsterte, á la table d’hôte berechnet werde; – je mehr man daher esse, desto besser käme man dabei auf die Spesen. Sein Vater und Mr. Pecksniff gingen vermutlich nach demselben Prinzip vor – wenigstens richteten sie unter allen Speisen, die in ihren Bereich kamen, so gewaltige Verheerungen an, daß ihre Gesichter bald in Fettglanz erstrahlten.

Als sie auch mit dem besten Willen keinen Bissen mehr essen konnten, bestellten sowohl Mr. Pecksniff als Mr. Jonas zweimal für je sechs Pence Grog, da der umsichtige junge Gentleman erklärte, sie kämen dabei wegen des Eichmaßes besser weg, als wenn sie zusammen für zwölf Pence Brandy in einer Flasche kommen ließen. Nachdem sich Mr. Pecksniff seinen Anteil an der belebenden Flüssigkeit einverleibt hatte, begab er sich unter dem Vorwande, nach der Kutsche sehen zu wollen, heimlich zum Ausschank und ließ sich seine kleine Flasche füllen, um sich auf der Weiterfahrt in der Finsternis unbemerkt nach Muße erquicken zu können.

Als die Kutsche wieder reisefertig war, nahmen alle ihre alten Plätze wieder ein und rumpelten weiter. Ehe sich jedoch Mr. Pecksniff zu einem Schläfchen anschickte, hielt er es noch für angezeigt, sich einer Art Dankgebet mit folgenden Worten zu entledigen:

»Der Verdauungsprozeß ist, wie ich mir von anatomischen Freunden sagen ließ, eine der wundervollsten Einrichtungen der Natur. Ich weiß nicht, wie es bei anderen sein mag – aber ich empfinde es stets als eine große Genugtuung, zu wissen, daß ich durch einfaches Zumirnehmen eines frugalen Mahles die schönste Maschinerie in Gang setze, von der wir Kunde haben. Es ist mir zu solchen Zeiten in der Tat, als ob ich einen allgemeinen öffentlichen Dienst verrichte. Wenn ich – gestatten Sie diesen Ausdruck – mich selber aufgezogen habe«, sagte Mr. Pecksniff voll Innigkeit, »und weiß, daß ich gehe: so fühle ich gleichsam an der Lehre, die das Uhrwerk mir gibt, wie sehr ich mich als Wohltäter meiner Gattung betätige.«

Dagegen ließ sich nichts einwenden, und da auch niemand einen Versuch dazu machte, schickte sich Mr. Pecksniff, erfüllt von dem Bewußtsein seines moralischen Nutzens, wieder zum Schlaf an.

Der Rest der Nacht wurde wie bisher verbracht; Mr. Pecksniff und der alte Anthony stießen fleißig mit den Köpfen zusammen und wachten dann jedesmal erschreckt auf, oder sie drückten ihre Gesichter in die Wagenecken und tätowierten sie sich im Schlaf mit dem Muster der Polsterung. Passagiere stiegen ein und aus, frische Pferde wurden vorgespannt, ausgespannt und abermals vorgespannt, kurz, die Reise schien kein Ende nehmen zu wollen. Endlich fing die Kutsche an, über ein gräßlich unebenes Pflaster zu holpern und zu poltern. – Mr. Pecksniff erwachte, sah aus dem Fenster und stellte fest, daß es Morgen sei und sie sich an Ort und Stelle befänden.

Sehr bald darauf hielt die Diligence vor dem Postbureau in der City, und die Straße war bereits so belebt, daß Mr. Pecksniffs Worte hinsichtlich des »Morgens« reichlich bestätigt schienen, trotzdem es, nach dem Aussehen des Himmels zu schließen, ebensogut noch Mitternacht hätte sein können. So dichter Nebel lag, daß es ihnen schien, als befänden sie sich in einer Wolkenstadt, zu der sie die lange Nacht hindurch an einer traumhaften magischen Bohnenstange emporgeklettert seien; – und auf dem Pflaster lag eine dicke Paste, die wie Ölschmiere aussah und von einem der Außenpassagiere – fraglos einem Wahnsinnigen – für – – Schnee erklärt wurde.

Mr. Pecksniff verabschiedete sich hastig von Anthony und seinem Sohn und ließ sein und seiner Töchter Gepäck in dem Postbureau, von wo es später abgeholt werden sollte. Dann rannte er wie besessen, eine Tochter an jedem Arm, über alle möglichen Straßen hinüber, die sonderbarsten Sackgassen und Höfe hinauf und hinunter, unter den finstersten Bogengängen weg – bald hüpfte er über eine Gosse, dann riß er wieder aus, um nicht überfahren zu werden, – bald war er der Meinung, den Weg verloren zu haben, dann wieder richtig zu gehen, das eine Mal voll hoher Zuversicht, das andere Mal aufs äußerste verzagt. Aber stets schwitzte er wie ein Braten und lief wie ein Windhund, bis sie endlich in einer Art gepflastertem Hof in der Nähe des Monumentes haltmachten. Das heißt, Mr. Pecksniff behauptete es, denn von dem Monument selbst konnten sie so wenig sehen, als hätten sie in Salisbury mit verbundenen Augen Blindekuh gespielt.

Mr. Pecksniff spähte einen Augenblick umher, dann klopfte er an die Tür eines Hauses, das sogar unter den auserlesen schmutzigen Gebäuden in der Nähe sich dieses Prädikats in superlativo erfreute. Davor hing eine kleine ovale Tafel, wie ein Teebrett, mit der Aufschrift »Logier- und Speisehaus für Handelsbeflissene von M. Todgers«.

M. Todgers schien noch nicht auf zu sein, wenigstens klopfte Pecksniff zweimal und klingelte dreimal, ohne daß dies auf irgendein lebendes Wesen, einen Hund über der Straße drüben ausgenommen, den geringsten Eindruck gemacht hätte. Endlich wurden eine Kette und etliche Riegel mit rostigem Kreischen zurückgeschoben – als ob das Wetter sogar das Metall heiser gemacht hätte –, es erschien ein kleiner Junge mit einem großen roten Kopf, einer Nase, die nicht der Rede wert war, und einem sehr kotigen Krempstiefel über dem linken Arm und rieb sich in seiner Überraschung die erwähnte Nase mit dem Rücken einer Schuhbürste.

»Noch im Bett, mein Junge?« fragte Mr. Pecksniff.

»Noch im Bett!« antwortete der Kleine. »I wollt, sie wären noch alle im Bett. – Alles schreit auf amal nach die Stiefeln. I hab gemoant, Sie san dö Zeidung und hab mi gwundert, warum Sös net wie sunst durchs Gitter schieben. Was wollen S‘ denn?«

In Anbetracht seines noch sehr zarten Alters hätte man die Art, wie der Knabe diese Frage vorbrachte, finster, ja fast trotzig nennen können, aber Mr. Pecksniff nahm keinen Anstoß daran und steckte ihm eine Karte in die Hand mit der Weisung, sie hinaufzutragen und ihm und seinen Töchtern ein geheiztes Zimmer anzuweisen. »Oder wenn das Speisezimmer geheizt ist«, setzte Mr. Pecksniff hinzu, »tut’s das inzwischen auch.«

Sodann führte er – da letzteres der Fall war – seine Töchter ohne weitere Umstände in ein Parterrezimmer, wo bereits der Tisch mit einem etwas knapp bemessenen Tuch darüber für das Frühstück gedeckt, das heißt mit einem großen Teller voll gesottenen, nelkenroten Ochsenfleisches, einem jener Brote von ausgezeichneter Beschaffenheit, die im Volksmunde sich des Namens »Pfennigmuggel« erfreuen, sowie einem reichlichen Vorrat von Unter- und Obertassen geschmückt war.

In dem Kamingitter staken ein halbes Dutzend Paar Schuhe und Stiefel von verschiedener Größe, soeben gereinigt – und mit den Sohlen nach oben gekehrt, um den Trockenprozeß zu beschleunigen; – desgleichen ein Paar kurze schwarze Gamaschen, auf deren einer mit Kreide die Worte »Eigentum Mr. Jinkins’« standen, während die andere eine Profilskizze – wahrscheinlich ein Porträt Mr. Jinkins‘ – aufwies – beides vermutlich ein Scherz eines Gentlemans, der zu diesem Zweck seine Toilette unterbrochen haben, heruntergeschlichen und nach vollbrachter Tat wieder auf sein Zimmer zurückgeeilt sein mochte.

M. Todgers‘ Logier- und Speisehaus für Handelsbeflissene war ohne allen Zweifel zu jeder Tagesstunde ein dunkles Quartier, an diesem Morgen aber ganz besonders finster. In der Flur herrschte ein sonderbarer Geruch vor, als ob die konzentrierte Essenz aller Mittagsmahle, die seit Erbauung des Hauses hier gekocht worden, oben auf der Küchentreppe spuke und sich, wie der schwarze Mönch im Don Juan, nicht wolle vertreiben lassen. Besonders stach ein gewisser Kohlduft hervor, wie wenn sämtliche Gemüse, die je hier bereitet worden, gewissermaßen als Immergrün unausrottbar weiterblühten. Das Speisezimmer war getäfelt und erfüllte den Fremdling mit der instinktiven Ahnung einer zahlreichen Anwesenheit von Ratten und Mäusen. Die außerordentlich finstere und breite Stiege hatte so dicke und schwere Geländer, daß man sie ruhig als Brücke hätte verwenden können. In einer dunkeln Ecke auf dem ersten Treppenabsatz stand eine riesige mürrische alte blinde Wanduhr mit einem widersinnigen Ornament von drei Messingkugeln auf dem Kopf, die nur zu dem Zweck laut zu ticken schien, um unvorsichtige Leute zu warnen, sich an ihr nicht den Kopf anzurennen. Seit Menschengedenken war kein Tüncher oder Tapezierer zu Todgers gekommen, was deutlich aus dem schwarzen, staubigen Aussehen der Wände hervorging. Oben im Treppenhause schielte ein altes und auf jede mögliche Art verklebtes und geflicktes Deckenfenster auf alles, was unten vorging, mißtrauisch herunter und verlieh Todgers‘ Etablissement das Aussehen eines zur Zucht menschlicher Mißgeburten bestimmten Gurkenmistbeetes.

Mr. Pecksniff und seine lieblichen Töchter hatten noch keine zehn Minuten an dem wärmenden Kamin gestanden, als sich Fußtritte auf der Treppe vernehmen ließen und gleich darauf die präsidierende Gottheit der Anstalt ins Zimmer geeilt kam. Mrs. Todgers war eine Dame von etwas knöchernem und hartzügigem Äußern, mit einer Reihe von Locken an der Vorderfassade ihres Kopfes, die wie kleine Bierfäßchen aussahen, und darüber – als Abschluß – eine schwarze Spinnenwebe als Kopfputz. Sie trug ein Körbchen am Arm, nach dem Klirren zu schließen, mit Schlüsseln gefüllt. In der anderen Hand hielt sie eine brennende Talgkerze, die sie, nachdem sie Mr. Pecksniff einen Augenblick bei Licht gemustert, auf den Tisch niedersetzte, um ihre Gäste mit desto größerer Herzlichkeit willkommen heißen zu können.

»Oh, Mr. Pecksniff!« rief Mrs. Todgers. »Willkommen in London! Wer hätte an einen solchen Besuch gedacht nach so – o Gott! – nach so vielen Jahren! Wie geht es Ihnen, Mr. Pecksniff?«

»So gut wie immer; und stets freue ich mich von neuem, wenn ich Sie sehe«, antwortete Mr. Pecksniff. »Wahrhaftig, Sie sind in der Zwischenzeit noch jünger geworden!«

»Das könnte man von Ihnen behaupten!« entgegnete Mrs. Todgers. »Sie haben sich wirklich nicht im mindesten verändert.«

»Nun, und was sagen Sie dazu?« rief Mr. Pecksniff und wies auf die beiden jungen Damen. »Macht mich das nicht älter?«

»Doch nicht Ihre Töchter?« rief Mrs. Todgers und erhob staunend die Hände. »Nein, nein, Mr. Pecksniff! Ihre zweite Frau und deren Brautjungfer!«

Mr. Pecksniff lächelte geschmeichelt, schüttelte den Kopf und erwiderte: »Meine Töchter, Mrs. Todgers, tatsächlich meine Töchter.«

»Ach!« seufzte die gute Dame. »Ich muß es Ihnen wohl glauben. Und jetzt, wo ich sie genauer betrachte, wundere ich mich, daß ich sie nicht gleich erkannt habe. – – Wirklich, meine lieben Misses Pecksniff, Sie glauben gar nicht, wie glücklich mich Ihr Papa gemacht hat, daß er Sie mitbrachte.«

Und überwältigt von ihren Gefühlen – oder von der rauhen Morgenluft – zog sie ein kleines Taschentuch aus dem Körbchen und führte es an die Augen.

»Meine gute Madame«, nahm Mr. Pecksniff das Wort, »ich kenne Ihre Hausregeln und weiß, daß Sie nur Herren in Pension nehmen. Aber, als ich meine Reise antrat, überlegte ich, ob Sie nicht doch vielleicht mit meinen Töchtern eine Ausnahme machen würden.«

»Vielleicht?!« rief Mrs. Todgers in Ekstase. »Vielleicht?!«

»So will ich denn sagen, ich sei überzeugt davon gewesen«, verbesserte Mr. Pecksniff. »Ich weiß, daß Sie ein kleines Privatzimmer haben, und da könnten meine Töchter vielleicht Unterkunft finden, ohne an der allgemeinen Tafel erscheinen zu müssen.«

»Ihr lieben Mädchen!« rief Mrs. Todgers. »Ich muß mir noch einmal die Freiheit nehmen.«

Darunter verstand sie, sie müsse die beiden jungen Damen noch einmal umarmen; – was sie denn auch mit großer Wärme tat. – Eigentlich nur, um Zeit zu gewinnen, denn augenblicklich war das ganze Haus bis auf ein einziges Bett besetzt, das jetzt überdies für Mr. Pecksniff hergerichtet werden mußte. – Das Problem, wo die beiden Mädchen untergebracht werden sollten, war so schwierig zu lösen, daß Mrs. Todgers noch eine ganze Weile nach dieser zweiten Umarmung gedankenverloren – halb Zärtlichkeit, halb Berechnung im Auge – dastehen mußte.

»Ich denke, es wird sich machen lassen«, sagte sie endlich. »Ein Schlafdiwan in dem dritten kleinen Zimmer rechts – ach, ihr lieben, lieben Mädchen!«

Und abermals umarmte sie die beiden Misses Pecksniff und bemerkte sodann, sie könne wahrhaftig nicht angeben, welche von ihnen der seligen Frau Mama – sie hatte diese nie gesehen – ähnlicher sei. Sie glaube, die jüngere. – Schließlich fragte sie, da die Herren gleich herunterkommen würden, ob es den Damen, die gewiß von der Reise sehr müde sein müßten, nicht beliebe, sich inzwischen in ihr eigenes Privatzimmer zu begeben. Es läge im gleichen Stockwerk, ginge hinten hinaus und habe, wie besonders hervorzuheben, den in London nicht zu unterschätzenden Vorteil, daß es kein Visavis besäße, wie die Damen bemerken würden, wenn sich der Nebel verziehe. Das war auch durchaus nicht aufgeschnitten; denn die Aussicht von dort betrug höchstens zwei Fuß und erstreckte sich auf eine braune Mauer mit einem schwarzen Wasserreservoir darauf. In das anstoßende Schlafzimmer der jungen Damen gelangte man durch eine äußerst bequeme kleine Türe – sie ging nur auf, wenn sich eine kräftige Person mit voller Wucht dagegen warf – und konnte von dort den Ausblick auf eine andere Ecke der Mauer und eine andere Seite des Wasserreservoirs genießen. »Nicht die feuchte Seite«, erklärte Mrs. Todgers, »die hat Mr. Jinkins.« In dem ersten dieser Sanktuarien wurde unverzüglich Feuer gemacht, und zwar von dem jugendlichen Portier, der inzwischen beim Stiefelputzen laut gepfiffen, sich abwechslungsweise mit Kohle Ornamente auf die Hosen gezeichnet und sich infolgedessen – dabei von Mrs. Todgers unglücklich-unseligerweise ertappt – eine kräftige Ohrfeige zugezogen hatte. Nachdem sodann die Gnädige den jungen Damen eigenhändig das Frühstück bereitet hatte, entfernte sie sich, um im Speisezimmer den Vorsitz zu übernehmen, wo der bereits erwähnte auf Mr. Jinkins‘ Kosten ausgeführte Spaß einen etwas geräuschvollen Auftritt herbeigeführt zu haben schien. »Ich darf euch wohl nicht fragen, meine Lieben«, sagte Mr. Pecksniff zur Türe hereinsehend, »wie euch London gefällt? Oder?«

»Wir haben noch recht wenig davon gesehen, Pa«, klagte Grazy. – »Eigentlich gar nichts!« schmollte Cherry.

»Das ist freilich wahr«, gab Mr. Pecksniff zu. »Aber wir haben ja auch unser Vergnügen und nicht nur unser Geschäft noch vor uns; alles zu seiner Zeit. Alles zu seiner Zeit.«

Ob Mr. Pecksniffs Geschäfte in London wirklich so eng mit seinem Berufe zusammenhingen wie er seinem neuen Schüler zu verstehen gegeben, auch das wird sich »zu seiner Zeit« zeigen.

9. Kapitel


9. Kapitel

London und Todgers‘ Logier- und Kosthaus

Wohl noch nie mag es in einer Stadt, einem Marktflecken oder einem Dorf auf der Welt eine so eigentümliche Anstalt als die von Mrs. Todgers gegeben haben. Und doch war Todgers‘ Etablissement ganz der Hauptstadt würdig und nicht viel anders als Hunderte und Tausende ähnlicher Häuser, die London in diesem Stadtteil einengt, drängt, quetscht, mit ziegelsteinernen Ellenbogen knufft und des Lichtes und der frischen Luft beraubt.

In der Umgebung von Todgers‘ Anstalt konnte man nicht herumschlendern wie vielleicht anderswo; da hieß es, seinen Weg wohl eine Stunde weit durch Gassen und Gäßchen, Durchlässe und Höfe zu tappen, bis man endlich auf etwas stieß, was man füglich eine Straße nennen konnte. Den Fremden wandelt eine Art verzweifelte Ergebung an, wenn er in diese unwegsamen Irrgänge gerät, in denen er sich unbedingt für verloren geben muß. Da hinein, dort heraus und im Kreis herum, bis ihn schließlich eine Mauer oder ein eisernes Geländer aufhält und er sich – ergeben in Gottes Willen – zur Umkehr genötigt sieht – überzeugt, daß sich schließlich alles zum Guten wenden müsse. Es sind Beispiele bekannt, daß Leute – zu Todgers zum Mittagessen eingeladen – eine halbe Ewigkeit im Kreise herumgingen, ohne die Schornsteine des Etablissements aus den Augen zu verlieren, und es doch nicht finden konnten und schließlich – zwar schweren Herzens, aber doch – wieder nach Hause gingen. Niemals hat wohl jemand Todgers‘ Etablissement auf bloße mündliche Weisung hin, und wäre sie kaum fünfzig Schritt davon entfernt erteilt worden, aufzufinden vermocht. Bedächtige Fremde aus Schottland oder dem Norden von England sollen sich zwar – angeseilt an einen Gassenjungen als Führer oder in die Fußstapfen von Briefträgern tretend – glücklich zurechtgefunden haben. Aber das waren eben seltene Ausnahmen, die nur die Regel bestätigen. Der Ariadnefaden zu Todgers‘ Etablissement ist nur wenigen Auserwählten anvertraut!

In der Nähe von Todgers‘ Logierhaus haben verschiedene Obsthändler ihre Stände, und das ist der Grund, weshalb sich den Sinnen des Wanderers zuerst der Geruch von Orangen aufdrängt – nämlich von schadhaften mit blauen und grünen Beulen versehenen –, die in Kisten oder dumpfen Kellern dahinsiechen. Den ganzen Tag hindurch wogt ein Strom von Lastträgern von den Löschplätzen der Themse her, die, mit zum Bersten überfüllten Orangenkisten auf dem Rücken, langsam durch die Gassen ziehen, während sich unter dem Torweg des Wirtshauses vom Morgen bis in die Nacht hinein ganze Haufen von Leuten zusammendrängen, um auszuruhen oder eine Erfrischung zu sich zu nehmen. Seltsame einsiedlerhafte Pumpbrunnen stehen in der Nachbarschaft von Todgers‘ Logierhaus herum, verstecken sich in Sackgäßchen und leisten den Feuerleitern Gesellschaft. Auch Kirchlein gibt es die Menge, mit so manchem gespenstischen kleinen Friedhof dahinter, überwuchert von der gewissen kümmerlichen Vegetation, die freiwillig aus Grüften und Ruinen, aus Schutt und dumpfigem Grasboden aufzusprießen pflegt. Auf einigen dieser schmutzigen Ruheplätze, die mit einem gewöhnlichen Friedhofsrasen ebenso viel Ähnlichkeit haben wie in den benachbarten Fenstern die irdenen Töpfe für Bartnelken und Goldlack mit ländlichen Gärten, stehen Bäume – hohe Bäume, die Jahr für Jahr ihre Blätter treiben, aber, wie man aus den kränklichen Zweigen entnehmen kann, mit der träumerischen Sehnsucht nach Licht, wie Vögel in Käfigen. Lahme alte Wächter hüten zur Nachtzeit hier die Toten, bis sie sich endlich selbst der schweigsamen Brüderschaft anschließen; nur, daß sie dann gesunder schlafen – von einer andern Art »Schilderhäuschen« umschlossen – als früher jemals über der Erde und sich dann selber bewachen lassen, anstatt noch länger Wächter zu sein.

In den engen Durchfahrten in der Nähe taucht hin und wieder ein altes, mit Schnitzwerk versehenes Eichenportal auf, dahinter vor alters gar oft der Lärm nächtlicher Schwelgerei und üppiger Gelage erscholl. Jetzt sind diese ehemaligen Paläste nichts weiter als dunkle, öde Warenmagazine, deren Echo mit schweren Wollen- und Baumwollballen die Kehle gestopft worden ist – Gebäude, die in ihrem Schweigen, ihrer Einsamkeit und Abgestorbenheit etwas Finsteres, Geisterhaftes haben. Dann liegen düstere Höfe ringsum verstreut, in die sich höchstens einmal ein verspäteter Wanderer verirrt und wo ungeheure Güterballen, für stromauf- oder stromabwärts bestimmt, unablässig an hohen Kränen zwischen Himmel und Erde schweben.

In der Nähe von Todgers‘ Logierhaus gibt es mehr Schubkarren, als man wohl für die Bedürfnisse einer ganzen Stadt für nötig halten sollte – keine aktiven Schubkarren, sondern eine Vagabundenrasse, die beständig in den engen Gassen vor den Türen ihrer Herren herumfaulenzt, den Durchgang versperrt, und wenn einmal eine verirrte Mietkutsche oder ein rumpelnder Frachtwagen des Weges kommt, Anlaß zu einem Lärm gibt, daß die ganze Umgegend lebendig wird und sogar die Glocken des nächsten Kirchturms vibrieren. In den Schlünden und Rachen der Torwege und Sackgassen halten Weingroßhändler und Spezerei-Engrossisten vollkommene, kleine Städte, und tief unter den Fundamenten der Gebäude ist der Grund unterwühlt von Stallungen, aus denen an stillen Sonntagen das Halftergerassel der von Ratten geplagten Karrengäule spukhaft empordringt wie das Kettenklirren ruheloser Gespenster aus Spinnstubenmärchen.

Bände und aber Bände würde die Schilderung der wunderlichen alten Tavernen füllen, die in der Nähe von Todgers‘ Logierhaus ein schläfriges, geheimnisvolles Dasein fristen, mit ihren kuriosen alten Stammgästen, die mit rasselndem Husten, asthmatisch und kurzatmig, nur noch inbetreff Geschichtenerzählens wunderbar gute Blasbälge besitzen und gewaltige Gegner der Dampfkraft und all des neumodischen Zeugs sind, die die Aeronautik für sündhaft halten, die Entartung des Zeitalters beklagen und zu der Ansicht hinneigen, die Sittlichkeit gehe zu Ende mit dem Perückenpuder und Englands alte Größe werde mit der Frisierkunst zu Grabe getragen.

Was Todgers‘ Logierhaus selbst betrifft – um von ihm bloß als Gebäude und nicht von seiner Eigenschaft und seinem Verdienst als Beherbergungs- und Speiseanstalt für Handelsbeflissene zu sprechen –, so war es seiner Umgebung vollkommen würdig. Für das Stiegenhaus hatte es ein einziges Fenster seitwärts im Erdgeschoß, das der Sage nach seit hundert Jahren nicht geöffnet worden und von dem Schmutz des Nebengäßchens dahinter derart mit einer zähen Schlammkruste überzogen war, daß keine Scheibe hätte herausfallen können, und wenn jede in zwanzig Stücke zersprungen gewesen wäre. Aber das große Geheimnis von Todgers‘ Logierhaus war der Keller, zu dem man nur durch ein kleines Hinterpförtchen und ein rostiges Gitter gelangen konnte. Seit Menschengedenken hatte er in keiner Verbindung mit dem Haus gestanden, sondern war stets das zinsfreie Eigentum irgendeines Unbekannten gewesen. Es ging die Sage, er stäke voller Schätze, wenngleich deren Art – ob nun Silber, Erz, Gold, Weinfässer oder Pulvertonnen – sowohl für Todgers‘ Etablissement wie für dessen sämtliche Insassen ein Gegenstand tiefer Ungewißheit und vollkommenster Wurstigkeit war.

Der Giebel des Hauses war besonders der Beachtung wert. Über das Dach hin erstreckte sich eine Art Terrasse, geschmückt mit Stangen und den verwitterten Überresten pensionierter Wäschestricke und ein paar mit Erde gefüllter Teekisten, in denen einige vergessene verdorrte Pflanzen wie alte Spazierstöcke staken. Wer immer zu diesem Observatorium emporklomm, wurde zuvörderst durch einen Schlag auf den Kopf von einer kleinen Falltür betäubt und sodann beinahe erstickt von der Rauchsäule aus dem Küchenschornstein, über den jeder Eindringling beim Aufwärtsklimmen seinen Kopf einen Augenblick zu halten gezwungen war. Hatte man aber einmal diese Fährnisse hinter sich, so konnte man von Todgers‘ Giebel aus Dinge schauen, die allerdings sehenswert waren. Erstlich und zuvörderst erblickte man, wenn der Tag hell war, über die Dächer sich weithin erstreckend einen langen, dunklen Pfad: – den Schatten des Monuments; und wenn man sich umwandte, stand das hohe Original selbst dicht vor einem, jedes Haar gesträubt auf dem goldenen Kopf, als sei es entsetzt über das Treiben der Stadt. – Dann sah man alte Stadttürme, Kirchtürme, Glockentürme, blinkende Wetterfahnen und einen ganzen Wald von Schiffsmasten – Giebel, Dächer, Dachfenster ohne Zahl und Ende – Rauch und Lärm genug für eine ganze Welt.

Allmählich tauchten dann aus dem Gewirr unwesentlichere Gegenstände auf und zogen ohne ersichtlichen Grund aus dem Getümmel hervorspringend die Aufmerksamkeit des Beschauers auf sich, mochte er nun wollen oder nicht. So schienen zum Beispiel die beweglichen Kappen eines Schornsteinungetüms sich hin und wieder gravitätisch miteinander zu besprechen und sich ihre Beobachtungen über das, was unten vorging, zuzuflüstern. Andere von buckliger Gestalt stellten sich hartnäckig und boshafterweise quer, um die Aussicht zu versperren. Der Mann, der über der Straße drüben im Mansardenfenster seine Feder schnitt, wurde plötzlich von unendlicher Wichtigkeit in der Szene und ließ eine lächerliche, ganz unverhältnismäßige Lücke im Bilde zurück, als er sich entfernte. Die Kapriolen eines Stückes Tuch auf einer Färberstange boten mit einem Male weit mehr Interesse als all die wechselnden Bewegungen der Volksmassen. Und noch während der Beschauer sich ärgerlich darüber wunderte, wie dies nur möglich sei, schwoll der Tumult zu einem Gebrüll an; die Masse von Gegenständen schien sich zu verdichten und hundertfältig auszudehnen. Verschüchtert sah sich dann der Fremdling um, kehrte schneller, als er gekommen, in Todgers‘ inneres Heim wieder zurück und erzählte Mrs. Todgers in neun unter zehn Fällen, er würde zuverlässig auf dem kürzesten Weg – nämlich kopfüber – auf die Straße hinabgelangt sein, wenn er noch länger geblieben wäre.

Und so sagten auch die beiden Misses Pecksniff, als sie mit Mrs. Todgers von diesem Beobachtungsposten zurückkehrten, es dem jungen Portier überlassend, die Türe zu schließen und ihnen nachzukommen, oder, wie es in diesem Falle zutraf, sich mit der seinem Geschlechte und Lebensalter eigentümlichen Freude an der Möglichkeit, herunterzustürzen und zu zerschellen, auf der Brustwehr noch ein wenig zu ergehen.

Am zweiten Tage ihres Aufenthaltes in London standen die Misses Pecksniff und Mrs. Todgers bereits auf sehr vertrautem Fuß miteinander; wenigstens hatte Mrs. Todgers ihre jungen Freundinnen schon zum zweitenmal in alle Einzelheiten der drei unglücklichen Liebschaften ihrer frühern Jahre und in das Leben, die Aufführung und den Charakter Mr. Todgers‘ eingeweiht, der seine eheliche Laufbahn etwas unversehens abgebrochen zu haben schien, um auf völlig ungesetzliche Weise sich dem häuslichen Glück zu entziehen und sich im Ausland als Junggeselle von neuem zu etablieren.

»Auch Ihr Papa erwies mir seinerzeit manche Aufmerksamkeit, meine lieben Kinder«, fuhr Mrs. Todgers in ihren vertraulichen Eröffnungen fort, »doch das große Glück, Ihre Mama zu werden, war mir versagt. – – – Sie erraten wohl kaum, wen dies darstellen soll?«

Sie lenkte damit die Aufmerksamkeit ihrer jungen Freundinnen auf ein ovales Miniaturbild, das, von einem kleinen Blasenpflaster kaum zu unterscheiden, eine nebelhafte Skizzierung ihres eigenen Antlitzes darstellte.

»Wirklich, zum Sprechen ähnlich!« riefen die beiden Misses Pecksniff wie aus einem Munde.

»So behauptete man wenigstens früher,« gab Mrs. Todgers zu und wärmte sich nach Herrenart den Rücken am Kamin; »ich hätte nicht gedacht, meine Lieben, daß Sie es so schnell erkennen würden.« Sie würden es an allen Orten und unter allen Umständen erkannt haben, versicherten die jungen Damen. »Hätten wir es auf der Straße oder in einem Ladenfenster gesehen, so würden wir ohne weiteres gerufen haben: ›Sieh doch nur, das ist ja Mrs. Todgers!‹«

»Wenn man einem Hauswesen wie dem meinigen vorzustehen hat, erleiden die Züge traurige Verheerungen, meine lieben Misses Pecksniff«, erklärte Mrs. Todgers. »Ich kann Ihnen versichern, die Fleischbrühe allein macht einen schon um zwanzig Jahre älter.«

»O Gott!« riefen die beiden Misses Pecksniff.

»Die Angst, die man dabei aussteht, ob man’s auch allen recht macht, meine lieben Kinder, erhält den Geist in unablässiger Spannung. In der ganzen menschlichen Natur ist keine Leidenschaft so ausgeprägt wie die für Fleischbrühe unter den Herren Handlungsbeflissenen. Eine Ochsenkeule – was sage ich? – ein ganzer Ochse reicht nicht aus, um die Fleischbrühe, die sie jeden Mittag haben wollen, zu bestreiten. Ach, was ich deshalb schon ausgestanden habe!« rief Mrs. Todgers und blickte kopfschüttelnd zur Decke auf. »Nein, es übersteigt alle Grenzen.«

»Gerade wie Mr. Pinch, Grazy!« sagte Charitas. »Erinnerst du dich, daß wir stets einen gleichen Hang an ihm bemerkt haben?«

»Ja, liebe Cherry«, kicherte Grazy; »aber du weißt, er hat doch keine gekriegt.«

»Was denn, Sie, meine Lieben, Sie können sich’s einrichten, wie Sie wollen. Sie haben es nur mit den Schülern Ihres Vaters zu tun, und die müssen sich alles gefallen lassen«, lamentierte Mrs. Todgers; »aber in einem Etablissement für Handlungsbeflissene, wo jeder am Samstagabend sagen kann: ›Mrs. Todgers, heut über acht Tag sind wir von wegen diesem Käse geschiedene Leute‹, ist es nicht so leicht, in gutem Einvernehmen miteinander zu bleiben. Ihr Papa« – setzte die gute Dame hinzu – »war so freundlich, mich heute zu einer Ausfahrt mit Ihnen einzuladen; und wenn ich nicht irre, so gedenkt er bei Miss Pinch einen Besuch zu machen. Vermutlich eine Verwandte des Gentlemans, von dem Sie eben gesprochen haben, Miss Pecksniff?« »Um Himmels willen, Mrs. Todgers«, fiel ihr die lebhafte Grazy ins Wort, »nennen Sie ihn doch nicht einen Gentleman. Liebe Cherry, denk nur: Pinch ein Gentleman! Schon der Gedanke!«

»Was Sie für ein gottloses Mädchen sind!« rief Mrs. Todgers und umarmte Miss Gratia mit großer Zärtlichkeit. »Wahrhaftig, der reinste Spottvogel! Meine liebe, liebe Miss Pecksniff, wie glücklich muß nicht die Lebhaftigkeit Ihrer Schwester Ihren Papa und Sie machen!«

»Er ist die häßlichste, glotzäugigste Kreatur von der Welt, Mrs. Todgers«, erklärte Gratia. »Ein leibhaftiger Menschenfresser. Der garstigste, linkischste und abschreckendste Kerl, den Sie sich nur vorstellen können. – Man kann sich da ungefähr ausmalen, wie seine Schwester ausschauen muß. Ich werde laut herauslachen müssen, wenn ich sie sehe; – das weiß ich jetzt schon!« rief das charmante Mädchen. »Der bloße Gedanke, daß es überhaupt eine Miss Pinch geben kann, wirft einen schon um. – Oh, du allbarmherziger Himmel!«

Mrs. Todgers konnte sich gar nicht fassen vor Heiterkeit über den Humor der holden Jungfrau und erklärte, sie kriege wahrhaftig Angst vor ihr; sie sei gar zu streng.

»Wer ist streng?« rief eine Stimme an der Türe. »Ich hoffe, es gibt nichts dergleichen in unserer Familie!« Und dann guckte Mr. Pecksniff lächelnd ins Zimmer und fragte: »Darf ich eintreten, Mrs. Todgers?«

Mrs. Todgers schrie fast laut auf, denn die kleine Verbindungstüre zwischen den beiden Zimmern stand weit offen und ließ den Schlafdiwan in seiner ganzen monströsen Anstößigkeit erblicken. – Aber geistesgegenwärtig schloß sie sie rasch und rief, wenn auch nicht ohne Verwirrung:

»O ja, Mr. Pecksniff, bitte, treten Sie nur ein.«

»Wie befinden wir uns heute?« fragte Mr. Pecksniff aufgeräumt. »Und was haben wir vor? Sind wir bereit, aufzubrechen und Tom Pinchs Schwester zu besuchen? – – Ha, ha, ha! der arme Thomas Pinch.«

»Nun, sind wir bereit«, nahm Mrs. Todgers verständnisvoll nickend die Frage auf, »sind wir bereit, auf Mr. Jinkins‘ und der übrigen Herren Bitte eine geneigte Antwort zu geben? Das ist die erste Frage, Mr. Pecksniff.«

»Mr. Jinkins‘ Bitte, meine liebe Madame?« fragte Mr. Pecksniff, legte den einen Arm um Gratia und den andern um Mrs. Todgers, sie in der Zerstreuung vermutlich für Charitas haltend. »Wie kommen Sie auf Mr. Jinkins?«

»Weil er das Zirkular entworfen hat und überhaupt bei allem, was im Hause geschieht, den Ton angibt«, erklärte Mrs. Todgers aufgeräumt. »Nur deshalb.«

»Mr. Jinkins ist ein Mann von ausgezeichneten Talenten«, bemerkte Mr. Pecksniff. »Alle Achtung vor Mr. Jinkins. Ich ersehe aus seinem Wunsch, meinen Töchtern eine Aufmerksamkeit zu erweisen, einen weitern Beleg für seine freundschaftlichen Gesinnungen, Madame.«

»Nun gut«, meinte Mrs. Todgers, »wenn Sie sich so weit ausgesprochen haben, müssen Sie auch mit dem übrigen herausrücken, Mr. Pecksniff, und den lieben jungen Damen alles mitteilen.«

Dabei machte sie sich sanft von Mr. Pecksniff los und umarmte Miss Charitas, möglicherweise aus heißer, mütterlicher Liebe, vielleicht aber auch, weil die vernachlässigte junge Dame sie lauernd und gehässig, sogar entschieden verächtlich von der Seite angesehen hatte. Sei dem übrigens, wie es wolle, Mr. Pecksniff zögerte nicht länger, seine Töchter hinsichtlich Entstehung und Inhalt erwähnter, mit Unterschriften versehener Bitte zu belehren, die kurz dahin lautete, daß die Herren Handelsbeflissenen, die die Summe und das Um und Auf des eine große Gesamtheit umfassenden Namens »Todgers« bilden halfen, solange die Misses Pecksniff im Hause weilten, um die Ehre ihrer Anwesenheit bei der Table d’hôte bäten. – Es war ausdrücklich betont, die Damen möchten damit schon am morgigen Sonntag den Anfang machen. Mr. Pecksniff erklärte, daß er für seinen Teil gegen die Einladung nichts einzuwenden habe, da Mrs. Todgers damit einverstanden sei. Dann verließ er die Damen, um sein gnädiges Antwortschreiben zu verfassen, während diese sich mit ihren besten Hüten bewaffneten, um Miss Pinch eine gründliche Niederlage zu bereiten. Tom Pinchs Schwester war Gouvernante in einer ungemein stolzen Familie – vielleicht der reichsten Rot- und Gelbgießerfamilie, von der die Menschheit weiß. Sie wohnten in Camberwell in einem so großen und protzigen Hause, daß schon die Fassade wie die eines von Riesen bewohnten Schlosses gemeine Seelen mit Schrecken erfüllte und auch den Kühnsten erzittern machte. Vorne befand sich ein großes Tor mit einer großen Glocke, deren Handgriff an sich schon ein Ausrufungszeichen bedeutete, und eine große Portierloge, die so dicht ans Haus gebaut war, daß sie jede Aussicht zwar verbarrikadierte, aber den Pomp ungemein erhöhte. An diesem Eingang hielt ein großer Portier beständig Wacht, und wenn er einem Besuch gnädig Erlaubnis erteilte, einzutreten, erscholl eine zweite große Glocke, auf deren Klang nach einer geziemenden Weile an dem großen Hallentore ein großer Lakai erschien, mit so großen Achselfangschnüren auf der Livree, daß er sich alle Augenblicke an den Stuhllehnen festhakte und sozusagen das qualvolle Leben einer Schmeißfliege in einer Welt von Spinnweben führte.

Höchst prunkvoll fuhr nun Mr. Pecksniff in Begleitung Mrs. Todgers‘ und seiner Töchter in einem Einspänner vor diesem Prachtgebäude vor. Nach glücklicher Erledigung der geschilderten Einleitungszeremonien wurden die Herrschaften in das Haus geführt und gelangten nach längerer Irrfahrt endlich in ein kleines Zimmer mit Büchern, wo Mr. Pinchs Schwester eben ihre älteste Schutzbefohlene unterrichtete, ein kleines frühreifes Dämchen von dreizehn Jahren, das es bereits zu einer solchen Höhe von Schnürleibchenanstand und Erziehung gebracht hatte, daß es zur großen Freude aller ihrer Familienangehörigen und Verwandten nicht die geringste Spur von Mädchenhaftigkeit mehr durchblicken ließ.

»Besuch für Miss Pinch!« meldete der Lakai.

Er war offenkundig ein sehr talentvoller junger Mann, denn er entledigte sich der Botschaft ungemein taktvoll, das heißt, er traf vorzüglich den richtigen Ton zwischen dem kalten Respekt, womit er Gäste der Familie, und der warmen, persönlichen Anteilnahme, mit der er einen Besuch bei der Köchin angekündigt haben würde. »Besuch für Miss Pinch!«

Miss Pinch erhob sich hastig und mit solcher Aufregung, daß man leicht erriet, wie gering die Liste derer, die sie erwarten konnte, sein mochte. Gleichzeitig nahm die kleine Schülerin auf ihrem Stuhle eine beunruhigend steife Haltung an, sichtlich entschlossen, sich jedes Wort genau im Geiste zu notieren. Die Frau vom Hause war nämlich ungemein wißbegierig hinsichtlich der Naturgeschichte und der Gewohnheiten des Tieres, das man »Gouvernante« nennt, und munterte ihre Tochter stets auf, alles zu melden, was sie im Interesse der guten Sache erlauern könnte.

Höchst bedauerlich zwar, aber nichtsdestoweniger Tatsache war, daß Mr. Pinchs Schwester durchaus nicht häßlich genannt werden durfte, sogar im Gegenteil ein sehr sanftes, einnehmendes Gesichtchen und eine wenn auch kleine und zarte, so doch äußerst reizvolle Figur hatte. Sie sah in gewissem Sinne ihrem Bruder ähnlich, das heißt, sie hatte dieselbe Sanftmut im Benehmen und den gleichen schüchternen und doch vertrauensvollen Blick, aber es fehlte ihr doch soviel zu der Vogelscheuche, der Schlumpe, dem Scheusal oder dergleichen, wofür sie von den Misses Pecksniff zum voraus erklärt worden war, daß die beiden jungen Damen sie natürlich mit großem Unwillen betrachteten, deutlich fühlend, daß Miss Pinch nicht im entferntesten die Person war, um derentwillen sie sich herbemüht hatten.

Miss Gratia, die lustigere von beiden, schickte sich noch am besten in die Enttäuschung und setzte sich wenigstens äußerlich durch ein Gekicher über ihren Ärger hinweg, ihre Schwester hingegen gab sich überhaupt keine Mühe, sich zu verstellen, und drückte ihren Unmut ziemlich offen in einer geringschätzigen Miene aus. Mrs. Todgers stützte sich auf Mr. Pecksniffs Arm und legte eine gewisse vornehme Grämlichkeit an den Tag, die zu jeder Gemütsstimmung passen und alle Meinungsschattierungen in sich schließen konnte.

»Erschrecken Sie nicht, Miss!« begann Mr. Pecksniff, nahm Miss Pinchs Hand herablassend in seine linke und tätschelte sie mit der rechten. »Ich besuche Sie zufolge eines Versprechens, das ich Ihrem Bruder, Thomas Pinch, gegeben habe. Mein Name – fassen Sie sich, Miss – ist Pecksniff.« Der Treffliche betonte diese Worte mit besonderem Nachdruck, und es klang so etwas durch wie: »Junge Person, du siehst in mir den Wohltäter deines Stammes, den Gönner deines Hauses und den Brotherrn deines Bruders, der tagtäglich an meinem Tische mit Manna gespeist wird und in den Büchern des Himmels als ›Haben‹-Posten für mich eingetragen steht. Ich bin trotzdem keineswegs stolz; es bedarf dessen nicht.«

Die arme Miss Pinch fühlte dies alles wie ein Evangelium. Ihr Bruder hatte ihr in der Fülle seines schlichten Herzens oft dasselbe geschrieben und noch viel mehr. Als Mr. Pecksniff schwieg, senkte sie daher ihr Köpfchen und ließ eine Träne auf seine Hand fallen.

»Ah, Miss Pinch«, dachte die kleine scharfsinnige Schülerin, »Sie weinen vor Freuden. Das soll wohl heißen, Sie fühlen sich unglücklich auf Ihrem Posten!?«

»Thomas ist wohlauf«, berichtete Mr. Pecksniff, »läßt Sie grüßen und schickt Ihnen diesen Brief. Ich kann zwar gerade nicht behaupten, daß der arme Mensch sich je in unserer Kunst auszeichnen wird, aber er hat doch den besten Willen, was gleich nach wirklichem Können kommt, und daher müssen wir eben ein Auge zudrücken. – Was?«

»Ich weiß, daß es ihm an gutem Willen nicht fehlt«, rief Miss Pinch; »auch weiß ich genau, wie gütig und rücksichtsvoll Sie ihn behandeln. – Ach, wir schreiben einander oft, daß wir Ihnen nie dankbar genug sein können. Auch den jungen Damen« – setzte sie mit einem strahlenden Blick auf die Misses Pecksniff hinzu –, »ich weiß, wie sehr wir Ihnen allen verpflichtet sind.«

»Meine Lieben«, wendete sich Mr. Pecksniff an seine Töchter, »Toms Schwester sagt etwas, was ihr mit Vergnügen hören werdet.«

»Wir können durchaus kein Verdienst für uns in Anspruch nehmen, Papa!« lehnte Cherry schroff ab und gab, wie auch Gratia, Miss Pinch mit einem steifen Knicks zu verstehen, sie wünsche die gehörige Distanz gewahrt zu sehen. »Daß Mr. Pinch so gut versorgt ist, verdankt er dir allein, und wir können uns nur freuen, zu hören, daß er das, was du für ihn tust, gebührendermaßen anerkennt.« »Vortrefflich, Miss Pinch!« dachte die scharfblickende kleine Schülerin abermals. »Sie haben also einen dankbaren Bruder, der von anderer Leute Wohltaten lebt. So, so!«

»Es war sehr freundlich von Ihnen«, sagte Miss Pinch mit der schlichten Einfachheit und dem Lächeln ihres Bruders, »wirklich außerordentlich freundlich, daß Sie sich selbst zu mir bemühten. Wo Sie so wenig Gewicht auf die Wohltaten legen, die Sie spenden, können Sie sich gar nicht denken, wie sehr ich es empfinde, daß Sie mir Gelegenheit geben, Ihnen mündlich danken zu dürfen!«

»Sehr erfreulich; sehr verbunden; sehr hübsch gesagt«, murmelte Mr. Pecksniff.

»Und ich bin so froh«;, fuhr Ruth Pinch fort, nachdem die erste Befangenheit vorüber war, in das fröhliche herzliche Wesen verfallend, das auch ihren Bruder auszeichnete, der in seiner redlichen Einfalt auch immer gleich alles von der besten Seite nahm, »so froh, denken zu dürfen, daß Sie Tom jetzt bezeugen können, wie außerordentlich glücklich ich mich hier in meiner Stellung fühle und wie unnötig es ist, daß er sich stets mit Sorgen quält, weil ich wegen meines Unterhalts auf mich selbst angewiesen bin. – Wirklich, ich bin überzeugt, wir könnten ohne Murren oder Klage weit mehr ertragen, als uns je auferlegt wurde, solange nur eins von dem andern hört, daß es glücklich ist.«

– Wenn je auf dieser dann und wann recht verlogenen Erde ein wahres Wort gesprochen wurde, so war es diesmal gewiß bei Toms Schwester der Fall gewesen. –

»Ach!« rief Mr. Pecksniff, dessen Blick inzwischen auf die kleine Schülerin gefallen war. »Und wie geht es Ihnen, mein höchst interessantes liebes Kind?«

»Ganz gut. Danke, Sir«, antwortete die frostige Unschuld.

»Welch holdes Antlitz, meine Lieben«, fuhr Mr. Pecksniff zu seinen Töchtern gewendet fort, »und das entzückende Benehmen!«

Die beiden jungen Damen waren schon von Anfang an ganz hingerissen gewesen von dem Sprößling eines reichen Hauses, durch den man mutmaßlich den Eltern am schnellsten und leichtesten beikommen konnte, und Mrs. Todgers versicherte hoch und teuer, sie habe noch nirgends ein so engelhaftes Wesen gesehen. »Sie brauchte nur«, erklärte die wackere Frau, »sie brauchte nur noch ein paar Flügelchen zu haben, um ein vollendeter junger Sirup zu sein« – womit sie vermutlich einen Seraph oder eine Sylphide meinte.

»Wenn Sie das Ihren verehrten Herren Eltern geben und ihnen zugleich sagen wollten, meine liebenswürdige kleine Freundin«, säuselte Mr. Pecksniff und zog eine seiner Geschäftskarten hervor, »daß ich und meine Töchter –«

»Und Mrs. Todgers, Papa!« ergänzte Gratia.

»– und Mrs. Todgers aus London – also, daß ich, meine Töchter und Mrs. Todgers aus London nicht lästig fallen wollen, da wir einzig und allein beabsichtigten, ein wenig nach Miss Pinch zu sehen, deren Bruder als junger Mann bei mir in Diensten steht, und daß ich übrigens dieses in den reinsten Formen gehaltene Palais nicht verlassen kann, ohne als Architekt dem korrekten und eleganten Geschmack des Eigentümers meine ergebenste Huldigung zu zollen und die gerechte Würdigung ehrend anzuerkennen, die er der herrlichen Kunst angedeihen läßt, deren Pflege ich ein ganzes Leben geweiht und deren Ruhm zu fördern ich ein – ein Vermögen geopfert habe, so würde ich Ihnen sehr zu Dank verpflichtet sein.«

»Missis läßt sich Miss Pinch empfehlen«, meldete plötzlich eintretend der Lakai ganz in demselben Stile wie früher, »und läßt fragen, was das gnädige Fräulein momentan lernt.«

»Oh!« rief Mr. Pecksniff. »Da ist der junge Mann. Vielleicht kann er die Karte abgeben. Meine Lieben, wir stören im Unterricht. Lasset uns gehen.«

Einen Augenblick richtete Mrs. Todgers eine gewisse Verwirrung an, indem sie ihr flaches Armkörbchen aufschnallte und dem »jungen Mann« eine von ihren eigenen Karten zusteckte, die, außer umständlichen Erörterungen der Statuten ihres Logierhauses, eine Anmerkung mit dem Zusatze enthielt, M. T. nähme die Gelegenheit wahr, den Herren zu danken, die sie mit ihrem geneigten Zuspruch beehrt hätten, und sie um die Gewogenheit zu bitten, falls sie mit dem Mittagstisch zufrieden gewesen sein sollten, ihr Haus gütigst weiter zu empfehlen. – Mr. Pecksniff eroberte jedoch mit bewunderungswürdiger Geistesgegenwart das Dokument wieder zurück und verwahrte es in seiner eigenen Tasche.

Dann redete er Miss Pinch an, und zwar mit noch größerer Herablassung und Güte als vorher, galt es doch, dem Lakaien begreiflich zu machen, daß sie nicht Freunde, sondern Gönner des Mädchens seien:

»Guten Morgen. Leben Sie wohl. Gott behüte Sie! Sie können sich darauf verlassen, daß ich Ihrem Bruder Thomas meinen Schutz nicht entziehen werde. Seien Sie über diesen Punkt unbesorgt, Miss!«

»Ich danke Ihnen viel – vielmals«, entgegnete Toms Schwester mit großer Herzlichkeit, »wirklich tausend –«

»Keine Ursache«, unterbrach sie Mr. Pecksniff und tätschelte ihr gütig den Arm. »Nicht der Rede wert. Sie machen mich böse, wenn Sie noch ein Wort darüber verlieren. – Und Sie, mein süßes Kind«, wendete er sich zu der kleinen Schülerin, »leben Sie wohl! Nein, dieses feenhafte liebe Geschöpfchen« – setzte er hinzu und stierte dabei zerstreut den Lakaien an, als meine er ihn – »hat ein Licht auf meinen Lebenspfad geworfen, so strahlend, daß ich es wohl so leicht nicht werde vergessen können! – Nun, meine Lieben, seid ihr bereit?«

Die Damen waren aber noch nicht ganz fertig, denn sie mußten die Kleine doch erst liebkosen! Endlich rissen sie sich los, rauschten mit einem hochmütigen Kopfnicken und einem schon in der Geburt erstickten Knicks an Miss Pinch vorbei und stolzierten hinaus.

Der »junge Mann« brauchte ziemlich lange, um die Herrschaften hinauszubegleiten, denn Mr. Pecksniffs Entzücken über die geschmackvolle Konstruktion und Einrichtung des Hauses kannte keine Grenzen, und er konnte auch nicht umhin, des öftern (namentlich als sie in die Nähe des Wohnzimmers kamen) haltzumachen und seinem Lob mit lauter Stimme und in sehr gelehrten Ausdrücken Worte zu verleihen. Er hielt geradezu einen populären Vortrag über Architektonik, soweit diese natürlich auf Wohnhäuser anwendbar sein kann, und war noch im schönsten Redefluß, als sie den Garten erreichten. »Wenn ihr«, sprach er, trat rücklings von der Treppe zurück, legte den Kopf auf die Seite und kniff ein Auge zu, um die Proportionen des Baues besser beurteilen zu können, »wenn ihr, meine Lieben, den Fries betrachtet, der das Dach trägt, und das Leichte in der Konstruktion, namentlich dort am südlichen Winkel des Gebäudes, zu erkennen vermögt, so werdet ihr mit mir fühlen. – – – Oh, wie steht das werte Befinden, Sir, ich hoffe, Sie sind wohlauf?«

Mit diesem Ausruf unterbrach er seine Rede und verbeugte sich sehr höflich vor einem Herrn in mittleren Jahren, der jetzt an einem Fenster im oberen Stock sichtbar wurde. Er redete natürlich den Herrn nicht an, zumal ihn dieser gar nicht hätte hören können, sondern akkompagnierte seinen Gruß lediglich mit geziemenden Worten.

»Ich zweifle nicht, meine Lieben«, fuhr Mr. Pecksniff, zu seinen Töchtern gewendet, fort und tat, als mache er sie auf weitere bauliche Schönheiten aufmerksam, »daß dies der Eigentümer des Hauses ist. Es würde mich freuen, mit ihm näher bekannt zu werden, da es für mich sehr ersprießlich sein könnte. – Sieht er nach uns herunter, Charitas?«

»Er öffnet das Fenster, Papa!«

»Aha!« meinte Mr. Pecksniff leise. »Sehr gut! Er hat gemerkt, daß ich ein Sachverständiger bin. Ohne Zweifel hörte er mich drinnen schon. Schauet jetzt nicht hinauf! – Was die mit Hohlkehlen verzierten Pilaster im Portikus betrifft, meine Lieben –« begann er laut –

»Heda!« rief der Herr herunter.

»Sir? Ihr Diener«, erwiderte Mr. Pecksniff und zog den Hut. »Ich bin stolz darauf, Ihre werte Bekanntschaft zu machen.«

»Ich frage Sie, ob Sie aus dem Rasen heraustreten wollen!« brüllte der Herr.

»Ich bitte um Verzeihung, Sir«, entgegnete Mr. Pecksniff, im Zweifel, ob er recht gehört habe. »Wollten Sie –?«

»Heraus aus dem Rasen!« wiederholte der Herr mit Nachdruck. »Wir möchten nicht gern lästig fallen, Sir – –« begann Mr. Pecksniff lächelnd.

»Aber Sie fallen lästig! Über die Maßen lästig. Und verderben mir meinen Grasplatz. Sehen Sie denn nicht, daß ein Kiesweg da ist?! Zu welchem Zweck, glauben Sie wohl, habe ich ihn anlegen lassen? Das Tor dort aufgemacht und die Leute hinausgewiesen!«

Damit schlug der Herr das Fenster wieder zu und verschwand.

Mr. Pecksniff setzte seinen Hut auf und verfügte sich sehr bedächtig nach seinem Einspänner, dabei stumm und angelegentlich die Wolken betrachtend. Nachdem er Mrs. Todgers und seinen Töchtern einzusteigen geholfen hatte, blieb er noch eine Weile sinnend vor dem Wagen stehen, als sei er nicht ganz mit sich im reinen, ob es ein Fuhrwerk oder ein Tempel sei; erst, als er sich diesbezüglich völlig klar war, nahm er Platz, faltete die Hände über dem Knie und lächelte seinen drei Begleiterinnen zu.

Seine Töchter jedoch, weniger seelenruhig, ließen ihrem Unwillen freien Lauf. Das habe man davon, meinten sie, wenn man Kreaturen wie die Pinchs am Busen nähre. Das sei die Folge, wenn man sich wegwerfe, und das komme dabei heraus, wenn man sich in die demütigende Lage versetze, den Anschein zu erwecken, als sei man mit solchen kecken, frechen, verschmitzten und abscheulichen Dingern wie Toms Schwester bekannt. Sie hätten das übrigens kommen sehen und Mrs. Todgers gegenüber noch diesen Morgen davon gesprochen, wie dieselbe bezeugen könne. Der Eigentümer des Hauses habe, in der Meinung, sie seien mit Miss Pinch befreundet, ihrer Ansicht nach ganz recht gehandelt und nichts getan, was sich nicht unter solchen Umständen vernünftigerweise erwarten lassen müsse. – Und er sei, setzten sie etwas inkonsequenterweise hinzu, »ein gemeines Vieh und ein Rüpel«, worauf sie in einen Strom von Tränen ausbrachen, der alle weitern Beiwörter wegschwemmte.

Nun war jedoch Miss Pinch weit weniger die Veranlassung zu einer solchen Behandlung als vielmehr der »Sirup«, der unmittelbar nach Abgang des Besuches zum Rapport mit dem ausführlichen Bericht ins Hauptquartier geeilt war, in welch vermessener Weise man ihn mit einem Auftrag belästigt hatte, der Sache des Lakaien, und zwar von Anfang an, gewesen wäre; – ein Verbrechen, das in Verbindung mit Mr. Pecksniffs durchaus nicht aufdringlich gemeinten Bemerkungen über das Gebäude offenbar die Schuld an der barschen Abfertigung trug. Die arme Miss Pinch mußte natürlich dafür büßen und wurde von der Mutter des »Sirups« wegen ihrer ordinären Bekanntschaften so heruntergekanzelt, daß sie sich in Tränen in ihr Kämmerlein zurückzog und sich lange trotz ihres natürlichen Frohsinns über die Ehre, Mr. Pecksniff kennengelernt und einen Brief von ihrem Bruder erhalten zu haben, nicht freuen konnte.

Was Mr. Pecksniff betraf, so belehrte er seine Begleiterinnen, daß eine gute Handlung ihren Lohn stets in sich selbst trage; oder er gab ihnen vielmehr zu verstehen, wenn er bei genanntem Anlaß Fußtritte erhalten hätte, es in seelischer Hinsicht sogar noch besser gewesen wäre. Das war jedoch kein besonderer Trost für die jungen Damen, wenigstens grollten sie auf dem ganzen Rückweg in einem fort und verrieten mehr als einmal den lebhaften Wunsch, auf die stillergebene Mrs. Todgers loszufahren, der sie innerlich mit die Schuld an der üblen Behandlung gaben – schon infolge ihres nichtzuverkennenden Äußern als Logierhausbesitzerin, gar nicht zu sprechen von dem Verstoß mit der Karte und dem verdächtigen Armkörbchen.

In Todgers‘ Etablissement ging es noch am selben Abend sehr geräuschvoll zu, teils wegen einiger häuslicher Extravorbereitungen für morgen, teils auch wegen des in einem solchen Hause unvermeidlichen Samstagtumultes, da gegen Wochenschluß von früh bis abends die Wäschepäckchen der »Handelsbeflissenen« mit darauf gehefteten Rechnungen einzulaufen pflegten. An diesen Tagen gab es immer bis Mitternacht auf den Treppen viel Schlurfen von Überschuhen, ein rätselhaftes Auftauchen und Wiederverschwinden geheimnisvoller Lichter im Hausflur, rastloses Gepumpe am Brunnen und dito Klirren des eisernen Wassereimerhandgriffs. Von Zeit zu Zeit erhob sich auch ein kreischender Wortwechsel zwischen Mrs. Todgers und gewissen unbekannten Weibspersonen in verborgenen Hinterküchen, und mitunter erschollen Töne, wie wenn dem jugendfrohen Portier kleines Eisengerät oder sonstige Metallwaren nachgeworfen würden. Es gehörte zu den Sonnabendsbefugnissen dieses hoffnungsvollen Jünglings, die Hemdärmel bis an die Achseln aufgestreift, alle Teile des Hauses in einer groben, grünen Wollenzeugschürze unsicher zu machen, und zu seinen Sabbatfesten (an anderen Tagen war weniger Gelegenheit dazu), sooft er in die Nähe der Türe kam, Ausflüge in die benachbarten Gäßchen zu unternehmen, um daselbst mit der Straßenjugend »Räuber und Gendarm« oder andere Spiele zu spielen, bis er verfolgt und an den Händen oder an dem Ohrläppchen seiner Pflicht wieder zugeführt wurde.

Sosehr nun aber auch seine Tätigkeit zur Belebung des letzten Wochentages beizutragen pflegte, so sehr übertraf er sich selbst durch die Rolle, die er an diesem Samstag spielte.

Vorzugsweise beehrte er die Misses Pecksniff mit seiner besondern Aufmerksamkeit, und selten kam er an Mrs. Todgers‘ Privatzimmer, wo die beiden jungen Damen allein am Kaminfeuer saßen und sich beim Lichte einer einsamen Kerze beschäftigten, vorbei, ohne den Kopf hineinzustecken und sie mit Komplimenten wie: »Ah, da sind Sie!« oder: »Fein! Was?« und ähnlichen humoristischen Einfällen zu begrüßen.

»Hamm S‘ an Idöö, Fräuln«, flüsterte er, als er in seinem Hausgalopp gelegentlich wieder einmal haltmachte, »was mir murgen für a Suppn kriagn? Grad wird’s aufgossen. Meinen S‘ leicht a Wassersuppn? A gor ka Spur!« Um sich weiter dienstfertig zu zeigen, klopfte er gleich darauf abermals, steckte den Kopf herein und sagte:

»Ja – und Hendln gibt’s a morgen. Sakra, san dö fett – hamm S’an Idöö!«

Unmittelbar darauf rief er durch das Schlüsselloch: »Fisch gibt’s a – grad sans onkemma. – Aber lassen S‘ Eahna roten: Essen S‘ nix davo!« Und mit dieser gespenstigen Warnung verschwand er wieder.

Bald nachher kehrte er jedoch abermals zurück, um den Tisch für das Nachtessen zu decken, denn es war zwischen Mrs. Todgers und den jungen Damen ausgemacht worden, daß sie in dem Stübchen ungestört und abgesondert gemeinschaftlich ein paar Kalbsrippchen verzehren sollten. Bei dieser Gelegenheit bestritt er die Unterhaltung damit, daß er den glimmenden Lichtdocht in den Mund steckte und mit seiner Hilfe seine Backen transparent machte. Nachdem er dieses Kunststück produziert, wendete er sich wieder seinen Berufspflichten zu, die zur Zeit darin bestanden, die Messer blank zu putzen, das heißt, die Klingen anzuhauchen und sie dann an der Schürze abzuwischen. Nach Beendigung dieser anstrengenden Arbeit verzog er sein Gesicht zu einem breiten Grinsen und erklärte den Schwestern, er glaube, das Abendessen werde höllisch fein ausfallen.

»Dauert´s noch lange, bis es fertig ist, Bailey?« fragte Gratia.

»Na«, entgegnete Bailey, »kocht is schon. Vor i raufkommen bin, hat die Madam grad drin umanand gstierlt.«

Kaum jedoch waren diese Worte seinen Lippen entflohen, da erhielt er von rückwärts ein Kopfstück, daß er an die Wand taumelte, und Mrs. Todgers stand, einen Teller in der Hand, wie eine Rachegöttin vor ihm.

»O du kleiner Halunke!« rief sie zürnend. »Du ganz schlechter, falscher, boshafter Bube du.«

»Net boshafter als Sie selbst«, rief Bailey und schützte seinen Kopf mit der bekannten Parade des Boxerchampions Thomas Cribb. »Probiern S‘ dös fein noch amal, wann S‘ Eahna traun.«

»Es ist der abscheulichste Junge, der mir je unter die Augen gekommen ist«, erklärte Mrs. Todgers und stellte den Teller aus der Hand. »Die Herren bei uns lehren ihn immer solche Unarten, daß ich fürchte, er wird nicht eher gut tun, als bis er am Galgen hängt.«

»So? Meinen S‘?« rief Bailey. »Drum geben S‘ mir wahrscheinlich so wenig zum Essen, damit i mir net vorher noch ’n Magen verdirb?«

»Hinaus mit dir, du gottloser Junge!« schrie Mrs. Todgers und öffnete die Türe. »Hörst du, pack dich hinunter!«

Mit zwei oder drei geschickten Wendungen gewann Master Bailey das Freie und ließ sich den ganzen Abend hindurch nur ein einziges Mal wieder blicken, um einige Krüge mit heißem Wasser heraufzubringen und zur größten Verlegenheit der beiden Misses Pecksniff hinter dem Rücken der ahnungslosen Mrs. Todgers greuliche Grimassen zu schneiden. Erst, nachdem er auf diese Art seinen verletzten Gefühlen Luft gemacht, verfügte er sich endgültig ins Souterrain, um sich dort in Gesellschaft eines Schwarmes von Küchenschaben bei einem Sparlicht bis tief in die Nacht hinein mit Stiefelputzen und Kleiderausbürsten die Zeit zu vertreiben.

Wie das Gerücht ging, war Benjamin der eigentliche Name dieses jugendlichen Hausgeistes, obgleich er deren viele hatte. So kürzte man zum Beispiel »Benjamin« in »Onkel Ben«, und daraus wurde schließlich das einfache »Onkel«. – Durch eine leichte Ideenverschiebung ergab sich hieraus »Barnwell«, zum Andenken an einen gewissen berühmten Onkel gleichen Namens, der bekanntlich in seinem Garten in Camberwell, als er gerade tief in Gedanken verloren in seinem Lehnstuhl saß, von seinem Neffen Georg erschossen wurde. Die Herren Handelsbeflissenen in Todgers‘ Logierhaus liebten es auch, ihm je nach Umständen den Namen eines berüchtigten Übeltäters oder Ministers zu geben; und wenn die Tageschronik gerade arm an großen Männern war, nahmen sie sogar die Geschichte zu Hilfe und nannten ihn Mr. Pitt, Jung-Brownrigg und dergleichen. In der Zeit, in der unser Roman spielt, erfreute er sich der Bezeichnung »Old Bailey« – als Anspielung auf das gleichnamige berüchtigte Strafgefängnis oder vielleicht als Reminiszenz an die unglückliche »Miss Bailey«, die in jugendlichem Alter Hand an sich selbst gelegt und in einer Ballade den Kranz der Unsterblichkeit gewonnen hatte.

Die gewöhnliche Essenszeit in Todgers‘ Speiseanstalt war zwei Uhr – eine für alle Teile gleich bequeme Stunde, erstens für Mrs. Todgers wegen des Bäckers, und dann für die Gentlemen in bezug auf die Nachmittagsvergnügungen. An dem Sonntag jedoch, wo die beiden Misses Pecksniff eingeführt werden sollten, wurde das Dinner des vornehmeren Stiles wegen auf fünf Uhr verlegt.

Als die Stunde herannahte, erschien »Old Bailey« sehr aufgeregt in einem vollständigen Salonanzug aus lauter abgelegten Kleidungsstücken, die ihm sämtlich viel zu weit waren. Namentlich die Halsgarnitur schien so umfangreich, daß ihm ein als witziger Kopf gefeierter Gentleman sofort den neuen Spitznamen »Vatermörder« gab. Um dreiviertel über vier Uhr klopfte eine Deputation, bestehend aus Mr. Jinkins und einem andern Herrn namens Gänserich, an die Türe von Mrs. Todgers‘ Zimmer und erbat sich, nachdem sie den beiden Misses Pecksniff von dem würdigen Herrn Papa in aller Form vorgestellt war, die Ehre, die Damen hinunterbegleiten zu dürfen.

Das Gesellschaftszimmer in Todgers‘ Etablissement war nicht im üblichen Stile gehalten, und niemand würde es wohl für ein solches angesehen haben, wenn nicht Eingeweihte es ausdrücklich dafür erklärt hätten. Der Boden war mit Läufern belegt und die Decke, mit Einschluß eines großen Querbalkens in der Mitte, tapeziert. Außer den drei kleinen Nischenfenstern mit Sitzen davor und der Aussicht auf den Torweg gegenüber befand sich noch ein viertes in der Mauer, das ganz unverfroren in Mr. Jinkins‘ Schlafzimmer hineinsah. Und hoch oben lief die ganze Wand entlang ein Streifen von Glasscheiben, je zwei übereinander, um das Stiegenhaus am Tageslicht teilnehmen zu lassen. In dem Getäfel lauerten kuriose, treppenförmige Wandschränke mit kleinen Fensterchen wie an den Achttaguhren. Sogar die schwarz angestrichene Türe hatte unter ihrer Stirne zwei große Glasaugen mit inquisitorischen grünen Pupillen in der Mitte.

Hier waren jetzt sämtliche Gentlemen versammelt. Als Mr. Jinkins mit Charitas am Arm erschien, hörte man ein allgemeines: »Ah!« und »Bravo, Jink!«, das sich zu einer wahren Verzückung steigerte, als Mr. Gänserich mit Miss Gratia folgte und Mr. Pecksniff mit Mrs. Todgers den Zug beschloß.

Dann wurden die Herren vorgestellt, und zwar: ein sportsfreudiger Gentleman, der den Herausgebern der Sonntagsblätter harte Nüsse in Form von Anfragen über Wettrennentips aufzuknacken zu geben pflegte; ein emsiger Theaterbesucher, der einst selbst ernstlich daran gedacht hatte, zu debütieren, und nur durch die Gottlosigkeit der Massen daran gehindert worden war; ein sehr debattelustiger Herr und gewaltiger Redner; ein Literaturdilettant, der auf die übrigen Epigramme dichtete und jedermanns schwache Seite kannte, nur seine eigene nicht; dann ein Freund des Gesanges, ein eingefleischter Verehrer des Rauchtabaks, ein Verfechter geselliger Gelage und einige Anhänger des Whistspiels. – Die Passion für Billard und Wetten war einem großen Teil der anwesenden Herren gemeinsam und eine gewisse Vorliebe für geschäftliche Themen wohl allen, da sie sämtlich in einer oder der anderen Weise dem Handelsstande angehörten, was sie selbstverständlich nicht hinderte, allen möglichen Arten von Vergnügungen noch besonders zugetan zu sein. So hatte zum Beispiel Mr. Jinkins einen ausgesprochenen Zug zum Fashionablen; wenigstens besuchte er jeden Sonntag regelmäßig die Parks und kannte sehr viele Equipagen – vom Ansehen. Auch sprach er sehr geheimnisvoll von »feschen Weibern« und stand im Verdacht, sich einmal mit einer Gräfin fast kompromittiert zu haben. Mr. Gänserich war ein witziger Kopf, und niemand anderem als ihm verdankte man den humoristischen Einfall mit dem »Vatermörder« – ein Bonmot, das jetzt unter dem Titel »Gänserichs Letzter« von Mund zu Mund ging und sich allgemeinen Beifalles erfreute. Mr. Jinkins, müssen wir hinzusetzen, konditionierte als Buchhalter in dem Bureau eines Fischhändlers und zählte als Ältester in der Gesellschaft ungefähr vierzig Jahre. Er war aber auch der älteste Kostgänger des Etablissements und infolge dieser doppelten Seniorschaft, wie Mrs. Todgers bereits bemerkt hatte, tonangebend im Hause.

Das Auftragen des Dinners zog sich ungemein in die Länge, und die arme Mrs. Todgers, von Mr. Jinkins deshalb im Flüsterton mit Vorwürfen überschüttet, sah sich wohl zwanzigmal genötigt, hinauszueilen und so zu tun, als ob sie in der Küche nachgesehen hätte; – trotzdem geriet die Unterhaltung durchaus nicht ins Stocken, denn ein Gentleman aus der Parfümeriebranche erklärte eine hochinteressante Erfindung aus Deutschland in Form einer merkwürdigen Rasierseifenkugel, während der Literaturdilettant »auf Verlangen« einige sarkastische Strophen deklamierte, die er vor einigen Tagen anläßlich des Gefrierens des Wasserbehälters hinter dem Hause gedichtet hatte. Unter solchen Unterhaltungen und den daraus entspringenden Gesprächen verfloß die Zeit wie ein kurzer schöner Traum, bis endlich »Old Bailey« meldete, daß das Essen »kumme«.

Auf diese frohe Botschaft hin verfügten sich die Gäste, ohne zu zögern, in die Banketthalle, wobei einige witzige Geister die glücklichen Tischherren der beiden Misses Pecksniff nachahmten, indem sie ihren männlichen Partnern ritterlich galant den Arm reichten. Mr. Pecksniff sprach das Tischgebet – ein kurzes und andächtiges Gebet, in dem er Segen auf den Appetit aller Anwesenden herabflehte und die zahlreichen Armen, die heute nichts zu essen hatten, der Fürsorge des Himmels empfahl. Sodann griffen alle mit weniger Förmlichkeit als Appetit zu. Der Tisch bog sich unter der Last – nicht nur der den Misses Pecksniff bereits gestern angekündigten Leckerbissen, sondern auch von gekochtem Rindfleisch, gebratener Kalbsbrust, Schinken, Pasteten und eines Überflusses der gewissen schwer verdaulichen Pflanzenstoffe, die bei allen Pensionsinhaberinnen wegen ihrer sättigenden Eigenschaften so hoch in Ehren stehen. Außerdem gab es noch Doppelbier in Flaschen, Wein, Ale und unterschiedliche andere fremde und einheimische starke Getränke.

Alles dies mutete die beiden Misses Pecksniff gar lieblich an, um so mehr, da sie die Löwinnen des Tages waren. Sie saßen am oberen Ende der Tafel, zu beiden Seiten Mr. Jinkins‘, und wurden jede Minute von einem neuen Bewunderer mit einem »Prosit« beehrt. Wohl nie in ihrem ganzen Leben hatten sie sich so wohl und umworben gefühlt – besonders Gratia, die so brillierte und so treffliche Antworten gab, daß sie bald für ein wahres Wunder an Schlagfertigkeit galt. Kurz, wie die jungen Damen bemerkten, jetzt empfanden sie so recht, daß sie in London waren.

Ihr junger Gönner Master Bailey legte die lebhaftesten Sympathien mit diesen Empfindungen an den Tag und ermutigte beide Damen stets in gleicher Weise. Wenn er sich weniger beobachtet glaubte, beehrte er sie mit vertraulichem Blinzeln und anderen Zeichen des Verständnisses und berührte auch gelegentlich seine Nase mit dem Korkenzieher; wahrscheinlich eine Anspielung auf den bacchantischen Charakter des Banketts. Genaugenommen war vielleicht nicht einmal der Frohsinn der Misses Pecksniff oder die hungrige Wachsamkeit Mrs. Todgers‘ so beachtenswert wie das Tun und Lassen dieses merkwürdigen Knaben, den nichts aus der Fassung bringen oder stören konnte. Wenn zum Beispiel ein Stück Geschirr, ein Teller oder was sonst zufällig seinen Händen entglitt, was ein- oder zweimal der Fall war, so benahm er sich dabei ganz wie ein Mann von feinster Bildung, der die Sache nicht weiter erwähnt oder die Störung durch Äußerungen des Bedauerns noch peinlicher gestaltet. Auch störte er nicht durch Hinundherrennen, wie es so oft gut dressierte Dienstboten zu tun pflegen, sah vielmehr die Hoffnungslosigkeit, einer so großen Gesellschaft zu servieren, vollkommen ein und überließ es daher ruhig den Herren, sich selbst zu bedienen. Nur selten verließ er seinen Platz hinter Mr. Jinkins‘ Stuhllehne, von wo aus er, die Hände in den Taschen und die Beine gespreizt, zwanglos mit an der Konversation teilnahm. Das Dessert war glänzend. – Auch hier wurde nicht umständlich serviert. Die Teller für den Pudding wurden, nachdem der Käse aufgetragen worden, inzwischen in einem Kübel vor der Türe gewaschen und kamen, noch etwas naß und warm vom Reiben zwar, aber mit um so größerer Schnelligkeit wieder auf den Tisch. Mandeln schüsselweise, Orangen zu Dutzenden, Rosinen dem Pfunde nach, Zimmetsterne in Haufen und ganze Suppenschüsseln voller Nüsse! – Oh, Mrs. Todgers konnte schon – vorausgesetzt, daß sie wollte.

Dann kam noch mehr Wein, rote und weiße Sorten, und eine große Porzellanterrine mit Punsch, von dem Verfechter geselliger Gelage gebraut, der die Misses Pecksniff bat, ja nicht wegen der geringen Menge des Getränkes kleinmütig zu sein. Es sei im Hause noch genug Material vorhanden, um ein weiteres halbes Dutzend solcher Bowlen damit zu bestreiten. – Gütiger Himmel, wie die Damen da lachen mußten! Wie sie, nachdem sie davon geschlurft, husteten, weil das Getränk gar so scharf war, und dann wieder laut auflachten, als jemand beteuerte: hätte das Getränk nicht so eine verräterische Farbe, könne man es ganz gut wegen seiner Harmlosigkeit mit lauwarmer Milch verwechseln! Welch flammender Protest von den Lippen sämtlicher Herren, als die Damen Mr. Jinkins flehentlich ersuchten, den Punsch mit heißem Wasser verdünnen zu dürfen, und wie sie dann errötend doch nach und nach mit ihren Gläsern bis auf die Nagelprobe fertig wurden!

Doch die schwere Stunde naht.

»Die Sonne«, wie sich Mr. Jinkins ausdrückt, immer Gentleman vom Scheitel bis zur Sohle, »ist im Begriff, das Firmament zu verlassen.« »Miss Pecksniff«, fragt Mrs. Todgers leise, »vielleicht–?«

»O Himmel, nein, nichts mehr, Mrs. Todgers.«

Mrs. Todgers steht auf; die Misses Pecksniff stehen auf; alles steht auf. Miss Gratia sieht nach ihrem Umschlagtuch hinunter. Wo ist es nur? O Gott, wo kann es nur sein? Bezauberndes Mädchen, sie hat es um. Nur ruht es nicht mehr an ihrem schönen Nacken! Lose umflattert es ihren schlanken Leib. Ein Dutzend Hände stehen ihr bei. Sie errötet und ist verwirrt. Den jüngsten Gentleman in der Gesellschaft dürstet nach Mr. Jinkins‘ Blut. Sie hüpft davon und holt unter der Türe ihre Schwester ein. Charitas hat ihren Arm um Mrs. Todgers‘ Leib geschlungen, und Miss Gratia schlingt den ihrigen um die schlanke Taille ihrer Schwester. O Göttin Diana, welches Bild! Das letzte, was man sieht, sind ein Stück Spitzenkragen und ein hüpfendes Füßchen. – »Meine Herren, auf das Wohl der Damen!«

Der Enthusiasmus ist grenzenlos. Der debattelustige Gentleman erhebt sich und läßt plötzlich einen Strom von Beredsamkeit los, der alles vor sich niederwirft. Es drängt ihn zu einem Toast – zu einem Toast, in den sämtliche Anwesende begeistert einstimmen werden! Es ist ein Mann zugegen, er hat ihn im Auge, ein Mann, dem sie alle tiefste Dankbarkeit schulden! Ihre rauhen Naturen sind heute veredelt worden durch die Zaubermacht lieblicher Weiblichkeit. Ein Gentleman weilt unter ihnen, zu dem zwei entzückende junge Damen mit Verehrung aufblicken, den sie als den Urheber ihres irdischen Daseins betrachten. Ja, als die beiden Misses Pecksniff noch mit kindlicher Zunge in der Wiege lallten, nannten sie diesen Gentleman bereits: »Vater!« – (Stürmischer Beifall.) – Sein Toast lautet daher: »Der Himmel segne Mr. Pecksniff!« – Alle drücken Mr. Pecksniff die Hand und trinken Bescheid. Der jüngste Gentleman wankt dabei, denn er fühlt, daß ein geheimnisvoller Einfluß dem Manne innewohnt, der das Wesen im nelkenroten Schal »Tochter« nennen darf.

Was sagt Mr. Pecksniff darauf? Oder vielmehr, was läßt er ungesagt? Nichts. – Man ruft nach mehr Punsch und trinkt. Die Wogen der Begeisterung gehen noch höher. Niemand stellt sein Licht länger unter den Scheffel. Der emsige Theaterbesucher deklamiert. Der sangesfreudige Herr beglückt die Gesellschaft mit einem Liede. Gänserich läßt den Gänserich früherer Witzworte meilenweit hinter sich. Er erhebt sich, um einen Toast auszubringen. Er gilt dem Patriarchen von Mrs. Todgers‘ Logierhaus, ihrem gemeinsamen Freund Jink, dem alten Jink, wenn dieser vertrauliche Ausdruck erlaubt ist. Der jüngste Gentleman protestiert wütend; – er kann das nicht zugeben – es darf nicht sein! Aber die Tiefe seiner Gefühle wird nicht verstanden. Man hält ihn für benebelt und achtet nicht auf ihn.

Mr. Jinkins dankt aus dem Grunde seines Herzens. Der heutige Tag ist bei weitem der stolzeste in seinem bescheidenen Erdenwallen. Wenn er umherblickt, so fühlt er, daß ihm die Worte mangeln, um seinen Dank ausdrücken zu können. Nur eines will er sagen: Man hat bewiesen, daß man bei Todgers treu zusammenhalten kann und gesellschaftlich höher steht als in den benachbarten Kosthäusern. Er erinnert seine geehrten Tischgenossen unter donnerndem Beifall an ein gewisses ähnliches Etablissement in Cannon Street, das man diesbezüglich rühmlich habe erwähnen hören. Er wünsche keine gehässigen Parallelen zu ziehen. Er wäre der letzte, dem etwas derartiges in den Sinn käme, aber wenn die Cannon-Street-Pension imstande sei, eine so hohe Vereinigung von Geist und Schönheit, wie sie heute Todgers‘ Tafel geziert, aufzuweisen und ein auch nur ähnliches Dinner zu servieren, wie sie es soeben eingenommen, so werde er sich’s zur Ehre anrechnen, besagtem Etablissement das Wort zu reden. – »Bis dahin aber, meine Herren, Todgers für immer!«

Abermals Punsch – Enthusiasmus – Reden! Jedermanns Gesundheit wird ausgebracht, nur die des jüngsten Gentlemans nicht. Grollend sitzt der Herr abgesondert von den anderen, hat die Ellenbogen auf die Lehne eines unbesetzten Stuhles gestützt und wirft verächtliche Blicke auf Jinkins. Gänserich bringt in einer zwerchfellerschütternden Rede die Gesundheit von »Old Bailey« aus. Der »Schnackler« geht um, und ein Glas wird zerbrochen. Mr. Jinkins fühlt, daß es Zeit ist, die Damen nicht länger allein zu lassen. Nur noch rasch ein Toast auf Mrs. Todgers. Sie verdient eine besondere Erwähnung. – »Hört hört!« – Sie alle finden zwar zu anderen Zeiten Fehler auf Fehler an ihr, aber in diesem Augenblick fühlt jeder, daß er sein Leben für sie lassen könnte. Man geht die Treppe hinauf, wo man so bald noch nicht erwartet wurde, wenigstens »nickt« Mrs. Todgers, Miss Charitas ordnet sich das Haar und Gratia, die sich aus einem Fenstersitz ein Sofa zurechtgemacht hat, liegt in anmutiger Stellung hingegossen. Sie erhebt sich hastig, wird aber von Mr. Jinkins inständig gebeten, sich doch ja nicht stören zu lassen; sie sehe so reizend aus in dieser Attitüde, daß es ewig schade wäre, wenn sie sie verändere. Sie lacht, gibt nach, fächelt sich und läßt ihren Fächer fallen. Alles stürzt hinzu, ihn aufzuheben. Da sie sich einstimmig als Schönheit des Tages erklärt sieht, wird sie grausam und launenhaft, läßt die Herren einander Aufträge ausrichten, die sie längst vergessen hat, wenn die Antwort zurückkommt, und erfindet tausend Qualen für die Herzen ihrer Verehrer. »Old Bailey« bringt Tee und Kaffee herauf. – Um Charitas hat sich gleichfalls eine kleine Gruppe von Bewunderern gesammelt, jedoch nur von solchen, die ihrer Schwester nicht nahekommen können. Der jüngste Gentleman in der Gesellschaft ist blaß, aber gefaßt, und sitzt abgesondert, denn sein Geist hält geheime Zwiesprache mit sich selbst, und seine Seele verabscheut das lärmende Getriebe. – Gratia entgeht seine Gegenwart und die Glut seiner Gefühle nicht, denn er sieht bisweilen in ihrem Augenwinkel einen Lichtblick der Ermutigung. – Sieh dich vor, Jinkins, daß du einen Verzweifelnden nicht bis zum Wahnsinn reizest!

Mr. Pecksniff war seinen jüngeren Freunden gefolgt und an Mrs. Todgers‘ Seite in einen Stuhl gesunken. Er hatte sich eine Tasse Kaffee über das Bein gegossen, dem Umstand aber offenbar keine Beachtung geschenkt. Auch schien er gar nicht zu wissen, daß eine Semmel auf seinem Knie lag.

»Und wie hat man sich gegen Sie benommen unten?« fragte Mrs. Todgers.

»Das Benehmen der Herren ist derart gewesen, meine teure Madame«, entgegnete Mr. Pecksniff, »daß ich nie ohne Rührung oder eine Träne werde daran zurückdenken können. – Oh, Mrs. Todgers, oh, oh!«

»Lieber Gott!« rief die wackere Frau. »Warum denn auf einmal so niedergeschlagen, Sir?« »Ich bin ein Mann, meine teure Madame«, antwortete Mr. Pecksniff mit tränenerstickter Stimme, »aber ich bin auch Vater. Und Witwer. Meine Gefühle lassen sich nicht ersticken, Mrs. Todgers, wie die kleinen Kinder im Tower. Sie sind gewachsen und gewachsen, und je mehr ich sie mit Kissen zu erdrücken suche, desto lebhafter erheben sie ihre Häupter.«

Plötzlich gewahrte er das Semmelfragment auf seinem Knie und starrte es traumverloren an. Dabei schüttelte er ratlos und geistesschwach den Kopf, schien es für einen bösen Genius zu halten und haderte leise mit ihm.

»Sie war schön, Mrs. Todgers«, murmelte er und richtete wieder seinen verglasten Blick auf die Pensionsinhaberin, »und hatte einiges Vermögen.«

»Ich habe davon gehört!« rief Mrs. Todgers mit lebhafter Teilnahme.

»Das sind ihre Töchter«, fuhr Mr. Pecksniff mit steigender Rührung fort, und deutete auf die jungen Damen.

Mrs. Todgers zweifelte keinen Augenblick daran.

»Gratia und Charitas – Charitas und Gratia. Hoffentlich keine unheiligen Namen, wie?«

»Mr. Pecksniff!« rief Mrs. Todgers. »Wie geisterhaft Sie lächeln! Sie sind doch nicht unwohl, Sir?«

Mr. Pecksniff preßte ihren Arm und antwortete mit matter, feierlicher Stimme:

»Chronisch.«

»Kolik?« schrie Mrs. Todgers entsetzt.

»Chron-isch«, wiederholte Mr. Pecksniff mit einiger Anstrengung. »Chronisch. Ein chronisches Leiden. Ich leide an ihm von meiner Kindheit an. Es wird mich begleiten bis zum Grabe.«

»Gott behüte!« rief Mrs. Todgers.

»Ja, es ist so«, sprach Mr. Pecksniff trostlos. »Und doch bin ich gewissermaßen froh darüber. – Sie haben Ähnlichkeit mit ihr, Mrs. Todgers.«

»Bitte, bitte, drücken Sie mich nicht so, Mr. Pecksniff. Was, wenn einer von den Herren uns zusähe!«

»Um ihretwillen«, lallte Mr. Pecksniff. »Erlauben Sie es mir – um ihres Andenkens willen. Um einer Stimme willen aus dem Grabe. Sie sind ihr sehr sehr ähnlich, Mrs. Todgers! Es ist eine seltsame Welt!«

»Ach ja; Sie haben recht«, seufzte Mrs. Todgers.

»Ich fürchte, es ist eine eitle, eine gedankenlose Welt«, fuhr Mr. Pecksniff niedergedrückt fort. »Diese jungen Leute rings um uns! Oh, haben sie überhaupt ein Gefühl für Verantwortlichkeit? Nein! – Geben Sie mir auch Ihre andere Hand, Mrs. Todgers.« Die Dame zögerte und erklärte, sie täte es nicht gern. »Hat eine Stimme aus dem Grabe kein Gewicht?« fragte Mr. Pecksniff mit trübseliger Zärtlichkeit. »Das ist irreligiös, mein teures Wesen!«

»Pst, wirklich«, flüsterte Mrs. Todgers, »wirklich, es geht nicht.«

»Ich bin es doch nicht, der spricht. Glauben Sie ja nicht, daß ich es bin. Es ist die Stimme – es ist ihre Stimme.«

Die selige Mrs. Pecksniff mußte eine ungewöhnlich heisere und rauhe Stimme gehabt haben, eine für eine Dame sogar seltsam schwere und lallende, wenn sie jetzt wirklich aus ihrem Gatten sprach. – Aber vielleicht war das Ganze nur ein Irrtum von seiner Seite.

»Heute ist ein Tag der Freude gewesen, Mrs. Todgers, aber auch zugleich ein Tag des Schmerzes für mich. Er hat mich an meine Verlassenheit gemahnt. – Was bin ich auf der Welt?«

»Ein vortrefflicher Gentleman, Mr. Pecksniff«, rief Mrs. Todgers.

»Darin läge wenigstens noch ein Trost«, meinte Mr. Pecksniff. »Bin ich es wirklich?«

»Zuverlässig! Es gibt keinen bessern auf dem ganzen Erdenrund«, beteuerte Mrs. Todgers.

Mr. Pecksniff lächelte unter Tränen und schüttelte mild das Haupt. »Sie sind sehr gütig; ich danke Ihnen. Ich finde mein größtes Glück darin, junge Leute emporzuheben. Das Wohl meiner Zöglinge geht mir über alles. Ich liebe sie von ganzem Herzen. Aber auch sie beten mich fast an – bisweilen wenigstens.«

»Stets! Immer!« verbesserte Mrs. Todgers. »Wenn die Welt behauptet, sie hätten sich bei mir nicht vervollkommnet, Madam«, flüsterte Mr. Pecksniff mit abgrundtiefem Blick und winkte Mrs. Todgers, sie möge ihr Ohr seinen Lippen näher bringen – »wenn die Welt sagt, sie hätten sich bei mir nicht vervollkommnet und müßten ein zu hohes Lehrhonorar bezahlen, so lügt sie! Doch genug davon! Sie verstehen mich. Ihnen, als einer alten Freundin, darf ich’s wohl sagen – sie lügt!«

»Oh, die Elenden!« rief Mrs. Todgers.

»Ja, Madame, Sie haben recht. Und ich schätze Sie hoch um dieser Bemerkung willen. – Noch ein Wort ins Ohr. Für Eltern und Vormünder – dies im Vertrauen, Mrs. Todgers –«

»Sie können sich vollständig auf mich verlassen«, versicherte die wackere Frau.

»Für Eltern und Vormünder«, wiederholte Mr. Pecksniff, »es bietet sich eine vortreffliche Gelegenheit, die Vorteile der besten praktischen Ausbildung in der Baukunst mit den Annehmlichkeiten eines häuslichen Heimes und dem beständigen Aufenthalt unter Personen zu vereinigen, die, wie unbedeutend ihr Wirkungskreis und wie beschränkt ihre moralischen Fähigkeiten auch sein mögen – wohlgemerkt!? –, doch stets ihrer moralischen Verantwortlichkeit eingedenk bleiben werden.«

Man kann sich denken, welch verblüfftes Gesicht Mrs. Todgers machte, da sie sich den Sinn dieser ziemlich unverständlichen Worte, die sie überdies schon irgendwo gelesen zu haben glaubte (nämlich auf den Reklameplakaten Mr. Pecksniffs) absolut nicht erklären konnte. Doch der Treffliche erhob den Finger zur Warnung, daß sie ihn nicht unterbrechen möge.

»Kennen Sie Eltern oder Vormünder, Mrs. Todgers«, fuhr er eindringlich fort, »die sich eine solche günstige Gelegenheit für einen jungen Gentleman zunutze zu machen wünschen? Eine Waise hätte den Vorzug. Kennen Sie irgendein Waisenkind mit drei- oder vierhundert Pfund?«

Mrs. Todgers überlegte, schüttelte aber dann den Kopf.

»Wenn Sie von einer Waise mit drei- oder vierhundert Pfund hören sollten, nicht wahr, so bedeuten Sie den Verwandten des lieben, verlassenen jungen Menschen, sie möchten sich brieflich – franko natürlich – an S. P., postamtlagernd Salisbury, wenden. – Ich weiß nicht, was das wieder ist! Erschrecken Sie nicht, Mrs. Todgers«, lallte Mr. Pecksniff und sank schwerfällig zurück, »Chronisch – chronisch! Geben Sie mir doch einen Schluck zu trinken.« »Gott im Himmel, Misses Pecksniff!« rief Mrs. Todgers laut. »Ihrem lieben Papa ist unwohl!«

Mit erstaunlicher Kraft richtete sich Mr. Pecksniff, als er plötzlich aller Augen auf sich gerichtet sah, auf, stellte sich auf die Füße und richtete einen Blick tiefgründiger Weisheit auf die Gesellschaft. Dann verzog er sein Antlitz allmählich zu einem Lächeln – zu einem matten, hilflosen, melancholischen Lächeln, mild, fast todestraurig.

»Beklaget mich nicht, meine Freunde«, sprach er wehmütig. »Weinet nicht um mich. Es ist chronisch.«

Und mit diesen Worten fiel er, nach einem vergeblichen Versuch, seine Schuhe auszuziehen, in den Kamin.

Der jüngste Gentleman in der Gesellschaft zog ihn im Nu wieder heraus. – Ja, noch ehe ein Haar seines Hauptes versengt war, hatte ihn Gratia glücklich wieder auf dem Teppich vor dem Kamine liegen – ihren Vater!

Sie war fast außer sich. Desgleichen ihre Schwester. Jinkins tröstete sie beide. Alle trösteten sie. Jeder hatte etwas zu sagen, nur der jüngste Gentleman in der Gesellschaft nicht, der mit edler Selbstaufopferung das schwere Werk vollbracht und jetzt Mr. Pecksniffs Haupt stützte, ohne von sonst jemandem die geringste Notiz zu nehmen. Endlich sammelte sich alles um den Leidenden, und man beschloß, ihn hinauf ins Bett zu schaffen. Der jüngste Gentleman bekam von Mr. Jinkins Vorwürfe, weil er Mr. Pecksniffs Rock zerrissen haben sollte! »Ha! Auch das noch! – Aber schon gut – schon gut!«

Dann schleppten sie den Patienten die Treppe hinauf und traten dem jüngsten Gentleman dabei unablässig auf die Zehen.

Mr. Pecksniffs Schlafgemach befand sich fast unter dem Giebel, und es war ein beschwerlicher Weg bis dahin; aber mit der Zeit brachten sie ihn doch glücklich an Ort und Stelle. Unterwegs forderte er die Herren zu wiederholten Malen auf, ihm doch einen Schluck zu trinken zu geben. Es schien förmlich eine Idiosynkrasie zu sein. – Der jüngste Gentleman in der Gesellschaft schlug ein Glas Wasser vor, zog sich aber dafür von Mr. Pecksniff sofort eine Flut von Schimpfwörtern zu.

Jinkins und Gänserich übernahmen den Rest der Arbeit und legten den Trefflichen so bequem wie möglich auf sein Bett. Da er geneigt schien, schlafen zu wollen, verließen sie ihn, aber noch hatten sie kaum den untersten Treppenabsatz gewonnen, da erschien oben am Geländer, spukhaft gekleidet, Mr. Pecksniff und schickte sich an, ihnen einen längeren Vortrag über das Wesen des menschlichen Lebens halten zu wollen.

»Meine Freunde«, rief er herab, »lasset uns unsern Geist erfreuen durch Fragen und Erwägungen aller Art. Fassen wir die Moral ins Auge. Lasset uns Betrachtungen über das menschliche Dasein anstellen. Wo ist Jinkins?«

»Hier, mein Herr, hier! Wollen Sie aber nicht lieber wieder zu Bett gehen?«

»Zu Bett gehen?!« rief Mr. Pecksniff. »Zu Bett gehen?! – So spricht der Tagedieb und der Träge; und ich höre ihn klagen: ›Ihr habet mich zu balde gewecket, dieweil ich noch schlummern will!‹ Wenn eine junge Waise die Strophen dieses schlichten Gedichtes aus Doktor Watts‘ Poesien deklamieren will, so bietet sich jetzt eine vortreffliche Gelegenheit.«

Niemand schien Lust dazu zu haben.

»Sehr wohltuend«, lallte Mr. Pecksniff nach einer Pause. »Außerordentlich wohltuend. Kühl und erfrischend; namentlich für die Beine. Die Beine sind eine gar herrliche Einrichtung am menschlichen Organismus, meine Freunde. Vergleichen wir ihre Konstruktion mit den hölzernen Beinen und achten wir dabei auf den Unterschied zwischen der Anatomie der Natur und der Anatomie der Kunst. – Wissen Sie«, fuhr er eindringlich fort wie in einer nebelhaften seltsamen Reminiszenz an die gewisse leutselige Art, in der er zu Hause neu angekommene Schüler vorzunehmen pflegte. »Wissen Sie, daß ich sehr gern sehen würde, wie sich Mrs. Todgers die Konstruktion eines hölzernen Beines denkt? Vorausgesetzt, daß sie sich darüber aussprechen will.«

Da nach dieser Rede zu schließen vernünftigerweise jede Hoffnung ausgeschlossen schien, er werde sich aus eigenem Antrieb zur Ruhe begeben, stiegen Mr. Jinkins und Mr. Gänserich die Treppe hinauf und schafften ihn von neuem zu Bett. Doch kaum erreichten sie auf dem Rückweg den zweiten Stock, stand er bereits wieder am Geländer. So ging das noch einige Male fort, und jedesmal erschien er mit einer neuen moralischen Phrase bewaffnet auf der Plattform, von dem lebhaften Wunsche, zur Veredelung seiner Mitmenschen beizutragen, beseelt, so daß schließlich Mr. Jinkins nichts anderes übrigblieb, als ihn im Bette festzuhalten und »Old Bailey« von Mr. Gänserich heraufholen zu lassen.

Sofort erfaßte der umsichtige Jüngling die Situation und schaffte frohgelaunt einen Schemel, ein Licht und sein Nachtessen zur Stelle, um seine Wache vor Mr. Pecksniffs Schlafstübchen erfolgreich überdauern zu können.

Sodann wurde die Türe verschlossen und der Schlüssel außen stecken gelassen. Ausdrücklich bedeutet, sofort Hilfe zu requirieren, falls apoplektische Symptome hörbar würden, die möglicherweise den Schlummer des Patienten stören könnten, erwiderte Mr. Bailey schlicht, er hoffe zu wissen, wieviel die Glocke geschlagen habe, und werde die Herren nicht unnötigerweise alarmieren.

48. Kapitel


48. Kapitel

Nachrichten von Martin, von Mark und einer dritten gewissen Person. – Die Kindesliebe zeigt sich in sehr häßlichem Lichte und wirft einen bedenklichen Schein in eine bisher dunkel gebliebene Ecke

Tom Pinch und Ruth saßen neben dem offnen Fenster bei ihrem Frühstück, und eine Reihe frischer kleiner Blumenstöcke, die Ruth eigenhändig auf dem innern kleinen Simse aufgestellt hatte, verbreiteten ihren lieblichen Geruch. Ruth hatte einen Geraniumzweig in Toms Knopfloch gesteckt, damit er, wie sie sagte, sommerlich aussehe – sie mußte den Zweig natürlich festbinden, denn der kindische Tom hätte ihn sonst sicher verloren. Auf der Gasse schritten die Blumenverkäuferinnen auf und nieder und riefen ihre Ware aus. Eine ungeschickte Biene, die sich zwischen zwei Fensterscheiben verirrt hatte, hämmerte beständig mit dem Kopf an das Glas und suchte sich in den schönen Morgen hinauszuretten, offenbar tief davon durchdrungen, ein böser Zauber müsse sie gefangen halten, da es ihr so gar nicht gelingen wollte. Der Morgen war schöner als je, und die würzige Sommerluft küßte Ruth und fächelte Tom, als wollte sie sagen: »Nun, wie geht’s euch, meine Kinder? Ich habe eine weite Reise gemacht, nur um euch zu grüßen.« Kurz, es war eine jener frohen Stunden, wo man wünscht oder doch wünschen sollte, daß jeder Mensch auf Erden glücklich sein möge, um den Hauch des Sommers und die Schönheit der Jahreszeit in seinem Herzen zu empfinden.

Das Frühstück verlief womöglich noch gemütlicher als sonst. Die kleine Ruth hatte jetzt zwei Zöglinge zu unterrichten und hatte jedem derselben dreimal in der Woche je zwei Stunden zu widmen. Außerdem hatte sie auch einige Kleinigkeiten gemalt und war hinter Toms Rücken in ein Geschäft gegangen, das mit solchen Artikeln handelte, nachdem sie oft lange davorgestanden und durchs Fenster geguckt hatte, ohne den Mut zu finden, einzutreten und die Frau im Laden zu fragen, ob sie ihr die Sachen abkaufen wolle. Und die Frau hatte sie ihr nicht nur abgekauft, sondern noch mehr davon bestellt. Und noch am selben Morgen hatte Ruth dies alles Tom gestanden und ihm den Erlös in einer kleinen Börse übergeben, die sie eigens zu diesem Zweck gestrickt hatte. Sie waren jetzt beide noch ganz entzückt darüber und hatten vielleicht auch ein paar glückliche Tränen darüber geweint. Aber jetzt war alles vorüber, und seit die Sonne zum letztenmal untergegangen war, hatte sie keine so seligen Gesichter beleuchtet als die der beiden Geschwister.

»Meine liebe, liebe Ruth«, sagte Tom so plötzlich, daß er darüber vergaß, das Brot abzuschneiden, das er seiner Schwester geben wollte, und das Messer im Brotlaib stecken ließ, »was doch unser Hauswirt für ein seltsamer Kauz ist. Ich glaube, er ist auch nicht ein einziges Mal wieder nach Hause gekommen, seit er mich damals in die leidige Patsche brachte. Mir scheint, er wird überhaupt nicht mehr wiederkommen. Was der nur für ein geheimnisvolles Leben führen mag?«

»Sehr seltsam, allerdings, Tom.«

»Das will ich meinen«, rief Tom. »Wenn es nur nicht mehr ist als bloß kurios. Ich will hoffen, daß keine Schurkerei dahintersteckt. Zuweilen kommt es mir ganz so vor. Aber, wenn ich ihn erwische«, sagte er und schüttelte den Kopf mit fürchterlich drohender Miene, »so muß er mir eine Aufklärung geben.«

In diesem Augenblick ertönte ein kurzes zweimaliges Klopfen an der Tür und ließ Tom alle seine Rachegedanken vergessen und setzte ihn dafür in das größte Erstaunen.

»Hallo«, rief er, »ist das aber ein früher Besuch! Es kann offenbar nur John sein!«

»Ich – nein – ich glaube nicht, daß er es ist – er – er klopft anders, Tom«, stotterte Ruth.

»So?« sagte Tom. »Nun, mein Prinzipal wird doch nicht am Ende plötzlich angekommen und von Mr. Fips hierher gewiesen worden sein, um sich den Schlüssel zu seinen Zimmern zu holen? Aber jemand fragt nach mir, das ist einmal sicher. Herein! Bitte, treten Sie gefälligst ein.« – Als aber der Besuch eintrat, empfing ihn Tom Pinch nicht mit einem: »Wünschen Sie mich zu sprechen, Sir? Mein Name ist Pinch, Sir, darf ich fragen, was Sie von mir wünschen«, oder mit einer ähnlichen reservierten Höflichkeit, sondern er rief laut auf: »O Gott, O Gott«, und packte den Ankömmling mit beiden Händen, außer sich vor Freude und vor namenloser Überraschung, an den Schultern.

Aber auch der Fremde war nicht weniger ergriffen als Tom, und so schüttelten sie einander lange die Hände, ohne daß einer von beiden ein Wort weiter hervorbrachte. Tom war der erste, der das Schweigen brach:

»Mark Tapley, Sie?« rief er und sprang zur Türe, um noch jemandem draußen die Hand zu schütteln. »Lieber, lieber Mark, nehmen Sie Platz. Wie geht’s, Mark? Wirklich, Sie sehen nicht um einen Tag älter aus als in den frühern Zeiten im ›Drachen‹. Na, und wie geht es Ihnen denn, Mark?«

»Bin außerordentlich fidel, Sir, ich danke Ihnen«, entgegnete Mr. Tapley mit strahlendem Gesicht und nicht endenwollenden Verbeugungen. »Ich hoffe, auch Sie befinden sich wohl, Sir?«

»Du mein Himmel!« rief Tom, ihn herzlich auf den Rücken klopfend, »was ist das für eine Freude, wieder Ihre alte bekannte Stimme zu hören. – Mein lieber Martin, bitte setzen Sie sich doch. Hier meine Schwester, lieber Martin, – Mr. Chuzzlewit, meine Liebe – und hier Mr. Mark Tapley aus dem ›Drachen‹. Gott, ist das eine Überraschung! Aber so nehmen Sie doch Platz! Gott, ist das eine Überraschung!«

Er war so aufgeregt, daß er auch nicht einen Augenblick stillhalten konnte, sondern beständig zwischen Mark und Martin hin und her lief und bald dem einen, bald dem andern die Hände schüttelte und sie wohl zum neunhundertundneunzigstenmal seiner Schwester vorstellte.

»Ich erinnere mich noch so gut an den Tag, wo wir uns trennten, Martin, als wäre es gestern gewesen«, rief er. »War das ein Tag! Und wie leidenschaftlich erregt Sie waren! Und erinnern Sie sich noch, Mark, wie ich Sie an jenem Morgen traf, als ich mit dem Gig nach Salisbury fuhr, um ihn abzuholen? Sie wollten sich damals nach einer andern Stelle umsehen. Und denken Sie noch an das Dinner, Martin, das wir in Salisbury mit John Westlock eingenommen haben? O du lieber Himmel! Ruth, meine Liebe, hier, das ist Mr. Chuzzlewit, und hier Mr. Mark Tapley aus dem ›Drachen‹. Bitte, bringe doch noch ein paar Tassen mit Untertassen. Nein, was ich für eine Freude habe, euch beide hier zu sehen!«

Er machte es jetzt gerade so, wie es John Westlock seinerzeit gemacht, als er ihn empfing: er lief um einen Laib Brot und um Butter, aber bevor er noch ein einziges Stück abgeschnitten, fiel ihm plötzlich wieder etwas anderes ein, und er lief abermals zurück, um erst zu erzählen, dann schüttelte er seinen Gästen nochmals die Hand und stellte sie abermals seiner Schwester vor und tat wieder, was er schon getan hatte, zum tausendstenmal noch einmal, aber alles, was er tat oder sagte, drückte nicht halb die Freude aus, die er innerlich über ihre glückliche Heimkehr empfand. Mr. Tapley war der erste, der seine Besonnenheit wiedergewann. Es dauerte nicht lange, da hatte er sich, noch ehe man sich’s recht versah, als Kammerdiener der kleinen Gesellschaft in aller Form etabliert; – sie merkten es erst, als sie ihn vermißten und ihn dann aus der Küche mit einem Kessel Wasser kommen sahen, das er in den Teetopf schüttete, und zwar mit einer Umsicht, wie man sie nur bei ihm finden konnte.

»Aber setzen Sie sich doch und frühstücken Sie, Mark!« rief Tom. »So sagen Sie ihm doch, er solle sich setzen und mit uns frühstücken, Martin!«

»Ach Gott, dergleichen hab ich längst als unmöglich aufgegeben«, versetzte Martin. »Er ist unverbesserlich und hat einen unvergleichlichen Dickschädel. Sie würden es ihm nicht übelnehmen, Miss Pinch, wenn Sie wüßten, was für ein wertvoller Mensch er ist.«

»O Gott, sie kennt ihn genau«, versicherte Tom. »Ich habe ihr so oft von Mark Tapley erzählt. Ist’s nicht so, Ruth?«

»Ja, Tom.«

»Alles gewiß nicht«, sagte Martin. »Die beste Seite von Mark Tapley ist nur einem einzigen Menschen bekannt, und der würde nicht mehr am Leben sein, um es zu erzählen, wenn Mark nicht gewesen wäre.«

»Mark!« rief Tom Pinch jetzt sehr energisch, »wenn Sie sich nicht augenblicklich niedersetzen, so fange ich an, Ihnen zu fluchen.«

»Nun, Sir«, versetzte Mr. Tapley freundlich, »ehe Sie mir das antun, will ich mich doch lieber fügen. Dachte nur, es sei so aller ehrenhaften Fidelität schnurstracks zuwider, wenn man so besonders gut aufgenommen wird.«

»Also noch immer die alte Sorge?« fragte Tom lächelnd.

»Nun, so halb und halb habe ich schon Ursache gehabt, fidel zu sein. Drüben auf der andern Seite des großen Wassers«, entgegnete Mr. Tapley. »Und ein bißchen Ehre war auch dabei einzulegen. Aber die ganze Menschheit scheint sich wieder gegen mich verschworen zu haben. Ich kann und kann die Sache nun einmal nicht bis zu Ende durchführen. Ich werde übrigens in meinem Testament die Verfügung treffen, daß man mir aufs Grab schreibt: er war ein Mann, der sich gerne groß gezeigt hätte, aber das Schicksal hat ihm die Möglichkeit dazu versagt.«

Dabei lachte Mr. Tapley übers ganze Gesicht, blickte fröhlich umher und machte dann eine Attacke auf das Frühstück mit einem Appetit, der nichts weniger als Vernichtung seiner Hoffnungen oder Kleinmut ausdrückte.

Unterdessen hatte Martin seinen Stuhl ein wenig näher zu Tom und seiner Schwester gerückt, um ihnen zu berichten, was in Mr. Pecksniffs Hause vorgegangen war, und zugleich einen kurzen Überblick über seine Leiden und Enttäuschungen in Amerika zu geben.

»Für Ihre so treue Erfüllung des Auftrages, den ich Ihnen hinterlassen, Tom«, fuhr er fort, »und für alle Ihre Güte und Uneigennützigkeit werde ich Ihnen nie genug danken können. Wenn ich meinem Dank auch noch den von Mary beifüge –«

Das Blut wich aus Toms Wangen und strömte dann wieder so heftig zurück, daß es jeden, der um seine Gefühle gewußt hätte, aufs tiefste erschüttert haben würde. Aber es war eine Erleichterung für ihn und ein Balsam für sein wundes Herz.

»Wenn ich noch meinem Dank den von Mary hinzufüge«, sagte Martin, »so haben Sie damit die einzige armselige Anerkennung, die ich Ihnen geben kann. Aber wenn Sie wüßten, wie tief und innig wir für Sie empfinden, Tom, so würden Sie gewiß Wert darauf legen.«

– Und wenn sie gewußt hätten, wie tief und innig Tom fühlte – doch das wußte keine menschliche Seele –, so würden sie ihn sicherlich bewundert haben.

Rasch wechselte Tom das Thema. Es tat ihm leid, den Gegenstand nicht weiter verfolgen zu können, da es Martin Freude zu machen schien, aber für den Augenblick konnte er es nicht über sich bringen. Wohl war nicht eine Spur von Bitterkeit oder Neid in seiner Seele, aber er konnte sich nicht so weit beherrschen, um Marys Namen ohne Beben auszusprechen. So fragte er, was Martin jetzt für Pläne habe.

»Ich habe es mir endgültig aus dem Kopf geschlagen, Sie zu protegieren, Tom«, sagte Martin. »Ich muß mich jetzt damit begnügen, mir erst selber einmal mein Brot zu verdienen. Ich habe es bereits einmal in London versucht, Tom, aber es ist mir nicht gelungen. Wenn Sie nun so gut sein wollen, mir mit Ihrem freundschaftlichen Rat zur Seite zu stehen, so hoffe ich, wird es vielleicht besser gehen. Ich will wirklich alles tun, Tom, und scheue mich vor nichts, auch nicht vor der niedrigsten Arbeit, nur mein Brot will ich mir verdienen. Höher versteigen sich meine Hoffnungen nicht mehr.«

»Was? Ihre Hoffnungen sollten sich nicht höher versteigen? Wie können Sie nur so etwas sagen!« rief Tom. »Hoffen Sie denn nicht mehr auf die Zeit, wo Sie dereinst mit ihr glücklich sein werden, Martin? Doch, doch! Sie müssen darauf hoffen, Martin! Meinen freundschaftlichen Rat?! Gewiß werde ich es an nichts fehlen lassen, soweit es an mir liegt, aber ich hoffe, es wird Ihnen ein besserer Rat zuteil werden, als ich Ihnen wohl zu geben vermag, wenn er auch kaum einer größeren Teilnahme für Sie entspringen kann als meiner. Sie müssen sich mit John Westlock besprechen; wir wollen uns auf der Stelle zu ihm begeben. Es ist noch so früh an der Zeit, daß ich Sie bequem nach seiner Wohnung begleiten kann, ehe ich an meine Geschäfte gehe. Ich muß sowieso dort vorbei und will Sie dort lassen, damit Sie mit ihm über Ihre Angelegenheiten reden können. Also kommen Sie, kommen Sie! Ich habe jetzt viel zu tun, müssen Sie wissen«, setzte er mit seinem liebenswürdigsten Lächeln hinzu, »und darf daher keine Zeit verlieren. Also höher versteigen sich Ihre Hoffnungen nicht? Hoffentlich glauben Sie das selber nicht! Aber ich kenne Sie. Sie werden sich bald so hoch emporschwingen, Martin, daß wir Sie ganz aus dem Gesichte verlieren und sie uns meilenweit hinter sich zurücklassen werden, ehe wir es uns versehen.«

»Ach, ich habe mich recht sehr verändert, Tom, seit damals, als Sie mich zuerst kennenlernten, Tom.«

»Unsinn, Unsinn«, rief Mr. Pinch, »warum hätten Sie sich denn verändern sollen? Sie reden ja rein, als wären Sie ein alter Mann. In meinem ganzen Leben habe ich noch niemanden so reden hören. Kommen Sie nur erst einmal zu John Westlock. Und Sie müssen natürlich mit, Mark Tapley. Ja, das hat alles dieser Mark angerichtet, und es geschieht Ihnen schon recht, Martin; warum haben Sie sich einen solchen Querkopf zum Gefährten gewählt.«

»Wahrhaftig, man legt keine Ehre ein, wenn man bei Ihnen fidel ist, Mr. Pinch«, protestierte Mark und lachte wieder übers ganze Gesicht. »In Ihrer Gesellschaft könnte sogar ein Armendoktor fidel sein. Ich müßte rein noch einmal nach Amerika, um mit einigermaßen Verdienst fidel zu sein, nachdem ich Sie gesehen habe.«

Tom lachte, sagte seiner Schwester Lebewohl und eilte mit Mark und Martin fort, um sich auf dem nächsten Wege zu John Westlock zu begeben. Seine Geschäftszeit fing bald an, und er setzte seine Stolz darein, immer pünktlich zu sein.

John Westlock war zu Hause, aber seltsamerweise ein wenig verlegen über den Besuch, und als Tom direkt in das Zimmer gehen wollte, wo sein Freund zu frühstücken pflegte, sagte er, er habe einen Fremden zu Besuch. Es schien ein sehr geheimnisvoller Mensch zu sein, dieser Fremde, denn John schloß bei diesen Worten sorgsam die Türe und führte seine Gäste in das Zimmer nebenan. Gleichwohl war er sehr erfreut, Mark Tapley wiederzusehen, wie er denn auch Martin Chuzzlewit mit größter Höflichkeit bewillkommnete. Martin hatte das Gefühl, daß er John nicht viel Sympathie einflöße, und glaubte auch zu bemerken, daß dieser Tom Pinch einige Male bedenklich, wenn nicht gar mitleidig anblickte. Er glaubte die Ursache zu erraten und errötete bei dem Gedanken daran.

»Ich fürchte, Sie sind beschäftigt«, sagte er daher, als Tom den Zweck ihres Besuches erzählt hatte, »wenn Sie gestatten, möchte ich Sie vielleicht lieber zu einer Zeit besuchen, wo Sie nicht verhindert sind.«

»Allerdings bin ich augenblicklich beschäftigt«, versetzte John mit einigem Widerstreben, »aber es betrifft, offen gestanden, die Sache, die mich augenblicklich in Anspruch nimmt, mehr Sie als mich.«

»Mich?« rief Martin.

»Die Angelegenheit ist ziemlich ernster Natur und betrifft ein Mitglied Ihrer Familie. Wenn Sie die Güte haben wollen, mich hier zu erwarten, so würde mich das sehr freuen, denn ich könnte Ihnen nachher alles unter vier Augen mitteilen, damit Sie selbst urteilen, wie weit die Angelegenheit Sie angeht.«

»Ich kann sowieso jetzt nicht bleiben«, fiel Tom ein.

»Sind Ihre Geschäfte denn so dringend«, unterbrach ihn Martin, »daß Sie nicht ein halbes Stündchen mehr hierbleiben können? Es wäre mir wirklich sehr lieb, wenn es irgendwie ginge. Was haben Sie denn für Geschäfte, Tom?«

Tom wurde verlegen, sagte aber, nachdem er eine Minute nachgedacht, offen heraus:

»Leider kann ich Ihnen darüber keine nähere Auskunft geben, Martin, aber ich hoffe, ich werde es bald dürfen. Der Grund dafür liegt eigentlich nur darin, daß mein Prinzipal mir verboten hat, darüber zu sprechen. Meine Situation ist überhaupt sehr merkwürdig«, setzte er unruhig hinzu, denn er wünschte auch den Schein zu vermeiden, als ob er irgendwie Zweifel in Martins Vertrauen setze – »aber ich kann wirklich nicht anders. Nicht wahr, du wirst mir das bestätigen, John?«

John Westlock bejahte, und Martin bat Mr. Pinch, doch kein Wort mehr weiter darüber zu verlieren. Nichtsdestoweniger natürlich wunderte er sich innerlich, warum Tom in betreff seiner Geschäfte so geheimnisvoll, so verlegen und so ganz anders war, als er sonst zu sein pflegte. Auch als Mr. Pinch sich bereits entfernt hatte, wollte ihm der Gedanke nicht aus dem Kopf.

Unmittelbar darauf verabschiedete sich Tom und nahm Mr. Tapley mit sich, der lachend um die Erlaubnis bat, ihn, wenn es ihm nichts ausmache, bis nach Fleet Street begleiten zu dürfen.

»Nun, und was gedenken Sie jetzt anzufangen, Mark?« fragte Tom, als sie zusammen nebeneinander her gingen.

»Je nun, Sir«, sagte Mark Tapley, »offen gestanden, gedenke ich mich zu verheiraten.«

»Warum nicht gar, Mark!« rief Tom.

»Jawohl, Sir, so ist’s. Ich habe mir die Sache lange überlegt.«

»Und wer ist die Glückliche, Mark?«

»Wer die Glückliche ist, Sir?« wiederholte Mr. Tapley.

»Ja, ja, die Glückliche. So tun Sie doch nicht, als ob Sie nicht wüßten, was ich meine«, versetzte Tom lachend.

Mr. Tapley unterdrückte seine eigene Lachlust und sagte mit komisch ernstem Gesicht:

»Sie können’s natürlich nie erraten, Mr. Pinch.«

»Wie wäre das auch möglich«, rief Tom. »Ich kenne doch keine von Ihren Flammen, außer vielleicht Mrs. Lupin.«

»Na, Sir, und wenn die’s wäre?«

Tom blieb stehen und blickte Mark Tapley an. Aber dieser machte einen Augenblick ein vollkommen ausdrucksloses Gesicht – so ausdruckslos wie eine Häusermauer mit geschlossenen Fenstern. Aber allmählich machte er ein Fenster nach dem andern auf, und schließlich lachte er über das ganze Gesicht.

»Gesetzt nun den Fall, sie wäre es, Sir?«

»Aber Sie haben mir doch einmal selbst gesagt«, rief Tom, »eine solche Verbindung wäre nichts für Sie!«

»Ja, ja, das habe ich früher auch geglaubt«, scherzte Mark, »aber inzwischen bin ich doch wankend geworden. Sie ist ein liebes, herziges Geschöpf.«

»Gewiß ist sie ein liebes, herziges Geschöpf«, versicherte Tom, »aber das ist sie doch von jeher gewesen.«

»Das will ich meinen«, pflichtete Mr. Tapley bei.

»Warum, um Gottes willen, haben Sie denn dann die wackere Frau nicht gleich von vornherein geheiratet, Mark, und sich erst lange in der Fremde herumgetrieben? Warum sie die ganze Zeit über allein lassen und der Hofmacherei von Fremden preisgeben?«

»Nun, Sir«, erklärte Mr. Tapley im Tone des größten Vertrauens, »ich will Ihnen sagen, wie das zuging. Sie kennen mich, Mr. Pinch, niemand kennt mich besser als Sie. Sie kennen meinen Charakter und wissen auch, worin meine Schwäche besteht. In meiner Natur liegt es, fidel zu sein, und meine schwache Seite ist, daß ich gerne fidel wäre, wo es eine Kunst ist, fidel zu sein. Also gut, Sir. Und so kam es, daß ich es mir in den Kopf setzte, sie müsse – wie soll ich nur sagen – sie müsse stolz auf mich sein«, setzte er bescheiden hinzu.

»Gewiß, gewiß«, rief Tom, »ich ahnte das, als wir damals darüber sprachen, wie Sie noch im ›Drachen‹ waren.«

Mr. Tapley nickte zustimmend.

»Sehr gut, Sir. Aber damals trug ich mich mit allerlei Hoffnungen und kam zu dem Schlusse, daß es keine Kunst sei, fidel zu sein, wenn man ein Leben führt, das von lauter Annehmlichkeiten umgeben ist. Wie ich mir so die schöne Seite des Lebens betrachtete, da dachte ich mir, ich müsse vor allem noch einmal recht viel Elend durchmachen; denn da sei wenigstens Ehre dabei zu holen, wenn man fidel bliebe. So zog ich voller Erwartungen in die Welt hinaus, um es zu probieren. Zuerst ging ich an Bord eines Schiffes, bemerkte aber bald – da es auch dort ganz leicht war, fidel zu sein –, daß da nicht viel Ruhm für mich zu ernten sei. Ich hätte mir’s wohl können zur Warnung dienen lassen und die Sache aufgeben sollen, aber ich tat es nicht. Dann ging ich in die Vereinigten Staaten, und da fing ich – ich kann’s nicht leugnen – zum erstenmal an, zu fühlen, daß man dort Ehre einlegen könne, wenn man bei guter Laune bleibt. Aber was geschah? Kaum fange ich an, in die Höhe zu kommen, da hintergeht mich mein Herr.«

»Er hintergeht Sie?« rief Tom.

»Er hintergeht mich im wahrsten Sinne des Wortes«, sagte Mr. Tapley mit strahlendem Gesicht. »Legt alle die Gewohnheiten ab, die den Dienst bei ihm noch als ein bißchen anerkennenswert hingestellt hätten, und macht mir Freude. Selbstverständlich kehre ich da sofort wieder heim. Gut. Und wie alle meine hoffnungsvollen Aussichten gescheitert sind und ich einsehe, daß ich mich nirgends mehr herausreißen kann, da packt mich die Verzweiflung, und ich sage mir: So will ich also tun, was gar keine Kunst ist; ich will ein liebes braves Geschöpf heiraten, das mich liebt und das ich ebenfalls liebe, ich will ein glückliches Leben führen und nicht mehr weiter kämpfen gegen das Schicksal, das alle meine Aussichten vernichtet hat.«

»Ihre Philosophie ist wohl so ziemlich das Närrischste, was ich mir denken kann, aber unweise ist sie darum eigentlich nicht«, sagte Tom herzlich lachend. »Mrs. Lupin hat natürlich ›ja‹ gesagt?«

»Wo denken Sie hin!« versetzte Mr. Tapley. »So weit ist sie noch nicht. Ich schreibe das vorzüglich dem Umstande zu, daß ich sie noch nicht danach gefragt habe. Aber gefreut haben wir uns beide mächtig, als wir uns an dem Abend, wo ich nach Hause kam, wiedersahen. Es ist schon soweit alles in Ordnung, Sir.«

»Nun, dann wünsche ich Ihnen von ganzem Herzen Glück«, sagte Tom. »Hoffentlich sehe ich Sie doch heute noch? – Inzwischen leben Sie wohl.«

»Leben Sie wohl, Sir! – – Adieu, Mr. Pinch«, setzte Mark innerlich hinzu, als er allein auf der Straße stand und Tom nachsah. »Du bist so recht ein Dämpfer für einen tüchtigen Ehrgeiz. Du weißt freilich nichts davon, daß du der erste warst, der meinen Hoffnungen den ersten Stoß versetzte. Ja, der Mr. Pecksniff hätte mich für mein ganzes Leben aufgerichtet! Aber mit einer Sanftmut wie der deinigen kann es der Mensch unmöglich aushalten. – Adieu, Mr. Pinch!«

Inzwischen waren Martin und John Westlock auf ganz andere Weise beschäftigt. Sie waren kaum allein, da begann Martin mit einer Anstrengung, die er nicht ganz verbergen konnte:

»Mr. Westlock, wir haben uns zwar nur ein einziges Mal gesehen, aber Sie kennen Tom so lange, daß ich vermuten muß, dieser Umstand allein veranlaßt Sie, so freundlich gegen mich zu sein. Ich kann nun aber nicht offen heraus mit Ihnen sprechen, bevor ich mich nicht von einer Last, die mich jetzt schwer bedrückt, befreie. Zu meinem Leidwesen muß ich sehen, daß Sie mir nicht so weit trauen, als daß Sie nicht glauben könnten, ich wäre imstande, Toms Uneigennützigkeit, sein gutes Herz oder sonst eine seiner guten Eigenschaften zu mißbrauchen.«

»Ich hatte nie die Absicht, einen solchen Eindruck bei Ihnen hervorzubringen«, versetzte John, »und bedaure wirklich sehr, daß es trotzdem geschehen ist.«

»Aber offenbar sind Sie dieser Ansicht, nicht wahr?« fragte Martin.

»Sie fragen mich so direkt und bestimmt«, entgegnete John, »daß ich nicht ganz in Abrede zu stellen vermag, Sie als einen Mann betrachtet zu haben, der – nicht etwa aus Übermut oder Schlechtigkeit, sondern aus bloßer Gedankenlosigkeit – Toms Wesen einst nicht gehörig würdigte und ihn nicht ganz so behandelte, wie er gewiß behandelt zu werden verdient. Glauben Sie mir, es ist viel leichter, Tom Pinch geringzuschätzen, als ihn nach Gebühr zu würdigen.«

John sprach durchaus nicht erregt, aber immerhin energisch, denn, ein einziges Wesen vielleicht ausgenommen, gab es auf der ganzen Welt niemanden, den er höher geschätzt hätte als Tom.

»Als ich an Jahren reifer wurde, lernte ich meinen Freund ebenfalls besser erkennen«, fuhr er fort, »und ich habe in ihm einen Menschen lieben gelernt, der unendlich besser ist als ich. Ich glaube nicht, daß Sie ihn recht verstanden haben, als wir uns damals in früheren Zeiten trafen, und vermute auch, daß Ihnen nicht besonders viel daran lag, ihn näher kennenzulernen. Die Umstände, aus denen ich dies schloß, waren sehr geringfügig – sogar harmlos, kann ich sagen, aber sie haben damals keinen sehr angenehmen Eindruck auf mich gemacht und drängten sich mir, sozusagen, mit Gewalt auf –, denn Sie dürfen nicht glauben, daß ich Sie vielleicht absichtlich beobachtet hätte. Sie werden denken«, setzte John liebenswürdig lächelnd – er konnte nie lange ungehalten sein – hinzu, »daß ich Ihnen damit nichts besonders Angenehmes sage und daß Ihnen an mir gewiß auch so mancherlei mißfällt. Aber ich kann Ihnen darauf nur erwidern, daß das Thema nicht von mir ausging, denn ich würde es um keinen Preis zur Sprache gebracht haben.«

»Ich weiß, daß ich selbst Anlaß dazu gegeben habe«, erwiderte Martin, »und bin weit entfernt, darüber irgendwie gekränkt zu sein. Im Gegenteil erfüllen mich die Freundschaft, die Sie für Tom empfinden, und die vielen Beweise, die Sie ihm davon gegeben haben, mit der größten Hochachtung. Warum sollte ich auch versuchen, Ihnen zu verhehlen« – dennoch errötete er dabei – »daß ich damals Tom weder verstand noch daß mir daran gelegen war, ihn näher kennenzulernen, als wir beisammen waren. Jetzt aber tut mir dies alles aufrichtig leid.«

Diese Antwort war so schlicht, so bescheiden und männlich, daß ihm John sofort die Hand entgegenstreckte. Und damit wich auch augenblicklich jeder Zwang zwischen den beiden jungen Leuten.

»Aber jetzt muß ich Sie vor allem bitten«, ging John auf ein anderes Thema über, »es mir nicht übelzunehmen, wenn ich Ihre Geduld auf längere Zeit in Anspruch nehme. Es handelt sich nämlich um etwas außerordentlich Wichtiges.«

Nach dieser Einleitung erzählte er Martin ausführlich alle Einzelheiten von der Krankheit und der langsamen Rekonvaleszenz des Patienten im »Ochsen« und knüpfte daran den Bericht, den ihm Tom seinerzeit über den Vorfall auf dem Kai erstattet hatte. Martin war nicht wenig verblüfft, als John schloß, denn die beiden Geschichten schienen in gar keinem Zusammenhang miteinander zu stehen und ließen ihn vollständig im unklaren.

»Und jetzt bitte ich Sie, mich einen Augenblick zu entschuldigen«, sagte John und stand auf. »Ich werde Sie sogleich ersuchen, mit mir in das anstoßende Zimmer zu kommen.«

Erstaunt blieb Martin allein, bis gleich darauf John wiederkam. Dann traten sie mitsammen in das anstoßende Zimmer, wo Martin den Fremden erblickte, von dem Westlock vorhin gesprochen.

Es war ein junger Mann mit tiefliegenden Augen und schwarzen Haaren, blaß und abgezehrt, wie es schien infolge einer soeben erst überstandenen schweren Krankheit. Als Martin eintrat, stand er auf, nahm aber auf Johns Aufforderung wieder Platz. Er hatte die Augen schüchtern niedergeschlagen und erhob sie nur ein einziges Mal, halb demütig, halb flehend, zu den beiden, senkte sie dann wieder und blieb stumm sitzen.

»Lewsome ist der Name diese Herrn«; stellte ihn John Westlock Martin vor, »er ist derselbe, der, wie ich Ihnen schon sagte, in dem Wirtshaus Zum Ochsen krank wurde und so außerordentlich viel durchgemacht hat. Es war eine schwere Leidenszeit für ihn, aber Sie sehen, daß es ihm jetzt bereits wieder gut geht.«

Der Fremde rührte sich nicht, und da John Westlock eine Pause machte, stotterte Martin in seiner Verlegenheit:

»Freut mich sehr, zu hören.«

»Den kurzen Bericht, den ich Sie bitte, aus dem Munde dieses Herrn selbst anzuhören, Mr. Chuzzlewit«, fuhr John fort, »hat mir Mr. Lewsome selbst gestern zum erstenmal erstattet und heute früh aufs genaueste und ohne die geringste Abweichung wiederholt. Ich habe Ihnen vorhin bereits gesagt, daß er mir, ehe er das Wirtshaus verließ, mitteilte, er habe mir ein Geheimnis zu enthüllen, das ihn schwer bedrücke. Zwischen Gesundheit und abermaligen Krankheitsrückfällen schwebend und teils von dem Wunsch beseelt, sein Gewissen von der ihn drückenden Last zu erleichtern, halb aus Furcht, sich durch die Entdeckung desselben in allerlei Unannehmlichkeiten zu verstricken, hat er bis gestern gezögert, sich mir anzuvertrauen. Ich habe ihn niemals gedrängt, da ich nicht die geringste Ahnung von der Wichtigkeit seines Geheimnisses hatte und mich im übrigen auch nicht berechtigt glaubte, ihn ernstlicher um Erfüllung seines Versprechens anzugehen. Erst vor einigen Tagen, als er mir in einem Brief mitteilte, was ihn bedrücke, beziehe sich auf eine Person namens Jonas Chuzzlewit, kam ich auf den Gedanken, die Sache könne vielleicht einiges Licht auf das kleine Geheimnis werfen, auf das Tom immer wieder und wieder zurückkommt. So bestand ich daher auf der Enthüllung und hörte, was Sie selbst jetzt aus seinem Munde vernehmen werden. Ich muß zu Mr. Lewsomes Lobe sagen, daß er auf dem Krankenlager das Geheimnis niedergeschrieben, versiegelt und mit meiner Adresse versehen hat, wenn er sich auch lange Zeit nicht entschließen konnte, es mir zu übergeben. Er trägt, glaube ich, noch jetzt den Brief auf der Brust.«

Der Fremde griff hastig in die Brusttasche, um zu zeigen, daß es wahr sei.

»Vielleicht wird es gut sein, wenn wir den Brief jetzt in Verwahrung nehmen«, sagte John. »Aber dazu haben wir schließlich noch immer Zeit.« Dabei winkte er heimlich Martin, um ihn auf das aufmerksam zu machen, was der Fremde erzählen werde. Nach einer kurzen Pause begann Mr. Lewsome mit leiser, schwacher und hohler Stimme.

»In welcher Weise war Mr. Anthony Chuzzlewit, der kürzlich – gestorben ist, mit Ihnen verwandt?«

»Mit mir verwandt?« wiederholte Martin. »Er war der Bruder meines Großvaters.«

»Ich fürchte, er ist keines natürlichen Todes gestorben, sondern ermordet worden«, sagte Mr. Lewsome stockend.

»Gott im Himmel«, rief Martin, »von wem?«

Mr. Lewsome blickte hastig auf, schlug die Augen wieder nieder und sagte:

»Ich fürchte, durch mich.«

»Durch Sie?« rief Martin.

»Nicht vielleicht direkt durch mich, aber ich fürchte, ich bin vielleicht mit schuld daran.«

»Um Gottes willen, sprechen Sie sich doch genauer aus», rief Martin. »Bitte, sagen Sie uns die volle Wahrheit.«

»Ich fürchte, dies ist die Wahrheit.«

Martin war im Begriff, abermals eine hastige Frage zu stellen, aber John Westlock flüsterte ihm zu, er möge den jungen Mann die Geschichte in seiner eigenen Weise ruhig vortragen lassen.

»Ich habe als Lazarettgehilfe praktiziert und stand in den letzten paar Jahren bei einem Chirurgen in der City in Diensten«, begann Mr. Lewsome; »und dabei wurde ich mit Mr. Jonas Chuzzlewit bekannt, der der Hauptschuldige in dieser Sache ist.«

»Wissen Sie, was Sie damit sagen?!« rief Martin streng und ernst. »Wissen Sie, daß Jonas der Sohn des alten Mannes ist, von dem Sie sprachen?«

»Ich weiß es«, antwortete Lewsome.

Dann schwieg er einige Minuten und fuhr wieder in seiner Erzählung fort:

»Natürlich weiß ich es. Oft genug habe ich gehört, wie er wünschte, sein alter Vater möge endlich sterben. Er pflegte sich in diesem Sinne oft an einem Ort zu äußern, wo wir zu dritt oder viert jeden Abend zusammenkamen. Sie können sich wohl denken, daß es keine besonders sympathische Gesellschaft war, wenn Sie erfahren, daß er das Haupt davon bildete. Ach, wäre ich doch lieber gestorben, ehe ich ihn zu Gesicht bekam.«

Lewsome hielt wieder inne und fuhr dann aufs neue fort:

»Wir kamen dort zusammen, um zu trinken oder zu spielen – nicht hoch, aber immerhin um Summen, die für unsere Verhältnisse zu hoch waren. Gewöhnlich gewann er, und jedesmal lieh er den Verlierenden Geld gegen hohe Zinsen und bekam uns auf diese Weise schließlich alle in die Gewalt, trotzdem wir ihn im stillen haßten. Um ihn günstig für uns zu stimmen, machten wir mit, wenn er seine rohen Witze über seinen Vater riß, und pflegten sogar Toaste darauf auszubringen, der Alte möge rasch in die Grube fahren und Jonas seine Erbschaft antreten.«

Wieder eine Pause. »Eines Abends war Mr. Jonas in besonders übler Laune. Der alte Mann, sagte er, habe ihn den ganzen Tag über gequält. Er und ich waren allein, und da erzählte er mir in seiner Wut und seinem Ärger, Mr. Anthony Chuzzlewit, sein Vater, sei so kindisch, schwachsinnig oder blödsinnig, daß er nicht nur seinen Nebenmenschen, sondern auch sich selbst eine Last sei, und es wäre eine wahre Wohltat für ihn, wenn man ihn aus der Welt schaffte. Er beteuerte mit einem Schwur, er habe schon oft daran gedacht, ihm etwas in seinen Hustensaft zu mischen und ihm auf diese Weise zu einem leichten Tod zu verhelfen. Menschen, die von tollen Hunden gebissen werden, sagte er, brächte man doch zuweilen um die Ecke; warum solle man das nicht auch bei alten Leuten tun, bei denen es mit dem Sterben nicht so recht vorangehen wolle. Jonas sah mir bei diesen Worten voll ins Gesicht, und ich erwiderte seinen Blick. Aber weiter kamen wir an diesem Abend nicht.«

Lewsome machte abermals eine Pause und schwieg so lange, daß John Westlock ihn auffordern mußte, fortzufahren. Martin hatte kein Auge von seinem Gesicht verwandt und war so entsetzt, daß er seinerseits kein Wort hervorbringen konnte.

»Ungefähr eine Woche darauf – die Sache ging mir inzwischen nicht aus dem Kopf –, so lange kann es ungefähr gewesen sein – da kam er zum zweitenmal darauf zu sprechen. Wir waren wiederum allein, da wir etwas früher gekommen waren als die andern. Es bestand keine Verabredung zwischen uns, aber ich glaube doch, daß ich absichtlich etwas früher kam, um ihn zu treffen. Daß er deshalb früher kam, das weiß ich bestimmt. Also er war der erste am Platz und las gerade in einer Zeitung, als ich eintrat. Ohne aufzublicken und ohne sich im Lesen zu unterbrechen, nickte er mir zu. Ich setzte mich ihm gerade gegenüber. Ganz unvermittelt sagte er mir dann, ich müßte ihm zweierlei Mittel verschaffen: eines, das unmittelbar und sofort wirke und von dem man nur eine Kleinigkeit benötige, und eines, das langsamer wirke und nicht leicht Verdacht erwecke; davon brauche er mehr. Dabei las er immer in der Zeitung fort, wie es schien. Er sagte ›Mittel‹, ein anderes Wort gebrauchte er nicht, ich auch nicht.«

»Das stimmt ganz mit dem überein, was ich bereits früher gehört habe«, erklärte John Westlock.

»Ich fragte ihn, wozu er die Mittel brauche. Er meinte, zu nichts Bösem; um Katzen zu vergiften usw. Im übrigen könne mir das ja gleichgültig sein. Da ich ja sowieso in eine Kolonie zu gehen gedächte – ich hatte wohl eine derartige Anstellung erhalten, verlor sie aber wieder, wie Mr. Westlock weiß, infolge meiner Krankheit, und mit ihr auch meine einzige Hoffnung auf die Zukunft –, ginge mich die Sache um so weniger an. Er könne die Mittel übrigens ohne meine Beihilfe auf hunderterlei andere Art erhalten, wenn auch nicht ganz so leicht wie von mir – vielleicht werde er sie überhaupt nicht brauchen, und es falle ihm auch vorderhand nicht im entferntesten ein, sie zu benützen. Aber dennoch würde er sie gerne besitzen. Und während er dies sprach, las er ununterbrochen in der Zeitung. Wir unterhandelten dann wegen des Preises; er wollte mir eine kleine Schuld nachlassen – ich war nämlich völlig in seinen Händen – und mir außerdem fünf Pfund geben – dann unterbrachen wir das Thema, da andere Leute hereinkamen, aber am nächsten Abend unter ähnlichen Umständen händigte ich ihm die Mittel aus, nachdem er mir zuvor ausdrücklich versichert hatte, ich sei ein Narr, wenn ich glaubte, er werde sie jemals zu etwas Bösem benützen. Ich nahm das Geld und bin seitdem nicht wieder mit ihm zusammengetroffen. Ich weiß nun aber, daß der alte Mann gleich nachher starb, und zwar in einer Weise, die ganz gut die Folge dieser Gifte hätte sein können, und seit jener Zeit fühle ich mich als den elendsten aller Menschen. Nichts«, setzte Mr. Lewsome hinzu und verkrampfte die Hände, »nichts kann die Trostlosigkeit meines Innern schildern. Die Gewissensbisse sind wahrhaftig verdient, aber sie zu schildern bin ich nicht imstande.«

Damit senkte er den Kopf und schwieg. Abgezehrt und elend, wie er war, hätte ihm wohl niemand in diesem Zustand Vorwürfe zu machen gewagt.

»Ich kann es in der Nähe dieses Menschen nicht mehr länger aushalten«, sagte Martin halblaut und wendete sich ab.

»Er wird hier bleiben«, flüsterte John. »Kommen Sie.«

Leise drehte er den Schlüssel in dem Türschloß um, als sie fortgingen, und führte Martin in das Zimmer nebenan, in dem sie bereits vorhin gewesen.

Martin war so erstaunt, erschüttert und verwirrt über das Gehörte, daß er einige Zeit brauchte, ehe er sich fassen oder den Zusammenhang der einzelnen Punkte vollständig begreifen konnte. Als er endlich die ganze Geschichte klar überschaute, erklärte ihm John Westlock, wie wahrscheinlich es sei, daß das Verbrechen noch andern Leuten bekannt sei, die es zu ihrem eigenen Nutzen mißbrauchten und jenen Zwang auf Jonas ausübten, von dem der Vorfall mit Tom Pinch der beste Beweis sei. Das war so einleuchtend, daß sie es beide sofort einsahen, aber trotzdem gab es ihnen keinen Anhaltspunkt, was sie weiter zu tun hätten. Die Personen, die diese Macht offenbar besaßen und ausübten, waren ihnen unbekannt. Der einzige, von dem sie es wußten, war Toms Hauswirt. Aber selbst wenn es gelingen sollte, diesen Menschen stellig zu machen, was nach Toms Aussage nicht sehr leicht schien, so hatten sie doch kein Recht, irgendwelche Fragen an ihn zu richten. Aber auch angenommen, daß sie ihn fragten und er ihnen Rede stünde, so brauchte er doch nur mit Bezug auf das Abenteuer auf dem Quai zu sagen, er sei von da und dort geschickt worden, Jonas wegen eines dringenden Geschäftes zurückzurufen, und damit würde die Sache ein Ende gehabt haben. Überdies war es sehr schwierig und sehr verantwortlich, Schritte in dieser Sache zu tun. Lewsomes Geschichte konnte falsch sein, denn vielleicht war er nicht nur krank, sondern litt sogar an Geisteszerrüttung; und selbst wenn sie richtig war, so erbrachte das immer noch nicht den Beweis, daß der alte Chuzzlewit wirklich ermordet worden sein mußte. Pecksniff war bekanntlich zugegen gewesen, als der Alte starb (wie sich Tom sofort erinnerte, als er nachmittags zurückkam und sich ihren Beratungen anschloß), und überhaupt schien der Todesfall und alles, was damit zusammenhing, nichts besonders Auffallendes gehabt zu haben. Von Rechts wegen war nur Martins Großvater derjenige, der hinsichtlich des einzuschlagenden Verfahrens vor allem seine Meinung abzugeben hatte, aber es war offenbar unmöglich, sich mit ihm zu verständigen – sagte und dachte er doch nur, was Mr. Pecksniff ihm vorsprach und vordachte. Und wie Mr. Pecksniff sich über seinen eigenen Schwiegersohn äußern würde, ließ sich leicht vorhersehen.

Ganz abgesehen von allen diesen Rücksichten, konnte Martin außerdem den Gedanken nicht ertragen, es möchte vielleicht den Anschein haben, als nehme er die Gelegenheit wahr, durch eine so unnatürliche Anklage gegen einen Verwandten sich neuerdings um die Gunst seines Großvaters zu bewerben. Wenigstens mußte in diesem Licht sein Handeln erscheinen, wenn er abermals in Mr. Pecksniffs Hause vor dem alten Herrn erschien, um ihm das, was er erfahren, mitzuteilen; – immerhin mußte er damit rechnen, daß Mr. Pecksniff nicht einen Augenblick zögern werde, sein Benehmen von diesem Gesichtspunkte aus zu deuten. Andererseits wiederum konnte die Mitwisserschaft um das Geheimnis, ohne daß weitere Maßregeln zur nähern Erforschung der Angelegenheit eingeleitet wurden, als Mitschuld angesehen werden. Mit einem Wort, es schien kein Ausweg aus diesem Labyrinthe zu führen. Mr. Tapley wurde zwar gleichfalls ins Vertrauen gezogen, und die ausschweifende Phantasie dieses Gentlemans gab die allerkühnsten Mittel an – Entwürfe, die er auf eigene Verantwortung sofort zu vollziehen sich bereit erklärte –, aber dennoch wurde durch seinen Eifer und seine Dienstbeflissenheit die Angelegenheit – keineswegs klarer.

Wie die Dinge standen, erhielt Toms Erzählung über das seltsame Benehmen des geistesschwachen Buchhalters an jenem Abend, wo er und seine Schwester dort gemeinsam Tee getrunken hatten, ein sehr bedenkliches Aussehen und führte zur allgemeinen Überzeugung, daß man einen wichtigen Schritt zur Erforschung der Wahrheit täte, wenn man den Greis in ein Verhör nehmen könnte. Nachdem sie sich daher vorher versichert hatten, daß Lewsome und Mr. Chuffey nie miteinander zu tun gehabt, faßten sie einstimmig den Beschluß, an den alten Buchhalter heranzutreten.

Aber so leicht war es nicht, sich Chuffey zu nähern, ohne ihn oder Jonas stutzig zu machen oder zu beunruhigen, und da sie sich nicht recht klar darüber werden konnten, wie das alles am besten ins Werk zu setzen sei, wollte die Sache nicht recht in Schwung kommen.

Vor allem hieß es die Frage erörtern, wer von der Umgebung des alten Buchhalters noch den meisten Einfluß auf ihn habe, und Tom erklärte, daß dies augenscheinlich bei seiner jungen Herrin der Fall zu sein scheine. Aber selbstverständlich schreckten sowohl er wie alle übrigen vor dem Gedanken zurück, Gratia mit in das Komplott zu verwickeln und sie zu dem Werkzeug zu machen, das um Jonas‘ Hals den Strick zuziehen sollte. – War denn also niemand sonst da?

»Allerdings; – Mrs. Gamp«, sagte Tom, »die Krankenwärterin, besitzt großen Einfluß auf den alten Mann und hat ihn eine Zeitlang beaufsichtigt.«

Die Anregung fand sofort Anklang. Hier zeigte sich ein neuer Weg zum Ziel, den man bisher übersehen hatte. John Westlock kannte Mrs. Gamp. Er hatte ihr seinerzeit Beschäftigung gegeben und wußte, wo sie wohnte – denn die treffliche Frau hatte nicht verabsäumt, als sie sich das letztemal bei ihm empfahl, ihm ein ganzes Paket ihrer Geschäftskarten zum Verteilen zurückzulassen. Es wurde demnach beschlossen, vorsichtig, aber unverzüglich Mrs. Gamp einzufädeln und sorgfältig zu sondieren, wieviel diese verschwiegene Dame von Mr. Chuffey wußte und ob sie Mittel und Wege finden zu können glaube, sie alle oder wenigstens einen von ihnen in Verbindung mit dem alten Mann zu setzen.

Martin und John Westlock nahmen sich vor, noch am selben Abend ans Werk zu gehen, indem sie zuvörderst einmal Mrs. Gamp in ihrer Wohnung aufsuchten, um zu sehen, ob sie sie dort treffen könnten, und Tom eilte nach Hause, um keine Gelegenheit zu verlieren, sich eine Unterredung mit Mr. Nadgett zu verschaffen, falls dieser in seiner Wohnung auftauchen sollte. Mr. Tapley blieb auf seinen eigenen Wunsch in Furnivals Inn, um Lewsome nicht aus den Augen zu verlieren, obgleich das eigentlich überflüssig war, denn der junge Mann dachte an nichts weniger als an Flucht.

Ehe sie sich jedoch auf ihre verschiedenen Posten begaben, mußte ihnen Lewsome im Beisein der ganzen Gesellschaft die von ihm zu Papier gebrachte Erklärung laut vorlesen und erklären, daß er das Geständnis freiwillig angesichts des Todes und aus innerer Seelenpein niedergeschrieben habe. Hierauf unterzeichneten sie es sämtlich, und es wurde an einem sichern Ort eingeschlossen.

Auf Johns Rat schrieb Martin sodann einen Brief an den Vorstand der berühmten Elementarschule, in dem er ganz unverfroren den Entwurf des Bauplanes für sich in Anspruch nahm und Pecksniff unverhohlen des Diebstahls geistigen Eigentums zieh. Auch für diese Angelegenheit interessierte sich John Westlock sehr lebhaft und bemerkte mit seiner gewohnten Unehrerbietigkeit, Mr. Pecksniff habe sein Leben lang Glück genug gehabt mit seinen Gaunereien und es müsse ein Mordsspaß sein, ihn wenigstens in diesem Punkte einmal zu entlarven. Kurz, es war ein Tag voller Rührigkeit.

Martin hatte noch kein Logis gefunden, entschuldigte sich daher, als ihn John Westlock zum Dinner einlud, und machte sich sofort auf die Suche. Nach großer Mühe gelang es ihm endlich, für sich und Mark zwei Dachstübchen in der Nähe des Strandes nicht weit vom Tempel Bar zu mieten. Ihr Gepäck, das sie auf dem Postbureau gelassen, schaffte er selbst nach dem neuen Heim, und zwar mit einer Freude, wie er sie in seiner frühern Selbstsucht nie hatte empfinden können. Er jubelte innerlich, wieviel Mühe er dadurch Mark erspare und wie sehr sich dieser beim Nachhausekommen darüber freuen werde. Dann ging er im »Tempel« auf und ab und verzehrte sein frugales Mahl, bestehend aus einigen Wurstschnitten.

49. Kapitel


49. Kapitel

Mrs. Harris sät Zwietracht zwischen ein paar Freundinnen

Mrs. Gamps Zimmer in Kingsgate Street, High Holborn, trug, um bildlich zu sprechen, sein Galakleid, denn es war sauber gescheuert und für den Empfang eines Besuches hergerichtet. Der erwartete Gast war Betsey Prig – Mrs. Prig von St. Barthlmä, wie man dort kurz das St.-Bartholomäus-Spital des Schwesterordens nannte, dessen vornehmste Zierde Mrs. Betsey Prig war.

Mrs. Gamps Wohnung war nicht sehr geräumig, aber für ein zufriedenes Herz ist auch der schlechteste Winkel ein Palast, und die Beletage bei Mr. Sweedlepipe erschien Mrs. Gamps Einbildungskraft wie eine stattliche Halle. Wenn auch nüchterne Verstandesmenschen diese Ansicht nicht geteilt hätten, so konnte man besagtem Vorderzimmer doch nachrühmen, daß es immerhin so viel Komfort bot, wie man von einem Zimmer solchen Umfanges erwarten konnte. Wenn man die Bettstelle nur immer im Auge behielt, war man im allgemeinen vor jedem Unfall sicher. Das war das große Geheimnis. Wenn man das Bett nicht aus dem Auge verlor, konnte man sich sogar bücken, um ungefährdet unter dem kleinen Tisch etwas zu Boden Gefallenes aufzuheben und sich durch die kleine Mühe, dabei einfach in den Kamin hineinzufallen, sogar unter Umständen billigen Einlaß in das Bartholomäusspital verschaffen. Dem Laien wurde es im allgemeinen nicht schwer, das Bett stets im Auge zu behalten, denn es war außerordentlich groß. Es war kein Klappbett, aber auch kein französisches Bett und ebensowenig eine vierpfostige Bettstatt, sondern eher so etwas wie ein Zelt, und der bauchige Strohsack hing gewöhnlich so tief herab, daß Mrs. Gamps Koffer darunter keinen Platz finden konnte, sondern zur Hälfte hervorstand – ein Umstand, der die Schienbeine eines Laien immerhin zu gefährden imstande war.

Überdies war das Gestell, das als Stütze des Betthimmels und der Vorhänge gedient hätte, wenn welche dagewesen wären, mit verschiedenen aus Holz gedrechselten Äpfeln verziert, die beim leisesten – oder vielleicht bei gar keinem – Anstoß herunterzupurzeln pflegten, um den friedlichen Besucher mit unaussprechlichem Schrecken zu erfüllen.

Das Bett selbst war mit einer scheckigen Decke aus grauer Vorzeit geschmückt, und am obern Ende, zunächst der Türe, hing eine schmale Gardine von blau und weiß gestreifter Leinwand, damit die Zephire, die von der Kingsgate Street her wehten, Mrs. Gamps Haupt nicht so rauh berühren konnten. Einige verschossene Röcke und andere Garderobeartikel baumelten an dem Bettpfosten herunter und hatten infolge langen Gebrauchs derart die Figur ihrer Trägerin angenommen, daß ein ahnungsloser Besucher, wenn er um die Zeit der Dämmerung in das Zimmer getreten wäre, wie versteinert hätte stehenbleiben müssen im Glauben, Mrs. Gamp habe sich erhängt. Ein Gentleman, der gewöhnlich sehr eilig zu kommen pflegte, hatte einst die Bemerkung gemacht, sie sähen wie Schutzengel aus – diese kernlosen Hüllen, die Mrs. Gamp in ihrem Schlafe bewachten. Diese Äußerung habe er sich übrigens nur bei seinem ersten Besuche erlaubt, sagte Mrs. Gamp, und sie niemals später wiederholt, trotzdem er sie häufig besuchen käme.

Die Stühle bei Mrs. Gamp waren außerordentlich groß und mit sehr breiten Lehnen versehn, dafür waren ihrer aber auch nur zwei; alle beide Veteranen aus altem Mahagoniholz und besonders wertvoll dadurch, daß ihre Sitze, ursprünglich mit Roßhaar unterpolstert, im Laufe der Zeit so schlüpfrig geworden waren, daß sie förmlich opalisierten und jedem Fremden, der unvorsichtigerweise darauf Platz nahm, zu einer kleinen Rutschpartie verhalfen. Was Mrs. Gamp an Stühlen zu wenig hatte, das besaß sie dafür an Hutschachteln zu viel. Diese waren sämtlich der Aufnahme verschiedener wertvoller Gegenstände geweiht, obwohl sie durchaus nicht so gut schlossen, wie die wackere Frau sich einzubilden schien, denn, wenn auch jede von ihnen einen Deckel besaß, so hatte doch keine einzige einen Boden, so daß sie wie Lichtauslöscher über den darunter zusammengeknüllten Sachen hockten. Die Aufsatzkommode, ursprünglich dazu bestimmt, auf einem andern größern Kasten zu ruhen, hatte jetzt dadurch, daß sie allein stand, ein koboldartiges, zwerghaftes Aussehen, besaß aber in puncto Sicherheit unendliche Vorzüge vor den Hutschachteln, denn da sämtliche Griffe an den Schubladen längst abgerissen waren, konnte man zu ihrem Inhalte nur unter den größten Schwierigkeiten, wenn überhaupt, gelangen. Jedesmal mußte das ganze Möbel entweder schief nach vorwärts geneigt werden, bis alle Schubladen von selbst herausfielen, oder man mußte sie einzeln mit Messern aufstechen wie die Austern.

Ihren Hausrat pflegte Mrs. Gamp in einem kleinen Wandschrank neben dem Kamin aufzubewahren. Zuunterst lagen natürlich die Kohlen, und je höher es hinaufging, desto wertvoller wurden die verstauten Schätze, bis sie schließlich auf dem obersten Brett mit den Spirituosen endeten, die aus Rücksicht auf das Zartgefühl in einem Teetopf aufbewahrt wurden. Über dem Kaminsims hing ein kleiner Kalender, der hie und da Anmerkungen von Mrs. Gamps höchsteigener Hand aufwies: zum Beispiel einen roten Strich bei dem Datum, an dem diese oder jene Dame voraussichtlich niederkommen mußte. Außerdem hingen noch drei Porträts herum – das eine koloriert, Mrs. Gamp selbst als jugendliche Frau darstellend, ein bronziertes, eine Dame im Federhut und Ballanzug, angeblich Mrs. Harris, und eine Silhouette, die den gottseligen Mr. Gamp bedeuten sollte – letztere in Lebensgröße, um durch drastischen Hinweis auf das Holzbein die Ähnlichkeit hervorzuheben.

Ein Blasebalg, ein Paar Überschuhe, eine Röstgabel, ein Kessel, eine Breipfanne, ein Löffel zum Medizineinnehmen oder vielmehr -eingeben für widerspenstige Kranke und endlich Mrs. Gamps berühmter Regenschirm, der mit besonderer Ostentation aufgestellt war, vollendeten die Dekoration des Kamines und der daran anstoßenden Ecke. Zu allen diesen Kostbarkeiten erhob jetzt Mrs. Gamp freudestrahlend ihr Auge, nachdem sie den Teetisch zugerichtet und alle Vorbereitungen zum Empfang Mrs. Betsey Prigs getroffen hatte. Den Glanzpunkt des Mahles sollte offenbar ein breit hingestelltes Stück eines zwei Pfund schweren, scharf eingesalzenen Newcastler Lachses bilden.

»Ja, jetzt, wo bleiben denn Sie so lang, liebe Betsey?« fragte Mrs. Gamp, ihre abwesende Freundin im Geiste anredend. »Dös fehlet mir grad noch, daß i warten müßt. I mag hingehn wo i will, immer sag i: o mei, i bin bald zfrieden gestellt, i brauch nur wenig, aber dös muß jetzt wieder vom Besten sein und auf die Minutn und auf ’n Glocknschlag kommen, sonst san mir gschiedne Leut.«

Allerdings waren die Zurüstungen vom Allerfeinsten. Sie umfaßten einen guten, neugebackenen Laib Brot, einen Teller mit frischer Butter, eine Schale mit feinem weißen Zucker und ähnliches. Selbst der Schnupftabak war von so hervorragender Qualität, daß Mrs. Gamp, als ihr Auge darauf fiel, sofort eine Prise nahm.

»Aha, es läutt schon«, sagte sie, eilte an die Treppe und schaute hinunter. »Ah, der liebe – na Servus, jetzt glaub i gar, der blöde Rasierer hat mi derbleckt.«

»Ja, ich bin’s«, rief Mr. Sweedlepipe mit schwacher Stimme hinauf, »ich bin’s. Ich bin gekommen.«

»Na ja, dös sieht mer«, brummte Mrs. Gamp ungeduldig und wälzte sich die Treppe hinab. »Was gibt’s denn schon wieder? Brennt leicht der Fluß und kocht sich die eigenen Fisch? Ja was hat denn jetzt der Mann? Der schaut ja so weiß aus wie die Wand.«

Das waren ihre ersten Worte, als sie unten angelangt war und ihren Hauswirt in seinem Rasierstuhl blaß und trostlos dasitzen sah.

»Sie erinnern sich«, stöhnte Mr. Sweedlepipe, »Sie wissen doch noch, der Junge –«

»Doch nicht der junge Wilkins?!« rief Mrs. Gamp. »Wenn jetzt dös dem jungen Wilkins sei Frau is –«

»Es ist niemandes Frau«, schluchzte der kleine Barbier, »Bailey ist’s, der junge Bailey.«

»Sie wollen doch net sagn, daß der was angestellt hat?« fragte Mrs. Gamp ärgerlich. »Dummes Zeug! I bitt Ihna, was soll denn der gmacht haben?«

»Er hat gar nichts getan«, jammerte der arme Poll ganz verzweifelt. »Warum lassen Sie mich denn nicht zu Worte kommen? Er wird sein Lebtag nichts mehr tun. Es ist um ihn geschehen. Er ist tot! – Als ich den jungen Menschen zum erstenmal sah«, fuhr Poll zerknirscht fort, »habe ich ihn mit einem Rotkehlchen angeschmiert; ich hab ihm vier Dreier abgenommen, und das war mindestens die Hälfte zu teuer. Und jetzt ist er tot. Und wenn man alle Dampfmaschinen und elektrischen Flüssigkeiten der Welt zusammen hier in den Laden brächte und sie gleichzeitig losließe, so könnte das alles doch nicht mehr gutmachen, daß ich ihn um einen Penny übers Ohr gehauen habe.«

Und Mr. Sweedlepipe wandte sich ab und wischte sich mit dem Rasierhandtuch die Augen trocken.

»Und so ein netter Junge ist er gewesen« schluchzte er weiter, »ein überraschend gescheiter junger Mensch. Wie hat der reden können, und was hat er alles gewußt! Hier in diesem Stuhl hab ich ihn rasieren müssen, bloß des Spaßes halber – na ja, Ernst konnte es ja doch nicht sein –, und wenn ich denke, daß er’s nicht erlebt hat, wirklich einmal rasiert zu werden! Lieber hätten mir alle Vögel krepieren sollen, einer nach dem andern«, jammerte der kleine Barbier, und sein Blick wanderte von einem Käfig zum andern, »lieber hätten alle krepieren sollen, ehe ich das hören mußte.«

»Ja, wo habn S‘ denn dös schon wieder erfahren?« fragte Mr. Gamp neugierig. »Wer hat Ihnen denn dös alles erzählt?«

»Ich bin in die City gegangen«, erklärte der kleine Raseur, »um auf der Börse einen Herrn zu treffen, der ein großer Jäger ist und einige flügellahme Tauben haben wollte, um sich an ihnen zu üben. Und wie ich mit dem Geschäfte fertig war, ging ich in ein Wirtshaus, um einen Schluck Bier zu mir zu nehmen, und da sprachen alle Leute davon. Sogar in den Zeitungen steht es schon.«

»Hat Sie aber die Gschicht mitgnommen, Mr. Sweedlepipe«, sagte Mrs. Gamp und schüttelte den Kopf. »Ich glaub, a halbes Dutzend frische, junge, lebendige Blutegel auf Ihren Kopf wäre das Beste, was Sie machen könnten. Also, von was haben denn die Leut gredt, und was steht in den Zeitungen?«

»Die ganze Geschichte«, rief der Barbier. »Was sollte denn sonst drin stehen. Er und sein Herr sind in den Graben geworfen worden, und dann hat man ihn sterbend nach Salisbury gebracht. Nicht ein Wort hat er mehr gesprochen. Nicht ein einziges Wort. Aber das ist noch nicht das Schlimmste von der ganzen Geschichte. Sein Herr ist auch nicht zu finden, und der andere Direktor von dem Bureau in der City – er heißt David Crimple – ist mit dem ganzen Geld durchgebrannt, überall sind Steckbriefe angeschlagen, die dem, der ihn erwischt, eine große Belohnung zusichern. Mr. Montague, der Herr von dem armen jungen Bailey – ach, was war das für ein fescher Bursche – wird ebenfalls steckbrieflich gesucht. Einige sagen, er habe sich gedrückt, um sich im Ausland seinem Freund wieder anzuschließen, aber andere meinen, er sei noch in England, und überall sucht man nach ihm. Das ganze Geschäft war ein aufgelegter Schwindel, heißt es. Aber was ist ein Lebensversicherungsgeschäft gegen ein wirkliches Leben wie das des jungen Bailey!«

»Ach was«, brummte Mrs. Gamp, »wenn einer in dem irdischen Jammertal geboren is, so muß er sich nach der Decken strecken. Ja und spricht man denn gar nichts von Mr. Chuzzlewit?«

»Nein. Wenigstens nichts Bemerkenswertes. Er gehörte nicht mit zur Gesellschaft, wenn man auch sagt, er habe vorgehabt, beizutreten. Einige glauben, er sei der Betrogene, wieder andere meinen, er habe mit ihnen unter einer Decke gesteckt. Aber wie dem auch sein mag, jedenfalls kann man ihm nichts beweisen. Heute morgen hat er sich aus freien Stücken zum Bürgermeister begeben und zu ein paar andern großen Stadtperücken und hat sich beklagt, man habe ihn übers Ohr gehauen; und zwar hauptsächlich die beiden Lumpen, die jetzt flüchtig geworden sind. Mr. Montague hieße gar nicht Montague, sondern weiß der Kuckuck wie. Und wie der leibhaftige Tod soll Mr. Jonas Chuzzlewit ausgesehen haben aus Entsetzen über seine großen Verluste. Aber, Gott verzeih mir die Sünd«, rief Poll und kam wieder auf den Gegenstand seines eigenen Kummers zurück, »was geht das mich an, wie er ausgesehen hat, meinswegen hätt er fünfzigmal draufgehen können, und es wär kein solches Unglück gewesen wie das, was jetzt den armen jungen Bailey betroffen hat.«

In diesem Augenblick ertönte die kleine Glocke, und die Baßstimme Mrs. Prigs mischte sich in das Gespräch.

»Aha, Sie redn a scho von der Gschicht«, bemerkte sie. »Na hoffentlich seids jetzt fertig damit. Mich interessiert alles dös gar net.«

»Na, aber liebe Betsey«, rief Mrs. Gamp, »wie spät Sie heut wieder kommen!«

Die würdige Dame erwiderte etwas spitzig, wenn die verrückten Leute immer gerade stürben, wenn man’s am wenigsten erwarte, so sei das nicht ihre Schuld. Es sei ärgerlich genug, wenn man sich zu einer Teegesellschaft verspäte, und man brauche nicht noch extra darauf aufmerksam gemacht zu werden.

Mrs. Gamp schloß aus dieser Erwiderung auf Mrs. Prigs Gemütszustand und führte sie sogleich hinauf, um sie durch den Anblick des marinierten Lachses zu besänftigen.

Offenbar hatte Mrs. Betsey Prig Lachs erwartet, denn nachdem sie sich an der Tafel umgesehen, waren ihre ersten Worte:

»Hab mir’s doch glei denkt, daß kane Gurken dabei sin.«

Mrs. Gamp verfärbte sich und ließ sich fassungslos auf den Bettrand nieder.

»Meiner Seel, Betsey, da haben S‘ jetzt wieder amal die Wahrheit gsprochen. Ganz und gar hab i sie vergessen.«

Mrs. Prig sah ihre Freundin fest an, versenkte ihre Hand in die Tasche und zog mit sauertöpfisch triumphierender Miene einen Gegenstand hervor, der entweder der älteste Lattich der Erde oder die jüngste Kohlstaude der Saison war – jedenfalls aber ein Grünzeug, und zwar von so gigantischer Größe, daß Mrs. Prig die Zweige wie Regenschirmspangen zusammendrücken mußte, ehe sie es aus der Tasche brachte. Dann zog sie noch eine Handvoll Senf und Kresse, ein Büschel Löwenzahnsalat, drei Bündel Radieschen und einige Zwiebeln, die jede einzeln etwas größer waren als eine Durchschnittsmohrrübe, und einen Kopf Sellerie hervor. Alles das war wenige Minuten vorher auf dem Markt öffentlich für zwei Pence feilgeboten und von Mrs. Prig unter der Bedingung käuflich erworben worden, daß die Hökerin alles in ihrer Tasche unterzubringen vermöge. Zum großen Staunen sämtlicher Droschenkutscher in High Holborn hatte denn auch die Gemüsehändlerin ihre Aufgabe glücklich gelöst. Mrs. Prig legte so wenig Gewicht auf alle diese unschätzbaren Dinge, daß sie nicht einmal lächelte, sondern die Tasche wieder in ihre frühere Lage brachte und ihrer Freundin empfahl, die Naturprodukte zerschnitten in möglichst viel Essig zu tauchen, damit man sie sogleich genießen könne.

»Aber lassn S‘ kan Schnupftabak net falln«, warnte sie. »In Hafer, Grütze, Gerstenschleim, Bouillon und so weiter macht’s ja weiter nix. Es is zwar a guats Reizmittel für die Patienten, aber i selber mag’s net.«

»Aber Betsey«, rief Mrs. Gamp, »wie können S‘ jetzt nur a so daher redn?«

»Na, tun sich leicht Ihnere Patienten net ’s Hirn ausn Kopf nießen von Ihneran Schnupftabak?« fragte Mrs. Prig.

»Na ja, und – und was wär da weiter dabei?« fragte Mrs. Gamp.

»Nix is weiter dabei«, sagte Mrs. Prig, »aber leugnen sollen S‘ net, Sarah.«

»Wer tut denn was leugnen, Betsey«, fragte Mrs. Gamp vorwurfsvoll.

Mrs. Prig schwieg.

»Wer leugnet was, Betsey?« fragte Mrs. Gamp abermals und bediente sich dann, um ihren Worten einen tieferen und feierlicheren Nachdruck zu geben, der Sprache der feinen Kreise: »Betsey, wer stellt es denn in Abrede?«

Es fehlte nur noch sehr wenig, und es wäre zu einer ernsthaften Differenz zwischen den beiden Damen gekommen, aber da Mrs. Prigs Sehnsucht nach den Speisen größer war als ihre Lust zu widersprechen, so antwortete sie des lieben Friedens wegen: »Niemand nicht, wann Sie’s net tun, Sarah«, und setzte sich zum Tee nieder; denn zum Zank war schließlich immer noch Zeit, um aber beim Lachs nicht zu kurz zu kommen, war es höchste Zeit.

Die Toilette der vortrefflichen Dame war außerordentlich einfach. Sie brauchte bloß Hut und Schal auf das Bett zu werfen, sich rechts und links einmal in die Haare zu fahren, als wolle sie ein paar Glockenstränge ziehen, und damit war sie fertig. Der Tee stand bereit, Mrs. Gamp brauchte zum Salatbereiten auch nicht allzu lange, und so konnten sich denn beide Damen sehr bald an ihrem Mahle erquicken.

Ihre Gemütsstimmung besserte sich infolge der Tafelfreuden in kurzer Zeit. Als sie mit dem Essen fertig waren und Mrs. Gamp den Tisch abgeräumt hatte und den Teetopf sowie ein paar Weingläser vom obersten Gesims bereits auf der Tafel standen, waren sie bereits ein Herz und eine Seele.

»Betsey«, begann Mrs. Gamp, schenkte sich ein und reichte ihrer Freundin den Teetopf hinüber, »auf Ihnere Gsundheit! Auf die Gsundheit meiner lieben Kollegin Betsey.«

»Was i nur, indem i den Namen in ›Sarah Gamp‹ umänder, mit Liebe und Zärtlichkeit erwider«, sagte Mrs. Prig.

Und von diesem Augenblicke an begannen sich allmählich Symptome inneren Feuers an den Nasen der beiden Damen und vielleicht auch, trotzdem der äußere Schein dagegen sprach, in ihren Herzen zu entwickeln.

»Alsdann, Sarah«, fing Mrs. Prig nach einer Weile an, »um aufs Geschäft zu kommen: um was für a Gschäft handelt sich’s denn, zu dem Sie mich brauchten?«

Da Mrs. Gamps Mienen Lust verrieten, der Frage auszuweichen, setzte Mrs. Betsey spöttisch hinzu:

»Vielleicht um die Mrs. Harris?«

»Na, liabe Betsey, ’s is net die Harris«, antwortete Mrs. Gamp.

»Dös is gscheit«, versetzte Mrs. Prig mit einem kurzen Lachen; »dös is gscheit, daß ’s wenigstens net die is.«

»Warum soll denn jetzt dös gscheit sein, Betsey?« fuhr Mrs. Gamp erregt auf. »Sie kennen sie ja gar net. Warum sagen S‘ nacher, daß dös gscheit is? Habn S‘ leicht etwas gegen der Harris ihren Charakter? I kann Ihna nur sagn, da dran is nix auszusetzen. S‘ is a liabe Frau«, setzte Mrs. Gamp kopfschüttelnd und mit Tränen in den Augen hinzu. »I kenn sie schon seit ihrem ersten Mal, wo ihr Mann, der Harris, der schrecklich ängstlich is, sich die Ohren zughalten hat und den Kopf in den leeren Kübel gesteckt hat und net hat rauswollen, bis man ihm des kleine Kind zeigt hat, und nacher hat er glei Krämpf kriegt, und der Doktor hat ihn beim Kragen nehman müssen und mit ‚m Buckel auf die Stoan legn, damit er wieder zu sich kemmt. Aber später, liabe Betsey, hat er das gfühlvolle Gschöpf mit die rauhen Worte verwundet: des neunte Kind und a schon des achte wär am gscheitesten wegblieben, und dös hat er rausbracht, grad während ihm die kleine Unschuld ins Gsicht glächelt hat. Schlag auf Schlag is ’s gangen, kann i Ihna sagn. Und nöt die geringsten unangenehmen Umständ sin dabei gwesen, kann i Ihna sagn. Und um so weniger kann i mir jetzt denken, warum Sie sagen: ›Dös is gscheit.‹ Die Harris wird niemals nicht nach Ihna schicken, da können S‘ Ihna drauf verlassen. ›Wann i’s amol nötig hab‹, das werden ihre Worte immer sein, ›schickt’s nur zerscht nach der Sarah.‹«

Mrs. Prig tat sehr gewandt, als sei sie die Beute jener gewissen Geistesabwesenheit, die aus übermäßiger Aufmerksamkeit entspringt, bediente sich aber rastlos des Teetopfes, ohne sich, wie es schien, dessen bewußt zu sein. Mrs. Gamp ließ sich jedoch nicht so leicht hinters Licht führen und schloß deshalb ihre Rede lang vor der Zeit.

»Na, also gut, wann sie’s net is«, sagte Mrs. Prig kühl, »wer is ’s denn nacher?«

»Sie haben gwiß«, erwiderte Mrs. Gamp mit einem vielsagenden Blick auf den Teetopf, »Sie haben gwiß von einer Person ghört, bei der i damals Wärterin war. Wissen S‘, drüben im ›Ochsen‹. Grad zu der Zeit, wor wir mitsamm beim Chuzzlewit abgwechselt haben.«

»Aha, der alte Schnupfy«, bemerkte Mrs. Prig.

Mrs. Gamp warf ihrer Kollegin einen flammenden Blick zu, denn sie erblickte in dieser Namensverdrehung von seiten der Prig einen boshaften Hieb auf ihre eigene Gewohnheit, zu schnupfen – eine Anzüglichkeit, die heute bereits zum zweitenmal peinlich auf sie wirkte. Dies wurde ihr noch klarer, als sie höflich, aber mit Festigkeit ihrer Kollegin durch ein klares Vorbuchstabieren des Wortes »Chuffey« ihren Irrtum klarmachte, denn diese nahm die Korrektur mit einem diabolischen Lächeln auf.

Mrs. Prigs Haupttugend bestand nun darin, daß sie ihre herben Charaktereigenschaften nicht lediglich an ihren Patienten erschöpfte, sondern auch einen großen Teil davon für ihre Freunde reservierte. Der stark marinierte Lachs und der scharf angemachte Salat mochten infolge der ihnen innewohnenden Essigsäure vielleicht diesen Fehler Mrs. Prigs für den Augenblick noch mehr in den Vordergrund gedrängt haben, und dieselbe Wirkung hatte wahrscheinlich auch der »Teetopf«, denn, wie schon die Freundinnen der trefflichen Dame des öftern die Bemerkung gemacht hatten, widersprach sie niemals lieber, als wenn sie sich innerlich durch Stimulantien angeregt fühlte – jedenfalls nahm ihr Gesicht jetzt einen höhnischen, geradezu herausfordernden Ausdruck an, und mit verschränkten Armen, und ein Auge geschlossen, setzte sie sich in fast kriegerischer Haltung zurecht.

Mrs. Gamp entging dies keineswegs, und für um so nötiger hielt sie es daher, ihre Kollegin in ihre Schranken zurückzuweisen und an ihre gesellschaftliche Stellung wie auch an ihre Verpflichtungen als geladener Gast zu erinnern. Sie nahm daher eine wenn möglich noch bedeutsamere Gönnermiene an und spann ihre Antwort noch ausführlicher aus, als sie es sonst getan hätte. »Mr. Chuffey«, erklärte sie, »ist ziemlich schwach im Kopf. Aber Sie müssen mich schon entschuldigen, wenn i sag, daß er vielleicht net gar so schwachsinnig is, wie die Leut glauben. I weiß, was i weiß, und was Sie net wissen, Betsey, das wissen Sie eben nicht, Betsey. So, fragen S‘ mich jetzt net weiter. Also, die Freunde von Mr. Chuffey haben mir den Vorschlag gmacht, i sollet mich seiner annehmen, und haben zu mir gsagt: ›Also, was is, Gamp, wollen Sie’s übernehmen oder net?‹ Jemand anders haben s‘ g’sagt, is ausgschlossen, aber Ihna können mir ihn schon anvertrauen, Sarah, denn Sie sin echt wie Gold. ›Also wollen Sie ihn übernehmen – natürlich ganz unter Ihre eigenen Bedingungen ganz allein, bei Tag und bei Nacht.‹ – Na, hab i gsagt, dös is ausgschlossen; schlagen S‘ Ihna dös aus ’n Kopf. Es gibt nur ein Gschöpf in der Welt, hab i gsagt, das i unter solchene Bedingungen übernehmen möcht, und dös Wesen heißt Harris. Aber, hab i gsagt, i bin mit einer Freundin bekannt, die Betsey Prig heißt, und die kann i Ihna rekommandieren, damit sie mit mir zsamm des Gschäft macht. Die Betsey, hab i gsagt, is, wann sie unter meiner Leitung steht, a ganz zuverlässige Person. Und i bin a ganz überzeugt, sie wird sich von mir was sagen lassen.«

Abermals stellte sich Mrs. Prig, ohne aber dabei ihre herausfordernde Miene zu ändern, als versinke sie in Geistesabwesenheit, und streckte ihre Hand begierig nach dem »Teetopf« aus. Das war mehr, als Mrs. Gamp ertragen konnte. Sie fiel ihr daher in den Arm und sagte tief gekränkt:

»Na, na, Betsey, wann Sie trinken wolln, trinken S‘ ehrlich. I derf net zu kurz kommen.«

Mrs. Prig warf sich in ihren Armstuhl zurück, schloß, ärgerlich, ihren Plan so unvermuteterweise vereitelt zu sehen, ihr eines Auge noch krampfhafter, verschränkte die Arme noch entschlossener und wiegte ihr Haupt langsam hin und her, dabei ihre Freundin mit verächtlichem Lächeln musternd.

Mrs. Gamp nahm ihre Rede wieder auf.

»Die Harris –«

»Bitt Sie, lassen S‘ mich scho aus mit der Harris«, rief Mrs. Betsey Prig gereizt.

Mrs. Gamp blickte erstaunt, ungläubig und unwillig auf, aber Mrs. Prig schloß ihr Auge womöglich noch fester, verschränkte die Arme noch krampfhafter und sprach die denkwürdigen Worte:

»Die Harris existiert überhaupt gar net. Mir reden S‘ so was net ein!«

Nachdem diese inhaltsschweren Worte dem Gehege ihrer Zähne entflohen waren, beugte sie sich vor und schnappte mit den Fingern einmal, zweimal, dreimal, und jedesmal näher an Mrs. Gamps Gesicht. Dann stand sie auf und nahm ihren Hut, als fühle sie tief innerlich, welch unüberbrückbar tiefe Kluft sich nunmehr zwischen ihnen gebildet habe.

Der geführte Schlag war so heftig und kam so plötzlich, daß Mrs. Gamp förmlich versteinert sitzen blieb, fassungslos in die leere Luft stierte und mit offenem Munde nach Luft schnappte, bis Mrs. Betsey Prig ihren Hut aufgesetzt und ihren Schal umgeworfen, das heißt sich ihn um den Hals gewickelt hatte. Dann erhob sie sich jedoch, physisch und moralisch, um loszubrechen.

»Was ham Sie da gesagt?!« schrillte sie, »Sie boshafte Kreatur, Sie! Hab i leicht die Harris fünfadreißg Jahr kennt, um mir auf d‘ letzt noch sagen zu lassen, es gebet gar keine solche Person nicht? Hab i ihr leicht net in alle Kindsnöten beistehen müssen, damits jetzt zu an solchen End kommt, während doch ihr eigenes Porträt die ganze Zeit über Ihna hängt als a lebendiger Gegenbeweis für dös dumme Zeug, was Sie daherreden? Aber meinswegen können S‘ ja glauben, was S‘ mögen. Die Harris möcht sich niemals nicht so weit erniedrigen, Ihna a nur mit an Aug anzuschaugn. Und wie oft hat s‘ net zu mir gesagt, wenn i Ihnern Namen gnennt hab, was i leider viel zu oft tan hab: Was, Sarah Gamp, hat s‘ gsagt, bis zu dera Person würdigen Sie Ihna herab? – So, und jetzt schaugn S‘, daß naus kommen!«

»No ja, i geh ja scho«, brummte Mrs. Prig, machte aber gerade im Gegenteil halt.

»Des möcht i Ihna a graten habn«, keuchte Mrs. Gamp.

»Mir scheint, Sie wissen net, mit wem Sie sprechen!« rief Mrs. Prig.

»Mit der Betsey, mit wem denn sonst?« knurrte Mrs. Gamp und musterte ihre Kollegin verächtlich von Kopf bis zu Fuß. »Schaugn S‘ daß weiter kommen, sag i!«

»Und Sie unterstengan sich, mi a no zu proteschüren!« rief Mrs. Prig und musterte ihrerseits Mrs. Gamp von Kopf bis zu Füßen. »Sie, wer san denn Sie eigentlich? – Dös’s a Unverschämtheit«, fügte sie mit einem raschen Übergang vom Hohn zur Wildheit hinzu. »Was denken denn Sie eigentlich?«

»Marsch!« schrie Mrs. Gamp, »gengan S‘ mir aus die Augen, daß i mi not für Ihna schäm.«

»Da schämen S‘ lieber Ihna selber«, sagte Mrs. Prig. »Gö mit Ihnern tepperten Schnupfy!«

»Wahrscheinlich möcht er ganz teppert werden, wann er mit Ihna was zschaffn hätt«, revanchierte sich Mrs. Gamp.

»Aha, dazu hat ma mi leicht habn wollen!« rief Mrs. Prig triumphierend, »da haben S‘ Ihna aber gschnitten, bei so was rühr i net die Hand. Sie werdn scho so ohne mi fertig wern. Na, mit dem will i nix zschaffen habn.«

»Oder umgekehrt!« brummte Mrs. Gamp, »aber jetzt schaugn S‘, daß S‘ naus kemman.«

Ihr so sehnlich ausgedrückter Wunsch, Zeuge von Mrs. Prigs Entfernung aus dem Zimmer zu sein, ging nicht in der Art in Erfüllung, wie sie es sich gewünscht hatte, denn die vortreffliche Dame stieß, blind, wie sie vor Wut war, in ihrer Hast gegen die Bettstelle an, und drei oder vier der ornamentalen hölzernen Äpfel rollten herab und trafen Mrs. Gamps Scheitel so empfindlich, daß Mrs. Prig bereits längst fort war, ehe sich Sarah von den Folgen dieser hölzernen Traufe erholt hatte.

Nur eine Freude blieb Mrs. Gamp, nämlich, daß sie Betseys Baßstimme draußen hörte, wie sie sich laut über die erlittene Beleidigung beklagte und ihren Entschluß kundtat, nichts mit Mr. Chuffey zu tun haben zu wollen – und zwar nicht nur unten im Hause, sondern sogar noch vor der Türe auf der Straße.

An der Stelle, wo noch vor einigen Minuten Mrs. Prig gestanden, erkannte Mrs. Gamp jetzt langsam und dämmerhaft Mr. Sweedlepipe und zwei Herren.

»Gott im Himmel!« rief der kleine Barbier, »was ist denn da vorgegangen? Was ihr beiden Frauenzimmer da wieder für einen Radau gemacht habt! Die beiden Herren haben fast die ganze Zeit über draußen auf der Treppe gestanden und wollten sich bemerkbar machen, aber ihr konntet sie natürlich nicht hören, wie ihr einander so in die Haare fuhrt! Der kleine Blutfink im Laden drunten ist bei dem Lärm so erschrocken, daß er vielleicht den Tod davon haben kann. In seinem Schrecken hat er sich dermaßen angestrengt, daß er sich mehr Wasser mit seinem Mechanismus im Vogelbauer herausgepumpt hat, als er in zwölf Monaten austrinken kann! Er muß wahrscheinlich geglaubt haben, das Haus brennt.«

Mrs. Gamp war mittlerweile in ihren Lehnstuhl gesunken und entledigte sich mit überströmenden, zum Himmel gerichteten Augen und gefalteten Händen folgender Lamentation:

»Ach, Mr. Sweedlepipe und Sie, Mr. Westlock, wenn mich meine Augen nicht trügen – und noch ein Herr, wo ich nicht zu kennen das Vergnügen hab – wirklich, was i heut abend wieder mit der Betsey Prig ausgstanden hab, dös kann sich kein Mensch nicht vorstellen. Glei am Anfang, wie s‘ reinkommen is zu mir, hab i mir denkt: jessas, riecht die aber nach Schnaps! Aber i hab gmeint, mich täuschen meine Sinne, weil i selbst niemals nicht Branntwein zu riechen bekomm (in Wirklichkeit war Mrs. Gamp selbst bereits ziemlich benebelt und der ›Teetopf‹ war fast bis auf die Neige geleert), übrigens, wann sie bloß betrunken gwesen wär, hätt i mir noch net soviel draus gmacht aus ihre Schimpfereien, aber wenn eins über die Harris schimpft, so vertrag i dös net. – Na«, setzte sie mit einem Wutausbruch hinzu – »na, i net.«

Der kleine Barbier kratzte sich am Kopf, zog die Augenbrauen in die Höhe, warf einen Blick auf den »Teetopf« und war sichtlich bestrebt, sich aus dem Zimmer zu drücken. John Westlock jedoch holte sich kaltblütig einen Stuhl und ließ sich neben Mrs. Gamp nieder, während Martin zu Füßen des Bettes Platz nahm und sehr gespannt schien.

»Ich kann mir ganz gut denken, daß Sie sich über unser Erscheinen hier wundern«, begann John, »aber ich werde Ihnen sofort näheres Diesbezügliches mitteilen, sobald Sie sich ein wenig gefaßt haben. Auf einige Minuten mehr oder weniger kommt es nicht an. – Wie befinden Sie sich jetzt – besser?«

Mrs. Gamp vergoß nur noch mehr Tränen, schüttelte das Haupt und stöhnte gramerfüllt den Namen »Harris«.

»Wollen Sie nicht ein wenig« – John war in Verlegenheit, wie er es nennen sollte – »– –«

»Tee!« ergänzte Martin.

»Es is kein Tee nicht«, schluckte Mrs. Gamp.

»Also offenbar eine Arznei – eine Herzstärkung«, versetzte John. »Nehmen Sie doch ein wenig!«

Mrs. Gamp ließ sich zu einem Glase voll überreden.

»Aber unter der Bedingung«, fügte sie leidenschaftlich hinzu, »daß die Betsey keine Stunde Arbeit mehr von Ihnen bekommt.«

»O gewiß nicht!« versprach John. »Ich möchte ganz energisch dagegen protestieren, daß sie Krankenwärterin bei mir wäre.«

»Schon der Gedanke«, rief Mrs. Gamp, »daß sie mir jemals hat helfen müssen, Ihren Freund zu pflegen, und daß nur wenig gfehlt hätt, und sie hätt alles ghört – hm.«

John warf Martin einen Blick zu.

»Ja ja«, warf er hin, »das wäre beinahe geschehen, Mrs. Gamp.«

»Jawohl, bälder, als ma denkt hätt«, sagte Mrs. Gamp. »Zum Glück war i damals in der Nacht bei ihm, und am Tag hat er nöt phantasiert. Wenn i mir denk, was sie alles gsagt und getan haben würde, wenn sie gwußt hätt, was i weiß – dös perpfide Frauenzimmer, und von der – Himmel Herrgott Sakrament«, rief Mrs. Gamp und trampelte in der Erinnerung an Mrs. Prig mit den Füßen auf den Boden, »von der hab i mir über die Harris Niederträchtigkeiten anhörn müssen.«

»Machen Sie sich nichts daraus«, tröstete sie John, »es genügt doch, daß Sie wissen, daß es nicht wahr ist.«

»Ja, da habn Sie recht«, rief Mrs. Gamp, »aber nicht mehr über die Schwelln darf mir des Mistviech – diese kriecherische Schlange!«

»Wo Sie doch immer so gut gegen sie gewesen sind!« schürte John.

»Dös is doch eben die Gemeinheit«, schrie Mrs. Gamp. »Dös is ja grad, was mir so zu Herzen geht, Mr. Westlock«, und mechanisch hielt sie ihr Glas hin, das Martin sofort anfüllte.

»Sehen Sie, und nicht nur zu Mr. Lewsome haben Sie sie mitgenommen«, sagte John, »sondern auch zu Mr. Chuffey.«

»Einmal und nie mehr wieder«, rief Mrs. Gamp, »wir sin gschiedne Leut!«

»Ganz recht, ganz recht«, sagte John, »ich an Ihrer Stelle würde auch nicht anders handeln.«

»I weiß überhaupt gar net, wie i dazu kommen bin«, versicherte Mrs. Gamp mit jener Feierlichkeit, die Betrunkenen manchmal eigen ist, »jetzt wo sie keine Larven net mehr vorm Gsicht hat, weiß i gar net, wie i je dazu kommen bin. Segn S‘, unsereins muß verschwiegen sein, dös is das erste, damit man sich allerseits das Vertrauen verdient, das einem gschenkt wird. I möcht gern wissen, wer sich der Betsey Prig anvertrauen wird, wenn mer erfährt, was sie hier in dem Sessel da über die Harris gsagt hat.«

»Sehr richtig«, entgegnete John, »vollkommen richtig, aber Sie werden schon beizeiten noch eine andre Assistentin finden, Mrs. Gamp.«

Teils aus Entrüstung, teils infolge der Wirkung des »Tees« verlor Mrs. Gamp nachgerade die Fähigkeit, zu verstehen, was man zu ihr gesagt hatte. Sie blickte John mit Tränen in den Augen an und murmelte immer wieder den wohlbekannten Namen vor sich hin, dem Mrs. Prig solche Schmach angetan. Sie schien ihn für einen Talisman gegen alle irdischen Leiden zu halten, aber einem Laien mußte es scheinen, sie deliriere.

»Ich hoffe«, wiederholte John, »daß Sie noch beizeiten eine andre Assistentin finden werden.«

»Die Zeit – is – leider – kurz«, gluckste Mrs. Gamp und schlug die schwimmenden Augen zur Decke auf, dabei Mr. Westlock mit mütterlicher Zärtlichkeit am Handgelenk ergreifend, »für morgen abend schon hat mich Mr. Chuzzlewit auf neun oder zehn Uhr bestellt.«

»Auf neun oder zehn Uhr«, wiederholte John und warf Martin einen bedeutsamen Blick zu, »und dann wird Mr. Chuffey wohl in sichern Gewahrsam gebracht, nicht wahr?«

»Ja, dös braucht’s dringend«, antwortete Mrs. Gamp mit geheimnisvoller Miene, »auch noch andre Leut als wie ich dürfen froh sein, wann s‘ nix mit der Betsey Prig zu schaffen ham. I hab dös Weibsbild früher zu wenig gekannt; die hätt den Mund net halten können.«

»Den Mund nicht halten können, meinen Sie?« sagte John.

»Na und ob«, brummte Mrs. Gamp, »no Servus.«

Die tiefe Ironie, die sie in diese Antwort legte, bekräftigte sie noch durch ein heftiges Kopfnicken und ein höhnisches Herabziehen der Mundwinkel. Dann entschlummerte sie für ein paar Sekunden, fuhr aber wieder empor und rief mit außerordentlicher Höflichkeit:

»Aber i halt die Herrn auf, und die Zeit is kostbar.«

Offenbar schien sie zu glauben, man habe sie aufgefordert, sogleich irgendwohin zu kommen, und zu dieser Wahnvorstellung gesellte sich noch eine instinktive Erkenntnis, nicht mehr von den Angelegenheiten sprechen zu dürfen, über die sie sich unvorsichtigerweise soeben geäußert. Sie erhob sich daher, stellte die »Teekanne« wieder auf ihren Platz, schloß das Wandschränkchen mit großer Feierlichkeit ab und fing an, sich anzukleiden, als gedenke sie zu einem Patienten zu gehen.

Ihre Vorbereitungen waren bald getroffen, denn sie bestanden aus nicht viel mehr als aus dem Ausstaffieren ihrer Persönlichkeit mit dem schnupftabakfarbigen Hute, dem dito Schal, ihrem unentbehrlichen Regenschirm und einem Paar Überschuhe. Nachdem sie sich mit diesen Ausrüstungen versehen, kehrte sie zu ihrem Stuhl zurück, nahm Platz und erklärte, sie sei bereit.

»’s is wahrhaftig a Glück, wann mer weiß, daß mer dem armen Gschöpf a Wohltat erweisen kann«, bemerkte sie, plötzlich wieder ganz berufsmäßige Wärterin, »net alle sin des imstande. Zum Beispiel, das Mistviech, die Betsey, geht schauderhaft mit die Leut um.«

Vor lauter Mitleid mit Betseys Patienten schloß sie ergriffen die Augen und tat sie nicht wieder auf, bis ihr plötzlich ein Überschuh vom Fuß fiel. Wie der sagenhafte Schlummer des Mönches Bacon wurde ihr Schlaf ebenfalls von Zeit zu Zeit unterbrochen, denn zuerst fiel ihr der andre Überschuh und dann auch der Regenschirm zu Boden. Erst als sie diese beiden Hemmnisse los war, störte nichts mehr ihre Ruhe. Die beiden jungen Männer sahen einander an, und Martin, der seine Lachlust kaum mehr zurückdrängen konnte, flüsterte John Westlock ins Ohr: »Was fangen wir also jetzt an?«

»Wir bleiben hier«, lautete die Antwort.

»Hm – – ja, die Harris«, murmelte Mrs. Gamp aus dem Schlafe.

»Verlassen Sie sich darauf«, flüsterte John mit einem vorsichtigen Blick auf die Schlummernde, »verlassen Sie sich darauf, es gelingt uns, den alten Buchhalter auszuhorchen. Jedenfalls wissen wir jetzt genug, um die Person hier für unsere Zwecke benutzen zu können. – Dank sei diesem Streite, der das alte Sprichwort bestätigt, daß, wenn sich die Diebe zanken, die ehrlichen Leute wieder zu ihrem Geld kommen. Jonas Chuzzlewit mag sich in acht nehmen. Lassen wir sie schlafen, solang sie will, wir werden unser Ziel schon beizeiten erreichen.«