Fünfzehntes Kapitel.


Fünfzehntes Kapitel.

Obgleich Mr. Gradgrind sich nicht wie Blaubart benahm, so war sein Zimmer doch ein vollständig blaues Gemach. Das kam von der großen Menge blauer Bücher, die dort aufgereiht waren. Was sie nur immer beweisen konnten – und sie beweisen ja alles, was man bewiesen haben will –, das bewiesen sie allda in einer Armee, die durch die Ankunft von neuen Rekruten fortwährend Verstärkung erhielt. In diesem Hexenmeisterraum wurden die kompliziertesten sozialen Fragen aufgeworfen, in exakte Summen ausgerechnet und endlich ins reine gebracht – wofern die, die es anging, nur zu deren Verständnis gebracht werden konnten. Wie ein Astronom, der in einer Sternwarte ohne Fenster, das Sternensystem einzig und allein durch Papier, Feder und Tinte regeln würde, so brauchte Mr. Gradgrind in seinem Observatorium (und es gibt gar viele, die diesem gleichen) auf die fruchtbaren Myriaden von menschlichen Wesen nicht erst einen Blick der Beobachtung zu werfen, sondern war imstande, ihre sämtlichen Schicksale auf einer Schiefertafel anzugeben und all ihre Tränen mit einem schmutzigen Stückchen Schwamm abzuwischen.

In diesem Observatorium nun – ein starres Zimmer mit einer grauenhaft-statistischen Uhr, die jede Sekunde mit einem Schlage verkündete, der wie das Pochen auf einem Sargdeckel klang – erschien Luise an dem bestimmten Morgen. Das Fenster sah nach Coketown. Als sie sich zu ihrem Vater an den Tisch setzte, fiel ihr Blick auf die hohen Rauchfänge und die langen Rauchschlangen, die in der trüben Entfernung düster zum Vorschein kamen.

»Meine liebe Luise«, sagte ihr Vater. »Ich bereitete dich gestern abend darauf vor, mir in dem Gespräche, das wir jetzt miteinander haben werden, ernste Aufmerksamkeit zu schenken. Du bist so wohl erzogen worden und du machst, was ich mit Vergnügen gestehe, der Erziehung, die dir zuteil geworden, so viel Ehre, daß ich in deinen Verstand viel Vertrauen setze. Du bist nicht reizbarer oder romantischer Natur. Du bist gewöhnt, alles von dem kräftigen und leidenschaftslosen Standpunkt der Vernunft und der Berechnung zu betrachten. Ich weiß, du wirst auch nur von diesem Standpunkt den Gegenstand betrachten, den ich dir mitteilen will.«

Er wartete, als hätte es ihn gefreut, wenn sie etwas sagte. Aber sie ließ sich kein Wort verlauten.

»Luise, meine Teure, du bist der Gegenstand eines Heiratsantrages, der mir gemacht worden.«

Er wartete abermals, und abermals antwortete sie mit keiner Silbe. Das überraschte ihn so sehr, daß er sich bewogen fühlte, mit sanfter Stimme zu wiederholen:

»Ein Heiratsantrag, mein teures Kind.«

Darauf antwortete sie ohne die geringste sichtbare Erregung:

»Ich höre, mein Vater. Seien Sie versichert, ich bin aufmerksam«.

»Nun gut«, sagte Mr. Gradgrind, nachdem er einen Augenblick ganz verdutzt dagestanden, »du bist selbst leidenschaftsloser als ich erwartete. Oder bist du vielleicht auf die Mitteilung, die ich dir machen will, nicht unvorbereitet?«

»Ich kann nichts darüber sagen, bis ich sie gehört habe. Vorbereitet oder unvorbereitet, ich will sie nun einmal ganz von Ihnen vernehmen. Ich wünsche, daß Sie mir Ihre Botschaft auseinandersetzen, mein Vater.«

Es klingt sonderbar, aber Mr. Gradgrind war in diesem Augenblick nicht in solcher Fassung wie seine Tochter. Er nahm ein Papiermesser in die Hand, drehte es herum, legte es nieder, hob es wieder auf und selbst dann mußte er, in der Betrachtung wie er fortfahren sollte, die Klinge beschauen.

»Was du da sagst, meine liebe Luise, ist ganz vernünftig. Ich habe es nun übernommen, dich davon in Kenntnis zu setzen, daß Mr. Bounderby mich davon benachrichtigte, daß er deine Fortschritte seit langem mit Vergnügen und besonderer Teilnahme beobachtet hat. Daher hat er schon längst die Hoffnung gehegt, daß die Zeit endlich heranrücken dürfte, wo er dir seine Hand anbieten könnte. Diese Zeit, der er so lange und wahrlich mit so viel Beharrlichkeit entgegengesehen, ist nun gekommen. Mr. Bounderby hat mir den Heiratsantrag mitgeteilt und hat mich dringend gebeten, ihn zu deinen Ohren zu bringen und seine Hoffnung auszudrücken, daß du ihn in freundliche Erwägung ziehen werdest.«

Stillschweigen lagerte sich zwischen sie. Die grauenhaft-statistische Wanduhr klang sehr hohl. Der ferne Rauch ward sehr schwarz und dicht.

»Mein Vater«, sagte Luise, »glauben Sie, daß ich Mr. Bounderby liebe?«

Mr. Gradgrind war durch diese unerwartete Frage ganz verblüfft.

»Aber, mein Kind«, entgegnete er. »Ich – kann – es wahrlich nicht auf mich nehmen, das zu behaupten.«

»Mein Vater«, fuhr Luise ganz in der früheren Stimme fort, »fordern Sie von mir, daß ich Mr. Bounderby liebe?«

»Nein, meine liebe Luise, nein. Ich fordere nichts.«

»Mein Vater«, beharrte Luise, »stellt Mr. Bounderby die Forderung an mich, daß ich ihn liebe?«

»Wirklich, meine Teure«, sagte Mr. Gradgrind, »deine Frage ist schwer zu beantworten.«

»Schwer zu beantworten. Ja oder nein, mein Vater?«

»Gewiß, mein Kind. Weil«, hier gab es etwas zu demonstrieren, was ihn wieder ins rechte Gleise brachte, »weil die Antwort, Luise, so wesentlich von dem Sinne abhängt, in dem wir einen Ausdruck gebrauchen. Nun ist Mr. Bounderby nicht so ungerecht gegen dich und auch nicht gegen sich selbst, daß er auf etwas Schwärmerisches, Phantastisches oder (ich bediene mich synonymer Ausdrücke) etwas Sentimentales Anspruch machte. Mr. Bounderby müßte dich wohl vergeblich unter seinen Augen haben aufwachsen sehen, wenn er geradezu vergessen könnte, was er deinem gesunden Menschenverstand, geschweige gar dem seinen, schuldig ist, und an dich in ähnlicher Absicht sich wenden wollte. Deshalb dürfte selbst der Ausdruck – ich mache dich bloß aufmerksam darauf, mein Kind – ein wenig übel angewandt sein.«

»Was würden Sie mir raten, Vater, an Stelle dieses Ausdrucks zu gebrauchen?«

»Nun, meine liebe Luise«, antwortete Mr. Gradgrind, diesmal mit voller Fassung. »Ich würde, da du mich einmal darum befragst, dir raten, diese Frage so zu betrachten, wie du gewohnt bist, es bei jeder andern Frage zu tun, sie nämlich als ein greifbares Faktum zu betrachten. Die Unwissenden und Leichtsinnigen mögen bei solchen Gegenständen von unnützen Gefühlsduseleien geplagt werden, und auch von ähnlichen Dingen, die gar keine Existenz – vom richtigen Standpunkte aus betrachtet, wirklich gar keine Existenz haben. Daß du die Sache aber besser verstehst, ist nicht einmal ein Kompliment für dich. Nun, was sind denn die Tatsachen in diesem Falle?

Du bist, wir wollen in runden Zahlen sprechen, zwanzig Jahre alt, Mr. Bounderby ist, wir wollen in runden Zahlen sprechen, fünfzig Jahre alt. Es waltet in bezug auf euer Alter einige Ungleichheit vor – aber in euren sonstigen Lebensverhältnissen jedoch ist gar keine vorhanden. Im Gegenteil, in alledem herrscht eine große Gleichförmigkeit. Dann entsteht die Frage: ist eine solche einzige Ungleichheit genügend, um sich als Schranke gegen diese Heirat zu erheben? Bei der Erwägung dieser Frage ist es nicht unwichtig, die Statistik der Heiraten in Berechnung zu ziehen, insofern sie uns in England und Wales bekannt geworden sind. Ich finde, wenn ich die Zahlen zu Rate ziehe, daß eine große Anzahl dieser Heiraten zwischen Parteien von ungleichem Alter geschlossen werden, und daß der ältere Teil bei diesen Parteien, in mehr als drei Viertel ähnlicher Fälle, der Bräutigam ist. Es verdient als merkwürdiger Beweis der Überlegenheit dieses Gesetzes besonders hervorgehoben zu werden, daß unter den Eingebornen in den Britischen Besitzungen beider Indien, wie auch in einem beträchtlichen Teil von China und unter den Kalmücken der Tartarei, nach den besten Berechnungen, die von Reisenden angestellt worden, die gleichen Resultate sich ergeben. Die Ungleichheit, deren ich Erwähnung getan, hört daher beinahe auf, Ungleichheit zu sein und (in der Wirklichkeit) verschwindet sie auch.«

»Was raten Sie mir«, fragte Luise, deren gefaßtes, zurückhaltendes Wesen nicht im geringsten durch diese erhebenden Resultate ergriffen wurde, »an Stelle des von mir verwandten Ausdrucks zu gebrauchen, an Stelle des übel angewandten Ausdrucks?«

»Luise«, entgegnete ihr Vater, »es scheint mir, daß nichts einfacher sein kann. Wenn du dich streng auf die Tatsache beschränkst, so lautet die Frage der Tatsache, die du dir zu stellen hast: ›Macht Mr. Bounderby mir einen Heiratsantrag?‹ Ja, er tut es. Die einzige Frage, die dann noch übrig bleibt ist: ›Soll ich ihn heiraten?‹ Ich glaube, nichts kann einfacher sein als das.«

»Soll ich ihn heiraten?« wiederholte Luise mit tiefem Nachsinnen.

»Ganz richtig. Es erfüllt mich, als deinen Vater, meine gute Luise, mit Befriedigung, wahrzunehmen, daß du bei der Erwägung dieser Frage nicht auf vorhergefaßte Meinungen oder Gewohnheiten zurückkommst, wie sie bei vielen jungen Frauenzimmern gefunden werden.«

»Nein, mein Vater«, entgegnete sie, »das tue ich nicht.«

»Ich überlasse nun die Sache deinem eigenen Urteil«, sagte Mr. Gradgrind, »den Fall habe ich einmal begrifflich umrissen, wie dergleichen Fälle unter praktischen Leuten gewöhnlich begrifflich umrissen werden. Ich habe ihn statuiert, wie der ähnliche Fall zwischen mir und deiner Mutter zu seiner Zeit statuiert worden. Das übrige fällt deiner Entscheidung anheim, meine gute Luise.«

Sie hatte von Anfang, den Blick starr auf ihn geheftet, dagesessen. Als er sich nun jetzt auf seinem Sitz zurücklehnte und die Augen seinerseits auf sie richtete, hätte er vielleicht einen schwankenden Moment bei ihr wahrnehmen können. Denn es trieb sie gewaltsam, sich an seine Brust zu werfen und die verschlossenen Geheimnisse ihres Herzens vor ihm auszuschütten. Um indessen dafür ein Auge zu haben, hätte er mit einem Satze die künstlichen Schranken überspringen müssen, die er seit Jahren zwischen sich und den subtilen Wesenheiten des Menschentums aufgerichtet hatte. Die Unwägbarkeiten aber werden stets der äußersten Gewandtheit der Algebra entwischen, selbst so lange, bis der Schall der letzten Trompete auch die Algebra in den Wind verwehen wird. Die Schranken waren für einen solchen Sprung zu viele und zu hohe. Er hatte kein Auge dafür. Er scheuchte sie mit seinem hartnäckigen, utilitarischen Tatsachengesicht wieder zurück. – Der Augenblick schoß in die grundlose Tiefe der Vergangenheit hinunter, um sich mit all den verlorenen guten Gelegenheiten zu mischen, die dort schon ertrunken waren.

Sie wandte ihre Augen von ihm ab und blickte so lange schweigend nach der Stadt hin, daß er endlich ausrief: »Willst du dir denn bei den Schornsteinen der Gebäude von Coketown Rat holen, Luise?«

»Ich sehe dort nicht«, als öden, einförmigen Rauch, dennoch kommt, wenn die Nacht herniedersinkt, Feuer zum Vorschein«, antwortete sie, sich rasch umdrehend.

»Freilich, das ist mir wohl bekannt, Luise. Ich sehe aber die Nutzanwendung deiner Bemerkung nicht ein.«

Um ihm Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, er sah es wirklich nicht ein.

Sie ging darüber mit einer leichten Handbewegung hinweg und sagte, indem sie ihre Aufmerksamkeit wieder auf ihn konzentrierte: »Mein Vater, ich habe oft daran gedacht, daß das Leben so kurz ist.«

Das gehörte so sehr in seinen Bereich, daß er einfiel:

»Ohne Zweifel ist es kurz, mein Kind, dennoch ist es bewiesen, daß die durchschnittliche Dauer des menschlichen Lebens in den letzten Jahren zugenommen hat. Die Berechnungen verschiedener Lebensversicherungsanstalten und Leibrenteninstitute haben mit anderen untrüglichen Berechnungen diese Tatsache bestätigt.«

»Ich spreche von meinem eigenen Leben, mein Vater.«

»O, wirklich?« rief Mr. Gradgrind. »Aber ich brauche doch nicht erst hervorzuheben, daß es denselben Gesetzen unterworfen ist, die das Menschenleben in Summa regieren.«

»Solange es währt, möchte ich das wenige vollbringen, wozu ich imstande und wofür ich geeignet bin. Was ist daran gelegen!«

Mr. Gradgrind war über die Bedeutung der letzten vier Worte in ziemlicher Verlegenheit und rief: »Wie, gelegen? Was, gelegen, mein Kind?«

»Mr. Bounderby«, fuhr sie in gesetzter, gerader Weise fort, »macht mir einen Heiratsantrag. Die Frage, die ich mir dabei zu stellen habe, ist die: ›Soll ich ihn heiraten?‹ Es ist doch so, Vater, nicht wahr? Sie sagten mir so, mein Vater? Nicht wahr?«

»Gewiß, mein Kind.«

»Also. Da Mr. Bounderby mich in dieser Weise nehmen mag, so bin ich bereit, auf sein Anerbieten einzugehen. Sagen Sie ihm, Vater, sobald es Ihnen gefällig ist, daß dies meine Anwort war. Wiederholen Sie dieselbe Wort für Wort, wenn Sie können. Ich wünsche nämlich, daß er genau weiß, was ich gesagt habe.«

»Es ist ganz recht, mein Kind«, antwortete ihr Vater beifällig, »pünktlich zu sein. Ich werde dein gerechtes Begehren erfüllen. Hast du noch einen Wunsch hinsichtlich der Zeit deiner Vermählung, mein Kind?«

»Keinen, mein Vater. Was ist daran gelegen!«

Mr. Gradgrind hatte seinen Stuhl näher zu ihr gerückt und ihre Hand gefaßt. Die Wiederholung dieser Worte schien ihm denn doch wie ein Mißklang an seine Ohren zu dringen. Er machte eine Pause, um sie zu betrachten und sagte, sie weiter bei den Händen haltend:

»Luise, ich hielt es nicht für wesentlich notwendig, an dich eine gewisse Frage zu richten, weil die Möglichkeit, die mit damit verbunden ist, zu weit hergeholt ist. Aber vielleicht sollte ich es dennoch tun. Du hast doch niemals insgeheim einen andern Antrag empfangen?«

»Mein Vater«, erwiderte sie beinahe zornig, »welch ein Antrag konnte mir denn gemacht werden? Wen habe ich gesehen? Wo bin ich gewesen? Was sind die Erfahrungen meines Herzens?«

»Meine gute Luise«, entgegnete ihr Vater ermutigt und zufriedengestellt, »du weisest mich ganz richtig zurecht. Ich wollte mich bloß meiner Pflicht entledigen.«

»Was weiß ich denn, Vater, von Geschmack und Neigung, von Sehnsucht und Herzensneigung? von all dem Teil meines Wesens, in dem dergleichen geringfügige Dinge genährt werden konnten? Welche Abschweifung hatte ich von zu demonstrierenden Problemen und greifbaren Realitäten?«

Indem sie dies sagte, schloß sie unbewußt die Hand, wie um einen festen Körper und öffnete sie dann langsam, als ob sie Staub und Asche losließe.

»Mein Kind«, stimmte ihr ausgezeichnet praktischer Vater bei, »vollkommen wahr, vollkommen wahr.«

»Nun, mein Vater«, fuhr sie fort, »was ist das für eine sonderbare Frage? Der Vorzug, den sich Kinder untereinander zu geben pflegen und von dem ich selbst gehört habe, hat in meiner Brust nie seinen unschuldigen Sitz aufgeschlagen. Sie sind so vorsichtig mit mir gewesen, daß ich nie das Herz eines Kindes besaß. Sie haben mich so wohl erzogen, daß ich niemals den Traum eines Kindes geträumt. Sie sind, mein Vater, von meiner Wiege bis zur gegenwärtigen Stunde so weise mit mir verfahren, daß ich niemals einen kindischen Gauben oder eine kindische Furcht empfand.«

Mr. Gradgrind war von seinem Erfolge und dem ihm also ausgestellten Zeugnisse ganz gerührt. »Meine gute Luise«, sagte er, »du vergiltst mir reichlich meine Sorgfalt. Küsse mich, meine geliebte Tochter!«

Demzufolge küßte ihn seine Tochter. Dann sagte er, indem er sie im Arm hielt:

»Ich kann dir die Versicherung geben, mein Lieblingskind, daß mich der wohlweisliche Entschluß, den du gefaßt hast, glücklich macht. Mr. Bounderby ist ein höchst merkwürdiger Mensch, und was man auch immer von einer Ungleichheit sagen mag, – wenn es überhaupt eine ist – die zwischen euch obwalten dürfte, das erhält durch die Bildung deines Geistes mehr als ein bloßes Gegengewicht. Es war immer mein Streben, dich so zu erziehen, daß du selbst in früher Jugend schon jedes Alter (wenn ich mich so ausdrücken darf) haben könntest. Gib mir noch einen Kuß, Luise. Nun laß uns zu deiner Mutter gehen.«

Demzufolge gingen sie hinunter ins Empfangzimmer, wo die geschätzte Dame mit dem einwandfrei nüchternen Menschenverstand wie gewöhnlich halb liegend dasaß, während Cili bei ihr mit einer Arbeit beschäftigt war. Sie gab einige schwache Zeichen des Auflebens von sich, als sie eintraten: und gleich darauf zeigte sich ihr mattes Transparent wieder in liegender Stellung.

»Mrs. Gradgrind«, sagte ihr Gatte, der auf die Ausführung dieser Heldentat mit Ungeduld gewartet hatte, »erlauben Sie mir, Ihnen Mrs. Bounderby vorzustellen.«

»Oh!« rief Mrs. Gradgrind. »Ihr habt also die Geschichte in Ordnung gebracht. Nun schön, ich hoffe nur, daß du bei guter Gesundheit bleiben wirst. Wenn nämlich dein Kopf so zu zerspringen anfängt, sobald du verheiratest bist, wie es bei mir der Fall war, so kann ich nicht denken, daß du zu beneiden bist. Natürlich glaubst du ja ohne Zweifel, daß du dies bist, wie es bei allen Mädchen zunächst der Glaube ist. Ich gratuliere dir indessen, mein Kind, und ich hoffe, daß du deine sämtlichen graphologischen Studien gut anwenden wirst – ja, das tue ich ganz gewiß. Ich muß dir einen Gratulationskuß geben, Luise, aber berühre nicht meine rechte Schulter: denn dort rieselt etwas den ganzen Tag herunter. Nun seht nur zu«, winselte Mrs. Gradgrind, indem sie ihre Schals nach der zärtlichen Zeremonie wieder zurechtlegte, »wie ich mich jetzt morgens, mittags und abends abquälen werde, um auszudenken, wie ich ihn nennen soll.«

»Mrs. Gradgrind«, sagte ihr Gatte feierlich, »was meinen Sie?«

»Wie ich ihn denn nennen soll, Mr. Gradgrind, wenn er einmal mit Luise verheiratet ist. Ich muß ihn doch irgendwie anreden. Es ist unmöglich«, sagte Mrs. Gradgrind mit einem aus Höflichkeit und Vorwurf gemischten Gefühl, »ihn immer anzusprechen, ohne ihm einen Namen zu geben. Ich kann ihn nicht Josiah heißen, denn dieser Name ist mir unerträglich. Sie selbst würden nichts von Joe hören wollen, das wissen Sie recht wohl. Oder soll ich meinen Schwiegersohn mit »Herr« anreden? Nicht eher, wie ich glaube, als bis die Zeit herangerückt ist, wo meine Verwandten auf mir, als einer unnützen Kranken mit Füßen herumtreten würden. Nun aber, wie soll ich ihn denn nennen?«

Da niemand zugegen war, der in dieser Bedrängnis ein Auskunftmittel dargeboten hätte, so schied Mrs. Gradgrind für jetzt aus diesem Leben, nachdem sie den folgenden Paragraphen zu den bereits mitgeteilten Bemerkungen hinzugefügt hatte:

»Was die Hochzeit angeht, so ist alles, was ich begehre, Luise – und ich begehre es mit einem Zittern in der Brust, das sich tatsächlich bis zu den Sohlen meiner Füße erstreckt – daß sie bald stattfinde, sonst weiß ich, wird das eines von den Dingen sein, die gar kein Ende nehmen wollen.«

Als Mrs. Bounderby von Mr. Gradgrind ihrer Mutter vorgestellt wurde, hatte Cili den Kopf umgewandt und blickte in Verwunderung, in Bedauern, in Kummer, in Zweifel und in einer Fülle von Empfindungen auf Luise. Luise hatte es gewußt und gesehen, ohne sie anzublicken! von diesem Augenblicke an war sie passiv, stolz und kalt – hielt sich fern von Cili – und war gegen sie wie verwandelt.

Sechzehntes Kapitel.


Sechzehntes Kapitel.

Als Mr. Bounderby die Kunde von seinem Glücke vernahm, bestand seine erste Verlegenheit in der Zwangslage, dieses Glück Mrs. Sparsit mitzuteilen. Er konnte mit sich selbst nicht darüber einig werden, wie das anzustellen sei, oder was die Folgen eines solchen Schrittes sein dürften. Ob sie sogleich mit Sack und Pack zu Lady Scodgers reisen, oder sich weigern würde, das Haus überhaupt zu verlassen, ob sie sich durch Klagen oder Schmähreden Luft machen, oder ob sie alles zerreißen oder selbst zerrissen sein würde, ob sie ihr Herz oder den Spiegel entzweischlagen würde – das konnte Mr. Bounderby durchaus nicht vorhersehen. Da es aber geschehen mußte, so blieb ihm keine andere Wahl übrig, als es zu wagen. Nachdem er es nun mit mehreren Briefen versucht hatte und sie ihm sämtlich mißlangen, entschloß er sich, mündlichen Vortrag zu halten.

Auf seinem Heimweg an dem Abend, den er zu diesem wichtigen Zweck angesetzt hatte, gebrauchte er die Vorsicht, sich in den Laden eines Apothekers zu begeben und eine Flasche der am allerstärksten riechenden Salzessenzen zu kaufen. »Beim Himmel«, sagte Mr. Bounderby, »wenn sie mir mit einer Ohnmacht kommt, werde ich ihr jedenfalls die Haut von der Nase abreiben.« Trotzdem er nun auf diese Weise gewaffnet war, trat er in sein eigenes Haus mit einer nichts weniger als mutigen Miene und erschien vor dem Gegenstande seiner bangen Besorgnisse wie ein Hund, der es sich bewußt war, direkt aus der Speisekammer zu kommen.

»Guten Abend, Mr. Bounderby.«

»Guten Abend, Ma’am, guten Abend.« Er schob seinen Stuhl vor, Mrs. Sparsit schob den ihrigen zurück, als wollte sie sagen: »Ihr Kamin, Sir. Ich räume es ungehindert ein. Sie können ihn ganz einnehmen, wenn Sie es für billig halten.«

»Wandern Sie doch nicht gleich ganz nach dem Nordpol, Ma’am«, sagte Mr. Bounderby.

»Danke, Sir«, erwiderte Mrs. Sparsit, indem sie zu ihrer früheren Stellung, obgleich nur unbedeutend, vorrückte.

Mr. Bounderby saß da und betrachtete sie, wie sie in ein Stückchen Batist mit einer steifen, scharfen Schere zu einer unerforschlichen Verzierung Löcher ausschnitt. Diese Operation erinnerte, verbunden mit den buschigen Augenbrauen und der römischen Nase, lebhaft an einen Habicht, der sich über die Augen eines zähen Vögelchens hermacht. Sie war so emsig beschäftigt, daß mehrere Minuten verflossen, ehe sie von ihrer Arbeit aufblickte. Als das geschehen war, zog Mr. Bounderby ihre Aufmerksamkeit auf sich, indem er sich mit dem Kopfe vorbog.

»Mrs. Sparsit, Ma’am«, sagte Bounderby und steckte die Hände in die Tasche, sich mit der Rechten überzeugend, daß der Kork des Fläschchens zum Gebrauch bereit sei. »Ich habe es gar nicht nötig, Ihnen zu sagen, daß Sie nicht nur eine Lady von Geburt und Erziehung sind, sondern auch eine verdammt kluge Frau.«

»Sir«, erwidert die Lady, »es ist in der Tat nicht zum ersten Male, daß Sie mich mit ähnlichen Ausdrücken Ihrer guten Meinung beehren.«

»Mrs. Sparsit, Ma’am«, sagte Mr. Bounderby. »Ich werde Sie in Erstaunen setzen.«

»Wirklich, Sir?« entgegnete Mrs. Sparsit fragend und mit der größtmöglichen Ruhe. Sie trug gewöhnlich Fausthandschuhe, und jetzt glättete sie diese, nachdem sie ihre Arbeit niedergelegt hatte.

»Ich bin auf dem Sprunge, Ma’am«, sagte Mr. Bounderby, »Tom Gradgrinds Tochter zu heiraten.«

»Wirklich, Sir? Ich wünsche, daß Sie glücklich sein mögen, Sir.«

Sie sagte das mit so viel Herablassung und mit so großem Bedauern für ihn, daß Bounderby, der jetzt mehr außer Fassung gebracht wurde, als wenn sie ihr Arbeitskistchen an den Spiegel geschleudert hätte oder auf dem Kaminteppich in Ohnmacht gefallen wäre, die Salzessenz in der Tasche wieder fest zustöpselte und dachte: »Nun, hol‘ der Teufel dieses Weib, wer hätte je gedacht, daß sie es in dieser Weise aufnehmen würde!«

»Ich wünsche es von ganzem Herzen, Sir«, sagte Mrs. Sparsit in einer höchst vornehmen Weise – auf irgendeine Art schien sie in einem Augenblick sich das Recht erworben zu haben, ihn nachher fortwährend zu bedauern – »daß Sie in jeder Beziehung vollkommen glücklich sein mögen.«

»Nun gut, Ma’am«, entgegnete Mr. Bounderby mit einigermaßen empfindlichem Tone, den er unwillkürlich dämpfte. »Ich bin Ihnen sehr verbunden. Ich hoffe, ich werde es sein.«

»Meinen Sie, Sir?« fragte Mrs. Sparsit mit großer Freundlichkeit. »Aber natürlich, meinen Sie es – freilich meinen Sie es.«

Eine höchst verlegene Pause trat auf Mr. Bounderbys Seite ein. Mrs. Sparsit machte sich wieder emsig an die Arbeit und ließ gelegentlich ein leises Husten vernehmen, das wie der Husten der sich selbst bewußten Kraft und Nachsicht klang.

»Aber freilich, Ma’am«, nahm Mr. Bounderby wieder das Wort, »unter solchen Umständen dürfte es für eine Persönlichkeit, wie es die Ihrige ist, nicht angenehm sein, hier weiter zu bleiben, obschon Sie hier höchst willkommen sein werden.«

»O du lieber Himmel, nein! Ich könnte auf keinen Fall daran denken.« Mrs. Sparsit schüttelte noch immer den Kopf in einer höchst vornehmen Weise und veränderte ein wenig den leisen Husten – indem sie hustete, als ob ein prophetischer Geist über sie käme und der Ansicht wäre, es sei besser, ihn hinunter zu husten.

»Es ist indessen, Ma’am«, sagte Bounderby, »in dem Bankhaus eine Wohnung frei, wo eine Lady von Geburt und Erziehung als Hausdame eine vorzügliche Position hätte, und wenn die Bedingungen –«

»Ich bitte um Verzeihung, Sir. Sie waren so gefällig, mir zu versprechen, daß Sie stets die Redensart jährliches Kompliment dafür anwenden wollen.«

»Gut, Ma’am, jährliches Kompliment. Wenn dasselbe jährliche Kompliment auch dort annehmbar ist, so sehe ich nicht ein, warum wir scheiden sollten, ausgenommen Sie tun es.«

»Sir«, entgegnete Mrs. Sparsit, »der Antrag gleicht Ihnen vollkommen, und wenn die Position, die ich in dem Bankhause einnehmen soll, der Art ist, daß ich sie ausfüllen kann, ohne tiefer auf der gesellschaftlichen Stufenleiter herabzusteigen –«

»Aber, natürlich!« sagte Bounderby. »Sie werden doch nicht denken, daß ich sie einer Lady angeboten hätte, die sich in einer solchen Gesellschaft bewegte, wie das bei Ihnen der Fall war, wenn sie es nicht wäre. Nicht, daß mir an solcher Gesellschaft läge! Aber Ihnen liegt daran!«

»Mr. Bounderby, Sie sind äußerst rücksichtsvoll.«

»Sie werden Ihre eigenen Gemächer haben und Sie werden ihre eigenen Kohlen, Kerzen und alles übrige haben. Sie werden auch ihr eigenes Mädchen zur Bedienung haben, und Sie werden Ihren Hausmann zur Beschützung haben, ja, Sie werden sich so daselbst – ich bin so frei zu sagen: köstlich komfortabel befinden«, sagte Bounderby.

»Sir«, erwiderte Mrs. Sparsit, »sagen Sie nichts weiter. Indem ich das mir anvertraute Pflegeamt hier aufgebe, werde ich doch von der Notwendigkeit nicht befreit sein, das Brot der Abhängigkeit zu essen.« Sie hätte wohl sagen mögen, das Zuckerbrot; denn dieser delikate Artikel war eine Lieblingsspeise von ihr, »und ich empfange es lieber aus Ihrer Hand als aus einer andern. Ich nehme daher Ihr Anerbieten, Sir, dankbar und mit vieler aufrichtiger Dankbarkeit für frühere Gunstbezeugungen an. Und ich wünsche, Sir«, sagte Mrs. Sparsit in einem nachdrucksvoll mitleidigen Ton, »ich wünsche es von Herzen, daß Miss Gradgrind all‘ das sein möge, was Sie erwarten und verdienen.«

Nichts vermochte Mrs. Sparsit von diesem Standpunkt mehr abzubringen. Vergebens gebärdete sich Bounderby geräuschvoll oder versuchte sanft in seiner gewöhnlichen polternden Weise sich auszudrücken. Mrs. Sparsit war entschlossen, ihn als ein Opfer zu bemitleiden. Sie war höflich, gefällig, munter, hoffnungsvoll. Je höflicher, gefälliger, munterer, hoffnungsvoller und überhaupt je bestimmter sie war, ein desto unglücklicheres Schlachtopfer war er. Sie hatte eine solche Zärtlichkeit für sein tragisches Geschick, daß sein volles rotes Gesicht gewöhnlich in kalten Schweiß ausbrach, sobald sie ihn anblickte.

Inzwischen ward festgesetzt, daß die Hochzeitsfeier in acht Wochen stattfinden sollte, und Mr. Bounderby begab sich jeden Abend als ein anerkannter Freier nach Stone Lodge. Die Liebe ward daselbst in der Gestalt von Armbandgeschenken betont und nahm bei allen Anlässen während des Brautstandes einen fabrikmäßigen Anstrich an. Kleider wurden gemacht, Schmucksachen wurden gemacht, Kuchen und Handschuhe wurden gemacht und ein ausgedehntes Warenlager von Tatsachen machte dem Eheschließungskontrakte alle Ehre. Die ganze Angelegenheit war eine Tatsache von Anfang bis zu Ende. Die Stunden schwanden nicht inmitten jener rosigen Ereignisse dahin, von denen törichte Poeten zu solchen Zeiten zu träumen pflegen. Auch gingen die Uhren um nichts schneller oder langsamer als zu den anderen Perioden. Der grauenhaft-statistische Zeitmesser in dem Gradgrindischen Observatorium schlug jeder Sekunde auf den Kopf, sobald sie geboren wurde und begrub sie mit der herkömmlichen Regelmäßigkeit.

So rückte dieser Tag heran, wie alle Tage den Leuten heranrücken, die sich bloß an die Vernunft halten, und als er da war, wurden in der Kirche »mit den Schnörkelbeinen« – dieser beliebt gewordenen Bauart – Josiah Bounderby Esquire von Coketown und Luise, die älteste Tochter von Thomas Gradgrind Esquire von Stone Lodge, M. P.) für den Flecken, miteinander vermählt. Und als sie in heiliger Ehe verbunden waren, begaben sie sich zum Frühstück nach dem vorerwähnten Stone Lodge.

Zur Feier des Tages war eine Gesellschaft versammelt, die genau wußte, woraus alles, was gegessen und getrunken wurde, zubereitet war, wie hoch sich Import und Export des betreffenden Artikels beliefen, ob das in fremden oder einheimischen Schiffen geschah, kurz, sie wußten über alles Bescheid. Von den Brautjungfern angefangen bis zu der kleinen Jane Gradgrind waren sie sämtlich, vom intellektuellen Standpunkte aus betrachtet, ganz geeignete Gehilfinnen für den Oberrechenmeister, und niemand von der Gesellschaft hatte etwas an sich, das über Tatsachenvernunft hinausragte.

Nach dem Frühstück redete sie der junge Ehemann in folgender Weise an:

»Ladies und Gentlemen! Ich bin Josiah Bounderby von Coketown. Da Sie mir und meiner Frau die Ehre antaten, auf unsere Gesundheit und unser Glück zu trinken, so muß ich wohl auf diese erwidern. Sie werden ja freilich, da Sie mich alle kennen und wissen, was ich bin und was mein Ursprung war, keine Rede von einem Manne erwarten, der, wenn er einen Postwagen sieht, sagt: ›das ist ein Postwagen‹, und wenn er eine Pumpe sieht, sagt: ›das ist eine Pumpe‹, und der nicht dahin gebracht werden kann, einen Postwagen eine Pumpe, und eine Pumpe einen Postwagen, oder eines von beiden einen Zahnstocher zu nennen. Wenn Sie gegenwärtig eine Rede wollen, nun, mein Freund und Schwiegervater, Tom Gradgrind, ist Parlamentsmitglied, und Sie wissen, wo eine gehörige Rede zu haben ist. Dazu bin ich nicht der Mann. Wenn ich jedoch ein wenig das Gefühl der Unabhängigkeit empfinde, da ich meinen Blick um diesen Tisch schweifen lasse und bedenke, wie wenig ich daran gedacht habe, Tom Gradgrinds Tochter zu heiraten, als ich ein zerlumpter Straßenjunge war, der sich das Gesicht nur an den Pumpen wusch, und das nicht öfter als einmal in vierzehn Tagen, so wird man mich hoffentlich entschuldigen. Demnach hoffe ich nun, daß Sie meinen Stolz auf meine Unabhängigkeit billigen werden; tun Sie es nicht, so kann ich nichts dafür. Ich fühle mich unabhängig. Nun habe ich erwähnt, und auch Sie haben dessen Erwähnung getan, daß ich heute mit Tom Gradgrinds Tochter vermählt worden. Es freut mich sehr, daß dies der Fall ist. Es war schon längst mein Wunsch, daß dies der Fall sein möge. Ich habe ihre Erziehung genau beobachtet und ich glaube, sie ist meiner würdig. Zu gleicher Zeit glaube ich – um Sie alle nicht zu täuschen – daß ich ihrer würdig bin. Demnach danke ich Ihnen in unser beider Namen gemeinschaftlich für die Güte, die Sie gegen uns an den Tag legten, und der beste Wunsch, den ich dem unverheirateten Teil dieser Gesellschaft geben kann, ist der: Ich wünsche, daß jeder Junggeselle eine solche Frau finden möge, wie ich sie gefunden. Und ich wünsche, daß jede Jungfer einen so guten Mann finden möge, wie meine Frau ihn bekommt.«

Kurz nach dieser Rede war dieses glückliche Paar – da sie eine Hochzeitsreise nach Lyon machten, damit Mr. Bounderby die Gelegenheit habe, sich zu überzeugen, wie es mit den »Händen« daselbst steht, und ob sie auch verlangen, mit goldenen Löffeln gespeist zu werden – zur Eisenbahn gefahren. Die Braut fand, als sie in den Reisekleidern hinabstieg, Tom – dessen Gesicht entweder von Aufregung oder von dem rebensaftigen Teile des Frühstücks gerötet war – wie er auf sie wartete.

»Was du doch für ein spaßiges Mädchen bist, daß du eine so vortreffliche Schwester gewesen, Lu«, lispelte Thomas.

Sie schmiegte sich an ihn an, wie sie sich an diesem Tage an ein weit besseres Wesen hätte anschmiegen sollen, und zum ersten Male war jetzt ihre steife Zurückhaltung erschüttert.

»Der alte Bounderby ist fix und fertig«, sagte Tom. »Es ist gerade Zeit, Adieu. Ich werde dich aufsuchen, wenn du zurückkommst. Hör‘ mal, meine gute Lu! Ist das jetzt nicht alles ganz außerordentlich nett?«

Siebzehntes Kapitel.


Siebzehntes Kapitel.

Ein sonnengoldener Sommertag. Sogar in Coketown gab es dergleichen. Bei solcher Witterung von der Ferne betrachtet, lag Coketown in seinem eigenen Nebeldunste eingehüllt, den kein Sonnenstrahl durchbrach. Man wußte nur, daß sich die Stadt daselbst befindet, weil man gewiß war, daß ohne Stadt kein ähnlicher Schmutzflecken sich dem Anblick bieten konnte. Ein Qualm von Dunst und Rauch, der bald diese, bald jene Richtung nahm, bald zum Himmelsgewölbe sich emporschwang, bald düster längs der Erde hinkroch, je nachdem der Wind sich erhob, oder sich senkte, oder die Richtung veränderte – ein dichtes, unförmliches Gemisch mit plötzlich aufblitzenden Lichtstreifen, die nur dunkle Massen sichtbar werden ließen – und Coketown gab sich schon von der Ferne kund, obgleich kein einziger Ziegelstein zu sehen war.

Das Wunder bestand darin, daß Coketown überhaupt vorhanden war. Es war schon so oft zugrunde gerichtet worden, daß es Erstaunen erregen musste, wie es so viele schwere Unglücksfälle ertragen konnte. Es gab sicher nie so zarte Porzellanware wie die, aus der die Spinnfabrikanten von Coketown gemacht waren. Man mochte sie noch so vorsichtig anfassen, sie brachen mit einer Leichtigkeit in Stücke, daß man vermuten konnte, sie hätten vorher schon einen Sprung gehabt. Sie schwanden dahin, als man von ihnen verlangte, sie sollten die arbeitenden Kinder in die Schule schicken: sie schwanden dahin, als Inspektoren beauftragt wurden, ihre Arbeiten zu untersuchen; sie schwanden dahin, als solche Inspektoren es für zweifelhaft hielten, ob sie ein Recht hätten, mit ihren Maschinen ihre Arbeiter in Stücke reißen zu lassen; und sie schwanden vollends dahin, als man ihnen einen Wink gab, daß sie vielleicht nicht immer so viel Rauch zu machen brauchten. Außer Mr. Bounderbys goldenem Löffel, der in Coketown wie ein Evangelium galt, war noch ein anderes herrschendes Märchen daselbst populär. Dasselbe nahm die Gestalt einer Drohung an. Sobald nur ein Coketowner Fabrikherr sich übel behandelt glaubte, d. h. sobald man ihn nicht allein gewähren ließ, und der Vorschlag gemacht wurde, ihn für die Folgen seiner Handlungen verantwortlich zu machen – so trat er gewiß mit der schrecklichen Drohung hervor, »daß er lieber sein Vermögen in den Atlantischen Ozean schleudern wollte«. Das hatte den Minister des Innern bei verschiedenen Gelegenheiten in eine wahre Todesangst gejagt.

Die Coketowner waren jedoch am Ende so patriotisch, daß sie ihr Vermögen noch nie in den Atlantischen Ozean geschleudert hatten, ja sie waren freundlich genug, es ganz gehörig in Verwahrung zu nehmen. Dort lag nun dies Vermögen in den Nebeldunst eingehüllt, und es nahm zu und vermehrte sich.

Die Straßen waren an dem Sommertag heiß und staubig, und der Sonnenschein war so hell, daß er sogar durch den dicken Dunst, der Coketown einhüllte, und den man nicht anhaltend mit den Augen aushalten konnte, hindurchschien. Heizer tauchten aus den tiefen unterirdischen Gängen der Fabriköfen auf, setzten sich auf Stufen, Pfosten und Geländer, rieben ihre rußgeschwärzten Gesichter und betrachteten die Kohlen. Die ganze Stadt schien in Öl zu braten. Allenthalben war ein erstickender Dunst von heißem Öl. Die Dampfmaschinen glänzten davon. Die Anzüge der »Hände« waren damit beschmutzt; die Fabriken in ihren vielen Stockwerken flossen und troffen davon. Die Atmosphäre dieser Feenpaläste war wie der heiße Hauch des Wüstenwindes, und ihre Bewohner, vor Hitze schier vergehend, arbeiteten schlaff und träge in dieser Wüste. Aber kein Wechsel der Temperatur machte die melancholisch-wahnsinnigen Elefanten wahnsinniger oder vernünftiger. Ihre langweiligen Köpfe wackelten stets in demselben Grade auf und nieder, in heißem und kaltem, feuchtem und trockenem, schönem und häßlichem Wetter. Die abgemessene Bewegung ihrer Schatten an den Wänden war der Ersatz, den Coketown für den Schatten rauschender Wälder aufzuweisen hatte, während es anstatt des Gesummes der Sommerkäfer das ganze Jahr hindurch, von dem ersten Tagesgrauen des Montags bis zur Nacht des Sonnabends das Schnurren der Triebstangen und Räder bot.

Schläfrig schnurrten sie jenen ganzen Sommertag hindurch, den Wanderer nur noch schläfriger und heißer machend, wenn er an den tönenden Wänden der Fabriken vorüberging. Markisen und Sprengwasser kühlten die Hauptstraßen und die Geschäfte ein wenig. Aber die Fabrikgebäude und Höfe und Gassen wurden gebacken in grimmiger Hitze. Unten auf dem Fluße, der schwarz war von dem dicken Abfluß der Farbstoffe, steuerten einige Jungen von Coketown, die unbeschäftigt waren, – ein seltener Anblick in diesem Orte – ein altes Boot, das, wie es sich so dahinschleppte, eine trüb-schlammige Furche auf dem Wasser zog, während jeder Stoß der Ruder ekle Gerüche aufstörte. Aber der Sonnenschein selbst, obwohl so allgemein wohltuend, zeigte sich in Coketown ungnädiger als strenge Kälte und blickte selten eine Zeitlang anhaltend auf eine dieser eingepferchten Regionen, ohne mehr Tod als Leben zu erzeugen. So wird das Auge des Himmels selbst ein schlimmes Auge, wenn ungeschickte oder schmutzige Hände sich vor die Dinge legen, auf die es segnend blickt.

Mrs. Sparsit saß in ihrem Nachmittagszimmer in der Bank, an der schattigen Seite der sonnengeschmorten Straße. Die Geschäftsstunde war vorüber, und just zu jener Tageszeit pflegte sie bei warmem Wetter das Tagungszimmer, das sich über dem Direktorzimmer befand, mit ihrer lieblichen Gegenwart zu schmücken. Ihr Privatgemach war ein Stockwerk höher, und an dem Fenster dieses Beobachtungspostens saß sie jeden Morgen, bereit, Mr. Bounderby, der die Straße heraufkam, mit jenem, für ein Opfer angemessenen, faszinierenden Blick zu begrüßen. Er war bereits ein Jahr verheiratet, und Mrs. Sparsit hatte ihn noch keinen Augenblick von ihrem beharrlichen Bedauern erlöst.

Die Bank natürlich tat der gesunden Einförmigkeit der Stadt keine Gewalt an. Es war nur ein Haus aus roten Ziegeln mehr, mit schwarzen Läden und grünen Jalousien, einem schwarzen Eingangstor über zwei weißen Stufen, einem messingenen Schild an der Tür und einem Schlußpunkt von ehernem Türdrücker. Es war bedeutend größer als Mr. Bounderbys Haus, während andere Häuser wiederum um die Hälfte oder mehr kleiner waren. In allen übrigen Einzelheiten aber war es strikt nach der Regel.

Mrs. Sparsit war sich sehr wohl bewußt, daß ihre Erscheinung des Abends unter den Pulten und Schreibgeräten eine gewisse weibliche, um nicht zu sagen aristokratische Grazie über die Geschäftsstube verbreite. Wenn sie mit ihrem Nähzeug oder Netzrahmen am Fenster saß, beschlich sie stets eine Art selbstgefälligen Gefühls, daß sie durch ihre ladyartige Haltung das rohgeschäftliche Aussehen des Orts etwas verbessere. Erhoben von diesem Eindruck ihrer interessanten Persönlichkeit betrachtete sich Mrs. Sparsit gewissermaßen als die Fee der Bank. Die Stadtleute dagegen, wenn sie vorbeipassierend Mrs. Sparsit so dasitzen sahen, erblickten in ihr den Drachen der Bank, der die Schätze der Anstalt bewachte.

Worin diese Schätze bestanden, das wußte Mrs. Sparsit ebensowenig wie es die Stadtleute wußten. Gold- und Silbermünzen, kostbare Papiere, Geheimnisse, deren Enthüllung ungeahntes Verderben über ungeahnte Persönlichkeiten bringen konnte (doch gewöhnlich Leute, die sie nicht leiden konnte). Das waren die Hauptpartien in ihrem Idealkontobuch.

Im übrigen wußte sie, daß sie nach den Geschäftsstunden über das ganze geschäftliche Mobiliar und über ein wohlverwahrtes Zimmer mit drei Schlössern, vor dessen Tür der Laufbursche jede Nacht auf einem Rollbett, das mit dem Hahnenschrei verschwand, seinen Kopf legte, mit Allgewalt herrschte. Ferner herrschte sie als allgebietende Dame über gewisse Räume in dem unterirdischen Geschoß, scharf verwahrt vor jeder Verbindung mit der räuberischen Welt. Außerdem über Überreste der laufenden Tagesarbeit, bestehend aus Tintenklecksen, abgenutzten Federn, Oblaten-Fragmenten und Papierfetzen, die in so kleine Stücke zerrissen waren, daß es Mrs. Sparsit niemals gelingen wollte, etwas Interessantes daraus zu entziffern. Endlich war sie Hüterin einer kleinen Rüstkammer von Säbeln und Revolvern, die drohend über einem der Kontorkamine hingen, und über jenes altehrwürdige Herkommen, das sich niemals vom Geschäftslokal trennen läßt, wofern dieses überhaupt auf den Anstrich von Reichtum Anspruch macht: über eine Reihe von Feuereimern – Gefäße, die aber gar nicht für eventuelles Löschen da hingen, sondern nur deshalb, weil sie einen imponierenden Eindruck auf die meisten Besucher machten, einen Eindruck, der fast dem der Gold- und Silberbarren gleichkam.

Eine taube Dienstmagd und der Laufbursche vollendeten Mrs. Sparsits Herrschaftsbereich. Von der tauben Dienstmagd murmelte man, daß sie wohlhabend sei, und ein Gerücht war schon seit Jahren in den niederen Klassen von Coketown umgegangen, daß sie gewiß einmal in der Nacht nach Bankschluß ihres Geldes wegen würde ermordet werden.

Man betrachtete sie in der Tat schon längst als pflichtschuldigst dem Tode verfallen; allein sie bewahrte Leben und Stellung mit einer übel angebrachten Zähigkeit, die viel Anstoß und Ärgernis erregte.

Mrs. Sparsits Tee war soeben für sie auf ein zierliches Tischchen gesetzt; dieses ward mit seinen drei Beinen herein- und aufgestellt, wenn das Geschäft beendigt war, und geriet in die Gesellschaft des düstern, lederbeschlagenen, langen Speisetisches, der die Mitte des Zimmers einnahm. Der Bürodiener setzte das Teegeschirr darauf, seine Stirn zum Zeichen der Huldigung tief duckend.

»Danke, Bitzer«, sagte Mr«. Sparsit.

»Danke Ihnen«, erwiderte der Bürodiener. Er war in der Tat wie zum Bürodiener geschaffen, so federleicht und leichtfüßig, wie in den Tagen, da er blinzelnd für das Mädchen Nummer Zwanzig ein Pferd definierte.

»Alles verschlossen, Bitzer?« fragte Mrs. Sparsit.

»Alles verschlossen, Ma’am.«

»Und was«, fragte Mrs. Sparsit, ihren Tee einschenkend, »gibt es heute neues? Etwas von Belang?«

»In der Tat, Ma’am, nichts Besonderes das ich wüßte. Unsere Leute sind ein böses Pack, Ma’am; aber das ist zum Unglück keine Neuigkeit.«

»Was treibt denn das unruhige Gesindel wieder?« fragte Mrs. Sparsit.

»Sie treiben es nur so fort in der alten Weise, Ma’am. Vereinigen sich, verbinden sich, verpflichten sich, es miteinander zu halten.«

»Es ist sehr zu bedauern«, sagte Mrs. Sparsit, und ihre gewaltige Strenge ließ ihre Nase nur noch römischer und ihre Brauen noch pompöser erscheinen, »es ist sehr zu bedauern, daß der Verein der Fabrikherren nur irgend solche Klassenverschwörungen gestattet.«

»Ja, Ma’am«, sagte Bitzer.

»Da sie doch selbst verbunden sind, so sollten sie einer wie alle sich darauf steifen, keinen Mann in Arbeit zu nehmen, der mit einem andern verbündet ist«, sagte Mrs. Sparsit.

»Das haben sie getan, Ma’am«, entgegnete Bitzer, »aber – das Unternehmen ist ihnen ins Wasser gefallen, Ma’am.«

»Ich behaupte nicht, etwas von diesen Dingen zu verstehen«, sagte Mrs. Sparsit mit Würde, »da mein Lebenslos eigentlich in einer ganz andern Sphäre gelegen war und Mr. Sparsit als eine Powler außerhalb des Bereiches solcher Bagatellen gestellt war. Ich weiß nur, daß man dieses Volk unterkriegen muß, und daß es hohe Zeit ist, daß es geschehe, ein für allemal.«

»Ja, Ma’am«, erwiderte Bitzer mit großer Respektbezeigung für Mrs. Sparsits orakelmäßige Autorität. »Sie hätten es nicht klarer ausdrücken können, sicherlich nicht, Ma’am.«

Da dies seine gewöhnliche Zeit war, wo er mit Mrs. Sparsit ein bißchen vertraulich schwatzte und er einen Blick von ihr auffing, aus dem hervorging, daß sie ihm eine Frage vorlegen wollte, so stellte er sich, als brächte er die Lineale, Tintenfäßer und so weiter in Ordnung, während unsere Lady sich mit ihrem Tee beschäftigte und durch das Fenster flüchtige Blicke auf die Straße warf.

»War heute viel zu tun?« fragte Mrs. Sparsit.

»Nicht besonders, Mylady. Ungefähr ein Durchschnittstag.«

Zuweilen sagte er Mylady, den Titel für adlige Damen, an Stelle von Ma’am, was eine unwillkürliche Anerkennung von Mrs. Sparsits persönlicher Würde und ihrer Ansprüche auf Ehrerbietung sein sollte.

»Die Kommis«, sagte Mrs. Sparsit, indem sie von dem linken Handschuh ein unmerkliches Butterbrotkrümchen abbürstete, »sind natürlich zuverlässig, pünktlich und fleißig?«

»Ja, Ma’am, so ziemlich, Ma’am. Mit der gewöhnlichen Ausnahme.«

Er bekleidete das ehrenhafte Amt eines allgemeinen Spions und Angebers in dem Etablissement. Für diesen freiwilligen Dienst erhielt er zu Weihnachten außer seinem gewöhnlichen Wochengehalt noch ein Geschenk. Er war zu einem äußerst helldenkenden, vorsichtigen und klugen jungen Mann herangewachsen, der sicher war, in der Welt sein Glück zu machen. Sein Verstand war so exakt reguliert, daß er weder Neigungen noch Leidenschaften hegte. All sein Tun und Lassen war das Resultat der klarsten und kältesten Berechnung. Mit Recht bemerkte daher Mrs. Sparsit von ihm, daß sie nie einen jungen Mann gekannt, der seinen Grundsätzen so treu geblieben wie er. Als er sich beim Tod seines Vaters vergewissert hatte, daß seine Mutter in Coketown heimatberechtigt sei, machte der ausgezeichnete junge Ökonom dieses Recht für sie mit standhafter Anhänglichkeit an dem Motiv der Rechtslage geltend: er brachte sie ins Armenhaus. Es muß noch erwähnt werden, daß er ihr jährlich ein halbes Pfund Tee gestattete, was eine Schwäche von ihm war: erstens, weil alle Gaben unvermeidlich dahin locken, den Empfänger an die Erhaltung von Almosen zu gewöhnen; zweitens, weil seine einzige vernünftige Berührung mit der Ware eigentlich darin hätte bestehen sollen, sie so billig wie möglich zu kaufen und so teuer wie möglich zu verkaufen. Denn es ist von Philosophen klar dargetan worden, daß darin die ganze Pflicht des Menschen begriffen sei – nicht ein Teil der menschlichen Pflicht, sondern die ganze.

»So ziemlich, Ma’am. Mit der gewöhnlichen Ausnahme, Ma’am«, antwortete Bitzer.

»A – ch!« sagte Mrs. Sparsit, indem sie den Kopf über der Teetasse schüttelte und einen langen Schluck nahm.

»Mr. Thomas, Ma’am. Ich habe einigen Verdacht gegen Mr. Thomas, Ma’am. Seine Manieren gefallen mir durchaus nicht.«

»Bitzer«, sagte Mrs. Sparsit mit vielem Nachdruck, »erinnerst du dich, daß ich dir zu dieser Persönlichkeit etwas sagte?«

»Ich bitte um Verzeihung, Ma’am. Es ist vollkommen richtig, daß Sie sich gegen die Erwähnung von Namen erklärten, und es ist auch stets das beste, niemanden beim Namen zu nennen.«

»Erinnere dich gefälligst, daß ich hier ein Amt bekleide«, sagte Mrs. Sparsit in ihrer gebieterischen Vornehmheit. »Ich versehe hier ein Vertrauensamt, Bitzer, im Auftrage von Mr. Bounderby. Wie unwahrscheinlich wir beide, Mr. Bounderby und ich es vor Jahren würde gedacht haben, daß er je mein Gönner sein sollte, indem er mir ein jährliches Kompliment macht, so muß ich ihn doch als solchen betrachten. Von Mr. Bounderby habe ich jede denkbare Anerkennung meiner gesellschaftlichen Stellung und jede Rücksicht auf meine Familienabstammung erfahren, die ich möglicherweise erwarten konnte. Noch mehr, weit mehr. Ich muß daher gegen meinen Gönner gewissenhaft treu sein. Und ich glaube nicht und mag nicht glauben und kann nicht glauben«, sagte Mrs. Sparsit mit einem sehr ausgedehnten Warenvorrat von Ehre und Moralität, »daß ich gewissenhaft treu sein würde, wenn ich es gestattete, daß man unter diesem Dache Namen nennte, die unglücklicherweise, höchst unglücklicherweise – daran ist kein Zweifel – mit dem seinen in Verbindung stehen.«

Bitzer duckte sich abermals und bat abermals um Verzeihung.

»Nein, Bitzer«, fuhr Mrs. Sparsit fort, »sage ein Individuum und ich will dich anhören; sagst du Mr. Thomas, so mußt du mich entschuldigen.«

»Mit der gewöhnlichen Ausnahme, Ma’am«, sagte Bitzer, der es wieder gutmachen wollte, »eines Individuums.«

»A – ch!« Mrs. Sparsit wiederholte den Ausruf, das Kopfschütteln über der Teetasse und den langen Schluck, um das Gespräch wieder bei dem Punkt anzuknüpfen, wo es unterbrochen worden war.

»Ein Individuum, Ma’am«, sagte Bitzer, »das niemals das gewesen ist, was es sein sollte, seitdem es sich an diesem Platz befindet. Er ist ein liederlicher, verschwenderischer Bursche. Er ist das Salz nicht wert, das er genießt. Er würde es nicht bekommen, Ma’am, wenn er nicht einen Freund und Verwandten bei Hofe hätte.«

»A – ch!« sagte Mrs. Sparsit mit einem abermaligen melancholischen Kopfschütteln.

»Ich will nur hoffen«, fuhr Bitzer fort, »daß die ihm befreundete und verwandte Person ihn nicht mit Mitteln versieht, es so fortzutreiben. Sonst wissen wir wohl, Ma’am, ans welcher Tasche das Geld kommt.«

»A – ch!« seufzte Mrs. Sparsit abermals, mit einem abermaligen Kopfschütteln.

»Er ist zu bedauern. Die letzte Person, auf die ich anspielte, ist zu bedauern, Ma’am«, sagte Bitzer.

»Ja, Bitzer«, sagte Mrs. Sparsit. »Ich habe immer diese Verblendung bedauert – immer.«

»Was dieses Individuum betrifft«, sagte Bitzer, der die Stimme senkte und näher trat, »so ist es so unbedachtsam, wie nur irgendwer unserer Stadtbewohner. Und Sie wissen, Ma’am, wie groß die Unbedachtsamkeit hier ist. Niemand brauchte es besser zu wissen, als eine Lady von Ihrer hohen Stellung es weiß.«

»Sie täten wohl daran«, versetzte Mrs. Sparsit, »sich ein Beispiel an dir zu nehmen, Bitzer.«

»Danke sehr, Ma’am. Da Sie sich aber auf mich beziehen, so betrachten Sie mich einmal. Ich habe schon etwas beiseite gelegt, Ma’am. Jenes Geschenk, das ich zu Weihnachten erhalte, berühre ich nie. Ich verbrauche nicht einmal meinen ganzen Lohn, obgleich er nicht hoch ist, Ma’am. Warum können sie es nicht machen wie ich, Ma’am? Was der eine kann, das kann der andere doch auch.«

Das gehörte ebenfalls zu den Dogmen von Coketown. Jeder dortige Kapitalist, der sich durch sechs Pence sechzigtausend Pfund erworben, wunderte sich stets darüber, daß die nächsten sechzigtausend »Hände« nicht ebenfalls sechzigtausend Pfund durch sechs Pence sich erwarben, und warf es jedem von ihnen mehr oder minder vor, daß sie solche Kleinigkeit nicht fertigbrächten. Was ich getan, das kannst du auch tun. Warum gehst du also nicht hin und tust es?

»Was ihre Bedürfnisse für Erholungen betrifft, Ma’am«, sagte Bitzer, »so ist es dummes Zeug und Unsinn. Ich brauche keine Erholungen. Ich hatte sie nie nötig und werde sie nie nötig haben: ich mag sie nicht. Was ihre enge Vereinigung betrifft – so gibt es ohne Zweifel viele unter ihnen, die hier und da durch gegenseitiges Bewachen und Angeben eine Kleinigkeit, sei es an Geld oder Wohlwollen, sich erwerben könnten, wodurch sie ihre Lage verbessern würden. Warum also verbessern sie diese nicht, Ma’am? Es ist das Streben jedes vernünftigen Geschöpfes, und sie behaupten doch, auch ihre Lage verbessern zu wollen.«

»Jawohl, sie behaupten es allerdings«, sagte Mrs. Sparsit.

»Wahrlich, wir müssen fort und fort das Geschwätz über ihre Weiber und Kinder hören, bis es schließlich ganz ekelhaft wird«, sagte Bitzer. »Nun, betrachten Sie mich einmal, Ma’am! Ich brauche weder Weib noch Kind. Warum denn diese?«

»Weil sie unbedachtsam sind«, sagte Mrs. Sparsit.

»Jawohl, Ma’am«, versetzte Bitzer. »Da steckt eigentlich der Haken. Wenn sie bedachtsamer und weniger verderbt wären, Ma’am, was würden sie tun? Sie würden sagen: ›Solange mein Hut meine ganze Familie bedeckt‹ oder ›solange meine Haube meine ganze Familie bedeckt‹ – je nachdem der Fall wäre, Ma’am – ›so brauche ich nur einen zu ernähren, und das ist die Person, die ich am liebsten ernähre‹.«

»Ganz gewiß«, stimmte Mrs. Sparsit bei, indem sie ein Stück Milchbrot aß.

»Danke sehr, Ma’am«, sagte Bitzer, abermals sich duckend als Erkenntlichkeit für die Gunst der Teilnahme an Mrs. Sparsits feiner Unterhaltung. »Wünschten Sie vielleicht noch etwas heißes Wasser oder kann ich Ihnen sonst etwas holen?«

»Nichts für den Augenblick, Bitzer.«

»Sehr verbunden, Ma’am. Ich würde Sie nicht gern bei Ihrem Essen stören, Ma’am, besonders beim Tee nicht, da ich Ihre Vorliebe für diesen kenne«, sagte Bitzer, indem er sich ein wenig emporschraubte, um von der Stelle, wo er sich befand, nach der Straße zu sehen – »aber da unten hat ein Herr ungefähr eine Minute heraufgesehen, Ma’am, und er ging dann über die Straße, als wollte er anklopfen. Das ist sein Klopfen an die Tür – ohne Zweifel, Ma’am.«

Er ging zum Fenster, und nachdem er hinausgesehen und den Kopf wieder zurückgezogen, bestätigte er es mit den Worten: »Ja, Ma’am. Wollen Sie, daß ich den Herrn hereinführe?«

»Ich weiß nicht, wer es sein kann«, sagte Mrs. Sparsit, indem sie sich den Mund abwischte und die Handschuhe in Ordnung brachte.

»Augenscheinlich ein Fremder, Ma’am.«

»Welcher Fremde um diese Abendstunde etwas in der Bank hier zu tun haben kann, wenn er nicht wegen eines Geschäftes kommt, wofür es schon zu spät ist, das wüßte ich wahrlich nicht«, sagte Mrs. Sparsit, »aber ich habe in diesem Etablissement von Mr. Bounderby ein Vertrauensamt übernommen und ich will mich ihm nicht entziehen. Wenn es zu meiner Pflicht gehört, ihn zu sehen, so will ich ihn sehen. Handle, wie du es für gut hältst, Bitzer.«

Der Besucher wiederholte hier, völlig unbekannt mit der großmütigen Äußerung von Mrs. Sparsit, das Klopfen an der Tür so laut, daß der Bürodiener hinuntereilte, um diese zu öffnen; Mrs. Sparsit gebrauchte unterdessen die Vorsicht, das Tischchen mit all seinem Zubehör darauf in einen Speiseschrank zu verbergen und brach dann nach dem oberen Stockwerk auf, um, falls notwendig, mit größerer Würde aufzutreten.

»Wenn’s beliebt, Ma’am, der Herr wünscht Sie zu sprechen«, sagte Bitzer, durch Mrs. Sparsits Schlüsselloch guckend. Mrs. Sparsit, die den Augenblick benutzt hatte, um ihre Haube zurechtzusetzen, begab sich mit ihrem klassischen Antlitz wieder nach dem unteren Stockwerk und trat in den Sitzungsraum wie eine römische Matrone, die sich außerhalb des Stadtgebietes begab, um mit einem General zu unterhandeln, der mit einem Einfall gedroht hat.

Der Besucher, der zum Fenster hingeschlendert war und gerade sich damit beschäftigte, nachlässig hinauszugucken, blieb bei dem nachdrucksvollen Eintritt so unbewegt, wie es nur ein Mensch sein konnte. Er stand da und pfiff mit aller erdenklichen Gemütsruhe vor sich hin, den Hut noch immer auf dem Kopf. Er schien etwas erschöpft, was teils von der übermäßigen Hitze und teils von seiner persönlichen außerordentlichen Vornehmheit herrührte. Denn man konnte es ihm mit einem flüchtigen Blick gleich ansehen, daß er durch und durch ein Gentleman war, ganz nach dem Modell der Zeit geformt; der Welt überdrüssig und so wenig etwas glaubend wie Luzifer.

»Wie ich denke, Sir«, sprach Mrs. Sparsit, »wünschten Sie mich zu sprechen.«

»Ich bitte um Verzeihung«, sagte er, indem er sich umwandte und den Hut abnahm, »bitte, entschuldigen Sie mich.«

»Hm!« dachte Mrs. Sparsit, während sie eine stattliche Verbeugung machte, »fünfunddreißig, gut aussehend, gute Figur, gute Zähne, gute Stimme, gute Erziehung, gut gekleidet, dunkles Haar und kühne Augen.«

Das alles hatte Mrs. Sparsit in ihrer Frauenmanier – gleich dem Sultan, der seinen Kopf in einen Eimer Wasser getaucht – bloß beim Untertauchen und Emporkommen bemerkt.

»Bitte Platz zu nehmen, Sir«, sagte Mrs. Sparsit.

»Danke sehr. Erlauben Sie.« Er rückte einen Stuhl für sie herbei, blieb aber selbst nachlässig an den Tisch gelehnt stehen.

»Ich ließ meinen Diener bei der Eisenbahn, um mein Gepäck zu besorgen – ein langer Zug und kolossal voll der Gepäckwagen – und schlenderte fort, um mich ein wenig umzusehen. Ein höchst merkwürdiger Ort. Wollen Sie mir die Frage erlauben, ob er stets so schwarz aussieht wie heute?«

»Im allgemeinen noch schwärzer«, erwiderte Mrs. Sparsit in ihrer gesetzten Weise.

»Ist es möglich! Bitte um Entschuldigung, Sie sind doch kein hiesiges Stadtkind, wie ich vermute?«

»Nein, Sir«, entgegnete Mrs. Sparsit. »Ich war einst so glücklich oder so unglücklich, je nachdem man es nehmen will, mich – ehe ich Witwe geworden – in einer ganz andern Sphäre zu bewegen. Mein Mann war ein Powler.«

»Bitte um Verzeihung, wirklich!« rief der Fremde. »War ein –?«

Mrs. Sparsit wiederholte: »Ein Powler«.

»So, er hieß Powler?« sagte der Fremde nach einigem Nachdenken. Mrs. Sparsit nickte beistimmend. Der Fremde schien noch ein wenig müder als zuvor.

»Sie müssen hier viel Langeweile haben?« sagte er als Schlußfolgerung auf das Gehörte.

»Ich bin die Sklavin der Verhältnisse, Sir«, sagte Mrs. Sparsit, »und ich habe mich schon längst der Macht gefügt, die mein Leben regiert.«

»Sehr philosophisch«, versetzte der Fremde, »und sehr exakt und lobenswürdig und –« es schien ihm nicht einmal der Mühe wert, den Satz zu vollenden, und spielte deshalb achtlos mit der Uhrkette.

»Darf ich mir die Frage erlauben, Sir«, sagte Mrs. Sparsit, »welchem Umstände ich die Gunst zuzuschreiben habe –«

»Sicherlich«, sagte der Fremde. »Bin sehr verbunden, für die Erinnerung. Ich bin der Überbringer eines Empfehlungsschreibens, an den Bankier Mr. Bounderby. Indem ich, während das Diner für mich in dem Hotel bereitet wird – durch diese furchtbar schwarze Stadt spazierte, fragte ich einen Kerl, dem ich begegnete – einer von den Arbeitern, der ein Schauerbad von etwas Schmierigem genommen zu haben schien, was, wie ich vermute, das Rohmaterial sein muß –«

Mrs. Sparsit nickte.

»– Unverarbeiteter Stoff sein muß – wo Mr. Bounderby wohne. Worauf er mich, wahrscheinlich durch das Wort Bankier irregeführt, zur Bank wies. Das Ergebnis ist nun, wie ich vermute, daß Mr. Bounderby, der Bankier, nicht in dem Hause wohnt, wo ich die Ehre habe, diese Erklärung zu geben?«

»Nein, Sir«, entgegnete Mrs. Sparsit, »er wohnt nicht hier.«

»Danke sehr. Ich hatte nicht die Absicht, den Brief augenblicklich abzugeben, auch habe ich ihn jetzt nicht. Da ich aber zur Bank schlenderte, um die Zeit zu töten, und das Glück hatte am Fenster« – wohin er träge mit der Hand hinwinkte und sich dann leichthin verneigte – »eine Lady von höchst vornehmem und angenehmem Äußern zu bemerken, so dachte ich nichts besseres tun zu können, als mir die Freiheit zu nehmen, jene Lady zu fragen, wo Mr. Bounderby, der Bankier, eigentlich wohnt. Das erlaube ich mir demgemäß mit allen gehörigen Entschuldigungen zu tun.

Die Lässigkeit und Nonchalance seiner Manieren waren in Mrs. Sparsits Augen genugsam durch eine natürliche Galanterie gemildert, die auch ihr huldigte. So lehnte er jetzt an der Tischkante, neigte sich dabei zugleich aber zu ihr hin, als ob er in ihr einen Reiz anerkannte, der sie – in ihrer Weise – bezaubernd erscheinen ließ.

»Die Banken sind, wie ich weiß, stets mißtrauisch und müssen es auch offiziell sein«, sagte der Fremde, dessen leichte und glatte Redeweise zugleich angenehm war – und die weit mehr Humor und Gefühl vermuten ließ als sie wirklich enthielt. – »Ich erlaube mir daher zu bemerken, daß mein Brief – hier ist er – von dem Parlamentsmitgliede für diesen Ort – von Mr. Gradgrind – ist, dessen Bekanntschaft ich das Vergnügen hatte, in London zu machen.«

Mrs. Sparsit, die die Handschrift erkannte, beteuerte, daß solche Bestätigung durchaus nicht nötig sei und gab Mr. Bounderbys Adresse nebst allen noch erforderlichen Anweisungen und Aufschlüssen an.

»Tausend Dank«, sagte der Fremde. »Sie kennen natürlich den Bankier sehr gut?«

»Ja, Sir«, versetzte Mrs. Sparsit, »ich kenne ihn in meinem abhängigen Verhältnisse bereits zehn Jahre.«

»Eine ganze Ewigkeit! Ich glaube, er hat Gradgrinds Tochter geheiratet?«

»Ja«, sagte Mrs. Sparsit, plötzlich den Mund zusammen, pressend. »Er hatte diese – Ehre.«

»Die Dame ist ganz Wissenschaft, wie man mir sagt?«

»In der Tat, Sir« – rief Mrs. Sparsit. »Ist sie das?«

»Entschuldigen Sie meine unbescheidene Neugier«, fuhr der Fremde fort, indem er mit versöhnendem Blicke über Mrs. Sparsits Augenbrauen hinflatterte, »aber Sie kennen die Familie und kennen die Welt. Ich bin daran, die Bekanntschaften der Familie zu machen und dürfte mit ihr in lebhaften Verkehr kommen. Ist denn die Lady gar so alarmierend? Ihr Vater bringt sie in den Ruf so schrecklicher Hartköpfigkeit, daß ich vor Begierde brenne, sie kennenzulernen. Ist sie absolut unnahbar? Abstoßend und erstaunlich gescheit? Ich sehe aus Ihrem bedeutungsvollen Lächeln, daß Sie nicht diese Meinung teilen. Sie haben Balsam in mein besorgtes Gemüt gegossen. Nun zum Alter. Vierzig? Fünfunddreißig?«

Mrs. Sparsit lachte laut auf.

»Ein Backfisch«, sagte sie. »Bei ihrer Verheiratung war sie nicht ganz zwanzig.«

»Ich versichere Sie auf Ehre, Mrs. Powler«, versetzte der Fremde, sich vom Tische erhebend, »daß ich all mein Lebtag nicht so erstaunt gewesen bin.«

Das Gehörte schien in der Tat Eindruck auf ihn zu machen, soweit überhaupt solches bei ihm möglich war. Er sah Mrs. Sparsit eine Viertelminute starr an und schien während der ganzen Zeit ganz verdutzt zu sein.

»Ich versichere Sie, Mrs. Powler«, sagte er darauf sehr erschöpft, »daß die Manieren des Vaters mich auf eine grimmige und steinharte alte Dame vorbereiteten. Ich bin Ihnen für alles verbunden, daß Sie meinen groben Irrtum berichtigten. Bitte, entschuldigen Sie meine Zudringlichkeit. Vielen Dank. Guten Tag.«

Unter Verbeugungen entfernte er sich und Mrs. Sparsit, die sich hinter einem Fenstervorhang verborgen, sah ihn, von allen Leuten draußen angestarrt, auf der schattigen Seite der Straße nachlässig hinschlendern.

»Was hältst du von dem Herrn, Bitzer?« fragte sie den Bureaudiener, als er abzuräumen kam.

»Gibt viel Geld für Kleider aus, Ma’am.«

»Man muß gestehen«, sagte Mrs. Sparsit, »daß sie sehr geschmackvoll sind.«

»Ja, Ma’am«, versetzte Bitzer, »wenn das allein das Geld wert ist.«

»Außerdem, Ma’am«, fuhr Bitzer fort, indem er den Tisch blank rieb, »sieht er mir aus, als ob er spielt.«

»Spielen ist unmoralisch«, sagte Mrs. Sparsit.

»Es ist zudem lächerlich, Ma’am«, sagte Bitzer, »weil die Chancen gegen die Spieler sind.«

Ob es die Hitze war, die Mrs. Sparsit am Arbeiten hinderte, oder ob sie nicht mehr im Zuge war, kurz, jenen Abend arbeitete sie nicht. Sie saß hinter dem Fenster, als die Sonne hinter dem Rauch unterging; sie saß da, als der Rauch glührot erschien, als er die Farbe verlor, als Dunkelheit langsam aus der Erde sich zu erheben schien und emporstieg, empor bis zu den Giebeln der Häuser, bis zum Kirchturm, bis zu den Spitzen der Fabrikrauchfänge und bis zum Himmel. Ohne Licht im Zimmer saß Mrs. Sparsit am Fenster, die Hände in den Schoß gelegt und wenig bekümmert um die Abendklänge, um das Geschrei der Kinder, das Bellen der Hunde, das Gepolter der Räder, die Stimmen und Schritte der Vorübergehenden, die schrillen Straßenausrufe, das Getön der Holzschuhe auf dem Pflaster, als deren Zeit kam, und um das Schließen der Ladentüren. Nicht eher, als bis der Bürodiener ankündigte, daß ihr Abendessen bereit sei, erwachte Mrs. Sparsit aus ihren Träumereien und beförderte ihre dichten schwarzen Augenbrauen – jetzt durch Nachsinnen so sehr in Falten gelegt, daß sie des Bügeleisens zu bedürfen schienen – nach dem obern Stockwerk.

»O du Narr!« sagte Mrs. Sparsit, als sie allein bei ihrem Essen saß. Wen sie eigentlich meinte, sagte sie nicht; sie konnte jedoch kaum das Süßbrot damit gemeint haben.

Einleitung.


Einleitung.

Den Roman »Schwere Zeiten« (Hard times) schrieb Dickens um 1853, zu einer Zeit, als er bereits auf der Höhe seines Ruhmes und seines meisterlichen Könnens stand. Warmherzige Menschlichkeit zu predigen und die Sprache des Gemütes und der Seele höher zu stellen als alle bloße kalte Verstandesweisheit, wird Dickens seit »Oliver Twist« nicht müde. »Schwere Zeiten« richtet sich vor allem gegen die trockene seelenlose Tatsachengelehrsamkeit. Man könnte als Motto über den Roman Goethes Worte aus der Schülerszene des »Faust« setzen:

»Grau, teurer Freund, ist alle Theorie
Und grün des Lebens goldner Baum.«

Insbesondere wandte sich Dickens gegen die Auswüchse der Manchester-Schule und ihrer Lehren vom rücksichtslosen wirtschaftlichen Egoismus. Er zeigt sich dabei diesmal weniger als Satiriker, sondern als der scharfe Beobachter und Menschenkenner. So malt er lebenswahr und ergreifend die Welt der Tatsachenmenschen und Verstandesegoisten: den brutalen, herzlosen Emporkömmling, den Fabrikanten Bounderby, der eitel, unbeherrscht und selbstsüchtig zum Tyrannen gegen die Arbeiter seiner Unternehmungen wird, und sein Gegenspiel Mr. Gradgrind; aber dieser Mann hat im Grunde ein menschlicher Empfindungen fähiges Herz. Er ist nur ein Opfer der zeitlichen Mode geworden, die mit Statistiken und Zahlen die Geheimnisse des Lebens glaubt meistern zu können, und die alle Phantasie und alles blühende Schöpfertum der Seele als ungehörig und belanglos ablehnt. So erzieht Gradgrind seine beiden Kinder Luise und Tom in dem erkältend nüchternen Sinn reiner Verstandesmechanik. Die Folge ist, daß er seiner Tochter alle Sicherheit und alles Glück ihrer Jugend zerstört, sein Sohn aber zum skrupellosen Verbrecher wird. Die feine, menschlich tiefe psychologische Entwicklung der dargestellten Menschen, ihres Wirkens und Leidens ist von Dickens mit unübertrefflicher Meisterschaft gegeben. Zuletzt offenbart sich darin Dickens schöner unbeirrter Glaube an die Weltgerechtigkeit, daß er zum Schluß die Sache des Guten siegen läßt. Die furchtbaren Folgen der verkehrten lebenstötenden Erziehung muß der alte Gradgrind unerbittlich auskosten, aber Reue und die Hoffnung, daß über die in schweren Zeiten geprüften und geläuterten Menschen eine bessere Zukunft heraufziehen möge, gibt dem Roman einen versöhnenden Ausklang. Erschütternd lebensecht ist daneben die Welt der gebundenen, in schwerem Werktagslos dahinlebenden Massen der trostlosen Fabrikstädte gesehen.

Hier erweist sich Dickens als ein Vorgänger Zolas und seiner großen sozialen Romane. Daneben sind dann einzelne Typen mit erfrischender Satire gezeichnet, so die vornehme Madame Sparsit, die den verarmten und entarteten Adel darstellt, der sich schmarotzend mit Emporkömmlingen vom Schlage Bounderbys und ähnlichen Industriellen verband. Sehr »interessant« (das Wort in seiner vollsten Bedeutung genommen) ist auch der Vertreter des Snobs, Mr. Harthouse, der amoralische Genußmensch, der das Leben in all seinen Gewöhnlichkeiten durchschaut, der an nichts als eben an diese Gewöhnlichkeit glaubt.

Was diesem Roman unvergängliche Frische verleiht, ist die lebendige Kraft, die noch immer von ihm ausströmt. Die Bounderbys und Gradgrinds wandeln noch immer unter uns. Und immer noch bemüht sich der technisierende nüchterne Verstand, allen Frühling des Herzens und der Phantasie totzuschlagen. Deshalb können die »Schweren Zeiten« auch unserer Generation als Mahnung zur Einkehr, zur Selbstbesinnung wärmstens empfohlen werden.

Bei der Textrevision bin ich von Dr. Eva Thaer freundlichst unterstützt worden.

P. Th. H.

Erstes Kapitel.


Erstes Kapitel.

»Nun, was ich brauche, das sind Tatsachen. Bringen Sie diesen Knaben und Mädchen nichts als Tatsachen bei. Im Leben bedarf man nur der Tatsachen. Pflanzen Sie nichts anderes ein und entwurzeln Sie alles übrige. Den Geist vernunftbegabter Tiere können Sie nur durch Tatsachen bilden; nichts anderes wird ihnen je von Nutzen sein. Nach diesem Grundsatz erziehe ich meine eigenen Kinder und nach dem gleichen Grundsatz erziehe ich diese Kinder. Halten Sie sich an Tatsachen, mein Herr.«

Der Schauplatz bestand aus einem kahlen, schmucklosen und einförmigen Raum von Schulzimmer, und der plumpe Zeigefinger des Sprechers verlieh dessen Bemerkungen Nachdruck, indem er jeden Satz mit einer Linie am Ärmel des Schulmeisters unterstrich. Der Nachdruck wurde erhöht durch des Sprechers plumpe, mauerartige Stirn, die sich schwer über dessen Augenbrauen erhob. Seine Augen fanden gleichsam ein bequemes Kellergeschoß in zwei dunklen Höhlen, die von der Mauer beschattet wurden. Der Nachdruck wurde erhöht durch den Mund des Sprechers, der dünn, breit und scharf gezeichnet war. Der Nachdruck wurde erhöht durch die Stimme des Sprechers, die unbiegsam, trocken und herrisch klang. Der Nachdruck wurde erhöht durch das Haar des Sprechers, das sich borstenartig an den Enden seines kahlen Kopfes wie eine Pflanzschule von Tannen emporsträubte, um den Wind von dessen schimmernder Oberfläche abzuhalten. Diese war, der Kruste einer Rosinenpastete gleich, ganz mit Knoten bedeckt, als ob der Kopf kaum genug Lagerraum für die harten Tatsachen hätte, die in seinem Innern aufgespeichert lagen. Das stöckische Benehmen, der plumpe Rock, die plumpen Beine und die plumpen Schultern des Sprechers – ja, sein Halstuch sogar, das in seiner unbiegsamen Tatsächlichkeit so zusammengezogen war, um ihn bei der Kehle mit einem unnachgiebigen Griffe zu fassen – das alles erhöhte den Nachdruck.

»In diesem Leben haben wir nichts als Tatsachen nötig, mein Herr: nichts als Tatsachen.«

Der Sprecher und der Schulmeister samt der dritten erwachsenen Person, die zugegen war, alle zogen sich nunmehr etwas zurück und ließen ihre Augen über die geneigte Ebene kleiner Gefäße schweifen, die hier und da in Ordnung aufgepflanzt waren, bereit, mit richtig gemessenen Gallonen von Tatsachen vollgeschüttet zu werden, bis sie bis zum Rand gefüllt wären.

Zehntes Kapitel.


Zehntes Kapitel.

Ich wage zu glauben, daß die Engländer ein ebenso geplagtes Volk sind wie alle andern unter der Sonne. Diesem komischen Glauben rechne ich es zu, warum ich ihm etwas mehr Erholung wünschen möchte.

Es gibt in dem am schwersten arbeitenden Teile von Coketown innerste Werke dieser häßlichen Zitadelle, aus der die Natur ebenso nachdrücklich ausgesperrt, wie Gase und tödliche Dünste hineingesperrt werden. Das ist ein Zentrum von Labyrinth mit engen Höfen über Höfen, mit schmalen Gassen über Gassen, die alle stückweise ins Leben gerufen wurden, ein jedes Stück in gewaltiger Eile für irgend jemands Gebrauch, und das Ganze eine unnatürliche Familie bildend, die sich gegenseitig zu Tode drängt, tritt und quält. In diesem letzten stumpfen Winkel dieses großen unerschöpflichen Reservoirs sind die Rauchfänge aus Mangel an Luftzug in unendlicher Mannigfaltigkeit von verkrüppelten und krummen Gestalten erbaut, als ob jedes Haus ein Zeichen aushinge, was für Leute darin geboren werden dürften. Unter diesem hier hausenden Volke von Coketown, das man mit dem Sammelnamen ›die Hände‹ bezeichnet, einem Geschlecht, das bei gewissen Leuten weit mehr in Gunst gestanden hätte, wenn es durch die Vorsehung bloß als ›Hände‹, oder gleich den niedrigeren Tieren der Meeresküste, bloß als ›Hände und Magen‹ geschaffen wäre, lebte ein gewisser Stephen Blackpool, der vierzig Jahre alt war.

Stephen sah älter aus; er hatte aber auch ein saures Leben gehabt. Man sagt, jedes Leben hat seine Rosen und Dornen. Den Stephen ließ aber ein Unfall oder Mißgeschick dessen eigene Rosen durch andere ernten, während ihm die Dornen dieses andern als Zugabe zu den seinen vermacht wurden. Er hatte, um seine eigenen Worte zu gebrauchen, ein schwer Stück Kummer kennengelernt. Man nannte ihn gewöhnlich den alten Stephen in einer Art konsequenter Huldigung vor dieser Tatsache.

Der alte Stephen mochte wohl, bei seiner gebückten Haltung, mit seiner runzeligen Stirn und seinem streng aussehenden, klobigen Kopf, der von eisengrauem, langem und dünnem Haar bedeckt war, für einen besonders intelligenten Mann in seinem Stand gehalten werden. Dennoch war er es nicht. Er nahm keinen Platz unter jenen bemerkenswerten »Händen« ein, die viele Jahre hindurch, ihre Mußezeit zusammenraffend, mancher schwierigen Wissenschaft Meister wurden und eine Kenntnis der ungewöhnlichsten Dinge sich angeeignet hatten. Er gehörte nicht zu den »Händen«, die Reden halten und Debatten führen konnten. Tausende seiner Genossen waren imstande, zu jeder beliebigen Zeit viel besser zu sprechen als er. Er war ein guter Maschinenweber und ein vollkommen redlicher Mann. Was er mehr war, oder ihm sonst noch eigen war, das möge er selbst zeigen, wenn es überhaupt vorhanden.

Die Lichter in den großen Fabriken, die, wenn sie erleuchtet waren, wie Feenpaläste aussahen – wie die mit Luxus-Expreß-Reisenden wenigstens behaupten – waren sämtlich ausgelöscht, und die Glocken zur Einstellung der Arbeit für die Nacht waren erklungen und wieder verhallt. Die »Hände«, Männer und Frauen, Knaben und Mädchen trappelten nach Hause. Der alte Stephen stand in der Straße mit der sonderbaren Empfindung, die das Stillestehen der Maschinen immer hervorbrachte – einer Empfindung, als wenn die Maschinen auch in seinem Kopfe arbeiteten und stilleständen.

»Ich sehe noch immer Rachael nicht!« sagte er.

Die Nacht war naß, und manche Gruppe junger Frauen eilte an ihm vorbei, die Umhängetücher um das bloße Haupt geschlagen und diese unter dem Kinn dicht, damit sie den Regen abhielten. Er mußte Rachael wohl kennen; denn ein flüchtiger Blick auf die Vorbeigehenden sagte ihm, daß sie sich nicht unter ihnen befinde. Endlich waren alle vorbeigegangen, die kommen konnten. Er wandte sich um und meinte mit einem Ton der Enttäuschung: »Nun, so muß ich sie eben verfehlt haben.«

Er hatte aber noch nicht drei Straßen durchkreuzt, als er wieder eine verhüllte Gestalt voraneilen sah. Er strengte seinen Blick so an, daß vielleicht ihr bloßer, auf dem nassen Pflaster undeutlich reflektierter Schatten – wenn er nur diesen ohne die Gestalt selbst hätte sehen können, die längs der Lampenreihe bald deutlicher sichtbar wurde, bald verschwand – schon genügt hätte, um ihm zu sagen, wer es sei. Er änderte seinen Schritt rasch in einen schnelleren und sachteren, eilte vorwärts, bis er ganz in der Nähe der Gestalt war. Dann nahm er wieder seinen früheren Gang an und rief: »Rachael«

Sie wandte sich um und stand nun gerade im Lampenschimmer. Sie schob das Umschlagetuch ein wenig zurück und zeigte ein ruhiges ovales Gesicht von dunkler Farbe und ziemlich zartem Ausdruck, das von einem Paar äußerst sanfter Augen belebt und durch ihr wohlgeordnetes schwarzglänzendes Haar hervorgehoben wurde. Das Gesicht stand sonst nicht mehr in erster Jugendblüte; sie war eine Frau von fünfunddreißig Jahren.

»Ach, Stephen, bist du’s?« Das sagte sie mit einem Lächeln, das sich ganz deutlich zeigte, obwohl nur ihre lieblichen Augen sichtbar waren. Sie zog das Kopftuch wieder zusammen, und beide schritten miteinander fort.

»Ich dachte, du wärest noch hinter mir, Rachael?«

»Nein.«

»Bist heut zeitig fertig?«

»Ich bin manchmal etwas früher fertig, Stephen, manchmal etwas später. Ich kann es nie genau bestimmen, wann ich heimgehe.«

»Auch nicht, ob man den andern Weg einschlägt, wie es mir scheint, Rachael?«

»Nein, Stephen.«

Er betrachtete sie enttäuscht, zugleich aber mit ehrfurchtsvoller, geduldiger Überzeugung, daß sie in allem, was sie täte, recht haben müsse. Dieser Blick war ihr nicht unbemerkt geblieben; sie legte ihre Hand für einen Augenblick sacht auf seinen Arm, um ihm ihren Dank dafür auszudrücken.

»Wir sind so treue Freunde, Stephen, und so alte Freunde, und fangen jetzt an, alte Leute zu werden.«

»Nein, Rachael, du bist so jung wie du je gewesen.«

»Es würde keinem von uns beiden recht sein, daß man alt würde, Stephen, ohne daß der andere ebenfalls alt würde, wenigstens so lange nicht, wie wir beide zusammen leben«, erwiderte sie lachend. Auf jeden Fall sind wir aber so alte Freunde, daß es jammerschade und eine Sünde wäre, wenn wir uns nicht aufrichtig die Wahrheit sagten. Es ist besser, wenn wir nicht zu viel zusammengehen, zuweilen, ja! denn es wäre wirklich gar zu schlimm, wenn es gar nicht mehr geschehen sollte«, fügte sie mit einer Heiterkeit hinzu, die auch ihn heiter stimmen sollte.

»Es ist allemal hart, Rachael.«

»Versuch‘ nicht daran zu denken, dann wird es schon besser.«

»Hab‘ das schon lang genug versucht, und ist nicht besser geworden. Aber du hast recht; die Leute könnten reden, sogar über dich. Du bist mir seit vielen Jahren so viel gewesen, du hast mir soviel Gutes getan und durch dein heiteres Wesen mir selbst soviel Lebensmut gegeben, daß dein Wort für mich Gesetz ist. Ach Mädel, ein gern befolgtes, freundliches Gesetz! Besser als manches wirkliche Gesetz.«

»Laß dich ja nicht mit Gesetzen ein, Stephen«, antwortete sie rasch, nicht ohne einen ängstlichen Blick auf sein Gesicht. »Laß die Gesetze Gesetze sein.«

»Ja«, sagte er mit einem langsamen Kopfnicken. »Laß sie Gesetze sein. Laß alles sein. Laßt alle Dinge für sich. Es ist Hokuspokus und nichts weiter.«

»Immer Hokuspokus?« fragte Rachael mit einer zweiten leisen Berührung seines Armes, als wollte sie ihn aus der Melancholie reißen, in die er so versunken war, daß er im Gehen an den langen Enden seines losen Halstuchs kaute. Er ließ die Zipfel los, wandte sich freundlich zu ihr und sagte mit gutmütigem Lachen:

»Ah, Rachael, Mädel! Immer Hokuspokus, dabei bleib‘ ich. Ich komme oft und oft auf den Hokuspokus zurück und kann nie darüber hinauskommen.«

Sie waren schon eine Strecke gegangen und waren jetzt in der Nähe ihrer Wohnungen. Die der Frau kam zuerst. Die Wohnung lag in einer der vielen kleinen Straßen, für die der beliebte Leichenbesorger (der eine hübsche Summe aus diesem einzigen, ein bißchen armseligen Luxus der Nachbarschaft zog) eine schwarze Leiter bereithielt. Denn die, die zeit ihres Lebens täglich die schmalen Treppen hinauf- und hinuntergeklettert waren, sollten dann noch das Vergnügen haben, aus dieser Arbeitswelt einmal zum Fenster hinauszuspazieren. Sie stand an der Ecke still, legte ihre Hand in die seine und wünschte ihm gute Nacht.

»Gute Nacht, liebes Mädel, gute Nacht!«

Sie ging mit ihrer zierlichen Gestalt und ihrem gelassenen weiblichen Schritt die dunkle Straße hinab, und er stand da, ihr nachblickend, bis sie in eines der Häuschen verschwunden war. Es war nicht das leiseste Flattern ihres groben Umschlagtuches in den Augen dieses Mannes ohne Interesse und kein Ton ihrer Stimme ohne Echo in seinem inneren Herzen.

Als sie seinen Blicken entschwunden war, machte er sich wieder auf den Heimweg und blickte ein paar Mal zum Himmel empor, wo die Wolken rasch und wild dahinsegelten. Nun waren sie zerrissen, der Regen hatte aufgehört, der Mond guckte durch die hohen Schornsteine von Coketown in die tiefen Oefen hinunter und zeichnete die titanischen Schatten der nun ruhenden Dampfmaschinen auf den Mauern ab, die sie einschlossen. Unser Mann schien, wie er so dahinging, mit der Nacht heiterer zu werden. Seine Wohnung lag in einer andern Straße, die der früheren ähnlich und nur noch schmaler war und befand sich oberhalb eines kleinen Ladens. Wie es eigentlich kam, daß es die Leute der Mühe wert fanden, dort ihre armseligen Spielwaren zu kaufen oder zu verkaufen, in dem Laden, dessen Schaufenster zugleich billige Zeitungen und Schweinefleisch enthielt (den folgenden Abend sollte eine Keule ausgewürfelt werden), das braucht hier nicht erörtert zu werden. Er nahm einen Lichtstumpf von dem Gesims, zündete ihn an einem andern Lichtstumpf auf dem Ladentisch an, ohne die Eigentümerin zu stören, die in ihrem kleinen Zimmer eingeschlafen war, und ging in seine Wohnung hinauf.

Es war ein Zimmer, bei dessen verschiedenen vorangegangenen Bewohnern die schwarze Leiter mehrfach zu Gast gewesen war, sah aber jetzt so nett aus, wie ein solches Zimmer nur hergerichtet werden konnte. Einige Bücher und Schreibpapier lagen auf einem Schreibtisch in der Ecke; die Möbel waren vollständig, und obgleich die Zimmerluft dumpfig war, so sah das Zimmer doch rein aus.

Er ging zum Herd, um das Licht daneben auf einen dreibeinigen runden Tisch zu stellen. Dabei stolperte er über einen Gegenstand. Als er zurückfuhr, um ihn zu betrachten, erhob dieser sich. Es war eine Frau, die da gesessen hatte.

»Um’s Himmels willen, Weib«, rief er und fuhr vor der Gestalt noch weiter zurück. »Bist du wieder zurückgekommen?«

Was für ein Weib! Ein krüppelhaftes, betrunkenes Geschöpf, das bloß imstande war, in der sitzenden Stellung sich aufrecht zu erhalten. Sie stützte sich mit der einen schmutzigen Hand auf dem Boden, mit der andern versuchte sie vergeblich, sich das wirre Haar aus dem Gesicht zu streichen. Aber die schmutzige Hand machte auch das Haar nur noch schmutziger. Ein Geschöpf, in ihrer moralischen Verkommenheit nur noch um so viel schmutziger, daß es schon eine Schmach war, sie auch nur anzublicken.

Nachdem sie einige ungeduldige Flüche ausgestoßen und sich mit der Hand, die zu ihrer Unterstützung nicht nötig war, sich einfältig gekratzt hatte, war endlich das Haar genugsam aus ihrem Gesichte entfernt, um ihn zu erblicken. Dann saß sie da, den Leib hin- und herschaukelnd und machte mit ihrem schlaffen Arm Bewegungen, als sollten die das Lachen begleiten, was sie befiel, während ihr Gesicht einen dummen und schläfrigen Ausdruck zeigte.

»Nun, Junge, bist du auch da?« Einige heisere Töne, die das ausdrücken sollten, entfuhren ihr endlich höhnisch. Dann sank ihr Kopf vorwärts auf die Brust.

»Wieder zurück?« kreischte sie nach einigen Minuten, als ob er es in diesem Augenblick erst gesagt hätte. »Ja! Und wieder zurück, immer und immer so oft. Zurück? Ja, zurück. Warum nicht?«

Durch die Heftigkeit, mit der sie das ausrief, munter gemacht, krabbelte sie in die Höhe und stand da, sich mit den Schultern an der Wand stützend. Dabei hing ihr in der einen Hand ein Bruchstück von Hut, und sie suchte den Mann durchbohrend anzublicken. »Ich werde dich wieder ausverkaufen und ich werde dich wieder ausverkaufen und ich werde dich ein dutzendmal ausverkaufen«, rief sie mit einer Gebärde, die halb wie eine rasende Drohung, halb wie ein herausfordernder Tanz aussah. »Fort von meinem Bett!« Er saß auf dessen Rand und barg das Gesicht in den Händen. »Geh‘ fort davon! Es ist mein Eigentum: ich habe ein Recht darauf.«

Als sie darauf zuwankte, wich er ihr mit Schaudern aus und ging – das Gesicht immer bedeckt – nach dem entgegengesetzen Ende des Zimmers. Sie warf sich schwerfällig aufs Bett und fing bald tüchtig zu schnarchen an. Er sank auf einen Stuhl und bewegte sich in jener Nacht nur einmal. Er tat es, um noch eine Decke über sie zu werfen, als ob die Hände vor seinen Augen selbst ihm in der Dunkelheit nicht genügten, um sie seinen Augen zu verbergen.

Elftes Kapitel.


Elftes Kapitel.

Noch vor Morgengrauen standen die »Feenpaläste« alle zugleich in voller Beleuchtung, und man konnte die monströsen Rauchschlangen sehen, die sich über Coketown hinwälzten. Klappern von Holzschuhen auf dem Straßenpflaster, hastiges Schellen der Glocken und all die melancholisch-wahnsinnigen Elefanten, die für die Monotonie des Tages poliert und geölt waren, alle Maschinen stampften wieder in ihrer schwerfälligen Tätigkeit.

Stephen neigte sich über seinen Webstuhl, ruhig, wachsam und anhaltend. Er bildete wie jeder, der in diesem Wald von Webstühlen gleich ihm arbeitete, einen scharfen Kontrast zu dem rasselnden, ratternden und aufreibenden Mechanismus, mit dem er beschäftigt war. Fürchtet nicht, ihr guten Leute mit einem ängstlichen Gemüt, daß die Natur von der Kunst in Vergessenheit gestoßen werden könnte. Stellet Gottes Werk und Menschenwerk nebeneinander, und das erste wird, wenn es auch nur aus einer Truppe »Hände« von sehr geringer Bedeutung besteht, im Vergleich als das weitaus Würdigere erscheinen.

Vierhundert und noch mehr »Hände« in diesem Mühlwerk – zweihundertundfünfzig Pferdekräfte. Man weiß bis zum letzten Pfund anzugeben, wieviel die Maschine zu leisten vermag. Sämtliche Berechner der Nationalschuld aber können nicht die Fähigkeit zum Guten oder Bösen, zur Liebe oder zum Haß, zum Patriotismus oder zur Rebellion, zur Verwandlung der Tugend in Laster oder zum Gegenteil, in der Seele eines dieser stillen Arbeiter mit den gesetzten Mienen und den sicheren Bewegungen, auch nur für einen einzigen Augenblick angeben. In der Maschine liegt kein Geheimnis, in diesen aber – selbst in den Geringsten von ihnen – ruht ein ewiges, undurchdringliches Mysterium. – Wie wäre es, wenn wir die Arithmetik für materielle Gegenstände reservierten und bei diesen hehren unbekannten Größen andere Hilfsmittel in Anwendung brächten?

Der Tag ward heller und zeigte sich draußen, trotz der drinnen schimmernden Lichter. Diese wurden gelöscht und die Arbeit ward fortgesetzt. Der Regen fiel und die Rauchschlangen wälzten sich, dem Fluche dieses ganzen Stammes sich unterwerfend, über die Erde. Im Hofe draußen aber war der Dampf aus dem Abzugsrohr, das Durcheinander von Fässern und altem Eisen, die glitzernden Kohlenhaufen und selbst die herumgestreute Asche von einem Regen- und Nebelschleier umhüllt.

Die Arbeit ward fortgesetzt, bis die Mittagsglocke ertönte. Vermehrtes Klappern auf dem Straßenpflaster. Der Weberstuhl, die Räder und Hände wurden sämtlich für eine Stunde außer Tätigkeit gesetzt.

Stephen kam aus dem heißen Mühlwerk, verstört und erschöpft, in den feuchten Wind und in die naßkalten Straßen. Er verließ seine Kameraden und sein eigenes Viertel. Er nahm nur ein Stück Brot auf dem Weg zu sich und wandte sich gegen einen Hügel, wo sein Prinzipal in einem roten Haus lebte. Das Haus hatte schwarze Fensterläden von außen, grüne Jalousien von innen, eine schwarze Haustür, zu der zwei weiße Stufen führten. »Bounderby« (mit Buchstaben, die ihm sehr ähnelten) stand auf dem Metallschild zu lesen, und unter diesen befand sich ein runder, metallener Türgriff, der wie ein ehernes »Punktum« aussah.

Mr. Bounderby befand sich beim Gabelfrühstück. Stephen hatte das erwartet. Ob sein Diener ihm ankündigen wollte, daß einer der »Hände« um die Erlaubnis bäte, ihn zu sprechen? Als Antwort die Anfrage, wie der Name dieser »Hand« laute. Stephen Blackpool. Gegen Stephen Blackpool lag nichts Mißliebiges vor – ja, er dürfte kommen.

Stephen Blackpool im Sprechzimmer. Mr. Bounderby (den er bloß vom Ansehen kannte) beim Gabelfrühstück mit Hammelkotelett und Sherry beschäftigt. Mrs. Sparsit am Kamin mit einer Stickerei beschäftigt. Sie sitzt wie eine Dame zu Pferde, mit einem Fuß in einem Bügel von Baumwollgarn. Es gehörte zu Mrs. Sparsits Würde und dienstlicher Stellung, selbst kein Gabelfrühstück zu nehmen. Sie beaufsichtigte das Mahl offizieller Weise, gab jedoch vor, daß sie bei der Vornehmheit ihrer Person dieses zweite Frühstück für eine Schwäche halte.

»Nun, Stephen«, sagte Mr. Bounderby, »was gibt’s mit Euch?«

Stephen machte eine Verbeugung. Keine knechtische – diese »Hände« werden sich nimmer dazu verstehen! Gott bewahre, mein Herr, Sie werden sie nie darauf ertappen, wenn sie auch zwanzig Jahre um Sie gewesen sind! – Und um sich für Mrs. Sparsit artig-angemessen zu verbeugen, stopfte er die Enden seines Halstuches in die Weste.

»Nun, Ihr wißt«, sagte Mr. Bounderby, indem er etwas Sherry nahm, »wir hatten nie Schwierigkeiten mit Euch und Ihr gehörtet nie zu denen, die unbillige Forderungen stellten. Ihr erwartet nicht, in einem sechsspännigen Wagen zu stolzieren und Schildkrötensuppe und Wildbret mit goldenen Löffeln zu essen, wie es so viele andere treiben.« Mr. Bounderby stellte das immer als das einzige, unmittelbare und direkte Streben einer »Hand« dar, die nicht vollständig zufrieden war, »und deshalb bin ich auch überzeugt, daß Ihr nicht gekommen seid, um eine Klage vorzubringen. Nun wißt Ihr, daß ich dessen im voraus gewiß bin.«

»Nein, Sir, ich bin gewiß wegen so etwas nicht gekommen.«

Mr. Bounderby schien, trotz seiner früheren festen Überzeugung, angenehm davon überzeugt zu sein. »Sehr gut«, entgegnete er, »Ihr seid eine solide ›Hand‹, ich habe mich also nicht getäuscht. Nun, laßt mich alles hören, was es gibt. Da es nicht jenes ist, so laßt mich hören, was es gibt. Was habt Ihr zu sagen? Heraus damit, Stephen!«

Stephen warf zufällig einen Blick auf Mrs. Sparsit. »Ich kann mich entfernen, Mr. Bounderby, wenn Sie es wünschen«, sagte diese sich aufopfernde Lady, und tat so, als ob sie den Fuß aus dem Steigbügel nehmen wollte.

Mr. Bounderby hielt sie zurück, indem er einen Mundvoll Hammelkotelette in der Schwebe hielt, ehe er ihn verschluckte, und dabei seine linke Hand ausstreckte. Nachdem er seine Hand zurückgezogen und den Bissen verschluckt hatte, sagte er zu Stephen:

»Nun, Ihr müßt wissen, daß diese gute Lady eine geborene Lady ist, eine hochgestellte Lady. Ihr müßt nicht glauben, daß sie, weil sie jetzt meinen Haushalt beaufsichtigt, nicht hoch auf dem Baume sich befunden – ach, auf dem Gipfel des Baumes! Wenn Ihr nun etwas zu sagen habt, das nicht vor einer Lady von Geburt gesagt werden kann, so wird diese Lady das Zimmer verlassen. Habt Ihr jedoch etwas zu sagen, das vor einer Lady von Geburt wirklich gesagt werden kann, so wird diese Lady bleiben, wo sie ist.«

»Sir, ich glaub‘, ich hab‘ nie nichts zu sagen gehabt, das nicht vor einer Lady von Geburt gesagt werden kann, seit ich selbst geboren bin«, lautete die Antwort mit einem leichten Erröten.

»Sehr gut«, sagte Mr. Bounderby, indem er den Teller von sich stieß und sich zurücklehnte. »Also los!«

»Ich bin gekommen«, fing Stephen nach kurzem Nachdenken an, indem er seine Augen erhob, »um mir bei Ihnen Rat zu holen. Brauche nicht gar zu viel. Neunzehn Jahre sind es her, seit ich an einem Ostermontag bin verheiratet worden. Sie war ein junges Mädchen, ziemlich hübsch und hatte guten Ruf. Gut! Fing bald an umzuschlagen. War nicht meine Schuld. Weiß Gott, bin kein schlechter Ehemann für sie gewesen.«

»Ich habe das alles schon früher gehört«, sagte Mr. Bounderby. »Sie geriet in fremde Gesellschaft, ergab sich dem Trunk, verließ die Arbeit, verkaufte die Möbel, versetzte die Kleider und gebärdete sich ganz rechthaberisch.«

»Ich hatte Geduld mit ihr.«

»Desto dummer von Euch«, meinte Mr. Bounderby vertraulich zu seinem Weinglas.

»Ich hatte viel Geduld mit ihr. Ich suchte sie davon abzubringen – nochmals und nochmals. Probierte dies, probierte jenes und probierte was anderes. Kam oft nach Hause und fand alles verschwunden, was ich in der lieben Welt besaß, und sie selbst ohne einen leisen Gedanken bewusstlos am Boden liegen. Das passierte nicht einmal – nicht zweimal – sondern zwanzigmal.«

Jeder Zug seines Gesichts vertiefte sich, wie er so sprach, und spiegelte auf rührende Weise die Leiden ab, die er ertragen.

»Vom Regen in die Traufe und immer schlimmer als je. Sie verließ mich. Sie machte sich überall zuschanden, ganz entsetzlich. Sie kam zurück, kam wieder und wieder. Was konnt ich tun, um sie daran zu hindern? Ich bin ganze Nächte durch die Straßen gerannt, nur um nicht nach Hause zu gehen. Bin zur Brücke gegangen, um darüber zu springen und alles los zu sein. Ich habe gar so vieles ertragen, woran ich nicht dachte, als ich jung war.«

Mrs. Sparsit, die die Stricknadeln leicht hin und her bewegte, erhob die römischen Augenbrauen und schüttelte mit dem Kopfe, als wollte sie sagen: »Die vornehmen Leute kennen Beschwerden sowohl wie die kleinen. Sehen Sie doch – natürlich in aller Bescheidenheit! – mich an.«

»Ich gab ihr Geld, um sie von mir fernzuhalten. Fünf Jahre lang hab‘ ich ihr Geld gegeben. Ich habe mir wieder anständiges Hausgerät angeschafft. Ich habe ein schweres und trübes Leben geführt, brauch mich aber keiner einzigen Minute zu schämen. Vorige Nacht ging ich nach Hause. Da lag sie auf dem Fußboden. Da ist sie nun!«

In der Gewalt seines Unglücks und in der Stärke seines Elends loderte er für einen Augenblick einem stolzen Manne gleich auf. Im nächsten Augenblick stand er da, wie er bisher dagestanden – in seiner gewöhnlichen gebückten Stellung. Sein nachdenkliches Gesicht war gegen Mr. Bounderby mit einem sonderbaren Ausdruck gerichtet, der halb klug und halb verlegen war, als ob er etwas höchst Schwieriges hätte enträtseln wollen. Den Hut hielt er fest in seiner linken Hand und stützte diese in seine Hüfte. Sein rechter Arm gab seinen Worten durch eine rauhe Eigentümlichkeit und Kraft in seinem Gebärdenspiel ernsthaften Nachdruck, was nicht weniger geschah; nicht am wenigsten, wenn er ihn etwas gebogen hielt, sobald er im Reden pausierte.

»Ich habe das alles, wie Ihr wisst«, sagte Mr. Bounderby, »mit Ausnahme des letzten Vorfalles, schon längst gewusst. Es ist eine schlimme Geschichte – ja, das ist es. Ihr hättet lieber mit Eurem Stand zufrieden sein und nicht heiraten sollen. Es ist indessen zu spät, das zu sagen.«

»War es hinsichtlich des Alters eine ungleiche Heirat, Sir?« fragte Mrs. Sparsit.

»Ihr hört, was diese Lady fragt. War diese schlimme Angelegenheit eine ungleiche Heirat hinsichtlich des Alters?« sagte Bounderby.

»Nicht so ganz. Ich selbst war einundzwanzig und sie noch nicht ganz zwanzig.«

»Wirklich, Sir«, sagte Mrs. Sparsit mit großer Gelassenheit zu ihrem Obern. »Ich schloss daraus – daß es eine so unglückliche Heirat ist, daß eine Altersverschiedenheit dabei obgewaltet haben müsse.«

Mr. Bounderby blickte die gute Lady scharf von der Seite an mit einem komisch-dummen Mienenspiel. Er stärkte sich hierauf mit etwas Sherry.

»Nun? Warum fahrt Ihr nicht fort?« fragte er, etwas ärgerlich gegen Stephen Blackpool gewendet.

»Ich habe Sie fragen wollen, Sir, wie ich mir das Weib vom Hals schaffen kann.« Stephen verlieh dem vermischten Ausdruck seines aufmerksamen Gesichtes einen noch tieferen Ernst. Mrs. Sparsit stieß einen leisen Ausruf aus, als hätte sie einen moralischen Stoß erlitten.

»Was meint Ihr?« fragte Mr. Bounderby, der aufgestanden war, um sich mit dem Rücken gegen den Kamin zu lehnen. »Wovon sprecht Ihr? Ihr habt sie aufs Geratewohl genommen?«

»Ich muß sie loswerden. Ich kann es nicht länger mehr ertragen. Ich hab‘ nur darum solange dabei existieren können, weil ich das Mitleid und den Trost eines Mädchens hatte, des besten unter den lebenden oder toten. Vielleicht hab‘ ich es nur ihr zu verdanken, daß ich nicht verrückt geworden bin.«

»Er will frei werden, um, wie ich fürchte, das Frauenzimmer zu heiraten, von dem er spricht, Sir!« bemerkte Mrs. Sparsit mit gedämpfter Stimme, höchst betrübt über die Sittenlosigkeit dieser Leute.

»Das will ich. Die Lady hat richtig gesprochen. Das will ich. Ich wollte das selbst noch sagen. Ich hab‘ in den Zeitungen gelesen, daß die Großen (denen es wohl ergehen möge – ich wünsche ihnen nichts Schlimmes) nicht aufs Geratewohl so fest miteinander verbunden sind, daß sie ihre unglücklichen Ehen nicht wieder auflösen könnten, um nochmals zu heiraten. Wenn sie sich nicht gut vertragen, weil sie ein ungleiches Temperament haben, so haben sie allerhand verschiedene Zimmer in ihren Häusern, und sie können abgesondert leben. Wir armen Leute haben nur ein Zimmer, und wir können das nicht. Wenn das nicht geht, so haben sie Gold und anderes Geld, und sie können sagen: ›Dies ist für mich und das für dich.‹ Dann kann ein jeder seine Wege gehen. Wir können das nicht. Trotz alledem können sie sich wegen kleinerer Ungerechtigkeiten freimachen, während Hunderte und aber Hunderte leiden müssen, und zwar mehr noch die Frauen als die Männer – sie können sich wegen kleinerer Unbilden, als die meinen sind, freimachen. Ich will nun mein Weib loswerden und möchte nun gern wissen, auf welche Weise?«

»Auf keine Weise!« erwiderte Mr. Bounderby.

»Wenn ich ihr etwas antue, gibt’s ein Gesetz, um mich zu bestrafen?«

»Freilich gibt’s eins.«

»Wenn ich von ihr fortlaufe, gibt’s ein Gesetz, um mich zu bestrafen?«

»Freilich gibt’s eins.«

»Wenn ich das andere liebe Mädchen heirate, gibt’s ein Gesetz, um mich zu bestrafen?«

»Freilich gibt’s eins.«

»Wenn ich mit ihr lebte, ohne sie zu heiraten – den Fall angenommen, daß so etwas sein könnte, was eigentlich nie geschehen würde oder könnte, da sie so gut ist – gibt es ein Gesetz, mich in jedem unschuldigen Kinde zu bestrafen, das mir gehören würde?«

»Freilich gibt’s eins.«

»Zeigt mir nun, um Gottes willen«, rief Stephen Blackpool, »das Gesetz, womit mir zu helfen wäre.«

»Dieses Lebensverhältnis«, sagte Mr. Bounderby, »ist geheiligt und – und – muß aufrechterhalten werden.«

»Nein, nein – sagen Sie das nicht, Sir. In dieser Weise kann es nicht aufrechterhalten werden. Nicht in dieser Weise. In dieser Weise muß es zugrunde gehen. Ich bin ein Weber und kam schon als Kind in die Fabrik, aber ich habe Augen, um zu sehen, und Ohren, um zu hören. Ich lese die Zeitungen – jede Gerichtsperiode, jede Sessionszeit – und Sie lesen sie auch – ich weiß es! – mit banger Besorgnis, wie die Unmöglichkeit, auf irgendeine Art von einander loszukommen, Blut über unser Land bringt und viele Ehepaare (ich sage aber, noch mehr die Frauen als die Männer) zu Kampf, Mord und Totschlag führt. Räumt uns doch dieses Recht ein. Mein Fall ist ein sehr trauriger, und ich möchte von Ihnen – wenn Sie so gut sein wollten – erfahren, welches Gesetz mir helfen könnte.«

»Ich will Euch nun was sagen«, bemerkte Bounderby, indem er die Hände in die Tasche steckte. »Es gibt ein solches Gesetz.«

Stephen nickte mit dem Kopf, indem er in seine frühere Ruhe versank und aufmerksam hinhorchte.

»Aber es ist durchaus nichts für Euch. Es kostet Geld. Kostet eine ungeheure Summe.«

»Wie viel würde das sein?« fragte Stephen ruhig.

»Nun, Ihr müsstet zu dem Gerichtshof für Ehesachen mit dem Prozess gehen, dann müsstet Ihr zu dem Common Law mit einem Prozess gehen, und Ihr müsstet zum Oberhaus mit einem Prozess gehen – dann müsstet Ihr einen Berechtigungsschein des Parlaments zu erlangen suchen, daß ihr wieder heiraten dürft. Das würde Euch (wenn der Wind günstig bläst), wie ich glaube, an tausend bis fünfzehnhundert Pfund kosten«, sagte Mr. Bounderby. »Vielleicht die doppelte Summe.«

»Gibt’s kein anderes Gesetz?«

»Auf keinen Fall.«

»Nun denn, Sir«, sagte Stephen erblassend und machte mit der rechten Hand eine Bewegung, als gäbe er alles den vier Wänden preis. »Es ist alles Hokuspokus. Es ist alles zusammen nichts als Hokuspokus, und je früher ich sterbe, desto besser ist’s.«

(Mrs. Sparsit war jetzt von neuem über die Gottlosigkeit dieser Leute in Betrübnis versetzt.)

»Ach was! sprecht keinen Unsinn, mein Lieber«, sagte Mr. Bounderby, »von Dingen, die Ihr nicht versteht, und nennt die Institutionen Eures Landes nicht Hokuspokus, oder Ihr werdet eines schönen Morgens selbst in ein Hokuspokus geraten. Die Institutionen Eures Landes sind nicht Eure Angelegenheit, und das einzige, worum Ihr Euch zu kümmern habt, ist, Eure Arbeit zu besorgen. Eure Frau ist Euch nicht durch ein betrügerisches Spiel zugefallen, sondern Ihr habt sie aus freien Willen genommen. Wenn sie sich schlecht bewährt – nun, alles was uns zu sagen übrig bleibt, ist, daß sie sich eben besser hätte bewähren sollen.«

»Hokuspokus«, sagte Stephen mit einem Kopfschütteln, als er sich der Tür näherte – »es ist alles Hokuspokus.«

»Ich will Euch nun was sagen«, fuhr Mr. Bounderby in einer Abschiedsermahnung fort. »Mit Euren Gesinnungen, die ich als ruchlos bezeichnen muß, habt Ihr diese Lady vollständig empört, die, wie ich Euch bereits gesagt habe, eine Lady von Geburt ist, und die, wie ich Euch noch nicht gesagt habe, ihre eigenen Unglücksfälle in der Ehe gehabt hat, die sich auf zehntausend Pfund beliefen – auf, sage und schreibe zehntausend Pfund (er wiederholte es mit großem Behagen). Bis jetzt seid Ihr nun eine solide ›Hand‹ gewesen, meine Meinung ist aber, und das will ich Euch geradezu sagen, daß Ihr anfangt, eine schlechte Bahn einzuschlagen. Ihr habt irgendeinem boshaften Fremden oder sonst jemandem Gehör geschenkt – sie sind immer dabei – und das beste, was Ihr tun könnt, ist, Euch das alles aus dem Kopf zu schlagen. Nun, Ihr wisst nun«; hier nahm sein Gesicht einen Ausdruck besonderer Schläue an, »ich kann ebenso tief in einen Schleifstein gucken wie jeder andere – ja, noch tiefer als viele andere Leute, weil mir die Nase in meiner Jugend tüchtig gerieben wurde. Ich wittere etwas von Schildkrötensuppe, Wildbret und goldenen Löffeln. Ja, das tue ich«, rief Mr. Bounderby, den Kopf in seiner hartnäckigen Schlauheit schüttelnd. »Weiß der Himmel, das tue ich.«

Mit einem ganz andern Kopfschütteln und tiefem Seufzer sagte Stephen: »Ich danke Ihnen, Sir. Guten Tag.«

So verließ er Mr. Bounderby, der sich vor seinem Bilde an der Wand aufblähte, als wollte er sich hineinexplodieren. Mrs. Sparsit aber strickte weiter, mit ihrem Fuß im Steigbügel und ganz betrübt über die Laster des Volkes.

Zwölftes Kapitel.


Zwölftes Kapitel.

Stephen Blackpool stieg die zwei weißen Stufen herab und schloss die schwarze Tür mit dem metallenen Türschild. Er tat das, indem er das messingene Punktum anzog und gab diesem zum Abschied mit seinem Rockärmel noch eine kleine Politur; denn er merkte, daß es von seiner warmen Hand angelaufen war. Mit zur Erde gesenktem Blick ging er über die Straße und schritt kummervoll dahin, als er sich plötzlich am Arm berührt fühlte.

E« war nicht die Berührung durch die Hand, die er in einem solchen Augenblick am meisten ersehnt hätte – die Berührung, die die aufgeregten Wogen seiner Seele hätte beschwichtigen können, wie die erhobene Hand der höchsten Liebe und Geduld das Toben des Meeres dämpfen konnte – und doch war es die Berührung einer Frauenhand. Seine Augen fielen, als er stillstand und sich umwandte, auf eine alte Frau, die von hoher Gestalt und noch stattlich war, obgleich die Zeit sie schon hatte verblühen lassen. Ihre Kleidung war sehr reinlich und einfach, der Staub der Landstraße haftete an ihren Schuhen – sie musste eben von einer Fußreise gekommen sein. Ihre Aufgeregtheit in dem ungewohnten Straßenlärm – der ärmliche Schal, den sie über dem Arm trug – der schwerfällige Regenschirm und der kleine Korb – die weiten Handschuh, an die ihre Hände nicht gewöhnt waren – alles verriet eine alte Frau vom Lande, die in den einfachen Sonntagskleidern nach Coketown kam, um, wie es gewiß selten geschah, irgend etwas hier zu besorgen.

Stephen Blackpool bemerkte das alles mit der schnellen Beobachtungsgabe seiner Klasse, neigte sein aufmerksames Gesicht – sein Gesicht, das wie die Gesichter so vieler seines Standes, durch anhaltendes Arbeiten mit Augen und Händen inmitten eines ungeheuren Lärms, einen konzentrierten Blick sich angeeignet hatte, den wir im Antlitz tauber Menschen gewöhnlich antreffen – zu ihr nieder, um sie besser zu verstehen.

»Bitte, mein Herr«, sagte die Alte, »Hab‘ ich Euch nicht aus dem Hause jenes Gentleman kommen sehen?« Dabei deutete sie nach der Besitzung von Mr. Bounderby. »Ich glaube. Ihr wart es, wenn ich nicht das Mißgeschick hatte, mich in der Person zu irren, der ich nachfolgte.«

»Ja, liebe Frau«, erwiderte Stephen, »ich war’s.«

»Habt Ihr – entschuldigt gefälligst die Neugier einer alten Frau – habt Ihr den Herrn gesehen?«

»Ja, liebe Frau.«

»Und wie sah er aus, mein Herr? War er bei Kräften, frisch, gesund und munter?«

Sie richtete sich mit dem Kopf in die Höhe, um ihre Gebärden ihren Worten anzupassen. Da durchkreuzte Stephen der Gedanke, daß er diese Frau schon früher gesehen, und daß sie ihm damals unsympathisch gewesen sei.

»O ja«, antwortete er, sie aufmerksamer betrachtend, »er war das alles.«

»Und gesund«, fragte die Alte, »wie der frische Wind?«

»Ja«, entgegnete Stephen, »er aß und trank so vernehmlich und derb wie eine dicke Hummel.«

»Danke«, sagte die Alte mit unendlicher Zufriedenheit. »Danke sehr.«

Er hatte die alte Frau früher wohl nie gesehen. Dennoch schwebte ihm die unbestimmte Erinnerung vor, als habe er schon mehr als einmal von einer ähnlichen alten Frau geträumt.

Sie schritt neben ihm her, und ihre frohe Laune übertrug sich auf ihn. Er bemerkte, daß Coketown ein betriebsamer Ort sei, nicht wahr? Worauf sie zur Antwort gab: »Ei, gewiß, schrecklich betriebsam.« Dann sagte er, sie komme vom Lande, wie er sehe? Das bejahte sie.

»Mit dem Frühschnellzug. Ich kam vierzig Meilen mit dem Frühschnellzug heute, und vierzig Meilen werde ich heute nachmittag wieder zurücklegen. Ich ging heute morgen zu Fuß neun Meilen zu der Eisenbahnstation, und wenn ich auf meinem Weg niemanden finde, der mich mitnimmt, so werde ich dieselben neun Meilen am Abend wieder zurücklegen. Da« ist bei meinem Alter ein schönes Stück Arbeit, Sir!« sagte die alte Frau, mit fröhlich leuchtenden Augen.

»Sicherlich. Aber so oft könnt Ihr das kaum, liebe Frau?«

»Nein, nein. Einmal im Jahr«, antwortete sie kopfschüttelnd, »gebe ich auf diese Weise meine Ersparnisse aus, nur einmal jedes Jahr. Ich komme regelmäßig, um durch die Straßen zu eilen und die Herren zu sehen.«

»Bloß um sie zu sehen?« fragte Stephen.

»Das genügt mir«, antwortete sie mit großem Ernst und merkwürdigem Eifer. »Ich verlange nicht mehr. Ich habe hier auf dieser Seite gestanden, um jenen Herrn«, hier drehte sie den Kopf abermals nach Mr. Bounderbys Wohnung um, »herauskommen zu sehen. Aber er verweilt lange dieses Jahr, und ich habe ihn nicht erblickt. Ihr kamt statt seiner heraus. Wenn ich nun zurückgehen muß, ohne einen Blick auf ihn geworfen zu haben – ich bedarf nur eines Blickes – so hilft das nichts. Ich habe Euch gesehen und ich muß damit zufrieden sein.« Während sie das sagte, betrachtete sie Stephen, als wolle sie sich seine Gesichtszüge einprägen, wobei ihre Augen den früheren Glanz verloren hatten.

So sehr er den verschiedenen Geschmack auch gelten ließ und so unterwürfig er auch gegen die Patrizier von Coketown war, so schien ihm das doch ein außergewöhnliches Interesse zu sein, daß sich jemand wegen solcher Sache so viel Mühe gab. Er ward ordentlich verwirrt davon. Sie kamen gerade an der Kirche vorüber, und da er die Uhr erblickte, beschleunigte er seinen Schritt.

»Es geht wohl zur Arbeit?« fragte die Alte, indem sie leichterweise auch den ihren beschleunigte. Ja, die Zeit war beinahe um. Als er ihr mitteilte, wo er arbeitete, wurde die Alte eine noch seltsamere Alte als früher.

»Seid Ihr nicht glücklich?« fragte sie ihn.

»Nun – es gibt – niemanden, der nicht seine Sorgen hat, Frau«, antwortete er ausweichend: denn die Alte schien es für ausgemacht zu halten, daß er in der Tat sehr glücklich sein müsse, und er hatte nicht das Herz, sie zu enttäuschen. Er wußte, daß es des Ungemachs in der Welt genug gebe, und wenn die Alte schon solange gelebt hatte und darauf rechnen konnte, daß ihm nur so wenig davon zuteil geworden, nun, um so besser für sie und nicht schlimmer für ihn.

»Ja, ja! Ihr habt wohl häuslichen Kummer?« fragte sie.

»Manchmal. Dann und wann eben«, antwortete er leichthin.

»Aber wenn ihr bei einem solchen Herrn in Arbeit steht, so folgt Euch der Kummer doch nicht in die Fabrik?«

»Nein, nein, er folgt mir nicht dahin«, sagte Stephen. »Da ist alles ohne Tadel, alles in Ordnung.« (Er ging nicht soweit, um zu ihrem Vergnügen zu bemerken, daß eine Art göttlichen Rechtes daselbst obwalte: wir haben freilich neuerdings ähnliche herrliche Behauptungen verlauten hören.)

Sie befanden sich nun in der schwarzen Seitengasse, in der Nähe der Fabrik, wohin die »Hände« sich drängten. Die Glocke schellte, und die Schlange war eine Schlange von verschiedenen Windungen, und der Elefant machte sich bereit. Die sonderbare Alte schien selbst von der Glocke entzückt zu sein. Es war die allerschönste Glocke, die sie je vernommen, und klang großartig.

Sie fragte ihn, als er vor seinem Eintreten gutmütig anhielt, um ihr die Hand zu schütteln, wie lange er hier schon arbeite?

»Ein Dutzend Jahre«, sagte er.

»Ich muß die Hand küssen«, sagte sie, »die in dieser schönen Fabrik ein Dutzend Jahre gearbeitet.« Sie zog sie empor, obgleich er sie daran hindern wollte, und führte sie an die Lippen. Die Einfalt ihres Wesens konnte er sich bei ihrem Alter und ihrer Einfachheit nicht erklären; aber selbst in diesem phantastischen Benehmen lag ein gewisses Etwas, das weder für Zeit noch Ort unschicklich war, ein gewisses Etwas, von dem es schien, als ob sonst niemand ein gleiches so ernsthaft und mit so natürlicher und rührender Art hätte tun können.

Eine volle halbe Stunde hatte er, über diese Alte in Nachdenken versunken, an seinem Webstuhl gesessen. Als er nun für irgendeine Zurichtung sich umwenden musste und einen Blick durch das Fenster in der Ecke warf, sah er sie noch vor dem Gebäude in Bewunderung versunken dastehen. Unbekümmert um Rauch, Kälte und Nässe und ihre zwei langen Reisen, staunte sie das Haus an, als ob das schwerfällige Knarren, das aus seinen vielfachen Stockwerken ertönte, wie rauschende Musik in ihren Ohren klänge.

Endlich war sie fort, und der Tag folgte ihr, und die Lichter erglänzten wieder, und der Expresstrain flog angesichts der Feenpaläste über die Schwibbogen in raschem Fluge vorüber: wenig ward inmitten des Maschinengeklappers davon gespürt, und bei dem Krachen und Knarren wurde kaum etwas gehört. Seine Gedanken waren indessen zu seinem trübseligen Zimmer über dem kleinen Laden und zu der schmachvollen Gestalt zurückgeeilt, die schwer auf dem Bette, noch schwerer aber ihm auf dem Herzen lag.

Die Maschinen erschlafften – schlugen schwach wie ein ermattender Puls – hielten inne. Abermals die Glocke – der Lichtschimmer und die Hitze verschwanden – die Fabriken sahen in der schwarzen, nassen Nacht düster darein – und ihre hohen Schornsteine erhoben sich in die Luft gleich den Türmen von Babel.

Es ist wahr, daß er mit Rachael erst am vorigen Abend gesprochen hatte und ein wenig mit ihr gegangen war. Nun lag aber das neue Unglück auf ihm, wobei ihm sonst niemand auch nur für einen Augenblick Trost zu gewähren vermochte. Darum, und auch weil er wußte, daß er eine Besänftigung für seinen zornigen Unmut nötig hatte, und weil er weiter wußte, wie ihn schon ihre Stimme trösten konnte, glaubte er, er dürfe gegen ihren Wink handeln und auf sie warten. Er wartete, aber sie hatte ihn getäuscht. Sie war bereits fort. An keinem Abend des ganzen Jahres kam es ihm so schwer an, ihr sanftes Gesicht zu entbehren.

Oh! Wahrlich besser, keinen häuslichen Herd besitzen, wohin man sein müdes Haupt legen kann, als einen wirklich haben und wegen solcher Gründe sich scheuen, ihn zu betreten. Er aß und trank, denn er war erschöpft – aber er wußte nicht was, noch kümmerte er sich darum. Er irrte in dem kalten Regen umher, immerfort sinnend und sinnend und brütend und brütend.

Kein einziges Wort über eine zweite Heimat war je zwischen ihnen gewechselt worden. Aber Rachael hatte ihm seit Jahren Mitleid bewiesen: und ihr allein hatte er während dieser ganzen Zeit sein gedrücktes Herz über die Ursache seines Elends erschlossen. Er wußte wohl, daß, wenn er um ihre Hand anhalten dürfte, sie ihm diese nicht verweigern würde. Er dachte an den häuslichen Herd, zu dem er im jetzigen Augenblick mit Stolz und Vergnügen geeilt wäre – welch ein anderer Mann er jetzt gewesen, wie leicht es ihm dann um das Herz gewesen wäre, das jetzt so schwer beladen war. Er dachte an die wiederhergestellte Ehre, an Selbstachtung und Ruhe –was jetzt alles zerstört war. Er dachte an den Verlust seiner besten Lebenszeit, an den Wechsel, der in seinem Charakter in jeder Beziehung zum Schlechten stattgefunden, an die schreckliche Art seines Daseins, da er mit Hand und Fuß an ein totes Weib gebunden war, da ihn ein Dämon in ihrer Gestalt folterte. Er dachte an Rachael, wie jung sie war, als sie sich zum ersten Mal unter solchen Umständen begegneten, wie herangereift sie jetzt war, und wie bald sie alt werden sollte. Er dachte an die Mädchen und Jungfrauen, die sie zum Altar hatte schreiten sehen, wie viele Familien sie kannte, in denen die Kinder heranwuchsen; wie sie sich trotz allem zufrieden gab, ihren ruhigen, einsamen Pfad weiterging, nur um seinetwillen. Er erinnerte sich, wie er zuweilen den Schatten der Melancholie über ihr freundliches Gesicht hat schweben sehen, was ihn mit Gewissensqualen und Verzweiflung erfüllte. Er stellte sich ihr Bild neben der schmachvollen Erscheinung von der vergangenen Nacht vor und dachte: Ist es möglich, daß die ganze irdische Laufbahn eines so sanften, guten und sich aufopfernden Wesens von so einem erbärmlichen Geschöpf, wie jene ist, abhängig sein sollte!

Erfüllt von diesen Gedanken – so sehr erfüllt, daß er ein seltsames Gefühl eigenen Zersprengtwerdens empfand, als träte er in eine neue und krankhafte Beziehung zu den Dingen, die ihn umgaben, und als sähe er den Lichtkreis von jedem Nebellicht rot glänzen – ging er Obdach suchend nach Hause.

Kapitel 4

Die alte Frau fing an, in ihrer Tasche nach der Brille zu suchen, aber Oliver vermochte diese neue Geduldsprobe nicht zu bestehen, sondern eilte, dem Drange seines Herzens folgend, in ihre Arme.

„Gott sei mir gnädig“, rief die alte Frau, ihn zärtlich umarmend, „es ist mein lieber, guter Junge!“

„Meine liebe alte Pflegemutter!“ rief Oliver.

„Ich sagte ja immer, daß er wiederkommen würde, und wie gut er aussieht und so fein angezogen. Wo bist du denn diese ganze lange Zeit gewesen? Ach, es ist noch dasselbe sanfte Gesicht, nur nicht so bleich – dasselbe sanfte Auge, nur nicht so traurig. Oh, ich weiß alles noch ganz genau.“

So redete sie endlos weiter und lachte und weinte zu gleicher Zeit, indem sie Oliver mal in Armlänge von sich hielt, um zu sehen, wie groß er geworden sei, dann ihn wieder an sich zog und ihm zärtlich die Haare streichelte. Herr Brownlow überließ die beiden ihren Gefühlen und führte Rosa in ein anderes Zimmer, woselbst ihm diese zu seiner größten Überraschung ihre Unterredung mit Nancy erzählte. Rosa setzte ihm auch ihre Gründe auseinander, warum sie sich nicht gleich Herrn Losberne, ihrem Freunde, anvertraut hätte, was der alte Herr billigte. Er erklärte sich bereit, mit dem würdigen Doktor die Sache angelegentlich zu besprechen. Um dies bald ausführen zu können, wurde abgemacht, Herr Brownlow solle abends acht Uhr bei ihnen vorsprechen, damit man Frau Maylie inzwischen mit allen Vorgängen bekannt machen könne. Nachdem man diese Verabredungen getroffen hatte, kehrten Rosa und Oliver nach Hause zurück.

Rosa hatte das Maß von des guten Doktors Zorn keineswegs überschätzt, denn kaum waren ihm Nancys Mitteilungen erzählt worden, als er sich in eine Flut von Drohungen und Verwünschungen erging. Er beteuerte, er wolle die Dirne zum Opfer des vereinten Scharfsinns der Herren Blathers und Duff machen, und setzte sich auch wirklich den Hut auf, um sich ungesäumt des Beistandes dieser Ehrenmänner zu versichern. Er würde auch höchstwahrscheinlich, ohne die Folgen zu bedenken, im ersten Eifer seinen Entschluß ausgeführt haben, wäre er nicht zurückgehalten worden durch eine entsprechende Heftigkeit des Herrn Brownlow, der selbst ziemlich temperamentvoll war, aber auch durch Gründe und Gegenvorstellungen, denen sich Losberne nicht verschließen konnte.

„Ja, zum Donnerwetter, was sollen wir denn tun?“ tobte der hitzige Doktor, als sie wieder zu den beiden Damen zurückgekehrt waren. „Wir sollen wohl diesem Spitzbubengesindel, Männern sowohl als Weibern, eine Dankadresse überreichen und sie bitten, hundert Pfund oder mehr anzunehmen als ein bescheidenes Zeichen unserer Achtung und unserer Erkenntlichkeit für die Güte und Liebe, die sie Oliver erwiesen haben?“

„Das gerade nicht“, sagte Herr Brownlow lachend. „Aber wir müssen sachte und mit großer Behutsamkeit vorgehen!“

„Sachte und behutsam“, schrie der Doktor. „Ich möchte sie alle samt und sonders zum – -„

„Es ist gleichgültig, wohin Sie sie schicken möchten“, fiel Herr Brownlow ein. „Ich bitte Sie nur, dabei zu bedenken, ob wir dadurch auch zum Ziel kommen!“

„Zu welchem Ziel?“ fragte der Doktor.

„Einfach zu dem, herauszukriegen, wer Olivers Eltern gewesen sind, und ihm zu seinem Erbe zu verhelfen, das ihm so schändlich geraubt wurde.“

„Ach“, sagte Herr Losberne, sich mit dem Taschentuche Kühlung fächelnd, Aas hatte ich ganz vergessen!“

„Angenommen“, fuhr Herr Brownlow fort, „von dem Mädchen kann ja ohnehin keine Rede sein, angenommen, es wäre möglich, alle andern Halunken dem Gerichte zu überliefern, was könnte wohl Gutes dabei herauskommen?“

„Daß aller Wahrscheinlichkeit einige davon gehenkt und die übrigen ins Zuchthaus kommen würden“, erwiderte der Doktor.

„Schön“, sagte Herr Brovrnlow lächelnd. „Dahin wird es mit ihnen sowieso kommen, wenn ihre Zeit abgelaufen ist. Greifen wir ihnen vor, so begehen wir meines Erachtens einen Don-Quichotte-Streich, der in geradem Widerspruch zu unserm oder doch Olivers Interesse steht, was so ziemlich ein und dasselbe ist.“

„Wieso?“ fragte der Doktor.

„Es ist doch klar, daß es schwierig genug sein wird, diesem Geheimnis auf den Grund zu kommen, wenn wir diesen Monks nicht zu einem Geständnis bringen können. Das ist nur durch eine Kriegslist möglich, indem wir ihn abfangen, wenn er nicht von seinen Kumpanen umgeben ist. Denn, lassen wir ihn auch festnehmen, was haben wir für Beweise gegen ihn? Soviel wir wissen oder aus den Tatsachen schließen können, ist er nicht einmal bei den Diebereien der Bande beteiligt. Wenn er auch nicht glatt freigesprochen werden würde, so könnte man ihn höchstens nur als Landstreicher für kurze Zeit einsperren, und nachher wäre aus ihm ebensowenig herauszubringen, als wenn er taubstumm oder blödsinnig wäre!“

„Ich muß nochmals die Frage stellen“, fiel der Doktor heftig ein, „Ob Sie es wohl für vernünftig halten, daß man sich durch das dieser Dirne gegebene Versprechen binden läßt? Es ist allerdings ein Versprechen, in der besten und wohlwollendsten Absicht gegeben, aber in Wirklicho keit –“

„Ich bitte, lassen Sie sich auf keine Erörterung dieses Punktes ein“, sagte Herr Brownlow zu Rosa, die eben reden wollte. „Ihr Versprechen soll gehalten werden. Ich glaube, daß wir dadurch keinen Nachteil haben. Aber bevor wir uns zu einem wirksamen Schritt entschließen können, ist es nötig, daß wir mit dem Mädchen Rücksprache nehmen und es fragen, ob es uns den Monks zeigen will, wenn wir ihm versichern, daß er nur mit uns und nicht mit dem Gericht zu tun haben soll. Will oder kann es das nicht, so müssen wir von ihm eine Beschreibung seiner Person und seines Aufenthaltsortes herauszubekommen versuchen, damit wir den Burschen fassen können. Man kann es erst Sonntag wieder sprechen, und heute ist Dienstag. Ich rate daher, vorderhand uns ganz ruhig zu verhalten und auch Oliver von der Angelegenheit nichts wissen zu lassen.“

Obgleich Herr Losberne zu dem Vorschlag, fünf volle Tage zu warten, ein scheeles Gesicht machte, so mußte er doch zugeben, augenblicklich keinen besseren Rat zu wissen. Rosa und Frau Maylie waren ganz auf seiten des Herrn Brownlow, und so fand dessen Vorschlag einstimmige Billigung.

„Es wäre mir lieb“, sagte letzterer, „meinen Freund Grimwig ins Vertrauen zu ziehen. Er ist zwar ein schnurriger Kauz, besitzt aber einen scharfen Verstand und könnte uns von erheblichem Nutzen sein. Er war Rechtsanwalt und gab seine Laufbahn aus Unmut darüber auf, daß ihm in zwanzig Jahren nur zwei Klagesachen übertragen worden waren. Sie mögen aber selbst urteilen, ob dies eine Empfehlung ist oder nicht.“

„Ich habe nichts dagegen, wenn Sie Ihren Freund zuziehen wollen, vorausgesetzt, daß ich mich auch mit dem meinigen beraten darf“, versetzte der Doktor.

„Darüber muß abgestimmt werden“, entgegnete Herr Brownlow. „Wer ist es?“

„Der Sohn dieser Dame und Fräulein Rosas – langjähriger Freund“, antwortete der Doktor mit einer Kopfwendung zu den beiden Damen.

Rosa wurde feuerrot im Gesicht, aber sie machte keine Einwendungen (weil sie wohl erkannte, sie würde in einer hoffnungslosen Minderheit bleiben), und so wurden Harry Maylie und Herr Grimwig in den Ausschuß aufgenommen.

„Wir bleiben natürlich so lange in der Stadt“, sagte Frau Maylie, „als noch die geringste Aussicht vorhanden ist, die Nachforschungen mit Erfolg weiter zu betreiben. Ich werde bei einer Sache, die uns alle so nahegeht, weder Mühe noch Kosten sparen und gern hierbleiben, selbst, wenn es ein Jahr dauern sollte, um sie zu einem guten Ende zu bringen.“

„Gut“, Versetzte Herr Brownlow, „und da ich in Ihren Gesichtern lese, daß Sie gern wissen möchten, wie es kam, damals nicht dagewesen zu sein, um Olivers Angaben zu bestätigen, so bitte ich Sie, mir deshalb keine Fragen vorzulegen. Zur gegebenen Zeit werde ich durch Erzählung meiner eigenen Geschichte alle heute unausgesprochenen Fragen beantworten. Sie dürfen überzeugt sein, daß ich für meine Forderung Gründe habe. Ich will nämlich keine Hoffnungen erwecken, die vielleicht nie in Erfüllung gehen und nur die zahlreichen Schwierigkeiten vermehren würden. – Doch man hat zum Abendessen gerufen, und der arme Oliver, welcher ganz allein im nächsten Zimmer sitzt, denkt vielleicht, wir sind seiner überdrüssig geworden und hätten uns hier verschworen, ihn wieder in die Welt hinauszustoßen.

Mit diesen Worten bot der alte Herr Frau Maylie den Arm und führte sie in das Speisezimmer, während Herr Losberne Rosa geleitete. Die Beratung hatte damit ein Ende.

Ein alter Bekannter Olivers, der entschiedene Spuren von Genie blicken läßt, wird eine öffentliche Persönlichkeit in der Hauptstadt

In derselben Nacht, in der Nancy ihre Botschaft bei Fräulein Rosa Maylie ausgerichtet hatte, wanderten auf der großen, nach dem Norden führenden Straße zwei Personen nach London, denen unsere Erzählung einige Aufmerksamkeit schenken muß.

Die eine davon gehörte dem männlichen Geschlechte an und war eine jener knöchernen Gestalten mit langen Gliedern und schlotternden Knien, deren Alter sich nur schwer erraten läßt. Die andere – ein Frauenzimmer – war jung, aber von starkem und kräftigem Bau, was ihr allerdings auch zustatten kam, da sie die Last eines mächtigen Bündels auf dem Rücken zu schleppen hatte. Ihr Begleiter war nicht sonderlich mit Gepäck beschwert, denn er trug weiter nichts als ein zusammengeknotetes Taschentuch, mit ein paar kümmerlichen Habseligkeiten drin, an einem Stock über den Schultern.

So zogen sie den staubigen Weg dahin, bis sie an das Tor von Highgate kamen. Hier blieb der schnellere Wanderer stehen und rief seiner Gefährtin ungeduldig zu:

„So komm doch! Du bist so langsam, Charlotte, kaum zum Aushalten.“

„Du hast gut reden, trag nur mal solche schwere Last“, sagte das Frauenzimmer atemlos.

„Schwer? Ach, rede doch nicht – wozu habe ich dich denn?“ entgegnete er und warf sein kleines Bündel auf die andere Schulter. „Nun willst du schon wieder ausruhen. Wenn man bei dir nicht die Geduld verliert, dann weiß ich nicht, wo man sie verlieren sollte.“

„Ist es noch weit?“ fragte sie und setzte sich auf eine Bank, ganz in Schweiß gebadet.

„Noch weit? Wir sind so gut wie da!“ sagte der langbeinige Bursche und zeigte mit der Hand geradeaus. „Siehst du jene Lichter? Das ist London.“

„Die sind wenigstens noch zwei gute Meilen entfernt“, sagte das Weib verzweiflungsvoll.

„Was macht es, ob es zwei oder zwanzig sind“, erwiderte Noah Claypole (denn dieser war es). „Steh jetzt auf und komm, oder ich will dir Beine machen! Paß auf, dann geht’s schneller!“

Auf diese Drohung hin erhob sich Charlotte ohne weitere Bemerkung und ging an seiner Seite weiter.

„Wo gedenkst du zu übernachten, Noah?“ fragte sie, nachdem sie wohl eine halbe Meile gegangen waren.

„Was weiß ich!“ sagte dieser mürrisch.

„Hoffentlich in der Nähe?“

„Nein, nicht in der Nähe. Da ist gar nicht dran zu denken.“

„Warum nicht?“

„Wenn ich einmal sage, ich will das nicht tun, so muß dir das genügen, und du hast nicht nach den Gründen zu fragen“, entgegnete Herr Claypole würdevoll.

„Brauchst nicht gleich so böse zu sein“, sagte Charlotte.

„So wäre es richtig, irn ersten besten Gasthaus vor der Stadt einzukehren, damit Sowerberry, falls er uns nachsetzt, uns sofort findet und mit Handschellen an den Armen gleich wieder mit nach Hause nimmt“, meinte Noah ironisch. „Nein, ich werde im entlegensten Gasthaus der entlegensten Gasse Rast machen. Du kannst deinem Herrgott danken, daß du mich zum Führer hast, denn wenn wir anfangs nicht absichtlich einen falschen Weg gegangen wären, so säßest du schon seit acht Tagen hinter Schloß und Riegel. Und es wäre dir deiner Dummheit wegen nur recht geschehen!“

„Ich weiß, daß ich nicht so pfiffig bin wie du, aber wälze nur nicht alle Schuld auf mich. Denn du würdest ebensogut eingesperrt werden, wenn man mich festsetzte.“

„Wer hat das Geld aus der Schublade genommen, du oder ich?“ fragte Herr Claypole.

„Ich nahm es für dich, lieber Noah“, erwiderte sie.

„Habe ich es etwa behalten?“

„Nein, du vertrautest es mir an und ließest es mich tragen, Liebling“, damit klopfte sie ihm unter das Kinn und legte ihren Arm in den seinigen.

Es verhielt sich wirklich so. Er hatte ihr das Geld aber nur gelassen, damit es bei ihr gefunden würde, falls man sie verfolgte. Er konnte dann seine völlige Unschuld an dem Diebstahl beteuern und der Verhaftung entgehen. Natürlich ließ er sich bei dem jetzigen Anlaß in keine Erörterung seiner Beweggründe ein, und so wanderten sie in schönstem Einvernehmen weiter.

Durch allerhand schmutzige Straßen schleppte der Jüngling nun Charlotte und blieb endlich vor dem elendesten Gasthaus stehen, das ihm bis jetzt zu Gesicht gekommen war. Hier beschloß er zu übernachten.

„Gib mir jetzt das Bündel“, sagte Noah, „und rede nur, wenn du gefragt wirst. Wie heißt das Wirtshaus? D-r-e-i, drei was?“

„Krüppel“, las Charlotte.

„Drei Krüppel“, wiederholte Noah. „Kein übler Name! – Bleib immer dicht bei mir, und nun los!“ Nach diesen Worten stieß er die knarrende Tür auf, und sie traten ein.

.In der Gaststube war nur ein Judenjüngling, der mit beiden Ellbogen sich auf den Schanktisch stützte und in einer schmutzigen Zeitung las. Er starrte Noah an und dieser ihn.

„Sind dies die ‚Drei Krüppel‘?“ fragte Noah.

„Das ist der Name des Hauses“, erwiderte der Jude, er sprach etwas durch die Nase.

„Ein Herr, den wir draußen trafen, hat uns hierher empfohlen. Wir möchten hier übernachten.“

„Ich weiß nicht, ob es gehen wird, aber ich will fragen“, sagte Barney, denn dieser war der dienstbare Geist.

„Geben Sie uns inzwischen etwas kaltes Fleisch und ’nen Schluck Bier.“

Barney führte sie in ein kleines Hinterzimmer und brachte das Verlangte. Nach ein paar Minuten kam er mit der Nachricht zurück, daß sie über Nacht bleiben könnten. Dann ließ er das Pärchen allein. – Das Zimmer konnte von der Gaststube aus durch ein kleines Fenster, das sich unter der Stubendecke befand, beobachtet werden, auch konnte man gut hören, was in ihm gesprochen wurde. Als Barney wieder an den Schanktisch zurückkehrte, trat Fagin ein, um nach einem seiner jungen Freunde zu fragen.

„Pst!“ machte Barney, „es sind Fremde im kleinem Zimmer.“

„Fremde?“ wiederholte der Alte leise.

„Ja, komisches Volk“, meinte Barney. „Sie kommen aus der Provinz, und ich müßte mich sehr täuschen, wenn sie nicht etwas für Euch wären.“

Fagin hörte diese Mitteilung mit großem Interesse und stieg sofort auf einen Stuhl, um das Paar durchs Fenster zu beobachten. Er sah, wie Herr Claypole dem Fleisch und Bier tüchtig zusprach und an Charlotte nur homöopathische Gaben verteilte.

„Aha!“ flüsterte Fagin, sich zu Bamey wendend. „Die Miene des Jünglings gefällt mir. Den können wir gebrauchen, er versteht es, mit dem Mädel richtig umzugehen. Sei jetzt mal mäuschenstille, Freundchen, damit ich hören kann, was sie sprechen.“ Er lauschte und hörte Noah sagen:

„Ich denke von jetzt ab den Herrn zu spielen und will nichts mehr von alten Särgen wissen. Und du, Charlotte, kannst eine Dame werden, wenn du Lust hast.“

„Ich möchte wohl, mein Lieber“, antwortete das Mädchen, „aber es gibt nicht alle Tage Schubladen zu leeren.“

„Hol der Teufel die Schubladen!“ entgegnete Herr Claypole. „Es gibt noch andere Dinge, die geleert werden können.“

„Und das wäre?“

„Taschen, Häuser, Postwagen, Banken“, meinte Noah, den das Bier mutig machte.

„Aber das kannst du doch nicht alles allein machen, Liebling“, sagte Charlotte.

„Ich werde mich nach Kameraden umsehen, die es können. Man wird uns auch brauchen können. Du selbst bist fünfzig Weiber wert, denn ich habe nie ein gerisseneres, spitzbübischeres Geschöpf gesehen als dich, sobald ich dich nur gewähren ließ.“

„Mein Gott, wie du schmeicheln kannst“, rief das Mädchen und drückte einen Kuß auf seine Lippen.

„Na, ’s ist schon gut! Sei nicht zu zärtlich, wenn ich Grund habe, mit dir böse zu sein“, sagte Noah, sehr würdig. „Ich möchte der Hauptmann einer Bande sein, ich würde gern die Zwanzigpfundnote, die du hast, darum geben – besonders, da wir doch nicht recht wissen, wie wir sie loswerden sollen.“

Nachdem Herr Claypole seinen Gedanken in dieser Weise Form gegeben hatte, öffnete sich plötzlich die Tür, und Herr Fagin trat ins Zimmer. Er hatte seine freundlichste Miene aufgesteckt, näherte sich mit einer tiefen Verbeugung und setzte sich an einen Tisch ihrer unmittelbaren Nachbarschaft nieder. Den grinsenden Barney beauftragte er, ihm etwas zu trinken zu bringen.

„Ein herrlicher Abend, aber etwas zu kalt für diese Jahreszeit“, sagte Fagin, sich die Hände reibend. „Vom Lande, wie ich sehe?“

„Woran sehen Sie das?“ fragte Noah.

„Wir haben in London nicht so viel Staub wie Sie mitschleppen“, erwiderte der Jude und zeigte auf ihre Schuhe.

„Sie sind ein schlauer Kerl“, sagte Noah. „Ha! ha! hör nur, was er sagt, Charlotte.“

„Ja, Freundchen, hier in London muß man gerissen sein“, meinte der Jude; er sagte das in einem vertraulichen Flüstertone und schlug mit seinem rechten Zeigefinger an die Nase. Noah versuchte die Bewegung nachzuahmen, es gelang ihm nur unvollständig, da sein Gesichtserker dazu nicht groß genug war. Fagin schien diesen Versuch als eine Zustimmung seiner Ansicht zu deuten und bot ihm in der liebenswürdigsten Weise sein Glas mit Schnaps an, das Barney gerade brachte.

„Das ist ein guter Stoff“, bemerkte Herr Claypole und schnalzte wohlbehaglich mit den Lippen.

„Aber teuer“, sagte Fagin, „wer ihn immer trinken will – muß immer etwas leeren. Eine Schublade, eine Tasche, ein Haus, eine Postkutsche oder eine Bank.“

Herr Claypole hatte kaum die Wiederholung seiner eigenen Worte gehört, als er auf seinen Stuhl zurücksank und mit aschfahlem Gesicht von dem Juden zu Charlotte hin blickte.

„Sie brauchen keine Angst zu haben, mein Lieber. Ha! ha! ha! Glücklicherweise habe ich es nur gehört. Das war wirklich ein Glück!“

„Ich hab’s nicht genommen“, stotterte Noah. „Sie hat’s ganz allein getan und hat das Geld auch noch. Du weißt das, Charlotte.“

„Es ist ganz gleich, wer es hat oder tat, Freundchen“, versetzte Fagin, der aber trotzdem einen lauernden Blick auf das Mädchen warf. „Ich bin in derselben Branche, und Sie gefallen mir deshalb.“

„In welcher Branche?“ fragte Noah aufatmend.

„Nun, derartige Geschäftchen zu machen wie Sie. Alle hier im Hause treiben dasselbe Gewerbe. Sie sind hier in die richtige Schmiede gekommen und so sicher, wie man es nur sein kann, das heißt, wenn ich will. Aber ich habe Sie und das junge Mädchen da in mein Herz geschlossen, und Sie können nun ganz ruhig sein.“

Trotz dieser Worte guckte ihn Noah immer noch ein wenig argwöhnisch an, so daß der Jude sich veranlaßt fühlte, in seiner Rede fortzufahren:

„Ich habe einen Freund, der Ihren Lieblingswunsch befriedigen kann und Ihnen gern den richtigen Weg zeigen wird zu dem Geschäftszweig, der Ihnen am meisten zusagt, wie er Ihnen auch in allen anderen Branchen Unterricht zu erteilen vermag!“

„Sie sprechen, als ob es Ihr Ernst wäre!“

„Was hätte ich davon, wenn ich hier scherzen wollte“, sagte der Jude achselzuckend. – „Doch ich möchte gern einige Worte mit Ihnen allein draußen sprechen.“

„Das ist nicht nötig, die Mühe können wir uns sparen. Sie kann das Gepäck hinauftragen. Charlotte, bring die Bündel hinauf!“

Diesen, mit viel Majestät gegebenen Befehl Noahs führte das Mädchen eilfertig aus, und befriedigt fragte er Fagin im Tone eines Tierbändigers:

„Halte ich sie nicht ordentlich in Zucht?“

„Großartig“, antwortete dieser und klopfte ihm auf die Schulter. „Sie sind ein Genie, mein Bester.“

„Wäre auch sonst nicht hier in London“, versetzte der Jüngling geschmeichelt. „Doch verlieren wir keine Zeit, sie wird bald wieder hier sein.“

„Nun, wie denken Sie darüber?“ fragte der Jude. „Wenn Ihnen mein Freund gefällt, gibt es dann etwas Besseres, als sich ihm anzuschließen?“

„Es kommt darauf an, ob sein Geschäft gut geht“, erwiderte Noah und zwinkerte mit einem Auge.

„Großartig geht’s, und er beschäftigt eine Masse Leute“, sprach der Jude. „Sie finden dort die beste Gesellschaft der Branche.“

„Alle aus der Stadt?“ fragte Herr Claypole.

„Kein Provinzler darunter, und er würde Sie selbst auf meine Empfehlung hin nicht annehmen, wenn es ihm nicht augenblicklich an Gehilfen fehlte.“

„Muß ich dann wohl mit diesem da ‚rausrücken?“ fragte Noah, auf seine Hosentasche klopfend.

„Läßt sich unmöglich anders machen“, sagte Fagin bestimmt.

„Aber zwanzig Pfund sind eine Masse Geld!“

„Nicht, wenn es eine Banknote ist, die Sie nicht los werden können. Man wird sich wohl Nummer und Datum gemerkt und sie bei der Bank gesperrt haben. Sie hat keinen großen Wert für ihn, denn er wird sie auswärts anbringen müssen und sicher viel daran verlieren.“

„Wann kann ich Ihren Freund sehen?“

„Morgen früh.“

„Wo?“

„Hier!“

„Hm! – Und der Lohn?“

„Ein Herrenleben – Kost, Wohnung, Tabak und Schnaps frei – und die Hälfte von allem, was Sie und die junge Frau erobern.“

Es ist zweifelhaft, ob Herr Noah Claypole, trotz seiner Habsucht, dieses lockende Angebot angenommen hätte, wenn er völlig frei hätte handeln können. Da er aber befürchtete, in der Gewalt Fagins zu sein, der ihn hätte den Gerichten übergeben können, so sagte er schließlich, daß ihm der Vorschlag annehmbar schiene.

„Aber sehen Sie“, bemerkte Noah, „daß mir recht Leichtes übertragen wird, denn Charlotte kann dafür desto mehr arbeiten!“

„Wie wäre es mit Ausbaldowern? Mein Freund braucht jemand, der dazu Talent hat.“

„Würde ich ganz gerne tun, es fällt aber bei dem Geschäft nicht viel für einen ab“, meinte Noah.

„Das ist wahr, viel zu verdienen ist dabei nicht.“

„Fällt Ihnen sonst nichts ein, eine ungefährliche Sache?“

„Was halten Sie von alten Damen? Wenn man ihnen die Handtaschen und Pakete aus der Hand reißt und um die nächste Ecke verschwindet – damit läßt sich ein schönes Stück Geld machen.“

„Schreien und kratzen die nicht zuweilen mächtig?“ fragte Noah, den Kopf schüttelnd. „Das sagt mir nicht besonders zu. Ist nichts Besseres für mich da?“

„Halt!“ rief der Jude, die Hand auf Noahs, Knie legend. „Ich hab’s, das Görenlausen!“

„Was ist das?“

„Die Gören“, sagte der Jude, „sind die kleinen Kinder, die von ihren Müttern mit Geld ausgeschickt werden, um allerhand einzuholen. Man laust sie, das heißt, nimmt ihnen das Geld weg und stößt sie in den Rinnstein. Wenn sie weinen, geht man langsam davon und tut, als ob weiter nichts passiert sei; die Leute denken, nur ein Kind sei hingefallen und habe sich wehgetan. Ha! ha! ha!“

„Ha! ha!“ brüllte Herr Claypole vor Lachen und trampelte mit den Füßen. „Das ist das Richtige für mich.“

„Glaub’s auch“, meinte Fagin. „Sie können ein paar feine Bezirke kriegen – zum Beispiel Camden Town und Battle Bridge, wo immer Kinder mit derartigen Aufträgen umherlaufen, und man zu jeder Tagesstunde Gören lausen kann. Ha! Ha!“

Mit diesen Worten stieß er ihm kitzelnd seinen Zeigefinger in die Seite, worauf beide abermals in ein langes Gelächter ausbrachen.

„Nun gut“, sagte Noah, als er sich von seinem Lachkrampf etwas erholt hatte und Charlotte wieder zurückgekehrt war. „Also um welche Zeit morgen?“

„Ist Ihnen zehn Uhr recht?“ fragte der Jude, und als Herr Claypole bejahte, fuhr er fort, „welchen Namen soll ich meinem Freunde nennen?“

„Bolter“, antwortete Noah, der sich auf eine solche Frage vorbereitet hatte. „Herr Morris Bolter und Frau Bolter.“

„Frau Bolter, ich empfehle mich Ihnen ergebenst“, sagte Fagin und verbeugte sich mit grotesker Höflichkeit. „Ich hoffe, Sie bald noch näher kennenzulernen.“

„Hörst du, was der Herr sagt, Charlotte?“ brüllte sie Herr Claypole an.

„Ja, lieber Noah“, erwiderte Frau Bolter, ihre Hand Fagin hinreichend.

„Noah ist ein Schmeichelname“, erklärte Herr Morris Bolter alias Claypole dem Juden. „Sie verstehen mich?“

„Vollkommen!“ antwortete Herr Fagin, der damit diesmal die Wahrheit sprach. „Gute Nacht. Gute Nacht.“

In dem gezeigt wird, wie der Gannef in die Patsche kommt

„So sind Sie also selbst der gute Freund gewesen?“ fragte Herr Claypole, sonst Bolter, als er am nächsten Vormittag das Haus des Juden betrat, wohin er bestellt worden war. „Ich Schafskopf hätte es mir gestern schon denken können.“

„Jedermann ist sein eigener Freund, mein Lieber“, versetzte Fagin mit bezeichnendem Grinsen, „er kann keinen besseren finden.“

„Mit Ausnahmen“, erwiderte Morris Bolter im Tone eines welterfahrenen Mannes. „Manche Menschen sind ihre eigenen größten Feinde, wissen Sie!“

„Glauben Sie das ja nicht“, sagte Fagin. „Ist ein Mensch sein eigener Feind, so nur deshalb, weil er zu sehr sein eigener Freund ist, und nicht, weil er andere mehr in sein Herz geschlossen hat. Das wäre gegen die Menschennatur.“

„Und käme es vor, so wäre es nicht in der Ordnung“, meinte Herr Bolter.

„Das liegt klar auf der Hand“, sprach Fagin. „Von den Magiern halten einige die 3 und andere die 7 für die Zauberzahl. Aber das stimmt nicht. Nummer eins ist’s!“

„Ha! ha!“ lachte Herr Bolter. „Hoch die Nummer eins.“

„In einer so kleinen Vereinigung wie die unsrige, mein Lieber“, sagte der Jude, „haben wir eine allgemeine Nummer eins. Das heißt, Sie können sich nicht selber als Nummer eins betrachten, ohne mich und all die anderen mit einzuschließen.“

„Teufel auch!“ rief Herr Bolter.

„Sie sehen“, fuhr Fagin fort und tat so, als ob er die Unterbrechung nicht gehört hätte, „unsere Interessen sind so miteinander verwachsen, daß es gar nicht anders sein kann. Zum Beispiel, Sie sorgen für Nummer eins – das heißt für sich selbst.“

„Ganz recht, gewiß!“

„Schön, Sie können aber nicht für sich als Nummer eins sorgen, ohne auch für mich zu sorgen, der ich gleiche falls Nummer eins bin.“

„Nummer zwei wollten Sie sagen“, meinte Herr Bolter.

„Nein, nicht doch“, erwiderte Fagin. „Ich bin für Sie ebenso wichtig, wie Sie es sich selbst sind.“

„Wissen Sie“, sagte Herr Bolter, „Sie sind ja ein netter Kerl, und ich habe Sie auch ganz gern, aber so dicke Freunde sind wir denn doch nicht.“

„Aber überlegt mal“, sagte der Jude, heftig gestikulierend, „bedenkt, Sie haben da einen Streich vollführt, der mir sehr gefällt. jedoch könnte er Ihnen leicht zu einer Krawatte verhelfen, die sich leichter knüpfen als aufmachen läßt – nämlich zum Strick.“

Herr Bolter fühlte sich an den Hals, als ob ihm der Kragen zu eng wäre, und murmelte etwas, das wie Zustimmung klang.

„Der Galgen“, fuhr Fagin fort, „ist ein häßlicher Wegweiser, der auf eine gefährliche Ecke zeigt, die der Laufbahn manches verwegenen Burschen ein plötzliches Ziel gesetzt hat. Sich von ihm fern zu halten, ist für Sie Nummer eins.“

„Selbstverständlich, doch warum reden Sie von solchen Dingen.“

„Nur, um Ihnen offen meine Meinung zu sagen“, entgegnete der Jude, die Augenbrauen hochziehend. „Sie hängen von mir ab, und ich hänge von Ihnen ab, wenn mein Geschäft gehen soll. Das erstere ist Ihre Nummer eins, das letztere die meinige. Je mehr Sie für Ihre Nummer eins sorgen, desto besorgter müssen Sie auf die meinige sein. So kommen wir zuletzt wieder auf das, was ich von Anfang an gesagt habe, daß nämlich die Rücksicht auf Nummer eins uns alle zusammenhält und zusammenhalten muß, wenn unsere Gemeinschaft nicht in die Brüche gehen soll!“

„Das ist richtig, ich merke schon, Sie sind ein schlauer alter Fuchs!“

„Ja, nur wenn wir fest zusammenstehen, kommt man über schwere Verluste weg“, sagte Fagin. „Gestern morgen habe ich meinen besten Mitarbeiter verloren.“

„Durch den Tod?“

„Nein, nein, so schlimm ist’s nicht!“

„Er ist wohl –“

„Abhanden gekommen“, ergänzte der Jude, „ja, ab, handen gekommen ist er!“

„Wie das?“ fragte Herr Bolter.

„Er wurde wegen versuchten Taschendiebstahls verhaftet, und man fand eine silberne Tabaksdose bei ihm – seine eigene, mein Lieber, denn er schnupft selbst gern. Ach, er war fünfzig silberne Dosen wert, und ich ließe mich’s gern das Geld dafür kosten, wenn ich ihn wieder hätte. Sie sollten den Gannef gekannt haben!“

„Nun, ich hoffe ihn wohl noch kennenzulernen, meinen Sie nicht auch?“

„Schwerlich“, sagte der Jude seufzend. „Man wird ihn wohl auf Lebenszeit in die Strafkolonie schicken.“

Das Gespräch wurde hier durch Herrn Karl Bates unterbrochen, der mit betrübtem Gesicht eintrat.

„Es ist mit ihm aus, Fagin“, sagte Karl, nachdem er und sein neuer Gefährte sich vorgestellt hatten.

„Was soll das heißen?“

„Man hat den Besitzer der Dose gefunden und auch noch einige andere Zeugen aufgetrieben. Der Gannef erhält freie Ausreise“, berichtete Karl Bates.

„Wir müssen herauskriegen, was er macht. Laß mich mal nachdenken“, sagte Fagin.

„Soll ich’mal gehen?“ fragte Karl.

„Bist du verrückt? Es ist vorläufig genug, einen verloren zu haben“, versetzte der Jude.

„Sie denken doch nicht etwa selbst hinzugehen?“

„Das wäre untunlich“, meinte Fagin kopfschüttelnd.

„Warum schicken Sie nicht das Grünhorn?“ fragte Herr Bates und legte seine Hand auf Noahs Arm. „Kein Mensch kennt ihn!“

„Wenn er nichts dagegen hat –“, meinte Fagin zögernd.

„Was soll er dagegen haben?“ fiel Karl ein.

„Es ist wirklich nichts zu befürchten“, sagte der Jude, sich an Noah wendend.

„Sie haben gut reden“, versetzte dieser. „Nein, ausgeschlossen, es schlägt nicht in mein Fach!“

„Was hat er denn für ein Fach gekriegt, Fagin?“ fragte Herr Bates mit einem verächtlichen Blick auf Noahs schlottrige Gestalt. „Vielleicht das Ausreißen, wenn’s nicht ganz geheuer ist, und das Fressen und Saufen, wenn alles geklappt hat. – Gehört das zu seinem Fach?“

„Geht dich gar nichts an!“ schnaubte Herr Bolter. „Nimm dir keine Frechheiten heraus gegen Leute, die mehr als du sind, Knirps. Bei mir kommst du an den Unrechten!“

Herr Bates lachte unbändig über die prahlerische Drohung, und es dauerte einige Zeit, ehe sich Fagin ins Mittel legen und Herrn Bolter klarmachen konnte, daß bei einem Gange nach der Polizei von einer Gefahr für ihn keine Rede sein konnte. Besonders, wenn er verkleidet sei. Herr Bolter ließ sich durch diese Ausführungen, mehr aber noch durch seine Furcht vor dem Juden bewegen, den Auftrag auszuführen. Er vertauschte auf Fagins Geheiß seinen eigenen Anzug mit einem Fuhrmannskittel, Manchesterhosen und Gamaschen, die der Jude gerade zur Hand hatte, und bekam eine Kärrnerpeitsche in die Hand.

Er stellte einen Bauernjungen mit großem Geschick dar (da er von Natur ein unbeholfener Bursche war), der aus Neugierde eine Verhandlung vor dem Polizeirichter mitanhören wollte. Nachdem ihm der Gannef genau beschrieben worden war, führte ihn Herr Bates in die Nähe des Polizeigebäudes und hieß ihn eilen. Er versprach, ihn an dem Orte, wo sie sich trennten, wieder zu erwarten.

Noah befolgte gewissenhaft die erhaltenen Anweisungen und gelangte auch richtig in den Gerichtssaal. Er kam hier in ein großes Gedränge von Menschen, zumeist Frauen, die Kopf an Kopf den muffigen Saal füllten. Auf der Anklagebank saßen ein paar Weiber, die ihren sie bewundernden Bekannten zunickten, während der Gerichtsschreiber einigen Polizisten und einem bürgerlich gekleideten Manne, der sich über den Tisch beugte, die Zeugenaussagen vorlas.

Noah sah sich neugierig nach dem Gannef um, konnte ihn aber nicht entdecken. Er erwartete daher ungeduldig das Urteil, welches über die Weiber gefällt wurde, die darauf mit stolzer Miene abgingen. Der Gefangene, der jetzt vorgeführt wurde, mußte nach der Beschreibung der Gannef sein. Und es war tatsächlich Jack Dawkins. Er setzte sich auf die Anklagebank mit der lauten Frage, warum man ihn hierherbringe.

„Willst du wohl den Mund halten“, sagte der Gerichtsdiener.

„Bin ich nicht ein Engländer?“ versetzte der Gannef. „wo sind meine Rechte?“

„Wirst sie bald genug bekommen und gepfeffert noch dazu“, erwiderte der Gerichtsdiener.

„Wollen mal sehen, was der Justizminister den Kadis sagen wird, wenn man meine Rechte nicht achtet“, brüllte der Gannef. „Aber nun man los. Ich bitte die Herren Richter, mich nicht mit ihrem Zeitungslesen aufzuhalten, sondern meine kleine Sache gleich zu erledigen. Ich habe mich nämlich mit einem Herrn in der City verabredet, und da ich ein Mann von Wort bin und in Geschäftssachen äußerst pünktlich, so könnte es leicht eine Schadenersatzklage gegen die geben, welche mich hier aufgehalten haben. Und das werden die Herren Richter nicht wollen.“

Da diese die Redensarten des Gannefs überhörten, so fragte der freche Junge den Gerichtsdiener „nach den Namen der beiden Hampelmänner auf der Richterbank“. Durch diese Frage fühlten sich die Zuhörer so gekitzelt, daß sie fast ebenso herzlich lachten, als es sicher Herr Karl Bates getan hätte, wenn er dagewesen wäre.

„Ruhe!“ brüllte der Gerichtsdiener.

„Was liegt vor?“ fragte einer der Polizeirichter.

„Ein Taschendiebstahl, Euer Gnaden.“

„Ist der Junge schon mal hier gewesen?“

„Hätte er schon oft sein sollen, aber solche Burschen trifft man eher woanders. Ich kenne ihn aber, Euer Gnaden“, sagte der Gerichtsdiener.

„So, Sie kennen mich, wirklich?“ rief der Gannef und tat so, als ob er sich eine Notiz machte. „Gut, das gibt eine Klage wegen Ehrabschneidung.“

Es entstand abermals ein großes Gelächter. Nachdem wieder Ruhe geboten war, fragte der Gerichtsschreiber:

„Nun, wo sind die Zeugen?“

„Richtig, wo sind sie, möchte sie auch gern sehen“, meinte der Gannef.

Seinem Wunsche wurde sofort willfahrt, denn ein Polizist trat vor und sagte aus, der Angeklagte hätte im Gedränge einem unbekannten Herrn das Schnupftuch aus derTasche gezogen, da es aber sehr alt gewesen, wieder in die Tasche zurückgesteckt, nachdem der Dieb es vorher an seiner eigenen Nase probiert. Er wäre deshalb zur Verhaftung geschritten und hätte bei der Durchsuchung des Festgenommenen eine silberne Schnupftabaksdose gefunden, auf deren Deckel der Name des Eigentümers eingegraben war. Die Wohnung desselben hätte man im Adreßbuch gefunden, und der Herr wäre als Zeuge anwesend. Dieser beschwor, daß die Dose sein Eigentum sei, und sie, als er aus dem Gedränge heraus war, sofort vermißte. Er fügte noch hinzu, daß im Gewühl sich ein junger Mensch auffallend viel um ihn zu schaffen gemacht habe, und daß dieser kein anderer als der vor ihm stehende Angeklagte sei.

„Hast du den Zeugen etwas zu fragen, Junge?“ sagte der Richter.

„Ich mag mich nicht so weit erniedrigen, eine Unterhaltung mit ihm anzuknüpfen“, war die Antwort.

„Hast du überhaupt noch etwas vorzubringen?“

„Hörst du nicht, Seine richterliche Gnaden fragen, ob du noch etwas zu sagen hättest“, wiederholte der Gerichtsdiener und stieß den stummen Gannef mit dem Ellenbogen an.

„Verzeihung, haben Sie mit mir gesprochen?“ fragte der Junge zerstreut.

„Ich habe nie einen durchtriebeneren Spitzbuben gesehen, Euer Gnaden“, sagte der Gerichtsdiener grinsend.

„Beabsichtigst du noch etwas zu bemerken, Halunke?“

„Nein“, entgegnete der Gannef, „hier nicht, denn das ist wirklich nicht der richtige Laden für Gerechtigkeit. Außerdem frühstückt mein Rechtsanwalt heute vormittag mit dem Vizepräsidenten des Parlaments. Aber anderswo werde ich reden, ebenso mein Anwalt und eine Masse anderer Bekannten, und zwar so, daß die Kadis wünschen werden, nie geboren zu sein. Daß es ihnen lieber gewesen wäre, wenn sie sich von ihren Bedienten an ihren eigenen Kleiderständern hätten aufhängen lassen, als daß sie heute mir ein Urteil gesprochen hätten. Ich – -„

„Er ist vollständig überführt!“ unterbrach der Gerichtsschreiber die Rede. „Führen Sie ihn ab.“

„Komm, Junge“, sagte der Gerichtsdiener.

„Ja, ich komme schon“, sagte der Gannef, seinen Hut mit der Hand glattstreichend. „Und mit Ihnen“, zur Richterbank gewandt, „werde ich kein Erbarmen haben, wenn Sie auch noch so ängstliche Mienen zeigen. Ihr Kerle sollt mir dafür büßen! Ich möchte nicht in eurer Haut stecken. Ich würde jetzt meine Freilassung nicht annehmen, und wenn Ihr mich auf den Knien darum bätet. Führt mich ab!“

Der Gerichtsdiener packte ihn am Kragen und der Gannef drohte noch, die Sache vors Parlament zu bringen. Dann grinste er dem Gerichtsdiener mit großer Frechheit ins Gesicht.

Herr Bolter eilte nun, so schnell er konnte, zu der Stelle, wo er Karl Bates verlassen hatte. Dieser zeigte sich erst, nachdem er sich vergewissert hatte, daß keine naseweise Person Noah folge, und die Luft rein sei.

Beide begaben sich nun schleunigst nach Hause, um Herrn Fagin die erfreuliche Kunde zu bringen, daß der Gannef seiner Erziehung alle Ehre und sich selbst einen glänzenden Namen gemacht habe.

Die Zeit kommt, da Nancy ihr Rosa gegebenes Versprechen halten soll. Sie wird verhindert

So schlau und erfahren auch Nancy in allen Verstellungskünsten war, so konnte sie doch die Zerrissenheit ihrer Seele nicht ganz verbergen, die ihr gewagter Schritt erzeugt hatte. Sie dachte daran, daß beide, sowohl der verschmitzte Jude als auch der rohe Sikes, sie ohne Argwohn in Pläne eingeweiht hatten, die allen anderen Diebesgenossen unbekannt waren. Aber trotz der Schändlichkeit dieser Pläne, der Verworfenheit ihrer Urheber und ihrer Erbitterung gegen den Juden, der sie immer tiefer in Verderben und Elend geführt hatte, fühlte sie doch manchmal sogar für ihn eine weiche Regung. Sie hätte ihn nur ungern den unerbittlichen Händen überantwortet, denen er so lange entgangen war und doch am Ende anheimfallen mußte – so sehr er auch ein solches Schicksal verdient haben mochte.

Es war Sonntagabend, die Uhr der nächsten Kirche verkündete die Stunde. Sikes und der Jude unterbrachen ihre Unterhaltung, um die Schläge zu zählen. Nancy horchte gleichfalls gespannt – Elf!

„Eine Stunde vor Mitternacht“, sagte Sikes, indem er das Fenster öffnete und hinaussah. Als er wieder zu seinem Stuhl ging, meinte er: „Eine herrliche Nacht fürs Geschäft – es ist rabenschwarz draußen.“

„Schade, Bill, daß wir sie nicht ausnutzen können“, versetzte der Jude.

„Daran dachte ich auch gerade“, entgegnete Sikes mürrisch. „Es ist jammerschade, ich wäre heute gerade in Stimmung.“

Der Jude seufzte und schüttelte betrübt den Kopf.

„Wir müssen die verlorene Zeit wieder einbringen, wenn wir etwas Gutes ausbaldowert haben“, sagte Sikes.

„So ist’s recht, das ist ein Wort, lieber Freund“, rief der Jude und wagte es, dem Einbrecher auf die Schulter zu klopfen. „Es freut mich wirklich, Euch so sprechen zu hören.“

„So – freut’s dich? Meinetwegen.“

„Ha! ha! ha!“ lachte der Jude, als ob ihm sogar dieses geringe Zugeständnis Freude machte. „Ihr seid heute abend wieder ganz der Alte, Bill!“

„Mir ist’s aber nicht so, solange deine dreckige alte Pfote auf meiner Schulter liegt – weg damit!“ schrie Sikes und stieß die Hand des Juden fort.

„Macht sie Euch nervös, Bill – erinnert sie Euch ans Gefaßtwerden“, fragte der Jude, der sich vorgenommen hatte, keine Empfindlichkeit zu zeigen.

„Sie erinnert mich an die Klaue des Teufels, nicht an die eines Häschers“, erwiderte Sikes. „Es hat nie einen Menschen gegeben mit einem Gesicht wie deines, höchstens deinen Vater. Ich glaube aber, dem wird jetzt sein ergrauter roter Bart in der Hölle gesengt, wenn nicht etwa Beelzebub selbst dein Vater ist. Wundern würde mich das weiter nicht.“

Fagin schwieg zu dieser Schmeichelei, zupfte aber Sikes am Ärmel und zeigte auf Nancy, die sich während der Unterhaltung der beiden Ehrenmänner den Hut aufgesetzt hatte und im Begriff war, das Zimmer zu verlassen.

„Hallo, Nancy!“ rief Sikes. „Donnerwetter, wohin willst du zu so später Stunde.“

„Nicht weit.“

„Was ist das für eine Antwort! Wohin gehst du?“

„Ich sage, nicht weit.“

„Und ich sage, wohin?“ schrie Sikes barsch. „Hörst du?“

„Ich weiß selbst nicht, wohin.“

„Dann weiß ich es“, sagte Sikes, mehr aus Widerspruchsgeist, als weil er etwas gegen Nancys Ausgang einzuwenden hatte. „Du gehst nirgends hin. Setz dich!“

„Ich fühle mich nicht wohl. Ich muß an die frische Luft, habe es dir vorhin schon gesagt.“

„Stecke den Kopf zum Fenster hinaus, das ist ebenso gut“, schrie Sikes.

„Das genügt mir nicht, ich muß mir Bewegung machen.“

„Daraus wird nichts“, brummte Sikes, der bei diesen Worten aufstand, die Tür abschloß, den Schlüssel herauszog und dem Mädchen den Hut vom Kopf riß, den er auf einen alten Schrank warf. „So“, sagte der Einbrecher, „willst du jetzt hierbleiben oder nicht?“

„Ich gehe auch ohne Hut“, sagte Nancy blaß werdend „Was soll das heißen, Bill? Du weißt wohl nicht, was du tust?“

„Ob ich es weiß, zum Donnerwetter“, schrie Sikes und drehte sich nach Fagin um. „Sie ist verrückt geworden, sonst würde sie sich nicht trauen, so mit mir zu reden.“

„Du wirst mich noch zur Verzweiflung bringen“, murmelte Nancy dumpf, mit Gewalt ihre Wut unterdrückend. „Laß mich sofort gehen – sofort!“

„Nein“, brüllte Sikes.

„Sagt Ihr es ihm, daß er mich gehen läßt, Fagin. Es ist besser für ihn. Hört Ihr?“ schrie das Mädchen und stampfte mit dem Fuß auf.

„Ich höre dich ganz gut“, sagte Sikes, seinen Stuhl umdrehend, um Nancy scharf ansehen zu können. „Wenn ich dich noch eine halbe Sekunde länger höre, so wird dir der Hund deine kreischende Stimme aus dem Halse reißen, verlaß dich darauf. Was fällt dir ein, dummes Frauenzimmer?“

„Laß mich gehen“, sagte Nancy bittend und setzte sich auf den Fußboden dicht bei der Tür. „Bitte laß mich gehen. Du weißt nicht, was du tust. Nur eine einzige Stunde – bitte, laß mich.“

„Ich laß mich hängen“, schrie der Einbrecher, sie rauh am Arm packend, „wenn das Mädchen nicht toll geworden ist! Steh auf!“

„Nicht eher, als bis du mich gehen läßt – nicht eher!“ kreischte Nancy.

Sikes faßte sie bei den Händen und schleppte die sich heftig Sträubende in ein anstoßendes, kleines Gemach. Er drückte sie auf einen Stuhl nieder und hielt sie fest. Die Uhr schlug zwölf, und müde und erschöpft ließ Nancy vom Kampfe ab.

„Donnerwetter“, sagte der Verbrecher, als er wieder zu Fagin zurückgekehrt war, sich den Schweiß von der Stirn wischend: „Ein ganz verrücktes Mädel!“

„In der Tat, Bill“, erwiderte der Jude nachdenklich.

„Was mag ihr wohl in die Krone gestiegen sein, daß sie durchaus heute nacht ausgehen wollte?“ fragte Sikes. „Du mußt sie besser kennen als ich, was meinst du wohl?“

„Weibereigensinn und Halsstarrigkeit, glaube ich“, sagte Fagin und zuckte mit den Achseln.

„Hm! ’s kommt mir auch so vor“, brummte der Räuber. „Ich glaubte schon, ich hätte sie klein gekriegt, aber sie ist so schlimm wie je.“

„Schlimmer, Bill“, sagte Fagin. „Ich habe sie nie so gesehen und noch dazu wegen eines so unbedeutenden Grundes.“

„Ich auch nicht. Ich glaube, es steckt ihr noch etwas Fieber im Blut, und es will nicht heraus. Was meinst du?“

„Schon möglich.“

„Ich will ihr ein bißchen zur Ader lassen, ohne den Doktor darum zu bemühen, wenn Sie mir wieder so kommt!“

Fagin nickte zustimmend.

„Sie war Tag und Nacht um mich, als ich krank daniederlag, während du falscher Hund dich nicht sehen ließest. Wir waren die ganze Zeit über im mächtigen Dalles, und das hat sie so mitgenommen. Und dann das Immer-im-Hause-bleiben-müssen – wie?“

„Das wird’s sein, mein Lieber. – Pst!“

Nancy trat jetzt ins Zimmer und nahm ihren alten Platz wieder ein. Ihre Augen waren vom Weinen ganz rot und geschwollen. Nach einer Weile brach sie in ein lautes Lachen aus.

„Nanu, jetzt kommt’s ja ganz anders“, schrie Sikes und sah Fagin verwundert an.

Der Jude bedeutete ihm, sie nicht weiter zu beachten, und nach einigen Minuten war sie wieder ganz die alte. Fagin nahm nun seinen Hut und bat, es möchte ihm jemand die Treppe hinunterleuchten. „Gute Nacht, Bill.“

„Tu das, Nancy“, sagte Sikes, der sich gerade eine Pfeife stopfte. „Es wäre schade, wenn er sich hier den Hals bräche und die schaulustige Menge um das Schauspiel seines Gehängtwerdens betröge. Da, nimm die Funzel!“

Nancy folgte dem Alten mit der Kerze die Treppe hinunter. Als sie unten im Hausflur waren, legte er den Finger an die Lippen und flüsterte Nancy zu:

„Was war los, liebes Kind?“

„Was meint Ihr“ flüsterte sie zurück.

„Was war der Grund, auszugehen?“ entgegnete der Jude. „Wenn er –“ er zeigte nach oben, „wenn er so gemein zu Ihnen ist – solch ein Vieh! Ein richtiges wildes Tier! Warum wollen Sie nicht –?“

„Nun?“ fragte Nancy, als er innehielt.

„Lassen wir’s für heute! Reden wir ein andermal darüber. Sie haben einen Freund an mir, Nancy, einen treuen, zuverlässigen Freund. Seien Sie nicht ängstlich, ich habe ihn in der Hand. Wenn Sie sich an ihm rächen wollen, der Sie wie einen Hund behandelt – ja, noch schlechter, denn seinen Hund streichelt er doch manchmal –, so kommen Sie zu mir. Ihn kennen Sie erst seit kurzer Zeit – mich aber von alters her, Nancy.“

„Euch kenne ich allerdings“, sagte sie, ohne die geringste Bewegung zu zeigen. „Gute Nacht!“

Sie fuhr zurück, als Fagin ihr die Hand bot, sagte aber nochmals mit ruhiger Stimme gute Nacht und schloß die Tür.

Der Jude ging sinnend heim. Er war nicht gerade durch den letzten Vorfall auf den Gedanken gekommen, daß Nancy, der Roheit des Verbrechers müde, eine Neigung zu einem neuen Freunde gefaßt hätte – er schien aber seine Ansicht zu bestätigen. Ihr verändertes Wesen, der Umstand, daß sie oft allein das Haus verließ, ihre Gleichgültigkeit gegen die Interessen der Bande und ihr heftiges Verlangen, gerade zu einer bestimmten Stunde heute ausgehen zu wollen – alles trug dazu bei, ihn in seiner Meinung zu bestärken. Der Gegenstand ihrer neuen Herzensfreundschaft war keiner von seinem Anhang. Er mußte mit einer Gehilfin wie Nancy eine wertvolle Erwerbung sein, die man sich ohne Verzug sichern müßte.

Auch war damit noch etwas anderes zu erreichen. Sikes wußte zuviel, und seine höhnischen Redensarten hatten den Juden tief verletzt, obgleich er sich nichts merken ließ. Nancy mußte sich klar sein, daß, wenn sie sich von Sikes trennte, sie nie vor seiner Wut sicher sein konnte, auch daß ihr neuer Liebhaber gefährdet war. „Mit ein bißchen Überredungskunst“, dachte Fagin, „läßt sie sich vielleicht bewegen, ihn zu vergiften. Weiber haben solche Sachen und noch schlimmere schon oft getan, um sich ihre Liebhaber zu sichern. Dadurch würde der Halunke, den ich hasse, beseitigt, und ein anderer träte an seine Stelle als guter Ersatz. Mein Mitwissen um dieses Verbrechen aber verschafft mir einen unbegrenzten Einfluß auf das Mädchen.“

Aber vielleicht bebte sie doch vor dem Vorschlag zurück, Sikes um die Ecke zu bringen, und das war doch das Hauptziel, nach dem er trachtete. „Wie kann ich wohl meinen Einfluß auf sie vergrößern und neue Macht über sie gewinnen?“ grübelte der Jude, als er nach Hause schlich.

Ein Gehirn wie das seinige ist fruchtbar in Plänen. Wenn er sie mit Spionen umstellte und auf diesem Wege den Gegenstand ihrer neuen Leidenschaft entdeckte und dann drohte, Sikes alles zu verraten – konnte er nicht da ihrer Willfährigkeit gewiß sein?

„So mache ich’s“, sagte Fagin fast laut. „Sie darf mir dann nichts abschlagen, wenn ihr das Leben lieb ist. Die Mittel zum Zweck stehen mir zur Verfügung. Ich kriege sie alle beide, Nancy sowohl als Sikes.“

Er sah sich mit einem finsteren Blick um und ballte die Faust nach der Richtung, wo Sikes‘ Wohnung lag.

Noah Claypole wird von Fagin in geheimer Mission verwandt

Der alte Jude stand am nächsten Tage zeitig auf und erwartete ungeduldig das neue Mitglied seiner Bande. Endlich kam es und fiel sofort gierig über das Frühstück her.

„Bolter!“ sagte Fagin, sich ihm gegenübersetzend.

„Ja? Was soll’s?“ antwortete Noah. „Verlangen Sie nur nichts von mir, ehe ich gegessen habe. Das ist ein großer Fehler hier, es wird einem nie ordentlich Zeit zum Essen gelassen.“

„Na, beim Essen kann man doch auch sprechen, nicht wahr?“ meinte Fagin, die Gefräßigkeit seines jungen Freundes aus dem Grund seines Herzens verwünschend.

„Ja, das ist richtig. Das Essen rutscht sogar besser, wenn man dabei plaudert“, erwiderte Noah und säbelte sich ein mächtiges Stück Brot ab. „Wo ist übrigens Charlotte?«‘

„Ausgegangen“, sagte der Jude. „Ich habe sie mit dem andern Mädel fortgeschickt, weil ich mit dir allein sein wollte.“

„So!“ versetzte Noah. „Hättet Ihr ihr nur aufgetragen, vorher noch die Brotschnitte zu rösten. Doch nun schießt los, ich werde mich nicht stören lassen!“

„Du hast gestern deine Sache gut gemacht, mein Freund, ganz großartig. Sechs Schillinge und zehn Pence am allerersten Tage! Du wirst durch das Görenlausen zum reichen Manne werden!“

„Sie müssen die drei Bierkannen und den Milchtopf nicht vergessen“, sagte Herr Bolter.

„Nein, nein, mein Lieber. Die Bierkannen waren Geniestreiche, doch der Milchtopf, das war ein Meisterstück.“

„Wohl für ’nen Anfänger nicht übel?“ bemerkte Herr Bolter selbstgefällig. „Die Bierkannen nahm ich von einem Kellerhals herunter, und der Milchtopf stand vor einem Gasthofe. Ich dachte, er möchte im Regen rostig werden oder sich erkälten, wißt Ihr? Ha! ha! ha!“

Der Jude stimmte in das Gelächter ein und sagte dann:

„Du mußt für mich eine Sache ausführen, bei der große Vorsicht nötig ist.“

„Nur nichts, wobei Gefahr ist“, meinte Bolter, „Oder mich wieder zum Polizeigericht schicken. So was behagt mir nicht und ich will davon nichts mehr wissen.“

„’s ist gar keine Gefahr damit verbunden, nicht die geringste. Es handelt sich nur darum, ein Frauenzimmer zu beobachten!‘

„Ist’s ein altes?“

„Nein, ein junges.“

„Nun, das verstehe ich ziemlich gut“, meinte Bolter. „Das war schon immer meine Lieblingsbeschäftigung, als ich noch zur Schule ging. Was soll ich bei dem Frauenzimmer ausbaldowern, doch nicht –?“

„Du sollst herauskriegen, wohin sie geht, mit wem sie verkehrt und womöglich, was sie spricht.“

„Was verdiene ich dabei?“ fragte Noah neugierig.

„Wenn du es gut machst, ein Pfund. Ein Pfund! Ich habe noch nie so viel für eine Arbeit gegeben, die mir eigentlich nichts einbringt!“

„Wer ist sie?“

„Eine der Unsrigen!“

„Soso“, sagte Noah, die Nase rümpfend. „Ihr mißtraut ihr?“

„Sie hat einige neue Bekanntschaften angeknüpft, und ich muß wissen, was das für Menschen sind.“

„Ich verstehe, bloß um das Vergnügen zu haben, sie kennenzulernen, wenn es respektable Leute sind, nicht wahr? Ha! ha! ha! Werde es schon machen.“

„Ich wußte das vorher!“ rief Fagin, vergnügt über die Bereitwilligkeit des anderen.

„Natürlich, natürlich. Wo ist sie? Wo muß ich ihr auflauern? Wann soll ich gehen?“

„Das wirst du von mir noch zur Zeit erfahren. Bei Gelegenheit zeige ich sie dir. Du hast weiter nichts zu tun, als dich bereitzuhalten, alles andere überlasse mir!“

Sechs Nächte gingen um, in denen Herr Bolter vergeblich in seinem Fuhrmannsanzug sich bereit hielt. In der siebenten Nacht kehrte Fagin früher nach Hause zurück, freudestrahlend. Es war Sonntag.

„Heute abend geht sie aus“, sagte der Jude. „Komm mit – rasch!“

Noah sprang, ohne ein Wort zu sagen, auf. Sie schlichen aus dem Hause, eilten durch ein Labyrinth von Straßen und langten endlich bei einem Wirtshause an, das Noah als die „Drei Krüppel“ wiedererkannte.

Es war elf Uhr und die Tür geschlossen. Auf ein leises Pfeifen Fagins öffnete sie sich langsam. Sie traten geräuschlos ein, und die Tür tat sich wieder hinter ihnen zu.

Fagin und der Judenjüngling, der sie eingelassen hatte, wagten kaum zu flüstern, sondern gaben Noah nur durch Zeichen zu verstehen, daß er durch das bekannte kleine Fenster die Person im anstoßenden Zimmer sich ansehen solle.

„Ist das das Frauenzimmer?“ fragte er ganz leise.

Der Jude nickte bejahend.

„Ich kann das Gesicht nicht gut sehen. Das Mädchen sieht zu Boden, und das Licht steht hinter ihr.“

„Einen Augenblick!“ flüsterte Fagin und machte Barney ein Zeichen, worauf sich dieser entfernte. Eine Minute später trat er in das benachbarte Gemach, brachte den Leuchter unter dem Vorwand, das Licht zu putzen, in die richtige Stellung und sprach Nancy an. Dadurch war sie gezwungen, den Kopf hochzuheben.

„Jetzt kann ich sie sehen“, sagte Bolter.

„Deutlich?“ fragte Fagin.

„So, daß ich sie unter Tausenden herauskennen würde.“

Nancy ging jetzt fort, und Barney hielt hinter ihr die Haustür offen. „Nun los!“

Noah wechselte mit Fagin einen Blick und huschte durch die offene Tür hinaus.

„Links!“ flüsterte Barney, „- halten Sie sich links auf der anderen Straßenseite!“

Noah sah das Mädchen schon in einiger Entfernung. Er eilte ihr nach. Sie blickte sich zwei- oder dreimal ängstlich um und blieb auch einmal stehen, um zwei Männer vorbeizulassen, die hinter ihr herkamen. Je weiter sie ging, desto mutiger schien sie zu werden; denn ihr Schritt klang immer fester. Noah hielt sich in angemessener Entfernung, aber ließ sie nicht aus den Augen.

Nancy hält ihr Versprechen

Die Turmuhren schlugen dreiviertel zwölf, als an der Londoner Brücke zwei Gestalten auftauchten. Die eine davon, ein rasch vorwärtseilendes Mädchen, sah sich wiederholt aufmerksam um, als suche sie jemand. Die andere Gestalt, ein Mann, der im dunkelsten Schatten, den er finden konnte, dem Mädchen nachschlich und sofort stilistand, wenn sie haltmachte, und heimlich wieder folgte, wenn sie weiterging. Mitten auf der Brücke blieb sie längere Zeit stehen. Es war eine dunkle Nacht, und nur wenige Menschen ließen sich um diese Zeit auf der Brücke sehen. Und diese wenigen liefen schnell vorüber, ohne sich um das Mädchen und dessen Beobachter zu kümmern. Über der Themse hing ein dichter Nebel. Doch waren die Türme der alten Erlöserkirche und der St. Magnuskirche durch die Dunkelheit sichtbar. Dagegen blieb der Mastenwald der Schiffe den Augen verhüllt.

Mitternacht war inzwischen herangekommen, als eine junge Dame, von einem grauhaarigen Herrn begleitet, in der Uferstraße aus einer Droschke stieg, den Kutscher entlohnte und auf die Brücke zuging.

Sobald die beiden dort angelangt waren, eilte ihnen das Mädchen rasch entgegen. Als sie sich trafen, kam an ihnen ein Mann in Fuhrmannstracht so dicht vorbei, daß er Nancys Kleider streifte.

„Nicht hier“, sagte diese zu der jungen Dame hastig. „Ich fürchte mich, hier mit Ihnen zu sprechen. Wir wollen dort die Treppe hinuntergehen.“

Diese Treppe bildet einen Teil der Brücke und besteht aus drei Absätzen. Am Ende des zweiten geht die Steinwand in einen verzierten Pfeiler über, der dem Flusse zugekehrt ist. Von diesem Punkte aus werden die unteren Stufen breiter, so daß eine Person, wenn sie um die Ecke der Mauer geht, notwendig denen verborgen sein muß, die sich weiter oben auf der Treppe befinden. Hier versteckte sich der Fuhrmann. Die Zeit entschwand an dieser einsamen Stelle ungemein langsam, so daß er schon im Begriff war, sein Versteck zu verlassen, als er Schritte und den Ton von Stimmen vernahm. Er drückte sich dicht an die Mauer und horchte mit verhaltenem Atem.

„Das ist weit genug“, sagte der Herr, „ich gebe nicht zu, daß die Dame weitergeht. Viele würden sich nicht darauf eingelassen haben. Sie sehen, daß wir uns nach Ihnen gerichtet haben.“

„Nach mir gerichtet?“ rief Nancy. „Wirklich?! – Aber das hat nichts zu sagen. Sie sind sehr vorsichtig.“

„Warum führen Sie uns aber auch an solchen Ort“, sagte der Herr in einem etwas freundlicheren Ton. „Warum wollten Sie mich nicht lieber da oben sprechen lassen, wo es doch hell ist und Menschen in der Nähe. Nun bringen Sie uns nach diesem finsteren Loche.“

„Ich sagte Ihnen schon vorhin“, versetzte Nancy, „daß ich mich fürchtete, dort mit Ihnen zu reden. Ich weiß nicht, wie es kommt, aber es ist mir so bange, und ich zittere derart, daß ich nicht auf den Füßen stehen kann.“

„Vor was sind Sie denn bange?“ fragte der Herr im Tone des Mitleids.

„Ich weiß es selbst nicht; den ganzen Tag haben mich furchtbare Gedanken von Tod und Hölle gequält!“

„Einbildungen“, sagte der Herr tröstend.

„Reden Sie freundlich mit ihr“, sagte die junge Dame zu ihrem Begleiter, „Die Arme scheint es zu bedürfen.“

Man ließ Nancy sich etwas beruhigen, dann fragte sie der Herr:

„Sie waren vorigen Sonntag nicht hier?“

„Ich konnte nicht kommen, ich wurde mit Gewalt zurückgehalten.“

„Von wem?“

„Von Bill – von dem ich Fräulein Maylie schon neulich erzählte.“

„Man wird doch keinen Verdacht gegen Sie hegen, daß Sie mit uns verkehren?“

„Nein“, erwiderte Nancy, den Kopf schüttelnd. „Es ist aber für mich nicht leicht, von ihm wegzukommen, ohne daß er weiß, wohin ich gehe. Ich hätte auch das erstemal die Dame nicht besuchen können, wenn ich ihm nicht einen Schlaftrunk beigebracht hätte!“

„Erwachte er, ehe Sie zurückkehrten?“

„Nein, auch hat weder er, noch jemand anders auf mich irgendeinen Verdacht.“

„Gut!“ sagte der Herr, „nun hören Sie mich mal an!“

„Ich bin ganz Ohr“, erwiderte Nancy.

„Diese junge Dame hat mir und einigen Freunden, denen man vollkommen vertrauen kann, alles, was Sie ihr vor vierzehn Tagen erzählten, mitgeteilt. Ich gestehe, anfangs Zweifel gehabt zu haben, ob man sich unbedingt auf Sie verlassen könne. jetzt glaube ich, daß man’s kann!“

„Sie dürfen es“, versetzte Nancy ernst.

„Ich wiederhole, daß ich Ihnen vollkommen traue. Zum Beweise dafür verrate ich Ihnen unsern Plan, nämlich, daß wir entschlossen sind, dem Manne, den Sie Monks nennen, durch Einschüchterung das Geheimnis zu entreißen. Wenn – wenn uns das nicht gelingen sollte, so müssen Sie uns den Juden in die Hände spielen.“

„Fagin?“ rief das Mädchen aus und prallte unwillkürlich zurück.

„Ja, dieser Mensch muß uns ausgeliefert werden.“

„Das tue ich nicht und werde ich nie tun. Solch ein Teufel er auch ist, und trotzdem er noch schlimmer als ein Teufel zu mir war, aber das mache ich nicht.“

„Sie wollen nicht?“ fragte der Herr, der das erwartet hatte.

„Niemals!“

„Und warum nicht?“

„Aus dem Grunde, den das Fräulein kennt. Mag er immerhin ein schlechtes Leben geführt haben – das meinige ist auch kein gutes gewesen. Ich will keine verraten, die mich auch hätten verraten können.“

„Dann –“ sagte der Herr lebhaft, anscheinend mit dem Erreichten zufrieden, „dann liefern Sie uns diesen Monks in die Hände!“

„Wenn er aber die anderen verrät?“

„Ich verspreche Ihnen für den Fall, daß er uns reinen Wein einschenkt, daß wir die Sache auf sich beruhen lassen wollen. In Olivers kleiner Geschichte gibt es vielleicht Punkte, die man nicht gern in die Öffentlichkeit bringt. Haben wir nur erst die Wahrheit herausgebracht, so liegt uns an der Bestrafung der Schuldigen nichts.“

„Wenn Sie aber nichts aus Monks herausbringen können?“ fragte Nancy.

„Dann soll ohne Ihre Einwilligung der Jude nicht dem Gerichte überliefert werden. Ich hoffe jedoch, diese von Ihnen zu bekommen, da ich Ihnen Gründe angeben kann, die Sie überzeugen werden.“

„Habe ich dafür das Wort der Dame?“

„Ja“, sagte Rosa, „ich verspreche es Ihnen feierlich!“

„Monks wird also nie erfahren, woher Sie Kunde kriegten?“ fragte Nancy nach kurzer Pause.

„Nie!“ antwortete der Herr. „Wir gehen dann in einer Weise vor, daß er es nicht einmal vermuten kann!“

„Ich bin eine Lügnerin gewesen und habe von Kindheit an unter Lügnern gelebt“, entgegnete das Mädchen nach abermaligem kurzen Schweigen. „Aber ich will Ihren Worten glauben!“

Beide versicherten ihr, daß sie das getrost könne, worauf Nancy mit so leiser Stimme, daß es dem Horcher oft schwer wurde, ihre Worte zu verstehen, die Lage des Wirtshauses zu den drei Krüppeln zu beschreiben begann. Der Herr schien sich einiges von ihren Mitteilungen aufzuschreiben. Als sie noch gesagt hatte, zu welchen Stunden Monks gewöhnlich dort einzukehren pflegte, hielt sie inne, um sich das Gesicht und das sonstige Äußere des Mannes genau ins Gedächtnis zurückzurufen. Sie begann:

„Er ist groß und kräftig gebaut, aber nicht dick und hat einen schlürfenden Gang, bei dem er beständig bald über die eine und dann über die andere Achsel schielt. Vergessen Sie das nicht, denn seine Augen liegen so viel tiefer als bei anderen Leuten, daß Sie ihn schon daran erkennen können. Er hat ein dunkles Gesicht und schwarze Augen und Haare. Und obgleich er erst sieben, oder achtundzwanzig Jahre alt ist, sieht er abgelebt und ältlich aus. Seine Lippen sind oft blaß und durch Bisse entstellt, denn er leidet an Krampfanfällen, wobei er sich häufig schrecklich in die Hände beißt – warum stutzen Sie?“ unterbrach sich Nancy, plötzlich innehaltend.

Der Herr erwiderte hastig, daß er sich dessen nicht bewußt sei, und bat sie fortzufahren.

„Einen Teil dieser Angaben habe ich aus den Gästen des genannten Wirtshauses herausgelockt, denn ich selbst sah ihn nur zweimal, und dann war er stets in einen großen Mantel gehüllt. Das ist wohl alles, was ich Ihnen von Monks sagen kann, doch halt – an seinem Halse, so hoch, daß man noch etwas davon über seinem Kragen sehen kann, wenn er den Kopf etwas dreht, ist –“

„Ein breites, rotes Brandmal?“ rief der Herr.

„Wie – Sie kennen ihn?“

Rosa entfuhr ein Ausruf höchsten Erstaunens, und alle drei schwiegen plötzlich. Der Lauscher konnte sie ganz deutlich atmen hören.

„Ich glaube es“, unterbrach der Herr das Schweigen, „wenigstens Ihrer Beschreibung nach. Wir werden ja sehen. Es gibt Leute, die sich auffallend ähneln. Vielleicht ist es doch nicht der nämliche.“

Der Horcher hörte ihn aber flüstern: „Er muß es sein“, laut fuhr er wieder fort:

„Sie haben uns einen großen Dienst geleistet, Fräulein, und wir möchten uns gern erkenntlich zeigen. Was kann ich für Sie tun?“

„Nichts“, erwiderte Nancy.

„Bitte, reden Sie nicht so“, sagte der Herr in so gütigem Tone, daß davon das härteste Herz hätte gerührt werden müssen. „überlegen Sie erst mal, und sprechen Sie dann.“

„Sie können mir nicht helfen“, entgegnete Nancy und fing zu weinen an. Für mich gibt’s keine Rettung mehr!“

„Sie dürfen die Hoffnung nicht aufgeben“, sagte der Herr, „setzen Sie sie auf die Zukunft! Ich sage nicht, daß es in unserer Macht steht, Ihnen den Frieden der Seele wiederzugeben, da Sie ihn nur finden können, wenn Sie ihn suchen. Es übersteigt aber nicht unser Vermögen und ist auch unser sehnlichster Wunsch, Sie in Sicherheit zu bringen und Ihnen eine ruhige Freistätte entweder hier in England oder, wenn Sie sich zu bleiben scheuen, im Auslande zu verschaffen. Noch ehe der Morgen graut, sollen Sie sich außer dem Bereich Ihrer Genossen befinden und so wenige Spuren hinterlassen, als wenn Sie plötzlich von der Erde verschwunden wären. Verlassen Sie diese Elenden, solange Sie noch können!“

„Ich kann nicht“, versetzte Nancy nach einem kurzen Kampfe mit sich. „Ich bin mit ehernen Banden an mein früheres Leben gekettet, das mir jetzt verhaßt ist. Ich bin zu weit gegangen, um umkehren zu können. Wenn Sie vor einiger Zeit so zu mir gesprochen hätten, wäre ich wahrscheinlich mit Freuden darauf eingegangen. Doch – mich packt wieder die Angst“, sagte sie, sich scheu umsehend, „ich muß nach Hause.“

„Nach Hause?“ wiederholte Rosa, großen Nachdruck auf die Worte legend.

„Nach Hause“, entgegnete Nancy, „nach einem solchen Heim, wie ich es mir durch die Arbeit eines ganzen schlechten Lebens geschaffen habe. Lassen Sie uns scheiden. Man könnte mich sehen oder beobachten. Gehen Sie! Gehen Sie! Wenn ich Ihnen einen Dienst geleistet habe, so wünsche ich dafür nur, daß Sie mich jetzt allein meines Weges ziehen lassen.“

„Es ist alles vergeblich“, seufzte der Herr. „Wir gefährden sie vielleicht, wenn wir noch bleiben, und haben sie wohl schon länger aufgehalten, als sie erwartet hatte.“

„Ja, so ist’s“, sagte Nancy.

„Was kann wohl das Ende dieser Armen sein?“ rief Rosa aus.

„Das Ende?“ wiederholte das Mädchen. Blicken Sie hinunter in das dunkle Wasser, Fräulein. Wie oft liest man von meinesgleichen, die sich in die Flut hinunterstürzen und kein lebendes Wesen zurücklassen, das sich um sie bangt oder beweint. Es können Jahre darüber hingehen oder auch nur Monate – aber schließlich wird das mein Ende sein.“

„Um Gotteswillen, reden Sie nicht so“, schluchzte Rosa.

Der Herr wandte sich ab.

„Nehmen Sie – um meinetwillen“, rief Rosa der sich entfernenwollenden Nancy zu. „Nehmen Sie diese Börse! Sie kann Ihnen in der Stunde der Not von Vorteil sein.“

„Nein, nein“, antwortete Nancy. „Was ich tat, habe ich nicht für Geld getan. Lassen Sie mir wenigstens diesen Trost. Doch – geben Sie mir ein Andenken, etwas, was Sie getragen haben. Nein – keinen Ring! Ihre Handschuhe oder Ihr Taschentuch. So! Gott segne Sie! Gute Nacht!“

Man vernahm sich entfernende Schritte, und die Stimmen schwiegen. Die Gestalten der jungen Dame und ihres Begleiters Herrn Brownlow erschienen bald nachher auf der Brücke.

Der Horcher blieb noch einige Minuten regungslos auf seinem Posten und kroch dann aus seinem Versteck hervor, nachdem er sich vorher überzeugt hatte, daß er wieder allein sei. Auf dem oberen Treppenabsatz schaute sich Noah Claypole noch einmal vorsichtig um und rannte dann, so schnell wie seine Beine konnten, dem Hause des Juden zu.

Unglückliche Folgen

Es war ungefähr zwei Stunden vor Tagesanbruch, als der Jude wachend in seiner Höhle mit bleichem Gesicht und blutrot unterlaufenen Augen dasaß, daß er nicht einem Menschen, sondern eher einem aus dem Grabe gestiegenen Gespenste glich.

Er kauerte, in eine alte zerrissene Bettdecke gehüllt, an einem kalten Herd und richtete seinen Blick auf ein dem Erlöschen nahes Licht, das neben ihm auf dem Tische stand.

Auf einer Matratze am Boden lag ausgestreckt Noah Claypole in tiefem Schlafe. Der alte Mann ließ zerstreut seinen Blick zwischen ihm und der Kerze schweifen, deren überhängender Docht den heißen Talg auf das Tischtuch träufeln ließ. Die Gedanken des Juden waren mit anderen Dingen beschäftigt. Der Verdruß über die Vereitlung seines Plans, der Haß gegen das Mädchen, das gewagt hatte, ihn an Fremde zu verraten, das Mißtrauen gegen die Aufrichtigkeit ihrer Weigerung, ihn auszuliefern, die Wut, sich an Sikes nicht rächen zu können, die Furcht vor der Entdeckung und dem Galgen – alles dies ging ihm durch den Kopf und brütete in seinem Hirn neue Pläne schwärzester Bosheit aus.

Er saß regungslos da und kümmerte sich nicht im geringsten um das Entschwinden der Zeit. „Endlich“, murmelte er, als er Schritte auf der Straße hörte. „Endlich!“

Die Klingel ertönte leise. Er schlich zur Haustür und kehrte bald mit einem vermummten Manne zurück, der einen Packen unter dem Arme trug. Es war Sikes.

„Da!“ sagte er, das Bündel auf den Tisch werfend. „Verwerte es, so gut du kannst. Es hat mir Mühe genug gemacht, es zu kriegen. Ich wollte schon vor drei Stunden hier sein.“

Fagin nahm den Packen und schloß ihn in den Schrank. Ohne ein Wort zu sagen, setzte er sich wieder, starrte aber den Verbrecher unverwandt mit zitternden Lippen an.

„Was ist los?“ schrie Sikes. „Warum siehst du mich so an? Sprich!“

Der Jude hob seine rechte Hand hoch und bewegte den Zeigefinger hin und her. Er versuchte zu sprechen, konnte aber nicht.

„Zum Teufel!“ schrie Sikes und faßte in seine Brusttasche. „Er ist wahnsinnig geworden – ich muß mich vorsehen.“

„Nein –. nein!“ sagte Fagin, der endlich seine Sprache wiederfand. „Es ist nicht – Ihr seid es nicht, Bill. Ich habe nichts gegen Euch, gar nichts.“

„Hast nichts gegen mich, wirklich?“ entgegnete Sikes und warf ihm einen wilden Blick zu. Er holte seine Pistole aus der Brusttasche. „Das ist ein Glück – für einen von uns. Für welchen, ist gleichgültig.“

„Ich habe Euch etwas zu sagen, Bill“, versetzte Fagin, seinen Stuhl näher rückend, „was Euch stark aufregen wird.“

„So?“ sagte der Verbrecher mit ungläubiger Miene.

„Rede, aber mach schnell, sonst denkt Nancy, mir ist ein Unglück zugestoßen.“

„Ein Unglück zugestoßen?“ rief Fagin. „Sie hat Euch selber eins zugedacht.“

Sikes blickte dem Juden betroffen ins Gesicht, und da er darin nichts lesen konnte, faßte er den Juden am Rockkragen und schüttelte ihn tüchtig mit derber Faust.

„Heraus mit der Sprache oder ich drück‘ dir die Kehle zu. Mach das Maul auf und rede, du alter Schurke, du!“

„Denkt Euch, der Junge, der hier liegt –“ begann Fagin.

Sikes drehte sich nach dem schlafenden Noah um, ließ den Juden los und sagte: „Weiter!“

„Nehmt mal an, fuhr Fagin fort, „dieser Bursche plauderte aus, verpfiff uns alle – suchte zu diesem Zweck zuerst die rechten Leute und träfe mit ihnen dann auf der Straße zusammen, um ihnen Beschreibungen von uns und unsern Schlupfwinkeln zu geben.“ Die Augen des Juden blitzten vor Wut. „Wenn er dies täte, was dann?“

„Was dann?“ sagte Sikes mit einem schrecklichen Fluche. „Den Schädel würde ich ihm in so viele Stücke zertreten, als er Haare auf dem Kopfe hat.“

„Aber wie, wenn ich es täte?“ rief der Jude mit kreischender Stimme. „Ich, der ich so viel weiß und so viele an den Galgen bringen könnte!“

„Ich weiß nicht“, entgegnete Sikes zähneknirschend und bei dem bloßen Gedanken schon erblassend. „Aber ich täte im Gefängnis etwas, daß man mich in Ketten legen müßte. Und stünde ich mit dir vor Gericht, würde ich vor den Richtern und allen Menschen dir im Gerichtssaal den Kopf einschlagen. Dein Schädel würde aussehen, als ob ein beladener Wagen darübergegangen wäre.“

„Das würdet Ihr tun?“

„Ob ich’s tun würde. Stelle mich mal auf die Probe!“

„Wenn’s aber Karl Bates oder der Gannef oder Betsy oder –“

„Mir gleichgültig“, sagte der Einbrecher ungeduldig. „Wer es auch sein mag, ich würde ihm in dieser Weise dienen.“

Fagin sah den Räuber fest an und bückte sich dann über den Jüngling, um ihn aus dem Schlafe zu rütteln. Sikes sah neugierig zu.

„Bolter! Bolter! – Der arme Junge!“ meinte Fagin, indem er im Vorgefühl einer höllischen Schadenfreude aufblickte und mit starker Betonung fortfuhr: „Er ist müde, weil er ihretwegen so lange wachen mußte – ihretwegen, Bill!“

„Was soll das heißen?“ fragte Sikes, sich im Stuhl aufrichtend.

Der Jude gab keine Antwort, sondern brachte den schlaftrunkenen Noah in eine sitzende Stellung. Dieser gähnte, rieb sich die Augen und guckte sich verwirrt um.

„Erzähle es noch einmal, daß der es auch hört“, sprach Fagin, auf Sikes deutend.

„Was soll ich erzählen?“ fragte Noah, sich rekelnd.

„Die Geschichte von – Nancy!“ erwiderte der Jude, Sikes‘ Handgelenk fest umklammernd, als wollte er verhindern, daß er das Haus verließe, ehe er genug gehört hätte. „Du folgtest ihr?“

„Ja.“

„Nach der Londoner Brücke?“

„Ja.“

„Wo sie mit zwei Personen zusammentraf?“

„Ja.“

„Einem Herrn und einer Dame, zu der sie früher schon aus freien Stücken gegangen war. Der Herr forderte sie auf, alle ihre Genossen anzugeben, besonders aber Monks, was sie tat – und ihn zu beschreiben, was sie tat – und zu verraten, in welchem Gasthause wir verkehrten, was sie tat – und zu welcher Zeit man unsere Leute dort treffen könne, was sie tat. Sie beichtete alles, ohne durch eine Drohung dazu gezwungen zu sein. Nicht wahr, das tat sie – das tat sie?“ rief der Jude halb verrückt vor Wut.

„Stimmt, genau so verhält sich die Sache“, sagte Noah, sich den Kopf kratzend.

„Und was sprach man vom letzten Sonntag?“ fragte der Jude.

„Vom letzten Sonntag?“ fragte Noah, sich besinnend. „Na, das habe ich Ihnen doch schon vorhin erzählt.“

„Erzähle es noch einmal, schnell“, schrie Fagin mit wutschäumenden Lippen.

„Man fragte sie“, sagte Noah, dem es jetzt zu dämmern schien, wer Sikes sein möchte, „warum sie letzten Sonntag nicht wie verabredet gekommen sei. Sie erwiderte darauf, sie hätte nicht können.“

„Sag ihm, warum sie nicht hätte können!“

„Weil sie mit Gewalt zurückgehalten worden sei – von Bill, dem Manne, von dem sie der jungen Dame schon früher erzählt hätte!“

„Was sagte sie weiter von ihm?“ schrie Fagin.

„Nun, sie sagte, es sei schwer, von ihm fortzukommen, ohne daß er wisse, wohin sie gehe. Sie hätte ihm daher das erstemal, als sie die Dame besuchte, einen Schlaftrunk gegeben. Ha! ha! ha! Ich mußte lachen, als ich sie so reden hörte.“

„Tod und Teufel!“ brüllte Sikes, den Juden zurückstoßend. „Laß mich los.“ Er schleuderte den Alten von sich und rannte aus dem Zimmer.

„Bill! Bill!“ rief der Jude ihm nacheilend. „Auf ein Wort, nur ein Wort!“

Es wäre zu diesem Worte nicht gekommen, wenn der Verbrecher imstande gewesen wäre, die Haustür zu öffnen, an der er vergebens unter mächtigem Fluchen seine Wut ausließ, als Fagin keuchend anlangte.

„Laß mich hinaus!“ tobte Sikes. „Laß mich hinaus, sag‘ ich dir. Will nichts mehr hören!“

„Nur ein Wort“, sagte der Jude und legte die Hand aufs Türschloß. „Ihr werdet doch nicht –“

„Was?“

„Ihr werdet doch – keine Gewalttat begehen, Bill?“

Der Tag brach an, und es war hell genug, daß die Männer ihre Gesichter erkennen konnten. Sie wechselten einen einzigen Blick; in beider Augen glühte ein Feuer, das sich nicht mißdeuten ließ.

„Ich meine“, fuhr der Jude fort, der erkannte, daß Verstellung nutzlos sei, „ich meine, der eigenen Sicherheit wegen, kein Blutvergießen. Seid schlau, Bill, und nicht zu gewalttätig.“

Sikes gab keine Antwort, sondern stürzte sofort aus dem Hause, sobald Fagin geöffnet hatte.

Ohne anzuhalten, mit zusammengebissenen Zähnen stürmte der Räuber nach seiner Wohnung. Er öffnete sie sachte mit dem Schlüssel und ging in sein Zimmer hinauf, dessen Tür er hinter sich zweimal abschloß. Nun schob er die Vorhänge des Bettes zurück.

Auf demselben lag halb angekleidet Nancy. Er rüttelte sie aus dem Schlafe, und sie fuhr mit erschrockenem Gesicht auf.

„Erheb dich!“ sagte Sikes.

„Ach, du bist’s, Bill?“ sprach das Mädchen, erfreut über sein Kommen.

„Ja“, war die Erwiderung. „Steh auf!“

Es brannte ein Licht, aber der Räuber riß es aus dem Leuchter und warf es in den Kamin. Nancy erhob sich und gewahrte, daß der Morgen graute. Sie wollte zum Fenster, um die Vorhänge zurückzuziehen.

„Laß das“, fuhr Sikes sie an und hielt sie mit der Hand zurück. „Für das, was ich vorhabe, ist’s hell genug.“

„Bill!“ sagte das Mädchen ängstlich, „was guckst du mich so an?“

Er sah sie eine Weile mit weit aufgerissenen Augen und keuchender Brust an. Dann packte er sie an die Kehle, schleppte sie in die Mitte des Zimmers und mit einem Blick nach der Tür legte er seine schwere Hand auf ihren Mund.

„Bill! Bill!“ keuchte das Mädchen in Todesangst, „ich will nicht schreien oder weinen – nicht ein einziges Mal – höre mich an – sprich mit mir – sage mir, was ich getan habe!“

„Du weißt’s selbst am besten, du weiblicher Satan, man hat dich heute nacht belauscht und jedes deiner Worte gehört!“

„Dann, um Himmelswillen, schone mein Leben, wie ich deines schonte“, rief Nancy, sich fest an ihn klammernd. „Bill, lieber Bill, du kannst mich doch nicht töten wollen. Bedenkt, was ich heute nacht alles deinetwegen aufgegeben habe. Komm wieder zu Sinnen und erspare dir dies Verbrechen. Ich laß dich nicht los, und du kannst mich nicht abschütteln. Bill, Bill, um Gotteswillen, komm zu dir, ehe du mein Blut vergießt! Ich bin dir treu gewesen, bei meiner sündigen Seele, ich war dir treu!“

Der Einbrecher kämpfte vergebens, um seine Arme freizukriegen, die Nancy mit der Kraft der Verzweiflung fest umklammert hielt.

„Bill!“ rief das Mädchen, indem sie sich bemühte, ihren Kopf an seine Brust zu legen. „Der alte Herr und die liebe Dame sprachen von einem fernen Lande, wo ich meine Tage in Frieden beschließen könnte. Laß mich noch einmal zu ihnen gehen und sie bitten, dir dieselbe Wohltat zu erweisen. Dann wollen wir beide diesen schrecklichen Ort verlassen und weit von hier ein neues Leben beginnen und uns niemals wiedersehen. Sie sagten mir, Reue komme nie zu spät – ich fühle es jetzt – aber wir müssen Zeit haben – nur ein wenig Zeit.“

Sikes hatte einen Arm freigekriegt und ergriff seine Pistole. Doch mitten in seiner Wut kam ihm der Gedanke, daß der Mord sogleich entdeckt werden würde, wenn er Feuer gäbe; so schlug er Nancy aus Leibeskräften mit dem Kolben zweimal auf das zu ihm emporgehobene, das seine fast berührende Gesicht.

Sie wankte und fiel, fast blind von dem Blut, das aus einer tiefen Stirnwunde ihr Gesicht überströmte. Mit aller Gewalt erhob sie sich mühsam auf die Knie und zog aus ihrem Busen ein weißes Taschentuch – es war Rosas -hielt es mit gefalteten Händen so hoch gen Himmel, als es ihre entschwindenden Kräfte erlaubten und stammelte ein Gebet um Gnade und Erbarmen zu ihrem Schöpfer.

Es war ein gräßlicher Anblick. Der Mörder wankte zurück bis zur Wand und ergriff einen schweren Knüttel. Er bedeckte mit einer Hand sein Gesicht und schlug die Kniende nieder.

Sikes‘ Flucht

Von allen Verbrechen, die in jener Nacht in dem großen London begangen wurden, war dieses das größte. Die Sonne ging über die menschenreiche Stadt in voller Pracht auf und schien auch in das Zimmer, wo das ermordete Mädchen lag. Sikes versuchte das Eindringen des Lichtes zu verhindern, aber vergebens. Der Mörder rührte sich nicht – Furcht hatte alle seine Glieder gelähmt. Noch ein Stöhnen war ihrem Munde entwichen und ihre Hand hatte noch einmal gezuckt, aber immer wieder und wieder hatte er auf sie eingeschlagen. Schließlich warf er eine zerrissene Decke über sie, aber es war ihm so, als ob sie die Augen auf ihn richtete, deshalb nahm er die Decke wieder fort. Und da lag die Leiche – weiter nichts als Blut und zerfetztes Fleisch.

Er machte Licht, zündete im Kamin ein Feuer an und verbrannte den Knüttel. Dann wusch er sich und reinigte seine Kleider, aber es waren Flecke da, die nicht weggehen wollten. Er schnitt sie deshalb heraus und verbrannte sie. Wie war das Zimmer mit Blut bespritzt! Sogar die Füße des Hundes waren blutig. – Nachdem er mit allem fertig war, ging er, den Hund mit sich fortziehend, aus dem Zimmer und verschloß die Tür. Eine Minute später hatte er das Haus verlassen. Er ging auf die andere Straßenseite und guckte nach dem Fenster hinauf, um sich zu überzeugen, daß von außen nichts zu sehen wäre. Der Vorhang, den Nancy wegziehen wollte, um das Licht einzulassen, das sie nie wieder sehen sollte, war noch vorgezogen. Er wußte, daß die Leiche ganz in der Nähe lag. Gott! wie strahlend die Sonne darauf schien.

Er wandte den Kopf rasch ab und fühlte sich erleichtert, das Zimmer verlassen zu haben. Er pfiff dem Hunde und eilte fort. Er kam durch Islington nach der Hampsteader Heide und wanderte kreuz und quer ohne Plan darin herum. Er war hungrig und durstig geworden und wollte in Hendon eine Erfrischung einnehmen. Als er dort anlangte, schienen ihn alle Leute, selbst die Kinder auf den Straßen, mit Argwohn zu betrachten. Er kehrte daher wieder um, ohne den Mut zu haben, einen Trunk Wasser oder einen Bissen Brot zu fordern, obgleich er seit Stunden nichts über die Lippen gebracht hatte.

So lief er stundenlang durch die Heide und kam doch immer wieder auf denselben Fleck zurück. Endlich ging er auf Hatfield zu, es war inzwischen wieder Abend geworden. Um neun Uhr erreichte er das kleine Gasthaus des Dorfes. Es brannte Feuer im Kamin der Gaststube, um den einige Bauern mit ihren Bier- und Schnapsgläsern saßen. Sie machten für den Fremden Platz, aber er ließ sich in der äußersten Ecke nieder und aß allein, oder vielmehr mit seinem Hund, dem er hin und wieder einen Bissen zuwarf.

Nachdem der Mörder seine Zeche bezahlt hatte, saß er stumm da und war fast eingeschlafen, als ihn der lärmende Eintritt eines neuen Gastes weckte.

Dieser war ein alter Bursche, halb Hausierer, halb Quacksalber, der im Lande umherzog, um Wetzsteine, Streichriemen, Rasiermesser, Seifen, Putzpulver, Arzneien für Hunde und Pferde, billige Parfüms, Schönheitsmittel und ähnliche Waren zu verkaufen, die er in einem Kasten auf dem Rücken trug. Sein Kommen war für die Bauern das Zeichen für allerhand derbe Witze.

„Was ist denn das für ein Ding da? Ist’s gut zum Essen, Heinrich?“ fragte ein grinsender Bauer, indem er auf eine in Tafeln geschnittene Masse deutete.

„Das –“ sagte der Händler, die Ware zeigend, „ist ein untrügliches und unbezahlbares Mittel, um alle Arten von Flecke, Rost-, Schmutz-, Öl-, Fett- und andere Flecke aus Seide, Atlas, Leinwand, Battist, Tuch, Flor, Teppiche, Musselin oder sonstigen Wollstoffen herauszumachen. Hat ein Mädchen seine Ehre befleckt, so braucht es nur ein Täfelchen zu verschlucken und ist dann ein für allemal kuriert – denn es ist Gift. Will ein Herr seine Ehre beweisen, so braucht er ebenfalls nur solch Täfelchen zu kaufen, denn es ist jedenfalls so gut wie eine Pistolenkugel, und um vieles ekliger im Geschmack. – Ein Penny das Täfelchen! Trotz dieser vielen Vorzüge, nur ein Penny das Täfelchen!“

Es meldeten sich sofort ein paar Käufer, doch eine ganze Masse war noch unschlüssig. Der Verkäufer steigerte deshalb seine Beredsamkeit:

„Sie gehen reißend ab, so daß man nicht genug machen kann. Vierzehn Wasserwerke, sechs Dampfmaschinen und eine galvanische Batterie sind Tag und Nacht in Tätigkeit und doch kann man nicht genug fertigstellen. Also ein Penny für das Täfelchen – zwei Halbpennys tun’s übrigens auch, und vier Viertelpennys werden gleichfalls mit Vergnügen angenommen. Wein-, Obst-, Bier-, Schmutz-, Teer-, Blutflecke! Hier ist ein Fleck am Hute eines Herrn, den ich heraushabe, ehe er mir ein Glas Bier bestellen kann!“

„Donnerwetter“, brüllte Sikes, „laßt meinen Hut liegen!“

„Ich will ihn rein haben“, versetzte der Hausierer, den übrigen zunickend, „ehe Sie durch das Zimmer kommen können, um ihn zu holen. Meine Herren, bemerken Sie den dunklen Fleck auf dem Hut? Nicht größer als ein Schilling, aber dicker als eine halbe Krone. Mag es nun ein Obstfleck, Bierfleck, Teerfleck oder ein Blutfleck –“

Der Mann kam nicht weiter, denn Sikes warf mit einem gräßlichen Fluche den Tisch um, riß ihm den Hut aus der Hand und stürzte aus dem Hause. Vor dem kleinen Postgebäude stand die Londoner Postkutsche, und Sikes ging über die Straße, um auf die Gespräche der Leute zu horchen.

„Nichts Neues aus der Stadt, Ben?“ fragte der Wildhüter den Postbegleiter.

„Das Korn ist ein wenig gestiegen“, sagte dieser und zog sich seine Handschuhe an. „Auch hörte ich von einem Morde in Spitalfields sprechen, aber wer weiß, ob das stimmt.“

„Doch, es hat seine Richtigkeit“, sagte ein Herr, aus dem Fenster der Postkutsche blickend. „Eine gräßliche Tat!“

„So? Ein Mann oder eine Frau“, fragte der Postbegleiter, seine Hand an den Hut legend.

„Ein Weib“, sagte der Herr. „Man glaubt –“

Die Kutsche zog an, und der Begleiter schwang sich drauf. Das Posthorn tönte in lustiger Weise.

Sikes blieb in der Straße stehen, scheinbar unbewegt von dem, was er gehört hatte. Er wußte nicht, wohin er gehen sollte. Endlich schlug er den Weg nach St. Albans ein. Als er den Ort hinter sich hatte, bemächtigte sich seiner in der Dunkelheit eine Angst, die ihm das Innerste erbeben machte. Wenn der Wind durch die Blätter der Bäume fuhr, glaubte er das Stöhnen der Sterbenden zu hören. Er vermeinte, die Ermordete folge ihm auf Schritt und Tritt. Man rede ja nicht, daß Mörder ihrem Strafgericht entgehen, und die Vorsehung zu schlafen scheine. In einer einzigen Minute der Verbrecherangst liegt oft die hundertfache Pein und Not des gewaltsamen Todes.

Er kam zu einer leeren Hütte auf freiem Felde, die ihm Obdach für die Nacht bot. Er streckte sich dicht an der Wand nieder, konnte aber nicht schlafen, denn ein schreckliches Gesicht trat vor seine Seele. Zwei starre, weit aufgerissene Augen, glanzlos und gläsern, erschienen ihm mitten in der Dunkelheit und leuchteten, gaben aber kein Licht von sich. Es waren nur zwei, aber sie waren überall. Wenn er seine Augen mit der Hand bedeckte, so sah er sein Zimmer im Geiste vor sich. Auch die Leiche lag noch auf derselben Stelle – es waren dieselben Augen, die ihn zu verfolgen schienen, als er aus dem Mordzimmer schlich. – Er sprang auf und eilte wieder ins Freie. Die Gestalt war gespenstisch hinter ihm. Er ging wieder in die Hütte und versuchte zu schlafen, aber die Augen waren da, noch ehe er sich hingestreckt hatte. An allen Gliedern zitternd lag er da, während ihm ein kalter Schweiß aus allen Poren drang. Da trug ihm plötzlich der Nachtwind den Lärm entfernter Stimmen zu. Er eilte ins Freie und rannte querfeldein.

Der ganze Himmel schien in Flammen zu stehen. Das Geschrei wurde lauter, da stets neue Stimmen den Lärm vergrößerten. Die Sturmglocke heulte, und er konnte ganz deutlich den Ruf „Feuer“ verstehen. Es waren Leute da, – Männer und Frauen – Licht und Tätigkeit. Neues Leben kam über ihn. Er sprang über Hecken und Zäune, der Hund laut bellend immer mit.

Er war endlich zur Stelle. Halbangekleidete Menschen rannten jammernd hin und her. Einige bemühten sich, die scheugewordenen Pferde aus den Ställen herauszujagen, während andere das Rindvieh in Sicherheit zu bringen suchten. Andere kamen mit Habseligkeiten beladen aus den brennenden Häusern. Frauen und Kinder weinten, während die Männer sich durch Zurufe gegenseitig Mut zu machen suchten. Sikes schrie gleichfalls, bis er heiser wurde und stürzte sich in das dichteste Gedränge, um der Erinnerung zu entfliehen. Er arbeitete an den Spritzen, stieg Leitern auf, Leitern ab, auf die Dächer der Häuser – er war allerorten. Allein er schien ein gefeites Leben zu haben, denn bei Tagesgrauen, als nur noch geschwärzte Trümmer übriggeblieben waren, hatte er auch nicht eine Beule oder Schramme erhalten; er fühlte sich nicht einmal müde.

Als jedoch die wahnsinnige Aufregung vorüber war, kehrte ihm mit zehnfacher Gewalt das schreckliche Bewußtsein seiner verbrecherischen Tat zurück. Er sah sich mißtrauisch um, denn die Leute standen in Gruppen beieinander, und er fürchtete, der Gegenstand ihrer Unterhaltung zu sein. Er wollte mit seinem Hunde wegschleichen, als ihm einige Spritzenmänner zuriefen, an ihrem Frühstück teilzunehmen. Er nahm etwas Fleisch und Brot an, und als er einen Schluck Bier trank, hörte er die Leute von dem Morde sprechen.

„Man sagt, der Mörder sei nach Birmingham geflüchtet, aber man wird ihn schon kriegen. Die Kriminalpolizei ist bereits hinter ihm her, und morgen ist sein Steckbrief im ganzen Lande bekannt!“

Sikes sprang auf und rannte fort. Er wanderte, in steter Furcht vor einer zweiten schlaflosen Nacht, planlos weiter.

Plötzlich faßte er den verzweifelten Entschluß, wieder nach London zurückzukehren.

„Jedenfalls kann ich doch dort mit jemand reden“, dachte er, „und finde ein gutes Versteck. Da vermutet mich die Polizei am wenigsten. Ich verhalte mich acht Tage ganz still, und Fagin muß Geld ausspucken, damit flüchte ich nach Frankreich. Teufel auch, ich wag’s.“

Er machte sich auch gleich auf den Weg. Aber der Hund! Wenn ein Steckbrief hinter ihn erlassen war, hatte man sicher auch den Hund nicht vergessen. Dieser konnte ihn auf seinem Wege durch die Straßen verraten. Er entschloß sich daher, ihn zu ersäufen und sah sich nach einem Gewässer um. Im Gehen nahm er einen schweren Stein auf und band ihn in sein Taschentuch.

Der Hund sah diese Vorbereitungen und blieb aus Instinkt etwas weiter zurück. Als der Mörder am Rande eines Weihers haltmachte und sich umsah, um ihn zu rufen, legte sich der Hund auf den Bauch und rührte sich nicht von der Stelle.

„Hörst du nicht? Komm her!“ schrie Sikes und pfiff.

Langsam kam der Hund endlich näher. Als aber sein Herr sich bückte, um das Schnupftuch an seinem Halse zu befestigen, knurrte er und rannte zurück.

„Wirst du herkommen!“ schrie der Mörder wütend.

Doch der Hund wedelte nur mit dem Schwanze, aber rührte sich nicht. Plötzlich wandte er sich um und jagte davon. Der Verbrecher pfiff zu wiederholten Malen, aber kein Hund kam. So mußte er allein weiterwandern.

Monks und Herr Brownlow treffen endlich zusammen. Ihre Unterhaltung und die Nachricht, die sie unterbricht

Es war bereits dunkel, als Herr Brownlow vor seinem Hause aus einer Droschke kletterte und leise an die Tür klopfte. Sobald die Haustür geöffnet war, entstiegen dem Wagen zwei Männer mit einem dritten in ihrer Mitte und gingen schleunigst in das Haus. Dieser dritte war Monks.

Ohne ein Wort zu sprechen, klommen sie, Herr Brownlow an der Spitze, die Treppe hinauf nach einem kleinen Hinterzimmer. Vor dessen Tür machte Monks, der nur widerstrebend mitgegangen war, halt. Die beiden stämmigen Männer blickten den alten Herrn fragend an.

„Wenn er irgendwelche Schwierigkeiten macht, so schleppen Sie ihn auf die Straße, rufen nach der Polizei und beschuldigen ihn in meinem Namen eines schweren Verbrechens.“

„Wie können Sie sich erkühnen, so etwas von mir zu sagen?“ fragte Monks.

„Wie können Sie es wagen, mich dazu zu drängen, junger Mann?“ erwiderte Herr Brownlow und sah ihn streng an. „Wären Sie töricht genug, dieses Haus zu verlassen? Lassen Sie ihn los! So, mein Herr. Sie können ungehindert fortgehen, aber niemand kann uns auch hindern, Ihnen zu folgen. Doch ich warne Sie! Ich schwöre Ihnen bei allem, was mir heilig ist, daß ich Sie wegen Raubes und Betruges verhaften lasse, sobald Sie den Fuß auf die Straße setzen. Ich bin dazu fest entschlossen. Sind Sie es auch, so kommt Ihr Blut auf Ihr eigenes Haupt.“

„Auf wessen Veranlassung bin ich von diesen Halunken aufgegriffen und hierher geschleppt worden?“ fragte Monks, die Männer dabei verächtlich ansehend.

„Auf meine Verantwortung hin. Wenn Sie sich wegen Freiheitsberaubung hätten beklagen wollen, unterwegs hatten Sie genügend Gelegenheit dazu. Sie hielten es aber für richtiger ruhig zu sein. Ich wiederhole, Sie können den Schutz des Gesetzes anrufen, aber ich werde dann gleich, falls die Gerichte in Anspruch nehmen. Ist die Sache aber erst vor den Richter gekommen, so haben Sie von mir keine Nachsicht mehr zu erwarten und dürfen dann nicht sagen, ich hätte Sie ins Verderben gestürzt.“

Monks zögerte, er wußte nicht, was tun.

„Sie müssen sich schnell entschließen“, fuhr Herr BrownIow mit Festigkeit fort. „Wollen Sie, daß ich Sie bei der Staatsanwaltschaft anzeige und Sie einer Strafe zuführe, deren Schwere ich wohl ahnen, aber nicht verhindern kann, so wissen Sie, was Sie zu tun haben. Wünschen Sie aber Nachsicht und die Vergebung derjenigen, die Sie so schwer geschädigt haben, so setzen Sie sich ohne Widerrede auf diesen Stuhl – er wartet auf Sie schon zwei Tage!“

„Gibt es –“ fragte Monks stotternd, „gibt es – keinen Mittelweg?“

„Nein, keinen!“

Monks setzte sich.

„Schließen Sie von außen die Tür“, sprach Herr Brownlow zu den beiden Männern, „und wenn ich klingele, kommen Sie herein!“

„Das ist eine nette Behandlung von dem ältesten Freunde meines Vaters.“

„Gerade weil ich Ihres Vaters ältester Freund war, junger Mann. Weil die Hoffnungen einer glücklichen Jugendzeit sich an ihn und das holde Wesen von seinem Blute knüpften, das zu früh zu Gott zurückkehrte und mich einsam und verlassen hier zurückließ. Weil er, noch ein Knabe, mit mir an dem Sterbebette seiner einzigen Schwester kniete und zwar an dem Tage, der sie zu meiner Frau gemacht hätte, wenn es der Wille Gottes gewesen wäre. Weil von jener Zeit an mein wundes Herz bis zu seinem Ende an ihm hing. Weil schöne Rückerinnerungen noch immer in meinem Herzen leben, und selbst Ihr Anblick mir ihn wieder ins Gedächtnis zurückruft. Das sind die Gründe, die mich veranlassen, Sie mit Nachsicht und Milde zu behandeln, obgleich Sie erröten müssen, Eduard Leeford, wie unwürdig Sie des Namens sind, den Sie tragen!“

„Was hat der Name mit dieser Sache zu tun?“ fragte Monks verstockt. „Was kümmert mich der Name?“

„Ihnen ist er nichts. Er war aber der Name des von mir geliebten Wesens und mir teuer. Ich bin froh, daß Sie einen anderen angenommen haben. Wirklich sehr froh.“

„Das ist alles recht schön“, sagte Monks trotzig nach einer ziemlich langen Pause, „aber was wollen Sie eigentlich von mir?“

„Sie haben einen Bruder, dessen leise ausgesprochener Name fast allein schon ausreichte, um Sie zu veranlassen, mich hierher zu begleiten.“

„Ich habe keinen Bruder. Sie wissen, daß ich der einzige Sohn meines Vaters bin.“

„Hören Sie, was ich weiß und Sie vielleicht nicht wissen. Es wird Sie interessieren. Es ist mir bekannt, daß Sie der einzige und unnatürliche Sprößling des unseligen Ehebundes sind, zu dem Familienstolz und schmutzigster Ehrgeiz seiner Verwandten Ihren Vater gezwungen haben, als er fast noch ein Knabe war!“

„Es ist mir gleichgültig, wie starke Ausdrücke Sie gebrauchen“, unterbrach ihn Monks mit höhnischem Lachen. „Sie kennen die Tatsache, und das genügt.“

„Aber ich kenne auch das Elend und die Qual dieser unpassenden Verbindung. Ich weiß, wie schwer die Unglücklichen die Kette trugen und sie durch die Welt schleppten. Ich weiß, wie der Gleichgültigkeit Abneigung, der Abneigung Haß und dem Hasse Abscheu folgte, bis sie zuletzt das Band zerrissen. Ihrer Mutter gelang es, die Vergangenheit bald zu vergessen, aber an Ihres Vaters Herzen fraß sie noch jahrelang.“

„Nun, sie haben sich getrennt“, versetzte Monks, „doch was hat das auf sich?“

„Zur Zeit ihrer Trennung hatte Ihre Mutter, während des lustigen Lebens auf dem Festland, ihren um zehn Jahre jüngeren Gatten ganz vergessen, der mit zerstörten Hoffnungen in der Heimat blieb und neue Freunde fand. Diesen Umstand wenigstens kennen Sie?“

„Nein“, antwortete Monks, die Augen abwendend und mit dem Fuß auf die Erde stampfend, wie ein Mann, der entschlossen ist, alles abzuleugnen.

„Ihr Benehmen wie Ihre Handlungen beweisen mir, daß Sie es nie vergessen und nie aufgehört haben, mit Bitterkeit daran zu denken. Ich spreche von der Zeit vor fünfzehn Jahren, wo Sie erst elf Jahre und Ihr Vater einunddreißig Jahre alt war; ich muß wiederholen, daß er beinahe noch ein Knabe war, als sein Vater ihm befahl, sich zu verheiraten. Muß ich auf Dinge zurückkommen, die einen Schatten auf das Andenken Ihres Erzeugers werfen, oder wollen Sie es mir ersparen und die Wahrheit enthüllen?“

„Ich habe nichts zu enthüllen“, versetzte Monks verwirrt. „Reden Sie nur ruhig weiter.“

„Nun denn“, fuhr Herr Brownlow fort, „zu Ihres Vaters neuen Freunden gehörte ein im Ruhestand lebender Seeoffizier, dessen Frau ein halbes Jahr zuvor gestorben war. Von seinen vielen Kindern waren ihm nur zwei Töchter geblieben, die eine ein schönes Mädchen von neunzehn, die andere noch ein Kind von drei Jahren.“

„Was geht mich das an?“ fragte Monks.

„Sie wohnten“, sprach Herr Brownlow weiter, ohne auf die Unterbrechung zu achten, „in einem Landesteil, den Ihr Vater auf seinen Reisen häufiger besucht und wo er auch später dauernden Aufenthalt genommen hatte. Die Bekanntschaft ging schnell in Vertraulichkeit und Freundschaft über. Ihr Vater war begabt wie wenige Männer – er hatte seiner Schwester Herz und Äußeres. Je mehr der alte Offizier ihn kennenlernte, desto inniger liebte er ihn. Ich wünschte, es hätte dabei sein Bewenden gehabt, aber seine Tochter tat dasselbe.“

Der alte Herr hielt inne. Monks biß sich in die Lippen und schlug die Augen nieder. Herr Brownlow bemerkte das und fuhr weiter fort:

„Am Ende des ersten Jahres war er verlobt, feierlich verlobt mit jener Tochter. Ihr Vater der Gegenstand der ersten, wahren, glühenden und einzigen Liebe eines arglosen, unerfahrenen Mädchens.“

„Ihre Erzählung wird lang“, bemerkte Monks, unruhig auf seinem Stuhl hin- und herrückend.

„Es ist eine wahrheitsgetreue Erzählung von Kummer, Prüfungen und Leiden, junger Mann“, versetzte der alte Herr, „und derartige Geschichten sind gewöhnlich lang, während die von ungetrübtem Glück gar kurz zu sein pflegen. Endlich starb einer der reichsten Verwandten und hinterließ ihm sein großes Vermögen. Ihr Vater mußte schleunigst nach Rom reisen, wo jener Verwandte gestorben war, ohne vorher seine eigenen Angelegenheiten ordnen zu können. Als er dort ankam, wurde er von einer tödlichen Krankheit befallen, worauf Ihre Mutter, als sie in Paris davon Kenntnis erhielt, zusammen mit Ihnen Ihrem Vater nachreiste. Er starb den Tag nach ihrer Ankunft in Rom – ohne Testament, so daß sein ganzes Vermögen Ihnen und ihr zufiel.“

Monks hörte bei diesem Teil der Geschichte atemlos zu.

„Ehe er abreiste“, sagte Herr Brownlow langsam, „kam er zu mir, da er auf seinem Wege nach Rom London berühren mußte.“

„Hiervon habe ich nie gehört!“ unterbrach ihn Monks, anscheinend unangenehm überrascht.

„Er kam zu mir und übergab mir unter anderm ein von ihm selbst gemaltes Bildnis jenes armen Mädchens, das er zwar ungern zurückließ, aber auf seiner eiligen Reise nicht mitnehmen konnte. Er war durch Kummer und Gewissensbisse zu einem Schatten abgezehrt und sprach in unzusammenhängender Weise von Schande und Verderben, die sein Werk wären. Er vertraute mir seine Absicht an, sein ganzes Vermögen zu barem Gelde zu machen, auch wenn es mit Verlust geschähe. Er gedachte, Ihre Mutter und Sie durch einen Teil des ihm durch die Erbschaft zugefallenen Vermögens abzufinden und wollte dann für immer England verlassen. Ich erriet nur zu gut, daß er nicht allein gehen würde. Selbst gegen mich, seinen alten Jugendfreund, war er mit weiteren Bekenntnissen zurückhaltend. Er versprach mir alles brieflich mitzuteilen und mich dann noch einmal zu besuchen. Ach, es war damals schon sein letzter Besuch! Ich erhielt keinen Brief und sah ihn nie wieder!“

„Ich ging“, fuhr Herr Brownlow nach einer kurzen Pause fort, „ich ging, als alles vorüber war, nach dem Schauplatz seiner sündigen Liebe, wie die Welt es nennen würde, fest entschlossen, wenn sich meine Befürchtungen bewahrheiten sollten, dem verirrten Mädchen Schutz und eine Heimat anzubieten. Die Familie hatte jedoch die Gegend eine Woche vorher, nach Regelung ihrer Angelegenheiten, bei Nacht und Nebel verlassen. Warum und wohin konnte mir niemand sagen.“

Monks atmete sichtlich auf und konnte ein triumphierendes Lächeln nicht unterdrücken.

„Als Ihr Bruder –“ sagte der alte Herr und rückte seinen Stuhl näher an Monks heran, „als Ihr Bruder, ein elendes, vernachlässigtes, in Lumpen gehülltes Kind, mir durch eine mächtigere Hand, als es der Zufall ist, in den Weg geführt wurde und durch mich einem Leben der Schande und des Lasters entrissen werden sollte –“

„Was?“ schrie Monks auf.

„Durch mich“, wiederholte Herr Brownlow. „Ich sagte ja, die Sache würde Sie interessieren. Ich sage: durch mich – denn ich sehe, daß Ihr schlauer Kumpan Ihnen meinen Namen verschwiegen hat, obgleich er sich nicht denken konnte, daß er Ihnen bekannt wäre. Als Ihr Bruder bei mir Zuflucht fand und krank in meinem Hause lag, setzte mich seine Ähnlichkeit mit dem erwähnten Gemälde in Erstaunen. Ich brauche Ihnen nicht zu erzählen, daß er mir wieder weggefangen wurde, ehe ich seine Geschichte erfuhr –“

„Warum nicht?“ fragte Monks hastig.

„Weil Sie es selbst sehr gut wissen!“

„Ich?“

„Das Leugnen nützt Ihnen nichts, ich werde Ihnen beweisen, daß ich noch mehr weiß.“

„Sie – Sie können mir nichts beweisen“, stotterte Monks. „Ich fordere Sie auf, es zu tun.“

„Wir werden sehen“, sagte der alte Herr mit einem prüfenden Blick. „Ich verlor den Knaben und vermochte ihn trotz aller Anstrengungen nicht wiederzufinden. Da Ihre Mutter tot ist, so konnten Sie nur das Geheimnis aufklären. Als ich das letztemal von Ihnen hörte, hieß es, Sie wären auf Ihrer Besitzung in Westindien. Dorthin hatten Sie sich zurückgezogen. um den Folgen Ihres verbrecherischen Lebens in London zu entgehen. Ich reiste Ihnen nach, aber Sie hatten Ihren Zufluchtsort schon vor Monaten verlassen. Man glaubte, Sie wären in London, aber niemand konnte mir etwas Näheres mitteilen. Ich kehrte zurück. Ihre Geschäftsfreunde wußten auch Ihre Adresse nicht, sie sagten, Sie kämen ebenso unregelmäßig wie früher, manchmal alle Tage, dann wieder monatelang nicht. Man glaubte, daß Sie wieder in den zweideutigen Kreisen verkehrten, wo Sie sich schon als nicht zu bändigender Knabe Ihre Freunde suchten. Ich durchs wanderte die Straßen bei Tag und bei Nacht, doch waren meine Mühen bis vor zwei Stunden vergeblich.“

„Und nun, da Sie mich gefunden haben, was weiter?“ fragte Monks dreist und stand auf. „Betrug und Raub sind starke Worte – und gerechtfertigt, wie Sie glauben, durch die eingebildete Ähnlichkeit eines jungen Landstreichers mit der elenden Kleckserei eines längst Verstorbenen. Sie wissen nicht einmal, ob der Umgang dieses Pärchens ein Kind zur Folge hatte. Selbst das wissen Sie nicht!“

„Ich wußte es nicht“, sagte Herr Brownlow, gleichfalls aufstehend, „aber ich habe in den letzten vierzehn Tagen alles erfahren. Sie haben einen Bruder – Sie wissen es und kennen ihn. Es war ein Testament vorhanden, Ihre Mutter vernichtete es und hinterließ Ihnen nach ihrem Tode das Geheimnis nebst dem dadurch erzielten Gewinn. Es enthielt einen Hinweis auf ein Kind – der wahrscheinlichen Folge dieser traurigen Verbindung. – Das Kind wurde geboren und kam Ihnen zufällig in die Quere, wobei seine Ähnlichkeit mit Ihrem Vater zuerst Ihren Verdacht erregte. Sie begaben sich nach seinem Geburtsorte. Dort befanden sich Beweise – lang unterdrückte Beweise seiner Geburt und Herkunft. Sie vernichteten sie und erzählten es Ihrem Mitschuldigen, dem Juden, mit den Worten: ‚Der einzige Beweis, der den Jungen legitimieren könnte, liegt auf dem Grunde des Flusses, und die alte Hexe, die ihn von der Mutter empfing, modert in ihrem Sarge!‘ Unwürdiger Sohn, Feigling, Lügner, du Genosse von Dieben und Mördern, Eduard Leeford, du willst mir noch Trotz bieten?“

„Nein, nein, nein!“ schrie der Feigling, überwältigt von der wuchtigen Anklage.

„Jedes Wort, das zwischen dir und diesem nichtswürdigen Schurken gewechselt wurde, ist mir bekannt. Schatten an der Wand haben dein Geflüster aufgefangen und es mir hinterbracht. Der Anblick des verfolgten Kindes hat selbst auf das Laster Eindruck gemacht und ihm Mut und die Eigenschaften der Tugend verliehen. Ein Mord ist begangen, für den du moralisch mit verantwortlich bist.“

„Nein – nein!“ fiel Monks ein. „Ich wußte nichts davon. Ich war im Begriff, Erkundigungen über die Mordtat einzuziehen, als Sie mich wegführten. Den Anlaß zur Tat kannte ich nicht und glaubte, sie sei die Folge eines gewöhnlichen Streites gewesen!“

„Sie war die Folge einer teilweisen Enthüllung Ihrer Geheimnisse. Wollen Sie diese nun ganz offenbaren?“

„Ja, ich will’s.“

„Und Ihre Angaben mit Ihrer Unterschrift beglaubigen und sie vor Zeugen wiederholen?“

„Auch das verspreche ich.“

„Und ruhig hierbleiben, bis ein solches Dokument aufgesetzt ist, und mit mir sich an den Ort begeben, wo es rechtsgültig gemacht wird?“

„Wenn Sie darauf bestehen, will ich auch das tun , antwortete Monks.

„Sie müssen noch mehr tun“, fuhr Herr Brownlow fort, „Sie müssen dem unschuldigen Kinde Schadenersatz leisten. Wenn er auch die Frucht einer sündigen Liebe ist, so bleibt er doch Ihr Bruder. Sie haben die hierauf bezüglichen Paragraphen des Testaments nicht vergessen. Bringen Sie dieselben, soweit sie Ihren Bruder betreffen, zur Ausführung und gehen Sie dann, wohin es Ihnen beliebt. Sie dürfen ihm in dieser Welt nicht wieder begegnen!“

Während Monks mit finsterem Blick im Zimmer auf und ab ging und über diesen Vorschlag und die Möglichkeit, ihm auszuweichen, nachsann, wurde die Tür hastig aufgeschlossen, und Herr Losberne trat aufgeregt ins Zimmer.

„Der Mann wird bald ergriffen werden. Man wird ihn heute nacht noch verhaften“, rief er.

„Den Mörder?“ fragte der alte Herr.

„Ja, ja!“ antwortete der Doktor. „Man hat seinen Hund um einen seiner Schlupfwinkel herumschleichen sehen, und man nimmt an, daß der Verbrecher diesen unter dem Schutz der Nacht aufsuchen wird. Allenthalben sind Detektive aufgestellt. Eine Belohnung von hundert Pfund ist vom Staatsanwalt für seine Festnahme ausgesetzt!“

„Ich lege noch fünfzig Pfund zu und will es selbst an Ort und Stelle verkünden“, rief Herr Brownlow. „Wo ist Herr Maylie?“

„Harry? – Als er Sie mit Ihrem Freund hier wohlbehalten in der Droschke sah, schwang er sich aufs Pferd und schloß sich den Verfolgern des Mörders an.“

„Und was ist mit dem Juden?“ fragte Brownlow weiter.

„Als ich das letztemal von ihm hörte, war er noch nicht festgenommen, doch ist man seiner sicher!“

„Haben Sie Ihren Entschluß gefaßt?“ fragte Herr Brownlow Monks leise.

„Ja“, antwortete dieser, „aber – Sie – werden mich doch nicht bloßstellen?“

„Nein. Bleiben Sie jetzt hier, bis ich wieder zurückkomme. Das ist Ihre einzige Rettung!“

Die beiden alten Herren verließen das Zimmer, dessen Tür wieder von außen verschlossen wurde.

„Was haben Sie erreicht?“ fragte der Doktor flüsternd.

„Alles, was ich erhoffen konnte, und mehr. Schreiben Sie unsern Freunden, daß die Zusammenkunft übermorgen abend um sieben Uhr stattfinden soll. Wir werden aber ein paar Stunden früher da sein. – Doch mir kocht das Blut in den Adern, das arme ermordete Mädchen zu rächen. Wohin muß ich gehen?“

„Wenn Sie sofort auf das Polizeiamt gehen, werden Sie noch zeitig genug kommen“, entgegnete Losberne.

Die beiden Herren verabschiedeten sich nun hastig und in ziemlicher Aufregung.

Verfolgung und Flucht

Einer der schmutzigsten Winkel Londons ist Southwark, an der Themse gelegen, mit der Jakobsinsel, die von einem acht Fuß tiefen und zwanzig Fuß breiten, sumpfigen Graben umgeben ist, der jetzt unter dem Namen Folly Ditch bekannt ist. Er ist eine Einbuchtung des Flusses und kann durch Öffnen von Schleusen ganz mit Wasser gefüllt werden. Dann kann man von einer der hölzernen Brücken aus, die bei der Mühlengasse über den Graben geschlagen sind, sehen, wie die Bewohner der Häuser aus ihren Fenstern und Türen Eimer und Geschirr aller Art herunterlassen, um Wasser zu schöpfen. Die Häuser stehen hier auf versinkenden Fundamenten, und ihre Wände sind mit Kot beschmiert. Die Fenster zerbrochen, die Stuben eng und schmutzig, überall Dreck, Unflat und abstoßende Armut. Auf der Jakobsinsel Warenhäuser, die leerstehen und kein Dach mehr haben. Die Wände dem Einstürzen nahe, die Fenster ausgebrochen, und die Türen auf der Straße umherliegend. Die Häuser sind ohne Eigentümer und werden nur von denen bewohnt, die gewichtige Gründe haben, sich zu verbergen, oder ganz verarmt sind.

In einem oberen Gemache eines dieser Häuser, das mit der Rückwand gegen den Folly Ditch stand, saßen drei Männer in düsterm Schweigen. Der eine davon war Toby Crackit, der andere Herr Chitling und der dritte ein Kerl von etwa fünfzig Jahren, dessen Gesicht eine furchtbare Narbe aufwies, wohl die Folge einer Schlägerei. Er war ein entlaufener Sträfling namens Kags.

„Ich wollte“, sagte Toby zu Herrn Chitling, „du hättest eine andere Bleibe ausgesucht, als die zwei andern zu warm wurden, und wärst nicht hierhergekommen.“

„Ja, du Dussel, warum tatest du es nicht?“ fragte Kags.

„Ich glaubte, ihr würdet erfreuter sein, mich zu sehen“, versetzte Herr Chitling mit melancholischer Miene.

„Sieh bloß mal an!“ sagte Toby ironisch. Nach einer kleinen Pause fragte er Chitling, wann man Fagin festgenommen hätte.

„Gerade zur Essenszeit – nachmittags zwei Uhr. Karl Bates und ich entwischten durch den Waschhausschornstein, aber Bolter, der sich im leeren Wasserfaß mit dem Kopf nach unten versteckt hatte, wurde bei seinen langen Hammelbeinen gefaßt und mitgenommen!“

„Und Betsy?“

„Die arme Bet!“ sagte Chitling mit trübseligem Gesicht. „Sie ging, um sich die Leiche anzusehen, fing bei ihrem Anblick zu toben an und wollte mit dem Kopf gegen die Wand. Man mußte sie in eine Zwangsjacke stecken und nach dem Krankenhaus bringen. Da ist sie noch.“

„Was ist denn aus dem jungen Bates geworden?“ fragte Kags.

„Er stromert bis zum Dunkelwerden umher, wird also bald hier sein. Die Leute in den ‚Drei Krüppeln‘ sind auch alle verhaftet, ich sah, als ich dort vorbeiging, eine Menge Kriminalpolizisten im Gastzimmer.“

„Das ist schlimm. Wird wohl noch mancher dran, glauben müssen“, bemerkte Toby, sich auf die Lippen beißend.

„Es ist gerade Schwurgerichtsperiode“, sagte Kags, „und wenn Bolter als Kronzeuge gegen Fagin auftritt, was er aller Wahrscheinlichkeit nach tun wird, so kann man dem Juden am Freitag sein Urteil sprechen. Drei Tage darauf baumelt er! Hol mich der Teufel, wenn’s nicht stimmt!“

„Ihr hättet nur sehen sollen, wie das Volk tobte“, fuhr Chitling fort. „Die Polizisten kämpften wie die Teufel, sonst hätte die Menge den Juden in Stücke zerrissen. Sie hatte ihn schon mal in den Händen, aber die Polizei befreite ihn rasch wieder. Er war ganz mit Blut und Dreck bedeckt und hängte sich an die Kriminalbeamten, als wenn sie seine besten Freunde wären. Die Leute hatten ihn mit den Füßen getreten, und die Weiber drohten ihm, das Herz aus dem Leibe zu reißen. Ich kann die Greifer noch sehen, wie sie in dem Gedränge der Menge kaum aufrecht zu stehen vermochten und ihn so zwischen sich hinschleppten!“

Entsetzt saßen die Männer eine Weile schweigend da. Da hörten sie plötzlich auf der Treppe ein Trappeln, und gleich darauf sprang Sikes‘ Hund ins Zimmer. Von seinem Herrn war jedoch nichts zu sehen.

„Was bedeutet das?“ sagte Toby. „Er wird doch nicht hierherkommen wollen? Ich – ich hoffe nicht!“

„Wenn das seine Absicht wäre, so würde er mit dem Hunde gekommen sein“, meinte Kags und gab dem Hunde Wasser.

„Er“ – keiner nannte den Mörder bei seinem Namen – „er wird sich doch nichts angetan haben? Was meint ihr?“ fragte Chitling.

Toby schüttelte den Kopf.

„Wenn das wäre“, sprach Kags, „so würde uns der Hund an die Stelle führen wollen, wo er liegt. Nein, ich denke mir, er ist ins Ausland geflüchtet und hat den Hund zurückgelassen, sonst wäre das Tier nicht so ruhig.“

Der Hund kroch unter einen Stuhl, kauerte sich zusammen und begann zu schlafen.

Da es dunkel geworden war, so wurde der Fensterladen geschlossen und eine Kerze angezündet. Die schrecklichen Ereignisse der zwei letzten Tage hatten auf sie einen mächtigen Eindruck gemacht, und die Unsicherheit ihrer eigenen Lage machte sie ängstlich. Bei jedem Laut fuhren sie auf und sprachen nur im Flüstertone. Sie hatten schon eine Weile ganz stumm dagesessen, als sich plötzlich ein lautes Klopfen an der Haustür vernehmen ließ.

„Der junge Bates“, meinte Kags.

Das Klopfen wiederholte sich. Bates war es nicht, der hatte nie so gepocht. Crackit ging aus Fenster und steckte zitternd den Kopf hinaus. Er brauchte den andern nicht zu sagen, wer unten sei. Sein blaßgewordenes Gesicht sprach deutlich genug. Der Hund war im Augenblick wach und lief winselnd an die Tür.

„Wir müssen ihn hereinlassen“, sagte Crackit, nach dem Kerzenleuchter greifend.

„Läßt sich’s nicht anders machen?“ fragte Kags mit heiserer Stimme.

„Nein, wir müssen ihm öffnen.“

Crackit ging hinunter und kam mit einem vermummten Mann zurück. Es war Sikes. Er hatte tiefliegende Augen im erdfahlen Gesicht, eingefallene Backen und atmete kurz und schwer. Er griff nach einem Stuhl und setzte sich dicht an die Wand, so dicht, als es gehen wollte.

Alle schwiegen, endlich fragte Sikes mit hohler Stimme:

„Wie kam der Hund hierher?“

„Allein. Vor drei Stunden.“

„Die Abendzeitungen schreiben, Fagin sei verhaftet. Ist es wahr oder gelogen?“

„Wahr.“

Es folgte abermals eine Pause.

„Geht zum Teufel alle miteinander!“ schrie Sikes und fuhr sich mit der Hand über die Stirn. „Habt ihr mir nichts zu sagen?“

Sie wurden unruhig, aber keiner sprach.

„Du, der du hier den Hausherrn spielst“, sagte Sikes zu Crackit, „hast du die Absicht, dir die Belohnung zu verdienen, oder darf ich mich hier verstecken, bis die Verfolgung vorüber ist?“

„Du kannst hierbleiben, wenn du es für richtig hältst“, antwortete der Angeredete nach einigem Zögern.

„Ist sie – sie – ist die Leiche – schon begraben?“ fragte Sikes mit stockender Stimme.

Sie schüttelten die Köpfe.

„Warum nicht? Warum behält man so etwas Häßliches über der Erde? – Wer klopft da?“

Crackit meinte, es wäre nichts zu befürchten. Er ging, um zu öffnen, und kam bald mit Karl Bates wieder. Sikes saß gerade der Tür gegenüber, so daß er dem eintretenden Jungen sofort ins Auge fallen mußte.

„Toby“, sagte Karl zurückprallend, als Sikes ihn anguckte, „warum habt Ihr mir das nicht vorher gesagt?“

Der Mörder wollte den Jungen für sich günstig stimmen und streckte ihm die Hand entgegen.

„Laßt mich in eine andere Stube gehen“, sagte Bates zurückweichend.

„Warum, Karl?“ fragte Sikes, auf ihn zugehend. „Kennst du – kennst du mich denn nicht?“

„Komm mir nicht zu nahe!“ schrie der Junge und wich wieder einige Schritte zurück. „Scheusal! Ungeheuer!“

Der Mörder blieb stehen, und sie sahen sich gegenseitig an, doch Sikes konnte den Blick nicht aushalten und schlug zuletzt die Augen nieder.

„Ich nehme euch drei zu Zeugen“, schrie der Junge, die geballte Faust schüttelnd, in mächtiger Aufregung, „ich nehme euch drei zu Zeugen – ich habe keine Angst vor ihm – ich verrate ihn, wenn man ihn hier sucht. Das tue ich! Ich sage es frei heraus und mag er mich kalt machen, falls er den Mut dazu hat, wenn ich hier bin, verrate ich den Unmenschen. Ich würde ihn auch angeben, wenn er lebendig verbrannt werden sollte. Hilfe! Mörder! Wenn ihr noch richtige Kerle wäret und keine feigen Memmen, so würdet ihr mir jetzt helfen. Hilfe! Mörder! Schlagt ihn nieder!“

Mit diesen Worten stürzte sich der Junge allein auf den großen, kräftigen Mann und brachte ihn durch die überraschende Schnelle und Heftigkeit des Angriffs zu Fall. Die drei Zuschauer waren wie vom Donner gerührt machten aber keine Miene einzugreifen. Der Junge wälzte sich mit dem Mörder auf dem Boden herum und schrie laut um Hilfe, doch war der Kampf zu ungleich, um lange zu währen. Sikes hatte Bates unter sich gebracht und setzte ihm das Knie auf die Kehle, als Crackit ihn zurückriß und bestürzt nach dem Fenster zeigte. Man sah unten auf der Straße Lichter schimmern und hörte laute Stimmen. Von der nächsten Brücke erscholl der Klang zahlloser Fußtritte. Unter der Menge, die über die Brücke quoll, schien sich auch ein Reiter zu befinden, denn der Schall von Huftritten ertönte auf dem holprigen Pflaster. Der Tumult wurde immer größer, schließlich wurde an die Haustür geklopft.

„Hilfe!“ schrie Karl Bates mit gellender Stimme. „Der Mörder ist hier! Schlagt die Tür ein!“

„Im Namen des Königs!“ wurde von draußen gerufen und gleich darauf erhob sich neuer Lärm.

„Schlagt die Tür ein!“ brüllte der Junge. „Man macht euch doch nicht auf. Kommt herauf ins Zimmer, wo Licht ist. Brecht die Tür auf!“

Wuchtige Schläge donnerten gegen die Tür und die Fensterläden des Erdgeschosses, und ein lautes Hurra gab den Halunken im Hause zum erstenmal einen richtigen Begriff von der Anzahl der Verfolger.

„Wo kann ich den schreienden Teufelsbraten einsperren?“ schrie Sikes wütend und warf den zappelnden Jungen in eine kleine Kammer, die Toby aufgeschlossen hatte. Er schob den Riegel vor und fragte:

„Ist die Haustür gut fest?“

„Doppelt verschlossen und dreifach verriegelt“, sagte Crackit, der wie betäubt dastand.

„Und die Fensterläden?“

„Gut gesichert.“

„Der Teufel soll euch holen!“, brüllte der Verbrecher aus dem Fenster zur Menge hinab. „Strengt euch an, so viel ihr wollt, ich pfeife darauf, ihr kriegt mich doch nicht!“

Ein Wutgeschrei der Volksmasse war die Antwort. Einige riefen, man solle Feuer an das Haus legen, andere schrien den Polizisten zu, den Mörder doch totzuschießen. Der Reiter schwang sich aus dem Sattel und rief mit Stentorstimme: „Zwanzig Guineen demjenigen, der mir eine Leiter bringt.“

Hunderte riefen nunmehr nach Leitern, und die Aufregung der immer größer werdenden Volksmasse wuchs zusehends. Einige der Kühnsten versuchten an der Wasserrinne und der zerbröckelten Wand hinaufzuklimmen.

„Ich kam an, als es Flutzeit war“, sagte der Mörder, nachdem er das Fenster wieder geschlossen hatte. „Gebt mir ein Seil – ein langes Seil. Ich werde mich hinten in den Graben hinunterlassen und entwischen. Sie sind ja alle vorn. Schnell ein Seil, oder ich begehe noch drei Morde und hänge mich dann auf!“

Toby wies nach einer Ecke, wo Stricke lagen, und Sikes suchte sich hastig den längsten und stärksten heraus. Er ging damit nach dem Dach.

Alle Fenster an der Hinterseite des Hauses waren zugemauert, mit Ausnahme eines Loches in der Kammer, wo Karl Bates eingesperrt war. Es war aber zu klein, als daß er hätte durchkriechen können. Durch diese Öffnung rief jedoch der Junge unaufhörlich den Außenstehenden zu, auch die Rückseite des Gebäudes zu bewachen. Als der Mörder aus dem Dachfenster stieg, wurde es sogleich bemerkt. Er kroch über die Ziegel und beugte sich über den Dachrand. Das Wasser war infolge der Ebbe abgelaufen und der Graben ein Schlammbett.

Die Menge sah lautlos und gespannt zu, was der Mörder nun wohl beginnen würde. Als sie gewahrte, daß er sich in der Flucht verrechnet hatte, erhob sie ein mächtiges Triumphgeschrei, gegen das alle früheren nur ein Flüstern waren.

„Jetzt hat man ihn!“ rief ein Mann auf der nächsten Brücke. „Hurra!“

Ein tausendfaches Echo folgte.

„Ich verspreche fünfzig Pfund demjenigen, der den Mörder lebend ergreift!“ rief ein alter Herr auf der Brücke. „Ich bleibe hier stehen, um die Summe sofort auszuzahlen.“

Neues Gebrüll. In diesem Augenblick verbreitete sich das Gerücht, daß die Haustür aufgebrochen und der Mann, der zuerst nach der Leiter gerufen, in das Zimmer eingedrungen sei. jeder wollte nun sehen, wie der Mörder von den Polizisten abgeführt würde. Es entstand ein furchtbares Gedränge, und die Aufmerksamkeit wurde von dem Dache abgelenkt.

Sikes beschloß jetzt, den letzten Rettungsversuch zu wagen und sich in den Graben hinunterzulassen, selbst auf die Gefahr hin, im Schlamme zu ersticken. Er schlang das eine Ende des Seiles fest um den Schornstein und machte an dem anderen Ende unter Zuhilfenahme der Zähne im Nu eine starke Laufschlinge. Er konnte sich mit dem Strick fast bis auf Manneslänge vom Boden hinunterlassen und hielt sein Messer bereit, um ihn rechtzeitig durchzuschneiden und sich fallen zu lassen.

Er hatte sich eben die Schlinge über den Kopf geworfen und war im Begriff mit den Armen gleichfalls durchzuschlüpfen, als der alte Herr die Leute darauf aufmerksam machte, daß der Verbrecher sich vom Dache hinunterlassen wolle. Im selben Augenblick sah sich Sikes um, stieß einen Schrei des Entsetzens aus und schlug die Hände über dem Kopfe zusammen.

„Da sind die Augen wieder!“ rief er mit Grabesstimme und taumelte wie vom Blitz getroffen. Er verlor das Gleichgewicht und fiel über den Rand des Daches. Die Schlinge am Halse, sauste er fünfunddreißig Fuß hinab. Ein plötzlicher Ruck, ein krampfartiges Zucken der Glieder – und da hing er, entseelt, das Messer in der erstarrten Hand!

Der alte Schornstein hatte der Erschütterung standgehalten. Sikes‘ Hund lief heulend auf dem Dache hin und her und nahm endlich einen Ansatz, um auf die Schultern des toten Mannes zu springen. Er verfehlte jedoch sein Ziel, fiel in den Graben, in dem er sich überkugelte. Mit dem Kopf auf einen Stein schlagend, verspritzte er sein Gehirn.

Enthüllt verschiedene Geheimnisse und enthält einen Heiratsantrag ohne ein Wort von Ausstattung und Nadelgeld

Zwei Tage nach den im letzten Kapitel erzählten Ereignissen befand sich Oliver nachmittags um drei Uhr In einem Reisewagen, der rasch dem Geburtsorte des Knaben zurollte. Frau Maylie, Rosa, Frau Bedwin und der gute Doktor waren bei ihm. Herr Brownlow folgte in einer Postkutsche, noch von jemand begleitet, dessen Name nicht erwähnt wurde.

Sie sprachen unterwegs wenig. Herr BrownIow hatte den beiden Damen und Oliver die Geständnisse, die er Monks abgerungen hatte, vorsichtig mitgeteilt. Jeder hing nun seinen Gedanken nach.

Als sie sich der Stadt näherten und endlich durch ihre engen Straßen fuhren, war der Junge ganz außer sich. Da stand Sowerberrys Haus gerade noch so wie früher. Er gewahrte Gamfields Karren vor einem Wirtshause. Das Armenhaus, das traurige Gefängnis seiner Kinderjahre, mit den düsteren Fenstern nach der Straße hinaus und demselben dürren Pförtner am Eingang. Es war ihm, als wenn er die Stadt erst gestern verlassen hätte, und sein neues Leben nur ein glücklicher Traum gewesen wäre.

Sie fuhren am ersten Gasthof vor, den Oliver nur mit Ehrfurcht anzusehen und für einen ganz gewaltigen Palast zu halten pflegte. Hier wurden sie von Herrn Grimwig empfangen, der eitel Freude und Sonnenschein war. Er küßte Rosa und auch die alte Dame, wie sie aus dem Wagen stiegen, als wäre er der Großvater der ganzen Gesellschaft. Er erbot sich nicht einmal, seinen Kopf aufzuessen – nicht einmal, als er einem sehr alten Postillion wegen des nächsten Weges nach London widersprach und es besser zu wissen behauptete, obgleich er ihn nur ein einziges Mal, und zwar im festen Schlaf gemacht hatte. Das Mittagessen und die Zimmer standen bereit alles war aufs beste angeordnet.

Herr Brownlow erschien nicht beim Essen, sondern blieb auf seinem Zimmer. Die beiden anderen Herren gingen mit wichtigen Mienen ein und aus und flüsterten geheimnisvoll, wenn sie im Zimmer waren. Einmal wurde Frau Maylie abgerufen und kam erst nach einer Stunde mit rotgeweinten Augen wieder zurück. Alles dies versetzte Rosa und Oliver in große Unruhe. Sie saßen stumm da und flüsterten nur, wenn sie sprachen, als fürchteten sie sich vor dem Ton ihrer eigenen Stimme.

Endlich, als die Uhr neun schlug, traten die Herren Losberne und Grimwig ins Zimmer, denen Herr Brownlow und ein Mann folgte, bei dessen Anblick Oliver laut aufschrie. Es war derselbe Mann, den er damals im Hofe des Gasthauses getroffen und dann an Fagins Seite vor dem Fenster seines kleinen Studierzimmers hatte stehen sehen. Monks warf einen haßerfüllten Blick auf den Jungen und setzte sich unweit der Tür. Herr Brownlow hatte einige Papiere in der Hand und trat an den Tisch, an dem Rosa und Oliver waren.

„Es ist zwar eine peinliche Sache begann er, „aber diese Erklärungen, die ich in London vor Zeugen niederschreiben und beglaubigen ließ, müssen der Hauptsache nach hier von Ihnen noch einmal persönlich abgegeben werden. Ich hätte Ihnen diese Demütigung gern erspart, aber Sie kennen die Gründe, warum wir sie aus Ihrem eigenen Munde abermals hören müssen, ehe wir uns trennen.“

„Los!“ sagte der Angeredete mit abgewandtem Gesicht, „machen Sie schnell. Ich habe genug getan. Halten Sie mich hier nicht unnötig auf.“

„Dieses Kind“, fuhr Herr Brownlow fort und zog Oliver an sich, „ist Ihr Halbbruder, der illegitime Sohn Ihres Vaters, meines teuren Freundes Edwin Leeford, und der unglücklichen Agnes Flemming, der die Geburt des Knaben das Leben kostete.“

„Ja“, sagte Monks, Oliver zornig anblickend, dessen Herz hörbar klopfte, „es ist ihr Bastard!“

„Der Ausdruck, dessen Sie sich bedienen“, sagte Herr BrownIow ernst, „enthält einen beleidigenden Vorwurf gegen Verstorbene, die dem Urteil dieser Welt längst entrückt sind, und beschimpft keine Lebenden außer dem, der ihn gebrauchte. Doch lassen wir das. Er wurde in dieser Stadt geboren?“

„In dem Armenhause dieser Stadt“, war die mürrische Antwort. „Sie haben die Geschichte doch in den Papieren dort aufgeschrieben.“

„Sie muß auch hier zur Sprache kommen.“

„Also hören Sie“, begann Monks. „Als sein Vater in Rom erkrankte, begab sich seine Frau, meine Mutter, von der er lange getrennt gelebt hatte, von Paris aus mit meiner Wenigkeit zu ihm – soviel ich weiß, um sich sein Vermögen zu sichern, denn sie hegte keine besondere Liebe für ihn, wie auch er nicht für sie. Er wußte nichts von unserer Anwesenheit, denn er war bereits besinnungslos und starb am folgenden Tag. Unter den Papieren, die sich in seinem Pulte vorfanden, waren zwei mit dem Datum des Tages, an dem er erkrankte. Sie waren nebst einigen kurzen Zeilen an Sie, Herr Brownlow, adressiert und trugen auf dem Umschlag die Weisung, daß sie erst nach seinem Tode abgeschickt werden sollten. Das eine dieser Papiere war ein Brief an jenes Mädchen Agnes und das andere ein Testament.“

„Und der Brief?“ fragte Herr Brownlow.

„Der Brief? Ein ganzer Bogen voll reuiger Selbstanklagen und Bitten, daß Gott ihr helfen möge. Er sagte darin dem Mädchen, daß ein Geheimnis, das sich eines Tages aufklären werde, ihn verhindert hätte, sich mit ihr zu vermählen. Sie hätte ihm hingebend vertraut, bis sie das verloren, was er ihr nicht mehr zurückgeben könnte. Sie hatte damals nur noch einige Monate bis zu ihrer Entbindung, und so teilte er ihr mit, was er zu tun beabsichtigte, um ihre Schande zu verdecken, wenn er am Leben bliebe. Er bat sie, wenn er sterben müßte, weder seinem Andenken zu fluchen, noch zu glauben, daß seine Sünde, an ihr oder seinem Kinde heimgesucht werden würde, da die ganze Schuld seine wäre. Er erinnerte sie an den Tag, an dem er ihr das Medaillon und den Ring schenkte, in dem ihr Taufname mit einer Lücke eingegraben war, die er eines Tages mit seinem Familiennamen auszufüllen gehofft hätte. Er flehte sie an, seine kleinen Geschenke an ihrem Herzen zu tragen, und kam dann immer wieder auf dieselben Worte zurück, als ob er schon nicht mehr klaren Geistes gewesen, was, wie ich vermute, auch der Fall war.“

„Das Testament“, sagte Herr Brownlow, während Oliver still vor sich hin weinte, „war in demselben Geiste abgefaßt wie der Brief. Ei sprach von dem Elend, das sein Weib über ihn gebracht hatte, und von dem störrischen Charakter, der Bosheit und den frühzeitigen lasterhaften Neigungen seines einzigen Sohnes, dem gelehrt worden war, den Vater zu hassen. Er vermachte Ihrer Mutter und Ihnen Jahresrenten von je achthundert Pfund. Sein Gesamtvermögen teilte er in zwei gleiche Teile und bestimmte den einen für Agnes Flemming und den andern für sein und ihr Kind, wenn es lebend zur Welt kommen und heranwachsen sollte. Für den Fall, daß es ein Mädchen wäre, sollte ihm die Erbschaft ohne weiteres zufallen. Wäre es jedoch ein Junge, so hafte die Bedingung daran, daß er während seiner Minderjährigkeit seinen Namen durch keine entehrende oder schlechte Tat befleckt habe, die das Einschreiten des Gerichts zur Folge gehabt hätte. Wie er ausführte, machte er diese Klausel, um dadurch sein Vertrauen zu der Mutter zu bekunden, daß das Kind der Erbe ihres schönen Herzens und ihres edlen Charakters werden würde. Sollte diese Erwartung trügen, so waren Sie zum Erben bestimmt; denn nur, wenn beide Kinder einander gleich wären – aber auch nur dann –, wollte er Ihren früheren Anspruch auf sein Vermögen anerkennen, obgleich Sie keinen auf sein Herz zu machen und ihn von früher Jugend an durch Kälte und Abneigung zurückgestoßen hätten.“

„Meine Mutter“, nahm nun Monks wieder das Wort, „tat, was jede Mutter getan hätte – sie verbrannte das Testament. Der Brief gelangte nie an seine Adresse. Aber sie bewahrte ihn und noch andere Schriftstücke für den Fall auf, daß man versuchen würde, den Fehltritt abzuleugnen. Sie berichtete dem Vater des Mädchens die Wahrheit mit Übertreibungen, die ihr der Haß eingab -ich liebe sie jetzt darum. Diese Nachricht bewog den alten Flemming, sich mit seinen Kindern in einen Winkel von Wales zurückzuziehen, wobei er zugleich seinen Namen änderte, damit seine Freunde ihn nicht entdeckten. Er wurde einige Zeit darauf tot in seinem Bette gefunden. Die Tochter hatte einige Wochen zuvor heimlich sein Haus verlassen. Er suchte sie in jedem Dorf und jeder Stadt der Umgegend. In der Nacht, als er mit der Überzeugung nach Hause kam, sie hätte sich das Leben genommen, um ihre Schande nicht zu überleben, brach das Herz des alten Mannes.“

Nach einem kurzen Schweigen fuhr Herr Brownlow in der Erzählung fort:

„Nach Jahren kam die Mutter dieses Menschen – dieses Eduard Leeford – zu mir. Er hatte sie verlassen, als er achtzehn Jahr alt war, und ihr Geld und Juwelen gestohlen. Das Gestohlene verspielt, Fälschungen begangen und war dann nach London geflüchtet, wo er in Verbrecherkreisen verkehrte. Sie siechte an einer unheilbaren Krankheit dahin und wünschte ihn vor ihrem Tode noch einmal zu sehen. Man forschte lange vergeblich nach ihm, endlich aber fand man ihn. Sie fuhren dann beide nach Frankreich zurück.“

„Nach einem langen Krankenlager“, erzählte Monks weiter, „starb sie dort. Auf ihrem Totenbette vermachte sie mir mit diesen Geheimnissen ihren tödlichen Haß gegen alle, die in die Angelegenheit verwickelt waren. Sie wollte nicht glauben, daß das Mädchen sich selbst und dem Kinde ein Leid angetan hätte, sie war vielmehr der festen Überzeugung, daß ein Knabe geboren und am Leben wäre. Ich schwur ihr, wenn der Junge je meinen Weg kreuzen würde, ihn mit unversöhnlicher Feindschaft zu verfolgen und ihn, den prahlerischen Redensarten des beleidigenden Testaments zum Trotz, an den Galgen zu bringen. Sie hatte recht. Er kam mir endlich in den Weg. Der Anfang ließ sich gut an, und wenn dieses verdammte Frauenzimmer nicht geschwatzt hätte, wäre dem guten Anfang auch ein dementsprechender Schluß gefolgt.“

Der Halunke verwünschte laut sich selbst, daß sein bösartiger Plan mißlungen war. Inzwischen erzählte Herr Brownlow den entsetzten Zuhörern, daß der Jude, Monks‘ Helfershelfer, eine große Belohnung für Olivers Verführung zum Schlechten erhalten hätte. Als der Junge entwich, sollte ein Teil der Summe wieder zurückerstattet werden, und der daraus entstandene Streit sei die Veranlassung gewesen, daß beide jenen Besuch in dem Landhause machten, der Olivers Identität feststellen sollte und diesen so erschreckte.

„Und was wurde aus dem Medaillon und dem Ringe?“ fragte Herr BrownIow Monks.

„Ich kaufte sie dem Manne und der Frau ab, die sie der Wärterin gestohlen hatten. Sie wissen, was daraus wurde“, sagte Monks, ohne die Augen zu erheben.

Herr Brownlow gab Grimwig einen Wink, der darauf plötzlich verschwand, aber bald wieder zurückkehrte, Frau Bumble ins Zimmer schob und deren widerstrebenden Eheherrn nach sich zerrte.

„Trügen mich meine Augen?“ rief Herr Bumble mit schlechtgespielter Freude, „oder ist dies wirklich der kleine Oliver? Ach, O-Ii-ver, wenn Sie wüßten, wie ich mich um Sie gegrämt habe!“

„Halt’s Maul, Dummkopf!“ murmelte Frau Bumble.

„Frau, ist’s nicht natürlich, ganz natürlich“, entgegnete Bumble, „muß mir nicht das Herz aufgehen, mir, der ich ihn als Gemeindekind erzogen habe – wenn ich ihn hier sitzen sehe zwischen so feinen Damen und Herren? Ich habe den Knaben immer geliebt wie meinen – meinen – meinen eigenen Großvater“, sagte endlich Herr Bumble, nachdem er einen passenderen Vergleich nicht gleich gefunden hatte,

„Ach bitte“, fiel Herr Grimwig ein, „unterdrücken Sie Ihre Gefühle!“

„Ich will mir Mühe geben“, sagte Herr Bumble. „Wie geht es Ihnen, mein Herr? Ich hoffe gut.“

Diese Begrüßung war an Herrn Brownlow gerichtet, der sich dem würdigen Ehepaar genähert hatte und nun, auf Monks zeigend, fragte:

„Kennen Sie diesen Mann?“

„Nein!“ antwortete Frau Bumble ohne Zögern.

„Aber Sie vielleicht, Herr Bumble?“

„Hab‘ ihn nie in meinem Leben gesehen!“

„Auch nichts verkauft?“

„Nein!“ entgegnete Frau Bumble.

„Sie haben auch nie ein gewisses goldenes Medaillon und einen Ring gehabt?“

„Allerdings nicht. Hat man uns bloß deshalb hierhergeholt, um uns derartig törichte Fragen beantworten zu lassen?“

Herr Brownlow winkte Herrn Grimwig abermals zu, und dieser verschwand wieder, um gleich darauf mit zwei gichtbrüchigen alten Weibern zurückzukehren.

„Sie haben zwar in der Nacht, als die alte Sally starb, die Tür verschlossen“, sagte die eine und hob ihre vertrocknete Hand hoch, „aber Sie konnten weder unsere Ohren noch die Ritzen in der Wand verstopfen.“

„Nein, nein, nein“, fügte die andere kopfwackelnd hinzu.

„Wir hörten, wie die Sterbende versuchte, Ihnen zu sagen, was sie getan, und sahen auch, wie Sie ein Papier aus ihrer Hand nahmen und am andern Tage ins Leihhaus gingen.“

„Haben Sie vielleicht Lust, den Pfandleiher selbst zu sehen?“ fragte Herr Grimwig und ging zur Tür.

„Nein“, sagte Frau Bumble, „weil er“, sie deutete auf Monks, „augenscheinlich Memme genug gewesen ist zu beichten, und da Sie unter allen diesen alten Hexen gerade die richtigen herausgefunden haben, so bleibt mir nicht mehr viel zu sagen. Ja, ich verkaufte ihm das Medaillon und den Ring, und der ganze Plunder liegt an einem Orte, wo Sie ihn nie wieder finden können. Und was weiter?“

„Nichts weiter“, antwortete Herr Brownlow, „als daß wir dafür sorgen werden, daß man euch aus euren Beamtenstellungen als unzuverlässig entfernt. Ihr könnt gehen.“

„Ich hoffe“, meinte Herr Bumble bestürzt, als Herr Grimwig mit den beiden alten Weibern wieder verschwunden war, „ich hoffe, daß dieser kleine Zwischenfall mir nicht mein Amt kosten wird.“

„Das wird er allerdings, darauf dürfen Sie sich gefaßt machen und noch froh sein, daß Sie so davonkommen.“

„Es war ausschließlich das Werk meiner Frau, sie wollte es so“, wandte Herr Bumble ein, nachdem er sich vorher mit einem schnellen Blick überzeugt hatte, daß seine Gattin nicht mehr im Zimmer war.

„Das ist keine Entschuldigung. Im Gegenteil, Sie sind für das Gesetz der schuldigere Teil, da in solchen Fällen angenommen wird, Ihr Weib hätte nach Ihrer Anweisung gehandelt.“

„Wenn das Gesetz so etwas annimmt“, erwiderte Herr Bumble und zerknüllte seinen Hut mit den Händen, „so ist das Gesetz ein Esel – ein Dummkopf. Wenn das Gesetz mit solchen Augen sieht, so ist es ein Junggeselle, und ich wünsche ihm das Ärgste, nämlich daß ihm die Augen durch Erfahrung aufgehen mögen – ja, durch Erfahrung.“

Nach diesen mit großem Nachdruck gesprochenen Worten stülpte Herr Bumble seinen Hut auf den Kopf, steckte die Hände in die Taschen und folgte seinem trauten Weib.

„Mein liebes Fräulein“, sagte Herr Brownlow, sich zu Rosa wendend, „geben Sie mir mal Ihre Hand. Zittern Sie nicht! Sie brauchen sich vor den paar Worten nicht zu fürchten, die noch zu sagen bleiben.“

„Wenn sie – ich weiß zwar nicht, wie das möglich wäre – doch wenn sie irgendwie mich betreffen, so lassen Sie sie mich ein andermal hören. Ich habe jetzt weder die Kraft noch den Mut dazu.“

„Ach“, sagte der alte Herr, ihren Arm durch seinen ziehend, „Sie sind mutiger, als Sie denken. – Kennen Sie diese junge Dame?“

„Ja,“ erwiderte Monks.

„Ich habe Sie nie gesehen“, sagte Rosa leise.

„Aber ich Sie oft“, versetzte Monks.

„Der Vater der unglücklichen Agnes hatte zwei Töchter. Was war das Schicksal der zweiten – des Kindes?“ fragte Herr Brownlow.

„Das Mädchen wurde, als der Vater an einem fremden Ort unter einem angenommenen Namen starb, von armen Leuten als eigenes Kind aufgezogen. Der Haß findet jedoch oft den Weg, wo die Liebe fehlgeht, denn meine Mutter entdeckte es nach Jahresfrist. Die Leute waren sehr arm und fingen an, wenigstens der Mann, ihrer Menschenfreundlichkeit müde zu werden. Sie ließ es deshalb da und machte ihnen ein kleines Geldgeschenk, womit sie jedoch keine großen Sprünge machen konnten. Meine Mutter versprach auch weitere Unterstützung, die zu schicken sie jedoch nicht im Sinne hatte. Sie hielt jedoch die Armut der Leute nicht für ausreichend, um das Kind recht unglücklich zu machen. Deshalb erzählte sie den Pflegeeltern noch die Geschichte von der ehrvergessenen Schwester und bat sie, auf das Kind recht acht zu haben. Es wäre doch ein uneheliches aus schlechter Familie, an dem man sicher wenig Gutes erleben würde. Die Umstände schienen dem recht zu geben, und die Leute glaubten alles. Das Mädchen wurde daher übel genug behandelt, so daß selbst wir damit zufrieden sein konnten. Da wollte es der Zufall, daß eine verwitwete Dame aus Chester das Kind sah und es aus Mitleid zu sich nahm. Der Teufel war gegen uns im Bunde, denn trotz aller unserer Bemühungen blieb es bei der Dame und war glücklich.“ Ich verlor es vor drei Jahren aus den Augen und sah es erst vor einigen Monaten wieder.“

„Sehen Sie es jetzt?“

„Ja – an Ihrem Arm.“

„Aber trotzdem meine Nichte –“ rief Frau Maylie, das beinahe ohnmächtig werdende Mädchen mit den Armen auffangend. „Du bleibst mein liebes Kind. Nicht für alle Schätze der Welt würde ich dich hergeben.“

„Sie sind die einzige Freundin, die ich hatte“, schluchzte Rosa an ihrem Busen, „die gütigste, die beste aller Freundinnen. Ich kann soviel auf einmal nicht ertragen, das Herz will mir brechen.“

„Du hast mehr getragen und bist trotzdem immer das gute, edle Mädchen geblieben, das Glück und Sonnenschein überall verbreitete. Komm zu dir, Liebling, sieh, wer es ist, der in deine Arme fliegen will, das arme Kind.“

„Ach, ich werde sie nie Tante nennen“, rief Oliver, seinen Arm um ihren Nacken schlingend, „Schwester, meine liebe Schwester. Meine Herzensrosa!“

Mögen die Tränen, die jetzt flossen, und die abgebrochenen Worte, die in den Umarmungen der beiden Waisen gewechselt wurden, geheiligt sein! – Sie blieben lange – lange allein. Ein leises Pochen an die Tür kündigte endlich an, daß jemand draußen sei. Oliver öffnete und ließ Harry Maylie ein, während er selbst hinausschlüpfte.

„Ich weiß alles“, sagte Harry, sich an der Seite des holden Mädchens niederlassend, „ich weiß alles, teuerste Rosa! Ich bin nicht aus Zufall hier, ich habe alles gestern schon gewußt. Errätst du wohl, daß ich komme, um dich an dein Versprechen zu erinnern?“

„Halt!“ sagte Rosa. „Du weißt wirklich alles?“

„Alles! Du gabst mir die Erlaubnis, innerhalb eines Jahres auf den Gegenstand unseres letzten Gesprächs wieder zurückzukommen.“

„Nicht um dich zu drängen, deinen Entschluß zu ändern, sondern nur, dich ihn wiederholen zu hören, wenn du noch derselben Ansicht wärest.“

„Dieselben Beweggründe, die mich damals bestimmten, werden mich auch jetzt leiten.“

„Die Aufklärungen heute abend –“ begann Harry.

„Diese Aufklärungen“, fiel ihm Rosa sanft ins Wort, „lassen mich dir gegenüber in derselben Lage, in der ich mich vorher befand.“

„Du verhärtest dein Herz gegen mich, Rosa!“

„Ach, Harry! Harry!“ sagte Rosa, in Tränen ausbrechend, „ich wollte, ich könnte es! Wieviele Schmerzen würde es mir ersparen!“

„Aber warum willst du dir selbst Schmerzen bereiten“, sagte Harry, ihre Hand ergreifend. „Denk doch an das, was du heute abend gehört hast, liebe Rosa!“

„Und was habe ich vernommen?“ schluchzte Rosa. „Daß das Gefühl, entehrt zu sein, so stark auf meinem Vater lastete, daß er sich von der Welt scheu zurückzog – wir haben genug über die Angelegenheit gesprochen, Harry, mehr als genug.“

„Noch nicht, noch nicht!“ entgegnete der junge Mann, das Mädchen, das aufstehen wollte, zurückhaltend. „Meine Hoffnungen, Wünsche, Aussichten – jeder Gedanke meines Lebens ist anders geworden, nur nicht meine Liebe zu dir. Ich biete dir jetzt keine hohe Stellung in der lärmenden Welt, sondern nur einen stillen Herd, ein Herz und einen Herd, ja, teuerste Rosa, nur diese beiden sind es, die ich dir anzubieten habe.“

„Was willst du damit sagen?“ stammelte das Mädchen.

„Nur, daß ich dich nach unserm letzten Abschied mit dem festen Entschluß verließ, alle eingebildeten Schranken zwischen mir und dir niederzureißen. Da meine Welt nicht die deinige sein konnte, so wollte ich deine zu der meinigen machen. Der Geburtsdünkel sollte nicht über dich die Nase rümpfen, deshalb habe ich ihm für immer Lebewohl gesagt. Die Gönner und die hochgestellten Verwandten blicken mich jetzt kaum an. Aber es gibt lächelnde Auen und rauschende Bäume in Englands schönster Provinz, und bei einer Dorfkirche – der meinigen, Rosa, der meinigen – steht ein kleines Landhaus, auf das du mich stolzer machen kannst, als mich alle Aussichten auf eine glänzende Laufbahn gemacht hätten. Das ist jetzt mein Rang und meine Stellung in der Welt – und ich lege sie dir hier zu Füßen.“

„Es ist eine harte Geduldsprobe, wenn man mit dem Essen auf ein Liebespaar warten soll“, meinte Herr Grimwig im Lehnstuhl aus einem kleinen Schlaf aufwachend. „Ich hatte ernstlich im Sinne“, sagte er zu den eintretenden Damen und Harry, „heute abend meinen Kopf aufzuessen, denn es kam mir nachgerade so vor, als sollte ich nichts anderes bekommen. übrigens nehme ich mir, mit Ihrer Erlaubnis die Freiheit, die Braut mit einem Kusse zu begrüßen.“

Herr Grimwig verlor keine Zeit, der erbetenen Freiheit die Tat folgen zu lassen, und da Beispiele ansteckend wirken, so taten es ihm der Doktor und Herr BrownIow nach. Gewisse Leute behaupten zwar, daß der Anfang in einem anstoßenden Zimmer von Harry Maylie gemacht wurde, aber die besten Autoritäten erklären das für eine Verleumdung, da an derartiges bei einem jungen Manne, der ein Geistlicher wäre, nicht zu denken sei.

Fagins letzte Stunden

Der Schwurgerichtssaal war brechend voll, aller Augen waren auf den Juden gerichtet. Dieser stand mit der Hand am Ohre, den Kopf vorgestreckt, in der Anklagebank, um kein Wort des Staatsanwalts zu verlieren, als dieser die Anklage dem Gerichtshof vortrug. Bisweilen sah Fagin scharf zu den Geschworenen hinüber, um den Eindruck auch nur des geringsten zu seinen Gunsten sprechenden Wortes zu erspähen, dann blickte er mit stummer Bitte auf seinen Verteidiger, doch etwas für ihn vorzubringen, wenn der Ankläger streng mit ihm ins Gericht ging. Seit dem Beginn der Verhandlung hatte er weder Hand noch Fuß bewegt, und als der Staatsanwalt jetzt zu sprechen auf, hörte, blieb er noch in derselben Stellung des angstvoll Horchenden, als höre er ihn immer noch reden.

Ein kleines Geräusch im Gerichtssaal brachte ihn wieder zu sich, und als er sich umsah, sah er die Geschworenen zu einer Beratung zusammentreten. Ein Blick in den Zuhörerraum zeigte ihm, daß sich die Leute auf die Zehenspitzen stellten, um sein Gesicht zu sehen. Aber auch nicht in einem Antlitz, nicht einmal unter den Weibern, konnte er die leiseste Spur von Mitleid oder von einem anderen Gefühl lesen als den Wunsch, ihn verurteilt zu sehen.

Wieder trat Totenstille ein – die Geschworenen hatten sich an den Richter gewandt. Horch! Sie baten um die Erlaubnis, sich ins Beratungszimmer zurückziehen zu dürfen.

Er sah ihnen forschend ins Gesicht, als sie abtraten. Wohin wohl die Stimmung der Mehrheit neige, aber er konnte nichts feststellen. Der Gerichtsdiener berührte ihn an der Schulter. Er folgte ihm mechanisch in den Hintergrund der Anklagebank und setzte sich auf einen Stuhl nieder.

Er blickte wieder in den Zuhörerraum. Einige der Leute aßen, während andere sich mit den Taschentüchern Kühlung zufächelten, denn es war im Saal drückend heiß. Da war ein junger Mann, der sein Gesicht auf einen Block zeichnete, er hätte wissen mögen, ob er ähnlich würde. Dann begann sich sein Geist mit dem Anzuge des Richters zu beschäftigen, was er wohl gekostet haben möchte. Auf der Richterbank hatte auch ein dicker alter Herr gesessen, der vor einer halben Stunde hinausgegangen und nun wieder zurückgekommen war. Fagin überlegte, ob dieser Mann wohl in der Zwischenzeit zu Mittag gespeist, und was er wohl gegessen hätte.

Er war allerdings die ganze Zeit über keinen Augenblick von dem drückenden Gefühle frei, daß das Grab zu seinen Füßen gähnte. Er fing nun an, die Stäbe des Gitters zu zählen, das die Anklagebank umgab. Er überlegte, wie es wohl zugegangen sein möchte, daß die Spitze des einen abgebrochen war, und ob man sie wohl wieder ersetzen würde. Dann dachte er an alle Schrecken des Galgens und Schafotts, bis ein Mann, der den Boden des Saales mit Wasser besprengte, ihn wieder von diesem Gedanken ablenkte.

Endlich wurde Schweigen geboten und alles blickte erwartungsvoll nach der Tür. Die Geschworenen kehrten zurück und kamen dicht an dem Angeklagten vorbei. Er konnte in ihren Gesichtern nichts lesen, sie waren wie von Stein. Es trat Totenstille ein – keine Bewegung – Stocken des Atems. – Schuldig!

Das Gebäude erbebte von Beifallsrufen, die sich verschiedenemal wiederholten. Dann hallte ein dumpfes, schweres, stets zunehmendes Getöse, einem zürnenden Donner gleich, von außen nach. Es war das Freudengeschrei des Volkes draußen, womit es die Nachricht begrüßte, daß der Jude am Montag sterben werde.

Nachdem sich der Lärm gelegt hatte, wurde Fagin gefragt, ob er etwas vorzubringen hätte, was der Vollstreckung des Todesurteils Einhalt gebieten könne. Er hatte seine horchende Stellung wieder eingenommen und sah den Richter gespannt an. Dieser mußte die Frage wiederholen, ehe sie der Jude zu verstehen schien. Fagin murmelte bloß, er wäre ein alter Mann – ein alter Mann, wobei sich seine Stimme in ein leises Flüstern verlor, bis sie schließlich ganz erstarb.

Der Richter setzte die schwarze Mütze auf, während der Gefangene noch immer in der gleichen Haltung dastand. Der Urteilsspruch war schauerlich anzuhören, aber der Verurteilte stand wie eine Bildsäule da, ohne daß ein Muskel in seinem Gesicht zuckte. Als ihn der Gerichtsdiener beim Arm nahm und ihm winkte, sah er ihn zuerst stumpfsinnig an, gehorchte aber dann.

Man führte ihn durch einen gepflasterten Gang in das Innere des Gefängnisgebäudes. Hier wurde er untersucht, ob er nicht vielleicht Mittel bei sich träge, dem Gesetze vorzugreifen. Dann brachte man ihn in eine der für die zum Tode Verurteilten bestimmten Zellen und ließ ihn

allein.

Er setzte sich der Tür gegenüber auf eine steinerne Bank, die als Stuhl und Bett dienen mußte, heftete seine blutunterlaufenen Augen auf den Boden und wollte seine Gedanken sammeln. Nach einer Weile begann er sich einiger zusammenhängender Bruchstücke von dem, was der Richter gesprochen, zu entsinnen. Er brachte sie in die richtige Ordnung und suchte das Fehlende zu ergänzen; in kurzer Zeit stand das Ganze fast so, wie er es angehört hatte, vor ihm. Aufgehängt zu werden am Halse, bis er tot wäre – lautete der Schluß. Aufgehängt zu werden am Halse, bis er tot wäre.

Als es immer dunkler und dunkler wurde, begann er sich aller seiner Bekannten, die am Galgen geendet -einige sogar durch seine Schuld –, zu entsinnen. Er hatte manche von ihnen sterben sehen und ihrer gespottet, weil sie mit Gebeten auf den Lippen hinübergingen. Wie plötzlich waren sie aus gesunden, kräftigen Männern in baumelnde, bekleidete Fleischklumpen verwandelt worden!

Einige von ihnen hatten vielleicht dieselbe Zelle bewohnt – hatten auf derselben Stelle gesessen. Es war sehr dunkel – warum brachte man kein Licht? Die Zelle war vor vielen Jahren erbaut – Dutzende von Verbrechern mußten hier ihre letzten Stunden zugebracht haben! Es war ihm, als sitze er in einem mit Leichen angefüllten Gewölbe – der Strick – die gefesselten Arme – die Armesünderkappe – die Gesichter, die er selbst unter diesem gräßlichen Schleier erkannte – Licht! Licht!

Endlich erschienen zwei Männer, von denen der eine ein Licht brachte, das er in einen eisernen, in der Mauer befindlichen Leuchter steckte, während der andere eine Matratze hereinschleppte, um die Nacht darauf zu schlafen; denn der Gefangene sollte fortan nicht mehr allein gelassen werden.

Die Nacht kam, die finstere, schauerliche, schweigende Nacht. Andere Wachende freuen sich, wenn sie die Uhren von den Kirchtürmen schlagen hören, verkünden sie doch den kommenden Tag und neues Leben. Dem Juden brachten sie Verzweiflung. jeder Glockenschlag rief ihm im hohlen Tone zu – Tod!

Der Tag entschwand – Tag? Es war kein Tag! Er war so schnell dahin, als er gekommen war. Und abermals brach die Nacht herein – eine Nacht, so lang und doch so kurz. Lang in ihrem schrecklichen Schweigen, und kurz in ihren flüchtigen Stunden. Das eine Mal raste er und lästerte Gott – dann heulte er wieder und raufte sich die Haare. Rabbiner waren gekommen, um mit ihm zu beten, er hatte sie jedoch mit Flüchen fortgejagt. Sie erneuerten ihre gutgemeinten Versuche, aber er schlug nach ihnen.

Sonnabend nacht – er hatte nur noch eine Nacht zu leben. Unter solchen Gedanken graute der Morgen

Sonntag!

Erst am Abend dieses letzten schrecklichen Tages bemächtigte sich seiner ein zu Boden drückendes Gefühl seiner hoffnungslosen Lage. Er sprang alle Augenblicke auf und raste mit keuchendem Atem auf und nieder. Dann kauerte er sich ermüdet auf sein Steinlager nieder und gedachte der Vergangenheit. Er war am Tage seiner Verhaftung durch die Steinwürfe des Volkes verwundet worden und hatte daher den Kopf mit einem Tuche verbunden. Sein rotes Haar hing über ein blutleeres Gesicht, in seinen Augen brannte ein schreckliches Feuer. Acht -neun – zehn. Wenn es nicht Absicht war, ihn so zu schrecken, wenn die Stunden wirklich so eilten, wo mußte er sein, wenn sie abermals schlugen? Elf! Um acht Uhr sollte er der einzige Leidtragende bei seinem eigenen Leichenbegängnis sein. Wenn es aber wieder elf Uhr schlug – –

Vom frühen Abend bis um Mitternacht erschienen unaufhörlich Leute am Gefängnistor und fragten mit besorgtem Gesicht, ob ein Aufschub der Hinrichtung verfügt sei. Auf die verneinende Antwort des Pförtners teilten sie die willkommene Botschaft den auf der Straße Wartenden mit. Diese zeigten einander die Tür, aus der der Verurteilte kommen mußte, und die Stelle, wo der Galgen errichtet werden würde. Nach und nach verliefen sich die Massen und um Mitternacht lag der Platz im Dunkeln.

Um diese Zeit erschien Herr Brownlow mit Oliver am Gefängnistor und wies eine vom Sheriff ausgestellte Erlaubniskarte vor, den Gefangenen besuchen zu dürfen. Sie wurden unverzüglich eingelassen.

„Will der junge Herr da auch mit?“ fragte der Schließer. „Es ist kein Anblick für Kinder.“

„Allerdings nicht, lieber Freund, aber was ich mit dein Verbrecher abzumachen habe, hat Bezug auf den Knaben. Er hat ihn als erfolgreichen Spitzbuben gekannt, und ich halte es für ganz gut, wenn er ihn auch jetzt sieht, mag es ihm immerhin peinlich sein.“

Diese Worte wurden so leise gesprochen, daß sie Oliver nicht hören konnte. Der Schließer berührte seinen Hut und blickte neugierig nach dem jungen hin, dann öffnete er eine Tür und führte sie durch dunkle Gänge nach der Armensünderzelle.

Der Jude saß auf seiner Steinbank und wiegte sich mit einem Gesicht, das mehr dem eines eingesperrten Tieres als dem eines Menschen ähnlich sah, hin und her. Sein Geist beschäftigte sich augenscheinlich mit seinem früheren Leben, denn er murmelte, ohne sich durch den Eintritt der beiden stören zu lassen, unaufhörlich vor sich hin.

„Guter Junge, Karl – brav gemacht! Oliver auch, ha! ha! ha! Oliver auch – ganz Herr jetzt – bringt ihn zu Bett! Ins Bett mit ihm! – Hört denn keiner von euch? – Er – er – ist gewissermaßen an allem schuld. Um des Geldes willen lohnt es sich, ihn dazu aufzuziehen – Bolters Hals, Bill. – Laßt doch das Mädchen laufen Schneid in Bolters Hals, so tief du kannst. Hau ihm den Kopf ab!“

„Fagin!“ sagte der Schließer.

„Hier!“ rief der Jude, plötzlich in die horchende Stellung verfallend, die er vor Gericht eingenommen hatte. „Ein alter Mann, Euer Gnaden. Ein sehr alter Mann.“

„Hier ist jemand“, sagte der Schließer, „der Euch etwas fragen will. Fagin, Fagin, seid Ihr ein Mann?“

„Werd’s nicht mehr lange sein!“ schrie der Jude mit schreckenerregender Stimme. „Schlagt alle tot. Was haben sie für ein Recht, mich abzumurksen?“

Jetzt erst bemerkte er Oliver und Herrn Brownlow und fragte, nach dem hintersten Winkel seiner Bank zurückweichend, was sie hier wollten.

„Ihr seid im Besitz einiger Papiere“, sagte Herr Brownlow nähertretend, „die Euch ein gewisser Monks zur Aufbewahrung übergeben hat.“

„Alles gelogen“, schrie Fagin. „Ich habe keine – keine.“

„Um Gotteswillen, sprecht nicht so am Rande des Grabes, sondern sagt, wo sie sind! Ihr wißt Sikes ist tot, und Monks hat gestanden. Es ist für Euch keine Hoffnung mehr vorhanden, daraus einen Gewinn zu erzielen. Also, wo sind die Papiere?“

„Oliver“, rief der Jude, ihm winkend. „Komm her, ich will es dir sagen.“

Ohne Furcht ging der Junge zu ihm und Fagin flüsterte ihm, ihn an sich ziehend, ins Ohr:

„Sie sind in einem Leinenbeutel in einem Loch des Schornsteins, oben in der Vorderstube. Ich möchte gern mit dir noch sprechen, Liebling.“

„Ja, ja“, entgegnete Oliver. „Lassen Sie mich beten und beten Sie mit mir. Und wenn es nur ein Gebet ist. Ich bleibe dann bei Ihnen bis zum Morgen.“

„Draußen, draußen“, sagte Fagin und drängte den Jungen vor sich her nach der Tür. „sage, ich schlafe, dir wird man glauben. Du kannst mich retten. Los! Jetzt!“

„Lieber Gott, vergib diesem Unglücklichen“, schrie Oliver, in Tränen ausbrechend.

„So ist’s recht“, sagte der Jude. „Das wird uns helfen! Diese Tür zuerst. Nur schnell! Komm!“

„Haben Sie ihn noch etwas zu fragen?“ erkundigte sich der Schließer bei Herrn Brownlow. Dieser verneinte. Man öffnete die Zellentür, und die Gefangenenwächter befreiten Oliver aus Fagins Griff. Er kämpfte mit einer Kraft, die ihm die Verzweiflung verlieh und stieß dabei schreckliche Jammertöne aus.

Oliver wurde bei diesem schrecklichen Auftritt fast ohnmächtig und es dauerte eine Stunde, ehe er sich so weit erholt hatte, daß sie den Heimweg antreten konnten. Der Tag brach an, und es wimmelte auf dem Platz bereits von Menschen. Die Fenster waren von Leuten besetzt, die sich mit Rauchen und Kartenspielen die Zeit vertrieben. Die Menge auf der Straße drängte sich, scherzte und lachte. Alles atmete Heiterkeit und Leben, mit Ausnahme eines schwarzen Gerüstes in der Mitte des Platzes. Der Querbalken und der Strick waren grauenvolle Wahrzeichen des Todes in häßlichster Gestalt.

Es waren noch keine drei Monate ins Land gegangen, als Rosa Flemmings und Harry Maylies Ehebund in der Dorfkirche geschlossen wurde, die fortan der Schauplatz der Tätigkeit des jungen Geistlichen sein sollte. An demselben Tage zogen sie in ihr neues Heim. Frau Maylie die sich für den Rest ihrer Tage an dem Glücke ihrer Kinder erfreuen wollte, schlug ihren Wohnsitz bei dem jungen Paare auf.

Monks und seine Mutter hatten den größten Teil des Leefordschen Vermögens verwirtschaftet. Es blieben noch für ihn und Oliver je dreitausend Pfund übrig. Dem letzten Willen des Vaters zufolge hätte Oliver Anspruch auf das Ganze gehabt. Herr Brownlow aber hatte diese Teilung vorgeschlagen, um den älteren Sohn in den Stand zu setzen, ein neues Leben zu beginnen. Und Oliver hatte gern zugestimmt. Monks behielt seinen angenommenen Namen bei und wanderte nach Amerika aus. Hier brachte er in kurzer Zeit sein Geld durch und beging verschiedene Betrügereien, die ihn ins Gefängnis führten, in dem er auch bald starb. Ebenso fern von der Heimat starben die noch übriggebliebenen Mitglieder der Bande seines gehenkten Freundes Fagin.

Herr BrownIow nahm Oliver an Kindesstatt an und bezog mit ihm und Frau Bedwin eine Wohnung, die nur zehn Minuten vom Maylieschen Pfarrhaus entfernt lag. Er erfüllte damit einen Herzenswunsch des Jungen.

Bald nach der Vermählung des jungen Paares kehrte der würdige Doktor nach Chertsey zurück. Er fühlte sich aber dort nicht mehr glücklich, da seine alten Freunde doch alle fortgezogen waren. Er übertrug daher seine Praxis seinem Assistenten und kaufte sich ganz in der Nähe des Dorfes, wo Harry Maylie Pfarrer war, ebenfalls ein kleines Häuschen. Er legte sich nun auf Ackerbau und Viehzucht und wurde bald von den Nachbarn als Autorität darin anerkannt. Mit Grimwig hatte er eine herzliche Freundschaft geschlossen. Dieser besuchte daher den Doktor häufig. An Sonntagen verfehlte Herr Grimwig nie, dem jungen Geistlichen seine Predigt ins Gesicht zu kritisieren, versicherte jedoch Herrn Losberne nachher im strengsten Vertrauen, daß sie ausgezeichnet gewesen sei; er halte es jedoch für richtig, es nicht zu sagen. Es machte ihm auch immer Vergnügen, Herrn Brownlow mit seiner alten Prophezeiung über Oliver zu necken und ihn an den Abend zu erinnern, an dem sie, die Uhr mitten zwischen sich, seine Rückkehr erwarteten. Herr Grimwig meinte dann, daß er in der Hauptsache doch recht hatte, denn Oliver sei eben nicht zurückgekommen. Dann lacht er vergnügt und ist in bester Stimmung.

Herr Noah Claypole wurde begnadigt, da er gegen den Juden als Kronzeuge aufgetreten war. Das Diebesgewerbe hielt er nach seinen Erfahrungen nicht für ganz sicher und wandte sich daher einem anderen Berufe zu, nämlich dem eines Denunzianten. Er geht alle Sonntage während der Kirchzeit mit Charlotte, fein angezogen, spazieren. Vor der Tür eines Wirtshauses fällt die Dame in Ohnmacht; um sie wieder zu sich zu bringen, kauft der Herr für einige Pence Kognak. Am anderen Tage erstattet er Anzeige gegen den menschenfreundlichen Gastwirt wegen Sabbatschändung und streicht die halbe Strafe ein. Manchmal wird auch Herr Claypole ohnmächtig, aber das Resultat ist dasselbe.

Herr und Frau Bumble verloren ihre Stellen, versanken allmählich in das größte Elend und kamen zuletzt als Arme in dieselbe Anstalt, in der sie einst geherrscht hatten.

Was Herrn Giles und Brittles anbelangt, so versehen sie noch immer ihre alten Posten, nur ist ersterer kahl und der junge Brittles grau geworden.

Herr Karl Bates war durch das Entsetzen, das ihm Sikes Verbrechen eingeflößt hatte, auf den Gedanken gekommen, daß ein anständiges Leben am Ende doch das beste wäre. Er wandte deshalb dem Schauplatz seiner Vergangenheit den Rücken und nahm sich vor, einen ehrlichen Beruf zu ergreifen. Es kam ihm zwar anfangs hart an, aber nachdem er bei einem Bauern und einem Fuhrmann seine Lehrjahre bestanden, hat er sich auf den Viehhandel gelegt und ist einer der gewandtesten und lustigsten jungen Viehhändler von ganz Northamptonshire geworden.

An dem Altar der alten Dorfkirche befindet sich eine weiße Marmortafel, auf der nur das einzige Wort – Agnes – eingegraben ist. Sie bezeichnet keinen Sarg, der darunter liegt. Doch wenn die Geister der Toten auf die Erde zurückkehren, um Stellen zu besuchen, die durch die Liebe geheiligt sind – die über das Grab hinaus, reichende Liebe derjenigen, die sie im Leben kannten – so glaube ich, daß der Geist der armen Dulderin oft diese feierliche Stätte umschwebt, trotzdem die Stätte in einer Kirche ist und sie selbst schwach war und sündig.

Kapitel 1


Oliver Twist

Handelt von dem Orte, wo Oliver Twist geboren ward, und von Umständen, die seine Geburt begleiteten

In einer Stadt, die ich aus mancherlei Gründen weder nennen will, noch mit einem erdichteten Namen bezeichnen möchte, befand sich unter anderen öffentlichen Gebäuden auch eines, dessen sich die meisten Städte rühmen können, nämlich ein Armenhaus. In diesem wurde an einem Tage, dessen Datum dem Leser kaum von Interesse sein kann, der Kandidat der Sterblichkeit geboren, dessen Namen die Kapitelüberschrift nennt.

Lange noch, nachdem er bereits durch den Armenarzt in dieses irdische Jammertal eingeführt war, blieb es höchst zweifelhaft, ob das Kind lange genug leben würde, um überhaupt eines Namens zu bedürfen. Es hielt nämlich ungernein schwer, Oliver zu bewegen, die Mühe des Atmens auf sich zu nehmen, allerdings eine schwere Arbeit, die jedoch die Gewohnheit zu unserm Wohlbefinden nötig gemacht hat. So lag er, eine geraume Zeit nach Luft ringend, auf einer kleinen Matratze, wobei sich die Waagschale seines Lebens entschieden einer besseren Welt zuneigte. Wäre Oliver damals von sorglichen Großmüttern, ängstlichen Tanten, erfahrenen Wärterinnen und hochgelehrten Ärzten umgeben gewesen, so wäe er unzweifelhaft mit dem Tode abgegangen, so aber war niemand bei ihm als eine arme alte Frau, die infolge ungewohnten Biergenusses ziemlich benebelt war, und ein Armenarzt, der vertragsgemäß bei Geburten Hilfe leisten mußte. Oliver hatte deshalb die Sache mit der Natur allein auszufechten. Das Ergebnis war, daß Oliver nach einigen Anstrengungen atmete, nieste und endlich damit zustande kam, den Bewohnern des Armenhauses die Ankunft einer neuen Bürde für die Gemeinde durch ein so lautes Schreien anzukündigen, als sich füglich von einem Jungen erwarten ließ, der die ungemein nützliche Beigabe einer Stimme erst seit drei und einer viertel Minute besaß. Da erhob sich das bleiche Gesicht einer jungen Frau mit Mühe von den Kissen und eine schwache Stimme flüsterte kaum vernehmbar: „Lassen Sie mich das Kind sehen, dann will ich gern sterben.“

Der Arzt saß vor dem Kamin und war bemüht, seine Hände bald durch Reiben, bald durch Ausstrecken über die Kohlen warm zu halten; als aber die junge Frau sprach, stand er auf, trat an das Kopfende des Bettes und sagte mit mehr Freundlichkeit, als man ihm zugetraut hätte: „Oh! Sie müssen nicht vom Sterben sprechen!“

Die Wöchnerin streckte die Hand nach ihrem Kinde aus, der Arzt legte es ihr in die Arme. Sie küßte es leidenschaftlich auf die Stirn, dann fuhr sie mit den Händen über ihr Gesicht, blickte wild um sich, schauderte, sank zurück – und starb.

„Sie hat ausgerungen“, sagte der Arzt nach einer kurzen Untersuchung zu der alten Frau. „Ihr braucht nicht nach mir zu schicken, wenn das Kind schreit, wahrscheinlich wird es etwas unruhig sein.“ Er zog bedächtig seine Handschuhe an. „Ihr könnt ihm dann ein wenig Haferschleim geben.“ Er setzte den Hut auf und trat, bevor er das Zimmer verließ, noch einmal ans Bett und sagte: „Es war ein hübsches Mädchen; woher kam sie?“

„Sie wurde gestern abend auf Anordnung des Armenvorstehers hier eingeliefert“, antwortete die alte Frau. „Man fand sie auf der Straße ohnmächtig; sie muß weit gelaufen sein, denn ihre Schuhe waren ganz zerrissen, jedoch, woher sie kam oder wohin sie wollte, weiß niemand.“

Der Arzt beugte sich über die Verblichene und hob ihre linke Hand hoch.

„Ich sehe schon, es ist die alte Geschichte“, sagte er kopfschüttelnd, „kein Trauring. Na! Gute Nacht!“

Er ging zu seinem Abendessen, und die alte Frau setzte sich auf einen Schemel in der Nähe des Kamins und begann das Kind zu kleiden.

In der Decke, die Oliver bisher umhüllt hatte, konnte man ihn ebensogut für das Kind eines Edelmannes als für das eines Bettlers halten. Aber jetzt in dem alten verwaschenen Kinderzeug, dlas durch langjährige Benutzung gelb geworden war, trug er Zeichen und Abzeichen seiner Stellung, nämlich die eines Gemeindekindes, einer Waise des Armenhauses, eines zum Hungern bestimmten Lasttieres, das von allen verachtet und von niemand bemitleidet, durch die Welt geknufft und gepufft wird.

Oliver schrie laut und kräftig; hätte er wissen können, daß er eine Waise war und der zärtlichen Fürsorge von Kirchen- und Armenvorstehern ausgeliefert, so hätte ervielleicht noch lauter geschrien.

Handelt davon, wie Oliver Twist heranwuchs, erzogen und ernährt wurde

In den ersten acht oder zehn Monaten war Oliver das Opfer eines systematischen Betrugs und einer unausgesetzten Gaunerei. Er wurde nämlich aufgepäppelt. Die Armenhausbehörde meldete den ausgehungerten und elenden Zustand des Waisenkindes pflichtschuldigst an den Gemeindevorstand. Dieser forderte einen Bericht darüber, ob sich „in dem Hause“ keine Frauensperson befände, die in der Lage sei, dem kleinen Oliver Twist die Nahrung zu reichen, deren er bedurfte. Die untertänige Antwort der Armenhausbehörde fiel verneinend aus, worauf der Gemeindevorstand den hochherzigen und menschenfreundlichen Entschluß faßte, Oliver in einem fünf Kilometer entfernten Filialarmenhaus unterzubringen. Dort wuchsen unter der mütterlichen Aufsicht einer älteren Frau zwanzig bis dreißig andere jugendliche Übertreter der Armengesetze auf, ohne von Kleidung und Nahrung allzusehr belästigt zu werden. Die Matrone nahm die kleinen Verbrecher gegen eine Entschädigung von wöchentlich sieben und einem halben Pence für den Kopf auf, und damit läßt sich ein Kind recht gut ernähren. Der Betrag reicht sogar zu, den Magen zu überladen und das Kind krank zu machen. Die alte.Dame war eine kluge und erfahrene Frau, sie wußte, was für Kinder – und noch mehr, was für sie selber gut war. Sie verwendete den größeren Teil des Kostgeldes zu ihrem eigenen Nutzen und setzte die heranwachsende Jugend auf noch kleinere Rationen, als von der Behörde beabsichtigt war.

Jedermann kennt die Geschichte eines praktischen Philosophen, der eine herrliche Theorie erfunden hatte, die ein Pferd befähigte, gänzlich ohne Nahrung zu leben. Der Versuch gelang so weit, daß er sein eigenes Pferd bis auf einen Strohhalm den Tag herunterbrachte und auch ohne Zweifel ein sehr mutiges, feuriges und gar nichts fressend des Tier aus ihm gemacht hätte, wenn es nicht vierundzwanzig Stunden vor dem Tage krepiert wäre, wo es sich zum ersten Male ausschließlich von der Luft ernähren sollte. Unglücklicherweise hatte das System der Frau, deren Fürsorge Oliver Twist anvertraut war, gewöhnlich einen ähnlichen Erfolg. Gerade wenn ein Kind so weit gekommen war, von dem kleinstmöglichen Teile der möglichst schwächsten Nahrung zu leben, so kam es acht-, bis neunmal in zehn Fällen vor, daß es an Hungertyphus erkrankte, oder sich verbrannte oder einen schweren Fall tat, lauter Zufälligkeiten, durch die das bedauernswerte kleine Wesen in eine andere Welt abgerufen und zu den Vätern versammelt wurde, die es in dieser nicht gekannt hatte.

Man kann nicht erwarten, daß diese Erziehungsmethode glänzende Ergebnisse zeitigte. Oliver Twist war an seinem neunten Geburtstage ein blasses, schmächtiges, im Wachstum zurückgebliebenes Kind. Aber Natur oder Vererbung hatte in seine Brust einen gesunden, kräftigen Geist gepflanzt, der auch, dank der spärlichen Diät der Anstalt hinreichend Raum hatte, sich auszudehnen. Vielleicht ist es nur diesem Umstande zuzuschreiben, daß er sich überhaupt seines neunten Geburtstages erfreuen durfte. Er feierte denselben in der erlesenen Gesellschaft zweier anderen jungen Herren im Kohlenkeller, wo sie nach einer tüchtigen Tracht Schläge eingesperrt worden waren, weil sie sich erdreistet hatten, hungrig zu sein. An diesem Tage wurde Frau Mann, die würdige Vorsteherin der Anstalt durch die unerwartete Erscheinung des Gemeindedieners, Herrn Bumble, in Schrecken gesetzt. Er bemühte sich gerade, die Gartentür zu öffnen.

„Herr du meine Güte! Sind Sie es, Herr Bumble?“ rief Frau Mann, indem sie ihren Kopf aus dem Fenster steckte, anscheinend hocherfreut dem Kirchendiener zu.

„Susanne, hole rasch den Oliver und die beiden anderen Rangen aus dem Keller und wasche sie. – Ach, wie mich das freut, Herr Bumble. Freue mich wirklich, Sie mal wiederzusehen“

Herr Bumble war ein dicker und außerdem jähzornige Mann und anstatt die freundliche Begrüßung zu erwidern, gab er der Gartentür einen Stoß, wie ihn nur der Fuß eines Gemeindedieners zu geben imstande ist.

„Mein Gott“, sagte Frau Mann hinauseilend – denn die drei Jungen waren inzwischen aus dem Keller geholt worden – „daß ich das vergessen konnte. Der lieben Kinder wegen hatte ich ja die Tür verriegelt. Treten Sie näher, Herr Bumble, bitte kommen Sie rein.“

Obgleich diese Einladung mit einer Liebenswürdigkeit vorgebracht wurde, die sogar das Herz eines Kirchenältesten erweicht, hätte, besänftigte sie den Gemeindediener durchaus nicht.

„Ist es etwa ein geziemendes und höfliches Benehmen, Frau Mann“, fragte Herr Bumble, „die Gemeindebeamten am Gartentor stehen zu lassen, wenn sie in Angelegenheiten, die die Gemeindewaisen betreffen, hierher kommen?‘

„Glauben Sie mir, ich war gerade dabei, den lieben Kindern zu erzählen, daß Sie kämen“, erwiderte Frau Mann unterwürfig.

Herr Bumble hatte eine hohe Meinung von seiner Beredsamkeit und seiner Wichtigkeit. Die eine hatte er entfaltet und die andere geltend gemacht. Er wurde dadurch milde gestimmt.

„Schon gut, Frau Mann“, entgegnete er in sanfterem Tone, „ich will es Ihnen glauben. Gehen Sie nur voran, Frau Mann, ich komme dienstlich und habe Ihnen etwas auszurichten.“

Frau Mann führte den Gemeindediener in ein kleines Zimmer, holte einen Stuhl herbei und nahm ihm dienstbeflissen den dreieckigen Hut und seinen Stock ab. Sie legte beides auf den Tisch vor ihm. Herr Bumble wischte sich den Schweiß von der Stirn und blickte wohlgefällig auf den dreieckigen Hut. Dann lächelte er. Tatsächlich, er lächelte. Gemeindediener sind auch nur Menschen, und Herr Bumble lächelte.

„Nehmen Sie mir nicht übel, was ich Ihnen jetzt sage“, bemerkte Frau Mann mit bestrickender Liebenswürdigkeit, „aber Sie haben einen weiten Spaziergang gemacht, darf ich Ihnen mit einem Gläschen aufwerten, Herr Bumble?“

„Nicht einen Tropfen, nicht einen!“ erwiderte Herr Bumble und wehrte mit seiner rechten Hand würdevoll, aber nicht unfreundlich ab.

„Sie dürfen’s mir nicht abschlagen“, sagte Frau Mann, der der Ton seiner Weigerung und die ihn begleitende Gebärde nicht entgangen war. „Nur ein kleines Gläschen mit ein wenig kaltem Wasser und ’nem Stückchen Zucker.“ Herr Bumble hustete.

„Nur einen Tropfen!“ fuhr Frau Mann im überredenden Tone fort.

„Was ist es denn?“ fragte der Gemeindediener.

„Nun, es ist etwas, von dem ich immer einen kleinen Vorrat haben muß, um es den lieben Kindern in den Kaffee gießen zu können, wenn sie nicht wohl sind“, versetzte Frau Mann, indem sie einen Eckschrank öffnete und eine Flasche nebst Glas zum Vorschein brachte. „Es ist Wachholder.“

„Den geben Sie den Kindern mit dem Kaffee, Frau Mann?“ fragte er, dabei mit seinen Augen den interessanten Vorgang der Mischung verfolgend.

„Ja, der liebe Gott weiß es, ich tu’s, so teuer er auch ist. Sie wissen ja, mein Herr, daß ich sie nicht vor meinen Augen leiden sehen könnte!‘

„Nein“, sagte Herr Bumble, „nein, das könnten Sie nicht. Ich weiß, daß Sie eine menschlich denkende Frau sind, Frau Mann“ (hier setzte sie ihm das Glas hin), „ich werde bei passender Gelegenheit den Gemeindevorstand besonders darauf aufmerksam machen.“ (Er zog das Glas näher an sich.) „Sie fühlen wie eine Mutter“ (er hob das Glas), „ich – mit Vergnügen trinke ich auf Ihre Gesundheit, Frau Mann“, damit trank er das Glas zur Hälfte leer.

„Doch nun zu unserm Geschäft!“ rief der Gemeindediener, indem er eine lederne Brieftasche herauszog. „Das mit der Nottaufe versehene Kind Oliver Twist ist heute neun Jahre alt geworden.“

„Gott segne ihn!“ fiel Frau Mann ein und rieb sich mit dem Schürzenzipfel ihr linkes Auge rot.

„Und trotz der angebotenen Belohnung von zehn Pfund, die nachher auf zwanzig erhöht wurde, trotz der äußersten – ich möchte fast sagen übernatürlichen – Anstrengungen seitens der Gemeinde sind wir nicht imstande gewesen, seinen Vater oder die Heimat, noch den Namen und den Stand seiner Mutter ausfindig zu machen.“

„Wie kommt es aber, daß er überhaupt einen Namen hat?“ fragte Frau Mann.

Der Gemeindediener warf sich in die Brust und entgegnete: „Den habe ich erfunden!“

„Sie, Herr Bumble?“

„Jawohl. Wir geben unsern Findlingen Namen nach dem Alphabet. Der letzte war ein S – ich taufte ihn Swubble. Dieser war ein T – ich benannte ihn Twist.“

„Sie sind ja ein wahrer Gelehrter, Herr Bumble.“

„Vielleicht“, sagte der Gemeindediener geschmeichelt, „kann sein, Frau Mann. – Oliver ist nun zu alt für dieses Haus, der Vorstand hat beschlossen, ihn wieder zurückzunehmen,.und ich soll ihn abholen. Bringen Sie ihn mal her.“

„Ich werde ihn sofort holen“, sagte Frau Mann und verließ das Zimmer. Oliver war inzwischen von dem Schmutz, der sein Gesicht und seine Hände bedeckte, so weit gereinigt worden, als es durch eine einmalige Wäsche geschehen konnte. An der Hand seiner wohlwollenden Beschützerin betrat er nun das Zimmer.

„Mach einen Diener vor dem Herrn, Oliver“, sagte Frau Mann.

Oliver machte eine tiefe Verbeugung sowohl vor Herrn Bumble auf dem Stuhl, als auch vor dem Dreispitz auf dem Tische.

„Willst du mit mir gehen, Oliver?“ fragte Herr Bumble mit hoheitsvoller Stimme.

Oliver wollte gerade sagen, daß er gern mit jedem fortgehen würde, als er bemerkte, daß ihm Frau Mann, die hinter den Stuhl des Gemeindedieners getreten war, mit wütender Miene die Faust zeigte. Er verstand diese Zeichensprache.

„Wird sie auch mitgehen?“ fragte der arme Junge.

„Nein, aber sie wird dich hin und wieder besuchen“, sagte Herr Bumble.

Das war kein sonderlicher Trost für Oliver. Trotz seiner Jugend war er jedoch klug genug, sich so zu gehaben, als verließe er Frau Mann nur ungern. Es wurde ihm nicht schwer, Tränen ins Auge zu locken, da Hunger und kürzlch überstandene Mißhandlungen recht geeignet sind, sie herbeizuführen. So weinte Oliver sehr natürlich. Frau Mann umarme ihn wohl tausendmal und gab ihm ein großes Butterbrot, damit er nicht allzu hungrig im Armenhuse ankäme. Unnötig zu sagen, daß ihm das Butterbrot leber war als die tausend Umarmungen der Frau Mann. Mit einer kleinen braunen Tuchmütze auf dem Kopf vere ließ nun Oliver die armselige Stätte, wo nie ein freundliches Wort oder ein zärtlicher Blick das Dunkel seiner Kinderjahre erhellt hatte.

Herr Bumble holte mit weiten Schritten aus, und der kleine Jnge trabte neben ihm her, wobei er alle fünf Minuten fragte, ob sie nicht bald „da“ seien.

Oliver war noch keine Viertelstunde im Armenhause und kaum mit der Vertilgung eines zweiten Stückchen Brotes fertig, als Bumble ihm sagte, daß heute abend eine Vorstandssitzung sei, und daß er unverzüglich vor dem Kollegium zu erscheinen habe.

Die Begriffe von Sitzung und Kollegium waren Oliver nicht besonders klar. Er wußte deshalb nicht, ob er bei dieser Nachricht lachen oder weinen sollte. Bumble führte ihn in ein großes weißgetünchtes Zimmer, wo acht bis zehn wohlbeleibte Herren um einen Tisch saßen. Oben am Tische machte sich auf einem Lehnstuhl, der etwas höher als die übrigen Stühle war, ein besonders wohlgenährter Herr mit einem sehr runden, roten Gesichte breit.

„Verbeuge dich vor den Vorstandsmitgliedern!“ sagte Bumble, und Oliver tat es.

„Wie heißt du, Junge?“ fragte der Mann im hohen Lehnstuhl.

Der Anblick so vieler Herren brachte Oliver so aus der Fassung, daß er zu zittern anfing. Er antwortete daher nur leise und schüchtern.

„Junge!“ sagte der Vorsitzende, „du weißt doch, daß du eine Waise bist?“

„Was ist das?“ fragte der arme Kerl.

„Du weißt doch, daß du keinen Vater und keine Mutter hast und daß du von der Gemeinde erzogen wirst, nicht wahr?“

„Jawohl, Herr“, erwiderte Oliver, bitterlich weinend.

„Warum heulst du?“ fragte ein Herr mit einer weißen Weste. In der Tat, der Grund, weshalb er weinte, war sehr schwer zu finden.

„Ich hoffe, du betest jeden Abend vorm Zubettgehen für die Leute, die dich aufziehen, wie es sich für einen Christen geziemt“, fragte ein anderer Herr mit barscher Stimme.

„Ja, Herr“, stotterte der Junge.

„Nun, wir haben dich hierherkommen lassen, damit du erzogen wirst und ein nützliches Gewerbe lernst“, sagte der Vorsitzende.

„Du wirst daher morgen früh um sechs Uhr anfangen, Werg zu zupfen“, fügte der Herr mit der weißen Weste hinzu.

Für die Verbindung dieser beiden Wohltaten machte Oliver auf einen Wink des Gemeindedieners eine tiefe Verbeugung und wurde dann schnell in einen großen Saal geführt, wo er sich auf einer harten Pritsche in den Schlaf weinte.

Armer Oliver! Er dachte nicht daran, als er so in einer glücklichen Selbstvergessenheit schlummernd dalag, daß jene Männer am selben Tage einen Entschluß gefaßt hatten, der den größten Einfluß auf sein künftiges Geschick haben sollte. Und doch war es der Fall, wie wir in folgendem sehen werden.

Die Mitglieder des Gemeinderats waren sehr weise, einsichtsvolle, philosophische Männer. Als sie ihre Aufmerksamkeit dem Armenhaus zuwandten, fanden sie mit einem Male, was bisher noch kein gewöhnlicher Sterblicher entdeckt hatte, daß es den Armen darin zu gut gefiel. Es war in ihren Augen ein rechtes Vergnügungslokal für die besitzlosen Klassen, ein Wirtshaus, wo nichts bezahlt wurde jahrein, jahraus Frühstück, Mittagessen, Tee und Abendbrot auf öffentliche Kosten –, ein Elysium aus Backsteinen und Mörtel mit Spiel und Tanz, ohne jede Arbeit.

„Oho“, sagten die Gemeinderäte, „das muß anders werden, und zwar sofort.“ Sie setzten daher als Richtlinie fest, daß die armen Leute die Wahl haben sollten (denn es war nicht ihre Absicht, jemand zu zwingen), in dem Hause langsam oder außer dem Hause schnell Hungers zu sterhen. Zu diesem Zwecke schlossen sie mit den Wasserwerken einen Vertrag über die Lieferung einer unbegrenzten Menge Wasser und trafen mit dem Getreidelieferanten eine Übereinkunft, von Zeit zu Zeit kleine Mengen Hafermehl herbeizuschaffen. So erhielten dann die Insassen des Armenhauses dreimal täglich einen dünnen Haferschleim, außerdem zweimal in der Woche eine Zwiebel und sonntags eine halbe Semmel.

Schon in den ersten sechs Monaten nach Olivers Rückkehr war dieses System in vollem Gange. Der Raum, in dem die Jungen abgefüttert wurden, war eine große Halle aus Stein, an deren einem Ende ein kupferner Kessel stand. Aus diesem schöpfte der Speisemeister, unterstützt von einigen Frauen, zur Essenszeit den Haferschleim. Von dieser köstlichen Speise erhielt jeder Junge einen Napf voll, und nicht mehr – festliche Anlässe ausgenommen, an denen sie auch noch ein nicht allzu großes Stück Brot bekamen. Die Näpfe brauchten nicht abgewaschen zu werden, die Jungens bearbeiteten sie mit ihren Löffeln so lange, bis sie wieder spiegelblank waren.

Kinder haben fast immer Hunger. Oliver und seine Kameraden hatten die Qualen des langsamen Hungertodes drei Monate lang ausgehalten. Da erklärte ein ziemlich großer Junge, dessen Vater eine kleine Kneipe hatte, und der daher reichliches Essen gewöhnt war, er fürchte seinen Schlafkameraden einmal nachts aufzuessen, wenn er nicht noch einen weiteren Napf Haferschleim täglich erhielte. Dabei rollten seine Augen wild. Die Jungen beratschlagen und losten dann, wer nach dem Abendessen zum Speisemeister gehen und um mehr bitten solle. Das Los fiel auf Oliver Twist.

Der Abend kam heran, der Speisemeister stellte sich an den Kessel, und nachdem ein langes Tischgebet über das kurze Mahl gesprochen war, wurde der Haferbrei aus, geteilt. Dieser war schnell im Magen der Kinder verschwunden, als Oliver aufstand und mit Napf und Löffel vor den Speisemeister hintrat. Hunger und Elend ließen ihn alle Rücksichten vergessen, doch zitterte er, als er sagte:

„Bitte, Herr, ich möchte noch etwas mehr.“

Der wohlgenährte, rotbäckige Koch wurde bei diesen Worten blaß und mußte sich am Kessel festhalten. Er blickte mit starrem Entsetzen auf den kleinen Rebellen und stieß schließlich mit schwacher Stimme aus: „Was?“

„Bitte, Herr, ich möchte noch etwas mehr!“

Da schlug ihn der Küchenmeister mit dem Löffel über den Kopf, packte Oliver bei den Händen und rief laut nach dem Gemeindediener.

Der Verwaltungsausschuß hielt eben eine Sitzung ab, als Herr Bumble aufgeregt ins Zimmer stürzte. Er wandte sich an den Vorsitzenden:

„Verzeihung, Herr Limbkins! Oliver Twist hat mehr haben wollen!“

Alle waren starr.

„Mehr?“ fragte Herr Limbkins. „Nehmen Sie sich zu, sammen, Bumble, und antworten Sie mir klar und deutlich. Habe ich das so zu verstehen, daß er noch mehr verlangte, nachdem er bereits seinen vorschriftsmäßigen Anteil erhalten hatte?“

„Jawohl, Herr!“

„Der Junge wird am Galgen enden“, sagte der Herr mit der weißen Weste. „Ich bin ganz sicher, daß der Bursche dereinst gehängt wird!“

Niemand widersprach dieser Prophezeiung. Nach kurzer Beratung wurde Oliver eingesperrt. Am nächsten Morgen wurde ein Anschlag an das Tor geklebt, der jedem, der Oliver der Gemeinde abnähme, eine Summe von fünf Pfund verhieß. Mit anderen Worten, Oliver Twist wurde nebst fünf Pfund jedem Mann oder jeder Frau – wer eben einen Lehrling oder einen Laufburschen brauchte – angeboten.

Berichtet, wie Oliver Twist dicht daran war, eine Stellung zu bekommen, die keine Sinekure gewesen wäre

Oliver blieb eine Woche lang in einer dunklen, eisamen Kammer eingesperrt. Er weinte den ganzen Tag über bitterlich. Wenn dann die lange, traurige Nacht kam, legte er seine Händchen auf die Augen, um nicht ins Dunkel starren zu müssen, kroch in eine Ecke und versuchte zu schlafen. Alle Augenblicke aber fuhr er aus seinem Schlaf auf und drückte sich dann dichter an die Mauer, als ob er sich selbst in ihrer kalten, harten Fläche einen Schutz gegen die ihn umgebende Finsternis verspräche.

Nun begab es sich, daß eines Morgens der Schornsteinfegermeister Gamfield die Landstraße entlangzog. Er dachte darüber nach, wie er gewisse Mietsrückstände, um die ihn sein Hauswirt ziemlich energisch gemahnt hatte, bezahlen solle. Er wußte nicht, wie er die ihm fehlenden fünf Pfund herbeischaffen könnte, und marterte damit bald sein Gehirn, bald den Kopf seines Esels. Da fiel ihm plötzlich der Anschlag ins Auge, als er beim Armenhause vorbeikam.

„Halt!“ sagte der Meister zu dem Esel, doch dieser, ebenfalls in tiefes Sinnen versunken, trabte, ohne auf den Befehl seines Herrn zu achten, ruhig weiter. Gamfield fluchte wie ein Heide und versetzte dem Esel einen Schlag auf den Kopf, daß dieser halb betäubt war und stillstand. Dann begann der Meister aufmerksam den Anschlag zu lesen.

Der Herr mit der weißen Weste stand, die Hände auf dem Rücken, am Tore. Er hatte dem kleinen Streit zwischen Gamfield und seinem Esel gespannt zugeschaut und lächelte gutgelaunt. Gamfield lächelte gleichfalls, als er das Schriftstück durchgelesen hatte, denn fünf Pfund waren gerade die Summe, die er brauchte. Was die Beigabe des Jungen anbelangt, so wußte der Meister, der die Armenhauskost kannte, daß es sich nur um ein ziemlich schmächtiges Menschenexemplar handeln könnte. Er buchstabierte also den Anschlag nochmals von Anfang bis zu Ende durch und redete dann den Herrn mit der weißen Weste an, indem er gleichzeitig grüßend die Hand an seine Pelzmütze legte:

„Diesen Jungen hier will also die Gemeinde als Lehrling vergeben?“

„Ja, lieber Freund“, erwiderte der Herr mit der weißen Weste leutselig, „warum?“

„Wenn die Gemeinde ihn ein leichtes, angenehmes Handwerk lernen lassen will, so möchte ich mein Schornsteinfegergeschäft empfehlen“, entgegnete der Meister. „Ich brauche einen Lehrling und bin bereit, ihn zu nehmen!“

„Kommen Sie rein“, sagte der Herr mit der weißen Weste.

Gamfield folgte diesem in das Sitzungszimmer und trug Herrn Limbkins seinen Wunsch vor.

„Es ist ein schmutziges Handwerk, man hat auch erlebt, daß Jungens in den Schornsteinen erstickt sind“, meinte Limbkins.

„Dies kommt daher“, versetzte Gamfield, „daß man das Stroh anfeuchtete, ehe man es im Kamin anzündete, um die Jungen herunterzuholen. Es gab nur Rauch aber kein Feuer. Rauch hat aber keinen Zweck, denn er veranlaßt einen Jungen nicht runterzukommen, er macht ihn nur schläfrig, und das ist es ja gerade, was solch ein Bursche will. Jungen sind faul und widerspenstig, meine Herren, und ein schönes, heißes Feuer das beste, um sie im Galopp herunterzubringen. Es ist auch ein humanes Mittel, meine Herren, denn wenn einer im Schornstein steckenbleibt und sich die Füße verbrennt, dann tut er schon selbst alles mögliche, um sich aus dieser Lage zu befreien.`

Die Vorstandsmitglieder berieten sich einige Minuten, dann verkündete Herr Limbkins:

„Wir haben Ihren Vorschlag überlegt, können aber nicht drauf eingehen.“

„Ganz und gar nicht“, sagte der Herr mit der weißen Weste.

„Entschieden nicht“, fügten die andern Vorstandsmitglieder hinzu.

„So soll ich ihn also nicht haben, meine Herren?“ fragte Gamfield.

„Nein“, antwortete Herr Limbkins, „oder Sie müßten mit einer kleineren Summe zufrieden sein, da es doch ein zu schmutziges Handwerk ist.“

„Was wollen Sie geben, meine Herren? Seien Sie nicht zu hart gegen einen armen Mann!“

„Nun, ich meine, drei Pfund und zehn Schillinge wären genug“, sagte Herr Limbkins.

„Schon zehn Schilling zuviel“, bemerkte der Herr mit der weißen Weste.

„Also, sagen wir vier Pfund, meine Herren“, versetzte Gamfield, „und Sie sind den Jungen für immer los. Vier Pfund, das ist anständig.“

„Drei Pfund und zehn Schillinge“, wiederholte Herr Limbkins unbeugsam.

„Wir wollen die Differenz teilen, meine Herren, drei Pfund und fünfzehn Schillinge also!“

„Nicht einen Penny mehr“, lautete die feste Antwort Herrn Limbkins.

„Sie sind mächtig hart zu mir“, sagte Gamfield kleinlaut.

„Unsinn“, sagte der Herr mit der weißen Weste. „Es wäre ein feines Geschäft auch ohne jeden Zuschuß. Greifen Sie zu, Mann. Er ist gerade der richtige Junge für Sie. Ab und zu hat er den Rohrstock nötig, und sein Essen braucht auch nicht üppig zu sein, denn er ist von seiner Geburt an nie überfüttert worden. Ha! Ha! Ha!

Der Handel wurde also geschlossen, und Bumble bekam den Auftrag, Oliver Twist noch am selben Nachmittag vor den Friedensrichter zu führen, um seinen Lehrbrief genehmigen und unterzeichnen zu lassen.

Der kleine Oliver wurde daher zu seinem großen Erstaunen aus der Haft entlassen und erhielt den Befehl, ein reines Hemd anzuziehen. Er hatte kaum diese ungewohnte gymnastische Übung beendet, als ihm Herr Bumble eigenhändig einen Napf voll Haferschleim und das sonntägliche Stück Brot brachte. Bei diesem Anblick fing Oliver kläglich an zu weinen, denn er dachte nichts anderes, als daß die Behörde ihn zu irgendeinem nützlichen Zwecke schlachten lassen wollte, da sie ihn wohl sonst kaum in dieser Weise mästen würde.

„Weine dir nicht die Augen rot, Oliver, sondern iß und sei dankbar“, sagte Herr Bumble würdevoll. „Du sollst Lehrling werden, Ofiver!“

„Lehrling, Herr?!“ rief der Junge zitternd.

„Jawohl, Oliver, die guten Herren, die an dir Elternstelle vertreten haben, wollen dich in die Lehre geben, damit du später im Leben vorwärts kommst und ein tüchtiger Kerl wirst. Das kostet der Gemeinde drei Pfund und zehn Schillinge, denke mal, Oliver, drei Pfund zehn Schillinge – siebzig Schillinge! – hundertvierzig Sixpences – und all das für einen ungezogenen Waisenjungen, den keiner leiden kann.“‚

Als Herr Bumble innehielt, um Atem zu schöpfen, rannen dem armen Oliver nur so die Tränen über die Backen, und er schluchzte bitterlich.

„Weine nicht!“ sagte Herr Bumble, der von der Wirkung seiner Beredsamkeit sehr befriedigt war. „Wisch dir die Tränen mit dem Ärmel ab und laß sie nicht -in die Suppe fallen. Das ist töricht.“ Das stimmte, denn in der Suppe war ohnehin schon Wasser genug.

Auf dem Wege zum Friedensrichter belehrte Herr Bumble seinen kleinen Begleiter, daß er dort weiter nichts zu tun habe, als recht glücklich auszusehen. Wenn ihn dann der Herr frage, ob er in die Lehre gehen wolle, so müsse er sagen, furchtbar gern. Oliver versprach zu gehhorchen, um so mehr als Herr Bumble die zarte Andeutung fallen ließ, er könne nicht sagen, was man ihm antun würde, wenn er nicht diesen seinen Unterweisungen getreulich nachkäme. Als sie an Ort und Stelle eintrafen, wurde Oliver in ein kleines Zimmer gebracht und von Herrn Bumble ermahnt, dort so lange zu verweilen, bis er ihn holen würde.

Klopfenden Herzens wartete der Junge bereits eine halbe Stunde, als endlich Herr Bumble seinen Kopf, der jetzt der Zierde des dreieckigen Hutes entbehrte, durch die Tür steckte und laut sagte:

„Nun, liebes Kind, komm zu dem Herrn.“ Dabei warf er Oliver einen drohenden Blick zu und flüsterte ihm zu: „Denke dran, was ich dir sagte, Bengel.“

Oliver sah bei diesem sich widersprechenden Ton der Anreden unschuldig zu Herrn Bumble auf. Dieser führte ihn sogleich in ein anstoßendes Zimmer, dessen Tür offen stand. Hinter einem Pult saßen dort zwei alte Herren mit gepuderten Perücken. Einer las eine Zeitung, der andere studierte mit Hilfe einer Schildpattbrille ein kleines vor ihm liegendes Pergament. Herr Limbkins stand vorn an einer Seite des Pultes und Meister Gamfield mit teilweise gewaschenem Gesicht auf der anderen.

Der alte Herr mit der Brille war über seinem Pergament eingenickt, und es entstand eine kurze Pause, nachdem Herr Bumble Oliver vor das Pult geführt hatte.

„Das ist der Junge, Euer Gnaden“, sagte Herr Bumble.

Der die Zeitung lesende Herr sah auf und zupfte den andern alten Herrn am Ärmel, worauf dieser erwachte.

„Ach, das ist also der Junge?“ fragte er.

„Ja, Euer Gnaden“, versetzte Herr Bumble. „Mach dem Herrn Richter eine Verbeugung, Oliver.“

Oliver machte seinen schönsten Diener.

„Der Junge will also gern Kaminfeger werden?“ sagte der Friedensrichter.

„Er ist ganz verrückt danach, Euer Gnaden“, sagte Bumble, „er würde davonlaufen, wenn wir ihn zwingen wollten, etwas anderes zu lernen!“

„Und dieser Mann da soll sein Meister sein, nicht wahr? Sie werden ihn doch gut behandeln, und was das Essen und die Kleidung anbelangt, nicht Not leiden lassen, versprechen Sie das?“

„Wenn ich einmal gesagt habe, ich will, so werde ich esauch tun“, entgegnete Gamfield mürrisch.

„Ihre Ausdrucksweise ist nicht gerade fein, mein Freund, aber Sie scheinen ein offener, ehrlicher Mensch zu sein“, sprach der Richter, den Meister dabei durch seine Brillengläser flüchtig anguckend. Wäre er nicht halb blind und beinahe schon kindisch gewesen, so hätte ihm die Brutalität in Gamfields Gesicht auffallen müssen.

„Ich denke das zu sein“, entgegnete der Meister mit einem häßlichen Blick.

„Daran zweifle ich nicht, mein Freund“, fuhr der alte Herr fort und suchte nach dem Tintenfaß.

Es war für Olivers Schicksal ein kritischer Augenblick. Hätte das Tintenfaß da gestanden, wo es der alte Herr vermutete, so hätte er seine Feder eingetaucht und den Lehrbrief unterzeichnet. Gamfield hätte dann Oliver gleich mitgenommen. Aber da es unmittelbar vor seiner Nase stand, so suchte er natürlich vergebens nach ihm auf dem Pulte herum. Er begegnete dabei dem verstörten Blicke Olivers, der trotz aller ermahnenden Winke und Püffe Bumbles seinen künftigen Lehrherrn mit Furcht und Schrecken betrachtete. Halb blind wie er war, fiel es doch dem Friedensrichter auf. Er hielt daher inne, legte die Feder hin und schaute von Oliver zu Herrn Limbkins hinüber, der unbefangen zu erscheinen versuchte und lächelnd eine Prise nahm.

„Mein Junge“, sagte der alte Herr und beugte sich über das Pult. Oliver fuhr bei diesem Tone zusammen, denn er war einer freundlichen Anrede nicht gewohnt. „Mein Kind, du siehst blaß und verstört aus. Was ist dir?“

„Tretet ein wenig auf die Seite, Bumble“, sagte der andere Ratsherr, die Zeitung weglegend. Er sah Oliver teilnahmsvoll an und sprach: „Junge, sag uns, was dir ist, habe keine Angst!“

Oliver fiel auf die Knie und bat mit gefalteten Händen, man möge ihn lieber in die finstere Kammer sperren, ihm nichts zu essen geben, ihn prügeln, ja totschlagen, nur solle man ihn nicht mit diesem schrecklichen Manne fortschicken.

„Nun“, sagte Herr Bumble, indem er feierlich Augen und Hände gen Himmel hob, „von allen lügnerischen, hinterlistigen Waisenkindern, die mir je vorgekommen sind, bist du der frechste.“

„Haltet den Mund, Gemeindediener!“ sagte der zweite alte Herr, als sich Herr Bumble in dieser Weise Luft gemacht hatte.

„Verzeihung, Euer Gnaden!“ entgegnete Bumble, der seinen Ohren nicht traute, „haben Euer Gnaden mich gemeint?“

„Jawohl. Sie sollen den Mund halten!“

Herr Bumble war starr. Einem Gemeindediener den Mund zu verbieten Das war ja Revolution.

Der Friedensrichter guckte seinen Kollegen bedeutungsvoll an und sagte dann:

„Wir versagen dem Lehrbriefe unsere Genehmigung“; damit schob er das Pergament beiseite.

„Ich hoffe“, stotterte Herr Limbkins, „Sie werden nicht glauben, daß die Behörde fahrlässig gehandelt hat, noch dazu auf das unhaltbare Zeugnis eines Kindes hin.“

„Wir sind nicht berufen, darüber eine Meinung auszusprechen“, versetzte der alte Herr ziemlich scharf. „Nehmen Sie den Jungen wieder mit und behandeln Sie ihn anständig. Er scheint’s nötig zu haben.“

Am nächsten Morgen wurde Oliver wieder für fünf Pfund ausgeboten.

Oliver findet eine Stelle und macht den ersten Schritt ins Leben

Angesehene Familien schicken die jüngeren Söhne, die sonst keine Aussicht haben vorwärtszukommen, gern auf die See. Der Armenhausvorstand beschloß dieses weise Beispiel nachzuahmen. Er glaubte, es wäre das beste für Oliver. Vielleicht würde ihn ein Schiffer in der Trunkenheit zu Tode prügeln oder sonstwie um die Ecke bringen. Herr Bumble erhielt also den Auftrag, einen Schiffer ausfindig zu machen, der Oliver nehmen würde. Als er von dieser Mission zurückkehrte, traf er in der Haustür den Leichenbestatter Herrn Sowerberry. Dieser war trotz seines ernsten Berufes keinem Scherze abgeneigt. Er schüttelte Herrn Bumble die Hand und sagte:

„Ich habe den beiden Weibern, die gestern abend starben, eben Maß genommen.“

„Sie werden noch reich werden, Herr Sowerberry.“

„Glauben Sie? Aber die von der Gemeinde bewilligten Preise sind zu gering, Herr Bumble.“

„Die Särge sind auch dementsprechend klein“, erwiderte der Gemeindediener würdevoll lächelnd.

Herr Sowerberry fand diesen Witz furchtbar komisch und lachte anhaltend. Endlich sagte er:

„Größere sind bei dem neuen Verpflegungssystem auch nicht nötig.“

„Übrigens, Herr Sowerberry, wissen Sie keinen, der einen Lehrjungen gebrauchen kann?“ fragte Herr Bumble, der das Gespräch ablenken wollte. „Sehr günstige Bedingungen, sehr günstig.“

Währenddessen zeigte er mit seinem Stock nach dem Anschlag an der Tür und schlug dreimal bedeutungsvoll auf die großgedruckten Worte „fünf Pfund“.

„Nun, wie wär’s?“

„Ach, Sie wissen, Herr Bumble, daß ich viel Armensteuer bezahle.“

„Nun?“

„Da dachte ich, wenn ich soviel bezahle, hätte ich auch ein Recht, wieder etwas davon rauszukriegen. Ich möchte deshalb schon den Jungen nehmen.“

Herr Bumble faßte den Leichenbestatter am Arme und führte ihn ins Haus. Dort hatte Herr Sowerberry eine Unterredung von fünf Minuten mit dem Vorstand, und man kam überein, daß Oliver ihm noch am selben Abend auf Probe übergeben werden solle. Dies wurde Oliver von den Herren mitgeteilt und ihm gleichzeitig angedroht, daß man ihn auf die See schicken würde, wenn er es in der Lehre nicht aushielte und der Gemeinde nochmal lästig fiele. Oliver hörte das schweigend an, dann führte ihn der würdige Herr Bumble an den neuen Schauplatz von Leiden. Als sie dem Orte ihrer Bestimmung näher kamen, sagte Herr Bumble:

„Schiebe dir die Mütze aus dem Gesicht, und halte den Kopf hoch.“

Der Leichenbesorger hatte eben die Fensterladen seiner Werkstätte geschlossen und trug beim Schein einer Kerze einige Posten in sein Buch ein, als Herr Bumble eintrat.

„Sind Sie es, Bumble?“ sagte Sowerberry und blickte von seinem Buche auf.

„Niemand anders“ versetzte der Gemeindediener, „und da ist der Junge.“

Oliver machte einen Diener.

„Also das ist der Junge“, sagte der Leichenbesorger und hob die Kerze hoch, um ihn besser betrachten zu können. „Liebe Frau, komm doch mal herein.“

Frau Sowerberry kam aus einem kleinen Zimmer hinter der Werkstätte, sie war eine kleine, magere Person mit einem Gesicht wie eine Xanthippe.

„Das ist der Junge aus dem Armenhause, von dem ich dir gesprochen habe.“

„,Mein Gott“, sagte sie, der ist aber doch zu klein.“

„Klein ist er freilich“, bemerkte Herr Bumble, „aber er wird wachsen, sicher, er wird wachsen.“

„Das glaub‘ ich wohl“, sagte Frau Sowerberry, „aber von unserer Kost. – Da, geh die Treppe herunter, kleines Gerippe! Charlotte, gib dem Jungen etwas von dem, was für den Hund zurückgestellt war, der kriegt nichts mehr, da er heute morgen nicht nach Hause gekommen ist“, rief sie dem Dienstmädchen zu.

Oliver verschlang mit Gier den Hundefraß.

„Nun“ sagte Frau Sowerberry, „bist du fertig?“ Sie hatte mit Entsetzen und düsterer Ahnungen voll zugesehen, wie ein solcher Appetit in Zukunft zu befriedigen sei. Oliver bejahte.

„So komm mit. Dein Bett ist unter dem Ladentisch. Ich denke, es macht dir nichts aus, unter den Särgen zu schlafen. Doch gleichviel, eine andere Schlafstelle können wir dirnicht geben.“

Oliver lernt seine neue Umgebung kennen und nimmt zum erstenmal an einem Leichenbegängnis teil. Er faßt eine ungünstige Meinung vom Geschäfte seines Meisters

Am Morgen wurde Oliver durch lautes Pochen an der Ladentür geweckt. Während er in seine Kleider fuhr und die Sperrkette zu lösen begann, ließ sich eine Stimme vernehmen:

„Öffne die Tür, ein bißchen schnell!“

„Sofort, Herr“, antwortete Oliver und schloß an der Tür.

„Ich vermute, du bist der neue Lehrling, nicht wahr?“ sagte die Stimme durchs Schlüsselloch.

„Jawohl“

„Wie alt?“

„Zehn Jahre.“

„Dann setzt es Keile, wenn ich erst drin bin. Paß bloß auf, du Armenhäusler!“ Dann hörte man pfeifen.

Oliver schob zitternd die Riegel zurück und machte die Tür auf. Ein paar Augenblicke sah Oliver die Straße rauf und runter, im Glauben, der Unbekannte sei einige Schritte weitergegangen. Er sah aber niemand als einen dicken Bengel, der auf einem Stein vor dem Hause saß und ein Butterbrot verschlang.

Da Oliver sonst niemand in der Nähe sah, sagte er zu ihm:

„Verzeihung, haben Sie geklopft?“

„Jawohl“, antwortete der Bengel.

„Wünschen Sie einen Sarg?“ fragte Oliver harmlos.

Der Bengel schnitt ein grimmiges Gesicht und schrie ihn an, es werde nicht lange dauern, bis er selbst einen brauchte, wenn er sich derartige Witze mit seinem Vorgesetzten erlaube.

„Du weißt wohl nicht, wer ich bin, Armenhäusler?“ fuhr der Bengel fort und kam näher.

„Allerdings nicht!“.

„Ich bin Herr Noah Claypole, und du bist mein Untergebener“, sagte der Bengel. „Mach die Fensterladen auf, Faultier!“ Mit diesen Worten versetzte Herr Claypole unserm Oliver einen Tritt und ging mit gewichtiger Miene in den Laden.

Bald nachdem Oliver die Fensterladen aufgemacht hatte, kamen Herr und Frau Sowerberry herunter. Claypole und Oliver gingen nun die steile Treppe zur Küche hinab, um zu frühstücken. Charlotte, die Köchin, legte Noah die besten Bissen vor, während Oliver mit dem Abfall vorliebnehmen mußte.

Noah war zwar der Zögling einer Armenschule, aber keine Waise. Seine Mutter war eine Waschfrau, und sein Vater ein abgedankter, immer betrunkener Soldat. Sie wohnten in der Nachbarschaft. Die Ladenschwengel schimpften Noah „Lederhose“ , „Barmherzigkeitsschüler“ und dergleichen, und er steckte es schweigend ein. Nun warf ihm der Zufall eine namenlose Waise in den Weg, und an dieser nahm er nun mit Wucherzinsen Rache.

Oliver war schon drei Wochen im Hause des Leichenbesorgers, als eines Morgens Herr Bumble in die Werkstätte trat und aus seiner großen ledernen Brieftasche ein Blatt Papier herausnahm, das er Herrn Sowerberry einhändigte.

„Aha“, sagte letzterer, „wohl eine Bestellung auf einen Sarg, nicht wahr?“

„Zuerst auf einen Sarg und dann auf ein Begräbnis“, erwiderte Herr Bumble, sich verabschiedend.

„Nun“, meinte Herr Sowerberry und nahm den Hut, „je eher dieses Geschäft erledigt wird, desto besser ist es. Noah, du bleibst in der Werkstatt, und du, Oliver, setzt die Mütze auf und kommst mit mir.“ Sie zogen los und waren bald vor dem Haus, wo man ihrer Dienste bedurfte. Es stand in einer schmutzigen, armseligen Gasse. Sie stiegen die Treppe hinauf und machten an einer offenenen Tür halt, die weder Klingel noch Klopfer hatte. Herr Sowerberry pochte. mit dem Finger an. Ein junges Mädchen von vierzehn Jahren öffnete. Sie waren am richtigen Orte. In einem kleinen, der Tür gegenüberliegenden Alkoven lag unter einer Decke die Leiche.

Der Leichenbesorger zog ein Band aus der Tasche, kniete an der Seite der Toten, eines jungen Mädchens, nieder und nahm Maß. Dann eilte er, Oliver hinter sich herziehend, rasch hinaus.

Am nächsten Tage kehrten Oliver und sein Meister wieder nach diesem Ort des Jammers zurück, wo sie bereits Herrn Bumble mit vier Männern aus dem Armenhause trafen, die Trägerdienste leisten sollten. Der rohe Sarg wurde zugeschraubt und auf die Straße gebracht. „Ihr müßt rasch machen“, flüsterte Sowerberry der Mutter der Toten zu. „Wir haben uns etwas verspätet, und es wäre unschicklich, den Geistlichen warten zu lassen. Los, Leute, – und so schnell wie ihr könnt.“

Man hätte übrigens nicht nötig gehabt, sich so zu beeilen, denn als sie den Kirchhof erreichten, war noch kein Geistlicher zu sehen. Der Küster, der in der Sakristei saß, meinte, es könne wohl noch eine Stunde dauern, bis der Prediger käme. Man setzte den Sarg am Rande des Grabes nieder. Zerlumpte Jungen, die dieses Schauspiel nach dem Friedhof gelockt hatte, spielten herum und machten sich das Vergnügen, über den Sarg hin und her zu springen. Sowerberry und Bumble saßen in der Sakristei beim Küster und lasen die Zeitung. Endlich, nach einer guten Stunde, sah man Herrn Bumble, Sowerberry und den Küster nach dem Grabe eilen, und gleich darauf erschien der Geistliche. Herr Bumble prügelte, um den Anstand zu wahren, ein paar Jungen durch. Der Prediger las aus dem Gebetbuch so viel als sich in fünf Minuten zusammenfassen ließ. Drauf gab er dem Küster seinen Talar und eilte fort.

„Nun, Bill“, sagte der Leichenbesorger ztim Totengräber, „wirf das Grab zu.“

Nachher wurde der Kirchhof geschlossen, und Sowerberry fragte auf dem Heimweg Oliver, wie es ihm gefallen hätte. Mit einigem Zögern sagte dieser, nicht sehr gut.

„Ach, mit der Zeit wirst du dich schon dran gewöhnen“, meinte der Meister. „Wenn man es gewöhnt ist, ist’s einem gar nichts, Junge.“

Oliver machte sich so seine Gedanken, ob Herr Sowerberry lange gebraucht habe, sich an etwas der Art zu gewöhnen. Er hielt es aber für besser, seine Frage für sich zu behalten.

Oliver erlaubt sich kräftiger aufzutreten

Der Probemonat war vorüber und Oliver wurde endgültig als Lehrling eingestellt. Die Jahreszeit war damals gerade ungesund und Särge fanden guten Absatz. Im Laufe einiger Wochen hatte Oliver ziemlich Erfahrung gesammelt. Da er seinen Meister in den meisten Geschäften begleitete, um sich die Ruhe des Gemütes und jene Herrschaft über seine Nerven anzueignen, die ein so notwendiges Erfordernis für einen Leichenbesorger sind, so hatte er oft Gelegenheit, Zeuge der Ergebung und Seelenstärke zu sein, mit der soviele Menschen ihre Heimsuchungen und Verluste trugen.

Wurde ein reicher alter Herr oder eine reiche alte Dame beraben, die von einer ganzen Anzahl Neffen und Nichten zur letzten Ruhe begleitet wurden, so konnte Oliver in den meisten Fällen beobachten, daß dieselben Verwandten, die während der Krankheit der Verblichenen sich ganz trostlos gebärdet hatten, recht fröhlich miteinander plauderten, als ob nichts in der Welt imstande wäre, ihre gute Launezu trüben. Männer ertrugen den Verlust ihrer Frauen mit der heldenmütigsten Ruhe. Frauen, die um den dahingeschiedenen Gatten Trauerkleider anlegten, schienen nur darauf bedacht zu sein, recht anziehend auszusehen.

Daß Oliver sich durch das Beispiel dieser guten Leute in eine gleiche Gemütsruhe hineingearbeitet hätte, wage ich als sein Lebensbeschreiber nicht zu behaupten. Ich kann nur sagen, daß er monatelang die schlechte Behandlung Noahs mit Geduld über sich ergehen ließ. Charlotte mißhandelte ihn, weil es Noah tat, und Frau Sowerberry war seine erklärte Feindin, da Herr Sowerberry ihn gern zu haben schien.

Oliver fühlte sich daher zwischen diesen drei Gegnern und den vielen Leichenbegängnissen nicht ganz so behaglich als das hungrige Ferkel, das aus Versehen in die Kornkammer einer Brauerei eingeschlossen wurde.

Oliver und Noah befanden sich eines Tages zur Essenszeit allein in der Küche. Charlotte war gerade abgerufen worden, und so mußte man aufs Essen warten. Die Wartezeit glaubte Noah nicht würdiger ausfüllen zu können, als daß er Oliver höhnte und neckte. Noah legte also seine Beine auf das Tischtuch, zupfte Oliver an den Haaren, kniff ihn in die Ohren, nannte ihn einen Kriecher und versprach ihm, dabei zu sein, wann und wo immer man ihn hängen würde. Da diese Neckereien ihren Zweck verfehlten, Oliver zum Weinen zu bringen, wurde Noah noch ausfallender. Er fragte:

„Armenhäusler!Wie geht’s deiner Mutter?“

„Sie ist tot“, versetzte Oliver, „unterstehdich aber nicht, über sie zu reden.“ Dabei wurde er feuerrot im Gesicht und um seinen Mund zuckte es verräterisch, als ob er im nächsten Augenblick losweinen müßte. Noah sah dies mit Befriedigung und fuhr fort:

„Woran starb sie denn?“

„An gebrochenem Herzen, wie mir eine alte Wärterin gesagt hat“,murmelte Oliver vor sich hin. „Ich kann mir denken, was das heißt.“

Als Noah eine Träne über Ollvers Backen rinnen sah, pfiff er ein lustiges Lied und sagte dann:

„Was bringt dich denn so zum Heulen?“

„Du nicht“ versetzte Oliver, indem er rasch die Träne wegwischte. „Glaub das nur nicht.“

„Was, ich nicht?“ höhnte Noah.

„Nein, du nicht“, entgegnete Oliver scharf. „Nun ist’s aber genug. Wenn du noch ein Wort über sie sagst, dann sollst du mal sehen.“

„Na, was denn? Was soll ich sehen. Armenhäusler, du wirst frech! Und deine Mutter! Wird auch ’ne feine Nummer gewesen sein. Du lieber Himmel!“ Noah rümpfte die Nase.

Oliver fraß seinen Ärger in sich und schwieg. Dadurch ermuntert, fuhr Noah im Ton spöttischen Mitleides fort:

„Du weißt, da ist nichts mehr zu ändern, auch tust du uns allen leid, aber du mußt doch wissen, daß deine Mutter eine ganz schlimme Person war, vollkommen herunter gekommen.“

„Was sagst du da“, fragte Oliver schnell aufblickend.

„Ein ganz heruntergekommenes Frauenzimmer, Armenhäusler“, versetzte Noah kühl, „und es ist nur gut, daß sie auf diese Weise starb, sonst hätte sie sicher im Gefängnis oder am Galgen geendet.“

Glutrot im Gesicht, sprang Oliver auf und Noah an die.Kehle, nahm dann seine ganze Kraft zusammen und schmetterte ihn mit einem Schlag zu Boden.

„Er bringt mich um!“ schrie Noah. „Charlotte! Frau Sowerberry! Hilfe, Hilfe! Oliver mordet mich! Er ist verrückt geworden! Char – lotte!“

Noahs Hilfegeschrei wurde durch ein lautes Kreischen Charlottens,und ein noch lauteres der Meisterin erwidert. Erstere eilte durch eine Seitentür in die Küche, während Frau Sowerberry so lange auf der Treppe stehen blieb, bis sie sich überzeugt hatte, daß keine Gefahr für ihr Leben zu fürchten sei.

„Du verfluchter Lump“, schrie Charlotte, indem sie Oliver mit kräftiger Faust packte, „du undankbarer, meuchelmörderischer, nichtswürdiger Schurke“, dabei schlug sie unbarmherzig auf ihn ein. Nun stürzte auch noch Frau Sowerberry in die. Küche und zerkratzte Oliver das Gesicht. Diesen günstigen Stand der Angelegenheit machte sich Noah zunutze, er sprang auf und knuffte Oliver von hinten.

Als alle drei müde waren und nicht mehr weiter prügeln konnten, schleppten sie den sich wehrenden, aber keineswegs entmutigten Oliver in den Keller und schlossen ihn da ein. Frau Sowerberry sank in einen Stuhl und brach in Tränen aus.

„Himmel, sie stirbt“, rief Charlotte. „Schnell, liebster Noah, ein Glas Wasser.“

„Ach, Charlotte“, stöhnte die Meisterin, „wir müssen Gott danken, daß wir nicht alle in unseren Betten ermordet wurden.“

„Ja, der arme Noah war schon halbtot, als ich hinzukam.“

„Armer Junge!“ sagte Frau Sowerberry mitleidig. „Doch was machen wir nun? Der Meister ist nicht zu Hause, und in zehn Minuten wird Oliver die Tür eingestoßen haben!“

Seine Fußtritte hörte man auch schon gegen diese donnern.

„Ich glaube, das beste wäre, man holte die Polizei“ , meinte Charlotte.

„Oder das Militär“, fügte Herr Noah Claypole hinzu.

„Nein“, rief Frau Sowerberry, die sich plötzlich an Olivers alten Freund erinnerte, lauf zu Herrn Bumble, Noah, und bitte ihn, er möge unverzüglich hierherkommen. Renne, eine Mütze brauchst du nicht.“

Ohne Zeit zu verlieren, stürzte Noah fort.

Oliver bleibt widerspenstig

Noah Claypole rannte ohne Aufenthalt nach dem Armenhause, wo er atermlos ankam. Nachdem er sich einige Minuten an der Tür ausgeruht hatte, setzte er eine klägliche Miene auf und klopfte dann laut an das Pförtchen. Nächdem man ihm geöffnet hatte, schrie Noah in ängstlichem Tone:

„Herr Bumble, Herr Bumble!“ Dieser eilte herbei.

„Ach, Herr Bumble!“ rief Noah, „Oliver hat – –“

„Was, – doch nicht etwa weggelaufen?“

„Nein, Herr, weggelaufen ist er nicht, aber ganz bösartig ist er geworden. Er hat mich umbringen wollen, und dann wollte er auch Charlotte und die Meisterin ermorden. Es war ganz schrecklich.“ Noah fing laut zu heulen an. Der Herr mit der weißen Weste ging gerade über den Hof; er trat auf Bumble zu und fragte, was mit dem Jungen los sei.

„Es ist ein Junge aus der Armenschule“, versetzte Herr Bumble, „der von dem jungen Twist beinahe ermordet worden wäre, jawohl, Herr.“

„Donnerwetter“, rief der Herr, „habe ich’s nicht gesagt? Ich hatte immer das Gefühl, daß Oliver Twist mal gehängt werden würde.“

„Er wollte auch die Köchin umbringen“, fuhr Herr Bumble bleichen Gesichts fort.

„Und die Meisiterin auch“, fügte Noah hinzu.

„Und den Meister ebenfalls –, so, sagtest du doch, Noah?“ ergänzte Herr Bumble.

„Nein, der war ausgegangen, sonst würde er ihn auch ermordet haben. Er sagte aber, er wolle –“

„So, sagte er das wirklich, er wolle“, fragte der Hery mit der weißen Weste.

„Ja, Herr!“ erwiderte Noah, „und die Meisterin wünscht zu wissen, ob Herr Bumble Zeit hat, hinüberzukommen und Oliver durchzuprügeln. Der Meister ist nämlich nicht zu Hause.“

„Gewiß, mein Junge, gewiß!“ sagte der Herr und streichelte Noahs Kopf. „Du bist ein guter Junge. Hier hast du einen Penny. Gehen Sie schnell mit Ihrem Stock zu Sowerberrys und schonen Sie Oliver Twist nicht.“

„Gewiß nicht,. Herr“, sagte Bumble und holte dann seinen Hut. Er begab sich in aller Eile, soweit es sich mit seiner Würde vertrug, nach der Werkstatt des Leichenbesorgers.

Hier hatte sich der Stand der Dinge nicht geändert. Da Oliver fortfuhr, mit ungeminderter Kraft gegen die Kellertüre zu stoßen, so hielt es Herr Bumble für klug, erst zu parlamentieren, bevor er die Tür öffnete. Er rief deshalb durchs Schlüsselloch:

„Oliver!“

„Lassen Sie mich raus“, erwiderte dieser von innen.

„Kennst du meine Stimme?“ fragte Herr Bumble.

„Und du fürchtest dich nicht, Junge? Zitterst nicht?“

„Nein!“

Eine solche Antwort hatte Herr Bumble nicht erwartet. Er war baff.

„Wissen Sie, Herr Bumble sagte Frau Sowerberry, der Junge muß verrückt sein, sonst würde er es nicht wagen, so mit Ihnen zu sprechen.“

„Das ist nicht Verrücktheit“, versetzte Herr Bumble nach einigen Augenblicken tiefen Nachdenkens, „das ist das Fleisch.“

„Was für Fleisch?“ fragte die Meisterin.

„Jawohl, das Fleisch. Sie haben ihn überfüttert. Daher kommt diese störrische Seele und der Geist des Widerspruchs, die für einen Menschen in seiner Lage nicht passen. Was haben überhaupt Arme mit Seele und Geist zu schaffen. Es ist genug, daß wir ihren Körper leben lassen. Hätten Sie dem Bengel nichts als Haferschleim gegeben, so wäre so etwas nie vorgefallen.“

In diesem Augenblick kam Herr Sowerberry nach Hause, und man erzählte ihm Olivers Verbrechen mit so viel Übertreibungen, daß er in einen mächtigen Zorn geriet. Er schloß die Kellertür im Nu auf und packte Oliver beim Kragen.

„Du bist mir ja ein nettes Früchtchen“, brüllte der Meister und gab ihm ein paar Maulschellen.

„Noah schmähte meine Mutter“, erwiderte Oliver trotzig.

„Wenn schon, du Strolch“, schrie die Meisterin. „Sie. hat’s verdient und noch viel mehr.“

„Sie hat’s nicht verdient“, entgegnete Oliver.

„Doch“, geiferte Frau Sowerberry.

„Das ist ’ne Lüge“, schrie der Junge.

Frau Sowerberry brach in einen Strom von Tränen aus, und dies ließ dem Meister keine Wahl. Er mußte seine teure Gattin zufriedenstellen, und so prügelte er denn, wenn auch ungern, den armen Jungen in einer Weise durch, die Herrn Bumbles nachträgliche Anwendung des Amtsstockes eigentlich unnötig machte. Dann wurde Oliver bei Wasser und Brot wieder eingeschlossen und durfte spät am Abend unter den Stichelreden Noahs und Charlottes sein trauriges Bett bei den Särgen aufsuchen.

Als Oliver in der düsteren Werkstätte allein war, ließ er seinen Gefühlen freien Lauf. Er hatte die Schmähungen mit Verachtung angehört und jede Mißhandlung ohne einen Schmerzenslaut hingenommen. Hier aber, wo ihn niemand sehen konnte, fiel er auf die Knie, verbarg sein Gesicht in den Händen und weinte heiße Tränen. Lange blieb Oliver in dieser Stellung. Als er wieder aufstand, war das Licht fast heruntergebrannt. Er horchte und entfernte dann leise die Riegel von der Tür. Er sah hinaus. Es war eine kalte, finstere Nacht. Kein Lüftchen wehte. Er schloß leise wieder die Tür, dann band er seine wenigen Kleidungsstücke mit einem Taschentuch zusammen und erwartete den Morgen auf einer Bank. Als die Sonne aufging, öffnete er aufs neue die Tür, sah sich scheu um und drückte sie dann hinter sich ins Schloß. Auf der Straße sah er sich nach rechts und links um, unschlüssig, wohin er fliehen sollte. Schließlich nahm er den Weg, der bergan führte, und bemerkte nach kurzer Zeit, daß er ganz nahe der Anstalt war, wo er seine ersten Kinderjahre zugebracht hatte.

Er langte bei dem Hause an. Niemand schien zu dieser frühen Stunde in demselben wach zu sein. Oliver blieb stehen und guckte durch das Gartengitter. Ein Kind jätete eben auf einem Beete Unkraut aus. Als es sein blasses Gesicht erhob, erkannte Oliver die Züge eines seiner früheren Kameraden.

„Pst, Dick!“ rief Oliver, und der Junge lief ans Tor und streckte seine dünnen Armchen zum Gruße durch das Gitter. „Ist niemand auf, Dick?“

„Außer mir, keiner“, entgegnete der Junge.

„Hör mal, du darfst nicht sagen, daß du mich gesehen hast, Dick“, sprach Oliver. „Ich bin weggelaufen. Man hat mich geschlagen und schrecklich mißhandelt. Ich will jetzt mein Glück in der Fremde versuchen. – Du siehst aber blaß aus, Dick.“

„Ich hörte, wie der Doktor sagte, ich müßte sterben“, sagte Dick mit einem schwachen Lächeln. „Ach, wie ich mich freue, dich wiedergesehen zu haben, Oliver, aber halt dich nicht auf. Eile.“

„Erst sage ich dir jedoch Lebewohl“, entgegnete Oliver. Ich werde dich wiedersehen, Dick; ganz gewiß. Du wirst noch gesund und glücklich werden.“

„Das hoffe ich auch, wenn ich einmal tot bin, früher nicht. Ich fühle, daß der Doktor recht hat, denn ich träume soviel vom Himmel und von Engeln und freundlichen Gesichtern, die ich nie sehe, wenn ich wach bin. Küsse mich“, sagte. der Kleine, indem er an dem niedrigen Tore emporkletterte und seine Ärmchen um Olivers Nacken schlang. „Lebwohl, lieber Oliver! Gott segne dich!“

Es war der Segenswunsch eines kleinen Kindes, aber es war der erste, den Oliver je über sein Haupt herabrufen hörte. Er vergaß ihn nie in allen Kämpfen, Mühen und Leiden seines späteren Lebens.

Oliver geht nach London, unterwegs begegnet er einem schnurrigen jungen Herrn

Bis Mittag wanderte Oliver, ohne zu rasten, die Landstraße entlang. Der Meilenstein, an dem er jetzt wagte auszuruhen, sagte ihm, – daß er noch hundert Kilometer von London entfernt sei. Dieser Name erweckte in der Seele des Knaben eine Flut von Gedanken. – London! – Diese große Stadt! – Niemand – nicht einmal Herr Bumble – konnte ihn dort auffinden. Er hatte im Armenhause oft alte Leute sagen hören, daß ein pfiffiger Junge in London nicht Hungers sterben würde. Nachdem er weiter sechs Kilometer zurückgelegt hatte, überlegte er, wie er wohl am besten hinkommen könne. Er hatte eine Brotrinde, ein Hemd, zwei Paar Strümpfe in seinem Bündel und einen Penny – ein Geschenk Sowerberrys – in der Tasche.

Ein reines Hemd, dachte Oliver, ist etwas sehr Angenehmes – wie auch das Paar gestopfter Strümpfe und der Penny aber für einen Marsch von vierundneunzig Kilometern nur geringe Hilfe. Oliver legte an diesem Tage dreißig Kilometer zurück und genoß die ganze Zeit über nichts als seine trockene Brotrinde und einige Glas Wasser. Mit Einbruch der Nacht kroch er in einen Heuhaufen und schlief bald fest ein. Er erwachte am nächsten Morgen durchgefroren und hungrig. Sein Penny ging für ein kleines Laib Brot drauf. An diesem Tage konnte er nicht mehr als achtzehn Kilometer schaffen. Nach einer weiteren im Freien zugebrachten Nacht fühlte er sich noch elender und konnte sich kaum auf den Beinen halten.

Er wartete am Fuße eines steilen Berges, bis eine Postkutsche kam, deren außensitzende Passagiere er anbettelte. Diese wollten sehen, wie weit er für einen halben Penny laufen könnte. Eine Weile versuchte Oliver mit der Kutsche Schritt zu hälten, aber die wunden Füße und seine Müdigkeit ließen es nicht lange zu. Als die Reisenden dies sahen, steckten sie ihren halben Penny wieder in die Tasche und nannten ihn einen faulen Hund.

In einigen Ortschaften waren große Warnungstafeln aufgestellt, die jeden Bettler mit Gefängnis bedrohten. Wenn sich nicht ein gutherziger Schrankenwärter und eine gutmütige alte Frau seiner erbarmt und ihm zu essen gegeben hätten, so.wäre es Oliver wahrscheinlich wie seiner Mutter ergangen; er wäre vor Hunger auf der Landstraße umgefallen.

Am siebenten Tage nach seiner Flucht hinkte Oliver morgens früh langsam in die kleine Stadt Barnet hinein. Die Fensterläden waren geschlossen, die Straßen leer. Die Sonne erhob sich soeben in all ihrer Herrlichkeit, aber, ihre Strahlen dienten nur dazu, dem Jungen, der mit blutenden Füßen auf einer Türschwelle saß, seine ganze trostlose Lage und Verlassenheit zu zeigen.

Allmählich öffneten sich die Fensterläden, und auf den Straßen zeigten sich Menschen. Einige blieben stehen, um Oliver anzustarren, aber niemand half ihm, ja, man nahm sich nicht einmal die Mühe, ihn zu fragen, woher er käme.

Da trat plötzlich ein Junge auf ihn zu, der ihn schon lange heimlich beobachtet hatte. Er sagte:

„Hallo, Dicker, was ist los mit dir?“

Der Junge mochte ungefähr von Olivers Alter sein und hatte ein ziemlich gemeines Gesicht, Stumpfnase, niedrige Stirn, kleine, stechende Augen, krumme Beine und war für sein Alter klein, dabei furchtbar schmutzig. Er benahm sich jedoch ganz wie ein Erwachsener. Sein Rock war zu weit und reichte ihm bis zu den Hacken. Der Hut saß so leicht auf seinem Kopfe, daß er jeden Augenblick herunterzufallen drohte, doch gab ihm der Junge dann mit einem Ruck einen Schwung, wodurch er wieder in die richtige Lage kam.

„Ich bin hungrig und müde“, antwortete Oliver mit Tränen in den Augen, „sieben Tage bin ich in einem fort gewandert.“

„In einem fort? Sieben Tage? Ich verstehe, wohl auf Schenkels Befehl? – Ich glaube, du weißt nicht mal, was ein Schenkel ist?“

„Doch“, erwiderte Oliver sanft, „das ist der obere Teil des Beins.“

„Mensch, du bist naiv!“ rief der junge Herr aus. „Ein Schenkel ist ein Friedensrichter, und wer auf Schenkels Befehl geht, kommt nicht vorwärts. Er muß immer aufwärts, ohne daß es je bergab ginge. Noch nie in der Mühle gewesen?“

„In was für einer Mühle?“ fragte Oliver.

„Na in der Tretmühle. – Doch du schiebst Kohldampf und mußt was zwischen die Zähne kriegen. Viel Moos habe ich ja auch nicht, aber es wird für dich schon reichen. Stell dich auf deine Hammelbeine und komm.“

Der junge Herr half Oliver aufstehen und nahm ihn mit in eine Schenke. Dort ließ er Bier, Brot und Schinken bringen. Oliver machte sich tüchtig über die Mahlzeit her, wobei ihn sein neuer Freund aufmerksam beobachtete. Als er mit dem Essen fertig war, fragte ihn der fremde Junge:

„Du willst nach London?“

„Ja.“

„Hast du schon ’ne Wohnung?“

„Nein.“

„Geld?“

„Nein.“

Der junge Herr pfiff durch die Zähne.

„Wohnst du in London?“ fragte jetzt Oliver.

„Ja, wenn ich zu Hause bin. – Aber du brauchst ’ne Schlafstelle, nicht wahr?“

„Freilich, ich habe seit einer Woche unter keinem Dach mehr geschlafen.“

„Laß dir darum keine grauen Haare wachsen, ich muß heute abend wieder nach London und kenne dort einen ganz respektablen alten Herrn, bei dem du umsonst wohnen kannst. Es muß dich allerdings ein Bekannter bei ihm einführen. Mich kennt er aber zur Genüge“, fügte der fremde Junge verschmitzt lächelnd hinzu.

Dieses unerwartete Anerbieten war zu verführerisch, um ausgeschlagen zu werden. Es entspann sich nun zwischen den beiden Jungen eine vertrauliche Unterhaltung, in deren Verlauf Oliver erfuhr, daß sein neuer Freund Jack Dawkins heiße und ein besonderer Liebling jenes alten Herrn sei. Dawkins Äußeres sprach allerdings nicht zugunsten einer solchen Protektion, da er aber ziemlich lockere Redensarten führte und auch gestand, daß seine Freunde ihn den pfiffigen Gannef(*Spitzbuben*) nannten, so folgerte Oliver, er möge wohl ein leichtsinniger Mensch sein, an dem die guten Lehren seines Wohltäters verlorengingen. Er beschloß daher bei sich, sich die gute Meinung des alten Herrn zu verschaffen und den weiteren Verkehr mit dem Gannef abzubrechen, wenn er ihn, wie er bereits jetzt schon vermutete, unverbesserlich finden sollte.

Da Dawkins nicht vor Einbruch der Nacht in London eintreffen wollte, so wurde es fast elf Uhr, als sie den Schlagbaum von Islington erreichten. Der Gannef riet Oliver, sich dicht hinter ihm zu halten, und eilte durch ein Gewirr kleiner Straßen und Gäßchen mit einer Geschwindigkeit, daß unser Held mächtig aufpassen mußte, um ihn nicht aus den Augen zu verlieren.

Trotzdem konnte sich Oliver nicht enthalten, ein paar hastige Blicke auf seine Umgebung zu werfen. Er befand sich jetzt an einer Stelle, wie er sie nie armseliger und schmutziger gesehen hatte. Die sich bergab ziehende Straße war schmal und dreckig und ihre Luft mit Gestank erfüllt Er konnte zwar ziemlich viel kleine Läden bemerken, aber die einzigen Warenvorräte schienen in Haufen von Kindern zu bestehen, die sogar in dieser späten Stunde vor den Türen herumkrochen. Die einzigen Stellen, die in dieser Atmosphäre gediehen, waren die Kneipen, in denen sich die niedrigste Klasse der Irländer mit Schimpfen und Raufen unterhielt. Bedeckte Gänge und Höfe, die sich von der Hauptstraße abzweigten, führten zu kleineren Häusergruppen, wo sich betrunkene Männer und Frauen buchstäblich im Kote wälzten. Aus dem Schatten der Torwege lösten sich große, verdächtig aussehende Kerle, die nichts Gutes im Schilde zu führen schienen, und schlichen scheuen Blicks über die Straße.

Sie waren am oberen Ende der Straße angelangt, und Oliver überlegte gerade, ob es nicht besser sei, davonzulaufen, als ihn sein Führer am Arm ergriff und durch die offene Tür in ein Haus in der Nähe der Field Lane zog. Sobald sie drin waren, schloß Dawkins die Tür ab.

„Der Gannef pfiff und antwortete auf eine Stimme von unten: „Was ist los?“

„Gannoven(*Spitzbuben*)!“

Unmittelbar darauf zeigte sich am hinteren Ende des Ganges ein schwacher Lichtschein, und das Gesicht eines Mannes erschien am zerbrochenen Geländer einer alten Kellertreppe.

„Ihr seid zwei, wer ist der andere?“

„Ein neuer Kumpel(*Kamerad*)“,.versetzte Jack Dawkins und stieß Oliver vorwärts.

„Wo kommt er her?“

„Aus der Fremde. Ist Fagin oben?“

„Ja, er sortiert die Rotzlappen(*seidene Taschentücher*). Geht hinauf.“ Die Kerze und das Gesicht verschwanden.

Oliver stolperte an der Hand Dawkins die Treppe hinauf. Oben angelangt, öffnete dieser die Tür eines Hinterzimmers und zog Oliver hinein.

Die Wände und die Decke des Gemachs waren von Alter und Schmutz ganz schwarz. Auf einem elenden Tisch brannte eine Kerze, die in den Hals einer Bierflasche gesteckt war. Über dem Feuer hing eine Bratpfanne, in der einige Würste prasselten, und daneben stand, eine Gabel in der Hand, ein alter, zusammengeschrumpfter Jude, dessen spitzbübisches Gesicht von verfilztem, rotem Haar umrahmt war. Er hatte einen schmierigen flanellenen Schlafrock an und schien seine Aufmerksamkeit zwischen der Bratpfanne und einem Kleiderständer zu teilen, auf dem eine Anzahl seidener Taschentücher hing. Um den Tisch saßen vier oder fünf Jungen, keiner älter als der Gannef, und rauchten aus langen Tonpfeifen Tabak und tranken Schnaps wie Alte. Sie drängten sich um Dawkins, als dieser dem Juden etwas zuflüsterte, und grinsten dann Oliver an.

„Das ist er, Fagin“, sagte Jack Dawkins laut; „mein Freund, Oliver Twist.“

Der Jude grinste, machte Oliver eine tiefe Verbeugung, nahm seine Hand und sagte, er freue sich, seine Bekannt,schaft gemacht zu haben. Hierauf umringten ihn die rauchenden jungen Herren und schüttelten ihm kräftig die Hände. Einer war besorgt, ihm die Mütze abzunehmen und aufzuhängen, während ein anderer seinen Diensteifer so weit trieb, ihm in die Taschen zu greifen, um ihm die Mühe zu ersparen, sie vor Schlafengehen auszuleeren. Hätte der Jude nicht mit der Gabel die Köpfe der liebenswürdigen Jünglinge bearbeitet, so hätten sich deren Höflichkeiten noch viel weiter erstreckt.

„Wir freuen uns alle sehr, dich kennenzulernen, Oliver“, sagte der Jude. „Gannef, nimm die Würste weg und laß Oliver an den Kamin, damit er sich wärmen kann. Du guckst nach den Taschentüchern, Liebling? Sind ’ne ganze Menge, nicht wahr? Wir haben sie für die Wäsche zusammengesucht, das ist alles, Oliver, ja, das ist alles! Ha! Ha! Ha!

In das Gelächter stimmten die hoffnungsvollen Schüler des alten Herrn laut ein. Dann setzte man sich zu Tisch.

Als Oliver seinen Teil gegessen, reichte ihm der Jude ein Glas Grog und ließ es ihn sogleich austrinken, weil noch ein anderer des Glases bedürfe. Nachdem Oliver dies getan, fiel er in einen tiefen Schlaf und wurde von seinem Freunde Jack auf ein aus alten Säcken bereitetes Lager getragen.

Enthält weitere Mitteilungen über den spaßhaften alten Herrn und seine hoffnungsvollen Schüler

Oliver erwachte am nächsten Morgen erst spät aus einem langen und festen Schlafe. Es befand sich nur noch der alte Jude im Zimmer, der sich zum Frühstück Kaffee kochte und leise vor sich hinpfiff. Oliver schlief zwar nicht mehr, er war aber auch noch nicht hellwach. Er sah mit halbgeschlossenen Augen den Juden und hörte sein leises Pfeifen.

Als der Kaffee fertig war, setzte der Alte die Pfanne auf den Kaminrost und stand einige Minuten unschlüssig da, als ob er nicht wisse, was er nun machen solle. Er drehte sich nach Oliver um und rief ihn an. Dieser antwortete jedoch nicht, sondern schien zu schlafen.

Der Jude beruhigte sich hierbei und verriegelte leise die Tür. Dann hob er eine Diele hoch und brachte ein Kästchen zum Vorschein, das er behutsam auf den Tisch stellte. Seine Augen funkelten, als er es öffnete und hineinsah. Er zog einen alten Stuhl an den Tisch, setzte sich und nahm eine herrliche, mit Brillanten besetzte, goldene Uhr heraus.

„Aha“, sagte der Jude, indem sich sein Gesicht zu einem scheußlichen Grinsen verzog, „verflucht schlaue Hunde! – Dichte gehalten bis zuletzt! Dem alten Pfaffen nicht das Versteck verpfiffen! Alten Fagin nicht reingelegt. Nu, was hätt’s auch genützt? Wären dem Strick doch nicht entgangen. Nein, nein, nein! Brave Jungens!“

Unter diesen und ähnlichen halblaut gesprochenen Betrachtungen legte der Jude die Uhr wieder behutsam an ihre Stelle zurück und holte dann wenigstens ein halbes Dutzend andere aus dem Kästchen, die er alle mit dem gleichen Vergnügen betrachtete. Dann kam die Reihe an Ringe, Busennadeln, Armbänder und solche Kostbarkeiten, die Oliver nicht einmal mit Namen kannte. Zuletzt nahm der Alte ein ganz kleines Geschmeide heraus. Es schien sich eine schwer zu lesende Inschrift darauf zu befinden, denn :der Jude legte es auf den Tisch, beschattete es mit der Hand und brütete lange darüber. An dem Gelingen seines Versuches verzweifelnd, lehnte er sich schließlich in seinen Stuhl zurück und murmelte vor sich hin:

„Es ist doch was Schönes ums Hängen! Tote bereuen nicht und machen keine Dummheiten. Plaudern auch nichts aus. Das ist gut fürs Geschäft. Fünf aufgehängt der Reihe nach, und keiner übriggeblieben, mich zu verpfeifen.“

Plötzlich fielen des Alten Augen auf Oliver, dessen Blicke in stummer Neugier auf ihn gerichtet waren. Er warf den Deckel des Kästchens hastig zu und ergriff das auf dem Tische liegende Brotmesser, dabei zitterte er am ganzen Körper.

„Was ist das?“ schrie Fagin. „Warum beobachtest du mich? Warum bist du wach? Was hast du gesehen? Rede, Junge, schnell, wenn dir dein Leben lieb ist.“

„Ich konnte nicht länger schlafen, Herr“, erwiderte Oliver demütig. „Es tut mir sehr leid, wenn ich Sie gestört habe.“

„Bist du nicht schon seit einer Stunde wach?“ fragte der Jude mit finsterem Blick.

„Nein, Herr, bestimmt nicht“, antwortete Oliver.

„lst’s auch wahr?“ versetzte der Jude, und er nahm eine noch drohendere Haltung ein.

„Auf mein Wort, es ist wahr, ich bin wirklich nicht wach gewesen“, entgegnete Oliver ernst.

„Schon gut, schon gut, mein Lieber!“ sagte der Jude, indem er sein früheres Wesen wieder annahm. Er spielte noch ein wenig mit dem Messer, ehe er es weglegte, um Oliver glauben zu machen, er hätte es nur aus Zerstreuung in die Hand genommen. „Ich wußte das schon vorher und wollte dir nur einen kleinen Schreck einjagen. Du bist ein braver Junge. Ha! ha! du bist ein braver Junge, Oliver.“ Er rieb sich kichernd die Hände, guckte aber unruhig nach dem Kästchen hin.

„Hast du etwas von den hübschen Sachen gesehen, Liebling?“ sagte dei Jude nach einer kurzen Pause und legte die Hand auf das Kästchen.

„Ja, Herr“, erwiderte Oliver.

„Ach!“ rief erblassend der Jude. „Sie sind – ja sie sind mein Eigentum, Oliver, mein winziges Eigentum, mein alles für meine alten Tage. Die Leute nennen mich einen Geizhals. Ja, das tun sie.“

Oliver dachte, der alte Herr müßte tatsächlich ein rechter Geizhals sein, sonst würde er nicht so elend wohnen. Dann fiel ihm aber ein, daß die Fürsorge für den Gannef und die übrigen Jungen ihn ein schönes Geld kosten möge. Oliver fragte nun bescheiden, ob er aufstehen dürfe.

„Gewiß, Liebling“, antwortete der Jude. „Dort in der Ecke steht ein Krug Wasser, hole ihn, ich werde dir eine Waschschüssel geben.“

Oliver tat, wie ihm geheißen, und als er sich umdrehte, war das Kästchen verschwunden. Nachdem er sich gerade gewaschen hatte, trat der Gannef mit einem jungen Kameraden ins Zimmer. Dieser wurde Oliver als Karl Bates förmlich vorgestellt, er war einer von den rauchenden Jungen des gestrigen Abends.

Sie setzten sich zum Frühstück nieder, und der Jude fragte mit einem bedeutungsvollen Blick auf Oliver den Gannef:

„Liebe Kinder, hoffentlich habt ihr heute morgen schon fleißig gearbeitet?`

„Aber mächtig“, entgegnete Dawkins.

„Wie ’n Pferd“, fügte Bates hinzu.

„Ihr seid brave Jungen! Was hast du erwischt, Gannef?“

„Ein paar Brieftaschen.“

„Gespickte?“ fragte der Jude aufgeregt.

„So ziemlich“, sagte Dawkins und holte eine rote und eine grüne aus der Tasche.

Der Alte durchsuchte sie sorgfältig und meinte dann: „Nicht so schwer, als sie hätten sein können, aber schöne Stücke, gediegene Arbeit. Nicht wahr, Oliver?“

„Ja, allerdings, Herr“, erwiderter Oliver. Bei dieser Antwort brach Karl Batees in ein lautes Gelächter aus, zur großen Verwunderung Olivers, der absolut keinen Grund dazu sah.

„Und was hast du mitgebracht?“ fragte Fagin den Karl Bates.

„Rotzlappen“, versetzte der junge Herr; dabei zog er vier Schnupftücher aus der Tasche.

Der Jude besichtigte sie genau und sagte dann: „Sie sind gut, sehr sogar. Aber du hast sie nicht richtig gezeichnet, wir müssen die Buchstaben mit der Nadel wieder auftrennen. Das kann Oliver machen. Willst du? Ha! ha! ha!“

„Gern“, sagte dieser.

„Möchtest du nicht auch so leicht wie Karl Bates Taschentücher besorgen, hättest du Lust, Liebling?“ fragte der Jude.

„Große Lust, wenn Sie es mich lehren wollten, Herr.“

Karl Bates fand in dieser Antwort etwas so unwiderstehlich Komisches, daß er abermals in ein schallendes Gelächter ausbrach. Er wäre dabei fast erstickt, da er gerade den ganzen Mund voll Kaffee hatte. „Er ist doch gar zu naiv!“ sagte Karl gleichsam als Entschuldigung für sein unhöfliches Benehmen. Der Gannef strich Oliver über das Haar und sagte, er würde es schon noch lernen. Als der Jude sah, daß Oliver rot wurde, brachte er das Gespräch auf einen anderen Gegenstand. Er fragte, ob bei der heutigen Hinrichtung viele Leute da waren. Aus den Antworten der beiden Jungen ging hervor, daß sie auch zugeguckt hatten. Oliver wunderte sich deshalb nicht wenig, wie sie trotzdem noch soviel hatten arbeiten können.

Als sie fertig mit Frühstücken waren, spielte der lustige alte Herr mit den beiden Jungen ein gar seltsames Spiel. Der Alte steckte nämlich eine Schnupftabakdose in die eine und eine Brieftasche in die andere Hosentasche. Eine Uhr, die an einer um den Hals geschlungenen Kette hing, brachte er in seiner Westentasche unter. An sein Hemd befestigte er eine unechte Brillantnadel. Dann knöpfte er den Rock fest zu, verstaute sein Brillenfutteral und das Schnupftuch in den Rocktaschen. Mit einem Stock in der Hand, ging er im Zimmer auf und ab, ganz so wie man alte Herren in den Straßen der Stadt umherschlendern sieht. Er blieb hin und wieder bei dem Kamin oder bei der Tür stehen und tat so, als ob er aufmerksam ein Schaufenster besähe. Dabei guckte er sich aber immer um, als wenn er sich vor Dieben fürchtete. Von Zeit zu Zeit klopfte er auf die Taschen, um sich zu überzeugen, daß er nichts verloren habe. Er meinte die Sache so natürlich, daß Oliver lachen mußte, und zwar lachte er derart, daß ihm die Tränen über die Backen liefen. Die ganze Zeit über waren die beiden Jungen dem alten Herrn gefolgt. Sobald er sich jedoch umdrehte, zogen sie sich mit unnachahmlicher Geschwindig;keit zurück. Schließlich trat ihm der Gannef auf die Zehen, oder strauchelte wie zufällig über seinen Stiefel, während Karl Bates ihn von hinten anrempelte. In diesem Augenblick entwendeten sie ihm mit außerordentlicher Geschicklichkeit Schnupftabaksdose, Brieftasche, Busennadel, Uhr, Taschentuch und sogar das Brillenfutteral. Fühlte der alte Herr eine Hand in einer seiner Taschen, so kündigte er das durch einen Schrei an, und das Spiel begann von neuem.

Das war so eine ganze Weile fortgegangen, als ein paar Damen erschienen, die die jungen Herren besuchen wollten. Eine hieß Bet, die andere Nancy. Sie hatten üppiges Haar, waren aber nicht ordentlich frisiert. Ihre Schuhe und Strümpfe waren im schlechten Zustande. Hübsch konnte man die Mädchen eigentlich nicht nennen, aber sie hatten ein frisches Aussehen und sympathische Gesichtszüge. Auch benahmen sie sich so gefällig und ungezwungen, daß sie Oliver für recht artige Mädchen hielt, was sie ohne Zweifel auch waren.

Die Besucherinnen blieben ziemlich lange. Man trank Schnaps und die Unterhaltung wurde bald sehr heiter und lebhaft. Schließlich meinte Karl, es wäre Zeit sich auf die Socken zu machen, was nach Olivers Vermutung ein französischer Ausdruck für Ausgehen sein mußte, denn unmittelbar danach brachen alle vier auf, nachdem der freundliche alte Jude ihnen noch vorher reichlich Geld gegeben hatte.

Als sie fort waren, sagte Fagin:

„Nicht wahr, das ist ein lustiges Leben?“

„Haben sie denn ihre Arbeit schon getan?“

.Ja`, erwiderte der Jude, „das heißt, wenn sie nicht zufällig unterwegs neue bekommen. Die nehmen sie natürlich mit, darauf kannst du dich verlassen. An denen kannst du dir ein Beispiel nehmen, besonders an dem Gannef. Der wird noch mal werden ein großer Mann und auch dich zu einem machen, wenn du ihm dir nimmst zum Vorbilde. – Hängt mir übrigens das Schnupftuch aus der ‚Tasche?“

„Jawohl.“

„Versuch’s mal herauszuziehen, ohne daß ich es merke. Du hast ja heute mittag gesehen, wie man es machen muß.“‚

Oliver machte es so, wie er es beim Gannef gesehen hatte.

„Hast du es?“ fragte der Jude.

„Hier ist es, Herr.“

„Du bist ein gewandter Bursche“, sagte der alte Herr und fuhr mit der Hand über Olivers Haar. „Ich habe niemals einen gelehrigeren Jungen gesehen. Hier hast n‘ Schilling. Fahr nur weiter so fort, dann wirste noch werden der größte Mann deiner Zeit. – Und nun werde ich dir zeigen, wie man die Namen aus den Schnupftüchern macht.“

Oliver konnte nicht recht begreifen, wie er dadurch, daß er dem alten Herrn im Scherze das Schnupftuch aus der Tasche gezogen hatte, ein großer Mann werden könne. Er dachte aber, der Jude müsse das besser wissen, war dieser doch um soviel älter als er. Er machte sich also unbekümmert daran, die Buchstaben aus den Taschentüchern zu entfernen.

Oliver lernt seine neuen Bekannten besser kennen und muß die Erfahrung teuer bezahlen

Oliver blieb eine Reihe von Tagen dauernd im Zimmer des Juden und fing an, sich nach frischer Luft zu sehnen. Er machte die Zeichen aus den Taschentüchern heraus, die in ziemlich großer Zahl ins Haus gebracht wurden. Hin und wieder nahm er auch an dem erwähnten Spiel teil, das Fagin regelmäßig jeden Morgen mit den beiden Jungen aufführte. Oliver hatte den alten Herrn verschiedenemal gebeten, mit Jack und Karl gemeinsam auf Arbeit ausgehen zu dürfen, endlich erhielt er die ersehnte Erlaubnis. Da seit einigen Tagen keine Schnupftücher da waren, an denen Oliver hätte arbeiten können, so gab der alte Herr wohl aus diesem Grunde seine Zustimmung.

Die drei Jungen zogen los und schlenderten gemächlich die Straße-entlang. Oliver fand keinen Geschmack an dem langsamen Gang seiner Genossen und kam auf die Vermutung, daß sie den alten Herrn betrögen und der Arbeit aus dem Wege gingen. Der Gannef hatte außerdem noch die üble Gewohnheit, kleinen Jungen die Mütze vom Kopf zu reißen, während Karl Bates ziemlich freie Ansichten hinsichtlich des Eigentumsrechts an den Tag legte. Von den Ständen der Straßenhändler ließ er hier einen Apfel, dort eine Zwiebel verschwinden. Dies mißfiel unserm Oliver so sehr, daß er gerade zu erklären beabsichtigte, er wolle nach Hause gehen, als er durch das eigenartige Benehmen des Gannefs von diesem Vorhaben abgebracht wurde. Dieser stand plötzlich still, legte den Finger an die Lippen und hielt seine Genossen zurück.

„Was ist los?“ fragte Oliver.

„Pst!“ machte der Gannef. „Siehst du jenen alten Knacker-an der Bücherbude?“

„Den alten Herrn da drüben? Ja, den sehe ich.“

„Bei dem wollen wir arbeiten“, sagte Dawkins.

„Scheint erstklassig zu sein“, bemerkte Karl.

Oliver guckte in größter Überraschung von einem auf den anderen. Die beiden Jungen gingen unauffällig auf die andere Straßenseite und schlichen sich dann dicht hinter den alten Herrn. Oliver harrte mit stummer Verwunderung der weiteren Vorgänge.

Der alte Herr schien den besseren Kreisen anzugehören, trug Puder in den Haaren und hatte eine goldene Brille auf. Er hatte sich aus einem Regal ein Buch genommen und sich so ins Lesen vertieft, als säße er zu Hause in seinem Lehnstuhl. Möglich, daß er dort zu sein wähnte,.denn er war offensichtlich durch die Lektüre so abgelenkt, daß er weder für die Straße noch für die Jungen ein Auge übrig hatte.

Man denke sich Olivers Entsetzen, als er sah, wie der Gannef dem alten Herrn das Schnupftuch aus der Tasche zog und es dann Karl Bates zusteckte. Im Augenblick war ihm das Geheimnis der Taschentücher, der Uhren und Kleinodien des Juden klar. Als er die beiden wegrennen sah, fing er auch aus Leibeskräften zu laufen an. Doch gerade als Oliver Reißaus nahm, griff der alte Herr nach seinem Tuch in die Tasche und wandte sich rasch um, als er es nicht finden konnte. Wie er nun den Jungen so Hals über Kopf davonlaufen sah, kam er auf den naheliegenden Gedanken, daß dieser ihn bestohlen hätte. Das Buch in der Hand haltend, lief er mit dem Ruf: „Haltet den Dieb!“ hinter ihm her. Doch. er war nicht der einzige, der dieses Geschrei erhob. Der Gannef und Karl Bates hatten, um nicht durch Rennen aufzufallen, sich in den ersten besten Torweg an der Ecke zurückgezogen. Sobald sie das Gebrüll: „Haltet den Dieb“ vernahmen und Oliver laufen sahen, errieten sie schnell den Zusammenhang. Sie schlossen sich dessen Verfolgern an und riefen kräftig mit.

„Haltet den Dieb! Haltet den Dieb!“ Es liegt ein Zauber in diesem Rufe. Der Krämer verläßt seinen Ladentisch, der Kutscher seinen Wagen, der Schlächter seine Fleischbank, der Bäcker seinen Trog, der Milchmann seine Kannen, der Junge seine Murmel, der Steinsetzer seine Ramme, der Straßenhändler seinen Karren und das Kind seine Fibel. Alles eilt, Hals über Kopf, im hellen Haufen fort, schreit, brüllt, überrennt ruhige Spaziergänger und macht die Hunde wild. Straßen, Gassen, Höfe – alles hallt von dem Rufe wider.

„Haltet den Dieb! Haltet den Dieb!“ Die Leidenschaft, etwas zu jagen, ist der menschlichen Brust tief eingepflanzt. Ein armes, atemloses Kind, keuchend vor Erschöpfung, Todesangst im Auge und große Schweißtropfen im Gesicht, strengt alle seine Kräfte an, den Verfolgern einen Vorsprung abzugewinnen. Man läßt aber nicht von ihm ab. Jeden Augenblick rückt man ihm näher. Je mehr seine Kräfte sinken, desto lauter wird der Lärm, das Gebrüll und der Ruf: „Haltet den Dieb!“

Endlich ist er eingeholt, niedergeschlagen und liegt auf dem Pflaster. Die Menge drängt sich um ihn. Jeder will den Verbrecher sehen.

„Tretet zurück!“ „Laßt ihn doch zu Atem kommen!“

„Ach was, er verdient es nicht!“ „Wo ist der Herr?“

„Da. er kommt die Straße herunter.“ „Platz für den Herrn!“ „Ist das der Junge, Herr?“ „Ja.“

Oliver lag, ganz beschmutzt, mit blutendem Munde da. Er blickte verwirrt auf die ihn umgebende Menge.

„Ja, ich fürchte, daß er es ist“, wiederholte der alte Herr. „Der arme Junge hat sich sicher verletzt.“

„Das war ich, Herr“, sagte ein großer, ungeschlachter Kerl „Ich schlug ihn in die Fresse, daß er hinfiel.“

Der Bursche griff grinsend an seine Mütze und erwartete wohl eine Belohnung für seine Tat. Der alte Herr warf ihm jedoch einen Blick des Abscheus zu und sah sich ängstlich um, als ob er selbst davonzulaufen gedächte. Da kam endlich ein Polizist, wie denn bei solchen Anlässen die Polizei gewöhnlich immer zuletzt kommt. Er hatte sich einen Weg durch die Menge gebahnt und packte Oliver nun beim Kragen.

„Aufgestanden“, brüllte er.

„Ich bin’s wirklich nicht gewesen, Herr. Es waren zwei andere Jungen“, sagte Oliver mit gefalteten Händen, dann sah er sich um: „Sie müssen hier in der Nähe sein.“

„Ach nein, es ist keiner da“, sagte der Polizist. Er meinte es ironisch, dabei war es die reine Wahrheit, denn der Gannef und Karl Bates hatten sich bei der ersten Gelegenheit, aus dem Staube gemacht. „Steh auf!“

„Ach, tun Sie ihm nichts“, sagte der alte Herr mitleidig.

„Ich tue ihm schon nichts“, antwortete der Polizist und riß ihm zum Beweise dafür die Jacke beinahe vom Leibe. „Nun komm schon! Donnerwetter, steh auf, du kleiner Strolch, du!“

Oliver versuchte mühsam aufzustehen‘, er konnte sich kaum auf den Beinen halten. Der Polizist packte ihn beim Kragen und zerrte ihn im Laufschritt durch die Straßen. Der alte Herr ging neben dem Polizisten her und eine johlende Menge begleitete die drei auf ihrem Weg.

Handelt von dem Polizeirichter Herrn Fang und gibt eine kleine Probe seiner Gerechtigkeit

Das Vergehen war in der unmittelbaren Nachbarschaft eines sehr bekannten Polizeiamtes der Hauptstadt begangen. Die johlende Menge hatte daher nur das Vergnügen, Oliver durch zwei oder drei Straßen zu begleiten. Angekommen, wurde Oliver in eine furchtbar schmutzige Zelle gesperrt. Der alte Herr sah, als.sich der Schlüssel in dem Schlosse drehte, fast ebenso kläglich wie Oliver aus. Mit einem tiefen Seufzer blickte er auf das Buch, das die unschuldige Ursache dieses aufregenden Auftritts gewesen war.

„Es ist etwas im Gesicht des Jungen“, sagte der alte Herr gedankenvoll zu sich selbst, „ein Ausdruck ist darin, der mich rührt und mich für ihn einnimmt. Sollte er nicht unschuldig sein? Er sah aus, wie – ja wie –“, hier hielt der alte Herr plötzlich inne; „Herrgott im Himmel, wo habe ich ein ähnliches Gesicht früher schon mal gesehen?“

Der alte Herr sann einige Augenblicke nach und trat dann in ein Wartezimmer des Polizeiamtes. Hier zog er sich in einen Winkel zurück und ließ eine Reihe von Gesichtern an seinem geistigen Auge vorbeiziehen. „Nein, es muß Einbildung sein“, sagte der alte Herr, den Kopf schüttelnd. Er stieß einen Seufzer aus und vertiefte sich wieder in die alte Schwarte.

Ein Gerichtsdiener berührte ihn an der Schulter und ersuchte ihn, ihm ins Amtszimmer zu folgen. Er schloß eilig das Buch und stand alsbald dem berühmten Herrn Fang gegenüber.

Das Amtszimmer lag nach vorn hinaus und hatte getäfelte Winde. Herr Fang saß am oberen Ende hinter einer Schranke. Neben der Tür war ein hölzerner Verschläg in dem sich bereits der arme, am ganzen Körper zitternde Oliver befand. Herr Fang war ein Mann von mittlerer Größe. Mager, glatzköpfig, hatte er ein finsteres, stark gerötetes Gesicht. Wenn er wirklich nicht mehr trank, alt ihm zuträglich war, so hätte er gegen sein Gesicht eine Verleumdungsklage anstrengen können. Beträchtlicher Schadenersatz wäre ihm sicher gewesen.

Der alte Herr verbeugte sich höflich, trat an das Pult und überreichte seine Karte. Zufälligerweise las Herr Fang gerade in der Zeitung einen Artikel, der eine seiner neuen Entscheidungen abfällig besprach. Er war daher höchst übel gelaunt und guckte ärgerlich auf.

„Wer sind Sie?“ herrschte er den alten Herrn an.

Der alte Herr wies etwas überrascht auf seine Karte.

„Gerichtsdiener“, sagte Herr Fang, indem er mit der Zeitung die Karte verächtlich vom Pult fegte, „wer ist dieser Mensch?“

Mein Name“, sagte der alte Herr würdig, „mein Name, Herr, ist Brownlow. Gestatten Sie mir nun auch, nach dem Namen des Richters zu fragen, der ohne irgendeinen Anlaß einen anständigen Mann so beleidigend behandelt.“

„Gerichtsdiener!“ fuhr Herr Fang unbeirrt fort, „wessen ist dieser Bursche angeklagt?“

„Euer Gnaden, er ist kein Angeklagter, sondern tritt als Kläger gegen diesen jungen auf“, erwiderte der Gerichtsdiener.

Seine Gnaden wußten das sehr gut, konnten jedoch auf diese Weise ohne Gefahr unverschämt werden.

„Tritt als Kläger gegen den Jungen auf, – so, so!“ sagte Herr Fang und maß Brownlow mit einem verächtlichen Blick. – „Nehmen Sie ihm den Eid ab.“

„Ehe man mich vereidigt, bitte ich ein paar Worte sagen zu dürfen“, sprach Herr Brownlow: „närnlich, daß ich nie geglaubt hätte, wäre es mir nicht selbst passiert –“

„Halten Sie den Mund, Herr!“ rief Herr Fang im Befehlston.

„Nein, Herr“, versetzte der alte Herr.

„Wenn Sie nicht augenblicklich den Mund halten, lasse ich Sie hinausführenl“ brüllte Herr Fang. „Sie sind ein ganz unverschämter Mensch. Wie können Sie es wagen, einen Richter anzuschnauzen?“

„Was sagen Sie da?“ rief der alte Herr puterrot.

„Vereidigen Sie den Menschen!“ sagte Fang zu einem Schreiber. „Ich will nichts mehr hören. Vereidigen Sie ihn.“

Herrn Brownlows Entrüstang war aufs höchste gestiegen, und er wollte seinen Gefühlen auch Luft machen. Da er aber befürchtete, damit Oliver zu schaden, so unterdrückte er sie und ließ sich vereidigen.

„Nun“, beginn Herr Fang, „wessen wird der Junge beschuldigt. Was haben Sie vorzubringen, Herr?“

„Ich stand an einer Bücherbude –“

»Schweigen Sie, Herr!“ unterbrach ihn Herr Fang. „Wo ist der Polizist? Hier, vereidigen Sie den Polizisten. Nun, was wissen Sie von der Sache?“

Der Polizist berichtete mit gebührender Unterwürfigkeit, was ihm von der Anklage bekannt geworden war. Er habe auch Oliver untersucht und nichts bei ihm gefunden. Weiter könne er nichts angeben.

„Sind Zeugen da?“ fragte Herr Fang.

„Nein, Euer Gnaden“, erwiderte der Polizist.

Herr Fang saß einige Minuten schweigend da, wandte sich dann an den Kläger und sprach mit immer zunehmender Heftigkeit:

„Wollen Sie nun endlich sagen, wessen Sie diesen Knaben beschuldigen? Sie haben geschworen. Wenn Sie Ihr Zeugnis verweigern, so werde ich Sie wegen Nichtachtung des Gerichts in Strafe nehmen. Ja, das will ich bei –“

Bei wem oder bei was ließ sich nicht vernehmen, denn der Schreiber und der Gefängniswärter brachen in diesem Augenblick in ein lautes Husten aus. Ersterer ließ auch noch ein schweres Buch auf die Erde fallen, zufällig natürlich, so daß man das Wort nicht verstehen konnte.

Unter mancherlei Unterbrechungen und wiederholten Beleidigungen gelang es endlich Herrn Brownlow, den Tatbestand auseinanderzusetzen. Er drückte dabei den Wunsch aus, daß das Gericht so nachsichtig, als es das Gesetz erlaube, mit dem Jungen verfahren möchte. „Er ist bereits verletzt“, schloß der alte Herr seine Ausführungen, „und ich fürchte, er fühlt sich gar nicht wohl.“

„Ich glaube es auch“, sagte Herr Fang höhnisch lächelnd. „Höre mal, du kleiner Landstreicher, mach hier kein Theater, damit kommst du bei mir nicht durch. Wie heißt du?“

Oliver wollte antworten, konnte aber keinen Ton herausbringen. Er wurde leichenblaß, und alles schien sich um ihn zu drehen.

„Wie heißt du, verstockter Lümmel?“, schrie ihn Herr Fang wiederholt an. „Gerichtsdiener, wie heißt er?“

Dieser, ein alter Mann, beugte sich über Oliver und wiederholte die Frage. Als er fand, daß der Junge tatsächlich außerstande war zu antworten, nannte er, um den Richter nicht noch wütender zu machen, aufs Geratewohl einen Namen.

„Er sagt, er heiße Tom White, Euer Gnaden!“

„Wo wohnt er?“ fuhr Herr Fang fort.

„Wo er kann, Euer Gnaden“, antwortete der Gerichtsdiener, indem er sich so anstellte, als spräche er Oliver nach.

„Hat er Eltern?“ fragte Herr Fang.

„Er sagt, sie seien in seiner frühesten Jügend gestorben, Euer‘ Gnaden“, entgegnete der Gerichtsdiener, indem er auf gut Glück die in solchen Fällen übliche Antwort gab.

Oliver hob jetzt den Kopf hoch, sah mit flehenden Blicken um sich, und bat leise um einen Schluck Wasser.

„Quatsch!“ sagte Herr Fang. „Willst mich wohl zum Narren halten?“

„Ich glaube, ihm ist wirklich schlecht, Euer Gnaden“, wandte der Gerichtsdiener ein.

„Ich weiß das besser“, brülIte Herr Fang.

„Halten Sie ihn, Gerichtsdiener“, rief der alte Herr, unwillkürlich die Hände ausstreckend, „er fällt gleich.“

„Nichts da, Gerichtsdiener“, schrie Herr Fang, „lassen Sie ihn fallen, wenn er Lust hat.“

Oliver machte von dieser gütigen Erlaubnis Gebrauch und fiel ohnmächtig zu Boden.

„Ich wußte, daß es Verstellung war“, sagte Herr Fang. „Laßt ihn liegen, er wird’s bald müde werden!“

„Wie gedenken Sie in diesem Falle zu verfahren, Herr?“ frägte leise der Gerichtsschreiber.

„Summarisch“, antwortete Herr Fang. Er wird drei Monate eingesperrt –, natürlich mit harter Arbeit. Schafft ihn fort!“

Einige Beamte schickten sich gerade an, den bewußtlosen Oliver in seine Zelle zu tragen, als ein ältlicher Mann von anständigem, aber erbärmlichem Äußern atemlos ins Zimmer stürzte und vor den Richter trat:

„Halt, halt! Tragt ihn noch nicht fort. Um Himmels willen, wartet einen Augenblick!“

„Was ist los? Wer sind Sie? Hinaus mit dem Menschen. Räumt den Gerichtssaal!“ schrie Herr Fang.

„Ich will aussagen“, rief der. Mann .“Ich lasse mich nicht hinauswerfen. Ich sah alles mit an. Ich bin der Besitzer der Bücherbude. Ich verlange vereidigt zu werden. Ich lasse mich nicht abweisen. Sie müssen mich anhören, Herr Fang. Sie dürfen mein Zeugnis nicht ablehnen!“

Der Mann war in seinem Rechte und trat bestimmt auf. Man konnte nicht darüber hinweggehen.

„Lassen. Sie den Menschen schwören“, knurrte Herr Fang mürrisch. „Nun, was haben Sie zu bekunden?“

„Folgendes. Ich sah drei Jungen – diesen hier und zwei andere – auf der anderen Seite der Straße dahinschlendern, als dieser Herr vor meiner Bude stand und las. Der Diebstahl wurde von einem anderen Jungen begangen. Ich habe es genau gesehen und auch bemerkt, daß dieser Junge hier darüber ganz erstaunt und wie vor den Kopf geschlagen war!“

„Warum kamen Sie nicht schon früher?“ fragte Fang nach einer Pause.

„Ich bin allein in meiner Bude und hatte keine Vertretung. Erst vor fünf Minuten konnte ich jemand auftreiben und bin dann Hals über Kopf hierhergeeilt.“

„Also der Ankläger las, nicht wahr?“, fragte Fang nach einer weiteren Pause.

„Ja“, erwiderte der Mann, „im selben Buche, das er jetzt noch in der Hand hat!“

„So – in diesem Buch? Ist es denn bezahIt?“erkundigte sich Herr Fang.

„Nein, noch nicht“, erwiderte der Buchhändler mit einem kleinen Lächeln.

„Himmel, das habe ich über der Geschichte hier ganz vergessen“, sagte der zerstreute alte Herr ganz unbefangen.

„Ein feiner Mann, aber eine Klage gegen einen armen Jungen vorbringen“, sagte Herr Fang und bemühte sich krampfhaft, eine menschenfreundliche Miene anzunehmen.

„Nach meiner Ansicht haben Sie sich unter sehr verdächtigen Umständen in den Besitz dieses Buches gesetzt und dürfen sich beglückwünschen, wenn der Eigentümer keine Anklage gegen Sie erhebt. Lassen Sie sich das zur Warnung dienen, sonst möchte das Gesetz einmal gegen Sie in Anwendung kommen. Der Junge ist freizulassen. Räumen Sie den Saal.“

„Donnerwetter“, schrie der alte Herr. Der so lange aufgespeicherte Zorn kam nunmehr zum Ausbruch. „Donnerwetter, ich will –“

„Gerichtsdiener! Räumen Sie den Saal! Hören Sie?“ brüllte der Richter.

Man führte den entrüsteten alten Herrn, der ein Bild der Wut und des Trotzes darbot, schnell auf den Hof heraus. Dort fand er den kleinen Oliver auf dem Steinpflaster liegend, sein Gesicht war leichenblaß, und ein krampfartiges Zittern ging durch seinen Körper. „Armes Kind!“ sagte Herr Brownlow, als er sich über ihn beugte. „Will niemand so gut sein und mir einen Wagen holen?“ Man holte einen und bettete Oliver auf einen Sitz, während Herr Brownlow auf dem anderenPlatz nahm.

„Darf ich Sie begleiten?“ fragte der Buchhändler.

„Himmel, ich hatte Sie ganz vergessen. Steigen Sie ein, lieber Freund. Und das unglückliche Buch habe ich auch noch. Der arme Junge! Geschwind, es ist keine Zeit zu verlieren.“

Nachdem der Buchhändler in den Wagen geklettert war, zogen die Pferde an.

In dem für Oliver besser gesorgt wird als je. Die Erzählung geht zu dem lustigen alten Herrn und seinen hoffnungsvollen Schülern zurück.

Nach ziemlich langer Fahrt hielt.die Kutsche vor einem hübschen Hause in einer ruhigen Straße, unweit Pentonville. Herr Brownlow ließ für seinen Schützling rasch ein Bett herrichten und sorgte für ihn mit einer Aufmerksamkeit, die keine Grenzen kannte.

Oliver blieb jedoch viele Tage für die Wohltaten seiner neuen Freunde unempfindlich. Ein starkes Fieber zehrte an seiner Kraft. Schwach, abgemagert und blaß erwachte er endlich wie aus einem langen, wüsten Traume. Er richtete sich mit Mühe in seinem Bette auf und blickte sich ängstlich um.

„Wo bin ich? Wer hat mich hergebracht?“ murmelte er leise. Der Vorhang vor seinem Bett wurde schnell zurückgezogen, und eine mütterliche alte Frau näherte sich ihm.

„Still, Liebling“, sagte die alte Dame sanft. „Du mußt dich ganz ruhig verhalten, sonst wirst du wieder kränker. Leg dich nur brav wieder hin.“ Mit diesen Worten drückte sie ihn sanft in die Kissen zurück. Drauf strich sie ihm das Haar aus der Stirn und schaute ihm so gütig und wohlwollend ins Gesicht, daß er sich nicht enthalten konnte, seine abgemagerten Händchen auf ihre zu legen und sie dann um seinen Nacken zu schlingen.

„Lieber Gott“, sagte die Frau mit Tränen in den Augen, „wie dankbar der Kleine ist. Was würde wohl seine Mutter fühlen, wenn sie so wie ich an seinem Krankenbette gesessen hätte und ihn jetzt sehen könnte.“

„Vielleicht sieht sie mich“, flüsterte Oliver und faltete die Hände. „Vielleicht hat sie bei mir gesessen. Mir ist ganz so, als ob sie hier gewesen wäre.“

„Das war das Fieber, Liebling“, sagte die alte Dame sanft.

„Wahrscheinlich“, erwiderte Oliver, „denn der Himmel ist weit weg, und man ist dort zu glücklich, als daß Engel an das Bett eines armen Jungen herunterkommen sollten. Aber wenn meine Mutter wußte, daß ich krank war, so mußte sie doch selbst im Himmel mit mir Mitleid haben. Denn sie war selbst sehr krank, ehe sie starb. Aber vielleicht weiß sie nichts von mir“, fügte Oliver nach kurzem Schweigen hinzu, „denn wenn sie gesehen hätte, wie man mich schlug, so muß sie traurig gewesen sein. Ach, ihr Gesicht sah immer so lieb und glücklich aus, wenn ich von ihr träumte.“

Die alte Dame sagte nichts, aber wischte sich gerührt die Augen. Dann streichelte sie ihm die Backen und ermahnte ihn, ganz ruhig zu liegen, damit es nicht wieder schlimmer werde.

Oliver verhielt sich daher still und fiel bald in einen sanften Schlaf. Aus diesem wurde er erst durch einen Herrn geweckt, der an seinem Bette stand und seinen Puls fühlte.

„Nicht wahr, mein Kind, du fühlst dich bedeutend wohler?“ fragte der Herr.

„Ja, ich danke“, entgegnete Oliver.

„Das wußte ich“, fuhr der Herr fort. Du hast auch Hunger, nicht wahr?“

„Nein, Herr“, antwortete Oliver.

„Hm! Ich wußte ja, du könntest nicht hungrig sein. Er hat keinen Hunger, Frau Bedwin“, sagte der Herr mit weiser Miene.

Die alte Dame neigte ehrfurchtsvoll den Kopf, womit sie andeuten wollte, daß sie den Doktor für einen sehr klugen Mann halte. Der Doktor schien so ziemlich dieselbe Meinung von sich zu haben.

„Du möchtest schlafen, nicht wahr, mein Kind?“ sprach der Doktor.

„Nein, Herr.“

„Nicht?“ versetzte der Doktor mit einem zufriedenen Blick. „Du fühlst dich also nicht schläfrig? Auch nicht durstig, wie?“

„Ja, Herr, durstig sehr.“

„Genau, wie ich’s erwartete, Frau Bedwin“, sagte der Doktor. Es liegt in der Natur der Sache, daß er Durst hat, vollkommen. Sie können ihm etwas Tee geben und eine geröstete Brotschnitte, aber ohne Butter. Halten Sie ihn nicht zu warm, Frau Bedwin, aber passen Sie gut auf, daß er sich nicht erkältet.“

Frau Bedwin knickste, und der Doktor verabschiedete sich. Oliver schlief bald darauf wieder ein, und als er erwachte, war es beinahe Mitternacht. Frau Bedwin sagte ihm freundlich gute Nacht und überließ ihn der Obhut einer dicken alten Frau, die eben gekommen war. Diese erzählte Oliver, daß sie die Nacht bei ihm wachen werde, und setzte sich eine große Nachtmütze aufs Haupt. Nachdem sie sich ihren Stuhl dicht an den Kamin gezogen und ein Gebetbuch vor sich auf den Tisch gelegt hatte, fing sie an einzunicken. In zehn Minuten war sie fest eingeschlafen.

Oliver lag noch einige Zeit wach, dann fiel er in jenen tiefen und ruhigen Schlaf, den nur das Genesungsstadium schwerer Krankheiten zu geben vermag.

Als Oliver die Augen öffnete, war es bereits heller, lichter Tag. Er fühlte sich froh und glücklich. Die Krisis war vorüber, er gehörte wieder der Welt an.

Nach drei Tagen konnte er schon, allerdings durch Kissen gestützt, in einem Lehnstuhl sitzen. Frau Bedwin hatte ihn in ihr eigenes Zimmer bringen lassen und fing vor Freude, ihn auf dem Weg zur Genesung zu sehen, laut zu weinen an.

„Kümmere dich nicht darum, Liebling“, sagte die alte Frau, „ich muß mich einmal recht ausweinen. Jetzt ist schon alles wieder vorüber, und mir ist leichter.“

„Sie sind auch zu gut zu mir“, sagte Oliver.

„Laß gut sein, liebes Kind“, versetzte Frau Bedwin. „Nun ist es aber Zeit, daß du deine Fleischbrühe kriegst. Der Doktor sagte, Herr Brownlow werde dich vielleicht heute vormittag besuchen.“ Sie machte ihm eine kräftige Brühe zurecht und beobachtete dabei, daß Oliver sein Auge aufmerksam auf ein Porträt geheftet hatte, das seinem Stuhle gegenüber an der Wand hing.

„Hast du Bilder gern, Liebling?“ fragte sie.

„Ich weiß nicht, ich habe noch zu wenig gesehen. Aber wie schön und sanft ist das Gesicht der Dame.“

„Ach“, sagte Frau Bedwin, „die Maler machen die Damen immer hübscher als sie sind, sonst würden sie keine Kundschaft kriegen.“

„Stellt es jemand vor?“

„Ja, es ist ein Porträt.“

„Von wem?“ fragte Oliver lebhaft.

„Ja, das kann ich dir nicht sagen. Es scheint dir zu gefallen, Kind?“

„Es ist gar zu schön!“

„Aber du fürchtest dich doch nicht davor?“ sagte Frau Bedwin, als sie verwundert den ängstlichen Blick bemerkte, mit dem das Kind das Gemälde betrachtete.

„O nein“, erwiderte Oliver rasch, „aber die Augen blicken so traurig und sind immer auf mich gerichtet; wo ich auch sitzen mag. Mir ist immer so, als sei das Bild lebendig und wolle mit mir sprechen, könne aber nicht.“

„Um Himmelswillen!“ rief Frau Bedwin aufspringend, „sprich nicht so, Kind. Du bist noch schwach und angegriffen von deiner Krankheit. Ich werde. deinen Sessel herumdrehen, dann kannst du es nicht mehr sehen!“

Oliver sah es jedoch im Geiste so deutlich, ab ob der Sessel nicht gerückt worden wäre. Da er aber die alte Dame nicht kränken wollte, so lächelte er ihr freundlich zu, als sie ihn anblickte. Jetzt ließ sich ein leises Pochen an der Tür vernehmen.

„Herein!“ rief Frau Bedwin, und ins Zimmer trat Herr Brownlpw.

Oliver machte einen vergeblichen Versuch aufzustehen, um seinen Wohltäter zu begrüßen, dem die Tränen in die Augen traten.

„Armer Junge, armer Junge“, sagte er, „wie geht es dir heute?“

„Sehr gut, Herr“, entgegnete Oliver, „und ich danke Ihnen auch für die große Güte, mit der Sie sich meiner angenommen haben.“

„Du bist ein guter Junge“, sagte Herr Brownlow, mit seinen Tränen kämpfend. „Was haben Sie ihm zu essen gegeben, Frau Bedwin? Wohl eine leichte Brühe?“

„Er hat eben einen Teller herrlicher, kräftiger Fleischbrühe bekommen“ sagte Frau Bedwin etwas empfindlich.

„Hm“, meinte Herr Brownlow mit leichtem Achselzucken, „ein paar Gläser Portwein hätten ihm vielleicht besser getan. Wie denkst du darüber, Tom White?“

„Ich heiße Oliver, Herr“, entgegnete der kleine Patient etwas verwundert.

„Oliver?“ fragte Herr Brownlow. „Oliver? – also Olliver White?“

„Nein, Twist. Oliver Twist.“

„Seltsamer Name. Warum sagtest du aber dem Richter, du heißest White?“

„Das habe ich ihm doch nicht gesagt“, erwiderte Oliver erstaunt.

Dies klang wie eine Lüge, so daß der alte Herr ihn strenge ansah. Es war aber unmöglich, die Aussage des Jungen zu bezweifeln, denn auf Olivers Stirn war die Wahrheit geschrieben.

„Ein Mißverständnis also“, bemerkte Herr Brownlow. Er behielt aber Oliver fest im Auge, da der frühere Gedanke einer Ahnlichkeit zwischen seinen Zügen und irgendeinem bekannten Gesicht sich ihm wieder aufdrängte.

„Ich hoffe, Sie sind mir nicht böse?“ sagte Oliver mit bittendem Augenaufschlag.

„Nein, nein – aber – großer Gott, was ist das? Frau Bedwin, sehen Sie – da!“ schrie der alte Herr.

Er deutete hastig auf das Porträt und dann auf Oliver.

Die Ähnlichkeit war sprechend.

Oliver entging die Ursache von Herrn Brownlows plötzlichem Ausruf und hatte einen furchtbaren Schrecken gekriegt. Er war ohnmächtig geworden.

Nachdem der Gannef und sein trefflicher Freund mit Befriedigung festgestellt hatten, daß die Menge in Oliver den vermeintlichen Dieb sah, und für sie nichts mehr zu befürchten war, machten sie sich auf den Heimweg.

„Was wird Fagin sagen?“ meinte der Gannef mit ernstem Gesicht.

„Na, was wird er sagen?“ erwiderte Karl Bates.

„Schließlich den Kopf kann er uns nicht abreißen“, meinte der Gannef. Das sollte ein Trost sein, aber keine Beruhigung. Karl Bates fühlte das auch und wurde nachdenklich.

Einige Minuten nach diesem kurzen Gespräch weckte das Geräusch von Fußtritten auf der knarrenden Treppe den alten Juden aus seinen Betrachtungen. Er war gerade beim Essen.

„Hm, was ist das?“ murmelte er, „ich höre bloß zwei. Wo mag der dritte sein? Sie werden ihn doch nicht geklappt haben? Horch!“

Langsam öffnete sich die Tür, und der Gannef und Karl Bates traten ins Zimmer.

Dem Leser werden einige neue Bekanntschaften vorgestellt, außerdem enthält es verschiedene hübsche Sachen, die zu dieser Geschichte gehören.

„Wo ist Ollver?“ rief der Jude wütend, „wo ist der Junge?“

Die jugendlichen Diebe waren über die Heftigkeit ihres Lehrmeisters so erschrocken, daß sie nicht sofort antworten konnten.

„Was ist aus dem Jungen geworden?“ schrie der Jude und packte den Gannef am Kragen, dabei schreckliche Verwünschungen ausstoßend. „Sprich, oder ich erwürge dich.“

„Die Polente(*Polizei*) hat ihn erwischt – das ist alles“, versetzte der Gannef mürrisch. „Nun lassen Sie mich mal los“, damit befreite er sich aus den Händen des Juden und ergriff äie Bratgabel. Er wollte damit gerade dem Alten zuleibe gehen, als die Tür aufging und ein stämmiger Kerl mit einem weißen, zottigen Hund eintrat.

„Was ist hier los, Fagin?“ Der Sprecher war ein Mann von ungefähr fünfundvierzig Jahren mit einem plumpen, unrasierten Gesicht, in dem zwei düster blickende Augen saßen. Eins davon schillerte in allen Regenbogenfarben, die Folgen eines gutgezielten Faustschlages.

„Warum bist du so aufgeregt, alter Gauner, und willst den Jungen verhauen?“ Er setzte sich bedächtig. „Es wundert mich nur, daß sie dir nicht den Hals abschneiden. Ich würde es an ihrer Stelle tun!“

„Stille, Herr Sikes, stille“, versetzte der Jude zitternd, „sprecht nicht so.laut.“

„Ich pfeife auf deine Anrede mit Herr“‚, sagte der Strolch, „du hast immer einen Schurkenstreich vor, wenn du mir so kommst. Du kennst meinen Namen, und ich werde ihm keine Schande machen, wenn meine Zeit gekommen ist.“

„Schön, nun denn – Bill Sikes“, sagte der Jude kriechend, „Ihr scheint schlechter Laune zu sein.“

„Kann sein“, erwiderte Sikes, ,bei dir scheint es jedoch auch der Fall zu sein. Aber nimm dich in acht, Halunke, wenn du schwatzst –“

„Seid Ihr verrückt?!“, rief der Jude, indem er Sikes am Ärmel erwischte und auf die Jungen zeigte.

Sikes begnügte sich pantomimisch unter seinem linken Ohre einen Knoten zu machen, und ließ dann den Kopf auf die rechte Schulter sinken. Eine sinnbildliche Darstellung, die der Jude vollkommen zu verstehen schien. Dann verlangte er Schnaps und fügte scherzend hinzu:

„Daß du mir aber kein Gift hineintust.“

Hätte er jedoch den teuflischen Seitenblick sehen können, mit dem der Jude sich in die Lippen biß, als er an den Wandschrank ging, so hätte er seine Mahnung sicher nicht für unnötig gehalten.

Nachdem Sikes einige Gläser Schnaps hinuntergestürzt hatte, zog er gnädig die beiden jungen Herrn in ein Gespräch. Der Gannef erzählte umständlich und mit allerhand Ausschmückungen von Olivers Verhaftung.

„Ich fürchte, er wird uns verpfeifen, und wir kommen dann in Teufels Küche“, sagte der Jude.

„Höchstwahrscheinlich“, antwortete Sikes boshaft grinsend. „Du fällst unbedingt rein.“

„Doch wenn mir das Handwerk gelegt wird“, fuhr der Jude fort, die andern dabei scharf ansehend, „kommen auch noch andere in den Schlamassel. Jedenfalls würde es Euch schlimmer ergehen als mir.“

Sikes sprang auf und wollte gegen Fagin heftig werden. Dieser zuckte jedoch nur mit den Achseln und starrte die gegenüberliegende Wand an. Es trat eine lange Pause ein. Schließlich begann Sikes im gedämpfen Tone:

„Wir müssen rauskriegen, was sich vor dem Richter mit Oliver zugetragen hat.“

Der Jude nickte zustimmend.

„Wenn er nicht gepfiffen hat und ist verurteilt, brauchen wir nichts zu befürchten, bis er wieder rauskommt. Dann aber müssen wir ein wachsames Auge auf ihn haben und versuchen, ihn in unsere Hände zu bekommen.“

Der Jude nickte wieder. Der Plan war gut, aber seiner Ausführung stellte sich ein großes Hindernis entgegen. Die vier Herren hatten einen nicht zu besiegenden Widerwillen dagegen, mit irgend etwas, das Polizei hieß, in Berührung zu kommen. Sie saßen stumm da und sahen sich unsicher an, als die zwei jungen Damen auftauchten, die Oliver bei einer früheren Gelegenheit kennengelernt hatte.

„Wie gerufen“, sagte der Jude. „Bet wird hingehen, nicht wahr, meine Liebe?“

„Wohin?“ fragte die junge Dame.

„Nur ein wenig auf die Polizei, Liebling“, sagte der Jude schmeichelnd.

Wir müssen der Dame Gerechtigkeit widerfahren lassen und sagen, daß sie dieses Ansinnen nicht geradezu ablehnte. Sie.erklärte bloß mit Nachdruck, der Henker solle sie holen, wenn sie auf die Polizei ginge. Eine ungemein zarte Ablehnung der Bitte, die beweist, daß das junge Mädchen zuviel Gutmütigkeit besaß, um ihre Mitmenschen durch eine runde und entschiedene Weigerung zu kränken. Der Jude wandte sich nun an Nancy:

„Was sagen Sie dazu, meine Liebe?“

„Geben Sie sich keine Mühe, Fagin, ich tue es auch nicht“, versetzte diese.

„Wie soll ich das verstehen?“ brauste Sikes auf.

„So, wie ich es gesagt habe, Bill“, sagte Nancy ruhig.

„Du bist gerade die rechte Person dazu“, entgegnete Sikes, „niemand kennt dich in dieser Gegend.“

„Ist mir auch sehr lieb, wünsche gar nichts anderes!“

„Also sie wird gehen, Fagin“, sagte Sikes.

„Sie wird sich hüten“, entgegnete Nancy.

„Doch, sie wird’s machen, Fagin“, bekräftigte Sikes. Und er hatte recht. Das Mädchen ließ sich durch Drohungen und Versprechungen endlich bewegen, den Auftrag auszuführen.

Aus den Vorräten des Juden wählte sie eine weiße Schürze, die sie umband, und einen Strohhut. In die Hand nahm sie ein Deckelkörbchen.

„Ach, mein Bruder! Mein armer, lieber, kleiner Bruder!“ rief Nancy, in Tränen ausbrechend. „Was ist aus ihm geworden? Wo hat man ihn hingebracht? Ach, habt Erbarmen, liebe Leute, und sagt mir, was mit dem Kinde geschehen ist. Bitte, bitte, sagt es mir doch.“

Als Nancy diese Worte im kläglichsten Tone hervorgebracht hatte, verbeugte sie sich lächelnd gegen die Zuhörer und verschwand.

„Das ist ein Mädel, Jungens“, sagte der Jude. „Da könnt ihr euch ein Beispiel dran nehmen.“

„Sie ist eine Zierde ihres Geschlechts“, rief Herr Sikes und hob sein Glas. „Sie lebe hoch!“

Nancy schlug indessen den nächsten Weg zur Polizei ein. Dort angekommen, trat sie durch die Hintertür in das Gebäude ein und klopfte leise mit dem Schlüssel an eine der Zellentüren. Dann horchte sie. Da sich nichts in der Zelle rührte, so hustete sie und horchte wieder. Abermals keine Antwort. Nancy wandte sich daher unmittelbar an den Gerichtsdiener und fragte mit den kläglichsten Jammertönen nach ihrem lieben Bruder.

„Er ist nicht hier“, sagte der alte Gerichtsdiener.

„Mein Gott, wo ist er denn?“ meinte Nancy trostlos.

„Nun, der Herr hat ihn mitgenommen.“

„Was für ein Herr, um Himmelswillen?“ rief Nancy.

Der Gerichtsdiener erzählte ihr den ganzen Vorgang und schloß damit, daß der alte Herr unweit Pentonville wohne.

Nancy eilte auf schnellstem Wege zum Juden zurück.

Sie hatte sich kaum ihres Berichtes entledigt, als Herr Bill Sikes schnell seinen Hund rief, den Hut auf den Kopf stülpte und sich schleunigst ohne Gruß entfernte.

„Wir müssen Oliver finden“, sagte der Jude in großer Aufregung. „Nancy, mein Liebling, ich muß ihn wiederhaben. Auf Sie und den Gannef kann ich mich am besten verlassen. Hier habt ihr Geld. Ich schließe heute nacht diese Wohnung, ihr wißt ja, wo ihr mich finden könnt. Eilt, zögert keinen Augenblick.“ Mit diesen Worten schob er sie aus dem Zimmer, und nachdem er hinter ihnen die Tür doppelt verschlossen und verriegelt hatte, holte er das Kästchen aus seinem Versteck hervor und verbarg in aller Eile Uhren und Juwelen unter seinen Kleidern.

„Bis jetzt hat er noch nichts ausgeplaudert“, sprach der Jude zu sich, indem er in seiner Arbeit fortfuhr. „Wenn er uns aber bei seinen neuen Freunden zu verpfeifen gedenkt, so werden wir ihm wohl noch das Maul stopfen können.“

Umfaßt weitere Einzelheiten über Olivers Aufenthalt bei Herrn Brownlow, nebst der merkwürdigen Prophezeihung, die ein gewisser Herr Grimwig über ihn aussprach, als man Oliver mit einem Auftrage ausschickte.

Oliver erholte sich bald wieder von der Ohnmacht, in die er bei Herrn Brownlows plötzlichem Ausruf gefallen war. Der alte Herr und Frau Bedwin vermieden es sorgfältig, im Gespräch wieder auf das Gemälde zurückzukommen. Der Junge war noch zu schwach, um zum Frühstück zu gehen. Als er am nächsten Tage in das Zimmer der Haushälterin hinuntergebracht wurde, suchten seine Blicke sofort das Bildnis der schönen Dame. Das Gemälde war aber entfernt worden.

„Ja“, sagte Frau Bedwin, „es ist fort, wie du siehst.“

„Oh, warum hat man es weggenommen?“ versetzte Oliver mit einem Seufzer.

„Weil Herr Brownlow sagte, daß es dich zu beängstigen scheine und daher deiner Wiederherstellung hinderlich sein könnte“, entgegnete die alte Dame.

„Ach nein, es beängstigte mich gar nicht“, sprach Oliver, „ich mochte es gern ansehen.“

„Nun, nun, liebes Kind, mache nur, daß du bald wieder gesund wirst“, sagte die gute Frau. „Man wird es dann wieder aufhängen, das verspreche ich dir. Doch jetzt wollen wir von etwas anderm sprechen.“

Oliver hörte aufmerksam zu, als ihm Frau Bedwin von ihrem verstorbenen Manne und ihren wohlerzogenen Kindern erzählte. Sie plauderte munter drauflos, bis die Zeit zum Teetrinken herankam. Nachdem dieser eingenommen war, unterrichtete sie Oliver im Kartenspielen, was er ebenso schnell auffaßte, wie sie zu lehren imstande war. Dann vertieften sie sich angelegentlich in diese Beschäftigung, bis es für den Patienten Zeit war, ins Bett zu gehen.

Die Tage der Genesung waren für Oliver Tage des Glückes. Jedermann war so lieb und gütig zu ihm, daß er im Himmel zu sein glaubte. Er hatte kaum wieder soviel Kräfte erlangt, um sich ankleiden zu können, als ihm Brownlow einen neuen Anzug anfertigen ließ. Da man Oliver sagte, er könne mit den alten Kleidern anfangen, was er wolle, so schenkte er sie einem Dienstmädchen, die sehr gut zu ihm gewesen war. Er riet ihr, die Lumpen an einen Juden zu verkaufen und dadurch zu etwas Geld zu kommen.

Eines Abends, als Oliver plaudernd bei Frau Bedwin saß, ließ Herr Brownlow sagen, daß er.Oliver auf seinem Stüdierzimmer sprechen möchte.

Frau Bedwin putzte ihn schnell schön heraus und führte ihn bis an die Tür des Studierzimmers. Oliver klopfte an, und als Herr Brownlow „Herein“ rief, trat er in ein kleines, ganz mit Bilchern angefülltes Hintergemach, durch dessen Fenster man in einige schöne, kleine Gärten sah. Vor dem Fenster stand ein Tisch, an dem Herr Brownlow lesend saß. Bei Olivers Eintritt schob er das Buch von sich und hieß den Jungen, näherzukommen und sich zu setzen. Oliver gehorchte, nicht wenig verwundert, wo all die Leute herkommen sollten; eine derartige Menge von Büchern zu lesen. Bücher, die geschrieben schienen, um die Welt weiser zu machen. Eine Verwunderung, die tagtäglich erfahrenere Leute mit unserm Helden teilen.

„Das ist ein ansehnlicher Haufen Bücher, nicht wahr, mein Junge?“ fragte Herr BrownIow, als er die Neugierde gewahrte, mit der Oliver die vom Boden bis zur Decke reichenden Bücherschränke betrachtete.

„Ach ja, ich habe noch nie so viele gesehen!“

„Wenn du immer hübsch artig bleibst, so sollst du sie auch lesen. Das wird dir besser gefallen, als das bloße Anschauen des Einbandes – das heißt nicht immer. Es gibt nämlich auch Bücher, an denen die Außenseite das Beste ist.“

„Das sind gewiß diese schweren da“, erwiderte Oliver, indem er auf einige dicke Quartanten mit reicher Vergoldung des Einbandes deutete.

„Nicht immer“, sagte der alte Herr lächelnd.

„Möchtest du wohl gern ein Gelehrter werden und Bücher schreiben, wie?“

„Ich würde es vorziehen, sie lieber zu lesen.“

„Wie? du willst kein Bücherschreiber werden?“

Oliver sann eine Weile nach, dann sagte er, es dünkte Ihn weit besser, Buchhändler zu sein.

Der alte Herr lachte herzlich und bemerkte, er hätte etwas sehr Gescheites gesagt. Oliver freute sich darüber, obgleich er nicht wußte, was das Gescheite war.

„Nun“, sagte der alte Herr wieder ernst, „hab keine Angst. Wir wollen keinen Schriftsteller aus dir machen, solange es noch ein ehrliches Handwerk oder Gewerbe zu erlernen gibt.“

„Ich danke Ihnen“, entgegnete Oliver, und der alte Herr lachte von neuem, und zwar über den Ernst, mit dem unser Held diese Antwort vorbrachte. Er ließ auch noch einige Worte von einem merkwürdigen Instinkt fallen, auf die aber Oliver nicht besonders acht gab, da er sie nicht verstand.

„Nun, mein Sohn“, fuhr Herr Brownlow in einem ernsteren Tone fort, „du mußt jetzt wohl auf das merken, was ich dir zu sagen habe. Ich will ohne Rückhalt mit dir reden, denn ich glaube, du wirst mich so gut verstehen können, wie manche ältere Person!“

„Ach, sagen Sie nur nicht, daß Sie mich fortschicken wollen. Weisen Sie mir nicht die Tür, daß ich wieder auf den Straßen herumwandern muß. Lassen Sie mich hier bleiben und Ihnen dienen. Erbarmen Sie sich über einen armen Jungen, bitte!“

„Mein liebes Kind“, sagte der alte Herr gerührt, „hab keine Furcht, ich werde dich nicht fortjagen, wenn du mir keinen Anlaß dazu gibst.“

„Nie werde ich das, niemals.“

„Ich hoffe es nicht und glaube auch nicht, daß du es je tun wirst“, versetzte der alte Herr. „Ich habe mich zwar früher oft in denen getäuscht, welchen ich Wohltaten erweisen wollte. Dir will ich jedoch vertrauen, weil ich wärmeren Anteil an dir nehme, als ich mir selbst erklären kann. Diejenigen, welche ich am innigsten geliebt habe, schlummern längst in den Gräbern, aber obgleich das Glück und die Freude meines Lebens mit ihnen begraben sind, habe ich doch mein Herz zu keinem Sarge gemacht und meine schönsten Gefühle drin verschlossen.“

Der alte Herr sprach dies leise vor sich hin, mehr zu sich als zu Oliver, der kaum zu atmen wagte. Nach einer kleinen Weile fuhr er in heiterem Tone fort:

„Genug, ich sage das nur, weil dein Herz jung ist und ich hoffe, daß du dich um so mehr vorsehen wirst mich zu betrüben, wenn du weißt, daß ich bereits großen Kummer und viele Leiden erduldet habe. Du sagst, du wärest eine Waise und ohne Verwandte in der Welt. Erkundigungen, die ich angestellt habe, bestätigen deine Angaben. Erzähle mir jetzt deine Geschichte – woher du kommst wer dich erzogen hat und wie du in die Gesellschaft geraten bist, in der ich dich gefunden habe. Sprich aber die Wahrheit. Wenn ich sehe, daß du kein Verbrechen begangen hast, wirst du an mir zeitlebens einen Freund und Beschützer haben.“

Olivers Schluchzen erstickte eine Weile seine Worte. Als er gerade anfangen wollte zu erzählen, kündigte das Dienstmädchen den Besuch des Herrn Grimwig an.

„Kommt er herauf?“ fragte Herr Brownlow das Mädchen.

„Ja“, versetzte das Mädchen. „Er fragte, ob es Keks im Hause gäbe, und als ich bejahte, sagte er, er wolle hier Tee trinken.“

Herr Brownlow lächelte und bemerkte zu Oliver, daß Grimwig ein alter Freund von ihm wäre, ein ungeschliffener Diamant.

„Soll ich mich entfernen?“ fragte Oliver.

.“Nein, du kannst hierbleiben.“

In diesem Augenblick trat, auf einen starken Stock gestützt, ein starker, alter Herr ins Zimmer. Er war auf einem Bein etwas gelähmt und humpelte. Im ausgestreckten Arm hielt er seinem Freunde ein Stückchen Orangenschale entgegen und rief polternd:

„Da, sehen Sie das? Ist es nicht zum Wahnsinnigwerden, daß ich in keines Menschen Hause vorsprechen kann, ohne.so was auf der Treppe zu finden. Durch eine Orangenschale bin ich lahm geworden, und eine Orangenschale wird noch mal mein Tod sein. Ich will meinen eigenen Kopf aufessen, wenn mich nicht eine 0rangenschale noch unter die Erde bringt. – Hallo! was ist das?“ fügte er mit einem Blick auf Oliver hinzu und trat einige Schritte zurück.

„Der junge Oliver Twist, von dem wir bereits gesprochen haben“, versetzte Herr Brownlow.

Oliver verbeugte sich.

„Das ist also der Junge“, begann Herr Grimwig.

„Ja, das ist der Junge“,. versetzte Herr Brownlow und nickte Oliver dabei zu.

„Nun, wie geht’s dir?“ fragte Herr Grimwig.

„Ich danke, viel besser“, antwortete Oliver.

Herr Brownlow schien zu befürchten, daß sein absonderlicher Freund irgend etwas Unangenehmes auf der Zunge hätte. Er trug daher Oliver auf, Frau Bedwin zu bestellen, daß sie den Tee bereithalten solle. Nachdem Oliver gegangen, fragte Herr Brownlow:

„Ist es nicht ein hübscher Junge?“

„Weiß nicht“, erwiderte Grimwig mürrisch.

„Wie, Sie wissen es nicht?“

„Nein, ich weiß es nicht. Kann nie einen Unterschied an Jungen entdecken. Kenne nur zwei Arten von Jungen, nämlich Mehlsuppengesichter und Beefsteakgesichter.“

„Und zu welchen gehört Oliver?“

„Zu den Mehlsuppengesichtern. Ein Bekannter, von mir hat einen Jungen, dessen Gesicht so recht die Fleischmastung ausdrückt. Sie nennen ihn einen schönen Jungen, weil er einen so runden Kopf, rote Backen und glänzende Augen hat. Mir ist der Bursche etwas Schreckliches – ein Körper und Gliedmaßen, die die Nähte seines blauen Anzuges auseinanderzusprengen drohen. Dazu kommt noch die Stimme eines Schifferknechts und der Hunger eines Wolfes. Ich kenne den Schlingel.“

„Nun, derartige Eigenschaften besitzt Ofiver nicht und verdient deshalb nicht Ihren Zorn.“

„Wenn nicht derartige, so hat er vielleicht noch schlimmere“, entgegnete Herr Grimwig.

Herr Brownlow hustete nervös, was Herrn Grimwig mächtig zu ergötzen schien.

„Ja, er hat vielleicht noch schlimmere, sage ich“, wiederholte Hee Grimwig. „Woher kommt er? Was ist er? Er hat Fieber gehabt – warum? Fieber ist bei ordentlichen Leuten nicht gewöhnlich. Schlechtes Volk hat bisweilen Fieber. Ich habe einen Menschen gekannt, der in Jamaika gehängt wurde, weil er seinen Herrn umgebracht hatte. Er hatte sechsmal das Fieber und wurde deshalb nicht zur Begnadigung empfohlen.“

Im Innern seines Herzens mußte Herr Grimwig aber zugeben, daß Oliver etwas Gewinnendes an sich hatte. Sein starker Hang zum Widersprechen und sein Grundsatz, sich nie von einem andern ein Urteil über das Aussehen eines Jungen vorschreiben zu lassen, hatte ihn bewogen, seinem Freunde Opposition zu machen. Als daher Herr Brownlow zugestand, daß er sich noch nicht eingehend über Oliver erkundigt hätte, kicherte Herr Grimwig bdshaft und fragte mit höhnischem Lächeln, ob die Haushälterin auch abends immer das Silbergeschirr nachzähle, denn er würde sich nicht wundern, wenn einen schönen Tages mal ein paar Löffel fehlten – – usw.

Herr Brownlow, der selbst etwas temperamentvoll war, nahm jedoch all dies gemütlich hin, da er die Eigentümlichkeiten seines Freundes kannte. Als dieser die Keks und den Tee lobte, wurde die Unterhaltung wieder angenehmer, so daß selbst Oliver, der inzwischen zurückgekommen war, freier zu atmen begann.

„Und wann gedenken Sie sich den ausführlichen und wahrhaften Bericht von Oliver Twists Leben und Taten erstatten zu lassen?“ fragte Grimwig, nachdem der Tee getrunken war. Er streifte dabei Oliver mit einem Blick.

„Morgen früh“, entgegnete Herr Brownlow. „Ich möchte dann allein mit ihm sein. Komm morgen um zehn Uhr zu mir herauf, mein Kind!“

„Ja, Herr Brownlow“, sagte Oliver mit einigem Zögern. Er war etwas verwirrt, da ihn Grimwig scharf ansah.

„Ich will Ihnen etwas sagen“, flüsterte Herr Grimwig BrownIow zu, „er wird morgen früh nicht zu Ihnen heraufkommen. Haben Sie nicht bemerkt wie er zögerte? Er betrügt Sie, lieber Freund!“

„Ich möchte drauf schwören, daß dies nicht der Fall ist« , erwiderte Herr Brownlow mit Wärme.

,;Wenn es nicht so ist, wie ich sagte, so will ich meinen Kopf – -„, damit stieß Grimwig seinen Stock heftig auf die Erde.

„Ich setze mein Leben auf die Wahrhaftigkeit des Jungen“, sagte Herr Brownlow und schlug mit. der Hand auf den Tisch.

„Und ich meinen Kopf auf seine Tücke“, schrie Herr Grimwig.

„Nun, wir werden ja sehen“, sagte Herr Brownlow, seinen Unmut bezwingend.

„Allerdings, wir werden es sehen“, sagte Herr Grimwig mit einem herausforderndem Lächeln.

Das Schicksal wollte es, daß in diesem Augenblick Frau Bedwin mit einigen Büchern hereintrat, die Brownlow am Vormittag bei demselben Buchhändler gekauft hatte, der schon einmal in unserer Geschichte eine Rolle spielte. Sie legte sie auf den Tisch und wollte das Zimmer wieder verlassen, als Brownlow sagte:

„Lassen Sie den Boten einen Augenblick warten, er muß noch etwas mitnehmen.“

„Er ist bereits fort“, versetzte Frau Bedwin.

„Rufen Sie ihm nach, die Sache ist wichtig. Die Bücher sind noch nicht bezahlt, und der Mann braucht sein Geld. Auch will ich ihm einige mir zur Ansicht gesandten Bücher zurückgeben.“

Man lief dem Boten nach, dieser war aber nirgends mehr zu sehen.

„Schicken Sie doch Oliver damit hin“, sagte Grimwig mit ironischem Lächeln. „Sie wissen, er wird sie sicher abliefern.“

„Ja, lassen Sie sie mich hintragen“, sagte Oliver. „Ich renne schnell hin.“

Der alte Herr wollte gerade erklären, daß Oliver auf keinen Fall gehen sollte, als ein boshaftes Husten Grimwigs ihn bestimmte, den Jungen doch zu schicken. Sein Freund sollte die Ungerechtigkeit seines Argwohnes einsehen lernen.

„Du kannst gehen, Oliver. Die Bücher liegen auf dem Stuhle neben meinem Tische. Bringe sie her!“

Oliver war froh, sich nützlich machen zu können. Die Bücher unterm Arm und die Mütze in der Hand, erwartete er den Auftrag.

„Sage also dem Buchhändler“, sprach Brownlow und sah dabei Grimwig scharf an, „du brächtest die Bücher wieder zurück und wolltest die vier Pfund und zehn Schillinge, die ich ihm schuldig bin, bezahlen. – -Hier ist eine Fünfpfundnote; er wird dir zehn Schillinge herausgeben.“

„In zehn Minuten bin ich wieder zurück“, sagte Oliver lebhaft, verbeugte sich und verließ das Zimmer. Frau Bedwin folgte ihm zur Haustür und bezeichnete ihm den Weg zum Buchhändler. „Gott sei mit dir“, murmelte sie, als sie ihm nachblickte. Es tut mir leid, daß ich ihn aus den Augen lassen soll.“

In diesem Augenblick sah sich Oliver um und winkte ihr zu, ehe er um die Ecke bog. Frau Bedwin erwiderte seinen Gruß und ging dann nach ihrem Zimmer zurück.

„Nun wollen wir sehen, in spätestens zwanzig Minuten wird er wieder zurück sein“, sagte Herr Brownlow und zog seine Uhr aus der Tasche, die er auf den.Tisch legte. „Inzwischen wird es dunkel geworden sein.“

„Sie glauben also wirklich, daß er wiederkommt?“ fragte Grimwig ironisch.

„Sie nicht?“ fragte Brownlow lächelnd zurück.

„Nein“, sagte er, indem er mit der Faust auf den Tisch schlug. „Der Junge hat einen neuen Anzug auf dem Leibe, einen Packen wertvoller Bücher unter dem Arme und eine Fünfpfundnote in der Tasche. Er wird wieder zu seinen alten Freunden, den Langfingern, gehen und Sie auslachen. Wenn der Junge je wieder hierher zurückkehrt, will ich meinen Kopf aufessen.“

Mit diesen Worten rückte er seinen Stuhl näher an den Tisch und so saßen die beiden Freunde, die Uhr vor sich, in schweigender Erwartung da. – –

Es wurde so dunkel, daß man die Zahlen der Uhr nicht mehr erkennen konnte, aber die beiden alten Herren saßen immer noch schweigend da – und warteten.

Zeigt, wie lieb der alte Jude und Fräulein Nancy Oliver Twist hatten

In einer armseligen Kneipe einer finsteren Straße in der Gegend von Little Saffron Hill, saß über einer kleinen Kanne und einem Schnapsglase brütend Herr William Sikes. Zu seinen Füßen lag ein weißer, rotäugiger Hund, der bald seinem Herrn zublinzelte, bald eine an der Seite seiner Schnauze befindliche große, frische Wunde leckte.

„Ruhig, Biest!“ rief plötzlich Herr Sikes und gab dem Hunde einen Fußtritt. Dieser biß ihn dafür in den Stiefel und zog sich dann knurrend unter eine Bank zurück. Dies entflammte Herrn Sikes Zorn mächtig. Er kniete nieder und begann das Tier mit einem Feuerhaken aufs wütendste anzugreifen. Der Hund sprang,schnappend und knurrend bald nach rechts, bald nach links. Der Kampf schien eben für den einen oder den anderen der beiden Kämpfer eine bedenkliche Wendung nehmen zu wollen, als plötzlich die Tür aufging. Der Hund schoß sofort hinaus und ließ Herrn Sikes allein.

Zu einem Streite gehören wenigstens zwei, sagt das Sprichwort, und da der Hund entkommen war, band Herr Sikes mit dem Eintretenden an.

„Was zum Teufel brauchst du zwischen mich und meinen Hund zu treten?“ fragte Sikes grob.

„Das hab ich doch nicht gewußt, wirklich nicht“, antwortete Fagin demütig – denn der neue Gast war niemand anders als der Jude.

„Nicht gewußt, Spitzbube?“ brummte Sikes unwirsch. „Hast du denn den Radau nicht gehört?“

„Keinen Ton, so wahr ich lebe“, entgegnete der Jude.

„Ja, ja, du hörst nie etwas“, sagte Sikes mit Hohnlachen, „ebensowenig wie man dich hört, wenn du rein und raus schleichst. Ich wünschte nur, du wärst vor einer Minute der Hund gewesen!“

„Warum?“ fragte der Jude mit gezwungenem Lächeln. „Darum, weil das Gesetz einem nicht verbietet, seinen Hund abzumurksen, während es um das Leben von Leuten deines Schlages besorgt ist, die nicht halb so viel wert sind als ein Köter“, entgegnete Sikes grimmig.

Der Jude rieb sich die Hände und setzte sich an den Tisch nieder. Obgleich ihm nicht besonders wohl zumute war, zwang er sich doch zu einem Lächeln über den „Scherz“ des Freundes.

„Ja, grinse nur“, sagte Sikes, „grinse nur immerzu. Über mich wirst du nicht lachen, ich habe dich in der Hand, Fagin, und der Teufel soll mich holen, wenn ich dich aus den Fingern lasse. Geh‘ ich verschütt, so gehst du auch. Also paß gut auf, daß sie mich nicht kriegen!“

„Schon gut, mein Lieber“, entgegnete der Jude, „wir haben das gleiche Interesse, ich weiß das ganz genau, Bill, dasselbe Interesse.“

„Na schön“, sagte Sikes, dem es so vorkam, als sei das Interesse mehr auf Seite des Juden, „was hast du mir eigentlich zu sagen?“

„Es ist alles glücklich durch den Schmelztiegel gewandert“, antwortete der Jude, „und dies ist Euer Anteil. Es ist zwar etwas mehr, als Euch zusteht, Bill, aber da, ich weiß, daß Ihr mir ein andermal wieder gefälfig sein werdet, so-„

„Hör bloß mit dem Geschmuse auf“, fiel der Dieb ungeduldig ein. „Wo ist’s? Rück heraus!“

„Ja doch, Bill, einen Augenblick“, versetzte der Jude begütigend. „Hier ist’s – bei Heller und Pfennig.“ Er brachte ein kleines, in braunes Papier eingeschlagenes Päckchen zum Vorschein, das ihm Sikes aus den Händen riß und hastig öffnete. Nachdem er die darin befindlichen Goldstücke gezählt hatte, fragte der Dieb:

„Ist das alles?“

„Jawohl“, antwortete der Jude.

„Hast du auch unterwegs das Päckchen nicht aufgemacht und ein paar Stücke verdrückt?“ fuhr Sikes argwöhnisch fort. „Stell dich nur nicht beleidigt, es wäre nicht das erstemal. Klingle mal.“

Fagin setzte den Klingelzug in Bewegung, und kurz darauf trat ein anderer Jude ein. Jünger zwar als Fagin, aber ebenso spitzbübisch und abstoßend in seinem Äußern.

Bill zeigte nur auf die leere Kanne, worauf der Jude, der den Wink verstand, sich entfernte, um sie wieder zu füllen. Beim Herausgehen hatte er jedoch Fagin einen bedeutungsvollen Blick zugeworfen, den dieser mit einem leichten Kopfschütteln beantwortete. Diese Zeichensprache ging Sikes verloren, da er sich gerade zufällig bückte. Hätte er sie bemerkt, würde er wohl wenig Gutes für sich selber daraus gefolgert haben.

„Ist jemand hier, Barney?“ fragte Fagin den wieder eintretenden Juden.

„Nur Fräulein Nancy“, erwiderte dieser.

„Nancy?“ rief Sikes. „Ein patentes Mädel.“

„Ja, sie ist drinnen am Büfett und hat sich einen Teller Rindfleisch geben lassen“, bemerkte Barney.

„Schick sie her! Schnell!“ rief Sikes.

Barney warf einen fragenden Blick auf Fagin, da ihm dieser aber kein Zeichen gab, so entfernte er sich und kehrte bald mit Nancy zurück.

„Du bist ihm auf der Spur, Nancy, nicht wahr?“ fragte Sikes und bot ihr ein Glas Schnaps an.

„Ja, Bill“, entgegnete die junge Dame und leerte das Glas mit einem Zuge. „Mühe genug hat es gekostet. Der Junge ist krank gewesen und mußte das Bett hüten, dann –“

„Sie sind ein Prachtmädel, Nancy!“ sagte Fagin. Ein Augenblinzeln des Juden warnte das Mädchen vor allzu großer Offenheit. Sie lenkte deshalb das Gespräch mit Herrn Sikes auf andere Gegenstände und erklärte nach ungefähr zehn Minuten, gehen zu müssen. Herr Sikes bemerkte, daß er denselben Weg habe, und sie gingen zusammen fort. Der Hund folgte in einiger Entfernung seinem Herrn. Nachdem Sikes das Zimmer verlassen hatte, schüttelte Fgin die geballte Faust hinter ihm her und murmelte einen schweren Fluch. Dann setzte er sich wieder an den Tisch und vertiefte sich in die Lektüre des Londoner Kriminalanzeigers.

Inzwischen eilte Oliver Twist dem Bücherladen zu und dachte darüber nach, wie glücklich und zufrieden er jetzt sei. Aus diesen Träumereien wurde er durch den Ruf geschreckt: „oh, mein lieber Bruder“. und fühlte gleichzeitig seinen Hals von einem Paar weiblichen Armen umschlungen.

.“Lassen Sie mich los“, rief Oliver sich wehrend. „Was wollen Sie denn von mir? Warum halten Sie mich auf?“

Die einzige Antwort hierauf war seitens des Mädchens:

„Gott sei Dank, ich habe ihn gefunden! O Oliver, böser Junge, wieviel Kummer hast du mir bereitet. Komm nach Hause, Liebling, komm! Ich bin ja so froh, ihn gefunden zu haben.“

Das junge Mädchen brach in Tränen aus und bekam so schreckliche Krämpfe, daß ein paar dabeistehende Weiber einen vorübergehenden Schlächterlehrling fragten, ob er es nicht für richtiger hielte, zum Arzt zu laufen. Der Lehrling, wenn auch nicht gerade gefühllos, schien aber ein ziemlich träger Bursche zu sein, denn er erwiderte, seiner Ansicht nach wäre das nicht nötig.

„Mir ist schon wieder besser“, sagte das Mädchen und nahm Oliver bei der Hand. „Aber nun komm schnell mit mir nach Hause, du böser, böser Junge, du!“

„Was ist denn los?“ fragte eine der Frauen.

„Ach, er ist vor ungefähr vier Wochen seinen Eltern, arbeitsamen und achtbaren Leuten, entlaufen und hat sich einer Diebesbande angeschlossen. Der armen Mutter ist darüber fast das Herz gebrochen.“

„Geh nach Hause, Bösewicht“, schrien die Weiber.

„Solch ein verdammter Bengel.“

„Das ist nicht wahr“, rief Oliver in großer Angst , „Ich kenne sie gar nicht. Ich habe weder Schwester noch Vater, noch Mutter. Ich bin eine Waise und wohne zu Pentonville.“

„Lieber Gott, wie frech er schon geworden ist“, schluchzte das junge Mädchen.

„Ach, Nancy!“ schrie Oliver, entsetzt zurückfahrend, als er ihr ins Gesicht sah.

„Ihr seht, er kennt mich“, sagte Nancy zu den Umstehenden. „Er kann es nicht leugnen. Helft mir, gute Leute, ihn nach Hause bringen, sonst sterben seine armen Eltern noch vor Kummer und Sorge, und mir bricht er das Herz.“

„Donnerwetter, was ist los?“ rief ein Mann, der aus einer Kneipe stürzte. „Ach, der junge Oliver, komm nach Hause zu deiner armen Mutter, du Galgenstrick. Sofort gehst du mit!“

„Ich gehöre nicht zu ihnen. Ich kenne sie nicht. Hilfe! Hilfe!“ brüllte Oliver und wehrte sich verzweifelt gegen den festen Griff des Mannes.

„Hilfe!“ wiederholte der Mann. „Ich will dir gleich helfen, Lümmel! Was sind das für Bücher? Wahrscheinlich gestohlen! Gib mal her.“

Mit diesen Warten entriß er ihm die Bände und gab ihm einen heftigen Schlag auf den Kopf.

„So ist’s recht, der einzige Weg, ihn wieder zur Vernunft zu bringen“, riefen die Zuschauer.

„Er kann noch mehr haben“, sagte Sikes, indem er Oliver einen zweiten Schlag versetzte und dann beim Kragen packte. „Marsch, du Taugenichts, und nimm dich vor meinem Hund dort in acht.“

Noch schwach von der eben erst überstandenen Krankheit, betäubt durch die Schläge und das Plötzliche des Angriffs, was konnte da wohl ein armes Kind machen? Es war dunkel geworden, nirgends Hilfe, so war jeder Widerstand fruchtlos. Oliver wurde in aller Eile durch ein Labyrinth enger, finsterer Höfe geschleppt und zu so schnellen Schritten gezwungen, daß die wenigen Hilferufe ungehört verhallten.

Die Gaslampen wurden angezündet. Frau Bedwin wartete besorgt an der offenen Haustür, und das Dienstmädchen war wohl zwanzigmal die Straße hinabgelaufen, ohne eine Spur von Oliver zu entdecken. Die beiden alten Herren saßen beharrlich im dunklen Zimmer, zwischen sich die Uhr auf dem Tische – und warteten.

Erzählt von Olivers Schicksalen nach seiner Begegnung mit Nancy

Die engen Straßen und Gassen endeten an einem großen Platz, der als Viehmarkt benutzt wurde. Sikes ging jetzt langsamer, da das Mädchen ganz außer Luft und Atem war. Er herrschte Oliver mit rauher Stimme an, Nancys Hand zu fassen.

„Hast du gehört?“ brüllte Sikes, als Oliver zögerte und sich umblickte.

Sie befanden sich in einem dunkeln, abgelegenen Teil der Stadt und Oliver erkannte, daß jeder Widerstand vergeblich sein würde. Er streckte daher seine Hand aus, die Nancy sofort mit der ihrigen erfaßte.

„Gib mir die andere“, sagte Sikes und packte ihn bei der noch freien Hand.

Sie kamen jetzt zum Smithfieldmarkt. Die Nacht war finster und neblig. Es schlug acht.

„Acht Uhr, Bill!“ sagte Nancy, als die Uhr ausgeschlagen hatte.

„Das brauchst du mir nicht zu erzählen, ich hab‘ ja Ohren“, erwiderte Sikes.

„Ob sie die Uhr auch schlagen hören?“ meinte Nancy.

„Natürlich“, versetzte Sikes. „Es war so um Bartholomae, als ich im Kittchen saß, und da war keine Pfennigtrompete auf dem ganzen Markt, die ich nicht quäken hörte.

„Die armen Jungens!“ seufzte Nancy. „Ach, Bill, was es für schneidige junge Kerle sind!“

„Ja, ja, so sind die Weiber, an etwas anderes denken sie nicht“, entgegnete Sikes. „Schneidige Kerle, meinetwegen; sie sind so gut wie tot, also kann’s mir gleichgültig sein.“

Mit diesem Trost schien Sikes eine Anwandlung von Eifersucht niederzukämpfen. Er faßte Olivers Handgelenk fester und eilte weiter. Nach einer halben Stunde bogen sie in eine enge, schmutzige Gasse, in der fast nur Trödler zu wohnen schienen. Vor einem anscheinend unbewohnten Laden machten sie halt.

„Gott sei Dank“, sagte Sikes und sah sich vorsichtig um.

Nancy bückte sich, und Oliver hörte eine Klingel. Sie gingen nun auf die andere Seite der Straße und stellten sich für einen Augenblick unter eine Laterne. Jetzt wurde geräuschlos die Haustür geöffnet, und Sikes packte Oliver ohne weitere Umstände am Kragen. In einer Sekunde befanden sich alle drei im Innern des Hauses. Sie warteten im dunklen Hausflur, bis die Person, die sie eingelassen, die Tür wieder verschlossen und verriegelt hatte.

„Ist jemand hier?“ fragte Sikes.

„Nein“, antwortete eine Stimme, die Oliver schon früher gehört zu haben glaubte.

„Ist der Alte da?“ fuhr der Spitzbube fort.

„Ja“, entgegnete die Stimme, „er geht aber mächtig sparsam mit seinen Worten um. Glaube nicht, daß er sehr erfreut ist, Sie zu sehen. Sicher nicht.“

„Bring eine Funzel!“, sagteSikes, „sonst brechen wir uns noch den Hals oder treten den Hund, und das ist gefährlich.“

„Einen Augenblick, werde sofort Licht bringen“, erwiderte eine Stimme. Nach einer Minute zeigte sich die Gestalt des Herrn John Dawkins, sonst auch der Gannef geheißen, in der rechten Hand eine brennende Kerze haltend. Der junge Herr gab Oliver kein anderes Zeichen des Wiedererkennens als ein höhnisches Grinsen, dann winkte er den Dreien, ihm zu folgen. Sie kamen durch eine leere Küche, und als sie die Tür eines niedrigen, dumpfen Gemaches öffneten, wurden sie mit einem schallenden Gelächter empfangen.

„Wer kommt denn da?“ brüllte Karl Bates, indem er sich vor Lachen die Seiten hielt. „Das ist er ja. Gucken Sie ihn an, Fagin. Sehen Sie ihn sich bloß mal an. Das ist ein Hauptspaß! Ich kann nicht mehr! Ich sterbe vor Lachen!‘ Damit legte er sich der Länge nach mit dem Rücken auf die Erde und strampelte minutenlang mit den Beinen. Dann sprang er auf, entriß dem Gannef die Kerze, und beleuchtete Oliver von allen Seiten. Zu gleicher Zeit machte der Jude, seine Nachtmütze abnehmend, unserm verwirrten Helden tiefe Verbeugungen. Der Gannef, ernster veranlagt und beim Geschäft keinen Spaß kennend, durchsuchte inzwischen eifrig Olivers Taschen.

„Ein vornehmer Herr“, sagte Bates. „Sehen Sie sich nur seine Klamotten an. Das feinste Tuch und der modernste Schnitt, Fagin! Und dann noch seine Bücher!“

„Entzückt Sie so wohl zu sehen, mein Herr“,. begann der Jude, indem er sich mit ironischer Höflichkeit vor Oliver verbeugte. Der Gannef wird Ihnen geben einen, anderen Anzug, damit Sie sich nicht gleich verderben Ihren Sonntagsstaat. Warum haben Sie uns nicht geschrieben, daß Sie kommen würden? Wir hätten Ihnen dann etwas Warmes zum Abendessen aufgehoben.“

Karl Bates begann aufs neue – und zwar so unbändig zu lachen, daß auch Fagin sein Gesicht verzog und sogar der Gannef lächelte. Da aber dieser in jenem Augenblick die Fünfpfundnote aus Olivers Tasche zog, so ist es zweifelhaft, ob die Lustigkeit seines Kameraden oder der wichtige Fund sein Lächeln hervorrief.

„Hallo, was ist, das?“ fragte Sikes vortretend, als der Jude die Banknote ergriff. „Das ist mein, Fagin!“

„Nein, mein“, sagte der Jude, „mein ist es. Ihr könnt die Bücher haben!“

„Wenn ich, das heißt, wenn ich und Nancy nicht die Fünfpfundnote kriegen“, sagte Sikes ganz energisch und setzte sich seinen Hut auf, „so nehme ich den Jungen wieder mit.“

Der Jude und Oliver fuhren zusammen, aber aus ganz verschiedenen Gründen. Hoffte doch letzterer, der Streit möchte damit endigen, daß er wieder zurückgebracht würde.

„Schnell, rück ‚raus! Was, du willst es nicht hergeben?“ ,schrie Sikes.

„Es ist ungerecht, Sikes, Nicht wahr, Nancy, er ist ungerecht?“ versetzte Fagin.

„Gerecht oder ungerecht! Gib her“, damit riß Sikes dem Juden die Banknote aus den Fingern. Er faltete sie zusammen und knüpfte sie in seine Halsbinde.

„Das ist für unsere Mühe“, fuhr Sikes fort, „und wenig genug. Du kannst meinetwegen die Bücher behalten und dazin lesen, wenn du Lust hast. Oder kannst sie auch verkaufen.“

„Sie gehören dem alten Herrn“, sagte Oliver händeringend, „dem guten, alten Herrn, der mich in sein Haus nahm und mich pflegte, als ich todkrank daniederlag. Ach, bitte, schicken Sie es ihm zurück, schicken Sie ihm Geld und Bücher zurück. Behalten Sie mich mein Leben lang hier, aber geben Sie ihm sein Eigentum wieder. Er wird sonst glauben, ich hätte ihn bestohlen; die alte Dame und.alle anderen, die so gut zu mir waren, werden denken, ich sei ein Dieb. Oh, haben Sie Mitleid mit mir und senden Sie Bücher und Geld zurück.“ Mit diesen Worten fiel Oliver vor dem Juden auf die Knie und rang verzweiflungsvoll die Hände.

„Der Junge hat recht“, sprach Fagin, sich im Kreise umsehend. „Man wird dich allerdings für den Dieb halten, Oliver. Ha! ha! ha! –“ kicherte der Jude. „Einen besseren Zeitpunkt hätten wir gar nicht wählen können.“

„Stimmt“, sagte Sikes. „Ich wußte das, als ich ihn mit den Büchern herankommen sah. Jetzt ist alles in schönster Ordnung.“

Oliver hatte wie ein Unzurechnungsfähiger während dieses Gespräches von dem einen Sprecher auf den anderen gesehen, er war sich nicht im geringsten darüber klar, was um ihn vorging. Plötzlich stürzte er aus dem Zimmer und rief laut und flehentlich um Hilfe. Das ganze Haus hallte von seinem Geschrei wider.

„Halt den Hund zurück, Bill!“ kreischte Nancy und schloß die Tür, durch die der Jude mit seinen beiden Zöglingen eben Oliver nachgeeilt war. „Halt den Hund zurück, er wird sonst den Jungen in Stücke reißen.“

„Geschieht ihm recht“, brüllte Sikes und suchte sich den Händen des Mädchens zu entwinden. „Laß mich los, oder ich schmeiß‘ dich an die Wand.“

„Mir gleich,“ schrie Nancy in heftigem Ringen mit dem Manne, „das Kind soll nicht vom Hunde zerrissen werden, da mußt du mich erst kaltmachen.“

„Das kann dir leicht passieren, wenn du mich nicht los läßt“, knirschte Sikes und schleuderte das Mädchen in eine Ecke des Zimmers. In diesem Augenblick kam der Jude mit seinen beiden Zöglingen zurück, die Oliver nachzerrten.

„Was ist denn hier, los?“ fragte der Jude sich umblickend.

„Das Weib ist verrückt geworden, glaub‘ ich“, erwiderte Sikes wütend.

„Durchaus nicht“, rief Nancy blaß und atemlos von dem Kampf. „Glauben Sie das ja nicht Fagin.“

„Dann halte den Mund“, schrie der Jude drohend.

„Habe ich nicht nötig“, kreischte Nancy..“Was sagst du nun?“

Fagin schien es im gegenwärtigen Augenblick nicht geraten, sich in einen weiteren Wortwechsel mit ihr einzulassen. Er wandte sich deshalb an Oliver und fuhr ihn an:

„Du wolltest also fortlaufen, mein Lieber“, dabei nahm er einen Knotenstock, der am Kamin lag, in die Hand. „Wolltest um Hilfe rufen, zur Polizei gehen! Das wollen wir dir austreiben.“ Hier packte er den Jungen und schlug ihn mit dem Stock über den Rücken. Als er zum zweiten Male ausholen wollte, eilte Nancy herbei und entwand den Stock seinen Händen. Sie schleuderte ihn in den Kamin, daß die Funken nur so im Zimmer herumflogen.

„Ich dulde es nicht“, schrie sie und stampfte mit dem Fuß zornig auf den Boden. „Ihr habt den Jungen, was wollt ihr mehr. Laßt ihn zufrieden, oder ich tue euch was an, selbst wenn es mich vor der Zeit an den Galgen bringen sollte.“

„Ach, Nancy!“ sagte- der Jude beschwichtigend nach einer Pause, während der er und Sikes sich verblüfft angeguckt hatten. „Sie spielen heute abend Ihre Rolle besser als je.“

„Wirklich?“ versetzte das Mädchen, „nehmt euch in acht, daß ich euch nicht tatsächlich mal was vorspiele. Das wäre schlimm für euch. Ich sage euch das rechtzeitig, damit ihr euch vorseht.“

„Was soll das heißen?“ tobte Sikes und stieß eine Flut von Verwünschungen gegen sie aus. „Der Teufel soll dich holen! Du hast wohl vergessen, wer du bist und was du bist?“

„O nein, ich weiß das ganz genau“, versetzte das Mädchen mit hysterischem Lachen.

„Na, dann sei ruhig“, sagte Sikes, „oder ich mach‘ dich für eine lange Zeit still.“

Das Mädchen lachte wieder und warf einen flüchtigen Blick auf ihn; dann drehte sie sich um und biß sich auf die Lippen, daß sie bluteten.

„Du bist mir gerade die Rechte, die Menschenfreundin ‚rauszubeißen“, fuhr Sikes im verächtlichen Tone fort. „Eine nette Freundin für das Kind, wie du den Jungen nennst.“

„Der Allmächtige ist mein Zeuge, daß ich es bin“, rief Nancy leidenschaftlich. „Lieber läge ich tot auf der Straße oder säße im Gefängnis, als daß ich mich dazu hergegeben hätte, ihn in euere Hände zu bringen. Er ist von diesem Augenblick an ein Dieb, ein Lügner, ein Teufel, kurz alles, was man sich nur Schlimmes denkt. Ist das nicht für den alten Halunken genug, muß er ihn auch noch prügeln?“

„Sehen Sie, Sikes“, sagte der Jude in einem belehrenden Tone, „wir müssen höflich sein und freundliche Worte gebrauchen. Immer höflich, Bill!“

„Höfliche Worte!“ schrie das Mädchen, das in seiner Wut schrecklich anzusehen war. „Freundliche Worte! Du Schurke! Du verdienst sie auch von mir. Ich stahl für dich, als ich noch ein Kind war, nicht halb so alt wie dieses (sie zeigte auf Oliver) und treibe nun seit zwölf Jahren dasselbe Gewerbe. Weißt du das nicht? Sprich!“

„Nun“, sagte der Jude begütigend, „wenn du es tatest, so hattest du doch dein Brot davon.“

„Das stimmt“, sprudelte das Mädchen mit steigender Heftigkeit heraus. Ihre Worte überstürzten sich förmlich.

„Es ist mein Brot, und die kalten, nassen, schmutzigen Straßen sind mein Heim. Und du bist der Lump, der mich heraustrieb und der mich Tag und Nacht hinaustreiben wird, bis ich verrecke!“