Fünfzehntes Kapitel.


Fünfzehntes Kapitel.

Obgleich Mr. Gradgrind sich nicht wie Blaubart benahm, so war sein Zimmer doch ein vollständig blaues Gemach. Das kam von der großen Menge blauer Bücher, die dort aufgereiht waren. Was sie nur immer beweisen konnten – und sie beweisen ja alles, was man bewiesen haben will –, das bewiesen sie allda in einer Armee, die durch die Ankunft von neuen Rekruten fortwährend Verstärkung erhielt. In diesem Hexenmeisterraum wurden die kompliziertesten sozialen Fragen aufgeworfen, in exakte Summen ausgerechnet und endlich ins reine gebracht – wofern die, die es anging, nur zu deren Verständnis gebracht werden konnten. Wie ein Astronom, der in einer Sternwarte ohne Fenster, das Sternensystem einzig und allein durch Papier, Feder und Tinte regeln würde, so brauchte Mr. Gradgrind in seinem Observatorium (und es gibt gar viele, die diesem gleichen) auf die fruchtbaren Myriaden von menschlichen Wesen nicht erst einen Blick der Beobachtung zu werfen, sondern war imstande, ihre sämtlichen Schicksale auf einer Schiefertafel anzugeben und all ihre Tränen mit einem schmutzigen Stückchen Schwamm abzuwischen.

In diesem Observatorium nun – ein starres Zimmer mit einer grauenhaft-statistischen Uhr, die jede Sekunde mit einem Schlage verkündete, der wie das Pochen auf einem Sargdeckel klang – erschien Luise an dem bestimmten Morgen. Das Fenster sah nach Coketown. Als sie sich zu ihrem Vater an den Tisch setzte, fiel ihr Blick auf die hohen Rauchfänge und die langen Rauchschlangen, die in der trüben Entfernung düster zum Vorschein kamen.

»Meine liebe Luise«, sagte ihr Vater. »Ich bereitete dich gestern abend darauf vor, mir in dem Gespräche, das wir jetzt miteinander haben werden, ernste Aufmerksamkeit zu schenken. Du bist so wohl erzogen worden und du machst, was ich mit Vergnügen gestehe, der Erziehung, die dir zuteil geworden, so viel Ehre, daß ich in deinen Verstand viel Vertrauen setze. Du bist nicht reizbarer oder romantischer Natur. Du bist gewöhnt, alles von dem kräftigen und leidenschaftslosen Standpunkt der Vernunft und der Berechnung zu betrachten. Ich weiß, du wirst auch nur von diesem Standpunkt den Gegenstand betrachten, den ich dir mitteilen will.«

Er wartete, als hätte es ihn gefreut, wenn sie etwas sagte. Aber sie ließ sich kein Wort verlauten.

»Luise, meine Teure, du bist der Gegenstand eines Heiratsantrages, der mir gemacht worden.«

Er wartete abermals, und abermals antwortete sie mit keiner Silbe. Das überraschte ihn so sehr, daß er sich bewogen fühlte, mit sanfter Stimme zu wiederholen:

»Ein Heiratsantrag, mein teures Kind.«

Darauf antwortete sie ohne die geringste sichtbare Erregung:

»Ich höre, mein Vater. Seien Sie versichert, ich bin aufmerksam«.

»Nun gut«, sagte Mr. Gradgrind, nachdem er einen Augenblick ganz verdutzt dagestanden, »du bist selbst leidenschaftsloser als ich erwartete. Oder bist du vielleicht auf die Mitteilung, die ich dir machen will, nicht unvorbereitet?«

»Ich kann nichts darüber sagen, bis ich sie gehört habe. Vorbereitet oder unvorbereitet, ich will sie nun einmal ganz von Ihnen vernehmen. Ich wünsche, daß Sie mir Ihre Botschaft auseinandersetzen, mein Vater.«

Es klingt sonderbar, aber Mr. Gradgrind war in diesem Augenblick nicht in solcher Fassung wie seine Tochter. Er nahm ein Papiermesser in die Hand, drehte es herum, legte es nieder, hob es wieder auf und selbst dann mußte er, in der Betrachtung wie er fortfahren sollte, die Klinge beschauen.

»Was du da sagst, meine liebe Luise, ist ganz vernünftig. Ich habe es nun übernommen, dich davon in Kenntnis zu setzen, daß Mr. Bounderby mich davon benachrichtigte, daß er deine Fortschritte seit langem mit Vergnügen und besonderer Teilnahme beobachtet hat. Daher hat er schon längst die Hoffnung gehegt, daß die Zeit endlich heranrücken dürfte, wo er dir seine Hand anbieten könnte. Diese Zeit, der er so lange und wahrlich mit so viel Beharrlichkeit entgegengesehen, ist nun gekommen. Mr. Bounderby hat mir den Heiratsantrag mitgeteilt und hat mich dringend gebeten, ihn zu deinen Ohren zu bringen und seine Hoffnung auszudrücken, daß du ihn in freundliche Erwägung ziehen werdest.«

Stillschweigen lagerte sich zwischen sie. Die grauenhaft-statistische Wanduhr klang sehr hohl. Der ferne Rauch ward sehr schwarz und dicht.

»Mein Vater«, sagte Luise, »glauben Sie, daß ich Mr. Bounderby liebe?«

Mr. Gradgrind war durch diese unerwartete Frage ganz verblüfft.

»Aber, mein Kind«, entgegnete er. »Ich – kann – es wahrlich nicht auf mich nehmen, das zu behaupten.«

»Mein Vater«, fuhr Luise ganz in der früheren Stimme fort, »fordern Sie von mir, daß ich Mr. Bounderby liebe?«

»Nein, meine liebe Luise, nein. Ich fordere nichts.«

»Mein Vater«, beharrte Luise, »stellt Mr. Bounderby die Forderung an mich, daß ich ihn liebe?«

»Wirklich, meine Teure«, sagte Mr. Gradgrind, »deine Frage ist schwer zu beantworten.«

»Schwer zu beantworten. Ja oder nein, mein Vater?«

»Gewiß, mein Kind. Weil«, hier gab es etwas zu demonstrieren, was ihn wieder ins rechte Gleise brachte, »weil die Antwort, Luise, so wesentlich von dem Sinne abhängt, in dem wir einen Ausdruck gebrauchen. Nun ist Mr. Bounderby nicht so ungerecht gegen dich und auch nicht gegen sich selbst, daß er auf etwas Schwärmerisches, Phantastisches oder (ich bediene mich synonymer Ausdrücke) etwas Sentimentales Anspruch machte. Mr. Bounderby müßte dich wohl vergeblich unter seinen Augen haben aufwachsen sehen, wenn er geradezu vergessen könnte, was er deinem gesunden Menschenverstand, geschweige gar dem seinen, schuldig ist, und an dich in ähnlicher Absicht sich wenden wollte. Deshalb dürfte selbst der Ausdruck – ich mache dich bloß aufmerksam darauf, mein Kind – ein wenig übel angewandt sein.«

»Was würden Sie mir raten, Vater, an Stelle dieses Ausdrucks zu gebrauchen?«

»Nun, meine liebe Luise«, antwortete Mr. Gradgrind, diesmal mit voller Fassung. »Ich würde, da du mich einmal darum befragst, dir raten, diese Frage so zu betrachten, wie du gewohnt bist, es bei jeder andern Frage zu tun, sie nämlich als ein greifbares Faktum zu betrachten. Die Unwissenden und Leichtsinnigen mögen bei solchen Gegenständen von unnützen Gefühlsduseleien geplagt werden, und auch von ähnlichen Dingen, die gar keine Existenz – vom richtigen Standpunkte aus betrachtet, wirklich gar keine Existenz haben. Daß du die Sache aber besser verstehst, ist nicht einmal ein Kompliment für dich. Nun, was sind denn die Tatsachen in diesem Falle?

Du bist, wir wollen in runden Zahlen sprechen, zwanzig Jahre alt, Mr. Bounderby ist, wir wollen in runden Zahlen sprechen, fünfzig Jahre alt. Es waltet in bezug auf euer Alter einige Ungleichheit vor – aber in euren sonstigen Lebensverhältnissen jedoch ist gar keine vorhanden. Im Gegenteil, in alledem herrscht eine große Gleichförmigkeit. Dann entsteht die Frage: ist eine solche einzige Ungleichheit genügend, um sich als Schranke gegen diese Heirat zu erheben? Bei der Erwägung dieser Frage ist es nicht unwichtig, die Statistik der Heiraten in Berechnung zu ziehen, insofern sie uns in England und Wales bekannt geworden sind. Ich finde, wenn ich die Zahlen zu Rate ziehe, daß eine große Anzahl dieser Heiraten zwischen Parteien von ungleichem Alter geschlossen werden, und daß der ältere Teil bei diesen Parteien, in mehr als drei Viertel ähnlicher Fälle, der Bräutigam ist. Es verdient als merkwürdiger Beweis der Überlegenheit dieses Gesetzes besonders hervorgehoben zu werden, daß unter den Eingebornen in den Britischen Besitzungen beider Indien, wie auch in einem beträchtlichen Teil von China und unter den Kalmücken der Tartarei, nach den besten Berechnungen, die von Reisenden angestellt worden, die gleichen Resultate sich ergeben. Die Ungleichheit, deren ich Erwähnung getan, hört daher beinahe auf, Ungleichheit zu sein und (in der Wirklichkeit) verschwindet sie auch.«

»Was raten Sie mir«, fragte Luise, deren gefaßtes, zurückhaltendes Wesen nicht im geringsten durch diese erhebenden Resultate ergriffen wurde, »an Stelle des von mir verwandten Ausdrucks zu gebrauchen, an Stelle des übel angewandten Ausdrucks?«

»Luise«, entgegnete ihr Vater, »es scheint mir, daß nichts einfacher sein kann. Wenn du dich streng auf die Tatsache beschränkst, so lautet die Frage der Tatsache, die du dir zu stellen hast: ›Macht Mr. Bounderby mir einen Heiratsantrag?‹ Ja, er tut es. Die einzige Frage, die dann noch übrig bleibt ist: ›Soll ich ihn heiraten?‹ Ich glaube, nichts kann einfacher sein als das.«

»Soll ich ihn heiraten?« wiederholte Luise mit tiefem Nachsinnen.

»Ganz richtig. Es erfüllt mich, als deinen Vater, meine gute Luise, mit Befriedigung, wahrzunehmen, daß du bei der Erwägung dieser Frage nicht auf vorhergefaßte Meinungen oder Gewohnheiten zurückkommst, wie sie bei vielen jungen Frauenzimmern gefunden werden.«

»Nein, mein Vater«, entgegnete sie, »das tue ich nicht.«

»Ich überlasse nun die Sache deinem eigenen Urteil«, sagte Mr. Gradgrind, »den Fall habe ich einmal begrifflich umrissen, wie dergleichen Fälle unter praktischen Leuten gewöhnlich begrifflich umrissen werden. Ich habe ihn statuiert, wie der ähnliche Fall zwischen mir und deiner Mutter zu seiner Zeit statuiert worden. Das übrige fällt deiner Entscheidung anheim, meine gute Luise.«

Sie hatte von Anfang, den Blick starr auf ihn geheftet, dagesessen. Als er sich nun jetzt auf seinem Sitz zurücklehnte und die Augen seinerseits auf sie richtete, hätte er vielleicht einen schwankenden Moment bei ihr wahrnehmen können. Denn es trieb sie gewaltsam, sich an seine Brust zu werfen und die verschlossenen Geheimnisse ihres Herzens vor ihm auszuschütten. Um indessen dafür ein Auge zu haben, hätte er mit einem Satze die künstlichen Schranken überspringen müssen, die er seit Jahren zwischen sich und den subtilen Wesenheiten des Menschentums aufgerichtet hatte. Die Unwägbarkeiten aber werden stets der äußersten Gewandtheit der Algebra entwischen, selbst so lange, bis der Schall der letzten Trompete auch die Algebra in den Wind verwehen wird. Die Schranken waren für einen solchen Sprung zu viele und zu hohe. Er hatte kein Auge dafür. Er scheuchte sie mit seinem hartnäckigen, utilitarischen Tatsachengesicht wieder zurück. – Der Augenblick schoß in die grundlose Tiefe der Vergangenheit hinunter, um sich mit all den verlorenen guten Gelegenheiten zu mischen, die dort schon ertrunken waren.

Sie wandte ihre Augen von ihm ab und blickte so lange schweigend nach der Stadt hin, daß er endlich ausrief: »Willst du dir denn bei den Schornsteinen der Gebäude von Coketown Rat holen, Luise?«

»Ich sehe dort nicht«, als öden, einförmigen Rauch, dennoch kommt, wenn die Nacht herniedersinkt, Feuer zum Vorschein«, antwortete sie, sich rasch umdrehend.

»Freilich, das ist mir wohl bekannt, Luise. Ich sehe aber die Nutzanwendung deiner Bemerkung nicht ein.«

Um ihm Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, er sah es wirklich nicht ein.

Sie ging darüber mit einer leichten Handbewegung hinweg und sagte, indem sie ihre Aufmerksamkeit wieder auf ihn konzentrierte: »Mein Vater, ich habe oft daran gedacht, daß das Leben so kurz ist.«

Das gehörte so sehr in seinen Bereich, daß er einfiel:

»Ohne Zweifel ist es kurz, mein Kind, dennoch ist es bewiesen, daß die durchschnittliche Dauer des menschlichen Lebens in den letzten Jahren zugenommen hat. Die Berechnungen verschiedener Lebensversicherungsanstalten und Leibrenteninstitute haben mit anderen untrüglichen Berechnungen diese Tatsache bestätigt.«

»Ich spreche von meinem eigenen Leben, mein Vater.«

»O, wirklich?« rief Mr. Gradgrind. »Aber ich brauche doch nicht erst hervorzuheben, daß es denselben Gesetzen unterworfen ist, die das Menschenleben in Summa regieren.«

»Solange es währt, möchte ich das wenige vollbringen, wozu ich imstande und wofür ich geeignet bin. Was ist daran gelegen!«

Mr. Gradgrind war über die Bedeutung der letzten vier Worte in ziemlicher Verlegenheit und rief: »Wie, gelegen? Was, gelegen, mein Kind?«

»Mr. Bounderby«, fuhr sie in gesetzter, gerader Weise fort, »macht mir einen Heiratsantrag. Die Frage, die ich mir dabei zu stellen habe, ist die: ›Soll ich ihn heiraten?‹ Es ist doch so, Vater, nicht wahr? Sie sagten mir so, mein Vater? Nicht wahr?«

»Gewiß, mein Kind.«

»Also. Da Mr. Bounderby mich in dieser Weise nehmen mag, so bin ich bereit, auf sein Anerbieten einzugehen. Sagen Sie ihm, Vater, sobald es Ihnen gefällig ist, daß dies meine Anwort war. Wiederholen Sie dieselbe Wort für Wort, wenn Sie können. Ich wünsche nämlich, daß er genau weiß, was ich gesagt habe.«

»Es ist ganz recht, mein Kind«, antwortete ihr Vater beifällig, »pünktlich zu sein. Ich werde dein gerechtes Begehren erfüllen. Hast du noch einen Wunsch hinsichtlich der Zeit deiner Vermählung, mein Kind?«

»Keinen, mein Vater. Was ist daran gelegen!«

Mr. Gradgrind hatte seinen Stuhl näher zu ihr gerückt und ihre Hand gefaßt. Die Wiederholung dieser Worte schien ihm denn doch wie ein Mißklang an seine Ohren zu dringen. Er machte eine Pause, um sie zu betrachten und sagte, sie weiter bei den Händen haltend:

»Luise, ich hielt es nicht für wesentlich notwendig, an dich eine gewisse Frage zu richten, weil die Möglichkeit, die mit damit verbunden ist, zu weit hergeholt ist. Aber vielleicht sollte ich es dennoch tun. Du hast doch niemals insgeheim einen andern Antrag empfangen?«

»Mein Vater«, erwiderte sie beinahe zornig, »welch ein Antrag konnte mir denn gemacht werden? Wen habe ich gesehen? Wo bin ich gewesen? Was sind die Erfahrungen meines Herzens?«

»Meine gute Luise«, entgegnete ihr Vater ermutigt und zufriedengestellt, »du weisest mich ganz richtig zurecht. Ich wollte mich bloß meiner Pflicht entledigen.«

»Was weiß ich denn, Vater, von Geschmack und Neigung, von Sehnsucht und Herzensneigung? von all dem Teil meines Wesens, in dem dergleichen geringfügige Dinge genährt werden konnten? Welche Abschweifung hatte ich von zu demonstrierenden Problemen und greifbaren Realitäten?«

Indem sie dies sagte, schloß sie unbewußt die Hand, wie um einen festen Körper und öffnete sie dann langsam, als ob sie Staub und Asche losließe.

»Mein Kind«, stimmte ihr ausgezeichnet praktischer Vater bei, »vollkommen wahr, vollkommen wahr.«

»Nun, mein Vater«, fuhr sie fort, »was ist das für eine sonderbare Frage? Der Vorzug, den sich Kinder untereinander zu geben pflegen und von dem ich selbst gehört habe, hat in meiner Brust nie seinen unschuldigen Sitz aufgeschlagen. Sie sind so vorsichtig mit mir gewesen, daß ich nie das Herz eines Kindes besaß. Sie haben mich so wohl erzogen, daß ich niemals den Traum eines Kindes geträumt. Sie sind, mein Vater, von meiner Wiege bis zur gegenwärtigen Stunde so weise mit mir verfahren, daß ich niemals einen kindischen Gauben oder eine kindische Furcht empfand.«

Mr. Gradgrind war von seinem Erfolge und dem ihm also ausgestellten Zeugnisse ganz gerührt. »Meine gute Luise«, sagte er, »du vergiltst mir reichlich meine Sorgfalt. Küsse mich, meine geliebte Tochter!«

Demzufolge küßte ihn seine Tochter. Dann sagte er, indem er sie im Arm hielt:

»Ich kann dir die Versicherung geben, mein Lieblingskind, daß mich der wohlweisliche Entschluß, den du gefaßt hast, glücklich macht. Mr. Bounderby ist ein höchst merkwürdiger Mensch, und was man auch immer von einer Ungleichheit sagen mag, – wenn es überhaupt eine ist – die zwischen euch obwalten dürfte, das erhält durch die Bildung deines Geistes mehr als ein bloßes Gegengewicht. Es war immer mein Streben, dich so zu erziehen, daß du selbst in früher Jugend schon jedes Alter (wenn ich mich so ausdrücken darf) haben könntest. Gib mir noch einen Kuß, Luise. Nun laß uns zu deiner Mutter gehen.«

Demzufolge gingen sie hinunter ins Empfangzimmer, wo die geschätzte Dame mit dem einwandfrei nüchternen Menschenverstand wie gewöhnlich halb liegend dasaß, während Cili bei ihr mit einer Arbeit beschäftigt war. Sie gab einige schwache Zeichen des Auflebens von sich, als sie eintraten: und gleich darauf zeigte sich ihr mattes Transparent wieder in liegender Stellung.

»Mrs. Gradgrind«, sagte ihr Gatte, der auf die Ausführung dieser Heldentat mit Ungeduld gewartet hatte, »erlauben Sie mir, Ihnen Mrs. Bounderby vorzustellen.«

»Oh!« rief Mrs. Gradgrind. »Ihr habt also die Geschichte in Ordnung gebracht. Nun schön, ich hoffe nur, daß du bei guter Gesundheit bleiben wirst. Wenn nämlich dein Kopf so zu zerspringen anfängt, sobald du verheiratest bist, wie es bei mir der Fall war, so kann ich nicht denken, daß du zu beneiden bist. Natürlich glaubst du ja ohne Zweifel, daß du dies bist, wie es bei allen Mädchen zunächst der Glaube ist. Ich gratuliere dir indessen, mein Kind, und ich hoffe, daß du deine sämtlichen graphologischen Studien gut anwenden wirst – ja, das tue ich ganz gewiß. Ich muß dir einen Gratulationskuß geben, Luise, aber berühre nicht meine rechte Schulter: denn dort rieselt etwas den ganzen Tag herunter. Nun seht nur zu«, winselte Mrs. Gradgrind, indem sie ihre Schals nach der zärtlichen Zeremonie wieder zurechtlegte, »wie ich mich jetzt morgens, mittags und abends abquälen werde, um auszudenken, wie ich ihn nennen soll.«

»Mrs. Gradgrind«, sagte ihr Gatte feierlich, »was meinen Sie?«

»Wie ich ihn denn nennen soll, Mr. Gradgrind, wenn er einmal mit Luise verheiratet ist. Ich muß ihn doch irgendwie anreden. Es ist unmöglich«, sagte Mrs. Gradgrind mit einem aus Höflichkeit und Vorwurf gemischten Gefühl, »ihn immer anzusprechen, ohne ihm einen Namen zu geben. Ich kann ihn nicht Josiah heißen, denn dieser Name ist mir unerträglich. Sie selbst würden nichts von Joe hören wollen, das wissen Sie recht wohl. Oder soll ich meinen Schwiegersohn mit »Herr« anreden? Nicht eher, wie ich glaube, als bis die Zeit herangerückt ist, wo meine Verwandten auf mir, als einer unnützen Kranken mit Füßen herumtreten würden. Nun aber, wie soll ich ihn denn nennen?«

Da niemand zugegen war, der in dieser Bedrängnis ein Auskunftmittel dargeboten hätte, so schied Mrs. Gradgrind für jetzt aus diesem Leben, nachdem sie den folgenden Paragraphen zu den bereits mitgeteilten Bemerkungen hinzugefügt hatte:

»Was die Hochzeit angeht, so ist alles, was ich begehre, Luise – und ich begehre es mit einem Zittern in der Brust, das sich tatsächlich bis zu den Sohlen meiner Füße erstreckt – daß sie bald stattfinde, sonst weiß ich, wird das eines von den Dingen sein, die gar kein Ende nehmen wollen.«

Als Mrs. Bounderby von Mr. Gradgrind ihrer Mutter vorgestellt wurde, hatte Cili den Kopf umgewandt und blickte in Verwunderung, in Bedauern, in Kummer, in Zweifel und in einer Fülle von Empfindungen auf Luise. Luise hatte es gewußt und gesehen, ohne sie anzublicken! von diesem Augenblicke an war sie passiv, stolz und kalt – hielt sich fern von Cili – und war gegen sie wie verwandelt.

Sechzehntes Kapitel.


Sechzehntes Kapitel.

Als Mr. Bounderby die Kunde von seinem Glücke vernahm, bestand seine erste Verlegenheit in der Zwangslage, dieses Glück Mrs. Sparsit mitzuteilen. Er konnte mit sich selbst nicht darüber einig werden, wie das anzustellen sei, oder was die Folgen eines solchen Schrittes sein dürften. Ob sie sogleich mit Sack und Pack zu Lady Scodgers reisen, oder sich weigern würde, das Haus überhaupt zu verlassen, ob sie sich durch Klagen oder Schmähreden Luft machen, oder ob sie alles zerreißen oder selbst zerrissen sein würde, ob sie ihr Herz oder den Spiegel entzweischlagen würde – das konnte Mr. Bounderby durchaus nicht vorhersehen. Da es aber geschehen mußte, so blieb ihm keine andere Wahl übrig, als es zu wagen. Nachdem er es nun mit mehreren Briefen versucht hatte und sie ihm sämtlich mißlangen, entschloß er sich, mündlichen Vortrag zu halten.

Auf seinem Heimweg an dem Abend, den er zu diesem wichtigen Zweck angesetzt hatte, gebrauchte er die Vorsicht, sich in den Laden eines Apothekers zu begeben und eine Flasche der am allerstärksten riechenden Salzessenzen zu kaufen. »Beim Himmel«, sagte Mr. Bounderby, »wenn sie mir mit einer Ohnmacht kommt, werde ich ihr jedenfalls die Haut von der Nase abreiben.« Trotzdem er nun auf diese Weise gewaffnet war, trat er in sein eigenes Haus mit einer nichts weniger als mutigen Miene und erschien vor dem Gegenstande seiner bangen Besorgnisse wie ein Hund, der es sich bewußt war, direkt aus der Speisekammer zu kommen.

»Guten Abend, Mr. Bounderby.«

»Guten Abend, Ma’am, guten Abend.« Er schob seinen Stuhl vor, Mrs. Sparsit schob den ihrigen zurück, als wollte sie sagen: »Ihr Kamin, Sir. Ich räume es ungehindert ein. Sie können ihn ganz einnehmen, wenn Sie es für billig halten.«

»Wandern Sie doch nicht gleich ganz nach dem Nordpol, Ma’am«, sagte Mr. Bounderby.

»Danke, Sir«, erwiderte Mrs. Sparsit, indem sie zu ihrer früheren Stellung, obgleich nur unbedeutend, vorrückte.

Mr. Bounderby saß da und betrachtete sie, wie sie in ein Stückchen Batist mit einer steifen, scharfen Schere zu einer unerforschlichen Verzierung Löcher ausschnitt. Diese Operation erinnerte, verbunden mit den buschigen Augenbrauen und der römischen Nase, lebhaft an einen Habicht, der sich über die Augen eines zähen Vögelchens hermacht. Sie war so emsig beschäftigt, daß mehrere Minuten verflossen, ehe sie von ihrer Arbeit aufblickte. Als das geschehen war, zog Mr. Bounderby ihre Aufmerksamkeit auf sich, indem er sich mit dem Kopfe vorbog.

»Mrs. Sparsit, Ma’am«, sagte Bounderby und steckte die Hände in die Tasche, sich mit der Rechten überzeugend, daß der Kork des Fläschchens zum Gebrauch bereit sei. »Ich habe es gar nicht nötig, Ihnen zu sagen, daß Sie nicht nur eine Lady von Geburt und Erziehung sind, sondern auch eine verdammt kluge Frau.«

»Sir«, erwidert die Lady, »es ist in der Tat nicht zum ersten Male, daß Sie mich mit ähnlichen Ausdrücken Ihrer guten Meinung beehren.«

»Mrs. Sparsit, Ma’am«, sagte Mr. Bounderby. »Ich werde Sie in Erstaunen setzen.«

»Wirklich, Sir?« entgegnete Mrs. Sparsit fragend und mit der größtmöglichen Ruhe. Sie trug gewöhnlich Fausthandschuhe, und jetzt glättete sie diese, nachdem sie ihre Arbeit niedergelegt hatte.

»Ich bin auf dem Sprunge, Ma’am«, sagte Mr. Bounderby, »Tom Gradgrinds Tochter zu heiraten.«

»Wirklich, Sir? Ich wünsche, daß Sie glücklich sein mögen, Sir.«

Sie sagte das mit so viel Herablassung und mit so großem Bedauern für ihn, daß Bounderby, der jetzt mehr außer Fassung gebracht wurde, als wenn sie ihr Arbeitskistchen an den Spiegel geschleudert hätte oder auf dem Kaminteppich in Ohnmacht gefallen wäre, die Salzessenz in der Tasche wieder fest zustöpselte und dachte: »Nun, hol‘ der Teufel dieses Weib, wer hätte je gedacht, daß sie es in dieser Weise aufnehmen würde!«

»Ich wünsche es von ganzem Herzen, Sir«, sagte Mrs. Sparsit in einer höchst vornehmen Weise – auf irgendeine Art schien sie in einem Augenblick sich das Recht erworben zu haben, ihn nachher fortwährend zu bedauern – »daß Sie in jeder Beziehung vollkommen glücklich sein mögen.«

»Nun gut, Ma’am«, entgegnete Mr. Bounderby mit einigermaßen empfindlichem Tone, den er unwillkürlich dämpfte. »Ich bin Ihnen sehr verbunden. Ich hoffe, ich werde es sein.«

»Meinen Sie, Sir?« fragte Mrs. Sparsit mit großer Freundlichkeit. »Aber natürlich, meinen Sie es – freilich meinen Sie es.«

Eine höchst verlegene Pause trat auf Mr. Bounderbys Seite ein. Mrs. Sparsit machte sich wieder emsig an die Arbeit und ließ gelegentlich ein leises Husten vernehmen, das wie der Husten der sich selbst bewußten Kraft und Nachsicht klang.

»Aber freilich, Ma’am«, nahm Mr. Bounderby wieder das Wort, »unter solchen Umständen dürfte es für eine Persönlichkeit, wie es die Ihrige ist, nicht angenehm sein, hier weiter zu bleiben, obschon Sie hier höchst willkommen sein werden.«

»O du lieber Himmel, nein! Ich könnte auf keinen Fall daran denken.« Mrs. Sparsit schüttelte noch immer den Kopf in einer höchst vornehmen Weise und veränderte ein wenig den leisen Husten – indem sie hustete, als ob ein prophetischer Geist über sie käme und der Ansicht wäre, es sei besser, ihn hinunter zu husten.

»Es ist indessen, Ma’am«, sagte Bounderby, »in dem Bankhaus eine Wohnung frei, wo eine Lady von Geburt und Erziehung als Hausdame eine vorzügliche Position hätte, und wenn die Bedingungen –«

»Ich bitte um Verzeihung, Sir. Sie waren so gefällig, mir zu versprechen, daß Sie stets die Redensart jährliches Kompliment dafür anwenden wollen.«

»Gut, Ma’am, jährliches Kompliment. Wenn dasselbe jährliche Kompliment auch dort annehmbar ist, so sehe ich nicht ein, warum wir scheiden sollten, ausgenommen Sie tun es.«

»Sir«, entgegnete Mrs. Sparsit, »der Antrag gleicht Ihnen vollkommen, und wenn die Position, die ich in dem Bankhause einnehmen soll, der Art ist, daß ich sie ausfüllen kann, ohne tiefer auf der gesellschaftlichen Stufenleiter herabzusteigen –«

»Aber, natürlich!« sagte Bounderby. »Sie werden doch nicht denken, daß ich sie einer Lady angeboten hätte, die sich in einer solchen Gesellschaft bewegte, wie das bei Ihnen der Fall war, wenn sie es nicht wäre. Nicht, daß mir an solcher Gesellschaft läge! Aber Ihnen liegt daran!«

»Mr. Bounderby, Sie sind äußerst rücksichtsvoll.«

»Sie werden Ihre eigenen Gemächer haben und Sie werden ihre eigenen Kohlen, Kerzen und alles übrige haben. Sie werden auch ihr eigenes Mädchen zur Bedienung haben, und Sie werden Ihren Hausmann zur Beschützung haben, ja, Sie werden sich so daselbst – ich bin so frei zu sagen: köstlich komfortabel befinden«, sagte Bounderby.

»Sir«, erwiderte Mrs. Sparsit, »sagen Sie nichts weiter. Indem ich das mir anvertraute Pflegeamt hier aufgebe, werde ich doch von der Notwendigkeit nicht befreit sein, das Brot der Abhängigkeit zu essen.« Sie hätte wohl sagen mögen, das Zuckerbrot; denn dieser delikate Artikel war eine Lieblingsspeise von ihr, »und ich empfange es lieber aus Ihrer Hand als aus einer andern. Ich nehme daher Ihr Anerbieten, Sir, dankbar und mit vieler aufrichtiger Dankbarkeit für frühere Gunstbezeugungen an. Und ich wünsche, Sir«, sagte Mrs. Sparsit in einem nachdrucksvoll mitleidigen Ton, »ich wünsche es von Herzen, daß Miss Gradgrind all‘ das sein möge, was Sie erwarten und verdienen.«

Nichts vermochte Mrs. Sparsit von diesem Standpunkt mehr abzubringen. Vergebens gebärdete sich Bounderby geräuschvoll oder versuchte sanft in seiner gewöhnlichen polternden Weise sich auszudrücken. Mrs. Sparsit war entschlossen, ihn als ein Opfer zu bemitleiden. Sie war höflich, gefällig, munter, hoffnungsvoll. Je höflicher, gefälliger, munterer, hoffnungsvoller und überhaupt je bestimmter sie war, ein desto unglücklicheres Schlachtopfer war er. Sie hatte eine solche Zärtlichkeit für sein tragisches Geschick, daß sein volles rotes Gesicht gewöhnlich in kalten Schweiß ausbrach, sobald sie ihn anblickte.

Inzwischen ward festgesetzt, daß die Hochzeitsfeier in acht Wochen stattfinden sollte, und Mr. Bounderby begab sich jeden Abend als ein anerkannter Freier nach Stone Lodge. Die Liebe ward daselbst in der Gestalt von Armbandgeschenken betont und nahm bei allen Anlässen während des Brautstandes einen fabrikmäßigen Anstrich an. Kleider wurden gemacht, Schmucksachen wurden gemacht, Kuchen und Handschuhe wurden gemacht und ein ausgedehntes Warenlager von Tatsachen machte dem Eheschließungskontrakte alle Ehre. Die ganze Angelegenheit war eine Tatsache von Anfang bis zu Ende. Die Stunden schwanden nicht inmitten jener rosigen Ereignisse dahin, von denen törichte Poeten zu solchen Zeiten zu träumen pflegen. Auch gingen die Uhren um nichts schneller oder langsamer als zu den anderen Perioden. Der grauenhaft-statistische Zeitmesser in dem Gradgrindischen Observatorium schlug jeder Sekunde auf den Kopf, sobald sie geboren wurde und begrub sie mit der herkömmlichen Regelmäßigkeit.

So rückte dieser Tag heran, wie alle Tage den Leuten heranrücken, die sich bloß an die Vernunft halten, und als er da war, wurden in der Kirche »mit den Schnörkelbeinen« – dieser beliebt gewordenen Bauart – Josiah Bounderby Esquire von Coketown und Luise, die älteste Tochter von Thomas Gradgrind Esquire von Stone Lodge, M. P.) für den Flecken, miteinander vermählt. Und als sie in heiliger Ehe verbunden waren, begaben sie sich zum Frühstück nach dem vorerwähnten Stone Lodge.

Zur Feier des Tages war eine Gesellschaft versammelt, die genau wußte, woraus alles, was gegessen und getrunken wurde, zubereitet war, wie hoch sich Import und Export des betreffenden Artikels beliefen, ob das in fremden oder einheimischen Schiffen geschah, kurz, sie wußten über alles Bescheid. Von den Brautjungfern angefangen bis zu der kleinen Jane Gradgrind waren sie sämtlich, vom intellektuellen Standpunkte aus betrachtet, ganz geeignete Gehilfinnen für den Oberrechenmeister, und niemand von der Gesellschaft hatte etwas an sich, das über Tatsachenvernunft hinausragte.

Nach dem Frühstück redete sie der junge Ehemann in folgender Weise an:

»Ladies und Gentlemen! Ich bin Josiah Bounderby von Coketown. Da Sie mir und meiner Frau die Ehre antaten, auf unsere Gesundheit und unser Glück zu trinken, so muß ich wohl auf diese erwidern. Sie werden ja freilich, da Sie mich alle kennen und wissen, was ich bin und was mein Ursprung war, keine Rede von einem Manne erwarten, der, wenn er einen Postwagen sieht, sagt: ›das ist ein Postwagen‹, und wenn er eine Pumpe sieht, sagt: ›das ist eine Pumpe‹, und der nicht dahin gebracht werden kann, einen Postwagen eine Pumpe, und eine Pumpe einen Postwagen, oder eines von beiden einen Zahnstocher zu nennen. Wenn Sie gegenwärtig eine Rede wollen, nun, mein Freund und Schwiegervater, Tom Gradgrind, ist Parlamentsmitglied, und Sie wissen, wo eine gehörige Rede zu haben ist. Dazu bin ich nicht der Mann. Wenn ich jedoch ein wenig das Gefühl der Unabhängigkeit empfinde, da ich meinen Blick um diesen Tisch schweifen lasse und bedenke, wie wenig ich daran gedacht habe, Tom Gradgrinds Tochter zu heiraten, als ich ein zerlumpter Straßenjunge war, der sich das Gesicht nur an den Pumpen wusch, und das nicht öfter als einmal in vierzehn Tagen, so wird man mich hoffentlich entschuldigen. Demnach hoffe ich nun, daß Sie meinen Stolz auf meine Unabhängigkeit billigen werden; tun Sie es nicht, so kann ich nichts dafür. Ich fühle mich unabhängig. Nun habe ich erwähnt, und auch Sie haben dessen Erwähnung getan, daß ich heute mit Tom Gradgrinds Tochter vermählt worden. Es freut mich sehr, daß dies der Fall ist. Es war schon längst mein Wunsch, daß dies der Fall sein möge. Ich habe ihre Erziehung genau beobachtet und ich glaube, sie ist meiner würdig. Zu gleicher Zeit glaube ich – um Sie alle nicht zu täuschen – daß ich ihrer würdig bin. Demnach danke ich Ihnen in unser beider Namen gemeinschaftlich für die Güte, die Sie gegen uns an den Tag legten, und der beste Wunsch, den ich dem unverheirateten Teil dieser Gesellschaft geben kann, ist der: Ich wünsche, daß jeder Junggeselle eine solche Frau finden möge, wie ich sie gefunden. Und ich wünsche, daß jede Jungfer einen so guten Mann finden möge, wie meine Frau ihn bekommt.«

Kurz nach dieser Rede war dieses glückliche Paar – da sie eine Hochzeitsreise nach Lyon machten, damit Mr. Bounderby die Gelegenheit habe, sich zu überzeugen, wie es mit den »Händen« daselbst steht, und ob sie auch verlangen, mit goldenen Löffeln gespeist zu werden – zur Eisenbahn gefahren. Die Braut fand, als sie in den Reisekleidern hinabstieg, Tom – dessen Gesicht entweder von Aufregung oder von dem rebensaftigen Teile des Frühstücks gerötet war – wie er auf sie wartete.

»Was du doch für ein spaßiges Mädchen bist, daß du eine so vortreffliche Schwester gewesen, Lu«, lispelte Thomas.

Sie schmiegte sich an ihn an, wie sie sich an diesem Tage an ein weit besseres Wesen hätte anschmiegen sollen, und zum ersten Male war jetzt ihre steife Zurückhaltung erschüttert.

»Der alte Bounderby ist fix und fertig«, sagte Tom. »Es ist gerade Zeit, Adieu. Ich werde dich aufsuchen, wenn du zurückkommst. Hör‘ mal, meine gute Lu! Ist das jetzt nicht alles ganz außerordentlich nett?«

Siebzehntes Kapitel.


Siebzehntes Kapitel.

Ein sonnengoldener Sommertag. Sogar in Coketown gab es dergleichen. Bei solcher Witterung von der Ferne betrachtet, lag Coketown in seinem eigenen Nebeldunste eingehüllt, den kein Sonnenstrahl durchbrach. Man wußte nur, daß sich die Stadt daselbst befindet, weil man gewiß war, daß ohne Stadt kein ähnlicher Schmutzflecken sich dem Anblick bieten konnte. Ein Qualm von Dunst und Rauch, der bald diese, bald jene Richtung nahm, bald zum Himmelsgewölbe sich emporschwang, bald düster längs der Erde hinkroch, je nachdem der Wind sich erhob, oder sich senkte, oder die Richtung veränderte – ein dichtes, unförmliches Gemisch mit plötzlich aufblitzenden Lichtstreifen, die nur dunkle Massen sichtbar werden ließen – und Coketown gab sich schon von der Ferne kund, obgleich kein einziger Ziegelstein zu sehen war.

Das Wunder bestand darin, daß Coketown überhaupt vorhanden war. Es war schon so oft zugrunde gerichtet worden, daß es Erstaunen erregen musste, wie es so viele schwere Unglücksfälle ertragen konnte. Es gab sicher nie so zarte Porzellanware wie die, aus der die Spinnfabrikanten von Coketown gemacht waren. Man mochte sie noch so vorsichtig anfassen, sie brachen mit einer Leichtigkeit in Stücke, daß man vermuten konnte, sie hätten vorher schon einen Sprung gehabt. Sie schwanden dahin, als man von ihnen verlangte, sie sollten die arbeitenden Kinder in die Schule schicken: sie schwanden dahin, als Inspektoren beauftragt wurden, ihre Arbeiten zu untersuchen; sie schwanden dahin, als solche Inspektoren es für zweifelhaft hielten, ob sie ein Recht hätten, mit ihren Maschinen ihre Arbeiter in Stücke reißen zu lassen; und sie schwanden vollends dahin, als man ihnen einen Wink gab, daß sie vielleicht nicht immer so viel Rauch zu machen brauchten. Außer Mr. Bounderbys goldenem Löffel, der in Coketown wie ein Evangelium galt, war noch ein anderes herrschendes Märchen daselbst populär. Dasselbe nahm die Gestalt einer Drohung an. Sobald nur ein Coketowner Fabrikherr sich übel behandelt glaubte, d. h. sobald man ihn nicht allein gewähren ließ, und der Vorschlag gemacht wurde, ihn für die Folgen seiner Handlungen verantwortlich zu machen – so trat er gewiß mit der schrecklichen Drohung hervor, »daß er lieber sein Vermögen in den Atlantischen Ozean schleudern wollte«. Das hatte den Minister des Innern bei verschiedenen Gelegenheiten in eine wahre Todesangst gejagt.

Die Coketowner waren jedoch am Ende so patriotisch, daß sie ihr Vermögen noch nie in den Atlantischen Ozean geschleudert hatten, ja sie waren freundlich genug, es ganz gehörig in Verwahrung zu nehmen. Dort lag nun dies Vermögen in den Nebeldunst eingehüllt, und es nahm zu und vermehrte sich.

Die Straßen waren an dem Sommertag heiß und staubig, und der Sonnenschein war so hell, daß er sogar durch den dicken Dunst, der Coketown einhüllte, und den man nicht anhaltend mit den Augen aushalten konnte, hindurchschien. Heizer tauchten aus den tiefen unterirdischen Gängen der Fabriköfen auf, setzten sich auf Stufen, Pfosten und Geländer, rieben ihre rußgeschwärzten Gesichter und betrachteten die Kohlen. Die ganze Stadt schien in Öl zu braten. Allenthalben war ein erstickender Dunst von heißem Öl. Die Dampfmaschinen glänzten davon. Die Anzüge der »Hände« waren damit beschmutzt; die Fabriken in ihren vielen Stockwerken flossen und troffen davon. Die Atmosphäre dieser Feenpaläste war wie der heiße Hauch des Wüstenwindes, und ihre Bewohner, vor Hitze schier vergehend, arbeiteten schlaff und träge in dieser Wüste. Aber kein Wechsel der Temperatur machte die melancholisch-wahnsinnigen Elefanten wahnsinniger oder vernünftiger. Ihre langweiligen Köpfe wackelten stets in demselben Grade auf und nieder, in heißem und kaltem, feuchtem und trockenem, schönem und häßlichem Wetter. Die abgemessene Bewegung ihrer Schatten an den Wänden war der Ersatz, den Coketown für den Schatten rauschender Wälder aufzuweisen hatte, während es anstatt des Gesummes der Sommerkäfer das ganze Jahr hindurch, von dem ersten Tagesgrauen des Montags bis zur Nacht des Sonnabends das Schnurren der Triebstangen und Räder bot.

Schläfrig schnurrten sie jenen ganzen Sommertag hindurch, den Wanderer nur noch schläfriger und heißer machend, wenn er an den tönenden Wänden der Fabriken vorüberging. Markisen und Sprengwasser kühlten die Hauptstraßen und die Geschäfte ein wenig. Aber die Fabrikgebäude und Höfe und Gassen wurden gebacken in grimmiger Hitze. Unten auf dem Fluße, der schwarz war von dem dicken Abfluß der Farbstoffe, steuerten einige Jungen von Coketown, die unbeschäftigt waren, – ein seltener Anblick in diesem Orte – ein altes Boot, das, wie es sich so dahinschleppte, eine trüb-schlammige Furche auf dem Wasser zog, während jeder Stoß der Ruder ekle Gerüche aufstörte. Aber der Sonnenschein selbst, obwohl so allgemein wohltuend, zeigte sich in Coketown ungnädiger als strenge Kälte und blickte selten eine Zeitlang anhaltend auf eine dieser eingepferchten Regionen, ohne mehr Tod als Leben zu erzeugen. So wird das Auge des Himmels selbst ein schlimmes Auge, wenn ungeschickte oder schmutzige Hände sich vor die Dinge legen, auf die es segnend blickt.

Mrs. Sparsit saß in ihrem Nachmittagszimmer in der Bank, an der schattigen Seite der sonnengeschmorten Straße. Die Geschäftsstunde war vorüber, und just zu jener Tageszeit pflegte sie bei warmem Wetter das Tagungszimmer, das sich über dem Direktorzimmer befand, mit ihrer lieblichen Gegenwart zu schmücken. Ihr Privatgemach war ein Stockwerk höher, und an dem Fenster dieses Beobachtungspostens saß sie jeden Morgen, bereit, Mr. Bounderby, der die Straße heraufkam, mit jenem, für ein Opfer angemessenen, faszinierenden Blick zu begrüßen. Er war bereits ein Jahr verheiratet, und Mrs. Sparsit hatte ihn noch keinen Augenblick von ihrem beharrlichen Bedauern erlöst.

Die Bank natürlich tat der gesunden Einförmigkeit der Stadt keine Gewalt an. Es war nur ein Haus aus roten Ziegeln mehr, mit schwarzen Läden und grünen Jalousien, einem schwarzen Eingangstor über zwei weißen Stufen, einem messingenen Schild an der Tür und einem Schlußpunkt von ehernem Türdrücker. Es war bedeutend größer als Mr. Bounderbys Haus, während andere Häuser wiederum um die Hälfte oder mehr kleiner waren. In allen übrigen Einzelheiten aber war es strikt nach der Regel.

Mrs. Sparsit war sich sehr wohl bewußt, daß ihre Erscheinung des Abends unter den Pulten und Schreibgeräten eine gewisse weibliche, um nicht zu sagen aristokratische Grazie über die Geschäftsstube verbreite. Wenn sie mit ihrem Nähzeug oder Netzrahmen am Fenster saß, beschlich sie stets eine Art selbstgefälligen Gefühls, daß sie durch ihre ladyartige Haltung das rohgeschäftliche Aussehen des Orts etwas verbessere. Erhoben von diesem Eindruck ihrer interessanten Persönlichkeit betrachtete sich Mrs. Sparsit gewissermaßen als die Fee der Bank. Die Stadtleute dagegen, wenn sie vorbeipassierend Mrs. Sparsit so dasitzen sahen, erblickten in ihr den Drachen der Bank, der die Schätze der Anstalt bewachte.

Worin diese Schätze bestanden, das wußte Mrs. Sparsit ebensowenig wie es die Stadtleute wußten. Gold- und Silbermünzen, kostbare Papiere, Geheimnisse, deren Enthüllung ungeahntes Verderben über ungeahnte Persönlichkeiten bringen konnte (doch gewöhnlich Leute, die sie nicht leiden konnte). Das waren die Hauptpartien in ihrem Idealkontobuch.

Im übrigen wußte sie, daß sie nach den Geschäftsstunden über das ganze geschäftliche Mobiliar und über ein wohlverwahrtes Zimmer mit drei Schlössern, vor dessen Tür der Laufbursche jede Nacht auf einem Rollbett, das mit dem Hahnenschrei verschwand, seinen Kopf legte, mit Allgewalt herrschte. Ferner herrschte sie als allgebietende Dame über gewisse Räume in dem unterirdischen Geschoß, scharf verwahrt vor jeder Verbindung mit der räuberischen Welt. Außerdem über Überreste der laufenden Tagesarbeit, bestehend aus Tintenklecksen, abgenutzten Federn, Oblaten-Fragmenten und Papierfetzen, die in so kleine Stücke zerrissen waren, daß es Mrs. Sparsit niemals gelingen wollte, etwas Interessantes daraus zu entziffern. Endlich war sie Hüterin einer kleinen Rüstkammer von Säbeln und Revolvern, die drohend über einem der Kontorkamine hingen, und über jenes altehrwürdige Herkommen, das sich niemals vom Geschäftslokal trennen läßt, wofern dieses überhaupt auf den Anstrich von Reichtum Anspruch macht: über eine Reihe von Feuereimern – Gefäße, die aber gar nicht für eventuelles Löschen da hingen, sondern nur deshalb, weil sie einen imponierenden Eindruck auf die meisten Besucher machten, einen Eindruck, der fast dem der Gold- und Silberbarren gleichkam.

Eine taube Dienstmagd und der Laufbursche vollendeten Mrs. Sparsits Herrschaftsbereich. Von der tauben Dienstmagd murmelte man, daß sie wohlhabend sei, und ein Gerücht war schon seit Jahren in den niederen Klassen von Coketown umgegangen, daß sie gewiß einmal in der Nacht nach Bankschluß ihres Geldes wegen würde ermordet werden.

Man betrachtete sie in der Tat schon längst als pflichtschuldigst dem Tode verfallen; allein sie bewahrte Leben und Stellung mit einer übel angebrachten Zähigkeit, die viel Anstoß und Ärgernis erregte.

Mrs. Sparsits Tee war soeben für sie auf ein zierliches Tischchen gesetzt; dieses ward mit seinen drei Beinen herein- und aufgestellt, wenn das Geschäft beendigt war, und geriet in die Gesellschaft des düstern, lederbeschlagenen, langen Speisetisches, der die Mitte des Zimmers einnahm. Der Bürodiener setzte das Teegeschirr darauf, seine Stirn zum Zeichen der Huldigung tief duckend.

»Danke, Bitzer«, sagte Mr«. Sparsit.

»Danke Ihnen«, erwiderte der Bürodiener. Er war in der Tat wie zum Bürodiener geschaffen, so federleicht und leichtfüßig, wie in den Tagen, da er blinzelnd für das Mädchen Nummer Zwanzig ein Pferd definierte.

»Alles verschlossen, Bitzer?« fragte Mrs. Sparsit.

»Alles verschlossen, Ma’am.«

»Und was«, fragte Mrs. Sparsit, ihren Tee einschenkend, »gibt es heute neues? Etwas von Belang?«

»In der Tat, Ma’am, nichts Besonderes das ich wüßte. Unsere Leute sind ein böses Pack, Ma’am; aber das ist zum Unglück keine Neuigkeit.«

»Was treibt denn das unruhige Gesindel wieder?« fragte Mrs. Sparsit.

»Sie treiben es nur so fort in der alten Weise, Ma’am. Vereinigen sich, verbinden sich, verpflichten sich, es miteinander zu halten.«

»Es ist sehr zu bedauern«, sagte Mrs. Sparsit, und ihre gewaltige Strenge ließ ihre Nase nur noch römischer und ihre Brauen noch pompöser erscheinen, »es ist sehr zu bedauern, daß der Verein der Fabrikherren nur irgend solche Klassenverschwörungen gestattet.«

»Ja, Ma’am«, sagte Bitzer.

»Da sie doch selbst verbunden sind, so sollten sie einer wie alle sich darauf steifen, keinen Mann in Arbeit zu nehmen, der mit einem andern verbündet ist«, sagte Mrs. Sparsit.

»Das haben sie getan, Ma’am«, entgegnete Bitzer, »aber – das Unternehmen ist ihnen ins Wasser gefallen, Ma’am.«

»Ich behaupte nicht, etwas von diesen Dingen zu verstehen«, sagte Mrs. Sparsit mit Würde, »da mein Lebenslos eigentlich in einer ganz andern Sphäre gelegen war und Mr. Sparsit als eine Powler außerhalb des Bereiches solcher Bagatellen gestellt war. Ich weiß nur, daß man dieses Volk unterkriegen muß, und daß es hohe Zeit ist, daß es geschehe, ein für allemal.«

»Ja, Ma’am«, erwiderte Bitzer mit großer Respektbezeigung für Mrs. Sparsits orakelmäßige Autorität. »Sie hätten es nicht klarer ausdrücken können, sicherlich nicht, Ma’am.«

Da dies seine gewöhnliche Zeit war, wo er mit Mrs. Sparsit ein bißchen vertraulich schwatzte und er einen Blick von ihr auffing, aus dem hervorging, daß sie ihm eine Frage vorlegen wollte, so stellte er sich, als brächte er die Lineale, Tintenfäßer und so weiter in Ordnung, während unsere Lady sich mit ihrem Tee beschäftigte und durch das Fenster flüchtige Blicke auf die Straße warf.

»War heute viel zu tun?« fragte Mrs. Sparsit.

»Nicht besonders, Mylady. Ungefähr ein Durchschnittstag.«

Zuweilen sagte er Mylady, den Titel für adlige Damen, an Stelle von Ma’am, was eine unwillkürliche Anerkennung von Mrs. Sparsits persönlicher Würde und ihrer Ansprüche auf Ehrerbietung sein sollte.

»Die Kommis«, sagte Mrs. Sparsit, indem sie von dem linken Handschuh ein unmerkliches Butterbrotkrümchen abbürstete, »sind natürlich zuverlässig, pünktlich und fleißig?«

»Ja, Ma’am, so ziemlich, Ma’am. Mit der gewöhnlichen Ausnahme.«

Er bekleidete das ehrenhafte Amt eines allgemeinen Spions und Angebers in dem Etablissement. Für diesen freiwilligen Dienst erhielt er zu Weihnachten außer seinem gewöhnlichen Wochengehalt noch ein Geschenk. Er war zu einem äußerst helldenkenden, vorsichtigen und klugen jungen Mann herangewachsen, der sicher war, in der Welt sein Glück zu machen. Sein Verstand war so exakt reguliert, daß er weder Neigungen noch Leidenschaften hegte. All sein Tun und Lassen war das Resultat der klarsten und kältesten Berechnung. Mit Recht bemerkte daher Mrs. Sparsit von ihm, daß sie nie einen jungen Mann gekannt, der seinen Grundsätzen so treu geblieben wie er. Als er sich beim Tod seines Vaters vergewissert hatte, daß seine Mutter in Coketown heimatberechtigt sei, machte der ausgezeichnete junge Ökonom dieses Recht für sie mit standhafter Anhänglichkeit an dem Motiv der Rechtslage geltend: er brachte sie ins Armenhaus. Es muß noch erwähnt werden, daß er ihr jährlich ein halbes Pfund Tee gestattete, was eine Schwäche von ihm war: erstens, weil alle Gaben unvermeidlich dahin locken, den Empfänger an die Erhaltung von Almosen zu gewöhnen; zweitens, weil seine einzige vernünftige Berührung mit der Ware eigentlich darin hätte bestehen sollen, sie so billig wie möglich zu kaufen und so teuer wie möglich zu verkaufen. Denn es ist von Philosophen klar dargetan worden, daß darin die ganze Pflicht des Menschen begriffen sei – nicht ein Teil der menschlichen Pflicht, sondern die ganze.

»So ziemlich, Ma’am. Mit der gewöhnlichen Ausnahme, Ma’am«, antwortete Bitzer.

»A – ch!« sagte Mrs. Sparsit, indem sie den Kopf über der Teetasse schüttelte und einen langen Schluck nahm.

»Mr. Thomas, Ma’am. Ich habe einigen Verdacht gegen Mr. Thomas, Ma’am. Seine Manieren gefallen mir durchaus nicht.«

»Bitzer«, sagte Mrs. Sparsit mit vielem Nachdruck, »erinnerst du dich, daß ich dir zu dieser Persönlichkeit etwas sagte?«

»Ich bitte um Verzeihung, Ma’am. Es ist vollkommen richtig, daß Sie sich gegen die Erwähnung von Namen erklärten, und es ist auch stets das beste, niemanden beim Namen zu nennen.«

»Erinnere dich gefälligst, daß ich hier ein Amt bekleide«, sagte Mrs. Sparsit in ihrer gebieterischen Vornehmheit. »Ich versehe hier ein Vertrauensamt, Bitzer, im Auftrage von Mr. Bounderby. Wie unwahrscheinlich wir beide, Mr. Bounderby und ich es vor Jahren würde gedacht haben, daß er je mein Gönner sein sollte, indem er mir ein jährliches Kompliment macht, so muß ich ihn doch als solchen betrachten. Von Mr. Bounderby habe ich jede denkbare Anerkennung meiner gesellschaftlichen Stellung und jede Rücksicht auf meine Familienabstammung erfahren, die ich möglicherweise erwarten konnte. Noch mehr, weit mehr. Ich muß daher gegen meinen Gönner gewissenhaft treu sein. Und ich glaube nicht und mag nicht glauben und kann nicht glauben«, sagte Mrs. Sparsit mit einem sehr ausgedehnten Warenvorrat von Ehre und Moralität, »daß ich gewissenhaft treu sein würde, wenn ich es gestattete, daß man unter diesem Dache Namen nennte, die unglücklicherweise, höchst unglücklicherweise – daran ist kein Zweifel – mit dem seinen in Verbindung stehen.«

Bitzer duckte sich abermals und bat abermals um Verzeihung.

»Nein, Bitzer«, fuhr Mrs. Sparsit fort, »sage ein Individuum und ich will dich anhören; sagst du Mr. Thomas, so mußt du mich entschuldigen.«

»Mit der gewöhnlichen Ausnahme, Ma’am«, sagte Bitzer, der es wieder gutmachen wollte, »eines Individuums.«

»A – ch!« Mrs. Sparsit wiederholte den Ausruf, das Kopfschütteln über der Teetasse und den langen Schluck, um das Gespräch wieder bei dem Punkt anzuknüpfen, wo es unterbrochen worden war.

»Ein Individuum, Ma’am«, sagte Bitzer, »das niemals das gewesen ist, was es sein sollte, seitdem es sich an diesem Platz befindet. Er ist ein liederlicher, verschwenderischer Bursche. Er ist das Salz nicht wert, das er genießt. Er würde es nicht bekommen, Ma’am, wenn er nicht einen Freund und Verwandten bei Hofe hätte.«

»A – ch!« sagte Mrs. Sparsit mit einem abermaligen melancholischen Kopfschütteln.

»Ich will nur hoffen«, fuhr Bitzer fort, »daß die ihm befreundete und verwandte Person ihn nicht mit Mitteln versieht, es so fortzutreiben. Sonst wissen wir wohl, Ma’am, ans welcher Tasche das Geld kommt.«

»A – ch!« seufzte Mrs. Sparsit abermals, mit einem abermaligen Kopfschütteln.

»Er ist zu bedauern. Die letzte Person, auf die ich anspielte, ist zu bedauern, Ma’am«, sagte Bitzer.

»Ja, Bitzer«, sagte Mrs. Sparsit. »Ich habe immer diese Verblendung bedauert – immer.«

»Was dieses Individuum betrifft«, sagte Bitzer, der die Stimme senkte und näher trat, »so ist es so unbedachtsam, wie nur irgendwer unserer Stadtbewohner. Und Sie wissen, Ma’am, wie groß die Unbedachtsamkeit hier ist. Niemand brauchte es besser zu wissen, als eine Lady von Ihrer hohen Stellung es weiß.«

»Sie täten wohl daran«, versetzte Mrs. Sparsit, »sich ein Beispiel an dir zu nehmen, Bitzer.«

»Danke sehr, Ma’am. Da Sie sich aber auf mich beziehen, so betrachten Sie mich einmal. Ich habe schon etwas beiseite gelegt, Ma’am. Jenes Geschenk, das ich zu Weihnachten erhalte, berühre ich nie. Ich verbrauche nicht einmal meinen ganzen Lohn, obgleich er nicht hoch ist, Ma’am. Warum können sie es nicht machen wie ich, Ma’am? Was der eine kann, das kann der andere doch auch.«

Das gehörte ebenfalls zu den Dogmen von Coketown. Jeder dortige Kapitalist, der sich durch sechs Pence sechzigtausend Pfund erworben, wunderte sich stets darüber, daß die nächsten sechzigtausend »Hände« nicht ebenfalls sechzigtausend Pfund durch sechs Pence sich erwarben, und warf es jedem von ihnen mehr oder minder vor, daß sie solche Kleinigkeit nicht fertigbrächten. Was ich getan, das kannst du auch tun. Warum gehst du also nicht hin und tust es?

»Was ihre Bedürfnisse für Erholungen betrifft, Ma’am«, sagte Bitzer, »so ist es dummes Zeug und Unsinn. Ich brauche keine Erholungen. Ich hatte sie nie nötig und werde sie nie nötig haben: ich mag sie nicht. Was ihre enge Vereinigung betrifft – so gibt es ohne Zweifel viele unter ihnen, die hier und da durch gegenseitiges Bewachen und Angeben eine Kleinigkeit, sei es an Geld oder Wohlwollen, sich erwerben könnten, wodurch sie ihre Lage verbessern würden. Warum also verbessern sie diese nicht, Ma’am? Es ist das Streben jedes vernünftigen Geschöpfes, und sie behaupten doch, auch ihre Lage verbessern zu wollen.«

»Jawohl, sie behaupten es allerdings«, sagte Mrs. Sparsit.

»Wahrlich, wir müssen fort und fort das Geschwätz über ihre Weiber und Kinder hören, bis es schließlich ganz ekelhaft wird«, sagte Bitzer. »Nun, betrachten Sie mich einmal, Ma’am! Ich brauche weder Weib noch Kind. Warum denn diese?«

»Weil sie unbedachtsam sind«, sagte Mrs. Sparsit.

»Jawohl, Ma’am«, versetzte Bitzer. »Da steckt eigentlich der Haken. Wenn sie bedachtsamer und weniger verderbt wären, Ma’am, was würden sie tun? Sie würden sagen: ›Solange mein Hut meine ganze Familie bedeckt‹ oder ›solange meine Haube meine ganze Familie bedeckt‹ – je nachdem der Fall wäre, Ma’am – ›so brauche ich nur einen zu ernähren, und das ist die Person, die ich am liebsten ernähre‹.«

»Ganz gewiß«, stimmte Mrs. Sparsit bei, indem sie ein Stück Milchbrot aß.

»Danke sehr, Ma’am«, sagte Bitzer, abermals sich duckend als Erkenntlichkeit für die Gunst der Teilnahme an Mrs. Sparsits feiner Unterhaltung. »Wünschten Sie vielleicht noch etwas heißes Wasser oder kann ich Ihnen sonst etwas holen?«

»Nichts für den Augenblick, Bitzer.«

»Sehr verbunden, Ma’am. Ich würde Sie nicht gern bei Ihrem Essen stören, Ma’am, besonders beim Tee nicht, da ich Ihre Vorliebe für diesen kenne«, sagte Bitzer, indem er sich ein wenig emporschraubte, um von der Stelle, wo er sich befand, nach der Straße zu sehen – »aber da unten hat ein Herr ungefähr eine Minute heraufgesehen, Ma’am, und er ging dann über die Straße, als wollte er anklopfen. Das ist sein Klopfen an die Tür – ohne Zweifel, Ma’am.«

Er ging zum Fenster, und nachdem er hinausgesehen und den Kopf wieder zurückgezogen, bestätigte er es mit den Worten: »Ja, Ma’am. Wollen Sie, daß ich den Herrn hereinführe?«

»Ich weiß nicht, wer es sein kann«, sagte Mrs. Sparsit, indem sie sich den Mund abwischte und die Handschuhe in Ordnung brachte.

»Augenscheinlich ein Fremder, Ma’am.«

»Welcher Fremde um diese Abendstunde etwas in der Bank hier zu tun haben kann, wenn er nicht wegen eines Geschäftes kommt, wofür es schon zu spät ist, das wüßte ich wahrlich nicht«, sagte Mrs. Sparsit, »aber ich habe in diesem Etablissement von Mr. Bounderby ein Vertrauensamt übernommen und ich will mich ihm nicht entziehen. Wenn es zu meiner Pflicht gehört, ihn zu sehen, so will ich ihn sehen. Handle, wie du es für gut hältst, Bitzer.«

Der Besucher wiederholte hier, völlig unbekannt mit der großmütigen Äußerung von Mrs. Sparsit, das Klopfen an der Tür so laut, daß der Bürodiener hinuntereilte, um diese zu öffnen; Mrs. Sparsit gebrauchte unterdessen die Vorsicht, das Tischchen mit all seinem Zubehör darauf in einen Speiseschrank zu verbergen und brach dann nach dem oberen Stockwerk auf, um, falls notwendig, mit größerer Würde aufzutreten.

»Wenn’s beliebt, Ma’am, der Herr wünscht Sie zu sprechen«, sagte Bitzer, durch Mrs. Sparsits Schlüsselloch guckend. Mrs. Sparsit, die den Augenblick benutzt hatte, um ihre Haube zurechtzusetzen, begab sich mit ihrem klassischen Antlitz wieder nach dem unteren Stockwerk und trat in den Sitzungsraum wie eine römische Matrone, die sich außerhalb des Stadtgebietes begab, um mit einem General zu unterhandeln, der mit einem Einfall gedroht hat.

Der Besucher, der zum Fenster hingeschlendert war und gerade sich damit beschäftigte, nachlässig hinauszugucken, blieb bei dem nachdrucksvollen Eintritt so unbewegt, wie es nur ein Mensch sein konnte. Er stand da und pfiff mit aller erdenklichen Gemütsruhe vor sich hin, den Hut noch immer auf dem Kopf. Er schien etwas erschöpft, was teils von der übermäßigen Hitze und teils von seiner persönlichen außerordentlichen Vornehmheit herrührte. Denn man konnte es ihm mit einem flüchtigen Blick gleich ansehen, daß er durch und durch ein Gentleman war, ganz nach dem Modell der Zeit geformt; der Welt überdrüssig und so wenig etwas glaubend wie Luzifer.

»Wie ich denke, Sir«, sprach Mrs. Sparsit, »wünschten Sie mich zu sprechen.«

»Ich bitte um Verzeihung«, sagte er, indem er sich umwandte und den Hut abnahm, »bitte, entschuldigen Sie mich.«

»Hm!« dachte Mrs. Sparsit, während sie eine stattliche Verbeugung machte, »fünfunddreißig, gut aussehend, gute Figur, gute Zähne, gute Stimme, gute Erziehung, gut gekleidet, dunkles Haar und kühne Augen.«

Das alles hatte Mrs. Sparsit in ihrer Frauenmanier – gleich dem Sultan, der seinen Kopf in einen Eimer Wasser getaucht – bloß beim Untertauchen und Emporkommen bemerkt.

»Bitte Platz zu nehmen, Sir«, sagte Mrs. Sparsit.

»Danke sehr. Erlauben Sie.« Er rückte einen Stuhl für sie herbei, blieb aber selbst nachlässig an den Tisch gelehnt stehen.

»Ich ließ meinen Diener bei der Eisenbahn, um mein Gepäck zu besorgen – ein langer Zug und kolossal voll der Gepäckwagen – und schlenderte fort, um mich ein wenig umzusehen. Ein höchst merkwürdiger Ort. Wollen Sie mir die Frage erlauben, ob er stets so schwarz aussieht wie heute?«

»Im allgemeinen noch schwärzer«, erwiderte Mrs. Sparsit in ihrer gesetzten Weise.

»Ist es möglich! Bitte um Entschuldigung, Sie sind doch kein hiesiges Stadtkind, wie ich vermute?«

»Nein, Sir«, entgegnete Mrs. Sparsit. »Ich war einst so glücklich oder so unglücklich, je nachdem man es nehmen will, mich – ehe ich Witwe geworden – in einer ganz andern Sphäre zu bewegen. Mein Mann war ein Powler.«

»Bitte um Verzeihung, wirklich!« rief der Fremde. »War ein –?«

Mrs. Sparsit wiederholte: »Ein Powler«.

»So, er hieß Powler?« sagte der Fremde nach einigem Nachdenken. Mrs. Sparsit nickte beistimmend. Der Fremde schien noch ein wenig müder als zuvor.

»Sie müssen hier viel Langeweile haben?« sagte er als Schlußfolgerung auf das Gehörte.

»Ich bin die Sklavin der Verhältnisse, Sir«, sagte Mrs. Sparsit, »und ich habe mich schon längst der Macht gefügt, die mein Leben regiert.«

»Sehr philosophisch«, versetzte der Fremde, »und sehr exakt und lobenswürdig und –« es schien ihm nicht einmal der Mühe wert, den Satz zu vollenden, und spielte deshalb achtlos mit der Uhrkette.

»Darf ich mir die Frage erlauben, Sir«, sagte Mrs. Sparsit, »welchem Umstände ich die Gunst zuzuschreiben habe –«

»Sicherlich«, sagte der Fremde. »Bin sehr verbunden, für die Erinnerung. Ich bin der Überbringer eines Empfehlungsschreibens, an den Bankier Mr. Bounderby. Indem ich, während das Diner für mich in dem Hotel bereitet wird – durch diese furchtbar schwarze Stadt spazierte, fragte ich einen Kerl, dem ich begegnete – einer von den Arbeitern, der ein Schauerbad von etwas Schmierigem genommen zu haben schien, was, wie ich vermute, das Rohmaterial sein muß –«

Mrs. Sparsit nickte.

»– Unverarbeiteter Stoff sein muß – wo Mr. Bounderby wohne. Worauf er mich, wahrscheinlich durch das Wort Bankier irregeführt, zur Bank wies. Das Ergebnis ist nun, wie ich vermute, daß Mr. Bounderby, der Bankier, nicht in dem Hause wohnt, wo ich die Ehre habe, diese Erklärung zu geben?«

»Nein, Sir«, entgegnete Mrs. Sparsit, »er wohnt nicht hier.«

»Danke sehr. Ich hatte nicht die Absicht, den Brief augenblicklich abzugeben, auch habe ich ihn jetzt nicht. Da ich aber zur Bank schlenderte, um die Zeit zu töten, und das Glück hatte am Fenster« – wohin er träge mit der Hand hinwinkte und sich dann leichthin verneigte – »eine Lady von höchst vornehmem und angenehmem Äußern zu bemerken, so dachte ich nichts besseres tun zu können, als mir die Freiheit zu nehmen, jene Lady zu fragen, wo Mr. Bounderby, der Bankier, eigentlich wohnt. Das erlaube ich mir demgemäß mit allen gehörigen Entschuldigungen zu tun.

Die Lässigkeit und Nonchalance seiner Manieren waren in Mrs. Sparsits Augen genugsam durch eine natürliche Galanterie gemildert, die auch ihr huldigte. So lehnte er jetzt an der Tischkante, neigte sich dabei zugleich aber zu ihr hin, als ob er in ihr einen Reiz anerkannte, der sie – in ihrer Weise – bezaubernd erscheinen ließ.

»Die Banken sind, wie ich weiß, stets mißtrauisch und müssen es auch offiziell sein«, sagte der Fremde, dessen leichte und glatte Redeweise zugleich angenehm war – und die weit mehr Humor und Gefühl vermuten ließ als sie wirklich enthielt. – »Ich erlaube mir daher zu bemerken, daß mein Brief – hier ist er – von dem Parlamentsmitgliede für diesen Ort – von Mr. Gradgrind – ist, dessen Bekanntschaft ich das Vergnügen hatte, in London zu machen.«

Mrs. Sparsit, die die Handschrift erkannte, beteuerte, daß solche Bestätigung durchaus nicht nötig sei und gab Mr. Bounderbys Adresse nebst allen noch erforderlichen Anweisungen und Aufschlüssen an.

»Tausend Dank«, sagte der Fremde. »Sie kennen natürlich den Bankier sehr gut?«

»Ja, Sir«, versetzte Mrs. Sparsit, »ich kenne ihn in meinem abhängigen Verhältnisse bereits zehn Jahre.«

»Eine ganze Ewigkeit! Ich glaube, er hat Gradgrinds Tochter geheiratet?«

»Ja«, sagte Mrs. Sparsit, plötzlich den Mund zusammen, pressend. »Er hatte diese – Ehre.«

»Die Dame ist ganz Wissenschaft, wie man mir sagt?«

»In der Tat, Sir« – rief Mrs. Sparsit. »Ist sie das?«

»Entschuldigen Sie meine unbescheidene Neugier«, fuhr der Fremde fort, indem er mit versöhnendem Blicke über Mrs. Sparsits Augenbrauen hinflatterte, »aber Sie kennen die Familie und kennen die Welt. Ich bin daran, die Bekanntschaften der Familie zu machen und dürfte mit ihr in lebhaften Verkehr kommen. Ist denn die Lady gar so alarmierend? Ihr Vater bringt sie in den Ruf so schrecklicher Hartköpfigkeit, daß ich vor Begierde brenne, sie kennenzulernen. Ist sie absolut unnahbar? Abstoßend und erstaunlich gescheit? Ich sehe aus Ihrem bedeutungsvollen Lächeln, daß Sie nicht diese Meinung teilen. Sie haben Balsam in mein besorgtes Gemüt gegossen. Nun zum Alter. Vierzig? Fünfunddreißig?«

Mrs. Sparsit lachte laut auf.

»Ein Backfisch«, sagte sie. »Bei ihrer Verheiratung war sie nicht ganz zwanzig.«

»Ich versichere Sie auf Ehre, Mrs. Powler«, versetzte der Fremde, sich vom Tische erhebend, »daß ich all mein Lebtag nicht so erstaunt gewesen bin.«

Das Gehörte schien in der Tat Eindruck auf ihn zu machen, soweit überhaupt solches bei ihm möglich war. Er sah Mrs. Sparsit eine Viertelminute starr an und schien während der ganzen Zeit ganz verdutzt zu sein.

»Ich versichere Sie, Mrs. Powler«, sagte er darauf sehr erschöpft, »daß die Manieren des Vaters mich auf eine grimmige und steinharte alte Dame vorbereiteten. Ich bin Ihnen für alles verbunden, daß Sie meinen groben Irrtum berichtigten. Bitte, entschuldigen Sie meine Zudringlichkeit. Vielen Dank. Guten Tag.«

Unter Verbeugungen entfernte er sich und Mrs. Sparsit, die sich hinter einem Fenstervorhang verborgen, sah ihn, von allen Leuten draußen angestarrt, auf der schattigen Seite der Straße nachlässig hinschlendern.

»Was hältst du von dem Herrn, Bitzer?« fragte sie den Bureaudiener, als er abzuräumen kam.

»Gibt viel Geld für Kleider aus, Ma’am.«

»Man muß gestehen«, sagte Mrs. Sparsit, »daß sie sehr geschmackvoll sind.«

»Ja, Ma’am«, versetzte Bitzer, »wenn das allein das Geld wert ist.«

»Außerdem, Ma’am«, fuhr Bitzer fort, indem er den Tisch blank rieb, »sieht er mir aus, als ob er spielt.«

»Spielen ist unmoralisch«, sagte Mrs. Sparsit.

»Es ist zudem lächerlich, Ma’am«, sagte Bitzer, »weil die Chancen gegen die Spieler sind.«

Ob es die Hitze war, die Mrs. Sparsit am Arbeiten hinderte, oder ob sie nicht mehr im Zuge war, kurz, jenen Abend arbeitete sie nicht. Sie saß hinter dem Fenster, als die Sonne hinter dem Rauch unterging; sie saß da, als der Rauch glührot erschien, als er die Farbe verlor, als Dunkelheit langsam aus der Erde sich zu erheben schien und emporstieg, empor bis zu den Giebeln der Häuser, bis zum Kirchturm, bis zu den Spitzen der Fabrikrauchfänge und bis zum Himmel. Ohne Licht im Zimmer saß Mrs. Sparsit am Fenster, die Hände in den Schoß gelegt und wenig bekümmert um die Abendklänge, um das Geschrei der Kinder, das Bellen der Hunde, das Gepolter der Räder, die Stimmen und Schritte der Vorübergehenden, die schrillen Straßenausrufe, das Getön der Holzschuhe auf dem Pflaster, als deren Zeit kam, und um das Schließen der Ladentüren. Nicht eher, als bis der Bürodiener ankündigte, daß ihr Abendessen bereit sei, erwachte Mrs. Sparsit aus ihren Träumereien und beförderte ihre dichten schwarzen Augenbrauen – jetzt durch Nachsinnen so sehr in Falten gelegt, daß sie des Bügeleisens zu bedürfen schienen – nach dem obern Stockwerk.

»O du Narr!« sagte Mrs. Sparsit, als sie allein bei ihrem Essen saß. Wen sie eigentlich meinte, sagte sie nicht; sie konnte jedoch kaum das Süßbrot damit gemeint haben.

Einleitung.


Einleitung.

Den Roman »Schwere Zeiten« (Hard times) schrieb Dickens um 1853, zu einer Zeit, als er bereits auf der Höhe seines Ruhmes und seines meisterlichen Könnens stand. Warmherzige Menschlichkeit zu predigen und die Sprache des Gemütes und der Seele höher zu stellen als alle bloße kalte Verstandesweisheit, wird Dickens seit »Oliver Twist« nicht müde. »Schwere Zeiten« richtet sich vor allem gegen die trockene seelenlose Tatsachengelehrsamkeit. Man könnte als Motto über den Roman Goethes Worte aus der Schülerszene des »Faust« setzen:

»Grau, teurer Freund, ist alle Theorie
Und grün des Lebens goldner Baum.«

Insbesondere wandte sich Dickens gegen die Auswüchse der Manchester-Schule und ihrer Lehren vom rücksichtslosen wirtschaftlichen Egoismus. Er zeigt sich dabei diesmal weniger als Satiriker, sondern als der scharfe Beobachter und Menschenkenner. So malt er lebenswahr und ergreifend die Welt der Tatsachenmenschen und Verstandesegoisten: den brutalen, herzlosen Emporkömmling, den Fabrikanten Bounderby, der eitel, unbeherrscht und selbstsüchtig zum Tyrannen gegen die Arbeiter seiner Unternehmungen wird, und sein Gegenspiel Mr. Gradgrind; aber dieser Mann hat im Grunde ein menschlicher Empfindungen fähiges Herz. Er ist nur ein Opfer der zeitlichen Mode geworden, die mit Statistiken und Zahlen die Geheimnisse des Lebens glaubt meistern zu können, und die alle Phantasie und alles blühende Schöpfertum der Seele als ungehörig und belanglos ablehnt. So erzieht Gradgrind seine beiden Kinder Luise und Tom in dem erkältend nüchternen Sinn reiner Verstandesmechanik. Die Folge ist, daß er seiner Tochter alle Sicherheit und alles Glück ihrer Jugend zerstört, sein Sohn aber zum skrupellosen Verbrecher wird. Die feine, menschlich tiefe psychologische Entwicklung der dargestellten Menschen, ihres Wirkens und Leidens ist von Dickens mit unübertrefflicher Meisterschaft gegeben. Zuletzt offenbart sich darin Dickens schöner unbeirrter Glaube an die Weltgerechtigkeit, daß er zum Schluß die Sache des Guten siegen läßt. Die furchtbaren Folgen der verkehrten lebenstötenden Erziehung muß der alte Gradgrind unerbittlich auskosten, aber Reue und die Hoffnung, daß über die in schweren Zeiten geprüften und geläuterten Menschen eine bessere Zukunft heraufziehen möge, gibt dem Roman einen versöhnenden Ausklang. Erschütternd lebensecht ist daneben die Welt der gebundenen, in schwerem Werktagslos dahinlebenden Massen der trostlosen Fabrikstädte gesehen.

Hier erweist sich Dickens als ein Vorgänger Zolas und seiner großen sozialen Romane. Daneben sind dann einzelne Typen mit erfrischender Satire gezeichnet, so die vornehme Madame Sparsit, die den verarmten und entarteten Adel darstellt, der sich schmarotzend mit Emporkömmlingen vom Schlage Bounderbys und ähnlichen Industriellen verband. Sehr »interessant« (das Wort in seiner vollsten Bedeutung genommen) ist auch der Vertreter des Snobs, Mr. Harthouse, der amoralische Genußmensch, der das Leben in all seinen Gewöhnlichkeiten durchschaut, der an nichts als eben an diese Gewöhnlichkeit glaubt.

Was diesem Roman unvergängliche Frische verleiht, ist die lebendige Kraft, die noch immer von ihm ausströmt. Die Bounderbys und Gradgrinds wandeln noch immer unter uns. Und immer noch bemüht sich der technisierende nüchterne Verstand, allen Frühling des Herzens und der Phantasie totzuschlagen. Deshalb können die »Schweren Zeiten« auch unserer Generation als Mahnung zur Einkehr, zur Selbstbesinnung wärmstens empfohlen werden.

Bei der Textrevision bin ich von Dr. Eva Thaer freundlichst unterstützt worden.

P. Th. H.

Erstes Kapitel.


Erstes Kapitel.

»Nun, was ich brauche, das sind Tatsachen. Bringen Sie diesen Knaben und Mädchen nichts als Tatsachen bei. Im Leben bedarf man nur der Tatsachen. Pflanzen Sie nichts anderes ein und entwurzeln Sie alles übrige. Den Geist vernunftbegabter Tiere können Sie nur durch Tatsachen bilden; nichts anderes wird ihnen je von Nutzen sein. Nach diesem Grundsatz erziehe ich meine eigenen Kinder und nach dem gleichen Grundsatz erziehe ich diese Kinder. Halten Sie sich an Tatsachen, mein Herr.«

Der Schauplatz bestand aus einem kahlen, schmucklosen und einförmigen Raum von Schulzimmer, und der plumpe Zeigefinger des Sprechers verlieh dessen Bemerkungen Nachdruck, indem er jeden Satz mit einer Linie am Ärmel des Schulmeisters unterstrich. Der Nachdruck wurde erhöht durch des Sprechers plumpe, mauerartige Stirn, die sich schwer über dessen Augenbrauen erhob. Seine Augen fanden gleichsam ein bequemes Kellergeschoß in zwei dunklen Höhlen, die von der Mauer beschattet wurden. Der Nachdruck wurde erhöht durch den Mund des Sprechers, der dünn, breit und scharf gezeichnet war. Der Nachdruck wurde erhöht durch die Stimme des Sprechers, die unbiegsam, trocken und herrisch klang. Der Nachdruck wurde erhöht durch das Haar des Sprechers, das sich borstenartig an den Enden seines kahlen Kopfes wie eine Pflanzschule von Tannen emporsträubte, um den Wind von dessen schimmernder Oberfläche abzuhalten. Diese war, der Kruste einer Rosinenpastete gleich, ganz mit Knoten bedeckt, als ob der Kopf kaum genug Lagerraum für die harten Tatsachen hätte, die in seinem Innern aufgespeichert lagen. Das stöckische Benehmen, der plumpe Rock, die plumpen Beine und die plumpen Schultern des Sprechers – ja, sein Halstuch sogar, das in seiner unbiegsamen Tatsächlichkeit so zusammengezogen war, um ihn bei der Kehle mit einem unnachgiebigen Griffe zu fassen – das alles erhöhte den Nachdruck.

»In diesem Leben haben wir nichts als Tatsachen nötig, mein Herr: nichts als Tatsachen.«

Der Sprecher und der Schulmeister samt der dritten erwachsenen Person, die zugegen war, alle zogen sich nunmehr etwas zurück und ließen ihre Augen über die geneigte Ebene kleiner Gefäße schweifen, die hier und da in Ordnung aufgepflanzt waren, bereit, mit richtig gemessenen Gallonen von Tatsachen vollgeschüttet zu werden, bis sie bis zum Rand gefüllt wären.

Zehntes Kapitel.


Zehntes Kapitel.

Ich wage zu glauben, daß die Engländer ein ebenso geplagtes Volk sind wie alle andern unter der Sonne. Diesem komischen Glauben rechne ich es zu, warum ich ihm etwas mehr Erholung wünschen möchte.

Es gibt in dem am schwersten arbeitenden Teile von Coketown innerste Werke dieser häßlichen Zitadelle, aus der die Natur ebenso nachdrücklich ausgesperrt, wie Gase und tödliche Dünste hineingesperrt werden. Das ist ein Zentrum von Labyrinth mit engen Höfen über Höfen, mit schmalen Gassen über Gassen, die alle stückweise ins Leben gerufen wurden, ein jedes Stück in gewaltiger Eile für irgend jemands Gebrauch, und das Ganze eine unnatürliche Familie bildend, die sich gegenseitig zu Tode drängt, tritt und quält. In diesem letzten stumpfen Winkel dieses großen unerschöpflichen Reservoirs sind die Rauchfänge aus Mangel an Luftzug in unendlicher Mannigfaltigkeit von verkrüppelten und krummen Gestalten erbaut, als ob jedes Haus ein Zeichen aushinge, was für Leute darin geboren werden dürften. Unter diesem hier hausenden Volke von Coketown, das man mit dem Sammelnamen ›die Hände‹ bezeichnet, einem Geschlecht, das bei gewissen Leuten weit mehr in Gunst gestanden hätte, wenn es durch die Vorsehung bloß als ›Hände‹, oder gleich den niedrigeren Tieren der Meeresküste, bloß als ›Hände und Magen‹ geschaffen wäre, lebte ein gewisser Stephen Blackpool, der vierzig Jahre alt war.

Stephen sah älter aus; er hatte aber auch ein saures Leben gehabt. Man sagt, jedes Leben hat seine Rosen und Dornen. Den Stephen ließ aber ein Unfall oder Mißgeschick dessen eigene Rosen durch andere ernten, während ihm die Dornen dieses andern als Zugabe zu den seinen vermacht wurden. Er hatte, um seine eigenen Worte zu gebrauchen, ein schwer Stück Kummer kennengelernt. Man nannte ihn gewöhnlich den alten Stephen in einer Art konsequenter Huldigung vor dieser Tatsache.

Der alte Stephen mochte wohl, bei seiner gebückten Haltung, mit seiner runzeligen Stirn und seinem streng aussehenden, klobigen Kopf, der von eisengrauem, langem und dünnem Haar bedeckt war, für einen besonders intelligenten Mann in seinem Stand gehalten werden. Dennoch war er es nicht. Er nahm keinen Platz unter jenen bemerkenswerten »Händen« ein, die viele Jahre hindurch, ihre Mußezeit zusammenraffend, mancher schwierigen Wissenschaft Meister wurden und eine Kenntnis der ungewöhnlichsten Dinge sich angeeignet hatten. Er gehörte nicht zu den »Händen«, die Reden halten und Debatten führen konnten. Tausende seiner Genossen waren imstande, zu jeder beliebigen Zeit viel besser zu sprechen als er. Er war ein guter Maschinenweber und ein vollkommen redlicher Mann. Was er mehr war, oder ihm sonst noch eigen war, das möge er selbst zeigen, wenn es überhaupt vorhanden.

Die Lichter in den großen Fabriken, die, wenn sie erleuchtet waren, wie Feenpaläste aussahen – wie die mit Luxus-Expreß-Reisenden wenigstens behaupten – waren sämtlich ausgelöscht, und die Glocken zur Einstellung der Arbeit für die Nacht waren erklungen und wieder verhallt. Die »Hände«, Männer und Frauen, Knaben und Mädchen trappelten nach Hause. Der alte Stephen stand in der Straße mit der sonderbaren Empfindung, die das Stillestehen der Maschinen immer hervorbrachte – einer Empfindung, als wenn die Maschinen auch in seinem Kopfe arbeiteten und stilleständen.

»Ich sehe noch immer Rachael nicht!« sagte er.

Die Nacht war naß, und manche Gruppe junger Frauen eilte an ihm vorbei, die Umhängetücher um das bloße Haupt geschlagen und diese unter dem Kinn dicht, damit sie den Regen abhielten. Er mußte Rachael wohl kennen; denn ein flüchtiger Blick auf die Vorbeigehenden sagte ihm, daß sie sich nicht unter ihnen befinde. Endlich waren alle vorbeigegangen, die kommen konnten. Er wandte sich um und meinte mit einem Ton der Enttäuschung: »Nun, so muß ich sie eben verfehlt haben.«

Er hatte aber noch nicht drei Straßen durchkreuzt, als er wieder eine verhüllte Gestalt voraneilen sah. Er strengte seinen Blick so an, daß vielleicht ihr bloßer, auf dem nassen Pflaster undeutlich reflektierter Schatten – wenn er nur diesen ohne die Gestalt selbst hätte sehen können, die längs der Lampenreihe bald deutlicher sichtbar wurde, bald verschwand – schon genügt hätte, um ihm zu sagen, wer es sei. Er änderte seinen Schritt rasch in einen schnelleren und sachteren, eilte vorwärts, bis er ganz in der Nähe der Gestalt war. Dann nahm er wieder seinen früheren Gang an und rief: »Rachael«

Sie wandte sich um und stand nun gerade im Lampenschimmer. Sie schob das Umschlagetuch ein wenig zurück und zeigte ein ruhiges ovales Gesicht von dunkler Farbe und ziemlich zartem Ausdruck, das von einem Paar äußerst sanfter Augen belebt und durch ihr wohlgeordnetes schwarzglänzendes Haar hervorgehoben wurde. Das Gesicht stand sonst nicht mehr in erster Jugendblüte; sie war eine Frau von fünfunddreißig Jahren.

»Ach, Stephen, bist du’s?« Das sagte sie mit einem Lächeln, das sich ganz deutlich zeigte, obwohl nur ihre lieblichen Augen sichtbar waren. Sie zog das Kopftuch wieder zusammen, und beide schritten miteinander fort.

»Ich dachte, du wärest noch hinter mir, Rachael?«

»Nein.«

»Bist heut zeitig fertig?«

»Ich bin manchmal etwas früher fertig, Stephen, manchmal etwas später. Ich kann es nie genau bestimmen, wann ich heimgehe.«

»Auch nicht, ob man den andern Weg einschlägt, wie es mir scheint, Rachael?«

»Nein, Stephen.«

Er betrachtete sie enttäuscht, zugleich aber mit ehrfurchtsvoller, geduldiger Überzeugung, daß sie in allem, was sie täte, recht haben müsse. Dieser Blick war ihr nicht unbemerkt geblieben; sie legte ihre Hand für einen Augenblick sacht auf seinen Arm, um ihm ihren Dank dafür auszudrücken.

»Wir sind so treue Freunde, Stephen, und so alte Freunde, und fangen jetzt an, alte Leute zu werden.«

»Nein, Rachael, du bist so jung wie du je gewesen.«

»Es würde keinem von uns beiden recht sein, daß man alt würde, Stephen, ohne daß der andere ebenfalls alt würde, wenigstens so lange nicht, wie wir beide zusammen leben«, erwiderte sie lachend. Auf jeden Fall sind wir aber so alte Freunde, daß es jammerschade und eine Sünde wäre, wenn wir uns nicht aufrichtig die Wahrheit sagten. Es ist besser, wenn wir nicht zu viel zusammengehen, zuweilen, ja! denn es wäre wirklich gar zu schlimm, wenn es gar nicht mehr geschehen sollte«, fügte sie mit einer Heiterkeit hinzu, die auch ihn heiter stimmen sollte.

»Es ist allemal hart, Rachael.«

»Versuch‘ nicht daran zu denken, dann wird es schon besser.«

»Hab‘ das schon lang genug versucht, und ist nicht besser geworden. Aber du hast recht; die Leute könnten reden, sogar über dich. Du bist mir seit vielen Jahren so viel gewesen, du hast mir soviel Gutes getan und durch dein heiteres Wesen mir selbst soviel Lebensmut gegeben, daß dein Wort für mich Gesetz ist. Ach Mädel, ein gern befolgtes, freundliches Gesetz! Besser als manches wirkliche Gesetz.«

»Laß dich ja nicht mit Gesetzen ein, Stephen«, antwortete sie rasch, nicht ohne einen ängstlichen Blick auf sein Gesicht. »Laß die Gesetze Gesetze sein.«

»Ja«, sagte er mit einem langsamen Kopfnicken. »Laß sie Gesetze sein. Laß alles sein. Laßt alle Dinge für sich. Es ist Hokuspokus und nichts weiter.«

»Immer Hokuspokus?« fragte Rachael mit einer zweiten leisen Berührung seines Armes, als wollte sie ihn aus der Melancholie reißen, in die er so versunken war, daß er im Gehen an den langen Enden seines losen Halstuchs kaute. Er ließ die Zipfel los, wandte sich freundlich zu ihr und sagte mit gutmütigem Lachen:

»Ah, Rachael, Mädel! Immer Hokuspokus, dabei bleib‘ ich. Ich komme oft und oft auf den Hokuspokus zurück und kann nie darüber hinauskommen.«

Sie waren schon eine Strecke gegangen und waren jetzt in der Nähe ihrer Wohnungen. Die der Frau kam zuerst. Die Wohnung lag in einer der vielen kleinen Straßen, für die der beliebte Leichenbesorger (der eine hübsche Summe aus diesem einzigen, ein bißchen armseligen Luxus der Nachbarschaft zog) eine schwarze Leiter bereithielt. Denn die, die zeit ihres Lebens täglich die schmalen Treppen hinauf- und hinuntergeklettert waren, sollten dann noch das Vergnügen haben, aus dieser Arbeitswelt einmal zum Fenster hinauszuspazieren. Sie stand an der Ecke still, legte ihre Hand in die seine und wünschte ihm gute Nacht.

»Gute Nacht, liebes Mädel, gute Nacht!«

Sie ging mit ihrer zierlichen Gestalt und ihrem gelassenen weiblichen Schritt die dunkle Straße hinab, und er stand da, ihr nachblickend, bis sie in eines der Häuschen verschwunden war. Es war nicht das leiseste Flattern ihres groben Umschlagtuches in den Augen dieses Mannes ohne Interesse und kein Ton ihrer Stimme ohne Echo in seinem inneren Herzen.

Als sie seinen Blicken entschwunden war, machte er sich wieder auf den Heimweg und blickte ein paar Mal zum Himmel empor, wo die Wolken rasch und wild dahinsegelten. Nun waren sie zerrissen, der Regen hatte aufgehört, der Mond guckte durch die hohen Schornsteine von Coketown in die tiefen Oefen hinunter und zeichnete die titanischen Schatten der nun ruhenden Dampfmaschinen auf den Mauern ab, die sie einschlossen. Unser Mann schien, wie er so dahinging, mit der Nacht heiterer zu werden. Seine Wohnung lag in einer andern Straße, die der früheren ähnlich und nur noch schmaler war und befand sich oberhalb eines kleinen Ladens. Wie es eigentlich kam, daß es die Leute der Mühe wert fanden, dort ihre armseligen Spielwaren zu kaufen oder zu verkaufen, in dem Laden, dessen Schaufenster zugleich billige Zeitungen und Schweinefleisch enthielt (den folgenden Abend sollte eine Keule ausgewürfelt werden), das braucht hier nicht erörtert zu werden. Er nahm einen Lichtstumpf von dem Gesims, zündete ihn an einem andern Lichtstumpf auf dem Ladentisch an, ohne die Eigentümerin zu stören, die in ihrem kleinen Zimmer eingeschlafen war, und ging in seine Wohnung hinauf.

Es war ein Zimmer, bei dessen verschiedenen vorangegangenen Bewohnern die schwarze Leiter mehrfach zu Gast gewesen war, sah aber jetzt so nett aus, wie ein solches Zimmer nur hergerichtet werden konnte. Einige Bücher und Schreibpapier lagen auf einem Schreibtisch in der Ecke; die Möbel waren vollständig, und obgleich die Zimmerluft dumpfig war, so sah das Zimmer doch rein aus.

Er ging zum Herd, um das Licht daneben auf einen dreibeinigen runden Tisch zu stellen. Dabei stolperte er über einen Gegenstand. Als er zurückfuhr, um ihn zu betrachten, erhob dieser sich. Es war eine Frau, die da gesessen hatte.

»Um’s Himmels willen, Weib«, rief er und fuhr vor der Gestalt noch weiter zurück. »Bist du wieder zurückgekommen?«

Was für ein Weib! Ein krüppelhaftes, betrunkenes Geschöpf, das bloß imstande war, in der sitzenden Stellung sich aufrecht zu erhalten. Sie stützte sich mit der einen schmutzigen Hand auf dem Boden, mit der andern versuchte sie vergeblich, sich das wirre Haar aus dem Gesicht zu streichen. Aber die schmutzige Hand machte auch das Haar nur noch schmutziger. Ein Geschöpf, in ihrer moralischen Verkommenheit nur noch um so viel schmutziger, daß es schon eine Schmach war, sie auch nur anzublicken.

Nachdem sie einige ungeduldige Flüche ausgestoßen und sich mit der Hand, die zu ihrer Unterstützung nicht nötig war, sich einfältig gekratzt hatte, war endlich das Haar genugsam aus ihrem Gesichte entfernt, um ihn zu erblicken. Dann saß sie da, den Leib hin- und herschaukelnd und machte mit ihrem schlaffen Arm Bewegungen, als sollten die das Lachen begleiten, was sie befiel, während ihr Gesicht einen dummen und schläfrigen Ausdruck zeigte.

»Nun, Junge, bist du auch da?« Einige heisere Töne, die das ausdrücken sollten, entfuhren ihr endlich höhnisch. Dann sank ihr Kopf vorwärts auf die Brust.

»Wieder zurück?« kreischte sie nach einigen Minuten, als ob er es in diesem Augenblick erst gesagt hätte. »Ja! Und wieder zurück, immer und immer so oft. Zurück? Ja, zurück. Warum nicht?«

Durch die Heftigkeit, mit der sie das ausrief, munter gemacht, krabbelte sie in die Höhe und stand da, sich mit den Schultern an der Wand stützend. Dabei hing ihr in der einen Hand ein Bruchstück von Hut, und sie suchte den Mann durchbohrend anzublicken. »Ich werde dich wieder ausverkaufen und ich werde dich wieder ausverkaufen und ich werde dich ein dutzendmal ausverkaufen«, rief sie mit einer Gebärde, die halb wie eine rasende Drohung, halb wie ein herausfordernder Tanz aussah. »Fort von meinem Bett!« Er saß auf dessen Rand und barg das Gesicht in den Händen. »Geh‘ fort davon! Es ist mein Eigentum: ich habe ein Recht darauf.«

Als sie darauf zuwankte, wich er ihr mit Schaudern aus und ging – das Gesicht immer bedeckt – nach dem entgegengesetzen Ende des Zimmers. Sie warf sich schwerfällig aufs Bett und fing bald tüchtig zu schnarchen an. Er sank auf einen Stuhl und bewegte sich in jener Nacht nur einmal. Er tat es, um noch eine Decke über sie zu werfen, als ob die Hände vor seinen Augen selbst ihm in der Dunkelheit nicht genügten, um sie seinen Augen zu verbergen.

Elftes Kapitel.


Elftes Kapitel.

Noch vor Morgengrauen standen die »Feenpaläste« alle zugleich in voller Beleuchtung, und man konnte die monströsen Rauchschlangen sehen, die sich über Coketown hinwälzten. Klappern von Holzschuhen auf dem Straßenpflaster, hastiges Schellen der Glocken und all die melancholisch-wahnsinnigen Elefanten, die für die Monotonie des Tages poliert und geölt waren, alle Maschinen stampften wieder in ihrer schwerfälligen Tätigkeit.

Stephen neigte sich über seinen Webstuhl, ruhig, wachsam und anhaltend. Er bildete wie jeder, der in diesem Wald von Webstühlen gleich ihm arbeitete, einen scharfen Kontrast zu dem rasselnden, ratternden und aufreibenden Mechanismus, mit dem er beschäftigt war. Fürchtet nicht, ihr guten Leute mit einem ängstlichen Gemüt, daß die Natur von der Kunst in Vergessenheit gestoßen werden könnte. Stellet Gottes Werk und Menschenwerk nebeneinander, und das erste wird, wenn es auch nur aus einer Truppe »Hände« von sehr geringer Bedeutung besteht, im Vergleich als das weitaus Würdigere erscheinen.

Vierhundert und noch mehr »Hände« in diesem Mühlwerk – zweihundertundfünfzig Pferdekräfte. Man weiß bis zum letzten Pfund anzugeben, wieviel die Maschine zu leisten vermag. Sämtliche Berechner der Nationalschuld aber können nicht die Fähigkeit zum Guten oder Bösen, zur Liebe oder zum Haß, zum Patriotismus oder zur Rebellion, zur Verwandlung der Tugend in Laster oder zum Gegenteil, in der Seele eines dieser stillen Arbeiter mit den gesetzten Mienen und den sicheren Bewegungen, auch nur für einen einzigen Augenblick angeben. In der Maschine liegt kein Geheimnis, in diesen aber – selbst in den Geringsten von ihnen – ruht ein ewiges, undurchdringliches Mysterium. – Wie wäre es, wenn wir die Arithmetik für materielle Gegenstände reservierten und bei diesen hehren unbekannten Größen andere Hilfsmittel in Anwendung brächten?

Der Tag ward heller und zeigte sich draußen, trotz der drinnen schimmernden Lichter. Diese wurden gelöscht und die Arbeit ward fortgesetzt. Der Regen fiel und die Rauchschlangen wälzten sich, dem Fluche dieses ganzen Stammes sich unterwerfend, über die Erde. Im Hofe draußen aber war der Dampf aus dem Abzugsrohr, das Durcheinander von Fässern und altem Eisen, die glitzernden Kohlenhaufen und selbst die herumgestreute Asche von einem Regen- und Nebelschleier umhüllt.

Die Arbeit ward fortgesetzt, bis die Mittagsglocke ertönte. Vermehrtes Klappern auf dem Straßenpflaster. Der Weberstuhl, die Räder und Hände wurden sämtlich für eine Stunde außer Tätigkeit gesetzt.

Stephen kam aus dem heißen Mühlwerk, verstört und erschöpft, in den feuchten Wind und in die naßkalten Straßen. Er verließ seine Kameraden und sein eigenes Viertel. Er nahm nur ein Stück Brot auf dem Weg zu sich und wandte sich gegen einen Hügel, wo sein Prinzipal in einem roten Haus lebte. Das Haus hatte schwarze Fensterläden von außen, grüne Jalousien von innen, eine schwarze Haustür, zu der zwei weiße Stufen führten. »Bounderby« (mit Buchstaben, die ihm sehr ähnelten) stand auf dem Metallschild zu lesen, und unter diesen befand sich ein runder, metallener Türgriff, der wie ein ehernes »Punktum« aussah.

Mr. Bounderby befand sich beim Gabelfrühstück. Stephen hatte das erwartet. Ob sein Diener ihm ankündigen wollte, daß einer der »Hände« um die Erlaubnis bäte, ihn zu sprechen? Als Antwort die Anfrage, wie der Name dieser »Hand« laute. Stephen Blackpool. Gegen Stephen Blackpool lag nichts Mißliebiges vor – ja, er dürfte kommen.

Stephen Blackpool im Sprechzimmer. Mr. Bounderby (den er bloß vom Ansehen kannte) beim Gabelfrühstück mit Hammelkotelett und Sherry beschäftigt. Mrs. Sparsit am Kamin mit einer Stickerei beschäftigt. Sie sitzt wie eine Dame zu Pferde, mit einem Fuß in einem Bügel von Baumwollgarn. Es gehörte zu Mrs. Sparsits Würde und dienstlicher Stellung, selbst kein Gabelfrühstück zu nehmen. Sie beaufsichtigte das Mahl offizieller Weise, gab jedoch vor, daß sie bei der Vornehmheit ihrer Person dieses zweite Frühstück für eine Schwäche halte.

»Nun, Stephen«, sagte Mr. Bounderby, »was gibt’s mit Euch?«

Stephen machte eine Verbeugung. Keine knechtische – diese »Hände« werden sich nimmer dazu verstehen! Gott bewahre, mein Herr, Sie werden sie nie darauf ertappen, wenn sie auch zwanzig Jahre um Sie gewesen sind! – Und um sich für Mrs. Sparsit artig-angemessen zu verbeugen, stopfte er die Enden seines Halstuches in die Weste.

»Nun, Ihr wißt«, sagte Mr. Bounderby, indem er etwas Sherry nahm, »wir hatten nie Schwierigkeiten mit Euch und Ihr gehörtet nie zu denen, die unbillige Forderungen stellten. Ihr erwartet nicht, in einem sechsspännigen Wagen zu stolzieren und Schildkrötensuppe und Wildbret mit goldenen Löffeln zu essen, wie es so viele andere treiben.« Mr. Bounderby stellte das immer als das einzige, unmittelbare und direkte Streben einer »Hand« dar, die nicht vollständig zufrieden war, »und deshalb bin ich auch überzeugt, daß Ihr nicht gekommen seid, um eine Klage vorzubringen. Nun wißt Ihr, daß ich dessen im voraus gewiß bin.«

»Nein, Sir, ich bin gewiß wegen so etwas nicht gekommen.«

Mr. Bounderby schien, trotz seiner früheren festen Überzeugung, angenehm davon überzeugt zu sein. »Sehr gut«, entgegnete er, »Ihr seid eine solide ›Hand‹, ich habe mich also nicht getäuscht. Nun, laßt mich alles hören, was es gibt. Da es nicht jenes ist, so laßt mich hören, was es gibt. Was habt Ihr zu sagen? Heraus damit, Stephen!«

Stephen warf zufällig einen Blick auf Mrs. Sparsit. »Ich kann mich entfernen, Mr. Bounderby, wenn Sie es wünschen«, sagte diese sich aufopfernde Lady, und tat so, als ob sie den Fuß aus dem Steigbügel nehmen wollte.

Mr. Bounderby hielt sie zurück, indem er einen Mundvoll Hammelkotelette in der Schwebe hielt, ehe er ihn verschluckte, und dabei seine linke Hand ausstreckte. Nachdem er seine Hand zurückgezogen und den Bissen verschluckt hatte, sagte er zu Stephen:

»Nun, Ihr müßt wissen, daß diese gute Lady eine geborene Lady ist, eine hochgestellte Lady. Ihr müßt nicht glauben, daß sie, weil sie jetzt meinen Haushalt beaufsichtigt, nicht hoch auf dem Baume sich befunden – ach, auf dem Gipfel des Baumes! Wenn Ihr nun etwas zu sagen habt, das nicht vor einer Lady von Geburt gesagt werden kann, so wird diese Lady das Zimmer verlassen. Habt Ihr jedoch etwas zu sagen, das vor einer Lady von Geburt wirklich gesagt werden kann, so wird diese Lady bleiben, wo sie ist.«

»Sir, ich glaub‘, ich hab‘ nie nichts zu sagen gehabt, das nicht vor einer Lady von Geburt gesagt werden kann, seit ich selbst geboren bin«, lautete die Antwort mit einem leichten Erröten.

»Sehr gut«, sagte Mr. Bounderby, indem er den Teller von sich stieß und sich zurücklehnte. »Also los!«

»Ich bin gekommen«, fing Stephen nach kurzem Nachdenken an, indem er seine Augen erhob, »um mir bei Ihnen Rat zu holen. Brauche nicht gar zu viel. Neunzehn Jahre sind es her, seit ich an einem Ostermontag bin verheiratet worden. Sie war ein junges Mädchen, ziemlich hübsch und hatte guten Ruf. Gut! Fing bald an umzuschlagen. War nicht meine Schuld. Weiß Gott, bin kein schlechter Ehemann für sie gewesen.«

»Ich habe das alles schon früher gehört«, sagte Mr. Bounderby. »Sie geriet in fremde Gesellschaft, ergab sich dem Trunk, verließ die Arbeit, verkaufte die Möbel, versetzte die Kleider und gebärdete sich ganz rechthaberisch.«

»Ich hatte Geduld mit ihr.«

»Desto dummer von Euch«, meinte Mr. Bounderby vertraulich zu seinem Weinglas.

»Ich hatte viel Geduld mit ihr. Ich suchte sie davon abzubringen – nochmals und nochmals. Probierte dies, probierte jenes und probierte was anderes. Kam oft nach Hause und fand alles verschwunden, was ich in der lieben Welt besaß, und sie selbst ohne einen leisen Gedanken bewusstlos am Boden liegen. Das passierte nicht einmal – nicht zweimal – sondern zwanzigmal.«

Jeder Zug seines Gesichts vertiefte sich, wie er so sprach, und spiegelte auf rührende Weise die Leiden ab, die er ertragen.

»Vom Regen in die Traufe und immer schlimmer als je. Sie verließ mich. Sie machte sich überall zuschanden, ganz entsetzlich. Sie kam zurück, kam wieder und wieder. Was konnt ich tun, um sie daran zu hindern? Ich bin ganze Nächte durch die Straßen gerannt, nur um nicht nach Hause zu gehen. Bin zur Brücke gegangen, um darüber zu springen und alles los zu sein. Ich habe gar so vieles ertragen, woran ich nicht dachte, als ich jung war.«

Mrs. Sparsit, die die Stricknadeln leicht hin und her bewegte, erhob die römischen Augenbrauen und schüttelte mit dem Kopfe, als wollte sie sagen: »Die vornehmen Leute kennen Beschwerden sowohl wie die kleinen. Sehen Sie doch – natürlich in aller Bescheidenheit! – mich an.«

»Ich gab ihr Geld, um sie von mir fernzuhalten. Fünf Jahre lang hab‘ ich ihr Geld gegeben. Ich habe mir wieder anständiges Hausgerät angeschafft. Ich habe ein schweres und trübes Leben geführt, brauch mich aber keiner einzigen Minute zu schämen. Vorige Nacht ging ich nach Hause. Da lag sie auf dem Fußboden. Da ist sie nun!«

In der Gewalt seines Unglücks und in der Stärke seines Elends loderte er für einen Augenblick einem stolzen Manne gleich auf. Im nächsten Augenblick stand er da, wie er bisher dagestanden – in seiner gewöhnlichen gebückten Stellung. Sein nachdenkliches Gesicht war gegen Mr. Bounderby mit einem sonderbaren Ausdruck gerichtet, der halb klug und halb verlegen war, als ob er etwas höchst Schwieriges hätte enträtseln wollen. Den Hut hielt er fest in seiner linken Hand und stützte diese in seine Hüfte. Sein rechter Arm gab seinen Worten durch eine rauhe Eigentümlichkeit und Kraft in seinem Gebärdenspiel ernsthaften Nachdruck, was nicht weniger geschah; nicht am wenigsten, wenn er ihn etwas gebogen hielt, sobald er im Reden pausierte.

»Ich habe das alles, wie Ihr wisst«, sagte Mr. Bounderby, »mit Ausnahme des letzten Vorfalles, schon längst gewusst. Es ist eine schlimme Geschichte – ja, das ist es. Ihr hättet lieber mit Eurem Stand zufrieden sein und nicht heiraten sollen. Es ist indessen zu spät, das zu sagen.«

»War es hinsichtlich des Alters eine ungleiche Heirat, Sir?« fragte Mrs. Sparsit.

»Ihr hört, was diese Lady fragt. War diese schlimme Angelegenheit eine ungleiche Heirat hinsichtlich des Alters?« sagte Bounderby.

»Nicht so ganz. Ich selbst war einundzwanzig und sie noch nicht ganz zwanzig.«

»Wirklich, Sir«, sagte Mrs. Sparsit mit großer Gelassenheit zu ihrem Obern. »Ich schloss daraus – daß es eine so unglückliche Heirat ist, daß eine Altersverschiedenheit dabei obgewaltet haben müsse.«

Mr. Bounderby blickte die gute Lady scharf von der Seite an mit einem komisch-dummen Mienenspiel. Er stärkte sich hierauf mit etwas Sherry.

»Nun? Warum fahrt Ihr nicht fort?« fragte er, etwas ärgerlich gegen Stephen Blackpool gewendet.

»Ich habe Sie fragen wollen, Sir, wie ich mir das Weib vom Hals schaffen kann.« Stephen verlieh dem vermischten Ausdruck seines aufmerksamen Gesichtes einen noch tieferen Ernst. Mrs. Sparsit stieß einen leisen Ausruf aus, als hätte sie einen moralischen Stoß erlitten.

»Was meint Ihr?« fragte Mr. Bounderby, der aufgestanden war, um sich mit dem Rücken gegen den Kamin zu lehnen. »Wovon sprecht Ihr? Ihr habt sie aufs Geratewohl genommen?«

»Ich muß sie loswerden. Ich kann es nicht länger mehr ertragen. Ich hab‘ nur darum solange dabei existieren können, weil ich das Mitleid und den Trost eines Mädchens hatte, des besten unter den lebenden oder toten. Vielleicht hab‘ ich es nur ihr zu verdanken, daß ich nicht verrückt geworden bin.«

»Er will frei werden, um, wie ich fürchte, das Frauenzimmer zu heiraten, von dem er spricht, Sir!« bemerkte Mrs. Sparsit mit gedämpfter Stimme, höchst betrübt über die Sittenlosigkeit dieser Leute.

»Das will ich. Die Lady hat richtig gesprochen. Das will ich. Ich wollte das selbst noch sagen. Ich hab‘ in den Zeitungen gelesen, daß die Großen (denen es wohl ergehen möge – ich wünsche ihnen nichts Schlimmes) nicht aufs Geratewohl so fest miteinander verbunden sind, daß sie ihre unglücklichen Ehen nicht wieder auflösen könnten, um nochmals zu heiraten. Wenn sie sich nicht gut vertragen, weil sie ein ungleiches Temperament haben, so haben sie allerhand verschiedene Zimmer in ihren Häusern, und sie können abgesondert leben. Wir armen Leute haben nur ein Zimmer, und wir können das nicht. Wenn das nicht geht, so haben sie Gold und anderes Geld, und sie können sagen: ›Dies ist für mich und das für dich.‹ Dann kann ein jeder seine Wege gehen. Wir können das nicht. Trotz alledem können sie sich wegen kleinerer Ungerechtigkeiten freimachen, während Hunderte und aber Hunderte leiden müssen, und zwar mehr noch die Frauen als die Männer – sie können sich wegen kleinerer Unbilden, als die meinen sind, freimachen. Ich will nun mein Weib loswerden und möchte nun gern wissen, auf welche Weise?«

»Auf keine Weise!« erwiderte Mr. Bounderby.

»Wenn ich ihr etwas antue, gibt’s ein Gesetz, um mich zu bestrafen?«

»Freilich gibt’s eins.«

»Wenn ich von ihr fortlaufe, gibt’s ein Gesetz, um mich zu bestrafen?«

»Freilich gibt’s eins.«

»Wenn ich das andere liebe Mädchen heirate, gibt’s ein Gesetz, um mich zu bestrafen?«

»Freilich gibt’s eins.«

»Wenn ich mit ihr lebte, ohne sie zu heiraten – den Fall angenommen, daß so etwas sein könnte, was eigentlich nie geschehen würde oder könnte, da sie so gut ist – gibt es ein Gesetz, mich in jedem unschuldigen Kinde zu bestrafen, das mir gehören würde?«

»Freilich gibt’s eins.«

»Zeigt mir nun, um Gottes willen«, rief Stephen Blackpool, »das Gesetz, womit mir zu helfen wäre.«

»Dieses Lebensverhältnis«, sagte Mr. Bounderby, »ist geheiligt und – und – muß aufrechterhalten werden.«

»Nein, nein – sagen Sie das nicht, Sir. In dieser Weise kann es nicht aufrechterhalten werden. Nicht in dieser Weise. In dieser Weise muß es zugrunde gehen. Ich bin ein Weber und kam schon als Kind in die Fabrik, aber ich habe Augen, um zu sehen, und Ohren, um zu hören. Ich lese die Zeitungen – jede Gerichtsperiode, jede Sessionszeit – und Sie lesen sie auch – ich weiß es! – mit banger Besorgnis, wie die Unmöglichkeit, auf irgendeine Art von einander loszukommen, Blut über unser Land bringt und viele Ehepaare (ich sage aber, noch mehr die Frauen als die Männer) zu Kampf, Mord und Totschlag führt. Räumt uns doch dieses Recht ein. Mein Fall ist ein sehr trauriger, und ich möchte von Ihnen – wenn Sie so gut sein wollten – erfahren, welches Gesetz mir helfen könnte.«

»Ich will Euch nun was sagen«, bemerkte Bounderby, indem er die Hände in die Tasche steckte. »Es gibt ein solches Gesetz.«

Stephen nickte mit dem Kopf, indem er in seine frühere Ruhe versank und aufmerksam hinhorchte.

»Aber es ist durchaus nichts für Euch. Es kostet Geld. Kostet eine ungeheure Summe.«

»Wie viel würde das sein?« fragte Stephen ruhig.

»Nun, Ihr müsstet zu dem Gerichtshof für Ehesachen mit dem Prozess gehen, dann müsstet Ihr zu dem Common Law mit einem Prozess gehen, und Ihr müsstet zum Oberhaus mit einem Prozess gehen – dann müsstet Ihr einen Berechtigungsschein des Parlaments zu erlangen suchen, daß ihr wieder heiraten dürft. Das würde Euch (wenn der Wind günstig bläst), wie ich glaube, an tausend bis fünfzehnhundert Pfund kosten«, sagte Mr. Bounderby. »Vielleicht die doppelte Summe.«

»Gibt’s kein anderes Gesetz?«

»Auf keinen Fall.«

»Nun denn, Sir«, sagte Stephen erblassend und machte mit der rechten Hand eine Bewegung, als gäbe er alles den vier Wänden preis. »Es ist alles Hokuspokus. Es ist alles zusammen nichts als Hokuspokus, und je früher ich sterbe, desto besser ist’s.«

(Mrs. Sparsit war jetzt von neuem über die Gottlosigkeit dieser Leute in Betrübnis versetzt.)

»Ach was! sprecht keinen Unsinn, mein Lieber«, sagte Mr. Bounderby, »von Dingen, die Ihr nicht versteht, und nennt die Institutionen Eures Landes nicht Hokuspokus, oder Ihr werdet eines schönen Morgens selbst in ein Hokuspokus geraten. Die Institutionen Eures Landes sind nicht Eure Angelegenheit, und das einzige, worum Ihr Euch zu kümmern habt, ist, Eure Arbeit zu besorgen. Eure Frau ist Euch nicht durch ein betrügerisches Spiel zugefallen, sondern Ihr habt sie aus freien Willen genommen. Wenn sie sich schlecht bewährt – nun, alles was uns zu sagen übrig bleibt, ist, daß sie sich eben besser hätte bewähren sollen.«

»Hokuspokus«, sagte Stephen mit einem Kopfschütteln, als er sich der Tür näherte – »es ist alles Hokuspokus.«

»Ich will Euch nun was sagen«, fuhr Mr. Bounderby in einer Abschiedsermahnung fort. »Mit Euren Gesinnungen, die ich als ruchlos bezeichnen muß, habt Ihr diese Lady vollständig empört, die, wie ich Euch bereits gesagt habe, eine Lady von Geburt ist, und die, wie ich Euch noch nicht gesagt habe, ihre eigenen Unglücksfälle in der Ehe gehabt hat, die sich auf zehntausend Pfund beliefen – auf, sage und schreibe zehntausend Pfund (er wiederholte es mit großem Behagen). Bis jetzt seid Ihr nun eine solide ›Hand‹ gewesen, meine Meinung ist aber, und das will ich Euch geradezu sagen, daß Ihr anfangt, eine schlechte Bahn einzuschlagen. Ihr habt irgendeinem boshaften Fremden oder sonst jemandem Gehör geschenkt – sie sind immer dabei – und das beste, was Ihr tun könnt, ist, Euch das alles aus dem Kopf zu schlagen. Nun, Ihr wisst nun«; hier nahm sein Gesicht einen Ausdruck besonderer Schläue an, »ich kann ebenso tief in einen Schleifstein gucken wie jeder andere – ja, noch tiefer als viele andere Leute, weil mir die Nase in meiner Jugend tüchtig gerieben wurde. Ich wittere etwas von Schildkrötensuppe, Wildbret und goldenen Löffeln. Ja, das tue ich«, rief Mr. Bounderby, den Kopf in seiner hartnäckigen Schlauheit schüttelnd. »Weiß der Himmel, das tue ich.«

Mit einem ganz andern Kopfschütteln und tiefem Seufzer sagte Stephen: »Ich danke Ihnen, Sir. Guten Tag.«

So verließ er Mr. Bounderby, der sich vor seinem Bilde an der Wand aufblähte, als wollte er sich hineinexplodieren. Mrs. Sparsit aber strickte weiter, mit ihrem Fuß im Steigbügel und ganz betrübt über die Laster des Volkes.

Zwölftes Kapitel.


Zwölftes Kapitel.

Stephen Blackpool stieg die zwei weißen Stufen herab und schloss die schwarze Tür mit dem metallenen Türschild. Er tat das, indem er das messingene Punktum anzog und gab diesem zum Abschied mit seinem Rockärmel noch eine kleine Politur; denn er merkte, daß es von seiner warmen Hand angelaufen war. Mit zur Erde gesenktem Blick ging er über die Straße und schritt kummervoll dahin, als er sich plötzlich am Arm berührt fühlte.

E« war nicht die Berührung durch die Hand, die er in einem solchen Augenblick am meisten ersehnt hätte – die Berührung, die die aufgeregten Wogen seiner Seele hätte beschwichtigen können, wie die erhobene Hand der höchsten Liebe und Geduld das Toben des Meeres dämpfen konnte – und doch war es die Berührung einer Frauenhand. Seine Augen fielen, als er stillstand und sich umwandte, auf eine alte Frau, die von hoher Gestalt und noch stattlich war, obgleich die Zeit sie schon hatte verblühen lassen. Ihre Kleidung war sehr reinlich und einfach, der Staub der Landstraße haftete an ihren Schuhen – sie musste eben von einer Fußreise gekommen sein. Ihre Aufgeregtheit in dem ungewohnten Straßenlärm – der ärmliche Schal, den sie über dem Arm trug – der schwerfällige Regenschirm und der kleine Korb – die weiten Handschuh, an die ihre Hände nicht gewöhnt waren – alles verriet eine alte Frau vom Lande, die in den einfachen Sonntagskleidern nach Coketown kam, um, wie es gewiß selten geschah, irgend etwas hier zu besorgen.

Stephen Blackpool bemerkte das alles mit der schnellen Beobachtungsgabe seiner Klasse, neigte sein aufmerksames Gesicht – sein Gesicht, das wie die Gesichter so vieler seines Standes, durch anhaltendes Arbeiten mit Augen und Händen inmitten eines ungeheuren Lärms, einen konzentrierten Blick sich angeeignet hatte, den wir im Antlitz tauber Menschen gewöhnlich antreffen – zu ihr nieder, um sie besser zu verstehen.

»Bitte, mein Herr«, sagte die Alte, »Hab‘ ich Euch nicht aus dem Hause jenes Gentleman kommen sehen?« Dabei deutete sie nach der Besitzung von Mr. Bounderby. »Ich glaube. Ihr wart es, wenn ich nicht das Mißgeschick hatte, mich in der Person zu irren, der ich nachfolgte.«

»Ja, liebe Frau«, erwiderte Stephen, »ich war’s.«

»Habt Ihr – entschuldigt gefälligst die Neugier einer alten Frau – habt Ihr den Herrn gesehen?«

»Ja, liebe Frau.«

»Und wie sah er aus, mein Herr? War er bei Kräften, frisch, gesund und munter?«

Sie richtete sich mit dem Kopf in die Höhe, um ihre Gebärden ihren Worten anzupassen. Da durchkreuzte Stephen der Gedanke, daß er diese Frau schon früher gesehen, und daß sie ihm damals unsympathisch gewesen sei.

»O ja«, antwortete er, sie aufmerksamer betrachtend, »er war das alles.«

»Und gesund«, fragte die Alte, »wie der frische Wind?«

»Ja«, entgegnete Stephen, »er aß und trank so vernehmlich und derb wie eine dicke Hummel.«

»Danke«, sagte die Alte mit unendlicher Zufriedenheit. »Danke sehr.«

Er hatte die alte Frau früher wohl nie gesehen. Dennoch schwebte ihm die unbestimmte Erinnerung vor, als habe er schon mehr als einmal von einer ähnlichen alten Frau geträumt.

Sie schritt neben ihm her, und ihre frohe Laune übertrug sich auf ihn. Er bemerkte, daß Coketown ein betriebsamer Ort sei, nicht wahr? Worauf sie zur Antwort gab: »Ei, gewiß, schrecklich betriebsam.« Dann sagte er, sie komme vom Lande, wie er sehe? Das bejahte sie.

»Mit dem Frühschnellzug. Ich kam vierzig Meilen mit dem Frühschnellzug heute, und vierzig Meilen werde ich heute nachmittag wieder zurücklegen. Ich ging heute morgen zu Fuß neun Meilen zu der Eisenbahnstation, und wenn ich auf meinem Weg niemanden finde, der mich mitnimmt, so werde ich dieselben neun Meilen am Abend wieder zurücklegen. Da« ist bei meinem Alter ein schönes Stück Arbeit, Sir!« sagte die alte Frau, mit fröhlich leuchtenden Augen.

»Sicherlich. Aber so oft könnt Ihr das kaum, liebe Frau?«

»Nein, nein. Einmal im Jahr«, antwortete sie kopfschüttelnd, »gebe ich auf diese Weise meine Ersparnisse aus, nur einmal jedes Jahr. Ich komme regelmäßig, um durch die Straßen zu eilen und die Herren zu sehen.«

»Bloß um sie zu sehen?« fragte Stephen.

»Das genügt mir«, antwortete sie mit großem Ernst und merkwürdigem Eifer. »Ich verlange nicht mehr. Ich habe hier auf dieser Seite gestanden, um jenen Herrn«, hier drehte sie den Kopf abermals nach Mr. Bounderbys Wohnung um, »herauskommen zu sehen. Aber er verweilt lange dieses Jahr, und ich habe ihn nicht erblickt. Ihr kamt statt seiner heraus. Wenn ich nun zurückgehen muß, ohne einen Blick auf ihn geworfen zu haben – ich bedarf nur eines Blickes – so hilft das nichts. Ich habe Euch gesehen und ich muß damit zufrieden sein.« Während sie das sagte, betrachtete sie Stephen, als wolle sie sich seine Gesichtszüge einprägen, wobei ihre Augen den früheren Glanz verloren hatten.

So sehr er den verschiedenen Geschmack auch gelten ließ und so unterwürfig er auch gegen die Patrizier von Coketown war, so schien ihm das doch ein außergewöhnliches Interesse zu sein, daß sich jemand wegen solcher Sache so viel Mühe gab. Er ward ordentlich verwirrt davon. Sie kamen gerade an der Kirche vorüber, und da er die Uhr erblickte, beschleunigte er seinen Schritt.

»Es geht wohl zur Arbeit?« fragte die Alte, indem sie leichterweise auch den ihren beschleunigte. Ja, die Zeit war beinahe um. Als er ihr mitteilte, wo er arbeitete, wurde die Alte eine noch seltsamere Alte als früher.

»Seid Ihr nicht glücklich?« fragte sie ihn.

»Nun – es gibt – niemanden, der nicht seine Sorgen hat, Frau«, antwortete er ausweichend: denn die Alte schien es für ausgemacht zu halten, daß er in der Tat sehr glücklich sein müsse, und er hatte nicht das Herz, sie zu enttäuschen. Er wußte, daß es des Ungemachs in der Welt genug gebe, und wenn die Alte schon solange gelebt hatte und darauf rechnen konnte, daß ihm nur so wenig davon zuteil geworden, nun, um so besser für sie und nicht schlimmer für ihn.

»Ja, ja! Ihr habt wohl häuslichen Kummer?« fragte sie.

»Manchmal. Dann und wann eben«, antwortete er leichthin.

»Aber wenn ihr bei einem solchen Herrn in Arbeit steht, so folgt Euch der Kummer doch nicht in die Fabrik?«

»Nein, nein, er folgt mir nicht dahin«, sagte Stephen. »Da ist alles ohne Tadel, alles in Ordnung.« (Er ging nicht soweit, um zu ihrem Vergnügen zu bemerken, daß eine Art göttlichen Rechtes daselbst obwalte: wir haben freilich neuerdings ähnliche herrliche Behauptungen verlauten hören.)

Sie befanden sich nun in der schwarzen Seitengasse, in der Nähe der Fabrik, wohin die »Hände« sich drängten. Die Glocke schellte, und die Schlange war eine Schlange von verschiedenen Windungen, und der Elefant machte sich bereit. Die sonderbare Alte schien selbst von der Glocke entzückt zu sein. Es war die allerschönste Glocke, die sie je vernommen, und klang großartig.

Sie fragte ihn, als er vor seinem Eintreten gutmütig anhielt, um ihr die Hand zu schütteln, wie lange er hier schon arbeite?

»Ein Dutzend Jahre«, sagte er.

»Ich muß die Hand küssen«, sagte sie, »die in dieser schönen Fabrik ein Dutzend Jahre gearbeitet.« Sie zog sie empor, obgleich er sie daran hindern wollte, und führte sie an die Lippen. Die Einfalt ihres Wesens konnte er sich bei ihrem Alter und ihrer Einfachheit nicht erklären; aber selbst in diesem phantastischen Benehmen lag ein gewisses Etwas, das weder für Zeit noch Ort unschicklich war, ein gewisses Etwas, von dem es schien, als ob sonst niemand ein gleiches so ernsthaft und mit so natürlicher und rührender Art hätte tun können.

Eine volle halbe Stunde hatte er, über diese Alte in Nachdenken versunken, an seinem Webstuhl gesessen. Als er nun für irgendeine Zurichtung sich umwenden musste und einen Blick durch das Fenster in der Ecke warf, sah er sie noch vor dem Gebäude in Bewunderung versunken dastehen. Unbekümmert um Rauch, Kälte und Nässe und ihre zwei langen Reisen, staunte sie das Haus an, als ob das schwerfällige Knarren, das aus seinen vielfachen Stockwerken ertönte, wie rauschende Musik in ihren Ohren klänge.

Endlich war sie fort, und der Tag folgte ihr, und die Lichter erglänzten wieder, und der Expresstrain flog angesichts der Feenpaläste über die Schwibbogen in raschem Fluge vorüber: wenig ward inmitten des Maschinengeklappers davon gespürt, und bei dem Krachen und Knarren wurde kaum etwas gehört. Seine Gedanken waren indessen zu seinem trübseligen Zimmer über dem kleinen Laden und zu der schmachvollen Gestalt zurückgeeilt, die schwer auf dem Bette, noch schwerer aber ihm auf dem Herzen lag.

Die Maschinen erschlafften – schlugen schwach wie ein ermattender Puls – hielten inne. Abermals die Glocke – der Lichtschimmer und die Hitze verschwanden – die Fabriken sahen in der schwarzen, nassen Nacht düster darein – und ihre hohen Schornsteine erhoben sich in die Luft gleich den Türmen von Babel.

Es ist wahr, daß er mit Rachael erst am vorigen Abend gesprochen hatte und ein wenig mit ihr gegangen war. Nun lag aber das neue Unglück auf ihm, wobei ihm sonst niemand auch nur für einen Augenblick Trost zu gewähren vermochte. Darum, und auch weil er wußte, daß er eine Besänftigung für seinen zornigen Unmut nötig hatte, und weil er weiter wußte, wie ihn schon ihre Stimme trösten konnte, glaubte er, er dürfe gegen ihren Wink handeln und auf sie warten. Er wartete, aber sie hatte ihn getäuscht. Sie war bereits fort. An keinem Abend des ganzen Jahres kam es ihm so schwer an, ihr sanftes Gesicht zu entbehren.

Oh! Wahrlich besser, keinen häuslichen Herd besitzen, wohin man sein müdes Haupt legen kann, als einen wirklich haben und wegen solcher Gründe sich scheuen, ihn zu betreten. Er aß und trank, denn er war erschöpft – aber er wußte nicht was, noch kümmerte er sich darum. Er irrte in dem kalten Regen umher, immerfort sinnend und sinnend und brütend und brütend.

Kein einziges Wort über eine zweite Heimat war je zwischen ihnen gewechselt worden. Aber Rachael hatte ihm seit Jahren Mitleid bewiesen: und ihr allein hatte er während dieser ganzen Zeit sein gedrücktes Herz über die Ursache seines Elends erschlossen. Er wußte wohl, daß, wenn er um ihre Hand anhalten dürfte, sie ihm diese nicht verweigern würde. Er dachte an den häuslichen Herd, zu dem er im jetzigen Augenblick mit Stolz und Vergnügen geeilt wäre – welch ein anderer Mann er jetzt gewesen, wie leicht es ihm dann um das Herz gewesen wäre, das jetzt so schwer beladen war. Er dachte an die wiederhergestellte Ehre, an Selbstachtung und Ruhe –was jetzt alles zerstört war. Er dachte an den Verlust seiner besten Lebenszeit, an den Wechsel, der in seinem Charakter in jeder Beziehung zum Schlechten stattgefunden, an die schreckliche Art seines Daseins, da er mit Hand und Fuß an ein totes Weib gebunden war, da ihn ein Dämon in ihrer Gestalt folterte. Er dachte an Rachael, wie jung sie war, als sie sich zum ersten Mal unter solchen Umständen begegneten, wie herangereift sie jetzt war, und wie bald sie alt werden sollte. Er dachte an die Mädchen und Jungfrauen, die sie zum Altar hatte schreiten sehen, wie viele Familien sie kannte, in denen die Kinder heranwuchsen; wie sie sich trotz allem zufrieden gab, ihren ruhigen, einsamen Pfad weiterging, nur um seinetwillen. Er erinnerte sich, wie er zuweilen den Schatten der Melancholie über ihr freundliches Gesicht hat schweben sehen, was ihn mit Gewissensqualen und Verzweiflung erfüllte. Er stellte sich ihr Bild neben der schmachvollen Erscheinung von der vergangenen Nacht vor und dachte: Ist es möglich, daß die ganze irdische Laufbahn eines so sanften, guten und sich aufopfernden Wesens von so einem erbärmlichen Geschöpf, wie jene ist, abhängig sein sollte!

Erfüllt von diesen Gedanken – so sehr erfüllt, daß er ein seltsames Gefühl eigenen Zersprengtwerdens empfand, als träte er in eine neue und krankhafte Beziehung zu den Dingen, die ihn umgaben, und als sähe er den Lichtkreis von jedem Nebellicht rot glänzen – ging er Obdach suchend nach Hause.

Kapitel 2

„Nun hör auf“, fiel der Jude gereizt ein, „sonst passiert dir was, das dir recht unangenehm sein könnte.“

Das Mädchen sagte nichts mehr, aber zerraufte sich wie eine Verrückte das Haar und zerriß sich das Kleid, dann stürzte sie wütend auf den Juden los. Im rechten Augenblick packte Sikes sie jedoch am Handgelenk, sonst hätte sie ohne Zweifel sehr deutliche Zeichen ihrer Rache in des Juden Gesicht zurückgelassen. Nachdem sie vergeblich versuchte, sich von Sikes Griff zu befreien, fiel sie plötzlich in Ohnmacht.

„Nun ist alles wieder in Ordnung“, meinte Sikes und trug sie in eine Ecke des Zimmers. .Sie hat eine Riesenkraft, wenn sie in Wut ist!“

Der Jude wischte sich die Stirn und lächelte: „mit Weibern zu tun zu haben, ist schlimm, aber sie sind schlau, und ohne sie geht’s in unserm Geschäft nicht. – Karl, bring Oliver zu Bett!“

„Nicht wahr, Fagin, er soll morgen seinen Sonntagsstaat nicht tragen?“ Der Jude verneinte. Oliver wurde nun in das anstoßende Gemach geführt, wo ein Bett aus alten Säcken in der Ecke stand. Karl brachte lachend denselben alten Anzug zum Vorschein, den Oliver in Brownlows Hause dem Dienstmädchen geschenkt hatte. Fagin hatte die Lumpen von einem Juden gekauft und dadurch die erste Spur von unseres Helden Aufenthalt erhalten.

„Zieh deinen Sonntagsanzug aus“, sagte Karl; „ich will ihn Fagin zum Aufheben geben. Das wird ein Hauptspaß.“

Widerwillig gehorchte Oliver und wurde dann von Karl im Finstern gelassen, der hinausging und die Tür hinter sich abschloß. Karls Lachen und die Stimme Betsys, die gekommen war, um ihrer Freundin beizustehen, hätten ihn unter glücklicheren Umständen wach erhalten. Er war jedoch krank und müde und verfiel deshalb in einen tiefen Schlaf.

Olivers Schicksal bleibt dauernd ungünstig. Ein großer Mann kommt nach London, um seinem Rufe zu schaden

Wir bitten den Leser jetzt, uns nach der Stadt zu begleiten, wo unser kleiner Held zur Welt kam.

Herr Bumble trat eines Morgens früh aus dem Armehause und ging würdevoll die Straße hinunter. Er trug zwar seinen Kopf immer gebührend hoch, heute jedoch noch höher als gewöhnlich. Herr Bumble hielt sich nicht mit den kleinen Krämern auf, die ihn ansprechen wollten, sondern grüßte sie nur mit einer leichten Handbewegung. An dem Landhaus machte er schließlich halt, wo Frau Mann die armen Kinder nach den Grundsätzen der Armenbehörde betreute.

„Was mag dieser verwünschte Gemeindediener schon in aller Herrgottsfrühe wollen?“ sagte Frau Mann, als sie sein bekanntes, ungeduldiges Klopfen an der Gartentür vernahm. – „Ah! Sieh da, Herr Bumblel freut mich, Sie zu sehen. Bitte, treten Sie näher.“

„Frau Mann“, sagte Herr Bumble, indem er sich würdevoll setzte, „Frau Mann, ich wünsche Ihnen einen guten Morgen!“

„Danke, gleichfalls, Herr Bumble“, versetzte Frau Mann liebenswürdig lächelnd. „Es geht Ihnen hoffentlich gut?“

„So, so Frau Mann“, erwiderte Herr Bumble; „man ist nicht auf Rosen gebettet.“

„Ach, das ist nur zu wahr!“ Hätten die Armenkinder das hören können, sie hätten alle ausnahmslos Frau Mann beigepflichtet.

„Das Leben eines Gemeindebeamten, Frau Mann“, fuhr Bumble fort und schlug mit seinem Stock auf den Tisch, „ist ein Leben voll Mühe, Arbeit und Ärger. Dagegen ist jedoch nichts zu machen, alle Leute im öffentlichen Leben müssen sich Anfeindungen gefallen lassen.“

Obgleich Frau Mann nicht wußte, was er damit sagen wollte, seufzte sie teilnahmsvoll.

„Ich gehe nach London, Frau Mann“, fuhr Bumble fort.

„Ach, wirklich?“

„Ja, und zwar in der Postkutsche. Ich und zwei Arme. Es handelt sich um die Feststellung ihrer Heimatszustädigkeit. Die Armenhausbehörde hat mich mit ihrer Vertretung betraut. Es wird sich dann herausstellen“, fuhr Herr Bumble fort und richtete sich stolz auf, „ob die Herren vom Gericht in Clerkenwell sich nicht in mir gewaltig verrechnet haben. So leicht werden Sie mit mir nicht fertig.“

„Sie reisen also mit der Post. Ich dachte, man transportiere die Armen immer auf Karren?“

. „Nur, wenn sie krank sind. Bei Regenwetter setzen wir die armen Kranken auf offene Karren, damit sie sich nicht erkälten.“

„Ach so!“

„Es ist eine Retourkutsche und daher sehr billig“, sagte Herr Bumble. „Die beiden Armen sind in einem ziemlich elenden Zustande, und die Gemeinde fährt um zwei Pfund besser, wenn sie sie fortschickt, als wenn sie sie begraben lassen muß. Das heißt, wir müssen sie einer andern Gemeinde zuweisen können, was, wie ich glaube, gehen wird. Sie dürfen uns nur nicht den Possen spielen und unterwegs sterben. Ha! Ha! Ha!“

„Doch wir vergessen unser Geschäft“, sagte der Gemeindediener, nachdem er genügend gelacht hatte. „Hier ist das Kostgeld für den Monat.“ Er holte eine kleine Rolle Silbergeld aus seiner Tasche hervor und bat um Quittung, die Frau Mann auch sofort ausschrieb. Dann fragte Bumble nach dem Wohlergehen der Kinder.

„Gott segne die lieben kleinen Herzblättchen. Sie sind alle so gesund, als es die Umstände erlauben – bis auf die zwei, die in der letzten Woche starben.“

Herr Bumble verabschiedete sich nun nach einer Weile und ging heim.

Am nächsten Morgen um sechs Uhr nahm er mit den beiden Armen seinen Sitz auf der Außenseite der Kutsche ein und langte fahrplanmäßig in London an. Nachdem Herr Bumble seine Schützlinge, die halb erfroren waren, für die Nacht untergebracht hatte, ließ er sich in dem Gasthause, wo die Kutsche hielt, ein bescheidenes Essen, bestehend aus Beefsteak, Austernsauce und Porter, bringen und studierte dann die Zeitung.

Das erste, was Herrn Bumble ins Auge fiel, war folgende Ankündigung:

Fünf Guineen Belohnung.

Letzten Donnerstagabend ist ein Knabe, namens Oliver Twist, aus seiner Wohnung in Pentonville verschwunden und hat nichts mehr von sich hören lassen. Die Möglichkeit besteht, daß er entfüht wurde. Obige Belohnung soll derjenige erhalten, der über den Verbleib des besagten Oliver Twist Angaben machen kann, oder der sonst etwas von seiner Herkunft weiß, da der Inserent sich auch für diese lebhaft interessiert.

Der Anzeige war eine genaue Besch reibung von Oliver nebst Herrn Brownlows Adresse beigegeben.

Herr Bumble machte große Augen und las die Anzeige dreimal durch. Doch ehe fünf Minuten vergingen, war er auf dem Wege nach Pentonville. –

„Ist Herr Brownlow zu Hause?“ fragte Bumble das Mädchen, welches die Tür öffnete.

„Ich weiß nicht – was wünschen Sie?“

Herr Bumble hatte kaum den Namen Oliver Twist genannt, als Frau Bedwin, die an der Tür gehorcht hatte, hastig in den Hausflur eilte.

„Kommen Sie herein“, sagte die alte Frau; „ich wußte ja, daß wir von ihm hören würden. Der arme Junge. Gott segne ihn.«‘

Das Mädchen war inzwischen die Treppe hinaufgegangen und kehrte jetzt mit der Bitte zurück, daß Herr Bumble ihr folgen möchte.

Er wurde in das kleine Studierzimmer geführt, wo Herr Brownlow und sein Freund Grimwig sich bei einer Flasche Wein gütlich taten.

„Sie kommen auf meine Anzeige?“ fragte BrownIow.

„Jawohl.“

„Sie sind Gemeindediener?“

„Jawohl.“

„Wissen Sie, wo der arme Junge sich befindet?“

„So wenig, wie irgendein anderer“, versetzte Bumble.

„Nun, was wissen sie von ihm?“ fragte der alte Herr. „Sprechen Sie, lieber Freund, wenn Sie etwas zu sagen haben. Was wissen Sie von ihm?“

„Wahrscheinlich nichts Gutes“, bemerkte Herr Grimwig beißend, nachdem er Herrn Bumbles Gesichtszüge aufmerksam betrachtet hatte.

Dieser schüttelte feierlich den Kopf.

„Sehen Sie?“ sagte Grimwig triumphierend.

Herr Brownlow ersuchte Bumble nun, ihm in kurzen Worten mitzuteilen, was er von Oliver wüßte.

Es würde ermüdend sein, die Erzählung mit den Worten des Gemeindedieners wiederzugeben, da sie volle zwanzig Minuten dauerte. Ihr Inhalt war kurz der: Oliver sei ein Findling, das Kind geineiner und lasterhafter Eltern, tückisch, undankbar und boshaft. Er habe auf einen harmlosen Jungen einen blutdürstigen und hinterlistigen Angriff gemacht und sei dann bei Nacht und Nebel aus dem Hause seines Lehrherrn entlaufen. Zum Beweise, daß er wirklich der Mann sei, als den er sich vorstellte, legte Herr Bumble seine Papiere vor.

„Ich fürchte, es ist alles nur zu wahr“, sagte der alte Herr, nachdem er die Papiere flüchtig durchgesehen hatte. „Nehmen Sie das Geld, es ist nicht viel für die Wichtigkeit Ihrer Mitteilungen. Ich hätte gern das Dreifache gegeben, wenn sie für den Jungen günstiger gelautet hätten.“

Hätte Herr Bumble das früher gewußt, so würde er wahrscheinlich seiner Erzählung eine ganz andere Färbung gegeben haben. Kopfschüttelnd steckte er die fünf Guineen ein und entfernte sich.

Herr Brownlow war so niedergeschlagen, daß selbst Herr Grimwig es für richtig hielt, seine bissigen Bemerkungen einzustellen. Der alte Herr zog heftig an der Klingel.

„Frau Bedwin“, sagte Herr Brownlow, nachdem die Haushälterin eingetreten war, „der Junge ist ein Betrüger.“

„Unmöglich“, versetzte die alte Frau mit Nachdruck, „rein unmöglich.“

„Ich sage Ihnen aber, es ist so“, entgegnete der alte Herr scharf. „Es war sein ganzes Leben läng ein kleiner Bösewicht.“

„Das werde ich nie glauben“, erwiderte Frau Bedwin fest. „Er war ein liebes, sanftes und dankbares Kind!“

„Ruhig!“ sagte Brownlow. „Ich will den Namen des Jungen nie wieder hören. Um Ihnen das zu sagen, hatte ich geklingelt. Sie können jetzt gehen, aber denken Sie daran, ich habe im Ernst gesprochen.“

In Herrn Brownlows Hause gab es in dieser Nacht betrübte Herzen, aber auch Olivers Herz war todtraurig, wenn er seiner gütigen Freunde gedachte. Hätte er geahnt, was sie über ihn gehört hatten, es wäre gebrochen.

Wie Oliver in der sittenverbessernden Gesellschaft seiner ehrenwerten Freunde die Zeit verbrachte

Am Mittag des nächsten Tages, als der Gannef und Karl Bates zu ihren gewöhnlichen Geschäften ausgegangen waren, benutzte Herr Fagin die Gelegenheit, Oliver eine lange Rede über die schreckliche Sünde der Undankbarkeit zu halten. Er setzte ihm eingehend auseinander, wie er sich derselben in ganz ungewöhnlich hohem Grade schuldig gemacht habe, indem er sich von seinen besorgten Freunden entfernte und ihnen sogar zu entfliehen versuchte. Dabei hätte man doch auf seine Wiederauffindung so viel Mühe und Kosten verwendet. Herr Fagin legte großes Gewicht auf den Umstand, daß er Oliver ins Haus genommen und verpflegt habe. Ohne die ihm rechtzeitig gewährte Hilfe wäre er doch wahrscheinlich Hungers gestorben. Aber sie würden noch die besten Freunde werden, wenn sich Oliver folgsam und anstellig zeige. Der Jude nahm jetzt seinen Hut, zog einen alten geflickten Überrock an und ging fort, nicht ohne vorher das Zimmer abzuschließen.

So blieb Oliver während des ganzen Tages und einer Anzahl nachfolgender Tage eingesperrt und sich selbst überlassen. Er hatte genügend Zeit, seinen Gedanken nachzuhängen, die sich immer mit seinen Freunden in Pentonville beschäftigten, und was diese wohl für eine Meinung von ihm gefaßt haben mochten. Nach Ablauf einer Woche ließ der Jude die Tür unverschlossen, und Oliver stand es frei, im Hause umherzugehen.

Es war überall schmutzig im Hause, aber die Zimmer im oberen Stockwerk hatten große Türen und hölzerne Wandtäfelchen. Es mußte vor langer Zeit mal besseren Leuten gehört haben und war wohl einmal schön und heiter gewesen, so traurig und verkommen es auch jetzt aussah. In den Ecken der Wände hatten Spinnen ihre Netze ausgespannt, und wenn er leise in ein Zimmer trat, liefen die Mäuse erschreckt in ihre Löcher zurück. In allen Zimmern waren die morschen Fensterläden fest verschlossen. Das Licht konnte nur durch kleine, eingebohrte Löcher eindringen und erfüllte die Zimmer mit seltsamen Schattengestalten. Hintenhinaus befand sich eine Dachkammer, deren Fenster keine Läden hatten, sondern die nur vergittert waren. Hier sah Oliver oft stundenlang hinaus, aber er hatte nur einen Blick auf ein Gewirr von .Dächern, Schornsteinen und Giebeln.

Eines Nachmittags, als der Gannef und Karl Bates sich zu einer Abendunternehmung vorbereiteten, setzte jener es sich in den Kopf, eine größere Sorgfalt auf seine Toilette zu verwenden. Eine Schwäche, die wir, um gerecht zu sein, nur als eine ausnahmsweise vorkommende bezeichnen müssen. Er befahl Oliver gnädig, ihm bei diesem Geschäft an die Hand zu gehen.

Oliver war froh, sich nützlich machen zu können. Er kniete auf dem Boden nieder und nahm, während der Gannef auf dem Tische saß, dessen Füße in seinen Schoß, und putzte ihm die Stiefel.

Der Gannef blickte eine Weile gedankenvoll auf Oliver nieder und sprach dann halb für sich, halb zu Karl Bates:

„Wie schade, daß er kein Gannove ist!“

„Ach“, sagte Karl, „er weiß seinen Vorteil nicht auszunützen.“

„Ich glaube, du weißt nicht einmal, was ein Gannove ist?“

„Doch, ich glaube, ich weiß es“, versetzte Oliver hastig aufsehend. „Es ist ein Dieb. Du bist einer, nicht wahr?“ fügte er schüchtern hinzu.

„Ja“, erwiderte der Gannef, „und ich bin stolz darauf. Ich bin ein Dieb, wir alle sind Diebe – Karl – Fagin –Sikes – Nancy – Betsy – bis auf den Hund hinunter, und der ist nicht der schlechteste!“

„Jedenfalls verrät er keinen“, fügte Karl Bates hinzu.

„Warum gehst du eigentlich nicht bei Fagin in die Lehre, Oliver?“

„Könntest dein Glück machen“, sagte der Gannef grinsend.

„Und dich später mal als Rentier zurückziehen – ja, und wie ein Herr leben, wie ich es zu tun gedenke in dem nächsten vierten Schaltjahr, am zweiundvierzigsten Dienstage in der Trinitatiswoche“, fuhr Karl fort.

„Es gefällt mir nicht“, sagte Oliver schüchtern, „ich wollte, man ließe mich fort. Ich – ich – möchte lieber gehen.“

„Und Fagin möchte lieber, daß du bliebst“, entgegnete Karl.

Oliver wußte das nur zu gut, er hielt es aber für gefährfich, noch weiter darüber zu sprechen, deshalb fuhr er seufzend im Stiefelputzen fort.

„Geh“, rief der Gannef, „hast du gar kein Ehrgefühl? Möchtest du wieder hingehen und. deinen Freunden zur Last fallen? Ich könnte nicht so sein.“

„Aber ihr könnt eure Freunde im Stich lassen“, erwiderte Oliver mit mattem Lächeln, „und sie einer Strafe preisgeben, die ihr verdient habt?“

„Das geschah nur mit Rücksicht auf Fagin. Die Greifer wissen, daß wir gemeinschaftlich arbeiten, und er hätte Uhgelegenheiten gehabt. Das war der Grund, weshalb wir ausgerissen sind, nicht wahr, Karl? Guck mal hier“, fuhr der,Gannef fort und zog aus der Tasche eine Handvoll Schillinge, „so leben wir! Wer schert sich drum, wo es herkommt. Greif zu! Wo ich diese erwischt habe, gibt’s noch eine ganze Masse. Du willst nicht, du willst nicht? O du Dummkopf.“

„Nicht wahr, Oliver, es ist nicht recht?“ fragte Karl Bates. „Er wird dafür noch mal Bammelmann machen, nicht?“

„Ich weiß nicht, was das ist“, versetzte Oliver.

„Das will es heißen“, sagte Karl und machte mit seinem Taschentuch die Pantomime des Gehängtwerdens.

„Du bist schlecht erzogen“, meinte der Gannef, „aber Fagin wird schon noch etwas aus dir machen. Fang nur gleich an, sonst verlierst du nur Zeit.“

Karl Bates unterstützte diesen Rat mit einigen moralischen Nutzanwendungen und schilderte in glühenden Farben das Leben, was sie jetzt führten.

„Und dann bedenke, Nolly(*Oliver*)“, sagte der Gannef, „wenn du die Taschentücher und Uhren nicht nimmst, so stiehlt sie ein anderer. Wer sich daher eine solche Gelegenheit nicht zunutze macht, ist ein Dummkopf.“

„Er hat vollkommen recht, vollkommen“, sagte Fagin, der inzwischen leise eingetreten war. „Er gibt dir das Ganze in der Nußschale, ja in einer Nußschale, Freundchen. Dem Gannef kannst du glauben. Ha! Ha! Ha! Er kennt genau den Katechismus seines Geschäfts!“

Das Gespräch wurde nicht weiter fortgesetzt, denn der Jude war mit Fräulein Betsy und einem Herrn nach Hause gekommen, den Oliver noch nie gesehen hatte.

Dieser, als Tom Chitling angeredet, war etwas älter als der Gannef und mochte wohl achtzehn, Lenze zählen. Er benahm sich gegen diesen mit einer Ehrerbietung, die bewies, daß er sich bewußt war, dem Gannef an Geist und Geschäftsgewandtheit nicht ebenbürtig zu sein. Tom hatte kleine blinzelnde Augen und ein pockennarbiges Gesicht. Er trug eine Pelzmütze, eine dunkle Jacke, schmierige Barchenthosen und eine Schürze. Er sah ziemlich heruntergekommen aus und entschuldigte es damit, daß seine „Zeit“ erst seit einer Stunde um sei und er noch nicht dazu gekommen war, seinen Anzug zu wechseln. Er schloß daran die Bemerkung, daß er in zweiundvierzig langen, harten Arbeitstagen keinen Tropfen Schnaps angerührt hätte. Er wolle sich hängen lassen, wenn er nicht so sei wie ein Pulverfaß.

„Was glaubst du wohl, woher dieser Herr kommt, Oliver?“ fragte der Jude grinsend, als die anderen Jungen eine Schnapsflasche auf den Tisch stellten.

„Ich – weiß nicht“, stotterte Oliver.

„Wer ist denn das?“ fragte Tom Chitling, Oliver verächtlich ansehend.

„Ein junger Freund von mir“, antwortete Fagin.

„Dann ist er gut aufgehoben“, sagte Tom und sah Fagin bedeutungsvoll an. „Kümmere dich nicht darum, woher ich komme, Junge. Ich wette einen Taler, daß du den Weg dahin schnell genug finden wirst.“

Man lachte, und dann flüsterte Tom dem Juden einige Worte zu. Sie setzten sich an den Kamin, und Fagin ließ Oliver an seiner Seite Platz nehmen. Man sprach von den großen Gewinnen des Geschäfts, der Geschicklichkeit des Gannefs und der Freigebigkeit Fagins. Als dieses Thema und zu gleicher Zeit auch Herr Tom Chitling erschöpft war – denn der Aufenthalt im Gefängnis wird nach einigen Wochen etwas angreifend –, entfernte sich Betsy, und die ganze Bande begab sich zur Ruhe.

Von diesem Tage an wurde Oliver nur noch selten allein gelassen. Er war fast dauernd in Gesellschaft von Jack oder Karl, die Tag für Tag mit dem Juden das alte Spiel spielten. Ob zu ihrer eigenen oder zu Olivers Ausbildung, wußte Fagin am besten. Manchmal erzählte der alte Mann auch Geschichten von Diebstählen, die er in jüngeren Jahren begangen hatte. Er mischte darin so viel Drolliges und Spaßhaftes, daß Oliver häufig nicht umhin konnte, herzlich mitzulachen und die Geschichten lustig zu finden. Trotz seiner besseren Einsicht!

Der schlaue alte Jude hatte den Jungen im Netz. Er hatte Olivers Geist durch Einsamkeit und Langeweile darauf vorbereitet, jede Gesellschaft seinen traurigen Grübeleien vorzuziehen. Langsam flößte er ihm das Gift ein, das die Unschuld seiner Seele trüben und sein Herz für immer schwarz machen sollte.

In dem ein denkwürdiger Plan beraten und beschlossen wird

Es war eine kalte und windige Nacht, als der Jude gut vermummt aus seiner Höhle auftauchte. Er blieb auf der Schwelle stehen, während die Jungen die Tür von innen verschlossen und verriegelten. Nachdem dies geschehen, eilte er so schnell, als er konnte, die Straße hinab.

Das Haus, in das man Ofiver gebracht hatte, befand sich in der Nähe von Whitechapel. – Der Jude stand an der nächsten Ecke einen Augenblick still und sah sich argwöhnisch um. Dann ging er über die Straße und schlug die Richtung nach Spitalfields ein.

Der Schmutz lag dicht auf dem Pflaster, und ein dunkler Nebel hing über den Straßen. Es regnete, und alles war kalt und feucht anzufühlen. Eine Nacht, so recht geeignet für die Unternehmungen eines Wesens, wie der Jude es war. Als der greuliche Alte unter dem Schutz der dunkeln Mauern und Torwege dahinschlich, glich er ganz einem eklen Gewürm, welches in dem Schlamm und Dunkel, das ihn geboren, nach einem leckeren Mahle sucht.

Er kam auf seinem Gange durch viele krumme und enge Gassen nach Bethnal Green. Hier bog er plötzlich links ab und tauchte dann in ein Labyrinth von schmutzigen Straßen unter, die es in diesem bevölkerten Stadtteil zu Dutzenden gibt.

Der Jude war augenscheinlich mit der Gegend gut vertraut, denn ohne irgendwelches Zögern eilte er durch mehrere Straßen, bis er eine Gasse erreichte, an deren äußerstem Ende nur eine Laterne brannte. Er klopfte an die Tür eines Hauses und stieg die Treppe hinauf, nachdem man ihm gegen Bekanntgabe des Losungswortes geöffnet hatte.

Als er die Klinke einer Tür berührte, hörte man das Knurren eines Hundes, und eine rauhe Mannesstimme fragte, wer da sei.

„Nur ich, Bill; nur ich, Freundchen“, sagte der Jude und guckte herein.

„So bring deinen schuftigen Leichnam ‚rein“, erwiderte Sikes. – „Kusch, dummes Vieh! Kennst du denn den Teufel nicht, auch wenn er vermummt ist.“

Der Hund hatte sich augenscheinlich durch Fagins Regenmantel täuschen lassen, denn sobald der Jude ihn abwarf, zog sich das Tier wieder in seine Ecke zurück und wedelte mit dem Schwanze.

„Nun?“ fragte Sikes.

„Tja, mein Lieber! – Ach Nancy.“

Der Jude war etwas verlegen, da er nicht wissen konnte, wie er von dem Mädchen empfangen werden würde. Doch Nancy tat ganz harmlos; sie winkte Fagin zu sich an den Kamin heran und meinte: es wäre eine kalte Nacht und sie wolle das Mißverständnis vergessen.

„Ja, es ist wirklich kalt“, entgegnete der Jude. .Es geht einem durch und durch.“

„Gib ihm was zu trinken, Nancy. Donnerwetter, spute dich! Es wird einem ja ganz übel, wenn man das dürre Gerippe so klappern sieht, als sei es eben erst dem Grabe entstiegen.“

Nancy holte eiligst eine Flasche und Sikes füllte ein Glas mit Brandy, das er dem Juden hinhielt.

Der Jude berührte es mit den Lippen und sagte dann:

„Danke, Bill, nicht mehr, habe genug.“

„Du hast wohl Angst, wir wollen dir was“, fragte Sikes, den Juden mit einem Blick durchbohrend. Er ergriff mit einem heiseren Grunzen das Glas und goß den Rest seines Inhalts in den Kamin. Dann füllte er es aufs neue und trank es aus.

Fagin sah sich im Zimmer um, nicht aus Neugierde, denn er war schon öfters dagewesen, sondern aus Argwohn, wie es ihm zur zweiten Natur geworden war. Es war ein ärmlich möbliertes Gemach, und man sah darin nichts Verdächtiges als ein paar schwere Knüttel in einer Ecke und einen ‚Totschläger‘ auf dem Kaminsims.

„Weshalb bist du gekommen“, fragte jetzt Sikes den Juden.

„Wegen der Villa in Chertsey“, erwiderte dieser leise.

„Nun und – Was weiter?“

„Ach, lhr wißt schon, was ich meine, Bill. Nicht wahr, Nancy, er weiß es recht gut?“

„Nein, er weiß es nicht“, sagte Sikes höhnisch, „oder will es nicht wissen, was auf dasselbe rauskommt. Schleime dich nur ruhig aus und nenne die Dinge beim rechten Namen. Tue doch nicht so, als ob du nicht das Ding ausbaldowert hast!“

„Pst, Bill“, machte Fagin, der sich umsonst bemüht hatte, Sikes Unwillen zu beschwichtigen. „Man wird uns hören, Freundchen, man wird uns hören!“

„Meinetwegen“, erwiderte Sikes, „mir ist’s gleich.“ Er dämpfte aber doch unwillkürlich seine Stimme.

„Nun, es war von mir aus doch nur Vorsicht“, sagte der Jude schmeichelnd, „weiter nichts als Vorsicht. Also was die Villa in Chertsey anbelangt – wann soll es sein, Bill, sprich? – Großartiges Silbergeschirr!“ fügte er händereibend hinzu und seine Augen funkelten beutegierig.

„Gar nicht“, erwiderte Sikes kalt.

„Was, gar nicht?“ wiederholte der Jude in grenzenlosem Erstaunen.

„Gar nicht, wenigstens geht’s nicht so, wie wir dachten.“

„Dann habt Ihr die Sache nicht richtig angefaßt“, meinte Fagin ärgerlich. „Mir könnt Ihr doch nichts erzählen!“

„Ich werde es dir schon erzählen“, entgegnete Sikes höhnisch. „Also, Toby Crackit hat seit ‚vierzehn Tagen alle möglichen Versuche gemacht, einen von der Dienerschaft zu gewinnen.“

„Ihr wollt also sagen“, unterbrach ihn der Jude, „daß keiner der beiden Bedienten überredet werden konnte?“

„Gerade das wollte ich sagen“, antwortete Sikes. „Sie sind schon zwanzig Jahre im Hause der alten Frau und würden’s nicht tun, selbst wenn wir ihnen fünfhundert Pfund bieten würden!“

„Und das weibliche Personal?“ fragte Fagin.

„Auch nicht dran zu denken.“

„Nicht mal durch den schneidigen Toby Crackit? Wie doch die Weiber nun einmal sind!“

„Auch vergeblich, trotzdem er sich einen Backenbart angeklebt und eine schöne gelbe Weste getragen hatte.“

„Er hätte es mit einem Schnurrbart und Soldatenhosen versuchen sollen“, meinte der Jude nach kurzem Besinnen.

„Das hat er auch getan, hatte aber ebensowenig Zweck.“

Fagin machte ein langes Gesicht dazu und versank in tiefes Nachdenken. Dann meinte er seufzend, wenn Crackits Berichte stimmen, müßte man den Plan wohl aufgeben. „Es ist furchtbar traurig, so viel zu verlieren, wenn, man sein Herz daran gehängt hat.“

„Ja“, sagte Sikes, „es ist ein mächtiges Pech.“

Es folgte nun ein langes Schweigen. Der Jude versank in tiefe Gedanken, wobei sein Gesicht den Ausdruck wahrhaft teuflischer Spitzbüberei annahm. Sikes warf ihm von Zeit zu Zeit verstohlene Blicke zu, während Nancy sich mäuschenstill verhielt und so tat, als hätte sie vom ganzen Gespräch nichts gehört.

„Fagin“, sagte Sikes, plötzlich die Stille unterbrechend, „ist es fünfzig Scheine extra wert, wenn man’s durch Einbruch schafft?“

„Ja!“ sagte der Jude, aufschnellend.

„Gilt’s?“ fragte Sikes.

„Ja, abgemacht“, antwortete Fagin, die Hand des andern drückend. Er strahlte im Gesicht und seine Augen glänzten.

„Dann“, erwiderte Sikes und schob die Hand des Juden verächtlich beiseite, „dann kann es sofort losgehen. Toby und ich sind gestern nacht über die Gartenmauer geklettert und haben die Türen und Fensterläden untersucht. Die Villa ist zwar in der Nacht gut verrammelt, aber es gibt eine Stelle, wo man bequem einbrechen kann.“

„Wo ist denn die Stelle?“ fragte Fagin lebhaft.

„Also, man geht über den Rasenplatz“, flüsterte Sikes, „und –“

„Ja, und –“ unterbrach ibn Fagin mit aufgerissenen Augen, dabei beugte er sich gespannt vor.

„Dann –“, rief Sikes schnell abbrechend, als ihm das Mädchen, fast ohne den Kopf zu bewegen, einen warnenden Blick zuwarf. „übrigens geht dich die Stelle gar nichts an, ohne mich kannst du es doch nicht machen. Wenn man mit dir zu tun hat, muß man verdammt vorsichtig sein.“

„Wie Ihr denkt, mein Lieber. Braucht Ihr keine Hilfe, schafft Ihr beide es allein?“

„Wir brauchen nur noch ein Brecheisen und ’nen Jungen. Das erstere haben wir, den Buben mußt du uns besorgen!“

„Einen Jungen?“ rief der Jude. „Ach, dann geht’s durchg ein Fenster, nicht wahr?“

„Kann dir gleich sein“, erwiderte Sikes. „Der Junge darf aber nicht zu groß sein.“ Nachdenklich fuhr er fort: „Wenn ich nur den Buben des Schornsteinfegers Ned kriegen könnte, der hätte ihn mir billig ausgeliehen. Aber da haben sie den Vater eingespunnt, und mit einemmal kommt solch ein Verein für verlassene Kinder und nimmt den Bengel aus einem Geschäft, wo er Geld verdienen konnte. Man lehrt ihn schreiben und lesen, damit er Handwerker werden kann. Aber so ist ’s“, fuhr Herr Sikes fort, der über diese Ungerechtigkeit immer mehr in Wut geriet „so ist’s, und wenn diese Vereine Geld genug hätten – was aber Gott sei Dank nicht der Fall ist – so würden für unsern Beruf in einigen Jahren kaum ein halbes .Dutzend Jungen übrigbleiben.“

„So viel würden uns kaum bleiben“, stimmte der Jude zu, der während dieser Rede seine Gedanken ganz wo anders hatte und nur die letzten Worte aufschnappte.

„Was ist los?“

Der Jude machte mit dem Kopf ein Zeichen, als wenn es ihm lieb wäre, daß Nancy, die immer noch mit dem Gesicht gegen den Kamin saß, jetzt das Zimmer verließe. Erst zuckte Sikes ungeduldig die Achseln, er hielt diese Vorsicht für unnötig, dann aber forderte er doch Nancy auf, ihm einen Krug Bier zu holen.

„Du brauchst kein Bier“, sagte Nancy, ruhig sitzenbleibend, und schlug die Arme übereinander.

„Ich habe aber Durst!“ erwiderte Sikes.

„Unsinn!“ versetzte das Mädchen gelassen. „Fahrt nur weiter fort, Fagin. Ich weiß, was er sagen will, Bill, vor mir braucht er sich nicht zu genieren!“

Der Jude zögerte, und Sikes guckte verwundert erst Nancy und dann Fagin an.

„Nanu, du wirst dich vor unserer alten Nancy nicht fürchten?“ sagte er schließlich. „Die kennst du doch lange genug, um ihr zu mißtrauen, zum Donnerwetter! Die verpfeift uns nicht, nicht wahr, Mädel?“

„Das sollt‘ ich meinen, Bill!“ erwiderte die junge Dame, dabei rückte sie ihren Stuhl an den Tisch und stützte den Kopf auf die Ellbogen.

„Das schon, mein Lieber. Ich weiß das, aber –“ Fagin hielt inne.

„Aber was?“ fragte Sikes.

„Aber vielleicht kriegt sie wieder einen Rappel, wie neulich“, antwortete der Jude.

Bei diesen Worten brach das Mädchen in ein lautes Gelächter aus und stürzte ein Glas Brandy hinunter. Sie schüttelte den Kopf herausfordernd und sagte, das wäre ja lächerlich. Sie könnten vor ihr ruhig sprechen. „Redet nur ungeniert von Oliver, Fagin.“

Dies schien die beiden Herren zu beruhigen, denn der Jude nahm mit zufriedenem Lächeln seinen Sitz wieder ein, und Herr Sikes folgte seinem Beispiel.

„Die Nancy ist doch ein schlaues Mädel, wie mir selten eines vorgekommen ist“, dabei klopfte ihr der Jude schmunzelnd auf die Schulter. „Sie hat ganz recht, ich wollte tatsächlich von Oliver reden, ha! Ha! Ha!“

„Wieso?“ fragte Sikes.

„Das ist für Euch der Junge, mein Lieber“, erwiderte Fagin, heiser flüsternd. Sein Gesicht verzog sich zu einem breiten Grinsen.

„Der?“ rief Sikes aus.

„Den kannst du nehmen sagte Nancy. „Wenigstens ich täte es an deiner Stelle. Er ist vielleicht nicht so abgefeimt wie die anderen, aber das ist ja auch nicht nötig. Er hat ja nur eine Tür aufzumachen, darin ist er zuverlässig, Bill.“

„Stimmt das ist er“, sagte Fagin. „Er ist die letzten Wochen in einer guten Schule gewesen, und es wird Zeit, daß er anfängt, sich sein Brot selbst zu verdienen. Außerdem sind die anderen alle zu groß.“

„Ja, die richtige Figur hat er“ meinte Sikes.

„Und er wird auch alles tun, was ihr verlangt, Bill. Er kann nicht anders, vorausgesetzt daß Ihr ihn gut in Zucht haltet.“

„Daran soll es nicht fehlen, verlaß dich drauf“, entgegnete Sikes. „Macht der Bengel dumme Geschichten, wenn wir bei der Arbeit sind, siehst du ihn lebend nicht wieder, Fagin. Teufel auch! Überlege dir das wohl, ehe du ihn mir schickst.“ Er holte ein schweres Brecheisen unter der Bettstelle vor und schwang es drohend.

„Habe bereits älles überlegt“, sagte der Jude entschieden. „Habe ihn scharf beobachtet. Laßt ihn nur einmal klar werden, daß er einer der Unsrigen ist! Wenn sich der Gedanke in seinem Kopf festgesetzt hat, er sei ein Dieb gewesen, so ist er uns verfallen. Für sein ganzes Leben. Ha! Ha! Es hätte gar nicht besser kommen können.“

Er kreuzte seine Arme über der Brust und wand den Kopf und die Schultern, sozusagen, in einen Knäuel zusammen. Er umarmte sich buchstäblich selber vor Freude.

„Uns verfallen?“ sagte Sikes. „Dir, willst du wohl sagen.“

„Vielleicht stimmt’s, mein Lieber“, sagte Fagin schrill lachend. „Mein also, wenn es Euch so besser gefällt.“

„Und warum“, sprach Sikes grollend, „gibst du dir eigentlich soviel Mühe mit dem Gelbschnabel? Du hast doch die Auswahl unter fünfzig Jungen, die jede Nacht im Hyde Park pennen!“

„Die kann ich nicht gebrauchen“, versetzte Fagin etwas verwirrt. „Sie sind nichts wert, denn wenn sie in Schlamassel geraten, so steht ihnen gleich auf dem Gesicht geschrieben, was sie ausgefressen haben, und sie gehen kapores. Mit Oliver, richtig dressiert, kann man mehr erreichen als mit zwanzig andern. Zudem“, fuhr er gefaßter fort, „hat er uns jetzt in der Hand, wenn er wieder entwischen sollte. Er muß deshalb mit uns in dasselbe Boot. Es ist gleichgültig, wie er dareingekommen ist, aber bleiben muß er. Und ist dies nicht besser, als wenn wir den armen Jungen um die Ecke bringen müßten. Abgesehen davon, daß das gefährlich wäre, würden wir auch dabei verlieren.“

„Wann soll es geschehen?“ fragte Nancy. Sie schnitt dadurch einen heftigen Gefühlsausbruch des Herrn Sikes ab, der die geheuchelte Menschenfreundlichkeit Fagins nicht gut anhören konnte.

„Ja, Bill“, fragte ebenfalls der Jude, „wann soll es sein?“

„Ich habe mich mit Toby auf übermorgen nacht verabredet“, versetzte Sikes mürrisch, „wenn ich ihm nicht noch vorher absage.“

„Schön“, sagte Fagin, „es ist doch kein Mondschein?“

„Nein!‘

„Habt Ihr auch alle nötigen Vorkehrungen zur Fortschaffung der Beute getroffen?“ fragte der Jude.

Sikes nickte.

„Und wegen –“

„Ach, es ist alles in Ordnung“, fiel ihm Sikes ins Wört, „kümmere dich nicht um die Einzelheiten. Bringe den Jungen morgen abend her, eine Stunde nach Tagesanbruch geht’s los. Du hast weiter nichts als das Maul und den Schmelztiegel bereit zu halten. Mehr verlangen wir nicht.“

Nach einigen Hin, und Herreden aller drei wurde beschlossen, daß Nancy am nächsten Abend Oliver von Fagin abholen solle. Dieser meinte nämlich, er würde dem Mädchen lieber als irgendeinem anderen folgen, weil sie neulich so energisch für ihn eingetreten war. Man war sich ferner darüber einig, daß der arme Oliver zum Zwecke der beabsichtigten Unternehmung Herrn William Sikes ohne Vorbehalt übergeben werden solle. Dieser könne nach Gutdünken mit dem Jungen verfahren und wäre nicht verantwortlich für irgendeinen möglichen Unfall oder eine notwendige Züchtigung.

Nach Abschluß dieser Verhandlungen fing Sikes an, ein Glas Brandy nach dem anderen hinunterzustürzen und fuchtelte dabei mit dem Brecheisen in beunruhigender Weise herum. Darauf begann er gemeine Lieder zu singen, die er dann und wann mit wilden Flüchen unterbrach. Endlich bestand er in einem Anfall von Zunftstolz darauf, seine Einbrecherwerkzeuge vorzuführen. Er hatte jedoch kaum den Kasten mit ihnen gebracht und aufgemacht, um die Eigentümlichkeiten der verschiedenen Instrumente auseinanderzusetzen und auf die besondere Schönheit ihrer Konstruktion hinzuweisen, als er zu Boden stürzte und auf der Stelle einschlief.

„Gute Nacht, Nancy“, sagte Fagin und vermummte sich wieder.

„Gute Nacht.“

Ihre Blickt trafen sich, und der Jude faßte sie scharf ins Auge. Doch er fand keinen Anlaß zum Argwohn, denn sie benahm sich ruhig und gelassen. Indem er dem wie tot daliegenden Herrn Sikes noch einen leichten Tritt gab, ging er hinaus und die Treppe hinunter.

„So ist es immer“, brummte der Jude auf dem Nachhauseweg vor: sich hin. „Es ist das schlimmste bei diesen Weibern, daß die unbedeutendste Kleinigkeit in ihnen irgendein längst vergessenes Gefühl wieder weckt – gut ist nur, daß es nie lange währt. Ha! Ha! Der Kerl gegen den Jungen! Ich halte einen Beutel Gold auf den Kerl!“

Mit diesen angenehmen Gedanken beschäftigt, verfolgte Fagin seinen Weg durch Dreck und Nässe, bis er seine Höhle wieder erreichte. Der Gannef war noch wach und erwartete ungeduldig seine Rückkehr.

„Ist Oliver zu Bett? Ich muß ihn sprechen!“ waren des Juden erste Worte, als sie die Treppe hinaufstiegen. „Schon lange“, antwortete der Gannef und öffnete eine Tür. „Hier ist er.“

Der Junge schlief fest auf einer harten Matratze auf dem Fußboden. Angst, Kummer und die lange Gefangenschaft hatten ihm die Blässe des Todes aufgedrückt – des Todes, nicht wie er im Sarge erscheint, sondern wie man ihn wahrnimmt. Wenn das Leben aus dem Körper entflohen ist, und die Seele gen Himmel fliegt, ohne daß die schwere Luft der Erde schon Zeit hatte, den Staub umzuwandeln, den sie heiligte.

„Jetzt nicht“, murmelte der Jude und wandte sich still weg. „Morgen, morgen.“

In dem Oliver Herrn William Sikes übergeben wird

Als Oliver am Morgen erwachte, war er nicht wenig überrascht, statt seiner alten ein Paar neue Schuhe mit starken, dicken Sohlen neben seinem Lager zu finden. Anfangs freute er sich über diese Entdeckung, denn er hoffte, sie wäre die Vorläuferin seiner Erlösung. Er gab diesen Gedanken aber bald auf, als ihm der Jude beim Frühstück mitteilte, daß er am Abend nach Bill Sikes Wohnung gebracht werden solle.

„Muß – muß ich – dort bleiben?“ fragte Oliver ängstlich.

„Nein, Liebling, du sollst nicht dort bleiben“, versetzte Fagin. „Wir möchten dich nicht gern verlieren. Sei unbesorgt, Oliver, du kommst wieder zu uns zurück. Ha! Ha! Ha! So grausam werden wir nicht sein, dich wegzuschicken. O, nein!“

Der alte Mann, der sich über das Kaminfeuer gebückt hatte und eine Brotschnitte röstete, blickte sich bei diesen ironischen Worten um und kicherte, um zu zeigen, er wisse recht wohl, wie gern Oliver weglaufen würde.

„Ich glaube, du möchtest gern wissen“, fuhr Fagin fort, ihn dabei scharf anblickend, „was du bei Bill sollst, nicht wahr?“

Oliver errötete unwillkürlich bei diesen Worten, denn er glaubte, der Alte habe seine Gedanken gelesen. Er erwiderte jedoch dreist:

„Ja, ich möchte es wohl wissen.“

„Nun, was denkst du wohl?“ fragte Fagin ausweichend.

„Weiß es wirklich nicht“, versetzte Oliver.

„Na. dann warte, bis es dir Bill sagen wird.“ Er wandte sich damit mißvergnügt ab, denn er ärgerte sich, daß der Junge keine größere Neugierde verriet.Nach einer Weile sagte der Alte. „Du kannst ein Licht anzünden“ und legte eine Kerze auf den Tisch. „Da ist ein Buch, in dem du lesen magst, bis man dich abholt. Gute Nacht.“

„Gute Nacht“, sagte Oliver leise.

Der Jude ging auf die Tür zu. Ehe er sie öffnete, sah er sich nach dem Jungen um und rief ihn mit Namen an.

Oliver sah auf; der Jude zeigte auf die Kerze und bedeutete ihm, sie anzuzünden. Der Junge gehorchte und bemerkte, als er den Leuchter auf den Tisch stellte, daß Fagin ihn mit düsteren Blicken betrachtete.

„Nimm dich in acht, Oliver, hüt‘ dich!“ sagte der Alte und hob warnend die rechte Hand hoch. „Er ist ein roher Mensch und scheut kein Blutvergießen, wenn er in Wut ist. Was auch passiert, schweige und tue, was er dir, befiehlt. Denke daran!“ Er sagte die letzten Sätze mit starker Betonung, und sein finsterer Gesichtsausdruck wich einem gräßlichen Grinsen; dann nickte er mit dem Kopf und verließ das Zimmer.

Als Fagin verschwunden war, stützte Oliver seinen Kopf auf die Hand und dachte mit Herzklopfen den eben vernommenen Worten nach. Je mehr er über des Juden Warnung nachsann, desto weniger vermochte er sich den Sinn derselben zu erklären. Er konnte sich nicht denken, daß man Böses gegen ihn im Schilde führe, wenn man ihn zu Sikes schickte. Das hätte man ebenso bequem gehabt, wenn er bei Fagin bliebe. Nach langem Grübeln kam er zu dem Schlusse, daß er dazu bestimmt sei, Sikes so lange als Aufwärter zu dienen, bis ein anderer, besser geeigneter Junge ihn ablösen würde. Er blieb einige Minuten in Gedanken versunken und putzte dann seufzend das Licht. Darauf nahm er das Buch zur Hand, das ihm der Jude gegeben hatte, und fing zu lesen an.

Er blätterte anfangs rein mechanisch in dem Buche, doch wurde bald seine Aufmerksamkeit durch eine Stelle gefesselt, die ihn veranlaßte, eifriger im Lesen fortzufahren. Es waren Schilderungen des Lebens und der Taten großer Verbrecher. Die abgegriffenen, schmutzigen Seiten des Buches ließen darauf schließen, daß es viel studiert worden war. Er las von furchtbaren, das Blut erstarrenden Verbrechen, von geheimen Mordtaten, die an einsamen Wegen begangen wurden, von Leichen, die man in tiefen Abgründen und Brunnen vor den Augen der Menschen verbergen wollte, die aber nicht in ihren Gräbern bleiben konnten, so tief sie auch sein mochten. Die vielmehr nach Jahren wieder zum Vorschein kamen und durch ihren Anblick ihre Mörder so entsetzten, daß sie vor Grausen ihre Schuld bekannten und flehten, man möge sie hinrichten und so die Qual ihres Gewissens endigen. Die entsetzlichen Schilderungen waren so natürlich und lebendig, daß die schmutzigen Blätter sich vom Blute zu röten schienen.

In wahnsinniger Angst klappte der Junge das- Buch zu und warf es in eine Ecke. Dann fiel er auf die Knie und betete zu Gott, er möge ihn vor solchen Taten bewahren und ihn lieber gleich sterben lassen, als ihn für solche entsetzliche Verbrechen aufbewahren. Dann wurde er allmählich ruhiger und betete mit leiser, gebrochener Stimme um Errettung aus den ihn umgebenden Gefahren.

Er war mit seinem Gebet zu Ende, aber noch hielt er das Gesicht mit den Händen bedeckt, als ihn ein Rascheln weckte.

Er fuhr auf, und als er an der Tür eine Gestalt erblickte, rief er:

„Was ist das? Wer ist da ?“

„Ich – ich bin es nur!“ antwortete eine bebende Stimme.

Oliver hob das Licht in die Höhe und erkannte Nancy.

„Stell das Licht wieder hin“, sagte das Mädchen und wandte das Gesicht zur Seite; „es blendet meine Augen.“

Der Junge sah, daß sie sehr blaß war, mitleidig fragte er daher, ob sie krank wäre. Doch ohne zu antworten, warf sie sich auf einen Stuhl, so daß sie Oliver den Rücken kehrte, und rang die Hände.

„Gott verzeihe es mir“. rief sie endlich – „ich habe nie an alles dies gedacht.“

„Ist etwas vorgefallen?“ fragte Oliver. Kann ich Ihnen helfen? Wenn ich kann, will ich’s gerne tun.“

Sie wiegte sich hin und her, faßte sich an die Kehle und schnappte nach Luft.

„Nancy!“,schrie Oliver, „was ist Ihnen?“

Des Mädchens Arme und Beine zuckten wie im Krampf, sie hüllte sich fröstelnd in ihren Schal.

Oliver fachte das Feuer im Kamin zu größerer Glut an, sie rückte ihren Stuhl an den Kamin und saß eine Weile stumm da. Endlich hob sie den Kopf und blickte umher.

„Ich weiß nicht, wie mir zuweilen wird“, sagte Nancy und tat so, als ob sie mit dem Ordnen ihres Kleides beschäftigt sei. „Ich glaube, die dumpfe Luft in dieser Stube ist schuld daran. Nun, Nolly, bist du bereit?“

„Soll ich mit Ihnen gehen?“

„Ja, ich komme. von Bill“, antwortete Nancy.

„Ich will dich zu ihm bringen.“

„Wozu?“ fragte der Junge zurückweichend.

„Wozu?“ wiederholte das Mädchen, indem sie die Augen emporhob, aber schnell wegsah, als sie Olivers Blick begegnete. „Oh, zu nichts Bösem,“

„Das glaube ich nicht“, sagte Oliver, der sie aufmerkosam beobachtet hatte.

„Das kannst du halten, wie du willst“, erwiderte sie mit gezwungenem Lachen. „Also zu nichts Gutem!“

Oliver hatte erkannt, daß das Mädchen zuweilen bessere Regungen hatte und dachte einen Augenblick daran, ihr Mitleid anzuflehen. Dann fiel ihm jedoch ein, daß es kaum elf Uhr sei und mithin wohl noch Leute auf den Straßen sein würden. Von diesen würde der eine oder der andere sicher seiner Erzählung Glauben schenken und ihm helfen. Als ihm dies durch den Kopf flog, ging er auf Nancy zu und sagte hastig, er sei bereit.

Dieser war nicht entgangen, was in seinem Innern vorging und sah ihn, während er sprach, scharf an.

„Pst“, sagte sie, als sie sich über ihn beugte und, vorsichtig um sich blickend, auf die Tür zeigte. „Du kannst dir nicht helfen. Ich habe alles Mögliche deinetwegen versucht, aber vergebens. Du bist von allen Seiten umstellt, und wenn du auch vielleicht einmal loskommst, jetzt ist noch nicht der richtige Augenblick dafür gekommen!“

Betroffen durch die Entschiedenheit in ihrem Benehmen, blickte ihr Oliver verwundert ins Gesicht. Sie schien es aufrichtig zu meinen, sie war blaß und aufgeregt und zitterte stark.

„Ich habe dich schon einmal vor Mißhandlungen geschützt und werde es auch künftig tun, – ich tue es sogar jetzt“, fuhr das Mädchen lauter fort, „denn wenn jemand anders dich geholt hätte, wäre man weit gröber mit dir umgegangen. Ich habe mich für dich verbürgt, daß du ruhig und artig sein würdest. Wenn du mir Schande machst, so wirst du mir und dir schaden, vielleicht an meinem Tode schuld sein. Sieh her! das alles habe ich schon für dich erduldet! So wahr, als Gott sieht, daß ich es dir zeige.“ Sie wies ihm einige blaue Flecken an Hals und Armen vor und fuhr dann hastig fort: „Vergiß das nicht und laß mich deinetwegen nicht noch mehr ausstehen. Wenn ich dir helfen könnte, würde ich es gern tun, aber es steht nicht in meiner Macht. Sie wollen dir kein Leid zufügen, und wozu man dich auch immer zwingen mag – dich trifft keine Schuld. Gib mir die Hand. Schnell, deine Hand!“

Sie ergriff Olivers Hand, die er ihr unwillkürlich reichte, blies das Licht aus und zog ihn die Treppe hinunter. Die Tür wurde von jemand, den man in der Dunkelheit nicht erkennen konnte, geöffnet und, sobald sie auf der Straße waren, ebenso schnell wieder geschlossen. Vor dem Hause hielt eine Droschke, sie zog ihn hinein und schloß die Fenster. Der Kutscher bedurfte keiner Weisung, sondern fuhr sofort in scharfem Trabe fort.

Nancy hielt Oliver noch immer fest an der Hand und flüsterte ihm weiterhin Warnungen und Versprechungen ins Ohr. Alles war so rasch vor sich gegangen, daß er sich kaum besinnen konnte, wo er wäre und wie er hierher käme. Da hielt auch schon die Droschke vor dem Hause, in dem Sikes wohnte.

Oliver warf einen schnellen Blick auf die leere Straße und ein Ruf um Hilfe schwebte ihm auf den Lippen. Nancys bittende Stimme, sie zu schonen, tönte ihm im Ohr. Er zögerte, und damit war die günstige Gelegenheit verpaßt; er befand sich plötzlich im Hause, das sofort verriegelt wurde.

„Wir sind da“, sagte das Mädchen, zum erstenmal seine Hand loslassend. – „Bill!“

„Hallo“, antwortete dieser, der mit einem Licht oben an der Treppe erschien. „Ihr kommt zur rechten Zeit! Nur herein!“

Das war für einen Menschen von Sikes‘ Temperament eine ungewöhnlich herzliche Begrüßung, und Nancy war darüber augenscheinlich sehr vergnügt.

„Tom hat den Hund mitgenommen“, bemerkte Sikes, während er leuchtete, „er wäre uns im Wege gewesen.“

„Das ist gut“, erwiderte Nancy.

„Du hast also den Bengel“, sagte Bill, die Tür schließend, nachdem sie ins Zimmer getreten waren.

„Ja, hier ist er“, antwortete Nancy.

„Ging er ruhig mit?“ fragte Sikes.

„Wie ein Lamm“, entgegnete das Mädchen.

„Freut mich zu hören“, sagte Sikes, Oliler drohend anblickend, „es wäre ihm sonst auch schlecht ergangen. Komm her, Junge, ich muß dir eine Vorlesung halten, je eher, desto besser!“

Mit diesen Worten riß Sikes seinem neuen Zögling die Mütze vom Kopfe und warf sie in eine Ecke. Dann setzte er sich an den Tisch und rief Oliver zu sich heran.

„Weißt du, was das ist?“ fragte Sikes, eine Pistole ergreifend, die auf dem Tische lag.

Oliver bejahte.

„Nun denn, guck her! Dies ist Pulver, dies eine Kugel und dies ein Pfropfen.“

Oliver flüsterte, daß er das alles begreife.

Nun lud Herr Sikes die Pistole mit großer Umständlichkeit und sagte dann:

„So, jetzt ist sie geladen.“

„Ja, ich sehe es“, sprach Oliver, am ganzen Leibe zitternd.

„Nun“, fuhr der Räuber fort und setzte den Lauf der Pistole an Olivers Schläfe. Dieser konnte einen Angstschrei nicht unterdrücken. „Wenn du auf der Straße das Maul auftust, ohne gefragt zu sein, kriegst du die Kugel in den Hirnkasten. Hast du dir also vorgenommen, ohne Erlaubnis zu reden, so sprich erst vorher dein letztes Gebet. Soviel ich weiß, wird sich keiner viel nach dir erkundigen, wenn du in dieser Weise erledigt bist. Wenn ich mir die Mühe machte, dir dies auseinanderzusetzen, so geschah es nur zu deinem eigenen Besten. Hast du mich verstanden?“

„Du willst mit kurzen Worten sagen, Bill“, nahm jetzt Nancy das Wort und sah dabei Oliver bedeutungsvoll an, „daß du ihm durch eine Kugel in den Kopf das Ausplaudern verleiden willst, falls er dir einen schlimmen Streich spielt. Selbst auf die Gefahr hin, dafür gehängt zu werden. Eine Gefahr, die du ja täglich wegen vieler anderer Dinge in deinem Berufsleben auf dich nimmst.‘

„Ganz recht“, bemerkte Sikes beifällig. „Die Weiber können doch immer alles in die kürzesten Worte fassen, ausgenommen, wenn sie zanken, denn da können sie kein Ende finden. Und nun, da er Bescheid weiß, kannst du uns etwas zu essen geben. Nachher wollen wir noch ein bißchen pennen, ehe wir aufbrechen.“

Dieser Aufforderung nachkommend, deckte Nancy schnell den Tisch und holte eine Schüssel Hammelfleisch und einen Krug Bier aus der Küche. Als das Abendessen beendet war, goß Herr Sikes noch ein paar Gläser Brandy hinter die Binde und befahl Nancy, ihn Punkt fünf Uhr zu wecken. Dann warf er sich auf sein Lager. Oliver legte sich, dem Befehle seines neuen Herrn gehorchend, ohne sich auszuziehen, auf eine Matratze neben Sikes‘ Bett. Nancy blieb vor dem Kamin sitzend, wach, um die beiden zur bestimmten Zeit zu wecken.

Oliver glaubte, das Mädchen würde ihm vielleicht noch einige Ratschläge zuflüstern, sie rührte sich aber nicht. So schlief er endlich ein.

Als er erwachte, stand eine Teekanne auf dem Tisch, und Nancy war eifrig mit der Bereitung des Frühstücks beschäftigt. Sikes war dabei, verschiedene Sachen in die Taschen seines über einer Stuhllehnie hängenden Mantels zu stecken. Der Tag war noch nicht angebrochen; die Kerze brannte noch; draußen war dunkle Nacht. Ein starker Regen schlug gegen die Fensterscheiben., und der Himmel sah schwarz und wolkig.aus.

„Nun“, brummte Sikes, als Oliver aufsprang, „bereits halb sechs! spute dich oder du kriegst kein Frühstück mehr. Es ist schon spät.“

Nachdem der Junge ein wenig gefrühstückt hatte, band ihm Nancy ein Halstuch um, und Sikes hing ihm einen großen, groben Mantelkragen über die Schultern. Sikes ergiff ihn nun bei der Hand und zeigte ihm mit drohender Gebärde, daß die Pistole in einer Seitentasche seines Mantels stecke. Nachdem er sich kurz von Nancy verabschiedet hatte, zog er Oliver mit sich fort.

Dieser wandte sich an der Tür einen Augenblick um, in der Hoffnung, von dem Mädchen noch einen Blick zu erhaschen, doch Nancy hatte ihren Platz vor dem Kamin wieder eingenommen und rührte sich nicht.

Unterwegs

Der Morgen war unfreundlich, als sie auf die Straße traten. Es regnete in Strömen und düstere Wolken bedeckten den Himmel. Auf den Straßen standen große Pfützen, und die Rinnsteine flossen über. Alles schien in diesem Stadtteil noch in den Federn zu sein, denn die Fensterläden waren überall fest geschlossen und die Straßen öde und leer.

Als sie in die Bethnal Greenstraße gelangten, schien der Tag erst wirklich anzubrechen. Die Wirtshäuser, in denen die Gaslampen noch brannten, waren bereits geöffnet. Allmählich machten auch die anderen Läden auf, und hin und wieder begegnete man Menschen. Je näher sie der City kamen, desto mehr nahm der Lärm und das Geschäftsgewühl zu. Es war nun so hell, wie es an einem solchen trüben Tage sein konnte. Sie kamen nach länger Wanderung nach Holborn.

„Junge“, sagte Sikes mit einem Blick auf die Uhr der Andreaskirche, „beinahe sieben Uhr. Du mußt schneller ausschreiten, Faulpelz.“ Er riß ihn mit sich fort. Auf der Straße nach Kensington holten sie einen leeren Karren ein, und Sikes fragte den Kutscher mit so viel Höflichkeit, als ihm zu Gebote stand, ob er sie in Richtung Isleworth mitnehmen wolle. Der Kärrner bejahte, und sie fuhren bis Brentford mit, wo Sikes mit Oliver abstieg. Sie schlugen einen Seitenweg ein und erreichten Hampton. Dort kehrten sie in einer kleinen Gastwirtschaft ein und ließen sich kaltes Fleisch geben. Als sie damit fertig waren, zündete sich Sikes eine Pfeife an, so daß Oliver glaubte, die Reise ginge nicht weiter. Da er von dem vielen Laufen sehr müde war, verfiel er in einen tiefen Schlaf.

Es war dunkel, als er durch Sikes wieder wach gerüttelt wurde. Sie machten sich nun auf den Weg und kamen nach Shepperton. Da bemerkte Oliver, daß gerade unter ihnen Wasser rauschte und sie bei einer Brücke angelangt waren. Sikes bog links zum Ufer hinab.

„Ach, das Wasser!“ dachte Oliver, vor Furcht fast vergehend. „Er hat mich an diesen einsamen Platz gebracht, um mich umzubringen!“

Er war gerade im Begriff, sich niederzuwerfen und verzweifelt um sein Leben zu kämpfen, als er sah, daß sie vor einem einsamen, verfallenen Hause standen. Es war dunkel und scheinbar unbewohnt.

Sikes, der dauernd Oliver an der Hand hielt, näherte sich leise der niedrigen Tür und drückte auf die Klinke. Diese wich dem Drucke, und sie traten ein.

Der Einbruch

„Hallo!“ rief eine laute, aber heisere Stimme, als sie den Fuß in den Hausflur setzten.

„Mach nicht solchen Radau“, sagte Sikes, die Tür verriegelnd. „Bring eine Funzel, Toby!“

„Aha, mein Kumpel“, sagte dieselbe Stimme. „Eine Kerze, Barney, eine Kerze! Führe den Herrn hinein, Barney. Wache aber vorher auf, wenn’s dir recht ist!“

Der Sprecher schien einen Stiefelknecht oder einen ähnlichen harten Gegenstand nach der angeredeten Person zu werfen, um ihn aus dem Schlafe zu wecken, denn man hörte etwas Schweres zu Boden fallen und kurz darauf ein undeutliches Brummen, wie das eines aus dem Schlaf gestörten Menschen.

„Hörst du nicht?“ rief dieselbe Stimme, „Bill Sikes ist da, und du pennst, als ob du Opium genommen hättest oder noch Stärkeres! Nun, wird’s bald? – oder muß ich den Feuerhaken gebrauchen, um dich ganz munter zumachen?“

Ein Paar bepantoffelte Füße schlürften jetzt hastig über den Fußboden, und aus einer Tür zur Rechten tauchte erst ein schwaches Licht und dann die Gestalt desselben Individuums auf, das wir von dem Wirtshaus zu Saffron-Hill her kennen.

„Ah, Herr Sikes“, rief Barney mit wahrer oder erheuchelter Freude. „Willkommen, Herr!“

„Marsch“, sagte Sikes jetzt zu Oliver. „Vorwärts, oder ich trete dir die Hacken ab.“

Mit einem Fluch über die verwünschte Langsamkeit des Jungen.stieß er Oliver in ein niedriges, dunkles Zimmer. Dort lag auf einem furchtbar schmutzigen Bett ein Mann lang ausgestreckt und rauchte aus einer langen Tonpfeife. Herr Crackit, denn dieser war es, besaß nicht viel Haare. Weder auf dem Kopfe, noch im Gesicht; die wenigen aber, die er hatte, waren von rötlicher Farbe und in Locken gedreht. Er war etwas über Mittelgröße und augenscheinlich schwach auf den Beinen.

„Bill, mein Junge“, sagte er, den Kopf nach der Seite drehend, „freue mich, dich zu sehen. Ich fürchtete schon, du hättest die Sache aufgegeben, dann hätte ich die Geschichte auf eigene Faust unternommen. Nanu, wer ist denn das?“

„Das ist der Junge!“ versetzte Sikes und schob einen Stuhl vor den Kamin.

„Einer von Figins Buben?“ fragte Barney mit höhnischem Grinsen.

„Ach so – von Fagin“, sagte Toby und musterte Oliver aufmerksam. „Ein Prachtjunge für die Taschen der alten Weiber in der Kirche. Sein Ponim ist so gut wie ein Kapital.“

„Ach, laß das“, sagte Sikes ungeduldig und flüsterte seinem Freunde einige Worte ins Ohr. Herr Crackit brach darauf in lautes Lachen aus und beehrte Oliver mit einem langen Blick der Verwunderung.

„Nun“, meinte Sikes, indem er Platz nahm, „wenn ihr für uns etwas zu essen und zu trinken habt, her damit. Es wird uns Mut machen, mir wenigstens. Setz dich ans Feuer, Junge, und ruhe dich aus. Du mußt heute nacht mit, weit ist es zwar nicht.“

Oliver sah ihn schüchtern und verwundert an, rückte einen Schemel an den Kamin und verbarg seinen schmerzenden Kopf in den Händen. Er wußte kaum, wo er war und was um ihn vorging.

„Da“, sagte Toby, als der Judenjüngling etwas Essen und eine Brandyflasche auf den Tisch stellte. „Auf glückliches Gelingen!“

Er stand dem Trinkspruch zu Ehren auf, stellte die ausgerauchte Pfeife behutsam in eine Ecke, trat an den Tisch und füllte ein Weinglas mit Brandy. Er hob es hoch und trank es mit einem Zuge aus. Herr Sikes tat das gleiche.

„Einen Tropfen für den Jungen“, fuhr Toby fort und goß das Glas halb voll. „Hinunter damit, du Unschuld vom Lande!“

„Ich weiß nicht“, stotterte Oliver mit kläglichem Gesicht, „habe noch nie –“

„Hinunter damit!“ wiederholte Toby. „Denkst du vielleicht, ich weiß nicht, was dir gut ist? Sag du ihm, daß er trinkt, Bill!“

„Es wäre gut, wenn er’s täte“, sprach Sikes drohend.

„Hol mich der Teufel, man hat mit dem Jungen mehr Mühe als mit einer ganzen Familie Gannoven. Sauf, du Teufelsbraten!“

Eingeschüchtert durch die drohenden Gebärden der beiden, schluckte Oliver den Inhalt hastig hinunter und mußte gleich darauf furchtbar husten. Darob brachen Toby und Barney in ein lautes Gelächter aus, und selbst der mürrische Herr Sikes verzog den Mund zu einem Lächeln. . Als Sikes seinen Hunger gestillt hatte, denn Oliver konnte weiter nichts als eine Brotrinde essen, die man ihm aufzwang, legten sich die beiden Männer zu einem kurzen Schlafe nieder. Oliver blieb auf seinem Schemel beim Kamin sitzen, während sich Barney, in eine Decke gehüllt, vor dem Kamin auf den Boden ausstreckte.

Um halb zwei Uhr sprang Toby Crackit auf und sagte, es wäre Zeit.

Im Nu waren alle auf den Beinen. Sikes und sein Kumpel vermummten Hals und Kinn mit schwarzen Tüchern und zogen ihre weiten Mäntel an. Barney öffnete einen Schrank und entnahm ihm verschiedene Gegenstände, die er eilig in ihre Taschen verpackte. Nachdem Sikes sich überzeugt hatte, daß von ihren Einbrecherwerkzeugen nichts fehlte, nahm er und Toby einen tüchtigen Knüttel in die Hand und hängte Oliver den Mantelkragen wieder um.

„Nun los!“ sagte Sikes und streckte seine Hand aus.

Oliver reichte ihm mechanisch die seinige.

„Nimm ihn bei der anderen Hand, Toby“, fuhr Sikes fort. „Barney, sieh draußen nach!“

Dieser ging hinaus und kam mit der Nachricht zurück, daß alles ruhig sei. Die beiden Einbrecher verließen nun mit Oliver in ihrer Mitte das Haus. Es war pechschwarze Nacht. Sie gingen über die Brücke und waren bald in Chertsey.

„Tippeln wir schon durch die Stadt“, flüsterte Sikes. „In dieser Nacht wird niemand unterwegs sein, der uns beobachten könnte.“

Toby war einverstanden, und so schritten sie hastig durch die Hauptstraße der kleinen Stadt, die zu so später Stunde ganz verödet war. Um zwei Uhr hatten sie das Städchen im Rücken. Sie gingen nun schneller und bogen in einen Weg ein, der nach links führte. Nach zehn Minuten machten sie vor einer Villa halt, die von einer Mauer umgeben war und welche Toby sofort erklomm.

„Jetzt den Jungen!“ sagte Toby. „Reiche ihn mir herauf.“

Ehe Oliver sich’s versah, hatte ihn Sikes hochgehoben und im nächsten Augenblicke lag er neben Toby auf der anderen Seite der Mauer im Grase. Sikes folgte gleich darauf, und dann schlichen sie vorsichtig dem Hause zu. Jetzt wurde es dem armen Jungen, der vor Angst und Schrecken fast wahnsinnig war, zum erstenmal klar, daß die beiden Halunken auf Raub und Einbruch, wenn nicht gar auf Mord ausgingen. Er schlug dit Hände zusammen und seinen Lippen entfloh unwillkürlich ein Ausruf des Entsetzens. Seine Augen umflorten sich, kalter Schweiß trat ihm auf die Stirn, er wankte und sank in die Knie.

„Steh auf!« knirschte Sikes wutbebend. „Steh auf, oder ich jage dir eine Kugel durch den Kopf.“ Damit zog er seine Pistole aus der Tasche.

„Ach, um Gotteswillen, lassen Sie mich doch gehen“, schrie Oliver, „lassen Sie mich doch Iaufen. Ich will nie wieder nach London kommen, niemals! Ach, seien Sie doch barmherzig und zwingen Sie mich nicht zum Stehlen! Haben Sie doch Erbarmen!“

Sikes.stieß einen fürchterlichen Fluch aus und spannte den Hahn der Pistole. Toby schlug sie ihm aber aus der Hand und hielt Oliver den Mund zu. Dann zog er ihn fort nach dem Hause hin. Er sagte:

„Pst! Zum Bitten ist jetzt keine Zeit. Wenn du noch einmal die Schnauze aufreißt, kriegst du eins auf den Schädel. Das ist ebenso gut und macht keinen Lärm. – Komm, Bill, brich den Fensterladen auf. Ich wette, daß der Junge jetzt gehorcht. Hab‘ schon ältere und erfahrenere Burschen gesehen, die in solcher Lage mit einemmal die Hosen voll hatten.“

Sikes rief schreckliche Verwünschungen auf Fagins Haupt herab, daß er ihm zu einem solchen Unternehmen einen Jungen wie Oliver geschickt hatte. Er setzte geräuschlos das Brecheisen an, und mit Tobys Beistand war in kurzer Zeit der Fensterladen erbrochen.

Es war ein kleines Gitterfenster an der Hinterseite des Hauses, etwa fünf Fuß über der Erde. Die Öffnung war zwar klein, aber doch groß genug, um einen Jungen von Olivers Größe durchzulassen. Dank Sikes‘ Geschicklichkeit war das Gitter schnell ausgebrochen und kein Hindernis mehr vorhanden.

„Nun paß auf, kleiner Strolch“, flüsterte Sikes, indem er eine Blendlaterne aus der Tasche zog, „ich steck‘ dich jetzt durchs Fenster. Dann gehst du mit der Laterne die Treppe herauf und über den Flur zur Haustür. Die machst du auf und läßt uns herein!“

„Oben an der Tür ist ein Riegel vor, an den du wahrscheinlich nicht herankannst“, fiel Toby ein. „Du mußt daher auf einen Stuhl klettern, es sind ihrer drei im Flur.“

Er stellte sich nun unter das Fenster, den Kopf gegen die Wand gestemmt. Die Hände hatte er auf die Knie gestützt, so daß man über seinen Rücken wegklettern konnte.

Dies tat Sikes sofort und steckte Oliver, mit den Füßen voran, sachte durchs Fenster.

„Nimm die Laterne“, flüsterte Bill. „Siehst du die Treppe da vor dir?“

Oliver, mehr tot als lebendig, hauchte „Ja!“ Sikes deutete mit dem Pistolenlaufe nach der Haustür und sagte, daß er ihn für den Fall des geringsten Zögerns sofort erschießen würde. Seine Kugel träfe sicher.

„In einer Minute kannst du es gemacht haben“, flüsterte Sikes, „Horch!“

„Was ist los?“ fragte Toby.

Sie lauschten gespannt.

„Nichts!“ sagte Sikes. „Nun vorwärts, Oliver!“

Der Junge hatte sich inzwischen gesammelt und war fest entschlossen, die Treppe hinaufzurennen und Lärm zu schlagen, selbst wenn es ihm das Leben gekostet hätte. Von diesem Gedanken erfüllt, schlich er leise vorwärts.

„Komm zurück!“ schrie Sikes plötzlich laut. „Zurück, zurück!“

Erschreckt durch diese plötzliche Unterbrechung der Totenstille und einen darauffolgenden lauten Schrei, ließ Oliver die Laterne fallen und wußte nicht, ob er weitergehen oder fliehen solle.

Das Geschrei wiederholte sich – ein Licht erschien – die Gestalten von zwei bestürzten, halb angekleideten Männern oben auf der Treppe schwammen vor seinen Augen – ein Blitz -ein Knall – Rauch – ein Krachen, er wußte nicht wo –, dann taumelte er zurück.

Sikes war auf einen Augenblick verschwunden, aber nur für einen Augenblick, denn noch ehe der Rauch verzogen war, hatte er Oliver am Kragen. Er feuerte seine Pistole auf die sich zurückziehenden Männer ab und zog ihn durchs Fenster.

„Halte dich fester an mich“, sagte Sikes. „Toby, ein Halstuch – schnell. Sie haben ihn getroffen. Donnerwetter, wie der Junge blutet!“

Oliver hörte noch verschwommen lautes Geklingel, vermischt mit dem Knall von Gewehrschüssen und dem Geschrei von Menschen. Dann fühlte er sich rasch fortgetragen. Nach und nach erstarb der Lärm in der Ferne, eine tödliche Kälte durchschauerte ihn – er war bewußtlos geworden.

Welches das Wesentliche einer anmutigen Unterhaltung zwischen Herrn Bumble und einer Dame enthält und zugleich offenbart, daß auch ein Gemeindediener für manche Sachen empfänglich sein kann

Es war ein bitterkalter Abend, und der Schnee lag fußhoch. Es war ein Abend, an dem jeder, der ein Heim hat, sich dicht an das flackernde Kaminfeuer drängt und Gott dankt, daß er zu Hause ist – eine Nacht, wo die Unglücklichen ohne Heim und Obdach nichts Besseres tun können, als sich hinzulegen und zu sterben.

So sah es draußen aus, als Frau Corney, die Hausmutter der Armenanstalt, wo Oliver Twist das Licht der Welt erblickte, sich in ihrem kleinen Zimmer an den Kamin setzte., in dem ein lustiges Feuer prasselte, und wohlgefällig den kleinen runden Tisch überschaute. Sie war nämlich im Begriff, sich an einer Tasse Tee zu letzen; und als sie ihren Blick wieder dem Feuer zuwandte, wo der kleinste aller nur erdenklichen Teekessel sein lustiges Lied sang, wuchs ihre innere Zufriedenheit in einem solchen Maße, daß sie vergnügt lächelte.

„Nun“, sprach die würdige Dame vor sich hin, indem sie ihren Ellbogen auf den Tisch stützte und sinnend ins Feuer sah, „gewiß haben wir alle große Ursache, Gott dankbar zu sein, wollten wir es nur einsehen.“

Frau Corney schüttelte traurig den Kopf, als ob sie die Geistesblindheit der Armen beklage, die es nicht erkannten, fuhr dann mit einem silbernen Löffel (Privateigentum!) in eine zinnerne Teebüchse und begann den Tee zu bereiten.

Was für geringfügige Anlässe nicht die Ruhe schwacher Gemüter stören können! Der schwarze kleine Teetopf lief über, während Frau Corney in diesen moralischen Betrachtungen versunken war, und das Wasser verbrühte ein wenig ihre Hand.

„Verwünschter Topf“, sagte sie und setzte ihn hastig nieder, „das dumme Ding hält nur ein paar Tassen. Ach, du lieber Himmel!“

Der kleine Teetopf und die einzelne Tasse hatten in ihrer Seele traurige Erinnerungen an Herrn Corney geweckt, der noch nicht länger als fünfundzwanzig Jahre tot war. Eine tiefe Rührung bemächtigte sich ihrer.

„Ich bekomme nie wieder einen solchen Mann“, sagte sie mißmutig. „Nie wieder einen wie er.“

Sie kostete gerade die erste Tasse Tee, als leise an die Tür geklopft wurde.

„Nur herein!“ rief Frau Corey ärgerlich. Wahrscheinlich will wieder eines von den alten Weibern sterben, denn die sterben immer, wenn ich beim Essen bin. Bleibt nicht in der Tür stehen, es kommt kalt herein. Was ist denn los?“

„Nichts, gar nichts“, antwortete eine männliche Stimme.

„Ach, du meine Güte“, rief die Matrone schon freundlicher, „sind Sie’s, Herr Bumble?“

„Zu Diensten“, erwiderte dieser und trat, seinen Dreispitz in der einen und ein Bündel in der andern Hand, ins Zimmer. „Soll ich die Tür schließen?“

Die Dame zögerte verschämt mit der Antwort. Es hätte als unschicklich angesehen werden können, wenn sie mit Herrn Bumble bei geschlossener Tür geplaudert hätte. Dieser benutzte das Zaudern und machte die Türe zu, ohne weitere Erlaubnis abzuwarten.

„Schlechtes Wetter, Herr Bumble“, sagte die Matrone.

„In der Tat, sehr schlecht“, erwiderte dieser, „besonders für die Gemeinde! Wir haben heute nachmittag zwanzig Brote und anderthalb Käse verteilt, Frau Corney, und doch sind die Armen nicht zufrieden.“

„Wann wären sie es je“, entgegnete die Dame, behaglich ihren Tee schlürfend.

„Wann? Sie haben recht. Da ist ein Mann, der in Anbetracht seiner großen Familie ein Brot und ein ganzes Pfund Käse erhielt. Glauben Sie wohl, daß er sich dafür bedankt hat? Jawohl, um Kohlen hat er noch gebeten, wenn es auch nur ein Taschentuch voll wäre, sagte er. Kohlen! Was will er mit Kohlen? Wahrscheinlich seinen Käse damit rösten und dann wiederkommen und mehr erbetteln! So machen’s diese Leute, Frau Corney.“

Die hielt mit ihrem Unwillen nicht zurück.

»Vorgestern kam ein Mann“, fuhr Bumble fort, „sie waren ja verheiratet, also kann ich’s sagen – der kaum ein Hemd auf dem Leibe hatte, (Frau Corney schlug verschämt die Augen nieder) an die Tür unseres Direktors, als dieser gerade eine Mittagsgesellschaft hatte. Er bat um Unterstützung. Der Direktor ließ ihm ein Pfund Kartoffeln und ein halbes Pfund Hafermehl geben. ‚Mein Gott‘ sagte der Undankbare, ‚was soll ich damit. Sie hätten mir ebensogut ein Brille geben können!‘ ‚Schön‘,versetzte unser Direktor und nahm die Gabe wieder an sich, ‚dann .werdet Ihr gar nichts kriegen‘ – ‚So werde ich auf offener Straße sterben‘, erwiderte der Landstreicher – ‚Das werdet Ihe Euch noch überlegen‘, meinte der Direktor.“

„Ha! Ha! Das war gut. Das sieht Herrn Grannett ähnlich! Und was geschah weiter?“

„Was geschah?“ wiederholte Bumble. „Er ging weg und starb tatsächlich auf der Straße. Was sagen Sie zu solchem Eigensinn?“

„Unglaublich! Aber halten Sie eine Unterstützung außer dem Hause nicht für direkt zwecklos? Sie sind ein Mann von Erfahrung und müssen das wissen.“

„Nein, Frau Corney“, sagte der Gemeindediener überlegen, „Unterstützung außer dem Hause richtig angewandt – wohlgemerkt, richtig angewandt –, ist für die Gemeinde das Beste. Man befolgt dabei den Grundsatz, den Armen gerade das zu geben, was sie nicht brauchen. Es wird ihnen dann über, wiederzukommen. – Doch das sind Amtsgeheimnisse, so etwas dürfen wir nur unter uns Gemeindebeamten laut werden lassen!“

Er fing jetzt an sein Bündel auszupacken und sagte:

„Hier ist Portwein, den der Vorstand für die Kranken bewilligt hat, echter Portwein, glockenklar, ohne den geringsten Bodensatz.“

Er stellte die beiden mitgebrachten Flaschen auf die Kommode und wollte sich verabschieden. Frau Corney fragte nun verschämt, ob sie ihm nicht ein Täßchen Tee anbieten dürfe. Herr Bumble legte Hut und Stock auf einen Stühl und rückte einen andern an den Tisch. Während er sich langsam niederließ, blickte er die Matrone an. Sie hatte ihre Augen auf den kleinen Teetopf geheftet. Herr Bumble hustete und verzog sein Gesicht zu einem Lächeln.

Frau Corney holte eine zweite Tasse aus dem Schrank, und als sie sich wieder setzte, begegneten ihre Augen denen des galanten Gemeindedieners. Sie errötete und machte sich an dem Teetopf zu schaffen. Herr Bumble hustete abermals.

„Süß?“ fragte die Matrone und nahm die Zuckerdose in die Hand.

„Sehr süß, bitte.“

Er sah dabei Frau Comey zärtlich an, soweit ein Gemeindediener zärtlich blicken kann.

„Sie haben eine Katze, wie ich sehe, und auch ein Kätzchen“, plauderte Herr Bumble.

„Sie können gar nicht glauben, Herr Bumble, wie gern ich diese Tierchen habe“, entgegnete die Matrone.

„Niedliche Dingerchen“, sagte Herr Bumble beistimmend, „und so ans Haus gewöhnt.“

„O ja“ sagte die Dame, „sie sind zu gerne bei mir, und ich habe sie so lieb.“

„Frau Corney“, sagte Bumble feierlich, „ich muß sagen, eine Katze, die bei Ihnen lebt und Sie nicht liebhat, muß ein rechter Esel sein.“

„Ach, Herr Bumble“, sagte sie mit verweisendem Ton.

„Warum soll man nicht reden dürfen, wie es einem ums Herz ist. – Eine solche Katze würde ich mit Vergnügen ersäufen.“

„Dann sind Sie ein hartherziger Mensch.“

„Hartherzig?“ wiederholte Bumble und rückte seinen Stuhl näher. „Sind Sie hartherzig, Frau Corney?“

„Mein Gott, was ist das für eine komische Frage von einem ledigen.Manne! Warum wollen Sie das wissen?“

Herr Bumble trank seinen Tee bis zum letzten Tropfen aus, wischte sich die Lippen ab und brachte der Matrone bedächtig einen Kuß bei.

„Herr Bumble!“ rief die zartfühlende Dame – aber nur ganz leise, denn sie hatte vor Schreck fast die Stimme verloren, „Herr. Bumble, ich werde schreien.“

Dieser gab keine Antwort, sondern schlang langsam und würdevoll seinen Arm um den Leib der Matrone.

Da Frau Corney erklärt hatte, sie werde schreien, so hätte sie es auch sicher getan, wenn nicht ein Klopfen an die Tür eine solche Anstrengung überflüssig gemacht hätte. Herr Bumble sprang hastig auf und fing mit großem Eifer an, die Portweinflaschen abzustauben, während die Matrone mit scharfer Stimme „Herein!“ rief.

Eine abschreckend häßliche, alteArmenhäuslerin steckte den Kopf durch die Tür und sagte: „Ich bitte um Verzeihung, Frau Corney, die alte Sally liegt im Sterben.“

„Was geht mich das an?“ sagte die Matrone.ärgerlich, „kann ich es ändern, wie?“

„Nein“, sagte die alte Frau, „niemand kann das. Menschliche Hilfe kann ihr nichts mehr nützen. Aber sie hat noch etwas auf dem Herzen, so sagt sie, sie habe Ihnen noch etwas anzuvertrauen und könne nicht ruhig sterben, bis sie es Ihnen gesagt habe.“

Nun fing die würdige Frau Corney an, mächtig auf die alten Weiber zu schimpfen, die nicht mal sterben könnten, ohne ihre Vorgesetzten absichtlich zu belästigen. Sie wickelte sich in einen dicken Schal und bat Herrn Bumble zu bleiben, bis sie wiederkäme. Dann ging sie mit der alten Frau keifend aus dem Zimmer.

Als Herr Bumble allein war, benahm er sich auf eine ziemlich eigentümliche Weise. Er öffnete den Schrank und zählte die Teelöffel, wog die Zuckerzange in der Hand, dann prüfte er eine silberne Milchkanne auf ihre Echtheit. Nachdem er so seine Neugierde befriedigt hatte, setzte er seinen Dreispitz schief auf den Kopf und tanzte etlichemal mit vielem Anstand um den Tisch herum. Nach dieser Tanzaufführung nahm er seinen Hut wieder ab und lehnte sich gegen den Kamin.Er schien im Geiste eine Bestandaufnahme von dem im Zimmer befindlichen Mobiliar zu machen.

Handelt von einem äußerst armen Geschöpf

Das arme Weib, das Frau Corney in ihrer Bequemlichkeit gestört hatte, war keine unpassende Todesbotin. Ihr Körper war unter der Last der Jahre gekrümmt, alle ihre Glieder zitterten, und ihr durch einen Schlaganfall schiefgezogenes Gesicht glich mehr der grotesken Schöpfung eines phantastischen Malers, als einem Werke aus den Händen der Natur.

Ach, wie selten trifft man bei alten Leuten Gesichter, die uns durch ihre Schönheit erfeuen. Die Sorgen und die Leiden der Welt ändern sowohl das Antlitz als auch die Herzen.

Die alte Frau humpelte durch die Gänge und über die Treppen, bis sie erschöpft stehenblieb und Frau Corney das Licht in die Hand gab mit dem Bemerken, sie käme nach, sobald sie könne. Die Matrone ging nun rasch dem Zimmer zu, wo die Sterbende lag.

Es war eine kalte Bodenkammer, in der ein düsteres Licht brannte. Neben dem Krankenbette saß eine alte Frau, während der Lehrling des Armenhausapothekers am Kamin stand und sich aus einer Federpose einen Zahnstocher schnitt.

„Es ist heute abend kalt, Frau Corney“, sagte der Jüngling, als die Matrone eintrat.

„Sehr kalt, in der Tat“, versetzte die Dame sehr höflich und neigte den Kopf.

„Sie sollten von Ihrem Lieferanten bessere Kohlen fordern“, sagte der Apothekerlehrling, „diese taugen nichts.“

„Das ist Sache des Vorstandes. Das wenigste, was er tun könnte, wäre freilich, für ein warmes Zimmer zu sorgen, denn unser Amt ist schwer genug.“

Hier unterbrach ein Stöhnen der kranken Frau das Gespräch.

„Ach“, sagte der junge Mann und schaute nach dem Bette hin, „mit der ist es bald vorbei.“

„Ist’s schon so weit?“

„Würde mich wundern, wenn sie’s noch ein paar Stunden machte. – Hallo, schläft sie, Alte?“

Die Wärterin beugte sich über das Bett und sah nach, dann nickte sie. Plötzlich richtete sich jedoch die Kranke. auf und streckte die Arme nach der Wärterin aus.

„Wer ist das?“ fragte sie diese mit hohler Stimme.

Der Apothekerlehrling schlich auf den Zehenspitzen aus dem Zimmer.

„Leg dich wieder hin“ sagte die Wärterin.

„Nein, nein, ich will es ihr sagen. Kommen Sie hier her. Näher. Ich werde es Ihnen ins Ohr flüstern.“

Frau Corney setzte sich auf einen Stuhl an Ihrem Bette.

„Schicken Sie die Wärterin fort, geschwinde!“ sagte die Kranke, und jene verließ das Zimmer.

„Nun hören Sie mich an“, sagte die Sterbende so laut, als es ihre schwindenden Kräfte gestatteten. „In diesem Zimmer – ja, sogar in diesem Bette lag einst ein hübsches, junges Geschöpf. Es wurde mit wunden Füßen, staub- und schmutzbedeckt ins Haus gebracht. Sie gab in meiner Anwesenheit einem Knaben das Leben und starb. Ich will mal nachdenken – in welchem Jahr war es doch?“

„Das tut nichts zur Sache“, versetzte die Matrone uno geduldig. „Sagen Sie lieber, was es mit der Verstorbenen für eine Bewandtnis hat.“

„Was es mit ihr für eine Bewandtnis hat? Ich habe sie bestohlen“, schrie die Sterbende gellend, und ihr Gesicht glühte – „ich habe sie bestohlen, sie war noch nicht kalt, als ich sie bestahl.“

„Um Gottes willen – was häben Sie ihr gestohlen?“

„Es! Das einzige, was sie hatte. Sie brauchte Kleider, um nicht zu frieren, Nahrung, um nicht zu hungern, aber sie hatte es an ihrem Herzen aufbewahrt. Es war von Gold, echtem Gold,. und sie hätte sich dadurch das Leben retten können.“

„Gold?“ wiederholte Frau Corney, sich schnell über das Weib hinbeugend, als es auf das Bett zurücksank. „Weiter, weiter! Was ist damit? Wer war die Mutter? Wann war es?“

„Sie trug mir auf, es aufzuheben, und vertraute es mir an als der einzigen Frau, die um sie war. Ich stahl es Ihr schon in Gedanken, als sie es mir zuerst zeigte. Ach, vielleicht bin ich auch an des Kindes Tod schuld! Man hätte ihn wohl besser behandelt, wenn man alles gewußt hätte.“

„Was gewußt? Reden Sie doch!“

„Der Junge wurde seiner Mutter so ähnlich“, fuhr das Weib fort, ohne die Frage zu beachten, „daß ich immer an sie erinnert wurde, sooft ich sein Gesicht sah. Armes Mädchen! Und noch so jung – und so sanft! – Warten Sie, ich habe noch mehr zu sagen. Nicht wahr, ich habe Ihnen noch nicht alles gesagt?“

„Nein, nein“, antwortete Frau Corney, „nur schnell, ehe es zu spät ist.“

„Die Mutter“, sagte die Sterbende und nahm ihre letzten Kräfte zusammen, „die Mutter flüsterte mir ins Ohr, als sie den Tod nahen fühlte, daß, wenn ihr Kind am Leben bliebe, einst der Tag kommen dürfte, an dem es keinen Grund haben würde, sich des Namens seiner Mutter zu schämen.“

„Des Kindes Name?“ drängte die Matrone.

„Oliver!“ sagte die Sterbende mit matter Stimme. „Und das Gold, das ich. stahl, war –“

„Jja, was war es?“ fragte Frau Corney. Sie beugte sich schnell über das Weib, um die Antwort zu vernehmen, aber sie prallte zurück, als die Sterbende sich noch einmal langsam und steif aufrichtete, die Decke mit beiden Händen krampfhaft faßte, und nachdem sie einige unverständliche Worte gemurmelt hatte, leblos auf die Kissen zurücksank.

– – – – – – – – – – –

„Maustot“, sagte die Wärterin, als Frau Corney die Tür wieder geöffnet hatte.

„Und wußte auch nichts Wichtiges zu erzählen“, bemerkte die Matrone in gleichgültigem Tone. Damit ging sie.

Worin unsere Geschichte zu Herrn Fagin und Genossen zurückkehrt

Während sich diese Ereignisse im Armenhause zutragen, saß Herr Fagin am rauchenden Kamin, still vor sich hinbrütend, in seiner alten Höhle, aus der Oliver von Nancy neulich abgeholt worden war. Er war in tiefe Gedanken versunken und blickte in völliger Geistesabwesenheit in das trübe Feuer.

An einem Tische hinter ihm saßen der Gannef, Karl, Bates und Herr Chitling bei einer Partie Whist. Der Gannef spielte mit dem Strohmann gegen die beiden anderen. Es war merkwürdig, daß diese dauernd verloren, ein Umstand, der Herrn Bates nicht etwa aufbrachte, sondern höchlichst amüsierte. Er lachte nach Beendigung jedes Spiels hell auf und versicherte, daß er sich noch nie so gut unterhalten hätte. Als Herr Chitling nach Bezahlung seiner Spielschuld mit kläglicher Miene sagte: „Ich habe nie einen Spieler wie dich giesehen, Jack, denn du gewinnst ja immer. Selbst wenn wir gute Karten haben, können wir gegen dich nicht aufkommen“, brach Karl Bates in ein derartiges Gelächter aus, daß der Jude aus seinen Grübeleien gerissen wurde und verwundert fragte, was los sei.

„Ich wollte, Sie hätten dem Spiele zugesehen, Fagin. Tommy Chitling hat nicht einen Point gewonnen.“

„Ei, ei“, sagte der Jude grinsend, der des Gannefs Mogelei hinreichend kannte, „versuch’s nochmal, Tom, versuch’s nochmal!“

„Danke, Fagin, ich verzichte, habe vollkommen genug. Der Gannef hat ein solches Schwein, da ist nichts zu machen.“

„Ja, Freundchen, wenn du gegen den Gannef gewinnen willst, mußt du früher aufstehen“, versetzte der Alte.

„Nein“, sagte Karl Bates, „er muß am besten auch noch die ganze Nacht die Stiefel anbehalten und sich für jedes Auge ein Fernrohr besorgen. Dann kommt er vielleicht früh genug und ist passend ausgerüstet, um gegen den Gannef erfolgreich anzukämpfen.“

Herr Dawkins nahm diese Schmeicheleien mit philosophischer Ruhe hin und zeichnete zu seinem Vergnügen einen Plan des Newgate-Gefängnisses mit Kreide auf den Tisch. Er pfiff sich dazu ein Lied.

Nach einer Weile sagte der Gannef zu Herrn Chitling:

„Weißt du, Tommy, du bist doch mächtig stumpfsinnig. – An was mag er wohl denken, Fagin?“

„Wie sollte ich das wissen, wahrscheinlich an seinen Verlust oder an den sechswöchigen Landaufenthalt, den er eben hinter sich hat. Ha, ha! Stimmt’s, Tommy?“

„Ach wo“, rief der Gannef, Herrn Chitling in die Rede fallend, der eben antworten wollte. „Was meinst du, Karl?“

„Ich glaube“, sagte dieser grinsend, „er denkt an Betsy, hinter der er mächtig her ist. Seht, wie er rot wird. Das ist ein Hauptspaß! Tommy Chitling verliebt! Fagin, ist es nicht zum Totlachen?“

„Ach, laß Ihn in Ruhe“, sagte der Jude mißbilligend und puffte Karl in die Seite. „Betsy ist ein nettes Mädel. Mach dich nur an sie ‚ran, Tommy.“

„Ein für allemal, Fagin“, schrie Herr Chitling mit rotem Kopf, „das ist meine Sache, die keinen Menschen hier etwas angeht.“

„Du hast vollkommen recht“, sagte der Jude, „aber Karl muß immer schwatzen, das weißt du doch. Betsy ist ein nettes Mädel, und wenn du tust, was sie dir rät, wirst du dein Glück machen.“

„Horcht!“,rief der Gannef in diesem Augenblick, „ich habe die Klingel gehört.“ Er ergriff das Licht und schlich sachte die Treppe hinauf.

Während die übrigen sich im Dunkeln befanden, ertönte die Klingel abermals. Nach einer Minute erschien der Gannef wieder und flüsterte Fagin geheimnisvoll etwas zu.

„Was?“ schrie der Jude, „allein?“

Der Gannef nickte und gab Karl einen vertraulichen Wink, weniger lustig zu sein.

Der alte Mann biß sich in seine gelben Finger und überlegte einige Augenblicke. Sein Gesicht zeigte Spuren großer Aufregung, als fürchte er schlimme Nachrichten zu erhalten. Endlich erhob er den Kopf und fragte:

„Wo ist er?“

Der Gannef deutete nach oben und machte Anstalten, das Zimmer zu verlassen.

„Ja“, sagte der Jude als Antwort auf diese stümme Frage, „bring ihn herunter. Pst! – stille, Karl! – leise! – Tom! Sachte!“

Totenstille trat ein, als der Gannef mit einem Mann die Treppe herunterkam, der ein großes, sein Gesicht halb verhüllendes Tuch abwarf, nachdem er sich vorher hastig im Zimmer umgesehen hatte. Es war der schmucke Toby Crackit, ungewaschen und unrasiert.

„Wie geht’s dir, Fagin?“ sagte er. „Steck das Tuch nur in meinen Hut, daß ich es finden kann, wenn ich wieder gehe, Gannef. Aber ehe ich von Geschäftssachen rede, schafft erst etwas zu essen und trinken herbei, damit ich zum erstenmal seit drei Tagen wieder ein paar Krümel in den Magen bekomme.“

Fagin befahl dem Gannef, was an Eßbarem da war, aufzutischen, und setzte sich dem Einbrecher gegenüber, der Mitteilungen harrend, die dieser nun machen würde.

Es hatte nicht den Anschein, als ob es Toby sehr eilig habe, das Gespräch zu eröffnen. Anfangs begnügte sich der Jude, geduldig sein Gesicht zu beobachten, um darin etwas zu lesen. Vergebliche Mühe. Toby sah zwar ermüdet und übernächtigt aus, aber seine Gesichtszüge‘ zeigten dieselbe selbstgefällige Ruhe, die ihm gewöhnlich eigen war. Fagin zählte ungeduldig jeden Bissen, den der Einbrecher in den Mund steckte. Plötzlich sprang der Jude auf und ging unruhig im Zimmer auf und ab. Toby aß gleichmütig weiter, bis er nicht mehr konnte. Dann forderte er den Gannef auf, sich zu entfernen, und schickte sich endlich zu sprechen an.

„Zuerst und vor allen Dingen, Fagin was macht Bill?“

„Was?“ schrie der Jude vom Stuhl aufschnellend, auf den er sich inzwischen wieder gesetzt hatte.

„Donnerwetter, du willst doch nicht etwa sagen, daß –“‚, stotterte Toby und wurde blaß wie der Tod.

„Was sagen?“ schrie Fagin wütend und stampfte mit dem Fuße auf. „Wo sind sie? – Sikes und der Junge! – wo sind sie? – wo sind sie geblieben? – wo stecken sie? – warum sind sie nicht hier?“

„Der Einbruch mißglückte“, erwiderte Toby leise.

„Das weiß ich“, sagte der Jude und riß eine Zeitung aus seiner Tasche; „da steht es drin. Was noch?“

Sie schossen, und der Junge wurde getroffen. Wir rannten wie die Besessenen, querfeldein, über Hecken und Gräben. Man machte Jagd auf uns. Es war zum Teufel holen, die ganze Gegend war hinter uns her, und Hunde uns auf den Hacken!“

„Und der Junge?“ keuchte Fagin.

„Bill hatte ihn auf dem Rücken und jagte mit ihm dahin wie der Wind. Nach einer Weile blieben wir stehen, um ihn zwischen uns zu nehmen; er ließ jedoch den Kopf hängen und rührte sich nicht. Die Verfolger kamen immer näher, und da hieß es, jeder ist sich selbst der Nächste, wenn er nicht Bekanntschaft mit dem Henker machen wollte. Wir trennten uns und ließen den Jungen in einem Graben liegen, ob tot oder lebendig, weiß ich nicht.“

Der Jude wollte nichts mehr hören, er raufte sich die Haare und brüllte laut auf. Dann rannte er aus dem Zimmer auf die Straße hinaus.

In dem eine geheimnisvolle Person auf der Bildfläche erscheint und mancherlei Dinge sich ereignen, die sich von dieser Geschichte nicht trennen lassen

Der alte Mann war bereits an der Straßenecke, ehe er anfing, sich von dem Schrecken einigermaßen zu erholen, den ihm Tobys Bericht eingejagt hatte. Er unterbrach seinen Lauf nicht, sondern stürmte wie von Sinnen unentwegt weiter. Ein Wagen hätte ihn um ein Haar überfahren, wenn nicht die lauten Zurufe des Publikums ihn auf die drohende Gefahr aufmerksam gemacht hätten. Er vermied soviel wie möglich die Hauptstraßen und gelangte auf Nebengäßchen endlich nach Snow-Hill. Hier beschleunigte er seine Schritte noch mehr und verfiel erst wieder in seinen gewöhnlichen schiebenden Gang, als er in eine Sackgasse eingebogen war, in der er sich in seinem Element fühlte.

Unweit der Stelle, wo Snow-Hill und Holborn-Hill zusammentreffen, führt ein enges und häßliches Gäßchen nach Saffron-Hill. In seinen schmutzigen Läden sind große Haufen seidener Taschentücher von jeder Größe und den verschiedensten Mustern zum Verkauf gestellt,

denn hier wohnen die Handelsleute, die sie den Dieben abkaufen. Hunderte solcher Tücher flattern, mit hölzernen Klammern befestigt, an Ladentür und Schaufenster, während im Innern ganze Stöße derselben in den Regalen liegen. So klein auch das Gäßchen, mit Namen Fieldo-Lane, ist, so hat es doch seinen Friseur, sein Café, seine Kneipe und seine Garküche. Es bildet eine eigene Handelskolonie, ein Stapelplatz gestohlener Waren. Frühmorgens und im Abenddunkel erscheinen schweigsame Handelsleute, die in düsteren Hinterzimmern ihre Geschäfte abschließen und dann ebenso geheimnisvoll wieder verschwinden, wie sie gekommen sind. Hier legt der Trödler und Lumpenhändler seine Ware als Aushängeschild für den kleinen Dieb aus.

Dies war der Ort, wohin der Jude seine Schritte lenkte.

Er war den Bewohnern des Gäßchens gut bekannt, denn viele von ihnen, die sich des Kaufs oder Verkaufs wegen lauernd vor ihren Läden aufhielten, nickten ihm bei seinem Vorübergehen vertraulich zu. Er erwiderte die Begrüßung in gleicher Weise, jedoch ohne anzuhalten. Am äußersten Ende der Gasse blieb er endlich stehen und redete einen kleinen Mann an, der so viel von seiner Person in einen Kinderstuhl gezwängt hatte, als dieser aufnehmen konnte. Der Handelsmann saß vor seinem Laden und rauchte eine Pfeife.

„Ach, Herr Fagin, Ihr Anblick ist Labsal für Verschmachtende!“ sagte der ehrenwerte Händler in Erwiderung auf des Juden Frage nach seinem Befinden.

„Die Nachbarschaft war mir ein wenig zu heiß, Lively“, versetzte Fagin und zog die Augenbrauen hoch.

„Ja, diese Klagen sind mir auch ein paarmal zu Ohren gekommen“, antwortete der Trödler, „aber es wird auch mal wieder weniger heiß; meinen Sie nicht auch?“

Fagin nickte zustimmend und fragte dann, indem er nach Saffron-Hill zeigte, ob heute abend wohl jemand dort wäre.

„In den ‚Krüppeln‘?“ fragte das Männchen. Fagin nickte.

„Muß mal nachdenken. Ja, soviel ich mich entsinnen kann, sind ungefähr ein halbes Dutzend hingegangen. Ich glaube aber nicht, daß Ihr Freund dabei war!“

„Sikes also nicht?“ fragte Fagin enttäuscht.

„Non est ventus, wie die Rechtsgelehrten sagen“, entgegnete der kleine Mann mit einem pfiffigen Blick und schüttelte verneinend den Kopf. „Haben Sie heute nichts zu verkaufen?“

„Nein, heute nicht“, sagte der Jude und wandte sich zum Gehen.

„Gehen Sie in die ‚Krüppel‘, Fagin?“ fragte das kleine Männchen. „Warten Sie einen Augenblick, ich komme mit.“

Doch der Jude gab ihm zu verstehen, daß er es vorziehe, allein zu sein. Und da sich obendrein der kleine Mann nicht so leicht von seinem Kinderstuhl losmachen konnte, so mußte für diesmal das angesehene Wirtshaus „Zu den Krüppeln“ der Ehre verlustig gehen, Herrn Lively zu seinen Gästen zu zählen. Bis er sich auf die Beine gebracht hatte, war Fagin verschwunden, und so zwängte .sich Herr Lively wieder in den Kinderstuhl und nahm mit wichtiger Miene seine Pfeife wieder in die Hand.

Die „Drei Krüppel“ oder vielmehr die „Krüppel“ waren das Gasthaus, in dem wir Herrn Sikes und seinen Hund schon mal getroffen hatten. Es war einer gewissen Sorte von Gästen wohlbekannt. Fagin gab dem Mann am Schenktisch nur ein Zeichen und ging dann geradezu die Treppe hinauf. Oben öffnete er die Tür eines Zimmers und trat leise ein. Er sah sich, die Augen mit der Hand beschattend, vorsichtig um.

Das Zimmer war durch zwei Gaslampen erhellt, deren Licht jedoch nicht durch die mit Läden gut geschlossenen Fenster nach außen drang. In dem von Tabaksrauch angefüllten Raum konnteFagin kaum etwas erkennen. Nach und nach aber, als sich der Rauch durch den Luftzug der offenen Tür etwas verzogen hatte, tauchte eine Anzahl von Köpfen aus dem Qualm auf. Wenn sich das Auge mehr an den Schauplatz gewöhnt hatte, so konnte der Beobachter allmählich eine zahlreiche, aus Männern und Frauen bestehende Gesellschaft wahrnehmen, die sich um einen langen Tisch drängte. An dessen oberem Ende saß der Vorsitzende, in der Hand das Zeichen seiner Würde, einen Holzhammer haltend, während an einem verstimmten Piano in der entgegengesetzten Ecke ein Musiker sich niedergelassen hatte, der sich einer bläulichen Nase erfreute und eine von Zahnweh geschwollene Backe hatte.

Als der Jude leise ins Zimmer trat, hatte der Klavierspieler gerade durch einen präludierenden Lauf über alle Tasten die kunstbegeisterten Gäste zu einem Verlangen nach einem Liede veranlaßt, und sie gaben ihren Wunsch in ziemlich lärmender Weise zu erkennen. Als die Ruhe einigermaßen wiederhergestellt war, unternahm es eine junge Dame, die Gesellschaft mit einer aus vier Strophen bestehenden Ballade zu unterhalten. Der die Sängerin begleitende Künstler zappelte sich aus Leibeskräften ab, um seiner Musik den gehörigen Schwung zu geben. Als dieser Kunstgenuß zu Ende war, gab der Herr Vorsitzende mit dem Hammer ein Zeichen, und sofort begannen ein paar Herren zu seiner Rechten und Linken ein Duett, wofür sie großen Beifall ernteten.

Die Gesellschaft wies einige interessante Typen auf. Da war zuerst mal der Herr Vorsitzende in der Person des Wirtes selbst – ein schwerfälliger ungehobelter Kerl – der während des Gesanges seine Augen überall umherschweifen ließ und auf alles, was geschah und gesprochen wurde, sorgfältig achtete. Dann die Sänger neben ihm die mit Künstlergleichmut die Lobsprüche der Gesellschaft hinnahmen und sich nebenbei herabließen, ein Dutzend Gläser Grog zu leeren, die ihnen von ihren lärmendsten Bewunderern gespendet wurden. Man sah hier Verschmitztheit, Brutalität und Trunkenheit in allen Abstufungen. Den dunkelsten und traurigsten Teil dieses düsteren Gemäldes bildeten jedoch die Weiber – lauter Mädchen oder junge Frauen, die sich alle noch im Mai ihres Lebens befanden, und von denen einige die letzten Spuren einstiger Jugendfrische zeigten, während bei den meisten in ihrem wüsten Aussehen kein Zeichen edler Weiblichkeit mehr zu entdecken war.

Während der Gesangsdarbietungen sah sich Fagin die Gesellschaft scharf an, konnte aber augenscheinlich das Gesicht, welches er suchte, nicht finden. Schließlich gelang es ihm den Blick des vorsitzenden Wirtes auf sich zu ziehen und ihm einen Wink zu geben. Dann verließ er das Zimmer so unauffällig, wie er eingetreten war.

„Was wünschen Sie, Herr Fagin“, fragte der Wirt, der dem Juden auf den Treppenabsatz gefolgt war. „Wollen Sie nicht an unserem Tisch Platz nehmen? Wir würden es uns zur Ehre schätzen!“

Der Jude schüttelte ungeduldig den Kopf und fragte flüsternd:

„Ist er da?“

„Nein“, antwortete der Wirt.

„Und keine, Nachricht von Barney?“ fragte Fagin.

„Keine, er wird sich auch nicht rühren, bis die Luft rein ist. – Verlassen Sie sich darauf, man ist ihnen auf der Spur, und sobald er sich zeigte, würde man ihn klappen. Barney wird sich in Sicherheit gebracht haben, sonst hätte ich schon etwas von ihm gehört. Darüber können Sie ganz ruhig sein.“

„Kommt er heute nacht nicht her?“ fragteeter Jude, das „er“ stark betonend.

„Sie meinen Monks?“ entgegnete der Wirt zögernd.

„Pst, ja doch.“

„Sicherlich“, versetzte der Mann und zog eine goldene Uhr aus der Tasche. „Er müßte eigentlich schon hier sein. Wenn Sie zehn Minuten warten wollen, so –“

„Nein, nein“, sagte Fagin hastig, als käme ihm die Abwesenheit der betreffenden Person sehr gelegen, so gerne er sie auch gesehen hätte. „Sagen Sie ihm doch, ich hätte ihn besuchen wollen, und er solle heute abend noch – nein, morgen – er solle also morgen zu mir kommen. Da er nicht hier ist, wird’s wohl auch bis morgen Zeit haben!“

„Schön , sagte der Wirt. „Weiter nichts?“

„Nein, kein Wort mehr“, sagte der Jude und ging die Treppe hinunter.

„Hören Sie mal“, rief ihm der Mann im Flüsterton nach, „hier ist noch ein Schlag zu mächen. Phil Barker ist hier – mächtig duhn, dermaßen, daß ihn ein Kind neppen könnte!“

„So, so! Aber Phil Barkers Zeit ist noch nicht gekommen“, antwortete der Jude leise zurück. „Er hat noch etwas zu tun, ehe wir uns mit ihm verkrachen können. Also gehen Sie nur wieder zu Ihrer Gesellschaft zurück und sagen Sie den Leuten, sie sollen ihr Leben nur ordentlich genießen – wer weiß, wie lange noch. Ha! Ha! Ha!“ –

Der Wirt stimmte in das Lachen des Alten ein und kehrte zu seinen Gästen zurück. Sobald der Jude allein war, verdüsterten sich seine Mienen wieder. Nach kurzem Besinnen winkte er eine Droschke heran und ließ sich nach Bethnal Green fahren. Ein paar hundert Schritte von Sikes Wohnung stieg er aus und legte den Rest seines Weges zu Fuß zurück.

„Nun“, brummte der Jude vor sich hin, als er an die Tür klopfte, „wenn man hier ein abgekartetes Spiel mit mir treibt, so werde ich es bald heraushaben, meine Liebe, so verschlagen du auch bist.“

Fagin schlich leise die Treppe hinauf und trat ohne anzuklopfen in Nancys Zimmer. Das Mädchen war allein und lag mit dem Kopf auf dem Tisch. Das Haar hing ihr in Strähnen herunter.‘

„Sie ist betrunken“, dachte der Jude, „Oder ihr ist schlecht zumute.“

Als der Alte die Tür schloß, wurde das Mädchen durch das Geräusch wach. Sie fragte ihm offen ins Gesicht sehend, was es Neues gäbe, und hörte aufmerksam zu, als er Toby Crackits Bericht wiederholte. Ohne ein Wort zu sagen, nahm sie nach Beendigung der Erzählung ihre frühere Stellung wieder ein. Sie schob das Licht ungeduldig beiseite, wechselte verschiedenemal nervös ihre Lage und scharrte mit den Füßen. Das war jedoch alles.

Während sie schwieg, blickte der Jude unruhig im Zimmer umher. Er schien sich überzeugen zu wollen, ob Sikes nicht etwa heimlich zurückgekehrt sei. Durch seine Untersuchung anscheinend zufriedengestellt, hustete er einigemal und machte verschiedene vergebliche Versuche, ein Gespräch mit dem Mädchen anzuknüpfen. Schließlich fragte er im liebenswürdigsten Tone:

„Und was meinen Sie wohl, Kindchen, wo Bill jetzt ist?“

Das Mädchen antwortete in kaum verständlichen Worten, sie könne das nicht wissen. Sie schien zu weinen.

„Und der Junge?“ fuhr Fagin fort und versuchte einen Blick auf ihr Gesicht zu werfen. „Das arme Kindl Denken Sie nur, Nancy, sie haben es in einem Graben liegengelassen!“

„Da ist es besser dran als bei uns“, versetzte das Mädchen aufblickend. „Und wenn es Bill nicht nachteilig wäre, würde ich wünschen, Oliver läge tot im Graben, und seine Gebeine vermoderten dort.“

„Was?“ rief der Jude in großem Erstaunen.

„Ja, es ist mein Ernst. Ich bin froh, wenn ich ihn nicht mehr sehen muß und weiß, daß er das Schlimmste überstanden hat. Es ist mir furchtbar, ihn in meiner Nähe zu haben. Wenn ich ihn sehe, muß ich mich selbst und euch alle verabscheuen!‘

„Ach, du bist betrunken, Mädel“, sagte der Jude verächtlich.

„Wirklich? Deine Schuld ist’s nicht, wenn ich es nicht bin! Wenn’s nach dir ginge, wäre ich immer betrunken, nur jetzt nicht. Meine Gemütsverfassung paßt dir nicht, nicht wahr?“

„Allerdings nicht“, sagte Fagin aufgebracht.

„So ändert’s“, versetzte das Mädchen mit einem Auflachen.

„Werde ich auch“, schrie der Jude, durch die unerwartete Störrigkeit des Mädchens und die Verdrießlichkeiten des Abends im höchsten Grade erbittert. „Paß auf, Dirne, höre gut auf die Worte eines Mannes, der nur drei Worte zu sagen braucht, und Sikes wird gehängt. Wenn er zurückkommt und den Jungen nicht mitbringt – wenn er glücklich davongekommen ist und liefert mir Oliver, tot oder lebend, nicht wieder ab –, so ist es besser, Mädchen, du bringst ihn selbst um, wenn du nicht willst, daß er Bammelmann macht!“

„Was soll das heißen?“ fragte Nancy unwillkürlich.

„Das will heißen, daß der Junge mir viele hunderte Pfund wert ist“, schrie Fagin sinnlos vor Wut. „Soll ich, was mir der Zufall gefahrlos in die Hände gespielt hat durch die Dummheiten einer betrunkenen Bande verlieren, deren Leben ich in meiner Hand halte. Und soll ich mich auch noch an einen richtigen Teufel ketten, der die Macht hat und nur zu wollen braucht, um –“

Er keuchte vor Wut und rang nach Worten, doch plötzlich zügelte er seinen Zorn und nahm sich zusammen. Hatte er vorher noch mit geballten Fäusten in der Luft herumgefuchtelt, so sank er jetzt in einen Stuhl zurück und bebte bei dem Gedanken, eine Schurkerei selbst ausgeplaudert zu haben. Nach kurzem Schweigen sah er sich verstohlen nach Nancy um und war beruhigt, als er sie in der teilnahmslosen Stellung wie zuerst sah.

„Nancy, Kindchen“, krächzte Fagin jetzt wieder in seinem gewöhnlichen Tone, „hast du alles gehört, was ich sagte?“

„Ach, laßt mich zufrieden. Ist es Bill diesmal nicht geglückt, dann ein andermal. Er hat manche feine Sache für Euch geschoben und wird’s auch in Zukunft tun. Wenn’s aber nicht geht, dann geht’s eben nicht. Also nun Schluß!“

„Aber der Junge, Kindchen?“ sagte der Jude und rieb sich nervös die Hände.

„Ich hoffe, er ist tot“, fiel das Mädchen schnell ein, „und dadurch allem Ungemach, besonders aber Euren Händen entronnen – wenn nur Bill nicht dabei zu Schaden gekommen ist. Das glaube ich jedoch nicht, denn wenn Toby sich in Sicherheit bringen konnte, so kann es Bill jedenfalls zweimal!“

„Und was meine vorigen Worte anbelangt, liebes Kind“, bemerkte der Jude, und sah sie mit seinen schielenden Augen lauernd an.

„Ihr müßt es nochmals sagen, wenn Ihr was von mir wollt. Es wäre aber besser, bis morgen zu warten. Für einen Augenblick habt Ihr mich munter gemacht, jetzt ist mir aber schon wieder ganz dämlich zumute.“

Fagin stellte noch mehrere Fragen an sie, um sich zu überzeugen, ob das Mädchen seine unvorsichtigen Andeutungen beachtet und behalten hätte. Sie antwortete jedoch so unbefangen und ließ sich durch seine lauernden Blicke so wenig in Verlegenheit bringen, daß sich sein ursprünglicher Gedanke zu bestätigen schien, sie hätte zu tief ins Glas geguckt. Nancy war allerdings nicht frei von diesem Laster, das bei Fagins Schülerinnen so häufig war und von ihm auch noch ermutigt wurde. Ihr unordentliches Aussehen und der starke Branntweingeruch, der das Zimmer erfüllte, schien ein Beweis für Fagins Annahme zu sein. Er fühlte sich durch diese Feststellung sehr erleichtert und schickte sich zum Gehen an. Er verließ also seine junge Freundin, die noch immer mit dem Kopfe auf dem Tische lag und schlief.

Es war elf Uhr und bitterkalt, er eilte deshalb, nach Hause zu kommen. Der scharfe Wind schien die Straßen sowohl von Menschen, als auch von Schmutz leer gefegt zu haben. Für den Juden war der Wind günstig, denn er trieb denselben vor sich her.

Herr Fagin hatte seine Straßenecke erreicht und wollte eben seinen Hausschlüssel aus der Tasche holen, als eine dunkle Gestalt aus dem tiefen Schatten eines gegenüberliegenden Hauses auftauchte und sich geräuschlos an seine Seite schlich.

„Fagin!“ flüsterte eine Stimme dicht an seinem Ohre.

„Ist das –“

„Ja“, fiel der Fremde schnell ein. „Ich laure hier schon zwei Stunden auf Euch, wo zum Teufel seid Ihr denn gewesen?“

„War in Ihren Angelegenheiten fort, mein Lieber“, antwortete : der Jude, ihn unruhig ansehend und seine Schritte mäßigend, „die ganze Nacht in Ihren Angelegenheiten.“

„Das wäre“, versetzte höhnisch der Fremde. „Nun – und was ist dabei herausgekommen?“

„Nicht viel Gutes“, entgegnete Fagin.

„Doch auch nichts Schlimmes, hoffe ich“, sagte der Mann und blieb bestürzt stehen.

Der Jude schüttelte den Kopf und wollte antworten, doch der Fremde unterbrach ihn und meinte, er solle ihm das zu Hause erzählen, er wäre halb erfroren. Fagin schnitt ein Gesicht, als wenn ihm das unangenehm wäre, und murmelte etwas von ungeheizter Stube. Der Mann wiederholte jedoch seinen Wunsch so gebieterisch, daß derJude ihn in sein Haus hineinließ.

„Hier ist’s dunkel wie im Grabe“, sagte der Mann, ein paar Schritte vorwärts tappend. „Beeilt Euch, Licht zu holen, ich kann so etwas nicht leiden.“

„Schließen Sie die Tür“, flüsterte Fagin und hatte noch nicht ausgesprochen, als jene mit lautem Krachen zuflog.

„Dafür kann ich nicht“, sprach der andere und tappte weiter, „der Wind hat sie zugeschlagen. Sorgt für Licht, oder ich stoße mir noch in diesem verwünschten Loch den Schädel ein.“

Fagin schlich die Küchentreppe hinab und kehrte bald mit einem brennenden Licht und der Kunde zurück, daß Toby Crackit im Hinterzimmer und die Jungen im Vorderzimmer schliefen. Er winkte nun dem Fremden und führte ihn die Treppe hinauf.

„Wir können uns die paar Worte hier sagen“, meinte Pagin und öffnete im ersten Stockwerk eine Tür. „Da in den Fensterläden Löcher sind und wir unsern Nachbarn nie Licht zeigen, so will ich den Leuchter auf die Treppe stellen. – So!“

Bei diesen Worten bückte sich der Jude, setzte das Licht auf die Treppe gerade der Zimmertür gegenüber und trat ins Gemach. Mit Ausnahme eines zerbrochenen Lehnstuhles und eines hinter der Tür stehenden alten Sofas ohne Bezug waren weiter keine Möbel vorhanden. Der Fremde warf sich sofort aufs Sofa, indes der Jude den Lehnstuhl näher rückte. Es war nicht ganz finster, denn die Tür stand halb offen; so saßen sie sich zuerst schweigend gegenüber. Nach einer Weile flüsterten sie miteinander, und ein Horcher hätte leicht gewahren können, daß der Fremde mächtig aufgeregt zu sein schien und Fagin sich gegen einige seiner Ausführungen verteidigte. Sie mochten in dieser Weise wohl eine Viertelstunde verhandelt haben, als Monks (mit diesem Namen redete der Jude den Fremden im Laufe des Gespräches an) mit etwas lauterer Stimme fortfuhr:

„Ich sage Euch, es war schlecht überlegt. Warum habt Ihr ihn nicht hier behalten und einen Taschendieb aus ihm gemacht?“

„Nun höre einer bloß mal an“, sagte Fagin achselzuckend.

„Wie, wollt Ihr etwa damit sagen, Ihr hättet’s nicht gekonnt, wenn Ihr gewollt,hättet?“ sagte Monks finster. „Habt Ihr es nicht dutzendmal mit anderen Jungen verstanden? Hättet Ihr ein Jahr Geduld mit ihm gehabt, wäre es Euch eine Kleinigkeit gewesen, daß er vom Gericht verurteilt und deportiert worden wäre, vielleicht auf Lebenszeit.“

„Wem wäre damit gedient gewesen, lieber Freund?“ sagte der Jude unterwürfig.

„Mir!“ antwortete Monks.

„Aber mir nicht“, entgegnete Fagin noch demütiger. „Er hätte mir vielleicht noch nützlich werden können. Wenn zwei bei einem Geschäft beteiligt sind, so ist es nur recht und billig, daß beider Vorteil berücksichtigt wird, nicht wahr?“

„Schön, was weiter?“ fragte Monks verdrießlich.

„Ich hatte bald heraus, daß es nicht leicht war, ihn fürs Geschäft zu erziehen. Er war nicht wie die anderen Jungen unter solchen Umständen!“

„Hol’s der Teufel, nein“, brummte der Mann, „er wäre sonst längst ein Dieb geworden.“

„Es war unmöglich, ihn zum Schlechten anzuhalten“, fuhr Fagin fort und betrachtete dabei ängstlich Monks Miene. „Mit Drohungen und Strenge war auch nichts bei ihm auszurichten. Was konnte ich tun? Ihn wieder mit Karl und dem Gannef auf Tour schicken? Wir hatten an dem ersten Mal genug, es war für uns alle gefährlich.“

„Dafür kann ich doch nichts“, bemerkte Monks.

„Sicher nicht“, versetzte der Jude, „ich klage ja auch nicht, denn ohne diesen Vorfall wären Sie nie auf den Jungen aufmerksam geworden. Sie hätten nie die Entdeckung gemacht, daß er es sei, den Sie suchten. Schön, ich brachte ihn mit Hilfe des Mädchens wieder zurück und jetzt hält sie ihm mit einemmal die Stange.“

„Erwürgt das Frauenzimmer“, schrie Monks unwirsch.

„Ja, das geht nicht, lieber Freund“, erwiderte Fagin lächelnd. „Ich kenne diese Art Mädels gut. Sobald der Junge weniger unschuldig sein wird, wird sie sich nicht mehr um ihn kümmern. Sie wollen einen Dieb aus ihm machen. Wenn er noch am Leben ist, werde ich’s nochmal versuchen, und wenn – wenn –“ sagte der Jude und rückte mit seinem Stuhl näher, „doch es ist nicht wahrscheinlich – aber wenn es zum Schlimmsten gekommen ist und Oliver ist tot – -„

„Dann ist’s nicht meine Schuld!“ fiel Monks mit bestürzter Miene ein und umklammerte Fagins Arm mit zitternden Händen. „Ihr wißt genau, daß ich dabei meine Hand nicht im Spiele hatte. Alles, nur nicht seinen Tod, sagte ich gleich anfangs. Ich will kein Blut vergießen, es kommt stets ans Tageslicht und läßt einem außerdem keine Ruhe. Wenn sie ihn totgeschossen haben, ich bin nicht schuld, verstanden! – Donnerwetter, was ist in dieser verfluchten Kabache los! – Was war das? –“

„Was?“ schrie der Jude und umfaßte den Erschrockenen, als er aufsprang, mit beiden Armen. „Was – Wo?“

„Dort!“ brüllte der Mann, nach der gegenüberliegenden Wand stierend. „Der Schatten – ich sah den Schatten eines Weibes in Hut und Mantel, wie einen Hauch an der Wandtäfelung vorbeigleiten.“

Beide stürzten aufgeregt aus dem Zimmer ins Treppenhaus. Sie horchten angespannt, allein tiefe Stille herrschte im ganzen Hause.

„Es war Einbildung!“ sagte Fagin und nahm das Licht auf.

„Ich will drauf schwören, daß ich’s sah“, versetzte Monks zitternd. „Der Schatten beugte sich vor, als ich ihn zuerst bemerkte und glitt weg, sobald ich von ihm sprach.“

Der Jude warf ihm einen verächtlichen Blick zu und forderte ihn höflich auf, ihm zu folgen. Sie stiegen die Treppe hinauf und sahen sich in allen Zimmern um, sie waren kahl und leer. Dann stiegen sie zum Hausflur und von da in den Keller hinunter, alles war öde und still wie der Tod.

„Was sagen Sie nun?“ fragte Fagin, als sie wieder auf dem Hausflur anlangten. „Außer uns sind nur noch Toby und die Jungen im Hause, und die sind gut aufgehoben. Sehen Sie her.“

Er zog zwei Schlüssel aus der Tasche und erklärte, daß er seine Zöglinge eingeschlossen hatte, um jede Störung ihrer Unterhaltung unmöglich zu machen.

Herr Monks wurde wankend und gab zu, daß ihm seine aufgeregte Phantasie einen Streich gespielt haben könnte. Die Unterhaltung wollte er heute aber nicht mehr fortsetzen, da es schon ein Uhr sei. So trennte sich denn das würdige Paar.

Sucht die Unhöflichkeit eines früheren Kapitels wieder gutzumachen, das eine Dame ohne weiteres im Stiche ließ

Da es einem Schriftsteller wegen seiner Unbedeutendheit nicht ziemt, eine so wichtige Person, wie ein Gemeindediener ist, mit über die Arme geschlagenen Rockschößen am Kamin stehen zu lassen, bis es dem Geschichtserzähler beliebt, ihn zu erlösen; und da es sich mit seiner Stellung oder seiner Galanterie noch weit weniger verträgt, in ähnlich vernachlässigender Weise eine Dame zu behandeln; der der besagte Beamte zärtliche und verliebte Blicke zugeworfen und süße Worte ins Ohr geflüstert hat, Worte, die aus dem Munde eines solchen Mannes das Herz eines jeden Mädchens oder einer jeden Frau erbeben machen müßten, – so beeilt sich der gewissenhafte Erzähler mit seiner höchst wahren Geschichte.

Herr Bumble hatte also die Teelöffel abermals gezählt, die Zuckerzange aufs neue gewogen, den Milchtopf noch genauer untersucht und sich über den Zustand der Möbel bis auf die Roßhaarpolster der Stühle herunter die nötige Gewißheit verschafft – ehe ihm auch nur der Gedanke kam, es wäre nachgerade Zeit, daß Frau Corney zurückkehrte. Da fiel Herr Bumble auf den unschuldigen Zeitvertreib, seine Neugierde durch einen Blick in das Innere der im Zimmer befindlichen Kommode zu befriedigen.

Um sich zu vergewissern, daß niemand käme, horchte Herr Bumble am Schlüsselloch und fing dann mit der untersten der drei Schubladen an. Die verschiedenen Kleider von gutem Stoff gefielen ihm ausnehmend wohl. In einem der oberen Schubfächer stieß er auf ein kleines, verschlossenes Kästchen, das er schüttelte; der Klang von Gold- und Silbermünzen war seinen Ohren liebliche Musik. Nun schritt Herr Bumble würdevoll wieder zum Kamin und nahm seine alte Stellung wieder ein. Mit entschlossenem Gesichtsausdruck sagte er dann zu sich selbst: „Ich werde es tun!“ Darauf lächelte er pfiffig, als wollte er sagen, was für ein verfluchter Schwerenöter er doch sei, dabei betrachtete er mit Interesse und Vergnügen seine strammen Waden.

Er war noch in deren bewundernden Anblick versunken, als Frau Corney ins Zimmer stürzte, sich atemlos auf einen Stuhl am Kamin warf und mit einer Hand die Augen bedeckte. Die andere legte sie aufs Herz und rang nach Luft.

„Frau Corney“, sagte Herr Bumble, sich über sie beugend, „was ist Ihnen? Ist etwas passiert? Bitte reden Sie doch, ich stehe hier, wie auf – auf –“ Er konnte in seiner Bestürzung nicht das Wort „Nadeln“ finden und sagte daher. – „Flaschenscherben“.

„Ach, Herr Bumble, ich bin wie zerschlagen.“

„Wer hat das gewagt, zerschlagen? Ich weiß schon“, fuhr er mit angeborener Majestät fort, „dieses gottverlassene Armenpack.“

„Schrecklich, dran zu denken“, sagte die Matrone schaudernd.

„Denken Sie nicht dran!“ versetzte Herr Bumble.

„Ich kann’s nicht lassen“, wimmerte Frau Corney.

„Dann stärken Sie sich und trinken ein Glas Wein“, meinte der Gemeindediener teilnahmsvoll.

„Nicht um die ganze Welt“, erwiderte die Matrone. „Das könnte ich nicht – oh, nein! – Im Wandschrank auf dem obersten Brett – ach –“

Die gute Frau, die jetzt in Krämpfe fiel, konnte nur schwach mit der Hand hinzeigen, aber Herr Bumble stürzte auf denselben zu und entnahm ihm eine grüne Flasche. Er goß eine Teetasse voll und hielt sie der Dame an die Lippen.

„Es wird mir schon besser“, sagte Frau Corney, nachdem sie die Tasse halb geleert hatte.

Herr Bumble erhob voller Dankbarkeit gegen Gott seine Augen zur Zimmerdecke, senkte sie dann auf die Tasse und brachte diese an seine Nase.

„Pfefferminze“, erklärte Frau Corney mit schwacher Stimme und lächelte dabei Herrn Bumble an. „Kosten Sie es mal – es ist noch ein bißchen anderes darin.“

Dieser kostete mißtrauisch die Arznei, leckte darauf die Lippen, kostete abermals und setzte die Tasse leer nieder.

.Es ist sehr stärkend“, sagte die Dame.

„Sehr, in der Tat.“

Nach diesen Worten rückte er seinen Stuhl an die Seite der Matrone und fragte zärtlich, was ihr passiert wäre.

„Ach nichts“, versetzte Frau Corney, „ich bin ein recht törichtes, schwaches Geschöpf.“

„Nicht schwach“, sagte Bumble und rückte noch näher. „Sind Sie wirklich schwach, Frau Corney?“

„Wir sind alle schwache Geschöpfe“, erwiderte die Matrone, damit eine Bibelstelle zitierend.

„Ja, das stimmt“, meinte Herr Bumble.

Beide schwiegen einige Minuten, dann erwies der Gemeindediener die Wahrheit dieses Satzes dadurch, daß er seinen linken Arm von Frau Corneys Stuhllehne fortnahm und mit sanftern Druck um ihre Taille legte.

„Wir sind allesamt schwache Geschöpfe“, sagte Herr Bumble.

Frau Corney seufzte.

„Seufzen Sie doch nicht, Frau Corney!“

„Ich kann nicht anders“, antwortete diese und seufzte nochmal.

„Das ist ein sehr gemütliches Zimmer meinte Herr Bumble. „Noch eins dazu, und es wäre eine ideale Wohnung.“

„Das wäre für eine einzelne Person zu viel“, flüsterte die Matrone.

„Aber nicht für zwei“, flötete Herr Bumble. ..Was meinen Sie, Frau Corney?“

Bei seinen Worten senkte sie den Kopf, und er tat dasselbe, um ihr ins Gesicht sehen zu können. Frau Corney blickte züchtig seitwärts und machte ihre Hand los, um nach dem Taschentuch zu greifen. Unwillkürlich legte sie sie aber wieder in seine Hand.

„Die Behörde liefert Ihnen die Kohlen, nicht wahr?“ fragte Herr Bumble und drückte zärtlich ihre Hand.

„Und das Licht“, antwortete die Matrone, den Händedruck leicht erwidernd.

„Heizung, Licht und Wohnung frei“, sagte Herr Bumble. „Frau Corney, Sie sind ein Engel!‘

Einem derartigen Gefühlsausbruch konnte die Dame nicht widerstehen. Sie sank in Bumbles Arme, und dieser drückte einen feurigen Kuß auf ihre keusche Nase.

„Sie sind die Krone der Schöpfung“, rief Herr Bumble entzückt. „Sie wissen doch, mein Engel, daß Herr Slout heute abend kränker geworden ist?“

„Ja“, sagte Frau Corney verschämt.

„Der Doktor meint, er macht keine Woche mehr. Durch seinen Tod würde die Stelle des Armenhausvaters frei und müßte wieder besetzt werden. Ach, Frau Corney, welche Aussichten! Was für eine schöne Gelegenheit, zwei Herzen und Haushaltungen zu vereinigen!“

Frau Corney schluchzte.

„Das kleine Wörtchen“, sagte Herr Bumble und beugte sich über die verschämte Matrone. „Das einzige kleine – kleine Wörtchen, angebetete Corney!“

Ja – a – a“, hauchte die Dame.

„Und noch eins“, fuhr Herr Bumble fort, „wann soll es sein?“

Frau Corney versuchte zweimal zu sprechen, aber jedesmal versagte ihre Stimme. Endlich faßte sie sich ein Herz, schlang ihre Arme um seinen Hals und sagte, sobald es ihm beliebe, denn er wäre doch ein zu großer Schwerenöter.

Nachdem die Angelegenheit in so befriedigender Weise erledigt war, wurde der Vertrag durch eine weitere Tasse Pfefferminzarznei feierlich bestätigt, was bei der Aufregung der Dame durchaus notwendig war. Dabei erzählte Frau Corney von dem Tode des alten Weibes.

„Gut“, sagte Bumble, seinen Pfefferminz schlürfend. „ich werde auf dem Nachhauseweg bei Sowerberry vorsprechen und ihn morgen früh herschicken. – Was hat dich so erschreckt, Liebling?“

„Ach, nichts Besonderes, Lieber“, antwortete die Dame ausweichend.

„Es muß doch aber etwas gewesen sein, Schatz. Du wirst es doch deinem Bumble anvertrauen.“

„Noch nicht“, erwiderte die Dame. „Später, wenn wir verheiratet sind.“

„Wenn wir verheiratet sind?“ rief Herr Burnble. „Hat sich etwa einer der Armenhäusler eine Unverschämtheit herausge – -?“

„Nein, nein, Liebster“, fiel Frau Corney hastig ein.

„Wenn ich das denken müßte“, fuhr Herr Bumble fort „daß einer dieser Gesellen seine gemeinen Augen zu erheben wagte –“

„Keiner hätte sich das getraut, Liebling“, antwortete die Dame.

„Das ist ihr Glück“, meinte Herr Bumble drohend und ballte die Faust. „Mit dem hätte ich aber auch gesprochen, daß er es ein zweites Mal nicht getan hätte.“ Herr Bumble begleitete diese Worte mit so vielen kriegerischen Gesten, daß die Dame von diesem Beweise seiner aufopfernden Liebe äußerst gerührt wurde. Sie beteuerte mit großer Zärtlichkeit, er wäre auch „ihr liebes Täubchen“.

Das Täubchen schlug nun den Rockkragen in die Höhe, setzte seinen Dreispitz auf und umarmte seine Zukünftige zärtlich und lange. Dann ging er, um wieder dem kalten Nachtwinde Trotz zu bieten. Er hielt sich noch einige Minuten im Zimmer der männlichen Armen auf, um sie ordentlich auszuschimpfen und sich selbst den Beweis zu erbringen, daß er dem Amte eines Armenhausvaters mit der nötigen Strenge vorzustehen imstande sei. Mit sich selbst zufrieden und voll schöner Träume hinsichtlich seiner zukünftigen Beförderung verließ er das Armenhaus und erreichte bald den Laden des Herrn Sowerberry.

Dieser war mit seiner Frau zu einer Abendgesellschaft eingeladen und deshalb abwesend. Da Noah Claypole zu keiner Zeit geneigt war, sich weitergehenderen physischen Anstrengungen zu unterziehen, als die Funktionen des Essens und Trinkens es erforderten, so stand der Laden offen, obgleich die Ladenschlußstunde längst vorbei war.

Herr Bumble klopfte mit einem Stock verschiedene Male vergebens auf den Ladentisch. Durch das Glasfenster des kleinen hinter dem Laden befindlichen Zimmers sah er Licht schimmern. Er trat heran, um zu sehen, was drinnen vorging. Was sich seinen Augen darbot, war erstaunlich.

Der Tisch war gedeckt und mit Brot und Butter, Tellern und Gläsern, einem Kruge schäumenden Bieres und einer Flasche Wein besetzt. Am oberen Ende der Tafel rekelte sich Herr Noah Claypole in einem Armsessel und hatte ein mächtiges Butterbrot in der Hand. Dicht neben ihm stand Charlotte und öffnete Austern, die Herr Claypole mit Gier verschlang. Eine ungewöhnliche Röte in der Nasengegend deutete an, daß der junge Herr angetrunken war.

„Hier ist noch eine riesig fette, lieber Noah“, sagte Charlotte, „die mußt du noch essen, die eine noch.“

„Wie gut doch Austern schmecken“, bemerkte Herr Claypole, nachdem er sie geschlürft hatte. „Schade, daß man nicht unendlich viel davon essen kann, ohne unwohl zu werden.“

„Ja, ’s ist wirklich traurig“, stimmte Charlotte zu. „Willst du noch eine, sieh mal diese mit dem schönen Bart?“

„Kann keine mehr unterbringen“, antwortete Noah, „tut mir leid! – Komm her, Charlotte, ich will dir einen Kuß geben.“

„Was?“ schrie Bumble, in das Zimmer stürzend, „willst du das nochmal sagen, Bürschchen?“

Charlotte stieß einen Schrei aus und verbarg ihr Gesicht hinter der Schürze, während Herr Claypole, ohne seine Stellung zu verändern, in trunkenem Schrecken den Gemeindediener anstarrte.

„Willst du das noch einmal sagen, du schamloser Wicht?“ tobte Herr Bumble. „Wie kannst da so etwas in den Mund nehmen; Schlingel? Und wie können Sie sich unterstehen, ihn dazu zu ermutigen, Sie freches Weibsbild, Sie? Von Küssen reden! Pfui!“

„Ich wollte es gar nicht“, sagte Noah weinerlich. „Sie küßt mich immer, ob ich es will oder nicht.“

„Ach, Noah!“ rief Charlotte vorwurfsvoll.

„Ist’s etwa nicht wahr? Du kannst es nicht abstreiten“, erwiderte Noah. „Immer küßt sie mich und faßt mich ans Kinn und ist zärtlich zu mir.“

„Schweig!“ schrie Herr Bumble streng.“ Packen Sie sich, Mamsell, und du, Noah, machst den Laden zu und redest kein Wort mehr, bis dein Meister nach Hause kommt – auf deine eigene Gefahr. Wenn er kommt, so sagst du ihm, Herr Bumble sei dagewesen, und der Meister solle morgen früh einen Sarg für ’ne alte Frau nach dem Armenhaus schicken. Hörst du, Bengel? – Küssen! Die Sündhaftigkeit und Verderbtheit der unteren Klassen in dieser Gemeinde ist himmelschreiend. Da müßte das Parlament einschreiten!“ Mit diesen Worten verließ er in würdevoller Haltung das Haus des Sarglieferanten.

Nun wollen wir uns ein wenig nach dem jungen Oliver Twist umsehen und schauen, ob er noch in dem Graben liegt, wo Sikes und Toby Crackit ihn verlassen haben.

Sieht sich nach Oliver um und berichtet über seine weiteren Abenteuer

„Daß euch die Wölfe an die Gurgel führen“, knirschte Sikes und legte den verwundeten Oliver über sein gebeugtes Knie, um sich nach seinen Verfolgern umzusehen.

Der Nebel und die Dunkelheit ließ nur wenig erkennen. Das Rufen der Menschen und Bellen der Hunde erfüllte die Luft, und schauerlich tönte die Sturmglocke.

„Halt, du feiger Hund“, rief der Einbrecher Toby Crackit nach, der von seinen langen Beinen den besten Gebrauch machte und schon einigen Vorsprung gewonnen hatte. „Halt!“

Die Wiederholung dieses Wortes brachte Toby zum Stehen, denn er war sich nicht ganz klar darüber, ob er schon außer Pistolenschußweite sei. Sikes schien in einer Laune zu sein, die keinen Scherz vertrug.

„Hilf mir den Jungen weiterschaffen“, brüllte Sikes, seinem Kumpan energisch zuwinkend. „Komm zurück!“

Toby tat, als ob er umkehre, wagte jedoch mit leiser, atemloser Stimme einige Einwendungen zu machen.

„Schneller!“ schrie Sikes, legte Oliver in einen trockenen Graben und zog die Pistole aus der Tasche. „Halte mich ja nicht zum Narren!“

In diesem Augenblick wurde der Lärm lauter, und als Sikes sich umsah, bemerkte er, daß die Verfolger schon über den Zaun des Feldes kletterten, auf dem er sich befand. Ein paar Hunde rannten bereits vorweg.

„Ist nichts mehr zu wollen, Bill“, rief Toby. „Laß den Jungen liegen und türme!“

Mit diesen Worten machte Herr Crackit rechtsum und rannte davon, so schnell ihn die Beine tragen konnten.

Sikes knirschte mit den Zähnen, sah sich nochmal schnell um und bedeckte Oliver mit dem Mantelkragen. Dann lief er längs der Hecke hin, um die Aufmerksamkeit der Verfolger von der Stelle, wo der Junge lag, abzulenken. An einer zweiten Hecke, die mit der ersten im rechten Winkel zusammenstieß, stand er still und setzte dann mit einem kühnen Sprung drüber weg, nachdem er noch vorher seine Pistole fortgeworfen hatte.

„Caesar! Neptun! Hierher! Zurück!“ rief eine zittrige Stimme. Die Hunde, die auch kein großes Vergnügen an der Hetzjagd zu haben schienen, gehorchten sofort. Und drei Männer machten nun halt, um gemeinsam zu beraten.

„Mein Rat – das heißt mein Befehl – ist, daß wir sofort wieder nach Hause gehen“, sagte der dickste von den dreien.

„Mir ist alles recht, was Herr Giles für richtig hält“, versetzte ein kleinerer, aber keineswegs schlanker Mann, der sehr blaß aussah und äußerst höflich war, wie man das häufig bei furchtsamen Leuten findet.

Ich möchte nicht unmanierlich erscheinen, meine Herren“, sagte der dritte Mann, der die Hunde zurückgerufen hatte, „Herr Giles muß es am besten wissen!“

„Gewiß“, sagte der kleinere, „und was auch immer Herr Giles sagen mag, wir dürfen ihm nicht widersprechen. Ich weiß, was sich gehört. Gott sei Dank weiß ich das!“ Dabei klapperten ihm die Zähne im Munde vor Furcht.

„Du fürchtest dich, Brittles!“ sagte Herr Giles.

„Durchaus nicht.“

„Doch“, meinte Herr Giles.

„Ist ein Irrtum“, entgegnete Brittles.

„Du lügst, Brittles!“ rief Herr Giles.

Der dritte Mann schlichtete den Streit In höchst philosophischer Weise, indem er meinte, daß sie sich alle drei fürchteten.

„Da mögt Ihr für Euch selbst gesprochen haben“, versetzte Herr Giles, der am meisten blaß war.

„Allerdings“ erwiderte jener, „es ist doch ganz natürlich, daß man sich in solcher Lage fürchtet. Ich fürchte mich.“

„Ich auch“, sagte Brittles, „aber es ist unnötig, daß einem das geradezu ins Gesicht gesagt wird.“

Diese freimütigen Eingeständnisse besänftigten Herrn Giles, der nun auch gestand, daß er sich gleichfalls fürchte. Alle drei machten jetzt kehrt und liefen in schönster Eintracht zurück. Nach einer kleinen Weile bestand der engbrüstige Herr Giles darauf, daß ausgeruht werde, außerdem wolle er sich für seine vorigen übereilten Worte entschuldigen.

„Es ist doch erstaunlich“, fuhr Herr Giles fort, nachdem er einige Entschuldigungsworte gesagt hatte, „wozu ein Mensch fähig sein kann, wenn sein Blut in Wallung gekommen ist. Ich hätte einen Mord begangen, wenn uns einer der Spitzbuben in die Hände gefallen wäre!“

Die beiden anderen meinten, sie hätten gegebenenfalls auch gemordet.

Dieses Gespräch führten die zwei Männer, welche die Einbrecher bei ihrer Tat überrascht hatten, und ein wandernder Kesselflicker, der in einem Nebengebäude ein Nachtlager erhalten hatte. Dieser hatte sich mit seinen zwei Hunden der Diebesjagd angeschlossen. Herr Giles versah in der Villa der alten Dame den Dienst eines Haus- und Kellermeisters, und Brittles war das Faktotum. Er war schon als Kind zu der alten Dame gekommen, und obgleich er bereits in den Dreißigern war, wurde er immer noch wie ein Junge behandelt.

Die drei eilten nun auf den Baum zu, wo sie ihre Laterne hatten stehenlassen, und nahmen sie an sich. Dann trabten sie heim.

Mit Tagesanbruch wurde es kälter, und dichter Nebel bedeckte das Land. – Oliver lag noch immer bewußtlos da, wo Sikes ihn hingelegt hatte. Es fing stark zu regnen an, aber Oliver fühlte die Nässe nicht. Nach einer ganzen Weile weckte ihn ein heftiger Schmerz, und er schrie laut auf. Sein linker, mit einem Halstuch notdürftig verbundener Arm hing schwer und regungslos an seiner Seite nieder, und der Verband war mit Blut getränkt. Er war so schwach, daß er sich kaum aufrichten konnte. Er machte dann den Versuch, sich zu erheben, aber es war vergebliches Bemühen, er fiel der Länge nach zu Boden.

Nachdem sich Oliver von diesem neuen Ohnmachtsanfalle erholt hatte, sagte er sich, daß er unfehlbar sterben müsse, wenn er liegenbleibe. Er versuchte deshalb aufs neue aufzustehen und zu gehen. Ihm war schwindelig, und er wankte wie ein Betrunkener hin und her. Er hielt sich trotzdem auf den Beinen und taumelte mit herabhängendem Kopfe vorwärts, ohne zu wissen wohin. Er kroch fast mechanisch durch die Lücken der Hecken, die ihm den Weg versperrten, bis er eine Straße erreichte. Er sah sich um und sah in nicht allzu großer Entfernung ein Haus, das er möglicherweise erreichen konnte. Vielleicht hatte man dort Mitleid mit ihm, und wenn nicht, dünkte es ihn besser, in der Nähe menschlicher Wesen als einsam auf freiem Felde zu sterben. Er nahm seine ganze Kraft zusammen und wankte auf das Haus zu. Als er näherkam, erinnerte er sich, es schon früher gesehen zu haben. Auf Einzelheiten konnte er sich zwar nicht besinnen, aber das Äußere des Gebäudes kam ihm bekannt vor.

Ach, diese Gartenmauer! Und dort auf dem Rasen hatte er vor den beiden Halunken auf den Knien gelegen. Es war dasselbe, in das sie eingebrochen waren.

Als Oliver dies erkannte, bemächtigte sich seiner eine solche Furcht, daß er darüber seine schmerzende Wunde ganz vergaß und nur an Flucht dachte. Flucht? Er konnte ja kaum stehen, und wenn er auch im vollen Besitz seiner Kräfte gewesen wäre, wohin hätte er fliehen können? Er stieß die Gartentür auf, sie war unverschlossen. Er wankte über den Rasenplatz, klomm die Eingangstreppe hinauf und klopfte leise an die Tür. Dann schwanden seine Sinne, und er sank ohnmächtig nieder.

Zur selben Zeit erholten sich die Herren Giles und Brittles sowie der Kesselflicker von den Strapazen der Nacht durch eine Tasse Tee und allerlei Kleinigkeiten. Es war sonst nicht die Art des Herrn Giles, sich zu einer allzu großen Vertraulichkeit gegen Untergebene herabzulassen. Gegen diese benahm er sich eher mit einer gewissen würdevollen Leutseligkeit, die, so gewinnend sie war, doch stets an seine höhere Stellung erinnerte. Aber Tod, Feuersnot und Einbruch machen alle Menschen gleich. Also Herr Giles saß mit ausgestreckten Beinen vor dem Küchenherd, den linken Ellenbogen auf den Tisch gestützt, und gestikulierte lebhaft mit dem rechten Arm, als er seinen Zuhörern einen genauen und umständlichen Bericht des Einbruchs gab. Diese hörten mit atemloser Spannung zu, besonders aber das Hausmädchen und die Köchin.

„Es war ungefähr halb drei Uhr“, erzählte Herr Giles, „ich will aber nicht darauf schwören, ob es nicht vielleicht ein bißchen näher an drei war – als ich aufwachte, mich in meinem Bette umdrehte, etwa so –“ hier drehte sich Herr Giles in seinem Stuhle und zog den Zipfel des Tischtuches über sich hin, um dadurch die Bettdecke zu versinnbildlichen – „und ein Geräusch zu hören glaubte!“

Bei dieser Stelle der Erzählung erblaßte die Köchin und forderte das Hausmädchen auf, die Türe zu schließen; diese sagte es Brittles; Brittles beauftragte damit den Kesselflicker, und dieser tat so, als ob er es nicht höre.

„Ich glaubte ein Geräusch zu hören“, fuhr Herr Giles fort, „doch sagte ich mir anfangs, es sei eine Täuschung. Gerade schickte ich mich an, wieder einzuschlafen, als ich das Geräusch aufs neue und deutlicher vernahm.“

„Was war es denn für ein Geräusch?“ fragte die Köchin.

„So eine Art von knarrendem Geräusch“, antwortete Herr Giles.

„Ich meine, es hörte sich eher so an, als wenn man eine Eisenstange über ein Reibeisen zieht“, sagte Brittles.

„So war es, als du es hörtest“, versetzte Herr Giles, „aber damals hatte es einen knarrenden Ton. Ich warf die Bettdecke ab, setzte mich im Bette auf und horchte.“

„Ach, du lieber Himmel“, riefen die Köchin und das Hausmädchen gleichzeitig und rückten mit den Stühlen näher zusammen.

„Ich hörte es jetzt ganz deutlich“, fuhr Herr Giles fort, „und sagte mir: da will jemand einbrechen; was tun? Zuerst den armen Jungen, den Brittles, wecken, damit er nicht im Bett umgebracht oder ihm die Kehle durchgeschnitten wird, ohne daß er es merkt.“

Hier richteten sich aller Blicke auf Brittles, der den Erzähler mit offenem Munde anstarrte, während sich auf seinem Gesicht Entsetzen malte.

„Ich warf also die Bettdecke beiseite“, berichtete Herr Giles weiter, und er nahm dasselbe Manöver mit dem Tischtuch vor, „stand leise auf, zog meine –“

„Es sind Damen anwesend, Herr Giles“, flüsterte ihm der Kesselflicker zu.

„- Schuhe an“, fuhr Giles mit großem Nachdruck fort und sah den Unterbrecher groß an, „langte nach der geladenen Pistole, die mit dem Silberzeugkasten immer heraufgebracht wird, und schlich auf den Zehen zu seiner Kammer. Als ich ihn weckte, sprach ich: ‚Brittles, erschrick nicht‘.“

„Ja, so sagten Sie“, bemerkte dieser leise.

„Wir sind verloren, aber hab keine Angst, Brittles!“

„War er erschrocken?“ fragte die Köchin.

„Nicht im geringsten“, erwiderte Herr Giles. „Er war so mutig – fast so unverzagt wie ich!“

„Wenn mir das passiert wäre, ich wäre auf der Stelle gestorben“, meinte das Hausmädchen.

„Sie sind eben ein Weib“, sagte Brittles, der den tapferen Helden herausbiß.

„Brittles hat recht“, sagte Herr Giles mit beifälligem Kopfnicken, „von Weibern läßt sich nichts anderes erwarten. Wir aber, als Männer, nahmen Brittles Laterne und tappten in der stockfinsteren Nacht die Treppe hinunter – ungefähr so.“

Herr Giles war von seinem Stuhl aufgestanden und, um seine Schilderung durch geeignete Mimik zu beleben, mit geschlossenen Augen einige Schritte vorwärts gegangen. Plötzlich fuhr er sowohl, als auch die übrige Gesellschaft heftig zusammen und eilte zu seinem Stuhle zurück. Die Köchin und das Hausmädchen kreischten.

„Man hat an die Haustür geklopft“, sagte Herr Giles, „jemand muß öffnen gehen.“

Niemand rührte sich.

„Es ist doch komisch, daß man am frühen Morgen schon Einlaß begehrt“, meinte Herr Giles, leichenblaß im Gesicht. „Aber die Tür muß aufgemacht werden. Jemand muß öffnen! Hört ihr nicht?“

Er sah bei diesen Worten Brittles an, dieser schien sich aber aus Bescheidenheit nicht als „Jemand“ zu betrachten. Er gab jedenfalls keine Antwort. Herr Giles heftete seinen Blick nun fragend auf den Kesselflicker, aber dieser war plötzlich eingeschlafen, und von dem weiblichen Personal konnte von vornherein natürlich nicht die Rede sein.

„Wenn Brittles die Tür lieber in Gegenwart von Zeugen öffnen will“, meinte Giles nach kurzem Schweigen, „so will ich gern mitgehen.“

„Ich auch“, fügte der Kesselflicker hinzu, der ebenso schnell wieder, aufwachte, als er eingeschlafen war.

Auf diese Bedingungen hin kapitulierte Brittles, und als man beim Öffnen der Fensterläden sah, daß es heller Tag sei, ging die ganze Gesellschaft mit den Hunden die Treppe hinunter, wobei die Weiber die Nachhut bildeten. Herr Giles riet, den Hunden in die Schwänze zu kneifen, damit sie recht wütend bellten und dadurch einem draußenstehenden Feinde Angst und Schrecken einjagten. Dann faßte er den Kesselflicker fest am Arm, damit dieser nicht ausrücke, wie er scherzend sagte, und befahl nun die Tür zu öffnen. Brittles gehorchte, ängstlich sah einer dem andern über die Schulter, aber nichts Verdächtiges war zu sehen. Nur der kleine Oliver Twist lag da, erschöpft und blaß, und schlug die Augen stumm um Mitleid flehend auf.

„Ein Junge!“ rief Herr Giles und drängte den Kesselflicker mutig zurück. „Was ist mit ihm los? Sieh mal, Brittles, erkennst du ihn?“

Dieser stieß, als er Oliver erkannte, einen lauten Schrei aus. Herr Giles ergriff den Jungen bei einem Arme und einem Beine – zum Glück nicht bei dem verwundeten – und zog ihn in den Hausflur.

„Hier ist er!“ schrie Herr Giles mächtig aufgeregt die Treppe hinauf. „Hier ist einer der Diebe, gnädige Frau! Wir haben einen Spitzbuben erwischt, gnädiges Fräulein! Er ist verwundet, ich habe ihn getroffen.“

Die Köchin und das Hausmädchen eilten die Treppe hinan, um die Nachricht zu hinterbringen, daß Herr Giles einen Einbrecher gefangen habe. Der Kesselflicker gab sich inzwischen die größte Mühe, Oliver wieder zu sich zu bringen, damit er nicht stürbe, bevor er gehängt würde. – Durch diesen Lärm ließ sich jetzt eine sanfte weibliche Stimme vernehmen, die sofort dem Tumult ein Ende machte. „Giles!“

„Hier bin ich, gnädiges Fräulein. Erschrecken Sie nicht, ich bin nicht zu Schaden gekommen. Er leistete keinen besonders starken Widerstand.“

„Pst!“ machte die junge Dame, „nicht so laut. Ist der arme Mensch schwer verwundet?“

„Sehr schwer, gnädiges Fräulein“, erwiderte Giles selbstgefällig.

„Es sieht so aus, als ob es mit ihm zu Ende ginge, gnädiges Fräulein“, brüllte Brittles nach oben. „Wollen Sie nicht herunterkommen und ihn ansehen, falls er –“

„Aber schreien Sie doch nicht so entsetzlich“, sagte die junge Dame, „ich werde mit meiner Tante sprechen.“

Sie eilte leichtfüßig weg und kehrte bald wieder mit dein Befehl zurück, den Verwundeten auf Herrn Giles Zimmer zu tragen. Brittles aber sollte nach Chertsey reiten und so schnell wie möglich einen Polizisten und einen Arzt holen.

„Wollen Sie nicht mal einen Blick auf ihn werfen, gnädiges Fräulein?“ fragte Giles stolz, als wenn Oliver ein seltener Vogel wäre, den er dank seiner Geschicklichkeit erlegt hatte.

„Jetzt nicht, nicht um alles in der Welt. Armer Kerl! Behandeln Sie ihn gut, Giles – um meinetwillen.“

Der alte Diener sah zu der Sprecherin, wie sie sich entfernte, voller Stolz und Bewunderung auf; als wäre sie seine eigene Tochter. Dann beugte er sich über Oliver und half ihn mit fast weiblicher Sorgfalt die Treppe hinauftragen.

Gibt einen einleitenden Bericht über die Bewohner des Hauses, in das Oliver geflüchtet war

In einem hübschen Zimmer mit altmodischen, aber bequemen Möbeln saßen zwei Damen an einem wohlbesetzten Frühstückstisch. Herr Giles in schwarzem Anzug wartete auf. Er stand kerzengerade zwischen dem Büfett und dem Frühstückstisch, hocherhobenen Hauptes, den linken Fuß vorgestellt und die rechte Hand in die Weste gesteckt. In der Linken hielt er ein Tablett und schien von der Wichtigkeit seiner Person ganz durchdrungen zu sein.

Die eine der Damen war schon hoch in Jahren, aber ihre Haltung war noch so gerade wie die steife Rückenlehne des Eichenstuhls, auf dem sie saß. Ihre Kleidung war gewählt aber altmodisch, mit einigen Zugeständnissen an den Tagesgeschmack, was aber dem Kostüm nur zum Vorteil gereichte. Würdevoll, mit gefalteten Händen, saß sie da und hatte ihre Augen – deren Glanz das Alter kaum hatte trüben können – auf ihre Gesellschafterin gerichtet. Diese, im Frühling ihres Lebens, war eine Jungfrauengestalt von solcher Lieblichkeit, daß wir in ihr ohne Vermessenheit die Wohnung eines Engels vermuten dürften, wenn es den Zwecken Gottes entspräche, die Himmelsbewohner in sterbliche Hüllen zu kleiden.

Sie befand sich im siebzehnten Lebensjahre, und ihre Erscheinung war so zierlich und edel, so mild und zart, so rein und schön, als sei die Erde nicht ihre Heimat und paßten deren Bewohner nicht für sie als Umgang. Der Geist, der aus ihren dunkelblauen Augen strahlte, schien weder ihrem Alter noch der Welt anzugehören. Ihr Lächeln aber, das frohe, glückliche Lächeln, verhieß häuslichen Frieden und häusliches Glück.

Sie war eifrig mit dem Zubereiten des Tees beschäftigt, und wenn sie zufällig die Augen erhob und die alte Dame sah, legte sie in den Blick so viel Zärtlichkeit und Liebe, daß selbst selige Geister bei ihrem Anblick wohlgefällig gelächelt hätten.

„Brittles ist bereits eine Stunde fort, nicht wahr, Giles?“ fragte die alte Dame.

„Eine Stunde und zwölf Minuten, gnädige Frau“, versetzte Herr Giles, auf seine silberne Uhr blickend, die er an einer schwarzen Schnur trug.

„Er ist immer so langsam“, bemerkte die Dame.

„Brittles war immer ein langweiliger Junge“, meinte Giles.

„Es wird mit ihm immer schlimmer anstatt besser“, sagte die alte Dame.

„Es wäre unverantwortlich, wenn er sich unterwegs aufhielte, um etwa mit anderen Jungen zu spielen“, fügte die junge Dame lächelnd hinzu.

Herr Giles überlegte gerade, ob es sich mit dem Respekt vertrüge, selbst ein wenig zu lächeln, als ein Einspänner vorfuhr, aus dem ein dicker Herr sprang und durch das Haus in das Zimmer stürzte, wo er beinahe Herrn Giles und den Frühstückstisch umgerannt hätte.

„Das ist ja unerhört!“ rief der dicke Herr. „Meine beste Frau Maylie – um Himmelswillen – und noch dazu mitten in der Nacht – so was ist mir noch nicht vorgekommen!“

Unter diesen Teilnahmebezeugungen schüttelte er beiden Damen die Hände, nahm Platz und fragte, wie es ihnen ginge.

„Sie hätten vor Schreck tot umfallen können – auf der Stelle. Warum schickten Sie nicht zu mir? Mein Diener wäre in einer Minute hiergewesen – ebenso ich und mein Assistent. Wir wären glücklich gewesen, Ihnen gefällig sein zu können. Unter solchen Umständen! So unerwartet und mitten in der Nacht.“

Der Doktor schien besonders darüber empört zu sein, daß der Einbruch so unerwartet und zur Nachtzeit versucht wurde, als ob es bei den Herren Mitgliedern der Verbrecherzunft üblich wäre, um die Mittagszeit an ihr Geschäft zu gehen und ihre Absicht ein paar Tage vorher durch die Post anzukündigen.

„Und Sie, Fräulein Rosa?“ fragte der Doktor, sich an die junge Dame wendend. „Ich –“

„Mir geht’s gut“, fiel ihm Rosa ins Wort, „aber oben liegt ein armer Mensch verwundet, und die Tante wünscht, Sie möchten nach ihm sehen.“

„Ach ja, richtig“, sagte der Doktor. „Das ist Ihr Werk, Giles, wie ich höre.“

Dieser errötete stark und erwiderte, er habe die Ehre gehabt.

„Die Ehre?“ fragte der dicke Herr, „nun ich weiß nicht; vielleicht ist es ebenso ehrenvoll, einen Dieb in einer Waschküche, wie einen Gegner auf zwölf Schritte zu treffen. Nehmen Sie an, er hätte in die Luft geschossen und Sie haben ein Duell gehabt, Giles.“

Herr Giles, der die scherzhafte Behandlung des Gegenstandes als einen ungerechten Versuch ansah, sein Verdienst zu schmälern, antwortete ehrerbietig, daß es seinesgleichen nicht zustände, ein Urteil abzugeben, daß er aber des Glaubens sei, die Sache sei für die Gegenpartei kein Spaß gewesen.

„Ohne Zweifel, ohne Zweifel“, sprach der Doktor. „Wo ist er? Führen Sie mich zu ihm. Wenn ich herunterkomme, spreche ich bei Ihnen nochmals vor, Frau Maylie. Das ist also das kleine Fenster, durch das er hereinkam? Das hätte ich kaum für möglich gehalten!“

Plaudernd folgte er Herrn Giles die Treppe hinauf. Inzwischen erlaube ich mir dem Leser mitzuteilen, daß Herr Losberne ein im Umkreise von zehn Meilen als „Der Doktor“ bekannter Wundarzt war, der seine Beleibtheit mehr seinem heiteren Gemüt als einem üppigen Leben verdankte. Er war ein gemütlicher und biederer, aber etwas wunderlicher alter Junggeselle, wie man ihn in einem fünfmal größeren Umkreise kaum wiederfindet.

Der Doktor blieb länger fort, als die Damen dachten. Es wurde ein flacher Kasten aus dem Wagen geholt, ziemlich oft geklingelt, und die Dienstboten liefen ununterbrochen die Treppen hinauf und hinunter; lauter Zeichen, aus denen man schließen konnte, daß oben etwas Wichtiges vorgehen müsse. Endlich kam er zurück, machte ein geheimnisvolles Gesicht und schloß die Tür behutsam hinter sich.

„Das ist etwas ganz Außerordentliches, Frau Maylie“, begann der Doktor und stellte sich mit dem Rücken gegen die Tür, als ob er verhindern wolle, daß jemand hereinkäme.

„Hoffentlich ist die Verwundung nicht gefährlich?“ fragte die alte Dame.

„Nun, das wäre den Umständen nach nichts Außergewöhnliches“, erwiderte der Doktor, „obgleich ich nicht glaube, daß es der Fall ist. Haben Sie den Dieb gesehen?“

„Nein“, sagte die alte Dame.

„Auch nichts über ihn gehört?“

„Nein.“

„Verzeihung, gnädige Frau“, fiel Giles ein, „ich wollte gerade von ihm erzählen, als Herr Doktor kam.“

Die Sache verhielt sich eigentlich so, daß Herr Giles es nicht hatte über sich gewinnen können, einzugestehen, das Opfer seines Schusses sei bloß ein Kind gewesen. Da er im Augenblick noch auf dem Gipfel seines Ruhmes stand und um seiner Heldentat willen von allen Seiten mit Lobsprüchen überhäuft wurde, so hätte es ihm schier das Herz gebrochen, wenn er nicht die Aufklärung, die aller seiner Herrlichkeit ein Ende machen mußte, um einige köstliche Minuten hätte hinausschieben können.

„Rosa wünschte den Menschen zu sehen“, sagte Frau Maylie, „ich habe es aber nicht zugegeben!“

„Hm“, meinte der Doktor, „es ist nichts besonders Abschreckendes in seinem Äußern. Haben Sie etwas gegen einen Besuch in meiner Anwesenheit?“

„Wenn es nötig ist, gewiß nicht“, erwiderte die alte Dame.

„Dann möchte ich darum bitten“, sagte der Doktor, Jedenfalls bin ich überzeugt, daß Sie es später bereuen würden, wenn Sie es unterlassen hätten. Er ist vollkommen ruhig und gut versorgt. Darf ich bitten, Fräulein Rosa? – Sie brauchen keine Angst zu haben, mein Ehrenwort!“

Was die beiden Damen und Doktor Losberne von Oliver dachten

Unter vielen geschwätzigen Versicherungen, daß sie der Anblick des Verbrechers angenehm überraschen werde, bot der Doktor Fräulein Rosa den Arm, reichte Frau Maylie die andere Hand -und führte die Damen mit etwas altfränkischer Galanterie die Treppe hinauf.

„Nun“, sagte der Doktor leise, als er sachte auf die Klinke der Tür drückte, „ich bin gespannt zu hören, was Sie von ihm halten. Er ist zwar unrasiert, sieht aber trotzdem nicht wie ein Räuber aus. Einen Augenblick – ich will erst nochmal nachsehen, ob er in der Verfassung ist, Besuch zu empfangen!“

Er ging zuerst ins Zimmer, sah sich darin um, winkte dann seinen Begleiterinnen hereinzukommen, schloß die Tür und schob langsam die Bettgardine zurück. Man sah im Bett statt eines wüst aussehenden Verbrechers, wie man erwartete, ein Kind, das vor Schmerz und Erschöpfung in tiefen Schlaf versunken war. Der verwundete Arm lag verbunden auf seiner Brust, während der Kopf auf dem anderen ruhte, der durch Olivers lang hinabwallendes Haar fast verdeckt wurde.

Der wackere Doktor hielt die Gardine in der Hand und sah den Kleinen schweigend an. Inzwischen trat die junge Dame näher und setzte sich auf einen Stuhl neben dem Bette. Sie strich dem Jungen das Haar aus dem Gesicht, und als sie sich über ihn beugte, fielen einige Tränen auf seine Stirn.

Oliver regte sich und lächelte im Schlaf, als ob dieses Zeichen von Mitleid und Erbarmen irgendeinen süßen Traum von nie gekannter Liebe in ihm hervorriefe.

„Was bedeutet das nur?“ rief die alte Dame. „Dieser arme Junge kann doch nie und nimmer ein Spitzbube sein.“

„Das Laster“, seufzte der Arzt und zog die Gardine wieder zu, „schlägt seinen Wohnsitz in gar vielen Tempeln auf, und wer kann sagen, ob es sich nicht auch hinter einer schönen Außenseite versteckt.“

„Aber doch nicht in so früher Jugend?“ meinte Rosa.

„Mein liebes Fräulein“, entgegnete der Doktor, traurig den Kopf schüttelnd, „das Laster ähnelt dem Tode und beschränkt sich nicht allein auf die Alten und Abgelebten, es sucht sich nur zu oft unter den Jüngsten und Schönsten seine Opfer.“

„Ach können Sie wirklich glauben, daß dieser zarte Knabe sich freiwillig dem Auswurf der Menschheit angeschlossen hat?“ fragte Rosa.

Der Doktor bewegte den Kopf in einer Weise, die anzudeuten schien, daß er es für möglich halte; dann führte er die Damen mit der Bemerkung, der Kranke könnte gestört werden, in ein anstoßendes Zimmer.

„Aber selbst, wenn er verbrecherisch gewesen wäre“, fuhr Rosa fort, „bedenken Sie, wie jung er ist. Vielleicht hat er nie Mutterliebe, vielleicht nie ein Heim gekannt und ist durch schlechte Behandlung, Prügel oder Hunger an Menschen geraten, die ihn zu Verbrechen zwangen. Tante, liebste Tante, bedenken Sie das, ehe Sie das kranke Kind ins Gefängnis schleppen lassen, das jedenfalls das Grab für jede Möglichkeit einer Besserung werden muß. Haben Sie daher Mitleid mit ihm, ehe es zu spät ist!“

„Liebes Kind“, sagte die alte Dame und drückte das weinende Mädchen an ihre Brust, „glaubst du, ich werde dem .Knaben ein Haar krümmen lassen?“

„O nein, sicher nicht“, versetzte Rosa lebhaft.

„Meine Tage sind gezählt“, fuhr die alte Dame fort, „und der HErr wird mir gnädig und barmherzig sein, wie ich auch mit anderen Erbarmen habe! Was kann ich zur Errettung des Knaben tun, Herr Doktor?“

„Ich will darüber nachdenken, gnädige Frau. Muß mal überlegen.“

Herr Losberne steckte die Hände in die Tasche und ging einigemal im Zimmer auf und ab. Er zog die Stirn in ernste Falten und murmelte vor sich hin: „ich hab’s“ und dann auch wieder: „nein, so geht’s nicht“. Endlich blieb er stehen und hob an:

„Wenn Sie mir unbeschränkte Vollmacht geben Giles und Brittles, den großen Jungen, ins Bockshorn zu jagen, glaube ich, läßt’s sich machen. Sie können es ihnen ja wiedergutmachen. Nicht wahr, Sie haben nichts einzuwenden?“

„Nein, vorausgesetzt, daß es kein anderes Mittel zur Rettung des Kindes gibt“, erwiderte Frau Maylie.

„Es gibt kein anderes, mein Wort darauf.“

„Dann gibt Ihnen Tante unbeschränkte Vollmacht“, sagte Rosa unter Tränen lächelnd. „Aber gehen Sie nicht härter mit den beiden um, als unumgänglich nötig ist.“

„Sie scheinen zu glauben“, entgegnete der Doktor, „daß alle Welt heute hartherzig ist, Sie selbst ausgenommen, Fräulein Rosa. Ich will nur hoffen, daß der erste Ihrer würdige junge Mann, der Ihr Mitgefühl in Anspruch nimmt, Sie in einer ebenso weichherzigen Stimmung treffen möge; und ich möchte wünschen, selbst ein junger Bursche zu sein, um von der günstigen Gelegenheit Nutzen ziehen zu können.“

„Sie sind ein ebenso großes Kind wie unser Brittles“, versetzte Rosa rotwerdend.

„Nun“, sagte der Doktor mit herzlichem Lachen, „dazu gehört nicht viel; aber um auf unsern Jungen zurückzukommen. Den Hauptpunkt unseres Übereinkommens haben wir noch gar nicht erörtert. Er wird etwa in einer Stunde aufwachen; und obgleich ich dem schafsköpfigen Ortspolizisten gesagt habe, daß man mit dem Jungen wegen seines gefährlichen Zustandes nicht sprechen dürfe, glaube ich doch, daß wir es unbedenklich tun können. Ich stelle nun die Bedingung, daß ich ihn in Ihrer Gegenwart ausfragen darf. Lassen seine Antworten erkennen, – und und ich halte es für mehr als möglich – daß er wirklich durchaus verdorben ist, so soll er ohne weiteres seinem Schicksal überlassen werden, wenigstens ich kümmere mich dann nicht mehr um ihn.“

„O nein, Tante!“ flehte Rosa.

„Doch, Tante!“ sagte der Doktor. „ist es abgemacht?“

„Er kann kein hartgesottener Verbrecher sein“, meinte Rosa, „das ist unmöglich.“

„Nun also“, erwiderte der Doktor, „um so weniger ist Grund vorhanden, auf meinen Vorschlag nicht einzugehen.“

Man einigte sich schließlich und setzte sich, um Olivers Erwachen zu erwarten.

Die Geduld der beiden Damen wurde auf eine härtere Probe gestellt, als man nach Herrn Losbernes Reden annehmen konnte. Stunde auf Stunde verging, und immer noch lag Oliver im tiefsten Schlaf. Es war Abend geworden, als ihnen der Doktor mitteilen konnte, daß Oliver erwacht und verhandlungsfähig sei. Der Junge wäre allerdings durch den großen Blutverlust sehr geschwächt, aber sein Gewissen verlange so dringend etwas zu beichten, daß es besser wäre, ihn reden zu lassen, als ihm bis morgen Ruhe und Schweigen zu verordnen, was unter anderen Umständen ratsamer gewesen wäre.

Die Unterredung währte lange, denn Oliver erzählte ihnen seine ganze Lebensgeschichte und mußte verschiedenemal vor Schmerz und Schwäche innehalten. Es hörte sich feierlich an, als im dunklen Zimmer die schwache Stimme des kranken Kindes flüsterte und einen traurigen Bericht gab von dem Jammer, Elend und Leiden, die schlechte, grausame Menschen über ihn gebracht hatten.

Sobald die Beichte zu Ende war, wurde Oliver wieder zur Ruhe gebracht, und der Doktor begab sich hinunter, um Herrn Giles aufs Korn zu nehmen. Er wischte sich die Augen und verfluchte dieselben wegen ihrer Schwäche.

In der Küche waren alle Dienstboten versammelt, Herr Giles, Herr Brittles, das weibliche Personal, der Kesselflicker, der in Anbetracht seiner geleisteten Dienste eine besondere Einladung erhalten hatte und der schafsköpfige Polizist. Dieser hatte einen Polizeiknüppel, einen Wasserkopf, einen großen Mund und große Stiefel an. Er sah aus, als ob er eine diesen großartigen Eigenschaften entsprechende Menge Bier sich einverleibt hätte, was auch tatsächlich der Fall war.

Man sprach immer noch über die Ereignisse der vergangenen Nacht, und Herr Giles war eben dabei, seinen Mut und seine Geistesgegenwart in das richtige Licht zu setzen, wobei ihm Brittles, den Bierkrug in der Hand, kräftig sekundierte, als der Doktor eintrat.

„Sitzengeblieben!“ rief derselbe mit einer Handbewegung.

„Danke“, sagte Herr Giles. „Die gnädige Frau ordnete an, daß Bier verteilt werden sollte, und da ich Verlangen nach Gesellschaft hatte, bin ich aus meinem Zimmer hierher gekommen, um meinen Schoppen zu trinken.“

Brittles und die übrigen Damen und Herren murmelten etwas von „großer Ehre“ und „Leutseligkeit des Herrn Giles“, worauf sich dieser mit einer Gönnermiene umsah, als wenn er sagen wollte, daß er ihre Gesellschaft nicht verlassen würde, solange sie sich anständig benähmen.

„Wie geht es dem Kranken, Herr Doktor?“ fragte Giles.

„So, so, la la, ich fürchte, Sie haben sich dabei in eine arge Patsche gebracht, Herr Giles.“

„Ich hoffe, Sie wollen damit nicht andeuten, daß er sterben muß“, sagte Giles erschrocken. „Ich würde meines Lebens nicht mehr wieder froh. Ich könnte keinen Jungen töten – nicht einmal den Brittles da, und wenn man mir das Silbergeschirr des ganzen Landes dafür böte.“

„Davon ist nicht die Rede“, erwiderte der Doktor. „Herr Giles, sind Sie ein guter Christ?“

„Ja, Herr Doktor, das hoffe ich“, stotterte dieser und wurde weiß wie die Wand.

„Und wie steht’s mit dir, Junge?“ fuhr der Doktor zu Brittles gewandt fort.

„Mein Gott“, sagte Brittles zusammenzuckend, „ich bin dasselbe wie Herr Giles.“

„Dann sagt mir, ihr beide, wollt ihr es auf euern Eid nehmen, daß der Junge derselbe ist, welcher in der vergangenen Nacht durch das kleine Fenster kam? Heraus mit der Sprache! Redet!“

Der Doktor, als gutmütig überall bekannt, stellte diese Frage in so drohendem Tone, daß Giles und Brittles sich vor Schreck und Erstaunen starr ansahen.

„Passen Sie auf ihre Antwort gut auf, Polizist, ich bitte darum“, sagte der Doktor und hob in feierlicher Weise seinen Zeigefinger hoch. „Es kann später darauf ankommen.“

Kapitel 3

Der Polizist machte ein würdevolles Gesicht und nahm das Zeichen seines Amtes, den Knüppel, aus der Kaminecke, wo er unbeachtet gelegen hatte, in die Hand.

„Die Frage behandelt die Identität der Person, das haben Sie wohl schon gemerkt?“ sagte der Doktor.

„Allerdings, darüber war ich mir klar“, erwiderte der Polizist mit heftigem Husten, denn er hatte sein Bier so hastig ausgetrunken, daß ihm davon etwas in die Luftröhre gekommen war.

„Es wird in ein Haus eingebrochen“, sprach der Doktor, „und ein paar Menschen sehen für einen Augenblick, mitten im Pulverdampf und im Dunkel der Nacht, die Gestalt eines Knaben. Am nächsten Morgen kommt ein Junge in dasselbe Haus, und weil er zufällig den Arm verbunden hat, legen diese Menschen gewaltsam Hand an ihn. Sie bringen sein Leben durch ihr rohes Zugreifen in Gefahr – und schwören darauf, daß er der Dieb sei. Nun fragt es sich, ob diese Menschen ihr Verhalten rechtfertigen können und, wenn dies nicht der Fall ist, in welche Lage sie sich gebracht haben.“

Der Polizist nickte tiefsinnig mit dem Kopf und meinte, wenn der Herr Doktor sich nicht auf das Recht verstehe, so möchte er wissen, wer es sonst täte.

„Ich frage euch also noch einmal“, brüllte der Doktor, „wollt ihr mit einem feierlichen Eide beschwören, daß dieser Junge mit dem Diebe identisch ist?“

Brittles sah verlegen Herrn Giles an, und dieser blickte zweifelnd auf Brittles. Der Polizist legte die Hand ans Ohr, damit ihm kein Wort der Erwiderung entgehe. Der Doktor sah sich stolz im Kreise um, als man einen Wagen vorfahren und gleich darauf die Haustürklingel ertönen hörte.

„Das sind die Kriminalbeamten“, rief Brittles, anscheinend mächtig erleichtert.

„Wer?“ fragte der Doktor, an den jetzt die Reihe des Erschreckens kam.

„Die Beamten aus Scotland-Yard“, erwiderte Brittles, eine Kerze anzündend, „ich und Herr Giles haben heute früh nach ihnen geschickt.“

„Was?“ brüllte der Doktor.

„Ja“, antwortete Brittles, „ich habe durch den Postkutscher Botschaft gesandt und wundere mich nur, daß sie nicht schon früher gekommen sind.“

„Das tatest du? Dann hole der Teufel – die Dummköpfe in diesem Haus. Das wollte ich nur sagen“, schimpfte der Doktor und stiefelte hinaus.

172

Behandelt einen kritischen Fall

„Wer da?“ fragte Brittles und öffnete die Tür ein wenig, ohne jedoch die Sicherheitskette abzumachen. Die Kerze verdeckte er mit seiner Hand.

„Aufgemacht!“ tönte es von draußen. „Es ist die Kriminalpolizei von Scotland-Yard, nach der heute geschickt wurde.“

Durch diese Antwort beruhigt, öffnete Brittles die Tür weit und sah sich einem stattlichen Manne im Mantel gegenüber, der sofort nähertrat und seine Stiefel ruhig an der Matte reinigte, als ob er hier zuhause sei.

„Schicken Sie doch jemand hinaus, junger Mann, der meinem Kollegen hilft, Pferd und Wagen unterzustellen. Sie haben doch eine Remise hier?“

Brittles bejahte und zeigte nach dem Gebäude, worauf der Beamte selbst zu seinem Kollegen ging, um ihm behilflich zu sein, wobei Brittles ihm achtungsvoll mit der Kerze leuchtete. Nachdem dies erledigt war, führte man die beiden Kriminalpolizisten in ein Zimmer, wo sie die Mäntel ablegten. Der Mann, der an die Tür geklopft hatte, war von Mittelgröße und kräftig gebaut. Er konnte wohl fünfzig Jahre alt sein, trug einen Backenbart und hatte scharfe, durchdringende Augen. Der andere war ein rotköpfiger, hagerer Mann in Stulpenstiefeln mit einem häßlichen Gesicht, in dem eine aufgestülpte Nase saß.

„Sagen Sie Ihrer Herrschaft, daß Blathers und Duff gekommen wären“, begann der ältere, indem er sich ins Haar faßte und dann ein paar Handschellen auf den Tisch legte. „Ah! guten Abend, mein Herr, kann ich einige Worte mit Ihnen allein sprechen?“

Diese Anrede galt Herrn Losberne, der gerade mit den beiden Damen ins Zimmer trat. Dieser winkte Brittles, sich zu entfernen und schloß dann die Tür.

„Dies ist die Dame des Hauses sagte der Doktor mit einer Handbewegung gegen Frau Maylie.

Herr Blathers verbeugte sich, stellte, als man ihn zum Platznehmen aufforderte, seinen Hut auf den Fußboden, nahm einen Stuhl und winkte Duff, das gleiche zu tun. Dieser, anscheinend nicht gewöhnt, sich in guter Gesellschaft zu bewegen, ließ sich erst nach ziemlich vielen Kratzfüßen nieder und steckte dann den Knopf seines Stockes aus Verlegenheit in den Mund.

„Um gleich auf den Einbruchsversuch zu kommen, wie war der Hergang?“ fragte Blathers.

Herr Losberne wollte Zeit gewinnen und erzählte weitschweifig und umständlich die Geschichte. Die Detektive machten dazu pfiffige Gesichter und nickten sich von Zeit zu Zeit zu.

„Ich kann natürlich nichts Bestimmtes sagen, bevor ich den Tatort in Augenschein genommen habe“, sagte Blathers, „meiner unmaßgeblichen Meinung nach, scheint der Versuch nicht von einem Kaffer gemacht worden zu sein. Was hältst du von der Sache, Duff?“

„Ich bin ganz deiner Ansicht“, versetzte dieser.

„Um den Damen die Bedeutung des Wortes Kaffer klar zu machen, darf ich wohl annehmen, daß dieser Einbruchsversuch von keinem, der nicht zur Londoner Einbrecherzunft gehört, gemacht wurde?“ versetzte der Doktor lächelnd.

„Ganz recht, mein Herr“, sagte Blathers. „Ist dies alles, was Sie über den Vorfall zu berichten haben?“

„Ja, alles.“

„Was hat das nun für eine Bewandtnis mit dem Jungen, von dem die Dienerschaft spricht?“

„Gar keine“, entgegnete Herr Losborne. „Einer der bestürzten Diener hat es sich in den Kopf gesetzt, der Junge sei an dem Einbruch beteiligt gewesen. Das ist natürlich Unsinn, eine alberne Einbildung des Dieners.“

„Hm, so leicht darf man die Sache aber doch nicht nehmen“, bemerkte Duff.

„Sehr richtig“, meinte Blathers und nickte zustimmend mit dem Kopf. Er spielte mit den Handschellen, als wenn es ein paar Kastagnetten wären. „Wer ist der Junge? Was erzählt er von sich? Woher kommt er? Er ist doch nicht vom Himmel gefallen, nicht wahr?“

„Natürlich nicht“, versetzte der Doktor, den Damen einen unruhigen Blick zuwerfend. „Ich kenne seine ganze Geschichte – wir können ja nachher davon sprechen. Ich dachte, Sie wollten erst den Tatort besichtigen?“

„Allerdings“, erwiderte Blathers. „Das machen wir zuerst, und dann vernehmen wir die Dienstboten. So ist der gewöhnliche Geschäftsgang.“

Man brachte nun Lichter herbei, und die Herren Blathers und Duff, begleitet von dem Ortspolizisten, Giles, Brittles – kurz allen Anwesenden – begaben sich zu dem kleinen Fenster und sahen hinaus; dann ging man über den Rasenplatz und guckte durch das Fenster hinein. Darauf wurde der Fensterladen besichtigt und der Erdboden auf Fußspuren untersucht. Mit einer Heugabel stach man in die Büsche. Die Zuschauer folgten diesem Verfahren mit gespanntem Interesse; dann ging man wieder ins Haus, wo Herr Giles und Brittles ihre Aussagen machten. Nach Beendigung dieses Verhörs verließen Blathers und Duff das Zimmer und hielten eine lange Beratung ab, gegen die eine Besprechung großer Ärzte über einen schwierigen Krankheitsfall – was das Feierliche und Geheimnisvolle anbelangt – ein reines Kinderspiel war.

Unterdessen ging Losberne im anstoßenden Zimmer auf und ab, und Frau Maylie und Rosa zeigten auch ängstliche Mienen.

„Auf mein Wort“, sprach er nach einer Weile plötzlich stehenbleibend, „ich weiß wirklich nicht, was hier zu tun ist.“

„Gewiß wird eine wahrheitsgetreue Erzählung der Geschichte des armen Jungen genügen, um ihn bei den Kriminalbeamten zu entlasten“, meinte Rosa.

„Das bezweifle ich“, entgegnete der Doktor mit dem Kopfe schüttelnd. „Ich glaube nicht, daß ihm das, weder bei den Detektiven noch bei den höheren Polizeibeamten, zum Vorteil gereichen würde. Sie würden sagen, in jedem Fall ist er ein aus der Lehre entlaufener Bursche. Und außerdem ist seine Geschichte, vom Wahrscheinlichkeitsstandpunkt betrachtet, eine höchst zweifelhafte.“

„Sie schenken ihr doch aber Glauben?“ fiel Rosa hastig ein.

„Ja, das tue ich, so seltsam sie auch ist, vielleicht bin ich aber deshalb auch ein alter Esel“, erwiderte der Doktor. „Nichtsdestoweniger halte ich sie nicht für eine Geschichte, die einen erfahrenen Polizeibeamten zufriedenstellen kann.“

„Warum denn nicht?“ fragte Rosa.

„Aus dem einfachen Grunde, mein liebes Fräulein Rosa, weil für die Auffassung dieser Herren soviel böse Punkte darin vorkommen. Der Junge kann nur das, was gegen ihn, aber nicht das, was für ihn spricht, beweisen. Der Teufel hole die Gesellen, aber sie wollen stets das ‚Weshalb‘ und ‚Warum‘ wissen und glauben Sachen nicht, die nicht bewiesen sind. Er gesteht selbst, daß er einige Zeit mit Dieben zusammen gehaust hat, und daß er wegen Taschendiebstahls angeklagt vor dem Polizeirichter gestanden hat. Dann ist er gewaltsam aus dem Hause des Herrn, der ihn aufnahm, nach einem Ort entführt worden, den er nicht beschreiben kann, ja, von dessen Lage er nicht die geringste Ahnung hat. Er wird von Menschen, die ganz gewaltig auf ihn versessen zu sein scheinen, zwangsweise nach Chertsey gebracht und zum Zwecke der Plünderung eines Hauses durch ein Fenster gesteckt. Als er Lärm machen und etwas tun will, das seine Absichten in ein günstiges Licht stellen könnte, verrennt ihm ein verwünschter Hausmeister den Weg und schießt auf ihn. Grade als wäre alles darauf abgesehen, das zu verhindern, was ihm nützen könnte. Sehen Sie das nicht ein?“

„Doch“, sagte Rosa und mußte über des Doktors Aufregung lächeln. „Aber das beweist doch nicht, daß der Junge ein Verbrecher ist!“

„Natürlich nicht!“ erwiderte Herr Losberne etwas ironisch. „Der Herr segne den Scharfblick des weiblichen Geschlechts. Die Frauen sehen im Guten wie im Bösen immer nur die eine Seite einer Sache, und zwar immer die, welche sich ihnen zuerst gezeigt hat.“

Nachdem der gute Doktor diesen Erfahrungssatz von sich gegeben hatte, steckte er die Hände in die Taschen und nahm sein Hin- und Herlaufen im beschleunigten Zeitmaß wieder auf.

„Je mehr ich darüber nachdenke“, fuhr er nach einer Weile fort, „desto zahlreichere und größere Schwierigkeiten und Scherereien sehe ich voraus, wenn wir diesen Leuten die wahre Geschichte des Jungen erzählen. Ich bin überzeugt, daß sie sie nicht glauben werden; und selbst wenn man ihm am Ende nichts anhaben kann, so muß doch das ganze Untersuchungsverfahren mit dem damit verbundenen Schmutzaufrühren Ihren wohlwollenden Plan, den Jungen seiner elenden Lage zu entreißen, stark beeinträchtigen.“

„Ach, was ist da zu tun?“ rief Rosa. „Warum hat man nur nach der Kriminalpolizei geschickt?“

„Ich gäbe wer weiß was darum, wenn man das ungeschehen machen könnte“, sagte Frau Maylie.

„Das einzige, was wir tun können“, meinte der Doktor und setzte sich ergeben auf einen Stuhl, „ist, daß wir die Kerle durch Unverschämtheit zu verblüffen suchen. Da der Zweck ein guter ist, sind die Mittel geheiligt. Der Junge hat Fieber und ist nicht vernehmungsfähig; das ist ein Trost. Wir müssen diesen Umstand ausnutzen, hoffentlich gelingt’s – Herein!“

„Nun, mein Herr“, sagte Blathers, der jetzt mit seinem Kollegen ins Zimmer trat, aber bevor er zu sprechen begann, die Tür sorgfältig schloß, „das ist kein geschobenes Ding.“

„Zum Teufel, was meinen Sie mit geschobenem Ding?“ fragte der Doktor ungeduldig.

„Wir nennen das ein geschobenes Ding“, sagte der Polizist zu den Damen gewandt, als ob er sie um ihre Unwissenheit bemitleide, den Doktor aber aus demselben Grunde verachte, „wenn die Dienerschaft bei dem Einbruch beteiligt ist.“

„Wir hatten sie auch nicht in Verdacht“, sagte Frau Maylie.

„Schon möglich, gnädige Frau“, erwiderte Blathers, „das Personal hätte aber trotzdem die Hand mit im Spiel haben können. Es ist übrigens meisterhafte Arbeit, hier war sicher einer von der Londoner Einbrecherzunft am Werk!“

„Wirklich, prächtige Arbeit“, fügte Duff leise hinzu.

„Es waren zwei Einbrecher, die einen Jungen bei sich hatten, der durch das kleine Fenster mußte. Mehr läßt sich für den Augenblick nicht sagen. Wir möchten uns den Jungen oben doch einmal ansehen!“

„Darf ich den Herren zuerst etwas zu trinken anbieten?“ sagte der Doktor, und sein Gesicht glänzte vor Freude über seinen Einfall.

„Gewiß“, rief Rosa eifrig, „sie sollen im Augenblick bedient werden.“

„Wir nehmen dankend an, gnädiges Fräulein“, sagte Blathers und fuhr sich mit dem Rockärmel über den Mund. „Solche Verhöre machen die Kehle trocken. Bitte, keine Umstände unsertwegen, was gerade zur Hand ist.“

„Was wäre Ihnen am liebsten?“ fragte der Doktor, der jungen Dame zum Büfett folgend.

„Einen Tropfen Brandy, Herr, wenn es Ihnen gleich ist. Es war kalt auf dem Wege von London hierher, und ich finde immer, ein Gläschen Brandy wärmt das Herz so angenehm!“

Diese interessante Feststellung war an Frau Maylie gerichtet, die sie sehr freundlich aufnahm. Der Doktor schlüpfte inzwischen aus dem Zimmer.

„Ja, meine Damen“, sagte Blathers und hob das Glas hoch, „ich habe während meiner Dienstzeit eine ganze Anzahl solcher Fälle bearbeitet.“

„Zum Beispiel den Einbruch in Edmonton“, sagte Duff, dem Gedächtnisse seines Kollegen nachhelfend.

„Ja, das war ein ganz ähnlicher Fall, nicht wahr?“ meinte Herr Blathers. „Conkey Chickweed war der Täter!“

„Das hast du immer gesagt“, erwiderte Duff, „aber ich behaupte, es war die Familie Pet, und Conkey hatte daran keinen größeren Anteil als ich selber.“

„Ach geh“, entgegnete Blathers, „ich weiß das besser. Erinnerst du dich, daß damals auch Conkey sein Geld gestohlen wurde? Was das für ein Aufsehen machte! Mehr als der neuste Sensationsroman!“

„Wie war das?“ fragte Rosa, ängstlich besorgt, die unwillkommenen Gäste bei guter Laune zu erhalten.

„Das war ein Spitzbubenstreich, gnädiges Fräulein, auf den kaum irgendein anderer verfallen wäre“, antwortete Blathers. „Der Conkey Chickweed also hatte ein Wirtshaus, der Battlebrücke gegenüber, und einen Keller, wo viele junge Lords hinkamen, um den Hahnenkämpfen, Dachshetzen und dergleichen zuzuschauen. Er gehörte damals noch nicht zur Diebeszunft; da wurden ihm einmal mitten in der Nacht dreihundertsiebenundzwanzig Guineen, in einem Sacke befindlich, von einem großen Mann mit einem schwarzen Pflaster über dem Auge aus seiner Schlafstube gestohlen. Der Dieb, der sich unter dem Bette versteckt hatte, sprang nach der Tat aus dem Fenster. Aber Conkey war nicht weniger flink, durch das Geräusch geweckt, fuhr er schnell aus seinem Bett heraus, und schoß eine Kugel auf den Flüchtling ab; er brachte durch den Knall die ganze Nachbarschaft auf die Beine. Bei näherer Untersuchung ergab sich, daß Conkey den Dieb getroffen hatte, denn man konnte auf einer ziemlichen Strecke Blutspuren verfolgen, die sich schließlich verloren. Das Geld aber war weg, und Herr Chickweed machte Bankerott. Man eröffnete Subskriptionen für den armen Mann und ließ Sammellisten und, weiß der Henker, was noch alles für ihn herumgehen. Dieser lief mit gerauftem Haar wie ein Verrückter durch die Straßen, und man befürchtete, er würde sich ein Leid antun. Eines Tages kam er in fliegender Eile auf die Polizei und hatte eine geheime Unterredung mit dem Polizeirichter, der am Schluß derselben nach Jem Spyers klingelte und diesen, einen unserer tüchtigsten Detektive, beauftragte, Herrn Chickweed bei der Ergreifung des Diebes zu helfen. ‚Ich sah ihn gestern morgen an meinem Hause vorbeigehen‘, sagte Chickweed. ‚Warum haben Sie ihn nicht gleich am Kragen gepackt?‘ fragte Spyers. – ‚Ich war so bestürzt, daß man mir den Schädel mit einem Zahnstocher hätte einschlagen können. Wir werden ihn aber bestimmt erwischen, denn zwischen zehn und elf Uhr abends kam er wieder vorbei.‘ Spyers hatte dies kaum gehört, als er seine Reisetasche packte und mit Conkey fortging. Er setzte sich in Conkeys Wirtshaus hinter einen Fenstervorhang, den Hut auf dem Kopf, um jederzeit zur Verfolgung bereit zu sein. Plötzlich, in später Nacht, fing Chickweed zu schreien an: ‚Da ist er! Haltet den Dieb!‘ Jem Spyers stürzt hinaus und sieht Chickweed, in einem fort rufend, durch die Straßen rennen. Von allen Seiten eilen Leute herbei, und überall schallt der Ruf ‚Diebe!‘, wobei Chickweed am lautesten schreit. Spyers verliert ihn an einer Ecke eine Minute aus dem Gesicht – schießt herum – sieht eine kleine Gruppe – dringt hinein. ‚Welches ist der Dieb?‘ – ‚Verflucht‘, sagt Chickweed, ‚ich hab‘ ihn wieder verloren!'“

„Das war merkwürdig, aber da man keinen Dieb fand, so gingen sie wieder ins Wirtshaus zurück. Am nächsten Morgen saß Spyers wieder auf seinem Posten hinter dem Fenstervorhang und guckte sich nach einem großen Mann mit einem schwarzen Pflaster schier die Augen aus. Endlich konnte er sich nicht enthalten, sie für eine Minute zu schließen, und im Augenblick hörte er Chickweed brüllen: ‚Da ist er!‘ Er rannte abermals hinaus, Chickweed die halbe Straßenlänge voraus, und nach einem zweimal so langen Rennen als gestern hatte man den Dieb wieder aus dem Gesicht verloren. Dies wiederholte sich noch verschiedene Male, bis die eine Hälfte der Nachbarn meinte, Herr Chickweed sei vom Teufel bestohlen worden, der ihn außerdem noch nachträglich foppe, während die andere Hälfte sagte, der arme Herr Chickweed sei vor Kummer närrisch geworden.“

„Und was sagte Jem Spyers?“ fxagte der Doktor, der kurz nach Geschichtsanfang wieder ins Zimmer getreten war.

„Der sagte zuerst gar nichts“ fuhr Blathers fort, „horchte aber auf alles, ohne daß man es merkte. Ein deutlicher Beweis, daß er sein Geschäft verstand. Eines Morgens aber trat er an den Schenktisch, zog seine Schnupftabaksdose heraus und sagte: ‚Chickweed, ich hab’s heraus, wer diesen Diebstahl begangen hat.‘ – ‚Wirklich?‘ versetzte Chickweed, ‚ach, lieber Spyers, ich will zufrieden sterben, wenn ich an diesem Spitzbuben gerächt bin! Wo ist er?‘ – ‚Ach‘, sagte Spyers und bot ihm eine Prise an, ‚lassen Sie doch diese faulen Witze – Sie haben es selbst getan.‘ – Und so war’s auch, und er hatte ein schönes Stück Geld damit gemacht. Wäre er nicht so ängstlich bemüht gewesen, allen bösen Schein zu vermeiden, so wäre die Geschichte nie ans Licht gekommen!“ schloß Herr Blathers. Er setzte sein Glas auf den Tisch und spielte wieder mit den Handschellen.

„In der Tat, ein merkwürdiger Fall“, meinte der Doktor. „Wenn es Ihnen recht ist, können wir jetzt zu dem Jungen hinaufgehen.“

Herr Giles leuchtete den beiden Beamten und Herrn Losberne nach Olivers Zimmer.

Dieser hatte geschlafen, aber er sah kränker und fiebriger aus als vorher. Er richtete sich mit des Doktors Hilfe im Bette auf, blickte verständnislos auf die Fremden und schien keine Ahnung davon zu haben, wo er sich befand.

„Das“, sagte Herr Losberne lebhaft, aber mit leiser Stimme, „ist der Junge, der auf eines Nachbarn Grundstück durch Selbstschuß verwundet wurde und heute morgen hier um Hilfe anklopfte. Er wurde dann sogleich von diesem schlauen Herrn da, der die Kerze in der Hand hat, ergriffen und in einer Weise mißhandelt, die lebensgefährlich genannt zu werden verdient. Ich sage das als Sachverständiger.“

Herr Giles blickte verdutzt auf die Polizeibeamten und den Doktor.

„Ich nehme an, Sie wollen das nicht ableugnen“, sagte der Doktor und legte Oliver wieder in die Kissen zurück.

„Es geschah alles in der besten Absicht“, antwortete Giles. Gewiß – ich dachte, es wäre der Junge, sonst hätte ich mich nicht in der Weise an ihm vergriffen. Icb bin doch kein brutaler Kerl, Herr Doktor.“

„Sie dachten, es wäre wessen Junge?“ fragte Blathers.

„Des Einbrechers Junge“, antwortete Giles. „Sie hatten einen Jungen bei sich.“

„Glauben Sie das noch?“

„Was, glauben?“ fragte Giles mit leerem Blick.

„Daß es derselbe Junge ist, den die Einbrecher bei sich hatten, Idiot!“ sagte Blathers ungeduldig.

„Ich weiß nicht, weiß es wirklich nicht“, sprach Giles mit Jammermiene. „Drauf schwören, daß er es ist, kann ich nicht.“

„Nun, wofür halten Sie ihn denn?“

„Ich weiß nicht, wofür ich ihn halten soll. Ich glaube nicht, daß es der Junge ist, ich möchte sagen, ich weiß es fast gewiß, daß er es nicht sein kann. Sie wissen, es ist nicht möglich.“

„Hat der Mann getrunken?“ fragte Blathers den Doktor.

„Sie sind wirklich ein richtiger Konfusionsrat“, sagte Duff zu Giles mit verächtlicher Miene.

Der Doktor hatte währenddessen Olivers Puls gefühlt, er bemerkte nun, daß, wenn die Herren noch Zweifel hätten, so möchten sie so gut sein und in das anstoßende Zimmer gehen und dort Brittles verhören.

Die beiden Beamten begaben sich nun in das nächste Gemach und vernahmen Brittles. Dieser verwickelte sich in so viele Widersprüche, daß daraus nur seine eigene Unklatheit deutlich wurde. Er erklärte, daß er den Jungen des Einbrechers, wenn man ihm denselben vorführen würde, nicht wiedererkennen würde. Er habe Oliver nur für diesen Jungen gehalten, weil Herr Giles sagte, er wäre es. In der Küche habe eben Herr Giles aber gesagt, er fürchtete, in der Sache ein wenig voreilig gewesen zu sein.

Es wurde nun die Frage aufgeworfen, ob Herr Giles überhaupt jemand getroffen habe. Als man die zweite Pistole untersuchte, stellte sich heraus, daß sie nur mit Pulver geladen war. Diese Entdeckung machte auf alle einen tiefen Eindruck – nur auf den Doktor nicht, der einige Minuten vorher die Kugel herausgezogen hatte. Nun überließen die Kriminalbeamten, ohne sich weiter um Oliver zu kümmern, das Haus der Obhut des Ortspolizisten und nahmen ihr Nachtlager in der Stadt. Am nächsten Morgen wollten sie wiederkommen.

Des anderen Tages verbreitete sich das Gerücht, daß sich im Gefängnis von Kingston zwei Männer und ein Junge befänden, die in der Nacht unter verdächtigen Umständen aufgegriffen worden seien. Blathers und Duff begaben sich sofort dorthin. Eine genaue Untersuchung stellte fest, daß die Männer schlafend in einer Scheune gefunden waren. Obgleich dies nun ein „großes“ Verbrechen war, konnte es doch nur mit Gefängnis bestraft werden. In Ermangelung aller weiteren Zeugnisse vermochte man es aber nicht als einen genügenden Beweis zu betrachten, daß die Schläfer einen mit Gewalttat verbundenen Einbruch begangen hätten und damit der Todesstrafe verfallen wären. Die beiden Detektive kehrten also ebenso klug zurück, wie sie hingegangen waren.

Um uns kurz zu fassen – nach einigem Hin und Her ließ sich der benachbarte Friedensrichter leicht bewegen, Frau Maylies und Herrn Losbernes Bürgschaft dafür anzunehmen, daß Oliver, falls verlangt, vor Gericht erscheine. Blathers und Duff, mit einigen Guineen von Frau Maylie belohnt, kehrten mit grundverschiedenen Ansichten von der Sache nach London zurück. Der letztere neigte nach reiflicher Erwägung aller Umstände zu dem Glauben, daß der Einbruch von der Familie Pet verübt sei, während ersterer zu dem Schlusse kam, daß einzig und allein der große Herr Conkey Chickweed die Tat ausgeführt haben könnte.

Inzwischen erholte sich Oliver allmählich unter Frau Maylies, Rosas und des guten Doktors Pflege.

Von dem glücklichen Leben, das Oliver bei seinen gütigen Beschützerinnen zu führen anfing

Oliver hatte viel Schmerzen auszustehen. Die Wunde tat arg weh, und dazu gesellte sich noch ein heftiges Fieber, das viele Wochen anhielt und ihn sehr herunterbrachte. Endlich fing es an mit ihm besser zu werden, und er konnte unter Tränen seinen Dank abstatten und sagen, wie tief er die Güte der Damen empfinde. Er wünschte und hoffte, ihnen nach seiner Genesung Beweise seiner Dankbarkeit geben zu können. Er sehne sich danach, ihnen irgendwie dienen zu können, damit sie sähen, daß sie ihre Güte nicht an einen Unwürdigen verschwendet hätten.

„Liebes Kind“, sagte Rosa, „du wirst manche Gelegenheit dazu haben. Wir gehen aufs Land, und meine Tante will dich mitnehmen. Die ländliche Ruhe und die reine Luft werden dich in kurzer Zeit wieder ganz gesund machen, dann wollen wir dich auf hunderterlei Art beschäftigen, sobald du der Mühe gewachsen bist.“

„Mühe?“ rief Oliver. „Ach, liebes Fräulein, wenn ich nur für Sie arbeiten oder Ihnen eine Freude machen könnte, indem ich Ihre Blumen begösse, Ihre Vögel pflegte oder Gänge für Sie machte. Ich würde wer weiß was darum geben!“

„Gar nichts sollst du darum geben“, versetzte Rosa lächelnd, „denn wie ich schon vorhin sagte, wirst du dich auf vielerlei Art nützlich machen können. Wenn du nur die Hälfte davon hältst, was du jetzt versprichst, so wirst du mich sehr glücklich machen.“

„Glücklich?“ rief Oliver aus. „Wie lieb sind Sie!“

„Du wirst mich glücklicher machen, als ich dir sagen kann“, entgegnete die junge Dame. „Schon der Gedanke, daß meine liebe Tante das Werkzeug Gottes gewesen ist, jemand aus einer so unglücklichen Lage, wie du sie beschrieben hast, zu erretten, gewährt mir eine unaussprechliche Freude. Aber die Überzeugung, daß ihr Schützling in aufrichtigem Danke ihr zugetan ist, macht mich überglücklich. Verstehst du mich?“ fragte sie, Olivers nachdenkliches Gesicht betrachtend.

„O ja, Fräulein“, antwortete Oliver hastig. „Aber es fiel mir eben ein, daß ich jetzt schon undankbar bin.“

„Gegen wen?“ fragte Rosa.

„Gegen den gütigen Herrn und die liebe alte Dame, die sich meiner so herzlich angenommen haben. Ich weiß bestimmt, sie würden sich freuen, wenn sie erführen, daß ich hier so glücklich bin.“

„Das glaube ich auch, und Herr Losberne hat sich bereits vorgenommen, mit dir dort einen Besuch zu machen, sobald es dein Zustand erlaubt.“

„Wirklich, Fräulein?“ rief Oliver, und sein Gesicht strahlte. „Ach, ich wüßte mich vor Freude nicht zu lassen, wenn ich die lieben Menschen wiedersehen würde.“

Nach ziemlich kurzer Zeit war Oliver so weit wiederhergestellt“ daß er die kleine Reise zu Herrn Brownlow wagen durfte. In einem kleinen Wagen der Frau Maylie fuhr er zusammen mit Herrn Losberne nach Pentonville. Als sie an die Chertseybrücke kamen, erblaßte Oliver und stieß einen lauten Schrei aus.

„Was ist los?“ fragte der Doktor mit seiner gewöhnlichen Lebhaftigkeit. „Siehst du etwas? Hörst du etwas? Fühlst du etwas – wie?“

„Dort, Herr Doktor, jenes Haus!“

„Ja – was ist damit? Halt, Kutscher! – Was ist mit dem Hause, Junge, he?“

„Die Diebe – in jenes Haus haben sie mich mitgenommen“, flüsterte Oliver.

„Donnerwetter! Halt, Kutscher, ich will aussteigen!“

Aber ehe noch der Kutscher halten konnte, war der Doktor schon aus dem Wagen gesprungen. Er lief auf das Haus zu und begann wie toll an die Tür zu klopfen.

„Hallo, was soll der Lärm?“ schrie ein kleiner, buckliger Mann und öffnete die Tür so plötzlich, daß Losberne beinahe ins Haus gefallen wäre.

„Was das soll?“ brüllte er und packte das Männchen am Kragen. „Gar viel. Es ist von Raub und Einbruch die Rede.“

„Und auch bald von Mord“, versetzte der Bucklige kaltblütig, „wenn Sie mich nicht sofort loslassen, verstanden?“

„Ich verstehe sehr gut“, entgegnete der Doktor und schüttelte ihn kräftig. „Wo ist – Donnerwetter, wie heißt doch gleich der verdammte Spitzbube – Sikes – richtig. – Wo ist Sikes, Halunke?“

Der Bucklige starrte ihn entrüstet und wütend an, entwand sich dann durch eine geschickte Bewegung den Händen des Doktors und zog sich in das Haus zurück, schreckliche Flüche ausstoßend. Ehe er jedoch die Tür zumachen konnte, war Herr Losberne, ohne ein Wort zu sprechen, ins Zimmer eingedrungen. Er sah sich schnell um, aber nichts entsprach Olivers Beschreibung vom Hause.

„Nun“, sagte das Männchen, „was soll das bedeuten, daß Sie so gewaltsam in mein Haus eindringen? Wollen Sie mich berauben – oder ermorden?“

„Hast du jemals gehört, daß man in dieser Absicht im Wagen vorgefahren kommt und sich Zeugen mitbringt, du alter Idiot?“ brüllte der nervöse Doktor.

„Zum Teufel, was wollen Sie denn sonst?“ fragte der Bucklige heftig. „Wenn Sie sich nicht augenblicklich ‚rausscheren, gibt’s ein Unglück.“

„Ich werde gehen, wenn es mir paßt“, sagte Losberne und guckte in ein anderes Zimmer. Es hatte aber auch keine Ähnlichkeit mit dem von Oliver beschriebenen. „Ich werde schon einmal dahinterkommen, Freundchen!“

„So – wirklich?“ höhnte der bucklige Krüppel. „Ich bin immer hier zu finden, wenn Sie mich suchen. Ich habe in diesem Hause fünfundzwanzig Jahre lang, und von den Leuten als Verrückter gemieden, gelebt. Ich laß mich von Ihnen nicht schikanieren. Dafür sollen Sie mir büßen.“ Er schrie und brüllte in höchster Wut wie ein Wahnsinniger.

„Dumme Sache“, murmelte der Doktor, „der Junge muß sich getäuscht haben. – Hier – steckt das ein und haltet’s Maul.“ Er warf dem Buckligen ein Geldstück zu und ging zum Wagen zurück.

Das kleine Männchen folgte ihm unter gräßlichen Flüchen und Verwünschungen an den Wagenschlag und warf auf Oliver voller Haß und Wut einen Blick, der den armen Jungen im Wachen und Träumen noch monatelang verfolgte. Das Herumtoben hörte gar nicht auf, und noch aus der Entfernung konnte man das kleine Scheusal schreien hören und sich die Haare raufen sehen.

„Ich bin ein Esel“, sagte der Doktor nach einer langen Pause. „Wußtest du das schon vorher, Oliver“

„Nein, Herr Doktor!“

„Dann merke es dir für ein andermal.“

„Ein Esel!“ wiederholte Herr Losberne nach einer weiteren Pause. „Selbst wenn es das richtige Haus war und die Verbrecher drin, was hätte ich als einzelner machen können? Und hätte ich auch ausreichenden Beistand gehabt, hätte es mir doch nichts genützt. Im Gegenteil, die ganze Geschichte, welche ich vertuschen wollte, wäre ans Tageslicht gekommen. Wäre mir aber ganz recht geschehen, ich bringe mich immer von einer Patsche in die andere durch mein unbeherrschtes Wesen. So hätte es nur als Warnung dienen können.“

Der treffliche Doktor hatte sein ganzes Leben lang nie anders als nach den Eingebungen des Augenblicks gehandelt. Es gereichte aber seinem Herzen, aus dem sie kamen, nicht zur Unehre, daß er sich dadurch die Liebe und Achtung aller derjenigen erwarb, die ihn kannten. Um die Wahrheit zu gestehen, er war darüber ärgerlich, daß es ihm bei dieser Gelegenheit nicht gelungen war, einen überzeugenden Beweis für die Richtigkeit von Olivers Erzählungen zu erhalten. Doch die Verstimmung währte nicht lange, und da Olivers Antworten auf seine Fragen klar und bestimmt gegeben wurden und den früheren auch nicht widersprachen, so nahm er sich vor, ihnen in Zukunft vollen Glauben zu schenken.

Da Oliver den Namen der Straße kannte, in der Herr Brownlow wohnte, so bedurfte es keiner weiteren Nachfrage. Als die Kutsche um die Ecke bog, und Oliver das Haus sah, schlug sein Herz zum Zerspringen.

„Nun, wo ist’s?“ fragte Herr Losberne.

„Dort, das weiße Gebäude“, erwiderte der Junge, hastig aus dem Fenster zeigend. „Ach, lassen Sie schnell fahren, es ist mir, als müßte ich vergehen. Ich zittere am ganzen Leibe.“

„Beruhige dich, Junge“, sagte der Doktor und klopfte Oliver beschwichtigend auf die Schultern. „Gleich bist du da, und sie werden mächtig erfreut sein, dich gesund und munter wiederzusehen.“

„Ach, das hoffe ich auch. Sie waren so gut, so furchtbar gut zu mir.“

Die Kutsche rollte weiter. Sie hielt nun. – Nein, das war nicht das rechte Haus – das nächste. Man fuhr weiter und machte abermals halt. Oliver sah aus dem Fenster, und Tränen der Freude rollten ihm über die Backen.

Aber ach, das Haus war leer. Am Fenster klebte ein Zettel mit der Aufschrift. Zu vermieten!

„Wir wollen im nächsten Haus fragen“, rief der Doktor, Oliver am Arm nehmend. – „Können Sie uns nicht sagen, was aus Herrn Brownlow geworden ist, der nebenan gewohnt hat?“

Das Dienstmädchen wußte es nicht, wollte aber fragen gehen. Sie kam schnell wieder zurück und sagte, Herr Brownlow hätte alle seine Besitzungen verkauft und wäre vor sechs Wochen nach Westindien gegangen. Oliver rang die Hände und taumelte zurück.

„Hat er seine Hausdame auch mitgenommen?“ fragte Herr Losberne nach kurzer Pause.

„Ja“, antwortete das Mädchen. „Der alte Herr, die Hausdame und ein Freund von Herrn Brownlow – alle reisten miteinander.“

„Also wieder nach Hause“, rief der Doktor dem Kutscher zu. „Die Pferde können Sie füttern, wenn wir dieses verfluchte London erst mal im Rücken haben!“

„Wollen wir nicht zu dem Buchhändler, ich kenne den Weg. Besuchen Sie ihn doch“, bat Oliver.

„Lieber Junge, wir haben heute genug Enttäuschungen erlebt“, sagte der Doktor. „Für uns beide gerade hinreichend. Wenn wir zu dem Buchhändler führen, würden wir sicher hören, er sei tot oder weggelaufen oder hätte sein Haus angezündet. Nein, nein wir fahren nach Hause.“

Dieses Mißgeschick verursachte Oliver inmitten seines Glückes vielen Kummer. Hatte es ihm doch während seiner Krankheit manche frohe Stunde bereitet, wenn er sich ausmalte, wie sich Herr Brownlow und Frau Bedwin freuen würden, ihn wiederzusehen. Auch hatte die Hoffnung, sich ihnen gegenüber rechtfertigen zu können, ihn in seinen neuen ihm auferlegten Prüfungen aufrecht erhalten. Er erlag fast dem Gedanken, daß sie so weit fortgezogen seien mit dem Glauben, er wäre ein Betrüger und Dieb – einem Glauben, den ihnen zu nehmen, er vielleicht bis zu seinem Tode nicht imstande war.

Das Benehmen seiner Wohltäter gegen ihn blieb unverändert freundlich. Als nach vierzehn Tagen schönes, warmes Wetter einzutreten begann, und Sträucher und Bäume sich in frisches Grün kleideten, traf man Anstalten, die Villa in Chertsey auf einige Monate zu verlassen. Das Silberzeug, welches die Habgier des Juden so erregt hatte, wurde der Bank in Verwahrung gegeben, und die Bewachung des Hauses Giles und einem anderen Diener anvertraut. Dann reisten die Damen aufs Land und nahmen Oliver mit.

Der neue Aufenthalt unserer Familie war ein ungemein liebliches Fleckchen Erde, und für Oliver, der bisher seine Tage fast immer in dumpfigen Räumen zugebracht hatte, schien ein neues Leben zu erblühen. Rosen und Geißblatt umrankten die Wände des Häuschens. Efeu kroch um die Stämme der Bäume, und die Blumen des Gartens erfüllten die Luft mit ihrem Duft. In der Nähe befand sich ein kleiner Gottesacker, unter dessen niedrigen Rasenhügeln die alten Leute des Dorfes ihren letzten Schlaf schliefen. Oliver machte hierher oft seinen Spaziergang, setzte sich manchmal, wenn er des ärmlichen Grabes seiner Mutter gedachte, an einem der Hügel nieder und schaffte seinem Herzen durch Tränen Erleichterung.

Es war eine glückliche Zeit. Froh und heiter entschwanden ihm die Tage, und die Nächte brachten ihm nur freundliche Träume. Alle Morgen besuchte er einen in der Nähe der kleinen Kirche wohnenden alten Herrn im Silberhaar, der ihn besser lesen und schreiben lehrte und sich so große Mühe mit ihm gab, daß Oliver alles aufbot, um ihm recht viel Freude zu machen. Dann ging er mit Frau Maylie oder Rosa spazieren, oder saß neben ihnen im Garten und hörte aufmerksam zu, wenn die junge Dame vorlas. Nachher hatte er für den nächsten Tag seine Aufgaben zu lernen, mit denen er in einem kleinen Gartenzimmer eifrig beschäftigt war, bis der Abend herankam, und die Damen ihn abermals auf ihre Spaziergänge mitnahmen. Wenn es ganz dunkel geworden war, und sie nach Hause zurückkehrten, setzte sich Rosa gewöhnlich ans Klavier und spielte irgendeine sanfte Weise oder sang mit lieblicher Stimme ein altes Lied, das die Tante zu hören wünschte.

Wenn dann erst der Sonntag kam – wie ganz anders wurde der zugebracht, als er ihn bisher zu verleben gewohnt war. Morgens war er in der Kirche, wo die grünen Blätter um die Fenster rankten. Dann kamen wieder Spaziergänge, und abends las Oliver einige Kapitel aus der Bibel.

Morgens ganz früh war Oliver auf den Beinen, streifte durch die Wiesen und Felder und brachte mächtige Sträuße wildwachsender Blumen nach Hause. Er schmückte damit den Frühstückstisch.

So entschwanden drei Monate, die für Oliver wahre Tage der Seligkeit waren.

In dem das Glück Olivers und seiner Freunde plötzlich einen argen Stoß erleidet

Der Frühling ging schnell dahin, und der Sommer kam. Das ruhige Leben in dem kleinen Häuschen ging unverändert fort, und Frohsinn und Heiterkeit herrschten dort. Oliver war schon lange gesund und kräftig geworden, aber er blieb stets der sanfte, stille, liebevolle Junge, der er in den Tagen war, als er noch der Pflege und Wartung bedurfte.

An einem schönen Sommerabend hatten die Damen einen ungewöhnlich langen Spaziergang gemacht, denn der Tag war sehr heiß gewesen, und der Abendwind hatte etwas Kühlung gebracht. Da man im heiteren Gespräch den Ausflug länger als sonst ausgedehnt hatte, fühlte sich Frau Maylie ziemlich ermüdet, und man kehrte nun langsam nach Hause zurück. Rosa nahm ihren Strohhut ab, setzte sich wie gewöhnlich ans Klavier, und nach einem langen Vorspiel ging sie in eine gehaltene, feierliche Melodie über, während deren man sie auf einmal laut schluchzen hörte.

„Was ist dir, liebes Kind?“ fragte Frau Maylie.

Rosa erwiderte nichts, sondern spielte etwas schneller, als ob die Frage sie aus einem schmerzlichen Gedankengang geweckt hätte.

„Rosa, Liebling!“ rief die alte Dame und eilte zu dem jungen Mädchen, sie umarmend, „was ist mit dir? In Tränen gebadet? Was drückt dich?“

„Nichts, Tante, nichts“, versetzte Rosa. „Ich weiß nicht, was es ist, kann es nicht beschreiben, aber –“

„Du bist doch nicht krank, Liebling?“ unterbrach sie Frau Maylie.

„Ach nein, ich glaube nicht“, erwiderte das junge Mädchen, zusammenschauernd, als wenn ein Fieber sie schüttelte. „Wenigstens wird mir bald wieder besser sein. Bitte schließe das Fenster.“

Oliver beeilte sich, ihrem Wunsche nachzukommen. Das junge Mädchen suchte nun ihre Heiterkeit wiederzugewinnen und fing an, eine lustige Weise zu spielen. Die Finger versagten ihr aber bald den Dienst und fielen kraftlos auf die Tasten. Sie bedeckte ihr Gesicht mit den Händen, sank aufs Sofa und ließ ihren jetzt hervorquellenden Tränen freien Lauf.

„Mein Kind“, sagte Frau Maylie und schloß sie in die Arme, „so habe ich dich noch nie gesehen!“

„Ich wollte Sie nicht gern in Unruhe versetzen“, sagte Rosa, „aber ich konnte die Tränen nicht aufhalten, soviel Mühe ich mir auch gab. Ich glaube jetzt selbst, Tante, ich bin krank.“

Sie war es auch tatsächlich, denn als Licht hereingebracht wurde, bemerkte man, daß sich ihre gesunde Gesichtsfarbe in der kurzen Zeit seit ihrer Heimkehr in Marmorblässe verwandelt hatte.

Oliver blickte die alte Dame ängstlich an, und sein Herz war beklommen. Als er aber sah, daß die Tante ihre Besorgnis zu verbergen suchte, so bemühte er sich, ein gleiches zu tun. Rosa erklärte nun zu Bett gehen zu wollen und entfernte sich mit der Versicherung, daß sie sich schon besser fühle und hoffe, morgen wieder ganz gesund zu erwachen.

„Fräulein Rosa wird doch nicht ernstlich krank sein, gnädige Frau“, sagte Oliver, als Frau Maylie, die Rosa beigleitet hatte, wieder ins Zimmer trat.

Die alte Dame winkte ihm zu schweigen, setzte sich in eine dunkle Ecke des Raumes und blieb selbst eine Weile stumm. Endlich begann sie mit bebender Stimme:

„Ich hoffe nicht, Oliver. Ich bin mit ihr verschiedene Jahre sehr glücklich gewesen – zu glücklich vielleicht, und es könnte Zeit sein, daß mich wieder ein Unglück trifft. Lieber Gott, bloß das nicht.“

„Was für ein Unglück, gnädige Frau?“

„Das Unglück, das liebe Mädchen zu verlieren“, erwiderte die Dame mit tonloser Stimme. „Sie war so lange mein Trost und mein Glück.“

„Das wolle Gott verhüten!“ rief Oliver hastig.

„Ich sage dazu Amen“, sprach darauf die alte Dame und faltete fromm die Hände.

„Ach, ich glaube, wir haben so etwas Schreckliches nicht zu befürchten, vor zwei Stunden war sie ja noch ganz munter.“

„Aber jetzt ist sie sehr krank, und ich habe Angst, daß es noch schlimmer werden wird. Meine liebe, liebe Rosa, was soll ich anfangen ohne dich!“

Die alte Dame erlag fast ihren trostlosen Vorstellungen und gab sich so sehr ihrem Kummer hin, daß Oliver, seine eigene Herzensangst unterdrückend, sie bat, um des lieben Fräuleins willen gefaßter zu sein.

„Bedenken Sie doch, gnädige Frau“, sagte Oliver und suchte vergebens seine Tränen zurückzudrängen, „wie jung und gut sie ist. Ich bin überzeugt, daß sie um Ihretwillen, die Sie selbst so gut sind, und um unser allerl willen, die sie so glücklich macht, nicht sterben wird. Unmöglich kann Gott sie jetzt schon hinübergehen lassen, so grausam ist er nicht!“

„Still, du denkst und sprichst wie ein Kind“, sagte Frau Maylie und streichelte Oliver das Gesicht. „Aber du hast mir eben eine Lehre gegeben, denn ich hatte meine Pflicht vergessen. Ich hoffe jedoch Vergebung zu finden, denn ich bin alt und habe genug Krankheiten und Tod gesehen, um den Schmerz zu kennen, die sie den Angehörigen zufügen, denen sie das Liebste rauben!“

Es folgte eine bange Nacht, und als der Morgen graute, zeigte es sich nur zu sehr, wie recht Frau Maylie mit ihrer Voraussagung hatte. Rosa lag im ersten Stadium eines heftigen und gefährlichen Fiebers.

„Wir müssen uns tummeln, Oliver, und uns keinem nutzlosen Kummer hingeben“, sagte Frau Maylie, dem Jungen mit tapferer Miene ins Gesicht guckend. „Dieser Brief muß so schnell wie möglich an Herrn Losberne befördert werden. Am besten durch reitenden Boten. Du sorgst dafür, daß es geschieht. Und dann ist hier noch ein anderes Schreiben“, fuhr Frau Maylie nach kurzem Besinnen fort, „ich weiß aber nicht, ob ich es jetzt schon absenden soll. Ich möchte es nur abgehen lassen, wenn das Schlimmste zu befürchten wäre.“

„Soll es auch nach Chertsey, gnädige Frau?“ fragte Oliver und streckte die Hand danach aus.

„Nein“, erwiderte die Dame, indem sie ihn mechanisch hinreichte.

Oliver las die Adresse: Herrn Harry Maylie, in dem Hause eines Lords auf dem Lande, dessen Namen ihm fremd war.

„Soll er abgehen, gnädige Frau?“ fragte Oliver.

„Nein, ich will bis morgen warten.“ Mit diesen Worten gab Frau Maylie Oliver ihre Börse und dieser eilte fort, um den Brief an Herrn Losberne auf die Post zu bringen. Er jagte über die Felder und erreichte bald den Marktplatz des kleinen Fleckens. Vor dem Gasthof mit Namen „Der Georg“ redete Oliver einen Postillion an, der auf einer Bank dahindöste. Er wies ihn an den Wirt, der an einem Brunnen beim Stall lehnte und einen fleißigen Gebrauch von einem silbernen Zahnstocher machte. Dieser Herr schritt bedächtig nach seinem Kontor, um die Posttaxe auszurechnen, was ziemlich lange dauerte. Als dies geschehen und die Bezahlung geleistet war, mußte der Reitknecht sich anziehen und das Pferd satteln. Dadurch vergingen wieder zehn Minuten. Oliver wurde ungeduldig, er wäre am liebsten aufs Pferd gesprungen und selbst mit dem Briefe weggeritten. Endlich war alles bereit, und der Bote gab dem Gaul die Sporen und jagte davon.

Es ist schon etwas, zu wissen, daß keine Zeit verloren gegangen ist, wenn man nach Hilfe geschickt hat. Oliver eilte daher mit erleichtertem Herzen über den Hof und wollte gerade durch den Torweg gehen, als er gegen einen großen Mann rannte, der in einen Mantel gehüllt aus dem Gasthaus trat.

„Donnerwetter, was ist das?“ schrie dieser und prallte zurück.

„Verzeihung, ich wollte schnell nach Hause und habe Sie nicht kommen sehen.“

„Tjod und Teufel!“ brummte der Mann vor sich hin und stierte Oliver mit seinen großen schwarzen Augen an. „Wer hätte das gedacht! Selbst, wenn man ihn zu Staub mahlen würde, stünde er aus seinem Felsengrabe wieder auf und käme mir in die Quere.“

„Es tut mir leid“, stammelte Oliver, betroffen von dem wilden Blick des Mannes. „Es ist Ihnen doch nichts passiert?“

„Krepiere!“ zischte der Fremde wütend durch die zusammengebissenen Zähne. „Hätte ich nur den Mut gehabt, das einzige Wort auszusprechen, so wäre ich ihn in einer Nacht losgeworden. Fluch auf dein Haupt und die Pest in deinen Leib, du Teufelsbraten. Was hast du hier zu schaffen?“

Der Unbekannte drohte mit der Faust, als er diese unzusammenhängenden Worte sprach. Wie er sich jedoch auf Oliver stürzen wollte, um ihn zu schlagen, fiel er plötzlich mit Krämpfen auf die Erde, und dicker Schaum trat ihm auf die Lippen.

Oliver eilte ins Haus, um Hilfe für den Wahnsinnigen herbeizuholen, denn dafür hielt er ihn. Als er ihn in guter Obhut wußte, verlor er keine Zeit und begann mit großer Hast nach Hause zu rennen, dabei nicht ohne Bangigkeit an das merkwürdige Benehmen des Fremden zurückdenkend.

Mit Rosa Maylie war es schlimmer geworden, das Fieber hatte einen hohen Grad erreicht, und sie phantasierte. Ein im Dorfe wohnender Mediziner, der nicht von ihrem Bette wich, hatte Frau Maylie beiseite genommen und ihr erklärt, daß es ein schwerer Fall wäre. Ein Wunder würde es sein, wenn sie wieder aufkäme.

Wie oft sprang in der Nacht Oliver aus dem Bette, um ängstlich und besorgt an der Zimmertür der Kranken zu horchen. Wie heiß und innig betete er für das Leben und die Gesundheit des edlen Midchens.

Der Morgen kam, und das kleine Landhaus war still und öde. Man sprach nur im Flüsterton. Losterne langte erst spät in der Nacht an.

„Es ist furchtbar traurig“, sagte der Doktor, indem er sein Gesicht abwandte, „so jung – von allen geliebt – und so wenig Hoffnung.“

Am nächsten Morgen strahlte die Sonne so herrlich, als ob sie keinen Schmerz zu bescheinen hätte. Oliver schlich nach dem Gottesacker, setzte sich auf einen Grabhügel und weinte bittere Tränen um Rosa. Seine traurigen Gedanken unterbrach das Läuten der Kirchenglocke. Sie rief zu einem Leichenbegängnis. Eine Gruppe Leidtragender trat durch das Friedhofstor – mit weißen Bändern geschmückt, denn es sollte ein Jüngling begraben werden. Sie standen mit entblößten Häuptern um das Grab und weinten. Aber die Sonne schien heiter vom Himmel, und die Vögel sangen lustig in den Zweigen.

Oliver kehrte heim, und als er zu Hause anlangte, saß Frau Maylie in dem kleinen Wohnzimmer. Sein Mut sank, als er sie sah, denn sie hatte das Krankenlager ihrer Nichte nie verlassen. Er erfuhr, daß Rosa in einen tiefen Schlaf verfallen sei, aus dem sie entweder zum Leben oder zum letzten Abschied erwachen würde.

Sie saßen stundenlang, ohne zu sprechen, in Erwartung beieinander und rührten keine Speisen an. Schließlich erfaßten ihre lauschenden Ohren das Geräusch näher kommender Tritte und sie eilten beide zugleich an die Tür, als Herr Losberne eintrat.

„Wie geht es Rosa?“ fragte Frau Maylie. „Schnell, sagen Sie es mir! Ich kann alles, nur nicht diese peinvolle Ungewißheit vertragen! Sprechen Sie, reden Sie, um Himmels willen!“

„Fassen Sie sich“, sagte der Doktor, sie stützend. „Ich bitte, bleiben Sie ruhig, liebe, gnädige Frau!“

„um Gottes Willen, lassen Sie mich! Mein armes Kind! Sie ist tot! Sie liegt im Sterben!“

„Nein!“ sagte der Doktor bewegt. „Da ER gütig und barmherzig ist, wird sie leben, um uns noch viele Jahre zu beglücken.“

Die alte Dame fiel auf die Knie und versuchte, ihre Hände zu falten. Die Willenskraft aber, die sie so lange aufrecht erhalten hatte, versagte mit dem ersten Dankgebet, das sie zum Himmel sandte, und sie sank ohnmächtig in die Arme des herbeieilenden Doktors.

Enthält einige einleitende Bemerkungen über einen jungen Herrn, der jetzt auf der Bildfläche erscheint, und ein neues Abenteuer, das Oliver erlebt

Es war fast des Glückes zuviel, um ertragen werden zu können. Oliver war durch diese unerwartete Nachricht ganz betäubt. Er vermochte weder zu weinen, noch zu sprechen. Ein langer Spaziergang in der weichen Abendluft, auf dem er reichlich Tränen vergoß, brachte ihm Erleichtemng. Jetzt erst schien er auf einmal zum vollen Bewußtsein der glücklichen Wendung gekommen zu sein, und seine Brust fühlte sich von einem Alp befreit.

Die Nacht war bereits hereingebrochen, als er nach Hause ging, beladen mit Blumen, die er mit besonderer Sorgfalt für die Kranke gepflückt hatte. Plötzlich hörte er hinter sich eine Postkutsche in rasender Fahrt herankommen. Als der Wagen an ihm vorbeijagte, konnte Oliver im Innern einen Mann mit weißer Nachtmütze erkennen, dessen Gesicht ihm bekannt vorkam. Im nächsten Augenblick fuhr die Nachtmütze durch das Fenster heraus und befahl dem Postillon mit mächtiger Stimme haltzumachen. Als die Pferde standen, kam der Kopf mit der Nachtmütze wieder zum Vorschein, und eine bekannte Stimme rief Oliver an.

„Hallo, wie steht’s? Was macht Fräulein Rosa?“

„Ach, Sie sind es, Giles!“ schrie Oliver und eilte an den Wagenschlag.

Giles wollte gerade etwas erwidern, als er durch einen jungen Mann beiseitegedrängt wurde, der in einer Ecke des Wagens saß. Hastig fragte er Oliver nach dem Stand der Dinge zu Hause.

„Mit einem Wort“, rief der junge Herr „geht es besser oder schlechter?“

„Besser – viel besser“, sagte Oliver schnell.

„Gott sei Dank!“ rief der Herr. „Weißt du es auch ganz gewiß?“

„Ganz gewiß“, entgegnete Oliver. „Die Wendung zum Besseren trat erst vor ein paar Stunden ein, und Herr Losberne meint, alle Gefahr wäre nun vorüber.“

Ohne ein weiteres Wort zu sagen, sprang der junge Herr aus dem Wagen und zog Oliver zur Seite.

„Du bist ganz sicher, mein Junge, ein Irrtum deinerseits ist ausgeschlossen?“ fragte der Herr mit bebender Stimme. „Erwecke nicht unnötigerweise Hoffnungen in mir, die vielleicht nie in Erfüllung gehen.“

„Um keinen Preis würde ich das tun. Sie dürfen mir schon glauben. Es sind des Doktors eigene Worte, daß sie leben werde, um uns alle noch viele Jahre zu beglücken. Ich selbst hab‘ es so von ihm gehört.“

Die Tränen standen Oliver in den Augen, und der junge Herr wandte sein Gesicht ab, ohne etwas zu erwidern. Der Junge glaubte ihn ein paar Mal schluchzen zu hören. Endlich sagte der Herr zu Giles:

„Es ist wohl besser, Sie fahren mit der Kutsche vorab, während ich zu Fuß nachkomme. Ich muß mich erst sammeln, bevor ich sie sehe. Sie können meiner Mutter schon immer bestellen, daß ich bald da sein werde.“

„Verzeihung, Herr Harry, ich würde Ihnen aber sehr zu Danke verpflichtet sein, wenn Sie sich durch den Postillion anmelden ließen. Ich kann mich so nicht zeigen, ich würde bei der Dienerschaft allen Respekt verlieren!“

„Nun“, entgegnete Harry Maylie lächelnd, „handeln Sie nach Gutdünken. Soll also der Postillion vorfahren und uns anmelden, und Sie gehen mit uns. Aber vertauschen Sie die Nachtmütze mit einer anderen Kopfbedeckung, damit man uns nicht für Verrückte hält.“

Herr Giles riß die Nachtmütze vom Kopfe, steckte sie in die Tasche und setzte sich einen Hut auf, den er seinem Gepäck entnahm. Der Postillion fuhr nun weiter, und die drei folgten gemächlich nach.

Als sie so dahinschritten, blickte Oliver von Zeit zu Zeit den neuen Ankömmling verstohlen an. Er war ungefähr fünfundzwanzig Jahre alt und von mittlerer Größe; er hatte ein hübsches, offenes Gesicht und gewinnende Manieren. Trotz dem großen Altersunterschied war die Ähnlichkeit mit Frau Maylie so auffallend, daß Oliver mühelos die Verwandtschaft herausgefunden haben würde, hätte der junge Herr auch nicht von ihr als von seiner Mutter gesprochen.

Diese erwartete ihn bereits mit großer Sehnsucht, und als er endlich anlangte, war sie ganz gerührt und zerfloß in Tränen.

„Ach, Mutter“, sagte der junge Mann, „warum hast du mir nicht früher geschrieben?“

„Ich hatte geschrieben, aber nach reiflicher Überlegung entschloß ich mich, den Brief zurückzuhalten, bis ich Herrn Losbernes Meinung gehört hätte!“

„Aber warum? Warum ließest du es darauf ankommen, was beinahe eingetreten wäre? Wenn Rosa – wenn diese Krankheit eine andere Wendung genommen hätte, hättest du dir das je verzeihen können? Niemals im Leben wäre ich wieder froh geworden.“

„Wenn es so gekommen wäre, wäre dein Glück für immer vernichtet worden und es von keiner Bedeutung gewesen, ob du einen Tag früher oder später gekommen wärst.“

„Und wer kann sich darüber wundern, wenn es so wäre, Mutter? Aber was rede ich von wenn. Es ist so, du weißt es, Mutter – du mußt es wissen!“

„Ich weiß, daß sie die innigste und reinste Liebe verdient, die ein Mann ihr bieten kann, und ich weiß auch, daß ihre zärtliche Hingebung eine nicht gewöhnliche, sondern eine tiefe und dauernde Gegenliebe fordert. Wüßte ich nicht, daß ein verändertes Benehmen desjenigen, den sie liebt, ihr Herz brechen müßte, so würde mir meine Aufgabe nicht so schwierig vorkommen.“

„Mutter, hältst du mich denn noch immer für einen Knaben, der sich selbst nicht kennt?“

„Ich glaube, lieber Harry, daß die Jugend viele edle Gefühle hegt, die aber häufig nicht von Dauer sind und ganz schwinden, wenn sie befriedigt sind. Und dann glaube ich, daß ein feuriger, ehrgeiziger, junger Mann, wenn er im Besitze eines Weibes ist, auf deren Namen – wenn auch ohne ihre Schuld – ein Makel haftet, eines Tages die eingegangene Verbindung bereuen dürfte, besonders wenn er eine glänzende Laufbahn erfolgreich eingeschlagen hat, und die Welt seiner Frau und ihm den Makel zum Vorwurf und Gegenstand ihres Spottes macht.“

„Mutter, nur ein erbärmlicher Egoist könnte so handeln!“

„So denkst du jetzt, Harry!“

„Und werde immer so denken. Die Herzensnot, welche ich während der beiden letzten Tage erlitten habe, ringt mir das Geständnis einer Liebe ab, die, wie du wohl weißt, nicht von gestern stammt und nicht leichtfertig und vorübergehend ist. An Rosa, dem süßen, holden Mädchen hängt mein Herz so innig, wie nur je das Herz eines Mannes an dem eines Weibes. Ich habe keine Gedanken, keine Zukunft, keine Lebenshoffnung außer ihr; und wenn du mir zu diesem heißersehnten Ziele in den Weg trittst, so zerstörst du mein Glück für immer. Mutter, denke besser von mir und überlege noch einmal, verkenne die heiße Liebe nicht, die du so gering anzuschlagen scheinst!“

„Harry, weil ich so hoch von edlen und gefühlvollen Herzen denke, möchte ich ihnen Enttäuschungen und Wunden ersparen. Doch wir haben jetzt genug und übergenug von der Sache gesprochen.“

„So laß Rosa entscheiden. Du wirst mir doch mit deinen überstrengen Ansichten nicht Hindernisse in den Weg legen?“

„Gewiß nicht, aber ich möchte, daß du gut überlegst.“

„Ich habe überlegt – jahrelang – seit ich überhaupt zu denken und überlegen fähig war. Meine Gefühle sind unverändert geblieben und werden es auch bleiben. Und warum soll ich die Qual des Aufschiebens erdulden, ohne daß es einen vernünftigen Sinn hat. Nein, Rosa muß mich anhören, ehe ich wieder abreise.“

„Sie soll es!“

„Du sprichst in einer Weise, Mutter, als ob du andeuten wolltest, daß sie mich kalt anhören wird.“

„Gewiß nicht kalt, weit entfernt davon.“

„Sie liebt doch keinen anderen?“

„Nein, ich müßte mich sehr täuschen, wenn du nicht bereits einen tiefen Eindruck auf sie gemacht hast. – Ich wollte dir aber noch das eine sagen, ehe du dein Schicksal herausforderst, das dich auf den Gipfel des Glückes tragen soll – denke, lieber Harry, einige Augenblicke über Rosas Lebensgeschichte nach und erwäge reiflich, welchen Eindruck das Bewußtsein ihrer zweifelhaften Herkunft auf ihre Entscheidung üben muß. Ziehe dabei ihr edles, aufopferndes Herz in Betracht, wie sie es bei allen Gelegenheiten gezeigt hat.“

„Was willst du damit sagen?“

„Das mußt du selbst herausfinden. – Doch ich muß jetzt zu Rosa zurück!“

„Ich sehe dich doch heute abend noch?“

„Wenn ich von Rosa abkommen kann!“

„Wirst du ihr sagen, daß ich hier bin?“

»Natürlich!“

„Und ihr sagen, welche Angst ich um sie ausgestanden hätte, und wie ich mich sehne, sie zu sehen? Das kannst du mir nicht abschlagen, Mutter?“

„Nein, ich will’s ihr sagen.“

Die alte Dame drückte ihrem Sohne zärtlich die Hand und eilte aus dem Zimmer.

Während dieses flüchtigen Gespräches standen Herr Losberne und Oliver an der anderen Seite des Gemachs.

Der Doktor begrüßte jetzt Harry durch Handschlag und erstattete ihm einen ausführlichen Bericht über die Krankheit und das Befinden der Patientin. Herr Giles, der sich an dem Gepäck zu schaffen machte, hörte gespannt zu.

„Haben Sie in der letzten Zeit nichts Besonderes geschossen, Giles?“ fragte der Doktor, nachdem er Harry alles erzählt hatte.

„Nein, Herr Doktor, nichts Besonderes“, erwiderte Giles und wurde bis über die Ohren rot.

„Auch keine Einbrecher gefangen oder Diebe erwischt?“ fuhr Herr Losberne boshaft fort.

„Keins von beiden“, versetzte Giles mit vieler Würde.

„Nun, das tut mir leid; in derartigen Dingen besitzen Sie doch eine große Geschicklichkeit. Was macht denn Brittles?“

„Dem Jungen geht’s gut und läßt sich Ihnen gehorsamst empfehlen, Herr Doktor.“

„Danke. übrigens, da fällt mir ein, daß ich Ihnen noch etwas von Ihrer Herrschaft zu bestellen habe, was ich am Tage, als ich so schnell fort mußte, nicht mehr ausführen konnte. Kommen Sie mal bitte mit mir in jene Ecke!“

Herr Giles begab sich mit dem Doktor dahin und nach einem kurzen Geflüster ging er unter vielen Verbeugungen aus dem Zimmer. Der Gegenstand des Gespräches wurde im Zimmer weiter nicht erörtert, aber ohne Verzug in der Küche ausposaunt. Denn Herr Giles begab sich sofort dahin, ließ sich ein Glas Bier geben und verkündete mit großer Feierlichkeit, die ihren Eindruck nicht verfehlte, daß es der gnädigen Frau gefallen habe, die Summe von fünfundzwanzig Pfund für ihn bei der städtischem Sparkasse einzuzahlen. Als Anerkennung für sein mutiges Benehmen bei dem Einbruch. Auf diese Mitteilung erhoben die Köchin und das Dienstmädchen Augen und Hände und meinten, Herr Giles werde wohl nun anfangen, mächtig stolz zu werden, worauf dieser, an seiner Halsschleife zupfend, erwiderte, das sei ausgeschlossen. Er würde ihnen danken, wenn sie ihn dann darauf aufmerksam machten, falls er sich einmal hochmütig gegen Untergebene gäbe.

Oben verging der Abend in heiterster Stimmung, denn Herr Losberne war äußerst gut gelaunt; und wie ermüdet und nachdenklich Harry Maylie auch anfangs sein mochte, so konnte er doch dem Humor des Doktors nicht widerstehen. Dieser gab eine Anzahl von lustigen Erlebnissen aus seiner Praxis zum besten, und Oliver glaubte, nie etwas Drolligeres gehört zu haben. So mußte er zur großen Freude des Doktors fortwährend lachen, und dieser lachte mit. Da Lachen ansteckend wirkt, so stimmte schließlich auch Harry in das allgemeine Gelächter ein. Kurz, die Gesellschaft war so vergnügt, als sie den Umständen nach sein konnte. Es war bereits spät, als man sich trennte und zur Ruhe ging, deren sie alle nach den Aufregungen der letzten Tage so sehr bedurften.

Oliver stand am anderen Morgen viel fröhlicher auf und ging mit größerer Lust an seine gewöhnliche Beschäftigung als sonst. Er pflückte die schönsten Blumen des Feldes, um Rosa eine Freude zu bereiten. Die Melancholie, die von ihm Besitz genommen hatte, war wie durch Zauberei verschwunden. Der Tau schien ihm blendender im Grase zu funkeln und der Himmel im herrlicheren Blau zu leuchten. Solchen Einfluß übt unsere Stimmung auf Außendinge. Die Menschen, die in der Natur und an ihren Nächsten alles trübe und düster sehen, haben recht; aber diese dunklen Farben sind nur der Widerschein ihrer kranken Seele.

Oliver brauchte seine Morgenspaziergänge nicht mehr allein zu machen. Nachdem Harry Maylie ihn am ersten Tage mit seiner Ladung hatte heimkehren sehen, faßte der junge Mann eine solche Leidenschaft für Blumen und entwickelte einen so feinen Geschmack in der Anordnung derselben, daß er seinen jungen Freund weit hinter sich ließ. Mochte aber Oliver in dieser Hinsicht im Nachteil sein, so wußte er dafür die Stellen, wo die schönsten zu finden waren. Alle Morgen durchstreiften sie miteinander die Umgegend und brachten stets das Schönste, was auf den Feldern und Wiesen stand, nach Hause.

Die Fenster in Rosas Zimmer wurden jetzt weit geöffnet, denn die duftige Sonnenluft tat der Patientin wohl. In einem Fenster stand jeden Morgen ein frischer Blumenstrauß, und es entging Oliver nicht, daß die welken Blumen nie weggeworfen wurden. Er bemerkte auch, daß der Doktor, wenn er in den Garten kam, stets nach dem Fenster guckte und bedeutsam mit dem Kopfe nickte. So verflossen die Tage schnell, und Rosa erholte sich wieder vollständig.

Auch auf Oliver lastete die Zeit nicht schwer, obgleich die junge Dame noch immer das Zimmer nicht verlassen durfte und von Abendspaziergängen keine Rede war, ausgenommen dann und wann ganz kurze mit Frau Maylie. Er verdoppelte seinen Fleiß in den Unterrichtsstunden des silberlockigen alten Herrn und war über seine schnellen Fortschritte selbst erstaunt. Da wurde er eines Tages durch einen unerwarteten Vorfall aufs äußerste erschreckt.

Das kleine Zimmer, in dem er bei seinen Schularbeiten saß, war im Erdgeschoß, nach hinten hinaus. Man hatte von ihm die Aussicht auf den Garten, aus dem ein Pförtchen nach einem eingezäunten Rasenplatz führte. Jenseits war alles Wiesenland und Buschwerk und so hatte man eine ziemliche weite Rundsicht.

An einem schönen Abend, in der Dämmerung, saß Oliver am Fenster, noch eifrig in einem Buche lesend. Da der Tag ziemlich schwül war, überfiel ihn plötzlich eine Müdigkeit, und er schlief über dem Buch ein.

Zuweilen beschleicht uns eine Art Schlummer, die zwar den Leib gefangen hält, aber der Seele die Empfindung für die Außenwelt nicht nimmt. Oliver wußte daher recht gut, daß er in seinem eigenen kleinen Zimmer war – und doch schlief er. Plötzlich trat eine Umwandlung seiner Umgebung ein, die Luft wurde schwül, und er glaubte mit Angst und Schrecken, wieder im Hause des Juden zu sein. Dort saß der abscheuliche Alte in seiner gewohnten Ecke, zeigte auf ihn und flüsterte leise mit einem anderen Mann, der mit abgewandtem Gesicht neben ihm auf einem Stuhle Platz genommen hatte.

„Pst, Freundchen“, glaubte er den alten Juden sagen zu hören, „er ist es, gewiß und wahrhaftig. Komm weg!“

„Glaubt Ihr, ich erkannte ihn nicht?“ schien der andere zu antworten. „Wenn eine Legion von Teufeln seine Gestalt annähme, und er stände mitten unter ihnen, ich würde ihn herausfinden. Verscharrt ihn fünfzig Fuß tief und führt mich über sein Grab, ich würde es wissen, daß er drunten läge, wenn auch kein Merkmal oder sonst ein Zeichen es andeutete!“

Der Mann schien diese Worte in einem so fürchterlichen Tone des Hasses zu sagen, daß Oliver entsetzt auffuhr und erwachte.

Guter Gott! was trieb ihm da auf einmal das Blut so stürmisch zum Herzen und raubte ihm Sprache und Bewegungsfreiheit? Dort – dort – am Fenster – dicht vor ihm, so dicht, daß er ihn fast hätte berühren können, ehe er zurückprallte – mit durchdringenden Blicken ins Zimmer sehend und den seinigen begegnend – dort stand der Jude. Und neben ihm, blaß vor Furcht oder Wut, oder vielleicht beidem, der Mann mit wild verzerrtem Gesicht, mit dem er im Gasthaus des Posthalters zusammengestoßen war.

Doch nur einen Augenblick – dann waren sie verschwunden. Aber er hatte sie und sie ihn erkannt. Er stand eine Sekunde wie vom Blitz getroffen da. Dann sprang er aus dem Fenster in den Garten und rief laut um Hilfe.

Enthält das unbefriedigende Ergebnis von Olivers Abenteuern und ein ziemlich wichtiges Gespräch zwischen Harry Maylie und Rosa

Als man auf Olivers Rufen herbeieilte, fand man ihn blaß und zitternd dastehen. Er zeigte nach der Wiese hinter dem Garten und konnte nur mühsam die Worte hervorbringen: „Der Jude – der Jude!“

Herr Giles konnte aus diesem Ausruf nicht klug werden. Aber Harry Maylie, dessen Auffassungsgabe schneller war und der obendrein Olivers Geschichte von seiner Mutter gehört hatte, begriff sofort.

„Welche Richtung hat er eingeschlagen?“ fragte er und nahm einen Knüppel auf, der zufällig da herumlag.

„Dorthin“, erwiderte Oliver, den Weg andeutend, den die Männer genommen hatten. „Ich habe sie eben erst aus den Augen verloren.“

„Dann sind sie im Graben“, sagte Harry. „Folgt und haltet euch dicht an mir!“

Mit diesen Worten sprang er über die Hecke und schoß wie ein Pfeil dahin, so daß die anderen Mühe hatten nachzukommen.

Giles und Oliver rannten ihm nach, so schnell sie konnten, und einige Minuten später setzte Herr Losberne, der gerade von einem Spaziergange heimkehrte – allerdings etwas ungeschickt – ebenfalls über die Hecke und strauchelte. Er raffte sich aber schneller, als man von ihm erwartet hätte, wieder auf und stürmte den übrigen mit langen Schritten nach. Dabei brüllte er mit mächtiger Stimme, fragend, was denn los sei. So ging’s immer weiter, und keiner hielt inne, um neuen Atem zu schöpfen, bis der Anführer an den Graben gelangte und diesen sorgfältig zu untersuchen begann. Dadurch gewannen die übrigen Zeit heranzukommen, und Oliver konnte dem Dokter die Veranlassung zu dieser wilden Jagd mitteilen.

Aber alles Suchen war vergeblich. Nicht einmal frische Fußspuren ließen sich entdecken.

„Du mußt geträumt haben, Oliver“, sagte Harry, ihn beiseitenehmend.

„Nein, nein, gewiß nicht. Ich habe ihn ganz deutlich gesehen. Sie standen so bestimmt vor mir wie Sie jetzt.“

„Wer war der andere?“ fragten Harry und der Doktor zu gleicher Zeit.

„Derselbe Mensch, der mich, wie ich Ihnen erzählte, im Gasthaus des Posthalters so ausschimpfte. Er sah mir gerade in die Augen, und ich könnte darauf schwören, daß er es wäre.“

„Und weißt du auch ganz gewiß, daß sie diesen Weg einschlugen?“

„So gewiß, wie ich weiß, daß sie vor dem Fenster standen.“

Die beiden Herren sahen Olivers ernstes Gesicht und guckten dann einander an, sie schienen sich durch seine bestimmten Antworten überzeugen zu lassen. Aber nirgends ließen sich Spuren finden. Das Gras war lang und nur da niedergetreten, wo sie selbst gelaufen waren.

„Das ist merkwürdig“, meinte Harry.

„Sehr merkwürdig!“ bestätigte Herr Losberne. „Selbst Blathers und Duff vermöchten nicht klug daraus zu werden.“

Trotz der anscheinenden Erfolglosigkeit ihres Suchens, setzten sie es bis zum Einbruch der Nacht fort, erst dann ließen sie, wenn auch ungern, davon ab.

Am nächsten Morgen wurden die Nachsuchungen wieder aufgenommen, aber mit keinem günstigeren Erfolge. Tags darauf gingen Harry und Oliver nach dem Marktflecken in der Hoffnung, vielleicht dort etwas über die Männer zu erfahren, aber vergebens; und nach einigen Tagen fing man an, die Geschichte zu vergessen, nachdem der Reiz des Seltsamen aus Mangel an neuer Nahrung erstorben war.

Inzwischen ging es mit Rosas Genesung schnell vorwärts. Sie durfte das Zimmer verlassen, konnte ausgehen und brachte, als sie dem Familienkreise wieder zurückgegeben war, Sonne und neues Leben in aller Herzen.

Aber obgleich sich in den Räumen des kleinen Landhauses wieder heiteres Geplauder und frohes Lachen vernehmen ließ, entging es Oliver nicht, daß sich manchmal eine ungewohnte Zurückhaltung bei den beiden jungen Leuten geltend machte. Frau Maylie und ihr Sohn waren oft lange Zeit miteinander eingeschlossen, und mehr als einmal zeigten sich Tränenspuren auf Rosas Gesicht. Als der Doktor den Tag seiner Abreise nach Chertsey festgesetzt hatte, trat es klar zutage, daß etwas vorging, was den Seelenfrieden der jungen Dame und noch eines anderen Menschen beeinträchtigte.

Als endlich Rosa eines Morgens im Wohnzimmer allein war, trat Harry ein und bat mit stockender Stimme um die Erlaubnis, sie einige Augenblicke ungestört sprechen zu dürfen.

“ Wenige – sehr wenige – werden genügen, Rosa. Was ich dir zu sagen habe, weißt du bereits. Die größten Hoffnungen meines Lebens sind dir nicht unbekannt, obgleich sie noch nie über meine Lippen gekommen sind.“

Rosa war bei seinem Eintreten blaß geworden, was vielleicht noch eine Nachwirkung der Krankheit war. Sie nickte zustimmend, beugte sich über einige Blumen, die in ihrer Nähe standen, und wartete schweigend darauf, daß er anfangen würde.

„Ich – ich hätte schon früher abreisen sollen.“

„Gewiß, Harry. Verzeihe, daß ich so rede, aber ich wünschte, du hättest es getan.“

„Die Angst, das einzige Wesen zu verlieren, das mein ein und mein alles ist, hat mich hierhergetrieben. Du warst dem Tode nahe – schwanktest auf der Scheidelinie zwischen Himmel und Erde.“

Bei diesen Worten perlten Tränen in den Augen des holden Mädchens.

„Ein Engel“, fuhr Harry leidenschaftlich fort, „ein Wesen so schön und unschuldig, wie einer von Gottes Engeln, schwebte zwischen Tod und Leben. Rosa! Rosa! zu wissen, daß du entschwändest, keine Hoffnung zu haben, daß du den hienieden Weilenden erhalten bliebest – das waren Gedanken, fast zu schwer, um ertragen werden zu können. Aber sie lasteten Tag und Nacht auf meiner Seele, und denken zu müssen, du könntest dahinscheiden, ohne zu erfahren, wie innig ich dich liebe, das brachte mich dem Wahnsinn nahe. Du genasest wieder, und ich habe dich vom Tode zum Leben zurückkehren sehen, Dank gegen Gott im Herzen.“

„Ach, wärest du doch abgereist, um dich deinen edlen Bestrebungen, die deiner so würdig sind, wieder ganz zu widmen“, erwiderte Rosa unter Tränen.

„Es gibt kein Streben, das meiner würdiger wäre als das Ringen um ein Herz wie das deinige.“ Er ergriff ihre Hand und fuhr leidenschaftlich fort: „Rosa, liebe Rosa, ich habe dich seit Jahren geliebt. Ich hoffte mir Ruhm zu gewinnen, um dann stolz heimzukehren und dir zu sagen, daß ich ihm nur nachjagte, um ihn mit dir zu teilen. Die Blütenträume meiner Liebe gaukelten mir diesen glücklichen Augenblick vor. Ich erinnere dich an die stummen Andeutungen, in denen dir schon der Knabe sein Herz geoffenbart hat, und an das Erröten, mit dem du sie aufnahmst. Ich dachte dann auf deine Hand Anspruch zu machen und damit einen längst zwischen uns schweigend geschlossenen Vertrag zu besiegeln. Die Zeit ist noch nicht gekommen, kein Ruhm geerntet, keiner meiner Jugendträume hat sich verwirklicht. Trotzdem biete ich dir mein Herz an – so lange schon das deine – und setze mein alles auf die Antwort, die meinem Antrag von dir zuteil wird!“

„Dein Handeln war immer gut und edel“, sagte Rosa, den Sturm ihrer Gefühle niederkämpfend, „damit du aber nicht glaubst, ich sei undankbar und gefühllos, so höre meine Antwort.“

„Wird sie mich auffordern, daß ich mich bemühen soll, dich zu verdienen, teuerste Rosa?“

„Nein, sie will dich bloß bitten, mich zu vergessen, das heißt nur als Gegenstand deiner Liebe, nicht aber als deine alte, dir herzlich zugetane Gespielin, denn das würde mich sehr kränken. Schau hinaus in die Welt, wieviele Herzen gibt es zu gewinnen, auf die du ebenso stolz sein kannst. Mache mich bei einer anderen Liebe zu deiner Vertrauten, und ich will dir die aufrichtigste und zuverlässigste Freundin sein.“

Eine Pause folgte, während der Rosa ihr Gesicht mit der einen Hand bedeckte und ihren Tränen freien Lauf ließ. Die andere Hand hielt Harry immer noch fest.

„Und deine Gründe, Rosa –“ fragte er endlich leise. „Deine Gründe für diese Entscheidung, darf ich sie wissen?“

„Du hast ein Recht darauf, sie zu erfahren“, erwiderte Rosa, „kannst ihnen aber nichts entgegenhalten, was meinen Entschluß zu ändern vermöchte. Es ist eine Pflicht, die ich erfüllen muß. Ich schulde es anderen und mir.“

„Dir?“

„Ja, Harry, ich bin es mir selbst schuldig. Ein Mädchen ohne Eltern und Vermögen, mit einem Flecken auf seinem Namen, darf der Welt keinen Anlaß zu der Annahme geben, sie hätte aus niedrigen Beweggründen deiner ersten Leidenschaft nachgegeben und dadurch wie ein Bleigewicht deinen Aufstieg gehemmt. Ich habe gegen dich und die Deinen die Verpflichtung, es zu verhindern, daß du, durch dein edles Herz getrieben, deiner Laufbahn eine solche Belastung aussetzt.“

„Wenn deine Neigungen mit diesem Pflichtgefühle im Einklang stehen –-“ sagte Harry.

„Das ist nicht der Fall“, versetzte Rosa, tief errötend.

„So erwiderst du also meine Liebe?“ rief Harry, „sage nur das, Rosa, sage nur das, und lindere meinen Schmerz und meine Enttäuschung!“

„Wenn ich es hätte tun können, ohne gegen ihn, den ich liebe, ein großes Unrecht zu begehen“, antwortete Rosa, „so würde ich –“

„Die Erklärung meiner Liebe ganz anders aufgenommen haben?“ fiel Harry ein. „Verhehle mir wenigstens das nicht, Rosa!“

„Ja“, bestätigte sie, „doch“, fuhr sie fort und zog ihre Hand aus der seinigen, „warum wollen wir dieses peinliche Gespräch fortsetzen? Peinlich, und mich doch so beseligend. Ja, zu wissen, daß ich von dir geliebt wurde, wird mir stets eine Quelle hohen Glückes sein. Lebe wohl, Harry, denn so wie wir uns heute gegenüberstanden, wird es nie mehr der Fall sein; und so möge dich mein Segen begleiten.“

„Noch ein Wort, Rosa! Deine Gründe – ich möchte sie aus deinem eigenen Munde hören.“

„Die schönsten Aussichten stehen dir offen, alle Ehren sind dir erreichbar, die durch Talent und einflußreiche Verbindungen errungen werden können. Aber deine Verwandten und Gönner sind stolz, und ich will mich nicht in ihre Kreise drängen, zumal sie meine Mutter verachten, die mir das Leben gab. Ich will auch nicht Unehre über den Sohn derjenigen bringen, die an mir Mutterstelle vertreten hat. Mit einem Worte“, – und dabei wandte sie sich ab, um ihre Rührung zu verbergen – „es haftet ein Makel auf meinem Namen, und der soll nicht auf einen anderen übergehen. Der Fluch soll mich allein treffen.“

„Ach, nur noch ein – nur noch ein einziges Wort, teuerste Rosa!“ rief Harry und warf sich ihr zu Füßen. „Wäre ich – im Sinne der Welt – weniger vom Glück begünstigt – wäre kein glänzendes, sondern ein unbeachtetes Leben mein Los – wäre ich arm, krank, hilflos – würdest du mich auch dann abweisen, oder kommen dir die Bedenken nur wegen meiner vermuteten Aussicht auf eine ehrenreiche Laufbahn?“

„Dränge mich nicht zu einer Antwort. Von einer solchen Frage ist – und wird nie die Rede sein. Es ist nicht hübsch von dir, mir solche Gewissensfragen zu stellen!“

„Wenn deine Antwort lautete, wie ich fast zu hoffen wage, so wird sie einen beglückenden Hoffnungsstrahl auf meinen einsamen Weg werfen und die düstere Bahn vor mir erhellen. Hältst du es denn nicht der Mühe für wert, durch das Aussprechen einiger weniger Worte soviel für einen zu tun, der dich über alles liebt? Ach, Rosa, ich beschwöre dich bei meiner heißen, unvergänglichen Liebe, bei allem, was ich für dich gelitten habe, und was ich um deiner Entscheidung willen noch leiden soll – beantworte mir nur diese einzige Frage!“

„Nun denn, wenn dir ein anderes Los beschieden gewesen wäre – wenn du nur ein wenig und nicht gar so hoch über mir ständest, wenn ich dir in einer bescheidenen, zufriedenen und unabhängigen Stellung eine Kameradin sein könnte und nicht befürchten müßte, stets als ein Hindernis für dein Streben angesehen zu werden, so wäre uns wohl diese harte Prüfung erspart geblieben. Ich habe jetzt alle Ursache glücklich, ja, sehr glücklich zu sein; aber dann, Harry – ich gestehe es – dann hätte mein Glück keine Grenzen gekannt.“

Mächtige Erinnerungsbilder tauchten vor Rosa auf, während sie dies Eingeständnis machte, aber sie brachten auch Tränen mit sich, in denen sie jedoch Erleichterung fand.

„Ich kann meiner Schwäche nicht wehren, aber sie wird mich in meinem Entschluß nicht wankend machen“, sagte Rosa und reichte ihm ihre Hand hin. „Doch jetzt muß ich dich verlassen.“

„Versprich mir eines“, erwiderte Harry, „gestatte mir noch ein einziges Mal – in einem Jahre oder lieber noch früher – ein letztes Mal über diese Sache mit dir zu sprechen!“

„Willst du mich etwa dann drängen, meinen unabänderlichen Entschluß umzustoßen?“ sagte sie mit wehmütigem Lächeln. „Es würde nutzlos sein.“

„Nein, um dich ihn wiederholen zu hören, falls es dir beliebt. Ich will dir meine Stellung und alles, was ich dann habe, zu Füßen legen, und wenn du bei deiner heutigen Abweisung beharrst, so will ich mich fügen.“

„Gut, es sei so. Es ist nur ein Schmerz mehr, und ich bin vielleicht dann imstande, ihn leichter zu tragen!“

Sie reichte ihm noch einmal die Hand. Harry aber schloß das Mädchen in seine Arme und drückte einen Kuß auf ihre reine Stirn, dann eilte er hinaus.

Ist zwar sehr kurz und erscheint hier vielleicht als nicht besonders wichtig, sollte aber doch gelesen werden, weil es eine Ergänzung des vorhergehenden ist und ein Schlüssel zu einem späteren

„Sie sind also entschlossen, heute mein Reisegefährte zu sein, wie?“ fragte der Doktor, als er mit Harry und Oliver beim Frühstück saß. Es scheint, ihre Entschlüsse wechseln mit jeder halben Stunde!“

„Sie werden bald anders von mir denken“, entgegnete Harry, ohne erkennbaren Grund rot werdend.

„Das würde mir lieb sein“, sagte Herr Losberne, „obgleich ich gestehen muß, daß ich es bezweifle. Gestern morgen setzten Sie sich in den Kopf, hierzubleiben und als gehorsamer Sohn Ihre Mutter an die See zu begleiten. Es war noch nicht Mittag, als Sie mir mitteilten, Sie wollten mir die Ehre Ihrer Gesellschaft bis London schenken. Abends dringen Sie ganz geheimnisvoll in mich, ich solle abreisen, ehe die Damen aufständen. Die Folge davon ist, daß der kleine Oliver am Frühstückstisch sitzen muß, anstatt botanisieren gehen zu können. Das ist doch arg – nicht wahr, Oliver?“

„Es hätte mir sehr leid getan, Herr Doktor, wenn Ich bei Ihrer und Herrn Maylies Abreise nicht zugegen gewesen wäre“, erwiderte Oliver.

„Du bist ein guter Junge. Mußt mich auch mal besuchen, wenn ihr wieder zurück seid. Aber Spaß beiseite, hat irgendeine Mitteilung der Bonzen in der Regierung Sie zu dieser schleunigen Abreise veranlaßt?“

„Die Bonzen, zu denen Sie wohl auch meinen Onkel zählen, haben mir nichts sagen lassen, solange ich hier bin. Es ist auch nicht wahrscheinlich, daß sich in dieser Jahreszeit etwas ereignet, was meine dortige Anwesenheit erforderlich macht!“

„Sie sind ein schnurriger Kerl“, meinte Herr Losberne. „Man wird Sie aber wahrscheinlich bei der Weihnachtswahl ins Parlament bringen wollen, und dieses plötzliche Ändern der Entschlüsse ist keine schlechte Vorbereitung für das politische Leben.“

Harry machte Miene, ihm eine schlagfertige Antwort zu geben, er begnügte sich jedoch mit der Bemerkung: „Wir werden sehen!“ und ließ den Gegenstand fallen. Die Postkutsche fuhr kurz darauf vor, und als Giles kam, um das Gepäck zu holen, eilte der Doktor hinaus, um die Unterbringung desselben zu überwachen.

„Oliver“, sagte Harry leise, „ich muß noch ein paar Worte mit dir reden.“

Der Junge trat zu ihm ans Fenster, verwundert über Harrys Traurigkeit und Unruhe.

„Du kannst jetzt gut schreiben“, sagte Harry und legte die Hand auf Olivers Arm.

„Ich denke doch.“

„Ich komme vielleicht auf einige Zeit nicht wieder nach Hause und wünsche, daß du mir schreibst – so alle vierzehn Tage. Willst du das?“ fragte Herr Maylie.

„Gern, ich bin stolz darauf, daß ich es tun darf“, sagte der Junge, ganz erfreut über diesen Auftrag.

„Es wäre mir lieb, zu erfahren, wie – wie es meiner Mutter und Fräulein Rosa geht. Du kannst daher einen ganzen Bogen voll schreiben und mir erzählen, was ihr für Spaziergänge macht, wovon ihr sprecht, und ob sie – ja, ich meine sie beide –, ob sie heiter und zufrieden sind. Verstehst du?“

„Vollkommen“, antwortete Oliver.

„Du brauchst ihnen übrigens nichts davon zu sagen“, fügte Harry schnell, wie beiläufig, hinzu. „Es könnte meine Mutter beunruhigen, und sie würde mir dann häufiger schreiben, was ihr in ihren Jahren ein wenig schwer fällt. Es soll daher ein Geheimnis zwischen uns beiden bleiben, aber vergiß ja nicht, mir alles mitzuteilen. Ich verlasse mich auf dich!“

Oliver fühlte sich mächtig geehrt und wichtig und versprach, seine Berichte auf das ausführlichste abzufassen. Herr Maylie sagte ihm nun unter der Versicherung seines Wohlwollens Lebewohl.

Der Doktor saß bereits im Wagen, Giles hielt den geöffneten Kutschenschlag, und Harry sprang in den Wagen, nachdem er noch zuvor einen Blick nach Rosas Fenster geworfen hatte.

„Los!“ rief er dem Postillion zu, fahre so schnell du kannst, heute muß es wie im Fluge gehen!“

„Hallo!“ brüllte der Doktor durchs Vorderfenster zum Kutscher, „ich will nichts vom Fliegen wissen, verstanden?“

Rasselnd rollte der Wagen davon, und lange noch schauten die Augen einer jungen Dame ihm nach. Rosa stand nämlich hinter den weißen Vorhängen ihres Fensters verborgen und hatte von dort aus Harrys letzten Blick aufgefangen.

„Er scheint ganz heiter und glücklich zu sein“, murmelte sie. „Ich hatte schon Angst, daß es anders sein könnte, aber ich habe mich getäuscht und bin froh darüber!“

Tränen sind ebensogut Zeichen der Freude wie des Schmerzes, aber die, welche über Rosas Wangen perlten, als sie in Gedanken verloren am Fenster saß und immer noch in dieselbe Richtung schaute, schienen mehr aus Herzeleid als aus Freude vergossen zu sein.

In welchem der Leser einen im ehelichen Leben nicht selten sich zeigenden Gegensatz beobachten kann

Herr Bumble saß in seinem Wohnzimmer im Armenhause und blickte mit schwermütigen Augen in den Kamin, von dem aber kein heller Glanz ausging, da es Sommer war und kein Feuer brannte. Ein Streifen Leimpapier hing als Fliegenfänger von der Decke hinunter, um den die Fliegen lustig herumgaukelten, ahnten sie doch nicht, daß er ihnen Verderben brachte. Schwere Seufzer entrangen sich Herrn Bumbles Brust, wenn er seine Augen zur Decke hob, riefen ihm doch die dort sorglos spielenden Fliegen ein schmerzliches Ereignis seines vergangenen Lebens ins Gedächtnis. Es war jedoch nicht allein Herrn Bumbles melancholische Stimmung, die des Lesers Mitleid erregen mußte, es fehlte auch nicht an anderen Anzeichen, die bekundeten, daß eine große Veränderung in der Lage der Dinge stattgefunden haben müsse. Die schöne Uniform des Gemeindedieners mit dem dazugehörigen Dreispitz – wo waren sie hingekommen? Der Rock, den er jetzt trug, war von dem Uniformrock ach, so sehr verschieden, und der pompöse Dreispitz hatte einem bescheidenen runden Hute Platz machen müssen. Herr Bumble war nicht mehr Gemeindediener.

Es gibt Beförderungen im Leben, die, abgesehen von den damit verbundenen geldlichen Vorteilen, noch eine besondere Bedeutung und Würde durch die dazugehörige Tracht erhalten. Ein Feldmarschall hat seine Uniform, ein Bischof seinen Ornat, ein Ratsherr seinen Talar und ein Amts- und Gemeindediener seinen dreieckigen Hut. Nimm dem Bischof seinen Ornat oder dem Amtsdiener seinen Hut und Rock – was bleibt? Menschen – bloße Menschen. Würde, und bisweilen sogar Heiligkeit, hängen weit mehr von Uniform und Ornat ab, als viele Leute ahnen.

Herr Bumble hatte Frau Corney geheiratet und war Armenhausvater geworden. Ein anderer Gemeindediener war zur Macht gelangt, und der Dreispitz, die Uniform und der Stock waren auf ihn übergegangen.

„Morgen werden’s zwei Monate!“ seufzte Herr Bumble. Es scheint ein Menschenalter zu sein.“

Er wollte vielleicht damit sagen, daß das Glück eines ganzen Lebens sich in den kurzen Zeitraum von acht Wochen zusammengedrängt hätte – aber die Seufzer! Es lag so viel darin.

„Ich verkaufte mich“, fuhr er, seine Gedanken weiterd spinnend, fort, „für sechs Teelöffel, eine Zuckerzange, einen Milchtopf, etliche alte Möbel und zwanzig Pfund in bar. Ach, ich habe mich viel zu billig fortgegeben“

„Billig?“ kreischte eine grelle Stimme in Herrn Bumbles Ohr. „Du bist noch umsonst zu teuer, und Gott im Himmel weiß, daß ich dich teuer genug bezahlt habe.“

Herr Bumble drehte sich um und sah seine Ehehälfte streng an. Diese hatte seine Seufzer nur unvollständig verstanden und ihre Bemerkungen auf gut Glück hingeworfen.

„Frau Bumble!“ sagte der Ehegemahl vorwurfsvoll.

„Nun?“ schrie die Dame.

„Bitte, sieh mich an!“ („Wenn sie einen solchen Blick aushalten kann, so ist sie zu allem fähig. Er hat meines Wissens bei den Armen nie seine Wirkung verfehlt, und sollte er hier versagen, so ist’s mit meiner Macht aus.“)

Ob nun ein strenger Blick hinreichend ist, Armenhäusler, die freilich der spärlichen Nahrung wegen keine besonders kräftigen Nerven haben, in Schrecken zu versetzen, oder ob die vormalige Frau Corney sogar gegen Adlerblicke gefeit war – wir wissen es nicht. Tatsache aber war, daß die Dame sich keineswegs durch Herrn Bumbles finsteren Blick und Stirnrunzeln einschüchtern ließ. Sie nahm ihn mit Verachtung auf und lachte nur geringschätzig.

Als Herrn Bumble diese unerwarteten Lachtöne ans Ohr schlugen, machte er zuerst ein ungläubiges, dann aber ein bestürztes Gesicht. Er versank darauf wieder in sein trostloses Brüten, aus dem er aber bald durch die Stimme seiner holden Gattin geweckt wurde.

„Willst du den ganzen Tag dasitzen und schnarchen?“ fragte Frau Bumble.

„Solange, wie es mir beliebt“, entgegnete Herr Bumble, „und obgleich ich nicht schnarchte, werde ich es aber doch tun, auch gähnen, niesen, lachen oder weinen, gerade, wie es mir paßt. Denn ich habe das Recht dazu.“

„Das Recht?“ höhnte sie mit unaussprechlicher Verachtung.

„Jawohl Frau Bumble. Der Mann hat die Kommandogewalt.“

„Und was wäre denn, beim Himmel, das Recht der Frau?“ schrie die Hinterbliebene des seligen Herrn Corney.

„Sie muß gehorchen“, donnerte Herr Bumble. „Das hätte dich dein unglückseliger seliger Mann schon lehren sollen, dann wäre er vielleicht noch am Leben. Ach, wie sehr wünschte ich, daß er es wäre.“

Frau Bumble sah jetzt, daß der entscheidende Augenblick gekommen war. Es galt jetzt die Herrschaft an sich zu reißen oder endgültig darauf zu verzichten. Bei der Anspielung auf ihren ersten Gatten sank sie auf einen Stuhl und erklärte Herrn Bumble für ein hartherziges Scheusal, dabei brach sie in einen Strom von Tränen aus.

Doch Tränen waren nicht der Weg, auf dem Herrn Bumble beizukommen war. Sein Herz war wasserdicht. Wie die waschbaren Filzhüte, die durch Regen immer besser werden, wurden seine Nerven durch Tränen kräftiger. Diese schienen ihm ein Zeugnis der Schwäche zu sein und somit eine Unterwerfung unter seine Oberherrlichkeit. Er blickte daher mit großer Zufriedenheit auf sein holdes Ehegespons und ermunterte sie, aus Leibeskräften zu weinen, da es nach Ansicht der Ärzte eine ganz gesunde und körperlich wohltätige Übung sei.

„Es lüftet die Lungen, wäscht das Gesicht rein, stärkt die Augen und beruhigt das Gemüt, also weine nur“, sagte Herr Bumble trocken.

Nachdem Herr Bumble diesen Witz angebracht hatte, nahm er seinen Hut und setzte ihn verwegen aufs Ohr, wie ein Mann, der die Überzeugung hat, seine Herrschaft auf geeignete Weise behauptet zu haben. Die Hände in den Taschen ging er triumphierend auf die Tür zu.

Aber dieses Experiment auf nassem Wege hatte Frau Bumble nur angestellt, weil sie es weniger anstrengend hielt als einen Boxkampf. Sie war aber auch bereit, diesen zu wagen, was Herr Bumble bald spüren sollte.

Die erste Probe davon bestand in einem hohlen Tone, dessen unmittelbare Folge war, daß sein Hut nach der entgegengesetzten Ecke des Zimmers flog. Dieses einleitende Verfahren gab sein Haupt jedem Angriff preis, und während die erfahrene Dame die Kehle ihres teuren Ehegatten umkrallte, ließ sie einen Hagel kräftiger Faustschläge auf seinen Kopf niederhageln. Dann brachte sie ein wenig Abwechslung in die Sache und zerkratzte Herrn Bumble erst mal tüchtig das Gesicht, und dann riß sie ihm ordentliche Büschel Haare aus. Nachdem sie sein Vergehen nun genügend gestraft zu haben glaubte, warf sie ihn über einen Stuhl, der nicht bequemer dafür hätte stehen können und forderte ihn höhnisch auf, noch einmal von seinem Recht zu sprechen, wenn er den Mut dazu hätte.

„Jetzt steh auf“, sagte Frau Bumble im Befehlstone, „und mach, daß du mir aus den Augen kommst, wenn du nicht willst, daß ich etwas ganz Desperates tue!“

Herr Bumble erhob sich mit kläglicher Miene und überlegte, was dieses Desperate wohl sein möge. Dann hob er seinen Hut auf und sah nach der Tür.

„Willst du gehen?“ fragte Frau Bumble drohend.

„Gewiß, mein Schatz, ich gehe schon“, erwiderte er, seine Schritte beschleunigend. „Es war nicht meine Absicht, dich – ich gehe schon, meine Liebe – du bist aber auch gar zu heftig, daß ich wirklich –“

In diesem Augenblick trat Frau Bumble eilig vor, um den Teppich wieder zurechtzurücken, der sich während der letzten Viertelstunde etwas verschoben hatte. Herr Bumble benutzte das, um hastig aus dem Zimmer zu stürzen, ohne daran zu denken, seinen Satz zu vollenden, und ließ die frühere Frau Corney im unbestrittenen Besitz des Schlachtfeldes.

Herr Bumble war überrumpelt worden und hatte eine entscheidende Niederlage erlitten. Aber das Maß seiner Erniedrigung war noch nicht voll. Nachdem er einen Gang durch das ganze Haus gemacht und zum erstenmal darüber nachgedacht hatte, daß die Armengesetze doch wirklich zu hart wären, und daß Männer, die ihren Frauen fortliefen und die Erhaltung derselben der Gemeinde überließen, von Rechts wegen nicht bestraft, sondern vielmehr als verdienstvolle Märtyrer belohnt werden sollten – kam er in eine Waschküche, wo die weiblichen Armen beschäftigt zu werden pflegten, das Leinenzeug der Anstalt zu reinigen, und aus dem ihm lautes Geplauder entgegenschallte.

„Hm“, sagte Bumble, seine ganze Würde zusammennehmend, „zum wenigsten sollen diese Weiber auch künftig mich anerkennen. – Hallo, zum Donnerwetter! Was soll dieser Radau, verwünschte Hexen?“

Mit diesen Worten öffnete Herr Bumble die Tür und trat mit hochfahrender, finsterer Miene ein; sie verwandelte sich aber sehr bald in eine demütige, als seine Augen seine bessere Ehehälfte entdeckten.

„Schatz“, sagte Herr Bumble, „ich wußte nicht, daß du hier wärest.“

„Wußtest nicht, daß ich hier wäre?“ äffte ihm sein Weib nach. „Was hast du hier zu suchen?“

„Es kam mir vor, man schwatzte zu viel, als daß die Arbeit gehörig getan werden könnte, Schatz“, erwiderte er, zerstreut nach ein paar alten Weibern am Waschfaß blickend, die sich nicht wenig über das demütigende Benehmen des Armenhausvaters wunderten.

„Du glaubst, man schwatze zu viel?“ fragte Frau Bumble. „Was geht denn dich das an?“

„Ja, lieber Schatz –“ stotterte er demutsvoll.

„Ich will wissen, was es dich angeht!“

„Es ist allerdings richtig, daß du hier zu befehlen hast, liebe Frau, aber ich glaubte, du seiest gerade nicht anwesend!“

„Ich will dir mal was sagen, Bumble, wir brauchen deine Aufsicht nicht. Du steckst deine Nase immer in Dinge, die dich nichts angehen und machst dich lächerlich. Scher dich ‚raus!“

Bumble gewahrte mit Wut im Herzen, wie die beiden alten Weiber am Waschfaß einander zukicherten und zögerte einen Augenblick. Aber Frau Bumble, deren Geduld schon erschöpft war, nahm einen Topf mit Seifenwasser und drohte den Inhalt über ihn auszuschütten, wenn er sich nicht augenblicklich entferne.

Was konnte er anders tun? Er blickte niedergeschlagen um sich und schlich von dannen. Als er die Tür erreicht hatte, verwandelte sich das Kichern der Weiber in ein schrilles Gelächter. Das war zu viel. Er war in ihren Augen herabgewürdigt, er hatte Ansehen und Achtung sogar bei den Armenhäuslern verloren. Von der Höhe eines Gemeindedieners war er zur tiefsten Tiefe eines Pantoffelhelden herabgestürzt.

„Und das alles in zwei Monaten“, klagte Bumble sich selber. „Vor nicht mehr als zwei Monaten war ich nicht nur mein eigener Herr, sondern auch Herr über das ganze Armenhaus, – und nun?“

Es war zuviel. Er gab dem Jungen eine Ohrfeige, der ihm die Tür öffnete und trat zerstreut auf die Straße. Er ging zuerst planlos straßauf, straßab, bis sich sein erster Kummer gelegt hatte, dadurch war er aber durstig geworden. Er kam an einer Anzahl von Wirtshäusern vorbei und blieb endlich bei einer Kneipe stehen, deren Gastzimmer mit Ausnahme eines Gastes leer war, wie er sich vorher durch einen Blick durchs Fenster überzeugt hatte. Es fing gerade tüchtig zu regnen an, und dies bestimmte ihn, hier einzukehren. Er forderte ein Glas Branntwein.

Der einzige Gast außer ihm war groß, von dunkler Gesichtsfarbe, und hatte einen langen Mantel umgehängt. Er schien fremd zu sein, und den bestaubten Kleidern nach zu schließen, von weit herzukommen. Er sah den eintretenden Bumble von der Seite an, erwiderte jedoch dessen Begrüßung nur mit einem Kopfnicken. Bumble besaß Würde genug für zwei, und so trank er seinen Schnaps schweigend. Dabei las er mit wichtiger Miene die Zeitung.

Wie es aber oft zu geschehen pflegt, wenn Menschen unter ähnlichen Umständen zusammentreffen, so kam es, daß Bumble sich gewaltig versucht fühlte, mal einen verstohlenen Blick auf den Fremden zu werfen. Er mußte aber seine Augen verlegen abwenden, als er seinem Gelüste nachgab, denn er bemerkte, daß der Fremde im selben Augenblicke nach ihm hinsah. Bumbles Verlegenheit wurde durch den höchst merkwürdigen Ausdruck im Auge des Fremden noch gesteigert. Denn der stechende Blick des fremden Mannes schweifte argwöhnisch und mißtrauisch umher und gaben seinen Mienen etwas Abstoßendes.

Als sie sich in dieser Weise mehrere Male angesehen hatten, brach schließlich der Fremde das Schweigen.

„Haben Sie nach mir gesehen, als Sie durch das Fenster guckten?“

„Nicht, daß ich wüßte, wenn Sie nicht der Herr –“

Hier hielt Bumble inne, denn er war neugierig, den Namen des Fremden zu erfahren und hoffte, dieser würde seine Redelücke ausfüllen.

„Ach, ich merke schon“, sagte der Fremde spöttisch, „Sie haben nicht nach mir gesehen, sonst würden Sie meinen Namen wissen. Ich möchte Ihnen auch nicht raten, danach zu fragen.“

„Ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten“, bemerkte Bumble würdevoll.

„Und haben es auch nicht getan“, entgegnete der Fremde.

Es folgte nun wieder ein Schweigen, das der Fremde nach einer Weile abermals unterbrach.

„Ich habe Sie früher schon mal gesehen, glaube ich“, fing er an. „Sie waren damals jedoch anders gekleidet. Ich begegnete Ihnen zwar nur auf der Straße, aber ich meine doch, Sie wiederzuerkennen. Sie waren früher hier der Gemeindediener, nicht wahr?“

„Stimmt“, erwiderte Bumble etwas überrascht.

„Was sind Sie jetzt?“

„Armenhausvater“, antwortete Herr Bumble langsam und mit Betonung, er wollte eine plumpe Vertraulichkeit des Fremden von vornherein zurückweisen. „Verwalter des Armenhauses, junger Mann.“

„Sie sind zweifellos noch ebenso auf Ihren Vorteil bedacht wie sonst?“ fuhr der Fremde fort, indem er Herrn Bumble scharf anblickte, der bei dieser Frage verwundert die Augen erhoben hatte. „Sie brauchen sich nicht zu schämen, mir offen zu antworten, denn Sie sehen, ich kenne Sie genau!‘

„Ich bin der Ansicht, daß ein verheirateter Mann ebenso dazu berechtigt ist, wenn ihm die Gelegenheit geboten wird, ein Stück Geld zu verdienen, wie ein lediger. Gemeindebeamten sind nicht so glänzend bezahlt, daß sie einen kleinen Nebenverdienst ausschlagen sollten, wenn er sich ihnen in einer schicklichen Weise bietet.“

Der Fremde nickte lächelnd mit dem Kopfe, als wenn er sagen wollte, daß er sich in seinem Manne nicht getäuscht hätte. Dann zog er die Klingel.

„Füllen Sie das Glas noch einmal“, befahl er dem Wirte und händigte ihm Herrn Bumbles leeres Glas ein. „Machen Sie es aber stark und recht heiß. So lieben Sie es doch?“

„Nicht zu stark“, versetzte Herr Bumble und hüstelte verlegen.

„Sie wissen, was das sagen soll, Herr Wirt“, sagte der Fremde trocken.

Der Wirt lächelte und verschwand. Nach einer kleinen Weile kam er mit einem dampfenden Glas wieder, von dem der erste Schluck Herrn Bumble das Wasser in die Augen trieb.

„Hören Sie mich mal aufmerksam an“, sagte der fremde Mann, nachdem er vorher die Tür und Fenster geschlossen hatte. „Ich kam heute mit der Absicht hierher, Sie zu treffen. Durch einen der Zufälle, die der Teufel manchmal herbeiführt, mußten Sie in dieses Zimmer treten, gerade als ich mich in Gedanken mit Ihnen beschäftigte. Ich möchte eine Auskunft von Ihnen haben und verlange sie, so unbedeutend sie ist, nicht umsonst. Nehmen Sie das als Anzahlung.“

Mit diesen Worten schob er behutsam Herrn Bumble ein paar Goldstücke über den Tisch hin, als wünsche er nicht, daß man draußen das Geld klimpern höre. Herr Bumble prüfte die Münzen auf ihre Echtheit und steckte sie vergnügt in seine Tasche, als er sich davon die nötige Überzeugung verschafft hatte.

„Denken Sie mal zurück – warten Sie – an den Winter vor zwölf Jahren!“

„Das ist lange her“, meinte Herr Bumble. „Aber schön, ich hab’s getan.“

„Der Schauplatz – das Armenhaus.“

„Gut.“

„Zeit – die Nacht“

„Ja.“

„Und der Ort – das elende Loch, wo liederliche Frauenzimmer piepsende Kinder in die Welt setzen, die der Gemeinde zur Last fallen, während sie ihre Schande im Grabe verbergen.“

„Das wird, denke ich, das Wöchnerinnenzimmer sein“, sagte Herr Bumble, der des Fremden aufgeregter Schilderung nicht ganz zu folgen imstande war.

„Ja, dort wurde ein Knabe geboren.“

„Sehr viele“, bemerkte Herr Bumble.

„Hol der Teufel die Höllenbrut“, schrie der Fremde. „Ich spreche von einem – einem schmächtig aussehenden, blaßgesichtigen Bengel, der zu einem Leichenbestatter in die Lehre gegeben wurde (ich wünschte, er hätte da seinen eigenen Sarg gemacht und sein Körper faulte darin) und nachher nach London entlief.“

„Ach, Sie meinen Oliver – den Oliver Twist, an den kann ich mich natürlich noch ganz gut erinnern“, versetzte Herr Bumble. „Das war ein eigensinniger Racker –-„

„Ich brauche nichts von ihm zu hören, hab‘ schon genug von ihm vernommen“, fiel ihm der Fremde ins Wort. Es handelt sich um die alte Hexe, die seiner Mutter bei der Entbindung beistand. Wo ist sie?“

„Wo sie ist?“ sagte Herr Bumble, den der starke Grog witzig zu machen schien. „Das ist schwer zu sagen. jedenfalls Hebammen werden da nicht gebraucht, und so wird sie wohl außer Dienst sein!“

„Wie muß ich das verstehen?“

„Daß sie den letzten Winter starb!“

Der Unbekannte sah ihn bei dieser Mitteilung scharf an. Eine Weile schien es zweifelhaft, ob ihm die Nachricht erfreulich oder unerfreulich sei. Schließlich stand er auf und schickte sich zum Gehen an; er bemerkte dabei, es käme wenig darauf an.

Bumble war schlau genug, um eine Gelegenheit zu wittern, aus dem Geheimnisse seiner besseren Hälfte Geld zu machen. Er erinnerte sich noch genau der Nacht, in der die alte Sally starb. Der Tag war ihm durch seinen Heiratsantrag, den er Frau Corney damals machte, unvergeßlich geworden. Und obgleich ihm seine Frau niemals anvertraute, was sie damals erfahren hatte, so hatte er doch genug gehört, um zu wissen, daß die Beichte der Sterbenden sich auf etwas bezog, das mit Oliver Twists Mutter im Zusammenhang stand. Er eröffnete daher dem Fremden mit geheimnisvoller Miene, die Hebamme hätte sich kurz vor ihrem Tode eine andere Frau rufen lassen, die wahrscheinlich Licht in die Sache bringen könnte.

„Wo kann ich die Frau treffen?“ fragte der Fremde mit unvorsichtiger Hast. Er zeigte, daß ihn die Mitteilungen stark erregten.

„Nur durch mich“, versetzte Herr Bumble.

„Wann?“

„Morgen!“

„Abends neun Uhr“, sagte der Fremde und schrieb auf ein Stück Papier mit zitternder Hand eine Adresse, die Herrn Bumble in ein abgelegenes Haus am Flusse hinbeschied. „Bringen Sie sie um neun Uhr zu mir. Ich brauche Ihnen wohl nicht erst zu sagen, daß es im Geheimen geschehen muß. Es ist Ihr Vorteil.“

Mit diesen Worten ging er zur Tür und bezahlte die Zeche. Von Bumble verabschiedete er sich ohne weitere Förmlichkeit mit dem Bemerken, daß sich jetzt ihre Wege trennten, und er ihn morgen pünktlich erwarte.

Bumble sah, daß die Adresse keinen Namen enthielt, und so folgte er dem Unbekannten, um ihn danach zu fragen.

„Was ist los“, rief der Mann und drehte sich rasch um, als der Armenhausvater seinen Arm berührte.“Warum schleichen Sie mir nach?“

„Ich wollte nur wissen, nach wem ich zu fragen habe; wollen Sie mir nicht Ihren Namen sagen?“

„Monks!“ versetzte der Mann und eilte hastig weiter.

Berichtet, was sich zwischen dem Ehepaar Bumble und Monks bei ihrer nächtlichen Zusammenkunft zutrug

Es war ein schwüler, dumpfer Sommerabend. Die dunklen Wolken, welche den ganzen Tag über mit Regen gedroht hatten, ließen einige Tropfen fallen und schienen ein schweres Gewitter zu verkünden. Herr und Frau Bumble kamen die Hauptstraße hinunter und bogen in eine Seitengasse, die auf einige halbverfallene Häuser am Flußufer führte. Beide waren in schäbige Mäntel gehüllt, die nicht nur den Zweck hatten, sie gegen den Regen zu schützen, sondern auch um sie unkenntlich zu machen. Herr Bumble trug eine Laterne, deren Licht aber noch nicht brannte, und ging voraus. Er bahnte dadurch mit seinen breiten Schuhen seiner Frau in dem Schmutz einen Weg.

Schweigend zogen sie dahin; hin und wieder hielt er an, als wolle er sich überzeugen, ob seine Ehehälfte auch folge. Wenn er feststellte, daß sie ihm dicht auf den Fersen war, beschleunigte er seine Schritte wieder.

Die Gegend war dafür bekannt, daß dort hauptsächlich Leute wohnten, die unter dem Deckmantel eines ehrlichen Gewerbes in Wirklichkeit von Raub und Diebstahl lebten. Hart am Flusse stand ein großes Gebäude, das früher eine Fabrik gewesen zu sein schien, aber jetzt nur eine Ruine war. Vor diesem Hause machte das würdige Paar halt, als das Rollen eines fernen Donners zum erstenmal die Luft erschütterte, und der Regen in Strömen herunterzukommen anfing.

„Hier herum muß es sein“, sagte Herr Bumble, auf das Papier mit der Adresse blickend.

„Hallo“, rief eine Stimme von oben.

Bumble guckte hinauf und gewahrte einen Mann, der aus einem Fenster des zweiten Stockes hinaussah.

„Einen Augenblick, ich komme sofort hinunter“, rief die Stimme.

„Ist das der Mann?“ fragte Frau Bumble.

Ihr Gatte nickte bejahend.

„Nun, so vergiß nicht, was ich dir gesagt habe“, fuhr die würdige Dame fort, „und sprich so wenig wie möglich, sonst verrätst du uns gleich.“

Monks hatte inzwischen die Tür geöffnet und rief mit ungeduldiger Gebärde:

„Kommt schnell herein, haltet mich hier nicht unnötig auf.“

Frau Bumble, die zuerst gezögert hatte, trat jetzt mutig ins Haus, und Herr Bumble, der sich schämte oder fürchtete zurückzubleiben, folgte ihr auf dem Fuße. Man konnte ihm jedoch anmerken, daß ihm nicht besonders wohl zumute war, und daß ihn die ihm eigene Würde fast ganz verlassen hatte.

„Zum Donnerwetter, warum blieben Sie draußen im Regen stehen?“ sagte Monks, als er die Tür verschloß.

„Wir – wir wollten uns nur ein bißchen abkühlen“, stammelte Bumble und sah sich furchtsam um.

„Abkühlen?“ meinte Monks. „Aller Regen, der je fiel oder noch fallen wird, vermag nicht das Höllenfeuer zu löschen, das der Mensch in seinem Innern mit sich herumtragen kann. Denken Sie nur nicht, sich so leicht abzukühlen.“

Mit diesen liebenswürdigen Worten und einem finsteren Blick wandte sich Monks zu Frau Bumble, die sonst nicht schüchtern, doch vor den wilden Augen des Mannes die ihrigen zu Boden schlug.

„Das ist die Frau, nicht wahr?“ fing Monks an.

„Ja“, sagte Bumble kurz, eingedenk der Warnung seiner Frau.

„Sie denken wohl, Frauen können keine Geheimnisse für sich behalten?“ nahm Frau Bumble das Wort und begegnete fest den beobachtenden Blicken Monks‘.

„Jedenfalls verschweigen sie immer eins so lange, bis es ans Licht kommt“, entgegnete dieser.

„Und was wäre das?“ fragte die Dame.

„Den Verlust ihres guten Namens. Ebensowenig fürchte ich, daß ein Weib ein Geheimnis ausplaudert, dessen Ausschwatzen ihr den Strick oder das Zuchthaus eintragen kann. Verstehen Sie?“

„Nein“, erwiderte Frau Bumble, sich verfärbend.

„Begreiflich, wie sollten Sie auch?“ sagte Monks ironisch.

Nachdem er dem würdigen Paar einen höhnischen Blick zugeworfen hatte, winkte er ihnen, ihm zu folgen. Als sie gerade eine steile Treppe hinaufstiegen, fuhr ein Blitzstrahl vom Himmel, dem ein so mächtiger Donnerschlag folgte, daß das ganze Gebäude bebte.

„Hört!“ rief er zurückschreckend. „Hört, als ob die Hölle losgelassen ist, ich hasse den Lärm.“

Er schwieg einige Augenblicke und hatte die Hände vors Gesicht geschlagen. Als er sie entfernte, schaute Herr Bumble in ein wachsbleiches, verzerrtes Gesicht.

„Ich bin manchmal solchen Anfällen unterworfen“, sagte Monks, die Bestürzung Bumbles bemerkend, „besonders bei Gewittern. Beachten Sie das nicht, es ist schon vorüber!“

Mit diesen Worten führte er sie nun eine Leiter hinauf, und oben angekommen, schloß er gleich die Fensterläden des Zimmers, in dem sie Platz genommen hatten. Er ließ eine Laterne, die an der Decke an einem Strick hing, herunter und begann:

„Je schneller wir zu Sache kommen, desto besser ist’s für uns alle. Die Frau weiß, um was es sich handelt, nicht wahr?“

Die Frage war an Herrn Bumble gerichtet, aber seine Frau kam ihm mit der Antwort zuvor und erklärte, daß sie vollkommen im Bilde wäre.

„Ist es so, wie er sagt, daß die alte Hexe Ihnen auf ihrem Totenbette etwas anvertraute –“

„In betreff der Mutter des von Ihnen benannten Knabens?“ unterbrach ihn Frau Bumbie. „Ja!“

„Es fragt sich also zunächst, worin ihre Mitteilung bestand“, sagte Monks.

„Nein, das kommt erst später“, bemerkte Frau Bumble trocken. „Zuerst handelt es sich darum, was ist die Mitteilung wert.“

„Wer, Teufel nochmal, kann das sagen, ohne zu wissen, was zur Sprache kam?“

„Ich glaube, niemand besser als Sie“, antwortete Frau Bumble, der es, wie ihr Mann aus Erfahrung bestätigen konnte, nicht an Mut gebrach.

„Hm“, meinte Monks. „Man kann wohl Geld damit herausschlagen, wie?“

„Vielleicht!“

„Man hat ihr wohl etwas fortgenommen – etwas was sie trug – etwas –“

„Nun bieten Sie schon! Ich habe bereits genug gehört und bin der Überzeugung, daß für Sie das Geheimnis von großem Wert ist.“

Herr Bumble, den seine bessere Hälfte nicht weiter in das Geheimnis eingeweiht hatte, hörte dem Gespräch mit aufgerissenen Augen zu. Er guckte mal Monks, mal seine Frau an. Groß war sein Erstaunen, als er die Summe hörte, die diese für ihre Mitteilung von Monks verlangte.

„Was ist Ihnen also die Geschichte wert?“ fragte Frau Bumble ruhig.

„Vielleicht nichts, vielleicht zwanzig Pfund“, sagte Herr Monks. „Lassen Sie hören.“

„Legen Sie noch fünf Pfund zu, geben Sie mir fünfundzwanzig Goldstücke und Sie sollen alles erfahren, was ich weiß. Eher nicht!“

„Fünfundzwanzig Pfund?“ rief Monks zurückprallend aus.

„Ich habe so offen und deutlich wie nur möglich gesprochen. Es ist nicht einmal viel“

„Nicht viel für ein lumpiges Geheimnis, das vielleicht keinen Pfennig wert und schon zwölf Jahre alt ist!“

„Solche Dinge halten sich und steigen wie gute Weine mit der Zeit oft um das Doppelte ihres Wertes“, sagte Frau Bumble mit gutgespieltem Gleichmut.

„Wie aber, wenn ich das Geld für nichts ausgebe“, sagte Monks bedenklich.

„Sie können es mir leicht wieder abnehmen“, entgegnete Frau Bumble. „Ich bin nur ein Weib, allein und ohne Schutz hier.“

„Weder allein, Schatz, noch unbeschützt“, sagte nun Herr Bumble, dabei zitterte seine Stimme vor Furcht. „Ich bin auch noch hier, Liebling. Aber“, fuhr er zähneklappernd fort, „außerdem ist Herr Monks zu sehr Ehrenmann, als,daß er eine Gewalttat gegen Gemeindebeamte begehen würde! Herr Monks weiß zwar, daß ich kein junger Mann bin und nicht mehr in der Vollkraft der Jahre stehe, aber er hat sicher auch gehört, daß ich ein energischer Beamter bin mit ungeheurer Stärke, sobald es notwendig ist. Man braucht mir nur einen Anlaß zum Einschreiten zu geben.“

„Du bist ein Idiot und tätest besser, deinen Mund zu halten“, war Frau Bumbles Antwort.

„Da haben Sie recht, wenn er nicht leiser reden kann“, sagte Monks wütend. „Das ist also Ihr Mann?“

„Er, mein Mann?!“ kicherte Frau Bumble ausweichend.

„Ich dachte es mir gleich, als Sie beide hereinkamen“, meinte Monks, als er den zornigen Blick gewahrte, den die Dame ihrem Ehegemahl zuwarf. „Desto besser; es macht mir gar nichts aus, mit zwei Menschen zu verhandeln, wenn ich nur sehe, daß sie gleichen guten Willens sind. Es ist mir ernst – sehen Sie her.“

Er holte einen Geldbeutel aus der Tasche und entnahm ihm fünfundzwanzig Goldstücke, die er Frau Bumble hinreichte.

„Nehmen Sie das Geld, und wenn das verdammte Gewitter vorüber ist, das jetzt gerade über dem Hause losbricht, erzählen Sie die Geschichte.“

Sobald das Unwetter sich gelegt hatte, hob Monks seinen Kopf von dem Tische auf und hörte aufmerksam Frau Bumble zu. Die Köpfe der drei Personen berührten sich beinahe, da die beiden Männer in ihrer Neugierde sich über den kleinen Tisch beugten, und die Frau, um ihr Flüstern vernehmlich zu machen, das gleiche tat.

„Als dieses Weib, die man die alte Sally nannte, starb“, erzählte Frau Bumble, „war ich mit ihr allein.“

„Also sonst war niemand dabei?“ fragte Monks im Flüsterton. „Keine Kranke oder Verrückte in einem anderen Bette. Niemand, der etwas hören oder verstehen konnte?“

„Keine Menschenseele! Wir waren ganz allein. Niemand außer mir war bei ihr, als der Tod über sie kam.“

„Gut, weiter.“

„Sie sprach von einem jungen Weibe“, fuhr Frau Bumble fort, „die vor einer Reihe von Jahren ein Kind zur Welt brachte – nicht nur im selben Zimmer, sondern sogar im gleichen Bette, auf dem die Alte jetzt mit dem Tode rang.“

„Wirklich?“ sagte Monks, an den Lippen nagend. „Donnerwetter! Wie doch die Dinge zuletzt kommen können.“

„Das Kind war dasselbe, das Sie ihm gestern abend nannten“, erzählte die Matrone weiter und machte eine nachlässige Kopfbewegung zu ihrem Manne hin. „Und die alte Sally bestahl das junge Weib.“

„Als sie noch lebte?“ fragte Monks.

„Nein, als sie gestorben war“, antwortete Frau Bumble, und ein Schauder überflog sie. „Sie stahl der Toten (sie war noch nicht kalt) das, was diese mit ihren letzten Atemzügen gebeten hatte, für das Kind in Verwahrung nehmen zu wollen.“

„Sie verkaufte es?“ rief Monks gespannt. „Nicht wahr, sie verkaufte es. – Wo? – wann? – an wen? – wie lange ist es schon her?“

„Als sie mir dies mit letzter Kraftanstrengung gebeichtet hatte, fiel sie zurück und starb.“

„Weiter hat sie nichts gesagt?“ rief Monks mit einer Stimme, die sich um so wütender anhörte, je mehr er sie zu dämpfen versuchte. „Das ist eine Lüge. Ich lasse mir nichts weißmachen. Sie sagte mehr. Ich erwürge euch beide, wenn ich nicht herauskriege, was es war.“

„Sie sagte weiter kein Wort“, fuhr die Matrone ruhig fort, „aber sie faßte krampfhaft mit der einen Hand mein Kleid, und als ich nach ihrem Hinscheiden die Hand losmachen wollte, fand ich darin ein Stückchen schmutzigen Papiers.“

„Was enthielt es?“ fragte Monks schnell, sich wieder vorbeugend.

„Nichts, es war ein Pfandschein.“

„Über was?“

„Darauf werde ich noch zu sprechen kommen. Ich vermute, sie hat den Schmuck eine Zeitlang aufgehoben in der Hoffnung, ihn einst besser verwerten zu können, ihn aber dann doch verpfändet. Sie hat dem Pfandleiher jedes Jahr die Zinsen bezahlt, um es sofort wieder einlösen zu können, wenn es ihr notwendig erschien. Sie starb mit dem Pfandschein in der Hand, wie ich bereits erzählte. Das Pfand wäre nach einigen Tagen verfallen, und ich löste es ein, da ich glaubte, dereinst nochmal daraus Nutzen ziehen zu können.“

„Wo ist es jetzt?“ fragte Monks rasch.

„Hier“, rief Frau Bumble und warf hastig ein kleines, ledernes Beutelchen auf den Tisch, als ob sie froh sei, es loszuwerden. Monks griff mit zitternden Händen danach und öffnete es. Es enthielt einen einfachen goldenen Trauring und ein Medaillon, in dem sich zwei Haarlocken befanden.

„Innen ist der Name Agnes eingegraben“, ergänzte Frau Bumble ihre Erzählung. „Für den Zunamen hat man Raum gelassen, und dann folgt ein Datum, welches in das Jahr vor der Geburt des Kindes fällt. Das habe ich herausgefunden!“

„Und das ist alles?“ fragte Monks, nachdem er den Inhalt des Beutelchens festgestellt hatte.

„Ja, alles“, antwortete die Matrone.

Herr Bumble holte tief Atem, als freue er sich, daß die Geschichte zu Ende sei, ohne daß von einer Zurückgabe der fünfundzwanzig Pfund gesprochen wurde.

„Ich weiß von der Sache nichts weiter, als was ich mutmaßen kann“, sagte Frau Bumble nach kurzem Schweigen zu Monks. „Und will auch nicht mehr davon wissen, das ist sicherer. – Aber darf ich zwei Fragen an Sie richten?“

„Das können Sie“, versetzte Monks, überrascht. „Ob ich sie aber beantworten werde, ist eine andere Frage.“

„Macht zusammen drei Fragen“, meinte Bumble und wollte damit einen Witz machen.

„War es das, was Sie von mir zu hören erwarteten?“ fragte Frau Bumble.

„Ja“, antwortete Monks. „Und die andere Frage?“

„Was gedenken Sie zu tun? Kann es gegen mich gebraucht werden, kann ich Schaden dadurch haben?“

„Nie, weder gegen Sie noch gegen mich“, sagte Monks. „Schaut her, aber tut keinen Schritt vorwärts, sonst ist euer Leben keinen Pfifferling wert!“

Mit diesen Worten schob er plötzlich den Tisch beiseite und öffnete vor Herrn Bumbles Füßen eine Falltür, so daß dieser eiligst ein paar Schritte zurücktrat.

„Gucken Sie da hinunter“, sagte Monks und ließ die Laterne hinab. „Sie brauchen keine Angst zu haben. Wenn ich die Absicht gehabt hätte, Sie verschwinden zu lassen, so hätte ich es vorhin gekonnt, als Sie über der Falle saßen.“

So ermutigt, näherte sich Frau Bumble dem Rande, und sogar ihr Gatte wagte es, von Neugierde getrieben, dasselbe zu tun. Das trübe, vom Regen angeschwollene Wasser rauschte unten so ungestüm, daß alle anderen Laute sich in dem Geräusch der brausenden gegen die grünen Pfeiler anschlagenden Wogen verloren.

„Wo würde wohl morgen früh der Leichnam des Menschen sein, den man jetzt hier hinunterwürfe“, fragte Monks und ließ die Laterne in dem dunklen Schlunde hin und her schwingen.

„Zwölf Meilen weiter unten im Flusse und obendrein in Stücke zerrissen“, meinte Bumble, bei dem bloßen Gedanken schon zitternd.

Monks holte nun das Beutelchen mit dem Medaillon und Trauring aus seiner Tasche und befestigte ein Bleistück von einem alten Flaschenzug daran, der zerbrochen in einer Ecke lag. Dann ließ er es hinunterfallen, und man hörte ein schwaches Plätschern, als es ins Wasser glitt.

Alle drei blickten einander an und schienen freier zu atmen.

„So!“ sagte Monks, indem er die Falltür wieder schloß. „Wenn die See auch wieder ihre Toten herausgibt, wie in den Büchern steht, Gold und Silber – und daher auch diesen Plunder wird sie wohl für sich behalten. – Wir haben uns nichts mehr zu sagen und können die Sitzung aufheben. Aber daß Sie mir reinen Mund halten“, fuhr er mit drohender Gebärde gegen Bumble fort. „Wegen Ihres Weibes bin ich unbesorgt.“

„Sie können sich auf mich verlassen, junger Mann“, entgegnete Herr Bumble, der sich allmählich unter vielen höflichen Verbeugungen der Leiter näherte. „Um unser aller willen. Sie wissen ja, es könnte mir ebenso nachteilig werden wie den anderen.“

„Das ist mir für Sie lieb zu hören. Nun zünden Sie Ihre Laterne an und machen Sie, daß Sie so schnell als möglich von hier fortkommen.“

Es war ein Glück, daß die Unterhaltung hier endete, sonst wäre Herr Bumble, der sich bereits bis auf die Ent,fernung von sechs Zoll nach der Leiter hinkomplimentiert hatte, kopfüber in den unteren Raum hinabgestürzt. Er zündete eine Laterne an und stieg stillschweigend hinunter, während Frau Bumble nachfolgte. Monks kam hinterdrein, nachdem er noch einige Augenblicke gehorcht hatte. Sie gingen langsam und vorsichtig über den Hausflur, und Monks entriegelte und öffnete leise die Tür. Mit einem einfachen Kopfnicken verabschiedete sich das wackere Ehepaar von ihrem geheimnisvollen Bekannten und trat in die Nacht und den Regen hinaus.

Sie hatten sich kaum entfernt, als Monks einen Jungen rief, der irgendwo versteckt gewesen sein mußte, ihn mit dem Licht vorangehen hieß und nach dem Gemach zurückkehrte, das er eben verlassen hatte.

In dem wieder alte Bekannte erscheinen, und das zeigt, wie Monks und der Jude ihre würdigen Köpfe zusammenstecken

Am Abend des folgenden Tages erwachte Herr William Sikes aus seinem Schlummer und fragte noch schlaftrunken, wieviel Uhr es sei.

Die Stube, in der er lag, war keine von denen, die er vor dem Einbruch bewohnt hatte, aber sie befand sich in demselben Stadtviertel und war nicht weit von seiner früheren Wohnung. Es war ein kümmerliches, kleines Gemach, das nur durch ein einziges kleines Dachfenster Licht erhielt. Auch fehlte es nicht an anderen Zeichen, daß der Ehrenmann in letzter Zeit ziemlich heruntergekommen war. Das wenige Hausgerät, der Mangel aller Bequemlichkeit und sein abgemagertes Aussehen bestätigten es.

Der Räuber lag in einen weißen Mantel gehüllt auf dem Bette und zeigte ein Gesicht, dessen krankhafte Blässe durch den eine Woche alten, schwarzen Stoppelbart nicht verschönert wurde. Der Hund lag neben dem Bette, bald aufmerksam seinen Herrn anblickend, bald die Ohren spitzend und knurrend, wenn irgendein Geräusch seine Aufmerksamkeit erregte. Am Fenster saß mit der Ausbesserung einer dem Einbrecher gehörigen Weste beschäftigt, eine blasse, durch Entbehrungen und Nachtwachen so heruntergekommene Frauensperson, daß man in ihr nicht leicht die frühere Nancy wiedererkannt haben würde, wenn nicht ihre Stimme gewesen wäre, die den alten Klang hatte.

„Es hat vor kurzem sieben geschlagen“, sagte das Mädchen. „Wie geht es dir heute abend, Bill?“

„So schwach wie Wasser“ erwiderte er mit einem kräftigen Fluch. „Reich mir mal die Hand, damit ich aus diesem verwünschten Bette komme.“

Die Krankheit hatte Sikes nicht milder gestimmt, denn als ihm das Mädchen aufhalf und ihn nach einem Stuhl geleitete, fluchte er über ihre Ungeschicklichkeit und prügelte sie.

„Heulst du schon wieder!“ fuhr Sikes sie an. „Laß bloß das Geplärre bleiben. Schere dich zum Teufel, wenn du nichts Besseres tun kannst. Verstanden?“

Jawohl“, sagte das Mädchen, das Gesicht zur Seite wendend, und zwang sich zu einem Lächeln. „Was hast du nur wieder?“

„Hast dich eines Besseren besonnen“, brummte Sikes, als er noch eine in ihrem Auge hängende Träne gewahrte.

„Um so besser für dich.“

„Ach, du kannst heute abend nicht schlecht zu mir sein“, sagte sie und legte ihre Hand auf seine Schulter.

„Warum nicht?“ brüllte er.

„So viele Nächte“, sagte das Mädchen mit einem Anflug von weiblicher Zärtlichkeit, die ihrer Stimme eine gewisse Weichheit verlieh, „so viele Nächte habe ich dich wie ein Kind geduldig gewartet und gepflegt und sehe dich heute zum ersten Male wieder bei Besinnung. Du würdest mich nicht so behandelt haben wie eben, wenn du daran gedacht hättest, nicht wahr? Bitte sage, du hättest es nicht getan!“

„Nun ja, ich hätte es wahrscheinlich nicht getan, aber, zum Donnerwetter, da fängt sie schon wieder zu heulen an.“

„Es ist nichts“, sagte Nancy und warf sich in einen Stuhl. „Laß mir einen Augenblick Ruhe, und es ist gleich vorüber.“

„Was wird vorüber sein?“ fragte Sikes wütend. „Was ist das wieder für ein Blödsinn. Steh auf und tue etwas, aber bleib mir mit deinem Weiberquatsch vom Leibe!“

Zu jeder anderen Zeit würde diese Aufforderung und der Ton, in dem sie gesprochen wurde, die gewünschte Wirkung gehabt haben. Aber das Mädchen war in der Tat abgespannt und ganz erschöpft, ließ den Kopf auf die Stuhllehne fallen und wurde ohnmächtig, ehe noch Herr Sikes einige passende Flüche ausstoßen konnte, mit denen er bei ähnlichen Gelegenheiten seine Drohungen auszuschmücken pflegte. Da er nicht wußte, was in diesem Falle zu tun sei, denn Nancys hysterische Anfälle waren meistens von jener heftigen Art, die der Kranke gewöhnlich ohne sonderlichen Beistand selbst durchkämpft – so versuchte er es zuerst mit ein bißchen Gotteslästerung, und als sich diese Behandlungsweise als ganz unwirksam erwies, rief er nach Hilfe.

„Was ist los, Freundchen?“ fragte der Jude, in die Stube tretend.

„Da, hilf dem Mädchen gefälligst“, schrie Sikes ungeduldig. „Steh nicht da, um zu quatschen und mich anzugrinsen!“

Mit einem Ausruf der Überraschung beeilte sich Fagin, dem Mädchen Beistand zu leisten, während Herr Jack Dawkins (sonst auch der Gannef genannt), welcher nach seinem würdigen Freunde ins Zimmer getreten war, schnell ein Bündel, das er in der Hand trug, auf die Erde warf und Herrn Karl Bates, der ihm auf dem Fuße folgte, eine Flasche aus der Hand riß. In einem Augenblick entkorkte er sie mit den Zähnen und goß der Kranken einen Teil ihres Inhalts in den Mund, nachdem er denselben vorher selbst gekostet hatte, um eine etwaige Verwechslung zu verhüten.

„Bring ihr mit dem Blasebalg etwas frische Luft unter die Nase“, sagte der Gannef zu Karl Bates. „Und Sie, Fagin, reiben ihr die Handflächen, während Bill ihr das Mieder aufmacht!“

Diese vereint angewandten Belebungsmittel übten bald die gewünschte Wirkung aus. Das Mädchen kam allmählich wieder zu sich, wankte nach einem Stuhl am Bett, verbarg ihr Gesicht in den Kissen und überließ es Herrn Sikes, die Neuankömmlinge gebührend zu empfangen.

„Donnerwetter, welch böser Wind hat dich hierher verschlagen?“ fragte er Fagin.

„Kein böser Wind, mein Lieber“, antwortete der Jude, „denn schlimme Winde blasen niemand etwas Gutes zu. Ich habe Euch aber etwas Gutes mitgebracht, das Euer Herz erfreuen wird. Gannef, mach doch mal das Bündel auf und gib Bill die Kleinigkeiten, wofür wir heute morgen unser ganzes Geld ausgegeben haben.“

Der Gannef öffnete nun das ziemlich große Bündel, das aus einem zusammengeschlagenen alten Tischtuch bestand, und händigte den Inhalt desselben, Stück für Stück, Karl Bates aus. Dieser legte die Gegenstände unter Lobsprüchen über ihre Vortrefflichkeit auf den Tisch.

„Seht, die Kaninchenpastete, Bill. Köstliche, zarte Tierchen, daß einem sogar ihre Knochen auf der Zunge zergehen, und man sie nicht erst abzunagen braucht; – und hier den Tee, so stark, daß er beinahe den Deckel der Teekanne in die Luft wirft; – und den Zucker – den herrlichen Chesterkäse – und dann, was sagt Ihr nun?“

Hier brachte Herr Bates aus einer seiner umfangreichen Taschen eine ziemlich große, sorgfältig verkorkte Weinflasche zum Vorschein.

„Ja!“ sagte Fagin, mit zufriedenem Lächeln sich die Hände reibend. „Das wird Euch schmecken, das wird Euch bekommen, Bill.“

„Bekommen?“ schrie Sikes. „Ich hätte zehnmal umkommen können, ohne daß du für mich auch nur einen Finger krümmtest. Was soll das heißen, daß du mich über drei Wochen in dieser Patsche sitzen ließest, du falscher Hund, du!“

„Nun hört bloß mal an, Jungens“, sagte der Jude achselzuckend; „und wir kommen her, um ihm alle diese wundervollen Sachen zu bringen.“

„Die Sachen sind ja schön und gut“, meinte Sikes etwas besänftigt, als er den Tisch überblickte, „aber was hast du zu deiner Entschuldigung anzuführen, daß du mich hier krank und ohne alle Mittel liegen ließest, als wäre ich ein Hund wie dieser da. Still, Köter!“ brüllte er seinen Hund an, als dieser knurrte. „Also womit kannst du dich ausreden, du altes Gerippe?“

„Ich war über eine Woche von London weg, lieber Freund – in Geschäften.“

„Und die anderen vierzehn Tage? Warum hast du dich da nicht um mich gekümmert, ich hätte krepieren können wie eine kranke Ratte in ihrem Loche!“

„Ich konnt’s nicht anders, Bill. Vor so vielen Zuhörern kann ich mich jedoch nicht auf eine lange Erörterung einlassen. Es war mir aber unmöglich. Auf Ehre!“

„Auf – was?“ fragte Sikes mit dem Ausdruck höchster Verachtung im Gesicht. „Jungens, schneidet einer mir mal ein Stück von der Pastete ab, damit ich den üblen Geschmack von seiner Ehre aus dem Munde kriege, oder ich ersticke dran!“

„Nicht so hitzig, lieber Freund“, sprach der Jude unterwürfig. „Ich habe Euch nicht vergessen, – niemals, Bill.“

„Nein, ich will meinen Kopf verwetten, daß du es nicht tatest“, meinte Sikes höhnisch. „Die ganze Zeit über, als ich hier im Fieber lag, hast du Pläne ausgeheckt. Bill sollte dies und Bill sollte das tun. Und alles sollte Bill spottbillig machen, sobald er wieder gesund und arm genug wäre, um von dir ausgenutzt werden zu können. Hätte ich das Mädchen nicht gehabt, so wäre ich wahrscheinlich verreckt!“

„Das ist’s ja gerade, Bill“, sagte der Jude, der begierig den letzten Satz auffaßte. „Wenn Ihr das Mädchen nicht gehabt hättet! Aber war es nicht der arme alte Fagin, der Euch das Mädchen zuführte, und hättet Ihr sie gehabt ohne mich?“

„Weiß Gott, da hat er recht“, meinte Nancy, hastig hervortretend. „Laß ihn, Bill, laß ihn.“

Nancys Einmischung gab dem Gespräch eine andere Wendung, denn die Jungen begannen auf einen Wink des schlauen alten Juden, sie mit Schnaps zu traktieren, von dem sie jedoch nur sparsam genoß. Fagin, der eine große Lustigkeit zur Schau trug, brachte allmählich Herrn Sikes in eine bessere Laune. Er tat so, als betrachte er dessen Drohungen nur als Scherz und belachte den einen oder den anderen derben Witz des Einbrechers recht geräuschvoll. Herr Sikes, der der Schnapsflasche wiederholt in reichlichem Maße zugesprochen hatte, sagte:

„Das ist alles ganz schön und gut, aber ich muß heute noch Draht von dir haben.“

„Ich habe nicht einen Pfennig bei mir“, sagte Fagin.

„Aber haufenweise zu Hause“, entgegnete Sikes.jedenfalls mußt du Draht heranschaffen.“

„Haufenweise?“ rief der Jude in komischem Entsetzen. „Ich habe nicht so viel, wie – -„

„Ich weiß nicht, wieviel Zaster du hast, und ich wette, es ist dir selbst nicht einmal bekannt, da eine ziemliche Zeit dazu gehören würde, alle die Goldfüchse zu zählen. Aber ich muß noch heute abend Geld haben – und damit basta!“

„Schon gut“, sagte der Jude mit einem Seufzer, „ich werde den Gannef schicken.“

„Das laß man, der würde vielleicht das Wiederkommen vergessen oder den Weg verlieren oder die Greifer würden ihn fassen, so daß er nicht. hätte kommen können – um Ausreden ist der ja nicht verlegen. Nancy soll in deine Lasterhöhle mitgehen und den Draht holen. Das ist sicherer; inzwischen werde ich noch ein bißchen pennen!“

Nach vielem Feilschen handelte Fagin die geforderte Summe von fünf Pfund auf drei Pfund vier Schilling und sechs Pence herunter, wobei er wiederholt feierlich beteuerte, daß ihm nur noch achtzehn Pence zum Leben übrigblieben. Herr Sikes meinte mürrisch, das wäre auch genug, worauf Nancy sich zum Fortgehen fertig machte. Fagin nahm nun Abschied von seinem ehrenwerten Freunde und trat, von Nancy und den beiden Jungen begleitet, den Rückweg an, während sich Sikes aufs Bett warf.

Als sie in der Wohnung des Juden ankamen, fanden sie dort Toby Crackit und Herrn Chitling eifrig beim fünfzehnten Spiel Cribbage, das der letztere natürlich mit seinem fünfzehnten und letzten Sixpencestück verlor – zur großen Erheiterung seiner jungen Freunde. Herr Crackit schien sich etwas zu schämen, in einer derartigen Unterhaltung mit einem Menschen betroffen worden zu sein, der hinsichtlich seiner Stellung und Geistesgaben so weit unter ihm den Rang einnahm. Er gähnte und fragte so beiläufig nach Sikes, dann nahm er seinen Hut, um zu gehen.

„Ist niemand hier gewesen, Toby?“ fragte der Jude.

„Kein Bein. Es war hier so langweilig wie in der Kirche. Ihr müßt eigentlich mit einer Belohnung herausrücken, daß ich Euch das Haus solange gehütet habe. Weiß der Teufel, mir ist im Kopf so dumm wie einem Geschwornen. Ich wäre glatt eingeschlafen, wenn mich meine Gutmütigkeit nicht bewogen hätte, diesen jungen Menschen da zu unterhalten. Es war furchtbar stumpfsinnig, hol mich der Teufel, wenn’s nicht wahr ist.“

Er steckte mit hochmütiger Miene seinen Gewinn in die Westentasche, als wären solche kleinen Silberstücke der Beachtung eines Mannes von seiner Bedeutung gar nicht wert, und verließ das Zimmer in seiner gewohnten vornehmen Haltung. Herr Chitling schickte ihm bewundernde Blicke nach und versicherte, daß er die Bekanntschaft dieses Herrn für fünfzehn Sixpences nicht zu teuer erkauft zu haben glaube.

„Du bist ein schnurriger Kerl, Tom“, sagte Herr Bates, den diese Erklärung höchlich ergötzte.

„Nicht im mindesten“, versetzte Herr Chitling. „Nicht wahr, Fagin?“

„Du bist ein ganz gescheiter Bursche“, sagte der Jude, ihm auf die Schulter klopfend, während er den beiden anderen Jungen einen bezeichnenden Blick zuwarf.

„Und Herr Crackit ist ein großer Stutzer, nicht wahr, Fagin?“ fragte Tom.

„Ohne Zweifel, mein Lieber“, erwiderte der Jude.

„Und es gereicht einem zur Ehre, sich seiner Bekanntschaft erfreuen zu dürfen, nicht wahr, Fagin?“ fuhr Tom fort.

„Allerdings, sehr. Sie sind nur eifersüchtig, weil er sich mit ihnen nicht abgeben mag.“

„Also da liegt der Hase im Pfeffer“, rief Tom triumphierend. Er hat mich zwar kahl ausgeplündert, aber ich kann ja hingehen und mir wieder neues Geld verschaffen, sobald ich Lust habe – stimmt’s, Fagin?“

„Sicher kannst du’s“, versetzte der Jude, „und je eher du es tust, desto besser ist’s. Sieh zu, daß du deinen Verlust schnell wieder gutmachst, und vertrödle keine Zeit. Gannef, Karl, für euch ist es auch Zeit, an die Arbeit zu gehen, es ist schon zehn Uhr und noch nichts getan.“

Die beiden Jungen nahmen ihre Hüte, nickten Nancy zu und verließen das Zimmer. Sie machten sich unterwegs über Herrn Chitling lustig, obgleich dessen Benehmen, wenn man gerecht sein will, gar nicht so besonders auffallend oder ungewöhnlich gewesen war. Gibt es doch überall viele vortreffliche junge Herren, die weit höhere Summen aufwenden als Herr Chitling, um in guter Gesellschaft gesehen zu werden.

„Nun will ich Ihnen das Geld holen, Nancy. Dieser Schlüssel gehört zu einem kleinen Schrank, wo ich die Sachen aufbewahre, die die Jungen bringen. Ich schließe mein Geld nämlich nie ein, weil ich keins einzuschließen habe, meine Liebe. Ha! ha! ha! Es ist ein kümmerliches Geschäft, Nancy, und man hat keinen Dank davon. Aber ich habe die jungen Leute gern um mich, und so hält man eben aus. – Pst!“ unterbrach er sich und verbarg hastig den Schlüssel in seiner Brusttasche. „Wer mag das sein? Horch!“

Nancy saß mit gekreuzten Armen am Tisch und schien sich für den Besuch nicht sonderlich zu interessieren, als das Geflüster einer Männerstimme an ihr Ohr schlug. Sofort riß sie ihren Hut und Schal ab und warf beides unter den Tisch. Wie sich der Jude umwandte, klagte sie mit matter Stimme über Hitze.

„Ach“, murmelte der Jude, „es ist der Mann, den ich vorhin erwartete. Er kommt die Treppe herab. Sprechen Sie, wenn er da ist, nicht von dem Gelde, Nancy. Er wird nicht lange bleiben – keine zehn Minuten!“

Den Zeigefinger an die Lippen legend, ging der Jude mit der Kerze an die Tür und erreichte sie gleichzeitig mit dem Besucher, der rasch ins Zimmer trat und dicht vor dem Mädchen stand, ehe er es bemerkte.

Es war Monks.

„Eine von meinen Schülerinnen“, erklärte Fagin, als er sah, daß Monks beim Anblick des fremden Gesichts zurückfuhr. „Bleiben Sie ruhig sitzen, Nancy.“

Diese rückte näher an den Tisch und blickte mit gleiche gültiger Miene nach Monks hin, dann wandte sie die Augen ab. Als sich Monks aber zu dem Juden umdrehte, schielte sie beobachtend zu ihm hin, daß ein dritter kaum geglaubt hätte, daß diese beiden Blicke von derselben Person wären.

„Neuigkeiten?“ fragte der Jude.

„Große.“

„Und – und – gute?“ fragte Fagin mit langsamer Stimme, als fürchtete er, den anderen durch große zur Schau getragene Zuversicht zu reizen.

„Jedenfalls keine schlechten“, versetzte Monks lächelnd. „Diesmal war ich fix genug. Doch ich möchte mit Euch allein sprechen.“

Das Mädchen rückte noch näher an den Tisch heran und tat so, als ob sie den Wink nicht verstand. Fagin, der wohl fürchtete, sie möge von dem Geld sprechen, wenn er sie hinausgehen ließ, zeigte nach oben und ging mit Monks aus dem Zimmer.

„Nur nicht wieder in das verfluchte Loch, wo wir neulich waren“, hörte Nancy noch den Mann sagen, als beide die Treppe hinaufstiegen. Fagin lachte und gab eine Antwort, die sie nicht mehr vernehmen konnte. Aus dem Knarren der Dielen schloß sie, daß er seinen würdigen Freund nach dem zweiten Stocke hinaufgeführt hatte.

Kaum waren die Fußtritte der beiden verhallt, als das Mädchen seine Schuhe auszog, aus dem Zimmer eilte und mit unglaublicher Geschwindigkeit geräuschlos die Treppe hinaufflog. Oben verlor sie sich im Dunkel.

Das Zimmer blieb über eine Viertelstunde leer. Dann kam Nancy mit gespensterhaften Schritten wieder zurück, und gleich darauf hörte man auch die beiden Männer herunterkommen. Monks verließ sogleich das Haus, und der Jude holte das Geld. Als er zurückkam, rückte sich das Mädchen gerade ihren Hut zurecht, als ob sie sich zum Gehen vorbereite.

„Donnerwetter, Nancy“, rief Fagin erschrocken, als er das Licht auf den Tisch setzte, „wie blaß Sie aussehen!“

„Blaß?“ sagte das Mädchen, ihn fest ansehend.

„Ganz furchtbar. Was ist denn los?“

„Nichts. Aber die dumpfe Luft hier im Zimmer ist angreifend. – Gebt schon das Geld, damit ich fort kann.“

Fagin zählte ihr, mit einem Seufzer bei jedem Stück, das Geld in die Hand, worauf sie sich mit einem einfachen „Gute Nacht!“ trennten.

Als sie auf der Straße war, setzte sie sich auf eine Türschwelle nieder und schien ganz erschöpft zu sein, als ob sie unfähig wäre, ihren Weg fortzusetzen. Plötzlich erhob sie sich aber und lief in entgegengesetzter Richtung von Sikes‘ Wohnung davon. Endlich hielt sie atemlos inne, um neu Luft zu schöpfen. Mit einemmal schien ihr die Besinnung zu kommen, daß sie unfähig war, das, was sie vorhatte, auszuführen. Sie brach in Tränen aus und rang die Hände.

Möglich, daß die Tränen ihr Erleichterung verschafften, oder daß sie die Hoffnungslosigkeit ihrer Lage erkannte – genug, sie kehrte wieder um und eilte, um die verlorene Zeit wieder einzubringen, mit großer Hast nach Sikes‘ Wohnung.

Herr Sikes bemerkte ihre Aufregung nicht und fragte bloß, ob sie das Geld hätte. Auf ihre bejahende Antwort setzte er den unterbrochenen Schlaf fort.

Es war ein Glück für Nancy, daß das Geld Herrn Sikes in den Stand setzte, sich am andern Tage ganz mit Essen und Trinken zu beschäftigen. Das hatte eine so wohltätige Wirkung auf seine Stimmung, daß er weder Lust noch Neigung spürte, sich um ihr Benehmen zu bekümmern. Sein luchsäugiger Freund Fagin würde aber wahrscheinlich ihre Unrast auf den ersten Blick entdeckt haben und auf die Vermutung gekommen sein, daß ihr Aufgeregtsein auf irgendeinen gefährlichen Schritt hindeutete, zu dessen Ausführung sie sich erst nach einem inneren harten Kampf entschließen konnte. Freilich – Herr Sikes hatte nicht diesen scharfen Blick, wie denn auch einem so rauhen Burschen zartere Gefühlsäußerungen nicht leicht auffallen konnten.

Je näher der Abend heranrückte, desto mehr wuchs die Unruhe des Mädchens. Als sie am Bette des Einbrechers saß und wartete, daß er sich in den Schlaf trinken möge, lag eine so ungewöhnliche Blässe auf ihren Wangen, und in ihren Augen blitzte ein solches Feuer, daß es selbst Sikes auffallen mußte.

Dieser, durch das Fieber geschwächt, trank den Schnaps mit heißem Wasser vermischt, damit er weniger aufregend wirke. Er hatte Nancy gerade sein Glas gereicht, damit sie es zum dritten oder vierten Male wieder fülle, als er des Mädchens Blässe gewahrte.

„Zum Henker!“ schrie er und richtete sich im Bette auf, „du siehst ja wie eine wandelnde Leiche aus. Was ist dir?“

„Was mir ist?“ sagte das Mädchen. „Nichts! Warum starrst du mich so an?“

„Was ist das wieder für ein Blödsinn?“ tobte Sikes, dabei faßte er sie am Arm und schüttelte sie derb. „Was ist los? Was bedeutet das? Wo sind deine Gedanken?“

„Bei gar manchem, Bill“, versetzte sie schaudernd und preßte die Hände an die Augen. „Aber, lieber Gott, wäs ist da komisch dran?“

Der Ton erzwungener Heiterkeit, in dem sie die letzten Worte sprach, schien auf den Einbrecher einen tieferen Eindruck zu machen als ihr starrer Blick vorher.

„Ich will dir mal sagen, was es ist“, sagte Sikes.

„Falls du nicht vom Fieber angesteckt bist und es jetzt selbst kriegst, so führst du etwas Schlimmes im Schilde. Du wirst doch nicht hingehen – nein, Gott verdamm mich, so etwas kannst du nicht tun!“

„Was tun?“ fragte das Mädchen.

„Es gibt“, murmelte Sikes vor sich hin und richtete seinen Blick fest auf sie, „es gibt auf der ganzen Welt kein treueres und zuverlässigeres Mädel, sonst hätte ich ihr schon vor drei Monaten den Hals abgeschnitten. Sie hat das Fieber – das ist alles.“

Nachdem er sich so selbst beruhigt hatte, leerte Sikes das Glas und verlangte unter dem üblichen Gefluche seine Arznei. Das Mädchen sprang schnell auf und goß, ihm den Rücken zukehrend, die Medizin in eine Tasse, die er sogleich austrank.

„Nun“, sagte der Räuber, „komm, setze dich zu mir, zeige mir aber dein gewöhnliches Gesicht, wenn du nicht willst, daß ich es dir in einer Weise verändere, die dir das Wiedererkennen schwer macht.“

Nancy gehorchte, und Sikes, der ihre Hand fest umklammerte, legte sich auf die Kissen zurück und heftete den Blick auf sie. Nachdem er sich einigemal unruhig hin und her gewälzt hatte, fielen ihm schließlich die Augen zu, und seine Hand öffnete sich; der Arm fiel schlaff an seiner Seite nieder, und der Einbrecher lag wie in tiefer Betäubung da.

„Der Schlaftrunk hat endlich gewirkt“, murmelte sie, „doch vielleicht ist es jetzt schon zu spät.“

Sie nahm rasch ihren Hut und Schal, sah sich aber alle Augenblicke ängstlich um, als ob sie trotz des Schlaftrunks jede Sekunde den Druck von Sikes‘ schwerer Hand zu fühlen fürchte. Dann beugte sie sich langsam über den Schläfer und küßte seine Lippen, worauf sie schnell das Zimmer verließ und aus dem Hause schlüpfte.

Ein Nachtwächter rief halb zehn, und sie fragte, ob es schon lange nach dieser Zeit wäre.

„In einer Viertelstunde wird es voll schlagen“, erwiderte der Mann, ihr mit der Laterne ins Gesicht leuchtend.

„Vor einer Stunde kann ich nicht dort sein“, flüsterte Nancy und rannte eilig die Straße hinunter. Sie jagte auf dem schmalen Pflaster nur so dahin, stieß rücksichtslos die Vorübergehenden in ihrem tollen Lauf an und drängte sich mit Gewalt durch Haufen von Menschen, die ihr im Wege waren.

Es war elf Uhr abends, als sie sich dem Orte ihrer Bestimmung näherte. Dieser war ein Haus in einer ruhigen, aber schönen Straße unweit des Hydeparks. Mit einem raschen Entschlusse trat sie in den Hausflur. Die Pförtnerstube war leer. Sie blickte unsicher umher und ging auf die Treppe zu.

„Nun, junge Frau“, rief ein adrett gekleidetes Dienstmädchen aus einer Tür ihr zu, „zu wem wollen Sie denn?“

„Zu einer Dame, die in diesem Hause wohnt“, antwortete Nancy.

„Zu einer Dame?“ fragte das Mädchen und musterte Nancy unverschämt von oben bis unten. „Bitte, zu welcher Dame?“

„Zu Fräulein Maylie!“

Das Dienstmädchen forderte nun einen Diener auf, Nancy die nötige Auskunft zu geben, worauf sich dieser das Gesuch vortragen ließ.

„Wen soll ich melden?“ fragte er.

„Der Name tut nichts zur Sache!“

„Und was ist Ihr Anliegen?“ fuhr der Bediente fort.

„Das kommt auch nicht in Betracht. Ich muß die Dame selbst sprechen!“

„Da wird nichts draus“, damit schob er sie zur Haustür. „Scheren Sie sich weg!“

„Man kann mich nur mit Gewalt hinausbringen, und dazu dürften wohl zwei wie Sie nötig sein“, schrie Nancy laut. „Ist denn keiner hier“, sagte sie, sich umblickend, „der für ein armes Mädchen eine einfache Botschaft ausrichten will?“

Das machte auf einen gutmütigen Koch, der mit der anderen Dienerschaft dem Auftritte zusah, Eindruck, und er legte sich ins Mittel.

„Weißt du, Joe, tue ihr doch den Gefallen.“

„Hat doch keinen Zweck!“ versetzte der Bediente. „Die junge Dame wird doch solche Person nicht annehmen. Das glaubst du wohl selbst nicht!“

Diese Anspielung auf Nancys zweideutiges Aussehen weckte ein gewaltiges Maß tugendhafter Entrüstung in den Herzen der vier Dienstmädchen. Sie erklärten mit großer Geschwätzigkeit, dieses Geschöpf sei eine Schande ihres Geschlechts, und man könne nichts Besseres tun, als sie ohne Gnade auf die Straße zu setzen.

„Fangt mit mir an, was ihr wollt“, sagte Nancy zu den Männern, „aber tut zuerst, um was ich euch bat. Um Gottes willen, richtet meine Botschaft an die junge Dame aus.“

Der gutmütige Koch unterstützte ihre Bitte und erreichte damit, daß der zuerst erschienene Diener die Meldung übernahm.

„Also was soll ich der Herrschaft sagen?“ fragte er, mit einem Fuß auf der Treppe.

„Daß ein junges Mädchen dringend um eine Unterredung mit Fräulein Maylie unter vier Augen bittet. Die Dame wird nach meinen ersten Worten schon urteilen können, ob sie mich weiter anhören will oder mich hinauswerfen lassen muß.“

„Ich meine, das ist ein starkes Stück“, sagte einer der Diener.

„Richten Sie das aus“, versetzte Nancy bestimmt, „und lassen Sie mich die Antwort wissen.“

Der Diener eilte die Treppe hinauf. Nancy stand bleich und mit zuckenden Lippen da, als dauernd abfällige Bemerkungen über sie, in denen die züchtigen Dienstmädchen sich gar nicht genugtun konnten, an ihr Ohr drangen. Ihre Beklommenheit nahm noch zu, als der Diener zurückkam und ihr sagte, sie möge hinaufgehen.

„Was hat man eigentlich in der Welt davon, wenn man anständig bleibt?“ meinte das eine Dienstmädchen.

„Messing gilt mehr als das im Feuer erprobte Gold“, sagte das zweite.

Das dritte begnügte sich mit der Frage, aus welchem besseren Stoffe wohl Damen sein mögen.

Und das vierte übernahm den Sopran in dem harmonischen Quartett: „Es ist ’ne Sünd‘ und Schande“, womit die vier keuschen Dianen schlossen.

Ohne auf diese Redensarten zu achten – denn sie hatte wichtigere Dinge auf dem Herzen –, folgte Nancy mit zitternden Knien dem Diener in ein kleines, durch eine Hängelampe erleuchtetes Zimmer. Hier verschwand er, und sie blieb allein.

Eine denkwürdige Zusammenkunft, die gewissermaßen die Fortsetzung des vorigen Kapitels ist

Nancy hatte ihr Leben lang auf den Straßen der Hauptstadt und in den scheußlichsten Lasterhöhlen zugebracht, aber trotzdem hatte sie sich einen Rest von der Natur des Weibes bewahrt. Als sie hinter der Tür leichte sich nähernde Schritte vernahm und des großen Gegensatzes gedachte, den das kleine Gemach im nächsten Augenblick umschließen sollte, da fühlte sie sich von dem Gewicht ihrer eigenen tiefen Erniedrigung fast zu Boden gedrückt. Sie schrak zusammen, als könne sie die Gegenwart der Dame, die sie so dringend zu sprechen verlangt hatte, kaum ertragen.

Doch gegen diese besseren Gefühle kämpft der Stolz – eine Eigenschaft, die die niedrigsten und verworfensten Geschöpfe mit den Höchststehenden und sich ihres Wertes Bewußten gemein haben. Die elende Genossin von Dieben und Halunken aller Art, die tiefgesunkene Bewohnerin der gemeinsten Schlupfwinkel, die Verbündete des Auswurfs der Zuchthäuser und Galeeren, die bildlich gesprochen mit dem Strick des Henkers um den Hals lebte – selbst dieses so tief herabgewürdigte Geschöpf fühlte sich zu stolz, um auch nur die geringste Regung des weiblichen Gefühls zu verraten. Es kam ihr wie eine Schwäche vor, obgleich sie doch nur durch dieses einzige Band mit der edleren Menschheit verknüpft war, deren äußere Spuren ein wüstes Leben schon in den Tagen ihrer Kindheit verwischt hatte.

Nancy erhob die Augen so weit, um gewahren zu können, daß die Gestalt, die jetzt ins Zimmer trat, die eines zarten und schönen Mädchens war. Dann schlug sie die Augen wieder nieder und sprach mit angenommener Gleichmütigkeit:

„Es hält schwer, Sie zu Gesicht zu bekommen, Fräulein! Wäre ich empfindlich gewesen und wieder fortgegangen, wie es wohl die meisten getan hätten, so würden Sie wohl eines Tages Grund gehabt haben, es zu bereuen.“

„Es tut mir leid, wenn man Sie unhöflich behandelt hat“, sagte Rosa. „Doch denken Sie nicht mehr daran, und sagen Sie mir, warum Sie mich zu sprechen wünschen. Ich bin Fräulein Maylie.“

Der freundliche Ton dieser Antwort, die liebliche Stimme und das sanfte Benehmen, in dem keine Spur von Hochmut oder Verachtung war, überraschten Nancy derart, daß sie in Tränen ausbrach.

„Ach, Fräulein – Fräulein“, sagte Nancy, indem sie die Hände leidenschaftlich rang, „gäbe es mehr Ihresgleichen, so würden weniger sein wie ich – o gewiß.“

„Setzen Sie sich“, sprach Rosa, „Sie bringen mich in Verlegenheit. Sind Sie arm oder unglücklich, so will ich Ihnen gern helfen, soweit es in meiner Macht steht. Glauben Sie mir. – Bitte, setzen Sie sich!“

„Lassen Sie mich nur stehen, Fräulein“, sagte Nancy, immer noch Tränen vergießend, „und sprechen Sie nicht in solchem gütigen Ton zu mir, bis Sie mich besser kennen. Doch es ist spät. Ist – die – Tür verschlossen?“

„Ja“, erwiderte Rosa, einige Schritte zurücktretend, „warum ?“

„Weil ich im Begriff bin“, antwortete Nancy, „mein Leben und das Leben anderer in Ihre Hände zu legen. Ich bin das Mädchen, das den kleinen Oliver an jenem Abend, als er das Haus in Pentonville verfieß, zu Fagin, dem alten Juden, zurückschleppte.“

„Sie?“ rief Rosa erstaunt.

„Ja, ich, mein Fräulein“, sagte Nancy. „Ich bin die schlechte Person, von der Sie gehört haben, die unter Dieben lebt, und, soweit ihre Erinnerung reicht, keine bessere Heimat gekannt hat als die Straßen von London, und die keine freundlicheren Worte hörte, als wie sie der Auswurf der Menschheit von sich geben kann. Gott ist mein Zeuge, so ist’s! Ja, schrecken Sie nur vor mir zurück, Fräulein. Ich bin zwar jünger, als Sie nach meinem Außern wohl glauben mögen, allein ich bin daran gewöhnt. Die ärmsten Weiber wenden sich ab, wenn ich ihnen auf der Straße begegne.“

„Das ist ja schrecklich!“ rief Rosa, unwillkürlich einen weiteren Schritt zurückweichend.

„Danken Sie Gott auf den Knien, Fräulein“, fuhr Nancy fort, „daß Sie Freunde hatten, die über Ihre schutzlose Kindheit wachten. Daß Sie niemals Kälte und Hunger, Völlerei und Trunkenheit – und noch Schlimmeres gekannt haben, wie es bei mir von Anfang an der Fall war. Ich darf von diesen Dingen reden, da ich ein Gassenmädel bin, und die Gosse wird wohl auch dereinst mein Sterbebett sein.“

„Gott, wie ich Sie beklage“, sagte Rosa mit zitternder Stimme. „Ihre Worte schneiden mir ins Herz.“

„Gott lohne Ihnen Ihre Güte! Ach, wie würden Sie mich erst bedauern, wenn Sie wüßten, was ich manchmal bin! Aber ich habe mich von denen fortgestohlen, die mich ohne Erbarmen mordeten, wenn sie erführen, daß ich hier gewesen bin, um Ihnen mitzuteilen, was ich gehört habe. – Kennen Sie einen Mann namens Monks?“

Rosa verneinte.

„Aber er kennt Sie und weiß, daß Sie hier sind. Ich hörte ihn nämlich den Ort nennen, wo Sie wohnen, und daher gelang es mir, zu Ihnen vorzudringen.“

„Der Name ist mir vollkommen fremd.“

„Dann ist er angenommen, wie ich früher schon vermutete. Vor einiger Zeit, kurz nachdem Oliver in der Nacht des Einbruchs in Ihr Haus geschickt wurde, belauschte ich eine Unterredung, die dieser Mensch im Finstern mit dem alten Juden Fagin hatte. Ich erfuhr, daß Monks – der Mann, nach dem ich Sie vorhin fragte –“

„Ja, ich verstehe.“

„daß Monks Oliver zufällig an dem Tage, als wir ihn verloren, mit zweien von unsern Jungens gesehen hatte. Er erkannte ihn augenblicklich als das Kind, auf das er es abgesehen hatte, weshalb, konnte ich nicht herauskriegen. Es wurde eine Vereinbarung getroffen, daß Fagin eine gewisse Summe kriegen sollte, wenn Oliver wieder zurückgebracht würde. Wenn es dem Juden gelingen sollte, Oliver zum Diebe abzurichten, was Monks zu irgendeinem Zwecke wünschte, sollte er noch mehr erhalten.“

„Zu welchem Zwecke wohl?“

„In der Hoffnung, das zu erfahren, trat ich etwas näher, und da gewahrte Monks meinen Schatten an der Wand. Nur wenige außer mir wären damals wohl imstande gewesen, einer Entdeckung zu entgehen. Mir gelang es jedoch, und ich sah bis gestern abend nichts mehr von ihm.“

„Und was geschah?“

„Ich will es Ihnen sagen, Fräulein. Gestern abend kam er also wieder. Sie gingen wieder die Treppe hinauf, und ich horchte wieder an der Tür, aber so, daß mich mein Schatten nicht verraten konnte. Die ersten Worte, die ich Monks sagen hörte: waren: ‚So liegen denn die einzigen Beweise, durch die sich Oliver hätte legitimieren können, auf dem Boden des Flusses, und die alte Hexe, die sie von der Mutter erhielt, modert in ihrem Sarge.‘ Sie lachten und freuten sich, daß der Streich so gut gelungen war. Monks, der immer aufgeregter wurde, sprach noch weiter über Oliver und sagte, obwohl ihm das Geld des Jungen Teufels jetzt sicher sei, hätte er doch lieber den anderen Weg eingeschlagen. Ein Hauptspaß wäre es gewesen, das prahlerische Testament des Vaters dadurch Lügen zu strafen, daß man den Jungen durch alle Gefängnisse der Stadt hetzte und ihn dann wegen irgendeines Kapitalverbrechens aufknüpfte. Das zu bewerkstelligen, hätte Fagin ein leichtes sein müssen, und er hätte ihn zuvor noch ordentlich ausnutzen können.“

„Was bedeutet das alles?“

„Es ist die reine Wahrheit, obgleich sie von meinen Lippen kommt. Dann sagte Monks unter Verwünschungen, an die meine Ohren gewöhnt, die aber den Ihrigen fremd sind, er würde seinen Haß durch Ermordung Ofivers befriedigen, wenn er es tun könnte, ohne seinen Hals zu gefährden. Er würde aber dem Jungen sein ganzes Leben über auflauern und versuchen, ihm durch Enthüllung seiner Herkunft und durch das Erzählen seiner Geschichte auf jede Weise zu schaden. ‚Kurz und gut, Fagin‘, sagte er, ’so sehr du auch Jude bist, du hast noch nie solche Fallstricke gelegt, wie ich sie jetzt meinem Bruder Oliver legen werde.'“

„Sein Bruder?!“ rief Rosa, die Hände zusammenschlagend.

„Dies waren seine Worte“, erwiderte Nancy und sah sich wieder unruhig um. Sie hatte es die ganze Zeit über getan, denn der Gedanke an Sikes regte sie etwas auf. „Und noch mehr. Als er von Ihnen und der anderen Dame sprach, sagte er, Gott und der Teufel scheine gegen ihn im Bunde zu sein, daß Oliver gerade in Ihre Hände kommen mußte. Aber es läge auch einiger Trost darin, fuhr er höhnisch lächelnd fort, daß Sie nicht wüßten, wer Ihr zweibeiniger Schoßhund sei. Denn Sie würden tausende und hunderttausende Pfund geben, falls Sie sie hätten, wenn Sie es erführen.“

„Sie wollen mich doch nicht glauben machen“, sagte Rosa erblassend, „daß er das im Ernst sagte.“

„Wenn je ein Mensch im Ernst gesprochen hat, so tat er es. Er pflegt nicht zu scherzen, wenn der Haß in ihm wach wird. Ich kenne viele, die noch schlimmere Dinge tun, aber ich wollte sie alle lieber ein dutzendmal davon sprechen hören als diesen Monks nur ein einziges Mal. – Doch es ist schon spät, und zu Hause darf man nicht ahnen, daß ich hier gewesen bin. Ich muß eilen, um wieder heimzukommen.“

„Aber was kann ich tun?“ fragte Rosa. „Was kann ich mit Ihren Mitteilungen ohne Sie anfangen? Sie wollen wieder zurück? Warum wollen Sie wieder zu Leuten, die sie in so schrecklichen Farben gezeichnet haben? Wenn Sie Ihre Aussage in Gegenwart eines Herrn wiederholen wollen, den ich sofort aus dem nächsten Zimmer rufen kann, so können wir Sie, ehe eine halbe Stunde um ist, an einem sicheren Orte unterbringen.“

„Ich wünsche zurückzukehren“, entgegnete Nancy. „Ja, ich muß zurückkehren, weil – doch wie kann ich über solche Dinge mit einer so unschuldigen Dame wie Sie sprechen – weil unter den Menschen, von denen ich Ihnen erzählte, einer ist – und zwar einer der fürchterlichsten – den ich nicht verlassen kann. Nicht einmal, wenn ich von meinem gegenwärtigen Leben erlöst würde.“

„Sie haben sich schon früher Olivers angenommen, Sie sind unter großer Gefahr hierhergekommen, um mir mitzuteilen, was Sie gehört haben, Ihr ganzes Benehmen ist mir Bürge für die Wahrheit Ihrer Worte; und dann Ihre augenscheinliche Zerknirschung – alles das gibt mir die Überzeugung, daß Sie noch gerettet werden können. Ach“, fuhr Rosa tiefernst fort und faltete die Hände, während ihr die Tränen über die Backen liefen, „verschließen Sie Ihr Ohr nicht den Bitten einer Angehörigen Ihres eigenen Geschlechts – der ersten vielleicht, die jemals mitleidend und mitfühlend zu Ihnen gesprochen hat. Hören Sie auf mich und lassen Sie sich durch mich zu einem besseren Leben rettcnl“

„Fräulein!“ rief Nancy und sank auf die Knie, „teures, süßes, engelisches Fräulein! Sie sind die erste, die mich mit solchen Worten beglückt. Würde ich sie vor Jahren vernommen haben, so hätten sie mich wohl einem Leben voll Sünde entreißen können. jetzt ist es zu spät!“

„Reue und Buße kommen nie zu spät.“

„Doch, es ist zu spät“, schrie Nancy im höchsten Seelen-, schmerz, „ich kann von ihm jetzt nicht fort, unmöglich kann ich ihn dem Tode verfallen lassen.“

„Wieso sollte das sein?“

„Nichts könnte ihn retten; wenn ich anderen erzählte, was ich Ihnen beichtete, und dadurch die Verhaftung der in der Sache Verwickelten herbeiführte, so wäre sein Tod gewiß. Er ist der Verwegenste von allen gewesen und hat schreckliche Dinge begangen!“

„lst’s möglich, daß Sie eines solchen Menschen wegen auf jede Hoffnung für die Zukunft und die Gewißheit einer sofortigen Rettung verzichten? Das ist doch Wahno sinn!“

„Ich weiß nicht, was es ist, ich weiß nur, daß es so ist, und nicht nur bei mir allein, sondern auch bei hundert anderen, die eben so schlecht und verkommen sind wie ich. Ich muß zurück! Vielleicht ist es die Strafe Gottes für das viele Böse, was ich getan habe. Es zieht mich zu ihm hin, trotz aller Leiden und Mißhandlungen, die ich zu erdulden habe, und ich kann nicht von ihm lassen, selbst wern ich wüßte, daß ich mal durch seine Hand sterben soll!“

„Was ist da nur zu tun? Ich sollte Sie so nicht fortlassen.“

„Sie müssen es, Fräulein, und ich weiß, Sie werden es. Sie werden mich nicht zurückhalten, weil ich Ihrer Güte vertraute und Ihnen, wie ich eigentlich hätte tun sollen, kein Versprechen abverlangte.“

„Was kann mir dann aber Ihre Erzählung nutzen? Man muß doch diesem Geheimnis auf den Grund gehen. Wie können wir denn sonst Oliver helfen, dem zu nützen Ihnen doch so viel am Herzen liegt?“

„Sie kennen vielleicht irgendeinen Ihnen wohlwollenden Herrn, dem Sie das Geheimnis anvertrauen können und der Ihnen mit Rat und Tat zur Seite stehen will“, sagte Nancy.

„Aber wo kann ich Sie wiedersehen, wenn es nötig sein sollte. Ich will nicht wissen, wo diese schrecklichen Menschen hausen, aber wo wird man Sie zu einer bestimmten Zeit wieder treffen können, etwa auf einem Spaziergange?“

„Wollen Sie mir versprechen, daß mein Geheimnis bei Ihnen aufs strengste bewahrt wird, und daß Sie allein oder nur mit dem Herrn, dem Sie Ihr Vertrauen geschenkt haben, kommen wollen, und daß ich in keiner Weise beobachtet oder verfolgt werde?“ fragte Nancy.

„Ich verspreche es Ihnen feierlichst“ , antwortete Rosa.

‚“So will ich, wenn ich am Leben bleibe, jeden Sonntag zwischen elf und zwölf Uhr nachts auf der Londoner Brücke auf und ab gehen!“

„Bleiben Sie noch einen Augenblick“, bat Rosa, als Nancy rasch zur Tür ging. „Denken Sie noch einmal über Ihre Lage nach und erwägen Sie, welche günstige Gelegenheit Ihnen geboten wird, sie hoffnungsvoll zu ändern. Sie haben einen Anspruch auf meinen Dank nicht nur als Überbringerin so wichtiger Nachrichten, sondern auch als eine Unglückliche, die sich selbst verloren hat. Sie wollen zu diesem Diebesgesindel und diesem Verbrecher zurückgehen, trotzdem ein einziges Wort Sie retten kann? Ach, ist denn in Ihrem Herzen keine Saite, die ich zum Klingen bringen kann? Gibt es gar nichts, was gegen diese Verblendung mir zur Hilfe kommen kann?“

„Wenn junge Damen, so schön und gut und liebenswürdig wie Sie, ihr Herz verschenken“, versetzte Nancy mit fester Stimme, „so macht die Liebe sie zu Opfern fähig – selbst wenn sie eine Heimat, Freunde, Anbeter haben – kurz alles, was sie sich nur wünschen können. Wenn aber solche wie ich, die kein sichereres Dach als den Deckel ihres Sarges und in der Stunde der Krankheit und des Todes keinen anderen Freund haben als die Krankenhauswärterin, ihr liebebedürftiges Herz an einen Mann hängen und ihm darin die Stelle der Eltern, der Heimat und der Freunde einräumen – wer kann da hoffen, solche Geschöpfe zu heilen? Bemitleiden Sie uns, daß uns nur dieses einzige weibliche Gefühl geblieben ist und daß es, statt unser Stolz und Trost zu sein, durch Gottes schwere Richterhand eine Quelle neuer Leiden und neuen Fluches geworden ist.“

„Sie werden aber doch etwas Geld von mir annehmen“, sagte Rosa nach einer Pause, „daß Sie bis zu der Zeit wenigstens, wo wir uns wiedersehen, ohne Schande leben können.“

„Keinen Pfennig!“ erwiderte Nancy und hob die Hand abwehrend.

„Verschließen Sie Ihr Herz doch nicht gegen alle meine Bemühungen, Ihnen zu helfen“, sagte Rosa näher tretend. „Ich möchte Ihnen gern dienlich sein.“

„Sie könnten mir den größten Dienst erweisen, Fräulein“, versetzte Nancy und rang die Hände, „wenn Sie mir mit einemmal das Leben nehmen würden, denn der Gedanke an das, was ich bin, ist mir heute nacht mehr und schmerzlicher zum Bewußtsein gekommen als je. Auch wäre es ein Trost, nicht in derselben Hölle zu sterben, in der ich gelebt habe. Gott segne Sie, mein liebes Fräulein, und er möge Ihnen so viel Glück spenden, als ich Schande auf mein Haupt geladen habe!“

Mit diesen Worten und laut schluchzend verließ die Unglückliche das Zimmer. Aufs höchste ergriffen sank Rosa Maylie auf einen Stuhl und versuchte ihre wirren Gedanken zu sammeln. Die Unterredung erschien ihr mehr ein flüchtiger Traum zu sein als Wirklichkeit.

Enthält neue Entdeckungen und zeigt, daß Überraschungen gleich Unglücksfällen selten allein kommen

Rosas Lage war in der Tat eine ungemein schwierige, denn während sie glühend wünschte, das Geheimnis zu lüften, das Olivers Geschichte umgab, durfte sie das Vertrauen nicht mißbrauchen, welches ihr das unglückliche Geschöpf geschenkt hatte. Nancys Benehmen und ihre Worte hatten Rosas Herz gerührt und zu der Liebe für ihren jungen Schützling gesellte sich der kaum weniger heiße Wunsch, die Verlorene einem besseren Leben wieder zu gewinnen.

Die Damen hatten die Absicht, nur drei Tage in London zu bleiben und dann auf einige Wochen nach einem Seebad abzureisen. Heute war der erste Tag um. Was konnte man in den nächsten achtundvierzig Stunden erreichen? Und wie konnte sie einen Aufschub der Reise erlangen, ohne Verdacht zu erregen?

Herr Losberne war bei ihnen auf Besuch und wollte auch noch die beiden nächsten Tage bleiben. Aber Rosa kannte die Heftigkeit dieses Ehrenmannes zu gut und sah seinen Zorn deutlich voraus, den er über die Person ergießen würde, die das Werkzeug zu Olivers Entführung war. Sie konnte ihm deshalb ihr Geheimnis nicht anvertrauen, wenigstens nicht so lange, bis ihre Fürsprache zugunsten Nancys von einer anderen Seite unterstützt würde.

Aus denselben Gründen beobachtete sie auch gegen Frau Maylie die größte Vorsicht, da deren erster Schritt sicher eine Besprechung der Angelegenheit mit dem würdigen Doktor gewesen wäre. Ebenso war auch nicht daran zu denken, einen Rechtsanwalt zu Rate zu ziehen, selbst wenn sie gewußt hätte, wie man das anzustellen hat. Einmal kam ihr der Gedanke, Harry um Beistand zu ersuchen, aber in der Erinnerung an den letzten Abschied schien es ihr unwürdig, ihn herzubitten, da er es vielleicht über sich gewonnen hatte, sie zu vergessen und sich in der Ferne glücklich fühlte. Die Tränen schossen ihr in die Augen, als sie daran dachte.

Rosa brachte eine schlaflose Nacht zu, da sie nicht wußte, wie sie handeln sollte und zu keinem Entschluß kommen konnte. Als sie am anderen Morgen aufs neue mit sich zu Rate gegangen war, beschloß sie in ihrer Verzweiflung, doch Harry Maylie in ihr Geheimnis einzuweihen.

„Es ist ihm vielleicht schmerzlich, wieder zurückzukommen“, dachte sie, „aber wie schmerzlich wird es erst für mich sein! Vielleicht kommt er aber gar nicht und macht die Sache schriftlich ab. Oder er kommt und meidet mich ängstlich, wie er es tat, als er abreiste. Ich hatte es damals nicht erwartet, aber es war für uns beide besser.“

Rosa ließ die Feder fallen und wandte sich ab, als sollte selbst das Papier, dem sie ihre Botschaft anzuvertrauen gedachte, nicht Zeuge ihrer Tränen sein.

Sie hatte die Feder wohl fünfzigmal ergriffen und ebensooft wieder weggelegt, und ohne eine Zeile zu schreiben, hin und her überlegt, wie sie ihren Brief anfangen sollte, als Oliver, der, mit Herrn Giles als Leibwächter, in der Stadt spazieren gegangen war, in großer Aufregung ins Zimmer stürzte.

„Warum siehst du so verstört aus?“ fragte Rosa, ihm entgegengehend.

„Ich weiß nicht warum, mir ist die Kehle wie zugeschnürt“, antwortete der Junge. „Lieber Gott, denken zu dürfen, daß ich ihn doch noch sehen soll und Ihnen nun beweisen kann, wie ich in allem die Wahrheit gesprochen habe!“

„Ich zweifelte nie, daß du uns etwas anderes als die Wahrheit sagtest, liebes Kind. Aber was ist? Von wem sprichst du?“

„Ich habe den Herrn wiedergesehen“, antwortete Oliver ganz aufgeregt, so daß er kaum die Worte herausbringen konnte, Den Herrn, der so gut zu mir war. Herrn Brownlow, von dem wir so oft gesprochen haben.“

„Wo?“

„Er stieg aus einer Kutsche und ging in ein Haus“, erwiderte Oliver, und Tränen der Freude rannen ihm über die Backen. „Ich habe nicht mit ihm gesprochen – ich konnte nicht mit ihm reden, denn er sah mich nicht. Ich zitterte so, daß ich nicht imstande war, auf ihn zuzueilen. Aber Giles hatte sich erkundigt, ob er dort wohne, und man bejahte es. Sehen Sie hier –“, damit holte er ein Stück Papier aus der Tasche – „hier wohnt er, ich will sogleich hingehen. Ach, wie werde ich mich freuen, wenn ich ihn wiedersehe und seine Stimme höre.“

Rosa nahm das Papier und las Cravenstraße, Strand. Sie entschloß sich sofort, diese Entdeckung auszunutzen.

„Schnell“, sagte sie, „laß eine Droschke kommen und mache dich fertig, um mich zu begleiten. Ich will sofort mit dir Herrn Brownlow besuchen und nur noch vorher der Tante sagen, daß wir auf eine Stunde ausgehen wollen. Ich werde ebenso rasch angezogen sein wie du.“

Oliver ließ sich das nicht zweimal sagen, und ehe fünf Minuten um waren, befanden sie sich auf dem Wege nach der Cravenstraße. Als sie dort angekommen waren, ließ Rosa Oliver im Wagen unter dem Vorwande, daß sie den alten Herrn erst auf seinen Besuch vorbereiten wolle.

Sie schickte durch den Diener Herrn Brownlow ihre Karte mit der Bitte, ihn in einer wichtigen Angelegenheit sprechen zu dürfen. Der Bediente kehrte bald mit der Nachricht zurück, daß sie erwartet würde und führte Fräulein Maylie in ein Zimmer des Oberstocks, wo ihr ein ältlicher Herr mit gutmütigen Gesichtszügen im grünen Anzug zuerst ins Auge fiel. Neben ihm saß ein anderer alter Herr in Nankingbeinkleidern, der nicht besonders freundlich aussah und die Hände über dem Knauf eines dicken Stockes verschlungen hielt, worauf er sein Kinn gelegt hatte.

„Ach“, sagte der Herr im grünen Anzug und sprang schnell auf, „ich bitte um Verzeihung, gnädiges Fräulein, – ich glaubte, es wäre irgendeine zudringliche Person, die – bitte entschuldigen Sie mich. Aber nehmen Sie doch Platz!“

„Sie sind Herr Brownlow, nicht wahr?“ fragte Rosa und wandte ihren Blick von dem anderen Herrn ab und dem Sprecher zu.

„Der bin ich“, antwortete der Herr. „Und hier mein Freund, Herr Grimwig. – Grimwig, wollen Sie uns auf ein paar Minuten allein lassen?“

„Ich glaube nicht“, fiel Rosa ein, „daß es nötig ist, den Herrn zu bemühen. Wenn ich recht berichtet bin, so ist ihm die Angelegenheit nicht unbekannt, die mich zu Ihnen führt.“

Herr Brownlow stimmte durch ein Kopfnicken zu, und Herr Grimwig, der eine sehr steife Verneigung gemacht und sich erhoben hatte, machte eine zweite ebenso steife Verbeugung und nahm wieder Platz.

„Ich glaube, daß ich Sie mit meinen Mitteilungen sehr überraschen werde“, sagte Rosa in einiger Verlegenheit. „Sie haben einmal einem mir sehr teuern, jungen Freunde viel Güte und Wohlwollen erwiesen, und ich bin deshalb davon überzeugt, daß Sie es freuen wird, wieder von ihm zu hören.“

„So?“ sagte Herr Brownlow.

„Sie kennen ihn als Oliver Twist“, versetzte Rosa.

Diese Worte waren kaum ihrem Munde entflohen, als Grimwig, der so getan hatte, als lese er in einem auf dem Tische liegenden großen Buch, dasselbe mit großem Geräusch zuschlug, sich im Stuhl zurücklehnte und Rosa ganz erstaunt und mit großen, starren Augen ansah. Dann schnellte er sich mit einer krampfhaften Anstrengung in seine vorherige Stellung wieder zurück, als ob er sich schäme, soviel Überraschung gezeigt zu haben.

Er guckte gerade vor sich hin und ließ ein langes und tiefes Pfeifen vernehmen, das jedoch nicht in der Luft, sondern in den innersten Winkeln seines Magens zu ersterben schien.

Herr Brownlow war nicht weniger erstaunt, doch gab sich seine Überraschung nicht in der gleichen seltsamen Art kund. Er rückte mit seinem Stuhle Fräulein Maylie näher und sprach:

„Tun Sie mir den Gefallen, gnädiges Fräulein, die Güte und das Wohlwollen, von denen Sie sprachen und von denen außer Ihnen niemand etwas weiß, mal ganz aus dem Spiele zu lassen. Wenn es Ihnen aber möglich ist, etwas anzuführen, das geeignet ist, die ungünstige Meinung, die ich über den Jungen mir bilden mußte, zu ändern, so bitte ich Sie inständig darum.“

„Ein schlechter Junge – ich will meinen Kopf aufessen, wenn er nicht ein schlechter Junge ist“, brummte Herr Grimwig wie ein Bauchredner, denn er verzog dabei keine Muskel seines Gesichts.

„Der Knabe besitzt ein edles und warmes Herz“, sagte Rosa errötend, „und Gott, dem es gefallen hat, ihm Prüfungen, die über seine Jahre hinausgingen, aufzuerlegen, hat in seine Brust Gefühle gepflanzt, die vielen Ehre machen würden, die sechs mal so alt sind als er.“

„Ich bin erst einundsechzig“, meinte Herr Grimwig mit demselben unbeweglichen Gesicht, „und da es mit dem Teufel zugehen müßte, wenn dieser Oliver nicht mindestens zwölf Jahre alt ist, so finde ich nichts Zutreffendes in dieser Bemerkung.“

„Hören Sie nicht darauf, was mein Freund sagt, Fräulein Maylie, er meint es nicht so schlimm, wie es sich anhört“, sprach Herr Brownlow.

„Doch meint er es so“, brummte Herr Grimwig.

„Nein, er meint es nicht so“, entgegnete Herr Brownlow, ärgerlich werdend.

„Er will seinen Kopf aufessen, wenn er es nicht so meint“, versicherte Herr Grimwig.

„Er verdiente, daß man ihm denselben abschlüge, wenn er es täte“, sagte Herr Brownlow.

„Und er möchte den Mann sehen, der es versuchen wollte“, versetzte Herr Grimwig und stieß seinen Stock heftig auf den Boden.

Nachdem es soweit gekommen war, nahm jeder von den beiden alten Herren eine Prise, worauf sie sich, wie gewöhnlich, zum Zeichen der Versöhnung die Hände schüttelten.

„Nun, gnädiges Fräulein“, sagte Herr Brownlow, „kehren wir wieder zu der Angelegenheit zurück, an der Ihre Menschenfreundlichkeit so regen Anteil nimmt. Darf ich fragen, welche Nachrichten Sie von dem armen Kinde haben? Erlauben Sie mir vorauszuschicken, daß ich alle mir zu Gebote stehenden Mittel erschöpfte, ihn ausfindig zu machen. Auch meine erste Ansicht, von Oliver betrogen und auf Anraten seiner früheren Diebesgenossen bestohlen worden zu sein, hat seit meiner Auslandreise einen beträchtlichen Stoß erlitten!“

Rosa, die inzwischen Zeit gehabt hatte, ihre Gedanken zu sammeln, berichtete nun in kurzen Worten, was sich mit Oliver zugetragen hatte, seit er Herrn Brownlows Haus verließ. Nur für die Mitteilungen Nancys behielt sie sich eine Unterredung unter vier Augen vor. Sie schloß mit der Versicherung, sein einziger Kummer seit mehreren Monaten sei nur immer gewesen, daß er seinen ehemaligen Freund und Wohltäter nirgends habe finden können.

„Gottlob!“ rief der alte Herr. „Diese Nachricht macht mich über die Maßen glücklich. Sie haben mir aber noch nicht gesagt, wo er sich gegenwärtig befindet. Verzeihen Sie, wenn ich es Ihnen zum Vorwurf mache, ihn nicht gleich mitgebracht zu haben.“

„Er wartet im Wagen vor der Haustür“, sagte Rosa.

„Vor meiner Haustür?“ rief der alte Herr und rannte aus dem Zimmer, die Treppe hinunter und an den Wagen.

Als sich die Tür hinter ihm geschlossen hatte, hob Herr Grimwig seinen Kopf hoch und ließ mit Hilfe seines Stockes und des Tisches seinen Stuhl auf einem Hinterbein drei Kreise beschreiben, ohne dabei seinen Sitz zu verlassen. Nachdem er das Kunststück ohne Unfall fertiggebracht hatte, stand er auf und hinkte wohl ein dutzendmal, so schnell er konnte, im Zimmer auf und ab, machte dann plötzlich vor Rosa halt und gab ihr ohne weitere Umstände einen Kuß.

„Pst!“ flüsterte er, als die junge Dame ob dieses uns gewöhnlichen Beginnens bestürzt aufstand. „Haben Sie keine Angst! Ich bin alt genug, um Ihr Großvater sein zu können. Sie sind ein prächtiges Mädel – Sie gefallen mir. – Doch da kommen sie schon!“

Durch eine geschickte Wendung brachte er sich wieder in seine frühere Stellung auf dem Stuhle, und gleich darauf trat Herr Brownlow mit Oliver ins Zimmer, der von Herrn Grimwig sehr gnädig empfangen wurde. Wäre die Freude, die Rosa in diesem Augenblick empfand, die einzige Entschädigung für alle Ängste und Sorgen gewesen, die sie Olivers wegen schon gehabt hatte, sie würde sich reich belohnt gefühlt haben.

„Es ist noch jemand da, den wir nicht vergessen dürfen“, sprach Herr Brownlow, den Klingelzug ergreifend. „Ich lasse Frau Bedwin bitten“, rief er dem eintretenden Diener zu.

Die betagte Hausdame kam sogleich und, einen Knicks machend, harrte sie der Befehle.

„Mein Gott, Sie werden alle Tage blinder“, sagte Herr Brownlow ärgerlich.

„Das stimmt“, erwiderte die gute Alte. „Ich habe aber nie gehört, daß die Augen mit dem Alter besser werden.“

„Das hätte ich Ihnen auch sagen können“, entgegnete Herr Brownlow, „aber setzen Sie Ihre Brille auf und sehen Sie zu, ob Sie nicht selbst herauskriegen, weshalb ich Sie rufen ließ!“