Dreiundzwanzigstes Kapitel.


Dreiundzwanzigstes Kapitel.

Die Maschinerie in Bewegung.

Mr. Meagles betrieb die Unterhaltung mit Daniel Doyce, die Clennam ihm übertragen, mit so tätigem Eifer, daß er die Sache ehestens in Gang brachte und eines Morgens um neun Uhr bei Clennam vorsprach, um ihm seinen Bericht zu erstatten.

»Doyce ist höchlich erfreut über Ihre gute Meinung«, sagte er, »und wünscht nichts so sehr, als daß Sie die Sachen selbst untersuchen und sich genau von dem Stande derselben unterrichten. Er hat mir die Schlüssel zu allen seinen Papieren und Büchern eingehändigt – hier in dieser Tasche rasseln sie –, und der einzige Auftrag, den er mir gegeben, ist: ›Verschaffen Sie Mr. Clennam die Mittel, sich ganz auf den gleichen Standpunkt mit mir zu stellen, daß er alles wisse, was ich weiß. Wenn es am Ende zu nichts kommen sollte, wird er mein Vertrauen achten. Wenn ich dessen nicht zum voraus gewiß wäre, möchte ich nichts mit ihm zu tun haben.‹ Und damit«, sagte Mr. Meagles, »haben Sie Daniel Doyce, wie er ist.« »Ein sehr achtungswerter Charakter.« »O ja, gewiß. Kein Zweifel. Wunderlich, aber sehr achtungswert. Freilich sehr wunderlich. Sollten Sie es glauben, Clennam«, sagte Mr. Meagles mit herzlicher Freude über seines Freundes Enthusiasmus, »daß ich einen ganzen Morgen auf dem, wie heißt er nur, Yard –« »Bleeding Heart14« »Einen ganzen Morgen auf dem Bleeding Heart Yard zubrachte, ehe ich ihn überreden konnte, sich nur auf die Sache einzulassen?« »Wieso das?« »Wieso das kam, mein Freund? Ich hatte kaum Ihren Namen in Verbindung mit der Sache genannt, als er erklärte, nichts davon wissen zu wollen.« »Nichts davon wissen zu wollen, meinetwegen?« »Ich hatte kaum Ihren Namen genannt, Clennam, als er sagte: ›Das wird nicht gehen!‹ Was er damit meine? fragte ich ihn. ›Nichts, Meagles; das wird nicht gehen.‹ Warum würde es nicht gehen? Sie werden es kaum glauben, Clennam«, sagte Mr. Meagles innerlich lachend, »aber es kam endlich heraus, es werde nicht gehen, weil Sie und er auf dem Wege nach Twickenham in ein freundliches Gespräch sich miteinander eingelassen hätten, in dessen Verlauf er auf seine Absicht, einen Kompagnon anzunehmen, zu sprechen gekommen, da er damals angenommen, daß Sie so fest und dauernd etabliert seien wie die Paulskirche. ›Nun könnte Mr. Clennam‹, sagte er, ›vielleicht glauben, wenn ich auf seinen Vorschlag einginge, ich hätte bei dem, was ein offenes, ehrliches Wort war, ein absichtsvolles und schlaues Motiv gehabt. Das kann ich nicht ertragen‹, sagte er, ›ich bin wirklich zu stolz, das zu ertragen.‹« »Ich könnte ebensogut glauben –« »Natürlich«, unterbrach ihn Mr. Meagles, »das sagt‘ ich ihm auch. Aber es bedurfte eines ganzen Morgens, bis ich diese Mauer erstiegen, und ich zweifle, ob es irgend jemandem außer mir (er liebt mich seit langer Zeit) gelungen wäre, seinen Fuß hinüberzusetzen. Nun, Clennam, nachdem dieses geschäftliche Hindernis überwunden, bedingte er, daß, ehe ich die Sache mit Ihnen wieder aufnehmen würde, ich die Bücher durchsähe und mir eine Ansicht bilde. Ich sah die Bücher durch und bildete mir eine Ansicht. ›Ist sie im ganzen dafür und dagegen?‹ sagte er. ›Für‹ sagte ich. ›Dann‹, sagte er, ›mögen Sie, mein guter Freund, Mr. Clennam die Mittel an die Hand geben, sich selbst eine Ansicht zu bilden. Um ihn in den Stand zu setzen, dies ohne alle Parteilichkeit und mit vollkommener Freiheit tun zu können, werde ich auf eine Woche die Stadt verlassen.‹ Und er ist fort«, sagte Mr. Meagles, „das ist der glückliche Ausgang der Sache.«

»Er gibt mir dadurch«, sagte Clennam, »einen hohen Begriff, ich muß gestehen, von seiner Redlichkeit und seiner –“

»Wunderlichkeit«, warf Mr. Meagles ein. »Das will ich glauben.«

Es war nicht gerade das Wort auf Clennams Lippen; er unterließ es jedoch, seinen gut aufgelegten Freund zu unterbrechen.

»Und jetzt«, fügte Mr. Meagles hinzu, »können Sie, sobald es Ihnen beliebt, einen Blick in die Sachen werfen. Ich habe es übernommen, Aufklärung zu geben, wo Sie solcher bedürfen sollten, jedoch streng unparteiisch zu sein und nicht darüber hinauszugehen.«

Sie begannen ihre Untersuchungen noch am selben Vormittag im Bleeding Heart Yard. Kleine Seltsamkeiten ließen sich von erfahrenen Augen leicht in der Art, wie Mr. Doyce seine Sachen besorgte, entdecken, aber sie bargen beinahe immer eine sinnige Vereinfachung einer Schwierigkeit und einen ebenen Weg zu dem gewünschten Ziel in sich. Daß er mit seinen Büchern im Rückstande und einer Unterstützung benötigt war, um die Ertragfähigkeit seines Geschäfts zu entwickeln, war klar genug; alle Resultate seiner Unternehmungen während vieler Jahre jedoch lagen offen zu Tage und waren leicht nachzuweisen. Nichts war im Hinblick auf eine schwebende Untersuchung getan, alles trug das ursprüngliche Arbeiterkleid und war in einer gewissen holperigen Ordnung. Die Berechnungen und Einträge von seiner eignen Hand, und deren war eine große Zahl, waren plump geschrieben und ohne besonders große Genauigkeit, aber immer einfach und erfüllten vollständig den Zweck. Es kam Arthur vor, als ob eine weit ausgearbeitetere und hübscher in die Augen fallende Geschäftsführung – wie sie die Bücher der Circumlocution Office vielleicht auswiesen – weit weniger den Zweck erfüllten, da ihre Art und Weise weit weniger verständlich gemacht wäre.

Drei bis vier Tage angestrengten Fleißes ließen ihn all der Tatsachen Herr werden, deren Kenntnis wesentlich für ihn war. Mr. Meagles war immer zur Hand, stets bereit, jeden dunklen Punkt mit der hellen kleinen Sicherheitslampe zu beleuchten, die zu den Wagschalen und Geldschaufeln gehörte. Sie kamen unter sich über die Summe überein, die sie für die Hälfte Anteil an dem Geschäft anzubieten für recht und billig hielten; dann entsiegelte Mr. Meagles ein Papier, in dem Daniel Doyce notiert hatte, wie hoch er den Betrag schätze, welche Summe sogar etwas geringer war. So fand Daniel, als er zurückkam, die Sache so gut wie abgeschlossen.

»Und ich darf nun gestehen, Mr. Clennam«, sagte er und schüttelte ihm herzlich die Hand, »daß, wenn ich mich rechts und links nach einem Geschäftsteilhaber umgesehen, ich kaum glaube, daß ich einen hätte finden können, der mehr nach meinem Sinn gewesen wäre.«

»Ich sage das gleiche«, versetzte Clennam.

»Und ich sage von Ihnen beiden«, fügte Mr. Meagles hinzu, »daß Sie vortrefflich füreinander taugen. Sie halten ihn mit Ihrem klaren Verstand im Schach, Clennam, und Sie betreiben die Arbeit, dann, mit Ihrem –«

»Unklaren Verstand?« ergänzte Daniel mit sanftem Lächeln.

»Sie mögen es so nennen, wenn Sie wollen – und jeder von Ihnen wird dem andern eine rechte Hand sein. Hier gebe ich, als ein praktischer Mann, darauf meine eigne rechte Hand jedem von Ihnen.«

Der Handel war in einem Monat abgeschlossen. Arthur blieb dadurch im Besitze von persönlichen Mitteln, die einige hundert Pfund nicht überschritten; aber das Geschäft eröffnete ihm eine tätige und vielversprechende Karriere. Die drei Freunde dinierten aus diesem glücklichen Anlaß, die Arbeiter und die Frauen und Kinder der Arbeiter machten einen Feiertag und speisten gleichfalls; sogar der Bleeding Heart Yard speiste und war voll Essen. Kaum waren im ganzen zwei Monate verflossen, als der Hof wieder so an gewöhnliche Hausmannskost gewöhnt war, daß niemand mehr an das Traktament dachte, und nichts schien an der Genossenschaft mehr neu als die gemalte Inschrift auf dem Türpfosten: Doyce und Clennam; ja selbst Clennam glaubte, die Angelegenheiten der Firma seit Jahren im Kopfe mit sich herumgetragen zu haben.

Das kleine Kontor, das für ihn eingerichtet worden, bestand aus einem Zimmer aus Holz und Glas am Ende einer langen, niedern Werkstatt, die mit Werktischen, Schraubstöcken, Werkzeugen, Riemen und Rädern angefüllt war, die, wenn sie mit der Dampfmaschine in Verbindung gebracht wurden, zerrten und rissen, als hätten sie die selbstmörderische Mission, das Geschäft zu Staub zu zermalmen und die Manufaktur in Stücke zu zerreißen. Große Falltüren im Boden und an der Decke, die die Werkstätte oben und die Werkstätte unten in Verbindung setzten, brachten ein Streiflicht in diese Perspektive, das Clennam an das alte Kinderbilderbuch erinnerte, wo ähnliche Strahlen die Zeugen von Abels Mord waren. Das Geräusch war entfernt genug von dem Kontor, um wie ein geschäftiges Summen zu klingen, das ab und zu durch ein Geklirr oder einen Schlag unterbrochen wurde. Die geduldigen Gestalten an der Arbeit waren durch die Eisen- und Stahlfeilspäne geschwärzt, die auf jedem Werktisch tanzten und durch jede Ritze in den Bohlen wirbelten. Zur Werkstätte gelangte man aus dem äußern Hof unten über eine Stufenleiter, die als Dach für einen großen Schleifstein diente, an dem die Werkzeuge geschärft wurden. Das Ganze hatte in Clennams Augen zu gleicher Zeit ein phantastisches und praktisches Aussehen, was eine willkommene Abwechslung war; und sooft er seinen Blick von dem ersten Versuch, die große Reihe von Geschäftspapieren vollständig in Ordnung zu bringen, erhob, sah er mit einem gewissen behaglichen Gefühl auf diese Dinge, die ihm neu waren.

Als er so eines Tages seine Augen aufschlug, war er erstaunt, einen Damenhut sich an der Treppenleiter heraufarbeiten zu sehen. Der ungewöhnlichen Erscheinung folgte ein zweiter Hut. Er gewahrte dann, daß der erste auf dem Kopfe von Mr. Finchings Tante saß, und daß der zweite Floras Kopf angehörte, die ihr Legat mit beträchtlicher Schwierigkeit die steilen Stufen heraufgebracht zu haben schien.

Obgleich nicht besonders entzückt von dem Anblick dieses Besuches, verlor Clennam keine Zeit, die Kontortür zu öffnen und sie aus der Werkstätte loszuwickeln; eine Rettung, die um so notwendiger war, als Mr. Finchings Tante bereits über ein Hindernis stolperte und die Dampfkraft als Institut mit einem steinharten Ridikül bedrohte, das sie trug.

»Mein Gott, Arthur, – wollte sagen Mr. Clennam, weit passender – was war das für ein beschwerliches Heraufklettern, und wie da wieder hinabkommen ohne eine Feuerleiter, und Mr. Finchings Tante, die beständig auf den Stufen ausgleitet und am ganzen Leibe zerquetscht ist, und Sie in einer Maschinenfabrik und Gießerei, wer hätte sich das gedacht, und Sie ließen uns auch nicht das geringste davon wissen!«

So sagte Flora außer Atem. Mr. Finchings Tante rieb indes ihr beschädigtes Schienbein mit dem Sonnenschirm und glühte vor Rache.

»Sehr unfreundlich, daß Sie uns seit jenem Tage nicht mehr besucht haben, obgleich wir natürlich durchaus nicht erwarten konnten, daß irgend etwas Anziehendes in unsrem Hause sein werde, und Sie sicherlich weit angenehmer beschäftigt waren, und ich möchte wissen, ob sie blond oder dunkel ist; hat sie blaue Augen oder schwarze, nicht daß ich erwartete, sie werde etwas anderes sein als der vollständige Gegensatz zu mir in allen Einzelheiten, denn ich bin eine Enttäuschung, wie ich ganz wohl weiß, und Sie haben ohne Zweifel ganz recht, ihr ergeben zu sein, und lassen Sie sich das gleichgültig sein, Arthur, was ich da sage, ich weiß es ja selbst kaum, lieber Gott!«

Während dieser Zeit hatte er ihnen im Kontor Stühle hingestellt. Als Flora sich niederließ, warf sie ihm den alten Blick zu.

»Und dann Doyce und Clennam, wer kann dieser Doyce sein?« sagte Flora: »ohne Zweifel ein herrlicher Mann und vielleicht verheiratet, und er hat vielleicht eine Tochter, wirklich? Dann versteht man die Genossenschaft und weiß alles, sagen Sie mir nichts davon, denn ich weiß, ich habe keinen Anspruch, diese Frage zu stellen, nachdem die goldene Kette, die einst geschmiedet worden, entzweigesprungen, was ganz natürlich.«

Flora legte ihre Hand zärtlich auf die seine und warf ihm einen zweiten Blick aus ihrer Jugend zu.

»Lieber Arthur – Macht der Gewohnheit, Mr. Clennam wäre immerhin zarter und für die obwaltenden Umstände passender – ich muß um Entschuldigung bitten, daß ich mir die Freiheit nehme, so bei Ihnen einzudringen, aber ich dachte, ich dürfte mir auf die vergangenen Zeiten hin, die für immer verschwunden, um nie wieder zu blühen, herausnehmen, mit Mr. Finchings Tante bei Ihnen vorzusprechen, um zu gratulieren und Ihnen meine besten Wünsche auszusprechen. Um ein bedeutendes besser als China, nicht zu leugnen, und weit näher, obgleich höher hinauf!«

»Ich freue mich außerordentlich, Sie zu sehen«, sagte Clennam, »und ich danke Ihnen, Flora, herzlich für Ihre gütige Erinnerung.«

»Mehr als ich jedenfalls selbst sagen kann«, versetzte Flora, »denn ich hätte zwanzig verschiedene Male hintereinander tot und begraben sein können, und kein Zweifel, was auch früher der Fall gewesen war, Sie hätten sich kaum meiner oder irgend etwas dergleichen erinnert, dessenungeachtet möchte ich eine letzte Bemerkung machen, eine letzte Erklärung abgeben –«

»Meine liebe Mrs. Finching«, warf Arthur in der Verlegenheit ein.

»Oh, nicht diesen unangenehmen Namen, sagen Sie Flora!«

»Flora, ist es der Mühe wert, sich aufs neue durch Erklärungen zu quälen? Ich versichere Ihnen, es sind keine nötig. Ich bin zufrieden – ich bin vollkommen zufrieden.«

Hier wurden sie von dem Gegenstand abgelenkt, denn Mr. Finchings Tante machte folgende unerbittliche und schreckliche Bemerkung:

»Es gibt Meilensteine auf dem Wege nach Dover!«

Mit solch tödlicher Feindschaft gegen das Menschengeschlecht schoß sie diesen Pfeil ab, daß Clennam gar nicht wußte, wie er sich verteidigen sollte; um so mehr, als er bereits durch die Ehre des Besuchs dieser ehrwürdigen Dame in Verlegenheit war, denn sie hatte offenbar den größten Widerwillen gegen ihn. Er konnte sie nur mit der äußersten Verwirrung ansehen, wie sie so dasaß mit Bitterkeit und Zorn auf den Lippen und meilenweit fortstierte. Flora jedoch nahm die Bemerkung hin, als wäre sie von der passendsten und angenehmsten Art, indem sie laut billigend bemerkte, Mr. Finchings Tante habe sehr viel Geist. Sei es nun durch dieses Kompliment, oder durch die glühende Entrüstung gereizt, fügte diese herrliche Frau hinzu: »Er soll ihn ansehen, wenn er kann.« Und mit einer heftigen Bewegung ihres Ridiküls (ein Anhängsel von großem Umfang und versteinertem Aussehen) gab sie zu verstehen, daß Clennam der Mann sei, an den die Herausforderung gerichtet war.

»Eine letzte Bemerkung«, fuhr Flora fort, »sagte ich, wünsche ich zu machen, eine letzte Erklärung abzugeben. Mr. Finchings Tante und ich würden uns nicht zur Geschäftsstunde in das Kontor gedrängt haben, da Mr. Finching auch Geschäftsmann war, und obgleich der Weinhandel ein stilles Geschäft ist, ist er wie jedes andere, und Geschäftsgewohnheiten sind immer dieselben, wovon, Mr. Finching selbst ein Zeugnis ist – da er seine Pantoffel immer zehn Minuten vor sechs Uhr nachmittags auf der Matte hatte und seine Stiefel innerhalb des Kamingitters zehn Minuten vor acht Uhr morgens auf den Punkt bei jeder Witterung, schön oder regnerisch –, wir würden nicht hier eingedrungen sein ohne einen Beweggrund, der freundlich gemeint, hoffentlich auch freundlich aufgenommen wird, Arthur, Mr. Clennam weit passender gesagt, oder geschäftlicher Doyce und Clennam.“

»Bitte, sagen Sie nichts zu Ihrer Entschuldigung«, bat Arthur. »Sie sind stets willkommen.«

»Sehr höflich von Ihnen so zu sprechen, Arthur – kann mich des Worts Mr. Clennam nicht erinnern, bis es heraus ist, so stark ist die Gewohnheit der für immer verrauschten Zeit und so wahr ist es, daß oft in der stillen Nacht, ehe die Kette des Schlummers die Menschen fesselt, die Erinnerung das Licht vergangener Tage über sie ergießt – sehr höflich, aber höflicher als wahr, fürchte ich, denn, wenn man in ein Maschinengeschäft eintritt, ohne auch nur eine Zeile oder eine Karte an Papa zu senden, – ich mag nicht mir sagen, obgleich es eine Zeit gab, aber diese ist vorbei, und strenge Wirklichkeit, mein Gott, hat jetzt, ich schweige davon – das sieht wirklich nicht danach aus, das müssen Sie zugestehen.“

Sogar Floras Kommata schienen bei dieser Gelegenheit entflohen zu sein; um so viel unzusammenhängender und gesprächiger war sie als bei der ersten Begegnung.

»Freilich«, fuhr sie unaufhaltsam fort, »es war nichts anderes zu erwarten, und warum sollte es zu erwarten gewesen sein, und wenn es nicht zu erwarten war, warum sollte es sein, und ich bin weit entfernt, Ihnen oder irgend jemandem einen Vorwurf zu machen. Als Ihre Mama und mein Papa uns zu Tode quälten und die goldene Kelle – wollte sagen Kette zerbrachen, aber ich hoffe, Sie wissen, was ich meine, und wenn Sie’s nicht wissen, verlieren Sie nicht viel und werden sich wenig darum kümmern, wage ich hinzuzusetzen – als sie die goldene Kette zerbrochen, die uns verband, und uns in eine Stimmung versetzten, daß wir auf dem Sofa beinahe vor Weinen erstickten, zum mindesten ich, da war alles verändert, und als ich meine Hand Mr. Finching reichte, weiß ich, daß ich es mit offenen Augen tat, aber es war ein so schwankender Charakter und von so niedergedrücktem Geiste, daß er in der Zerstreuung auf den Fluß anspielte, wenn nicht gar auf Öl oder etwas dergleichen vom Chemiker, und ich tat mein Bestes.«

»Meine gute Flora, wir hatten das zuvor schon abgemacht. Es war ganz gut.«

»Es ist ganz klar. Sie denken so«, versetzte Flora, »denn Sie fassen die Sache sehr kalt auf; wenn ich nicht gewußt, es wäre China, ich hätte die Polarregionen vermutet, lieber Mr. Clennam, Sie haben ganz recht, und ich kann Sie nicht tadeln, aber was Doyce und Clennam betrifft, so hörten wir davon, da der Hof Papas Eigentum ist, durch Pancks, und ohne ihn würden wir, davon bin ich überzeugt, nie ein Wort vernommen haben.«

»Nein, nein, sagen Sie das nicht.«

»Warum soll ich es nicht sagen, Arthur – Doyce und Clennam – leichter und weniger peinlich für mich, als Mr. Clennam –, da ich es doch weiß, und Sie wissen es auch und können es nicht leugnen.«

»Aber ich leugne es, Flora. Ich würde Ihnen ehestens einen freundschaftlichen Besuch gemacht haben.«

»Ah!« sagte Flora, ihren Kopf schüttelnd. »Wirklich!« und sie warf ihm wieder einen von ihren alten Blicken zu. »Als uns Pancks jedoch davon sagte, entschloß ich mich, mit Mr. Finchings Tante Sie zu besuchen, weil, als Papa – was vordem geschah – zufällig ihren Namen mir gegenüber erwähnte und sagte, Sie interessierten sich für sie, ich augenblicklich erwiderte: Mein Gott, warum sie nicht zu uns nehmen, wenn irgend etwas zu tun ist, statt es aus dem Hause zu geben.«

»Wenn Sie sagen ›sie‹«, bemerkte Clennam, der indessen sehr stark verwirrt geworden, »meinen Sie Mr. Finchings –«

»Du meine Güte, Arthur – Doyce und Clennam wirklich leichter für mich bei den alten Erinnerungen –, wer hörte je von Mr Finchings Tante, daß sie Näherin sei und im Tagelohn arbeite?«

»Im Tagelohn arbeite? Sprechen Sie von Klein-Dorrit?«

»Nun natürlich!« versetzte Flora; »von allen seltsamen Namen, die ich je gehört, der seltsamste, der klingt, wie der Name eines Ortes auf dem Lande mit einem Schlagbaum, oder eines Lieblingsponys, oder eines Jungen, oder eines Vogels, oder etwas aus einem Samenladen, das man in einen Garten oder Blumentopf steckt und das dann gefleckt aufgeht.«

»Liebe Flora«, sagte Arthur, der plötzlich ein Interesse für die Unterhaltung bekam, »so war Mr. Casby denn so freundlich, Klein-Dorrit bei Ihnen zu erwähnen, wirklich? Was sagte er?«

»Oh, Sie wissen, wie Papa ist«, erwiderte Flora, »und wie schwerfällig er dasitzt, ein herrlicher Anblick, und seine Daumen umeinander dreht, bis man schwindlig wird, wenn man seine Augen auf ihn heftet, er sagte, als wir von Ihnen sprachen – ich weiß nicht, wer Arthur (Doyce und Clennam) zur Sprache brachte, aber ich bin gewiß, daß ich es nicht war, wenigstens hoffe ich es nicht, aber Sie müssen mich entschuldigen, wenn ich nicht mehr über diesen Punkt sage.«

»Gewiß«, sagte Arthur. »Jedenfalls.«

»Sie sind sehr bereitwillig«, schmollte Flora, die in gewinnender Schüchternheit plötzlich innehielt,«das muß ich einräumen, Papa sagte, Sie hätten sehr ernst von ihr gesprochen, und ich sagte, was ich Ihnen erzählte und das ist alles.“ 272 »Das ist alles?« sagte Arthur etwas enttäuscht.

»Ausgenommen daß, als Pancks uns sagte, Sie hätten sich in dieses Geschäft eingelassen, und nur mit Mühe uns überzeugen konnte, Sie seien es wirklich, ich zu Mr. Finchings Tante sagte, dann wollten wir hierher gehen und Sie fragen, ob es für alle Teile angenehm wäre, daß wir sie bei uns beschäftigten, wenn wir sie brauchen, denn ich weiß, sie kommt oft zu Ihrer Mama, und ich weiß, daß Ihre Mama ein reizbares Temperament hat, Arthur – Doyce und Clennam – sonst hätte ich niemals Mr. Finching geheiratet und wäre in diesem Augenblicke – aber ich schwatze da Unsinn.«

»Es war sehr freundlich von Ihnen, Flora, daran zu denken.«

Die arme Flora erwiderte mit offener Aufrichtigkeit, die ihr weit besser stand als ihre jüngsten Blicke, sie sei sehr erfreut, daß er so dächte. Sie sagte es mit so viel Herz, daß Clennam viel gegeben, wenn er seine alte Ansicht von ihr auf der Stelle hätte zurückhaben und sie und die Sirene auf immer hätte fortwerfen können.

»Ich denke, Flora«, sagte er, »daß die Beschäftigung, die Sie Klein-Dorrit geben, und die Güte, die Sie ihr beweisen können –«

»Ja, ich will es«, sagte Flora lebhaft.

»Ich bin überzeugt – es wird ihr eine große Stütze und Erleichterung sein. Ich glaube nicht das Recht zu haben, Ihnen zu sagen, was ich von ihr weiß, denn diese Kenntnis ist mir im Vertrauen geworden und unter Umständen, die mich zu schweigen zwingen. Aber ich habe ein Interesse für die kleine Kreatur und einen Respekt vor ihr, den ich Ihnen nicht auszudrücken vermag. Ihr Leben war so voll Prüfungen und Hingebung und von solch ruhiger Güte, daß Sie keine Vorstellung davon haben können. Ich kann kaum an sie denken, noch viel weniger von ihr sprechen, ohne gerührt zu sein. Lassen Sie dies Gefühl ersetzen, was ich Ihnen sagen könnte, und sie an Ihre Güte mit meinem Dank empfehlen.«

Noch einmal bot er der armen Flora offen seine Hand; noch einmal konnte die arme Flora sie nicht offen annehmen, fand es auch nicht der Mühe wert und mußte die alte Intrige, das alte Geheimnis daraus machen. Ebensosehr zu ihrer eigenen Befriedigung als zu seinem Verdruß bedeckte sie sie mit einer Ecke ihres Schals, als sie dieselbe nahm. Dann rief sie, als sie nach der Glasfront des Kontors blickte und zwei Gestalten nahen sah, mit unendlicher Freude: »Papa! St! Arthur, um’s Himmels Willen!« und taumelte in ihren Stuhl zurück, indem sie mit staunenswürdigem Talent eine herannahende Ohnmacht heuchelte, die eine Folge von heftiger Überraschung und mädchenhafter Verwirrung sein sollte.

Der Patriarch steuerte indessen in Pancks‘ Kielwasser mit nichtssagendem Strahlen des Gesichts auf das Kontor zu. Pancks öffnete die Tür für ihn, schleppte ihn hinein und ging selbst in einer Ecke vor Anker. »Ich hörte von Flora«, sagte der Patriarch mit seinem wohlwollenden Lächeln, »daß sie Besuch machen wollte, Besuch machen wollte. Und da ich gerade aus war, dacht‘ ich, ich wollte auch Besuch machen, dacht‘ ich, ich wollte auch Besuch machen.«

Die wohlwollende Weisheit, die er durch seine blauen Augen, seine langen, weißen Haare und sein leuchtendes Haupt in diese Erklärung ausströmte (die an und für sich nicht tief war), machte großen Eindruck. Sie schien würdig, unter die edelsten Gefühle, die die besten Männer ausgesprochen, gestellt zu werden. Auch als er zu Clennam sagte, indem er sich in den dargebotenen Stuhl setzte: »Und Sie sind in einem neuen Geschäfte, Mr. Clennam? Ich wünsche Ihnen Glück, Sir, ich wünsche Ihnen Glück!« schien er Wunder von Wohlwollen verrichtet zu haben.

»Mrs. Finchings hat mir gesagt, Sir«, versetzte Arthur, nachdem er die Tatsache zugegeben, während die Hinterlassene des verstorbenen Mr. Finching mit einer Gebärde gegen den Gebrauch dieses ehrenwerten Namens protestierte, »sie werde bei Gelegenheit die Dienste der jungen Näherin, die Sie meiner Mutter empfohlen, in Anspruch nehmen, wofür ich ihr meinen Dank ausgesprochen.«

Der Patriarch dreht schwankend den Kopf nach Pancks um; der Begleiter steckte das Notizbuch ein, in das er vertieft gewesen, und nahm ihn ins Schlepptau.

»Sie haben sie nicht empfohlen«, sagte Pancks, »wie konnten Sie auch? Sie wußten ja nichts von ihr, nein, wirklich nicht. Der Name wurde vor Ihnen genannt, und Sie gingen darüber hinweg. Das ist’s, was Sie taten.«

»Nun«, sagte Clennam, »da sie jede Empfehlung rechtfertigt, ist es ja eins.«

»Sie freuen sich, daß sie sich so gut anläßt«, sagte Pancks, »aber es wäre ja nicht Ihre Schuld gewesen, wenn sie sich schlecht angelassen. Der gute Ruf ist, wie die Sachen stehen, nicht Ihre Schuld, und die Schande ebenfalls wäre Ihre Schuld nicht gewesen, wenn es anders stände. Sie haben ja keine Garantie zu leisten. Sie wußten nichts von ihr.«

»So sind Sie also mit keinem Gliede der Familie bekannt?« sagte Arthur, eine Frage aufs Geratewohl wagend.

»Mit keinem Gliede der Familie bekannt?« versetzte Pancks. »Wie sollten Sie mit einem Gliede der Familie bekannt sein? Sie hörten ja nie von ihnen. Sie können nicht mit Leuten bekannt sein, von denen Sie niemals hörten, nicht wahr? Sie sind meiner Ansicht?«

Die ganze Zeit über saß der Patriarch feierlich lächelnd da, indem er mit dem Kopf wohlwollend schüttelte und nickte, je nachdem es der Fall erforderte.

»Was die Verweisung an einen Schiedsrichter betrifft«, sagte Pancks, »so wissen Sie – im allgemeinen, was das heißen will. Ihr eignes Auge ist’s! Sehen Sie auf Ihre Mietsleute in dem

Hofe hinab. Sie würden alle einer für den andern stehen, wenn Sie’s annähmen. Aber was würde die Folge davon sein? Zwei statt eines können keine Befriedigung gewähren, einer genügt. Ein Mann, der nicht bezahlen kann, treibt einen andern auf, der nicht bezahlen kann, um dafür zu garantieren, daß er bezahlen kann. Wie ein Mensch mit zwei hölzernen Beinen, der einen andern Menschen mit zwei hölzernen Beinen auftreibt, um dafür zu garantieren, daß er zwei natürliche Beine bekomme. Es setzt keinen von beiden in den Stand, einen Wettlauf zu machen. Und vier hölzerne Beine setzen mehr in Verlegenheit als zwei, wenn man gar keines braucht.« Mr. Pancks schloß, indem er seinen bekannten Dampf ausblies.

Ein augenblickliches Schweigen, das eingetreten war, wurde von Mr. Finchings Tante unterbrochen, die seit ihrer letzten öffentlichen Bemerkung in einem Zustand von Starrsucht aufrecht dasaß. Sie bekam einen neuen heftigen Stoß, der darauf berechnet war, eine bestürzende Wirkung auf die Nerven der Uneingeweihten zu machen, und sie bemerkte mit der fürchterlichsten Feindschaft:

»Sie können nicht einen Kopf und Hirn aus einem Messingknopf machen, in dem nichts ist. Sie könnten es selbst dann nicht tun, wenn Ihr Onkel George am Leben wäre; um so weniger, da er tot ist.«

Mr. Pancks antwortete sogleich mit seiner gewöhnlichen Ruhe: »Wirklich, Ma’am? Gott schütze mich! Ich bin erstaunt, das zu hören.« Trotz seiner Geistesgegenwart jedoch brachten die Worte von Mr. Finchings Tante einen peinlichen Eindruck auf die kleine Gesellschaft hervor; erstlich, weil es unmöglich war, sich zu verhehlen, daß Clennams harmloser Kopf dieser verachtete Tempel der Vernunft sei, und zweitens, weil niemand bei all diesen Gelegenheiten wußte, auf welchen Onkel George angespielt wurde, oder welche Gespenstererscheinung unter diesem Namen zitiert wurde.

Deshalb sagte Flora, obgleich nicht ohne ein gewisses Prahlen und einen Stolz auf ihr Legat, Mr. Finchings Tante sei heute sehr aufgeregt und sie denke, es sei besser, wenn sie gehen. Aber Mr. Finchings Tante gab äußerst lebhaft zu erkennen, daß sie diesen Wink übel aufnehme, und erklärte nicht gehen zu wollen, indem sie mit verschiedenen beleidigenden Ausdrücken hinzufügte, daß wenn »er«, womit sie offenbar Clennam meinte, – sie los sein wolle, so möge er sie die Wendeltreppe hinabstoßen; indem sie dringend den Wunsch hinzufügte, »ihn« diesen Akt vollziehen zu sehen.

In diesem Dilemma ergriff Mr. Pancks, dessen Rettungsmittel für jedes Ereignis in den patriarchalischen Wassern auszureichen schienen, seinen Hut, schlüpfte zur Kontortür hinaus und schlüpfte einen Augenblick später mit einer künstlichen Frische in seinem Wesen, als wenn er einige Wochen auf dem Lande gewesen, wieder herein. »Nun, Gott schütze mich, Ma’am!« sagte Pancks, sein Haar vor Erstaunen in die Höhe richtend, »sind Sie da? Wie befinden Sie sich, Ma’am? Sie sehen heute reizend aus! Es freut mich ungemein, Sie zu sehen. Vergönnen Sie mir Ihren Arm, Ma’am, wir wollen etwas miteinander spazierengehen, wenn Sie mir die Ehre Ihrer Gesellschaft gönnen wollen.« Damit geleitete er Mr. Finchings Tante die Privattreppe des Kontors mit großer Galanterie und vielem Erfolg hinab. Der patriarchalische Mr. Casby erhob sich dann mit der Miene, als hätte er es selbst getan, und folgte lächelnd, indem er seiner Tochter Zeit ließ, während sie ihrerseits folgte, ihrem früheren Liebhaber in verwirrtem Flüstern (was ihr große Freude machte) zu bemerken, daß sie den Becher des Lebens bis zur Hefe geleert; und ihm ferner den geheimnisvollen Wink zu geben, daß der verstorbene Mr. Finching auf dem Boden desselben sitze.

Als sich Clennam wieder allein sah, wurde er abermals eine Beute seiner alten Zweifel in Beziehung auf seine Mutter und Klein-Dorrit, und er erwog die alten Gedanken und Verdachtsgründe wieder und wieder. Sie waren ihm alle lebendig vor die Seele getreten, indem sie sich mit den Pflichten, die er mechanisch erfüllte, vermischten, als ein Schatten, der auf seine Papiere fiel, ihn veranlaßte, nach der Ursache aufzusehen. Diese war Mr. Pancks. Den Hut auf das Ohr zurückgezogen, als ob seine Drahtspitzen von Haaren wie Springfedern emporgeschnellt wären und ihn abgeworfen, mit seinen achatschwarzen, neugierig scharfen Augenkügelchen, die Finger seiner rechten Hand im Munde, um die Nägel abzubeißen, und die Finger seiner Linken in der Tasche als Reserve zu einem neuen Gang, warf Mr. Pancks seinen Schatten durch die Scheibe auf Bücher und Papiere.

Mr. Pancks fragte mit einer kleinen fragenden Wendung des Kopfes, ob er hereinkommen dürfe? Clennam antwortete mit einem Nicken des Kopfes bejahend. Mr. Pancks arbeitete sich hinein, legte an der Seite des Pultes an, warf Anker, indem er seine Arme darauf lehnte und begann das Gespräch mit Pusten und Schnauben.

»Mr. Finchings Tante ist hoffentlich beruhigt?« sagte Clennam.

»Gewiß, Sir«, sagte Pancks.

»Ich bin so unglücklich, eine große Animosität in der Brust dieser Dame erweckt zu haben« , sagte Clennam. »Wissen Sie weshalb?«

»Weiß sie, weshalb?« sagte Pancks.

»Ich vermute, nein.«

»Ich vermute auch nicht« , sagte Pancks.

Er zog sein Notizbuch heraus, öffnete es, ließ es in seinen Hut fallen, der neben ihm auf dem Pulte stand, und sah hinein, während es auf dem Boden des Hutes lag: alles mit großer Wichtigkeit.

»Mr. Clennam«, begann er dann, »ich brauche eine Notiz, Sir.«

»Die mit der Firma in Beziehung steht?« fragte Clennam.

»Nein« , sagte Pancks.

»Womit denn, Mr. Pancks? Das heißt, vorausgesetzt, daß Sie sie von mir wollen.«

»Ja, Sir; ja, ich wünsche sie von Ihnen« , sagte Pancks, »wenn ich Sie veranlassen kann, sie mir zu geben. A, B, C, D. Da, De, Di, Do. Nach der Wörterbuchfolge. Dorit. Das ist der Name, Sir.« Mr. Pancks ließ wieder sein eigentümliches Geräusch hören und fiel über seine Nägel von der rechten Hand her. Arthur sah ihn forschend an; er erwiderte den Blick.

»Ich verstehe Sie nicht, Mr. Pancks.«

»Das ist der Name, über den ich die Notiz wünschte.«

»Und was wünschen Sie zu wissen?«

»Was Sie mir nur immer sagen können und wollen.« Dieser umfassende Inbegriff seiner Wünsche wurde nicht ohne schwere Arbeit von Mr. Pancks‘ Maschine zutage gefördert.

»Das ist ein eigentümlicher Besuch, Mr. Pancks, Es fällt mir außerordentlich auf, daß Sie mit solch einer Angelegenheit zu mir kommen.«

»Es mag ganz außerordentlich sein«, versetzte Mr. Pancks, »es mag ganz außer dem gewöhnlichen Lauf der Dinge liegen und doch ein Geschäft sein. Kurz, es ist ein Geschäft. Ich bin ein Geschäftsmann. Welches Geschäft habe ich in dieser Welt, als mich an das Geschäft zu halten? Kein anderes Geschäft.«

Mit seinem früheren Zweifel, ob dieser trockene, harte Mensch die Sache ernstlich meine, richtete Clennam seinen Blick wieder aufmerksam auf sein Gesicht. Es war so ruppig und schmutzig wie je, und so ungestüm und lebhaft wie je, und er konnte nichts Lauerndes in demselben sehen, das einen verborgenen Spott verraten, den er aus dem Ton seiner Worte vernehmen zu müssen glaubte.

»Nun«, sagte Pancks, »um dieses Geschäft ins richtige Geleise zu bringen, sage ich im voraus, daß es nicht das meines Herrn ist.«

»Verstehen Sie unter diesem Herrn Mr. Casby?«

Pancks nickte. »Mein Herr. Setzen Sie einen Fall. Gesetzt, ich höre bei meinem Herrn den Namen – einer jungen Person, der Mr. Clennam zu dienen wünscht. Gesetzt, der Name würde bei meinem Herrn zuerst von Plornish, der im Hofe wohnt, erwähnt. Gesetzt, ich gehe zu Plornish. Gesetzt, ich bitte Plornish geschäftlich um Auskunft. Gesetzt, Plornish, obgleich mit der Bezahlung meines Herrn sechs Wochen im Rückstand, weigert sich. Gesetzt, auch Mrs. Plornish weigert sich. Gesetzt, beide beziehen sich auf Mr. Clennam. Setzen Sie den Fall.«

»Nun?«

»Nun, Sir«, versetzte Pancks. »Gesetzt, ich komme zu ihm. Gesetzt ich bin hier.«

Während die Haarzinken an seinem ganzen Kopfe emporstanden und sein Atem schwer und kurz kam und ging, trat der geschäftige Pancks einen Schritt zurück (in der Schleppermetapher gesprochen, machte eine halbe Wendung mit dem Stern), als wollte er seinen schmutzigen Rumpf ganz zeigen, steuerte dann wieder vorwärts und warf seinen lebhaften Blick bald in seinen Hut, wo sein Notizbuch lag, bald auf Clennam.

»Mr. Pancks, um nicht auf Ihren geheimnisvollen Ton einzugehen, will ich so offen gegen Sie sein, wie ich kann. Lassen Sie mich zwei Fragen an Sie richten. Erstens –«

»Schon gut!« sagte Pancks, indem er seinen schmutzigen Zeigefinger mit dem zerbrochenen Nagel emporhielt. »Ich merke schon! ›Was ist Ihr Beweggrund?‹«

»Ganz recht!«

»Beweggrund«, sagte Pancks, »gut. Nichts zu schaffen mit meinem Herrn. Im Augenblick nicht auseinanderzusetzen: wäre lächerlich, wenn ich’s im Augenblick auseinandersetzen wollte; aber gut. Ich wünsche einer jungen Person, namens Dorrit, zu dienen«, sagte Pancks, den Zeigefinger noch immer als eine Bürgschaft emporhaltend. »Besser, wir nehmen den Beweggrund als gut an.«

»Zweitens und letztens, was wünschen Sie zu wissen?«

Mr. Pancks fischte sein Notizbuch auf, ehe diese Frage gestellt war, und indem er dasselbe sorgfältig in einer inneren Brusttasche festknüpfte und die ganze Zeit Clennam starr ansah, antwortete er nach einer Pause pustend: »Ich wünsche irgendeine ergänzende Notiz.«

Clennam konnte ein Lächeln nicht unterdrücken, als der schnaubende kleine Dampfschlepper, der dem schwerfälligen Schiff »der Casby« so nützlich war, ihn ins Auge faßte und beobachtete, als harrte er auf seine Gelegenheit hineinzusteuern und alles bei ihm zu plündern, was er brauchte, ehe er seinen Manövern Widerstand leisten könnte; obgleich auch wieder in Mr. Pancks‘ Ungestüm etwas war, was manchen wunderbaren Gedanken in ihm wachrief. Nach kurzem Bedenken beschloß er, Mr. Pancks allgemeine Auskunft zu liefern, soweit es in seiner Macht stand, sie ihm an die Hand zu geben; wohl wissend, daß Mr. Pancks, wenn er bei seiner gegenwärtigen Nachforschung fehlging, sicher andere Mittel zu finden imstande sein würde, um sich die nötigen Notizen zu verschaffen.

Nachdem er deshalb zuerst Mr. Pancks aufgefordert, sich seiner freiwilligen Erklärung zu erinnern, daß sein Herr kein Teil an dieser Sache habe und daß seine eigenen Absichten gut seien (zwei Erklärungen, die dieser kohlige, kleine Mann mit dem größten Eifer wiederholte), sagte er ihm offen, daß er bezüglich des Geschlechtes der Dorrit und ihres früheren Aufenthaltes keinen Aufschluß geben könne und seine Kenntnis von der Familie sich nicht über das Faktum hinaus erstrecke, daß sie jetzt auf fünf Glieder reduziert zu sein scheinen; nämlich zwei Brüder, von denen der eine ledig, der andere ein Witwer mit drei Kindern sei. Das Alter der ganzen Familie teilte er Mr. Pancks mit, soweit er es wenigstens vermuten konnte; und endlich beschrieb er ihm die Lage des Vaters des Marschallgefängnisses und den Gang der Dinge und Ereignisse, durch die er mit diesem Mann näher bekannt geworden. Auf all dies horchte Mr. Pancks, der immer unglücksschwangerer blies und schnaubte, je mehr die Sache sein Interesse fesselte, mit großer Aufmerksamkeit; indem er die angenehmsten Empfindungen aus den peinlichsten Teilen der Erzählung zu ziehen und besonders durch die Schilderung der langen Gefangenschaft William Dorrits ergötzt zu sein schien.

»Zum Schluß, Mr. Pancks«, sagte Arthur, »habe ich Ihnen nur so viel zu sagen. Ich habe mehr als persönliche Gründe, so wenig wie möglich von der Familie Dorrit zu sprechen, besonders in meiner Mutter Haus« (Mr. Pancks nickte) »und so viel zu erfahren, wie ich kann. Ein so eifriger Geschäftsmann wie Sie – hm?«

Denn Mr. Pancks hatte plötzlich mit ungewöhnlicher Kraft jene Anstrengung mit Blasen gemacht.

»Nichts«, sagte Pancks.

»Ein so eifriger Geschäftsmann wie Sie versteht ganz wohl, was ein guter Handel ist. Ich möchte einen guten Handel mit Ihnen machen, nämlich, daß Sie mir bezüglich der Familie Dorrit Aufklärungen verschaffen, wenn es in Ihrer Macht liegt, wie ich Ihnen Aufklärungen gegeben. Es wird Ihnen keinen besonders schmeichelhaften Begriff von meinem Geschäftsverfahren geben, daß ich meine Bedingungen vorher zu stellen versäumte«, fuhr Clennam fort, »aber ich ziehe es vor, eine Ehrensache daraus zu machen. Ich habe so viele Geschäfte nach scharfbegrenzten Grundsätzen machen sehen, daß ich, offen gesagt, Mr. Pancks, derselben müde bin.«

Mr. Pancks lachte. »Es ist abgemacht, Sir«, sagte er. »Sie sollen mich fest daran halten sehen.«

Nach diesen Worten sah er Clennam einige Zeit an und biß an allen zehn Nägeln herum, während er offenbar in seinen Gedanken fixierte, was man ihm erzählt, und fuhr dann sorgfältig darüber hin, ehe die Mittel, eine Kluft in seinem Gedächtnis auszufüllen, nicht mehr zur Hand wären. »So ist’s recht«, sagte er endlich, »und nun will ich Ihnen guten Tag wünschen, da heute Sammeltag im Hofe ist. Im Vorbeigehen jedoch. Ein lahmer Fremder mit einem Stock.«

»Ah, ah, Sie nehmen, wie ich sehe, bisweilen eine Bürgschaft an?« sagte Clennam.

»Wenn dieser Bürge bezahlen kann«, versetzte Panck«. »Nimm alles, was du bekommen kannst, und behalte alles, was du nicht genötigt werden kannst, aufzugeben. Das ist Geschäft. Der lahme Fremde mit dem Stock wünscht ein oberes Zimmer in dem Hofe. Ist er gut dafür?«

»Ich bin es«, sagte Clennam. »Ich sage für ihn gut.«

»Das genügt. Was ich vom Bleeding Heart Yard haben muß, ist mein Schein«, sagte Pancks, indem er eine Notiz über die Sache in sein Buch machte. »Ich brauche, wie Sie sehen, meinen Schein. Bezahle oder zeige deinen Besitz! Das ist die Losung im Hofe drunten. Der lahme Fremde mit dem Stock behauptete, Sie schickten ihn; aber er könnte ebensogut behaupten (soweit es geht), daß der Großmogul ihn schickt. Er war, glaube ich, im Spital?«

»Ja. Es ist ihm ein Unglück begegnet. Er wurde soeben entlassen.«

»Der wird ein armer Teufel, Sir, wurde mir gesagt, den man in ein Hospital bringt«, sagte Pancks. Und stieß wieder jenen merkwürdigen Ton aus.

»Dasselbe ist bei mir der Fall«, sagte Clennam kalt.

Mr. Pancks, der sich indes zum Fortgehen fertiggemacht, ging einen Augenblick später unter Segel und schnaubte ohne weiteres Signal oder irgendwelche Zeremonie die Stufenleiter hinab und war bereits in voller Tätigkeit im Bleeding Heart Yard, ehe er noch recht aus dem Kontor zu sein schien.

Den übrigen Teil des Tages war Bleeding Heart Yard in Bestürzung, da der mürrische Pancks darin kreuzte; er fuhr die Bewohner an, wenn sie Ausflüchte wegen des Bezahlens machten, forderte, daß sie ihren Verpflichtungen nachkämen, ließ Bemerkungen von Ausziehen oder Exekution fallen, bohrte Wortbrüchige in den Boden, schickte eine Brandung von Schrecken vor sich her und ließ den Hof in seinem Kielwasser. Knäuel von Menschen, durch eine schlimme Anziehungskraft getrieben, lauerten vor jedem Hause, von dem man wußte, daß er sich darin befand, und lauschten, um Bruchstücke seiner Gespräche mit den Inwohnern zu erhaschen; und konnten sich, wenn es hieß, er komme, häufig nicht rasch genug zerstreuen, so daß er, ehe man sich’s versah, mitten unter ihnen stand und ihre eignen Rückstände forderte, und sie wie an den Boden gefesselt dastanden. Den ganzen übrigen Tag klang Pancks‘: »Wozu sie gesonnen seien?« und »Was sie damit wollten?« durch den Hof. Mr. Pancks wollte nichts von Entschuldigungen hören, nichts von Klagen hören, nichts von Ersatz hören, nichts als von unbedingter Bezahlung hören. Schwitzend und pustend und in exzentrischen Richtungen umherstürmend und immer heißer und schmutziger werdend, peitschte er den Strom des Hofes, daß er immer wilder und aufgeregter wurde. Volle zwei Stunden, nachdem man ihn auf der Höhe der Treppe an dem Horizonte wegdampfen gesehen, hatten sich die Wellen des Stromes noch nicht wieder geglättet.

Es fanden in jener Nacht mehrere kleine Versammlungen von blutenden Herzen an den gewöhnlichen Zusammenkunftsorten auf dem Hofe statt, bei denen die Ansicht herrschend war, mit Mr. Pancks sei sehr schwer zu tun zu haben und es sei sehr zu bedauern, wirklich sehr zu bedauern, daß ein Mann wie Mr. Casby die Eintreibung seiner Einkünfte in die Hände dieses Menschen gebe und ihn nicht in seinem wahren Lichte kenne. Denn (sagten die blutenden Herzen), wenn ein Mann mit diesem weißen Haupte und diesen Augen seine Einkünfte selbst verwaltete, so hätte man nichts von diesen Quälereien und Zerrereien zu dulden, und die Sachen stünden ganz anders.

Am selben Abend zur gleichen Stunde und Minute zappelte der Patriarch – der am Vormittag vor der Plünderung feierlich durch den Hof gesegelt, mit der ausdrücklichen Absicht, die volle Zuversicht zu seinem glänzenden Schädel und seidenen Haaren zu wecken – zur gleichen Stunde und Minute zappelte dieser Humbug erster Klasse von tausend Kanonen heftig in das kleine Dock seines erschöpften Schleppers und sagte, indem er die Daumen umeinander drehte:

»Ein sehr schlechtes Geschäft für einen Tag, Pancks, ein sehr schlechtes Geschäft für einen Tag. Es scheint mir, Sir, und ich muß, um mir selbst gerecht zu werden, die Bemerkung nachdrücklich wiederholen, daß Sie weit mehr Geld hätten heimbringen müssen, weit mehr Geld.«

  1. Die englischen Ortsnamen (Straßen, Plätze usw.) können der Originalität halber nicht immer verdeutscht werden.

Vierundzwanzigstes Kapitel.


Vierundzwanzigstes Kapitel.

Wahrsagerei.

Klein-Dorrit erhielt am selben Abend einen Besuch von Mr. Plornish, der, nachdem er seinen Wunsch, im geheimen mit ihr zu sprechen, durch so vieles und so deutliches Räuspern zu verstehen gegeben, daß er den Gedanken bestätigte, ihr Vater sei bezüglich ihrer Näherinnenbeschäftigung eine Illustration des Grundsatzes, es gebe keine so stockblinden Menschen als die, die nicht sehen wollen, eine Audienz von ihr vor der Tür auf der großen Treppe erhielt.

»Es war heute eine Dame bei uns, Miß Dorrit«, brummte Plornish, »und noch eine andere war bei ihr, eine alte Hexe, wie mir nur je eine zu Gesicht gekommen. Und die Art, wie sie einen anschrie, puh!«

Der sanfte Plornish war anfangs gar nicht imstande, seine Gedanken von Mr. Finchings Tante loszureißen. »Denn«, sagte er, um sich selbst zu entschuldigen, »ich versichere Sie, sie ist die kratzbürstigste Person, die man sich denken kann.«

Endlich machte er sich mit der größten Anstrengung so weit von diesem Gegenstand los, um zu bemerken: »Aber sie ist im Augenblick weder hier noch dort. Die andere Dame ist Mr. Casbys Tochter; und wenn es Mr. Casby nicht gut geht, so ist das nicht Pancks‘ Schuld. Denn Pancks gibt sich alle Mühe, wirklich alle Mühe, wahrhaftig alle Mühe!«

Mr. Plornish war nach seiner gewöhnlichen Manier etwas dunkel, aber gewissenhaft emphatisch.

»Und weshalb sie zu uns kam«, fuhr er fort, »war zu hinterlassen, daß, wenn Miß Dorrit zu dieser Adresse kommen wolle – nämlich Mr. Casbys Haus, Pancks hat ein Bureau hinten hinaus, wo er mehr, als man glaubt, arbeitet –, so würde sie sie mit Vergnügen beschäftigen. Sie sei eine alte und intime Freundin von Mr. Clennam – sagte sie ganz ausdrücklich – und hoffe sich seiner Freundin als eine nützliche Freundin zu erweisen. Das waren ihre Worte. Da sie zu wissen wünschte, ob Sie morgen früh kommen könnten, sagte ich, ich wolle Sie besuchen, Miß, und fragen und heute abend Bescheid sagen, daß, oder wenn Sie bereits versagt sind, wann Sie kommen könnten.«

»Ich kann morgen kommen, ich danke Ihnen«, sagte Klein-Dorrit. »Es ist sehr freundlich von Ihnen, aber so sind Sie immer.«

Mr. Plornish öffnete, mit einer bescheidenen Ablehnung seiner Verdienste, die Zimmertür, um sie wieder einzulassen, und folgte ihr mit so ungemein keckem Anschein, als ob er gar nicht draußen gewesen, daß ihr Vater es hätte bemerken müssen, auch wenn er nicht mißtrauisch gewesen wäre. Der aber in seiner liebenswürdigen Gleichgültigkeit achtete nicht darauf. Nach einem kleinen Gespräch, in dem Plornish seine frühere Stellung als Kollege mit seinem gegenwärtigen Privilegium als ergebener Freund vermischte, das durch seine niedrige Stellung als Gipser eingeschränkt war, nahm er Abschied; ehe er jedoch ging, machte er noch die Tour durch das Gefängnis und sah einen Kegelspiel zu, mit den gemischten Gefühlen eines alten Insassen, der seine Privatgründe hatte zu glauben, daß es seine Bestimmung sei, wieder hierherzukommen.

Frühzeitig am Morgen begab sich Klein-Dorrit, Maggy bei ihren wichtigen häuslichen Beschäftigungen zurücklassend, nach dem Zelt des Patriarchen. Sie ging über die Iron Bridge, obgleich es ihr einen Penny kostete, und legte einen Teil ihres Weges langsamer zurück als alle andern. Fünf Minuten vor acht ruhte ihre Hand auf dem Klopfer des Patriarchen, der gerade so hoch war, daß sie ihn erreichen konnte.

Sie gab Mrs. Finchings Karte dem jungen Mädchen, das die Tür öffnete, und das junge Mädchen sagte ihr, daß »Miß Flora« – Flora hatte bei ihrer Rückkehr unter das väterliche Dach den Titel wieder angenommen, unter dem sie dort gelebt, – ihr Schlafzimmer noch nicht verlassen habe, aber es sei ihr vielleicht gefällig, sich in Miß Floras Arbeitszimmer zu begeben. Sie ging in Miß Floras Arbeitszimmer, als zur Arbeit bestellt, und fand dort einen Frühstückstisch behaglich für zwei hergerichtet, mit einem weiteren Gedeck für eine dritte Person. Das junge Mädchen, das für einige Augenblicke verschwand, kehrte zurück und sagte, sie möchte gefälligst einen Stuhl ans Feuer rücken, ihren Hut abnehmen und es sich bequem machen. Aber Klein-Dorrit, die sehr schüchtern und nicht gewohnt war, sich’s bei solchen Gelegenheiten bequem zu machen, wußte nicht, wie das anfangen; so saß sie noch in der Nähe der Tür, den Hut auf dem Kopf, als Flora eine halbe Stunde später in großer Eile erschien.

Flora bedauerte so sehr, sie habe warten zu lassen und, du liebe Zeit, warum sie in der Kälte sitze, während sie erwartet hatte, daß sie sie beim Kamin mit der Zeitung finden würde und ob das vergeßliche Mädchen ihr die Botschaft nicht überbracht und ob sie die ganze Zeit den Hut aufbehalten und »bitte um aller Güte willen, lassen Sie Flora denselben abnehmen!« Als Flora ihn in der freundlichsten Art von der Welt abnahm, war sie so erstaunt über das Gesicht, das sie enthüllte, daß sie sagte: »Was ein gutes kleines Geschöpf Sie sind, meine Liebe!« und drückte ihr Gesicht zwischen ihre beiden Hände, wie es nur die liebenswürdigste Frau tun kann.

Es war das Wort und die Tat eines Augenblicks. Klein-Dorrit hatte kaum Zeit zu denken, wie freundlich das sei, als Flora voll Geschäftigkeit auf den Frühstückstisch zueilte und sich Hals über Kopf in das Schwatzen stürzte.

»Wirklich sehr leid, daß ich zufälligerweise heute morgen später daran bin als sonst je, weil es meine Absicht und mein Wunsch war, bereit zu sein, Sie zu empfangen, wenn Sie kämen, und Ihnen zu sagen, daß jedermann, den Arthur Clennam auch nur halb soviel interessierte, mich gleichfalls interessieren müsse, und daß ich Sie aufs herzlichste willkommen heiße und so froh sei, statt dessen haben sie mich nicht gerufen und ich schnarchte wahrhaftig noch immer darf ich sagen und wünschen Sie nicht gern kaltes Geflügel oder warmen gekochten Schinken was viele Leute nicht mögen wie die Juden, das sind Gewissensskrupel die wir alle achten müssen, obwohl ich sagen möchte, ich wünschte, sie hätten ein ebenso zartes Gewissen, wenn sie uns falsche Artikel für echte verkaufen die sicherlich das Geld nicht wert sind, es würde mir leid tun«, sagte Flora.

Klein-Dorrit dankte ihr und sagte schüchtern, Brot und Butter und Tee sei alles, was sie gewöhnlich –

»Oh, Possen, mein liebes Kind, ich kann das nicht hören«, sagte Flora, die Teemaschine in der sorglosesten Weise umdrehend, während sie blinzeln mußte, da ihr das heiße Wasser in die Augen spritzte, als sie sich herabbeugte, um in den Teetopf zu blicken. »Sie wissen, Sie sind in der Stellung einer Freundin, Gesellschafterin hierhergekommen, wenn Sie erlauben, daß ich mir diese Freiheit nehme und ich würde mich wirklich vor mir selber schämen, wenn Sie in irgendeiner andern Stellung hierherkämen auch sprach Arthur Clennam in solchen Ausdrücken von Ihnen – Sie sind müde meine Liebe?«

»Nein, Ma’am.«

»Sie werden so blaß, Sie sind zu weit gegangen vor dem Frühstück und wohnen wahrscheinlich weit entfernt und hätten fahren sollen«, sagte Flora, »mein liebes, liebes Kind, könnte ich Ihnen mit irgend etwas dienen?«

»Ich bin wirklich ganz wohl, Ma’am. Ich danke Ihnen vielmals, aber ich bin ganz wohl.«

»Dann nehmen Sie wenigstens gleich Ihren Tee, ich bitte«, sagte Flora, »und diesen Flügel von einem Huhn und ein Stück Schinken, achten Sie nicht auf mich und warten Sie nicht auf mich, denn ich bringe immer selbst Mr. Finchings Tante das Frühstück weil sie es im Bett nimmt, eine liebenswürdige alte Dame und sehr gescheit, Porträt von Mr. Finching hinter der Tür und sehr ähnlich obgleich zu viel Stirn und was den Pfeiler mit dem Marmorboden und der Balustrade und den Bergen betrifft so sah ich ihn nie in solcher Umgebung auch ist die Situation für ein Weingeschäft unwahrscheinlich, ein ausgezeichneter Mann, aber durchaus nicht in solcher Stellung.«

Klein-Dorrit sah das Porträt an, folgte aber nur flüchtig den Andeutungen über dieses Kunstwerk.

»Mr. Finching war mir so ergeben, daß er mich nie aus seinen Augen lassen wollte«, sagte Flora. »Freilich bin ich nicht imstande zu sagen wie lange das gedauert haben würde wenn er nicht plötzlich vom Tode abberufen wäre während ich noch ein neuer Besen war, ein würdiger Mann aber unpoetisch und männliche Prosa aber keine Romantik.«

Klein-Dorrit sah das Porträt wieder an. Der Künstler hatte ihm einen Kopf gegeben, dessen oberer Teil in intellektueller Richtung, selbst für Shakespeare, zu bedeutend gegenüber dem unteren gewesen wäre.

»Die Romantik jedoch«, fuhr Flora fort, das Frühstück für Mr. Finchings Tante geschäftig arrangierend, »wie ich offen zu Mr. Finching sagte als er mir seinen Antrag machte und Sie werden staunen wenn ich Ihnen sage, daß er mir siebenmal seinen Antrag machte einmal in einer Mietkutsche einmal in einem Boot einmal in einem Kirchstuhl einmal auf einem Esel in Tunbridge Wells (Badeort) und die übrigen Male auf den Knien, die Romantik war mit den frühen Tagen Arthur Clennam’s entflohen, unsere Eltern rissen uns auseinander, wir wurden Marmor und strenge Wirklichkeit usurpierte den Thron, Mr. Finching sagte sehr zu seinem Vorteil, daß er das ganz wohl wisse und diesen Stand der Dinge sogar vorziehe, demzufolge wurde das Fiat ausgesprochen und das ist nun das Leben wie Sie sehen und doch brechen wir nicht sondern biegen nur, bitte lassen Sie sich das Frühstück schmecken während ich mit dem Teebrett hineingehe.«

Sie verschwand und Klein-Dorrit konnte nun über die Bedeutung ihrer zerstreuten Worte nachdenken. Sie kam bald wieder zurück und begann endlich selbst ihr Frühstück zu verzehren, indem sie die ganze Zeit über sprach.

»Sie sehen, meine Liebe«, sagte Flora, indem sie einen bis zwei Löffel von einer braunen Flüssigkeit, die wie Branntwein roch, in den Tee goß, »ich muß genau den Anordnungen meines Arztes folgen, obgleich der Geruch nichts weniger als angenehm ist; ich bin ein armes Geschöpf und habe mich vielleicht nicht mehr von dem Schlage erholt, den ich in der Jugend erlitt, indem ich mich im nächsten Zimmer zu sehr dem Weinen hingab als ich von Arthur getrennt wurde, kennen Sie ihn schon lange?«

Sobald Klein-Dorrit merkte, daß diese Frage an sie gerichtet sei – wozu Zeit nötig war, da der galoppierende Schritt ihrer neuen Gönnerin sie weit hinter sich gelassen –, antwortete sie, sie kenne Mr. Clennam seit seiner Rückkehr.

»Allerdings konnten Sie ihn nicht früher gekannt haben, da Sie sonst hätten in China gewesen sein oder mit ihm korrespondiert hätten, wovon weder das eine noch das andere wahrscheinlich«, versetzte Flora. »Denn Reisende werden gewöhnlich mehr oder weniger mahagonibraun und das sind Sie durchaus nicht und was das Korrespondieren betrifft worüber sollten Sie? Wirklich, außer Tee, so war’s also bei seiner Mutter, daß Sie ihn zuerst kennenlernten, – sehr gescheit und fest, aber fürchterlich streng – sollte die Mutter des Mannes mit der eisernen Maske sein.«

»Mrs. Clennam war sehr freundlich gegen mich«, sagte Klein-Dorrit.

»Wirklich? Es freut mich in der Tat sehr das zu hören weil es natürlich angenehm für mein Gefühl ist, von Arthurs Mutter eine bessere Meinung zu haben als ich früher hatte, obgleich ich, was sie von mir denkt, wenn ich so fortschwatze, was ich sicher stets tun werde, und sie mich wie das Fatum in einem Rollwagen anglotzt – wirklich ein seltsamer Vergleich – daß sie gebrechlich ist nicht ihre Schuld – nicht weiß und mir auch nicht denken kann.«

»Werde ich meine Arbeit irgendwo finden, Ma’am?« fragte Klein-Dorrit, schüchtern um sich her sehend; »kann ich sie bekommen?«

»Sie fleißige kleine Fee«, versetzte Flora, indem sie in eine zweite Tasse Tee eine zweite der vom Arzte vorgeschriebenen Dosen goß, »es hat nicht die geringste Eile und es ist besser, daß wir damit beginnen, uns vertrauliche Mitteilungen über unsern gemeinschaftlichen Freund zu machen – ein zu kaltes Wort für mich wenigstens ich meine das nicht, sehr passender Ausdruck gemeinschaftlicher Freund – statt daß ich, nicht Sie durch lauter Formalitäten wie der Spartanische Knabe mit dem Fuchs werde, der ihn biß. Sie werden entschuldigen, daß ich das auf das Tapet bringe, aber vor allen langweiligen Jungen, die in alle Arten von Gesellschaften hineinstolpern, ist dieser Junge der langweiligste.«

Klein-Dorrit setzte sich mit sehr blassem Gesichte wieder nieder, um zu lauschen. »Könnte ich nicht besser indessen arbeiten?« fragte sie. »Ich kann arbeiten und doch zuhören. Ich möchte es lieber, wenn ich dürfte.«

Es sprach sich in ihrem ernsten Tone so deutlich das Gefühl aus, daß ihr nicht wohl sei, wenn sie nicht arbeite, daß Flora antwortete: »Nun, meine Liebe, wie es Ihnen beliebt«, und einen Korb voll weißer Taschentücher brachte. Klein-Dorrit stellte ihn vergnügt neben sich, zog ihr kleines Taschenetui heraus, fädelte ihre Nadel ein und begann zu nähen.

»Was für flinke Finger Sie haben«, sagte Flora, »aber fühlen Sie sich auch gewiß wohl?«

»Oh, ja, gewiß!«

Flora stellte ihren Fuß auf den Schemel und bereitete sich auf eine durch und durch romantische Enthüllung vor. Sie fuhr bisweilen zusammen, schüttelte den Kopf, seufzte höchst ausdrucksvoll, machte häufigen Gebrauch von ihren Augenbrauen und sah dann und wann, aber nicht oft, in das ruhige Gesicht, das über die Arbeit herabgebeugt war.

»Sie müssen wissen, meine Liebe«, sagte Flora, »und ich zweifle nicht, daß Sie es bereits wissen, nicht nur weil ich die Sache obenhin erwähnt, sondern weil ich fühle, daß mir sein Name mit glühenden Lettern auf der Stirn geschrieben steht, daß ehe ich mit dem verstorbenen Mr. Finching bekannt wurde, ich ein Verhältnis mit Arthur Clennam hatte – Mr. Clennam vor den Leuten wo Zurückhaltung notwendig, Arthur hier – wir waren einander alles es war der Morgen des Lebens es war eine Seligkeit es war Wahnsinn es war alles andere der Art in der höchsten Steigerung, als wir auseinandergerissen und zu Stein wurden in welchem Zustande Arthur nach China ging und ich die Marmorbraut des verstorbenen Mr. Finching wurde.«

Flora, die diese Worte mit tiefer Stimme sprach, freute sich ungemein darüber.

»Die Gemütsbewegungen jenes Morgens zu schildern«, sagte sie, »als alles Marmor war und Mr. Finchings Tante in einem Glaswagen folgte der wie zu vermuten steht sich in schändlichem Zustande befunden sonst hatte er nicht zwei Straßen von dem Hause zerbrechen können, weshalb man Mr. Finchings Tante wie den fünften November15 in einem Binsenstuhl heimbringen mußte will ich nicht zu schildern suchen, es genüge zu sagen, daß die leere Form des Frühstücks in dem Speisezimmer drunten stattfand, daß Papa zuviel gesalzenen Salm aß wovon er wochenlang krank wurde und daß Mr. Finching und ich uns auf eine Reise nach dem Kontinent über Calais begaben, wo die Leute auf dem Damm sich um uns stritten, bis sie uns getrennt hatten, obgleich nicht für immer das sollte noch nicht geschehen.«

Die Marmorbraut, die sich kaum Zeit zum Atemholen ließ, fuhr mit der größten Wohlgefälligkeit in wildem Durcheinander der Gedanken, die zuweilen nach Fleisch und Blut schmeckten, fort:

»Ich will einen Schleier über dieses traumartige Leben werfen, Mr. Finching war gut aufgeräumt sein Appetit war vortrefflich er schätzte die Kocherei er hielt den Wein für schmackhaft und alles ging gut, wir kehrten in die unmittelbare Nachbarschaft zurück Nummer dreißig Little Gosling Street London Docks und ließen uns dort häuslich nieder, ehe wir aber noch sicher herausgebracht, daß das Stubenmädchen die Federn aus dem Reservebett verkaufte, schwang sich die in den Kopf getretene Gicht mit Mr. Finching aufwärts in eine andere Sphäre.«

Seine Hinterlassene schüttelte mit einem Blick auf sein Bild den Kopf und wischte ihre Augen.

»Ich ehre das Andenken Mr. Finchings als eines achtungswerten Mannes und höchst entgegenkommenden Gatten, man durfte nur Spargel erwähnen und sie erschienen augenblicklich oder irgendein kleines delikates Getränk und es kam wie durch einen Zauber in einer Schoppenflasche, es war nichts Begeisterndes, aber es war Komfort, ich kehrte unter Papas Dach zurück und lebte abgeschlossen wenn nicht glücklich einige Jahre lang bis Papa eines Tages sanft hereinkam und sagte Arthur Clennam erwarte mich unten, ich ging hinab und fand ihn, fragen Sie mich nicht wie ich ihn gefunden, außer daß er noch unverheiratet, noch unverändert war.«

Das dunkle Geheimnis, in das sich Flora hüllte, würde andre Finger als die geschäftigen, die neben ihr arbeiteten, zur Ruhe gebracht haben. Diese arbeiteten jedoch unausgesetzt fort, und der geschäftige Kopf, der über sie herabgebeugt war, betrachtete die Stiche.

»Fragen Sie mich nicht«, sagte Flora, »ob ich ihn noch liebe oder ob er mich noch liebt oder was daraus werden soll oder wann das Ende davon sein wird, wir sind von Späheraugen umgeben und es kann der Fall sein, daß wir bestimmt sind uns getrennt voneinander abzuhärmen, wir sollen vielleicht nie wieder vereinigt werden, nicht ein Wort nicht ein Atemzug nicht ein Blick soll uns verraten, alles soll ein Geheimnis bleiben wie das Grab, wundern Sie sich deshalb nicht, daß selbst wenn ich verhältnismäßig kalt gegen Arthur und Arthur verhältnismäßig kalt gegen mich scheinen sollte, wir haben schlimme Gründe dazu, es genügt, wenn wir sie kennen. Pst!«

All dies sagte Flora mit so ungestümer Heftigkeit, als glaubte sie wirklich daran. Es läßt sich kaum bezweifeln, daß, wenn sie sich sogar in die Situation einer Sirene hineingearbeitet, sie wirklich geglaubt hätte, was sie als solche gesagt.

»Pst!« wiederholte Flora, »ich habe Ihnen jetzt alles gesagt, Vertrauen ist zwischen uns gegründet. Pst! um Arthurs willen werde ich stets eine Freundin für Sie sein, mein liebes Mädchen, und um Arthurs willen mögen Sie immer auf mich vertrauen.«

Die emsigen Finger legten die Arbeit beiseite und die kleine Gestalt erhob sich und küßte Floras Hand. »Sie sind sehr kalt«, sagte Flora, in den ihr eigenen natürlichen und herzlichen Ton verfallend und durch diesen Wechsel bedeutend gewinnend. »Arbeiten Sie heute nicht, ich bin überzeugt, Sie sind nicht wohl, ich bin überzeugt, Sie sind nicht stark.«

»Ich fühle mich nur etwas überwältigt durch Ihre Güte und durch die Güte Mr. Clennams, der mich einem Wesen anempfohlen, das er so lange gekannt und geliebt.«

»Ja, wirklich mein Kind«, sagte Flora, die die entschiedene Absicht hatte, ehrlich zu sein, wenn sie sich die Zeit ließ, darüber nachzudenken, »wir wollen das jedoch lieber unberührt lassen, da ich jetzt doch nicht imstande wäre, Ihnen die Sache auseinanderzusetzen, aber es hat nichts zu bedeuten, legen Sie sich ein wenig nieder.«

»Ich war immer stark genug, zu tun, was meine Pflicht war, und ich werde mich bald wieder gefaßt haben«, versetzte Klein-Dorrit mit einem flüchtigen Lächeln. »Sie haben mich mit Güte überwältigt, das ist alles. Wenn ich einen Augenblick am Fenster stehe, werde ich sogleich wieder bei voller Kraft sein.«

Flora öffnete ein Fenster, setzte sie in einen Stuhl daneben und begab sich bedächtig wieder an ihren früheren Platz. Es war ein windiger Tag, und die Luft, die über Klein-Dorrits Gesicht hinstrich, rief rasch wieder die frühere Röte auf demselben hervor. Wenige Minuten später kehrte sie zu ihrem Arbeitskorb zurück, und ihre emsigen Finger waren so emsig wie je.

Ruhig fortarbeitend fragte sie Flora, ob Mr. Clennam ihr gesagt, wo sie wohne? Als Flora verneinend antwortete, sagte Klein-Dorrit, sie verstehe, weshalb er so zartfühlend gewesen, sie sei jedoch überzeugt, er würde es billigen, wenn sie Flora ihr Geheimnis anvertraue, und daß sie es deshalb mit Floras Erlaubnis tun wolle. Sie erhielt eine ermutigende Antwort und drängte die Erzählung ihres Lebens auf wenige dürftige Worte von sich und eine glühende Lobrede auf ihren Vater zusammen, und Flora nahm alles mit einem natürlichen Zartgefühl auf, das die Sache wohl verstand, und in dem nichts Unzusammenhängendes war.

Als die Essenszeit kam, schlang Flora den Arm ihres neu anvertrauten Gutes durch den ihren, führte sie die Treppe hinab und stellte sie dem Patriarchen und Mr. Pancks vor, die bereits im Speisezimmer auf den Beginn des Mahles warteten. (Mr. Finchings Tante mußte für den Augenblick gewöhnlich das Zimmer hüten.) Sie wurde von den beiden Herren je nach dem Charakter jedes einzelnen empfangen; der Patriarch gab sich das Ansehen, als ob er ihr einen unschätzbaren Dienst erweise, indem er sagte, er freue sich, sie zu sehen, freue sich, sie zu sehen; und Mr. Pancks stieß seinen Lieblingston als Willkomm aus.

In dieser neuen Gesellschaft wäre sie unter allen Umständen schon schüchtern genug gewesen, namentlich, als Flora sie drängte, daß sie ein Glas Wein trinken und von dem Besten, was da sei, essen solle; ihr Unbehagen wurde jedoch durch Mr. Pancks noch bedeutend vermehrt. Das Benehmen dieses Mannes flößte ihr anfangs die Vermutung ein, daß er ein Porträtmaler sei, so aufmerksam betrachtete er sie und so häufig blickte er in das kleine Notizbuch, das er neben sich hatte. Als sie jedoch bemerkte, daß er keine Skizze machte und daß er nur von Geschäften sprach, begann der Verdacht in ihr zu erwachen, es sei ein Gläubiger ihres Vaters, dessen Schuld in jenem Taschenbuche stehe. Von diesem Gesichtspunkte aus drückte Mr. Pancks‘ Pusten Herausforderung und Ungeduld aus, und jedes lautere Schnauben wurde zu einer Zahlungsforderung.

Hierüber wurde sie jedoch durch ein anomales und ungereimtes Benehmen von seiten Mr. Pancks‘ enttäuscht. Sie hatte den Tisch bereits eine halbe Stunde verlassen und saß allein bei der Arbeit. Flora war gegangen, »um sich im nächsten Zimmer niederzulegen«, und infolge dieses Zurückziehens hatte der Geruch eines Getränks das Haus durchduftet. Der Patriarch war im Speisezimmer, den philanthropischen Mund weit geöffnet, unter einem gelben Taschentuch fest eingeschlafen. Zu dieser stillen Stunde erschien Mr. Pancks höflich nickend vor ihr.

»Finden es wohl etwas langweilig. Miß Dorrit?« fragte Pancks mit leiser Stimme.

»Nein, durchaus nicht, Sir«, sagte Klein-Dorrit.

»Beschäftigt, wie ich sehe«, bemerkte Mr. Panck«, indem er sich zollweise in das Zimmer schlich. »Was ist das, Miß Dorit?«

»Taschentücher.«

»Wirklich so!« sagte Panck«. »Ich hätte das in der Tat nicht gedacht.« Dabei sah er nicht einen Augenblick auf die Tücher, sondern beständig auf Klein-Dorrit. »Vielleicht möchten Sie wissen, wer ich bin. Soll ich es Ihnen sagen? Ich bin ein Wahrsager.«

Klein-Dorrit begann nun zu glauben, er sei toll.

»Ich gehöre mit Leib und Seele meinem Herrn«, sagte Pancks. »Sie sahen meinen Herrn beim Diner oben. Aber ich tue auch ein wenig in anderer Richtung; im stillen, sehr im stillen, Miß Dorrit.«

Klein-Dorrit sah ihn zweifelhaft und nicht ohne Unruhe an. »Ich wünschte, Sie zeigten mir das Innere Ihrer Hand. Lassen Sie sich nicht stören.«

Er störte insofern, als man ihn gar nicht hier wünschte, aber sie legte einen Augenblick ihre Arbeit in den Schoß und hielt ihm die Linke mit dem Fingerhut hin.

»Jahre voll Mühe, hm?« sagte Pancks sanft, indem er sie mit seinem plumpen Zeigefinger berührte. »Aber wozu sind wir sonst da? Nichts. Ha!« rief er, in die Linien blickend. »Was ist das mit den Eisenstäben? Es ist ein Kollege! Und was ist das mit einem grauen Rock und einer schwarzen Samtmütze? Es ist ein Vater! Und was ist das mit einer Klarinette? Es ist ein Onkel! Und was ist das in Tanzschuhen? Es ist eine Schwester! Und was ist das müßig Herumstreifende? Es ist ein Bruder! Und was ist das für sie alle Denkende? Nun, das sind Sie, Miß Dorrit!«

Ihre Blicke begegneten den seinen, als sie ihm staunend ins Gesicht sah, und sie dachte, obgleich seine Augen stechend waren, er sehe doch hübscher und gütiger aus, als er ihr beim Mittagessen vorgekommen. Seine Blicke ruhten bald wieder auf ihrer Hand, und die Gelegenheit, diesen Eindruck zu erhöhen oder zu verbessern, war vorbei.

»Jetzt ist der Henker darin«, murmelte Pancks, mit seinen plumpen Fingern eine Linie in ihrer Hand verfolgend, »wenn das in der Ecke nicht ich bin? Was tue ich hier? Was ist hinter mir?«

Er fuhr mit dem Finger langsam nach dem Handgelenk und um das Handgelenk und gab sich den Anschein, als suche er auf dem Rücken der Hand, was hinter ihm sei.

»Ist es irgend etwas Schlimmes?« fragte Klein-Dorrit lächelnd.

»Verwünscht!« sagte Pancks. »Was halten Sie davon?«

»Ich sollte das Sie fragen. Ich bin nicht der Wahrsager.«

»Allerdings,« sagte Pancks. »Was das bedeutet? Sie werden leben, um zu sehen, Miß Dorrit.«

Indem er ihre Hand langsam und stückweise losriß, strich er all seine Finger durch die Zinken seiner Haare, daß sie in ihrer ungeheuerlichsten Weise emporstarrten, und wiederholte langsam: »Vergessen Sie nicht, was ich sage, Miß Dorrit, Sie werden leben, um zu sehen.«

Sie konnte nicht umhin, ihr Staunen zu zeigen, wäre es auch nur, daß er so viel von ihr wußte.

»Ah! Das ist’s!« sagte Pancks auf sie deutend. »Miß Dorrit, nicht immer, nein!« Noch erstaunter denn zuvor und noch etwas geängstigter sah sie ihn an, als erwartete sie eine Erklärung seiner letzten Worte.

»Nicht das«, sagte Pancks, indem er mit dem größten Ernst gleichfalls sich den Schein des Erstaunens in Blick und Miene gab, was wider seine Absicht etwas grotesk aussah. »Tun Sie das nicht! Niemals, wenn Sie mich sehen, es mag sein, wann oder wo es will. Ich bin niemand, tun Sie nicht, als wenn Sie mich kennten. Nehmen Sie keine Notiz von mir. Wollen Sie das, Miß Dorrit?«

»Ich weiß kaum, was ich sagen soll«, versetzte Klein-Dorrit ganz betäubt. »Weshalb?«

»Weil ich ein Wahrsager bin, Pancks, der Zigeuner. Ich habe Ihnen noch nicht so viel von Ihrem Schicksal mitgeteilt, Miß Dorrit, daß ich Ihnen gesagt, was hinter mir auf dieser kleinen Hand ist. Ich habe Ihnen gesagt, Sie würden leben, um zu sehen. Ist es zugestanden, Miß Dorrit?«

»Zugestanden, daß ich – –«

»Keine Notiz von mir außerhalb dieses Zimmers nehmen, es sei denn, daß ich es zuerst tue. Nicht auf mich zu achten, wenn ich komme und gehe. Es ist sehr leicht. Es ist kein Verlust, ich bin nicht schön, ich bin keine gute Gesellschaft, ich bin nur meines Herrn Ausjäter. Sie dürfen nur denken: ›Ah! Pancks der Zigeuner bei seinem Wahrsagen – er wird mir einst den Nest meines Schicksals sagen – ich werde leben, um es zu erfahren.‹ Ist das zugestanden, Miß Dorrit?«

»Ja«, stammelte Klein-Dorrit, die er in große Verwirrung brachte, »ich denke, solange Sie nichts Böses tun.«

»Gut!« Mr. Pancks sah nach der Wand des anstoßenden Zimmers und trat vorwärts. »Ehrliches Geschöpf, Mädchen von großen Eigenschaften, aber auch eine ebenso unvorsichtige und leichtsinnige Plauderin, Miß Dorrit.« Damit rieb er seine Hände, als wenn die Begegnung sehr befriedigend für ihn ausgefallen, schnaubte fort nach der Tür und entfernte sich wieder mit höflichen Verbeugungen.

Wenn Klein-Dorrit durch dieses seltsame Benehmen von seiten ihrer neuen Bekanntschaft und dadurch, daß sie sich in diese eigentümliche Geschichte verwickelt sah, sich schon ungewöhnlich verwirrt fühlte, so verringerte sich keineswegs diese Verwirrung durch die nachfolgenden Umstände. Außerdem, daß Mr. Pancks jede Gelegenheit ergriff, die ihm in Mr. Casbys Haus geboten war, um sie bedeutungsvoll anzusehen und anzuschnauben – was nicht viel heißen wollte, nach dem, was er bereits getan – begann er nun auch ihr tägliches Leben zu durchkreuzen. Sie sah ihn beständig auf der Straße. Wenn sie zu Mr. Casby ging, war er immer da. Wenn sie zu Mrs. Clennam ging, kam er unter irgendeinem Vorwand, als wenn er sie nicht aus den Augen verlieren wollte. Es war noch keine Woche vergangen, so fand sie ihn immer abends im Pförtnerstübchen, mit dem diensttuenden Schließer, der allem Anschein nach zu seinen Vertrauten gehörte, im Gespräch begriffen. Ihr nächstes Erstaunen war, ihn auch ganz behaglich im Gefängnis zu finden; zu hören, daß er sich unter den Besuchen bei ihres Vaters Sonntagsempfang befunden, ihn Arm in Arm mit einem gefangenen Freund auf dem Hof gehen zu sehen; durch Hörensagen zu erfahren, daß er sich eines Abends bei dem gesellschaftlichen Klub, der seine Zusammenkünfte in der Snuggery hielt, bedeutend hervorgetan, indem er an die Mitglieder dieses Instituts eine Rede hielt, ein Lied sang und die Gesellschaft mit fünf Gallonen Ale traktierte – das Gerücht fügte verkehrterweise eine große Menge Seegarnelen hinzu. Die Wirkung, die diese Erscheinungen, von denen er bei seinen treulichen Besuchen Augenzeuge wurde, auf Mr. Plornish hatten, machte einen Eindruck auf Klein-Dorrit, der dem nachstand, den diese Erscheinungen selbst hervorbrachten. Sie schienen ihn durch eine Mundsperre am Sprechen zu hindern und zu binden. Er konnte nur starren und bisweilen leise murmeln, man würde es im Bleeding Heart Yard gar nicht glauben, daß das Pancks sei, aber er sagte nie ein Wort, noch machte er ein Zeichen, selbst nicht gegenüber von Klein-Dorrit. Mr. Pancks setzte seinem geheimnisvollen Verfahren die Krone auf, indem er sich auf eine unerklärte Art mit Tip bekannt machte und an einem Sonntag an dem Arme dieses jungen Mannes in das Kolleg schlenderte. Er nahm jedoch die ganze Zeit nicht die geringste Notiz von Klein-Dorrit, ausgenommen ein- oder zweimal, wo es ihm gelang, ganz in ihre Nähe zu kommen, und niemand dabei war; bei welcher Gelegenheit er im Vorbeigehen mit einem freundlichen Blick und einem ermutigenden Pusten zu ihr sagte: »Pancks der Zigeuner – wahrsagen.«

Klein-Dorrit arbeitete mit angestrengtem Fleiß, wie gewöhnlich, indem sie sich über all dies wunderte, aber ihr Staunen in ihrer eigenen Brust bewahrte, wie sie seit frühster Zeit schon manche schwerere Last mit sich herumgetragen. Eine Veränderung war mit dem geduldigen Herzen vorgegangen und ging noch mit ihm vor. Mit jedem Tag wurde sie zurückhaltender. Unbemerkt im Gefängnisse aus- und einzugehen und auch sonst übersehen und vergessen zu werden, waren ihre Hauptwünsche.

Es war ihre Freude, sich, sooft sie nur konnte, ohne deshalb ihre Pflicht zu versäumen, in ihr Zimmer, das für ihre zarte Jugend und ihren Charakter etwas seltsam eingerichtet war, zurückzuziehen. Es gab Nachmittagsstunden, in denen sie unbeschäftigt war, in denen Besuche zu ihrem Vater kamen, die ein Kartenspiel mit ihm machen wollten, wobei sie entbehrt werden konnte und besser fort war. Dann eilte sie durch den Hof, stieg die paar Treppen hinauf, die zu ihrem Zimmer führten, und stellte ihren Stuhl an das Fenster. Die Spitzen auf der Mauer nahmen mancherlei Gestalten an, manche leichte Formen wob das schwere Eisen, manches goldene Streiflicht fiel auf den Rost, während Klein-Dorrit sinnend dasaß. Neue Zickzacks sprangen bisweilen in das grausame Muster, wenn sie durch einen Strom von Tränen daraufblickte; aber verschönert oder verdüstert, ob darüber oder darunter oder durch dasselbe, wohl oder übel, sie mußte in ihrer Einsamkeit darauf hinblicken und alles mit jenem unverwischbaren Brandmal sehen.

Eine Dachstube, und zwar eine Marschallgefängnisdachstube ohne Vergleich, war Klein-Dorrits Zimmer. Es war schön gehalten, obgleich an und für sich noch häßlich, und hatte wenig außer Reinlichkeit und Luft, womit es glänzen konnte; denn aller Zierat, den sie je hatte kaufen können, ging nach ihres Vaters Zimmer. Wie dem aber auch sei, sie zeigte für diesen dürftigen Ort eine stets wachsende Liebe; und allein in ihrem Zimmer zu sitzen, wurde ihre Lieblingsruhe.

Und dies in solchem Grade, daß, als sie eines Nachmittags während der Pancksgeheimnisse an ihrem Fenster saß und Maggys wohlbekannten Schritt die Treppe heraufkommen hörte, sie durch die Befürchtung, abgerufen zu werden, nicht wenig in Unruhe kam. Als Maggys Schritt sich näherte, zitterte sie und schwankte; und es war alles, daß sie sprechen konnte, als Maggy endlich erschien.

»Bitte, Mütterchen«, sagte Maggy nach Luft schnappend, »du mußt herunterkommen und ihn sehen. Er ist hier.«

»Wer, Maggy?«

»Wer? Natürlich Mr. Clennam. Er ist in deines Vaters Zimmer und sagte zu mir: ›Maggy, wollen Sie so gut sein, zu gehen und ihr zu sagen, daß nur ich es bin.‹«

»Ich bin nicht ganz wohl. Es wäre besser, ich ginge nicht. Ich will mich niederlegen. Sieh! ich lege mich nieder, um meinen Kopf auszuruhen. Sage ihm mit einer dankbaren Empfehlung, daß du mich so verlassen, sonst würde ich gekommen sein.«

»Gut, aber es ist nicht besonders höflich, Mütterchen«, sagte Maggy und stierte sie an, »dein Gesicht so wegzuwenden!«

Maggy war sehr empfindlich für persönliche Hintansetzungen und sehr erfinderisch in Auffindung solcher. »Und beide Hände vor das Gesicht zu tun!« fuhr sie fort. »Wenn du die Blicke eines armen Dinges nicht ertragen kannst, wäre es besser, es ihr gleich zu sagen und sie nicht so von sich zu stoßen, indem man ihre Gefühle verletzt und ihr zehnjähriges Herz bricht, dem armen Ding!«

»Ich will ja nur meinen Kopf ausruhen, Maggy!«

»Gut, und wenn du meinst, um deinen Kopf zu erleichtern, Mütterchen, so laß mich auch weinen. Behalte nicht das Weinen für dich allein«, heischte Maggy, »du mußt nicht so gierig sein.« Und augenblicklich begann sie zu weinen, daß ihr die Backen anschwollen.

Es kostete einige Mühe, sie zu veranlassen, mit der Entschuldigung zurückzukehren; aber das Versprechen, daß sie ihr eine Geschichte erzählen werde – von je ihr größtes Vergnügen – unter der Bedingung, daß sie all ihre Geistesfähigkeit auf diese Botschaft konzentriere und ihre kleine Herrin auf eine Stunde allein lasse, in Verbindung mit der Besorgnis auf seiten Maggys, sie möchte ihren guten Humor unten an der Treppe zurückgelassen haben, überwog. So ging sie weg, die Botschaft den ganzen Weg über vor sich hinmurmelnd, um sie nicht zu vergessen, und kam zur bestimmten Stunde zurück.

»Er war sehr besorgt, kann ich dir sagen«, kündigte sie an, »und wollte zu einem Arzt schicken. Und morgen will er wiederkommen, ja, und ich glaube nicht, daß er heute nacht gut schläft, nachdem er von deinem Kopfleiden weiß, Mütterchen. O Gott! Hast du nicht geweint?«

»Ich glaube, ich habe ein wenig geweint, Maggy.«

»Ein wenig! Oh!«

»Aber es ist jetzt vorbei – ganz vorbei und wieder gut, Maggy. Und mein Kopf ist weit besser und kühler, und ich fühle mich ganz wohl. Ich bin recht froh, daß ich nicht hinunterging.«

Ihr großes, staunendes Kind umarmte sie zärtlich; und nachdem sie ihr Haar geglättet und ihre Stirn und ihre Augen mit kaltem Wasser gebadet (Dienste, in denen ihre linkischen Hände geschickt wurden), umarmte sie sie wieder, frohlockte über die freudigeren Blicke und führte sie wieder nach dem Stuhl am Fenster. Gegenüber von diesem Stuhl rückte Maggy mit krampfhaften Anstrengungen, die durchaus nicht notwendig waren, die Kiste, auf der sie gewöhnlich saß, während Geschichten erzählt wurden, setzte sich darauf, umarmte ihre eignen Knie und sagte mit Ungeduld auf Geschichten und mit weit geöffneten Augen:

»Nun, Mütterchen, jetzt aber eine gute!«

»Wovon soll sie handeln, Maggy?«

»Oh, von einer Prinzessin«, sagte Maggy, »und von einer rechten. Ganz unglaublich, du weißt schon.«

Klein-Dorrit bedachte sich einen Augenblick, und mit einem ziemlich traurigen Lächeln, das vom Sonnenuntergang mit seiner Röte übergossen wurde, begann sie:

»Maggy, es war einmal ein edler König, der hatte alles, was er nur wünschen mochte, und noch weit mehr. Er hatte Gold und Silber, Diamanten und Rubinen, Reichtümer aller Art. Er hatte Paläste und hatte –«

»Hospitäler«, unterbrach sie Maggy, noch immer ihre Knie wiegend. »Er soll auch Hospitäler haben, weil sie so angenehm sind, mit Abgaben von Hühnern.«

»Ja, er hatte eine Masse dergleichen, und er hatte eine Masse von allem.«

»Eine Masse gebratener Kartoffeln zum Beispiel?« sagte Maggy.

»Eine Masse von allem.“

»Gluck, gluck!« lockte Maggy, indem sie ihre Knie umarmte. »War das nicht herrlich!«

»Dieser König hatte eine Tochter, die die weiseste und schönste Prinzessin war, die je gelebt. Als sie noch ein Kind war, wußte sie alle ihre Lektionen, ehe die Lehrer sie dieselben lehrten; und als sie erwachsen war, war sie das Wunder der Welt. Nun stand in der Nähe des Palastes, wo die Prinzessin wohnte, eine Hütte, in der eine arme winzig kleine Frau wohnte, die ganz allein lebte.«

»Eine alte Frau«, sagte Maggy mit einem fettigen Schnalzen ihrer Lippen.

»Nein, nicht eine alte Frau. Eine ganz junge Frau.«

»Ich möchte wissen, ob sie sich nicht fürchtete«, sagte Maggy. »Bitte, fahre fort.«

»Die Prinzessin kam beinahe jeden Tag an der Hütte vorüber, und sooft sie in ihrem schönen Wagen vorbeifuhr, sah sie die arme winzig kleine Frau an ihrem Rade spinnen, und sie sah die winzig kleine Frau an, und die winzig kleine Frau sah sie an. So ließ sie den Kutscher eines Tages kurz vor der Hütte halten und stieg aus und ging näher und sah zur Tür hinein. Da war wie gewöhnlich die winzig kleine Frau, die an ihrem Rade spann, und sie sah die Prinzessin an, und die Prinzessin sah sie an.«

»Als wollten sie einander wegstarren«, sagte Maggy. »Bitte, fahre fort, Mütterchen.«

»Die Prinzessin war so eine wunderbare Prinzessin, daß sie die Kraft hatte, Geheimnisse zu wissen, und sie sagte zu der winzig kleinen Frau: ›Warum bewahrst du es hier?‹ Dies zeigte ihr augenblicklich, daß die Prinzessin wisse, warum sie an diesem Rade spinnend allein wohne, und sie fiel der Prinzessin zu Füßen und bat sie, sie nicht zu verraten. Die Prinzessin sagte: ›Ich werde dich nicht verraten. Laß mich es sehen.‹ Die winzig kleine Frau schloß den Laden des Hüttenfensters und verriegelte die Tür, und von Kopf bis zu Fuß zitternd, aus Furcht, es möchte jemand Verdacht schöpfen, öffnete sie einen sehr geheimen Platz und zeigte der Prinzessin einen Schatten.«

»Puh!« sagte Maggy.

»Es war der Schatten von jemand, der längst dahingegangen; von einem, der weit fortgegangen außer allem Bereich, um nimmer, nimmer wiederzukehren. Es war ein glänzender Anblick: und als die winzig kleine Frau es der Prinzessin zeigte, war sie von ganzem Herzen darauf stolz, als auf einen großen, großen Schatz. Als die Prinzessin es eine kurze Zeitlang betrachtet, sagte sie zu der winzig kleinen Frau: ›Und du bewachst das Tag und Nacht?‹ Und sie schlug die Augen nieder und flüsterte: ›Ja‹. Dann sagte die Prinzessin: ›Erkläre mir, warum.‹ Worauf die andere antwortete: es sei niemand so Gutes und Freundliches je diesen Weg gekommen, und das sei anfangs der Grund gewesen. Auch sagte sie, daß niemand es vermisse, daß niemand deshalb schlimmer daran sei, daß jener jemand zu denen gegangen sei, die ihn erwarteten –«

»So ist der jemand also ein Mann?« warf Maggy ein.

Klein-Dorrit sagte schüchtern Ja, sie glaube wohl, und fuhr dann fort:

»Zu denen gegangen sei, die ihn erwarteten, und daß diese Erinnerung niemandem gestohlen oder vorenthalten sei. Die Prinzessin antwortete: ›Ah! Aber wenn die Bewohnerin der Hütte stürbe, so würde man es ja finden.‹ Die winzig kleine Frau sagte ihr Nein: wenn diese Zeit käme, würde es ruhig in ihr Grab sinken und nicht mehr zu finden sein.«

»Gewiß«, sagte Maggy, »fahre fort, bitte!«

»Die Prinzessin war sehr erstaunt, das zu hören, wie du dir denken kannst, Maggy.«

»Das mußte sie auch sein«, sagte Maggy.

»Sie beschloß deshalb, die winzig kleine Frau zu beobachten und zu sehen, was daraus entstünde. Jeden Tag fuhr sie in ihrem schönen Wagen an der Tür der Hütte vorüber und sah dort die winzig kleine Frau immer allein an ihrem Spinnrade sitzen. Und sie sah die winzig kleine Frau an, und die winzig kleine Frau sah sie an. Endlich stand eines Tages das Rad still, und die winzig kleine Frau war nicht zu sehen. Als die Prinzessin fragte, warum das Rad sich nicht mehr bewege, und wo die winzig kleine Frau sei, unterrichtete man sie, daß das Rad sich nicht mehr bewege, weil niemand da sei, der es drehe, da die winzig kleine Frau gestorben.«

(»Sie hätten sie ins Hospital bringen sollen«, sagte Maggy, »dann würde sie sicherlich davongekommen sein.«)

»Nachdem die Prinzessin ganz kurze Zeit über den Verlust der winzig kleinen Frau geweint, trocknete sie ihre Augen und stieg aus dem Wagen an dem Platz, wo sie ihn hatte früher halten lassen, und ging nach der Hütte und schaute zur Tür hinein. Da war jedoch niemand, der sie angesehen hätte, und niemand, den sie hätte ansehen können; sie trat deshalb ein, um nach dem wertvollen Schatten zu sehn, aber es war nirgend eine Spur von ihm zu finden; da wußte sie, daß die winzig kleine Frau ihr die Wahrheit gesagt, und daß es niemanden mehr beunruhigen würde, und daß es ruhig in sein eignes Grab gesunken, und daß sie und der Schatten miteinander zur Ruhe gekommen.«

»Das ist alles, Maggy.«

Der Sonnenuntergang ergoß eine solche Glut auf Klein-Dorrits Gesicht, als sie an das Ende ihrer Geschichte kam, daß sie mit ihrer Hand die Augen beschattete.

»Ist sie alt geworden?« fragte Maggy.

»Die winzig kleine Frau?«

»Ja!«

»Ich weiß es nicht«, sagte Klein-Dorrit. „Aber es wäre ganz das gleiche gewesen, und wenn sie noch so alt geworden.«

»Wirklich?« sagte Maggy. „Ich vermute, es ist der Fall.« Und dabei saß sie mit stierem Sinnen da.

Sie saß so lange mit weit geöffneten Augen da, daß Klein-Dorrit am Ende, um sie von ihrer Kiste wegzulocken, aufstand und zum Fenster hinaussah. Als sie in den Hof hinabblickte, sah sie Pancks hereinkommen und mit dem Winkel seines Auges, während er vorüberging, heraufschielen. »Wer ist das, Mütterchen?« sagte Maggy. Sie war zu ihr ans Fenster getreten und lehnte an ihrer Schulter. »Ich sehe ihn oft aus- und eingehen.«

»Ich hörte draußen, er sei ein Wahrsager«, erwiderte Klein-Dorrit. »Aber ich zweifle, ob er vielen Leuten selbst ihre Vergangenheit und Gegenwart weissagen könnte.«

»Hätte er der Prinzessin nicht das ihrige sagen können?« fragte Maggy.

Klein-Dorrit, die sinnend in das dunkle Tal des Gefängnisses hinabsah, schüttelte den Kopf.

»Auch der winzig kleinen Frau nicht?« fragte Maggy.

»Nein«, sagte Klein-Dorrit, und der Sonnenuntergang beleuchtete hell ihr Gesicht. »Aber laß uns vom Fenster weggehen!«

  1. Guy Fawkes Tag, an dem eine Strohpuppe überall in England verbrannt wird zum Andenken an die Pulververschwörung 6. November 1605.

Fünfundzwanzigstes Kapitel.


Fünfundzwanzigstes Kapitel.

Verschworene und andere Leute.

Die Privatwohnung von Mr. Pancks war in Pentonville, wo er auf außerordentlich bescheidenem Fuß im zweiten Stock bei einem Rechtsgelehrten hauste, der eine innere Tür hinter der Straßentür hatte, die auf einer Feder ruhte und mit einem Klirren wie eine Falle aufsprang. An dem fächerartigen Fenster stand geschrieben: Rugg, Generalagent, Rechnungsführer und Schuldeneintreiber.

Dieser Streifen, majestätisch in seiner strengen Einfachheit, bestrahlte ein schmales Stück Garten vor dem Hause, der an die durstige Landstraße stieß, wo einige von den staubigsten Blättern ihre traurigen Häupter hängen ließen und ein verschmachtendes Leben führten. Ein Professor der Kalligraphie bewohnte den ersten Stock und belebte das Gartengitter durch Glaskasten, die ausgewählte Proben von dem enthielten, was seine Zöglinge vor sechs Lektionen gewesen, als seine junge Familie am Tische rüttelte, und was sie nach sechs Lektionen geworden, als die Familie sich ruhig verhielt. Der Raum, den Mr. Pancks innehatte, beschränkte sich auf ein luftiges Schlafzimmer, er war jedoch mit Mr. Rugg, seinem Hausherrn, übereingekommen, daß er gegen Entrichtung einer gewissen genau bestimmten Skala von Bezahlungen und nach zuvor gegebener mündlicher Notiz das Frühstück, Mittagessen, den Tee oder das Nachtessen, eines von diesen oder alle zusammen bei Mr. und Miß Rugg, seiner Tochter, im hintern Zimmer sollte einnehmen dürfen.

Miß Rugg war eine Dame von ein wenig Vermögen, das sie sich mit großer Auszeichnung in der Nachbarschaft dadurch erworben, daß ihr Herz schwer zerrissen und ihre Gefühle tief verletzt worden waren, und zwar durch einen in der Nähe wohnenden Bäcker von mittlerem Alter, gegen den sie durch die Vermittlung Mr. Ruggs einen Entschädigungsprozeß wegen Bruchs eines Heiratsversprechens einzuleiten für nötig befunden. Der Bäcker, der bei dieser Gelegenheit durch den Anwalt der Miß aussaugerisch auf den vollen Betrag von zwanzig Guineen angeklagt wurde, achtzehn Pence pro Titel, und zu entsprechender Entschädigung verurteilt worden, hatte von der Jugend von Pentonville auch noch gelegentlich Verfolgungen auszustehen. Miß Rugg dagegen, von der Majestät des Gesetzes umgeben und besorgt, ihr Geld in Staatspapieren anzulegen, wurde mit großer Achtung behandelt.

In der Gesellschaft von Mr. Rugg, der ein rundes, weißes Gesicht hatte, als wäre ihm längst alle Röte entzogen, und einen zerzausten, gelben Kopf wie ein alter Flederwisch, und in der Gesellschaft von Miß Rugg, die kleine Nankingflecke wie Hemdknöpfe über das ganze Gesicht verbreitet hatte, und deren gelbe Haare mehr ruppig als üppig waren, hatte Mr. Pancks seit einigen Jahren gewöhnlich Sonntags gespeist und ungefähr zweimal in der Woche ein Abendessen, bestehend aus Brot, holländischem Käse und Porter eingenommen. Mr. Pancks war einer von den sehr wenigen heiratsfähigen jungen Männern, vor denen sich Miß Rugg nicht fürchtete; die Gründe, mit denen sie sich beruhigte, waren zweierlei Art, nämlich erstlich: »daß es nicht zweimal anginge«, und zweitens: »daß er’s nicht wert wäre.« Mit dieser doppelten Waffe ausgerüstet, konnte sich Miß Rugg leicht von Mr. Pancks anschnauben lassen. Bis zu dieser Zeit hatte Mr. Pancks wenig oder kein Geschäft in seinem Quartier in Pentonville besorgt, außer dem des Schlafens; aber jetzt, da er Wahrsagerei trieb, saß er oft nach Mitternacht mit Mr. Rugg in seinem kleinen Bureau, das nach vorn ging; und sogar nach dieser späten Stunde brannte Talglicht in seinem Schlafzimmer. Obgleich seine Obliegenheiten als Ausjäter seines Herrn in keiner Weise sich vermindert hatten, und obschon dieser Dienst keine größere Ähnlichkeit mit einem Rosenbeet hatte als die, die sich in seinen vielen Dornen entdecken ließ, nahm ihn doch irgendein neuer Industriezweig beständig in Anspruch. Wenn er sich am Abend von dem Patriarchen losband, geschah es nur, um eine ungetaufte Barke ins Schlepptau zu nehmen und in andern Gewässern wieder frisch draufloszuarbeiten. Der Schritt von einer persönlichen Bekanntschaft mit dem ältern Mr. Chivery zu einer Bekanntschaft mit seiner liebenswürdigen Frau und seinem trostlosen Sohn mochte leicht gewesen sein; aber leicht oder nicht, Mr. Pancks machte ihn sehr bald. Eine Woche oder zwei nach seinem ersten Erscheinen im Kollegium nistete er bereits in dem Tabakgeschäft und suchte hauptsächlich ein gutes Einverständnis mit dem jungen John herbeizuführen. Dies gelang ihm in solchem Grade, daß er den sich abquälenden Schäfer von den Hainen weglockte und ihm geheimnisvolle Missionen gab, bei welchen Gelegenheiten dieser dann in unbestimmten Zeiträumen für zwei bis drei Tage zu verschwinden begann. Die kluge Mrs. Chivery, die über diese Veränderung höchlich erstaunt war, würde dagegen, als etwas dem Hochländlerbild an dem Türpfosten Widerstrebendes protestiert haben, wenn sie nicht zwei zwingende Gründe gehabt hätte: erstens, daß ihr Sohn lebhaftes Interesse an dem Geschäft zu nehmen gezwungen war, das diese Reisen fördern mußten, – und das hielt sie gut für seine gebeugten Geister; zweitens, daß Mr. Pancks im Vertrauen ihr das Versprechen machte, für die Zeit, die ihr Sohn ihm widme, die hübsche Summe von sieben Schillingen und sechs Pence für den Tag zu bezahlen. Der Vorschlag, der von ihm selbst kam und in die energischen Worte gekleidet wurde: »Wenn Ihr Sohn schwach genug ist, Ma’am, es nicht zu nehmen, so ist das noch kein Grund, warum Sie das auch sein sollten, nicht wahr? Somit ganz unter uns: das Geschäft ist abgemacht!«

Was Mr. Chivery von diesen Sachen dachte und wieviel oder wie wenig er von denselben wußte, war nicht zu erfahren. Es ist bereits von ihm bemerkt worden, daß er ein Mann von wenigen Worten war; und es mag hier erwähnt werden, daß er von seinem Geschäft die Gewohnheit angenommen, alles zu verschließen. Er verschloß sich selbst so sorgfältig wie die Schuldner im Marschallgefängnis. Selbst seine Gewohnheit, sein Essen zu verriegeln, mag ein Teil eines gleichförmigen Ganzen gewesen sein, aber es ist keine Frage, daß er in allen andern Dingen seinen Mund verschloß, wie er das Marschallgefängnis verschloß. Er öffnete ihn nie ohne Veranlassung. Wenn es notwendig war, sich über etwas zu äußern, öffnete er ihn ein wenig, hielt ihn so lange offen, wie für den Zweck genügte, und schloß ihn dann wieder. Gerade wie er seine Mühe an der Tür des Marschallgefängnisses sparte und einen Fremden, der hinausgehen wollte, einige Augenblicke warten ließ, wenn er einen andern Fremden den Hof herabkommen sah, so daß ein Umdrehen des Schlüssels für beide genügte, ähnlich behielt er häufig eine Bemerkung zurück, wenn er eine andere auf dem Wege zu seinen Lippen bemerkte, und entließ sie dann beide zu gleicher Zeit. Suchte man in seinem Gesicht irgendeinen Schlüssel zur Kenntnis seines Innern, so war der Marschallgefängnisschlüssel ein ebenso leserlicher Index der Charaktere und Geschichten, die er verschloß.

Daß Mr. Pancks sich veranlaßt sehen sollte, irgend jemand nach Pentonville einzuladen, war ein Fall, der in seinem Kalender noch nicht bemerkt war. Er lud jedoch den jungen John zum Mittagessen und brachte ihn in die Schußweite des gefährlichen (weil sehr verschwenderischen) Zaubers von Miß Rugg. Das Bankett war auf einen Sonntag bestimmt, und Miß Rugg füllte bei dieser Gelegenheit mit eigener Hand einen Hammelbraten mit Austern und schickte ihn zum Bäcker, nicht zu dem Bäcker, sondern zu einem Gegner desselben. Große Vorräte von Orangen, Apfel und Nüssen wurden gleichfalls aufgekauft. Auch Rum brachte Mr. Pancks Samstag abend nach Hause, um das Herz des Gastes zu erfreuen.

Dieser Überfluß an körperlichen Labsalen war nicht das Wichtigste bei dem Empfang des Fremden. Sein wesentlicher Zug war die vorhergängige Vertraulichkeit und Sympathie der Familie. Als der junge John um halb zwei Uhr ohne die Elfenbeinhand und die Weste mit den Goldzweigen erschien, wie eine Sonne, die durch tückische Wolken ihrer Strahlen beraubt ist, stellte ihn Mr. Pancks den gelbhaarigen Ruggs als den so oft erwähnten jungen Mann vor, der Miß Dorrit liebe.

»Ich freue mich«, sagte Mr. Rugg, ihn hauptsächlich in dieser Richtung anredend, »das außerordentliche Vergnügen zu haben, Ihre Bekanntschaft zu machen, Sir. Ihre Gefühle machen Ihnen Ehre. Sie sind jung; mögen Sie nie Ihre Gefühle überleben. Sollte ich je meine Gefühle überleben, Sir«, sagte Mr. Rugg, der ein Mann von vielen Worten war und für einen sehr gewandten Sprecher galt, »sollte ich meine Gefühle überleben, so würde ich in meinem Testament fünfzig Pfund dem Manne aussetzen, der mich aus dem Leben schaffte.«

Miß Rugg seufzte tief auf.

»Meine Tochter, Sir«, sagte Mr. Rugg. »Anastasia, dir sind die Gefühle dieses jungen Mannes nicht fremd. Meine Tochter hatte auch ihre Prüfungen« (Mr. Rugg hätte das Wort ruhig in der Einzahl brauchen sollen), »und sie kann mit Ihnen fühlen.«

Der junge John, beinahe betäubt von dieser rührenden Art des Empfangs, gab dies durch einige Worte zu erkennen.

»Um was ich Sie beneide, Sir«, sagte Mr. Rugg, »– erlauben Sie, daß ich Ihren Hut nehme, wir haben etwas wenig Haken, ich will ihn in die Ecke stellen, niemand wird dort darauf treten – um was ich Sie beneide, Sir, ist der Reichtum Ihrer Empfindungen. Ich gehöre zu einem Stande, dem dieser Reichtum bisweilen versagt ist.«

Der junge John antwortete, indem er seinen Dank aussprach, daß er die Hoffnung hege, er tue, was recht sei und was beweise, wie sehr er Miß Dorrit ergeben sei. Er wünsche, unselbstsüchtig zu sein, und hoffe es zu sein. Er wünsche, alles, was in seiner Macht stünde, zu tun, um Miß Dorrit zu dienen, indem er sich dabei ganz aus den Augen setzte; und er hoffe, daß dies der Fall sei. Es sei nur wenig, was er tun könne, über er wünsche es zu tun.

»Sir«, sagte Mr. Rugg, indem er ihn bei der Hand nahm. »Sie sind ein junger Mann, dem zu begegnen einem wohltut. Sie sind ein junger Mann, den ich auf die Zeugenbank setzen möchte, um die Herren vom Recht menschlicher zu machen. Ich hoffe, Sie haben Appetit mitgebracht und beabsichtigen, eine gute Klinge zu schlagen?«

»Ich danke, Sir«, versetzte der junge John, »ich esse gegenwärtig nicht viel.«

Mr. Rugg zog ihn ein wenig auf die Seite. »Ganz meiner Tochter Fall«, sagte er, »als sie, um ihre verletzten Gefühle und ihr Geschlecht zu rächen, in Sachen Ruggs gegen Bawkins klagbar wurde. Ich glaube, Mr. Chivery, ich hätte, wofern ich es der Mühe wert gehalten, mit Beweisen belegen können, daß das Gewicht solider Nahrungsmittel, die meine Tochter zu jener Zeit konsumierte, zehn Unzen wöchentlich nicht überstieg.«

»Ich glaube, etwas darüber hinauszugehen, Sir«, versetzte der andere zögernd, als ob er mit einer gewissen Scham dies Geständnis machte.

»Aber in Ihrem Falle ist auch kein Teufel in Menschengestalt im Spiel«, sagte Mr. Rugg, mit einem Lächeln und einer Handbewegung, die seinen Ausspruch bekräftigten. »Bemerken Sie wohl, Mr. Chivery, kein Teufel in Menschengestalt!«

»Nein, Sir, allerdings nicht«, fügte der junge John einfach hinzu, »es würde mir auch großen Kummer machen, wenn das der Fall wäre.«

»Dieses Gefühl«, sagte Mr. Rugg, »konnte ich nach Ihren bekannten Grundsätzen erwarten. Es würde meine Tochter sehr rühren, Sir, wenn sie das hörte. Da ich den Hammelbraten rieche, so bin ich froh, daß sie es nicht gehört. Mr. Pancks, bitte, setzen Sie sich bei dieser Gelegenheit mir gegenüber. Meine Liebe, nimm gegenüber von Mr. Chivery Platz. Für das, was wir zu genießen im Begriff sind, dürfen wir (und Miß Dorrit) wahrhaft dankbar sein!«

Ohne die scheinbar ernste Schalkhaftigkeit, die in Mr. Ruggs Art, das Mahl einzuleiten, lag, hätte es scheinen können, man erwarte, Miß Dorrit werde mit von der Partie sein. Pancks anerkannte den Einfall in seiner gewöhnlichen Weise und nahm seine Provisionen in der gewöhnlichen Weise. Miß Rugg, die vielleicht einige von ihren Rückständen tilgen wollte, hielt sich gleichfalls sehr freundlich an den Hammelbraten, der rasch bis auf den Knochen zusammenschwand. Ein Brot- und Butterpudding verschwand ganz und gar, und eine beträchtliche Masse Käse und Rettiche verschwanden in gleicher Weise. Dann kam das Dessert.

Bald erschien, noch ehe der Grog angegriffen worden, auch Mr. Pancks‘ Notizbuch. Die folgenden Geschäftsverhandlungen waren kurz, aber seltsam und hatten viel Ähnliches mit einer Verschwörung. Mr. Pancks beschäftigte sich eifrig mit seinem Notizbuch, das nach und nach voll wurde, und machte kleine Auszüge, die er auf einzelne Zettel auf dem Tisch schrieb. Mr. Rugg sah ihn indes mit großer Aufmerksamkeit an, während der junge John sein auf nichts Bestimmtes gerichtetes Auge in den Nebeln der Beschaulichkeit umherschweifen ließ. Als Mr. Pancks, der die Rolle eines Hauptverschwörers spielte, seine Auszüge vollendet hatte, überschaute er sie, korrigierte sie, steckte sie in sein Notizbuch und hielt sie eine Zeitlang wie ein Spiel Karten in der Hand.

»Na, da ist ein Kirchhof in Bedfordshire«, sagte Pancks. »Wer nimmt ihn?«

»Ich will ihn nehmen«, erwiderte Mr. Rugg, »wenn niemand darauf bietet.«

Mr. Pancks teilte ihm seine Karte zu und sah wieder auf seine Hand.

»Da ist eine Nachfrage in York zu machen«, sagte Pancks. »Wer übernimmt diese?«

»Ich tauge nicht für York«, sagte Mr. Rugg.

»Dann werden Sie vielleicht so gut sein, John Chivery«, fuhr Pancks fort.

Der junge John erklärte sich bereit. Pancks teilte ihm seine Karte zu und blickte wieder auf seine Hand.

»Da ist eine Kirche in London; die kann ich ebensogut übernehmen. Ferner eine Familienbibel, die kann ich auch übernehmen. Das ist zweierlei für mich. Zweierlei für mich«, wiederholte Pancks, tief aufatmend über seinen Karten. »Hier ist ein Kaufmannsdiener in Durham für Sie, John, und ein alter Seekapitän in Dunstable für Sie, Mr. Rugg. Zwei für mich, nicht wahr? Ja, zwei für mich. Hier ist ein Grabstein: drei Sachen für mich. Und ein totgeborenes Kind: vier Sachen für mich. Das ist alles für den Augenblick.«

Als er so seine Karten verteilt, was alles sehr ruhig und mit gedämpftem Tone geschah, steuerte Mr. Pancks pustend in seine Brusttasche und schleppte ein Leinwandsäckchen heraus, aus dem er mit zögernder Hand das Geld für die Reisekosten in zwei kleinen Portionen abzählte. »Die Kasse leert sich schnell«, sagte er ängstlich, indem er seinen beiden männlichen Geschäftsgenossen eine Portion zuschob, »sehr schnell.«

»Ich kann Sie nur versichern, Mr. Pancks«, sagte der junge John, »daß ich tief bedauere, in Verhältnissen zu sein, die mir nicht gestatten, meine Auslagen selbst zu bestreiten, und daß es nicht ratsam ist, mir die nötige Zeit zu nehmen, den Weg zu Fuß zu machen. Denn nichts würde mir größere Befriedigung gewähren, als mir ohne Lohn und Entschädigung die Beine abzulaufen.«

Die Uneigennützigkeit dieses jungen Mannes erschien in Miß Ruggs Augen so lächerlich, daß sie sich genötigt sah, sich eiligst aus der Gesellschaft zu entfernen und auf die Treppe zu setzen, bis sie sich ausgelacht. Indessen drehte Mr. Pancks, indem er nicht ohne Mitleid auf den jungen John sah, langsam und nachdenklich sein Leinwandsäckchen zusammen, als ob er ihm den Hals umdrehte. Die Dame, die gerade zurückkam, als er ihn in die Tasche steckte, mischte Rum und Wasser für die Gesellschaft, des eignen lieben Ichs nicht vergessend, und reichte jedem ein Glas. Als alle versehen waren, stand Mr. Rugg auf, und sein Glas armlang über die Mitte des Tisches haltend, lud er schweigend durch diese Gebärde die drei andern ein, anzustoßen und sich zu einem allgemeinen verschwörerischen Klingen zu vereinigen. Die Zeremonie war bis zu einem gewissen Grade effektvoll und wäre dies ganz und gar gewesen, wenn Miß Rugg, während sie ihr Glas, um den Schwur zu vollenden, zu den Lippen erhob, nicht zufällig auf den jungen John gesehen, dessen wirklich lächerliche Uneigennützigkeit wieder einen so überwältigend komischen Eindruck auf sie machte, daß sie einige ambrosische Tropfen Grog verschüttete und sich in Verlegenheit davonschlich. Das war das Mahl, ohne vorgängiges Beispiel, das Pancks in Pentonville gab; und dies das geschäftige und seltsame Leben, das Pancks führte. Die einzigen wachen Momente, in denen er von seinen Sorgen sich zu zerstreuen und sich zu erholen schien, indem er dahin und dorthin ging und dies und jenes schwatzte, ohne einen bestimmten Zweck im Auge zu haben, waren die, wo er ein dämmerndes Interesse für den lahmen Fremden mit dem Stock hatte, der im Hof zum blutenden Herzen wohnte.

Der Fremde, der Johann Baptist Cavaletto hieß – sie nannten ihn Mr. Baptist auf dem Hofe –, war solch ein piepsender, leichter, hoffnungsvoller kleiner Bursche, daß die Anziehungskraft, die er für Pancks hatte, wahrscheinlich in der Stärke des Kontrastes lag. Einsam, schwach und spärlich bekannt mit den notwendigsten Worten der einzigen Sprache, in der er mit den Leuten um ihn her verkehren konnte, schwamm er heiter, wie es in diesen Regionen neu war, mit dem Strome des Schicksals. Mit wenig zu essen und noch weniger zu trinken und nichts sich zu kleiden, als was er auf dem Leibe trug oder in dem kleinsten Bündel, das je gesehen worden, zusammengeschnallt mitgebracht, machte er ein so fröhliches Gesicht, als ob er sich in den glänzendsten Umständen befände, als er zum erstenmal auf dem Hofe auf- und niederhumpelte und mit seinen weißen Zähnen sich demütig das allgemeine Wohlwollen erbat.

Es war keine geringe Sache für einen Fremden, lahm oder gesund, mit den »blutenden Herzen« fortzukommen. Erstens waren sie der unklaren Überzeugung, daß jeder Fremde ein Messer bei sich habe; zweitens hielten sie es für ein gesundes konstitutionell-nationales Axiom, daß er sich in seine Heimat scheren solle. Sie dachten nicht daran, zu untersuchen, wie viele von ihren eigenen Landsleuten von den verschiedenen Teilen der Welt zurückgeschickt werden würden, wenn dieser Grundsatz allgemeine Anerkennung fände; sie betrachteten ihn als besonders und spezifisch englisch. Drittens hatten sie die Ansicht, daß es eine Art göttlicher Heimsuchung für den Fremden sei, kein Engländer zu sein, und daß sein Land von allen Arten von Unglücksfällen heimgesucht wurde, weil es Dinge tat, die England nicht tat, und Dinge unterließ, die England tat. In diesem Glauben waren sie lange von den Barnacles und Stiltstalkings erzogen worden, die ihnen immer amtlich und nichtamtlich verkündeten, daß kein Land, das versäumte, sich diesen beiden großen Familien zu unterwerfen, hoffen könne, unter dem Schutze der Vorsehung zu stehen; und die, wenn sie es glaubten, sie privatim als das vorurteilsvollste Volk unter der Sonne verschrien.

Dies konnte deshalb eine politische Stellung der blutenden Herzen genannt werden, aber sie hatten noch andere Einwürfe dagegen, daß Fremde auf dem Hofe wohnten. Sie glaubten, daß Fremde sich stets übel befänden, und obgleich sie selbst sich so übel befanden, wie sie nur wünschen konnten, so schwächte dies doch die Kraft des Einwurfes nicht ab. Sie glaubten, daß Fremde mit Dragonern und Bajonetten behandelt werden mußten, und obgleich ihre eigenen Schädel bald eingeschlagen wurden, wenn sie irgendeine üble Laune zeigten, so geschah dies doch mit einem stumpfen Instrument, und das zählte nicht. Sie glaubten, Fremde seien immer unmoralisch, und obgleich sie zuweilen einen Gerichtstag zu Hause hatten und dann und wann einen Scheidungsfall oder dergleichen, so hatte das nichts damit zu schaffen. Sie glaubten, Fremde hätten keinen Unabhängigkeitssinn, weil sie nie herdenweise von Lord Decimus Tite Barnacle mit fliegenden Fahnen und im Takt von Rule Britannia nach der Wahlurne getrieben wurden. Um nicht langweilig zu werden, sagen wir, sie hatten noch gar manche Glaubensartikel der Art.

Gegen diese Vorurteile mußte der Fremde mit dem Stock sich so gut stemmen, wie er konnte; er war dabei nicht ganz verlassen, weil Mr. Arthur Clennam ihn an die Plornishs empfohlen (er wohnte im Dachgeschoß desselben Hauses), aber immerhin war es eine schwierige Sache. Die blutenden Herzen waren indes gute Herzen; und als sie den kleinen Mann mit wohlgelauntem Gesicht heiter umhergehen sahen und merkten, daß er niemand etwas Böses zufügte, keine Messer zog, keine furchtbaren Unsittlichkeiten beging, hauptsächlich von Mehl- und Milchspeisen lebte und abends mit den Kindern von Mr. Plornish spielte, begann die Ansicht in ihnen aufzutauchen, obgleich er nie der Hoffnung sich hingeben könnte, je ein Engländer zu werden, würde es doch hart sein, dieses Unglück an ihm heimzusuchen. Sie begannen sich seinem Gesichtskreise anzubequemen, indem sie ihn Mr. Baptist nannten, ihn jedoch wie ein Wickelkind behandelten und unbändig über sein lebhaftes Mienenspiel und sein kindisches Englisch lachten – mehr vielleicht, weil er selbst sich nichts daraus machte und auch darüber lachte. Sie sprachen sehr laut mit ihm, als ob er stocktaub wäre. Sie bildeten Sätze, um ihm die Sprache in ihrer Reinheit beizubringen, wie sie die Wilden an Kapitän Cook oder Freitag an Robinson richteten.

Mrs. Plornish war besonders erfinderisch in dieser Kunst und gewann eine solche Berühmtheit, indem sie sagte: »Ik offen, daß Ihr Pein bald kesund«, daß man im Hof glaubte, das sei nur noch wenig vom Italienischen entfernt. Ja, Mrs. Plornish selbst begann zu glauben, sie habe eine natürliche Begabung für diese Sprache. Als er beliebter wurde, brachte man Haushaltungsgegenstände herbei, um ihm einen reichhaltigeren Wörterschatz zu verschaffen; und sooft er im Hofe erschien, kamen die Mädchen an ihre Türen und riefen: »Mr. Baptist – Teekanne!« – »Mr. Baptist – Kehrichtkorb!« – »Mr. Baptist – Mehlstreubüchse!« – »Mr. Baptist – Kaffeesack!« Dabei zeigten sie ihm diese Gegenstände und erfüllten ihn mit dem Gefühl der enormen Schwierigkeiten der angelsächsischen Sprache.

In diesem Stadium seiner Fortschritte und ungefähr in der dritten Woche seiner Beschäftigung mit der Sprache wurde Mr. Pancks‘ Phantasie auf den kleinen Mann gerichtet. Begleitet von Mrs. Plornish als Dolmetscherin, stieg er zu seinem Kämmerchen hinauf und fand Mr. Baptist ohne alle andern Möbel als sein Bett auf dem Boden, einen Tisch und einen Stuhl, wie er mit Hilfe einiger weniger einfache Werkzeuge in der heitersten Weise Schnitzereien machte.

»Na, alter Junge«, sagte Mr. Pancks, »bezahle.«

Er hatte sein Geld, in ein Stück Papier gewickelt, in Bereitschaft und händigte es ihm lachend ein; dann streckte er mit einer freien Aktion so viele Finger seiner rechten Hand in die Höhe, als es Schillinge waren, und machte dann einen Hieb kreuzweise in die Luft, für den Sixpence darüber.

»Oh!« sagte Pancks, indem er ihn staunend beobachtete. »Soviel ist’s, nicht wahr? Du bist ein pünktlicher Kunde. Es ist ganz recht. Ich dachte nicht, daß ich’s bekommen würde.«

Mrs. Plornish mischte sich hier mit großer Herablassung in die Sache und erklärte sie Mr. Baptist. »Er große Freude. Er froh sein Geld kriegen.«

Der kleine Mann lächelte und nickte. Sein heiteres Gesicht schien eine ungewöhnliche Anziehungskraft für Mr. Pancks zu haben. »Wie geht es ihm mit seinem Bein?« fragte er Mrs. Plornish.

»Oh, er ist viel besser, Sir«, sagte Mrs. Plornish. »Wir hoffen, daß er nächste Woche imstande sein wird, seinen Stock ganz missen zu können.« Da die Gelegenheit zu günstig war, um sie zu verlieren, so legte sie ihre große Geschicklichkeit an den Tag, indem sie mit verzeihlichem Stolz Mr. Baptist verdolmetschte: »Er offen, Ihr Pein werden bald kesund sein.«

»Er ist außerdem ein lustiger Bursche«, sagte Pancks, indem er ihn bewunderte, als wäre er eine mechanische Spielpuppe. »Wovon lebt er denn?«

»Nun, Sir«, erwiderte Mrs. Plornish, »er scheint sehr geschickt im Blumenschnitzeln, womit Sie ihn eben beschäftigt sehen.« Mr. Baptist, der ihre Gesichter beobachtet, während sie sprachen, hielt seine Arbeit in die Höhe. Mrs. Plornish verdolmetschte in ihrer italienischen Manier zugunsten Mr. Pancks‘: »Gefällt ihm. Sehr gut.«

»Kann er davon leben?« fragte Pancks.

»Er hat sehr wenig Bedürfnisse, Sir, und es ist zu erwarten, daß er mit der Zeit imstande sein wird, sich ein gutes Auskommen zu verdienen. Mr. Clennam verschaffte ihm diese Arbeit und gibt ihm noch mancherlei sonst zu tun in der Werkstätte nebenan, kurz, sorgt für ihn, wenn er weiß, daß er’s braucht.«

»Und was fängt er an, solange er noch nicht viel zu tun hat?« sagte Pancks.

»Nun, für jetzt nicht viel, Sir, vermutlich, weil er nicht imstande ist, viel zu gehen; aber er spaziert im Hofe herum und plaudert, ohne besonders viel verstanden zu werden oder die Leute zu verstehen, oder spielt mit den Kindern und sitzt in der Sonne – er würde sich überall hinsetzen, als wär’s ein Armstuhl – und singt und lacht.«

»Lacht!« wiederholte Mr. Pancks. »Er kommt mir vor, als ob jeder Zahn in seinem Munde beständig lachte.« »Aber sooft er auf die oberste Stufe am andern Ende des Hofes kommt«, sagte Plornish, »guckt er in der wunderlichsten Weise von der Welt hinaus! So daß einige von uns es sich nicht nehmen lassen, er sehe nach der Stelle, wo sein Vaterland ist; andere denken wieder, er schaue sich nach jemandem um, den er nicht zu sehen wünscht, und wiederum andere wissen nicht, was sie denken sollen.«

Baptist schien im allgemeinen zu verstehen, was sie sagte; oder vielleicht bemerkte sein Scharfblick die flüchtige Gebärde des Sichumschauens und machte sich seine Folgerungen. Genug, er schloß die Augen und warf den Kopf zurück mit der Miene eines Mannes, der genügend Gründe zu dem hat, was er tut, und sagte in seiner Muttersprache, es habe nichts zu bedeuten. Altro!

»Was ist Altro?« fragte Pancks.

»Hm! ’s ist ein Ausdruck für alles mögliche, Sir«, sagte Mrs. Plornish.

»So?« sagte Pancks. »Nun denn Altro, alter Junge. Guten Abend. Altro!«

Mr. Baptist wiederholte das Wort in seiner lebhaften Weise mehrmals. Mr. Pancks gab es ihm in seiner düsteren Art einmal zurück. Von dieser Zeit an wurde es eine stehende Gewohnheit bei Pancks dem Zigeuner, wenn er abends ermüdet heimging, den Weg an dem Bleeding Heart Yard vorüber zu nehmen, ruhig die Treppe hinaufzugehen, in Mr. Baptists Zimmer hineinzusehen und, wenn er ihn drinnen fand, zu sagen: »Holla, alter Junge, Altro!« Worauf dann Mr. Baptist mit unermüdlichem Nicken und Lächeln antwortete: »Altro, Signore, altro, altro, altro!« Nach dieser sehr gedrängten Unterhaltung ging Mr. Pancks gewöhnlich seiner Wege, wie es schien, ungemein erleichtert und erfrischt.

Sechsundzwanzigstes Kapitel.


Sechsundzwanzigstes Kapitel.

Niemandes Gemütszustand.

Wenn Arthur Clennam nicht zu dem klugen Entschluß gekommen wäre, sich streng von jeder Liebe zu Pet fernzuhalten, würde er in einem Zustand großer Unruhe gelebt haben, der manchen schwierigen Kampf mit seinem Herzen in sich geschlossen. Nicht der geringste von diesen wäre der beständige Kampf zwischen der Neigung, Mr. Henry Gowan nicht zu lieben, wo nicht gar ihn mit entschiedenem Widerwillen zu betrachten, und einer inneren Stimme gewesen, diese Neigung sei eine unwürdige. Eine edle Natur ist keiner starken Abneigungen fähig, ja, sie vermag sich ihnen kaum vorübergehend hinzugeben, wenn dies Uebelwollen jedoch den Sieg über eine solche Natur davonträgt und sie bisweilen findet, daß der Ursprung nicht leidenschaftslos war, so wird sie unglücklich.

Deshalb würde sich auch Clennams Gemüt umwölkt haben und Mr. Henry Gowan weit öfter ihm gegenwärtig gewesen sein als angenehmere Personen und Dinge, wenn er nicht die große Klugheit besessen, jenen früher erwähnten Entschluß zu fassen. Wie die Sachen standen, schien Mr. Gowan in Daniel Doyces Geist versetzt; jedenfalls geschah es, daß gewöhnlich Mr. Doyce und nicht Clennam in den freundschaftlichen Unterhaltungen, die sie miteinander hatten, von ihm sprach. Diese Gespräche waren jetzt an der Tagesordnung, da die beiden Handelsgenossen einen Teil eines geräumigen Hauses in den ernsten altväterischen Citystraßen miteinander bewohnten, das nicht weit von der Bank entfernt war, nämlich bei London Wall.

Mr. Doyce hatte den Tag in Twickenham zugebracht. Clennam hatte sich entschuldigt. Mr. Doyce war soeben nach Hause gekommen. Er steckte seinen Kopf in die Tür von Clennams Wohnzimmer, um gute Nacht zu sagen.

»Kommen Sie herein, kommen Sie herein!« sagte Clennam.

»Ich sah Sie lesen«, versetzte Doyce, indem er eintrat, »und glaubte, Sie wollten nicht gestört sein.«

Wenn er nicht den bekannten Entschluß gefaßt, würde Clennam wirklich nicht gewußt haben, was er gelesen; hätte wirklich nicht die ganze Stunde seine Augen in dem Buche gehabt, obgleich es offen vor ihm lag. Er schloß es ziemlich rasch.

»Sind sie wohl?« fragte er.

»Ja«, sagte Doyce: »sie sind wohl. Sie sind alle wohl!«

Daniel hatte eine alte arbeitermäßige Gewohnheit, sein Taschentuch in seinem Hut zu tragen. Er nahm es heraus, wischte sich die Stirn damit, indem er langsam wiederholte: »Sie sind alle wohl. Miß Minnie sah namentlich, wie mir schien, gut aus.«

»Keine Gesellschaft auf dem Landhause?«

»Nein, keine Gesellschaft.«

»Und was taten Sie vier?« fragte Clennam heiter.

»Wir waren unsrer fünf«, versetzte sein Associé. »Jener, wie heißt er nur, war da. Er war da.«

»Wer ist er?« sagte Clennam.

»Mr. Henry Gowan.«

»Ah, natürlich!« rief Clennam ungewöhnlich lebhaft. »Ja! – ich vergaß ihn.«

»Wie ich erwähnte, Sie werden sich erinnern«, sagte Daniel Doyce, »er ist jeden Sonntag da.«

»Ja, ja«, versetzte Clennam, »ich erinnnere mich jetzt.«

Daniel Doyce, der sich noch immer die Stirn wischte, wiederholte tiefsinnig: »Ja. Er war da, er war da. O ja, er war da. Und sein Hund. Er war auch da.«

»Miß Meagles hängt sehr an – dem – Hunde«, bemerkte Clennam.

»Allerdings«, pflichtete sein Associé bei, »sie hält mehr von dem Hund, als ich von seinem Herrn.«

»Sie meinen, Mr. –?«

»Ich meine natürlich Mr. Gowan«, sagte Daniel Doyce sehr bestimmt.

Es entstand eine Pause in dem Gespräch, die Clennam dazu benutzte, seine Uhr aufzuziehen.

»Vielleicht sind Sie etwas voreilig in Ihrem Urteil«, sagte er. »Unsre Urteile – ich setze einen allgemeinen Fall –«

»Natürlich«, sagte Doyce.

»Werden so leicht von mancherlei Rücksichten beeinflußt, die, ohne daß wir es wissen, unlauter sind, daß es notwendig wird, sehr auf der Hut zu sein. Zum Beispiel, Mr. –«

„Gowan«, sagte Doyce, auf den beinahe immer das Aussprechen des Namens gewälzt wurde, mit größter Ruhe.

»Ist jung und hübsch, ungezwungen und lebhaft, hat Talent und hat eine Menge Dinge im Leben gesehen. Es möchte schwierig sein, einen unselbstsüchtigen Grund für das Eingenommensein gegen ihn anzugeben.«

»Ich glaube, daß es für mich nicht schwierig ist, Clennam«, versetzte sein Associé. »Ich sehe, wie er schon jetzt Befürchtungen und, ich fürchte, für die Zukunft Kummer in das Haus meines alten Freundes bringen wird. Ich sehe, wie er tiefere Linien in meines Freundes Gesicht zieht, je näher er dem Gesicht seiner Tochter kommt und je öfter er hineinblickt. Kurz, ich sehe, wie er das hübsche und liebevolle Geschöpf, das er nie glücklich machen wird, mit einem Netz umgarnt.«

»Wir wissen auch nicht«, sagte sein Associé, »ob die Erde noch leidenden Mannes, ob er sie nicht glücklich machen wird.«

»Wir wissen auch nicht«, sagte sein Associe, »ob die Erde noch hundert Jahre dauern wird, aber wir halten es für ungemein wahrscheinlich.«

»Schon gut, schon gut«, sagte Clennam, »wir müssen hoffen und wenigstens versuchen, wenn nicht großmütig, doch gerecht zu sein (zum erstem ist freilich in diesem Falle kein Grund). Wir wollen diesen Gentleman nicht herabsetzen, weil er in seinen Bewerbungen bei dem schönen Gegenstand seiner Wünsche glücklich ist, und wollen ihr das natürliche Recht nicht bestreiten, ihre Liebe dem, den sie derselben würdig findet, zuzuwenden.«

»Mag sein, mein Freund«, sagte Doyce. »Mag aber auch sein, daß sie zu jung und verwöhnt, zu vertrauend und unerfahren ist, um genau unterscheiden zu können.«

»Das besser zu machen«, sagte Clennam, »würde ja doch weit über unsre Kräfte gehen.«

Daniel Doyce schüttelte ernst den Kopf und fügte hinzu: »Ich fürchte auch.«

»Deshalb, mit einem Worte«, sagte Clennam, »wir sollten einsehen, daß es unsrer nicht würdig ist, irgend etwas Schlimmes von Mr, Gowan zu sagen. Es wäre armselig, ein Vorurteil gegen ihn zu begünstigen, und ich bin entschlossen, meinesteils ihn nicht herabzusetzen.«

»Ich bin meiner nicht ganz so sicher und behalte mit deshalb das Recht vor, gegen ihn zu sprechen«, versetzte der andere. »Aber wenn ich meiner auch nicht sicher bin, so bin ich doch Ihrer sicher, Clennam, und ich weiß, welch ein aufrichtiger Mann Sie sind und wie sehr zu respektieren. Gute Nacht, mein Freund und Associé!« Er schüttelte ihm in einer Weise die Hand, indem er dies sagte, als ob ihr Gespräch einen ernsten Hintergrund gehabt; und sie trennten sich.

Sie hatten inzwischen die Familie zu verschiedenen Malen besucht und immer bemerkt, daß eine flüchtige Anspielung auf Mr. Henry Gowan, wenn er nicht unter ihnen war, die Wolke wieder heraufbeschwor, die Mr. Meagles‘ Sonnenschein an dem Morgen der zufälligen Begegnung auf der Fähre verdunkelt hatte. Wenn sich Clennams je die verbotene Leidenschaft bemächtigt hätte, so wäre diese Zeit eine Zeit wirklicher Prüfung gewesen: unter den obwaltenden Umständen war es freilich nichts – nichts.

Auch wäre, wenn sein Herz diesen verbotenen Gast beherbergt, sein stilles Kämpfen, um sich einen Weg durch die Gemütsstimmung dieser Periode zu bahnen, etwas verdienstlicher gewesen. In dem beharrlichen Ringen, sich nicht in eine neue Phase dieser bedrängenden Sünde, die er aus der Erfahrung kannte, der Verfolgung selbstsüchtiger Zwecke durch niedere und kleinliche Mittel hinreißen zu lassen, und statt dessen an dem erhabenen Prinzip der Ehre und Großherzigkeit festzuhalten, hätte etwas mehr Verdienst gelegen. In dem Entschluß, nicht mal Mr. Meagles‘ Haus zu meiden, damit er nicht in egoistischem Schonen seiner selbst den leichtesten Kummer über die Tochter bringe, indem er sie zur Ursache einer Entfremdung mache, die, wie er glaubte, den Vater schmerzen würde, – in diesem Entschlusse hätte etwas Verdienst gelegen. In der bescheidenen Wahrhaftigkeit, den größeren Vorzug von Mr. Gowans Jahren und der größeren Anziehungskraft seiner Persönlichkeit und seiner Umgangsformen beständig im Auge zu behalten, hätte ein kleines Verdienst gelegen. Wenn er all dies und noch weit mehr in vollkommen unbefangener Weise und mit einer männlichen und gefaßten Beharrlichkeit getan, während der Schmerz in seinem Innern (der eigentümlich wie sein Leben und sein Schicksal) den schärfsten Stachel angesetzt, – darin hätte sich eine ruhige Stärke des Charakters entwickelt. Aber nach dem Entschlusse, den er gefaßt, konnte er natürlich keine solchen Verdienste, wie die eben erwähnten, haben; in diesem Gemütszustand war niemand – niemand.

Mr Gowan kümmerte sich wenig darum, ob jemand oder niemand sich in diesem Gemütszustande befand. Er behielt bei allen Gelegenheiten seine vollkommene Heiterkeit und Unbefangenheit, als wäre die Möglichkeit, daß Clennam sich herausnähme, die große Frage zu verhandeln, zu fernliegend und lächerlich, um in Betracht zu kommen. Er hatte Clennam immer irgend etwas Freundliches zu sagen oder ihm eine Gefälligkeit zu erweisen, was an und für sich (in dem eingebildeten Falle, daß er diesen scharfsinnigen Weg nicht eingeschlagen) ein sehr unbehagliches Element in diesem Gemütszustände gewesen wäre.

»Ich bedaure sehr, daß Sie gestern nicht bei uns waren«, sagte Mr. Henry Gowan, als er am andern Morgen bei Clennam vorsprach. »Wir verlebten dort am Flusse einen sehr angenehmen Tag.«

Das habe er gehört, sagte Arthur.

»Von Ihrem Sozius?« versetzte Henry Gowan. »Das ist ein herrlicher alter Wann.«

»Ich schätze ihn sehr.«

»Beim Zeus, er ist der vortrefflichste Mensch!« sagte Gowan. »So frisch, so munter, glaubt an so seltsame Dinge.«

Das war einer von den vielen kleinen unangenehmen Punkten, die Clennams Ohr beleidigten. Er schob ihn deshalb einfach dadurch auf die Seite, daß er wiederholte, er schätze Mr. Doyce sehr.

»Er ist reizend. Wenn man sich ihn denkt, wie er so durch das Leben bis heutigentags fortschlendert, nichts im Vorbeigehen fallen lassend, nichts im Vorbeigehen aufhebend, das ist allerliebst. Es erwärmt einen. Solch eine unverdorbene, einfache, gute Seele! Wahrhaftig, Mr. Clennam, man fühlt sich verzweifelt weltlich und verdorben im Vergleich mit solch einer unschuldigen Natur. Ich spreche von mir, muß ich hinzufügen, ohne Sie einzuschließen. Sie sind ebenfalls echt und unverfälscht.«

»Ich danke Ihnen für das Kompliment«, sagte Clennam, der sich etwas unbehaglich fühlte: »Sie sind es hoffentlich auch?«

»Soso«, erwiderte der andere. »Um aufrichtig gegen Sie zu sein, ziemlich. Ich bin kein großer Betrüger. Kaufen Sie eines von meinen Bildern, und ich versichere Sie im Vertrauen, daß es das Geld nicht wert ist. Kaufen Sie eines von irgend jemand – von einem großen Professor, der mich über die Achsel ansieht –, und es läßt sich wetten, daß je mehr Sie ihm geben, desto mehr wird er Sie betrügen. Das tun sie alle.«

»Alle Maler?«

»Maler, Schriftsteller, Patrioten und alle, die Buden auf dem Markte haben. Geben Sie, wenn Sie wollen, jedem, den ich kenne, zehn Pfund, und er wird Sie in entsprechendem Betrage betrügen; tausend Pfund – in entsprechendem Betrage; zehntausend Pfund – in entsprechendem Betrage. So groß der Erfolg, so groß der Betrug. Es ist eine herrliche Welt!« rief Gowan mit warmem Enthusiasmus. »Eine heitere, vortreffliche, liebenswürdige Welt!«

»Ich hätte eher gedacht«, sagte Clennam, »daß nach dem Prinzip, das Sie erwähnen, mehr die –«

»Barnacles handeln?« unterbrach ihn Gowan lachend.

»Die politischen Herren, die sich herablassen, das Circumlocution Office zu unterhalten.«

»Ah! Seien Sie nicht hart gegen die Barnacles«, sagte Gowan und lachte aufs neue, »es sind liebe Jungen. Sogar der arme kleine Clarence, der Idiot der Familie, ist der angenehmste und reizendste Dummkopf. Und beim Zeus, er besitzt dabei eine Gewandtheit, die Sie in Erstaunen setzen würde.«

»Allerdings, sehr«, sagte Clennam trocken.

»Und trotz alledem«, rief Gowan mit jenem eigentümlich charakteristischen Abwägen, das alles in der weiten Welt auf dasselbe leichte Gewicht reduzierte, »obgleich ich nicht leugnen kann, daß das Circumlocution Office zuletzt alles und jeden an den Strand werfen wird, so wird das doch nicht in unserer Zeit geschehen – und es ist eine Schule für Gentlemen.«

»Es ist eine sehr gefährliche, unbefriedigende und kostbare Schule für die Leute, die ihre Kinder dorthin schicken, so fürchte ich wenigstens«, sagte Clennam, den Kopf schüttelnd.

»Ach! Sie sind ein schrecklicher Mensch«, versetzte Gowan heiter. »Ich begreife, wie Sie jenen kleinen Esel, den Clarence, das schätzenswerteste aller Mondkälber (den ich wirklich lieb habe), vor Schreck fast um den Verstand gebracht haben. Aber genug von ihm und allen übrigen. Ich möchte Sie meiner Mutter vorstellen, Mr. Clennam. Bitte, tun Sie mir die Gefälligkeit, mir die Gelegenheit dazu zu geben.«

In keiner Gemütsstimmung hätte es etwas geben können, was Clennam weniger gewünscht, aber auch nichts, dem er weniger auszuweichen vermocht.

»Meine Mutter wohnt in urväterlicher Weise in jenem traurigen Ziegelsteinkerker von Hampton Court«, sagte Gowan. »Wenn Sie wollen, so bitte ich Sie, den Tag zu nennen, an dem ich Sie dorthin zu Tisch abholen darf: Sie werden sich allerdings langweilen, aber meine Mutter wird eine außerordentlich große Freude haben. So stehen wirklich die Dinge.«

Was konnte Clennam darauf sagen? Sein zurückhaltender Charakter war zum großen Teil die reine Einfalt im besten Sinne des Wortes, weil er unbewandert und ungeübt war; und in seiner Einfachheit und Bescheidenheit konnte er nichts anderes sagen, als daß er sich glücklich fühle, sich zu Mr. Gowans Verfügung zu stellen. Deshalb sagte er es auch, und der Tag wurde festgesetzt. Es war für ihn ein Tag, vor dem er sich fürchtete, und ein sehr unwillkommener Tag, als er endlich erschien und sie miteinander nach Hampton Court gingen.

Die ehrwürdigen Bewohner jenes ehrwürdigen Gebäudes schienen sich zu jener Zeit wie eine Art zivilisierter Zigeuner hier gelagert zu haben. Ihre Wohnungen trugen das Gepräge von vorübergehenden Niederlassungen und machten den Eindruck, als ob die Insassen sie verlassen wollten, sobald sie etwas Besseres bekommen konnten: auch sie selbst hatten ein mißvergnügtes Aussehen, als ob sie es sehr übel aufnähmen, daß sie nicht bereits etwas Besseres bekommen. Vornehm aussehende Verhüllungen und Notbehelfe waren mehr oder weniger sichtbar, sobald ihre Türen geöffnet wurden; spanische Wände, nicht halb hoch genug, die Speisezimmer aus gewölbten Gängen machten und dunkle Winkel verbargen, wo des Nachts Bediente zwischen Messern und Gabeln schliefen; Vorhänge, die den Anspruch machten, man solle ihnen glauben, es werde nichts durch sie verborgen; Glasscheiben, die einen baten, sie nicht anzusehen; mancherlei Gegenstände von verschiedener Gestalt, die sich stellten, als ob sie nicht in der geringsten Verbindung mit dem verbrecherischen Geheimnis, das sie verbargen, einem Bett nämlich, stünden; verkleidete Löcher in den Wänden, die offenbar Kohlenkeller waren; künstlich verstellte Gänge, die Zugänge zu kleinen Küchen sein mußten. Geistige Vorbehalte und künstliche Geheimnisse mußten aus diesen Dingen erwachsen. Besuche, die fest in die Augen derer sahen, die den Besuch empfingen, taten, als ob sie es nicht röchen, daß drei Schritte von ihnen gekocht wurde; Leute, die zufällig offen gelassenen Zimmern gegenüberzustehen kamen, gaben sich den Anschein, als ob sie keine Flaschen sähen; Fremde, die mit dem Kopf gegen eine Scheidewand von dünnem Kanevas saßen, hinter der sich ein Bedienter und ein junges Mädchen zankten, machten glauben, daß sie von einem paradiesischem Schweigen umgeben seien. Der kleinen gesellschaftlichen Rücksichtswechsel, die diese Zigeuner der vornehmen Welt beständig aufeinander zogen und gegenseitig akzeptierten, war kein Ende.

Einige von diesen Zigeunern waren von reizbarem Temperament, da sie beständig von zwei Gegenständen des Verdrusses gepeinigt und gequält wurden: einerseits nämlich durch das Bewußtsein, daß sie nie genug vom Publikum bekommen, und anderseits durch das Bewußtsein, daß das Publikum in das Gebäude zugelassen wurde. Unter dem letzteren großen Unrecht litten einige schrecklich – besonders an Sonntagen, wo sie eine Zeitlang hofften, die Erde werde sich auftun und das Publikum verschlingen; dieses wünschenswerte Ereignis war jedoch infolge einer tadelnswerten Lässigkeit in den Einrichtungen des Weltalls noch niemals eingetreten.

An Mr. Gowans Tür stand ein Diener der Familie, der bereits verschiedene Dienstjahre zählte und sein eigenes Hühnchen mit dem Publikum zu pflücken hatte, bezüglich einer Stellung im Post Office, die er seit längerer Zeit zu bekommen hoffte und noch nicht bekommen hatte. Er wußte ganz wohl, daß das Publikum ihn nicht hineinbringen konnte, aber er wiegte sich doch mit dem peinlichen Gedanken, daß das Publikum ihn davon ausgeschlossen habe. Unter dem Einfluß dieser Kränkung (und vielleicht etwas geringer Genauigkeit und Unpünktlichkeit in Sachen des Dienstlohnes) war er nachlässig an seiner Person und mürrischen Geistes geworden. Und da er nun in Clennam ein Glied der verdorbenen Korporation seiner Unterdrücker sah, empfing er ihn höchst unfreundlich.

Mrs. Gowan jedoch nahm ihn mit großer Herablassung auf. Er fand in ihr eine vornehme alte Frau, die früher eine Schönheit gewesen sein mußte und noch hübsch genug war, um des Puders auf der Nase und einer gewissen, unmöglich von der Natur erzeugten Blüte unter jedem Auge entbehren zu können. Sie tat etwas großartig gegen ihn; ebenso benahm sich auch eine andere alte Dame mit dunklen Augbrauen und hochgebogener Nase, die jedoch etwas Reelles an sich gehabt haben mußte, sonst hätte sie nicht existieren können: wiewohl es sicher weder ihr Haar, noch ihre Zähne, noch ihr Gesicht, noch ihre Farbe waren; ebenso benahm sich endlich ein grauer alter Herr von würdevollem, finsterem Aussehen; beide waren zum Essen gekommen. Da sie jedoch alle bei der britischen Gesandtschaft in verschiedenen Teilen der Erde gewesen waren und eine britische Gesandtschaft sich bei dem Circumlocution Office nicht besser anschreiben kann, als daß sie ihre Landsleute mit unbegrenzter Verachtung behandelt (sonst würde sie ja den Gesandtschaften anderer Länder gleichen), so fühlte Clennam, daß sie ihn im ganzen leidlich behandelten.

Der würdige alte Mann war Lord Lancaster Stiltstalking, der von dem Circumlocution Office viele Jahre lang als Repräsentant der britischen Majestät an fremden Höfen verwendet worden. Diese edle Eismaschine hatte verschiedene europäische Höfe seiner Zeit gefrieren machen, und zwar mit so großem Erfolg, daß schon der bloße Name Engländer den Magen der Ausländer erkältete, die die ausgezeichnete Ehre hatten, sich seiner aus einem Vierteljahrhundert früher zu erinnern.

Er lebte jetzt von Geschäften zurückgezogen; so war er denn (in einer schweren weißen Krawatte, die wie eine steife Schneewehe aussah) so gütig, das Essen zu beschatten. Es war ein Anflug von dem vorherrschend zigeunerhaften Charakter in der exotischen Art, wie die Tafel besetzt war, in den seltsamen Arten von Platten und Speisen; aber der edle Kühler, unendlich viel besser als Silbergerät oder Porzellan, machte es prächtig. Er beschattete das Essen, kühlte die Weine, würzte die Soßen, machte die Gemüse frisch.

Es war nur noch eine weitere Person im Zimmer: ein mikroskopisch kleiner Laufbursche, der dem übelwollenden Mann, der keinen Dienst bei der Post bekommen, zur Hand ging. Auch dieser junge Mensch würde, wenn seine Weste aufgeknöpft und sein Herz bloßgelegt worden wäre, als ein entfernter Anhänger der Familie Barnacle erkannt worden sein, der bereits auf eine Stellung bei der Regierung rechnen konnte.

Mrs. Gowan, deren Stirn eine sanfte Melancholie umschleierte, die durch ihres Sohnes Stellung hervorgerufen wurde, da sie ihn zwang, dem gemeinen Publikum als Jünger der niedrigen Künste zu huldigen, statt sein Geburtsrecht geltend zu machen und als ein anerkannter Barnacle einen Ring durch die Nase des Publikums zu stecken, begann das Tischgespräch mit den schlechten Zeiten, und Clennam erfuhr jetzt zum erstenmal, um welch kleinliche Angeln diese große Welt sich dreht.

»Wenn John Barnacle«, sagte Mrs. Gowan, nachdem die Entartung der Zeiten vollkommen festgestellt war, »wenn John Barnacle nur seine unglückliche Idee aufgegeben, den Pöbel versöhnen zu wollen, alles würde gut stehen, und ich glaube, das Land wäre gerettet gewesen.«

Die alte Dame mit der hohen Nase stimmte bei, fügte jedoch hinzu, daß wenn Augustus Stiltstalking ohne weiteres die Kavallerie mit der Instruktion zu schießen beordert, sie glaube, das Land wäre gerettet gewesen.

Der edle Kühler stimmte bei, fügte jedoch hinzu, wenn William Barnacles und Stiltstalkings gerettet werden müsse; wie es jedoch ewig denkwürdige Koalition bildeten, den Zeitungen einen tüchtigen Maulkorb angelegt und für jeden Herausgeber eine Strafe festgesetzt hätten, falls er sich herausnähme, die Handlungsweise irgendeiner öffentlichen Persönlichkeit im Ausland oder in der Heimat zu besprechen, dann glaubte er, würde das Land gerettet gewesen sein.

Man erkannte an, daß das Land (ein andres Wort für die Barnacles und Stiltstalkings) gerettet werden müsse, wie es jedoch kam, daß es der Rettung bedurfte, war nicht so klar. Es war nur klar, daß die Frage sich einzig um John Barnacle, Augustus Stiltstalking, William Barnacle und Tudor Stiltstalking, Tom, Dick oder Harry Barnacle oder Stiltstalking drehe; denn alles übrige war Pöbel. Das war das Gepräge der Unterhaltung, die auf Clennam, der nicht daran gewöhnt war, einen unangenehmen Eindruck machte. Er war im Zweifel, ob es ganz recht sei, hier zu sitzen und schweigend anzuhören, wie man von einer großen Nation in so geringen Ausdrücken spreche. Da er sich jedoch erinnerte, daß in den Parlamentsdebatten, mochte es sich nun um das leibliche oder geistige Leben dieser Nation handeln, die Frage sich auch gewöhnlich nur um John Barnacle, Augustus Stiltstalking, William Barnacle und Tudor Stiltstalking, Tom, Dick oder Harry Barnacle oder Stiltstalking und niemanden sonst drehte und von diesen allein verhandelt wurde, so sagte er nichts zugunsten des Pöbels, da er bedachte, daß der Pöbel ja daran gewöhnt sei. Mr. Henry Gowan schien ein boshaftes Vergnügen daran zu finden, die drei an der Unterhaltung Beteiligten gegeneinander aufzuhetzen und Clennam durch das, was sie sagten, in Erstaunen versetzt zu sehen. Da er eine ebenso außerordentliche Verachtung gegen die Klasse besaß, die ihn verstoßen, wie die Klasse, die ihn nicht aufgenommen, so beunruhigte ihn das alles, was vorging, nicht im mindesten persönlich. Sein gesunder Gemütszustand schien im Gegenteil sogar einen Genuß in der verlegenen und isolierten Stellung Clennams unter dieser guten Gesellschaft zu finden; und wenn Clennam in jener Lage gewesen, mit der jener Niemand unaufhörlich rang, so würde er das vermutet und mit dem Verdacht als einer Gemeinheit gekämpft haben, selbst jetzt, solange er am Tisch saß.

Im Verlauf eines zweistündigen Gesprächs ging der edle Kühler, der nie weniger als hundert Jahre hinter der gegenwärtigen Periode zurück war, ungefähr um fünf Jahrhunderte zurück und ließ feierliche politische Orakel vernehmen, die auf diese Periode paßten. Er schloß damit, daß er eine Tasse Tee für seinen eignen Gebrauch gefrieren machte und sich in seine niederste Temperatur zurückzog.

Dann lud Mrs. Gowan, die in den Tagen ihres Glanzes gewohnt gewesen, einen leeren Armstuhl neben sich stehen zu haben, auf den sie die ihr ergebenen Sklaven, einen nach dem andern, zu kurzen Audienzen als Zeichen ihrer besondern Gunst berief, Clennam mit einer Bewegung ihres Fächers ein, sich ihr zu nähern. Er gehorchte und setzte sich auf den Dreifuß, den Lord Lancaster Stiltstalking soeben verlassen.

»Mr. Clennam«, sagte Mrs. Gowan, »abgesehen von dem Glück, das mir durch Ihre Bekanntschaft zuteil geworden, die ich leider in diesem abscheulich unangenehmen Ort – einer wahren Baracke – machen mußte, liegt mir unaussprechlich viel daran, mit Ihnen über eine gewisse Angelegenheit zu sprechen. Es ist nämlich der Gegenstand, in dessen Verbindung mein Sohn, wie ich glaube, zuerst das Vergnügen hatte, Ihre Bekanntschaft zu machen.«

Clennam verbeugte sich, als allgemein entsprechende Antwort auf das, was er noch nicht ganz verstand.

»Fürs erste«, sagte Mrs. Gowan, »ist sie denn wirklich hübsch?«

Wenn er sich in der schwierigen Lage befunden, in der sich niemand befand, so würde es ihm schwer geworden sein, zu antworten; wirklich sehr schwer, zu lächeln und zu antworten: »Wer?«

»Oh! Sie wissen ja!“ versetzte sie. »Diese Flamme Henrys. Diese unglückliche Phantasie. Da! Wenn es eine Ehrensache ist, daß ich den Namen herausbringe – Miß Mickles – Miggles.«

»Miß Meagles«, sagte Clennam, »ist sehr schön.«

»Die Männer täuschen sich oft über solche Dinge«, versetzte Mrs. Gowan, den Kopf schüttelnd, »ich muß Ihnen offen gestehen, daß ich mich auch jetzt durchaus noch nicht über diesen Punkt beruhigt fühle, obgleich es etwas ist, wenn Henrys Aussage mit so viel Ernst und Nachdruck bestärkt wird. Er las diese Leute, glaube ich, in Rom auf?«

Diese Frage würde jenen Niemand schwer verletzt haben. Clennam antwortete jedoch: »Entschuldigen Sie, ich weiß nicht, ob ich Sie recht verstanden.«

»Er las die Leute auf«, sagte Mrs. Gowan, indem sie mit den Stäben ihres geschlossenen Fächere (eines großen grünen, den sie als Handschirm benutzte) auf den kleinen Tisch klopfte. »Stieß auf sie. Fand sie. Stolperte über sie.«

»Die Leute?«

»Ja, die Miggles.«

»Ich weiß wirklich nicht«, sagte Clennam, »wo mein Freund, Mr. Meagles, zuerst Mr. Henry Gowan seiner Tochter vorstellte.«

»Ich bin ganz gewiß, er las sie in Rom auf: aber gleichgültig wo – irgendwo. Doch – diese Frage ganz unter uns – ist sie sehr plebejisch?«

»Wahrhaftig, Ma’am«, versetzte Clennam, »ich bin selbst so unzweifelhaft plebejisch, daß ich mich nicht imstande fühle zu antworten.«

»Sehr hübsch!« sagte Mrs. Gowan, ihren Schirm kaltblütig öffnend. »Sehr gut! Ich muß daraus schließen, daß Sie im stillen ihre Manieren ihrem Gesicht gleich schätzen.« Clennam verbeugte sich, nachdem er einen Moment steif dagesessen.

»Das ist sehr angenehm, und ich hoffe, Sie haben recht. Sagte mir nicht Henry, Sie seien mit ihnen gereist?«

»Ich reiste einige Monate lang mit meinem Freunde Mr. Meagles und seiner Frau und Tochter.« (Das Herz jenes Niemand würde wahrscheinlich durch diese Erinnerung sehr gequält worden sein.)

»Wirklich sehr angenehm, weil Sie sie auf diese Weise genau kennenlernten. Sie sehen, Mr. Clennam, diese Sache spielt schon lange, und ich finde nicht, daß sie Fortschritte macht. Deshalb ist es eine große Erleichterung für mich, die Gelegenheit zu haben, mit einem von der Sache so gut unterrichteten Manne wie Sie zu sprechen. Eine wahre Wohltat. Wahrhaftig ein Glück.«

»Verzeihen Sie«, versetzte Clennam, »aber ich genieße nicht das Vertrauen Mr. Henry Gowans. Ich bin weit entfernt, so gut davon unterrichtet zu sein, wie Sie glauben. Ihr Irrtum macht meine Stellung zu einer äußerst fatalen. Es ist nie zwischen Mr. Henry Gowan und mir von dieser Sache die Rede gewesen.«

Mrs. Gowan blickte nach dem andern Ende des Zimmers, wo ihr Sohn auf einem Sofa saß und mit der alten Dame, die für einen Kavallerieangriff war, Ecarté spielte.

»Genießen nicht sein Vertrauen? Nicht?« sagte Mrs. Gowan. »Keine Rede zwischen Ihnen davon gewesen? Nein? Das kann ich mir denken. Aber es gibt Geständnisse ohne Worte, Mr. Clennam; und da Sie sehr intim mit diesen Leuten befreundet sind, so kann ich nicht zweifeln, daß eine Vertraulichkeit dieser Art in vorliegendem Falle existiert. Vielleicht haben Sie gehört, daß es mir den größten Kummer verursacht, daß Henry einen Beruf ergriffen, der – nun!« sagte sie die Achseln zuckend, »einen sehr ehrenwerten Beruf, ich gebe es zu, und einzelne Künstler haben als Künstler eine sehr hohe Stellung: – aber wir sind in unserer Familie doch nie über den Amateur hinausgegangen, und es ist eine verzeihliche Schwäche, sich etwas –«

Als Mrs. Gowan abbrach, um tief aufzuseufzen, konnte Clennam, obwohl er entschlossen war, großherzig zu sein, den Gedanken nicht unterdrücken, daß selbst unter so bewandten Umständen außerordentlich wenig Gefahr vorhanden sei, die Familie werde je über den Amateur hinauskommen.

»Henry«, fuhr die Mutter fort, »ist eigenwilligen und entschlossenen Charakters; und da diese Leute jede Sehne anspannen, um ihn zu fangen, so kann ich wenig Hoffnung hegen, Mr. Clennam, daß die Sache abzubrechen sei. Ich fürchte, daß das Vermögen des Mädchens sehr klein ausfallen wird; Henry hätte weit bessere Partien machen können. Es ist kaum etwas da, was bei dieser Verbindung das Gleichgewicht herstellte; aber er handelt ganz für sich; und wenn ich nicht in kurzer Zeit Besserung sehe, so weiß ich nicht, was mir übrig bliebe, als zu resignieren und mich so gut es geht in diese Leute zu finden. Ich bin Ihnen außerordentlich verbunden, was Sie mir gesagt.«

Während sie mit den Achseln zuckte, verbeugte sich Clennam wieder steif vor ihr. Mit der Röte der Verlegenheit auf seinen Wangen und einem gewissen Zögern in seinem Benehmen sagte er dann in einem noch leiseren Ton, als er ihn schon angenommen: »Mrs. Gowan, ich weiß kaum, wie ich es aussprechen soll, und ich fühle doch, daß es meine Pflicht ist. Jedenfalls muß ich Sie um Ihre gütige Nachsicht bitten, wenn ich mir erlaube, meine Meinung an den Tag zu legen. Ein Irrtum von Ihrer Seite, ein sehr großer Irrtum, wenn ich es so nennen darf, scheint einer Berichtigung zu bedürfen. Sie sind der Meinung, Mr. Meagles und seine Familie spanne jede Sehne an – ich glaube, so sagten Sie –«

»Jede Sehne«, wiederholte Mrs. Gowan, indem sie ihn, den grünen Fächer zwischen Gesicht und Feuer haltend, mit ruhiger Hartnäckigkeit ansah.

»Um sich Mr. Henry Gowans zu versichern?«

Die Dame gab ruhig ihre Zustimmung.

»Das ist nicht im mindesten der Fall«, sagte Arthur. »Ich weiß sogar, Mr. Meagles ist sehr unglücklich über die Sache und hat ihr alle vernünftigen Hindernisse in den Weg gelegt, in der Hoffnung, ihr ein Ende zu machen.«

Mrs. Gowan schloß ihren großen grünen Fächer, schlug sich damit auf den Arm und tätschelte dann ihre lächelnden Lippen. »Nun, ja«, sagte sie, »ganz was ich meine.«

Arthur suchte in ihrem Gesicht zu lesen, was sie damit meinte.

»Ist das wirklich Ihr Ernst, Mr. Clennam? Sehen Sie denn nicht?«

Arthur sah nicht und sagte es. ‚

»Nun, ich sollte meinen Sohn nicht kennen und nicht wissen, daß das gerade die Art und Weise ist, ihn zu halten?« sagte Mrs.

»Nun, sollte ich meinen Sohn nicht kennen und nicht wissen, mindestens so gut, wie ich es weiß? Oh, es sind geriebene Leute, Mr. Clennam; ganz sicherlich Geschäftsleute! Ich glaube, Mr. Miggles war bei einer Bank angestellt. Es hätte eine sehr profitable Bank sein sollen, wenn er viel mit ihrer Leitung zu tun gehabt hätte. Das ist sehr gut angelegt.«

»Ich bitte und ersuche Sie, Ma’am –« warf Arthur ein.

»Oh, Mr. Clennam, können Sie wirklich so leichtgläubig sein?«

Es machte einen so peinlichen Eindruck auf ihn, sie in diesem hochmütigen Ton sprechen zu hören und sie ihre verachtungsvollen Lippen mit ihrem Fächer tätscheln zu sehen, daß er sehr ernst sagte: »Glauben Sie mir, Ma’am, das ist ein ungerechter, ein ganz grundloser Verdacht.«

»Verdacht?« wiederholte Mrs. Gowan. »Nicht Verdacht, Mr. Clennam, Gewißheit. Es ist wirklich sehr geschickt angezettelt, und man scheint auch Sie vollständig überlistet zu haben.« Sie lachte und tätschelte sich wieder die Lippen mit dem Fächer und schüttelte ihren Kopf, als wenn sie sagen wollte: »Sprechen Sie mir nicht davon. Ich weiß, solche Leute tun alles für die Ehre einer solchen Verbindung.« In diesem günstigen Augenblick wurden die Karten hingeworfen, und Mr. Henry Gowan kam durch das Zimmer, indem er sagte: »Mutter, wenn Sie jetzt Mr. Clennam entbehren könnten, wir haben einen weiten Weg zu machen, und es wird spät.« Mr. Clennam erhob sich, da er keine andere Wahl hatte, und Mrs. Gowan zeigte ihm bis zum letzten Moment denselben Blick und dieselben getätschelten spöttischen Lippen.

»Sie hatten ja eine schrecklich lange Audienz bei meiner Mutter«, sagte Gowan, als die Tür sich hinter ihnen schloß. »Ich hoffe von Herzen, daß sie Sie nicht gelangweilt?«

»Durchaus nicht«, sagte Clennam.

Sie hatten einen kleinen offenen Phaeton für den Tag und waren bald wieder auf dem Heimweg. Gowan, der kutschierte, zündete sich eine Zigarre an; Clennam lehnte die ihm angebotene ab. Er ließ ihn gewähren und verfiel in eine solche Geistesabwesenheit, daß Gowan wieder sagte: »Ich muß sehr fürchten, daß meine Mutter Sie gelangweilt hat?« Er riß sich aus seinen Träumen los, um zu antworten: »Durchaus nicht«, verfiel aber alsbald wieder in sein Brüten.

In diesem Gemütszustand, der niemandem zur Last fiel, richteten sich seine Gedanken vielleicht vorzüglich auf den Mann zu seiner Seite. Er dachte vielleicht an den Morgen, als er ihn zuerst die Steine mit dem Absatz hatte heraushacken sehen, und fragte sich vielleicht: »Wird er mich in derselben gleichgültigen, grausamen Weise aus dem Weg schleudern?« Er dachte vielleicht, ob diese Einführung bei seiner Mutter durch ihn veranlaßt worden sei, weil er wußte, was sie sagen würde, und so seine Stellung einem Rivalen klarmachen und ihn eindringlich warnen könnte, ohne selbst ein Wort des Vertrauens mit ihm darüber zu wechseln? Er dachte vielleicht, ob, wenn auch kein Plan der Art vorgewaltet hätte, er ihn nicht hierhergebracht, um mit seinen unterdrückten Gefühlen zu spielen und ihn zu quälen? Der Strom dieser Gedanken wurde vielleicht bisweilen durch einen plötzlichen Anlauf von Scham gehemmt, wobei sich seine eigene offne Natur vorwarf: solchen Verdacht zu hegen, heiße, selbst nur für einen vorübergehenden Augenblick, nicht den hohen neidlosen Standpunkt festzuhalten, auf den er sich zu stellen vorgenommen. In solchen Augenblicken war der Kampf vielleicht am härtesten; und wenn er aufgesehen und Gowans Blicken begegnet wäre, würde er vielleicht erschrocken sein, als wenn er ihm Unrecht getan.

Wenn er dann auf den dunklen Weg und die verschwimmenden Gegenstände sah, wurde er vielleicht wieder in den Gedanken hineingerissen: »Ich möchte wissen, wohin wir fahren, er und ich, auf dem dunkleren Weg des Lebens? Wie wird es in der dunklen Zukunft mit uns und ihr stehen?« Wenn er an sie dachte, quälte ihn vielleicht aufs neue der schwere Vorwurf, daß es nicht mal treu gegen sie handeln heiße, ihn nicht zu mögen, und daß, wenn er sich leicht zu

Vorurteilen gegen ihn geneigt zeige, er ihrer weniger würdig sei als anfangs.

»Sie sind offenbar schlechter Laune«, sagte Gowan, »ich fürchte wirklich sehr, daß meine Mutter Sie schrecklich gelangweilt hat.«

»Glauben Sie mir, durchaus nicht«, sagte Clennam, »es ist nichts – nichts!«

Siebenundzwanzigstes Kapitel.


Siebenundzwanzigstes Kapitel.

Fünfundzwanzig

Ein häufig wiederkehrender Zweifel, ob Mr. Pancks‘ Wunsch, sich Notizen über die Familie Dorrit zu sammeln, irgendwelche Bestätigung der Besorgnisse bringen könnte, die er seiner Mutter bei seiner Rückkehr aus dem langen Exil mitgeteilt hatte, verursachte Arthur Clennam zu jener Zeit viel Unruhe. Was Mr. Pancks bereits von der Familie Dorrit wußte, was er noch weiter herausbekommen wollte, und warum er seinen vielbeschäftigten Kopf überhaupt damit abquälte, waren Fragen, die ihn oft plagten. Mr. Pancks war nicht der Mann, der seine Zeit vergeudete und sich mit Nachforschungen, die von bloßer Neugier veranlaßt waren, abquälte. Daß er einen spezifischen Zweck hatte, darüber hegte Clennam keinen Zweifel. Und ob die Erreichung dieses Zweckes durch Mr. Pancks‘ ausdauerndes Mühen auf unangenehme Weise geheime Gründe zutage bringen würde, die seine Mutter veranlaßten, sich Klein-Dorrits anzunehmen, war ein Gegenstand ernster Erwägung.

Nicht, daß er je in seinem Wunsch oder in seinem Entschluß gewankt, ein Unrecht wieder gutzumachen, das zu seines Vaters Zeiten jemandem zugefügt worden, sobald dieses Unrecht an den Tag kam und wieder gutzumachen war. Der Schatten eines vermuteten Unrechts, der seit seines Vaters Tod auf ihm ruhte, war vag und formlos. Diese Vorstellung von dem Unrecht konnte weit entfernt von den wirklichen Tatsachen sein. Wenn seine Besorgnisse jedoch sich als wohlbegründet erweisen sollten, so war er jeden Augenblick bereit, alles hinzugeben, was er hatte, und von neuem zu beginnen. Da die strenge und dunkle Lehre seiner Jugend nie in sein Herz gedrungen, so war es der erste Artikel in seinem Sittengesetz, daß er auf Erden mit praktischer Demut, den Blick zu Boden gerichtet, beginnen müsse, und daß er nicht auf den Flügeln des Wortes sich zum Himmel emporschwingen könne. Pflichterfüllung auf Erden, Vergeltung auf Erden, Tätigkeit auf Erden: diese zuerst als die ersten steilen Stufen aufwärts. Eng war die Pforte und schmal der Weg; weit enger und schmaler als die breite Heerstraße, die mit eitlen Versicherungen und Wiederholungen, Splittern aus andrer Leute Augen und bereitwilliger Auslieferung anderer an das Gericht gepflastert ist – lauter billigen Dingen, die absolut nichts kosten.

Nein. Es war kein selbstsüchtiges Fürchten oder Zögern, was ihn beunruhigte, sondern das Mißtrauen, Pancks möchte seinen Teil am Vertrage zwischen ihnen nicht erfüllen und, wenn er irgendeine Entdeckung machte, Schritte tun, ohne ihn daran teilnehmen zu lassen. Wenn er auf der andern Seite an sein Gespräch mit Pancks und den geringen Grund dachte, den er zu der Vermutung hatte, daß irgendeine Wahrscheinlichkeit vorhanden, dieser seltsame Mensch möchte überhaupt jener Spur folgen, so mußte er sich bisweilen wundern, daß er soviel Aufhebens davon machte. In dieser See sich abmühend, wie alle Barken, die auf einer stürmischen See mit einander durchkreuzenden Wellen sich abmühen, wurde er hin- und hergeworfen und gelangte in keinen Hafen.

Die Entfernung Klein-Dorrits aus ihrem gewohnten Kreise besserte die Sache nicht. Sie war so viel außer dem Haus und so viel auf ihrem eigenen Zimmer, daß er sie zu vermissen und eine Leere an ihrem Platz zu finden begann. Er hatte an sie geschrieben, um zu fragen, ob sie sich besser befinde, und sie hatte ihm sehr dankbar und ernst zurückgeschrieben, daß er ihretwegen nicht unruhig sein dürfe, denn sie sei ganz wohl. Aber er hatte sie, wie es ihm im Vergleich mit ihrem sonstigen Verkehr erschien, lange nicht gesehen.

Er kam eines Abends von einem Besuch bei ihrem Vater zurück, der ihm gesagt, daß sie zu Besuch aus sei – was er immer sagte, wenn sie auswärts angestrengt arbeitete, um sein Nachtessen zu verdienen –, und fand Mr. Meagles in aufgeregtem Zustand in seinem Zimmer auf und nieder gehend. Als er die Tür öffnete, blieb Mr. Meagles stehen, sah sich um und sagte:

»Clennam! – Tattycoram!«

»Was ist damit?«

»Verloren!«

»Wie, gerechter Gott!« rief Clennam bestürzt. »Was wollen Sie damit sagen?«

»Wollte nicht fünfundzwanzig zählen, Sir; konnte nicht dazu gebracht werden, blieb bei acht stehen und machte sich auf und davon.«

»Hat Ihr Haus verlassen?«

»Um nimmer wiederzukommen«, sagte Mr. Meagles seinen Kopf schüttelnd. »Sie kennen den leidenschaftlichen und stolzen Charakter dieses Mädchens nicht. Ein Gespann Pferde würde sie nicht mehr zurückzubringen vermögen; die Querbalken und Riegel der alten Bastille könnten sie nicht halten.«

»Wie kam das? Bitte, setzen Sie sich und erzählen Sie.«

»Das ›Wie‹ das geschah, ist nicht so leicht zu erzählen, weil Sie das unglückliche Temperament dieses armen heftigen Mädchens haben müßten, um die Sache ganz zu verstehen. Aber es geschah ungefähr folgendermaßen: Pet und Mutter und ich hatten in letzter Zeit lange Verhandlungen miteinander. Ich will Ihnen nicht verhehlen, Clennam, daß diese Verhandlungen nicht gerade so freundlicher Art waren, wie Sie wohl wünschen möchten. Sie bezogen sich auf unser Wiederweggehen. Bei diesem Vorschlag hatte ich allerdings einen bestimmten Zweck.«

Niemands Herz schlug lebhaft. »Einen Zweck«, sagte Mr. Meagles nach einer kurzen Pause, »den ich Ihnen auch nicht verhehlen will, Clennam. Mein Kind hat eine Neigung, die mich sehr besorgt macht. Vielleicht ahnen Sie die Person. Henry Gowan.«

»Ich war nicht unvorbereitet, das zu hören.«

»Gut!« sagte Mr. Meagles mit einem schweren Seufzer, »ich wünschte bei Gott, Sie hätten das nie zu hören brauchen. Nun ist es aber mal so. Mutter und ich haben alles getan, was in unsern Kräften stand, um die Sache abzuwenden. Clennam, wir haben es mit zärtlichen Mahnungen versucht, wir haben es mit der heilenden Zeit versucht, wir haben es mit Entfernung versucht, alles vergeblich. Unsere letzten Gespräche drehten sich nun um eine Reise von mindestens einem Jahr, um eine vollständige Trennung und ein Abbrechen der Sache herbeizuführen. Diese Frage machte Pet unglücklich, und natürlich waren Mutter und ich gleichfalls unglücklich.«

Clennam sagte, daß er das gerne glauben wolle.

»Gut!« fuhr Mr. Meagles im Ton der Entschuldigung fort: »Ich gebe als praktischer Mann zu und bin überzeugt, Mutter wird als praktische Frau gleichfalls zugeben, daß wir in Familien unsere Besorgnisse vergrößern und Berge aus unsern Maulwurfshügeln machen und das in einer Weise, die für Leute, die zusehen, für bloße außerhalb Stehende, sehr unangenehm ist, Clennam. Aber Pets Glück oder Unglück ist eine Lebensfrage für uns, und wir werden hoffentlich entschuldigt sein, wenn wir viel Aufhebens davon machen. Jedenfalls hätte sich Tattycoram darein fügen sollen. Sind Sie nicht auch meiner Ansicht?«

»Allerdings«, versetzte Clennam, dieser äußerst bescheiden ausgesprochenen Erwartung aufs nachdrücklichste entsprechend.

»Nein, Sir«, sagte Mr. Meagles, den Kopf traurig schüttelnd. »Sie konnte es nicht ertragen. Das Toben und Sprühen des Mädchens, das Zerren und Zerfleischen der eignen Brust war der Art, daß ich, sooft ich an ihr vorüberging, leise zu ihr sagte: ›Fünfundzwanzig, Tattycoram, fünfundzwanzig!‹ Ich wünschte von Herzen, es wäre ihr gelungen, fünfundzwanzig Tag und Nacht zu zählen, es wäre alles gut gegangen.«

Mr. Meagles fuhr mit einer verzweifelten Miene, in der sich die Güte seines Herzens sogar noch mehr aussprach als in den Zeiten seines ungetrübten Glückes, von der Stirn bis zum Kinn über sein Gesicht und schüttelte abermals den Kopf.

»Ich sagte zu Mutter (nicht daß es nötig gewesen; denn sie würde es alles selbst gedacht haben), wir sind praktische Leute, meine Liebe, und wir kennen ihre Lebensgeschichte: wir sehen in diesem unglücklichen Mädchen einen Widerschein von dem, was in dem Herzen ihrer Mutter tobte, ehe eine Kreatur, wie dieses arme Ding, in der Welt war. Wir wollen ihr Temperament beschönigen, Mutter, wir wollen für den Augenblick gar nicht darauf achten, meine Liebe, wir wollen eine bessere Stimmung bei ihr abwarten. Wir sagten deshalb nichts. Aber wir mochten tun, was wir wollten, es schien so sein zu müssen, wie es war; sie brach eines Nachts heftig los.«

»Wie und warum?«

»Wenn Sie mich fragen, warum«, sagte Mr. Meagles etwas verlegen durch die Frage; denn er war weit mehr geneigt, ihre Sache als die der Familie zu mildern, »so kann ich Sie nur auf das verweisen, was ich Ihnen soeben als ziemlich dieselben Worte wiederholte, die ich zu Mutter sagte. Was das Wie betrifft, so hatten wir Pet (ich muß gestehen, sehr warm) in ihrer Gegenwart gute Nacht gesagt, und sie hatte Pet die Treppe hinaufbegleitet – Sie erinnern sich, sie war ihre Zofe. Vielleicht mag Pet, die etwas aufgeregt war, etwas rücksichtsloser als gewöhnlich Dienste von ihr verlangt haben. Aber ich weiß nicht, ob ich das der Wahrheit gemäß behaupten darf; sie war immer aufmerksam und sanft.«

»Die sanfteste Dame von der Welt.«

»Ich danke Ihnen, Clennam«, sagte Mr. Meagles, ihm die Hand schüttelnd. »Sie haben sie oft zusammen gesehen. Gut! Wir hörten bald darauf die unglückliche Tattycoram laut und zornig sprechen, und ehe wir noch fragen konnten, was es gebe, kam Pet zitternd zurück, indem sie sagte, sie fürchte sich vor ihr. Gleich hinterdrein kam Tattycoram in fürchterlicher Aufregung. ›Ich hasse Sie alle drei!‹ sagte sie, mit dem Fuße stampfend. ›Ich berste vor Haß gegen das ganze Haus.‹«

»Worauf Sie –«

»Ich?« sagte Mr. Meagles mit einer einfachen Offenheit, die selbst Mrs. Gowan zum Glauben genötigt, »ich sagte, zähle fünfundzwanzig, Tattycoram.«

Mr. Meagles strich sich wieder über das Gesicht und schüttelte den Kopf mit dem Ausdruck tiefer Trauer.

»Sie war so daran gewöhnt, Clennam, daß sie selbst in diesem Augenblick, ein Bild der Leidenschaft, wie Sie noch keines gesehen, plötzlich innehielt, mir offen ins Gesicht sah und (wie ich verstand) bis auf acht zählte. Aber es war ihr unmöglich, weiter zu zählen. Damit war’s zu Ende, und sie überließ die übrigen siebenzehn den vier Winden. Dann brach sie los. Sie verachte uns, sie sei unglücklich bei uns, sie könne es nicht aushalten, sie wollte es nicht länger ertragen, sie sei entschlossen fortzugehen. Sie sei jünger als ihre junge Herrin, und sie könne es nicht ertragen, diese beständig als das einzige Geschöpf behandelt zu sehen, das jung und interessant sei und gehätschelt und geliebt zu werden verdiene. Nein, das wolle sie nicht, wolle sie nicht, wolle sie nicht. Was wir wohl glauben, daß sie, Tattycoram, geworden, wenn man sie in ihrer Kindheit wie ihre junge Herrin gehätschelt und gepflegt? So gut wie sie. Ha! Vielleicht fünfzigmal so gut. Wenn wir behaupteten, einander so lieb zu haben, so triumphierten wir über sie: das sei es, was wir täten, wir triumphierten über sie und höhnten sie. Und alle im Hause täten dasselbe. Sie sprächen von ihren Vätern und Müttern und Brüdern und Schwestern; sie schleppten sie mit außerordentlicher Freude vor ihr Gesicht. Erst gestern habe Mrs. Tickit, als sie ihr kleines Enkelchen bei sich gehabt, sich darüber amüsiert, daß es sie (Tattycoram) bei dem verketzerten Namen rief, den wir ihr gäben, und habe über den Namen gelacht. Freilich, wer tue das nicht? und wer wir seien, daß wir ein Recht haben sollten, sie wie einen Hund oder eine Katze zu nennen? Aber es sei gleichgültig. Sie wolle keine Wohltaten mehr von uns annehmen: sie wolle uns ihren Namen wieder ins Gesicht werfen und gehen. Sie wolle uns noch in derselben Minute verlassen. Niemand solle sie aufhalten, und wir sollten nie wieder von ihr hören.«

Mr. Meagles hatte all das mit so lebhafter Erinnerung an sein Original erzählt, daß er während der Zeit beinahe ebenso rot und heiß war, wie er sie beschrieben.

»Ah, ja!« sagte er und wischte sich das Gesicht. »Es war vergebliche Mühe, diesem heftigen, keuchenden Geschöpf (der Himmel weiß, was ihrer Mutter Lebensgeschichte gewesen sein mag) Vernunft beibringen zu wollen. Ich sagte ihr deshalb einfach, daß sie nicht zu so später Stunde der Nacht gehen dürfe, und gib ihr meine Hand, führte sie nach ihrem Zimmer und schloß die Haustür. Aber heute morgen war sie fort.«

»Und Sie wissen nichts weiter von ihr?«

»Gar nichts«, erwiderte Mr. Meagles, »ich bin den ganzen Tag herumgerannt. Sie muß sehr früh und in größter Stille sich davongemacht haben. Ich fand keine Spur von ihr im Hause.«

»Halt! Sie möchten sie doch wiedersehen«, sagte Clennam nach kurzem Nachdenken. »Ich darf das wohl annehmen?«

»Ja, allerdings; ich möchte ihr eine Gelegenheit geben; Mutter und Pet möchten ihr auch noch eine Gelegenheit geben. Ja, Sie selbst«, sagte Mrs. Meagles voll Überzeugung, als ob er durchaus keine Ursache hatte, zornig zu sein, »möchten dem armen leidenschaftlichen Mädchen noch eine Gelegenheit geben, ich weiß es, Clennam.«

„Es wäre allerdings seltsam und hart, wenn ich es nicht täte«, sagte Clennam, »während Sie alle so geneigt sind zu vergeben. Was ich Sie fragen wollte, war, haben Sie an jene Miß Wade gedacht?«

»Allerdings. Ich dachte nicht an sie, bis ich unsere ganze Nachbarschaft durchstreift; und ich weiß nicht, ob sie mir auch dann eingefallen wäre, wenn ich nicht Mutter und Pet bei meinem Nachhausekommen voll von dem Gedanken gefunden, Tattycoram müsse zu ihr gegangen sein. Denn natürlich erinnerte ich mich, was sie bei Tisch sagte, als Sie zum ersten Male bei uns waren.«

»Haben Sie irgendeine Idee, wo Miß Wade zu finden ist?«

»Offen gesagt«, versetzte Mr. Meagles, »Sie finden mich hier auf Sie wartend, weil ich einen dunklen Schatten von Kunde über dieses Wesen habe. Es existiert in meinem Hause einer jener seltsamen Eindrücke, die oft auf geheimnisvolle Weise in Häuser kommen, die aber niemand in einer bestimmten Form von jemandem aufgefaßt und die doch jeder Mensch von irgend jemandem flüchtig empfangen und weitergegeben zu haben scheint, daß sie da herum wohnt oder wohnte.« Mr. Meagles übergab ihm einen Fetzen Papier, auf dem der Name einer der dunklen Nebenstraßen in der Grosvenor Region, nahe bei Park Lane, stand.

»Hier ist keine Nummer«, sagte Arthur, indem er darauf hinblickte.

»Keine Nummer, mein lieber Clennam«, versetzte sein Freund. »Nein, nichts! Der Name der Straße selbst muß in der Luft geschwebt haben: denn, wie ich Ihnen versichere, niemand von meinen Leuten kann sagen, woher sie den Namen haben. Die Sache ist jedoch einer Nachfrage wert; und da ich diese lieber in Gesellschaft als allein machen möchte, und da Sie gleichfalls mit diesem gefühllosen Frauenzimmer gereist sind, so dacht‘ ich, vielleicht –« Clennam endigte die Worte für ihn, indem er seinen Hut wieder nahm und sagte, er sei bereit.

Es war Sommer: ein grauer, heißer, staubiger Abend. Sie fuhren ans Ende der Oxford Street, wo sie ausstiegen und sich in die großen Straßen von melancholischer Pracht und in die kleinen Straßen verloren, die ebenso prachtvoll sein wollen, denen es aber nur gelingt, noch melancholischer auszusehen. Von ihrer Sorte grenzt ein ganzes Labyrinth an Park Lane. Wildnisse von Eckhäusern, mit barbarischen Toren und Zieraten, schauderhafte Figuren, die dem Kopf einer abgeschmackten Person in einer abgeschmackten Zeit entsprungen, dennoch die blinde Verwunderung aller folgenden Generationen forderten und entschlossen waren, dies solange zu tun, bis sie zusammenstürzten, sahen finster in das Zwielicht. Schmarotzerische kleine Häuser mit dem Krampf in der ganzen Gestalt von der zwerghaften Hallentür an dem Riesenmodell Seiner Gnaden auf dem Square bis zu dem gedrückten Fenster des Boudoirs, das auf die Misthaufen in den Hintergäßchen hinaussah, machten den Abend höchst traurig. Verkrüppelte Wohnungen von unzweifelhaft modischem Wesen, aber für nichts bequem als für einen häßlichen Geruch, sahen wie die letzten kränklichen Geburten der großen Adelshäuser aus. Wo ihre kleinen Altane und Balkone von dünnen eisernen Säulen getragen wurden, schienen sie skrofulös auf Krücken zu ruhen. Da und dort sah ein Wappen, das die ganze Wissenschaft der Heraldik in sich schloß, auf die Straße herab wie ein Erzbischof, der über die Eitelkeit predigt. Die Läden, wenig an Zahl, machten kein Gepränge, denn die öffentliche Meinung war ihnen gleichgültig. Der Pastetenbäcker wußte, wer in seinen Büchern stand, und konnte in diesem Bewußtsein ruhig sein: ihm genügten deshalb einige Glaszylinder mit Witwenpfefferminztropfen in seinem Fenster und ein halbes Dutzend alter Sorten gangbaren Obstgelees. Einige Orangen bildeten die ganze Konzession des Obsthändlers an die öffentliche Meinung. Ein einzelnes Körbchen von Moos, das einst Eier von einem Regenpfeifer enthalten, umfaßte alles, was der Geflügelhändler zum Pöbel zu sagen hatte. Jedermann in diesen Straßen schien zu Tisch ausgegangen zu sein (was zu dieser Stunde und Jahreszeit immer der Fall ist), und niemand schien die Diners zu geben, zu denen sie gegangen. Auf den Türstufen lungerten Lakaien mit glänzendem, buntfarbigem Gefieder und weißen Köpfen wie eine ausgestorbene Rasse von ungeheueren Vögeln und Haushofmeister, einsame Menschen von verschlossenem Wesen, die gegen jeden andern Haushofmeister mißtrauisch zu sein schienen. Das Rollen der Wagen im Park war für heute verstummt; die Straßenlampen brannten. Wichte von kleinen Grooms in knapp anliegenden und passenden Kleidern, die Beine verdreht, wie ihre Köpfe verdreht waren, standen paarweise herum, indem sie Stroh kauten und sich betrügerische Geheimnisse anvertrauten. Die gefleckten Hunde, die die Wagen begleiteten, und die wir im Geist so eng mit glänzenden Equipagen zu verbinden gewöhnt sind, daß es wie eine Herablassung von seiten dieser Tiere aussieht, ohne sie zu erscheinen, begleiteten die Stallgehilfen bei ihren Ausgängen. Da und dort war ein bescheidenes Gasthaus, das nicht verlangte, auf die Schultern des Volkes sich zu stützen, und wo man nach Herren ohne Livree nicht besonders verlangte.

Solcherlei Entdeckung machten die beiden Freunde im Verfolg ihrer Nachforschungen. Nirgends war etwas von einer Person wie Miß Wade in Verbindung mit der Straße bekannt, die sie suchten. Es war eine der Schmarotzerstraßen; lang, regelmäßig, schmal, düster und finster wie ein Backstein- und Mörtelleichenzug. Sie fragten an verschiedenen kleinen Vorhoftoren, wo ein trauriger junger Mensch stand, der sein Kinn auf die Spitzen des Geländers einer schroffen hölzernen Treppe drückte, konnten aber keine Auskunft erhalten. Sie gingen an der einen Seite der Straße hinauf und an der andern Seite herab, während zwei laut schreiende Zcitungsverkäufer ein außerordentliches Ereignis ausriefen, das sich nie begeben hat und niemals begeben wird. Sie ließen ihre rauhen Stimmen in die stillen Zimmer hineindröhnen, aber ohne Erfolg. Endlich standen sie an der Ecke, von der sie ausgegangen; es war sehr dunkel, und sie waren um nichts klüger geworden.

In der Straße waren sie zu verschiedenen Malen an einem schmutzigen Hause vorübergekommen, das augenscheinlich leer stand. An den Fenstern befanden sich Zettel, die ankündigten, daß es zu vermieten war. Die Zettel, die eine Abwechslung in dem Leichenzug bildeten, waren beinahe ein Schmuck zu nennen. Vielleicht, weil das Haus vereinzelt in ihrer Erinnerung dastand, vielleicht auch, weil Mr. Meagles und er selbst zweimal im Vorübergehen zueinander gesagt hatten: »Es ist klar, hier wohnt sie nicht« , machte Clennam jetzt den Vorschlag, sie wollten zurückgehen und es mit dem Hause probieren, ehe sie ganz weggingen. Mr. Meagles war dazu bereit, und sie gingen zurück.

Sie klopften einmal und läuteten einmal, ohne eine Antwort. »Leer« , sagte Mr. Meagles lauschend. »Noch einmal« , sagte Clennam und klopfte wieder. Nach diesem Pochen hörten sie eine Bewegung innen und glaubten jemanden nach der Tür schlürfen zu hören.

Der schmale Eingang war so dunkel, daß es unmöglich wurde, genau zu unterscheiden, was für eine Person die Tür öffnete; es schien jedoch eine alte Frau zu sein. »Entschuldigen Sie, daß wir Sie bemühen«, sagte Clennam. »Bitte, können Sie uns sagen, wo Miß Wade wohnt?« Die Stimme in der Dunkelheit antwortete unerwarteterweise: »Hier.«

»Ist sie zu Hause?«

Als keine Antwort erfolgte, sagte Mr. Meagles wieder: »Bitte, ist sie zu Hause?«

Nach einer zweiten Pause sagte die Stimme abgebrochen: »Ich glaube wohl. Sie würden besser tun einzutreten: ich will inzwischen fragen.«

Sie wurden ohne weitere Umstände in das enge schwarze Haus eingeschlossen, und die Gestalt sagte, indem sie hinwegrauschte, von einer höheren Stelle aus: »Kommen Sie gefälligst herauf. Sie können über nichts stolpern.« Sie krochen ihren Weg die Treppen hinauf nach einem matten Licht, das sich als die Straßenlaterne, die durch das Fenster schien, erwies, und die Gestalt ließ sie in einem stickigen Zimmer eingeschlossen zurück.

»Das ist seltsam, Clennam«, sagte Mr. Meagles leise.

»Sehr seltsam«, stimmte Clennam in demselben Ton bei; »aber wir haben unsern Zweck erreicht, das ist die Hauptsache. Da kommt Licht!«

Das Licht war eine Lampe, und die Trägerin war eine alte Frau: sehr schmutzig, sehr verrunzelt und welk. »Sie ist zu Hause«, sagte sie (und die Stimme war dieselbe, die zuvor gesprochen): »sie wird augenblicklich kommen.« Nachdem sie die Lampe auf den Tisch gesetzt, rieb die alte Frau ihre Hände an ihrer Schürze ab, was sie beständig hätte tun können, ohne sie deshalb rein zu machen, sah die Fremden dann mit ein paar trüben Augen an und ging rückwärts hinaus.

Die Dame, die sie zu sprechen gekommen waren, schien, wenn sie die gegenwärtige Bewohnerin dieses Hauses war, ihr Quartier hier gleichsam wie in einer orientalischen Karawanserei aufgeschlagen zu haben. Ein kleiner viereckiger Teppich in der Mitte des Zimmers, einige Möbel, die offenbar nicht zu dem Zimmer gehörten, und ein Wirrwarr von Koffern und Reiseartikeln bildeten ihre ganze Umgebung. Unter einem früheren ansässigen Bewohner hatte das erstickende Zimmer mit einem Pfeilerspiegel und einem vergoldeten Tisch geprangt. Aber die Vergoldung war so verblichen, wie Blumen vom letzten Jahre, und das Glas so trübe, daß es mit magischem Zauber all das neblige und schlechte Wetter, das es je widergegeben hatte, in sich gebannt zu haben schien. Die Fremden hatten eine Minute oder zwei Zeit gehabt, sich umzusehen, als die Tür aufging und Miß Wade eintrat.

Sie war noch ganz dieselbe wie damals, als sie voneinander geschieden. Ebenso hübsch, ebenso höhnisch, ebenso zurückhaltend. Sie bat sie, sich zu setzen, und indem sie es ablehnte, selbst einen Sitz einzunehmen, ersparte sie ihnen die Einleitung zu ihrem Anliegen, indem sie sogleich sagte:

»Ich glaube die Ursache zu wissen, die Sie mir die Ehre eines Besuches erzeigen läßt, wir können deshalb sogleich darauf eingehen.«

»Die Ursache, Ma’am«, sagte Mr. Meagles, »ist Tattycoram.«

»Das vermutete ich.«

»Miß Wade«, sagte Mr. Meagles, »wollen Sie so freundlich sein, uns zu sagen, ob Sie etwas von ihr wissen oder nicht?«

»Gewiß. Ich weiß, sie ist hier bei mir.«

»Dann, Ma’am«, sagte Mr. Meagles, »erlauben Sie mir, Ihnen zu sagen, daß ich glücklich sein würde, wenn sie wieder zu mir zurückkäme, und daß meine Frau und Tochter glücklich sein würden, wenn sie wieder zurückkäme. Sie war lange Zeit bei uns, wir vergessen ihre Ansprüche an uns nicht, und ich glaube, wir wissen, daß man es nicht so genau nehmen darf.«

»Sie glauben zu wissen, daß man es nicht so genau nehmen darf?« versetzte sie in gemessenem Ton. »Was?«

»Ich glaube, mein Freund wollte sagen, Miß Wade«, warf Arthur Clennam ein, der sah, daß Mr. Meagles nicht wußte, was er sagen sollte, »mit dem leidenschaftlichen Wesen, das das Mädchen bisweilen überkommt, wenn sie sich im Nachteil fühlt, was bisweilen bessere Gefühle in den Hintergrund drängt.«

Die Dame brach in ein Gelächter aus, als sie ihre Blicke auf ihn richtete. »Wirklich?« war alles, was sie darauf antwortete.

Sie stand so vollkommen ruhig und still nach dieser Antwort auf seine Bemerkung bei dem Tisch, daß Mr. Meagles sie wie verhext anstarrte und nicht mal Clennam ansehen konnte, um ihn zu einer andern Äußerung zu veranlassen. Nachdem er einige Augenblicke linkisch genug gewartet, sagte Arthur:

»Vielleicht wäre es gut, wenn Mr. Meagles sie sehen könnte, Miß Wade?«

»Das ist leicht getan«, sagte sie. »Komm‘ herein, Kind.« Sie hatte eine Tür geöffnet, während sie dies sagte, und führte nun das Mädchen an der Hand herein. Es war wirklich wunderlich, sie beieinander stehen zu sehen: das Mädchen, das mit seinen freien Fingern den Busen ihres Kleides halb unschlüssig, halb leidenschaftlich faltete; Miß Wade, die mit ihrem ruhigen Gesicht sie aufmerksam betrachtete und einem Beobachter von außerordentlichem Scharfblick gerade in ihrer Ruhe die nicht zu stillende Leidenschaftlichkeit ihres Wesens enthüllte (wie ein Schleier die Formen ahnen läßt, die er bedeckt).

»Sehen Sie«, sagte sie in derselben gemessenen Weise wie früher, »hier ist Ihr Herr, Ihr Meister. Er ist willens, Sie wieder mit sich zu nehmen, meine Liebe, wenn Sie empfänglich für diese Gunst sind und Lust zu gehen haben. Sie können wieder eine Folie für seine hübsche Tochter, eine Sklavin für ihren liebenswürdigen Eigensinn und ein Spielzeug sein, das die Güte der Familie zeigt. Sie können Ihren drolligen Namen wieder haben, der Sie mutwillig dem Spott aussetzt und Sie an den Pranger stellt. (Ihre Geburt, Sie wissen, Sie müssen nicht Ihre Geburt vergessen.) Harriet, Sie können dieses Herrn Tochter wieder als eine lebendige Erinnerung an ihren Vorrang und ihre gnädige Herablassung gezeigt und vorgehalten werden. Sie können all diese Vorteile wiedergewinnen und noch manche andere ähnlicher Art, die vermutlich in Ihrem Gedächtnis auftauchen werden, während ich spreche, und deren Sie verlustig gehen, wenn Sie Ihre Zuflucht zu mir nehmen – Sie können sie jedoch alle wiederhaben, wenn Sie diesen Herren sagen, wie demütig und bußfertig Sie seien, und mit ihnen zurückgehen, daß man Ihnen verzeihe. Was sagen Sie, Harriet? Wollen Sie gehen?«

Das Mädchen, das unter dem Einfluß dieser Worte immer zorniger geworden und dessen Wangen sich immer röter färbten, antwortete, indem sie ihre leuchtenden schwarzen Augen für einen Augenblick erhob und ihre Hand auf den Falten, die sie zusammengerunzelt, ballte: »Ich möchte lieber sterben!«

Miß Wade, die, noch immer ihre Hand haltend, neben ihr stand, blickte ruhig umher und sagte mit einem Lächeln: »Gentlemen! Was sagen Sie darauf?«

Die unaussprechliche Bestürzung des alten Meagles, als er seine Motive und Handlungen so verdrehen hörte, hatte ihn bis jetzt gehindert, ein Wort einzuwerfen: nun aber gewann er seine Macht zu sprechen wieder.

»Tattycoram«, sagte er, »denn ich will dich noch immer bei diesem Namen nennen, mein liebes Mädchen, da ich mir bewußt bin, daß ich nur Freundliches dabei im Sinne hatte, als ich ihn dir gab, und überzeugt bin, daß du es weißt.«

»Ich weiß es nicht!« sagte sie, wieder aufblickend und sich mit derselben ungestüm wühlenden Hand fast zerfleischend.

»Nein, vielleicht jetzt nicht«, sagte Mr. Meagles, »nicht, solange die Augen dieser Dame so fest auf dich gerichtet sind, Tattycoram«, sie blickte im Augenblick auf sie, »und solange diese Macht dich beherrscht, die sie auf dich ausübt. Tattycoram, ich werde diese Dame nicht fragen, ob sie das glaubt, was sie gesagt hat, selbst in dem Zorn und Unmut, in dem, wie ich und mein Freund hier gleich gut wissen, sie eben gesprochen hat, obgleich sie sich mit einer Entschlossenheit hinstellt, die jeder, der sie einmal gesehen, wohl nie wieder vergessen wird. Ich will dich nicht fragen, ob du, wenn du dich an mein Haus und alles, was dazu gehört, erinnerst, das glaubst. Ich will nur sagen, daß du weder mir noch den Meinen ein Bekenntnis abzulegen und ebensowenig um Verzeihung zu bitten hast; und daß alles in der Welt, um was ich dich bitten möchte, darin besteht, daß du fünfundzwanzig zählst, Tattycoram.«

Sie sah ihn einen Augenblick an und sagte dann, indem sie die Stirn runzelte: »Ich will nicht, führen Sie mich weg, Miß Wade, bitte.«

Der Kampf, der diesem Augenblick in ihr raste, hatte nichts Milderndes. Es war ein Kampf zwischen leidenschaftlichem Trotz und unbeugsamem Trotz. Ihre lebhafte Röte, ihr rasches Blut, ihr ungestümer Atem stemmten sich alle gegen die Gelegenheit, ihren Schritt rückgängig zu machen. »Ich will nicht. Ich will nicht. Ich will nicht!« wiederholte sie mit leiser, tiefer Stimme. »Man muß mich erst in Stücke reißen. Ich würde mich selbst vorher in Stücke reißen!«

Miß Wade, die sie losgelassen, legte ihre Hand einen Augenblick schützend auf des Mädchens Nacken und sagte dann, indem sie mit ihrem frühern Lächeln umhersah und genau in ihrem frühern Ton sprach: »Gentlemen! was wollen Sie nach dieser Erklärung noch?«

»O, Tattycoram, Tattycoram!« rief Mr. Meagles, indem er sie mit erhobener Hand beschwor: »Höre die Stimme dieser Dame, sieh dieser Dame ins Gesicht, erwäge, was in dem Herzen dieser Dame vorgeht, und bedenke, was für eine Zukunft vor dir liegt! Mein Kind, was du auch immer denken magst, solange du unter dem Einfluß dieser Dame stehst – es ist erstaunlich für uns, und ich werde wohl nicht zu weit gehen, wenn ich sage, schrecklich für uns, es zu sehen –, alles beruht auf einer Leidenschaft, die stärker als die deine, und auf einem Temperament, das heftiger als das deine. Was könnt ihr einander sein? Was kann davon kommen?«

»Ich bin hier allein, Gentlemen«, bemerkte Miß Wade, ohne ihren Ton oder ihr Wesen zu verändern. »Sagen Sie alles, was Sie wollen.«

»Die Höflichkeit nötigt mich, gegen dieses mißleitete Mädchen in ihrem gegenwärtigen Zustand nachzugeben, Ma’am«, sagte Mr. Meagles, »obgleich ich sie nicht ganz aus den Augen zu lassen gedenke, selbst bei den Beleidigungen, die Sie mir in so herbem Tone vor ihr zufügen. Entschuldigen Sie, daß ich Sie, in ihrer Gegenwart, daran erinnere – ich muß es sagen – daß Sie uns allen ein Geheimnis waren und mit keinem von uns etwas gemein hatten, als sie Ihnen unglückseligerweise in den Weg kam. Ich weiß nicht, was Sie sind, aber Sie verbergen es nicht, können es nicht verbergen, was für ein finsterer Geist in Ihnen wohnt. Wenn Sie eine von den Damen sein sollten, die aus irgendwelchem Grund ein seltsames Vergnügen daran finden, eine Mitschwester so elend zu machen, wie sie selbst ist (ich bin alt genug, um schon davon gehört zu haben), so warne ich sie vor Ihnen und warne Sie vor sich selbst.«

»Gentlemen!« sagte Miß Wade ruhig. »Wenn Sie zu Ende sind – Mr. Clennam, vielleicht werden Sie Ihren Freund veranlassen –«

»Nicht ohne noch einen Versuch«, sagte Mr. Meagles standhaft. »Tattycoram, mein armes, liebes Mädchen, zähle fünfundzwanzig.«

»Weisen Sie die Hoffnung, die Gewißheit nicht von sich, die dieser freundliche Mann Ihnen bietet«, sagte Clennam mit leisem, aber eindringlichem Ton. »Kehren Sie zu den Freunden zurück, die Sie nicht vergessen. Bedenken Sie sich!«

»Ich will nicht! Miß Wade«, sagte das Mädchen, und ihr Busen schwoll, während sie beim Sprechen die Hand an ihren Hals legte, »nehmen Sie mich weg.«

»Tattycoram«, sagte Mr. Meagles, »noch einmal. Das einzige, was ich von dir in der Welt verlange, mein Kind: zähle fünfundzwanzig!«

Sie legte ihre Hand fest auf die Ohren, während ihr schönes schwarzes Haar bei der Heftigkeit, mit der sie es tat, verwirrt herabgezerrt wurde, und richtete den Blick entschlossen nach der Wand. Miß Wade, die sie während dieser letzten Aufforderung mit demselben seltsam aufmerksamen Lächeln beobachtet hatte, wie damals in Marseille, als jene in leidenschaftlichem Kampfe mit sich selbst rang, schlang jetzt den Arm um ihre Hüfte, als wollte sie von ihr für alle Zeiten Besitz ergreifen.

Es lag ein sichtbarer Triumph in ihrem Gesicht, als sie es den Fremden zuwandte, um sich zu verabschieden.

»Da es das letztemal ist, daß ich diese Ehre habe«, sagte sie, »und da Sie davon gesprochen haben, daß Sie nicht wissen, wer ich sei, und woher mein Einfluß bei diesem Mädchen stamme, so mögen Sie denn wissen, daß er sich auf eine gemeinschaftliche Ursache gründet. Was Ihr zerbrochenes Spielzeug in bezug auf Geburt ist, bin auch ich. Sie hat keinen Namen, ich habe keinen Namen. Ihre Unbill ist meine Unbill. Ich habe Ihnen nichts weiter zu sagen.«

Diese Worte waren an Mr. Meagles gerichtet, der traurig wegging. Als Clennam ihm folgte, sagte sie mit derselben äußerlichen Fassung und demselben gemessenen Ton, aber mit einem Lächeln, das man nur auf grausamen Gesichtern sieht: einem sehr schwachen Lächeln, das die Nasenflügel hebt, die Lippen kaum berührt und nicht langsam sich verliert, sondern augenblicklich wieder aufhört, sobald es seinen Zweck erfüllt:

»Ich hoffe, die Frau Ihres lieben Freundes, Mr. Gowan, wird in dem Kontrast, in dem ihre vornehme Abkunft zu der dieses Mädchens und der meinen steht, sowie in dem großen Glück, das sie erwartet, sich wirklich glücklich fühlen.«

Achtundzwanzigstes Kapitel.


Achtundzwanzigstes Kapitel.

Niemands Verschwinden.

Nicht zufrieden mit seinen Bemühungen, wieder zu seiner verlorenen Pflegbefohlenen zu kommen, richtete Mr. Meagles einen Brief voll der freundlichsten Vorstellungen nicht nur an sie, sondern auch an Miß Wade. Als keine Antwort auf diese Briefe und auf einen andern kam, der von der Hand ihrer ehemaligen jungen Herrin an das starrköpfige Mädchen gerichtet war, und der sie hätte vor Rührung vergehen machen müssen, wenn irgend etwas das noch vermocht hätte (alle drei Briefe kamen einige Wochen später, als an der Haustür abgewiesen, zurück), veranlaßte er Mrs. Meagles, den Versuch einer persönlichen Unterredung zu machen. Als diese würdige Dame außerstande war, eine solche zu erhalten, und die Zulassung hartnäckig verweigert wurde, bat Mr. Meagels Arthur, noch einmal zu versuchen, was er tun könne. Das ganze Resultat der Erfüllung dieses Wunsches war, daß er entdeckte, daß das leere Haus der Obhut der alten Frau anvertraut worden, daß Miß Wade fort war, daß das Gewirr und Durcheinander von Möbeln fort war, und daß die alte Frau jede Summe von halben Kronen annehme und dem Geber freundlich danke, aber nicht die geringste weitere Auskunft als Ersatz für diese Münze zu geben vermochte, als daß sie beständig ein Verzeichnis von nagelfestem Hausgerät zur Schau bot, das der Schreiber des Hausvermieters in dem Flur gelassen.

Da Mr. Meagles trotz dieser Niederlage nicht auf die Undankbare verzichten und sie der Hoffnungslosigkeit preisgeben wollte, im Fall daß ihre besseren Gesinnungen die Oberhand über die dunklere Seite ihres Charakters gewännen, ließ er sechs Tage hintereinander eine sehr zart andeutende Anzeige in die Morgenzeitungen einrücken, die besagte, daß, wenn eine gewisse junge Person, die kürzlich unüberlegterweise die Heimat verlassen, sich irgendwann an seine Adresse in Twickenham wenden wollte, alles wieder wie früher sein würde und sie keine Vorwürfe zu erwarten hätte. Die unerwarteten Folgen dieser Anzeige belehrten den erschrockenen Mr. Meagles zum ersten Male, daß täglich einige hundert junger Leute ihre Heimat unüberlegterweise verlassen. Es kamen nämlich Haufen von ungeratenen jungen Leuten nach Twickenham, die, als sie sich nicht mit Enthusiasmus aufgenommen sahen, gewöhnlich eine Entschädigung außer der Wagenmiete für hin und zurück verlangten. Und dies waren nicht mal die einzigen uneingeladenen Klienten, die die Anzeige herbeiführte. Der Schwarm von Bettelbriefschreibern, die immer gierig nach jedem Haken, er mag noch so klein sein, suchen, um einen Brief daran aufzuhängen, machte ihm die schriftliche Mitteilung, daß sie nach Lesung der Anzeige sich veranlaßt sähen, mit Zuversicht um verschiedene Summen, von zehn Schillingen an bis zu zehn Pfund, nachzusuchen, nicht weil sie irgend etwas von der jungen Person wüßten, sondern weil sie fühlten, daß es das Gefühl dessen, der die Anzeige eingerückt, erleichtern würde, wenn er sich von diesen Gaben trennte. Verschiedene Erfinder benutzten gleichfalls die Gelegenheit, mit Mr. Meagles zu korrespondieren, um ihn zum Beispiel davon in Kenntnis zu setzen, daß sie von einem Freunde auf die Anzeige aufmerksam gemacht worden wären. Sie wollten ihm versichern, sie würden, wenn sie etwas von der jungen Person erfahren, nichts unterlassen, das ihm augenblicklich kundzutun. Wenn er sie in der Zwischenzeit mit dem nötigen Scheck zur Vollendung einer gewissen gänzlich neuen Art von Brunnenpumpen unterstützen wollte, so würde dies die glücklichsten Resultate für die ganze Menschheit haben.

Mr. Meagles und seine Familie hatten bei diesen sich häufenden Entmutigungen mit Widerstreben begonnen, Tattycoram als unwiederbringlich verloren zu betrachten, als die neue tätige Firma von Doyce und Clennam in ihrer Privateigenschaft als Freunde sich eines Samstags hinausbegab, um bis zum Montag auf dem Landhaus zu verweilen. Der ältere Geschäftsteilhaber nahm einen Wagen, und der jüngere Geschäftsteilhaber nahm seinen Spazierstock.

Ein ruhiger Sommersonnenuntergang beleuchtete die Gegend, als er sich dem Ende seines Weges näherte und am Ufer hin durch die Wiesen ging. Er hatte das Gefühl des Friedens und der Freiheit von Sorgen, die das ruhige Land in der Brust der Stadtbewohner erweckt. Alles, was sein Blick umfaßte, war anmutig und freundlich. Das volle Laub der Bäume, das üppige Gras mit der bunten Abwechslung von wilden Blumen, die kleinen grünen Inseln im Flusse; die Beete von Schilf, die Wasserlilien, die auf der Oberfläche des Stromes schwammen, die fernen Stimmen in den Booten, die, bis sie durch das Rauschen des Wassers und die Abendluft zu ihm drangen, etwas Harmonisches bekamen. Alles drückte Ruhe aus. In dem zufälligen Sprung eines Fisches oder dem Brüllen einer Kuh, in allen diesen Tönen sprach sich der vorherrschende Atem der Ruhe aus, die in jedem Duft wiederzukehren schien, der die üppige Luft durchwürzte. Die langen Linien von Rot und Gold in den Wolken und die herrliche Bahn der untergehenden Sonne waren alle göttlich ruhig. Auf den purpurnen Baumwipfeln in der Ferne und auf der grünen Höhe in der Nähe, an der die Schatten langsam hinzogen, herrschte eine ähnliche Stille. Zwischen der wirklichen Landschaft und ihrem Schatten im Wasser war kein Unterschied. Beide waren so unbewegt und klar, so voll des feierlichen Geheimnisses von Leben und Tod und doch so hoffnungsvoll beruhigend für des Beschauers besänftigtes Herz, weil so sanft und gnadenvoll schön!

Clennam war nicht einmal, sondern oftmals stehengeblieben, um sich umzuschauen und die Eindrücke der Umgebung in seiner Seele tief aufzunehmen, wie die Schatten, auf die seine Blicke fielen, immer tiefer und tiefer in das Wasser zu sinken schienen. Er setzte eben langsam seinen Weg fort, als er eine Gestalt auf dem Pfade vor sich sah, die sich ihm vielleicht bereits mit dem Abend und seinen Eindrücken vermischt hatte.

Minnie war da, allein. Sie hatte einige Rosen in ihrer Hand und schien stehengeblieben zu sein, als sie ihn sah, um auf ihn zu warten. Ihr Gesicht war ihm zugewandt, und sie schien von der entgegengesetzten Richtung her zu kommen. Es war etwas Unruhiges in ihrem Wesen, das Clennam nie zuvor bemerkt hatte; und als er ihr nahe kam, stieg plötzlich der Gedanke in ihm auf, daß sie in der Absicht hier sei, um mit ihm zu sprechen.

Sie gab ihm ihre Hand und sagte: »Sie wundern sich, daß Sie mich hier ganz allein sehen? Aber der Abend ist so angenehm, daß ich weiter fortgeschlendert bin, als ich anfangs im Sinne hatte. Ich hielt es für wahrscheinlich, daß ich Ihnen begegnen würde, und das machte mich zuversichtlicher. Sie kommen doch immer diesen Weg, nicht wahr?«

Als Clennam sagte, es sei sein Lieblingsweg, fühlte er ihre Hand auf seinem Arme erbeben und sah die Rosen zittern.

»Wollen Sie mir erlauben, daß ich Ihnen eine gebe, Mr. Clennam? Ich sammelte sie, als ich aus dem Garten kam. Wahrhaftig, ich sammelte sie für Sie, da ich es für sehr wahrscheinlich hielt, daß ich Ihnen begegnen würde. Mr. Doyce ist vor mehr als einer Stunde angekommen und sagte uns, Sie seien auf dem Weg hierher.«

Seine eigne Hand zitterte, als er eine oder zwei Rosen von ihr empfing und ihr dankte. Sie waren nun bei einer Baumallee. Ob sie auf seine oder ihre Veranlassung hin in dieselbe einbogen, hat wenig zu sagen. Er wußte nie, wie das kam.

»Es ist sehr dunkel hier«, sagte Clennam, »aber sehr angenehm zu dieser Stunde. Wenn wir durch diesen tiefen Schatten gehen und durch den Lichtbogen am andern Ende hinausschreiten, so kommen wir, glaube ich, auf dem besten Weg zu der Fähre und dem Landhaus.«

In ihrem einfachen Gartenhut und ihrem leichten Sommerkleid, mit ihrem reichen braunen Haar, das in natürlichen Locken herabrollte, und die wundervollen Augen für einen Augenblick zu den seinen erhoben, mit einem Blick, in dem Achtung vor ihm und Zutrauen zu ihm auffallend mit einer Art ängstlicher Besorgtheit für ihn verbunden waren, erschien sie so schön, daß es gut für seinen Frieden war – oder schlimm für seinen Frieden, er wußte selbst nicht genau, was –, daß er jenen entscheidenden Entschluß gefaßt hatte, über den er so oft nachgedacht.

Sie brach ein momentanes Schweigen, indem sie fragte, ob er wisse, daß Papa wieder an eine Reise ins Ausland gedacht habe? Er sagte, er habe davon sprechen hören. Sie brach ein abermaliges momentanes Schweigen, indem sie mit einigem Zögern hinzufügte, daß Papa die Idee aufgegeben hätte.

Er dachte sogleich, »sie werden sich also heiraten.«

»Mr. Clennam«, sagte sie, noch ängstlicher zögernd und so leise sprechend, daß er seinen Kopf herabbeugte, um sie zu hören. »Ich möchte Ihnen sehr gern mein Vertrauen schenken, wenn Sie die Güte haben wollten, es anzunehmen. Ich hätte es Ihnen schon längst gern geschenkt, weil – ich fühlte, daß Sie unser aufrichtiger Freund sind.«

»Wie kann ich je anders als stolz darauf sein! Bitte, schenken Sie es mir. Bitte, vertrauen Sie mir.«

»Ich hätte nie Anstand genommen, Ihnen zu vertrauen«, versetzte sie und erhob ihre Augen offen zu ihm. »Ich glaube, ich hätte es schon längst getan, wenn ich gewußt, wie. Und ich weiß selbst kaum jetzt, wie.«

»Mr. Gowan«, sagte Arthur Clennam, »hat Grund, sehr glücklich zu sein. Gott segne sein Weib und ihn!«

Sie weinte, als sie ihm zu danken versuchte. Er beruhigte sie, ergriff ihre Hand, die mit den zitternden Rosen darin auf seinem Arme lag, nahm die übrigen Rosen aus derselben und brachte sie an seine Lippen. In diesem Augenblick war es ihm, als ob er jetzt ganz auf die schwindende Hoffnung verzichtete, die in Niemandes Herz geflackert, so sehr zu seiner Pein und Qual; und von dieser Zeit an wurde er in seinen Augen, in bezug auf jede ähnliche Hoffnung oder Aussicht, ein sehr viel älterer Mann, der mit diesem Teil des Lebens abgeschlossen.

Er steckte die Rosen an seine Brust, und sie gingen kurze Zeit langsam und schweigend unter den schattigen Bäumen weiter. Dann fragte er sie mit einer Stimme voll inniger Freundlichkeit: ob sie ihm, als ihrem Freund und ihres Vaters Freund, der manches Jahr älter als sie sei, noch etwas mitzuteilen habe; ob sie auf irgend etwas in ihm ihr Vertrauen setzen wolle, ob er ihr irgendeinen Dienst zu leisten, irgendeine kleine Unterstützung zu ihrem Glück zu bieten imstande wäre; sie würde ihm ein dauerndes Vergnügen bereiten, wenn er glauben dürfte, daß irgend etwas davon in seiner Macht stünde?

Sie war im Begriff zu antworten, als sie durch irgendeinen kleinen verborgenen Kummer oder ein Mitleid – was konnte es sein? – so gerührt wurde, daß sie in Tränen ausbrechend wieder sagte: »Oh, Mr. Clennam! guter, edler Mr. Clennam, bitte, sagen Sie mir, daß Sie mich nicht tadeln.«

»Ich Sie tadeln?« sagte Clennam. »Mein liebstes Kind, ich Sie tadeln? Nein.«

Nachdem sie ihre beiden Hände auf seinem Arme gefaltet und vertrauensvoll zu ihm aufgeblickt hatte, während sie in einigen raschen Worten sagte, daß sie ihm von Herzen danke (wie sie es wirklich tat), beruhigte sie sich nach und nach. Er sprach nun dann und wann ein Wort der Ermutigung, während sie langsam und beinahe schweigend unter den dunkelnden Bäumen hinschritten.

»Und nun, Minnie Gowan«, sagte Clennam endlich lächelnd, »wollen Sie mich nicht um etwas bitten?«

»Oh, ich habe sehr viel von Ihnen zu bitten.«

»Das ist gut. Ich hoffte es; ich bin nicht enttäuscht.«

»Sie wissen, wie man mich zu Hause liebt und wie ich meine Familie liebe. Sie können es sich vielleicht kaum denken, lieber Mr. Clennam«, sagte sie in sehr bewegtem Ton, »wenn sie mich aus freiem Willen aus demselben scheiden sehen, aber ich liebe sie doch so herzlich.« »Ich bin davon überzeugt«, sagte Clennam. »Können Sie glauben, ich zweifle daran?«

»Nein, nein. Aber es ist seltsam, und es erscheint mir selbst so, daß, während ich meine Familie so sehr liebe und so sehr von ihr geliebt werde, ich es über mich vermag, sie von mir zu stoßen. Es erscheint so hart, so undankbar.«

»Nein, liebes Kind«, sagte Clennam, »es liegt das in dem natürlichen Gang und Wechsel der Zeit. Alle Heimat muß man endlich verlassen.«

»Ja, ich weiß; aber nicht in jeder Familie bleibt eine solche Lücke wie in der meinen, wenn ich fort bin. Nicht, daß es an weit besseren, weit liebenswerteren und weit vollkommeneren Mädchen, als ich es bin, mangelte; nicht, daß ich etwas Bedeutendes bin; aber sie haben sich so ungemein an mich angeschlossen.«

Pets liebevolles Herz war von Gefühlen überwältigt, und sie schluchzte, während sie sich ausmalte, was geschehen würde.

»Ich weiß, welche Veränderung Papa anfangs fühlen wird, und ich weiß, daß ich anfangs ihm nichts von dem sein kann, was ich ihm seit vielen Jahren gewesen. Deshalb bitte und ersuche ich Sie jetzt, Mr. Clennam, jetzt mehr als je, seiner zu gedenken und ihm bisweilen Gesellschaft zu leisten, wenn Sie sich etwas Zeit absparen können, und ihm zu sagen, Sie wüßten, ich habe ihn noch mehr lieb, seitdem ich fort sei, als je in meinem ganzen Leben. Denn niemanden – er sagte es mir selbst, als er noch heute mit mir sprach – niemandem hat er so lieb wie Sie, und auf niemand setzt er so großes Vertrauen wie auf Sie.«

Ein Schlüssel zu dem, was zwischen Vater und Tochter vorgegangen, fiel wie ein schwerer Stein in den Born von Clennams Herz und trieb das Wasser in seine Augen. Er sagte heiter, aber nicht so heiter, wie es in seiner Absicht lag, daß das geschehen solle, und daß er ihr sein feierliches Versprechen gebe.

»Wenn ich nicht von Mama spreche«, sagte Pet bewegter und stolzer auf ihren unschuldigen Kummer, als daß Clennam selbst jetzt noch daran zu denken sich gestatten konnte, – aus welchem Grunde er die Bäume zwischen ihnen zählte, derer durch das verschwindende Licht langsam immer weniger wurden – »so geschieht es, weil Mama mich bei dieser Handlung besser verstehen und meinen Verlust auf eine andere Weise fühlen und auf andere Art in die Zukunft blicken wird. Aber Sie wissen, welch eine liebe, hingebende Mutter sie ist, und Sie werden auch ihrer gedenken, nicht wahr?«

Minnie möge ihm vertrauen, sagte Clennam; Minnie möge zuversichtlich hoffen, daß er alles tun werde, was sie wünsche.

»Und, mein lieber Mr. Clennam«, sagte Minnie, »weil Papa und jemand, den ich nicht zu nennen brauche, sich noch nicht ganz zu schätzen und zu verstehen vermögen, wie dies nach und nach geschehen wird; und weil es die Pflicht und der Stolz und die Freude meines neuen Lebens sein wird, ein besseres Verständnis zwischen ihnen anzubahnen, damit sie glücklich durch einander werden, und stolz auf einander seien und einander lieben, da sie beide mich so innig lieben; oh, so suchen Sie, als gütiger, redlicher Mann, wenn ich erst von Hause weg bin (ich gehe weit fort), Papa etwas mehr mit ihm zu versöhnen und Ihren großen Einfluß aufzuwenden, um ihn Papa frei von Vorurteil und in seiner wahren Gestalt zu zeigen. Wollen Sie das als edelmütiger Freund für mich tun?«

Arme Pet! Betrogenes, getäuschtes Kind! Wann wurde je eine solche Veränderung in den natürlichen Beziehungen von Menschen zueinander, wann je eine solche Versöhnung tief innerlicher Gegensätze zustande gebracht! Es ist schon oft von andern Töchtern versucht worden, Minnie; und niemals ist es gelungen; Fehlschläge waren immer die Folge.

So dachte Clennam. Er sagte es aber nicht; es war zu spät. Er verpflichtete sich, alles zu tun, was sie verlangte, und sie war überzeugt, daß er es tun werde.

Sie waren jetzt bei dem letzten Baume der Allee angekommen. Sie blieb stehen und entzog ihm ihren Arm. Die Augen zu ihm erhoben und mit der Hand, die noch kürzlich auf seinem Arme geruht, zitternd eine von den Rosen an seiner Brust als Verstärkung der Bitte berührend, sagte sie:

»Lieber Mr. Clennam, in meinem Glück – denn ich bin glücklich, obgleich Sie mich haben weinen sehen – kann ich keine Wolke zwischen uns schweben sehen. Wenn Sie mir irgend etwas zu vergeben haben – nicht etwas, was ich mit Absicht getan, sondern irgendein Leid, das ich Ihnen ohne meinen Willen zugefügt habe oder dem abzuhelfen in meiner Macht stand, so vergeben Sie mir heute abend aus der Fülle Ihres edlen Herzens.«

Er beugte sich, um in das schuldlose Gesicht zu blicken, das ihn ohne Scheu ansah. Er küßte es und antwortete, der Himmel wisse, daß er nichts zu vergeben habe. Als er sich herabbeugte, um noch einmal in das unschuldige Gesicht zu blicken, flüsterte sie: »Leben Sie wohl!« und er wiederholte es. Es war ein Abschiednehmen von allen seinen alten Hoffnungen – allen alten ruhelosen Zweifeln jenes Niemand. Sie traten im nächsten Augenblick Arm in Arm aus der Allee, wie sie darin eingetreten waren; und die Bäume schienen sich hinter ihnen in der Dunkelheit zu schließen, wie ihr eigener Ausblick auf die Vergangenheit.

Die Stimmen von Mr. und Mrs. Meagles und Doyce wurden alsbald hörbar, da sie in der Nähe der Gartentür sprachen. Als er Pets Namen unter ihnen nennen hörte, rief Clennam: »Sie ist hier, bei mir.« Man wunderte sich und lachte, bis sie näher kamen; aber sobald sie alle beisammen waren, hörte das Lachen auf, und Pet schlüpfte weg.

Mr. Meagles, Doyce und Clennam gingen, ohne zu sprechen, am Ufer des Flusses im Lichte des aufsteigenden Mondes einige Minuten auf und ab; dann blieb Doyce zurück und ging in das Haus. Mr. Meagles und Clennam gingen zusammen noch einige Minuten, ohne zu sprechen, auf und ab, bis endlich der erstere sein Schweigen brach.

»Arthur«, sagte er, indem er zum ersten Male seit ihrer Bekanntschaft diese vertrauliche Anrede gebrauchte, »erinnern Sie sich, daß ich, als wir an einem heißen Morgen über den Hafen von Marseille hinblickend auf und ab gingen, zu Ihnen sagte: es sei Mutter und mir, als ob Pets Zwillingsschwester, die gestorben, gewachsen, wie diese gewachsen, und sich verändert hätte, wie diese sich verändert?«

»Allerdings.«

»Sie erinnern sich, daß ich Ihnen gesagt, wir hätten die Zwillingsschwestern in unsren Gedanken nie trennen können, und in unsrer Phantasie sei, was Pet war, die andere immer auch?«

»Ja, ganz richtig.«

»Arthur«, sagte Mr. Meagles sehr gebeugt, »ich spinne diese Phantasie heute abend weiter. Mir ist es heute abend, mein lieber Freund, als ob Sie mein teures Kind zärtlich geliebt und es verloren hätten, als es so alt war, wie Pet jetzt ist.«

»Ich danke Ihnen«, murmelte Clennam, »danke Ihnen!« Dabei drückte er ihm die Hand.

»Wollen Sie hereinkommen?« sagte Mr. Meagles darauf.

»Bald, sehr bald.«

Mr. Meagles ging, und er war allein. Als er ungefähr eine halbe Stunde im friedlichen Mondlicht am Ufer des Flusses auf und ab gegangen, steckte er die Hand in seine Brust und nahm sanft die Handvoll Rosen heraus. Vielleicht drückte er sie an sein Herz, vielleicht brachte er sie an seine Lippen, gewiß ist nur, daß er sich über das Ufer hinabbeugte und sie langsam in den Fluß fallen ließ. Bleich und nebelhaft im Schein des Mondlichtes führte sie der Fluß mit sich fort.

Die Lichter brannten hell, als er in das Haus trat, und die Gesichter, auf die sie schienen, das seinige nicht ausgenommen, waren bald ruhig und heiter. Sie sprachen von mancherlei Dingen; sein Geschäftsteilhaber hatte noch nie einen solchen Vorrat von Geschichten gehabt, aus dem man nur schöpfen durfte, um die Zeit angenehm zu verbringen. Dann ging es zu Bett und in die Arme des Schlafes. Indessen schwammen die Blumen bleich und nebelhaft in dem Mondlicht auf dem Flusse fort. So schwimmen noch größere Dinge, die einst unsrer Brust und unsrem Herzen nahe waren, von uns auf das Meer der Ewigkeit hinaus.

Neunzehntes Kapitel.


Neunzehntes Kapitel.

Der Vater des Marschallgefängnisses in zwei bis drei Beziehungen.

Die Brüder William und Frederick Dorrit boten, wenn sie im Gefängnishofe auf und ab gingen – natürlich auf der aristokratischen oder Brunnenseite, denn der Vater machte es zu einer Standesache, die Sonntagmorgen, Christfeiertage und andere festliche Anlässe ausgenommen, mit seinen Spaziergängen unter seinen Kindern auf der Armenseite sparsam zu sein, eine Observanz, in der er sehr pünktlich war, und bei welchen Gelegenheiten er seine Hände auf die Häupter seiner Kinder legte und diese jungen Zahlungsunfähigen mit einem Wohlwollen segnete, das höchst erbaulich war, – die Brüder, wenn sie so miteinander im Gefängnishofe auf und ab gingen, boten einen interessanten Anblick: Frederick, der Freie, war so demütig, gebeugt, zusammengeschrumpft und schlaff, William, der Gefangene, so vornehm, herablassend und wohlwollend selbstbewußt, daß die Brüder, wenn auch in keiner andern Hinsicht, in dieser allein schon ein merkwürdiges Schauspiel boten.

Sie gingen an dem Abend jener sonntäglichen Begegnung Klein-Dorrits mit ihrem Liebhaber auf der Iron Bridge auf dem Hofe miteinander auf und nieder. Die Staatsgeschäfte waren für diesen Tag erledigt, dem Empfangzimmer war vielfache Ehre zuteil geworden, mehrere Vorstellungen hatten stattgefunden; die drei Schillinge und sechs Pence, die zufällig auf dem Tische liegengeblieben, waren zufällig auf zwölf Schillinge angewachsen, und der Vater des Marschallgefängnisses erquickte sich an einer Zigarre. Wie er so auf und nieder ging, seinen Schritt nachgiebig zu dem Schlürfen seines Bruders verlangsamend, nicht stolz auf sein Übergewicht, sondern billig gegen dieses arme Geschöpf, nachsichtig gegen ihn und Geduld mit seinen Schwächen in jedem Paff Rauch ausatmend, der aus seinen Lippen ging und über die mit Eisenspitzen versehene Mauer emporzusteigen suchte – war er eine merkwürdige Erscheinung.

Sein Bruder Frederick mit dem matten Auge, der gelähmten Hand, der gebeugten Gestalt und dem tappenden Geiste schlürfte unterwürfig neben ihm her und nahm seine Gönnerschaft hin wie jedes andere Ereignis der labyrinthischen Welt, in der er verlorengegangen war. Er hielt wie gewöhnlich ein zerknittertes Stück bräunliches Papier in der Hand, aus dem er ab und zu eine kleine Prise Schnupftabak nahm. Hatte er diese mit Mühe herausgebracht, so sah er seinen Bruder nicht ohne Bewunderung an, legte die Hände auf den Rücken und schlürfte neben ihm her, bis er wieder eine Prise nahm oder stillestand, um sich umzusehen, – da er vielleicht plötzlich seine Klarinette vermißte.

Die Besucher des Gefängnisses verloren sich, als die Schatten der Nacht herabsanken, aber der Hof war noch immer hübsch voll, da die Gefangenen zumeist ihre Freunde bis zu dem Pförtnerstübchen begleiteten. Während die Brüder auf dem Hofe spazierten, 22? sah Wilhelm der Gefangene nach rechts und links, um Grüße zu empfangen, erwiderte sie, indem er freundlich seine Mütze lüftete, mit verbindlicher Miene seinen Bruder anhielt, daß er nicht auf die Leute hinaufhumpelte oder gegen die Wand gestoßen würde. Die Gefangenen, im ganzen genommen, waren nicht leicht für Eindrücke empfänglich, aber auch sie schienen je nach ihrer verschiedenen Art sich zu verwundern, die beiden Brüder so eigenartig verschieden zu sehen.

»Du bist heute abend etwas still, Frederick«, sagte der Vater des Marschallgefängnisses. »Hast du etwas?«

»Ob ich etwas habe?« Er sah ihn einen Augenblick an, dann ließ er wieder Kopf und Augen sinken. »Nein, William, nein, ich habe nichts.«

»Wenn man nur imstande wäre, dich etwas aufzurütteln, Frederick –«

»Ach, ach!« sagte der alte Mann rasch. »Ich kann mal nicht anders sein. Ich kann’s nicht. Sprich nicht so. Das ist alles vorbei.«

Der Vater des Marschallgefängnisses sah einen vorübergehenden Kollegen, mit dem er auf freundschaftlichem Fuße stand, an, als wollte er sagen: »Ein schwacher, alter Mann, das; aber er ist mein Bruder, Herr, mein Bruder, und die Stimme der Natur ist mächtig!« und zog seinen Bruder an dem fadenscheinigen Ärmel von dem Schwengel der Pumpe, an den er zu stoßen im Begriff war, weg. Nichts hätte zur Vollendung seines Charakters als brüderlicher Führer, Philosoph und Freund gefehlt, wenn er nur seinen Bruder vom Ruin weggesteuert hätte, statt daß er ihn hineinführte.

»Ich denke, William«, sagte der Gegenstand seiner liebevollen Teilnahme, »ich bin müde und will nach Hause und zu Bett gehen.«

»Mein lieber Frederick«, versetzte der Bruder. »Ich will dich nicht zurückhalten; opfere deine Neigungen nicht mir.«

»Späte Stunden und heiße Luft und vermutlich die Jahre«, sagte Frederick, »machen mich schwach.«

»Mein lieber Frederick«, versetzte der Vater des Marschallgefängnisses, »glaubst du auch vorsichtig genug zu sein? Hältst du deine Gewohnheiten für so präzis und methodisch wie – soll ich sagen – wie die meinen? Ohne wieder auf die kleine Sonderbarkeit zurückzukommen, die ich eben erwähnte, zweifle ich doch, daß du dir genug Bewegung in der freien Luft machst, Frederick. Dieser Platz steht dir ja immer zur Verfügung. Warum machst du nicht regelmäßig Gebrauch davon?«

»Ha!« seufzte der andere. »Ja, ja, ja, ja!»

»Das nützt nichts, ja, ja zu sagen, mein lieber Frederick», fuhr der Vater des Marschallgefängnisses in seiner milden Weisheit fort, »wenn du nicht in Übereinstimmung damit handelst. Betrachte mich, Frederick. Ich bin eine Art von Beispiel. Zeit und Not haben mich gelehrt, was zu tun. Zu bestimmten Stunden des Tages wirst du mich auf dem Spaziergang, in meinem Zimmer, im Pförtnerstübchen, bei der Zeitung, Gesellschaft empfangen, essen und trinken sehen. Ich habe Amy während vieler Jahre eingeprägt, daß ich mein Essen (zum Beispiel) pünktlich haben muß. Amy ist in dem Gefühl der Wichtigkeit dieser Anordnungen aufgewachsen, und du weißt, was für ein gutes Mädchen sie ist.«

Der Bruder seufzte bloß wieder, während er träumend und langsam fortschlotterte: »Ha! Ja, ja, ja ja!«

»Mein lieber Junge«, sagte der Vater des Marschallgefängnisses, indem er die Hand auf seine Schulter legte und ihn sanft mitzog – sanft, wegen seiner Schwäche, die arme, gute Seele; »du sagtest das vorhin schon, und es will nicht viel heißen, Frederick, selbst wenn es viel ausdrücken soll. Ich möchte dich aufrütteln können, mein guter Frederick; du solltest aufgerüttelt werden.«

»Ja, William, ja. Ohne Zweifel«, versetzte der andere, indem er seine matten Augen erhob. »Aber ich bin nicht wie du.«

Der Vater des Marschallgefängnisses sagte mit einem Achselzucken bescheidener Selbstherabsetzung: »O, du könntest wie ich sein, Frederick; du könntest es sein, wenn du wolltest!« und unterließ es in der Großmut, die ihm seine Stärke einflößte, seinen gefallenen Bruder weiter zu drängen.«

Es war an den Ecken und Enden, wie gewöhnlich an den Sonntagabenden, ein fortwährendes Abschiednehmen; hier und dort in der Dunkelheit weinte eine arme Mutter, Frau oder ein Mädchen mit einem neuen Kollegen. Es hatte eine Zeit gegeben, wo der Vater selbst in dem Schatten dieses Hofes geweint, als sein eigenes, armes Weib weinte. Aber es waren viele Jahre indes verflossen: und nun war er wie ein Passagier an Bord eines Schiffes auf weiter Fahrt, der sich von der Seekrankheit erholt und sich über die Schwäche der jüngeren Reisenden ärgert, die im letzten Hafen an Bord genommen wurden. Er hatte Lust gehabt, diesen Leuten Vorstellungen zu machen und ihnen seine Meinung zu sagen, daß Leute, die es nicht ohne Weinen tun können, hier nichts zu schaffen hätten. In seinem Benehmen, wenn auch nicht in Worten, gab er stets sein Mißfallen an diesen Unterbrechungen der allgemeinen Harmonie zu erkennen. Und man verstand ihn so gut, daß die Delinquenten sich immer davonmachten, wenn sie seiner gewahr wurden.

An diesem Sonntagabend begleitete er seinen Bruder mit dem Ausdruck der Duldung und Milde bis an das Tor; er war in sanfter Stimmung und gütig genug aufgelegt, um über die Tränen hinwegzusehen. In dem flackernden Gaslicht des Pförtnerstübchens sonnten sich mehrere Gefangene: einige von Besuchen Abschied nehmend, andere, die keine Besuche hatten, dem häufigen Umdrehen des Schlüssels zusehend und unter sich oder mit Mr. Chivery plaudernd. Das Eintreten des Vaters machte natürlich Aufsehen: und Mr. Chivery, mit seinem Schlüssel an den Hut greifend (wenn auch sehr kurz), sprach die Hoffnung aus, daß er sich erträglich wohl befinde. »Danke, Chivery, ganz wohl. Und Sie?« Mr. Chivery sagte leise murmelnd: »Oh! ihm gehe es ganz gut!« Was seine gewöhnliche Art war, wie er auf Fragen nach seinem Befinden antwortete, wenn er etwas mürrisch war.

»Ich hatte heute einen Besuch vom jungen John, Chivery. Er sah sehr geschniegelt aus, ich versichere Sie.«

Das hatte Mr. Chivery auch gehört. Mr. Chivery mußte jedoch gestehen, daß es sein Wunsch wäre, der Junge gäbe nicht so viel Geld dafür aus. Denn was brächte es ihm ein? Es bringe ihn nur in Kummer und Sorgen. Und das könne er überall umsonst haben.

»Was meinen Sie damit, Chivery?« fragte der wohlwollende Vater.

»Nichts Schlimmes«, versetzte Mr. Chivery. »Schon gut. Will Mr. Frederick schon fort?«

»Ja, Chivery, mein Bruder will nach Hause und zu Bett gehen. Er ist müde und nicht ganz wohl, nimm dich in acht, Frederick, nimm dich in acht. Gute Nacht, mein lieber Frederick!«

Seinem Bruder die Hand schüttelnd und seinen fetten Hut vor der Gesellschaft im Pförtnerstübchen leicht rückend, schob Frederick langsam zur Tür hinaus, die Mr. Chivery ihm öffnete. Der Vater des Marschallgefängnisses zeigte die liebenswürdige Besorgtheit eines höheren Wesens, daß ihm doch ja kein Unfall zustoßen möchte. »Haben Sie die Güte, die Tür einen Augenblick offen zu lassen, Chivery, damit ich ihn durch den Gang und die Treppe hinabgehen sehen kann. Nimm dich in acht, Frederick! (Er ist sehr schwach.) Vergiß die Stufen nicht. (Er ist so zerstreut.) Gib acht, wie du hinüberkommst, Frederick. (Ich möchte wirklich nicht wissen, welch weiten Weg er zu machen hat, er kann so leicht überrannt werden).«

Mit diesen Worten und mit einem Gesicht, in dem sich eine Menge banger Zweifel und ängstlicher Besorgnisse aussprachen, wandte er den Blick auf die im Pförtnerstübchen versammelte Gesellschaft, indem er so offen zu verstehen gab, daß sein Bruder zu bemitleiden, weil er nicht hinter Schloß und Riegel sei, daß die versammelten Kollegen im Kreise sich eine Bemerkung in dieser Richtung nicht verschweigen konnten.

Aber er stimmte ihnen nicht unbedingt bei, im Gegenteil, er sagte: Nein, Gentlemen, nein; sie sollten ihn nicht mißverstehen. Sein Bruder sei allerdings sehr gebrochen, und es würde für ihn (den Vater des Marschallgefängnisses) weit angenehmer sein, zu wissen, daß er innerhalb der Mauern in Sicherheit wäre. Aber man dürfe nicht vergessen, daß, wenn jemand es viele Jahre hier aushalten können soll, eine gewisse Verbindung von Eigenschaften – er sage nicht hohe Eigenschaften, aber Eigenschaften – moralische Eigenschaften nötig seien. Und habe sein Bruder diese eigentümliche Verbindung von Eigenschaften? »Gentlemen, er ist ein ausgezeichneter Mann, ein edler, feinfühlender und achtungswerter Mann mit der Einfachheit eines Kindes; aber würde er, obgleich für die meisten andern Orte untauglich, für diesen Ort passen? Nein«; er sage ihnen im Vertrauen, nein! Und er sagte: »Der Himmel verhüte, daß Frederick je in einem andern Charakter als in seinem jetzigen freiwilligen hier wäre! Gentlemen, wer in dieses Kollegium kommt, um hier lange zu bleiben, müßte einen starken Charakter haben, um sich in so vieles zu finden und aus so vielem wieder herauszufinden.« Sei sein geliebter Bruder dieser Mann? Nein. Sie sähen ihn, wie dem nun auch sei, gebeugt. Das Unglück habe ihn gebeugt, er habe nicht Schnellkraft genug, nicht Elastizität genug, um lange Zeit an einem solchen Orte zu sein und seine Selbstachtung zu bewahren und sich bewußt zu bleiben, daß er ein Gentleman sei. Frederick habe (wenn er den Ausdruck gebrauchen dürfe) nicht Kraft genug, in jeder zarten kleinen Aufmerksamkeit und – und – jedem Ehrengeschenk, das er unter solchen Umständen empfinge, die Güte der menschlichen Natur, den feinen Geist, der die Kollegen als eine Körperschaft belebe, und zu gleicher Zeit keine Herabwürdigung für sich und keine Herabsetzung seiner Ansprüche als Gentleman zu sehen. »Gentleman, Gott mit Euch!«

So lautete die Homilie, mit der er die Gesellschaft im Pförtnerstübchen erbaute und ihr die Sache deutete, ehe er in den schmutzigen Hof zurückging, um in seiner eigenen schäbigen Würde an dem Kollegen in dem Schlafrock, der keinen Rock hatte, und dem Kollegen in den Matrosenpantoffeln, der keine Schuhe hatte, und dem stolzen Obsthändler-Kollegen mit den kurzen baumwollenen Hosen, der keine Sorgen hatte, und dem mageren Schreiber von Kollegen in seinem knopflosen, schwarzen Rock, der keine Hoffnung hatte, vorüber sich nach seiner eigenen, armen, schäbigen Treppe, in sein eigenes, armes, schäbiges Zimmer zu begeben.

Dort war der Tisch für sein Nachtessen gedeckt, und sein alter, grauer Schlafrock lag auf der Stuhllehne am Feuer. Seine Tochter steckte ihr kleines Gebetbuch in ihre Tasche – hatte sie doch um Gnade für alle Gefangenen gebetet! – und stand auf, um ihn zu begrüßen.

Ob der Oheim schon heimgegangen? fragte sie ihn, als sie seinen Rock wechselte und ihm seine schwarze Samtmütze gab. Ja, der Oheim sei heimgegangen. Ob dem Vater der Spaziergang gut bekommen? – »Nein, nicht besonders, Amy: nicht besonders.« – Nein? Ob er sich nicht ganz wohl fühle?

Während sie so hinter ihm stand, liebevoll über den Stuhl herabgebeugt, sah er mit niedergeschlagenen Blicken in das Feuer. Eine Unbehaglichkeit beschlich ihn, wie ein Anflug von Scham; und als er sprach, wie es später der Fall war, geschah es in unzusammen hängender und verlegener Weise.

»Etwas, ich – hm! – ich weiß nicht was, ist dem Chivery begegnet. Er ist heute abend nicht – hm! – nicht ganz so höflich und aufmerksam wie sonst. Es ist – hm! – eine Kleinigkeit, aber es macht mich irre, mein liebes Kind. Es ist unmöglich zu vergessen«, fügte er hinzu, indem er die Hände beständig umeinander drehte und sie starr ansah, »daß – hm! – ich bei einem Leben, wie das meine, unglücklicherweise von Menschen wie diese den ganzen Tag wegen einer Kleinigkeit abhängig bin.«

Ihr Arm ruhte auf seiner Schulter, aber sie sah ihm nicht ins Gesicht, während er sprach. Sie beugte ihren Kopf und sah anderswohin.

»Ich – hm! – ich kann mir nicht denken, Amy, was Chivery beleidigt hat. Er ist im allgemeinen so – so ungemein aufmerksam und respektvoll. Und heute abend war er sehr – sehr kurz angebunden mit mir. Waren noch andere Leute da! Bei Gott im Himmel, wenn ich die Unterstützung und Achtung Chiverys und seiner Mitangestellten verlieren sollte, so möchte ich lieber sterben.«

Während er sprach, öffnete und schloß er seine Hände wie Klappen und war sich die ganze Zeit des Anflugs von Schamgefühl so bewußt, daß er vor seiner eigenen Kenntnis dessen, worauf er hindeutete, zurückbebte.

»Ich – hm! – ich kann mir nicht denken, was schuld daran. Ich weiß wirklich nicht, was die Ursache ist. Da war einmal ein gewisser Jackson hier, ein Schließer namens Jackson (ich glaube nicht, daß du dich seiner erinnern kannst, meine Liebe, du warst noch sehr jung), und – hm! – der hatte einen – Bruder, und dieser – jüngere Bruder machte der – nicht der Tochter – der Schwester eines von uns, eines ziemlich angesehenen Mitgefangenen, den Hof – das heißt – er betete sie an, betete sie aus ganzer Seele an; ich darf das wohl sagen. Sein Name war Kapitän Martin; er befragte mich über die Sache, ob etwa seine Tochter – Schwester – den Bruder des Schließers beleidigen würde, wenn sie gegen den andern Bruder zu – hm! – zu offen wäre. Kapitän Martin war ein Gentleman und ein Mann von Ehre, und ich bat ihn, mir zuerst seine – seine eigene Ansicht zu sagen. Kapitän Martin (der große Achtung in der Armee genoß) sagte ohne Zögern, es scheine ihm, daß seine – hm! – Schwester nicht verpflichtet sei, den jungen Mann zu deutlich zu verstehen, und daß sie ihn – ich weiß nicht mehr genau, wie Kapitän Martins Ausdruck lautete – ich glaube, er sagte, um ihres Vaters – wollte sagen Bruders – willen Hinhalten dürfe. Ich weiß nicht mehr recht, wie ich auf diese Geschichte gekommen bin. Ich glaube, es geschah, weil ich nicht weiß, wie ich mir Chiverys Benehmen erklären soll; aber wie die beiden Sachen zusammenhängen, sehe ich nicht ein.«

Seine Stimme erstarb, als ob sie die Pein, ihn zu hören, nicht ertragen könnte, und Amys Hand war nach und nach bis an seine Lippen gekommen. Für einen Augenblick trat Totenstille und tiefes Schweigen ein; er saß zusammengesunken in seinem Stuhl, und sie hielt den Arm um seinen Hals geschlungen und den Kopf auf seine Schulter herabgebeugt.

Sein Nachtessen kochte in einem Pfännchen über dem Feuer, und als Amy sich bewegte, geschah es, um es für ihn auf den Tisch zu setzen. Er nahm seinen gewöhnlichen Sitz, sie den ihren ein, und er begann sein Mahl. Sie sahen einander noch nicht an. Nach und nach wurde er ungeduldig, indem er Messer und Gabel geräuschvoll niederlegte, die Sachen laut aufnahm, auf sein Brot biß, als ob er beleidigt wäre, und auf ähnliche Weise andeutete, daß er verdrießlich sei. Endlich stieß er seinen Teller von sich und sprach laut und mit der seltsamsten Ungereimtheit:

»Was liegt daran, ob ich esse oder sterbe? Was liegt daran, ob ein vergeudetes Leben, wie das meine, jetzt oder die nächste Woche oder das nächste Jahr ein Ende nimmt? Was bin ich irgend jemand wert? Ein armer Gefangener, genährt von Almosen und Abhub; ein garstiger, widerwärtiger Tropf!«

»Vater, Vater!« Sie stand auf, rutschte auf den Knien zu ihm hin und streckte die Hände empor.

»Amy«, fuhr er mit gepreßter Stimme im heftigsten Zittern und sie so wild anblickend, als wäre er wahnsinnig geworden, fort: »Ich sage dir, wenn du mich sehen könntest, wie deine Mutter mich sah, du würdest nicht glauben, daß das der Mensch sei, den du nur durch das Gitter dieses Gefängnisses gesehen. Ich war jung, ich war feingebildet, ich war hübsch, ich war unabhängig – bei Gott, Kind, ich war es –, und die Leute suchten mich und beneideten mich. Beneideten mich!«

»Lieber Vater!« Sie suchte den zitternden Arm, der die Luft durchkreuzte, herabzuziehen, aber er widerstand und stieß ihre Hand zurück.

»Wenn ich nur ein Bild von mir aus jenen Tagen hätte, und wäre es auch noch so schlecht geraten, du würdest stolz darauf sein. Aber ich habe nichts dergleichen. Ich sollte eine Warnung sein. Kein Mann«, rief er und sah ganz verstört um sich, »sollte versäumen, wenigstens diese Kleinigkeit aus den Zeiten seines Glückes und der Achtung zu bewahren. Seine Kinder sollten diesen Schlüssel zu dem, was er war, haben. Wenn mein Gesicht nach meinem Tode nicht jenes lang verschwundene Aussehen wiedererhält – man sagt, ich weiß es nicht, das soll vorkommen –, so werden mich meine Kinder nie gesehen haben.«

»Vater, Vater!«

»O verachte mich, verachte mich! Sieh weg von mir, höre nicht auf mich, tue mir Einhalt, erröte um mich, weine um mich. Selbst du, Amy! Tue es, tue es! Ich tue es gegen mich selbst. Ich bin unempfindlich, ich bin zu tief gesunken, um mich sehr darob zu grämen.«

»Lieber Vater, geliebter Vater, Liebling meines Herzens!« Sie hing sich mit ihren Armen an ihn und vermochte ihn, daß er sich in seinen Stuhl setzte; dann ergriff sie den erhobenen Arm und suchte ihn um ihren Hals zu legen.

»Laß ihn hier liegen, Vater. Sieh mich an, Vater, küsse mich, Vater! Denke nur einen kleinen Augenblick an mich!«

Er fuhr aber in derselben wirren Weise fort, obgleich sein Ton nach und nach in ein trauriges Weinen überging.

»Und doch genieße ich einigen Respekt hier. Ich habe mich einigermaßen aufrechterhalten. Ich bin nicht ganz niedergebeugt. Geh hinaus und frage: wer ist die Hauptperson an diesem Ort? Und sie werden dir antworten, es ist dein Vater. Geh hinaus und frage: mit wem hat man nie seinen Spaß getrieben, und wer ist immer mit einer gewissen Zartheit behandelt worden? Sie werden sagen: dein Vater. Geh hinaus und frage: welches Leichenbegängnis (es wird hier stattfinden, ich weiß, es kann nirgend anderswo sein) mehr von sich sprechen machen und vielleicht größern Schmerz hervorrufen wird als irgendeines, das je zu jenem Tor hinausging? Sie werden sagen: das von deinem Vater. Gut denn. Amy! Amy! Ist dein Vater so allgemein verachtet? Kann ihn nichts retten? Wirst du ihn an nichts als seinen Ruin und sein Elend zu erinnern haben? Wirst du imstande sein, keine Liebe für ihn zu bewahren, wenn er, der arme Verstoßene, dahingegangen?«

Er brach in Tränen halb nebelhaften Mitleids mit sich selbst aus, und indem er zuletzt gestattete, daß sie ihn umarmte und sich um ihn mühte, ließ er sein weißes Haupt an ihrer Wange ruhen und weinte über sein Elend. Plötzlich änderte er den Gegenstand seiner Klagen, schlang seine Hände um sie, als sie ihn umarmte, und rief: Oh, Amy, mein mutterloses, verlorenes Kind! Oh, die schönen Tage, da er sie noch für ihn arbeiten und sich mühen gesehen! Dann kehrte er wieder zu sich zurück und sagte ihr in weichem Tone, wie weit mehr sie ihn geliebt, wenn sie ihn in seiner früheren Stellung gekannt, und wie er sie an einen Gentleman verheiratet hätte, der auf sie als seine Tochter stolz gewesen, und wie (wobei er wieder weinte) sie an seiner väterlichen Seite zum ersten Male mit ihrem eigenen Pferde ausgeritten wäre, und wie die Menge (wobei er im Grunde die Leute meinte, die ihm die zwölf Schillinge gegeben, die er in der Tasche hatte) ehrfurchtsvoll auf den staubigen Wegen nebenher gegangen sein würde.

So, bald prahlend, halb verzweifelnd, stets jedoch ein Gefangener, mit dem Gefängnismoder an sich und dem Gefängnisschmutz in sich, enthüllte er seinen herabgekommenen Zustand seinem liebevollen Kinde. Niemand sonst sah ihn so in allen Einzelheiten seiner Erniedrigung. Wenig kümmerte es die Kollegen, die in ihren Zimmern über seine letzte Anrede im Pförtnerstübchen lachten, was für ein ernstes Gemälde sie in ihrer dunklen Marschallgefängnisgalerie an jenem Sonntagabend hatten. Im klassischen Altertum lebte vielleicht einst eine Tochter, die ihrem Vater in seinem Gefängnisse reichte, was ihre Mutter ihr gereicht. Klein-Dorrit, obgleich von dem unheroischen modernen Stamm und eine bloße Engländerin, tat weit mehr, indem sie ihres Vaters zerstörtes Herz an ihrer unschuldigen Brust ausruhen ließ und eine Quelle der Liebe und Treue ihm zuführte, die niemals vertrocknete oder abnahm während all dieser Hungerjahre.

Sie beruhigte ihn; bat ihn um Verzeihung, wenn sie ungehorsam gewesen oder geschienen; sagte ihm, der Himmel weiß es, daß sie ihn nicht mehr ehren könnte, wenn er der Liebling des Glückes wäre und die ganze Welt ihm ihre Achtung zollte. Als seine Tränen getrocknet waren und er in seiner Gerührtheit nicht mehr weinte und von jenem Anfall von Scham befreit war und seine gewöhnliche Haltung wiedergewonnen, wärmte sie den Rest seines Abendessens noch einmal und freute sich, während sie neben ihm saß, daß er aß und trank. Denn jetzt saß er in seiner schwarzen Samtmütze und seinem alten, grauen Schlafrock wieder erhaben da und würde sich gegen jeden Kollegen, der hereingekommen, um sich seinen Rat zu erbitten, wie ein großer moralischer Lord Chesterfield oder Sittenzeremonienmeister des Marschallgefängnisses benommen haben.

Um seine Aufmerksamkeit zu beschäftigen, sprach sie mit ihm von seiner Garderobe; und er geruhte zu sagen, ja, diese Hemden, die sie ihm vorschlage, seien ganz annehmbar, denn die, die er habe, seien abgetragen und hätten, als fertig gekauft, nie getaugt. Da er gesprächig wurde und in gute Laune kam, richtete er ihre Aufmerksamkeit auf seinen Rock, der hinter der Tür hing, indem er bemerkte, daß der Vater des Ortes seinen Kindern, die ohnedies nachlässig gekleidet zu gehen geneigt seien, ein schlimmes Beispiel geben würde, wenn er mit offenen Ellbogen unter ihnen umherginge. Er scherzte sogar über die Absätze seiner Schuhe; wurde jedoch bezüglich seiner Krawatte ernst und bat sie, wenn sie es ermöglichen könnte, ihm eine neue zu kaufen.

Während er seine Zigarre im Frieden rauchte, machte sie sein Bett und brachte das kleine Zimmer für seine Nachtruhe in Ordnung. Da er bei der vorgerückten Stunde und infolge seiner Aufregung sehr müde war, erhob er sich aus seinem Stuhl, um sie zu segnen und ihr gute Nacht zu wünschen. Er hatte die ganze Zeit nicht einmal an ihr Kleid und ihre Schuhe oder irgend etwas, dessen sie sonst bedurfte, gedacht. Niemand auf Erden, außer sie selbst, konnte so gleichgültig gegen ihre Bedürfnisse sein.

Er küßte sie mehrmals mit den Worten: »Gott segne dich, mein liebes Kind. Gute Nacht, meine Liebe!«

Aber ihr edles Herz war so tief verwundet durch das, was sie von ihm gesehen, daß sie ihn nicht allein lassen wollte, damit er nicht wieder jammere und verzweifle. »Lieber Vater, ich bin nicht müde; ich will wiederkommen, wenn du im Bett bist, und mich zu dir setzen.«

Er fragte sie mit einem gewissen Ausdruck des Schutzes, ob sie sich einsam fühle?

»Ja, Vater.«

»Dann komme jedenfalls wieder, mein liebes Kind.«

»Ich werde sehr ruhig sein, Vater.«

»Denke nicht an mich, mein liebes Kind«, sagte er, indem er ihr seine freundliche Erlaubnis aus vollem Herzen gab. »Komme jedenfalls wieder.«

Er schien zu schlummern, als sie zurückkam, und sie schürte das herabgebrannte Feuer leise zusammen, damit sie ihn nicht aufwecke. Aber er hörte sie und fragte, wer es sei.

»Nur Amy, Vater.«

»Amy, mein Kind, komm hierher. Ich muß dir ein Wort sagen.«

Er erhob sich etwas in seinem niederen Bett, während sie neben ihm kniete, um ihr Gesicht in seine Nähe zu bringen, und legte seine Hand zwischen die ihren. Oh! Beide, der Privatvater und der Vater des Marschallgefängnisses, waren in diesem Augenblick lebendig in ihm.

»Mein liebes Kind, du hattest hier ein Leben voll Mühseligkeit. Keine Spielgenossen, keine Erholungen, manche Entbehrungen, fürchte ich.«

»Denke nicht daran, Vater. Ich tu‘ es auch nicht.«

»Du kennst meine Lage, Amy. Ich war nicht imstande, viel für dich zu tun; aber was ich zu tun imstande war, habe ich getan.«

»Ja, mein lieber Vater«, bestätigte sie, ihn küssend. »Ich weiß, ich weiß.«

»Ich bin im dreiundzwanzigsten Jahre hier«, sagte er, mit einem Ausdruck in seinem Ton, der nicht so sehr ein Seufzer als vielmehr ein ununterdrückbares Gefühl des Eigenlobes, der augenblickliche Ausbruch edlen Selbstbewußtseins war. »Alles, was ich für meine Kinder tun konnte, habe ich getan. Amy, meine Liebe, du bist bei weitem die, die ich von allen drei am meisten liebe; ich trug dich vor allen in meinem Herzen, und was ich für dich getan, mein liebes Kind, habe ich gern und ohne Murren getan.«

Nur die Weisheit, die den Schlüssel zu allen Herzen und Geheimnissen hat, kann genau wissen, wie weit ein Mann, und besonders ein Mann, der so herabgekommen wie dieser, sich selbst belügen kann. Genug für den Augenblick, daß er mit nassen Wimpern, heiter, in majestätischer Weise sich niederlegte, nachdem er sein herabgekommenes Leben als eine Art Erbteil auf das liebevolle Kind übertragen, auf das sein Elend so schwer gefallen und dessen Liebe ihn allein so weit gerettet, daß er war, was er war.

Das Kind hatte keine Zweifel, richtete keine Fragen an sich selbst, denn es war nur zu zufrieden, ihn mit einem Glanz um sein Haupt zu sehen. »Armer, lieber, guter Vater, bester, teuerster Vater«, waren die einzigen Worte, die sie für ihn hatte, als sie ihn in den Schlaf bringen wollte.

Sie verließ ihn die ganze Rächt nicht mehr. Als ob sie ihm ein Unrecht getan, das ihre Zärtlichkeit kaum wieder gutmachen könnte, saß sie bei ihm, während er schlief, und küßte ihn bisweilen mit zurückgehaltenem Atem und flüsterte einen liebkosenden Namen. Bisweilen ging sie zur Seite, um nicht das herabgebrannte Feuer aufzufangen, und hätte gern gewußt, wenn sie ihn beobachtete und das Licht auf sein schlafendes Gesicht fiel, ob er wohl so ausgesehen, als er glücklich und in guten Umständen gewesen; da er sie so sehr gerührt, als er sich einbildete, daß er noch einmal in jener schrecklichen Zeit so aussehen würde. Bei dem Gedanken an jene Zeit kniete sie wieder neben seinem Bett nieder und betete: »Oh, erhalte sein Leben! Oh, erhalte ihn mir! Oh, sieh herab auf meinen teuren, lang duldenden, unglücklichen, viel veränderten, teuren, teuren Vater!«

Erst als der Morgen kam, ihn zu schützen und zu ermutigen, gab sie ihm einen letzten Kuß und verließ das kleine Zimmer. Als sie sich die Treppen und über den leeren Hof hinabgestohlen und nach ihrer eigenen hohen Dachstube hinaufgekrochen, konnte man die rauchlosen Häusergiebel und die fernen Landhügel über der Mauer in dem klaren Morgenlicht unterscheiden. Als sie sanft das Fenster öffnete und nach Osten über den Gefängnishof hinblickte, waren die Spitzen auf den Mauern rot gefärbt und bildeten plötzlich ein purpurnes Muster auf der Sonne, als sie am Himmel emporflammte. Die Eisenspitzen hatten nie so scharf und grausam ausgesehen, noch die Riegel so schwer, noch der Gefängnisraum so düster und eng. Sie dachte an den Sonnenaufgang über rauschenden Strömen, an den Sonnenaufgang über großen Wäldern, wo die Vögel erwachten und die Bäume flüsterten; und sie sah hinab in das lebendige Grab, über dem die Sonne aufgegangen, das Grab, in dem ihr Vater seit dreiundzwanzig Jahren lebte, und sagte mit einem Ausbruch von Kummer und Mitleid: »Nein, nein, ich habe ihn nie in meinem Leben gesehen!«

Zwanzigstes Kapitel.


Zwanzigstes Kapitel.

Die Gesellschaft.

Wenn der junge John Chivery die Neigung und das Talent besessen, eine Satire mit Familienstolz zu schreiben, er hätte, um ein treffendes Beispiel zu finden, nicht nötig gehabt, aus der Familie seiner Geliebten hinauszugehen. Er hätte solche reichlich in dem hochfahrenden Bruder und der feinen Schwester gefunden, die so tiefgetaucht in gemeine Erfahrungen und so hochmütig auf ihren Familiennamen waren; so bereit, von dem Ärmsten zu betteln und zu borgen, von jedermanns Brot zu essen, jedermanns Geld zu vergeuden, aus jedermanns Glas zu trinken und es nachher zu zerbrechen. Wenn er die schmutzigen Tatsachen ihres Lebens geschildert und sie gezeichnet, wie sie beständig die Erscheinung des Gespenstes ihres Familienadels beschworen, um ihre Wohltäter zu schrecken, – der junge John wäre ein Satiriker vom reinsten Wasser geworden.

Tip hatte seiner Freiheit eine hoffnungsvolle Richtung gegeben, indem er Billardmarkör wurde. Er hatte sich so wenig darum gekümmert, wie und durch wen er befreit worden, daß Clennam kaum nötig gehabt, sich die Mühe zu geben, das Gedächtnis von Mr. Plornish in dieser Richtung zu beschweren. Wer auch immer ihm das Geschenk gemacht, er nahm es bereitwilligst an, ließ ihm dafür sein Kompliment machen, und damit war die Sache abgetan. So leichten Kaufs aus dem Gefängnis befreit, wurde er Billardmarkör und zog nun zuweilen in einem grünen Newmarketrock (aus zweiter Hand), mit einem glänzenden Kragen und blanken Knöpfen (neu), in die kleine Kegelbahn und trank das Bier der Kollegen.

Ein fester, stabiler Punkt in dem lockern Wesen dieses Charakters war, daß er seine Schwester Amy achtete und bewunderte. Dieses Gefühl hatte ihn zwar nie veranlaßt, ihr auch nur einen verdrießlichen Moment zu ersparen oder sich irgendeinen Zwang anzutun und sich irgendeine Mühe aufzuerlegen; aber mit diesem Marschallgefängnisfleck auf seiner Liebe, liebte er sie. Derselbe starke Marschallgefängnisgeruch ließ sich in der Art erkennen, wie er deutlich sah, daß sie ihr Leben für ihren Vater opferte und dabei gar nicht daran dachte, daß sie irgend etwas für ihn getan.

Wann dieser lebhafte junge Mann und seine Schwester begonnen, das Familienehrenskelett systematisch zusammenzusetzen, um die Kollegen zu schrecken, kann diese Erzählung nicht genau angeben. Wahrscheinlich ungefähr zu der Zeit, als sie auf Kosten der Wohltätigkeit des Kollegiums zu Mittag zu essen begannen. Soviel ist sicher, daß, je reduzierter und bedürftiger sie waren, desto pomphafter das Skelett aus seinem Grabe stieg und daß, wenn irgend etwas besonders Schäbiges im Anzug war, das Skelett immer mit dem geisterhaftesten Glanz zum Vorschein kam.

Es war für Klein-Dorrit an jenem Montagmorgen spät geworden, denn ihr Vater schlief lange, und dann war sein Frühstück zu bereiten und sein Zimmer herzurichten. Sie war jedoch heute nicht zum Nähen bestellt und blieb deshalb bei ihm, bis sie mit Maggys Hilfe alles in Ordnung gebracht und ihn seinen Morgenspaziergang (von ungefähr zwanzig Schritt) nach dem Kaffeehaus hatte antreten sehen, wo er die Zeitungen las. Dann nahm sie ihren Hut und ging aus; sie wäre gern viel früher ausgegangen. Es trat wie gewöhnlich eine Unterbrechung in dem Geplauder des Pförtnerstübchens ein, als sie durch dasselbe ging, und ein Gefangener, der am Samstagabend hereingekommen war, wurde von dem Ellbogen eines schon länger Sitzenden angestoßen: »Sehen Sie! Das ist sie!«

Sie wollte ihre Schwester besuchen; als sie jedoch nach Mr. Cripples‘ Haus kam, hörte sie, daß ihre Schwester und ihr Onkel in das Theater gegangen waren, wo sie engagiert waren. Nachdem sie einen Augenblick über diese Wahrscheinlichkeit nachgesonnen und sich entschlossen, ihnen in diesem Falle zu folgen, begab sie sich raschen Schrittes nach dem Theater, das diesseits des Flusses und nicht weit entfernt war.

Klein-Dorrit war der Theaterwege so unkundig wie der Goldminenwege, und als sie nach einer Art geheimer Tür gewiesen wurde, die so seltsam aussah, als stünde sie die ganze Nacht offen, und sich vor sich selbst zu schämen und sich in einem Gang zu verbergen schien, zögerte sie, sich zu nähern, da sie überdies noch weiter durch den Anblick von einem halben Dutzend kahl rasierter Herren zurückgeschreckt wurde, die die Hüte seltsam aufhatten und, wie sie so um die Tür her lungerten, den Gefangenen des Marshalsea gar nicht unähnlich waren. Als sie sich, durch diese Ähnlichkeit ermutigt, um Auskunft wegen Miß Dorrit an sie wandte, machten sie ihr Platz, und sie trat in einen dunklen Gang – der einer großen mürrischen Lampe glich, die ausgegangen zu sein schien –, wo sie in der Entfernung Musik und das Geräusch von tanzenden Füßen hören konnte. Ein Mann, der so sehr der frischen Luft entbehrte, daß er mit einem blauen Moder überlaufen war, bewachte diesen dunklen Ort von einem Loch in einer Ecke aus wie eine Spinne; und er sagte ihr, daß er die erste Dame oder den ersten Herrn, die hier vorüberkämen, zu Miß Dorrit schicken wolle. Die erste Dame, die hier vorüberkam, trug eine Musikrolle, die halb in ihrem Muff versteckt war, halb heraussah und in so gänzlich zerknittertem Zustande war, daß man ihr ohne Zweifel eine Freundlichkeit erwiesen, wenn man sie ausgebügelt hätte. Da die Dame jedoch sehr gutmütig war, sagte sie: »Kommen Sie mit mir: ich werde Miß Dorrit gleich für Sie gefunden haben«, und so ging Miß Dorrits Schwester mit ihr, und sie kamen mit jedem Schritt in der Dunkelheit dem Klang der Musik und dem Geräusch der tanzenden Füße immer näher.

Endlich kamen sie in einen Nebel von Staub, wo eine Menge Menschen sich durcheinander tummelten und ein solcher Wirrwarr sonderbarer Gestalten von Balken, Bretterverschlägen, Backsteinmauern, Stricken und Walzen war und solch eine Mischung von Gaslicht und Tageslicht herrschte, daß sie auf die verkehrte Seite des Weltmusters gekommen zu sein schienen. Klein-Dorrit, die sich wieder allein sah und jeden Augenblick von jemandem gestoßen wurde, war ganz verwirrt, als sie die Stimme ihrer Schwester hörte.

»Ei du mein Gott, Amy, was führt dich hierher?«

»Ich wollte dich sprechen, liebe Fanny; und da ich morgen den ganzen Tag aus bin und wußte, daß du heute den ganzen Tag beschäftigt sein würdest, so dacht‘ ich –«

»Aber die Idee, Amy, daß du hierherkommst! Ich hätte mir’s nicht einfallen lassen!« Während ihre Schwester dies in keinem sehr herzlichen Willkommenston sagte, führte sie sie nach einem freieren Platze, wo verschiedene vergoldete Stühle und Tische durcheinander gehäuft waren und wo eine Anzahl junger Damen plaudernd auf allem saßen, was sie gerade finden konnten. All diese Damen hätten das Ausbügeln brauchen können, und alle hatten eine eigentümliche Art, überall herumzusehen, während sie plauderten.

Gerade als die Schwestern an diesen Platz kamen, bog ein Junge in einer schottischen Mütze seinen Kopf um einen Balken zur Linken und sagte: »Weniger laut, meine Damen!« und verschwand. Gleich darauf sah ein lustiger Herr mit einer Masse langer, schwarzer Haare um einen Balken zur Rechten und sagte: »Weniger laut, liebe Kinder!« und verschwand gleichfalls.

»Dich unter meinen Kollegen hier zu sehen, Amy, ist wahrhaftig, was ich mir zuletzt hätte einfallen lassen«, sagte ihre Schwester. »Wie kamst du denn nur hierher?«

»Ich weiß nicht. Die Dame, die dir sagte, daß ich hier sei, war so gut, mich hereinzuführen.«

»Ja, ihr kleinen, stillen Geschöpfe, ihr könnt überall durchkommen, glaube ich. Mir wär’s nicht gelungen, Amy, obgleich ich weit mehr von der Welt weiß.«

Es war die Gewohnheit der Familie, es als ein Familiengesetz zu betrachten, daß Amy ein einfaches, häusliches Geschöpf, aber ohne die großen und klugen Erfahrungen der übrigen sei. Diese Familienfiktion bestimmte die Ansicht der Familie von ihren Diensten. Nicht zuviel aus ihnen zu machen, war die Taktik.

»Nun, und was ist dir eingefallen, Amy? Natürlich ist dir etwas durch den Kopf gegangen, was mich betrifft?« sagte Fanny. Sie sprach, als ob ihre Schwester, die zwei bis drei Jahre jünger war als sie, ihre in Vorurteilen befangene Großmutter wäre.

»Es ist nicht viel; aber seit du mir von der Dame gesagt, die dir das Armband gab, Fanny –«

Der Junge steckte seinen Kopf um eine Kulisse zur Linken und sagte: »Passen Sie auf, meine Damen!« und verschwand. Der lustige Herr mit dem schwarzen Haar steckte alsbald auch den Kopf hinter die Kulisse zur Rechten und sagte: »Passen Sie auf, meine Kinder!« und verschwand gleichfalls.

Alle die jungen Damen standen auf und begannen ihre Röcke hinten auszuschütteln.

»Nun, Amy«, sagte Fanny, indem sie dem Beispiel der übrigen folgte, »was wolltest du sagen?«

»Seit du mir erzählt, eine Dame habe dir das Armband gegeben, das du mir gezeigt, Fanny, bin ich nicht mehr ganz ruhig deinetwegen und möchte wirklich etwas mehr wissen, wenn du mir mehr anvertrauen willst.«

»Jetzt, meine Damen!« sagte der Junge mit der schottischen Mütze. »Jetzt, meine Kinder!« sagte der Herr mit dem schwarzen Haar. In einem Augenblick waren sie alle verschwunden, und man hörte wieder die Musik und die tanzenden Füße.

Durch diese Unterbrechungen ganz schwindlig gemacht, setzte sich Klein-Dorrit auf einen goldenen Stuhl. Ihre Schwester und die übrigen blieben lange fort; und während ihrer Abwesenheit rief eine Stimme (es schien die des Herrn mit dem schwarzen Haar zu sein) beständig durch die Musik: »Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs – vorwärts! – Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs – vorwärts! – Takt halten, Kinder! Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs – vorwärts!« Zuletzt schwieg die Stimme, und sie kamen alle wieder, mehr oder weniger außer Atem, sich in ihre Schals hüllend und sich für die Straße zurechtmachend. »Warte ein wenig, Amy, und lasse sie vorher weggehen«, flüsterte Fanny. Sie waren bald allein; es geschah in der Zwischenzeit nichts Wichtiges, als daß der Junge um seine alte Kulisse sah und sagte: »Alle pünktlich morgen um elf Uhr, meine Damen!« und daß der Herr mit dem schwarzen Haar um seine alte Kulisse sah und sagte: »Alle pünktlich morgen um elf Uhr, meine Kinder!« – Jeder tat es nach seiner gewöhnlichen Art.

Als sie allein waren, wurde etwas weggewälzt oder auf andere Weise aus dem Weg geschafft, und es war ein großer, leerer Brunnen vor ihnen, in dessen Tiefen Fanny hinabsah und rief: »Nun, Onkel!« Als Klein-Dorrits Augen an die Dunkelheit gewöhnt waren, gewahrte sie die Umrisse desselben in der Tiefe des Loches in einer dunklen Ecke. Er hielt sein Instrument in der zerrissenen Kapsel unter dem Arm.

Der alte Mann sah aus, als ob die entfernten, hohen Galeriefenster mit ihrem kleinen Streifen Himmel die Höhe seiner bessern Tage gewesen, von der er herabgestiegen, bis er zuletzt in diesen Abgrund gesunken. Er war seit vielen Jahren wöchentlich sechs Abende an diesem Ort; man hatte jedoch nie beobachtet, daß er seine Blicke über die Noten erhoben, und man war der festen Überzeugung, daß er nie ein Stück gesehen. Es ging sogar die Sage an diesem Ort, daß er die populärsten Helden und Heldinnen nicht mal von Ansehen kenne, und daß der Komiker um einer Wette willen ihn fünfzig Abende lang auf das beste persifliert, ohne daß er auch nur das geringste davon gemerkt. Die Zimmerleute behaupteten im Scherze, er sei tot, ohne daß er es wisse, und die Besucher des Parterres glaubten, er bringe sein ganzes Leben, Tag und Nacht und Sonntag und alle Zeit, im Orchester zu. Sie hatten ihm mehrmals Prisen über die Brustlehne hinüber angeboten, und er hatte diese Aufmerksamkeit immer mit einem momentanen Erwachen erwidert, in dem das blasse Phantom des Gentlemans zur Erscheinung kam; über dies hinaus hatte er niemals irgendwelchen Anteil an dem, was vorging, soweit es nicht in der für die Klarinette ausgeschriebenen Stimme stand; im Privatleben, wo es keine Klarinettstimme gab, nahm er überhaupt keinen Anteil an etwas. Einige sagten, er sei arm, andere, er sei ein reicher Geizhals, er aber sagte nichts, hob niemals seinen gebückten Kopf und änderte auch seinen schlürfenden Gang nicht, indem er seinen unelastischen Fuß vom Boden etwa aufgehoben. Obgleich er in diesem Augenblick erwartete, daß ihn seine Nichte rufen werde, hörte er doch nicht, bis sie drei- oder viermal gesprochen; auch war er nicht im geringsten überrascht, als er zwei Nichten statt einer fand, sondern sagte nur mit seinem tremulierenden Tone: »Ich komme, ich komme!« und kroch durch einen unterirdischen Gang, der einen Kellergeruch verbreitete, herauf.

»So, Amy«, sagte ihre Schwester, als die drei zusammen fortgingen, an der Tür, die ein so verschämtes Bewußtsein ihrer Verschiedenheit von andern Türen hatte, während der Onkel unwillkürlich Amys Arm als denjenigen nahm, auf den man sich stützen konnte; »so, Amy, du möchtest also mehr von mir wissen?«

Sie war hübsch und selbstbewußt und ziemlich aufgeblasen; und die Herablassung, mit der sie das Übergewicht ihrer Reize und ihrer Welterfahrung beiseite setzte und sich mit ihrer Schwester beinahe auf eine Stufe stellte, hatte viel von dem Wesen der Familie an sich.

»Fanny, ich interessiere mich für alles, was dich betrifft, und bin auch dabei beteiligt.«

»Allerdings, allerdings, und du bist die beste Amy. Wenn ich je etwas hoch hinaus will, so wirst du sicher einsehen, was es heißt, meine Stellung einzunehmen und das Bewußtsein zu besitzen, über sie erhaben zu sein. Ich würde mich nicht darum kümmern«, sagte die Tochter des Vaters des Marschallgefängnisses, »wenn die andern nicht so gemein wären. Keine von ihnen ist wie wir in der Welt heruntergekommen. Sie stehen alle auf ihrer Höhe. Gemeines Volk.«

Klein-Dorrit sah die Sprecherin freundlich an, unterbrach sie jedoch nicht. Fanny nahm ihr Taschentuch heraus und wischte sich ziemlich ärgerlich die Augen. »Du weißt, ich bin nicht geboren worden, Amy, wo du geboren wurdest, und vielleicht macht das einen Unterschied. Mein liebes Kind, wenn wir den Onkel los sind, werde ich dir alles sagen. Wir wollen ihn bei der Garküche absetzen, wo er zu Mittag speist.«

Sie gingen mit ihm weiter, bis sie an ein schmutziges Ladenfenster in einer schmutzigen Straße kamen, das durch den Dampf der heißen Fleischspeisen, Gemüse und Puddings beinahe undurchsichtig geworden. Aber man sah doch noch einen Schein von gebratenem Schweinsschlegel, der in einer metallenen Schüssel voll Fettbrühe vor lauter Salbei und Zwiebel Tränen weinte, einen Schein von einem fetten Roastbeef und blasigem Yorkshirepudding, der heiß in einem ähnlichen Gefäße glänzte, einen Schein von einem gefüllten Kalbsfilet, das hastig angeschnitten worden, von einem Schinken, der durch den Schritt, in dem er dem Garwerden entgegenging, transpirierte, von einem flachen Gefäß mit gebratenen Kartoffeln, die durch ihre eigene Üppigkeit zusammenhielten, von einem oder zwei Bündeln gekochter Küchenkräuter und andern substanziellen Delikatessen. Drinnen waren einige hölzerne Abteilungen, hinter denen solche Kunden, die es bequemer fanden, ihr Essen im Magen, statt in den Händen mitzunehmen, ihre Einkäufe in der Stille einpackten. Fanny öffnete, während sie die Sachen übersah, ihren Ridikül, brachte aus diesem Behälter einen Schilling hervor und gab ihn dem Onkel. Der Onkel, der sich das Erhaltene einen Augenblick ansah, ahnte, was es sei, und verschwand langsam mit den Worten: »Mittagessen? Hm? Ja, ja, ja!« in dem Nebel.

»Jetzt, Amy«, sagte ihre Schwester, »komm‘ mit mir, wenn du nicht zu müde bist, um nach Harley Street, Cavendish Square zu gehen.«

Die Miene, mit der sie diese vornehme Adresse nannte, und die Art, wie sie ihren neuen Hut zurückwarf, der mehr durchsichtig als nützlich war, ließ ihre Schwester staunen; sie sprach jedoch ihre Bereitwilligkeit aus, nach Harley Street zu gehen, und sie richteten ihre Schritte dahin. Als sie an diesen großartigen Bestimmungsort gekommen waren, bezeichnete Fanny das schönste Haus und fragte, nachdem sie an die Tür gepocht, nach Mrs. Merdle. Der Bediente, der die Tür öffnete, obwohl er Puder auf dem Kopfe hatte und zwei andere gleichfalls gepuderte Bediente ihm den Rücken deckten, bestätigte nicht nur, daß Mrs. Merdle zu Hause sei, sondern bat Fanny, einzutreten. Fanny trat ein und nahm ihre Schwester mit sich; sie gingen die Treppe hinauf, Puder vorn und Puder hinten, und wurden in ein halbrundes, geräumiges Empfangszimmer, eins von den vielen Empfangszimmern geführt, wo sich ein Papagei außen an einem goldenen Käfig befand, der sich mit seinem Schnabel, die schaligen Füße in der Luft, daran festhielt und sich in allerlei seltsame Stellungen brachte, bei denen immer der Rücken unten war. Diese Eigentümlichkeit hat man auch bei Vögeln von ganz anderem Gefieder bemerkt, die an goldenen Drahtstäben hinaufklettern.

Das Zimmer war prachtvoller als alles, was Klein-Dorrit sich je vorgestellt hatte, und würde jedem glänzend und kostbar erschienen sein. Sie sah ihre Schwester erstaunt an und würde eine Frage an sie gerichtet haben, wenn Fanny nicht mit warnender Stirn nach einer Portiere gedeutet, die in ein anderes Zimmer führte. Der Vorhang bewegte sich im nächsten Augenblick, und eine Dame, die ihn mit reich beringter Hand auseinanderhob, ließ ihn wieder hinter sich fallen, als sie eingetreten war. Die Dame war nicht jung und frisch von der Hand der Natur, aber war jung und frisch von der Hand ihrer Kammerjungfer. Sie hatte große, gefühllose, schöne Augen und dunkles, gefühlloses, schönes Haar und einen breiten, gefühllosen, schönen Busen und war in allen diesen Einzelheiten aufs effektvollste herausstaffiert. Sei es nun, daß sie sich erkältet oder weil es ihr gut stand, sie trug eine reiche, weiße Binde über ihren Kopf und unter ihrem Kinn zusammengebunden. Und wenn es je ein gefühlloses, schönes Kinn gab, das aussah, als ob es gewiß nie in vertraulichem Umgang von der Hand eines Mannes geliebkost worden, war es das Kinn, das durch diesen Spitzenzaum so fest und scharf aufgezäunt war.

»Mrs. Merdle«, sagte Fanny. »Meine Schwester, Ma’am.«

»Ich freue mich, Ihre Schwester zu sehen, Miß Dorrit. Ich erinnere mich nicht, daß Sie eine Schwester haben.«

»Ich habe es Ihnen noch nicht gesagt«, erwiderte Fanny.

»Ah!« Mrs. Merdle krümmte den kleinen Finger ihrer linken Hand, als wollte sie damit sagen: »Ich habe sie ertappt. Ich wußte es wohl, daß Sie’s nicht sagten!« All ihre Gesten verrichtete gewöhnlich ihre linke Hand, weil ihre Hände kein Paar waren; die linke war weit die weißere und vollere von den beiden. Dann fügte sie hinzu: »Setzen Sie sich« und ließ sich selbst mit einer gewissen Üppigkeit in einem Nest von scharlachroten und goldenen Kissen auf einer Ottomane in der Nähe des Papageis nieder.

»Gleichfalls beim Theater« sagte Mrs. Merdle und betrachtete Klein-Dorrit durch das Augenglas.

Fanny antwortete: »Nein.«

»Nein«, sagte Mrs. Merdle, ihr Augenglas fallen lassend, »hat kein theatralisches Aussehen. Sehr angenehm, aber nicht theatralisch.«

»Meine Schwester, Ma’am«, sagte Fanny, in deren Ton eine eigentümliche Mischung von Ehrerbietung und Kühnheit war, »hat mich gebeten, ihr zu sagen, wie sich’s unter Schwestern geziemt, auf welche Art ich zu der Ehre Ihrer Bekanntschaft kam. Und da ich mich verpflichtet hatte, Sie wieder zu besuchen, so glaubte ich mir die Freiheit nehmen zu dürfen, sie mitzubringen, damit Sie’s ihr vielleicht selbst sagen. Ich wünsche, daß sie es weiß, und vielleicht sagen Sie es ihr.«

»Denken Sie, in Ihrer Schwester Alter –-« warnte Mrs. Merdle.

»Sie ist weit älter, als sie aussieht«, sagte Fanny, »beinahe so alt wie ich.«

»Die Gesellschaft«, sagte Mrs. Merdle mit einer zweiten Krümmung des kleinen Fingers, »ist so schwierig, jungen Leuten zu erklären (sie ist wirklich den meisten Menschen schwer zu erklären), daß ich froh bin, das zu hören. Ich wünschte, die Gesellschaft wäre nicht so willkürlich, so anspruchsvoll, – Vogel, sei ruhig!«

Der Papagei hatte einen sehr grellen Schrei ausgestoßen, als wenn er Gesellschaft hieße und sein Recht zu den Ansprüchen behauptete.

»Aber«, fuhr Mrs. Merdle fort, »wir müssen sie nehmen, wie wir sie finden. Wir wissen wohl, sie ist hohl und konventionell, weltlich und sehr anstößig, aber wenn wir nicht Wilde an den tropischen Meeren sind (ich wäre mit Vergnügen eine solche Wilde – ein entzückendes Leben und herrliches Klima, wie man mir sagt –), so müssen wir sie berücksichtigen. Es ist das allgemeine Los. Mr. Merdle ist ein Kaufmann mit großen Verbindungen, seine Geschäfte werden im großartigsten Maßstab betrieben, sein Reichtum und sein Einfluß sind sehr bedeutend, aber selbst er – Vogel, sei still!«

Der Papagei hatte wieder geschrien, und er vollendete die Phrase so ausdrucksvoll, daß Mrs. Merdle nicht nötig hatte, sie zu beendigen.

»Da Ihre Schwester bittet, ich möchte unsere persönliche Bekanntschaft näher erklären«, begann sie wieder und wandte sich an Klein-Dorrit, »indem ich die Umstände erzähle, die sehr zu Ihrem Vorteil sprechen, so kann ich allerdings nicht umhin, ihrem Wunsche zu entsprechen. Ich habe einen Sohn (ich wurde das erstemal außerordentlich früh verheiratet) von zwei- bis dreiundzwanzig Jahren.«

Fanny biß die Lippen aufeinander, und ihre Augen sahen halb triumphierend auf ihre Schwester.

»Einen Sohn von zwei- bis dreiundzwanzig Jahren. Er ist ein wenig lustig, etwas, woran die Gesellschaft bei jungen Männern gewöhnt ist, und gefühlvoll. Vielleicht hat er dieses Unglück geerbt. Ich bin selbst sehr gefühlvoller Natur. Ein außerordentlich weiches Geschöpf. Ich bin gleich gerührt.«

Sie sagte dies und alles andere so kalt wie eine Frau von Schnee; auch schien sie die Anwesenheit der Schwestern, wenige Augenblicke ausgenommen, ganz zu vergessen und ihre Worte an eine Abstraktion von Gesellschaft zu richten. Um dieser Abstraktion willen ordnete sie zuweilen ihr Kleid oder gab sich eine andre Stellung auf der Ottomane.

»Wie gesagt, er ist sehr gefühlvoll. Im Naturzustande wäre das, glaube ich, kein Unglück, aber wir sind nicht mehr im Naturzustande. Es ist das ohne Zweifel sehr zu bedauern, namentlich meinerseits, da ich ein Naturkind bin, wenn ich es nur zeigen könnte, aber so ist es nun einmal. Die Gesellschaft unterdrückt und beherrscht uns – Vogel, sei ruhig!«

Der Vogel war in ein heftiges Gelächter ausgebrochen, nachdem er mehrere Stäbe seines Käfigs mit seinem krummen Schnabel verdreht und mit seiner schwarzen Zunge beleckt hatte.

»Es ist völlig unnötig, einer Person von Ihrer Einsicht, Ihrer Erfahrung und Feinfühligkeit«, sagte Mrs. Merdle, aus ihrem Neste aus Scharlach und Gold – und setzte dabei ihr Glas wieder an die Augen, um ihr Gedächtnis aufzufrischen, mit wem sie spräche – »es ist unnötig, Ihnen zu sagen, daß das Theater bisweilen einen zaubrischen Reiz für junge Leute von solchem Charakter hat. Wenn ich Theater sage, so meine ich die Personen weiblichen Geschlechts dabei. Als ich deshalb hörte, mein Sohn sei von einer Tänzerin bezaubert, so wußte ich, was das in der Gesellschaft gewöhnlich zu bedeuten habe, und verließ mich darauf, daß es eine Tänzerin bei der Oper sei, wo junge Leute, die sich in der Gesellschaft bewegen, sich gewöhnlich bezaubern lassen.«

Sie ließ die weißen Hände übereinander laufen und beobachtete nun die Schwestern; und die Ringe an ihren Fingern knarrten mit einem scharfen Ton aneinander.

»Wie Ihre Schwester Ihnen sagen kann, als ich fand, welches Theater es sei, war ich sehr erstaunt und unangenehm berührt. Als ich jedoch fand, daß Ihre Schwester die Avancen meines Sohnes (ich muß hinzufügen, in höchst unerwarteter Weise) zurückwies und ihn dadurch soweit trieb, ihr die Heirat anzutragen, war ich aufs tiefste bestürzt und in Sorgen.«

Sie streifte an der Außenlinie ihrer linken Augenbraue hin und brachte sie in Ordnung.

»In einem zerstörten Zustand, den nur eine Mutter – die sich in der Gesellschaft bewegt – begreifen kann, beschloß ich, selbst nach dem Theater zu gehen und der Tänzerin meine Gemütsverfassung auseinanderzusetzen. Ich stellte mich selbst Ihrer Schwester vor. Ich fand sie zu meinem Erstaunen in vielen Beziehungen von meinen Erwartungen verschieden, und gewiß in keiner mehr, als darin, daß ich – wie soll ich’s nur ausdrücken? – auf ihrer Seite gleichfalls Familienprätensionen fand.« Mrs. Merdle lächelte.

»Ich sagte Ihnen, Ma’am«, warf Fanny mit erhöhter Röte ein, »daß, obgleich Sie mich in dieser Lage fanden, ich so hoch über den übrigen stehe, daß ich meine Familie für so gut wie die Ihrige ansähe; und daß ich einen Bruder hätte, der, wenn er die Umstände kennte, derselben Ansicht sein und in einer solchen Verbindung keine besondere Ehre sehen würde.«

»Miß Dorrit«, sagte Mrs. Merdle, nachdem sie sie frostig durch ihr Glas angesehen, »das ist’s, was ich, auf Ihre Bitte hin, soeben Ihrer Schwester zu erzählen im Begriffe war. Sehr verbunden, daß Sie sich so genau erinnern und mir zuvorkommen. Ich nahm augenblicklich«, fuhr sie an Klein-Dorrit gewandt fort, »(denn ich folge meinen momentanen Eingebungen) ein Armband von meinem Arm und bat Ihre Schwester, es ihr anlegen zu dürfen, zum Zeichen der Freude, die ich empfand, die Sache soweit auf einen gemeinschaftlichen Fuß bringen zu können.« (Das war vollkommen wahr, da die Dame einen billigen, aber prächtig aussehenden Artikel auf ihrem Wege nach dem Theater in der Absicht der Bestechung gekauft hatte.)

»Und ich sagte Ihnen, Mrs. Merdle, daß wir unglücklich sein könnten, aber nicht gemein.«

»Ich glaube, das waren die Worte, Miß Dorrit«, bestätigte Mrs. Merdle.

»Und ich sagte Ihnen, Mrs. Merdle«, fuhr Fanny fort, »daß, wenn Sie mir von der überlegenen Stellung Ihres Sohnes, der sich in der Gesellschaft bewege, sprächen, es wohl möglich sei, daß Sie sich in Ihren Vermutungen über meine Abkunft täuschten; und daß meines Vaters Stellung, selbst in der Gesellschaft, in der er sich jetzt bewege (welche das war, war mir am besten bekannt), eine sehr hohe und allgemein anerkannte sei.«

»Ganz recht«, fügte Mrs. Merdle hinzu. »Ein außerordentlich bewundernswertes Gedächtnis.«

»Ich danke Ihnen, Ma’am. Vielleicht werden Sie so freundlich sein, meiner Schwester das übrige zu sagen.«

»Es ist sehr wenig mehr zu erzählen«, sagte Mrs. Merdle, mit einem Blicke über die Breite ihres Busens, die wesentlich für sie zu sein schien, um Raum genug für ihre Gefühllosigkeit zu haben, »aber es dient zur Ehre Ihrer Schwester. Ich setzte Ihrer Schwester den Stand der Dinge offen auseinander; die Unmöglichkeit, daß die Gesellschaft, in der wir uns bewegten, die Gesellschaft anerkenne, in der sie sich bewegte, – obgleich sie ohne Zweifel ganz reizend sei; den ungeheuren Nachteil, in den sie infolgedessen die Familie bringe, von der sie eine so hohe Meinung habe, auf die wir aber mit Verachtung herabzusehen gezwungen sein würden, und von der wir, gesellschaftlich gesprochen, uns mit Abscheu zurückziehen müßten. Kurz, ich appellierte an den lobenswerten Stolz ihrer Schwester.«

»Lassen Sie meine Schwester gefälligst wissen, Mrs. Merdle«, schmollte Fanny, indem sie ihren durchsichtigen Hut heftig zurückwarf, »daß ich bereits die Ehre hatte, Ihrem Sohn zu sagen, ich wünschte auch nicht das geringste mit ihm zu tun zu haben.«

»Jawohl, Miß Dorrit«, pflichtete Mrs. Merdle bei, »vielleicht hätte ich das schon früher bemerken sollen. Wenn ich nicht daran dachte, geschah es, weil die Befürchtungen, die ich damals hegte, er möchte bei seinem Entschlusse beharren, und Sie möchten ihm etwas zu sagen haben, mir wieder lebhaft vor die Seele traten. Ich erwähnte auch gegenüber Ihrer Schwester – ich wende mich wieder an die nicht dem Theater angehörende Miß Dorrit –, daß mein Sohn im Fall einer solchen Heirat nichts haben würde und ein absoluter Bettler wäre. (Ich erwähne das nur als ein Faktum, das einen Teil der Erzählung bildet, und nicht, als vermutete ich, es habe Einfluß auf Ihre Schwester gehabt, es sei denn in der klugen und rechtmäßigen Weise, in der wir, wie unser künstliches System nun einmal ist, alle durch solche Betrachtungen beeinflußt werden.) Endlich nach einigen stolzen und selbstbewußten Worten von seiten Ihrer Schwester kamen wir zu der vollständigen Überzeugung, daß keine Gefahr vorhanden, und Ihre Schwester war so gütig, mir zu gestatten, sie mit einem oder zwei Beweisen meiner Wertschätzung bei meiner Schneiderin einzuführen.«

Klein-Dorrit sah betrübt aus und blickte Fanny mit besorgter Miene an.

»Auch war sie so gütig«, sagte Mrs. Merdle, »mir das Vergnügen eines erneuerten Besuches, das ich gegenwärtig habe, zu versprechen und mir die Gewißheit zu geben, daß wir auf dem besten Fuße scheiden. Bei dieser Gelegenheit«, fügte Mrs. Merdle hinzu, verließ ihr Nest und legte etwas in Fannys Hand, »wird mir Miß Dorrit gestatten, ihr in meiner blöden Weise Lebewohl zu sagen.«

Die Schwestern erhoben sich zu gleicher Zeit und standen alle bei dem Käfig des Papageis, als er an einer Handvoll Biskuits zog, die er wegwarf, worauf er sie mit den prachtvollen Schwingungen seines Körpers, ohne daß er die Füße dabei bewegte, zu verspotten schien und sich plötzlich von unterst zu oberst kehrte und sich über die ganze Außenseite des goldnen Käfigs mit Hilfe seines scharfen Schnabels und seiner schwarzen Zunge hinschleppte.

»Adieu, Miß Dorrit, meine besten Wünsche begleiten Sie«, sagte Mrs. Merdle. »Wenn wir nur zu einem tausendjährigen Reiche oder etwas der Art kommen könnten, ich meinesteils hätte das Vergnügen, eine Anzahl anziehender und talentierter Persönlichkeiten zu kennen, deren Umgang ich mir nur im Augenblick versagen muß. Ein ursprünglicherer Zustand der Gesellschaft wäre mir ungemein lieb. Es gab ein Gedicht, als ich noch Unterricht nahm, das begann: ›Ein Kanadier, der noch Europens übertünchte Höflichkeit nicht kannte.‹ Wenn einige tausend Personen, die sich in der Gesellschaft bewegen, nur Kanadier werden wollten, ich würde augenblicklich meinen Namen unterschreiben; aber da wir uns in der Gesellschaft bewegen, können wir unglücklicherweise keine Kanadier sein – guten Morgen!«

Sie gingen die Treppe hinab, Puder vorn und Puder hinten, die ältere Schwester stolz, die jüngere demütig, und sahen sich bald in der ungepuderten Harley Street, Cavendish Square.

»Nun«, sagte Fanny, als sie eine Zeitlang gegangen waren, ohne zu sprechen. »Hast du mir nichts zu sagen, Amy?«

»Oh, ich weiß nicht, was ich sagen soll!« antwortete sie, ganz unglücklich. »Du liebtest diesen jungen Mann doch nicht, Fanny?«

»Ihn lieben? Er ist beinahe blödsinnig.«

»Ich bedaure – sei nicht böse, aber da du mich fragst, was ich zu sagen habe, ich bedaure wirklich, Fanny, daß du dir von dieser Dame etwas schenken ließest.«

»Du kleine Närrin!« versetzte die Schwester und schüttelte sie mit einem heftigen Stoße, den sie ihrem Arme gab. »Hast du denn keinen Stolz? Aber, das ist’s ja eben. Du besitzt keine Selbstachtung. Du hast keinen Stolz, wie er sich für uns ziemt. Gerade, wie du gestattest, daß dir ein verächtlicher, kleiner Chivery nachläuft«, fügte sie mit der zornigsten Emphase hinzu, »so würdest du es leiden, daß man auf deine Familie tritt, und dich nicht mucksen.«

»Sage das nicht, liebe Fanny. Ich tue, was ich für sie tun kann.«

»Du tust, was du für sie tun kannst!« wiederholte Fanny, dicht neben ihr einherschreitend. »Würdest du eine Frau wie diese, die du, wenn du die geringste Erfahrung hättest, gleich als so falsch und insolent erkennen würdest, wie es ein Weib nur sein kann, – würdest du sie ihren Fuß auf deine Familie setzen lassen und ihr dafür danken?«

»Nein, Fanny, gewiß nicht.«

»Dann laß sie dafür büßen, du armes, kleines Ding. Was kannst du ihr sonst antun? Laß sie dafür büßen, du törichtes Kind, und bringe deine Familie mit dem Gelde in Kredit!«

Sie sprachen auf dem ganzen Wege nach dem Hause, wo Fanny und ihr Onkel wohnten, kein Wort mehr. Als sie dort ankamen, fanden sie den alten Mann, wie er sein Instrument in einer Ecke des Zimmers auf die traurigste Weise mißhandelte. Fanny hatte ein umständliches Mahl aus Hammelkotelettes, Porter und Tee zu bereiten und behauptete mit Unwillen, es selbst bereiten zu müssen, während ihre Schwester alles in der Stille machte. Als Fanny sich zuletzt niedersetzte, um zu essen und zu trinken, stieß sie das Tischgerät weg und war über ihr Essen ärgerlich, fast ganz, wie es ihr Vater am vergangenen Abend gewesen.

»Wenn du mich verachtest«, sagte sie, in heftige Tränen ausbrechend, »weil ich eine Tänzerin bin, warum führtest du mich auf den Weg, daß ich eine solche wurde? Es war deine Sache. Du möchtest, daß ich mich so tief vor dieser Mrs. Merdle beuge als der Boden, daß ich sie reden ließe, was ihr zu sagen beliebte, und uns alle verachten – und mir das ins Gesicht sagen. Weil ich eine Tänzerin bin!«

»Oh, Fanny!«

»Und auch Tip, der arme Junge. Sie darf ihn heruntersetzen, ohne daß man ihr es wehrt, – vermutlich weil er in einer Amtsstube und in den Docks und an verschiedenen andern Plätzen war. Das war ja deine Anordnung, Amy. Du solltest wenigstens erlauben, daß man ihn verteidigt.«

Der Onkel blies die ganze Zeit in der Ecke auf eine jämmerliche Weise die Klarinette fort, indem er sie bisweilen für einen Augenblick einen Zoll von seinem Munde wegnahm, während er mit dem unbestimmten Gefühl, als habe jemand gesprochen, sie anstarrte.

»Und dein Vater, dein armer Vater, Amy? Weil er nicht frei ist, um sich selbst zu zeigen und für sich zu sprechen, würdest du solches Volk ihn ungestraft beleidigen lassen. Wenn du nicht für dich selbst fühlst, weil du in die Arbeit gehst, so solltest du wenigstens für ihn fühlen, dächte ich, da du weißt, was er so lange ausgestanden.«

Die arme Klein-Dorrit fühlte die Ungerechtigkeit dieses Vorwurfs ziemlich bitter. Die Erinnerung an die vergangene Nacht drückte ihr noch einen anderen Widerhaken ins Herz. Sie antwortete nichts, sondern wandte ihren Stuhl vom Tisch nach dem Feuer zu. Nachdem der Onkel wieder eine Pause gemacht, blies er immer von neuem eine traurige Melodie.

Fanny verfuhr ärgerlich mit ihrem Tee und ihren Brotschnitten, solange ihre Leidenschaft dauerte, und behauptete dann, sie sei das unglücklichste Mädchen von der Welt und wünschte, sie wäre tot. Dann ging ihr Weinen in Mitleid über, und sie trat auf ihre Schwester zu und schlang ihren Arm um sie. Klein-Dorrit suchte sie davon zurückzuhalten, daß sie etwas sagte, aber sie antwortete, sie wolle und müsse! Darauf sagte sie wieder und wieder: »Ich bitte dich um Verzeihung, Amy«, und »Vergib mir, Amy«, beinahe so leidenschaftlich, als sie gesagt, was sie bedauerte.

»Aber wirklich, Amy«, fuhr sie fort, als sie in schwesterlicher Eintracht beieinander saßen, »ich glaube und hoffe, du würdest die Sache anders angesehen haben, wenn du etwas mehr von der Gesellschaft gesehen.«

»Vielleicht, Fanny«, sagte die freundliche Klein-Dorrit.

»Du siehst, während du in stiller und zurückgezogener Häuslichkeit aufwuchsest, Amy«, fuhr ihre Schwester fort, die nach und nach begann, sie in Schutz zu nehmen, »war ich draußen, habe mich in der Gesellschaft bewegt und bin stolz und hochmütig geworden – mehr, als ich vielleicht sollte.«

Klein-Dorrit antwortete: »Ja, oh ja!«

»Und während du an das Essen oder die Wäsche dachtest, habe ich vielleicht an die Familie gedacht. Nun, ist dem nicht so, Amy?«

Klein-Dorrit nickte mit einem freundlicheren Gesichte als Herzen »Ja«.

»Besonders, da wir wissen«, sagte Fanny, »daß ein Ton an dem Ort herrscht, dem du so treu warst, der ihm eigentümlich ist und der ihn so wesentlich von andern Erscheinungen der Gesellschaft unterscheidet. Küsse mich noch einmal, liebe Amy, und wir wollen erkennen, daß wir beide recht haben mögen, und daß du ein ruhiges, häusliches, zurückgezogenes, gutes Mädchen bist.«

Die Klarinette hatte während dieses Gesprächs höchst pathetisch lamentiert, wurde jedoch durch Fannys Ankündigung, daß es Zeit zu gehen sei, kurz beiseite gelegt; sie bewerkstelligte dies dadurch, daß sie die Noten zusammenschlug und dem Onkel die Klarinette aus dem Munde nahm.

Klein-Dorrit schied an der Tür von ihnen und eilte nach dem Marschallgefängnis zurück. Es wurde dort früher dunkel als anderwärts, und der Eintritt an diesem Abend glich dem Eintritt in einen tiefen Laufgraben. Der Schatten der Mauer lag auf allem, und nicht am wenigsten auf der Gestalt in dem alten, grauen Schlafrock und der schwarzen Samtmütze, als sie sich nach ihr beim Eintritt in das dunkle Zimmer umwandte.

»Warum nicht auch auf mir!« dachte Klein-Dorrit, indem sie die Tür noch in der Hand hielt. »Es war nicht unvernünftig von Fanny!«

Einundzwanzigstes Kapitel.


Einundzwanzigstes Kapitel.

Mr. Merdles Übel.

Auf dieser Staatswohnung, der Merdleschen Wohnung, in Harley Street, Cavendish Square, ruhte der Schatten keiner gemeineren Mauer als auf der Front anderer Prachtwohnungen auf der Seite gegenüber. Wie die Vollblutgesellschaft sahen die gegenüberliegenden Häuserreihen in Harley Street sehr verdrießlich aufeinander. Wirklich waren die Wohnungen und die Bewohner in dieser Beziehung einander so gleich, daß man die Leute häufig, wenn sie an den Speisetischen gegenüber im Schatten ihres eigenen Stolzes saßen, mit der Finsterheit der Häuser nach der andern Seite der Straße hinüberstarren sah.

Jedermann weiß, wie ähnlich der Straße die beiden Speisetischreihen von Leuten sein würden, die auf die Straße gingen. Die ausdruckslosen, gleichförmigen zwanzig Häuser, die alle den gleichen Klopfer und die gleiche Klingel haben, zu denen allen man über gleich schwerfällige Treppen gelangt, die alle durch die gleichen Geländer geschützt sind, alle dieselben unbrauchbaren Feuerlöschmaschinen und alle dasselbe unbequeme, wandfeste Hausgerät haben und alles ohne Ausnahme so hoch angeschlagen wissen wollen – wer hat nicht in diesen zu Mittag gegessen? Das baufällige, traurige Haus, das da und dort ein Bogenfenster hat, das mit Stuck überzogene Haus, das mit einer neuen Front versehene Haus, das Eckhaus mit lauter Eckzimmer, das Haus, dessen Rouleaux beständig herabgelassen sind, das Haus, dessen Wappen immer hervortritt, das Haus, wo der Einsammler gebettelt und niemand zu Hause getroffen – wer hat dort nicht diniert? Das Haus, das niemand kaufen will und das um einen Spottpreis dem Verkauf ausgesetzt ist – wer kennt es nicht? Das Haus, das der getäuschte Gentleman für sein Leben gekauft und das ihm durchaus nicht paßt – wer kennt diese unheimliche Wohnung nicht?

Harley Street, Cavendish Square war auf mehr stolz, als daß Mr. und Mrs. Merdle dort wohnten. Es gab Eindringlinge in Harley Street, deren sie nicht gewahr wurde; aber Mr. und Mrs. Merdle ehrten sie gern. Die Gesellschaft achtete auf Mr. und Mrs. Merdle. Die Gesellschaft hatte gesagt: »Laßt uns sie autorisieren: laßt uns sie anerkennen.«

Mr. Merdle war ungeheuer reich; ein Mann von außerordentlich unternehmendem Geiste; ein Midas ohne die Ohren, der alles, was er berührte, in Gold verwandelte. Er war in allem bewandert, vom Bankiergeschäft bis zum Bauen herab. Er war natürlich im Parlament. Er war notwendig in der City. Er war Vorsitzender von diesem, Vertrauensmann von jenem, Präsident von etwas Drittem. Die gewichtigsten Männer sagten zu Erfindern gewöhnlich: »Nun, welche Namen habt ihr für euch gewonnen? Habt ihr Merdle?« Und wenn die Antwort verneinend ausfiel, sagte man: »Dann möchte ich mich nicht mit euch einlassen.«

Dieser große und glückliche Mann hatte den breiten Busen, der so viel Raum brauchte, um gefühllos darin zu sein, einige fünfzehn Jahre früher mit einem Nest von Scharlach und Gold versehen. Es war nicht ein Busen, um daran zu ruhen, sondern ein Kapitalbusen, um Juwelen daran aufzuhängen. Mr. Merdle brauchte etwas, um Juwelen daran aufzuhängen, und kaufte ihn zu diesem Zweck. Storr und Mortimer hätten aus demselben Grunde heiraten können.

Wie alle seine andern Spekulationen war diese glücklich und erfolgreich. Die Juwelen glänzten äußerst vorteilhaft daran. Der Busen, der sich reich behängt mit Juwelen in der Gesellschaft bewegte, zog die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich. Gab die Gesellschaft ihren Beifall zu erkennen, so war Mr. Merdle befriedigt. Er war der uninteressierteste Mann, – tat alles für die Gesellschaft und hatte so wenig von all seinem Gewinn und seiner Sorge, als ein Mann nur haben kann.

Das heißt, es ist anzunehmen, daß er alles hatte, was er brauchte, sonst würde er es sich mit seinem unbegrenzten Reichtum verschafft haben. Aber sein Verlangen war, die Gesellschaft (wer sie auch sei) im höchsten Grade zu befriedigen und all ihre Tratten als Tribut auf sich zu nehmen. Er glänzte nicht in Gesellschaft; er hatte wenig für sich selbst zu sagen; er war ein zurückhaltender Mann, mit einem breiten, überhängenden, beobachtenden Kopfe, einer eigentümlichen, dünnen Röte auf seinen Wangen, die eher matt als frisch war, und mit einem etwas um seine Rockaufschläge besorgten Ausdrucke, als ob diese in seinem Vertrauen ständen und Gründe hätten, seine Hände zu verbergen zu suchen. In dem wenigen, was er sagte, war er ein angenehmer Mann; einfach, großen Wert auf öffentliches und privates Vertrauen legend und darauf haltend, daß von jedermann der Gesellschaft Achtung bezeugt werde. In dieser selben Gesellschaft (wenn Leute da waren, die zu seinen Diners und zu Mrs. Merdles Soireen und Konzerten kamen), schien er sich selbst kaum sehr zu unterhalten und war zumeist an den Wänden und hinter den Türen zu finden. Auch wenn er sich in Gesellschaft begab, statt daß sie zu ihm kam, schien er etwas ermüdet und gewöhnlich viel mehr für das Bett disponiert; aber er besuchte sie nichtsdestoweniger beständig und bewegte sich immer in ihr und gab mit der größten Freigebigkeit Geld für sie aus.

Mrs. Merdles erster Gatte war ein Oberst gewesen, unter dessen Auspizien der Busen sich in einen Rangstreit mit Nordamerikas Schneemassen eingelassen, hatte zwar im Punkte der Weiße etwas weichen müssen, jedoch nicht im Punkte der Kälte. Der Sohn des Obersten war das einzige Kind von Mrs. Merdle. Er war ein dickköpfiger, hochschultriger Mensch und schien im allgemeinen nicht so sehr ein junger Mann als vielmehr ein geschwollener Knabe. Er hatte so wenig Beweise von Vernunft gegeben, daß unter seinen Kameraden die Redensart gang und gäbe war, sein Gehirn sei bei einem starken Frost, der zur Zeit seiner Geburt in Saint John in Neu-Braunschweig herrschte, eingefroren und seit der Zeit nicht mehr aufgetaut. Eine andere Redensart sagte von ihm, er sei durch die Nachlässigkeit einer Amme aus einem hohen Fenster auf seinen Kopf gefallen, der wie glaubwürdige Zeugen versichern, gekracht habe. Wahrscheinlich sind diese beiden Behauptungen von einem späteren Ursprung; der junge Mann (dessen bezeichnender Name Sparkler hieß) hatte die Monomanie, allen Arten von nicht wünschenswerten jungen Frauenzimmern die Heirat anzubieten, und von allen Frauenzimmern hintereinander, denen er einen Heiratsantrag machte, behauptet, sie seien »ganz feine Mädchen – sehr gut erzogen – und auf Ehre, ohne allen Scherz«.

Ein Stiefsohn mit diesen beschränkten Talenten wäre für einen andern Mann eine Last gewesen; aber Mr. Merdle brauchte keinen Stiefsohn für sich, er brauchte einen Stiefsohn für die Gesellschaft. Da Mr. Sparkler in der Garde gestanden und die Gewohnheit gehabt, alle Wettrennen und alle Müßiggängerklubs und alle Gesellschaften zu frequentieren, und überall gut bekannt war, so war die Gesellschaft auch mit seinem Stiefsohn zufrieden. Dies glückliche Resultat würde Mr. Merdle als großen Gewinn betrachtet haben, wenn Mr. Sparkler auch ein kostbarer Artikel gewesen wäre. Und er gewann Mr. Sparkler, wie die Sachen standen, nicht mal sehr billig für die Gesellschaft.

Es wurde in der Harley-Street-Wohnung ein Diner gegeben, während Klein-Dorrit an ihres Vaters neuen Hemden in der Nacht an seiner Seite nähte; es waren Magnaten vom Hofe und Magnaten von der City, Magnaten vom Unterhaus und Magnaten vom Oberhaus, Magnaten von der Richterbank und Magnaten von der Verteidigerbank, bischöfliche Magnaten, Schatzmagnaten, Magnaten von der Leibgarde zu Pferde und von der Admiralität – alle die Magnaten, die uns im Gang halten und uns bisweilen ein Bein stellen, waren zugegen.

»Man erzählt mir«, sagte der bischöfliche Magnat zu dem Magnaten von der Leibgarde zu Pferde, »daß Mr. Merdle wieder einen ungeheuren Gewinn gemacht hat. Man sagt mir hunderttausend Pfund.«

Der Magnat von der Leibgarde hatte gehört zwei.

Der Magnat vom Schatz hatte gehört drei.

Der Advokatenmagnat, der sein doppeltes Augenglas überzeugend handhabte, war nicht gewiß, ob es nicht vier seien. Es wäre einer jener glücklichen Fälle von Kalkulation und Kombination, deren Resultat schwer einzuschätzen sei. Es wäre einer jener Griffe von vielumfassender Tragweite, mit gewohntem Glück und charakteristischer Kühnheit vereint, von denen ein Jahrhundert nur wenige aufzuweisen habe. Aber hier wäre Kollege Bellows zugegen, der bei der großen Banksache beteiligt gewesen und der uns wahrscheinlich mehr sagen könnte. Wie hoch schätzte Kollege Bellows diesen neuen Gewinn?

Kollege Bellows war gerade auf dem Wege in einem Bogen auf den Busen loszusteuern und konnte ihnen nur im Vorbeigehen sagen, daß er mit großem Schein der Wahrheit habe versichern hören, daß sich alles in allem auf eine halbe Million belaufe.

Admiralität sagte, Mr. Merdle sei ein herrlicher Mann. Schatz sagte, er sei eine neue Macht im Lande und wäre imstande, das ganze Unterhaus zu kaufen. Bischof sagte, er freue sich, daß dieser Reichtum in die Kisten eines Gentlemans fließe, der immer bereit sei, die besten Interessen der Gesellschaft zu wahren.

Mr. Merdle kam gewöhnlich bei solchen Gelegenheiten spät, wie ein Mann, der noch in den Klauen von Riesenunternehmungen festgehalten wurde, wenn andre Männer ihre Zwerge für den Tag abgeschüttelt hatten. Diesmal war er der letzte, der kam. Schatz sagte, Merdles Arbeit strafe ihn ein wenig. Bischof sagte, er freue sich, daß dieser Reichtum in die Kisten eines Gentlemans fließe, der denselben mit Demut annehme.

Puder! Es wartete so viel Puder auf, daß das Essen einen Geschmack davon bekam. Puderteilchen kamen in die Speisen, und das Essen der Gesellschaft schmeckte nach Bedienten ersten Ranges. Mr. Merdle führte eine Gräfin in das Speisezimmer, die irgendwo in dem Herzen eines ungeheuren Kleides stak, zu dem sie in einem Verhältnisse stand wie das Herz eines Kohlkopfes zu der reichen Blätterfülle. Wenn ein so niedriger Vergleich erlaubt ist, so ging das Kleid die Treppe hinunter wie ein reich mit Brokat überladener »Hans im Grünen«, und niemand wußte, was für eine kleine Person es trug.

Die Gesellschaft hatte alles, was sie bei Tische brauchte und nicht brauchte. Sie hatte alles mögliche zu sehen, alles mögliche zu essen und alles mögliche zu trinken. Hoffentlich unterhielt sie sich gut; was Mr. Merdle von den Speisen genoß, hätte mit achtzehn Pence bezahlt werden können. Mrs. Merdle sah prachtvoll aus. Der oberste Mundschenk war das nächste Prachtstück des Tages. Er war die stattlichste Person in der Gesellschaft. Er tat nichts, aber er sah zu, wie’s wenigen andern möglich gewesen wäre. Er war Mr. Merdles letzte Gabe an die Gesellschaft. Mr. Merdle brauchte ihn nicht und kam außer Fassung, wenn die große Kreatur ihn ansah; aber die ungenügsame „Gesellschaft“ wollte ihn – und hatte ihn erhalten.

Die unsichtbare Gräfin brachte der Grüne auf das gewöhnliche Gesprächstapet, und die Reihe der Schönheiten wurde mit dem Busen abgeschlossen. Schatz sagte Juno; Bischof sagte Judith.

Advokatenstand ließ sich mit Leibgarde in ein Gespräch über Kriegsgerichte ein. Kollege Bellows und Richterbank schlugen sich zu ihnen. Andre Magnaten unterhielten sich paarweise. Mr. Merdle saß schweigend da und sah auf das Tischtuch. Bisweilen redete ihn ein Magnat an, um den Strom seines Gesprächs auf ihn zu richten; aber Mr. Merdle gab selten viel Gehör, und erwachte nur auf Augenblicke aus seinen Kalkulationen und ließ den Wein umhergehen.

Als sie aufstanden, hatten so viele von den Magnaten besonders mit Mr. Merdle zu sprechen, daß er kleine Levers an einem Seitentische gab und sie beim Fortgehen aus dem Zimmer abfertigte.

Schatz hoffte, er dürfe es wohl wagen, einem der weltberühmtesten Kapitalisten und Handelsfürsten Englands (er hatte diesen Originalgedanken schon mehrmals in dem Hause angewandt, er wurde ihm deshalb geläufig) zu einer neuen, glücklichen Spekulation gratulieren. Mehrten sich die Triumphe solcher Männer, so mehrten sich damit auch die Triumphe und Reichtumsquellen der Nation, und Schatz fühlte sich – gab er Mr. Merdle zu verstehen – in diesem Punkte patriotisch zumute.

»Ich danke Ihnen, mein Herr«, sagte Mr. Merdle, »ich danke Ihnen. Mit Stolz nehme ich Ihren Glückwunsch an und freue mich über Ihren Beifall.«

»Ich kann jedoch meinen Beifall nicht ganz unbedingt aussprechen, mein lieber Mr. Merdle. Weil«, fügte Schatz scherzend hinzu und drehte ihn leicht am Arm nach dem Seitentisch, »weil es nicht der Mühe wert scheint, zu uns zu kommen und uns zu helfen.«

Mr. Merdle fühlte sich geehrt durch den –

»Nein, nein«, sagte Schatz, das ist nicht das Licht, in dem man von einem durch seine praktischen Kenntnisse und seine große Vorsicht so ausgezeichneten Manne erwarten kann, daß er die Sache betrachte. Wenn wir je so glücklich sein sollten, dadurch, daß wir zufällig die Umstände beherrschen, in den Stand gesetzt zu sein, einem so eminenten Manne den Vorschlag zu machen, – zu uns zu kommen und uns das Gewicht seines Einflusses, seiner Kenntnisse und seines Charakters zugute kommen zu lassen, so könnten wir es ihm bloß als eine Pflicht vorschlagen. Wirklich, als eine Pflicht, die er der Gesellschaft schuldig ist.«

Mr. Merdle gab zu verstehen, die Gesellschaft sei sein Augapfel, und ihre Ansprüche stelle jede andere Rücksicht bei ihm in den Hintergrund. Schatz ging und Advokat kam.

Advokat mit seiner kleinen, einschmeichelnden Juryverbeugung, und sein überredendes, doppeltes Augenglas handhabend, hoffte Entschuldigung zu finden, wenn er gegenüber einem der großen Männer, die die Wurzel alles Bösen in die Wurzel alles Guten umkehrten und auf lange Zeit lichten Glanz selbst auf die Annalen unsres Handelslandes geworfen, – wenn er ganz ohne alles Interesse und als, wie die Advokaten es in ihrer pedantischen Sprache nennen, ›amicus curiae‹ einer Tatsache erwähne, die durch Zufall zu seinen Ohren gekommen. Er sei aufgefordert worden, die Urkunden eines sehr bedeutenden Gutes in einer der östlichen Grafschaften durchzusehen – dasselbe liege, fügte er hinzu, da, wie Mr. Merdle wisse, die Advokaten genau zu sein lieben, an den Grenzen von zwei der östlichen Grafschaften. Die Urkunden seien vollkommen in Nichtigkeit und das Gut könne jemand, der über – Geld (Juryverbeugung und überredendes Augenglas) zu verfügen habe, unter sehr vorteilhaften Bedingungen erwerben. Dies sei erst heute zu Advokatenkenntnis gekommen, und es sei ihm eingefallen: »Ich werde heute abend die Ehre haben, bei meinem verehrten Freunde Mr. Merdle zu speisen, und ganz unter uns will ich ihm von der günstigen Gelegenheit, die sich bietet, sprechen.« Dieser Kauf würde nicht allein großen, gesetzlichen, politischen Einfluß in sich schließen, sondern auch ungefähr ein halbes Dutzend kirchlicher Präsentationen von beträchtlichem, jährlichem Einkommen. Advokat wisse zwar wohl, daß Mr. Merdle nicht in Verlegenheit sei, Mittel zu finden, selbst sein Kapital anzulegen, um seinen tätigen und rüstigen Geist vollauf zu beschäftigen, aber er möchte sich zu bemerken erlauben, daß die Frage in ihm aufgestiegen, ob nicht ein Mann, der verdientermaßen eine so hohe Stellung und einen so europäischen Ruf errungen, – wir wollen nicht sagen, es sich selbst, sondern der Gesellschaft schuldig sei, sich in den Besitz so großen Einflusses wie des genannten zu setzen und diesen – wir wollen nicht sagen, zu seinem oder seiner Partei, sondern zum Nutzen der »Gesellschaft« auszuüben.

Mr. Merdle erklärte wiederum, daß er sich ganz und gar diesem Gegenstand seiner beständigen Erwägung widmen werde, und Advokat setzte sein überzeugendes Augenglas auf, während er die große Treppe hinanstieg. Bischof bewegte sich absichtslos nach dem Seitentisch hin.

Sicherer könnten die Güter der Welt, bemerkte ganz zufällig der Bischof, kaum in glücklichere Kanäle geleitet werden, als wenn sie sich unter dem Zauberstab der Weisen und Klugen anhäuften, die, während sie den wahren Wert des Reichtums kennten (Bischof suchte sich hier das Aussehen zu geben, als wenn er selbst arm wäre), ihren vernünftig angewandten und richtig verteilten Einfluß zur Wohlfahrt unsrer Brüder im weitesten Sinne zu schätzen wußten.

Mr. Merdle drückte mit aller Demut seine Überzeugung aus, der Bischof könne nicht ihn meinen, und fügte ungereimterweise seinen lebhaften Dank für die gute Meinung des Bischofs hinzu.

Der Bischof, der sein wohlgeformtes, rechtes Bein vergnügt etwas vorstreckte, als wollte er zu Mr. Merdle sagen: »Achten Sie nicht auf den Priesterrock, eine reine Form!«, legte seinem guten Freund den Fall vor:

Ob es seinem guten Freunde schon in den Sinn gekommen, daß die Gesellschaft nicht mit Unrecht erwarten könne, ein in seinen Unternehmungen so gesegneter Mann, dessen Beispiel in seiner Stellung von so großem Einfluß sei, werde doch auch etwas Geld für eine Mission nach Afrika spenden?

Als Mr. Merdle andeutete, daß der Gedanke seine volle Aufmerksamkeit verdiene, legte ihm der Bischof eine andere Frage vor:

Ob sich sein guter Freund schon für den guten Fortgang unsres kombinierten und vermehrten Kirchendienerstellenkomitees interessiert und ob er schon daran gedacht, daß etwas Geld in dieser Richtung zu verwenden, die Ausführung eines großen Gedankens ermögliche?

Mr. Merdle gab eine ähnliche Antwort, und Bischof erklärte seinen Grund, weshalb er sich erkundige.

Die Gesellschaft erwartete von Männern, wie sein guter Freund, daß sie dergleichen tun. Nicht er, sondern die Gesellschaft sehe darauf. Gerade wie es nicht sein Komitee sei, das die Vermehrung fundierter Kirchenstellen brauche, sondern die Gesellschaft sei es, die sich in einem Zustande der größten Unruhe und Unbehaglichkeit befinde, bis sie sie habe. Er bat seinen guten Freund, versichert zu sein, daß er wohl, wisse, wie sehr sein guter Freund bei allen Gelegenheiten auf die besten Interessen der Gesellschaft bedacht sei, und er glaube zugleich im Interesse der Gesellschaft zu handeln und die Gefühle der Gesellschaft auszusprechen, wenn er ihm fortdauerndes Glück, fortdauernden Zuwachs seines Reichtums und Fortdauer in allem wünsche.

Bischof begab sich dann hinauf, und die andern Magnaten folgten ihm allmählich, bis niemand mehr übrig war als Mr. Merdle. Nachdem dieser so lange auf das Tischtuch gestarrt, bis die Seele des ersten Tafeldeckers in edlem Zorne glühte, ging er langsam hinter den andern drein und ward unter dem Strom aus der großen Treppe gar nicht beachtet. Mrs. Merdle war in ihrem Element, die besten Juwelen waren zur Schau ausgehängt, die Gesellschaft erhielt, weshalb sie kam. Mr. Merdle trank für zwei Penny Tee in einer Ecke und hatte mehr als er brauchte.

Unter den Magnaten des Abends war ein berühmter Arzt, der jedermann kannte und den jedermann kannte. Als er in die Tür trat, stieß er auf Mr. Merdle, der in der Ecke seinen Tee trank, und berührte seinen Arm.

Mr. Merdle fuhr zurück. »Oh! Sind Sie es?«

»Geht es heute besser?«

»Nein«, sagte Mr. Merdle, »ich fühle mich nicht besser.«

»Ach, bedaure, daß ich Sie heute morgen nicht sah. Bitte, kommen Sie morgen zu mir, oder ich will zu Ihnen kommen.«

»Bitte«, antwortete er. »Ich werde morgen im Vorüberfahren bei Ihnen vorsprechen.«

Advokat und Bischof hatten diesen kurzen Dialog gehört, und als Mr. Merdle von der Menge hinweggeführt worden, machten sie dem Arzte ihre Bemerkungen darüber. Advokat sagte, es gebe einen gewissen Punkt geistiger Anspannung, über den niemand hinauskönne; dieser Punkt wäre nach der verschiedenen Bildung des Gehirns und den Eigentümlichkeiten der Konstitution, wie er bei mehren seiner gelehrten Brüder zu bemerken die Gelegenheit gehabt, verschieden; sei jedoch der Punkt der Dauerbarkeit um die Breite einer Linie überschritten, so folge Entkräftung und Dyspepsie. Ohne in die geheiligten Mysterien der Medizin eindringen zu wollen, glaube er (mit der Juryverbeugung und seinem überzeugenden Augenglas), daß dies Mr. Merdles Fall sei. Bischof sagte, daß, als er ein junger Mann gewesen und eine kurze Zeit lang die Gewohnheit gehabt, am Sonnabend seine Reden zu schreiben, eine Gewohnheit, die alle jungen Söhne der Kirche ängstlich vermeiden sollten, er häufig eine Entkräftung gefühlt, die, wie er vermutete, eine Folge von Überanstrengung des Geistes gewesen, auf die der Dotter eines frischgelegten Eis, das ihm die gute Frau, in deren Haus er damals wohnte, mit einem Glas guten Xeres, Muskatnuß und gestoßenen Zuckers zubereitet, wie ein Zauber gewirkt. Ohne sich anmaßen zu wollen, ein so einfaches Mittel der Erwägung eines so tiefsinnigen Kenners der Heilkunde empfehlen zu wollen, möchte er sich doch die Frage erlauben, ob, wenn die Störung der Harmonie durch schwierige und verwickelte Kalkulationen eingetreten, die Geister nicht durch ein leichtes und doch wirksames Reizmittel (nach menschlichen Begriffen gesprochen) wieder reingestimmt werden könnten.

»Ja«, sagte der Arzt, »ja, Sie haben beide recht. Aber ich muß Ihnen dessenungeachtet sagen, daß ich nichts der Art bei Mr. Merdle finde. Er hat die Konstitution eines Rhinozeros, die Verdauungskraft eines Straußes und die Konzentration einer Auster. Was die Nerven betrifft, so hat Mr. Merdle ein sehr kühles Temperament; er ist beinahe so unverletzlich, möcht‘ ich sagen, wie Achilles. Wie solch ein Mann sich ohne Grund für unwohl halten sollte, werden Sie seltsam finden. Aber ich habe nichts der Art bei ihm gefunden. Er muß ein tiefsitzendes, verborgenes Übel haben. Ich weiß es nicht. Ich kann nur sagen, bis jetzt habe ich es noch nicht herausgefunden.«

Kein Schatten von dem Übel Mr. Merdles ruhte auf dem Busen, der die kostbarsten Steine ausgelegt hatte und darin mit mancher ähnlichen, prachtvollen Auslage rivalisierte; es ruhte kein Schatten von Mr. Merdles Übel auf dem jungen Sparkler, der sich in den Zimmern umhertrieb und monomanisch nach einer hinlänglich unwählbaren jungen Dame suchte, die keinen Unsinn an sich habe; es ruhte kein Schatten von Mr. Merdles Übel auf den Barnacles und Stiltstalkings, von denen ganze Kolonien zugegen waren; überhaupt auf niemandem von der Gesellschaft. Sogar auf ihm selbst ruhte nur ein flüchtiger Schatten, als er sich unter der Masse umherbewegte und ihre Huldigungen entgegennahm.

Mr. Merdles Übel. Die Gesellschaft und er hatten in allem andern so viel miteinander zu tun, daß man kaum glauben kann, sein Übel, wenn er wirklich ein solches hätte, wäre nur seine Sache gewesen. Hatte er wirklich solch tiefsitzendes, verborgenes Übel und fand der Doktor heraus, was es war? Geduld. In der Zwischenzeit hatte der Schatten der Mauer des Marschallgefängnisses einen wirklich verdunkelnden Einfluß und konnte in jeder Periode des Sonnenlaufes auf der Familie Dorrit gesehen werden.

Zweiundzwanzigstes Kapitel.


Zweiundzwanzigstes Kapitel.

Eine Verlegenheit.

Mr. Clennam wuchs nicht im Verhältnis seiner vermehrten Besuche in der Gunst des Vaters des Marschallgefängnisses. Seine Stumpfheit in der großen Ehrengeschenkfrage konnte keine Bewunderung in der väterlichen Brust erwecken, sondern mußte eher an dieser empfindlichen Stelle beleidigen und als ein positiver Mangel an gebildeter Denkungsart erscheinen. Ein Gefühl der Enttäuschung, das durch die Entdeckung hervorgerufen wurde, daß Mr. Clennam kaum die Delikatesse besäße, die er ihm in seiner vertrauensvollen Natur zuschrieb, begann das väterliche Gefühl, das ihn mit diesem Gentleman in Verbindung setzte, zu verdunkeln. Der Vater ging so weit, in seinem Privatfamilienzirkel zu sagen, er fürchte, Mr. Clennam sei kein Mann von feinem Sinn. Er sei glücklich, bemerkte er, in seiner öffentlichen Stellung als Leiter und Repräsentant des Kollegiums Mr. Clennam zu empfangen, wenn er ihm seinen Besuch abstatte; aber er finde sich nicht imstande, mit ihm in persönliche Beziehungen zu treten. Es schiene ihm etwas zu mangeln, er wisse nicht was. Wie dem nun auch war, der Vater ließ es nicht an den äußern Formen der Höflichkeit fehlen, im Gegenteil, er behandelte ihn mit großer Aufmerksamkeit, vielleicht schmeichelte er sich mit der Hoffnung, daß, wenn er auch nicht ein Mann von so glänzender und ursprünglicher Geistesgewandtheit sei, um sein früheres Ehrengeschenk ungemahnt zu wiederholen, es doch vielleicht innerhalb der Richtung seiner Natur liege, sich als willfähriger Gentleman zu zeigen, wenn man ihm einen darauf zielenden Brief zukommen ließe.

In seiner dreifachen Eigenschaft als der Herr von draußen, der am ersten Abend seines Hierherkommens durch Zufall hier eingeschlossen worden, als der Herr von draußen, der sich mit der wunderlichen Idee, ihn freizumachen, nach den Angelegenheiten des Vaters des Marschallgefängnisses erkundigt, und als der Herr von draußen, der sich für das Kind des Marschallgefängnisses interessierte, wurde Clennam bald ein Besuch von Auszeichnung. Er war nicht erstaunt über die Aufmerksamkeiten seitens Mr. Chiverys, wenn dieser das Schließeramt hatte, denn er machte wenig Unterschied zwischen Mr. Chiverys Höflichkeit und der von andern Schließern. An einem bestimmten Nachmittag überraschte ihn Mr. Chivery plötzlich und trat aus der Reihe seiner Kameraden hervor.

Mr. Chivery hatte durch kluge Anwendung seiner Kunst, das Pförtnerstübchen zu reinigen, seine müßigen Kollegen glücklich fortgeschafft, damit Clennam, wenn er aus dem Gefängnis käme, ihn allein an seinem Geschäft finde.

»Ich bitte um Entschuldigung, Sir«, sagte Mr. Chivery geheimnisvoll; »aber welchen Weg gedenken Sie zu gehen?«

»Ich gehe über die Brücke.« Er sah in Mr. Chivery, wie er so dastand, mit dem Schlüssel, nicht ohne Verwunderung die vollständige Allegorie des Schweigens.

»Ich bitte nochmals um Entschuldigung«, sagte Mr. Chivery wiederum leise, »aber könnten Sie den Hinweg über die Horsemonger Lane machen? Hätten Sie vielleicht Zeit, nach dieser Adresse zu sehen?«, fügte er hinzu und überreichte ihm eine Karte, die zum Zwecke der Zirkulation unter den Bekannten von Chivery und Comp. Tabakshändlern, Importeurs von echten Havanna-Zigarren, bengalischen Cheroots und wohlriechenden Kubas, Fabrikanten von gemischtem Schnupftabak usw. usw. gedruckt wurden.

»Es ist kein Tabakgeschäft«, sagte Mr. Chivery in fortgesetzter Heimlichkeit, »offen gesagt, es ist meine Frau. Sie möchte gern ein Wort mit Ihnen sprechen, Sir, wegen einer Sache, die – ja«, sagte Mr. Chivery, Clennams rasch begreifenden Blick mit einem Nicken erwidernd, »ja, die sie betrifft.«

»Ich will Ihre Frau alsbald zu sprechen suchen.«

»Danke, Sir, sehr verbunden. Es ist kaum zehn Minuten um. Fragen Sie nur nach Mrs. Chivery.« Diese Instruktionen rief ihm Mr. Chivery, der ihn bereits hinausgelassen, vorsichtig durch einen kleinen Schieber an der äußern Tür hinaus, den er von innen zurückziehen konnte, wenn er wollte, um die Besuchenden zu inspizieren.

Arthur Clennam, mit seiner Karte in der Hand, begab sich nach der Adresse, die darauf stand, und war rasch an Ort und Stelle. Es war ein sehr kleiner Laden, in dem eine saubere Frau hinter dem Zahltisch an der Arbeit saß. Kleine Krüge mit Tabak, kleine Kistchen mit Zigarren, ein kleines Assortiment Pfeifen, ein bis zwei kleine Krüge mit Schnupftabak und ein kleines Instrument wie ein Schuhlöffel, um denselben herauszunehmen, bildeten den zum Verkauf bereiten Vorrat dieses Kleinhandels.

Arthur nannte seinen Namen und sagte, daß er auf Mr. Chiverys Aufforderung hier vorzusprechen zugesagt habe. Er glaube, es handle sich um eine Sache, die Miß Dorrit betreffe. Mrs. Chivery legte augenblicklich die Arbeit weg, stand von ihrem Sitze hinter dem Zahltisch auf und schüttelte mitleidig den Kopf.

»Sie können ihn sehen«, sagte sie, »wenn es Ihnen beliebt, einen Blick hineinzuwerfen.«

Mit diesen geheimnisvollen Worten ging sie dem Fremden voran in ein kleines Zimmer hinter dem Laden; ein kleines Fenster hatte die Aussicht in einen kleinen, düsteren Hinterhof. In diesem Hof suchte Wäsche, Bettücher und Tischtücher (aus Mangel an Luft vergeblich) an einem bis zwei Seilen trocken zu werden; und unter diesem flatternden Zeug saß in einem Stuhl, gleich dem letzten Matrosen, der auf einem nassen Schiff leben geblieben und die Kraft nicht besitzt, die Segel aufzuziehen, ein kleiner von Leiden gebeugter junger Mann.

»Unser John«, sagte Mrs. Chivery.

Um nicht teilnahmlos zu erscheinen, fragte Mr. Clennam, was er hier tue.

»Es ist die einzige Abwechslung, die er sich macht«, sagte Mrs. Chivery wieder den Kopf schüttelnd. »Er mag nicht ausgehen, nicht mal in den Hinterhof, wenn keine Wäsche da ist; aber wenn Wäsche da ist, wodurch die Blicke der Nachbarschaft abgehalten werden, dann sitzt er stundenlang hier, ganze Stunden lang. Er sagt, es sei ihm, wie wenn er in einem Wald wäre.« Mrs. Chivery schüttelte den Kopf wieder, brachte die Schürze mit mütterlichem Mitleid an die Augen und führte den Fremden wieder in die Geschäftsregion zurück.

»Bitte, sich gefälligst zu setzen«, sagte Mrs. Chivery. »Miß Dorrit ist der Gegenstand, um den es sich bei unserm John handelt, Sir; sein Herz ist um ihretwillen gebrochen, und ich möchte mir die Freiheit nehmen, Sie zu fragen, was seine Eltern anfangen sollen, wenn es gebrochen ist?«

Mr, Chivery, eine Frau von angenehmem Äußern und in der Horsemonger Lane um ihres gefühlvollen Wesens und ihrer Konversation willen hoch geschätzt, sprach diese Worte mit der größten Fassung und begann alsbald wieder ihren Kopf zu schütteln und ihre Augen zu trocknen.

»Sir«, sagte sie, »Sie sind mit der Familie bekannt und haben sich für die Familie interessiert und besitzen Einfluß auf die Familie. Wenn Sie etwas zu tun oder zu fördern imstande wären, wodurch zwei junge Leute glücklich würden, so lassen Sie mich um unsres John willen und um beider willen Sie dringend darum gebeten haben.«

»Ich war so gewöhnt«, entgegnete Arthur verlegen, »während der kurzen Zeit, die ich sie kannte. Klein – ich war so gewöhnt, Miß Dorrit in einem so ganz andern Licht zu betrachten als in dem, in dem Sie sie mir jetzt zeigen, daß Sie mich sehr überraschen. Kennt Sie Ihren Sohn?«

»Wurden beide miteinander auferzogen, Sir«, sagte Mrs. Chivery. »Spielten zusammen.«

»Kennt sie Ihren Sohn als ihren Anbeter?«

»Oh! Du mein Gott, Sir«, sagte Mrs. Chivery mit einer Art triumphierenden Schauers, »sie durfte ihn nur an einem Sonntag sehen, um das zu wissen. Sein Wesen allein würde ihr’s längst gesagt haben, wenn auch gar nichts anderes. Junge Leute wie John können ihre Empfindungen nicht verbergen. Wie erfuhr ich selbst es zum erstenmal? Gerade so.«

»Vielleicht ist Miß Dorrit nicht so klug wie Sie, hm?«

»Dann weiß sie es aus seinem Mund, Sir“, sagte Mrs. Chivery.

»Sind Sie dessen ganz gewiß?«

»Sir«, sagte Mr. Chivery, »so sicher und gewiß, wie ich in diesem Hause bin. Ich sah meinen Sohn mit meinen eignen Augen fortgehen, denn ich war zu Hause und sah ihn mit meinen eignen Augen heimkommen, denn ich war zu Hause, und ich weiß, daß er es ihr gesagt hat.« Mrs. Chivery gewann durch die Umständlichkeit und Wiederholung eine überraschende Kraft der Emphase.

»Darf ich Sie fragen, wie er in diesen verzweiflungsvollen Zustand verfiel, der Ihnen so vielen Kummer verursacht?«

»Das«, sagte Mrs. Chivery, »geschah an dem Tage, an dem ich John mit diesen trüben Augen hierher zurückkehren sah. Er war seit jenem Tage nicht mehr in jenem Hause. Ist seit jener Zeit ganz verändert; er sah nie so aus, seit den sieben Jahren, die wir jetzt in diesem Hause wohnen!« – Die eigentümliche Art der Konstruktion gab den Worten von Mrs. Chivery den Ausdruck einer eidlichen Aussage.

»Darf ich mir zu fragen erlauben, was ist Ihre Ansicht von der Sache?«

»Allerdings«, sagte Mrs. Chivery, »und ich werde sie Ihnen so offen und ehrlich und so wahr sagen, wie ich in diesem Laden stehe. Unsern John lobt jedermann und alle Leute wünschen ihm Gutes. Er spielte mit ihr als Kind auf diesem Hofe, als sie als Kind auf diesem Hofe spielte. Er kennt sie seit jener Zeit. Er ging am Sonntagnachmittag aus, als er in diesem Zimmer gespeist, und traf sie zufällig oder verabredet. Das will ich nicht zu unterscheiden wagen. Er machte ihr seinen Antrag. Ihr Bruder und ihre Schwester wollen sehr hoch hinaus in ihren Ansprüchen und sind stolz gegen unsern John. Ihr Vater denkt nur an sich und mag sie wiederum mit niemand teilen. Unter diesen Umständen hat sie unserm John geantwortet: ›Nein, John, ich kann dich nicht heiraten, ich kann niemanden heiraten, es ist nicht meine Absicht, je eine Frau zu werden, es ist meine Absicht, immer ein Opfer zu bleiben, lebe wohl. Mögest du eine andere finden, die deiner würdig ist, und vergiß mich!‹ So ist sie also verurteilt, ewig eine Sklavin derer zu sein, die nicht würdig sind, daß sie ewig ihre Sklavin sei. So ist es gekommen, daß unser John keine andre Freude mehr kennt, als sich zu erkälten und auf jenem Hof, wie ich Ihnen gezeigt, eine zerfallene Ruine zu sein, die zur Muttererde zurückkehrt!« Hier deutete die gute Frau nach dem kleinen Fenster, von wo man ihren Sohn schwermütig in dem totenstillen Haine sitzen sehen konnte; und sie schüttelte wieder den Kopf und wischte ihre Augen und bat ihn, um der vereinten Sache der beiden jungen Leute willen, seinen Einfluß für die glänzende Kehrseite dieses traurigen Ereignisses geltend zu machen.

Sie setzte so großes Vertrauen auf ihre Auseinandersetzung der Sache, und diese war so unleugbar auf richtige Premissen, soweit es die bezügliche Stellung von Klein-Dorrit zu ihrer Familie betraf, gegründet, daß Clennam auf der andern Seite in seiner Ansicht schwankend werden mußte. Er hatte nach und nach für Klein-Dorrit ein so eigentümliches Interesse gewonnen – ein Interesse, das, während es zunahm, die gemeinen und niedrigen Dinge aus ihrer Umgebung entfernte –, daß es enttäuschend, unangenehm, ja beinahe peinlich auf ihn wirkte, anzunehmen, daß sie in den jungen Mr. Chivery vom Hinterhofe oder in eine andere Person der Art verliebt sei. Auf der andern Seite sagte er sich, daß sie gerade so gut und gerade so wahr sein würde, wenn sie in ihn verliebt, als wenn sie nicht in ihn verliebt wäre; und daß, eine Art gezähmter Fee aus ihr zu machen und sie dies durch Isolierung von den einzigen Menschen, die sie kannte, büßen zu lassen, nur eine Schwachheit von seiner Seite und nicht die freundlichste wäre. Aber ihre jugendliche und ätherische Erscheinung, ihr schüchternes Wesen, der Reiz ihrer innigen Stimme und Augen, die vielen Umstände, in denen sie ihn, abgesehen von ihrer Persönlichkeit, interessiert hatte, und der große Unterschied zwischen ihr und ihrer Umgebung waren mit diesen ihm nun sich darbietenden Gedanken in keiner Harmonie und ließen sich in keine Harmonie bringen.

Er sagte der würdigen Mrs. Chivery, nachdem er sich die Sache überlegt – was er getan, während sie noch sprach –, daß sie überzeugt sein dürfe, er werde stets sein möglichstes tun, das Glück von Miß Dorrit zu fördern und den Wünschen ihres Herzens, wenn es in seiner Macht stünde und er sie erfahren könne, entgegenzukommen. Zugleich warnte er sie vor unberechtigten Annahmen auf den bloßen Schein hin, legte ihr strenges Schweigen und Geheimhalten der Sache auf, damit Miß Dorrit nicht unglücklich gemacht werde, und hieß sie besonders ihres Sohnes Vertrauen zu gewinnen zu suchen, um sich so des Standes der Dinge ganz zu versichern. Mrs. Chivery hielt die letztere Vorsicht für durchaus überflüssig, sagte jedoch, sie wolle es versuchen. Sie schüttelte den Kopf, als wenn sie nicht all den Trost, den sie so sicher aus dieser Begegnung zu gewinnen erwartet, daraus geschöpft, dankte ihm jedoch nichtsdestoweniger für die Mühe, die er sich zu machen so freundlich gewesen. Darauf schieden sie als gute Freunde, und Arthur ging fort.

Da die Masse des Volks auf der Straße mit der Masse von Gedanken in seinem Kopf zusammenstieß, und die beiden Massen in Verwirrung gerieten, vermied er die London Bridge und wandte sich nach der stilleren Iron Bridge. Er hatte kaum den Fuß darauf gesetzt, als er Klein-Dorrit vor sich hergehen sah. Es war ein hübscher Tag; ein sanftes Lüftchen kühlte die Atmosphäre, und sie schien in diesem Augenblick erst Luft zu schöpfen gekommen. Er hatte sie vor einer Stunde in ihres Vaters Zimmer verlassen.

Es war ein günstiger Zufall, der seinem Wunsch entgegenkam, ihr Gesicht und ihr Benehmen beobachten zu können, wenn niemand sonst zugegen war. Er beeilte seinen Schritt; ehe er sie jedoch erreichte, wandte sie den Kopf um.

»Habe ich Sie erschreckt?« fragte er.

»Ich dachte den Schritt zu kennen«, antworte sie zögernd.

»Und wußten Sie, daß ich es war, Klein-Dorrit? Sie konnten mich doch kaum erwartet haben.«

»Ich erwartete niemanden. Als ich jedoch einen Schritt hörte – dachte ich, er sei ganz wie der Ihrige.«

»Gehen Sie weiter?«

»Nein, Sir, ich gehe nur zur Abwechslung hier etwas auf und ab.«

Sie gingen zusammen, und sie gewann ihr vertrauendes Wesen wieder und sah ihm ins Gesicht, als sie, nachdem sie einen Blick umhergeworfen, sagte:

»Es ist so seltsam, vielleicht können Sie es kaum verstehen. Ich habe bisweilen ein Gefühl, als wenn es beinahe gefühllos wäre, hier zu gehen.«

»Gefühllos?«

»Den Fluß zu sehen und so viel Himmel und so mancherlei Dinge und so viel Wechsel und Bewegung, und dann nach Hause zu gehen. Sie wissen, und ihn auf demselben beschränkten Platz zu finden.«

»Ach ja! Aber wenn Sie zurückgehen, müssen Sie sich erinnern, daß Sie den Geist und den Einfluß solcher Dinge in Ihrer Stimmung mitbringen und ihn dadurch aufheitern.«

»Wirklich? Es mag sein. Ich fürchte, Sie phantasieren zuviel, Sir, und halten mich für zu stark. Wenn Sie im Gefängnis wären, könnt‘ ich Ihnen solchen Trost bringen?«

»Ja, Klein-Dorrit, gewiß!«

Er schloß aus einem Zittern ihrer Lippen und einem flüchtigen Schatten großer Aufregung auf ihrem Gesicht, daß ihr Geist bei ihrem Vater weilte. Er schwieg deshalb einige Augenblicke, damit sie ihre Fassung wiedergewinne. Klein-Dorrit, die an seinem Arme zitterte, war weniger mit Mr. Chiverys Theorie in Übereinstimmung als je und doch nicht ganz unversöhnbar mit einem neuen Einfall, der in ihm erwachte, es möchte jemand in der hoffnungslosen – noch neuerer Einfall – in der hoffnungslosen, unerreichbaren Ferne sein.

Sie wandten um, und Clennam sagte: »Hier kommt Maggy!« Klein-Dorrit sah erstaunt auf, und sie standen Maggy gegenüber, die bei ihrem Anblick plötzlich stehen blieb. Sie war so in Gedanken und geschäftig einhergetrottelt, daß sie sie nicht erkannt, bis sie sich nach ihr umwandten. Sie war in diesem Augenblick so vom Gewissen geschlagen, daß selbst ihr Korb an der Bewegung teilnahm.

»Maggy, du versprachst, bei dem Vater zu bleiben.«

»Das wollt‘ ich auch, Mütterchen, aber er gab es nicht zu. Wenn er mich fortschickt, muß ich doch. Wenn es ihm einfällt und er sagt: ›Maggy, trage diesen Brief eiligst fort, und du sollst einen Sixpence haben, wenn du gute Antwort bringst‹, so muß ich’s doch tun. Mütterchen, was soll ein armes Kind von zehn Jahren tun? Und wenn Mr. Tip zufällig hereinkommt, wie ich hinauskomme, und wenn er sagt: ›Wo gehst du hin, Maggy?‹ und wenn ich sage: ›Ich gehe da und dahin‹, und wenn er sagt: ›Ich will’s auch probieren‹, und wenn er in den George geht und einen Brief schreibt, und ihn mir gibt und sagt: ›Nimm das an denselben Ort mit, und wenn die Antwort gut ist, so erhältst du einen Schilling‹, so ist das nicht meine Schuld, Mütterchen!«

Arthur las in Klein-Dorrits niedergeschlagenen Augen, an wen der Brief nach ihrer Erwartung gerichtet sein mußte.

»Ich gehe da und dahin. Hier. Das ist’s, wohin ich gehen soll«, sagte Maggy. »Ich gehe da und dahin. Nicht du, Mütterchen, hast etwas damit zu schaffen, sondern Ihnen gilt’s«, sagte Maggy und wandte sich an Arthur. »Sie würden besser tun, wenn Sie mit mir da und dahin gingen, daß ich Ihnen die Briefe geben könnte.«

»Wir werden das nicht so genau nehmen. Gib sie nur her«, sagte Clennam mit leiser Stimme.

»Gut denn, so kommen Sie über den Weg«, antwortete Maggy mit sehr lautem Flüstern. Mütterchen soll nichts davon wissen, und sie würde auch nicht davon erfahren haben, wenn Sie nur da und dahin gegangen wären, statt so viel Wesens zu machen und stehenzubleiben. Es ist nicht meine Schuld. Ich muß tun, was man mir sagt, sie sollten sich schämen, daß sie’s zu mir sagten.«

Clennam trat auf die andere Seite des Weges und öffnete rasch die Briefe. Der vom Vater besagte, daß er ganz unerwartet sich in der neuen Lage befinde, daß eine Rimesse aus der City, auf die er zuversichtlich gezählt, ihm ausgeblieben sei, deshalb die Feder ergreife, da er durch den unglücklichen Umstand seiner dreiundzwanzigjährigen Gefangenschaft (doppelt unterstrichen) abgehalten sei, selbst zu kommen, was er sonst gewiß getan, – die Feder ergreife, um Mr. Clennam zu bitten, ihm die Summe von drei Pfund zehn Schillingen auf seinen Schuldschein, den er beizuschließen sich erlaube, vorzustrecken. Der Brief des Sohnes besagte, er sei überzeugt, Mr. Clennam werde sich freuen, zu vernehmen, daß er endlich eine dauernde Anstellung höchst befriedigender Art gefunden und die vollste Aussicht auf günstigen Erfolg in seinen Unternehmungen habe; daß jedoch das zeitweilige Außerstandesein seines Prinzipals, ihm sein rückständiges Salär auszubezahlen (in welcher Lage genannter Prinzipal an die edle Nachsicht appelliert, auf die er sicher bei ihm zählen zu dürfen geglaubt), in Verbindung mit den Betrügereien eines falschen Freundes und den gegenwärtigen hohen Preisen der Lebensmittel, ihn an den Rand des Verderbens bringen würde, wenn er nicht ein Viertel vor sechs Uhr heute abend die Summe von acht Pfund aufgebracht hätte. Mr. Clennam werde sich freuen zu erfahren, daß er diese Summe durch die Gefälligkeit mehrerer Freunde, die großes Vertrauen auf seine Rechtschaffenheit setzten, bereits mit Ausnahme der Kleinigkeit von einem Pfund siebenzehn Schillingen und vier Pence aufgebracht habe: das Darlehen dieses Mehr für die Zeit von einem Monat würde er mit den gewöhnlichen Zinsen belasten.

Diese Briefe beantwortete Clennam auf der Stelle mit Hilfe seines Bleistifts und seines Taschenbuchs, indem er dem Vater sandte, was er verlangte, und den Wunsch des Sohnes nicht erfüllen zu können sich entschuldigte. Er trug Maggy auf, mit seinen Antworten heimzugehen, und gab ihr einen Schilling, um den sie das Mißlingen ihres Supplementarunternehmens sonst gebracht hätte.

Als er wieder zu Klein-Dorrit trat und sie wie zuvor auf und ab gingen, sagte sie plötzlich:

„Ich glaube, ich gehe besser nach Hause. Ich gehe besser nach Hause.“

„Lassen Sie sich das nicht kümmern“, sagte Clennam. „Ich habe die Briefe beantwortet. Sie enthielten nichts. Sie wissen ja, was sie enthielten. Sie waren von keiner Bedeutung.“

„Aber ich fürchte mich“, versetzte sie, „ihn allein zu lassen, ich fürchte mich, irgendeines allein zu lassen. Wenn ich fort bin, machen sie verkehrtes Zeug –-, aber es ist wirklich nicht ihre Absicht – auch Maggys nicht.“

„Es war ein ganz unschuldiger Auftrag, den sie besorgte, das arme Ding. Und daß sie ihn geheim vor Ihnen hielt, geschah ohne Zweifel, weil sie glaubte, Ihnen dadurch eine Unannehmlichkeit zu ersparen.“

„Ja, ich glaube es wohl, ich glaube es wohl! Aber ich gehe besser nach Hause! Erst gestern sagte mir meine Schwester, ich sei so an das Gefängnis gewöhnt worden, daß ich ganz den Ton und Charakter desselben angenommen. Es muß wohl der Fall sein. Ich weiß gewiß, daß es der Fall ist, wenn ich diese Dinge sehe. Mein Platz ist dort. Ich bin besser dort. Es ist gefühllos von mir, hier zu sein, wenn ich das Geringste dort tun kann. Leben Sie wohl. Ich tue weit besser, zu Hause zu bleiben.“

Der schwere Kampf, mit dem sie diese Worte hervorbrachte, als rängen sie sich unwillkürlich von ihrem gepreßten Herzen los, machte es schwierig für Clennam, die Tränen zurückzuhalten, wenn er sie ansah und so sprechen hörte.

„Nennen Sie es nicht zu Hause, mein Kind“, bat er. „Es ist mir immer peinlich Sie das ›zu Hause‹ heißen zu hören.“ »Aber es ist mein Haus. Was kann ich sonst meine Heimat nennen? Warum sollte ich das je vergessen?«

»Meine liebe Klein-Dorrit, Sie tun niemandem einen guten und wahren Dienst damit.«

»Ich weiß, ich weiß es! Aber es ist besser, wenn ich dort bleibe; weit besser, weit pflichtgetreuer, weit glücklicher. Bitte, gehen Sie nicht mit mir, lassen Sie mich allein gehen. Leben Sie wohl. Gott segne Sie. Ich danke Ihnen, danke Ihnen.«

Er fühlte, daß es besser sei, ihre Bitte zu respektieren, und blieb stehen, während ihre schlanke Figur rasch hinwegeilte. Als sie aus dem Gesicht verschwunden, richtete er seinen Blick auf das Wasser und stand sinnend da.

Sie würde sich zu jeder Zeit durch die Entdeckung dieser Briefe unglücklich gefühlt haben; aber jetzt um so mehr, und auf solche nicht wieder gutzumachende Weise?

Nein.

Wenn sie ihren Vater mit seinem fadenscheinigen Rocke hätte betteln sehen, wenn sie ihn gebeten, ihrem Vater kein Geld zu geben, wäre sie unglücklich gewesen. Aber nicht in solchem Grade. Etwas hatte sie gerade jetzt sehr stolz und empfindlich gemacht. War denn wirklich jemand in der hoffnungslosen, unerreichbaren Ferne? Oder war der Verdacht in dieses Gemüt durch die Gedankenverbindung des wilden Stromes unter der Brücke und desselben Stromes weiter oben gedrungen, der mit seiner unabänderlichen Melodie am Bug der Fähre so viele Meilen in einer Stunde dahinrauschte, hier die Binsen, dort die Lilien berührte, nichts ungewiss oder unruhig?

Er dachte lange Zeit an sein armes Kind, Klein-Dorrit; er dachte an sie, wie sie nach Hause gehe; er dachte an sie in der Nacht; er dachte an sie, wenn der Tag wieder anbrach. Und das arme Kind, Klein-Dorrit, dachte an ihn – nur zu treu, ach, nur zu treu – in den Schatten der Mauern des Marschallgefängnisses.