32. Kapitel


32. Kapitel

Handelt wieder von Todgers‘ und einer Pflanze, die dort im Verborgenen hinwelkte

Früh am Morgen nach jenem Tag, an dem Miss Pecksniff dem Schauplatz ihrer Mädchenzeit Lebewohl gesagt, wurde sie in London, gleich nach ihrer Ankunft, von Mrs. Todgers in Empfang genommen und in das friedliche Heim im Schatten des Monumentes geleitet.

Mrs. Todgers sah infolge ihrer Sorgen um die tägliche Fleischbrühe und andere häusliche Kümmernisse, die ihr Geschäft mit sich brachte, ziemlich angegriffen aus, legte aber dennoch ihre gewohnte, angelegentliche und warme Teilnahme an den Tag.

»Und was macht Ihr lieber Papa, meine süße Miss Pecksniff?« fragte sie.

Miss Pecksniff teilte ihr – im Vertrauen natürlich – mit, daß der Treffliche daran denke, eine junge Frau Mama heimzuführen, und wiederholte ihren Ausspruch, daß sie weder blind noch blödsinnig sei und das nicht ruhig mit anzusehen gedenke.

Mrs. Todgers war über diese Neuigkeit empörter, als man hätte annehmen sollen. Sie war geradezu erbittert; sie sagte, es herrsche keine Wahrheit in den Herzen der Männer, und je inniger einer spreche, desto falscher und verräterischer sei er in der Regel. Mit erstaunlicher Klarheit durchschaute sie, daß der Gegenstand von Mr. Pecksniffs Zuneigung eine ränkevolle, wertlose und gottvergessene Person sei – eine Ansicht, die selbstverständlich von Miss Charitas vollständig bestätigt wurde, und dann versicherte sie mit Tränen in den Augen, sie liebe Miss Pecksniff wie eine Schwester und fühle die Kränkung, als ob sie ihr selbst angetan worden wäre.

»Und was die liebe, liebe Gratia anbetrifft«, sagte sie, »so habe ich sie erst ein einziges Mal seit ihrer Verheiratung gesehen und muß sagen, sie kam mir leider sehr bekümmert vor. – Übrigens, meine liebe Miss Pecksniff, ich habe immer gedacht, Sie sollten die Frau von Mr. Jonas werden?«

»Ach, du mein Himmel, nein«, rief Cherry, den Kopf schüttelnd; »o nein, Mrs. Todgers; – Gott sei vor! Nicht um alles in der Welt hätte ich mein Jawort gegeben.«

»Ich muß zugeben, daß Sie eigentlich recht haben«, versetzte Mrs. Todgers mit einem Seufzer. »Mir hat die Sache gleich nicht recht gefallen. – Und nun gar erst das Elend, das wir hier im Hause erlebt haben durch die Heirat, meine liebe Miss Pecksniff – es ist geradezu unglaublich.«

»Was sagen Sie da, Mrs. Todgers?« rief Charitas erstaunt.

»Schrecklich, ganz schrecklich«, wiederholte Mrs. Todgers mit Nachdruck. »Sie erinnern sich doch noch an den jüngsten Gentleman aus der Gesellschaft, meine Liebe?«

»Freilich!«

»Und Sie haben gewiß bemerkt, mit was für Augen er immer Ihre Schwester anzusehen pflegte und daß immer eine Art Versteinerung über ihn kam, sooft sie in seiner Gesellschaft war.«

»So? – Ich habe nichts davon bemerkt«, sagte Cherry verdrießlich. »Das ist doch alles dummes Zeug, Mrs. Todgers.«

»Nein, nein, meine Liebe«, beharrte Mrs. Todgers auf ihrer Ansicht, »ich habe ihn oft und oft gesehen, wie er beim Dinner über der Pastete gesessen ist und ihm der Löffel im Mund steckenblieb, wenn er Ihre Schwester ansah. Ich selbst kann’s bezeugen, wie er immer in der Ecke unsres Salons gestanden ist und sie mit einem so feuchten und melancholischen Blick angeschaut hat – fast wie ein Brunnen, aus dem man Tränen herauspumpen kann, und gar nicht wie ein Mann.«

»Möglich! – Ich kann weiter nichts sagen, als daß ich gar nichts dergleichen bemerkt habe«, versetzte Cherry hartnäckig.

»Und gar erst, als die Heirat stattfand«, fuhr Mrs. Todgers unbeirrt fort, »und alles in der Zeitung stand und die Nachricht hier beim Frühstück verlesen wurde, da hab ich wahrhaftig schon gemeint, er wolle vollständig verrückt werden. Seine Heftigkeit, meine liebe Miss Pecksniff, die schrecklichen Reden, die er über Selbstmord laut werden ließ und so, die Wildheit, die er an den Tag legte, wenn er seinen Tee trank, und die Wut, mit der er immer in sein Butterbrot gebissen hat – und dann gar erst, wie ihn Mr. Jinkins verhöhnt hat –, alles das sind Eindrücke, die ich nie vergessen kann.«

»Nur schade, daß er sich nicht wirklich umgebracht hat«, spöttelte Miss Pecksniff.

»Sich umgebracht?« rief Mrs. Todgers. »Nein, schon am Abend hatte er diese Absicht aufgegeben. Er wollte nur mehr andere Leute umbringen. Es gab da einen kleinen Radau – ich hoffe, Sie halten das nicht für einen ordinären Ausdruck, Miss Pecksniff, aber unsere Herren führen ihn immer im Mund –, also wie gesagt, meine Liebe, es gab da plötzlich, wenn auch ganz im Guten, einen Mordsradau unter ihnen, und dann sprang er plötzlich schäumend vor Wut auf, und wenn ihn nicht drei Herren festgehalten hätten, würde er sicher Mr. Jinkins mit einem Stiefelzieher totgeschlagen haben.«

– Miss Pecksniffs Miene drückte außerordentliche Gleichgültigkeit aus. –

»Aber jetzt«, schloß Mrs. Todgers, »ist er der zahmste Mensch von der Welt. Die Tränen treten ihm in die Augen, wenn man ihn nur ansieht. An Sonntagen sitzt er gewöhnlich den ganzen lieben langen Tag bei mir und jammert mir in so kläglicher Weise vor, daß es mir fast unmöglich ist, mich um das Hauswesen so zu kümmern, wie es die Herren Kostgänger wünschen. Seinen einzigen Trost noch findet er in weiblicher Gesellschaft. Er nimmt mich mit ins Theater, und zwar so oft, daß ich manchmal fürchte, es geht über seine Mittel, und wenn ich ihn anschau, die ganze Vorstellung hindurch hat er Tränen in den Augen. Besonders, wenn’s ein Lustspiel ist. Ach, und gestern erst! Wie ich da wieder erschrocken bin«, Mrs. Todgers legte die Hand aufs Herz, »die Hausmagd hat seinen Betteppich zum Fenster hinausg’hängt, und da hab ich schon glaubt, er sei’s.«

Die Verachtung, mit der Miss Pecksniff diesen pathetischen Bericht über den Seelenzustand des jüngsten Gentlemans der Gesellschaft anhörte, ließ bemerken, daß sie nicht sonderlich viel Teilnahme für den Unglücklichen empfand. Sie schien im Gegenteil die Sache sehr leicht zu nehmen und erkundigte sich, was sonst noch für Veränderungen in dem Logierhause für die Herren vom Handelsstande vorgefallen seien.

Mr. Bailey war fort und hatte – so vergänglich ist alle Größe auf Erden – ein altes Weib, das unter dem unmöglichen Insulanernamen »Tamaroo« vorgestellt wurde, zur Nachfolgerin erhalten. Wie sich später herausstellte, hatten – stets zu Scherzen aufgelegt – die Kostgänger Mrs. Todgers‘ ihr diesen Namen gegeben. Das Wort, hieß es, solle aus einer englischen Ballade stammen und den kühnen, feurigen Charakter eines gewissen Lohnkutschers illustrieren, der darin eine große Rolle spielte. Offenbar hatten sie den Namen Mr. Baileys Nachfolgerin gegeben, da sie nichts weniger als »feurig« war, von einem Anfall von Rotlauf hie und da vielleicht abgesehen. Man hatte die alte Frau auf allgemeinen Wunsch engagiert und außerdem auf ein Gelübde Mrs. Todgers‘ hin, daß nun und nimmermehr Jungen die Türen ihres Kosthauses für junge Gentlemen vom Handelsstand verdunkeln sollten.

Mrs. Tamaroo zeichnete sich durch einen vollständigen Mangel an Fassungskraft für alles mögliche aus und war ein förmliches Mausoleum für Botschaften und kleine Pakete. Wenn man sie mit Briefen auf die Post schickte, so war ihr erstes, sie durch allerlei Spalten und Ritzen von Privathaustüren zu schieben, in der Einbildung, jede Türe mit einem Loch oder Schlitz müsse ein Briefkasten sein. Sie war klein und alt und trug stets eine grobe Schürze, vorn mit einem Lätzchen und hinten mit Fransen, dazu fortwährend Bandagen um ihre Handgelenke, die mit einer chronischen Verrenkung behaftet zu sein schienen. Bei jeder Gelegenheit, wenn es galt, die Haustüre zu öffnen, benahm sie sich außerordentlich vorsichtig, dagegen um so weniger, wenn es sich darum handelte, sie zu schließen, und wenn sie die Gäste bei der Tafel bediente, geschah es stets mit dem Hut auf dem Kopf.

Das war aber auch so ziemlich die einzige große Veränderung im Hause außer der, die mit dem jüngsten Gentleman der Gesellschaft vorgegangen war. Schon durch seine bloße Erscheinung bestätigte er Mrs. Todgers‘ Erzählung, nur schien er noch viel empfindlicher, als sie ihm nachgesagt. Ganz neue schreckliche Begriffe von Vorausbestimmung spukten in seinem Hirn, und er sprach viel von dem »Geschick« der Menschen, worüber er gewisse Privatoffenbarungen erhalten zu haben schien, die nicht jedermann zugänglich waren; wenigstens wußte er ganz genau, daß es das Fatum der armen Gratia gewesen sei, sein Leben in der Knospe zu zertreten. Er tat ungemein tränenreich und sentimental, und da bekanntlich jedermann seine Bestimmung haben muß, so setzte er sich in den Kopf, die seinige bestehe darin, daß er ohne Unterlaß Tränen im Auge haben müsse.

Wohl Tag für Tag versicherte er Mrs. Todgers, die Sonne sei für ihn untergegangen und die Wogen über ihn dahingerollt. Der Juggernaut habe ihn überfahren und die tödliche Upaspalme von Java ihn vergiftet. – Sein Name war Moddle.

Diesem also höchst unglücklichen Mr. Moddle gegenüber benahm sich nun Miss Pecksniff anfangs mit großer Reserve, da sie durchaus nicht in der Stimmung war, sich mit Klageliedern zu Ehren ihrer verheirateten Schwester unterhalten zu lassen. Das hatte gerade noch gefehlt, um den armen jungen Herrn vollständig zu zerschmettern, und bitter beklagte er sich darüber gegen Mrs. Todgers.

»Selbst sie wendet sich von mir ab, Mrs. Todgers«, jammerte er.

»Aber warum versuchen Sie denn auch nicht, ein bißchen heiterer zu sein«, stellte ihm Mrs. Todgers vor.

»Heiterer zu sein, Mrs. Todgers? Heiterer?!« rief der »jüngste Gentleman der Gesellschaft«. »Wo sie mich doch an die Tage erinnert, die für immer dahin sind, Mrs. Todgers!«

»Dann täten Sie besser, sie auf eine kurze Zeit zu meiden«, rief Mrs. Todgers, »und sich ihr erst allmählich zu nähern! So möchte ich’s wenigstens machen.«

»Aber ich kann sie nicht meiden«, stöhnte Mr. Moddle. »Es fehlte mir die Willenskraft dazu. Ach, Mrs. Todgers, wenn Sie wüßten, welchen Trost mir der Anblick ihrer Nase gibt.«

»Ihrer Nase, Sir?« rief Mrs. Todgers.

»Ihres Profils im allgemeinen«, erklärte der »jüngste Gentleman der Gesellschaft«, »aber besonders der ihrer Nase. Sie hat so viel Ähnlichkeit –«, wieder gab er einem Schmerzensausbruche Raum, »– sie hat so viel Ähnlichkeit mit der Nase derer, die jetzt einem andern angehört, Mrs. Todgers.«

Aufmerksam wie stets, verfehlte Mrs. Todgers natürlich nicht, den Inhalt dieses Gesprächs Miss Cherry zu hinterbringen, die zwar darüber lachte, aber noch am selben Abend Moddle mit größerer Rücksicht behandelte und ihm so viel wie möglich ihr Profil zukehrte. Mr. Moddle war zum mindesten ebenso sentimental wie gewöhnlich, aber er saß ruhig da und starrte sie mit glänzenden Augen an, als danke er ihr für diese Wohltat.

»Nun, Sir«, lobte ihn am nächsten Tag die Besitzerin des Logierhauses, »Sie haben sich ja gestern abend sehr zusammengenommen. Ich denke, Sie kommen doch wieder drüber weg.«

»Bloß, weil sie der so ähnlich sieht, die einem andern gehört, Mrs. Todgers«, seufzte der Jüngling. »Wenn sie spricht und wenn sie lächelt, glaube ich immer wieder ihr Antlitz vor mir zu sehen, Mrs. Todgers.«

Auch dies wurde Miss Cherry hinterbracht, die daraufhin am Abend aufs liebenswürdigste plauderte und lächelte, ja sogar Mr. Moddle wegen seiner Niedergeschlagenheit neckte und ihn zuletzt aufforderte, einen Rubber Whist mit ihr zu spielen. Mr. Moddle nahm den hingeworfenen Fehdehandschuh auf, und so spielten sie mehrere Partien zu sechs Pence, die Miss Cherry samt und sonders gewann. Zum Teil mochte dies vielleicht der Galanterie des jungen Gentlemans zuzuschreiben sein, aber gewiß trug auch sein Gemütszustand Schuld an der Niederlage, denn sein Blick war so häufig von Tränen getrübt, daß er die Achter für Zehner und die Buben für Damen hielt, was ihm auf die Dauer der Zeit immerhin Nachteil brachte.

Am siebenten Whistabend, als Mrs. Todgers, die wie immer kiebitzte, den Vorschlag machte, sie sollten eigentlich um Pfänder oder Küsse spielen, sah man Mr. Moddle sogar die Farbe wechseln. Und am vierzehnten Abend küßte er im Flur, als Miss Pecksniff schlafen ging, ihr in Hast die Lichtschere; er hatte zwar auf die Hand, die sie trug, gezielt, sie aber leider verfehlt.

Schließlich fing Mr. Moddle an, auf die Idee zu kommen, Miss Pecksniff habe die Mission, ihn zu trösten; und Miss Pecksniff ihrerseits fing an zu glauben, es sei vielleicht ihre »Mission«, Mrs. Moddle zu werden. Moddle war noch recht jung – im Gegensatz zu Cherry –, hatte gute Aussichten in seinem Beruf und überdies ein beinahe sicheres Einkommen. Wirklich, die Sache war nicht so übel.

Überdies hatte er als Gratias Verehrer gegolten! Gratia hatte mit ihm renommiert und einst zu ihrer Schwester gesagt, er sei eine Eroberung von ihr. Hinsichtlich Aussehen, Temperament und Benehmen schlug er Jonas bei weitem, außerdem war er leicht lenkbar und überhaupt ganz der Mann, sich den Launen einer Frau zu fügen. Kurz, er verhielt sich zu Jonas wie ein Lamm zu einem Bären. Ha, welcher Triumph!

Inzwischen dauerte das Kartenspiel Abend für Abend fort, und Mrs. Todgers wurde kaltgestellt. Der »jüngste Gentleman der Gesellschaft« zeigte nicht mehr die frühere Vorliebe für ihre Gesellschaft und fing an – Miss Pecksniff mit ins Theater zu nehmen. Auch begann er, wie Mrs. Todgers sich ausdrückte, das Essen zu schwänzen und sich zu ganz ungesetzlichen Zeiten zu entfernen. Ja, zweimal empfing er sogar, wie Mrs. Todgers verriet, anonyme Briefe mit Empfehlungskarten von Geschäften für Brautausstattungen und Möbel. – Offenbar eine Bosheit von seiten des höchst ungentlemanliken Schuftes Jinkins, doch fehlte es leider an Beweisen, um ihn zur Rede stellen zu können. Alles das – so belehrte Mrs. Todgers ihre jungfräuliche Freundin – sprach eine so einfache und klare Sprache, daß kein Mißverständnis mehr möglich war.

»Meine liebe Miss Pecksniff, Sie können sich drauf verlassen«, sagte sie, »er brennt nur drauf, Ihnen seine Hand anzutragen.«

»Gott bewahre – was denken Sie! – Wenn’s so wäre, warum tut er’s dann nicht?« rief Cherry.

»Die Männer sind viel schüchterner, als man glaubt, meine Liebe«, orakelte Mrs. Todgers. »Sie gehen immer um den heißen Brei herum wie die Katzen, Monate und Monate lang hab ich g’sehn, wie meinem Todgers die Worte auf der Zunge g’legen sind, bevor er sich ausgesprochen hat.«

Miss Pecksniff meinte, Mr. Todgers könne hier denn doch nicht als passendes Beispiel angesehen werden.

»Aber ja, meine Liebe! Sicher!« remonstrierte Mrs. Todgers, sich in die Brust werfend. »Oh, er war seinerzeit ein sehr feiner Mann, das kann ich Ihnen versichern. Nein, nein, Sie müssen Mr. Moddle ein bissel einheizen, Miss Pecksniff, wenn Sie ihn zum Reden bringen wollen. Aber verlassen Sie sich drauf, dann wird’s plötzlich in einem ganz andern Tempo gehen.«

»Wirklich, ich wüßte nicht, in welcher Art ich das tun könnte, Mrs. Todgers«, erwiderte Charitas. »Er geht mit mir spazieren, spielt mit mir Whist und leistet mir oft stundenlang allein Gesellschaft.«

»Schon recht«, meinte Mrs. Todgers, »das ist ja alles unerläßlich, meine Liebe, und kann auch nicht anders sein.«

»Und dann setzt er sich stets ganz dicht neben mich.«

»Auch damit hat’s seine Richtigkeit«, entgegnete Mrs. Todgers.

»Und sieht mich beständig an.«

»Das kann ich mir denken«, rief Mrs. Todgers.

»Und dann legt er seinen Arm auf die Stuhllehne oder das Sofa oder was es sonst grad ist, wenn ich sitze – natürlich hinter mich.«

»Natürlich, freilich.«

»Und dann stehen ihm so oft die Tränen in den Augen.«

Mrs. Todgers meinte zwar, Mr. Moddle könne etwas Besseres tun als weinen; er solle lieber an des großen Lord Nelsons Signal zur Schlacht bei Trafalgar denken, indessen, sagte sie, er werde schon kühner werden oder besser gesagt, anbeißen, wenn Miss Pecksniff eine entschiedenere Stellung einnehme und ihm offen bedeute, daß es schließlich doch endlich einmal zu einem klaren Resultat kommen müsse.

So nahm sich denn die junge Dame vor, ihr Benehmen entsprechend einzurichten, und empfing bei nächster Gelegenheit Mr. Moddle mit kalter gezwungener Miene. Wirklich brachte sie ihn nach und nach dadurch so weit, daß er niedergeschlagen fragte, warum sie denn so verändert sei. Und da gestand sie ihm, sie halte es für notwendig, für ihren beiderseitigen Frieden einen entscheidenden Schritt zu tun. Sie seien in der letzten Zeit viel beisammen gewesen und hätten das süße Gefühl echter Seelenharmonie gekostet – sie ihrerseits könne ihn nicht mehr so leicht vergessen, noch werde sie je aufhören, seiner mit wärmster Freundschaft zu gedenken, aber die Leute hätten immerhin darüber zu reden angefangen, man habe die Sache bemerkt, und es sei notwendig, daß sie einander hinfort nicht mehr wären, als sich jede andere Dame und jeder andere Herr in Gesellschaft sind. Sie sei froh, daß sie rechtzeitig den Mut gefunden, offen mit ihm zu reden, solange sie noch Gewalt über ihr Herz habe. Es hätte sie große Kämpfe gekostet, das gebe sie zu, aber so schwach sie auch sei und so weiblich sie auch denke, so hoffe sie doch, den Sieg über sich selbst davontragen zu können.

Mr. Moddle, der darüber ganz außer sich geriet und reichlich Tränen vergoß, erkannte sofort, daß es sein Schicksal sei, andern Menschen Unglück zu bringen – dasselbe Unheil, das auch ihn betroffen –, er sei eine Art unbewußter Vampir und Miss Pecksniff ihm von den Schicksalsgöttinnen als Opfer Numero eins zugesandt worden. Charitas erklärte diese Ansicht für sündhaft und spornte ihn daraufhin zu der weiteren Frage an, ob sie mit einem gebrochenen Herzen vorliebnehmen könne, und als sich herausstellte, daß sie dazu vollständig imstande sei, legte Mr. Moddle einen schauerlichen Eid der Treue ab, der sofort angenommen und erwidert wurde.

Der junge Mann ertrug sein Glück mit größter Mäßigung. Statt zu jubeln, vergoß er mehr und reichlichere Tränen, als man bisher an ihm bemerkt hatte, und sagte schließlich schluchzend:

»Was für ein Tag ist dies gewesen! Ich gehe heut nicht mehr ins Kontor. Gott, was für ein Tag der Prüfung ist das heute für mich gewesen!«

33. Kapitel


33. Kapitel

Wie sich die Dinge in Eden weiter entwickelten. Martin gehen allmählich die Augen auf

Der Übergang von Mr. Moddle nach Eden ist leicht und natürlich. Mr. Moddle weilte, als er in der Atmosphäre von Miss Pecksniffs Liebe dahinlebte, in einem irdischen Paradies – und Eden war gleichfalls ein irdisches Paradies. Wenigstens behauptete das die Karte der Terraingesellschaft. Poetisch genommen, war die schöne Miss Pecksniff zu gut für die Menschheit angesichts ihres geknickten inneren Zustandes, und ein gleiches ließ sich auch hinsichtlich Edens behaupten, der blühenden Stadt, die Zephania Scadder, General Choke und andere Würdenträger und Federchen an den gewaltigen Fängen des amerikanischen Adlers, der stets himmelhoch im reinsten Äther schwebt und sich nie und nimmer mit beschmutzten Flügeln in den Kot herniederläßt, so über alle Maßen zu loben pflegten.

Als Mark Tapley, den Martin in dem »Landvermessungsbureau« in Eden zurückgelassen, sich durch genügende Betrachtung ihres gemeinsamen Mißgeschicks wirksam gestärkt und ermutigt hatte, ging er mit erneuter Heiterkeit daran, sich nach Hilfe umzusehen, und wünschte sich dabei unterwegs zu seiner beneidenswerten Lage, die ihm jetzt endlich zuteil geworden, Glück.

»Ich habe mir bisweilen gedacht«, sagte er sich, »eine verlassene Insel sei so das Richtige für mich, aber da hätte ich nur für mich allein zu sorgen gehabt, und weil ich von Natur aus leicht zufriedengestellt bin, hätte sich nicht viel Ehre dabei einlegen lassen. So muß ich jetzt mit für meinen Associé sorgen, und das ist so recht mein Fahrwasser. Ja, ja. Ich brauche offenbar einen Menschen, der beständig umfällt, wenn er aufrecht stehen sollte. Ich brauche einen Menschen, der in der Schule des Lebens so weit hinter mir zurück ist, daß er immer wieder ein großes ›A‹ in sein Schreibbuch malt, ohne weiterzukommen – einen Menschen, der sein eigener Mantel und Überzieher ist und sich beständig darin einwickelt. Und den habe ich jetzt«, fügte Mr. Tapley nach einer Pause hinzu. »Und das ist ein Riesenglück!«

Er hielt inne, um sich umzusehen, in welches der Blockhäuser er sich begeben sollte.

»Ich weiß wirklich nicht, wohin«, brummte er. »Man muß zugeben, das eine hat eine so gewinnende Außenseite wie das andere. Deshalb sind sie vermutlich auch innen alle gleich, ausgestattet mit allem Komfort, den sich ein Alligator im Naturzustand nur wünschen kann. – Wollen übrigens mal sehen. Der Bürger, der uns gestern abend begegnete, lebt sozusagen unter Wasser in dem Hundestall rechter Hand an der Ecke. Ich will ihn aber nicht belästigen, wenn es nicht unbedingt sein muß, den armen Kerl. Er ist ein gar zu trauriger Bursche. Doch da steht ja ein Haus mit einem Fenster! Ich fürchte, man wird drin sehr stolz sein; ich weiß nicht, ob nicht schon das Vorhandensein einer Türe allzu aristokratisch ist. Na, ich will’s mal mit der ersten versuchen.«

Und er ging nach der ersten Hütte und klopfte mit dem Finger an, Auf den Ruf »Herein!« öffnete er die Türe.

»Nachbar«, begann er, »– ich bin nämlich wirklich ein Nachbar, wenn Sie mich auch nicht kennen –, ich komme Sie um etwas bitten. Hallo! Hallo! Schlaf ich oder wach ich?«

Er hatte nämlich plötzlich seinen Namen nennen hören und sich von zwei kleinen Jungen am Rockschoß gefaßt gefühlt – und zwar von den beiden Kindern, die er an Bord des edlen und schnellsegelnden Paketschiffes jeden Morgen hergenommen, um ihnen die Gesichter zu waschen.

»Meine Augen müssen mich täuschen«, rief er. »Ich kann es nicht glauben! Nein, es kann doch nicht sein, daß das dieselbe Frau dort ist mit dem kleinen Mädchen, das jetzt gar so elend aussieht – und das ist doch ihr Mann, der nach New York kam, um sie zu holen!« Dann blickte er auf die beiden Jungen nieder und fügte hinzu: »Und das sollten die beiden jungen Stricke sein, die mich so gern gehabt haben? Nein, sie können ihnen nur ähnlich sein! Schlafe ich, oder bin ich wach?!«

In ihrer Freude, Mr. Tapley wiederzusehen, vergoß die Frau heiße Tränen, und der Mann drückte ihm beide Hände und wollte ihn gar nicht wieder loslassen. Die beiden Buben umarmten seine Beine, und das kranke Kind in den Armen der Mutter streckte seine fieberglühenden Fingerchen aus und murmelte mit heißer, trockener Kehle Marks unvergeßlichen Namen.

Es war dieselbe Familie – daran ließ sich nicht mehr zweifeln –, verändert zwar durch Edens gesunde Luft, aber trotzdem dieselbe.

»Das nenne ich mir eine Art von Morgenbesuch«, rief Mark tief aufatmend, »der alle andern weit hinter sich läßt. – Wart ein bissel. Ich komme gleich darüber hinweg. – Diese werten Gäste hier gehören nicht zu meinen Freunden. Stehen sie auf der Besuchsliste des Hauses?«

Seine Frage bezog sich auf ein paar dürre Schweine, die mit ihm hereingeschlüpft waren und jetzt den Hausinsassen zwischen den Beinen herumliefen. Da sie nicht zu den Bewohnern des Schlosses gehörten, wurden sie von den beiden kleinen Jungen unverzüglich wieder hinausgejagt.

»Ich teile zwar nicht die allgemeine Abneigung gegen Kröten«, fuhr Mark mit einem Blick auf den Boden fort, »aber wenn ich die zwei oder drei, die ich hier beisammen sehe, bewegen könnte, eine Weile hinauszuspazieren, meine jungen Freunde, so glaube ich, sie würden die freie Luft sehr erfrischend finden. Nicht, daß ich etwas gegen sie einzuwenden hätte – Kröten sind recht schmucke Tiere«, fügte Mr. Tapley hinzu und setzte sich auf einen Schemel. »Sie sind gefleckt um die Kehle herum, haben helle Augen, ein besonnenes Temperament und sind entzückend schlüpfrig, aber ich glaube dennoch, daß sie sich vorteilhafter vor der Türe draußen ausnehmen würden.«

Durch derartige Reden suchte sich Mark den Anschein von Heiterkeit und Sorglosigkeit zu geben, aber insgeheim ließ er seine Augen bekümmert umherschweifen. Das blasse und abgemagerte Aussehen der Familie, die Veränderung, die mit der armen Mutter vorgegangen war, das fieberkranke Kind auf ihrem Schoß, die Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit, die auf allen Gesichtern lag, machten einen tiefen Eindruck auf ihn. Er überblickte dies alles so schnell und klar wie die rohen Gesimse, gestützt von Pflöcken, die zwischen den Balken staken, aus denen das Haus gezimmert war – das Mehlfaß in der Ecke, das als Tisch diente, die Decken, Tücher, die Spaten und andern Hausrat an der Wand, den Moder, der den Boden überzog, die dumpfe Feuchtigkeit überall und den Schwamm und Schimmel, die in jeder Spalte und Ritze der Hütte wucherten.

»Wie sind denn Sie hierhergekommen?« fragte der Mann, als die ersten Ausbrüche des Erstaunens vorüber waren.

»Nun, wir sind vorige Woche mit dem Dampfer angekommen«, erklärte Mark. »Unsere Absicht ist, so geschwind wie möglich unser Glück zu machen und uns ein großes Vermögen zu erwerben. Aber wie geht’s denn Ihnen? Sie sehen ja vortrefflich aus.«

»Wir sind nur noch ein wenig krank«, seufzte die arme Frau und beugte sich über ihr Kind. »Aber es wird schon gehen, wenn wir uns erst an das Klima gewöhnt haben.« Es gibt hier so manchen, dachte Mark, der den ganzen Rest seines Lebens dazu aufbraucht, sich daran zu gewöhnen.

Dann sagte er heiter:

»Freilich – natürlich wird’s besser kommen. Bei uns allen! Wir dürfen nur den Mut nicht verlieren und müssen gute Nachbarn bleiben. Es wird schon noch alles wieder recht werden. Übrigens, so nebenbei: Das erinnert mich, daß mein Associé ziemlich schlimm daran ist. Ich kam hierher, um für ihn um Hilfe zu bitten. Ich wollte, Sie gingen mit mir hinüber und gäben mir einen Rat, Meister.«

Es hätte eine sehr unvernünftige Bitte sein müssen, die Mr. Tapley abgeschlagen worden wäre, da man seiner freundlichen Dienstleistungen an Bord des Schiffes nur zu dankbar gedachte. Sofort erhob sich der Mann, um ihn zu begleiten. Ehe sie gingen, nahm Mark das kranke Kind in seine Arme und versuchte die Mutter zu trösten, aber er erkannte, daß der Tod bereits seine Hand auf das arme kleine Geschöpf gelegt hatte.

Sie fanden Martin in seine Bettdecke eingewickelt und auf dem Boden liegend. Allem Anschein nach war er wirklich sehr krank, denn er schauderte und schüttelte sich fürchterlich, nicht, wie es bei Leuten der Fall ist, die frieren, sondern in heftigen Krämpfen, die seinen ganzen Körper erschütterten. Marks Freund erkannte die Krankheit sofort als eine böse Art von Wechselfieber, die hierzulande sehr häufig sei und sich noch so manchen Tag steigern und steigern werde. Er selbst habe mehrere Jahre daran gelitten und könne Gott nicht genug danken, daß er mit dem Leben davongekommen sei. So manchen seiner Nachbarn habe er daran sterben sehen.

»Na, vom Leben ist dir wahrhaft nicht viel übriggeblieben«, brummte Mark und betrachtete sorgenvoll die ausgemergelte Gestalt des Mannes. »Eden hoch, für immer!«

Sie hatten einige Arzeneien in ihren Koffern mitgebracht, und der Mann konnte dank seiner traurigen Erfahrungen Mark angeben, wie sie angewendet werden müßten und wie man Martins Leiden am besten erleichtern könne. In seiner Aufmerksamkeit begnügte er sich jedoch nicht damit, lief fleißig ab und zu und leistete Mark in allen seinen Versuchen, die Lage seines Associés erträglicher zu machen, nach Kräften Beistand. Trost für die Zukunft konnte er ihm freilich nicht spenden; die Jahreszeit war ungesund und die Ansiedlung, genau genommen, ein großes Grab. Noch in derselben Nacht starb sein Kind, und Mark half es ihm am nächsten Tage unter einem Baum beerdigen.

Bei all seinen mannigfaltigen Krankenwärterpflichten gegenüber Martin – dieser wurde immer anspruchsvoller, je mehr sich sein Übel verschlimmerte – arbeitete Mark Tapley dennoch von früh bis spät, teils innerhalb, teils außerhalb des Hauses, und es gelang ihm mit Beihilfe seines Freundes sowohl als anderer Nachbarn, das erkaufte Landstück ein bißchen wenigstens herzurichten. Nicht, daß er vielleicht auf die Zukunft Hoffnung gesetzt oder in diesem Sinne gearbeitet hätte. Innerlich hielt er die Lage für ganz verzweifelt, aber gerade deswegen glaubte er »Ehre einzulegen«.

»Ich gebe die Hoffnung auf, mich so emporzuarbeiten, wie ich wohl wünschen möchte«, vertraute er Martin in einem freien Augenblick an, das heißt, an einem Abend, als er nach hartem Tagewerk die Wäsche des Hauses wusch. »Ich sehe nur, daß es endlich so gekommen ist, wie ich mir schon lange gewünscht habe.«

»Wollen Sie vielleicht, daß es uns noch schlechter gehe als gegenwärtig?« stöhnte Martin unter seiner Decke hervor.

»Na, sehen Sie doch nur, wie leicht es schlimmer hätte kommen können, Sir«, sagte Mark, »wenn nicht das neidische Schicksal immer hinter mir her wäre, um mir ein Bein zu stellen. In der Nacht, in der wir ankamen, glaubte ich schon, die Sachen ließen sich recht hübsch an, das will ich nicht leugnen.«

»Und wie machen sie sich denn jetzt?« seufzte Martin.

»Ach!« rief Mark. »Gar nicht so, wie Sie vielleicht fürchten. Gehe ich da den ersten Morgen, den ich frei habe, aus, und was geschieht? Ich begegne der Familie, die wir kennen. Von diesem Augenblick an unterstützen uns die Leute fortwährend und auf alle mögliche Weise. Wäre ich über eine Schlange gestolpert und von ihr gebissen worden oder auf sonst einen Patrioten von der stärksten Sorte gestoßen oder hätte ich ein Bowie-Messer in den Leib bekommen oder ein Trupp »Sympathizers« mit umgeklappten Halskragen hätten mich zum »Löwen« ernannt, da hätte ich mich vielleicht noch auszeichnen und gewissermaßen Ehre einlegen können, so aber scheint mir das große Ziel meiner Reise vollständig verfehlt. Es wird mir eben nie so gehen, wie ich möchte, das sehe ich schon. Wie geht es Ihnen übrigens heute abend, Sir?«

»Schlimmer als je«, klagte der arme Martin.

»Das ist immerhin etwas«, meinte Mark, »aber noch immer nicht genug. Ich müßte erst selbst mal recht krank werden und doch fidel dabei bleiben bis zum letzten Augenblick – dann glaube ich, könnte ich sagen: so, jetzt bin ich zufrieden.«

»Um Gottes willen, reden Sie nicht so«, sagte Martin entsetzt. »Was sollte ich denn anfangen, Mark, wenn auch Sie noch krank würden?«

Wenn diese Bemerkung auch nicht besonders schmeichelhaft war, so schien sie doch Mr. Tapleys gute Laune sehr zu erhöhen. Lustig fuhr er fort zu waschen und bemerkte, »sein Barometer steige«.

»Ein Gutes wenigstens hat dieser Ort, Sir, was mich zur Heiterkeit stimmt«, fing er wieder an und rieb drauflos, »nämlich, daß der Ort an und für sich so eine Art kleine Vereinigte Staatenrepublik ist. Es sind noch zwei oder drei amerikanische Ansiedler hier übriggeblieben, und die nehmen immer noch so das Maul voll, als ob Eden der gesündeste und lieblichste Ort der Welt wäre. Sie sind wie der Hahn, der sich versteckt hat, um nicht geschlachtet zu werden, aber das Krähen trotzdem nicht lassen kann. Sie können das Maul nicht halten; sie sind dazu geboren und können nicht anders, was auch daraus folgen möge.«

Noch während er das sagte, blickte er von seiner Arbeit auf und nach der Türe und entdeckte dort einen hagern Kerl in blauem Kittel und Strohhut, eine kurze schwarze Pfeife im Mund und einen über und über mit Knoten bedeckten Hickory-Stock in der Hand. Der Mensch rauchte und kaute gleichzeitig Tabak und spuckte so häufig aus, daß eine ganze Allee von braunen Klecksen den Weg frankierte, den er gekommen war. »Aha, da ist schon einer!« rief Mark. »Hannibal Chollop!«

»Fordern Sie ihn nicht auf, einzutreten«, bat Martin mit matter Stimme.

»Wird nicht nötig sein«, meinte Mark, »der kommt schon von selbst, Sir.«

Und seine Bemerkung erwies sich auch als vollständig richtig. Das Gesicht des Kerls war so eckig und knotig wie sein Stock, und ein gleiches ließ sich auch von seinen Händen sagen. Sein Haarschopf sah aus wie ein alter, schwarzer Scheuerbesen. Ohne den Hut abzunehmen, setzte sich der Mann auf die Kiste, schlug ein Bein über das andere, schielte Mark an und begann mit der Pfeife im Munde:

»Na, Mr. Co, wie bringen Sie’s vorwärts, Sir?«

– Mr. Tapley hatte sich nämlich allen Fremden unter dem Namen »Mr. Co« vorgestellt. –

»So so la la, Sir. Ziemlich leidlich«, versetzte Mark.

»Was? Ist das nicht Mr. Chuzzlewit?« fragte der Yankee. »Wie geht’s Ihnen, Sir?«

Martin schüttelte stumm den Kopf und zog unwillkürlich die Decke über die Ohren. Er fühlte, daß Hannibal im Begriff stand, auszuspucken, und sozusagen auf ihn zielte.

»Sie brauchen auf mich keine Rücksicht zu nehmen, Sir«, bemerkte Mr. Chollop selbstgefällig. »Ich bin gefeit gegen alle Arten von Fieber. Fürchte keine Ansteckung.«

»Mein Beweggrund war egoistischer Natur«, sagte Martin, unter seiner Decke hervorblickend, »ich fürchte, Sie könnten –«

»Seien Sie unbesorgt, Sir«, beruhigte ihn Mr. Chollop. »Ich spucke auf einen Zoll genau.«

Und sofort lieferte er einen Beweis dieser höchst erfreulichen Fertigkeit.

»Ich brauche höchstens«, fuhr Hannibal fort, »zwei Fuß freien Platz im Umkreis und kann mich verpflichten, nie darüber hinauszugehen. Ich habe schon einmal zehn Fuß weit gespuckt, aber damals galt es eine Wette.«

»Hoffentlich haben Sie die gewonnen, Sir?« fragte Mark.

»Gewiß, Sir, selbstverständlich habe ich die Wette gewonnen«, rief Mr. Chollop. Dann schwieg er eine Weile, eifrig bemüht, um die Kiste, auf der er saß, einen magischen Kreis zu spucken. Als ihm dies gelungen, begann er wieder:

»Wie gefällt Ihnen unser Land, Sir?« Dabei blickte er Martin lauernd an.

»Durchaus nicht«, lautete die Antwort.

Ohne im mindesten die Miene zu verziehen, fuhr Mr. Chollop fort zu rauchen, bis ihn endlich wieder die Lust anwandelte zu reden. Dann nahm er die Pfeife aus dem Munde und sagte:

»Wundert mich nicht, etwas Derartiges von Ihnen zu hören; es bedarf einer gewissen geistigen Erhebung, sozusagen einer Zustutzung des Verstandes, in Amerika zu leben. Der menschliche Geist ist nicht sofort für die Freiheit vorbereitet, Mr. Co.«

Er wandte sich an Mark, da er sah, daß Martin die Augen geschlossen hatte und sich unruhig auf seiner Lagerstätte hin und her wälzte. In seiner Qual wünschte der arme Kranke den Besuch zu allen Teufeln, und da er sowieso schon halb wahnsinnig war von fieberhafter Aufregung, fiel ihm die dröhnende Stimme dieses neuen Schreckbildes geradezu unerträglich auf die Nerven.

»Eine kleine körperliche Erhebung könnte auch nicht schaden, glauben Sie nicht, Sir?« meinte Mark. »Wo man mit einem so feinen alten Sumpf wie diesem hier zu tun hat.«

»Sie nennen das einen Sumpf, Sir?« rief Chollop würdevoll.

»Natürlich, was denn sonst?« entgegnete Mark. »Ich für meinen Teil bin hinsichtlich dieses Punktes über jeden Zweifel hinaus.«

»Diese Ansicht klingt wieder mal echt europäisch!« sagte »Major« Chollop, »und überrascht mich auch weiter nicht. Was würde England drüben wohl sagen, wenn’s son Sumpf aufzuweisen hätte, Sir?«

»Ich schätze, es würde sagen, es sei ein scheußlicher Sumpf«, versetzte Mark, »und daß es sich das Fieber lieber auf irgend eine andere Art einimpfen lassen wollte.«

»Europäisch!« höhnte Mr. Chollop mit sardonisch mitleidigem Lächeln. »Echt europäisch.«

Und dann saß er wieder da – stumm und ungeniert, als sei er zu Hause, dabei fortwährend rauchend wie ein Schlot.

Hannibal Chollop gehörte selbstverständlich ebenfalls zu den »hervorragendsten Köpfen« des Landes. Aber außerdem war er noch eine wirklich berühmte Person. Seine Freunde im Süden und Westen pflegten ihn für gewöhnlich ein »Prachtexemplar aus echtem Schrot und Korn« zu nennen, und überdies stand er in hoher Achtung wegen seiner Begeisterung für die Freiheit, zu deren besserer Betätigung er stets ein paar Revolver in der Rocktasche trug. Außer andern ähnlichen Spielereien führte er noch einen Stockdegen, den er gewöhnlich den »Nasenstäuber« nannte, und ein großes Messer bei sich, dem er die Bezeichnung »Magenputzer« als Anspielung auf die vielen nützlichen Dienste, die es ihm bei verschiedenen kleinen Streitigkeiten zu leisten pflegte, gegeben hatte. Alle diese Waffen hatte er bei mehreren Gelegenheiten, die gebührend in den Zeitungen hervorgehoben worden waren, mit ausnehmend gutem Erfolge gebraucht, und er selbst stand in hohem Ansehen wegen seiner Ritterlichkeit, um so mehr, als er einmal einem andern Gentleman das Auge »herausgeputzt«, als dieser ein wenig zudringlich an seine Haustüre geklopft hatte.

Mr. Chollop erfreute sich eines ausgesprochenen Hanges zum Nomadenleben, und in einem weniger fortgeschrittenen Staate wäre er vielleicht verkannt und als gefährlicher Vagabund eingesperrt worden. In einem Weltteil jedoch, wo er so viele geistesverwandte Genossen hatte, wurden seine hervorragenden Eigenschaften natürlich geschätzt und gewürdigt. Er war eben unter einem glücklichen Stern geboren, was man nicht von allen Menschen sagen kann, die ihrer Zeit vorauseilen. Er liebte es, schon wegen seines Hanges zum »Nasenstübern« und zum »Magenputzen«, sich an den äußersten Grenzen der gesellschaftlichen Welt, nämlich in den Städten und Marktflecken des Innern herumzutreiben. Von einem Ort zum andern wandernd, fing er überall ein Geschäft an – gewöhnlich eine Zeitung –, das er dann sogleich wieder verkaufte; und gewöhnlich schloß er den Handel damit, daß er den neuen Herausgeber, ehe dieser noch sein Eigentum angetreten, provozierte, erstach, erschoß oder ihm mit dem Daumen ein Auge herausquetschte.

Zu ähnlichen Spekulationen war er auch nach Eden gekommen, hatte sie jedoch bald aufgegeben und stand jetzt im Begriff, die »Stadt« zu verlassen. Jedem neuen Bekannten stellte er sich als einen geradezu fanatischen Anhänger der »Freiheit« vor. Konsequent vertrat er die Sache der Sklaverei und des Lynchgesetzes und empfahl in Wort und Schrift, unwandelbar jeden unpopulären Menschen, dessen Ansichten von den seinigen abweichen sollten, zu »federn« oder zu »teeren«. Das nannte er das »Banner der Zivilisation in den wilderen Gärten des Vaterlandes aufpflanzen«.

Zweifellos hätte Mr. Chollop dieses Banner auch in Eden auf Marks Unkosten aufgepflanzt – zum Dank für dessen Freimut, aber die Ansiedlung war gar zu öde und verfallen, und überdies wollte er selbst bald abreisen. Er begnügte sich daher, Mark einen seiner Revolver zu zeigen und zu fragen, was er von einer solchen Waffe halte.

»Es ist noch nicht lange her, daß ich einen Kerl in Illinois damit niederknallte«, bemerkte er kühl.

»So«, sagte Mark ebenso kühl, »sehr liberal gedacht von Ihnen und sehr unverfroren.«

»Ich knallte ihn nieder, Sir«, fuhr Mr. Chollop fort, »da er im ›Spartanischen Porticus‹, einem bekannten Wochenblatt, behauptete, die alten Athener seien über das jetzige Locofoco-Programm hinausgegangen.«

»Und was ist denn da weiter dabei?« fragte Mark.

»Echt europäisch, das wieder einmal nicht zu wissen«, brummte Mr. Chollop und rauchte wütend weiter. »Echt europäisch.«

Nachdem er eine Weile wieder an seinem magischen Kreis gearbeitet, fing er von neuem an:

»Sie fühlen sich in Eden also nicht besonders zu Hause, was?«

»Nein«, lachte Mark, »könnte ich nicht sagen.«

»Sie vermissen vermutlich die Belastungen Ihres Landes – die Häusersteuern?«

»Nein, vor allem die Häuser«, meinte Mark.

»Fenstersteuern gibt’s hier auch nicht«, fuhr Mr. Chollop fort.

»Aber auch keine Fenster, die man besteuern könnte«, meinte Mark.

»Und keine Scheiterhaufen, keine Kerker, keine Prügelprofose, keine Schafotte, keine Daumenschrauben und keinen Pranger«, knurrte Mr. Chollop.

»Dagegen Revolver und Bowie-Messer«, erwiderte Mark. »Aber was will das weiter sagen! Bagatelle!«

In diesem Augenblick kam der Nachbar, der ihnen am Abend ihrer Ankunft begegnet war, zur Türe gewankt und warf einen Blick herein.

»Nun, Sir«, redete ihn Mr. Chollop an, »und wie kommen Sie voran?«

Offenbar sehr mäßig – – der Mann gab es mit einem Brummen zu verstehen.

»Mr. Co und ich«, erklärte Mr. Chollop, »disputieren gerade ein wenig miteinander; man sollte ihn mal ’n bißchen zahm machen, da er es wagt, zwischen der alten Welt und der neuen gewisse Vergleiche anzustellen, meinen Sie nicht auch?«

»Nun ja«, gab der armselige Schatten zu, »vielleicht.«

»Ich habe nur behauptet, Sir«, wandte sich Mark an den neuen Gast, »daß ich die Stadt, in der zu leben wir die Ehre haben, für – sumpfig halte. Was ist Ihre Ansicht?«

»Ich schätze wohl, daß sie zu gewissen Zeiten ziemlich feucht ist«, gab der Mann zögernd zu.

»Aber nicht so dumpfig wie England«, rief Mr. Chollop mit grimmiger Miene.

»Oh, so dumpfig wie England natürlich nicht. Das liegt schon in den verschiedenartigen Institutionen der Länder«, rief der Mann.

»Ich will nicht hoffen, daß es in ganz Amerika einen Sumpf gibt, der nicht diese ganze, jämmerliche Insel von Dreck und Sirup drüben aufwöge«, bemerkte Chollop mit Entschiedenheit. »Sie haben doch aus freiem Antrieb und direkt von Scadder gekauft, Sir, nicht?« wandte er sich wieder an Mark.

Mr. Tapley bejahte.

Mr. Chollop blinzelte dem andern »Bürger« zu. »Scadder ist ein famoser Bursche; einer, der’s noch weit bringen wird; einer, der in die Höhe kommen wird und immer auf die richtige Seite fällt, nie auf die beschmierte. Was?« Und abermals blinzelte er dem andern »Bürger« zu.

»Wenn’s nach mir ginge, käme er so hoch, daß er mit dem Kopf am Galgen hinge«, sagte Mark.

Mr. Chollop war so entzückt über die Gerissenheit seines vortrefflichen Landsmannes, der die beiden Engländer so gut hineingelegt, daß er sich nicht länger zurückhalten konnte und in ein wieherndes Gelächter ausbrach.

Am seltsamsten aber war, daß jetzt die amerikanische Vaterlandsliebe auch bei dem andern hervorbrach – bei dem kranken, elenden Schatten von einem Menschen. Er schien über Scadders Spitzbüberei so begeistert zu sein, daß er sein eigenes Unglück ganz vergaß und laut hinausjohlte. Mr. Scadder sei ein pfiffiger Bursche, sagte er, und habe schon eine ganze Menge englisches Geld auf diese Weise an sich gebracht. Das sei so sicher wie daß die Sonne aufgehe.

Mr. Hannibal Chollop ergötzte sich weidlich an dem Spaß, blieb aber sitzen, rauchte unentwegt drauflos und umspuckte den magischen Kreis, ohne ein Wort an die andern zu richten oder Miene zum Aufbruch zu machen. Offenbar litt er unter der üblichen amerikanischen Einbildung, es sei die größte Aufmerksamkeit, die ein treuer und erlauchter Bürger der Vereinigten Staaten jemandem erweisen könne, wenn er ein fremdes Haus auf zwei oder drei Stunden in einen Spucknapf verwandelte. Endlich erhob er sich aber doch.

»Ich werde mich jetzt sachte auf die Socken machen«, brummte er.

Mark ersuchte ihn, sich nur ja zu schonen und sich in acht zu nehmen, daß er sich draußen kein Bein bräche.

»Bevor ich gehe«, unterbrach ihn Mr. Hannibal streng, »möchte ich Ihnen noch ein Wörtchen sagen. Sie sind verdammt scharf, das muß man Ihnen lassen.«

Mark bedankte sich für das Kompliment.

»Aber ein bißchen gar zu scharf, als daß man Ihnen das Handwerk nicht einmal legen würde. Sie werden noch mal so viel Revolverkugeln in den Leib kriegen, daß Sie aussehen wie ein Sieb, darauf möchte ich wetten.«

»Weshalb?« fragte Mark. »Wir lassen nicht mit uns spaßen, Sir«, rief Chollop in drohendem Tone, »wir leben hier nicht in einem despotischen Land. Wir sind ein Vorbild für die Welt, und mit uns darf man sich keine Witze erlauben, merken Sie sich das!«

»Was! Rede ich etwas zu frei?« fragte Mark spöttisch.

»Ich habe schon wegen einer geringern Sache einen niedergeknallt«, brummte Mr. Chollop mit finsterm Blick. »Und habe stärkere Männer gekannt, die sich wegen größerer Kleinigkeiten haben dünne machen müssen. Wegen viel geringerer Kleinigkeiten habe ich Leute gelyncht werden sehen und in tausend Fetzen gehauen werden von unsern Bürgern. Wir repräsentieren die Intelligenz der Menschheit und sind das Salz der Erde und die Blüte der sittlichen Kraft. Wollt ihr dahinten in England vielleicht aufmucken? Wir haben verdammt scharfe Zähne, das kann ich Ihnen sagen. Also nehmen Sie sich in acht, Sir.«

Mit dieser Warnung schied Mr. Chollop samt Messer, Revolver und Stockdegen, zu Hieb, Stich und Schuß bereit bei dem leisesten Widerspruch.

»Kommen Sie nur unter der Decke hervor jetzt, Sir«, sagte Mark, »er ist fort. – Was ist das?« fügte er halblaut hinzu, kniete nieder, um seinem Associé ins Gesicht zu sehen, und ergriff dessen fiebernde Hand, »das kommt von dem albernen Geschwätz, jetzt phantasiert er und kennt mich nicht.«

Martin war in der Tat gefährlich krank – ja sogar dem Tode nahe. – In diesem Zustand blieb er viele Tage lang, während welcher Zeit Mark ihn ohne Rücksicht auf sich selbst pflegte. Abgemattet an Leib und Seele, den ganzen Tag angestrengt arbeitend, die ganze Nacht über wachend, erschöpft von den ungewohnten Strapazen, umgeben von grauenvollen Bildern und entmutigenden Szenen, klagte Mark dennoch nicht mit einer Silbe. Wenn er je Martin für selbstsüchtig gehalten hatte, für unüberlegt, bloß anfallsweise energisch und dann wieder zu indolent in ihrer verzweifelten Lage, so vergaß er das jetzt alles, dachte nur an die bessern Eigenschaften seines Schicksalsgefährten und blieb ihm mit Leib und Seele ergeben.

Viele Wochen vergingen, ehe Martin wieder kräftig genug war, von Marks Arm und einem Stock unterstützt umherzuwanken, und dann ging es mit seiner Genesung mangels gesunder Luft und guter Nahrung sehr langsam vonstatten. Er befand sich noch in sehr geschwächtem Zustand, als das Unglück eintrat, das er so sehr befürchtet. Mark erkrankte gleichfalls.

Wohl kämpfte der tapfere Bursche lange dagegen an, aber die Krankheit war stärker als er. Alle seine Bemühungen waren umsonst.

»Für den Augenblick auf den Boden geschmissen, Sir«, sagte er eines Morgens und sank auf sein Bett zurück, »aber nur immer fidel!«

Ja, allerdings niedergestreckt, und zwar durch ein schweres Fieber.

Wenn Marks Freunde sich schon gegen Martin liebevoll gezeigt, um so teilnahmsvoller benahmen sie sich jetzt gegen Mark. Und nun kam die Reihe an Martin, zu arbeiten, an dem Krankenlager zu wachen und während der langen Nächte auf jeden Laut in der düstern Wildnis draußen zu lauschen. Der arme Mr. Tapley lag delirierend da, schob im Geiste im »Drachen« Kegel, machte Mrs. Lupin Liebeserklärungen, wähnte an Bord der »Schraube« zu sein, wanderte mit dem alten Tom Pinch auf englischen Landstraßen dahin und verbrannte in Eden Baumstümpfe.

Aber sooft ihm Martin Medizin einflößte oder ihn auf sonstige Weise pflegte oder von irgendeiner Arbeit nach Hause kam, heiterten sich seine Mienen auf, und er rief: »Fidel, Sir, nur immer fidel!«

Und als nun Martin darüber nachzudenken begann und Mark betrachtete, wie er dalag, ohne ihm auch nur mit der leisesten Klage oder einem Seufzer Vorwürfe zu machen, und fortwährend bemüht, männlich und standhaft zu erscheinen, fragte er sich, warum dieser Mensch, den Erziehung und äußere Umstände so wenig begünstigt hatten, soviel besser sei als er selbst, dem bisher alle Hindernisse aus dem Wege geräumt worden waren. An einem Krankenbett zu sitzen, besonders am Krankenbett eines Menschen, den man voller Lebenskraft und Energie zu sehen gewohnt ist, das weckt das Nachdenken wie nicht so bald etwas anderes auf der Welt. Deshalb fing auch Martin an, sich zu fragen, worin sie beide denn so verschieden seien.

Sich diese Frage zu beantworten, wurde ihm sehr erleichtert durch die öftern Besuche von Marks guter Freundin, ihrer Reisegefährtin auf der »Schraube«. Erinnerte es ihn doch daran, wie sehr verschieden die Art, in der er und andererseits Mark sich benommen, gewesen war. Auch Tom Pinch fiel ihm ein. Mit Recht nahm er an, daß Tom unter ähnlichen Umständen sich wohl genau so wie Mark benommen haben würde, und er fragte sich, wie zwei so sehr voneinander verschiedene Menschen dennoch in gewissen Dingen einander ähnlich und ihm so unähnlich sein konnten. Auf den ersten Blick hatten diese Betrachtungen nichts Betrübendes, aber dennoch wirkten sie niederdrückend auf ihn.

Martin war von Natur offen und hochherzig, allein er war bei seinem Großvater aufgewachsen und wie gewöhnlich in solchen Fällen verpflanzte sich der Fehler des einen gerade auf den, der am meisten darunter litt. Von der Selbstsucht gilt dies ganz besonders, ebenso von Mißtrauen, Hinterhältigkeit und Habgier. Martin hatte als Kind unbewußt geschlossen: mein Erzieher denkt soviel an sich, daß ich, wenn ich’s nicht ebenso mache, bald ganz unterdrückt sein werde, und so wurde er denn schließlich selber selbstsüchtig.

Aber er war sich dessen nie bewußt geworden. Hätte ihm jemand seinen Egoismus vorgeworfen, so würde er diese Beschuldigung unwillig zurückgewiesen und den Betreffenden für einen Verleumder gehalten haben. Er hätte es nie einzusehen gelernt. Aber erst vor kurzem fast vom Tode auferstanden, um jetzt jemanden zu bewachen, der selber dem Grabe nahe war, fühlte er, wie wenig daran gefehlt hatte, um ihn selbst unter die Erde zu bringen, und was für ein armes elendes Ding der Mensch ist.

Es war natürlich, daß er – er hatte monatelang Muße dazu – über seine eigene Genesung und Marks jetzige Gefahr nachdachte. Dies brachte ihn auf den Gedanken, wer von ihnen beiden denn eher entbehrlich sei und aus welchem Grunde. Da lüftete sich der geistige Vorhang ein wenig, und das wahre Ich begann sich zu zeigen.

Außerdem fragte er sich, als er Mr. Tapleys Tod stündlich erwartete, ob er denn auch seine Pflicht gegen ihn getan und Marks Eifer und Treue verdient und gehörig vergolten habe. Nein. So kurz ihr Zusammensein gewesen, so erinnerte er sich doch so manchen Falles, in dem er sich durchaus nicht untadelig benommen, und als er sich weiter fragte, warum nicht, erhob sich der Vorhang noch ein wenig mehr, und das wahre Ich brach in vollem Glanze hervor.

Es währte ziemlich lange, ehe er sein Inneres so ganz kennengelernt hatte und die volle Wahrheit einzusehen begann. Aber in der furchtbaren Einsamkeit dieses entsetzlichsten aller Orte, wo alle Hoffnung so ferngerückt, aller Ehrgeiz erstickt war und der Tod an der Tür lauerte, da kam das Nachdenken über ihn, und er fühlte und erkannte die Fehler seines Lebens und sah deutlich, welch häßlicher Fleck darauf lag.

Eden war eine harte Schule, um eine so harte Lektion zu lernen, aber die Lehrer, nämlich der Sumpf, der Busch und die verpestete Luft hatten ihre besondere rauhe Methode.

Feierlich nahm Martin sich vor, wenn seine Kräfte je wiederkehren sollten, an der gewonnenen Erkenntnis festzuhalten und die Selbstsucht in seiner Brust unter allen Umständen auszurotten. Er hegte, und mit Recht, so viel Mißtrauen gegen sich, daß er sogar beschloß, nicht ein Wort eitler Reue oder guter Vorsätze zu Mark zu sagen, sondern fest und im stillen an der Ausführung seines Entschlusses zu arbeiten. Und dennoch lag nicht ein Gran von Stolz darin; – nichts als wahre Demut und Beharrlichkeit, das beste Rüstzeug, das er tragen konnte. So weit ihn Eden körperlich heruntergebracht, so hoch hatte es ihn innerlich erhoben.

Nach langwieriger Krankheit, in deren schlimmsten Stadien Mark oft nicht ein Wort sprechen konnte und nur mit zitternder Hand imstande war, sein »fidel« auf eine Schiefertafel zu schreiben, stellten sich endlich Symptome wiederkehrender Gesundung ein. Sie kamen und gingen. Das Leben flackerte einige Zeit hin und her, aber zuletzt begann der Kranke, sich entschieden besser zu fühlen und mit jedem Tag kräftiger zu werden. Als er sich wohl genug fühlte, um ohne sofortige Erschöpfung sprechen zu können, beriet sich Mark mit ihm über einen Plan, den er noch vor einigen Monaten sofort in Vollzug gesetzt haben würde, ohne einen andern Kopf als den eigenen damit zu behelligen.

»Unser Fall ist verzweifelt«, begann er, »das unterliegt keiner Frage. Der Ort ist eine Einöde, die Zustände hier werden inzwischen genügend bekannt geworden sein, und wir dürfen daher nicht hoffen, das verkaufen zu können, was man uns so niederträchtigerweise aufgeschwatzt hat, selbst wenn wir es mit unserm Gewissen zu vereinigen vermöchten. Wir haben unsere Heimat einem tollen Unternehmen zuliebe verlassen und unser Ziel verfehlt. Es bleibt uns daher nur noch eine einzige Hoffnung, auf die wir lossteuern müssen, und sie besteht darin, diese Ansiedlung zu verlassen und nach England zurückzukehren. Gleichviel, durch welche Mittel wir es zustande bringen, aber zurück müssen wir, Mark!«

»Ja, das ist’s, Sir«, rief Mr. Tapley voller Nachdruck, »um das handelt sich’s, um weiter nichts.«

»Nun haben wir –« fuhr Martin fort – »auf dieser Seite des Ozeans nur einen einzigen Freund, der uns helfen könnte, und das ist Mr. Bevan.«

»Habe auch schon an ihn gedacht, als Sie damals krank lagen«, sagte Mark.

»Wenn England nicht so furchtbar weit wäre, so würde ich an meinen Großvater schreiben«, sagte Martin, »und ihn um Geld anflehen, um uns aus dieser Wolfsfalle zu befreien, in die wir so tückischerweise gelockt worden sind. Soll ich es erst mit Mr. Bevan versuchen, was meinen Sie?«

»Ich dächte, ja«, riet Mark. »Er war ein sehr freundlicher Herr.«

»Die wenige Habe, in die wir unser Geld gesteckt haben«, nahm Martin seine Rede wieder auf, »würde, wenn wir sie verkauften, immerhin etwas einbringen, und was sich daraus erzielen läßt, soll ihm augenblicklich zurückgezahlt werden. Aber hier können wir nichts an den Mann bringen.«

»Nein, hier gibt’s nur Tote«, stimmte Mr. Tapley bei und schüttelte traurig den Kopf, »und Schweine. Und die kaufen beide nichts.«

»Soll ich ihm das schreiben und ihn um soviel Geld bitten, daß wir auf die billigste Weise New York oder irgendeinen andern Hafen zu erreichen imstande sind, wo wir hoffen können, durch Dienst an Bord freie Überfahrt nach Hause zu bekommen? Soll ich ihm nicht zugleich auch meine Verhältnisse schildern und sagen, daß ich ihn sofort nach unserer Ankunft in England, und müßte ich mich auch an meinen Großvater wenden, bezahlen will?«

»Freilich«, rief Mark, »höchstens sagt er ›nein‹. Aber es wäre sehr wünschenswert, daß er ›ja‹ sagte. Wenn Sie sich also nicht genieren, es mit ihm zu versuchen, Sir –«

»Genieren?!« rief Martin. »Es ist doch meine Schuld, daß wir hierher verschlagen wurden, und ich muß wahrhaftig alles tun, damit wir wieder fortkommen. Voller Schmerz denke ich an die Vergangenheit zurück. Hätte ich auf Ihren Ratschlag gehört, Mark, so würden wir jetzt nicht hier sein.«

Mr. Tapley war höchlichst erstaunt über dieses freimütige Eingeständnis, beteuerte aber mit großem Eifer, daß dies kein Haar an der Sache geändert hätte, denn er allein habe sofort beschlossen, nach Eden zu gehen, kaum daß der Name zum erstenmal gefallen war.

Sodann las ihm Martin ein Schreiben an Mr. Bevan vor, das er bereits aufgesetzt hatte. Es war offenherzig und freimütig gehalten und schilderte ihre Lage und alles andere ohne die mindeste Beschönigung. Er erzählte darin Mr. Bevan, was sie für Ungemach ausgestanden, und trug ihm seine Bitte in bescheidenen, aber dennoch dringlichen Ausdrücken vor. Mark billigte begeistert den Inhalt, und so beschlossen sie, den Brief mit dem nächsten Dampfboot, das in Eden Holz einnehmen würde – denn daran war wirklich kein Mangel –, abzuschicken. Da Martin Mr. Bevans Wohnort nicht kannte, so adressierte er ihn an Mr. Norris in New York und schrieb auf das Kuvert die Bitte: »nachsenden«. Es dauerte länger als eine Woche, ehe ein Dampfboot erschien, aber endlich wurden sie eines Morgens durch das Geschnaufe des »Esau Slodge« geweckt – ein Name, den das Schiff einem der »bedeutendsten Köpfe« des Landes verdankte. Sie eilten zum Landungsplatz und warfen den Brief in den Schiffspostbeutel. Neugierig, die Abfahrt des »Esau Slodge« zu sehen, blieben sie auf der Laufplanke stehen und brachten dadurch eine solche »Verkehrsstockung« hervor, daß der Kapitän ihnen wünschte, zu feinem Mehl gesiebt und zu kleinen Spänen verschnitzelt zu werden, wenn sie nicht wie der Blitz verschwänden. Er wolle sie mit Eimern hinunterspülen, schimpfte er, wenn sie sich nicht sofort zum Teufel scherten.

Vor acht oder zehn Wochen frühestens durften sie unter keinen Umständen auf eine Antwort hoffen. Mit der letzten Kraft, die ihnen noch geblieben, widmeten sie sich in der Zwischenzeit einem Versuch, das Grundstück zu beackern und ein Stück davon urbar zu machen und zu gemeinnützigen Zwecken vorzubereiten. So ungeheuer mangelhaft ihre Bewirtschaftung auch war, so war sie immer noch weit besser als die ihrer Nachbarn. Mark besaß einige praktische Kenntnisse darin, und Martin lernte von ihm, während die andern Einsiedler untätig auf ihrem faulen Sumpf sitzen blieben und sämtlich hierher gekommen zu sein schienen in der Meinung, daß das Landbebauen eine allen Menschen angeborene Fähigkeit sei. Sie halfen einander zwar nach ihrer Weise und wo sie konnten, vollbrachten ihre Arbeit aber so hoffnungslos wie deportierte Verbrecher.

Oft sprachen Mark und Martin, wenn sie abends allein beisammen saßen, von der Heimat, von trauten Plätzen zu Hause und von Leuten, die sie gemeinsam kannten, bisweilen voller Hoffnung, sie wiederzusehen, dann wieder verzagt, als ob bereits alles vorüber sei. Bei solchen Anlässen war Mr. Tapley immer sehr erstaunt, Martin so gänzlich verändert zu sehen.

Ich weiß nicht, was ich daraus machen soll, dachte er eines Nachts; er ist so ganz anders, als ich ihn mir anfangs vorgestellt habe. Er denkt nicht halb soviel an sich selbst, als ich annahm. Ich muß ihn mir einmal genauer ansehen. – »Hallo! Schlafen Sie, Sir?«

»Nein, Mark.«

»Sie denken wohl an zu Hause, Sir?«

»Jawohl, Mark.« »Ich auch, Sir. Ich denke gerade, was Mr. Pinch und Mr. Pecksniff jetzt wohl machen mögen.«

»Der arme Tom«, seufzte Martin gedankenvoll.

»Er ist ein schwacher Mensch«, warf Mr. Tapley hin. »Er spielt die Orgel umsonst, Sir. Denkt niemals an sich.«

»Ich wünschte auch, er dächte ein bißchen mehr an sich«, gab Martin zu; »wenn ich auch nicht sagen kann, warum ich das wünschte. Wir würden ihn dann vielleicht nicht halb so gern haben.«

»Er läßt sich von andern ausnutzen, Sir«, warf Mark wieder einen Brocken hin.

»Ja, allerdings«, sagte Martin nach einer kleinen Pause. »Ich weiß es ganz gut, Mark.«

Es klang soviel Ruhe durch seine Worte durch, daß sein Kompagnon das Thema fallenließ und eine Weile lang schwieg, bis ihm wieder etwas einfiel.

»Ach, Sir«, murmelte er und seufzte. »Sie haben der jungen Dame wegen viel aufs Spiel gesetzt.«

»Nun, ich will Ihnen was sagen – davon bin ich doch nicht so ganz überzeugt, Mark«, rief Martin, und zwar so energisch und hastig, daß er sich eigens dazu in seinem Bette aufsetzte. – »Die Sache ist durchaus nicht so klar. Sie können sich darauf verlassen, daß Mary sehr unglücklich ist. Sie hat mir den Frieden ihrer Seele aufgeopfert und auch ihre Interessen sehr gefährdet. Dabei ist sie nicht mal in der Lage, von denen fortlaufen zu können, die sie so eifersüchtig bewachen und ihr alle möglichen Hindernisse in den Weg legen. Sie hat wahrhaftig viel zu leiden, die Ärmste, und dabei sind ihr noch dazu die Hände gebunden. Bei mir war es ein anderer Fall. Ich fange überhaupt an zu glauben, daß sie mehr zu dulden hat, als es je bei mir der Fall war. Wirklich, meiner Seel, ich zweifle keinen Moment daran.«

Mr. Tapley machte im Finstern große Augen, ohne jedoch den Sprecher zu unterbrechen.

»Da wir gerade bei diesem Thema halten«, fuhr Martin fort, »so will ich Ihnen ein Geheimnis anvertrauen. Jener Ring –«

»Welcher Ring, Sir?« fragte Mark und riß die Augen noch weiter auf. »Der Ring, den sie mir zum Abschied gab. – Sie hat ihn gekauft; – sie wußte ganz gut, daß ich trotz meiner Armut stolz war (Gott behüte mich – stolz!) und vielleicht einmal Geld brauchen könnte.«

»Wer hat Ihnen denn das gesagt, Sir?« fragte Mark.

»Ich sage es. Ich weiß es. Ich habe wohl hundertmal daran gedacht, lieber Freund, und ich nahm das Geschenk von ihrer Hand wie ein Vieh und ließ mir in dem Augenblick, als ich mich von ihr trennte, nicht im Traume einfallen, wie sich die Sache verhielt, während doch schon damals eine schwache Ahnung der Wahrheit in mir hätte aufdämmern sollen. Aber es ist schon spät«, setzte Martin innehaltend hinzu, »und ich weiß, daß Sie schwach und müde sind. Sie reden ja nur, um mich aufzuheitern. Gute Nacht! Gott behüte Sie, Mark.«

Gott behüte mich – da war ich gut auf dem Holzweg, dachte Mr. Tapley und drehte sich mit glücklichem Gesichte zur Wand. Ist das ein Leim! In einen derartigen Dienst wäre ich mein Lebtag nicht getreten. Da ist wenig Ehre einzulegen, wenn man lustig ist.

Die Zeit entschwand, und andere Dampfboote erschienen aus der Richtung, in der die beiden alle ihre Hoffnungen konzentrierten, aber immer noch traf keine Antwort auf ihren Brief ein. Regen, Hitze und die schädlichen Bodenausdünstungen mit allen ihren Übeln bekamen langsam Oberhand über sie. Die Erde, die Luft, die Pflanzenwelt und das Wasser, das sie tranken – alles war gesättigt mit tödlichen Keimen. Ihre gemeinsame Reisegefährtin hatte schon vorher zwei ihrer Kinder verloren und begrub jetzt ihr letztes. Doch derartige Sachen sind viel zu gewöhnlich und in der weiten Welt zu bekannt, um überhaupt noch Teilnahme zu erregen. Die großen Bürger werden reich, und freundlose Opfer siechen dahin, sterben und werden vergessen. Das ist alles.

Endlich kam ein Boot schnaubend den scheußlichen Fluß herauf und machte bei Eden halt. Mark erwartete seine Ankunft bei der Holzhütte und erhielt an Bord einen Brief, den er sogleich an Martin trug. Zitternd sahen sie einander an.

»Er fühlt sich schwer an«, stammelte Martin. Und als er ihn öffnete, fiel ein kleines Paket mit Dollarnoten auf den Boden.

Was sie anfangs sagten, taten oder fühlten, konnte keiner von ihnen später recht angeben. Alles, was Mark jemals zu berichten vermochte, lief darauf hinaus, er sei atemlos an das Ufer zurückgeeilt und habe dem Kapitän, noch ehe das Zeichen zur Abfahrt gegeben, die Frage gestellt, wann das Boot wieder zurückkehren und hier anhalten werde.

»In zehn oder zwölf Tagen«, lautete die Antwort.

Dessenungeachtet begannen sie aber schon am selben Abend ihre ganze Habe zusammenzupacken. Als dieses Stadium der Aufregung vorüber war, glaubte jeder von ihnen, zuverlässig sterben zu müssen, ehe der Dampfer wieder zurückkehren werde. Doch lebten sie immer noch, als endlich nach Verlauf von drei entsetzlich langen Wochen das Schiff Eden anlief.

Bei Sonnenaufgang an einem Herbsttag standen sie auf dem Verdeck.

»Nur Mut, wir werden uns wiedersehen!« rief Martin und winkte den zwei abgezehrten Gestalten am Ufer zu. »In der alten Welt.«

»Oder in der nächsten«, murmelte Mark vor sich hin. »Sie so Seite an Seite stehen zu sehen, ist beinahe das Schlimmste von allem.«

Dann setzte sich das Schiff in Bewegung. Mark und Martin sahen einander an und blickten dann zurück nach dem Landungssteg, der immer weiter und weiter im Hintergrund verschwand.

Das Blockhaus mit der offenen Türe und den sich darüber neigenden Bäumen – der trübe Morgendunst und die Sonne jenseits mit ihrem düsterroten Licht – die Dünste, die von Wasser und Land aufstiegen – der rasche Strom, der die ekelhaften Ufer zerwusch und dadurch nur noch flacher und langweiliger machte, wie oft kehrte nicht alles das in ihren Träumen wieder –, und jedesmal atmeten sie wie befreit auf, wenn sie erwachten und erkannten, daß es nur das Schattenspiel der Erinnerung gewesen.

34. Kapitel


34. Kapitel

Mark und Martin begeben sich in die Heimat und begegnen unterwegs einigen hervorragenden »Köpfen des Landes«

Unter den Reisenden an Bord des Dampfschiffs zog zuvörderst ein ausgemergelter Gentleman ihre Aufmerksamkeit auf sich, der, auf einem niedrigen Feldstuhl sitzend, die Beine auf ein Mehlfaß gelegt hatte, als wolle er mit seinen Fußknöcheln die Aussicht bewundern.

Er hatte straffes schwarzes Haar, in der Mitte des Kopfes gescheitelt und zu beiden Seiten über den Rockkragen niederwallend. Eine schmale Bartfranse umsäumte sein Kinn über dem bloßen Hals. Er trug einen weißen Hut, einen schwarzen Anzug, der an den Ärmeln zu lang und an den Beinen zu kurz war, schmutzige braune Strümpfe und Schnürstiefel. Sein Teint, von Natur schon unappetitlich, erschien noch schmutziger infolge der sorgsam geübten Sparsamkeit des Mannes hinsichtlich Seife und Wasser. Dasselbe traf auch bei allen waschbaren Teilen seiner Kleidung zu, die er ganz gut einmal zu seiner eigenen Bequemlichkeit sowohl wie aus Achtung für seinen Verkehr hätte wechseln können. Der Gentleman mochte ungefähr fünfunddreißig Jahre alt sein, saß unter dem Schatten eines großen grünen Baumwollschirms zu einem Häuflein zusammengekauert und kaute an seinem Tabakröllchen wie eine Kuh am Grase.

An all dem wäre nun nichts Auffälliges gewesen, denn jeder Gentleman an Bord schien mit seiner Wäscherin auf Kriegsfuß zu stehen und von früher Jugend auf das armselige, erbärmliche Geschäft, sich selbst zu waschen, aufgegeben zu haben. Überdies war jeder Gentleman sozusagen vollgepfropft mit Kautabak und, was die Gliedmaßen beim Sitzen und Liegen anbelangte, nahezu grotesk verrenkt. Im Äußern dieses Gentlemans lag jedoch eine so eigentümliche Mischung von Schlauheit und Weisheit, daß Martin sofort erkannte, er habe es hier mit einem durchaus nicht gewöhnlichen Charakter zu tun. Und schließlich stellte es sich auch heraus, daß dies tatsächlich der Fall war. »Wie geht’s, Sir?« tönte nämlich plötzlich eine Stimme in Martins Ohr.

»Wie geht’s Ihnen, Sir?« lautete Martins Erwiderung.

Der erste Sprecher war ein kleiner schmächtiger Gentleman mit einer Tuchmütze auf dem Kopf und einem langen, losen Rock aus grünwollenem Stoff, der an den Taschen mit schwarzem Samt verbrämt war. »Sie sind wohl aus Europa, Sir?«

»Allerdings«, antwortete Martin.

»Da können Sie von Glück sagen, Sir.«

Martin dachte das auch, bemerkte aber rechtzeitig, daß der Gentleman seine Bemerkung in einem ganz andern Sinne meinte, als es anfänglich geschienen.

»Da können Sie von Glück sagen, daß Sie Gelegenheit haben, unsern Elijah Pogram von Angesicht zu Angesicht kennenzulernen.«

»Ihren Elijahpogram?« versetzte Martin in der Meinung, es sei ein einziges Wort und bedeute irgendein öffentliches Gebäude.

»So ist es, Sir.«

Martin versuchte eine Miene zu machen, als ob er den Yankee verstehe, konnte aber der Sache nicht auf den Grund kommen.

»So ist es, Sir«, wiederholte der Gentleman. »Unser Elijah Pogram, Sir, sitzt in diesem Augenblick, wie er leibt und lebt, dort beim Dampfkessel«

In diesem Augenblick legte der Gentleman unter dem grünen Schirm seinen rechten Zeigefinger an die Augenbraue, als ob er soeben über höchst bedeutsame Fragen nachgrüble.

»So, so. Das also ist Elijah Pogram!« rief Martin.

»So ist es«, versetzte der Amerikaner. »Das ist Elijah Pogram.«

»Oh!« rief Martin. »Da staune ich wirklich außerordentlich!« In Wirklichkeit hatte er nicht die geringste Idee, wer Mr. Elijah Pogram sein könne, da er den Namen in seinem ganzen Leben noch nie gehört hatte.

»Wenn der Schiffskessel zerspringen sollte, Sir«, fing der Fremde wieder an, »jetzt in diesem Augenblick – so wäre dies ein Festtag im Kalender des Despotismus. In seinen Folgen für die Menschheit vielleicht ebenso groß, Sir, wie unser glorreicher vierter Juli. Jawohl, Sir, das ist seine Hochwohlgeboren Mr. Elijah Pogram, Kongreßmitglied – einer der größten Geister unseres Landes. Sehen Sie sich einmal seine Stirne an.«

»Höchst bemerkenswert«, sagte Martin.

»So ist es, Sir. Als unser unsterblicher Chiggle, Sir, die berühmte Pogramstatue aus Marmor meißelte, die in ganz Europa zu soviel Streit und Geschrei Anlaß gab, soll er gesagt haben, die Stirne sei übermenschlich. Das war noch vor der allgemeinen Pogrambewegung und folglich eine verdammt gescheite Prophezeiung.«

»Was ist das: die Pogrambewegung?« fragte Martin, in der Meinung, es handle sich wahrscheinlich um eine Wirtshausreklame.

»Eigentlich Pogramtrutzbewegung, Sir«, verbesserte der Amerikaner.

»Ja, ja, natürlich«, rief Martin. »Wo hab ich denn meine Gedanken. Sie trotzte –«

»Sie trotzte der ganzen Welt, Sir«, ergänzte der Gentleman gravitätisch. »Die Bewegung forderte die Welt im allgemeinen heraus, sich mit uns zu messen, entwickelte das Programm der Erschließung unsrer innern Hilfsquellen, die uns instand setzen, das Universum zu bekriegen. Sie wünschen gewiß, Elijah Pogram kennenzulernen, Sir?«

»Wenn Sie die Güte haben wollten«, sagte Martin.

»Mr. Pogram«, rief der Fremde – Mr. Pogram hatte übrigens jedes Wort des Dialoges gehört – »hier steht ein Gentleman aus Europa, Sir; aus England, Sir; aber ich dächte, edeldenkende Feinde können ganz gut auf dem neutralen Boden des Privatlebens miteinander zusammenkommen.«

Der ausgemergelte Mr. Pogram schüttelte Martin die Hand, wie ein Uhrwerk, das soeben abläuft; aber quasi als Gegensatz dazu fing er gleich darauf wieder zu kauen an und bewegte langsam seine Kiefer wie ein Uhrwerk, das gerade aufgezogen wird.

»Mr. Pogram«, erklärte der Gentleman, »ist ein Diener der Öffentlichkeit. Wenn der Kongreß seine Ferien antritt, zeigt sich Mr. Pogram dem Volke in den einzelnen Bezirken der Vereinigten Freien Staaten, deren begabter Sohn er ist.«

Martin dachte, wenn seine Hochwohlgeboren Elijah Pogram zu Hause geblieben wäre und seine Schuhe allein auf Reisen geschickt hätte, daß damit der gleiche Zweck ebensogut erfüllt worden wäre; denn diese waren im Grunde genommen so ziemlich das Sehenswerteste an ihm.

Schließlich stand Mr. Pogram auf, und nachdem er ein paar Tabakknödel, die ihn in seiner Artikulation gehindert haben würden, ausgespuckt hatte, suchte er sich einen Platz, wo er sich bequem anlehnen konnte, und begann mit Martin zu plaudern, dabei sich stets mit seinem grünen Schirme beschattend.

Als er mit den Worten: »Wie gefällt Ihnen –« begann, fiel ihm Martin sofort in die Rede und ergänzte:

»Amerika, nicht wahr?«

»Jawohl, Sir«, versetzte Mr. Elijah Pogram. – Inzwischen hatte sich ein Häuflein Passagiere, um mit zuzuhören, was jetzt folgen werde, um sie versammelt, und Martin hörte den ersten Gentleman einem Herrn, sich die Hände reibend, zuflüstern:

»Geben Sie acht, Pogram wird ihm einheizen, daß er braun und blau anläuft. Mordsspaß, das.«

»Nun«, fuhr Martin nach einem kurzen Zögern fort, »ich weiß aus Erfahrung, daß ihr Amerikaner immer gern diese Frage stellt mit der Absicht, ein gewisses eingebildetes Übergewicht vis-à-vis einem Fremden zur Geltung zu bringen. Sie wollen eben nur eine ganz bestimmte Antwort zu hören bekommen und keine andere. Ich habe nun aber durchaus keine Lust, diese eine gewisse Antwort zu geben und kann es auch nicht mit gutem Gewissen tun. Deshalb will ich lieber schweigen.«

Mr. Pogram gedachte jedoch, in seiner nächsten Sitzung eine große Rede zu halten über die Urteile und Vorurteile des Auslandes und das Thema schriftstellerisch zu verwerten, und da er die »freie und unabhängige« Gewohnheit liebte, sich jede Art von »Auskunft« auf jede nur mögliche zudringliche Art zu verschaffen und sie dann öffentlich mit seinem Zwecke dienenden Verdrehungen zu benutzen, so ließ er sich nicht so leicht abspeisen und trachtete durch alle möglichen Mittel Martin seine Ansichten auf die eine oder die andere Weise herauszulocken; denn wäre ihm das nicht gelungen, so hätte er sich ja etwas erfinden müssen, und das wäre doch viel zu mühsam gewesen. Er notierte sich demgemäß im Geiste seine Antwort voraus und fing von neuem an:

»Sie kommen aus Eden, Sir. Wie hat Ihnen Eden gefallen?«

Martin sagte ihm seine Meinung über diesen Teil von Amerika ziemlich offen und in recht starken Ausdrücken.

»Sonderbar«, meinte Mr. Pogram und warf einen listigen Blick auf die Gruppe ringsum. »Der Haß gegen unser Vaterland und seine Institutionen und die nationale Antipathie im britischen Volksgebiet ist wahrhaftig tief eingewurzelt.«

»Gott im Himmel, Sir«, rief Martin. »Ist denn die Edener Landaktien-Gesellschaft mit Mr. Scadder an der Spitze mit all dem Jammer und Elend, das sie verschuldet, eine amerikanische Institution? Hat je ein Mensch gehört oder behauptet, daß sie einen Teil der hiesigen Regierungsform ausmache?«

»Ich bin der Ansicht«, sagte Mr. Pogram, abermals umherblickend, und nahm seine Rede wieder auf, wo ihn Martin unterbrochen, »der Grund liegt zum Teil in der Eifersucht und in den Vorurteilen, zum Teil in der angebotenen Untauglichkeit des britischen Volkes, die erhabenen Institutionen unseres Vaterlandes gebührend zu würdigen. Ich hoffe, Sir«, fuhr er zu Martin gewendet fort, »daß Sie in Eden die Bekanntschaft eines Gentlemans namens Chollop gemacht haben.«

»Allerdings«, gab Martin zu. »Übrigens, mein Freund hier kann diese Frage vielleicht besser beantworten als ich, da ich damals sehr schwer krank daniederlag. – Mark, der Gentleman spricht von Mr. Chollop.«

»Oh! Jawohl, Sir, jawohl, ich kenne ihn«, entgegnete Mark.

»Ein glänzendes Vorbild unseres vaterländischen Kernvolkes, Sir?« warf Pogram fragend hin.

»Jawohl, Sir«, rief Mark.

Seine Hochwohlgeboren Elijah Pogram sah seine Freunde an, als wolle er sagen: »Jetzt gebt mal acht! Gebt acht, was jetzt kommen wird!« – Ein allgemeines leises Gemurmel zollte dem Pogramgenie seinen Tribut.

»Unser Landsmann ist ein Musterbild des Menschen, wie er frisch und stark aus der Hand der Natur hervorgeht«, rief Pogram begeistert. »Er ist ein echtes Kind dieser freien Hemisphäre. Grünend wie die Gebirge unseres Landes, frisch und übersprudelnd wie unsere Salzquellen, unberührt von verpestenden Konvenienzen wie unsere weiten, grenzenlosen Prärien. Rauh mag er sein, aber das sind auch unsere Bären. Wild mag er sein, doch das sind auch unsere Büffel. Aber er ist ein Kind der Natur und ein Kind der Freiheit, und voller Stolz ruft er den Despoten und Tyrannen zu: ›Meine herrliche Heimat ist dort, wo die Sonne zur Ruhe geht.‹«

Dies stimmte teilweise auf Chollop, teilweise auf einen gewissen berüchtigten Postmeister im Westen, der vor nicht sehr langer Zeit wegen Unterschlagung aus seinem Amte entfernt werden mußte. Doch da der Mann für Mr. Pogram gestimmt, hatte dieser von seinem Sitz im Kongreß das Todesurteil auf das Haupt des unpopulären Präsidenten, der diese Unzukömmlichkeiten aufgedeckt, herabgedonnert.

Mr. Pograms Worte hatten eine glänzende Wirkung. Die Umstehenden waren entzückt, und einer von ihnen sagte laut, daß es Martin hören mußte: er schätze, der Fremde habe jetzt ein Pröbchen von der Beredsamkeit Amerikas zu kosten bekommen und betrachte sich wohl als gänzlich erledigt.

Mr. Pogram wartete, bis sich seine Zuhörer wieder beruhigt hatten, und fuhr dann zu Mark gewendet fort:

»Sie scheinen diese Ansicht nicht zu teilen, Sir?«

»Je nun«, meinte Mark, »gefallen hat mir Mr. Chollop nicht besonders; das könnte ich gerade nicht behaupten, Sir. Er kam mir vor wie ein Eisenfresser, und ich war auch nicht sonderlich entzückt, daß er mit seinen kleinen Mordwerkzeugen, die er bei sich zu führen liebt, immer so rasch bei der Hand war.« »Es ist doch höchst seltsam!« rief Mr. Pogram und hob seinen Schirm höher empor, um darunter hervor seine Umgebung besser mustern zu können. »Es ist doch höchst auffallend! Wiederum bemerken Sie den eingewurzelten Haß, den die Engländer gegen uns und unsere Institutionen hegen – –«

»Mein Gott, sind Sie aber ein sonderbares Volk!« unterbrach Martin. »Ist denn Mr. Chollop und die ganze Menschenklasse, die er repräsentiert, eine der Institutionen des Landes? Sind Revolver, Stockdegen, Bowie-Messer und dergleichen vielleicht Institutionen, auf die man stolz sein könnte? Sind blutige Duelle, rohe Kämpfe, wilde Überfälle, Niederknallen und Erstechen auf offener Straße Institutionen von Amerika? Vielleicht bekommt man nächstens noch zu hören, daß Ehrlosigkeit und Betrug gleichfalls zu den ›Institutionen‹ dieser großen Republik gehören.«

Kaum waren diese Worte seinen Lippen entflohen, da blickte seine Hochwohlgeboren Elijah Pogram schon wieder bedeutsam umher.

»Dieser krankhafte Haß gegen unsere Institutionen«, bemerkte er, »ist wirklich ein vortreffliches Studium für den Psychologen. – – Er spielt jetzt gar auf die ›Repudiation‹ an.«

»Ach Gott, Sie können ja alles, wenn Sie wollen, zur Institution machen«, meinte Martin lachend, »und ich gestehe, ich bin schon bald so weit, daß ich schließlich alles für möglich halte. Aber der größte Teil von alledem umfaßt bei uns eine einzige ›Institution‹, und die nennen wir Old Bailey oder Zuchthaus.«

Da in diesem Augenblick die Glocke zum Dinner rief, rannte alles nach der Kajüte, und auch Mr. Elijah Pogram wurde von solcher Eile ergriffen, daß er ganz vergaß, seinen Regenschirm zuzumachen, und sich mit ihm dermaßen in der Kajütentüre verklemmte, daß man ihn nur mit Mühe wieder befreien konnte. Ein paar Minuten lang entfesselte diese Störung fast eine Revolution unter den heißhungrigen Passagieren hinter ihm, die schon im Geiste die Teller sahen, die Messer und Gabeln arbeiten hörten und genau wußten, was geschehen würde, wenn sie versäumten, sich rechtzeitig Plätze zu erobern. Sie rasten förmlich, und mehrere ehrenwerte Bürger, die bereits an der Tafel saßen, es bemerkten und trachteten, die Situation für sich nach Kräften auszunutzen, gerieten infolge ihrer unnatürlichen Anstrengungen, alles aufgetragene Fleisch hinunterzuschlingen, bevor die andern kämen, in Todesgefahr, so daß die meisten von ihnen zu ersticken drohten. Endlich jedoch wurde die Regenschirmbarrikade mit Todesmut gestürmt und die Festung genommen. Nach hartnäckigem Kampfe befanden sich schließlich Elijah Pogram und Martin Seite an Seite, wie etwa im Parterre eines Londoner Theaters, und die nächsten vier Minuten schnappte Mr. Pogram von allem, was noch zu erwischen war, wie ein Rabe große Brocken auf. Nachdem er sein Dinner, das sich so ungewöhnlich lange verzögerte, glücklich hinter sich hatte, nahm er seine Unterhaltung mit Martin wieder auf und bat ihn, sich ihm gegenüber ohne Rückhalt auszusprechen, denn er sei ein Philosoph und erfreue sich infolgedessen einer unerschütterlichen Seelenruhe. Martin vernahm das mit Vergnügen, denn er hatte sich bereits mit der Vermutung getragen, Mr. Elijah Pogram sei ein Anhänger jener gewissen hemmungslosen republikanischen Ideen und pflege seine Gesinnungen mehr mit Messer und Revolver als mit Feder und Tinte zum Ausdruck zu bringen.

»Was halten Sie zum Beispiel von meinen anwesenden Landsleuten?« fragte Mr. Elijah Pogram.

»Ach Gott, es sind recht nette Leute«, meinte Martin.

Und das waren sie allerdings, wenigstens sprach niemand ein Wort; jeder hatte, wie in Amerika in solchen Fällen üblich, nur auf seine Privatschlingorgane Bedacht; genauer gesagt, benahm sich der größte Teil der Anwesenden bei Tisch wie das Schwein beim Trog.

Seine Hochwohlgeboren Mr. Elijah Pogram warf Martin einen Blick zu, der soviel ausdrücken sollte wie: »Ich weiß ganz gut, das ist nicht dein Ernst«, und bald erhielt er auch eine Bestätigung dieser Ansicht.

Gegenüber saß ein Gentleman, der im buchstäblichsten Sinne des Wortes mit Tabaksaft durchtränkt war. Ein kleiner Bart aus Tabakjauche, an seinen Mundwinkeln und an seinem Kinn eingetrocknet, zierte seine Lippe. Das bedeutete indes in Amerika einen so gewöhnlichen Schmuck, daß er kaum Martins Aufmerksamkeit fesselte, allein der gute Bürger, der offenbar darauf brannte, seine republikanische Gleichheit jedem Fremden zu beweisen, zog jetzt sein Messer durch den Mund und schnitt sich dann von der Butter ab, eben als Martin sich davon nehmen wollte. Die ganze Sache hatte etwas derartig »Saftiges« an sich, daß einem Gassenkehrer dabei übel geworden wäre.

Als Mr. Elijah Pogram, dem dies natürlich ein Alltagsereignis war, bemerkte, daß Martin verekelt seinen Teller zurückschob und auf die Butter verzichtete, geriet er in großes Entzücken darob und sagte:

»Wirklich, ich muß gestehen – der geradezu krankhafte Haß von euch Engländern gegen die Institutionen unseres Landes ist geradezu erstaunlich.«

»Meiner Seel!« fuhr Martin auf. »Sie bilden da Zusammenhänge, daß es wirklich unglaublich ist. Da macht einer mit Absicht ein Schwein aus sich, und das nennen Sie eine – ›Institution‹!«

»Es mangelt uns an Zeit, uns mit Formalitäten abzugeben, Sir«, erklärte Mr. Elijah Pogram.

»Abzugeben?!« rief Martin. »Ich dächte, es handelt sich hier einfach darum, daß der Herr drüben vorzieht, sich die Manieren eines Wilden anzueignen und jede gute selbstverständliche Sitte beiseite zu lassen, die doch jedem Gebildeten vorschreiben muß, nicht andern Leuten geradezu absichtlich Ekel einzuflößen. Ich bin zum Beispiel überzeugt, daß der Herr da drüben von Haus aus ganz gut weiß, was schicklich ist, und nur glaubt, seine ›Unabhängigkeit‹ dadurch zu beweisen, daß er sich wie ein Vieh aufführt.«

»Er ist aus unserm Lande gebürtig und daher von Natur aus vorurteilsfrei und unverfroren«, sagte Mr. Pogram.

»Bedenken Sie einmal, wozu dies alles noch führen soll, Mr. Pogram!« stellte Martin vor. »Die große Masse Ihrer Landsleute fängt an, hartnäckig gewisse kleine Regeln zu vernachlässigen, die mit Vornehmheit, Sitte, Regierung oder Vaterland durchaus nichts zu tun haben, sondern lediglich Dinge des Anstandes und der gewöhnlichsten Sittlichkeit sind. Sie leisten Ihnen darin Vorschub, indem Sie alle Angriffe auf derartige gesellige Verstöße mit beißenden Antworten erwidern und die größte Unflätigkeit als schönen Nationalzug erklären. Aber aus Mißachtung kleinerer Verpflichtungen entsteht allmählich auch das Bedürfnis, sich jeder Rücksicht auf die größeren zu entäußern und, sagen wir einmal, schließlich die Bezahlung jeder Schuld im allgemeinen zu verweigern. Was daraus folgen wird, weiß ich nicht, aber jeder von uns muß, wenn er nur will, einsehen, daß nur etwas Ähnliches daraus resultieren kann wie der Vorgang, der einen Baum zum Verwelken bringt, wenn seine Wurzel anfängt zu faulen.«

Mr. Pogram war zu sehr Philosoph, um dies einsehen zu können. Sie gingen also wieder auf das Verdeck, wo der Amerikaner seinen frühern Posten einnahm, weiterkaute und schließlich infolge der unvermeidlichen Tabakvergiftung in einen an Lethargie grenzenden Zustand versank.

Nach einer mehrtägigen ermüdenden Fahrt gelangten sie wieder an demselben Kai an, wo Mark am Abend ihres Aufbruchs nach Eden beinahe das Schiff versäumt hätte. Kapitän Kedgick stand gerade dort und schien sehr überrascht, als er die beiden an Land steigen sah.

»Zum Teufel nochmal«, rief der Kapitän, »na, das ist aber merkwürdig!«

»Wir können doch bei Ihnen übernachten, Kapitän?« fragte Martin. »Schätze, Sie können wohl im Hotel bleiben, wenn Sie Lust dazu haben«, entgegnete Mr. Kedgick kühl. »Aber unsern Leuten wird’s nicht sonderlich gefallen, daß Sie wieder zurückkommen.«

»Wieso denn nicht, Kapitän Kedgick?« fragte Martin.

»Man hat bestimmt erwartet, Sie würden sich dort dauernd niederlassen«, entgegnete Kedgick achselzuckend. »Sie können doch nicht leugnen, daß sich die Leute in diesem Punkte enttäuscht sehen müssen?«

»Was meinen Sie damit?« fragte Martin erstaunt.

»Sie hätten sie damals nicht ›empfangen‹ sollen«, erklärte der Kapitän, »das hätten Sie bleiben lassen müssen

»Aber, lieber Freund«, entgegnete Martin, »habe ich denn darauf bestanden? Es geschah doch von meiner Seite durchaus nicht freiwillig. Sagten Sie mir denn nicht, es gäbe einen Skandal und es würde mir das Fell über die Ohren gezogen wie einer wilden Katze, wenn ich’s abschlüge? Wurde mir denn nicht sogar gedroht, wenn ich die Leute nicht empfinge?«

»Davon weiß ich nichts«, versetzte der Kapitän. »Aber wenn unsern Leuten mal der Kamm schwillt, so wird er hochrot, das kann ich Ihnen versichern.«

Mit diesen Worten blieb er zurück, um sich Mark anzuschließen, während Martin mit Mr. Elijah Pogram voraus zum National-Hotel ging.

»Sie sehen, Kapitän, wir sind glücklich und lebendig wieder zurückgekommen«, fing Mark wieder an.

»Hätt es nicht gedacht«, brummte der Kapitän. »Der Mensch hat kein Recht, ein öffentlicher Charakter zu sein, wenn er sich nicht auch den öffentlichen Voraussetzungen fügt. Unsere fashionable Welt wäre nicht zu dem Lever gekommen, wenn sie das gewußt hätte.«

Kein Zureden vermochte den Kapitän umzustimmen: beharrlich bestand er darauf, es übelzunehmen, daß die beiden Engländer nicht in Eden gestorben waren. Die Gäste des National-Hotels hatten hinsichtlich dieses Punktes gleichfalls sehr ausgesprochene Ansichten, und es war ein großes Glück, daß ihnen keine Zeit blieb, über ihre Enttäuschung nachzudenken, denn die Anwesenheit seiner Hochwohlgeboren Mr. Elijah Pogram forderte unbedingt, daß man ihm sofort ein Lever gab.

Da das gemeinschaftliche Souper bei Ankunft des Dampfbootes bereits vorüber war, so nahmen Martin, Mark und Mr. Pogram den Tee, und was dazu gehörte, an der öffentlichen Tafel gesondert ein. Und gleich darauf trat die Deputation ein, die dem Kongreßmitglied die zugedachte Ehre ankündigen sollte. Sie bestand aus sechs Gentlemen und einem noch im Stimmwechsel begriffenen Jüngling.

»Sir!« begann der erste Sprecher.

»Mr. Pogram!« schrillte der Jüngling dazwischen.

Der Sprecher, dadurch an seine Anwesenheit erinnert, stellte ihn vor:

»Doktor Ginery Dunkle, Sir! Ein Herr von ganz hervorragender poetischer Begabung. Er ist erst vor kurzem hier angekommen und bedeutet für uns eine Akquisition ersten Ranges, Sir. Ich kann Ihnen das versichern. Jawohl, Sir. Hier – Mr. Jodd, Sir. Mr. Izzard, Sir. Mr. Julius Bib, Sir.«

»Julius Washington Merryweather Bib«, ergänzte Mr. Bib. »Ich bitte um Verzeihung, Sir, pardon: also Mr. Julius Merryweather Bib – aus der Holzbranche, Sir; ein sehr angesehener Gentleman. Und hier – Oberst Groper, und hier – Professor Piper. Mein Name, Sir, ist Oscar Buffum.«

Jeder der vorgestellten Herren trat bei Nennung seines Namens einen Schritt vor, nickte seiner Hochwohlgeboren Mr. Elijah Pogram zu, schüttelte ihm die Hand und glitt dann wieder in den Hintergrund. Als die Vorstellungszeremonien beendet waren, fing der erste Sprecher wieder an.

»Sir!«

»Mr. Pogram!« schrillte der Jüngling abermals dazwischen.

»Vielleicht«, wendete sich der Sprecher sofort an ihn, »sind Sie so gütig, Doktor Ginery Dunkle, unsern kleinen Antrag dem Herrn gegenüber vorzutragen.«

Dem schrillen jungen Mann konnte nichts erwünschter sein; sofort trat er vor.

»Mr. Pogram! Sir! Einige unserer Mitbürger, Sir«, begann er, »vernahmen von Ihrer Ankunft im National-Hotel und wünschten aus Anerkennung Ihrer Dienste für das Vaterland, Sir, das Vergnügen zu haben, Sie näher kennenzulernen und sich mit Ihnen auszusprechen in einem Zeitpunkt, der für unser ganzes großes freies Vaterland so bedeutsam ist.«

»Hört, hört!« rief Oberst Groper mit lauter Stimme. »Sehr gut, hört, hört! Ausgezeichnet!«

»Und deshalb, Sir«, fuhr der junge Doktor fort, »erbitten sie sich die Ehre Ihrer Gesellschaft bei einem kleinen Lever, Sir – um acht Uhr an der Damentable d’hôte.«

Mr. Pogram verbeugte sich und erwiderte:

»Mitbürger!«

»Sehr gut!« rief der Oberst. »Hört, hört! Ausgezeichnet!«

Mr. Pogram dankte dem Oberst mit einer Verbeugung und fing dann wieder an:

»Ihre Anerkennung, meine Herren, meiner Bemühungen in Sachen der gemeinsamen Wohlfahrt geht mir sehr zu Herzen. Zu allen Zeiten und an allen Orten – an dem Damentable d’hôte, meine Herrn, und auf dem Schlachtfelde – werde ich es mir zur Ehre anrechnen, mit Ihnen zusammenzutreffen. Und mögen, meine Freunde, dereinst die Worte auf meinem Grabe geschrieben stehen: ›Er war Kongreßmitglied unseres gemeinsamen Vaterlandes und unermüdlich in seinem Amte‹.«

»Das Komitee, Sir«, unterbrach ihn der schrille Jüngling, »wird Ihnen fünf Minuten vor acht Uhr seine Aufwartung machen. Gestatten Sie, daß ich mich jetzt empfehle, Sir.«

Mr. Pogram drückte ihm und allen andern Herrn noch einmal die Hand.

Als die Gentlemen sich fünf Minuten vor acht Uhr wieder einstellten, leierten sie einer nach dem andern mit melancholischer Stimme den Bewillkommnungsgruß herunter: »Wie geht es Ihnen, Sir.«

Sie wechselten dann mit Mr. Pogram abermals Händedrücke, als seien sie in der Zwischenzeit mindestens ein Jahr über Land gewesen und träfen sich jetzt bei einem Leichenbegängnis.

Mittlerweile hatte sich Mr. Pogram ein wenig restauriert und sowohl Haare wie Gesicht hergerichtet, sorgfältig bestrebt, sich seiner Statue, die im Lande allgemein bekannt war, so ähnlich wie möglich zu machen. Es glückte ihm, und jeder Mann, der nur halbwegs normalsichtig war, rief sofort, wenn er ihn erblickte, aus: »Das ist er, wie er leibt und lebt; ganz wie er damals die Trutzrede hielt!«

Auch das Komitee hatte sich verschönt, und als es in den Table-d’hôte-Saal strömte, hörte man viele Damenhände klatschen, und Ausrufe: Pogram! Pogram! Manche Herren stiegen sogar auf die Stühle, um den berühmten Mann besser sehen zu können.

Stolz, so der allgemeine Mittelpunkt zu sein, blickte Mr. Pogram wohlgefällig umher, lächelte und bemerkte gleichzeitig zu dem schrillen jungen Herrn, er wisse wahrhaftig so mancherlei Gutes über die Schönheit der Töchter ihres gemeinsamen Vaterlandes zu sagen, aber nie habe er einen solchen Blütenkranz von Damen beisammen gesehen. Später ließ dies der schrille Jüngling zu Elijah Pograms großer Überraschung in die Zeitung setzen.

»Wir möchten Sie höflichst bitten, Sir, wenn es Ihnen angenehm ist«, meldete sich Mr. Buffum und legte Hand an Mr. Pogram, gerade, als ob er ihm Maß zu einem Rock nehmen wolle, »sich gefälligst mit dem Rücken gegen die Wand rechts in der vordersten Ecke zu stellen, damit unsere Mitbürger mehr Platz haben. Wenn Sie sich mit dem Rücken gefälligst an die eine Seite des Vorhangs anlehnen und das linke Bein hinter den Ofen stecken, Sir, so wird hoffentlich genügend Raum bleiben.«

Mr. Pogram tat, wie ihm geheißen, und keilte sich in einen Winkel, worunter seine Ähnlichkeit mit der bekannten Pogramstatue allerdings beträchtlich litt.

Sodann begann die Unterhaltung des Abends. Die Herren brachten ihre Damen herbei, stellten sie zuerst vor und erwiesen sich dann gegenseitig den gleichen Dienst. Dabei fragte man ununterbrochen Mr. Pogram, was er von dieser oder jener politischen Frage halte, musterte ihn von oben bis unten, betrachtete sich gegenseitig und machte höchst unglückliche Gesichter. Die Damen auf ihren Stühlen blickten durch ihre Lorgnons auf Mr. Elijah Pogram und sagten so laut, daß man es unfehlbar hören mußte: »Wenn er nur endlich spräche! Warum spricht er denn eigentlich nicht? Man fordere ihn doch zum Reden auf!«

Von Zeit zu Zeit warf Mr. Elijah Pogram einen Blick auf die Damen, dann wieder auf die Decke und gab gelegentlich mit der Miene eines Senators kurze Gutachten ab, wenn man ihn darum anging. Das Ganze machte den Eindruck, als ob der große Zweck der Zusammenkunft lediglich darin bestünde, Seine Hochwohlgeboren um keinen Preis aus seiner Ecke herauszulassen und ihn dort fest eingekeilt zu halten.

Plötzlich verkündete ein Tumult vor der Türe die Ankunft irgendeiner Notabilität, und gleich darauf sah man einen sehr aufgeregten ältlichen Gentleman sich in die Massen stürzen, um sich einen Weg zu Seiner Hochwohlgeboren Mr. Elijah Pogram zu bahnen. Martin, der sich in einer fernen Ecke ein kleines Lauschwinkelchen gesichert hatte und Mark an seiner Seite wußte, vermeinte diesen Gentleman zu kennen, wenn er auch nicht gleich wußte, wo er ihn hintun sollte. Aber sofort wurde ihm jeder Zweifel genommen, denn der Herr rief mit Stentorstimme, wobei ihm die Augen fast aus dem Kopfe quollen: »Sir, gestarteten Sie – Mrs. Hominy!«

»Gott segne das Frauenzimmer, Mark« rief Martin. »Da ist sie schon wieder!«

»Ja, da kommt sie«, lachte Mr. Tapley. »Pogram kennt sie, wie man sieht. Sie ist doch eine öffentliche Person! – Hat stets ein wachsames Auge aufs Vaterland, Sir! Wenn der Gatte dieser Dame meinen Prinzipien huldigt, so muß er ein ungemein ›fideler‹ alter Herr sein.«

Die Menge bildete eine Gasse, und Mrs. Hominy schritt mit aristokratischem Gang, das Taschentuch in der Hand und die klassische Haube auf, langsam wie eine Prozession hindurch. Mr. Pogram sprach sein Entzücken aus, sie zu sehen, und sofort trat allgemeine Stille ein. Man begriff, wenn eine Frau wie Mrs. Hominy mit einem Manne wie Mr. Pogram zusammentraf, so mußte notwendigerweise etwas Höchstinteressantes dabei herauskommen. Die ersten Begrüßungen wurden mit leiser Stimme ausgetauscht, wurden aber bald hörbarer, denn Mrs. Hominy war sich ihrer Stellung bewußt und sich darüber klar, was man von ihr erwartete. Anfangs setzte sie dem berühmten Kongreßmitglied ziemlich scharf zu und kanzelte es wegen eines gewissen von ihm abgegebenen Votums herunter, das sie als die »Mutter der modernen Gracchen« ausdrücklich durch eine Zeile gesperrt gedruckten Textes abzulehnen für nötig gefunden hätte. Mr. Pogram wich einer Erwiderung geschickt durch zeitgemäße Anspielung auf das sternengesprenkelte Banner aus, das die merkwürdige Kraft zu haben scheine, sooft es gehißt werde, jeden ausbrechenden Sturm im Keim zu ersticken – und die Sache lief glatt ab. Es kamen sodann gewisse Fragen über Tarife, Handelsverträge, Grenzstreitigkeiten und Import und Export zur Verhandlung. Mrs. Hominy redete nicht nur, wie man sagt, wie ein Buch, sondern rezitierte geradezu fort und fort den Inhalt ihrer eigenen Werke.

»O Gott, was ist das!« rief sie plötzlich und öffnete ein kleines Billett, das ihr ein sehr erhitzt aussehender Gentleman einhändigte. »Sagen Sie! Oh, man denke!«

Und laut las sie folgendes vor:

»Zwei literarische Damen vermelden der ›Mutter der modernen Gracchen‹ ihr Kompliment und bitten ihre talentvolle Mitbürgerin, sie freundlichst Seiner Hochwohlgeboren Mr. Elijah Pogram vorzustellen, den sie beide so oft und naturgetreu als Statue von der Hand des großen Meisters, Mr. Chiggle, bewundert haben. Auf eine mündliche Andeutung von Seiten der ›Mutter der modernen Gracchen‹, daß sie dem Gesuche der beiden Damen willfahren wolle, würden sie sich sodann das Vergnügen nehmen, sich der glänzenden Versammlung, die das patriotische Vorgehen eines Pogram zu ehren gedenkt, anzuschließen. Es würde dies vielleicht dazu beitragen, ein weiteres Band der Einigkeit zwischen den beiden Damen und der ›Mutter der modernen Gracchen‹ zu knüpfen; – um so mehr, als beide Damen hinsichtlich Denkungsweise vollständig zum Transzendentalismus gravitieren.«

Sofort erhob sich Mrs. Hominy, eilte zur Tür und kam nach einer Minute mit den beiden Damen zurück, die sie mit der ganzen Würde, die ihr so eigentümlich war, durch die Gasse in dem Gedränge dem großen Mr. Elijah Pogram zuführte. Das Ganze glich, wie der schrille junge Mann verzückt ausrief, aufs Haar der letzten Szene aus dem Coriolan.

Eine der Damen trug eine braune Perücke von bemerkenswertem Umfang. An der Stirne der andern stak, durch irgendein geheimnisvolles Mittel befestigt, eine riesige Kamee in der Form und Größe einer Kirchweih-Himbeertorte, die im Zentrum das Kapitol zu Washington erblicken ließ.

»Miss Toppit und Miss Codger«, stellte Mrs. Hominy vor.

»Codger, scheint mir, ist der Name der Dame, den ich so oft in den englischen Zeitungen als den der ältesten hier lebenden Einwohnerin gelesen habe«, flüsterte Mark.

»Einem Pogram durch eine Mrs. Hominy vorgestellt zu werden«, begann Miss Codger, »bedeutet in der Tat ein außerordentliches Moment in dem Eindruckskomplex dessen, was wir gemeinhin unser Gefühl nennen. Warum wir es so nennen oder wieso es überhaupt Eindrücke aufnimmt oder ob wir überhaupt eindrucksfähig sind oder ob es wirklich, wie uns unsere Sinne vortäuschen, einen Pogram und eine Mrs. Hominy gibt – oder ob nicht vielmehr ein tätiges Prinzip obwaltet, dem wir unbewußt diesen Titel geben –, das ist ein viel zu verwickeltes philosophisches Thema, als daß es im gegenwärtigen Augenblick eine Kritik vertrüge.«

»Geist und Materie«, fügte die Dame in der Perücke hinzu, »gleiten rasch in den Strudel der Unendlichkeit hinab. Auf heult das Erhabene gen Himmel, und sanft schlummert das stille Ideal in den verschwiegenen Kammern der Phantasie. Es zu hören ist süß, aber wild auflachet der ernste Philosoph und sagt zum Grotesken: Was soll das? Haltet mir fest dieses Phantom. Gehet und bringet es her! Und so entschwindet die Vision.«

Nach diesen Worten ergriffen die beiden Damen Mr. Pograms Hände und drückten sie an ihre Lippen. Sodann rief die Mutter der modernen Gracchen nach Stühlen, damit die drei literarischen Damen allen Ernstes beginnen könnten, den armen Mr. Pogram regelrecht zu bearbeiten und in die Enge zu treiben, auf daß er sich in seinen glänzendsten Farben zeige.

Wieso Mr. Pogram sogleich aus den Tiefen seines Geistes herauftauchte und die drei literarischen Damen nie darin gewesen waren, ist nicht des Erzählens wert. Genug, alle vier warfen, um sich über Wasser zu halten, gewaltig nach allen Seiten mit großen Worten um sich und faselten das Blaue vom Himmel herunter. Natürlich war man allgemein der Ansicht, daß hier der schärfste geistige Wettkampf stattfand, den man je im National-Hotel erlebt. Dem schrillstimmigen Jüngling standen des öftern die Tränen in den Augen, und die ganze Versammlung wurde gewahr, daß ihr vor lauter Denken der Kopf brummte. Als schließlich noch das Komitee Mr. Elijah Pogram aus seiner Ecke erlösen mußte und wohlbehalten wieder in das nächste Zimmer geleitete, glühte alles förmlich vor Bewunderung.

»Eine Bewunderung, die sich Luft machen muß«, erklärte Mr. Buffum, »wenn man nicht bersten soll. Ich bin Ihnen wahrhaft dankbar, Mr. Pogram. Ich fließe über, Sir, vor stolzer Verehrung vor Ihnen und tiefer Erregung. Das Gefühl, dem Ausdruck zu geben ich vorschlagen möchte, Sir, heißt: ›Mögen Sie immer so unerschütterlich bleiben, Sir, wie Ihre Marmorstatue; mögen Sie stets ein so großer Schrecken für Ihre Feinde bleiben, wie Sie es jetzt sind.‹«

Mr. Pogram dankte seinem Freund und Landsmann für die liebenswürdigen Wünsche, und das Komitee begab sich nach abermaligem feierlichem Händeschütteln zu Bett. Nur der Doktor eilte noch in eine Zeitungsredaktion, um dort ein kurzes Gedicht niederzuschreiben, zu dem ihn die Ereignisse des Abends begeistert hatten. Es begann mit den »Sternen auf dem Banner der Republik« und trug den Titel: »Ein Fragment, geistig empfangen anläßlich eines Begebnisses, bei dem Seine Hochwohlgeboren Mr. Elijah Pogram sich mit drei von Columbias schönsten Töchtern in eine philosophische Dissertation einließ«, von Doktor Ginery Dunkle, Troja.

Wenn sich Mr. Pogram so sehr auf sein Bett freute wie Martin, so war er für seine Mühewaltung jedenfalls reichlich belohnt. Am nächsten Tage verkauften Martin und Mark ihre Habseligkeiten um jeden Preis an dieselben Händler zurück, von denen sie sie erworben, traten dann ihre Weiterreise an und wurden abermals Mr. Pograms Reisegefährten bis kurz vor New York. Als das berühmte Kongreßmitglied im Begriffe stand, sie zu verlassen, wurde es plötzlich höchst gedankenschwer und nahm, nachdem es eine Weile vor sich hingebrütet, Martin beiseite.

»Wir müssen uns jetzt trennen, Sir«, begann es.

»Ach, lassen Sie sich das nicht so zu Herzen gehen«, tröstete Martin, »wir müssen uns dareinschicken.«

»Darum handelt es sich nicht, Sir!« entgegnete Mr. Pogram. »Keineswegs! Aber ich sähe es gern, wenn Sie ein Exemplar von meiner Trutzrede annehmen wollten.«

»Ich danke Ihnen verbindlichst, Sir«, sagte Martin. »Sie sind sehr gütig. Es würde mich sehr freuen.«

»Auch darum handelt es sich nicht, Sir«, fing Pogram wieder an. »Hätten Sie den Mut, ein Exemplar nach England mitzunehmen?«

»Natürlich«, versicherte Martin, »warum denn nicht.«

»Die Rede ist etwas scharf, Sir«, gab Pogram zu bedenken.

»Das macht nichts«, meinte Martin. »Wenn Sie wollen, nehme ich ein ganzes Dutzend mit.«

»Nein, Sir«, wehrte Mr. Pogram ab; »ein Dutzend, das wäre mehr als zuviel. Also, wenn Sie wirklich vor der Gefahr nicht zurückschrecken, Sir, so ist hier ein Exemplar für Ihren Lordkanzler «, er zog eine Broschüre aus der Tasche, »und hier ein zweites für ihren ersten Staatssekretär. Ich wünschte, daß die Leute, Sir, es läsen und meine Gesinnungen kennenlernten, damit sie später nicht Unkenntnis vorschützen können. Aber immerhin möchte ich nicht, daß Sie sich meinetwegen in Gefahr begeben, Sir!«

»Es ist nicht die geringste Gefahr dabei, versichere ich Ihnen«, lachte Martin, dann steckte er die Pamphlete in die Tasche und verabschiedete sich von Mr. Pogram.

Mr. Bevan hatte ihm geschrieben, daß er sie zu einer bestimmten Zeit – und glücklicherweise kamen sie zurecht – in einem bestimmten Hotel in der Stadt erwarten wolle. Ohne Verzug begaben sich Mark und Martin dorthin und hatten die Freude, ihren wackern Freund bereits dort zu finden und sich herzlich und warm von ihm aufgenommen zu sehen.

»Es tut mir wirklich sehr leid und beschämt mich tief«, sagte Martin, »daß ich Ihnen so zur Last fallen muß, aber werfen Sie nur einen Blick auf unsere Kleidung, und Sie werden erkennen, wie heruntergekommen wir sind.«

»Ich bin weit davon entfernt zu glauben, daß ich Ihnen einen Dienst geleistet habe, der der Rede wert wäre«, unterbrach ihn Mr. Bevan. »Ich muß mir vielmehr Vorwürfe machen, daß ich unwissentlich die Hauptursache Ihrer Leiden geworden bin. Ich hätte mir ebensowenig träumen lassen, daß Sie nach Eden gehen oder sich hier überhaupt noch goldene Berge versprechen würden, als ich daran dachte, selber nach Eden zu gehen.«

»Die Sache ist so: Ich faßte nämlich den verrückten Entschluß, und zwar in sanguinischer Unbesonnenheit«, erklärte Martin. »Am liebsten möchte ich gar nichts mehr davon hören. Mark da wurde überhaupt nicht in der Sache gefragt.«

»Nun, er wird wohl auch in anderer Hinsicht keine Stimme gehabt haben«, meinte Mr. Bevan mit einem Lachen, das klar verriet, wie genau er Marks und Martins Charaktere durchschaute.

»Ich fürchte, allerdings keine besondere«, gab Martin errötend zu, »aber man lebt, um zu lernen, Mr. Bevan. Und wenn man dann infolge eigener Unbesonnenheit knapp vor dem Tode steht, so lernt man’s nur um so schneller.« »Was haben Sie jetzt im Sinn?« fragte Mr. Bevan. »Sie gedenken wohl sofort nach England zurückzukehren?«

»Allerdings, allerdings«, versetzte Martin hastig, denn er bangte schon vor dem Gedanken an irgendeine andere Möglichkeit. »Hoffentlich ist das auch Ihr Rat?«

»Gewiß. Ich weiß überhaupt nicht, warum Sie nach Amerika kamen. Freilich kommt derartiges leider nur zu oft vor, als daß wir weiter viel Worte drüber zu verlieren brauchten. Sie wissen natürlich nicht, daß das Schiff, in dem Sie mit unserm Freund, dem General Fladdock, die Reise hierher gemacht haben, im Hafen liegt?«

»Wirklich?« rief Martin.

»Ja. Die Fahrtliste besagt, daß es morgen in See gehen wird.«

Das war eine verlockende und doch zugleich sehr peinliche Nachricht, denn Martin begriff, daß er nicht hoffen durfte, an Bord eines derartigen Schiffes irgendeine Beschäftigung zu erhalten. Das Geld, das er noch besaß, reichte nicht zu einem Viertel hin, die Summe zurückzuzahlen, die er sich bereits ausgeborgt; und wenn es selbst zur Heimreise gelangt hätte, würde er es doch kaum über sich gewonnen haben, alles dafür auszugeben. Er setzte dies Mr. Bevan in Kürze auseinander und teilte ihm seinen Plan mit.

»Das ist ein ebenso verrückter Einfall wie der, nach Eden zu gehen«, versetzte der Amerikaner. »Sie müssen einfach wegfahren, und zwar reisen wie ein Christ – wenigstens wie es ein Christ als Vorderkajütenpassagier tun kann – und mir noch einige Dollar mehr schuldig werden, als Sie beabsichtigten. Wenn Mr. Mark im Schiff drüben nachsehen will, wie viele Passagiere angemeldet sind, und findet, daß Sie an Bord gehen können, ohne im Zwischendeck direkt zu ersticken, so lautet mein Rat: Fahren Sie. Wir beide können uns inzwischen in der Stadt umsehen. Zu Norris brauchen wir ja nicht zu gehen – außer es läge Ihnen besonders viel daran! –, und am Nachmittag können wir dann alle drei gemeinschaftlich dinieren.«

Martin konnte nur seinen Dank stammeln, und damit war die Sache abgemacht.

Als Mark das Zimmer verließ, eilte ihm Martin nach und riet ihm, unter allen Umständen Plätze auf der »Schraube« zu belegen, und wenn sie selbst auf dem bloßen Deck kampieren müßten: ein Auftrag, den Mr. Tapley, der natürlich genau so dachte, bereitwilligst zu besorgen versprach.

Als er später wieder mit Martin allein zusammentraf, war er in prächtigster Laune und hatte offenbar etwas mitzuteilen, auf das er sich nicht wenig zugute tat.

»Ich habe Mr. Bevan hinters Licht geführt, Sir«, sagte er grinsend vor Vergnügen.

»Mr. Bevan hinters Licht geführt!?« wiederholte Martin.

»Der Koch der ›Schraube‹ hat das Schiff verlassen und gestern geheiratet«, versetzte Mr. Tapley.

Martin sah ihn ratlos an.

»Als ich nun an Bord kam und man mich erkannte«, fuhr Mark fort, »kam der Maat zu mir und fragte mich, ob ich nicht auf der Heimreise die Stelle des Kochs übernehmen wolle. ›Sie sind ja daran gewöhnt‹, sagte er, ›und haben auf der Herfahrt sowieso für jedermann gekocht.‹ Und so bin ich jetzt Koch«, fügte Mark hinzu, »wenn ich auch einen Eid drauf leisten kann, daß ich mich früher nie auf dergleichen verstanden habe.«

»Und was haben Sie drauf erwidert?« fragte Martin.

»Was ich erwidert habe?« rief Mark. »Nun, ich habe gesagt, daß ich alles nehmen wolle, was ich kriegen könne. ›Wenn es sich so verhält‹, sagte der Maat, ›nun gut, dann bringen Sie mal ein Glas Rum her.‹ Und das geschah. Und mein Lohn, Sir«, rief Mark jubelnd, »bestreitet auch Ihre Überfahrt. Ich habe schon das Mangelholz in Ihr Kabuff gelegt, um es zu reservieren. Es ist die bequemste Koje rückwärts in der Ecke. – So weit wären wir jetzt. – Hoch England und Britannia drauf und dran!«

»Sie sind der famoseste Bursche, den es je gegeben hat«, jubelte Martin und drückte Mark warm die Hand. »Aber was meinen Sie damit, daß Sie sagten, Sie hätten Mr. Bevan angeführt?«

»Na, begreifen Sie’s denn nicht?« rief Mark. »Natürlich sagen wir ihm kein Wort. Wir nehmen sein Geld an, wenn wir’s auch natürlich nicht behalten wollen, schreiben ihm dann ein Briefchen, erklären ihm die ganze Sache, tun das Geld hinein und lassen ’s im Gasthof mit dem Auftrag, es ihm erst zuzustellen, wenn wir fort sind. Verstehen Sie jetzt?«

Martins Entzücken über diesen Einfall kannte keine Grenzen, und der Vorschlag Mr. Tapleys wurde natürlich angenommen. Sie verbrachten zu dritt einen heitern Abend, blieben im Hotel über Nacht, besorgten den Brief und gingen am nächsten Morgen mit so leichtem Herzen an Bord, wie es einem Menschen nach soviel erlebtem Elend nur zumute sein kann.

»Leben Sie wohl – und tausendmal Dank«, sagte Martin zu Mr. Bevan. »Wie werde ich Ihnen jemals für all Ihre Güte danken können!«

»Wenn Sie je ein reicher oder einflußreicher Mann werden«, entgegnete Mr. Bevan, »so können Sie ja versuchen, Ihre Regierung zu veranlassen, daß sie sich mehr um ihre Untertanen kümmert, wenn diese im Ausland ihr Glück probieren wollen. Erzählen Sie, welche Erfahrung Sie selbst als Auswanderer gemacht haben, und legen Sie es der Regierung nahe, mit wie wenig Mühe viel Elend verhindert werden könnte.«

Hoi a ho! Die Ankerketten rasselten um das Gangspill. Mit vollen Segeln stach das Schiff in See, und sein breites Bugspriet deutete gerade nach England zu. Wie eine Wolke lag Amerika bald hinter den Reisenden.

»Na, Koch, über was brüten Sie so angelegentlich?« fragte Martin lustig.

»Ich habe mir soeben gedacht«, entgegnete Mark, »wenn ich nun ein Maler wäre und aufgefordert würde, den amerikanischen Adler zu malen, wie ich’s wohl angreifen sollte.«

»Sie müßten ihn eben so adlerähnlich machen, wie Sie könnten.«

»Nö«, sagte Mark. »Das wäre nichts für mich. Ich würde ihn zeichnen wie ’ne Fledermaus, weil er kein Licht verträgt – wie den Hahn auf dem Mist, weil er sich so patzig macht – wie ’n Pfau wegen seiner Eitelkeit – und wie ’n Strauß, weil er glaubt, man sieht ihn nicht, wenn er den Kopf in den Sand steckt.«

26. Kapitel


26. Kapitel

Ein unerwartetes Zusammentreffen und eine vielversprechende Aussicht

Die subtilen Zusammenhänge zwischen Bärten und Vögeln und die geheime Quelle jener Anziehungskraft, die so häufig einen Barbier veranlaßt, mit letzteren Handel zu treiben, sind Fragen so unwägbarer Art, daß wir ihre Beleuchtung wissenschaftlichen Korporationen überlassen müssen. Um so mehr, als derartige Bemühungen zu keinem besondern Resultat zu führen scheinen. Für uns genügt es zu wissen, daß der Haarkünstler, der die Ehre hatte, Mrs. Gamp in seinem ersten Stock zu beherbergen, das Geschäft des Rasierens mit dem des Vogelabrichtens verband und daß dies keine ursprüngliche Idee von ihm oder gar eine Erfindung war, da es in allen Nebenstraßen und Vorstädten ringsum ein ganzes Heer von Konkurrenten in diesem Fache gab.

Sein Name war Paul Sweedlepipe, aber für gewöhnlich wurde er Poll Sweedlepipe genannt, und tatsächlich glaubte ein großer Teil seiner Freunde und Nachbarn, er hieße wirklich so.

Von der Treppe und der Privatwohnung seiner Aftermieterin abgesehen, war Poll Sweedlepipes ganzes Haus ein einziger großer Vogelbauer. Kampfhähne präsidierten in der Küche; Fasanen durchstrahlten mit dem Glanz ihres goldenen Gefieders die Dachstube; Bantamhühner hockten im Keller auf ihren Stangen; Eulen hatten das Schlafzimmer in Besitz genommen, und Exemplare von allen kleineren Vogelarten zwitscherten und zirpten im Laden. Das Treppenhaus war den Kaninchen geweiht. Hier, in Behältern von allen Formen und Arten, in alten Packkisten, Koffern, Kommoden und dergleichen, vermehrten sie sich mit bewunderungswürdiger Rastlosigkeit und steuerten ihr Teil zu dem komplizierten Dufte bei, der unparteiisch und ohne Ansehen der Person jede Nase begrüßte, die sich in Sweedlepipes Rasierstube blicken ließ.

Trotzdem fand so manche Nase ihren Weg dahin; besonders am Sonntagmorgen vor der Kirche. Bekanntlich müssen sich sogar Erzbischöfe am Sabbat rasieren lassen. Der Bart läßt sich nicht am Wachsen hindern, selbst nicht am Kinn gemeiner Tagelöhner. Solche untergeordnete Personen sind natürlich nicht imstande, sich einen eigenen Kammerdiener leisten zu können, und gehen daher zu Leuten, die das Geschäft von Fall zu Fall versehen, und bezahlen sie – oh, Schlechtigkeit des Kupfergeldes! – mit schmutzigen Pennystücken. Poll Sweedlepipe, der Sünder, rasierte alle, die da kamen, für je einen Penny und schnitt ihnen außerdem, wenn sie es wünschten, für zwei Pence das Haar. Da er außerdem ein lediger Mann war und auch mit seinem Vogelhandel sich ein wenig erwarb, befand er sich in leidlich guten Umständen.

Er war ein kleiner, ältlicher Mann mit einer feuchten kalten rechten Hand, von der sogar der beständige Verkehr mit Kaninchen und Vögeln den Geruch der Bartseife nicht zu entfernen vermochte. Poll hatte etwas Vogelartiges in seinem ganzen Wesen, nicht etwa vom Falken oder Adler, sondern eher von dem Sperling, der im Schornstein seine Nester baut und die Nähe menschlicher Gesellschaft liebt. Doch war er nicht streitsüchtig wie dieser, sondern friedlich wie die Taube. Pathetisch stolzierte er durch die Straßen und hatte in dieser Hinsicht gleichfalls eine gewisse Ähnlichkeit mit der Taube, und auch mit deren Gegirr ließ sich sein monotones Geschwätz vergleichen. Von Geburt aus sehr neugierig, fragte er viel, und wenn er am Abend vor der Türe seines Ladens stand, die Nachbarn beobachtend, den Kopf seitwärts geneigt und schlau mit einem Auge blinzelnd, hätte man ihn auch mit einem Raben verwechseln können. Aber trotzdem war nicht mehr Arglist in Poll als in einem gewöhnlichen Rotkehlchen. Zum Glück wurden seine ornithologischen Eigenheiten, wenn sie auf dem Punkte waren, zu weit zu gehen, erstickt, aufgelöst, eingeschmolzen und neutralisiert durch den Barbier in ihm, genau so wie sich sein kahles Haupt – sonst dem Kopf einer geschorenen Elster zum Verwechseln ähnlich – zu beiden Seiten in eine Perücke schwarzer Krauslocken auslief, den Schädel selbst freilassend, um die ungeheuern Verstandeskräfte anzudeuten.

Seine äußerst schrille zitternde Stimme war die Veranlassung, daß die Spottvögel von Kingsgate Street behaupteten, er hätte von Rechts wegen ein Frauenzimmer werden müssen. Er besaß zudem ein überaus empfindliches Herz, und wenn er zuweilen ein oder ein halbes Schock Spatzen zu einem Wettschießen zu liefern hatte, so pflegte er stets mitleidigen Tones zu bemerken, es sei doch höchst sonderbar, daß diese Vögel eigens zu diesem Zweck geschaffen sein sollten. Zur Erörterung der Frage, ob die Menschen zum Vogelmord geschaffen seien, reichte seine Philosophie nicht aus.

Da sein Gewerbe gewissermaßen mit dem Jagdsport verquickt war, trug er einen Samtrock, blaue Strümpfe, Schnürschuhe, ein hellfarbiges Halstuch und einen sehr hohen Hut. Angesichts seines mehr friedlichen Barbierberufs jedoch bequemte er sich, gewöhnlich eine nicht allzu saubere Schürze, eine Flanelljacke und manchesterne Kniehosen zu tragen.

In diesem Kostüm, aber mit aufgeschlagener Schürze – zum Zeichen, daß er Feierabend gemacht – schloß er eines Abends, mehrere Wochen nach den im vorigen Kapitel erzählten Ereignissen, seine Türe und blieb auf der Schwelle stehen und horchte, bis die kleine, zerbrochene Klingel drin zu läuten aufgehört hatte. Ehe dies geschehen war, hielt Mr. Sweedlepipe es nämlich niemals für rätlich, sein Geschäftslokal sich selber zu überlassen.

»Es ist das ungebärdigste Ding von einer kleinen Klingel unter der Sonne«, sagte Poll, »aber jetzt endlich schweigt sie doch.«

Mit diesen Worten rollte er seine Schürze noch ein bißchen höher zusammen und eilte die Straße hinunter. Eben wollte er nach Holborn einbiegen, als er gegen einen jungen livrierten Herrn anrannte. Der Jüngling war zwar klein, aber desto kecker und wandte sich mit den lebhaftesten Zeichen von Unwillen augenblicklich gegen ihn um.

»Na, Sie Dummkopf!« rief der junge Herr. »Sie können wohl nicht aufschauen, was? Oder achtgeben, wohin Sie gehen, was? Wozu haben Sie eigentlich Ihre Augen, was? Oh, Sie!«

Der junge Gentleman sprach die beiden letzten Worte in lautem Ton und mit fürchterlichem Nachdruck, als ob sie die Quintessenz aller bittern Kränkungen in sich faßten, aber plötzlich wich sein Zorn der Überraschung, und er rief mit milderem Tone aus:

»Was, Polly!«

»Ja, was seh ich, Sie sind’s?« rief Polly. »Aber Sie können’s doch gar nicht sein!« »Nein, ich bin’s nicht«, scherzte der Jüngling. »Es ist mein Sohn. Mein ältester. Er macht seinem Vater alle Ehre, nicht wahr, Polly?« Mit diesem geistreichen Witz machte er auf dem Pflaster halt und drehte sich langsam um, um sich von allen Seiten anstaunen zu lassen, sehr zum Verdruß der Passanten, die nicht in so heiterer Stimmung waren wie er.

»Wahrhaftig, das hätt ich nicht geglaubt«, sagte Poll. »Sie haben also Ihren alten Dienst verlassen, wie ich sehe, wie?«

»Und ob«, entgegnete der junge Herr, der inzwischen die Hände in die Taschen seiner weißen Beinkleider gesteckt hatte und freudestrahlend neben dem Barbier einherstolzierte. »Haben Sie eine Idö, was ein Paar Stulpenstiefel sin, Polly? Wenn nücht, so schauen Sie sich mal düse da an.«

»Prächtig!« rief Mr. Sweedlepipe.

»Oder haben Sie schon mal einen Knopf mit Wappen gesehen? Sehen Sie ihn nicht an, wenn Sie kein Kenner sind; denn die Löwenköpfe darauf wissen bloß Leute von Geschmack zu würdigen und keine Mopsnasen nücht.«

»Prächtig!« rief der Barbier abermals. »Grasgrüner Rock mit Gold besetzt, und noch dazu eine Kokarde am Hut!«

»Das will ich meinen«, rief der Jüngling stolz. »Übrigens, aus der Kokarde mache ich mir einen Quark! Das einzige an ihr ist noch, daß sie sich nicht dreht. Sonst würde sie sich nicht vüll von dem Fendilador, wo wir bei Todgers‘ im Küchenfenster hatten, unterscheiden. Haben Sie übrigens nicht den Namen der Alten in der Zeitung gelesen?«

»Nein«, entgegnete der Barbier. »Hat sie umgeschmissen?«

»Wenn sie’s nicht hat, so wird sie’s bald nachholen«, entgegnete Bailey, »ohne mich kann sie doch das Geschäft nicht führen! Na, und wie gehts denn Ihnen?«

»So ziemlich gut«, sagte Polly, »wohnen Sie in diesem Stadtteil, oder wollten Sie mich gerade besuchen? – Was für Geschäfte führen Sie nach Holborn?«

»Holborn ist mir ganz Wurst«, versetzte Mr. Bailey mit Verachtung, »ich hab nur noch im Westend zu tun. Jetzt hab ich endlich den richtigen Herrn gekriegt, wo zu mir paßt. Sein Gesicht kann man vor lauter Schnurrbart nicht sehen, und seinen Schnurrbart nicht vor lauter Wichse. Das nenn ich mir einen Schenlmän! Oder möchten Sie vielleicht nicht gern in einem Kabriolett fahren? Ich trau es mich auch gar nicht, es Ihnen anzubieten. Sie würden schon beim bloßen Anschauen ohnmächtig werden, wenn Sie mich im kurzen Trab um die Ecke kommen sehen.«

Und um seinem Freund einen Begriff von der Wirkung einer derartigen equestrischen Betätigung zu geben, ahmte Mr. Bailey in eigener Person die Bewegung eines galoppierenden Pferdes nach und warf dabei seinen Kopf so hoch, daß er damit gegen einen Brunnen anstieß und ihm der Hut herunterflog.

»Er ist aus der ›Kauliflower‹ und ein Bruder des ›Capricorn‹. Seit mir ihm haben, is er schon durch die Fenster von zwei Käseladen durchgsprungen, und verkauft is er worden, weil er seine Herrin erschlagen hat. Ja, das nenn ich mir einen Gaul!«

»Aber da werden Sie ja gar keine Hänflinge mehr von mir kaufen wollen«, bemerkte Poll mit einem melancholischen Blick auf seinen jungen Freund, »oder Kanarienvögel, um sie über dem Abtritt aufzuhängen.«

»Na, das sollte mir einfallen«, rief Mr. Bailey. »Billiger als mit einem Pfau geb ich’s jetzt nimmer. Selbst der ist mir schon zu gemein; – na, und wie geht’s Ihnen denn so im allgemeinen«

»Ach, ziemlich gut«, sagte Polly.

Er beantwortete die Frage zum zweitenmal, weil er zum zweitenmal gefragt wurde, und Mr. Bailey fragte zum zweitenmal, weil darin eine gewisse sportmäßige Nonchalance lag, die sich zu den weißen Hosen, den Maschen an den Knien und den Stulpenstiefeln sehr gut ausnahm.

»Und wo wollen Sie hin, alter Bursche?« fuhr Mr. Bailey mit seiner neckischen Anmut fort; – er war eben hinsichtlich Konversation ein ganzer Weltmann geworden, während der Barbier in diesem Punkte noch das reinste Kind war.

»Ich will meine Mietsfrau heimführen«, sagte Poll.

»Ein Weib?« rief Mr. Bailey. »Wegen einer Zwanzigpfundnote!«

Der kleine Barbier beeilte sich zu erklären, daß die Betreffende weder ein junges noch ein hübsches Weib sei, sondern eine Wärterin, die einige Wochen bei einem Gentleman gewissermaßen hausgehalten und diesen Abend ihren Platz zu verlassen habe, um ihn einer andern und legitimeren Persönlichkeit zu räumen, nämlich der jungen Frau des betreffenden Gentleman.

»Er führt nämlich seine Neuvermählte heute abend heim«, erklärte er, »und drum hole ich meine Mieterin ab. – Bei Mr. Chuzzlewit, gerade hinter der Post – und helf ihr den Koffer tragen.«

»Jonas Chuzzlewit?« fragte Mr. Bailey.

»Ja. Kennen Sie ihn vielleicht?«

»Na, na, was denn!« rief Mr. Bailey. »Ganz und gar nicht. Und sie kenn ich natürlich auch nicht. Wieso denn auch. – Die beiden sind doch durch mich zusammengekommen.«

»Was Sie nicht sagen«, rief Paul.

»Hum«, hüstelte Bailey. »Sie ist übrigens nicht übel. Aber ihre Schwester wär mir lieber gewesen. Das war die Lustigere von beiden. Ich hab einen Mordsjux mit ihr ghabt. Damals nämlich.«

Mr. Bailey sprach, als ob er schon mit einem oder dreiviertel Bein im Grabe stünde und sein Erlebnis vor zwanzig oder dreißig Jahren vorgefallen wäre. Poll Sweedlepipe in seiner Bescheidenheit war jedoch durch die frühreife Altklugheit und Gönnermiene seines jungen Freundes sowohl wie durch dessen Stiefel, Kokarde und Livree so vollständig verdutzt, daß förmlich ein Nebel vor seinen Augen schwamm und er nicht den jugendlichen Master Bailey aus Todgers‘ Speisehaus für die Herren Handelsbeflissenen vor sich sah, den er vor einem Jahre kennengelernt, wo dieser ein paarmal Zweipencevögel bei ihm eingekauft hatte, sondern die Akme aller Wettrenngrooms in London, den Inbegriff aller Stallwissenschaftler der Neuzeit, ein Wesen vornehmster Art, das schon viele Dezennien gelebt und furchtbare Erfahrungen gemacht haben mußte. Und wahrhaftig, wenn Mr. Baileys Geist schon in Todgers‘ wolkiger Atmosphäre von jeher glänzend geleuchtet, so übersprang er jetzt doch geradezu Zeit und Raum, ließ den unbefangenen Zuschauer an dem gesunden Urteile seiner Sinne zweifeln und machte seinen Glauben an die Wahrheit und Unerschütterlichkeit der Naturgesetze wanken. Wie er so über das bucklige Pflaster von Holbornhill hinwegspazierte, war er allerdings noch ein Knabe, und zwar ein recht kleiner, aber er blinzelte, dachte und sprach dabei wie ein Greis, und nur die äußerste Oberfläche an ihm machte den Eindruck der Jugend. Er war ein unerklärliches Wesen geworden – eine Sphinx in Hosen und Stulpenstiefeln. Dem Barbier blieb daher keine andere Wahl, als selbst von Sinnen zu kommen oder Master Bailey für ein unerklärliches Phänomen zu halten. Er wählte wohlweislich das letztere.

In seiner Leutseligkeit geruhte Master Bailey, ihm noch weiter Gesellschaft zu leisten und ihn unterwegs mit allerhand Plaudereien über verschiedene Sportsthemen zu unterhalten, besonders über die beziehungsweisen Vorzüge der Pferde mit weißen Füßen und derer ohne weiße Füße; – hinsichtlich des vornehmsten Stils, die Roßschweife zu kupieren, hatte Mr. Bailey seine eigenen Ansichten, die er zwar auseinandersetzte, dabei aber seinen Freund bat, sich keineswegs dadurch bestimmen zu lassen, denn er wisse gar wohl, daß er das Unglück habe, verschiedener Meinung wie einige gewisse hochstehende Autoritäten zu sein. So plauderte er fort, bis er schließlich auf das Rezept eines Schnapses zu sprechen kam, der von einem Mitglied des Jockeyklubs erfunden worden war. Mittlerweile hatten sie den Bestimmungsort des Barbiers beinahe erreicht, und als Mr. Bailey bemerkte, daß er noch eine Stunde Zeit übrig habe, wünschte er, wenn es seinem Freunde angenehm sei, Mrs. Gamp vorgestellt zu werden.

Paul klopfte an Jonas Chuzzlewits Türe. Sie wurde sofort geöffnet, und gleich darauf fand der Friseur Gelegenheit, die beiden distinguierten Persönlichkeiten miteinander bekannt zu machen.

Es war ein glücklicher Zug Mrs. Gamps bei ihrem doppelten Berufe, daß sie sich für jung und alt gleich interessierte. Sie kam daher Mr. Bailey mit großer Freundlichkeit entgegen.

»Dös is schön von Ihna«, sagte sie zu ihrem Hauswirt, »daß Sie kommen und noch dazu an so netten Freind mitbringen; aber ich fürchte, ich muß Sie bitten einzutreten, da das junge Paar noch nicht angekommen is.«

»Sind das Spätlinge, nicht?« sagte der Barbier, nachdem Mrs. Gamp sie die Küchentreppe hinuntergeführt hatte. »Freilich ja, bsonders, wenn man den Fittich der Liebe ins Auge faßt«, sagte Mrs. Gamp.

Mr. Bailey fragte, ob der »Fittich der Liebe« je einen silbernen Becher gewonnen habe oder ob man mit einigermaßen Aussicht auf Erfolg auf ihn wetten könne; wandte sich aber verächtlich ab, als man ihn belehrte, daß der »Fittich der Liebe« kein Pferd, sondern bloß ein poetischer oder figürlicher Ausdruck sei. Mrs. Gamp war so erstaunt über die ansprechenden Manieren und das nonchalante Benehmen des jungen Herrn, daß sie schon im Begriffe stand, ihrem Wirte die Frage zuzuflüstern, ob Mr. Bailey ein Mann oder ein Knabe sei, als Mr. Sweedlepipe, der ihre Absicht merken mochte, dem Gespräch noch rechtzeitig eine andere Wendung gab.

»Er kennt Madame Chuzzlewit«, sagte er laut.

»Er schaut mir ganz danach aus, als ob’s überhaupt nix gäb, was er net kennt«, bemerkte Mrs. Gamp. »Mir scheint, der hat’s faustdick hinter die Ohren.«

Mr. Bailey nahm dies als ein Kompliment auf und gab, seine Krawatte zurechtzupfend, zu: »So ziemlich.«

»So wissen Sie wahrscheinlich auch, wie die Mrs. Chuzzlewit mit ihrem Taufnamen heißt?« fragte Mrs. Gamp.

»Charitas«, sagte Mr. Bailey.

»Nein, nein, ’s is a andrer Name«, entgegnete Mrs. Gamp.

»Na, dann heißt sie Cherry. Cherry ist die Abkürzung davon. Das kommt aufs nämliche heraus.«

»Es fängt mit keinem ›C‹ an«, erwiderte Mrs. Gamp und schüttelte den Kopf, »sondern mit einem ›G‹.«

»Hui!« rief Mr. Bailey und klopfte eine kleine Wolke von Kreide aus seinem weißen linken Hosenbein. »Nachher hat er die Lustige gheirat.«

Da diese Worte ziemlich geheimnisvoll klangen, so bat Mrs. Gamp um eine nähere Erklärung, die Bailey auch gab, wobei sie mit begierigem Ohr auf seine Worte lauschte. Sie waren noch tief im Gespräche begriffen, als unten ein Wagen vorfuhr und ein Doppelschlag an die Haustüre die Ankunft des neuvermählten Paares verkündete. Mrs. Gamp behielt sich vor, das Ende von Mr. Baileys Geschichte auf dem Heimwege anzuhören, ergriff eine Kerze und eilte fort, um die junge Gebieterin des Hauses willkommen zu heißen.

»I wünsch Ihna von Herzen alls Glück und Segen«, begann sie, die Eintretenden mit einem Knicks empfangend, »und auch Ihnen, Mr. Jonas. Die junge Gnädige sieht a bisserl hergnommen von der Reis aus, Mr. Chuzzlewit. –– Na, ist dös aber a herzigs kleins Frauerl!«

»Sie hat mir lange genug darüber vorlamentiert«, brummte Mr. Jonas. »Na, so leuchten Sie uns doch gefälligst!« »Hier herauf, Madame, wenn’s beliebt«, säuselte Mrs. Gamp und ging mit der Kerze voran. »Mir haben alles so gemütlich hergricht, wie’s nur immer gangen ist, aber es gibt noch mancherlei, was Sie umändern werdn, wenn S‘ Ihna amal Zeit nemmen, a bisserl herumzuschaun. – Na, so a liabs kleins Frauerl! –– Aber«, fügte Mrs. Gamp in Gedanken hinzu, »bsonders guat aufg’legt sieht’s net aus.«

Sie hatte recht; es war nicht der Fall. Der Tod, der aus dem Hause gewichen war, um dem Brautabend Platz zu machen, schien seine Schatten zurückgelassen zu haben. Die Luft war dumpf und drückend, der Raum dunkel, und ein unheimliches Düster lagerte in jedem Winkel und jeder Ecke. Vor dem Kamin saß, wie ein Wesen von böser Vorbedeutung, der alte Buchhalter, den Blick auf einige verglommene Holzstücke gerichtet. Er stand jetzt auf und sah die beiden an.

»Na, da sind Sie ja, Chuff«, sagte Jonas gleichgültig und staubte seine Stiefel ab; »noch immer im Lande der Lebenden, was?«

»Noch immer im Lande der Lebenden, Sir«, versetzte Mrs. Gamp, »und das hat Mr. Chuffey Ihnen zu danken, wie ich’s ihm schon oft und oft gsagt hab.«

Mr. Jonas war nicht gerade in der besten Stimmung, denn er sah sich bloß nach der Sprecherin um und bemerkte:

»Wir brauchen Sie jetzt nicht mehr länger, Mrs. Gamp.«

»Glei geh i«, entgegnete die Wärterin, »wann i net vielleicht für die Gnädige was zu tun hab. – Habn S‘ nix«, fügte sie mit einem süßen Blick hinzu und kramte dabei in ihrer Tasche, »was i für Ihna besorgen könnt? – Na, so a liabs Frauerl!« »Nein«, entgegnete Gratia beinahe weinend; »es ist das beste, Sie gehen jetzt.«

Mit einem verzückten Schielblick, das eine Auge auf die Zukunft, das andere auf die junge Frau geheftet, und mit einem teils spirituellen, teils spirituosen schalkhaften Ausdruck im Gesicht, in dem sie jedoch etwas Berufsmäßiges nicht ganz unterdrücken konnte, stöberte Mrs. Gamp abermals in ihrer Tasche herum und brachte eine Karte zum Vorschein, auf der die Inschrift ihres Wohnungsschildes abgedruckt war.

»Wenn i bitten dürft, meine junge Gnädige – na, is dös aber a liabs jungs Frauerl –«, bemerkte sie mit leiser Stimme, »so hebn S‘ die Karten irgendwo auf, wo Sies leicht bei der Hand haben. I bin bei die Damen gut eingführt, und dies ist mei Gschäftskarten. Gamp ist mein Name. Und da i weit herumkomm, werd i so frei sein, hie und da wieder vorzusprechen, um zu fragen, wie’s mit Ihrer Gsundheit steht. – Na, is dös aber a liabs jungs Frauerl –«

Und mit vielem Blinzeln, Hüsteln, Nicken, Lächeln und Knicksen, was zur Herstellung eines geheimnisvollen und vertraulichen Rapportes zwischen ihr und der jungen Frau dienen sollte, rief Mrs. Gamp Gottes Segen auf das Haus herab, bis sie sich glücklich unter Blinzeln, Hüsteln, Nicken und Lächeln zum Zimmer hinausgeknickst hatte.

»Aber dös muß i sagen, und wann i dafür als a Märdyrer auf ’n Scheiterhaufen müßt«, bemerkte sie flüsternd, als sie unten anlangte, »lustig siehts grad net aus, da müßt i lügn.«

»Na, warten S‘ nur, bis Sie’s lachen hörn«, meinte Mr. Bailey.

»Hern«, grunzte Mrs. Gamp. »Ja, ja, dös will i, Kleiner.«

Weiter wurde kein Wort mehr gewechselt. Mrs. Gamp setzte ihren Hut auf, Mr. Sweedlepipe schulterte ihren Koffer, und Mr. Bailey begleitete sie beide nach Kingsgate Street, unterwegs Mrs. Gamp den Ursprung und Verlauf seiner Bekanntschaft mit Mrs. Chuzzlewit und ihrer Schwester erzählend. Es war so recht bezeichnend für die Frühreife des jungen Mannes, daß er sich einbildete, Mrs. Gamp habe eine zärtliche Neigung zu ihm gefaßt, und höchlichst über diesen Mißgriff ergötzt schien. –

Als die Türe schwer ins Schloß fiel, setzte sich Mrs. Jonas in einen Lehnstuhl, und ein seltsamer Schauder kroch ihr über den Rücken, während sie sich in dem Zimmer umsah. Es war beinahe noch ganz so, wie sie es von früher her kannte, schien ihr aber viel trauriger zu sein. Sie hatte es zu ihrem Empfange fröhlicher aussehend gehofft.

»Es ist dir wahrscheinlich nicht gut genug, was?« fragte Jonas, sie mit seinen Blicken belauernd.

»Ja, es ist sehr öde hier«, entgegnete Gratia, sich zusammennehmend.

»Es wird noch viel öder werden«, knurrte Jonas, »wenn du solche Gesichter schneidest. – Recht liebenswürdig von dir! Gleich am Anfang. Donnerwetter noch mal, du hattest doch Leben genug in dir, als es dir gefiel, mich zu plagen. – Übrigens, das Mädchen ist in der Küche unten. Ziehe die Klingel, damit das Nachtessen kommt, während ich mir die Stiefel ausziehe.«

Gratia sah ihrem Gatten nach, wie er sich entfernte, und stand auf, um zu tun, wie er ihr geheißen, da legte plötzlich der alte Chuffey sanft seine Hand auf ihren Arm.

»Sie sind doch nicht verheiratet?« fragte er hastig. »Doch nicht etwa verheiratet?«

»Ja, seit einem Monat – Gott im Himmel, was haben Sie denn?«

Chuffey antwortete, er habe gar nichts, und wandte sich von ihr ab. In ihrer Angst und ihrem Erstaunen drehte sie sich jedoch nach ihm um und bemerkte, wie er, die zitternden Hände über den Kopf erhoben, flüsterte:

»Wehe, wehe, wehe über dieses verfluchte Haus!«

Das war ihr Willkommen, ihr Willkommen am häuslichen Herd!

27. Kapitel


27. Kapitel

Zeigt, daß alte Freunde nicht nur mit neuen Gesichtern, sondern auch mit fremdem Gefieder auftreten können. Desgleichen, daß manchmal der der Geleimte ist, der andere zu leimen denkt

Mr. Bailey junior – denn der junge Sportsmann, einst von so allgemeiner Ersprießlichkeit für Todgers‘ hatte für immer dieser Firma den Rücken gekehrt –, Mr. Bailey junior, gerade groß genug, um einem forschenden Auge nicht direkt zu entgehn, saß auf dem Bock von seines Herrn Kabriolett und blickte mit Gleichgültigkeit auf die Welt herab. Langsam kutschierte er um die Mittagsstunde, seinen Herrn erwartend, Pall Mall auf und nieder. Das Pferd, das sich einer so ausgezeichneten Herkunft erfreute, indem es den »Capricorn« zum Bruder und die »Kauliflower« zur Mutter hatte, zeigte sich seiner hohen Verwandtschaft würdig, das heißt, es bäumte sich wie ein Wappenroß und kaute an dem Gebiß, bis seine Brust ganz weiß von Schaum war. Das plattierte Geschirr und die juchtenledernen Zügel glänzten in der Sonne, daß die Fußgänger bewundernd stehenblieben, während Mr. Bailey in steifer, wohlgefälliger Haltung umherblickte. Er schien zu sagen: »Ein Schubkarren, meine guten Leute, nichts als ein Schubkarren. Habt ihr eine Ahnung, was wir alles könnten, wenn wir wollten!« Und weiter fuhr er, seine kurzen, grünen Arme über dem Spritzleder ausbreitend, als wäre er unter den Achselhöhlen mit Haken daran befestigt.

Mr. Bailey hatte eine hohe Meinung von dem Sohne der Kauliflower und schätzte dessen Tugenden ungemein, aber er sagte es ihm nie; im Gegenteil, es war seine Taktik, wenn er das Pferd kutschierte, es mit respektswidrigen, wenn nicht beleidigenden Ausdrücken zu überschütten, wie zum Beispiel: »Na also, was is denn, dummes Luder? Links oder rechts gefällig? Na, wohin denn schon wieder. Oha! Mistviech!« usw. Diese abgerissenen Bemerkungen begleitete er gewöhnlich mit einem Ruck am Zügel oder einem Peitschenknall, was zu manchem Wettstreit und Messen der Kräfte Anlaß gab und jetzt damit enden zu wollen schien, daß das edle Roß wieder einmal in Porzellanläden und andere wenig geeignete Orte rennen wollte.

Augenblicklich war Mr. Bailey besonders gut aufgelegt und daher ungewöhnlich hart gegen seinen Pflegling, und demgemäß beschränkte sich das edle Tier fast ausschließlich darauf, auf den Hinterbeinen zu gehen und sich ohne Unterlaß in dem Riemenwerk zu verfangen, was den Spaziergängern ungemein großen Spaß machte. Mr. Bailey jedoch ließ sich das nicht anfechten, und immer hatte er noch Zeit und Muße genug, um jeden, der ihm den Weg versperrte, mit einem Platzregen von Artigkeiten zu überschütten. So rief er zum Beispiel einem stämmigen Kohlenträger in einem Wagen, der ihm gerade über den Weg fuhr, zu: »Na, Lausbub, so was kutschiert auch schon?!« Ein paar ältliche Damen, die noch rasch über die Straße wollten und dann wieder zurückeilten, fragte er, warum sie nicht ins Arbeitshaus gingen und sich einen Begräbnisschein ausstellen ließen. Und die Straßenjugend verleitete er durch freundliche Worte, hinten aufzuspringen, um sie, wenn sie oben waren, wieder herunterzupeitschen – kurz, mit derartigen Lichtblitzen eines unerschöpflichen Humors vertrieb er sich auf seiner Runde um St. James Square die Zeit und fuhr auf der andern Seite wieder ganz langsam nach Pall Mall hinein, als hätte er sein Tier nie anders als im Schneckentempo kutschiert.

Erst, als er diese Belustigungen einige Male wiederholt und den Apfelstand an der Ecke so gefährdet hatte, daß es ein wahres Wunder war, wieso derselbe unbeschädigt bleiben konnte, machte er an der Türe eines gewissen Hauses in Pall Mall halt und sprang, offenbar einem erhaltenen Befehle gehorsam, heraus. Nachdem er einige Minuten die Zügel gehalten und mit jedem Ruck oder Zügelriß an den Nüstern des Sohnes der Kauliflower diesen auf die Hinterbeine gebracht, stiegen zwei Personen in das Kabriolett, von denen die eine die Zügel ergriff und rasch davonfuhr. Mr. Bailey mußte erst einige hundert Schritt vergebens hintendrein laufen, aber schließlich gelang es ihm, seine kurzen Beine auf den eisernen Tritt zu bringen und endlich samt seinen Stiefeln auf das kleine Fußbrett hintenauf zu gelangen. Dann freilich bot er ein sehenswürdiges Schauspiel: bald auf dem linken, bald auf dem rechten Bein balancierend, suchte er einmal rechts, einmal links um das Kabriolett herumzugucken, und dann wieder bemühte er sich, hochmütig über das Kleinfuhrwerk hinwegzublicken, das rasselnd zwischen den Kutschen und Karren umherfuhr; kurz, er war vom Scheitel bis zur Zehe ganz und gar »Newmarket«.

Die Außenseite von Mr. Baileys Gebieter rechtfertigte im vollen Maße die Schilderung, die der begeisterte Jüngling dem verwunderten Poll gegeben. Er trug einen Wald von pechschwarz glänzendem Haar auf dem Kopf, auf den Backen, auf dem Kinn und auf der Oberlippe. Seine Kleidung, von feinstem und modernstem Schnitt, war aus den teuersten Stoffen gefertigt. Eingewebte Blumen von Gold, Blau, Grün und Rot zierten seine Weste, und kostbare Ketten und Juwelen funkelten an seiner Brust. Die Finger waren mit Brillantringen so überladen, daß sie sich kaum biegen ließen, und das Sonnenlicht spiegelte sich in seinem glänzenden Hut und in seinen Stiefeln wie in geschliffenem Glas.

Und doch, wenn auch mit verändertem Namen und umgewandelter Außenseite, war es niemand anders als Mr. Tigg.

Wohl war das Äußere nach innen gekehrt und das innere nach außen, und ein fremdes Gefieder zierte den ganzen Mann, aber es war Mr. Tigg. Wenn auch nicht Mr. Montague Tigg, sondern Mr. Tigg Montague; derselbe diabolische, tapfere militärische Haudegen, Mr. Tigg. Das Metall war vergoldet, lackiert und neu punziert, aber trotzdem die alte Legierung.

Neben ihm saß mit lächelndem Munde ein Gentleman von geringeren Prätentionen und von geschäftsmäßigem Aussehen, den er mit »David« anredete. Sollte das wirklich der David mit dem anrüchigen Wappen der drei goldenen Kugeln sein? David, der Pfandverleihergehilfe? Allerdings, derselbe David war es.

»Das Sekretärsgehalt, David«, näselte Mr. Montague, »– denn das Institut ist jetzt begründet – beträgt achthundert Pfund im Jahr; Wohnung, Heizung und Licht frei und fünfundzwanzig Stück Aktien als Anteil; selbstverständlich. Ist das genug?« David lächelte und nickte, nickte und lächelte, rieb sich die Nase mit seinem kleinen verschlossenen Portefeuille, das er bei sich führte; – alles mit einer Miene, die deutlich verriet, daß er selbst der Sekretär war.

»Na also, wenn’s genug ist«, fuhr Mr. Montague fort, »so will ich’s bei der heutigen Sitzung in meiner Eigenschaft als Präsident in Vorschlag bringen.«

Der Sekretär lächelte wieder – lachte sogar, rieb sich abermals pfiffig die Nase und sagte:

»Es war ein Kapitalgedanke, meinen Sie nicht?«

»Was war ein Kapitalgedanke, David?« fragte Mr. Montague.

»Na, die Anglo-Bengalische«, kicherte der Sekretär.

»Die Anglo-Bengalische uneigennützige Anlehen- und Lebensversicherungskompagnie ist ein Kapitalgeschäft, das wollen wir hoffen. Was David? Hahaha!« lachte Mr. Montague.

»Kapital! Allerdings«, rief der Sekretär ebenfalls lachend, »in einem Sinne wenigstens.«

»In dem allein wichtigen Sinne des Wortes«, verbesserte der Präsident. »Das ist Nummer eins, David.«

»Wie hoch«, fragte der Sekretär unter fortwährendem Gelächter, »wird sich nach dem nächsten Prospekt das eingezahlte Kapital belaufen?«

»Eine Zwei und so viel Nullen dahinter, wie der Drucker auf die Zeile bringen kann«, versetzte Mr. Montague. »Ha, ha, ha.«

Darüber lachten beide, und der Sekretär so heftig, daß er mit den Füßen das Spritzleder niederstampfte, worüber der Sohn der Kauliflower beinahe in einen Austernladen hineinrannte und Mr. Bailey einen so plötzlichen Stoß erhielt, daß er für einen Augenblick an einem einzigen Haltriemen hing und wie die symbolische Gestalt einer jungen Fama mit den Beinen in der Luft schwebte.

»Sind Sie ein pfiffiger Kunde!« rief David bewundernd, als er sich wieder gefaßt hatte.

»Sagen Sie: ein Genie, David.«

»Gut also – meiner Seel, Sie sind ein Genie. Ich hab’s ja immer gewußt, daß Sie ein tüchtiges Mundwerk hatten, aber nie würde ich geglaubt haben, daß Sie nur halb der Mann wären, der Sie wirklich sind. Nie wär mir so was eingefallen.« »Ich weiß mich den Umständen anzupassen, David; das ist schon an und für sich eine geniale Eigenschaft«, erklärte Mr. Tigg. »Wenn Sie zum Beispiel in dieser Minute eine Wette von hundert Pfund an mich verlören, David, und sie bezahlen müßten, was verteufelt unwahrscheinlich wäre, würde ich mich sofort der veränderten Sachlage anzupassen wissen.«

– Allerdings war nicht zu leugnen, daß Mr. Tigg sich den »Umständen anzupassen« gewußt hatte, und sofern er das Geschäft der Prellerei jetzt in einem großartigen Maßstabe betrieb, auch ein größerer Mann geworden war.

»Ha, ha, ha!« kicherte der Sekretär und legte mit steigender Vertraulichkeit seine Hand auf den Arm des Präsidenten, »wenn ich Sie so ansehe und an Ihre Güter in Bengalen denke – ha, ha, ha! –«

Die halb ausgesprochene Idee schien für Mr. Montague nicht weniger belustigend zu sein als für seinen Freund, wenigstens lachte er ebenfalls herzlich.

»Daß diese«, nahm David seine Rede wieder auf, »daß diese Ihre Güter in Bengalen – alle Ansprüche an die Kompagnie decken sollen! Wenn ich Sie mir so ansehe und mir alles das denke – meiner Seel, ich glaube, ich zerspringe vor Lachen.«

»Es sind auch verflucht hübsche Besitzungen«, sagte Mr. Tigg Montague. »Die Tigerjagden allein sind schon eine Bank wert, David.« – David fuhr fort zu lachen, sich die Seiten zu halten und sich die Augen zu wischen, ohne etwas anderes herauszubringen als: »Ach Gott, sind Sie ein Gerissener!«

»Ein Kapitalgedanke!« fing Mr. Tigg, nach einer Weile auf die erste Bemerkung seines Begleiters zurückkommend, wieder an. »Ohne Zweifel war es ein Kapitalgedanke. Es war meine Idee.«

»O nein, es war die meine«, remonstrierte David. »Ehre dem, dem Ehre gebührt. Habe ich Ihnen nicht gesagt, daß ich einige Pfund zurückgelegt hätte?«

»Ganz recht«, gab Tigg zu, »aber sagte ich Ihnen nicht, daß auch mir ein paar Pfund zugefallen seien?«

»Jawohl«, erwiderte David. »Aber das hat ja mit der Idee nichts zu tun. – Wer hat Ihnen den Vorschlag gemacht, wir sollten unser Geld zusammenschließen, ein Bureau errichten und die Lärmtrommel schlagen?« »Und wer sagte«, rief Mr. Tigg, »wir könnten ganz ohne Geld ein Bureau errichten und Aufsehen erregen, wenn wir’s nur in gehörigem Maßstabe anfingen? – Seien Sie vernünftig und gerecht – und sagen Sie mir, von wem die Idee ausging?«

»Nun ja« – David sah sich genötigt, dieses Zugeständnis zu machen – »hierin haben Sie einen gewissen Vorsprung vor mir. Ich will mich übrigens auch nicht mit Ihnen auf gleiche Höhe stellen, sondern verlange nur das bißchen Ehre, das mir bei dem Geschäfte zukommt.«

»Alles, was Ihnen gebührt, sollen Sie haben«, versetzte Mr. Tigg. »Die glatte Arbeit der Gesellschaft, David – die Bücher, die Eintragungen, die Zirkulare, Annoncen, Tinte, Papier und Feder, Siegellack- und Oblatenwirtschaft –, alles das wird bewunderungswürdig von Ihnen besorgt. Sie sind ein Allerweltskritzler, das bestreite ich nicht, aber der ganze weitere Ausbau, David – das erfinderische und sozusagen poetische Departement –«

»Gehört Ihnen«, ergänzte David. »Fraglos! Und bei so ner Frachtequipage mit all den schönen Dingen, die Sie am Leibe haben, und bei dem Leben, das Sie führen, glaube ich, ist’s ein recht angenehmes Departement, das Sie übernommen haben.«

»Erfüllt es nicht seinen Zweck? Ist es nicht Anglo-Bengalisch?« fragte Mr. Tigg.

»Ja, allerdings.«

»Und glauben Sie vielleicht, daß Sie es könnten?«

»Nein«, gab David zu.

»Ha, ha«, lachte Mr. Tigg, »dann seien Sie mit Ihrer Stellung und mit Ihrem Profit zufrieden, lieber Freund, und segnen Sie den Tag, der uns an dem Ladentisch unseres gemeinschaftlichen ›Onkels‹ zusammenführte, denn es war ein goldener Tag für Sie.«

Wie man leicht aus diesem Gespräche entnehmen konnte, hatten sich die beiden Biedermänner in ein großartiges Unternehmen eingelassen, und da dabei alles zu gewinnen und nichts zu verlieren war, schien das Geschäft vortrefflich angelegt zu sein.

Die »Anglo-Bengalische uneigennützige Anlehens- und Lebensversicherungskompagnie« trat eines Morgens ins Dasein, aber nicht etwa als Säugling, sondern als eine völlig ausgewachsene Kompagnie, die schon recht gut alleine laufen konnte und all und überall Geschäfte machte. Eine Filiale befand sich im Westende der Stadt, im ersten Stockwerk einer Schneiderswohnung, und das Hauptbureau lag in einer neuen Straße der City, den ganzen geräumigen Teil eines Hauses umfassend, das reichlich mit Stuck und Spiegelscheiben geschmückt, mit Drahtgaze vor allen Fenstern und mit der Aufschrift »Anglo-Bengalische Kompagnie« versehen war. Am Eingangstor stand die Inschrift: »Bureau der Anglo-Bengalischen uneigennützigen Leih- und Lebensversicherungsgesellschaft«. Daneben hing ein großes Messingschild mit derselben Ankündigung, blitzblank gehalten, um Kunden anzulocken. An Werktagen, nach den Bureaustunden, geriet die ganze City davor außer sich und an Sonntagen den ganzen langen Tag über, denn es stach mehr in die Augen als sogar ein Bankschild. Innen waren die Räume frisch gemörtelt, geweißt, tapeziert, mit neuen Comptoirtischen, Stühlen und Fußteppichen versehen, kurz, auf alle mögliche Art neu ausstaffiert und mit kostspieliger und solider Einrichtung möbliert. Geschäft! Funkelnagelneue grüne Hauptbücher mit roten Rücken, wie starke, flachgeschlagene Spielbälle, die Hof- und bürgerlichen Adreßbücher, Tagebücher, Almanache, Briefkasten, Maschinen, um Briefe zu wiegen, ganze Reihen von Feuereimern, um eine Feuersbrunst im ersten Augenblick zu ersticken und das ganze ungeheure Vermögen in Wechseln und Banknoten retten zu können, das der Gesellschaft gehörte – dann eiserne Geldschränke, Bureauuhren und Geschäftssiegel von ungeheurem Umfang, die an und für sich schon Sicherheit verbürgten – und Solidität! Man brauchte sich nur die massiven Marmorblöcke an den Kaminen ansehen und das prächtige Dachsims oben am Hause! Sogar auf den Kohlenkasten waren die Insignien der »Anglo-Bengalischen uneigennützigen Anlehens- und Lebensversicherungsgesellschaft« angebracht. Sie wiederholten sich an allen Enden und Ecken, daß einem die Augen übergingen und der Kopf schwindelig wurde, in Kupfer gestochen über jedem Bogen Briefpapier und im Schnörkelrand um das Siegel. Sie leuchteten einem entgegen von den Rockknöpfen des Portiers, wiederholten sich wohl zwanzigmal in jedem Zirkular und jeder öffentlichen Annonce, in der Mr. David Crimple Esquire, Sekretär und stellvertretender Direktor, sich die Freiheit nahm, die Aufmerksamkeit des Publikums auf die Angaben hinsichtlich der Vorteile zu lenken, die die Anglo-Bengalische uneigennützige Anlehen- und Lebensversicherungsgesellschaft bot und die vollkommen bewiesen, daß jede Verbindung mit diesem Institut für das Publikum soviel wie ein fortwährendes Weihnachtsgeschenk und eine Art sich selbst füllender Sparbüchse bedeutete und daß niemand bei diesem Geschäfte etwas riskieren konnte als das Bureau allein, das bei seiner anerkannten großen Freigebigkeit nur auf Schaden rechnete. Und das war – erlaubte sich David Crimple, Esquire, zu bemerken – wohl die beste Garantie, die das Direktorium billigerweise für seine Solidität bieten konnte.

Beiläufig bemerkt, lautete der Name dieses Gentleman ursprünglich Crimp, da aber »Crimp« auf englisch soviel bedeutet wie Seelenverkäufer und der ominöse Klang daher leicht mißdeutet werden konnte, war er in Crimple verwandelt worden.

Waren dies nicht Beweise und Bekräftigungen genug, um alles Mißtrauen gegen die »Anglo-Bengalische uneigennützige Anlehens- und Lebensversicherungsgesellschaft« im Keime zu ersticken? Damit aber außerdem niemand in Tigg Montague, Esquire, von Pall Mall und Bengalen, oder irgendeinen anderen Namen auf der imaginären Liste der Direktoren Zweifel setze, falls man Mr. Tigg noch nicht in seinem Kabriolett gesehen, so hatte das Institut einen Portier angestellt, eine wunderbare Erscheinung in einer großen roten Weste und einem kurzschößigen pfeffer-und-salz-farbigen Frack, der die skeptischsten Gemüter zum Glauben schneller bekehren mußte als das ganze Institut ohne ihn. Zwischen ihm und dem Direktorium bestand keinerlei Verbindung; niemand wußte, wo er früher Portier gewesen, und niemand hatte ihm ein Zeugnis oder sonstige Auskunft abverlangt. Von keiner Seite waren Fragen gestellt worden. Das geheimnisvolle Geschöpf hatte sich, nur auf seine Figur bauend, für die Stelle gemeldet und sie auch augenblicklich auf seine eigenen Bedingungen hin erhalten. Seine Ansprüche schienen allerdings recht bedeutend, aber er wußte ohne Zweifel, daß niemand eine so große Weste tragen könne wie er, und fühlte den vollen Wert seiner Befähigung für ein derartiges Institut. Wenn er auf dem ausdrücklich für ihn entworfenen Sessel in einer Ecke des Bureaus saß, seinen glänzenden Hut an einem Nagel über sich, da war es unmöglich, an der Solidität des Unternehmens zu zweifeln. Das Vertrauen verdoppelte sich sozusagen mit jedem Quadratzoll seiner Weste und häufte sich wie bei dem Rechenexempel mit dem Schachbrett und dem Weizenkorn zu einer ungeheuern Summe. Man wußte von Leuten, die ihr Leben für tausend Pfund versichern wollten, sobald sie aber seiner ansichtig wurden, das Formular sofort für zweitausend ausfüllten. Und doch war der Mann durchaus kein Riese. Sein Frack konnte eher klein als groß genannt werden. Der ganze Zauber lag lediglich in seiner Weste. Achtbarkeit, Vermögensstand, große Güter in Bengalen oder sonstwo, hinlängliche Mittel zur Deckung jeden Betrages von seiten der Kompagnie, die ihn angestellt – alles das war in diesem einzigen Kleidungsstücke ausgedrückt.

Rivalisierende Unternehmungen hatten getrachtet, ihn an sich zu locken; selbst Lombard Street hatte ihm ein schönes Auskommen angeboten, und reiche Landgemeinden hatten ihm zugeflüstert: sei unser Kirchspieldiener. Aber dennoch blieb er unentwegt der Anglo-Bengalischen Kompagnie treu. Ob er ein findiger Spitzbube oder ein aufgeblasener Einfaltspinsel war, ließ sich unmöglich ermitteln, jedenfalls schien er auf seine Prinzipalschaft unbedingtes Vertrauen zu setzen. Sein Ansehen war gravitätisch vor lauter eingebildeten Geschäftssorgen. Obwohl er nichts zu tun und nichts zu behüten oder zu bewachen hatte, machte er ein Gesicht, als ob die Last seiner zahllosen Pflichten und die Kenntnisse der Schätze, die in den Geldkästen der Gesellschaft begraben lagen, ihn ungeheuer niederdrückten und ihn feierlich und gedankenvoll stimmten.

Als das Kabriolett vor das Haupttor gefahren kam, erschien dieser Würdenträger barhäuptig auf der Schwelle und rief laut: »Platz für den Präsidenten, Platz für den Präsidenten, wenn’s gefällig ist« – sehr zur Verwunderung der Umstehenden, die, wie wohl kaum zu erwähnen nötig, von diesem Augenblick an ihre Aufmerksamkeit beständig der Anglo-Bengalischen Kompagnie zuwandten. Mit einem anmutigen Satz sprang Mr. Tigg aus dem Wagen, gefolgt von dem Sekretär, der jetzt sehr abgemessen und respektvoll geworden war, und stieg die Treppe empor, wobei ihm der Portier mit dem fortwährenden Rufe voranschritt: »Platz, wenn ich bitten darf, Platz! Der Präsident der Kompagnie, meine Herren!« – In gleicher Weise, nur mit noch kräftigerer Stentorstimme, führte er den Präsidenten durch das öffentliche Bureau, wo einige Klienten bescheiden warteten, in ein ehrfurchtgebietendes Gemach mit der Inschrift: Beratungssaal. Sofort schloß sich die Türe dieses Heiligtums jedoch wieder, um den großen Kapitalisten dem Anblick der Profanen zu entziehen.

Der »Beratungssaal« war mit einem türkischen Teppich belegt und geschmückt mit dem Porträt von Tigg Montague, Esquire, als Präsidenten. Außerdem befanden sich darin ein sehr imposanter offizieller Lehnstuhl, zu dem ein elfenbeinerner Hammer und eine kleine Handglocke gehörten, ein Nebentisch und eine lange Tafel, auf der hie und da einige Bogen Löschpapier, Foliobogen, saubere Federn und Tintenfässer standen. Nachdem der Präsident höchst feierlich seinen Sitz eingenommen, stellte sich ihm der Sekretär zur Rechten, während sich der Portier hinter ihm kerzengerade als farbiger Westenhintergrund aufpflanzte. Das war das ganze Kollegium –– alles übrige gehörte ins Reich der Fiktion.

»Bullamy!« rief Mr. Tigg.

»Sir!«

»Richten Sie dem Doktor der Gesellschaft mein Kompliment aus. Ich möchte ihn gerne sprechen.«

Bullamy, der Portier, räusperte sich, eilte in das Bureau hinaus und rief: »Der Herr Präsident wünschen den Doktor der Gesellschaft zu sprechen!«

Gleich darauf kehrte er mit dem fraglichen Herrn zurück, und beim jedesmaligen Öffnen der Sitzungszimmertüre reckten die harmlosen Klienten ihre Hälse und stellten sich auf die Zehen, voll sehnsüchtigen Verlangens, nur einen Blick in das geheimnisvolle Gemach werfen zu dürfen.

»Jobling, mein lieber Freund!« rief Mr. Tigg. »Wie geht’s Ihnen? Bullamy, warten Sie draußen! Crimple, Sie brauchen uns nicht zu verlassen. Mein lieber Jobling, es freut mich, Sie zu sehen!« »Und wie geht es Ihnen, Mr. Montague?« fragte der Arzt, sich behaglich in den Lehnstuhl werfend – das Sitzungszimmer hatte nämlich lauter Lehnstühle –, und holte eine schöne goldene Tabatiere aus der Tasche seiner schwarzen Atlasweste, »wie geht es Ihnen? Ein bißchen angegriffen vom Geschäfte, wie? Wenn dem so ist, so ruhen Sie sich ein wenig aus. Oder ein bißchen Fieber vom Weine, hm? In diesem Falle Wasser. Sind Sie wohl und geht es Ihnen ganz gut, dann nehmen Sie einen Lunch. Es ist äußerst heilsam, sich um diese Tageszeit zur Auffrischung der Magensäfte eines Lunchs zu bedienen, Mr. Montague.«

Der Arzt, er war derselbe, der Anthony Chuzzlewit zu Grabe geleitet und Mrs. Gamps Patienten im Ochsen behandelt hatte, lächelte bei diesen Worten und fügte so nebenbei hinzu, einige Schnupftabakskörner von seinem Busenstreif schnippend:

»Sie müssen wissen, ich selbst pflege zu dieser Tageszeit stets etwas zu mir zu nehmen.«

»Bullamy!« rief der Präsident sofort und läutete mit der kleinen Glocke.

»Sir?«

»Lunch!«

»Aber doch nicht hoffentlich um meinetwillen«, wehrte der Doktor ab. »Oh, Sie sind sehr gütig; ich danke Ihnen. Sie beschämen mich. Wenn ich in meiner Praxis auf Geld sähe, Mr. Montague, würde ich die Sache nur gegen ein Honorar erwähnt haben. Verlassen Sie sich darauf, mein werter Herr, wenn Sie sich’s nicht zur Regel machen, täglich und pünktlich einen Lunch zu nehmen, so kommen Sie bald unter meine Hände. Erlauben Sie mir übrigens, das näher zu beleuchten. In Mr. Crimples Bein zum Beispiel –«

Der Sekretär fuhr unwillkürlich zurück, denn der Doktor hatte ihn in der Hitze seines Belehrungseifers am Bein gepackt und dieses quer über sein eigenes gelegt, als wäre er eben im Begriff, es zu amputieren.

»In Mr. Crimples Bein werden Sie bemerken«, fuhr der Arzt fort, schlug die Manschetten zurück und umspannte den Schenkel mit beiden Händen, »da, wo das Knie in die Gelenkhöhle paßt, hier – das heißt zwischen dem Bein und der Gelenkhöhle –, befindet sich ein gewisses Quantum animalischen Öles.« »Wozu suchen Sie sich dazu gerade mein Bein aus«, fragte Mr. Crimple und blickte den Arzt ängstlich an. »Es ist doch nicht interessanter als irgendein anderes, nicht wahr?«

»Kehren Sie sich nicht daran, mein lieber Herr«, versetzte der Arzt abweisend, »ob es wie andere Beine ist oder nicht.«

»Aber es geht mich doch etwas an«, wendete David ein.

»Ich wähle einen speziellen Fall, Mr. Montague«, fuhr der Doktor fort, »um, wie Sie sehen, meine Bemerkung zu illustrieren. In diesem Teil von Mr. Crimples Bein also befindet sich eine gewisse Menge animalischen Öles. In jedem von Mr. Crimples Gelenken befindet sich mehr oder weniger von derselben Flüssigkeit. Gut. Wenn nun Mr. Crimple seine Mahlzeiten vernachlässigt oder sich die gehörige Ruhe versagt, so nimmt dieses Öl ab. – Es verzehrt sich. Was ist die Folge davon? Mr. Crimples Knochen vermorschen, Sir. Mr. Crimple wird ein magerer, schwächlicher, verkümmerter und elender Mensch.« Dann ließ Doktor Jobling Mr. Crimples Bein plötzlich fallen, als befände sich der Patient, dem es angehörte, bereits in diesem angenehmen Zustande, schlug seine Manschetten wieder herunter und blickte den Präsidenten triumphierend an.

»Unsere Kunst ermöglicht es uns, gewisse Naturgeheimnisse zu durchschauen«, sagte er. »Das versteht sich übrigens von selbst. Wofür studierten wir denn sonst? Nur zu diesem Zwecke machen wir unsern Kurs an der Universität und sichern uns eine geachtete Stellung in der Gesellschaft. – – Es ist außerordentlich seltsam, wie wenig man im allgemeinen von solchen Gegenständen weiß. Wo glauben Sie zum Beispiel« – er lehnte sich lächelnd in seinem Stuhle zurück, schloß das eine Auge und bildete mit seinen Händen ein Dreieck, wozu beide Daumen die Basis abgaben – »wo glauben Sie zum Beispiel, daß Mr. Crimples Magen liegt?«

Mr. Crimple klopfte noch aufgeregter als vorhin mit der Hand auf die Stelle unter seiner Weste.

»Weit gefehlt«, rief der Doktor, »weit gefehlt! Übrigens ein ganz gewöhnlicher Irrtum. Mein werter Herr, Sie haben vollständig unrichtige Begriffe.«

»Wenn er in Unordnung ist, fühle ich ihn hier, weiter weiß ich nichts«, entschuldigte sich Mr. Crimple. »Das bilden Sie sich nur ein«, verwies der Arzt streng. »Die Wissenschaft gibt hierüber bündigere Auskunft. Ich hatte einmal einen Patienten« – er berührte dabei einen der vielen Trauerringe auf seinen Fingern und neigte das Haupt ein wenig – »einen Gentleman, der mir die Ehre erwies, in seinem Testamente meiner auf eine sehr schöne Weise zu gedenken – ›aus Anerkennung‹, wie er es zu nennen beliebte, ›für den unablässigen Eifer und die hohe Kunst meines Freundes und Hausarztes, John Jobling, Esquire, usw. usw.‹ – Dieser Gentleman also war so sehr von der Idee eingenommen, sein Leben lang an einer irrigen Ansicht über die Lage dieses Organs gelitten zu haben, daß er, als ich ihm bei meiner medizinischen Ehre und Reputation versicherte, er sei im Irrtum, in Tränen darüber ausbrach, die Hand ausstreckte und sagte: ›Jobling, Gott segne Sie dafür!‹ Unmittelbar darauf verlor er die Sprache und fand zuletzt in Brixton seine letzte Ruhestätte.«

»Platz, wenn ich bitten darf«, rief Bullamy draußen, »Platz, wenn ich bitten darf. Erfrischungen für das Sitzungszimmer!«

»Ha!« rief der Doktor, sich humorvoll die Hände reibend, und rückte seinen Stuhl näher an den Tisch. »Die wahre Lebensversicherung, Mr. Montague, die beste Versicherungspolice auf Erden, mein werter Herr! Ja, wir müssen vorsorglich handeln und essen und trinken, solange wir können. – Was meinen Sie, Mr. Crimple?«

Der Sekretär stimmte bei, wenn auch etwas mürrisch, als ob seine Vorfreude, sich den Magen zu füllen, durch die Erschütterung seiner vorgefaßten Meinung über die Lage dieses Organs immerhin gelitten hätte. Aber die Erscheinung des Portiers und Unterportiers mit je einem Servierbrett, das mit einem schneeweißen, teilweise zurückgeschlagenen Tuche bedeckt war, so daß man ein paar gebratene Hühner nebst Kompott und Salat zu sehen bekam, stellte bald wieder seine gute Laune her. Noch erhöht wurde sie durch die Ankunft einer Flasche Champagner und einer andern mit vortrefflichem Madeira. Und bald griff er zu Messer und Gabel mit einem Appetit, der dem des Arztes kaum in etwas nachgab.

Der Lunch wurde sehr luxuriös serviert mit einem Überfluß von schöngeschliffenen Gläsern und Porzellantellern, denn man schien damit andeuten zu wollen, daß ein zur Schau getragener Prunk in Essen und Trinken keine unwichtige Beigabe zu dem Geschäfte der Anglo-Bengalischen Kompagnie ausmache. Im Verlaufe des Mahles wurde der Assekuranzarzt immer aufgeräumter und rotköpfiger, und jeder Bissen, den er aß, und jeder Tropfen Wein, den er trank, schienen seinen Augen neuen Glanz zu verleihen und auf Nase und Stirn neue Funken anzuzünden.

In gewissen Teilen der City und der Nachbarschaft war Mr. Jobling eine sehr populäre Persönlichkeit. Er hatte ein auffallend glattes Kinn und eine zuversichtliche Fettstimme, die einem das Herz aufgehen machte wie ein Lichtstrahl, der sich in dem rötlichen Medium eines auserlesenen alten Burgunders bricht. Seine Halsbinde und sein Jabot waren stets von fleckenlosestem Weiß, seine Kleider von glänzendstem Schwarz, seine Uhrkette höchst gewichtig und die Petschafte daran so groß, wie man nur welche zu sehen kriegt. Seine blanken Stiefel knarzten, wenn er ging. Bestimmt konnte er besser als irgend sonst ein Lebendiger den Kopf schütteln, sich die Hände reiben oder den Rücken vor dem Ofen wärmen. Auch hatte er eine eigentümliche und seinen Patienten großes Vertrauen einflößende Weise an sich, mit den Lippen zu schmatzen und während der Berichte seiner Patienten: »Ah!« zu sagen. Er schien damit auszudrücken: »Was Sie sagen wollen, weiß ich viel besser als Sie, aber fahren Sie nur immerhin fort, fahren Sie nur immerhin fort.« Mochte er nun etwas zu sagen haben oder nicht, jedenfalls schwatzte er in einem fort, und man wußte allgemein, daß er voll von Anekdoten stak. Aus demselben Grunde nahm man auch an, daß der Umfang seiner Erfahrung und der daraus gezogene Gewinn jeder Beschreibung spotte. Seine weiblichen Patienten konnten ihn gar nicht genug lobpreisen, und die kältesten und zurückhaltendsten unter seinen männlichen Patienten pflegten zu ihren Freunden stets zu sagen: »Was man auch immer von Joblings medizinischer Geschicklichkeit halten mag – und es ist nicht zu leugnen, daß er einen großen Ruf hat –, soviel steht nun einmal fest, er ist einer der angenehmsten Menschen, die es je gegeben hat.«

Doktor Jobling war aus mehreren Gründen – und darunter war der nicht unwichtigste, daß er seine meisten Patienten unter den Handelsständen hatte – gerade der Mann, den die Anglo-Bengalische Gesellschaft als Assekuranzarzt brauchte. Er war aber viel zu gescheit, um sich mit ihr weiter zu identifizieren, als daß er als ihr bezahlter ärztlicher Beistand galt, oder um sein Verhältnis zu ihr von andern mißverstehen zu lassen, wenn er es verhindern konnte. Daher ließ er sich gegenüber jedem, der darüber etwas wissen wollte, ungefähr in folgender Art und Weise aus:

»Ja, was die Anglo-Bengalische betrifft, werter Herr, so ist mein Wissen sehr beschränkt, sehen Sie, sehr beschränkt. Ich bin dort Assekuranzarzt gegen ein gewisses monatliches Fixum. ›Der Arbeiter ist seines Lohnes wert‹, und ich bekomme mein Geld sehr pünktlich; folglich bin ich verpflichtet, von dem Institut, soweit ich es kenne, nur das Beste zu sagen. (Es kann keinen honetteren Menschen auf der Welt geben als Jobling, denkt dann der Patient, der eben selbst Joblings Rechnung bezahlt.) – Wenn Sie mich aber, lieber Freund, über die Kapitalien der Gesellschaft fragen, so bin ich außerstande, Ihnen zu dienen. Ich habe keinen Sinn für Ziffern, und wenn ich mich darüber äußern soll, so bin ich in Verlegenheit. Außerdem verbietet es mir das Zartgefühl. – Und Zartgefühl – Ihre liebenswürdige Frau Gemahlin wird mir darin recht geben – sollte eine der ersten Eigenschaften eines guten Arztes sein (nichts kann schöner oder gentlemanliker sein als das Gefühl, das Jobling hat, denkt dann der Patient). Sehr gut, werter Herr, also so steht die Sache. – Sie kennen Mr. Montague nicht persönlich? Tut mir leid. Ein ungemein liebenswürdiger Herr. Ein vollkommener Gentleman in jeder Hinsicht. Er hat Vermögen, das heißt, in Indien. Haus und alles aufs kostbarste, höchst elegant, in verschwenderischer Fülle! Und Gemälde, die, selbst vom anatomischen Gesichtspunkt aus betrachtet, vollkommen sind. – Falls Sie also mit der Gesellschaft einen Vertrag schließen wollen, so bringe ich Sie durch, verlassen Sie sich darauf. – Ich kann Sie übrigens mit gutem Gewissen für vollständig gesund erklären. Wenn ich eine menschliche Konstitution verstehe, so ist es die seine, und diese kleine Unpäßlichkeit hat ihm mehr genützt, Madame«, sagt der Doktor dann und wendet sich an die Gattin des Patienten, »als wenn er die Hälfte von all den unsinnigen Mixturen aus meiner Apotheke verschluckt hätte. Denn das Zeug ist Unsinn, um es ehrlich zu gestehen: die Hälfte davon ist Unsinn – in Anbetracht einer Konstitution wie der seinen.« (Jobling ist der liebenswürdigste Mensch, den ich jemals in meinem Leben gesehen habe, denkt der Patient, und auf mein Ehrenwort, ich will mir die Sache überlegen.) – –

»Sie haben uns diesen Morgen vier neue Policen und ein Anlehen zugewiesen, nicht wahr?« fragte Mr. Crimple, nach Beendigung des Lunchs einige Papiere durchlesend, die der Portier hereingebracht. »Famos!«

»Jobling, mein lieber Freund«, rief Mr. Tigg, »mögen Sie recht lange leben.«

»Lächerlich, Unsinn. Auf mein Wort, ich maße mir wirklich nicht an, Ihnen jemanden ›zugewiesen‹ zu haben«, sagte der Doktor. »Ich würde Ihnen damit das Geld aus der Tasche stehlen. Ich empfehle niemand hierher; ich sage nur, was ich weiß. Meine Patienten fragen mich, wie ich über die Sache denke, und mehr, als ich weiß, kann ich ihnen ja auch nicht sagen. Vorsicht ist meine schwache Seite, das ist wahr, und sie ist es gewesen, seit ich ein Junge war, das heißt«, sagte der Doktor und füllte sein Glas, »Vorsicht mit Rücksicht auf andere Leute. Ob ich selbst dieser Gesellschaft mein Vertrauen schenken würde, wenn ich nicht schon seit vielen Jahren anderswohin mein Geld schickte, ist eine zweite Frage.«

Er suchte eine Miene anzunehmen, als ob daran gar kein Zweifel wäre, aber er fühlte, daß es ihm nur schlecht gelang, er änderte daher das Thema und lobte den Wein.

»Da wir gerade vom Weine reden«, fuhr er fort, »so erinnere ich mich da an eines der besten Gläser alten hellen Oportos, das ich je in meinem Leben getrunken habe, und das war bei einem Leichenbegängnis. – – Haben Sie übrigens nie – von diesem Herrn hier gehört, Mr. Montague, wie?« Dabei händigte er Mr. Tigg eine Karte ein.

»Er ist doch hoffentlich nicht tot?« fragte Tigg. »In diesem Falle wäre mir die Ehre seiner Gesellschaft nicht wünschenswert.«

»Ha, ha, ha!« lachte der Doktor. »Nein, nicht ganz. Indes, beteiligt war er dabei.« »Oh!« rief Tigg, sich den Schnurrbart streichend, und warf einen Blick auf den Namen. »Ich entsinne mich jetzt. Nein, er ist niemals hier gewesen.«

Die Worte waren noch nicht seinen Lippen entflohen, als Bullamy eintrat und dem Arzt eine Karte überreichte.

»Kaum malt man den – –« sagte der Doktor aufstehend, »– den Teufel an die Wand –«

»– so ist er schon da, wie?« ergänzte Mr. Tigg.

»Nein, nein, Mr. Montague, nein«, entgegnete der Doktor, »im gegenwärtigen Falle können wir das – wenigstens vom Teufel – nicht sagen, denn dieser Gentleman denkt nicht entfernt daran, einer zu sein.«

»Um so besser«, entgegnete Mr. Tigg, »kann der Anglo-Bengalischen Gesellschaft nur angenehm sein. – Bullamy, räumen Sie den Tisch ab und tragen Sie den Rest zur andern Türe hinaus. – Mr. Crimple: Geschäft.«

»Soll ich den Herrn hereinführen?« fragte Doktor Jobling.

»Wird mich unendlich freuen«, antwortete Mr. Tigg, sich mit süßem Lächeln die Fingerspitzen küssend.

Sofort begab sich der Arzt in das Bureau hinaus und kehrte gleich darauf mit Jonas Chuzzlewit zurück.

»Mr. Montague«, stellte er vor, »erlauben Sie: mein Freund, Mr. Chuzzlewit – mein lieber Freund – unser Präsident. Sie müssen nämlich wissen«, setzte er hinzu, hielt mit unendlicher Feinheit inne und sah sich lächelnd um, »daß darin etwas Besonderes liegt. Ich sage: a unser Präsident. Und warum sage ich unser Präsident? Weil er nicht mein Präsident ist, müssen Sie wissen. Ich stehe in keiner andern Verbindung mit der Gesellschaft, als daß ich für eine gewisse Entlohnung – ein Salär, sozusagen – als Arzt meine bescheidenen Meinungen abgebe, gerade wie ich es für jeden andern auch tun könnte. Warum sage ich nun dennoch unser Präsident? Einfach darum, weil ich die Phrase fortwährend um mich herum wiederholen höre. So groß ist die unwillkürliche Wirkung der geistigen Fähigkeiten bei dem nachahmungsliebenden zweifüßigen Geschöpfe Gottes. – Mr. Crimple, ich glaube, Sie schnupfen. Nein? Das ist nicht recht von Ihnen, Sie sollten schnupfen.« Während dieser Bemerkungen von Seiten des Doktors und der sehr vernehmlichen Prise, mit der sie abgeschlossen wurden, nahm Jonas ungeniert Platz, so rüpelhaft wie nur je.

Es liegt wohl in jedes Menschen Natur, namentlich aber in der einer gemeinen Seele, sich durch Äußerlichkeiten imponieren zu lassen. Auf Jonas übten daher die prächtigen Möbel einen sehr entschiedenen Einfluß aus.

»Nun, ich weiß, die Herren haben Geschäfte miteinander«, fuhr der Doktor fort, »und ihre Zeit ist kostbar. Meine übrigens auch. In diesem Augenblick erwarten mich nebenan mehrere Klienten, die mir die Entscheidung über ihr Leben anvertraut haben, und außerdem muß ich später noch eine Reihe von Visiten machen. – Da ich das Glück hatte, Sie einander vorzustellen, meine Herren, kann ich ja wieder an meine Geschäfte gehen. Also leben Sie wohl! Aber ehe ich gehe, Mr. Montague, erlauben Sie mir, daß ich von diesem meinem Freunde, der jetzt neben Ihnen sitzt, sage: dieser Gentleman hat mehr dazu beigetragen, mich mit der Menschheit und der Welt zu versöhnen, als irgendein Lebender oder Toter auf Erden. – Gott befohlen!«

Mit diesen Worten eilte Doktor Jobling aus dem Zimmer und begann in seinem offiziellen Departement den wartenden Klienten sowohl seine Gewissenhaftigkeit hinsichtlich der Erfüllung seiner Berufspflichten wie auch die große Schwierigkeit der Aufnahme in die Anglo-Bengalische uneigennützige Lebensversicherungsgesellschaft deutlich und nachdrucksvoll vor Augen zu führen. Er befühlte ihnen den Puls, besichtigte ihre Zungen, horchte an ihren Rippen, klopfte ihnen an den Brustkasten und so weiter und so weiter.

Wenn er übrigens nicht bereits im voraus wußte, die Anglo-Bengalische Gesellschaft werde jede Art von Leben bereitwillig assekurieren, so war er nicht entfernt der Jobling, für den ihn seine Freunde hielten – nicht der Originaljobling, sondern ein jämmerlicher Nachdruck.

Mr. Crimple mußte bald gleichfalls Geschäfte halber aufbrechen, und so blieben Jonas Chuzzlewit und Mr. Tigg miteinander allein. »Ich erfahre von unserm Freunde«, begann Mr. Tigg mit gewinnender Leichtigkeit und rückte seinen Stuhl neben den seines Gastes, »Sie gedächten –«

»Zum Donnerwetter noch mal, er hat kein Recht, etwas derartiges zu behaupten«, rief Jonas, Mr. Tigg unterbrechend. »Ihm habe ich mein Vorhaben gewiß nicht anvertraut. Wenn er sich einbildet, ich käme in einer derartigen Absicht her, so soll er dafür einstehen. Ich habe damit nichts zu tun.«

Er sagte dies ziemlich grob heraus, fast in beleidigendem Tone; und außer dem gewohnten Mißtrauen, das er stets an den Tag zu legen pflegte, lag etwas in seinem Benehmen, als ob er sich gewissermaßen gegen den Eindruck, den die Pracht der Umgebung auf ihn machte, zu wehren versuchte.

»Wenn ich herkomme, um eine oder ein paar Fragen zu stellen, mir einen oder ein paar Belege zeigen zu lassen, damit ich mir die Sache überlegen kann, so verpflichtet mich das noch zu gar nichts. Darüber müssen wir uns zuerst verständigen, wissen Sie.«

»Mein Bester!« rief Mr. Tigg, Jonas auf die Schulter klopfend. »Ihre Offenheit gefällt mir! Wenn Leute wie wir gleich von Anfang an offen miteinander reden, so wird das am besten jedem möglichen Mißverständnis vorbeugen. Warum sollte ich vor Ihnen bemänteln, was Sie ganz genau wissen, wovon sich aber die Menge nichts träumen läßt? Wir Versicherungskompagnien sind lauter Raubvögel, nichts als Raubvögel. Es fragt sich jetzt nur, ob wir auch Ihnen dienen können, während wir uns selbst dienen – ob wir eine Ausfütterung für Ihr Nest finden können und dabei das unserige noch doppelt auszufüttern imstande sein werden. Sie sind natürlich in unser Geheimnis eingeweiht. Sie stehen hinter den Kulissen. Wir werden uns ein Verdienst daraus machen, ehrlich gegen Sie zu sein, weil wir ganz genau wissen, daß es nicht anders geht.«

Es lag vollständig in Mr. Jonas‘ Charakter, augenblicklich bereit zu sein, rückhaltslos zu glauben, wenn von einer Spitzbüberei die Rede war. Es gibt ebenso gut eine Einfalt der Unschuld wie eine solche des Gaunertums. Hätte Mr. Tigg von Anfang an eine hohe Ehrenhaftigkeit vorgeschützt, so würde Jonas ihn beargwöhnt haben, und wäre er ein Musterbild von Rechtschaffenheit gewesen. So aber, wo er von vornherein auf Jonas‘ Denkweise einging, erschien er diesem als ein höchst netter Mensch, mit dem man offen reden konnte.

Mr. Chuzzlewit änderte seine Stellung im Lehnsessel – er wurde dadurch nicht weniger linkisch, wenn auch etwas renommistischer – und erwiderte in seinem armseligen Dünkel lächelnd:

»Sie sind kein übler Geschäftsmann, Mr. Montague; ich muß Ihnen wirklich nachsagen, daß Sie sich auszukennen scheinen.«

»Tüt, tüt«, machte Mr. Tigg, vertraulich nickend und seine weißen Zähne zeigend, »wir sind doch keine Kinder, Mr. Chuzzlewit, und wahrhaftig schon gehörig ausgewachsen.«

Jonas pflichtete bei und entgegnete nach einem kurzen Schweigen, wobei er prahlerisch seine Beine spreizte und die Arme in die Hüften stemmte, um zu zeigen, wie vollkommen heimisch er sich fühle:

»Die Wahrheit ist –«

»Sprechen Sie mir nicht von Wahrheit«, fiel ihm Mr. Tigg grinsend ins Wort. »Es sieht so windbeutelig aus.«

Durch diese Äußerung höchlichst erbaut, begann Jonas aufs neue:

»Kurz und gut – –«

»Das klingt schon besser«, murmelte Tigg, »schon besser.«

»– ich halte mich für von ein oder zwei der alten Kompagnien, mit denen ich zu tun hatte, nicht reell bedient; – ich meine, ich hatte vorzeiten mit ihnen zu tun. Sie kamen mir damals mit Einwürfen, zu denen sie kein Recht hatten, warfen Fragen auf, zu denen sie gleichfalls nicht befugt waren, und betrieben die Sache nicht in einer Art, die mir gepaßt hätte.«

Dann schlug er plötzlich die Augen nieder und sah starr auf den Teppich. Mr. Tigg blickte ihn neugierig an. Jonas schwieg so lange, daß Mr. Tigg die Pause zu unterbrechen für geraten hielt und auf sehr freundliche Weise das Wort nahm:

»Wünschen Sie nicht vielleicht ein Glas Wein?«

»Nein, nein«, lehnte Jonas mit schlauem Blick ab, »nichts dergleichen; ich danke Ihnen. Keinen Wein bei Geschäften. Mag ja gut für Sie sein, aber für mich taugt das nicht.« »Was Sie doch für ein alter Praktikus sind, Mr. Chuzzlewit«, scherzte Tigg und lehnte sich in seinem Lehnstuhl zurück, ihn durch die halbgeschlossenen Augen anblinzelnd.

Jonas schüttelte als Antwort den Kopf, als wollte er sagen: »Da haben Sie recht«, und fuhr dann in scherzhaftem Tone fort:

»Nicht gerade so alt, wie Sie vielleicht denken, wenn ich mich auch verheiratet habe. Das ist ein Kinderstreich, werden Sie sagen. Vielleicht haben Sie recht, besonders da sie eine junge Person ist, aber man weiß doch nie, was diesen Weibern zustoßen kann. Kurz und gut, ich gedenke also ihr Leben zu versichern. Es ist nicht mehr als recht und billig, daß sich ein Mann für den Fall eines solchen Verlustes sicherstellt – sich quasi einen Trost bereithält.«

»Wenn ihn überhaupt etwas unter so herzzerbrechenden Umständen trösten kann«, murmelte Tigg mit halbgeschlossenen Augen.

»Richtig«, bestätigte Jonas, »wenn ihn überhaupt etwas trösten kann. Nun gesetzt den Fall, ich täte es bei Ihnen, so müßte es diskret gemacht werden, das wäre die Hauptsache, und ohne Umstände und ohne ihr den Kopf erst warm zu machen. Ich tue es nicht gern anders; Weiber pflegen sich in solchen Fällen immer gern einzureden, sie müßten deshalb gleich sterben.«

»Ja, ja, so ist es«, rief Mr. Tigg und warf dem schönen Geschlecht zu Ehren eine Kußhand in die Luft. »Sie haben vollständig recht. – O diese süßen kleinen leichtsinnigen Geschöpfe!«

»Gut«, brummte Jonas, »also jetzt wissen Sie es; und da mir die andern Gesellschaften immer so viel Späne machen, hätte ich Lust, unter Umständen mit Ihrer Kompagnie abzuschließen. Aber ich muß mich erst überzeugen, was für Sicherheiten die Gesellschaft zu bieten vermag. Das ist die –«

»Doch nicht schon wieder die Wahrheit?« protestierte Mr. Tigg, seine mit Brillantringen übersäte Hand ausstreckend. »Bitte, gebrauchen Sie doch nicht diesen Ausdruck, der einen so an die Sonntagsschule erinnert.«

»Also kurz und gut –« sagte Jonas, »kurz und gut, was habe ich für Sicherheit?«

»Die eingezahlten Kapitalien, mein Herr«, rief Mr. Tigg und griff nach einigen Papieren auf dem Tisch, »belaufen sich im gegenwärtigen Augenblick –«

»Ach, ich weiß doch ganz gut, was das mit den eingezahlten Kapitalien für eine Bewandtnis hat«, fiel ihm Jonas ins Wort.

»So, wissen Sie das!« brummte Tigg kurz abbrechend.

»Will’s meinen!«

Mr. Tigg schob die Papiere wieder zurück, rückte Mr. Jonas näher und flüsterte ihm ins Ohr:

»Ich weiß doch, daß Sie die Sache durchschauen. Ich weiß es ganz genau. Sehen Sie mich mal an!«

Es lag nicht in der Art Mr. Chuzzlewits, irgend jemandem gerade ins Gesicht zu sehen, aber so aufgefordert, machte er den Versuch, die Mienen des Präsidenten mit einem Blick zu überfliegen, wobei sich dieser ein wenig zurücklehnte, um seinem Visavis die Sache leichter zu machen.

»Kennen Sie mich denn nicht?« fragte er, die Augenbrauen in die Höhe ziehend. »Sie müssen sich doch entsinnen, mich früher schon einmal gesehen zu haben?«

»Ihr Gesicht kam mir allerdings, schon als ich eintrat, bekannt vor«, gab Jonas zu, den Präsidenten mit noch größerer Aufmerksamkeit betrachend, »aber ich kann mich nicht erinnern, wo ich Sie gesehen habe. Nein, ich kann mich wirklich nicht erinnern. War es auf der Straße?«

»Erinnern Sie sich denn nicht mehr an Pecksniffs Besuchszimmer?« fragte Tigg.

»An Pecksniffs Besuchszimmer?« wiederholte Jonas überrascht. »Sie meinen damit doch nicht, daß –«

»Ja!« rief Mr. Tigg. »Es war damals, als jene entzückende kleine Familienberatung stattfand, an der auch Sie nebst Ihrem liebenswürdigen Vater teilnahmen.«

»Sprechen wir nicht von ihm. Er ist tot. – Wozu die alten Erinnerungen wieder aufwärmen!« fuhr Jonas auf.

»Also tot«, sagte Tigg. »Also der ehrwürdige alte Gentleman ist tot. Sie sind, wenn man Sie so betrachtet, wirklich ein getreues Konterfei von ihm.«

Jonas nahm dieses Kompliment nicht mit der besten Miene auf, wahrscheinlich infolge seiner Privatansichten über das persönliche Äußere seines dahingegangenen Erzeugers, vielleicht auch, weil es ihm nicht sehr angenehm war, in Mr. Montague den Mr. Tigg von damals wiederzufinden. Der Präsident bemerkte es sogleich, klopfte ihm vertraulich auf den Ärmel und winkte ihn zum Fenster. Von diesem Augenblick an ließ Mr. Montague seiner Heiterkeit in ganz merkwürdiger Weise freien Lauf.

»Finden Sie mich seit damals so ganz und gar verändert?« fragte er. Jonas faßte die Prunkweste und die Juwelen seines Gegenübers fest ins Auge und antwortete:

»Zum Teufel auch – das will ich meinen!«

»Hab ich damals so schäbig ausgesehen?« fragte Mr. Montague weiter.

»Ganz verteufelt!« meinte Jonas.

Mr. Montague zeigte hinunter auf die Straße, wo Bailey gerade auf dem Kabriolett hielt.

»Hübsch. Fein. Was? Wissen Sie, wem das gehört?«

»Nein!«

»Mir! – Und gefällt Ihnen dieses Zimmer?«

»Es muß einen Haufen Geld gekostet haben«, brummte Jonas.

»Da haben Sie recht. Es gehört ebenfalls mir. – Warum also –« flüsterte Tigg und stieß Mr. Chuzzlewit mit dem Ellbogen an, »– warum nehmen Sie nicht also lieber Prämien, statt sie zu bezahlen? Treten Sie doch in Kompagnie mit uns.«

Jonas starrte ihn verwundert an.

»Ist das eine belebte Straße?« fragte Mr. Montague weiter, Jonas‘ Aufmerksamkeit auf die Menge unten lenkend.

»Na, und ob«, sagte Jonas, einen flüchtigen Blick hinunterwerfend und sogleich wieder den Präsidenten ins Auge fassend.

»Es gibt gedruckte Statistiken«, fuhr Mr. Tigg fort, »aus denen Sie ziemlich genau ersehen können, wieviel Menschen hier von früh bis abends vorbeigehen. Sie haben aber schwerlich einen Begriff, wie viele davon zu uns heraufkommen, bloß weil sie dieses Bureau da sehen, und ohne mehr davon zu wissen als von den Pyramiden. Ha, ha, treten Sie in Kompagnie mit uns, Sie sollen billig dazu kommen.« Jonas blickte ihn immer gespannter und gespannter an.

»Ich kann Ihnen nur sagen«, flüsterte ihm Mr. Tigg ins Ohr, »Sie ahnen nicht, wie viele davon sich bei uns noch Jahresrenten kaufen, Versicherungspolicen nehmen und uns auf hunderterlei Art und Weise ihr Geld herbringen, es uns aufzwingen und anvertrauen werden, als wenn wir das Schatzamt selbst wären, ohne doch mehr von uns zu wissen als Sie von jenem Gassenkehrer an der Ecke. Ha, ha, ha!«

Jonas verzog allmählich sein Gesicht zu einem Lächeln.

»Ja, ja«, lachte Mr. Montague, ihm im Scherz einen leichten Schlag auf den Bauch gebend, »Sie sind zu pfiffig für uns, Mr. Chuzzlewit, sonst würde ich Ihnen das alles gar nicht gesagt haben. – Übrigens, speisen Sie morgen mit mir in Pall Mall.«

»Gemacht!« versetzte Jonas einschlagend.

»Recht so«, rief Mr. Montague. »Und jetzt warten Sie noch ein bißchen. Nehmen Sie sich mal diese Papiere hier mit, um sie durchzulesen. Sehen Sie«, erklärte er, eines der gedruckten Formulare von dem Tisch herüberlangend, »B. ist zum Beispiel ein kleiner Handelsmann, ein Schreiber, ein Pfarrer, ein Künstler, ein Autor – oder was immer für ein Kerl.«

»Gut«, entgegnete Jonas, ihm gierig über die Schultern blickend, »nun, und?«

»B. verlangt also ein Anlehen – meinetwegen fünfzig oder hundert Pfund, vielleicht mehr, aber das ist hier gleichgültig. B. schreibt einen Schuldschein und stellt zwei gute Bürgen. Er wird angenommen, versichert sein Leben für den doppelten Betrag und bringt uns auch ein paar Freunde, vielleicht nur, um unser Institut weiterzuempfehlen. Und so weiter. Ha, ha, ha, ist unser Geschäft nicht ein guter Gedanke?«

»Zum Teufel, ein Kapitalgedanke!« rief Jonas. »Aber geht’s denn auch wirklich so?«

»Ob’s so geht?« wiederholte der Präsident. »Tag für Tag geht’s so, mein lieber Freund. Machen Sie doch nur mal die Augen auf. Das Ganze war meine Idee!«

»Sie macht Ihnen alle Ehre! Hol mich dieser und jener, wenn’s nicht ein famoses Geschäft ist«, sagte Jonas. »Das will ich meinen«, versetzte der Präsident, »und es freut mich, daß Sie es auch einsehen. – Und weiter: B. zahlt die höchsten gesetzlichen Interessen –«

»Das wäre nicht viel«, unterbrach ihn Jonas.

»Richtig, sehr richtig«, gab Mr. Tigg zu, »und es ist hart vom Gesetz, daß es uns so verwünscht aufsässig ist, während der Staat doch selbst so erstaunlich hohe Interessen von allen seinen Klienten nimmt, aber die Mildtätigkeit fängt eben beim eigenen Leibe an und die Gerechtigkeit beim Nachbar. Nun, wenn das Gesetz so hart mit uns umspringt, brauchen wir zum Beispiel den B. nicht gerade mit Handschuhen anzugreifen. Abgesehen davon, daß B. regelmäßig die Interessen zahlt, beziehen wir B’s Prämien von seinen Freunden. Dann rechnen wir B. noch so allerlei für die Obligationen auf, und ob wir ihn nun annehmen oder nicht, jedenfalls bekommt er seine Rechnung für sogenannte Erkundigungen (wir halten einen Mann für ein Pfund wöchentlich, der sie einholt) und eine Kleinigkeit für den Sekretär und so weiter. Kurz, mein guter Freund, wir sieben B. ordentlich durch und machen eine verteufelt rentable Melkkuh aus ihm. Ha, ha, ha, in Wahrheit kutschiere ich den B.«, fügte Tigg hinzu und deutete auf das Kabriolett hinunter. »Und es ist ein Pferd von guter Zucht, ha, ha, ha!«

Jonas gefiel dieser Spaß ungemein. Es war so ganz seine eigene Art, Humor zu empfinden.

»Ferner«, fuhr Mr. Tigg Montague fort, »verkaufen wir Leibrenten unter den allerniedrigsten und vorteilhaftesten Bedingungen, die sich auf dem Geldmarkt nur finden lassen, und die alten Damen und Herren in der Provinz draußen sind gerne Käufer. Ha, ha, ha – und wir zahlen sie auch – vielleicht, ha, ha, ha!«

»Aber man hat dabei viel Verantwortlichkeit«, meint Jonas mit bedenklicher Miene.

»Die nehme ich ganz und gar auf mich«, rief Mr. Tigg Montague, »ich bin hier allein für alles verantwortlich – ich bin die einzig verantwortliche Person im ganzen Institut, haha. – Dann haben wir noch die Lebensversicherungen ohne Anleihen – die gewöhnlichen Policen. Sie sind ebenfalls sehr einträglich und angenehm. Es fließt da ein Strom von Geld herein, sage ich Ihnen, und das wächst mit jedem Jahr – kurz, ein Kapitalprofit!« »Aber wenn die Policen anfangen, fällig zu werden?« wendete Jonas ein. »Das alles ist soweit recht hübsch und gut, solange das Unternehmen noch jung ist; was aber, wenn die Versicherten anfangen zu sterben? Daran muß man auch denken.«

»Um Ihnen zu zeigen, wie richtig unsere Kalkulation ist«, entgegnete Montague, »will ich Ihnen bemerken, daß wir im Anfang ein paar unglückliche Todesfälle hatten, die uns so auf den Hund brachten, daß uns nichts mehr als ein großes Piano übrigblieb.«

»Ein großes Piano?«

»Ich gebe Ihnen mein heiliges Ehrenwort darauf, ich habe Geld erhoben auf jedes einzelne Stück Möbel, und schließlich blieb nur noch ein einziges großes Piano. Ich konnte nicht einmal darauf sitzen, denn es war ein großer Stehflügel. Aber, mein lieber Junge, wir haben durchgehalten. Wir haben eine Unmasse neuer Policen diese Woche ausgegeben – beiläufig gesagt, auch fette Provisionen für die Advokaten – und hatten, ehe man sich’s versah, die Krisis überstanden. Wenn es aber nun doch einmal so hageldicht über uns hereinbrechen sollte, wie Sie ganz richtig bemerkten, daß es früher oder später kommen könnte, so –« er beendigte den Satz in so leisem Flüsterton, daß nur ein paar unzusammenhängende Worte undeutlich zu hören waren, aber sie klangen ungefähr so wie »brennen wir durch!«

»Sie sind ja ein Mordskerl«, staunte Jonas mit dem Ausdruck höchster Verwunderung.

»Man kann leicht ein Mordskerl sein, mein lieber Junge, wenn man beständig bares Geld in die Tasche kriegt!« rief der Präsident und hielt sich vor Lachen den Bauch. »Sie dinieren also morgen mit mir?«

»Um wieviel Uhr?« fragte Jonas.

»Um sieben. Hier ist meine Adresse. Nehmen Sie auch die Dokumente da mit. Ich sehe schon, Sie treten sicher mit uns in Kompagnie.«

»Das weiß ich noch nicht«, sagte Jonas, »da gibt’s noch so mancherlei, was ich mir in der Nähe besehen muß.«

»Sie sollen, was Sie wollen, sehen und prüfen«, versprach Mr. Tigg und klopfte ihm auf den Rücken. »Aber Sie treten mit uns in Kompagnie, davon bin ich heute schon überzeugt. – Sie sind ganz der richtige Mann dazu. – – Bullamy!«

Gehorsam dem Ruf und der Klingel erschien die Weste, erhielt den Befehl, Jonas hinauszuführen, und ging ihm voran, wie gewöhnlich rufend: »Platz, wenn ich bitten darf, Platz, ein Herr aus dem Beratungszimmer, wenn ich bitten darf.«

Als Mr. Montague allein war, dachte er einige Minuten nach und rief dann mit erhobener Stimme: »Ist Nadgett im Bureau?«

»Hier ist er, Sir!«

Gleich darauf trat Mr. Nadgett ein, die Türe des Sitzungszimmers so sorgfältig hinter sich zuziehend, als ob ein Mordanschlag besprochen werden sollte.

Er war der erwähnte Mann, der für ein Pfund wöchentlich die Auskünfte einholte. Es war weder eine Tugend noch Verdienst von Mr. Nadgett, daß er seine ganzen Anglo-Bengalischen Geschäfte voller Heimlichkeit betrieb, denn er war für die Heimlichkeit sozusagen geboren. Er war ein kleiner vertrockneter alter Mann, und alles an ihm schien geheimnisvoll. Selbst die Sache mit seinem Blutkreislauf war nicht so ganz selbstverständlich, und niemand hätte ihm geglaubt, daß er sechs Unzen Blut in allen Organen zusammengenommen habe. Wie und wo er lebte, war ebenfalls ein Geheimnis, wo er wohnte, war ein Geheimnis, und selbst was er betrieb, war ein Geheimnis. In seiner schmutzigen alten Brieftasche bewahrte er verschiedene einander widersprechende Visitenkarten; auf einigen nannte er sich einen Kohlen-, auf andern einen Weinhändler, dann wieder einen Agenten, Rechnungsführer oder Kollekteur; rein als ob er selbst nicht wüßte, was er eigentlich sei. Immer hatte er eine Zusammenkunft mit irgend jemandem in der City; der Jemand kam aber nie. Stundenlang pflegte Nadgett vor der Börse zu sitzen und guckte jeden an, der aus und ein ging. Dasselbe pflegte er in Garraway’s und andern von Kaufleuten besuchten Kaffeehäusern zu tun, wo er sich zuweilen ein sehr nasses Taschentuch vor dem Feuer trocknete und sich stets nach dem Manne umsah, der niemals kommen wollte. Er trug beständig fadenscheinige, schäbige Kleider, die auf dem Rücken und auf den Knien weiß von Kalk waren. Seine Wäsche hielt er durch Rockzuknöpfen und Kragenaufschlagen so verborgen, daß man hätte glauben können, er trüge überhaupt keine. Vielleicht hatte er auch wirklich keine. Ferner trug er einen einzigen schmutzigen Biberhandschuh, den er beim Gehen wie beim Sitzen stets am Zeigefinger vor sich herbaumeln ließ. Der andere Handschuh war ein Geheimnis. Manche Leute sagten, Nadgett sei bankrotter Kaufmann, andere, er sei bereits als Säugling in einen alten Kanzleigerichtsprozeß hineingeraten, der noch immer schwebte, aber Genaues wußte niemand. In der Tasche trug er ein Stück Siegellack und ein altes mit Hieroglyphen verziertes kupfernes Petschaft, und oft schrieb er im geheimen in einem Winkel in dem erwähnten Kaffeehause lange Briefe. Aber sie schienen an niemanden gerichtet zu sein, wenigstens pflegte er sie in eine geheime Rocktasche zu stecken und einige Wochen später in ganz vergilbtem Zustande an sich selbst abzugeben, und wie es schien, jedesmal zu seiner eigenen größten Verwunderung. Kurz und gut, er war ein so seltsamer Kauz, daß, wenn er nach seinem Tode eine Million oder einen Dreier hinterlassen hätte, kein Mensch sich darüber gewundert haben würde, sondern alle nur gesagt hätten, es sei gerade so gekommen, wie sie’s erwartet hätten. Und doch war er insoweit kein Sonderling, als er zu einem der City eigentümlichen Schlag Leute gehörte, die für einander ein ebenso tiefes Geheimnis bedeuten wie für alle übrigen Menschen.

»Mr. Nadgett«, sagte Mr. Montague und schrieb von der Karte, die noch auf dem Tische lag, Jonas Chuzzlewits Adresse auf ein Stück Papier. »Jede Auskunft, die Sie mir über diesen Namen bringen können, soll mich freuen. Sei es, was es will. Was immer Sie erfahren können, berichten Sie mir, Mr. Nadgett.«

Mr. Nadgett setzte seine Augengläser auf und las den Namen mit großer Aufmerksamkeit, dann sah er über die Brille hinweg den Präsidenten an und verneigte sich. Dann nahm er die Brille ab und steckte sie ins Futteral. Dann steckte er das Futteral in die Tasche, sah noch einmal und ohne Brille das vor ihm liegende Papier an und zog zugleich seine Brieftasche von irgendwo am Rückgrat hervor. So groß sie war, so voll von Dokumenten steckte sie, aber dennoch fand er ein Plätzchen für den Zettel, und nachdem er sodann das Portefeuille sorgsam geschlossen, verstaute er es mit einer Art von feierlichem Taschenspielerkunstgriff wieder in derselben Gegend, aus der er es hervorgeholt hatte.

Ohne ein Wort zu sprechen, entfernte er sich schließlich mit einem abermaligen Bückling. Dabei öffnete er die Türe nicht weiter, als zum Hinauskommen unbedingt nötig war, und schloß sie so sorgfältig wie zuvor.

Den Rest des Morgens verbrachte der Präsident der Assekuranzgesellschaft damit, daß er unterschiedliche neue Anmeldungen zu Leibrenten, Käufen und Lebensversicherungen gnädigst mit seiner Unterschrift versah.

Die Gesellschaft hatte wahrhaftig Grund, den Kopf hoch zu tragen, denn es regnete nur so Policen über Policen.

28. Kapitel


28. Kapitel

Mr. Montague in seinem Heim und Mr. Jonas Chuzzlewit in dem seinigen

Es gab viele gewichtige Gründe, die Mr. Jonas Chuzzlewit lebhaft zugunsten des Planes einnahmen, den ihm der kühne Schöpfer desselben so keck und offen dargelegt hatte. Vor allem waren da drei besonders einleuchtende Punkte: Erstens konnte man Geld dabei machen, zweitens hatte das Geld einen eigentümlichen Zauber, da es schlauerweise auf anderer Leute Kosten gewonnen wurde, und drittens war mit dem ganzen Plan Auszeichnung und Anspruch auf ein gewisses Ansehen verbunden. Ein Direktorium ist an sich schon eine ehrfurchtgebietende Institution und ein Präsident ein gewaltiger Mann.

»So einen famosen Schnitt zu machen, einem Haufen Leute befehlen zu können und dabei gleichzeitig Gelegenheit zu haben, in gute Gesellschaft zu kommen – das ist keine so schlechte Sache«, dachte Jonas. Die beiden letzten Erwägungen spielten wohl angesichts seiner Habsucht nur eine untergeordnete Rolle, dessenungeachtet aber war er – um so mehr, als er wußte, daß ihm seine Persönlichkeit, sein Benehmen, sein Ruf und seine Gaben keinerlei Achtung erwerben konnten – äußerst begierig nach Macht und in seinem Herzen mindestens ein ebenso großer Tyrann, wie nur irgendein belorbeerter Eroberer, von dem die Geschichte weiß, es sein konnte.

Trotzdem nahm er sich vor, mit aller Schlauheit und der nötigen Vorsicht zu Werke zu gehen, namentlich aber den Grad der Vornehmheit in Mr. Montagues Privateinrichrung scharf ins Auge zu fassen. Bei seiner ganzen Hohlköpfigkeit fiel es ihm ebensowenig ein, daß dies gerade ausdrücklich in Montagues Wunsch liegen mußte, da er ihn doch sonst in so einem kritischen Moment nicht zu sich gebeten haben würde. Ebensowenig dachte er in seiner hohen Meinung von sich selbst an die Möglichkeit, das erwähnte Kraftgenie könne ihn in irgendeiner Weise zu überbieten imstande sein, hatte Tigg doch gleich anfangs selbst gesagt, er (Jonas) sei zu scharfsinnig für ihn, und Jonas glaubte dies augenblicklich, trotzdem er in anderer Hinsicht selbst einem Eide mißtraut hätte.

Mit zögernder Hand und doch mit dem schwachen Versuch, selbstbewußt aufzutreten, klopfte er an die Haustüre seines neuen Freundes in Pall Mall, als die bestimmte Stunde gekommen war. Mr. Bailey erschien sogleich und öffnete. Er war durchaus nicht stolz, sondern augenscheinlich sehr geneigt, von Jonas Notiz zu nehmen. Doch Jonas hatte ihn offenbar vergessen.

»Ist Mr. Montague zu Hause?«

»Dös glaub‘ i! Und’s Essen wartet a schon«, sagte Mr. Bailey mit der ganzen Nonchalance eines alten Bekannten. »Wollen S‘ Ihnern Hut mit naufnehmen oder ihn hier lassen?«

Mr. Jonas wollte ihn lieber unten lassen.

»Der alte Name, was?« fragte Bailey grinsend.

Mr. Jonas starrte ihn in stummer Empörung an.

»Sie erinnere Ihna woll nimmer an die alte Todgers«, fuhr Mr. Bailey fort und machte die Bewegung des Stiefelputzens. »Erinnern S‘ Ihna leicht nimmer, wie i Ihna angmeldt hab bei die jungen Damen? Es war halt doch a mordsmäßig alte Baracken, was? Und wie die Zeit vergeht, was? Aber sakrisch rausgmacht haben S‘ Ihna seitdem, was?« Ohne auf eine Anerkennung dieses Kompliments zu warten, führte er den Gast hinauf, meldete ihn und zog sich mit vertraulichem Blinzeln zurück.

Das untere Stockwerk des Hauses hatte ein wohlhabender Kaufmann inne. Mr. Montague bewohnte den oberen. Es war eine wahrhaft glänzende Wohnung! Das Zimmer, in dem Mr. Tigg Jonas empfing, war geräumig, elegant und mit ausgesuchter Eleganz möbliert. Gemälde, Kopien antiker Statuen aus Alabaster und Marmor, Porzellanvasen, hohe Spiegel, karmesinrote Vorhänge von schwerster Seide, vergoldetes Schnitzwerk, üppige Sofas, Schreibtische, mit kostbarem Holz eingelegt, und kostbare Nippesgegenstände jeder Art vervollständigten in luxuriösester Weise die Inneneinrichtung. Die einzigen Gäste außer Jonas waren der Doktor, der Sekretär und noch zwei andere Herren, die Montague jetzt in aller Form vorstellte.

»Mein teuerster Freund, ich bin ganz entzückt, Sie bei mir zu sehen. Jobling kennen Sie schon, glaube ich?«

»Das will ich meinen«, rief der Doktor scherzhaft und trat aus dem Kreise heraus, um dem neuen Gast die Hand zu drücken. »Ich schmeichle mir, diese Ehre zu haben. Ich hoffe, daß Sie mich noch nicht vergessen haben. Wie ich sehe, mein wertgeschätzter Herr, befinden Sie sich wohl, und das ist gut.«

»Mr. Wolf«, stellte Montague weiter vor, als ihn der Doktor zu Wort kommen ließ – »Mr. Chuzzlewit, – – Mr. Pip – Mr. Chuzzlewit.« Beide Herren fühlten sich ebenfalls außerordentlich glücklich, die Ehre zu haben, Mr. Chuzzlewits Bekanntschaft zu machen.

Der Doktor zog Jonas ein wenig beiseite und flüsterte ihm hinter der Hand zu:

»Männer von Welt, mein wertgeschätzter Herr – Männer von Welt! Hm, Mr. Wolf ist Literat – tun Sie, als ob Sie’s nicht wüßten – gibt ein famoses Wochenblatt heraus – bemerkenswert geschickter Bursche. Mr. Pip – vom Theater, ein ganz kapitaler Mensch – höchst kapitaler Mensch.«

»Nun«, sagte Mr. Wolf laut, verschränkte die Arme und nahm ein Gespräch wieder auf, das durch Jonas‘ Ankunft unterbrochen worden war, »nun, und was sagte Lord Nobley darauf?« »Verdammt nochmal«, entgegnete Pip, »er war einfach sprachlos. Aber Sie wissen doch, was für ein famoser Bursche Nobley ist.«

»Der famoseste Bursche unter der Sonne«, rief Wolf. »Vorige Woche noch sagte er zu mir: ›Zum Teufel, Wolf, ich hatte eine Pfründe zu vergeben, und wenn Sie nur auf der Universität gewesen wären – hol mich dieser und jener –, ich hätte einen Pfaffen aus Ihnen gemacht.‹«

»Sieht ihm ganz ähnlich!« jubelte Pip. »Und er hätt’s getan. Meiner Seel!«

»Ja, ja, so sicher wie nur was«, bekräftigte Wolf. »Aber Sie wollten uns doch erzählen –«

»Ja, ja«, rief Pip, »freilich. Also anfangs blieb er ganz stumm wie ein Fisch – wie ein Toter –, aber nach einer Minute sagte er zu dem Herzog: ›Fragen Sie Pip! Da ist Pip. Pip, unser gemeinsamer Freund. Fragen Sie Pip, er weiß es sicher.‹ ›Verdamm mich‹, sagte der Herzog. ›Na, gut, dann will ich mich an Pip wenden. Also raus mit der Sprache, hat sie krumme Beine oder nicht? Nur raus mit der Sprache!‹ ›Sie hat krumme Beine, Euer Durchlaucht, oder ich bin ganz blödsinnig.‹ – ›Bravo, Pip, gut gesprochen. – Pip, hol mich dieser und jener, wenn Sie nicht ein ganz famoser Kerl sind. Setzen Sie mich auf Ihre Besuchsliste, wenn ich in London bin, Pip‹ – und das hab ich getan, wahrhaftig ja.«

Der Schluß dieser Geschichte befriedigte ungemein, und die Ankündigung, daß das Dinner bereitstehe, nicht minder. Jonas begab sich mit seinem distinguierten Wirt in den Speisesaal und setzte sich zwischen ihn und seinen Freund, den Doktor. Die übrigen nahmen ihre Plätze ein wie Leute, die sich ganz zu Hause fühlen, und ließen dem Mahle volle Gerechtigkeit widerfahren.

Es war übrigens auch so vorzüglich, wie es sich nur für Geld oder auf Pump verschaffen ließ. Die Gerichte, der Wein und die Früchte konnten geradezu auserlesen genannt werden, und alles wurde auf das eleganteste serviert. Das Silberzeug war prachtvoll.

Mr. Jonas war eben im Geiste mit einem Überschlag begriffen, was es wohl gekostet haben möge, als er von seinem Wirte in seinen Grübeleien unterbrochen wurde. »Ein Glas Wein gefällig?«

»Oh«, murmelte Jonas, der sich bereits mehrere Gläser zu Gemüt gezogen, »selbstverständlich. Mit Vergnügen und soviel Sie wollen. Der Wein ist zu gut, als daß man auf eine solche Frage ›nein‹ sagen könnte.«

»Wohl gesprochen, Mr. Chuzzlewit«, rief Wolf.

»Tom Gag, der Possenreißer, ist nichts dagegen«, bekräftigte Pip.

»Allerdings. Wissen Sie, es ist, ha, ha, ha«, bemerkte der Doktor, legte einen Augenblick Gabel und Messer aus der Hand, um gleich darauf wieder emsig einzubauen, »– ein geradezu epigrammatischer Ausspruch.«

»Ich hoffe, Sie fühlen sich wohl bei mir?« fragte Mr. Tigg halblaut Jonas.

»Na, deswegen brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen. – Famos!« – knurrte Jonas kauend.

»Ich hielt es für das beste, keine Gesellschaft einzuladen«, erklärte Tigg. »Hatte ich nicht recht?«

»Na, und wie nennen Sie denn das hier?« fragte Jonas. »Sie wollen mir doch nicht weismachen, daß Sie täglich so dinieren, wie?«

»Lieber Freund«, sagte Mr. Montague achselzuckend, »jeden Tag esse ich so und nie anders, wenn ich überhaupt zu Hause speise. Das ist so mein gewöhnlicher Stil. Ich dachte mir, wozu Ihretwegen große Umstände machen und was Ungewöhnliches herrichten. Sie hätten es ja doch gleich gemerkt. – – ›Haben Sie Gesellschaft?‹ fragte mich Crimple. Nein, ich wünsche es nicht«, sagte ich, »er soll uns nehmen, wie wir sind.«

»Verdammt fein leben Sie hier«, staunte Jonas. »Muß übrigens ein nettes Stück Geld kosten.«

»Um Ihnen die Wahrheit zu gestehen, allerdings, das tut es«, gab Mr. Tigg zu, »aber ich liebe es so. Ich schmeiße ganz gern auf diese Art Geld raus.«

Jonas blies die Backen auf.

»Wenn Sie uns beitreten, glaube ich, werden Sie Ihren Nutzanteil wohl auf andere Weise anbringen, wie?«

»Ja. Allerdings«, gestand Jonas. »Und da werden Sie auch ganz recht haben«, sagte Mr. Tigg mit freundschaftlicher Offenherzigkeit. »Sie brauchen so was nicht. Es ist auch nicht nötig. Bei uns braucht es immer nur einer zu tun, um das Ansehen der Gesellschaft zu wahren. Und da ich ein Vergnügen daran finde, so habe ich mir’s eben zur Pflicht gemacht. Es ist lediglich mein Departement. – – Sie machen sich doch hoffentlich nichts daraus, auf anderer Leute Kosten fein zu speisen?«

»Nicht das geringste.«

»Nun, dann hoffe ich, werden Sie so freundlich sein und öfters mit mir dinieren.«

»Na, dagegen hätte ich gerade nichts. Im Gegenteil.«

»Ich werde mich hüten, beim Wein mit Ihnen von Geschäften zu sprechen, das schwöre ich Ihnen«, fuhr Mr. Tigg fort. »Sie zeigten sich heute morgen verflucht gerieben. Übrigens, das muß ich denen da mal erzählen. Es wird ihnen einen Mordsspaß machen. Hallo, hör mal, Pip, mein Junge, ich muß dir da einen famosen kleinen Spaß erzählen von meinem Freund, Mr. Chuzzlewit hier. Er ist der schlaueste Bursche, den ich kenne, ich gebe dir mein heiliges Ehrenwort darauf. Der schlaueste Bursche unter der Sonne.«

Mr. Pip beteuerte mit einem fürchterlichen Eide, er sei schon längst überzeugt davon gewesen, trotzdem wurde aber die Anekdote erzählt und als ein Beweis von Mr. Jonas‘ kaufmännischem Genie mit lautem Beifall aufgenommen. Sodann gab Mr. Chuzzlewit selbst einige Proben seiner Geriebenheit zum Besten, da er nicht zurückstehen wollte, und Mr. Wolf, der darin mit ihm wetteiferte, tischte einige Glanzpunkte aus einem oder zwei ungeheuer humoristischen Artikeln auf, an denen er soeben arbeitete. Seine Witze, die, wie er es nannte, heiß genossen werden mußten, ernteten großes Lob, und die ganze Gesellschaft erklärte sie einstimmig für außerordentlich geistreich.

»Lebemänner, mein werter Herr!« flüsterte Jobling Jonas zu. »Durch und durch Leute von Welt. Für einen mehr wissenschaftlichen Menschen wie mich ist es geradezu eine Wohltat – eine Erfrischung sozusagen –, einmal in solche Gesellschaft zu kommen. Nicht nur angenehm – und nichts kann angenehmer sein –, es ist auch philosophisch belehrend, es ist ein Charakterstudium, mein werter Herr, ein wirkliches Charakterstudium!«

Es ist so erfreulich, wahres Verdienst, wo immer es sich im Leben zeigen mag, nach Gebühr zu würdigen, daß die allgemein harmonische Stimmung der Gesellschaft ohne Zweifel nicht wenig erhöht wurde durch den Umstand, daß man wußte, in welch hohem Ansehen bei den oberen Klassen der Gesellschaft und bei den ritterlichen Verteidigern des Vaterlandes in der Armee sowohl wie in der Flotte – namentlich aber bei der ersteren – die beiden »Herren von Welt« standen. Die unbedeutendsten ihrer Anekdoten fingen mit einem Oberst an, die Lords waren darin so wohlfeil wie ihre Flüche, und selbst das königliche Blut floß durch den schlammigen Kanal ihrer persönlichen Erinnerungen.

»Ich fürchte, Mr. Chuzzlewit hat ihn nicht gekannt«, sagte Mr. Wolf mit Bezug auf eine Person von höchster Abkunft, die in seiner letzten Anekdote figuriert hatte.

»Nein«, erklärte Mr. Tigg, »aber wir müssen ihn mit derartigen Leuten in Berührung bringen.«

»Er hatte ein großes Faible für die Literatur«, bemerkte Mr. Wolf.

»So?« sagte Mr. Tigg.

»Ja, ja. Er hielt mein Blatt viele Jahre. Wissen Sie, daß er selbst zuweilen einen Witz einschickte, der gar nicht so übel war? So fragte er zum Beispiel einen Herzog, der ein Freund von mir ist (Pip kennt ihn): Wie heißt der Herausgeber? – Wolf? – Wolf, so? Verflucht scharfes Gebiß, dieser Wolf, wir dürfen ihn nicht nennen, sonst kommt er ›gerennt‹ wie’s im Sprichwort heißt. Das war doch famos, und da es obendrein ein Kompliment war, ließ ich’s natürlich drucken.«

»Teufelsbund – der Herzog ist ein famoser Bursche«, bestätigte Pip, der jeden neuen Satz mit einem ganz besonders erfundenen Fluche zu begleiten beliebte. »Der Herzog ist ein Mordskerl. Kam er da neulich in unsere Garderobe, um eine kleine Schauspielerin nach Hause zu begleiten – etwas angesäuselt, aber nicht viel –, und fragte: ›Wo ist Pip? Ich will zu Pip! Man schaffe den Pip her!‹ Machen Sie doch nicht so’n Radau, Mylord! sagte ich. ›Dieser Shakespeare ist doch ein ekliger Gehirnfatzke‹, meinte er. ›Was ist denn eigentlich Gutes an Shakespeare? Habe ihn übrigens nie gelesen. Was zum Teufel ist denn dran, Pip? ’ne Masse Füße haben seine Verse, na ja, aber in seinen Dramen kommen keine Beene vor, die der Rede wert wären. Was meinen Sie dazu, Pip? Julia, Desdemona, Lady Macbeth, und wie sie alle heißen, könnten geradesogut gar keine Beine haben; wenigstens kriegt das Publikum nichts davon zu sehen. Warum bringt er da nicht lieber gleich die Miss Biffins – die Dame ohne Unterleib – auf die Bühne? Ich will Ihnen sagen, was an dem ganzen Shakespeare dran ist. Was die Leute dramatische Poesie nennen, ist nichts als ne Sammlung von ekligen Predigten. – Geh ich vielleicht ins Theater, um mich erbauen zu lassen? Nö, Pip. Wenn ich das wollte, ginge ich in die Kirche. Was ist der eigentliche Zweck der Dramen, Pip? Menschennatur. Und was sind Beene? Ooch Menschennatur! Also jefälligst Beene her! Sie, Pip, Sie sin mein Mann!‹ – Und ich sag es mit Stolz«, fügte Mr. Pip hinzu, »daß er mir wirklich von jeher sehr gewogen war.«

Die Unterhaltung wurde bald allgemein, und Mr. Jonas, um seine Meinung über das Thema »Poesie« befragt, erklärte sich ganz und gar mit Mr. Pip einverstanden, der darüber höchlichst erfreut schien. Und wirklich hatten auch Mr. Pip sowohl wie Mr. Wolf so viel mit Mr. Jonas gemein, daß sie bald sehr vertraut miteinander wurden, was Jonas, zumal die Flasche immer schneller kreiste, nach und nach sehr redselig stimmte. Wie immer in solchen Fällen gewann er dadurch jedoch nicht an Liebenswürdigkeit. Da er kein anderes Mittel zu haben glaubte, um sich mit den andern auf gleich und gleich zu stellen, als jene Schlauheit und Verschlagenheit, derentwegen man ihm bereits so viele Komplimente gemacht, so ließ er diese Eigenschaften in ihrem blendendsten Lichte strahlen und tat so schlau und scharfsinnig, daß er sich selbst überlistete und sich mit seinen scharfen Werkzeugen selbst die Finger zerschnitt.

Es lag so ganz in seiner Art und Weise, sich auf Kosten seines Wirtes, der so viel verschwendete, ohne etwas davon zu haben – wie er glaubte –, darüber lustig zu machen, daß man ihm ein so kostbares Mahl vorgesetzt habe, daß sogar in einer so zweideutigen Gesellschaft dieses Experiment hätte Anstoß erregen können, aber Mr. Tigg und Mr. Crimple, die ihren Mann bis in seine tiefsten Tiefen zu erforschen vorhatten, schürten ihn ununterbrochen, denn je mehr er sich gehen ließ, desto schneller erreichten sie ihren Zweck. Während so der eitle Pinsel meinte, er habe sich nach Igelweise zusammengerollt und die schärfsten Stacheln nach außen gekehrt, verriet er ihrer unablässigen Wachsamkeit nur alle seine verwundbaren Stellen.

Ob nun die beiden Gentlemen, die soviel zur Bereicherung der philosophischen Erfahrungen des Doktors beitrugen (der Doktor, beiläufig gesagt, entfernte sich in aller Stille, nachdem er seine gewohnte Quantität Wein getrunken), die Anleitung zu dieser Taktik unmittelbar von ihrem Wirte hatten oder sich nach dem richteten, was sie hörten und sahen, jedenfalls spielten sie ihre Rollen ausgezeichnet. Sie ersuchten Jonas um die Ehre seiner nähern Bekanntschaft und hofften, sie würden das Vergnügen haben, ihn bald in jene höhern Kreise einzuführen, in denen zu glänzen er direkt geschaffen sei. Auf die liebenswürdigste Weise versicherten sie ihm, daß sie mit allem Einfluß, der ihnen zu Gebote stünde, ganz zu seiner Verfügung seien. Mit einem Wort, sie sagten: »Seien Sie doch einer von uns.« Und Jonas versicherte, er sei ihnen unendlich verbunden, wobei er natürlich innerlich hinzusetzte: »Solang ihr mich freihaltet, kann mir auf der Welt doch nichts angenehmer sein.«

Nach dem Kaffee, der im Salon genommen wurde, bekam die Unterhaltung, die zumeist von Mr. Wolf und Mr. Pip bestritten wurde, etwas sehr stark Gepfeffertes. Als sie endlich erlahmten, nahm Jonas den Faden auf und ließ das Licht seiner Gerissenheit leuchten, das heißt, er fragte, was das oder jenes Möbelstück gekostet habe, gab seine Meinung ab, wieviel es in Wirklichkeit wert sei, und so weiter. Bei alledem glaubte er Mr. Montague grausam herabzusetzen und die eigenen Vorzüge aufs glänzendste herauszustreichen. Ein paar Gläser Champagnerpunsch frischten dann abermals die Abendunterhaltung, wenn auch nur vorübergehend, wieder auf, und nachdem die Gespräche zu einigen etwas lärmenden und nicht ganz verständlichen Erörterungen geführt hatten, entfernten sich die beiden Lebemänner, und Mr. Jonas schlief auf einem der Sofas ein.

Da man ihm nicht mehr begreiflich machen konnte, wo er sich befand, so erhielt Mr. Bailey den Auftrag, einen Fiaker zu holen, um den Herrn nach Hause zu bringen. Es war beinah drei Uhr morgens.

»Hat er angebissen?« flüsterte Crimple seinem Associé zu, als Sie den Schlafenden aus einer Ecke des Zimmers heraus beobachteten.

»Fraglos«, versetzte Tigg ebenso leise, »und zwar, wie mir scheint, sehr gründlich. Ist Nadgett übrigens hier gewesen?«

»Ja. Ich ging zu ihm hinaus. Als er hörte, daß Sie Gesellschaft hätten, entfernte er sich wieder.«

»Warum denn?«

»Er sagte, er wolle gleich am Morgen, noch ehe Sie aufgestanden wären, wiederkommen.«

»Da muß ich Auftrag geben, daß er sogleich in der Frühe heraufgeschickt wird«, rief Mr. Tigg. »Heda! Da ist ja der Junge! Also Bailey, fahren Sie den Herrn nach Haus und sorgen Sie dafür, daß er gut zu Bett kommt. – Hallo! Mr. Chuzzlewit, wachen Sie doch auf!«

Mit Mühe brachten sie Jonas in eine aufrechte Stellung und halfen ihm die Treppe hinab, stülpten ihm dann den Hut auf den Kopf und hoben ihn in den Fiaker. Mr. Bailey schloß den Schlag, stieg auf den Bock neben den Kutscher und rauchte mit der Miene besondern Behagens eine Zigarre, denn die Aufgabe, die ihm zuteil geworden, hatte einen gewissen flotten und sportartigen Charakter, der seinem Geschmacke außerordentlich zusagte.

Als sie vor dem Haus in der City angekommen waren, sprang Mr. Bailey herunter und gab seinen lebhaften Empfindungen durch ein Klopfen Ausdruck, desgleichen in diesem Stadtviertel wahrscheinlich seit dem großen Brande in London nicht mehr gehört worden war. Dann trat er auf die Straße hinaus, um die Wirkung seiner Heldentat zu beobachten, und bemerkte, daß ein trübes Licht, das vorher am oberen Fenster sichtbar gewesen, bereits weggenommen war und offenbar die Treppe herunterwandelte. Um sich über die Person des Lichtträgers zum voraus Gewißheit zu verschaffen, eilte Mr. Bailey wieder zur Türe zurück und hielt sein Auge ans Schlüsselloch.

Sie selbst, die einst so Lustige, war es, die jetzt traurig und seltsam verändert herunterkam. So abgehärmt und niedergeschlagen, so unsicher und furchtsam, so gedemütigt und gebrochen sah sie aus, daß es wohl niemanden besonders überrascht hätte, sie ruhig im Sarge liegen zu sehen.

Sie stellte die Kerze im Vorhaus nieder und legte die Hand aufs Herz, dann drückte sie sie auf die Augen und an ihre fiebernde Stirn, sich dabei mit so unstetem hastigem Schritt der Türe nähernd, daß Mr. Bailey gänzlich seine Fassung verlor und immer noch in gebückter Stellung vor dem Schlüsselloch stand, als die Türe bereits aufging.

»Aha«, sagte er verlegen, »da sind Sie ja. Was gibt’s? Sie sind doch nicht krank?«

Trotz ihres Erstaunens über das Wiedersehen und über das veränderte Äußere des jungen Gentlemans schlich so viel von ihrem alten Lächeln wieder über ihr Gesicht, daß sich Baileys Miene aufheiterte. Aber schon im nächsten Augenblick war er wieder betrübt, denn er sah, daß Tränen in ihren Augen standen.

»Erschrecken Sie nicht«, sagte er, »es ist nix weiter passiert. Ich bring nur Mr. Chuzzlewit heim – er ist nicht krank – nur a bissel benebelt.«

Und dabei machte er eine taumelnde Bewegung, um Jonas‘ Zustand von Betrunkenheit mimisch auszudrücken.

»Kommt Ihr von Mrs. Todgers?« fragte Gratia zitternd.

»Von Mrs. Todgers?! Gott bewahr!« rief Mr. Bailey. »Mit der hab ich schon lang nix mehr zu schaffen. Die Bekanntschaft is jetzt aus. Er hat bei meinem Herrn im Westend diniert. Haben S‘ denn net gewußt, daß er bei uns is?«

»Nein«, versetzte Gratia mit matter Stimme.

»Na, bei uns geht’s hoch her, das kann ich Ihnen sagen. – Bleiben S‘ doch drin, damit S‘ Ihna net verkühlen, i wer ihn scho aufwecken.«

Mr. Bailey drückte in seinem ganzen Wesen eine so vollkommene Zuversicht aus, als sei er imstande, im Notfall den Schlafenden mit Leichtigkeit auf den Rücken zu nehmen, öffnete den Kutschenschlag, ließ den Tritt herunter, rüttelte Mr. Jonas auf und rief ihm ins Ohr:

»Wir sin jetzt z‘ Haus, wackeln S‘ gefälligst außer!«

Mr. Jonas Chuzzlewit war inzwischen so weit zu sich gekommen, um dieser Aufforderung entsprechen zu können, und plumpste zum Wagen heraus auf einen Kehrichthaufen, dabei die Persönlichkeit Mr. Baileys in nicht geringe Gefahr bringend. Als er sich auf das Pflaster gerettet, richtete ihn Mr. Bailey zuerst von vorn auf, schob dann gewandt von hinten nach und bugsierte ihn, nachdem er ihm auf solche Weise zu einer aufrechten Stellung verholfen, ins Haus.

»Gengan S‘ mit der Kerzen voraus«, bedeutete er Mrs. Jonas, »Sie brauchen net so zittern, er wird Ihna nix tun. I wenigstens, wann i a bissel z‘ vüll übern Durst trunken hab, bin die Gutmütigkeit selber.«

Gratia ging voran. Nach verschiedentlichem Hinundherstolpern und Herumtaumeln erreichten endlich ihr Gatte und Mr. Bailey das Wohnzimmer im ersten Stock, wo Jonas sich in einen Stuhl fallen ließ.

»So«, ächzte Mr. Bailey, »jetz is er scho wieder ganz beisamm. Lieber Gott, Sie brauchen doch net zu weinen. A Rausch is besser als a Fieber.«

Da saß jetzt der scheußliche Kerl mit zerknülltem Anzug, gedunsenem Gesicht und zerrauftem Haar, mit verglasten Augen um sich starrend, bis er allmählich zur Besinnung kam. Als er seine Gattin erkannte, schüttelte er die geballte Faust gegen sie.

»Oha!« rief Mr. Bailey in plötzlichem Grimm und legte sich zur Boxerstellung aus. »Was? Boshaft wollen S‘ a no sein? Da halten S‘ Ihna aber jetzt gfälligst zruck. Dös lassen S‘ lieber bleiben.«

»Ich bitte, gehen Sie fort«, flehte Gratia. »Bailey, mein lieber Junge, gehen Sie nach Hause! – Jonas«, flüsterte sie und beugte sich zu ihrem Gatten nieder, »Jonas!«

»Da schaue einer«, lallte Jonas und stieß sie mit ausgestrecktem Arm zurück, »da schaue einer! Seht sie nur an! Ein nette Bescherung, so was für einen Mann!«

»Lieber Jonas –« »Zum Teufel, ›lieber Jonas‹«, versetzte er mit heftiger Gebärde. »Eine hübsche Kette, um sie das ganze Leben mit sich zu schleppen! Du quieksende, weißgesichtige Katze, geh mir aus den Augen!«

»Ich weiß, du meinst es nicht im Ernst, Jonas! Du würdest nicht so sprechen, wenn du nüchtern wärst.«

Mit erkünstelter Heiterkeit reichte Gratia Bailey ein Trinkgeld und bat ihn abermals, sich zu entfernen. Ihre Aufforderung war so dringend, daß der junge Mann nicht den Mut hatte, länger zu bleiben. Im Flur unten machte er jedoch noch einmal halt und horchte.

»Ich würde nicht so reden, wenn ich nüchtern wäre?« rief Jonas. »Du mußt das natürlich besser wissen. Hab ich’s vielleicht im nüchternen Zustand nicht schon oft gesagt?«

»Leider sehr oft«, schluchzte Gratia unter Tränen.

»Hör mal«, gurgelte Jonas und stampfte mit dem Fuß auf den Boden, »ich habe lang genug im Brautstand deine Launen fühlen müssen, jetzt sollst du mal meine ertragen. Ich habe mir das schon damals vorgenommen. Deswegen hab ich dich geheiratet. Wegen nichts sonst. Ich will jetzt sehen, wer der Herr und wer der Sklave ist.«

»Der Himmel weiß, daß ich gehorsam bin«, jammerte die junge Frau. »Mehr als ich selbst glaubte, je sein zu können.«

Jonas lachte in trunkener Freude auf.

»Begreifst du’s endlich, was? Nur Geduld, du wirst’s schon lernen, mit der Zeit. Ja, ja, Kobolde haben auch Klauen, mein Schatz. Jede geringschätzige Behandlung, jeden Possen, den du mir gespielt, jede Unverschämtheit, die du dir gegen mich erlaubt hast, will ich dir hundertfach zurückzahlen. Wozu hätte ich dich denn sonst geheiratet? – – Jawohl dich!« schrie er mit roher Verachtung.

»Es besänftigt ihn vielleicht, wenn er mich das Bruchstück des kleinen Liedes singen hört«, dachte sie, »von dem er sonst zu sagen pflegte, daß es ihm gefiele.« Sie versuchte es mit gequältem Herzen, um ihn wieder für sich zu gewinnen.

»Oho!« fing er sogleich wieder an; »du bist also taub. Du hörst mich nicht, was? Um so besser für dich. – Ich hasse dich! – Ich hasse mich selbst, daß ich dumm genug war, mir eine solche Fessel ans Bein zu binden, nur um das Vergnügen zu haben, dich nach Belieben mit Füßen treten zu können. Ich habe jetzt von Möglichkeiten erfahren, die mich instand gesetzt hätten, überall nach Belieben anzukommen, aber ich würde dennoch ledig bleiben. Gerade jetzt täte es mir not, ledig zu sein wegen der Freunde, die ich seit heute kenne. Statt dessen bin ich hier an dich angeschmiedet wie an einen Block. – Pfui Teufel! Was zeigst du mir deine bleiche Fratze, wenn ich nach Hause komme? Natürlich bloß, damit ich immer wieder daran erinnert werden soll, was?«

»Wie spät es schon ist«, sagte Gratia mit krampfhafter Heiterkeit und öffnete nach einer Weile die Fensterladen. »Bereits heller Tag, Jonas.«

»Heller Tag oder dunkle Nacht, was geht das mich an«, lautete die zarte Antwort.

»Die Nacht ist mir ja schnell vergangen; ich bin gern aufgeblieben«, sagte Gratia demütig.

»Untersteh dich nur noch einmal, meinetwegen aufzubleiben«, murrte Jonas.

»Ich habe die ganze Nacht über gelesen«, entschuldigte sich Gratia, »ich fing an, als du ausgingst, und las noch, als du nach Hause kamst. Es war die seltsamste Geschichte, Jonas, die ich mir denken kann – und wahr ist sie, wie es in dem Buche heißt. Ich werde sie dir morgen erzählen.«

»So, so, eine wahre Geschichte!« höhnte Jonas.

»So steht’s wenigstens in dem Buch.«

»Steht vielleicht was drin von einem Mann, der fest entschlossen ist, sein Weib unterzukriegen? Ihren Dickschädel und ihre Launen zu brechen wie Nußschalen? Und sie, wenn’s darauf ankommt, auch unter die Erde zu bringen?«

»Nein, nicht ein Wort«, stammelte Gratia verwirrt.

»So? Nicht? Auch gut«, brummte Jonas, »und doch wird es in Bälde eine wahre Geschichte werden, wenn auch in keinem Buch etwas davon steht. Ich sehe schon wieder, es ist ein Lügenbuch – ein passendes Buch für eine lügnerische Person wie dich. Aber du bist ja taub, ich habe das ganz vergessen.« Abermals trat eine Pause ein, und Mr. Bailey wollte sich eben fortschleichen, machte aber noch einmal halt, als er Gratias Fußtritt auf dem Flur hörte. Sie ging, wie es schien, noch einmal zu ihrem Gatten hinauf und versprach ihm mit liebevollen Worten, sie wolle ihm nachgeben, seinen Wünschen Rechnung tragen und ihm gehorchen, sagte, daß sie bestimmt noch glücklich miteinander würden, wenn er nur nachsichtig gegen sie sein wolle. Er antwortete mit einem Fluch und –

Mit einem Schlag? Jawohl, mit einem Schlag.

Dennoch ertönte kein zorniger Ruf und kein Vorwurf; ihr Weinen und Schluchzen wurde dadurch erstickt, daß sie sich an ihn anklammerte. Sie sagte nur, es im Schmerze ihres Herzens immer und immer wiederholend: »Wie konntest – wie konntest – wie konntest du nur!«

Die übrigen Worte gingen in ihrem Schluchzen unter.

29. Kapitel


29. Kapitel

In dem sich manche Leute altklug benehmen, andere geschäftsmäßig, wieder andere geheimnisvoll, kurz, alle nach ihrer Weise

Vielleicht war es die unangenehme Erinnerung an alles, was er diese Nacht gehört und gesehen, vielleicht auch weiter nichts als die Entdeckung, daß er nichts zu tun hatte – genug, Mr. Bailey fühlte am folgenden Nachmittag ein sehnsüchtiges Verlangen nach angenehmer Gesellschaft und beschloß deshalb, seinem Freund Poll Sweedlepipe einen Besuch abzustatten.

Als die kleine Türglocke geräuschvoll die Ankunft eines Besuches meldete – denn Mr. Bailey kam mit einem ungestümen Ruck zur Türe herein, um ihr den lautesten Ton zu entlocken –, stand Mr. Poll Sweedlepipe sofort von der Betrachtung einer seiner Lieblingseulen ab und hieß seinen Freund herzlich willkommen.

»Nein, wie Sie bei Tag fein aussehen«, rief Poll, »viel feiner als beim Kerzenschein! Noch nie hab ich einen so gigerlhaften jungen Herrn gesehen.« »Na, macht sich, Polly. Wie geht’s übrigens unserer schönen Freundin?« – brummte Mr. Bailey.

»Oh, so ziemlich gut«, sagte Poll, »sie ist übrigens zu Hause.«

»Man sieht, daß sie mal ganz hübsch gwesen sein muß, die Sarah, Poll«, bemerkte Mr. Bailey mit vornehmer Gleichgültigkeit.

»Oh«, dachte Poll, »er ist alt. Er muß sehr alt sein.«

»Bissel ausm Leim gegangen, wissen S’«, fuhr Mr. Bailey fort, »bissel zu fett, Poll. Aber es gibt so manche, wo in ihrem Alter noch schlimmer ausschauen.«

»Sogar die Eule macht große Augen«, jubelte Poll. »Wundert mich übrigens nicht bei einem Vogel von solchem Verstand.«

Er hatte vorher gerade seine Rasiermesser abgezogen, und sie lagen jetzt offen in einer Reihe nebeneinander, während ein ungeheurer Streichriemen noch an der Wand hin und her baumelte. Als Bailey diese sachgemäßen Zurüstungen erblickte, strich er sich über das Kinn. Es schien ihm ein großer Gedanke gekommen zu sein. »Poll«, sagte er, »ich bin nicht so glatt ums Kinn rum, als ich gern wäre. Da ich grad hier bin, könnten S‘ mich eigentlich rasieren.«

Der Barbier machte große Augen, aber Mr. Bailey entledigte sich ohne weitere Umstände seiner Krawatte und setzte sich mit aller nur erdenklichen Würde und Zuversicht auf den Rasierstuhl. Sein Benehmen ließ keinen Widerspruch zu. Der Augenschein und das Zeugnis des Tastsinnes versagten, aber obgleich Mr. Baileys Kinn so glatt war wie ein frisch gelegtes Ei oder ein Edamerkäse, so würde Poll Sweedlepipe doch nicht gewagt haben, sogar vor Gericht in Abrede zu ziehen, daß Mr. Bailey einen Bart habe wie ein polnischer Rabbiner.

»Aber gefälligst nicht gegen den Strich, Poll«, ermahnte Mr. Bailey und legte sein Gesicht in würdevolle Falten. »Das bissel Backenbart können S‘ auch wegputzen, ich leg keinen großen Wert drauf.«

Der demütige kleine Haarkünstler starrte ihn an, blieb, Pinsel und Seifenbecken in der Hand, vor ihm stehen und rührte und rührte den Schaum um, in komischer Ungewißheit, als habe ihn ein satanisches Blendwerk behext. Endlich machte er mit dem Seifenpinsel einen Strich auf Mr. Baileys Wange, dann hielt er wieder inne, als ob die Fata Morgana des Bartes von seiner Berührung plötzlich wieder in nichts zerronnen sei. Da er jedoch von Mr. Bailey eine milde Ermutigung in Form eines beschwörenden: »Na, also was is denn?« zu hören bekam, seifte er endlich tüchtig darauf los. Selbstgefällig lächelte Mr. Bailey durch den Schaum.

»Nur nöt zu wild, Poll! Und über die Pickel müssen S‘ auf die Zehen weggehen.«

Poll Sweedlepipe nickte und schabte den Schaum mit auserlesener Sorgfalt wieder weg. Nach jedem Seifenklecks, der auf einer Serviette auf seiner linken Schulter deponiert wurde, schielte Mr. Bailey mit Späherblick, und wirklich schien er mit mikroskopisch vergrößerndem Auge darin einige Härchen zu entdecken; denn er murmelte mehr als einmal: »Verflucht fuchsig, Poll.«

Als die Operation glücklich vorüber war, trat Poll Sweedlepipe zurück und starrte Bailey wieder an, während dieser sich das Gesicht mit dem Handtuch abwischte und schwor, »daß es nach einer durchwachten Nacht für einen Mann keine größere Erfrischung gäbe, als sich rasieren zu lassen.«

Er war eben im Begriff, sich vor dem Spiegel in Hemdsärmeln seine Krawatte wieder umzubinden, und Poll hatte bereits sein Rasiermesser abgewischt, um es für den nächsten Kunden bereitzuhalten, als Mrs. Gamp die Treppe herunterkam und in den Raseurladen guckte, um Poll einen nachbarlichen schönen guten Morgen zu wünschen. Mr. Bailey hatte Mitleid mit ihr, annehmend, sie habe eine zärtliche Neigung zu ihm gefaßt, die er natürlich nicht erwidern konnte, und beeilte sich daher, ihr durch ein gütiges Wort ihr Schicksal zu erleichtern.

»Hallo«, sagte er, »Sarah! I brauch ja net fragen, wie’s Ihna die ganze Zeit über gangen is, denn i siech scho, Sie sin sakrisch aufm Damm. Ja ja, sie blüht und gedeiht, net wahr, Polly?«

»Da schau a mal aner die Keckheit von dem Buabn«, rief Mrs. Gamp, aber durchaus nicht mißvergnügt, »was dös für a klaner Spatz is. Net um fufzg Kronen möcht i die Mutter von ihm sein.«

Mr. Bailey erblickte darin ein zartes Zugeständnis ihrer Zuneigung und eine Andeutung, daß kein Geldgewinn sie für die Hoffnungslosigkeit ihrer Leidenschaft zu entschädigen vermöge. Er fühlte sich geschmeichelt; – eine – wenn auch unerwiderte – Zuneigung ist immer schmeichelhaft.

»O mein«, stöhnte Mrs. Gamp und ließ sich in den Rasierstuhl sinken, »der Patient im ›Ochsen‹, lieber Sweedlepipe, hat wirklich sein Bestes getan, mich aufzureiben. Von allen Quälgeistern in dem irdischen Jammertal kriegt der den ersten Preis.«

Es lag in der Taktik Mrs. Gamps und ihrer Kolleginnen, dergleichen von allen ihren Kunden zu behaupten, erstens einmal, weil es dazu diente, die Konkurrenz abzuschrecken, und zweitens, weil es bewies, daß die Krankenwärterinnen darauf angewiesen sind, sich gut verköstigen zu lassen.

»Und a Konstitution muß mer haben«, jammerte Mrs. Gamp, »wie a Ziegelstein, wenn mer’s aushalten soll. Die Harris hat erst neulich zu mir gsagt: ›Sarah Gamp‹, hat s‘ gsagt, ›wie is dös nur möglich?‹ Liebe Harris, hab i gsagt, mir verlassen uns halt net auf uns selbst, sondern auf die, was die Höchern sin. Un dös is jetzt unser religiöses G’fühl, und mir findn a jeds mal, daß mir net auf Sand baut ham. – ›Sarah‹, hat die Harris drauf gsagt, ›ja, ja, das ganze Lebn is a Heimsuchung und gleicherweis auch das End von alle Ding.‹«

Der Friseur murmelte leise etwas vor sich hin, was soviel bedeuten sollte, daß die Bemerkung der Mrs. Harris, wenn auch nicht ganz so verständlich, wie sich von einer derartigen Autorität erwarten lasse, so doch ihrem Kopf und ihrem Herzen gleiche Ehre mache.

»Und wie S‘ mich jetzt da sehn«, fuhr Mrs. Gamp fort, »so geh i jetzt zwanzg Meilen weit, so auf mir nix dir nix aufs ung’wisse naus, wie nur je eine a Reis gmacht hat. ›Sie mit Ihrem guten Herzen‹, hat noch die Harris zu mir gsagt, ›Sie wern natürli gehen, was? Sarah?‹ – Gott im Himmel, warum soll i denn net gehn, liebe Harris, hab i gsagt. Die Gill hat ihrer sechs Stück ghabt, und jedsmal hat s‘ den richtigen Zeitpunkt abpaßt. Is des jetzt wahrscheinli – i frag Ihna als a Mutter –, daß s‘ jetzt beim siebenten anfangt, schlampen zu werden? Mehr als einmal hab i ihm sagn hörn – hab i gsagt zu der Harris –, i mein nämlich ihren Gatten, mehr als einmal hab i ihm sagen hören, er will zwei Kronen wetten gegen an alten Kalender, daß er den Zeitpunkt bis auf den Tag und die Stund genau angeben kann. Is ’s da jetzt wahrscheinlich, liebe Harris, hab i gsagt, daß es grad dös ane Mal zu früh kommt? ›Na, dös is net anz’nehmen‹, hat s‘ gsagt ›aber‹, hat s‘ gsagt und die Tränen san ihr in die Augn g’stiegen, ›Sie wissen viel besser als i – bei Ihnerer Erfahrung, wie wenig nötig is, uns ausm Gleis und aus dem Lauf der Natur zu bringen. A Hanswurst‹, hat s‘ gsagt, ›a Schornsteinfeger, a großer Hund oder a B’soffener kommt zum Beispiel auf amal um die Ecken, und aus is. G’schehn is!‹ Und dös is wahr, Polly«, bekräftigte Mrs. Gamp, »da nutzt ka Leugnen net, und wenn mer a ganze Schachtel Weißzeug auch für die ganze Woch hält, so nehm i’s doch mit aner g’wissen Besorgnis mit, dös kann i Ihna versichern.«

»Weil Sie halt so eifrig in Ihrem Beruf sind«, sagte Poll, »Sie placken sich wirklich viel zu sehr ab.«

»Ja, jetzt dös is wahr«, rief Mrs. Gamp, erhob die Hände und schlug die Augen gen Himmel auf, »da sagn S‘ jetzt die Wahrheit – und wann S‘ es noch nie in Ihrem Lebn gsagt hätten. I fühl immer die Leiden von andre Leut mehr als meine eignen, wenn’s mir a kaner net glaubt. Die Familien, wo i scho ghabt hab, müßten a ganze Woch brauchen, wenn ma alles dös wüßt – und ehren tät, wem Ehre gebührt, um am St.-Pauls-Brunnen getauft zu werden.«

»Wohin wird Ihr Patient aus dem ›Ochsen‹ gehen?« fragte Mr. Sweedlepipe.

»Nach Har’forshire, wo er her is. Aber er mag hingehen, wohin er mag«, bemerkte Mrs. Gamp, »der kommt nimmer zu Kräften.«

»Steht es so schlimm?« fragte der Barbier neugierig. »Wirklich?«

Mrs. Gamp schüttelte geheimnisvoll den Kopf und warf die Lippen auf. »Wissen S‘, es gibt a geistigs und a körperliche Fieber«, erklärte sie. »Da kann eins Brausepulver nehmen, bis ’s in d‘ Luft geht, aber helfen tut dös nix mehr.«

»Oh!« rief der Barbier, riß die Augen auf und nahm eine Art Rabenphysiognomie an. »Lieber Himmel!«

»Ja, ja! So leicht kann mer sich machen wie a Luftballon«, beteuerte Mrs. Gamp, »aber, wenn’s oam net mehr recht im Kopf is und mer im Schlaf von gewisse Sachn spricht, so wird’s net mehr so leicht wieder besser.«

»Wovon spricht er denn?« fragte Poll und biß mit großem Interesse an seinen Nägeln. »Von Geistern?«

Mrs. Gamp, die sich durch des Raseurs anspornende Neugierde bereits weiter hatte verlocken lassen, als sie eigentlich anfangs wollte, schnüffelte bedeutsam und meinte, das gehöre nicht hierher.

»I fahr heunt nachmittag mit meim Patienten aufs Land«, fuhr sie fort, »zwoa oder drei Tag bleib i bei eam, bis er a Wärterin vom Land kriegt – hol der Teufel die Landwärterinnen; jede Gans versteht mehr vom G’schäft als wie a solchene –, und nacher komm i wieder. So, dös san jetzt meine Sorgen, Mr. Sweedlepipe. Aber i hoff, es wird alles recht und gut wern, solang i weg bin, und ang’nommen, wie die Harris sagt, die Gill trifft’s zur rechten Stund, so is mir jeder Tag oder jede Minutn in der Nacht ganz wurscht.«

Während aller dieser Bemerkungen, die Mrs. Gamp ausschließlich an den Barbier richtete, hatte Mr. Bailey seine Krawatte umgebunden, seinen Rock angezogen und schnitt nunmehr jetzt seinem Spiegelbild Fratzen. Da ihn Mrs. Gamp jetzt anredete, wandte er sich um und mischte sich in die Unterhaltung.

»Sie sin wohl net wieder in der innern Stadt gewesen«, fragte Mrs. Gamp, »seit mir uns zuletzt bei Mr. Chuzzlewit troffen habn?«

»O ja, Sarah, i bin erst heut nacht dort gewesen.«

»Heut nacht?« rief der Barbier.

»Jawohl, Poll. Sie könnten eigentlich grad so gut ›heut früh‹ sagen. Er hat nämlich bei uns dünürt.«

»Wen meint denn der Spatz mit seinem ›bei uns‹?« fragte Mrs. Gamp höchst ungeduldig.

»Mich und meinen Herrn, Sarah. Er hat in unserm Haus dünürt und war sehr lustig, Sarah – und zwar so, daß i ihn heut morgen in an Fiaker hab nach Haus bringen müssen.«

Mr. Bailey war eben im Begriff, noch mehr auszuplaudern, da erinnerte er sich plötzlich, wie leicht sein Herr Kunde von derartigen Indiskretionen erhalten könne und wie streng ihm Mr. Crimple eingeschärft, unter keinen Umständen über häusliche Angelegenheiten zu sprechen. Er hielt daher mit einem Ruck inne und fügte bloß hinzu: »Sie war noch auf und hat auf ihn gewartet.«

»Wenn mer die Sach bei Licht betracht’«, entgegnete Mrs. Gamp mit Schärfe, »so hätt s‘ scho was G’scheiters tun können. Sin die beiden freundlich mitanander g’west?«

»O ja«, antwortete Bailey, »so ziemlich.«

»Dös freut mi«, knurrte Mrs. Gamp mit einem zweiten bedeutsamen Schnüffeln.

»Sie sind noch nicht so lang miteinander verheiratet«, erklärte Poll, sich die Hände reibend, »um nicht noch eine Weile gut miteinander auszukommen.«

»Na ja«, brummte Mrs. Gamp mit einem dritten bedeutungsvollen Signal.

»Besonders«, fuhr der Barbier fort, »wenn der Herr einen so guten Charakter hat, wie Sie sagen.«

»I sag wie’s is, Mr. Sweedlepipe«, fiel Mrs. Gamp rasch ein. »Gott behüt, daß ’s anders wär, aber wissen können mir net, was in andere Leute ihnere Herzen vorgeht, und wenn wir Menschen Glasscheiben davor hätten, so müßt – dös kann i Ihna versichern – so manches von uns die Fensterladen vorlegen.«

»Aber Sie wollen damit doch nicht sagen – –?« begann Poll Sweedlepipe.

»Na, na«, erwiderte Mrs. Gamp schroff, »i sag gar nix. So was dürfen S‘ net von mir glaubn. Nöt amal am Scheiterhaufen möcht i so was tun. Alls, was i sag, is«, fügte die gute Frau hinzu, stand auf und warf sich ihren Schal um, »daß mer im ›Ochsen‹ auf mi wart und daß die Minuten lange Haxen ham.«

Bei seiner angeborenen Neugierde trug natürlich der kleine Barbier heftiges Verlangen, Mrs. Gamps Patienten zu sehen. Er machte daher Mr. Bailey den Vorschlag, die Dame mit ihm nach dem »Ochsen« zu begleiten, um die Abfahrt der Kutsche mit anzusehen. Der junge Herr war sofort einverstanden, und so gingen sie alle drei zusammen fort.

Als sie bei dem Gasthause angekommen waren, ließ Mrs. Gamp, die in vollem Reisestaat war – nämlich in ihrem letzten Traueranzug –, ihre Freunde im Hofe stehen und verfügte sich hinauf in das Krankenzimmer, wo ihre Kollegin, Mrs. Prig, den Patienten soeben ankleidete.

Der Kranke sah so abgezehrt aus, daß man seine Knochen klappern zu hören glaubte, wenn er sich bewegte. Seine Wangen waren tief eingefallen und seine Augen unnatürlich groß. Er lag im Armstuhl mehr wie ein Toter als wie ein Lebendiger und rollte seine tiefliegenden Augen, als Mrs. Gamp erschien, so qualvoll und schmerzlich nach der Türe, als sei selbst diese Anstrengung zu schwer für seine schwachen Kräfte.

»Na, und wie geht’s uns heut?« fragte Mrs. Gamp. »Wir sehn ja famos aus!«

»Da sehn mir famoser aus als mir sin«, entgegnete Mrs. Prig in etwas gereiztem Tone. »I glaub, mir sin mit dem linken Fuß ausm Bett aufg’standen. Nix is uns recht. I hab mei Lebtag noch kan solchen Kranken g’segn. Wär’s nach eahm gangn, so hätt er sich net amal waschen lassen.«

»Sie hat mir Seife in den Mund geschmiert«, klagte der unglückliche Patient mit schwacher Stimme.

»Warum habn S‘ ’s Maul net zug’halten?« schimpfte Mrs. Prig. »Für a halbe Krone im Tag soll mer leicht a no Obacht geben, was? Wann S‘ g’streichelt sein wolln wie a seidns Tuch, so müssen S‘ dafür zahlen.«

»O Gott, o Gott, o Gott«, stöhnte der Patient.

»Da hast du’s«, keifte Mrs. Prig. »So führt er sich auf, Sarah, seit i eahm ausm Bett außerzarrt hab. Ob dös a Mensch glauben soll?!«

»Anstatt dankbar zu sein«, stimmte Mrs. Gamp ein, »für alle unsre kleinen Mühen und Freundlichkeiten! Schämen S‘ Ihna!«

Sodann faßte Mrs. Prig den Patienten beim Kinn und begann seinen unglücklichen Kopf mit einer Haarbürste zu raspeln.

»I glaub, dös paßt Ihna a net, was?« fragte sie und pausierte, um ihn anzublicken.

Es war allerdings leicht möglich, daß die Sache dem Kranken nicht behagte, denn die Bürste war von der härtesten Art, die die moderne Kunst nur erzeugen kann, und seine Haut war schon ganz rot vom Reiben. Mrs. Prig, erfreut über die Richtigkeit ihrer Vermutung, sagte nur triumphierend, »sie kenne sich aus beim Wurstkessel«.

Als dem Patienten das Haar hübsch in die Augen heruntergekämmt war, banden ihm Mrs. Prig und Mrs. Gamp das Halstuch um und paßten ihm den Hemdkragen so geschickt an, daß ihm die gestärkten Enden beinahe die Augen ausstachen. Dann kamen Rock und Weste an die Reihe, deren Knöpfe regelmäßig in die falschen Knopflöcher gedrückt wurden; die Stiefel wurden gleichfalls verkehrt angezogen, kurz, der ganze Mann glich schließlich einer Vogelscheuche.

»Ich glaube nicht, daß es so recht ist«, stöhnte er verzweifelt, »mir ist, als stäke ich in den Kleidern eines andern. Alles hängt auf die eine Seite über, und Ihr habt mir das linke Hosenbein kürzer gemacht als das andere. Und da hab ich gar eine Flasche in der Tasche. Warum soll ich denn auf einer Flasche sitzen?«

»Da hol doch scho der Henker den Menschen!« rief Mrs. Gamp und zog ihm die Flasche aus dem Rock. »Ob er net mei Nachtflaschn da drin stecken hat! I hab sein Rock als Vorratsschrank benutzt, wie er hinter der Tür g’hängt hat. Wie aufn Tod hab i’s vergessen. Betsey, Sie werden a paar Zwiefeln, a Bröckerl Tee und Zucker in seiner andern Taschen finden, wann S‘ so gut sein wolln, meine Liebe, und neingreifen.«

Betsey Prig zog die genannten Gegenstände und noch andere Kramladenartikel aus der Tasche, und Mrs. Gamp schob sie in ihre eigene, die eine Art Nankinkorb darstellte. Dann wurden Erfrischungen in Gestalt von Koteletts und Doppelale für die Damen und ein Teller schwache Bouillon für den Patienten hereingebracht, und kaum waren alle drei mit ihrem Mahle zu Ende, als John Westlock auf der Bildfläche erschien.

»Bereits auf und angezogen?!« rief er und nahm neben dem Kranken Platz. »Das ist wacker! Nun, wie fühlen Sie sich?«

»Viel besser, aber nur noch sehr schwach.«

»Kein Wunder! Es hat sie auch ordentlich gepackt gehabt. Aber die Landluft und die Ortsveränderung werden einen neuen Menschen aus Ihnen machen«, sagte John. »Aber Mrs. Gamp«, setzte er lachend hinzu und suchte freundlich den Anzug des Kranken zu ordnen. »Sie haben kuriose Begriffe, wie ein Gentleman gekleidet geht.«

»Mr. Lewsome ist nicht so leicht in seine Kleider zu bringen«, entschuldigte sich Mrs. Gamp würdevoll, »dös können i und die Prig im Notfall vor dem Bürgermeister und dem ganzen Rat bezeugen.«

John stand ganz dicht vor dem Patienten und war eben im Begriff, ihn von der Qual der erwähnten Hemdkragenspitzen zu befreien, als dieser flüsternd sagte:

»Mr. Westlock, ich möchte nicht, daß man meine Worte hier hört, aber ich hätte Ihnen etwas höchst Seltsames mitzuteilen; etwas, das während dieser langen Krankheit mir schwer auf dem Herzen gelegen hat.«

Rasch wie immer, drehte sich John sogleich um und wollte den Weibern befehlen, das Zimmer zu verlassen, aber der Kranke hielt ihn am Ärmel zurück.

»Nicht jetzt! Ich habe nicht die Kraft dazu und auch nicht den Mut. Darf ich’s Ihnen sagen, wenn ich wieder dazu imstande bin? Darf ich’s niederschreiben, wenn ich wieder soweit kräftig bin?«

»Ob Sie dürfen, Lewsome!?« rief John. »Ja, was soll denn das heißen?«

»Fragen Sie mich jetzt nicht weiter. Es ist unnatürlich und schrecklich; es ist fürchterlich, daran zu denken, und furchtbar, es zu sagen, furchtbar, es zu wissen – furchtbar, dabei mitgeholfen zu haben. Lassen Sie mich Ihnen die Hand küssen für all das Gute, das Sie mir erwiesen haben. Seien Sie noch gütiger und fragen Sie mich jetzt nicht weiter.«

Anfangs starrte John den Kranken in großer Verwunderung an, dann jedoch dachte er daran, wie erschöpft der Mann sein müsse und daß sein Gehirn erst unlängst in Fieberflammen gestanden habe und daß er vielleicht an einem eingebildeten Schrecken oder einer verzweiflungserfüllten Phantasie leiden könne. Um sich näher über diesen Punkt zu unterrichten, nahm er Mrs. Gamp beiseite, während Betsey Prig den Patienten mit Mänteln und Schals einmummte, und fragte sie, ob Mr. Lewsome auch ganz bei Besinnung sei.

»Gott bewahr«, rief Mrs. Gamp, »er haßt seine Wärterinnen bis auf die jetzige Stund. So sin s‘ immer. Dös is a sichers Zeichen. Hätten S‘ nur g’hört, wie er mich und die Prig ausgescholten hat vor aner halben Stund noch! Sie möchten’s gar net glaubn, daß mir net scho längst im Grab liegen!«

Diese Worte bestätigten beinahe Johns Argwohn. Er nahm daher Lewsomes Ausspruch nicht weiter ernst, setzte sein gewohntes fröhliches Gesicht auf und führte mit Mrs. Gamps und Betsey Prigs Hilfe den Kranken die Treppe hinunter zum Wagen, der schon zur Abfahrt bereitstand.

Mr. Sweedlepipe lehnte an der Tür, die Arme verschränkt und die Augen weit aufgerissen, und sah mit ungeheurer Neugierde zu, wie der Kranke langsam in die Kutsche gehoben wurde. Die abgezehrten knochigen Hände und das hagere Gesicht machten auf ihn einen tiefen Eindruck, und flüsternd sagte er zu Mr. Bailey, er hätte den Anblick nicht für eine Guinee versäumen mögen. Mr. Bailey dachte anders und bemerkte, für fünf Schillinge wäre er mit Vergnügen weggeblieben.

Es war eine mühselige und schwierige Sache, Mrs. Gamps Gepäck zu ihrer Zufriedenheit im Wagen zu verstauen, denn jedes Stück mußte in eine besondere Abteilung des Kutschkastens kommen, damit nichts verwechselt werde, bei sonstiger Klage auf Schadenersatz gegen die Eigentümer des Fuhrwerks. Der Regenschirm mit dem kreisförmigen Flickstück war besonders schwer unterzubringen und streckte mehrmals zum Schrecken der übrigen Passagiere seine zerbeulte Metallspitze aus den ungehörigsten Spalten und Löchern hervor. In ihrer Angst, einen sichern Hafen für dieses unentbehrliche Möbelstück zu finden, hatte ihn Mrs. Gamp im Laufe von fünf Minuten so oft anders gelegt, daß man schließlich meinte, es mit mindestens fünfzig Stück zu tun zu haben. Endlich war er spurlos verschwunden, und nun folgte Mrs. Gamp fünf Minuten lang dem Kutscher auf Schritt und Tritt, sich hoch und teuer in fürchterlichen Schwüren ergehend, daß man ihr den Schaden ersetzen müsse, und wenn sie die Klage bis vor das Unterhaus bringen sollte. Endlich waren ihr Bündel, ihr Korb, ihre Überschuhe und alles andere glücklich verstaut. Freundlich nahm sie von Poll und Mr. Bailey Abschied, machte einen Knicks vor John Westlock und trennte sich von Mrs. Betsey Prig wie von einer teuern Schwester.

»I wünsch Ihna a Masse Krankheiten, liebe Freundin«, bemerkte sie, »und gute Plätz. Hoffentlich wird’s nimmer lang dauern, bis mir wieder amal gemeinschaftlich mitanander arbeiten, Betsey, und wann mir Glück ham, treffen mir uns in aner großen Familie, wo alls wia am Schnürl hergeht und a geschäftsmäßigs Aussehen hat.«

»I mach mir net viel draus, ob’s scho bald is oder ob’s noch a paar Wochen dauert«, sagte Mrs. Prig.

Mit einer ähnlich geistvollen Erwiderung näherte sich Mrs. Gamp sodann der Kutsche, stieß aber dabei mit einer Dame und einem Herrn zusammen, die gerade über den Fußsteig gingen.

»Achtung da! Vorgesehen!« rief der Gentleman. »Heda! Sie da! Aber herrje, das ist ja die Mrs. Gamp!«

»Jessas, der Herr Mould!« rief die Wärterin. »Und die Mrs. Mould! Na, wer hätt jetzt dös denkt, daß mir hier z’sammtreffen!«

»Sie wollen die Stadt verlassen, Mrs. Gamp?« rief Mr. Mould. »Das ist ja etwas höchst Ungewöhnliches!«

»Freilich is was Ungewöhnliches«, versetzte Mrs. Gamp, »aber nur auf ein paar Tag. Der Herr da«, flüsterte sie, »von dem i neulich gesprochen hab.«

»Wie? Der im Wagen?« fragte Mr. Mould. »Derselbe, den Sie uns zu rekommandieren gedachten? Sehr sonderbar! Meine Liebe, das wird dich interessieren. Der Gentleman, von dem Mrs. Gamp sagte, er werde uns wahrscheinlich einen zusagenden Bescheid geben, befindet sich hier im Wagen, meine Liebe.«

Mrs. Mould interessierte sich sehr dafür.

»Komm hierher, mein Schatz, da kannst du auf die Türschwelle treten und ihn ansehen. Dort, das ist er! Wo ist mein Augenglas? Ja, ja, ganz recht, das ist er. Siehst du ihn, meine Liebe?«

»Sehr gut!« entgegnete Mrs. Mould.

»Meiner Seel, das ist ein höchst auffallender Umstand«, wiederholte Mould höchlichst entzückt. »Das ist etwas, meine Liebe, das ich um keinen Preis hätte versäumen mögen. Interessant! Es kommt mir fast vor wie ein kleines Schauspiel. Ja, da sitzt er; – wahrhaftig! Er sieht sehr elend aus, liebe Frau – meinst du nicht?«

Mrs. Mould war ganz dieser Ansicht.

»Vielleicht kommt es doch noch zu einem Geschäft«, sagte Mould, »wer weiß! Ich glaube wahrhaftig, ich sollte ihm irgendeine kleine Aufmerksamkeit erweisen. Er kommt mir gar nicht wie ein Fremder vor. Ich möchte fast den Hut vor ihm lüften, meine Liebe!«

»Er sieht soeben zu uns herüber«, berichtete Mrs. Mould.

»Dann will ich’s riskieren«, rief Mould. »Wie steht das werte Befinden, mein Herr? Guten Tag, mein Herr! – Aha, er verbeugt sich – sehr feiner Herr das – Mrs. Gamp hat die Geschäftskarte in ihrer Tasche – wirklich sehr seltsames Zusammentreffen, meine Liebe – wirklich sehr angenehm. Ich bin nicht abergläubisch, aber es hat wahrhaftig den Anschein, als ob wir bestimmt seien, ihm die gewissen kleinen melancholischen Dienste zu erweisen, die zu unserm Geschäftszweige gehören. Ich sehe nicht ein, was dich übrigens hindern könnte, ihm eine Kußhand zuzuwerfen, meine Liebste!«

Mrs. Mould tat es.

»Ha, ha«, rief Mould, »er hat sich sichtlich darüber gefreut. Der arme Bursche, ich freue mich wirklich, daß du’s getan hast. – Adieu, adieu, Mrs. Gamp«, rief er der Wärterin, mit der Hand winkend, zu. »Da fährt er!«

Und so war es. Die Kutsche rollte bei diesen Worten davon. Mr. und Mrs. Mould nahmen in rosigster Laune ihren Weg wieder auf. Mr. Bailey zerrte an Poll Sweedlepipes Ärmel, allein es dauerte eine geraume Weile, ehe er seinen Freund vom Fleck zu bringen vermochte, solchen Eindruck hatte Mrs. Prigs auf den Barbier gemacht. Ihren Backenbart anstaunend, erklärte er sie für ein außerordentlich reizvolles Weib.

Als das bißchen Lärm vorüber war, das sich um den Wagen gesammelt hatte, sah man Nadgett mit gespannter Miene in der dunkelsten Ecke des Kaffeezimmers des »Ochsen« sitzen; wahrscheinlich hatte sich sein Freund, der bekanntlich niemals kam, schon wieder verspätet.

3. Kapitel


3. Kapitel

Es treten noch andere Personen auf

Mehr als einmal wurde bereits des »Drachen« gedacht, der gar so kläglich vor der Türe des Dorfwirtshauses hin und her pendelte und knarrte. Es war ein verblichener alter Drache, und so mancher Wintersturm voll Schnee, Regen, Graupeln und Hagel hatte seine hellblaue Farbe in ein mattes glanzloses Grau umgewandelt. Da hing er, in einem Zustande ungeheurer Schwäche sich auf den Hinterbeinen aufrichtend und mit jedem Monate undeutlicher und formloser werdend, so daß man glauben mußte, wenn man ihn auf der einen Seite des Aushängeschildes ansah, er müsse allmählich durchschmelzen und auf der Rückseite zum Vorschein kommen.

Trotz alledem war er ein höflicher und rücksichtsvoller Drache und war es auch in den Tagen seiner größeren Deutlichkeit gewesen, denn, seiner Hinfälligkeit nicht achtend, hielt er auch jetzt noch eine seiner Vordertatzen an die Nase, als wollte er sagen: »Fürchte dich nicht vor mir – ich mache doch nur Spaß«, während er die andere zu herzlichem Willkommen dem Wanderer entgegenstreckte.

Es läßt sich nicht leugnen, daß das ganze Drachengezücht unserer Tage bedeutende Fortschritte in Bildung und Zivilisation gemacht hat. Es verlangt nicht länger mehr alle Morgen mit derselben Regelmäßigkeit, wie etwa ein zahmer lediger Herr seinen frischen Milchwecken erwartet, eine schöne Jungfrau zum Frühstück, sondern gibt sich mit dem Zuspruch müßiger Junggesellen und Strohwitwer zufrieden. Im Gegenteil zeichnen sich die Drachen unserer Tage eher dadurch aus, daß sie – namentlich an Samstagabenden – das schöne Geschlecht von einem Besuche fernzuhalten trachten, statt, wie in alten Zeiten, roh auf Damengesellschaft zu bestehen.

Schon viele Jahre hatte der erwähnte liebenswürdige Drache vor den Fenstern des besten Schlafzimmers in dem Gasthause, das seinen Namen trug, hin und her gependelt, geknarrt und geklappert, aber bei allem seinem Pendeln und Knarren wohl noch nie eine solche Aufregung im Hause gesehen wie an dem Abend nach dem Tage, an dem sich die im letzten Kapitel erzählten Begebnisse zugetragen. Da eilten so viele hurtige Füße treppauf, treppab, so viele Lichter flimmerten, so viele Stimmen flüsterten, ein solches Rauchen und Spritzen von feuchtem Holz im Kamin gab’s, so viel Bettzeug wurde gelüftet und so viel heißer Dampf entströmte den geheizten Wärmflaschen, kurz, solche bienenhafte Emsigkeit herrschte im Haus, daß wohl noch nie ein Drache, ein Greif, ein Einhorn oder ein anderes derartiges Geschöpf ähnliches mit angesehen, seit diese Tiergattungen sich zum ersten Male für Haushaltungsangelegenheiten zu interessieren begannen.

Ein alter Herr und eine junge Dame, die ohne Gefolge in einem rostigen alten Wagen mit Postpferden weiß Gott wohin reisten und weiß Gott woher kamen, waren von der Landstraße abgebogen und ganz unerwartet vor dem Blauen Drachen vorgefahren. Und da war nun der alte Herr, der sich zu diesem Schritt, veranlaßt durch einen plötzlichen Krankheitsanfall, entschlossen hatte, und litt an den schrecklichsten Krämpfen. Dabei schwur er mitten in seinen Schmerzen, unter keinen Umständen einen Doktor haben oder andere Arzneimittel nehmen zu wollen als die, die ihm die junge Dame aus einer kleinen Reiseapotheke reichte. Mit einem Wort, er wollte nichts als die Wirtin aus ihren fünf Sinnen hinausschrecken und hartnäckig alles zurückweisen, was man ihm anriet.

Von all den fünfhundert wohlgemeinten Vorschlägen, die die gute Frau ihm in weniger als einer halben Stunde machte, befolgte er nur einen einzigen – nämlich den, zu Bett zu gehen. Und das Herrichten der Betten sowie auch die Vorbereitungen der Zimmer waren eben der Anlaß des wilden Getümmels in den Räumen des Blauen Drachen.

Der fremde Herr war ohne Frage sehr krank und litt erstaunlich – vielleicht um so mehr, als er anscheinend ein starker und kräftiger alter Mann mit einem eisernen Willen und einer ehernen Stimme war. Aber weder die Besorgnis um sein Leben, die er von Zeit zu Zeit laut werden ließ, noch die Schmerzen, unter denen er litt, vermochten auf seinen einmal geäußerten Entschluß auch nur den mindesten umstimmenden Einfluß zu üben, und man durfte unter keinen Umständen nach einem Arzt schicken. Je schlimmer es ihm ging, desto starrer und unbeugsamer wurde auch seine Entschlossenheit. Wenn man jemanden zur Pflege holen würde, sei es Mann, Weib oder Kind, so wollte er, wie er sagte, auf der Stelle das Haus verlassen, und sollte es zu Fuß geschehen und er auf der Türschwelle sterben müssen.

Da es im Dorfe zwar keinen eigentlichen Arzt, wohl aber einen armen Apotheker gab, der zugleich einen Gewürz- und Kramladen hielt, schickte die Wirtin in der ersten Aufregung, und um die eigne Verantwortung los zu sein, zu diesem. Eine natürliche Folge des Umstandes, daß man ihn einmal wirklich brauchte, war der, daß er sich nicht zu Hause befand. Er war einige Meilen über Land gegangen und wurde erst spät zurückerwartet. Die Wirtin, die sich inzwischen ein wenig gesammelt, sandte daher denselben Boten in aller Eile zu Mr. Pecksniff, als einem gelehrten Mann, der einen Teil der Verantwortlichkeit auf sich nehmen konnte, und einem moralischen Mann, der wohl imstande war, ein beunruhigtes Gemüt zu trösten. Daß der Gast namentlich in letzterer Hinsicht wirksame Dienste benötigte, erhellte zur Genüge aus seinen unruhigen Reden, die mehr noch eine geistige als eine physische Angst verrieten.

Auch hier kam der Bote mit keiner bessern Kunde zurück. Auch Mr. Pecksniff war nicht zu Hause. Man brachte indessen auch ohne ihn den Patienten zu Bett, und im Lauf zweier Stunden erholte sich dieser allmählich so weit, daß in den Krämpfen längere Pausen eintraten, als es anfangs der Fall gewesen. Nach und nach hörten sie sogar ganz und gar auf, obgleich die darauffolgende Erschöpfung so groß war, daß sie kaum weniger Besorgnis erregte als der vorausgegangene Anfall selbst.

In einer der Ruhepausen seiner Anfälle geschah es, daß der Fremde, vorsichtig umherschauend, sich unruhig in seinen Kissen aufrichtete und, während gerade die junge Dame und die Wirtin des Blauen Drachen nebeneinander vor dem Kamine saßen, mit einer sonderbaren Miene von Geheimniskrämerei und Mißtrauen von den Schreibmaterialien Gebrauch zu machen suchte, die er neben sich auf den Tisch hatte legen lassen.

Die Wirtin des Blauen Drachen war ihrem Äußern nach ganz die Gastwirtin, wie sie sein soll – wohlbeleibt, gut gebaut, behäbig und mit einem hübschen Gesicht wie Milch und Blut, das an sich schon Zeugnis ablegte, wie gut und kräftig alle die feinen Sachen in Küche und Keller sein müßten. Sie war Witwe, hatte aber seit Jahren schon die Trauergewänder abgelegt und sich wieder mit Blumen herausgeputzt, und so blühend, wie sie von jeher gewesen. Rosen prunkten auf dem weiten Saum ihres Kleides, Rosen auf ihrem Leibchen, Rosen in ihrer Haube, Rosen auf ihren Wangen – ja, und auch Rosen, besonders des Pflückens wert, auf ihren Lippen. Noch immer hatte sie funkelnde dunkle Augen und rabenschwarzes Haar, war hübsch, mit Grübchen in den Wangen, wohlgenährt und drall wie eine Stachelbeere, trotzdem man sie im gewöhnlichen Sinne des Wortes nicht mehr gerade jung nennen konnte.

Während nun diese hübsche Matrone beim Kamin saß, blickte sie hin und wieder mit dem ganzen Stolze der wohlhabenden Wirtin im Zimmer umher. Es war ein großes Gemach, wie man es in Landgasthäusern öfters trifft, mit einer niedrigen Decke und einem etwas eingesunkenen Fußboden, der nach der Tür zu ein wenig bergab ging und dort zu zwei so ausgesucht unerwarteten Treppenstufen führte, daß ein Fremder, trotz der größten Vorsicht, gewöhnlich mit dem Kopf voran hereinstürzte, wie jemand, der in ein Bad springt. Es war keines von jenen frivolen, einfältig hellen Schlafzimmern, wo niemand mit nur einigermaßen Verständnis oder Empfänglichkeit für Ideen-Assoziation ein Auge schließen kann, sondern ein braver, einlullender, bleischwerer, träumerischer Raum, wo jedes Möbel daran erinnerte, daß man hier sei, um zu schlafen. Hier gab es keinen lebhaften Widerschein von Kaminfeuer wie in den gewissen modernen Zimmern, wo man sich selbst in den dunkelsten Nächten der französischen Politur bewußt bleibt, und nur hin und wieder blinzelte der alte spanische Mahagoni nach der Glut hin wie ein schlummernder Hund oder eine träumende Katze. Sogar der Umfang, die Form und die hoffnungslose Unverrückbarkeit der Bettstatt, des Kleiderschrankes und in geringerem Grade sogar der Stühle und Tische forderten zum Schlaf auf. Auch sie waren augenscheinlich apoplektisch und zum Schnarchen geneigt. Da gab es keine glotzenden Porträts, die einem seine Trägheit vorwarfen, keine wach- und rundäugigen Vögel auf den Vorhängen, die unausstehlich umherspionierten. Die dicken neutralen Vorhänge, die dunkeln Jalousien und die schweren Decken waren samt und sonders darauf berechnet, einen im Schlaf zu erhalten und als Nichtleiter für Tag und Aufstehenwollen zu dienen. Selbst der alte ausgestopfte Fuchs auf dem Kleiderschranke hatte keinen Funken von Wachsamkeit in sich, denn sein Glasauge war ausgefallen, und er schlummerte im Stehen.

Die aufmerksamen Blicke der Wirtin zum Blauen Drachen wanderten wohl zwei- oder dreimal über diese Gegenstände hin, aber stets nur für einen Augenblick; dann streiften sie eine Sekunde lang das Bett mit seiner seltsamen Last und wandten sich immer wieder dem jungen Wesen unmittelbar vor ihr zu, das, die Augen auf das Feuer geheftet, in stummem Nachdenken dasaß.

Die Fremde war sehr jung, augenscheinlich nicht über siebzehn, und sehr scheu und schüchtern in ihrem Benehmen; dabei zeigte sie aber doch eine weit größere Fassung und Selbstbeherrschung, als man sonst bei Frauen selbst von vorgerückterem Alter zu finden gewöhnt ist. Die Pflege des kranken Herrn gab ihr hinlänglich Anlaß, diese Eigenschaften zu entfalten. Sie war klein von Statur und zart gebaut, ganz ihrem Alter angemessen, dabei aber mit allen Reizen der Jugend und Jungfräulichkeit geschmückt, die sich namentlich um ihre feine Stirn herum ausdrückten. Ihr Gesicht sah sehr blaß aus – ohne Zweifel zum Teil eine Folge der kürzlich überstandenen Aufregung. Ihr aus demselben Grunde etwas verwirrtes, dunkelbraunes Haar war nachlässig aus seinen Schleifen gefallen und hing über den Nacken herunter, aber sicherlich hätte es kein männlicher Beobachter wegen dieses Eigensinns getadelt.

Ihre Kleidung verriet eine Dame von Stand, war aber äußerst einfach, und in ihrem Benehmen, wie sie so dasaß, lag ein gewisses unbeschreibliches Etwas, das mit ihrer ausgesucht anspruchslosen Toilette im Einklang zu stehen schien. Anfangs hatte sie ängstlich nach dem Bett hingesehen, dann aber, als sie bemerkte, daß der Patient ruhiger wurde und sich mit Schreiben beschäftigte, ihren Stuhl leise an den Kamin gerückt, zum Teil, wie es schien, weil ihr Feingefühl ihr sagte, daß er nicht beobachtet zu werden wünsche, teils, um von ihm unbemerkt sich ihren Empfindungen, die sie bisher unterdrückt hatte, freier überlassen zu können.

All dies und noch weit mehr beobachtete die rosige Wirtin zum Blauen Drachen so genau und scharf, wie es eben nur eine Frau der andern gegenüber imstande ist. Endlich begann sie mit so leiser Stimme, daß ihre Worte, wie sie wußte, unmöglich das Bett erreichen konnten:

»Haben Sie den Herrn schon früher so gesehen, Miss? Hat er öfters solche Anfälle?«

»Ich habe ihn schon sehr krank gesehen, aber noch nie so wie diesen Abend.«

»Welches Glück«, bemerkte die Wirtin zum Blauen Drachen, »daß Sie die Arzneien bei sich hatten, Miss.«

»Wir sind für solche Fälle immer damit versehen und reisen nie ohne unsre Apotheke.«

»Oh!« dachte die Wirtin. »Dann pflegen wir also viel und gemeinschaftlich zu reisen.« Sie fühlte, daß sich etwas von diesen Gedanken in ihrem Gesicht verraten mußte, und da sie eine sehr ehrliche Wirtin war, geriet sie ein wenig in Verwirrung, als unmittelbar darauf die Augen der jungen Dame den ihrigen begegneten.

»Da der Herr – Ihr Herr Großvater«, fing sie nach einer kurzen Pause wieder an, »so gar nichts von ärztlichem Beistand wissen will, müssen derartige Anfälle doch etwas Schreckliches für Sie sein, Miss?«

»Ich bin allerdings diesen Abend sehr erschrocken. Doch – der Herr ist nicht mein Großvater.«

»Ich habe eigentlich Vater sagen wollen«, verbesserte sich die Wirtin in ihrer Besorgnis, einen Verstoß begangen zu haben.

»Er ist auch nicht mein Vater«, erwiderte die junge Dame. »Nein«, fuhr sie mit einem leichten Lächeln fort, als sie bemerkte, was die Wirtin beifügen wollte, »auch nicht mein Onkel. Wir sind nicht verwandt.«

»Ach, du mein Himmel!« entgegnete die Wirtin noch verlegener als zuvor; »wie konnte ich auch so gar im Irrtum sein, während ich doch, wie jeder vernünftige Mensch, hätte wissen sollen, daß ein Gentleman, wenn er krank ist, viel älter aussieht als er wirklich ist! Daß ich Sie noch obendrein ›Miss‹ nennen mußte, Madam!«

Als sie jedoch so weit gekommen war, blickte sie unwillkürlich nach dem Goldfinger an der linken Hand der jungen Dame und stockte wieder, denn sie bemerkte keinen Ring daran.

»Als ich Ihnen sagte, daß wir nicht verwandt seien«, versetzte die junge Fremde freundlich, aber ebenfalls nicht ohne Verwirrung, »so verstand ich darunter: in keiner Beziehung verwandt. Auch nicht durch Heirat. – Hast du mich gerufen, Martin?«

»Gerufen?« wiederholte der alte Mann, sah hastig auf und versteckte das Papier, auf das er soeben geschrieben, unter der Decke. »Nein.«

Die junge Dame hatte ein paar Schritte zum Bette gemacht, hielt aber jetzt inne und ging nicht weiter.

»Nein«, wiederholte der Herr mit ärgerlichem Nachdruck. »Warum fragst du mich? Wenn ich gerufen hätte, wozu dann die Frage?« »Ich denke, das Schild draußen hat geknarrt, Sir«, bemerkte die Wirtin – eine Erklärung, die, wie sie unmittelbar darauf fühlte, nicht allzu schmeichelhaft für die Stimme des alten Herrn war.

»Gleichviel, was es gewesen sein mag, Madam«, versetzte der Kranke; »ich war es nicht. Aber, was bleibst du da stehen, Mary, als ob ich die Pest hätte. Aber, natürlich, alles fürchtet sich vor mir«, fügte er hinzu und ließ sich kraftlos wieder in die Kissen zurückfallen, »sogar du! Es liegt ein Fluch auf mir. Ich habe ja nichts anderes zu erwarten!«

»O Gott, nein. Oh, gewiß nicht«, rief die gutmütige Wirtin, stand auf und ging zu ihm. »Fassen Sie nur wieder Mut, Sir. Es sind nur krankhafte Grillen.«

»Was sind nur krankhafte Grillen?« fuhr der alte Mann auf. »Was wissen Sie von Grillen? Wer hat Ihnen etwas von Grillen gesagt? Die alte Geschichte! – Grillen!«

»Da sehe einer, wie er’s gleich aufnimmt!« versetzte die Wirtin zum ›Blauen Drachen‹ mit unverminderter guter Laune. »Du mein Himmel, ein Wort macht ja nichts, Sir, wenn es auch dumm klingt. Sogar ganz gesunde Leute haben jeden Tag ihre Grillen, und oft recht sonderbare.«

So harmlos augenscheinlich auch diese Worte waren, so wirkten sie doch auf das Mißtrauen des Fremden wie Öl auf das Feuer. Er richtete den Kopf im Bett auf und blickte die Wirtin mit seinen schwarzen Augen forschend an, deren Glanz durch die Blässe seiner hohlen Wangen und seine spärlichen langen grauen Locken unter dem schwarzen, knapp am Kopf anliegenden Käppchen nur noch erhöht wurde.

»Nun, die fängt ja bald an«, sagte er in so leisem Tone, daß es mehr ein Selbstgespräch als eine Anrede zu sein schien. »Aber sie will natürlich keine Zeit verlieren. Sie richtet ihren Auftrag aus und brennt schon auf ihre Belohnung. Wer mag sich wohl hinter sie gesteckt haben?«

Die Wirtin schaute erstaunt die junge Dame, die er »Mary« genannt hatte, an, und da sie in deren gesenkten Augen keine Erklärung lesen konnte, blickte sie wieder nach ihm zurück. Anfangs war sie unwillkürlich zurückgewichen, da sie ihn für einen Geisteskranken hielt; aber die Gelassenheit seines Wesens und die Entschiedenheit, die sich in seinem scharfgeschnittenen Gesicht, namentlich aber um seine zusammengepreßten Lippen herum aussprach, beruhigten sie wieder.

»Nun?« sagte er. »Heraus damit! Wer ist’s? Da ich hier bin, ist’s ja nicht schwer zu erraten.«

»Martin«, fiel ihm die junge Dame ins Wort und legte ihre Hand auf seinen Arm; »bedenke doch, wie kurze Zeit wir erst in diesem Hause sind, und daß dich hier niemand kennt.«

»Außer –«, entgegnete er, »daß du –«

Er fühlte sich offenbar versucht, den Verdacht auszusprechen, als sei sie der Wirtin gegenüber indiskret gewesen, hielt aber wieder inne, sei es, daß er ihrer zärtlichen Pflege gedachte, oder weil ihn der Ausdruck ihres Gesichtes rührte, und änderte seine Lage und schwieg.

»So!« sagte Mrs. Lupin, die Wirtin des ›Blauen Drachen‹. »Jetzt wird Ihnen bald besser sein, Sir. Sie haben für einen Augenblick vergessen, daß Sie hier nur Freunde um sich haben.«

»Ach Gott!« stöhnte der alte Mann ungeduldig und schlug mit seinem ruhelosen Arm heftig auf die Bettdecke. »Was reden Sie da von Freunden! Könnten Sie – oder kann sonst jemand mich lehren, wie ich meine Freunde von meinen Feinden zu unterscheiden habe?«

»Wenigstens«, meinte Mrs. Lupin sanft, »bin ich überzeugt, daß diese junge Dame Ihnen freundlich gesinnt ist.«

»Sie hat eben keinen Grund zum Gegenteil«, rief der alte Mann in dem Tone eines Menschen, der weder Hoffnung noch Vertrauen mehr zur Welt hat. »Von ihr glaube ich’s noch. Der Himmel weiß es. Aber jetzt will ich versuchen, ob ich nicht einschlafen kann. Laßt nur die Kerzen stehen.«

Kaum waren die beiden Frauen vom Bett zurückgetreten, zog er sein Schriftstück wieder hervor, hielt es an die Flamme der Kerze und verbrannte es zu Asche. Dann löschte er das Licht aus, wandte mit einem schweren Seufzer das Gesicht auf die Seite, zog die Bettdecke über den Kopf und blieb ruhig liegen.

Diese Vernichtung des Papiers, die so seltsam gegen die Mühe, die er darauf verwendet, abstach und den ›Drachen‹ in große Gefahr brachte, ein Raub der Flammen zu werden, versetzte Mrs. Lupin in nicht geringe Bestürzung. Die junge Dame jedoch, die weder Überraschung noch Neugierde oder Unruhe deswegen zeigte, flüsterte ihr unter vielem Dank für ihre Mühewaltung und die geleistete Gesellschaft zu, sie wolle noch ein wenig dableiben, könne aber recht gut allein wachen, da sie an dergleichen gewöhnt sei und sich außerdem die Zeit mit Lesen vertreiben wolle.

Mrs. Lupin erfreute sich ihres vollen Anteils samt Zinsen an dem in ihrem Geschlecht erblichen Kapital – der Neugierde –, und zu jeder andern Zeit würde es schwer gewesen sein, ihr so schnell begreiflich zu machen, sie möge gehen. Aber jetzt entfernte sie sich unverzüglich in hellem Staunen über diese Geheimnisse und begab sich geradenwegs in ihre eigene kleine Wohnstube im unteren Stock, wo sie sich mit übernatürlicher Fassung in ihren Lehnstuhl setzte. In diesem kritischen Augenblick hörte sie Tritte auf dem Flur, und gleich darauf schaute Mr. Pecksniff mit süßlicher Miene über den Kredenzverschlag hinweg in das trauliche Stübchen hinein und begrüßte sie mit einem »guten Abend, Mrs. Lupin«.

»Ach, du mein Gott, Sie sind’s!« rief sie. »Wie froh bin ich, daß Sie gekommen sind.«

»Und ich freue mich stets«, entgegnete Mr. Pecksniff, »wenn ich Ihnen irgendeinen Dienst leisten kann. Es freut mich in der Tat recht, recht sehr, gekommen zu sein. Was gibt es, Mrs. Lupin?«

»Ein Herr ist unterwegs krank geworden und hat droben so gar schlimme Zustände gehabt, Sir« erklärte die Wirtin unter Tränen.

»Ein Herr also ist unterwegs krank geworden und hat droben so gar schlimme Zustände gehabt?« wiederholte Mr. Pecksniff. »Nun, nun!« In dieser Bemerkung lag wohl nichts, was entschieden originell zu nennen gewesen wäre; auch läßt sich nicht gerade sagen, daß sie irgendeine der Menschheit bisher noch unbekannte Lehre enthalten oder allenfalls eine verborgene Quelle des Trostes geöffnet hätte, aber Mr. Pecksniffs Benehmen war so mild, und er nickte so beruhigend mit dem Kopfe, auch zeigte er in allem eine so beredte Überzeugung von seiner eigenen Vortrefflichkeit, daß nicht nur Mrs. Lupin, sondern jedermann schon durch die bloße Stimme und Anwesenheit eines so trefflichen Mannes beruhigt worden wäre. Ja, hätte er auch nur gesagt: ein Zeitwort muß mit seinem Subjekt in Zahl und Person übereinstimmen, mein guter Freund; oder: acht mal acht ist vierundsechzig, mein Würdigster – so hätte man sich ihm tief verpflichtet fühlen müssen für seine Menschenfreundlichkeit und allumfassende Weisheit.

»Und wie«, fragte Mr. Pecksniff, zog seine Handschuhe aus und wärmte seine Hände so wohlwollend über dem Feuer, als gehörten sie gar nicht ihm, sondern jemand anderem: »Und wie geht es ihm jetzt?«

»Er befindet sich besser und ist ganz ruhig.«

»Er befindet sich besser und ist ganz ruhig«, wiederholte Mr. Pecksniff. »Sehr gut! Se-ehr gut!«

Diese Worte rührten nun gleichfalls von Mrs. Lupin und nicht von Mr. Pecksniff her; dessenungeachtet aber machte sie Mr. Pecksniff wieder zu den seinigen und tröstete die Witwe damit. In Mrs. Lupins Munde fehlte ihnen die tiefere Bedeutung; aber sie bildeten ein ganzes Buch, wie sie so von Mr. Pecksniffs Lippen strömten. Er schien zu sagen: »Ich bemerke, und zwar kraft meines inneren Anschauungsvermögens, das sich in allen seinen Äußerungen die strengste Moral zum Grundsatz macht, daß er sich besser befindet und ganz ruhig ist.«

»Immerhin müssen ihm gewichtige Dinge auf dem Herzen liegen«, fuhr die Wirtin kopfschüttelnd fort, »denn er redet das sonderbarste Zeug, das man nur hören kann. Innerlich ist er höchst unruhig und bedarf offenbar des Rates und Zuspruchs von Leuten, denen ihre Herzensgüte ein solches Geschäft zum Beruf macht.«

»Dann«, versetzte Mr. Pecksniff, »ist er der richtige Mann für mich.«

Aber obgleich er das auf das allerdeutlichste aussprach, so vernahm man doch kein Wort von seinen Lippen: er schüttelte im Gegenteil bloß seinen Kopf, als setze er durchaus kein Vertrauen in seine eigene Befähigung.

»Ich fürchte, Sir«, fuhr die Wirtin fort, nachdem sie sich zuerst umgesehen, ob auch niemand in Hörweite sei, »ich fürchte gar sehr, daß ihn sein Gewissen drückt, weil er nicht verwandt – oder – nicht einmal verheiratet ist mit – einer gewissen jungen Dame –«

»Mrs. Lupin!« rief Mr. Pecksniff und hob dabei seine Hand in einer Weise auf, die fast an Strenge grenzte, wenn man sich bei einem so milden Herrn eines derartigen Ausdrucks überhaupt bedienen kann. »Person! einer jungen Person!«

»Mit einer sehr jungen Person«, verbesserte sich Mrs. Lupin und knickste errötend, »ich bitte um Verzeihung, Sir, aber ich bin diesen Abend so verwirrt, daß ich nicht mehr weiß, was ich sage – die jetzt bei ihm – ist.«

»Die jetzt bei ihm ist«, wiederkäute Mr. Pecksniff, wie zuvor seine Hände, so jetzt seinen Rücken fürsorglich wärmend, als wäre es der Rücken einer Witwe, einer Waise, eines Feindes, oder was immer für eines Menschen, den ein weniger trefflicher Mann natürlich ohne Erbarmen der Kälte preisgegeben haben würde. »O du mein Himmel, o du mein Himmel!«

»Gleichwohl muß ich sagen, und zwar von ganzem Herzen«, bemerkte die ehrliche Wirtin angelegentlich, »daß ihr Aussehen und ihr Benehmen jeden Verdacht beinah entwaffnet.«

»Ihr Verdacht, Mrs. Lupin«, entgegnete Mr. Pecksniff feierlich, »ist sehr natürlich. Ihr Argwohn, Mrs. Lupin«, wiederholte er, »ist sehr natürlich und, wie ich nicht zweifle, auch begründet. Ich will diesem Reisenden einen Besuch machen.«

Damit nahm er seinen Überrock ab, fuhr sich mit den Fingern durchs Haar, steckte die eine Hand zierlich in den Brustschlitz seiner Weste und bedeutete der Wirtin in aller Demut, sie möge vorangehen.

»Soll ich anklopfen?« fragte Mrs. Lupin, als sie die Türe des Krankenzimmers erreicht hatten.

»Nein«, riet Mr. Pecksniff; »gehen Sie nur direkt hinein.«

So traten sie denn auf den Zehen ein – oder vielmehr, die Wirtin allein beobachtete diese Vorsicht, denn Mr. Pecksniff trat sowieso immer sehr leise auf. Der alte Herr schlief noch, und seine junge Begleiterin saß lesend beim Feuer.

»Ich fürchte«, flüsterte Mr. Pecksniff, an der Türe halt machend und den Kopf melancholisch wiegend, »ich fürchte, die Situation hat etwas Berechnetes. Verstehen Sie mich wohl, Mrs. Lupin: ich fürchte, die Situation hat etwas Berechnetes!«

Sodann ging er der Wirtin voran. Zu gleicher Zeit hatte sich die junge Dame, die die Schritte gehört, erhoben. Mr. Pecksniff warf einen schnellen Blick auf das Buch, das sie in der Hand hielt, und flüsterte Mrs. Lupin abermals, und zwar womöglich mit noch größerer Gewissenspein, zu:

»Ja, Madam, es ist ein gutes Buch. Ich fürchtete das schon vorhin. Wahrhaftig, die Komödie scheint tief angelegt zu sein!«

»Wer ist dieser Herr?« fragte der Gegenstand der geäußerten tugendhaften Zweifel.

»Pst! Bemühen Sie sich nicht, Madam!« fiel Mr. Pecksniff der Wirtin ins Wort, als sie eben antworten wollte. »Diese junge« – unwillkürlich stockte er, als ihm das Wort ›Person‹ auf die Lippen trat, faßte sich aber und sagte: »Fremde – diese junge Fremde, Mrs. Lupin, wird mich entschuldigen, wenn ich ihr kurz erwidere, daß ich hier im Dorfe wohne und einigen, wenn auch unverdienten Einfluß besitze; ferner, daß Sie mich rufen ließen. Ich bin jetzt hier, wie immer geleitet von meiner Teilnahme für die Kranken und Bekümmerten.«

Mit diesen eindrucksvollen Worten ging Mr. Pecksniff auf das Lager zu, klopfte ein paarmal höchst feierlich auf die Bettdecke, als wolle er sich dadurch eine klare Einsicht in die Krankheit des Patienten verschaffen, nahm dann in einem großen Armstuhl Platz und wartete in gemächlicher, gedankenvoller Haltung auf dessen Erwachen.

Was auch die junge Dame Mrs. Lupin gegenüber für Einwendungen erhob, sie blieben fruchtlos, denn Mr. Pecksniff schien nichts hören zu wollen.

Eine volle halbe Stunde verging, ehe sich der alte Mann rührte; aber schließlich änderte er seine Lage, und wenn er auch noch nicht wach war, so verrieten doch gewisse Anzeichen, daß es mit seinem Schlaf nicht mehr lange währen könnte. Allmählich schob er die Decke von seinem Kopf weg und wandte sich immer mehr der Seite zu, wo Mr. Pecksniff saß. Schließlich schlug er die Augen auf, lag, wie es öfter der Fall ist, wenn man gerade aufwacht, eine kleine Weile teilnahmslos und ohne deutliches Bewußtsein der Gegenwart da und starrte seinen Besuch geistesabwesend an.

Es lag nichts Merkwürdiges in diesem Verhalten, die Wirkung ausgenommen, die es auf Mr. Pecksniff übte und die kaum durch das Wunderbarste aller Naturereignisse hätte übertroffen werden können. Mr. Pecksniffs Hände umklammerten nämlich allmählich immer fester die Armlehnen des Stuhles, seine weit aufgerissenen Augen verrieten die größte Überraschung, sein Mund öffnete sich, und sein Haar sträubte sich noch borstiger auf, als es sowieso schon war. Als sich der alte Mann in seinem Bette aufrichtete und auch seinerseits beim Anblick seines Gastes das höchste Erstaunen an den Tag legte, sah Mr. Pecksniff seinen letzten Zweifel schwinden und rief laut aus:

»Sie sind Martin Chuzzlewit!«

Seine Überraschung über diese Entdeckung war so echt und ungekünstelt, daß sogar der alte Mann bei seinem ausgeprägten Mißtrauen sofort sah, daß das Zusammentreffen zufällig und durchaus nicht vorbereitet war.

»Ja, ich bin Martin Chuzzlewit«, sagte er bitter; »und Martin Chuzzlewit wünscht, man hätte Sie gehenkt, bevor Sie hierher gekommen sind, um ihn in seinem Schlaf zu stören. Wahrhaftig, ich habe von diesem Kerl geträumt«, murmelte er, legte sich wieder nieder und wandte das Gesicht ab, »und jetzt sitzt er wirklich da.«

»Mein guter Vetter –« begann Mr. Pecksniff.

»Da haben wir’s! Das sind seine ersten Worte!« rief der alte Mann, wälzte seinen grauen Kopf in den Kissen unruhig hin und her und erhob abwehrend die Hände. »Das erste, was er tut, ist, daß er sich auf seine Verwandtschaft beruft! Ich wußte es doch – alle machen es so! Nah oder weitläufig verwandt, Blut oder Wasser, alles eins. Uff, welches Register von Betrug, Lügen und falschem Zeugnis öffnet nicht jede Andeutung auf Verwandtschaft vor meiner Seele!«

»Bitte, urteilen Sie nicht vorschnell, Mr. Chuzzlewit«, versetzte Mr. Pecksniff in einem Tone, der mit einem Male im höchsten Grade mitleidig und unbefangen war, denn er hatte sich inzwischen von seinem Staunen erholt und war wieder im Vollbesitz seines tugendhaften Selbsts. »Es würde Ihnen später nur leid tun. Ich weiß es.«

»Er weiß es«, brummte Martin Chuzzlewit verächtlich.

»Ja«, erwiderte Mr. Pecksniff. »Zuverlässig, Mr. Chuzzlewit. Und glauben Sie ja nicht, ich hätte im Sinne, um Ihre Gunst zu buhlen oder Ihnen zu schmeicheln. Nichts liegt mir ferner. Auch brauchen Sie nicht im mindesten zu befürchten, Sir, ich würde das Wort wiederholen, das Ihnen so viel Ärger zu bereiten scheint. Warum sollte ich auch? Was könnte ich von Ihnen wollen oder erwarten? Meines Wissens besitzen Sie nichts, was Ihnen so viel Seligkeit bringt, Mr. Chuzzlewit, daß man Sie deswegen beneiden könnte.«

»Das ist leider nur zu wahr«, murmelte der alte Mann.

»Und abgesehen davon« – fuhr Pecksniff, dem der Eindruck seiner Worte nicht entgangen war, fort – »muß es Ihnen doch jetzt vollkommen klar sein, daß, wenn ich mich bei Ihnen hätte einschmeicheln wollen, ich mich vor allem sorgfältig gehütet haben würde, Sie als Verwandten anzureden. Wo ich Ihre Abneigung kenne, mußte ich doch schon vorher vollkommen überzeugt sein, daß dies der allerschlechteste Empfehlungsbrief für mich wäre.«

Martin gab zwar keine Antwort, aber die Art, wie er seine Beine unter der Bettdecke bewegte, verriet deutlicher als die ausdrucksvollsten Worte, daß für ihn in dem Gesagten viel Vernünftiges liege.

»Nein«, beteuerte Mr. Pecksniff, die Hand im Westenschlitz, als sei er bereit, jeden Augenblick sein Herz herauszuziehen und es Mr. Martin Chuzzlewit zur genauen Prüfung hinzuhalten, »nein, ich kam lediglich her, um meine Dienste einem kranken Fremden anzubieten. Bei Ihnen unterlasse ich das freilich, weil ich weiß, daß Sie mir doch nicht trauen würden. Wie Sie aber so auf ihrem Bette daliegen, Sir, sind Sie für mich ein Fremder, und ich empfinde ebensoviel Teilnahme für Sie, wie – wie ich zuversichtlich hoffe und glaube – ich gegenüber jedem Fremden in Ihrer Lage fühlen würde. Abgesehen davon sind Sie mir ebenso gleichgültig, wie ich es Ihnen bin.«

Nach diesen Worten warf sich Mr. Pecksniff in den Lehnstuhl zurück, so strahlend vor Edelmut, daß sich Mrs. Lupin fast wunderte, nicht einen farbigen Glasglorienschein, wie ihn die Heiligen in den Kirchen tragen, über seinem Haupte erscheinen zu sehen. Es folgte eine lange Pause, während der der alte Mann mit steigender Unruhe mehrmals seine Lage änderte. Mrs. Lupin und die junge Dame blickten stumm auf die Bettdecke. – Mr. Pecksniff spielte gedankenvoll mit seiner Lorgnette und hatte die Augen zugedrückt, um besser überlegen zu können.

»Wie?« fragte er endlich, indem er sie plötzlich wieder öffnete und nach dem Kranken hinüberblickte. »Ich bitte um Verzeihung, aber ich glaubte, Sie hätten etwas gesagt. – Mrs. Lupin«, fuhr er fort und stand langsam auf, »ich glaube nicht, daß ich Ihnen hier irgendwie von Nutzen sein kann. Der Herr befindet sich bereits wieder besser, und Sie sind eine so gute Pflegerin, wie er es sich nur wünschen kann. – Wie, bitte?« Diese letzte Frage wurde durch eine Veränderung, die der Alte in seiner Lage vornahm und wodurch er sein Gesicht wieder Mr. Pecksniff zuwandte, veranlaßt.

»Wenn Sie noch etwas mit mir zu sprechen wünschen, ehe ich gehe, Sir, so können Sie unbesorgt über meine Zeit verfügen. Nur muß ich, um gegen mich selbst gerecht zu sein, ausdrücklich zur Bedingung machen, daß Sie mich lediglich als Fremden – und nur als solchen betrachten.«

Wenn Mr. Pecksniff wirklich erraten hatte, Martin Chuzzlewit wolle mit ihm reden, so konnte dies nur eine Folge der gewissen geheimnisvollen Gedankenübertragung sein, wie sie in den Melodramen so ausgeprägt vorkommt, in denen der ältliche Pächter und sein komischer Sohn immer sofort wissen, was das stumme Mädchen sagen will, wenn es sich in seinen Garten flüchtet und ihre komplizierten Memoiren in unverständlicher Pantomime enthüllt. Ohne sich jedoch weiter auf solche metaphysischen Spekulationen einzulassen, gab Martin Chuzzlewit seiner jungen Begleiterin durch ein Zeichen kurz zu verstehen, sie möge sich entfernen, was sie auch sofort gemeinschaftlich mit der Wirtin tat.

Eine Weile sahen die beiden Vettern einander schweigend an, oder vielmehr der alte Mann sah Mr. Pecksniff an, während dieser seine Augen abermals für die Dinge der Außenwelt schloß und eine geistliche Beschau seines Innern vornahm. Daß ihm diese Mühe reichlich Lohn trug durch ein offenbar bezauberndes Panorama, ging aus dem Ausdruck seines Antlitzes klar hervor.

»Sie wünschen also, daß ich mit Ihnen wie mit einem ganz Wildfremden spreche?« begann der alte Mann.

Mr. Pecksniff antwortete durch ein Achselzucken und ein merkbares Rollen seiner Augen unter den geschlossenen Lidern, daß er sich noch immer genötigt sehe, diesen Wunsch hegen zu müssen.

»So will ich Ihnen den Gefallen tun,« fuhr Martin Chuzzlewit fort. »Ich bin ein reicher Mann, Sir. – Nicht so reich zwar, wie vielleicht mancher glaubt, aber doch bemittelt. Ich bin kein Geizhals, Sir, – obgleich mir, wie ich hörte, dieser Vorwurf schon gemacht und auch häufig geglaubt wurde. Ich habe keine Freude daran, Geld zusammenzuscharren. Ich finde auch kein Vergnügen am Besitze des Goldes. Der Teufel, den wir Mammon nennen, kann mir doch nichts als Unglück geben.«

»Mr. Pecksniff zerschmolz bei diesen Worten« wäre keine passende Bezeichnung für sein mildes Wesen gewesen. Nichts wäre leichter gewesen, als eine beliebige Quantität Butter aus ihm zu gewinnen. Man hätte bloß die Milch seiner frommen Denkungsart zu diesem Zweck aufzufangen und zu quirlen brauchen.

»Aus demselben Grunde, aus dem ich nicht habsüchtig bin«, fuhr der alte Mann fort, »bin ich auch kein Verschwender. Manche finden eine Lust darin, Geld in ihren Kasten zu sperren, andre, es auszugeben; aber ich habe an nichts eine Freude, was damit zusammenhängt. Kummer und Bitterkeit sind die einzigen Güter, die Geld mir je verschaffen konnte. Ich hasse es. Es ist ein Gespenst, das vor mir her durch die Welt zieht und mir jedes Vergnügen in Greuel verwandelt.«

In Mr. Pecksniffs Seele stieg ein Gedanke auf, der sich wohl sehr deutlich in Mienen verraten mußte, sonst würde Martin Chuzzlewit kaum so rasch und strenge fortgefahren haben:

»Sie raten mir natürlich um meines Seelenfriedens willen, die Ursache dieses Elends loszuwerden, indem ich sie auf jemand abwälze, der die Bürde besser zu tragen imstande ist. Sie selbst wären gewiß gerne bereit, mir sie abzunehmen. Aber, wohlwollender Fremdling«, sagte der alte Mann höhnisch und mit immer düsterer werdender Miene, »guter, christlicher Fremdling, das ist eben mein Hauptkummer. Ich habe gesehen, wie das Geld im Besitze andrer zu einer gefährlichen Macht wurde, ich war Zeuge, wie es in andern Händen triumphierte und sich mit Recht rühmen konnte, ein Hauptschlüssel zu sein für die ehernen Tore, die die Pfade zu Glück und Freude verschließen. Welchem Manne oder Weibe – welchem wirklich würdigen, ehrlichen und unverrückbar innerlich und äußerlich guten Wesen soll ich jetzt oder nach meinem Tode einen solchen Talisman anvertrauen? Kennen Sie eine solche Person? Ihre eigenen Tugenden sind freilich unschätzbar, aber können Sie mir irgendein anderes lebendes Geschöpf nennen, das die Feuerprobe einer Berührung mit mir aushalten würde?«

»Einer Berührung mit Ihnen, Sir?« echote Mr. Pecksniff.

»Ja. Die Feuerprobe einer Berührung mit mir – mit mir. Sie haben von jenem König gehört, dessen Unglück darin bestand, daß alles, was er anrührte, zu Gold wurde. Der Fluch meines Daseins und die Folge meines früheren verkehrten wahnsinnigen Strebens ist, daß ich jetzt durch den goldenen Probierstein, den ich bei mir trage, dazu verurteilt bin, das Metall aller andern Menschen zu prüfen und es falsch und hohl klingend zu finden.«

Mr. Pecksniff schüttelte den Kopf und seufzte:

»Das ist eben so Ihre Meinung.«

»Ja, ja«, rief der alte Mann, »das ist so meine Meinung, und während Sie das sagen, erkenne ich den wahrhaft unweltlichen Klang Ihres Metalls. Ich sage Ihnen«, fügte er mit steigender Bitterkeit bei, »daß ich als reicher Mann unter Menschen jeder Gattung und Art gelebt habe – unter Verwandten, Freunden und Fremden – unter Leuten, zu denen ich, als ich arm war, Vertrauen, und zwar mit Recht Vertrauen hatte, denn damals betrogen sie mich nie oder fügten einander um meinetwillen Unrecht zu. Aber ich habe nie ein Wesen – nein, nicht ein einziges – gefunden, in dem ich nicht, sobald ich reich und allein war, eine geheime Verderbtheit hätte entdecken müssen, die nur darauf wartete, an Leuten wie mir offenbar zu werden. Verrat, Betrug und niedrige Hinterlist, Haß unter den wirklichen und eingebildeten Bewerbern um meine Gunst, Niedrigkeit, Feigheit, Schlechtigkeit und Kriecherei, oder« – und hier faßte Martin Chuzzlewit seinen Vetter scharf ins Auge – »oder erkünstelte Biederkeit – wohl das Schlimmste von allem. – Das war die innere Schönheit, die mein Reichtum ans Licht förderte. Bruder gegen Bruder, Kind gegen Eltern, Freunde gegen Freunde – so stellte sich die menschliche Gesellschaft zueinander, wenn sie mir in den Weg kam. Man hat sich wahre oder erlogene Geschichten von reichen Leuten erzählt, die im Gewande der Armut Tugend aufgefunden und sie belohnt haben. Dummköpfe und Narren, die sie waren; sie hätten suchen sollen, ohne sich zu maskieren. Sie hätten sich als Menschen zeigen sollen, die es sich lohnt, zu berauben, auszubeuten und zu umgarnen; als solche, die Schurken umschmeicheln, die ihnen am liebsten auf den Sarg spucken möchten. Dann hätte das mühevolle Suchen bald ein Ende gehabt, wie das meinige, und Sie wären geworden, was ich bin.

Unterbrechen Sie mich nicht! – Lassen Sie mich zu Ende reden; beurteilen Sie daraus, welchen Nutzen Sie möglicherweise aus einer Wiederholung Ihres Besuches ziehen können, und dann verlassen Sie mich. Ich habe den Charakter aller derjenigen, die je mit mir in Berührung kamen, durch unabsichtliche Verlockung zu habsüchtigen Komplotten und durch Erweckung von Hoffnungen dermaßen verderbt und umgewandelt – ich habe, während ich bei Angehörigen meiner eigenen Familie weilte, so viel häusliche Zwietracht und Uneinigkeit erzeugt, ich bin an friedlichen Herden zur Brandfackel geworden und habe all die bösen Dünste ihrer Atmosphäre, die ohne mich bis zu Ende harmlos geblieben wären, dermaßen entzündet, daß ich zuletzt vor allen floh, die mich kannten, und mich versteckte wie ein gehetztes Wild. Das junge Mädchen, das Sie soeben gesehen haben – – was! Ihr Auge blitzt, wenn ich nur von ihr spreche? Sie hassen sie also jetzt schon?«

»Auf mein Wort, Sir! – –« beteuerte Mr. Pecksniff, legte die Hand auf die Brust und schlug die Augen nieder.

»Aber ich vergaß«, rief der alte Mann und blickte seinen Vetter so scharf an, daß dieser es zu fühlen schien, trotzdem er die Lider geschlossen hielt. »Ich bitte um Verzeihung. Ich vergaß, daß Sie ja ein Fremder sind. Sie erinnerten mich nur für einen Augenblick an einen gewissen Pecksniff, einen Vetter von mir. – Also, ich wollte sagen: – das junge Mädchen, das Sie eben gesehen haben, ist eine Waise, die ich in einer gewissen Absicht erzog, oder, wenn Sie lieber wollen, adoptierte. Seit einem Jahr oder länger ist sie meine beständige und einzige Begleiterin gewesen. Sie weiß, daß ich einen feierlichen Eid geschworen habe, ihr nach meinem Tode keinen Penny zu hinterlassen; solange ich jedoch lebe, bezieht sie von mir ein Jahresgehalt, das zwar nicht übermäßig, aber auch nicht kärglich ist. Es besteht eine Abmachung zwischen uns, daß kein zärtliches Wort je zwischen uns fallen darf, aber jedes hat das andere nur bei seinem Taufnamen zu nennen. Solange ich lebe, ist sie durch die Bande ihres Vorteils an mich geknüpft, und da sie im voraus weiß, daß sie bei meinem Tode nichts zu hoffen hat, so wird sie vielleicht echt trauern, wenn ich sterbe, obgleich mich das wenig kümmert. Dies ist die einzige Art von Freundschaft, die ich habe oder haben will. Schließen Sie aus alldem selbst, wie unprofitabel die Stunde für Sie war, die Sie bei mir verbracht haben, und verlassen Sie mich jetzt gefälligst für immer.«

Nach diesen Worten sank der alte Mann langsam in seine Kissen zurück. Mr. Pecksniff erhob sich und begann nach einem einleitenden Räuspern:

»Mr. Chuzzlewit!«

»Na. So gehen Sie doch!« unterbrach ihn der Kranke ungeduldig. »Genug davon. Ich bin Ihrer Gesellschaft überdrüssig.«

»Das tut mir leid, Sir«, versetzte Mr. Pecksniff, »aber ich habe mich noch einer Pflicht zu entledigen, von der ich mich, verlassen Sie sich darauf, nicht zurückschrecken lassen werde. Nein, Sir, ich werde mich nicht zurückschrecken lassen.«

Es ist eine höchst beklagenswerte Tatsache, daß der alte Herr, als Mr. Pecksniff aufrecht und in der ganzen Würde eines durch und durch rechtschaffenen Mannes neben seinem Bette stand und ihn so anredete, einen zornigen Blick nach dem Leuchter warf, als hätte er große Lust, ihn seinem Vetter an den Kopf zu werfen. Er zügelte sich wohl rechtzeitig, wies aber mit dem Finger nach der Türe.

»Ich danke Ihnen«, sagte Mr. Pecksniff; »ich verstehe und werde gehen. Aber bevor ich mich entferne, verlange ich, daß Sie auch mich reden lassen, und noch mehr als das, Mr. Chuzzlewit, Sie müssen und werden – ja wahrhaftig, ich wiederhole es – Sie müssen und werden mich anhören. Was Sie mir soeben mitgeteilt haben, Sir, setzt mich durchaus nicht in Erstaunen. Es ist natürlich, sehr natürlich, und war mir größtenteils schon vorher bekannt. Ich will nicht sagen«, fuhr Mr. Pecksniff fort, holte sein Taschentuch hervor und kämpfte sichtlich mit den Tränen, »ich will nicht sagen, daß Sie sich in mir getäuscht haben. Solange Sie in Ihrer gegenwärtigen Stimmung sind, möchte ich nicht um die Welt etwas derartiges von mir behaupten. Fast wünschte ich, meine Natur wäre anders – wenn auch nur, um die Fähigkeit zu besitzen, kleine Merkmale meiner Schwäche, die ich vor Ihnen nicht zu verbergen vermag, unterdrücken zu können. Gut, soll es demütigend für mich sein, aber Sie werden die Güte haben, es zu übersehen. Wir wollen meinetwegen sagen«, fügte Mr. Pecksniff mit großer Feinfühligkeit hinzu, »daß es von einem Schnupfen herrühre oder daß mir ein Stäubchen Tabak, der Geruch von Salmiakgeist, Zwiebeln oder sonst irgend etwas in die Nase gekommen ist.«

Hier hielt Mr. Pecksniff einen Augenblick inne und verbarg das Gesicht hinter seinem Taschentuch. Dann fuhr er mit einem matten Lächeln fort, während er die Bettgardine mit seiner Hand faßte:

»Aber, Mr. Chuzzlewit, wenn ich auch keine Rücksicht auf mich selbst nehme, so bin ich es doch mir und meinem Charakter schuldig – ja, Sir, meinem Charakter, der mir sehr teuer und das beste Erbteil meiner beiden Töchter ist –, Ihnen zu sagen, daß Ihre Handlungsweise ungerecht, unnatürlich, unverantwortlich und abscheulich ist. Auch kann ich Ihnen nicht verhehlen, Sir«, rief Mr. Pecksniff und stellte sich zwischen den Bettgardinen auf die Zehen, als erhebe er sich im buchstäblichen Sinne des Wortes über alle weltlichen Rücksichten und müsse sich an irgend etwas festhalten, um nicht wie Elias gen Himmel zu fahren, »ich kann Ihnen nicht verhehlen – gleichviel ob es Ihnen gefällt oder nicht –, daß es ein schweres Unrecht von Ihnen ist, Ihres Enkels, des jungen Martin, der die ersten und natürlichsten Ansprüche an Sie hat, zu vergessen. Das darf nicht sein, Sir«, wiederholte Mr. Pecksniff, den Kopf schüttelnd. »Sie können es sich vielleicht einreden, aber trotzdem darf es nicht sein. Es ist Ihre Pflicht, für diesen jungen Mann zu sorgen; Sie müssen für ihn sorgen und werden für ihn sorgen. Übrigens glaube ich«, fügte Mr. Pecksniff mit einem Blick auf die Schreibutensilien hinzu, »daß Sie es insgeheim bereits getan haben. Gott segne Sie dafür. Er segne Sie für diese edle Tat. Er segne Sie auch für den Haß, den Sie gegen mich hegen. – Und nun gute Nacht!«

Dabei schwenkte Mr. Pecksniff mit großer Feierlichkeit seine rechte Hand, steckte sie wieder in seinen Westenschlitz und entfernte sich. Wohl sprach sich in seinem ganzen Wesen große Aufregung aus, aber sein Schritt war fest. Mr. Pecksniff war zwar menschlichen Schwächen unterworfen, aber sein fleckenreines Gewissen hielt ihn aufrecht.

Martin Chuzzlewit lag eine Weile mit einem Ausdruck stummer Verwunderung, die mit Zorn gemischt war, da und sann nach. Dann flüsterte er vor sich hin:

»Was soll das heißen? Sollte der falschherzige junge Mensch sich diesen Kerl zum Werkzeug gewählt haben? Warum nicht? Er hat gegen mich konspiriert wie die übrigen; sie sind alle Vögel von demselben Gefieder. Ein neues Komplott; ein neues Komplott! O Selbstsucht, Selbstsucht, Selbstsucht! Bei jedem Schritte nichts als Selbstsucht!«

Dann fing er an, mit der Asche des verbrannten Papiers auf der Leuchtertasse zu spielen. Anfangs völlig geistesabwesend, aber sehr bald wurde der Zunder Gegenstand seines Grübelns.

»Wieder ein Testament gemacht und verbrannt«, murmelte er; »nichts beschlossen und nichts getan! Und doch hätte ich heute nacht sterben können! – Ich sehe es deutlich vor mir, was für schlimmen Zwecken all dies Geld zuletzt noch dienen wird«, rief er und krümmte sich vor Qual in seinem Bette. »Nachdem es mir mein ganzes Leben Sorgen und Elend gebracht, wird es nach meinem Tode noch fortfahren, Uneinigkeit und böse Leidenschaften zu verbreiten. So geht es immer. Welche Prozesse sprossen nicht täglich aus den Gräbern der Reichen auf – Saaten von Meineid, Haß und Lüge unter Blutsverwandten, wo nichts als Liebe herrschen sollte! Gott steh uns bei, wir haben viel zu verantworten! O Selbstsucht, Selbstsucht, Selbstsucht! Jeder denkt an sich und niemand an mich!«

23. Kapitel


23. Kapitel

Martin und sein Kompagnon treten ihren Besitz an. Dieser erfreuliche Anlaß gibt Gelegenheit zu einem weiteren Bericht über Eden

Martin bemerkte an Bord des Dampfschiffs einige Passagiere ganz desselben Schlages wie sein New Yorker Freund, Mr. Bevan, und das machte ihn bald wieder heiter und zuversichtlich. Die Herren befreiten ihn, so gut es eben gehen wollte, aus den intellektuellen Schlingen Mrs. Hominys und bewiesen in ihrem ganzen Reden und Tun so viel gesunden Menschenverstand und Hochherzigkeit, daß er sie gar nicht genug schätzen zu können glaubte.

»Wäre Amerika wirklich eine Republik der Intelligenz und des wahren Menschenwertes«, sagte er, »während sie nur blauen Dunst und Prellerei hervorbringt, so würde es hier nicht an Hebeln fehlen, die Staatsmaschine in Bewegung zu erhalten.«

»Aber gute Werkzeuge haben und schlechte gebrauchen«, entgegnete Mr. Tapley, »heißt das nicht ein erbärmlicher Zimmermann sein?«

Martin nickte: »Es scheint, als ob die Last der Arbeit ihre Zwecke und Kräfte unendlich übersteigt, und deshalb pfuschen sie.«

»Das schönste bei der Sache ist«, meinte Mark, »daß, wenn sie wirklich einmal etwas Anständiges ausführen, so wie bessere Arbeiter, die weniger vom Glück begünstigt sind, es täglich tun, ohne es für etwas Besonderes anzusehen, sie immer ein riesiges Aufhebens davon machen. Denken Sie an meine Worte, Sir! Wenn jemals der bankerotte Teil dieses Landes seine Schulden zahlen sollte – wenn er schließlich merkt, daß das Nichtbezahlen nicht angeht und unangenehme Folgen hat –, so werden sie so das Maul vollnehmen, als ob seit Erschaffung der Welt noch nie ein geborgter Dollar zurückgezahlt worden wäre. So belügen sie einander, Sir. Ich durchschaue die Burschen. Denken Sie an meine Worte, Sir.«

»Wahrhaftig, Sie sind ja schrecklich scharfsinnig auf einmal«, lachte Martin.

»Vielleicht kommt es daher«, brummte Mark, »daß ich eine Tagesreise näher an Eden bin und die Erleuchtung über mich kommt, ehe ich sterbe. Wer weiß, vielleicht werde ich gar ein Prophet, ehe wir noch in Eden sind.«

Er sprach diese Gedanken zwar nicht aus, aber die außerordentliche Fröhlichkeit, die sie in ihm hervorriefen, sagte genug. Obwohl Martin zuweilen tat, als habe er kein Verständnis für den unerschöpflich heitern Sinn seines Kompagnons, und manchmal – wie in dem Falle bei Mr. Zephania Scadder – seine Kommentare zu allem und jedem etwas gar zu spaßhaft fand, so war er doch immer empfänglich für die belebende und aufmunternde Wirkung des Beispiels, das ihm Mark Tapley gab.

Anfangs wurden ziemlich viel Reisende ein- oder zweimal des Tages an Land gesetzt und andere kamen dafür an Bord, aber je weiter sie stromauf fuhren, desto dünner schienen die Städte gesät zu sein, und oft dauerte es viele Stunden, ohne daß sie andere Ansiedlungen zu Gesicht bekamen als die Hütten der Holzfäller, an denen der Dampfer Brennmaterial einnahm. – Himmel, Wald und Wasser den ganzen lieben Tag lang und eine Hitze, die Blasen zog, wohin die Strahlen der Sonne fielen.

So ging es fort durch große Einöden, wo Buschwerk dicht und eng das Ufer bedeckte, Bäume in der Strömung trieben, aus der Tiefe ihre verdorrten Arme in die Höhe reckend oder vom Lande aus in das Wasserbett niedertauchten, halb noch wachsend, halb im schlammigen Wasser modernd. Fort und fort in ewiger Eintönigkeit, den ganzen Tag und die traurige Nacht, in der sengenden Sonnenglut und im Dunst und Nebel des Abends – immer weiter und weiter, bis ein Umkehren unmöglich war und ein Wiedersehen der Heimat nur noch wie ein Traum erschien.

Es waren schließlich nur noch wenige Passagiere mehr an Bord und diese so stumpfsinnig und träge wie die Vegetation der Ufer mit ihrem qualvoll ermüdenden Anblick. Keine Äußerung des Frohsinns oder der Hoffnung wurde laut, und kein angenehmes Geplauder verkürzte den trägen Lauf der Stunden. Und nirgends bildeten sich die kleinen Gruppen, wie es sonst auf Reisen der Fall zu sein pflegt, um durch Gespräche gegen die Öde der Landschaft anzukämpfen. Hätte man nicht zu gewissen Stunden aus einem gemeinschaftlichen Troge seine Nahrung verschlungen, so hätte man denken müssen, das Dampfschiff sei die Fähre des alten Charon, der melancholische Schatten zum jüngsten Gerichte führt.

Endlich kamen sie in die Nähe von Neu-Thermopylae, wo noch am selben Abend Mrs. Hominy an Land gehen wollte. Ein Strahl des Trostes senkte sich in Martins Herz, als sie ihm dies eröffnete. Mark war weniger trostbedürftig, aber auch ihm mißfiel diese Veränderung nicht.

Es war fast Nacht, als sie an dem Landungsplatz anlegten – steiles Gestade und darauf ein »Hotel«, das wie eine Scheune aussah, ein oder zwei hölzerne Magazine und einige zerstreut umherstehende Schuppen.

»Sie wollen wohl hier übernachten und dann morgen weiterreisen, Madame?« fragte Martin.

»Wohin sollte ich denn weiterfahren?« rief die Mutter der modernen Gracchen.

»Ich denke, doch nach Neu-Thermopylae?«

»Aber, das ist doch hier!«

Martin sah sich neugierig um, konnte jedoch nichts entdecken, was den Namen Neu-Thermopylae auch nur halbwegs verdient hätte.

»Aber da liegt es doch!« rief Mrs. Hominy und deutete auf den eben erwähnten Schuppen.

»Da?«

»Jawohl. Und man kann sagen, was man will, Eden läßt sich nicht damit vergleichen«, sagte Mrs. Hominy und nickte ausdrucksvoll mit dem Kopfe. Inzwischen war die verheiratete Tochter Mrs. Hominys an Bord gekommen, und ihr Gatte bestätigte stolz die Behauptungen seiner Schwiegermutter. Dankend lehnte Martin die Einladung der Herrschaften ab, für die halbe Stunde, während der das Boot anhielt, an Land zu gehen und dort etwas zu genießen; und nachdem er Mrs. Hominy und das rote Taschentuch, das immer noch in Tätigkeit war, glücklich über die Fallreepstreppe begleitet hatte, kehrte er in höchst nachdenklicher Stimmung zurück, um den Auswandrern zuzusehen, wie sie ihre Habe ausschifften.

Mark stand neben ihm und trachtete zuweilen verstohlen in seinen Zügen zu lesen, welchen Eindruck wohl die Worte Mrs. Hominys auf ihn gemacht haben mochten. Es wäre ihm lieb gewesen, Martins Hoffnungen herabgestimmt zu sehen, bevor sie ihren Bestimmungsort erreichten, damit der Schlag, den er befürchtete, nicht zu vernichtend ausfiele, aber Martin blickte nur dann und wann nach den ärmlichen Bauten auf dem Hügel und verriet mit keiner Miene, was in seinem Innern vorging, bis sie wieder weiterfuhren.

»Mark«, sagte er dann, »ist wirklich niemand außer uns an Bord, der mit nach Eden fährt?« »Keine Seele, Sir. Sie wissen doch, daß die meisten zurückgeblieben sind; die wenigen, die noch da sind, gehen weiter als nach Eden. Was liegt übrigens daran. Um so mehr Platz werden wir dort haben.«

»Freilich«, sagte Martin, »aber ich dachte – –« dann verstummte er plötzlich.

»Nun, Sir?« fragte Mark.

»Ist es nicht merkwürdig, daß die Leute ihr Glück in einem so elenden Nest wie diesem hier zum Beispiel versuchen wollen, während doch ein so viel besserer und ganz anderer Ort wie Eden von hier aus so leicht zu erreichen ist?«

Der Ton, in dem er dies sagte, war so verschieden von seiner gewöhnlichen Zuversicht und verriet so auffallend seine Furcht vor Marks Antwort, daß dieser in seiner Gutmütigkeit das tiefste Mitleid mit ihm empfand.

»Nun, wissen Sie, Sir«, sagte Mark so sanft und schonungsvoll wie möglich; »wir müssen uns hüten, nicht allzu sanguinisch zu sein; weshalb sollten wir es denn auch, da wir doch entschlossen sind, zum bösesten Spiele die beste Miene zu machen. Nicht wahr, Sir?«

Martin blickte ihn an, ohne eine Silbe zu erwidern.

»Auch Eden, wie Sie wissen, ist ja noch nicht vollständig aufgebaut.«

»Um Himmels willen, Mensch«, rief Martin zornig, »so nennen Sie doch nicht immer Eden in ein und demselben Atem mit diesem Dorfe hier. Sind Sie toll?! Übrigens seien Sie mir nicht böse, daß ich so aufbrause, ich bin ein wenig nervös.«

Damit wandte er sich ab und ging volle zwei Stunden unruhig auf dem Deck auf und ab. Auch sprach er, ein einziges »Gute Nacht« ausgenommen, kein Wort weiter bis zum nächsten Morgen, vermied auch dann noch das Thema geflissentlich und redete von andern, gleichgültigen Dingen.

Als sie weiterkamen und sich mehr und mehr dem Ziele ihrer Reise näherten, steigerte sich die einförmige Öde der Landschaft, die jetzt geradezu trostlos wurde, in so hohem Grade, daß man hätte meinen können, man sähe leibhaftig die grausen Domänen des Riesen Verzweiflung vor sich. Ein flacher Morast, mit gefällten Bäumen bedeckt, ein Moorboden, auf dem gesundes Wachstum einem abscheulichen Moder Platz gemacht hatte und sogar die Bäume das Aussehen riesiger Kräuter zu haben schienen, durch die herniedersengende Sonne aus dem Schlamme hervorgelockt. Wo todbringende Krankheiten auf der Lauer lagen, die Lebewesen zu vergiften, nächtlicherweise in Nebelgestalten hervorkommend, auf dem Wasser weiterkriechend und gespenstisch ihr Opfer verfolgend bis zum Tagesanbruch – wo sogar der helle Sonnenstrahl zum Schrecken wurde, wie er auf die modernden Elemente der Verderbnis und des Siechtums niederbrannte: das war das Land der Hoffnung, durch das sie jetzt vordrangen.

Endlich machten sie halt, und zwar in Eden. Wahrscheinlich waren die Wasser der Sintflut eben erst vor einer Woche abgelaufen, so erstickt von Schlamm und Dschungel war der abscheuliche Sumpf, der diesen Namen trug.

Da das Ufer in eine Sandbank auslief, mußten sie vermittelst eines Bootes ihre Habe an Land bringen. Einige Blockhäuser wurden zwischen den dunklen Bäumen sichtbar. Die besten sahen aus wie ein schlechter Kuh- oder Pferdestall. Von öffentlichen Kais, Marktplätzen, Gebäuden und so weiter – keine Spur.

»Da kommt jemand aus Eden«, rief Mark, »er kann uns unsere Sachen fortschaffen helfen. – Kopf hoch, Sir! – Hallo, Sie da!«

Sofort wankte der Mann, auf einem Stock gestützt, durch die Dunkelheit auf sie zu. Als sie näher kamen, bemerkten sie, daß er blaß und abgezehrt aussah und daß seine kummervollen Augen tief in ihren Höhlen lagen. Sein Anzug aus blauer Hausleinwand hing in Fetzen, und sein Kopf und seine Füße waren nackt. Auf dem halben Wege setzte er sich auf einen Baumstumpf, winkte ihnen heranzukommen, die Hand an die Seite gelegt, wie vor Schmerzen, holte tief Atem und starrte sie verwundert an.

»Fremde?« rief er, sobald er wieder sprechen konnte.

»Ja«, antwortete Mark. »Sind Sie krank, Sir?«

»Ich habe am Fieber darniedergelegen«, antwortete der Mann mit schwacher Stimme. »Ich habe viele Wochen lang nicht auf den Beinen stehen können. – Das sind wohl Ihre Sachen hier?«

Dabei deutete er auf das Gepäck.

»Ja, Sir, so ist’s«, versetzte Mark; »könnten sie uns nicht vielleicht jemanden empfehlen, der uns ein bißchen hülfe, es nach der Stadt hinaufzuschaffen? Wie?«

»Mein ältester Sohn würde es gerne tun, wenn er könnte«, entgegnete der Mann; »aber er hat heute wieder seinen Fieberanfall und liegt in Decken eingehüllt in seinem Bett. – Mein Jüngster starb vor einer Woche.«

»Ich bedaure Sie von ganzem Herzen, Sie Ärmster«, sagte Mark und drückte ihm die Hand; »kümmern Sie sich nicht um uns. Kommen Sie mit mir und reichen Sie mir den Arm. Ich werde Sie zurückführen. Unser Gepäck liegt sicher genug«, fügte er zu Martin gewendet hinzu; »es gibt hier nicht viele Menschen, die sich damit aus dem Staube machen könnten; das ist wenigstens ein Trost.«

»Nein«, rief der Mann, »die Menschen müßt ihr hier« – dabei stieß er mit dem Stock auf den Boden – »und dort im Gebüsch weiter nördlich suchen. Wir haben die meisten von ihnen begraben; die übrigen sind fortgezogen, und die noch hier sind, kommen bei Nacht nicht aus ihren Hütten.«

»Die Nachtluft ist wohl nicht sehr gesund?« fragte Mark.

»Sie ist ein tödliches Gift«, lautete die Antwort des Ansiedlers.

Mark verriet nicht mehr Unruhe, wie wenn sie ihm als Ambrosia geschildert worden wäre, reichte dem Manne seinen Arm, teilte ihm unterwegs die Geschichte ihres Kaufes mit und befragte ihn, wo ihr Besitztum liege.

»Dicht neben meinem eigenen Blockhaus«, sagte der Mann, »so dicht, daß wir Ihre Wohnung bisher als Vorratshaus für Welschkorn benützt haben.« Dann bat er Mark, sich noch diese Nacht zu gedulden. Morgen werde er es sich angelegen sein lassen, die Vorräte herauszuschaffen. Als etwas ganz Nebensächliches bemerkte er dabei, daß er den letzten Eigentümer eigenhändig begraben habe; eine Kunde, die Mark ebenfalls ohne die mindeste Erschütterung seines Gleichmutes hinnahm.

Sodann führte er Mark und Martin nach einem erbärmlichen, aus rohen Holzstämmen zusammengefügten Hause oder vielmehr einer Hütte, deren Türe ausgehoben war – vermutlich, um die Aussicht auf die wilde Landschaft und in die dunkle Nacht hinein zu erweitern. Mit Ausnahme des erwähnten kleinen Maisvorrates befand sich nichts darin. Sie holten daher eine ihrer Kisten vom Landungsplatz, und der Ansiedler lieh ihnen dazu eine Holzfackel. Mark befestigte sie auf dem Herde, erklärte, das Haus sehe jetzt ungemein gemütlich aus, und eilte dann mit Martin fort, um das Gepäck herbeischaffen zu helfen. Auf dem ganzen Hin- und Herwege plauderte er unablässig, um zu verhindern, daß sein Kompagnon ganz und gar in seiner Verzweiflung den Kopf verliere.

Aber wohl auch ein Kräftigerer als Martin wäre bei der so grausamen Zerstörung seines Luftschlosses niedergebrochen, und als sie die Blockhütte zum zweitenmal erreichten, warf er sich auf die Erde nieder und weinte laut.

»Kopf hoch, Sir, um Gottes willen, Kopf hoch!« rief Mr. Tapley in großem Schrecken. »Sie dürfen nicht so entmutigt sein. Nur nicht gleich die Flinte ins Korn werfen! Damit hat sich noch nie ein Mann, ein Weib oder ein Kind auch nur über den niedrigsten Zaun geholfen, Sir, und wird es auch niemals imstande sein. Und abgesehen davon, daß Ihr Weinen Ihnen nichts hilft, so macht es die Sache nur schlimmer, denn ich kann so etwas nicht mitansehen. Es wirft mich zu Boden. Alles, alles, nur das nicht!«

Zweifellos sprach er die Wahrheit, und der außerordentliche Schrecken, mit dem er Martin ansah, dabei auf den Knien vor der Kiste liegend, um sie aufzubrechen, bewies es hinlänglich.

»Ich bitte Sie tausendmal um Verzeihung, lieber Freund«, jammerte Martin, »aber ich kann nicht anders. Und wenn man mir den Kopf herunterschlüge.«

»Mich um Verzeihung bitten?« rief Mark mit seiner gewohnten Heiterkeit und fuhr dabei fort, die Kiste auszupacken; »der Hauptassocié der Firma bittet die Kompagnie um Vergebung! Wie? Da muß etwas faul sein in der Firma. Ich muß auf der Stelle die Bücher nachsehen und die Rechnungen prüfen lassen. – So, da wären wir«, damit packte er die mitgebrachten Vorräte aus, »und jetzt alles an seinen richtigen Platz: hier das eingesalzene Schweinefleisch, hier der Zwieback, hier der Whisky – wie fein der riecht! – Und hier die Zinnkanne. Die Zinnkanne allein ist schon ein kleines Vermögen wert. Und hier die Decken und hier die Axt! Da soll einer noch sagen, daß wir nicht fein ausgestattet sind. Mir kommt’s fast so vor, als sei ich als Seekadett nach Indien gereist und mein edler Vater Präsident des Direktoren-Kollegiums. Nun, wenn ich noch etwas Wasser aus dem Fluß vor der Türe geholt und den Grog gemischt habe«, rief er und eilte hinaus, »so haben wir ein Abendessen fertig, das alle Delikatessen der Jahreszeit umfaßt. – So, Sir, und jetzt wird aufgedeckt. Ein Zigeunerlager ist ein Quark dagegen.«

Es wäre unmöglich gewesen, in der Gesellschaft eines solchen Menschen nicht Mut zu fassen. Martin setzte sich neben den Koffer auf den Boden, zog sein Messer heraus und aß und trank, was das Zeug hielt.

»Nun, sehen Sie«, sagte Mark, nachdem Sie ihrem Mundvorrat kräftig zugesprochen hatten, »mit unsern beiden Messern stecke ich diese Decke hier vor der Türe fest oder vielmehr dort, wo zivilisierte Zimmerleute das Loch zu lassen pflegen. Wie nett das jetzt aussieht! Dann verstopfe ich die Öffnung unten, indem ich die Kiste davorstelle. Auch das macht sich nicht übel. – So. – Und hier ist Ihre Schlafdecke und hier die meinige. Was kann uns jetzt hindern, eine famose Nacht zu verbringen?«

Trotz aller dieser leichtherzigen Reden dauerte es doch ziemlich lange, bevor er einschlief. Er wickelte seine Decke um sich, legte sich die Axt zur Hand und suchte sein Lager quer vor der Schwelle der Türe, war aber zu ängstlich und zu wachsam, um ein Auge schließen zu können. Das Ungewohnte ihrer traurigen Lage, die Furcht vor Raubtieren oder menschlichen Feinden, die schreckliche Ungewißheit, wie sie weiterhin an einem solchen Orte ihre Leben würden fristen können – der Gedanke an die immense Entfernung bis zu zivilisierten Orten und die ungeheueren Hindernisse, die sich vor ihnen auftürmen mußten, wenn sie daran dachten, England je wieder zu erreichen, mußten ihn notwendigerweise aufs höchste beunruhigen. Zwar stellte sich Martin schlafend, aber Mark fühlte ganz genau, daß er gleichfalls wachte und eine Beute derselben quälenden Befürchtungen war. Und das war fast schlimmer für ihn als alles andere, denn wenn er selbst anfing, sich dem Brüten über das gemeinsame Elend zu überlassen, statt den Versuch zu machen, dagegen anzukämpfen, so unterlag es wohl kaum einem Zweifel, daß eine derartige Gemütsstimmung den Einfluß der verpestenden Miasmen mächtig unterstützen mußte. Nie war daher der Tagesanbruch einem menschlichen Auge auch nur halb so willkommen wie ihm beim Erwachen nach qualvollem Schlummer. Er merkte den Sonnenaufgang daran, daß die Ritzen im Dach und die Lücken, die die Decke an der Türe freiließ, zu schimmern begannen.

Leise – da Martin noch schlief – schlich er hinaus, erquickte sich durch ein Bad in dem Fluß, der an der Türe vorbeiströmte, und warf einen Blick auf die Ansiedlung, die im Ganzen aus nicht mehr als zwanzig Hütten bestand, die Hälfte davon augenscheinlich unbewohnt, alle aber morsch und dem Verfalle nahe. Die schlechteste und elendeste darunter hieß das »Bankbureau des National-Kredit-Vereins«; und nur noch einige schwache Stützen hinderten das Gebäude, gänzlich im Schlamm zu versinken. Hie und da war augenscheinlich der Versuch gemacht worden, das Land zu lichten; – auch hatte man eine Art Feld abgesteckt, auf dem unter den Stümpfen und der Asche verbrannter Bäume eine spärliche Ernte von Welschkorn wuchs. An anderen Stellen war eine schlangenförmige oder zickzackartige Verzäunung angefangen worden, nirgends aber bis zur völligen Ausführung gediehen; und die umgefallenen Holzpflöcke verfaulten jetzt halb im Boden steckend. Drei oder vier abgezehrte Hunde, einige langbeinige Schweine, in den Lichtungen nach Nahrung suchend, und ein paar fast nackte Kinder, die aus den Hütten blickten – das waren so ungefähr die einzigen lebenden Wesen, deren er ansichtig wurde. Ein häßlicher Dunst, heiß und erstickend wie die Luft eines Backofens, stieg aus der Erde empor und lagerte sich über die ganze Umgegend; und wo der Fuß im Moorboden einsank, da drang eine schwarze Jauche empor, um die Spur wieder auszutilgen.

Ihr gemeinsamer Besitz bestand nur aus Urwald. Die Bäume waren so dick und standen so nahe beieinander, daß sie sich gegenseitig fast von ihren Plätzen verdrängten und die schwächsten, in seltsam verdrehte Formen gezwängt, wie Krüppel dahinsiechten. Aber auch die besten unter ihnen waren durch den Druck und den Mangel an Raum krank und verkümmert. Hoch um die Stämme herum wuchsen langes, wucherndes Gras, Unkraut und muffiges vermodertes Unterholz wie eine einzige verfilzte Masse, weder in der Erde noch im Wasser wurzelnd, sondern in einer fauligen Masse, die sich aus dem breiigen Abfall dieser beiden Elemente und ihrem eigenen Moder gebildet hatte.

Mark eilte zum Landungsplatz hinunter, wo sie gestern abend ihre Habe hatten stehen lassen, und fand dort ein halbes Dutzend Leute versammelt; alle bleich und elend, aber doch gerne zur Hilfe bereit und erbötig, ihm das Gepäck nach dem Blockhause tragen zu helfen. Sie schüttelten die Köpfe, als er von einer »Ansiedlung« sprach, und konnten ihm auch nicht einen Schimmer von Hoffnung oder Trost geben. Wenn einer noch die Mittel besessen, um wegzufahren, so hatte er alles im Stiche gelassen. Den armen Zurückgebliebenen waren ihre Weiber, Kinder, Freunde oder Brüder gestorben, und sie selbst hatten viel gelitten. Die Mehrzahl von ihnen lag ununterbrochen krank, trotzdem sie früher kerngesund gewesen.

Freiwillig boten sie Mark ihren Rat und Beistand an und entfernten sich dann, um an ihre eigenen Geschäfte zu gehen.

Inzwischen war Martin aufgestanden. Schon eine einzige Nacht hatte eine große Veränderung in ihm hervorgebracht: er sah blaß und erschöpft aus, klagte über Schmerzen und Schwäche in den Gliedern und sagte, daß ihn schon das Sprechen angreife. Um so mehr nahm Mark seine ganze Munterkeit und Tatkraft zusammen, schleppte eine Türe von einer der verlassenen Hütten herbei und nagelte sie an ihr eigenes Blockhaus. Dann ging er fort, um eine grobgeschnitzte Bank zu holen, die ihm ins Auge gefallen war, und kehrte im Triumph mit ihr zurück. Und nachdem er dieses herrliche Möbel draußen neben den Eingang gestellt hatte, pflanzte er die unschätzbare Zinnkanne und anderes Gerät darauf, so daß sie eine Art Anrichtetisch repräsentierte. Höchst zufrieden mit dieser getroffenen Einrichtung, rollte er das mitgebrachte Mehlfaß ins Haus und stellte es in einem Winkel als Ecktisch auf. Als Speisetisch mußte eine Kiste dienen. Die Decken, die Kleider usw. hängte er an Pflöcke und Nägel, und schließlich brachte er ein großes Plakat zum Vorschein, das Martin im Jubel seines Herzens eigenhändig im National-Hotel angefertigt hatte und das die Inschrift trug: Chuzzlewit & Comp., Architekt und Landvermesser, und klebte es höchst ernsthaft an die Fassade des Blockhauses, als ob die blühende Stadt Eden bereits existiere und die Firma mit Geschäften überlaufen sei.

»Diese Instrumente«, sagte er, entnahm Martins Reißzeug einen Zirkel und steckte ihn mit den beiden Spitzen in die Türe, »sollen hier vor aller Augen prangen, damit die Leute sehen, wie wir ausgerüstet sind. So. – Und wenn jetzt ein Gentleman ein Haus zu bauen gedenkt, so möge er sich beeilen, bevor wir anderweitig vergeben sind.«

In Anbetracht der herrschenden intensiven Hitze war dies keine schlechte Morgenarbeit gewesen, aber, ohne sich auch nur einen Augenblick Ruhe zu gönnen, trotzdem ihm der Schweiß aus jeder Pore rann, verschwand Mark wieder im Hause und kam gleich darauf mit einem Beil heraus. »Da steht ein häßlicher alter Baum im Wege, Sir«, bemerkte er, »wie wär’s, wenn wir ihn beseitigten und dann nachmittags an das Ofenbauen gingen? Was den Lehm in Eden anbelangt, glaube ich, könnt es keinen bessern in der ganzen Welt geben. – Jedenfalls ein Vorteil.«

Martin gab keine Antwort. Die ganze Zeit über saß er, den Kopf auf die Hand gestützt, da und starrte auf den rasch vorüberströmenden Fluß, und selbst der Schall der kräftigen Streiche, die Mark gegen den Baum führte, vermochte ihn nicht aus seinem kummervollen Brüten zu wecken.

Als Mark sah, daß alle seine Bemühungen, seinen Freund aufzumuntern, nutzlos blieben, hielt er in seiner Arbeit inne und trat auf ihn zu.

»Verlieren Sie den Mut nicht, Sir!« ermahnte er.

»Ach, Mark«, jammerte Martin, »was habe ich nur verbrochen, daß dieses schwere Los mir jetzt zuteil wird?«

»Ach, Sir, was das betrifft«, bemerkte Mark, »so könnten ja alle, die hier sind, dasselbe sagen. Viele vielleicht noch mit größerem Recht als Sie oder ich. – Kopf hoch, Sir. Am besten, Sie legen mit Hand an. Was meinen Sie, würde es Ihnen nicht vielleicht eine gewisse Erleichterung verschaffen, wenn Sie an Scadder einen groben Brief schrieben? – Wie?«

»Nein, nein«, sagte Martin und schüttelte kläglich den Kopf, »über das bin ich hinaus.«

»Nun, wenn Sie über das bereits hinaus sind«, entgegnete Mark, »müssen Sie krank sein und bedürfen der Pflege.«

»Kümmern Sie sich nicht um mich«, ächzte Martin. »Sorgen Sie nur für sich; Sie werden sowieso sehr bald nur noch an sich selbst zu denken haben. – Und dann helfe Ihnen Gott nach Hause und verzeihe mir, daß ich Sie hierher gelockt habe. Mein Los wird sein, hier zu sterben. Ich habe es in dem Augenblick gefühlt, als ich meinen Fuß an dieses Ufer setzte. Im Schlafen und im Wachen, Mark, habe ich die ganze Nacht davon geträumt.«

»Ich vermutete gleich, Sie müßten krank sein«, versetzte Mark mit Wärme, »aber jetzt bin ich davon überzeugt. Wahrscheinlich ein kleiner Fieberanfall, wie ihn die Wasserausdünstungen hier zur Folge haben. Aber, Gott, was will das weiter heißen. Es ist so eine Art Akklimatationsprozeß. Wir alle müssen uns daran einmal gewöhnen; das hat weiter nichts zu sagen.«

Martin seufzte nur und schüttelte den Kopf.

»Warten Sie noch eine halbe Minute«, tröstete Mark, »bis ich zu einem unserer Nachbarn gelaufen bin und gefragt habe, was man am besten dagegen einnehmen kann. Ich lasse mir dann ein bißchen von der Arznei geben, und Sie nehmen sie ein, und morgen werden Sie wieder so kräftig sein wie je. Ich bleibe keine Minute aus. Nur den Mut nicht verloren, während ich weg bin! Es wird alles wieder gut werden.«

Damit warf er sein Beil hin und eilte davon. In einiger Entfernung blieb er wieder stehen und blickte zurück. Dann nahm er seinen Lauf wieder auf.

»Nun, Mr. Tapley«, sagte er und gab sich einen fürchterlichen Schlag auf die Brust, um seinen Mut wieder zu beleben; »jetzt höre, was ich dir zu sagen habe. Die Dinge stehen so schlimm wie nur möglich, junger Mann; und so bald wirst du in deinem Leben wohl keine so günstige Gelegenheit wieder finden, deinen Humor zu beweisen, mein Junge. Darum Mark Tapley, jetzt oder nie!«

24. Kapitel


24. Kapitel

Wie sich gewisse Liebesangelegenheiten weiter entwickelten. – Haß, Eifersucht und Rache

»Hallo! Mr. Pecksniff«, rief Mr. Jonas aus dem Wohnzimmer, »wann wird denn endlich jemand hinausgehen und die Haustüre aufmachen?«

»Sogleich, Mr. Jonas, sogleich.«

»Mordselement«, brummte der verwaiste junge Mann. »Ich dächte, es wäre schon höchste Zeit. Jetzt ist schon dreimal geklopft worden, und jedesmal laut genug, um die –« er hatte eine solche Scheu vor dem Gedanken an die Auferweckung der Toten, daß ihm die Worte in der Kehle stecken blieben und er den Satz beendete; »– um die elftausend schlafenden Jungfrauen zu erwecken.« »Sogleich, Mr. Jonas, sogleich«, wiederholte Pecksniff. »Thomas« – er wußte nicht, sollte er Tom seinen lieben Freund oder einen Spitzbuben nennen, und schüttelte daher bloß die geballte Faust gegen ihn – »gehen Sie hinauf zu meinen Töchtern und sagen Sie ihnen, wer da ist. Sagen Sie ihnen, sie sollen sofort still sein. Hören Sie, Sir?«

»Sogleich, Sir«, rief Tom und eilte bestürzt fort, um seine Botschaft auszurichten.

»Sie müssen mich – ha ha ha! – entschuldigen, Mr. Jonas, wenn ich die Türe hier ein wenig schließe, wie?« sagte Pecksniff. »Ich glaube, es kommt jemand in Geschäftsangelegenheiten; das heißt, ich weiß sogar gewiß, daß es so ist. Ich danke Ihnen.« Dann trillerte er fröhlich ein ländliches Lied, setzte seinen Gartenhut auf, nahm einen Spaten in die Hand und öffnete die Haustüre, unbefangen auf die Schwelle tretend, als habe er das dunkle Gefühl, von seinen »Weinbergen« aus jemanden sachte klopfen gehört zu haben. Als er einen Gentleman und eine Dame vor sich sah, fuhr er verwirrt zurück, wie ein rechtschaffener Mann mit einem kristallklaren Gewissen beim Anblick einer ganz unerwarteten Erscheinung. Im nächsten Augenblick faßte er sich jedoch und rief:

»Mr. Chuzzlewit! Was sehe ich! Mein höchst wertgeschätzter Herr, o mein lieber Herr, das ist ja eine frohe Stunde. Eine glückliche Stunde. In der Tat! Bitte, treten Sie doch ein. Sie finden mich in meinem Gartenrock, aber Sie werden mich entschuldigen, ich weiß. Eine edle Beschäftigung von alters her, der Gartenbau. Wenn ich nicht irre, mein wertgeschätzter Herr, war Adam der erste Gärtner. Meine Eva, ich sage es mit Schmerz, ist nicht mehr, Sir. Aber« – er zeigte auf den Spaten und schüttelte den Kopf, als halte er nur mühsam seine Tränen zurück – »ich spiele immer noch ein klein wenig den Adam.«

Mittlerweile hatte er seine Gäste in das beste Wohnzimmer geleitet, wo seine Büste von Spoker und sein Porträt von Spiller hing.

»Meine Töchter«, säuselte er, »werden außer sich sein vor Freude. – Wenn ich ein solches Thema je satt bekommen könnte, so wäre es schon längst der Fall gewesen, mein werter Herr, so ununterbrochen haben die Mädchen von dem Glück, das jetzt eingetroffen ist, seit unserem Zusammentreffen bei Mrs. Todgers gesprochen. Und Ihre schöne junge Freundin«, fragte er, mit einem Blick auf Mr. Chuzzlewits Begleiterin, »die sie so lebhaft kennenzulernen wünschen – freilich, sie kennenlernen und lieben ist eins –, befindet sich doch hoffentlich wohl? – Und wenn ich sage: Willkommen unter meinem geringen Dache, so hoffe ich, finde ich ein Echo in ihrer Seele. Doch, wenn ihre Gesichtszüge ein Spiegel des Herzens sind, so habe ich keine Sorge darum. Ein außerordentlich anziehendes Antlitz, Mr. Chuzzlewit, werter Herr – ungemein anziehend.«

»Mary«, wandte sich der alte Mann an seine Begleiterin, »Mr. Pecksniff schmeichelt Ihnen. – Eine Schmeichelei von ihm ist nichts Alltägliches. Aber sie kommt ihm von Herzen. Wir dachten, Mr. – –«

»Pinch«, ergänzte Mary.

»Mr. Pinch sei vor uns angekommen, Sir?«

»Allerdings kam er vor Ihnen an, mein werter Herr«, entgegnete Mr. Pecksniff, seine Stimme erhebend, damit ihn Tom oben auf der Treppe hören könne. »Und er beabsichtigte wahrscheinlich, mir Ihre Ankunft zu melden, als ich ihn bat, zuerst in das Zimmer meiner Töchter zu gehen und nach Charitas zu fragen, weil das liebe Kind nicht so ganz wohl ist, als ich wünschen möchte. Nein – beunruhigen Sie sich nicht«, rief er als Antwort auf die besorgten Blicke seiner Gäste, »es tut mir gewiß leid, sagen zu müssen, daß sie nicht wohl ist – aber es ist nur ein nervöser Anfall, nichts weiter. Ich bin nicht in Unruhe deshalb. – – – Mr. Pinch! Thomas! Ach, bitte, kommen Sie doch herunter. Sie wissen, Sie sind kein Fremder hier. – – Thomas ist seit langer Zeit mein Freund« – erklärte er – »müssen Sie wissen.«

»Ich danke Ihnen, Sir«, versetzte Tom, »es ist so gütig von Ihnen, daß Sie mich in dieser Weise vorstellen. Es ergreift mich tief.«

»Immer der alte Thomas«, rief der Architekt wohlwollend, »Gott segne Sie.«

Sodann berichtete Thomas, daß die jungen Damen sogleich erscheinen würden und die besten Erfrischungen, die das Haus bieten könne, soeben gemeinsam zubereiteten. Aufmerksam blickte ihn der alte Mr. Chuzzlewit an, und zwar mit weit weniger Härte, als er es sonst gewohnt war. Auch schien die beiderseitige Verlegenheit Toms und der jungen Dame – er konnte sich’s nicht erklären, woher sie rühren mochte – seiner Beobachtung nicht zu entgehen.

»Pecksniff«, sagte er nach einer Weile, stand auf und zog seinen Wirt in eine Fensternische, »ich war sehr erschüttert, als ich von dem Tode meines Bruders vernahm. Wir sind uns viele Jahre vollständig fremd gewesen. Mein einziger Trost ist, daß er glücklicher und als besserer Mensch gelebt haben muß, da er nur auf sich selbst baute und nicht, wie die andern, auf mich und mein Geld rechnete. Friede seiner Asche! Wir waren einstens gute Spielkameraden, und vielleicht wäre es für uns beide das beste gewesen, der Tod hätte uns schon damals ereilt.«

Da Mr. Pecksniff den alten Herrn in so versöhnlicher Stimmung sah, fing er an, einen Ausweg aus seinen Verlegenheiten zu sehen, bei dem er Jonas nicht über Bord zu werfen brauchte.

»Mein wertgeschätzter Herr, daß irgend jemand auf der Welt möglicherweise glücklicher sein kann, weil er mit Ihnen nicht in näherer Verbindung steht«, entgegnete er, »müssen Sie mir zu bezweifeln erlauben. Aber daß Mr. Anthony an seinem Lebensabend glücklich war, kann ich Ihnen versichern. Um so mehr, als er sich von seinem vortrefflichen Sohne – einem Musterbild, mein werter Herr, einem Musterbild für alle Söhne – heiß geliebt wußte. Außerdem stand er, sozusagen, unter der Obhut eines weitläufigen Verwandten, dessen guter Wille keine Grenzen kannte, wie unbedeutend auch seine Mittel sein mochten, ihm nützlich zu sein.«

»Was ist das!« rief Mr. Chuzzlewit mißtrauisch. »Sind Sie vielleicht mit einem Legat bedacht worden, Sir?«

»Ich sehe«, seufzte Mr. Pecksniff, »daß Sie mich immer noch nicht recht verstehen. – Nein, Sir, ich bin nicht mit einem Legat bedacht worden und bin stolz darauf, sagen zu können, daß es nicht so ist. Desgleichen rechne ich mir’s zur Ehre an, daß auch keines von meinen Kindern unter die Legatare gehört. Aber trotzdem, Sir, war ich Anthonys ausdrücklichem Wunsche gemäß in seinen letzten Stunden um ihn. Er verstand mich besser, Sir. Er schrieb mir in seinem letzten Brief: Ich fühle mich krank; ich fühle, daß es mit mir zu Ende geht. Bitte, kommen Sie zu mir. Und ich ging zu ihm. Ich saß neben seinem Bette, Sir, und stand neben seinem Grabe. – Allerdings geschah es auf die Gefahr hin, Sie zu verletzen, mein Herr. Aber ich tat es doch. Und wenn dieses Zugeständnis zu unserer Trennung führen und jene zarten Bande zerreißen sollte, die kürzlich zwischen uns geknüpft wurden, so kann ich es dennoch nicht in Abrede stellen. Aber ein Legatar bin ich nicht«, fügte er mit seligem Lächeln hinzu, »und rechnete auch niemals darauf. Ich wußte es von Anfang an.«

»Sein Sohn soll ein Musterbild sein?« rief der alte Mr. Chuzzlewit. »Wie können Sie mir das ins Gesicht sagen? – Auch auf meinem Bruder lastete der alte Fluch des Reichtums, dieser Wurzel allen Elends. Er schleppte diesen verderblichen Einfluß mit sich herum, wohin er ging, und steckte alles damit an, selbst seinen eigenen Herd. Sein eigenes Kind wurde dadurch zu einem gierigen Erbschaftsjäger, der jeden Tag und jede Stunde zählte, die das Leben seines Vaters vom Grabe trennten, und der dem langsamen Vorrücken der Zeit auf ihrem unheimlichen Wege fluchte.«

»Nein«, rief Mr. Pecksniff kühn, »durchaus nicht, Sir – Sie irren.«

»Aber ich habe doch gesehen, als ich das letztemal mit ihm beisammen war, welche Schatten in seinem Hause spukten«, widersprach Martin Chuzzlewit, »und habe ihn davor gewarnt. Soll ich vielleicht meinen eigenen Augen nicht glauben – ich, der ich so viele Jahre von dem gleichen Gespenste verfolgt wurde?«

»Ich stelle es in Abrede«, antwortete Mr. Pecksniff mit Wärme, »ich stelle es entschieden in Abrede. Der verwaiste junge Mann weilt jetzt in diesem Hause und sucht in einem Ortswechsel den Seelenfrieden, der so furchtbar gestört wurde. Und soll ich ihm vielleicht nicht Gerechtigkeit widerfahren lassen, wo selbst der Leichenbestatter und der Sarglieferant von seinem Benehmen tief gerührt worden sind? Wo selbst die Officiers des Pompes-funèbres seines Lobes voll waren und der Arzt, der seinen Vater behandelte, nicht wußte, was er vor Gemütserregung und Rührung beginnen sollte? Da ist zum Beispiel eine Frauensperson namens Gamp, Sir – Mrs. Gamp –, die Sie selbst fragen können. Sie hat Mr. Jonas in der Zeit seiner schweren Prüfung selbst gesehen. Erkundigen Sie sich bei ihr, Sir! Sie ist eine höchst ehrenwerte Person und durchaus nicht sentimental, aber sie wird die Tatsache bestätigen. Ein paar Zeilen an Mrs. Gamp im Vogelladen, Kingsgate Street, High Holborn, London, werden gewiß umgehend und ganz in meinem Sinne beantwortet werden. Ich zweifle keinen Augenblick daran. Nehmen Sie sie in ein Kreuzverhör, mein werter Herr. Hören und sehen Sie selbst, Mr. Chuzzlewit, und dann können Sie beurteilen, ob ich recht habe oder nicht. Verzeihen Sie mir, mein wertgeschätzter Herr«, rief Mr. Pecksniff und erfaßte Martins beide Hände, »wenn ich warm werde, aber ich bin ein ehrlicher Mann und kann mit der Wahrheit nicht hinter dem Berge halten.«

Als Zeugnis dafür ließ er ein paar Tränen der Ergriffenheit aus seinem Auge niederträufeln.

Eine Sekunde lang sah ihn der alte Herr höchst erstaunt an und wiederholte dann für sich selbst: »Hier in diesem Hause?«

»Ich will ihn sehen«, rief er nach einer Pause.

»Aber doch hoffentlich nicht in Groll«, fragte Mr. Pecksniff besorgt. »Verzeihen Sie, Sir, wenn ich so spreche, aber er steht unter dem Schutz meiner armseligen Gastfreundschaft.«

»Ich habe gesagt, ich will ihn sehen«, wiederholte der alte Herr. »Wenn ich noch Groll gegen ihn hegte, würde ich gesagt haben: halten Sie ihn mir drei Schritte vom Leibe.«

»Gewiß, mein lieber Herr, gewiß, das hätten Sie gesagt. Ich weiß doch, Sie sind die Offenherzigkeit selbst. – Wenn Sie mich eine Minute entschuldigen wollen«, flötete Mr. Pecksniff und wandte sich zur Tür, »so will ich ihm dieses große Glück – nach und nach – und schonend mitteilen.«

Und tatsächlich leitete er diese Enthüllung so allmählich ein, daß eine ganze Viertelstunde verstrich, bevor er mit Mr. Jonas zurückkehrte. Mittlerweile erschienen auch die beiden jungen Damen, denn der Tisch stand zu einem Imbiß für die Reisenden bereit. Wie sehr nun auch Mr. Pecksniff in seinem Moralitätsgefühl Jonas ein pflichtgemäßes Benehmen gegenüber seinem Onkel eingeschärft und wie vollkommen Jonas bei seiner angebotenen Schlauheit ihre Wichtigkeit begriffen und aufgefaßt hatte, so war doch die Haltung des jungen Mannes, als er dem Bruder seines Vaters vorgestellt wurde, nichts weniger als männlich oder gewinnend. Es drückte sich vielmehr eine so auffallende Mischung von Trotz und Unterwürfigkeit, von Furcht und Keckheit, Hinterhältigkeit und Kriecherei in seinem ganzen Wesen aus, daß eine höchst peinliche Verlegenheitspause eintrat. Kaum hatte er seine Augen zu Mr. Martins Gesicht erhoben, so sah er auch schon wieder weg, öffnete seine Hände und schloß sie wieder verlegen zur Faust, trat von einem Fuß auf den andern, kurz, wußte nicht, was er sagen solle.

»Lieber Neffe«, begann der alte Herr, »wie ich höre, sind Sie ein höchst pflichtgetreuer Sohn gewesen.«

»Ich glaube, nicht pflichtgetreuer, als Söhne im allgemeinen sind«, brummte Jonas, blickte einen Moment auf und schlug dann die Augen wieder nieder. »Ich rühme mich nicht, besser zu sein als andere Söhne, kann aber auch andererseits sagen, daß ich nicht schlechter bin.«

»Sie seien ein vorbildliches Muster gewesen, hat man mir versichert«, fuhr der alte Herr fort und faßte Mr. Pecksniff scharf ins Auge.

»Mordselement«, rief Jonas, sah einen Moment auf und schlug dann abermals die Augen nieder. »Ein so guter Sohn, wie Sie ein Bruder waren, bin ich immer noch gewesen. Es ist die alte Geschichte vom Topf und vom Deckel, wenn Sie wollen.«

»Das Übermaß des Schmerzes hat Sie verbittert«, sagte Martin nach einer Pause, »geben Sie mir die Hand.«

Jonas tat es und schien aufzuatmen.

»Pecksniff«, flüsterte er, als sie ihre Stühle an den Tisch rückten, »ich hab ihm gut die Meinung gesagt, was? Der täte auch besser, vor seiner eigenen Türe zu kehren.«

Mr. Pecksniff antwortete bloß durch einen Stoß mit dem Ellbogen, was ebensogut ein unwilliger Verweis wie eine herzliche Zustimmung sein konnte; jedenfalls war es aber eine nachdrückliche Ermahnung an seinen künftigen Schwiegersohn, den Mund zu halten. Im nächsten Augenblick widmete er sich mit seiner gewohnten Leichtigkeit und Liebenswürdigkeit ganz seiner Pflicht als Herr vom Hause, seinen Gästen die Honneurs zu machen.

Aber nicht einmal seine arglose Heiterkeit brachte es zustande, eine solche Gesellschaft harmonisch zu stimmen, oder so gänzlich verschiedene Elemente, wie sie hier beisammen saßen, miteinander zu versöhnen. Die bodenlose Eifersucht und der Haß, den die Brautwerbung an diesem Abend entfacht, waren nicht so leicht auszurotten und brachen mehr als einmal mit solchem Nachdruck hervor, daß sekundenlang eine vollständige Enthüllung aller Umstände fast unvermeidlich schien, zumal die schöne Gratia, in dem Wonnegefühl, Siegerin geblieben zu sein, das Gefühl bitterer Enttäuschung in ihrer Schwester durch spöttisches Gesichterschneiden immer wieder aufstachelte und tausend kleine Versuche machte, Mr. Jonas‘ Treue auf die Probe zu stellen, so daß Charitas fast wahnsinnig wurde und schließlich in einem Ausbruch von Leidenschaft – kaum weniger heftig als im ersten Sturm ihres Zornes – den Tisch verlassen mußte. Der Zwang, der der Familie durch Mary Grahams Gegenwart – unter diesem Namen hatte der alte Mr. Martin Chuzzlewit seine Begleiterin eingeführt – auferlegt wurde, besserte die Sachlage keineswegs, wie sanft und ruhig auch das Benehmen des jungen Mädchens war. Mr. Pecksniff balancierte sozusagen auf der Messerschneide: einmal mußte er beständig den Frieden unter seinen Töchtern aufrecht erhalten und die althergebrachte Ehre in seinem Hauswesen retten und dann wieder die immer mehr steigende Heiterkeit und Sorglosigkeit Mr. Jonas‘ zügeln, der sich verschiedentliche Unverschämtheiten gegen Mr. Pinch und unbeschreibliche Taktlosigkeiten gegen Mary erlaubte, weil beide in seinen Augen ja nur ein paar abhängige Personen waren, – des Umstandes gar nicht zu gedenken, daß es eine wichtige Aufgabe für ihn sein mußte, seinen reichen alten Verwandten fortwährend in guter Stimmung zu erhalten und die Hunderte böser Omina, die an diesem Abend ihr loses Spiel trieben, zu paralysieren. Da ihm überdies niemand auch nur im geringsten in seinen Bemühungen beistand, kann man sich leicht denken, daß seine Gefühle recht gemischter Natur sein mußten. Vermutlich hatte er sich in seinem Leben noch nie so erleichtert gefühlt, als schließlich der alte Herr auf seine Uhr sah und ankündigte, daß es Zeit sei, aufzubrechen.

»Wir haben uns vorderhand«, sagte Martin, »im ›Drachen‹ einige Zimmer genommen; ich gehe zwar mit Vorliebe abends immer noch ein wenig spazieren, aber es wird jetzt schon so zeitig dunkel, daß ich Mr. Pinch bitten möchte, uns nach Hause zu leuchten. Geht das?«

»Aber, mein wertgeschätzter Herr«, rief Pecksniff, »ich selbst mache mir das Vergnügen daraus. Gratia, mein Kind, bitte die Laterne!«

»Nein, nein, meine Liebe«, wehrte der alte Herr ab. »Ich kann nicht zugeben, daß Ihr Vater heute abend so spät noch ausgeht. – Kurz und gut, ich will es nicht.«

Mr. Pecksniff hatte bereits seinen Hut in der Hand, aber Mr. Chuzzlewit sprach mit solcher Bestimmtheit, daß er innehielt.

»Ich kann nur Mr. Pinchs Begleitung annehmen, sonst müßte ich vorziehen, allein zu gehen«, sagte Martin. »Was von beiden soll also gehen?«

»Dann begleitet Sie natürlich Tom Pinch, Sir«, rief Mr. Pecksniff, »wenn Sie es schon durchaus nicht anders haben wollen. – Thomas, mein lieber Freund, haben Sie die Güte, ja recht achtzugeben.«

Tom bedurfte einigermaßen dieser Ermahnung, denn er fühlte sich so im Innersten aufgewühlt und zitterte dermaßen, daß es ihm schwer wurde, die Laterne zu halten, – um wieviel schwerer erst, als sie, auf des alten Herrn Geheiß, ihren Arm in den seinen legte.

»Sie haben also, Mr. Pinch«, fing Martin Chuzzlewit an, als sie auf dem Heimweg waren, »Sie haben also eine recht behagliche Stellung hier – nicht wahr?«

Tom versicherte womöglich mit noch mehr Enthusiasmus als gewöhnlich, daß er gegen Mr. Pecksniff Dankesverpflichtungen habe, die er, und wenn er ihm sein ganzes Leben hindurch umsonst dienen würde, nur ungenügend abstatten könne. »Wie lange haben Sie meinen Neffen gekannt?«

»Ihren Neffen, Sir?« stotterte Tom. – »Ja, Mr. Jonas Chuzzlewit.«

»Ach ja so«, rief Tom sehr erleichtert, denn er hatte an Martin gedacht, »natürlich ja. – Ich habe ihn heute abend das erstemal gesprochen, Sir.«

»Bei ihm, dächte ich, würde es Gratisdienste einer halben Lebenszeit bedürfen, um seine Freundlichkeiten in genügendem Maße heimzuzahlen. – Nicht?« bemerkte der alte Herr.

Tom begriff, daß das ein Hieb war, und fühlte auch, daß die Bemerkung in zweiter Linie seinem Herrn gelten sollte. Er schwieg daher. Mary sah, daß es mit Mr. Pinchs Geistesgegenwart nicht weit her war und sie, so wie die Sachen standen, nicht wenig genug sagen könne, sie schwieg deshalb gleichfalls. Der alte Mann seinerseits sah in seinem gewohnten Mißtrauen in dem Lobe Mr. Pecksniffs eine ebenso schamlose wie ekelhafte Liebedienerei und faßte daher sofort das Vorurteil, den armen Mr. Pinch für einen hinterlistigen, kriecherischen und erbärmlichen Speichellecker zu halten. Deshalb schwieg auch er. Die allgemeine Stimmung war infolgedessen ziemlich unbehaglich. Am wenigsten wohl befand sich dabei der alte Herr, da er anfangs eine große Zuneigung zu Tom empfunden und dessen offenkundige Schlichtheit ihn sehr angesprochen hatte.

»Du bist eben auch wie die andern«, brummte er und sah dem ahnungslosen Tom scharf ins Gesicht. »Du hättest mich beinah hinters Licht geführt, aber so leicht geht das Gott sei Dank nicht. Deine Kriecherei ist zu dick aufgetragen und verrät sich von selbst.«

Während des ganzen übrigen Spazierganges wurde kein Wort weiter gewechselt. Die erste Begegnung mit Mary, der Tom so lange mit klopfendem Herzen entgegengesehen hatte, zeichnete sich durch nichts als durch Verlegenheit und Verwirrung aus. So schieden sie voneinander an der Türe des Drachen.

Seufzend löschte Mr. Pinch die Laterne aus und kehrte im Dunkeln wieder über die Felder zurück.

Als er sich der ersten Wegschranke näherte – einer einsamen Stelle, die durch eine Anpflanzung junger Föhren in tiefem Schatten lag –, glitt ein Mann an ihm vorbei, machte, an der Schranke angelangt, halt und setzte sich auf den Schlagbaum. Tom blieb verblüfft einen Augenblick stehen; aber gleich darauf schritt er auf den Unbekannten zu. Es war, wie sich herausstellte, Jonas, der jetzt seine Beine hin und her baumeln ließ, an dem Knopf seines Stockes saugte und ihn höhnisch anblickte.

»Gott bewahre«, rief Tom, »wer hätte gedacht, daß Sie es wären! – Sie sind uns also nachgegangen?«

»Ach, Sie sind’s?« sagte Jonas. »Scheren Sie sich zum Teufel!«

»Das ist nicht besonders höflich, dächte ich«, bemerkte Tom.

»Für Sie höflich genug«, entgegnete Jonas. »Wer sind Sie eigentlich?«

»Ein Mensch, der so gut ein Recht hat auf Höflichkeit wie irgendein anderer« versetzte Tom gelassen.

»Das ist dummes Zeug. Sie lügen. Sie haben kein Recht auf irgendwelche Höflichkeit. Sie haben überhaupt auf nichts ein Recht. Nette Frechheit, von Rechten zu sprechen! Ha, ha, Rechte!«

»Wenn Sie in dieser Weise fortzufahren gedenken«, erwiderte Tom, und das Blut stieg ihm ins Gesicht, »so würden Sie mich verbinden, wenn Sie mich vorbeiließen. Ich hoffe jedoch, Sie werden jetzt aufhören, den Spaß noch weiter zu treiben.«

»Ja, ja, das ist so eure Manier, ihr Hunde«, knurrte Mr. Jonas; »wenn ihr seht, daß einer im vollen Ernst spricht, so tut ihr, als hieltet ihr’s für Spaß, um nicht Rede und Antwort stehen zu müssen. Aber bei mir zieht so was nicht; das ist ein alter, abgedroschener Trick. – Na, hören Sie doch gefälligst zu, Mr. Pitch oder Titch oder wie Sie sonst heißen.«

»Mein Name ist Pinch«, bemerkte Tom, »wenn Ihnen daran liegt, mich bei meinem ehrlichen Namen zu nennen.«

»Was! Man darf Sie nicht einmal beim unrechten Namen nennen? Was!« rief Jonas. »Lehrlinge aus dem Armenhaus wollen am Ende gar noch die Nase hoch tragen. Donnerwetter noch einmal, in der Stadt wissen wir besser, mit solcher Sorte umzuspringen.«

»Es kümmert mich nicht, wie man in der Stadt verfährt. Also was haben Sie mir zu sagen?«

»Folgendes, Mr. Pinch«, zischte Jonas und schnellte sein Gesicht vor, daß Tom erschreckt einen Schritt zurückprallte. »Ich rate Ihnen, halten Sie Ihren Mund und mischen Sie sich nicht in Sachen, die Sie nichts angehen. Ich habe Ihre kriecherische Art durchschaut, mein Lieber, und rate Ihnen, dergleichen zu lassen, bis ich mich mit einer von Pecksniffs Jungfern verheiratet habe. Das könnte mir gerade fehlen, daß Sie sich bei meinen Verwandten einschmeicheln. Sie wissen ganz gut, wenn ein knurrender Hund lästig fällt, so wird er durchgepeitscht. So, das ist mein freundlicher Rat. Haben Sie verstanden. Was? – Hol mich der Teufel, wer sind Sie eigentlich«, rief Jonas verächtlich, »daß Sie mit denen da nach Hause gehen dürfen, außer hinterdrein, wie jeder andere Bediente ohne Livree?«

»Schon gut«, rief Tom, »ich sehe, es ist besser, Sie lassen mich vorbei, damit ich nach Hause gehen kann. Bitte, machen Sie Platz, wenn’s gefällig ist.«

»Fällt mir nicht im Traume ein«, höhnte Jonas und spreizte seine Beine nur noch mehr; »vielleicht später, wenn’s mir paßt, aber momentan paßt’s mir zufällig nicht. – – Wie?! Sie fürchten wahrscheinlich, daß ich Ihnen jetzt eins auf die Schnauze haue, Sie Schleicher.«

»Ich fürchte mich im allgemeinen überhaupt nicht viel und ganz bestimmt nicht vor Ihnen. – Ich bin übrigens kein Achselträger, wie Sie zu glauben scheinen, und verachte alle Gemeinheit. Sie irren sich vollständig in mir. – – Heißt das wirklich gentlemanlike von jemandem gehandelt«, rief Tom unwillig, »der sich, wie Sie, in einer angenehmeren Stellung befindet. Aber ich bitte Sie jetzt allen Ernstes, lassen Sie mich vorbei. Je weniger Worte ich mache, desto besser ist es.«

»Ja, das stimmt«, entgegnete Jonas und blieb frech sitzen. »Sie scheinen überhaupt gern wenig Worte zu machen; was? Donnerwetter, ich sollte nur herausbekommen, was zwischen Ihnen und einem gewissen vagabundierenden Mitglied meiner Familie vorgeht! Ich wette, daß da natürlich auch wieder ›gar nichts‹ dahinter steckt.«

»Ich kenne kein vagabundierendes Mitglied Ihrer Familie«, rief Tom empört.

»Doch. Sie kennen eins.«

»Nein. Der Namensvetter Ihres Onkels, wenn Sie diesen meinen, ist kein Vagabund. Jeder Vergleich zwischen Ihnen und ihm« – Tom schnappte, allmählich in Zorn geratend, mit den Fingern – »fällt unendlich zu Ihrem Nachteile aus.«

»So, so, tut er das«, spöttelte Jonas; »und was halten Sie von seiner Geliebten – seiner bettelhaften geliebten Hinterlassenschaft? Was, Mr. Pinch?!«

»Es ist das beste, ich rede kein Wort mehr. Ich bleibe auch keinen Augenblick länger mehr hier.«

»Wie gesagt, Sie sind ein Lügner!« schrie Jonas. »Halt! Sie haben hier zu bleiben. Verstanden! Warum gehorchen Sie nicht?« Und er schlug mit seinem Stock nach Toms Kopf, aber im nächsten Augenblick flog dieser wirbelnd durch die Luft, und er selbst lag zappelnd im Gras.

Während des kurzen Ringens hatte Mr. Pinch seinen Gegner, ohne es zu wollen, mit der Stockzwinge an der Stirne verletzt, so daß das Blut reichlich aus einer ziemlich tüchtigen Wunde an der Schläfe hervorquoll. Thomas merkte es erst, als er sah, daß Jonas sein Taschentuch auf die verletzte Stelle drückte und beim Aufstehen taumelte.

»Haben Sie sich verletzt?« fragte er. »Oh, das täte mir wirklich sehr leid. Stützen Sie sich auf mich, Sir. Sie brauchen mir deswegen nicht zu verzeihen, wenn Sie noch Groll gegen mich hegen. Ich wüßte freilich nicht, warum Sie mir zürnen sollten, denn ich habe Sie doch nicht beleidigt, ehe wir uns hier trafen.«

Jonas gab keine Antwort und schien anfangs weder ein Wort zu verstehen, noch zu merken, daß er verwundet war, trotzdem er mehrmals das Taschentuch von der Wunde nahm und das Blut ansah. Endlich schien er zu sich zu kommen, wenigstens blickte er Tom wild an, und der Ausdruck seines Gesichtes verriet, daß er langsam begriff, was vorgefallen war, und daß er die Angelegenheit nicht so bald zu vergessen gedenke. Dann wandten sie sich beide stumm zum Heimweg. Jonas ging einige Schritte voraus und Tom Pinch folgte ihm, traurig und bekümmert bei dem Gedanken, welch tiefe Betrübnis die Kunde von diesem Streit seinem trefflichen Wohltäter bereiten werde.

Das Herz schlug ihm bis zum Halse hinauf, als Jonas schließlich an der Tür klopfte, Miss Gratia herausleuchtete und beim Anblick ihres verwundeten Bräutigams laut aufschrie. Stumm folgte er den beiden in die Wohnstube, und als Jonas zu reden begann, glaubte er, es drehe sich alles um ihn wie ein Wirbelwind.

»Macht kein weiteres Aufhebens davon«, brummte Jonas ärgerlich, »es ist nicht der Rede wert. Ich habe den Weg verfehlt, und die Nacht ist sehr dunkel, und gerade, als ich Mr. Pinch begegnete, rannte ich an einen Baum. Es ist nur eine Schramme.«

»Kaltes Wasser, Gratia, mein Kind«, rief Mr. Pecksniff. »Einen Umschlag, eine Schere, ein Stück alte Leinwand. Liebe Cherry, bitte, richte eine Bandage her. – Gott im Himmel, Mr. Jonas!«

»Hol Sie der Kuckuck mit Ihrem dummen Gewäsch«, murrte liebreich der Schwiegersohn in spe. »Helfen Sie lieber mit, wenn Sie können, und wenn nicht, dann lassen Sie mich gütigst in Frieden.«

Trotz der Aufforderung ihres Vaters, Hilfe zu leisten, blieb Miss Charitas lächelnd und kerzengerade in ihrem Sessel sitzen und rührte keinen Finger. Gratia wusch die Wunde aus, und Mr. Pecksniff hielt den Kopf des Patienten mit beiden Händen, als ob er sonst rettungslos entzwei gehen müßte. Tom Pinch schüttelte in der Qual seines Schuldbewußtseins ununterbrochen eine Flasche mit kölnischem Wasser, bis es nur noch ganz ordinärer englischer Schaum war, und hielt in der andern Hand ein riesiges Tranchiermesser, das gegen die Geschwulst gedrückt werden sollte, machte aber dabei ein Gesicht, daß ein Unbefangener geglaubt haben würde, er warte nur darauf, bis sein Gegner verbunden worden sei, um ihm dann sofort den Todesstoß zu versetzen.

Bis zum Schluß leistete Charitas nicht den mindesten Beistand und ließ auch nicht ein Wort des Trostes laut werden.

Als schließlich Mr. Jonas‘ Kopf verbunden, der Patient zu Bett gebracht und alles im Hause ruhig geworden war, saß Mr. Pinch sinnend auf seiner Bettstatt und machte sich allerlei Gedanken über den Vorfall, da hörte er plötzlich ein leises Klopfen an seiner Türe, und als er öffnete, sah er zu seinem großen Erstaunen Miss Cherry, die Finger an die Lippen gelegt, vor sich stehen.

»Mr. Pinch«, flüsterte sie, »lieber Mr. Pinch, sagen Sie mir die Wahrheit. Nicht wahr, Sie haben das getan? Sie haben Streit mit ihm gehabt und ihn geschlagen! Es muß so gewesen sein, ich lasse mir’s nicht nehmen.« Es war das vielleicht das erstemal im Laufe vieler Jahre, daß sie so freundlich zu Tom sprach. Kein Wunder daher, daß er anfangs nicht ein Wort hervorbringen konnte.

»War es so oder nicht?« drängte Charitas.

»Er hat mich gereizt«, stotterte Tom.

»Dann habe ich also recht«, rief Charitas mit leuchtenden Augen.

»Ja, allerdings. Ich geriet mit ihm in Streit, weil er mich nicht vorbeilassen wollte«, berichtete Tom. »Aber wahrhaftig, es lag nicht in meiner Absicht, ihn so stark zu verletzen.«

»So stark!« rief Charitas, ballte zu Toms großer Verwunderung die Hand und stampfte mit dem Fuß auf den Boden. »Reden Sie nicht so. Es war wacker von Ihnen; ich schätze Sie deshalb. Wenn Sie wieder in Streit mit ihm geraten, so schonen Sie ihn nicht! Schlagen Sie ihn nieder und setzen Sie ihm den Fuß auf die Brust, aber sagen Sie keinem Menschen ein Sterbenswort davon. – Lieber Mr. Pinch, von heute an bin ich Ihre Freundin und werde es immer bleiben.«

Damit wandte sie ihr glühendes Gesicht Tom zu, und der wutverzerrte Ausdruck ihrer Mienen verriet, was in ihr vorging. Sie ergriff seine Hand, drückte sie an ihre Brust und küßte sie. Es lag durchaus nichts Verfängliches in dieser Handlungsweise, und sogar Tom Pinch, der sich doch gewiß keiner besonderen Beobachtungsgabe rühmen konnte, erkannte aus der Erregung, mit der sie es tat, daß sie jede Hand, die Jonas Chuzzlewit den Schädel eingeschlagen hätte, würde liebkost haben, gleichgültig, wie schmutzig und schmierig sie auch gewesen wäre.

Von einer Flut von Gedanken überwältigt, legte sich Tom zu Bett. Daß ein so schreckliches Zerwürfnis in der Familie hatte stattfinden müssen, denn nur dies konnte den ganzen Vorgang erklären und die Ursache sein, weshalb Charitas Pecksniff so plötzlich seine Freundin geworden war, daß Jonas, dem er so arg mitgespielt, sich so hochherzig gezeigt, das Geheimnis ihres Streites zu bewahren, und daß er selbst sich so hatte gehenlassen, das waren zu ernste und peinliche Betrachtungen, als daß er so bald die Augen hätte schließen können. Die Reue über seine Heftigkeit bedrückte ihn schließlich so sehr, daß er zu glauben begann, er sei von geheimen Mächten dazu verdammt, der böse Engel seines Gönners zu sein. Endlich aber fiel er doch in Schlaf und träumte – eine neue Quelle zur Unruhe nach seinem Erwachen –, daß er das ihm geschenkte Vertrauen verraten und Mary Graham entführt habe.

Aber nicht nur im Schlaf, sondern auch im Wachen war sein Verhältnis zu dieser jungen Dame peinlich und beunruhigend genug für ihn. Je öfter er sie zu Gesicht bekam, desto mehr mußte er ihre Schönheit, ihren Verstand und ihre liebenswürdigen Eigenschaften bewundern, die selbst auf den Familienzwist in Mr. Pecksniffs Hause einen wohltätigen Einfluß übten und binnen kurzem wenigstens einen Schein von Harmonie und gutem Einvernehmen zwischen den beiden feindlichen Schwestern wieder herstellten. Wenn sie sprach, hielt er den Atem an, und wenn sie sang, lauschte er wie ein Verzückter. Sie spielte auf seiner Orgel, und von diesem beseligenden Zeitpunkt an begann dieses Instrument – der alte Gefährte seiner seligsten Stunden –, obschon er es zuvor bereits über alles geliebt, für ihn eine Art geweihter Gegenstand zu sein.

Nicht weniger schwierig wurde seine Lage durch den Umstand, daß zwischen ihm und der jungen Dame niemals auch nur ein Wort über Martin gesprochen wurde. Voll Ehrenhaftigkeit seines Versprechens eingedenk, gab er ihr zwar alle möglichen Gelegenheiten zu einer Aussprache und war früh und spät in der Kirche oder auf ihren Lieblingsspaziergängen im Dorf, im Garten, auf den Wiesen, kurz an allen Orten, wo sie es hätte ungeniert tun können; aber immer vermied sie in solchen Fällen sorgsam seine Gesellschaft und kam ihm nie ohne Begleitung in den Weg. Der Grund dafür konnte nicht gut darin liegen, daß sie ihn nicht leiden mochte oder ihm mißtraut hätte, denn sie zeichnete ihn vielmehr, wenn andere zugegen waren, durch tausend zarte, nur für ihn berechnete kleine Aufmerksamkeiten aus und war gegen ihn die Freundlichkeit selbst. Konnte sie etwa mit Martin gebrochen oder vielleicht gar seine Liebe niemals erwidert haben, trotzdem dieser davon fest überzeugt gewesen? Toms Wangen erglühten vor Selbstvorwurf bei diesem Gedanken.

Während dieser ganzen Zeit kam und ging der alte Martin in seiner gewohnten, eigenwilligen Weise oder sonderte sich, in Gedanken vertieft, ab, ohne jemanden mit seinem Verkehr in Anspruch zu nehmen. Trotzdem er sich durchaus nicht umgänglich zeigte, war er jetzt doch niemals mehr eigensinnig, streitsüchtig oder mürrisch. Auch schien er nie vergnügter zu sein, als wenn man ihn ganz unbeachtet bei dem Buche, das er gerade las, sitzen ließ und sich ohne weitere Rücksicht auf ihn in seiner Gegenwart miteinander unterhielt. Es war vollkommen unmöglich herauszubekommen, für wen oder wofür er sich interessierte, und wenn man ihn nicht direkt anredete, schien er weder Augen noch Ohren zu haben für das, was um ihn herum vorging.

Eines Tages saß die sonst so lebhafte Gratia mit niedergeschlagenen Augen unter einem schattigen Baume des Kirchhofs, wohin sie sich zurückgezogen, nachdem sie sich in allerlei Heimsuchungen von Mr. Jonas‘ Geduld erschöpft hatte, da bemerkte sie mit einem Male, daß ein Schatten zwischen sie und die Sonne trat, und als sie die Augen aufschlug in der Erwartung, ihren geliebten Bräutigam zu erblicken, war sie nicht wenig überrascht, statt dessen den alten Martin vor sich stehen zu sehen. Ihr Erstaunen steigerte sich noch, als er sich neben sie auf den Rasen setzte und mit folgenden Worten ein Gespräch eröffnete:

»Wann werden Sie heiraten?«

»Ach du lieber Gott, Mr. Chuzzlewit, ich weiß es selber nicht; hoffentlich nicht so bald.«

»Hoffentlich?« versetzte der alte Mann.

Er sagte dies mit sehr ernstem Tone, aber Gratia nahm es für Scherz und kicherte ausgelassen.

»Na«, fuhr Mr. Chuzzlewit mit ungewöhnlicher Milde fort, »Sie sind eben noch jung, hübsch und, wie ich glaube, auch gutmütig – allerdings auch etwas leichtsinnig. Sie scheinen sich wenigstens darin zu gefallen. Aber Sie müssen doch einigermaßen Herz und Gefühl besitzen.« »Ich habe mein Herz noch nicht so ganz verschenkt, wie Sie vielleicht glauben, kann ich Ihnen versichern«, versetzte Gratia schlau lächelnd und zupfte ein paar Grashalme aus.

»Aber doch teilweise?«

Die junge Dame warf die Grashalme in die Luft, wendete ihr Gesicht ab und schwieg.

Martin wiederholte seine Frage.

»Ach Gott, lieber Mr. Chuzzlewit, warum fragen Sie? Was Sie doch für ein seltsamer Mensch sind.«

»Sie finden es seltsam, daß ich zu wissen wünsche, ob Sie den jungen Mann lieben, den Sie dem Vernehmen nach heiraten sollen?« rief Martin. »Ist es da so wunderbar, daß ich frage?«

»Sie wissen doch, er ist ein ekelhafter Mensch«, schmollte Gratia.

»Dann lieben Sie ihn also nicht? Habe ich das so zu verstehen?«

»Aber, lieber Mr. Chuzzlewit, ich habe ihm mindestens hundertmal des Tages gesagt, daß ich ihn nicht leiden kann. – Sie müssen es doch gewiß selbst schon gehört haben.«

»Allerdings schon oft«, gab Martin zu.

»Und es ist mir ernst damit«, rief Gratia; »es ist mein vollkommenster Ernst.«

»Und trotzdem wollen Sie ihn heiraten?«

»Nun ja. Aber ich habe ihm von Anfang an versichert, wenn ich je heirate – nämlich ihn –, so täte ich es nur, um ihn mein ganzes Leben lang zu hassen und zu quälen.«

Sie fühlte sehr richtig, daß Jonas bei dem alten Mann nicht besonders beliebt war, und glaubte daher mit dieser Äußerung ihm einen Gefallen zu tun. Befremdlicherweise hatte es aber jetzt durchaus nicht den Anschein, als ob Martin Chuzzlewit damit einverstanden sei, denn als er ihr antwortete, geschah es im Tone größter Strenge.

»Sehen Sie um sich!« sagte er und deutete auf die Gräber. »Und bedenken Sie, daß von der Stunde ihrer Trauung an bis zu dem Tage, wo Sie sich in ein solches Bett legen, keine Umkehr mehr möglich ist. Sprechen und handeln Sie einmal wie ein vernünftiges Geschöpf. Sagen Sie mir ganz offen, tut man Ihren Neigungen irgendwelchen Zwang an? Drängt man Sie zu dieser Verbindung? Versucht man Sie vielleicht hinterlistig dazu zu verlocken? Ich will nicht fragen, wer es tut – aber habe ich recht?«

»Nein«, hauchte Gratia und zuckte die Achseln. »Nicht, daß ich wüßte.«

»Wirklich nicht?«

»Nein«, wiederholte Gratia »niemand hat mir auch nur mit einem Worte zugeredet, und wenn man es versucht hätte, würde ich nicht einen Augenblick zugehört haben.«

»Man sagte mir, er habe anfangs als der Verehrer Ihrer Schwester gegolten«, forschte Martin.

»Ach, du lieber Gott, Mr. Chuzzlewit, wenn er auch ein Ekel ist, so wäre es doch unrecht, ihn für anderer Leute Eitelkeit verantwortlich zu machen«, rief Gratia, »und die liebe gute Cherry ist das eitelste Ding von der Welt.«

»Also sie hat sich geirrt?«

»Jedenfalls. Aber seitdem ist sie so schrecklich eifersüchtig und widerwärtig gewesen, daß es rein unmöglich war, mit ihr auszukommen. – Ich habe mich daher von ihr ferngehalten.«

»Also nicht gezwungen oder überredet«, murmelte Martin gedankenvoll. »Ja, ja, kein Zweifel, es ist so. – Doch ich sehe noch eine dritte Wahrscheinlichkeit. Sie haben sich durch Ihre Unüberlegtheit zu dieser Verbindung verleiten lassen. Es war also vielleicht eine vorschnelle oder leichtsinnige Handlung. Habe ich recht?«

»Mein lieber Mr. Chuzzlewit«, rief Gratia geziert, »was den Leichtsinn betrifft, so bin ich freilich so leicht wie eine Feder – mein Leichtsinn zieht mich förmlich in die Höhe wie ein Luftballon. – Ich weiß, daß das bei Ihnen zum Beispiel nie der Fall gewesen ist.«

Der alte Herr hatte sie ruhig und geduldig ausreden lassen und sagte dann mit sanfter, jedoch fester Stimme und bemüht, ihr Vertrauen zu gewinnen:

»Wünschen Sie vielleicht – oder lebt vielleicht etwas wie Hoffnung in Ihrem Innern, die sich in Stunden der Überlegung zu einem solchen Wunsche umgestalten könnte – dieses Verlöbnis wieder aufzuheben?« Schmollend blickte Miss Gratia auf den Boden, rupfte wieder ein paar Grashalme ab und zuckte die Achseln. – – Nein, sie sei sich keines derartigen Wunsches bewußt – glaube fest, diese Frage verneinen zu können, – ja, könne es sogar mit Bestimmtheit tun. – Die Sache sei ihr vollständig – gleichgültig.

»Und haben Sie nie daran gedacht«, rief Martin, »daß Ihre Ehe elend, unglücklich und voll Bitternis werden könnte?«

Wieder blickte Gratia zu Boden und riß jetzt die Grashalme heftig mit der Wurzel aus.

»Aber, lieber Mr. Chuzzlewit, wie abscheulich ernst Sie reden! Natürlich werde ich mich mit ihm zanken; aber ich würde mich mit jedem andern Manne auch zanken. Verheiratete Leute, glaube ich, streiten doch immer miteinander. Und was Sie da reden von Elendsein, Bitternis und all den schrecklichen Geschichten, so könnte uns ein derartiges Schicksal nicht gut treffen, ohne daß er den Löwenanteil davon abbekäme. – – Er ist schon jetzt mein vollkommener Sklave«, kicherte sie.

»Nun denn«, seufzte Martin und stand auf, »mag die Sache ihren Lauf nehmen. Ich wollte nur wissen, wie es mit Ihrem Herzen steht, mein Kind, und Sie haben es offen vor mir enthüllt. Ich wünsche Ihnen alles Glück« – er sah sie fest an und deutete auf das Kirchhofpförtchen, durch das Jonas soeben eintrat, und dann entfernte er sich, ohne seinen Neffen abzuwarten, und ging auf einem andern Wege hinaus.

»Ach, der schreckliche alte Griesgram«, schmollte Gratia und schüttelte fröhlich ihre Locken, »was für ein abscheuliches Ungeheuer, bei hellichtem Tag auf den Kirchhöfen herumzuwandern und einen zu erschrecken, daß man fast den Verstand verliert. – – Bleiben Sie nur dort, wo Sie sind, Sie Unhold, oder ich laufe davon!«

Der »Unhold« galt Mr. Jonas, der sich jedoch dadurch nicht abschrecken ließ und sich neben Gratia auf den Rasen niederließ.

»Wovon hat mein Onkel gesprochen?« fragte er verdrießlich.

»Von Ihnen«, antwortete Gratia; »er sagte, Sie verdienten mich gar nicht.« »Na ja, natürlich, das wissen wir alle. Hoffentlich macht er uns ein Brautgeschenk, das wenigstens dafür steht«, brummte Jonas. »Hat er vielleicht etwas derartiges fallenlassen?«

»Gar keine Spur«, rief Gratia sehr entschieden.

»Alter Geizkragen«, murmelte Jonas. »Nun, Schätzchen?«

»Ja, Sie Unhold«, fuhr Miss Gratia mit geheucheltem Erstaunen auf, »ja, was erlauben Sie sich denn, Sie Unhold?«

»Ich wollte Sie nur ein bißchen knutschen«, sagte Jonas enttäuscht, »es ist doch hoffentlich nichts Unrechtes dabei.«

»Sogar sehr viel, wenn es mir nicht paßt«, antwortete Gratia. »Rücken Sie weg, – Sie machen mir heiß.«

Mr. Jonas zog seinen Arm zurück und sah sie einen Augenblick lang eher wie ein Mörder als wie ein Liebhaber an. Doch gleich darauf wurde er wieder freundlicher und begann:

»Ich wollte nur fragen, Schatz –«

»Was sagen Sie da, Sie gemeiner Kerl?« rief die zärtliche Braut.

»– wann wir endlich miteinander ins reine kommen werden. Ich kann doch nicht hier mein halbes Leben vertrödeln, und auch Pecksniff meint, daß mein Alter erst vor kurzem gestorben sei, hindere weiter nicht. Wir könnten uns hier unten in aller Stille trauen lassen, und mein Verwaistsein wäre bei den Nachbarn der beste Grund und die beste Entschuldigung, daß ich so bald eine Frau heimführe. Besonders eine, die mein Vater bei Lebzeiten gekannt hat. Und was den Mr. Totenknochen, meinen Onkel, anbelangt, so wirft er uns gewiß auch keinen Knüppel in den Weg; wenigstens sagte er diesen Morgen noch zu Pecksniff, wenn Sie einverstanden seien, Cousine, so habe er gar nichts dreinzureden. Also was ist, Schatz? Wann soll’s losgehen?«

»Da hört sich denn doch –« begann Gratia.

»Was meinen Sie zu nächster Woche?« fiel ihr Jonas ins Wort.

»Zu nächster Woche? – Wenn Sie von dem nächsten Vierteljahr gesprochen hätten, würde ich mich schon über Ihre Unverschämtheit gewundert haben.«

»Aber ich habe nicht von dem nächsten Vierteljahr gesprochen, nur von der nächsten Woche.« »Und dann, Sie Unhold«, rief Gratia, stand hastig auf und stieß ihn von sich, »dann sage ich nein; nicht die nächste Woche. Nicht eher, als bis es mir gut dünkt, und das wird noch mehrere Monate dauern. So!«

Jonas blickte vom Boden auf und sah sie an, fast so finster, als hätte Tom Pinch vor ihm gestanden.

»So ein garstiger Kobold mit einem Pflaster über dem Auge möchte hier noch herumkommandieren oder gar etwas dreinzureden haben«, gellte Gratia. »Das fehlte gerade noch.«

– Mr. Jonas schwieg noch immer. –

»Wenn’s nächsten Monat geschieht, ist’s Zeit genug; aber ich werde mir auch das noch bis morgen überlegen. – – Und wenn es Ihnen nicht paßt, kann die Sache ja überhaupt ganz und gar unterbleiben«, setzte sie hinzu. »Und wenn Sie mir jetzt nachgehen und mich nicht in Ruhe lassen, so unterbleibt’s gleichfalls. – So! Und wenn Sie nicht alles tun, was ich Ihnen befehle, so wird überhaupt nichts draus. Also ruhig hiergeblieben. – So! Sie Kobold!« – – Und mit diesen Worten hüpfte Gratia fröhlich davon.

»Na, warte nur, mein Kätzchen«, murmelte Jonas ihr nachblickend und zerbiß wütend einen Strohhalm; »das werde ich dir heimzahlen, wenn wir nur erst mal verheiratet sind. Vorderhand muß ich mir’s ja leider gefallen lassen; aber schuldig bleiben werde ich dir nichts, darauf kannst du dich verlassen. – – Übrigens ein scheußlich widerwärtiger Ort hier, um allein dazusitzen. Von jeher habe ich die moderigen alten Kirchhöfe nicht leiden können.«

Als er in die Allee hinaustrat, blickte Miss Gratia, die inzwischen weit vorausgeeilt war, zufälligerweise zurück.

»Ja, ja«, brummte Jonas mit einem finstern Lächeln, »treib’s nur so fort, solang’s noch geht. Jetzt bist du noch frei und kannst tun und lassen, was du willst.«