45. Kapitel


45. Kapitel

Tom Pinch und seine Schwester leisten sich ein kleines Extravergnügen; selbstverständlich in den bescheidensten Grenzen

Als sich Tom Pinch und seine Schwester unmittelbar nach der Szene auf dem Kai ihrer verschiedenen Geschäfte wegen trennen mußten, dachten Tom, in seiner einsamen Arbeitsstube angelangt, und Ruth in ihrem dreieckigen Salon den ganzen Tag über an nichts anderes als an das, was vorgefallen, und als die Stunde ihres nachmittäglichen Zusammentreffens herannahte, hatten sie immer noch den Kopf ganz voll davon.

Es war eine Art stummen Einverständnisses zwischen ihnen, daß Tom jedesmal ein und denselben Weg einschlug, wenn er aus dem Tempel wegging. Dieser Weg führte an der Fontäne vorüber durch den Fontänenhof, und dabei warf er jedesmal einen Blick über die Stufen, die nach dem Gartenhofe hinunterführten, und sah sich einmal in der Runde um. War dann Ruth gekommen, so fand er sie verabredungsgemäß hier, nicht etwa gemächlich herumschlendernd – der Kommis wegen, die sie sonst wahrscheinlich zudringlicherweise angeredet hätten –, sondern ihm munter und fröhlich entgegeneilend, mit einem Glanz auf dem Gesichtchen, der den der Fontäne wohl tausendmal übertraf. Fünfzig gegen eins war dann zu wetten, daß Tom jedesmal auf die unrechte Seite blickte und sie schon gar nicht mehr erwartete, während sie ihm bereits schnurstracks entgegenkam und mit den Schlüsseln in ihrer kleinen Retiküle klingelte, um seine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

Ob die kümmerliche Vegetation im Fontänenhof den armen berußten Bäumen und Sträuchern genug Leben ließ, so daß sie imstande gewesen wären, die Anwesenheit des hübschesten und herzigsten Mädchens unter der Sonne zu fühlen, das ist eine Frage für Gärtner oder für die, die mit dem Seelenleben oder den Herzensbedürfnissen von Pflanzen näher bekannt sind. Aber daß es sich auf dem gepflasterten Hofe recht hübsch ausnahm, wenn die zarte kleine Gestalt darüber hinhuschte und wie ein Lächeln an den düsteren alten Häusern und über die abgetretenen Steinfliesen hinglitt, um sie dann in Öde und Langeweile wieder zurückzulassen, das ist Tatsache. Am liebsten wäre die Tempelfontäne wohl zwanzig Fuß hoch emporgesprungen, um den Lenz hoffnungsvoller Jungfräulichkeit zu begrüßen, der in Ruths kleiner Persönlichkeit sich strahlend durch die dürren staubigen Kanäle dieses Heimes der Rechtsprechung stahl. Die zwitschernden Sperlinge, in den Spalten und Ritzen des Londoner Tempels geboren, schwiegen dann gerne, wie um den unsichtbaren Lerchen zu lauschen, die aus der Höhe des Himmels herab die Anwesenheit des so lieblichen Kindes besangen, und die dürren bestaubten Äste, nicht mehr gewohnt, sich herabzuneigen, seit sie kleine Pflänzchen gewesen, bemühten sich, sich freundlich herabzusenken, um mit Blätterrauschen ihren Segen über Ruths anmutiges Haupt zu gießen. Alte Liebesbriefe, in eisernen Kisten eingeschlossen, in den Bureaus ringsum und unter den alten Familiendokumenten, zwischen die sie geraten waren, unbeachtet und vergessen, hätten sich am liebsten rühren mögen und aufrauschen, um sich einen Augenblick an ihre alten Zärtlichkeiten zu erinnern, wenn Ruth so mit leichtem Schritt vorüberging. Alles das und noch viel mehr hätte in der belebten und leblosen Natur Ruth zuliebe geschehen können.

An diesem Nachmittage ereignete sich aber außerdem noch etwas. Zwar nicht ihr zuliebe, sondern rein zufällig, und ohne im geringsten durch sie veranlaßt zu sein.

Entweder war sie zu früh gekommen, oder Tom kam zu spät – sie war sonst in der Regel so pünktlich, daß sie es gewöhnlich auf die halbe Sekunde traf –, doch wer nicht kommen wollte, war Tom. Aber statt seiner war jemand anders da, und sie errötete so tief, als sie sich umsah und ihn erblickte, daß sie mit ungewöhnlicher Hast die Stufen hinabtrippelte.

Der Zufall hatte nämlich gefügt, daß in diesem Augenblick gerade Mr. Westlock vorüberging. Der Tempel ist eine öffentliche Passage, und mag auch hundertmal auf die Tore geschrieben stehen: »Kein Durchgang« – solange die Tore offenstehen, geht jeder durch. Warum hätte es sich da gerade Mr. Westlock versagen sollen? Aber weshalb lief Ruth davon? Sie war doch nicht schlecht gekleidet, vielmehr so sauber und niedlich wie immer; warum lief sie also davon? Ihre braunen Locken, die unter ihrem Hütchen hervorquollen mit einer einzigen gottlosen falschen kleinen Rose darin, die sich ihrer Frechheit vor aller Welt rühmte, konnten doch nicht die Ursache sein? Also warum lief sie davon?

Lustig glitzerte die schlanke Fontäne, und lustig strahlten die Grübchen auf Ruths sonnigem Antlitz. John Westlock eilte ihr nach. Unter murmelndem Flüstern fiel und brach sich die Fontäne, und die Grübchen zuckten schelmisch, als John Ruth nacheilte.

Warum tat sie nur, als merke sie sein Kommen nicht? Warum wünschte sie sich so weit weg und zitterte doch vor Seligkeit?

»Wußte ich es doch, daß Sie es sein mußten«, sagte John, als er sie im Heiligtum des Gartenhofes einholte. »Ich wußte gleich, daß ich mich nicht täuschen konnte.«

Ruth war außerordentlich überrascht.

»Sie warten wohl auf Ihren Bruder?« fragte John. »Wenn Sie erlauben, werde ich Ihnen Gesellschaft leisten.«

Die Berührung ihres kleinen Händchens war so leicht, daß er niederschaute, um sich zu überzeugen, ob sie seinen Arm auch wirklich angenommen habe. Sein Blick wurde für den Moment von den leuchtenden Augen des Mädchens festgehalten, und er vergaß daher seine erste Absicht und blieb eine Sekunde stehen.

Dann schlenderten sie wohl drei- oder viermal auf und ab und unterhielten sich über Tom und seine geheimnisvolle Beschäftigung. Das war gewiß ein sehr natürliches und unschuldiges Thema, warum senkte also Ruth, sooft sie aufblickte, sogleich ihre Augen wieder und betrachtete das Pflaster des Hofes so sorgsam? Ihre Augen hatten gewiß das Licht nicht zu scheuen, sie brauchten nicht Verstecken zu spielen, um an Reiz und Schönheit zu gewinnen. Ruth war viel zu lieb und ursprünglich, um solcher kleinen Künste zu bedürfen. Fühlte sie vielleicht, daß John sie nicht aus den Augen ließ?

Endlich entdeckten sie Tom, und zwar schon in der Ferne. Er blickte wie gewöhnlich nach allen Richtungen, nur nicht in der, auf die es ankam, und vermied diese so hartnäckig, rein als ob er es mit Absicht täte. Als sie sich schließlich klar waren, daß er imstande wäre, direkt nach Hause zu eilen, wenn man ihn nicht daran verhinderte, eilte John Westlock auf ihn zu.

Das mußte die arme kleine Ruth natürlich abermals in größte Verlegenheit bringen. Tom zeigte auch richtig das größte Erstaunen, denn Geistesgegenwart war nicht seine starke Seite, aber John rettete die Situation oder trachtete sie wenigstens zu retten, indem er mit höchst unnötiger Beredsamkeit ihr Beisammensein erklärte. Ruth fühlte glühendes Rot in ihre Wangen steigen, suchte aber möglichst gleichgültig die Augenbrauen in die Höhe zu ziehen und ihre rosigen Lippen aufzuwerfen, als gehe sie die ganze Sache gar nichts an.

»Was für ein höchst außerordentliches Zusammentreffen!« rief Tom. »Ich hätte mir nichts weniger träumen lassen, als euch beide hier zusammen zu sehen.«

»Es war ganz zufällig«, stotterte John.

»Natürlich«, sagte Tom. »Ich wollt es gerade bemerken, denn wenn es nicht zufällig wäre, läge nichts Merkwürdiges darin.«

»Natürlich«, stammelte John.

»Nein, daß ihr euch an einem Ort, der so ganz außer Johns Wege liegt, treffen müßt«, fuhr Tom ganz entzückt fort. »Und noch dazu an einem so ungewöhnlichen Platz.«

John bestritt das. Im Gegenteil, meinte er, der Platz sei gar nicht so ungewöhnlich. Er pflege hier übrigens immer auf und ab zu gehen und er würde sich gar nicht wundern, wenn sich Ähnliches wiederum begeben sollte. Er seinerseits sei nur erstaunt, daß es nicht schon früher geschehen.

Indessen hatte Ruth den Arm ihres Bruders genommen und drückte ihn jetzt, um ihm zu verstehen zu geben, er solle doch nicht den ganzen Tag hier stehen bleiben.

»John«, sagte Tom, »wenn du meiner Schwester deinen Arm reichen willst, so können wir sie in die Mitte nehmen und zusammen weitergehen. Ich habe dir übrigens von einem höchst seltsamen Umstand zu berichten. Wirklich ausgezeichnet, daß wir uns heute getroffen haben.«

Lustig hüpfte und tanzte die Fontäne, und Grübchen bildeten sich in dem Becken und barsten wie in lautem Lachen. »Tom«, sagte John Westlock, als sie in eine belebte Straße einbogen, »ich hätte dir einen Vorschlag zu machen. Ich würde mich riesig freuen, wenn du und deine Schwester – falls sie die Wohnung eines alten Junggesellen mit ihrer Gegenwart beehren will – mir heute beide das Vergnügen machtet, bei mir zu speisen.«

»Wie? Heute?« rief Tom.

»Jawohl, heute. Du weißt, ich wohne ganz in der Nähe. Ich bitte, Miss Pinch, bestehen Sie doch darauf. Freilich wird es eine sehr uneigennützige Hilfe von Ihnen sein, denn ich kann Ihnen nicht viel vorsetzen.«

»Das darfst du natürlich nicht glauben, Ruth«, fiel Tom ein, »er ist ein ganz wüster Bursche. So etwas von einer Junggesellenwirtschaft habe ich überhaupt noch nicht gesehen. Beim Bürgermeister von London könnte es nicht höher hergehen. Also was meinst du? Wollen wir zu ihm gehen?«

»Ganz wie du glaubst, Tom«, entgegnete Ruth gehorsam.

So wurde denn die Einladung angenommen.

»Hätte ich früher gewußt, daß es sich so treffen wird«, sagte John, »so würde ich eine andere Art von Pudding besorgt haben. Nicht, um mit Ihnen zu rivalisieren, Miss Pinch, sondern bloß des Gedächtnisses wegen an Ihren famosen Pudding von damals; keinesfalls hätte ich ihn mit Rindsfett gemacht.«

»Warum denn nicht?« fragte Tom.

»Es steht zwar so im Kochbuch«, sagte John, »aber bei euch war er aus Mehl und Eiern. Haha!«

»Was? Unserer war aus Mehl und Eiern bereitet?« rief Tom. »Ein Beefsteakpudding aus Mehl und Eiern! Da hört sich doch alles auf.«

Es ist unnötig hervorzuheben, daß Tom, der doch bei der Bereitung des Puddings zugegen gewesen war, andächtig an ihn glaubte, aber er fand eine gewisse Freude daran, seine geschäftige kleine Schwester ein wenig zu necken, und immerfort rief er daher mit unverwüstlicher Fröhlichkeit: »Mehl und Eier! Ein Beefsteakpudding aus Mehl und Eiern!«, bis John Westlock und Ruth ihn allein stehen ließen und mitsammen vorausgingen. Dann kam er ihnen langsam nach mit von so zärtlicher Freude strahlendem Gesicht, daß sicher schönes Wetter geworden wäre, wenn nicht schon sowieso die Sonne geschienen hätte.

Die Inns, in denen die Junggesellen in London leben, haben ganz prächtige Zimmer aufzuweisen. Es ist erstaunlich, wie gut sich dieses Gesindel fortbringt, trotzdem es sich jedesmal und überall über Einsamkeit beklagt. Auch John erging sich pathetisch in allerhand Klagen über sein trauriges Dasein und über die kläglichen Notbehelfe, auf die er angewiesen sei. Aber trotz alledem schien es ihm recht gut im Leben zu gehen. Seine Zimmer waren äußerst reinlich und bequem, und wenn es ihm darin nicht wohl war, sie traf gewiß keine Schuld.

Kaum hatte er Tom und Ruth in seine beste Stube geführt, wo eine schöne kleine Vase mit frischen Blumen stand – rein als ob man eine Dame erwartet hätte, meinte Tom –, als er auch schon wieder nach seinem Hut griff und geschäftig hinauseilte. Gleich darauf sah ihn das Geschwisterpaar in Begleitung einer Matrone mit glühend rotem Gesicht und einem zerknüllten Hut, dessen auffallend lange Bänder ihr über den Rücken hinunterflatterten, wieder zurückkehren. Sofort begann er sodann unter Beihilfe dieser äußerst tüchtigen Person das Tischtuch für das Dinner zurechtzulegen, eigenhändig die Weingläser zu polieren, den Deckel einer Pfefferbüchse an seinem Rockärmel blank zu reiben, Flaschen zu entkorken und die Getränke mit auffallendem Geschick in Karaffen zu füllen. Rein, als ob es Aladins Wunderlampe sei, die er da rieb und polierte, erschien mit einem Mal, wenn auch nicht eine Schar von zwanzigtausend übernatürlichen Sklaven, so doch ein Wesen mit einer weißen Weste, das eine Serviette unter dem Arme trug, begleitet von einem anderen Wesen mit einer ovalen kleinen Schüssel auf dem Kopf, aus der sogleich ein dampfendes Gericht zum Vorschein kam. Lachs, Lammbraten, Erbsen, ganz unschuldige junge Kartoffeln, ein Salat, kühl bis ans Herz hinan, Gurkenschnitten, ein zartes Entchen und eine Torte, alles stand im Nu auf dem Tisch und alles zu rechter Zeit. Woher es kam, das wußte niemand, aber unaufhörlich ging die ovale Schüssel aus und ein und verkündete das Wesen mit der weißen Weste ihre Ankunft vor der Türe draußen durch ein bescheidenes Klopfen – denn nachdem es sich zum erstenmal kühn gezeigt, wagte es offenbar nicht mehr im Zimmer zu erscheinen. Das Wesen in der weißen Weste war niemals sonderlich überrascht in solchen Fällen und schien sich auch nicht im geringsten über diese außerordentlichen Vorgänge oder über die Schätze zu wundern, die man dann in der Truhe fand, denn es nahm sie stets mit der gelassensten Miene von der Welt heraus und stellte sie auf den Tisch. Das Wesen war überhaupt ein sehr freundlicher Mann, sanft in seinem ganzen Gehaben und außerordentlich für den Gaumen der Gesellschaft besorgt. Es war auch ein gelehrter und sehr erfahrener Mann, kannte genau John Westlocks Lieblingssaucen und pries sie leise und gefühlvoll an, wenn es die kleinen Kännchen herumreichte. Und es war auch ein ernster und stiller Mann, denn kaum war das Dinner vorüber und der Wein mit dem Obst auf dem Tische erschienen, so verschwand es mitsamt der Wundertruhe wie ein Geist.

»Hab ich’s nicht gleich gesagt: John ist ein wüster Bursche?« rief Tom. »Sollte man so etwas überhaupt für möglich halten!?«

»Ach, Miss Pinch«, klagte John, »das sind eben so die einzigen Sonnenblicke in dem traurigen Leben, das man als Junggeselle hier führt. Ich hätte es kaum mehr länger ertragen, wenn es sich nicht heute, Gott sei Dank, aufgehellt hätte.«

»Glaub ihm doch kein Wort!« rief Tom, »er lebt wie ein Fürst hier und möchte nicht um alles in der Welt mit irgend jemandem tauschen. Er spielt jetzt nur absichtlich den Leidenden.«

Aber John schien durchaus nicht zu scherzen; es schien ihm vielmehr sehr ernst mit seinem Wunsch, man möge ihm glauben, welch trauriges, einsames, unbehagliches Leben er für gewöhnlich hier führe. Es sei ein elendes, unglückliches Leben, sagte er, und er denke an nichts anderes, als das Quartier so bald wie möglich loszuwerden. – Morgen schon wolle er es zum Vermieten ausschreiben lassen.

»Na«, meinte Tom Pinch, »ich wüßte wahrhaftig nicht, wo du hinziehen solltest, um es besser zu haben. Mehr sag ich nicht. Was meinst du dazu, Ruth?« Ruth spielte mit den Kirschen auf ihrem Teller und sagte, sie glaube, Mr. Westlock müsse ganz glücklich sein; sie könne unmöglich daran zweifeln.

Wie schüchtern sie das hervorbrachte.

»Aber du vergißt ja ganz, daß du uns erzählen wolltest, Tom, was dir heute früh passiert ist«, schloß sie hastig den Satz.

»Ja richtig«, rief Tom; »vor lauter Geschwätz über alles mögliche kam ich gar nicht dazu und hatte es schon ganz und gar vergessen. Ich werde dir gleich jetzt alles erzählen, John, damit ich’s nicht wieder vergesse.«

Als er dann den Vorgang auf dem Kai erzählte, wurde John Westlock plötzlich sehr nachdenklich und legte ein Interesse an der Geschichte an den Tag, das Tom geradezu unbegreiflich schien. Er sagte, er kenne die alte Frau, deren Bekanntschaft sie gemacht hätten, oder glaube es wenigstens, und wolle wetten, daß sie nach Toms Beschreibung »Gamp« heißen müsse. Was es aber für eine Nachricht gewesen sei, mit deren Überbringung Tom so unerwarteterweise beauftragt worden, und warum sie gerade ihm anvertraut worden, und wieso so ganz verschiedene Personen darin verwickelt seien, und was überhaupt für ein Geheimnis der ganzen Sache zugrunde liege, das sei ihm ein Rätsel. Tom war von vornherein überzeugt gewesen, daß die Erzählung seinen Freund interessieren würde, aber auf ein so warmes Interesse hatte er nicht gerechnet, denn John Westlock hörte gar nicht auf, immer wieder darauf zurückzukommen, selbst nachdem Ruth das Zimmer verlassen hatte, und behandelte das Thema mit viel größerer Wißbegierde, als zu erwarten gewesen war.

»Ich werde natürlich mit meinem Hauswirt darüber sprechen«, schloß Tom, »wenn er auch ein höchst auffallend geheimnisvoller Mensch ist und mir voraussichtlich nicht viele Auskünfte geben wird – angenommen, daß er überhaupt weiß, was in dem Briefe stand.«

»Daß das der Fall ist, darauf möchte ich schwören«, fiel ihm John ins Wort.

»So? Meinst du?«

»Ich bin überzeugt davon.« »Also gut«, sagte Tom, »wenn ich ihn zu Gesicht bekomme – allerdings geht er in etwas seltsamer Weise in seinem Hause ein und aus, aber trotzdem will ich’s versuchen, ihn morgen früh abzufangen – also, wenn ich ihn sehe, werde ich ihm meine Meinung sagen, wieso er mich zu einem so unangenehmen Auftrag mißbrauchen konnte. Ich habe mir übrigens schon gedacht, John, ich könnte eigentlich morgen früh zu Mrs. ––– wie heißt sie doch nur? – ja richtig – zu Mrs. Todgers gehen, vielleicht treffe ich dort die arme Gratia Pecksniff. Ich könnte mich dann bei ihr rechtfertigen und ihr erklären, wieso ich in die ganze Sache verwickelt wurde.«

»Da hast du ganz recht, Tom«, rief John Westlock nach kurzer Überlegung. »Es ist wohl das Beste, was du tun kannst. Sei’s übrigens, wie es wolle, es steckt gewiß nichts Gutes dahinter, und es kann nur wünschenswert für dich sein, jeden Schein zu vermeiden, als hättest du mit Vorsatz die Hand in der Angelegenheit gehabt. Ich würde dir sogar raten, womöglich ihren Gatten aufzusuchen und ihn von deiner Unschuld zu überzeugen, indem du ihm schlicht den Hergang dieser Sache erzählst. Mir schwant, es ist da irgendeine Schurkerei im Werke. Ich werde dir ein andermal die Gründe, die mich dazu veranlassen, mitteilen. Ich muß aber selbst erst gewisse Erkundigungen einziehen.«

Das alles klang für Tom Pinch höchst geheimnisvoll. Da er jedoch wußte, daß er sich in allen Stücken auf seinen Freund verlassen konnte, so entschloß er sich, dessen Rat unbedingt zu befolgen.

Höchst ergötzlich anzusehen, wie sich inzwischen die kleine Ruth in John Westlocks Räumen, während dieser und Tom beim Weine plauderten, benahm. Voller Sanftheit versuchte sie, mit der Matrone mit dem roten Gesicht und dem verknitterten Hut, die zu ihrer Bedienung dageblieben war, nachdem sie einen verzweifelten Versuch gemacht, sich etwas stattlicher herauszuputzen, und einen ausgewaschenen gelben Rock mit ebensolchen Blumen darin, die wie zerlassene Butterstücke in der Pfanne aussahen, angezogen hatte, ein Gespräch anzuknüpfen, aber mit grimmiger, drachenartiger Unbeugsamkeit wies die alte Dame jeden Annäherungsversuch zurück, rein, als ob sie von einer feindlichen und gefährlichen Macht kämen, die nichts weniger im Schilde führe, als ihr einen Kunden abspenstig zu machen oder das Rätsel aufzuklären, wieso es komme, daß Tee und Zucker von selbst verschwänden, und ähnliches mehr. Mit verschämter und entzückender Neugierde guckte die kleine Ruth, als die Dame mit dem roten Gesicht schließlich fort war, in die verstreut umherliegenden Bücher und andere Siebensachen und zerbrach sich den Kopf, wer wohl die hübschen Nippesfiguren auf dem Kaminsims entworfen und zusammengestellt haben möge. Es war ein entzückendes Bild, wie sie mit zögernder Hand ihre Blumen zusammenband, sie an ihren Busen steckte und beinahe errötend über ihr hübsches Gesicht im Spiegel sich mit seitwärts geneigtem Kopf ansah, halb entschlossen, sie wieder fortzutun, dann aber wieder, sie zu belassen, wo sie waren.

John schien förmlich wonnetrunken zu sein, denn als er mit Tom zum Tee hereinkam, nahm er ganz befangen und wie verzaubert sofort neben Ruth Platz. Als schließlich das Teeservice abgetragen worden war und Tom sich ans Klavier setzte und sich in seine alten Orgelmelodien vertiefte, saß er immer noch am offenen Fenster neben ihr und blickte stumm hinaus in die Dämmerung.

In Furnivals Inn gibt es im allgemeinen wenig genug zu sehen. Es ist ein schattiger, geruhsamer Ort, der nur das Echo der vorübereilenden Schritte nachhallen läßt und an Sommerabenden sogar einen eintönigen und düsteren Eindruck macht. Was mochte dem Orte plötzlich einen solchen Zauber gegeben haben, daß Ruth und John am Fenster stehen blieben und so wenig auf den Flug der Zeit achteten wie Tom, der Träumer, der sich inzwischen ganz in die Melodien verloren hatte, die so oft seine Seele ruhig gestimmt? Welche Zaubermacht lag in dem langsam entschwindenen Dämmerlicht und der sich immer mehr ansammelnden Dunkelheit – in den da und dort aufblitzenden Sternen – in der Abendluft, in dem fernen Gesumme der City und dem Zusammenklingen der alten Kirchturmuhren? Die göttlichste und herrlichste Landschaft, die es auf Erden gibt, hätte die beiden mit ihrer Schönheit wohl nicht stärker zu fesseln vermocht. Immer tiefer und dunkler wurden die Schatten, und das Zimmer lag bereits in schwarzer Finsternis. Immer noch wanderten Toms Finger über die Tasten, und immer noch standen die beiden am Fenster.

Endlich fühlte Tom die Hand seiner Schwester auf seiner Schulter und ihren Arm auf seiner Stirn; – er erwachte aus seinen Träumereien.

»O Gott«, rief er, plötzlich auffahrend, »ich fürchte, ich bin sehr rücksichtslos und unhöflich gewesen.« – Er hatte keine Ahnung, wieviel Rücksicht er im Gegenteil geübt hatte. – »Singe uns doch etwas, Liebste«, lud er Ruth ein, »komm, laß uns deine Stimme hören!« Und in so eindringlicher Weise vereinigte John Westlock seine Bitten mit den seinigen, daß nur ein Herz von Stein hätte widerstehen können. Sie aber hatte kein Herz von Stein. O Gott, nichts weniger als das. Sie setzte sich also nieder und begann mit süßer einschmeichelnder Stimme eine von Toms Lieblingsballaden zu singen, alte Romanzen mit hie und da einer Pause für ein paar einfache Akkorde, wie sie die Harfeniere in alter Zeit erklingen ließen, um sich den Gang einer halbvergessenen Sage ins Gedächtnis zu rufen, Texte aus den Liedern alter Dichter, mit so passenden Melodien zusammengefügt, daß die Musik wie der Atem des Poeten war, und dann wieder eine Melodie, so fröhlich und leicht beschwingt, daß man glauben mußte, die, die sie da sang, könne nie und nimmer traurig sein oder eines wehmütigen Gedankens fähig – bis sie wieder in gottloser Flatterhaftigkeit zu melancholischen Tönen zurückkehrte und ihren Zuhörern das Herz brach; – das waren so die kleinen einfachen Künste, mit denen Ruth die Herzen ihrer beiden Zuhörer verzauberte. Und daß diese harmlosen Künste ihre volle Macht bewiesen, ließ sich daraus schließen, wie lange die Stube noch dunkel blieb und wie spät man erst das Licht anzündete.

Endlich wurden die Kerzen hereingebracht, aber es war bereits die höchste Zeit, nach Hause zu gehen. Es dauerte noch geraume Zeit, bis sorgfältig Papier zurechtgeschnitten war, um es um die Stengel der Blumen, die Ruth mitnehmen sollte, zu wickeln, aber auch das kam endlich zustande, und das junge Mädchen war bereit.

»Gute Nacht«, sagte Tom. »Es war wirklich ein entzückender Nachmittag und Abend, John. – Gute Nacht.«

John schickte sich an, sie zu begleiten.

»Nein, nein, bleibe doch nur«, wehrte ihm Tom, »was für ein Unsinn! Wir können doch wirklich ganz gut allein nach Hause gehen. Ich kann es unmöglich zugeben, daß du dich so inkommodierst.«

John versicherte nur, daß es ihm im Gegenteil ein großes Vergnügen sei.

»Ist es wirklich wahr, daß es dir ein Vergnügen macht?« fragte Tom harmlos. »Ich fürchte, du sagst es nur aus Höflichkeit.«

Aber John versicherte ihm aufs eindringlichste, daß es ganz und gar gewiß wahr sei, bot Ruth seinen Arm und führte sie hinaus.

Die Dame mit dem roten Gesicht, die wieder zur Bedienung bereitstand, bedankte sich für die Begrüßung der Gäste mit einem so kalten Knicks, daß ein sehr scharfes Auge dazu gehörte, ihn wahrzunehmen. Von Tom nahm sie überhaupt keine Notiz.

Mr. Westlock bestand unbedingt darauf, seine Gäste den ganzen Weg zu begleiten, und wollte durchaus nichts von seines Freundes Widersprüchen hören.

Glückliche Zeit, glücklicher Spaziergang, glücklicher Abschied, glückliche Träume! Aber dennoch gab es auch für John gewisse süße Träume des Tages, vor denen die Visionen der Nacht zuschanden wurden.

Geschäftig murmelte die Fontäne im Mondlicht, während Ruth schlafend dalag, ihre Blumen neben sich auf dem Kissen – und John Westlock entwarf aus dem Gedächtnis ein Porträt – von wem wohl?

46. Kapitel


46. Kapitel

Miss Pecksniff macht Eroberungen, Mr. Jonas schneidet Gesichter, Mrs. Gamp bereitet den Tee und Mr. Chuffey phantasiert

Tags darauf eilte Tom, nachdem er seine Arbeiten erledigt, unverzüglich nach Hause und brach nach dem Dinner und einer kurzen Mittagszeit mit Ruth sofort wieder auf, um bei Todgers‘ den beabsichtigten Besuch zu machen. Er nahm seine Schwester nicht nur deshalb mit, weil es ihm, wie stets, ein Vergnügen war, sie um sich zu haben, sondern auch deshalb, weil er von Herzen wünschte, sie möge die arme Gratia ein wenig trösten und aufheitern. Auch Ruth ihrerseits wünschte nichts sehnlicher, da sie die Geschichte der unglücklichen jungen Frau von ihrem Bruder gehört hatte.

»Sie war so erfreut, mich wiederzusehen«, sagte Tom, »daß ich überzeugt bin, es wird sie auch freuen, dich zu sehen. Deine Teilnahme wird ihr sicherlich noch viel angenehmer und wohltuender sein als die meinige.«

»Davon bin ich nun nicht so ganz überzeugt, Tom«, wendete Ruth ein. »Du bist überhaupt ungerecht gegen dich. Aber ich hoffe, sie wird mich auch so – immerhin ein wenig leiden mögen.«

»O sicherlich!« rief Tom vertrauensvoll.

»Ach, wieviel Freunde hätte man, wenn alle Welt so dächte wie du; meinst du nicht, lieber Tom?« fragte Ruth und zwickte ihren Bruder scherzhaft in die Wangen.

Tom lachte und meinte, in dieser Beziehung werde er ohne Zweifel in Gratia eine gute Schülerin haben; »denn ihr Frauen«, sagte er, »liebe Ruth, seid überhaupt so gut und zartfühlend und wißt so rücksichtsvoll und wohltuend mit einem umzugehen, ohne es direkt merken zu lassen, daß man sich immer darüber freuen muß. Ihr seid so –«

»Aber, lieber Himmel, Tom«, unterbrach ihn seine Schwester, »du scheinst ja auf dem besten Wege zu sein, dich zu verlieben!«

Tom wies diese Bemerkung zwar gutmütig, aber doch mit gewissem Ernste ab, und bald plauderten sie wieder über ein anderes Thema.

Ziemlich in der Nähe von Mrs. Todgers‘ Etablissement hielt Ruth ihren Bruder einen Augenblick vor dem Fenster eines großen Warenmagazins zurück und machte ihn auf einige wundervolle Sachen aufmerksam, die dem Publikum zur Versuchung ins Ladenfenster gestellt waren. Tom hatte gerade über den Preis dieser Artikel einige sehr irrige Vermutungen aufgestellt und lachte eben mit seiner Schwester herzlich über seine Unkenntnis, als er plötzlich ihren Arm drückte und sie auf zwei in der Nähe stehende Personen aufmerksam machte, die mit tiefstem Interesse einige Kommoden und Tische hinter dem Schaufenster betrachteten.

»Pst«, flüsterte Tom, »das sind Miss Pecksniff und der junge Gentleman, den sie nächstens heiraten wird.«

»Er sieht wahrhaftig eher aus, als ob er sich begraben lassen wollte, Tom«, sagte Ruth ebenso leise.

»Ich glaube, er ist von Natur aus ein bißchen melancholisch«, meinte Tom; »aber jedenfalls ist er ein sehr artiger und harmloser Mensch.«

»Sie besprechen wahrscheinlich, wie sie sich einrichten werden, was glaubst du, Tom?«

»Ja, es scheint so. Ich glaube, wir sollten sie auch nicht anreden.« – Trotz dieses Vorhabens konnte es das Geschwisterpaar jedoch nicht gut vermeiden, den beiden andern ins Auge zu fallen, zumal ein vorüberziehender Menschenstrom sie daran hinderte, nach der andern Seite abzubiegen.

Miss Pecksniff sah ganz danach aus, als habe sie den unglücklichen Mr. Moddle mit einem Lasso eingefangen und führe ihn jetzt zur Betrachtung des Möbellagers wie der Schlächter ein Lamm zur Schlachtbank. Der junge Mann wenigstens leistete nicht den geringsten Widerstand und war tief resigniert. Die Schwermut, die die gesenkte Haltung seines Kopfes und sein ganzes Wesen verrieten, war geradezu auffällig. Im Ladenfenster stand eine große vierpfostige Bettstelle und in seinem Auge – eine große zitternde Träne.

»Augustus, mein Lieber«, flötete Miss Pecksniff, »geh doch einmal hinein und frage nach dem Preis der acht Rosenholzsessel und des Spieltisches.«

»Ach, die werden sicher schon bestellt sein«, redete sich »Augustus« heraus. »Die sind bestimmt nicht mehr verkäuflich.«

»Schadet doch nichts! Man kann doch neue in derselben Art anfertigen lassen«, meinte Miss Pecksniff.

»Nein, nein, das wäre unmöglich«, wendete Mr. Moddle ein, »rein unmöglich.«

Er schien in diesem Augenblick durch die Aussicht auf sein nahe bevorstehendes Glück geradezu betäubt zu sein; aber rasch faßte er sich wieder und trat in den Laden. Als er wieder zurückkehrte, meldete er im Tone der Verzweiflung:

»Vierundzwanzig Pfund, zehn Schillinge.« In diesem Augenblick wendete sich Miss Pecksniff um und gewahrte dabei, daß Tom Pinch und seine Schwester sie beobachteten.

»Ah – oh!« rief sie, verwirrt umherblickend, als sänne sie auf das beste Mittel, in die Erde zu versinken. »Was sehe ich! Ah – oh – in meinem ganzen Leben – wer hätte nur gedacht – erlauben Sie, meine Herrschaften – Mr. Augustus Moddle – Miss Pinch.«

Sie absolvierte die Zeremonie der Vorstellung, was Miss Pinch betraf, sehr gnädig und leutselig, eigentlich sogar mehr als das – sie war sogar freundlich und herzlich; sei es, daß die Erinnerung an den Dienst, den ihr einst Tom geleistet, indem er Mr. Jonas eins über den Kopf gegeben, sie so wohlwollend stimmte, sei es, daß die längere Trennung von ihrem Vater sie bereits mit der Menschheit zu versöhnen begann oder wenigstens mit jenem Teil der Menschheit, der eben auch kein guter Freund von ihm war, oder war es das Entzücken, wieder eine neue weibliche Bekannte gefunden zu haben, der sie ihre Aussichten auf ihr künftiges Glück vorführen konnte – genug, sie war herzlich und wohlwollend. Ja sie küßte Miss Pinch sogar schließlich zweimal auf die Wange.

»Augustus – Mr. Pinch – – doch die Herren kennen sich bereits«, fuhr sie dann die Vorstellung fort. »Ach mein liebes Kind«, flüsterte sie Ruth heimlich zu, »in meinem ganzen Leben habe ich mich noch nicht so geschämt.«

Ruth versicherte, das habe doch gar nichts zu sagen.

»Allerdings geniere ich mich ja vor Ihrem Bruder weniger als vor irgend jemandem sonst«, lispelte Miss Pecksniff. »Aber dennoch liegt etwas gewisses Unzartes darin, unter solchen Umständen einen Gentleman zu treffen. Augustus, mein Lieber, hast du –« Sie flüsterte ihm etwas ins Ohr. Mit Duldermine wiederholte Mr. Moddle:

»Vierundzwanzig Pfund und zehn Schillinge.«

»Ach, du einfältiger Mensch, das meine ich doch nicht«, rief Miss Pecksniff, »ich sprach von den –«

Abermals flüsterte sie ihm etwas ins Ohr.

»Wenn es derselbe bunte Kattun ist wie der im Schaufenster – zweiunddreißig Pfund, zwölf Schillinge, sechs Pence«, antwortete Mr. Moddle mit einem Seufzer. »Sehr teuer.«

Weitere Erklärungen unterband Miss Pecksniff, indem sie ihrem Bräutigam ihre Hand auf die Lippen legte und eine leichte Verlegenheit heuchelte. Dann fragte sie Tom Pinch, wohin er denn gehe.

»Ich wollte sehen, ob ich Ihre Schwester nicht treffen könnte«, antwortete Tom. »Ich habe ihr etwas mitzuteilen. Wir wollen zu Mrs. Todgers, wo ich schon einmal das Vergnügen hatte, sie zu treffen.«

»Dann kann ich Ihnen einen Gang ersparen«, sagte Cherry; »wir kommen eben von dort, und ich weiß, daß sie nicht anwesend ist. Wenn Ihnen übrigens daran liegt, will ich Sie gerne nach Gratias Wohnung bringen. Augustus – pardon, Mr. Moddle wollte ich sagen – und ich sind soeben auf dem Wege dahin begriffen, um unsern Tee bei ihr zu nehmen. Wegen Jonas können Sie unbekümmert sein«, setzte sie aufmunternd hinzu, als sie Toms Zögern bemerkte, »er ist nicht zu Hause.«

»Wissen Sie das sicher?« fragte Tom.

»Natürlich weiß ich das. Ich würde es Ihnen sonst nicht sagen. Es gelüstet mich auch nicht danach, mich zu rächen«, erwiderte Miss Pecksniff stolz. »Aber ich bitte jetzt die Herren, vorauszugehen, ich werde mit Miss Pinch nachkommen. – Also, meine Liebste, was ich sagen wollte, in meinem ganzen Leben war ich noch nie so überrascht und betreten.«

Gehorsam hängte sich Mr. Moddle in Tom ein, während Miss Pecksniff Ruths Arm nahm.

»Es wäre natürlich vergeblich, liebes Kind«, begann Miss Pecksniff abermals, »wenn ich noch weiter verheimlichen wollte, daß ich im Begriffe stehe, mich mit dem Gentleman zu vermählen, der mit Ihrem Bruder vorausgeht. Es wäre unnütz und vergeblich, wenn ich es verheimlichen wollte. Was halten Sie übrigens von ihm? Bitte, lassen Sie mich Ihre aufrichtige Meinung darüber hören.«

Ruth sagte, daß sie Mr. Moddle, soweit sie nach dem ersten Eindruck urteilen können, für einen sehr sympathischen jungen Mann halte.

»Ich bin außerordentlich neugierig«, plauderte Miss Pecksniff mit geschwätziger Offenherzigkeit fort, »ob Sie bereits in dieser kurzen Zeit bemerkt haben oder doch zu bemerken glauben, daß Augustus ein wenig zur Melancholie neigt.«

»Ich kenne ihn dazu wirklich noch zu wenig«, entschuldigte sich Ruth.

»Aber sicherlich mußte es Ihnen doch so scheinen? Nicht?« drängte Miss Pecksniff. »Alle Welt behauptet es wenigstens. Auch Mrs. Todgers und sogar Augustus selbst erzählten mir, daß ihn die Gentlemen im Hause dessentwegen stets aufzögen. Wahrhaftig, wenn ich’s ihm nicht ausdrücklich verboten hätte, ich glaube, es wäre schon öfter als einmal zu einem Duell auf – auf – geladene Pistolen gekommen. Was meinen Sie, mag wohl die Ursache seines melancholischen Wesens sein?«

Ruth riet innerlich so allerlei: auf schlechte Verdauung, seinen Schneider, seine Mutter und dergleichen, ohne natürlich ein Wort darüber laut werden zu lassen.

»Hören Sie, mein Kind«, fuhr Miss Pecksniff fort. »Eigentlich sollte ich nicht darüber reden, aber da ich Ihren Bruder schon seit so vielen Jahren kenne, will ich auch Ihnen gegenüber kein Hehl daraus machen – also, ich hatte Augustus schon dreimal einen Korb gegeben – er ist so liebenswürdig und empfindsam, und man braucht ihn nur anzusehen, so stehen ihm schon die Tränen im Auge, und das steht ihm so entzückend, und bis heute hat er sich von den Folgen meiner Grausamkeit noch nicht ganz erholt. – – Oh, es war wirklich grausam«, setzte sie mit Selbstüberwindung hinzu und mit einer Schlichtheit, die sogar ihres Vaters würdig gewesen wäre – »das will ich mir nicht verhehlen, und ich kann jetzt nur mit Erröten auf mein damaliges Benehmen zurückblicken. Ich habe ihn, offen gestanden, stets geliebt und gefühlt, daß er mir mehr war als so manche junge Leute, die mir Anträge machten; und was hatte ich eigentlich für ein Recht, ihn dreimal zurückzuweisen, nicht wahr?«

»Es war ohne Zweifel eine schwere Prüfung für ihn«, sagte Ruth. – »Nein, mein Kind, mehr als das! Es war sogar Unrecht. Aber das ist eben die Gedankenlosigkeit und Launenhaftigkeit unsres Geschlechts. Lassen Sie sich mein Beispiel zur Warnung dienen und stellen Sie nie die Gefühle eines Mannes zu sehr auf die Probe, der Ihnen Anträge macht – etwa in der Weise, wie ich meinen Augustus geprüft habe –, sondern, wenn Sie jemals für einen Mann empfinden, was ich schon in der Zeit, als ich ihn fast zur Verzweiflung trieb, empfand, so verbergen Sie es nicht, wenn er sich Ihnen zu Füßen wirft, wie sich Augustus Moddle mir zu Füßen warf. Bedenken Sie«, ermahnte sie, »wie mir jetzt sein müßte, wenn ich ihn zum Selbstmord getrieben und alles dann in der Zeitung gestanden hätte!«

Ruth bestätigte, daß sich Miss Pecksniff dann ohne Zweifel schwere Gewissensbisse hätte machen müssen.

»Gewissensvorwürfe?« rief Charitas, sichtlich in Reuegefühlen schwelgend. »Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie es mich sogar jetzt noch quält, wo ich meine Härte doch dadurch wiedergutgemacht habe, daß ich seine Werbung annahm. Jetzt, wo ich nüchtern und vernünftig geworden bin und sozusagen am Rande des Ehestandes stehe und auf mein flatterhaftes Benehmen zurückblicke und ins Auge fasse, wie ich war, als ich noch so alt war wie Sie, mein Kind, so schaudre ich. Ja, ich schaudre. Und was ist die Folge meines damaligen Benehmens? Nicht eher, als bis Augustus mich zum Altare führt, weiß er mich seiner sicher. Ich habe sein Herz so gequält und zerrissen, daß er gar keine Zuversicht mehr hat. Ich sehe, es nagt an ihm und seiner Seele. Sie können sich denken, wie es mich quälen muß, den Mann, den ich liebe, in einem solchen Zustand sehen zu müssen.«

Ruth bemühte sich nach Kräften, Miss Pecksniffs unbegrenztes und so schmeichelhaftes Vertrauen einigermaßen anzuerkennen, und stellte die Vermutung auf, die Vermählung werde wahrscheinlich sehr bald vor sich gehen.

»Jawohl, allerdings, sehr bald«, rief Miss Pecksniff. »Sowie wir eingerichtet sind. Wir schaffen uns jetzt in aller Eile unsre Möbel an.« Und mit großer Redseligkeit zählte sie eine ganze Liste von Gegenständen her, die sie bereits gekauft hätten und noch zu kaufen gedächten, in was für Kleidern sie sich würde trauen lassen und wo die Zeremonie stattfinden werde; kurz, sie teilte Miss Pinch, wie sie betonte, weil sie ihr so sympathisch sei, alles und jedes ausführlich mit.

Während sich die Arrieregarde mit diesen Gesprächen beschäftigte, gingen Tom und Mr. Moddle Arm in Arm, aber in tiefstem Stillschweigen voraus, bis Tom endlich einen krampfhaften Anlauf nahm, die Verlegenheitsstimmung zu brechen.

»Es wundert mich«, fing er stockend an, »daß bei diesem Gedränge in den Straßen so selten ein Fußgänger überfahren wird.«

»Die Kutscher sind daran schuld«, versetzte Mr. Moddle in schwermütigem Ton.

»Wie meinen Sie das?« fragte Tom erstaunt.

»Ich glaube, daß es Menschen gibt«, sagte Mr. Moddle mit heiserem Lachen, »die einfach nicht überfahren werden – können. Ihr Leben ist gefeit. Schwere Kohlenwagen halten plötzlich an, wenn man vor der Deichsel steht, und selbst die Fiaker weigern sich, einen zu überfahren. Ach ja«, seufzte er, Toms Erstaunen bemerkend. »Es gibt leider solche Menschen. Ich habe zum Beispiel einen Freund, dem es so geht.«

»Meiner Seel«, dachte Tom, »der junge Herr befindet sich in einem Gemütszustand, der einem in der Tat ernstliche Besorgnis einflößen könnte.«

Er gab jetzt jeden Gedanken auf, ein längeres Gespräch mit diesem seltsamen Menschen anzuknüpfen, sprach nicht ein Wort mehr, hielt aber Augustus desto fester am Arm, damit er ihm nicht etwa entwische und vor den Augen seiner Verlobten vielleicht einen erfolgreichen Versuch machen könne, eine Privatentleibungsszene aufzuführen. Er hatte eine solche Angst vor seinen Verzweiflungsanfällen, daß er förmlich froh war, als er ihn glücklich bis zu Mr. Jonas Chuzzlewits Haus gebracht hatte.

»Bitte, Mr. Pinch, gehen Sie nur voraus«, sagte Miss Pecksniff. – Tom hatte nämlich unschlüssig an der Haustüre haltgemacht.

»Ich weiß wirklich nicht, ob ich willkommen sein werde«, wendete Tom zögernd ein. »Richtiger gesagt, ich fürchte das Gegenteil. Ob es nicht vielleicht besser wäre, ich ließe mich vorher anmelden?«

»Ach, das ist doch Unsinn«, rief Charitas, »ich weiß gewiß, daß Jonas nicht zu Hause ist – ich weiß es. Und Gratia hat nicht die mindeste Idee, daß Sie ihn je –«

»Um Gottes willen«, unterbrach sie Tom. »Sie darf es auch niemals erfahren. Ich kann Ihnen nur versichern, daß ich nichts weniger als stolz auf den damaligen Raufhandel bin.«

»Ach, Sie sind überhaupt immer viel zu bescheiden«, zürnte Miss Pecksniff. »Gehen Sie doch. – Oder gehen Sie voraus, Miss Pinch; bleiben wir nicht länger hier an der Türe stehen.«

Immer noch zögerte Tom, denn er fühlte sich sehr unbehaglich, aber Cherry drängte sich an ihm vorüber und führte seine Schwester die Treppe hinauf. Da fast gleichzeitig die Türe hinter ihnen ins Schloß fiel, so folgte er, immer noch nicht mit sich im reinen, ob er gut daran tue oder nicht.

»Gratia, mein Schatz«, rief Miss Pecksniff, rasch die Türe des Gesellschaftszimmers öffnend; »es ist Besuch für dich angekommen: Mr. Pinch und seine Schwester. – Ah, ich dachte mir gleich, daß Sie hier seien, Mrs. Todgers. – Nun, und wie geht es denn Ihnen, Mrs. Gamp? Und was machen Sie, Mr. Chuffey? – Wenn ich auch weiß, daß man von Ihnen keine Antwort kriegt«, setzte sie halblaut hinzu.

Nachdem sie jeden der Anwesenden mit einem sauern Lächeln beehrt, stellte sie Mr. Moddle vor.

»Ich glaube, du hast ihn früher einmal gesehen«, bemerkte sie scherzend. »Augustus, mein Liebling, bitte, bringen Sie mir einen Stuhl.«

Der »Liebling« tat, wie ihm geheißen, und war eben im Begriff, sich in eine Ecke zurückzuziehen, um wiederum in tiefste Trauer zu versinken, als Miss Charitas ihn mit hörbarem Flüstern ihr »kleines Lämmchen« nannte und ihm die Erlaubnis erteilte, näher zu kommen und sich an ihre Seite zu setzen.

Mr. Moddle war jedoch so trostlos, daß er nicht einmal einen Entzückensschauer zu empfinden schien, als Charitas ihre Lilienhand in die seinige legte und diesen Beweis ihrer Gunst schamhaft dadurch vor den Blicken der Profanen verbarg, daß sie die beiden verschlungenen Hände mit einem Zipfel ihres Schals bedeckte. Er sah sogar womöglich noch melancholischer aus als sonst und blickte, voller Unbehagen und kerzengrade in seinem Stuhle sitzend, die Gesellschaft mit tränenfeuchten Augen an, als wolle er rufen: »Hilfe! Zu Hilfe! Will mir denn keine barmherzige Christenseele zu Hilfe kommen!«

Dagegen war das Entzücken Mrs. Gamps so außerordentlich, daß sie ganz gut ein Dutzend junger Liebhaber damit zur Genüge hätte ausstatten können, und es steigerte sich noch, als sie Tom Pinchs und seiner Schwester ansichtig wurde. Mrs. Gamp gehörte nämlich zu jenen glücklichen Temperamenten, die ohne jeden andern Grund als den bloßen Wunsch, sich einen zahlreichen und einträglichen Bekanntschaftskreis zu verschaffen, in Begeisterung geraten können. Täglich bespannte sie ihren Bogen mit so vielen neuen Saiten, daß allmählich eine vollständige Harfe daraus geworden war, und auf diesem Instrument begann sie jetzt ein ganz allerliebstes Konzert zu improvisieren.

»O mei«, rief sie. »Gnä Frau! Wie hätt i mir denkt, daß i in diesem gesegneten Haus Ihner Fräuln Schwester werd begrüßen können – leider gibt’s net vüll so gsegnete Häuser, und dös is schlimm; denn wenn’s net so war, so war dies Jammertal a Paradies. Und gar zu denken, daß i unter diesem gesegneten Dach Mr. Pinch zu sehn krieg! Und noch obendrein mit dem süßesten Geschöpf, wo mir je vorgekommen is. Sie natürlich ausgnommen, gnä Frau, und die Erwählte Ihres Herzens auch, Mr. Moddle, wenn ich so frei sein darf, das offen auszusprechen. Nix für ungut, meine Herrschaften, aber der Gedanke, daß i dies süße Gschöpf wiedersegn soll, das i kürzlich am Wasser troffen hab – nein, es is wirklich erstaunlich!«

Nachdem Sie auf diese Art glücklich jedes Mitglied der Gesellschaft in ihre Anrede mit einbegriffen hatte, knickste sie einige Male vor Ruth, schüttelte mindestens ein dutzendmal lächelnd den Kopf und nahm den Faden ihres Gesprächs wieder auf.

»Na, dös is der reinste Blumenkranz heut nachmittag. Ich hab a Freindin – i sag’s wie’s is, gnä Frau, und ihr Name is Harris – ihr Schwager war fünf Fuß drei Zoll hoch und hat aufm linken Arm an wilden Ochsen mit Krämpstiefeln eintätowiert ghabt. Weil seine unvergeßliche Mutter von an Ochsen in an Schuhmacherladen gjagt worden is, wie s‘ noch in der Sitawation gwesen is, wo sich a Ehemann Glück wünschen kann, wenn sei Weib drin is, wie i immer zu meinem seligen Mann gsagt hab, wenn’s an Wortwechsel zwischen uns gebn hat – von wegen die Haushaltungskosten –, und mehr als einmal hab i zu der Harris gsagt, liebe Harris, hab i gsagt, na, a Gsicht haben S‘ rein wie a Engel; und wenn s‘ net so viel Pickel und Blatternarben im Gfries ghabt hätt, wär’s wahrhaftig wahr gwesen. – ›Na, liebe Sarah‹, hat s‘ nachher gsagt, ›wenn’s a hart arbeitends und fleißigs Gschöpf gibt, wo schlecht auf der Welt bezahlt wird, so sind Sie’s. Der Harris hat mein Gsicht vor der Hochzeit für vier und a viertel Krone malen lassn‹, hat’s gsagt, ›und hat’s so lang am Herzen tragn, bis d‘ Farb abgangn is, und nachher habns ihm ’s Geld net mehr zrückgeben, und zu an Ausgleich is ’s a net kommen. Aber nie hat er gsagt, daß dös des Gsicht von an Engel is, wenn er sich’s auch leicht dacht haben mag.‹ – Wenn jetzt der Mann von der Harris da war«, fuhr Mrs. Gamp mit einem Blick in der Runde fort und knickste lächelnd, »so möcht er sicher grad raus sagen, dös is a Gsicht von an Engel, und sei liabe Frau war die letzte, wo’s ihm übel nehmen tat; denn wenn’s je a Weib auf Erden geben hat, wo ka Idee hat, was es heißt, zu wünschen, ane, die schöner is, mit an Löffel Wasser zu vergiften, und die nie kann Grund net dazu ghabt hat, weil ihr Mann immer der beste Mensch von der Welt gwesen is, so können S‘ Ihna drauf verlassen, die heißt Harris.«

Mit diesen Worten begab sich Mrs. Gamp, die offenbar im Hause Chuzzlewit vorgesprochen hatte, um sich zu einem Tee einzuladen, und nicht etwa, um als Krankenwärterin zu fungieren, zu Mr. Chuffey, der wie immer in seiner Ecke saß, und rüttelte ihn am Arm.

»Raffen S‘ Eana auf und schaugns amal, wer alles da is«, rief sie. »Segn S‘ denn die Gsellschaft net?«

»Es tut mir leid«, stotterte der Greis und blickte demütig auf, »ich weiß, ich bin überall im Wege, ich bitte um Verzeihung, aber ich weiß nicht, wohin ich mich zurückziehen soll. Wo ist sie?«

Sofort stand Gratia auf und ging zu ihm hin.

»Ah« flüsterte der alte Mann und tätschelte ihr die Wangen, »da ist sie; da ist sie. Sie ist niemals hart gegen den armen alten Chuffey – den armen alten Chuffey.«

Gratia ließ sich auf einen niedrigen Schemel neben den alten Mann nieder, so daß er ihre Hand fassen konnte, und sah dann plötzlich zu Tom auf. Es war ein wehmütiger Blick, den sie ihm zuwarf, wenn auch ein mattes Lächeln über ihr Gesicht huschte. Es war ein sprechender Blick, und Tom verstand, was sie damit sagen wollte:

»Da siehst du, wie mich das Elend verändert hat. Ich bin jetzt imstande, die Leiden eines armen Menschen mitzufühlen, und lege Wert auf seine Liebe.«

»Ja, ja«, rief Chuffey, als wolle er sie beschwichtigen, »ja, ja, lassen Sie es nur gut sein. Es ist hart zu ertragen, aber kehren Sie sich nicht an ihn. Er wird eines Tages sterben. Es gibt dreihundertfünfundsechzig Tage im Jahr – und dreihundertsechsundsechzig, wenn ein Schaltjahr ist – und er kann an einem davon plötzlich sterben.«

»Is dös aber a zwidrer Mensch«, murmelte Mrs. Gamp, Chuffey aus einiger Entfernung mit ungnädigen Blicken betrachtend, während er fortfuhr, vor sich hin zu flüstern. »Auch den Gduldigsten möcht da die gute Laune verlassen.«

»Sein Sohn«, murmelte der alte Mann und erhob seine Hände, »sein Sohn!«

»Na ja, natürlich«, fuhr Mrs. Gamp ärgerlich auf. »Werdn S‘ net bald aufhörn? Was wissen denn Sie von Söhnen und Töchtern? Nächstens werdn S‘ gar noch dummes Zeug über Zwillinge daher reden; da möcht i aber schon bitten.«

Der entrüstete Sarkasmus, den Mrs. Gamp in diese Hohnesworte mischte, ging an dem ahnungslosen alten Buchhalter spurlos vorüber. Es war klar, daß er sie ebensowenig hörte, wie er sich bewußt war, bei ihr Anstoß erregt zu haben. Die hochherzige Hebamme war jedoch nicht so leicht zu beruhigen – empfand sie doch jeden Eingriff in ihre Geschäftssphäre auf das tiefste und bildete sich ein, Mr. Chuffey habe sich Prophezeiungen über künftige Sprößlinge Mrs. Gratias erlaubt, die lediglich von ihr, als der einzigen gesetzlichen Autorität, ausgehen durften, oder wenigstens unter keinen Umständen ohne ihre Sanktion und Zustimmung proklamiert werden sollten. Sie fuhr daher fort, Mr. Chuffey feindselige Blicke zuzuwerfen und ihn mit im gedämpften Tone vorgetragenen ironischen Bemerkungen zu verhöhnen, die ihre nur mühsam unterdrückte Entrüstung bekundeten. Erst, als der Tee serviert wurde, kam sie wieder zu sich und schickte sich an, auf Mrs. Chuzzlewits Bitte an einem Seitentisch für die so unerwartet gekommenen Gäste Tee zu bereiten. Dann lächelte sie wieder und verrichtete ihren Dienst mit ganz besonderer Leutseligkeit.

»Dös is a Familie«,rief sie, »für die man mit Leib und Seele an Tee kochen kann. Heda«, wendete sie sich zu dem Dienstmädchen, »vielleicht hat eins oder das andre Lust, a frischs Ei oder zwei zu versuchen, wenn’s net zu hart gekocht sin; und a paar Platten Brotschnitten mit Butter, ober ohne Krusten, falls eins schwache Zähn hat, möchten a nix schaden.

Ja, ja, gnä Frau, mei Mann hat, wie er noch glebt hat, sich bei so was amal vier Zahn ausbissn – zwoa Backenzahn und zwoa vordere –, und die Harris hat’s zum Andenken mitgnommen und trägt’s noch heutigen Tags in der Taschn und dazu a Stück Ingwer und a kleins Reibeisel, so groß wie a Kinderschuch, und an kleinen Löffel zum Einnehmen von Muskatnuß, dös is das beste, hab i immer gsagt, für a Kraftsuppen.«

Der Privilegien an dem Seitentischchen waren ziemlich viele. Mrs. Gamp hatte nicht nur das Vorrecht, den Butterschnitten am nächsten zu sitzen, zwei Tassen Tee zu trinken, während ein andrer bloß eine trank, sondern sie war auch imstande, die ganze Gesellschaft zu überblicken und wie von einer Rednerbühne herab zu apostrophieren; und dieses ihr anvertrautes Amt verwaltete sie denn auch mit berückender Liebenswürdigkeit und in bester Laune. Die Untertasse auf der ausgestreckten Hand haltend und mit dem Ellenbogen auf den Tisch gestützt, pausierte sie zuweilen mit Teetrinken und beglückte die Gesellschaft mit einem Lächeln, einem Augenzwinkern, einem Kopfschütteln oder andern Zeichen ihrer Gunst, und in solchen Momenten leuchtete ihr Gesicht vor geistiger Regsamkeit, rein als ob sie nicht Tee, sondern Branntwein tränke.

Ohne sie wäre die Gesellschaft mehr als einsilbig gewesen. Miss Pecksniff sprach nur mit ihrem »Augustus« und auch das nur im Flüsterton. Augustus seinerseits sagte überhaupt nichts, sondern seufzte für alle Anwesenden und gab sich gelegentlich einen so schallenden Klaps vor die Stirn, daß Mrs. Todgers jedesmal ängstlich und nervös mit einem leisen Schrei unwillkürlich in die Höhe fuhr. Sie strickte nämlich und sprach ebenfalls sehr selten. Die arme Gratia hielt die Hand der fröhlichen kleinen Ruth in der ihrigen und horchte mit sichtlichem Vergnügen auf alles, was Ruth sagte, obgleich sie selbst nur selten sprach und nur bisweilen lächelte, Miss Pinch auf die Wange küßte oder sich von Zeit zu Zeit abwandte, um die Tränen zu verbergen, die ihr in den Augen standen. Tom empfand die Veränderung, die mit ihr vorgegangen war, so tief und freute sich so sehr, zu sehen, wie zärtlich seine Schwester die arme Frau zu behandeln wußte, daß er nicht den Mut hatte, an einen Aufbruch zu denken, obgleich er längst mit seinem Berichte fertig war, dessentwillen er das Haus Chuzzlewit besucht hatte.

Währenddessen saß der greise Buchhalter in seinem gewöhnlichen Zustand still und stumm da, ganz in Träume versunken, die kaum die Oberfläche seiner trägen Gedanken zu bewegen schienen. Wahrscheinlich brachte er ihren Gang mit dem stummen Schmause, der um ihn her stattfand, in Verbindung, oder irgendein auftauchender Rückblick an ähnliche Verschwendungsszenen der Vergangenheit, deren Zeuge er gewesen, brachte seinen Geist auf eine seltsame Frage, denn er blickte plötzlich umher und rief:

»Wer liegt droben tot?«

»Niemand«, sagte Gratia, »was gibt es denn? Wir sind doch alle hier.«

»Alle hier«, echote der alte Mann, »alle hier! Aber wo ist denn er – mein alter Herr, der nur einen einzigen Sohn hat? Wo ist er?«

»Still, still«, beruhigte ihn Gratia freundlich; »das ist doch längst alles vorüber. Erinnern Sie sich denn nicht?«

»Erinnern«, wiederholte der alte Mann mit einem Weheruf. »Als ob ich’s vergessen könnte! Als ob ich’s je vergessen könnte!«

Einen Augenblick schlug er die Hände vors Gesicht und wiederholte dann wieder, wie vorhin, geistesabwesend umherstarrend:

»Wer liegt oben tot?«

»Niemand«, sagte Gratia abermals.

Ein Zornesblick durchzuckte die Mienen Mr. Chuffeys, grimmig sah er sie an, wie einen Feind, der ihn hintergehen wollte, dann, als er sie erkannte, schüttelte er traurig und mitleidig den Kopf. »Sie glaubt es nicht – aber man sagt es ihr auch nicht«, murmelte er. »Nein, nein. Armes Ding. Man sagt es ihr nicht. Wer sind diese Leute hier und warum sind sie so fröhlich? Wenn nicht ein Toter hier wäre – ein schändliches Spiel – man sehe nach, wo er ist.«

Gratia winkte den übrigen heimlich, man möge nicht mit ihm reden (wozu übrigens niemand Lust hatte), und blieb auch selbst stumm. Chuffey schwieg gleichfalls eine Weile und wiederholte dann seine Frage mit einer Hast, die etwas Grauenhaftes an sich hatte:

»Wer liegt oben tot? Es ist jemand tot oder liegt im Sterben. Ich will wissen, wer es ist. Man sehe nach. Wo ist Jonas?«

»Verreist«, antwortete Gratia leise.

Der alte Mann blickte sie voller Zweifel an, als glaube er ihr nicht oder habe sie nicht verstanden. Dann erhob er sich mühsam von seinem Stuhl, schlich durchs Zimmer und klomm die Treppe empor, immerwährend vor sich hinflüsternd: »Schändliches Spiel.« Man hörte ihn oben nach der Ecke des Zimmers gehen, wo einst das Bett gestanden hatte, in dem der alte Anthony gestorben war. Gleich darauf verrieten seine Fußtritte, daß er wieder herunterkam. Seine Phantasie war offenbar nicht so stark oder nicht so erregt, als daß sie ihn in der leeren Schlafkammer hätte etwas sehen lassen, was nicht dort war, denn er kam viel ruhiger zurück und schien beschwichtigt.

»Ihr sagen sie nichts«, murmelte er mit einem Blick auf Gratia, nahm wieder Platz und strich ihr mit der Hand leise über das Haar. »Man sagt auch mir nichts, aber ich will wachen – ich will wachen. Sie sollen ihr nichts tun. Fürchte dich nicht. Hast du die Nächte aufgesessen und gewacht? Ich auch. – – Ja, ja, das habe ich so manche Nacht getan«, stöhnte er hervor und versuchte mühselig seine schwache abgezehrte Hand zu ballen.

Er sagte dies alles mit so zitternder Stimme, atemlos nach Luft schnappend, und Gratia so dicht ins Ohr, daß die Gesellschaft nichts oder nur wenig davon verstand. Doch hatte man schon genug gesehen und gehört, um immerhin unruhig zu werden. Die Gäste verließen ihre Sitze und sammelten sich um ihn, während Mrs. Gamp, deren abgehärtete Nerven nicht so leicht imitiert werden konnten, die Gelegenheit ersah, ihre ganze Aufmerksamkeit auf die Butterschnitten, den Tee und die Eier zu konzentrieren. Sie hatte schon bisher diesen Speisen gegenüber soviel Energie entfaltet, daß ihre Wangen bereits lebhaft glühten. Als sie dann glücklich das letzte Schlückchen Tee hinuntergestürzt hatte, hielt sie es für angemessen, auch ein Wort mit dreinzureden.

»Sie Sapperlot Sie«, rief sie, »was sind das wieder für Manieren! Sie brauchatn an Krug kalts Wasser übern Kopf, damit Sie zur Besinnung kommen. Wenn die Prig Sie unter die Hand hätt, wär dös schon längst gschegn, dös kann i Ihna versichern. Spanische Fliegen sin des Beste, um Ihna den Unsinn ausm Kopf ztreiben, und wann Ihna jemand wohl will, soll er Ihna a Blasenpflaster aufn Schädel oder an Senfteig aufn Buckel schmieren. Wer is tot, was? Ich glaub, es war ka bsonderer Schadn, wann mer dös von aner gewissen Person sagen möcht.«

»Er ist jetzt ruhig, Mrs. Gamp«, sagte Gratia leise; »stören Sie ihn nicht.«

»Er is a alter Dickschädel, gnä Frau«, rief Mrs. Gamp in ihrem Eifer. »I, für mein Teil, hab ka Geduld mit so was. Sie lassen ihm vüll z‘ vüll seinen Willen. Er is a Dickschädel, sag i.«

Ohne Zweifel in der Absicht, unverzüglich irgendeinen heilsamen Prozeß an dem »Dickschädel« vorzunehmen, ergriff sie Mr. Chuffey am Rockkragen und schüttelte ihn ein paar dutzendmal tüchtig in seinem Stuhl vor- und rückwärts – denn die Anhängerinnen des Prigschen Systems, deren es unter den Damen vom Fach sehr viele geben soll, halten bekanntlich ein derartiges Verfahren für ungemein beruhigend und wohltätig für das Nervensystem. In dem gegebenen Falle äußerte sich die Wirkung dahin, daß der Patient viel zu betäubt und schwindlig wurde, um noch weiterreden zu können, was Mrs. Gamp offenbar als außerordentlichen Erfolg ansah.

»So!« sagte sie und lockerte die Halsbinde des alten Mannes, da er im Gesicht schon blau zu werden anfing. »Jetzt wird er schon wieder ruhiger werden. Wann er in Ohnmacht fallt, bring i ’n scho wieder zum Bewußtsein, dös versprech i Ihna. Man braucht ’n bloß in ’n Daumen beißen oder a bisserl die Finger zu verrenken, glei kommt er wieder zu sich«, erklärte sie im frohen Bewußtsein, medizinische Kenntnisse unter ihren Zuhörern zu verbreiten. Da Mr. Chuffey schon von früher her der Obhut dieser vortrefflichen Krankenpflegerin anvertraut worden, so wagten weder Mrs. Chuzzlewit noch sonst jemand gegen diese kuriose Behandlungsweise Widerspruch zu erheben, obgleich niemand, vor allem aber nicht Tom Pinch und seine Schwester, mit einer solchen Art von Krankenbehandlung einverstanden zu sein schien.

Aber der Laie ist nun einmal schon so: immer führt er Herzensgüte und dergleichen ins Treffen, statt diejenigen walten zu lassen, die in solchen Fällen Erfahrung haben müssen.

»Da sehen Sie, Mr. Pinch«, nahm Miss Pecksniff wieder einmal das Wort, »das sind jetzt die Folgen dieser unglückseligen Heirat. Wäre meine Schwester nicht so übereilt gewesen und hätte sie diesem Elenden nicht ihr Wort gegeben, so gäbe es jetzt keinen Mr. Chuffey im Hause.«

»Still«, flüsterte Tom, »sie könnte es hören.«

»Das täte mir sehr leid, Mr. Pinch«, erwiderte Cherry nur um so lauter, »denn es ist nicht meine Art, jemanden noch mehr betrübt zu machen, als er sowieso schon ist. Ich weiß wahrhaftig, wie ich als Schwester zu handeln habe, Mr. Pinch, und glaube es auch schon bewiesen zu haben. Ach, Augustus, lieber Freund, bitte holen Sie mir doch mein Taschentuch.«

Augustus gehorchte und nahm dann Mrs. Todgers beiseite, um ihr seinen Gram auszuschütten.

»Wahrhaftig, Mr. Pinch«, fuhr Charitas mit einem Blick auf ihren Bräutigam fort und schielte dabei nach ihrer Schwester hin, »wahrhaftig, ich habe allen Grund, dem Himmel dankbar zu sein für mein gegenwärtiges Glück und den häuslichen Segen, der mich noch erwartet. Wenn ich einen Vergleich anstelle zwischen Augustus« – sie tat plötzlich sehr bescheiden und verlegen – »der, vor Ihnen darf ich’s ja sagen, die Sanftmut, Milde und Ergebenheit selbst ist, mit dem abscheulichen Menschen, den meine Schwester geheiratet hat; und wenn ich mir vor Augen halte, Mr. Pinch, wie leicht es gerade umgekehrt hätte kommen können, so habe ich wahrhaftig allen Grund, dankbar, zufrieden und demütig zu sein.«

Zufrieden war sie vielleicht, aber demütig gewiß nicht. Ihr ganzes Wesen bekundete so wenig Demut, daß sogar Tom in seiner Arglosigkeit anfing, ihre ganze Tücke zu durchschauen und zu verachten. Er wendete sich ab und bedeutete Ruth, es sei jetzt höchste Zeit zum Aufbrechen.

»Ich werde Ihrem Gatten schreiben«, wendete er sich an Gratia, »und ihm schriftlich auseinandersetzen – was ich mündlich getan haben würde, wenn ich ihn hier getroffen hätte –, daß die Schuld nicht an mir lag, wenn er durch meine Vermittlung in Ungelegenheiten kam. Ein Postbote kann nicht unschuldiger an der Botschaft sein, die er überbringt, als ich an jenem Brief, den ich ihm damals einhändigte.«

»Ich danke Ihnen«, sagte Gratia. »Schreiben Sie ihm nur. Vielleicht ist es am besten so. – Und der Himmel behüte Sie.«

Sie nahm eben zärtlich Abschied von Ruth, die mit ihrem Bruder das Zimmer verlassen wollte, als man die Haustüre aufsperren und gleich darauf einen raschen Schritt auf dem Gang hörte. Tom blieb verdutzt stehen und blickte Gratia fragend an.

»Es ist Jonas«, sagte sie schüchtern.

»Vielleicht ist es besser, wenn ich ihm nicht auf der Treppe begegne«, sagte Tom, zog den Arm seiner Schwester durch den seinigen und trat einige Schritte zurück. »Ich will hier einige Augenblicke auf ihn warten.«

Kaum hatte er dies ausgesprochen, als Jonas auch schon eintrat. Seine Gattin eilte ihm entgegen, aber er stieß sie von sich und brummte mürrisch:

»Ich habe nicht gewußt, daß du Gesellschaft hast.«

Sofort erhob sich Miss Pecksniff, die er bei diesen Worten entweder zufällig oder absichtlich anblickte, innerlich frohlockend, eine so günstige Gelegenheit zu haben, Unfrieden stiften zu können.

»Ach Gott«, höhnte sie, »wir wollen Sie in Ihrem häuslichen Glück durchaus nicht stören. Das wäre unverantwortlich von uns. Wir haben hier in Ihrer Abwesenheit einen Tee genommen, aber wenn Sie die Güte haben wollten, uns eine quittierte Rechnung über die Kosten zugehen zu lassen, so werden wir uns glücklich schätzen, die Unkosten zu bezahlen. Augustus, lieber Freund, gehen wir vielleicht, wenn es Ihnen gefällig ist. Und auch Sie, Mrs. Todgers, könnten mit uns gehen, außer Sie wünschten, hier zu bleiben. Es wäre höchst unangebracht von uns, das Glück zu stören, das dieser Herr stets um sich verbreitet, besonders in seinem eigenen Heim.«

»Cherry! Cherry!« flehte Gratia in herzzerreißenden Tönen.

»Liebe Gratia, ich bin dir für deinen guten Rat höchst verbunden«, entgegnete Miss Pecksniff spöttisch und hochmütig – »aber ich bin nicht seine Sklavin –«

»Nun ja, weil die Trauben zu sauer waren«, unterbrach sie Jonas; »wir kennen das.«

»Was haben Sie da gesagt, Sir?« rief Miss Pecksniff scharf.

»Haben Sie’s vielleicht nicht gehört«, höhnte Jonas und warf sich in einen Sessel. »Zweimal sagen werde ich’s Ihnen wahrhaftig nicht. Wenn Sie übrigens bleiben wollen, so können Sie’s tun, und wollen Sie gehen, so ist’s auch recht. Aber im ersteren Falle muß ich mir Höflichkeit ausbitten.«

»Elender Kerl«, gellte Miss Pecksniff an ihm vorüberfegend. »Augustus, er ist nicht würdig, daß wir ihm antworten! Kümmern Sie sich nicht um ihn« – Augustus hatte nämlich einen schwachen Versuch geheuchelt, die Fäuste zu ballen. »Kommen Sie, lieber Freund«, kreischte sie im schrillsten Diskant, »ich befehle es Ihnen.«

Augustus hatte sich nämlich zu dem Entschluß aufgerafft, umzukehren und Mr. Chuzzlewit am Kragen zu packen. Aber Miss Pecksniff gab ihm einen Stoß vor die Brust, Mrs. Todgers folgte ihrem Beispiel, und so polterten sie denn alle drei zum Zimmer hinaus, wobei die schöne Braut unentwegt gellende Verwünschungen ausstieß.

Bis jetzt hatte Jonas weder Tom noch seine Schwester erblickt, denn sie standen fast hinter der Türe, als er diese geöffnet hatte, und er war, als er sich niedersetzte, mit dem Rücken gegen sie gekehrt gewesen und hatte während seines Wortwechsels mit seiner Schwägerin seine Blicke absichtlich nach der andern Seite der Straße gerichtet, um durch diese affektierte Gleichgültigkeit den Grimm der jungen Dame noch zu steigern. Gratia stammelte jetzt, Mr. Pinch habe auf ihn gewartet, und Tom trat daraufhin sofort vor.

Mit einem wilden Fluch sprang Jonas von seinem Sessel auf und packte die Lehne, als wolle er seinen Gast damit zu Boden schlagen. Wut und Überraschung lähmten ihn jedoch einen Augenblick, und Tom, der ruhig stehen blieb, hatte dadurch Gelegenheit, zu sprechen.

Jonas war zu wütend, um auch nur ein Wort hervorbringen zu können. Er stampfte mit dem Fuß auf den Boden, deutete zur Türe und murmelte etwas, das so klang wie: »Hinaus!«

»Sie haben durchaus keinen Grund, sich so aufzuregen, Sir«, begann Tom gelassen. »Sie werden es vielleicht nicht glauben wollen, aber dennoch bin ich in der Absicht hier, lediglich einen Vorfall aufzuklären und ein Mißverständnis aus der Welt zu schaffen. Im übrigen ist es mir ganz gleichgültig, wie Sie mich aufnehmen. Wenn Sie nicht ganz von Sinnen sind, so hören Sie mir jetzt zu. – – Also, ich übergab Ihnen neulich einen Brief, während Sie eben im Begriffe standen, England zu verlassen.«

»Jawohl, Sie Hund, das haben Sie getan«, knirschte Jonas, »und ich werde Ihnen schon eines Tages den Botenlohn bezahlen und dabei noch obendrein eine alte kleine Rechnung ausgleichen.«

»Beruhigen Sie sich«, versetzte Tom, »es ist überflüssig, daß Sie solche unnützen Drohungen ausstoßen. Ich wünsche nur, daß Sie mich anhören. Bloß, weil ich mir Sie und alles, was Sie betrifft, drei Schritte vom Leibe halten will, und nicht etwa aus Furcht vor Ihnen. Ich fürchte mich durchaus nicht vor Ihnen. – Ich wollte Ihnen nur sagen, daß ich mit dem Inhalt Ihres Briefes nicht das geringste zu schaffen habe, nichts davon weiß und nicht einmal wußte, daß das Schreiben an Sie adressiert war. Ich habe es von – –«

»Zum Teufel«, fuhr Jonas auf, erhob den Stuhl und schwang ihn drohend über seinem Kopf, »noch ein Wort, und ich schlage Ihnen den Schädel ein.«

Als sich jedoch Tom nicht einschüchtern ließ und sich anschickte, ruhig in seiner Rede fortzufahren, fiel ihn Jonas wie ein Rasender an und hätte ihn sicherlich verletzt, da Tom gänzlich wehrlos und durch seine ängstliche Schwester am Arm nur noch mehr gehindert war, sich zu verteidigen, wenn sich nicht Gratia zwischen die beiden geworfen und Tom um Gottes willen angefleht hätte, das Haus zu verlassen. Die Seelenangst der armen Frau, das Entsetzen Ruths, die Unmöglichkeit, sich verständlich zu machen, und der vergebliche Kampf gegen Mrs. Gamp, die sich, weich wie ein Federbett, auf ihn geworfen hatte und ihn durch das bloße Gewicht ihres Leibes zur Türe drängte, trugen endlich den Sieg davon. Tom schüttelte den Staub dieses Hauses von seinen Schuhen und verließ es, ohne daß Nadgetts Name über seine Lippen gekommen war.

Hätte Jonas diesen Namen gehört und so erfahren, wer ihm insgeheim nachspürte, wäre er wahrscheinlich vor der Missetat bewahrt geblieben, die er seit einiger Zeit im Schilde führte. So grub er sich selbst seine Grube, und die seelische Finsternis, die ihn umgab, war sein eigenes Werk.

Gratia hatte inzwischen die Türe geschlossen und sich vor ihm auf die Knie geworfen. Mit gefalteten Händen bat sie ihn um Verzeihung und flehte ihn an, sie nicht zu mißhandeln; denn nur aus Furcht, es hätte zu Blutvergießen kommen können, habe sie sich eingemischt.

»So«, keuchte Jonas, tief Atem holend, und blickte finster auf sie nieder. »Das also sind deine Freunde und dein Verkehr, wenn ich fort bin! Mit solchem Volk gibst du dich ab, um gegen mich zu intrigieren!«

»Nein, nein, gewiß nicht«, jammerte Gratia, »ich weiß gar nichts von allen diesen Geheimnissen und ahne auch nicht, was da alles vorgeht. Seit ich meine Heimat verlassen, habe ich Pinch, heute ausgenommen, nur ein einziges Mal gesehen. Nein, zweimal, daß ich nicht lüge.«

»Oho«, höhnte Jonas, »ein- oder zweimal, was? Was willst du damit sagen? Zweimal und einmal wahrscheinlich – also vielleicht dreimal? Und wievielmal noch außerdem, du lügenhafte Kröte.«

Hastig wich Gratia zurück, denn er holte zum Schlage aus. Es war eine vielsagende Gebärde voll grausamer Wahrheit.

»Wievielmal außerdem?« wiederholte er.

»Niemals; nur heute und dann kürzlich und außerdem noch ein einziges Mal.«

Jonas war eben im Begriff, eine heftige Erwiderung zu geben, als die Uhr schlug. Er fuhr zusammen, hielt inne und lauschte. Offenbar fiel ihm ein, daß er irgendwohin bestellt sei – vielleicht war’s auch ein Geheimnis, von dem nur er wußte und an das ihn der rasche Lauf der Zeit erinnerte.

»Was bleibst du da am Boden liegen – steh auf!« knurrte er.

Nachdem er Gratia aufstehen geholfen oder sie vielmehr am Arm in die Höhe gerissen hatte, fuhr er fort:

»Hör mich jetzt an, Weibsbild, und winsle nicht, wenn du keine Ursache dazu hast, oder ich will dir einen wirklichen Anlaß dazu geben. Wenn ich diesen Halunken noch einmal in meinem Hause treffe oder merke, daß du ihn irgendwo gesehen hast, so wirst du es mir büßen. Wenn du nicht taub und stumm für alles und jedes bist, was mich betrifft, ohne daß ich dir ausdrücklich erlaube, zu hören und zu sprechen, so sollst du es schwer bereuen. Gehorchst du mir nicht in allem und jedem unbedingt und aufs Wort, so ist’s aus mit dir! Und jetzt höre: wieviel Uhr ist es?«

»Es hat vor einer Minute acht geschlagen.«

Er faßte sie scharf ins Auge und sagte mit einer gewissen Anstrengung, als ob er die Worte vorher genau auswendig gelernt hätte:

»Ich bin Tag und Nacht durchgefahren und sehr ermüdet. Überdies habe ich Geld verloren, und das stimmt mich auch nicht besser. Stelle mir mein Nachtessen unten in das kleine Zimmer und laß mein Feldbett zurechtmachen. Ich werde heute nacht unten schlafen, vielleicht auch morgen nacht. Und wenn ich morgen den ganzen Tag schlafen kann, um so besser. Ich habe Sorgen, die ich zu verschlafen wünsche. Und daß es im Hause ruhig bleibt, daß mich niemand stört! – Verstanden?«

Bebend versprach Gratia, es solle alles geschehen, wie er es wünsche, und fragte, ob das alles sei.

»So? Fragst du schon wieder und spionierst«, fuhr Jonas auf. »Was wünschest du noch zu wissen!«

»Ich brauche ja nichts mehr zu wissen, Jonas, als was du mir sagst. Jede Hoffnung, daß jemals Einvernehmen zwischen uns bestehen könnte, habe ich doch längst aufgegeben.«

»Na, das will ich hoffen«, murmelte er.

»Aber wenn du mir deine Wünsche nennst, so will ich gehorchen und gewiß alles tun, um dich zufriedenzustellen. Ich mache mir ja kein Verdienst daraus – ich habe doch keinen Freund, weder an meinem Vater noch an meiner Schwester. Ich bin doch gänzlich verlassen. Du hast gesagt, du wollest meinen Stolz brechen, und das ist dir, weiß Gott, gelungen. Brich mir nicht auch noch das Herz.«

Schüchtern wagte sie es, Jonas die Hand auf die Schulter zu legen. Er duldete es mit innerlichem Jubel, und seine ganze niedrige erbärmliche Seele lag in diesem Moment in seinen Blicken.

Aber nur eine Sekunde. Dann erinnerte er sich wieder an das Geheimnis, das ihn so sichtlich bedrückte, und er befahl ihr in mürrischem Ton, ihren Gehorsam dadurch zu beweisen, daß sie ohne Verzug seine Befehle erfülle. Als sie draußen war, ging er in der Stube auf und ab, immer noch instinktiv die rechte Faust geballt. Dann warf er sich in einen Stuhl, schlug grübelnd den Ärmel seines rechten Armes zurück, als wolle er seine Muskeln prüfen, aber auch dann noch hielt er die Faust geballt.

Immer noch saß er brütend da, die Augen zu Boden geschlagen, als Mrs. Gamp eintrat, um ihm zu melden, daß die Stube hergerichtet sei. Da sie nicht ganz sicher war, wie er sie nach ihrer Einmischung in den Streit aufnehmen würde, heuchelte sie, um sich bei ihm einzuschmeicheln, eine tiefe Besorgnis für Mr. Chuffey.

»Wie geht es ihm denn?« fragte sie.

»Wem?« rief Jonas, blickte auf und starrte sie verständnislos an.

»Jessa na«, rief die würdige Dame lächelnd und knickste. »Wo i nur wieder mein Kopf hab! Sie sind ja gar net hier gwesen, wie er wieder so kurios gwesen is. In mein ganzen Leben hab i so was net gsegn, ausgnommen vielleicht bei an Patienten grad vor an Jahr, der seines Zeichens a Zollaufseher gwesen is und akurat a so gheißen hat wie der Harris ihr eigener Vater – und gsungen hat er, sag i Ihna, und pfiffen, so was habn S‘ in Ihrem ganzen Leben noch net ghört. A Stimm hat er ghabt wie a Maultrommel im Baß, und sechs Leut habn eahm halten müssen, wann er sein Anfall kriegt hat.«

»Hem – Chuffey«, brummte Jonas gleichgültig und warf einen Blick in die Ecke, wo der alte Buchhalter saß. »Na ja.«

»An Kopf hat er, a so heiß«, fuhr Mrs. Gamp fort, »daß mer a Bügeleisen dran wärmen kunnt. Da is’s freilich ka Wunder, wann mer denkt, was der für Zeug zsammgredt hat.«

»Was hat er denn gesagt?« fragte Jonas.

Mrs. Gamp legte die Hand aufs Herz, als wollte sie das ungestüme Wesen in ihrem Busen zügeln, schlug die Augen gen Himmel auf und lispelte mit schwacher Stimme:

»Schauderhafte Sache, gnä Herr. Die schauderhaftesten Sachen, wo i nur jemals ghört hab. Der Harris ihr Vater net amal hat so was gsagt, wann er an Anfall ghabt hat. Na ja, die anen reden halt und die andern wieder net; – außer, wann er wieder zu sich kommen is, da hat er jedsmal gfragt: Wo is denn die Gamp? Aber i sag Ihna, gnä Herr, wenn der da im Eck amal zfragen anfangt. Wer liegt tot dort oben, nacher – –«

»Wer liegt tot dort oben?« wiederholte Jonas, entsetzt auffahrend.

Mrs. Gamp nickte.

»›Wer liegt tot dort oben‹ – dös sagt er in aner Tour, und ›wo is mein alter Herr, der nur einen einzigen Sohn hat‹, und nacher steht er auf und schaugt in alle Betten und hatscht in alle Zimmer umanand, und nacher kommt er wieder runter und sagt so was wie: ›schnödes Spiel‹ und setzt sich wieder. Wahrhaftig, gnä Herr, dös greift mich a so an, daß i mi immer nur mit an Schlückerl Branntwein aufrechterhalten kann. Sonst rühr i so was niemals nicht an, aber wissen muß i halt immer, wo was zu finden is, falls mich die Lust danach umwandelt; denn unsereins kann nie wissen, was passiert. In dem irdischen Jammertal geht oft alles drunter und drüber.«

»Der alte Narr ist toll«, murrte Jonas verstört.

»Segn S‘, dös sag i a immer!« rief Mrs. Gamp. »I sag’s wie’s is. Wenn i so frei sein derf, mir a Bemerkung zu erlauben, so glaub i, der alte Mann hat a Aufsicht nötig – i sag’s wie’s is –, und mer sollt eahm net zu viel Freiheit lassen, damit er die gnä Frau net a so ängstigen tut.«

»Ach Gott, wer kümmert sich denn um sein Geschwätz!« versetzte Jonas.

»Aber die gnä Frau tut sich doch deshalb beunruhigen«, beharrte Mrs. Gamp auf ihrer Ansicht. »Kehren tut sich ja niemand an ihn, aber er is und bleibt a große Unannähmlichkeit.«

»Donnerwetter noch mal, da haben Sie recht«, rief Jonas und blickte argwöhnisch nach Chuffey hin. »Ich habe längst so halb und halb im Sinn, ihn einsperren zu lassen.«

Mrs. Gamp rieb sich die Hände, lächelte, nickte mit dem Kopf und schnüffelte ausdrucksvoll in der Luft, als wittere sie ein Geschäft.

»Vielleicht könnten Sie den wahnsinnigen Narren in irgendeinem leeren Zimmer oben bewachen, was?« fragte Jonas.

»I und a Freundin von mir könnten’s ja abwechselnd machen, gnä Herr«, meinte die Krankenwärterin. »Unsre Rechnungen sin niemals nicht hoch, aber, weil wir uns ja jetzt schon so guat kennen, würden’s wir vielleicht noch billiger machen. Ich und die Prig, gnä Herr, würden den alten Mann gwiß anständig verpflegen und alles zur Zufriedenheit besorgen. Die Prig hat scho viele Mondsüchtige gwaschen und kennt sich aus bei so was wie kane zweite nöt.«

Abermals ging Jonas im Zimmer auf und ab und warf von Zeit zu Zeit verstohlene Blicke auf den alten Buchhalter. Dann blieb er stehen und sagte:

»Ich sehe schon, ich muß ein Auge auf ihn haben, sonst richtet er noch, weiß Gott, ein Unheil an. – Was meinen Sie dazu?«

»Nix is wahrscheinlicher als dös«, bestätigte Mrs. Gamp. »O mei, so was hab i schon oft gnua an mir selber erfahren.«

»Also gut, dann sorgen Sie vorderhand für ihn, und – sagen wir mal – heute über drei Tage soll die andere Wärterin herkommen. Wir werden dann trachten, handelseins zu werden. Sagen wir mal – ungefähr um neun oder zehn Uhr abends? – Beobachten Sie ihn in der Zwischenzeit gut und sprechen Sie nicht weiter von der Sache. – Er ist toll wie ein Märzhase.«

»Noch vüll toller«, versicherte Mrs. Gamp. »Vüll vüll toller.«

»Also gut, dann sehen Sie nach ihm, und tragen Sie Sorge, daß er keinen Schaden anrichtet. Und vergessen Sie nicht, was ich Ihnen gesagt habe!«

Mrs. Gamp schickte sich an, alles, was ihr eingeschärft worden, nochmals zu wiederholen und zur Anempfehlung ihres außerordentlichen Gedächtnisses und ihrer Vertrauenswürdigkeit eine der hervorragendsten Äußerungen der berühmten Mrs. Harris anzuführen, aber Jonas ließ sie kurz stehen und ging hinunter in die kleine Stube, in der bereits alles für ihn bereitstand. Dort zog er Rock und Stiefel aus, stellte beziehungsweise hängte sie vor die Türe und schloß zu. Dabei vergaß er nicht, den Schlüssel so zu stellen, daß ihn kein Neugieriger durch das Schlüsselloch beobachten konnte. Erst als er diese Vorsichtsmaßregeln getroffen, setzte er sich zum Abendbrot nieder.

»Na, Mr. Chuff«, murmelte er, »wäre gar nicht so ohne, dich loszuwerden. Man soll nichts halb tun. Solange ich noch hier in England bin, sollst du mir hübsch stille sein; wenn ich fort bin, kannst du plappern, soviel du willst. – Aber es ist doch eine verdammte Geschichte« fluchte er, schob den unberührten Teller fort und ging wieder finster auf und ab, »daß er gerade jetzt mit seinen Faseleien wieder darauf kommt.«

Nachdem er das kleine Zimmer mehrmals von einem Ende zum andern durchmessen, warf er sich erschöpft in einen andern Stuhl.

»Ich sage ›jetzt‹, aber wer weiß, ob er den Unsinn nicht schon die ganze Zeit über getrieben hat. Alter Trottel! – Aber warte nur, ich werde dir schon das Maul stopfen.«

Wieder ging Jonas mit unruhigen Schritten auf und ab und setzte sich dann aufs Bett, das Kinn in die Hand gestützt, und starrte den Tisch an. Nachdem er eine ziemliche Weile so dagesessen, fiel ihm sein Abendbrot wieder ein. Er setzte sich abermals in den Stuhl, den er zuerst eingenommen gehabt, und begann mit großer Gier zu essen – nicht wie ein Hungriger, sondern wie ein Mensch, der es sich aus irgendeinem verzweifelten Grunde fest vorgenommen hat. Er trank auch, aber bisweilen hielt er mitten im Zuge inne und sprang dann wieder auf, um die Stube zu durchmessen, sich dann abermals an den Tisch zu stürzen und mit gieriger Hast über das Essen herzufallen.

Es wurde dunkel. Die Düsterkeit des Abends ging in Nacht über. Ein schwarzer Schatten wuchs empor und legte sich auf sein Gesicht und verwandelte langsam seine Züge. Langsam, langsam, schwarz und schwärzer werdend; – und immer hagerer und wilder wurden Jonas‘ Züge, und immer weiter und weiter griff die Veränderung um sich, bis es in und außer ihm finstere Nacht war.

Das Zimmer, in dem er sich eingeschlossen, lag an der Hinterseite des Hauses zu ebener Erde. Es war durch ein blindes Oberlichtfenster erhellt und hatte eine Türe in der Wand, die auf einen engen, überdeckten Gang hinausführte. Schon von sechs oder sieben Uhr abends an war dieser nur noch wenig besucht, und auch zu keiner Tageszeit wurde er häufig als öffentlicher Durchgang benützt, obgleich er in eine benachbarte Straße mündete.

Der Grund und Boden, auf dem dieses Zimmer stand, war in früherer Zeit, so ging das Gerücht, ein Friedhof gewesen, und man hatte es zu seinem jetzigen Gebrauch als eine Art Bureau eingerichtet und umgebaut. Welche Geschäfte vordem darin betrieben worden, konnte niemand sagen. Auch hatten Anthony Chuzzlewit und Sohn wenig Notiz davon genommen, und es diente nur bisweilen als eine Art Schlafzimmer für den Notfall und war vor langen Jahren von dem alten Buchhalter als Privatzimmer benutzt worden. Eher einem Keller als einer Stube gleichend, waren seine Wände fleckenweise mit Schimmel bewachsen, und durchlaufende Wasserröhren in den Mauern fingen oft plötzlich in der Nacht, wenn alles ruhig schlief, zu glucksen und zu gurgeln an, gerade als ob jemand ersticke.

Seit langer, langer Zeit war die in den Hof hinausgehende Türe nicht geöffnet worden, aber der Schlüssel dazu hing noch jetzt, wie seit vielen Jahren, an seinem Platze. Jonas schien angenommen zu haben, daß er rostig sein werde, denn er hatte eine kleine Ölflasche mit einer Federspule in der Tasche, mit der er jetzt Schlüssel und Schloß sorgfältig einschmierte. Aus übermäßiger Vorsicht hatte er zu diesem Zweck Rock und Stiefel ausgezogen. Leise schlich er sich jetzt ins Bett und wälzte sich darin ein wenig herum, damit es das Aussehen bekäme, als habe jemand darin geschlafen; und bei seinem an und für sich unruhigen Gemütszustand war dies bald geschehen.

Dann stand er wieder auf, nahm aus dem Mantelsack, den er beim Nachhausekommen sofort in das Zimmer hatte schaffen lassen, ein Paar grobe Stiefel, zog sie an, desgleichen ein Paar Lederhosen, wie sie die Bauern zu tragen pflegen, einen groben, dunklen Rock und einen Filzhut – seinen eigenen gewöhnlichen hatte er absichtlich im Zimmer oben gelassen –, und dann setzte er sich mit dem Schlüssel in der Hand an der Türe nieder und horchte.

Die Kerze war ausgelöscht. Langsam, langsam schwanden die Minuten. Die Meßnerknaben in der benachbarten Kirche zogen die Glockenstränge, und das nicht endenwollende Bimbam der Glocken trieb Jonas fast bis zum Wahnsinn. Mit wildem Fluche verdammte er das lärmende Geläute – es war ihm, als ob die Glocken wüßten, daß er an der Türe lausche, und vorhätten, es mit zahllosen Stimmen der ganzen Stadt in die Ohren zu schreien. – Wollten sie denn gar nicht aufhören!?

Endlich verstummten sie, aber die Stille, die darauf folgte, war so schauerlich wie der Vorläufer irgendeines entsetzlichen Losbruches. – Horch! – Fußtritte auf dem Hof! Zwei Männer! – Jonas wich auf den Zehen von der Türe zurück, als könnten sie ihn durch die hölzerne Türe hindurch sehen.

Sie gingen weiter und sprachen, soviel er hören konnte, von einem Gerippe, das gestern bei der Demolierung eines Hauses ausgegraben worden war und, wie verlaute, von einem Erschlagenen herrühren müsse. »Da sieht man wieder: ein Mord kommt immer ans Licht«, sagte der eine der Männer. Das waren die letzten lauten Worte, als die beiden um die Ecke bogen.

Pst! Still! – Jonas steckte den Schlüssel in das Schloß und drehte langsam um. Eine Weile leistete die Türe Widerstand, dann endlich ging sie auf, und der Geschmack von Rost, Stauberde und moderndem Holz legte sich auf Jonas‘ Lippen. Er trat hinaus und schloß leise hinter sich ab. Und wie er dann, wie von Furien gepeitscht, dahinfloh, war alles totenstill und ruhig ringsum.

47. Kapitel


47. Kapitel

Wie Jonas Chuzzlewits und seines Freundes Unternehmen endete

Fuhren die Menschen, die noch so spät durch die dunklen Straßen gingen, nicht unwillkürlich zurück, wie er so hinter ihnen hergeschlichen kam? Und wie er sich so die Häusermauern entlang drückte, hatte da kein unschuldiges Kind in seinem Schlummer das dunkle Gefühl, es falle ein schuldbeladener Schatten auf sein Bettchen und störe seinen unschuldigen Schlaf? Heulte der Hund dort an seiner rasselnden Kette, als wolle er sie zerreißen, vielleicht seinetwegen? Und wenn sich eine Ratte in der Erde ihren Gang grub, vielleicht geschah es aus heimlicher Witterung und um sich zu ihm durchzunagen und ihm zu folgen – den fetten Schmaus ahnend, der da bevorstand. Wenn Jonas über die Achsel zurückblickte, vielleicht war es eine seelische Ahnung, die Fußspuren, die er auf dem staubigen Pflaster hinterlassen, könnten schon feucht und schmutzig sein von dem roten gespenstigen Schlamm, der einst Kains nackte Füße befleckte.

Er wendete sich der Hauptstraße gegen Westen zu, erreichte sie sehr bald und setzte dann seinen Weg, teils zu Fuß, teils im Wagen, weiter fort.

Eine beträchtliche Strecke legte er auf dem Verdeck einer Landkutsche zurück, die ihn eingeholt hatte, und als sie abbog, bewog er den Kutscher eines zurückkehrenden Postwagens, ihn eine Strecke weit mitzunehmen. Dann wieder ging er querfeldein und schnitt eine Meile oder zwei ab, ehe er seine Schritte abermals der Straße zulenkte. Und schließlich bestieg er eine langsame schwerfällige Nachtkutsche, die an allen möglichen Stationen und Orten anhielt und, als er sie getroffen, vor einem Wirtshause stand, in dem der Schaffner und der Kutscher saßen und zechten.

Er feilschte um einen Außensitz und stieg nicht eher aus, als bis ihn nur noch ein paar Meilen von seinem Bestimmungsorte trennten. Da blieb er dann die ganze Nacht.

Die ganze Nacht! Es ist ein Irrtum, zu glauben, die Natur schlafe bei Nacht. Niemand konnte das besser wissen als Jonas.

Vielleicht schlummerten die Fische in den kalten glitzernden Strömen und Bächen, und die Vögel ruhten auf den Zweigen der Bäume, ruhig stand oder lag das Vieh in seinen Ställen oder auf den Weideplätzen, und die Menschen schlummerten, aber die Nacht, die feierliche, schloß kein Auge, und ihr Dunkel war so wach wie das Licht bei Tag. Die hohen Bäume, der Mond, die glitzernden Sterne, der leise atmende Wind, der überschattete Feldweg, der breite dämmerhelle Wiesenhang, sie alle wachten. Da war nicht ein Gras- und Getreidehalm, der nicht aufhorchte, und je größer die Stille war, desto gespannter und unablässiger schien sie Jonas zu beobachten.

Und dennoch schlief er. Während er zwischen diesen von Gott aufgestellten Schildwachen dahinfuhr, schlief er und änderte weder Zweck noch Ziel seiner Reise. Verließ ihn einmal der Gedanke daran in seinen wirren Träumen, gleich kam der Mahner wieder und weckte ihn auf. Doch niemals erwachte er mit einer Spur von Reue oder mit dem Gedanken, seinen Vorsatz fahrenzulassen.

Einmal träumte ihm, er liege ruhig im Bett, über sich die mondhelle Nacht, und denke nach über das Geräusch der Räder, als plötzlich der alte Buchhalter den Kopf zur Türe hereinsteckte und ihm winkte. Sofort stand er auf und begleitete ihn in dem Anzuge, den er zur Zeit wirklich trug, in eine fremde Stadt hinein, wo die Namen der Straßen in für ihn ganz fremden Buchstaben auf die Häusermauern geschrieben waren. Doch dies alles überraschte und beunruhigte ihn nicht, denn er entsann sich im Traume, schon einmal hier gewesen zu sein. So abschüssig waren die Straßen, daß man durch himmelhohe Leitern, die trotzdem immer noch zu kurz waren, und durch Stricke, die tief brummende Glocken in Bewegung setzten, wenn man sich daran anklammerte, von einer in die andere klimmen mußte. Aber auch diese Hemmnisse schreckten ihn nicht zurück. Mehr beunruhigte ihn sein Anzug, der sehr unschicklich war für das große Fest, das hier gefeiert werden sollte und woran er teilzunehmen wünschte. Schon fingen die großen Menschenmassen an, die Straßen zu erfüllen, und von der Seite her kamen aus unübersehbarer Ferne Myriaden Leute herbei, zum Teil Blumen streuend, zum Teil für andere, die auf weißen Pferden heranritten, Platz machend. Da plötzlich brach eine schreckliche Gestalt aus der Menge hervor und rief, daß dies der jüngste Tag sei. Kaum verbreitete sich die Kunde, da fand ein wildes Getümmel zum Richterstuhle hin statt, und das Gedränge wurde so groß, daß Jonas und sein Begleiter (der stets wechselte und nie, auch nicht zwei Minuten lang, derselbe blieb) nach der Seite zu in ein Tor traten und mit Furcht und Schrecken die Menge betrachteten, unter der viele bekannte Gesichter waren und auch viele unbekannte. Da mit einemmal tauchte ein Kopf unter den übrigen auf – totenblaß und ihm wohlbekannt – und verkündete ihm, daß um seinetwillen dieser schreckliche Tag abgehalten werde. Sie rangen miteinander. Und als Jonas sich bemühte, seine Hand, in der er eine Keule hielt, zu befreien und den tödlichen Streich zu führen, an den er so oft und oft gedacht, da kehrte ihm das Bewußtsein des wachen Vorsatzes zurück, und die Sonne schien durch das Wagenfenster herein.

Sie war ihm willkommen, rief sie doch Leben, Bewegung und Rührigkeit hervor, um die Aufmerksamkeit des wachen Tages abzulenken. Nichts fürchtete er so sehr wie das Auge der Nacht, der wachsamen, stummen und lauschenden Nacht; schien sie doch soviel Muße zu haben, tief hinein zu schauen in sein verbrecherisches Gehirn.

Er ging zu Rate mit sich selbst und seinem Herzen, aber keine Anwandlung von Reue kam über ihn. – Ein Mord? Nun gut, was weiter? Er war eigens dazu hergekommen, ihn zu begehen. »Ich wünsche hier auszusteigen«, sagte er.

»So nahe vor der Stadt?« bemerkte der Kutscher.

»Ich dächte, ich könnte absteigen, wo ich will.«

»Selbstverständlich, Sir; das Herz wird uns nicht brechen, wenn wir Sie verlieren. Es wäre übrigens auch kein Unglück, wenn wir Sie gar nicht getroffen hätten. Machen Sie gefälligst rasch, und damit Schluß.«

Der Schaffner war ebenfalls abgestiegen und wartete auf der Straße, um das Fahrgeld in Empfang zu nehmen. Von Mißtrauen gequält, argwöhnte Jonas, der Mann betrachte ihn neugieriger, als es wohl zweckmäßig gewesen wäre.

»Warum glotzen Sie mich so an?« schrie er.

»Na, Ihrer Schönheit wegen gerade nicht«, brummte der Kutscher. »Wenn Sie wollen, daß ich Ihnen prophezeie, so kann ich Ihnen ja Ihre Zukunft voraussagen. Ersaufen werden Sie nicht – drum brauchen Sie sich keine Sorge zu machen.«

Und ehe Jonas noch antworten oder ausweichen konnte, machte der Kutscher dem Gespräch ein Ende, indem er ihm eins mit der Peitsche versetzte und ihn sich zum Teufel scheren hieß. Gleichzeitig sprang auch der Schaffner wieder auf seinen Sitz hinauf, und der Wagen rollte unter dem Gelächter seiner Insassen weiter, während Jonas auf der Straße stehenblieb und die Faust schüttelte.

Je näher er sich dann die Sache überlegte, desto weniger war er unzufrieden, daß es so gekommen, denn es ging klar daraus hervor, daß man ihn für einen griesgrämigen Bauern gehalten, und das war ein Kompliment für seine gute Verkleidung. Etwa zwei oder drei Meilen von der Stelle entfernt, schlug er sich in die Büsche am Wege, riß aus einer Verzäunung einen dicken, harten, knotigen Prügel los, legte sich unter einen Heuschober und verbrachte einige Zeit damit, von seiner Waffe die Rinde abzuschälen und ihren gekerbten Kopf mit seinem Messer zu bearbeiten. Der Tag entschwand. Mittag, Nachmittag, Abend, Sonnenuntergang.

In dieser heitern friedensvollen Stunde kamen zwei Leute auf einem nicht sehr besuchten Wege in einem Gig aus der Stadt hergefahren. Es war gerade der Tag, an dem Mr. Pecksniff mit Mr. Montague dinieren sollte. Der Architekt hatte Wort gehalten und war jetzt wieder auf der Heimkehr begriffen. Mr. Montague wollte ihn nur noch eine kleine Strecke begleiten und dann auf einem hübschen Spazierweg durch die Felder, den ihm Mr. Pecksniff zu zeigen versprochen, zu Fuß zurückzukehren. Jonas wußte das. Er war um das Gasthaus herumgeschlichen und hatte gehört, wie sie dem Hausknecht ihre Befehle erteilt hatten.

Die beiden Herren plauderten so laut und fröhlich miteinander, daß man sie eine ziemliche Strecke weit hören konnte. Ihr Lachen übertönte sogar das Rollen ihrer Räder und den Hufschlag der Pferde. Immer näher und näher kamen sie, und immer lauter und lauter wurden sie, bis sie an eine Stelle kamen, wo ein Schlagbaum und ein Fußpfad ihren Trennungspunkt bezeichneten. Das Gig hielt an.

»Es ist noch viel zu früh – viel zu früh, auseinanderzugehen«, sagte Mr. Pecksniff. »Aber wir sind an Ort und Stelle, mein lieber Freund. Halten Sie sich jetzt nur noch auf dem Fußweg und gehen Sie geradeaus durch das kleine Gehölz, zu dem Sie gelangen werden. Der Weg wird dort etwas schmaler, aber Sie können ihn nicht verfehlen. – Wann sehe ich Sie wieder? Hoffentlich doch bald?«

»Ja, das hoffe ich auch«, versetzte Mr. Montague.

»Also, gute Nacht.«

»Gute Nacht und angenehme Fahrt.«

Solange sich Mr. Pecksniff noch von Zeit zu Zeit grüßend umwendete und in Sicht war, blieb Mr. Montague auf der Straße stehen und winkte ihm lächelnd mit der Hand. Als er ihm aber aus den Augen entschwand und die Verstellung nicht mehr länger nötig war, setzte er sich auf den Schlagbaum nieder und machte plötzlich ein so verändertes Gesicht, als sei er in diesem Augenblick um mindestens zehn Jahre älter geworden.

Sein Gesicht glühte von Wein, aber trotzdem war er nicht fröhlich, und in seinen Mienen war auch nichts von Triumph zu lesen. Vielleicht hatte ihn die Anstrengung der schweren Rolle, die er zu spielen gehabt, ein wenig erschöpft, vielleicht weckte das Flüstern des Abendwindes sein Gewissen, vielleicht war es auch die dunkle Vorahnung des drohenden Schicksals, das über seinem Haupte schwebte.

Es gibt gewisse Flüssigkeiten, die sich des nahenden Windes, des Regens oder Frostes bewußt sind und sich davor in ihre gläsernen Arterien zurückzuziehen suchen; sollte nicht auch das Blut eine gleiche Eigenschaft haben und die Hand wittern, die sich erheben will, um es zu vergießen, so daß es in den Adern des Menschen fröstelnd gerinnt?

Warm wehte die Luft, und doch verspürte Mr. Montague einen so kalten Schauder, daß er plötzlich von seinem Sitze aufsprang und hastig weiterzugehen anfing. Unentschlossen, ob er auf dem einsamen Fußpfade fortwandern oder auf die Landstraße zurückkehren solle, hielt er einen Augenblick inne.

Er wählte den Fußpfad.

Der Glanz der scheidenden Sonne bestrahlte sein Gesicht, Musik – das Gezwitscher der Vögel – tönte in seinen Ohren, und wilde Blumen blühten lieblich um ihn her. In der Ferne dämmerten die Strohdächer armseliger Bauernwohnungen, und ein alter, grauer Kirchturm mit einem Kreuz auf seiner Spitze stieg zwischen ihm und der kommenden Nacht empor.

Niemals hatte er die Lehre begriffen, die in dem Anblick solcher Dinge liegt, und sich stets höhnisch darüber weggesetzt, aber ehe er den Hohlweg hinunterschritt, blickte er noch einmal mit ahnungsschwerem Herzen auf die Aussicht zurück, die dort hinter ihm lag im dämmernden Abendrot. Dann ging es hinab – hinab ins Tal.

Er erreichte das Gehölz, einen dichten, schattigen Wald, durch den sich der Fußpfad dahinwand und schließlich in eine schmale Schaffährte überging. Ehe er in das Dunkel eintrat, hielt er inne, und die Stille der Natur machte ihn beinahe beklommen.

Schräg fielen die letzten Strahlen der Sonne herab und zogen längs der Stämme und Zweige einen goldenen Lichtpfad, der zusehends dahinstarb, um allmählich der herankriechenden Finsternis Raum zu geben. Es war so still und ruhig, daß das weiche Moos an den Stämmen der alten Bäume verstohlen aus dem Schweigen herausgewachsen zu sein schien. Von den Winterstürmen gebeugt, hatten sich die dürren Bäume an ihre Nachbarn gelehnt und lagen kahl in den beraubten Armen, um jeden Tag ein Stück mehr zur Erde zu sinken, als wollten sie die allgemeine Ruhe nicht durch das Donnern ihres Falles stören. Überall eröffneten sich verschwiegene Aussichten bis tief in das Herz und die innersten Schlupfwinkel des Waldes, bald einem Kreuzgang in der Kirche oder einem Kloster, bald einer nackt zum Himmel aufragenden Ruine ähnlich. Dann wieder sich zu tiefgrünen, geheimnisvoll rauschenden Laubengängen verschlingend, durch die man verworrenes Gezweig, efeubelaubte Äste, zitterndes Blattwerk und die abgeschälten Stämme alter Bäume in künstlerischer Unordnung durcheinander geworfen erblickte.

Als die Abendsonne schwand und die Nacht hereinbrach, trat Mr. Montague in das Gehölz. Hier und da schob er einen Busch oder einen niederhängenden Zweig zurück, der ihm den Weg versperrte, und immer mehr und mehr verlor er sich im Innern des Haines. Von Zeit zu Zeit konnte man ihn noch auf einer schmalen Lichtung hinschreiten sehen, und das Krachen dürrer Gezweige verriet den Weg, den er genommen.

Dann sah und hörte man nichts mehr von ihm.

Kein menschliches Auge sah ihn mehr dahinschreiten, kein menschliches Ohr hörte seine Stimme mehr – von einem einzigen Menschen abgesehen. Und dieser eine brach zwischen den Blättern und Zweigen auf der andern Seite in der Nähe des Fußpfades wieder hervor und floh ins Freie hinaus.

Was hatte er im Walde zurückgelassen, daß er so wild daraus hervorstürzte, als wäre die Hölle hinter ihm her?

Den Leichnam eines Ermordeten.

An einer dichtbewachsenen einsamen Stelle lag er unter den vorjährigen Eichen- und Buchenblättern, so wie der Mann hingestürzt war. Langsam zwischen den Blättern durchsickernd, die das letzte Kissen des Ermordeten bildeten, niedertröpfelnd in den sumpfigen Boden, wie um sich vor jedem menschlichen Auge zu verbergen, dann wieder zwischen dem gekräuselten Laub sich gewaltsam durchdrängend, daß es schien, als ob diese leblosen Wesen es von sich stießen und schaudernd sich davon abwendeten – zog sich langsam eine dunkle Blutlache hin, den Duft des Waldes mit lauwarmem Geruche verpestend.

Und der, der diese Tat vollbracht, brach so ungestüm aus dem Walde hervor, daß er im Lauf einen ganzen Schauer von abgebrochenen jungen Zweigen mitriß und selbst heftig ins Gras niederstürzte. Doch rasch war er wieder auf den Beinen, verbarg sich vorgebeugt unter einer Hecke und lief der Straße zu. Dort angelangt, eilte er, so rasch er konnte, dahin und schlug die Richtung nach London ein.

Nicht einen Augenblick reute ihn seine Tat. Er entsetzte sich zwar, wenn er daran dachte, aber Reue empfand er nicht. Furcht und Grauen hatten ihn im Walde ergriffen, aber jetzt, wo er den Schauplatz im Rücken hatte und das Verbrechen begangen war, heftete sich seine Angst auf das dunkle Zimmer, das seiner zu Hause harrte.

Weit entsetzlicher kam es ihm vor als der Wald, und dahin sollte er zurückkehren! In diesem Zimmer war der Ursprung seines Geheimnisses eingeschlossen, und alle seine Schrecken lauerten dort und nicht im Walde, wie er sich jetzt einbildete. So marschierte er zehn Meilen weit. Dann hielt er vor einem Wirtshaus an, um auf den Postwagen zu warten, der, wie er wußte, demnächst nach London hier vorbeifahren mußte. Es war nicht derselbe, mit dem er hergereist, denn er kam von einem andern Orte. Er setzte sich vor die Türe auf eine Bank neben einen Mann, der seine Pfeife rauchte. Nachdem er Bier bestellt und einen Schluck davon genommen, bot er den Krug seinem Nachbarn hin, der gleichfalls einen Zug daraus tat und sich bei ihm dafür bedankte.

»A schöner Abend, Herr Nachbar«, sagte der Mann, »und a feiner Sonnenuntergang.«

»Ich hab ihn nicht gesehen«, lautete die hastige Antwort.

»Nicht gesehen?«

»Zum Teufel nochmal, wie hätt ich denn können, ich hab doch geschlafen!«

»Ach so, geschlafen.«

Der Mann schien etwas überrascht von der unerwarteten Reizbarkeit des Fremden, sagte aber kein Wort weiter, sondern rauchte schweigend sein Pfeifchen fort. Sie hatten noch nicht lange so gesessen, als drinnen an eine Tür geklopft wurde.

»Was ist das?« fuhr Jonas auf.

»Was weiß denn i«, versetzte der Mann.

Jonas schwieg: sein Ausruf war ihm wider Willen entwischt. Er hatte gerade wieder an das verschlossene Zimmer gedacht und daran, daß vielleicht gerade in diesem Augenblick jemand ohne Ursache dort anklopfen könnte und daß sie erschrecken würden zu Hause, wenn sie keine Antwort erhielten. Wie sie dann die Türe aufbrechen würden und das Zimmer leer finden. Daß sie dann vielleicht die Türe auf den Hof von innen verschließen und es ihm dadurch unmöglich machen könnten, wieder in das Haus zurückzugelangen, ohne sich in seiner jetzigen Verkleidung zu zeigen. Und wie das dann alles zu Gerede, das Gerede zur Entdeckung und die Entdeckung zum Strang führen mußte. Gerade in dem Augenblick, wo er das alles überlegte, war wie durch eine Tücke des Schicksals und eine bedeutungsvolle Verkettung der Umstände das Klopfen laut geworden.

Immer noch klopfte es jetzt wie ein warnendes Echo der gefürchteten Wirklichkeit, die er an die Wand gemalt hatte. Er konnte es nicht mehr weiter mit anhören, stand auf, bezahlte sein Bier und ging. Den ganzen Tag über war er an ihm unbekannten Orten umhergeschlichen, und jetzt sah er sich in der Nacht in fremden Kleidern und mit unstetem Geist auf einer einsamen Straße. Mehr als einmal machte er halt und griff sich an den Kopf, in der Hoffnung, alles möge nur ein Traum sein.

Aber noch immer bereute er seine Tat nicht. Nein. Er hatte den Mann zu sehr gehaßt und zu lange und zu verzweifelt über seinem Plane nachgebrütet. Würde die Tat noch vor ihm liegen, er hätte sie abermals vollbracht. So leicht war der Haß und die Rachsucht seines Herzens nicht gestillt; – so wenig wie damals, wo er über die Tat nachdachte, empfand er jetzt Reue.

Schrecken und Entsetzen verfolgten ihn – und zwar in einem Grade, wie er es sich nie gedacht und es nie auch nur entfernt für möglich gehalten hätte. Er entsetzte sich im Geiste vor jenem verfluchten Zimmer in seinem Haus, und so verwirrten sich seine Gedanken infolgedessen, daß er schließlich nicht nur um sich Angst hatte, sondern sich sogar vor sich selber fürchtete. Er war sozusagen ein Teil dieses Zimmers – ein Etwas, das man dort vermutete und nicht fand. Er übertrug die geheimnisvollen Schrecken der Kammer auf sich selbst und vergegenwärtigte sich die schimmlige Stube in ihrer falschen lautlosen Tücke. Wie er an das zerwühlte Bett dachte, in dem er nicht lag, in dem man ihn aber glaubte, so kam er sich vor wie sein eignes Gespenst – wie sein spukender Doppelgänger und das gehetzte Opfer seines Ichs zusammengenommen.

Als nicht lange später der Wagen heranrollte, löste er einen Außenplatz und fuhr rasch der Heimat zu. Die meisten Mitreisenden waren Landleute. In seiner Angst vermutete er, sie müßten bereits von dem Mord gehört haben und würden ihm erzählen, die Leiche sei gefunden worden, trotzdem er genau wußte, daß dies unmöglich war, wenn er sich die Zeit und den Ort, wo er das Verbrechen begangen, vergegenwärtigte. Aber obwohl er nicht den geringsten Grund hatte, die Unwissenheit der Leute für etwas anderes als die natürliche Folge der Umstände zu halten, so ermutigte ihn doch diese Unwissenheit, und plötzlich jubelte er innerlich auf, der Leichnam würde nie gefunden werden: eine Wahrscheinlichkeit, die er sich im Geiste immer weiter und weiter ausarbeitete. Plötzlich maß er die Zeit nach dem raschen Fluge seiner schuldbewußten Gedanken, nach den Ereignissen, die dem Blutvergießen vorhergegangen, und nach dem Getümmel unzusammenhängender wirrer Bilder, deren beständiges Opfer er war, so daß er bereits bei Tagesanbruch das Verbrechen wie ein längst in der Vergangenheit liegendes Geschehnis ansah und das Gefühl vollständigster Sicherheit empfand, da es noch nicht an den Tag gekommen war. So vermochte er jetzt zu denken und seine Gedanken zu bilden, während die Sonne bereits wieder in den Wald blickte und auf das Gesicht des Toten schien, den sie abends noch lebendig gesehen.

Aber da waren sie schon in den Straßen von London. – Still!

Es war erst fünf Uhr morgens. Noch hatte er Zeit, unbemerkt und ehe sich viele Leute in den Straßen blicken ließen, seine Wohnung zu erreichen, vorausgesetzt, daß noch nichts geschehen war, was zu seiner Entdeckung geführt hatte. Er glitt von dem Wagen herunter, ohne daß sich der Kutscher die Mühe zu nehmen brauchte, seinetwegen anzuhalten, dann eilte er über die Straße und erreichte endlich auf einer ganzen Menge von Nebenwegen, die ihm den Pfad abkürzten, die Umgebung seiner Wohnung. Vorsichtig machte er halt, um alle Gassen, die sich vor ihm ausbreiteten, zu mustern, schlüpfte dann hurtig durch die eine, blieb wieder stehen, um die nächste zu inspizieren, und so weiter.

Der dunkle gedeckte Gang war leer, als er mit seinem Mördergesicht hineinspähte. Auf den Zehen schlich er sich zu der Türe, als scheue er sich, den dahinter Schlafenden, der doch er selber war, zu stören.

Er lauschte. Kein Laut; – wie er mit zitternder Hand den Schlüssel umdrehte und die Türe leise mit dem Knie aufdrückte, bemächtigte sich seiner eine fürchterliche Angst. Was, wenn der Ermordete vor ihm dort eingetroffen wäre?

Er warf einen scheuen Blick umher. Es war nichts da.

Er trat ein, verschloß die Türe und zog den Schlüssel durch den Staub und die Asche am Kamin, um ihn wieder schmutzig zu machen, dann hängte er ihn an seinem alten Platze wieder auf, zog seine Verkleidung aus, band sie zu einem Paket zusammen, das er noch vor der Nacht ins Wasser zu werfen gedachte, und schloß sie vorläufig in einen Schrank ein. Nachdem er diese Vorsichtsmaßregeln getroffen, zog er sich aus und legte sich zu Bett.

Der glühende Durst, das fiebrige Feuer, das in seinen Adern brannte, als er sich zudeckte, das immer wachsende und wachsende Entsetzen vor dem Zimmer, wenn er die Augen schloß, die Angst, mit der er auf jedes Geräusch lauschte und das Unwahrscheinlichste für ein Vorspiel zu jenem Klopfen hielt, das ihm die verhängnisvolle Kunde bringen mußte, dann, wie er auffuhr, sein Lager verließ und sich im Spiegel besah, weil er glaubte, die Tat müsse mit glühenden Buchstaben auf seiner Stirne geschrieben stehen, wie ihm das Herz klopfte, wie er sich wieder niederlegte und wieder die Decken über sich zog, – wie der Puls ihm das Wort: Mord, Mord, Mord in die Ohren hämmerte – welche Feder wäre imstande, alle diese entsetzlichen Wahrheiten zu schildern!

Der Morgen kam. Er hörte Schritte im Hause – hörte, wie man die Vorhänge aufzog, die Fensterläden öffnete – und dann ein leises Geräusch vor seiner Türe. Mehr als einmal versuchte er zu rufen, aber seine Zunge war so verdorrt, als wäre ihm der Mund mit glühendem Sand angefüllt. Endlich setzte er sich in seinem Bette auf und rief:

»Wer ist da!«

Es war Gratia.

Er fragte sie, wie spät es sei.

»Neun Uhr.«

»Hat – hat gestern niemand an meine Türe geklopft?« stotterte er. »Es hat mich etwas gestört. Aber, selbst wenn du die Türe eingeschlagen hättest, würdest du keinen Laut von mir zur Antwort bekommen haben.«

»Niemand«, antwortete Gratia.

Das war gut. Fast atemlos hatte er auf ihre Antwort gewartet. Wenn ihm etwas ein Trost sein konnte, so war es diese Nachricht.

»Mr. Nadgett wollte dich besuchen«, fuhr Gratia fort, »aber ich sagte ihm, du seiest müde und habest mir befohlen, dich nicht zu stören. Er meinte, es läge nichts daran, und ging wieder fort. Als ich mein Fenster öffnete, um frische Luft hereinzulassen, sah ich ihn diesen Morgen sehr zeitig früh durch die Straße gehen. Aber dagewesen ist er nicht mehr.«

Diesen Morgen durch die Straße – – sehr früh! Jonas zitterte bei dem Gedanken an die Möglichkeit, er hätte ihm begegnen können – ihm, der doch selbst nichts andres zu tun hatte, als den Leuten auszuweichen, heimlich umherzuschleichen und seine eigenen Geheimnisse zu behüten – – ihm, dem Mann, der nie etwas sah!

Er forderte Gratia auf, das Frühstück bereitzuhalten, und schickte sich an, die Treppe hinaufzugehen, nachdem er rasch in seine Kleider gefahren war, die vor der Türe gelegen hatten. In geheimer Scheu, nach dem, was vorgefallen, wieder mit seinen Leuten im Hause zusammenzutreffen, zögerte er unter allen möglichen unbedeutenden Vorwänden an der Türe, damit man ihn zuerst bemerke, ohne direkt sein Gesicht zu sehen. Noch während er sich ankleidete, ließ er die Türe offenstehen und befahl die Fenster zu öffnen – er wußte selbst nicht recht, warum –, vielleicht, damit man sich an seine Stimme gewöhnte. Aber ewig konnte er nicht da stehenbleiben, und so entschloß er sich endlich, hinaufzugehen. Sein letzter Blick in den Spiegel hatte ihm ein Gesicht gezeigt, das seine ganze Geschichte erzählte; – vielleicht lag der Grund darin, daß er so ängstlich hineingeblickt hatte. Er wagte es nicht, die übrigen Hausinsassen anzublicken, denn sie kamen ihm so merkwürdig schweigsam vor. Und so sehr er selbst auch jede seiner Mienen bewachte, so konnte er sich doch nicht enthalten, zu horchen und dabei deutlich zu verraten, daß er horchte. Ob er nun aber auf ihre Gespräche hörte, an andre Dinge zu denken versuchte, selber sprach, schwieg oder entschlossen und verbissen das öde Ticken einer alten heisern Wanduhr hinter sich zählte, stets versank er, als ob ein Zauber ihn dazu zwänge, in ein gespanntes Horchen, denn er wußte, daß »es« kommen müsse und daß seine jetzige Strafe und Folter darin bestand, daß er horchen mußte, wie »es« sich näherte. Still!

41. Kapitel


41. Kapitel

Mr. Jonas und sein Freund kommen zu einer Einigung und brechen zu einer Geschäftsreise auf

Da die »Anglobengalische uneigennützige Anlehens- und Lebensversicherungsgesellschaft« ganz in der Nähe lag, waren Mr. Montague und Jonas ziemlich bald dort angelangt. Die Fahrt hätte aber geradesogut viele Stunden dauern können, ohne daß einer von beiden ein Wort gesprochen haben würde. Jonas hatte offenbar gar keine Lust, das Schweigen zu brechen, und im Plane seines lieben Freundes lag es durchaus nicht, ihn in eine Unterhaltung zu verstricken.

Da kein Grund mehr vorhanden war, sich weiter zu vermummen, hatte Jonas seinen Mantel abgeworfen und über sein Knie gelegt; dabei drückte er sich, wie es der beschränkte Raum nur immer gestattete, in die Wagenecke, um so weit wie möglich weg von seinem Begleiter zu sein. In seinem Wesen war eine große Veränderung eingetreten, wenn man es mit dem Benehmen verglich, das er noch vor ein paar Minuten gezeigt, als Tom ihm im Salon des Schiffes so unerwartet entgegengetreten war, oder mit dem, als ihm damals Mr. Montague in seinem Ankleidezimmer ein paar Worte ins Ohr geflüstert hatte. Er sah ganz aus wie jemand, den man bei irgend etwas Sträflichem ertappt hat oder den man im Schach hält. Er war das Bild eines Menschen, der, von allen Seiten umstellt, endlich dingfest gemacht worden ist. Obgleich noch blaß vor Schrecken und atemlosem Entsetzen, schien er doch irgendwie einen neuen Entschluß gefaßt zu haben, der alle andern Regungen seiner Seele niederkämpfte.

Auch in seinen besten Zeiten hatte er niemals sehr gewinnend ausgesehen, um so weniger konnte man das jetzt von ihm erwarten. Seine Unterlippe zeigte tiefe Spuren der Vorderzähne, und dies und die Zeichen der eben mitgemachten Aufregung verschonten sein Aussehen ebensowenig wie die tiefen Falten in seiner Stirn. Aber er hatte sich immerhin bis zu einer gewissen Selbstbeherrschung durchgerungen – zu einer geradezu unnatürlichen Selbstbeherrschung, wie man sie an Menschen, die sonst nichts weniger als mutig sind, in Augenblicken der Verzweiflung wahrzunehmen pflegt. Und als der Wagen hielt, ließ er sich nicht erst lange bitten, sondern sprang entschlossen hinaus und eilte die Treppe hinauf.

Der Präsident folgte ihm, schloß, als sie eingetreten waren, die Türe des Sitzungszimmers und warf sich auf sein Sofa. Jonas blieb vor dem Fenster stehen und schaute auf die Straße hinunter, die Stirn an die Scheibe gedrückt und den Kopf in die Hand gestützt.

»Das ist wirklich nicht hübsch von Ihnen, Mr. Chuzzlewit«, brach Mr. Montague endlich das Schweigen. »Meiner Seel – wahrhaftig gar nicht hübsch.«

»Aber was wollen Sie denn eigentlich von mir?« rief Jonas, jäh herumfahrend. – »Was will man von mir?«

»Vertrauen, mein lieber Freund – ein wenig mehr Vertrauen!« antwortete Mr. Montague gekränkt.

»Zum Teufel nochmal, weil Sie mir vielleicht so großes Vertrauen entgegenbringen, was?«

»Tue ich das nicht?« fragte Mr. Tigg schlicht, erhob sein Haupt und sah Jonas freundlich an. – Aber dieser hatte sich bereits wieder umgedreht. »Tue ich’s vielleicht nicht? Habe ich Sie nicht in alle Pläne eingeweiht, die ich zu unserm Besten entwarf – wohlgemerkt zu unserm Besten und zu unserm Vorteil –, nicht bloß zu dem meinigen? Und was ist der Dank dafür? – Ein Fluchtversuch.«

»Woher wissen Sie das? Wer sagt Ihnen, daß ich zu fliehen gedachte?«

»Wer mir das sagte? Na hören Sie mal! Ein Schiff, das nach Antwerpen geht, und noch dazu in so früher Stunde, und dabei die reizende Vermummung? Na, wenn es da nicht Ihre Absicht war auszureißen, dann bin ich blind. Und wenn Sie mich nicht hintergehen wollten, weshalb sind Sie dann wieder zurückgekommen?«

»Ich bin zurückgekommen«, sagte Jonas, »um kein Aufsehen zu erregen.«

»Das war sehr klug von Ihnen«, lobte Mr. Tigg.

Jonas schwieg und sah noch immer, den Kopf auf die Arme aufgestützt, auf die Straße hinunter.

»Trotzdem, Mr. Chuzzlewit«, fing Mr. Montague wieder an, »und trotz allem Vorgefallenen will ich offen gegen Sie sein. Sie hören doch, was ich sage? – Sie drehen mir beständig den Rücken.«

»Aber ich höre doch; – weiter.«

»Also, ich sage, daß ich trotz allem Vorgefallenen offen gegen Sie sein will.«

»Das habe ich bereits gehört. Und ich habe Ihnen auch zu verstehen gegeben, daß ich gehört habe. – Also weiter.«

»Sie scheinen etwas gereizt zu sein. – Macht weiter nichts. Zufällig habe ich ein glückliches Temperament. – Aber sehen wir uns jetzt einmal an, wie die Sachen stehen. Vor ein paar Tagen erzählte ich Ihnen, lieber Freund, daß ich glaubte, eine gewisse Entdeckung gemacht zu haben –«

»Wollen Sie wohl still sein!« rief Jonas und blickte wild um sich und nach der Türe.

»Schon gut, schon gut«, besänftigte ihn Mr. Montague. »Sehr vernünftig, so vorsichtig zu sein. Auch in meinem Interesse, denn wenn meine Entdeckung bekannt wird, hat sie für mich weiter keinen Wert mehr. Sie sehen daraus, lieber Chuzzlewit, wie offen und freimütig ich Ihnen entgegenkomme und Ihnen meine eigenen Schwächen verrate. Aber jetzt zur Sache. Also ich machte eine Entdeckung – oder glaube wenigstens eine gemacht zu haben – und flüsterte sie Ihnen, wiederum ganz mit jenem Vertrauen, das, wie ich zuversichtlich hoffe, zwischen uns besteht, ins Ohr. Vielleicht ist etwas dran, vielleicht auch nicht. Ich habe meine Meinung darüber und Sie wohl die Ihrige. Darüber wollen wir uns nicht streiten. Aber eines, mein lieber Freund: Sie haben Ihre Schwäche verraten. Ich sage weiter nichts als: Sie haben Ihre Schwäche verraten. Möglicherweise suche ich nun diesen kleinen Vorteil zu meinem Nutzen auszubeuten, aber mein Vorteil liegt nicht darin, daß ich diese Entdeckung weiter verfolge oder gegen Sie gebrauche.«

»Was heißt das, Sie gebrauchen sie nicht gegen mich?« fragte Jonas, ohne seine Stellung zu verändern.

»Ach Gott«, meinte Mr. Montague lachend, »wozu leeres Stroh dreschen.«

»Sie wollen mich eben zum Bettler machen –« knurrte Jonas.

»Nein.«

»Aber natürlich«, schrie Jonas wütend. »Das ist doch das einzige daran, das Ihnen Vorteil bringt. So ist es und nicht anders.«

»Ich wünsche lediglich, daß Sie nur noch eine Kleinigkeit mehr riskieren, im Grunde ist gar nichts riskiert – und im übrigen hübsch den Mund halten«, sagte Mr. Montague. »Das haben Sie mir versprochen, und Sie müssen Wort halten. Jawohl, lieber Chuzzlewit, Sie müssen! Überlegen Sie sich die Sache. Wollen Sie nicht – nun, dann ist mein Geheimnis wertlos für mich, und ich kann es in diesem Falle ebensogut Gemeingut werden lassen, wie ich es bisher als Privateigentum betrachtete. Ersteres ist dann vorteilhafter für mich, da ich immerhin ein gewisses Verdienst in Anspruch nehmen kann, wenn ich etwas Derartiges ans Licht bringe. – Aber jetzt zu etwas anderem: Ich brauche Sie ferner als eine Art Köder in einer Sache, die ich Ihnen bereits angedeutet habe. Sie sind nicht der Mann dazu, sich aus dergleichen ein Gewissen zu machen, das weiß ich ganz genau, und der Mensch, um den es sich handelt, ist Ihnen nebenbei vollkommen gleichgültig – wie Ihnen die ganze Welt gleichgültig ist, denn Sie sind viel zu – ›gerissen‹, als daß es anders sein könnte – und wenn er etwas dabei verliert, ja sogar meinetwegen ruiniert wird, so werden Sie das mit frommer Standhaftigkeit zu ertragen wissen. Hahaha! – – – Sie haben nun versucht, sich heute meiner Machtsphäre zu entziehen, aber ich versichere Ihnen, gegen dergleichen habe ich vorgebaut. Das haben Sie übrigens heute gesehen. Sie wissen, daß ich kein Moralist bin, und ich kümmere mich den Teufel darum, was Sie getan oder gelassen haben, und wenn Sie eine kleine Unvorsichtigkeit begangen haben, so geht das mich nichts an. Ich wünsche lediglich dadurch zu profitieren, und einem Manne von Ihrer Einsicht gegenüber trage ich auch kein Bedenken, dies offen einzugestehen. Ich habe diese Schwäche übrigens nicht allein, glaube ich. Jeder sucht die Unklugheit seines Nächsten auszunutzen, und die Angesehensten und Leute von bestem Rufe pflegen das am liebsten zu tun. Warum bereiten Sie mir also solche Schwierigkeiten? Es muß ganz einfach zwischen uns zu einem freundschaftlichen Einverständnis oder aber zu einem Bruche kommen. Ein Drittes gibt es nicht. Im ersten Fall kommen Sie mit einem blauen Auge davon, im letzteren – – – nun, Sie wissen ja am besten, was daraus resultieren kann.«

Jonas wandte sich vom Fenster weg und ging auf Mr. Tigg zu. Er sah ihm dabei nicht ins Gesicht, denn das war nicht seine Art, aber er heftete seine Augen auf ihn – auf seine Brust oder auf die Schulter – und bemühte sich, offenbar mit größter Anstrengung, eine deutliche Antwort hervorzubringen, ungefähr in der Weise eines Menschen, der zwischen Trunkenheit und klarem Bewußtsein kämpft.

»Leugnen hat keinen Zweck«, krächzte er endlich heraus, »das ist klar. Gut, ich hatte vor, heute morgen zu fliehen, – das heißt, besser gesagt, mich ins Ausland zu begeben, um mich aus der Ferne besser mit Ihnen verständigen zu können.«

»Selbstverständlich, natürlich!« sagte Mr. Montague. »Und ich habe das vorausgesehen und bin Ihnen zuvorgekommen. Aber, Pardon, ich habe Sie unterbrochen.«

»Und ich will Sie auch nicht fragen«, fuhr Jonas mit gewaltsamer Anstrengung fort, »wie, zum Teufel, Sie gerade den Boten gewählt haben, der mir den Brief brachte, und wo sie ihn aufgefunden haben. Ich habe sowieso mit dem Burschen noch ein Hühnchen zu pflücken. Wenn Ihnen die ganze Welt so gleichgültig ist, wie Sie soeben gesagt haben, so wird es Ihnen auch ganz gleichgültig sein, was aus einem solchen Mistköter wird wie diesem Burschen. Sie werden daher wohl nichts dagegen haben, wenn ich mit ihm abrechne, wie es mir beliebt?«

Hätte Jonas Mr. Tigg ins Gesicht gesehen, so würde er bemerkt haben, daß dieser den Sinn seiner Worte gar nicht begriff. Da er aber, seinen haßerfüllten Blick seitwärts gerichtet, nicht aufsah und jetzt nur innehielt, um sich seine fieberhaft ausgetrockneten Lippen anzufeuchten, so entging ihm diese Tatsache. Mr. Montague seinerseits war rasch mit seiner Antwort zur Hand, obgleich er sie aufs Geratewohl gab. Diesbezüglich herrsche nicht die geringste Meinungsverschiedenheit zwischen ihnen, sagte er, nicht im geringsten.

»Die große Entdeckung, von der Sie reden«, fuhr Jonas mit krankhaftem Hohnlächeln fort, »kann wahr und kann falsch sein. So oder so, eins ist gewiß: daß ich nicht schlechter bin als andere Menschen.«

»Nicht im geringsten«, beteuerte Mr. Tigg, »nicht im geringsten. Wir alle sind einander gleich – oder doch wenigstens so ziemlich.«

»Ich möchte nur wissen«, sagte Jonas, »sind Sie selbst dahintergekommen? Sie brauchen sich nicht zu wundern, daß ich diese Frage stelle.«

»Selbst dahintergekommen?« wiederholte Mr. Montague unsicher.

»Ja«, versetzte Jonas mürrisch: »Ob sonst noch jemand davon weiß? Na, heraus damit, machen Sie keine Umstände.«

»Nein«, sagte Montague fest und ruhig. »Was glauben Sie denn, wäre das Geheimnis für mich wert, wenn ich es nicht allein besäße.«

Jetzt zum erstenmal sah ihm Jonas ins Gesicht. Nach einer Pause streckte er die Hand aus und sagte lachend:

»Na, also gut; machen Sie mir die Sache nicht zu schwer, und ich bin der Ihrige. Wer weiß, vielleicht bin ich im Grunde hier besser aufgehoben, als wenn ich diesen Morgen ins Ausland gegangen wäre. Aber jetzt bin ich nun einmal hier und bleibe auch, darauf können Sie sich verlassen.«

Er räusperte sich, denn seine Sprache wurde wieder heiser. Dann fuhr er mit hellerer Stimme fort:

»Also, wann wollen Sie, daß ich zu Pecksniff gehe? Sie brauchen nur zu bestimmen.«

»Sogleich«, rief Mr. Montague. »Man soll so etwas nie verschieben.«

»Donnerwetter«, rief Jonas mit wildem Lachen. »Eigentlich ist es ein Mordsjux, den alten Heuchler zu fangen. Ich hasse ihn. – Soll ich noch diesen Abend fahren?«

»Bravo«, rief Mr. Montague entzückt. »Das nenne ich mir Geschäftssinn. Ich sehe schon, wir verstehen uns. Unter allen Umständen heute abend, lieber Freund.«

»Begleiten Sie mich. Wir müssen in Prunk und Pracht auftreten und Dokumente mitnehmen, denn er ist ein verdammt schlauer Fuchs, und wenn man nicht sehr listig zu Werke geht, ist er nicht zu fangen. Ich kenne ihn. Da ich Ihr Logis und Ihre Dinners nicht mitnehmen kann, so muß ich eben Sie mitnehmen. Also abgemacht, nicht wahr?«

Mr. Tigg schien zu schwanken. Er hatte diesen Vorschlag weder erwartet, noch fand er sonderlichen Geschmack daran.

»Unsern Plan können wir ja auf dem Wege besprechen. Wir dürfen uns nicht direkt zu ihm begeben, sondern müssen von irgendeinem andern Ort vorbeigefahren kommen, als hätten wir einen Abstecher gemacht, um ihn zu besuchen. Aber jedenfalls müssen Sie mit dabei sein. Ich kenne meinen Mann, seien Sie versichert.«

»Aber was, wenn der Mann auch mich kennt?« wendete Mr. Montague voll Bedenken ein.

»Wenn er Sie kennt?« rief Jonas. »Riskieren Sie denn dasselbe nicht mindestens fünfzigmal am Tag auch ohne dies? Würde Ihr eigener Vater Sie erkennen? Habe ich Sie vielleicht erkannt? Zum Donnerwetter, Sie haben damals verflucht anders ausgesehen! Hahaha! Ich sehe heute noch die Fetzen und Lumpen vor mir. Was wäre übrigens auch dran, wenn er Sie erkennt? Eine solche Veränderung würde nur beweisen, daß Sie gute Geschäfte gemacht haben. Aber das wissen Sie ja selbst. Sie hätten sich doch auch sonst mir gegenüber nicht zu erkennen gegeben. Also wollen Sie mitkommen?«

»Mein lieber Freund«, sagte Mr. Montague noch immer unentschieden, »ich kann Ihnen jetzt auch allein trauen.«

»Donnerwetter noch mal, das will ich meinen; allerdings können Sie das. Ich werde gewiß keinen Versuch mehr machen, auszureißen, darauf können Sie sich verlassen. Nein, jetzt nicht mehr.« – Jonas hielt plötzlich inne und setzte nüchtern hinzu: »Aber ohne Sie kann ich unmöglich gehen. Also kommen Sie?«

»Nun gut, wenn Sie’s denn durchaus wollen«, antwortete Mr. Montague. – Sie schüttelten einander die Hände. – »Abgemacht.«

Die laute lärmende Art, die Jonas während des letzten Teils dieses Zwiegespräches an den Tag gelegt und die sich fast mit jedem Satze gesteigert hatte, verließ ihn jetzt nicht mehr. Sie hätte zu jeder andern Zeit höchst ungewöhnlich und als mit seinem Charakter unvereinbar erscheinen müssen, aber unter so kritischen Umständen war es besonders auffallend, daß er plötzlich so aufgeräumt zu sein schien. In einer Hinsicht hatte er eine gewisse Ähnlichkeit mit einem Betrunkenen, aber andererseits sprach er vollkommen zusammenhängend und überlegt. Nicht minder merkwürdig war auch, daß dieser Zustand ihn gegen die Wirkung von Alkohol fest zu machen schien, und trotzdem er den ganzen Tag oft und stark trank, so sank oder hob sich seine Lebhaftigkeit dennoch nicht im geringsten.

Nachdem die beiden Ehrenmänner übereingekommen waren, die Nacht durch zu fahren, um in den Tagesgeschäften keine Stockung eintreten zu lassen, berieten sie sich über die Art und Weise, wie sie reisen wollten. Mr. Montague hielt es für geraten, vierspännig zu fahren, da das den Leuten mehr Sand in die Augen streue, und so wurde denn um neun Uhr ein vierspänniger Wagen bestellt. Jonas ging nicht erst nach Hause, denn er meinte, wenn er in Geschäftssachen die Stadt in so großer Hast verlasse, so werde das die beste Entschuldigung für die plötzliche Umkehr von heute morgen für ihn sein. Er schickte also nur einen Boten mit ein paar Zeilen zu seiner Frau, um seinen Mantelsack holen zu lassen, und als der Mann mit dem verlangten Gepäck zurückkam, brachte er auch ein paar Zeilen von Gratia mit, die darin um die Erlaubnis bat, Jonas vor seiner Abreise noch einen Augenblick sprechen zu dürfen. Da aber dieser keine andere Antwort darauf hatte als ein: »Sie solle sich zum Teufel scheren«, so hielt sie es für das geratenste, zu Hause zu bleiben.

Mr. Montague hatte den Tag über noch allerlei zu tun, und so ließ Mr. Chuzzlewit seine gute Laune an dem Doktor aus, mit dem er auf dessen Zimmer frühstückte. Auf dem Wege dahin begegnete er Mr. Nadgett und neckte diesen geheimnisvollen Gentleman mit der Frage, ob er sich vielleicht vor ihm fürchte. Mr. Nadgett erwiderte etwas scheu: »Das gerade nicht, sogar bestimmt nicht« – aber es scheine eine Art Angewohnheit von ihm zu sein, sich immer so zu benehmen, als täte er es, denn man habe ihm dergleichen schon öfters vorgeworfen.

Mr. Montague hörte das Gespräch mit an, und als Jonas fort war, winkte er Mr. Nadgett mit dem Federhalter zu sich und fragte ihn:

»Wer hat ihm denn heute früh meinen Brief gegeben?«

»Mein Mieter, Sir«, flüsterte Mr. Nadgett hinter der Hand hervor.

»Wie ging denn das eigentlich zu?«

»Ich bemerkte ihn zufällig auf dem Kai, Sir, und da die Sache große Eile hatte und Sie nicht kamen, so galt es, geschwind irgend etwas zu tun. Hätte ich ihm selbst den Brief überreicht, wäre ich in Hinkunft in meiner weiteren Tätigkeit behindert gewesen. Er hätte mich sofort durchschaut gehabt.«

»Mr. Nadgett, Sie sind ein Juwel!« jubelte Mr. Montague und klopfte dem Detektiv auf den Rücken. »Wie heißt denn Ihr Mieter?«

»Pinch, Sir – Mr. Thomas Pinch.«

Mr. Montague sann eine kleine Weile nach und fragte dann:

»Ist er aus der Provinz – wissen Sie das vielleicht?«

»Er ist aus Wiltshire, Sir, wie er mir sagte.«

Dann trennten sie sich. Wer mit ansah, was für ein Kompliment Mr. Nadgett seinem Prinzipal machte, als er das nächstemal mit ihm zusammenkam, und wie sich dieser wieder gegen ihn verbeugte, würde darauf geschworen haben, die beiden hätten in ihrem Leben noch nicht ein einziges vertrautes Wort miteinander gewechselt.

Inzwischen erquickten sich Mr. Jonas und der Doktor im oberen Stock an einer guten Flasche Madeira und einigen Sandwichs, denn der Doktor, der bereits zum Dinner um sechs Uhr abends eingeladen war, wollte zum Lunch nur eine kleine Erfrischung einnehmen.

»Dies ist aus zwei Gesichtspunkten sehr rätlich«, erklärte er. »Erstens ist es an und für sich gesund, und zweitens bekommt man dadurch Appetit zum Mittagessen. Man ist vor allem verpflichtet, besondere Sorgfalt auf die Verdauung zu verwenden, Mr. Chuzzlewit«, sagte er, trank ein Glas Wein aus und schmatzte mit den Lippen. »Verlassen Sie sich darauf, es lohnt die Mühe. Die Verdauung muß in bewunderungswürdigem Zustand sein – sozusagen ein vollkommenes Uhrwerk repräsentieren. ›Unsres Busens Herrschaft sitzt leicht auf seinem Throne‹, sagte ein gewisser Dichter in einer Komödie. Übrigens so nebenbei: es wäre besser gewesen, er hätte unserem Beruf in dieser Komödie ein wenig mehr Gerechtigkeit widerfahren lassen. Es kommt nämlich ein Apotheker in dem Stück vor, Sir – ein ganz erbärmlicher Bursche –, Sir, ein höchst gemeiner Kerl, und außerordentlich unnobel.«

Dabei zupfte Doktor Jobling an seinem feinen Busenstreifen, als wollte er sagen: »Das ist’s, was ich bei einem Manne von unserm Fach nobel nenne, Sir«; und sah Jonas, eine Antwort erwartend, an.

Dieser war jedoch durchaus nicht in der Stimmung, das Thema weiterzuspinnen, und nahm schweigend ein Lanzettetui, das neben ihm lag, zur Hand, und öffnete es.

»Hm«, sagte der Doktor erklärend und lehnte sich in seinem Stuhl zurück, »ich lege es stets ab; es geniert mich in der Tasche, wenn ich esse. Hahaha!«

Jonas hatte eins der blitzenden kleinen Instrumente aus dem Futteral gezogen und prüfte es mit einem Blick so scharf wie die Schneide des Instruments selbst.

»Guter Stahl, Doktor, was? Guter Stahl.«

»O ja«, sagte der Doktor bescheiden, »vorzüglich zum Aderlassen, Mr. Chuzzlewit.«

»Hat wohl auch schon mehr als eine geöffnet, was?« fragte Jonas und betrachtete das Instrument mit steigendem Interesse. »Nicht wenige, mein werter Herr, nicht wenige. Es hat mir in meiner ziemlich ausgedehnten Praxis seine Dienste geleistet, wie ich wohl sagen darf«, sagte der Doktor, sich räuspernd, als sei die Sache so selbstverständlich, daß sie wohl keiner weiteren Erklärung bedürfe. »Ja, hem, in meiner sehr umfangreichen Praxis«, wiederholte er und setzte wieder sein Glas Wein an den Mund.

»Was meinen Sie, könnte man mit einem solchen Ding wohl einem Menschen die Kehle durchschneiden?« fragte Jonas.

»Nun, das versteht sich. Selbstverständlich, wenn Sie ihn an der rechten Stelle treffen. Darauf kommt alles an.«

»Da, wo Sie jetzt Ihre Hand haben, wie?« rief Jonas, sich vorneigend, um genauer hinzusehen.

»So ist es, Sir«, bestätigte der Doktor, »das ist die Vena jugularis.«

Jonas fuhr mit dem Stahl in seiner Lebhaftigkeit so dicht vor des anderen Schlagader durch die Luft, daß dieser einen Augenblick ganz bestürzt war; dann brach er plötzlich in ein lautes mißtönendes Gelächter aus.

»Oh! Oh!« rief der Doktor kopfschüttelnd, »da muß man sich wohl ein wenig in acht nehmen. Mit so scharfen Messern darf man nicht spielen. Übrigens, da fällt mir gerade ein merkwürdiges Beispiel ein, wie wirksam ein solches Instrument sein kann, wenn man es geschickt handhabt. Es handelte sich dabei um einen Mord. Ja, ich fürchte, es war ein Mord, den einer unseres Berufes begangen haben muß, da er so kunstgerecht ausgeführt wurde.«

»Wieso?« fragte Jonas, »das interessiert mich.«

»Ach, sehen Sie, Sir«, erklärte Mr. Jobling, »die Sache war eigentlich ganz einfach. Eines Morgens fand man einen Herrn in einer dunklen Straße aufrecht im Winkel eines Torweges angelehnt, und auf seiner Weste war nur ein einziger Tropfen Blut sichtbar. Und doch war er tot, mausetot und kalt, und offenbar ermordet worden.«

»Nur ein einziger Tropfen Blut«, wiederholte Jonas.

»Jawohl, Sir, er war genau durchs Herz gestochen worden, und zwar mit solcher Sicherheit, daß er sofort tot war und sich innerlich verblutete. Man vermutet, daß ein Arzt, ein Freund von ihm – auf den man später Verdacht hatte –, ihn unter irgendeinem Vorwand in ein angelegentliches Gespräch verwickelt, ihn wahrscheinlich, wie man so pflegt, beim Rockknopf genommen hatte, mit der andern Hand so in aller Muße und unauffällig das Terrain prüfte – sozusagen –, dann den richtigen Punkt herausfand, geschwind das Instrument, oder was es sonst war, herauszog und im rechten Augenblick –«

»Zustach«, ergänzte Jonas.

»Richtig. Man hätte es geradesogut eine Operation nennen können, die ganz prächtig ablief. Der ärztliche Freund hat sich nie wieder blicken lassen; aber trotzdem man überzeugt war, er sei der Mörder, konnte man ihm doch nichts beweisen. Ich hatte die Ehre, mit zwei oder drei Kollegen zu diesem Fall gerufen zu werden. Und da ich mit ihnen zusammen die Wunde sorgfältig untersuchte, nahm ich auch keinen Anstand zu versichern, daß es eine Art Operation war, die jedem Arzte Ehre gemacht hätte, und daß es, wenn der Täter kein Arzt gewesen, entweder als ein ganz außerordentliches Kunststück oder als das Resultat eines geradezu wunderbaren Zufalls angesehen werden müsse.«

Jonas Chuzzlewit interessierte sich so lebhaft für den Fall, daß der Doktor ihm schließlich die Sache noch näher erklärte und praktisch anschaulich machte, indem er Finger, Daumen und Weste zu Hilfe nahm, sich auf Jonas‘ Ersuchen in eine Zimmerecke stellte und in eigener Person bald den Mörder, bald den Ermordeten spielte. Als die Flasche ausgetrunken und die Geschichte zu Ende war, befand sich Jonas wieder in derselben seltsamen, krampfhaft fröhlichen Stimmung wie vorhin. Wenn der Grund dazu, wie Mr. Jobling nach seinen Theorien annehmen mußte, in einer guten Verdauung lag, so mußte Jonas wahrhaftig einen Straußenmagen haben.

Bei und nach dem Dinner hielt dieselbe Stimmung noch immer an, obgleich vorzüglich gespeist und Wein im Überfluß getrunken wurde. Auch um neun Uhr hatte sie noch nicht nachgelassen. Da der Wagen inwendig durch eine Laterne beleuchtet war, so bestand Jonas darauf, man müsse ein Spiel Karten und eine Flasche Wein mitnehmen, und wirklich nahm er auch beides unter seinen Mantel, als er und Montague hinab zur Haustür gingen.

»Aus dem Weg da, Knirps, scher dich ins Bett!«

Mit diesem Gruß beehrte er Mr. Bailey, der gestiefelt und gespornt am Wagenschlag stand, um ihm hineinzuhelfen.

»Ins Bett, Sir? Ich fahr doch mit«, sagte Mr. Bailey.

Rasch sprang Jonas wieder aus dem Wagen heraus, packte Mr. Bailey am Kragen und schleppte ihn in den Hausflur zurück, wo Mr. Montague sich soeben eine Zigarre anzündete.

»Sie werden doch diesen Affen da nicht mitnehmen wollen, was?«

»Allerdings«, antwortete Mr. Montague.

Jonas rüttelte den Jungen noch tüchtig durch und schleuderte ihn dann beiseite. Es lag mehr von seinem wirklichen Ich in dieser Handlung als in allem, was er heute gezeigt und getan. Gleich darauf brach er in ein lautes Lachen aus, führte mit der Hand einen Stoß nach der Brust des Doktors, um das Manöver des »ärztlichen Freundes« nachzuahmen, verfügte sich dann wieder zum Wagen und nahm seinen Sitz ein. Mr. Montague folgte ihm auf dem Fuß, und Mr. Bailey kletterte hinten auf seinen Bedientensitz.

»Es wird heute eine böse Nacht geben«, rief der Doktor, als sie fortfuhren.

42. Kapitel


42. Kapitel

Wie Mr. Jonas‘ und seines Freundes Unternehmen ablief

Die Prophezeiung des Doktors in bezug auf die Nacht ging bald in Erfüllung. Wenn auch der Himmel nicht zu Joblings Patienten zählte und diesen auch keine dritte Person aufgefordert hatte, ein Gutachten über den Fall abzugeben, so lieferte er dennoch auch diesmal einen Beweis von der Richtigkeit seiner Diagnosen – wenn auch das bedrohliche Aussehen des Abends eine solche nicht besonders schwierig machte. Es war eine jener stillen schwülen Nächte, wo die Leute am Fenster sitzen, auf den Donner horchen und mit jedem Augenblick auf das Losbrechen des Gewitters warten – eine der Nächte, in denen man sich gern unheimliche Geschichten von Orkanen und Erdbeben, von einsamen Wanderern auf freier Ebene und von Schiffen auf der See, die vom Blitz getroffen werden, erzählt. Da und dort flammte bereits ein Blitz an dem schwarzen Horizonte auf, und der Wind heulte hohl in der Ferne, wie als Träger des Echos des Donners weit hinter den Wolken. Immer rascher zog sich das Unwetter zusammen, und die Stille wurde um so feierlicher, als die Luft voll Ahnung eines fernen Tosens schien.

Es war sehr dunkel, und an dem düstern Himmel zeigten sich Wolkenmassen von fahlem Licht, wie ungeheure Kupferklumpen, die nach dem Erhitzen im Ofen allmählich erkalten. Langsam und unaufhaltsam waren sie heraufgezogen und standen jetzt fast regungslos wie eine Mauer, und als der Vierspänner an den Straßenecken vorüberrasselte, kam er überall an Menschengruppen vorbei, die – meistens ohne Hut auf dem Kopf – aus ihren nahen Wohnungen herausgekommen waren, um sich die Wolkengebilde zu betrachten. Dann fingen einige große schwere Tropfen an zu fallen, und der Donner grollte in der Ferne.

Jonas saß in einer Ecke im Wagen und hielt die Flasche auf seinen Knien so fest in der Hand, als wolle er ihren Hals zerbrechen. Unwillkürlich in die dunkle Nacht hinausblickend, hatte er das Paket Karten auf den Polstersitz gelegt, als sein Begleiter aus einem unbestimmten Drange heraus die Lampe auslöschte. Die Vorderfenster waren herabgelassen, und so blieben die beiden stumm sitzen und sahen schweigend auf die unheimliche Landschaft hinaus.

Sie hatten London im Rücken – das heißt so gut wie im Rücken, da sie sich noch auf der ersten Station nach Westen zu befanden. Hin und wieder begegneten sie einem Fußgänger, der dem nächsten schützenden Dache zueilte, oder einem schwerfälligen Frachtwagen, der in starkem Trabe demselben Ziele zustrebte. Kleine Gruppen solcher Fuhrwerke umstanden die Ställe oder Fütterungsplätze jedes Gasthauses an der Straße, während die Kutscher an offenen Fenstern und Türen das Wetter beobachteten oder drinnen in den Wirtsstuben zechten. Überall legten die Menschen die Neigung an den Tag, sich zusammenzuschließen, so daß ganze Gruppen Gesichter vor fast jedem Hause den vorüberfahrenden Vierspänner mit neugierigen Blicken verfolgten.

Es klingt vielleicht sonderbar, daß dies Jonas störte, aber dennoch war es der Fall. Er brummte jedesmal dabei etwas vor sich hin und rückte unruhig auf seinem Sitze hin und her. Dann wieder zog er den Fenstervorhang herunter und lehnte sich mürrisch an die Seitenwand. Dabei blickte er jedoch weder seinen Reisegefährten an, noch unterbrach er durch ein Wort das Stillschweigen, das zwischen ihnen herrschte.

Der Donner rollte, die Blitze leuchteten, und der Regen strömte gleich einer Sintflut hernieder. Eine Sekunde lang von blendender Helle umgeben, dann wieder in pechfinstere Nacht getaucht, setzten sie noch immer ihre Reise fort. Als sie das Ende der Station erreichten, wollten sie nicht bleiben, sondern bestellten sofort neue Pferde. Es war nicht etwa deshalb, weil das Ungewitter fünf Minuten lang den Anschein hatte, als ob es vorübergehen wolle, sondern, sozusagen, aus innerem Zwange heraus. Obgleich sie keine zwölf Worte miteinander wechselten und ganz gut hätten irgendwo einkehren können, so schienen sie doch instinktiv zu fühlen, daß sie vorwärts mußten.

Lauter und lauter grollte der Donner, nachhallend, als rolle er durch Myriaden von Säulengängen irgendeines Riesentempels am Firmament, und ungestümer und blendender zuckten die Blitze, und immer schwerer prasselte der Regen hernieder. Die Pferde – sie reisten jetzt nur noch mit einem einzigen Paar – stutzten alle Augenblicke und bäumten sich vor den Bächlein zitternden Feuers, die sich auf der Erde in den Pfützen vor ihnen wie Schlangen fortzubewegen schienen, aber wortlos blieben die beiden sitzen, und fort ging’s, als würde der Wagen durch einen unsichtbaren Zauber fortgezogen.

Beim jedesmaligen Aufzucken der Blitze sahen sie in einer einzigen Sekunde eine Menge von Gegenständen, die sie am hellen Mittag nicht in fünfzigmal so langer Zeit auf einmal hätten überblicken können: die Glocken, wie sie in den Kirchtürmen hingen mit Seil und Rad, struppige Vogelnester in Ritzen und Spalten, bestürzte Gesichter in den leinwandbedachten Wagen, die sich vorüberschleppten und deren erschrockenes Gespann entsetzt Lärm schlug, was aber die Stimme des Donners sofort übertönte; – Egge und Pflug, stehengelassen auf den Feldern –, meilenweite Strecken von heckendurchzogenem Land, mit Baumreihen in weiter Ferne, die ebenso deutlich zu sehen waren wie die Vogelscheuche in dem Bohnenfeld dicht daneben, alles stand in zitterndem, blendendem, flüchtigem Nu deutlich und klar vor ihnen. Erst ging der gelbe Lichterglanz in ein feuriges Rot über, dann wieder wurde es blau, weiß, hell und grell, daß man gar nichts mehr sehen konnte als das blendende Licht, und dann war wieder alles in tiefste Finsternis gehüllt.

Ein Blitz in seiner zackigen, blendenden Gestalt schien einen Augenblick lang eine seltsame optische Täuschung vor Mr. Montagues Augen erzeugt zu haben. Gleich darauf war wieder alles vorüber. Er vermeinte eine Sekunde lang Jonas‘ aufgehobene Hand gesehen zu haben, die Flasche wie einen Hammer umkrallend, als wolle er sie auf seinen Kopf niedersausen lassen; zugleich bemerkte er – oder glaubte zu bemerken –, daß in Jonas‘ Gesicht ein Ausdruck voll so furchtbarer Aufregung, voll so grimmigen Hasses und blinder Furcht lag, daß er unwillkürlich einen Schrei ausstieß und dem Kutscher zurief zu halten.

Offenbar mußte er sich getäuscht haben, denn, obgleich er kein Auge von seinem Begleiter verwandt hatte, konnte er doch keine Bewegung an diesem wahrnehmen. Jonas Chuzzlewit saß in seiner Ecke zurückgelehnt wie zuvor.

»Was gibt’s?« fragte Jonas. »Schreien Sie immer so auf, wenn Sie erwachen?«

»Ich möchte darauf schwören«, brummte Mr. Tigg, »daß ich meine Augen die ganze Zeit über offen hatte.«

»Nun, wo Sie’s jetzt beschworen haben«, sagte Jonas kühl, »so glaube ich, wäre es vielleicht das beste, wir fahren wieder weiter; vorausgesetzt, daß das der einzige Grund ist, weshalb Sie haltgemacht haben.«

Damit entkorkte er die Flasche mit den Zähnen, setzte sie an den Mund und tat einen langen Zug.

»Ich wollte, wir hätten diese Reise nicht angetreten«, stöhnte Mr. Montague, sich instinktiv in seine Ecke drückend, und mit einer Stimme, die deutlich seine innere Aufregung verriet, »das ist keine Nacht zum Reisen.«

»Donnerwetter noch mal, da haben Sie recht«, krächzte Jonas, »und wir wären auch gar nicht hier, wenn Sie nicht darauf gedrungen hätten. Würden Sie mich nicht den ganzen Tag hingehalten haben, so könnten wir jetzt ganz behaglich in Salisbury in einem guten Hotelbett schlafen. Warum machen Sie denn schon wieder halt?«

Mr. Tigg hatte den Kopf einen Augenblick zum Fenster hinausgesteckt und sagte, als er ihn wieder hereinzog, der Grund sei, daß der Junge bis auf die Haut durchnäßt sein müsse.

»Geschieht ihm ganz recht«, brummte Jonas. »Freut mich nur. Was, zum Teufel, brauchen Sie da halten zu lassen? Wollen Sie ihn vielleicht zum Trocknen aufhängen?«

»Ich hätte eigentlich Lust, ihn herein in den Wagen zu nehmen«, bemerkte Mr. Montague zögernd.

»Na, dafür bedanke ich mich bestens«, sagte Jonas. »Weiter fehlte uns gerade nichts. Den durchnäßten Burschen auch noch hier zu haben! Lassen Sie ihn nur, wo er ist; er fürchtet sich nicht vor dem bißchen Donnern und Blitzen, dächte ich, wenn auch andere sich fürchten. Fahren Sie nur zu, Kutscher – oder möchten Sie vielleicht auch den hereinnehmen?« höhnte er. »Und die Pferde dazu?«

»Fahren Sie nicht wieder so toll drauflos wie vorhin«, ermahnte Mr. Montague den Kutscher, »und geben Sie ein bißchen acht. Sie waren verwünscht dicht am Graben, als ich Sie vorhin anrief.«

Davon war nicht ein Wort wahr, und Jonas sagte es auch brüsk heraus, als sie wieder weiterfuhren. Mr. Montague nahm jedoch wenig oder gar keine Notiz davon, sondern wiederholte bloß, es sei »keine Nacht zum Reisen«. Und sowohl jetzt wie auch später verriet er ununterbrochen eine große Ängstlichkeit.

Jonas hingegen hatte seine frühere gute Laune wiedergewonnen, wenn man diese Bezeichnung auf den Zustand anwenden kann, in dem er die Stadt verlassen hatte. Immer wieder führte er die Flasche zum Mund, sang einzelne Strophen aus Liedern, mißtönend und ohne auf die Melodie Rücksicht zu nehmen, und nötigte dadurch seinen stummen Freund, in seine Lustigkeit mit einzustimmen.

»Sie sind der beste Gesellschafter von der Welt, lieber Freund«, sagte Mr. Montague mit gepreßter Stimme, »und im allgemeinen unwiderstehlich. Aber diese Nacht – – haben Sie jetzt gehört?«

»Donnerwetter noch mal, natürlich höre ich’s und sehe es obendrein«, rief Jonas, vor dem Blitz, der in diesem Augenblick das ganze Firmament durchzuckte, sich die Augen beschattend. »Aber was weiter? Geht das Sie oder mich oder unsere Angelegenheiten an, was? Chorus! Chorus!

Soll es blitzen durch den Sturm,
Bis es treibt den roten Wurm
Aus dem Feld, draus Galgen ragen.
Toten hat der Blitz nichts an;
Retten kann sich nicht der Mann,
Dessen letzte Stund geschlagen.

Famoses altes Lied«, schloß er mit einem Fluch, als er, fast über sich selbst verwundert, in seinem Gesange innehielt. »Ich hab’s seit meiner Knabenzeit nicht mehr gehört. Weiß der Teufel, wie’s mir gerade jetzt in den Kopf kommt. Vielleicht hat mir’s der Blitz hineingejagt. ›Den Toten hat der Blitz nichts an‹, nein, nein, und ein Entrinnen gibt’s auch nicht, selbstverständlich nicht. Hahaha.«

Seine Fröhlichkeit hatte etwas so seltsam Schauerliches und paßte so unbeschreiblich gut zu dem Schrecken der Nacht, die sie roh verhöhnte, daß Mr. Montague, der ohnedies eine Memme von Haus aus war, vor ihm förmlich zurückbebte. Statt daß Jonas sein Werkzeug gewesen wäre, waren jetzt die Rollen vertauscht. Aber auch das ließe sich beruhigend erklären, dachte Mr. Montague. Das Bewußtsein der Erniedrigung mußte einen solchen Menschen antreiben, sich mit lärmender Ausgelassenheit zu betäuben, um seine wirkliche Lage zu vergessen. Für solche Dinge hatte Mr. Montague aus Erfahrung einen scharfen Blick, und er zögerte daher nicht, dieses Argument in seiner ganzen Gewichtigkeit anzuerkennen. Dennoch wollte ihn ein gewisses unheimliches Gefühl nicht verlassen, und er fühlte sich verzagt und unruhig.

Geschlafen hatte er nicht – das wußte er gewiß. Aber eine optische Täuschung war immerhin möglich, und, wenn er jetzt Jonas in einem von Blitzlicht erhellten Moment ansah, so war es ihm ein leichtes, sich seine Gestalt in jeder Haltung, die dem Zustand seines Geistes entsprach, vorzustellen. Andererseits war er sich klar darüber, daß Jonas natürlich keinen Grund haben konnte, ihn zu lieben, und selbst im Falle, daß er sich die Pantomime, die er gesehen zu haben glaubte, nicht als die Ausgeburt seiner Phantasie, sondern als wirklich stattgefundene Gebärde dachte, so mußte er immerhin sagen, daß sie tatsächlich im Einklang stand mit Mr. Chuzzlewits offenkundig diabolischer Stimmung und den Anschein von Wahrheit in sich trug.

»Wenn er mich mit seinem bloßen Wunsche töten könnte«, dachte Mr. Tigg, »würde ich wohl am längsten gelebt haben.«

Er nahm sich daher vor, Jonas die Kandare so fest wie möglich anzuziehen, wenn er ihn einmal gehörig ausgenutzt haben werde; vorläufig jedoch konnte er nichts Besseres tun, als ihn seinen eigenen Weg gehen zu lassen und seine seltsame Heiterkeit nicht zu stören; und es war kein besonders großes Opfer, ihn vorläufig gewähren zu lassen. »Wenn er mir die Kastanien aus dem Feuer geholt hat«, sagte sich Mr. Montague, »gehe ich sowieso übers große Wasser und habe die Lacher auf meiner Seite und den Gewinn in der Tasche obendrein.«

Mit derartigen Betrachtungen vertrieb er sich Stunde um Stunde, denn er befand sich in jenem gewissen Gemütszustand, wo dieselben Gedanken immer wieder von neuem ihren Kreislauf beginnen. Jonas hingegen, der alles Grübeln aufgegeben zu haben schien, vertrieb sich die Zeit wie bisher. Sie waren übereingekommen, nach Salisbury und am nächsten Morgen zu Mr. Pecksniff hinüberzufahren, und bei der Aussicht, seinen vortrefflichen Schwiegervater übers Ohr hauen zu können, wurde Jonas womöglich noch ausgelassener als früher.

Weiter rückte die Nacht vor, immer seltener dröhnte der Donner, nur mehr dumpf und traurig in der Ferne grollend. Auch die Blitze, wenn auch noch ziemlich hell und häufig, waren im Vergleich zu früher harmloser geworden; bloß der Regen strömte so heftig wie anfangs.

Zu ihrem Unglück hatten sie gegen Morgengrauen und auf der letzten Station ein Paar schlecht eingefahrene Pferde bekommen. Die Tiere waren bereits im Stall durch das Ungewitter nervös geworden und erwiesen sich jetzt, wo sie in das schaurige Zwielicht herausgeführt wurden und der Glanz der Blitze vom Tageslicht noch nicht gedämpft war und alle Gegenstände sich in undeutlichen und vergrößerten Formen zeigten, noch unlenkbarer. Es kam so weit, daß sie schließlich vor jedem Baum oder Balken am Wege scheuten, endlich wild einen steilen Hügel hinunterjagten, den Kutscher aus dem Sattel warfen, den Wagen an den Rand eines Grabens hinschleppten und ihn dann mit einem Krach umwarfen. Die Reisenden hatten sofort den Kutschenschlag aufgerissen und waren herausgestürzt oder herausgesprungen. Jonas war der erste, der wieder auf den Beinen stand. Halb ohnmächtig und schwindlig taumelte er gegen ein fünffach versiegeltes Tor, an dem er sich anlehnte. Die ganze Landschaft drehte sich vor seinen Augen im Kreise, aber nach und nach kehrte sein Bewußtsein wieder, und sogleich nahm er wahr, daß Mr. Montague ein paar Schritte von den Pferden entfernt bewußtlos auf der Straße lag.

Sofort eilte er, wie von einem Dämon beseelt, zu den Pferden, zerrte mit aller Macht an ihren Zügeln und drängte die wütend ausschlagenden Tiere mit ihren Hinterhufen immer näher und näher zu dem Kopf des bewußtlos Daliegenden hin.

Dabei kämpfte er mit den Pferden mit voller Besonnenheit und machte sie durch seine Zurufe immer wilder und wilder.

»Hö!« rief er. »He, hö! Nochmal, nochmal zurück. Hallo, ho«, und als der Kutscher, der sich inzwischen erhoben, herbeigeeilt kam und ihm zurief, innezuhalten, steigerte sich noch seine Heftigkeit.

»Hallo, ho«, rief er in einem fort.

»Um Gottes willen«, heulte der Kutscher, »der Herr dort – liegt im Weg – er wird zertreten!«

Dasselbe Geschrei und die gleichen Anstrengungen waren Jonas‘ einzige Antwort. Mit Gefahr seines eigenen Lebens stürzte der Kutscher herbei und rettete Mr. Montague gerade noch im letzten Augenblick, indem er ihn durch den Straßenschmutz aus dem Bereich der Pferdehufe zerrte. Sodann eilte er auf Jonas zu. Mit Hilfe seines Messers hatte er bald die Pferde von dem zerbrochenen Wagen losgeschnitten und sie, wenn auch verletzt und blutend, wieder zur Ordnung gebracht. Dann erst hatten er und Jonas Muße, sich gegenseitig anzublicken, was bisher noch nicht der Fall gewesen.

»Ja, ja, Geistesgegenwart, Geistesgegenwart«, schrie Jonas, seine Arme wild emporwerfend, »was würden Sie ohne mich wohl angefangen haben?«

»Ich weiß nur, daß der andere Herr ohne mich bös davongekommen wäre«, brummte der Mann kopfschüttelnd. »Sie hätten ihn zuerst aus dem Wege bringen sollen! Ich habe schon gedacht, er sei verloren.«

»Geistesgegenwart, Sie Schafskopf, Geistesgegenwart«, rief Jonas und lachte gellend wie ein Verrückter. »Glauben Sie, er ist verwundet?«

Dann wandten sie sich dem noch halb ohnmächtigen Mr. Montague zu. Jonas brummte etwas vor sich hin, als er ihn unter der Hecke aufrecht sitzen und wie geistesabwesend um sich blicken sah.

»Was gibt’s?« lallte Mr. Tigg. »Ist jemand verwundet?«

»Donnerwetter nochmal«, knurrte Jonas, »es scheint nicht. Gebrochene Beine scheint’s nicht zu geben.«

Mr. Tigg richtete sich mühsam auf und versuchte ein paar Schritte zu gehen. Er schwankte zwar hin und her und zitterte heftig, aber mit Ausnahme einiger Beulen und Schrammen hatte er weiter keinen Schaden genommen.

»Risse und Quetschungen«, murrte Jonas, »haben wir alle. Wenn’s weiter nichts ist.«

»Wenn sich’s auch jetzt nur um Beulen und Quetschungen handelt«, mischte sich der Kutscher ein, »so hätte ich doch vor ein paar Sekunden keinen Pfifferling für den Kopf des Gentlemans gegeben. Wenn Ihnen je wieder ein solcher Unfall zustößt, was hoffentlich nicht der Fall sein wird, Sir, so zerren Sie gefälligst nicht an den Zügeln eines daliegenden Pferdes, wenn jemand seinen Kopf in der Nähe hat. So etwas geschieht nicht zweimal, ohne daß es nicht ein Menschenleben kostet, und so sicher, wie Sie geboren sind, wäre es auch diesmal zu etwas Derartigem gekommen, wenn ich nicht noch rasch zugesprungen wäre.«

Jonas riet ihm mit einem Fluch, den Mund zu halten und sich nach einem gewissen unterirdischen Orte zu verfügen, der wahrscheinlich mit seinen Wünschen nicht im Einklang stehe. Mr. Montague, der gespannt zugehört und sich jedes Wort genau gemerkt hatte, gab jetzt dem Thema eine andere Richtung und fragte, wo Mr. Bailey sei.

»Donnerwetter nochmal, den Affen habe ich ja ganz vergessen«, rief Jonas, »was mag wohl aus dem geworden sein?«

Sie brauchten nicht lange zu suchen.

Der unglückliche Mr. Bailey war über die Hecke oder über das fünffach verriegelte Tor hinweggeschleudert worden und lag jetzt allem Anschein nach tot in dem Felde dahinter.

»Wußt ich’s doch, es ist eine unglückselige Fahrt. Ich wünschte, ich hätte diese Reise nie angetreten!« jammerte Mr. Montague. »Ich hatte gleich eine böse Ahnung. Da sehen Sie jetzt den Jungen.«

»Na und weiter?« brummte Jonas. »Wenn Sie das das Resultat einer bösen Ahnung nennen –«

»Na, wie soll ich es denn sonst nennen?« fragte Mr. Montague aufgeregt. »Was meinen Sie übrigens damit?«

»Ich meine«, erklärte Jonas, sich über den Körper des Knaben beugend, »daß ich nie gehört habe, Sie seien sein Vater oder hätten besondere Ursache, sich um ihn so zu kümmern. Hallo! Auf da, Bursche!« Aber bei Mr. Bailey war von Aufstehen oder Sichaufrichten keine Rede mehr. Außer einem matten Schlagen des Herzens war von Leben nichts mehr an ihm zu bemerken. Nach kurzer Beratung kamen sie daher überein, daß der Postillion das am wenigsten beschädigte Pferd besteigen und den Knaben, so gut er könne, in die Arme nehmen solle, während Mr. Montague und Jonas zusammen, den Koffer tragend und das andere Pferd am Zügel neben sich, nach Salisbury zumarschieren sollten.

»Sie können in ein paar Minuten dorten sein und uns Hilfe entgegenschicken«, rief Jonas. »Halten Sie Ihr Pferd nur flott im Trab.«

»Nein, nein«, flüsterte Mr. Montague hastig, »wir wollen doch lieber beisammenbleiben.«

»Gott, was Sie für ein Hasenfuß sind. Fürchten Sie vielleicht, beraubt zu werden – was?« höhnte Jonas.

»Ich fürchte mich vor nichts«, stotterte Mr. Montague, wobei jedoch sein Blick und ganzes Wesen direkt im Widerspruch mit seinen Worten standen. »Aber wir wollen beisammenbleiben.«

»Sie hatten doch noch vor einer Minute gewaltige Besorgnisse wegen des Jungen«, wendete Jonas ein. »Sie sehen doch, daß er jeden Augenblick sterben kann.«

»Ja, ja«, gab Mr. Montague zu, »ich weiß das. Aber wir wollen trotzdem zusammenbleiben.«

Es lag auf der Hand, daß er sich nicht von seinem Entschlusse abbringen zu lassen gedachte; Jonas schwieg daher, und so eilten sie zusammen, so rasch es ging, vorwärts. Sie hatten noch drei oder vier gute Meilen vor sich, und die Beschaffenheit des Weges und der Umstand, daß sie eine schwere Last zu tragen hatten, machte ihnen den Marsch nicht leichter, aber schließlich langten sie doch an einem Wirtshause an, klopften die Leute – es war noch sehr früh am Morgen – aus den Federn, schickten Boten ab, die nach dem Wagen sehen sollten, und weckten einen Wundarzt, damit er Bailey seine Hilfe angedeihen lasse. Der Mann tat sein Bestes, gab aber sein Gutachten dahin ab, daß der Knabe eine schwere Gehirnerschütterung erlitten habe und daß seine Erdenlaufbahn wohl für immer vorüber sei.

Wäre Mr. Montagues tiefe Teilnahme bei dieser Erklärung des Arztes wirklich uneigennützig gewesen, so hätte einen das mit seinem sonst nicht gerade schätzenswerten Charakter ein wenig aussöhnen können, allein es war nicht schwer zu sehen, daß er aus irgendeinem bestimmten anderen Grunde einen besonderen Wert auf die Gesellschaft und Nähe des jungen Menschen legte. Nachdem er sich selbst von dem Wundarzt hatte verbinden lassen, zog er sich, trotzdem es bereits hellichter Tag war, in ein Schlafzimmer zurück und brütete beständig vor sich hin, offenbar von der Affäre Bailey sehr in Unruhe versetzt.

»Lieber hätte ich tausend Pfund verloren als gerade jetzt diesen Jungen«, brummte er. »Ich muß nach Hause reisen, das steht fest. Chuzzlewit soll vorausfahren, und ich werde ihm später bei gelegener Zeit nachfolgen. So wie es jetzt ist, paßt’s mir nicht«, murmelte er, sich den Schweiß von der Stirne wischend. »Noch vierundzwanzig Stunden in dieser Gesellschaft, und ich habe graue Haare.«

Trotzdem es, wie bereits gesagt, hellichter Tag war, untersuchte er mit ungewöhnlicher Vorsicht das Zimmer, schaute unters Bett, in die Wandschränke, sogar hinter die Gardinen, und dann verriegelte er die Tür, durch die er eingetreten war, und begab sich zur Ruhe.

Es war aber noch eine zweite Türe da, die von außen geschlossen war, und wohin sie führte, das wußte er nicht.

Furcht oder böses Gewissen machten, daß ihn diese Türe noch bis in den Traum verfolgte. Es war ihm, als stehe ein schreckliches Geheimnis damit irgendwie in Verbindung, ein Geheimnis, das er kannte und doch wieder nicht kannte, trotzdem er dafür verantwortlich und dabei beteiligt war. Zu diesem Traum trat noch eine zweite Vision, die ihn die Türe als Versteck eines Feindes – eines Schemens –, eines Phantoms ansehen ließ und es ihm zur Lebensaufgabe machte, das schreckliche Geschöpf eingeschlossen zu halten und daran zu hindern, daß es über ihn herfalle. In dieser Absicht arbeiteten sich Nadgett, er und ein fremder Mann mit einem blutigen Fleck auf dem Kopf, der ihm sagte, er sei sein Spielgefährte gewesen, und ihm auch den wahren Namen seines bisher vergessenen Schulkameraden nannte, mit eisernen Riegeln und Nägeln ab, um die Türe fest zu verschließen. Aber wie eifrig sie sich auch bemühten, alles war vergeblich. Die Nägel zerbrachen oder wandelten sich zwischen ihren Fingern in weiche Holzstifte oder sogar in Würmer um. Das Holz der Türe splitterte, bröckelte, so daß kein Nagel halten wollte, und die eisernen Riegel rollten sich wie Papier zusammen. Dadurch gewann das Geschöpf auf der anderen Seite der Türe, von dem er weder wußte noch zu erfahren suchte, ob es die Gestalt eines Menschen oder eines wilden Tieres habe, immer mehr Oberhand über sie. Aber in den allergrößten Schrecken versetzte es ihn, als der Mann mit dem blutigen Fleck auf dem Kopf ihn fragte, ob er den Namen des fürchterlichen Geschöpfes kenne, sonst wolle er ihm ihn zuflüstern. Daraufhin fiel er im Traum auf die Knie, das Blut erstarrte ihm in den Adern vor unerklärlicher Angst, und er hielt sich die Ohren zu. Als er dabei die Lippen des Sprechenden ansah, bemerkte er, daß sie sich zu dem Aussprechen des Wortes formten, und er erwachte mit dem lauten Ausruf, das Geheimnis sei entdeckt und er selbst verloren.

Als er die Augen aufschlug, stand Jonas an seinem Bett, und die Türe war weit offen.

Als sich ihre Blicke begegneten, wich Jonas um ein paar Schritte zurück und Montague sprang auf.

»Donnerwetter nochmal«, rief Jonas, »Sie sind ja verdammt lebhaft heute morgen.«

»Lebhaft?« stammelte Mr. Tigg und riß von Furcht gepeitscht an der Klingelschnur. »Was wollen Sie hier?«

»Es ist das doch wohl Ihr Zimmer«, versetzte Jonas. »Sagen Sie mir nur, was wollen Sie denn eigentlich mit dem Läuten? Mein Zimmer liegt auf der anderen Seite dieser Türe, und niemand hat mir verboten, sie aufzumachen. Ich dachte, sie führe in den Flur, und kam heraus, um mir mein Frühstück zu bestellen. Es ist – es ist keine Klingel in meinem Zimmer.«

Inzwischen war der Hausknecht mit heißem Wasser und den geputzten Stiefeln eingetreten und bestätigte, als er diese Worte hörte, daß tatsächlich eine Klingel drüben vorhanden sei, und zwar, wie er ihnen sogleich zeigte, gerade zu Häupten des Bettes.

»Na, auch recht«, brummte Jonas, »ich habe sie eben nicht gesehen. Soll ich das Frühstück bestellen?«

Mr. Montague bejahte. Als Jonas pfeifend durch sein Zimmer hinausgegangen war, machte Mr. Tigg die Verbindungstüre auf, um den Schlüssel abzuziehen und sie von seiner Seite aus zuzuschließen. Aber der Schlüssel war bereits abgezogen!

In seiner Angst schleppte er daher einen Tisch herbei, stellte ihn gegen die Türe und setzte sich nieder, um die noch immer lastende Nachwirkung des beängstigenden Traumes abzuschütteln.

»Eine schlimme Reise!« murmelte er immer wieder und wieder vor sich hin. »Eine böse Reise. Ich will allein nach Haus zurückfahren; das halte ich nicht länger mehr aus.«

Die böse Vorahnung und das Gefühl, daß die Reise noch schlimme Folgen nach sich ziehen werde, schreckten ihn jedoch keineswegs ab, das Schurkenstück zur Ausführung zu bringen, um dessentwillen er und Jonas die Reise unternommen hatten.

Er kleidete sich deshalb noch sorgfältiger als gewöhnlich an, um auf Mr. Pecksniff einen günstigen Eindruck zu machen, und faßte, ermutigt durch sein vornehmes Aussehen im Spiegel, die Schönheit des Morgens und den schimmernden Glanz der nassen Zweige, die vor seinem Fenster im herrlichen Sonnenschein rauschten, wieder so weit guten Mut, daß er ein paar Flüche ausstoßen und den Refrain eines fröhlichen Liedchens summen konnte. Nur von Zeit zu Zeit murmelte er noch beklommen vor sich hin:

»Aber nach Hause fahre ich doch allein!«

43. Kapitel


43. Kapitel

Betrifft das Glück mehrerer Personen. Mr. Pecksniff zeigt sich in der Fülle seiner Macht und handhabt sie mit ebensoviel Ritterlichkeit wie Großmut

An dem Abend des Unwetters saß Mrs. Lupin, die Wirtin zum Blauen Drachen, allein in ihrem Schenkstübchen. Ihre einsame Lage oder das schlechte Wetter, vielleicht auch beides zusammen, stimmte sie gedankenvoll, um nicht zu sagen, wehmütig. Das Kinn auf die Hand gestützt, blickte sie durch ein niedriges Hinterfenster hinaus, das selbst am hellen Mittag, durch schattiges Weinlaub verdunkelt, kein Licht hereinließ, schüttelte von Zeit zu Zeit den Kopf und jammerte: »O mein Gott! Mein Gott! Mein Gott!«

Sogar in dem sonst so gemütlichen Drachenschenkstübchen war es jetzt höchst melancholisch. Die reichen Korn- und Weizenfelder, die grünen wellenförmigen Wiesen mit ihren glitzernden Bächen, ihren vielen Heckenreihen und dem schönen Baumbestand, alles war schwarz und düster. Von den kleinen Fensterscheiben des Rückgebäudes an bis zum fernen Horizont, wo der Donner längs der Berge hinzurollen schien. Schwer schlug der Regen die zarten Zweige des Jasmins und Weinstockes nieder, sie in seiner Wut zerstampfend, und wenn der Blitz flammte, konnte man die betränten Blätter sich schaudernd gegen das Fenster drücken sehen, als flehten sie um Schutz vor dem nächtlichen Ungewitter.

Zum Zeichen ihres hohen Respektes vor dem Blitz hatte Mrs. Lupin die brennende Kerze auf den Kamin gestellt. Ihr Strickkörbchen stand unbeachtet neben ihr auf dem Seitentischchen, ihr Abendessen auf einem runden Tisch nicht weit davon war noch gänzlich unberührt, und die Messer hatte sie aus Furcht, sie könnten den Blitz anziehen, versteckt. So hatte sie bereits geraume Zeit dagesessen, das Kinn in die Hand gestützt und zuweilen die Worte ausstoßend: O mein Gott! Mein Gott! Mein Gott!

Sie war soeben im Begriff, diesen Stoßseufzer noch einmal zu wiederholen, als die Haustüre, die des Regens wegen geschlossen worden, sich geräuschvoll in ihren Angeln drehte und einen Reisenden hereinließ, der gleich darauf auf die Halbtüre des Schenktürchens zukam und mürrisch ausrief:

»Eine halbe Maß vom besten alten Bier, das Sie haben!«

Der Mann hatte allerdings Ursache, mürrisch zu sein, denn selbst wenn er den ganzen Tag über unter einem Wasserfall zugebracht haben würde, hätte er unmöglich durchnäßter sein können. Bis an die Augen in einen groben blauen Matrosenmantel eingehüllt, trug er einen Hut aus Wachstaffet, von dessen breitem Rand ihm die Regentropfen auf Brust, Rücken und Schulter niederträufelten. Er hatte den Hut tief ins Gesicht gezogen und zum Schutz gegen das Unwetter den Kragen aufgeschlagen, so daß man nur sein Kinn sehen konnte, und selbst das bedeckte er, als die Wirtin ihn ansah, mit dem nassen Ärmel seines zottigen Mantels. Dennoch erriet sie nach dem ganzen Eindruck, den sie von ihm empfing, sofort einen gutmütigen Menschen in ihm.

»Eine schlimme Nacht heute«, sagte sie freundlich.

Der Fremde schüttelte sich wie ein Neufundländer und brummte, es sei allerdings etwas böses Wetter.

»Es ist Feuer in der Küche«, sagte Mrs. Lupin, »und auch eine recht fröhliche Gesellschaft dort. Was meinen Sie, wenn Sie sich dort trocknen wollten?«

»Nein, ich danke«, lehnte der Fremde ab und warf einen Blick nach der Richtung, wo die Küche lag, und offenbar schien er zu wissen, wie das Haus gebaut war.

»Sie können sich noch den Tod holen bei so einem Wetter«, bemerkte die Wirtin.

»Ach was, ich komm nicht so leicht um«, erwiderte der Fremde, »sonst wäre ich schon lang verdorben und gestorben. Prosit, Frau Wirtin!«

Mrs. Lupin dankte, aber schon im Begriff, die Kanne an den Mund zu setzen, besann sich der Mann eines Besseren und stellte sie wieder hin. Dann lehnte er sich zurück und sah sich unbeholfen um, wie es eben nur einem Menschen möglich ist, der, wie er, so stark eingemummt war und den Hut so tief ins Gesicht gedrückt hatte.

»Wie heißt dieses Wirtshaus?« fragte er. »Heißt es nicht der ›Drachen‹?«

»Jawohl, es ist der ›Drachen‹«, antwortete Mrs. Lupin freundlich.

»So! Dann haben Sie ja eine Art Verwandten von mir im Hause. Einen jungen Menschen namens Tapley. Na also, Mark, mein Junge! Habe ich dich endlich erwischt!«

Diese Worte berührten eine zarte Saite in Mrs. Lupins Herzen, sie drehte sich um, putzte die Kerze auf dem Kamin und sagte, mit dem Rücken gegen den Fremden gewendet:

»Niemand wäre mir im ›Drachen‹ wohl willkommener, Sir, als jemand, der mir eine Nachricht von Mark bringen könnte. Es sind jetzt schon viele Monate her, seit er dieses Haus und England verlassen hat. Ob er noch lebt oder tot ist, der arme Junge, das weiß nur Gott im Himmel.«

Sie schüttelte den Kopf, und ihre Stimme zitterte. Mit ihrer Hand mußte wohl das gleiche der Fall gewesen sein, wenigstens brauchte sie auffallend lange, bis die Kerze geschneuzt war.

»Wohin ist er denn gegangen, Madame?« fragte der Reisende ein wenig besänftigt.

»Nach Amerika«, entgegnete Mrs. Lupin mit zunehmender Betrübnis. »Er hat so ein gutes braves Herz gehabt, und wer weiß, ob er nicht jetzt vielleicht im Gefängnis schmachtet, zum Tode verurteilt, weil er möglicherweise mit irgendeinem armen Nigger Mitleid gehabt und ihm zur Flucht verholfen hat. Nein, wie konnte der Mensch nur nach Amerika gehen! Warum ist er nicht in eines von den Ländern gegangen, die doch nicht ganz so barbarisch sind und wo die Wilden einander ehrlich auffressen und jeder die gleiche Chance hat!«

Ganz überwältigt von ihrem Schmerz, schluchzte Mrs. Lupin laut auf und war eben im Begriff, sich abseits in einen Lehnstuhl zu setzen, um ihrem Kummer freien Lauf zu lassen, als der Fremde plötzlich auf sie zusprang und sie umarmte.

Im Augenblick erkannte sie ihn und stieß einen Freudenschrei aus.

»Ja, ich bin’s!« rief Mark Tapley. »Noch einen Kuß! Noch einen! Noch zwanzig! Daß Sie mich nicht in diesem Hut und Mantel erkannt haben!? Ich habe gedacht, Sie würden mich sofort in jeder Verkleidung erkennen – noch zehn!«

»Aber natürlich hätte ich Sie erkannt, wenn ich nur ein bißchen von Ihnen hätte sehen können, aber das war unmöglich, und Sie haben so unfreundlich gesprochen! Ich hätte wirklich nicht geglaubt, daß Sie mit mir so unfreundlich sprechen könnten, Mark! Und noch dazu beim ersten Wiedersehen!«

»Noch ein Dutzend!« rief Mr. Tapley. »Nein, wie jung und hübsch Sie aussehen! Noch ein halbes Dutzend! – Das letzte halbe Dutzend war nicht gut gezählt und muß wiederholt werden. Gott im Himmel, was das für eine Lust ist, Sie anzuschauen – noch ein paar, weil man ja hier sowieso mit Fidelität keine Ehre einlegen kann.«

Wenn Mr. Tapley in seiner einfachen Additionsrechnung innehielt, so geschah es nicht, weil er sich satt, sondern weil er sich atemlos geküßt hatte. Die Zwischenpause erinnerte ihn jetzt an andere Pflichten.

»Mr. Martin Chuzzlewit ist draußen«, sagte er, »ich habe ihn unter dem Wagenschuppen warten lassen, um erst mal nachzusehen, ob jemand da ist; wir möchten nämlich nicht, daß man uns heute abend hier sieht, bevor wir nicht von Ihnen erfahren haben, wie die Sachen stehen und was wir wohl am besten tun sollen.«

»Es ist keine Seele im ganzen Hause außer den Gästen in der Küche«, versicherte die Wirtin. »Allerdings, wenn die wüßten, daß Sie zurück sind, Mark, so würden sie ein Freudenfeuer auf der Straße anzünden, so spät es auch ist.«

»Sie dürfen’s um Gottes willen nicht erfahren, liebste Mrs. Lupin«, rief Mark. »Lassen Sie das Haus schließen und ein ordentliches Feuer anmachen, und wenn alles fertig ist, stellen Sie ein Licht ins Fenster zum Zeichen, daß wir kommen können. So, und noch einen! Ach, wie sehne ich mich, von den alten Freunden zu hören! Sie werden mir alles genau erzählen, nicht wahr? Von Mr. Pinch, von dem Fleischerhund, von dem Dackel gegenüber, von dem Wagnermeister, kurz von allem und jedem. Als ich heute abend die Kirche zum erstenmal wieder zu Gesicht bekam, glaubte ich, der Turm falle mir um den Hals; – meiner Seel. Noch einen, nicht? Aber einen ordentlichen.«

»Sie haben sich aber jetzt schon mehr als nötig ist genommen«, lachte Mrs. Lupin. »Ach, gehen Sie mir mit Ihren ausländischen Manieren.«

»Gott behüte, das ist doch nicht ausländisch«, protestierte Mark. »Nein, einheimisch wie die Austern. Noch einen, weil’s so einheimisch ist – und als Zeichen der Achtung vor England. Und das kommt weiter nicht auf die Rechnung, denn ich küsse nicht Sie, sondern als Patriot mein Vaterland.«

Es wäre sehr unbillig, den patriotischen Demonstrationen, die Mark Tapley dieser Erklärung folgen ließ, Lauheit oder Temperamentlosigkeit nachzusagen. Nachdem er seinem Nationalgefühl Luft gemacht, eilte er fort, um Martin zu holen, während Mrs. Lupin in größter Aufregung alles zu ihrem Empfang vorbereitete.

Bald darauf kamen die Gäste herausgestolpert und beteuerten, die Uhr im Drachen müsse mindestens um eine halbe Stunde vorausgehen, und wahrscheinlich habe der Donner die Wirtin von Sinnen gebracht. So ungeduldig, durchnäßt und müde Mark und Martin auch waren, so empfanden sie doch eine maßlose Freude, als sie auf dem Wege zum Wirtshaus alle die wohlbekannten Gesichter an sich vorbeigehen sahen, und blickten ihnen entzückt nach, wie sie aus dem Hause kamen und dicht an ihnen vorübermarschierten.

»Das ist der alte Schneider, Mark«, flüsterte Martin.

»Ja, da geht er, meiner Seel. Ein alter Ziegenbock, wie’s bald nicht wieder einen gibt, Sir. Seine Gestalt hat sich noch ein wenig vervollkommnet; mir scheint, man könnte ihm jetzt, wenn er so daherkommt, bequem einen Schubkarren zwischen den Beinen durchrollen. Und da kommt jetzt Sam heraus, Sir.«

»Ja, ja, ich sehe«, sagte Martin. »Sam, der Stallknecht. Ich möchte ganz gern wissen, ob Pecksniffs Gaul noch am Leben ist.«

»Daran ist doch kein Zweifel«, versetzte Mark. »Das ist überhaupt ein merkwürdiges Tier, Sir. Wird sich noch eine endlose Reihe von Jahren halten und zuletzt noch in der Zeitung stehen unter der Überschrift: ›Seltenes Beispiel von Lebenszähigkeit bei einem Vierfüßler.‹ Der Gaul war doch sein Lebtag eigentlich nicht lebendig. – Sehen Sie mal, da kommt der Küster, Sir, beschwipst wie gewöhnlich.«

»Ja, ich sehe«, sagte Martin lachend. »Aber Donnerwetter, wie naß Sie sind, Mark.«

»Bin ich’s? Und wie glauben Sie wohl, steht’s mit Ihnen, Sir?«

»Ach, bei mir ist’s nicht halb so schlimm«, sagte Martin beinahe ärgerlich. »Ich habe Ihnen doch gleich gesagt, Sie sollten sich nicht immer an der Wetterseite halten, Mark, sondern bisweilen mit mir abwechseln. Von Anbeginn des Marsches an haben Sie mir sozusagen den Regen abgefangen.«

»Sie glauben gar nicht, was es mir für Freude macht, Sir«, fing Mark nach einer kleinen Pause an, »– wenn ich so frei sein darf, geradeheraus zu sprechen, was es mir für eine Freude macht, Sie so ungemein rücksichtsvoll und gütig reden zu hören; das heißt, ich meine nicht, daß es mir gegenüber irgendwie angebracht wäre, aber ich habe es an Ihnen bemerkt, seit der Zeit, wo mich das Fieber in Eden beinahe unter die Erde gebracht hat.«

»Ach, Mark«, seufzte Martin, »je weniger wir davon reden, desto besser ist es wohl. – Sagen Sie übrigens, sehen Sie nicht ein Licht dort?«

»Ja, das ist das Licht«, rief Mark. »Gott segne sie, wie rasch sie das alles wieder zuwege gebracht hat. Also jetzt hinein, Sir! Guten Wein, gute Betten und famose Verpflegung für Mensch und Tier.«

Das Kaminfeuer in der Küche brannte hell und rot, der Tisch war gedeckt, der Kessel brodelte. Pantoffel und Stiefelzieher lagen bereit, Schnitten einer Hammelkeule schmorten auf dem Bratrost, und ein halbes Dutzend Eier zischten in der Pfanne. Eine dickhalsige Kirschgeistflasche winkte neben einem schäumenden Bierkrug auf dem Tisch, und prächtige Schinken baumelten von den Balken herab, so daß man nur den Mund hätte zu öffnen brauchen, um sich irgendeine besondere Delikatesse zu Gemüte zu führen. Aus Rücksicht für ihre Gäste hatte Mrs. Lupin sogar die Köchin, die Hohepriesterin des Tempels, zu Bette geschickt und bereitete das Mahl mit eigenen Händen.

Sie war unwiderstehlich; sogar ein Steinbild hätte ihr um den Hals fallen müssen. Martin umarmte sie auf der Stelle.

Mr. Tapley folgte seinem Beispiel, als sei ihm diese überraschende Idee nie zuvor eingefallen, mit soviel Würde wie ein neugebackener Bürgermeister.

»Meiner Seel, ich hätte mir nie gedacht«, sagte Mrs. Lupin errötend und rückte herzlich lachend ihre Haube zurecht, »sooft ich auch immer gesagt habe, Mr. Pecksniffs junge Gentlemen seien das Leben und die Seele des ›Drachen‹ selbst und ohne sie sei das Leben überhaupt langweilig – aber wahrhaftig, ich hätte nie gedacht, daß einer von ihnen sich je solche Freiheiten herausnehmen würde, wie Sie, Mr. Martin – noch weniger aber, daß ich nicht einmal böse darüber sein könnte, sondern mich von ganzem Herzen freuen würde, die erste zu sein, die Sie nach Ihrer Heimkehr von Amerika bewillkommt und noch dazu Mark Tapley, Ihren – – –«

»Meinen Freund, Mrs. Lupin!« fiel ihr Martin hastig ins Wort.

»Ihren Freund«, wiederholte die Wirtin, sichtlich erfreut über diese Auszeichnung, dabei aber Mr. Tapley mit aufgehobener Gabel ermahnend, sich in respektvoller Entfernung zu halten. »Wirklich, ich hätte mir das nie träumen lassen – noch weniger aber, daß ich je Gelegenheit haben würde, von Veränderungen zu berichten, wenn das Nachtessen vorüber ist, wie Sie sie wohl kaum glauben werden.«

»Gott im Himmel«, rief Martin und verfärbte sich. »Was für Veränderungen?«

»Ach, sie ist ganz wohl und wohnt jetzt bei Mr. Pecksniff. Um ihretwillen brauchen Sie keine Unruhe zu haben. Sie ist ganz so, wie Sie sich nur wünschen können. – Wozu ein Geheimnis daraus machen, was?« sagte Mrs. Lupin. »Wie Sie sehen, weiß ich doch alles.«

»Meine liebe gute Frau«, rief Martin, »Sie sind wahrhaftig ganz die Person, die darum wissen darf. Ich freue mich von Herzen, daß Sie in das Geheimnis eingeweiht sind. Aber was für Veränderungen meinen Sie? Ist vielleicht ein Todesfall eingetreten?«

»Nein, nein«, versicherte die Wirtin. »So schlimm ist’s nicht. Aber ich erkläre Ihnen, ich werde kein Wort weiter sprechen, bevor Sie nicht Ihr Nachtessen zu sich genommen haben. Nein, ich gebe nicht einmal eine Antwort mehr, und wenn Sie fünfzig Fragen an mich stellten.«

Sie sprach mit solcher Entschiedenheit, daß offenbar nichts anderes übrigblieb, als das Nachtessen so bald wie möglich zu beseitigen, und dazu brauchten sich die beiden jungen Männer keinen besonders großen Zwang anzutun, da sie viele Meilen weit gewandert waren und seit Mittag nichts genossen hatten.

Trotzdem dauerte es länger, als sie anfangs erwartet hatten, denn sie glaubten wohl sechsmal bereits zu Ende gekommen zu sein, aber jedesmal bewies Mrs. Lupin triumphierend die Irrigkeit einer derartigen Annahme. Schließlich aber, wie es eben im Lauf der Zeit und der Natur liegt, war das Abendessen doch vorüber. Die beiden streckten die bepantoffelten Füße gegen die Stangen am Küchenherd, was außerordentlich behaglich war, da es inzwischen rauh und kalt geworden, und schickten sich in aller Behaglichkeit an, auf die Neuigkeiten zu hören, zu deren Erzählung Mrs. Lupin denn auch, neckische Grübchen im Kinn und das Gesicht vom Lichte des Feuers, das sich auch in ihren Augen und auf ihrem rabenschwarzen Haar widerspiegelte, bestrahlt, sogleich anschickte.

Mit den Ausrufen größter Überraschung wurde von ihren Zuhörern nicht nur die Geschichte von der Trennung zwischen Mr. Pecksniff und seinen Töchtern, sondern auch ganz besonders die zwischen Mr. Pinch und ihm aufgenommen. Doch das war noch nichts, verglichen mit dem Ausbruch von Entrüstung von seiten Martins, als er erfuhr, es sei allgemein bekannt, daß Mr. Pecksniff vollkommen Gewalt über den Willen des alten Mr. Chuzzlewit gewonnen habe und Mary eine besonders hohe Ehre zudenke. Kaum hatte er diese Kunde vernommen, da schleuderte er sofort seine Pantoffeln von sich und begann seine nassen Stiefel wieder anzuziehen – natürlich in der Absicht, sofort irgendwohin zu gehen und irgend jemandem etwas anzutun –, ein Beginnen, das bekanntlich als erstes Sicherheitsventil eines hitzigen Temperaments funktioniert.

»Er?!« rief Martin. »Dieser glattzüngige Schurke! Er soll sich unterstehen! Geben Sie mir mal den anderen Stiefel her, Mark.«

»Wohin wollen Sie denn eigentlich, Sir?« fragte Mr. Tapley, die Sohle des Stiefels am Feuer trocknend und sie so kaltblütig betrachtend, als wäre sie ein Stückchen Toastschnitte.

»Wohin?« wiederholte Martin. »Sie werden doch nicht annehmen, daß ich hierbleiben werde?«

Mark Tapley, in seiner unverwüstlichen Seelenruhe, gab zu, daß er allerdings dieses Glaubens sei.

»Wirklich?« versetzte Martin wütend. »Da bin ich Ihnen aber recht sehr verbunden für Ihre gute Meinung. Wofür halten Sie mich eigentlich?«

»Ich halte Sie für das, was Sie in Wirklichkeit sind, Sir«, sagte Mark gelassen, »und ich bin daher vollkommen durchdrungen, daß alles, was Sie tun, recht und verständig sein wird. Hier haben Sie den Stiefel, Sir.« – Martin warf ihm einen ungeduldigen Blick zu, nahm aber den Stiefel nicht, sondern ging rasch mit einem bestiefelten und einem bestrumpften Fuß ein paarmal in der Küche auf und ab. Seines Vorsatzes aus Eden her gedenk, hatte er schon so manchen Sieg über sich selbst gewonnen, wenn Mark dabei im Spiele war, und er nahm sich auch jetzt vor, wieder zu siegen. Er ergriff daher den Stiefelknecht, stützte sich mit einer Hand auf Marks Schulter, zog den Stiefel wieder aus, die Pantoffeln wieder an und setzte sich. Nur die Hände tief in die Taschen zu stecken und dabei zu murmeln, konnte er sich nicht verwehren: »Nein, dieser Pecksniff, dieser Schuft, meiner Seel – was man da noch alles zu hören bekommen wird« usw.

Auch konnte er sich’s nicht versagen, mit drohender Miene die Faust gegen den Kamin zu schütteln, aber der Anfall ging bald vorüber, und schließlich ließ er Mrs. Lupin, wenn auch nicht gefaßt, so doch jedenfalls ohne sie zu unterbrechen, weiter berichten.

»Was endlich Mr. Pecksniff selbst betrifft«, schloß die Wirtin ihre Erzählung, strich sich mit beiden Händen über ihr Kleid und nickte mehrmals mit dem Kopf dazu, »so weiß ich wirklich nicht, was ich sagen soll. Jemand muß seine Seele vergiftet oder auf sonst irgendeine unerhörte Weise ihn verhext haben. Ich kann’s mir gar nicht erklären, daß ein Herr, der immer so edel spricht, aus freien Stücken hergeht und schweres Unrecht begeht. Sehen Sie mal zum Beispiel Mr. Pinch. Wenn es je einen lieben, guten, ehrenhaften Menschen auf der Welt gegeben hat, so war das Mr. Pinch. Aber was wissen wir; vielleicht war der alte Mr. Chuzzlewit schuld an dem Streit zwischen ihm und Mr. Pecksniff. Genaues können eben nur die Beteiligten wissen. Mr. Pinch ist bei aller Sanftmut seines Herzens so stolz, daß man ihn gar nicht fragen darf. Und als er fortging und höchst betrübt aussah über sein Scheiden, suchte er nicht einmal mir gegenüber sich als unschuldig bei der Geschichte hinzustellen.«

»Der arme alte Tom«, klagte Martin mit einem Seufzer, der fast wie Reue klang.

»Es ist nur ein Trost«, fing die Wirtin wieder an, »daß er jetzt seine Schwester bei sich hat und es ihm gutgeht. Erst gestern schickte er mir per Post eine –« sie wurde plötzlich rot bis über die Ohren – »eine Kleinigkeit zurück, die ich so frei war, ihm beim Abschied als Darlehen heimlich in die Tasche zu stecken. Er schrieb dabei unter vielen Danksagungen, er habe jetzt eine gute Anstellung und brauche das Geld nicht. Es war noch dieselbe Banknote; er hatte sie nicht einmal gewechselt. Ich hätte nie geglaubt, daß es einem so wenig Freude machen kann, eine Banknote in seine Tasche zurückkehren zu sehen, wie es diesmal bei mir der Fall war.«

»Wacker gesprochen, brav!« rief Martin. »Nicht wahr, Mark?«

»Sie kann überhaupt kein Wort sagen, das nicht diese Eigenschaft besäße«, stimmte Mr. Tapley eifrig bei. »Das gehört ebensogut zum ›Drachen‹ wie die Schankgerechtigkeit. Und jetzt, wo wir wieder einen kühlen Kopf haben, sagen Sie, was gedenken Sie also jetzt zu tun, Sir? Wenn Sie nicht zu stolz sind und sich entschließen könnten, das auszuführen, was Sie mir auf dem Weg hierher gesagt haben, so wäre es wohl das gescheiteste. Wenn Sie Ihrem Großvater gegenüber unrecht gehabt haben, und das – mit Verlaub zu sagen – scheint mir allerdings der Fall zu sein, dann, Sir, fassen Sie sich ein Herz und gehen Sie zu ihm und sprechen Sie frei von der Leber weg. Spreizen Sie sich nicht lange, er ist ein gutes Teil älter als Sie, und wenn er ein bißchen hitzig war, so waren Sie’s schließlich auch. Geben Sie nach, Sir, geben Sie nach!«

Mr. Tapleys Beredsamkeit verfehlte nicht ihre Wirkung auf Martin, obgleich dieser immer noch zögerte und allerlei Gründe aufs Tapet brachte.

»Das ist ja alles recht gut und schön«, meinte er, »und es handelt sich auch gar nicht darum, sich vor ihm zu demütigen. In diesem Falle würde ich mich keinen Augenblick besinnen, aber Sie müssen einsehen, daß ich, wo er jetzt ganz unter der Gewalt dieses Heuchlers steht, wie ich höre, und gar keinen eigenen Willen mehr hat, nicht ihm, sondern Pecksniff das Opfer bringe. Wenn ich dann mit Verachtung zurückgewiesen werde«, fuhr Martin, schon bei dem Gedanken blutrot werdend, fort, »so geht das nicht von ihm aus – das Blut steigt mir zu Kopf, wenn ich nur daran denke –, sondern von Pecksniff – von Pecksniff, Mark!«

»Gut, aber wir wissen ja im voraus«, hielt ihm Mr. Tapley politisch entgegen, »daß Pecksniff ein Vagabund, ein Schurke und ein Heuchler ist.«

»Ein ganz heilloser Schurke«, bekräftigte Martin.

»Der heilloseste Schurke unter der Sonne! Wir wissen dies ganz genau, Sir. Was ist das also weiter für eine Schande, wenn Pecksniff einem etwas tut oder nicht. Hole der Teufel den Kerl überhaupt«, rief Mr. Tapley im Überschwang seiner Beredsamkeit. »Wer ist er eigentlich? Nehmen wir mal wirklich den Fall, er erlaubte sich irgendeine Frechheit. Gut, so sagen wir ihm unsere Meinung auf gut englisch. – Pecksniff!!« wiederholte er mit unaussprechlicher Verachtung, »was ist Pecksniff, wer ist Pecksniff, wo ist Pecksniff, daß man seinetwegen soviel Rücksichten zu nehmen brauchte? Wir denken doch nicht bloß an uns« – er legte einen besonderen Nachdruck auf das letzte Wort und sah dabei Martin fest in die Augen – »wir tun es doch auch für das liebe gnädige Fräulein, das auch ihr Teil Leiden getragen hat. Und wenn wir noch so wenig Aussicht haben, der Pecksniff da sollte uns nicht im Wege stehen, dächte ich. Ich habe mein Lebtag noch von keinem Parlamentsakt gehört, zu dem man diesen Kerl zu Rate gezogen hätte. – Pecksniff! Lächerlich! Nicht einmal anschauen möchte ich den Halunken – ihn nicht einmal anhören. Ich würde es mir aus dem Gedächtnis reißen, daß er überhaupt auf der Welt ist. Ich kratzte meine Schuhe vor seiner Tür ab und ginge meinetwegen in sein Haus hinein, aber weiter würde ich mich zu nichts herablassen.« Mrs. Lupins Erstaunen über diesen plötzlich so leidenschaftlichen Erguß Marks war nicht gering. Auch Martin blickte eine Weile gedankenvoll in das Feuer und sagte dann:

»Sie haben vollständig recht, Mark. Soll es nun gut oder böse ausfallen – es muß geschehen; ich werde es tun.«

»Nur noch ein Wort, Sir«, fiel ihm Mark in die Rede. »Nehmen Sie bloß insoweit an, daß er überhaupt auf der Welt ist, als daß Sie ihm keine Handhabe gegen sich geben. Unternehmen Sie keinen geheimen Schritt, den er berichten könnte, bevor Sie hingehen. Sie dürfen morgen früh nicht einmal Miss Mary vorher sehen wollen. Überlassen Sie das Arrangement diesbezüglich unserer braven Freundin hier« – Mr. Tapley blinzelte der Wirtin zu – »lassen Sie sie vorbereiten und einen schönen Gruß von Ihnen bestellen. Mrs. Lupin weiß schon, wie sie’s gut zu machen hat.«

– Die Wirtin lachte und nickte. –

»Und dann gehen Sie frank und frei hin, wie sich’s für einen Gentleman geziemt. Ich habe nichts heimlich unternehmen wollen, sagen Sie; ich bin vorher nicht ums Haus geschlichen, sondern direkt hineingegangen. Verzeihen Sie mir, ich bitte Sie um Verzeihung, und Gott segne Sie.«

Martin lächelte zwar, fühlte aber doch, daß der Rat gut war, und beschloß, danach zu handeln. Nachdem sie sodann noch von Mrs. Lupin erfahren hatten, daß Pecksniff bereits von der großen Zeremonie der Grundsteinlegung zurückgekehrt sei, bei der er soviel Ehre eingelegt, besprachen sie noch weiter, wie die Sache eingeleitet werden sollte, und gingen hierauf in gespannter Erwartung der Dinge, die sich am nächsten Tage abspielen sollten, zu Bett.

Wie verabredet, begab sich am Morgen gleich nach dem Frühstück Mr. Tapley nach Mr. Pecksniffs Wohnung, um einen Brief von Martin zu bestellen, in dem dieser seinen Großvater bat, ihn für ein paar Minuten besuchen zu dürfen. Mit einem Gesicht, so unbeweglich, daß nicht einmal der geübteste Physiognom hätte entziffern können, an was er denke oder ob er überhaupt an etwas denke, klopfte er ein paar Minuten später unverfroren an Mr. Pecksniffs Tür an.

Einem Menschen von seiner Beobachtungsgabe konnte es nicht lange verborgen bleiben, daß gleich darauf Mr. Pecksniff an einer Scheibe des Besuchszimmers seine Nasenspitze breitdrückte, um aus einer Ecke heraus zu entdecken, wer an die Tür geklopft habe. Er beschloß daher sofort, dieses Manöver des Feindes zu vereiteln, indem er sich auf die oberste Stufe stellte und nur die Krempe seines Hutes hervorgucken ließ. Immerhin war es möglich, daß ihn Mr. Pecksniff bereits gesehen hatte, wenigstens hörte er bald darauf Schritte und erkannte aus dem Knarren der Stiefel, daß der Gentleman sich näherte, um mit höchsteigenen Händen die Tür zu öffnen.

Mr. Pecksniff war so wohlgelaunt wie nur je und trällerte ein Liedchen im Flur.

»Wie geht’s Ihnen, Sir«, überraschte ihn Mark mit einer Frage, als die Tür aufging.

»Oh!« rief Mr. Pecksniff, »Mr. Tapley, nicht wahr? Was sehe ich. Der verlorene Sohn zurückgekehrt? Nein, nein, wir brauchen jetzt kein Bier, lieber Freund.«

»Besten Dank, Sir«, sagte Mark, »aber ich könnte auch nicht damit dienen, wenn Sie welches brauchten. Ich habe nur einen Brief abzugeben, Sir, und warte auf Antwort.«

»An mich?« rief Mr. Pecksniff. »Warten auf Antwort? So?«

»Ich glaube nicht, daß er an Sie ist, Sir«, sagte Mark, auf die Adresse deutend. »Hier steht ›Chuzzlewit‹, wenn ich nicht irre.«

»So – hm«, brummte Mr. Pecksniff, »ich danke Ihnen. Richtig. Und von wem ist der Brief, mein lieber Freund?«

»Der Herr, von dem er ist, hat seinen Namen inwendig unterzeichnet, Sir«, entgegnete Mr. Tapley außerordentlich höflich. »Ich habe genau gesehen, wie er ihn unten hingeschrieben hat, während ich wartete.«

»Und er sagte, er wolle Antwort haben, nicht wahr?« fragte Mr. Pecksniff mit süßlicher Miene.

Mark bejahte.

»Nun gut, er soll eine Antwort haben«, höhnte Mr. Pecksniff, zerriß den Brief in kleine Stücke und machte ein so freundliches Gesicht dazu, als erweise er dem Briefschreiber die allerhöchste Aufmerksamkeit. »Haben Sie die Güte, ihm dies mit meinem Kompliment zu übergeben. Guten Morgen.«

Mit diesen Worten händigte er Mr. Tapley die Fetzen ein, zog sich zurück und schloß die Türe.

Mark hielt es für das richtigste, seine persönliche Aufregung zu unterdrücken und Martin sogleich wieder im ›Drachen‹ aufzusuchen. Sie waren auf einen derartigen Empfang nicht vorbereitet gewesen und ließen ungefähr eine Stunde verstreichen, ehe sie einen zweiten Versuch machten. Als diese Frist verstrichen war, begaben sie sich zusammen zu Mr. Pecksniffs Hause. Diesmal klopfte Martin, während Mark sich bereithielt, mit Fuß und Schulter die Tür gewaltsam offenzuhalten, sobald jemand käme, und sie, nachdem er sie erblickt, wieder zuschlagen wollte. Die Vorsichtsmaßregel war jedoch überflüssig, denn diesmal kam das Dienstmädchen öffnen. Martin drückte sich rasch an ihr vorüber, wie er es sich für einen solchen Fall vorgenommen hatte, dicht hinter sich den treuen Bundesgenossen, und eilte auf die Tür des Zimmers zu, das ihm das richtige zu sein schien. Er öffnete und stand einen Augenblick später vor seinem Großvater.

Mr. Pecksniff war ebenfalls zugegen. In dem kurzen Augenblick plötzlichen Erkennens sah Martin, wie der alte Herr sein graues Haupt sinken ließ und sein Gesicht mit den Händen bedeckte.

Es zerschnitt ihm das Herz. Selbst in den Tagen seiner rücksichtslosesten Selbstsucht würde dieser letzte Abglanz von des alten Mannes früherer Liebe, dieser letzte Pfeiler eines zerfallenen Tempels, der in verklungenen Zeiten mit so stolzen Hoffnungen aufgebaut worden, ihn tief gerührt und aufs äußerste ergriffen haben. Aber jetzt, wo er, gebessert und anders geworden, seinen früheren Beschützer anblickte, den Behüter seiner Kinderjahre, so gebeugt und gebrochen, schwanden Stolz, Gekränktsein und Ärger, Hochmut und Starrsinn dahin beim Anblick der Tränen, die er über die welken Wangen rollen sah. Er konnte ihren Anblick nicht ertragen – konnte den Gedanken nicht ertragen, daß sie um seinetwillen flossen, konnte nicht ertragen, die unwiederbringliche Vergangenheit daran zu erkennen. Er wollte zu ihm eilen, um seine Hand zu ergreifen, aber sein alter Feind trat dazwischen.

»Nein, junger Mann«, rief Mr. Pecksniff, schlug sich auf die Brust und streckte den linken Arm aus wie einen schirmenden Schild, um den alten Herrn zu beschützen, »nein, Sir, nichts derart; stoßen Sie hierher, Sir – hierher! Richten Sie gefälligst Ihre Pfeile auf diese Brust und nicht auf ihn.«

»Großvater«, rief Martin, ohne auf ihn zu achten, »hör mich an! Ich beschwöre dich, lasse mich reden.«

»So, weiter wünschen Sie nichts, Sir«, höhnte Mr. Pecksniff und drängte sich vor, um die beiden Verwandten auseinanderzuhalten. »Ist es nicht genug, Sir, daß Sie eindringen in mein Haus wie ein Dieb in der Nacht oder besser gesagt wie ein Dieb bei Tag und Ihren liederlichen Gefährten mit sich bringen, damit er sich mit dem Rücken gegen die Stubentüre drückt, um das Aus- und Eingehen von Personen in meinem eigenen Haushalt zu verhindern« – tatsächlich hatte Mark diese Stellung eingenommen und blieb, ohne sich zu rühren, ruhig dort stehen. – »Ist das noch nicht genug? Wollen Sie auch noch die Tugend in eigener Person anfallen? Wie? Nun gut, so sollen Sie denn wissen, daß sie nicht ohne Verteidiger dasteht. Ich werde ihr Schild sein, junger Mann. Stoßen Sie zu, Sir! Nur zu!«

»Pecksniff«, sagte der alte Mann mit matter Stimme, »beruhigen Sie sich. Bleiben Sie ruhig.«

»Ich kann nicht ruhig bleiben«, rief Mr. Pecksniff, »und ich will es nicht. Mein Wohltäter und mein Freund, soll Ihnen denn nicht einmal mein Haus eine Zuflucht für Ihr greises Haupt sein?«

»Treten Sie ein wenig zur Seite«, murmelte der alte Mann und streckte die Hand aus, »und lassen Sie mich den noch einmal sehen, der mir einst so teuer war.«

»Es ist recht, daß Sie es sehen, dieses Geschöpf, mein Freund«, rief Mr. Pecksniff, »es ist gut, daß Sie es sehen, mein wertgeschätzter Herr. Es ist sogar wünschenswert, daß Sie es in seiner wahren Beschaffenheit erkennen. Betrachten Sie es immerhin. Hier steht es, Sir, hier steht es.«

Martin hätte kein Mensch von Fleisch und Blut sein müssen, um nicht in seinen Mienen etwas von dem Zorn und der Verachtung auszudrücken, die die Anwesenheit des Heuchlers ihm einflößte. Aber, davon abgesehen, tat er, als ob Pecksniff Luft sei und gar nicht existiere. Er hatte ihn wohl beim Eintreten ein einziges Mal flüchtig angeblickt, und zwar mit der größten Verachtung, sonst aber nahm er so wenig Notiz von ihm, als ob er überhaupt nicht anwesend wäre.

Zögernd gehorchte Mr. Pecksniff der Aufforderung des alten Herrn und zog sich ein wenig zurück, um Martin Platz zu machen. Der alte Mr. Chuzzlewit hatte Mary Grahams Hand gefaßt und flüsterte ihr freundlich zu, wie um sie zu beruhigen, sie habe keinen Grund zu erschrecken, und zog sie dann sanft hinter seinen Stuhl. Dann sah er seinen Enkel offen und gerade an.

»Da also steht er vor mir«, murmelte er, »ja, er ist es. Sprich, was du mir zu sagen hast, aber komme mir nicht näher.«

»Sein Edelmut ist so außerordentlich«, flötete Mr. Pecksniff, »daß er selbst ihn noch anzuhören gedenkt, wo er doch im voraus wissen muß, was dabei herauskommen wird. O Herz voll Großmut!«

Er wandte sich bei diesen Worten nicht unmittelbar an irgendeine Person, sondern vertrat vielmehr die Stelle des Chors in einer griechischen Tragödie, der jedesmal einen Kommentar über das, was sich soeben abgespielt hat, gibt.

»Großvater«, begann Martin mit tiefem Ernst, »von einer mühseligen Reise und einem schweren, entbehrungsreichen Leben, von Krankenbett, Entbehrung und Not, von bitter enttäuschten Erwartungen und aus gänzlicher Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung kehre ich zu dir zurück.«

»Derartige Landstreicher«, bemerkte Mr. Pecksniff als Chor, »kommen stets wieder zurück, wenn sie finden, daß ihr liederliches Leben nicht den erhofften Erfolg gefunden hat.«

»Nur diesem treuen Menschen hier«, fuhr Martin auf Mark deutend fort, »den ich hier kennenlernte und der freiwillig als Diener mit mir ging, sich aber dabei stets als eifriger, aufopfernder Freund bewies – nur ihm habe ich es zu danken, daß ich nicht in der Fremde gestorben bin. Fern von der Heimat, fern von jedem Beistand oder Trost, fern sogar von der Wahrscheinlichkeit, daß mein elendes Geschick nur irgend jemandem bekannt werden würde, nicht einmal dir vielleicht – bin ich jetzt zurückgekehrt.«

Der alte Mann sah Mr. Pecksniff an, und Mr. Pecksniff erwiderte den Blick.

»Sagten Sie etwas, mein verehrter Herr?« fragte Mr. Pecksniff lächelnd.

Der Greis verneinte.

»Aber ich weiß, woran Sie denken. Lassen Sie ihn nur weitersprechen, wertgeschätzter Freund. Die Selbstsucht des menschlichen Herzens bleibt stets ein interessantes Studium. Lassen Sie ihn nur fortfahren, Sir.«

»Fahre fort«, sagte der alte Mann, wie es schien, ganz unter dem Banne Mr. Pecksniffs.

»Ich war so arm und elend«, fuhr Martin fort, »daß ich einem barmherzigen Fremden drüben in Amerika noch das Geld für meine Heimfahrt schuldig bin. Alles dieses wird bei dir gegen mich sprechen. Du wirst denken, daß nur die äußerste Not und nicht Reue oder Neigung mich hierher zurückgetrieben haben. Als ich fortging, Großvater, verdiente ich diesen Verdacht. Jetzt verdiene ich ihn nicht – nein, gewiß nicht mehr.«

Der Chor steckte seine Hand in die Weste und lächelte spöttisch. »Lassen Sie ihn nur fortfahren, mein wertgeschätzter Herr. Ich weiß, was Sie denken, möchte es aber nicht vorzeitig aussprechen.«

Der alte Martin erhob seine Blicke zu Mr. Pecksniffs Gesicht, offenbar, um aus dessen Blicken und Winken sich Rat zu holen, und sagte dann wieder mechanisch:

»Sprich weiter.«

»Ich habe nichts mehr hinzuzufügen«, schloß Martin, »und setze wenig oder gar keine Hoffnung auf deine Antwort, Großvater, wie sehr ich auch beim Eintritt in dieses Zimmer gehofft haben mag. Schenke mir Glauben; glaube mir, daß es wahr ist, was ich gesagt habe. Das eine bitte ich dich nur.«

»O Wahrheit, Wahrheit!« rief der Chor, mit einem Blick gen Himmel, »wie wird doch dein Name von den Ruchlosen entweiht! Nicht in der reinen Quelle des Herzens wohnest du, heiliges Prinzip, sondern auf den Lippen der Falschen. Wahrlich, es ist schwer, mit den Menschen Nachsicht zu üben, werter Herr« – er wandte sich an den alten Chuzzlewit – »aber sei es drum. Es ist unsere Pflicht, immer wieder zu glauben. Lasset uns zu den wenigen gehören, die ihre Pflicht tun, wenn wir uns auch unaufhörlich enttäuscht sehen werden.«

»Was die betrifft«, fuhr Martin fort, dem alten Mann ruhig ins Gesicht sehend und nur einen einzigen Blick auf Mary werfend, die ihr Gesicht jetzt in beide Hände vergraben hatte – »was die betrifft, die die Ursache der Spaltung zwischen uns wurde, so ist mein Herz auch jetzt noch nicht fähig, anders zu fühlen. Was ich seit jener unglückseligen Zeit gelitten, hat mich in dieser Hinsicht nur bestärkt. Ich will und kann nicht vorschützen, daß ich in dieser Hinsicht jetzt Reue und Unentschlossenheit empfände. Auch weiß ich, daß du selbst dies nicht wünschen kannst. Soviel aber haben mich Betrachtung, Einsamkeit und Mißgeschick gelehrt, daß ich auf deine Liebe bauen und mich mannhaft darauf hätte stützen sollen. Ich hätte deine Liebe mit Leichtigkeit wieder zurückgewinnen können, wenn ich einsichtiger, nachgiebiger und rücksichtsvoller gewesen wäre und mehr an dich als an mich gedacht hätte. Ich kam mit dem Entschluß hierher, dir dies zu sagen und dich um Verzeihung zu bitten, viel weniger aus Hoffnung für die Zukunft als aus Reue wegen dessen, was geschehen ist. Ich will dich um weiter nichts bitten als um deine Beihilfe, jetzt, wo ich ein neues Leben beginnen will. Hilf mir, daß ich mich durch ehrliche Arbeit ernähren kann; an meinem Eifer soll es gewiß nicht fehlen. Ich weiß, daß meine jetzige Lage mich in ein höchst unvorteilhaftes Licht dir gegenüber setzt und daß es den Anschein haben muß, als sei ich abermals selbstsüchtig. Aber stelle mich auf die Probe, ob es der Fall ist oder nicht. Überzeuge dich, ob ich noch der frühere eigenwillige und hochmütige Mensch bin oder ob ich mich durch die rauhe Schule des Lebens habe läutern lassen. Lasse die Stimme der Natur zwischen uns sprechen, Großvater, und verstoße mich nicht wegen eines einzigen Fehlers, wenn dieser auch das Gepräge der Undankbarkeit trug.«

Der alte Mann ließ abermals sein graues Haupt sinken und verbarg sein Gesicht in beiden Händen. »Mein wertgeschätzter Herr«, rief Mr. Pecksniff und beugte sich über ihn; »Ihr Gefühl ist sehr natürlich und verrät große Liebe, aber Sie dürfen sich nicht durch das schamlose Benehmen eines Menschen, von dem Sie sich schon längst losgesagt, so weit irreführen lassen. Raffen Sie sich auf! Denken Sie« – setzte er eindringlich hinzu – »denken Sie an mich, mein Freund!«

»Ja, das will ich«, murmelte der alte Herr. »Ihre Worte geben mich mir wieder. – Ja, das will ich.«

»Ja, was«, rief Mr. Pecksniff, ließ sich in einen Stuhl nieder, den er zu diesem Zweck herbeiholte, und klopfte dem Greis scherzhaft auf die Schulter; »ja, was geht denn eigentlich vor in meinem so geistesstarken Freund und Genossen, wenn ich mir die Freiheit nehmen darf, Sie bei diesem vertrauten Namen zu nennen. Wie? Soll ich mich wirklich gezwungen sehen, mit meinem Geistesbruder ins Gericht zu gehen und mit einem Verstande wie dem seinigen zu rechten? Oh, das will ich doch nicht hoffen?«

»Nein, nein, es ist gewiß kein Grund dazu vorhanden«, murmelte der alte Mann, »nur eine augenblickliche Schwäche, weiter nichts.«

»Wohl vermag«, hob Mr. Pecksniff belehrend an, »die Entrüstung heiße Zähren dem Redlichen in die Augen treiben, ich weiß« – er wischte seine eigenen ab – »aber wir haben höhere Pflichten zu erfüllen. Ermannen Sie sich, Mr. Chuzzlewit! Wünschen Sie vielleicht, daß ich Ihren Gedanken Worte leihe, mein Freund?«

»Ja, tun Sie es«, seufzte der alte Herr, lehnte sich in seinen Stuhl zurück und blickte ihn halb gedankenverloren, halb bewundernd und wie gebannt an. »Ja, reden Sie für mich. Sprechen Sie in meinem Namen. Ich danke Ihnen, Sie sind mir treu; ich danke Ihnen.«

»Greifen Sie mir nicht zu sehr ans Herz, Sir«, schluchzte Mr. Pecksniff und schüttelte ergriffen die Hand; »ich könnte meiner Aufgabe sonst nicht gewachsen sein. Es widerstrebt mir tief, mein werter Herr, den Menschen anzureden, der jetzt vor uns steht, denn als ich aus Ihrem Munde vernahm, wie unnatürlich und undankbar er sich gegen Sie benommen, da jagte ich ihn aus meinem Hause und wies für immer jede Gemeinschaft mit ihm von der Hand. Aber Ihr Wunsch genügt mir, mich jetzt davon absehen zu lassen. – Junger Mann, die Türe befindet sich unmittelbar hinter dem Genossen Ihrer Schmach. Erröten Sie, wenn Sie das noch können, und wenn nicht, so gehen Sie ohne Erröten fort.«

Fest und ruhig, als habe er nicht ein Wort der ganzen Rede gehört, blickte Martin seinen Großvater an. Aber ebenso unverwandt blickte der alte Mann auf Mr. Pecksniff.

»Als ich Ihnen das letztemal mein Haus verbot und Sie mit Schmach und Schande entließ«, fuhr Mr. Pecksniff fort, »empört durch Ihr schamloses Betragen gegen diesen edlen Greis, und Ihnen zurief: ›Hebe dich hinweg‹, da sagte ich Ihnen auch, daß ich über Ihre Ruchlosigkeit Tränen vergösse. Denken Sie nun aber nicht, daß die Träne, die jetzt in meinem Auge steht, für Sie vergossen wird! Sie fließt für ihn, junger Mann. Nur für ihn fließt diese Träne!«

– Bei diesen Worten ließ Mr. Pecksniff die Träne, von der er sprach, wie zufällig auf Mr. Chuzzlewits kahlen Scheitel fallen, und zog sein Taschentuch heraus, wischte sie ab und murmelte eine Entschuldigung. –

»Sie ist für den vergossen worden, Sir, den Sie zum Opfer Ihrer Ränke machen wollen, den Sie auszuplündern, zu hintergehen und irrezuführen gedenken. Ich habe sie vergossen aus Teilnahme und Bewunderung für ihn, denn meines Mitleides bedarf er nicht, weiß er doch zum Glück, woran er mit Ihnen ist. – Nein, solange ich lebe, sollen Sie ihm kein Unrecht mehr zufügen.« – Mr. Pecksniff erhob voller Enthusiasmus seine Stimme. – »Der Weg zu ihm führt nur über meinen Leichnam. Wohl kann ich mir denken, daß eine Gesinnung wie die Ihrige sich darüber freuen würde, wenn ich stürbe, aber solange Gott mich noch leben läßt, Sir, stehe ich als Schranke zwischen ihm und Ihnen. Jawohl. Und solange ich lebe, junger Mann, sollen Sie eine harte Nuß an mir zu knacken finden.«

Immer noch blickte Martin unverwandt und geduldig seinen Großvater an.

»Willst du mir denn keine Antwort geben?« fragte er nach einer längeren Pause. »Hältst du mich nicht eines Wortes für würdig?«

»Du hast gehört, was ich zu sagen hatte«, erwiderte der Greis, ohne ein Auge von Mr. Pecksniff zu wenden, der ihm ermunternd zunickte.

»Ich habe weder deine Stimme vernommen, noch glaube ich, daß dein Geist aus diesen Worten sprach, Großvater!«

»So sagen Sie es ihm noch einmal«, wendete sich der Greis an Mr. Pecksniff.

»Ich höre nur auf das«, fuhr Martin fort, immer fester in seinem Vorsatze werdend, je mehr er sah, wie sich Mr. Pecksniff unter seiner Verachtung innerlich wand und krümmte. »Ich höre nur auf das, was du mir sagst, Großvater.«

Es war gut für Mr. Pecksniff, daß Mr. Chuzzlewit nur ihn ansah, denn hätte er nur ein einziges Mal zufällig seinen Blick abgewandt, um die Haltung seines Enkels mit der dieses uneigennützigen Ehrenmannes zu vergleichen, so würde ihm dieser wohl nicht vorteilhafter erschienen sein als an jenem denkwürdigen Nachmittag, an dem er Tom Pinchs letzte Quittung »für geleistete Dienste« entgegengenommen.

»Nicht eines Wortes hältst du mich für würdig?« fragte Martin abermals.

»Es fällt mir ein, daß ich noch etwas zu sagen habe, Pecksniff«, murmelte der Greis. »Nur ein Wort. – Du sagtest vorhin, daß du einem mildtätigen Fremden verpflichtet seiest. Wer ist er – und wieviel hat er dir geliehen?«

Obgleich Mr. Chuzzlewit diese Frage an Martin stellte, so hielt er dennoch dabei seine Augen wie gebannt auf Mr. Pecksniff gerichtet. Er schien sich daran gewöhnt zu haben, nicht nur im figürlichen, sondern auch im buchstäblichen Sinn zu ihm aufzublicken.

Martin zog einen Bleistift heraus, riß ein Blatt aus seinem Notizbuch und schrieb hastig die Summe auf, die er Mr. Bevan schuldete. Der alte Mann nahm mit ausgestreckter Hand das Papier entgegen, verwandte aber noch immer kein Auge von Mr. Pecksniffs Antlitz.

»Es wäre wohl ein armseliger Stolz und eine falsche Demut«, sagte Martin mit gedämpfter Stimme, »wenn ich behaupten wollte, ich wünschte die Schuld nicht getilgt zu sehen oder ich hätte augenblicklich Hoffnung, sie selbst tilgen zu können, aber nie habe ich meine Armut wohl so tief gefühlt wie in diesem Augenblick.«

»Lesen Sie mir vor, was er geschrieben hat, Mr. Pecksniff«, sagte der alte Mann.

Mr. Pecksniff nahm das Blatt mit einer Miene zur Hand, als wäre es das Bekenntnis einer Mordtat, und las es vor.

»Ich danke Ihnen, Pecksniff«, murmelte der Greis. »Ich glaube, man sollte die Sache begleichen. Ich möchte nicht, daß der Fremde zu Schaden komme, wo er keine Gelegenheit hatte, Erkundigungen einzuziehen, und sich so mildtätig benommen hat.«

»Das nenne ich ehrenwert gedacht, mein werter Herr«, rief Mr. Pecksniff. »Ihre Handlungsweise entspricht wieder einmal vollständig Ihrem edlen Geist – aber es ist ein gefährliches Beginnen«, setzte er hinzu, »es ist ein böser Anfang.«

»Es soll kein Anfang sein«, entgegnete der alte Herr, »es ist das einzige und letzte, was ich für ihn tun werde. Doch wir werden später noch darüber reden. Ich muß mir diesbezüglich Ihren Rat erbitten. – Sonst ist nichts da?«

»Sonst nichts«, sagte Mr. Pecksniff, innerlich frohlockend. »Sie müssen sich jetzt erholen von Ihrem Schrecken über diese freche Zudringlichkeit und der schnöden Kränkung Ihrer Gefühle, und zwar so bald wie möglich, damit ich Sie wieder lächeln sehen kann.«

»Haben Sie mir sonst weiter nichts zu sagen?« fragte Mr. Chuzzlewit mit ungewöhnlichem Ernst und legte seine Hand auf Mr. Pecksniffs Arm.

Mr. Pecksniff hatte nichts weiter zu sagen, denn Vorwürfe, meinte er, wären ja nutzlos.

»Wissen Sie wirklich nichts mehr? Sind Sie davon überzeugt, gleichgültig, worum es sich handeln mag? So reden Sie nur frei heraus. Was Sie auch vorzubringen hätten, ich würde es Ihnen nicht abschlagen.«

Das Gefühl überwältigte Mr. Pecksniff so sehr bei diesem Beweis unbeschränkten Vertrauens, das ihm sein Freund schenkte, daß er sich kaum zu fassen vermochte vor Schluchzen und innerlicher Erregung. Als er seine Sprache wiedergefunden, konnte er nur immer und immer wieder sagen, er hoffe es noch zu erleben, sich dieses Vertrauens würdig zeigen zu können, und bemerkte, daß er wirklich nichts weiter hinzuzufügen habe.

Eine Weile lang blieb der Greis noch stumm sitzen und sah seinen Freund und Berater mit jener starren nichtssagenden Miene an, die man so häufig bei Leuten findet, die anfangen, alters- und geistesschwach zu werden. Dennoch erhob er sich schließlich mit Festigkeit und schritt zur Türe, wo ihm Mark sofort höflich Platz machte.

Mit demutsvoller Miene reichte ihm Mr. Pecksniff den Arm und führte ihn hinaus. Auf der Schwelle drehte er sich noch einmal um und sagte zu Martin, mit der Hand auf die Tür deutend:

»Sie haben gehört. Gehen Sie. Entfernen Sie sich.«

Dann murmelte er noch einige ermunternde und teilnehmende Worte, die seinem Freunde galten, und verließ mit ihm das Zimmer.

Langsam erwachte Martin aus seiner Betäubung, und als die Türe sich schloß, eilte er auf Mary zu und drückte sie an sein Herz.

»Mein liebes, gutes Mädchen«, rief er, »dich hat er wenigstens nicht zu verändern vermocht! Was für ein ohnmächtiger, erbärmlicher Schurke dieser Pecksniff doch ist.«

»Und du hast dich so beherrscht und meinetwegen so viel über dich ergehen lassen, Martin«, schluchzte Mary.

»Mich beherrscht?«, rief Martin heiter. »Du warst doch hier. Ich wußte doch, daß du deinen Sinn nicht geändert hast. Mußte mir das nicht eine Stütze sein? Mein bloßer Anblick war für den Elenden Gift, und für mich bedeutete es den größten Triumph, daß er meinen Anblick dulden mußte. Aber, sage mir jetzt, Geliebte – die wenigen Augenblicke, die uns bleiben, sind kostbar –, was sind das für Gerüchte hier im Dorf? Ist es wirklich wahr, daß der Schurke dich mit Anträgen verfolgt?«

»Ja, er hat es getan, Martin, und tut es zum Teil noch immer. Aber die Hauptquelle meines Elends war die Angst und Sorge um dich. Warum hast du uns denn in so schrecklicher Ungewißheit gelassen?«

»Meine Krankheit, die weite Entfernung, die Furcht, meine wirkliche Lage zu verraten, die Unmöglichkeit, sie anders als durch Stillschweigen vor dir zu verbergen, das Bewußtsein, daß die Wahrheit dich noch unendlich mehr geschmerzt haben würde als Ungewißheit und Zweifel«, sagte Martin, hielt Mary auf Armesweite von sich, um ihr besser ins Gesicht sehen zu können, und drückte sie dann wieder an sein Herz, »das alles war die Ursache, daß ich dir nur ein einziges Mal schrieb. Aber was ist das mit Pecksniff? Scheue dich nicht, mir alles zu erzählen; du hast ja selbst gesehen, wie ich mich ihm gegenüber zusammengenommen habe und seine Worte anhörte, ohne ihn an der Gurgel zu packen. Also, was hat er sich unterstanden, und weiß mein Großvater darum?«

»Ja.«

»Und er unterstützt ihn darin?«

»Nein«, antwortete Mary hastig.

»Gott sei Dank«, rief Martin aufatmend, »daß sein Geist wenigstens nicht so weit getrübt ist.«

»Ich glaube nicht, daß er gleich anfangs darum wußte«, erklärte Mary. »Pecksniff bereitete ihn zuerst gehörig vor und enthüllte ihm dann allmählich seine Wünsche. Wenigstens vermute ich das, wenn ich es auch mit Bestimmtheit nicht sagen kann; und zuletzt sprach er allein mit mir.«

»Wer? Mein Großvater?«

»Ja. – Er sprach mit mir und teilte mir mit –«

»Was dieser Hund gesagt hat«, ergänzte Martin. »Bestätige mir das bitte.«

»Er sagte, ich müsse sehen, was Pecksniff für Eigenschaften besitze – daß er ein rechtschaffener und angesehener Mann sei und sein volles Vertrauen genieße. Als er jedoch meine Betrübnis bemerkte, beruhigte er mich und sagte, er werde meinen Neigungen unter gar keinen Umständen irgendwelchen Zwang antun, sondern er begnüge sich damit, mir die Tatsache an und für sich mitzuteilen. Da er sehe, daß er mir damit wehe tue, wolle er nie wieder darauf zurückkommen. Und er hat getreulich Wort gehalten.«

»Und der Elende, was hat er getan?« »Er hatte bis jetzt nur wenig Gelegenheit, seine Werbungen nochmals anzubringen. Ich bin niemals allein ausgegangen und ihm immer sorgfältig ausgewichen. – – – Lieber, lieber Martin, ich muß dir nochmals sagen«, fuhr Mary fort, »daß dein Großvater in seiner Güte gegen mich sich völlig gleich geblieben ist. Noch immer bin ich um ihn und seine Gefährtin. Ein unbeschreibliches zärtliches Mitleid scheint noch zu seiner früheren Liebe zu mir dazugekommen zu sein. Wäre ich sein leibliches Kind, ich könnte keinen zärtlicheren Vater haben. Was für Empfindungen in ihm noch fortleben, nachdem sein Herz so kalt gegen dich geworden, ist und bleibt mir ein Geheimnis, das ich nicht durchdringen kann. Aber begnügen wir uns jetzt mit der Tatsache, daß ich mich glücklich schätze, bei ihm ausgeharrt zu haben. Und sollte er wirklich noch einmal aus seinem Wahn erwachen, und wenn es auch erst in der Todesstunde wäre – so bin ich da, Geliebter, um ihn an dich zu erinnern.«

Voller Bewunderung blickte Martin auf ihr in edlem Eifer erglühendes Gesicht und drückte einen Kuß auf ihre Lippen.

»Ich habe oft gehört und gelesen«, fuhr Mary fort, »daß Leute, deren Geist durch das Alter schwach geworden und deren Leben längst zu einem dumpfen Traum herabgesunken ist, plötzlich vor dem Tode aufzuwachen pflegen, um nach denen zu verlangen, die ihnen einst teuer gewesen, trotzdem sie sie in der Zwischenzeit vergessen haben und ihnen entfremdet waren. Denke dir, wenn er einst plötzlich erwachte, ganz mit seinen früheren Ansichten, und plötzlich keinen andern Freund um sich hätte als ihn – wie schrecklich!«

»Ich würde dich auch niemals drängen, ihn zu verlassen, Geliebte«, rief Martin, »wenn ich auch voraussehe, daß noch viele Jahre uns trennen werden. Nur fürchte ich, daß der Einfluß, den dieser Schurke auf ihn ausübt, noch im Wachsen begriffen ist.«

Mary mußte dies leider mit Bedauern zugeben. Unmerklich, aber unaufhaltsam sei Mr. Pecksniffs Einfluß bis jetzt gestiegen. Sie selbst habe gar keinen mehr, aber dennoch behandle sie Mr. Chuzzlewit mit größerer Liebe als jemals.

»Hat er vielleicht Furcht vor ihm?« fragte Martin. »Scheut er sich vielleicht, ihm gegenüber seine eigenen Ansichten laut werden zu lassen? Es kam mir beinahe so vor.«

»Auch ich glaubte oft Ähnliches zu bemerken«, sagte Mary »Wenn wir wie früher allein beisammensaßen und ich ihm aus seinen Lieblingsbüchern vorlas oder mit ihm plauderte, bemerkte ich nicht selten, daß bei Mr. Pecksniffs Eintritt sofort sein ganzes Benehmen umschlug. Er brach dann plötzlich ab und wurde so, wie du ihn heute gesehen hast. Als wir das erstemal hierher zogen, hatte er häufig seine ungestümen Ausbrüche wie früher, und sogar diesem Pecksniff wurde es trotz seiner großen Geschmeidigkeit nicht leicht, ihn zu beschwichtigen. Aber die Zeit ist längst vorüber; er unterwirft sich ihm jetzt in allem und jedem und hat niemals eine andere Ansicht als die, die ihm von diesem hinterlistigen Menschen aufgezwungen wird.«

So lautete der Bericht, den Mary Martin – hier und da im Flüstertone – erstattete, und der trotz seiner Kürze wiederholt durch einen Lärm draußen, als komme Mr. Pecksniff zurück, unterbrochen wurde. Martin erfuhr auch die Geschichte von Tom Pinch und Jonas, in der auch er selbst wiederholt vorkam.

Ein Wink von Mr. Tapley, ein hastiges Lebewohl – – Mary reichte Mark ihr weißes Händchen, das dieser mit der Andacht eines fahrenden Ritters küßte, ein weiteres Lebewohl und zum Abschied das Versprechen von Seiten Martins, er wolle von London aus schreiben und dort Gott weiß was für große Dinge verrichten – an deren Verwirklichung er übrigens nicht einen Augenblick zweifelte –, und dann befanden sich die beiden Freunde außerhalb des Pecksniffschen Heiligtums.

»Ach, ein kurzes Wiedersehen nach so langer Trennung!« seufzte Martin bekümmert. »Aber es ist trotzdem gut, daß wir das Haus im Rücken haben. Wir wären vielleicht nur in ein schiefes Licht gekommen, wenn wir noch länger geblieben wären, Mark.«

»Wir? Nicht daß ich wüßte«, rief Mark. »Aber ein anderer hätte vielleicht in ein – schiefes Licht geraten können, wenn er zufälligerweise während unserer Anwesenheit zurückgekommen wäre. Ich hätte ihn bestimmt zwischen die Tür eingeklemmt. Wäre nur einen Augenblick Mr. Pecksniffs Kopf erschienen, ich hätte ihn geknackt, wie der Nußknacker eine Nuß. – – Ich glaube, er müßte sich ganz gut quetschen lassen«, fügte er nach einer Pause nachdenklich hinzu.

In diesem Augenblick schritt ein Fremder, offenbar in der Richtung auf Mr. Pecksniffs Haus zu, an ihnen vorüber. Erstaunt blickte er auf, als er den Namen des Architekten nennen hörte, und blieb nach einigen Schritten stehen, um ihnen nachzusehen. Mr. Tapley und Martin drehten sich gleichfalls um, denn der Fremde hatte sie schon im Vorübergehen merkwürdig scharf ins Auge gefaßt.

»Wer mag das nur sein?« murmelte Martin, »das Gesicht kommt mir bekannt vor. Aber trotzdem kenne ich den Menschen nicht.«

»Er scheint den liebenswürdigen Wunsch zu hegen, uns mit seiner Visage näher bekannt zu machen«, sagte Mark. »Er glotzt uns höchst ungeniert nach. Übrigens täte er besser, mit seiner Schönheit sparsamer umzugehen, denn viel hat er nicht davon zu verschwenden.«

Als sie vor dem »Drachen« anlangten, erblickten sie einen Reisewagen vor der Tür.

»Und einen Salisburywagen noch dazu«, brummte Mr. Tapley. »Da ist jeder Irrtum ausgeschlossen, der Bursche ist in dem Wagen gekommen, verlassen Sie sich darauf. Woher da wohl wieder der Wind wehen mag? Wahrscheinlich ein neuer Schüler oder vielleicht ein Auftrag für eine neue Elementarschule nach dem Muster der letzten.«

Ehe sie noch in die Tür traten, eilte ihnen Mrs. Lupin entgegen, winkte sie zum Wagen und deutete auf einen Mantelsack, auf dem der Name »Chuzzlewit« stand.

»Der Gatte von Miss Pecksniff«, erklärte sie. »Ich wußte nicht, auf welchem Fuß Sie mit ihm stehen und war deshalb recht in Sorgen, bis Sie wieder zurück waren.«

»Er und ich haben noch nie im Leben ein Wort miteinander gewechselt«, sagte Martin. »Da ich mich nach seiner Bekanntschaft weiter auch nicht sehne, so ist es ganz gut, daß wir nicht mit ihm zusammentreffen. Wir sind ihm auf dem Wege hierher begegnet. Gut, daß er in unserer Abwesenheit hier ankam. Aber wahrhaftig, Miss Pecksniffs Gatte reist verwünscht vornehm.«

»Es ist ein sehr feiner Herr mit ihm angekommen – er hat das beste Zimmer bezogen«, flüsterte Mrs. Lupin und blickte, während sie in das Haus traten, nach dem Fenster hinauf. »Er hat alles mögliche zum Dinner bestellt und hat den glänzendsten Schnurrbart, den man sich nur denken kann.«

»So?« rief Martin. »Nun, da wollen wir auch ihm ausweichen und hoffen, daß wir die nötige Selbstverleugnung dazu aufbringen werden. Wir haben übrigens nur noch ein paar Stunden Zeit«, setzte er hinzu und warf sich erschöpft in einen Stuhl hinter dem kleinen Wandschirm des Schenkstübchens. »Unser Besuch ist nicht sehr glücklich verlaufen, liebe Mrs. Lupin, und wir müssen jetzt nach London.«

»O Gott, o Gott!« jammerte die Wirtin.

»Ja, leider. Übrigens macht eine Schneeflocke noch keinen Winter und eine Schwalbe noch keinen Sommer. Ich will mein Glück noch einmal versuchen. Tom Pinch hat ja auch sein Auskommen gefunden, und durch seinen Rat wird mir wohl ein gleiches möglich werden. Früher habe ich ihn unter meinen Schutz genommen – Gott verzeihe mir die Sünde – und ihm versprochen, ich wolle für sein Fortkommen sorgen. Vielleicht nimmt er mich jetzt unter seinen Schutz und lehrt mich, wie ich mir mein Brot verdienen kann.«

35. Kapitel


35. Kapitel

Ankunft in England. Martin wohnt einer Feierlichkeit bei und ersieht, daß er während seiner Abwesenheit nicht vergessen wurde

Es war eben Mittag und Flutzeit in dem englischen Hafen, den die »Schraube« anzulaufen gedachte, als sie, von den hohen Wogen stattlich einhergetragen, Anker warfen.

Die Landschaft war frisch, voller Leben und funkelhell. Aber was war das alles, verglichen mit dem Entzücken und dem Jubel in den Herzen der beiden Reisenden, als sie die alten Kirchen, die Dächer und die geschwärzten Schornsteine der Heimat wieder erblickten. Das ferne Getöse, das dumpf von den geschäftigen Straßen herauftönte, klang wie Musik in ihren Ohren, die Menschenmengen, auf die sie vom Kai herniederblickten, erschienen ihnen wie eine Versammlung lauter teurer Freunde, und die Rauchdecke über der Stadt dünkte sie glänzender und schöner als die reichsten Seidenparapets Persiens. Und wie lebhaft das Kielwasser auch auf seiner glänzenden Spur sich immer wieder und wieder anschickte, die großen Schiffe zu umtanzen und wie im Scherz emporzuheben, und von den Rudern der Beiboote träufelte wie Diamantregen, mit den müßigen Jollen schäkerte und in neckischer Jagd durch die festen alten Eisenringe an den Kais spritzte, so war es doch mit all seinen tausend ruhelosen Wellen nicht halb so munter und fröhlich wie ihre pochenden Herzen, als sie jetzt voll innern Jubels wieder den Boden der Heimat unter ihren Füßen spürten. Ein Jahr war vergangen, seit sie zum letzten Mal diese Türme und Dächer gesehen, aber es schien ihnen wie ein Dezennium. Hie und da fielen ihnen einige unbedeutende Veränderungen auf, und sie wunderten sich, daß sie so geringfügig und ihrer so wenig waren. Ärmer an Gesundheit, Geld, Aussichten und Hilfsmitteln, als sie weggezogen, kamen sie jetzt zurück; aber es war doch die Heimat. Heimat ist nur ein Name – ein Wort –, aber ein gewaltiges, stärker als der Zauberspruch, den je ein Magier ausgesprochen.

Mit nur noch sehr wenig Geld in der Tasche und ohne bestimmten Operationsplan, suchten sie sich vor allem ein billiges Wirtshaus aus, wo sie bei einem dampfenden Beefsteak und einigen Krügen duftenden englischen Biers sich gütlich taten, wie es eben nur Leute imstande sind, die soeben wieder festen Boden unter sich fühlen und die edelsten Leckerbissen der Erde vorzufinden wähnen. Nachdem sie sich wie zwei kerngesunde und gutgelaunte Riesen gelabt hatten, schürten sie das Feuer, zogen die Fenstervorhänge auf, bauten sich jeder aus zwei großen Lehnstühlen ein Sofa und blickten selig auf die Gasse hinaus. Auch diese hatte etwas Feenhaftes, wie sie so halb hinter einer Beefsteak- und englischen Doppelbieratmosphäre wie im Dunste schwebte. Auf der Fensterscheibe lagerte ein solcher Nebel, daß Mr. Tapley aufstand und ihn mit seinem Taschentuch abwischen mußte, bevor die Vorübergehenden vor ihren Augen wieder wie sterbliche Menschen aussahen. Und selbst dann noch machte das aus ihrer beider Groggläser spiralförmig sich emporkräuselnde Dunstwölkchen sie voreinander beinahe unsichtbar.

Es war eines jener winzigen Stübchen, wie man sie nur in englischen Wirtshäusern findet, voller Winkel und Ecken, wie das Gehirn eines närrischen querköpfigen Kauzes. Es war voll von den verrücktesten Schränken, in denen man nichts unterbringen konnte, was nicht ausdrücklich zu diesem Zwecke gebaut und hergestellt worden, hatte geheimnisvolle Gesimse und Verschläge und Ansätze von Treppen an der Diele. Kunstreich und sinnig hing von der Decke ein Glockenzug herab, der innerhalb der Stube läutete und durchaus mit keinem andern Teil des Hauses in Verbindung stand.

Das Zimmer lag ein wenig unter dem Niveau des Pflasters draußen und stieß so hart daran, daß die Vorübergehenden oft mit ihren Stiefeln die Scheiben streiften oder mit Körben daran schlugen. Wie ein Spuk tauchten plötzlich Gassenjungen zwischen dem in Gedanken versunkenen Reisenden und dem Tageslicht auf, verhöhnten ihn oder streckten ihm die Zunge heraus, als wenn er ihr Arzt wäre, oder machten weiße Knöpfe aus ihren Nasenspitzen, indem sie sie am Fensterglas plattdrückten, und verschwanden dann wieder geisterhaft wie Gespenster. Martin und Mark saßen am Fenster, fröhlich die Passanten betrachtend, und berieten angelegentlich, wohin sie zuvörderst ihre Schritte lenken sollten.

»Wir müssen natürlich zuerst Miss Mary sehen«, meinte Mark.

»Natürlich«, stimmte Martin zu. »Aber ich weiß nicht, wo sie ist. In unserm Elend hatte ich das Herz nicht dazu, ihr zu schreiben, und auch sie hielt es für das beste, zu schweigen. Da ich daher seit unserer ersten Abreise von New York nichts wieder von ihr gehört habe, so kann ich unmöglich wissen, wo sie sich jetzt aufhält.«

»Meine Meinung ist, Sir«, sagte Mark, »wir verfügten uns spornstreichs nach dem ›Drachen‹; Sie brauchen ja nicht selbst hinzugehen, wenn Sie nicht wollen, und können ein paar Meilen davor irgendwo absteigen. Ich aber gehe natürlich hin. Mrs. Lupin wird mir genau berichten, was Neues vorgefallen ist. Und auch Mr. Pinch wird mir gewiß jede nötige Auskunft geben und sich darüber sogar freuen. Mein Vorschlag ist also, wir machen uns heute nachmittag auf den Weg, kehren ein, wenn wir müde sind, fahren ein Stückchen, wenn sich Gelegenheit dazu bietet, und wenn nicht, gehen wir eben zu Fuß. Die Hauptsache ist und bleibt: schnell und billig.«

»Gewiß, mein Freund; wenn wir nicht billig reisen, kommen wir überhaupt nicht hin«, sagte Martin, zog seine geringe Barschaft aus der Tasche und überzählte sie auf der Hand.

»Nur um so mehr Grund, keine Zeit zu verlieren, Sir«, versetzte Mark. »Haben Sie mal die junge Dame gesehen und wissen, wie es mit dem alten Herrn steht, so wird dann immer noch Zeit genug sein, über das Weitere nachzudenken.«

»Kein Zweifel«, sagte Martin; »Sie haben vollständig recht.«

Sie hoben gerade ihre Gläser an die Lippen, als sie plötzlich wie auf Kommando innehielten und eine Gestalt anstarrten, die in diesem Augenblick langsam und höchst nachdenklich an dem Fenster vorüberstolzierte.

Es war Mr. Pecksniff.

Friedvoll, ruhig und stolz, ja sogar auffallend stolz, mit besonderer Sorgfalt gekleidet und mehr noch als gewöhnlich holdselig lächelnd, sichtlich alle irdischen Nebengedanken aus seinem Kopf verbannend und nur über die Schönheiten seiner Kunst nachdenkend, zog er langsam am Fenster vorbei wie eine Gestalt in einer Laterna magica.

Kaum war er vorüber, kam fast in demselben Augenblick ein Mann aus der entgegengesetzten Richtung herbeigeeilt und blieb wie gebannt stehen, um dem würdigen Architekten mit Interesse und Hochachtung, ja fast mit Verehrung, nachzublicken.

Auch der Wirt stürzte jetzt aus dem Hause, schloß sich dem erwähnten Manne an, sprach mit ihm, drückte ihm würdevoll die Hand und sah Mr. Pecksniff nach.

Martin und Mark blickten einander mit großen Augen an, als wollten sie ihren Sinnen nicht trauen. Aber immer noch standen der Wirt und der andere Mann draußen. Trotz des Unwillens, den Mr. Pecksniffs Erscheinung in ihm hervorrief, konnte sich Martin dennoch nicht enthalten, laut aufzulachen. Mark desgleichen.

»Wir müssen uns Gewißheit verschaffen«, sagte Martin. »Rufen Sie doch mal den Wirt herein, Mark!«

Mr. Tapley entfernte sich und kehrte gleich darauf mit dem dickköpfigen Schenkenbesitzer wieder zurück.

»Bitte, Herr Wirt«, fragte Martin, »wer ist der Gentleman, der soeben vorübergegangen ist und dem Sie so ehrfurchtsvoll nachgeschaut haben?«

Der Wirt schürte das Feuer an, wie um seiner Antwort auch äußerlich den entsprechenden Strahlenglanz zu verleihen und als ob ihm der Preis der Kohlen vollständig gleichgültig sei, dann steckte er die Hände in die Taschen, blies die Backen auf, um seiner Rede noch größeren Nachdruck zu verleihen, und sagte:

»Das, meine Herren, war der berühmte Mr. Pecksniff, der bekannte Architekt, meine Herren.«

Dabei blickte er von Mark auf Martin, als sei er bereit, falls vielleicht einen von ihnen aus Überraschung der Schlag rühren sollte, sofort beizuspringen.

»Der berühmte Mr. Pecksniff, der großartige Architekt, meine Herren! Er ist heute herübergefahren, um den Grundstein zu einem neuen und fabelhaft prächtigen öffentlichen Gebäude legen zu helfen.«

»Soll es nach seinen Plänen gebaut werden?« fragte Martin.

»Der berühmte Mr. Pecksniff, der unübertreffliche Architekt, meine Herren«, antwortete der Wirt, der offenbar eine unaussprechliche Wonne darin empfand, diese Worte jedesmal zu wiederholen, »hat den ersten Preis bekommen und wird das Gebäude selbst bauen.«

»Und wer legt den Grundstein?«

»Unser Parlamentsmitglied ist ausdrücklich zu diesem Zwecke hergereist. Einen gewöhnlichen Menschen hätte man zu einer solchen Feierlichkeit unmöglich verwenden können. Unsere Direktoren wollten es nun einmal nicht billiger geben.«

»Und wann findet die Feierlichkeit statt?« fragte Martin.

»Heute.« Der Wirt zog seine Uhr heraus und setzte gewichtig hinzu: »Vielleicht sogar in dieser Minute.«

Hastig erkundigte sich Martin, ob man dem Schauspiele beiwohnen könne. Als er erfuhr, daß gegen die Zulassung anständig gekleideter Menschen durchaus kein Einspruch erhoben werden würde, wenn nicht schon der Platz überfüllt sei, eilte er mit Mark, so schnell er konnte, hinaus.

Sie waren so glücklich, in einem Häuserwinkel noch einen Platz zu finden, von wo aus sie alles, was vorging, mit ansehen konnten, ohne besorgen zu müssen, ihrerseits von Mr. Pecksniff erkannt zu werden. Sie kamen keine Minute zu früh, denn noch während sie sich über den angenehmen Zufall, noch ein Plätzchen gefunden zu haben, Glück wünschten, hörten sie in der Entfernung einen großen Lärm, und alle Augen wendeten sich nach dem Tore. Einige Damen zückten ihre Taschentücher, um sie im gegebenen Augenblick zu schwenken, und ein Lehrer der Armenschule, der sich zufällig auf den Platz herein verirrte, wurde irrtümlich mit lautem Hurra begrüßt. Als man das Versehen entdeckte, prasselte natürlich ein Ungewitter von Zischen und Schimpfworten auf das Haupt des unschuldigen Mannes nieder.

»Vielleicht hat er Tom Pinch bei sich«, flüsterte Martin Mark zu.

»Das wäre ein überwältigendes Glück für Tom, was meinen Sie, Sir?« antwortete Mr. Tapley ebenso leise.

Es war keine Zeit, das Thema weiterzuspinnen oder die Unwahrscheinlichkeit des Falles zu erörtern, denn im nächsten Augenblick kam die Armenschule, sauber gekleidet, paarweise heranmarschiert und erfüllte durch ihren Anblick sämtliche Anwesenden, die Beiträge subskribiert hatten, mit einem so hohen Gefühl von Selbstzufriedenheit, daß die meisten davon in Tränen schwammen. Den Kindern folgte eine Musikbande unter Anführung eines höchst gewissenhaften Tambours, der sein Instrument aus Leibeskräften bearbeitete. Dann erschienen mit Stäben in den Händen und Schleifen in den Knopflöchern eine Reihe Herren, deren Funktion nicht gehörig klar war, wenn sie nicht etwa darin bestand, daß sie einander auf die Zehen traten und den Eingang versperrten.

Hierauf kamen der Major und die Korporationen, alle dicht gedrängt um den Deputierten, der links neben dem berühmten Mr. Pecksniff, dem unübertrefflichen Architekten einherschritt, und sich angelegentlich mit ihm unterhielt.

Auf ein gegebenes Zeichen schwenkten die Damen ihre Taschentücher, die Herren ihre Hüte, die armen Schulkinder schrien. Der Deputierte blies sich auf.

Als die Ruhe wiederhergestellt war, rieb er sich die Hände, wackelte mit dem Kopf, sah sich gutgelaunt und leutselig um, und jedesmal brach die eine oder andere Dame, auf die gerade sein Blick fiel, in ein ekstatisches Taschentuchschwenken aus. Als er den Grundstein betrachtete, sagten sie: »entzückend!«, blickte er in die Grube hinunter, riefen sie: »wie herablassend«, plauderte er mit dem Major, so meinten sie: »was für ein vornehmer Mann«, und als er endlich die Arme verschränkte, riefen sie aus einem Munde: »wirklich und wahrhaftig ein Diplomat«.

Mr. Pecksniff wurde gleichfalls sorgfältig belorgnettiert; sprach er mit dem Major, so hieß es: »was für ein gewinnender, höflicher Mann«; und als er seine Hand auf die Schulter des Maurers legte und ihm Anweisungen gab, wie leutselig war da nicht sein Benehmen den arbeitenden Klassen gegenüber. Wirklich ganz der Mann, der den guten, lieben braven Leuten eine Arbeit zum Genuß machen kann.

Als dann die silberne Kelle gebracht wurde und der Abgeordnete seine Rockärmel zurückschlug, ein Klümpchen Mörtel aufnahm und es auf den Grundstein warf, da zerriß lautes Beifallsrufen die Luft. Die Bewunderung seiner Fachkenntnis war allgemein. Niemand vermochte zu begreifen, wo ein solch feiner Gentleman derartige Dinge gelernt haben konnte. Nachdem der Deputierte nun unter Anweisung des Maurers eine Art von Mörtelpastete zurechtgebacken hatte, wurde eine kleine Vase mit Münzen herbeigebracht. Der Abgeordnete schüttelte sie und klingelte mit ihrem Inhalt, als wolle er eine Beschwörung vornehmen; und wieder hieß es: »wie reizend, wie entzückend, wie sinnreich!« Dann wurde die Vase auf den Stein gestellt, und ein alter Gelehrter verlas die Inschrift, die natürlich lateinisch war, denn englisch hätte offenbar nicht hingereicht. Abermals große Zufriedenheit; besonders, sooft ein langes Substantivum im Ablativ der dritten Deklination mit einem darangehängten Adjektiv aus der Rede auftauchte. In solchen Momenten war die Versammlung jedesmal tief ergriffen. Schließlich ließ man unter dem lauten Jubel der Menge den Stein an seinen Bestimmungsort hinunter. Als er dort glücklich festsaß, klopfte das Mitglied des Parlamentes dreimal mit seiner Kelle darauf, als wolle er neckisch fragen, ob jemand zu Hause sei. Dann entrollte Mr. Pecksniff seine Pläne – wunderbar große Pläne –, und die Leute drängten sich heran, um sie anzustaunen und zu bewundern.

Martin, der sich während dieses ganzen Vorganges außerordentlich geärgert hatte – sehr unnötigerweise, wie Mark meinte –, konnte jetzt seine Ungeduld nicht länger zügeln, sondern arbeitete sich mit mehreren andern im Gedränge vor und blickte so fast über die Schulter des nichtsahnenden Mr. Pecksniff auf die Risse und Zeichnungen, die dieser aufgerollt in der Hand hielt. Kochend vor Wut kehrte er zu Mark zurück.

»Was gibt’s denn, Sir?« rief Mark. »Was ist Ihnen denn?«

»Was es gibt? – Es ist mein Gebäude!«

»Ihr Gebäude, Sir?« fragte Mark erstaunt.

»Mein Schulhaus. Ich habe den Plan dazu entworfen und alles ausgeführt. Der Schuft hat nur noch vier Fenster hinzugefügt und damit die Sache übrigens gründlich verpatzt.«

Mark wollte es anfangs gar nicht glauben, als Martin es ihm jedoch wiederholt versicherte, da fand er es für nötig, ihn am Rockärmel mit Gewalt zurückzuhalten, damit Martin nicht in seiner Aufwallung irgendeine törichte Einmischung begehe. Inzwischen hielt das Parlamentsmitglied eine Rede an die Versammlung über die erfreuliche Feierlichkeit, die es soeben vollzogen.

Es sagte, seit es im Parlament sitze, um die Interessen der Stadt zu vertreten – und es hoffe hinzufügen zu können: auch die Interessen der Damen – begeistertes Taschentücherwedeln –, sei es ihm eine angenehme Pflicht gewesen, unter der so liebwerten Versammlung zu weilen und auch an andern Orten seine Stimme für sie abzugeben – Taschentücherschwenken und Lachen –, aber nie sei es hergereist und habe seine Stimme mit nur halb so reinem, tiefem Entzücken erhoben wie jetzt. »Der gegenwärtige Anlaß«, sagte der Deputierte, »wird mir eine unauslöschliche Erinnerung bleiben. Nicht nur aus den angedeuteten Gründen, sondern weil er mir Gelegenheit gab, persönlich mit einem Gentleman bekannt zu werden« – dabei zeigte er mit der Kelle auf Mr. Pecksniff, den lauter Volksjubel akklamierte, und legte die Hand auf sein Herz – »mit einem Gentleman, der, wie ich fest überzeugt zu sein so glücklich bin, sowohl Auszeichnung als Gewinn auf diesem Felde der Tätigkeit ernten wird – dessen Ruhm schon früher zu mir gedrungen ist – wessen Ohr hätte nicht sein Lob gehört! – aber dessen durchgeistigte Züge ich bis auf den heutigen Tag niemals die Ehre hatte zu erblicken und dessen belehrende Unterhaltung zu genießen mir früher noch nie zuteil geworden ist.«

Sämtliche Anwesende schienen hierüber höchlichst erfreut und applaudierten noch heftiger.

»Und ich hoffe, mein verehrter Freund«, schloß der Deputierte – natürlich setzte er hinzu: »wenn mir der Herr ihn so zu nennen erlauben will«, und Mr. Pecksniff verneigte sich natürlich – »wird mir noch oft Gelegenheit geben, unsere Bekanntschaft fortzusetzen. Und es wird mir noch in meinen spätesten Lebensjahren die innigste Freude bereiten, auf den heutigen Tag zurückblicken zu können, an dem ich zwei Grundsteine gelegt habe – beide zu Gebäuden, die mein Leben weit überdauern werden.«

Abermals großer Jubel. Nur Martin verwünschte die ganze Zeit über Mr. Pecksniff vom Scheitel bis zur Sohle.

»Meine Freunde!« erwiderte Mr. Pecksniff. »Meine Pflicht ist, zu bauen und nicht zu sprechen – zu handeln und nicht zu reden – in Marmor und Ziegelsteinen tätig zu sein und nicht in Worten. Ich bin aufs tiefste gerührt, Gott segne Sie!«

Diese Anrede, augenscheinlich aus dem tiefsten Herzensgrunde Mr. Pecksniffs heraufgepumpt, steigerte den Volksenthusiasmus aufs äußerste. Abermals wurden die Taschentücher geschwenkt und die armen Schulkinder sämtlich ermahnt, lauter Pecksniffs zu werden. Die Korporation, die Herren mit den Stäben, das Unterhausmitglied, alle brachten Mr. Pecksniff drei Hochs. Und dann noch einmal drei Hochs für Mr. Pecksniff und abermals drei Hochs für Mr. Pecksniff. Und dann zum Schluß noch eines für Mr. Pecksniff, und zwar ein ganz besonders kräftiges.

Kurz, Mr. Pecksniff hatte in den Augen der Menge ein großes Werk vollbracht und wurde entsprechend geehrt. Als die Prozession sich entfernte, Martin und Mark fast allein auf dem Platz zurücklassend, bildeten seine Verdienste und der Wunsch, sie gebührend anzuerkennen, das allgemeine Tagesgespräch. Mr. Pecksniff stand kaum dem Abgeordneten nach, darüber war sich alles einig.

»Jetzt vergleiche nur mal einer die Lage dieses Menschen mit der unserigen!« rief Martin mit Bitterkeit.

»Mein Gott, Sir«, brummte Mark, »was nützt das alles! Manche Architekten verstehen es eben, Pläne zu zeichnen, und andere sind so gescheit, Gebäude aufzuführen, wenn die Pläne fertig sind. Aber am Schlüsse wird doch alles ins richtige Geleise kommen.«

»Und in der Zwischenzeit?« fragte Martin.

»Inzwischen, Sir, haben wir so manches zu tun und müssen schauen, daß wir es angehen. Also vorwärts und immer fidel.«

»Sie sind der beste Lehrer im Leben, Mark«, sagte Martin, »den man sich nur denken kann. Und ich will kein schlechter Schüler sein und mich nach Kräften zusammennehmen. Das habe ich mir vorgenommen. Also vorwärts, lieber Freund!«

36. Kapitel


36. Kapitel

Tom Pinch wagt sich nach London, um sein Glück zu machen. Was ihm gleich im Anfang begegnete

Wie verändert erschien Salisbury Tom Pinch, als das Traumbild »Pecksniff« für ihn zerronnen war. Er sah zwar noch immer dieselben wunderbaren Läden, fand den Ort noch ebenso geheimnisvoll und luxuriös, überschätzte seinen Reichtum und seine Bevölkerung ebenso wie früher, aber dennoch war es nicht mehr das alte Salisbury oder überhaupt etwas, das ihm nur entfernt ähnlich gesehen hätte. Während im Wirtshaus das Frühstück bereitet wurde, begab sich Tom auf den Markt. Es war derselbe wie früher, überfüllt von denselben Käufern und Verkäufern, die rührig ihre Geschäfte betrieben; es war dasselbe Zungengewirr und das Gackern der Hühner in den Käfigen, die gleiche schöne Schaustellung frischer Butter, die in Leinwand von blendendem Weiß auf den Brettern lag, dieselben Höklerbuden mit ihren kleinen Rasierspiegeln, Schnürbändern, Schnallen, Hosenstegen und sämtlicher Kurzware waren zu sehen, kurz, alles und jedes war dasselbe, aber dennoch erschien Tom alles so ganz anders als früher. Inmitten des Marktplatzes vermißte er das Götzenbild, das er im Geiste immer dorthin gestellt, und kahl und öde sah es jetzt aus, wo dieses Bildnis fehlte.

Dennoch wirkte die Veränderung der Dinge nicht allzu verbitternd auf ihn, war er doch nicht einsichtsvoll genug, zu wissen, daß es vernünftig und weise ist, wenn man sich einmal in einem Menschen getäuscht hat, sich an der Menschheit im allgemeinen zu rächen und fortan niemandem mehr zu trauen. Nicht nur, daß diese Lebensregel von gewissen tiefsinnigen Poeten und ehrenwerten Männern verfochten wird, so entspricht sie auch dem Gerechtigkeitsbegriff jenes guten Wesirs aus Tausendundeiner Nacht, der bekanntlich alle Lastträger von Bagdad umzubringen befahl, weil man vermutete, daß einer dieser unglücklichen Gilde sich gegen das Gesetz vergangen habe.

Tom war so lange gewohnt gewesen, mit dem Pecksniff seiner Einbildung sich den Tee zu versüßen, ihn, sozusagen, als Butter auf sein Brot zu streichen und ihn als höchste Würze seines Bieres mit einzuschlürfen, daß er jetzt am ersten Morgen nach seiner Entlassung ein recht schales Frühstück hielt. Auch wurde sein Appetit zum Mittagessen nicht sonderlich durch den Umstand geschärft, daß er ernstlich über seine eigenen Angelegenheiten nachdachte und mit seinem Freunde, dem Organisten, darüber Beratung pflog. Der Organistengehilfe gab seine Meinung dahin ab, Tom müsse unter allen Umständen nach London gehen, da es eine ähnliche Stadt auf der Welt nicht mehr gäbe. Dies mochte im allgemeinen richtig sein, wenn es auch an und für sich betrachtet keinen hinreichenden Grund für Tom abgab, sich dorthin zu wenden.

Tom selbst hatte schon früher an London gedacht und mit diesem Orte seine Schwester sowie auch seinen alten Freund John Westlock in Verbindung gebracht, dessen Rat er natürlich in dieser wichtigen Krisis seines Geschickes einzuholen gedachte. Er beschloß deshalb, sich unverzüglich auf den Weg zu machen, und begab sich auf der Stelle nach dem Postbureau, um sich einen Außenplatz zu sichern. Da die Diligence jedoch bereits überfüllt war, sah er sich genötigt, seine Abfahrt bis zum nächsten Tag zu verschieben. Aber auch dieser Umstand hatte nicht nur seine Schatten-, sondern auch seine Lichtseiten, denn wenn auch Toms Börse wieder mit einer unerwarteten Belastung bedroht war, so hatte er doch Gelegenheit, Mrs. Lupin zu schreiben und sie zu bitten, sie möge seinen Koffer an den bekannten alten Wegweiser bringen lassen, damit er seine Habseligkeiten gleich mit nach der Hauptstadt nehmen und sich auf diese Weise die Frachtkosten ersparen könne.

»So«, sagte er, legte die Feder aus der Hand und schöpfte wieder Hoffnung, »na, so weit wären wir glücklich.«

Er konnte sich nicht verhehlen, daß er, nachdem er einmal so weit mit sich ins reine gekommen war, ein ungewohntes Gefühl von Freiheit empfand und den unbestimmten Eindruck hatte, es sei Feiertag. Wohl kamen Momente des Bangens und der Niedergeschlagenheit immer wieder über ihn, aber dennoch fühlte er ein gewisses inneres Behagen bei dem Gedanken, er sei jetzt sein eigener Herr und könne auf eigene Faust Pläne schmieden. Freilich war seine Lage bei seinem mangelnden Selbstvertrauen höchst verwirrend für ihn, aber trotz aller seiner Sorgen gab der Gedanke den Speisen, die er im Wirtshause genoß, einen ganz eigenen Beigeschmack und breitete zwischen ihn und seine Aussichten einen Traumnebel, hinter dem die Zukunft wie in magischem Licht verheißungsvoll hervorwinkte.

So innerlich hin und her geworfen, legte sich Tom ein zweites Mal in den niedrigen Vierpfoster in der Nähe der beiden Ölbilder, die den ehemaligen Wirt und den fetten Ochsen darstellten, und in gleicher Stimmung verbrachte er auch den ganzen folgenden Tag. Als endlich die Postkutsche mit der goldenen Inschrift »London« hinten um die Ecke bog, machte ihr Anblick einen so tiefen Eindruck auf ihn, daß er fast geneigt war, davonzulaufen. Er tat es jedoch nicht, setzte sich vielmehr mutig auf den Bock und blickte auf die vier Grauschimmel herunter, ganz verwirrt von dem Glanz und der Neuheit seiner Lage.

Übrigens hätte auch ein weniger bescheidener Mensch, als Tom es war, verwirrt sein können, so dicht neben einem solchen Kutscher zu sitzen. Der Mann trug seine Handschuhe nicht wie ein anderer in der Hand, sondern, wie er da auf dem Straßenpflaster stand und noch nicht einmal seinen Posten eingenommen hatte, zog er sie an mit einer Miene, als ob die Lenkung von vier Grauschimmeln einfach eine Bagatelle wäre. Ähnlich verfuhr er auch mit seinem Hute. Er verrichtete damit Wunderdinge, zu deren Vollbringung ihn nur eine unbegrenzte Pferdekenntnis und schrankenlose Waghalsigkeit befähigen konnte. Kleine Wertpakete wurden ihm mit besonderen Weisungen ans Herz gelegt, er verstaute sie in diesem Hute und setzte ihn dann wieder auf, als ob die Gesetze der Schwere in diesem Fall keine Gültigkeit hätten. Und dann erst der Kondukteur! »Siebzig Meilen im Tag«, sagte schon sein Backenbart. Seine Manieren waren sozusagen ein kurzer Galopp und seine Unterhaltung ein regelmäßiger Trab. Er selbst glich der Eilkutsche, die einen Abhang hinunterfährt: ein unaufhaltsamer Galopp. Sogar ein Frachtwagen hätte Flügel bekommen müssen, wenn ein solcher Kondukteur mit seinem Horn daraufgesessen hätte.

»London wirft seine Schatten voraus«, dachte Tom, als er auf dem Bocke saß und um sich blickte. »Ein solcher Kutscher und ein derartiger Schaffner haben noch nie auf Erden existiert.«

Der Wagen selbst war kein langsamer Postwagen, sondern eine renommistische, liederliche und luxuriöse Londoner Stadtkarosse. Die ganze Nacht auf den Rädern und bei Tag im Schuppen – das reinste Luderleben –, nahm das leichtsinnige Ding nicht mehr Notiz von Salisbury, als ob es das nächste beste Dorf gewesen wäre, rasselte geräuschvoll durch die nobeln Straßen, verhöhnte die Kathedrale, nahm gerade die schlechtesten Ecken am schärfsten, jagte alles aus dem Wege und raste über die offene Landstraße hinunter mit lustig herausforderndem Hörnerklang als letztem fröhlichem Scheidegruß.

Es war ein bezaubernder Abend, mild und hell. Trotz der Last, mit der die Größe und Unermeßlichkeit Londons seine Seele beschwerte, konnte Tom doch nicht dem angenehmen Eindruck widerstehen, den die rasche Bewegung in der herrlichen Luft auf ihn hervorbrachte. Die vier Grauschimmel griffen wacker aus, und das Posthorn tönte lustig dazwischen. Zuweilen ließ auch der Kutscher seine Stimme dareinschallen, und die Räder surrten harmonisch dazu. Die Messingringe an den Geschirren tönten wie ein kleines Glockenspiel, und klingend, klimpernd und klirrend bildete das ganze Riemenzeug von den Schnallen der vordersten Koppelriemen an bis zu dem Handgriff des Hinterkorbes ein einziges großes musikalisches Instrument.

Hussa! Vorbei an Hecken, Toren und Bäumen, vorbei an Landhäusern und Scheunen und heimkehrenden Arbeitern, vorüber an Eselkarren, die die Fuhrleute seitwärts in den Graben zogen, und an leeren Leiterwagen mit sich aufbäumenden Rossen, bis die Eilkutsche die schmale Wendung der Straße passiert hatte, vorüber an einsamen Kirchen und Kirchlein in ihren stillen Winkeln mit ländlichen Friedhöfen ringsum, wo die Gräber grünten und die Maßliebchen auf den Herzen der Toten schliefen; vorüber an Bächen, in denen das Vieh seine Hufe kühlte und die Binsen wuchsen, an Wildgehegen, Meierhöfen und Schobern, die im schwindenden Abendlicht wie verwitterte altersbraune Giebeldächer aussahen, hinab den kiesbestreuten Abhang durch aufspritzende Wasserlachen und wieder im Galopp auf die ebene Straße hinauf.

»Ob der Koffer da sei«, als sie den alten Meilenzeiger erreichten?

Der Koffer? Mrs. Lupin war selbst mitgekommen. Großartig, wie es sich für eine Wirtin schickt, war sie in ihrer eigenen Kalesche gekommen und saß jetzt, die Liebliche, auf einem Mahagoniklappsitz, mit der entzückendsten Miene von der Welt ihr Drachenpferd lenkend. Und der Postwagen hielt neben ihrer Kutsche, deren Rad er fast streifte, und der Schaffner schmetterte, während ihr Knecht den Koffer hinaufpackte, die frohen Klänge seines Hornes in die Luft und fern hinab durch die Kaminessen Pecksniffs, als wolle die Post ihren Jubel ausdrücken, daß Tom Pinch endlich frei sei.

»Sie sind wirklich zu gütig«, sagte Tom und beugte sich von seinem Außensitz nieder, um Mrs. Lupin die Hand zu reichen. »Hätte ich das gewußt, würde ich Sie nicht bemüht haben.«

»Bemüht haben, Mr. Pinch!?« rief die Drachenwirtin.

»Freilich, ich weiß ja, es macht Ihnen Freude«, versetzte Tom und drückte ihr herzlich die Hand. »Was gibt es Neues?«

Die Wirtin schüttelte den Kopf.

»Sagen Sie, daß Sie mich gesehen haben«, fuhr Tom fort, »und sagen Sie, ich sei froh und heiter und nicht ein bißchen niedergeschlagen. Und bitte, seien Sie ein Gleiches, denn schließlich wird doch noch alles wieder gut werden. – Gott befohlen!«

»Aber Sie werden mir doch schreiben, wenn Sie sich irgendwo einen dauernden Aufenthalt gewählt haben, Mr. Pinch?« fragte Mrs. Lupin besorgt.

»Wenn ich mir einen dauernden Aufenthalt gewählt habe?« rief Tom, unwillkürlich die Augen aufreißend; »ja, ja, natürlich; dann werde ich sofort schreiben. Vielleicht wäre es übrigens besser, wenn ich es schon früher täte, denn es könnte immerhin einige Zeit dauern, bis ich einen bleibenden Wohnsitz gefunden habe. Meine Barschaft ist nicht allzu groß, und ich habe nur einen einzigen Freund. Übrigens will ich ihn von Ihnen grüßen. Sie haben ja immer gut mit Mr. Westlock gestanden. Also, leben Sie wohl.«

»Leben Sie wohl«, rief Mrs. Lupin und langte hastig aus ihrem Wagen einen Korb, aus dem der Hals einer langen Flasche hervorguckte. »Bitte, nehmen Sie das; und Gott befohlen.«

»Soll ich den Korb für Sie nach London mitnehmen?« fragte Tom.

Die Wirtin war bereits im Begriff, ihre Kalesche umzudrehen.

»Nein, nein«, rief sie, »es ist nur eine kleine Erfrischung auf den Weg. – Vorwärts, Jack! Alles in Ordnung! Gott befohlen!«

Sie war schon eine Viertelmeile weg, ehe Tom sich sammeln konnte. Dann blickte er sich um und winkte ihr mit der Hand zu, was sie herzlich erwiderte.

»Das ist also das letzte Lebewohl von dem alten Wegweiser«, dachte Tom, »wo ich so oft gestanden habe und dieselbe Postkutsche habe vorbeifahren sehen und von so vielen Kameraden Abschied genommen habe. Sonst kam mir der Postwagen immer wie ein großes Ungeheuer vor, das zu gewissen Zeiten erschien, um meine Freunde in die Welt hinaus zu entführen. Jetzt nimmt es auch mich mit sich, damit ich mein Glück in der Fremde suche. Weiß Gott, wo ich es finden werde.«

Und es wurde ihm weh ums Herz, wenn er dachte, wie er vor alters so oft die Gasse hinauf und nach Mr. Pecksniffs Wohnung zurückgegangen war. In seiner trübseligen Stimmung fiel sein Blick wieder auf den Korb auf seinen Knien, den er beinahe ganz vergessen hatte.

»Sie ist die freundlichste und rücksichtsvollste Frau von der Welt«, murmelte er. »Jetzt begreife ich erst, warum sie ihren Jack so schnell weggerufen hat. Bloß damit ich ihm kein Trinkgeld geben konnte. Die ganze Zeit über hatte ich das Geld für ihn bereit, aber er sah mich auch nicht ein einziges Mal an, während er mir doch sonst – ich kenne ihn doch so gut – freundlich zugegrinst hätte. Wirklich, die Güte der Leute rührt mich fast bis zu Tränen.« Sein Blick begegnete dem Auge des Kutschers. Der Mann blinzelte ihm verschmitzt zu.

»Merkwürdig hübsche Frau für ihr Alter, was?« fragte er.

»Da bin ich ganz Ihrer Meinung; sie ist wirklich bildschön«, rief Tom.

»Schöner als so manche junge, was meinen Sie?«

»Als so manche junge«, pflichtete Tom bei.

»Ich für meinen Teil mach mir gar nix aus jungen Frauenzimmern«, behauptete der Kutscher kühn.

Das war nun allerdings Geschmackssache, und Tom fühlte sich nicht berufen, die Frage weiter zu erörtern.

»Die jungen verstehn zum Beispiel nix von Erfrischungen«, fing der Kutscher nach einer Weile wieder an. »Ein Frauenzimmer muß schon so ziemlich in die Jahre gekommen sein, ehe sie soviel Verstand hat, einem ein derartiges Körbchen mitzubringen.«

»Wollen Sie vielleicht wissen, was drin ist?« fragte Tom lächelnd.

Da der Kutscher bloß lachte und Tom selbst ebenfalls neugierig war, so packte er aus und legte die Delikatessen nacheinander auf das Wagenbrett. Ein kaltes gebratenes Huhn, ein paar Lagen Schinkenschnitten, ein Brotlaib mit schöner brauner Kruste, ein Stück Käse, eine Tüte mit Zwieback, ein halbes Dutzend Äpfel, ein Messer, eine Scheibe Butter, ein wenig Salz und eine Flasche alten Xeres. Es war auch ein Brief dabei, und Tom steckte ihn in die Tasche.

Der Kutscher schien es so ernst mit seinem Lobe von Mrs. Lupin zu meinen und gratulierte Tom so herzlich, daß dieser um des Rufes der guten Witwe willen es für nötig hielt, dem Manne auseinanderzusetzen, der Korb sei eine Erkenntlichkeit rein platonischer Natur und ihm lediglich aus Freundschaft überreicht worden. Nachdem er dies mit tiefem Ernste auseinandergesetzt – denn er hielt es für seine Pflicht, dem lockern Vogel reinen Wein einzuschenken, damit dieser nicht etwa auf schlechte Gedanken komme –, bedeutete er ihm, es werde ihn freuen, das Geschenk mit ihm zu teilen, und schlug ihm vor, sie wollten, sooft es der Kutscher bei seiner Erfahrung und Kenntnis des Weges für angebracht halte, den Korb als gute Freunde gemeinschaftlich plündern. Von da an plauderten sie so vertraut und freundlich miteinander, daß, obgleich Tom mehr von Einhörnern verstand als von Pferden, der Kutscher schließlich zu seinem Freunde, dem Schaffner sagte, er wünsche sich niemals einen besseren Reisegefährten auf dem Bock als den jetzigen – besonders was die Unterhaltung beträfe –, so kurios der Mann auch aussehe.

Und, hussa, weiter ging’s unter den dunkelnden Schatten dahin, die die Umrisse der Bäume verschlangen, und durch Licht und Düster vorüber am Dorfanger, wo noch die Cricketspieler weilten und das frische Gras seinen Duft in die Nacht ausströmte. Hussa! Vorwärts mit vier frischen Pferden vom »Falben Hirsch«, wo die Zecher, die Reisenden anstaunend, im Torweg standen und das ausgespannte Grauschimmelquartett mit hängenden Zügeln unter dem Jubel der Dorfjugend sich in die Schwemme trollte. Dann weiter mit klappernden, funkensprühenden Hufen über die alte steinerne Brücke wieder hinab den schattigen Weg bis ans offene Tor, und weit, weit weg in den Wald hinein.

Hussa, mit dem Mond um die Wette! Hussa, hussa! Kaum ist die Schönheit der Nacht so recht empfunden, da kommt auch schon der Tag herangehüpft. Hussa! Noch drei Stationen, und die Landwege sind zu einer fortlaufenden Straße geworden. Vorbei an Gemüsegärten, Häuserreihen, Villen, Terrassen und Plätzen – vorbei an Frachtwagen, Kutschen und Karren – vorbei an Frühaufstehern und Arbeitern, an verspäteten Nachtschwärmern, betrunkenen und nüchternen Lastträgern – vorbei an Ziegelhaufen und Steinmauern und hinein auf das rasselnde Pflaster, wo sich auf einer Postkutsche ein ruhiger Sitz auf die Dauer nicht so leicht behaupten läßt; hussa, hinunter die zahllosen Windungen und durch das endlose Labyrinth der Wege, bis das alte Gasthaustor erreicht ist. Betäubt und schwindelnd steigt Tom Pinch ab – er ist in London.

»Und noch obendrein fünf Minuten vor der Zeit«, erklärt der Kutscher, als ihm Tom die Fahrt bezahlt.

»Ach«, versetzt Mr. Pinch, »ich würde mir nicht soviel daraus gemacht haben, wenn es auch fünf Stunden nach der Zeit wäre; ich weiß wahrhaftig nicht, wohin ich so früh gehen oder was ich anfangen soll.«

»Man erwartet Sie also nicht?« fragte der Kutscher.

»Wer?«

»Nun, sie.« Im Kopf des Kutschers hat es sich nämlich so festgesetzt, Tom müsse nach London gekommen sein, um einen ausgebreiteten Kreis ängstlich besorgter Verwandter und Freunde zu besuchen, daß es ziemlich schwer gewesen sein würde, es dem Manne auszureden. Tom versuchte es auch nicht erst, vermied vielmehr jede weitere Erörterung des Themas und verfügte sich in das Wirtshaus, wo er vor dem Kaminfeuer, das in einer vom Hofe aus zugänglichen Gaststube brannte, bald in Schlummer verfiel. Als er erwachte, waren die Leute im Hause bereits sämtlich auf den Beinen. Er wusch sich, brachte seine Kleider in Ordnung, was er nach der Reise wirklich sehr nötig hatte, und machte sich, da es inzwischen acht Uhr geworden, sofort auf den Weg, um seinen alten Freund John aufzusuchen.

John Westlock wohnte in Furnivals Inn, High Holborn, das ungefähr eine Viertelstunde von dem Wirtshaus entfernt lag, von Tom aber nicht in so kurzer Zeit erreicht wurde, da er einen großen Umweg machte und die Richtung verfehlte. Als er endlich vor Johns Türe anlangte, blieb er, vom Kopf bis zu den Füßen zitternd, stehen und wagte kaum den Klopfer zu ergreifen, denn es war ihm durchaus nicht wohl zumute bei dem Gedanken, er müsse nun berichten, was zwischen ihm und Mr. Pecksniff vorgefallen war – hatte er doch die sichere Ahnung, daß John über die Enthüllung in einen geradezu schrecklichen Jubel ausbrechen werde.

»Und doch muß es geschehen«, sagte sich Tom, »ob nun früher oder später. Es ist besser, ich warte nicht länger.«

– Rat tat tat. –

»Ich fürchte, man klopft in London anders«, murmelte Tom, »es hat nicht besonders zuversichtlich geklungen. Wahrscheinlich öffnet man auch aus diesem Grunde die Türe nicht.«

Ob nun so oder so, eines war sicher: es kam niemand. Sicher war ferner, daß Tom dastand und den Klopfer ansah – verwundert, wo denn in der Nähe der Gentleman wohne, der da in einem fort aus Leibeskräften »herein« rief.

»Meiner Seel«, sagte er sich endlich. »Er wohnt vielleicht gar hier drinnen, und die Aufforderung gilt mir. Daran habe ich noch gar nicht gedacht. Vielleicht kann man die Türe von außen aufmachen. Wahrhaftig, ja.« Und, wirklich, es ging. Er drückte die Klinke herunter, und kaum hatte er dies getan, rief dieselbe Stimme, die er vorhin schon gehört, ungeduldig: »Warum kommen Sie denn nicht herein? Hören Sie denn nicht?! Wollen Sie noch lange draußen stehen bleiben?«

Tom trat aus dem kleinen Flur in das Zimmer, aus dem diese Worte herausgerufen wurden, und kaum war er eines Herrn im Schlafrock und Pantoffeln – die Stiefel standen daneben und zum Anziehen bereit – ansichtig geworden, der mit einer Zeitung in der Hand bei seinem Frühstück saß, als dieser auch schon, auf die Gefahr hin, seinen Teetisch umzuwerfen, auf ihn losstürzte und ihn in die Arme schloß.

»Tom, mein Junge, Tom!«

»Ich freue mich wirklich, Sie zu sehen, Mr. Westlock«, sagte Tom Pinch, drückte ihm beide Hände und zitterte ärger als je. »Wie freundlich Sie sind.«

»Mr. Westlock?« wiederholte John. »Was soll denn das heißen, Pinch? Du hast doch hoffentlich meinen Taufnamen nicht vergessen?«

»Nein, John, vergessen habe ich ihn nicht«, versetzte Tom Pinch. »O Gott, wie liebenswürdig du bist.«

»In meinem ganzen Leben habe ich noch keinen solchen Narren gesehen«, rief John. »Was soll das heißen, daß du mir das schon zum zweitenmal sagst? Ich möchte doch gern wissen, ob ich vielleicht anders sein sollte. Da, setz dich nieder, Tom, und sei ein vernünftiger Mensch. Wie geht’s dir, mein Junge? Es freut mich innig, dich zu sehen.«

»Und wie froh ich bin, dich zu sehen«, sagte Tom.

»Das Vergnügen ist natürlich gegenseitig«, rief John, »und wir halten’s selbstverständlich wie in frühern Zeiten. Hätte ich geahnt, daß du kommst, Tom, würde ich dir ein Frühstück vorbereitet haben. Mir ist freilich eine solche Überraschung lieber als das beste Frühstück von der Welt, aber bei dir ist’s etwas anderes, und ich zweifele nicht, daß du hungrig bist wie ein Wolf. So wie die Dinge liegen, mußt du dich eben behelfen, wie du kannst, Tom. Wir werden’s übrigens beim Dinner schon nachholen. Da, nimm ein wenig Zucker – übrigens, das erinnert mich an den Zucker bei Pecksniffs. Haha, was macht er denn, der Bursche? Wann kommt er nach London? – Nun, so greife doch endlich zu, Tom! Es sind zwar nur Überbleibsel, aber auch diese sind nicht ganz zu verachten. Gesulzter Wildschweinkopf! Versuche ihn mal, Tom! Mache nur den Anfang! Was du doch für ein seltsamer Kerl bist, und wie ich mich freue, dich wiederzusehen!«

Während John in freudiger Erregung dies alles nur so hervorstieß, lief er unaufhörlich zwischen dem Schrank und dem Tisch hin und her, brachte alle Arten von Dingen in Töpfen herbei, löffelte eine gewaltige Menge Tee aus der Büchse, ließ ein paar Semmeln in seine Stiefel fallen, goß heißes Wasser über die Butter und beging noch eine ganze Reihe ähnlicher Mißgriffe, ohne sich jedoch dadurch verstimmen zu lassen.

»So«, sagte er, sich zum fünfzigstenmal wieder niedersetzend, aber sofort wieder aufspringend, um eine weitere Bereicherung des Frühstücks herbeizuschaffen.

»Jetzt sind wir so gut mit allem versehen, daß wir es wohl bis zum Mittagessen aushalten können und jetzt zu deinen Neuigkeiten kommen. Also, vor allem – was macht Pecksniff?«

»Ich weiß nicht«, lautete Toms ernste Antwort.

John stellte die eben ergriffene Teekanne wieder nieder und blickte seinen Freund erstaunt an.

»Ich weiß nicht, was er macht«, wiederholte Tom Pinch, »und kümmere mich auch nicht darum. Aber selbstverständlich wünsche ich ihm nichts Böses. Ich habe ihn verlassen, John – für immer verlassen.«

»Freiwillig?«

»Nein, das nicht. Er hat mich entlassen. Ich habe jetzt eingesehen, daß ich mich in ihm getäuscht habe, und es wäre mir unter keinen Umständen länger möglich gewesen, bei ihm zu bleiben. Ich bedaure tief, gestehen zu müssen, daß du hinsichtlich Beurteilung seines Charakters recht hattest. Es ist vielleicht lächerlich und schwach von mir, John, aber ich kann dir nur versichern, daß es mich tief geschmerzt hat, als ich diese Entdeckung machte.«

Tom hatte durchaus nicht nötig, seinen Freund so bittend anzusehen, er möge nicht lachen, denn eher würde John daran gedacht haben, ihn zu Boden zu schlagen.

»Es war alles ein Traum; jetzt ist’s, Gott sei Dank, vorüber«, fuhr Tom fort. »Wie es zuging, will ich dir später einmal erzählen. Du mußt Nachsicht mit meiner Torheit haben, John, aber ich möchte jetzt weder daran denken noch davon sprechen.«

»Ich schwöre dir, Tom«, sagte Westlock nach einer kurzen Pause sehr ernsthaft, »wenn ich so sehe, wie tief es dich schmerzt, so weiß ich nicht, ob ich mich darüber freuen oder betrüben soll, daß du endlich diese Entdeckung gemacht hast. Ich mache mir sogar Vorwürfe bei dem Gedanken, wie oft ich dir gegenüber darüber scherzen konnte. Ich hätte dich besser kennen sollen.«

»Mein lieber, lieber Freund«, rief Tom und streckte John beide Hände entgegen, »es ist wirklich riesig hochherzig und brav von dir, daß du mich und meine Mitteilung so aufnimmst. Es macht mich erröten, daß ich nur einen Augenblick deswegen beunruhigt sein konnte. – Du glaubst gar nicht, welche Last du mir vom Herzen genommen hast«, setzte er hinzu und griff wieder zu Messer und Gabel. »Und jetzt werde ich dem Wildschweinkopf aber ganz fürchterlich zusetzen.«

John, auf diese Art an seine Wirtspflichten erinnert, machte sich unverzüglich daran, die einander widersprechendsten Speisen auf Toms Teller aufzuhäufen, und Mr. Pinch ließ sich das Frühstück vortrefflich schmecken und wurde bald wieder fröhlich und guter Laune.

»Alles recht hübsch und schön«, sagte John, den Verheerungen, die sein Gast unter den Speisen anrichtete, mit großem Vergnügen zusehend, »aber jetzt zu andern Plänen. Du mußt natürlich bei mir bleiben. Wo ist dein Koffer?«

»Im Wirtshaus«, sagte Tom. »Ich hatte nicht im Sinn –«

»Mir ganz egal, was du im Sinn gehabt hast oder nicht«, fiel ihm John Westlock ins Wort, »was du jetzt im Sinn hast, ist wichtiger. Du wolltest doch zu mir kommen und mich um meinen Rat fragen – ist es nicht so, Tom?«

»Allerdings.«

»Und du wirst ihn befolgen, wenn ich ihn dir gegeben habe?«

»Ja«, versetzte Tom lächelnd, »vorausgesetzt, daß er gut ist, was ich natürlich nicht bezweifle, wenn er aus deinem Munde kommt.«

»Bravo! – Also, dann sei nicht gleich im Anfang der alte verstockte Bursche, Tom, oder ich schweige und behalte meinen unschätzbaren Rat für mich. Du bist bei mir zu Besuch – und ich wollte nur, ich hätte eine Orgel für dich.«

»Dafür würden sich die übrigen Hausbewohner wohl sehr bedanken«, lautete Toms Antwort.

»Also, laß mal sehen. – Zuerst wirst du wohl heute früh deine Schwester besuchen wollen«, fing John wieder an, »und wirst natürlich lieber allein hingehen wollen. Ich begleite dich ein Stück Wegs und sehe mich dabei in der Stadt um, wo ich allerlei zu besorgen habe, und nachmittags treffen wir uns dann wieder hier. Da, steck das in die Tasche, Tom, es ist der Schlüssel zur Entreetür; wenn du zuerst nach Hause kommst, wirst du ihn nötig haben.«

»Wahrhaftig«, rief Tom, »sich auf diese Weise bei einem Freunde einzuquartieren –«

»Aber ich habe doch zwei Schlüssel«, unterbrach ihn John Westlock. »Ich kann doch nicht mit beiden zugleich öffnen; oder? Was du doch für ein lächerlicher Mensch bist, Tom –! Wünschest du vielleicht etwas Besonderes zu Mittag zu essen?«

»O Gott, nein«, rief Tom.

»Also gut, dann überlaß das mir. Willst du jetzt ein Glas Kirschgeist haben?«

»Nicht einen Tropfen! – Was das doch für merkwürdige Quartiere in London sind. Alles kann man da haben!«

»Ach, Gott behüte, Tom – nichts als ein paar Junggesellenbequemlichkeiten; eine Art ›Robinson-Crusoe-Wirtschaft‹, weiter nichts. Was meinst du, wollen wir jetzt einen Spaziergang machen?«

»Oh, sehr gerne«, rief Tom, »ich bin bereit, wann es dir paßt.«

Mr. Westlock fischte die Semmeln aus seinen Stiefeln, warf sich in seine Kleider und reichte Tom zur Unterhaltung die Zeitung hin. Als er gebürstet und gekämmt wieder zurückkehrte, fand er Mr. Pinch in düsterer Stimmung, das Zeitungsblatt in der Hand.

»Träumst du, Tom?«

»Nein«, sagte Mr. Pinch leise, »ich habe mir nur die Annoncen durchgelesen – im Glauben, es könnte möglicherweise etwas darunter sein, was für mich paßte. Aber wie mir schon so oft aufgefallen ist, scheint immer der sonderbare Fall einzutreffen, daß die Leute sich nicht zueinander finden wollen. Da gibt es alle Arten von Dienstherren, die alle Arten von Dienern haben wollen, alle Arten von Dienern, die alle Arten von Dienstherrn brauchen können, aber zu finden scheinen sie einander nie. Hier zum Beispiel sieht sich ein Gentleman in einer öffentlichen Stellung durch vorübergehende Verlegenheit veranlaßt, fünfhundert Pfund aufnehmen zu müssen, und in der nächsten Annonce meldet sich ein anderer Gentleman, der genau diese Summe ausborgen will. Aber die beiden werden sich gewiß nicht zusammenfinden. Und dann ist hier eine Dame in unabhängiger Stellung, die Kost und Logis bei einer ruhigen Familie sucht – und daneben eine Familie, die sich fast ganz mit denselben Worten eine Dame in unabhängiger Stellung wünscht. Aber die Dame wird nicht hingehen, John. Ebenso wenig werden diese ledigen Gentlemen hier, die ein freundliches Schlafzimmer mit gelegentlicher Benützung des Salons brauchen, sich je mit den Leuten hier ins Einvernehmen setzen, die in einem Haus mit Garten nur fünf Minuten von der Börse entfernt wohnen. Es scheint wirklich«, sagte Tom und legte das Blatt mit einem tiefen Seufzer aus der Hand, »daß die Menschen zufrieden sind, wenn sie ihre Anliegen nur drucken lassen können. Es scheint eine Art Trost für sie drin zu liegen, zu publizieren: ich brauche das und jenes und kann’s nicht bekommen und glaube auch nicht, es jemals bekommen zu können.«

John Westlock lachte über den komischen Einfall, und dann gingen sie zusammen fort. Viele Jahre waren vergangen, seit Tom das letztemal in London gewesen, und auch damals hatte er so wenig davon kennengelernt, daß ihn jetzt jede Kleinigkeit interessierte. Besonders begierig war er, unter andern Merkwürdigkeiten auch jenes Viertel zu sehen, wo, wie er gehört hatte, die Leute vom Lande ausgeraubt und ermordet zu werden pflegen. Ja, es schien ihm gar nicht recht zu passen, als er nach einer halben Stunde Wegs bemerkte, daß nicht einmal ein Taschendieb sich seiner Börse bemächtigt hatte. John Westlock erfand daher extra einen solchen für ihn und zeigte ihm einen höchst respektablen Fremden als hervorragendes Mitglied dieser Gilde. Dann erst war Mr. Pinch endlich zufrieden.

Nachdem sie eine ziemlich weite Strecke zusammen zurückgelegt, machte John Tom kurz vor Camberwell so genau mit jeder Biegung der Straße zur Villa des reichen Gelb- und Rotgießers bekannt, daß Tom den Weg unmöglich verfehlen konnte, und ließ ihn dann allein seine Visite machen.

Mr. Pinch war vor dem großen Glockenzug angekommen und läutete; sehr bescheiden natürlich. Der Portier erschien.

»Bitte, wohnt hier Miss Pinch?« fragte Tom.

»Miss Pinch ist hier Gouvernante«, versetzte der Portier und musterte dabei Tom von oben bis unten, als wollte er sagen: na, du scheinst mir ja ein recht netter Kunde zu sein. Wo kommst du eigentlich her?

»Ganz recht, das ist die junge Dame«, sagte Tom. »Ist sie zu Hause?«

»Kann ich unmöglich wissen«, versetzte der Portier.

»Möchten Sie dann vielleicht die Güte haben, zu fragen«, ersuchte Tom. Er genierte sich fast, diese Bitte vorgebracht zu haben, denn die Möglichkeit eines solchen Schrittes schien dem Portier durchaus nicht einzuleuchten.

Seine Pflicht als Portier war, nach Ertönen der Haustürglocke, wie üblich, die innere Glocke zu ziehen – denn bei dem Gelb- und Rotgießer ging es genau wie bei einem Baron zu –, und das hatte er auch getan. Er wurde bezahlt, daß er das Haustor auf und zu mache, und nicht, um Fremden Auskunft zu geben. Er überließ also das Weitere dem livrierten Bedienten, der in diesem Augenblick erschien.

»Hallo, was wollen Sie hier? Hier herein gefälligst, junger Herr.«

»Oh«, sagte Tom und trat in den Garten, »ich habe nicht bemerkt, daß noch jemand da ist. – Bitte, ist Miss Pinch zu Hause?«

»Drin ist sie wohl«, versetzte der Lakai, als wolle er sagen: »zu Hause« ist nur die gnädige Frau.

»Ich möchte sie gerne sprechen«, sagte Tom.

Der Lakai, ein lebhafter junger Mann, bemerkte in diesem Augenblick zufällig eine davonfliegende Taube, und das interessierte ihn dermaßen, daß er nicht antworten konnte, bis der Vogel hinter dem Dach verschwand. Dann endlich lud er Tom ein, weiterzukommen, und führte ihn in eine Art Sprechzimmer.

»Der Name?« fragte er langsam, indem er an der Türe stehen blieb.

»Melden Sie gefälligst: ihr Bruder.«

»Mutter?« fragte der Lakai mit gedehnter Stimme.

»Bruder!« wiederholte Tom etwas lauter. »Sie würden mich übrigens sehr verbinden, wenn Sie zuvörderst sagen wollten, ein Herr sei da, und dann erst erklärten, ich sei Miss Pinchs Bruder, denn sie erwartet mich nicht und weiß gar nicht, daß ich in London bin. Ich möchte sie nicht gerne erschrecken.«

Das Interesse des Bedienten an Toms Bemerkungen hatte schon bei dessen zweitem oder drittem Wort aufgehört, er war aber doch so gütig, bis zum Schluß der Rede zu warten. Dann zog er die Türe hinter sich zu und entfernte sich.

»Mein Gott«, murmelte Tom, »ist das ein unehrerbietiges, unartiges Benehmen. Ich will nur hoffen, daß der Bediente hier noch neu ist und daß Ruth anders behandelt wird.«

Er wurde in seinen Betrachtungen durch das Geräusch von Stimmen aus dem anstoßenden Zimmer unterbrochen. Es schien, als ob sich jemand stritte, unwillig wäre oder schelte; und schließlich brach beinahe ein Sturm aus. Mitten durch diesen Lärm hindurch glaubte Tom die Stimme des Lakaien zu hören, der ihn anmeldete, und gleich darauf entstand plötzlich eine ganz unnatürliche Stille. Tom stand am Fenster und dachte bei sich, was das wohl für ein häuslicher Zwist sein könne, hoffte aber, Ruth würde nichts damit zu tun haben. Da ging plötzlich die Türe auf, und seine Schwester warf sich ihm an die Brust.

»Gott im Himmel«, rief Tom und blickte sie, nachdem sie sich gegenseitig zärtlich umarmt hatten, mit großem Stolze an, »wie du dich verändert hast, Ruth! Wirklich, wenn ich dich anderswo getroffen hätte, Schwesterchen, so würde ich dich kaum erkannt haben. Hast du dich aber herausgemacht!« setzte er mit verhaltenem Entzücken hinzu, »du bist so groß, so – weißt du – so hübsch geworden!«

»Wenn du es sagst, Tom –«

»Nein, nein, das muß jeder sagen«, beteuerte Tom und streichelte Ruth sanft die Locken. »Das ist eine Tatsache und nicht nur eine Ansicht von mir. Was gibt’s denn aber?« fuhr er fort und blickte sie genauer an, »du bist so aufgeregt, du hast geweint.«

»Ich? Gott behüte, Tom.«

»Dummes Zeug,« sagte Tom fest, »rede dich nicht heraus. Ich sehe es doch. Sage mir offen und aufrichtig, was es gegeben hat. Ich bin jetzt nicht mehr bei Mr. Pecksniff und will mir in London eine Stelle suchen. Wenn du dich also hier im Hause nicht glücklich fühlst – und ich fürchte sehr, daß es so ist, und fange an zu glauben, du hast mich aus Liebe und Rücksicht bisher davon nicht verständigt –, so darfst du auch nicht länger bleiben.«

Sein Blut war in Wallung. Möglich, daß der genossene Schweinskopf daran schuld war, jedenfalls aber der Lakai und, vor allem: der Anblick seiner hübschen Schwester. Was ihn selbst anging, konnte Tom viel vertragen, aber auf Ruth war er stolz und in diesem Punkte daher sehr empfindlich.

Es schwante ihm plötzlich, daß es vielleicht noch mehr als einen Pecksniff auf der Welt geben könne, und die Haut fing ihm an zu prickeln.

»Wir wollen das später einmal besprechen, Tom«, wich Ruth aus und beschwichtigte ihren Bruder mit einem Kuß. »Ich fürchte allerdings, ich werde nicht mehr lang hier bleiben können.«

»Du kannst nicht?« versetzte Tom. »Nun gut, dann darfst du es auch nicht, meine Liebe. Auf das Mitleid der Leute hier sollst du nicht angewiesen sein, mein Wort drauf.«

In diesem Augenblick unterbrach sie der Lakai und meldete im Auftrag seines Herrn, man wünsche Mr. Thomas Pinch zu sprechen, ehe er ginge, zugleich aber auch Miss Pinch.

»Gehen Sie voraus. Zeigen Sie mir den Weg«, sagte Tom. »Ich will sogleich meine Aufwartung machen.«

Sie traten in das anstoßende Zimmer, aus dem vorhin der Lärm gekommen war, und fanden dort einen Herrn in mittleren Jahren mit wichtiger Miene und protzenhaftem Auftreten und desgleichen eine Dame in mittleren Jahren mit einer Art Accisbeamtengesicht, wenigstens schienen Essig und Pfeffer darin die hervorragendsten Elemente. Ferner war dieselbe Schülerin von Miss Pinch zugegen, die bei einer früheren Gelegenheit von Mrs. Todgers den Namen »Sirup« bekommen hatte, und weinte und schluchzte; – offenbar aus reiner Bosheit.

»Mein Bruder«, stellte Ruth Pinch Tom schüchtern vor.

»Oh«, rief der Gentleman und musterte Tom von oben bis unten. »Sie sind also Miss Pinchs Bruder. – Entschuldigen Sie eine Frage: wie kommt es, daß Sie ihr so gar nicht ähnlich sehen?«

»Miss Pinch hat de facto einen Bruder«, bemerkte die Dame.

»Ja, ja. Miss Pinch erzählt immer von ihrem Bruder, statt sich mit meiner Erziehung zu beschäftigen«, schluchzte der Zögling.

»Sophie, du hast zu schweigen«, rief der Gentleman. – »Setzen Sie sich gefälligst«, lud er Tom ein.

Mr. Pinch setzte sich und blickte in stummem Erstaunen von einem Gesicht zum andern.

»Bleiben Sie gefälligst, Miss Pinch«, fuhr der Gentleman fort und warf Ruth einen geringschätzigen Seitenblick zu.

Sofort stand Tom auf, um für seine Schwester einen Stuhl zu holen und nahm dann wieder Platz.

»Es freut mich sehr, Sir, daß Sie zufällig heute gerade Ihre Schwester besuchen«, begann der Gelb- und Rotgießer wieder; »denn, wenn ich es auch grundsätzlich nicht billige, daß eine junge Person, die in meiner Familie als Gouvernante in Diensten steht, Besuche annimmt, so kommt mir der Ihrige doch im gegenwärtigen Falle sehr apropos und gelegen. Es tut mir leid, Ihnen mitteilen zu müssen, daß wir mit Ihrer Schwester durchaus nicht zufrieden sind.«

»Wir sind sogar sehr unzufrieden mit ihr«, warf die Dame hin.

»Ich will Miss Pinch keine Aufgaben mehr hersagen, und wenn man mich dafür zu Tode prügelt«, schluchzte der Seraph.

»Sophie!« rief der Vater, »du hast zu schweigen.«

»Würden Sie mir die Frage erlauben, worin der Grund Ihrer Unzufriedenheit besteht?« fragte Tom.

»Ja«, entgegnete der Gentleman, »das will ich. Nicht, daß ich annehme, Sie hätten ein Recht zu fragen, aber ich will es. Ihre Schwester hat nicht die mindeste angeborene Fähigkeit, sich Achtung zu verschaffen, und dies bildet eine unablässige Quelle von Mißhelligkeiten zwischen uns. Trotzdem sie schon seit einiger Zeit in unserer Mitte weilt und die hier gegenwärtige junge Dame sozusagen fast unter ihren Augen aufgewachsen ist, so hat dennoch diese junge Dame hier keine Achtung vor ihr. Miss Pinch ist vollständig unfähig gewesen, sich die Achtung meiner Tochter und ihr Vertrauen zu gewinnen. Ich behaupte«, setzte der Gentleman hinzu und ließ seine Hand gravitätisch auf den Tisch niederfallen, »ich behaupte nun, daß hierin ein radikaler Fehler liegt. Sie, als ihr Bruder, sind vielleicht geneigt, es in Abrede zu ziehen –«

»Ich bitte um Entschuldigung, Sir«, unterbrach Tom, »ich bin durchaus nicht geneigt, es in Abrede zu ziehen, sondern bin sogar überzeugt, daß ein radikaler Fehler hier obwalten muß – ein geradezu unausrottbarer Fehler.«

»Gott im Himmel«, rief der Gentleman und sah sich würdevoll im Zimmer um, »was muß ich alles täglich mit ansehen! Was für Resultate entspringen aus dieser Charakterschwäche Miss Pinchs? Was müssen als Vater meine Gefühle sein, wenn ich entdecken muß, daß meine Tochter – während ich doch Miss Pinch wiederholt ausdrücklich ermahnt habe, sie solle ihre Schülerin anhalten, in allen Ausdrücken gewählt und in ihrer Haltung gentil zu sein, wie es sich für meiner Tochter Stellung im Leben gebührt, und höflich und reserviert gegen untergebene Personen zu sein –, ich sage, wenn ich finden muß, daß diesen Morgen erst noch meine Tochter Miss Pinch eine Bettlerin nannte –«

»Ein bettelhaftes Ding«, verbesserte die Dame des Hauses.

»Das ist noch viel schlimmer!« rief der Gentleman triumphierend, »noch viel schlimmer! Ein bettelhaftes Ding! Welch gemeiner, roher, verächtlicher Ausdruck.«

»Höchst verächtlich«, rief Tom. »Es freut mich, daß man sich hier so außerordentlich klar darüber ist.«

»So klar, Sir«, bestätigte der Gentleman und dämpfte seine Stimme zu größter Eindringlichkeit, »so klar, daß ich Miss Pinch erst vor ein paar Minuten noch mein Ehrenwort gab, ich würde die Beziehungen zwischen uns augenblicklich gelöst haben, wenn ich nicht wüßte, daß sie eine schutzlose junge Person – eine freundlose Waise ist.«

»O Sir«, rief Tom und erhob sich von seinem Sessel, denn er war nicht länger imstande, sich zurückzuhalten, »bitte lassen Sie sich durch solche Rücksichten durchaus nicht bestimmen. Das wäre nichts weniger als angebracht, Sir. Ruth ist keineswegs schutzlos und wird sofort Ihr Haus verlassen. – Liebe Ruth, bitte setze deinen Hut auf.«

»Na, das ist ja eine recht hübsche Familie«, rief die Frau des Hauses spitzig. »Er ist zweifellos ihr Bruder. Das ist jetzt wohl keine Frage mehr.«

»Ebensowenig kann ein Zweifel obwalten«, versetzte Tom, »daß die junge Dame dort das Resultat Ihrer Erziehung und nicht derjenigen meiner Schwester ist. – Liebe Ruth, bitte setze deinen Hut auf.«

»Junger Mann«, fuhr der Gelbgießer hochmütig auf, »wenn Sie mit dieser Impertinenz, die Ihnen übrigens angeboren zu sein scheint und auf die zu reagieren ich mich weiter nicht herablasse, sagen wollen, daß das Fräulein hier – meine älteste Tochter – von jemand anderem als von Miss Pinch erzogen worden sei, so – brauche ich nichts weiter hinzuzufügen. Ich verstehe Sie nicht. Ich – äh –«

»Sir«, rief Tom und faßte den Gelbgießer fest ins Auge, »wenn Sie nicht verstehen, was ich meine, so will ich es Ihnen erklären. Wenn Sie aber den Sinn meiner Worte begreifen, so muß ich Sie bitten, bei Ihren Antworten nicht diese Ausdrucksweise beizubehalten. Meine Meinung ist, daß kein Mensch erwarten kann, sein Kind werde das achten, was der eigene Vater herabsetzt.«

»Hahaha«, brach der Gentleman los. »Albernes Geschwätz. Das gewöhnliche lächerliche Geschwätz.«

»Nein, eine gewöhnliche Wahrheit, Sir!« entgegnete Tom. »Eine Wahrheit, die der gewöhnlichste Verstand einzusehen imstande ist. Ihre Gouvernante kann sich das Vertrauen und die Achtung Ihrer Kinder einfach nicht gewinnen. Jawohl. Zeigen Sie ihr lieber selbst erst Achtung, und dann sehen Sie sich die Resultate an.«

»Miss Pinch setzt doch ihren Hut auf, liebe Frau, nicht wahr?« fragte der Gelbgießer.

»Seien Sie unbesorgt, Sir«, rief Tom. »Sie brauchen nicht im geringsten daran zu zweifeln. – Übrigens wende ich mich an Sie, Sir! Sie haben mir Ihre Meinung gesagt, Sir, und mich extra deswegen in Ihr Zimmer kommen lassen; ich habe daher das Recht, auch meine Meinung zu sagen. – Ich bin weder aufbrausend noch grob«, setzte er hinzu, »was ich von der Art und Weise, wie Sie mit mir reden, nicht behaupten kann. Hinsichtlich meiner Schwester hier möchte ich die einfache Wahrheit auseinandersetzen.«

»Sie können auseinandersetzen, was Sie wollen, junger Mann«, erwiderte der Gentleman mit affektiertem Gähnen. »Liebe Frau, zahle Miss Pinch ihren Lohn aus.«

»Wenn Sie behaupten«, fuhr Tom fort, der trotz seiner scheinbaren äußerlichen Ruhe doch innerlich kochte, »daß meine Schwester nicht die Fähigkeit besitzt, sich die Achtung Ihrer Kinder zu verschaffen, so muß ich Ihnen erwidern, daß das durchaus nicht der Fall ist. Sie ist so gut erzogen, so gebildet und von Natur aus so geeignet, sich Achtung zu verschaffen, wie nur irgendeine junge Dame, die sich zu dem Sklavendienst einer Gouvernante erniedrigt. Wie können Sie nun, wenn Sie nur mit gewöhnlichem Durchschnittsverstand begabt sind, erwarten, daß Ihre Tochter meine Schwester mit Achtung behandelt, wo Sie ihr nicht einmal die Achtung der Dienstboten des Hauses zu sichern wissen.«

»Unerhört, wirklich unerhört«, rief der Gentleman, »das ist ja recht nett.«

»Nein, es ist sehr schlimm, Sir«, sagte Tom. »Es ist sehr schlimm, es ist gemein, niedrig und grausam. – Achtung!? Ich dächte denn doch, daß Kinder im allgemeinen hell genug von Verstand sind, um sich zu merken und nachzuahmen, was sie an ihren Eltern sehen. Wieso oder warum soll denn ein Kind einen Menschen achten, vor dem niemand sonst Respekt hat und den jeder über die Achsel ansieht! Wie soll ein Kind Lust zu seinen Studien bekommen, wenn es sieht, wie sehr die eigene Gouvernante trotz ihrer Bildung mißhandelt wird. Achtung!? – Stellen Sie das Allerachtenswerteste Ihren Töchtern in dem Lichte dar, in dem Sie ihnen meine Schwester zu zeigen beliebten – gleichviel, was es sein mag, es wird in den Staub getreten werden.«

»Sie führen eine sehr unverschämte Sprache, junger Mann«, fuhr der Gentleman auf.

»Nein, ich rede leidenschaftslos, aber mit größter Entrüstung und voller Verachtung vor einem solchen Vorgehen wie dem Ihrigen oder dem jedes Menschen, der sich dergleichen erlaubt. Wie können Sie als Mann von Ehre darüber erstaunt oder mißvergnügt sein, daß Ihre Tochter meine Schwester ein bettelhaftes Ding nennt, wenn Sie selbst ihr ganz dasselbe auf ebenso deutliche Art, wenn auch nicht in Worten sagen? Wenn sogar Ihr Portier und Ihr Lakai sich erlauben dürfen, jedem Fremden gegenüber Miss Pinch als ein bettelhaftes Ding hinzustellen? Und was Ihr Mißtrauen gegen sie betrifft, so dürften Sie sie in diesem Falle nicht zur Erzieherin Ihrer Kinder machen und haben vor allem kein Recht, sie so zu behandeln.«

»Kein Recht?« rief der Gelb- und Rotgießer.

»Nein, kein Recht«, wiederholte Tom. »Und wenn Sie glauben, sich durch eine gewisse jährliche Summe ein derartiges Recht zu sichern, so überschätzen Sie den Wert Ihres Geldes unendlich, denn das Gehalt ist wohl in jeder Hinsicht der nebensächlichste Punkt in Ihrem gegenseitigen Vertrage. Und wenn Sie Ihre Bezahlungen auch auf die Minute einhalten, so können Sie trotzdem ein Bankrottier sein. – So, jetzt habe ich weiter nichts mehr zu sagen«, schloß Tom, der jetzt, wo die Sache vorbei war, immer aufgeregter wurde. »Ich bitte Sie nur um Erlaubnis, in Ihrem Garten warten zu dürfen, bis meine Schwester fertig ist.«

Er ließ es nicht mehr zu einer Antwort kommen, sondern ging sogleich aus dem Zimmer.

Er hatte sich noch nicht halbwegs beruhigt, als seine Schwester ihm nachkam. Sie weinte. Tom konnte den Gedanken nicht ertragen, daß es vielleicht jemand vom Hause aus sehen könnte, und verwies es ihr.

»Sie werden glauben, daß du ungern fortgehst«, redete er ihr zu. »Du gehst doch nicht etwa wirklich ungern?«

»O nein, Tom, nein! Ich habe mich schon seit langer Zeit danach gesehnt.«

»Also gut, dann weine nicht«, sagte Tom.

»Es tut mir nur leid um dich, lieber Bruder«, schluchzte Ruth.

»Um mich? Da solltest du dich doch eher freuen. Ich werde mich doppelt so glücklich fühlen, wenn wir beisammen sind. Nur Mut gefaßt und Kopf hoch! So, jetzt gehen wir zusammen fort, wie es unser würdig ist. Nicht in Wut oder Winseln, sondern fest und voller Selbstvertrauen.«

Der Einfall, daß Tom und seine Schwester hätten winseln können, wäre wohl unter allen Umständen eine Abgeschmacktheit gewesen, aber Tom fand in seiner Aufregung kein besseres Wort. Er trat durch das Gartenhaus – so viel Entschlossenheit in seinem Gesicht, daß ihn der Portier kaum wiedererkannte.

Sie waren eine Strecke weit nebeneinander hergegangen, und Tom, der inzwischen ruhiger und gefaßter geworden, hatte sich wieder ganz erholt, als ihn seine Schwester mit ihrem hübschen Stimmchen fragte:

»Wohin gehen wir eigentlich, Tom?«

»Lieber Himmel«, rief Tom und blieb stehen. »Ich weiß es wirklich nicht.«

»Du weißt es nicht? Hast du denn nicht irgendwo eine Wohnung?« fragte Ruth und blickte fragend zu ihm auf.

»Nein, vorderhand noch nicht. Ich bin erst heute morgen angekommen. Wir müssen uns vor allem ein Quartier suchen.«

Tom verschwieg ihr, daß er eigentlich bei seinem Freunde John hatte wohnen wollen, konnte aber andererseits natürlich nicht daran denken, bei ihm gleich zwei Personen einzuquartieren, von denen noch dazu eine ein Mädchen war. Überdies wußte er, daß das Ruth nur beunruhigt und in Verlegenheit gebracht hätte. Andererseits aber wollte er sie auch nicht, während er zu John ging, irgendwo zurücklassen, denn er hätte John ja alles erzählen müssen, und das hätte den Verdacht erwecken können, als spekuliere er auf seine Gastfreundschaft. Er sagte daher nochmals, sie müßten sich gleich jetzt eine Wohnung mieten, und zwar so selbstverständlich, als habe er den Wegweiser zu allen vermietbaren Quartieren von London in der Tasche.

»Wo wollen wir uns also ein Quartier suchen?« fragte er. »Was meinst du?«

Ruth wußte über diesen Punkt ebensowenig Bescheid wie er. Sie steckte ihm nur ihre kleine Börse in die Rocktasche, faltete ihre beiden kleinen Händchen über seinem Arm und schwieg.

»Es müßte in einer wohlfeilen Gegend sein«, sagte Tom, »aber nicht allzu weit von London. – Laß mal sehen. Meinst du nicht, daß Islington das richtige wäre?«

»Ich denke, es wäre sogar vortrefflich, Tom.«

»Man nannte es früher das lustige Islington«, sagte Tom. »Vielleicht verdient es noch immer den Namen. Um so besser dann, was?«

»Wenn’s nicht zu teuer ist«, meinte Ruth.

»Natürlich, wenn’s nicht zu teuer ist. Also wo liegt Islington? Ich glaube, wir könnten nichts Besseres tun, als uns unverzüglich dorthin begeben. Komm.«

Ruth würde ihm wahrscheinlich überallhin gefolgt sein, und so gingen sie denn Arm in Arm seelenruhig und vergnügt weiter. Bald machten sie die Entdeckung, daß Islington nicht in dieser Richtung lag, und Tom sah sich daher nach einem direkt gehenden Omnibus um, den er denn auch bald entdeckte.

Die Fahrt verging ihnen sehr angenehm, denn Tom berichtete dabei, wie es ihm ergangen war. Und Ruth erzählte ihm ihre eigene Geschichte, und beide bemerkten, daß sie sich viel mehr zu sagen hatten, als Zeit dazu war, da sie bereits am Ziele ihrer Reise anlangten, kaum nachdem sie mit ihrem Plaudern angefangen zu haben glaubten.

»Jetzt«, sagte Tom, »müssen wir uns erst einmal nach einer bescheidenen Straße umsehen und dann schauen, wo Vermietzettel in den Fenstern hängen.«

So gingen sie denn friedlich nebeneinander her, als kämen sie eben aus einem eigenen behaglichen Heim und suchten für irgendeinen Dritten ein Logis. Tom war noch immer so unbekümmert sorglos wie je, aber jetzt, wo sich seine Schwester auf ihn verließ, fühlte er ein größeres Selbstvertrauen und kam sich geradezu wie ein sieghafter Wagehals vor.

So wanderten sie wohl ein paar Stunden hin und her und besichtigten ein paar Dutzend Wohnungen, was sie schließlich sehr ermüdete, besonders, da sie keine passende finden konnten. Endlich entdeckten sie in einem altmodischen kleinen Haus in einer Sackgasse zwei kleine Schlafzimmer und ein dreieckiges Wohnzimmer, die ihnen passend erschienen. Es erregte einigermaßen Argwohn, daß sie sogleich einzuziehen wünschten, aber auch diese Schwierigkeit war rasch beseitigt, als sie die erste Woche vorausbezahlten und sich auf John Westlock, Esquire, Furnivals Inn, Holborn, beriefen.

Es war wirklich ein köstlicher Anblick, wie Tom und seine Schwester nach Erledigung dieses höchst wichtigen Geschäftes mit einer Art furchtsamen Entzückens beim Bäcker, Fleischer und Krämer umherliefen, sich miteinander über allerhand Bestellungen berieten und beim geringsten Dreinreden von Seiten der Verkäufer in höchste Verwirrung gerieten. Als sie nach dem dreieckigen Wohnstübchen zurückkehrten und Ruth, mit tausend Kleinigkeiten beschäftigt, fröhlich umhertrippelte, zuweilen stehenblieb, um »ihrem alten Tom« einen Kuß zu geben oder ihm zuzulächeln – da rieb sich Mr. Pinch so vergnügt die Hände, als ob ganz Islington ihm gehöre.

Es war bereits spät am Nachmittag und für Tom hohe Zeit, sein Rendezvous einzuhalten. Nachdem er sich mit seiner Schwester besprochen, daß sie heute zur Feier des Tages Hammelkoteletten zu Abend essen wollten, um sich für das versäumte Dinner zu entschädigen, machte er sich auf den Weg, um seine wunderbaren Erlebnisse seinem Freunde John mitzuteilen.

»So habe ich jetzt mit einem Male ein Hauswesen«, dachte er. »Wie behaglich könnten Ruth und ich zusammenleben, wenn ich nur eine Beschäftigung bekäme. Ach Gott, ach Gott, dieses ewige ›Wenn‹. Aber es nützt nichts, den Mut zu verlieren – dazu ist immer noch Zeit, wenn ich alles vergeblich versucht habe. Und auch dann würde mir damit wenig geholfen sein. Mein Wort«, murmelte er und beschleunigte seine Schritte, »ich weiß wahrhaftig nicht, was John sich denken wird. Er wird wahrscheinlich der Meinung sein, ich hätte mich in eine jener Straßen verirrt, wo man die Leute vom Lande umbringt, und denkt vielleicht, man habe mich schon längst zu einer Pastete oder dergleichen verarbeitet.«

37. Kapitel


37. Kapitel

Tom Pinch verirrt sich und findet, daß es jemand anderem ebenso gegangen ist. Er häuft glühende Kohlen auf das Haupt eines gedemütigten Feindes

Das Fatum führte ihn nicht in eine von jenen kannibalischen Pastetenküchen, die nach der Darstellung so vieler Sagen vom Lande in der Hauptstadt einen lebhaften Kleinhandel mit Menschenfleisch betreiben, und ebensowenig wurde er die Beute von Uhren- und Beutelschneidern, von Taschendieben und anderen unblutigen Spitzbuben, von der die Polizei alles ganz genau weiß, und ebensowenig verstrickte er sich in eine der zahlreichen Menschenfallen, die, ohne daß man es ahnt, an den öffentlichen Plätzen der Hauptstadt stets aufgestellt sind. Aber seinen Weg verlor er, und zwar gleich anfangs, und bei dem Versuch, ihn wieder aufzufinden, verirrte er sich immer mehr und mehr.

Nun hielt er es bei seinem kindlichen Mißtrauen gegenüber London für die erste Regel, ja niemanden um den Weg nach Furnivals Inn zu befragen, wenn er es irgend vermeiden könne, außer wenn er zufällig in die Nähe des Münzamtes oder der englischen Bank käme. In diesem Falle wollte er natürlich hineingehen und im Vertrauen auf die vollkommene Solidität des Institutes ein paar höfliche Fragen riskieren. So schritt er also weiter seines Weges, las die Namen aller Straßen und durchschnitt sie zur Hälfte, und so kam er aus der Goswell Street nach Alderman Bury, verirrte sich in Barbican und geriet, da er beharrlich auf der unrechten Seite des Londoner Walls blieb, in die Themse Street. Mit einem Instinkt, der hätte wunderbar genannt werden können, wenn dieser Ort das beabsichtigte Ziel seiner Reise gewesen wäre, langte er schließlich beim Monumente an.

Der Mann im Mond konnte für Tom kein geheimnisvolleres Wesen sein als der Mann, der im Monument wohnte. Sofort kam ihm der Gedanke, der Mann, der hier als Einsiedler so abgeschieden von der ganzen Menschheit wohne, müsse der richtige sein, den er nach dem Wege fragen könne.

Tom schritt auf das Denkmal zu und atmete erleichtert auf, als er sah, daß der Mann im Monument noch gewisse Überreste irdischer Eigenschaften hatte. Trotz des kunstreichen Gesteins seiner Wohnung schien er doch noch an gewissen ländlichen Erinnerungen zu hängen: er liebte Pflanzen, hielt Vögel in Käfigen und junge Bäume in Zubern. Er selbst saß vor der Monumenttüre – vor seiner eigenen Türe – wahrhaftig ein großartiger Gedanke! – und gähnte so ungeniert, als ob gar kein Denkmal da sei, in dessen Anwesenheit sich so etwas nicht schicke.

Tom näherte sich dem merkwürdigen Wesen, um wegen des Weges nach Furnivals Inn Erkundigungen einzuziehen, da kamen zwei Fremde dem Denkmal zugeschritten, um es zu besichtigen. Es waren ein Herr und eine Dame; und der Herr fragte:

»Kostet?«

Der Mann im Monument brummte: »Einen Stutz pro Kopf.«

Das schien ein höchst ordinärer Ausdruck angesichts des erhabenen Denkmals.

Der Herr zückte einen Schilling, und der Mann im Monument öffnete eine kleine dunkle Tür. Als der Herr und die Dame im Finstern verschwunden waren, warf er sie wieder ins Schloß und kehrte langsam zu seinem Stuhl zurück.

Dann setzte er sich nieder und grinste.

»Die haben auch keine Ahnung, wieviel Stufen da nauf führen«, sagte er, »nicht ums Doppelte möcht ich da naufkrallen.«

Der Mann im Monument war also offenbar ein Zyniker – ein ganz weltlich gesinnter Mensch! Ihn konnte Tom unmöglich um den Weg fragen, und er war daher fest entschlossen, sich anderswo Rats zu erholen.

»Gott im Himmel«, rief in diesem Augenblick eine wohlbekannte Stimme, »wahrhaftig, er ist es!«

Mr. Pinch fühlte sich gleichzeitig im Rücken mit einem Sonnenschirm spitzig berührt. Als er sich umwandte, um zu sehen, wer ihn in dieser Weise begrüße, erkannte er sogleich die älteste Tochter seines ehemaligen Chefs.

»Miss Pecksniff!« rief er erstaunt aus.

»Gott im Himmel, Mr. Pinch«, rief Cherry, »ja. Was treiben denn Sie hier?«

»Ich habe mich ein wenig verirrt«, stotterte Tom, »ich –«

»Ich habe gehört, Sie hätten Ihre sieben Zwetschgen zusammengepackt und seien auf und davon gegangen?« fragte Charitas. »Das wäre nur sehr in Ordnung, wo sich Papa so weit vergißt.«

»Ja, ich habe ihn verlassen«, bestätigte Tom. »Aber es geschah im besten beiderseitigen Einvernehmen –«

»Ist er schon verheiratet?« fragte Cherry mit einem nervösen Zucken um ihre Mundwinkel.

»Nein, noch nicht«, antwortete Tom errötend. »Offen gestanden glaube ich auch nicht, daß es je der Fall sein wird, wenn Miss Graham der Gegenstand seiner Neigung sein sollte.«

»Lächerlich, Mr. Pinch!« rief Charitas erregt; »Sie sind viel zu leichtgläubig und haben überhaupt keine Ahnung, welcher Tricks solche Naturen fähig sind. – Wir leben in einer gottlosen Welt, glauben Sie mir.«

»Nun, und Sie?« deutete Tom an, um dem Thema rasch eine andere Wendung zu geben. »Gedenken Sie nicht zu heiraten, Miss Pecksniff?«

»O Gott, nein«, zierte sich Cherry und zeichnete mit der Spitze ihres Sonnenschirms krumme Linien auf einen Pflasterstein des Monumenthofes. »Ich – aber wahrhaftig – ich – kann Ihnen das hier nicht erklären. Wollen Sie nicht mit hineinkommen?«

»Sie wohnen hier?« fragte Tom.

»Ja«, antwortete Miss Pecksniff und deutete mit ihrem Schirm auf Todgers‘ Etablissement. »Ich wohne dort bei dieser Dame – vorderhand –.« Der große Nachdruck, den sie auf dieses Wort legte, ließ Tom erraten, daß sie von ihm erwarte, er werde etwas darüber sagen.

»Nur vorderhand? Sie gedenken also wahrscheinlich, bald wieder nach Hause zu reisen?«

»Nein, Mr. Pinch«, lachte Miss Charitas, »nein, dafür bedanke ich mich bestens. Eine Stiefmutter, die jünger ist – ich wollte sagen: die fast gleichalterig ist mit der ältesten Tochter, würde mir wahrhaftig nicht passen. – Nö«, setzte sie hämisch und schaudernd hinzu.

»Ich dachte nur, weil Sie von ›vorderhand‹ sprachen –« bemerkte Tom.

»Ach, ich hätte mir nicht im entferntesten gedacht, daß Sie wegen dieses Ausdrucks so scharf mit mir ins Gericht gehen würden, Mr. Pinch«, flötete Charitas errötend, »sonst hätt ich ihn nicht gebraucht. Aber wollen Sie jetzt nicht mit hineinkommen?«

Tom suchte nach einer Entschuldigung und wies darauf hin, daß er ein Rendezvous in Furnivals Inn habe, sich von Islington aus verirrt habe und statt dessen zum Monument geraten sei. Miss Pecksniff zierte sich zuerst außerordentlich auf seine Frage, ob sie nicht vielleicht den Weg nach Furnivals Inn wisse, rückte aber schließlich mit einem Vorschlag heraus:

»Ein Gentleman – ein guter Bekannter von mir – ich will nicht gerade sagen, ein Freund, aber – doch – eine Art Bekanntschaft – wirklich, ich weiß kaum, wie ich mich ausdrücken soll, Mr. Pinch, aber Sie dürfen nicht glauben, daß irgendwelche Beziehungen zwischen uns bestehen und, wenn dies auch der Fall wäre, so ist die Sache doch bis heute noch nicht so weit gediehen – aber wie dem auch sei, – – also dieser Gentleman geht, glaube ich, da er dort Geschäfte hat, ebenfalls nach Furnivals Inn, und ich bin fest überzeugt, er wird sich sehr freuen, Sie zu begleiten, damit Sie sich nicht wieder verirren können. Aber kommen Sie jetzt mit. Sie finden wahrscheinlich meine Schwester Gratia bei Todgers’«, setzte sie mit einem verhaltenen spöttischen Lächeln hinzu.

»Dann will ich doch lieber versuchen, mich allein zurechtzufinden«, rief Tom hastig. »Ich muß annehmen, daß es ihr nichts weniger als angenehm sein wird, mich zu sehen. Der unglückliche Vorfall damals mit ihrem jetzigen Gatten und mir kann sie unmöglich freundlich von mir denken lassen, trotzdem mich wahrhaftig keine Schuld trifft.«

»Verlassen Sie sich darauf, sie hat kein Wort davon gehört«, beruhigte ihn Cherry und verbiß ein spöttisches Lachen, »und im übrigen glaube ich auch nicht, daß sie Ihnen deshalb besonders böse wäre.«

»Wie? Was sagen Sie da?« rief Tom höchst erstaunt.

»Ach Gott, ich sage gar nichts«, wich Charitas aus. »Wenn ich nicht schon von Kindheit an gewußt hätte, wie sich Hinterlist und Betrug an dem Täter rächen, Mr. Pinch, so müßte ich es jetzt sehen, wo die Sachen eine so eigentümliche Wendung genommen haben.« Dabei lächelte sie wieder geheimnisvoll wie zuvor. »Aber ich will nichts gesagt haben – ich verwahre mich dagegen. – – Aber jetzt kommen Sie doch endlich mit!«

Tom fühlte, hier lag ein Geheimnis vor, und eine leise Angst um Gratia bemächtigte sich seiner. Wie er jetzt in seiner Unschlüssigkeit Charitas genauer anblickte, bemerkte er deutlich, daß in ihrem Gesicht etwas wie Triumph aufleuchtete, trotzdem sie hastig ihre Augen abwandte.

Eine dunkle Vorahnung beschlich ihn, aber dennoch konnte er sich Miss Pecksniffs Benehmen nicht deuten. Natürlich konnte er nicht wissen, daß sie entzückt nach jeder Gelegenheit griff, ihrer Schwester ein Leid zu bereiten. Er stellte sich Gratia noch immer als das leichtsinnige junge Mädchen vor, das sie einst gewesen, immer voller Geringschätzung gegen ihn und nichts weniger als bemüht, ihre Gefühle ihm gegenüber zu verbergen –, mit einem Wort, er hatte nur eine unklare Vorstellung, daß Miss Pecksniff nicht so ganz schwesterlich oder wohlgesinnt handle, wenn sie ihn jetzt einlud, und er entsprach daher ihrem Wunsche, sie zu begleiten.

Die Haustüre wurde geöffnet, und Charitas stieg ihm voran zum Besuchszimmer hinauf.

»Ach, Gratia«, rief sie und steckte den Kopf zur Türe hinein; »ich fürchtete schon, du seiest nach Hause gegangen. Rate einmal, wen ich hier auf der Straße getroffen und hergebracht habe! Mr. Pinch! Das überrascht dich, nicht wahr?«

Aber Gratia war durchaus nicht so überrascht wie Tom, als er sie jetzt zu Gesicht bekam; – nicht halb so sehr.

»Mr. Pinch hat Papa verlassen, liebe Gratia«, fuhr Charitas fort, »und seiner Zukunft steht jetzt nichts mehr im Wege. Ich habe ihm versprochen, Augustus, der dieselbe Richtung geht, werde ihm nach Furnivals Inn den Weg zeigen. – Augustus, lieber Freund, wo stecken Sie denn?«

Diese Worte waren eine Beschwörungsformel, die Mr. Augustus Moddle galten. Gleich darauf verließ Miss Pecksniff das Zimmer, und Tom Pinch und Gratia waren allein.

Wenn Gratia von jeher Toms beste Freundin gewesen wäre, statt ihn so behandelt zu haben, wie sie es getan, so hätte sein ehrliches Herz nicht von tieferem Mitleid für sie ergriffen sein können, als es jetzt der Fall war.

»O Gott«, begann Gratia, »wirklich, Sie sind der allerletzte, den ich zu sehen gehofft hätte.«

Es schmerzte Tom, sie so in ihrer alten Weise sprechen zu hören, denn er hatte das nicht von ihr erwartet. Trotzdem empfand er das tiefste Mitleid für sie, denn sie sah traurig verändert aus gegen früher, wenn ihre Redeweise auch immer noch hochmütig klang.

»Es nimmt mich wunder, daß Sie Gefallen daran finden können, mich zu besuchen, Mr. Pinch. Ich kann mir gar nicht erklären, wie Ihnen ein solcher Einfall kommen konnte. Ich habe mir, wie Sie wissen, nie viel aus Ihnen gemacht und dächte, Liebe hätten wir gerade nicht aneinander verschwendet, Mr. Pinch«, sagte sie und machte sich nervös mit den Bändern ihres Hutes zu schaffen, der neben ihr auf dem Sofa lag – sichtlich im Geiste ganz woanders.

»Wir haben doch niemals einen Streit miteinander gehabt!« wendete Tom milde ein. – Er hatte darin vollkommen recht, denn zu einem Zwist gehören bekanntlich zwei. – »Ich hatte gehofft, Sie würden sich freuen, einem alten Bekannten die Hand zu drücken. Schauen Sie, lassen Sie uns doch nicht vergangene Dinge wieder aufrühren«, setzte er hinzu, »und wenn ich Sie jemals gekränkt habe, so vergeben Sie mir.«

Gratia sah ihn einen Augenblick an, ließ dann den Hut aus den Händen fallen, bedeckte ihr Gesicht und brach in Tränen aus.

»Ach, Mr. Pinch«, jammerte sie, »ich habe Sie ja wahrhaftig niemals gut behandelt, aber doch hätte ich nicht gedacht, daß Sie so unversöhnlich wären. Ich habe nicht geglaubt, daß Sie so grausam sein könnten.«

Sie sprach jetzt so ganz anders als sonst, daß es Tom tief ergriff; sie machte ihm offenbar einen Vorwurf, und er verstand sie nicht.

»Ich weiß ja, ich habe mir’s niemals anmerken lassen, aber doch glaubte ich an Sie so fest, daß ich zuverlässig Ihren Namen genannt haben würde, wenn man mich nach einem Menschen gefragt hätte, dem ich am wenigsten zutraue, daß er sich zu rächen imstande sei.«

»Sie würden meinen Namen genannt haben –«, wiederholte Tom mechanisch.

»Ja«, versetzte Gratia mit Nachdruck. »Ich habe oft daran gedacht.«

Eine Weile sann Tom nach, dann setzte er sich neben sie auf einen Stuhl.

»Glauben Sie wirklich«, sagte er, »oder können Sie nur einen Augenblick dem Gedanken Raum geben, daß ich je meine Worte anders meinen könnte, als wie ich sie buchstäblich sage? Wenn ich Sie jemals beleidigt habe, so bitte ich Sie um Entschuldigung – denn es ist ja möglich, daß ich es oft und vielmals getan habe. Aber Sie haben mich nie gekränkt. Weshalb sollte ich mich also an Ihnen rächen wollen, selbst wenn ich schlecht genug wäre, an etwas Derartiges zu denken!?«

Eine Weile schwieg Gratia, dann dankte sie ihm unter Tränen und schluchzte, seit sie die Heimat verlassen, habe sie sich nie so schmerzlich berührt und doch wieder innerlich so getröstet gefühlt. Dennoch weinte sie bitterlich fort, und es schnitt Tom tief ins Herz, ihre Tränen mit anzusehen, um so mehr, als er deutlich begriff, wie sehr sie seiner Teilnahme bedurfte.

»Beruhigen Sie sich, nehmen Sie’s nicht so schwer!« redete er ihr zu, »Sie waren doch sonst immer so heiter und fröhlich den ganzen lieben Tag lang.«

»Ach ja, früher«, rief sie in einem Tone, der ihm tief zu Herzen ging.

»Es wird schon wieder alles gut werden«, versuchte er sie zu trösten.

»Nein, nie, nie mehr. Oh, nie mehr! – Wenn Sie jemals Gelegenheit haben sollten, mit dem alten Mr. Chuzzlewit zu sprechen«, setzte sie hastig hinzu und blickte Tom fest ins Gesicht – »es kam mir bisweilen vor, als habe er Sie gern, wolle sich’s aber nicht anmerken lassen – nicht wahr, dann sagen Sie ihm, daß Sie mich hier gesehen haben und daß ich Ihnen mitgeteilt habe: was er damals auf dem Kirchhof mit mir gesprochen, sei unauslöschlich in mein Gedächtnis eingegraben.«

Tom versprach es ihr.

»Oft und oft habe ich mir seitdem seine Worte ins Gedächtnis zurückgerufen und gewünscht, dort begraben zu liegen. Es läge mir sehr, sehr viel daran, wenn er erführe, wie wahr er gesprochen hat; wenn ich es auch seitdem niemandem gesagt habe und dieses Eingeständnis auch niemals mehr über meine Lippen kommen wird.«

Tom versprach ihr, Mr. Chuzzlewit alles mitzuteilen, fügte jedoch hinzu, es komme ihm sehr unwahrscheinlich vor, daß er jemals mit dem alten Herrn wieder zusammentreffen werde. »Aber es könnte ja sein«, fügte er hinzu, denn er wollte Gratia nicht noch mehr betrüben.

»Wenn er das alles je durch Sie erfährt, lieber Mr. Pinch«, fuhr Gratia fort, »so sagen Sie ihm auch, daß ich es ihm nicht um meinetwillen mitteilen lasse, sondern bloß, damit er nachsichtiger und geduldiger und vertrauensvoller gegen andere sein möge, wenn sich ein ähnlicher Fall wieder ereignen sollte. Sagen Sie ihm, er ahne nicht, wie wenig damals dazu gefehlt hat, und ich hätte mich anders entschieden, als ich es getan.«

– »Ja, ja«, versprach Tom. »Ich will es ausrichten.« –

»Als ich ihm seiner Hilfe am unwürdigsten schien, war ich vielleicht am meisten geneigt, seinen Worten nachzugeben – ja, ja, ich weiß, es ist so: ich habe seitdem oft und oft darüber nachgedacht. Wenn er mir nur noch ein wenig mehr zugeredet hätte – nur noch eine Viertelstunde länger geblieben wäre –, ich glaube ganz gewiß, ich wäre gerettet gewesen. Sagen Sie ihm, daß ich ihm deshalb keinen Vorwurf mache, sondern ihm dankbar bin, daß er es überhaupt versucht hat. Bitten Sie ihn zugleich um Christi Liebe willen, der Jugend gegenüber barmherzig zu sein und des Kampfes mit Milde zu gedenken, den ein schlecht beratenes und leichtsinniges Geschöpf gekämpft, um die Kraft zu verbergen, die ihn Schwäche dünkte. Bitten Sie ihn, dies nie zu vergessen, wenn ihm je wieder ein ähnlicher Fall unterkommen sollte.«

Wenn auch Tom den Sinn von Gratias Worten nicht vollständig begriff, so konnte er ihn doch so ziemlich erraten. Bis ins Innerste erschüttert, ergriff er ihre Hand und sagte ihr – oder wollte es wenigstens – einige Worte des Trostes. Sie fühlte und verstand sie, so unartikuliert sie auch klangen. Er war so fassungslos, daß er kaum wußte, was vorging; erst später glaubte er sich zu erinnern, sie habe sich ihm zu Füßen werfen und ihn segnen wollen. Als sie sich entfernt hatte, bemerkte er plötzlich, daß er nicht allein im Zimmer war. Mrs. Todgers war eingetreten und schüttelte betrübt das Haupt. Er sah die Dame jetzt zum erstenmal, erriet jedoch, sie müsse die Frau des Hauses sein, und da er so große Teilnahme in ihren Blicken las, hatte sie im Handumdrehen sein Herz gewonnen.

»Ach, Sir, Sie sind gewiß ein alter Freund, wie ich sehe?« fragte sie.

»Ja, so ist’s«, antwortete Tom.

»Aber gewiß –« fuhr Mrs. Todgers fort und schloß leise die Türe, »hat sie Ihnen nicht gesagt, worin ihre Leiden bestehen?«

Tom war höchlichst betroffen über diese Worte, denn sie enthielten tatsächlich die Wahrheit.

»Wirklich«, gab er zu, »sie hat mir nichts darüber gesagt.«

»Und sie wird Ihnen auch nichts Näheres darüber sagen, selbst wenn Sie täglich mit ihr zusammenkämen. Nie läßt sie eine Silbe der Erklärung oder der Klage darüber laut werden. Aber dennoch«, setzte Mrs. Todgers hinzu und seufzte, »dennoch weiß ich, wie schwer ihr ums Herz ist.«

Tom nickte bekümmert und seufzte:

»Ich auch.«

»Ich bin fest überzeugt«, schluchzte Mrs. Todgers und zog ihr Taschentuch aus der flachen Retiküle, »daß niemand auch nur annähernd weiß, was das arme junge Geschöpf durchzumachen hat. Aber, trotzdem sie fast täglich herkommt, um ihr armes gequältes Herz zu erleichtern und weinend in der Ecke sitzt, bis der Anfall vorüber ist, und dabei immer jammert: ›Ach, Mrs. Todgers, ich bin heute so traurig, wollte Gott, ich läge schon im Grabe‹, so weiß ich doch nichts weiter von ihr. Und trotz alledem«, setzte Mrs. Todgers hinzu und steckte ihr Tuch wieder ein, »weiß ich, daß sie mich für eine gute Freundin hält.«

Mrs. Todgers hätte berechtigterweise sagen können: »für ihre beste Freundin«. Die Herren vom Handelsstande und die Sorgen um die tägliche Fleischbrühe hatten zwar Mrs. Todgers‘ Herz ein wenig verhärtet, und sie dachte fast an nichts anderes als an Erwerb – der übrigens in ihrem Falle so unbedeutend war, daß man es ihr nachsehen mußte, wenn sie die Augen offen hielt und an allen Ecken und Enden sparte, aber in irgendeinem Winkel ihres Herzens und vor einem ganz verborgenen Schubfach war eine geheime Tür, und auf der stand das Wort »Weib« geschrieben. Und wenn Gratia die Feder berührte, so flog sie weit auf, um ihr ein Asyl zu bieten.

In diesem Augenblick trat Charitas mit ihrem Verehrer ein.

»Mr. Thomas Pinch«, stellte sie Tom, sich in die Brust werfend, vor: »– Mr. Moddle –. Wo ist übrigens meine Schwester?«

»Fortgegangen, Miss Pecksniff«, antwortete Mrs. Todgers. »Es war höchste Zeit.«

»Ach«, seufzte Charitas mit einem lauernden Blick auf Tom, »– ach, du lieber Himmel.«

»Sie hat sich sehr, sehr verändert, seit sie mit einem andern – – seit sie verheiratet ist, Mrs. Todgers«, bemerkte Mr. Moddle.

»Mein lieber Augustus!« sagte Miss Pecksniff spitz. »Ich glaube wirklich, dies wohl schon fünfzigtausendmal von Ihnen gehört zu haben. Gott, sind Sie ein langweiliger Mensch.«

Es folgte ein etwas lahmes Liebesgeplänkel, das lediglich von Miss Pecksniff ausging, denn Mr. Moddle benahm sich wesentlich zurückhaltender, als es gewöhnlich bei jungen Liebhabern der Fall sein soll, und stellte überhaupt eine geradezu stupende Geistesträgheit zur Schau.

Er wurde übrigens auch nicht lebendiger, als Tom mit ihm die Straße hinaufging, und seufzte so unheimlich, daß es wahrhaft erschrecklich anzuhören war. Um ihn aufzuheitern, wünschte ihm Tom viel Glück für die Zukunft.

»Glück?!« rief Moddle, »haha.«

»Ist das aber ein seltsamer junger Mensch«, dachte Tom.

»Der Weltschmerz hat wohl noch nicht sein Siegel auf Sie gedrückt? Sie kümmern sich wahrscheinlich noch darum, was noch einmal aus ihnen werden wird?« fragte Mr. Moddle.

Tom gab zu, daß er diesbezüglich allerdings noch so manches Interesse fühle.

»Bei mir ist das nicht der Fall«, versetzte Mr. Moddle. »Die Erde kann mich zurückhaben, sobald sie will. – Ich bin bereit.«

Tom schloß aus diesen und ähnlichen Ausdrücken, der junge Mann müsse wahrscheinlich eifersüchtig sein, und überließ ihn daher sich selbst und seinen Gedanken, die übrigens so düster zu sein schienen, daß er förmlich aufatmete, als sie sich vor dem Tore von Furnivals Inn trennten.

Die Essenszeit war schon ein paar Stunden vorüber, und John Westlock ging, ängstlich besorgt um Tom, unruhig in seinem Zimmer auf und ab. Der Tisch war gedeckt, der Wein sorgsam in Karaffen gegossen, und würziger Speisenduft erfüllte die Luft.

»Na, hör mal, Tom, alter Junge, wo in aller Welt hast du denn so lange gesteckt?« rief John. »Dein Koffer ist übrigens angekommen. Aber jetzt zieh deine Stiefel aus und setz dich gefälligst nieder.«

»Es tut mir wirklich leid, sagen zu müssen, daß ich unmöglich bleiben kann«, entschuldigte sich Tom Pinch, atemlos von der Hast, mit der er die Treppe heraufgeeilt war.

»Nicht bleiben?«

»Bitte, fange jetzt nur an zu essen«, keuchte Tom, »ich will dir inzwischen meine Gründe dafür angeben. Ich kann dir dabei nicht Gesellschaft leisten, denn ich darf mir den Appetit für die Hammelrippchen nicht verderben und –«

»Es sind doch gar keine Hammelrippen da, lieber Freund«, unterbrach ihn John.

»Nein, aber in Islington.«

John Westlock riß die Augen auf und schwur hoch und teuer, er werde keinen Bissen anrühren, ehe sich Tom nicht deutlicher erklärt habe.

Mr. Pinch setzte sich daher nieder und erzählte ihm seine ganze Geschichte.

John Westlock kannte seinen Freund zu gut und achtete sein Feingefühl zu sehr, als daß er ihn gefragt hätte, wozu er alle diese Maßregeln getroffen, ohne sich vorher mit ihm besprochen zu haben. Tom müsse, sagte er, sofort zu seiner Schwester zurückkehren, da der Ort, wo er sie gelassen, ihr zu wenig bekannt sei. – Er werde sogleich einen Fiaker nehmen, und bei dieser Gelegenheit könnten sie gleich den Koffer mitnehmen.

»Und jetzt, Tom«, sagte er, als sie eingestiegen waren, »habe ich eine Frage an dich, die du mir offen und ehrlich beantworten mußt: Brauchst du Geld? – Aber natürlich, du mußt ja welches brauchen.«

»Nein, nein, gewiß nicht!« beteuerte Tom. »Ich danke dir wirklich herzlich, aber sowohl meine Schwester wie ich sind vorläufig noch versorgt. Und dann habe ich noch eine Fünfpfundnote, die mir Mrs. Lupin in einem Brief am Kreuzweg aufdrängte.«

An der Haustür von Toms Wohnung trennten sie sich. John Westlock blieb im Wagen sitzen, als er aber eines entzückenden süßen kleinen Geschöpfchens ansichtig wurde, das aus dem Haus stürzte, Tom um den Hals fiel und ihm den Koffer in den Flur tragen half, da hätte er nicht das mindeste dagegen einzuwenden gehabt, mit seinem Freund zu tauschen.

38. Kapitel


38. Kapitel

Allerlei Heimlichkeiten

Als Tom mit seinem neuen sentimentalen Bekannten von der City aufgebrochen war, hatte er, ohne es zu wissen und ohne ihn zu kennen, Mr. Nadgett von der »Anglo-Bengalischen« gestreift und ihm ins Gesicht geblickt.

Es war ein merkwürdiger Zufall, daß beide – Tom und Mr. Nadgett – die sich doch gar nicht kannten, gerade an ein und denselben Menschen unter den unzähligen Einwohnern der Riesenstadt London dachten – nämlich an Jonas Chuzzlewit.

Warum sich Tom mit Jonas innerlich beschäftigte, liegt auf der Hand. Bei Mr. Nadgett lag die Sache nicht so klar.

Jedenfalls, das war sicher, war der vortreffliche verwaiste junge Mann der Mittelpunkt von Mr. Nadgetts Heimlichtuerei geworden. Mr. Nadgett hatte ein beständiges hochgespanntes Interesse an Jonas‘ geringstem Tun und Lassen. Er bewachte ihn auf Schritt und Tritt, in und außerhalb der Assekuranz-Gesellschaft, in der Mr. Chuzzlewit jetzt als Direktor angestellt war, blieb stehen und lauschte, wenn Jonas sprach, schrieb sich im Kaffeehaus seinen Namen wohl hundertmal in sein großes Notizbuch, verfaßte fortwährend Briefe über Jonas an sich selbst, und wenn er sie dann in seinen Taschen fand, warf er sie ins Feuer – aber selbstverständlich ängstlich besorgt, daß auch die Asche genügend verglomm.

Aber natürlich geschah auch alles dies in tiefster Heimlichkeit.

So eifrig Jonas übrigens von Mr. Nadgett beobachtet wurde, so hatte er doch so wenig eine Ahnung davon, daß die Augen dieses Menschen beständig auf ihm hafteten, als wäre er unter der täglichen Aufsicht des gesamten Jesuitenordens gestanden. Wenn auch Mr. Nadgetts Augen selten auf etwas anderes gerichtet waren als auf den Boden, auf die Bureauuhr oder auf das Kaminfeuer, so sah er dennoch soviel, als sei jeder Knopf seines Rockes ein argwöhnisches Auge.

Die gedrückte scheue Art des Mannes erstickte jedes Mißtrauen im Keim, sah er doch viel eher aus wie jemand, der sich fürchtet, beobachtet zu werden, als wie einer, der selbst beobachtet. Er ging so schüchtern herum und war so zugeknöpft, als ob der ganze Zweck seines Lebens darauf hinausliefe, niemals auch nur die geringste Aufmerksamkeit zu erregen. Jonas begegnete ihm bisweilen auf der Straße oder in den Bureaus der Anstalt, wo er vermutlich auf den Mann wartete, der niemals kam, und jedesmal sah er ihn mit seinem steinernen Gesicht und den Kopf gesenkt davonschleichen, immerwährend seinen Biberhandschuh vor sich her tragend, und nichts wäre ihm ferner gelegen als der Gedanke, dieser Mensch könne ihn beobachten. Ebensogut hätte er geargwöhnt, das Kreuz auf der St.-Pauls-Kathedrale könne ihn belauern oder ein Fangnetz bereithalten, um es ihm über den Kopf zu werfen.

Um diese Zeit nun ging in Mr. Nadgetts geheimnisvollem Leben eine höchst seltsame Veränderung vor sich. Bisher hatte man ihn immer frühmorgens von Cornhill herunterkommen sehen, und zwar so pünktlich Tag für Tag, daß bald die Sage ging, er schlafe überhaupt nicht und ziehe auch niemals seine Kleider aus. Jetzt aber, da man ihn ebenso pünktlich in Holborn aus der Kingsgate Street herauskommen sah, machte man bald die Entdeckung, daß er jeden Morgen in dieser Straße einen gewissen Barbierladen besuchte, um sich rasieren zu lassen, und daß der Inhaber dieses Ladens ein gewisser Sweedlepipe war. Mr. Nadgett schien mit dem Mann, der nie kam, ein Rendezvous dort zu haben und im Laden mit ihm zusammentreffen zu wollen, denn er wartete dort oft entsetzlich lange, ließ sich Feder und Tinte geben, zog sein Taschentuch heraus und war stundenlang aufs eifrigste damit beschäftigt, sich Notizen zu machen. Mrs. Gamp und Mr. Sweedlepipe besprachen sich des öftern angelegentlichst über diesen geheimnisvollen Kunden, aber meist kamen sie zu dem Schlusse, er spekuliere wahrscheinlich an der Börse oder gehe seinen Gläubigern aus dem Wege.

Später mußte Mr. Nadgett dem Manne, der nie sein Wort hielt, wahrscheinlich ein anderes Stelldichein angegeben haben, denn eines Tages sah man ihn zum ersten Male mitten in der City in der Schenkstube des »Trauerpferdes« – wo die Leichenbesorger und Pompes-Funèbres-Männer einzukehren pflegten. Er zeichnete dort mit dem Ende seiner Tabakspfeife Figuren in das Sägemehl eines unbenützten Spucknapfes, weigerte sich aber aufs entschiedenste, irgend etwas zu bestellen, da er, wie er sagte, jeden Augenblick einen Gentleman erwarte. Da auch diesmal der Herr nicht Ehre genug im Leibe hatte, sein Wort zu halten, so kam Mr. Nadgett am nächsten Tag wieder und hantierte mit einem so dicken Portefeuille herum, daß ihn die Leute in der Schenke für einen sehr vermögenden Mann hielten. Von da an wiederholte er täglich seinen Besuch und erledigte soviel Schreibereien, daß es ihm unter anderm eine Kleinigkeit war, ein großes bleiernes Tintenfaß in zwei Sitzungen bis auf den Grund zu leeren. Obgleich er niemals viel sprach, so machte er doch schließlich durch seine bloße Anwesenheit die nähere Bekanntschaft der Stammgäste, und im Verlauf der Zeit wurde er mit Mr. Tacker und sogar mit Mr. Mould ganz intim. Mr. Mould sagte ihm offen heraus, er sei ein ganz durchtriebener, mit allen Wassern gewaschener Schlaufuchs, und beehrte ihn noch mit einer ganzen Reihe ähnlich schmeichelhafter Epitheta.

Gleichzeitig teilte Mr. Nadgett auch den Leuten in der Versicherungsanstalt in der ihm eigentümlichen geheimnisvollen Weise mit, er fürchte, es sei etwas nicht richtig mit seiner Leber, und es werde ihm wohl nichts anderes übrigbleiben, als den Assekuranzarzt zu konsultieren. Daraufhin wurde er Mr. Jobling überliefert, aber trotzdem dieser nichts finden konnte, was auf eine Lebererkrankung hätte schließen lassen, blieb Mr. Nadgett doch bei seiner Behauptung und ließ sich nicht so mir nichts dir nichts abspeisen. Er wurde also Mr. Joblings täglicher Patient, zählte ihm seine Symptome in seiner leisen geheimnisvollen Weise wohl ein dutzendmal an den Fingern her und ging in den Zimmern des Arztes ein und aus. Da er alles dies gleichzeitig betrieb, und zwar höchst verstohlen und geheimnisvoll, und dabei nie in seiner Wachsamkeit hinsichtlich des Tuns und Lassens Mr. Jonas Chuzzlewits nachließ, so war es nicht sehr unwahrscheinlich, daß alle diese Manöver zusammenhängende Teile eines großen geheimnisvollen Planes bildeten, den er schmiedete.

Am Morgen desselben Tages, an dem Mr. Pinch soviel erlebt hatte, erschien Mr. Nadgett plötzlich vor Mr. Montagues Hause in Pall Mall – auch diesmal, wie er es stets zu tun pflegte, in dem Augenblick, als es vom Kirchturm neun Uhr schlug. Er zog die Klingel – so heimlich, als ob er im Begriffe stehe, einen Hochverrat zu begehen – und schlüpfte rasch durch die Türe, kaum daß sie genügend offen war, um seinen Körper durchzulassen. Dann schloß er sie sofort wieder mit eigener Hand.

Mr. Bailey meldete ihn unverzüglich und kehrte gleich darauf mit der Aufforderung zurück, Mr. Nadgett möge ihm zu seinem Herrn folgen.

Der Präsident des Anglo-Bengalischen uneigennützigen Anlehens- und Lebensversicherungs-Unternehmens kleidete sich soeben an und empfing ihn ganz wie einen Geschäftsmann, den man täglich zu sehen gewohnt ist.

»Nun, Mr. Nadgett, was gibt’s?«

Mr. Nadgett stellte seinen Hut auf den Boden und hustete. Nachdem Mr. Bailey sich wieder entfernt und die Türe geschlossen hatte, stand er leise wieder auf, untersuchte, ob der Schnapper ins Schloß gefallen sei, und näherte sich dann wieder bis auf ein paar Schritte dem Stuhl, auf dem Mr. Montague saß.

»Also, was gibt’s Neues, Mr. Nadgett?«

»Ich glaube, wir haben jetzt endlich etwas.«

»Freut mich zu hören; ich fing schon an zu fürchten, Sie hätten die Witterung verloren, Nadgett –«

»O nein, Sir! Freilich verliert man hin und wieder einmal die Spur, aber das geht nun einmal nicht anders.«

»Sie sind die Wahrheit selbst, Mr. Nadgett! Haben Sie einen großen Erfolg zu berichten?«

»Das muß ich ganz und gar Ihrer Beurteilung überlassen, Sir«, lautete die Antwort. – Damit setzte Mr. Nadgett seine Brille auf.

»Und was halten Sie selbst davon? Freuen Sie sich darüber?«

Mr. Nadgett rieb sich langsam die Hände, strich sich über das Kinn, blickte im Zimmer umher und brummte:

»Hm, ja; ich glaube, es ist ein ganz hübscher Fall; ich neige wenigstens zu der Ansicht, daß es ein recht hübscher Fall ist. Soll ich Ihnen die Sache vortragen?«

»Nur zu!«

Mr. Nadgett suchte sich einen bestimmten Stuhl unter den übrigen heraus und stellte ihn an eine besondere Stelle, als wolle er darüber hinwegvoltigieren, rückte dann einen andern gegenüber und ließ zwischen beiden nur Raum für seine eigenen Beine. Dann nahm er auf dem Stuhle »Numero zwei« Platz, legte höchst bedächtig auf »Numero eins« sein Taschenbuch, löste die Schnur, mit der es zusammengebunden war, und warf sie über die Lehne. Dann rückte er mit beiden Stühlen ein wenig näher zu Mr. Montague, öffnete das Taschenbuch und breitete seinen Inhalt aus. Schließlich suchte er unter den verschiedenen Dokumenten eine Art von Memorandum hervor und breitete es vor seinem Chef aus, der während dieser ganzen feierlichen Präliminarien seine Ungeduld kaum zu zügeln vermochte.

»Ich wollte, Sie wären kein so ausgesprochener Freund von Schreibereien, mein Lieber, brummte Mr. Tigg Montague mit sauerem Lächeln. »Ich wollte, Sie statteten mir Ihren Bericht immer lieber mündlich ab.«

»Ich verabscheue die mündlichen Mitteilungen«, sagte Mr. Nadgett tiefernst. »Man kann nie wissen, ob nicht jemand zuhört.«

Mr. Montague wollte etwas erwidern, aber Nadgett drängte ihm das Papier auf und sagte im Tone verhaltenen Triumphes: »Wir wollen chronologisch vorgehen. – Lesen Sie gefälligst dies hier, Sir.«

Der Präsident warf achtlos einen Blick auf das Papier, und ein Lächeln überflog sein Gesicht, das keine große Anerkennung der pedantischen Gewohnheiten des Spions ausdrückte. Kaum aber hatte er ein halbes Dutzend Zeilen überflogen, als der Ausdruck seines Gesichtes sich zu ändern begann und, noch ehe er das Memorandum zu Ende gelesen, die gespannteste Aufmerksamkeit verriet.

»Numero zwei«, sagte Mr. Nadgett und händigte ihm ein anderes Blatt ein, wobei er das erste wieder zurücknahm. »Lesen Sie jetzt Numero zwei, Sir! Sie werden die Sache um so interessanter finden, je weiter Sie kommen.«

Mr. Montague lehnte sich in seinen Sessel zurück und warf seinem Emissär einen so merkwürdigen, zugleich verwunderten und erschrockenen Blick zu, daß Mr. Nadgett seine Aufforderung dreimal wiederholen mußte. Endlich besann er sich und las »Numero zwei« durch, Numero drei, dann Nummer vier, Nummer fünf usw.

Sämtliche Dokumente waren von Mr. Nadgetts Hand geschrieben und bildeten eine Reihe von Memoranden, die offenbar von Fall zu Fall in größter Eile auf alte Briefkuverts oder irgendeinen Fetzen Papier hingeworfen worden waren. Es war ein loses nachlässiges Gekritzel von sehr uneinladendem Äußern, aber dennoch voll wichtigsten Inhaltes, wie sich aus dem Gesicht des Präsidenten erkennen ließ.

Je aufgeregter Mr. Tigg wurde, desto größer wurde auch die heimliche Freude Mr. Nadgetts. Anfangs saß er mit der Brille tief unten auf der Nasenspitze da und blickte über die Linsen hinweg seinen Prinzipal an, sich besorgt die Hände reibend; nach einer kleinen Weile jedoch schon setzte er sich etwas bequemer in seinem Stuhl zurecht, überlas in Gemütsruhe das nächste Blatt, bevor er es Mr. Montague überreichte, und schließlich stand er sogar auf und schaute mit triumphierender Miene zum Fenster hinaus, an dem er gerade stand, als Mr. Tigg Montague mit dem Lesen fertig war.

»Und das ist das letzte, Mr. Nadgett?« fragte Mr. Montague tief aufatmend.

»Ja, das ist das letzte, Sir.«

»Sie sind ein wunderbarer Mensch, Mr. Nadgett!«

»Ja, ich denke, es ist ein recht hübscher Fall«, gab Mr. Nadgett zu und ordnete seine Papiere, »es hat ziemlich viel Mühe gekostet.«

»Aber Sie sollen auch gut entlohnt werden, Mr. Nadgett.«

Mr. Nadgett verbeugte sich.

»Hinter allen diesen Geschichten steckt ein Pferdefuß! Die Sache geht tiefer, als ich erwartete, Mr. Nadgett. Ich kann mir wirklich Glück wünschen, daß Sie sich so gut auf derlei geheime Nachforschungen verstehen.«

»Ich interessiere mich für nichts, was nicht Geheimnis ist«, erwiderte Mr. Nadgett, band seine Brieftasche zu und steckte sie wieder ein. »Sogar der Umstand, daß ich Ihnen davon Mitteilung machen mußte, benimmt mir beinahe schon die Freude an der ganzen Sache.«

»Sie haben wirklich eine ganz unschätzbare Gemütsbeschaffenheit«, versetzte Mr. Tigg, »und das ist eine große Gabe für einen Mann Ihres Berufs, Mr. Nadgett. Das ist womöglich noch besser als Klugheit, obgleich Sie auch diese Eigenschaft in hohem Maße besitzen. – – Hallo! Hat da nicht jemand soeben unten geklopft? Wollen Sie nicht einen Augenblick zum Fenster hinausschauen und mir sagen, ob jemand am Haustor steht?«

Mr. Nadgett zog leise das Schiebefenster auf und spähte so verstohlen auf die Straße hinunter, als erwarte er jeden Augenblick eine feindliche Musketensalve. Dann zog er ebenso vorsichtig den Kopf wieder zurück und meldete, ohne eine Miene zu verziehen:

»Mr. Jonas Chuzzlewit.«

»Hab ich mir gleich gedacht«, brummte Mr. Tigg.

»Soll ich gehen, Sir?«

»Es wird wohl das beste sein. – – Halt! Bleiben Sie doch lieber hier, Mr. Nadgett.«

Merkwürdig, wie blaß und verstört Mr. Montague plötzlich geworden war. Es schien ganz unerklärlich. Sein Auge war auf sein Rasiermesser auf dem Toilettentisch gefallen; aber welchen Zusammenhang konnte das damit haben?!

In diesem Augenblick wurde Mr. Chuzzlewit angemeldet.

»Führen Sie ihn sogleich zu mir, Nadgett, aber lassen Sie uns nicht allein. Hören Sie! – – – Gott im Himmel«, flüsterte Mr. Tigg vor sich hin, »man kann nie wissen, was passiert.«

Dabei ergriff er hastig ein paar Haarbürsten und begann sie an seinem Kopf zu probieren, als sei er gerade bei seiner Toilette begriffen gewesen. Mr. Nadgett zog sich zum Kamin zurück, in dem ein kleines Feuer zum Zweck der Erwärmung des Lockeneisens brannte, und da ihm die Gelegenheit günstig schien, sein Taschentuch zu trocknen, so zog er es unverzüglich heraus. In dieser Stellung blieb er während des ganzen jetzt folgenden Gespräches stehen, das Tuch vor sich auf den Kaminstangen ausgebreitet, und zuweilen, wenn auch nicht oft, über die Schulter einen Blick zurückwerfend.

»O mein lieber Mr. Chuzzlewit«, rief Mr. Montague, als Jonas eintrat. »Sie stehen ja mit den Lerchen auf. Jemand, der mit den Nachtigallen schlafen zu gehen pflegt wie Sie, pflegt das sonst nicht zu tun. – Sie haben ja eine übermenschliche Energie, mein lieber Mr. Chuzzlewit.«

»Zum Teufel noch mal«, knurrte Jonas mit verdrießlicher Miene und warf sich in einen Stuhl. »Ich möchte auch lieber nicht mit der Lerche aufstehen, wenn es anders ginge. Aber ich habe einen schlechten Schlaf; da ist es besser, aufzustehen, als sich im Bett herumzuwälzen und die Schläge der schauerlichen alten Turmuhren zu zählen.«

»Einen schlechten Schlaf?« rief Mr. Tigg. »Hm, das ist etwas, das ich überhaupt nicht kenne. Ich habe diesen Ausdruck wohl oft gehört, kann mir aber gar nicht vorstellen, wie so etwas eigentlich ist.«

»Hallo«, unterbrach ihn Jonas, »wer ist das? Dort! Ah, der alte – wie heißt er doch nur? – Was drückt er sich da so herum, als ob er in den Schornstein hinaufkriechen wollte?«

»Haha«, lachte Mr. Tigg, »meiner Seel, es sieht wahrhaftig so aus.«

»Er ist hier ziemlich überflüssig, dächte ich. Er soll lieber fortgehen. Was meinen Sie?« fragte Jonas.

»Ach Gott, lassen Sie ihn nur hier; lassen Sie ihn ruhig hier«, sagte Mr. Tigg. »Es ist ein altes Faktotum – sozusagen ein Stück Möbel –, er hat mir soeben seinen Bericht erstattet und wartet jetzt auf weitere Orders. Ich lasse ihn«, fügte Mr. Tigg hinzu und erhob seine Stimme, »gewisse Erkundigungen einziehen und uns dann Auskünfte erteilen. Es gibt immer was zu tun. Übrigens versteht er sein Geschäft.«

»Hat’s auch nötig«, brummte Jonas. »Scheint ein verdammt ungeschickter Schafskopf zu sein. Mir scheint gar, er fürchtet sich vor mir!«

»Das glaub ich«, lachte Tigg. »Er hat auch allen Grund dazu. Übrigens, Nadgett, reichen Sie mir mal das Handtuch dort her.«

Nadgett reichte es, blieb einen Augenblick stehen und zog sich dann wieder auf seinen alten Posten am Kamin zurück.

»Sie sehen, mein lieber Freund«, begann Mr. Tigg. »Sie sehen heute – aber was ist denn das? Ihre Lippen sind ja ganz weiß!«

»Vielleicht vom Essig«, versetzte Jonas. »Ich habe soeben Austern gefrühstückt. – Wieso sind sie denn weiß?« setzte er mit einem Fluch hinzu und rieb sie sich mit einem Taschentuch. »Mir ganz unerklärlich.«

»So, jetzt bekommen sie schon wieder Farbe«, sagte Mr. Tigg, »jetzt sind sie schon wieder rot.«

»Sagen Sie mir lieber, was Sie mir zu sagen haben«, rief Jonas ärgerlich, »und kümmern Sie sich nicht darum, wie ich aussehe. Wenn ich nur die Zähne zeigen kann – und das kann ich, wenn’s not tut – die Farbe meiner Lippen ist wirklich gleichgültig.«

»Da haben Sie recht«, gab Mr. Tigg fröhlich zu. »Ich wollte nur sagen, daß Sie zu scharf für Mr. Nadgett sind; er ist zu schüchtern, um sich nicht vor einem Manne wie Ihnen zu fürchten. Aber sonst ist er immerhin ganz brauchbar. Also, wieso haben Sie einen schlechten Schlaf!« »Zum Teufel mit Ihrem schlechten Schlaf!« rief Jonas ärgerlich.

»Nun, nun«, besänftigte Mr. Tigg, »ich hab’s doch nicht so bös gemeint.«

»Ein schlechter Schlaf ist eben kein guter«, versetzte Jonas in seiner verdrießlichen Weise. »Wer schlecht schläft, schläft eben nicht gut und schläft nicht fest.«

»Und dann träumt man, wie?« rief Mr. Tigg mit einem Anflug von Hohn. »Und redet wüste Sachen im Traum, und wenn die Kerze des Nachts heruntergebrannt ist, steht man Todesängste aus, und der kalte Schweiß steht einem auf der Stirne. Nicht wahr, so ist es?«

Sie schwiegen eine Weile, dann nahm Jonas wieder seine Rede auf:

»Na, sind Sie jetzt mit Ihrem Altweibergeplapper fertig? Wenn ja, dann möchte ich ein paar Worte mit Ihnen reden. Ich hätte so allerlei mit Ihnen zu besprechen, bevor wir uns heute im Bureau treffen. Ich bin nicht sonderlich zufrieden mit den Geschäften.«

»Nicht zufrieden?« rief Mr. Tigg. »Aber wir haben doch brillante Einnahmen!«

»Ja, das wohl«, gab Jonas zu, »aber mir sind die Hände zu sehr gebunden. Das paßt mir nicht. Da haben wir einen Paragraphen und dort wieder einen Paragraphen, und Sie haben eine Stimme in dieser Eigenschaft und dann wieder eine in jener, und dann haben Sie wieder Rechte als Präsident und wieder Rechte als bloßes Mitglied, und über die Rechte der andern Mitglieder haben Sie auch zu verfügen – kurz und gut, jeder hat Rechte, nur ich nicht. Was zum Teufel nützt es mir, daß ich eine Stimme habe, wenn ich immer überstimmt werde? Mir paßt das nicht! Ich mache da nicht mehr länger mit, wissen Sie.«

»So? Nicht?« sagte Mr. Tigg spöttisch.

»Nein. Ich habe keine Lust mehr dazu. Es wird noch so weit kommen, daß ihr froh sein müßt, mich mit einer runden Summe abzufinden, wenn ihr mir weiter so auf dem Kopf herumtanzt.«

»Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort –« begann Mr. Montague.

»Hol Sie der Henker mit Ihrem Ehrenwort«, unterbrach ihn Jonas, immer rüder und streitsüchtiger werdend, was übrigens Mr. Montague ganz gut zu passen schien. »Ich will ein bißchen mehr Kontrolle über das Geld haben. Die Ehre überlasse ich Ihnen gern. Die können Sie für sich in Anspruch nehmen, wenn Sie wollen. Aber so, wie die Sachen stehen, mache ich nicht mehr mit. Was zum Beispiel, wenn Sie sich in den Kopf setzen, eines Tags mit der Kasse durchzubrennen? Könnte ich das verhindern? Nein. Und das geht nicht mehr länger so. Ich habe hier ein paarmal recht gut gegessen, aber um den Preis ist es mir zu teuer, Sir. Deshalb sage ich, ich tue nicht mehr mit.«

»Und mir tut es wirklich sehr leid, daß Sie so schlecht aufgelegt sind«, sagte Mr. Tigg mit einem spöttischen Lächeln. »Ich wollte Ihnen nämlich gerade heute vorschlagen – zu Ihrem eigenen Besten, lediglich zu Ihrem eigenen Besten! –, noch ein bißchen mehr Geld in die Sache hineinzustecken.«

»So, waren Sie im Begriffe, mir das vorzuschlagen! Wirklich ausgezeichnet!« rief Jonas und lachte schrill auf.

»Jawohl, und Ihnen anzudeuten«, fuhr Mr. Montague fort, »daß Sie doch Freunde haben – und ich weiß, Sie haben Freunde, die ausgezeichnet für unsere Zwecke passen würden und die wir mit Vergnügen in die Kompagnie aufnehmen würden.«

»Wirklich sehr gütig von Ihnen. Sie würden sie also mit Vergnügen aufnehmen, was?« höhnte Jonas.

»Mein Ehrenwort darauf, ich wäre ganz entzückt. Natürlich bloß, weil es Ihre Freunde sind.«

»Selbstverständlich«, spöttelte Jonas. »Selbstverständlich, weil sie meine Freunde sind! Ich zweifle durchaus nicht, daß Sie sehr entzückt wären, wenn Sie sie drankriegen könnten. Und das alles soll zu meinem Vorteil geschehen, was?«

»Unbedingt zu Ihrem Vorteil«, antwortete Mr. Montague und wägte in jeder Hand eine Bürste, dabei seinen Gast fest ins Auge fassend. »Ich versichere ihnen, es würde nur zu Ihrem Vorteil sein.«

»Und können Sie mir vielleicht sagen, wieso?« fragte Jonas. »Sind Sie dazu imstande?«

»Soll ich es Ihnen sagen?« rief Mr. Montague.

»Es wird wohl das beste sein. Es sind schon ganz kuriose Dinge in Versicherungsanstalten geschehen. Man muß da verdammt scharf aufpassen.«

»Mr. Chuzzlewit«, begann Mr. Montague ernst, lehnte sich, die Ellbogen auf beide Knie gestützt, ein wenig vor und blickte Jonas starr in die Augen, »allerdings sind schon sehr kuriose Sachen passiert, und noch täglich passieren welche. Aber nicht bloß bei uns, sondern da, wo man es am wenigsten erwartet. Und vielleicht noch kurioser ist, daß wir so manchmal hinter dergleichen Dinge – – kommen.«

Er winkte Jonas, seinen Stuhl näherzurücken, warf einen Blick zum Kamin, als wolle er ihn an Nadgetts Gegenwart erinnern, und flüsterte ihm ein paar Worte ins Ohr. Jonas fuhr zurück, wurde totenblaß, dann blutrot, dann gelb, dann blau, und der kalte Schweiß trat ihm auf die Stirne. Eine so furchtbare Veränderung brachten die wenigen Worte, die ihm Mr. Tigg ins Ohr geflüstert hatte, hervor. Als er ihm schließlich die Hand auf den Mund legte, Todesangst im Blick, daß nur ja keine Silbe an das Ohr Mr. Nadgetts schlüge, war sie so blutlos und eiskalt wie die Hand einer Leiche.

Dann rückte er seinen Stuhl weg und saß da, ein Bild des Entsetzens, der Todesangst und hilfloser Wut. Er konnte weder sprechen noch aufsehen oder sich bewegen. Mr. Tigg nahm mit Muße seine Toilette wieder auf und beendigte sie, nur manchmal mühsam ein Lächeln unterdrückend.

»Also, ich denke, Sie haben gewiß nichts dagegen, mein lieber Freund Chuzzlewit, noch ein bißchen mehr Kapital anzulegen. Wie?« brach er endlich das Schweigen.

Mit blassen Lippen stammelte Jonas ein schwaches »Nein«.

»Vorzüglich! Bravo! So, jetzt sind Sie ja wieder der alte. Und jetzt hören Sie mal. Ich habe mir gestern gedacht, Ihr Schwiegervater wird gewiß Ihren Rat in Geldangelegenheiten sehr zu schätzen wissen, und ich zweifle auch nicht, daß er sich bei uns beteiligen wird, wenn man ihm die Sache in entsprechender Weise darstellt. Er hat doch Geld?«

»Ja, er hat Geld.«

»Soll ich also die Sache mit Mr. Pecksniff Ihnen überlassen? Wollen Sie sie auf sich nehmen?«

»Ich will es versuchen – will wenigstens mein Bestes tun.«

»Tausend Dank«, rief Mr. Tigg und klopfte Jonas herablassend auf die Schulter. »Wollen wir jetzt gehen? – Mr. Nadgett, folgen Sie uns gefälligst.«

Sie gingen. Was Jonas Chuzzlewits Gedanken über Mr. Montague sein mochten, wie rettungslos gefangen, in ein Netz verstrickt und ins tiefste Verderben gestürzt er sich sah, was immer für Ahnungen, Hoffnungen und Gedanken der Verzweiflung ihn bestürmen mochten, welche letzte schreckliche Aussicht auf Rettung wie ein einziger blutroter Schimmer an dem völlig verdüsterten Horizont seiner Seele auftauchen mochte – er dachte ebensowenig daran, daß die gebeugte Gestalt, die einige Stufen hinter ihnen herunterkroch, das ihn verfolgende Fatum sei, wie er wohl die andere Gestalt neben ihm für seinen guten Engel hielt.