Dreiundzwanzigstes Kapitel


Dreiundzwanzigstes Kapitel

Mr. Samuel Weller bietet alles auf, Mr. Trotter seine Schuld abzuzahlen.

In einem kleinen Hinterzimmer in der Nachbarschaft der Ställe saß am Morgen, der auf Mr. Pickwicks Abenteuer mit der Dame in mittleren Jahren und gelben Haarwickeln folgte, Mr. „Weller senior, mit den Vorbereitungen zur Rückreise nach London beschäftigt.

Mr. Wellers Profil mußte in einer früheren Epoche seines Lebens kühne und scharfe Umrisse gehabt haben, aber unter dem Einfluß des guten Lebens und einer hervorragenden Neigung seines Besitzers zur Beschaulichkeit hatten sich seine Dimensionen allmählich verändert, und die fleischigen Formen waren so weit über die ihnen von Natur gesteckten Grenzen getreten, daß es für den Beschauer sehr schwer war, etwas mehr als die äußerste Spitze einer karfunkelroten Nase zu entdecken, wenn er nicht direkt vis-a-vis stand. Das Kinn hatte aus derselben Ursache jene würdevolle und imposante Form angenommen, die man gewöhnlich durch Vorsetzung des bedeutungsvollen Wortes „doppel“ zu bezeichnen pflegt, und die Gesichtsfarbe war aus jenen eigentümlichen Mischungen des Kolorits zusammengesetzt, die man nur bei Herren von Mr. Wellers Beruf und bei halbgarem Roastbeef findet. Um den Nacken schlang sich ein karmesinrotes Halstuch, wie man es auf Reisen zu tragen pflegt, und ging in so unmerklichen Stufen in das Kinn über, daß man kaum die Falten des einen von denen des andern unterscheiden konnte. Darunter erstreckte sich eine lange Weste aus rotgestreiftem Stoff, zum Teil bedeckt von einem grünen Rock mit breitem Saum und großen Metallknöpfen, von denen die beiden, die in der Taille saßen, so weit voneinander abstanden, daß ein irdisches Geschöpf sie unmöglich zu gleicher Zeit sehen konnte. Das kurze, glatte schwarze Haar sah kaum unter der breiten Krempe eines niederen braunen Hutes hervor. Die Beine staken in Reithosen und gewichsten Stulpenstiefeln, und von der geräumigen Westentasche hing eine kupferne Uhrkette, das freie Ende mit einem Petschaft und einem Schlüssel geziert, nachlässig herunter.

Mr. Weller war mit den Vorbereitungen zu seiner Reise nach London beschäftigt, das heißt, er nahm Mundvorrat ein. Auf dem Tisch vor ihm winkten eine Flasche Ale, ein kaltes Stück Ochsenfleisch, ein sehr respektabler Laib Brot, und jedem dieser Gegenstände schenkte er mit der strengsten Unparteilichkeit abwechslungsweise seine Gunst. Er hatte soeben ein mächtiges Stück von dem letzteren abgeschnitten, als ihn das Geräusch nahender Fußtritte veranlaßte, den Kopf zu erheben und seines Sohnes, der eben ins Zimmer trat, ansichtig zu werden.

„Morgen, Sammy“, sagte Mr. Weller.

Sam näherte sich wortlos dem Bierkrug, nickte seinem Vater zu und tat, als Erwiderung des Grußes, einen kräftigen Zug.

„Nich schlecht, Sammy“, bemerkte Mr. Weller senior mit einem Blick in den Krug, den sein Erstgeborener bis zur Hälfte geleert hatte. „Mit deiner Saugekraft hättest du ’ne ungewöhnlich hübsche Auster abgegeben, Sammy, wenn du in der Gestalt zur Welt gekommen wärest.“

„Ja, ich würde mich in Ehren ernährt haben“, erwiderte Sam und machte sich mit beträchtlichem Eifer über das kalte Fleisch her.

„Es grämt mich bitter, Sammy“, sagte Mr. Weller senior, hob seinen Bierkrug an und bereitete den nächsten Schluck vor, indem er kleine Kreise mit dem Krug beschrieb. „Es grämt mich bitter, Sammy, daß ich von deinen Lippen das Bekenntnis hören mußte, daß der Maulbirnen-Kerl dich geleimt hat. Bis vor drei Tagen dachte ich noch, daß der Name Weller und das Wort Schafskopf niemals zusammenpassen würden, Sammy, niemals.“

„Natürlich abgesehen von dem Fall, wo es sich um ’ne Witfrau handelt, nich wahr“, fiel Sam ein.

„Witfrauen, Sammy“, erwiderte Mr. Weller und verfärbte sich ein wenig, „Witfrauen sind immer Ausnahmen von jeder Regel. Ich habe mal gehört, wieviel gewöhnliche Weibsleute auf eine einzige Witfrau kommen, wenn man den Fall rechnet, daß einer hinters Licht geführt werden soll. Ich glaube, es waren fünfundzwanzig; aber es können genausogut noch mehr gewesen sein.“

„Das Ding is gut; das is sogar sehr gut“, warf Sammy ein.

„Außerdem“, fuhr Mr. Weller fort, ohne den Einwurf zu beachten, „is das ’ne ganz andre Sache. Du weißt doch, was der Advokat sagte, Sammy, als er den Schendlemän verteidigte, wo seine Gattin immer mit dem Schürhaken verprügelte, wenn er fidel wurde. ,Und außerdem, Mylord‘, sagte er, ,ist es bloß ’ne liebenswürdige Schwäche.‘ Und so spreche ich gleichfalls dies bezüglich die Witfrauen, Sammy, und du selbst wirst so sprechen tun, wenn du erst in meine Jahre kommen tust.“

„Na ja“, gab Sam zu, „ich hätte sicher mehr Schlauheit beweisen sollen.“

„Mehr Schlauheit beweisen sollen?“ wiederholte Mr. Weller und schlug mit der Faust auf den Tisch. „Mehr Schlauheit beweisen sollen? Na und ob; ich kenn ’nen Grünschnabel, der hat noch nich mal ein Viertel von deiner Erziehung genossen, der hat noch keine sechs Monate auf Marktplätzen kampiert, aber der hätte sich nicht so leimen lassen. Gar nicht dran zu denken, daß dem so was passiert wäre.“ In der Gemütserregung, die durch diese peinigende Erwägung in ihm hervorgerufen wurde, klingelte Mr. Weller und bestellte einen zweiten Krug Ale. „Unser ganzes Gerede darüber hat ja doch keinen Zweck mehr“, sagte Sam, „vorbei ist vorbei, und die Sache läßt sich nicht mehr ändern; das ist auch ein Trost, wie sie in der Türkei sagen, wenn sie einem den Kopf abgeschlagen haben und es war der verkehrte. Aber jetzt ist die Reihe an mir, Gouverneur, und wenn ich diesen Trotter hier unter die Föten bekomme, soll er lebenslänglich daran denken.“

„Das will ich hoffen, Sammy, das will ich hoffen“, erwiderte Mr. Weller. „Deine Gesundheit, Sammy! Und daß du mir bald die Schmach abwäschst, wo du unsern Familiennamen mit befleckt hast.“ Zu Ehren dieses Trinkspruches verleibte sich Mr. Weller mindestens zwei Drittel von dem Inhalt des neu angekommenen Kruges ein und hielt dann den Rest seinem Sohne hin, der ihm unverzüglich in gleicher Weise Bescheid tat.

„Und nu, Sammy“, sagte Mr. Weller und zog die große doppelgehäusige silberne Uhr zu Rate, die das eine Ende der kupfernen Kette zierte, „nu is es Zeit, daß ich mir auf der Post begebe und abfertigen lasse und zusehe, wie sie die Kutsche laden. Denn Kutschen, Sammy, sind wie Kanonen: sie müssen mit Sorgfalt geladen werden, ehe daß sie losgehen tun.“ Diesen beruflichen Scherz seines Vaters begleitete Mr. Weller junior mit dem Lächeln kindlicher Liebe, und sein ehrwürdiger Erzeuger fuhr in feierlichem Ton fort: „Mein Sohn Samuel, ich werde dich jetzt verlassen, und niemand weiß, wann ich dir wiedersehen tue. Vielleicht hat deine Stiefmutter mich bis dahin längst untergekriegt, und auch sonst können tausend Sachen passiert sein, bis du wieder was von dem berühmten Mr. Weller von Bellsavage hören tust. Der gute Name der Familie hängt jetzt größtenteils von dir ab, Samuel, und ich hoffe, du wirst ihm keine Schande machen. In allen geringeren Stücken kann ich mir so gut auf dir verlassen wie auf mir selber. Ich habe dir also nur noch einen Rat zu geben. Wenn du gegen die Fünfzig kommst und du fühlst dann plötzlich Neigungen, dir selbst zu verheiraten – die Person spielt keine Rolle –, dann schließe dir in deine Kammer ein, falls du eine hast, und vergifte dir unverzüglich. Hängen is was Gemeines, deshalb gib dir damit nich ab. Vergifte dir, mein Sohn Samuel, vergifte dir, und du wirst mir hinterher dankbar sein.“

Bei diesen liebevollen Ermahnungen sah Mr. Weller seinem Sohne ernst ins Gesicht, beschrieb langsam einen Halbkreis mit seinem Absatz und schritt hinaus.

In der ernsten Stimmung, die diese Worte begreiflicherweise hervorgerufen, verließ Mr. Samuel Weller das „Große weiße Roß“ und lenkte seine Schritte der St.-Clemens-Kirche zu, um in altertümlicher Umgebung seine Schwermut zu vergessen. Nach einiger Zeit bemerkte er, daß er auf einen abgelegenen Platz geraten war – eine Art Vorhof von ehrwürdigem Aussehen –, der, wie er bemerkte, keinen anderen Ausgang hatte als eben den Einlaß, durch den er eingetreten war. Schon im Begriff, wieder umzukehren, blieb er. durch eine Erscheinung gebannt, plötzlich wie angewurzelt stehen. Im einzelnen war das so geschehen: Er hatte, in Gedanken verloren, von Zeit zu Zeit an den roten Backsteinhäusern hinaufgesehen und dabei manch lieblichem rotwangigem Dienstmädchen zugenickt, wenn ein Vorhang aufgezogen oder ein Fenster in einem Schlafzimmer geöffnet worden, da ging das grüne Gartentor am Ende des Hofes auf, ein Mann trat heraus, schloß es wieder sorgfältig hinter sich ab und ging dann schnellen Schrittes auf die Stelle zu, wo sich der Einlaß befand.

Als bloßes Faktum, ohne alle Nebenumstände betrachtet, lag gewiß nichts Außerordentliches in diesem Ereignis, denn in vielen Teilen der Welt kommen Männer aus Gärten, schließen grüne Tore hinter sich ab und gehen rasch ihres Weges weiter, ohne daß dies die Augen der Öffentlichkeit in besonderem Grade auf sich zöge. Es war daher klar, daß an dem Manne oder in seinen Manieren oder in beidem etwas liegen mußte, was Mr. Wellers Aufmerksamkeit besonders erregte.

Als der Mann das grüne Tor hinter sich abgesperrt hatte, ging er, wie gesagt, mit schnellen Schritten auf den Hofeinlaß zu. Kaum hatte er jedoch Mr. Weller zu Gesicht bekommen, als er mit einem Ruck stehenblieb, offenbar unschlüssig, was er tun solle. Da das grüne Tor hinter ihm abgeschlossen war und der Hof keinen anderen Ausgang hatte als den in der Front, schien er zu dem Schluß zu gelangen, er müsse an Mr. Samuel Weller vorbei, um hinauszukommen. Er nahm also seinen schnellen Schritt wieder auf und starrte dabei zerstreut vor sich hin. Das Außerordentlichste an ihm war aber, daß er sein Gesicht in die erstaunlichsten und entsetzlichsten Fratzen verzerrte, die wohl jemals ein Mensch gesehen hat. Noch nie ward ein Werk der Natur durch die Kunst der Mimik in einem Augenblick so maskiert, wie das Gesicht dieses Mannes.

„Is doch kurios“, brummte Mr. Weller, als der Mensch näher kam. „Hätte drauf schwören mögen, er ist’s.“

Der Mann kam heran, und sein Gesicht war noch furchtbarer entstellt als vorher.

„Möchte ’n Eid drauf ablegen, es is die schwarze Mähne und die Maulbeerlivree“, sagte sich Mr. Weller. „Nur die Fratze stimmt nich.“

Noch während er so überlegte, nahmen die Züge des Mannes einen geradezu unirdisch-scheußlichen Ausdruck an. Er mußte jedoch ganz nahe vorüber, und der forschende Blick Mr. Wellers erkannte hinter diesen furchtbaren Gesichtsverzerrungen doch etwas, was Mr. Hiob Trotters kleinen Äuglein glich und jeden Irrtum ausschloß, deutlich genug.

„Hallo, Sir!“ schrie Sam wütend.

Der Fremde blieb stehen.

„Hallo!“ wiederholte Sam in noch rauherem Tone.

Der Mann mit dem fürchterlichen Gesicht sah mit der größten Überraschung den Hof hinauf und den Hof hinunter und an den Fenstern der Häuser empor – überallhin, nur nicht auf Sam Weller, und wollte dann vorbeigehen, aber ein dritter Ruf brachte ihn wieder zum Stehen.

Es gab keinen Vorwand mehr, die Stelle zu verkennen, von der die Stimme kam, und er konnte nicht mehr gut etwas andres tun, als Sam Weller gerade ins Gesicht sehen.

„Es hilft alles nichts, Hiob Trotter“, sagte Sam. „Lassen Sie den Blödsinn! So ’ne Schönheit sind Sie nich, daß Sie die paar natürlichen Züge in Ihrem Gesicht auch noch verhunzen. Bringen Sie ja Ihre Augen schnell in ’ne vernünftige Lage, oder ich dämmer Sie Ihnen aus dem Kopf raus. Verstanden?“

Da Mr. „Weller sichtlich geneigt schien, seinen „Worten die Tat folgen zu lassen, ließ Mr. Trotter sein Gesicht allmählich seinen ursprünglichen Ausdruck wieder annehmen und rief mit freudigem Erstaunen: „Was seh ich? Mr. Walker!“

„Mhm!“ versetzte Sam. „Macht Ihnen wohl viel Freude, mich zu sehen, nich wahr?“

„Freude?!“ rief Hiob Trotter. „Oh, Mr. Walker, wenn Sie wüßten, wie ich mich nach diesem Wiedersehen gesehnt habe! Es ist zuviel für mich, Mr. Walker, ich kann es kaum ertragen.“

Und Mr. Trotter brach in einen Strom von Tränen aus, umschlang Mr. Weller mit den Armen und drückte ihn, im Übermaß der Seligkeit, fest ans Herz.

„Loslassen!“ rief Sam, über dieses Benehmen höchlich entrüstet und vergeblich bemüht, sich der Umarmung seines enthusiastischen Freundes zu entziehen. „Loslassen, sag ich Ihnen. Was heulen Sie denn so in mich hinein, Sie Handfeuerspritze?“

„Weil ich so unendlich glücklich bin, Sie zu sehen“, erwiderte Hiob Trotter und ließ allmählich von Mr. Weller ab, bei dem die schlimmsten Symptome der Boxlust nachzulassen begannen. „Oh, Mr. Walker, das ist zuviel.“

„Zuviel?“ wiederholte Sam. „Ich glaube auch, es ist zuviel. Nun, was haben Sie mir zu sagen, he?“

Mr. Trotter gab keine Antwort, denn sein kleines rosafarbiges Taschentuch hatte vollauf zu tun.

„Was haben Sie mir ZTI sagen, ehe ich Ihnen den Kopf einschlage?“ wiederholte Mr. Weller in drohendem Tone.

„Wie beliebt?“ rief Mr. Trotter mit einem Blick tugendhaften Erstaunens.

„Was Sie mir zu sagen haben!“

„Ich – Ihnen, Mr. Walker?“

„Nennen Sie mich nicht Walker. Mein Name ist Weller, das wissen Sie so gut wie ich. Was Sie mir zu sagen haben?“

„Ach Gott, Mr. Walker – Weller, meine ich –, eine Menge Dinge, wenn Sie mit mir irgendwohin gehen wollen, wo wir ungestört miteinander sprechen können. Ach, wenn Sie wüßten, wie sehr mich nach Ihnen verlangt hat, Mr. Weller.“

„Muß ja direkt gewaltig gewesen sein“, bemerkte Sam trocken.

„Außerordentlich, außerordentlich, lieber Herr“, beteuerte Mr. Trotter, ohne eine Miene zu verziehen. „Aber reichen Sie mir die Hand, Mr. Weller.“

Sam betrachtete seinen Kameraden einige Sekunden lang und erfüllte dann, wie durch plötzliche Eingebung dazu getrieben, sein Verlangen. „Was macht“, fragte Hiob Trotter, als sie miteinander weitergingen, „was macht Ihr lieber guter Herr? Ach, ist das ein würdiger Gentleman, Mr. Weller. Ich hoffe, er hat sich in jener fürchterlichen Nacht doch keine Erkältung zugezogen?“

Es blitzte eine Sekunde wie tief versteckte Bosheit in Hiob Trotters Augen bei diesen Worten auf. Mr. Weller fühlte ein Jucken in der geballten Faust, aber er bezwang sich und erwiderte, sein Herr sei ganz wohl.

„Oh, wie mich das freut“, frohlockte Mr. Trotter. „Befindet er sich hier?“

„Ist der Ihrige hier?“ fragte Sam.

„O ja, er ist hier, und es schmerzt mich, Mr. Weller, Ihnen sagen zu müssen, daß er’s ärger treibt als je.“

„Wirklich?“

„Ja; ’s ist furchtbar, schrecklich!“

„Wieder in einem Pensionat?“

„Nein, in keinem Pensionat“, erwiderte Hiob Trotter mit demselben boshaften Blick, den Sam schon vorhin bemerkt hatte, „in keinem Pensionat.“

„In dem Haus mit dem grünen Tor?“ fragte Sam weiter und faßte seinen Kollegen scharf ins Auge.

„Nein – nein – oh, dort nicht“, versetzte Hiob mit einer Eile, die man sonst nicht an ihm gewohnt war.

„Was hatten Sie denn dort zu tun?“ fragte Sam höchst mißtrauisch. „Sie sind vielleicht bloß zufällig durch das Tor gekommen, was?“

„Nun, Mr. Weller“, erwiderte Hiob, „ich trage kein Bedenken, Ihnen meine kleinen Geheimnisse mitzuteilen, denn Sie wissen, was für eine Neigung wir gleich beim ersten Zusammentreffen füreinander faßten. Sie erinnern sich doch, wie vergnügt wir damals beisammensaßen?“

„Jaja“, erwiderte Sam ungeduldig. „Ich erinnere mich. Nun, und?“

„Nun, und“, fuhr Hiob in dem gedämpften Tone eines Menschen fort, der jemand ein wichtiges Geheimnis mitteilt, „in dem Haus mit dem Tor, Mr. Weller, ist eine zahlreiche Dienerschaft.“

„Scheint dem Aussehen nach zu stimmen“, brummte Sam.

„Nun, und unter dieser Dienerschaft“, fuhr Mr. Trotter fort, „ist eine Köchin, Mr. Weller, die ein paar Groschen erspart hat und, wenn sie sich passend verheiraten kann, einen kleinen Kramladen aufzumachen gesonnen ist.“

„So?“

„Ja, Mr. Weller. Ich lernte sie in einer Kapelle kennen, die ich gewöhnlich besuche – ein sehr hübsches Kapellchen in dieser Stadt, Mr. Weller, wo man aus Nummer vier der Sammlung geistlicher Lieder vorsingt, die ich gewöhnlich in einem kleinen Buch bei mir trage, das Sie vielleicht schon bei mir gesehen haben, und ich wurde mit ihr bekannt, Mr. Weller, und daraus entspannen sich nähere Beziehungen zwischen uns, und ich kann Ihnen anvertrauen, Mr. Weller, ich habe die beste Aussicht, Krämer zu werden.“

„Sie werden einen sehr liebenswürdigen abgegeben“, versetzte Sam mit einem Seitenblick tiefgewurzelten Widerwillens auf Hiob.

„Der große Vorteil davon ist, Mr. Weller“, fuhr Hiob fort, und seine Augen füllten sich mit Tränen, „daß ich dann meinen gegenwärtigen schimpflichen Dienst bei dem Gottlosen verlassen und mich einem besseren und tugendhafteren Leben weihen kann – einem Leben, das meiner Erziehung mehr entspricht, Mr. Weller.“

„Sie müssen wohl sehr gut erzogen worden sein“, bemerkte Sam.

„O gewiß, Mr. Weller, gewiß“, erwiderte Hiob, zog bei der Erinnerung an die Unschuld seiner Jugendjahre das rote Taschentuch hervor und vergoß einen Tränenstrom.

„Was fehlt dem Kerl bloß?“ knurrte Sam. „Die Wasserspiele von Chelsea sind ja gar nichts gegen Sie! Was bezwecken Sie eigentlich damit? Wollen Sie schon wieder krumme Dinger drehen?“

„Ich kann meine Gefühle nicht unterdrücken, Mr. Weller“, entschuldigte er sich nach einer Pause. „Wer hätte sich damals träumen lassen, daß mein Herr das Gespräch argwöhnte, das ich mit Mr. Pickwick hatte, und mich zwang, mit ihm abzureisen, nachdem er zuvor die junge Dame und die Vorsteherin der Schule zu der Aussage beredet hatte, sie wüßten nichts von ihm. Ach, es schaudert mich, Mr. Weller, wenn ich daran denke, daß er die Arme nur verließ, um einer besseren Spekulation nachzugehen.“

„Also so verhielt sich die Sache! Wirklich?“ fragte Mr. Weller.

„Sie dürfen mir aufs Wort glauben“, beteuerte Hiob.

„Gut“, sagte Sam, als sie jetzt am Gasthof angekommen waren. „Ich möchte ganz gern wieder ein wenig mit Ihnen plaudern, Hiob. Wenn Sie sonst nich vergeben sind, würde es mir freuen, Sie so gegen acht im .Großen weißen Roß‘ zu sehen.“

„Ich werde nicht ermangeln, mich einzufinden“, sagte Hiob.

„Sie werden wohl daran tun“, erwiderte Sam mit einem vielsagenden Blick, „oder ich suche Ihnen sonst vielleicht hinter dem grünen Tor auf, und dann wäre es möglich, daß ich Sie aussteche.“

„Ich werde mich bestimmt einstellen“, versicherte Mr. Trotter, drückte Mr. Weller mit größter Wärme die Hand Und entfernte sich.

„Nimm dich in acht, Hiob Trotter“, brummte Sam, als er ihm nachsah. „Nimm dich in acht, oder ’s geht dir verdammt an den Kragen, ’n zweites Mal laß ich mir nich hinters Licht führen.“

Nach diesem Monolog machte sich Mr. Weller auf den „Weg nach seines Herrn Schlafzimmer.

„Alles im Zug, Sir“, sagte er.

„Was ist im Zug, Sam?“ fragte Mr. Pickwick.

„Ich habe sie ausfindig gemacht, Sir.“

„Ausfindig gemacht? Wen?“

„Den sauberen Spitzbuben und den melancholischen Schuft mit dem schwarzen Gestrüpp.“

„Unmöglich, Sam!“ rief Mr. Pickwick erregt aus. „Wo sind sie, Sam, wo sind sie?“

„Pst, pst“, erwiderte Mr. Weller und setzte Mr. Pickwick, während er ihm beim Ankleiden half, den Operationsplan auseinander, den er entworfen hatte.

„Aber wann soll das alles geschehen, Sam?“ fragte Mr. Pickwick.

„Alles zu seiner Zeit, Sir, alles zu seiner Zeit.“

Vierundzwanzigstes Kapitel


Vierundzwanzigstes Kapitel

Mr. Peter Magnus wird eifersüchtig und die Dame in den mittleren Jahren so besorgt, daß die Pickwickier Gefahr laufen, dem Arme der Gerechtigkeit überliefert zu werden.

Als Mr. Pickwick in das Zimmer trat, in dem er mit Mr. Peter Magnus den verflossenen Abend verbracht, hatte sich dieser bereits mit dem größten Teil des Inhalts der beiden Reisesäcke, des ledernen Hutfutterals und des Papierpakets so vorteilhaft wie möglich herausgeputzt und ging im Zustand höchster Aufregung und Gemütsbewegung auf und nieder.

„Guten Morgen, Sir“, begann er. „Nun, was sagen Sie dazu?“

„Sie werden einen großartigen Eindruck machen – fraglos“, erwiderte Mr. Pickwick mit gutmütigem Lächeln.

„Ja, ich glaube es selbst“, sagte Mr. Magnus. „Mr. Pickwick, wissen Sie, daß ich bereits meine Karte hinauf geschickt habe?“

„Was Sie sagen!“

„Ja, und sie ließ mir durch den Kellner ausrichten, sie erwarte mich um elf Uhr. – Um elf Uhr, Sir! Es fehlt nur noch eine Viertelstunde!“

„Eine kurze Zeit“, bemerkte Mr. Pickwick.

„Ja, sie ist ziemlich kurz“, erwiderte Mr. Magnus. „Etwas zu kurz, um sich wohl dabei zu fühlen. Meinen Sie nicht auch, Mr. Pickwick?“

„Selbstvertrauen tut dann sehr viel“, riet Mr. Pickwick.

„Ich glaube das auch, Sir“, sagte Mr. Peter Magnus. „Ich erfreue mich übrigens eines großen Selbstvertrauens, Sir. Genaugenommen, Mr. Pickwick, sehe ich auch nicht ein, warum ein Mann in einem Fall wie diesem sich fürchten sollte. Man braucht sich dessen doch nicht zu schämen. Es ist eine Sache gegenseitiger Übereinkunft, weiter nichts. Der Gatte auf der einen Seite, die Gattin auf der andern. Das ist meine Ansicht von der Sache, Mr. Pickwick.“

„Sehr philosophisch gedacht“, versetzte Mr. Pickwick. „Aber das Frühstück wartet, Mr. Magnus. Kommen Sie.“

Die Herren setzten sich zum Frühstück, aber trotz des großen Selbstbewußtseins Mr. Peter Magnus‘ war nicht zu verkennen, daß er im höchsten Grade aufgeregt war, wovon seine Appetitlosigkeit, eine stete Neigung, das Teegeschirr umzuwerfen, ein vergebliches Bemühen, lustig zu sein, und ein unwiderstehlicher Hang, alle Augenblicke auf die Uhr zu sehen, deutlich Zeugnis ablegten.

„Hihihi“, kicherte er nach einer Weile mit erkünstelter Heiterkeit, während er vor innerer Bewegung keuchte. „Es sind nur noch zwei Minuten, Mr. Pickwick. Sehe ich blaß aus, Sir?“

„Nicht sehr“, meinte Mr. Pickwick.

Wieder trat eine kurze Pause ein.

„Ich bitte um Verzeihung, Mr. Pickwick. Aber waren Sie schon jemals in Ihrem Leben in einer solchen Lage?“

„Sie meinen, in der Lage eines Freiers?“ fragte Mr. Pickwick.

„Ja.“

„Noch nie“, erwiderte Mr. Pickwick mit großem Nachdruck. „Noch nie.“

„Sie wissen also nicht, wie man sich dabei zu benehmen hat?“

„Nun, ich habe mir wohl schon gelegentlich meine Gedanken über einen derartigen eventuellen Fall gemacht“, erwiderte Mr. Pickwick. „Aber da ich sie noch nie an dem Prüfstein der Erfahrung erprobt habe, so möchte ich Ihnen nicht raten, Ihr Benehmen danach einzurichten.“

„Immerhin wäre ich Ihnen für jeden Wink sehr verbunden, Sir“, sagte Mr. Magnus mit einem Blick auf die Uhr, deren Zeiger bereits auf fünf Minuten nach elf wies.

„Also gut, Sir“, begann Mr. Pickwick mit dem feierlichen Ernst, durch den er, wenn er wollte, seinen Bemerkungen einen ungemein eindringlichen Charakter geben konnte, „ich würde zuerst der Schönheit und den vortrefflichen Eigenschaften der Dame meine Huldigung zollen und dann auf meine eigne Unwürdigkeit übergehen.“

„Ganz gut“, bemerkte Mr. Magnus.

„Verstehen Sie mich recht – Unwürdigkeit nur ihr gegenüber! Denn um zu zeigen, daß ich nicht im allgemeinen ein Unwürdiger sei, würde ich kurz mein bisheriges Leben und meine gegenwärtige Stellung schildern. Daraus würde ich nach dem Gesetz der Analogie folgern, daß ich für jede andre Person eine höchst wünschenswerte Partie sein müßte, und mich sodann über die Glut meiner Liebe und die Tiefe meines Gefühls verbreiten und mich vielleicht auch versucht finden, ihre Hand zu ergreifen.“

„Ja, ich verstehe“, bemerkte Mr. Magnus, „das wäre ein höchst wichtiger Punkt.“

„Dann, Sir, würde ich“, fuhr Mr. Pickwick fort und wurde immer wärmer, in je glühenderen Farben er sich die Szene ausmalte, „dann würde ich ihr die offene und einfache Frage vorlegen: Wollen Sie mich?, und ich glaube, zu der Annahme berechtigt zu sein, daß sie hierauf ihr Gesicht abwenden würde.“

„Glauben Sie das sicher annehmen zu dürfen?“ fragte Mr. Magnus. „Denn was, wenn sie es nicht täte?“

„Ich glaube, daß sie es tun wird“, meinte Mr. Pickwick mit der Überzeugung des Visionärs. „Dann, Sir, würde ich ihr die Hand drücken, und ich glaube – ich glaube, Mr. Magnus –, wenn ich einmal das getan hätte, würde ich, vorausgesetzt, sie hätte bisher zugehört, sachte das Taschenruch, das sie in diesem Augenblick, wie mich meine geringe Kenntnis der menschlichen Natur vermuten läßt, vor die Augen halten dürfte, wegziehen und ihr in allen Ehren einen Kuß rauben. Ich glaube, ich würde sie küssen, Mr. Magnus. Und was diesen besonderen Punkt betrifft, so bin ich entschieden der Meinung, die Dame würde sodann, wenn sie mich überhaupt wollte, ein verschämtes Ja hauchen.“

Mr. Magnus schauderte zusammen, blickte in Mr. Pickwicks durchgeistigtes Gesicht, schüttelte ihm nach einer kurzen Pause – der Zeiger wies auf zehn Minuten nach elf – mit Wärme die Hand und rannte fassungslos aus dem Zimmer.

Mr. Pickwick war auf und nieder geschritten, und es schlug halb zwölf, als sich plötzlich die Tür öffnete. Er wandte sich um und wollte eben Mr. Peter Magnus beglückwünschen, da erblickte er statt seiner das fröhliche Gesicht Mr. Tupmans, die heitere Miene Mr. Winkles und das Dichterantlitz Mr. Snodgraß‘.

Noch während die Herren Mr. Pickwick begrüßten, trippelte Mr. Peter Magnus ins Zimmer.

„Meine Freunde, der Herr, von dem ich soeben sprach, Mr. Magnus“, stellte Mr. Pickwick vor.

„Ihr Diener, meine Herren“, sagte Mr. Magnus, sichtlich in großer Aufregung. „Mr. Pickwick, könnte ich Sie einen Augenblick allein sprechen?“ Mit diesen Worten verankerte Mr. Magnus seinen Zeigefinger in Mr. Pickwicks Rockknopfloch, zog ihn hastig HI eine Fenstervertiefung und stieß hervor:

„Wünschen Sie mir Glück, Sir! Ich habe Ihren Rat buchstäblich befolgt.“

„Und es lief alles gut ab, nicht wahr?“

„Ausgezeichnet, Sir, hätte nicht besser ausfallen können“, erwiderte Mr. Magnus. „Sie ist mein.“

„Also meinen herzlichsten Glückwunsch!“ rief Mr. Picknick und schüttelte seinem neuen Freund mit Wärme die Hand.

„Ich muß Sie unbedingt vorstellen, Sir“, drängte Mr. Magnus. „Kommen Sie, bitte, kommen Sie! – Sie entschuldigen einen Augenblick, meine Herren.“

Er zog Mr. Pickwick aus dem Zimmer, ging eilends mit ihm die Treppe hinauf, blieb an der nächsten Türe im Gang stehen und klopfte leise an. „Herein!“ rief eine weibliche Stimme, und sie traten ein.

„Miß Witherfield“, sagte Mr. Magnus, „gestatten Sie, daß ich Ihnen meinen vertrauten Freund, Mr. Pickwick, vorstelle. – Mr. Pickwick – Miß Witherfield.“

Die Dame stand am andern Ende des Zimmers. Mr. Pickwick verbeugte sich, nahm seine Brille aus der Westentasche und setzte sie auf. Doch kaum war das geschehen, da wich er mit einem Ausruf des Erstaunens einige Schritte zurück, und die Dame schlug mit einem halbunterdrückten Schrei die Hände vors Gesicht und sank in einen Stuhl.

Mr. Pickwick hatte nämlich kaum seine Brille aufgesetzt, als er in der zukünftigen Mrs. Magnus die Dame erkannte, in deren Zimmer er in der verflossenen Nacht auf so unverantwortliche Weise eingedrungen war, und im selben Augenblick sah auch die Dame plötzlich wieder das Gesicht vor sich, das sie, mit allen Schrecknissen einer Nachtmütze umgeben, noch vor nicht langer Zeit erblickt hatte.

Die Dame schrie, und Mr. Pickwick starrte sie an.

„Mr. Pickwick!“ rief Mr. Magnus außer sich. „Was hat das zu bedeuten, Sir? – Was hat das zu bedeuten?“ wiederholte er in lautem, drohendem Tone.

„Sir!“ erwiderte Mr. Pickwick, über die Art und Weise etwas unwillig, mit der ihn Mr. Peter Magnus so plötzlich angefahren hatte. „Ich muß die Beantwortung dieser Frage ablehnen.“

„Sie lehnen sie ab, Sir?“ fragte Mr. Magnus.

„Ja, allerdings, Sir. Ich lehne es auf das entschiedenste ab, auch nur ein Wort zu sagen, das die Dame kompromittieren oder unangenehme Erinnerungen in ihrer Brust erwecken könnte, ohne ihre ausdrückliche Erlaubnis und Zustimmung.“

„Miß Witherfield!“ sagte Mr. Peter Magnus. „Kennen Sie diesen Herrn?“

„Ob ich ihn kenne?“ erwiderte die Dame in den mittleren Jahren zögernd.

„Ja, ob Sie ihn kennen, Madam. – Ich frage, ob Sie ihn kennen?“ wiederholte Mr. Magnus wild.

„Ich habe ihn allerdings schon gesehen“, gab die Dame in den mittleren Jahren zu.

„Wo?“ fragte Mr. Magnus. „Wo?“

„Das werde ich nie sagen. Nie, nie!“ erwiderte die Dame in den mittleren Jahren, sprang von ihrem Sitz auf und wandte ihr Gesicht ab.

„Ich verstehe Sie, Madam“, sagte Mr. Pickwick. „Ich achte Ihr Zartgefühl. Und auch ich werde kein Wort sprechen, seien Sie überzeugt.“

„Ich muß sagen, Madam“, bemerkte Mr. Magnus, „in Anbetracht des Verhältnisses, in dem ich zu Ihnen stehe, behandeln Sie diese Sache ja recht gleichgültig – recht gleichgültig, Madam!“

„Grausamer Mr. Magnus“, schluchzte die Dame in den mittleren Jahren und brach in Tränen aus.

„Richten Sie Ihre Vorwürfe an mich, Sir“, fiel Mr. Pickwick ein. „Ich allein bin zu tadeln, wenn jemand Tadel verdient.“

„So, so, Sie allein sind zu tadeln, Sir!“ sagte Mr. Magnus. „Jetzt durchschaue ich alles, Sir. Sie bereuen offenbar Ihren Entschluß, nicht wahr?“

„Meinen Entschluß?“ fragte Mr. Pickwick.

„Ihren Entschluß, Sir! Starren Sie mich nur nicht so an, Sir! Ich erinnere mich noch ganz gut Ihrer Worte von gestern abend. Sie sind hierhergekommen, Sir, die Treulosigkeit und Falschheit einer Person zu entlarven, auf deren Ehrenhaftigkeit und Treue Sie einst gebaut hatten, nicht wahr?“ Mr. Peter Magnus verzog sein Gesicht zu einem spöttischen Lächeln und nahm seine grünliche Brille ab – die er wahrscheinlich in seinem Eifersuchtsanfall für überflüssig hielt – und rollte seine kleinen Äuglein in schreckenerregender Weise. „Nicht wahr? Aber Sie sollen mir Rede und Antwort stehen, Sir.“

„Rede und Antwort? Auf was?“ fragte Mr. Pickwick.

„Schon gut, Sir“, versetzte Mr. Magnus und schritt erregt im Zimmer auf und ab, „schon gut.“

Es müssen magische Kräfte in den Worten „schon gut“ verborgen liegen, denn, wann immer sie fallen, bei einem „Wortwechsel auf der Straße, im Theater, im Wirtshaus oder sonstwo, stets erwecken sie einen größeren Unwillen, als es die beredtesten Schimpfwörter hervorzurufen vermöchten Nicht etwa, daß die Anwendung dieses Lakonismus in Mr. Pickwicks Seele genau denselben Unwillen erregt hätte wie in einer gewöhnlichen Brust, aber jedenfalls öffnete er die Tür und rief laut hinunter:

„Tupman, kommen Sie, bitte, einen Moment herein!“

Mr. Tupman erschien augenblicklich mit höchst erstauntem Gesicht.

„Tupman“, sagte Mr. Pickwick, „ein Geheimnis zarter Natur, das diese Dame betrifft, ist die Ursache eines „Wortwechsels zwischen diesem Herrn und mir. Wenn ich ihm jetzt in Ihrer Gegenwart hiermit versichere, daß es keinen Bezug auf ihn hat und in keiner Verbindung mit seinen Angelegenheiten steht, so muß ich Sie dringend ersuchen, ihm zu bemerken, daß, wenn er fortfährt, beleidigende Zweifel in meine „Wahrhaftigkeit zu setzen, ich genötigt sein werde, meine Konsequenzen zu ziehen.“

Mr. Pickwick sah bei diesen Worten Mr. Peter Magnus mit einem Blick an, der mehr sagte als ganze Enzyklopädien.

Sein offenes, ehrenhaftes Benehmen, verbunden mit der Kraft und Energie der Sprache, die ihn so sehr auszeichneten, würde jeden vernünftigen Menschen beruhigt haben, aber unglücklicherweise war gerade in diesem Moment der Geist Mr. Peter Magnus‘ seiner Klarheit beraubt. Anstatt Mr. Pickwicks Erklärung so aufzunehmen, wie es sich geziemt hätte, fuhr er fort, sich in eine Art Raserei hineinzureden und davon zu sprechen, was er sich selbst schuldig sei, und von anderen Dingen mehr, wobei er seiner Deklamation dadurch Nachdruck verlieh, daß er mit schnellen Schritten auf und nieder ging, sich durch die Haare fuhr und gelegentlich Mr. Pickwicks menschenfreundlichem Antlitz die Faust unter die Nase hielt.

Mr. Pickwick, im Bewußtsein seiner Unschuld und Korrektheit und in der Unruhe, die Dame in mittleren Jahren verhängnisvollerweise in eine so unangenehme Lage versetzt zu haben, behielt leider nicht die ruhige Fassung, die man sonst an ihm gewohnt war. Die Worte wurden immer hitziger und die Stimmen heftiger, und als Mr. Magnus endlich Mr. Pickwick hinwarf, „er werde von ihm hören“, war die kaltblütige Antwort: „Je früher, desto besser!“

Voll Schrecken stürzte die Dame in den mittleren Jahren aus dem Zimmer, und Mr. Tupman zog Mr. Pickwick mit sich fort, Mr. Peter Magnus sich und seinen Gedanken überlassend.

Hätte die Dame in den mittleren Jahren Lebenserfahrung besessen oder überhaupt die Art und Weise derer gekannt, die die Gesetze oder die Mode machen, so würde sie gewußt haben, daß solche stürmische Auftritte zu den harmlosesten Dingen von der Welt gehören. Aber da sie die meiste Zeit auf dem Lande gelebt und noch nie die Parlamentsverhandlungen gelesen hatte, so war sie in den Verfeinerungen des zivilisierten Lebens wenig bewandert. Als sie ihr Schlafzimmer erreicht und sich eingeschlossen hatte, drängten sich beim Nachdenken über die Szene, deren Zeuge sie soeben gewesen war, ihrer Phantasie die fürchterlichsten Bilder von Mord und Blutvergießen auf, unter denen die Vision des Mr. Peter Magnus, in Lebensgröße von vier Mann nach Hause getragen und die linke Brusthälfte mit den feindlichen Geschossen gefüllt, eine der allerkleinsten war. Je mehr sie darüber nachdachte, desto mehr erschrak sie, und endlich beschloß sie, sich zum Bürgermeister der Stadt zu begeben und ihn zu ersuchen, die Herren Pickwick und Tupman unverzüglich verhaften zu lassen.

Zu diesem Entschluß wurde die Dame in den mittleren Jahren durch verschiedne Erwägungen bestimmt, von denen der unwiderlegliche Beweis, den sie dadurch von ihrer Herzensangst um Mr. Peter Magnus‘ Leben lieferte, der hauptsächlichste war. Sie kannte sein eifersüchtiges Temperament zu gut, um auch nur die leiseste Anspielung auf den eigentlichen Grund ihrer Aufregung beim Anblick Mr. Pickwicks Zu wagen und setzte so viel Vertrauen auf ihren Einfluß und ihre Überredungsgabe, daß sie sich mit der Hoffnung schmeichelte, seine stürmische Eifersucht beruhigen zu können, wenn Mr. Pickwick entfernt wäre und kein neuer Streit entstehen könnte. Mit diesem Gedanken erfüllt, hüllte sie sich in ihre Haube und ihren Schal und begab sich schnurstracks nach der Wohnung des Bürgermeisters.

Nun war George Nupkins, Esquire, der besagte oberste Beamte der Stadt, eine so bedeutende Person, wie sie der schnellste lebende Läufer am einundzwanzigsten Juni, der nach Behauptung des Kalenders der längste Tag im ganzen Jahr ist und also die längste Zeit zum Suchen, gestattet, zwischen Sonnenaufgang und –niedergang nur hätte finden können. Gerade an diesem Morgen befand sich Mr. Nupkins im Zustande größter Aufregung, denn es hatte eine Revolution in der Stadt gegeben. Sämtliche Schüler der besuchtesten Klasse hatten sich verschworen, einem Obsthändler, der ihnen ein Dorn im Auge war, die Fenster einzuwerfen, hatten den Büttel ausgepfiffen und den Konstabler, einen ältlichen Mann in Stulpenstiefeln, der beordert gewesen war, den Aufruhr im Keim zu ersticken und wenigstens schon, ein halbes Jahrhundert lang den Frieden der Stadt aufrechterhalten, mit Kot beworfen.

Mr. Nupkins saß in seinem Sorgenstuhl, runzelte majestätisch die Stirne und kochte noch immer vor Wut, als eine Dame gemeldet wurde, die ihn in einer besondern und dringenden Privatangelegenheit zu sprechen wünsche. Mr. Nupkins nahm den ruhig-furchtbaren Blick seines Standes an und befahl, die Dame hereinzuführen, welchem Befehle, wie allen Verordnungen von Kaisern, Königen und andern großen Mächten der Erde, auf der Stelle Folge geleistet wurde.

Miß Witherfield trat in reizender Verwirrung herein.

„Muzzle!“ rief der Beamte.

Muzzle war ein Diener von untersetzter Statur, mit langem Leib und kurzen Beinen.

„Ja, Euer Gnaden!“

„Bring einen Stuhl und verlaß das Zimmer!“

„Ja, Euer Gnaden.“

„Nun, Madam, wollen Sie mir freundlichst Ihre Angelegenheit vortragen“, sagte der Beamte.

„Sie ist sehr schmerzlicher Natur, Sir“, bemerkte Miß Witherfield.

„Das ist mir leid, Madam“, versetzte Mr. Nupkins mit wohlwollendem Blick. „Fassen Sie sich, Madam. – Und dann sagen Sie mir, Madam, ob eine Gesetzesüberschreitung Sie zu mir führt.“ Hier triumphierte der Beamte über den Menschen, und sein Blick wurde wieder streng.

„Es ist mir ungemein peinlich, Ihnen diese Mitteilung machen zu müssen“, sagte Miß Witherfield, „aber ich fürchte, es soll hier ein Duell ausgetragen werden.“

„Hier, Madam?“ rief der Beamte. „Wo, Madam?“

„In Ipswich.“

„In Ipswich, Madam? Ein Duell in Ipswich?“ murmelte der Beamte, bei dem bloßen Gedanken außer sich vor Schrecken. „Unmöglich, Madam, so etwas kann in dieser Stadt nicht vorkommen, davon bin ich überzeugt. – Beim Himmel, Madam, wissen Sie nichts von der Tätigkeit unsrer städtischen Polizei? Haben Sie nie davon gehört, Madam, daß ich am vierten Mai dieses Jahres, nur von sechzig Konstablern begleitet, in einen Boxring eindrang und auf die Gefahr hin, der wilden Leidenschaft eines wütenden Pöbels zum Opfer zu fallen, einen Faustkampf zwischen Dumpling von Middlesex und Bantam von Suffolk verhinderte? – Ein Duell in Ipswich, Madam! – Ich kann – ich kann es nicht glauben“, fuhr der Beamte im Selbstgespräch fort, „daß zwei Menschen die Kühnheit haben sollten, einen solchen Friedensbruch in dieser Stadt zu beabsichtigen.“

„Meine Angabe ist leider nur zu richtig“, sagte die Dame in den mittleren Jahren. „Ich selbst war beim Streit gegenwärtig.“

„Es ist wirklich unerhört“, rief der Beamte aus. „Muzzle!!“

„Hier, Euer Gnaden!“

„Mr. Jinks soll sofort kommen. Augenblicklich.“

„Zu Befehl, Euer Gnaden.“

Muzzle entfernte sich, und ein blasser, spitznasiger, halbverhungerter, schäbig gekleideter Schreiber, auch in den mittleren Jahren, trat ins Zimmer.

„Mr. Jinks!“ rief der Beamte. „Mr. Jinks!“

„Sir“, erwiderte Mr. Jinks.

„Diese Dame, Mr. Jinks, macht soeben die Anzeige, daß ein Duell hier in der Stadt geplant wird.“

Mr. Jinks, der sich nicht darüber klar war, wie er sich benehmen sollte, lächelte mit der Miene des Untergebenen.

„Was gibt’s da zu lachen, Mr. Jinks?“ fragte der Beamte.

Mr. Jinks machte augenblicklich ein ernstes Gesicht.

„Mr. Jinks!“ herrschte ihn der Beamte an. „Sie sind ein Narr!“

Mr. Jinks blickte demütig an dem Machthaber empor und nagte an seiner Feder.

„Sie können etwas Komisches in dieser Angabe finden, Sir, aber ich muß Ihnen sagen, Mr. Jinks, daß Sie sehr wenig Grund haben zu lachen!“ Der halbverhungerte Jinks seufzte, als wäre er sich vollkommen bewußt, daß er sehr wenig Grund habe zu lachen, und schrieb dann auf Befehl Mr. Nupkins‘ die Aussage der Dame in ein Protokoll.

„Dieser Pickwick ist also der Friedensstörer, wie ich höre?“ fragte der Beamte, als der Akt geschlossen war.

„Ja“, erwiderte die Dame in den mittleren Jahren.

„Und der Sekundant … Wie ist sein Name, Mr. Jinks?“

„Tupman, Sir.“

„Tupman?“

„Ja, Sir.“

„Der Geforderte, sagen Sie, ist verschwunden, Madam.“

„Ja“, erwiderte Miß Witherfield mit einem kurzen Hüsteln.

„Also gut“, sagte der Beamte. „Da sind zwei Gurgelabschneider extra von London hergekommen, um die Bevölkerung zu dezimieren, weil sie meinen, in dieser Entfernung von der Hauptstadt sei der Arm des Gesetzes schwach und gichtbrüchig. Aber ich werde ein Exempel an ihnen statuieren. Setzen Sie die Verhaftsbefehle auf, Mr. Jinks. – Muzzle!!“

„Hier, Euer Gnaden.“

„Ist Grummer unten?“

„Ja, Euer Gnaden.“

„Schick ihn herauf.“

Dienstbeflissen enteilte Muzzle und kehrte bald darauf mit einem ältlichen Gentleman in Stulpenstiefeln zurück, der sich hauptsächlich durch eine Kupfernase, eine heisere Stimme, einen schnupftabakfarbenen Überrock und einen unsteten Blick auszeichnete.

„Grummer!“ sagte der Beamte.

„Euer Ho’ohlgeboren?!“

„Ist die Stadt jetzt ruhig?“

„Zimmlich, Euer Ho’ohlgeboren“, erwiderte Grummer. Das Volksempfinn ist gewissermaaßn abgeflaut, weil die Lümmel verschwunn sind; zum Kricket.“

„Nur energische Maßregeln wirken noch in diesen Zeiten, Grummer“, sagte der Würdenträger mit sehr bestimmtem Ton. „Wenn das Ansehen der königlichen Behörden mißachtet wird, muß das Standrecht verhängt werden. Wenn die Zivilbehörde die Fenster nicht schützen kann, so muß die militärische Macht die Zivilbehörde und die Fenster schützen. Ich glaube, das ist ein Grundsatz der Verfassung, Mr. Jinks?“

„Gewiß, Sir“, versetzte Jinks.

„Sehr gut“, sagte der Beamte und unterzeichnete die Verhaftsbefehle. „Grummer, Sie werden mir heute nachmittag die hier bezeichneten Personen vorführen. Sie finden sie im ,Großen weißen Roß‘. Sie erinnern sich doch noch an den Fall von Dumpling aus Middlesex und Bantam aus Suffolk, Grummer?“

Mr. Grummer deutete durch ein Kopfnicken an, daß das seinem Gedächtnis nie entschwinden könne. Begreiflicherweise, denn er wurde doch täglich daran erinnert.

„Dieser Fall ist noch gesetzwidriger. Er bedeutet einen noch größeren Friedensbruch, einen noch größeren Eingriff in Seiner Majestät Vorrechte. Ich glaube, das Duell ist eins der unbestrittensten Vorrechte der Krone, Mr. Jinks, nicht wahr?“

„In der Magna Charte ausdrücklich stipuliert, Sir“, erwiderte Mr. Jinks.

„Einer von den glänzendsten Juwelen Großbritanniens, Seiner Majestät durch die politische Union der Barone abgetrotzt, glaube ich, Mr. Jinks?“

„Jawohl“, versetzte Mr. Jinks.

„Sehr gut“, bemerkte der Beamte und richtete sich stolz auf. „Es soll in diesem Teile königlichen Gebietes nichts an getastet –werden. Grummer, sorgen Sie für entsprechenden Beistand, und vollziehen Sie diese Verhaftsbefehle so bald wie möglich. – Muzzle!“

„Hier, Euer Gnaden.“

„Begleiten Sie diese Dame.“

Miß Witherfield entschwebte, mit hoher Bewunderung der Gelehrsamkeit und des Scharfsinnes des Würdenträgers erfüllt. Mr. Nupkins zog sich zum Essen zurück, Mr. Jinks in sich selbst – mit Ausnahme des Ruhebettes in seinem kleinen Stübchen, das bei Tag von der Familie seiner Hauswirtin bewohnt wurde, die einzige Zufluchtsstätte, die ihm amtlich gestattet war –, und Mr. Grummer zog sich zurück, um durch Vollziehung des ihm gewordnen Auftrages die Schmach abzuwaschen, die ihm und Seiner Majestät anderm Repräsentanten – dem Büttel – im Laufe des Vormittags angetan worden war.

Während diese entschlossenen Anstalten zur Erhaltung des Friedens Seiner Majestät getroffen wurden, hatten sich Mr. Pickwick und seine Freunde, den nahenden Sturm nicht im entferntesten ahnend, ruhig zur Tafel gesetzt und waren alle sehr vergnügt und gesprächig. Mr. Pickwick erzählte eben zum großen Ergötzen seiner Freunde, besonders Mr. Tupmans, sein nächtliches Abenteuer, als sich die Tür öffnete und eine geradezu verbotene Physiognomie in das Zimmer spähte. Die Augen dieser Physiognomie ruhten einige Sekunden forschend auf Mr. Pickwick und waren allem Anschein nach mit dem Ergebnis ihrer Untersuchung zufrieden, denn der Leib, zu dem die verbotene Physiognomie gehörte, schob sich langsam ins Zimmer und entpuppte sich als die Gestalt eines ältlichen Mannes in Stulpenstiefeln – kurz, um den Leser nicht länger in qualvoller Ungewißheit zu lassen, als die Mr. Grummers.

Mr. Grummers Vorgehen war seinem Berufe angemessen, aber eigentümlich. Seine erste Handlung bestand in der Verriegelung der Tür, seine zweite im sorgfältigen Abtrocknen seines Kopfes und Gesichtes mit einem baumwollnen Taschentuch, seine dritte im Hinstellen seines Hutes mit dem baumwollnen Taschentuch darin und seine vierte im Hervorziehen eines kurzen, mit einer messingnen Krone versehenen Stabes, den er mit einer gravitätischen und geisterhaften Miene gegen Mr. Pickwick schwang.

Mr. Snodgraß war der erste, der das eingetretne Stillschweigen brach. Er sah Mr. Grummer einige Minuten durchbohrend an und bedeutete ihm dann mit Nachdruck:

„Dies ist ein Privatzimmer, Sir, ein Privatzimmer.“

Mr. Grummer schüttelte den Kopf und erwiderte:

„Es gibbt kein Privatzimmer vor Seiner Majestät, wenn die Hausschwelle erst einmal öberschritten ist. Das ist Kesetz. Viele Leute behaupten, des Engländers Haus ist seine Burg. Das ist aberr Onnsinn.“

Die Pickwickier starrten einander mit verwunderten Augen an.

„Wer ist Mr. Tupman?“ fragte Mr. Grummer. – Mr. Pickwick hatte er nämlich vermöge seines Scharfblicks sogleich erkannt.

„Ich heiße Tupman.“

„Und ich heiße Kesetz“, erwiderte Mr. Grummer.

„Wie?“ fragte Mr. Tupman.

„Kesetz“, wiederholte Mr. Grummer, „Kesetz, bürrgerrliche Rrechtsgewalt sowie Ixikuttiiwee; das sind meine Titell; hierr ist meine Errmächtigungk, betrrifft Tupman, betrifft Pickfick; Verrstoß in Forrm von Frriedensbrruch gerrichtett gegen unsern rregierrenden Herrn, den König; auf vorliegenden Fall berrechnet und ausgestellt; alles in Butter. liich verrhafte Sie, Pickfick! Tupman – desgleichen.“ „Was ist das für eine Unverschämtheit!“ rief Mr. Tupman aufspringend. „Verlassen Sie das Zimmer! – Augenblicklich verlassen Sie das Zimmer.“ „Hallo!“ rief Mr. Grummer, verfügte sich eiligst an die‘ Tür und öffnete sie ein paar Zoll weit. „Dubbley!“

„Hirr“, antwortete eine Baßstimme aus dem Gang, und ein sechs Fuß hoher und entsprechend breiter Mann mit C1nem schmutzigen roten Gesicht schob sich durch die halb geöffnete Tür ins Zimmer.

„Sind die andern gleichfalls zurr Hand, Dubbley?“ fragte Mr. Grummer.

Mr. Dubbley, ein wortkarger Mann, nickte bejahend.

„Erringen Sie die Abteilung herrein, Dubbley“, gebot Mr. Grummer.

Mr. Dubbley tat, wie ihm befohlen, und ein halbes Dutzend Konstabler, jeder mit einem kurzen Stab und einer messingnen Krone versehen, stellten sich im Zimmer auf. Mr. Grummer steckte seinen Stab in die Tasche und sah Mr. Dubbley an. Mr. Dubbley steckte seinen Stab in die Tasche und sah seine Abteilung an, und die Abteilung steckte ihre Stäbe in die Tasche und sah die Herren Tupman und Pickwick an.

Mr. Pickwick und seine Jünger erhoben sich wie ein Mann.

„Was soll dieses stürmische Eindringen in ein Privatzimmer bedeuten?“ fragte Mr. Pickwick.

„Wer untersteht sich, mich zu verhaften?“ rief Mr. Tupman.

„Was wollt ihr hier, ihr Schufte?“ sagte Mr. Snodgraß.

Mr. Winkle sagte gar nichts, heftete nur seine Augen auf Grummer und schleuderte ihm einen Blick zu, der ihm die Hirnschale durchbohrt und auf der andern Seite wieder herausgekommen wäre, hätte der Mann nur einigermaßen Empfinden besessen, so aber brachte es keine sichtbare Wirkung hervor.

Als das Detachement gewahrte, daß Mr. Pickwick und seine Freunde geneigt waren, sich der Autorität der Behörden zu widersetzen, stülpte es sehr bedeutungsvoll seine Rockärmel auf, als ob es in ihrem Beruf läge und sich von selbst verstände, daß es die Herren zuvörderst zu Boden schlagen und dann mitnehmen müsse. Diese Demonstration verfehlte ihre Wirkung auf Mr. Pickwick keineswegs. Er besprach sich einige Minuten lang leise mit Mr. Tupman, erklärte sich dann bereit, mit zum Bürgermeister zu gehen, und begnügte sich damit, die Anwesenden in Kenntnis zu setzen, daß er fest entschlossen sei, sobald er wieder in Freiheit sein werde, diese ungeheure Verletzung seiner Vorrechte als Engländer zu ahnden, was den Eindringlingen ein lautes Gelächter entlockte, Mr. Grummer ausgenommen, der auch den geringsten Eingriff in das göttliche Recht der Obrigkeit einer Art Gotteslästerung gleich zu achten schien.

Als sich jedoch Mr. Pickwick bereit erklärt hatte, sich den Gesetzen seines Landes zu fügen, und die Kellner und Hausknechte, Stubenmädchen und Postjungen, die sich von der angedrohten Widersetzlichkeit allerhand Kurzweil versprochen hatten, getäuscht und mißmutig auseinandergingen, ergab sich eine ungeahnte Schwierigkeit. Trotz seiner Hochachtung vor den Behörden weigerte sich nämlich Mr. Pickwick auf das entschiedenste, sich gleich einem gemeinen Verbrecher von den Dienern der Gerechtigkeit umringt und bewacht über die Straße führen zu lassen. Ebenso bestimmt weigerte sich Mr. Grummer, bei der noch immer herrschenden Aufregung der Gemüter – denn es war ein halber Feiertag und die Schuljugend noch nicht nach Hause zurückgekehrt –, auf der andern Seite der Straße zu gehen und sich mit Mr. Pickwicks Ehrenwort, sich geradenwegs zum Bürgermeister verfügen zu wollen, zu begnügen. Andererseits weigerten sich Mr. Pickwick und Mr. Tupman ebenso entschieden, die Kosten einer Postkutsche, des einzigen anständigen Vehikels, das man bekommen konnte, zu tragen. Der Streit wurde immer hitziger, die Parlamentäre konnten sich nicht einigen, und eben war das Detachement im Begriff, Mr. Pickwicks Weigerung durch das gewöhnliche Auskunftsmittel zu beseitigen, ihn mit Brachialgewalt zum Bürgermeister zu schleppen, als man sich erinnerte, daß im Hofe eine alte Sänfte stand, die, ursprünglich für einen mit Gicht behafteten Grundeigentümer entworfen, zur Beförderung Mr. Pickwicks und Mr. Tupmans zum mindesten ebenso geeignet war wie eine moderne Postkutsche. Die Sänfte wurde also requiriert und in den Hausflur gebracht. Mr. Pickwick und Mr. Tupman schlüpften hinein und ließen die Vorhänge herunter. Ein paar Träger waren bald gefunden, und in bester Ordnung setzte sich der Zug in Bewegung. Die Diener der Gerechtigkeit umzingelten das Vehikel, Mr. Grummer und Mr. Dubbley schritten triumphierend voran, Mr. Snodgraß und Mr. Winkle gingen Arm in Arm hinterdrein, und die Ungeseiften von Ipswich bildeten die Nachhut.

Die Krämer der Stadt hatten zwar nur eine sehr unbestimmte Vorstellung von der Natur des vorgefallnen Verbrechens, waren aber doch durch dieses Schauspiel höchlich erbaut. War es doch der starke Arm des Gesetzes, der sich da mit der Kraft von zwanzig Goldschlägern auf zwei Verbrecher aus der Hauptstadt herniedersenkte; die gewaltige Maschine wurde durch ihren eignen Bürgermeister geleitet und durch ihre eignen Amtsdiener in Betrieb gesetzt, und durch ihre vereinten Anstrengungen waren die Frevler in dem engen Raum einer Sänfte sicher aufgehoben. Mancher Zuruf des Beifalls und der Bewunderung begrüßte Mr. Grummer, als er den Zug mit dem Stab in der Hand anführte. Laut und anhaltend war der Jubel, den die Ungeseiften anstimmten.

Mr. Weller kehrte gerade in seiner Morgenjacke mit den schwarzen Kalikoärmeln ziemlich niedergeschlagen von einer erfolglosen Besichtigung des geheimnisvollen Hauses mit dem grünen Tor zurück, als er, die Augen erhebend, den die Sänfte umwogenden Volkshaufen gewahrte. Um seine Gedanken von dem fehlgeschlagnen Unternehmen abzulenken, trat er beiseite, um die Menge vorbeizulassen, und da er hörte, daß sie größtenteils zu ihrem Privatvergnügen schrie und lärmte, begann er sofort, lediglich um sich aufzuheitern, ebenfalls aus vollem Halse zu schreien.

Mr. Grummer schritt vorüber und Mr. Dubbley, die Sänfte und die Leibwache, und immer noch stimmte Sam in das enthusiastische Geschrei der Menge ein und schwenkte dabei seinen Hut im Taumel höchster Lust, nicht im entferntesten die Wahrheit ahnend, als er plötzlich bei der unerwarteten Erscheinung der Herren Winkle und Snodgraß verstummte.

„Was is los, Gentlemen?“ rief er. „Wen tragen sie denn da in diesem Trauerschilderhaus?“

Beide Herren antworteten gleichzeitig, aber ihre Worte verhallten im allgemeinen Lärm.

Wen?“ schrie Sam wieder. Und abermals erfolgte eine gleichzeitige Antwort. Wenn er auch die Worte nicht vernehmen konnte, so las er doch von der beiden befreundeten Lippenpaaren das Zauberwort „Pickwick“. Dies war genug. In der nächsten Minute hatte sich Mr. Weller Bahn gebrochen, brachte die Träger zum Stehen und stellte den stattlichen Grummer zur Rede. „Holla, Alter, wen haben Sie da in dieser Tragbahre?“ „Zurück!“ rief Mr. Grummer, dessen Selbstgefühl durch die Volksgunst wunderbar gehoben war.

„Schlagt ihn nieder, wenn er nicht abhaut“, riet Mr. Dubbley.

„Ich bin Ihnen ja sehr verbunden, Sie alter Herr, daß Sie sich so um meine Bequemlichkeit kümmern; und dem andern alten Herrn, der so aussieht, als wenn er gerade aus ’ner Karawane getürmt ist, wo lauter Riesen drin waren, dem bin ich ja noch mehr verbunden wegen sein hübschen Vorschlag. Bloß, wenn es Ihnen egal is, dann hätte ich doch lieber Auskunft auf meine Frage. – Wie geht es Ihnen, Sir?“ Diese letzte Bemerkung war in gönnerhaftem Ton an Mr. Pickwick gerichtet, der eben durch das Vorderfenster spähte.

Mr. Grummer war völlig sprachlos vor Entrüstung. Er zog seinen Stab mit der Messingkrone aus der Tasche hervor und schwenkte ihn vor Sams Augen.

„Hm“, sagte Sam, „recht hübsch, besonders die Krone, die hat ja direkt Ähnlichkeit mit ’ner richtigen.“

„Zurück!“ schrie Mr. Grummer entrüstet, und um seinem Befehl mehr Kraft zu geben, stieß er mit der einen Hand das metallne Sinnbild des Stabes in Sams Halstuch und faßte ihn mit der andern am Kragen, eine Artigkeit, die Mr. Weller damit erwiderte, daß er ihn zu Boden schlug, nachdem er zuvor mit der größten Bedachtsamkeit einen Träger umgeworfen, um Mr. Grummer minder hart zu betten.

Ob Mr. Winkle von einem vorübergehenden Anfall jener Art von Wahnsinn befallen war, die aus dem Gefühl erlittenen Unrechts entspringt, oder ob er durch Mr. Wellers Tapferkeit angesteckt wurde, läßt sich nicht mehr ermitteln; kaum jedoch sah er Mr. Grummer stürzen, als er einen furchtbaren Angriff auf einen kleinen Jungen machte, der neben ihm stand, worauf Mr. Snodgraß mit echt christlichem Sinn und um niemand ungewarnt zu überfallen, mit lauter Stimme ankündigte, er werde jetzt beginnen – eine Erklärung, nach der er mit kaltblütiger Überlegung seinen Rock auszog. Er wurde jedoch augenblicklich umringt und festgenommen, und zu seiner und Mr. Winkles Ehre sei gesagt, daß beide nicht den geringsten Versuch machten, sich oder Mr. Weller zu befreien, der erst nach heftigem Widerstand von der Übermacht bewältigt und festgenommen wurde. Der Zug ordnete sich, die Träger traten an ihre Plätze, und alles setzte sich wieder in Bewegung.

Mr. Pickwicks Entrüstung während dieses ganzen Vorfalls kannte keine Grenzen. Er sah nur, wie Sam die Werkzeuge der Gerechtigkeit in allen Richtungen durcheinanderwarf – das einzige, was er wahrnehmen konnte, da er weder die Tür der Sänfte zu öffnen, noch die Vorhänge aufzuziehen vermochte. Endlich gelang es ihm mit Hilfe Mr. Tupmans, die Decke zu durchstoßen und auf den Sitz zu steigen, von wo aus er, krampfhaft auf die Schulter des Freundes gestützt, eine flammende Rede an das Volk hielt, in der er gegen die unverantwortliche Art der Behandlung protestierte und alle zu Zeugen aufrief, daß sein Diener zuerst angegriffen worden sei.

In diesem Aufzug erreichten sie das Haus des Bürgermeisters, die Sänftenträger im Trab, Mr. Pickwick im Feuer der Rede und die Menge laut johlend.

Fünfundzwanzigstes Kapitel


Fünfundzwanzigstes Kapitel

Zeigt nebst andern ergötzlichen Dingen, welche Würde und Unparteilichkeit Mr. Nupkins an den Tag legte, und wie Mr. Weller seine Schuld Mr. Hiob Trotter mit Zinseszinsen heimzahlte.

Groß war Mr. Wellers Entrüstung, als er fortgeschleppt wurde, zahlreich seine Anspielungen auf die Persönlichkeit und Handlungsweise Mr. Grummers und seines Amtsgenossen und heldenmütig die Herausforderungen, die er an die sechs Konstabler richtete. Mr. Snodgraß und Mr. Winkle lauschten mit tiefem Respekt auf den Strom der Beredsamkeit, den ihr Meister, taub gegen die Bitten Mr. Tupmans, doch den Deckel des Vehikels zu schließen, von der Höhe herab sich ergießen ließ. Doch Mr. Wellers Zorn wich plötzlich der Neugierde, als die Menge in denselben Hofraum einbog, in dem er den Ausreißer Hiob Trotter getroffen hatte, und die Neugierde machte einem Gefühle der freudigsten Überraschung Platz, als Mr. Grummer den Trägern haltzumachen gebot, mit würdevollem und festem Gang auf das grüne Tor zuschritt und hastig am Glockenzug riß.

Darauf erschien ein sehr gut gebautes Hausmädchen mit ausnehmend hübschem Gesicht, das vor Erstaunen über das rebellische Aussehen der Gefangenen und den schäumenden Redefluß Mr. Pickwicks die Hände über dem Kopf zusammenschlug und Mr. Muzzle herbeirief. Mr. Muzzle öffnete den einen Flügel des Tores, um die Sänfte, die Gefangenen und die Diener der Gerechtigkeit einzulassen. Sobald diese das Tor passiert hatten, schlug Muzzle es der folgenden Menge vor der Nase zu, mit dem Erfolg, daß die Leute, empört über ihren Ausschluß und neugierig auf das, was noch kommen würde, ein, zwei Stunden lang ihren Gefühlen Luft machten, indem sie das Tor mit Fußtritten bearbeiteten und die Glocke tanzen ließen. An diesem Vergnügen beteiligten sich abwechselnd alle Versammelten außer drei oder vier Glücklichen, die eine Ritze im Tor entdeckt hatten, durch die man zwar auch nichts sehen konnte, die sie aber dennoch mit jener unermüdlichen Sturheit belagerten, mit der sich ganze Menschentrauben die Nasen an den Vorderfenstern einer Apotheke flachdrücken, während ein angesäuselter Mann, der versehentlich unter die Pferde gekommen ist, im Hinterzimmer behandelt wird.

Am Fuß einer zur Haustür führenden Treppe, die auf beiden Seiten von je einer amerikanischen Aloe in einem grünen Topf bewacht wurde, machte die Sänfte halt, und Mr. Pickwick und seine Freunde wurden in den Hausflur geführt, um gleich darauf, von Muzzle angemeldet, Mr. Nupkins, dem Allgewaltigen, vorgestellt zu werden.

Die Szene, die sich ihren Augen darbot, war ergreifend und ganz darauf berechnet, das Herz des Schuldbewußten mit Schrecken zu erfüllen und ihm einen richtigen Begriff von der Strenge und Majestät des Gesetzes beizubringen. Vor einem mächtigen Bücherkasten, an einem ebensolchen Tisch, hinter einem großen Buch und in einem geräumigen Stuhl saß Mr. Nupkins, alle diese Gegenstände weit überragend. Der Tisch war mit Stößen von Akten geschmückt, und an seinem untern Ende präsidierte Mr. Jinks, eifrig bemüht, so geschäftig wie möglich auszusehen. Nachdem die ganze Gesellschaft eingetreten war, Muzzle sorgfältig die Tür verschlossen und sich hinter den Stuhl seines Gebieters, seiner Befehle gewärtig, aufgestellt hatte, lehnte sich Mr. Nupkins mit feierlicher „Würde zurück und betrachtete die Gesichter seiner unfreiwilligen Gäste mit durchbohrenden Blicken.

„Wer ist diese Person, Grummer?“ fragte er, auf Mr. Pickwick deutend, der als Sprecher, mit dem Hut in der Hand, dastand und sich mit äußerster Höflichkeit und Ehrerbietung verneigte.

„Euer Ho’ohlgeboren, das ist derr Pickfick“, erwiderte Grummer.

„Etwas höflicher, ja! Alte Lichtschere!“ fiel Mr. Weller ein und drängte sich mit Ellbogenstößen in die vorderste Reihe. „Bitte um Verzeihung, Sir, aber Ihr dienstbarer Geist da in den Stulpenstiefeln würde als Zeremonienmeister senkrecht verhungern. Dies, Sir“, fuhr Mr. Weller mit launiger Vertraulichkeit fort, „dies ist Mr. Pickwick, Esquire; dies Mr. Tupman; der Herr dort Mr. Snodgraß und der andre neben ihm Mr. Winkle, lauter vortreffliche Schenlmän, deren Bekanntschaft zu machen Sie sich noch mal sehr glücklich schätzen werden. Je schneller Sie übrigens Ihre Konstabler auf ’n paar Monate in die Tretmühle schicken, desto schneller und besser werden wir uns verständigen. Zuerst das Geschäft, dann das Vergnügen, wie König Richard der Dritte sagte, als er seinen Nebenbuhler im Tower erstach und dann die kleinen Kinder erwürgte.“

Mr. Weller schwieg, bürstete seinen Hut mit dem rechten Ellenbogen und nickte Mr. Jinks zu, der ihm bis zu Ende, sprachlos vor Entsetzen, zugehört hatte.

„Wer ist der Mensch, Grummer?“ fragte der Machthaber.

„Ein gänzlich hemmungsloser Kerl. Euer Ho’ohlgeboren“, erwiderte Grummer. „Er unterfing sich, die Gefangenen zu befreien ond griff die Diener des Kesetzes an. Wir nahmen ihn derrwegen pfest ond brrachten ihn mit.“

„Da hattet ihr vollkommen recht“, entgegnete Mr. Nupkins. „Es ist augenscheinlich ein desperater Halunke.“

„Es ist mein Diener, Sir“, fiel Mr. Pickwick zornig ein.

„So, so, er ist Ihr Diener!“ sagte Mr. Nupkins. „Also eine Verschwörung, das Ansehen der Behörden zu schmälern und ihre Vollstrecker zu ermorden. Pickwicks Diener! – Bringen Sie das zu Protokoll, Mr. Jinks!“

Mr. Jinks‘ Feder rauschte über das Papier.

„Dein Name, Bursche!“ donnerte Herr Nupkins.

„Weller“, erwiderte Sam.

„Ein sehr hübscher Name für die Liste von Newgate“, bemerkte Mr. Nupkins.

Dies war ein Scherz, und Jinks, Grummer, Dubbley, sämtliche Konstabler und Muzzle brachen gehorsamst in ein schallendes Gelächter aus. „Notieren Sie den Namen, Mr. Jinks“, befahl der Würdenträger.

„Zwei l, alter Knabe“, rief Sam.

Ein unglücklicher Aushilfskonstabler lachte wiederum und wurde augenblicklich wegen vorschriftswidriger Heiterkeit mit Arrest bedroht., „Wo zu Hause?“ verhörte der Machthaber weiter.

„Jedesmal woanders“, erwiderte Sam.

„Notieren Sie das, Mr. Jinks“, sagte der Beamte, allmählich in Wut geratend.

„Unterstreichen Sie’s auch“, fügte Sam hinzu.

„Er ist also ein Landstreicher, Mr. Jinks; ein Landstreicher nach seiner eignen Aussage. – Nicht wahr, Mr. Jinks?“

„Allerdings, Sir.“

„Dann bleibt er als solcher in Haft!“

„Is ’ne entgegenkommende Justiz hierzulande“, bemerkte Sam, „da gibt’s keinen Beamten nich, wo nich auf der Stelle zwei dumme Streiche macht, wenn er andere Leute wegen einem einzigen einsperrt.“

Wieder lachte ein Aushilfskonstabler und machte dann ein so übernatürlich-feierliches Gesicht, daß man ihn augenblicklich als den Sünder erkannte.

„Grummer“, rief Mr. Nupkins, kirschrot vor Wut, „wie können Sie es wagen, sich einen so unverantwortlich respektlosen Menschen zur Aushilfe zu wählen?“

„Es tut mir sehr leid, Euer Ho’ohlgeboren“, stammelte Grummer.

„Sehr leid?! Sie werden mir büßen für diese Pflichtvergessenheit, Mr. Grummer. Ich werde ein Exempel an Ihnen statuieren. Nehmen Sie dem Burschen den Stab ab. Er ist betrunken. – Du bist betrunken, Kerl.“

„Ich bin nicht betrunken, Euer Gnaden“, erwiderte der Mann.

„Du bist betrunken!“ entgegnete Mr. Nupkins. „Wie kannst du dich unterstehen, zu behaupten, du seist nicht betrunken, wenn ich sage, du bist es? – Riecht er nicht nach Schnaps, Grummer?“

„Kanz krausam, Euer Ho’ohlgeboren“, erwiderte Grummer, unter dem Eindruck, daß irgend jemand nach Rum röche.

„Ich habe es gleich gewußt“, bemerkte Mr. Nupkins. „Gleich beim Eintritt ins Zimmer habe ich es ihm an seinen entzündeten Augen angesehen, daß er betrunken ist. – Haben Sie seine entzündeten Augen bemerkt, Mr. Jinks?“

„Gewiß, Sir.“

„Ich habe diesen Morgen nicht einen Tropfen Branntwein gesehen“, versicherte der Mann, der so nüchtern war wie nur je in seinem Leben. „Er wagt es, mir eine Lüge ins Gesicht zu sagen!“ rief der Bürgermeister. „Ist er nicht in diesem Augenblick betrunken, Mr. Jinks?“

„Gewiß, Sir!“

„Mr. Jinks, ich lasse den Kerl einsperren wegen Unverschämtheit. Setzen Sie den Arrestbefehl auf, Mr. Jinks.“

Der Aushilfskonstabler wäre ohne weiteres eingesperrt worden, allein Jinks als juristischer Beirat flüsterte Mr. Nupkins ins Ohr, er glaube, das gehe nicht gut; wohl sei jeder Privatmann in England verpflichtet, auf Aufforderung der Behörden als Aushilfskonstabler eine Verhaftung mit bewerkstelligen zu helfen, aber er könne ruhig betrunken sein und es leugnen. – Der Würdenträger ließ es demnach mit Rücksicht auf die zahlreiche Familie des Aushilfskonstablers bei einem Verweis und bei der Entfernung aus dem Lokal bewenden und enthob ihn weiterer Verpflichtungen. Murmelnd bewunderten Grummer, Dubbley, Muzzle und sämtliche übrigen Konstabler Mr. Nupkins Großmut.

„Jetzt, Mr. Jinks, nehmen Sie Grummer unter Eid“, befahl der Würdenträger.

Grummer rasselte die Formel herunter, aber da er dann etwas weitschweifig wurde und Mr. Nupkins Essenszeit heranrückte, wurde die Sache kurz gemacht und Mr. Grummer die Antworten auf die Zunge gelegt, die denn auch immer so bejahend wie möglich ausfielen. Mr. Weller wurde zweier tätlicher Angriffe, Mr. Winkle einer Drohung und Mr. Snod-graß einer Handgreiflichkeit an einem Jungen überführt.

Die darauffolgende amtliche Beratung dauerte ungefähr zehn Minuten, dann zog sich Mr. Jinks an seinen Platz am Ende des Tisches zurück. Der Bürgermeister setzte sich nach einem vorbereitenden Räuspern in seinen Stuhl und war eben im Begriff, seine Anrede zu beginnen, als ihn Mr. Pickwick mit den Worten unterbrach:

„Ich bitte um Verzeihung, Sir, wenn ich das Wort ergreife, aber bevor Sie das Urteil, das Sie auf die stattgehabten Verhandlungen gegründet haben mögen, aussprechen, muß ich mein Recht, gehört zu werden, geltend machen, insofern die Sache meine Person betrifft.“

„Schweigen Sie!“ rief der Bürgermeister gebieterisch.

„Ich muß Ihnen bemerken, Sir –“, sagte Mr. Pickwick.

„Schweigen Sie, Sir, oder ich befehle meinem Gerichtsdiener, Sie abzuführen!“

„Sie können Ihrem Gerichtsdiener befehlen, was Ihnen beliebt, Sir“, fuhr Mr. Pickwick gelassen fort. „Und nach dem, was ich von der Subordination gesehen habe, die bei Ihnen herrscht, zweifle ich nicht, daß auch alles ausgeführt werden wird, was Sie nur immer befehlen, aber ich muß mir die Freiheit nehmen, Sir, so lange auf meinem Recht, angehört zu werden, zu bestehen, bis man mich mit Gewalt daran hindert.“

„Hoch Pickwick und feste Jrundsätze!“ rief Mr. Weller mit sehr vernehmlicher Stimme.

„Sam, sei ruhig!“ ermahnte Mr. Pickwick.

„Stumm, wie ’ne durchlöcherte Trommel“, brummte Sam.

Mr. Nupkins sah Mr. Pickwick mit dem Ausdruck des höchsten Erstaunens über eine derartig unerhörte Verwegenheit an und war augenscheinlich im Begriff, sehr zornig zu erwidern, als ihn Mr. Jinks am Ärmel zupfte und ihm etwas ins Ohr flüsterte.

Seinen Ärger herunterschluckend, wandte sich dann Mr. Nupkins wieder an Mr. Pickwick und fragte in scharfem Ton: „Also, was haben Sie mir zu sagen?“

„Vorerst“, begann Mr. Pickwick mit einem Zornesblick durch seine Brille, vor dem sogar Nupkins die Augen niederschlug, „vorerst wünsche ich zu erfahren, warum ich und meine Freunde hierher gebracht worden sind?“

„Muß ich es ihm sagen?“ fragte der Würdenträger seinen Schreiber leise.

„Ich denke, es wird das beste sein, Sir“, flüsterte Jinks.

„Es ist eine Anzeige erstattet worden, daß Sie ein Duell planen und daß der andre da, Tupman, Ihr Sekundant und Mitschuldiger ist. Aus diesem Grunde … Was, Mr. Jinks?“

„Allerdings, Sir.“

„Aus diesem Grunde fordere ich Sie beide auf … Was, Mr. Jinks?“

„Sehr richtig, Sir.“

„Fordere ich Sie auf, fordere ich Sie auf . .. Nun, Mr. Jinks?“ fragte Mr. Nupkins ärgerlich.

„Eine Bürgschaft zu stellen, Sir.“

„Ja. Deshalb fordere ich Sie beide auf, wie ich eben sagen wollte, als mich mein Schreiber unterbrach, eine Bürgschaft zu stellen.“

„Genügende Bürgschaft“, soufflierte Mr. Jinks.

„Und zwar eine genügende Bürgschaft.“

„Leute aus der Stadt“, flüsterte Jinks. „Fünfzig Pfund jeder und natürlich Hausbesitzer.“

„Ich verlange zwei Bürgen, jeder à fünfzig Pfund“, sagte Mr. Nupkins laut und würdevoll, „die beide natürlich Hausbesitzer sein müssen.“

„Aber um Himmels willen, Sir“, rief Mr. Pickwick wie auch Mr. Tupman, vor Erstaunen und Unwillen außer sich, „wir sind in dieser Stadt doch völlig fremd. Ich kenne ebensowenig einen Hausbesitzer hier, wie ich beabsichtige, mich mit irgend jemand in ein Duell einzulassen.“

„Nun dann, nun dann … Was, Mr. Jinks?“

„Allerdings, Sir.“

„Haben Sie noch etwas hinzuzufügen?“ fragte der Bürgermeister.

Mr. Pickwick hätte allerdings noch eine ganze Menge hinzuzufügen gehabt, wäre er nicht in diesem Augenblick von Mr. Weller beiseite gezogen und in ein halblautes Gespräch verwickelt worden, das ihn so in Anspruch nahm, daß er darüber die Frage vollständig überhörte. Mr. Nupkins war nun nicht der Mann, eine derartige Frage zweimal zu stellen, und begann nach einem abermaligen vorbereitenden Räuspern seine Entscheidung auszusprechen, während die Konstabler voll Ehrfurcht und Bewunderung lauschten.

Mr. Weller sollte für seinen ersten Angriff auf die Diener der Gerechtigkeit um zwei und für den zweiten um drei, Mr. Winkle um zwei und Snodgraß um ein Pfund gestraft werden und außerdem, lautete der Urteilsspruch, den Frieden gegen Seiner Majestät Untertanen und insbesondere gegen den Gerichtsdiener Daniel Grummer beschwören. Pickwick und Tupman hätten, wie gesagt, Bürgen zu stellen.

Kaum hatte der Würdenträger zu sprechen aufgehört, als Mr. Pickwick, auf dessen bereits wieder heiterem Gesicht ein Lächeln durchbrach, vortrat und sagte:

„Ich bitte den Herrn Bürgermeister um Verzeihung, aber ich muß um eine geheime Unterredung ersuchen.“

„Um was?“ fragte Mr. Nupkins.

Mr. Pickwick wiederholte sein Anliegen.

„Das ist eine sonderbare Bitte“, meinte der Bürgermeister, „eine geheime Unterredung?“

„Eine geheime Unterredung“, wiederholte Mr. Pickwick mit Festigkeit. „Nur wünsche ich, daß mein Diener dabei ist, da ich die Mitteilung, die ich Ihnen zu machen habe, zum Teil ihm verdanke.“

Allgemeines Staunen. Mr. Nupkins erbleichte. Sollten die beiden, von Gewissensbissen gefoltert, irgendeine heimliche Verschwörung gegen sein Leben einzugestehen vorhaben? Furchtbarer Gedanke! Er war Staatsbeamter. Auch Julius Cäsar und Mr. Parsifal …! Er sah Mr. Pickwick an und winkte dann Mr. Jinks.

„Was halten Sie davon, Mr. Jinks?“ flüsterte er.

Mr. Jinks, der sich darüber durchaus nicht im klaren war, lächelte nur, zog die Mundwinkel in die Höhe und wiegte bedenklich den Kopf.

„Mr. Jinks“, sagte der Bürgermeister streng, „Sie sind ein Esel, Sir.“

Mr. Jinks lächelte wieder, wenn auch weniger, und zog sich langsam hinter den Tisch zurück.

Mr. Nupkins ging einige Minuten mit sich selbst zu Rate, erhob sich dann, bedeutete Mr. Pickwick und Sam Weller, ihm zu folgen, trat in ein kleines Zimmer, das an die Amtsstube stieß, ersuchte Mr. Pickwick, sich nach dem entgegengesetzten Ende des Gemaches zu verfügen, und erklärte sich bereit, die Mitteilungen, welcher Art sie auch sein möchten, stehend anzuhören, immer dabei die Hand auf der Türklinke, um sogleich entrinnen zu können, im Falle die beiden nur die geringste Miene machen sollten, zu Feindseligkeiten überzugehen.

„Ich will ohne Umschweife zur Sache kommen, Sir“, begann Mr. Pickwick. „Es betrifft Sie und das Ansehen Ihrer Person. Ich habe allen Grund zu der Vermutung, Sir, daß Sie einem frechen Betrüger den Verkehr in Ihrem Hause gestattet haben.“

„Zweien“, unterbrach Sam, „der Maulbeeronkel is ’n Füllhorn voll Krokodilstränen und Schurkerei.“

„Sam!“ mahnte Mr. Pickwick, „wenn ich mich mit dem Herrn verständigen soll, muß ich dich schon bitten, den Mund zu halten.“

„Das is ’n Schlag, Sir“, versetzte Mr. Weller. „Aber wenn man bedenkt, was der Hiob für ein Kerl ist, kann man sich nich helfen, man muß das Ventil ’n paar Zoll aufmachen.“

„Mit einem Wort, Sir“, fuhr Mr. Pickwick fort, „mein Diener scheint mit Recht zu vermuten, daß ein gewisser Kapitän Fitz-Marshall bei Ihnen aus und ein geht. – Denn“, fügte er hinzu, als er sah, daß Mr. Nupkins ihn zornig unterbrechen wollte, „denn wenn er recht hat, so kenne ich diesen Menschen als einen …“

„Pst, pst, halt“, rief Mr. Nupkins und schloß schnell die Tür. „Sie kennen ihn – als was?“

„Als einen nichtswürdigen Abenteurer, als einen ehrlosen Halunken, der die Gesellschaft plündert und die Leute mit seinen Schurkereien, seinen albernen, dummen, erbärmlichen Schurkereien, hinters Licht führt“, rief Mr. Pickwick aufgeregt.

„O Gott“, ächzte Mr. Nupkins, blutrot im Gesicht, und plötzlich die Liebenswürdigkeit selbst. „O Gott, o Gott, Mr. …“ .

„Pickwick“, ergänzte Sam.

„Mr. Pickwick. O Gott, Mr. Pickwick – bitte, nehmen Sie doch Platz – das kann nicht Ihr Ernst sein. Kapitän Fitz-Marshall!?“

„Nennen Sie den bloß nich Käptn“, fiel Sam ein, „und auch nich Fitz-Marshall; der is weder dies noch das, ’n rumstromernder Komödiant, das ja, und heißen tut er Jingle, und wenn es je ’nen Wolf in ’ner maulbeerfarbenen Haut gegeben hat, denn isses Hiob Trotter.“

„Es ist die reine Wahrheit, Sir“, bestätigte Mr. Pickwick, als ihn der Würdenträger voll Bestürzung anstarrte. „Mein Besuch in dieser Stadt gilt lediglich der Entlarvung dieses Hochstaplers.“

Und Mr. Pickwick begann dem schreckensbleichen Mr. Nupkins einen kurzen Abriß von Mr. Jingles Scheußlichkeiten zu geben. Er erzählte, wie er sich zuerst eingeführt, wie er Miß Wardle entführt, sie aber selber gegen ein Lösegeld gern wieder freigegeben, wie er ihn selber später um Mitternacht in ein Pensionat gelockt habe und wie es Bürgerpflicht sei, die Ansprüche Jingles auf seinen Stand und Namen in ihrer ganzen Nichtigkeit zu enthüllen).

Das Blut stieg Mr. Nupkins bis in die äußersten Spitzen seiner Ohren. Er hatte den Kapitän bei einem Pferderennen in der Nachbarschaft zufälligerweise kennengelernt. Geblendet durch seine lange Liste aristokratischer Bekanntschaften, seine ausgedehnten Reisen und sein fashionables Benehmen hatten Mrs. Nupkins und Miß Nupkins mit Kapitän Fitz-Marshall überall großgetan, bis schließlich ihre Busenfreundinnen, Mrs. und Miß Porkenham, nebst Bruder, Mr. Sidney Porkenham, vor Eifersucht und Neid beinahe geplatzt waren. Und jetzt, nach all dem, hören zu müssen, der Kapitän sei ein schäbiger Abenteurer, ein herumziehender Komödiant und, nicht direkt ein Betrüger, so doch ein Subjekt, das einem solchen verzweifelt ähnlich sah. O Gott, o Gott, was würden die Porkenhams sagen? Wie würde Mr. Sidney Porkenham triumphieren, wenn er erführe, daß man ihn um eines solchen Nebenbuhlers willen zurückgesetzt? Und das Gesicht des alten Porkenham bei der nächsten Quartalgerichtssitzung, wenn die Geschichte ruchbar geworden! Wie würde die Opposition der Magistratspartei die Sache breittreten und ausnützen!

„Aber alles das“, meinte Nupkins nach einem langen Stillschweigen, und sein Antlitz hellte sich für einen Augenblick wieder auf, „alles das ist schließlich nur eine bloße Behauptung. Kapitän Fitz-Marshall ist ein Mann von sehr einnehmenden Manieren und hat ohne Zweifel viele Feinde. Welche Beweise haben Sie für die Wahrheit Ihrer Angaben?“

„Stellen Sie ihn mir gegenüber“, erwiderte Mr. Pickwick. „Das ist alles, was ich verlange, und alles, was ich mir ausbitte. Stellen Sie ihn mir und meinen Freunden gegenüber, und Sie werden keines weiteren Beweises mehr bedürfen.“

„Nun“, sagte Mr. Nupkins, „das läßt sich sehr leicht bewerkstelligen, denn er wird heute abend bei uns sein. Auf die Art würde die Sache auch nicht publik werden. Es wäre mir bloß – bloß – um den jungen Mann selbst, Sie verstehen. Ich, ich möchte aber immerhin erst Mrs. Nupkins bezüglich der zu ergreifenden Maßregeln um Rat fragen. Vorerst müssen wir unsre Rechtssache ins reine bringen, ehe wir etwas andres vornehmen können. Darf ich bitten, wieder in das andre Zimmer zu treten – Grummer!“

„Euer Ho’ohlgeboren?“ erwiderte Grummer mit dem Lächeln des erklärten Günstlings.

„Lassen Sie sich in Zukunft keine solchen Übereiltheiten mehr zuschulden kommen“, sagte Mr. Nupkins streng. „Es ist höchst ungebührlich, daß Sie auch noch lachen. Sie haben am wenigsten Grund dazu. War der Bericht, den Sie mir soeben erstatteten, durchaus der Wahrheit getreu? Besinnen Sie sich wohl, Mensch.“

„Euer Ho’ohlgeboren“, stotterte Grummer, „ich …“

„Aha. Sie verwickeln sich in Widersprüche! Mr. Jinks, bemerken Sie seine Verwirrung?“

„Allerdings, Sir.“

„Wiederholen Sie jetzt Ihre Aussagen, Grummer. Und noch einmal: ich warne Sie, nehmen Sie sich zusammen! Mr. Jinks, geben Sie seine Angaben zu Protokoll.“

Der unglückliche Grummer begann seinen Bericht aufs neue, allein sein Hang zur Weitschweifigkeit und die Art und Weise, wie Mr. Jinks seine Worte drehte und wendete, machte ihn in einem Zeitraum von weniger als drei Minuten derart konfus, daß Mr. Nupkins mit einem Faustschlag auf den Tisch erklärte, er könne ihm keinen Glauben schenken. Die Strafen wurden also erlassen, und Mr. Jinks wußte im Augenblick ein paar Bürgen. Nachdem so die ganze feierliche Gerichtsverhandlung zur allgemeinen Zufriedenheit geschlossen war, wurde Mr. Grummer schimpflich hinausgewiesen – ein furchtbarer Beweis der Unbeständigkeit menschlichen Glückes und der unsichern Stellung eines Günstlings der Großen dieser Welt.

Mrs. Nupkins war eine majestätische Dame in einem blauen Gazeturban und einer lichtbraunen Perücke. Miß Nupkins besaß alles Hochfahrende ihrer Mama, außer dem Turban, und alles Falsche, außer den Haaren, und wenn die beiden Damen sonst noch etwas hervorstechend Gemeinsames miteinander hatten, so war es das, bei jeder sich bietenden Gelegenheit in allem und jedem eine Schuld auf Mr. Nupkins Schultern abzuwälzen. Als daher Mr. Nupkins Mrs. Nupkins aufsuchte und ihr eröffnete, was er von Mr. Pickwick erfahren, erinnerte sie sich augenblicklich, daß sie von Anfang an so etwas erwartet und immer gesagt habe, es müsse so gehen, wenn man nie auf ihren Rat achte, und daß sie wirklich gar nicht wisse, wofür Mr. Nupkins sie eigentlich halte.

„Der Gedanke!“ rief Miß Nupkins und preßte aus jedem Augenwinkel eine Träne von ausgesprochen dürftigem Forint. „Der Gedanke, so zum Spielball gemacht worden zu sein …“

„Bedank dich nur bei deinem Papa!“ fiel Mrs. Nupkins ein. „Was habe ich den Mann gebeten und beschworen, sich nach des Kapitäns Familienverhältnissen zu erkundigen. Wie bin ich in ihn gedrungen, ihn vor eine Alternative zu stellen.! Aber natürlich, man glaubt mir ja nicht.“

„Aber meine Liebe“, wendete Mr. Nupkins ein. „Entschuldige dich nicht, du machst die Sache nur schlimmer“, fiel Mrs. Nupkins ein.

„Meine Liebe“, begann Mr. Nupkins aufs neue, „du hast doch selbst Kapitän Fitz-Marshall begünstigt, hast ihn beständig zu uns eingeladen, meine Liebe, und keine Gelegenheit vorübergehen lassen, ihn auch in andern Gesellschaften einzuführen.“

„Hab ich es nicht gesagt, Henriette?“ rief Mrs. Nupkins und wandte sich mit der Miene der schwer gekränkten Ehefrau an ihre Tochter. „Hab ich es nicht gesagt, dein Papa wird die Sache umdrehen und alle Schuld mir geben? Hab ich es nicht gesagt?“

Mrs. Nupkins schluchzte laut.

„Ach, Papa!“ rief die Tochter laut und schluchzte ebenfalls.

„Wie können wir den Porkenhams je wieder unter die Augen treten?“ jammerte Mrs. Nupkins. „Oder den Grigs!“ stöhnte Miß .Nupkins. „Oder den Slummintowkens! Aber was kümmert das deinen Papa? Fragt er danach?“

Und wieder schluchzten die beiden Damen herzzerbrechend.

Endlich hatte sich Mrs. Nupkins die Sache ein wenig überlegt, und ihre Entscheidung fiel dahin aus, es werde wohl das beste sein, wenn man Mr. Pickwick und seine Freunde bis zur Ankunft des Kapitäns zu bleiben bäte. Würden sich dann die Angaben als wahr herausstellen, könnte dem Kapitän ohne weiteres Aufsehen die Tür gewiesen und den Porkenhams erzählt werden, er sei durch den Einfluß seiner Familie bei Hof zum Generalgouverneur von Sierra Leone oder Sangur Point oder irgendeiner andern Kolonie in jenen gesunden Himmelsstrichen ernannt worden, die die Europäer so sehr bezaubern, daß sie sie bei Lebzeiten fast nie wieder verlassen. Mr. Pickwick und seine Freunde wurden also den Damen vorgestellt und in das Speisezimmer geführt und Muzzle angewiesen, Mr. Weller, in dem der Bürgermeister vermöge des ihm eignen Scharfblickes binnen einer halben Stunde einen der feinsten Köpfe von der Welt entdeckt hatte, hinunter in die Gesindestube zu geleiten und ihm alle mögliche Sorgfalt und Pflege angedeihen zu lassen.

„Wie geht es Ihnen, Sir?“ begann Mr. Muzzle die Unterhaltung, als er Mr. Weller die Küchentreppe hinuntergeleitete. „Na, seit der kurzen Zeit, wo ich Ihnen in der Amtsstube hinter dem Stuhle Ihres Herrn aufgepflanzt gesehen habe, hat sich keine besondere Veränderung in meinem System vollzogen“, versetzte Sam.

„Sie müssen schon entschuldigen, daß ich keine Notiz von Ihnen genommen habe“, sagte Mr. Muzzle. „Wir waren einander ja noch nicht vorgestellt. Aber wollen Sie sich nicht die Hände waschen, Sir, ehe wir zu den Damen gehen? Hier ist ’n Becken mit Wasser, Sir, und hinter der Tür ’n reines Handtuch.“

„Könnte nich schaden, wenn ich mir säubern würde“, erwiderte Mr. Weller, beschmierte das Handtuch dick mit grüner Seife und rieb sich das Gesicht, bis es wieder schimmerte. „Wie viele Damen sind hier?“

„Nur zwei in der Küche“, antwortete Mr. Muzzle, „eine Köchin und ein Hausmädchen. Wir halten einen Jungen für die gröberen Arbeiten und außerdem noch ein Spülmädel. Aber sie essen im Waschhaus.“

„So, im Waschhaus?“

„Ja. Wir haben anfangs versucht, sie an unsre Tafel zu ziehen, aber es ging nicht. Das Spülmädel hat furchtbar gemeine Manieren, und der Junge schnauft so schrecklich beim Essen, daß man’s gar nicht aushaken kann. – Hierher, Sir, wenn’s gefällig ist, hierher.“ Und mit der größten Höflichkeit vorangehend, führte Muzzle Mr. Weller in die Küche.

„Mary“, stellte er das hübsche Hausmädchen vor, „dies ist Mr. Weller, ein Gentleman, den der Herr herunterschickt, damit wir’s ihm so gemütlich wie möglich machen.“

„Und Ihr Herr is ’n Kenner – und hat mir gerade an den richtigen Ort geschickt“, bemerkte Mr. Weller mit einem bewundernden Blick auf Mary.

„Wenn ich Herr im Hause wäre, würde ich auch immer alles, was ich zur Gemütlichkeit brauche, bei Mary finden.“

„Aber Mr. Weller“, sagte Mary errötend.

„Na, ich bin wohl niemand?“ rief die Köchin.

„Jesses, Sie hab ich ganz vergessen, Köchin“, sagte Mr. Muzzle. „Erlauben Sie mir, daß ich Sie vorstelle, Mr. Weller.“

„Wie befinden Sie sich, Ma’am?“ fragte Mr. „Weller. „Freut mir mächtig, Ihnen kennenzulernen, und ich hoffe, unsre Bekanntschaft wird von langer Dauer sein, wie der Schendlmän zu der Fünffundnote sagte.“

Als der zeremonielle Teil der Unterhaltung vorüber war, zogen sich die Köchin und Mary in den Hintergrund der Küche zurück, um zehn Minuten lang zu kichern, und kamen dann mit hochroten Gesichtern lachend wieder, worauf sich die Gesellschaft sofort zu Tisch setzte.

Mr. Wellers Weltgewandtheit und Unterhaltungsgabe übte einen so unwiderstehlichen Einfluß auf seine neuen Freunde, daß sie, ehe das Mittagessen halb vorüber war, bereits auf dem vertrautesten Fuße mit ihm standen und in Hiob Trotters ruchlose Gesinnung völlig eingeweiht waren.

„Ich habe diesen Hiob niemals nicht schmecken können“, sagte Mary.

„War auch nich gut anders möglich, mein Schätzchen“, versetzte Mr. Weller.

„Warum nicht?“ fragte Mary.

„Weil sich Häßlichkeit und Schurkerei mit Schönheit und Tugend nich verschwistern können“, erwiderte Mr. Weller. „Nich wahr, Mr. Muzzle?“

Mary lachte und sagte, die Köchin habe sie zum Lachen gebracht. Und die Köchin lachte und sagte, es sei nicht wahr.

„Ich hab kein Glas“, sagte Mary nach einer Weile.

„Trinken Sie mit mir, Angebetete!“ sagte Mr. Weller. „Setzen Sie Ihre Lippen an meinen Krug, dann kann ich Ihnen auf Umwegen küssen.“

„Schämen Sie sich was, Mr. Weller“, meinte Mary.

„Warum schämen, mein Herz?“

„Daß Sie so was aussprechen.“

„Wieso denn; ist doch nichts dabei; ist doch was ganz Natürliches; stimmt’s, Köchin?“

„Fragen Sie mich nicht so dumm“, erwiderte die Köchin so vergnügt, daß Mary sich an dem Bier verschluckte und fast erstickte. Aber Mr. Samuel Weller gab ihr mehrere kräftige Schläge, und sie überstand siegreich die Krisis.

Die laute Fröhlichkeit der Gesellschaft wurde plötzlich durch ein starkes Läuten am Gartentor unterbrochen. Der junge Gentleman, der seine Mahlzeit im Waschhaus hielt, eilte hinaus und öffnete. Mr. Weller widmete seine ganze Aufmerksamkeit dem hübschen Stubenmädchen, Mr. Muzzle war durch das Servieren in Anspruch genommen, und die Köchin hatte eben zu lachen aufgehört und führte gerade ein mächtiges Stück Fleisch zum Munde, als die Küchentür aufging und Mr. Hiob Trotter beim Anblick Mr. Wellers, starr vor Schrecken, wie angewurzelt auf der Schwelle stehenblieb.

„Da is er ja“, sagte Sam und stand fröhlich auf. „Haben soeben von Ihnen gesprochen. Wie befinden Sie sich? Wo waren Sie so lange? Treten Sie doch ein.“

Und seine Hand auf den maulbeerfarbigen Kragen des widerstandslosen Hiob legend, zog er ihn in die Küche, schloß die Tür ab und händigte den Schlüssel Mr. Muzzle ein, der ihn kaltblütig in seine Seitentasche steckte. „Is doch ’n Spaß, was?“ rief Sam. „Mein Herr hat das Vergnügen, den Ihrigen oben zu begrüßen, und ich habe die Freude, Sie hier unten zu sehen. Wie geht’s Ihnen und was macht der Kramladen? Und wie gut Sie aussehen. Is ’ne wahre Lust, Ihnen zu betrachten. Nicht wahr, Mr. Muzzle?“

„Gewiß“, erwiderte Mr. Muzzle.

„Und so glücklich, uns hier beieinander zu finden. – Ja, ja, das macht ihn so heiter. Setzen Sie sich doch; setzen Sie sich.“

Mr. Trotter ließ sich willenlos in einen Stuhl drücken und richtete seine Äuglein zuerst auf Mr. Weller und dann auf Mr. Muzzle, sagte aber nichts.

„Und bei der Gelegenheit möchte ich Ihnen hier vor den Damen fragen“, sagte Sam, „rein aus Neugierde, ob Sie sich nich für ’n so hübschen und artigen jungen Schenlmän halten, wie nur je einer ein rotgewürfeltes Taschentuch und Nummer vier des geistlichen Liederschatzes mit sich rumschleppte.“

„Und wie nur je einer sich mit einer Köchin verheiraten wollte“, ergänzte die ältere der beiden Damen. „Lump, elendiger!“

„Haha, und sich einen Kramladen aufmachen!“ sagte das Hausmädchen.

„Jetzt will ich Ihnen mal was sagen, junger Herr“, begann Mr. Muzzle, den besonders die letzte Anspielung in „Wut versetzte, mit strengem Ton. „Mit dieser Dame da bin ich verlobt. – Da gibt’s nix. Verstehen Sie mich, Sir?“

Mr. Muzzle, stolz auf seine Beredsamkeit, schwieg und wartete auf eine Antwort.

Aber Mr. Trotter erwiderte kein Wort, und Mr. Muzzle sah sich genötigt, streng fortzufahren:

„Man wird Sie wahrscheinlich oben eine Zeitlang noch nicht brauchen, Sir. Mein Herr ist in diesem Augenblick damit beschäftigt, aus Ihrem Herrn ein Haschee zu machen. Wir können einstweilen mal unter vier Augen eine kleine Privatunterredung halten, Sir. Verstehen Sie mich, Sir?“ Wieder wartete Mr. Muzzle auf eine Antwort; aber Mr. Trotter täuschte abermals seine Erwartung.

„Na, dann tut’s mir leid“, sagte Mr. Muzzle, „in Gegenwart von die Damen hier midi näher erklären zu müssen. Die Waschküche is grad frei, wenn Sie gefälligst eintreten wollen, Sir! Mr. Weller wird Unparteiischer sein, und wir können uns unsre Satisfaktion holen, bis geläutet wird. Also was is, Sir?“

Mr. Muzzle schritt zur Türe und zog sich, um keine Zeit zu verlieren, während des Gehens den Rock aus.

Kaum hatte die Köchin die letzten Worte dieser furchtbaren Herausforderung vernommen und gesehen, daß Mr. Muzzle bereits im Begriff war, sie zur Ausführung zu bringen, als sie einen lauten, durchdringenden Schrei ausstieß und auf Mr. Hiob Trotter, der eben von seinem Stuhl aufgestanden war, losstürzte und ihm sein breites, plattes Gesicht mit jener Energie zerkratzte und zerschlug, die das weibliche Geschlecht auszeichnet, wenn es aufgeregt ist. Sie fuhr ihm mit den Händen in sein langes schwarzes Haar und riß ihm so viel davon aus, daß man fünf bis sechs putzend der größten Trauerringe hätte daraus flechten können.

Nachdem sie diese Heldentat mit all der Begeisterung vollbracht hatte, die ihr die feurige Liebe zu Mr. Muzzle eingab, wankte sie zurück, und da sie eine Dame mit sehr erregbarem und zartem Nervensystem war, fiel sie augenblicklich ohnmächtig unter den Anrichtetisch.

In diesem Augenblick ertönte die Glocke.

„Das gilt Ihnen, Hiob Trotter“, sagte Sam, und bevor Mr. Trotter noch etwas erwidern, geschweige denn das Blut stillen konnte, das den Wunden seines Hauptes entsickerte, nahmen ihn Sam und Mr. Muzzle in die Mitte und schoben und zerrten ihn die Treppe hinauf ins Wohnzimmer.

Ein imposanter Anblick bot sich ihnen dar. Alfred Jingle, Esquire, alias Kapitän Fitz-Marshall, stand mit dem Hut in der Hand und trotz seiner höchst unangenehmen Lage lächelnd und vollkommen ruhig an der Tür, ihm gegenüber Mr. Pickwick, der soeben eine Vorlesung über Moral gehalten haben mußte, denn seine Linke war in die Taille gestemmt und die Rechte schwebte ausdrucksvoll in der Luft.

In einiger Entfernung stand Mr. Tupman mit entrüsteter Miene, von seinen beiden jüngeren Freunden sorgfältig bewacht und zurückgehalten. Im Hintergrunde waren Mr., Mrs. und Miß Nupkins, das Antlitz umdüstert, sichtbar.

„Was hindert mich“, rief Mr. Nupkins voll Würde, als Hiob hereingebracht wurde, „was hindert mich, diese Menschen als Landstreicher und Betrüger verhaften zu lassen? Es ist eine törichte Nachsicht. Was hindert mich?“

„Stolz, alter Bursche, Stolz“, erwiderte Jingle unverschämt. „Geht nicht gut – faule Sache. – Einen Kapitän geangelt für die Tochter, was? – Haha! – Einen Gatten für die Tochter – saurer Apfel – öffentlich werden – um alle Welt nicht – Mordsblamage. – Ochs am Berge.“

„Elender!“ rief Mrs. Nupkins. „Ihre niederträchtigen Anspielungen können uns nur Verachtung einflößen.“

„Ich habe ihn von Anfang an gehaßt“, fügte Henriette hinzu.

„Na, natürlich! – Schlanker junger Mann – alter Liebhaber – Sidney Porkenham – reich – feiner Bursche – aber der Kapitän reicher, was? – Laufpaß gegeben – das Leben für den Kapitän – gibt nur einen Kapitän – alle Mädchen rasend verliebt. – Was, Hiob?“ Mr. Jingle lachte aus vollem Halse und Hiob rieb sich die Hände vor Vergnügen und gab den ersten Laut von sich, seit er ins Haus getreten war – ein leises, kaum vernehmliches Kichern.

„Nupkins!“ bemerkte die Gnädige. „Unsre Unterredung eignet sich nicht für die Ohren der Dienerschaft. Laß die Schurken entfernen.“

„Du hast recht, meine Liebe“, erwiderte Mr. Nupkins. „Muzzle!“

„Euer Gnaden …“

„Machen Sie die Tür auf.“

„Ja, Euer Gnaden.“

„Und Sie verlassen augenblicklich das Haus“, sagte Mr. Nupkins mit einer ausdrucksvollen Handbewegung.

Jingle lächelte und ging zur Tür.

„Halt!“ rief Mr. Pickwick.

Jingle blieb stehen.

„Ich hätte von Rechts wegen eine weit empfindlichere Rache für die Behandlung nehmen sollen, die mir von Ihnen und Ihrem heuchlerischen Freunde widerfahren ist.“

Mr. Hiob Trotter verbeugte sich höflich und legte die Hand aufs Herz.

„Ich wiederhole“, fuhr Mr. Pickwick, immer zorniger werdend, fort, „ich hätte eine empfindlichere Rache nehmen sollen, aber ich begnügte mich damit, meine Pflicht gegenüber der bürgerlichen Gesellschaft zu erfüllen und Sie zu entlarven. Es ist dies eine Nachsicht, Sir, die Sie gar nicht verdienen.“

Hiob Trotter hielt höhnisch die Hand ans Ohr, als läge ihm alles daran, nur ja keine Silbe von Mr. Pickwicks Rede zu verlieren.

„Und ich habe nur noch hinzuzufügen, Sir“, fuhr Mr. Pickwick außer sich vor Zorn fort, „daß ich Sie für einen Schurken und einen – einen Halunken – und – einen ärgeren Schandbuben halte, als mir je einer vorgekommen ist, mit Ausnahme dieses scheinheiligen Landstreichers in der maulbeerfarbigen Livree.“

„Ha-ha-ha“, lachte Jingle. „Guter Kerl, Pickwick – edle Seele – wackerer alter Knabe – aber nicht hitzig werden – tut nicht gut – na, sehen uns schon noch wieder – alles Gute – nur den Mut nicht sinken lassen. – Jetzt, Hiob, ab!“

Und Mr. Jingle setzte den Hut in seiner gewohnten Weise auf und schritt aus dem Zimmer. Hiob Trotter blieb einen Moment stehen, blickte umher, lächelte, machte Mr. Pickwick eine spöttisch-feierliche Verbeugung, zwinkerte Mr. Weller mit einer Unverschämtheit, die jeder Beschreibung spottete, zu und folgte dann seinem vielversprechenden Gebieter.

„Sam!“ rief Mr. Pickwick, als Mr. Weller Hiob nacheilen wollte.

„Sir?“

„Dableiben!“

Mr. Weller schwankte.

„Dableiben!“ wiederholte Mr. Pickwick streng.

„Könnte ich diesem Hiob nich im Garten noch schnell eins auswischen?“ fragte Mr. Weller.

„Nein“, erwiderte Mr. Pickwick.

„Nur so ’n leisen Fußtritt am Gartentor?“ bat Mr. Weller.

„Nein, unter keinen Umständen!“

Zum ersten Male seit seinem Dienstantritt sah Mr. Weller einen Augenblick mißvergnügt und unglücklich aus, doch gleich darauf klärte sich sein Gesicht auf, denn der listige Mr. Muzzle hatte sich hinter der Haustür versteckt und sich gerade im richtigen Moment auf Mr. Jingle und seinen Adjutanten gestürzt und sie kopfüber die Treppe hinab in die Aloekübel geworfen.

„Da ich mich nunmehr meiner Pflicht entledigt habe, Sir“, wandte sich Mr. Pickwick an Mr. Nupkins, „so will ich mich jetzt mit meinen Freunden von Ihnen verabschieden. Wir danken Ihnen für die uns erwiesene Gastfreundschaft, und ich bitte Sie, versichert zu sein, daß wir sie nie in Anspruch genommen, noch uns auf eine solche Weise unsrer früheren Verlegenheit entzogen haben würden, wären wir nicht durch ein strenges Pflichtgefühl dazu bestimmt worden. Wir kehren morgen nach London zurück. Ihr Geheimnis ist sicher bei uns aufgehoben.“ Nachdem Mr. Pickwick auf so feine Weise seinem Protest gegen die unwürdige Behandlung, die ihm am Morgen widerfahren, Ausdruck verliehen, machte er den Damen eine tiefe Verbeugung und verließ, ungeachtet der dringenden Einladung der Familie, noch zu bleiben, mit seinen Freunden das Zimmer.

„Nimm deinen Hut, Sam“, sagte er.

„Er is unten, Sir“, erwiderte Sam und eilte hinunter, um ihn zu holen.

Da niemand in der Küche war als das hübsche Hausmädchen und Sam seinen Hut verlegt hatte, mußte er ihn natürlich suchen, und Mary leuchtete ihm. Der Hut war nicht zu finden, und das hübsche Hausmädchen kniete in ihrem Eifer nieder und durchstöberte alles, was in dem Winkel hinter der Tür aufgehäuft lag. Es war ein unangenehmer Winkel. Man konnte nicht hinkommen, ohne vorher die Tür zu schließen.

„Hier ist er“, rief das hübsche Hausmädchen. „Dieser ist’s, nicht wahr?“

„Lassen Sie sehen“, sagte Sam.

Das hübsche Hausmädchen hatte das Licht auf den Boden gestellt, und da es schlecht brannte, war Sam genötigt, sich ebenfalls auf die Knie niederzulassen, um zu sehen, ob es wirklich sein Hut sei. Der Winkel war außerordentlich eng, und so kamen durch die Schuld des Mannes, der das Haus gebaut, Sam und das hübsche Hausmädchen notwendigerweise sehr nahe zusammen.

„Ja, das ist er“, sagte Sam. „Leben Sie wohl.“

„Leben Sie wohl“, antwortete das hübsche Hausmädchen.

„Leben Sie wohl“, wiederholte Sam und ließ dabei den Hut fallen, dessen Auffindung so viele Mühe gekostet hatte.

„Sind Sie aber ungeschickt“, rief das hübsche Hausmädchen aus. „Sie werden den Hut noch ganz verlieren, wenn Sie nicht besser achtgeben.“ Und um dem vorzubeugen, setzte sie ihn Sam auf den Kopf.

Ob nun das Gesicht des hübschen Hausmädchens noch hübscher aussah, als es Sam zugekehrt war, oder ob es lediglich eine natürliche Folge des Umstandes war, daß beide einander so nahe waren, läßt sich schwer entscheiden, aber jedenfalls küßte Sam das hübsche Hausmädchen.

„Sie haben das doch nicht mit Absicht getan?“ fragte das hübsche Hausmädchen errötend.

„Nein“, antwortete Sam, „aber jetzt will ich es mit Absicht tun.“

Und er küßte sie wieder.

„Sam“, rief Mr. Pickwick in diesem Augenblick von der Treppe herunter.

„Komme schon, Sir“, erwiderte Sam und eilte hinauf.

„Wo hast du denn so lange gesteckt?“ fragte Mr. Pickwick.

„’s war was hinter der Tür, Sir; wir konnten se lange nich aufkriegen“, entschuldigte sich Sam.

So endete das erste Stadium in Mr. Wellers erster ernster Liebe.

Sechsundzwanzigstes Kapitel


Sechsundzwanzigstes Kapitel

Enthält einen kurzen Bericht über den weiteren Verlauf der Klagsache Bardell kontra Pickwick.

Mr. Pickwick hatte durch Jingles Entlarvung den Hauptzweck seiner Reise erreicht und beschloß‘ daher, so bald wie möglich nach London zurückzukehren, um sich zu informieren, welche Schritte die Herren Dodson und Fogg unterdessen wohl ergriffen haben mochten. So benutzte er denn bereits am Morgen nach dem denkwürdigen Ereignisse die erste Postkutsche und langte noch am nämlichen Abend mit seinen drei Freunden und Mr. Samuel glücklich und wohlbehalten in der Hauptstadt an.

Hier trennten sich die Freunde auf eine kurze Zeit. Die Herren Tupman, Snodgraß und Winkle zogen sich in ihre diversen Wohnungen zurück, um die Vorbereitungen zu treffen, die ihr bevorstehender Besuch in Dingley Dell erforderte, und Mr. Pickwick und Sam schlugen einstweilen ihr Quartier in einem sehr guten, altmodischen und bequemen Gasthof auf, dem „Georg und Geier“, Gast- und Kaffeehaus, George Yard, Lombardstreet. Mr. Pickwick hatte gespeist, seine zweite halbe Flasche extra guten Portwein geleert, sein seidenes Taschentuch über den Kopf gezogen, seine Füße an das Kamingitter gestemmt und sich in einem bequemen Armstuhl zurückgelehnt, als ihn der Eintritt Mr. Wellers mit seinem Mantelsack aus seinen stillen Betrachtungen riß.

„Sam!“

„Sir?“ erwiderte Mr. Weller.

„Ich habe soeben daran gedacht“, sagte Mr. Pickwick, „daß ich bei Mrs. Bardell in Goswellstreet noch viele von meinen Sachen liegen habe, die ich gerne holen lassen möchte, ehe ich die Stadt wieder verlasse.“

„Ganz recht, Sir.“

„Ich könnte sie zwar für den Augenblick bei Mr. Tupman unterbringen, aber bevor wir sie von dort holen, müssen sie notwendig durchgesehen und zusammengepackt werden. Ich möchte daher, daß du in die Goswellstreet gingest und alles in Ordnung brächtest.“

„Sogleich, Sir?“

„Sogleich“, erwiderte Mr. Pickwick.

„Aber halt, Sam“, fügte er hinzu und zog seine Börse hervor. „Wir könnten die Miete gleich bezahlen. Sie ist zwar erst Weihnachten fällig, aber es ist besser, wenn wir die Sache gleich jetzt ins reine bringen. Es ist monatliche Kündigung ausgemacht. Hier ist der Mietvertrag. Gib ihn Mrs. Bardell und sag ihr, sie könne die Wohnung abgeben, wann es ihr beliebe.“

„Ganz recht, Sir“, versetzte Mr. Weller. „Haben Sie sonst noch etwas zu befehlen, Sir?“

„Nein, Sam.“

Mr. Weller ging langsam nach der Tür, als warte er noch auf etwas, öffnete sie und trat zögernd hinaus, als ihn Mr. Pickwick nochmals zurückrief.

„Sir?“ erwiderte Mr. Weller, kehrte diensteifrig zurück und schloß die Tür hinter sich.

„Ich habe nichts dagegen, Sam, wenn du zu ermitteln suchen willst, wie Mrs. Bardell gegenwärtig gegen mich gesinnt ist und ob wirklich die niederträchtige, grundlose Klage bis aufs äußerste getrieben werden soll. Ich sage, ich habe nichts dagegen, wenn du es tun willst. Ich überlasse es ganz dir.“

Sam nickte verständnisinnig und verließ das Zimmer; Mr. Pickwick zog sein seidenes Taschentuch noch weiter über das Gesicht und schickte sich zu einem Schläfchen an, und Mr. Weller ging rasch seines Weges, um den Auftrag auszurichten.

Es war nahe an neun Uhr, als er Goswellstreet erreichte. In dem kleinen Wohnzimmer auf die Straße heraus brannten ein paar Kerzen, und auf dem Fenstervorhang bewegten sich die Schatten von ein paar Hauben. Mrs. Bardell hatte Gesellschaft.

Mr. Weller klopfte, und es dauerte ziemlich lange, ehe ein paar kleine Stiefel über die Hausflur geklappert kamen und der junge Master Bardell öffnete.

„Na, du junger Naseweis“, fragte ihn Sam, „wie geht’s Muttern?“

„Sie is ganz wohl“, erwiderte Master Bardell, „und ich auch.“

„Na, gottlob“, versetzte Sam. „Sag ihr, ich möchte sie gerne sprechen, holdes Wunderkind.“

Master Bardell stellte das Licht auf die Treppe und verschwand mit der Botschaft hinter der Tür des Wohnzimmers.

Mrs. Bardell saß gerade mit zwei ihrer vertrautesten Freundinnen um den Teetisch, und ein paar Schweinsfüße mitsamt einem Käse schmorten auf höchst einladende Weise in einem kleinen holländischen Backofen vor dem Feuer.

„Mr. Pickwicks Bedienter?“ rief Mrs. Bardell erblassend, als ihr ihr Sohn die Meldung überbrachte.

„Gott steh uns bei!“ rief Mrs. Cluppins.

„Ich würde es wahrhaftig nicht für möglich gehalten haben, wenn ich es nicht eben selbst gehört hätte“, meinte Mrs. Sanders.

Mrs. Chippins war eine kleine, rührige, geschäftig aus. sehende Frau und Mrs. Sanders eine große wohlbeleibte Person mit einem Vollmondgesicht.

Mrs. Bardell hielt es für angemessen, auf alle Fälle aufgeregt zu sein; da aber keine der drei Damen genau wußte, ob es unter den obwaltenden Umständen rätlich sei, selbst mit Mr. Pickwicks Bedienten anders als durch Vermittlung der Herren Dodson und Fogg zu verkehren, herrschte allgemeine Bestürzung. In diesem Zustand von Ungewißheit war wohl das beste, den Jungen vorerst einmal dafür herumzuknuffen, daß er Mr. Weller an der Tür gefunden hatte. Das tat denn auch die Mutter, und der Jüngling heulte melodisch dazu.

„Wirst du gleich aufhören, du nichtsnutziger Bengel!“ rief Mrs. Bardell.

„Ja; quäle deine arme Mutter nicht so“, sagte Mrs. Sanders.

„Sie ist auch ohne dich ein geschlagener Mensch, Tommy“, fügte Mrs. Cluppins voll Teilnahme hinzu.

„Armes, unglückliches Lamm!“ seufzte Mrs. Sanders. Doch trotz all dieser moralischen Betrachtungen heulte Master Bardell nur um so lauter. „Was soll ich nun bloß tun?“ fragte Mrs. Bardell Mrs. Cluppins.

„Ich denke, Sie sollten ihn vorlassen“, riet Mrs. Cluppins, „aber auf keinen Fall ohne Zeugen.“

„Ich denke, zwei Zeugen wäre noch gesetzmäßiger“, warf Mrs. Sanders hin, die wie ihre Freundin fast vor Neugierde verging.

„Ja, es ist wohl das beste, ihn hereinzulassen“, sah Mrs. Bardell ein.

„Ohne Zweifel“, griff Mrs. Cluppins den Gedanken begierig auf. „Treten Sie ein, junger Mann, und schließen Sie, bitte, vorher noch die Haustür.“

Mr. Weller folgte auf der Stelle der Einladung, trat ins Wohnzimmer und begann sich seines Auftrags an Mrs. Bardell mit folgenden Worten zu entledigen: „Tut mir sehr leid, wenn ich Ihnen beschwerlich falle, wie der Einbrecher zu der alten Dame sagte, als er ihr auf die heiße Herdplatte legte, aber da ich und mein Herr eben erst in der Stadt angekommen sin und wir sogleich wieder abreisen wollen, so konnte ich nicht umhin, Ihnen meine Aufwartung zu machen.“

„Natürlich; der junge Mann kann doch nichts für die Fehler seines Herrn“, sagte Mrs. Cluppins, von Mr. Wellers flotter Erscheinung und feinem Benehmen bezaubert.

„Natürlich nicht“, stimmte Mrs. Sanders ein, nach gewissen sehnsüchtigen Blicken auf die kleine Zinnplatte zu urteilen, offenbar im Zweifel, ob die Schweinsfüße, im Falle Sam zum Abendessen mit eingeladen würde, reichen würden.

„Bin nur gekommen“, sagte Sam, ohne die Unterbrechung zu beachten, „erstens, um den Mietvertrag zurückzugeben. Hier ist er. Zweitens, um den Hauszins zu bezahlen. Hier ist er. Drittens, um auszurichten, daß alle Sachen Mr. Pickwicks zusammengepackt und dem Dienstmann eingehändigt werden sollen, den er darum schicken wird. Viertens, daß Sie die Wohnung, so bald es Ihnen beliebt, vermieten können. So, das is alles.“

„Was auch geschehen sein mag“, seufzte Mrs. Bardell, „ich habe es immer gesagt und werde es immer sagen, Mr. Pickwick hat sich in jeder Hinsicht, die eine Sache ausgenommen, stets wie ein vollendeter Gentleman benommen. Das Geld war bei ihm immer so sicher wie bei der Bank. Immer.“

Dann hielt sie ihr Taschentuch vor die Augen und ging aus dem Zimmer, um die Quittung zu schreiben.

Sam wußte sehr gut, daß er nur zu schweigen brauchte, um die Weiber zum Sprechen zu bringen; er blickte daher stumm abwechselnd nach der zinnernen Platte, dem gerösteten Käse, der Wand und der Zimmerdecke.

„Arme Mrs. Bardell“, seufzte denn auch Mrs. Cluppins gleich darauf.

„Armes Ding“, stimmte Mrs. Sanders mit ein.

Sam sagte nichts. Er sah, daß sie zur Sache kamen.

„Ich kann es wahrhaftig gar nicht fassen“, bemerkte Mrs. Cluppins, „wie man nur so treulos sein kann. Ich möchte nicht gern etwas zur Sprache bringen, was Sie peinlich berühren könnte, junger Mann, aber Ihr Herr ist ein Ungeheuer, und ich wollte, er wäre hier, daß ich es ihm ins Gesicht sagen könnte.“

„Hm, das wünschte ich auch“, sagte Sam.

„Es bricht einem ordentlich das Herz, wenn man sieht, wie tiefsinnig sie umherwankt und an nichts mehr Vergnügen findet. Es ist wirklich abscheulich!“

„Barbarisch“, rief Mrs. Sanders.

„Und Ihr Herr, junger Mann, ein Gentleman mit Vermögen, der die Auslagen für eine Frau gar nicht spüren würde“, fuhr Mrs. Cluppins mit großer Zungengeläufigkeit fort, „und also keine Spur von Entschuldigung für sich hat. Warum heiratet er sie nicht?“

„Na ja“, erwiderte Sam, „das is doch die Frage, um die sich’s handelt.“

„Frage, meinen Sie?“ entgegnete Mrs. Cluppins. „Ich an ihrer Stelle würde ihn nicht lange fragen. Gott sei Dank, es gibt noch Gesetze für uns Frauen, zu so elenden Geschöpfen die Männer uns auch machen möchten, wenn sie könnten! Das wird Ihr Herr auf seine Kosten erfahren, noch ehe er ein halbes Jahr älter ist.“

Dieser tröstliche Gedanke heiterte die Mienen der beiden Damen sogleich auf, und sie lächelten einander verständnisvoll an.

Der Prozeß nimmt also seinen Fortgang; da ist kein Zweifel, dachte Sam, als Mrs. Bardell mit der Quittung erschien.

„Hier ist die Quittung, Mr. Weller, und hier ist das Geld, das Sie noch herausbekommen. Ich hoffe, Sie werden einen Tropfen annehmen, um sich zu erwärmen, wäre es auch nur um der alten Bekanntschaft willen, Mr. Weller!“

Sam nahm den Vorteil wahr, der sich ihm bot, und verbeugte sich. Mrs. Bardell holte aus einem kleinen Wandschrank eine dunkle Flasche und ein Weinglas, schenkte ein und war so tief in ihren Seelenschmerz versunken, daß sie in der Zerstreutheit noch drei weitere Gläser zutage förderte und sie ebenfalls füllte.

„Ach du meine Güte, Mrs. Bardell“, rief Mrs. Cluppins aus, „ja, was haben Sie denn da angestellt?“

„Aber, aber, aber!“ stimmte Mrs. Sanders mit ein.

„Ach, mein armer Kopf!“ seufzte Mrs. Bardell mit trübem Lächeln.

Sam begriff natürlich und sagte sofort, er könne vor Tisch nie trinken, außer, es täte ihm ein weibliches Wesen Bescheid. Die Damen lachten darüber nicht wenig, und Mrs. Sanders erbot sich, ihn in dieser Hinsicht zufriedenzustellen, und schlürfte ein paar Tropfen aus ihrem Glas. Dann meinte Sam, alle müßten trinken, und so nahmen denn alle ein kleines Schlückchen. Als dann die kleine Mrs. Cluppins den Toast vorschlug: auf guten Erfolg in dem Prozeß Bardell kontra Pickwick, leerten die Damen ihre Gläser begeistert und wurden alsbald sehr gesprächig.

„Ich vermute, Sie haben gehört, was vorgeht, Mr. Weller?“ fragte Mrs. Bardell.

„Habe davon reden hören“, erwiderte Sam.

„Es ist entsetzlich, auf diese Art zum Stadtgespräch zu werden, Mr. Weller“, klagte Mrs. Bardell. „Aber ich sehe jetzt ein, es war das einzige, was ich tun konnte, und meine Rechtsbeistände, die Herren Dodson und Fogg, sagen mir, daß wir mit den Beweisen, die wir vorleger“ können, gewinnen müssen. Ich wüßte wirklich nicht, was ich anfangen sollte, wenn es fehlschlüge, Mr. Weller.“

Der bloße Gedanke, Mrs. Bardell könne möglicherweise ihren Prozeß verlieren, griff Mrs. Sanders so heftig an, daß sie sich genötigt sah, augenblicklich ihr Glas wieder zu füllen, und zu leeren; sie fühlte, wie sie nachher gestand, daß sie unfehlbar umgesunken wäre, wenn sie nicht die Geistesgegenwart gehabt hätte, dieses Mittel zu ergreifen.

„Wann, glaubt man, kommt die Sache denn dran?“ fragte Sam.

„Entweder im Februar oder im März“, erwiderte Mrs. Bardell.

„Was für eine Menge von Zeugen da auftreten werden!“ rief Mrs. Cluppins aus.

„Dutzende“, bestätigte Mrs. Sanders.

„Ich glaube, die Herren Dodson und Fogg würden rasen, Wenn die Klägerin nicht gewänne“, fügte Mrs. Cluppins hinzu, „sie führen den Prozeß auf ihr eigenes Risiko.“

„Rasen würden sie!“ sagte Mrs. Sanders.

„Aber die Klägerin muß gewinnen“, bemerkte Mrs. Cluppins.

„Ich hoffe es“, seufzte Mrs. Bardell.

„Oh, darüber kann doch gar kein Zweifel obwalten“, rief Mrs. Sanders.

„Na. Alles, was ich sagen kann, is, daß ich wünsche, Sie mögen ihn gewinnen“, sagte Sam, stand auf und setzte sein Glas nieder.

„Ich danke Ihnen, Mr. Weller“, erwiderte Mrs. Bardell gerührt.

„Und was die Dodson und Fogg betrifft, die so uneigennützig sin“, fuhr Mr. Weller fort „so kann ich nur so viel sagen, ich wünsche, sie mögen den Lohn bekommen, den ich ihnen gönne.“

„Oh, ich wünschte, sie würden den Lohn bekommen, den ihnen jeder gute Mensch geben möchte“, sagte Mrs. Bardell dankbewegt.

„Amen“, versetzte Sam, „und sie könnten dabei dick und fett werden. Wünsche Ihnen geruhsame Nacht, meine Damen.“

Zur großen Beruhigung der Mrs. Sanders entfernte er sich, ohne von der Hauswirtin zu dem gerösteten Käse und den Schweinsfüßen eingeladen zu werden, und unter dem jugendlichen Beistande Master Bardells schwanden bald darauf die trefflichen Leckerbissen von der zinnernen Platte. Mr. Weller lenkte seine Schritte nach dem „Georg und Geier“ zurück und erstattete seinem Herrn getreulich Bericht. Eine Unterredung mit Mr. Perker am folgenden Tage bestätigte seine Angaben nur zu sehr, und Mr. Pickwick traf Vorbereitungen zu seinem Weihnachtsbesuche in Dingley Dell mit dem erfreulichen Vorgefühle, daß zwei bis drei Monate später vor dem Gerichtshofe der Common-Pleas eine Entschädigungsklage wegen Bruchs eines Eheversprechens gegen ihn anhängig gemacht werden würde, wobei die Klägerin alle Vorteile für sich hatte, die sich nicht nur aus dem erdrückenden Beweismaterial, sondern auch aus der Gewandtheit und dem Scharfsinn der Herren Dodson und Fogg für sie voraussichtlich ergeben mußten.

Siebenundzwanzigstes Kapitel


Siebenundzwanzigstes Kapitel

Samuel Weller macht eine Wallfahrt nach Dorking und bekommt seine Stiefmutter zu Gesicht.

Da bis zur Abreise der Pickwickier nach Dingley Dell noch zwei Tage fehlten, setzte sich Mr. Weller, nachdem er zeitig zu Mittag gespeist, im „Georg und Geier“ in ein Hinterstübchen, um darüber nachzudenken, wie er diese Zwischenzeit am zweckmäßigsten anwenden könnte. Es war ein außerordentlich schöner Tag, und er hatte das Thema noch keine zehn Minuten lang erwogen, als er plötzlich einen Anfall von kindlicher Liebe und Zärtlichkeit verspürte. Der Gedanke, seinen Vater besuchen und seiner Stiefmutter seine Aufwartung machen zu müssen, stand so gebieterisch vor seiner Seele, daß er ganz erstaunt war, wie er bisher diese Pflicht so gänzlich hatte vergessen können. Um das Versäumnis unverzüglich wiedergutzumachen, ging er geradenwegs zu Mr. Pickwick hinauf und bat ihn um Urlaub zur Ausführung seines lobenswerten Vorhabens.

„Von Herzen gern, Sam, von Herzen gern“, sagte Mr. Pickwick, und seine Augen strahlten vor Freude über diesen Beweis der zärtlichen Gefühle seines Dieners. „Von Herzen gern, Sam.“

Mr. Weller verneigte sich dankbar.

„Ich sehe mit Vergnügen“, sagte Mr. Pickwick, „daß du eine so hohe Auffassung von Kindespflichten hast, Sam.“

„Habe ich immer gehabt, Sir“, erwiderte Mr. Weller. „Sooft ich was von meinem Vater haben wollte, bat ich ’n jedesmal auf die ehrerbietigste und höflichste Weise darum, und wenn ich’s nich kriegte, nahm ich’s mir selber, aus Furcht, mir nich am Ende zu was Unrechtem verleiten zu lassen, wenn ich es nicht hätte. Ich habe ihm auf diese Weise unmenschlich viel Verdruß erspart, Sir.“

„Nun, da gehen unsre Meinungen ein bißchen auseinander, Sam“, versetzte Mr. Pickwick lächelnd und schüttelte den Kopf.

„Hatte immer ’n zartes Gefühl, Sir, immer die besten Absichten, wie der Schenlmän sagte, als er seine Gattin im Stich ließ, weil se unglücklich mit ihm zu sein schien.“

„Also gut, du kannst gehen, Sam“, sagte Mr. Pickwick.

„Danke Ihnen, Sir“, erwiderte Mr. Weller. Und nachdem er seine beste Verbeugung gemacht und seine Sonntagskleider angelegt hatte, setzte er sich oben auf die Kutsche von Arundel und fuhr nach Dorking.

Der „Marquis von Granby“ war zu Mr. Wellers Zeiten das Muster eines Landstraßen Wirtshauses der besseren Klasse, gerade groß genug, um bequem, und klein genug, um behaglich zu sein. Gegenüber an der Straße war ein großes Schild auf einem hohen Pfosten befestigt, das den Kopf und die Schultern eines Mannes von apoplektischem Äußern in einem roten Rock, mit violetten Aufschlägen und einem dreieckigen Hut unter einem blauen Streifen als Himmel darstellte. Darüber waren ein paar Fahnen und unter dem untersten Rockknopf des Mannes ein paar Kanonen angebracht als Hinweis auf den Marquis von Granby glorreichen Angedenkens. Am Fenster des Schenkstübchens präsentierte sich eine auserlesene Sammlung von Geranien und eine Reihe dick mit Staub bedeckter Branntweinflaschen. Die offenen Fensterläden waren mit einer Menge goldener Inschriften dekoriert, die gute Betten und vorzügliche Weine verhießen, und die auserlesene Gesellschaft von Bauern und Hausknechten, die an der Stalltür neben den Futtertrögen herumlungerten, war ein hinreichender Beweis für die Vortrefflichkeit des Ales und Brandys, die im Hause verkauft wurden.

Sam Weller stieg ab und blieb vor der Haustür stehen, um mit dem Auge des erfahrenen Reisenden alle diese kleinen Anzeichen eines lebhaften Geschäftsbetriebes zu mustern, und ging dann, mit den Ergebnissen seiner Beobachtungen sichtlich zufrieden, raschen Schrittes hinein.

„Heda“, rief eine gellende weibliche Stimme gerade in ‚dem Augenblick, wo er seinen Kopf zur Tür hineinsteckte, „was wünschen Sie, junger Mann?“

Sam spähte in die Richtung, aus der die Stimme gekommen war. Sie gehörte einer ziemlich wohlbeleibten Dame von behäbigem Aussehen, die im Schenkstübchen neben dem Kamin saß und das Feuer unter dem Teekessel anblies. Sie war nicht allein, denn ihr gegenüber saß in einem Stuhl mit hoher Lehne ein Mann in fadenscheinigen schwarzen Kleidern, mit einem Rücken, der beinahe ebenso lang und steif war wie der des Sessels. Der Mann erregte sogleich Sams besondere Aufmerksamkeit.

Er hatte ein langes, schmales, heuchlerisches Gesicht, eine rote Nase und einen stechenden Blick, der an eine Klapperschlange erinnerte und entschieden auf eine schlechte Gesinnung hindeutete. Er trug sehr kurze Hosen und schwarze Baumwollstrümpfe, die, gleich seiner übrigen Bekleidung, sehr abgeschabt aussahen. Seine Blicke hatten etwas Steifes, im Gegensatz zu seiner Halsbinde, deren lange schmale Zipfel auf eine für das Auge höchst beleidigende Weise über die eng zugeknöpfte Weste herabhingen. Ein Paar alte abgetragene Biberhandschuhe, ein breitkrempiger Hut und ein verschossener grüner Regenschirm mit einer Menge hervorstehender Fischbeine als Ersatz für den fehlenden Handgriff am Stock lag auf dem Stuhl daneben, und die Sorgfalt, mit der sie geordnet waren, ließ vermuten, daß der Mann mit der roten Nase, wer er immer auch sein mochte, nicht die Absicht hatte, so bald wieder zu gehen.

Es wäre auch recht unvernünftig von ihm gewesen, denn das Feuer brannte hell und behaglich unter dem Einfluß des Blasebalgs, und der Kessel summte vergnüglich unter dem Einfluß beider. Auf dem Tisch stand ein kleines Teeservice, auf einer Platte vor dem Feuer schmorten einige Butterbrotschnitten, und der Mann mit der roten Nase war eifrig damit beschäftigt, den Vorrat durch Zuhilfenahme einer langen Messinggabel in den genannten Leckerbissen zu verwandeln. Neben ihm stand ein Glas duftenden warmen Ananasgrogs mit einer Zitronenscheibe darin, und sooft der Mann mit der roten Nase eine Brotschnitte vors Auge hielt, um zu untersuchen, ob sie schon knusprig sei, nahm er einen Schluck und lächelte dabei der wohlbeleibten Dame freundlich zu.

Sam war so sehr in Betrachtung dieser reizvollen Szene verloren, daß er die erste Frage der Frau gänzlich überhörte. Erst als sie wiederholt, und zwar jedesmal in immer gellenderem Tone an sein Ohr gedrungen war, kam er zum Bewußtsein der Unschicklichkeit seines Betragens.

„Is der Herr zu Hause?“ fragte er daher.

„Nö, is er nich“, versetzte Mrs. Weller, denn die wohlbeleibte Dame war niemand anders als die ehemalige Witwe und Universalerbin des seligen Mr. Clarke. „Nö, is er nich. Ich erwarte ihm auch nich.“

„Is wohl irgendwohin gefahren?“ forschte Sam.

„Mag sein; vielleicht auch nich“, erwiderte Mrs. Weller, eine Brotschnitte, die der Mann mit der roten Nase eben abgeschnitten hatte, mit Butter bestreichend. „Weiß es nich; kümmert mich übrigens auch nich. Sprechen Sie ’n Segen, Mr. Stiggins.“

Der Mann mit der roten Nase tat wie gebeten und fiel dann unverzüglich mit wilder Gefräßigkeit über die Brotschnitten her.

Gleich auf den ersten Blick hatte Sam aus dem Äußern des Mannes mit der roten Nase den Schluß gezogen, es müsse der Adjunkt des geistlichen Hirten sein, von dem sein würdiger Vater gesprochen. In dem Augenblick jedoch, wo er ihn essen sah, wichen seine letzten Zweifel, und er begriff, daß er, um einstweilen sein Quartier hier aufschlagen zu können, unverzüglich festen Fuß fassen müsse. Er griff daher über die Halbtür des Schenkstübchens hinüber, riegelte kaltblütig auf und ging hinein.

„Na, Stiefmutter, wie geht’s?“ sagte er.

„Wahrhaftig, ich glaube, es is ’n Weller“, rief die Dame mit nicht besonders erfreuter Miene.

„Kommt mir auch so vor“, sagte Sam, nicht aus der Fassung zu bringen, „und ich hoffe, dieser ehrwürdige Schenlmän wird mir entschuldigen, wenn ich sage, ich wünschte, ich wäre der Weller, wo Ihnen zur Gattin hat.“

Dieses doppelte Kompliment machte sichtlich Eindruck auf beide, und Sam verfolgte den einmal errungenen Vorteil, indem er seine Stiefmutter küßte.

„Ach, gehen Sie doch“, sagte Mrs. Weller.

„Pfui, junger Mann“, schalt der Gentleman mit der roten Nase.

„Nichts für ungut, Sir“, entschuldigte sich Sam. „Aber Sie haben ganz recht; es ist aber auch etwas Mißliches, wenn Stiefmütter jung und hübsch sind . .. Nich wahr, Sir?“

„Es ist alles eitel“, sagte Mr. Stiggins.

„Ach ja“, seufzte Mrs. Weller und setzte ihre Haube zurecht.

Sam war der gleichen Meinung, verschloß sie aber in seiner Brust.

Der Vizehirt schien über Sams Ankunft keineswegs erfreut, und als die erste Begeisterung über das Kompliment verflogen war, sah man es auch Mrs. Weller an, daß sie Sams Gegenwart ganz gern entbehrt hätte. Aber da er nun einmal hier war, konnte man ihn nicht gut hinausweisen, und so setzten sich denn alle drei zum Tee.

„Und was macht der Vater?“ fragte Sam.

Mrs. Weller hob Hände und Augen empor, als wäre ihr das Thema äußerst schmerzlich.

Mr. Stiggins seufzte.

„Was fehlt denn dem Schenlmän?“ fragte Sam teilnehmend.

„Er beklagt den Weg, den Ihr Vater wandelt“, erwiderte Mrs. Weller.

„Was Sie nich sagen!“

„Ja, er hat leider nur zu triftige Gründe dazu“, fuhr Mrs. Weller in ernstem Ton fort.

Mr. Stiggins nahm eine frische Butterschnitte und stöhnte.

„Er ist ein entsetzlich ruchloser Mensch“, sagte Mrs. Weller.

„Ein Gefäß des Zorns“, setzte Mr. Stiggins hinzu, biß ein großes halbkreisförmiges Stück aus der Butterschnitte heraus und seufzte wieder. Sam verspürte eine heftige Neigung, dem ehrwürdigen Mr. Stiggins begründeten Anlaß zum Seufzen zu geben, bezwang sich aber und fragte nur: „Was is denn mit dem Alten?“

„Was mit ihm is?“ versetzte Mrs. Weller. „Er hat ein verstocktes Herz. Jeden Abend kommt dieser vortreffliche Mann – jaja, Mr. Stiggins, Sie sind ein vortrefflicher Mann – und bleibt vier Stunden lang bei uns, und es macht nicht den geringsten Eindruck auf ihn.“

„Hm, sonderbar“, meinte Sam. „Auf mich würde es ’n starken Eindruck machen, wenn ich an seiner Stelle wäre, das weiß ich.“

„Die Sache ist die, mein junger Freund“, hob Mr. Stiggins feierlich an, „er hat ein verhärtetes Gemüt. Oh, mein junger Freund, wie hätte er sonst den inständigen Bitten von sechzehn unsrer schönsten Schwestern widerstehen können und ihren Ermahnungen, unsrer trefflichen Gesellschaft beizutreten, die die Negerkinder in Westindien mit Flanelljacken und moralischen Taschentüchern versieht, sein Ohr verschlossen?“

„Was is denn das, ’n moralisches Taschentuch?“ fragte Sam. „Habe noch nie so ’ne Ware gesehen.“

„Taschentücher, die das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden, mein junger Freund“, erklärte Mr. Stiggins. „Es sind auserlesene Erzählungen mit Holzschnitten darauf gedruckt.“

Mr. Stiggins machte sich an eine dritte Butterschnitte und nickte beifällig.

„Und er wollte sich von den Damen nich dazu bewegen lassen?“ fragte Sam.

„Saß da und rauchte seine Pfeife und sagte, das mit den Negerkindern wäre … Was, sagte er, daß das mit den Negerkindern wäre, Mr. Stiggins?“

„Beutelschneiderei“, erwiderte Mr. Stiggins höchlich entrüstet.

„Sagte, das mit den Negerkindern wäre Beutelschneiderei!“ wiederholte Mrs. Weller, und beide seufzten über das gottlose Benehmen Mr. Wellers senior.

Es wäre wohl noch eine Menge andrer Ruchlosigkeiten ähnlicher Art zur Sprache gekommen, hätten sich nicht die Butterschnitten und der Tee ihrem Ende zugeneigt. Da überdies Sam nicht im geringsten Miene machte, sich zu entfernen, erinnerte sich Mr. Stiggins plötzlich, daß er eine höchst dringende Angelegenheit mit dem Hirten zu besprechen habe, und verabschiedete sich.

Kaum war das Teegeschirr abgetragen und der Herd aufgewaschen, als die Londoner Postkutsche Mr. Weller senior vor dem Hause absetzte. „Hallo, Sammy!“ rief der Vater.

„Sieh mal an, der alte Obadiah!“ begrüßte ihn der Sohn, und sie schüttelten sich herzlich die Hände.

„Das is fein, daß ich dir mal zu sehen kriegen tue, Sammy; bloß, wie du deine Stiefmutter gebändigt hast, das is ’n Geheimnis für mich. Ich wollte bloß, du würdest mir das Rezept aufschreiben.“

„Pst“, machte Sam, „sie ist zu Hause, Alter!“

„Hört uns aber nich“, versetzte Mr. Weller. „Nach dem Tee rauscht sie allemal die Treppen runter und macht unten Stunk. Inzwischen wollen wir uns ruhig einen aufmischen, Sammy.“

Mr. Weller mischte zwei Gläser Brandy mit Wasser, holte ein paar Pfeifen, und dann setzten sich Vater und Sohn einander gegenüber; Sam auf der einen Seite des Kamins in den Sessel mit der hohen Lehne und Mr. Weller senior auf der anderen Seite in einen nicht minder bequemen. „Jemand hier gewesen, Sammy?“ fragte er nach einem langen Stillschweigen.

Sam nickte bedeutsam.

„So „n rotnasiger Strolch?“

Sam nickte wieder.

„Das is ’n liebenswürdiger Kunde, Sammy“, bemerkte Mr. Weller, heftig rauchend.

„Scheint so“, erwiderte Sam.

„Großes Rechentalent!“

„Wieso?“ fragte Sam.

„Pumpt am Montag achtzehn Pence, verlangt am Dienstag ’nen Schilling, um die halbe Krone vollzumachen. Am Mittwoch will er noch ’ne halbe Krone, damit es fünf Schilling ausmacht. So doppelt er weiter, bis er ’ne Fünffundnote hat, ehe man sich’s versieht; genauso, wie es im Rechenbuch mit den Hufnägeln ging.“

Sam gab durch Kopfnicken zu verstehen, daß er sich des Problems, auf das sein Vater anspielte, noch erinnere.

„Wolltest also für die Flanelljacken nich unterschreiben?“ fragte Sam wieder nach einer Pause, die lediglich dem Rauchen gewidmet gewesen. „Beileibe nich“, erwiderte Mr. Weller. „Was sollen die jungen Neger mit Flanelljacken. Aber ich will dir mal was sagen, Sammy“, fuhr er fort, dämpfte seine Stimme und beugte sich zu seinem Sohn hinüber, „gegen Zwangsjacken für gewisse Leute hierzulande hätte ich nichts einzuwenden.“ „Is wirklich ’n verrückter Einfall, Taschentücher unter Leute auszuteilen, wo gar nich wissen, wie man sie benutzt“, bemerkte Sam.

„Sie haben immer wieder ’ne neue Verrücktheit im Kopf, Sammy“, versetzte Mr. Weller. „Letzten Sonntag Schaukel‘ ich die Straße lang. Wen sehe ich da an die Kirchentür stehen mit ’nem blauen Suppenteller in der Hand? Genau deine Stiefmutter. Ich glaube wahrhaftig, da waren Münzen für mehrere Sovereigns drin, lauter Halbpencestücke, und als die Leute aus der Kirche kamen, regnete es Pennies, daß man glauben konnte, kein sterblicher Teller, der jemals aus ’ner Töpferwerkstätte kam, könnte diese Hülle und Fülle vertragen. Wofür, meinst du wohl, daß da gesammelt wurde, Sammy?“

„Na, vielleicht wieder für ’n Tee?“

„Keine Spur. Für die Wassersteuer von dem Hirten, Sammy.“

„Die Wassersteuer von dem Hirten?“ fragte Sam.

„Klar, er stand damit für drei ganze Quartale in der Kreide – vielleicht, weil er nicht viel Nutzen von so ’n gewöhnliches Gesöff hat. Der kennt ’n anderes, wo wenigstens sechsmal soviel wert ist. Jedenfalls war es so oder so nu mal nich bezahlt, und sie vernagelten ihm das Rohr. Was tut der Hirte? Geht er doch in die Kirche, gibt sich für ’nen verfolgten Heiligen aus und sagt, er will hoffen, daß der, wo ihm das Wasser abgegraben hatte, daß der also in sich gehen sollte und auf den rechten Weg zurückkehren. Aber innerlich denkt er, der Deubel soll den holen. Die Weiber berufen natürlich ’ne Versammlung ein, singen ’nen Psalm, setzen deine Stiefmutter auf den Präsidentenstuhl, legen nächsten Sonntag ’ne Kollekte auf und händigen alles dem Hirten ein. Und wenn der nich genug bekommen hat, um sich für sein Lebtag von der Wassersteuer frei zu machen“, schloß Mr. Weller seinen Vortrag, „denn bin ich ’n Holländer, und du bist auch einer, Sam, und damit basta.“

Mr. Weller rauchte stumm einige Minuten und begann dann aufs neue:

„Das schlimmste an diesem Hirten ist, daß er den jungen Leibern den Kopf verdreht. Der Herr segne sie, sie wissen es nich besser. Aber ich sage dir, sie sind Spielbälle, Samuel, sie sind Spielbälle.“

„Vermute ich auch“, sagte Sam.

„Klar wie dicke Tinte“, versetzte Mr. Weller mit ernstem Kopfschütteln. „Und was mich dabei in Fahrt bringt, Samuel: sie vergeuden ihre ganze Zeit und Mühe damit, Kleider für kupferfarbene Leute zu machen, wo so was gar nich brauchen tun, und sie kümmern sich nich um fleischfarbige Christen, wo es nötig haben. Wenn es nach mir ginge, ich würde diese faulen Hirten hinter ’n schweren Schubkarren stellen. Mit dem müßten sie mir Tag für Tag auf einem Brett von höchstens vierzehn Zoll Breite hin und her balancieren. Das würde ihnen schon den Blödsinn austreiben.“ Nachdem Mr. Weller dieses menschenfreundliche Mittel so warm empfohlen und ihm durch verschiedentliches Nicken und Augenverdrehen den gebührenden Nachdruck verliehen, leerte er sein Glas auf einen Zug und klopfte mit der ihm angebornen Würde die Asche aus seiner Pfeife.

Er war damit noch nicht zu Ende, als sich im Gange eine gellende Stimme vernehmen ließ und Mrs. Weller gleich darauf hereinstürmte.

„Na, bist du endlich zurückgekommen?“ fragte sie.

„Wie de siehst, mein Schatz“, erwiderte Mr. Weller, sich eine frische Pfeife stopfend.

„Ist Mr. Stiggins nich hier gewesen?“

„Nö, mein Schatz. War nich hier“, erwiderte Mr. Weller und zündete seine Pfeife vermittels der sinnreichen Operation an, die darin besteht, daß man mit der Zange eine rotglühende Kohle dem Feuer entnimmt und an die Höhlung des Pfeifenkopfes hält. „Würde es übrigens mit Fassung tragen, wenn er überhaupt nich mehr kommen würde.“

„Pfui, du ruchloser Mensch“, rief Mrs. Weller aus.

„Ick danke dir, mein Schatz“, erwiderte Mr. Weller.

„Ruhig, Alter, ruhig“, mischte sich Sam ein. „Keine Liebeserklärungen nich vor Fremden. Da kommt gerade Seine Ehrwürden selber.“

Hastig wischte Mrs. Weller die Tränen ab, die sie soeben hervorzupressen begonnen, und Mr. Weller rückte seinen Lehnstuhl mißmutig in die Kaminecke.

Mr. Stiggins war leicht zu bewegen, ein Glas warmen Ananasgrog anzunehmen, ein zweites und ein drittes darauf folgen zu lassen und sich dann mit einem kleinen Abendessen zu erquicken, bevor er sich wieder aufs neue dem Geschäft des Trinkens zuwandte. Er saß neben Mr. Weller, und sooft dieser es unbemerkt von seiner Gattin tun konnte, deutete er seinem Sohne die Regungen, die die Tiefen seines Herzens aufwühlten, dadurch an, daß er seine Faust über dem Haupte des Vizehirten hin und her bewegte, und zwar mit einer Lebendigkeit des Ausdruckes, der seinem Sohne die ungetrübteste Freude bereitete, um so mehr, als Mr. Stiggins, ruhig seinen Ananasgrog schlürfend, nicht im entferntesten ahnte, was hinter ihm vorging.

Die Kosten der Unterhaltung trugen zum größten Teil Mrs. Weller und Ehrwürden Mr. Stiggins, und das Thema, um das es sich hauptsächlich drehte, behandelte die Tugenden des Hirten, die Würdigkeit seiner Herde und die schweren Sünden und Verbrechen aller übrigen Menschen – lauter Gespräche, die Mr. Weller senior gelegentlich durch halbunterdrückte Anspielungen auf einen Gentleman namens Walker und andere naheliegende Kommentare dieser Art unterbrach.

Endlich ergriff Mr. Stiggins unter verschiedenen, ganz unzweideutigen Symptomen, daß er so viel Ananasgrog zu sich genommen, als er nur irgend hatte unterbringen können, seinen Hut, verabschiedete sich, und gleich darauf wurde Sam von seinem Vater schlafen geschickt. Der würdige alte Herr schüttelte seinem Sohn mit Wärme die Hand und schien geneigt, einige Bemerkungen an ihn zu richten, aber als er sah, daß Mrs. Weller in der Nähe war, gab er seine Absicht auf und wünschte ihm nur kurz eine gute Nacht.

Sam war am folgenden Tage beizeiten auf, und nachdem er in aller Eile sein Frühstück eingenommen, schickte er sich zur Rückkehr nach London an. Er hatte kaum den Fuß aus dem Hause gesetzt, als sein Vater vor ihm stand.

„Du gehst, Sammy?“ fragte Mr. Weller.

„Bin grade dabei.“

Ich wünschte, du könntest diesen Stiggins auch einpacken und mitnehmen, Sammy.“

Ich tue mir für dir schämen“, sagte Sam in vorwurfsvollem Ton. „Wie kannst du es dulden, daß er seine rote Nase in den ,Marquis von Granby‘ reinsteckt?“

Mr. Weller senior heftete einen ernsten Blick auf seinen Sohn und erwiderte:

„Weil ich ’n verheirateter Mann bin, Samuel; weil ich ’n verheirateter Mann bin. Wenn du mal ’n verheirateter Mann bist, Samuel, denn wirst du auch ’ne Menge Dinge verstehen lernen tun, wo du jetzt nich verstehen tust. Allerdings, ob es die Mühe lohnt, so viel durchzumachen, um so wenig zu lernen – wie der Waisenknabe sagte, als er mit dem Alphabet zu Ende war –, das is Geschmacksache. Ich glaube, es lohnt nich.“ „Hm“, meinte Sam, „mach’s gut!“

„Noch ’n Augenblick, Sammy.“

„Ich möchte bloß noch sagen“, sprach Sam und blieb stehen, „wenn ich der Eigentümer vom ,Marquis von Granby‘ wäre und dieser Stiggins würde angekrochen kommen und meine gerösteten Butterbrote in meinem Schenkstübchen fressen, ich würde dem s…“

„Was?“ unterbrach ihn Mr. Weller in heftiger Erregung. „Was würdest du ihm?“

„…seinen Grog vergiften.“

„Wirklich?“ rief Mr. Weller und schüttelte seinem Sohn feurig die Hand. „Würdest du das wirklich tun, Sammy?“

„Jawohl. Würde ich“, sagte Sam. „Vorerst würde ich ihn mal in die Wasserkufe stecken und den Deckel zuschlagen, und wenn ich dann merken würde, daß er gegen Güte unempfänglich wäre, denn würde ich ihn, mit anderen Mitteln bekehren.“

Mr. Weller senior warf einen Blick hoher, unaussprechlicher Bewunderung auf seinen Sohn, drückte ihm nochmals die Hand und ging langsam ins Haus, von einer Flut von Gedanken bestürmt, die der Rat seines Erstgeborenen in ihm erweckt hatte.

Sam sah ihm nach und schlug dann, ebenfalls in tiefes Sinnen versunken, den Weg nach London ein.

Achtundzwanzigstes Kapitel


Achtundzwanzigstes Kapitel

Ein heiteres Weihnachtskapitel nebst Erzählung einer Hochzeit und einiger anderer Lustbarkeiten.

So rührig wie Bienen, wenn auch nicht so leicht beschwingt, versammelten sich die vier Pickwickier am Morgen des zweiundzwanzigsten Dezembers in dem Jahre des Heils, in dem alle diese so streng gewissenhaft aufgezeichneten Abenteuer erlebt wurden. Weihnachten stand vor der Tür mit all seiner schlichten und herzlichen Biederkeit; es war die Zeit der Gastlichkeit, des Frohsinns und der Freundschaft, und das alte Jahr schickte sich gleich jenem Philosophen der Antike an, mitten unter Gesang und Becherklang sanft und selig von hinnen zu scheiden. Es war eine fröhliche, schöne Zeit, besonders für vier von den zahlreichen Herzen, die sich sehr auf das herannahende Fest freuten.

Wir wollen uns aber nicht zu sehr in die Vorzüge der Weihnachtszeit verlieren, denn die Pickwickier warten in der Winterkälte darauf, daß die Postkutsche nach Muggleton abfährt, in die sie, eingehüllt in Überröcke und Halstücher, soeben eingestiegen sind. Die Mantel- und Reisesäcke sind schon verpackt, und Mr. Weller bemüht sich zusammen mit dem Kondukteur nur noch, einen riesigen Kabeljau in einen Korb zu pferchen, der wegen seiner Größe als letztes Gepäckstück auf einem halben Dutzend Austerntönnchen verstaut werden soll, die ebenfalls Herrn Pickwick gehören, der gespannt zusieht, wie der Kabeljau allen Kunstgriffen trotzt, bis der Kondukteur ihn ganz unvermutet samt dem Korb in den Kutschkasten hineinstößt, dabei selbst Hals über Kopf nachstürzt und bis zum Brustkorb im Kutschkasten verschwindet.

Alle Umstehenden lachen, Herr Pickwick stiftet dem Kondukteur einen Schilling, worauf dieser zusammen mit Mr. Weller für fünf Minuten verschwindet und beide mit einer Schnapsfahne wiederkehren. Und nun steigt der Kutscher auf den Bock, Mr. Weller springt hinten auf, die Pickwickier mummeln sich in ihre Überröcke und Halstücher und die Fahrt beginnt.

Um drei Uhr nachmittags erreichen die Herren per Postkutsche frisch und gesund, fröhlich und wohlgemut den Blauen Löwen“ von Muggleton, nachdem sie unterwegs eine hinreichende Menge Ale und Brandy zu sich genommen, um dem Frost Trotz bieten zu können, der den Erdboden in eiserne Fesseln schlug und Bäume und Hecken mit seinem schönen Netzwerk umspannte. Mr. Pickwick war eifrig mit der Musterung der Austernfäßchen und der Aufsicht über die Ausladung des Kabeljaus, die er mitgebracht, beschäftigt, als er sich sachte am Rockzipfel gezupft fühlte, und, sich umsehend, die Entdeckung machte, daß das Individuum, das dieses Mittel ergriffen, um seine Aufmerksamkeit zu erregen, niemand anders war als Mr. Wardles Lieblingspage, der fette Junge.

„Aha“, rief Mr. Pickwick.

„Aha“, rief auch der fette Junge, beäugelte zuerst den Kabeljau und dann die Austernfäßchen und gluckste vor Vergnügen. – Er war noch wesentlich fetter geworden.

„Na, du siehst ja recht blühend aus, junger Freund“, sagte Mr. Pickwick.

„Ich hab grade vor dem Feuer in der Schenkstube geschlafen“, erwiderte der fette Junge, dessen Gesicht sich durch ein Stündchen Schlummer bis zur Farbe eines glühenden Kochtopfes erhitzt hatte. „Mein Herr hat mich mit dem Karren rübergeschickt, Ihr Gepäck abholen. Er hätte auch ’n paar Reitpferde geschickt, aber er hat gemeint, bei dem kalten Wetter möchten Sie am Ende lieber zu Fuß gehen.“

„Jaja“, sagte Mr. Pickwick hastig, eingedenk der früheren equestrischen Abenteuer, „ja, wir wollen lieber gehen. – Sam!“

„Sir?“ erwiderte Mr. Weller.

„Hilf Mr. Wardles Diener das Gepäck in den Karren schaffen und fahre dann mit ihm; wir gehen voraus.“

Nachdem Mr. Pickwick diese Befehle erteilt, schlug er mit seinen drei Freunden den Fußpfad über die Felder ein und ließ Mr. Weller und den fetten Jungen vorderhand beieinander. Sam sah den fetten Jungen mit großer Verwunderung an, ohne jedoch ein Wort zu sprechen, und begann die Sachen eiligst in den Karren zu schaffen, während der fette Junge ruhig dabeistand, offenbar sehr einverstanden, daß Mr. Weller so fleißig war.

„So“, sagte Sam und lud den letzten Mantelsack auf jetzt haben wir’s.“

„Ja“, versetzte der fette Junge sehr zufrieden, „jetzt haben wir’s.“

„Na, junger Tausendpfünder“, meinte Sam, „Sie könnten sich für Geld sehen lassen. Wahrhaftig.“

„Dank schön“, erwiderte der fette Junge.

„Kummer und Sorgen scheinen Sie wohl nich sonderlich zu bedrücken, was?“ fragte Sam.

„O nein“, gab der fette Junge zu.

„Freut mich sehr, dies zu vernehmen“, versetzte Sam. „Trinken Sie was?“

„Ich esse lieber“, erwiderte der Junge.

„Hätte ich mir denken können“, sagte Sam. „Doch ich meine, ob Sie nicht ’n Tropfen nehmen wollen, um sich zu erwärmen? Aber Sie haben wohl unter Ihrem Speck noch nie gefroren, oder?“

„Bisweilen doch“, versetzte der Junge, „aber ich trinke schon auch einen Schluck, wenn er gut ist.“

„Wirklich, tun Sie das?“ sagte Sam. „Na, dann kommen Sie!“

Die Wirtsstube des „Blauen Löwen“ war bald erreicht, und der fette Junge goß ein Glas Brandy hinunter, ohne eine Miene zu verziehen – was ihn in Mr. Wellers Augen außerordentlich hob. Nachdem Mr. Weller seinerseits ein ähnliches Manöver vollführt, stiegen sie in den Karren.

„Können Sie fahren?“ fragte der fette Junge.

„Sollt es fast meinen“, erwiderte Sam.

„Dorthinein also“, sagte der fette Junge, überließ Mr. Weller die Zügel und deutete auf einen Feldweg. „Immer gradaus. Sie können nicht fehlen.“ – Mit diesen Worten legte er sich neben den Kabeljau und fiel augenblicklich in Schlaf.

Mittlerweile hatten Mr. Pickwick und seine Freunde ihr Blut in raschere Zirkulation gesetzt und schritten munter dahin. Der Pfad war hart, das Gras bereift, die Luft rein, trocken und kalt, und das rasche Sinken des Tages ließ sie im Vorgenuß der Behaglichkeiten schwelgen, die ihrer bei dem gastfreundlichen Mr. Wardle warteten. Es hätte nicht viel gefehlt, und sie würden ihre Mäntel abgelegt haben und in der frohen Stimmung ihrer Herzen zum Privatvergnügen ein kleines Bockspringen arrangiert haben, und sicherlich hätte in diesem Augenblick Mr. Tupman seinen Rücken dargeboten, Mr. Pickwick würde dieses Anerbieten zum fröhlichen Spiel mit größtem Eifer aufgegriffen haben.

Mr. Tupman schien sich aber nicht freiwillig zu einer solchen Belustigung anbieten zu wollen, und so verfolgten die Freunde ihren Weg unter heiteren Gesprächen. Als sie in den Pfad nach Manor Farm einbogen, traf Stimmengewirr ihr Ohr, und ehe sie sich noch in Mutmaßungen ergehen konnten, begrüßte sie ein lautes Hurra.

Da waren zuerst Mr. Wardle, der womöglich noch fröhlicher aussah als früher, dann Bella und ihr getreuer Trundle, ferner Emilie und acht bis zehn junge Damen, die alle zur morgigen Hochzeit eingeladen waren und so wichtig und selig aussahen, wie junge Damen meist bei solchen Gelegenheiten.

Die Zeremonie des Vorstellens war bald vorüber, und ein paar Minuten später scherzte bereits Mr. Pickwick mit den jungen Damen, die, solange er zusah, nicht über das Geländer steigen wollten oder, sich ihrer hübschen Füßchen und feinen Knöchel gar wohl bewußt, fünf Minuten lang darauf stehenblieben und erklärten, sie fürchteten sich zu sehr, um sich nur rühren zu können – scherzte mit ihnen so ungezwungen und vertraulich, als hätte er sie seit Kindheit an gekannt. Mr. Snodgraß leistete Emilie weit mehr Beistand, als die Gefahren des Geländers erfordert hätten, während eine schwarzäugige junge Dame mit sehr zierlichen Pelzstiefelchen laut schrie, als ihr Mr. Winkle hinüberhelfen wollte.

Alles dies war höchst unterhaltend und ergötzlich, und als endlich die Hindernisse des Geländers glücklich überwunden waren und man sich wieder auf offenem Felde befand, machte der alte Wardle Mr. Pickwick die Mitteilung, sie hätten sämtlich die Ausstattung und Einrichtung des Hauses in Augenschein genommen, das dem Jungen Paar gleich nach Weihnachten zur Verfügung stehen sollte. Bella und Trundle wurden darüber so rot, wie vorher der fette Junge in der Wirtsstube am Feuer, und die junge Dame mit den schwarzen Augen und den pelzverbrämten Stiefelchen flüsterte Emilie etwas ins Ohr und warf einen schlauen Seitenblick auf Mr. Snodgraß. Mr. Snodgraß, verschämt wie alle großen Geister, fühlte, wie rot er bis in die Ohren wurde, und wünschte in den Tiefen seines Herzens die junge Dame mit den schwarzen Augen, dem schelmischen Seitenblick und den pelzverbrämten Stiefelchen in das Land, wo der Pfeffer wächst.

Wie groß war aber erst die Wärme und Herzlichkeit, mit der die Herren aufgenommen wurden, als sie die Farm erreichten! Sogar das Gesinde grinste vor Vergnügen, als es Mr. Pickwick erblickte, und Emma warf Mr. Tupman einen halb verschämten, halb verwegenen Blick des Wiedererkennens zu, der hingereicht hätte, den Gipsnapoleon im Gang zu ermutigen, sie an sich zu drücken.

Die alte Dame saß wie gewöhnlich in der vorderen Wohnstube, war aber ein wenig verdrießlich und folglich ganz besonders taub. Sie selbst ging nie aus und sah es daher als eine Art Hochverrat an, wenn sich jemand die Freiheit nahm, etwas zu tun, was sie nicht mehr konnte.

„Mutter“, sagte Mr. Wardle, „Mr. Pickwick ist hier. Du erinnerst dich seiner doch noch.“

„Ach, ich bitte dich“, erwiderte die alte Dame mit großer Würde, „bemühe Mr. Pickwick nicht wegen einer alten Frau wie ich. Es bekümmert sich ja niemand um mich. Das ist ja auch so der Lauf der Dinge.“ Und die alte Dame schüttelte den Kopf und strich ihr lavendelfarbiges Seidenkleid mit zitternden Händen glatt.

„O nein, Madam!“ sagte Mr. Pickwick. „Ich kann nicht zugeben, daß Sie einen alten Freund auf diese Art abspeisen. Ich bin ausdrücklich deswegen hergekommen, um mich recht lange mit Ihnen zu unterhalten und eine Partie Whist mit Ihnen zu spielen. Ja, und ehe achtundvierzig Stunden um sind, wollen wir diesen Knaben und Mädchen einmal zeigen, wie man ein Menuett tanzt.“

Die alte Dame war augenblicklich umgestimmt, wollte es aber nicht merken lassen und sagte daher nur: „Ach, ich verstehe ihn nicht.“

„Aber komm, Mutter, komm“, begütigte Mr. Wardle. „Sei doch nicht so verdrießlich; er ist so ’ne gute Seele. Denk Bella. Komm, du mußt dem armen Mädchen ’n bißchen Mut machen.“

Die gute alte Dame verstand alles, denn ihre Lippen zitterten, als ihr Sohn ihr so zuredete; aber das Alter hat nun einmal seine schwachen Seiten, und sie ließ sich noch nicht erweichen. Sie strich wieder an dem lavendelfarbigen Kleid hinunter und wandte sich zu Mr. Pickwick:

„Ach, Mr. Pickwick, als ich noch ein Mädchen war; waren die jungen Leute ganz anders.“

Kein Zweifel, Ma’am“, versetzte Mr. Pickwick. „Und gerade aus diesem Grunde achte ich auch die wenigen Menschen so hoch, die noch an die guten alten Zeiten erinnern.“ Dabei zog er Bella sanft an sich, drückte ihr einen Kuß auf die Stirn und bat sie, sich auf den kleinen Stuhl zu den Füßen ihrer Großmutter zu setzen. Die Herzensgüte Mr. Pickwicks rührte die alte Dame so sehr, daß sie weich wurde, ihren Kopf auf den Nacken ihrer Enkelin legte und ihre üble Laune in einer Flut stiller Tränen entströmen ließ.

Die Gesellschaft war an diesem Abend eitel Freude. Gesetzt und feierlich wickelte sich wieder die Whistpartie ab, die Mr. Pickwick und die alte Dame miteinander spielten, und lärmend das Gesellschaftsspiel am runden Tisch. Lange noch, nachdem sich die Damen zurückgezogen, machte der Glühwein, mit Rum und Gewürz verstärkt, aber und abermals die Runde, und gesund waren der Schlaf und süß die Träume, die darauf folgten. Es ist ein bemerkenswerter Umstand, daß Mr. Snodgraß die ganze Nacht von Emilie und Mr. Winkle von einer jungen Dame mit schalkhaften schwarzen Augen und außerordentlich niedlichen Pelzstiefelchen träumten.

In aller Frühe wurde Mr. Pickwick von einem Stimmengewirr und emsigem Hinundherlaufen geweckt, das sogar den fetten Jungen in seinem tiefen Schlummer stören mußte.

Er setzte sich auf und lauschte. Die Dienstmädchen und die weiblichen Gäste liefen unaufhörlich ab und zu, und es wurde sooft nach warmem Wasser und Nadel und Faden gerufen, und eine solche Menge Bitten: „Hilf mir, ich kann nicht damit zurechtkommen“, wurden laut, daß Mr. Pickwick in seiner Unschuld auf den Gedanken kam, es müsse irgend etwas Furchtbares vorgefallen sein, bis er nach und nach ganz munter wurde und sich erinnerte, daß heute ja Hochzeit sei. Dem Feste zu Ehren kleidete er sich mit besonderer Sorgfalt an und ging hinunter zum Frühstück.

Die Hausmädchen liefen in nagelneuen rosa Musselinkleidern mit weißen Schleifen an den Hauben in einem unbeschreiblichen Zustande von Aufregung und Diensteifer im Hause herum. Die alte Dame hatte ein Brokatkleid angelegt, das seit zwanzig Jahren das Tageslicht nicht mehr gesehen, von den spärlichen Strahlen vielleicht abgesehen, die sich durch die Ritzen in der Truhe gestohlen hatten, Mr. Trundle war in Prachteinband und selig, schien aber ein wenig nervös. Der fröhliche alte Herr suchte so aufgeräumt und unbefangen auszusehen wie möglich, verfehlte aber seinen Zweck sichtlich. Sämtliche jungen Damen schwammen in Tränen und weißem Musselin, mit Ausnahme der paar Auserwählten, die die besondere Ehre genossen, Braut und Brautjungfern im oberen Saal von Angesicht zu Angesicht zu sehen. Sämtliche Pickwickier waren aufs festlichste herausgeputzt, und auf dem Grasplatz vor dem Hause machten die Knechte und Buben, die zum Pachtgut gehörten, jeder eine weiße Schleife im Knopfloch, einen furchtbaren Spektakel mit Singen und Herumspringen, angestiftet von Mr. Samuel Weller, der sich im Handumdrehen die Volksgunst zu erwerben gewußt und sich bereits so heimisch fühlte, als wäre er auf dem Lande geboren.

Die Trauung wurde schließlich von dem alten Geistlichen in der Kirche zu Dingley Dell vollzogen, und Mr. Pickwicks Name ist noch heute in dem Register in der Sakristei zu lesen. Die junge Dame mit den schwarzen Augen trug ihren Namen mit unsteter und zitternder Hand ein, und die Unterschrift Emiliens, der andern Brautjungfer, fiel beinahe ganz unleserlich aus. Sonst ging aber alles in bewunderungswürdiger Ordnung vor sich; die jungen Damen fanden im allgemeinen die Sache weit weniger schrecklich, als sie erwartet hatten, und die Eigentümerin der schelmischen schwarzen Augen versicherte Mr. Winkle, sie wisse gewiß, daß sie sich niemals zu einem so fürchterlichen Schritte würde entschließen können. Dem allen wäre noch hinzuzufügen, daß Mr. Pickwick der erste war, der die Braut beglückwünschte und ihr bei dieser Gelegenheit eine prachtvolle goldene Uhr umhing, die noch keines Menschen Auge, außer dem des Goldschmiedes, gesehen hatte. Dann fielen die alten Kirchenglocken so heiter ein, wie sie nur konnten, und der Hochzeitszug kehrte zum Frühstück nach Manor Farm zurück.

„Wo sollen die Fleischpasteten hin, junger Opiumfresser?“ fragte Mr. Weller den fetten Jungen, als er die Speisen ordnen half, die am vorhergehenden Abend noch nicht hatten aufgestellt werden können.

Der fette Junge deutete stumm auf die betreffende Stelle.

„Schön, und nu stecken Sie noch wat Jrünes rein. Dort in die andre Platte. So, jetzt nehmen wir uns erst hübsch aus, wie der Vater sagte, als er seinem Jungen den Kopf abschlug, um ihm das Schielen zu vertreiben.“

Dann trat Mr. Weller ein paar Schritte zurück, kniff ein Auge zu und übersah die Anordnungen mit dem Ausdruck größter Zufriedenheit.

Dann nahm die Gesellschaft ihre Plätze ein, und Mr. Pickwick mußte sogleich mit dem alten Wardle ein Glas Wein zu Ehren des jungen Paares leeren und Duzbrüderschaft trinken.

Die alte Dame saß in vollem Prunk obenan, links neben ihr die junge Neuvermählte, rechts Mr. Pickwick. Sie zog An sogleich ins Gespräch, ließ sich in eine weitläufige und ausführliche Schilderung ihrer eignen Hochzeit ein und knüpfte daran eine Abhandlung über die damalige Mode, Schuhe mit hohen Absätzen zu tragen, und einige Erlebnisse und Abenteuer der schönen Lady Tollimglower, wobei sie so herzlich lachte, daß die jungen Damen, verwundert, weshalb denn in aller Welt die Großmama auf einmal so gesprächig geworden, mit einstimmten. Und wenn die jungen Damen lachten, lachte die alte Dame noch zehnmal herzlicher und sagte, diese Geschichten hätten schon damals immer einen Kapitalspaß gegeben, was ein neuerliches Gelächter hervorrief, das die alte Dame geradezu in Rosenlaune versetzte. Dann wurde der Hochzeitskuchen zerschnitten und machte die Runde um die Tafel, und die jungen Damen legten sich heimlich Stücke beiseite, um sie unter das Kopfkissen zu schieben und von ihren künftigen Gatten zu träumen, was wiederum viel Spaß und Erröten verursachte.

„Mr. Miller“, wendete sich Mr. Pickwick zu seinem alten Bekannten, dem Herrn mit dem Borsdorfer Gesicht, „ein Glas Wein?“

„Mit dem größten Vergnügen, Mr. Pickwick“, versetzte der Herr mit dem Borsdorfer Gesicht feierlich.

„Wollen Sie mich nicht auch mit einschließen?“ fragte der wohlwollende alte Geistliche.

„Und mich auch“, fiel seine Gattin ein.

„Mich auch, mich auch“, riefen ein paar arme Verwandte am unteren Ende der Tafel, die aus Herzenslust gegessen und getrunken und über alles und jedes gelacht hatten.

Mr. Pickwicks Antlitz strahlte vor Freude über seine Beliebtheit, er stand auf und erhob sein Glas.

„Hört, hört! Hört, hört! Hört, hört!“ rief Mr. Weller im Übermaß seiner Gefühle.

„Ruft die gesamte Dienerschaft herein“, befahl der alte Wardle, um Mr. Weller den öffentlichen Verweis zu ersparen, der ihm sonst ohne allen Zweifel von seiten seines Herrn geblüht hätte.

„Jedem ein Glas Wein, um den Toast mitzutrinken! Nun, Pickwick?“

Tiefe Stille trat ein, die weibliche Dienerschaft flüsterte, die männliche stand verlegen da, und Mr. Pickwick begann:

„Meine Damen und Herren, nein, nicht meine Damen und Herren, meine lieben Freundinnen und Freunde, wenn mir die Damen eine so große Freiheit erlauben wollen …“

Ein unermeßlicher Beifall von seiten der Damen unterbrach ihn; die Herren stimmten mit ein, und mitten in dem Lärm hörte man die Eigentümerin der schwarzen Augen ganz deutlich sagen, sie möchte diesen lieben Mr. Pickwick küssen, worauf Mr. Winkle galant fragte, ob ihm das nicht auch ein Stellvertreter überbringen könne, eine Frage, die von der jungen Dame mit einem „Kommen Sie mir nicht mehr unter die Augen“ beantwortet, zugleich aber von einem Blick begleitet wurde, der so deutlich, wie es nur immer ein Blick konnte, hinzusetzte: „Wenn Sie das zuwege ringen.“

„Meine teuren Freundinnen und Freunde“, nahm Mr. Pickwick seine Rede wieder auf, „ich bringe hiermit die Gesundheit der jungen Neuvermählten aus. Gott segne sie! (Beifall und Tränen.) In meinem jungen Freund Trundle sehe ich einen vorzüglichen männlichen Charakter, und seine Frau kenne ich als eine höchst liebenswürdige, reizende junge Dame, wohl geeignet, das Glück, das sie zwanzig Jahre lang in ihres Vaters Haus um sich her verbreitet, in einen andern Wirkungskreis zu übertragen. (Hier brach der fette Junge in ein lautes Geheul aus und wurde von Mr. Weller am Rockkragen hinausgeführt.) Ich wünschte“, fügte Mr. Pickwick hinzu, „ich wünschte, ich wäre jung genug, um der Gatte ihrer Schwester zu sein (Beifall), aber da dies nun nicht der Fall ist, so bin ich doch so glücklich, alt genug zu sein, um ihr Vater sein zu können, und daher über jeden Verdacht versteckter Absichten erhaben, wenn ich sage, daß ich sie beide bewundere, achte und liebe. (Beifall und Schluchzen.) Der Vater der Braut, unser guter, lieber Freund, ist ein wackerer Mann, und ich bin stolz darauf, ihn zu kennen. (Großer Jubel.) Er ist ein liebevoller, vortrefflicher, vornehm denkender, herzensguter, gastfreundlicher, freigebiger Mann.

Enthusiastischer Beifall von seiten der armen Verwandten, besonders bei den beiden letzten Attributen.) Daß seiner Tochter all das Glück zuteil werde, das er selbst ihr nur immer wünschen kann, und daß er aus der Betrachtung desselben alle Freuden des Herzens und alle Ruhe der Seele ziehen möge, die er so wohl verdient, ist, ich bin es überzeugt, unser aller Wunsch. So laßt uns denn auf die Gesundheit des jungen Paares trinken und ihm ein langes Leben und reichen Segen wünschen!“ Unter stürmischem Beifall schloß Mr. Pickwick seine Rede und auf ein Zeichen Mr. Wellers taten auch die Lungen des Personals ihre Pflicht und Schuldigkeit. Sodann ließ Mr. Wardle Mr. Pickwick und dieser die alte Dame, Mr. Snodgraß Mr. Wardle, Mr. Wardle Mr. Snodgraß, der eine von den armen Vettern Mr. Tupman und der andre Mr. Winkle leben, und alles war eitel Lust und Freude, bis das geheimnisvolle Verschwinden der beiden armen Vettern unter den Tisch die Gesellschaft daran erinnerte, daß es Zeit sei, vom Frühstück aufzustehen.

An der Mittagstafel traf man wieder zusammen, nachdem die männlichen Glieder der Gesellschaft auf Mr. Wardles Empfehlung fünfundzwanzig Meilen weit spazierengegangen waren, um die Wirkungen des beim Frühstück genossenen Weines aufzuheben, während die armen Vettern den ganzen Tag im Bett lagen, um dasselbe Resultat zu erzielen, aber wegen der Erfolglosigkeit ihrer Bestrebungen liegenbleiben mußten. Mr. Weller erhielt die Dienerschaft in einem Zustand ununterbrochener Heiterkeit, und der fette Junge teilte seine Zeit zwischen Essen und Schlafen ein. Das Diner war ebenso heiter und ebenso geräuschvoll wie das Frühstück, nur Tränen kamen nicht vor. Dann trug man das Dessert auf und brachte noch verschiedene Toaste aus. Nachdem noch Tee und Kaffee serviert worden, nahm der Ball seinen Anfang.

Der Festsaal von Manor Farm war ein freundliches, langes, dunkelgetäfeltes Gemach, mit einem so geräumigen Kamin, daß eins der neumodischen Patentkabrioletts bequem hätte hindurchfahren können. Am oberen Ende des Saales saßen in einer schattigen Laube von Stechpalmen und Immergrün die beiden besten Geiger und die einzige Harfenspielerin von Muggleton. Alle Nischen und Gesimse waren mit alten, massiven silbernen Leuchtern geschmückt, jeder mit vier Armen, der Boden war mit Teppichen belegt, die Kerzen brannten hell, das Feuer loderte und knisterte im Kamin und heitere Stimmen und frohes Gelächter hallten durch den Saal.

Wenn irgend etwas den interessanten Eindruck dieser anmutigen Szene noch mehr hervorheben konnte, so war es der denkwürdige Umstand, daß Mr. Pickwick zum ersten Male, soweit sich seine ältesten Freunde zurückerinnern konnten, ohne Gamaschen erschien.

„Du willst wohl tanzen?“ fragte Mr. Wardle.

„Natürlich“, erwiderte Mr. Pickwick. „Siehst du denn nicht, daß ich mich extra dazu angekleidet habe?“ Und Mr. Pickwick wies auf seine gesprenkelten seidenen Strümpfe und Lackschuhe.

Sie in seidenen Strümpfen!“ rief Mr. Tupman in scherzhaftem Ton.

„Und warum nicht, Sir, warum nicht?“ fragte Mr. Pickwick ein wenig hitzig.

„0h, es ist natürlich gar kein Grund vorhanden, warum Sie sie nicht tragen sollten“, antwortete Mr. Tupman.

„Das will ich meinen, Sir, das will ich meinen“, sagte Mr. Pickwick mit sehr entschiednem Tone.

Mr. Tupman hatte Lust zum Lachen verspürt, fand aber, daß die Sache ernster Natur war, und nahm daher auch eine dementsprechende Miene an und sagte, die Strümpfe hätten ein hübsches Muster.

„Das hoffe ich“, bemerkte Mr. Pickwick mit einem strengen Blick auf seinen Freund, „aber ich erwarte von Ihnen, Sir, daß Sie auch an den Strümpfen als solchen nichts auszusetzen haben?“

„Gewiß nicht, oh, gewiß nicht“, beteuerte Mr. Tupman, entfernte sich schleunigst, und Mr. Pickwicks Gesicht nahm seinen gewohnten wohlwollenden Ausdruck wieder an.

„Ich glaube, die Paare sind jetzt geordnet“, sagte Mr. Pickwick, am Arm die alte Dame, nachdem er in seinem Feuereifer bereits viermal vor der Zeit die Anfangspas gemacht hatte.

Wardle gab das Zeichen, die zwei Geigen und die Harfe erklangen, und Mr. Pickwick begann eine Kreuztour, als ein allgemeines Händeklatschen erscholl und von allen Seiten „Halt! Halt!“ gerufen wurde.

„Was gibt’s denn?“ rief Mr. Pickwick, nur durch das Verstummen der Geige und der Harfe zum Stehen gebracht, was keine Irdische Gewalt sonst hätte erreichen können und wenn das Haus in Flammen gestanden hätte.

„Wo ist Arabella Allen?“ rief ein Dutzend Stimmen.

„Und Winkle?“ setzte Mr. Tupman hinzu.

„Hier sind wir“, rief Mr. Winkle, trat mit seiner hübschen Gefährtin aus einer Nische hervor, und es würde schwergehalten haben zu bestimmen, wer von beiden ein röteres Gesicht hatte, er oder die junge Dame mit den schwarzen Augen.

„Was ist das nur wieder für ein merkwürdiges Benehmen Winkle“, sagte Mr. Pickwick ein wenig ärgerlich, „daß Sie nicht rechtzeitig auf Ihrem Platz sind?“

„Gar nicht merkwürdig“, versetzte Mr. Winkle. „Nun ja“, meinte Mr. Pickwick mit einem sehr ausdrucksvollen Lächeln, als sein Blick auf Arabella fiel. „Nun, ich gebe ja zu, daß es nicht besonders merkwürdig ist.“

Es war indes keine Zeit mehr, die Sache weiterzuerörtern, denn Geigen und Harfe ertönten schon wieder. Mr. Pickwick schwebte dahin von der Mitte des Saales bis zum äußersten Ende, an den Kamin und wieder zurück an die Tür – Poussette hin und Poussette her – lautes Stampfen auf den Boden – das nächste Paar – ab – die ganze Figur wiederholt – eine neue Tour – das nächste Paar vor und das nächste und übernächste. So etwas war noch nicht da. Und endlich, nachdem alle ausgetanzt und volle vierzehn Paare nach der alten Dame abgetreten und die Gattin des Geistlichen die Stelle der Großmutter eingenommen, hielt der Treffliche noch immer aus und lächelte seiner Tänzerin die ganze Zeit über mit einer Freundlichkeit zu, die jede Beschreibung übersteigt.

Lange bereits, ehe sich Mr. Pickwick müde getanzt, hatte sich das neuvermählte Paar zurückgezogen. Unten erwartete die Gesellschaft ein vortreffliches Souper, und es wurde noch lange und viel getafelt. Und als Mr. Pickwick am andern Morgen spät erwachte, erinnerte er sich verworren, ungefähr fünfundvierzig Personen aufs dringendste eingeladen zu haben, sobald sie nach London kämen, im „Georg und Geier“ mit ihm zu speisen, was ihm ein untrügliches Zeichen war, daß er in der. „vergangenen Nacht seinem physischen Ich mehr zugemutet hatte als die bloße Bewegung.

„Also heute abend wird sich die Familie in der Küche mit Gesellschaftsspielen unterhalten, mein Schatz?“ fragte Sam Emma.

„Ja, Mr. Weller“, erwiderte Emma. „Wir halten es immer so am Weihnachtsabend. Unser Herr besteht auf diesem Brauch.“

„Ihr Herr is überhaupt ’n Schenlmän, mein Schatz. Habe noch mein Lebtag keinen feineren kennengelernt.“

„Ja, das is er!“ mischte sich der fette Junge ins Gespräch. „Und die Ferkel, was er mästet!“

„Na, sind Sie endlich aufgewacht?“ fragte Sam.

Der fette Junge nickte bejahend.

„Ich will Ihnen mal was sagen, Sie junge Riesenschlange“, sagte Mr. Weller eindringlich. „Falls Sie nich ’n bißchen weniger schlafen und sich mehr Bewegung verschaffen, wenn Sie mal ins männliche Alter kommen, denn kann es Ihnen noch so gehen wie dem alten Herrn mit der Zopfperücke.“

„Und was ist dem passiert?“ fragte der fette Junge stotternd.

„Will ich Ihnen sagen“, erwiderte Mr. Weller, „war einer von den dicksten Schmerbäuchen, wo sich jemals umgedreht haben – ’ne Art Mastochse, der fünfundvierzig Jahre lang seine eignen Füße nicht sah.“

„Himmel!“ rief Emma.

„Ja, wahrhaftig, mein Schatz, und wenn Sie ihm das genaueste Modell von seinen Beinen auf ’n Tisch gelegt hätten, er hätte sie nich erkannt. Er ging immer in sein Bureau mit ’ner riesig feinen goldnen Uhrkette, wo anderthalb Fuß lang raushing, und einer goldnen Uhr dran in seiner Westentasche, die – ich kann es kaum sagen, wieviel, aber jedenfalls mordsmäßig viel wert war – ’n großes, schweres, rundes Ding, als Uhr so dick wie er als Mann, und mit n entsprechend breitem Gesicht. ,Solltest diese Uhr nich tragen‘, sagten die Freunde von dem Alten, ,man wird sie dir noch stehlen.‘ – ,Na‘, sagte er, ,den Dieb möchte ich sehen, die Uhr rausbrächte. Ich will verdammt sein, wenn ich sie selbst rausbringe. Wenn ich wissen will, wieviel Uhr es is, muß ich in ’n Bäckerladen sehen gehen.‘ Und dann lachte er so entsetzlich, daß er fast platzte, und ging wieder mit seinem gepuderten Kopf und Zopf aus und wälzte sich den ,Strand‘ hinunter, und die Kette hing weiter raus als je, und die große runde Uhr drückte beinah ’n Loch durch seine graue Kerseyhose. Es gab nich einen Taschendieb in ganz London, wo nich schon an der Kette gerissen hatte, aber se ging nich entzwei, und die Uhr ging nich raus, so daß sie’s bald satt bekamen, so ’n schweren alten Herrn die Straße entlangzuziehen, und dann ging er jedesmal nach Hause und lachte, daß sein Zopf, wie der Perpendikel an ’ner Holländeruhr, hin und her wackelte. Eines Tages nu wälzte sich der alte Herr wieder mal spazieren und sah ’nen Taschendieb, den er auf den ersten Blick erkannte, Arm in Arm mit ’nem kleinen Jungen, der ’n sehr dicken Kopf hatte, auf sich zukommen. Das gibt ’n Spaß, sagte sich der alte Herr, die werden’s wieder probieren, aber se werden sich schneiden. Und er fing schon an, aus vollem Halse zu lachen, als der kleine Junge plötzlich den Arm des Taschendiebes losließ und mit dem Kopf dem dicken Herrn in den Bauch rannte, daß dieser vor Schmerz fast die Besinnung verlor. ,Mörder!‘ rief der alte Herr und hörte grade noch, wie ihm der Taschendieb ins Ohr flüsterte: ,Allright, Sir.‘ Und wie er wieder auf den Beinen war, waren Uhr und Kette beim Teufel und, was noch schlimmer war, seine Verdauung war auch beim Teufel bis zum letzten Tag seines Lebens. – Sehen Sie sich also vor, junger Herr, und nehmen Se sich in acht, daß Se nich zu fett werden.“

Mit dieser Ermahnung schloß Mr. Weller seine Erzählung, die den fetten Jungen sehr zu ergreifen schien, und alle drei gingen in die große Küche, in der sich schon die Vorfahren Mr. Wardles, einem alten Brauche gemäß, seit unvordenklichen Zeiten um diese Stunde zu versammeln pflegten.

Soeben hatte der alte Wardle im Mittelpunkt der Decke eigenhändig einen großen Mistelzweig aufgehängt, was sofort ein allgemeines höchst ergötzliches Gedränge verursachte. Inmitten dieser Verwirrung nahm Mr. Pickwick mit einer Galanterie, die einem Abkömmling der Lady Tollimglower Ehre gemacht haben würde, die alte Dame bei der Hand, führte sie unter den mystischen Zweig und küßte sie mit ritterlichem Anstand. Die alte Dame unterwarf sich dieser Höflichkeit mit all der Würde, die einer so wichtigen und ernsten Feier angemessen war, aber die jüngeren Damen, die keine so abergläubige Verehrung für das Althergebrachte hegten oder der Meinung waren, der Wert eines Kusses werde bedeutend erhöht, wenn es einige Mühe koste, ihn zu erlangen, kreischten und sträubten sich und liefen in die Ecken, kurz, taten alles mögliche, nur die Küche verließen sie nicht. Erst als einige der weniger verwegenen Herren im Begriff waren, von ihrem Verlangen abzustehen, fanden sie es auf einmal zwecklos, noch ferner Widerstand zu leisten, und unterwarfen sich dem Kuß gutwillig. Mr. Winkle küßte die junge Dame mit den schwarzen Augen, Mr. Snodgraß Emilie, und Mr. Weller kaprizierte sich nicht darauf, daß es gerade unter dem Mistelzweig geschehen müsse, und küßte Emma und die übrigen Dienstmädchen, wo er sie gerade erhaschte. Was die armen Vettern betraf, so küßten sie alle ohne Unterschied, nicht einmal den unansehnlicheren Teil der weiblichen Gäste ausgenommen, die in ihrer außerordentlichen Verwirrung geradenwegs unter den Mistelzweig rannten, ohne es selbstverständlich zu wissen. Wardle stand mit dem Rücken gegen den Kamin und schaute vergnügt zu, während der fette Junge die Gelegenheit ergriff, eine besonders schöne Fleischpastete, die für jemand anders extra zurückgelegt worden war, zu seinem eignen Gebrauche zu verwenden. Das Kreischen hatte aufgehört, die Gesichter glühten, alle locken waren in Verwirrung, Mr. Pickwick stand unterm Mistelzweig und sah mit vergnügter Miene dem Treiben ringsum zu, als die junge Dame mit den schwarzen Augen nach einem kurzen Geflüster mit ihren Freundinnen ganz plötzlich auf ihn zusprang, ihren Arm um seinen Nacken legte und ihn zärtlich auf die linke Wange küßte. Und noch ehe er recht wußte, wie ihm geschah, war er umringt und von allen geküßt.

Es war eine Lust, Mr. Pickwick inmitten der Gruppe zu sehen, bald dahin, bald dorthin gezerrt und zuerst auf das Kinn und die Nase und dann auf die Brille geküßt – eine Lust, das fröhliche Gelächter zu hören, das ihn umjubelte Aber wie entzückend war es erst, ihn gleich darauf mit einem seidenen Taschentuch um die Augen gegen die Wand rennen und in die Winkel tappen und mit Herzenslust auf alle Geheimnisse des Blindekuhspieles eingehen zu sehen, bis er endlich einen von den armen Vettern erwischte und dann selbst der blinden Kuh aus dem Wege gehen mußte, was er mit einer Behendigkeit und Gewandtheit tat, die allen Zuschauern Ausrufe der höchsten Bewunderung entlockte. Nachdem alle das Blindekuhspiel satt hatten, wurde eine große Drachenschnappe arrangiert und Rosinen aus brennendem Rum herausgefischt, und schließlich setzte man sich neben dem hoch auflodernden Feuer zu einem tüchtigen Nachtessen und einer mächtigen Schüssel, die etwas kleiner war als ein gewöhnlicher Waschkessel und in der die heißen Äpfel einladend und lustig zischten und tanzten, daß es eine Lust war.

„Ja, das ist“, sagte Mr. Pickwick und blickte rundum, „das ist wirkliche, köstliche Weihnachtsfreude.“

„Unser alter Brauch“, erwiderte Mr. Wardle. „Am Weihnachtsabend sitzen wir alle, samt und sonders, Herr und Diener, beisammen und warten, bis die Glocke zwölf Uhr schlägt und die Weihnacht einläutet, und vertreiben uns die Zeit mit Pfänderspielen und alten Geschichten. – Trundle, mein Junge, schür doch mal das Feuer an. Hm?“

Die hellen Funken flogen zu Tausenden auf, und die dunkelrote Flamme ergoß einen glänzenden Schein bis in die entfernteste Ecke der Küche und bestrahlte jedes Gesicht mit seinem heiteren Glanz.

Dann ging der Humpen herum, und Mr. Wardle stimmte unter großem Beifall ein fröhliches Lied an, und besonders die armen Vettern waren vor Entzücken ganz außer sich. Das Feuer wurde von neuem geschürt, und der Humpen machte wieder die Runde.

„Wie es schneit“, sagte einer von den Knechten leise.

„Schneien?“ fragte Wardle.

„Eine rauhe, kalte Nacht, Sir“, erwiderte der Mann, „und ein Wind geht, daß es den Schnee in dicken weißen Wolken über die Felder jagt.“ „Was sagt Jem?“ fragte die alte Dame. „Es ist doch kein Unglück passiert?“

Nein, nein, Mutter“, beruhigte sie Wardle. „Er spricht nur von einem Schneegestöber und von einem kalten, schneidenden Wind. Man hört’s aber auch am Sausen im Kamin.“

„Ach“, sagte die alte Dame, „vor fünf Jahren, vor dem Tod deines armen Vaters, ging auch ein solcher Wind. Es war auch Weihnachtsabend, und ich erinnere mich, daß er uns in derselben Nacht die Geschichte von den Gespenstern zählte, die den alten Gabriel Grub geholt haben.“ „Die Geschichte von was?“ fragte Mr. Pickwick.

„Ach nichts, nichts“, erwiderte Wardle. „Von einem alten Totengräber, von dem die guten Leute glauben, die Gespenster hätten ihn geholt.“ „Glauben?“ rief die alte Dame aus. „Ist jemand so verstockt, um es nicht zu glauben? Glauben! Hast du nicht schon als Kind gehört, daß er von den Gespenstern geholt wurde, und weißt du vielleicht nicht, daß es wirklich so ist?“

„Schon gut, Mutter, jaja. Also es war so, wenn du darauf bestehst“, sagte Wardle lachend. „Er wurde von den Gespenstern geholt, Pickwick, und damit gut.“

„Nein, nein“, rief Mr. Pickwick, „nicht ,damit gut‘. Ich muß doch wissen, wie und warum und so weiter.“

Wardle lächelte, als er sah, daß alle die Ohren spitzten, ließ jedem einschenken, trank Mr. Pickwick zu und begann die Geschichte von den Kobolden, die einen Totengräber entführten.

In einer alten Klosterstadt in diesem Teile unsrer Grafschaft wirkte vor langer, langer Zeit – vor so langer Zeit, daß die Geschichte wahr sein muß, weil unsre Urahnen schon unbedingt daran glaubten – ein gewisser Gabriel Grub als Totengräber auf dem Kirchhof. Daraus, daß ein Mann ein Totengräber und beständig von Sinnbildern der Sterblichkeit umgeben ist, folgt noch keineswegs, daß er ein mürrischer und melancholischer Mann sein muß. Die Leichenbesorger zum Beispiel sind die fröhlichsten Leute von der Welt, und ich hatte einmal die Ehre, mit einem sogenannten „Stummen“, Bern Gehilfen eines Begräbnisunternehmers, befreundet zu sein, der in seinem Privatleben und außer seinem Berufe ein so spaßhafter und jovialer Junge war, wie nur je einer ein lustiges Liedchen sang oder ein gutes, bis an den Rand gefülltes Glas Grog leerte, ohne den Atem zu verlieren. Allein Gabriel Grub war ein verdrießlicher, mürrischer, grämlicher Geselle – ein trübsinniger, menschenscheuer Kerl, der mit niemand als mit sich selbst und einer alten korbumflochtenen Flasche, die genau in seine große, tiefe Westentasche paßte, Umgang pflog und jedes fröhliche Gesicht mit einem solch bösartigen und verdrießlichen Blick ansah, daß man ihm nicht begegnen konnte, ohne sich verstimmt zu fühlen.

An einem Weihnachtsabend, als es eben zu dämmern begann, schulterte Gabriel seinen Spaten, zündete seine Laterne an und begab sich nach dem alten Kirchhof, denn er mußte bis zum nächsten Morgen ein Grab geschaufelt haben. Als er die gewohnte Straße entlangging, sah er durch die alten Fenster den Glanz des Feuers lustig schimmern und hörte lauten Jubel und fröhliches Lachen. Er gewahrte die geschäftigen Vorbereitungen für den folgenden Tag und roch die vielen herrlichen Düfte, die ihm aus den Küchenfenstern entgegenwogten. All das war seinem Herzen Galle und Wermut, und wenn hie und da eine Kinderschar aus den Häusern heraushüpfte, über die Straße sprang und, ehe sie noch an der gegenüberstehenden Tür anklopfen konnte, von einem Halbdutzend kleiner Lockenköpfe empfangen und zum gemeinsamen Spiel und Fest eingeladen wurde, lächelte er grimmig, faßte seinen Spaten fester und dachte an Masern, Scharlach, Halsentzündung, Keuchhusten und andre Trostquellen.

In solch glücklicher Gemütsverfassung schritt Gabriel seines Weges, die freundlichen Grüße der Nachbarn, die dann und wann an ihm vorüberkamen, mit einem kurzen mürrischen Knurren erwidernd, bis er in das dunkle Gäßchen einbog, das auf den Kirchhof führte. Er hatte sich bereits danach gesehnt, denn es war ein düsteres, trauriges Stück Weg, das die Leute aus der Stadt nur am hellen Mittag besuchten, wenn die Sonne schien. Er war daher nicht wenig entrüstet, als er mitten in diesem Heiligtum, das seit den Tagen des alten Klosters und der geschorenen Mönche das Sarggäßchen genannt wurde, eine Kinderstimme ein lustiges Weihnachtslied singen hörte. Als er weiterging und die Stimme näher kam, bemerkte er, daß sie einem kleinen Jungen angehörte, der mit schnellen Schritten das Gäßchen herabeilte, um eine von den kleinen Gesellschaften in der alten Straße zu treffen, und teils zur Unterhaltung, teils zur Vorbereitung auf die bevorstehende Feier aus vollem Halse sang. Gabriel wartete, bis der Junge vorbeikam, drückte ihn dann in eine Ecke und schlug ihm fünf- bis sechsmal die Laterne um die Ohren, nur um ihm das Modulieren zu lehren, und als der Knabe die Hand an den Kopf hielt und eine ganz andre Weise anstimmte, lachte Gabriel herzlich, trat in den Kirchhof und schloß das Tor hinter sich.

Er legte seinen Rock ab, stellte seine Laterne auf den Boden, stieg in das angefangne Grab und arbeitete wohl eine Stunde lang mit regem Eifer. Aber die Erde war hartgefroren, und es ging nicht so leicht, die Schollen aufzubrechen und hinauszuschaufeln, und wenn auch der Mond am Himmel stand, so war er kaum erst sichelförmig und warf nur einen matten Schein auf das Grab, das überdies noch im Schatten der Kirche lag. Zu jeder andern Zeit hätten diese Hindernisse Gabriel Grub sehr verdrießlich und mürrisch gemacht, aber es freute ihn so sehr, dem Jungen das Singen vertrieben zu haben, daß er sich über den langsamen Fortgang der Arbeit wenig grämte, und nachdem er sie für diesen Abend vollendet hatte, sah er mit grimmiger Lust in das Grab hinunter und brummte, sein Handwerkszeug zusammenraffend:

Billige Wohnung für jung und alt,
Schwarze Erde naß und kalt;
Ein Stein zu Häupten, ein Stein zu Fuß,
Und für die Würmer ein Hochgenuß.

„Ho! ho!“ lachte er, setzte sich auf den niedrigen Grabstein, auf dem er gewöhnlich ausruhte, und zog seine Weidenflasche hervor. „Ein Sarg um Weihnachten – auch ein Weihnachtsgeschenk. Ho! ho! ho!“

„Ho! ho! ho!“ wiederholte eine Stimme dicht neben ihm. Gabriel hielt erschrocken in seinem Geschäft, die Flasche an die Lippen zu setzen, inne und sah sich rings um. Der Grund des ältesten Grabes konnte nicht stiller und ruhiger sein als der Kirchhof im blassen Mondlicht. Der Rauhreif funkelte auf den Grabsteinen und blitzte gleich Diamanten auf dem steinernen Bildwerk der alten Kirche. Der Schnee lag hart und krustig wie eine weiße, glatte Decke über den Grabhügeln, als hätten die Leichen ihre Sterbetücher ausgebreitet Nicht das geringste Geräusch unterbrach die tiefe, feierliche Stille. Der Schall selbst schien erfroren zu sein, so kalt und ruhig war alles.

„Es war der Widerhall“, sagte Gabriel Grub und setzte die Flasche wieder an seine Lippen.

„Er war es nicht„, antwortete eine tiefe Stimme.

Gabriel sprang auf und blieb vor Bestürzung und Schrecken wie angewurzelt stehen, denn seine Augen ruhten auf einer Gestalt, deren Anblick ihm das Blut erstarren machte.

Auf einem aufrecht stehenden Grabstein dicht neben ihm saß ein seltsames, überirdisches Wesen, und Gabriel fühlte sogleich, daß es nicht von dieser Welt sein konnte. Die langen phantastischen Beine, die den Boden leicht hätten erreichen können, waren hinaufgezogen und kreuzten sich auf eine seltsame Weise; die nervigen Arme waren nackt, und die Hände ruhten auf den Knien. Auf dem kurzen runden Leib trug die Gestalt ein eng anschließendes Gewand, mit kleinen Litzen verziert, und auf dem Rücken hing ihr ein kurzer Mantel. Der Kragen war in seltsame Spitzen ausgeschnitten, die dem Gespenst als Krause oder Halstuch dienten, und die Schuhe liefen an den Zehen in lange Hörner aus. Auf dem Kopf trug es einen breitkrempigen Zuckerhut mit einer einzigen Feder. Das Gespenst, ganz mit Reif überzogen, sah aus, als säße es schon ein paar Jahrhunderte lang ganz behaglich auf dem Grabstein. Es saß vollkommen still, bleckte wie zum Hohn die Zunge heraus und sah Gabriel Grub mit einem Grinsen an, wie es eben nur ein Gespenst zuwege zu bringen vermag.

„Es war nicht der Widerhall“, wiederholte das Phantom.

Gabriel Grub war wie gelähmt und konnte kein Wort hervorbringen.

„Was hast du hier am Heiligen Abend zu schaffen?“ fragte das Gespenst mit strengem Ton.

„Ich mußte ein Grab schaufeln, Sir“, stammelte Gabriel.

„Welcher Sterbliche wandelt in einer Nacht wie diese auf Gräbern und Kirchhöfen?“

„Gabriel Grub! Gabriel Grub!“ schrie ein Chor wilder Stimmen, daß der Kirchhof widerhallte. Gabriel sah sich erschrocken rings um, konnte aber nichts entdecken.

„Was hast du in der Flasche da?“ fragte das Gespenst.

„Wacholder, Sir“, erwiderte der Totengräber und zitterte noch heftiger, denn er hatte den Schnaps von Schmugglern gekauft und dachte, das Gespenst könne vielleicht Beziehungen zum Zollamt haben.

„Wer wird auch in einer Nacht, wie diese ist, allein und auf dem Kirchhof Wacholder trinken?“ fragte das Gespenst.

„Gabriel Grub! Gabriel Grub!“ riefen die wilden Stimmen wieder. Das Gespenst warf einen boshaften Blick auf den erschrockenen Totengräber und fragte weiter mit erhobener Stimme:

„Und wer ist also unser gesetzmäßiges und rechtmäßiges Eigentum?“

Auf diese Frage antwortete der unsichtbare Chor mit einem Gesang, wie von einer großen Menschenmenge bei vollem Spiel der alten Kirchenorgel – eine Weise, die wie auf Windesflügeln zu den Ohren des Totengräbers getragen wurde und wie ein leichtes vorüberschwebendes Lüftchen hinstarb. Aber der Refrain war immer der gleiche; „Gabriel Grub! Gabriel Grub!“

Noch unheimlicher als zuvor grinste das Gespenst und sagte:

„Nun, Gabriel, was meinst du dazu?“

Der Totengräber rang nach Atem.

„Was meinst du hierzu, Gabriel?“ wiederholte das Phantom, zog seine Beine an beiden Seiten des Grabsteines hinauf und betrachtete die Hörner seiner Schuhe mit einem Wohlgefallen, als hätte es das modernste Paar Wellington-Stiefel von der ganzen Bondstreet an.

„’s ist – ’s ist – ganz kurios, Sir“, stammelte der Totengräber, halbtot vor Schrecken. „Ganz kurios und sehr hübsch; aber ich denke, ich konnte wieder ans Geschäft gehen und meine Arbeit vollenden, wenn Sie erlauben.“

„Arbeit?“ sagte das Gespenst. „Was für eine Arbeit?“

„Das Grab, Sir, das Grab“, stotterte der Totengräber.

„So, so, das Grab. Wer wird auch Gräber schaufeln und eine Freude daran finden, wenn alle übrigen Menschenkinder fröhlich sind!“

Und wieder riefen die geheimnisvollen Stimmen: „Gabriel Grub! Gabriel Grub!“

„Ich fürchte, Gabriel, meine Freunde begehren dein“, sagte das Gespenst und bleckte die Zunge noch weiter heraus, und es war eine fürchterliche Zunge. „Ich fürchte, Gabriel, meine Freunde begehren dein.“

„Mit Verlaub, Sir“, erwiderte der Totengräber schreckensbleich, „das ist nicht gut möglich, Sir; sie kennen mich nicht, Sir, und ich glaube nicht, daß mich die Herren je gesehen haben, Sir.“

„Da irrst du dich aber gründlich“, versetzte der Kobold. „Man kennt den Mann mit dem grämlichen, finsteren Gesicht gar wohl, der diesen Abend die Straße heraufkam und seine boshaften Blicke auf die Kinder warf und dabei sein Grabscheit fester an sich drückte. Man kennt doch den Mann, der in der Mißgunst seines Herzens den jungen schlug, bloß weil dieser heiter sein konnte und er nicht. Man kennt ihn, man kennt ihn.“ Und das Gespenst schlug ein lautes, gellendes Gelächter an, das das Echo zwanzigfältig zurückgab, zog seine Beine hinauf, stellte sich auf dem schmalen Rand des Grabsteines auf den Kopf oder vielmehr auf die Spitze seines Zuckerhutes und schoß mit außerordentlicher Gewandtheit einen Purzelbaum, der es gerade vor die Füße des Totengräbers brachte, wo es sich dann in der Stellung niederließ, die gewöhnlich die Schneider auf ihrem Arbeitstisch einnehmen.

„Es – es – tut mir wirklich leid, daß ich Sie verlassen muß, Sir“, begann der Totengräber und machte eine Bewegung, sich zu entfernen.

„Uns verlassen?“ rief das Gespenst. „Gabriel Grub will uns verlassen! Ho! ho! ho!“

In diesem Augenblick flammten die Kirchenfenster auf, als ob das ganze Gebäude in Brand stünde, dann erloschen die Lichter, die Orgel ertönte, und ganze Trupps von Kobolden, dem ersten wie aus dem Gesicht geschnitten, wogten in den Kirchhof herein und begannen über die Grabsteine Bock zu springen, immer einer hinter dem andern, ohne Atem zu schöpfen. Das erste Gespenst war ein ausgezeichneter Springer und mit ihm konnte sich keins von den andern messen; sogar in seiner außerordentlichen Angst bemerkte der Totengräber unwillkürlich, daß es im Gegensatz zu seinen Freunden, die sich damit begnügten, über gewöhnliche Grabsteine wegzusetzen, Familiengewölbe samt eisernen Gittern und allem Dazugehörigen mit Leichtigkeit übersprang, als wären es Meilensteine.

Endlich erreichte das Spiel eine betäubende Geschwindigkeit; die Orgel spielte schneller und schneller, und die Gespenster sprangen höher und höher, ballten sich wie Kugeln zusammen, rollten über den Boden hin und schnellten gleich Federbällen über die Grabsteine weg. Dem Totengräber wirbelte der Kopf und seine Beine wankten unter ihm, da schoß plötzlich der Gespensterkönig auf ihn zu, packte ihn am Kragen und fuhr mit ihm in die Erde hinab.

Als Gabriel Grub wieder Atem schöpfen konnte, sah er sich in einer Art großer Höhle, auf allen Seiten von einer Menge häßlicher, grimmig aussehender Kobolde umringt. In der Mitte saß auf einem erhöhten Sitz sein Freund vom Kirchhof, und neben ihm stand er selbst, der Fähigkeit, sich zu bewegen, gänzlich beraubt.

„Eine kalte Nacht“, sagte der König der Gespenster. „Eine sehr kalte Nacht. Holt uns ein Gläschen Warmen.“

Sofort verschwanden ein halbes Dutzend dienstbare Geister, auf deren Gesichtern ein beständiges Lächeln lag, was Gabriel vermuten ließ, daß es Höflinge seien, und kehrten sogleich mit einem Becher flüssigen Feuers zurück, den sie dem König kredenzten.

„Ah“, sagte das Gespenst, dessen Wangen und Kehle ganz durchsichtig wurden, als es die Flamme in sich sog, „das wärmt. Reicht Mr. Grub auch einen Becher.“

Vergebens wendete der unglückliche Totengräber ein, es sei ganz gegen seine Gewohnheit, bei Nacht etwas Warmes zu sich zu nehmen. Eins von den Gespenstern hielt ihn fest und ein anderes goß ihm die lodernde Flüssigkeit in die Kehle. Die ganze Gesellschaft brach in ein schallendes Gelächter aus, als er hustete und keuchte und sich die Tränen abwischte, die der brennende Trank seinen Augen entlockt hatte.

„Und nun“, sagte der König, bohrte das spitzige Ende seines Zuckerhutes auf höchst phantastische Art dem Totengräber ins Auge und verursachte ihm dadurch die fürchterlichsten Schmerzen, „und nun zeigt dem Mann der mürrischen Sinnesart einige von den Gemälden aus unsrer großen Galerie!“

Eine dichte Wolke, die den Hintergrund der Höhle in Dunkel gehüllt hatte, wich allmählich zurück, und in weiter Ferne wurde ein ärmliches, aber reinliches Zimmer sichtbar. Eine Schar kleiner Kinder war um ein helles Feuer versammelt, zerrte die Mutter am Kleide und tanzte um ihren Stuhl herum. Von Zeit zu Zeit erhob sich die Frau und zog den Fenstervorhang zurück und schaute hinaus, als ob sie jemand erwarte. Auf dem Tisch stand ein frugales Abendessen bereit, und ein Armstuhl war an den Kamin gerückt. Dann hörte man ein Pochen an der Tür, die Mutter öffnete, und die Kinder umringten sie und klatschten vor Freude in die Hände, als ihr Vater eintrat. Er war naß und müde und schüttelte den Schnee von seinen Kleidern, und als er sich vor dem Feuer zum Mahle niedersetzte, kletterten die Kinder auf seine Knie, und die Mutter setzte sich neben ihn, und alle waren voll Lust und Freude.

Aber fast unmerklich änderte sich die Szene. Das Zimmer verwandelte sich in ein kleines Schlafgemach, in dem das hübscheste und jüngste Kind im Sterben lag. Die Rosen seiner Wangen waren verblichen und der Glanz seines Auges erstorben. Und sogar der Totengräber betrachtete es mit einer vorher nie gefühlten Teilnahme, als es verschied. Die jungen Brüder und Schwestern versammelten sich um das Bettchen und ergriffen die abgezehrte kleine Hand. Sie war so kalt und schwer, daß sie erschreckt zurückfuhren und mit Schauder in das Gesicht des Kindes sahen, das so ruhig und still dalag und friedlich zu schlummern schien. Sie fühlten daß es tot war und jetzt als Engel aus einem Himmel voll Glanz und Seligkeit auf sie herniederblickte.

Wieder zog sich die leichte Wolke über das Gemälde, und abermals änderte sich die Szene. Vater und Mutter waren jetzt alt und hilflos, und die Zahl der Ihrigen hatte sich um mehr als die Hälfte vermindert. Aber Zufriedenheit und Heiterkeit lagen auf jedem Gesicht und strahlten aus jedem Auge, als sie sich um das Feuer scharten und einander alte Geschichten aus längst vergangenen Tagen erzählten. Langsam und still sank der Vater ins Grab, und bald darauf folgte ihm die Gefährtin seiner Sorgen und Mühen an die Stätte der Ruhe und des Friedens. Die Überlebenden knieten an ihrem Grabe und benetzten den Rasen, der es bedeckte, mit ihren Tränen, standen dann auf und entfernten sich traurig und niedergeschlagen, aber nicht mit bitterem Jammer oder verzweiflungsvollem Wehklagen, denn sie wußten, daß sie sich dereinst wiederfinden würden. Sie gingen an ihr Tagwerk und erlangten wieder die frühere Zufriedenheit und Heiterkeit.

Dann senkte sich eine Wolke auf das Gemälde und entzog es den Blicken des Totengräbers.

„Was sagst du jetzt?“ fragte das Gespenst und wandte sein breites Gesicht Gabriel Grub zu.

Gabriel murmelte so etwas wie: Es sei recht hübsch, und schlug beschämt die Augen vor den feurigen Blicken des Gespenstes nieder.

„Du bist mir ein jämmerlicher Mensch!“ sagte der Kobold im Tone grenzenloser Verachtung. „Du!“ Er schien noch mehr hinzufügen zu wollen, aber der Unwille erstickte seine Stimme. Er hob eins seiner gelenkigen Beine, schwenkte es über dem Kopf hin und her, als ob er damit zielen wolle, und versetzte dann Gabriel Grub einen derben Fußtritt, worauf sogleich die ganze Gespensterschar den unglücklichen Totengräber umringte und schonungslos mit den Füßen mißhandelte, ganz wie die Höflinge auf Erden, die auch treten, wen ihr Herr tritt, und in den Himmel heben, wen ihr Herr in den Himmel hebt.

„Zeigt ihm noch einige Gemälde“, befahl der König der Kobolde.

Die Wolke verschwand, und eine reiche, schöne Landschaft wurde sichtbar. Noch heutzutage sieht man eine solche eine halbe Meile von der alten Klosterstadt entfernt. Die Sonne leuchtete am reinen blauen Himmelszelt, das Wasser funkelte unter ihren Strahlen, und die Bäume sahen grüner und die Blumen heiterer unter ihrem belebenden Einfluß aus. Die Wellen schlugen plätschernd ans Ufer, die Bäume rauschten im leichten Winde, der durch ihr Laubwerk säuselte, die Vögel sangen auf den Zweigen, und die Lerche trillerte hoch in den Lüften ihr Morgenlied. Es war Frühe, ein schöner, duftender Sommermorgen; das kleinste Blatt, der dünnste Grashalm atmete Leben, die Ameise eilte an ihr Tagewerk; der Schmetterling flatterte spielend in den wärmenden Strahlen des Lichtes; Myriaden von Insekten entfalteten ihre durchsichtigen Flügel und freuten sich ihres kurzen glücklichen Daseins, und der Mensch weidete sein Auge an der blühenden Schöpfung, und alles war voll Glanz und Herrlichkeit.

„Du bist mir ein erbärmlicher Mensch!“ sagte der König der Gespenster noch verächtlicher als zuvor. Und wieder zielte er mit seinem Fuß, und wieder ließ er ihn auf die Schultern des Totengräbers niederfallen, und wieder ahmten die untergebenen Kobolde das Beispiel ihres Oberhauptes nach. Noch viele Male verschwand und erschien die Wolke, und manche Lehre erhielt Gabriel Grub, der mit einer Teilnahme zusah, die nichts zu vermindern imstande war, so sehr ihn auch seine Schultern von den Fußtritten der Kobolde schmerzten. Er sah, daß Menschen, die durch saure Arbeit ihr spärliches Brot im Schweiße ihres Angesichts erwarben, heiter und glücklich sein konnten und daß für die Unwissendsten und Ärmsten das freundliche Gesicht der Natur ein nie versiegender Quell der Freude war. Er sah andre, die in Luxus und Reichtum erzogen worden, unter Entbehrungen heiter sein und über Leiden erhaben, die manchen aus festerem Holz niedergebeugt haben würden, denn sie trugen die Bedingungen ihres Glücks, ihrer Zufriedenheit und Ruhe in der eignen Brust. Er sah, daß Frauen, die zartesten und gebrechlichsten von allen Geschöpfen Gottes, oft mehr Kummer, Widerwärtigkeiten und Mißgeschick überwandten als stärkere, weil ihr Herz von Liebe und Hingebung überfloß. Und er erkannte, daß Menschen, wie er, die ob des Frohsinns anderer neidisch grollten, das schlechteste Unkraut auf der schönen Erde waren. Und wie er das Gute in der Welt mit dem Bösen verglich, kam er zu dem Schluß, daß es nach allem eine recht erträgliche und achtbare Welt sei. Und kaum hatte er sich dieses Urteil gebildet, als sich die Wolke, die das letzte Gemälde verhüllt hatte, auf seine Sinne niedersenkte. Ein Gespenst nach dem andern zerfloß vor seinen Augen, und als das letzte verschwunden war, sank er in tiefen Schlaf.

Der Tag war angebrochen, als Gabriel Grub erwachte und einer ganzen Länge nach auf einer Grabplatte im Kirchhof lag, und neben ihm die leere Weidenflasche und Rock, Spaten und Laterne, alles vom nächtlichen Reif überzogen. Der Stein, auf dem er das Gespenst hatte sitzen sehen, stand bolzengerade vor ihm, und nicht weit von ihm war das Grab, das er am Abend zuvor geschaufelt. Anfangs zweifelte er an der Wirklichkeit dessen, was er erlebt hatte; aber der stechende Schmerz in seinen Schultern, wenn er aufzustehen versuchte, brachte ihn zur Überzeugung, daß die Fußtritte der Gespenster keine Phantasiebilder gewesen. Er wurde zwar wieder wankend in seinem Glauben, als er keine Fußtapfen im Schnee fand, in dem die Kobolde mit den Grabsteinen Bocksprung gespielt hatten, aber schnell erinnerte er sich, daß Geister ja keine sichtbaren Eindrücke hinterlassen konnten. So erhob er sich denn, so gut es ihm seine Rückenschmerzen erlaubten, schüttelte den Reif von seinem Rock, zog sich an und wendete seine Schritte der Stadt zu.

Aber er war jetzt ein anderer Mensch und konnte den Gedanken nicht ertragen, an einen Ort zurückzukehren, wo man seiner Reue gespottet und seiner Bekehrung mißtraue hätte. Er schwankte einen Augenblick, dann aber schlug er den nächsten besten Weg ein, um sein Brot anderwärts zu suchen.

Laterne, Spaten und Weidenflasche wurden am nämlichen Tag auf dem Kirchhof gefunden. Anfangs stellte man allerlei Vermutungen über das Schicksal des Totengräbers an, aber bald setzte sich der Glaube fest, er sei von Kobolden entführt worden. Und es fehlte nicht an glaubwürdigen Zeugen, die ihn auf dem Rücken eines kastanienbraunen einäugigen Rosses mit dem Hinterteil eines Löwen und dem Schwanz eines Bären deutlich hatten durch die Luft reiten sehen. So wurde das Gerücht zur festen Annahme, und der neue Totengräber pflegte den Neugierigen gegen ein geringes Trinkgeld ein ziemlich großes Stück von dem Wetterhahn der Kirche zu zeigen, das, von dem besagten Pferde auf seiner Luftfahrt zufälligerweise abgestoßen, ein oder zwei Jahre nachher auf dem Kirchhof gefunden worden war.

Leider wurde der Glaube an diese Geschichte durch die unerwartete Erscheinung Gabriel Grubs selbst erschüttert. Er war wohl zehn Jahre älter, ein von der Gicht geplagter und heimgesuchter, aber zufriedener Greis und erzählte seine Geschichte dem Pfarrer und auch dem Bürgermeister, und im Laufe der Zeit wurde sie zur historischen Tatsache erhoben, als die sie noch bis auf den heutigen Tag gilt. Diejenigen, die zuerst an die Wetterhahngeschichte geglaubt und sich so getäuscht sahen, waren nicht so leicht wieder zu bewegen, ihren Glauben ein zweites Mal aufs Spiel zu setzen, und so taten sie denn, so weise sie konnten, zuckten die Achseln, schüttelten die Köpfe und murmelten so etwas, wie wenn Gabriel Grub den Wacholder ganz ausgetrunken hätte und dann auf der Grabplatte eingeschlafen wäre, und erklärten das, was er in der Gespensterhöhle gesehen haben wollte, dadurch, daß sie sagten, er habe inzwischen die Welt gesehen und sei durch Erfahrung klüger geworden. Aber diese Ansicht, die zu keiner Zeit viele Anhänger zählte, verlor sich allmählich, und die Sache mag sich nun so oder so abgespielt haben, da Gabriel Grub bis ans Ende seiner Tage von der Gicht heimgesucht wurde, so enthält diese Geschichte wenigstens eine Moral, und wenn sie auch nichts Besseres lehrt, so lehrt sie doch so viel: Wenn ein Mann um Weihnachten trübsinnig ist und allein trinkt, so wird dadurch sein Befinden nicht im geringsten verbessert, das Getränk mag so gut sein, wie es will, oder sogar noch um vieles besser und feuriger als das, das Gabriel Grub in der Gespensterhöhle trank oder getrunken zu haben glaubte.

Drittes Kapitel


Drittes Kapitel

Eine neue Bekanntschaft. Die Erzählung des wandernden Schauspielers. Eine unangenehme Störung und ein unerfreuliches Zusammentreffen.

Mr. Pickwick war in. Sorgen wegen des ungewöhnlich langen Ausbleibens seiner zwei Freunde, und ihr geheimnisvolles Benehmen während des ganzen Morgens trug keineswegs dazu bei, sie zu vermindern. Um so größer war seine Freude, als er sie wieder ins Zimmer treten sah; und nun ging es an ein Fragen, was ihn so lange ihrer Gesellschaft beraubt hatte. Mr. Snodgraß schickte sich eben an, eine getreue, umständliche Erzählung der Begebnisse des Tages zu beginnen, als er plötzlich innehielt, weil er bemerkte, daß außer Mr. Tupman auch noch ihr Reisegefährte von gestern und ein zweiter Fremder von gleich wunderlichem äußern zugegen waren – ein Mann, dessen fahles Gesicht und eingesunkene Augen von Leid und Kummer erzählten, während das straffe schwarze Haar, das ihm wirr über die Stirne herunterhing, die von Natur schon genug markierten Züge nur noch auffallender erscheinen ließen. Seine stechenden Augen hatten einen fast unnatürlichen Glanz, seine Backenknochen traten stark hervor, und sein Unterkiefer war so lang und hager, daß man hätte glauben können, seine Wangen waren für einen Augenblick verkrampft und eingesaugt, wenn nicht der halb geöffnete Mund und der unbewegliche Ausdruck bewiesen hätten, daß der Mann sich nicht verstellte. Um den Hals trug er einen grünen Schal geschlungen, dessen breite Enden über die Brust herunterhingen und sogar noch durch die Knopflöcher seiner alten Weste hervorsahen. Außerdem trug er einen langen schwarzen Überrock, weite braune Beinkleider, und große schadhafte Stiefel.

Mr. Winkles Blick haftete noch auf dieser nicht sehr einladenden Erscheinung, als Mr. Pickwick mit ausgestreckter Hand auf ihn zuging und ihm den Fremden mit den Worten „Ein Freund unsres Freundes hier“ vorstellte.

„Wir haben diesen Morgen in Erfahrung gebracht“, fuhr er fort, „daß unser Freund mit dem hiesigen Theater in Verbindung steht, obgleich er nicht wünscht, daß es allgemein bekannt werde, und gegenwärtiger Herr ist gleichfalls Schauspieler. Er war eben im Begriff, uns mit einer kleinen Erzählung zu erfreuen, als Sie eintraten.“

„Ein wahres Anekdotenbuch“, erklärte der Grünrock von gestern in leisem, vertraulichem Ton zu Mr. Winkle. „Possierlicher Bursche – bloß Statist – kein eigentlicher Schauspieler – wunderlicher Mensch – Unglück aller Art gehabt – allgemein unter dem Namen ,der Trübsal-Jemmy‘ bekannt.“

Mr. Winkle und Mr. Snodgraß bewillkommneten den ihnen als „Trübsal-Jemmy“ bezeichneten Herrn höflich, bestellten Brandy mit Wasser, um es der übrigen Gesellschaft gleichzutun, und setzten sich an den Tisch.

„Nun, Sir, würden Sie uns jetzt das Vergnügen machen, mit Ihrer Erzählung fortzufahren?“ fragte Mr. Pickwick.

Der Trübsinnige zog eine schmutzige Papierrolle aus der Tasche und wandte sich mit einer Grabesstimme, die mit seiner äußeren Erscheinung gut harmonierte, an Mr. Snodgraß, der eben sein Notizbuch zur Hand genommen hatte:

„Sind Sie Dichter?“

„Ich – ich versuche mich bisweilen in poetischen Leistungen“, antwortete Mr. Snodgraß, etwas verblüfft über diese plötzliche Frage.

„Ach, Poesie ist für das Leben, was Licht und Musik für die Bühne. Nimmt man dem einen seinen falschen Glanz und der ändern ihre Illusionen – bleibt dann in Wirklichkeit noch etwas, was des Lebens und der Sorge wert wäre?“

„Sehr wahr, Sir“, seufzte Mr. Snodgraß.

„Vor den Lampen des Proszeniums sitzen“, fuhr der Trübsinnige fort, „heißt soviel, wie ein großartiges Hofgepränge schauen und die seidnen Gewänder der prachtliebenden Menge bewundern – hinter ihnen sein, bedeutet die Drähte all dieser Puppen ziehen, unbeachtet bleiben und unbekannt, wo niemand sich kümmert, ob die armen Unglücklichen schwimmen oder sinken, leben oder Hungers sterben, wie es gerade das Schicksal fügt.“

„Mag sein“, entgegnete Mr. Snodgraß, denn das eingesunkene Auge des Trübsinnigen ruhte auf ihm, und er fühlte die Notwendigkeit, etwas zu sagen.

„Weiter, Jemmy!“ sagte der spanische Reisende. „Nicht alles ins Tragische – kein Gejammer – frisch – munter!“

„Wollen Sie sich nicht ein Glas einschenken, ehe Sie anfangen, Sir?“ fragte Mr. Pickwick.

Der Trübsinnige nahm die Einladung an, mischte sich ein Glas Brandy, schluckte langsam die Hälfte hinunter, öffnete dann seine Papierrolle und begann folgende Geschichte, die sich in den Klubakten mit der Aufschrift „Erzählung des wandernden Schauspielers“ vorfindet, halb lesend, halb aus dem Gedächtnis vorzutragen.

Einundzwanzigstes Kapitel


Einundzwanzigstes Kapitel

In dem der alte Mann sich über sein Lieblingsthema verbreitet und eine Geschichte von einem merkwürdigen Klienten erzählt.

„Hallo, wer hat da etwas von den Inns gesagt?“ fragte der alte Mann.

„Ich, mein Herr“, entgegnete Mr. Pickwick. „Ich meinte nur, was für sonderbare alte Plätze das seien.“

„Sie?“ sagte der Alte verächtlich. „Was wissen Sie von der Zeit, wo sich junge Leute dort in diesen einsamen Räumen einschlössen und lasen und nichts als lasen, Stunde für Stunde und Nacht für Nacht, bis ihr Verstand unter dem Druck ihrer mitternächtlichen Studien fast erlag, bis ihre Geisteskräfte erschöpft waren und ihnen das Morgenlicht keine Erquickung, keine Gesundheit mehr brachte und sie unter der unnatürlichen Anstrengung, die trockenen alten Bücher zu bewältigen, zusammenbrachen? Und um davon zu reden, was dann folgte. Was wissen Sie von dem allmählichen Dahinsiechen unter den verzehrenden Fiebern der Schwindsucht – von den Folgen des flotten Lebens und der Ausschweifung, denen so viele in denselben Räumen zum Opfer gefallen sind? Wie viele Unglückliche haben vergebens um Gnade gefleht, was glauben Sie wohl, und sind mit gebrochnem Herzen aus den Kanzleien der Gerichtsanwälte hinausgewankt, um eine Ruhestätte in der Themse oder eine Zuflucht im Gefängnis zu finden? Das sind keine gewöhnlichen Häuser! Da ist nicht ein Brett in dem alten Getäfel, das, wenn es die Gabe der Sprache und der Erinnerung hätte, nicht aus der Wand hervorspringen und seine Schreckensgeschichte, den Roman eines Lebens, Sir – den Roman eines Lebens –, erzählen könnte! So alltäglich sie auch jetzt aussehen mögen, so sage ich Ihnen, es sind seltsame alte Gebäude, und ich möchte lieber so manche grauenhafte Sage als ihre alten Zimmerreihen wahre Geschichten erzählen hören.“

Es lag etwas so Sonderbares in der plötzlichen Aufregung und der Redeweise des Alten, daß Mr. Pickwick kein Wort der Erwiderung fand. Der Alte beruhigte sich, und sein Gesicht nahm den lauernden Seitenblick wieder an, der während seiner Aufregung verschwunden war.

„Und in einem andern Lichte – dem alltäglichen und am wenigsten romantischen – gesehen, welch kostbare Stätten für ein langsames Martyrium sie sind! Denken Sie sich die vielen Bedürftigen, die ihr Alles zugesetzt, sich an den Bettelstab gebracht und ihre letzten Hilfsquellen erschöpft haben, um sich einen Erwerb zu verschaffen, der ihnen dann nicht einen Bissen Brot abwarf. Erwartung – Hoffnung – Verzweiflung – Furcht – Elend – Armut – Vernichtung aller Aussichten – und das Ende der Laufbahn? Vielleicht der Selbstmord oder, noch schlimmer, das grauenhafte Dasein eines zerlumpten Trunkenboldes. Habe ich nicht recht, he?“

Der alte Mann rieb sich die Hände und spähte mit lauerndem Blick verzückt umher, als ob er sich freue, einen neuen Gesichtspunkt gefunden zu haben, von dem aus er seine Lieblingsbetrachtrungen anstellen könne.

Mr. Pickwick war ganz Auge und Ohr, und die übrigen Mitglieder der Gesellschaft lächelten stumm vor sich hin.

„Sprecht mir nicht von euren deutschen Universitäten“, fuhr der kleine alte Mann fort. „Pah, pah! Wir haben hierzulande Romantik genug; man braucht keine halbe Meile weit zu gehen. Die Leute denken nur nicht daran.“

„Ich wenigstens habe noch nie an die Romantik dieses Ortes gedacht“, gab Mr. Pickwick lächelnd zu.

„Das glaube ich gern“, erwiderte der Alte. „Auch einer meiner Freunde pflegte immer zu fragen: ,Was ist denn Besonderes an diesen Zimmern?‘ – .Seltsam alte Räume sind’s‘, antwortete ich. – Lächerlich‘, meinte er. – ,Sie sind einsam‘, bemerkte ich. – Aber ganz und gar nicht‘, erwiderte er. – Eines Morgens wurde er vom Schlage gerührt, als er eben seine Tür öffnen wollte. Er fiel mit dem Kopf in seinen Briefkasten, und dort lag er anderthalb Jahre lang. Alle glaubten, er wäre aufs Land gezogen.“

„Und wie fand man ihn endlich?“ fragte Mr. Pickwick.

„Das Gericht beschloß, die Tür aufbrechen zu lassen, da er seit zwei Jahren keine Miete bezahlt hatte. Es geschah. Das Schloß wurde erbrochen, und dem Hausmeister, der die Tür öffnete, fiel ein staubiges Gerippe in einem blauen Rock, kurzen schwarzen Beinkleidern und seidenen Strümpfen nach vorn in die Arme. Seltsam das, recht seltsam, nicht wahr?“ Und dar kleine Alte neigte seinen Kopf noch mehr auf die Seite und rieb sich die Hände mit unaussprechlichem Behagen.

„Ich kenne noch einen andern Fall, der sich in Cliffords Inn zutrug. Der Bewohner einer Mansarde – ein arger Taugenichts – schloß sich eines Tages in einen Verschlag in seiner Schlafkammer ein und nahm eine Dosis Arsenik. Der Hausmeister dachte, er sei mit dem Zins durchgegangen, öffnete und nahm ein Verzeichnis seiner Habseligkeiten auf. Ein andrer Mieter kam, nahm die Zimmer, möblierte sie und zog ein. Aber sonderbar, er konnte nicht schlafen. Es war ihm überall unruhig und beklommen zumute. Seltsam, dachte er, ich will das andre Zimmer zu meinem Schlafraum und dies zu meiner Wohnstube machen. Gesagt, getan. Er schlief in der Nacht sehr gut, aber bald fand er, daß er des Abends nicht lesen konnte. Es wurde ihm ängstlich und unbehaglich, er putzte unaufhörlich seine Kerze und starrte im Zimmer umher. – Ich weiß nicht, was das ist, sagte er sich, als er eines Abends spät nach Hause kam und, den Rücken gegen die Wand gekehrt, um sich nicht einbilden zu können, daß jemand hinter ihm stehe, ein Glas kalten Grog trank. Ich weiß nicht, was das ist – und in demselben Augenblick fiel sein Blick auf den Verschlag, der bisher immer verschlossen gewesen war, und ein Schauder überlief ihn vom Kopf bis zu den Füßen. Ich habe dieses seltsame Gefühl schon früher gehabt, sagte er sich, es muß mit diesem Verschlag etwas nicht richtig sein. Er nahm all seinen Mut zusammen, zerschmetterte das Schloß mit dem Schüreisen, öffnete die Tür …, entsetzlich, da stand aufrecht und kerzengerade in der Ecke der letzte Mieter, ein Fläschchen fest in der Hand und das Gesicht … Na!“

Jack Bamber schwieg und sah die aufmerksamen Gesichter seiner erstaunten Zuhörer mit einem Lächeln grimmiger Freude an. „Was für seltsame Dinge erzählen Sie uns da?“ sagte Mr. Pickwick und studierte aufmerksam durch seine Brillengläser die markanten Züge des alten Mannes.

„Seltsam? Unsinn! Sie halten sie nur für seltsam, weil sie Ihnen neu sind. Sie sind spaßhaft, aber nicht außergewöhnlich.“

„Spaßhaft!?“ rief Mr. Pickwick unwillkürlich.

„Ja, spaßhaft. Oder sind sie’s etwa nicht?“ versetzte der kleine Alte mit einem satanischen Seitenblick und fuhr, ohne eine Antwort zu erwarten, fort. „Ich kannte noch einen andern – warten Sie mal, ja, es mögen jetzt vierzig Jahre sein –, der mietete eine alte, dumpfe Reihe von Zimmern in einem der ältesten Inns, die seit Jahren verschlossen und leer gestanden hatten. Man erzählte sich eine Menge Altweibergeschichten über die Wohnung, und in der Tat gehörte sie auch keineswegs zu den freundlichsten. Aber er war arm, und die Zimmer kosteten wenig – Grund genug für ihn, sie zu mieten, wenn sie auch noch zehnmal greulicher gewesen wären. Er mußte einige alte wurmstichige Hausgeräte mit in Kauf nehmen, darunter einen riesigen Kloben von Aktenschrank mit großen Glastüren und einem grünen Vorhang dahinter; ein ziemlich unnützes Ding für ihn, da er weder Dokumente noch Bücher besaß, um sie hineinzutun, und was seine Garderobe anbelangte, sie so ziemlich vollständig am Leibe trug, ohne sich sonderlich dadurch beschwert zu fühlen. Er hatte seine ganze Habe herbeischaffen lassen – es war nicht ganz ein Karren voll – und sie im Zimmer auf eine Art verteilt, daß seine vier Stühle womöglich den Eindruck von einem Dutzend machen sollten. Eines Abends saß er vor dem Fenster und trank das erste Glas von zwei Gallonen Whisky, die er einstweilen auf Kredit genommen hatte, und stellte dabei Betrachtungen an, ob er sie jemals werde bezahlen können, und wenn, nach wieviel Jahren bestenfalls – als seine Augen auf die Glastüren des Aktenschranks fielen. Ja‘, seufzte er, ,wenn ich nicht genötigt gewesen wäre, dieses häßliche Ding da nach der Schätzung des alten Maklers anzunehmen, so hätte ich mir für das Geld etwas Ordentliches anschaffen können. Ich will dir was sagen, alter Bursche‘, sagte er laut zu dem Schrank, bloß weil er sonst niemand hatte, mit dem er sprechen konnte, ,wie wär’s, wenn wir mit deinem morschen Gerippe vielleicht einheizen würden?‘

Kaum hatte er diese Worte gesprochen, als aus dem Innern des Kastens ein Laut hervorkam, der einem schwachen Ächzen glich. Es erschreckte ihn anfangs; aber nachdem er einen Moment nachgedacht hatte, meinte er, es müßte von irgendeinem jungen Manne im anstoßenden Zimmer herrühren, der vielleicht beim Mittagessen seinen Magen überladen hatte, setzte seinen Fuß auf das Kamingitter und nahm das Schüreisen zur Hand, um die Kohlen aufzurühren. In diesem Augenblick wiederholte sich der Laut. Eine von den Glastüren öffnete sich ganz langsam, und eine blasse, abgemagerte Gestalt in einem schmutzigen, abgetragenen Anzüge wurde sichtbar, aufrecht im Schranke stehend. Sie war groß und hager, und das Gesicht drückte Gram und Betrübnis aus, aber es lag etwas in der Farbe und dem fleischlosen, unirdischen Aussehen der ganzen Erscheinung, was keinem Bewohner dieser Welt angehören konnte. ,Wer sind Sie?‘ fragte der neue Mieter, totenblaß vor Entsetzen, hob das Schüreisen auf und zielte nach dem Gesicht der Gestalt. ,Wer sind Sie?‘ – Wirf das Eisen nicht nach mir‘, erwiderte das Phantom. ,Wenn du auch noch so richtig zieltest, es würde durch mich hindurch in die Wand hinter mir fahren. Ich bin ein Geist.‘ – ,Und was wollen Sie denn hier?‘ stammelte der Mieter. – ,In diesem Zimmer‘, antwortete die Erscheinung, ,wurde mein irdisches Glück vernichtet und ich und meine Kinder zu Bettlern gemacht. In diesem Schranke wuchsen die Akten eines langen, langen Prozesses mit den Jahren zu hohen Stößen. In diesem Zimmer teilten, als ich vor Gram über meine fehlgeschlagenen Hoffnungen gestorben war, zwei listige Harpyen das Vermögen unter sich, um das ich während eines ganzen elenden Lebens gekämpft und gestritten hatte und von dem zuletzt nicht ein Penny für meine unglücklichen Nachkommen übrigblieb. Ich schreckte sie von diesem Platze weg und besuche nun seit jenem Tage jede Nacht – denn dies ist die einzige Zeit, in der es mir gestattet ist, auf die Erde zurückzukehren – den Schauplatz meines langen Elends. Dieses Zimmer gehört mir; überlaß es mir.‘ – ,Wenn Sie sich’s durchaus in den Kopf gesetzt haben, hier umzugehen‘, erwiderte der Mieter, der während dieser prosaischen Erzählung des Geistes Zeit gehabt hatte, sich zu sammeln, ,so will ich mit dem größten Vergnügen Ihren Wünschen entsprechen. Würden Sie aber vielleicht so freundlich sein, mir eine Frage zu gestatten?‘ – Sprich‘, sagte die Erscheinung ernst. – ,Ich beziehe meine Bemerkung nicht persönlich auf Sie‘, begann der Mieter, ,weil sie auf alle Geister, von denen ich je gehört habe, gleich anwendbar ist; aber es kommt mir wirklich etwas sonderbar vor, daß sie immer gerade auf diejenigen Plätze zurückkehren, wo sie am unglücklichsten gewesen sind, wo Ihnen doch „wahrscheinlich die schönsten Plätze der Erde leichter als uns zugänglich sind.‘ – ,Wahrhaftig, du hast ganz recht, an das habe ich noch gar nicht gedacht‘, versetzte der Geist. – ,Sie sehen‘, fuhr der Mieter fort, ,das ist ein sehr unwohnliches Zimmer. Dem äußeren Anschein nach zu urteilen, möchte ich fast behaupten, dieser Schrank ist nicht ganz frei von Wanzen, und ich glaube wirklich, Sie könnten weit wohnlichere Aufenthaltsorte finden. Vom Londoner Klima gar nicht zu sprechen, das bekanntlich durchaus nicht das angenehmste ist.‘ – ,Sie haben vollkommen recht, Sir‘, sagte das Phantom höflich. ,Das ist mir bis jetzt noch nicht eingefallen, aber ich will sogleich eine Luftveränderung vornehmen‘, und wirklich begann seine Gestalt, während es noch sprach, zu verschwinden, und bald waren seine Beine unsichtbar geworden. – ,Und wenn Sie‘, rief ihm der Mieter nach, ,wenn Sie die Güte haben wollen, auch die übrigen Damen und Herren, die in alten leeren Häusern spuken, darauf aufmerksam zu machen, daß sie sich anderswo weit besser befinden dürften, so würden Sie der menschlichen Gesellschaft einen sehr großen Dienst erweisen.‘ – ,Das will ich tun‘, erwiderte der Geist. ,Wir müssen wirklich ganz dumme Tröpfe sein, daß uns das nicht schon früher eingefallen ist; ich begreife gar nicht, wie man nur so borniert sein kann.‘ Mit diesen Worten verschwand er. Und was noch merkwürdiger ist“, fügte der Alte mit einem schlauen Blick auf die Gesellschaft hinzu, „er kam nicht wieder.“

„Gar nicht übel, wenn’s wahr ist“, bemerkte der Mann mit den Mosaikknöpfen und zündete sich eine frische Zigarre an.

„Wenn ?“ rief der Alte mit tiefster Verachtung. „Ich glaube“, wandte er sich an Lowten, „er wäre imstande, zu behaupten, daß auch meine Geschichte von dem seltsamen Klienten, den wir hatten, als ich noch Schreiber war, erfunden sei. Es sollte mich gar nicht wundern.“

„Ich erlaube mir gewiß nicht, etwas darüber zu sagen, denn ich habe die Geschichte noch nie gehört“, bemerkte der Besitzer der Mosaikverzierungen.

„Erzählen Sie sie doch, Sir“, drängte Mr. Pickwick.

„O ja, tun Sie es“, bat Lowten. „Ich bin der einzige hier, der sie kennt, und habe sie auch schon fast ganz vergessen.“

Der Alte sah sich rings an der Tafel um, und der lauernde Ausdruck in seinem Blick war noch viel stärker als vorher. Es war, als erfülle ihn die Spannung, die auf allen Gesichtern lag, mit einem wilden Entzücken. Dann begann er, strich sich mit der Hand das Kinn und blickte zur Decke empor wie, um die Begebenheiten in sein Gedächtnis zurückzurufen:

„Es kommt wenig darauf an, wo oder auf welche Weise ich zur Kenntnis folgender kurzer Geschichte gelangte. Wenn ich sie übrigens in der Reihenfolge erzählen wollte, in der ich sie erfuhr, so müßte ich in der Mitte beginnen und über den Schluß auf den Anfang zurückgehen. Es genügt, wenn ich bemerke, daß sie sich zum Teil vor meinen eignen Augen zugetragen hat und noch mehrere Personen am Leben sind, die sich ihrer noch gut zu erinnern wissen.

In der Borough High-Street bei der Saint-Georges-Kirche, und auch auf derselben Seite, steht, wie Sie wohl alle wissen, das kleinste unsrer Schuldgefängnisse, Marshalsea. Wenn es auch seit neuerer Zeit bei weitem nicht mehr der schmutzige Winkel ist, der es früher war, so hat es doch auch in seinem jetzigen verbesserten Zustand wenig Verführerisches für den Verschwender und nicht besonders Tröstliches für den unbesonnenen Schuldenmacher. Der zum Tod verurteilte Verbrecher in Newgate hat vielleicht einen geräumigeren Hofraum, um sich Bewegung zu machen und frische Luft zu schöpfen als der zahlungsunfähige Schuldner im Marshalsea-Gefängnis.

Es kann Einbildung von mir sein, oder vielleicht vermag ich den Ort nicht von den alten Erinnerungen zu trennen, die sich daran knüpfen, aber dieser Teil von London ist mir in der Seele zuwider. Die Straße ist breit, die Läden sind geräumig, das Geräusch der vorüberrasselnden Fuhrwerke, die Fußtritte eines ununterbrochenen Menschenstromes, kurz, das ganze laute geschäftige Treiben des Verkehrs ertönt in ihr vom Morgen bis Mitternacht, aber die Nebenstraßen sind schlecht und eng und erwecken die Vorstellung von Armut und Ausschweifung; Jammer und Elend sind in dem engen Gefängnis zusammengesperrt, und die ganze Umgebung macht, wenigstens auf mich, einen finstern, abschreckenden Eindruck.

So manche Augen, die sich seitdem längst für immer geschlossen haben, sind achtlos über diese Szenerie geschweift, wenn sich ihnen zum ersten Male das Tor des alten Marshalsea-Gefängnisses geöffnet hat, denn die Verzweiflung kommt selten mit dem ersten schweren Schicksalsschlag. Der Mensch baut gern auf unerprobte Freunde, erinnert sich der Liebesdienste, die sie ihm so freigebig anboten in Zeiten des Wohlergehens. Er hat Hoffnung – die Hoffnung der glücklichen Unerfahrenheit –, und wenn er auch vom ersten Schlage niedergebeugt wird, so keimt sie doch in seiner Brust und blüht für eine kurze Zeit, bis sie unter dem zerstörenden Einfluß der Enttäuschung und Verlassenheit dahinschwindet. Bald blickten dieselben Augen tief eingesunken und glanzlos aus Gesichtern, von Hunger abgezehrt und von der Haft welk geworden, in Tagen, wo es nicht bloß Redensart war, wenn man sagt, die Schuldner vermodern im Gefängnis ohne Hoffnung auf Erlösung und ohne Aussicht auf Freiheit! Solche Abscheulichkeiten kommen in ihrer vollen Härte heute wohl nicht mehr vor, aber es spielt sich immer noch genug ab, daß es einem das Herz zerreißen könnte.

Es sind jetzt zwanzig Jahre her, daß eine Mutter mit ihrem Kind, so gewiß, wie der Morgen kam, sich Tag für Tag an dem Gefängnistor zeigte. Oft kamen die beiden nach einer schlaflosen Nacht voll Jammer und Qual eine ganze Stunde zu früh, und dann ging die junge Mutter traurig wieder weg, führte das Kind nach der alten Brücke und nahm es auf den Arm, um ihm das im Licht der Morgensonne erglühende Wasser zu zeigen und es durch den Anblick des auf dem Strome erwachenden, munteren Lebens für eine kurze Spanne Zeit zu zerstreuen. Doch bald setzte sie immer wieder das Kleine nieder, verbarg das Gesicht in ihrem Tuch und ließ den Tränen freien Lauf, denn kein Ausdruck von Interesse oder Freude leuchtete aus dem abgemagerten Gesichtchen. Erinnerungen hatte das Kind nicht viele, aber sie waren sämtlich von derselben Art – alle mit der Armut und dem Elend seiner Eltern verknüpft. Stundenweise saß es auf den Knien seiner Mutter und beobachtete mit kindlichem Mitgefühl die Tränen, die sich über ihre Wangen stahlen, schlich dann still in einen dunklen Winkel und schluchzte sich in Schlaf. Die rauhe Wirklichkeit des Lebens mit so vielen von seinen traurigsten Entbehrungen – Hunger und Durst, Kälte und Mangel – hatte es seit dem ersten Aufdämmern seiner Vernunft erfahren.

Und wenn es auch den Jahren nach ein kleines Kind war, so fehlte ihm doch der leichte Sinn und das fröhliche Lachen.

Vater und Mutter sahen das alles gar wohl, aber sie wagten dem keine Worte zu geben, was sie tief innerlich befürchteten. Der gesunde, starke Mann, der sonst beinahe jede Anstrengung hätte ertragen können, schwand unter dem lastenden Druck der Haft und der ungesunden Luft eines vollgepfropften Gefängnisses sichtlich dahin. Die zarte Frau wankte unter dem Zusammenwirken körperlicher und geistiger Leiden dem Grabe entgegen, und an des Kindes Herzen nagte der Tod.

Der Winter kam, und mit ihm die kalte, regnerische Witterung, die so viele Wochen lang anhält. Das unglückliche Weib hatte sich in ein armseliges Zimmer in der Nähe des Ortes, wo ihr Gatte gefangen saß, eingemietet; und wenn auch diese Veränderung eine Folge ihrer unaufhaltsam wachsenden Armut war, so fühlte sie sich doch jetzt glücklicher, denn sie war ihm näher. Zwei Monate lang warteten sie und ihr Kind regelmäßig alle Morgen auf das öffnen des Tores. Eines Tages erschien sie zum ersten Male nicht. Am andern Morgen kam sie, allein. Das Kind war tot.

Die da mit kalten Herzen sagen, wenn der Tod den Armen der Seinigen beraubt, es sei eine glückliche Erlösung für die Hingeschiedenen und eine segensreiche Erleichterung für die Hinterbliebenen, sie wissen wenig von dem Schmerz um solche Verluste. Ein stiller Blick der Liebe und Anhänglichkeit, wenn sich alle andern Augen kalt abwenden – das Bewußtsein, noch die Liebe wenigstens eines menschlichen Wesens zu besitzen, ist ein Halt, eine Stütze, ein Trost in der tiefsten Betrübnis, die kein Reichtum erkaufen, keine irdische Macht ersetzen kann.

Stundenlang war das Kind zu seiner Eltern Füßen gesessen, hatte die kleinen Händchen geduldig gefaltet und mit seinem abgezehrten, bleichen Gesicht zu ihnen aufgeschaut. Von Tag zu Tag hatten sie es dahinwelken sehen, und wenn sein kurzes Dasein auch ein freudenloses gewesen und es jetzt den Frieden und die Ruhe gefunden, die ihm, so jung es noch war, in dieser Welt versagt gewesen, so war es doch ihr Kind, und der Verlust schnitt ihnen tief ins Herz.

Wer das veränderte Gesicht der Mutter sah, der wußte deutlich, daß der Tod ihrem Jammer und ihrem Elend bald ein Ende machen mußte. Die Mitgefangenen ihres Gatten wollten sich ihm in seinem Gram und Leid nicht aufdrängen und überließen ihm freiwillig das kleine Zimmer, das er bisher mit zwei von ihnen geteilt hatte. Seine Gattin bewohnte es mit ihm, und ohne Schmerz, aber auch ohne Hoffnung welkte sie langsam dem Grabe zu.

Eines Abends war sie in seinen Armen ohnmächtig geworden. Er hatte sie ans offene Fenster getragen, um sie durch frischere Luft wieder zu sich zu bringen, und das Mondlicht fiel auf ihr Gesicht. Die Veränderung in ihren Zügen ergriff ihn so sehr, daß er wie ein hilfloses Kind unter ihrer leichten Last wankte.

,Setze mich nieder, Georg‘, bat sie mit matter Stimme. Er setzte sich neben sie, bedeckte sein Gesicht mit den Händen und brach in Tränen aus.

,Es ist so hart, Georg, dich zu verlassen‘, flüsterte sie, ,aber es ist der Wille Gottes, und du mußt dich um meinetwillen darein ergeben. Wie danke ich ihm, daß er unser Kind zu sich genommen hat. Es ist jetzt glücklicher. Was würde es angefangen haben ohne seine Mutter?‘ ,Du darfst nicht sterben, Marie, du darfst nicht sterben‘, stöhnte der Unglückliche. Er ging hastig auf und nieder und schlug sich mit der geballten Faust vor den Kopf, dann setzte er sich wieder neben sie, nahm sie in seine Arme und sagte ruhiger: ,Ich bitte dich, laß den Mut nicht sinken, mein Alles. Du wirst dich wieder erholen.‘

,Nein, Georg, nein‘, flüsterte die Sterbende. ,Laß mich begraben sein neben meinem armen Kind. Versprich mir, wenn du je diesen traurigen Ort verlassen und reich werden wirst, uns in einem stillen Friedhof, weit, weit von hier – draußen, auf dem grünen Lande, bestatten zu lassen, wo wir in Frieden ruhen können. Willst du mir das versprechen, lieber Georg?‘

,Jaja‘, sagte der Unglückliche und warf sich leidenschaftlich vor ihr auf die Knie. ,Sage mir nur ein Wort, Marie; sieh mich an; einen Blick, nur einen …‘

Er stockte, denn der Arm, der seinen Nacken umschlungen hielt, wurde steif und schwer. Ein tiefer Seufzer rang sich aus der Brust der abgezehrten Gestalt, ihre Lippen bewegten sich und ein Lächeln spielte auf ihrem Gesicht, aber die Lippen waren weiß, und das Lächeln verzog sich zu einem furchtbaren Starrblick.

Er war allein auf der Welt.

In der Stille und Einsamkeit seiner elenden Zelle kniete er die ganze lange Nacht vor der Leiche seines Weibes und rief Gott zum Zeugen eines schrecklichen Schwures an, daß er von Stunde an an nichts mehr denken wolle, als ihren und seines Kindes Tod zu rächen, und von nun an bis zum letzten Augenblick seines Lebens alle seine Kräfte nur diesem einen Zwecke widmen und mit unauslöschlichem Haß den Urheber alles dieses Leidens bis ans Ende der Welt verfolgen wolle.

Die tiefste Verzweiflung und eine übermenschliche Leidenschaft hatten in dieser einen Nacht sein Gesicht und seine ganze Gestalt so furchtbar verändert, daß seine Leidensgefährten vor ihm zurückbebten, als er an ihnen vorüberkam. Seine Augen waren mit Blut unterlaufen und starr, sein Gesicht weiß und sein Körper wie unter der Last der Jahre gebeugt. In der Heftigkeit seines Seelenschmerzes hatte er seine Unterlippe beinahe ganz durchbissen. Das Blut war am Kinn niedergeflossen und hatte sein Hemd und sein Halstuch befleckt. Keine Träne, kein Klagelaut, nur der unstete Blick und die wilde Hast, mit der er im Hof auf und ab rannte, verrieten das Fieber, das ihn verzehrte.

Ohne Verzug mußte die Leiche aus dem Gefängnis entfernt werden. Er nahm die Mitteilung mit vollkommener Ruhe hin und wehrte sich nicht. Beinahe sämtliche Gefangene hatten sich versammelt, um der Wegschaffung der Toten beizuwohnen. Sie wichen auf beiden Seiten zurück, als er kam, rasch vorbeischritt und am Gefängnistor stehenblieb. Der grobe Sarg wurde langsam herausgetragen, und eine Totenstille herrschte unter den Anwesenden, die nur durch lautes Schluchzen der Frauen und die hallenden Tritte der Träger auf dem Steinpflaster unterbrochen wurde. Sie erreichten den Ort, wo der Arme stand, und machten halt. Er legte seine Hand auf den Sarg, ordnete mechanisch die Falten des Tuches, womit er bedeckt war, und winkte den Trägern, weiterzugehen. Die Schließer am Eingang des Gefängnisses nahmen ihre Hüte ab, als die Leiche vorübergetragen wurde, und im nächsten Augenblick schloß sich das schwere Tor. Der Unglückliche sah mit einem gläsernen Blick um sich und fiel schwer zu Boden.

Viele „Wochen lang lag er Tag und Nacht in den wildesten Fieberträumen, aber das Bewußtsein seines Verlustes und die Erinnerung an sein Gelübde verließen ihn keinen Augenblick. Unaufhörlich wechselten die Szenen vor seinen Augen; Schauplatz folgte auf Schauplatz und Ereignis auf Ereignis mit der Blitzesschnelle des Wahnwitzes, aber alle auf die eine oder andre Weise an das einzige Ziel geknüpft, das seinen Geist gefangenhielt. Er segelte über den grenzenlosen Ozean dahin. Die Wolken über ihm waren blutigrot, und die wilden Wasser kochten und schäumten in furchtbarer Wut auf allen Seiten. Ein anderes Schiff fuhr vor ihm her und kämpfte gegen den heulenden Sturm mit aller Kraft; die Segel flatterten zerrissen vom Mast, und das Verdeck war voll von Gestalten, die hin und her geworfen wurden. Ungeheure Wellen brachen jeden Augenblick über Bord und rissen ihre Opfer in die tobende See. Sie fuhren dem Schiff durch die brüllenden Wogen nach, mit einer Geschwindigkeit, der nichts widerstehen konnte, und bohrten es in den Grund. Aus dem furchtbaren Wirbel, der das sinkende Wrack umschäumte, stieg ein Todesschrei so laut und durchdringend empor – der furchtbare Todesschrei hundert Unglücklicher, die in den Wellen versanken –, daß es das Wutgebrüll der Elemente übertäubte und hallte und widerhallte, bis die Luft und das Firmament und der ganze Ozean damit erfüllt schien. Doch wer war der alte Graukopf, der da aus dem Wasser emportauchte und mit dem Blick namenloser Todesangst, gellend um Hilfe rufend, mit den Wellen kämpfte! Es waren seine Züge! Er sprang über Bord; der Alte sah ihn kommen und suchte ihm vergeblich zu entrinnen, er faßte ihn fest um den Leib und zog ihn in die Tiefe nieder. Hinunter, hinunter, fünfzig Klafter tief; bis das Sträuben des Erstickenden schwächer und schwächer wurde und endlich ganz aufhörte. Er hatte ihn getötet und seinen Schwur erfüllt.

Dann wieder ging er barfuß und allein über eine glühende ungeheure Wüste. Der heiße Staub benahm ihm den Atem und blendete ihn; die feinen Körnchen drangen ihm in alle Poren der Haut und reizten ihn beinahe bis zum Wahnsinn. Riesenhafte Sandmassen schritten, vom Winde getragen und von der brennenden Sonne durchglüht, in der Ferne, gleich Säulen lebendigen Feuers, dahin. Die Gebeine von Menschen, die in der Wüste umgekommen, lagen zerstreut um ihn her; ein furchtbarer Glanz beleuchtete alles, was ihn umgab, und so weit sein Auge reichte, sah er nur Bilder des Schreckens und Entsetzens. Vergeblich strengte er sich an, einen Hilferuf auszustoßen – die Zunge klebte ihm am Gaumen. Wie wahnsinnig lief er weiter. Er watete durch den Sand, bis er, von Ermattung und Durst erschöpft, bewußtlos zu Boden sank. Eine erfrischende Kühle belebte ihn wieder; was für ein murmelnder Laut war das? Wasser! Es war wirklich ein Quell, und der klare, frische Strom ergoß sich zu seinen Füßen. Er trank in langen Zügen, streckte seine schmerzhaften Glieder auf dem Rasen aus und sank in einen erquickenden Schlummer. Der Laut näher kommender Fußtritte weckte ihn. Ein alter Mann mit grauen Haaren wankte heran, seinen brennenden Durst zu löschen. Wieder war er es! Er schlang seine Arme um den Leib des Alten und hielt ihn zurück, bis er sich krümmte, in furchtbarer Qual nach Wasser schreiend. Aber er hielt den Alten fest und weidete sich mit gierigem Auge an seinem Todeskampf, und als der Kopf leblos auf die Brust sank, da stieß er den Leichnam mit den Füßen von sich.

Als ihn das Fieber verließ und sein Bewußtsein wiederkehrte, war er reich und frei. Sein Vater, der ihn im Gefängnis hatte verschmachten lassen wollen, der die, die ihm teurer gewesen als sein eignes Leben, ruhig hatte sterben lassen, war tot in seinem Daunenbett gefunden worden. Wohl war der Alte fest entschlossen gewesen, seinen Sohn als Bettler auf der Welt zurückzulassen, aber im Vollgefühl seiner Gesundheit und Kraft hatte er die Enterbung hinausgeschoben, bis es zu spät war. Das war das erste, was der Genesende erfuhr. Der Gedanke, daß er sich jetzt an seinem letzten Feind, seines eignen Weibes Vater, dem Manne, der ihn ins Gefängnis geworfen und seiner eignen Tochter und ihrem Kind, als sie zu seinen Füßen um Erbarmen gefleht, die Tür gewiesen hatte, grausam rächen müsse, verließ ihn nicht mehr. Er verwünschte die Schwäche, die ihn noch hinderte, sich aufzumachen und seine Rachepläne auszuführen. Er ließ sich von dem Schauplatz seines Elends wegführen und wählte sich einen ruhigen Wohnsitz an der Meeresküste – nicht in der Hoffnung, seinen inneren Frieden wiederzufinden, denn der war für immer vernichtet, sondern wieder zu Kräften zu kommen und seinem Lieblingsplan nachzuhängen. Und hier gab ihm auch ein böser Geist die erste Gelegenheit zu einer furchtbaren Rache.

Es war Sommer. In seine finstern Gedanken vertieft, verließ er früh am Nachmittag seine einsame Wohnung und verfolgte einen schmalen Pfad zwischen den Klippen nach einem wilden und einsamen Ort, der auf seinen Streifereien seine Einbildungskraft besonders erregt hatte. Dort pflegte er auf verwitterten Felstrümmern stundenlang, das Gesicht in den Händen vergraben, zu sitzen – oft, bis die Nacht hereingebrochen war und die langen Schatten der zürnenden Klippen alles um ihn her in dichte Finsternis gehüllt hatten.

Hier saß er wieder, nur bisweilen den Kopf erhebend, um den Flug einer Möwe zu betrachten oder mit den Blicken den schimmernden Streifen zu verfolgen, der in der Mitte des Ozeans anfing und sich am Horizont verlief, wo die Sonne eben unterging, als die tiefe Stille ringsum von einem lauten Hilferuf unterbrochen wurde. Er horchte auf und zweifelte, ob er richtig gehört hatte, da ertönte abermals der Schrei, noch lauter als zuvor. Sofort sprang er auf und lief nach der Richtung, aus welcher der Schrei herkam.

Ein einziger Blick offenbarte ihm, was geschehen war: Einige Kleidungsstücke lagen über den Strand verstreut; unweit des Ufers war der Kopf eines Menschen gerade noch über den Wellen sichtbar, und ein alter Mann lief, in Todesangst die Hände ringend, hin und her und schrie um Hilfe. Der Wiedergenesene, dessen Kräfte nun wieder so ziemlich hergestellt waren, warf seinen Rock ab und eilte zu den Klippen, um sich ins Meer zu stürzen und den Ertrinkenden ans Ufer zu ziehen.

,Schnell, um Gottes willen, schnell! Helfen Sie, helfen Sie! Es ist mein Sohn‘, rief der Greis, halb wahnsinnig vor Angst, und lief auf ihn zu. ,Mein einziger Sohn ertrinkt dort vor meinen Augen.‘

Bei den ersten Worten, die der alte Mann vorbrachte, stoppte der Fremde seinen raschen Lauf, schlug die Arme übereinander und blieb dann regungslos stehen.

,Barmherziger Gott‘, rief der Alte plötzlich und fuhr entsetzt zurück, Heyling!‘

Der andre lächelte nur und schwieg.

,Heyling‘, jammerte der Alte, ,mein Kind, Heyling, mein liebes Kind, dort, dort!‘ Nach Atem ringend, deutete der unglückliche Vater auf die Stelle, wo der junge Mann um sein Leben kämpfte.

,Hören Sie, er ruft wieder. Er lebt noch. Retten Sie ihn, retten Sie ihn!‘

Heyling lächelte wieder und rührte sich nicht.

,Ich habe unrecht an Ihnen gehandelt‘, rief der Alte, fiel auf die Knie und hob flehend die Hände empor, ,rächen Sie sich; nehmen Sie mir alles, mein Leben – stoßen Sie mich mit dem Fuß ins Wasser, und ich will sterben, ohne mich zu wehren, ohne eine Hand oder einen Fuß zu rühren. Tun Sie es, Heyling, tun Sie es, aber retten Sie meinen Sohn. Er ist doch so jung, Heyling! So jung, Heyling! Er darf nicht sterben.‘ ,Hören Sie‘, sagte Heyling und faßte den Alten fest beim Handgelenk, ,ich will Leben haben für Leben, und hier ist eins. Mein Kind starb vor den Augen seines Vaters einen weit qualvolleren Tod, als der junge Verschwender des Vermögens seiner Schwester dort jetzt stirbt. Sie – Sie haben Ihrer Tochter ins Gesicht gelacht, als der Tod schon seine Hand auf sie gelegt hatte – und unsrer Leiden gespottet. Wie denken Sie jetzt darüber? Schauen Sie hin, schauen Sie dorthin.‘ – Heyling deutete auf die See hinaus. Ein schwacher Schrei drang von dort herüber; der Todeskampf des Ertrinkenden bewegte die spielenden Wellen auf wenige Sekunden, dann war die Stelle, wo es ihn hinabgezogen, nicht mehr zu unterscheiden.

Drei Jahre waren verflossen, als an der Haustür eines Londoner Anwalts, der damals als nicht sehr bedenklich in Rechtsgeschäften allgemein bekannt war, eine Equipage hielt und ein Herr ausstieg. Er war offenbar noch in den besten Jahren, hatte aber ein blasses, eingefallenes und gramverzehrtes Gesicht, und es bedurfte keines besonderen Scharfsinnes, um auf den ersten Blick zu bemerken, daß Krankheit oder Kummer mehr zur Veränderung seines Äußeren beigetragen haben mußten, als die Zeit in doppelt soviel Jahren vermocht hätte.

,Ich möchte, daß Sie eine Rechtsangelegenheit für mich übernehmen‘, sagte der Fremde.

Der Anwalt verbeugte sich und warf einen Blick auf ein großes Paket, das der Herr in der Hand hielt.

,Es ist keine gewöhnliche Sache!‘ – Der Fremde löste die Schnur, die die Akten zusammenhielt, und legte eine beträchtliche Menge Wechsel, Schuldscheine und andre Dokumente dem Advokaten vor.

,Wie diese Papiere besagen, schuldet der Mann, dessen Unterschrift sie tragen, seit einer Reihe von Jahren große Summen. Es bestand eine stillschweigende Übereinkunft zwischen ihm und seinem Gläubiger, von dem ich nach und nach das Ganze um das Drei- und Vierfache des Nominalwertes gekauft habe, daß diese Schuldscheine immer wieder prolongiert werden sollten, bis eine bestimmte Reihe von Jahren verflossen wäre. Der Schuldner hat nun in neuerer Zeit große Verluste erlitten, und wenn diese Forderungen alle auf einmal geltend gemacht würden, müßte es ihn unfehlbar zugrunde richten.‘

,Das Ganze belauft sich auf etliche tausend Pfund‘, sagte der Anwalt, nachdem er einen Blick auf die Papiere geworfen.

,Ja.‘

,Was soll ich also eigentlich tun?‘

,Was Sie tun sollen?‘ erwiderte der Klient mit plötzlicher Heftigkeit. ,Sie sollen jeden Kunstgriff des Gesetzes anwenden, der Ihnen zur Verfügung steht, jeden Kniff gebrauchen, den Scharfsinn auszudenken und Bosheit durchzuführen vermag, gute und schlechte Mittel; das Gesetz in seiner ganzen Härte wirken lassen und, wo es zu versagen droht, die ganze Schlauheit eines scharfsinnigen Praktikers in Anwendung bringen. Ich will ihn einen qualvollen, langsamen Tod sterben lassen, ihn zugrunde richten und von Haus und Hof vertreiben, daß er seine alten Tage im schmutzigen Kerker beschließen muß.‘

,Aber die Kosten, bester Herr! – Wer wird die Kosten von all dem bezahlen?‘ wendete der Anwalt ein, als er sich von seinem ersten Erstaunen erholt hatte. ,Wenn der Beklagte ein ruinierter Mann ist, wer wird die –Kosten bezahlen, Sir?‘

,Nennen Sie irgendeine Summe‘, sagte der Fremde, dessen Hand vor innerer Aufregung zitterte, daß er kaum die Feder halten konnte, .irgendeine Summe, und Sie sollen sie haben. Rechnen Sie nicht lange, kein Betrag ist mir zu hoch, wenn ich nur meinen Zweck erreiche.‘

Der Anwalt nannte aufs Geratewohl eine bedeutende Summe, die er als Vorschuß nötig haben würde, um sich gegen die Möglichkeit eines Verlustes zu decken, aber mehr in der Absicht, sich zu überzeugen, wie weit sein Klient wirklich zu gehen gesonnen sei, als in der Hoffnung, seine Forderung bewilligt zu sehen.

Der Fremde schrieb für den ganzen Betrag eine Anweisung an seinen Bankier und ging. Die Anweisung wurde ordnungsgemäß ausgezahlt, und der Anwalt, der nun wußte, daß er es mit einem zuverlässigen Klienten zu tun hatte, machte sich ernstlich an seine Arbeit.

Mehr als zwei Jahre lang saß Mr. Heyling tagelang über den sich immer mehr und mehr anhäufenden Akten in der Kanzlei des Advokaten und weidete sich an den Bitten des Schuldners um einen kleinen Aufschub, da er sonst unvermeidlich dem Untergang entgegengehen müßte – Briefe, die immer häufiger wurden, als Forderung auf Forderung angeklagt wurde. Auf alle Gesuche um eine Wartefrist erfolgte stets dieselbe Antwort – das Geld müsse augenblicklich bezahlt werden. Haus und Hof, samt allem, was dazugehörte, wurden nach und nach exequiert und versteigert, und der Schuldner hätte unfehlbar ins Gefängnis wandern müssen, wenn er sich nicht der Wachsamkeit des Sheriffs durch die Flucht entzogen hätte. Der unversöhnliche Haß Heylings wurde durch den Erfolg seiner Rachepläne aber nicht nur nicht befriedigt, sondern noch mehr gesteigert. Als er die Flucht des alten Mannes erfuhr, kannte seine Wut keine Grenzen. Er knirschte mit den Zähnen vor Ingrimm, zerraufte sich das Haar und stieß schreckliche Flüche gegen die Leute aus, die mit der Verhaftung betraut worden waren. Nur die wiederholte Versicherung, daß man des Flüchtlings gewiß habhaft werden würde, beruhigte ihn einigermaßen. Nach allen Richtungen wurden Detektive ausgesendet; jede List wurde aufgeboten, um seinen Zufluchtsort zu entdecken, aber es war alles vergeblich. Ein halbes Jahr verfloß, und er war immer noch nicht gefunden. Endlich erschien eines Abends spät Heyling, nachdem man wochenlang nichts mehr von ihm gesehen und gehört hatte, in der Privatwohnung des Anwalts und ließ ihm sagen, er wünsche ihn augenblicklich zu sprechen. Noch ehe der Anwalt seinem Bedienten befehlen konnte, ihn heraufzuführen, war er schon oben an der Treppe und drang blaß und atemlos ins Besuchszimmer. Er schloß sorgfältig die Tür, um von niemand gehört zu werden, warf sich in einen Armstuhl und sagte mit leiser Stimme: ,Ich habe ihn endlich gefunden.‘

,Was Sie nicht sagen‘, rief der Anwalt. ,Das ist ja ausgezeichnet.‘

,Er hält sich in einer erbärmlichen Wohnung in Lamden-Town versteckt‘, fuhr Heyling fort. ,Es war eigentlich ganz gut, daß wir ihn aus den Augen verloren haben, denn er hat dort die ganze Zeit über im größten Elend gelebt; er ist bettelarm.‘

,Sehr gut‘, erwiderte der Anwalt. ,Sie wünschen natürlich, daß die Verhaftung morgen früh vorgenommen wird.‘

,Ja‘, versetzte Heyling. ,Doch halt! Nein, erst übermorgen. Sie wundern sich, daß ich es noch hinausschiebe‘, setzte er mit einem gräßlichen Lächeln hinzu, ,aber ich hatte etwas vergessen: übermorgen ist ein Jahrestag für ihn; wollen wir es doch auf diesen Termin verlegen!‘

,Also gut‘, antwortete der Anwalt. ,Wollen Sie gleich die Instruktionen für den Sheriff zu Papier bringen?‘

,Nein, er soll herkommen. Um acht Uhr. Ich will ihn begleiten.‘

Sie trafen sich also am bestimmten Abend, nahmen eine Droschke und ließen an der Eck“ der alten Pancras-Street halten, wo das Arbeitshaus des Kirchspiels steht. Es war schon ganz dunkel geworden, als sie ausstiegen und in eine kleine Nebenstraße einbogen, die damals Little College Street hieß und in jenen Tagen noch an die Moore und Sümpfe in der Umgebung stieß.

Heyling zog sich eine Kapuze halb über das Gesicht, hüllte sich in seinen Mantel, blieb vor der erbärmlichsten Hütte der ganzen Straße stehen und klopfte leise an die Tür. Sie wurde augenblicklich von einer alten Frau geöffnet, die sich höflich vor ihm verbeugte und ihn offenbar bereits kannte. Heyling flüsterte dem Gerichtsdiener zu, er möge unten warten, schlich sich leise die Treppe hinauf und trat rasch in die Stube.

Der Gegenstand seines unversöhnlichen Hasses, jetzt ein gebrochener Greis, saß vor einem groben Tisch aus Tannenholz, auf dem ein elendes Talglicht brannte. Er schrak beim Eintritt des Fremden zusammen und stand zitternd auf.

,Was gibt es denn wieder?‘ rief er entsetzt, ,was für ein neues Elend kommt über mich? Was wünschen Sie von mir?‘

,Ein Wörtchen mit Ihnen reden‘, erwiderte Heyling, setzte sich an das andre Ende des Tisches und schlug seine Kapuze zurück. Der alte Mann fiel sprachlos vor Grauen und Entsetzen in seinen Stuhl zurück und starrte ihn an.

,Heute sind es sechs Jahre‘, sagte Heyling, ,daß ich Ansprüche habe auf das Leben, das Sie mir für das meines Kindes schulden. An der Leiche Ihrer Tochter, alter Mann, habe ich geschworen, nur mehr der Rache zu leben. Nie habe ich auch nur eine Minute mein Ziel aus den Augen verloren, und wenn es der Fall gewesen wäre, hätte mir ein einziger Gedanke an ihr Gesicht, als sie dahinwelkte, oder an die müden, traurigen Augen unsres unschuldigen Kindes meinen Schwur wieder ins Gedächtnis rufen müssen. An den Beginn der Vergeltung werden Sie sich wohl noch erinnern, jetzt sind wir am Ende.‘

Der alte Mann schauderte zusammen, und seine Hände fielen ihm kraftlos am Leibe herunter.

,Morgen verlasse ich England‘, fuhr Heyling nach einer kurzen Pause Fort, ,heute nacht noch übergebe ich Sie dem lebendigen Tode, dem Sie sie geopfert haben, einem hoffnungslosen Gefängnis.‘

Er sah den alten Mann an und schwieg; dann hielt er ihm das Licht vors Gesicht, stellte es sacht wieder nieder und verließ das Zimmer. ,Es wäre gut, wenn Sie nach ihm sehen würden‘, sagte er zu der Frau, als er die Tür öffnete und dem Gerichtsdiener winkte, ihm auf die Straße zu folgen. ,Ich glaube, es ist ihm nicht wohl.‘

Die Frau verriegelte die Tür, eilte hastig die Treppe hinauf und fand den Alten tot. Der Schlag hatte ihn gerührt.

Unter einem einfachen Grabstein auf einem der stillsten und abgelegensten Kirchhöfe in Kent, wo wilde Blumen durch das Gras schimmern und die liebliche Landschaft der Umgebung die schönste Stelle im Garten Englands bildet, ruhen die Gebeine der jungen Mutter und ihres kleinen Kindes. Aber die Asche des Vaters mischt sich nicht mit der ihrigen; und von jener Nacht an erhielt der Anwalt auch nicht mehr den entferntesten Aufschluß über das weitere Schicksal seines seltsamen Klienten.“

Der Alte hatte seine Erzählung beendet, stand auf, nahm seinen Hut und Überrock und schritt, ohne weiter ein Wort zu sagen, langsam hinaus. Der Herr mit den Mosaikknöpfen war eingeschlafen, und der größere Teil der Gesellschaft, in das unterhaltende Geschäft vertieft, geschmolzenen Talg in den Grog träufeln zu lassen. Unbemerkt verließ Mr. Pickwick das Zimmer, beglich seine und Mr. Wellers Zeche und ging mit ihm zur Haustür der „Elster“ hinaus.

Fünfzehntes Kapitel


Fünfzehntes Kapitel

Eine kurze Beschreibung der Gesellschaft im „Pfau“ und die Erzählung des Reisenden.

Wie köstlich ist es doch, von den Wirren der Politik wieder zur friedlichen Ruhe des Privatlebens zurückzukehren. Wenn auch nicht erklärter Anhänger der einen oder andern Partei, war Mr. Pickwick doch von der Begeisterung Mr. Potts so weit angesteckt, daß er seine ganze Zeit und Aufmerksamkeit den Wahlvorgängen widmete. Auch Mr. Winkle ging inzwischen nicht müßig und verwandte seine ganze Zeit, auf angenehme Spaziergänge und Ausflüge in die Umgegend mit Mrs. Pott, die sich solche Gelegenheiten, sich von der langweiligen Eintönigkeit zu erholen, nie entgehen ließ. Während so die beiden Herren im Hause Mr. Potts sich vollkommen eingewöhnt hatten, waren die Herren Tupman und Snodgraß fast ganz hinsichtlich der Unterhaltung auf ihre eignen Hilfsquellen angewiesen. Ohne besonderes Interesse für öffentliche Angelegenheiten vertrieben sie sich ihre Zeit mit Ergötzlichkeiten, wie sie der „Pfau“ darbot und die auf eine Art italienisches Billard im ersten Stockwerk und eine Kegelbahn im Hinterhause beschränkt waren.

Abends hingegen war das Gastzimmer der Versammlungsort eines geselligen Kreises, dessen Leben und Treiben die beiden Freunde ungemein anzog. Wohl jedermann weiß, was man sich gewöhnlich unter einem Gastzimmer vorzustellen hat. Das im „Pfauen“ zeichnete sich nicht wesentlich vor andern aus; es war nämlich ein großes, nackt aussehendes Zimmer, dessen Ameublement ohne Zweifel besser gewesen, als es noch neu war, mit einem großen Tisch in der Mitte und einer Menge Taburetts in den Ecken, einer bedeutenden Menge verschieden geformter Stühle und einem alten türkischen Teppich, dessen Dimensionen zu der Größe des Zimmers ungefähr im selben Verhältnis standen wie etwa ein Damentaschentuch zum Fußboden eines Schilderhäuschens. Die Wände waren mit ein paar großen Landkarten verziert, und in einer Ecke hingen an einer langen Reihe großer hölzerner Nägel verschiedne regengewohnte grobe Überröcke mit doppelten Kragen. Auf dem Kamingesimse stand ein hölzernes Tintenzeug mit einem Federstümpfchen und einer halben Oblate, ein Reisehandbuch und ein Wegweiser, eine Geschichte der Grafschaft ohne Einband und eine präparierte Forelle in einem gläsernen Sarge. Die Atmosphäre war mit Tabakrauch geschwängert, der dem ganzen Zimmer und besonders den staubigen roten Fenstervorhängen seine bräunliche Färbung mitgeteilt hatte. Auf dem Schenktische lagen in malerischer Unordnung eine Menge verschiedenartiger Gerätschaften, von denen einige sehr schmutzige Fischsaucefläschchen, ein paar Reitgerten, zwei bis drei Fuhrmannspeitschen und ebenso viele Reisemäntel, ein Besteckbehälter und ein Senftopf am meisten in die Augen fielen.

Hier saßen am Abend nach Schluß der Wahl Mr. Tupman und Mr. Snodgraß, rauchend und trinkend, nebst einigen andern Gästen.

„Prosit, Gentlemen“, sagte ein stattlicher, gesund aussehender Mann in den Vierzigern mit nur einem, aber sehr glänzendem schwarzen Auge, das nur so von Schelmerei und guter Laune blitzte. „Auf unser eignes Wohl, Gentlemen. Dies ist immer mein Toast, den ich der Gesellschaft vorschlage; auf Marys Wohl trinke ich für mich allein. He, Mary!“

„Aber lassen Sie mich, Sie Schlimmer“, sagte das Schenkmädchen, offenbar durch das Kompliment nicht besonders aufgebracht.

„Lauf nur nicht gleich davon, Mary“, sagte der Schwarzäugige.

„Lassen Sie mich in Frieden, Sie impertinenter Mensch, Sie“, entgegnete die junge Dame.

„Denke nicht daran“, rief der Einäugige dem Mädchen nach, das eben das Zimmer verließ. „Gleich bin ich bei dir, Mary, nur nicht grämen, Kind!“ Er zwinkerte dabei mit seinem einen Auge, was einen ältlichen Mann mit einem schmutzigen Gesicht und einer Tonpfeife ungemein ergötzte.

„Kuriose Geschöpfe die Weibsen“, sagte der Mensch mit dem Schmutzgesicht nach einer Pause.

„Oh! Ohne Zweifel“, bestätigte ein Mann mit einer kupferroten Nase hinter seiner Zigarre hervor.

Eine zweite Pause entstand nach diesem philosophischen Aphorismus.

„’s gibt noch Seltsameres in der Welt als die Weiber, hm“, bemerkte der Mann mit dem schwarzen Auge und stopfte sich langsam seine lange holländische Pfeife.

„Sind wohl nicht verheiratet?“ fragte das Schmutzgesicht.

„Kann ich nicht behaupten.“

„Hab mir’s gleich gedacht.“ Das Schmutzgesicht lachte laut vor Freude über seinen Scharfsinn, und ein Mann mit einer sanften Stimme und einem friedlichen Gesicht, der offenbar gern jedermanns Ansicht beipflichtete, stimmte in das Lachen ein.

„Die Frauen, meine Herren“, mischte sich enthusiastisch Mr. Snodgraß ins Gespräch, „sind eben doch die Stütze und die Zierde unsres Lebens.“

„Ja, das sind sie“, sagte der friedliche Gentleman.

„Wenn sie gut aufgelegt sind“, bemerkte das Schmutzgesicht.

„Auch wahr“, gab der Friedliche zu.

„Ich muß diese Einschränkung zurückweisen“, sagte Mr. Snodgraß, dessen Gedanken ohne Zweifel bei Emilie Wardle weilten. „Ich weise sie mit Unwillen, mit Entrüstung zurück. Zeigen Sie mir den Mann, der etwas gegen die Frauen als solche hat, und ich behaupte kühn, er ist kein Mann.“ Mr. Snodgraß nahm seine Zigarre aus dem Mund und schlug mit geballter Faust auf den Tisch.

„Ein sehr begründetes Argument“, sagte der Friedliche.

„Leugne ich entschieden“, unterbrach ihn das Schmutzgesicht.

„Auch darin liegt sehr viel Wahres“, pflichtete ihm der Friedliche bei.

„Prosit, Sir“, sagte der Reisende mit dem einen Auge und nickte Mr. Snodgraß beifällig zu.

Mr. Snodgraß erhob sein Glas.

„Ich höre immer gern ein gutes Argument“, fuhr der Reisende fort. „Besonders ein so scharfsinniges wie dieses, übrigens, Weiber! Das bringt mich auf eine Geschichte, die ich meinen alten Onkel immer erzählen hörte, und deswegen sagte ich auch, es gäbe bisweilen noch Seltsameres auf der Welt als die Weiber.“

„Na, die Geschichte würde ich aber gerne hören“, sagte der mit der Kupfernase und der Zigarre.

„Möchten Sie sie hören? So?“ sagte der Reisende und rauchte mit großer Vehemenz.

„Ich auch“, meldete sich Mr. Tupman, der jetzt zum ersten Male den Mund öffnete, immer darauf bedacht, den Schatz seines Wissens zu erweitern.

„Möchten Sie? Gut, dann will ich sie erzählen. Aber nein, besser nicht. Sie würden sie ja doch nicht glauben“, erwiderte der Reisende und blinzelte wieder schelmisch.

„Wenn Sie sagen, sie ist wahr, werde ich sie natürlich glauben“, versicherte Mr. Tupman.

„Also gut, wenn Sie mir das versprechen“, erwiderte der Reisende. „Haben Sie schon mal von dem großen Handelshause Bilson und Slum gehört? Wenn nicht, tut’s nichts zur Sache, die Firma existiert heute nicht mehr. Es ist jetzt achtzig Jahre her, daß die Geschichte einem Reisenden dieses Hauses begegnet ist; er war ein spezieller Freund meines Onkels, und von dem weiß ich sie. Er nannte sie immer nur die Geschichte des Tom Smart und pflegte sie folgendermaßen zu erzählen:

An einem Winterabend, so um fünf Uhr, als es eben anfing dunkel zu werden, hätte man einen Mann in einem Gig sehen können, der sein müdes Pferd die Straße entlangtrieb, die über die Marlborough-Hügel nach Bristol führt. Ich sage: man hätte ihn sehen können, und ich zweifle auch nicht daran, daß man ihn gesehen hätte, wenn irgend jemand, der nicht blind war, zufällig dieses Wegs dahergekommen wäre; aber das Wetter war so schlecht und die Nacht so kalt und naß, daß niemand draußen war als das Wasser. So holperte denn der Reisende in seinem Wagen einsam und traurig mitten auf der Straße dahin. Wenn ein Handlungsreisender jener Tage auch nur einen Blick auf das kleine halsbrecherische Gig mit dem tonfarbenen Kasten und den roten Rädern geworfen hätte und auf die bösartige, launische, aber schnellfüßige braune Mähre davor, die wie eine Kreuzung zwischen Fleischergaul und Zweipennypost-Klepper aussah, so hätte er gleich gewußt, daß dieser Reisende niemand anders sein konnte als Tom Smart von Bilson und Slum, Cateaton Street, City. Nun war aber so und so kein Handlungsreisender zum Blickwerfen da, und deshalb wußte niemand etwas von der Sache, sondern Tom Smart und sein tonfarbenes Gig mit den roten Rädern sowie die flinke, launische Mähre zogen vereint dahin und behielten das Geheimnis für sich – niemand war auch nur einen Happen schlauer geworden.

Sogar in dieser traurigen Welt gibt es angenehmere Stellen als die Marlborough-Hügel bei scharfem Wind. Wenn man dazu noch an die schmutzige grundlose Straße nebst prasselndem Dauerregen denkt und die Wirkung mal versuchsweise an seiner eigenen werten Person ausprobiert, dann lernt man das volle Gewicht dieser Bemerkung kennen.

Der Wind blies, nicht etwa straßauf oder straßab, obgleich das auch schon schlimm genug gewesen wäre, sondern quer darüber weg; dabei fegte er den Regen ganz schräg herunter, etwa so wie die Zeilen im Heft eines kleinen Schuljungen. Einen Augenblick schien er nachlassen zu wollen, und der Reisende fing schon an, sich in Hoffnungen zu wiegen, der Wind wäre von seiner eigenen Wut so erschöpft, daß er ganz zur Ruhe kommen würde, da hörte er ihn, hui, in der Ferne rauschen und pfeifen, und schon kam er wieder, raste über die Hügel, fegte die Ebene entlang, steigerte sich, während er näher kam, an Kraft und Lautstärke, bis er sich mit einem wuchtigen Stoß auf Roß und Mann warf, ihnen den scharfen Regen in die Ohren und seinen kalten, feuchten Atem durch Mark und Bein trieb. Dann sauste er an ihnen vorbei, weit, weit weg, mit ohrenbetäubendem Gebrüll, als ob er über ihre Ohnmacht spottete und !n dem Bewußtsein seiner eigenen Macht und Gewalt triumphierte.

Die Mähre trabte durch dick und dünn mit herabhängenden Ohren, nur dann und wann den Kopf schüttelnd, als wolle sie ihr Mißfallen über dieses höchst ungebührliche Benehmen der Elemente zu erkennen geben; dabei hielt sie sich jedoch immer in flottem Trab, bis sie ein Windstoß, der alle früheren an Wucht übertraf, plötzlich veranlaßte, haltzumachen und sich mit ihren vier Beinen fest gegen den Boden zu stemmen, um nicht über den Haufen geweht zu werden. Es war ein besondres Glück, daß sie das tat, denn wäre sie umgeworfen worden – sie war leicht, das Gig nicht schwer und Tom Smarts Gewicht nur so eine An Zugabe –, so wären sie unfehlbar alle drei fortgekollert, bis sie das Ende der Erde erreicht oder die Windstöße nachgelassen hätten, und wahrscheinlich wären weder die launische Mähre noch das tonfarbene Gig mit den roten Rädern, noch Tom Smart jemals wieder diensttauglich geworden.

,Himmelherrgottsakrament‘, sagte Tom Smart, denn er hatte bisweilen die üble Gewohnheit zu fluchen. ,Hol der Teufel das Fuhrwerk samt Geschirr‘, sagte Tom. ,Und noch einmal. Und noch einmal!‘

Sie werden mich wahrscheinlich fragen, warum Tom Smart den Wunsch ausdrückte, diesem Prozeß zweimal hintereinander unterworfen zu werden. Ich kann es nicht sagen und weiß nur, daß Tom Smart es wünschte oder daß mein Onkel es immer behauptete, was schließlich auf eins herauskommt. ,Und noch einmal! Und noch einmal!‘ sagte Tom Smart, und die Mähre wieherte, als ob sie ganz seiner Ansicht war.

,Munter, altes Mädchen‘, sagte er dann und klopfte dem Gaul mit dem Peitschenstiel auf den Hals, ,im ersten Haus, an das wir kommen, kehren wir ein, und je schneller du läufst, desto schneller geht es vorüber. Brrr, Alte, öh, öh.‘

‚Ob die launische Mähre Tom verstand oder ob sie fand, daß ihr beim Stehenbleiben noch kälter würde, kann ich natürlich nicht wissen. Aber das eine ist sicher, kaum hatte Tom den Mund geschlossen, da spitzte sie die Ohren und galoppierte fort, daß ihrem Herrn Hören und Sehen verging. Erst vor einem Gasthause auf der rechten Seite der Straße, ungefähr eine halbe Viertelmeile vor dem Ende der Ebene, machte sie aus freiem Antriebe halt.

Tom warf einen schnellen Blick, während er die Zügel dem Hausknecht zuwarf und die Peitsche neben den Bock steckte, auf das Haus. Es war ein sonderbares altmodisches Gebäude, mit Schindeln gedeckt und von Querbalken durchzogen, mit Giebelfenstern, die die ganze Breite des Fußweges neben der Straße überragten, und einem niederen Tor mit dunklem Eingang. Ein paar steile Stufen führten in das Haus hinab, anstatt, wie bei modernen Gebäuden, hinauf. Und doch hatte das Ganze ein einladendes Aussehen, denn im Gastzimmer brannte ein helles, freundliches Licht, das einen hellen Schein über die Straße warf und sogar die gegenüberstehende Hecke beleuchtete. All das mit dem Blick des erfahrenen Reisenden erfassend, stieg Tom so behend ab, als es seine halberfrornen Glieder gestatteten, und trat in das Haus.

In weniger als fünf Minuten saß er in dem Zimmer gegenüber dem Schenkstübchen an einem tüchtigen Feuer, dessen Knistern und Prasseln allein schon das Herz eines Mannes von Gemüt hätte erwärmen können. Aber das war noch nicht alles, denn ein schmuckgekleidetes Mädchen mit blitzenden Augen und zierlichen Fesseln breitete ein sauberes weißes Tischtuch vor ihm aus, und als Tom so dasaß, mit seinen Füßen, die bereits in Pantoffeln staken, auf dem Kamingitter und den Rücken der offenen Tür zugekehrt, sah er im Schenkverschlag durch den Spiegel, der vor ihm hing, köstliche Reihen grüner Flaschen mit goldenen Etiketten neben Krügen mit eingemachten Früchten, Käse, abgesottne Schinken und Ochsenfleisch in der schönsten Ordnung und in der appetitlichsten Weise auf Brettern aufgestellt. Das war auch recht behaglich, aber immer noch nicht alles, denn im Schenkverschlag saß am niedlichsten aller Teetischchen vor einem Nebenkamin eine stattliche Witwe von ungefähr achtundvierzig Jahren mit einem Gesicht so freundlich wie das Zimmer selbst. Offenbar die Frau des Hauses und Gebieterin über alle diese herrlichen Besitztümer. Nur eine störende Linie war in dem ganzen schönen Gemälde, und das war ein großer Mann, ein sehr großer Mann, der neben der Witwe beim Tee saß. Er hatte einen braunen Rock mit glänzenden Knöpfen, einen schwarzen Backenbart und buschiges dunkles Haar, und es gehörte gerade kein großer Scharfblick dazu, um zu erkennen, daß er auf dem besten war, seine Nachbarin zu überreden, nicht länger Witfrau zu bleiben, sondern, auf ihn das Vorrecht zu übertragen, den ganzen Rest seines Lebens hindurch im Schenkstübchen sitzen zu dürfen. Tom Smart war keineswegs reizbar oder mißgünstig veranlagt; aber immerhin, der große Mann in dem braunen Rock mit den glänzenden Knöpfen regte das Tröpfchen Galle auf, das in seiner Konstitution lag, und machte ihn um so unwilliger, als er dann und wann von seinem Sitze vor dem Spiegel aus gewisse kleine Vertraulichkeiten zärtlicher Natur bemerkte, die sich zwischen dem großen Mann und der Witwe abspielten und hinlänglich beurkundeten, daß der große Mann sich einer Gunst erfreute, die im richtigen Verhältnis zu seiner Größe stand.

Tom trank gern heißen Punsch – ich kann es wagen zu behaupten, daß er sehr gern heißen Punsch trank –, und nachdem er sich darum gekümmert hatte, daß seine launische Mähre gut untergebracht und versorgt war und er selbst das köstliche, kleine heiße Abendessen, das die Witwe ihm eigenhändig anrichtete, bis auf den letzten Bissen verzehrt hatte, bestellte er versuchsweise ein Glas Punsch. Nun gab es im ganzen Kapitel der Haushaltungskunst nicht einen Artikel, auf den sich die Wirtin besser verstand als eben die Punschbereitung, und das erste Glas sagte Tom Smarts Gaumen so sehr zu, daß er möglichst schnell ein zweites bestellte.

Warmer Punsch ist eine gute Sache, Gentlemen, eine ausgezeichnete Sache unter allen Verhältnissen, aber in der behaglichen alten Stube, vor dem knisternden Feuer, während der Wind draußen tobte, daß alle Balken im ganzen Hause ächzten, fand ihn Tom Smart über alle Maßen köstlich. Er ließ sich noch ein Glas geben, und dann noch eins – ich weiß nicht genau, ob er nach diesem nicht noch eins trank –, aber je mehr heißen Punsch er trank, desto weniger ging ihm der große Mann aus dem Kopf.

,Verdammte ‚Unverschämtheit‘, brummte er. ,Was hat er in dem behaglichen Stübchen zu tun? So ein widerwärtiger Kerl! Wenn die Witwe nur ein bißchen Geschmack hätte, würde sie sich einen Besseren aussuchen.‘ Toms Auge wendete sich von dem Spiegel nach dem Trinkglas, und da er merkte, daß er allmählich gefühlvoll wurde, leerte er das vierte Glas Punsch und bestellte ein fünftes.

Tom Smart, Gentlemen, hatte von jeher eine große Neigung zu einer öffentlichen Stellung. Sein Sinn stand schon lange darnach, ein Schenkstübchen sein eigen nennen zu können und darin zu herrschen, angetan mit einem grauen Rock, kurzen Hosen und Stulpenstiefeln. Er legte großen Wert darauf, bei geselligen Mahlzeiten den Vorsitz zu führen, und oft dachte er daran, wie gut es ihm anstehen würde, an seinem eignen Tisch die Unterhaltung zu leiten und seinen Kunden in der Trinkstube mit trefflichem Beispiel voranzugehen. Lauter solche Gedanken schössen Tom durch den Kopf, als er vor dem knisternden Feuer beim warmen Punsch saß, und er war ganz erbost darüber, daß der Lange sichtlich auf so gutem Wege war, ein solch treffliches Haus zu erobern, während er, Tom Smart, so weit davon entfernt war wie je. Nachdem er bei seinen letzten zwei Gläsern noch gründlich mit sich zu Rate gegangen, ob er ein begründetes Recht hätte, deswegen einen Streit mit dem Langen anzufangen, kam er schließlich zu der Überzeugung, er sei eben ein geschlagener und vom Schicksal verfolgter Mann und tue wohl am besten, zu Bett zu gehen.

Das schmucke Dienstmädchen leuchtete ihm über eine breite alte Treppe voran und hielt die Hand vor das Nachtlicht, um es vor dem Wind zu schützen, der in einem solchen alten, unregelmäßig angelegten Gebäude reichlich Gelegenheit hatte, sich zu belustigen, auch ohne die Kerze auszublasen; aber diese Vorsichtsmaßregel verfehlte ihren Zweck. Er blies sie doch aus und gab dadurch Toms Feinden Gelegenheit zu der Behauptung, er und nicht der Wind habe das Licht ausgelöscht, bloß, um unter dem Vorwande, es wieder anzünden zu wollen, das Mädchen zu küssen. So oder so, es wurde ein andres Licht gebracht und Tom durch eine Menge Gemächer und ein Labyrinth von Gängen in sein Zimmer geführt. Das Mädchen wünschte ihm gute Nacht und ließ ihn allein.

Es war ein großes geräumiges Zimmer mit hohen Schränken und einem Bett, das für ein ganzes Internat Raum genug gehabt hätte – ein paar Eichentruhen nicht zu erwähnen, die das Gepäck einer kleinen Armee hätten in sich aufnehmen können –; doch was Tom am meisten auffiel, war ein sonderbarer, unheimlich aussehender Lehnstuhl mit hohem Rücken und höchst phantastischem Schnitzwerk. Er hatte einen Überzug von geblümtem Damast, und die runden Knäufe seiner Beine waren sorgfältig mit rotem Tuch umwickelt, als hätte er die Gicht in den Zehen. Von jedem andern sonderbaren Sessel würde Tom nichts andres gedacht haben als, er sei nun einmal ein sonderbarer Stuhl, und damit wäre die Sache abgemacht gewesen; aber dieses eigentümliche Möbel hatte etwas Besonderes an sich, und doch konnte Tom nicht sagen, was; so seltsam und verschieden von jedem andern hatte er noch keinen Sessel gesehen. Er schien ihn förmlich zu bezaubern. Tom setzte sich vor das Feuer und starrte ihn wohl eine halbe Stunde lang an. Hol’s der Teufel, was war das für ein seltsames altes Stück, daß man die Augen nicht davon abwenden konnte!

Nein, sagte sich Tom, kleidete sich langsam aus und starrte dabei, unentwegt, die ganze Zeit den alten Stuhl an, wie er so geheimnisvoll vor dem Bett stand. Mein Lebtag habe ich noch nie ein so seltsames Ding gesehen wie dieses. Sehr seltsam, sagte sich Tom, den der warme Punsch etwas nachdenklich gestimmt hatte. Sehr seltsam. Er schüttelte den Kopf mit einer Miene hoher Weisheit, und wieder mußte er den Stuhl ansehen. Er wußte nicht, was er daraus machen sollte, ging jedoch zu Bett, deckte sich warm zu und schlief ein.

Nach einer halben Stunde fuhr er aus dem Schlafe auf. Er hatte einen wirren Traum von großen Männern und Punschgläsern gehabt, und das erste, was sich ihm im Halbwachen darbot, war der seltsame Stuhl.

Ich will ihn nicht mehr ansehen, nahm sich Tom vor, schloß die Augen und versuchte sich einzureden, er schlafe schon wieder. Umsonst. Lauter seltsame Stühle tanzten vor seinen Augen, grätschten die Beine und schwangen sich im Bocksprung einander über den Rücken und machten allerlei tolle Kapriolen.

Lieber einen wirklichen Stuhl sehen als ein paar Dutzend eingebildete, sagte sich Tom und steckte den Kopf unter der Bettdecke hervor. Aber immer noch sah der Stuhl so herausfordernd drein wie vordem.

Starr betrachtete ihn Tom, da ging plötzlich eine außerordentliche Veränderung vor sich. Das Schnitzwerk auf der Lehne nahm allmählich die Züge und den Ausdruck eines alten gefurchten Menschengesichts an, das damastene Polster wurde eine altmodische Weste mit Schößen, die runden Knäufe verwandelten sich in ein Paar Füße, die in roten Tuchpantoffeln staken, und der ganze Stuhl glich einem häßlichen alten Mann aus dem vorigen Jahrhundert mit in die Hüften gestemmten Armen. Tom richtete sich im Bett auf und rieb sich die Augen. Vergebens. Der Stuhl war und blieb ein häßlicher alter Herr, und was noch mehr war, er zwinkerte ihm zu.

Tom war von Natur ein herzhafter, mutiger Bursche und hatte zudem fünf Gläser warmen Punsch getrunken. Sein Unwille gewann daher bald die Oberhand über seine anfängliche Bestürzung, als er sah, daß der alte Herr nicht aufhörte, ihn mit unverschämter Miene anzustarren und ihm zuzuzwinkern, und endlich entschloß er sich, das nicht länger so geduldig hinzunehmen. Und als daher das alte Gesicht wieder einmal stärker grinste, fragte Tom in höchst ärgerlichem Tone:

,Warum, zum Teufel, zwinkerst du denn fortwährend?‘

,Weil es mir so paßt, Tom Smart‘, sagte der Stuhl oder der alte Herr, wie Sie ihn nennen mögen. Er hörte zwar auf zu zwinkern, als Tom sprach, grinste ihn aber an, wie ein altersschwacher Affe.

,Woher weißt du meinen Namen, altes Nußknackergesicht?‘ fragte Tom Smart etwas betreten, obwohl er sich unbefangen stellte.

,Laß das, Tom‘, sagte der alte Herr, ,das ist nicht die Art, einen soliden spanischen Mahagoni anzureden. Gott straf mich, du benimmst dich ja rein, als ob ich nur furniert wäre.‘ Der alte Herr sah bei diesen Worten so zornig drein, daß Tom sich zu fürchten anfing.

,Ich wollte es Ihnen gegenüber durchaus nicht an Respekt fehlen lassen, Sir‘, entschuldigte sich Tom, viel höflicher als vorher.

,Schon gut, schon gut‘, erwiderte der Alte, ,kann ja sein, Tom.‘

,Sir …‘

,Ich kenne deine Verhältnisse, Tom! Genau. Du bist sehr arm, Tom.‘

,Leider nur zu wahr‘, versetzte Tom, ,aber woher wissen Sie das?‘

,Frag jetzt nicht. Übrigens bist du auch viel zu sehr dem Punsch zugetan, Tom!‘

Tom Smart wollte beteuern, er habe seit seinem letzten Geburtstag keinen Tropfen mehr getrunken, aber als sein Blick dem Auge des alten Herrn begegnete, sah dieser so eingeweiht drein, daß er errötete und schwieg.

,Tom‘, fuhr der alte Herr fort, ,die Witwe unten ist eine hübsche Frau, eine außerordentlich hübsche Frau, was, Tom?‘ Er riß dabei die Augen weit auf, zog eines seiner dürren kleinen Beine in die Höhe und machte ein so widerlich-verliebtes Gesicht, daß Tom förmlich ein Ekel ob dieses frivolen Benehmens überkam. – Ich bitte Sie, bei dem Alter des Herrn!

,Ich bin ihr Vormund, Tom.‘ ,Was Sie nicht sagen!‘ staunte Tom Smart. ,Ich habe ihre Mutter gekannt, Tom‘, fuhr der Alte fort, ,und ihre Großmutter. Sie war sehr verliebt in mich, machte mir diese Weste, Tom.‘

,Wahrhaftig?‘ fragte Tom Smart.

,Und diese Schuhe‘, erzählte der Alte weiter, einen seiner roten Pantoffelfüße emporhebend. ,Aber sprich nicht darüber, Tom. Ich möchte nicht, daß es bekannt würde, wie sehr sie an mir hing. Es könnte störend auf den Familienfrieden wirken.‘

Der alte Geck sah bei diesen Worten so außerordentlich unverschämt drein, daß sich Tom Smart, wie er nachher erklärte, gar kein Gewissen daraus gemacht hätte, sich auf ihn zu setzen.

,Ich war zu meiner Zeit ein großer Liebling der Damen, Tom‘, fuhr der schamlose alte Sünder fort. ,Hunderte schöner Weiber haben stundenlang auf meinem Schöße gesessen. Was sagst du dazu, Bursche, was?‘ Der alte Herr wollte noch einige galante Abenteuer aus seiner Jugendzeit zum besten geben, bekam aber einen solchen Anfall von Knarren, daß er außerstande war, fortzufahren.

Geschieht dir ganz recht, alter Schuft, dachte Tom Smart, sagte aber kein Wörtchen.

,Ach!‘ fing der Alte wieder an, ,jetzt habe ich meine liebe Not dafür. Ich werde alt, Tom, und gehe allmählich aus dem Leim. Auch habe ich eine Operation ausgestanden, man hat mir ein kleines Stück in den Rücken eingesetzt, und das war eine schwere Heimsuchung, Tom.‘

,Das glaube ich gern, Sir‘, sagte Tom Smart.

,Aber genug davon‘, fuhr der alte Herr fort. ,Kurz und gut, Tom, du mußt die Witwe heiraten.‘

,Ich, Sir?‘

,Du, jawohl‘, antwortete der alte Herr.

,Gottes Segen auf Ihr ehrwürdiges Haupt‘, sagte Tom, denn der alte Herr hatte noch ein paar Pferdehaare. .Gottes Segen; aber sie will mich doch nicht.‘ Und Tom seufzte unwillkürlich, als er an das Schenkstübchen dachte.

,Sie will nicht?‘ fragte der alte Herr in strengem Ton.

,Nein, bestimmt nicht‘, antwortete Tom, ,sie hat ein Auge auf einen andern geworfen. Ein langer Bursche – ein verdammt langer Bursche – mit einem schwarzen Backenbart.‘

,Tom‘, tröstete der alte Herr, ,sie wird ihn nicht nehmen.‘

,Nicht nehmen?‘ wiederholte Tom. ,Wären Sie im Schenkstübchen gewesen, alter Herr, würden Sie anders reden.‘

,Pah! Pah!‘ sagte der alte Herr, ,weiß doch alles.‘

,Was wissen Sie?‘

,Daß sie sich hinter der Tür küssen, und so weiter, Tom‘, antwortete der alte Herr und sah dabei wieder so frivol drein, daß Tom außerordentlich zornig wurde, denn einen Greis, der schon gescheiter sein sollte, von solchen Dingen sprechen zu hören, ist höchst widerlich, widerlicher als irgend etwas; das werden Sie zugeben, Gentlemen.

,Ich kenne mich aus‘, sagte der alte Herr. ,Zu meiner Zeit habe ich so was sehr oft gesehen, Tom, bei mehr Leuten, als ich für gut finde, dir zu nennen; aber schließlich führte es doch zu nichts.‘

,Sie müssen merkwürdige Dinge gesehen haben‘, bemerkte Tom mit einem forschenden Blick.

,Da magst du recht haben, Tom‘, erwiderte der Alte mit einem sehr bedeutungsvollen Zwinkern. ,Ich bin der Letzte meines Stammes, Tom‘, fügte er mit einem schwermütigen Seufzer hinzu.

,War sie zahlreich, Ihre Familie?‘ fragte Tom Smart.

,Wir waren unser zwölf, Tom, hübsche, schmucke steifrückige Gesellen, wie du nur welche sehen kannst. Keine von euren neumodischen Mißgeburten, alle mit Armen, und poliert, daß einem das Herz im Leibe lachte, wenn man sie nur sah.‘

,Und was wurde aus den andern, Sir?‘ fragte Tom Smart.

Der alte Herr wischte sich mit den Ellenbogen das Auge: ,Dahin, Tom, dahin. Wir hatten schweren Dienst, Tom, und sie waren nicht alle so fest wie ich. Bekamen die Gicht in den Beinen und Armen und wanderten in Küchen und andre Hospitäler; einer verlor durch den schweren Dienst und die übermäßige Anstrengung alle seine Sinne; er wurde so elend, daß man ihn verbrennen mußte. Schauerlich, was, Tom?‘

,Furchtbar!‘ bestätigte Tom Smart.

Der alte Knabe schwieg wieder einige Minuten lang, augenscheinlich tief ergriffen, und fuhr dann fort:

.Aber ich schweife von meinem Thema ab, Tom. Der lange Bursche, Tom, ist ein spitzbübischer Glücksritter. In demselben Augenblick, wo er die Witwe heiratete, würde er das ganze Mobiliar verkaufen und sich davonmachen. Was wäre die Folge davon? Sie wäre eine verlassene, zugrunde gerichtete Frau, und ich würde in irgendeiner Trödlerbude an Erkältung sterben.‘

,Gut, aber …‘

,Unterbrich mich nicht‘, sagte der alte Herr. ,Von dir, Tom, habe ich eine ganz andre Meinung; ich weiß, wenn du dich nur einmal in einem Wirtshause festgesetzt hättest, so würdest du es nie mehr verlassen, solange es noch innerhalb seiner Wände etwas zu trinken gäbe.‘

,Ich bin Ihnen für Ihre gute Meinung sehr verbunden‘, sagte Tom Smart.

,Eben deshalb‘, erklärte der alte Herr in diktatorischem Ton, ,sollst du und nicht er die Witwe haben.‘

,Wie soll ich das aber anstellen?‘ fragte Tom Smart hastig.

,Durch die Enthüllung, daß er schon verheiratet ist.‘

,Wie kann ich das beweisen?‘ fragte Tom und sprang halb aus dem Bett.

Der alte Herr hob seinen Arm in die Höhe und deutete nach einem der beiden Schränke. ,Er denkt nicht daran‘, sagte er, ,daß er in der rechten Tasche seiner Hosen, die in diesem Kasten hängen, einen Brief vergessen hat, worin er angefleht wird, zu seinem trostlosen Weibe mit ihren sechs – höre, Tom –, sechs Kindern, und alle noch unmündig, zurückzukehren.‘

Noch während der alte Herr in feierlichem Ton das verkündete, wurden seine Züge immer unbestimmter und die Umrisse seiner Gestalt schwankender. Ein Schleier fiel über Tom Smarts Augen. Der alte Mann ging nach und nach in den Stuhl über, die Damastweste verwandelte sich in eine gepolsterte Lehne, die roten Pantoffeln wurden zu kleinen roten Tuchläppchen, die die Knäufe umhüllten. Das milde Licht erlosch allmählich, und Tom Smart fiel auf sein Kissen zurück in die Arme des Schlafes.

Am andern Morgen erwachte er aus dem bleiernen Schlaf, in den er nach dem Verschwinden des alten Herrn gesunken war, setzte sich in seinem Bett auf und mühte sich einige Minuten lang vergebens ab, sich der Vorgänge der entwichenen Nacht zu entsinnen. Plötzlich tauchten sie wieder in seinem Gedächtnisse auf. Er sah auf den Stuhl. Es war ein phantastisches, grämlich aussehendes Stück Möbel, das ließ sich nicht bezweifeln; aber um zwischen ihm und einem alten Manne eine Ähnlichkeit zu entdecken, dazu gehörte denn doch eine ziemlich lebhafte und erfinderische Phantasie.

,Wie steht’s, alter Knabe?‘ fragte Tom. Er war bei Tag kühner. Wie die meisten Leute.

Der Stuhl blieb regungslos und sprach kein Wort.

,Ein heilloser Morgen‘, begann Tom eine Unterhaltung. Umsonst. Der Stuhl war gänzlich abgeneigt.

,Auf welchen Schrank hast du gedeutet? – Das kannst du mir doch wenigstens sagen‘, meinte Tom. Aber es war zum Teufelholen. Kein Wort war aus dem Stuhl herauszubringen, meine Herren.

,Nun, es wird nicht schwer sein, ihn irgendwie zu öffnen‘, sagte Tom, entschlossen aus seinem Bett springend.

Er trat an einen der Schränke. Der Schlüssel steckte; er drehte ihn um und öffnete. Wirklich hing ein Paar Hosen darin. Er fuhr mit der Hand in die rechte Tasche und zog richtig den Brief hervor, von dem der alte Herr gesprochen hatte.

,Ist doch seltsam‘, brummte Tom Smart, sah zuerst den Stuhl, dann den Schrank, dann den Brief und dann wieder den Stuhl an. ,Sehr seltsam‘, sagte Tom. Aber da sich das Geheimnis nicht erklären ließ, hielt er es für das zweckmäßigste, sich anzukleiden, die Sache mit dem Langen ein für allemal ins reine zu bringen und seinem Elend dadurch ein Ende zu machen.

Auf seinem Wege betrachtete Tom die Zimmer und Gänge mit dem prüfenden Blicke eines zukünftigen Gastwirts und dachte dabei an die Möglichkeit, daß sie samt ihrem Inhalt binnen kurzem sein Eigentum werden könnten. Der lange Bursche stand in dem hübschen Schenkstübchen, die Hände auf dem Rücken, ganz, als ob er zu Hause wäre. Er gaffte Tom mit einem nichtssagenden Blick an. Ein unbefangener Beobachter würde vermutet haben,, er habe es bloß getan, um seine weißen Zähne zu zeigen, aber Tom Smart sah darin Triumphgefühl, und zwar an einer Stelle, wo das Herz des großen Mannes gewesen wäre, wenn er eins gehabt hätte. Er lachte ihm daher höhnisch ins Gesicht und verlangte die Wirtin zu sprechen.

,Guten Morgen, Ma’am‘, sagte er, die Tür des Schenkstübchens schließend, als die Wirtin eintrat.

,Guten Morgen, Sir‘, antwortete die Witwe. ,Was befehlen Sie zum Frühstück?‘

Tom dachte darüber nach, wie er die Sache einfädeln sollte, und gab keine Antwort.

,Es gibt vortrefflichen Schinken‘, fuhr die Witwe fort, ,und ein schönes gespicktes Hühnchen kalt. Soll ich Ihnen eins hereinschicken, Sir?‘ Tom erwachte aus seinem Grübeln. Seine Bewunderung vor der Witwe wuchs, als er sie so sprechen hörte. ,Die gute Seele! Wie man da versorgt wäre!‘

,Wer ist der Herr im Nebenzimmer, Ma’am?‘ fragte er.

,Er nennt sich Jinkins, Sir‘, antwortete die Witwe, leicht errötend.

,Ein großgewachsener Mann‘, sagte Tom.

,Ein sehr stattlicher Mann‘, erwiderte die Witwe, ,und ein sehr gebildeter Herr.‘

,So. Hm‘, sagte Tom.

,Wünschen Sie sonst noch etwas, Sir?‘ fragte die Witwe, etwas verblüfft über Toms Benehmen.

,Nun ja‘, antwortete Tom. ,Liebe Frau, wollen Sie die Güte haben, einen Augenblick Platz zu nehmen.‘

Die Witwe sah ganz verdutzt aus, setzte sich aber doch, und Tom setzte sich auch, und zwar hart an ihre Seite.

Ich weiß nicht, wie es kam, meine Herren, wirklich, mein Oheim pflegte zu erzählen, daß Tom gesagt habe, er wisse es nicht, wie es gekommen sei, daß … Doch so oder so, Toms Hand senkte sich auf die Rückseite der Hand der Witwe und blieb dort liegen, während er mit ihr sprach. ,Liebe Frau‘, sagte er – er hielt immer viel darauf, den Liebenswürdigen zu spielen – , ,liebe Frau, Sie verdienen es, einen vortrefflichen Mann zu bekommen, ja, das verdienen Sie.‘

,Oh, mein Herr‘, sagte die Witwe, so unbefangen sie konnte, denn Toms Art und Weise, die Unterhaltung zu beginnen, war etwas ungewöhnlich, um nicht zu sagen, befremdend, besonders wenn man den Umstand in Betracht zog, daß er sie vor dem gestrigen Abend noch mit keinem Auge gesehen hatte. ,Oh, bitte, mein Herr.‘

,Ich bin Schmeicheleien abhold, Ma’am‘, fuhr Tom Smart fort. ,Sie verdienen einen ausgezeichneten Mann, und wer immer es auch werden mag, er wird ein sehr glücklicher Mann sein.‘

Als Tom dies sagte, wanderten seine Augen unwillkürlich von dem Gesicht der Witwe auf die behagliche Umgebung.

Die Witwe sah noch verblüffter drein und versuchte aufzustehen. Tom drückte ihr sanft die Hand, wie, um sie zurückzuhalten, und sie blieb sitzen. – Witwen, meine Herren, sind gewöhnlich nicht allzu scheu, wie mein Onkel zu sagen pflegte.

,Ich bin Ihnen wirklich sehr verbunden für Ihre gute Meinung‘, sagte die dralle Wirtin, halb lachend, ,und wenn ich je wieder heirate …‘ ,Wenn‘, wiederholte Tom Smart mit einem schelmischen Blick aus dem rechten Winkel seines linken Auges., Wenn,..‘

,Nun‘, sagte die Wirtin und lachte, diesmal laut. ,Wenn ich es tue, so hoffe ich, einen so guten Mann zu bekommen, wie Sie ihn schildern.‘ ,Jinkins zum Beispiel?‘ meinte Tom.

,Oh, was glauben Sie, Sir!‘ rief die Witwe aus.

,Reden Sie nicht‘, versetzte Tom, ,ich kenne ihn.‘

,Ich bin überzeugt, niemand, der ihn kennt, kann ihm etwas Schlechtes nachsagen‘, versetzte die Witwe, aufgebracht durch die geheimnisvolle Miene Toms.

,Ehüm‘, hüstelte Tom Smart.

Die Witwe hielt den Augenblick für gekommen, in Tränen auszubrechen. Sie zog ihr Taschentuch heraus und fragte, ob Tom sie kränken wolle; ob er es für ehrenhaft halte, einem Gentleman hinter dem Rücken die Ehre abzuschneiden; warum er, wenn er etwas zu sagen hätte, es ihm nicht als Mann ins Gesicht sage, anstatt ein armes, schwaches Weib so zu ängstigen, und so weiter.

,Ich werde es ihm schon derb genug sagen‘, erwiderte Tom, ,nur will ich, daß Sie es vorher hören.‘

,Was ist es denn‘, fragte die Witwe, Tom aufmerksam ins Gesicht sehend.

,Sie werden staunen‘, flüsterte Tom und steckte seine Hand in die Tasche.

,Wenn Sie vielleicht sagen wollen, daß er Geld braucht‘, wehrte die Witwe ab, ,so weiß ich das bereits, und es geht Sie nichts an.‘

,Pah, Unsinn; daran läge nichts‘, versetzte Tom Smart. ,Ich brauche auch Geld. Das ist es nicht.‘

,Ach Gott, was kann es denn sein?‘ rief die arme Witwe.

,Erschrecken Sie nicht!‘ Tom Smart zog langsam den Brief aus der Tasche und entfaltete ihn. ,Werden Sie auch nicht schreien?‘ fragte er besorgt.

,Nein, nein‘, beteuerte die Witwe, ,geben Sie her.‘

,Werden Sie nicht in Ohnmacht fallen oder ähnliche Dummheiten machen?‘

,Nein, nein‘, erwiderte die Witwe hastig.

,Oder hinauslaufen, um es ihm vorzuhalten? Ihre Einmischung ist dabei ganz unnötig, da ich die Sache auf mich zu nehmen gedenke; es wäre schon besser, wenn Sie sich gar nicht aufregen würden.‘

,Schon recht, geben Sie nur her!‘ bat die Witwe.

,Hier‘, sagte Tom Smart und reichte ihr den Brief.

Meine Herren, ich habe meinen Onkel sagen hören, daß Tom Smart behauptete, die Wehklagen der Witwe, in die sie bei der Enthüllung des Geheimnisses ausgebrochen, hätten ein Herz von Stein erweichen können. Tom hatte ohnhin ein weiches Herz, und sie drangen bis in sein Innerstes. Die Witwe wiegte sich gramzerrissen hin und her und rang die Hände.

,Oh, über die Arglist und Schlechtigkeit eines Mannes!‘ rief sie aus.

,Schrecklich, Ma’am; aber beruhigen Sie sich‘, tröstete sie Tom Smart.

,Ach, ich kann mich nicht beruhigen‘, jammerte die Witwe. ,Nie mehr werde ich einen Menschen finden, den ich so lieben kann.‘

,O doch, Sie werden es, Geliebte meines Herzens‘, versicherte Tom Smart, aus Mitleid mit dem kläglichen Geschick der Witwe einen Strom dicker Tränen vergießend.

Von Mitgefühl mit fortgerissen, hatte Tom Smart seinen Arm um die Taille der Witwe geschlungen und sie im Übermaße ihres Schmerzes seine Hand ergriffen. Dann sah sie zu Toms Gesicht auf und lächelte unter Tränen, und er blickte in ihr Gesicht hinunter und lächelte auch unter Tränen. Ich konnte nie in Erfahrung bringen, meine Herren, ob Tom in diesem entscheidenden Augenblick die Witwe küßte oder nicht. Meinem Onkel pflegte er zu versichern, er habe es nicht getan, aber ich bezweifle es fast. Unter uns gesagt, meine Herren, ich glaube, er tat es.

Jedenfalls ist das eine gewiß, daß eine halbe Stunde darauf Tom den Langen aus dem Hause warf und einen Monat später die Witwe heiratete. Oft fuhr er noch mit seinem tonfarbenen Gig mit den roten Rädern und der launenhaften Mähre mit dem stetigen Trab im Lande herum, bis er endlich nach vielen Jahren sein Geschäft aufgab und mit seinem Weib nach Frankreich ging, worauf das alte Haus niedergerissen wurde.“

„Wollen Sie mir eine Frage erlauben“, wandte sich der wißbegierige Mr. Snodgraß an den Erzähler. „Was wurde denn aus dem Stuhl?“

„Nun“, versetzte der einäugige Reisende, „man hörte ihn am Tage der Hochzeit sehr stark krachen, aber Tom Smart konnte nicht herausbekommen, ob aus Vergnügen oder aus Gebrechlichkeit. Er neigte jedoch mehr zur letzteren Ansicht, denn der Stuhl sprach nachher nie wieder.“

„Und alle haben die Geschichte geglaubt, was?“ fragte das Schmutzgesicht und stopfte sich eine Pfeife.

„Alle, mit Ausnahme der Feinde Toms. Einige von ihnen sagten, Tom habe sie nur erdacht, und andre sind der Ansicht, er sei betrunken gewesen, habe sie geträumt und den Brief infolge Verwechslung der Hosen gefunden. Aber niemand gab etwas darauf, was diese neidischen Seelen behaupteten.“

„Und Tom Smart hat gesagt, es sei alles wahr?“

„Wort für Wort.“

„Und Ihr Onkel?“

„Auch der.“

„Das müssen ’n paar merkwürdige Männer gewesen sein“, brummte das Schmutzgesicht,

„Waren sie auch.“

Sechzehntes Kapitel


Sechzehntes Kapitel

In dem ein getreues Konterfei von zwei distinguierten Personen vorkommt sowie die genaue Beschreibung eines fashionablen Frühstücks, das zur Erneuerung einer alten Bekanntschaft führt.

Mr. Pickwick hatte bereits Gewissensbisse wegen der anhaltenden Vernachlässigung seiner Freunde im Gasthaus zum „Pfauen“, und am dritten Morgen nach Beendigung der Wahl war er gerade im Begriff, sie aufzusuchen, als ihm sein getreuer Diener eine Karte überreichte, auf der zu lesen stand:

Mrs. Leo Hunter

Villa Hütte bei Eatansville

„Es wartet jemand“, meldete Sam lakonisch.

Mich will jemand sprechen, Sam?“ fragte Mr. Pickwick.

„Er will mit aller Gewalt Ihnen sprechen und sonst gar nichts, jibt’s nich billiger, wie des Deubels Privatsekretär sagte, als er den Doktor Faust holte“, antwortete Mr. Weller.

„Er? Ist’s denn ein Herr?“ fragte Mr. Pickwick.

„Wenigstens ’n täuschend ähnliches Konterfei von ’nem solchen“, versetzte Mr. Weller.

„Aber die Karte ist doch von einer Dame!“

„Mir aber von ’nem Herrn gegeben. Er sitzt im Besuchszimmer und sagt, er möchte lieber den ganzen Tag warten, als wie Ihnen nich sehen.“ Mr. Pickwick begab sich unverzüglich ins Empfangszimmer und fand dort einen würdevoll aussehenden Herrn sitzen, der bei seinem Eintritt sogleich aufstand und mit einer Miene höchster Ehrerbietung fragte:

„Mr. Pickwick, wenn ich nicht irre?“

„Der bin ich.“

„Gestatten Sie mir die Ehre, mein Herr, Ihnen die Hand schütteln zu dürfen“, sagte der würdevoll aussehende Gentleman.

„Oh, bitte sehr.“

Der Fremde schüttelte die dargebotene Rechte und fuhr fort:

„Ihr Ruhm ist bis zu uns gedrungen, Sir. Das Aufsehen, das Ihre archäologischen Entdeckungen machten, ist bis zu den Ohren Mrs. Leo Hunters gedrungen – nämlich meiner Frau, Sir. Mein Name ist Leo Hunter.“

Der Fremde schwieg, als erwarte er, Mr. Pickwick werde ob dieser Enthüllung außer sich geraten.; als er aber sah, daß dieser vollkommen ruhig blieb, fuhr er fort:

„Meine Gattin, Sir, Mrs. Leo Hunter, setzt ihren Stolz darein, alles, was einen Namen hat, zu ihrem Bekanntenkreis zählen zu dürfen. Erlauben Sie mir, Sir, die Namen Mr. Pickwicks und der Mitglieder des nach ihm benannten Klubs an die Spitze der Liste zu setzen.“

„Ich werde mich außerordentlich glücklich schätzen, die Bekanntschaft einer solchen Dame zu machen, Sir“, versetzte Mr. Pickwick.

„Zuviel der Ehre, Sir“, sagte der würdevoll aussehende Gentleman. „Wir geben morgen früh einer großen Anzahl von Zeitgenossen, die sich durch Geist und Genie ausgezeichnet haben, eine fete champetre. Darf Mrs. Leo Hunter also auf den Besuch der Herren in Villa Hütte rechnen?“ „Mit dem größten Vergnügen.“

„Mrs. Leo Hunter gibt von Zeit zu Zeit solche Feste, mein Herr. Geistesorgien und Seelenschmäuse, wie sich jemand kürzlich in einem Sonett auf Mrs. Leo Hunters Frühstücke mit ebensoviel Feingefühl wie Originalität ausdrückte.“

„Vermutlich auch ein Herr, der sich öffentlich auszeichnete?“

„So ist es, Sir“, versetzte der würdevoll aussehende Gentleman. „Das gilt von sämtlichen Bekannten Mrs. Leo Hunters. Es ist ihr höchster Ehrgeiz, nur mit solchen Leuten zu verkehren.“

„Eine edle Sinnesart, in der Tat“, bemerkte Mr. Pickwick.

„Mrs. Leo Hunter wird stolz und entzückt sein, wenn ich ihr das ausrichte. Wenn ich nicht irre, hat doch einer der Herren in Ihrem Gefolge einige sehr hübsche Gedichte verfaßt. Nicht wahr?“

„Mein Freund Snodgraß hat viel Sinn für Poesie“, bestätigte Mr. Pickwick.

„Mrs. Leo Hunter ebenfalls, Sir. Dichtkunst geht ihr über alles. Sie hat ihr einen Altar errichtet; ihre ganze Seele ist ihr, sozusagen, vermählt. Sie hat selbst einige herrliche Strophen gedichtet, Sir. Vielleicht haben Sie schon von ihrer Ode an einen sterbenden Frosch gehört?“

„Ich wüßte nicht“, erwiderte Mr. Pickwick.

„Das setzt, mich wahrhaft in Erstaunen, Sir“, sagte Mr. Leo Hunter. „Sie hat ungeheures Aufsehen gemacht. Sie war mit einem L und acht Sternchen unterzeichnet und erschien ursprünglich in einer Frauenzeitung. Sie beginnt:

Seh ich keuchend dich vor Schrecken
Alle viere von dir strecken,
Um hier elend zu verrecken,
Dann packt für dich Armen
Mich tiefes Erbarmen,
O Frosch, o Frosch.“

„Wunderhübsch“, bemerkte Mr. Pickwick.

„Schön“, sagte Mr. Leo Hunter. „Und so einfach.“

„Außerordentlich“, bekräftigte Mr. Pickwick. „Die nächste Strophe ist noch ergreifender; wollen Sie sie hören?“

„Ich bitte darum“, versetzte Mr. Pickwick.

„Sie lautet:

Sprich, ob nicht zu schlimmer Stunde
Rohe Buben mit dem Hunde
Aus des Sumpfes kühlem Grunde
Dich jagten zum Lichte,
Dich plagten zunichte,
O Frosch, o Frosch.“

„Schön gesagt“, lobte Mr. Pickwick.

„Jede Zeile reimt sich, Sir, jede Zeile. Aber Sie sollten die Verse erst aus dem Munde Mrs. Leo Hunters selbst hören! Sie kann ihnen erst die richtige Weihe geben, mein Herr. Sie wird sie morgen früh im Kostüm deklamieren.“

„Im Kostüm?“

„Als Minerva. Ja, richtig, ich vergaß. Man erscheint in Kostüm und Maske.“

„Gott“, rief Mr. Pickwick mit einem Blick auf sein Embonpoint, „ich kann unmöglich.“

„Unmöglich? Nicht doch, mein Herr!“ sagte Mr. Leo Hunter. „Der Jude Salomon Lucas in Highstreet hat Tausende von Kostümen auf Lager.

Bedenken Sie, wie viele geeignete Masken Ihnen zur Verfügung stehen! Plato, Zeno, Epikur, Pythagoras – lauter Gründer von Klubs!“

„Allerdings“, gab Mr. Pickwick zu, „aber da ich mich mit diesen großen Männern nicht vergleichen kann, darf ich mir auch nicht, herausnehmen, in ihrer Tracht zu erscheinen.“

Der würdevolle Gentleman versank in tiefes Nachdenken und sagte dann:

„Wenn ich es mir recht überlege, mein Herr, glaube ich, es würde Mrs. Leo Hunter vielleicht eine noch größere Freude machen, ihren Gästen einen Mann von Ihrer Berühmtheit lieber in seinem eigenen Kostüm als in Ausstaffierung vorstellen zu dürfen. Ich erlaube mir, in Ihrem Falle eine Ausnahme vorzuschlagen, Sir. Und was Mrs. Leo Hunter betrifft, bin ich meiner Sache so gut wie gewiß.“

„Ja, dann“, erwiderte Mr. Pickwick, „werde ich mit größtem Vergnügen erscheinen können.“

„Aber ich beraube Sie Ihrer kostbaren Zeit, mein Herr“, sagte der feierliche Gentleman und stand plötzlich auf. „Ich will Sie nicht länger aufhalten. Ich werde also Mrs. Leo Hunter ausrichten, daß sie Sie und Ihre wertgeschätzten Freunde zuversichtlich erwarten darf. Guten Morgen, Sir; ich rechne es mir zur besonderen Ehre an, einen so hervorragenden Mann kennengelernt zu haben; bitte, sich nicht zu inkommodieren, mein Herr; nein, nein, unter keinen Umständen!“ Und ohne Mr. Pickwick Zeit zu Einwendungen zu lassen, schritt Mr. Leo Hunter würdevoll hinaus.

Mr. Pickwick setzte seinen Hut auf und begab sich unverzüglich in den „Pfau“; aber Mr. Winkle hatte bereits die Kunde von dem bevorstehenden Kostümfest dorthin gebracht.

„Mrs. Pott kommt auch“, waren die ersten Worte, mit denen er seinen Lehrer begrüßte.

„So?“

„Ja. Als Apoll. Pott hat nur noch etwas gegen die Tunika einzuwenden.“

„Mit Recht. Ganz mit Recht“, sagte Mr. Pickwick mit Nachdruck.

„Ja. Sie wird deshalb in einem weißen Atlaskleid mit Goldflitter erscheinen.“

„Wird man aber dann auch wissen, was sie vorstellt?“ fragte Mr. Snodgraß.

„Selbstverständlich“, entgegnete Mr. Winkle unwillig. „Wozu hat sie denn die Leier!?“

„Richtig, das habe ich nicht bedacht“, gab Mr. Snodgraß zu.

„Und ich gehe als Bandit“, erklärte Mr. Tupman.

„Als was?“ rief Mr. Pickwick und fuhr empört zurück.

„Als Bandit“, wiederholte Mr. Tupman schüchtern.

„Sie wollen damit doch nicht sagen“, versetzte Mr. Pickwick mit einem strengen Blick, „Sie wollen damit doch nicht sagen, Mr. Tupman, daß Sie im Sinn haben, in einer grünen Samtjacke mit kurzen Schößen zu erscheinen?“

„Allerdings, Sir“, erwiderte Mr. Tupman empfindlich. „Warum denn nicht, Sir?“

„Aus dem einfachen Grunde, Sir“, antwortete Mr. Pickwick gereizt, „weil Sie zu alt dazu sind, Sir.“

„Zu alt!?“ rief Mr. Tupman.

„Und außerdem“, fuhr Mr. Pickwick fort, „sind Sie zu fett, Sir.“

„Sir!“ rief Mr. Tupman mit glühendrotem Gesicht. „Das ist eine Beleidigung.“

„Sir!“ versetzte Mr. Pickwick in demselben Ton. „Ich beleidige Sie dadurch nicht halb sosehr, wie Sie mich beleidigen würden, wenn Sie in meiner Gegenwart in einer grünen Jacke mit kurzen Schößen erschienen.“

„Sir, Sie sind ein – Subjekt!“ sagte Mr. Tupman.

„Sir, das sind Sie!“ entgegnete Mr. Pickwick.

Mr. Tupman trat einen Schritt vor und fixierte Mr. Pickwick. Mr. Pickwick erwiderte den Blick zornbebend durch seine Brillengläser. Sein ganzes Wesen atmete Kühnheit und Trotz. Mr. Snodgraß und Mr. Winkle waren förmlich versteinert bei einem Auftritt wie diesem, zwischen zwei solchen Männern.

„Sir“, begann Mr. Tupman nach einer kurzen Pause mit dumpfer Stimme. „Sie haben mich alt genannt.“

„Jawohl“, erwiderte Mr. Pickwick.

„Und fett.“

„Ich wiederhole es.“

„Und ein – Subjekt.“

„Das sind Sie auch!“

Es trat eine beängstigende Pause ein.

„Meine Anhänglichkeit an Ihre Person, Sir“, sagte Mr. Tupman mit einer Stimme, die von innerer Bewegung zitterte, und krempelte sich die Ärmel auf, „ist groß, sehr groß, aber ich muß augenblicklich Genugtuung haben.“

„Nur heran, Sir, nur heran!“ rief Mr. Pickwick.

Und im höchsten Grade durch den Wortwechsel gereizt, warf sich der heroische Gelehrte in eine paralytisch aussehende Positur, in der seine beiden Gefährten ohne Mühe eine Defensivstellung erkannten.

„Wie?“ rief Mr. Snodgraß aus, plötzlich die Sprache wiederfindend, deren er bis dahin vor grenzenlosem Erstaunen beraubt gewesen war, und trat, auf die Gefahr hin, von beiden Parteien eins an die Schläfen zu bekommen, zwischen die Streitenden. „Wie? Mr. Pickwick, auf den die Augen der ganzen Welt gerichtet sind?! Und Sie, Mr. Tupman, auf den, wie auf uns alle, der Widerschein eines unsterblichen Namens fällt!? Schämen Sie sich, meine Herren. Schämen Sie sich!“

Die ungewohnten Furchen augenblicklicher, leidenschaftlicher Erregung auf Mr. Pickwicks klarer und offener Stirn verschwanden allmählich während dieser Anrede seines jungen Freundes wie Bleistiftlinien unter dem tilgenden Einflüsse eines Radiergummis. Noch ehe Mr. Snodgraß geendet, hatte das Gesicht des Trefflichen wieder den gewohnten wohlwollenden Ausdruck angenommen.

„Ich bin zu hitzig gewesen“, sagte er. „Allzu hitzig. Mr. Tupman, Ihre Hand!“

Die finstere Wolke wich auch aus Mr. Tupmans Antlitz, und mit Wärme ergriff er die Hand seines Freundes.

„Auch ich habe mich hinreißen lassen.“

„Nein, nein“, unterbrach ihn Mr. Pickwick, „die Schuld lag an mir. Sie wollen also die grüne Jacke tragen?“

„O nein, nein“, beteuerte Mr. Tupman.

„Wenn Sie mir einen Gefallen erweisen wollen, so tun Sie es.“

„Also gut, dann natürlich“, antwortete Mr. Tupman.

Und so wurde denn beschlossen, daß Mr. Tupman, Mr. Winkle und Mr. Snodgraß sämtlich im Kostüm erscheinen sollten.

Der Festmorgen kam. Es war ein überwältigender Anblick, Mr. Tupman im Banditenkostüm prangen zu sehen, mit eng anschließender Jacke, wie ein Nadelkissen, die Schenkel in kurze Samthosen gepfropft und die Waden mit Bändern umwickelt, worauf alle Banditen bekanntlich großen Wert legen. Kühn blickte sein offenes, geistreiches Gesicht mit stattlichem Schnurrbart und Backenbart, einem Kunsterzeugnis der Korkmalerei, aus dem offenen Hemdkragen hervor. Seine zuckerhutförmige, mit vielfarbigen Bändern gezierte Kopfbedeckung mußte er auf den Knien halten, weil der Wagen nicht hoch genug war. Nicht minder prächtig nahm sich Mr. Snodgraß in blauem Atlaswams und spanischem Mantel, weißen seidenen Strümpfen, roten Schuhen und griechischem Helm aus, einem Kostüm, das erwiesenermaßen von alters her die Tracht der Troubadoure bildet. Alles das, an und für sich schon entzückend, war aber noch nichts gegen das Jubelgeschrei der Menge, als der Wagen vorfuhr und eine Halbkutsche den großen Pott als russischen Justizbeamten mit einer schrecklichen Knute in der Hand aufnahm, ein fein gewähltes Sinnbild der gewaltigen Macht der „Eatanswill-Gazette“ und der furchtbaren Art und Weise, mit der der Publizist öffentliche Beleidigungen geißelte.

„Bravo!“ riefen die Herren Tupman und Snodgraß aus dem Wagen, als sie diese wandelnde Allegorie erblickten.

„Bravo!“ hörte man Mr. Pickwick rufen.

„Hurra, hoch, Pott!“ schrie die Menge.

Umtost von solchen Begrüßungen, bestieg Mr. Pott mit einem sanften, würdevollen Lächeln die Halbkutsche, was zur Genüge bewies, wie sehr er sich seiner Macht bewußt war.

Sodann trat Mrs. Pott aus dem Hause. Sie hätte dem Gotte Apoll zum Verwechseln ähnlich gesehen, wenn nur der Damenrock nicht gewesen wäre. Mr. Winkle, in seiner hellroten Jacke ein Mittelding zwischen Fuchsjäger und königlichem Briefträger, bot ihr den Arm. Als letzter erschien Mr. Pickwick, um jubelt von der Straßenjugend, die in seinen Strümpfen und Gamaschen offenbar Hinweise auf die alten, ehrwürdigen Zeiten sahen. Mr. Weller, zur Mithilfe beim Servieren auserkoren, stieg auf den Bock des Wagens, der seinen Gebieter barg, und beide Vehikel bewegten sich Mrs. Leo Hunters Park zu.

Männer, Frauen, Knaben und Mädchen, die sich versammelt hatten, die Gäste in ihren Maskenkostümen zu bewundern, jauchzten vor Freude und Entzücken, als Mr. Pickwick, in den Banditen und den Troubadour eingehängt, feierlich dem Eingange zu schritt, und der Jubel erreichte seinen Höhepunkt, als Mr. Tupman unter mannigfachen Anstrengungen sich in der Nähe des Parktores bemühte, den Zuckerhut auf seinem Kopf zu befestigen.

Alle Festanordnungen waren aufs glänzendste gelöst, und die prophetischen Worte Potts über die Pracht des Feenreiches gingen buchstäblich in Erfüllung. Der Park, über fünf viertel Morgen groß, wimmelte von Gästen! Noch nie strahlten wohl Schönheit, Eleganz und Literatur in solchem Glänze. Die junge Dame, die die Poesie in der „Eatanswill-Gazette“ vertrat, lustwandelte, als Sultanin auf den Arm des jungen Herrn gestützt, der dem Departement der Kritik vorstand und – von den Stiefeln vielleicht abgesehen – sehr passend in die Uniform eines Feldmarschalls gekleidet war. Eine zahllose Menge Genies hatte sich eingefunden, mit denen zusammenzutreffen sich jeder vernünftige Mensch zur Ehre anrechnen mußte. Und noch nicht genug daran, waren ein halbes Dutzend „Löwen“ aus London zugegen, Autoren, wirkliche Autoren, die komplette Bücher geschrieben und sie nachher dem Druck überliefert hatten. Sie gingen herum wie gewöhnliche Menschen, lächelnd und unaufhörlich plaudernd, noch dazu eine ziemliche Portion Unsinn, vermutlich in der wohlwollenden Absicht, sich dem Publikum verständlicher zu machen. Selbstverständlich war auch eine Musikbande mit Papiermützen da und ein Quartett von Sängern aus irgendeinem Lande Dingsbums, in der Tracht ihres Landes, und ein Dutzend gemietete Aufwärter, gleichfalls in dem Kostüm ihrer Gegend, das freilich etwas schmutzig war – Mrs1. Leo Hunter als Minerva, die die Gäste empfing und vor Stolz, so hervorragende Leine um sich versammelt zu sehen, überfloß, nicht zu vergessen „Mr. Pickwick, Ma’am“, meldete ein Diener, als sich der Meister, mit dem Hute in der Hand und in den Banditen und den Troubadour eingehängt, der Göttin des Tages näherte.

„Wie, wo?“ rief Mrs. Leo Hunter in theatralischer Verzückung.

„Hier“, sagte Mr. Pickwick.

„Ist’s möglich, daß ich wirklich das Glück habe, Mr. Pickwick in eigner Person vor mir zu sehen?“

„Keinen andern, Ma’am“, erwiderte Mr. Pickwick mit einer sehr tiefen Verbeugung. „Erlauben Sie, daß ich meine Freunde – Mr. Tupman – Mr. Winkle – und Mr. Snodgraß – der Verfasserin des ,Sterbenden Frosches‘ vorstelle.“

Wohl nur Leute, die den Versuch selbst gemacht haben, wissen, wie schwer es ist, in enganliegenden grünen Samtbeinkleidern, einer zu knappen Jacke mit einem Zuckerhut auf dem Kopfe, oder in blauen Atlaseskarpins, weißen Seidenstrümpfen oder Kniehosen und Stulpenstiefeln, die ohne die entfernteste Rücksicht auf die Dimensionen der Körper angefertigt wurden, Verbeugungen zu machen. Noch nie sah man wohl solche Verdrehungen, wie sie Mr. Tupman machte, um Gelenkigkeit und Grazie an den Tag zu legen, und noch nie so sinnreiche Stellungen, wie sie seine Freunde in ihren Maskenkostümen annahmen.

„Mr. Pickwick“, flötete Mrs. Leo Hunter, „ich nehme Ihnen das Versprechen ab, daß Sie den ganzen Tag nicht von meiner Seite weichen. Es sind Hunderte von Gästen hier, denen ich Sie unbedingt vorstellen muß.“

„Sie sind sehr gütig, Ma’am“, erwiderte Mr. Pickwick.

„Zuvörderst sehen Sie hier meine kleinen Töchterchen; ich hätte sie beinahe vergessen“, sagte die Minerva, nachlässig auf ein Paar erwachsene Damen von zwanzig oder zweiundzwanzig Jahren deutend, die beide als Babys gekleidet waren.

„Wunderschöne junge Damen“, bemerkte Mr. Pickwick, als sich die Mädchen nach der Zeremonie wieder entfernten.

„Ganz wie ihre Mama, Sir“, warf Mr. Pott in majestätischem Tone hin.

„Oh, Sie Schlimmer!“ rief Mrs. Leo Hunter und schlug dem Herausgeber scherzhaft mit ihrem Fächer auf die Schulter.

„Aber ich bitte sehr, meine teuerste Mrs. Hunter“, verteidigte sich Mr. Pott, der in der Villa den Herold zu spielen pflegte, „hat denn nicht vergangnes Jahr, als Ihr Porträt in der königlichen Akademie ausgestellt war, alle Welt gefragt, ob es Sie oder Ihre jüngste Tochter vorstelle?“

„Nun gut, und wenn es auch der Fall war, brauchen Sie es denn hier vor Fremden zu verraten?“ flötete Mrs. Leo Hunter und bedachte den schlummernden Löwen der „Eatanswill-Gazette“ mit einem zweiten Fächerschlag.

„Graf, Graf“, rief sie im selben Atem einem stark bebarteten Individuum in fremdländischer Uniform zu, das eben vorüberging.

„Ah! Sie wünschen mirr zu sprech?“ sagte der Graf und trat näher.

„Ich möchte zwei sehr geistvolle Herren miteinander bekannt machen“, erwiderte Mrs. Leo Hunter. „Mr. Pickwick, ich mache mir ein großes Vergnügen daraus, Sie dem Grafen Smorltork vorzustellen.“ – Schnell flüsterte sie Mr. Pickwick die Worte zu: „Berühmter Fremder, sammelt Materia! für sein großes Werk über England. Hem! Graf Smorltork – Mr. Pickwick.“

Mr. Pickwick verneigte sich mit der gebührenden Hochachtung. Der Graf zog sein Notizbuch heraus.

„Wie sagen Sie, Mrs. Hunt?“ fragte er mit graziösem Lächeln. „Pig wig oder Big wig? Ah, versteh. Wig ist Perücke in englisch. Große Perücke! Richter. Ah! Ich seh, das ist’s, Big wig.“

Der Graf wollte eben Mr. Pickwick als Rechtsgelehrten in sein Notizbuch eintragen, als ihn Mrs. Leo Hunter mit der Erklärung unterbrach: „Nein, nein, Graf. Pickwick.“

„Ah, ah, ich versteh. Pieg Taufname, Wix Familienname. Schön, serr schön. Pieg Wix. Wie befind Sie sich, Mr. Wix?“

„Sehr gut, ich danke Ihnen“, antwortete Mr. Pickwick mit seiner ganzen Leutseligkeit. „Sind Sie schon lange in England?“

„Lange – serr lange Zeit – vierzehn Tage – merr noch.“

„Werden Sie lange bleiben?“

„Ein Woch.“

„Da werden Sie genug zu tun haben“, meinte Mr. Pickwick lächelnd, „in dieser Zeit alles nötige Material zu sammeln.“

„Ist schon gesammelt“, erwiderte der Graf.

„Wirklich?“

„Hier ist“, erläuterte der Graf und deutete sich mit der Hand auf die Stirn. „Großer Buch su Hause – voll Notiz – Musik, Malerei, Wissenschaft, Politik. Alles.“

„Das Wörtchen Politik, Sir“, bemerkte Mr. Pickwick, „bedeutet allein schon ein schwieriges Studium von unberechenbarem Umfang.“

„Ah“, sagte der Graf und zog sein Notizbuch wieder hervor, „serr gut; schöne Wort, ein Kapitel damit zu beginn. Siebenundvierzigstes Kapitel. Poltjik. Das Wort Poltjik bedeutet allein – – –“ und Mr. Pickwicks Bemerkung wanderte in Graf Smorltorks Notizbuch, mit allen Variationen und Zusätzen, wie sie dem Herrn seine üppige Phantasie oder seine unvollkommene Kenntnis der Sprache eingaben.

„Graf!“ rief Mrs. Leo Hunter.

„Mrs. Hunt?“

„Hier Mr. Snodgraß, Mr. Pickwicks Freund, ein großer Dichter.“

„Halt“, rief der Graf und holte sein Notizbuch abermals hervor. „Gegenstand: Djichtkunst – Kapjitel, literarische Freunde – Name: Snowgraß; serr schön. Snowgraß vorgegestellt – großer Djichter, Freund Pieg Wixis – von Mrs. Hunt, Verfasserjin eines schönen Gedjichtes – wie heißt doch? – Floß? Sterbende Floß – serr schön – wirklich serr schön.“

Befriedigt steckte der Graf sein Notizbuch ein und entfernte sich unter endlosen Bücklingen, höchlichst vergnügt, seine Sammlung mit so wichtigen Dingen bereichert zu haben.

„Ein bewunderungswürdiger Mann, der Graf Smorl-tork!“ bemerkte Mrs. Leo Hunter.

„Ein tiefer Philosoph“, bestätigte Pott.

„Ein heller Kopf, ein bedeutender Geist“, fügte Mr. Snodgraß hinzu.

Die Umstehenden stimmten in die Lobeshymne auf den Grafen Smorltork ein, nickten weise und riefen einmütig: „In der Tat.“

Die Begeisterung ließ erst nach, als sich das Dingsbums-Sängerquartett in malerischer Pose vor einem kleinen Apfelbaum gruppierte und seine Nationallieder abzusingen begann – ein Unternehmen, das sich in Anbetracht des Umstandes, daß immer drei der Sänger grunzten, während der vierte dazwischenheulte, ohne Schwierigkeit abwickelte. Nachdem diese interessante Nummer mit dem lauten Beifall der Gästeschar beschlossen worden, produzierte sich sofort ein Junge damit, daß er durch die Beine eines Stuhls schlüpfte, über ihn weghüpfte, unter ihm durchkroch, mit ihm niederfiel und überhaupt alles anfing, nur das nicht, wozu ein Stuhl bestimmt ist, sodann eine Krawatte aus seinen Beinen machte, sie um seinen Hals herumschlang und damit den praktischen Beweis erbrachte, wie leicht es einem menschlichen „Wesen ist, sich einer Riesenkröte gleichzumachen – lauter Künste, die die versammelten Zuschauer höchlichst ergötzten und befriedigten.

Hierauf ließ sich Mrs. Pott mit einem schwachen Gezirp vernehmen, das übrigens durchaus klassisch war und ihrem Kostüm vollkommen entsprach, da Apoll bekanntlich selbst Komponist war und Komponisten erfahrungsgemäß weder ihre eignen noch fremde Musikstücke singen können. Sodann deklamierte Mrs. Leo Hunter ihre weltberühmte „Ode an den sterbenden Frosch“, trug sie ein zweites Mal vor und würde sie wahrscheinlich noch zweimal wiederholt haben, wenn nicht der größte Teil der Gäste, der bereits Magenknurren verspürte, auf das entschiedenste erklärt hätte, es würde höchst schamlos sein, die Güte der Hausfrau so zu mißbrauchen. Aus demselben Grunde wollten auch die besorgten und bescheidenen Freunde Madames, trotz ihrer Bereitwilligkeit, die Ode noch einmal vorzutragen, von keinem Dakapo mehr hören, und als der Speisesaal geöffnet wurde, drängte sich alles mit größter Eilfertigkeit hinein, da bekanntermaßen bei Hunters die Gewohnheit herrschte, auf hundert Einladungskarten immer nur fünfzig Kuverts aufzulegen, oder, mit andern „Worten, nur die eigentlichen Löwen zu füttern und das kleinere Geschmeiß sich selbst zu überlassen.

„Wo ist denn Mr. Pott?“ fragte Mrs. Leo Hunter, die eben damit beschäftigt war, die besagten Löwen um sich am Tisch zu versammeln.

„Hier bin ich“, rief der Herausgeber, in der entferntesten Ecke des Zimmers von aller Hoffnung auf Speise und Trank abgeschnitten, sofern die Hausfrau nicht für ihn sorgte.

„Wollen Sie nicht auch zu uns kommen?“

„Ach, bitte, lassen Sie ihn nur“, wehrte Mrs. Pott mit verbindlichem Tone, „Sie geben sich wirklich zuviel Mühe, Mrs. Hunter. Du bist doch dort ganz gut aufgehoben, nicht wahr, mein Lieber?“

„O gewiß, mein Schatz“, erwiderte der unglückliche Pott mit herbem Lächeln. Der nervige Arm, der die Knute mit Riesenkraft in der Öffentlichkeit schwang, erlahmte bei Mrs. Potts gebieterischem Blick.

Triumphierend blickte Mrs. Leo Hunter umher. Graf Smorltork war eifrig damit beschäftigt, den Inhalt der Schüsseln zu notieren, Mr. Tupman präsentierte einigen Löwinnen den Hummersalat mit einer Grazie, wie sie nie zuvor ein Bandit an den Tag gelegt, Mr. Snodgraß hatte den jungen Herrn ausgesehen, der die Abschlachtung der Autoren für die „Eatanswill-Gazette“ besorgte, und war in einem feurigen Gespräch mit der jungen Dame begriffen, die die Poesie vertrat, und Mr. Pickwick machte sich überall angenehm.

Nichts schien zu mangeln, um den auserlesnen Zirkel vollständig zu machen, als Mr. Leo Hunter, dem es bei solchen Gelegenheiten oblag, an den Eingangstüren zu stehen und minder wichtige Personen in Gespräche zu verwickeln, plötzlich ausrief:

„Meine Liebe, soeben kommt Mr. Charles Fitz-Marshall.“

„Oh, wie sehnsüchtig habe ich ihn erwartet“, entgegnete Mrs. Leo Hunter. „Darf ich bitten, Platz zu machen und Mr. Fitz-Marshall durchzulassen? Sag doch Mr. Fitz-Marshall, mein Lieber, er möge sogleich zu mir kommen, um sich wegen seines späten Erscheinens ausschelten zu lassen.“

„Komme schon, teuerste Madame“, rief eine Stimme, „so schnell ich kann – schreckliche Menge Leute – Saal ganz voll – schwieriges Stück Arbeit – sehr schwierig.“

Mr. Pickwick fiel Messer und Gabel aus der Hand, und er starrte über die Tafel Mr. Tupman an, dem es ebenso ging und der aussah, als wolle er ohne weiteres in den Boden sinken.

„Ah!“ rief Mr. Fitz-Marshall und brach sich Bahn durch die letzten fünfundzwanzig Türken, Offiziere, Ritter und die verschiedenen Exemplare Karls des Zweiten, die ihn noch von der Tafel trennten. „Die reinste Plättmangel – nicht eine Falte mehr an meinem Rock nach so einer Drückerei – hätte meine Wäsche ungebügelt anziehen können. – Haha! Kein übler Gedanke, sie auf dem Körper mangeln zu lassen. – Anstrengende Sache das – sehr anstrengend.“

Und gleich darauf präsentierte sich ein junger Mann in der Uniform eines Marineoffiziers und mit der Gestalt und den Gesichtszügen Mr. Alfred Jingles den Blicken der erstaunten Pickwidder; aber kaum hatte er Zeit, die dargebotne Hand Mrs. Leo Hunters zu ergreifen, da begegneten seine Blicke den zornfunkelnden Augen Mr. Pickwicks.

„Hallo!“ rief er sofort. „Ganz vergessen – Postillion noch keine Befehle – sogleich geben – in einer Minute wieder hier.“

„Der Bediente oder Mr. Hunter wird es im Augenblick besorgen, Mr. Fitz-Marshall“, sagte Mrs. Leo Hunter.

„Nein, nein. – Selber besorgen – dauert nicht lange – sofort wieder da“, erwiderte Jingle und verschwand in der Menge.

„Möchten Sie mir die Frage erlauben, Ma’am“, sagte Mr. Pickwick und erhob sich aufgeregt von seinem Sitze, „wer der junge Mann ist und wo er sich aufhält?“

„Es ist ein sehr vermögender Gentleman, Mr. Pickwick“, antwortete Mrs. Leo Hunter, „und ich brenne darauf, ihn Ihnen vorzustellen. Auch der Graf wird entzückt sein.“

„Ja, ja“, erwiderte Mr. Pickwick hastig. „Aber sein Aufenthalt …“

„Er wohnt gegenwärtig im ,Engel‘ in Bury.“

„In Bury?“

„In Bury St. Edmunds, wenige Meilen von hier. Aber ich bitte Sie, Mr. Pickwick, Sie werden uns doch nicht schon verlassen wollen? Oh, Sie dürfen nicht daran denken, jetzt, so früh!“

Doch schon hatte sich Mr. Pickwick ins Gedränge gestürzt. Er erreichte den Garten und traf dort Mr. Tupman, der ihm auf den Fersen gefolgt war.

„Es ist umsonst“, sagte Mr. Tupman. „Er ist fort.“

„Ich weiß“, erwiderte Mr. Pickwick. „Aber ich werde ihm folgen.“

„Ihm folgen? Wohin?“

„Nach Bury in den ,Engel‘. Wissen wir, wen er dort wieder betrügt? Einmal hat er schon einen Gentleman beschwindelt, und wir waren die unschuldige Ursache. Er soll es nicht wieder tun, wenn ich es verhindern kann. Ich werde ihn entlarven. Sam! Wo ist mein Bedienter?“

„Hiä, Sir!“ rief Mr. Weller und kam aus einem versteckten Winkel hervor, wo er eben damit beschäftigt gewesen, eine Madeiraflasche zu untersuchen, die er eine oder zwei Stunden vorher vom Frühstückstisch entlehnt hatte. „Hiä is Ihr Bedienter, Sir, stolz auf meinen Titel, wie das lebende Skelett sagte, als man ihm für Geld sehen ließ.“

„Folge mir augenblicklich“, befahl Mr. Pickwick. „Tupman, wenn ich in Bury bin, können Sie midi dort treffen, sobald ich Ihnen schreibe. Bis dahin adieu.“

Alle Vorstellungen waren nutzlos. Mr. Pickwick blieb unerschütterlich. Mr. Tupman kehrte zur Gesellschaft zurück und hatte in einer Stunde Mr. Alfred Jingle oder Charles Fitz-Marshall im Rausche der Quadrillen und des Champagners bereits vollständig vergessen.

Mr. Pickwick und Sam Weller saßen inzwischen auf dem Dach einer Postkutsche und verringerten von Minute zu Minute die Entfernung zwischen sich und der guten alten Stadt Bury Saint Edmunds.