Zweiundfünfzigstes Kapitel


Zweiundfünfzigstes Kapitel

Mr. Samuel Pell ordnet mit Beihilfe eines auserlesenen Kutscherkomitees die Angelegenheiten Mr. Wellers senior.

„Samuel“, sagte Mr. Weller am Morgen nach dem Begräbnis zu seinem Sohn, „ich habe es gefunden, Sammy. Ich dachte ja gleich, daß es drin sein wird.“

„Was hast du gefunden?“ fragte Sam.

„Das Testament von deiner Stiefmutter, Sammy. Wonach die Anordnungen zu treffen sind, wo ich gestern abend von sprach; diesbezüglich die Fonds.“

„So? Hat sie denn nich gesagt, wo sie es aufbewahrt hat?“ fragte Sam.

„Nicht die Bohne, Sammy“, entgegnete Mr. Weller. „Wir legten gerade unsere kleinen Zwistigkeiten bei, und ich versuchte ihr aufzuheitern, und da vergaß ich alles dabei. Aber wenn ich auch dran gedacht hätte, ich weiß nicht, ob ich’s wirklich gemacht hätte“, fügte Mr. Weller hinzu. „Es is so ’ne Sache, Sammy, nach dem Testament von ein Menschen schnüffeln, wenn du an seinem Krankenbett sitzt. Is genauso, als wenn du ’nem runtergefallenen Außenpassagier wieder auf die Kutsche hilfst und steckst ihm dabei die Hand in die Tasche und fragst ihn, wie er sich fühlt. – Dieses hier is denn also das Testament, Sammy“, sagte Mr. Weller, öffnete seine Brieftasche und zog einen abgegriffenen Bogen Briefpapier heraus, auf dem krause Schriftzüge in wirrem Durcheinander standen.

„Dies hier ist das Dokument, Sammy. Es war in dem kleinen schwarzen Teetopf auf dem Sims in der Speisekammer. Sie pflegte ihre Banknoten drin aufzubewahren, bevor daß ich ihr heiratete, Samuel. Ich habe wohl hundertmal gesehen, wie sie den Deckel abnahm, wenn sie ’ne Rechnung bezahlte.“

„Was steht denn drin?“ fragte Sam.

„Genau das, was ich dir schon erzählt habe, mein Junge. Zweihundert Fund für meinen Stiefsohn Samuel, und den ganzen Rest meines Vermögens, welcher Art und Gattung es auch sein möge, meinem Mann, Mr. Tony Veller, welchen ich zu meinem einzigen Testamentenvollstrecker ernenne.“

„Is das alles?“

„Das is alles!“ antwortete Mr. Weller. „So, na denn nehme ich an, wo nu alles richtig in Ordnung is, für dich und für mich und wir die einzigen Fahrgäste sind, wo es was angeht, können wir den Wisch ins Feuer schmeißen.“

„Bist wohl verrückt, altes Mondkalb?!“ rief Sam und entriß seinem Vater das Papier, als dieser in aller Unschuld bereits das Feuer schürte, um seinem Worte die Tat folgen zu lassen. „Du wärst mir ’n sauberer Testamentsvollstrecker, du.“

„Wieso?“ fragte Mr. Weller und blickte mit dem Schüreisen in der Hand erstaunt auf.

„Wieso?“ rief Sam. „Weißte denn nich, daß es vorher geprieft, beglaubigt und beschworen werden muß?“

„Wahrhaftich?“ fragte Mr. Weller und legte das Schüreisen nieder.

Sam steckte das Testament sorgfältig in die Brusttasche und gab nur durch einen unwilligen Blick zu verstehen, daß er es wirklich so meine, und zwar in allem Ernst.

„Dann will ich dir sagen, was es is“, hob Mr. Weller nach kurzem Nachdenken an. „Es is dies ’n Fall für den vertrauten Freund vom Lordkanzler. Pell muß die Sache ausknobeln, Sammy. Er is der Mann für ’ne schwierige Rechtsfrage. Wir werden die Sache umgehend vor den Insolvenzgerichtshof bringen, Samuel.“

„Also, ich habe noch nie so ’n ollen Rappelkopf gesehen!“ rief Sam gereizt. „Gerichtshöfe, Insolvenzgerichte, Alibis und aller mögliche Blödsinn geht ihm dauernd durch den Schädel. Es wäre besser, du würdest deinen Sonntagskittel anziehen und denn in die Stadt mitkommen, anstatt daß du hier über Sachen brabbelst, wo du nichts von verstehst.“

„Na ja, na ja, Sammy“, erwiderte Mr. Weller. „Bin doch ganz einverstanden, Sammy. Aber merk dir’s wohl, mein Junge, niemand anders als Pell, niemand als Pell darf unser Advokat sein.“

„Verlange auch sonst niemand“, brummte Sam, der sich inzwischen vor einem kleinen Spiegel sein Halstuch umgebunden hatte, „kommst nu endlich?“

„Warte noch ’ne Minute, Sammy! Wenn du mal so alt bist wie dein Vater, wirst du auch nich mehr so leicht in den Rock reinschlüpfen“, stöhnte Mr. Weller und kämpfte sich mit großer Anstrengung in seinen Überzieher.

„Soll mich der Teufel holen, wenn ich überhaupt einen trage“, knurrte Sam.

„So denkst du jetzt“, sagte Mr. Weller mit der Gravität des Alters, „du wirst aber schon finden, daß man um so weiser wird, je dicker man wird. Weite und Weisheit, Sammy, wachsen auf einem Holz.“

Als Mr. Weller diesen unfehlbaren Grundsatz – das Ergebnis vieljähriger persönlicher Erfahrung und Beobachtung – preisgab, gelang es ihm durch eine gewandte Drehung des Körpers, den untersten Rockknopf seiner Bestimmung gemäß anzuwenden. Nachdem er wenige Sekunden pausiert hatte, um wieder Atem zu schöpfen, bürstete er seinen Hut mit dem Ellbogen und erklärte sich bereit.

„Vier Köpfe sin besser als zwei, Sammy“, sagte er ernst, als sie miteinander mit der Post nach London fuhren, „und wo doch … alle diese Habseligkeiten ’ne große Versuchung für ’n Adfokaten sin, wollen wir ’n paar von meinen Freunden mit dazunehmen, wo sehr schnell über ihm herfallen würden, wenn er sich ’ne Unregelmäßigkeit würde zuschulden kommen lassen. Es sind zwei von denen, wo dich damals in der Fleet besucht haben. Es sind die besten Ferdekenner, wo du je gesehen hast“, fügte Mr. Weller geheimnisvoll hinzu.

„Sind es aber auch Advokatenkenner?“ fragte Sam.

„Wer ein richtiges Urteil über ein Tier abgeben kann, der kann auch ein richtiges Urteil über alles andere abgeben“, erwiderte Mr. Weller so dogmatisch, daß Sam nicht zu widersprechen wagte.

Die beiden Droschkenkutscher, die der alte Herr zu seinen Beiständen ausersehen, waren bald aufgefunden. Er hatte sie vermutlich mit Rücksicht auf ihre Wohlbeleibtheit und die dadurch bedingte Weisheit ausgewählt und begab sich sofort mit ihnen nach dem Gasthaus in der Portugalstreet.

Der in den Insolvenzgerichtshof hinübergeschickte Bote fand Mr. Samuel Pell glücklicherweise mit einer nicht allzu schweren Arbeit, nämlich mit einer kleinen Zwischenmahlzeit, bestehend aus Abernethyzwieback und einem Hühnchen, beschäftigt. Der berühmte Anwalt vernahm kaum, was man von ihm wünschte, als er unverzüglich seinen Mundvorrat nebst verschiedenen amtlichen Dokumenten in die Tasche steckte und in das Wirtshaus eilte.

„Meine Herren“, begann er und lüftete seinen Hut, „seien Sie mir alle gegrüßt. Ich sage es nicht, um Ihnen zu schmeicheln, meine Herren; aber es gibt kaum noch fünf andre Männer auf der Welt, denen zuliebe ich heinte den Gerichtshof verlassen hätte.“

„So beschäftigt, was?“ fragte Sam.

„Oh, beispiellos“, erwiderte Pell, „ich bin ganz abgehetzt, wie mein Freund, der verstorbene Lordkanzler, immer zu mir sagte, wenn er aus dem Oberhaus kam, wo sie ihn mit Fragen bestürmt hatten. Jaja, der Ärmste! Solche Anstrengungen griffen ihn sehr an, und die Fragen pflegten ihm außerordentlich zu Herzen zu gehen. Ich glaubte wirklich mehr als einmal, er müsse unter der Last seiner Arbeiten notwendigerweise zusammenbrechen. Heda, liebes Kind, bringen Sie mir doch für drei Pence Rum.“ – Mr. Pell seufzte, seh wieg, betrachtete seine Schuhe, sah dann zur Decke empor und goß den Rum, der ihm sofort gebracht worden war, hinunter.

„Indes“, nahm er seine Rede wieder auf und rückte seinen Stuhl an den Tisch, „ein Geschäftsmann hat kein Recht, an seine Privatfreundschaften zu denken, wenn sein juristischer Beistand verlangt wird. Beiläufig gesagt, meine Herren, seit ich Sie das letztemal hier sah, haben wir ein sehr trauriges Ereignis zu beweinen gehabt. Ich habe es im Anzeiger gelesen, Mr. Weller“, setzte er hinzu. „Gott, Gott, nix mehr als zweiundfünfzig Jahre! Unglaublich. Hm. – Ich habe gehört, daß sie eine sehr schöne Frau gewesen ist, Mr. Weller?“

„Ja, Sir, das war sie“, brummte Mr. Weller. „Aber lassen wir das jetzt. Gehen wir mal ans Geschäft.“

Dieses Wort war Musik für Mr. Pell, denn er hatte so seine Zweifel gehabt, ob er nicht am Ende nur zu einem freundschaftlichen Glas Grog oder einer Bowle Punsch oder sonst einem ähnlichen Achtungsbeweise eingeladen worden sei. Mit funkelnden Augen nahm er das Testament entgegen, das ihm Sam reichte, und sagte:

„Diese andern Herren sind ohne Zweifel Legatare?“

„Nö, Sammy ist der einzige Legatar“, erwiderte Mr. Weller, „diese andern Herrn sin Freunde von mir. Habe sie als ’ne Art Schiedsrichter mitgebracht.“

„Hm“, sagte Pell, „sehr gut. Ich habe durchaus nichts dagegen. Nur muß ich um fünf Pfund Vorschuß bitten, bevor ich anfange.“

Das Komitee entschied, die fünf Pfund sollten vorgeschossen werden, Mr. Weller bezahlte die Summe, und dann fand eine lange Beratung statt, wobei Mr. Pell zur großen Befriedigung der Herren Schiedsrichter den Beweis führte, daß, wenn die Leitung des Geschäftes nicht ihm anvertraut worden wäre, es notwendig hätte schiefgehen müssen, aus Gründen, die zwar nicht ganz klar, aber genügend einleuchtend waren. Nachdem dieser wichtige Punkt ins reine gebracht war, erfrischte sich Mr. Pell auf Kosten der Beteiligten mit einigen guten Bissen und sowohl malzigen wie geistigen Getränken, und alle begaben sich nach Doktors Commons.

Nach den nötigen Verhandlungen war die Angelegenheit endlich so weit gediehen, daß der Tag anberaumt werden konnte, an dem durch Vermittlung des Börsensensals Wilkins Flasher, Esquire, der dazu von Mr. Pell in Vorschlag gebracht worden, Sams Erbteil in Fonds angelegt und der Rest zu Geld gemacht werden konnte.

Es war dies eine festliche Veranlassung, und die beteiligten Personen schmückten sich dazu in angemessener Weise. Mr. Weller ließ sich das Haar brennen, und alle prangten in Festornat, das heißt, sie zogen so viele Kleider an, wie nur möglich, und steckten Lorbeerzweige und Georginen in die Knopflöcher.

Mr. Pell erschien zur bestimmten Zeit am gewöhnlichen Versammlungsort und trug ein Paar Handschuhe und ein frisches Hemd (letzteres durch vieles Waschen am Kragen und den Manschetten ein wenig durchgerieben).

„Viertel vor zwei“, sagte er und blickte auf die Stubenuhr. „Wenn wir Viertel nach zwei zu Mr. Flasher kommen, ist es gerade die beste Zeit.“

Zur Feier des Tages wurde noch schnell ein kleiner Lunch, bestehend aus Bier, Brandy, Austern und Beefsteak, eingenommen und dann brach das Komitee gemächlich auf.

Das Bureau des Börsensensals Wilkins Flasher, Esquire, lag zu einem Hof hinaus hinter der Bank von England; das Haus Wilkins Flashers, Esquire, war in Brixton, Surrey; das Pferd und der Stanhope Wilkins Flashers, Esquire, standen in einem Mietsstall in der Nähe; der Groom Wilkins Flashers, Esquire, war auf dem Weg nach dem Westen von London, um Wildpret abzuliefern; der Schreiber Wilkins Flashers, Esquire, war zum Mittagessen gegangen, und so rief Wilkins Flasher, Esquire, in höchsteigener Person „herein“, als Mr. Pell mit seinen Begleitern an der Tür des Kontors anklopfte.

„Guten Morgen, Sir“, sagte der Advokat mit höflicher Verbeugung. „Wir möchten gerne etwas ä kleine Transaktion vornehmen, wenn es Ihnen konveniert.“

„Schön, schön!“ sagte Mr. Flasher. „Setzen Sie sich einen Augenblick. Ich stehe sogleich zu Diensten.“

„Danke Ihnen, Sir“, sagte Pell, „es hat keine Eile. Nehmen Sie einen Stuhl, Mr. Weller.“

Mr. Weller nahm einen Stuhl, Sam eine Kiste, und die Schiedsrichter nahmen, was sie bekommen konnten, und besahen sich den Kalender und ein paar an die Wand geklebte Papiere mit so offenkundiger Ehrfurcht, als ob es alte Meister gewesen wären.

„Also gut, ich wette ein halbes Dutzend Flaschen Bordeaux; schlagen Sie ein“, nahm Wilkins Flasher, Esquire, seine unterbrochene Unterhaltung mit einem stutzerhaft gekleideten jungen Gentleman wieder auf, der, seinen Hut schief auf, sich an einem Pulte rekelte und mit einem Lineal Fliegen totschlug. Wilkins Flasher, Esquire, balancierte dabei auf einem Schreibstuhl und zielte mit seinem Federmesser auf eine Oblatenschachtel, die er dann und wann mit großer Gewandtheit gerade in der Mitte traf. Beide Gentlemen trugen sehr weit ausgeschnittene Westen und sehr weit zurückgeschlagene Kragen, sehr kleine Stiefel und sehr dicke Ringe, sehr kleine Uhren und sehr große Uhrketten, knapp anliegende Hosen und parfümierte Taschentücher.

„Ich wette nie ein halbes Dutzend“, sagte der junge Herr. „Ein ganzes Dutzend muß es sein.“

„Gemacht, Simmery, es gilt!“ sagte Wilkins Flasher, Esquire.

„Aber sogleich zu bezahlen!“

„Versteht sich“, erwiderte Wilkins Flasher, Esquire, und trug die Wette in ein kleines Buch mit einem goldenen Crayon ein. Der andre Gentleman notierte sie ebenfalls in einem andern kleinen Buch, ebenfalls mit einem goldenen Crayon.

„Ich lese da gerade, daß Boffer“, bemerkte Mr. Simmery, „pleite ist.“

„Ich wette zehn Guineen gegen fünf, daß er sich die Kehle durchschneidet“, griff Wilkins Flasher, Esquire, sofort das Thema auf.

„Gemacht!“ schlug Mr. Simmery ein.

„Halt!“ sagte Wilkins Flasher, Esquire, gedankenvoll. „Vielleicht hängt er sich auch auf.“

„Auch gut“, meinte Mr. Simmery und zog den goldenen Crayon wieder heraus. „Ich nehme die Wette auch so an. Sagen wir also: er macht seinem Leben ein Ende.“

„Er tötet sich selbst“, ergänzte Wilkins Flasher, Esquire.

„Tötet sich selbst“, schrieb Mr. Simmery auf. „Flasher: zehn Guineen gegen fünf, Boffer tötet sich selbst. Binnen welcher Zeit wollen wir sagen?“

„Binnen vierzehn Tagen etwa.“

„Gott bewahre, nein“, erwiderte Mr. Simmery und hielt einen Augenblick inne, um eine Fliege mit dem Lineal zu erschlagen. „Sagen wir eine Woche.“

„Halbieren wir! – Zehn Tage?“ schlug Wilkins Flasher, Esquire, vor.

„Gut, also zehn Tage.“

„Es tut mir leid“, sagte Wilkins Flasher, Esquire, nach einer Pause, „daß er pleite ist. Er hat famose Soupers gegeben.“

„Und einen glänzenden Portwein gehabt. Wir werden morgen unsern Kellermeister in die Auktion schicken, um einiges von dem Vierundsechziger zu erstehen.“

„Zum Teufel!“ fuhr Wilkins Flasher, Esquire, auf. „Der meinige geht auch hin. – Fünf Guineen, daß mein Mann den Ihrigen überbietet.“ „Gemacht!“

Die Wette wurde wieder mit den goldenen Crayons in die kleinen Bücher eingetragen, und nachdem Mr. Simmery noch sämtliche Fliegen getötet und sich sämtliche Wetten durchgelesen hatte, begab er sich auf die Börse, um zu sehen, was sich dort „tue“.

Jetzt endlich ließ sich Wilkins Flasher, Esquire, herab, Mr. Samuel Pells Instruktionen entgegenzunehmen, und nachdem er einige gedruckte Formulare ausgefüllt, ersuchte er die Gesellschaft, ihn auf die Bank zu begleiten. Mr. Weller und seine drei Freunde hatten inzwischen alles, was zu sehen war, mit unbeschreiblichem Erstaunen angestarrt, nur Sam besichtigte jedes Ding mit einer Gleichgültigkeit und Kälte, der nichts zu imponieren vermochte.

Sie kamen über einen Hofraum und an ein paar Portiers mit Livreen so rot wie die Feuerspritze, die in einer Ecke stand, vorbei und traten dann in ein Bureau, wo das Geschäft abgemacht werden sollte und mehrere Herren hinter Pulten saßen.

„Das sin woll die reduzierten Konsols?“ flüsterte Mr. Weller. „Was, Samuel?“

„Glaubst wohl, die reduzierten Konsols sin lebendig?“ fragte Sam mit Verachtung.

„Woher soll ich’s denn wissen“, entschuldigte sich Mr. Weller. „Wat sin se denn?“

„Schreiber.“

„Warum essen se denn alle Schinken?“

„Vermutlich, weil’s mit zum Amte gehört“, erwiderte Sam, „gehört mit zum ganzen System, und se tun’s den ganzen Tag.“

Mr. Weller und seine Freunde hatten kaum Zeit, über diese sonderbare, mit dem Münzsystem des Landes zusammenhängende Einrichtung nachzudenken, als Pell wieder zu ihnen trat. Mr. Flasher begab sich in die Bank und kehrte bald darauf mit einem Scheck über fünfhundertunddreißig Pfund Sterling, dem Erlös von Mr. Wellers Anteil, zurück.

Der alte Herr war im Anfang hartnäckig entschlossen, das Papier bloß gegen Guineen auswechseln zu lassen, als ihm aber die Schiedsrichter vorstellten, daß er dann einen kleinen Sack kaufen müßte, um sie nach Hause zu bringen, willigte er endlich ein, den Betrag in Fünfpfundnoten anzunehmen.

„Mein Sohn“, sagte er, als sie von der Bank weggingen, „mein Sohn und ich haben heute nachmittag ’n ganz besonderes Geschäft, und es wäre mir lieb, wenn wir alles vorher ins reine brächten und mal die Rechnungen prüften.“

Das war bald geschehen. Mr. Pells Konto wurde von Sam geprüft und einige Posten von den Schiedsrichtern gestrichen; aber trotz Mr. Pells Schwüren und vielfach-feierlichem Protest, daß man zu hart mit ihm verfahre, war dies doch in jeder Beziehung das beste Geschäft, das er je gemacht hatte, denn er bestritt mit dem Betrag sechs Monate lang Kost, Quartier und Wäsche.

Nachdem die Schiedsrichter noch an einem Abschiedstrunk teilgenommen, schüttelten sie einander die Hände und reisten ab, da sie sämtlich noch vor Abend die Stadt verlassen mußten. Mr. Salomon Pell nahm ebenfalls, sobald er sah, daß es nichts mehr zu essen und zu trinken gab, aufs freundschaftlichste Abschied, und Sam und sein Vater waren endlich allein.

„Nun hätten wir also“, sagte Mr. Weller und verstaute seine Brieftasche, „außer den Rechnungen für den Mietkontrakt und solche Geschichten elfhundertundachtzig Pfund beisammen. Nu, Samuel, kehre mal um und fahre nach dem ‚Georg und Geier‘, mein Junge.“

Dreiundfünfzigstes Kapitel


Dreiundfünfzigstes Kapitel

Eine wichtige Beratung zwischen Mr. Pickwick und Sam, der Mr. Weller beiwohnt. Ein alter Herr in sthnupftabakjarbenen Kleidern tritt unerwartet auf.

Mr. Pickwick saß allein auf seinem Zimmer und sann über mancherlei Dinge, besonders aber darüber nach, wie er am besten für das junge Paar sorgen könne, dessen gegenwärtige unsichere Lage für ihn ein Gegenstand beständiger Sorge und Unruhe war, als Mary eilig hereintrippelte und etwas hastig meldete:

„Ach, Sir, erlauben Sie, Samuel ist unten und fragt, ob er Sie mit seinem Vater besuchen darf.“

„Gewiß, warum denn nicht?“ erwiderte Mr. Pickwick. „Ist Sam schon lange hier?“

„Ach nein, Sir“, erwiderte Mary eifrig. „Er ist eben erst nach Hause gekommen. Er wird Sie von jetzt an um keinen Urlaub mehr bitten, Sir, sagt er.“

Mary mochte selbst gefühlt haben, daß sie diese letzte Mitteilung mit mehr Wärme gemacht hatte, als eben notwendig war, oder hatte sie vielleicht das gutmütige Lächeln bemerkt, mit dem Mr. Pickwick sie ansah, als sie mit ihrem Vortrag zu Ende war, jedenfalls ließ sie das Köpfchen sinken und betrachtete den Zipfel ihrer hübschen kleinen Schürze mit mehr Aufmerksamkeit, als unumgänglich erforderlich schien. „Sagen Sie ihnen, sie könnten sogleich heraufkommen“, sagte Mr. Pickwick, und Mary eilte erleichterten Herzens mit ihrer Botschaft fort.

Mr. Pickwick ging ein paarmal im Zimmer auf und nieder und rieb sich mit der linken Hand das Kinn, wie er gerne zu tun pflegte, wenn er in Gedanken verloren war.

„Jaja“, sagte er mit gutgelauntem, aber doch etwas wehmütigem Ton vor sich hin, „das ist die beste Art, wie ich ihn für seine Anhänglichkeit und Treue belohnen kann. So sei es denn in Gottes Namen. Es ist nun einmal das Los eines alten einsamen Mannes, daß seine Umgebung neue und andere Verbindungen anknüpft und ihn verläßt. Ich habe kein Recht zu erwarten, daß es mit mir anders sein sollte. Nein, nein“, fügte er ein wenig heiterer hinzu, „es wäre selbstsüchtig und undankbar von mir. Ich muß mich freuen, eine Gelegenheit zu haben, ihn so gut zu versorgen, und ich freue mich auch wirklich.“

Der Eintritt der beiden Herren Weller riß ihn aus seinen Betrachtungen.

„Freut mich, daß du wieder da bist, Sam“, rief er gutgelaunt. „Und wie befinden Sie sich, Mr. Weller?“

„Recht gut, danke Ihnen, Sir“, erwiderte der Witwer. „Und Sie sin hoffentlich auch wohl, Sir?“

„O ja, gewiß, ich danke Ihnen.“

„Ich möchte gerne paar Worte mit Ihnen sprechen, wenn Sie so fünf Minuten für mich übrig hätten.“

„Gewiß, warum denn nicht?“ erwiderte Mr. Pickwick freundlich. „Sam, gib deinem Vater einen Stuhl.“

„Dank dir, Samuel, habe schon einen“, wehrte Mr. Weller ab und schleppte einen Stuhl herbei, „’n wunderschöner Tag heute“, setzte er hinzu, stellte seinen Hut auf den Boden und setzte sich.

„Ja, sehr schön“, bestätigte Mr. Pickwick. „Sehr angenehmes Wetter.“

„’s angenehmste Wetter, wo ich je gesehen habe.“

Hier wurde der alte Kutscher von einem heftigen Husten befallen, nickte mit dem Kopf, zwinkerte und machte seinem Sohn allerhand wütende Gebärden, die dieser jedoch hartnäckig ignorierte.

Als Mr. Pickwick die Verlegenheit des alten Herrn bemerkte, stellte er sich, als wäre er beschäftigt, ein neben ihm liegendes Buch aufzuschneiden, und wartete geduldig, bis Mr. Weller mit dem Zweck seines Besuches herausrücken würde.

„Zeit meines Lebens habe ich noch nich so ein gottverlassenen Lausejungen gesehen, wie du bist, Samuel“, sagte Mr. Weller schließlich mit einem ungnädigen Blick auf seinen Sohn.

„Was tut er denn?“ erkundigte sich Mr. Pickwick. „Der will einfach nicht anfangen, Sir“, erwiderte Mr. Weller, „dabei weiß er ganz genau, daß ich mir nich ausquetschen kann, wenn es nich was Absonderliches is, und da steht er nu und sieht mir dasitzen, und wie ich Ihre kostbare Zeit raube und kommt mir nich mal mit eine Silbe zu Hilfe. Das is kein kindliches Benehmen nich, Samuel“, fuhr Mr. Weller fort und wischte sich die Stirn, „bestimmt nich.“

„Ich dachte, du wolltest doch selber reden“, entgegnete Sam, „wie konnte ich denn da wissen, ob du nich schon fertig warst?“

„Du hättest doch sehen müssen, daß ich nich in Schwung kam“, erwiderte der Alte. „Ich bin ebend auf die falsche Straßenseite geraten und in Gräben und allerhand Deubeleien gefallen und du streckst nich mal die Hand aus und hilfst mir. Ich schäme mich für dich, Samuel.“

„Die Sache ist die, Sir“, begann Sam mit einer leichten Verbeugung, „mein Vater hat sein Geld flüssiggemacht.“

„Sehr gut, Samuel, sehr gut“, lobte Mr. Weller und nickte zufrieden, „ich habe es nich so böse gemeint, Sammy. Sehr gut. So mußt de anfangen; denn bist de gleich am Ziel. Sehr gut, wahrhaftig, Samuel.“

„Setz dich doch, Sam“, unterbrach Mr. Pickwick, fürchtend, die Zusammenkunft könnte leicht länger werden, als er erwartet hatte.

Sam verbeugte sich abermals, setzte sich und fuhr fort: „Der Alte hat fünfhundertunddreißig Fund losgeeist.“ „Reduzierte Konsols“, ergänzte Mr. Weller senior. „Das hat nun nichts zu sagen, ob es reduzierte Konsols sin oder nich“, sagte Sam, „fünfhundertdreißig Fund is die Summe, oder nich?“

„Stimmt genau, Samuel.“

„Zu dieser Summe kommt noch „n bißchen was für das Haus und Geschäft …“

„Mietzins, Vergütung, Kapital, Niet- und Nagelfestes“, erklärte Mr. Weller. „Jedenfalls so viel, daß die Summe im ganzen elfhundertachtzig Fund ausmacht.“

„Was höre ich?“ rief Mr. Pickwick. „Das freut mich; da kann man Ihnen ja gratulieren, Mr. Weller, daß Sie so gut abgeschnitten haben.“

„Warten Sie noch ’ne Minute, Sir“, bat Mr. Weller und hob beschwörend die Hand hoch. „Fahr weiter, Samuel.“

„Und dieses Geld“, sagte Samuel mit einigem Zögern, „dieses Geld möchte er irgendwo unterbringen, wo er weiß, daß es sicher is, und ich möchte es auch, denn wenn er es behält, denn wird er es entweder verpumpen oder in Pferde stecken, oder seine Brieftasche mal verlieren, oder es sich auf die eine oder andre Art abluchsen lassen.“

„Sehr gut, Samuel“, lobte Mr. Weller wieder. „Sehr gut.“

„Und aus diesen Gründen“, fuhr Sam fort und stierte nervös auf seine Hutkrempe, „aus diesen Gründen hat er nu heute sein Geld mitgenommen und is mit mir hierhergekommen, weil er letzten Endes … weil er es Ihnen anbieten, oder mit anderen Worten, weil … ähem …“

„Um folgendes zu sagen“, fiel der alte Mr. Weller ungeduldig ein, „daß ich das Geld nich brauchen kann. Ich habe im Sinn, daß ich wieder ’ne regelmäßige Postkutsche fahren will, und ich hab keinen Ort, wo ich es aufbewahren kann, außer wenn ich den Kondukteur dafür bezahlen tue, daß er darauf aufpaßt, oder ich stecke es in den Kutschkasten und denn is es nu wieder ’ne Versuchung für die Innenpassagiere. Wenn Sie es mir aufbewahren würden, Sir, denn würde ich Ihnen sehr verbunden sein. Vielleicht“, setzte er hinzu, trat näher an Mr. Pickwick heran und flüsterte ihm ins Ohr, „vielleicht wäre Ihnen ’n bißchen damit gedient, von wegen Ihre Prozeßkosten; mit ‚m Zurückzahlen isses halb so wild, bis ich mal draufkomme.“

Mit diesen Worten legte Mr. Weller die Brieftasche in Mr. Pickwicks Hände, ergriff seinen Hut und rannte mit einer Geschwindigkeit zur Tür hinaus, die man von einem so wohlbeleibten Herrn kaum erwartet hätte.

„Halt ihn fest, Sam!“ rief Mr. Pickwick aufgeregt. „Eile ihm nach und bring ihn augenblicklich zurück. Mr. Weller! Heda! Kommen Sie zurück!“ Sam sah ein, daß den Befehlen seines Herrn der Gehorsam nicht verweigert werden durfte, ergriff daher seinen Vater am Arm, als er gerade die Treppe hinab wollte, und schleppte ihn mit Gewalt wieder zurück.

„Mein lieber Freund“, sagte Mr. Pickwick und faßte den alten Herrn bei der Hand. „Wirklich, Ihr Vertrauen rührt mich.“

„Ich sehe aber ganz und gar nicht den Grund ein“, erwiderte Mr. Weller verstockt.

„Und ich versichere Ihnen, mein lieber Freund, ich besitze mehr Geld, als ich jemals bedarf, weit mehr, als ein Mann in meinem Alter je noch verbrauchen kann“, sagte Mr. Pickwick.

„Niemand weiß, wieviel er brauchen kann, bis er’s probiert hat“, belehrte Mr. Weller.

„Mag sein“, gab Mr. Pickwick zu. „Da ich aber durchaus keine Lust habe, solche Experimente anzustellen, so werde ich wahrscheinlich nicht leicht in Not kommen. Ich muß Sie aber bitten, Ihre Brieftasche wieder zurückzunehmen, Mr. Weller.“

„Na gut“, brummte Mr. Weller mit sehr unzufriedenem Blick. „Aber merk dir, was ich dir sage, Sammy; ich werde mit dem Gelde da was Verzweifeltes anfangen, was ganz Verzweifeltes!“

„Laß das lieber bleiben“, riet Sam.

Mr. Weller besann sich eine Weile, knüpfte dann mit großer Entschiedenheit seinen Rock zu und sagte: „Ich werde mir ’n Schlagbaum pachten.“ „Was?“ rief Sam.

„’n Schlagbaum“, murmelte Mr. Weller durch die Zähne, „ich werde Schlagbaumwärter werden. Nimm Abschied von deinem Vater, Samuel; ich widme mir für den Rest meiner Tage ’nem Schlagbaum.“

Diese Drohung lautete so schrecklich, und Mr. Weller schien so fest entschlossen, sie auszuführen, und durch Mr. Pickwicks Weigerung dermaßen gekränkt zu sein, daß der Gelehrte nach kurzem Bedenken sagte:

„Nun gut, Mr. Weller, ich will das Geld annehmen. Ich kann vielleicht mehr Gutes damit tun als Sie.“

„Ganz meine Meinung“, rief Mr. Weller strahlend, „‚türlich können Sie das. Herr – ich – hm.“

„Gut, sprechen wir nicht mehr davon“, sagte Mr. Pickwick und verschloß die Brieftasche in sein Pult, „ich bin Ihnen herzlich verbunden, mein lieber Freund. Jetzt aber setzen Sie sich wieder, ich möchte Sie nämlich um Ihren Rat fragen.“

Das triumphierende innerliche Lachen, das nicht nur Mr. Wellers Gesicht, sondern auch seine Arme, Beine und seinen ganzen Leib krampfhaft zusammengezogen hatte, während die Brieftasche eingeschlossen wurde, wich plötzlich der würdevollsten Gravität, als er diese Worte hörte. „Sam, warte draußen ein paar Minuten“, befahl Mr. Pickwick.

Sam zog sich sogleich zurück.

Mr. Weller blickte höchst weise und verwundert drein, und Mr. Pickwick begann folgendermaßen:

„Sie sind, glaube ich, kein Anhänger des Ehestandes?“

Mr. Weller schüttelte den Kopf. Er schien der Sprache gänzlich beraubt zu sein, und unbestimmte Befürchtungen, irgendeiner ruchlosen Witwe könnten Pläne auf Mr. Pickwick geglückt sein, lahmten seine Zunge.

„Haben Sie vielleicht zufällig ein junges Mädchen unten gesehen, als Sie mit Ihrem Sohn heraufkamen?“

„Ja. Ich hab da so ’n junges Ding gesehen“, erwiderte Mr. Weller kurz.

„Was halten Sie von ihr? Aufrichtig gesprochen, Mr. Weller, wie gefiel sie Ihnen?“

„Ich glaube, sie war recht stramm und gut gebaut“, sagte Mr. Weller mit ernster Kennermiene.

„Ja, das ist sie. Ein hübsches Mädchen. Und wie hat Ihnen ihr Benehmen gefallen, soviel Sie von ihr gesehen haben?“

„Hm, sehr angenehm“, erwiderte Mr. Weller, „sehr angenehm und komformabel.“

„Ich interessiere mich sehr für sie, Mr. Weller“, platzte Mr. Pickwick heraus.

Mr. Weller hustete.

„Das heißt“, fuhr Mr. Pickwick fort, „ich interessiere mich insofern für sie, daß ich wünsche, es möchte ihr noch mal gut gehen. Sie verstehen mich?“

„Vollkommen“, erwiderte Mr. Weller, der noch immer nicht im mindesten begriff.

„Diese junge Person“, fuhr Mr. Pickwick fort, „ist in Ihren Sohn verliebt.“

„In Samuel Weller?“

„Ja.“

„’s is ja natürlich“, meinte Mr. Weller nach einigem Nachdenken, „’s is ja natürlich, aber doch recht beunruhigend. Sammy soll sich nur in acht nehmen.“

„Wieso?“

„Na, er muß sich sehr in acht nehmen, daß er nichts zu ihr sagt, damit daß er sich nich in ein unschuldigen Augenblick verleiten läßt, was vorzubringen, was zu eine Klage wegen Eheversprechen führen kann. Man is bei die Weibsbilder nie sicher, Mr. Pickwick. Wenn sie mal Absichten auf einen haben, denn haben sie einen ruckzuck beim Wickel, ehe man sich versieht. So habe ich mir ja selbst das erstemal verheiratet, Sir, und Sammy war die Folge von das Manöver.“

„Sie ermutigen mich nicht sehr bei dem, was ich sagen will“, bemerkte Mr. Pickwick, „und doch muß es heraus. Diese junge Person ist nicht nur in Ihren Sohn verliebt, Mr. Weller, sondern Ihr Sohn auch in sie.“

„Schön“, sagte Mr. Weller, „das sin ja recht erfreuliche Sachen für mein väterliches Ohr.“

„Ich habe sie bei verschiedenen Gelegenheiten beobachtet“, fuhr Mr. Pickwick fort, ohne von Mr. Wellers letzter Bemerkung weiter Notiz zu nehmen, „und ich hege nicht die mindesten Zweifel darüber. Wenn ich ihnen nun irgendein kleines Geschäft oder dergleichen verschaffen würde, mit dessen Einkünften sie anständig miteinander leben könnten, was würden Sie dazu sagen, Mr. Weller?“

Im Anfang nahm der alte Herr mit allerhand Grimassen den Vorschlag auf, der die Verheiratung eines Menschen bezweckte, der ihm nahestand; als aber Mr. Pickwick näher mit ihm auf die Sache einging und großen Nachdruck auf das Faktum legte, daß Mary doch keine Witwe sei, wurde er allmählich gefügiger und gab schließlich klein bei. Auch war ihm Marys Äußeres ausnehmend nett vorgekommen, und er hatte ihr bereits einigemal sehr unväterlich zugeblinzelt.

Endlich sagte er, es würde ihm schlecht anstehen, sich Mr. Pickwicks Wünschen zu widersetzen, und er werde mit Freuden seinen Rat befolgen, worauf ihn Mr. Pickwick fröhlich beim Worte nahm und Sam wieder hereinrief.

„Sam“, begann er und räusperte sich, „dein Vater und ich haben soeben von dir gesprochen.“

„Ja, von dir, Samuel“, bekräftigte Mr. Weller in nachdrucksvollem Beschützerton.

„Ich bin nicht so blind, Sam“, fuhr Mr. Pickwick fort, „um nicht schon geraume Zeit bemerkt zu haben, daß du gegen das Kammermädchen Mrs. Winkles etwas mehr als freundschaftliche Gefühle hegst.“

„Hörst du, Samuel!?“ rief Mr. Weller in demselben richterlichen Ton wie zuvor.

„Ich hoffe, Sir“, antwortete Sam, „ich hoffe, daß Sie nichts Böses daran finden tun, wenn ein junger Mann seine Augen auf ein junges Frauenzimmer wirft, wo ganz unbestritten hübsch aussieht und sich gut aufführen tut.“

„Ganz gewiß nicht.“

„Nö, nich im geringsten“, stimmte Mr. Weller in freundlichem, aber dennoch würdevollem Ton ein.

„Ich bin“, fuhr Mr. Pickwick fort, „soweit entfernt, an einem so natürlichen Benehmen etwas Unrechtes zu finden, daß ich vielmehr deinen Wünschen in dieser Beziehung entgegenzukommen und sie zu fördern beabsichtige. Ich habe schon mit deinem Vater eine kleine Unterredung darüber gehabt, und da ich den Eindruck habe, daß er meiner Meinung ist…“

„Weil nämlich das Frauenzimmer keine Witwe nich is“, fiel Mr. Weller erläuternd ein.

„Ja, weil das Frauenzimmer keine Witwe ist“, wiederholte Mr. Pickwick lächelnd. „Ich wünsche also, dich von dem Zwang zu befreien, den dir deine gegenwärtige Stellung auferlegt, und dir meine Dankbarkeit für deine Treue und vielen vortrefflichen Eigenschaften dadurch zu beweisen, daß ich dich in den Stand setze, das Mädchen zu heiraten und für dich selbst mit einer Familie ein unabhängiges Leben zu führen. Ich werde stolz darauf sein, Sam“, fügte Mr. Pickwick hinzu, dessen Stimme bisher ein wenig gebebt hatte, jetzt aber ihren gewöhnlichen Ton wieder annahm, „ich werde stolz darauf sein und mich glücklich schätzen, deine künftigen Aussichten im Leben zum Gegenstand meiner dankbaren und ganz besonderen Sorgfalt zu machen.“

Auf einige Augenblicke trat eine kurze Stille ein, dann aber sagte Sam mit etwas leiser und dumpfer, aber fester Stimme:

„Bin Ihnen ungemein verbunn für Ihre Güte, Sir, die Ihnen wieder ganz ähnlich sieht; aber ’s kann nich sein.“

„Kann nicht sein?“ rief Mr. Pickwick erstaunt.

„Samuel!!“ ermahnte Mr. Weller.

„Ich sage, es kann nich sein“, wiederholte Sam in bestimmtem Tone. „Was würde denn aus Ihnen werden, Sir?“

„Du bist ein guter Kerl!“ erwiderte Mr. Pickwick. „Aber die neuerlichen Veränderungen in den Verhältnissen meiner Freunde werden auch meine künftige Lebensweise ganz verändern; überdies werde ich älter und bedarf der Ruhe und Stille. Mein langes Herumziehen wird bald ein Ende haben, Sam.“

„Kann man noch nich so bestimmt wissen“, meinte Sam. „Jetzt denken Sie zwar so, aber wenn’s Ihnen mal wieder anders einfällt, was nich unwahrscheinlich ist, denn Se sin immer noch jugendlich wie ’n Fünfundzwanziger, was sollte dann aus Ihnen werden ohne mir? Nö! Es kann nich sein, Herr, kann einfach nich sein.“

„Sehr gut, Samuel, das is mal vernünftig gesprochen“, lobte Mr. Weller.

„Ich spreche nach langer Überlegung, Sam, und mit der Gewißheit, daß ich mein Wort halten werde“, sagte Mr. Pickwick und schüttelte den Kopf. „Ein neues Arbeitsfeld ist mir erschlossen. Mein Herumziehen hat ein Ende.“

„Tadellos!“ erwiderte Sam. „Das is ja denn gerade der beste Grund, warum Sie immer einen bei sich haben müssen, der wo Ihnen versteht und aufheitert und in gute Laune bringt. Wenn Sie irgendwie ’ne feinere Sorte von Menschen brauchen, auch gut und schön, denn nehmen Sie einen! Aber mit oder ohne Lohn, mit oder ohne Beachtung, mit oder ohne Kost und Logis: Sam Weller, den Sie in dem alten Krug in Borough aufgefischt haben, der bleibt bei Ihnen; da kann kommen, was will, da kann passieren was will und da können irgendwelche Leute noch so mit mir rumfuhrwerken, es is mir alles Wurst.“

Am Schluß dieser Erklärung, die Sam mit großer innerer Bewegung hervorgestoßen hatte, sprang Mr. Weller von seinem Sitz auf, vergaß alle Rücksichten auf Zeit, Ort und Schicklichkeit, schwenkte seinen Hut über dem Kopfe und brach in drei stürmische Hurras aus.

„Mein guter Junge“, sagte Mr. Pickwick, als Mr. Weller, etwas beschämt über seinen Enthusiasmus, sich wieder gesetzt hatte, „du mußt aber das junge Mädchen doch auch bedenken.“

„Tue ich auch, Sir“, sagte Sam. „Ich habe das junge Frauenzimmer bedacht, ich habe mit ihr gesprochen und ihr gesagt, wie meine Lage ist; sie ist bereit, zu warten, bis ich sie heiraten kann, und ich glaube auch, daß sie es tun wird. Und wenn nich, denn is sie ebend nicht das junge Frauenzimmer, für was ich sie halte, und denn lasse ich ihr mit Vergnügen sausen. Sie haben mir schon mal kennengelernt, Sir. Mein Entschluß is gefaßt, und nichts kann ihn jemals ändern.“

Wer hätte gegen solche Gesinnungen ankämpfen können? Mr. Pickwick gewiß nicht. Er empfand in diesem Augenblick mehr Stolz und Wonne über die uneigennützige Anhänglichkeit seiner niedriggestellten Freunde, als zehntausend Freundschaftsversicherungen der vornehmsten Leute in seinem Herzen hätten erwecken können.

Während in Mr. Pickwicks Zimmer diese Unterhaltung vor sich ging, erschien unten ein kleiner alter Herr in schnupftabakfarbenen Kleidern, gefolgt von einem Träger mit einem kleinen Mantelsack – versicherte sich eines Bettes für die Nacht und fragte dann den Kellner, ob eine gewisse Mrs. Winkle hier wohne, eine Frage, die dieser natürlich bejahend beantwortete.

„Ist sie allein?“

„Ich glaube ja, Sir. Ich kann indes ihr Kammermädchen rufen, Sir, wenn Sie …“

„Nein, das braucht es nicht“, wehrte der alte Herr schnell ab. „Führen Sie mich nur in ihr Zimmer, ohne mich anzumelden.“

„Wieso, Sir?“ fragte der Kellner.

„Sind Sie vielleicht taub?“ fragte der kleine alte Herr. „Nicht? Nun, dann hören Sie mich gefälligst an. Können Sie mich jetzt anhören?“

Ja, Sir.“

„Nun gut, dann zeigen Sie mir Mrs. Winkles Zimmer, ohne mich anzumelden.“

Während der kleine Herr diesen Befehl aussprach, ließ er fünf Schilling in die Hand des Kellners gleiten und sah ihn fest an.

„Wahrhaftig, Sir“, stotterte der Kellner, „ich weiß wirklich nicht, Sir, ob…“

„Aha, ich sehe schon, Sie wollen es tun“, unterbrach ihn der kleine alte Herr. „Tun Sie es deshalb lieber gleich, dann sparen wir Zeit.“

Es lag etwas so Ruhiges und Bestimmtes in dem ganzen Benehmen des alten Herrn, daß der Kellner die fünf Schilling einsteckte und ihn ohne weitere Einwendungen die Treppe hinaufführte.

„Dies ist also das Zimmer? Nun, dann können Sie gehen.“

Der Kellner gehorchte und wunderte sich, wer wohl der Fremde sein möge und was er wolle. Der kleine alte Herr wartete, bis er verschwunden war, und klopfte dann an die Tür.

„Herein!“ rief Arabella.

„Hm! Jedenfalls eine hübsche Stimme“, murmelte der kleine alte Herr, „das will aber noch nichts heißen.“

Dann öffnete er die Tür und ging hinein. Arabella, die gerade bei einer Handarbeit saß, erhob sich beim Anblick eines Fremden einigermaßen verwirrt, was ihr indes allerliebst stand.

„Bitte lassen Sie sich nicht stören, Ma’am“, begann der Unbekannte, trat ein und schloß die Tür hinter sich. „Mrs. Winkle, wie ich vermute?“ Arabella neigte den Kopf.

„Mrs. Nathaniel Winkle, die den Sohn des alten Winkle in Birmingham geheiratet hat?“ wiederholte der Fremde und betrachtete Arabella mit sichtlicher Neugierde.

Arabella nickte abermals mit dem Köpfchen und blickte unruhig um sich, halb unentschlossen, ob sie nicht um Hilfe rufen solle.

„Wie ich sehe, habe ich Sie überrascht, Ma’am?“

„Ich kann es nicht leugnen“, erwiderte Arabella, sich immer mehr wundernd.

„Wenn Sie erlauben, nehme ich mir einen Stuhl, Ma’am.“

Der Fremde setzte sich, zog ein Brillenfutteral aus der Tasche, nahm nachlässig sein Augenglas heraus und setzte es auf die Nase.

„Sie kennen mich nicht, Ma’am?“ fragte er und faßte dabei Arabella so scharf ins Auge, daß es ihr unheimlich wurde.

„Nein, Sir“, antwortete sie schüchtern.

„So? Wirklich nicht?“ sagte der alte Herr und schlug sich auf sein linkes Knie. „Ich wüßte allerdings auch nicht, woher Sie mich kennen sollten. Doch kennen Sie vielleicht meinen Namen, Ma’am?“

„Bitte um Entschuldigung“, sagte Arabella und zitterte heftig, obgleich sie kaum wußte, warum. „Darf ich Sie vielleicht um Ihren Namen bitten?“

„Sogleich, Ma’am, sogleich“, sagte der Unbekannte, der seine Augen noch immer nicht von ihrem Gesicht abgewandt hatte. „Sie haben sich doch erst vor kurzem verheiratet, Ma’am?“

„Ja“, erwiderte Arabella kaum hörbar, legte ihre Arbeit beiseite und schien sehr aufgeregt zu werden, da ein Gedanke, der ihr schon vorher gekommen war, sich ihr immer stärker aufdrängte.

„Ohne Ihrem Gatten vorgestellt zu haben, daß es sich geziemt hätte, seinen Vater, von dem er doch abhängig ist, zuerst um Rat zu fragen, nicht wahr?“

Arabella hielt ihr Tuch vor die Augen.

„Ohne sich auch nur die Mühe zu nehmen, durch irgendeine indirekte Anfrage in Erfahrung zu bringen, wie der alte Mann über eine Sache denkt, die ihn natürlich in hohem Grade interessieren muß?“

„Ich kann es nicht leugnen, Sir“, schluchzte Arabella.

„Und ohne Vermögen genug zu besitzen, Ihrem Gatten ein hinlängliches Auskommen zu sichern und ihn für die zeitlichen Vorteile zu entschädigen, die ihm natürlich nicht entgangen wären, wenn er den Wünschen seines Vaters gemäß geheiratet hätte? Knaben und Mädchen nennen dies uneigennützige Neigung, bis sie selbst Knaben und Mädchen haben und dann die Sache in einem ganz andern Lichte betrachten.“

Arabellas Tränen flössen reichlich, als sie zur Entschuldigung anführte, sie sei jung und unerfahren; Liebe allein habe sie zu diesem Schritte verleitet, und sie habe beinahe von Kindheit an des Rates sowie der Leitung ihrer Eltern entbehren müssen.

„Es war unrecht“, sagte der alte Herr in milderem Tone, „sehr unrecht. Es war romantisch, eines Geschäftsmannes unwürdig! Töricht!“

„Es ist meine Schuld, ganz meine Schuld, Sir“, jammerte die arme Arabella.

„Unsinn!“ brummte der alte Herr. „Gewiß war es nicht Ihre Schuld, daß er sich in Sie verliebte. Und doch ist es so“, fügte der alte Herr hinzu und blickte Arabella schalkhaft an, „und doch war es Ihre Schuld; er konnte nicht anders.“

Dieses kleine Kompliment oder die sonderbare Art, wie es der kleine alte Herr vorbrachte, oder sein verändertes Benehmen, das um so vieles freundlicher war als im Anfang – oder all diese drei Umstände zusammen, nötigten Arabella mitten unter ihren Tränen ein Lächeln ab.

„Wo ist denn Ihr Mann?“ fragte der alte Herr schnell, um ein Lächeln zu unterdrücken, das eben sein Gesicht überflog.

„Ich erwarte ihn mit jedem Augenblick. Ich redete ihm zu, heute früh einen Spaziergang zu machen. Er ist sehr niedergeschlagen und unglücklich, weil sein Vater nichts von sich hören läßt.“

„Niedergeschlagen? Geschieht ihm recht.“

„Ich fürchte, er ist es meinetwegen“, sagte Arabella. „Aber glauben Sie mir, ich empfinde es auch sehr schwer, denn ich bin doch allein schuld an seiner gegenwärtigen Lage.“

„Lassen Sie es sich nicht so sehr zu Herzen gehen, meine Liebe“, rief der alte Herr. „Es geschieht ihm ganz recht. Es freut mich – freut mich direkt. Wenigstens soweit es ihn betrifft.“

In diesem Augenblick kamen Fußtritte die Treppe herauf, die der alte Herr und Arabella beide genau zu kennen schienen. Der kleine alte Herr wurde blaß, gab sich indes viel Mühe, ruhig zu erscheinen, und stand auf, als Mr. Winkle ins Zimmer trat.

„Vater!“ rief Mr. Winkle und prallte verblüfft zurück.

„Jawohl“, erwiderte der kleine alte Herr. „Nun, was hast du mir zu sagen?“

Mr. Winkle schwieg.

„Du schämst dich hoffentlich vor dir selbst, was?“

Mr. Winkle sprach immer noch nicht.

„Schämst du dich, oder schämst du dich nicht?“

„Nein, Vater“, erwiderte Mr. Winkle und zog Arabellas Arm unter den seinigen. „Ich schäme mich weder meiner selbst noch meiner Frau.“

„Wirklich nicht!?“ rief der alte Herr ironisch.

„Es tut mir wirklich herzlich leid, etwas getan zu haben, was deiner Neigung zu mir Abbruch tut“, sagte Mr. Winkle, „aber zugleich muß ich erklären, daß ich keinen Grund habe, mich meiner Frau und du ebensowenig dich einer solchen Schwiegertochter zu schämen.“

„Gib mir die Hand, Nathaniel“, lenkte der alte Herr mit veränderter Stimme ein. „Küß mich, mein liebes Kind, du bist in der Tat ein allerliebstes Schwiegertöchterchen.“

Nach wenigen Minuten ging Mr. Winkle auf Mr. Pickwicks Zimmer, kam mit ihm zurück und stellte ihn seinem Vater vor, worauf die beiden alten Herren einander fünf Minuten lang ununterbrochen die Hände schüttelten.

„Mr. Pickwick, ich danke Ihnen aufs herzlichste für all Ihre Freundschaft gegen meinen Sohn“, sagte der alte Mr. Winkle mit seinem offenen, bieder-derben Wesen. „Ich bin ein alter Hitzkopf, und als ich Sie das letztemal sah, war ich etwas ärgerlich und ein wenig überrascht. Ich habe mir inzwischen die Sache überlegt und bin jetzt mehr als zufrieden. Soll ich noch mehr Entschuldigungen vorbringen Mr. Pickwick?“

„Oh, keineswegs“, erwiderte der Gelehrte. „Sie haben getan, was allein noch zur Vollendung meines Glückes fehlte.“

Hierauf folgte wieder ein neuerliches, fünf Minuten lang währendes Händeschütteln, begleitet von einer Unmasse von Komplimenten, die, abgesehen von der darin sich beurkundenden Höflichkeit, auch noch das Gute hatten, wirklich aufrichtig gemeint zu sein.

Sam hatte seinen Vater pflichtgemäß nach Belle Savage begleitet und begegnete auf dem Rückweg im Hof dem fetten Jungen, der ein Billett von Emilie Wardle zu überbringen gehabt hatte.

„Ich sage bloß“, begann Joe, der diesmal ungewöhnlich redselig war, „ich sage bloß, was diese Mary doch für ein hübsches Mädchen ist. Was, Sam? Ich bin ganz verliebt in sie.“

Mr. Weller gab darauf weiter keine Antwort, sondern betrachtete ganz verblüfft über diese Vermessenheit den fetten Jungen einen Augenblick lang, führte ihn dann am Rockkragen bis an die nächste Ecke und entließ ihn mit einem harmlosen, aber durchaus förmlichen Fußtritt und ging dann pfeifend ins Haus.

Vierundfünfzigstes Kapitel


Vierundfünfzigstes Kapitel

In dem der Pickwick-Klub aufgelöst wird und alles zur größten Zufriedenheit endet.

Eine ganze Woche lang nach der glückbringenden Ankunft Mr. Winkles aus Birmingham waren Mr. Pickwick und Sam Weller den ganzen Tag über von Haus abwesend und kehrten erst zum Mittagessen zurück. Sie trugen dabei ein geheimnisvolles, wichtiges Wesen zur Schau, das ihrem Naturell sonst ganz fremd war! Offenbar waren sehr ernste und ereignisschwere Dinge im Zuge. Einige Herren – und unter ihnen Mr. Tupman – waren geneigt, zu glauben, Mr. Pickwick plane eine eheliche Verbindung, aber diese Idee wurde von den Damen aufs entschiedenste verworfen. Andere neigten der Ansicht zu, er trage sich mit einem großen Reiseprojekt und beschäftige sich gegenwärtig mit den Vorbereitungen dazu, allein dies wurde unumwunden von Sam selbst geleugnet, der auf die Kreuz- und Querfragen Marys unzweideutig erklärte, es würden keine neuen Reisen mehr unternommen. Endlich, als sich der ganze Freundeskreis sechs Tage lang mit fruchtlosen Vermutungen das Gehirn zermartert hatte, wurde einhellig beschlossen, Mr. Pickwick zur Erklärung seines Benehmens aufzufordern und ihn offen zu fragen, warum er sich auf diese Art von der Gesellschaft seiner ihn doch so einhellig bewundernden Freunde zurückziehe.

In dieser Absicht lud Mr. Wardle den ganzen Zirkel zum Mittagessen nach Adelphi ein, und das Thema wurde zur Sprache gebracht, als der Wein zweimal die Runde gemacht hatte.

„Wir sind samt und sonders sehr gespannt zu erfahren“, begann der alte Herr, „was wir dir denn zuleide getan haben, daß du dich so gänzlich von uns zurückziehst und immer nur deine einsamen Spaziergänge machst.“

„Möchtest du es wirklich wissen?“ fragte Mr. Pickwick. „Merkwürdig, daß ich gerade heute im Sinn hatte, mich aus freien Stücken darüber auszulassen; gib mir noch ein Glas Wein, und dann will ich deine Neugier befriedigen.“

Der Wein ging mit ungewohnter Schnelligkeit von Hand zu Hand, und Mr. Pickwick fuhr, mit vergnügtem Lächeln in die Gesichter seiner Freunde schauend, folgendermaßen fort:

„Die einschneidenden Veränderungen, die in unserem Kreise stattgefunden haben, ich meine die bereits eingetretene und die nächstdem bevorstehende Hochzeit nebst allem, was notwendig daraus folgen wird, haben mich genötigt, ernstlich an einen künftigen Lebensplan für mich zu denken. Ich habe beschlossen, mich in einer hübschen Gegend in der Nähe von London zur Ruhe zu setzen, und fand da ein Haus, das meinen Wünschen gänzlich entspricht. Ich habe es gemietet und wohnlich eingerichtet, so daß ich kommen und gehen kann, wann ich will. Ich gedenke nun in der nächsten Zeit meinen Einzug zu halten und hoffe, noch manches Jahr in stiller Zurückgezogenheit daselbst zuzubringen, erfreut durch die Gesellschaft meiner Freunde, nach meinem Tode fortlebend in ihrer liebevollen Erinnerung.“

Hier hielt Mr. Pickwick inne, und ein leises Gemurmel erhob sich rings um die Tafel.

„Das Haus, das ich gemietet habe, steht in Dulwich, hat einen großen Garten und liegt in einer der reizendsten Gegenden der Umgebung Londons. Es ist die größte Aufmerksamkeit darauf verwendet worden, es so behaglich wie möglich, vielleicht sogar ein bißchen elegant, einzurichten. Doch darüber sollt ihr selbst urteilen. Sam begleitet mich dahin. Ich habe auf Perkers Vorstellung eine Haushälterin in Dienst genommen – eine sehr alte Person – und werde noch andre Dienerschaft aufnehmen, wenn sie es für nötig hält. Ich möchte nun mein kleines Heim durch eine Festlichkeit, auf der ich unbedingt bestehe, eingeweiht sehen. Wenn mein Freund Wardle nichts dagegen hat, so möchte ich ihn bitten, die Vermählung seiner Tochter in meinem neuen Hause an demselben Tage vollziehen zu lassen, an dem ich Besitz davon nehme. Das Glück junger Leute“, sagte Mr. Pickwick ein wenig bewegt, „war von jeher die größte Freude meines Lebens. Es wird mir das Herz erwärmen, unter meinem eigenen Dach Zeuge des Glücks meiner Freunde zu sein.“

Mr. Pickwick hielt abermals inne, und Emilie und Arabella schluchzten laut.

„Ich habe“, begann Mr. Pickwick aufs neue, „dem Klub sowohl mündliche wie schriftliche Mitteilungen davon gemacht und ihn von meinen Absichten in Kenntnis gesetzt. Er hat während unserer Abwesenheit viel an inneren Zwistigkeiten gelitten, und mein Austritt, verbunden mit noch andern Umständen, hat seine Auflösung herbeigeführt. – Der Pickwick-Klub existiert nicht mehr!“

„Ich werde es niemals bereuen“, setzte Mr. Pickwick mit heiserer Stimme hinzu, „ich werde es niemals bereuen, daß ich mich beinahe volle zwei Jahre hindurch unter verschiedenen Nuancen und Schattierungen des menschlichen Charakters umhergetrieben habe, so töricht meine Abenteuersucht auch vielen erschienen sein mag. Fast mein ganzes früheres Leben war Geschäften und trockenem Gelderwerb gewidmet, jetzt aber bin ich mit zahlreichen Szenen des menschlichen Lebens bekannt geworden, von denen ich früher keine Ahnung gehabt, und ich hoffe, daß sich mein Gesichtskreis dadurch erweitert hat. Wenn ich nur wenig Gutes getan habe, so glaube ich doch, noch weniger Böses getan zu haben, und hoffe, daß meine sämtlichen Abenteuer mir in meinem Lebensabend nur eine Quelle angenehmer und ergötzlicher Erinnerungen sein werden. – Gott segne euch alle!“

Bei diesen Worten füllte und leerte Mr. Pickwick mit bebender Hand sein Glas, und seine Augen wurden feucht, als sämtliche Freunde sich wie ein Mann erhoben und ihm von ganzem Herzen Bescheid taten.

Zur Vermählung Mr. Snodgraß‘ waren nur noch sehr wenige Vorbereitungen erforderlich. Da er weder Vater noch Mutter mehr besaß und während seiner Minderjährigkeit unter Mr. Pickwicks Vormundschaft gestanden hatte, so kannte dieser seine Vermögensverhältnisse aufs genaueste. Wardle war mit seiner Auskunft darüber vollkommen zufrieden, wie denn der gute alte Herr in dieser Zeit, wo er von Heiterkeit und Zärtlichkeit überfloß, fast mit allem zufrieden gewesen wäre; Emilie wurde ein hübsches Nadelgeld ausgesetzt und der vierte Tag bereits zur Vermählung anberaumt – eine Eile, die drei Putzmacherinnen und einen Schneidermeister fast an den Rand der Verzweiflung brachte.

Der alte Wardle nahm am folgenden Tage Postpferde, um seine Mutter nach der Stadt zu bringen. Da er der alten Dame diese Nachricht mit seinem charakteristischen Ungestüm mitteilte, fiel sie augenblicklich in Ohnmacht, kam indes sehr bald wieder zu sich, befahl, das Brokatkleid einzupacken, und fing an, verschiedene Umstände ähnlicher Art, die sich bei der Verheiratung der ältesten Tochter der verstorbenen Lady Tollimglower zugetragen, herzuzählen, womit sie nach drei vollen Stunden noch nicht zur Hälfte fertig war.

Mrs. Trundle mußte ebenfalls von den gewaltigen Vorbereitungen in London in Kenntnis gesetzt werden, und da sie sich in einem delikaten Gesundheitszustand befand, erfolgte die Mitteilung durch Mr. Trundle selbst, damit ihr die Überraschung nicht zu sehr schaden möchte‘. Sie schadete ihr natürlich keineswegs, denn sie schrieb sogleich nach Muggleton, bestellte sich eine neue Haube und ein schwarzes Atlaskleid und erklärte, unter allen Umständen der Hochzeitsfeier beiwohnen zu wollen. Mr. Trundle ließ den Arzt rufen, und dieser sagte, Mrs. Trundle müsse am besten wissen, wie sie sich fühle.

Zu den diversen Aufträgen, die Mr. Wardle bekommen hatte, gehörte auch die Besorgung zweier Briefchen an zwei junge Damen, die als Brautjungfern fungieren sollten und durch diese Einladung in Verzweiflung gerieten, denn sie jammerten, sie hätten nichts anzuziehen. Wie die beiden armen jungen Damen nach London kamen, ob zu Fuß oder zu Wagen oder zu Pferd, ist unbekannt; jedenfalls aber trafen sie vor Wardle ein, und die ersten Leute, die am Hochzeitsmorgen an Mr. Pickwicks Haustür klopften, waren sie – hoch aufgedonnert und zerfließend vor Liebenswürdigkeit.

Sie wurden natürlich aufs herzlichste bewillkommnet, denn Reichtum oder Armut machten keinen Unterschied in Mr. Pickwicks Augen. Die neuen Bedienten waren die Bereitwilligkeit selbst, und Sam befand sich in der unvergleichlichsten Festlaune, und Mary erglänzte in Schönheit und prächtigen Bändern.

Der Bräutigam, der sich schon zwei oder drei Tage vorher im Hause aufgehalten hatte, fuhr stattlich angetan in die Dulwicher Kirche, begleitet von Mr. Pickwick, Ben Allen, Bob Sawyer und Mr. Tupman – Sam Weller nicht zu vergessen, der im Knopfloch eine weiße Bandschleife, ein Geschenk der Dame seines Herzens, trug und überdies in einer neuen, prachtvollen, ausdrücklich für den Tag erfundenen Livree prangte. Dort trafen sich auch Mr. und Mrs. Wardle, Mr. und Mrs. Winkle, Braut und Brautjungfern und Mr. und Mrs. Trundle, und nach beendigter Feierlichkeit rasselten sämtliche Kutschen zum Frühstück nach Mr. Pickwicks Haus, wo sie der kleine Mr. Perker bereits erwartete.

Nachdem sich hier die leichten Wolken des ernsteren und feierlichen Teils der Tagesereignisse zerteilt hatten, erglänzten alle Gesichter vor Freude, und man hörte nichts als Glückwünsche und Lebehochrufe.

Es war prächtig! Der Grasplatz vor dem Hause, der Garten dahinter, das kleine Gewächshaus, das Speise-, das Gesellschafts-, das Rauch- und die Schlafzimmer, vor allem aber das Studierzimmer mit seinen Gemälden, den behaglichen Sesseln, den merkwürdigen Wandschränken, den sonderbar geformten Tischen und zahllosen Büchern nebst seinem großen, freundlichen Fenster, das sich gegen einen hübschen Grasplatz hin öffnete und eine reizende, da und dort mit kleinen in Bäumen fast versteckten Häusern übersäte Landschaft beherrschte, und dann die Vorhänge, die Teppiche, die Stühle und die Sofas – alles so schön, so fein berechnet, so zierlich und so geschmackvoll, daß jedermann sagte, man wisse wirklich nicht, was am meisten Bewunderung verdiene.

Und mitten in all diesem stand Mr. Pickwick, das Gesicht von einem seligen Lächeln umstrahlt, dem das Herz keines Mannes, keiner Frau, keines Kindes widerstehen konnte: er selbst der Glücklichste im ganzen Kreise, immer denselben Leuten wieder und immer wieder die Hände schüttelnd – wenn die seinigen nicht gerade geschüttelt wurden.

Dann wurde das Frühstück serviert. Mr. Pickwick führte die alte Dame, die sehr beredt über das Thema Lady Tollimglower gewesen war, oben an die lange Tafel hin; Wardle setzte sich an das andre Ende, die Freunde reihten sich auf beiden Seiten ein, Sam faßte hinter dem Stuhle seines Herrn Posto, das Gelächter und Geplauder hörten auf, und Mr. Pickwick sprach das Tischgebet, schwieg dann einen Augenblick und blickte rund um sich, und dabei rollten ihm in der Überfülle seines Herzens die Tränen über die Wangen.

Und nun wollen wir von unserm alten Freund Abschied nehmen – in einem jener Augenblicke ungetrübten Glückes, von denen uns, wenn wir sie nur suchen, immerhin einige zur Erheiterung unseres flüchtigen Daseins beschieden sind. Die Erde hat finstere Schatten, aber der Kontrast hebt ihre Lichtseiten um so stärker hervor. Es gibt Leute, die, wie die Fledermäuse und Eulen, bessere Augen für die Finsternis haben als für das Licht; wir, denen solche optischen Fähigkeiten nicht gegeben sind, finden mehr Vergnügen daran, den geträumten Gefährten mancher einsamen Stunden unsern letzten Abschiedsblick zuzuwerfen, wenn der kurze Sonnenschein der Welt über sie hinstrahlt.

*

Es ist das Los der meisten Menschen, die sich in der Welt herumtreiben und es zu einem gewissen Alter bringen, daß sie sich viele wirkliche Freunde erwerben und sie durch den Lauf der Natur wieder verlieren. Es ist das Los aller Autoren oder Dichter, daß sie sich eingebildete Freunde schaffen und sie im Verlauf der Kunst wieder verlieren. Damit ist indes das Maß ihres Unglücks noch nicht erschöpft; man verlangt von ihnen auch noch eine umständliche Erzählung, was aus ihren Gestalten geworden ist.

Wir fügen uns hiermit dieser unbestreitbar bösen Gewohnheit und setzen daher noch einige wenige biographische Notizen über die bei Mr. Pickwick versammelte Gesellschaft hinzu.

Mr. und Mrs. Winkle, von dem alten Herrn vollkommen in Gnaden aufgenommen, bezogen bald darauf ein eigenes neugebautes Haus, nur eine halbe Meile von dem Mr. Pickwicks entfernt. Mr. Winkle wurde der City-Agent oder Stadtkorrespondent seines Vaters, vertauschte sein altes Kostüm mit der gewöhnlichen Kleidung der Engländer und zeigte sich von da an immer als zivilisierter Christ.

Mr. und Mrs. Snodgraß ließen sich in Dingley Dell nieder, wo sie mehr der Beschäftigung als des Gewinns halber ein kleines Gut kauften und bewirtschafteten. Mr. Snodgraß, der bisweilen zerstreut und melancholisch ist, gilt bis auf den heutigen Tag unter seinen Freunden und Bekannten als großer Dichter, obgleich wir nicht finden, daß er je etwas geschrieben hätte, was zu diesem Glauben berechtigen könnte. Übrigens kennen wir viele literarische, philosophische und anderweitige Notabilitäten, deren bedeutender Ruf keinen festeren Boden hat. Mr. Tupman ließ sich, als seine Freunde verheiratet waren und Mr. Pickwick sich zurückgezogen hatte, in Richmond nieder, wo er bis jetzt geblieben ist. In den Sommermonaten geht er beständig auf der Terrasse spazieren, und zwar mit einer jugendlichen Munterkeit, die ihm die Bewunderung aller der zahlreichen ältlichen Damen ledigen Standes gesichert hat, die in der Nähe wohnen. Er hat indes nie wieder einen Heiratsantrag gemacht.

Mr. Bob Sawyer lancierte sich selbst einige Male in die Zeitungen und ging dann, begleitet von Mr. Benjamin Allen, nach Bengalen, beide als wohlbestallte Chirurgen in Diensten der Ostindischen Kompanie. Sie haben vierzehnmal das gelbe Fieber gehabt und sich dann endgültig zu einiger Enthaltsamkeit entschlossen. Seitdem geht es ihnen sehr gut.

Mrs. Bardell vermietete ihr Haus noch an, manchen umgänglichen ledigen Herrn mit großem Profit, hat jedoch seitdem nie wieder wegen gebrochenen Eheversprechens geklagt. Ihre Anwälte, die Herren Dodson und Fogg, betreiben ihr Geschäft noch immer mit gewohnter Rührigkeit, beziehen ein bedeutendes Einkommen daraus und gelten allgemein für die Schlauesten unter den Schlauen.

Sam Weller hielt sein Wort und blieb noch zwei Jahre unverheiratet. Als nach Verfluß dieser Zeit die alte Haushälterin starb, beförderte Mr. Pickwick Mary zu diesem Posten, jedoch unter der Bedingung, Mr. Weller unverweilt zu heiraten, was sie auch ohne Murren tat. Aus dem Umstand, daß am Tore des Gartens hinter dem Hause zu wiederholten Malen ein paar derbe kleine Buben erblickt worden sind, glauben wir schließen zu dürfen, daß Sam Familie hat.

Mr. Weller senior regierte noch zwölf Monate lang eine Postkutsche, bekam dann aber die Gicht, die ihn nötigte, sich zurückzuziehen. Mr. Pickwick hatte den Inhalt seiner Brieftasche so gut für ihn. angelegt, daß er eine recht hübsche jährliche Rente bezieht, von der er gemächlich in einem vortrefflichen Gasthause in der Nähe von Shooters Hill lebt, wo er als ein wahres Orakel verehrt wird, sich gewaltig seiner vertrauten Freundschaft mit Mr. Pickwick rühmt und fortwährend den unüberwindlichsten Widerwillen gegen Witwen hegt.

Mr. Pickwick residiert rastlos in seinem neuen Hause und verwendet seine Mußestunden dazu, seine Memoiren zu schreiben, die er später dem Sekretär des einst so berühmten Klubs mitteilen will, oder sich gelegentlich von Sam Weller vorlesen läßt, dessen Bemerkungen, wie sie sich ihm gerade aufdrängen, niemals verfehlen, Mr. Pickwick großes Vergnügen zu bereiten. Im Anfang wurde er sehr durch die zahlreichen Gesuche der Herren Snodgraß, Winkle und Trundle belästigt, bei ihrer Nachkommenschaft Gevatter zu stehen; allein er hat sich jetzt daran gewöhnt und betrachtet diesen Dienst als eine Sache, die sich nun einmal nicht ändern läßt. Er hat auch niemals Veranlassung gehabt, seine Güte gegen Mr. Jingle zu bereuen, denn sowohl dieser wie Hiob Trotter sind mit der Zeit würdige Mitglieder der menschlichen Gesellschaft geworden, haben aber jede Aufforderung, nach den Schauplätzen ihres früheren Unwesens zurückzukehren, standhaft zurückgewiesen. Mr. Pickwick ist später etwas kränklich geworden, sein Geist aber hat alle seine Jugendfrische behalten, und man sieht ihn noch häufig die Gemälde in der Dulwicher Galerie betrachten oder an schönen Tagen in seiner hübschen Nachbarschaft lustwandeln.

Die Armen in der Gegend kennen ihn alle und ermangeln nie, mit großer Ehrerbietung die Hüte abzuziehen, wenn er vorübergeht; die Kinder vergöttern ihn, und die ganze Nachbarschaft tut es ebenfalls. Alljährlich begibt er sich zu einem großen Familienfest in Mr. Wardles Haus, und wie überallhin, begleitet ihn auch hier der getreue Sam, dessen Anhänglichkeit wohl nur der Tod ein Ende machen wird.

Siebentes Kapitel


Siebentes Kapitel

Eine altmodische Spielpartie. – Die Erzählung von der Rückkehr des Sträflings.

Die in dem alten Wohnzimmer versammelten Gäste standen auf, um Mr. Pickwick und seine Freunde bei ihrem Eintreten zu begrüßen, und während der Zeremonie des Vorstellens, die ungemein formell vonstatten ging, hatte Mr. Pickwick Muße, aus der äußeren Erscheinung der Anwesenden Schlüsse auf ihren Stand und Charakter zu ziehen – eine Gewohnheit, der er, gleich vielen anderen großen Männern, gern zu huldigen pflegte.

Eine uralte Dame in einer hohen Haube und einem verblichenen Seidenkleid – niemand Geringeres als Mr. Wardles Mutter – hatte den Ehrenplatz im rechten Kaminwinkel inne, wo verschiedene Hinweise, daß sie ihrem Jugendgeschmack auch im Alter treu geblieben, in Gestalt alter Stickmuster, gewirkter Landschaften von gleichem Alter und rotseidener Teekesselwärmer einer späteren Epoche, die Wände zierten.

Die Tante, die zwei jungen Damen und Mr. Wardle umdrängten den Lehnstuhl der alten Frau und wetteiferten miteinander, ihr unablässig ihre Aufmerksamkeit zu bezeigen. Die eine hielt ihr das Hörrohr, die andere eine Pomeranze, die dritte ein Riechfläschchen, während Mr. Wardle selbst sich emsig abmühte, ihr die Kopfkissen zu ordnen. Gegenüber saß ein kahlköpfiger alter Herr mit einem Gesicht voll Wohlwollen und fröhlicher Laune – der Geistliche von Dingley Dell – und neben ihm seine Ehehälfte, eine blühende, stattliche alte Dame, die ganz so aussah, als ob sie nicht allein die Kunst, Herzstärkungen zu andrer Leute Zufriedenheit zu bereiten, von Grund aus verstünde, sondern selbst auch gern gelegentlich einen Schluck nähme. In einem Winkel des Zimmers sprachen ein kleiner Mann mit einem Gesicht wie ein Borsdorfer Apfel und ein dicker alter Herr miteinander, und noch zwei oder drei alte Herren und noch zwei oder drei alte Damen saßen kerzengerade und regungslos auf ihren Stühlen und blickten mit strenger Miene Mr. Pickwick und seine Reisegefährten an. „Mr. Pickwick, Mutter!“ schrie Mr. Wardle der alten Dame ins Ohr.

„Ah“, sagte sie, den Kopf schüttelnd, „ich verstehe kein Wort.“

„Mr. Pickwick, Großmama!“ schrien die beiden jungen Damen zugleich.

„Ah“, rief die alte Dame. „Schadet nichts. Er wird sich wohl um eine alte Frau, wie ich bin, wenig kümmern.“

„Ich versichere Ihnen, Ma’am“, entgegnete Mr. Pickwick, erfaßte die Hand der alten Dame und sprach so laut, daß sein menschenfreundliches Antlitz von der Anstrengung blaurot wurde, „ich versichere Ihnen, Ma’am, daß mich nichts so sehr entfernt wie der Anblick einer Dame in Ihren Jahren mitten im Kreise ihrer Familie, zumal wenn sie dabei noch so jugendlich und wohl aussieht.“

„Ah“, erwiderte die alte Dame nach einer kleinen Pause, „das ist gewiß alles sehr schön, aber ich verstehe kein Wort.“

„Großmama ist augenblicklich nicht in guter Laune“, erklärte Miß Isabella Wardle mit leiser Stimme, „aber sie wird gleich mit Ihnen sprechen.“

Mr. Pickwick gab durch Nicken seine Bereitwilligkeit zu erkennen, den Schwächen des Alters gegenüber ein Auge zuzudrücken, und knüpfte mit der übrigen Gesellschaft ein allgemeines Gespräch an.

„Eine entzückende Lage hat dieser Landsitz, Mr. Wardle.“

„Entzückende Lage!“ wiederholten die Herren Snodgraß, Winkle und Tupman.

„O ja. Allerdings“, sagte Mr. Wardle.

„Es gibt keinen hübscheren Punkt in ganz Kent, Sir“, bemerkte der kleine Mann mit dem Borsdorfer Gesicht. „Nein, Sir, Sie können sich drauf verlassen, Sir.“

Und triumphierend blickte er umher, als ob ihm jemand hartnäckig widersprochen, jedoch den kürzeren gezogen hätte.

„Keinen hübscheren Punkt in ganz Kent“, wiederholte er nach einer Pause.

„Ausgenommen Mullins Meadows“, bemerkte der dicke Mann in feierlichem Ton.

„Mullins Meadows?“ rief der Borsdorfer mit tiefer Verachtung.

„Allerdings, Mullins Meadows!“ wiederholte der dicke Mann.

„Sehr schöner Ort das“, fiel ein zweiter dicker Mann ein.

„Ja, in der Tat“, fügte ein dritter dicker Mann hinzu.

„Wie jedermann weiß“, bestätigte der korpulente Herr des Hauses.

Der kleine Mann mit dem Borsdorfer Gesicht blickte zweifelnd umher; doch als er sah, daß er die Minorität bildete, nahm er eine mitleidige Miene an und sagte nichts weiter.

„Wovon spricht man?“ fragte die alte Dame eine ihrer Enkelinnen mit sehr lauter Stimme – denn, wie die meisten schwerhörigen Leute, war sie der Meinung, sich nur so verständlich machen zu können.

„Vom Lande, Großmama.“

„Vom Lande? Was denn? – Ist etwas los?“

„Nein, nein; Mr. Miller sagte nur, unser Landsitz sei schöner als Mullins Meadows.“

Was versteht er denn davon“, erwiderte die alte Dame ärgerlich. „Mr. Miller weiß überhaupt immer alles besser. Sag ihm das.“

Ohne zu ahnen, daß sie ganz laut gesprochen hatte, richtete sie sich in ihrem Lehnstuhl auf und warf dem Delinquenten mit dem Borsdorfer Gesicht giftige Blicke zu.

„Kommen Sie, meine Herren, kommen Sie“, sagte verlegen der Herr des Hauses, um der Unterhaltung eine andere Wendung zu geben. „Wie wäre es mit einer Partie ;Whist? Was meinen Sie dazu, Mr. Pickwick?“

„Oh, mit Freuden“, erwiderte Mr. Pickwick, „aber, bitte, nicht etwa meinetwegen.“

„Oh, ich versichere Ihnen, meine Mutter spielt es gleichfalls sehr gern“, sagte Mr. Wardle. „Nicht wahr, Mutter?“

Die alte Dame hörte plötzlich viel besser und bejahte.

„Joe, Joe! – Verdammter Junge! Ah, da ist er ja! – Joe, die Spieltische!“

Der lethargische Jüngling stellte wortlos zwei –Spieltische auf, den einen für „Pope Joan“, den andern für Whist. Die

Whistspieler waren Mr. Pickwick, die alte Dame, Mr. Miller und der dicke Gentleman, die übrigen setzten sich zum Gesellschaftsspiel nieder.

Am Whisttische herrschte der Ernst und die Stille, die der edlen Beschäftigung, der von Rechts wegen die Bezeichnung „Spiel“ gar nicht beigelegt werden sollte, zukommt. Bei dem Gesellschaftsspiel am andern Tische dagegen ging es so laut und lustig zu, daß Mr. Miller in seinen Kombinationen abgelenkt wurde und mehrere Fehler machte, die in hohem Grade den Zorn des dicken Herrn erregten und die gute Laune der alten Dame entsprechend hoben.

„Da!“ sagte Mr. Miller mit triumphierendem Blick, als er eben einen Stich machte. „Das hätte überhaupt nicht besser gespielt werden können – es war unmöglich, noch einen Stich mehr zu machen.“

„Miller hätte den Buben stechen sollen, nicht wahr, Sir?“ sagte die alte Dame.

Mr. Pickwick nickte bejahend.

„Hätte ich sollen?“ fragte der Unglückliche mit einem triumphierenden Blick auf seinen Mitspieler.

„Allerdings hätten Sie sollen, Sir!“ sagte der dicke Gentleman in zurechtweisendem Tone.

„Schade“, erwiderte gedemütigt Mr. Miller.

„Bin es bei Ihnen schon gewohnt“, brummte der dicke

Gentleman.

„Zwei Honneurs – macht acht für uns –“, sagte Mr. Pickwick.

„Können Sie?“ fragte die alte Dame.

„Jawohl“, versetzte Mr. Pickwick. „Double, simple – und den Rubber!“

„So ein Glück ist mir noch nicht vorgekommen!“ rief Mr. Miller.

„Bei den Karten!“ meinte der dicke Gentleman.

Es folgte ein feierliches Schweigen; Mr. Pickwick war fröhlich aufgelegt, die alte Dame ernst, der dicke Gentleman verdrießlich und Mr. Miller verlegen.

„Ein zweiter Double“, rief die alte Dame aus und markierte diesen Umstand dadurch, daß sie einen Sixpence und einen abgenutzten halben Penny unter den Leuchter schob.

„Ein Double, Sir“, meldete Mr. Pickwick.

„Hab es schon gesehen, Sir“, erwiderte der dicke Gentleman in scharfem Ton.

Ein zweites Spiel nahm denselben ungünstigen Verlauf durch ein Versehen Mr. Millers, über das der dicke Gentleman ganz außer sich geriet, so daß er seine Wut über das ganze Spiel kaum mehr zu unterdrücken vermochte. Nach Schluß der Partie zog er sich für genau eine Stunde und siebenundzwanzig Minuten in einen Winkel zurück, wo er seinen Ärger sich stumm austoben ließ. Endlich kam er wieder hervor und bot Mr. Pickwick eine Prise an, mit der Miene eines Mannes, der sich bezwungen hat und erlittenes Unrecht mit dem Mantel der christlichen Liebe bedeckt. Das Gehör der alten Dame hatte sich in der Zwischenzeit auch erheblich gebessert, und der unglückliche Mr. Miller fühlte sich so unbehaglich wie ein Delphin in einem Schilderhaus.

Mittlerweile nahm das Gesellschaftsspiel am andern Tische desto munterer seinen Fortgang. Miß Isabella Wardle und Mr. Trundle bekamen „Ehestand“, desgleichen Emilie und Mr. Snodgraß, und selbst Mr. Tupman und die alte Tante fanden sich zusammen. Mr. Wardle war die gute Laune selbst und handhabte „die Tafel“ so spaßhaft, und die Damen strichen ihren Gewinn so eilig ein, daß an dem Tische fortwährend schallendes Gelächter herrschte. Eine alte Dame hatte stets ein halbes Dutzend Karten zu bezahlen, worüber jedesmal alles lachte, und sah sie dabei verdrießlich aus, so wurde nur noch lauter gewiehert. Als sie es schließlich bemerkte, heiterte sich ihre Miene allmählich auf, und sie lachte noch lauter als alle übrigen. Bekam die Tante »Ehestand“, so kicherten die jungen Damen von neuem, und sie schien dann empfindlich werden zu wollen, bis sie Mr. Tupmans Händedruck unter dem Tische fühlte und ein heiteres Gesicht machte, als ob sie sagen wollte, daß sie wohl nicht gar so ferne vom Ehestand war, wie vielleicht gewisse Leute glauben mochten, worüber alle, und besonders Mr. Wardle, der immer dabei war, wenn es einen Spaß gab, abermals lachten. Mr. Snodgraß flüsterte Emilie unentwegt poetische Ergüsse ins Ohr, was einen alten Herrn zu vielen Anzüglichkeiten und Anspielungen auf Partnerschaft im Spiel und im Leben veranlaßte, worüber die Gesellschaft aufs neue in ein herzliches Gelächter ausbrach, namentlich die Ehehälfte des alten Herrn. Mr. Winkle paradierte mit Witzen, die in der Stadt uralt, aber auf dem Lande noch unbekannt waren, und da alle darüber lachten und sie köstlich fanden, tat er sich viel darauf zugute. Der wohlwollende Geistliche sah heiter zu, denn die vielen glücklichen Gesichter stimmten ihn fröhlich; wenn auch die Stimmung etwas lärmend war, so kam sie doch aus dem Herzen und nicht bloß von den Lippen, worin doch eigentlich die wahre Heiterkeit besteht.

Bei dieser fröhlichen Unterhaltung verstrich der Abend sehr schnell, und als die Gesellschaft nach dem zwar ländlichen, aber schmackhaften Abendessen einen Halbkreis am Kamin bildete, glaubte Mr. Pickwick sich in seinem ganzen Leben noch nie so glücklich und so befähigt gefühlt zu haben, den. Zauber der Gegenwart in vollen Zügen zu genießen.

„Sie entschuldigen, Sir, daß ich mir nach einer so kurzen Bekanntschaft eine Bemerkung erlaube“, wandte er sich nach einer längeren Pause an den Geistlichen. „Ich sollte meinen, ein Mann wie Sie müßte in seiner Stellung als Diener des Evangeliums im Lauf der Jahre so manche der Aufzeichnung werte Szenen und Vorfälle erlebt haben.“

„Allerdings ist mir schon vieles vorgekommen“, erwiderte der Geistliche, „doch waren die meisten Ereignisse und Charaktere bei meinem beschränkten Wirkungskreise nicht außergewöhnlicher Art.“

„Aber soviel ich weiß, haben Sie es doch der Mühe wert gefunden, sich einiges über John Edmunds zu notieren, oder?“ fragte Mr. Wardle, der im Interesse seiner neuen Gäste eine Erzählung anzuregen suchte.

Der Geistliche nickte bejahend, wollte aber dem Gespräch eine andre Wendung geben, doch Mr. Pickwick ließ sich die Gelegenheit nicht entgehen, und nach einigen Zureden Mr. Wardles und der übrigen Herren und Damen begann der Geistliche ohne weitere Vorrede folgende Erzählung, die wir uns erlauben zu betiteln:

DIE RÜCKKEHR DES STRÄFLINGS

„Als ich mich – es sind jetzt bereits fünfundzwanzig Jahre – hier in diesem Dorfe niederließ, war ein Pächter, namens Edmunds, das verrufenste Subjekt in meinem Kirchenspiel. Er war ein mürrischer, bösartiger Mensch, arbeitsscheu und Ausschweifungen ergeben und dabei wild und grausam. Mit Ausnahme einiger weniger liederlicher Vagabunden, mit denen er herumstreichen und sich in den Bier- und Branntweinschenken zu betrinken pflegte, hatte er keinen einzigen Freund oder Bekannten. Niemand mochte gern mit ihm verkehren; viele fürchteten ihn, aber alle verabscheuten ihn, und so wurde er denn von jedermann gemieden.

Dieser Mann nun hatte ein Weib und einen Sohn, der zu der Zeit, als ich hierherkam, etwa zwölf Jahre alt sein mochte. Von den Leiden jener Frau, von der Sanftmut und Geduld, mit der sie sie ertrug, von den Kämpfen und Sorgen, unter denen sie den Knaben erzog, kann man sich schwer einen Begriff machen. Der Himmel möge mir verzeihen, wenn ich dem Manne Unrecht tue, aber ich bin fest davon überzeugt, daß er es viele Jahre hindurch geflissentlich darauf anlegte, sein Weib durch Kummer unter die Erde zu bringen. Sie ertrug jedoch alles geduldig um ihres Kindes und, wie unglaublich es auch klingen mag, um seines Vaters willen; denn so roh er auch war und so grausam er sie behandelte, so hatte sie ihn doch einst geliebt, und die Erinnerung an das, was er ihr gewesen, erweckte Gefühle der Nachsicht und Sanftmut in ihrer Brust, wie man sie unter allen Geschöpfen Gottes bloß bei dem Weibe findet.

Sie waren arm – wie hätte es auch anders sein können, wo der Mann auf solchen Pfaden wandelte –, doch rastlose Arbeit und angestrengter Fleiß der Frau wendeten gänzlichen Mangel ab. Leider wurden ihr ihre Bemühungen übel vergolten. Leute, die noch spät in der Nacht an ihrer Wohnung vorbeizugehen pflegten, erzählten, sie hätten das Wehklagen und Jammern der Frau und das Geräusch von Schlägen gehört, und mehr als einmal hatte der Knabe, lange nach Mitternacht noch, an einem Nachbarhause geklopft, um vor der Wut seines betrunkenen, unnatürlichen Vaters Schutz zu suchen.

Während dieser ganzen Zeit besuchte die arme Frau, die häufig die Spuren der Mißhandlungen nicht ganz verbergen konnte, regelmäßig unsre kleine Kirche. Jeden Sonntag, beim Früh- und Nachmittagsgottesdienst, saß sie mit ihrem Knaben an derselben Stelle, und obgleich beide nur ärmlich – und zwar noch ärmlicher als viele ihrer noch bedürftigeren Nachbarn – gekleidet waren, so war ihr Anzug doch immer sauber und reinlich. Jedermann hatte einen freundlichen Gruß und ein tröstliches Wort für die arme Frau, und wenn sie bisweilen nach dem Gottesdienst unter den Ulmenbäumen vor der Kirche stehenblieb, um ein paar Worte mit einer Nachbarin zu wechseln oder mit all dem Stolze und all der Liebe einer Mutter ihrem blühenden Knaben zuzuschauen, wie er sich mit seinen kleinen Gespielen herumtummelte, dann röteten freudige Empfindungen ihr von Sorgen verzehrtes Gesicht, und sie sah, wenn auch nicht froh und glücklich, doch ruhig und zufrieden aus.

So verstrichen fünf bis sechs Jahre, und der Knabe war zu einem starken, wohlgebauten Jüngling herangewachsen. Die Zeit, die den zarten Gliederbau des Kindes zu männlicher Kraft reifte, hatte die Gestalt der Mutter gebeugt und ihre Schritte wanken gemacht; aber der, der sie hätte stützen sollen, ging nicht mehr an ihrer Seite; der ihr hätte ein Trost sein sollen, kümmerte sich nicht um sie. Immer noch hatte sie ihren alten Platz in der Kirche, aber die Stelle neben ihr war leer. Sie hielt die Bibel so andächtig wie früher in der Hand, aber es war niemand da, sie mit ihr zu lesen. Die Nachbarn waren gegen sie noch ebenso freundlich wie vorher, aber sie wich ihren Grüßen aus mit abgewendetem Gesicht. Nie mehr blieb sie unter den Ulmenbäumen stehen, um von künftigem Glück zu träumen.

Das Maß des Elends der unglücklichen Frau sollte bald voll sein. Zahlreiche Untaten waren in der Umgegend begangen worden; da jedoch die Verbrecher unentdeckt blieben, so trieben sie ihr Unwesen nur um so dreister. Endlich veranlaßte ein mit beispielloser Frechheit verübter Raubüberfall eine ungewöhnlich strenge Nachforschung, die man nicht vermutet hatte. Der Verdacht fiel auf den jungen Edmunds und seine drei Spießgesellen. Er wurde verhaftet, vor Gericht gestellt, für schuldig erkannt – und zum Tode verurteilt.

Der wilde, durchdringende Schrei der Mutter, der durch den Gerichtssaal tönte, als der Richterspruch gefällt wurde, klingt noch heute in meinen Ohren. Er erfüllte das Herz des Verbrechers, auf den das Verhör, die Verhandlung und sogar das Todesurteil keinen Eindruck gemacht hatten, mit Schrecken und Entsetzen. Die Lippen, die bisher starrköpfiger Trotz verschlossen hatte, bebten und öffneten sich unwillkürlich, das Gesicht nahm eine erdfahle Farbe an, und der kalte Schweiß stand ihm auf der Stirn. An allen Gliedern zitternd, wankte er in den Kerker zurück.

In den ersten Ausbrüchen ihrer Seelenangst warf sich die leidende Mutter zu meinen Füßen auf die Knie und flehte inbrünstig zum Allmächtigen, der ihr bisher in all ihren Trübsalen beigestanden, sie von einer Welt voll Elend und Jammer zu erlösen und das Leben ihres einzigen Kindes zu retten. Ein Ausbruch von Schmerz und ein Seelenkampf folgten, wie ich ihn in meinem Leben nicht mehr zu hören hoffe. Ich sah, daß ihr das Herz in dieser Stunde für immer brach, aber niemals kam eine Klage oder ein Murren über ihre Lippen.

Es war ein trauriger Anblick, das arme Weib Tag für Tag in den Gefängnishof gehen zu sehen, um das harte Herz ihres verstockten Sohnes mit heißen Bitten zu erweichen. Sie mühte sich umsonst. Er blieb verschlossen, starrköpfig und ungerührt. Nicht einmal die unvorhergesehene Verwandlung seiner Todesstrafe in vierzehnjährige Deportation vermochte seine Verstocktheit auch nur einen Augenblick zu beugen.

Aber der Geist der Ergebung und Standhaftigkeit, der sie so lange aufrechterhalten hatte, vermochte den Verfall ihres Körpers nicht aufzuhalten. Sie wurde krank. Noch einmal wollte sie ihren Sohn besuchen und wankte mit zitternden Gliedern aus dem Zimmer, aber die Kräfte verließen sie, und sie sank ohnmächtig zu Boden.

Jetzt wurde die Gleichgültigkeit des jungen Mannes, mit der er geprahlt hatte, wirklich auf die Probe gestellt, und die Vergeltung, die über ihn kam, war derart, daß es ihn beinahe wahnsinnig machte. Ein Tag verfloß, und seine Mutter war nicht dagewesen, der nächste ging vorüber, und wieder kam sie nicht; der dritte Abend erschien, und noch immer hatte er sie nicht gesehen, und in vierundzwanzig Stunden sollte er von ihr getrennt werden – vielleicht auf immer. Welch lang vergessene Erinnerungen an die Tage seiner Kindheit mußten in seinem Geiste aufgetaucht sein, als er in seiner schmalen Zelle auf und ab raste, als könnte seine fiebernde Ungeduld die ersehnte Nachricht um so schneller herbeiführen, und wie bitter mußte das Gefühl seiner hilflosen Lage und Verlassenheit sein, das in ihm aufstieg, als er die Wahrheit vernahm! Seine Mutter, die einzige Verwandte, die ihn je geliebt, lag krank danieder – vielleicht in den letzten Zügen –, kaum eine Viertelstunde von ihm entfernt; wäre er frei und fessellos, in wenigen Minuten stünde er an ihrer Seite. Er rüttelte an den Eisenstäben mit der Kraft der Verzweiflung und stemmte sich gegen die dicke Mauer wie ein wildes Tier, aber das Gebäude spottete seiner schwachen Anstrengungen. Und dann rang er die Hände und weinte wie ein Kind.

Ich brachte ihm den Segen seiner Mutter ins Gefängnis, und ihr, der Kranken, seine feierliche Versicherung der Reue und seine flehentliche Bitte um Vergebung an das Sterbebett. Ich hörte mit innigem Mitleiden den Reuigen tausend Pläne entwerfen, wie er seine Mutter unterstützen wolle, wenn er nur erst zurückgekehrt wäre, aber ich wußte, daß sie schon lange aus der Welt geschieden sein würde, wenn er den Ort seiner Bestimmung erreicht hätte.

Er wurde bei Nacht weggebracht. Wenige Wochen nachher schwang sich die Seele der Armen, wie ich zuversichtlich hoffe und glaube, zu den Gefilden der ewigen Seligkeit und Ruhe empor. Ich hielt den Leichengottesdienst. Sie liegt auf unserm kleinen Kirchhofe. Kein Stein erhebt sich über ihrem Grabe. Was sie gelitten hat, das wissen die Menschen, ihre Seelenstärke kennt Gott allein.

Es war vor der Deportation des Gefangenen ausgemacht worden, daß er unter meiner Adresse an seine Mutter schreiben sollte, sobald er die Erlaubnis dazu erhalten würde. Der Vater hatte sich von dem Augenblicke der Verhaftung an aufs entschiedenste geweigert, seinen Sohn zu sehen, und es war ihm gänzlich gleichgültig, ob er hingerichtet oder begnadigt werden würde. Eine Reihe von Jahren ging vorüber, ohne daß ich Nachricht von dem Sträfling erhielt, und als mehr als die Hälfte seiner Strafzeit verflossen war und ich noch immer keinen Brief bekommen hatte, vermutete ich, er wäre gestorben, was ich beinah auch hoffte.

Edmunds war bei seiner Ankunft in der Strafkolonie weit in das Innere des Landes verschickt worden, und diesem Umstände war es wohl zuzuschreiben, daß, obgleich er viele Briefe an mich abgeschickt hatte, doch keiner in meine Hände kam. Die ganze Zeit seiner Verbannung blieb er an demselben Orte. Nach Ablauf derselben kehrte er, seinem Entschlüsse und dem Versprechen, daß er seiner Mutter gegeben hatte, getreu, unter den größten Entbehrungen nach England zurück und gelangte zu Fuß in seinem Geburtsorte an.

An einem schönen Sonntagabend, im Monat August, setzte John Edmunds seinen Fuß in das Dorf, das er vor siebzehn Jahren in Schmach und Schande verlassen hatte. Weg führte ihn über den Kirchhof. Vielleicht stellte er sich vor, wie er als Kind an seiner Mutter Hand friedlich zur Kirche ging und erinnerte sich an ihr bleiches Gesicht und wie ihre Augen sich bisweilen mit Tränen füllten, wenn sie in seine Züge blickte – Tränen, deren Ursache er damals nicht gekannt hatte. Dachte vielleicht daran, wie oft er mit seinen Spielkameraden lustig auf diesen Wiesen gespielt und seine Mutter darüber lächeln gesehen und den Ton ihrer milden Stimme gehört hatte.

Er trat in die Kirche, erfuhr ich später. Der Nachmittagsgottesdienst war vorüber, und die Gemeinde hatte sich verlaufen, aber die Tür war noch nicht geschlossen. Seine Tritte widerhallten in der niederen Wölbung, und ein Schauer überfiel ihn, wenn er daran dachte, daß er allein sei; so still und ruhig war es. Er sah sich rings um. Nichts war verändert. Der Raum kam ihm kleiner vor als früher, aber es waren noch die alten Grabmäler, auf denen sein Auge tausendmal mit kindlicher Scheu verweilt hatte; die kleine Kanzel mit ihren verblichenen Kissen; d«r Altar, vor dem er sooft die Gebete hergesagt, die er als Knabe verehrt und als Mann vergessen hatte. Er trat an den alten Betstuhl. Etwas Kaltes und Düsteres ging von ihm aus. Das Kissen war fort, und die Bibel lag nicht mehr da. Vielleicht nahm seine Mutter jetzt, einen geringeren Stuhl ein, oder war sie zu schwach geworden, um die Kirche allein besuchen zu können? Er wagte es nicht, an das zu denken, was er fürchtete. Ein kalter Schauer überlief ihn, und er zitterte heftig, als er sich wegwandte.

Ein alter Mann trat eben zur Kirchtür herein, als er hinauswollte. Edmunds bebte zurück, denn er kannte ihn wohl; manchmal hatte er ihm zugesehen, wie er ein Grab im Kirchhofe grub. Was mag wohl der Greis zu dem Unglücklichen gesagt haben? Er starrte dem Fremden ins Gesicht, bot ihm einen guten Abend und ging langsam an ihm vorüber, ahnungslos, wer vor ihm stand.

Der Sträfling ging die Anhöhe hinab durch das Dorf. Das Wetter war warm, und die Einwohner saßen vor ihren Haustüren und ergingen sich in ihren Gärten, um sich von der Arbeit zu erholen und den heiteren Abend zu genießen. Manche Blicke richteten sich nach ihm, und oft schielte er verstohlen auf die Seite, um zu sehen, ob ihn jemand erkenne und ihm absichtlich aus dem Wege gehe. Es waren beinahe lauter fremde Gesichter; bisweilen erkannte er die stattliche Gestalt eines alten Schulkameraden, der noch ein Knabe gewesen war, als er ihn zum letzten Male gesehen hatte, von einer Schaf lustiger Kinder umgeben; dann sah er einen schwachen, entkräfteten Greis, dessen er sich noch als eines gesunden, rüstigen Arbeiters erinnerte, in einem behaglichen Lehnstuhl vor seiner Haustür sitzen; aber sie hatten ihn alle vergessen, und er ging unerkannt vorüber. Die letzten milden Strahlen der untergehenden Sonne fielen auf die Erde und warfen ihren feurigen Glanz auf das wogende Kornfeld und verlängerten die Schatten der Fruchtbäume des Gartens, als er vor dem alten Hause stand, der Heimat seiner Kindheit, nach der er sich während der ganzen langen Reihe der Jahre seiner Gefangenschaft und seines Elends so unbeschreiblich gesehnt hatte. Die Umzäunung war niedrig, wiewohl er sich der Zeit noch erinnerte, wo sie ihm wie eine hohe Wand vorgekommen war, und er sah über sie hinweg in den alten Garten. Er erblickte mehr Pflanzen und schönere Blumen, als sonst hier zu finden gewesen, aber die Bäume waren noch die alten, der Baum derselbe, unter dem er tausendmal im Schatten gelegen, wenn er des Spielens in der Sonne überdrüssig war, unter dem ihn sooft der sanfte Schlaf der glücklichen Kindheit umfangen. Er hörte Stimmen im Hause. Er lauschte, aber sie schlugen fremdartig an sein Ohr; er kannte sie nicht. Sie waren zu fröhlich, und er wußte wohl, daß seine arme Mutter nicht heiter sein konnte, solange sie ihn ferne wußte. Die Tür öffnete sich, und eine Schar Kinder hüpfte jubelnd und jauchzend heraus. Der Vater erschien auf der Schwelle mit 4J1 einem kleinen Jungen auf dem Arm. – – – Der Sträfling dachte daran, wie oft er an dieser Stelle vor dem finsteren Gesicht seines Vaters geflohen war. Er erinnerte sich, wie oft er seinen Kopf zitternd unter der Bettdecke versteckt und die rauhen Worte, die harten schweren Schläge und das Jammern seiner Mutter gehört hatte, und ob er gleich in tiefem Seelenschmerz laut aufschluchzte, als er den Ort verließ, so ließ ihn doch ein grimmer Haß die Fäuste ballen und die Zähne zusammenbeißen.

Das war also die Rückkehr, nach der er so viele Jahre lang geschmachtet und für die er so manche Mühseligkeiten erduldet hatte? Keine Miene des Willkomms, kein Blick der Verzeihung, kein gastfreundliches Haus, keine hilfreiche Hand – und alles das in seinem väterlichen Dorfe! Was war die Einsamkeit in den dichten Wäldern, in die noch keines Menschen Fuß gedrungen, gegen diese Gefühle!

Er sah, daß er sich seinen Geburtsort im fernen Lande seiner Verbannung und Schmach gedacht hatte, wie er ihn verlassen, nicht, wie er ihn bei seiner Rückkehr finden würde. Die traurige Wirklichkeit verwundete sein Herz tief und brach seinen Mut völlig. Er getraute sich nicht, die einzige Person, von der er eine mitleidige und liebevolle Aufnahme erwarten konnte, zu erfragen und aufzusuchen. Langsam ging er weiter und vermied den gewöhnlichen Pfad, gleich einem schuldbewußten Verbrecher. Er schlug den Weg zu einer wohlbekannten Wiese ein und warf sich ins Gras, das Gesicht in den Händen verbergend.

Er hatte nicht bemerkt, daß ein Mann neben ihm auf dem Boden lag. Erst als dieser sich umdrehte, um verstohlen zu sehen, wer denn gekommen, bemerkte ihn Edmunds und hob den Kopf in die Höhe.

Der Mann hatte sich zu einer sitzenden Stellung aufgerichtet. Sein Rücken war gekrümmt und sein Gesicht durchfurcht und gelb. Sein Anzug kennzeichnete ihn als einen Bewohner des Armenhauses. Er sah sehr alt aus, aber das schien mehr die Folge früherer Ausschweifung und Krankheit als des hohen Alters zu sein. Lange starrte er den Fremden an, und so matt und glanzlos anfangs seine Augen gewesen waren, sosehr nahmen sie jetzt den Ausdruck einer außerordentlichen Unruhe an und erglühten immer unheimlicher und unheimlicher. Edmunds richtete sich langsam auf seine Knie auf und sah dem alten Manne aufmerksamer ins Gesicht. So starrten sie einander schweigend an.

Der Greis erbleichte. Er schauderte und stellte sich zitternd auf seine wankenden Füße. Als Edmunds sich ihm näherte, bebte er zurück. Edmunds trat auf ihn zu.

,Ich will deine Stimme hören‘, sagte er, und es schnürte ihm fast die Kehle zu.

,Weg von mir!‘ rief der Alte mit einem schrecklichen Fluch. Der Sträfling trat näher.

,Weg von mir!‘ schrie der Greis wieder. Wütend erhob er seinen Stock und versetzte ihm einen Hieb über das Gesicht.

,Vater! – Teufel!‘ murmelte Edmunds zwischen den Zähnen, sprang wild auf und packte den Alten bei der Kehle. – Aber es war doch sein Vater! – Kraftlos fiel sein Arm nieder.

Der Greis stieß einen gellenden Schrei aus, der über die einsamen Felder hintönte wie das Geheul eines bösen Geistes. Sein Gesicht wurde schwarzblau. Das Blut strömte ihm aus Mund und Nase und färbte das Gras dunkelrot. Er wankte und fiel zu Boden. Ein Blutgefäß war ihm gesprungen, und er lag da, eine Leiche, ehe noch sein Sohn ihn aus der Blutlache aufrichten konnte.

In einem Winkel des Kirchhofs, fuhr der alte Herr nach einem minutenlangen Stillschweigen fort, „ruht ein Mann, der nach diesem Ereignis drei Jahre lang mein Arbeiter gewesen und die demütigste Reue und Zerknirschung zeigte, wie nur jemals ein Sterblicher. Niemand, außer mir, wußte zu seinen Lebzeiten, wer er war oder woher er kam. Es war John Edmunds, der zurückgekehrte Sträfling.“

Achtes Kapitel


Achtes Kapitel

Wie Mr. Winkle, anstatt auf Mr.Tupman zu zielen und die Krähe zu töten, auf die Krähe schoß und Mr. Tubman traf; wie der Kricketklub von Dingley Dell gegen Muggleton spielte und wie Muggleton auf Kosten von Dingley Dell speiste, nebst andern anziehenden und lehrreichen Vorfällen.

Die Strapazen des Tages oder die einschläfernde Wirkung Erzählung des Geistlichen hatten einen solchen Einfluß auf Mr. Pickwick ausgeübt, daß er wenige Minuten, nachdem er in sein behagliches Schlafzimmer geführt worden war, in einen gesunden und traumlosen Schlaf verfiel, aus dem er nicht eher erwachte, als bis die goldenen Strahlen der Morgensonne vorwurfsvoll in sein Zimmer schienen. Von Natur jeder Untätigkeit abhold, sprang Mr. Pickwick aus dem Bette wie ein streitbarer Krieger aus seinem Zelt.

„Herrliche, herrliche Gegend“, seufzte er begeistert, als die Jalousien öffnete. „Wer möchte da noch Tag für Tag auf Ziegel- und Schieferdächer starren, wenn er jemals die Wonnen einer solchen Natur empfunden? Wer möchte da bleiben, wo man keine andern Kühe sieht als die Kühe auf den Porzellantöpfen, kein andres Gestein als das Pflaster?“

Die süßen Wohlgerüche der Rosenhecken drangen zu ihm empor, die balsamischen Düfte des kleinen Blumengartens füllten die Luft um ihn her, die dunkelgrünen Wiesen glänzten im Morgentau, der auf jedem Blättchen schimmerte, wie es im sanften Lufthauch erzitterte, und die Vögel sangen, als wäre jeder funkelnde Tropfen eine Quelle der Begeisterung. Mr. Pickwick versank in eine süße, wonnige Träumerei, aus der ihn plötzlich ein lautes „Hallo“ weckte.

Er wandte sich nach rechts, sah aber niemand, er spähte nach links und suchte, irgend etwas Außergewöhnliches zu entdecken. Alles vergeblich. Er sah zu den Wolken empor, aber sie schienen sein nicht zu begehren. Endlich tat er, was ein gewöhnlicher Mensch gleich anfangs getan haben würde: er sah in den Garten, und richtig – da stand Mr. Wardle.

„Ausgeschlafen?“ fragte der gutmütige Herr fröhlich. „Ein schöner Morgen, wie? Freut mich, daß Sie so früh auf sind. Geschwind, kommen Sie herunter, ich warte hier auf Sie.“

Mr. Pickwick ließ sich das nicht zweimal sagen, und nach 7ehn Minuten stand er an der Seite des alten Herrn.

„Hallo!“ sagte er, als er seinen Wirt, mit einer Flinte bewaffnet und eine zweite neben ihm im Grase, sah. „Was haben Sie vor?“

„Ihr Freund und ich wollen vor dem Frühstück ein paar Krähen schießen. Er ist doch ein famoser Schütze – oder?“

„Er behauptet es wenigstens“, erwiderte Mr. Pickwick. „Allerdings war ich noch nie Zeuge.“

„Na“, sagte der alte Herr, „ich wollte, er käme endlich. Joe – Joe!“

Der fette Junge, der unter dem belebenden Einfluß der Morgenluft nicht halb so schläfrig zu sein schien als sonst, trat aus dem Hause.

„Geh hinauf und rufe den Herrn. Sag ihm, er kann mich und Mr. Pickwick beim Krähenhorst finden. Zeig dem Herrn den Weg, hörst du?“

Der Knabe entfernte sich gehorsam, und der alte Herr verließ, ein zweiter Robinson Crusoe, beide Flinten auf den Schultern, mit seinem Begleiter den Garten.

„Hier sind wir an Ort und Stelle“, sagte er, als sie nach einem Gang von wenigen Minuten in eine Allee gekommen waren.

Die Bemerkung war unnötig, denn das unaufhörliche Gekrächze der ahnungslosen Krähen verriet ihren Aufenthalt ohne weiteres.

Der alte Herr legte die eine Flinte auf den Boden und lud die andre.

„Da kommen sie“, sagte Mr. Pickwick und deutete auf die Gestalten der Herren Tupman, Snodgraß und Winkle im Hintergrunde. Der fette Junge, ungewiß, welchen Herrn er holen sollte, brachte scharfsinnigerweise alle drei, um jedem Irrtum vorzubeugen.

„Kommen Sie“, rief der alte Wardle, sich an Mr. Winkle wendend, „ein Nimrod wie Sie sollte schon lange bei der Hand sein, und wenn’s sich auch nur um Krähen handelt.“

Mr. Winkle antwortete mit einem gezwungenen Lächeln und nahm die herrenlose Flinte mit der Miene eines philosophischen armen Sünders, der den Tod durch den Strick vor sich sieht. Vielleicht war es Mut, aber immerhin sah es der Angst merkwürdig ähnlich.

Der alte Herr winkte, und zwei zerlumpte Jungen begannen alsbald auf zwei der Bäume zu klettern.

„Was haben die Burschen vor?“ fragte Mr. Pickwick hastig.

Er war etwas unruhig, denn er wußte nicht, ob sich die Jungen nicht vielleicht aus Armut, wie er schon so oft gehört hatte, zur Zielscheibe ungeschickter Schützen hergeben wollten, um sich durch dieses gefährliche Mittel einen kläglichen Erwerb zu sichern.

„Nur das Wild zu stellen“, antwortete Mr. Wardle lachend.

„Wozu?“ fragte Mr. Pickwick.

„Nun, in schlichten Worten: um die Krähen aufzuscheuchen.“

„Oh! Sonst nichts?“

„Sind Sie jetzt beruhigt?“

„Vollkommen.“

„Schön. Soll ich anfangen?“

„Wie’s gefällig ist“, sagte Mr. Winkle, froh ob der Galgenfrist.

„Treten Sie zur Seite. Also los.“

Der Junge schrie und schüttelte einen Ast, auf dem sich ein Nest befand. Ein halb Dutzend junger Krähen, in lebhafter Unterhaltung begriffen, flog auf, um zu sehen, was es gäbe. Der alte Herr gab Feuer. Eine fiel herunter, und die andern flogen davon.

„Nimm sie, Joe“, sagte der alte Herr.

Ein Lächeln umspielte das Antlitz des Jungen. Unbestimmte Visionen von einer Krähenpastete umgaukelten seine Seele. Er lachte, als er mit dem Vogel zurückkam. – Er war sehr fett. Der Vogel nämlich.

„Nun, Mr. Winkle“, sagte der alte Herr, seine Flinte von neuem ladend, „schießen Sie!“

Mr. Winkle trat vor und legte an. Mr. Pickwick und seine Freunde bückten sich unwillkürlich, um den Krähen auszuweichen, die, wie sie zuversichtlich glaubten, auf den mörderischen Schuß ihres Freundes hageldicht herabfallen würden. Eine feierliche Pause – die Jungen auf den Bäumen schreien – Flügelschläge – ein Laut wie vom Schnappen eines Hahnes.

„Hallo?“ rief der alte Herr.

„Will es nicht losgehen?“ fragte Mr. Pickwick.

„Es hat versagt“, antwortete Mr. Winkle, totenbleich, wahrscheinlich vor Enttäuschung.

„Seltsam“, sagte der alte Herr, die Flinte betrachtend. „Sie hat noch nie versagt. Aber Sie haben ja kein Zündhütchen drauf.“

„Meiner Treu“, sagte Mr. Winkle, „das habe ich ganz vergessen.“

Die Sache war bald in Ordnung gebracht, und Mr. Pickwick bückte sich abermals. Mr. Winkle trat mit entschloßner Miene vor, und Mr. Tupman lugte hinter einem Baum hervor. Der Junge schrie – vier Vögel flogen auf. Mr. Winkle drückte ab. Da. Ein Schrei. – Nicht von einer Krähe. – Ein Angstschrei. Mr. Tupman hatte das Leben unzähliger Krähen gerettet, indem er einen Teil der Ladung mit dem linken Arm aufgefangen hatte.

Die Verwirrung, die jetzt folgte, spottete jeder Beschreibung. In der ersten Aufregung nannte Mr. Pickwick Mr. Winkle ein „Scheusal“, Mr. Tupman lag am Boden, und Mr. Winkle kniete, von Entsetzen geschüttelt, neben ihm. Mr. Tupman flüsterte, geistesabwesend, einen weiblichen Taufnamen und schloß zuerst das eine und dann das andre Auge. Erst allmählich kehrte er wieder ins Leben zurück, als man seinen Arm mit Taschentüchern verband und ihn, gestützt, langsamen Schrittes nach Hause führte.

So näherte sich der Zug dem Landhaus. Die Damen standen an der Gartentür und warteten auf die Ankunft der Schützen zum Frühstück. Die jugendliche Tante zeigte sich, lächelte und winkte den Herren, schneller zu gehen. Sie ahnte nicht, was vorgefallen. Armes Geschöpf! Es gibt Fälle im menschlichen Leben, wo Unwissenheit ein Glück ist. Sie kamen näher.

„Aber was hat denn der alte Herr?“ fragte Isabella Wardle.

Jungfer Tante achtete nicht auf die spöttische Frage; sie glaubte, sie bezöge sich auf Mr. Pickwick. In ihren Augen war Tracy Tupman ein Jüngling; sie betrachtete seine Jahre durch ein Verkleinerungsglas.

„Nur keine Aufregung“, rief Mr. Wardle, um seine Töchter nicht zu beunruhigen, die wegen des Gedränges um Mr. Tupman die wahre Natur des Unfalls nicht genau zu erkennen vermochten. „Nur keine unnötige Aufregung.“ „Was ist denn geschehen?“ riefen die Damen. „Mr. Tupman ist ein kleiner Unfall zugestoßen. Das ist alles.“

Die jungfräuliche Tante stieß einen durchdringenden Schrei aus, bekam einen hysterischen Lachkrampf und sank ihren Nichten in die Arme.

„Bespritzt sie mit kaltem Wasser“, riet der alte Herr.

„Nein, nein“, murmelte die jungfräuliche Tante, „es ist mir schon besser. Bella, Emilie, einen Arzt! Ist er verwundet? – Ist er tot? – Ist er … Hahaha!“ Ein zweiter Lach- und Weinkrampf befiel sie.

„Beruhigen Sie sich“, sagte Mr. Tupman, durch diesen Beweis von Teilnahme bis zu Tränen gerührt. „Teuerstes Fräulein, beruhigen Sie sich.“

„Es ist seine Stimme!“ rief die Tante, und heftige Symptome eines dritten Anfalls stellten sich ein.

„Seien Sie unbesorgt, ich bitte Sie, meine Teuerste“, bat Mr. Tupman in einschmeichelndem Ton. „Die Verletzung ist ganz unbedeutend, ich versichere es Ihnen.“

„So sind Sie also nicht tot?“ schrie die hysterische Dame. „Oh, sagen Sie, daß Sie nicht tot sind.“

„Sei nicht närrisch, Rachel“, mengte sich Mr. Wardle in etwas rauherem Tone ein, als sich mit der poetischen Natur des Auftrittes vertrug. „Was zum Teufel soll es denn helfen, wenn er sagt, er sei nicht tot.“

„Nein, nein, ich bin nicht tot“, versicherte Mr. Tupman. „Ich verlange keinen Beistand als den Ihren. Erlauben Sie, daß ich mich auf Ihren Arm stütze. – Ach, Miß Rachel!“ fügte er flüsternd hinzu.

Bebend trat die Dame vor und bot ihm den Arm. So gingen sie ins Frühstückszimmer. Mr. Tracy Tupman drückte ihre Hand zärtlich an seine Lippen und sank auf das Sofa.

„Fühlen Sie sich schwach?“ fragte Miß Rachel besorgt.

„Nein“, antwortete Mr. Tupman. „Es ist nichts. Es wird mir im Augenblick wieder wohler sein.“ – Er schloß die Augen.

„Er schläft“, flüsterte Miß Wardle, denn seine Sehwerkzeuge blieben nahezu zwanzig Sekunden geschlossen. „Geliebter – geliebter – Mr. Tupman!“

Mr. Tupman sprang auf. „Oh, sagen Sie diese Worte noch einmal!“ rief er aus.

Die Dame war äußerst verwirrt. „Sie haben es doch nicht gehört?“ fragte sie, vor Scham errötend.

„Ja, ich habe sie gehört“, versetzte Mr. Tupman. „Wiederholen Sie. Wenn Sie wünschen, daß ich genesen soll, wiederholen Sie.“

„Pst!“ flüsterte die Dame. „Mein Bruder.“

Mr. Tracy Tupman nahm seine frühere Lage wieder ein, und Mr. Wardle trat mit einem Arzt ins Zimmer.

Der Arm wurde untersucht, die Wunde verbunden und für höchst unbedeutend erklärt. Die Gesellschaft war beruhigt und ging wieder mit fröhlichem Gesicht an die Befriedigung ihres Appetits. Nur Mr. Pickwick war verstimmt und sprach kein Wort. Zweifel und Enttäuschung spiegelten sich in seinen Zügen. Sein Vertrauen auf Mr. Winkle hatte durch die Vorfälle des Morgens einen argen Stoß erlitten.

„Spielen Sie Kricket?“ fragte Mr. Wardle den Schützen. Zu jeder andern Zeit würde Mr. Winkle die Frage unbedingt bejaht haben. Aber jetzt fühlte er das Prekäre seiner Lage und hauchte ein bescheidenes: „Nein.“

„Und Sie?“ fragte Mr. Snodgraß.

„Jetzt nicht mehr“, antwortete der alte Herr, „ich habe es aufgegeben; ich gehöre zwar noch dem hiesigen Klub an, spiele aber selbst nicht mehr.“

„Heute findet, glaube ich, ein großes Match statt?“ fragte Mr. Pickwick.

„Ja“, erwiderte der alte Herr. „Sie werden doch zusehen kommen?“

„Ich wohne sehr gern jederlei Sport bei“, versetzte Mr. Pickwick, „wenn man dabei seines Lebens sicher ist und nicht Gefahr läuft, durch die ungeschickte Hand unerfahrener Leute Schaden zu nehmen.“ Er schwieg und sah starr auf Mr. Winkle, der unter seinen Flammenblicken beinahe in die Erde sank. Nach einigen Minuten wandte der große Mann seine Augen weg und fügte hinzu: „Können wir mit gutem Gewissen den Verwundeten der Pflege der Damen überlassen?“

„Sie können mich in keinen besseren Händen wissen“, sagte Mr. Tupman.

„Unmöglich“, bestätigte Mr. Snodgraß.

So wurde denn beschlossen, Mr. Tupman solle unter der Pflege der Damen zu Hause bleiben und die übrige Gesellschaft mit Mr. Wardle an der Spitze dem Match beiwohnen, das Muggleton aus seinem Schlummer geweckt und Dingley Dell in ein heftiges Fieber versetzt hatte.

Da ihr Weg, der mehr als zwei englische Meilen betrug, ;durch schattige Heckengänge und schmale Fußpfade führte und sich ihre Unterhaltung immerwährend um die reizende Landschaft drehte, die sie rings umgab, war Mr. Pickwick beinahe geneigt, den Ausflug zu bereuen, als er sich plötzlich mitten in der Hauptstraße der Stadt Muggleton befand.

Neugierig und wissensdurstig blickte er um sich. Er sah einen viereckigen Marktplatz und in dessen Mittelpunkt einen großen Gasthof mit einem Schild, das ein in der Kunst sehr gewöhnliches, in der Natur aber höchst seltenes Geschöpf darstellte: einen blauen Löwen, der drei Beine in die Lüfte streckte und auf der Spitze der mittleren Klaue des vierten balancierte. In der Nähe wohnten ein Auktionator, ein Agent der Feuerversicherungsgesellschaft, ein Kornhändler, ein Leinweber, ein Sattler, ein Branntweinbrenner, ein Spezereikrämer und ein Schuhmacher, in dessen Laden außer den Erzeugnissen für Fußbekleidung auch noch Hüte, Mützen, Anzüge, baumwollne Regenschirme und Artikel für Allgemeinwissen zu haben waren. Einige Jungen eilten dem Schauplatze des Wettspiels zu, und zwei oder drei Krämer standen in ihren Ladentüren und sahen aus, als hätten sie ebenfalls Lust, der Festlichkeit beizuwohnen, was sie auch ohne große Beeinträchtigung ihres Berufs getrost hätten wagen dürfen. Nachdem Mr. Pickwick diese Beobachtungen angestellt hatte, um sie später in sein Gedenkbuch einzutragen, eilte er schnellen Schrittes seinen Freunden nach, die die Hauptstraße verlassen hatten und bereits den Kampfplatz in der Ferne vor sich sahen.

Die Wickets waren bereits ausgesteckt, und ein paar Rast- und Erfrischungszelte für die Teams und die Zuschauer aufgeschlagen. Noch hatte das Spiel nicht begonnen. Zwei oder drei Dingley-Deller und einige Muggletoner belustigten sich damit, den Ball mit blasierter Miene von Hand zu Hand zu schlagen; einige andere Gentlemen in demselben Dreß, mit Strohhüten, Flanelljacken und weißen Hosen, ein Anzug, in dem sie wie Amateursteinmetze aussahen, standen um die Zelte herum, und Mr. Wardle führte seine Gesellschaft eben in eins derselben.

Einige Dutzend „Äh, Befinden?“ schallten dem alten Herrn entgegen, und ein allgemeines Hutlüften und Verbeugen der Flanelljacken folgten der Vorstellung seiner Gäste, dreier Herren aus London, die außerordentlich begierig wären, dem Ereignis des Tages beizuwohnen.

„Wollen Sie nicht lieber ins Hauptzelt treten, Sir?“ fragte ein sehr stattlich aussehender Gentleman, dessen untere Hälfte einem halbierten gigantischen Flanellballen glich, aus dem ein Paar aufgeblasene Kissenüberzüge als Beine herausragten.

„Sie sehen es hier am besten“, riet ein andrer stattlicher

Gentleman, der genau der zweiten Hälfte des erwähnten Flanellballens entsprach.

„Sie sind sehr gütig“, versetzte Mr. Pickwick.

„Hierher!“ sagte der erstgenannte Gentleman. „Hier wird gekerbt – es ist der beste Punkt auf dem ganzen Felde“, und schritt der Gesellschaft voran in das bezeichnete Zelt.

„Kapitalspiel – famoser Sport – feines Match“, waren die Worte, die an Mr. Pickwicks Ohren schlugen, als er in das Zelt trat, und das erste, was er sah, war sein grüngekleideter Freund aus der Postkutsche in Rochester, der gerade vor einem auserlesenen Kreise von Muggletonern zur nicht geringen Ergötzung und Erbauung seines Auditoriums einen Vortrag hielt. Sein Anzug hatte sich ziemlich gebessert, und er trug Halbschuhe, aber an seiner Identität war nicht zu zweifeln.

Auch der Fremde erkannte die Freunde sogleich. Er sprang auf, nahm Mr. Pickwick bei der Hand und führte ihn mit seiner gewohnten Hast zu einem Sitz, unaufhörlich schwatzend, als ob das ganze Fest unter seiner besonderen Leitung stände.

„Hierher – hierher – Kapitalspaß – massenhaft Bier – Rinderviertel – ganze Ochsen – Senf – Wagen voll – glorreicher Tag – setzen Sie sich – tun Sie, als ob Sie zu Hause wären – freut mich, Sie zu sehen – außerordentlich.«

Mr. Pickwick setzte sich, aber auch Mr. Winkle und Mr. Snodgraß unterwarfen sich dem Willen ihres geheimnisvollen Freundes. Mr. Wardle sah mit stummer Verwunderung zu.

„Mr. Wardle, ein Freund von mir“, stellte Mr. Pickwick vor.

„Freund von Ihnen? – Werter Herr, wie befinden Sie sich? – Ein Freund von meinem Freund. Ihre Hand, Sir!“

Der Fremde ergriff Mr. Wardles Hand mit der Glut einer mehrjährigen innigen Freundschaft, trat dann einen oder zwei Schritte zurück, als wollte er ihn erst recht genau von Angesicht zu Angesicht betrachten, und schüttelte dann seine Hand von neuem und womöglich noch wärmer als zuvor.

„Hm. Und wie kommen Sie eigentlich hierher?“ fragte Mr. Pickwick mit einem Lächeln, in dem Wohlwollen mit Überraschung kämpfte.

„Hierher kommen?“ erwiderte der Fremde. „In der ,Krone‘ abgestiegen – ,Krone‘ in Muggleton – Gesellschaft getroffen – Flanelljacken – weiße Hosen – Sandwiches mit Sardellen – Pfeffernieren – splendide Jungens – glorreich.“

Mr. Pickwick war mit dem stenographischen System des Fremden hinlänglich vertraut, um aus seinen abgebrochenen Mitteilungen zu entnehmen, daß er auf die eine oder andre Weise mit den Muggletonern eine Bekanntschaft angeknüpft und sie, vermittels des ihm eignen Verfahrens, bis zur Kameradschaft gesteigert hatte, worauf wahrscheinlich eine allgemeine Einladung erfolgt war. Mr. Pickwicks Wißbegier war somit befriedigt; er setzte seine Brille auf und schickte sich an, dem Spiele zuzusehen, das eben seinen Anfang nahm.

Muggleton hatte die ersten Innings, und die Spannung war ungeheuer, als die beiden berühmtesten Mitglieder des ausgezeichneten Klubs, Mr. Dumkins und Mr. Podder, mit den Bats in der Hand an ihre Wickets traten. Mr. Luffey, der Stolz Dingley Dells, hatte gegen den furchtbaren Dumkins den Ball zu werfen und Mr. Struggles seinerseits dem bisher unbesiegten Podder denselben Liebesdienst zu erweisen. Einige Spieler wurden aufgestellt, an verschiedenen Stellen des Feldes „aufzupassen“, und jeder nahm die erforderliche Stellung an, indem er die Hände auf die Knie stemmte, wie zum Bocksprung. Jeder Kricketer weiß, daß das so sein muß und daß es unmöglich ist, in irgendeiner andern Stellung gehörig aufzupassen.

Die Schiedsrichter stellten sich hinter die Wickets; die Skorer waren bereit zu kerben, und eine atemlose Stille trat ein. Mr. Luffey zog sich einige Schritte hinter das Wicket des untätigen Podder zurück und hielt einige Sekunden lang den Ball an sein rechtes Auge. Dumkins erwartete voll Zuversicht dessen Ankunft, die Blicke unverwandt auf Luffey geheftet,

„Play!“ rief plötzlich der Bowler.

Pfeilschnell flog der Ball aus Luffeys Hand geradenweges auf den mittleren Stab des Wickets zu. Aber Dumkins war auf der Hut; er fing ihn mit der Spitze seines Ballholzes auf und ließ ihn über die Köpfe der Aufpasser wegfliegen, die sich gerade tief genug bückten, um ihn über sich wegsausen zu lassen.

Die Sterne standen ungünstig für Dingley Dell.

Podder erntete Lorbeeren genug, um sich und ganz Muggleton damit zu bekränzen. Er schlug die zweifelhaften Bälle nieder, ließ die schlechten durch, fing die guten auf und gab sie nach allen Richtungen zurück; die Aufpasser waren erhitzt und müde; die Ballwerfer wechselten ab und bowlten, bis sie den Arm nicht mehr heben konnten; nur Dumkins und Podder blieben unermüdlich. Versuchte es ein älterer Herr, den Flug eines Balles zu hemmen, so rollte er ihm zwischen die Beine oder schlüpfte ihm durch die Hände. Wollte ihn ein flinker junger Mann auffangen, traf er ihn auf die Nase und flog mit doppelter Kraft lustig zurück, während sich die Augen des flinken jungen Mannes mit Tränen füllten. Schließlich zählte Muggleton vierundfünfzig, während das Kerbholz der Dingley-Deller so weiß war wie ihre Gesichter; der Vorsprung war zu groß, um wieder eingeholt werden zu können. Vergebens boten der gewandte Luffey und der selbstlose Struggles ihre ganze Geschicklichkeit und Erfahrung auf, um das Feld wieder zu erobern, das Dingley Dell im Kampfe verloren hatte; es war umsonst. Dingley Dell gab auf und erkannte damit Muggleton als Sieger an.

Der Fremde hatte mittlerweile rastlos gekaut, getrunken und gesprochen. Bei jedem guten Schlag drückte er in der herablassenden Weise des Gönners seine Zufriedenheit und seinen Beifall aus, wodurch sich die betreffende Partei notwendigerweise sehr geschmeichelt fühlen mußte, während er bei jedem Fehlschlag vor seinen demütigen Zuhörern sein persönliches Mißfallen durch die Worte: „Tj, tj – zu dumm – Butterfinger – fi – Patzer –“ und ähnliche Ausrufe zu erkennen gab: Ausrufe, die ihn in den Augen sämtlicher Anwesenden als einen vorzüglichen Kenner aller Mysterien des edlen Kricketspiels erscheinen ließen.

„Kapitalmatch – sauber hingelegt – einige bewundernswürdige Schläge“, sagte der Fremde, als sich nach dem Spiele beide Parteien im Zelt versammelten.

„Haben Sie früher auch Kricket gespielt, Sir?“ fragte Mr. Wardle, den die Geschwätzigkeit des Fremden ungemein amüsierte. „Gespielt? Will ich meinen – tausendmal – nicht hier – Westindien – ungeheure Anstrengung – heiße Arbeit – sehr heiß.“

„Es muß freilich unter jenem Himmelsstrich keine Kleinigkeit sein“, bemerkte Mr. Pickwick.

„Kleinigkeit? – Heiß – brennend heiß – rotglühend. Spielte einmal ein Match – ein einziges Wicket – mein Freund, der Oberst – Sir Thomas Blazo – wer die meisten Läufe bekommen sollte. – Gewann den Wurf – Vorhand – sieben Uhr abends – sechs Eingeborene zum Aufpassen – kamen. Hielten mit – enorme Hitze – die Eingebornen alle ohnmächtig – weggebracht – frisches halbes Dutzend aufgestellt – auch ohnmächtig – Blazo bowlt – von zwei Eingebornen unterstützt – konnte mich nicht ausbowlen – auch ohnmächtig – Oberst weggebracht – wollten sich nicht ergeben – treuer Diener – Quanko Samba – der letzte Mann übrig – Sonne so heiß, daß die Ballhölzer kohlten und der Ball schwarz wurde – fünfhundertundsiebzig Läufe – ganz erschöpft – Quanko strengte seine letzten Kräfte an – bowlte mich aus. – Ich nahm ein Bad und ging zum Essen.“

„Und was wurde aus dem … Wie nannten Sie ihn, Sir?“ fragte ein alter Herr.

„Blazo?“

„Nein, der andre.“

„Quanko Samba?“

„Ja.“

„Armer Quanko – erholte sich nicht mehr – ausgebowlt. – Tot, Sir.“ Der Fremde begrub sein Gesicht in einen braunen Krug; ob er seine Rührung verbergen oder sich den Inhalt einverleiben wollte, ist nicht mehr festzustellen. Wir wissen nur, daß er plötzlich absetzte, lang und tief Atem schöpfte und sich neugierig umsah, als zwei von den ersten Mitgliedern des Dingley-Dell-Klubs mit den Worten zu Mr. Pickwick traten:

„Wir haben im ,Blauen Löwen‘ ein Festessen, Sir, und hoffen, Sie und Ihre Freunde werden uns die Ehre schenken.“

„Natürlich“, sagte Mr. Wardle. „Zu unsern Freunden zählen wir auch Mr. –“, hier sah er den Fremden an.

„– Jingle“, ergänzte der weltgewandte Gentleman. „Jingle – Alfred Jingle, Esq. von Ohneschloß, Nirgendheim.“

„Es wird mir ein großes Vergnügen sein“, bedankte sich Mr. Pickwick.

„Mir auch“, bemerkte Mr. Alfred Jingle, nahm Mr. Pickwicks Arm und flüsterte ihm vertraulich ins Ohr: „Verteufelt gutes Essen – kalt, aber kapital – schielte diesen Morgen in die Küche – Geflügel, Pasteten und alles mögliche – famose Jungens, das – gut benommen – sehr gut.“

Da schon alle Vorbereitungen getroffen waren, schlenderte die Gesellschaft in Gruppen zu zwei und drei langsam in die Stadt, und nach Verlauf einer Viertelstunde saßen alle im großen Saal des „Blauen Löwen“ von Muggleton. – Mr. Dumkins führte den Vorsitz, und Mr. Luffey hatte die Würde des Vizepräsidenten.

Ein allgemeines Stimmengewirr und Messer-, Gabel- und Tellergeklapper erhoben sich. Drei dickköpfige Servierkellner liefen unaufhörlich aus und ein, und die handfesten Fleischstücke verschwanden mit Blitzesschnelle von der Tafel; zu all dieser Verwirrung trug der muntere Mr. Jingle wenigstens sechsmal soviel bei als irgendein andres Mitglied der Gesellschaft. Nachdem jeder gegessen hatte, so viel er konnte, wurde abgedeckt, um für Flaschen, Gläser und Dessert Platz zu machen. Die Kellner trugen ab oder, besser gesagt, retteten die Überreste der Speisen und Getränke aus dem Saal.

Mitten in dem allgemeinen Getöse der Tafelfreuden und der Gespräche bemerkte man einen kleinen Mann mit einem wichtigtuerischen Gesicht, das immer widersprechen zu wollen schien. Er sagte weiter kein Wort und warf nur zuweilen, wenn die Unterhaltung stockte, Blicke um sich, als wolle er irgend etwas höchst Bedeutsames vorbringen; dann und wann räusperte er sich auch mit einer unbeschreiblichen Würde. Endlich, während einer kleinen Pause, rief er mit sehr lauter, feierlicher Stimme:

„Mr. Luffey!“

Alles schwieg sofort, nur der Angeredete erwiderte:

„Sir?“

„Ich wünsche einige Worte an Sie zu richten, Sir, wenn Sie die Herren bitten wollen, ihre Gläser zu füllen.“

Mr. Jingle ließ begönnernd ein „Hört! Hört!“ vernehmen, das von den übrigen Mitgliedern der Gesellschaft wiederholt wurde, und nachdem die Gläser gefüllt waren, nahm der Vizepräsident eine Miene der gespanntesten Aufmerksamkeit an und sagte:

„Mr. Staple hat das Wort.“

„Sir“, begann der kleine Mann und erhob sich von seinem Sitz, „ich wünsche das, was ich zu sagen habe, an Sie zu richten, statt an unsern würdigen Präsidenten, weil unser würdiger Präsident gewissermaßen – ich darf sagen, in hohem Grade – der Gegenstand dessen ist, was ich zu sagen oder vielmehr – vielmehr –“

„– vorzutragen habe“, ergänzte Mr. Jingle.

„Ja, vorzutragen habe“, sagte der kleine Mann. „Ich danke meinem ehrenwerten Freunde, wenn er mir erlauben will, ihn so zu nennen“ – (vier „Hört, hört!“, von denen mindestens eines aus dem Munde Mr. Jingles kam) –, „daß er mir mit dem richtigen Wort ausgeholfen hat. Mein Herr, ich bin ein Deller – ein Dingley-Deller. (Beifall.) Ich kann keinen Anspruch auf die Ehre machen, ein Mitglied der Bevölkerung von Muggleton zu sein, und ich gestehe offen, Sir, ich begehre auch diese Ehre nicht, und warum nicht, sollen Sie sogleich hören, Sir. (Hört!) Ich gönne Muggleton von Herzen alle und jede Ehre und Auszeichnung, die es mit so großem Recht ansprechen kann. Seine Verdienste sind zu zahlreich und allgemein bekannt, als daß ich sie hier aufzählen müßte. Doch wenn Muggleton auch einen Dumkins und einen Podder hervorgebracht, so lasset uns andrerseits nicht vergessen, daß Dingley Dell einen Luffey und einen Struggles aufzuweisen hat. (Tosender Beifall.) Ich bitte nicht, etwa zu glauben, ich wolle die Verdienste der erstgenannten Herren herabsetzen. Nein, Sir; ich beneide Sie um Ihre Triumphe bei dieser Gelegenheit. (Beifall) Jeder der verehrten Anwesenden ist wahrscheinlich mit der Antwort des gewissen Weisen vertraut, die dieser von seiner Tonne aus dem Kaiser Alexander gab: .Wenn ich nicht Diogenes wäre, so möchte ich Alexander sein.‘ Ich stelle mir vor, die Herren hier denken auch: ,Wenn ich nicht Dumkins wäre, so möchte ich Luffey sein; wenn ich nicht Podder wäre, so möchte ich Struggles sein.‘ (Stürmischer Beifall.) Doch, meine Herren von Muggleton, ist es bloß das Kricket, in dem sich Ihre Mitbürger so auszeichnen? Haben Sie nicht von Dumkins gehört, wenn von Entschlossenheit die Rede war? Haben Sie nie gelernt, mit dem Namen Podder alles, was Rechtsbegriff heißt, zu verbinden? (Großer Beifall.) Sind Sie je bei der Verteidigung Ihrer Rechte, Ihrer Freiheiten, Ihrer Privilegien, wenn auch nur für einen Augenblick, mutlos und verzweifelt gewesen? Und wenn Sie niedergedrückt waren, hat nicht der Name Dumkins das erloschene Feuer in Ihrer Brust wieder angefacht? Und ist es nicht durch ein Wort von diesem Manne wieder aufgelodert, als wäre es nie erloschen? (Großer Beifall.) Meine Herren, ich fordere Sie auf, den vereinten Namen Dumkins und Podder ein donnerndes Hoch zu bringen.“

Der Kleine schwieg, und die Gesellschaft schrie, schlug auf den Tisch, und für den ganzen Abend war der Lustbarkeit und des Lärmens kein Ende. Noch andre Toaste wurden ausgebracht. Mr. Luffey und Mr. Struggles, Mr. Pickwick und s Mr. Jingle wurden nacheinander in Lobeshymnen gefeiert, und jeder bedankte sich pflichtschuldigst für die ihm erwiesene Ehre.

Leider sind wir nicht in der Lage, alle Reden wiederzugeben. Wohl zeichnete Mr. Snodgraß mancherlei auf, doch ist seine Handschrift an diesem Abend fast unleserlich. Wirklich lesbar ist eigentlich nur der Hymnus:

„Wir gehn noch lange nicht,
Wir gehn noch lange nicht,
Wir gehn noch lange nicht,
Bis früh der Tag anbricht.“

Neuntes Kapitel


Neuntes Kapitel

Das den Satz: „Die Liebe ist keine Eisenbahn“ in ein helles Licht rückt.

Die stille Abgeschiedenheit von Dingley Dell, die Anwesenheit so vieler Zierden des schönen Geschlechtes und die sorgsame Pflege und Wartung, die sie an den Tag legten, waren der Steigerung jener sanfteren Gefühle außerordentlich günstig, die die Natur tief in Mr. Tracy Tupmans Brust gesenkt hatte und die jetzt bestimmt schienen, sich auf einen liebenswürdigen Gegenstand zu konzentrieren. Die jungen Damen waren hübsch, ihr Äußeres einnehmend, ihr Betragen tadellos, aber in den Augen der jungfräulichen Tante lag ein Seelenleben, in ihrer Miene eine Würde, in ihrem Gang ein gewisses Noli me tangere, worauf jene bei ihrer Jugend keinen Anspruch erheben konnten und worin sie es jedem Weibe zuvortat, das Mr. Tupman je gesehen hatte. Daß in ihrer beiden Wesen etwas Verwandtes, in ihrem Empfinden etwas Übereinstimmendes, in ihrer Brust eine gewisse geheimnisvolle Sympathie lag, war augenscheinlich; ihr Name war der erste Laut, der über Mr. Tupmans Lippen kam, als er blutend im Grase lag, und ihr hysterischer Lachkrampf der erste Ton, der zu seinen Ohren drang, als er nach Hause gebracht wurde. Aber: hatte ihre Aufregung ihren Grund lediglich in einer liebenswürdigen weiblichen Empfindsamkeit gehabt, die bei jeder ähnlichen Gelegenheit zum Vorschein gekommen wäre, oder war sie durch ein tieferes, zärtlicheres Gefühl hervorgerufen worden, das nur er allein unter allen Männern erwecken konnte? Das waren Zweifel, die sein Gehirn marterten, als er hilflos auf dem Sofa lag, Zweifel, die er nun ein für allemal zu lösen beschloß.

Es war Abend. Isabella und Emilie hatten mit Mr. Trundle einen Spaziergang gemacht; die taube alte Frau war in ihrem Lehnstuhl eingeschlafen; das Schnarchen des fetten Jungen drang dumpf und eintönig aus der entfernten Küche herüber; die strammen Mägde lehnten am Hoftor und genossen die Süßigkeit des Feierabends; von niemand beachtet und blind für die Umgebung vor sich hin träumend, saß das verliebte Pärchen da, ineinandergeschlungen wie ein Paar sorgfältig zusammengelegte Handschuhe.

„Ich habe meine Blumen vergessen“, sagte die Jungfrau.

„Begießen wir sie“, säuselte Mr. Tupman.

„Sie würden sich in der Abendluft erkälten“, wendete die Jungfrau zärtlich ein.

„Nein, nein“, erwiderte Mr. Tupman und stand auf. „Es wird mir guttun. Ich will Sie begleiten.“

Schweigend legte das Mädchen die Schlinge zurecht, in der der linke Arm des Jünglings lag, hängte sich in ihn ein und geleitete ihn in den Garten.

Am oberen Ende desselben lag eine Laube von Geißblatt, Jasmin und Schlingpflanzen, eines jener Ruheplätzchen, die empfindsame Seelen als Zufluchtsort für Spinnen zu errichten lieben.

Die Jungfrau ergriff eine große Gießkanne, die in einem Winkel stand, und wollte eben die Laube verlassen, da hielt sie Mr. Tupman zurück und zog sie auf einen Sitz neben sich nieder.

„Miß Wardle!“ begann er.

Die Jungfrau zitterte, bis einige Steinchen, die zufälligerweise den Weg in die Gießkanne gefunden hatten, klirrten wie eine Kinderklapper.

„Miß Wardle“, sagte Mr. Tupman, „Sie sind ein Engel.“

„Mr. Tupman!“ rief Rachel aus und wurde so rot wie ihre Gießkanne.

„Nein, nein“, sagte der beredte Pickwickier, „ich weiß es nur zu gut.“

„Alle Frauen sind Engel, wenn man den Männern glauben soll“, flötete die Dame in scherzhaftem Ton.

„Was wären Sie sonst, oder womit könnte ich Sie ohne Vermessenheit vergleichen?“ versetzte Mr. Tupman. „Wo ist das Weib, das Ihnen gliche? Wo sonst könnte ich eine so seltene Vereinigung von geistigen Vorzügen und körperlicher Schönheit zu finden hoffen? Wo sonst könnte ich … Oh!“ Mr. Tupman schwieg und drückte die Hand, die auf dem Henkel der beneidenswerten Gießkanne ruhte.

Das Mädchen blickte errötend zu Boden und flüsterte sanft:

„Die Männer sind voll Lug und Trug.“

„Ja, sie sind es, sie sind es“, versicherte Mr. Tupman. „Aber nicht alle. Hier wenigstens lebt einer, dessen Herz keinen Wankelmut kennt, einer, der sein ganzes Dasein Ihrem Glück opfern könnte, der nur von Ihren Blicken lebt, der nur in Ihrem Lächeln atmet, der die schwere Bürde des Lebens einzig und allein um Ihretwillen trägt.“

„Ja, wer einen solchen Mann finden könnte!“ seufzte das Mädchen.

„Sie könnten ihn finden?“ rief inbrünstig Mr. Tupman. „Er ist gefunden. Er liegt vor Ihnen, Miß Wardle.“

– Und ehe die Jungfrau seine Absicht ahnen konnte, lag er schon zu ihren Füßen auf den Knien.

„Stehen Sie auf, Mr. Tupman“, flehte Rachel.

„Nimmermehr“, war die entschlossene Antwort. „Oh, Rachel, sagen Sie, daß Sie mich lieben.“ Er ergriff so stürmisch ihre Hand, daß die Gießkanne zu Boden fiel.

„Mr. Tupman“, seufzte die Jungfrau mit abgewandtem Gesicht, „ich kann kaum Worte finden; doch – doch – Sie sind mir nicht ganz gleichgültig.“

Mr. Tupman hörte kaum dieses Geständnis, als er sich ganz seiner Begeisterung hingab und tat, was angeblich unter solchen Umständen die meisten Menschen tun. Er sprang auf, schlang seinen Arm um den Nacken der Jungfrau und drückte eine Anzahl Küsse auf ihre Lippen. Sie nahm sie nach pflichtschuldigem Zieren und Sträuben so geduldig hin, daß ihr Mr. Tupman vielleicht noch viel mehr aufgedrückt haben würde, wäre sie nicht plötzlich, heftig erschrocken und angsterfüllt, in die Worte ausgebrochen:

„Mr. Tupman, wir werden beobachtet! Wir sind entdeckt!“

Mr. Tupman sah sich um und erblickte die großen kreisrunden Augen des fetten Jungen, der ohne den mindesten Ausdruck auf seinem Gesichte, den der erfahrenste Physiognomiker als Erstaunen, Neugierde oder irgendeine bekannte Leidenschaft, die sonst noch die Brust der Menschen bewegt, hätte auslegen können, völlig regungslos in die Laube glotzte. Mr. Tupman starrte den fetten Jungen an, und der fette Junge ihn, und je länger Mr. Tupman das völlig nichtssagende Gesicht seines Gegenübers ansah, desto mehr kam er zur Überzeugung, daß dieses entweder nicht wußte oder nicht verstand, was vorgegangen war. In dieser Voraussetzung fragte er mit festem Ton:

„Was suchst du hier?“

„’s Essen is aufgetragen, Sir“, war die prompte Antwort.

„Bist du eben erst gekommen?“ fragte Mr. Tupman mit durchbohrendem Blick.

„Grad jetzt“, erwiderte der fette Junge.

Mr. Tupman sah ihn wieder scharf an, aber der Junge verzog keine Miene. Dann nahm er den Arm der Jungfrau und ging dem Hause zu; der fette Junge folgte.

„Er weiß nicht, was vorgefallen ist“, flüsterte Mr. Tupman.

„Nichts?“ fragte die Jungfrau.

Sie hörten einen Ton hinter sich, wie von einem halbunterdrückten Lachen. Mr. Tupman drehte sich blitzschnell um. Aber nein, der fette Junge konnte es nicht gewesen sein; in seinem ganzen Gesicht war keine Spur von Heiterkeit und überhaupt kein andrer Ausdruck als Eßlust zu erkennen.

„Er muß geschlafen haben“, flüsterte Mr. Tupman.

„Ich zweifle nicht im geringsten daran“, versetzte die Jungfrau, und beide lachten herzlich.

Aber Mr. Tupman irrte sich. Der fette Junge hatte zufällig nicht geschlafen. Er hatte gewacht, sogar völlig gewacht und alles mit angesehen.

Das Abendessen ging vorüber, ohne daß jemand eine allgemeine Unterhaltung anzuknüpfen gesucht hätte. Die alte Frau ging zu Bett; Isabella Wardle widmete sich ausschließlich Mr. Trundle, die Tante hatte für niemand Augen als für Mr. Tupman, und Emiliens Gedanken schienen in der Ferne zu verweilen, vielleicht bei dem abwesenden Snodgraß.

Elf Uhr, zwölf Uhr, ein Uhr hatte es geschlagen, und die Herren waren noch immer nicht zurück. Bestürzung und Unruhe lagen auf jedem Gesicht. Könnten sie vielleicht überfallen und beraubt worden sein? Sollte man Leute mit Laternen aussenden und sie suchen lassen? Oder sollte man … Horch! Sie sind’s. Was konnte sie so lange aufhaken? Und eine fremde Stimme? Wem konnte sie gehören? Man eilte in die Küche, um nach den Ankömmlingen zu sehen, und überzeugte sich alsbald von dem wahren Stand der Dinge.

Mr. Pickwick lehnte, die Hände in den Taschen und den Hut über das linke Auge gedrückt, am Anrichttisch, wackelte mit dem Kopf und lächelte unaufhörlich, ohne daß man irgendeinen Grund dafür entdecken konnte; der alte Mr. Wardle hielt einen fremden Herrn an der Hand, dem er mit flammendem Gesicht etwas von ewiger Freundschaft vorlallte; Mr. Winkle klammerte sich an die Wanduhr und rief mit matter Stimme auf jedes Mitglied der Familie, das heute nacht von Zubettgehen sprechen würde, Feuer und Schwefel vom Himmel herab, und Mr. Snodgraß war auf einen Stuhl gesunken, den Ausdruck des fürchterlichsten und hoffnungslosesten Elends, das sich die Phantasie eines Menschen nur ausmalen kann, in jeder Linie seines verstörten Gesichts.

„Ist etwas vorgefallen?“ fragten die drei Damen.

„Ni–nichts ist los“, antwortete Mr. Pickwick. „Wir – wir sind –. Alles in schönster Ordnung. – Wa–was Wardle, alles in sch–schönster Ordnung?“

„Das will ich meinen“, sagte der alte Herr lustig. „Meine Lieben, hier ist mein Freund, Mr. Jingle, Mr. Pickwicks Freund, Mr. Jingle. Er macht uns einen kleinen Besuch.“

„Ist Mr. Snodgraß etwas zugestoßen?“ fragte Emilie ängstlich.

„Nicht das mindeste, Ma’am“, mischte sich der Fremde ein. „Kricketschmaus – großartige Gesellschaft – Kapitalsänger – alter Portwein – Claret – gut – sehr gut – Wein. Ma’am, Wein.“

„Es lag nicht am Wein“, lallte Mr. Snodgraß mit gebrochner Stimme. „Der Lachs war schuld.“

„Wäre es nicht besser, Sie gingen zu Bett?“ fragte Emilie. „Zwei von den Knechten können die Herren hinaufführen.“

„Ich gehe nicht zu Bett“, lehnte Mr. Winkle bestimmt ab.

„Kein Mensch auf der Welt soll sich erdreisten, mich zu führen“, erwiderte Mr. Pickwick kühn, lächelte aber gleich darauf wieder so gutmütig wie zuvor.

„Hurra!“ rief Mr. Winkle.

„Hurra!“ wiederholte Mr. Pickwick, nahm seinen Hut ab, schleuderte ihn auf den Boden und warf dann seine Brille in einem Anfall von Tollheit mitten in die Küche. Dann lachte er über diesen Hauptspaß laut auf.

„Trinken – wir – noch – eine – Flasche“, rief Mr. Winkle mit lauter, aber bei jedem Wort immer schwächer werdender Stimme. Der Kopf sank ihm auf die Brust nieder, und nachdem er noch etwas von seinem unabänderlichen Entschluß, nicht zu Bett gehen zu wollen, und von einer blutdürstigen Reue, „den ollen Tupman diesen Morgen nicht vollends zur Strecke gebracht zu haben“, gelallt hatte, verfiel er plötzlich in einen tiefen Schlaf. Zwei junge Burschen, unter Oberaufsicht des fetten Jungen, brachten ihn zu Bett, und gleich darauf vertraute Mr. Snodgraß seinen Leichnam der Sorge derselben Personen an. Mr. Pickwick nahm den dargebotenen Arm Mr. Tupmans und verschwand ganz in der Stille, ein stereotypes Lächeln auf den Lippen, und Mr. Wardle erwies Mr. Trundle die Ehre, ihn die Treppe hinaufzugeleiten, und entfernte sich mit dem völlig vergeblichen Versuch, eine feierliche und würdevolle Miene anzunehmen, nachdem er zuvor von der ganzen Familie einen so zärtlichen Abschied genommen hatte, als ginge er unmittelbar dem Schafott entgegen.

„Was für ein abscheulicher Auftritt!“ rief die Jungfrau.

„Ab–scheulich!“ stimmten die beiden jungen Damen bei.

„Furchtbar – furchtbar!“ sagte Jingle mit ernster Miene. Er hatte aber auch anderthalb Flaschen mehr zu sich genommen als irgendein anderes Mitglied der Gesellschaft. „Ein schrecklicher Anblick. Gewiß.“

„Ein reizender Mensch!“ flüsterte die Tante Mr. Tupman zu.

„Und ein hübscher Mensch!“ flüsterte Emilie Wardle.

„Wahrhaftig, ja“, bemerkte die Tante.

Mr. Tupman dachte an die Witwe in Rochester, und seine Stirn umwölkte sich.

Die halbstündige Unterhaltung, die jetzt folgte, war nicht geeignet, seine Besorgnis zu beschwichtigen. Der neue Ankömmling war sehr gesprächig, und die Menge seiner Anekdoten wurde nur durch seine Höflichkeiten übertroffen. Mr. Tupman fühlte, daß er in dem gleichen Maße, in dem Mr. Jingles Beliebtheit stieg, immer mehr in den Schatten trat. Sein Lachen war gezwungen, seine Lustigkeit erheuchelt, und als er endlich seine schmerzenden Schläfen zwischen die Bettkissen steckte, wünschte er sich mit grausamer Lust Jingles Kopf in diesem Augenblicke zwischen Federbett und Matratze.

Der unverwüstliche Fremde stand am andern Tag zeitig auf und gab sich alle Mühe, während seine Gefährten die Folgen ihrer Schlemmerei noch im Bette verdämmerten, die Heiterkeit des Frühstücks durch seine Unterhaltung zu erhöhen. Dies gelang ihm auch so vollkommen, daß sogar die taube alte Dame sich einige seiner besten Scherze durch ihr Hörrohr wiederholen ließ und herablassend zu der Tante bemerkte, Mr. Jingle sei ein ausgelassener junger Mensch – eine Ansicht, der ihre Tochter und ihre Enkelinnen rückhaltlos beistimmten.

Es war eine Gewohnheit der alten Dame, sich an jedem schönen Sommermorgen nach der Laube zu begeben, in der sich Mr. Tupman am Tag vorher so ausgezeichnet hatte. Zu diesem Zweck mußte der fette Junge von einem Kleiderrechen hinter der Schlafzimmertür der alten Dame einen schwarzen Atlaskapotthut, einen warmen baumwollenen Schal und einen dicken Stock mit einer großen Krücke holen. Hatte sie sich dann, behaglich eingehüllt, mußte sie der fette Junge für eine halbe Stunde den Annehmlichkeiten, die mit dem Genuß frischer Luft verbunden sind, überlassen und nach Ablauf dieser Frist wieder ins Haus zurückführen.

Die alte Dame ging in solchen Fällen nie von ihrer gewohnten Weise ab, und da diese Zeremonie schon drei Sommer hintereinander, ohne das geringste Abweichen von der Regel, ausgeübt worden, so war sie ein wenig überrascht, als jetzt der fette Junge, statt wieder fortzugehen, nur einige Schritte von der Laube wegtrat, sich behutsam nach allen Richtungen umsah und dann ganz verstohlen und mit ungemein geheimnisvoller Miene wieder umkehrte.

Die alte Dame war furchtsam, wie es die meisten alten Damen sind, und so kam sie sogleich auf den Gedanken, der gedunsene Junge führe einen Mordanschlag gegen sie im Schilde, um sich in den Besitz des Kleingeldes, das sie bei sich trug, zu setzen. Sie würde daher um Hilfe gerufen haben, wenn ihre körperliche Gebrechlichkeit ihr nicht schon längst die Kraft zum Schreien benommen hätte, und mußte sich damit begnügen, Joes Bewegungen mit den Gefühlen unaussprechlicher Todesangst zu beobachten, die sich keineswegs milderte, als der Junge ganz dicht an sie herantrat und ihr mit einem – wie es schien – drohenden Ton ins Ohr schrie:

„Missus!“

Das Schicksal wollte es, daß sich in demselben Augenblick Mr. Jingle im Garten erging und sich gerade in unmittelbarer Nähe der Laube befand. Er hörte den lauten Ruf und blieb stehen, wozu er durch dreierlei Gründe veranlaßt wurde – erstens, weil er nichts andres zu tun hatte, zweitens, weil seine Neugierde kein Bedenken kannte, und endlich, weil seine Person durch Gestrüpp verborgen war. Wie gesagt, er machte halt und horchte.

„Missus!“ schrie der fette Junge.

„Ach, Joe“, sagte die alte Dame zitternd, „ich bin dir gewiß stets eine gütige Gebieterin gewesen und habe dich immer aufs freundlichste behandelt. Du hast nie viel arbeiten brauchen und doch jeden Tag genug zu essen gehabt.“

Letzteres war ein Appell an Joes Gefühlsleben. Er schien auch wirklich gerührt und entgegnete mit Nachdruck:

„Ich weiß.“

„Was kannst du denn noch von mir wollen?“ fragte die alte Dame, etwas ermutigt.

„Es wird Sie kalt überlaufen, wenn ich’s Ihnen sag“, erwiderte Joe.

Das klang wie ein ziemlich blutdürstiger Dankesgruß, und da sich die alte Dame über die Art, wie sich die Sache weiter abwickeln könne, nicht klarwerden konnte, kehrten alle ihre Schrecken wieder.

„Was meinen Sie wohl, hab ich gestern hier in dieser Laube gesehen?“ fragte der Junge.

„Barmherziger Himmel! Was?“ rief die alte Dame, beunruhigt durch die Feierlichkeit des korpulenten Jünglings.

„Der fremde Herr – der mit dem zerschoßnen Arm – hat sie geküßt und umarmt.“

„Wen, Joe, wen? Ich hoffe doch nicht eine der Mägde?“

„Schlimmer als das!“ brüllte der Junge in das Ohr der alten Dame.

„Wie, gar eine meiner Enkelinnen?“

„Noch schlimmer!“

„Noch schlimmer, Joe?“ versetzte die alte Dame, die schon ein solches Unterfangen für das Nonplusultra männlicher Verwegenheit betrachtete. „Wer ist’s gewesen, Joe? Ich muß es unbedingt wissen.“

„Miß Rachel.“

„Was?“ rief die Dame in schrillem Tone. „Sprich lauter.“

„Miß Rachel“, brüllte der fette Junge.

„Meine Tochter?“

Der fette Junge bejahte die Frage mit öfters wiederholtem Kopfnicken, wobei seine aufgedunsnen Backen wie Sülze erzitterten.

„Und sie ließ sich’s gefallen?“ rief die alte Dame.

Ein Grinsen stahl sich über die Züge des dicken Burschen.

„Sie küßte ihn wieder.“

Hätte Mr. Jingle den Ausdruck, den das Gesicht der alten Dame bei dieser Mitteilung annahm, sehen können, so wäre er höchstwahrscheinlich in ein Gelächter ausgebrochen, das seine Anwesenheit notwendigerweise hätte verraten müssen. So aber lauschte er aufmerksam weiter und vernahm nur einige abgebrochene Sätze wie: „Ohne meine Zustimmung!“ – „In ihren Jahren!“ – „Ich arme, unglückliche Frau!“ – „Hätte sie nicht warten können, bis ich tot bin.“ Dann hörte er die Stiefelsohlen des fetten Jungen im Sande knirschen und sich entfernen.

Es war ein merkwürdiger Zufall, aber dessenungeachtet eine Tatsache, daß Mr. Jingle schon in den ersten fünf Minuten nach seiner Ankunft in Manor Farm den Entschluß gefaßt hatte, unverzüglich Beschlag auf das Herz der jungfräulichen Tante zu legen. Er besaß hinreichend Scharfblick, um zu bemerken, daß sein keckes Benehmen dem schönen Gegenstande seiner Wünsche keineswegs mißfiel, und glaubte annehmen zu dürfen, daß sie auch im Besitz des wünschenswertesten aller Erfordernisse, nämlich eines unabhängigen Vermögens, sei. Die gebieterische Notwendigkeit, seinen Nebenbuhler auf eine oder die andre Weise auszustechen, tauchte rasch in seiner Seele auf, und so entschloß er sich, ohne Verzug die zweckdienlichen Hebel in Bewegung zu setzen. Fielding sagt, der Mann sei Feuer und das Weib Stroh, und der Fürst der Finsternis bringe sie miteinander in Berührung, um sofort eine helle Flamme auflodern zu lassen. Mr. Jingle wußte, daß junge Männer bei alten Jungfern dasselbe sind, was die Lunte für das Schießpulver ist, und so nahm er sich vor, ohne Zeitverlust auf eine Explosion hinzuwirken.

Über diesen wichtigen Entwurf brütend, schlich er sich aus seinem Schlupfwinkel und näherte sich unter dem Schütze des vorerwähnten Gesträuches dem Hause. Das Glück schien seine Absicht zu begünstigen, denn eben verließ Mr. Tupman mit den übrigen Herren den Garten durch eine Seitentür, und die jüngeren Damen hatten, wie er wohl wußte, gleich nach dem Frühstück einen Spaziergang angetreten. Die Luft war also rein.

Die Tür des Speisezimmers stand halb offen. Er blickte hinein. Die jungfräuliche Tante saß mit ihrem Strickstrumpf drinnen. Er hustete; sie sah auf und lächelte. Unschlüssigkeit, gehörte nicht zu Mr. Jingles Charaktereigenschaften. Er legte die Finger geheimnisvoll an die Lippen, trat ein und machte die Tür hinter sich zu.

„Miß Wardle“, begann er mit erkünsteltem Ernst, „entschuldigen meine Zudringlichkeit – kurze Bekanntschaft – keine Zeit zu Zeremonien. – Alles entdeckt!“

„Sir!“ entgegnete die Jungfrau, ein wenig überrascht über diese unerwartete Annäherung und voll Zweifel, ob der Mann nicht am Ende verrückt sei.

„Pst!“ warnte Mr. Jingle mit einem theatralischen Flüstern. „Dicker Junge – Knödelgesicht – runde Augen – Spitzbube!“ Nachdrücklich schüttelte er den Kopf, und die Jungfrau zitterte vor Aufregung.

„Ich vermute, Sie spielen auf Joe an, Sir?“ sagte sie und nahm sich zusammen, um gefaßt zu erscheinen.

„Jawohl, Ma’am, verdammter Junge! – Falscher Hund – verriet alles der alten Dame – alte Dame wütend – rast – tobt – Laube – Tupman – Küssen und Umarmen – und dergleichen. – Ma’am, wie?“

„Mr. Jingle“, sagte die alte Jungfer, „wenn Sie mich beleidigen wollen – „

„Aber nein – nicht im geringsten – hörte die Geschichte – kam her, Sie vor der Gefahr zu warnen – Dienste anzubieten – Skandal zu vermeiden. Nicht zu denken an Beleidigung. – Will augenblicklich wieder gehen.“ Und er wandte sich um, als wolle er seine Drohung unverzüglich ausführen.

„Aber was soll ich tun?“ jammerte die arme alte Jungfer, in Tränen ausbrechend. „Mein Bruder wird rasen!“

„Läßt sich denken!“ entgegnete Mr. Jingle nach einer Pause. „Wird wütend sein.“

„Ach, Mr. Jingle, was soll ich sagen?“ rief die Tante verzweifelt.

„Sagen Sie, er hat geträumt“, riet Mr. Jingle kaltblütig.

Ein Hoffnungsstrahl dämmerte in der Seele Miß Wardles auf. Mr. Jingle bemerkte es und nahm seinen Vorteil wahr.

„Pah, pah! – Nichts leichter als das. – Verwünschter Heimtücker – bezaubernde Dame – fetter Junge wird mit der Hundspeitsche traktiert – Ende vom Lied – alles in Ordnung.“

Miß Wardle errötete und warf einen dankbaren Blick auf Mr. Jingle.

Tief seufzte der weltgewandte Gentleman auf, heftete ein paar Minuten seine Augen auf die Jungfrau, schauerte theatralisch zusammen und ließ seine Blicke sinken.

„Sie scheinen unglücklich zu sein, Mr. Jingle“, sagte das Mädchen voll Teilnahme. „Darf ich Ihnen meine Dankbarkeit für Ihre gütige Vermittlung dadurch bezeigen, daß ich Sie nach dem Grunde Ihres Leidens frage, um es womöglich beseitigen zu können?“

„Ach!“ rief Mr. Jingle, wieder zusammenfröstelnd. „Beseitigen? – Mein Leid beseitigen, wo Ihre Liebe einem Manne gilt, der ein solches Glück gar nicht zu schätzen weiß? – Einem Manne, der sich >eben jetzt mit Absichten auf die Neigung der Nichte desselben Wesens trägt, das … Doch nein, er ist mein Freund, und so will ich seine Verworfenheit nicht enthüllen. Miß Wardle, leben. Sie wohl!“

Gegen Ende dieser Anrede, der zusammenhängendsten, die man je aus seinem Munde vernommen, drückte Mr. Jingle die spärlichen Reste seines Schnupftuchs vor die Augen und wandte sich zum Gehen.

„Bleiben Sie, Mr. Jingle!“ rief die Jungfrau emphatisch. „Sie haben eine Anspielung auf Mr. Tupman fallenlassen. Erklären Sie sich näher.“

„Nie!“ rief Mr. Jingle mit theatralischer Gebärde. „Nie!“ Und zum Zeichen, daß er nicht weiter gefragt zu werden wünschte, rückte er einen Stuhl dicht an die Seite der Jungfrau und setzte sich nieder.

„Mr. Jingle“, flehte die Tante, „ich bitte, ich beschwöre Sie, wenn irgendein schreckliches Geheimnis mit Mr. Tupman im Spiele ist, so lüften Sie den Schleier.“

„Kann ich“, versetzte Mr. Jingle, vor sich hin starrend, „kann ich mit ansehen – ein so liebliches Wesen – herzloser Habsucht geopfert?“ Er schien einige Sekunden mit einander widerstreitenden Gefühlen zu kämpfen und fuhr dann mit leiser, gedämpfter Stimme fort: „Tupman hat nichts als Ihr Geld im Auge.“

„Der Elende!“ rief die Jungfrau voll Entrüstung.

– Mr. Jingles Zweifel waren behoben: sie hatte Geld.

„Und was noch mehr ist, er liebt eine andre.“

„Eine andre?“ rief die Tante. „Und wen?“

„Kleines Mädchen – schwarze Augen – Nichte Emilie.“

Eine Pause.

Auf der ganzen Welt gab es niemand, gegen den die jungfräuliche Tante eine tödlichere und tiefer gewurzelte Eifersucht fühlte, als gerade diese Nichte. Eine dunkle Röte schoß ihr über Gesicht und Nacken. Dann wiegte sie den Kopf mit der Miene unaussprechlicher Verachtung hin und her, biß sich in die dünnen Lippen, warf sich in die Brust und ächzte:

„Es kann nicht sein. Ich glaube es nicht.“

„Sie beobachten“, riet Jingle.

„Das will ich“, versetzte die Tante.

„Auf seine Blicke achtgeben.“

„Gut.“

„Und auf sein Liebesgeflüster.“

„Ja.“

„Wird am Tisch neben ihr sitzen.“

„Soll er.“

„Ihr Artigkeiten sagen.“

„Hm.“

„Ihr alle erdenkliche Aufmerksamkeit erweisen.“

„Meinetwegen.“

„Mit Ihnen brechen.“

„Mit mir brechen?!“ rief die alte Jungfer. „Er mit mir brechen!? Gut! Recht so!“ Und sie zitterte vor Wut und Enttäuschung.

„Wollen Sie sich überzeugen?“ fragte Jingle.

„Ich will.“

„Ihm entschlossen entgegentreten?“

„Ja.“

„Nachher nicht wieder mit ihm reden?“

„Nie. Nie.“

„Einen andern erhören?“

„Ja.“

„So tun Sie es.“ Mr. Jingle fiel auf die Knie, verharrte fünf Minuten in dieser Stellung und erhob sich wieder als der erklärte Liebhaber der Jungfrau – für den Fall, daß sich Mr. Tupmans Treulosigkeit wirklich herausstellen sollte.

Den Beweis hatte Mr. Alfred Jingle zu erbringen, und er entledigte sich seiner Aufgabe noch am selben Tage bei Tisch. Miß Wardle wollte kaum ihren Augen trauen. Mr. Tracy Tupman saß an Emiliens Seite und liebäugelte, flüsterte und lächelte, Mr. Snodgraß zum Trotz. Kein Wort, nicht einen Blick hatte er für die, die tags zuvor noch der Stolz seines Herzens gewesen.

Verwünschter Joe! dachte der alte Mr. „Wardle, dem seine Mutter die Erzählung des Jungen mitgeteilt hatte. Verwünschter Bube! Er muß geschlafen und geträumt haben. Nichts als Einbildung!

Treuloser Verräter! dachte die alte Jungfer ihrerseits. Der gute Mr. Jingle hat mich nicht hintergangen. Oh, wie hasse ich den Elenden!

Die folgende Schilderung mag dazu dienen, der Öffentlichkeit die scheinbar unerklärliche Veränderung in Mr. Tracy Tupmans Benehmen zu enträtseln.

Es war Abend, Schauplatz der Garten. Auf einem Nebenwege ergingen sich zwei Gestalten, die eine ziemlich klein und beleibt, die andre schlank und hager. Es waren Mr. Tupman und Mr. Jingle. Die kleinere Gestalt begann das Gespräch.

„Nun, wie habe ich meine Rolle gespielt?“

„Vortrefflich – kapital – hätt’s selbst nicht besser machen können – Sie müssen in dieser Weise – fortfahren. – Morgen – jeden Abend – bis auf weiteres.“

„Wünscht es Rachel noch immer?“

„Natürlich – tut’s freilich nicht, gern – aber muß sein – Verdacht abwenden – fürchtet ihren Bruder – sagt, es lasse sich nicht ändern – nur noch einige Tage – bis der Verdacht der alten Leute eingeschlafen ist. – Ihrem Glücke dann die Krone aufsetzen.“

„Läßt sie mir sonst nichts sagen?“

„Versichert Liebe, treue – unverbrüchliche Liebe. Soll ich ihr etwas ausrichten?“

„Mein lieber Freund“, versetzte nichtsahnend Mr. Tupman und ergriff voll Wärme die Hand des vermeintlichen Freundes, „versichern Sie Miß Rachel gleichfalls meiner heißesten Liebe, sagen Sie ihr, wie schwer mir diese Rolle wird, sagen Sie ihr alles, was sich in einem solchen Falle sagen läßt, aber fügen Sie auch hinzu, wie sehr ich die Notwendigkeit des Benehmens empfinde, das sie mir diesen Morgen durch Sie anempfehlen ließ. Sagen Sie ihr, daß ich ihre Klugheit und ihre Vorsicht bewundere.“

„Soll geschehen. Weiter nichts?“

„Nein; nur noch das, daß ich mich glühend nach dem Augenblicke sehne, wo ich sie mein nennen und die Maske abwerfen kann.“

„Wird besorgt, wird besorgt. Sonst noch etwas?“

„Ach, mein Freund“, sagte der arme Mr. Tupman und ergriff abermals die Hand seines Gefährten, „haben Sie Dank, wärmsten Dank, für Ihre uneigennützige Güte und vergeben Sie mir, wenn ich Ihnen je, auch nur mit einem Gedanken, Sie könnten mir im Wege stehen, unrecht getan habe. Mein teurer Freund, kann ich Ihnen je Ihren Liebesdienst vergelten?“

„Reden Sie nicht davon“, wehrte Mr. Jingle ab, hielt aber sogleich inne, als ob er sich plötzlich auf etwas besinne, und sagte: „Apropos, können Sie nicht zehn Pfund entbehren? – Im Augenblicke zu besondern Zwecken sehr nötig. Zahle wieder in drei Tagen.“

„Gewiß kann ich das“, rief Mr. Tupman in der Überfülle seines Herzens. „Drei Tage, sagen Sie?“

„Nur drei Tage – alles vorüber dann – keine weiteren Schwierigkeiten.“

Mr. Tupman zählte das Geld seinem Freund auf die Hand, und dieser ließ, während sie zurückgingen, Goldstück für Goldstück in seine Tasche gleiten.

„Vorsichtig“, warnte Mr. Jingle. „Ja keinen Blick.“

„Gewiß, gewiß“, beteuerte Mr. Tupman.

„Keine Silbe!“

„Nicht die leiseste.“

„Alle Ihre Aufmerksamkeit auf die Nichte – eher etwas schroff gegen die Tante – der einzige Weg, die Alten hinters Licht zu führen.“

„Ich werde es schon hinkriegen“, sagte Mr. Tupman laut.

Ganz meinerseits! dachte Mr. Jingle. Dann traten sie ins Haus.

Die Mittagsszene wiederholte sich am Abend, und desgleichen an den drei nächstfolgenden Mittagen und Abenden. Am vierten war der Wirt ungemein aufgeräumt, denn er hatte sich von der Grundlosigkeit eines Verdachtes gegen Mr. Tupman überzeugt. Bei diesem war dasselbe der Fall, da ihm Mr. Jingle mitgeteilt hatte, die Sache würde sich jetzt bald entscheiden. Mr. Pickwick war ebenfalls sehr heiter, denn das lag in seinem Naturell. Nur von Mr. Snodgraß ließ sich dies nicht sagen, denn er war eifersüchtig auf Mr. Tupman, wähnend wiederum die alte Dame, weil sie im Whistspiel gewonnen, und Mr. Jingle nebst Fräulein Tante – aus Gründen, die in einem andern Kapitel unsrer ereignisreichen Geschichte erzählt werden sollen – sich der fröhlichen Stimmung der Mehrzahl anschlössen.

Zehntes Kapitel


Zehntes Kapitel

Entdeckung und Verfolgung.

Die Speisen standen auf dem Tisch, die Stühle waren zurechtgerückt, Flaschen, Krüge und Gläser aus dem Wandschrank hervorgeholt, und alles kündigte das Herannahen es vergnüglichsten Zeitabschnittes in dem Vierundzwanzig-Stunden-Bogen des Tages an.

„Wo ist Rachel?“ fragte Mr. Wardle.

„Ja, und Mr. Jingle?“ fügte Mr. Pickwick hinzu.

„Merkwürdig, daß ich ihn nicht schon früher vermißte. Mir fällt jetzt auf, daß ich seine Stimme wenigstens schon zwei Stunden nicht mehr gehört habe. Liebe Emilie, klingle noch einmal!“

Die Klingel wurde gezogen, und der dicke Junge trat ins Zimmer.

„Wo ist Miß Rachel?“

Achselzucken.

„Und Mr. Jingle?“

Abermals Achselzucken.

Alle blickten sich überrascht an. Es war spät, bereits elf Uhr vorbei. Mr. Tupman lachte sich ins Fäustchen. Sie spazierten natürlich irgendwo herum, um den Verdacht auf eine falsche Fährte zu lenken, und sprachen dabei von ihm. Haha! Ein famoser Einfall. Schrecklich komisch!

„Macht weiter nichts“, meinte Mr. Wardle nach einer kurzen Pause. „Ich wette, sie müssen jeden Augenblick kommen. Mit dem Nachtessen warte ich prinzipiell auf niemand.“

„Eine treffliche Hausregel, das“, bemerkte Mr. Pickwick. „Wirklich ausgezeichnet.“

Ein ungeheures Stück kalter Rinderbraten kam auf den Tisch, und Mr. Pickwick wurde mit einer kräftigen Portion davon versehen. Er brachte eben die Gabel an die Lippen und war im Begriffe, den Brocken seinen Zähnen zu überliefern, als sich plötzlich von der Küche her der summende Ton zahlreicher Stimmen vernehmen ließ. Er hielt inne und legte die Gabel nieder. Mr. Wardle horchte ebenfalls auf und ließ unwillkürlich das Tranchiermesser in der Rindskeule stecken.

Schwere Fußtritte ließen sich im Hausflur vernehmen. Die Tür ging plötzlich auf, und herein trat der Mann, der Mr. Pickwick gleich bei seiner ersten Ankunft die Stiefel gereinigt hatte, hinter ihm der fette Junge und das ganze Hausgesinde.

„Was, zum Teufel, soll das heißen?“ rief der Hausherr.

„Der Küchenschornstein hat Feuer gefangen, nicht wahr, Emma?“ forschte die alte Dame.

„Aber nein, Großmama, gewiß nicht!“ riefen die beiden jungen Damen.

„Was ist denn also los?“ schrie der Hausherr.

Der Mann schnappte nach Luft und keuchte mit schwacher Stimme:

„Sie sind fort, reineweg getürmt, Sir!“

Mr. Tupman ließ Messer und Gabel fallen und erblaßte.

„Wer ist fort?“ schrie Mr. Wardle heftig.

„Mr. Jingle und Miß Rachel! – In einer Postkutsche, vom ,Blauen Löwen‘ in Muggleton aus. Ich war dort, hab sie aber nicht aufhalten können, und da bin ich schnell hergelaufen, um’s zu melden.“

„Und das auf meine Kosten!“ rief Mr. Tupman, aufspringend und ganz außer sich. „Er hat mir zehn Pfund herausgelockt! Haltet ihn auf! Er hat mich betrogen! Ich lasse mir das nicht gefallen! Ich will Gerechtigkeit haben! Pickwick! Ich ertrage das nicht!“

Mit diesen und ähnlichen unzusammenhängenden Ausrufen raste der unglückliche Gentleman wie toll im Zimmer umher.

„Gott steh uns bei!“ rief Mr. Pickwick, das außerordentliche Gebaren seines Freundes mit entsetzten Blicken betrachtend. „Er ist. übergeschnappt! Was fangen wir nur an?“

„Anfangen?“ wiederholte, geistesabwesend, der Hausherr, der bloß Pickwicks letztes Wort gehört hatte. „Spannt das Pferd ins Gig! Ich will im ,Löwen‘ eine Postchaise nehmen und ihnen augenblicklich nachsetzen. Wo“, rief er, als der Mann sich entfernte, um den Befehl zu vollziehen, „wo ist der Halunke, der Joe?“

„Hier! Gar nicht Halunke“, versetzte eine Stimme. Es war die des fetten Jungen.

„Lassen Sie mich, Pickwick!“ schrie Wardle, riß sich los und stürzte sich auf den unglücklichen Jüngling. „Er hat sich von diesem Schurken, dem Jingle, bestechen lassen und mir einen Floh ins Ohr gesetzt, mit einer Geschichte von meiner Schwester und Ihrem Freunde Tupman.“ – Mr. Tupman sank in seinen Stuhl zurück. – „Lassen Sie mich, ich muß ihm zu Leibe.“

„Halten Sie ihn fest!“ kreischten die Damen, aus deren Geschrei man das Heulen des fetten Jungen deutlich heraushören konnte.

„Weg da!“ rief der alte Herr. „Zurück, Mr. Winkle! Lassen Sie mich los, Mr. Pickwick!“

Es war ein erhebender Anblick, mitten in diesem Tumult und der grenzenlosen Verwirrung den friedlichen und philosophischen Ausdruck in Mr. Pickwicks Antlitz zu betrachten, wie er, allerdings ein wenig gerötet von der Kraftanstrengung, die weite Taille seines korpulenten Wirtes mit starken Armen umschlingend, dastand und ihn von Tätlichkeiten zurückhielt, während der fette Junge von der Damenschar zur Tür hinausgeschoben und –gezerrt wurde. Mr. Pickwick hatte indes kaum losgelassen, als der Bediente mit der Meldung hereintrat, daß das Gig bereitstehe.

„Lassen Sie ihn nicht allein fort!“ jammerten die Damen. „Er wird jemand töten!“

„Ich werde ihn begleiten!“ beruhigte Mr. Pickwick sie sogleich.

„Sie sind ein wackerer Freund, Pickwick“, sagte Mr. Wardle, die Hand des Gelehrten ergreifend. „Emma, leg Mr. Pickwick einen Schal um; rasch! Seht nach eurer Großmutter, Mädchen; sie ist ohnmächtig geworden. Also, kommen Sie schon! – Sind Sie fertig?“

Da Mr. Pickwick inzwischen Mund und Kinn hastig in ein großes Tuch gehüllt, den Hut auf den Kopf gestülpt und den Reisemantel über den Arm genommen hatte, antwortete er mit Ja.

Sie sprangen in das Gig.

„Laß dem Gaul die Zügel, Tom!“ rief Mr. Wardle. Und fort ging’s, über die schmalen Feldwege weg, holterdiepolter über die Wagengeleise und an den Hecken vorbei, daß alle Augenblicke zu befürchten stand, das leichte Fuhrwerk könne in Stücke gehen.

„Wieviel haben sie Vorsprung?“ keuchte Mr. Wardle, als das Gig vor dem „Blauen Löwen“ anlangte, um den sich, so spät es war, bereits ein kleines Häuflein Neugieriger versammelt hatte.

„Nicht über dreiviertel Stunden“, lautete die vielstimmige Antwort.

„Schnell einen Vierspänner! Heraus damit! Das Gig könnt ihr ja nachher ausspannen.“

„Los, Jungens!“ schrie der „Blaue Löwe“, „eine Chaise und vier Pferde! Flott, flott! Mehr Leben in die Bude!“

Die Knechte und Stallburschen eilten hinweg; Laternen bewegten sich hin und her, Pferdehufe klapperten auf dem holperigen Hofpflaster, die Chaise rumpelte aus dem Kutschenschuppen heraus, und alles war voll Leben und Bewegung.

„Nun, wird’s noch diese Nacht?“ rief Wardle ungeduldig.

„Kommt eben in den Hof, Sir“, versetzte ein Stallknecht. Und der Wagen kam, die Pferde wurden eingespannt, der Kutscher sprang herzu, die Reisenden stiegen ein.

„Wohlverstanden, die Siebenmeilenstation muß in weniger als einer halben Stunde gemacht sein“, rief Mr. Wardle. „Fort!“

Die Jungen brachten die Peitsche, die Kellner schrien, die Stallknechte fluchten, und fort sauste der Wagen in rasender Eile.

Hübsche Situation, dachte Mr. Pickwick, als er einen Augenblick Zeit zum Überlegen hatte. Hübsche Situation für den Präsidenten des Pickwick-Klubs. Dumpfige Chaise – fremde Pferde – fünfzehn Meilen in der Stunde – und Mitternacht!

Die ersten drei oder vier Meilen fiel kein Wort zwischen den beiden Herren, da jeder zuviel mit seinen eignen Gedanken beschäftigt war. Dann aber, als die warm gewordnen Pferde gleichmäßiger gingen, wurde auch Pickwick durch die Raschheit der Bewegung fröhlicher gestimmt und vermochte nicht länger, wortlos dazusitzen.

„Ich glaube, wir werden sie sicher einholen“, begann er.

„Ich hoffe“, versetzte sein Gefährte.

„Eine schöne Nacht“, sagte Mr. Pickwick, nach dem klaren Vollmond aufblickend.

„Um so schlimmer“, entgegnete Wardle, „denn sie haben für ihren Vorsprung den Vorteil der Helligkeit gehabt, der uns abgehen wird, da der Mond höchstens noch eine Stunde im Himmel bleibt.“

„In der Dunkelheit wird’s wohl mit der Geschwindigkeit hapern, oder?“

„Jedenfalls“, versetzte Mr. Wardle trocken.

Mr. Pickwicks Begeisterung begann sich ein wenig abzukühlen, als er über die Unbequemlichkeiten und Gefahren der Reise nachdachte, auf die er sich so unüberlegt eingelassen hatte. Ein lautes Rufen des Stallburschen auf dem Leitgaul riß ihn aus seinen Betrachtungen.

„Ö – ö – ö – ö!“

„Ö – ö – ö – ö!“ wiederholte der zweite Stallbursche.

„Ö – ö – ö – ö!“ stimmte der alte Wardle laut mit ein und beugte sich mit dem halben Körper zum Kutschenfenster hinaus.

„Ö – ö – ö – ö!“ schrie Mr. Pickwick am kräftigsten von allen, obgleich er durchaus nicht wußte, warum.

Und während dieses vierfachen „Ö“ machte der Wagen alt.

„Was gibt’s?“ fragte Mr. Pickwick.

„Wir sind an einem Schlagbaum und werden hier etwas von den Flüchtigen hören“, erklärte der alte Wardle.

Nach Verlauf von fünf Minuten, die unter Klopfen und Schreien vergingen, trat endlich ein Greis, nur mit Hemd und Unterhosen bekleidet, aus dem Schlagbaumhäuschen und schob die Barre zurück.

„Wie lange ist’s, seit eine Postkutsche hier durchkam?“ fragte Mr. Wardle.

„Wie lange?“

„Jaja, wie lange.“

„Kann’s nicht genau sagen. Gar lang wird’s nicht sein, aber auch nicht gar kurz. – Na, so zwischendrin, denke ich.“

„Aber eine Chaise ist doch vorbeigekommen?“

„O ja, ’ne Chaise ist vorbeigekommen.“

„Aber wie lange ist’s her, guter Freund?“ mischte sich Mr. Pickwick ein. „Vor einer Stunde vielleicht?“

„So was mag’s gewesen sein.“

„Oder zwei Stunden?“ fragte der Postillion auf dem Handpferd.

„Können auch zwei Stunden sein“, entgegnete der Greis gedankenvoll.

„Fort, Jungens!“ rief Mr. Wardle ärgerlich. „Haltet euch nicht mit dem alten Dummkopf auf.“

„Dummkopf?“ brummte der Greis mit einem Grinsen, schob den Balken halb vor und trat in die Mitte des Weges, um dem Wagen nachzusehen, der in der Ferne immer kleiner und kleiner wurde. „Lange noch kein solcher, wie der da drinnen. Verliert er da seine zehn Minuten und geht so gescheit fort, wie er gekommen ist. Wenn jeder Schlagbaumwärter seine Guinee nur halb so gut verdient, wie ich, wirst du die Chaise vor Michaeli nicht einholen, alter Schmerbauch.“

Mit einem weiteren Grinsen schloß der Greis den Schlagbaum vollends, trat in sein Haus und schob den Riegel hinter sich zu.

Inzwischen raste der Wagen mit gleichbleibender Geschwindigkeit weiter, bis er am Ende des Stationsbereichs anlangte. Der Mond ging, wie Mr. Wardle richtig vorhergesagt, bald unter, und große Ballen schwarzer Wolken, die schon seit einiger Zeit den Himmel umdüstert hatten, sammelten sich schnell zu einer einzigen dunkeln Masse. Große Regentropfen, die hin und wieder an die Wagenfenster schlugen, schienen den Reisenden eine stürmische Nacht zu verkünden. Der Wind blies ihnen entgegen, fegte in furchtbaren Stößen die schmale Straße daher und heulte greulich in den Chausseebäumen. Mr. Pickwick wickelte sich tiefer in seinen Mantel, drückte sich behaglich in eine Ecke des Wagens und sank in ein gesundes Schläfchen, aus dem er erst wieder erwachte, als der Wagen haltmachte und die Stallknechtsklingel nebst dem Melderuf: „Rasch! Pferde vor!“ erscholl.

Wieder gab es eine Verzögerung. Die Postjungen lagen in einem so geheimnisvoll tiefen Schlaf, daß man bei jedem fünf Minuten brauchte, um ihn zu wecken. Der Pferdeknecht hatte den Stallschlüssel verlegt, und als er endlich gefunden war, verwechselten die Postillione die Geschirre, so daß das Geschäft des Vorspannens wieder aufs neue begonnen werden mußte. Wäre Mr. Pickwick allein gewesen, so würden diese vielen Hindernisse der Fortsetzung der Fahrt für diese Nacht ein Ende gesetzt haben, aber der alte Mr. Wardle war nicht so leicht zu entmutigen. Er legte überall so rührig mit Hand an, knuffte hin und wieder einen der Burschen, zog da eine Schnalle an und legte dort eine Kette ein, so daß der Wagen in weit kürzerer Zeit, als sich unter so vielen Schwierigkeiten hätte erwarten lassen, zur Abfahrt bereitstand.

Dann ging die Reise – allerdings unter nicht besonders günstigen Auspizien – wieder weiter. Die nächste Station war fünfzehn Meilen entfernt, die Nacht finster, der Sturm heftig, und der Regen schüttete in Strömen. Es war unmöglich, unter solchen Verhältnissen rasch vorwärts zu kommen. – Ein Uhr hatte es bereits geschlagen, und man brauchte fast zwei Stunden, um die Haltestelle zu erreichen. Hier ließ jedoch ein Lichtblick alle Hoffnungen wieder aufleben.

„Wann ist diese Chaise angekommen?“ rief der alte Wardle, sprang aus dem Wagen und deutete auf ein Fuhrwerk, das, kotbespritzt, im Hofe stand.

„Vor nicht ganz einer Viertelstunde, Sir“, antwortete der Stallknecht, an den die Frage gerichtet war.

„Ein Herr und eine Dame?“ fragte Wardle mit fast atemloser Hast.

„Ja, Sir.“

„Der Herr groß – dünn – lange Beine?“

„Ja, Sir.“

„Dame ältlich – schmales Gesicht – etwas mager – wie?“

„Ja, Sir.“

„Beim Himmel, sie sind’s, Pickwick!“ rief der alte Herr.

„Sie wären schon früher angekommen, wenn ihnen nicht ein Zugstrang gerissen wäre“, erklärte der Stallknecht.

„Sie sind’s“, rief Mr. Wardle. „Beim Zeus, sie sind’s! Geschwind. – Ein Vierspänner! Wir holen sie ein, noch ehe sie die nächste Station erreichen. Jedem eine Guinee, Jungens. – Rührt euch! – Flott, flott! – So; brave Burschen.“

Geschäftig rannte der alte Herr im Hof hin und her und befand sich dabei in einer Aufregung, die sich sogar Mr. Pickwick mitteilte. Eigenhändig half der Gelehrte beim Anschirren mit und machte sich auf eine ganz wundersame Weise mit den Rossen und den Rädern zu schaffen, fest überzeugt, durch seine Mitwirkung die Vorbereitungen zum schleunigen Aufbruch wesentlich zu fördern.

„Hinein! Hinein!“ rief Mr. Wardle, stieg in den Wagen, zog den Tritt nach und schloß den Schlag. „Kommen Sie, beeilen Sie sich.“

Und noch ehe Mr. Pickwick wußte, was geschah, fühlte er sich durch ein Zerren des alten Herrn und durch einen Schub des Stallknechts zu der andern Tür hinein in den Wagen befördert. Und schon ging es wieder weiter.

„Na, das ist wenigstens ’n Tempo“, rief der alte Herr frohlockend.

„Ich bin in meinem Leben noch nie so gerüttelt worden“, entgegnete Mr. Pickwick.

„Macht nichts, wird bald vorüber sein. Nur nicht die Ruhe verlieren.“

Mr. Pickwick verstaute sich, so gut er konnte, in seiner Ecke, und der Wagen rollte, schneller als je, dahin.

Sie hatten in dieser Weise ungefähr drei Meilen zurückgelegt, als Mr. Wardle, der auf ein paar Minuten durch den Schlag hinausgesehen, plötzlich seinen mit Kot bespritzten Kopf zurückzog und in atemloser Erregung ausrief:

„Dort sind sie!“

Mr. Pickwick steckte gleichfalls den Kopf durch das Fenster. Ja, es war ein Wagen mit vier Pferden, die in kurzer Entfernung vor ihnen dahingaloppierten.

„Vorwärts! Vorwärts!“ schrie der alte Herr. „Zwei Guineen für jeden, Jungens! Holt sie ein! – Drauf, drauf!“

Die Pferde des vorderen Wagens rasten im Galopp dahin, und die Mr. Wardles jagten wütend hinterdrein.

„Ich sehe seinen Kopf“, rief der cholerische alte Herr. „Ich will verdammt sein, wenn ich nicht seinen Kopf sehe.“

„Ich gleichfalls. Er ist’s!“ Mr. Pickwick hatte sich nicht geirrt. Mr. Jingles Gesicht, über und über mit Straßenkot bespritzt, war deutlich an dem Wagenfenster zu erkennen, und die ungestümen Bewegungen seines Armes gegen die Postillione verrieten, daß er sie antrieb, ihr Äußerstes zu tun.

Die Spannung stieg aufs höchste. Felder, Bäume und Hecken schienen mit der Schnelligkeit des Windes vorüberzufliegen. Man konnte deutlich Jingles Stimme die Postillione antreiben hören. Der alte Wardle schäumte vor Wut. Er warf dem Entführer die „Schurken“ und „Spitzbuben“ zu Dutzenden nach und schüttelte grimmig die Faust, aber Mr. Jingle antwortete nur mit einem verächtlichen Lächeln und erwiderte die Drohungen des alten Herrn durch lautes Frohlocken, als seine Pferde unter Peitsche und Sporen plötzlich wieder rascher anzogen und die Verfolger ein Stück hinter sich ließen.

Mr. Pickwick hatte eben seinen Kopf zurückgezogen und Mr. Wardle, vom Schreien erschöpft, ein Gleiches getan, als sie durch einen furchtbaren Stoß des Wagens nach vorn geschleudert wurden. Ein dumpfer Krach – ein lautes Prasseln – ein Rad flog ab, und der Wagen schlug um.

Nach einigen Augenblicken der Verwirrung und Bestürzung, in denen sich nichts als das Ausschlagen der Pferde und das Klirren der Glasscheiben vernehmen ließ, fühlte sich Mr. Pickwick gewaltsam aus dem zertrümmerten Wagen hervorgezogen, und als er endlich auf den Beinen stand und sich aus den Falten seines Mantels herauswickelte, die den Gebrauch seiner Brille wesentlich beeinträchtigten, gewahrte er den ganzen Umfang des Unheils, das ihnen zugestoßen war.

Der alte Mr. Wardle stand ohne Hut und mit zerrißnen Kleidern neben ihm, und die Trümmer des Wagens lagen zu ihren Füßen. Die Postillione, denen es gelungen war, die Stränge abzuschneiden, hielten, beschmutzt und von dem scharfen Ritte erschöpft, ihre Pferde am Zaum. Die andre Chaise hatte einen Vorsprung von ungefähr hundert Yards und machte halt, als man dort das Krachen vernahm. Die Stallburschen blickten aus ihren Sätteln mit grinsenden Gesichtern zurück, und Mr. Jingle, der das Unglück aus dem Kutschenfenster mit angesehen hatte, strahlte vor Zufriedenheit. Der Tag brach eben an, so daß sich die ganze Szene im Dämmerlichte des Morgens deutlich unterscheiden ließ.

„Hallo!“ rief der schamlose Jingle. „Jemand beschädigt? – Ältliche Herren – ziemliches Gewicht – faule Sache – wahrhaftig.“

„Sie sind ein Schurke!“ brüllte Wardle.

„Haha!“ lachte Mr. Jingle. Dann fügte er mit einem bedeutsamen Wink und einer Bewegung seines Daumens gegen das Innere seiner Kutsche hinzu: „Übrigens – sie ist ganz wohl – bittet, Sie möchten sich ihretwegen nicht bemühen – läßt den ,Tapps‘ grüßen. – Vielleicht hinten aufsitzen? – Vorwärts, Jungens!“

Die Postillione ritten wieder los, und die Chaise rasselte weiter, während Mr. Jingle höhnisch sein Schnupftuch zum Fenster hinausflattern ließ.

Nichts von dem ganzen Abenteuer – nicht einmal der Umsturz des Wagens – war imstande gewesen, Mr. Pickwicks Gemütsruhe zu erschüttern, aber die Bosheit dieses Menschen, der zuerst von seinem treuen Begleiter Geld borgte und dann seinen Namen schmählicherweise in „Tapps“ abkürzte, war mehr, als er ertragen konnte. Er holte tief Atem, wurde rot bis an seinen Brillensteg und sagte langsam und nachdrücklich:

„Wenn ich je wieder mit diesem Menschen zusammentreffe, so will ich …“

„Jaja“, unterbrach ihn Mr. Wardle, „das ist alles recht schön. Aber während wir hier stehen und schwatzen, verschafft er sich eine Heiratslizenz und läßt sich in London trauen.“

Mr. Pickwick hielt inne und verkniff sich seine Rachegedanken.

„Wie weit ist’s bis zur nächsten Station?“ fragte Mr. Wardle einen der Postillione.

„Sechs Meilen, was, Tom?“ „Eher mehr.“

„Etwas über sechs Meilen, Sir.“

„Da kann man weiter nichts tun, als zu Fuß gehen, Pickwick“, meinte Mr. Wardle.

„Freilich, ja“, gab dieser wahrhaft große Mann zu, und so sandten sie denn einen Stallburschen zu Pferd voraus, um einen neuen Wagen samt Bespannung zu bestellen, und ließen den andern bei den Trümmern zurück, während sie selbst sich mannhaft in Bewegung setzten, nachdem sie zuvor ihre Hälse mit Tüchern bewickelt und ihre Hutkrempen heruntergeschlagen hatten, um sich, so gut es ging, gegen den Regen zu schützen, der sich jetzt, nach kurzem Nachlassen, wieder in Strömen zu ergießen begann.

Neunundvierzigstes Kapitel


Neunundvierzigstes Kapitel

Eine wichtige Veränderung in der Familie Weller. Mr. Stiggins fällt in Ungnade.

Mr. Pickwick hielt es für unzart, Bob Sawyer oder Ben Allen so ohne weiteres zu dem jungen Paare zu führen, und da er Arabellas Gefühle möglichst zu schonen wünschte, machte er den Vorschlag, er und Sam sollten in der Nähe des „Georg und Geier“ absteigen, während beide jungen Herren sich vorderhand irgendwo anders einquartierten. Mr. Ben Allen und Bob Sawyer begaben sich daher in ein abgelegenes Bierhaus am äußeren Ende des Borough, wo ihre Namen in früheren Tagen sehr häufig an der Spitze langer und verwickelter Rechnungen, mit weißer Kreide geschrieben, hinter der Schenkverschlagtür zu lesen gewesen waren.

„Potztausend, Mr. Weller!“ rief das hübsche Hausmädchen, als ihr Sam an der Tür begegnete.

„Jawohl, wie er leibt und lebt, mein schönes Kind“, erwiderte Sam und blieb ein wenig zurück, um seinen Herrn außer Hörweite kommen zu lassen. „Was für ’n süßes, angenehmes Geschöpf Sie sin, Mary.“

„Jaja, weiß schon, Mr. Weller; schwatzen Sie nicht solchen Unsinn“, wehrte Mary ab. „Es liegt schon seit vier Tagen ein Brief für Sie da; Sie waren kaum eine halbe Stunde fort, als er kam, und auf der Adresse steht: ,Höchst dringend‘.“

„Wo is er denn, meine Liebe?“ fragte Sam.

„Ich habe ihn zu mir gesteckt, damit er nicht verlorengeht“, erwiderte Mary. „Da ist er; ’s is mehr, als Sie verdient haben.“ – Dabei zog sie den Brief hinter einem wunderhübschen kleinen Musselinbusenstreif hervor und überreichte ihn Sam, der ihn mit ebensoviel Galanterie wie Innigkeit küßte, sich neben die Angebetete auf eine Fensterbank setzte, den Brief erbrach und einen Blick auf seinen Inhalt warf. „Hallo!“ rief er plötzlich. „Was is denn das?“

„Doch nichts Schlimmes?“ fragte Mary und blickte ihm über die Schulter.

„Gott, haben Sie schöne Augen!“ rief Sam.

„Kümmern Sie sich nicht um meine Augen. Lesen Sie lieber Ihren Brief“, sagte das hübsche Stubenmädchen und lächelte dabei schelmisch.

Sam aber stärkte sich mit einem Kuß und las wie folgt:

„Markih Grännbih
in Dorking
am Mittfoch.

Mein liber Semmih!

Es tuht mier sehr leit aber ich habe daß fergnügen das ich dir eine schlechte nachricht fön deiner Stiefmutter geben muss aber si hat sich erkeltit weil si dummerweise im nassen grass im rehgen geseßen hat um ein schefer zu zu hören woh ehrst in dehr sinkenden nacht auf hören konnte weil er sich mitt Brendi unt Wasser angefoichtet hatte unt sich nicht senkrecht halten konnte als biß ehr wihder ettwaß klahr geworden wahr waß mehere stunden dauerte unt der Dokter sahgte wen si gleich warmen Brendi unt Wasser drauf getrunken hette stadt fohrhehr denn hette eß ihr Nichts gemacht nu haben wihr tzwahr iere reder augenblicklig geschmiehrt unt alleß angewant um ier wihder in gank zu bringen unt dein fahter hatte di hoffnunk das si wihder aufn Damm komm würde wie gewönlich aber alß es si wider um der Egge bog da kariolte si dehn Berg runter mit eine geschwindichkeit woh mann noch nihmals gesehen hat unt trozdehm der Dokter ier gleich den hemmschu anlehgen taht half eß doch alleß nich den si betzahlte di letzte runde tzwantzich Minuten fohr seks Ur gestern ahbent unt hatt allso di grooße reise weit unter dehr gewönlichen zeit gemacht waß filleicht auch dafon gekomm is das si unterwehks nichts eingepakt hat dein fahter meint wenn du komm willst unt mihr Besuchen Semmih denn wirt ehr eß alls eine grohße froide ansen denn ich bin so gantz aleine Semmih Nohtabehne weil wihr so nie Sachen mitnander abtzumachen haben da wirt dein Prinntzpahl dihr gewiß nichts in wehk lehgen Semmih denn ich kenne ihm beßer unt sennde im meinen Rehßpeckt unt bin auf Ewich dein

Toby Veller.“

„Was für ’n unverständlicher Brief!“ murmelte Sam, versank in tiefes Nachdenken und las das Schreiben noch einmal genau durch, von Zeit zu Zeit innehaltend. Dann faltete er es langsam zusammen und sagte traurig:

„So is also das arme Geschöpf tot! Tut mir leid um sie. Sie war kein böses Weib nich; wenn sie nur die Hirten in Frieden gelassen hätten. Bin recht betrübt drüber.“

Mr. Weller sagte diese Worte in so ernstem Ton, daß das hübsche Stubenmädchen die Augen niederschlug und gleichfalls eine sehr traurige Miene annahm.

„Und doch“, fuhr Sam fort und steckte den Brief mit einem Seufzer in die Tasche, „es hat mal so sein müssen. – Läßt sich nich mehr ändern, wie die alte Dame sagte, als sie den Bedienten geheiratet hatte – was, Mary?“

Mary schüttelte den Kopf und seufzte nur.

„Ich muß meinen Herrn um Urlaub bitten“, sagte Sam nach einer Weile. „Adje, Mary.“

„Adieu!“ seufzte das hübsche Stubenmädchen und wandte den Kopf ab.

„Was, Sie geben mir nich mal zum Abschied die Hand?“ sagte Sam vorwurfsvoll.

Das hübsche Mädchen reichte ihm die Hand, die, wenn auch die Hand eines Stubenmädchens, dennoch eine sehr kleine Hand war, und stand auf, um zu gehen.

„Ich werde nich lange wegbleiben“, tröstete sie Sam.

„Ach, Sie sind immer weg“, schmollte Mary. „Kaum kommen Sie, Mr. Weller, da gehen Sie auch schon wieder.“

Sam zog die kleine Schönheit näher an sich und knüpfte ein flüsterndes Gespräch mit ihr an, das sie veranlaßte, ihr Gesichtchen abzuwenden. Als sie sich trennten, war es unumgänglich notwendig für sie geworden, auf ihr Zimmer zu gehen und ihre Haube und ihre Locken zu ordnen, bevor sie daran denken konnte, sich vor ihrer Gebieterin sehen zu lassen, und als sie zu dieser vorbereitenden Zeremonie die Treppe hinaufhuschte, beglückte sie Sam noch mit einem freundschaftlichen Lächeln über das Geländer hinab.

Es schlug gerade sieben Uhr, als Samuel Weller vom Bock einer Postkutsche in Dorking, einige hundert Schritte vom „Marquis von Granby“ entfernt, abstieg. Der Abend war kalt und trübe, die kleine Straße sah düster und traurig aus, und das mahagonifarbige Gesicht des edlen und tapfern Marquis schien einen finstereren und melancholischeren Ausdruck zu haben als sonst, wenn es wehmütig knarrend vom Winde hin und her geworfen wurde. Die Fenstervorhänge waren herabgelassen, die Läden teilweise geschlossen und von dem Haufen Müßiggänger, die gewöhnlich an der Tür versammelt herumstanden, war keine Spur zu sehen.

Da Sam niemand erblickte, den er vorher hätte ausholen können, ging er leise ins Haus, schaute sich um und erblickte in der Dämmerung seinen Vater.

Der Witwer saß in dem kleinen Zimmer hinter dem Schenkverschlag an einem kleinen runden Tisch, rauchte eine Pfeife und starrte mit unverwandtem Blick ins Feuer. Offenbar hatte das Begräbnis erst an diesem Tage stattgefunden, denn von seinem Hut, den er aufbehalten hatte, wallte ein etwa anderthalb Ellen langes Band nachlässig über die Stuhllehne herab.

Mr. Weller war offenbar in sehr tiefe Betrachtungen versunken, denn obgleich ihn Sam mehrere Male beim Namen rief, fuhr er doch mit demselben starren Gesicht zu rauchen fort und blickte erst auf, als ihm sein Sohn endlich die Hand auf die Schulter legte.

„Ich habe dir schon ’n halbdutzendmal gerufen“, sagte Sam leise und hängte seinen Hut an einen Nagel, „aber du hörtest mir nich.“ „Nein, Sam, habe dir nich gehört“, erwiderte Mr. Weller und sah aufs neue gedankenschwer ins Feuer. „War ganz in eine Träumerei versunken.“ „Worüber hast du denn nachgesonnen?“ fragte Sam und zog seinen Stuhl ans Feuer.

„Habe an sie gedacht, Sammy“, erwiderte Mr. Weller senior und nickte mit dem Kopf in Richtung des Friedhofs von Dorking. „Dachte eben daran, Sammy“, fuhr er in tiefem Ernst fort, „daß es mir im ganzen sehr leid tut, daß sie abgefahren is.“

„Gehört sich auch“, meinte Sam.

Mr. Weller nickte, richtete seine Augen abermals auf die Glut, hüllte sich in eine Wolke und versank wiederum in tiefes Nachdenken. Nach einer langen Pause lichtete er mit einer Handbewegung den Rauch und sagte: „Sie hat noch so sehr vernümftig gesprochen, Sammy. ,Weller‘, sagte sie, ,ich fürchte, ich habe nich ganz an dir gehandelt wie ich hätte sollen; du bist ’n sehr guter Mann, und ich hätte dir dein Leben angenehmer machen sollen. Jetzt, wo es zu spät is, da fange ich an einzusehen, wenn ’ne verheirate Frau fromm sein will, denn soll sie damit anfangen, ihre häuslichen Pflichten zu erfüll’n und die, wo mit ihr leben, glücklich und fröhlich zu machen. Ich habe Zeit und Geld an Leute verschwendet, wo noch weniger wert waren als wie ich; aber ich hoffe, wenn ich nicht mehr sein werde, Weller, denn wirstu an mir denken, wie ich war, bevor daß ich diese Leute kennengelernt habe und wie ich eigentlich von Natur aus gewesen bin.‘ – ‚Susanne‘, sagte ich, denn ich war sehr ergriffen, Samuel, kann es nich leugnen, mein Junge, ,Susanne‘, sagte ich, ,du bist mir ’n sehr gutes Weib gewesen, deswegen sprich nich mehr von. Kopf hoch, mein Schatz, du wirst es gewiß noch erleben, daß ich diesem Stiggins den Schädel poliere.‘ – Sie lächelte darüber, Samuel“, fuhr der alte Herr fort und erstickte einen Seufzer, „aber denn starb sie doch!“

„Na“, sagte Sam nach einer langen Pause, die damit hinging, daß der alte Herr beständig den Kopf schüttelte und in stummer Feierlichkeit rauchte, „sterben müssen wir ja alle, Gouverneur! Die Vorsehung hat es nun mal so eingerichtet.“

„Jaja“, versetzte sein Vater mit ernstem Gesicht. „Was würde auch sonst aus den Totengräbern werden, Sammy!“

Verloren in dem durch diese Betrachtungen sich eröffnenden unermeßlichen Feld von Vermutungen, legte er seine Pfeife auf den Tisch und schürte mit nachdenklichem Gesicht das Feuer; da öffnete sich leise die Tür und eine wohlbeleibte Köchin in Trauerkleidung, die bisher in der Schenkstube beschäftigt gewesen, trat ins Zimmer, nickte Sam mehrere Male freundlich zu und kündigte ihre Anwesenheit durch ein leises Husten an.

„Hallo!“ rief Mr. Weller senior, ließ das Schüreisen fallen und rückte hastig mit seinem Stuhl weg. „Was gibt’s?“

„Trinken Sie doch eine Tasse Tee“, schmeichelte das wohlbeleibte Frauenzimmer.

„Ach was“, versetzte Mr. Weller in barschem Tone. „Ich wollte, Sie wären – wo der Pfeffer wächst“, fügte er leise hinzu.

„Ach du meine Güte! Wie doch das Unglück die Leute verändert!“ sagte das Frauenzimmer mit einem verzweifelten Blick zur Decke.

„Jaja, schon gut“, murmelte Mr. Weller.

„Ich habe in meinem Leben noch keinen so übellaunischen Menschen gesehen, seit mein seliger Mann tot ist“, fing das wohlbeleibte Frauenzimmer wieder an, hüstelte abermals und blickte Mr. Weller senior liebreich an.

„Halten Sie den Schnabel, ich kann jetzt ihr Gesabbel nicht hören“, fuhr der alte Herr auf, „vielleicht haben Sie die Freundlichkeit, uns alleine zu lassen, ja? – Samuel, zeig ihr den Weg und mach die Tür hinter ihr zu.“

Das wohlbeleibte Frauenzimmer verstand diesen zarten Wink, ging schnell hinaus und machte selbst die Tür hinter sich zu. Mr. Weller senior, dem große Schweißtropfen auf der Stirn standen, warf sich in seinen Stuhl zurück und sagte:

„Sammy, wenn ich hier noch ’ne Woche alleine bleiben würde, bloß ’ne Woche, mein Junge, denn würde mich das Weibsbild, noch bevor die Woche um is, mit aller Gewalt heiraten.“

„Soso, is sie denn so verliebt in dich?“ fragte Sam.

„Ach was, verliebt!“ antwortete der alte Herr, „ich kann sie mir einfach nich vom Leibe halten. Wenn ich mich in ein feuerfesten Kasten mit Patentschloß einsperren würde, die würde doch Mittel und Wege finden, an mich ranzukommen, Sammy.“

„Is doch was Feines, wenn man so umworben wird“, meinte Sam lächelnd.

„Darauf bilde ich mir aber nu gar nichts ein, Sammy“, erwiderte Mr. Weller und schürte heftig das Feuer, „es is eine schauderhafte Lage. Man vertreibt mich von Haus und Hof. Kaum daß deiner armen Stiefmutter die Luft ausgegangen war, da schickt mir auch schon so ’n altes Weib „n Topf mit Marmelade und ’ne andre ’nen Krug mit Schelee und noch ’ne andre kocht mir ’ne großmächtige Kanne voll Kamillentee und bringt sie mir auch noch eigenhändig.“ Mr. Weller schwieg einen Augenblick verdrossen, blickte sich dann um und flüsterte: „Das waren alles Witwen, Sammy, eine wie die andere; bloß die Kamillenfee nich, die war ’ne unverheiratete junge Dame von dreiundfünfzig.“

Sam antwortete nur mit einem schalkhaften Lächeln.

„Kurz und gut, Sammy, ich sage dir, ich fühle, ich bin nirgends mehr sicher wie auf ‚m Bock.“

„Und warum denkst du, daß du da sicherer bist als sonstwo?“

„Weil ein Kutscher ein prifilegiertes Individjum is“, erwiderte Mr. Weller und sah seinen Sohn fest an. „Weil ein Kutscher machen kann, was andere Leute nich können, weil ein Kutscher auf achtzig Meilen in der Runde mit allen Frauenzimmern auf freundschaftlichstem Fuß stehen kann, ohne daß es ein Menschen einfällt, daß er eine davon heiraten will. Welcher andere Mann kann das von sich sagen, Sammy?“

„Ja, es is was dran“, gab Sam zu.

„Wenn dein Gouverneur Kutscher gewesen wäre“, räsonierte Mr. Weller weiter, „bildest du dir ein, die Geschworenen würden ihn denn verurteilt haben? Warum nich? Weil es gegen ihr Gewissen gewesen wäre. Ein orntlicher Kutscher is eine Art Verbindungsglied zwischen dem ledigen und dem ehelichen Stande. Jeder richtige Mann weiß das.“

Mit diesen Worten stopfte Mr. Weller seine Pfeife aufs neue, zündete sie an, verlieh seinem Gesicht abermals einen gedankenvollen Ausdruck und fuhr gelassen fort: „Also, was ich sagen wollte, mein Junge, weil ich es nu mal nich für ratsam ansehe, daß ich hierbleiben tue und mich mit Gewalt heiraten lasse, weil ich aber auch nich aus die menschliche Gesellschaft raustreten will, bin ich zu den Entschluß gekommen, wieder meine alte Droschke zu fahren, und mein Quartier werde ich wieder in Bell-Savage aufschlagen. Das is und bleibt mein angeborenes Element, Sammy.“

„Und was soll aus dem Geschäft hier werden?“ fragte Sam.

„Das Geschäft, Samuel? Das Haus und alles, was niet- und nagelfest is, wird verscheuert, und von dem Erlös, da wollte deine Stiefmutter kurz vor ihren Tod, daß davon zweihundert Fund für dich angelegt werden in … in … wie heißen bloß die Dinger?“

„Was für Dinger?“ fragte Sam.

„Na die Dinger, wo immer so schwanken.“

„Omnibusse“, riet Sam.

„Unsinn, Omnibusse!“ brummte Mr. Weller. „Die Dinger, wo mit der Nationalschuld und den Schatzanweisungen zu tun haben.“

„Ach so, die Fonds?“

„Jawohl ja“, erwiderte Mr. Weller, „die Fonds; zweihundert Fund von dem Geld sollen für dich in Fonds angelegt werden, Samuel; in Obligatschonen zu viereinhalb Prozent.“

„Sehr gütig von der alten Dame, daß sie an mich gedacht hat“, sagte Sam. „Bin ihr sehr dankbar.“

„Der Rest wird auf meinen Namen angelegt“, fuhr Mr. Weller senior fort, „und wenn ich mal von der Heerstraße abberufen werde, denn fällt es dir auch zu. Also, mein Junge, bring nich alles auf einmal durch und nimm dir in acht, daß dir keine Witwe nich ausfindig machen tut, denn bist du nämlich verloren.“ Mr. Weller widmete sich nun wieder seiner Pfeife; sein Gesicht hatte sich etwas aufgehellt. Ganz offensichtlich hatte diese Eröffnung sein Gemüt beträchtlich erleichtert.

„Irgendwas klopft an die Tür“, sagte Sam.

„Laß ’n nur klopfen“, versetzte Mr. Weller senior mit Würde, „es sin nur Witwen.“

Das Klopfen wiederholte sich, wurde immer lauter, und da niemand „herein“ rief, wagte es der unsichtbare Gast nach einer Weile, die Tür zu öffnen und hereinzuspähen. Es war aber kein Frauenkopf, der sich da hereinstreckte, sondern die langen schwarzen Locken und das rote Gesicht Mr. Stiggins‘.

Mr. Weller fiel die Pfeife aus der Hand.

Der ehrwürdige Gentleman öffnete beinahe unmerklich nach und nach die Tür, bis die Öffnung weit genug war, um seinen langen Leib durchzulassen, und schlüpfte dann herein. Sofort wandte er sich zu Sam, hob zum Zeichen seiner unaussprechlichen Bekümmernis Hände und Augen empor, rückte den hochlehnigen Stuhl in seinen alten Winkel am Kamin, setzte sich auf die Ecke desselben und zog ein braunes Taschentuch hervor.

Alles das hatte Mr. Weller senior mit weit aufgerißnen Augen, die Hände auf die Knie gestemmt, und einem Gesicht, das das grenzenloseste Erstaunen ausdrückte, stumm mit angesehen. Sam saß ihm wortlos gegenüber und wartete mit brennender Neugier der Dinge, die da kommen sollten. Mr. Stiggins hielt sich sein braunes Taschentuch mehrere Minuten lang vor die Augen, stöhnte laut, bemeisterte aber endlich durch eine gewaltige Kraftanstrengung seine Gefühle, steckte das Tuch ein und knöpfte seinen Rock auf. Dann schürte er das Feuer, rieb sich die Hände und blickte Sam an. „Ach, mein junger Freund!“ brach er nach einer Pause mit sehr leiser Stimme das Stillschweigen. „Trauer und Betrübnis haben hier ihren Einzug gehalten.“ Sam nickte unmerklich.

„Auch für den Mann des Zorns! Es macht das Herz eines Auserwählten bluten.“

Sam hörte seinen Vater so etwas murmeln wie: er habe Lust, auch die Nase eines Auserwählten bluten zu machen. Mr. Stiggins aber achtete offenbar nicht darauf.

„Wissen Sie nicht, junger Mann“, flüsterte der Seelenhirt und rückte mit seinem Stuhl näher zu Sam, „ob sie dem Immanuel etwas vermacht hat?“

„Wer ist das?“ fragte Sam.

„Die Kapelle. Unsrer Kapelle, unsrer Herde, Mr. Samuel.“ „Sie hat dem Hirten nichts vermacht und dem Pferch auch nichts und den Tieren drin ebensowenig; nicht mal den Hunden hat sie was vermacht.“

Mr. Stiggins blickte Sam listig an, warf einen Seitenblick auf den alten Herrn, der mit geschloßnen Augen dasaß und zu schlafen schien, rückte seinen Stuhl langsam näher und flüsterte:

„Auch mir nichts, Mr. Samuel?“

Sam schüttelte den Kopf.

„Ich sollte doch denken, irgend etwas“, sagte Stiggins erblassend. „Besinnen Sie sich, Mr. Samuel, nicht einmal ein kleines Andenken?“ „Nicht mal soviel, wie Ihr oller Schirm da wert is.“ „Aber vielleicht“, fuhr Mr. Stiggins nach einigen Augenblicken tiefen Nachdenkens zögernd fort, „vielleicht hat sie mich dem Mann des Zornes zur Fürsorge empfohlen, Mr. Samuel?“

„Nach allem, was er mir gesagt hat, könnte das wohl der Fall sein“, erwiderte Sam, „er hat soeben von Ihnen gesprochen.“

„Wirklich?“ rief Stiggins strahlend. „Ah, gewiß ist eine Wandlung mit ihm vorgegangen! Wir könnten so gut miteinander leben; nicht wahr, Mr. Samuel? Ich würde für seine Geschäfte sorgen, solange Sie fort sind, und ganz gewiß gut sorgen. Nicht? Wie?“

Sam nickte, und Mr. Weller senior gab eine sonderbare Art Gekrächz von sich.

Stiggins deutete diesen Ton als ein Zeichen der Reue und Gewissensangst, blickte ermutigt umher, rieb sich die Hände, weinte, lächelte, weinte wieder, ging dann leise auf den Fußspitzen durch das Zimmer nach dem ihm wohlbekannten Schrank in der Ecke, nahm ein Glas heraus und warf bedachtsam vier Stück Zucker hinein. Dann blickte er abermals um sich, stöhnte jämmerlich, schlich hinaus in die Speisekammer, füllte das Glas halb mit Ananasrum, kam schnell zurück, trat an den Kessel, der lustig über dem Feuer brodelte, mischte seinen Grog, rührte um, schlürfte, setzte sich, tat sofort einen langen herzhaften Schluck und hielt inne, um Atem zu schöpfen.

Mr. Weller senior, der bisher immer noch verschiedne kuriose Versuche gemacht hatte, sich schlafend zu stellen, sprach bei dem allen kein Wort. Als aber Mr. Stiggins innehielt, um Atem zu holen, stürzte er auf ihn zu, riß ihm das Glas aus der Hand, schüttete ihm den Rest ins Gesicht, packte ihn am Kragen und fing an, ihn mit Fußtritten und Faustschlägen zu traktieren.

„Sammy!“ rief er dabei seinem Sohn zu. „Drück mir den Hut fest auf den Kopf.“

Samuel gehorchte, und der alte Gentleman mit dem langen wehenden Trauerbande hämmerte mit erneuter Munterkeit auf Mr. Stiggins los und jagte ihn durch das ganze Zimmer, durch den Gang und zur Haustür hinaus auf die Straße, wobei seine Wut sich immer mehr steigerte, sooft er seinen Stulpenstiefel zu einem neuen Tritt erhob.

Es war ein schöner erheiternder Anblick, den rotnasigen Herrn unter Mr. Wellers Griffen sich winden und vor Angst zittern und beben zu sehen, als in rascher Reihenfolge Schlag auf Schlag fiel. Noch prächtiger aber war es anzuschauen, wie ihn Mr. Weller gewaltsam den Kopf in einen vollen Pferdetrog tunkte und ihn so lang unter Wasser hielt, bis er halb erstickt war.

„Da!“ sagte Mr. Weller und legte seine ganze Energie in einen höchst kunstvollen letzten Fußtritt, als Mr. Stiggins luftschnappend aus dem Trog emportauchte, „jetzt schick mir noch einen von den faulen Hirten her, daß ich den auch zu Brei schlage und nachher ersäufe. Sammy, hilf mir in die Stube und reich mir ’n Gläschen Brandy. Ich bin ganz außer Atem, mein Junge.“

Fünfzigstes Kapitel


Fünfzigstes Kapitel

Mr. Jingles und Hiob Trotters letzter Austritt. Abwicklung eines Geschäfts in Grays Inn Square und ein lautes Klopfen an Mr. Perkers Tür.

Als Arabella nach mancherlei zarten Vorbereitrungen und vielen Versicherungen von Mr. Pickwick, daß durchaus kein Grund vorhanden sei, den Mut sinken zu lassen, das unbefriedigende Resultat seines Besuchs in Birmingham erfahren hatte, brach sie in Tränen aus und klagte sich laut schluchzend an, die unglückselige Ursache einer Entfremdung zwischen Vater und Sohn geworden zu sein.

„Aber, mein liebes Kind“, tröstete sie Mr. Pickwick freundlich, „es ist doch nicht Ihre Schuld. Man konnte unmöglich voraussehen, daß der alte Herr die Verheiratung seines Sohnes so übel aufnehmen würde. Gewiß“, fügte er hinzu und schaute Arabella in das hübsche Gesichtchen, „gewiß hat er nicht die entfernteste Idee von dem Vergnügen, dessen er sich beraubt.“

„Ach, mein lieber Mr. Pickwick“, jammerte Arabella, „was sollen wir nur tun, wenn er fortfährt, uns zu grollen?“

„Warten Sie es mit Geduld ab, liebes Kind, bis er besser von der Sache denkt“, erwiderte Mr. Pickwick in vergnügtem Ton.

„Aber was soll aus Nathaniel werden, wenn sein Vater die Hand von ihm abzieht?“ schluchzte Arabella.

„Für diesen Fall, meine Liebe, will ich zu prophezeien wagen, daß er schon irgendeinen Freund finden wird, der ihm mit Vergnügen dabei behilflich sein wird, sich in der Welt fortzubringen.“

Das war zu deutlich, als daß es Arabella nicht hätte verstehen sollen. Sie schlang die Arme um Mr. Pickwicks Nacken, küßte ihn zärtlich und schluchzte noch lauter als zuvor.

„Nur Mut gefaßt!“ tröstete der alte Herr und faßte ihre Hand. „Wir wollen hier noch einige Tage verweilen und sehen, ob er schreibt oder den Brief Ihres Mannes in einem andern Licht auffaßt. Wo nicht, so habe ich schon ein Dutzend Pläne ausgesonnen, von denen jeder einzelne zu Ihrem Glück führen muß. Also, seien Sie ganz ruhig, mein Kind.“

Die jungen Leute befinden sich wirklich in einer peinlichen Lage, sagte sich Mr. Pickwick, als er sich am folgenden Morgen ankleidete. Ich will mal zu Perker gehen und ihn in der Sache um Rat fragen.

Da er noch einen andern sehnlichen Wunsch hatte, der ihn nach dem Grays Inn Square trieb, nämlich unverzüglich mit dem braven kleinen Anwalt seine Rechnung abzuschließen, nahm er in aller Geschwindigkeit sein Frühstück ein und führte seine Absicht so schleunig aus, daß es noch nicht zehn Uhr geschlagen hatte, als er Grays Inn erreichte.

Die Schreiber waren noch nicht da, und so vertrieb er sich die Zeit mit Hinaussehen aus dem Treppenfenster.

Das klare Licht eines schönen Oktobermorgens verlieh sogar den trüben alten Häusern ein wenig Glanz; einige der staubüberzogenen Fenster sahen fast fröhlich aus, als die Sonnenstrahlen auf ihnen glühten. Schreiber um Schreiber eilte durch die Eingänge, und alle blickten auf die Uhr der Halle und beschleunigten oder verlangsamten ihre Schritte, je nach der Zeit, zu der ihre Kanzleistunden begannen. Das Geräusch sich öffnender und schließender Türen hallte von allen Seiten wider, Köpfe erschienen wie durch Zauberschlag an den Fenstern; die Portiers stellten sich auf ihre Posten, die Scheuerfrauen mit ihren abgetretenen Schuhen schlurften davon, der Briefträger eilte von Haus zu Haus, und der ganze juristische Bienenschwarm war in geschäftiger Aufregung.

Nach einigen Minuten erschien Mr. Lowten, begrüßte Mr. Pickwick und schloß die Kanzlei auf.

„Das Geschäft ist in Ordnung, das wissen Sie doch“, sagte er, als er mit großer Umständlichkeit sein Pult aufgeräumt, die Federn geschnitten und seinen Arbeitsrock angezogen hatte.

„Welches Geschäft?“ fragte Mr. Pickwick. „Die Kostensache für die Bardell?“

„Nein, das wegen des Burschen, den wir auf Ihre Rechnung aus der Fleet auslösten und der nach Demerara soll.“

„Ach so, Mr. Jingle“, sagte Mr. Pickwick hastig. „Nun, wie ist es gegangen?“

„Alles in schönster Ordnung. Der Agent in Liverpool schreibt, Sie hätten ihm früher so viele Gefälligkeiten erwiesen, daß es ihm ein Vergnügen sei, ihn auf Ihre Empfehlung hin unterzubringen.“

„Bravo, das freut mich“, frohlockte Mr. Pickwick.

„Aber der andre ist ein Mordspinsel.“

„Welcher andre?“

„Na, der Bediente oder Freund Jingles, oder was er sonst ist; Sie wissen doch, der Trotter.“

„Ah so“, sagte Mr. Pickwick lächelnd. „Den hätte ich gerade für das Gegenteil gehalten.“

„Ich auch. – Schon nach dem wenigen, was ich von ihm gesehen habe“, erwiderte Lowten. „Aber was sagen Sie dazu, daß er ebenfalls nach Demerara geht? Perkers Anerbieten von achtzehn Schilling wöchentlich mit der Aussicht auf mehr, wenn er sich gut aufführe, machte nicht den geringsten Eindruck auf ihn. Er sagte, er müsse unbedingt mit Jingle gehen. Sie baten beide Mr. Perker, noch einmal zu schreiben, und jetzt ist er glücklich nicht halb so gut untergebracht wie ein Verbrecher in Neusüdwales.“

„Ein närrischer Kerl“, sagte Mr. Pickwick mit strahlendem Gesicht, „wahrhaftig, ein ganz närrischer Kerl.“

„Oh, es ist noch mehr als närrisch, es ist einfach blödsinnig“, erwiderte Lowten verächtlich und schnitzelte an seiner Feder herum. „Er sagt, Jingle sei der einzige Freund, den er je gehabt habe, deswegen könne er ihn jetzt nicht verlassen, und ähnliches dummes Zeug. Freundschaft ist ja recht schön, wir zum Beispiel sind in der ,Elster‘ alle gut befreundet, aber jeder zahlt für sich selbst. Das fehlte einem noch, daß man sich eines andern wegen etwas abgehen lassen sollte. Der Mensch darf meiner Ansicht nach nur zwei Neigungen haben: die erste, zu Nummer eins, das heißt, zu sich selbst, und die zweite zu den Weibern. Das ist meine Meinung. Hahaha!“

Mr. Lowten schloß mit einem lauten, halb lustigen und halb höhnischen Gelächter, das er jedoch schnell abbrach, als er Mr. Perker kommen hörte. Mit merkwürdiger Behendigkeit schwang er sich auf seinen Stuhl und schrieb eifrig.

Die Begrüßung zwischen Mr. Pickwick und seinem Anwalt war warm und herzlich. Der Gelehrte hatte sich indes kaum in den Armstuhl geworfen, als Jingle und Hiob Trotter gemeldet wurden.

„Na“, sagte Perker, „Sie kennen diesen Herrn wohl nicht?“ als beide eintraten und bei Mr. Pickwicks Anblick verlegen auf der Schwelle stehenblieben.

„Guten Grund dazu“, versetzte Jingle und trat vor. „Mr. Pickwick – aufs tiefste Dankgefühl verpflichtet – Leben gerettet – einen Menschen aus mir gemacht – sollen es nie bereuen, Sir.“

„Es freut mich, Sie so reden zu hören“, sagte Mr. Pickwick. „Sie sehen bereits viel besser aus.“

„Alles Ihr Werk – Sir – große Veränderung, Fleet – ungesunder Ort – sehr ungesund“, versetzte Jingle und schüttelte den Kopf. Er war anständig und reinlich gekleidet, ebenso Hiob, der kerzengerade hinter ihm stand und Mr. Pickwick wie versteinert anstarrte. „Wann gehen sie nach Liverpool?“ fragte Mr. Pickwick halblaut seinen Anwalt.

„Heute abend, Sir, um sieben Uhr“, erwiderte Hiob und trat einen Schritt vor. „Mit der City-Postkutsche, Sir.“

„Haben Sie Ihre Plätze schon?“

„Ja, Sir.“

„So sind Sie also fest entschlossen, zu gehen?“

„Ja, Sir.“

„Was die nötige Ausrüstung für Jingle betrifft“, sagte Perker laut zu Mr. Pickwick, „so habe ich veranlaßt, daß ihm eine kleine Summe von seinem Vierteljahrsgehalt abgezogen wird, um diese Ausgabe zu decken, was in einem Jahre geschehen sein wird. Ich bin entschieden dagegen, mein lieber Herr, daß Sie irgend etwas für ihn tun, wofern er es nicht durch Fleiß und gute Aufführung verdient.“

„Wird gewiß geschehen“, unterbrach ihn Jingle mit großer Entschiedenheit. „Klarer Kopf jetzt – Mann von Welt – werden schon durchkommen.“

„Durch die Befriedigung seiner Gläubiger, die Auslösung seiner Garderobe, die Unterstützung, die Sie ihm im Gefängnis zukommen ließen, –und die Bezahlung der Überfahrtskosten“, fuhr Perker, ohne die mindeste Rücksicht auf Jingles Bemerkung zu nehmen, fort, „haben Sie bereits über fünfzig Pfund verloren.“

„Nicht verloren“, rief Jingle hastig. „Alles bezahlen – fleißig arbeiten – sparen – jeden Heller. Gelbes Fieber vielleicht – wäre etwas anderes – aber sonst …“

Mr. Jingle versagte die Stimme, er schlug sich heftig auf die Brust, fuhr mit der Hand über die Augen und setzte sich wieder.

„Er will damit sagen“, erläuterte Hiob und trat wieder einen Schritt vor, „daß er, wenn ihn das Fieber nicht wegrafft, das Geld zurückbezahlen wird. Bleibt er am Leben, so tut er es gewiß, Mr. Pickwick. Ich will selbst darauf sehen, daß es geschieht; aber ich weiß, daß er es tun wird, Sir“, fügte er mit großem Nachdruck hinzu. „Ich könnte darauf schwören.“

„Schon gut, schon gut“, wehrte Mr. Pickwick ab, der bereits Perker ein ganzes Dutzend zorniger Blicke zugeworfen, um ihm zu bedeuten, er möge doch die Aufzählung seiner Wohltaten unterlassen, was jedoch der kleine Anwalt geflissentlich nicht beachtet hatte. „Sie müssen sich nur hüten, keine so verzweifelten Kricketmatches mehr einzugehen, Mr. Jingle, oder Ihre Bekanntschaft mit Sir Thomas Blazo zu erneuern; dann zweifle ich nicht, daß Sie Ihre Gesundheit erhalten werden.“

Mr. Jingle lächelte über diesen Scherz, sah aber doch ein wenig verlegen aus, und so gab Mr. Pickwick dem Gespräch rasch eine andre Wendung. „Wissen Sie nicht vielleicht“, fragte er, „was aus Ihrem andern Freunde geworden ist, den ich in Rochester kennenlernte?“

„Trübsinns-Jemmy?“ fragte Jingle.

„Ja.“

Jingle schüttelte den Kopf. – „Ein geriebener Bursche – ein närrischer Kauz – ein Lügengenie – Hiobs Bruder.“

„Mr. Trotters Bruder?!“ rief Mr. Pickwick. „Ja, wahrhaftig, wenn ich Hiob so in der Nähe ansehe, entdecke ich eine gewisse Ähnlichkeit.“

„Man hat uns immer für ähnlich gehalten, Sir“, sagte Hiob mit einem verschmitzten Blick, „nur war ich von jeher ernsthafter Natur, und er niemals. Er wanderte nach Amerika aus, Sir, weil man ihm hier zu sehr auf die Finger sah, als daß er sich hätte behaglich fühlen können, und seitdem hat man nichts wieder von ihm gehört.“

„Deswegen habe ich also die ,Seite aus dem Roman des wirklichen Lebens‘ nicht bekommen, die er mir eines Morgens versprach, als er auf der Rochesterbrücke stand und offenbar mit Selbstmordgedanken umging?“ sagte Mr. Pickwick lächelnd. „Ich brauche wohl nicht zu fragen, war sein trübseliges Benehmen natürlich oder bloß erkünstelt?“

„Er konnte sich in jede Rolle hineinfinden, Sir“, sagte Hiob, „und Sie dürfen von Glück sagen, daß Sie so mit heiler Haut davongekommen sind. Bei näherem Umgang würde er noch ein weit gefährlicherer Bekannter für Sie geworden sein, als“ – er blickte auf Jingle, stockte und setzte endlich hinzu – „als – als – ich selbst sogar.“

„Sie haben ja eine recht hoffnungsvolle Familie, Mr. Trotter“, sagte Perker und versiegelte den Brief, den er soeben beendet hatte.

„Jawohl, Sir, allerdings“, versetzte Hiob. „Na“, fuhr der kleine Mann lachend fort, „Sie werden hoffentlich aus der Art schlagen. Übergeben Sie diesen Brief dem Agenten, wenn Sie nach Liverpool kommen, und nehmen Sie den Rat von mir an, meine Herren, in Westindien nicht gar zu gerissen aufzutreten. Verscherzen Sie sich diese Gelegenheit, so verdienen Sie beide gehenkt zu werden, und ich glaube auch fest, daß dies geschehen wird. Jetzt aber muß ich bitten, mich mit Mr. Pickwick allein zu lassen, denn wir haben noch vieles zu besprechen, und unsere Zeit ist kostbar.“

Bei diesen Worten sah Perker nach der Tür mit einer Miene, die deutlich den Wunsch ausdrückte, die Herren möchten den Abschied so kurz wie möglich machen.

Von Mr. Jingles Seite war er auch kurz genug. Er dankte dem kleinen Anwalt in wenigen herausgestoßenen Worten für die Güte und Bereitwilligkeit, mit der er ihm Beistand geleistet, wandte sich dann an seinen Wohltäter und stand einige Sekunden da, unentschlossen, was er sagen oder wie er sich benehmen solle. Hiob Trotter erlöste ihn aus seiner Verlegenheit, indem er ihn, mit einer demütigen, dankbaren Verbeugung gegen Mr. Pickwick, sachte am Arme nahm und hinausführte.

„Ein würdiges Paar“, sagte Perker, als sich die Tür hinter ihnen schloß.

„Ich hoffe, daß sie es werden“, erwiderte Pickwick. „Was meinen Sie? Ist Aussicht auf bleibende Besserung vorhanden?“

Perker zuckte die Achseln; als er aber Mr. Pickwicks unruhigen und mißvergnügten Blick bemerkte, sagte er:

„Aussicht ist allerdings vorhanden, und ich hoffe, es wird alles gut ausgehen. Sie sind jetzt fraglos sehr zerknirscht, aber Sie müssen doch bedenken, daß die Erinnerung an ihre kürzlich erstandenen Leiden noch ganz frisch bei ihnen ist. Was aus ihnen werden wird, wenn sie nach und nach verschwindet, ist eine Frage, die ich sowenig beantworten kann wie Sie. Selbst indes, mein lieber Herr“, fügte er hinzu und legte seine Hand auf Mr. Pickwicks Schulter, „mag es ausfallen, wie es will, Ihre Absicht bleibt immer gleich ehrenhaft. Ob jene Art von Wohlwollen, die so unendlich behutsam und vorsichtig zu Werke geht, daß sie sich nur selten in Anwendung bringen läßt – damit der Wohltäter nur ja nicht betrogen und dadurch in seiner Eigenliebe gekränkt werde –, wirkliche Menschenfreundlichkeit ist oder bloß ein verfälschter Nachdruck davon, überlasse ich klügeren Köpfen zu ermitteln. Wenn übrigens die zwei Burschen morgen schon einen nächtlichen Einbruch begingen, meine Meinung von Ihrer Handlungsweise, Pickwick, würde dieselbe bleiben.“

Mit diesen Bemerkungen, die mit weit mehr lebhaftem Mitgefühl und Ernst gesprochen waren, als es bei den Herren Juristen sonst der Fall zu sein pflegt, rückte Mr. Perker seinen Stuhl an sein Pult und ließ sich von Mr. Pickwick erzählen, wie die Sache mit Mr. Winkle senior ausgefallen war.

„Lassen Sie ihm eine Woche Zeit“, sagte er und nickte prophetisch mit dem Kopf.

„Meinen Sie, er wird mürbe werden?“ fragte Mr. Pickwick.

„Hoffentlich. Wenn nicht, so müssen wir auf die Überredungsgabe der jungen Dame bauen, etwas, was jeder andre, bloß Sie nicht, gleich im Anfang getan hätte.“

Mr. Perker nahm eine Prise und schnitt groteske Gesichter, mit denen er offenbar andeuten wollte, was die Überredungskünste junger Damen alles zuwege zu bringen imstande wären, als man in der Schreibstube reden hörte und unmittelbar darauf Lowten klopfte, mit sehr geheimnisvoller Miene eintrat und die Tür vorsichtig hinter sich zumachte.

„Was gibt’s denn?“ fragte Perker.

„Man fragt nach Ihnen, Sir.“

„Wer?“

Lowten sah Mr. Pickwick an und hustete.

„Wer fragt nach mir? Können Sie denn nicht sprechen, Mr. Lowten?“

„Hm, ja, Sir. Es sind die Herren Dodson und Fogg.“

„Richtig, ja!“ sagte der kleine Anwalt und sah hastig auf die Uhr. „Ich habe sie auf halb zwölf hierher bestellt, um Ihre Angelegenheit mit ihnen abzumachen, Mr. Pickwick. Ich gab ihnen eine Anweisung, gegen die sie mir Ihr Entlassungsdekret aus dem Gefängnis schickten. Die Leute kommen sehr ungelegen, mein lieber Herr, was wollen Sie tun? Gehen Sie vielleicht einen Augenblick in das andre Zimmer, nicht?“

Das andre Zimmer war indes dasselbe, in dem sich die Herren Dodson und Fogg befanden, und Mr. Pickwick erklärte daher entschlossen, er werde bleiben, wo er sei, zumal die Herren Dodson und Fogg allen Grund hätten, sich vor ihm zu schämen, und er nicht die geringste Ursache, vor ihnen die Flucht zu ergreifen.

„Ganz gut, mein lieber Herr, ganz gut“, erwiderte Perker, „soviel muß ich Ihnen jedoch sagen: Wenn Sie glauben, daß Dodson oder Fogg auch nur die geringste Verlegenheit an den Tag legen wird, so sind Sie der sanguinischste Mensch, der mir je vorgekommen ist. Führen Sie die Leute herein, Lowten.“

Mr. Lowten verschwand mit einem Grinsen und öffnete sogleich der Firma Dodson und Fogg die Tür.

„Sie kennen Mr. Pickwick bereits, dächte ich“, begann Perker zu Dodson und wies mit der Feder nach der Richtung, wo der Gelehrte saß. „Ah, Mr. Pickwick, wie befinden Sie sich?“ sagte sofort Dodson mit lauter Stimme.

„Oh, Mr. Pickwick! Wie geht’s“, rief Fogg. „Doch wohl, wie ich hoffe, Sir? Will’s meinen, daß ich den Herrn kenne“, wendete er sich zu Perker, nahm einen Stuhl und lächelte.

Mr. Pickwick nickte zur Erwiderung auf diese Begrüßung nur unmerklich mit dem Kopf, und als er Fogg einen Pack Akten aus der Rocktasche ziehen sah, stand er auf und trat ans Fenster.

„Mr. Pickwick braucht sich nicht zu entfernen, Mr. Perker“, sagte Fogg, löste den roten Bindfaden, der das Paket zusammenhielt, und lächelte noch süßer als zuvor. „Mr. Pickwick kennt unsre Verhandlungen ziemlich genau, und ich dächte, wir haben hier keine Geheimnisse voreinander. Hihihi!“

„Hahaha!“ lachte Dodson.

„Mr. Pickwick wird sich gewiß sehr freuen“, fuhr Fogg aufgeräumt fort und ordnete die Papiere, „zu hören, daß unsere Kosten auf hundertunddreiunddreißig Pfund, sechs Schilling und vier Pence festgesetzt wurden, Mr. Perker. – Bitte, wollen Sie sich überzeugen.“

Während Fogg und Perker die Köpfe zusammensteckten und ihre Akten verglichen, wandte sich Dodson in verbindlichem Tone zu Mr. Pickwick:

„Sie scheinen mir nicht mehr ganz so kräftig auszusehen wie damals, als ich zum letztenmal das Vergnügen hatte, Sie zu sehen, Mr. Pickwick.“

„Kann schon sein, Sir“, erwiderte Mr. Pickwick, der die ganze Zeit über die beiden Associés zornig angefunkelt hatte, ohne daß dies den mindesten Eindruck auf sie gemacht hätte. „Es ist auch kein Wunder, Sir, denn ich bin in der letzten Zeit der Spielball von ein paar Schurken gewesen, Sir.“

Perker hustete heftig und fragte Mr. Pickwick, ob er nicht vielleicht die Zeitung lesen wolle – eine Zumutung, die dieser auf das entschiedenste zurückwies.

„Jaja“, sagte Dodson, „das will ich gern glauben, es ist eine sehr gemischte Gesellschaft in der Fleet. Wo haben Sie dort gewohnt, Mr. Pickwick?“

„Mein Zimmer“, erwiderte der schwer gekränkte Gelehrte, „befand sich im Restaurationsgang.“

„So, so“, sagte Dodson. „Meines Wissens ist dies ein sehr angenehmer Teil des Gebäudes.“

„Ja, sehr“, entgegnete Mr. Pickwick trocken.

Die Unterhaltung war ganz danach angetan, einen Mann von erregbarem Temperament aufs äußerste zu reizen, aber Mr. Pickwick bezwang heldenhaft seinen Ingrimm. Als aber Perker einen Scheck ausfüllte und Fogg ihn mit einem triumphierenden Lächeln, das sich sogar dem strengen Gesichte Dodson mitteilte, einsteckte, da fühlte er, wie ihm das Blut vor Zorn in die Wangen stieg.

„Wir sind fertig, Mr. Dodson“, sagte Fogg und zog seine Handschuhe an. „Wir können gehen.“

„Gut“, sagte Dodson und stand auf, „ich bin bereit.“

„Ich schätze mich ungemein glücklich“, bemerkte Fogg, durch die Anweisung sichtlich in die beste Laune versetzt, „Mr. Pickwicks werte Bekanntschaft gemacht zu haben. Ich hoffe, Sie werden von uns nicht mehr ganz so übel denken, Mr. Pickwick, wie damals, als ich das erstemal das Vergnügen hatte.“

„Das hoffe ich ebenfalls“, fügte Dodson edelmütig hinzu. „Mr. Pickwick kennt uns jetzt ohne Zweifel besser. Was auch Ihre Meinung von Leuten unseres Standes sein mag, Sir, ich kann Ihnen versichern, daß ich wegen der Ausdrücke, deren Sie sich gegen uns in unserer Kanzlei bedienen zu müssen glaubten, keinen Groll gegen Sie hege.“

„Auch ich nicht, seien Sie versichert. – Ich wünsche Ihnen einen guten Morgen, mein Herr“, fiel Fogg ein, nahm seinen Regenschirm unter den Arm und streckte die Hand zur Versöhnung dem ergrimmten Gelehrten hin, der sofort beide Hände unter seine Rockschöße steckte und den Advokaten mit Verachtung von oben bis unten maß.

„Lowten!“ rief Perker. „Begleiten Sie die Herren hinaus.“

„Warten Sie noch einen Augenblick, Perker“, sagte Mr. Pickwick, „ich will sprechen.“

„Mein lieber Herr, bitte, lassen Sie die Sache doch schon auf sich beruhen“, bat der kleine Anwalt, der während der ganzen Szene wie auf Nadeln gesessen hatte. „Bitte, Mr. Pickwick …“

„Ich lasse mir nicht den Mund verbieten, Sir“, fuhr Mr. Pickwick heftig auf. „Mr. Dodson, Sie haben soeben einige Bemerkungen an mich gerichtet!“

Dodson drehte sich um, neigte verbindlich das Haupt und lächelte freundlich.

„Bemerkungen!“ wiederholte Mr. Pickwick atemlos. „Und Ihr Associe hat mir die Hand hingereicht, und Sie haben beide einen verzeihenden, infamen Ton gegen mich angeschlagen, der denn doch jedes Maß von Unverschämtheit übersteigt!“

„Was sagen Sie da, Sir?“ riefen Dodson und Fogg wie aus einem Munde.

„Sie wissen ganz gut, daß ich das Opfer Ihrer Ränke und Kniffe geworden bin!“ fuhr Mr. Pickwick erregt fort. „Wissen Sie, daß Sie mich ins Gefängnis gebracht und ausgeplündert haben? Wissen Sie, daß Sie die Anwälte für die Klägerin im Prozeß Bardell kontra Pickwick waren?“ „Ja, Sir, das wissen wir“, erwiderte Dodson gelassen.

„Gewiß, gewiß, Sir“, fügte Fogg hinzu und schlug – vielleicht zufällig – auf seine Tasche.

„Ich sehe, daß Sie sich mit Vergnügen daran erinnern“, sagte Mr. Pickwick und versuchte zum erstenmal in seinem Leben zu hohnlächeln, was ihm jedoch gänzlich mißlang. „So sehr ich mir schon längst gewünscht habe, Ihnen mit dürren Worten sagen zu können, was ich von Ihnen denke, so würde ich dennoch mit Rücksicht auf die Anwesenheit meines Freundes Perker sogar diese Gelegenheit haben vorübergehen lassen, hätten Sie nicht diesen unverantwortlichen Ton gegen mich angeschlagen und sich diese schamlose Vertraulichkeit erlaubt; ich sage schamlose Vertraulichkeit, Sir!“

Mr. Pickwick wandte sich dabei mit so wütender Gebärde gegen Fogg, daß dieser eiligst an die Tür retirierte.

„Nehmen Sie sich in acht, Sir!“ rief Dodson, verschanzte sich, obgleich er der größte von allen Anwesenden war, dennoch wohlweislich hinter Fogg und sprach mit käsebleichem Gesicht über dessen Kopf hinweg. „Lassen Sie sich nicht verleiten, Mr. Fogg, zurückzuschlagen!“

„Nein, nein, ich werde mich hüten“, hauchte Fogg und wich ängstlich zurück, zum offenbaren Vorteil seines Associés, der dadurch, immerwährend gedeckt, immer mehr instand gesetzt wurde, die Ausgangstür zu gewinnen.

„Sie sind“, nahm Mr. Pickwick seine Strafpredigt wieder auf, „Sie sind ein vortreffliches Paar von niederträchtigen, spitzbübischen, rechtsverdreherischen Gaunern!“

„Nun, sind Sie nicht endlich fertig?“ fiel Perker ein.

„Ja“, versetzte Mr. Pickwick, „ich bin fertig. Es ist alles in den Worten Inbegriffen: es sind ein paar niederträchtige, spitzbübische, rechtsverdreherische Gauner.“

„Jetzt“, sagte Perker in versöhnlichem Ton, „jetzt, meine werten Herren, hat er alles gesagt, was er zu sagen hatte; ich bitte, gehen Sie endlich. – Lowten, ist die Tür offen?“

Mr. Lowten konnte ein Lachen kaum unterdrücken und nickte bloß.

„Also – guten Morgen! – Guten Morgen! – Bitte, meine verehrten Herren! – Mr. Lowten, die Tür!“ rief der kleine Mann, die Herren Dodson und Fogg hastig aus dem Zimmer treibend. „Dahin, meine verehrten Herren! – Bitte, halten Sie sich nicht länger auf! – Aber zum Donnerwetter, Mr. Lowten! – Die Tür! Die Tür! – Warum öffnen Sie nicht?“

„Wenn es Gesetze in England gibt, Sir“, rief Dodson und setzte seinen Hut auf, „so sollen Sie mir dafür büßen.“

„Sie sind ein paar niederträchtige –“

„Das werden Sie uns teuer bezahlen, Sir“, sagte Fogg und drohte Mr. Pickwick mit der Faust.

„– diebische, rechtsverdreherische Gauner“, wiederholte der Gelehrte, ohne sich im geringsten einschüchtern zu lassen.

„Gauner!“ rief er den beiden Advokaten noch über das Treppengeländer nach, riß sich von Lowten und Perker los, sprang ans Fenster und schrie noch einmal hinaus: „Gauner!“

Als er den Kopf wieder zurückzog, umschwebte ein mildes Lächeln seine Züge; ruhig setzte er sich nieder und erklärte, er habe sich jetzt von einer großen Last befreit und fühle sich wieder vollkommen behaglich und vergnügt.

Perker sprach kein Wort, bis er seine Dose geleert und Lowten fortgeschickt hatte, um sie wieder füllen zu lassen; dann aber brach er in ein lautes Gelächter aus, das volle fünf Minuten dauerte, und sagte, als er wieder zu Atem kam, er sollte eigentlich sehr unwillig sein, aber für den Augenblick könne er der Sache keine ernste Seite abgewinnen; er werde übrigens schon noch einmal wirklich böse werden.

„Jetzt will ich auch mit Ihnen abrechnen“, sagte Mr. Pickwick.

„Etwa auch auf diese Weise?“ fragte Perker lachend. „Aber was ist denn nur heute los?“

Ein wütendes Klopfen ertönte nämlich an der Entreetür. Es war kein gewöhnliches doppeltes Klopfen, sondern eine fortlaufende ununterbrochene Kette von lauten Schlägen, die gar nicht aufhören wollten.

„Jaja, ich komme ja schon“, rief Mr. Lowten, der sich eben in einer dunkeln Nebenkammer die Hände gewaschen hatte. „Der schlägt ja rein die Tür ein“, lief hinaus, öffnete und erblickte …

Sechstes Kapitel


Sechstes Kapitel

Ein kurzes Kapitel, in dem unter anderem berichtet wird, wie Mr. Pickwick sich verleiten ließ, zu kutschieren, und Mr. Winkle, zu reiten, und wie sie beide damit zurechtkamen.

Hell und heiter war der Himmel, balsamisch war die Luft, und alles ringsum lieblich anzuschauen, als Mr. Pickwick, in den Anblick der herrlichen Natur versunken, an dem Geländer der Brücke von Rochester lehnte und auf das Frühstück wartete. Die Landschaft bot in der Tat einen so reizenden Anblick, daß sie wohl auch auf ein weniger beschauliches Gemüt einen tiefen Eindruck gemacht haben würde.

Dem Beschauer zur Linken lag eine verfallene Mauer, an manchen Stellen zusammengestürzt und an ändern in schweren Massen über das schmale Ufer vorhängend. Die ausgezackten und scharfumrissenen Uferfelsen bedeckten dichte Büschel von Seegras, die in jedem Lufthauch erzitterten, und der grüne Efeu rankte sich melancholisch um das düstere, verfallene Gemäuer. – Im Hintergrund erhob sich das alte Schloß mit seinen dachlosen Türmen, die massiven Mauern zerbröckelt, ebenso stolz von früherer Macht erzählend wie damals, als es vor siebenhundert Jahren von Waffenklang oder festlichen Gelagen widerhallte. Auf beiden Seiten dehnten sich die Ufer der Medway, mit Saatfeldern und Wiesen bedeckt, hier und dort von einer Windmühle oder einer fernen Kirche unterbrochen; soweit das Auge reichte, eine volle und bunte Landschaft, deren Reiz die wechselnden Schatten noch erhöhten, die darüber hineilten, wie die leichten Wolken in dem Licht der Morgensonne fortzogen. – Der geräuschlos dahingleitende Fluß spiegelte das klare Himmelsblau, und die Ruder der Fischer tauchten mit hellem, plätscherndem Ton in das „Wasser, wie die plumpen, aber pittoresken Boote langsam stromabwärts trieben.

Ein tiefer Seufzer und ein leichter Schlag auf die Schulter weckten Mr. Pickwick aus seinen angenehmen Träumen, in die ihn diese Szenerie eingewiegt hatte, und als er sich umwandte, stand der trübsinnige Jemmy vor ihm.

„Sie betrachten die Gegend, Sir?“

„Jawohl“, versetzte Mr. Pickwick.

„Und freuen sich, daß Sie so früh aufgestanden sind?“

Mr. Pickwick nickte stumm.

„Ach, man sollte immer früh aufstehen, um die Sonne in ihrem vollen Glänze zu genießen, denn sie strahlt selten so hell tagsüber. Der Morgen des Tages und der Morgen des Lebens gleichen sich nur zu sehr.“

„Sehr richtig, Sir“, sagte Mr. Pickwick.

„Wie oft pflegt man zu sagen“, fuhr der Trübsinnige fort, „der Tag fängt zu schön an, um so zu bleiben, und wie gut läßt sich das auf unser tägliches Leben anwenden! O Gott, was würde ich darum geben, wenn ich die Tage meiner Kindheit zurückrufen oder sie für immer vergessen könnte!“

„Sie haben viel Trauriges erlebt?“ fragte Mr. Pickwick teilnehmend.

„Allerdings“, versetzte der Trübsinnige hastig, „mehr als jemand, der mich jetzt kennt, für möglich halten sollte.“ Er schwieg einen Augenblick und setzte dann hinzu: „Hat Sie wohl je an einem solchen Morgen schon der Gedanke beschlichen, daß im Ertrinken Friede und Seligkeit liegen könnte?“

„Gott steh mir bei, nein“, erwiderte Mr. Pickwick, einen Schritt von der Balustrade zurücktretend, weil ihn der Gedanke an die Möglichkeit erschreckte, der Trübsinnige könnte ihn hinunterschleudern, um ihn den Versuch machen zu lassen.

„Ich bin schon oft mit dem Gedanken umgegangen“, fuhr der Trübsinnige fort, ohne auf Mr. Pickwicks Bewegung zu achten. „Die stille kühle Flut scheint mir eine Einladung zur Ruhe und zum Frieden zu murmeln. – Ein Sprung – ein Plätschern – ein kurzer Kampf – ein Wasserwirbel, der allmählich abnimmt und immer kleinere Wellen wirft – die Gewässer schließen sich, und alles Erdenleid ist vorüber.“

Die eingesunkenen Augen des Trübsinnigen leuchteten auf, während er so sprach; doch seine momentane Erregung wich sogleich wieder seiner gewohnten Ruhe, und er fuhr gelassen fort:

„Genug davon! Ich möchte wegen etwas ändern mit Ihnen sprechen. Sie baten mich vorgestern abend, Ihnen vorzulesen, und hörten aufmerksam zu …“

„Allerdings“, versetzte Mr. Pickwick, „und ich meinte wirklich …“

„Ich habe nicht gefragt, um Ihr Urteil zu hören, und ich bedarf dessen nicht“, unterbrach ihn der Trübsinnige. „Sie reisen zum Vergnügen und zur Belehrung. Was meinen Sie, wenn ich Ihnen ein interessantes Manuskript mitteilte? – Doch merken Sie wohl, interessant, nicht etwa wegen seines schauerlichen und unwahrscheinlichen Inhalts, sondern als ein Blatt aus der Romantik des wirklichen Lebens. Würden Sie es wohl dem Klub mitteilen, den Sie so häufig erwähnten?“

„Sicherlich“, erwiderte Mr. Pickwick, „wenn Sie es wünschen. Es würde sodann den Klubakten einverleibt werden.“

„Also gut“, sagte der Trübsinnige und fragte nach Mr. Pickwicks Adresse.

Mr. Pickwick nannte seine und seiner Freunde wahrscheinliche Reiseroute, der Trübsinnige notierte sie sorgfältig in einem schmutzigen Taschenbuch, lehnte Mr. Pickwicks Einladung zum Frühstück ab, begleitete ihn bis zum Gasthof und ging dann langsam seines Weges.

Mr. Pickwick wurde bereits von seinen drei Reisegefährten beim Frühstück erwartet, das ihrer, trefflich serviert, im Speisesaal harrte. Sie nahmen Platz, und gekochter Schinken, Eier, Tee und Kaffee begannen mit einer Schnelligkeit zu verschwinden, die sowohl von der Vorzüglichkeit der Speisen wie von dem guten Appetit der Reisenden Zeugnis ablegte.

„Aber jetzt müssen wir an Manor Farm denken“, sagte Mr. Pickwick. „Wie wollen wir die Reise dorthin machen?“

„Es wäre vielleicht das beste, wenn wir den Kellner darüber fragten“, meinte Mr. Tupman, und so wurde denn der Kellner gerufen.

„Dingley Dell – fünfzehn Meilen, meine Herren – Feldwege –. Postpferde, meine Herren?“

„In einer Postchaise würden nur zwei von uns Platz haben“, gab Mr. Pickwick zu bedenken.

„Allerdings, Sir – bitte um Entschuldigung, Sir – sehr hübscher vierrädriger Wagen hier, Sir – Sitze innen für zwei Herren – einer zum Kutschieren – oh, ich bitte um Vergebung, Sir – das würde ja auch nur für drei genügen.“

„Was ist da zu tun?“ fragte Mr. Snodgraß.

„Vielleicht beliebt es einem von den Herren, zu reiten?“ versetzte der Kellner mit einem Blick auf Mr. Winkle. „Sehr gute Reitpferde, Sir. Wenn einer von Mr. Wardles Leuten nach Rochester kommt, kann er die Pferde und den Wagen zurückbringen, Sir.“

„Das läßt sich hören“, meinte Mr. Pickwick. „Winkle, wollen Sie reiten?“

In den verborgensten Tiefen von Mr. Winkles Herzen stiegen große Bedenken auf, aber da er sich um keinen Preis etwas vergeben wollte, erwiderte er sogleich mit der größten Zuversicht:

„Mit Vergnügen. Ich ziehe diese Art zu reisen sogar jeder ändern vor.“

Mr. Winkle hatte sein Schicksal herausgefordert, und jetzt gab es natürlich kein Zurück mehr.

„Also lassen Sie alles für elf Uhr vorbereiten“, befahl Mr. Pickwick.

„Sehr wohl, Sir“, versetzte der Kellner und entfernte sich.

Nach dem Frühstück verfügten sich die Reisenden auf ihre Zimmer, um die Kleider zu wechseln und ihre Effekten einzupacken. Mr. Pickwick hatte seine Vorbereitungen beendigt und betrachtete eben vom Fenster des Gastzimmers aus die Vorübergehenden auf der Straße, da trat der Kellner ein und meldete, der Wagen stünde bereit; wie zur Bestätigung dieser Meldung wurde im gleichen Augenblick der Wagen vor dem Hotel sichtbar.

Es war ein seltsamer, kleiner grüner Kastenwagen auf vier Rädern mit einem Sitz für zwei Personen, so eng und niedrig wie eine Schublade, und einem hohen Bock, der freilich nur einen Sitzplatz aufwies. Er wurde von einem Braunen gezogen, dessen Knochenbau zwar riesenhaft, aber sonst durchaus ebenmäßig war. Daneben stand ein Stallknecht mit einem anderen Riesengaul – offenbar einem nahen Verwandten des ersten –, den man für Mr. Winkle gesattelt hatte.

„Lieber Gott“, rief Mr. Pickwick aus, als er mit seinen Freunden vor die Tür trat, „lieber Gott, wer soll denn kutschieren? Daran habe ich ja gar nicht gedacht.“

„Natürlich Sie“, sagte Mr. Tupman.

„Ich?“

„Bloß keine Angst nicht, Sir“, warf der Stallknecht ein. „Garantiert lammfromm; mit dem würde ja ein Kind fertig werden.“

„Er ist also nicht scheu?“ fragte Mr. Pickwick.

„Scheu, Sir? – Der scheut nicht, und wenn er an einem ganzen Wagen voll Affen mit verbrannten Schwänzen vorbei müßte.“

Diese Versicherung zerstreute die letzten Bedenken; Mr. Tupman und Mr. Snodgraß stiegen ein, und Mr. Pickwick erklomm den Bock.

„Nun, Glanz-Willem“, sagte der Stallknecht zu seinem Adjunkten, „gib dem Herrn die Zügel.“

Der Glanz-Willem, wahrscheinlich wegen seines angepappten Haares und seines fettschimmernden Gesichtes so genannt, legte die Zügel in Mr. Pickwicks linke Hand, und der Stallknecht drückte ihm die Peitsche in die rechte.

„Brrr!“ rief Mr. Pickwick, als der gigantische Vierfüßler eine entschiedene Neigung an den Tag legte, den Wagen nach rückwärts in die Fenster des Gastzimmers zu drängen.

„Brrr!“ wiederholten Mr. Snodgraß und Mr. Tupman aus dem Wagen.

„’s is bloß Stallfeuer, Sir“, sagte der Oberstallknecht ermutigend. „Halt ihn fest, Willem!“

Der Adjunkt tat der Lebhaftigkeit des Tieres Einhalt, und der Stallknecht trat zu Mr. Winkle, um ihm beim Aufsteigen behilflich zu sein.

„Auf der ändern Seite, Sir, wenn’s gefällig ist“, sagte er.

„Mir scheint, gar, der Herr steigt rechts auf“, murmelte grinsend ein Postknecht zur unendlichen Erheiterung des Kellners.

So belehrt, kletterte Mr. Winkle in den Sattel, ungefähr mit der Leichtigkeit, mit der er seitlich an einem Linienschiff aufgeentert wäre.

„Alles in Ordnung?“ fragte Mr. Pickwick mit einem dunkeln Vorgefühl, daß die Verwirrung jetzt erst recht losgehen würde.

„Alles in Ordnung!“ antwortete Mr. Winkle mit beklommener Stimme.

„Also fertig!“ sagte der Stallknecht. „Nur die Zügel nicht loslassen, Sir.“

Und fort rollte der Wagen, und fort sprengte Mr. Winkle, zum größten Gaudium des ganzen dienenden Gasthofpersonals.

„Warum geht er denn immer seitwärts?“ rief Mr. Snodgraß im Wagen Mr. Winkle im Sattel zu.

„Es ist mir unerklärlich“, erwiderte Mr. Winkle, dessen Pferd in der seltsamsten Weise, den Kopf nach der einen und den Schweif nach der ändern Seite der Straße gekehrt, einhertraversierte.

Mr. Pickwick hatte keine Zeit, dies oder sonst irgend etwas zu beachten, da seine gesamten körperlichen und geistigen Fähigkeiten auf die Zügelung seines eignen Pferdes konzentriert waren, das die sonderbarsten Eigenschaften entfaltete, die zwar für jeden Zuschauer äußerst interessant, für die Insassen des Wagens aber nicht im gleichen Maße unterhaltend waren. Abgesehen davon, daß es auf eine höchst lästige und für Mr. Pickwick sehr peinliche Weise den Kopf beständig in die Höhe warf und sich so stark in die Zügel legte, daß der Gelehrte sie kaum festzuhalten vermochte, zeigte es auch eine sonderbare Neigung, bald plötzlich einen Seitensprung zu machen, bald ebenso plötzlich wieder stillzustehen und dann wieder etliche Minuten hindurch so rasch davonzurasen, daß an ein Halten nicht zu denken war.

„Was will es denn eigentlich nur?“ sagte Mr. Snodgraß, als das Pferd dieses Manöver zum zwanzigsten Male wiederholte.

„Das weiß der Himmel!“ versetzte Mr. Tupman. „Es hat ganz den Anschein, als ob es scheute. Meinen sie nicht auch?“

Mr. Snodgraß ‚hatte eine Antwort auf der Zunge, als er durch den Ausruf Mr. Pickwicks: „O Gott, ich habe die Peitsche verloren!“ unterbrochen wurde.

„Heda!“ rief Mr. Snodgraß, als Mr. Winkle auf seinem hohen Roß herantrabte, den Hut über die Ohren gezogen und von der heftigen Bewegung ganz zusammengeschüttelt. „Ach, lieber Winkle, bitte, heben Sie doch die Peitsche auf!“

Mr. Winkle ruderte mit den Zügeln, bis er ganz blau im Gesicht war, und als es ihm endlich gelang, das Schlachtroß zum Stehen zu bringen, stieg er ab, reichte Mr. Pickwick die Peitsche und schickte sich an, wieder aufzusteigen.

Ob nun das Riesentier bei seinem Übermaß an Temperament ein Verlangen fühlte, sich mit Mr. Winkle einen kleinen unschuldigen Scherz zu erlauben, oder ob es ihm plötzlich einfiel, daß es die Reise zu seinem Vergnügen ebensogut ohne Reiter vollenden könnte – sind Fragen, die wir natürlich nicht mit Bestimmtheit zu beantworten imstande sind. So viel ist jedenfalls gewiß, daß, welche Beweggründe auch in seiner Seele wirkten, Mr. Winkle kaum den Fuß in den Steigbügel gesetzt hatte, als es durch eine rasche Bewegung die Zügel über den Kopf schnellte und um ihre volle Länge zurückwich.

„Ruhig, ruhig, mein gutes Tier“, rief Mr. Winkle besänftigend, „komm, gutes altes Pferd!“

Allein „das gute Tier“ war taub gegen Schmeichelei. Je mehr sich Mr. Winkle bemühte, sich ihm zu nähern, desto mehr wich es zurück, allen. Kosenamen, zum Trotz. Wohl zehn Minuten drehten sich Mr. Winkle und das Pferd im Kreise herum und waren nach dieser Zeit noch ebenso weit voneinander entfernt wie bei Beginn – eine höchst peinliche Sache in Anbetracht des Umstandes, daß auf der einsamen Landstraße auf Beistand nicht zu rechnen war.

„Was soll ich nur tun?“ rief Mr. Winkle, nachdem er seine Experimente noch eine geraume Zeit vergeblich fortgesetzt hatte. „Ich kann dem Luder nicht beikommen.“

„Sie werden wohl am besten tun, es zu führen, bis wir zu einem Schlagbaum kommen“, riet ihm Mr. Pickwick.

„Aber wenn es nicht geht!“ rief Mr. Winkle zurück. „Kommen Sie doch und halten Sie es.“

Mr. Pickwick, immer die Güte und Gefälligkeit selbst, warf seinem Gaul die Zügel über den Rücken, stieg vom Bocke und eilte, Mr. Snodgraß und Mr. Tupman im Wagen zurücklassend, seinem unglücklichen Gefährten zu Hilfe.

Kaum sah jedoch das Reitpferd Mr. Pickwick mit der Peitsche in der Hand herankommen, als es seine vorher kreisende Bewegung in eine so entschieden retrograde verwandelte, daß es Mr. Winkle, der immer noch das Ende der Zügel festhielt, fast im Trabe mit sich fortriß. – Mr. Pickwick wollte ihm zu Hilfe eilen, doch je schneller er vorwärts lief, desto schneller ging das Pferd rückwärts. Es scharrte dabei mit den Hufen, wühlte den Staub auf, und endlich mußte Mr. Winkle, dem die Arme fast ausgerissen wurden, die Zügel fahrenlassen. Das Pferd stutzte, schüttelte den Kopf, machte kehrt, trabte ruhig nach Rochester zurück und überließ es Mr. Winkle und Mr. Pickwick, sich gegenseitig in stummer Bestürzung anzustarren. Ein rasselndes Geräusch in einer kleinen Entfernung erregte jetzt ihre Aufmerksamkeit. Sie blickten auf.

„Gott steh mir bei!“ rief Mr. Pickwick, außer sich vor Entsetzen. „Jetzt, geht auch das andre durch.“

Es war nur zu wahr. Das sich selbst überlassene Tier, durch den Lärm erschreckt, jagte mit dem Wagen davon. Mr. Tupman sprang in die Hecke, Mr. Snodgraß folgte seinem Beispiel, und das Pferd schmetterte den Wagen an ein Brückengeländer, daß die Räder von den Achsen fielen und der Kutschkasten von dem Bock getrennt wurde. Dann blieb es stehen und betrachtete mit Seelenruhe die Verheerung, die es angerichtet hatte.

Die erste Sorge Mr. Pickwicks und Mr. Winkles war natürlich, ihren unglücklichen Freunden beizuspringen, wobei sie sich zu ihrer großen Beruhigung davon überzeugten, daß es nur ein paar Risse an den Kleidern und Hautabschürfungen gesetzt hatte. Dann war das Pferd aus seinem Geschirr zu entwirren. – Nach Beendigung dieses komplizierten Geschäftes gingen sie langsam weiter, das Roß am Zaum mit sich führend, und überließen den Wagen seinem Schicksal.

Nach Verlauf einer Stunde erreichten sie ein kleines Wirtshaus, vor dem zwei Ulmen, eine Krippe und ein Pfahl mit einem Schilde standen, dahinter ein kleiner zusammengestürzter Heuschober und daneben ein Küchengarten. Baufällige Scheunen und Nebenbauten zierten die Aussicht. Im Garten arbeitete ein rothaariger Mann.

„He, Sie da! Hallo!“ rief Mr. Pickwick.

Der Rotkopf richtete sich auf, hielt die Hand über die Augen und starrte Mr. Pickwick und seine Gefährten eine geraume Weile gleichgültig an.

„Hallo!“ wiederholte Mr. Pickwick.

„Hallo!“ war die Antwort des Rotkopfs.

„Wie weit ist es bis nach Dingley Dell?“

„So um sieben Meilen rum.“

„Ist der Weg gut?“

„Nein.“

Nach dieser kurzen Antwort fing der rotköpfige Mann gleichgültig wieder an zu arbeiten.

„Wir möchten gern dieses Pferd hier einstellen; das geht doch hoffentlich – wie?“ fragte Mr. Pickwick.

„Das Pferd einstellen möchten Sie, ja?“ wiederholte der Rotkopf, wobei er sich auf seinen Spaten lehnte.

„Ja, natürlich“, erwiderte Mr. Pickwick, der sich unterdessen, das Tier am Zaum, der Gartentür genähert hatte.

„Frau!“ brüllte der Rotkopf, aus dem Garten tretend und das Pferd scharf ins Auge fassend. „Frau!“

Ein großes knochiges Frauenzimmer in einer groben blauen Kittelschürze, deren Taille nur ein paar Zoll unter den Achseln saß, trat aus dem Haus.

„Könnten wir wohl dieses Pferd hier einstellen, gute Frau?“ fragte Mr. Tupman und näherte sich ihr mit verführerischem Lächeln. Die Frau betrachtete unfreundlich die ganze Gruppe, und der Rotkopf flüsterte ihr etwas ins Ohr.

„Nein“, antwortete sie nach einiger Überlegung, „da hab ich Angst vor.“

„Angst?“ rief Mr. Pickwick aus. „Wovor hat die Frau Angst?“

„Letztes Mal haben wir ärger davon gehabt“, sagte die Frau und ging wieder in das Haus zurück. „Ich will damit nichts zu kriegen haben.“

„So etwas ist mir doch in meinem Leben noch nicht vorgekommen!“ sagte Mr. Pickwick höchst verwundert.

„Ich – ich glaube wirklich“, flüsterte Mr. Winkle seinen Freunden zu, „die Leute denken am Ende gar, wir sind auf unehrliche Weise zu dem Pferd gekommen.“

„Wie?“ rief Mr. Pickwick höchlichst entrüstet aus.

Mr. Winkle wiederholte bescheiden seine Vermutung.

„Heda, Sie, Bursche“, sagte Mr. Pickwick zornig, „glauben Sie vielleicht, wir hätten das Pferd gestohlen?“

„Na, was denn sonst“, erwiderte der Rotkopf mit einem Grinsen von einem Ohr bis zum ändern. Dann begab er sich gleichfalls ins Haus und schlug die Tür hinter sich zu.

„Es ist wie ein Traum, wie ein abscheulicher Traum!“ stöhnte Mr. Pickwick. „Sich den ganzen Tag mit dem widerwärtigen Gaul abschleppen zu müssen und ihn nicht einmal loswerden zu können!“

Deprimiert setzten die Pickwickier ihre Wanderung fort, das gewaltige Schlachtroß haßerfüllt immer am Halfter hinter sich herziehend.

Es war bereits spät am Nachmittag, als die vier Freunde mit ihrem vierfüßigen Gefährten in den nach Manor Farm führenden Seitenweg einbogen; aber das Vergnügen, endlich in der Nähe ihres Bestimmungsortes zu sein, das sie sonst

wohl empfunden hätten, wurde ihnen durch den Gedanken an ihren lächerlichen Aufzug arg verleidet. Zerfetzte Kleider, zerkratzte Gesichter, bestaubte Schuhe, erschöpftes Aussehen, und dazu noch das verdammte Pferd. O wie Mr. Pickwick das Tier zu allen Teufeln wünschte! Schon lange hatte er das edle Roß von Zeit zu Zeit mit Blicken des Hasses und der Rachsucht angesehen und mehr als einmal im Geiste überschlagen, wieviel es ihm kosten könnte, wenn er ihm den Hals abschnitte, und mit zehnfach stärkerer Gewalt kam jetzt die Versuchung über ihn, es entweder umzubringen oder in die weite Welt laufen zu lassen. Das plötzliche Erscheinen zweier Gestalten in einer Biegung des Weges weckte ihn aus seinem unheilschwangeren Brüten. Es waren Mr. Wardle und sein treuer Gefährte, der fette Junge.

„Ach Gott, wo haben Sie so lange gesteckt?“ rief der gastfreundliche alte Herr. „Den ganzen Tag haben wir auf Sie gewartet. Und wie strapaziert Sie aussehen! – Was? Schrammen im Gesicht? Doch nicht verletzt, will ich hoffen? Nein? Freue mich sehr, das zu hören. Umgeworfen? – Machen Sie sich nichts draus! – Kommt oft in unsrer Gegend vor. – Joe! – Schläft er schon wieder! – Joe, nimm dem Herrn das Pferd ab und bring es in den Stall!“

Der fette Junge zottelte langsam mit dem Gaul hinterher, und Mr. Wardle bedauerte in schlichten Worten seine Gäste wegen ihrer Abenteuer – das heißt wegen dessen, was sie ihm darüber erzählten. Sodann führte er sie in die Küche.

„Hier wollen wir Sie zunächst mal ein wenig in Ordnung bringen“, sagte der alte Herr, „und Sie dann zu der Gesellschaft in das Wohnzimmer führen. Emma, den Kirschgeist! Jane, Nähnadel und Zwirn! Marie, Waschwasser und Handtücher! Flink, Mädels, rasch, rasch!“

Drei oder vier handfeste Mägde eilten sogleich, um die verschiedenen Requisiten herbeizuschaffen, während zwei männliche Dienstboten mit dicken Köpfen und kreisrunden Gesichtern von ihren Sitzen in der Kaminecke – wo sie, obgleich es Mai war, verfroren am Feuer hockten, wie zu Weihnachten – aufstanden und in dunkeln Winkeln verschwanden, aus denen sie bald nachher mit einem halben Dutzend Bürsten und Schuhwichse wieder auftauchten.

„Tummelt euch!“ sagte der alte Herr nochmals.

Es bedurfte jedoch dieser Mahnung nicht, denn die eine Magd schenkte bereits Kirschgeist ein, eine andre brachte Handtücher, und einer der Diener packte Mr. Pickwick am Bein, auf die Gefahr hin, ihn aus dem Gleichgewicht zu bringen, und fing an, ihm dermaßen die Stiefel zu bürsten, daß dem Gelehrten die Hühneraugen glühten, während der andre Mr. Winkle mit einer mächtigen Kleiderbürste bearbeitete und bei dieser Operation den zischenden Ton von sich gab, den Stallknechte gewöhnlich hören lassen, wenn sie ein Pferd abreiben.

Nachdem Mr. Snodgraß seine Waschungen beendet hatte, stellte er sich mit dem Rücken an das Feuer und überschaute, behaglich seinen Kirschgeist schlürfend, die Küche. Er beschreibt sie als einen großen, mit Backsteinen gepflasterten und mit einem breiten Kamin versehenen Raum, die Decke verziert, mit Girlanden von Schinken, Speckseiten und Zwiebelzöpfen, die Wände mit Hetzpeitschen, Riemen, Bügeln, einem Sattel und einer alten verrosteten Donnerbüchse mit der Anschrift: „Geladen!“ In der einen Ecke tickte eine ehrwürdige alte Wanduhr, und eine silberne von gleichem Alter hing an einem der vielen Haken über dem Anrichttische.

„Fertig?“ fragte der alte Herr, als seine Gäste gewaschen, geflickt, gebürstet und mit Branntwein erquickt waren.,

„Stehen zu Diensten“, versetzte Mr. Pickwick.

„Dann bitte ich Sie, mit mir zu kommen“, fuhr Mr. Wardle fort und führte seine Gäste durch mehrere dunkle Gänge in das Wohnzimmer, gefolgt von Mr. Tupman, der einige Augenblicke gezögert hatte, um von Emma einen Kuß zu erhaschen, wofür er gebührend durch heftiges Zurückstoßen und Kratzen gezüchtigt worden war.

„Willkommen“, rief der gastfreundliche alte Herr, die Tür öffnend und eintretend, um die Herren anzumelden. „Willkommen, Gentlemen, in Manor Farm!“