Vierunddreißigstes Kapitel


Vierunddreißigstes Kapitel

Mr. Pickwick beschließt, nach Bath zu gehen.

„Aber wahrhaftig, mein lieber Herr“, sagte der kleine Perker, als er am andern Morgen nach der Gerichtssitzung Mr. Pickwick besuchen kam, „es wird Ihnen doch nicht wirklich ernst sein – wir wollen jetzt ohne Spaß und ohne Aufregung davon sprechen –, Sie werden doch nicht im Ernst die Unkosten und die Entschädigung verweigern wollen?“

„Nicht einen halben Penny bezahle ich“, sagte Mr. Pickwick fest, „nicht einen halben Penny.“

„Es geht nichts über feste Grundsätze, wie der Wucherer sagte, als er den Wechsel nicht verlängern wollte“, bemerkte Mr. Weller, der das Frühstück abräumte.

„Sam“, sagte Mr. Pickwick, „sei so gut und geh hinunter.“

„Sogleich, Sir“, erwiderte Mr. Weller und zog sich auf diesen zarten Wink sogleich zurück.

„Nein, Perker“, fuhr Mr. Pickwick mit Ernst und Würde fort, „meine Freunde hier haben sich alle Mühe gegeben, mir meinen Entschluß auszureden; aber ich bleibe fest. Ich werde mich wie gewöhnlich beschäftigen, bis die Gegenpartei das gesetzliche Recht hat, Exekution gegen mich zu beantragen, und wenn sie niedrig genug denkt, sich derselben zu bedienen und mich verhaften zu lassen, so werde ich mich fröhlich und zufrieden darein ergeben. Wann läuft die Zeit ab?“

„Bei der nächsten Gerichtssitzung“, antwortete Perker, „das heißt gerade in zwei Monaten, mein lieber Herr.“

„Also gut. Bis dahin, werter Freund, lassen Sie mich nichts mehr von der Sache hören. Und jetzt“, fuhr Mr. Pickwick fort und wandte sich mit vergnügtem Lächeln und funkelnden Augen, deren Glanz selbst durch den der Brille nicht verdunkelt werden konnte, an seine Freunde, „jetzt handelt es sich bloß darum, wohin begeben wir uns zunächst?“

Mr. Tupman und Mr. Snodgraß waren von dem Heroismus ihres Meisters zu sehr hingerissen, als daß sie sogleich eine Antwort hätten finden können; Mr. Winkle harte sich noch nicht hinlänglich von der Erinnerung an seine Zeugenschaft erholt, um ein Wörtchen mitzusprechen, und so wartete Mr. Pickwick vergebens auf Antwort.

„Nun gut“, sagte er endlich, „wenn Sie die Bestimmung 0iir überlassen wollen, so schlage ich Bath vor. Soviel ich weiß, ist noch keiner von uns dort gewesen.“

Es war wirklich so, und da Perker, der es für höchstwahrscheinlich hielt, daß Mr. Pickwick nach einiger Luftveränderung und Zerstreuung sich eines Besseren besinnen und die Sache mit dem Schuldgefängnis in einem andern Lichte betrachten werde, den Vorschlag eifrig unterstützte, so wurde die Reise einstimmig beschlossen und Sam sogleich nach dem „Weißen Roß“ abgeschickt, um auf dem am nächsten Morgen um halb acht Uhr abgehenden Postwagen fünf Plätze zu belegen.

Es waren nur noch 2wei innen und drei außen zu vergeben. Sam Weller nahm sie alle, und nachdem er mit dem Postkassierer wegen einer bleiernen halben Krone, die man ihm herausgeben wollte, einige Höflichkeiten gewechselt, ging er nach dem „Georg und Geier“ zurück, wo er sich bis zum Schlafengehen eifrigst damit beschäftigte, Kleider und Wäsche in den kleinstmöglichen Raum zu zwängen, und sein ganzes mechanisches Genie aufbot, um durch allerhand sinnreiche Kunstgriffe die Koffer zu verschließen, die keine Schlösser hatten.

Der nächste Morgen war höchst ungünstig für eine Reise. Es lag ein trüber, dunstiger Nebel, und es regnete. Die Pferde vor dem Postwagen, der gerade von der City kam, dampften so, daß die außen fahrenden Passagiere ganz unsichtbar waren. Die Zeitungsverkäufer sahen aus wie aus dem Wasser gezogen und rochen dunstig; der Regen troff von den Hüten der Orangenverkäufer, wenn sie die Köpfe in die Kutschenfenster hereinsteckten, und die Juden mit den fünfzigklingigen Federmessern steckten ihre Ware verzweifelnd ein. Ebensowenig konnten die andern Händler ihre Uhrketten und Röstgabeln, ihre Bleistifthalter und Schwämme losschlagen.

Als der Wagen anhielt, überließen Mr. Pickwick und seine Freunde Sam Weller die Sorge, das Gepäck aus den Händen der sieben oder acht Träger zu retten, die wütend darüber herfielen, und da sie um zwanzig Minuten zu früh gekommen waren, suchten sie Schutz im Passagierzimmer – dem letzten Zufluchtsort menschlichen Elends.

Das Passagierzimmer im „Weißen Roß“ ist, wie es sich von selbst versteht, nichts weniger als behaglich; es wäre ja sonst kein Passagierzimmer. Es ist die Stube rechterhand, hat aber mehr Ähnlichkeit mit einer Küche, in der Schüreisen, Feuerzangen und Schaufeln unordentlich beieinanderliegen. Zur Förderung der Geselligkeit der Reisenden war es in mehrere abgesonderte Verschlage abgeteilt und mit einer Glocke, einem Spiegel sowie mit einem Kellner versehen, der sich an einem Wasserkübel zu schaffen machte, um Gläser zu spülen. In einem dieser Verschlage saß dazumal ein grimmig dreinblickender Mann von etwa fünfundvierzig Jahren, mit glänzend kahler Stirn, starkem schwarzem Haar an den Schläfen und dem Hinterkopf und einem großen dunklen Backenbart. Er hatte seinen braunen Rock bis unter das Kinn zugeknöpft, trug eine große Reisemütze von Seehundsfell, und ein Überrock nebst Mantel lag neben ihm auf dem Stuhl. Als Mr. Pickwick eintrat, blickte er mit trotzig-gebieterischer Miene, die viel Würdevolles hatte, von seinem Frühstück auf, und, nachdem er die Herren ungeniert gemustert, summte er ein Liedchen in einer Art, die zu sagen schien, wer mit ihm anbinden wolle, werde schlecht dabei fahren. „Kellner!“ schrie er dann plötzlich.

„Sir!“ erwiderte ein junger Mensch mit schmutzigem Gesicht und dito Handtuch, der aus der Ecke des Zimmers hervortauchte.

„Toast mit Butter!“

„Sogleich, Sir.“

„Toast mit Butter, verstanden!“ wiederholte der Gentleman in barschem Ton.

„Ganz recht, Sir.“

Der Herr mit dem Backenbart summte sein Liedchen wie vorhin, näherte sich sodann in Erwartung der Brotschnitten dem Kamin, nahm seine Rockschöße unter den Arm, blickte auf seine Stiefel nieder und schien in tiefes Nachdenken zu versinken.

„Ich bin doch neugierig, wo unsre Kutsche in Bath anhält“, sagte Mr. Pickwick in freundlichem Tone zu Mr. Winkle.

„Wie – was?“ fiel der Fremde ein.

„Sir“, erwiderte Mr. Pickwick, stets bereit, auf eine Unterhaltung einzugehen, „ich sagte zu meinem Freunde, ich möchte gern wissen, wo die Kutsche in Bath anhält. Vielleicht können Sie mir Auskunft geben?“

„Reisen Sie nach Bath?“ fragte der Fremde.

„Ja, Sir.“

„Und die andern Herren?“

„Sie reisen auch mit.“

„Aber doch nicht im Wagen drinnen – ich will verdammt sein, wenn Sie im Wagen fahren.“

„Wir alle gerade nicht“, sagte Mr. Pickwick.

„Nein, Sie alle natürlich nicht“, versetzte der Fremde mit Nachdruck. „Ich habe zwei Plätze genommen. Wenn man sechs Leute in diesen verwünschten Kasten hineinzwängen will, der nur für vier Raum hat, so nehme ich die Extrapost und klage. Ich habe meine Fahrt bezahlt und dabei dem Sekretär ausdrücklich gesagt, daß so etwas ein für allemal nicht angeht. Ich weiß, daß diese Burschen es häufig so machen. Ich weiß, daß sie sich’s alle Tage herausnehmen; aber bei mir sollen sie schon ein Haar darin finden. Wer mich kennt, weiß, daß ich mir nichts bieten lasse. Gott straf mich.“

Dann klingelte der wilde Gentleman mit großer Heftigkeit und schnauzte den Kellner an, er solle die gerösteten Brotschnitten binnen fünf Sekunden bringen, oder er wolle ihn schon Mores lehren.

„Werter Herr“, sagte Mr. Pickwick, „erlauben Sie mir, Ihnen zu bemerken, daß Sie sich ganz unnötigerweise so ereifern. Ich habe nur zwei Plätze innen belegt.“

„Das freut mich“, sagte der wilde Mann, „ich nehme meine Ausdrücke zurück. Ich bitte um Entschuldigung. Hier ist meine Karte. Geben Sie mir die Ihre.“

„Mit größtem Vergnügen, Sir“, erwiderte Mr. Pickwick. „Wir werden Reisegefährten sein und, wie ich hoffe, zu unserm gegenseitigen Vergnügen.“ „Das hoffe ich auch“, sagte der grimmige Gentleman. „Weiß es sogar schon. Sie gefallen mir. Meine Herren Ihre Hand! Wie ist Ihr Name?“ Natürlich fanden sofort freundschaftliche Begrüßungen statt, und der grimmige Gentleman stellte sich in denselben kurz abgebrochenen Sätzen als Mr. Dowler vor. Er reise zu seinem Vergnügen nach Bath, habe früher in der Armee gedient, aber seinen Abschied genommen, lebe jetzt standesgemäß von seinen Renten, und der zweite Platz, den er bestellt, sei für niemand geringeren als für Mrs. Dowler, seine werte Gemahlin. „Sie ist eine schöne Frau“, fügte er hinzu. „Ich bin stolz auf sie. Ich habe alle Ursache!“

„Ich hoffe, ich werde das Vergnügen haben, mich selbst davon zu überzeugen“, sagte Mr. Pickwick lächelnd.

„Das sollen Sie auch“, erwiderte Mr. Dowler. „Sie soll Ihre Bekanntschaft machen; sie wird Sie hochachten. Ich bewarb mich um sie unter seltsamen Umständen. Gewann sie durch ein übereiltes Gelübde. Die Sache war so. Ich sah sie, liebte sie, erklärte mich; sie gab mir einen Korb. – ,Lieben Sie einen andern?‘ – ,Ersparen Sie mir ein Erröten!‘ – ,Ich kenne ihn.‘ – ,Das weiß ich!‘ – ,Gut, ich werde ihm die Haut abziehen, wenn er hier bleibt.'“

„Gott steh mir bei“, rief Mr. Pickwick unwillkürlich aus.

„Und haben Sie dem Herrn tatsächlich die Haut abgezogen?“ fragte Mr. Winkle erblassend.

„Ich schrieb ihm ein Billett. Ich sagte, es sei eine fatale Sache. Und das war es auch.“

„Das will ich glauben“, meinte Mr. Winkle.

„Ich sagte, ich hätte mein Wort als Ehrenmann verpfändet, ihm die Haut abzuziehen. Meine Ehre stehe auf dem Spiele. Ich hätte keine Wahl mehr. Als Offizier in den Diensten Seiner Majestät müßte ich es tun. Ich bedauerte die Notwendigkeit, allein es ließe sich nicht mehr ändern. Er war zugänglich für Vernunftgründe. Sah ein, daß Ehrengesetze gebieterisch Befolgung heischten. Floh. Ich heiratete sie. Hier kommt die Kutsche. Da sieht sie eben heraus.“

Mr. Dowler zeigte nach dem offenen Fenster des soeben angekommenen Postwagens, aus dem ein recht hübsches Gesichtchen unter einer hellblauen Haube auf die im Hofe stehende Gruppe schaute, höchstwahrscheinlich, um den grimmigen Mann herauszufinden. Mr. Dowler bezahlte und eilte mit seiner Reisekappe, seinem Stock und Mantel hinaus, und Mr. Pickwick und seine Freunde folgten ihm, um sich ihrer Plätze zu versichern.

Mr. Tupman und Mr. Snodgraß waren hinten hinauf, Mr. Winkle in den Wagen selbst gestiegen, und Mr. Pickwick stand im Begriff, ihm zu folgen, als Sam Weller zu ihm trat und ihm mit äußerst geheimnisvoller Miene zuflüsterte, er habe ihm etwas zu sagen.

„Nun, Sam“, fragte Mr. Pickwick, „was gibt’s denn?“

„’ne nette Geschichte, Sir.“

„Also was denn?“

„Ich fürchte sehr“, antwortete Sam, „daß der Eigentümer dieser Kutsche uns ’n impertinenten Streich gespielt hat.“

„Wieso, Sam? Sind etwa die Namen nicht eingetragen?“

„Sie sin nich nur eingetragen, sondern einer davon is sogar auf die Kutschentür gemalt.“ Mit diesen Worten deutete Sam auf den Teil der Tür, wo gewöhnlich der Name des Eigentümers steht, und wirklich war hier in stattlichen vergoldeten Buchstaben der Name Pickwick zu lesen. „Seltsam“, rief Mr. Pickwick ganz verblüfft, „wahrhaftig, sehr seltsam.“

„Das is noch nich alles“, sagte Sam und lenkte nochmals die Aufmerksamkeit seines Herrn auf die Kutschentür, „sie haben nich bloß ,Pickwick‘ draufgeschrieben, sondern auch noch Moses davorgesetzt, und das nenne ich ’ne Verhöhnung neben der Beleidigung, wie der Papagei sagte, als man ihm nich nur aus seinem Vaterland entführte, sondern auch später noch zwang, Englisch zu lernen.“

„Es ist wirklich sehr auffallend, Sam“, gab Mr. Pickwick zu, „aber wenn wir noch lange dastehen und schwatzen, so verlieren wir unsre Plätze.“

„Was, Sie wollen da gar nichts gegen tun?“ rief Sam, gänzlich verwundert über die Kaltblütigkeit, mit der Mr. Pickwick sich anschickte, einzusteigen.

„Was soll ich denn tun?“ fragte Mr. Pickwick. „Was soll ich denn tun?“

„Soll denn niemand für diese Frechheit gezüchtigt werden, Sir?“ fragte Mr. Weller, der zum mindesten den Auftrag erwartet hatte, den Kondukteur und den Kutscher zu einem Faustkampf an Ort und Stelle herauszufordern.

„Nein, nein“, erwiderte Mr. Pickwick eifrig, „unter keinen Umständen. Steige jetzt auf deinen Platz.“

„Ich fürchte beinahe“, murmelte Sam beiseite, „ich fürchte beinahe, mit meinem Herrn ist es nich ganz richtig, sonst wäre er nich so ruhig geblieben. Der Prozeß wird ihm doch hoffentlich seinen Mut nich genommen haben? Es sieht verdammt schlimm aus.“ – Dann stieg er auf, schüttelte bedenklich den Kopf und sprach als Beweis, wie sehr er sich die Sache zu Herzen nahm, kein Wort mehr, bis die Kutsche am Kensingtoner Schlagbaum anhielt. In seinem ganzen Leben war es vielleicht noch nicht vorgekommen, daß er so lange geschwiegen hatte.

Während der Reise trug sich nichts besonders Erwähnenswertes zu. Mr. Dowler erzählte eine Menge Anekdoten, die sämtlich seinen Mut und seine Tollkühnheit zum Thema hatten, und appellierte dabei an seine Gemahlin, die sie bestätigte und als Zugabe jedesmal noch irgendeinen merkwürdigen Umstand hinzufügte, den Mr. Dowler vergessen oder vielleicht auch aus Bescheidenheit übergangen hatte.

Mr. Pickwick und Mr. Winkle hörten mit großer Bewunderung zu und unterhielten sich zuweilen mit Mrs. Dowler, die eine höchst angenehme und bezaubernde Dame war, und so schwand bei den Geschichten Mr. Dowlers, den Reizen seiner Gemahlin, der guten Laune Mr. Pickwicks und dem trefflichen Zuhörertalent Mr. Winkles der Gesellschaft im Wagen die Zeit aufs angenehmste dahin.

Mit den Außenpassagieren ging es wie gewöhnlich. Sie waren bei Anfang der Fahrt sehr lustig und gesprächig, m der Mitte langweilig und schläfrig und gegen Ende wieder sehr aufgeräumt und munter. Ein in einen Gummimantel gekleideter junger Herr rauchte den ganzen Tag Zigarren, ein andrer junger Herr in einer Art Parodie auf einen großen Überrock zündete deren eine Menge an, fühlte sich aber nach dem zweiten Zug unwohl und warf sie heimlich wieder weg, wenn er sich unbeobachtet glaubte. Ein dritter kramte seine Kenntnisse in der Viehzucht aus, und ein alter Mann, der rückwärts saß, gab seine landwirtschaftlichen Erfahrungen zum besten. Auf jeder Station stiegen Reisende ab und kamen andre dazu, zum Teil in Bauernkitteln, die als blinde Passagiere beim Kondukteur aufsaßen und sich rühmten, jedes Pferd und jeden Hausknecht auf dieser Straße zu kennen; wobei sie zugleich ihre Bemerkungen über das Mittagessen austauschten und meinten, es wäre um eine halbe Krone nicht zu teuer gewesen, wenn man Zeit gehabt hätte, zuzulangen. Endlich um sieben Uhr abends erreichten Mr. Pickwick und seine Freunde sowie Mr. Dowler und seine Gemahlin Bath und stiegen im Hotel zum „Weißen Hirsch“, dem großen Brunnensaal gegenüber, ab, wo man die Kellner wegen ihrer Tracht bekanntlich leicht mit jungen Gymnasiasten aus Westminster verwechseln könnte, wenn sie sich nicht wesentlich besser zu benehmen wüßten.

Am folgenden Morgen war das Frühstück kaum abgetragen, als ein Kellner eine Karte von Mr. Dowler brachte, der um Erlaubnis bat, einen Freund vorstellen zu dürfen. Gleich darauf traten die beiden Herren ein.

Der Freund Mr. Dowlers war ein sehr einnehmender jugendlicher Mann von nicht viel mehr als fünfzig Jahren und trug einen strahlenden blauen Überrock mit funkelnden Knöpfen, schwarze Beinkleider und äußerst feine, blank geputzte Stiefel. Eine goldene Lorgnette hing an einem breiten schwarzen Bande an seiner Brust; in der linken Hand trug er nachlässig eine goldene Tabaksdose, an seinen Fingern glänzten zahllose goldene Ringe, und über seinem Busenstreif strahlte eine in Gold gefaßte Brillantnadel. Außerdem trug er eine goldene Uhr an einer goldenen Kette mit großen goldenen Petschaften und in der Hand einen feinen Stock von Ebenholz mit einem schweren goldenen Knopf. Seine Wäsche war so weiß, so fein und so glatt wie nur möglich, seine Perücke seidenweich, schwarz und lockig. Sein Schnupftabak war Prinzenmischung, sein Parfüm Bouquet du Roi. Seine Züge umschwebte ein beständiges Lächeln, und seine Zähne waren so vortrefflich gepflegt, daß es in einiger Entfernung schwerhielt, die natürlichen von den falschen zu unterscheiden.

„Mr. Pickwick“, stellte Mr. Dowler vor, „– mein Freund Angelo Cyrus Bantam, Esquire, Kurmarschall, Badeintendant. – Erlaube vorzustellen „

„Willkommen in Ba – ath, Sir. – In der Tat eine herrliche Akquisidon. Herzlich willkommen in Ba – ath, Sir. Es ist lange her – sehr lange, Mr. Pickwick, daß Sie den Brunnen nicht getrunken haben. Es deucht mir eine Ewigkeit zu sein, Mr. Pickwick. Me – erkwürdig!“

Mit diesen Worten ergriff Angelo Cyrus Bantam, Esquire, Mr. Pickwicks Hand, hielt sie in der seinigen fest und zuckte unter beständigen Verbeugungen die Achseln, als ob er wirklich nicht imstande sei, sie je wieder loszulassen.

„Es muß allerdings schon sehr lange her sein, daß ich den Brunnen nicht getrunken habe“, antwortete Mr. Pickwick, „denn meines Wissens war ich noch nie hier.“

„Noch nie in Ba – ath, Mr. Pickwick?“ rief der Kurmarschall aus und ließ voll Erstaunen dessen Hand fahren. „Noch nie in Ba – ath? Hihi! Mr. Pickwick, Sie sind ein Spaßvogel. Nicht übel, nicht übel. Gut, gut. Hihihi! Me – erkwürdig!“

„Ich muß zu meiner Schande bekennen, daß es mir vollkommen Ernst ist“, versetzte Mr. Pickwick. „Ich bin wirklich noch nie dagewesen.“ „Oh, ich weiß wohl“, rief der Badeintendant äußerst vergnügt, „jaja – gut, ganz gut – besser und immer besser. Sind Sie der Herr, von dem wir gehört haben. Ja, wir kennen Sie, Mr. Pickwick, wir kennen Sie.“

Diese verwünschten Journalberichte über meinen Prozeß! dachte Mr. Pickwick. Sie wissen alles von mir.

„Sie sind der Herr, der in Clapham Green wohnt und den Gebrauch seiner Glieder dadurch verlor, daß er sich erkältete, nachdem er Portwein getrunken, der sich wegen heftiger Schmerzen nicht rühren konnte, und dem man das Wasser vom Königsbad hundertunddreißig Grad stark nach London auf sein Zimmer schickte, wo er badete, nieste und an demselben Tage wieder genas. Äußerst me – erkwürdig!“

Mr. Pickwick erkannte das in dieser Annahme liegende Kompliment an, besaß jedoch Selbstverleugnung genug, es gleichwohl abzulehnen, und benützte ein augenblickliches Stillschweigen von Seiten Mr. Bantams, um ihm seine Freunde, die Herren Tupman, Winkle und Snodgraß vorzustellen. Natürlich war der Kurmarschall ganz überwältigt von Entzücken und Ehre.

„Bantam“, sagte Mr. Dowler, „Mr. Pickwick und seine Freunde sind Fremde. Sie müssen ihre Namen einschreiben. Wo ist das Buch?“

„Das Verzeichnis der ausgezeichneten Gäste in Ba – ath wird um zwei Uhr im Brunnensaal ausliegen“, erwiderte der Badeintendant. „Wollen Sie vielleicht unsre Freunde in dieses Prachtgebäude führen und mich in den Stand setzen, ihre Autogramme zu bekommen?“

„Sehr gern“, versetzte Mr. Dowler. „Das ist übrigens ein langer Besuch. Es ist Zeit, daß wir gehen; ich werde in einer Stunde wieder hier sein. Kommen Sie!“

„Es ist heute abend Ball“, sagte der Zeremonienmeister und ergriff zum Abschied Mr. Pickwicks Hand abermals. „Die Ballabende in Ba – ath sind paradiesische Augenblicke, zauberhaft durch Musik, Schönheit, Eleganz, guten Ton, Etikette – und – und – durch die Abwesenheit aller Handels- und Gewerbsleute, die sich mit dem Begriff eines Paradieses durchaus nie vereinigen lassen und alle vierzehn Tage in Guildhall ihre eignen Zusammentreffen haben, die zumindest, äh – sehr merkwürdig sind. Adieu indessen!“

Nachdem Angelo Cyrus Bantam, Esquire, noch die ganze Treppe hinab beteuert, er sei unendlich befriedigt, entzückt, überwältigt und geschmeichelt, stieg er in einen äußerst eleganten Wagen, der ihn vor der Tür erwartete, und rasselte von dannen.

Zur festgesetzten Stunde begaben sich Mr. Pickwick und seine Freunde, von Mr. Dowler begleitet, nach dem Brunnensaal und schrieben ihre Namen in das Fremdenbuch ein – ein Beweis von Herablassung, durch den sich Angelo Bantam noch mehr überwältigt fühlte als zuvor. Die ganze Gesellschaft sollte Einlaßkarten zur Abendassemblee haben; da sie aber noch im Druck waren, erklärte Mr. Pickwick trotz aller Gegenvorstellungen Angelo Bantams, er werde um vier Uhr seinen Diener Sam nach der Wohnung des Bademarschalls in Queensquare schicken, um sie abholen zu lassen. Nachdem die Herren sodann einen kurzen Spaziergang“ durch die Stadt gemacht und einstimmig erklärt hatten, die Parkstreet habe eine auffallende Ähnlichkeit mit den gewissen vertikalen Straßen, die man in Träumen sieht und um alles in der Welt nicht hinaufgehen kann, kehrten sie in den „Weißen Hirsch“ zurück, und Sam wurde mit dem erwähnten Auftrag fortgeschickt.

Sam Weller stülpte seinen Hut leicht und graziös auf den Kopf, steckte die Hände in die Rocktaschen und wanderte gemächlich zur Queensquare. Unterwegs pfiff er etliche der beliebtesten neueren Lieder, und zwar so, wie sie mit ganz neuen Variationen für jenes edle Instrument besonders komponiert sind, das man Drehorgel nennt. Als er in der Queensquare die Nummer gefunden hatte, die ihm bezeichnet worden war, klopfte er munter an die Haustür, die sogleich von einem bepuderten Portier in prachtvoller Livree mit symmetrischem Körperbau geöffnet wurde.

„Wohnt hier Mr. Bantam, Kamerad?“ fragte Sam Weller, nicht im mindesten eingeschüchtert durch den Strahlenglanz, den die Person des gepuderten Lakaien mit der prachtvollen Livree um sich verbreitete.

„Warum, junger Mann?“ war die stolze Gegenfrage des Gepuderten.

„Weil Sie, wenn es sich so verhält, mit dieser Karte zu ihm gehen und ihm sagen sollen, Mr. Weller ist da; is es gestattet, werter Sechsfuß?“ sagte Sam, trat dabei höchst kaltblütig in den Hausflur und setzte sich.

Der gepuderte Lakai schlug die Tür heftig zu und schnitt ein grimmiges Gesicht; allein diese beiden Demonstrationen verfehlten ihren Eindruck auf Sam, der mit allen Zeichen kritischer Billigung einen Mahagonischrank betrachtete.

Offenbar hatte die Art, wie Mr. Bantam die Karte aufgenommen, den Gepuderten günstiger für Sam gestimmt, denn er kehrte freundlich lächelnd zurück und sagte, die Antwort werde sogleich erfolgen.

„Schon gut“, erwiderte Sam. „Sagen Sie dem alten Herrn, er brauche sich nich zu erhitzen, ’s hat keine große Eile nich, werter Herr Sechsfuß. Ich habe bereits zu Mittag gespiesen.“

„So zeitig speisen Sie?“ fragte der Gepuderte.

„Ich finde, daß mir dann das Abendessen besser schmeckt“, erwiderte Sam.

„Sind Sie schon lange in Bath, Sir? Ich habe noch nie das Vergnügen gehabt, von Ihnen zu hören.“

„Habe bisher hier noch keine große Sensat schon gemacht“, erwiderte Sam, „denn ich und die andern Herren sind erst diesen Abend angekommen.“ „Ein schöner Ort, Sir“, warf der Gepuderte hin.

„Scheint so.“

„Eine angenehme Gesellschaft, Sir. Sehr feine Dienerschaften, Sir.“

„Gebe ich ohne weiters zu“, erwiderte Sam. „Freundliche unaffektierte Leute, wo nich viel Federlesens machen.“

„Ja, das ist wahr, Sir“, erwiderte der gepuderte Lakai, der Sams Bemerkung offenbar für ein großes Kompliment hielt. „Das ist wahr. Ein Prieschen gefällig, Sir?“ fügte er hinzu, und zog seine kleine Schnupftabaksdose mit einem Fuchskopf auf dem Deckel hervor.

„Ich muß zu sehr niesen“, lehnte Sam ab.

„Jaja, Sir“, sagte der lange Portier, „das Schnupfen ist allerdings schwer; doch nach und nach geht es schon. Am besten lernt man es mit Kaffee. Ich habe lange Kaffee geschnupft, Sir. Er sieht ganz aus wie Rapee.“

Ein plötzliches scharfes Klingeln versetzte den gepuderten Lakaien in die schmähliche Notwendigkeit, den Fuchskopf wieder einzustecken und mit unterwürfiger Miene in Mr. Bantams „Studierzimmer“ zu eilen.

„Hier ist die Antwort, Sir“, sagte er dann. „Ich fürchte fast, sie ist ihrer Größe wegen etwas unbequem.“

„Hat nichts zu sagen“, erwiderte Sam, einen Brief in einem kleinen Kuvert in Empfang nehmend. „Möglich, daß die erschöpfte Natur es noch überlebt.“

„Ich hoffe, wir werden uns wiedersehen, Sir“, sagte der Gepuderte, rieb sich die Hände und begleitete Sam bis an die Tür.

„Sie sin gar zu gütig, Sir“, dankte Sam. „Strengen Se sich nur nich über Ihre Kräfte an. Bedenken Sie, was Sie der menschlichen Gesellschaft schuldig sin, und übernehmen Se sich nich durch zu vieles Arbeiten. Um Ihre Mitgeschöpfe willen verhalten Se sich so ruhig wie möglich und überlegen sich gut, wie schmerzlich man Ihren Verlust empfinden würde.“

Mit diesen pathetischen Worten entfernte sich Sam.

„Ein höchst sonderbarer junger Mensch“, meinte der gepuderte Lakai, Mr. Weller mit einem Gesicht nachblickend, auf dem deutlich geschrieben stand, daß er aus ihm nicht klug werden konnte.

Sam seinerseits sprach nichts mehr. Er blinzelte, schüttelte den Kopf, lächelte, blinzelte abermals und lief lustig seines Weges dahin, mit einer Miene, die nicht daran zweifeln ließ, daß ihm irgend etwas großes Behagen bereiten müsse. Präzis zwanzig Minuten vor acht Uhr sprang Angelo Cyrus Bantam, Esquire, der Bademarschall, vor dem Ballhaus aus seinem Wagen mit derselben Perücke, denselben Zähnen, derselben Uhr nebst Petschaft, denselben Ringen, derselben Busennadel und demselben Stocke. Die einzigen bemerkbaren Veränderungen in seinem Aufzuge bestanden darin, daß er einen noch großartigeren blauen Frack mit weißseidenem Futter, enge schwarze Beinkleider, schwarze seidene Strümpfe, Tanzschuhe und weiße Weste trug und dabei womöglich noch etwas süßer duftete.

So geschmückt begab er sich zur pünktlichen Erfüllung der wichtigen Obliegenheiten seines hochwichtigen Amtes in die Gemächer, um die Gesellschaft zu empfangen.

Da Bath sehr besucht war, so strömten sowohl Gäste als Sechspence für den Tee in Masse herein. Im Ballsaal, in dem achteckigen Spielzimmer, in dem langen Spielzimmer, auf den Treppen und in den Gängen, überall war ein Gedränge und ein verworrenes Gesumm, daß man kaum sein eigenes Wort verstehen konnte. Kleider rauschten, Federn nickten, Kerzen leuchteten und Juwelen funkelten. Musik ertönte – nicht die Tanzmusik, die noch nicht begonnen hatte, sondern die Musik zart und sanft auftretender Füße und dann und wann das gewisse leise Kichern und Flüstern weiblicher Stimmen, das so angenehm für das männliche Ohr ist – in Bath wie überall. Von allen Seiten glänzten und funkelten strahlende Augen voll wonniger Erwartung; wohin man blickte, schwebte eine herrliche Gestalt anmutsvoll durch das Gedränge, und sie war kaum verschwunden, als bereits eine andre, ebenso schöne und bezaubernde an ihre Stelle trat.

Im Teezimmer und an den Kartentischen erblickte man eine große Anzahl wunderlich ausstaffierter alter Damen und abgelebter alter Herren, die alle das abgeschmackte Tagesgeschwätz und Geklatsch mit sichtlicher Freude und Lust abhandelten. Unter diesen Gruppen befanden sich drei oder vier Matronen, die ihre Töchter gern unter die Haube gebracht hätten und in die Unterhaltung, an der sie teilnahmen, ganz vertieft zu sein schienen, dabei aber nicht ermangelten, von Zeit zu Zeit ihren lieben Kinderchen besorgte Seitenblicke zuzuwerfen. Diese, der mütterlichen Ermahnungen, ihre Blütezeit zu benützen, eingedenk, hatten bereits ihre kleinen Koketterien begonnen, indem sie absichtlich verlegte Halstücher suchten, Handschuhe anzogen, Tassen auf den Tisch stellten und so weiter – dem ersten Anschein nach unbedeutende Dinge, mit denen sich aber bei einiger Übung und Erfahrung erstaunlich viel bewirken läßt.

An den Türen und in den entfernten Winkeln trieben sich größere oder kleinere Gruppen alberner junger Herren herum, naseweise Zierbengel, durch ihr kindisches Benehmen und Abgeschmacktheiten jeglicher Art allen verständigen Leuten ein Hohn und Spott, die sich überglücklich fühlten in dem Wahne, Gegenstand der allgemeinen Bewunderung zu sein.

Auf einigen der rückwärtigen Bänke endlich hatte eine Anzahl unverheirateter Damen, die die große Alterswende bereits zurückgelegt, ihre Plätze für den Abend eingenommen. Sie tanzten nicht, weil sich keine Tänzer für sie fanden, spielten auch nicht Karten, um nicht unrettbar ledig zu bleiben, und befanden sich daher in der günstigen Lage, über jedermann schimpfen zu können, ohne an sich selbst zu denken, über jedermann, denn alles war Fröhlichkeit, Glanz und Pracht. Lauter elegant gekleidete Herren und Damen, prachtvolle Spiegel, glänzende Fußböden, duftende Blumenkränze, strahlende Wachskerzen. Und überall in stiller Freundlichkeit von Ort zu Ort schlüpfend, bald vor dieser Gesellschaft tief sich verbeugend, bald jener vertraulich zuwinkend und alle wohlgefällig anlächelnd, erblickte man die zierlich geschniegelte Person des Bademarschalls Angelo Cyrus Bantam, Esquire.

„Kommen Sie in das Teezimmer. Trinken Sie für Ihre sechs Pence. Man gießt siedendes Wasser auf und nennt es Tee. Trinken Sie“, sagte Mr. Dowler mit lauter Stimme zu Mr. Pickwick, der mit Mrs. Dowler am Arm der kleinen Gesellschaft voranging.

Mr. Pickwick verfügte sich in das Teezimmer, und als Mr. Bantam seiner ansichtig ward, wand er sich wie ein Korkzieher durch das Gedränge und bewillkommnete ihn mit Begeisterung.

„Mein teurer Herr, ich fühle mich unendlich geehrt. Ba – ath darf sich glücklich schätzen. Madam Dowler, Sie verschönern diese Räume. Ich gratuliere Ihnen zu Ihren Federn. Me – erkwürdig.“

„Ist jemand hier?“ fragte Dowler wählerisch.

„Jemand!? Die Elite von Ba – ath! Mr. Pickwick, sehen Sie die Dame dort mit dem Gazeturban.“

„Die dicke alte Dame?“ fragte Mr. Pickwick unschuldig.

„Pst, mein teurer Herr, in Ba – ath ist niemand dick oder alt. Es ist die verwitwete Lady Snuphanuph.“

„Wirklich?“

„Wie ich Ihnen sage, niemand Geringeres“, versichert“ der Kurmarschall. „Kommen Sie doch ein wenig näher, Mr. Pickwick. Sehen Sie den prachtvoll gekleideten jungen Herrn dort?“

„Den mit den langen Haaren und der auffallend schmalen Stirn?“

„Ja; das ist gegenwärtig der reichste junge Mann in Ba – ath, der junge Lord Mutanhed.“

„Was Sie nicht sagen!“ rief Mr. Pickwick.

„Sie werden ihn sogleich sprechen hören, Mr. Pickwick. Er wird sich mit mir unterhalten. Der andre Herr bei ihm mit der roten Weste und dem dunklen Backenbart ist Mr. Crushton, Hochwohlgeboren, sein Busenfreund. – Äh, wie befinden Sie sich, Mylord?“

„Seah heiß hia, Bantam“, bemerkte Seine Lordschaft, die beim Aussprechen des R einige Schwierigkeiten zu bekämpfen hatte.

„Es ist allerdings sehr warm, Mylord“, bemerkte der Kurmarschall.

„Verteufelt heiß“, bekräftigte Mr. Crushton, Hochwohlgeboren.

„Haben Sie den Postkarren Seiner Lordschaft schon gesehen, Bantam?“ fragte er nach einer kurzen Pause, während der junge Lord Mutanhed Mr. Pickwick durch vornehm-stolzes Anblicken aus der Fassung zu bringen versuchte und Mr. Chrushton nachgesonnen hatte, welches Thema Seiner Lordschaft wohl am besten liegen möchte.

„Nein, noch nicht. Ein Postkarren, welch famoser Einfall! Me – erkwürdig!“

„Gütigeah Himmel“, lispelte Seine Lordschaft, „ich dachte, jedamann müsse den neuen Postkachen schon gesehen haben; es ist das netteste, zialichste, aatigste Ding, was je auf Wädean gelaufen ist, wot angemalt und mit einem isabellfaabigen Schecken davoa.“

„Und mit einem wirklichen Briefkasten, alles ganz vollständig“, setzte Crushton, Hochwohlgeboren, hinzu.

„Und einem kleinen Voasitz mit eisana Lehne füa den Kutscha“, ergänzte Seine Lordschaft. „Ich fuha gestan Moagen damit in einem Kaamoisinwock nach Bwistol und ließ zwei Bediente eine Viatelstunde hinten nachweiten, und da waa es zu schön, wie die Leute aus den Häusan stüchtzen und mich anhielten und faagten, ob ich nichts füa sie hätte. Das waa ein Kapitalspaß.“

Dabei lachte Seine Lordschaft recht herzlich und die Zuhörer natürlich auch. Sodann schob er seinen Arm durch den des dienstfertigen Mr. Crushton und entfernte sich mit ihm.

„Ein entzückender junger Mann, dieser Lord“, sagte der Badeintendant.

„Es scheint so“, bemerkte Mr. Pickwick trocken.

Nachdem alle nötigen Einleitungen und Anordnungen zum Tanze getroffen waren und die Musik eingesetzt hatte suchte Angelo Bantam Mr. Pickwick wieder auf und führte ihn ins Spielzimmer.

Eben als sie eintraten, umschwebten die verwitwete Lady Snuphanuph und zwei andre Damen von antikem, whistlustigem Aussehen einen unbesetzten Spieltisch, und kaum erblickten sie Mr. Pickwick in Begleitung Mr. Angelo Bantams, wechselten sie bedeutsame Blicke miteinander, in denen sich klar und unverkennbar die Ansicht aussprach, dies sei gerade der Mann, dessen sie bedürften, um ein Spielchen zu machen. „Mein lieber Bantam“, schmeichelte die verwitwete Lady Snuphanuph, „tun Sie uns doch den Gefallen und suchen Sie uns einen passenden Mitspieler.“

Da Mr. Pickwick in diesem Augenblick zufällig nach einer andern Seite sah, winkte Ihre Herrlichkeit mit dem Kopf nach ihm zu und runzelte ausdrucksvoll die Stirn.

„Mylady“, sagte der Badeintendant, den Wink verstehend, „mein Freund, Mr. Pickwick; wird sich unendlich glücklich schätzen. Mr. Pickwick – Lady Snuphanuph – Frau Oberst Wugsby – Miß Bolo.“

Mr. Pickwick verbeugte sich vor jeder der drei Damen, und da er einsah, daß kein Entrinnen war, ergab er sich in sein Schicksal. Er und Miß Bolo spielten gegen Lady Snuphanuph und die Frau Oberst Wugsby.

Eben als die zweite Partie begann und der Trumpf schon auflag, rannten zwei junge Damen ins Zimmer und stellten sich auf beiden Seiten neben dem Stuhl der Frau Oberst „Wugsby auf, wo sie geduldig warteten, bis das Spiel vorüber war.

„Nun, Jane“, sagte die Oberstin, sich an eines der Mädchen wendend, „was gibt’s?“

„Ich möchte dich nur fragen, Mama, ob ich mit dem jüngsten Mr. Crawley tanzen darf“, flüsterte die hübschere und jüngere der beiden Töchter. „Um Gottes willen, Jane, wie kannst du an so etwas denken?“ erwiderte die Mutter entrüstet. „Hast du nicht schon oft gehört, daß sein Vater bloß achthundert Pfund jährlich besitzt, die überdies bei seinem Tode wegfallen? Ich muß wirklich für dich in die Seele hinein schämen. – um keinen Preis.“

Mama“, flüsterte die andre, die viel älter als ihre Schwester und dabei unendlich einfältig und affektiert war, „Lord Mutanhed ist mir vorgestellt worden. Ich habe gesagt, ich sei, glaube ich, noch nicht engagiert, Mama.“

„Du bist mein liebes Kind“, erwiderte die Frau Oberst, mit dem Fächer der Tochter auf die Wange klopfend, „auf dich kann ich mich immer verlassen. Er ist unermeßlich reich, meine Liebe. Gott segne dich.“

Mit diesen Worten küßte sie ihre älteste Tochter aufs zärtlichste, runzelte gegen die andre warnend die Stirn und mischte die Karten. Der arme Mr. Pickwick! Er hatte noch nie mit drei abgebrühten Whistspielerinnen gespielt. Sie waren so verzweifelt aufmerksam, daß ihm angst und bange wurde. Spielte er eine falsche Karte aus, so drohte ihm ein ganzes Arsenal von Dolchen aus den Augen Miß Bolos; besann er sich einen Augenblick, so warf sich Lady Snuphanuph in ihren Stuhl zurück und lächelte mit einem teils ungeduldigen, teils mitleidigen Blick der Frau Oberst Wugsby zu, worauf Frau Oberst Wugsby die Achseln zuckte und hustete, als wollte sie sagen, es werde sie doch wundern, wann er denn endlich beginne. Nach jeder Runde fragte Miß Bolo mit verdrießlichem Gesicht und vorwurfsvollem Seufzen, warum Mr. Pickwick nicht Karo nachgespielt oder Treff angespielt oder Pik gestochen oder Herz gebracht oder das As herausgeholt oder auf den König gespielt habe oder sonst etwas Ähnliches, und auf alle diese schweren Anschuldigungen wußte der Ärmste schlechterdings keine Rechtfertigung vorzubringen, weil er inzwischen das ganze Spiel vergessen hatte. Hauptsächlich aber brachte ihn Angelo Bantam, Esq., aus dem Konzept, der ganz in der Nähe mit den beiden Misses Matinter laut plauderte, die sitzengeblieben waren und deshalb dem Bademarschall huldigten, um durch seine Vermittlung wenigstens hie und da einen damenlosen Tänzer zu ergattern. Alles dies, verbunden mit dem Lärm der Musik und den vielen Unterbrechungen durch das beständige Aufundabgehen von Zuschauern machte, daß Mr. Pickwick ziemlich schlecht spielte. Überdies hatte er kein Glück, und als sie zehn Minuten nach elf Uhr aufhörten, erhob sich Miß Bolo in großer Aufregung vom Tisch und ließ sich unter einer Flut von Tränen in einer Sänfte nach Hause tragen.

Mr. Pickwick kehrte sofort mit seinen Freunden, die samt, lieh versicherten, nicht sobald einen Abend angenehmer zugebracht zu haben, nach dem „Weißen Hirsch“ zurück, und nachdem er seine Gefühle mit einigen warmen Getränken beschwichtigt, ging er zu Bett, um augenblicklich einzuschlafen.

Fünfunddreißigstes Kapitel


Fünfunddreißigstes Kapitel

Enthält eine authentische Version des Märchens vom Prinzen Bladud und zugleich ein höchst merkwürdiges Malheur, das Mr. Winkle widerfuhr.

Da Mr. Pickwick wenigstens zwei Monate in Bath zu bleiben gedachte, hielt er es für ratsam, für sich und seine Freunde eine Privatwohnung zu nehmen; er mietete daher, sobald sich eine günstige Gelegenheit ergab, den oberen Stock eines Hauses in Royal Crescent, zusammen mit Mr. Dowler und Gemahlin, da mehr als genügend Raum vorhanden war. Hierauf begann er mit größtem Eifer die Brunnenkur und erklärte nach jedem Becher zum größten Entzücken seiner Freunde aufs feierlichste und nachdrücklichste, er fühle sich bereits bedeutend besser, obgleich niemand vorher etwas von einer Unpäßlichkeit an ihm bemerkt hatte.

Eines Abends nun saß er, nachdem seine Freunde schlafen gegangen, mit seinen Aufzeichnungen beschäftigt, noch auf, drückte daß Fließpapier sorgfältig auf die letzte Seite, schloß das Tagebuch, wischte die Feder an seinem untern Rockfutter ab und öffnete die Schublade des Schreibpultes, um es hineinzulegen. Dabei fiel ihm ein beschriebener Bogen Papier in die Augen, der, nach dem Titel zu schließen, kein Privatdokument war und überdies Bezug auf Bath zu haben schien. Da er noch nicht müde war, beschloß er, es durchzulesen rückte seinen Stuhl näher ans Feuer.

DIE WAHRHAFTIGE GESCHICHTE VOM PRINZEN BLADUD

Vor nicht ganz zweihundert Jahren las man auf einem der öffentlichen Badeanstalten in dieser Stadt eine nunmehr verschwundene Inschrift zu Ehren ihres mächtigen Erbauers, des berühmten Prinzen Bladud.

Schon viele hundert Jahre vorher hatte sich von Generation zu Generation eine alte Sage vererbt, der erlauchte Prinz habe, weil er mit dem Aussatz behaftet gewesen, nach seiner Rückkehr von dem alten Athen, allwo er sich eine reiche Ernte von Kenntnissen gesammelt, den Hof seines königlichen Vaters gemieden und trübsinnig unter Hirten und Schweinen gelebt. Unter der Herde nun befand sich, so erzählt die Legende, ein Schwein mit einer ernsten feierlichen Miene, mit dem der Prinz außerordentlich sympathisierte – denn auch er war sehr ernster Sinnesart –, ein Schwein von nachdenklichem, zurückhaltendem Wesen, ein Tier, das allen andern weit überlegen war und ebenso schrecklich zu grunzen wie zu beißen verstand. Der junge Prinz seufzte tief, als er das Gesicht des majestätischen Schweines erblickte, denn es gemahnte ihn an seinen königlichen Vater, und seine Augen betauten sich mit Tränen.

Dieses kluge Schwein badete sich gerne in tiefem Schlamm, aber nicht nur im Sommer, wie gewöhnliche Schweine es auch heute noch lieben, um sich abzukühlen, und schon in jenen fernen Zeiten taten – ein Beweis, daß das Licht der Zivilisation schon damals, wiewohl nur schwach, emporzudämmern begonnen hatte –, sondern auch in schneidend kalten Wintertagen. Es hatte immer einen so reinen Teint und sah so gesund aus, daß der Prinz sich entschloß, die reinigenden Kräfte desselben Wassers zu erproben, dessen sich sein Freund bediente.

Unter dem schwarzen Schlamm sprudelten die heißen Quellen von Bath.

Der Prinz badete sich und wurde geheilt. Unverzüglich eilte er an den Hof seines Vaters, bezeugte ihm seine Ehrfurcht, kehrte aber schnell wieder zurück und gründete diese Stadt mit ihren berühmten Bädern.

Dann suchte er das naturkundige Schwein in alter treuer Freundschaft auf – aber ach, das Wasser war sein Tod geworden. Es hatte unvorsichtigerweise bei zu heißer Temperatur ein Bad genommen, wie in späterer Zeit nach ihm, wie die Geschichte erzählt, Plinius, der ebenfalls ein Opfer seines Durstes nach Erkenntnis wurde. Soweit die Sage.

Mr. Pickwick gähnte laut, faltete das kleine Manuskript sorgfältig wieder zusammen, legte es an seinen alten Platz in die Schublade des Schreibtisches, zündete sodann mit einem Gesicht, auf dem die äußerste Müdigkeit zu lesen war, sein Nachtlicht an und begab sich die Treppe hinauf in sein Schlafzimmer.

Vor Mr. Dowlers Tür blieb er wie gewöhnlich stehen und klopfte an, um ihm gute Nacht zu wünschen.

„Ah“, rief Mr. Dowler, „Sie gehen ins Bett? Ich wollte, ich läge schon drin. Eine widerwärtige Nacht. Was? Sehr windig, nicht?“

„Ja“, versetzte Mr. Pickwick, „also, gute Nacht.“

„Gute Nacht.“

Mr. Pickwick ging in sein Schlafzimmer und Mr. Dowler blieb, einem übereilten Versprechen, bis zur Rückkehr seiner Gemahlin wach bleiben zu wollen, noch auf.

Es gibt nicht leicht etwas Unangenehmeres, als nachts auf jemand zu warten, besonders wenn dieser Jemand in Gesellschaft ist. Man kann sich des Gedankens nicht erwehren, wie schnell den Leuten dort die Zeit vergeht, die sich für einen selbst träge dahinschleppt, und je mehr man daran denkt, desto mehr schwindet die Hoffnung auf die baldige Ankunft des Erwarteten. Auch ticken die Uhren so laut, wenn man so allein dasitzt, und man meint, lauter Spinnen kröchen einem den Leib entlang. Zuerst juckt es einen am rechten Knie und dann stellt sich derselbe Reiz am linken ein. Ändert man seine Stellung, so kriecht es einem in die Arme, und wenn man seine Beine in allen möglichen Richtungen die Kreuz und die Quere herumgeworfen hat, so juckt es einen plötzlich an der Nase, daß man sie am liebsten wegreiben möchte. Auch die Augen fangen an zu brennen, und der Docht eines Lichtes wird anderthalb Zoll lang, ehe man ihn putzt. Solche und andre kleine Nervenstimmungen machen das lange Aufbleiben, wenn alle übrigen schon zu Bett gegangen sind, keinesfalls zu einem lustigen Zeitvertreib.

So dachte auch Mr. Dowler, als er vor dem Kamin saß, und ärgerte sich im Innersten seines Herzens über all die gefühllosen Leute auf dem Ball, die ihn so lange des Schlafes beraubten. Seine Laune wurde nicht verbessert durch den Gedanken, daß er am Abend Kopfweh vorgeschützt hatte, um zu Hause bleiben zu können. Endlich, nachdem er zu wiederholten Malen eingenickt und mit der Stirn an das Kamingitter gestoßen, aber immer wieder rechtzeitig zurückgefahren war, um sich das Gesicht nicht zu verbrennen, beschloß er, sich auf das Bett im Hinterzimmer zu legen und daselbst seinen Gedanken nachzuhängen – beileibe nicht etwa, um zu schlafen.

Ich habe einen harten Schlaf, sagte sich Mr. Dowler, als er sich in die Kissen warf. Ich muß wach bleiben und werde von hier das Klopfen wohl hören können. Natürlich ja, höre ich doch den Nachtwächter unten auf und ab schreiten. – Jetzt schon leiser. – Eben geht er um die Ecke. Ah! Als Mr. Dowler so weit in seinen Beobachtungen gekommen, war auch er bereits um die Ecke, das heißt in festem Schlaf.

Schlag drei Uhr wurde eine Sänfte, mit Mrs. Dowler darin, vor das Haus gebracht. Die Träger waren ein kurzer fetter Knirps und ein baumlanger Bursche, die auf dem Wege viel Mühe hatten, ihre Körper und vollends gar die Sänfte lotrecht zu halten, denn auf der Höhe und in der Nähe von Crescent wütete und stürmte der Wind so abscheulich, als wollte er das Straßenpflaster aufreißen. Sie waren daher herzlich froh, ihre Last endlich an Ort und Stelle niedersetzen zu können, und fingen an, mit dem Klopfer die Tür zu bearbeiten.

„Das Gesinde liegt in Morphiums Armen, scheint’s“, sagte der kurze Sänftenträger und wärmte sich während des Wartens die Hände an der Flamme des begleitenden Fackeljungen.

Aber niemand kam. Alles war still und finster wie zuvor.

„Mein Gott“, sagte Mrs. Dowler, „Sie müssen eben noch einmal klopfen.“

„Ist vielleicht eine Glocke da?“ fragte der Kurze.

„Natürlich is eine da“, fiel der Fackelträger ein, „ich habe doch in einem fort daran geläutet.“

„Bloß der Handgriff ist da“, erklärte Mrs. Dowler, „der Draht ist zerbrochen.“

„Ich wollte, Ihrer Dienerschaft wären die Köpfe zerbrochen“, knurrte der Lange.

„Ich muß Sie bemühen, gefälligst noch einmal zu klopfen“, wiederholte Mrs. Dowler mit der größten Höflichkeit.

Der Kurze klopfte noch mehrere Male, aber ohne den geringsten Erfolg. Dem Langen riß endlich die Geduld, er löste ihn ab und klopfte in einem fort mit gewaltigen Doppelschlägen an die Türe wie ein wahnsinniger Briefträger.

Endlich begann Mr. Winkle zu träumen, er sei in einem Klub; die Mitglieder hätten Streit miteinander bekommen, und der Präsident sei genötigt, gewaltig auf den Tisch zu hämmern, um die Ordnung wiederherzustellen; sodann schwebte ihm dunkel ein Auktionszimmer vor, in dem es an Kauflustigen fehlte und der Auktionator alles selbst erstehen mußte, und endlich fing er an zu denken, es könne in den Grenzen der Möglichkeit liegen, daß jemand an die Haustür klopfe. Um jedoch ganz sicher zu gehen, blieb er noch etwa zehn Minuten ruhig im Bett und horchte. Erst als er zwei- oder dreiunddreißig Schläge gezählt hatte, gab er sich zufrieden und bildete sich nicht wenig auf seine Wachsamkeit ein.

„Rap rap-rap rap-rap rap-ra, ra, ra, ra, ra, rap“, erschallte der Klopfer an der Haustür.

Höchlich verwundert, was das wohl zu bedeuten haben könne, sprang Mr. Winkle aus den Federn, zog schleunigst Strümpfe und Pantoffeln an, wickelte sich in seinen Schlafrock, zündete an dem Nachtlicht, das auf dem Kamin brannte, eine kleine Kerze an und eilte die Treppe hinab. „Endlich kommt jemand, Ma’am“, meldete der kurze Sänftenträger.

„Ich wollte, ich wäre mit der Hetzpeitsche hinter ihm her“, murrte der Lange.

„Wer ist draußen?“ rief Mr. Winkle und mühte sich ab, den Riegel zurückzuschieben.

„Frag nich lang, du Schafskopf“, erwiderte ärgerlich der Lange, der nicht anders glaubte, als der Fragende sei ein Bedienter, „aufgemacht!“

„Vorwärts! Schnell! Du Faultier!“ fügte der Kurze aufmunternd hinzu.

Mr. Winkle, noch halb im Schlaf, gehorchte mechanisch, öffnete die Tür ein wenig und blickte hinaus. Das erste, was er sah, war der rote Glanz der Fackel. Bei diesem unerwarteten Anblick erschrak er, und in der Meinung, das Haus stehe in Flammen, stieß er schnell die Tür weit auf, hielt das Licht über seinen Kopf empor und starrte geradeaus vor sich hin, ohne sich darüber klarwerden zu können, ob das, was er erblickte, eine Sänfte sei oder eine Feuerspritze. In diesem Augenblick kam ein heftiger Windstoß, das Licht erlosch, Mr. Winkle fühlte sich unwiderstehlich auf die Stufen vor der Haustür hingetrieben, und die Tür selbst schlug mit lautem Krachen hinter ihm zu.

„Da haben Sie’s, junger Mann“, sagte der Kurze.

Als Mr. Winkle durch das Fenster der Sänfte hindurch das Gesicht einer Dame erblickte, wandte er sich eiligst um, klopfte aus Leibeskräften an das Tor und schrie den Trägern wie wahnsinnig zu, sie sollten mit der Sänfte ihres Weges gehen.

„Fort! Fort!“ rief er ängstlich. „Da kommt jemand des Weges! Laßt mich in die Sänfte hinein. Versteckt mich, helft mir!“ – Dabei schauerte er vor Kälte, und jedesmal, wenn er die Hand nach dem Klopfer erhob, faßte der Wind auf eine höchst unzarte Weise seinen Schlafrock. – „Da kommen ja Leute. Es sind Damen darunter; bedeckt mich doch mit irgend etwas; stellt euch vor mich hin!“

Allein die Sänftenträger waren zu sehr durch Lachen in Anspruch genommen, als daß sie den geringsten Beistand hätten leisten können, und die Damen kamen mit jedem Augenblick näher und immer näher.

Mr. Winkle tat einen letzten verzweifelten Schlag an die Tür – die Damen waren nur noch um einige Häuser weit entfernt –, warf das ausgelöschte Licht, das er die ganze Zeit hindurch über seinen Kopf emporgehalten hatte, weg und stürzte auf die Sänfte los, in der Mrs. Dowler saß.

Jetzt endlich hatte Mrs. Craddock, die Portiersfrau, das Klopfen und Lärmen gehört, rasch die Nachtmütze mit einer andern Kopfbedeckung vertauscht und schob gerade in dem Augenblick das Schiebfenster des Hausmeisterzimmers zurück, als Mr. Winkle auf die Sänfte losstürzte. Kaum hatte sie gesehen, was sich da abspielte, als sie ein gewaltiges Jammergeschrei erhob und Mr. Dowler mit der Bemerkung wecken rannte, er solle unverzüglich aufstehen, denn seine Frau laufe mit einem fremden Herrn davon.

Mit der Elastizität eines Gummiballes sprang Mr. Dowler aus dem Bett, stürzte in das vordere Zimmer und kam in demselben Moment an ein Fenster, als Mr. Pickwick gerade ein andres aufriß, und das erste, was sich den erstaunten Blicken der beiden darbot, war, wie Mr. Winkle in die Sänfte hineinstürmen wollte.

„Nachtwächter!“ schrie Dowler wütend, „fangt ihn! – Packt ihn! – Haltet ihn fest, bis ich komme. Ich werde ihm die Kehle durchschneiden – ein Messer her! – ja, von einem Ohr bis zum andern, Mrs. Craddock.“ – Und trotz des Jammergeschreis der Hausfrau, in das Mr. Pickwick einstimmte, ergriff der entrüstete Ehemann ein Dessertmesser und stürzte auf die Straße hinunter.

Doch Mr. Winkle wartete nicht so lange. Kaum hörte er die schreckliche Drohung des rasenden Dowler, als er, so schnell er konnte, wieder aus der Sänfte sprang, seine Pantoffeln weit von sich schleuderte und Fersengeld gab, hitzig verfolgt von Mr. Dowler und dem Nachtwächter, in tollem Lauf um den Crescentplatz herum. Er hatte sich einen Vorsprung gesichert, und als er zum zweitenmal vor das Haus kam und das Tor offen fand, stürzte er hinein, warf „s Dowler vor der Nase zu, eilte in sein Schlafzimmer, verschloß die Tür, pflanzte als Verrammlung einen Toilettentisch nebst einigen Kommoden davor auf und packte einige notwendige Sachen zusammen, in der Absicht, mit Tagesanbruch zu entfliehen. Mr. Dowler kam vor seine Tür, erklärte durch das Schlüsselloch hinein seinen festen Entschluß, ihm am folgenden jag die Kehle durchzuschneiden, und erst nach einem gewaltigen Wirrwarr und Lärm im Gesellschaftszimmer, aus dem man vor allem Mr. Pickwicks Stimme, bemüht Frieden zu stiften, heraushörte, zerstreuten sich die erregten Hausgenossen in ihre verschiedenen Schlafgemächer, und alles wurde wieder ruhig.

Wo, um alles in der Welt, hatte nun Mr. Weller die ganze Zeit über gesteckt? Man hatte ihm am Morgen dieses verhängnisvollen Tages einen Brief ausgehändigt. Sam hatte sich sehr darüber gewundert und zunächst den Brief hin und her gedreht, um das Siegel und die Aufschrift zu entziffern; dann kam er langsam zu der Ansicht, daß es vielleicht zweckmäßig wäre, ihn zu öffnen.

„Auf goldrandiges Papier geschrieben“, murmelte er, als er ihn öffnete, „und in braunem Lack mit ‚m Ende vom Türschlüssel gesiegelt. Na, wollen mal sehen.“ Und mit völlig ernstem Gesicht las er dann:

„Mr. John Smauker, der Gentleman, der das Vergnügen hatte, Mr. Weller im Hause ihres gemeinsamen Bekannten, Mr. Bantam, neulich zu sehen, beehrt sich, Mr. Weller für heute abend zu einer Soareh im engeren Kreise, bestehend aus gedämpfter Hammelkeule nebst üblichen Gängen, ergebenst einzuladen. Es wird pünktlich um halb zehn Uhr serviert. Wenn Mr. Weller um neun Uhr bei Mr. John Smauker eintreffen könnte, so würde Mr. John Smauker sich ein Vergnügen daraus machen, Mr. Weller einzuführen.

John Smauker.“

„Na“, meinte Sam, „is ja ’n starkes Stück is das. Ich hab noch nie gehört, daß ’ne gedämpfte Hammelkeule Soareh heißt; möchte mal wissen, wie die ’ne gebratene nennen.“ Er zerbrach sich aber nicht lange den Kopf darüber, sondern verschaffte sich bei Mr. Pickwick Urlaub für den Abend. Kurz vor der bestimmten Zeit bewaffnete er sich mit dem Hausschlüssel und schlenderte recht gemütlich zur Queensquare, wo er schon aus einiger Entfernung Mr. John Smauker erblickte, der sein gepudertes Haupt gegen einen Laternenpfahl lehnte und eine Zigarre aus einer Bernsteinspitze rauchte.

„Wie befinden Sie sich, Mr. Weller?“ sagte Mr. John Smauker, wobei er mit der einen Hand graziös den Hut lüftete, während er mit der anderen eine vornehm-herablassende Bewegung vollführte. „Wie befinden Sie sich, Sir?“

„Schon sehr auf dem Wege der Besserung“, antwortete Sam, „aber wie geht’s Ihnen, Kamerad?“

„Bloß soso“, sagte Mr. John Smauker.

„Aha, Sie haben zu hart gearbeitet“, bemerkte Sam. „Das kam mir doch gleich so vor. Soll man nich machen, wissen Sie. Sie dürfen sich einfach nich so reinwühlen.“

„Daran liegt es nicht mal so, Mr. Weller“, antwortete Mr. John Smauker, „als am schlechten Wein; ich fürchte, ich bin ausschweifend gewesen.“ „Mhm“, sagte Sam, „das is ja allerdings kein Spaß.“

„Ach, dauernd diese Versuchungen; Sie wissen es ja auch. Mr. Weller“, seufzte Mr. John Smauker.

„Na, und ob!“ antwortete Sam.

„Immer so mitten im Strudel der Gesellschaft“, fuhr Mr. John Smauker fort, „hach ja. Aber so geht’s einem nun mal. Wenn einen das Schicksal in die große Welt entführt, dann kommen die Versuchungen, von denen die meisten Leute nie was zu spüren bekommen. Aber ich glaube, es ist Zeit, daß wir gehen.“

„Glaub ich auch“, meinte Sam, „sonst wird die Saoreh noch zu weich, oder sie brennt an.“

Unterwegs fragte Mr. John Smauker: „Haben Sie schon Brunnen getrunken, Mr. Weller?“

„Einmal“, antworte Sam.

„Und was halten Sie davon, Sir?“

„Also mir war es gründlich zuwider“, entgegnete Sam.

„Hm hm“, sagte Mr. John Smauker, „Ihnen mißfiel sicher der mineradische Kalligeschmack.“

„Davon verstehe ich nichts“, brummte Sam, „mir kam er bloß sengerig vor, wie ’n heißes Plätteisen.“

Unterdessen waren sie vor einem kleinen Gemüseladen angekommen und traten ein. In einem schmalen Zimmer waren alle erforderlichen Vorbereitungen zum Essen getroffen, und am Kaminfeuer wärmten sich mehrere Gäste, während einer von ihnen mit dem Rücken gegen das Fenster gelehnt stand. Dieser breitschultrige Gentleman in hochrotem Rock mit langen Schößen, hellroten Beinkleidern und Dreispitz, offenbar der bedeutendste unter den Anwesenden, begrüßte sogleich Mr. John Smauker, das heißt, sie verhakten ihre kleinen Finger ineinander und Mr. John Smauker lispelte, er sei entzückt, sein Gegenüber so wohl zu sehen.

„Freilich sagt man allgemein, ich sähe ziemlich blühend aus“, antwortete der Gentleman mit dem Dreispitz, „das ist aber geradezu ein Wunder. Ich habe nämlich in den letzten vierzehn Tagen nichts weiter zu tun gehabt, als zwei Stunden am Tag hinter unserer Alten herzusteigen. Dabei konnte ich nichts weiter tun, als Betrachtungen darüber anstellen, wie sie eigentlich ihr uraltes, scheußliches, lavendelfarbiges Kleid hinten zuhakt. Na, wenn das nicht genügt, um einen auf Lebenszeit in Verzweiflung zu stürzen, dann verzichte ich auf mein Gehalt.“

Alle Anwesenden lachten herzhaft, und ein Gentleman in gelber, mit Borte besetzter Weste flüsterte seinem Nachbarn, der grünen Cord trug, ins Ohr, Mr. Tuckle sei diesen Abend wieder so recht auf der Höhe. Sodann wurde Mr. Weller von Mr. John Smauker vorgestellt, und man setzte sich zum Essen.

Der Krämer erschien mit der Hammelkeule, zog waschlederne Handschuhe an, um die Teller sachgemäß aufzulegen und stellte sich hinter Mr. Tuckles Stuhl.

„Harris“, sagte Mr. Tuckle gebieterisch.

„Sir“, sagte der Krämer.

„Haben Sie die Handschuhe angezogen?“

„Jawohl, Sir.“

„So nehmen Sie die Glocke herunter!“

Der Krämer tat es, reichte dann Mr. Tuckle das Tranchiermesser und zog sich dabei eine scharfe Rüge zu, weil er versehentlich gähnte.

Mr. Tuckle tranchierte eben die Hammelkeule, als plötzlich die Tür aufgerissen wurde und ein Gentleman in lichtblauem Habit mit Bleiknöpfen erschien.

„Gegen die Gesetze“, rief Mr. Tuckle, „zu spät, zu spät!“

„O nein; ich konnte es nicht ändern“, sagte der Gentleman in Blau. „Ich appelliere an die Gemeinschaft. Eine galante Affäre. Stelldichein im Theater.“

„Ja, dann allerdings“, meinte ein Gentleman in orangefarbenem Plüsch.

„Genau das!“ fuhr der Lichtblaue fort. „Ich hatte mich verpflichtet, unsere jüngste Tochter pünktlich abzuholen. Sie ist ein hübsches Mädchen. So was läßt man nicht warten. Ich möchte der Gemeinschaft nicht zu nahe treten, aber: eine Schürze, Sir, eine Schürze geht immer vor.“

„Ich habe in letzter Zeit schon Lunte gerochen“, erwiderte Mr. Tuckle, während der neue Gast neben Sam Platz nahm, „ein- oder zweimal fiel mir auf, daß sie sich sehr fest auf Ihre Schulter stützte, wenn sie aus dem Wagen stieg.“

„Wahrlich, Tuckle, wahrlich, kein Wort mehr davon! So was gehört sich nicht. Ich habe vielleicht zu ein, zwei Freunden gesagt, daß sie ein geradezu himmlisches Geschöpf ist und daß sie einige Heiratsanträge ohne ersichtlichen Grund abgelehnt hat, aber… nein, nein und nochmals nein, unter keinen Umständen, Tuckle! Dazu noch vor Fremden! Das ist unpassend; Sie dürfen es einfach nicht! Delikatesse, mein teurer Freund, Delikatesse!“ Und der Lichtblaue schüttelte unwillig den Kopf und runzelte die Stirn, als könnte er noch viel darüber erzählen, was er um der Ehre willen verschwiege.

Da er nicht übel aussah und eine kecke, muntere Art hatte, kam Sam mit ihm in ein Gespräch, das in der gemeinsamen Feststellung gipfelte, Männer von Welt dürften sich nicht wegwerfen; früher oder später wäre die Wirkung einer guten Uniform auf Frauen unwiderstehlich. Inzwischen hatte der Krämer Gläser gebracht und die Gentlemen aufgefordert, ihre alkoholischen Wünsche zu äußern, worauf Sam eine große Bowle Punsch bestellte und sich damit die Hochachtung der Gesellschaft erwarb. Später wurden Reden gehalten und besondere Vorkommnisse erörtert. So wurde unter anderem bekannt, daß Mr. Whiffers, der Gentleman in orangefarbenem Plüsch, sein Engagement gelöst hatte. Mr. Whiffers gab eine ausführliche Erklärung hierfür, in welcher er die Vermutung äußerte, er selbst habe durch seine eigene Geduld und Nachgiebigkeit jene beleidigende Zumutung heraufbeschworen, die ihn zur Beendigung seiner Tätigkeit gezwungen habe. Er entsann sich deutlich, seinerzeit eingewilligt zu haben, daß man ihm gesalzene Butter zum Essen anbot, und ein anderes Mal, als jemand im Hause erkrankt wäre, hätte er sich soweit vergessen, daß er einen Kohleneimer in den ersten Stock hinaufgetragen hätte. Er hoffte nun, durch sein offenes Geständnis nicht die Achtung seiner Freunde verloren, oder sie mindestens durch die Entschlossenheit wiedergewonnen zu haben, mit der er die letzte ruchlose Beleidigung seiner Gefühle – die Zumutung, kalten Braten zu essen – gerächt habe.

Mr. Whifferes erntete stürmische Bewunderung, und man trank mit großem Enthusiasmus auf die Gesundheit des edlen Märtyrers. Der Märtyrer dankte und schlug Mr. Wellers Gesundheit vor. Mr. Weller dankte in wohlgesetzten Worten und schloß mit dem Wunsche, das Opfer der Tyrannei im Schwefelkleid möge nie wieder mit kalter Soareh geärgert werden; worauf er sich mit gewinnendem Lächeln setzte und gleichfalls stürmischen Beifall erntete. Dann brach die Gesellschaft auf.

„Sie wollen doch nicht etwa schon gehen, alter Junge“, wandte sich Sam an seinen Freund, Mr. John Smauker.

„Ich muß tatsächlich“, sagte Mr. Smauker, „ich hab’s Bantam versprochen.“

„Das ist was anderes“, gab Sam zu, „aber hier Freund Feuerbrand, Sie auch? Sollen wir dreiviertel von der Bowle im Stich lassen? Is doch Unfug! Los, setzen Sie sich wieder.“

Mr. Tuckle vermochte nicht zu widerstehen. Er legte den dreieckigen Hut und seinen Stab zur Seite und erklärte sich bereit, aus guter Kameradschaft noch ein einziges Gläschen zu trinken.

Da der Lichtblaue den gleichen Heimweg hatte wie Mr. Tuckle, ließ er sich gleichfalls bewegen, noch zu bleiben. Als die Bowle halb ausgetrunken war, bestellte Sam Austern, und die Wirkung des Punsches und der Austern war so erheiternd, daß Mr. Tuckle mit Dreimaster und Stab zwischen den Austernschalen auf dem Tisch den Froschhornpipe tanzte, wozu der Lichtblaue ingeniös auf einem Kamm blies. Der Punsch war vollkommen, und die Nacht auch fast völlig am Ende, da brachen die Herren auf, um einander nach Hause zu geleiten. Sobald Mr. Tuckle an die frische Luft kam, ergriff ihn ein unwiderstehliches Verlangen, sich auf das Straßenpflaster niederzulegen; Sam hielt es für eine Sünde, zu widersprechen, und ließ ihm daher seinen Willen. Da jedoch der Dreimaster Schaden genommen hätte, wenn er ihn gleichfalls hätte liegenlassen, drückte er ihn mit Bedacht dem Lichtblauen aufs Haupt, gab ihm Tuckles mächtigen Stab in die Hand, lehnte ihn aufrecht an seine Haustür, läutete und ging ruhig nach Hause.

Am kommenden Morgen war Mr. Pickwick früher als gewöhnlich aufgestanden, ging in Straßentoilette die Treppen hinab und läutete.

„Sam“, sagte er, als Mr. Weller erschien, „verschließe die Tür.“

„Wir haben“, begann er dann, „heute nacht einen unglückseligen Vorfall gehabt, infolgedessen Mr. Winkle Gewalttätigkeiten von Mr. Dowler befürchten muß.“

„Habe es schon von der Alten unten gehört“, erwiderte Sam.

„Und“, erzählte Mr. Pickwick mit höchst verdrießlicher Miene weiter, „ich muß leider hinzufügen, daß Mr. Winkle sich aus Furcht vor diesen Gewalttätigkeiten aus dem Staub gemacht hat.“

„Aus dem Staub jemacht?“

„Er hat diesen Morgen sehr früh, ohne die geringste Beratung mit mir, das Haus verlassen“, erklärte Mr. Pickwick. „Und er ist auf und davon, ohne daß ich weiß, wohin?“

„Hätte dableiben und die Sache ausfressen sollen, Sir“, versetzte Sam verächtlich. „Ich wollte mit diesem Dowler schon fertig werden, Sir.“ „Gut, Sam“, sagte Mr. Pickwick, „auch ich habe so meine Zweifel an der großen Tapferkeit und Entschlossenheit des Herrn, aber dem sei, wie es wolle, Mr. Winkle ist nun einmal nicht mehr da. Er muß aufgesucht und zu mir zurückgebracht werden, Sam.“

„Wenn er aber nich mehr kommen will, Sir?“

„Dann muß man ihn dazu zwingen, Sam“, sagte Mr. Pickwick.

„Und wer soll dies tun, Sir?“ fragte Sam lächelnd.

„Du!“

„Sehr wohl, Sir“, sagte Mr. Weller, verließ das Zimmer, und gleich darauf hörte man ihn die Haustür schließen.

Zwei Stunden später kehrte er so gelassen zurück, als hätte man ihn mit dem allergewöhnlichsten Auftrag abgesandt, und brachte die Nachricht, ein Individuum, dessen Beschreibung in jeder Beziehung auf Mr. Winkle passe, sei diesen Morgen mit der Postkutsche vom Royal-Hotel nach Bristol gefahren.

„Sam“, sagte Mr. Pickwick und ergriff Mr. Wellers Hand, „du bist ein Kapitalkerl, den man in Gold fassen sollte. Du mußt ihm nachreisen, Sam.“

„Sehr wohl, Sir“, erwiderte Mr. Weller.

„Und sowie du ihn ausfindig gemacht hast, schreibst du es mir auf der Stelle, Sam. Und wenn er einen Versuch macht, zu entfliehen, so schlägst du ihn zu Boden oder sperrst ihn ein. Du hast meine unumschränkte Vollmacht, Sam.“

„Ich werde alles getreu befolgen“, beteuerte Sam.

„Sage ihm, ich sei im höchsten Grad aufgebracht, erzürnt und empört über das äußerst auffallende Benehmen, das er sich habe zuschulden kommen lassen.“

„Sehr wohl, Sir.“

„Sage ihm ferner, wenn er nicht mit dir in dieses Haus Zurückkehren wolle, so werde er mit mir zurückkehren müssen, denn ich werde ihn selbst holen kommen.“

„Ich werde es ausrichten, Sir“, versprach Sam.

„Meinst du wirklich, daß du ihn finden wirst, Sam?“

„Oh, ich will ’n schon finden, mag er sein, wo er will“, erwiderte Sam mit großer Zuversicht.

„Sehr gut, also reise je eher, je lieber ab“, sagte Mr. Picknick, gab seinem getreuen Diener eine Summe Geldes und befahl ihm, sogleich nach Bristol zu fahren.

Sam packte einige notwendige Sachen in einen Mantelsack und war bereit, aufzubrechen. Am Ende des Ganges blieb er stehen, kehrte noch einmal um und steckte den Kopf durch die Tür.

„Was gibt’s, Sam?“ fragte Mr. Pickwick.

„Ich habe doch meine Instruktschon recht verstanden Sir? Habe ich das mit dem Umhauen buchstäblich zu verstehen?“

„Allerdings“, erwiderte Mr. Pickwick, „ganz buchstäblich. Tue, was du für nötig hältst. Du hast ausgedehnteste Vollmacht.“

Sam blinzelte verständnisinnig, zog seinen Kopf aus der Tür und begab sich fröhlichen Herzens auf seine Wanderschaft.

Sechsunddreißigstes Kapitel


Sechsunddreißigstes Kapitel

Wie Mr. Winkle aus dem Regen in die Traufe kommt.

Nachdem der vom Schicksal so schwer geprüfte Mr. Winkle die unglückliche Ursache des geschilderten ungewöhnlichen Lärms und der Störung sämtlicher Bewohner von Royal-Crescent gewesen und eine Nacht voll Bangigkeit und Angst zugebracht hatte, verließ er das Dach, unter dem seine Freunde noch schlummerten, und entfloh, ohne zu wissen wohin. Die selbstlosen Erwägungen, die ihn zu diesem Schritte veranlaßten, können gar nicht hoch genug veranschlagt werden. Wenn – sagte sich Mr. Winkle –, wenn dieser Dowler sich untersteht – und ich zweifle keineswegs, daß er es tun wird –, seine Androhungen persönlicher Gewalttätigkeiten gegen mich in Ausführung zu bringen, so werde ich nicht umhin können, ihn zu fordern. Er hat eine Frau; diese Frau liebt ihn über alles und kann ohne ihn nicht leben. Gütiger Gott! Wenn ich ihn in der Blindheit meines Zornes tötete, welche Vorwürfe müßte ich mir zeitlebens machen!

Dieser peinliche Gedanke wirkte so mächtig auf das Gefühlsleben des menschenfreundlichen jungen Mannes, daß seine Knie schlotterten und sich auf seinem Gesichte beunruhigende Kennzeichen tiefer innerer Bewegung malten. Er packte seinen Mantelsack, schlich sich leise die Treppen hinab, verschloß die verwünschte Haustür so geräuschlos wie möglich und machte sich auf und davon. Er lenkte seine Schritte zum Royal-Hotel, traf dort eine Kutsche, die im Begriff war, nach Bristol zu fahren, und da ihm Bristol für seine Zwecke ein ebenso guter Ort dünkte, wie jeder andre, kletterte er auf den Bock und erreichte den Ort seiner Bestimmung so schnell, wie man ihn mit zwei Pferden, die täglich zwei oder mehrere Male den ganzen Weg hin und Iher machen mußten, billigerweise erreichen konnte.

Er stieg im Gasthof „Zum Busch“ ab, und, entschlossen, jedem brieflichen Verkehr mit Mr. Pickwick so lange auszuweichen, bis Mr. Dowlers Zorn nach menschlicher Berechnung einigermaßen verflogen sein werde, ging er aus, um sich die Stadt zu besehen, an der ihm weiter nichts auffiel, als daß sie noch ein wenig schmutziger war als jeder andre Ort, den er bisher in Augenschein genommen. Nachdem er die Docks und Schiffswerften sowie auch die Kathedrale besichtigt, erfragte er den Weg nach Clifton und schlug sofort die Richtung ein, die man ihm bezeichnet hatte.

Wie indessen das Pflaster von Bristol nicht das breiteste und reinlichste auf Erden ist, so sind auch die Straßen dieser Stadt nicht eben die geradesten oder unverwickeltsten, und da Mr. Winkle durch ihre mannigfaltigen Windungen sehr verwirrt wurde, so sah er sich nach einem anständigen Laden um, in dem er sich Rat holen und Erkundigungen einziehen könnte.

Seine Augen fielen auf ein frischgetünchtes Haus, das offenbar erst vor kurzem in ein Mittelding zwischen einem Laden und einem Privathaus verwandelt worden war und, wie eine über, das fächerförmige Fenster der Haustür vorhängende rote Lampe sowie eine Inschrift: „Chirurgisches Ambulatorium“ in goldenen Buchstaben besagte, der Wohnsitz eines Heilkünstlers war. Da Mr. Winkle dies für einen geeigneten Ort hielt, um seine Wißbegier zu stillen, trat er in den kleinen Laden, und, da niemand anwesend war, klopfte er mit einer halben Krone auf den Tisch, um die Aufmerksamkeit der Leute anzulocken, die sich, wie er mutmaßte, im Hinterzimmer befinden mußten, das er für das Allerheiligste der Anstalt hielt, da das Wort „Chirurgisches Ambulatorium“ hier aufs neue und zwar zur Abwechslung diesmal mit weißen Lettern an die Tür gemalt war. Auf sein leises Klopfen hörte ein bis jetzt deutlich vernehmbares Geräusch, wie wenn mit Rapieren gefochten würde, plötz. lieh auf, lind beim zweiten schlüpfte ein gelehrt aussehender junger Mann mit einer grünen Brille auf der Nase und einem gewaltigen Buch in der Hand in den Laden, stellte sich hinter den Tisch und fragte nach dem Begehren seines Gastes.

„Entschuldigen Sie, wenn ich störe, Sir“, stotterte Mr Winkle, „aber würden Sie nicht vielleicht die Güte haben, mir zu sagen, wo …“ „Hahaha!“ lachte der gelehrte junge Herr, warf das große Buch in die Luft und fing es mit erstaunlicher Gewandtheit in demselben Augenblick wieder auf, wo es sämtliche Flaschen auf dem Tisch zu Atomen zu zertrümmern drohte. „Das nenne ich einmal sonderbar.“ Das war es auch wirklich, denn Mr. Winkle war über das auffallende Benehmen des Äskulapjüngers so über die Maßen erstaunt, daß er unwillkürlich gegen die Tür zurückwich und äußerst unruhig über diesen kuriosen Empfang dreinsah.

„Wie, kennen Sie mich nicht mehr?“ fragte der Medikus.

Mr. Winkle murmelte, er habe nicht das Vergnügen.

„Nun gut“, fuhr der Doktor fort, „dann habe ich noch Hoffnung. Wenn mir das Glück nur ein bißchen wohl will, so kann ich die Hälfte der alten Weiber von Bristol zu Patienten bekommen. Fort mit dir, du verschimmelte alte Bestie!“

Mit dieser Verwünschung, die dem großen Buche galt, schleuderte der Chirurg das Werk mit bewundernswürdiger Fertigkeit nach dem entfernten Ende des Ladens, nahm seine grüne Brille ab und ließ das leibhaftige Grinsen Robert Sawyers, Esquire, früher im Guys-Hospital, mit einer Privatwohnung in Landstreet, erkennen.

„Sie haben mich also wirklich nicht gleich erkannt? fragte Mr. Bob Sawyer, mit freundschaftlicher Wärme Mr Winkle die Hand schüttelnd. „Auf Ehre nicht“, versicherte Mr. Winkle, den Händedruds erwidernd.

„Haben Sie denn meinen Namen nicht gelesen?“ fuhr Mr. Bob Sawyer fort und lenkte die Aufmerksamkeit seines Besuches auf die äußere Tür, wo ebenfalls weiß angemalt die Worte standen: „Sawyer, früher Nockemorf.“

„Ich habe es nicht bemerkt“, erwiderte Mr. Winkle.

„Bei Gott, wenn ich gewußt hätte, daß Sie es sind, wäre ich sogleich herausgestürzt und hätte Sie in die Arme geschlossen, aber so wahr ich lebe, ich meinte, es sei der Steuereinnehmer.“

„Wirklich?“

„Ja. Und ich wollte eben sagen, ich sei nicht zu Haus, werde übrigens ausrichten, was er mir mitzuteilen habe, denn er kennt mich so wenig wie der Beleuchtungs- und Pflastersteuereinnehmer. Dem Steuerviertier für die Kirche scheint es indes schon zu schwanen, wer ich bin, und der Wasseronkel kennt mich auch, denn ihm habe ich gleich nach meiner Ankunft einen Zahn ausgezogen. Doch kommen Sie jetzt, treten Sie näher.“ So schwatzend, drängte Mr. Bob Sawyer seinen Freund Winkle in das Hinterzimmer, allwo niemand geringerer als Mr. Benjamin Allen saß und zum Zeitvertreib mit einem glühenden Schüreisen kleine runde Löcher in das Kamingesims bohrte.

„Wahrhaftig“, rief Mr. Winkle, „das ist ein Vergnügen, auf das ich nicht gefaßt war. Sie haben ja ein recht hübsches Heim hier.“

„Na, so ziemlich“, gab Bob Sawyer zu. „Ich habe bald nach unsrer denkwürdigen Abendgesellschaft das Examen gemacht; meine Freunde schössen mir das Nötige zur Einrichtung vor, und dann habe ich mir einen schwarzen Anzug nebst Brille zugelegt, um so feierlich wie möglich auszusehen, und habe mich hier niedergelassen.“

„Sie haben ohne Zweifel eine recht hübsche Einnahme?“ fragte Mr. Winkle mit Kennerblick.

„Macht sich“, meinte Bob Sawyer, „so hübsch, daß Sie nach wenigen Jahren den ganzen Profit in ein Weinglas ^gen und mit einem Stachelbeerblatt bedecken können.“

„Das kann doch nicht Ihr Ernst sein?“ sagte Mr. Winkle. „Schon die Vorräte …“

„Lauter Firlefanz, Freundchen. In der einen Hälfte der Schublade ist gar nichts, und die andern können nicht einmal herausgezogen werden.“ – Und zum Beweis zerrte Mr. Sawyer zu verschiedenen Malen vergeblich an den kleinen vergoldeten Knöpfchen der falschen Schubladen. »Im ganzen Laden ist kaum etwas Reelles als die Blutegel, und auch die haben schon einmal Dienste geleistet.“

„Das hätte ich nicht gedacht“, rief Mr. Winkle überrascht.

„Will ich auch hoffen“, erwiderte Bob Sawyer, „denn was nützte mir sonst all der Glanz. Doch was wollen Sie jetzt genießen? Halten Sie mit. Ben, lieber Kamerad, geh an den Schenktisch und hole uns den Patentmagenwärmer.“

Mr. Benjamin Allen gab seine Bereitwilligkeit durch ein Lächeln zu erkennen und zog aus dem Schrank neben sich eine schwarze, halbgefüllte Brandyflasche hervor.

„Sie trinken natürlich pur?“

„Danke Ihnen“, wehrte Mr. Winkle ab, „es ist noch ziemlich früh, und ich nehme lieber Wasser dazu, wenn Sie nichts dagegen haben.“

„Nicht das geringste, wenn Sie es mit Ihrem Gewissen vereinen können“, erwiderte Bob Sawyer, mit großem Behagen ein Glas hinabstürzend. „Ben, das Töpfchen!“

Mr. Benjamin Allen zog aus demselben Versteck einen kleinen messingenen Topf hervor, auf den Bob Sawyer stolz zu sein behauptete, da er so apothekermäßig aussähe. Nachdem das Wasser in diesem kunstgerechten Topfe vermittels mehrerer Schaufeln voll Kohlen, die Mr. Bob Sawyer einem „Sodawasser“ überschriebenen Wandschrank entnommen hatte, zum Sieden gebracht war, mischte Mr. Winkle seinen Brandy, und die Unterhaltung fing bereits an, allgemein zu werden, als sie durch einen jungen Burschen unterbrochen wurde, der in einer schlichten grauen Livree mit goldbetreßtem Hut und einem kleinen Deckelkorb unter dem Arm :n den Laden trat und vom Herrn des Hauses mit den Worten bewillkommnet wurde: „Kommst du endlich, Tom, du Schlingel?“

Der Junge trat sogleich vor.

„Gewiß bist du wieder mit allen Gassenjungen von Bristol herumgestrolcht, du Spitzbube.“

„Nein, Sir, ganz gewiß nicht“, beteuerte der Knabe.

„Möcht es dir auch nicht geraten haben“, brummte Mr. Bob Sawyer mit drohender Gebärde. „Wer wird einen Wundarzt rufen lassen, wenn man sieht, daß sein Laufbursche auf der Gasse spielt wie kleine Jungen? Hast du die Arzneien alle abgegeben?“

Ja, Sir.“

„Die Pulver für das Kind in dem großen Hause, wo die neue Familie wohnt, und die Pillen, die der hypochondrische alte Herr mit seinem Podagra täglich viermal einnehmen soll?“

Ja, Sir.«

„Na, dann mach die Tür zu und besorge den Laden.“

„Nun“, sagte Mr. Winkle, als der Knabe sich entfernt hatte, „die Sachen scheinen doch nicht so schlimm zu stehen, wie Sie mich glauben machen wollten. Sie haben doch immerhin Medizinen auszuschicken.“

Mr. Bob Sawyer spähte in den Laden, ob kein Unberufener ihn hören könne, beugte sich dann zu Mr. Winkle und sagte leise:

„Er bringt sie alle in die falschen Häuser.“

Mr. Winkle blickte äußerst verwundert drein, und Bob Sawyer und sein Freund lachten.

„Sehen Sie“, erklärte Bob, „er geht in ein Haus, läutet an, gibt dem Bedienten ein Paket ohne Aufschrift und entfernt sich. Der Herr des Hauses öffnet es und liest die Aufschrift: ,Ein Trank, beim Schlafengehen einzunehmen – Pillen, wie das letzte Mal – Wasser, wie gewöhnlich – das Pulver. Nach den Vorschriften Dr. Sawyers, früher Nockemorf, sorgfältig bereitet usw.‘ Er zeigt es seiner Frau, sie liest die Aufschrift ebenfalls; dann geht das Paket wieder an die Dienerschaft zurück, und diese liest es auch. Am andern Tag kommt der Bursche wieder und sagt, es tue ihm sehr leid – er habe sich vergriffen – das große Geschäft – so viele Pakete zum Austragen – Komplimente von Dr. Sawyer, früher Nockemorf. Der Name wird bekannt, und sehen Sie: so, Freundchen, muß es ein Mediziner anpacken. Ich versichere Ihnen, alter Freund, das wirkt weit besser als alle Ankündigungen der Welt: Wir haben eine Vierunzenflasche, die schon halb Bristol durchwandert hat und noch in manchen Häusern Besuche abstatten muß.“

„Jetzt geht mir ein Licht auf“, rief Mr. Winkle. „Das ist ja ein ganz vortrefflicher Plan!“

„Oh, Ben und ich haben schon ein Dutzend ähnliche ausgeheckt“, meinte Bob Sawyer sehr vergnügt. „Der Lampenanzünder bekommt achtzehn Pence wöchentlich dafür, daß er jedesmal, wenn er vorbeigeht, zehn Minuten lang die Nachtglocke läutet, und mein Junge stürzt immer gerade wenn dae Leute nichts zu tun haben als herumzugucken in die Kirche und ruft mich heraus, mit einem Gesicht, auf dem sich Schauder und Entsetzen malen. ,Ach Gott‘, sagt dann alles, ,es muß jemand plötzlich krank geworden sein, man hat nach Sawyer, früher Nockemorf, geschickt. Welche Praxis der junge Mensch schon hat!'“

Nach dieser Enthüllung einiger Geheimnisse der Arzneiwissenschaft warfen sich Mr. Bob Sawyer und sein Freund Ben Allen in ihre Stühle zurück und lachten aus vollem Halse.

Wie bereits früher einmal angedeutet, pflegte Mr. Benjamin Allen nach dem Genuß von Brandy gewöhnlich sentimental zu werden, und da er bereits seit fast drei Wochen bei Mr. Bob Sawyer zu Gaste war, war er diesmal solchen Anfällen ganz besonders unterworfen.

„Mein teurer Freund!“ schluchzte er daher, die momentane Abwesenheit Mr. Bob Sawyers benutzend, der in den Laden gegangen war, um einige von den obenerwähnten gebrauchten Blutegeln abzugeben, „mein teurer Freund, ich bin sehr unglücklich!“

Mr. Winkle sprach sein herzliches Bedauern aus und begehrte zu wissen, ob er nichts tun könne, um den Kummer des leidenden Studenten zu mildern.

„Ach nein, mein teurer Freund, nichts“, erwiderte Ben. „Sie erinnern sich Arabellas, Winkle – meiner Schwester Arabella? Ein kleines Mädchen, Winkle, mit schwarzen Augen – damals, als wir bei Wardle waren? Ich weiß nicht, ob Sie zufällig bemerkt haben – ein hübsches kleines Mädchen, Winkle. Vielleicht erinnern Sie sich an ihre Züge»wenn Sie mich ansehen?“

Mr. Winkle bedurfte keineswegs einer solchen Gedächtnisnachhilfe, und zu seinem Glück, denn die Züge Benjamins hätten ohne Zweifel seine Erinnerung nicht sehr aufgefrischt. Er antwortete daher mit aller Fassung, die er aufzubringen vermochte, er erinnere sich der jungen Dame noch sehr gut und wünsche von Herzen, daß sie sich wohl befinde.

„Unser Freund Bob ist ein herrlicher Kerl, Winkle“, war die einzige Antwort Mr. Ben Allens.

„Ohne Zweifel“, gab Mr. Winkle zu, dem diese nahe Zusammenstellung der beiden Namen keineswegs behagte.

„Ich hatte sie füreinander bestimmt; sie waren füreinander geschaffen – füreinander in die Welt gesandt –, füreinander geboren, Winkle“, jammerte Mr. Ben Allen und stellte mit großem Nachdruck sein Glas nieder. „Es waltet ein besonderes Geschick in dieser Sache, mein lieber Herr; sie sind nur um fünf Jahre voneinander verschieden, und beider Geburtstage fallen in den August.“

Mr. Winkle war zu begierig, zu hören, was folgen würde, als daß er ein großes Erstaunen über diesen außerordentlichen und wirklich wunderbaren Umstand ausgedrückt hätte. Mr. Ben Allen erzählte ihm daher nach ein paar Tränenergüssen weiter, trotz aller seiner Achtung, Wertschätzung und Verehrung für seinen Freund, betätige Arabella unbegreiflicher- und pflichtvergessenerweise die entschiedenste Abneigung gegen ihn.

„Ich glaube“, schloß Mr. Ben Allen, „ich glaube, es steckt eine frühere Neigung dahinter.“

„Haben Sie vielleicht diesbezüglich eine Vermutung?“ fragte Mr. Winkle zaghaft.

Ben Allen ergriff das Schüreisen, schwang es kriegerisch über seinem Haupte, führte einen furchtbaren Schlag gegen eine in seiner Einbildung vorhandene Hirnschale und sagte in höchst bedeutsamem Tone, es sei sein einziger Wunsch, Näheres erraten zu können.

„Ich würde ,ihm‘ dann sagen,was ich von ihm denke“, rief Mr. Ben Allen und schwang aufs neue noch drohender als zuvor das Schüreisen.

Dies alles mußte natürlich äußerst beschwichtigend auf die Gefühle des Mr. Winkle wirken, der ein paar Minuten lang stillschwieg, endlich aber sich ein Herz faßte zu fragen ob Miß Allen in Kern sei.

„Nein, nein“, sagte Mr. Ben Allen mit einem schlauen Blick und legte das Schüreisen weg. „Wardles Haus schien mir eben nicht der geeignetste Platz für ein widerspenstiges Mädchen. Da nun unsre Eltern tot sind und ich Arabellas natürlicher Beschützer und Vormund bin, so habe ich sie in der hiesigen Gegend auf ein paar Monate zu einer alten Tante gebracht, die in einem zwar etwas abgelegenen, aber dennoch recht netten Orte wohnt. Dies wird sie schon kurieren, mein Freund; wo nicht, gehe ich ein Weilchen mit ihr ins Ausland und versuche, ob das nicht hilft.“ „Ah, die Tante ist also in Bristol?“ stotterte Mr. Winkle.

„Nein, nein; nicht in Bristol“, erwiderte Mr. Ben Allen, mit dem Daumen über die rechte Schulter deutend, „da unten. Aber still jetzt; Bob kommt; kein Wort mehr, teuerster Freund, kein Wort.“

So kurz diese Unterhaltung gewesen, so versetzte sie doch Mr. Winkle in die peinlichste Aufregung und Angst. Eine mutmaßliche frühere Neigung nagte an ihrem Herzen?! War er vielleicht der Gegenstand derselben? Konnte die schöne Arabella um seinetwillen den lustigen Bob Sawyer über die Achsel angesehen haben, oder hatte er einen glücklichen Nebenbuhler? Er beschloß, sie um jeden Preis zu besuchen; aber hier stellte sich ihm ein unüberwindliches Hindernis entgegen, denn er konnte schlechterdings nicht erraten, ob Ben Allens erklärende Worte „da unten“ eine Entfernung von drei, dreißig oder dreihundert Meilen zu bedeuten hatten. Indes blieb ihm für den Augenblick keine Zeit, seinen Liebesgedanken nachzuhängen, denn Bob Sawyers Rückkehr ging unmittelbar einer noch warmen Fleischpastete voran, und der Hausherr bestand darauf, er müsse sie verzehren helfen. Eine Reinmachefrau, die als Mr. Bob Sawyers Haushälterin füngierte, deckte den Tisch; ein drittes Paar Messer und Gabeln wurde von der Mutter des Jungen in der grauen Livree entlehnt – denn Mr. Sawyers häusliche Einrichtungen ließen noch mancherlei zu wünschen übrig –, man setzte sich zu Tisch, und das Bier wurde, wie Mr. Sawyer bemerkte, in vaterländischem Zinn kredenzt.

Nach dem Essen ließ Mr. Bob Sawyer den großen Mörser aus dem Laden holen und begann einen dampfenden Rumpunsch darin zu brauen, wozu er die Materialien in kundiger Apothekerweise mit dem Stößel umrührte und amalgamierte. Als Junggeselle besaß er nur ein einziges Glas, das ehrenhalber für Mr. Winkle, als den Gast, bestimmt wurde. Ben Allen erhielt einen unten mit einem Kork zugestopften Trichter, und Bob Sawyer selbst begnügte sich mit einem jener weitrandigen, von einer Menge kabbalistischer Zeichen bedeckten Kristallgefäße, in denen die Apotheker den Rezepten gemäß ihre Flüssigkeiten abzumessen pflegen. Nachdem diese Präliminarien erledigt waren, wurde der Punsch gekostet und für vortrefflich erklärt. Sofort einigte man sich, Bob Sawyer und Ben Allen sollten die Erlaubnis haben, zwei Gläser zu trinken, bis Mr. Winkle mit einem fertig würde, und sodann begann in Herrlichkeit und Freuden das Gelage.

Gesungen wurde nicht, weil Mr. Bob Sawyer es mit der Würde seiner Stellung für unverträglich hielt; um sich jedoch für diese Entbehrung zu entschädigen, schwatzte und lachte man so laut, daß man sie am Ende der Straße hätte hören können und wahrscheinlich auch hörte. Diese Unterhaltung erheiterte auch dem Laufbuben wesentlich seine Stunden und trug zu seiner ferneren Ausbildung bei, denn statt den Abend seiner gewöhnlichen Beschäftigung zu widmen, nämlich seinen Namen auf den Ladentisch zu schreiben und dann wieder auszulöschen, schaute er heute durch die Glastür, wo er genug zu hören und zu sehen bekam.

Mr. Bob Sawyers Lustigkeit reifte schnell zum Furiosen heran; Ben Allen verfiel in seine gewohnte Sentimentalität, und der Punschmörser war beinahe ganz geleert, als der Bursche hereinstürzte und meldete, es sei soeben ein Dienstmädchen dagewesen und habe ausgerichtet, Mr. Sawyer, früher Nockemorf, möchte sogleich zu einem Patienten kommen, der ein paar Straßen entfernt wohne. Das gab das Signal zur Beendigung des Schmauses. Mr. Bob Sawyer kapierte die Botschaft, nachdem man sie ihm etliche zwanzigmal wiederholt hatte, endlich, band sich ein nasses Tuch um den Kopf, um sich wieder nüchtern zu machen, was ihm auch einigermaßen gelang, setzte seine grüne Brille auf und folgte dem Ruf der Pflicht. Trotz aller Bitten, bis zu seiner Rückkehr zu bleiben, nahm Mr. Winkle, da er es rein unmöglich fand, mit Mr. Ben Allen eine vernünftige Unterhaltung über das Thema, das ihm so sehr am Herzen lag, oder wenigstens etwas Ähnliches anzuknüpfen, Abschied und kehrte in den „Busch“ zurück.

Die Gemütserregung und die zahllosen Betrachtungen, welche die Erinnerung an Arabella in ihm hervorgerufen, hatten es verhindert, daß seine Portion aus dem Punschmörser die Wirkung hervorbrachte, die unter andern Umständen unausbleiblich gewesen wäre. Nachdem er daher noch in der Hotelbar ein Glas Sodawasser mit Whisky getrunken, begab er sich, durch die Vorfälle des Abends mehr entmutigt als animiert, in das Gastzimmer.

Vor dem Kamin saß ein langer Herr in einem großen Überrock und wendete ihm den Rücken zu; sonst befand sich niemand im Zimmer. Es war ein für diese Jahreszeit etwas kühler Abend, und der Herr schob seinen Stuhl auf die Seite, um dem neuen Gast auch etwas von der Ofenwärme zukommen zu lassen.

Wer vermöchte aber Mr. Winkles Gefühle zu schildern, als er auf einmal das Gesicht und die Gestalt des rachsüchtigen, blutdürstigen Dowler erblickte!

Sein erster Gedanke war, so heftig wie möglich an der nächsten Klingelschnur zu ziehen, aber diese hing unglückseligerweise unmittelbar hinter Mr. Dowlers Kopf. Er hatte schon einen Schritt nach ihr getan, hielt aber plötzlich inne, und im selben Augenblick retirierte Mr. Dowler schleunig an die Wand.

„Ach, Mr. Winkle, beruhigen Sie sich! Schlagen Sie mich nicht! Ich könnte es nicht ertragen. Einen Schlag! Nein, nie!“ rief Mr. Dowler und sah dabei weit sanftmütiger aus, als man von einem so wilden Manne erwartet hätte.

„Einen Schlag, Sir?“ stammelte Mr. Winkle.

„Einen Schlag, Sir“, erwiderte Dowler. „Beruhigen Sie sich. Setzen Sie sich. Hören Sie mich an.“

„Sir“, stotterte Mr. Winkle, von Kopf bis zu Fuß zitternd, „bevor ich mich darauf einlassen kann, ohne die Anwesenheit eines Kellners neben Ihnen Platz zu nehmen, muß ich mich vorher wenigst einigermaßen mit Ihnen auseinandergesetzt haben. Sie haben gestern abend eine schreckliche Drohung gegen mich fallen lassen, Sir – ja, eine schreckliche Drohung, Sir!“ – Mr. Winkle wurde leichenblaß und stockte.

„Allerdings“, gab Mr. Dowler mit einem beinahe ebenso weißen Gesicht zu, „ich leugne es nicht. Die Umstände waren verdächtig, haben sich inzwischen aber aufgeklärt. Allen Respekt vor Ihrer Tapferkeit. Ich kenne Ihre vornehme Gesinnung. Sie sind im Bewußtsein Ihrer Unschuld mit Recht erzürnt. Hier meine Hand.“

„Wirklich, Sir?“ versetzte Mr. Winkle, unschlüssig, ob er seine Hand hinreichen solle oder nicht, denn er fürchtete, es könne eine Falle sein, „wirklich, Sir…“

„Ich weiß, was Sie sagen wollen“, unterbrach ihn Dowler. „Sie fühlen sich beleidigt. Sehr natürlich. Es ginge mir auch so. Ich war im Unrecht. Ich bitte um Verzeihung. Seien wir wieder gut. Vergeben Sie mir.“

Mit diesen Worten ergriff Dowler gewaltsam Mr. Winkles Hand, schüttelte sie mit äußerster Heftigkeit, schwur, Mr. Winkle sei ein Mann von außerordentlichem Mut, und er habe von ihm eine höhere Meinung als je.

„Aber jetzt“, sagte er, „setzen Sie sich. Erzählen Sie mir alles. Wieso haben Sie mich hier gefunden? Wann sind Sie mir nachgereist? Seien Sie offen! Sprechen Sie.“

„Es ist ganz zufällig“, erwiderte Mr. Winkle, in hohem Grade verblüfft über die sonderbare, unerwartete Art dieses Zusammentreffens, „reiner Zufall.“

„Freut mich“, sagte Dowler. „Ich wachte diesen Morgen auf und hatte meine Drohungen ganz vergessen. Lachte über die Geschichte. Ich hatte auch gar keine bösen Absichten gehabt. Sagte es auch sogleich.“

„Wem haben Sie es gesagt?“ fragte Mr. Winkle.

„Meiner Frau. – ,Du hast ein Gelübde getan‘, sagte sie. – ,Ja.‘ – ,Es war recht unüberlegt‘, meinte sie. – ,Weiß ich wohl‘, sagte ich. ,Ich will es zurücknehmen. Wo ist er?'“

„Wer?“ fragte Mr. Winkle.

„Nun, Sie. Ich ging die Treppe hinunter, aber Sie waren nicht zu finden. Pickwick sah recht ärgerlich aus. Schüttelte den Kopf. Hoffte, es werden keine Gewalttätigkeiten vorkommen. Ich sah alles ein. Sie fühlten sich natürlich beleidigt und waren ausgegangen, vielleicht um einen Sekundanten zu holen. Vielleicht auch um Pistolen. ,Couragierter Gentleman‘, sagte ich. ,Ich bewundere ihn.'“

Mr. Winkle hustete, und da er anfing einzusehen, wieviel es geschlagen hatte, nahm er eine höchst strenge Miene an.

„Ich habe ein Billett an Sie zurückgelassen“, fuhr Dowler fort. „Ich sagte, es tue mir aufrichtig leid. War auch so. Ein dringendes Geschäft rief mich hierher. Sie waren nicht zufrieden. Sind mir nachgereist. Wollten eine nähere Erklärung. Haben ganz recht. Aber jetzt ist alles vorbei. Mein Geschäft ist abgemacht. Morgen reise ich zurück. Fahren Sie mit mir.“

Je deutlicher sich Dowler in seiner abgerissenen Redeweise erklärte, desto würdevoller wurden Mr. Winkles Mienen. Mr. Dowler hatte augenscheinlich ebensoviel Abneigung gegen das Duell wie er selbst. Kurz und gut, dieser aufbrausende, schreckliche Mann war einer der exemplarischsten Hasenfüße, die lebten. Er hatte Mr. Winkles Abwesenheit durch die Brille seiner eigenen Furchtsamkeit betrachtet, denselben Schritt getan wie jener und sich wohlweislich zurückgezogen, bis jede Aufregung geschwunden sein werde.

Als der wirkliche Sachverhalt so in Mr. Winkles Kopf dämmerte, blickte er höchst grimmig drein und sagte, er habe vollständige Satisfaktion, und zwar in einem Tone, aus dem Mr. Dowler notwendigerweise schließen mußte, wäre dies nicht der Fall, so hätte es unausweichlich zu einer höchst schauderhaften Katastrophe kommen müssen. Mr. Dowler schien von der Großmut und Herablassung Mr. Winkles tief ergriffen zu sein, und die beiden kriegerischen Parteien verabschiedeten sich für die Nacht mit mannigfachen Versicherungen ewiger Freundschaft.

Ungefähr um halb ein Uhr, als Mr. Winkle etliche zwanzig Minuten im vollen, üppigen Genuß des ersten Schlafs geschwelgt hatte, wurde er plötzlich durch ein lautes Klopfen an seine Kammertür geweckt, das sich mit vermehrter Heftigkeit erneuerte und ihn veranlaßte, sich im Bett aufzurichten und zu fragen, wer da sei und was es denn gebe.

„Erlauben Sie, Sir, es ist ein junger Mann da, der sagt, er muß Sie sofort sprechen“, antwortete die Stimme des Stubenmädchens. „Ein junger Mann?“ rief Mr. Winkle.

„Ja, Sie werden es sogleich zu wissen bekommen, Sir“, ertönte eine andere Stimme durch das Schlüsselloch, „und wenn dieser interessante junge Mensch nich unverzüglich reingelassen wird, denn könnte es leicht passieren, daß er mit seine Beine früher als wie mit ‚m Kopf reingetreten kommt.“

Der junge Mann stieß nach diesem zarten Wink mit dem Fuß an eines der unteren Türbretter, wie um seiner Bemerkung mehr Kraft und Nachdruck zu geben.

„Sind Sie’s, Sam?“ fragte Mr. Winkle, aus dem Bett springend.

„Is ja doch nich möglich, irgendein Gentleman auf ’ne Art und Weise zu identifizieren, wo ein gewissen Grad von geistige Befriedigung mit sich bringen tut, wenn man ihm nich sehen tut, Sir“, erwiderte die Stimme dogmatisch.

Mr. Winkle zweifelte nicht länger, wer der junge Mann sei, und öffnete die Tür. Aber kaum hatte er es getan, als Mr. Samuel Weller mit großer Hast eintrat, sorgfältig von innen abschloß, mit großem Bedacht den Schlüssel in die Westentasche steckte und, nachdem er Mr. Winkle von Kopf bis zu Fuß gemustert, anhob: „Sie sin ja ’n recht humoristischer junger Mann, Sir.“

„Was soll dies unglaubliche Benehmen, Sam?“ rief Mr. Winkle entrüstet. „Verlassen Sie das Zimmer, Sir! Sofort! Was glauben Sie denn eigentlich, Sir?“

„Was ich glaube?“ erwiderte Sam. „Nur nich so üppig, wie die junge Dame sagte, als sie mit dem Pastetenbäcker in Streit geriet, weil er ’ne Schweinspastete an sie verkaufte, wo innen nichts wie Fett war. Was ich glaube? Gut, ich glaube, daß das ’n ganz netter Spaß is.“

„Öffnen Sie die Tür und verlassen Sie sogleich dies Zimmer“, befahl Mr. Winkle.

„Ich werde dieses Zimmer hier haargenau in demselben Augenblick verlassen, wenn Sie es verlassen“, antwortete Sam in sehr eindringlichem Ton und setzte sich dabei gravitätisch nieder. „Falls ich es für nötig halten sollte, Ihnen huckepack wegzutragen, werde ich mir das nach Möglichkeit bis zuletzt aufsparen; aber gestatten Sie mir, die Hoffnung zu äußern, daß Sie mir nich zu solche Extremitäten treiben werden; währenddem, daß ich das sagen tue, fällt mir der feine Mann ein, wo die widerspenstige Auster mit der Nadel nich rauspulen konnte und denn sagte, daß er langsam Angst bekam, daß er ihr kaputtschlagen würde müssen.“ Am Ende dieser für ihn ungewöhnlich langen Ansprache stemmte Mr. Weller seine Hände auf die Knie und sah Mr. Winkle mit einem Ausdruck ins Gesicht, in dem deutlich zu lesen war, daß er nicht die entfernteste Absicht habe, sich mit Ausflüchten abspeisen zu lassen.

„Sie sind ja ’n recht liebenswürdiger junger Mann, Sir“, fuhr Mr. Weller im Ton des moralischen Vorwurfs fort, „daß Sie unseren lieben Herrn in alle möglichen Sachen verwickeln, wo es doch sein Grundsatz ist, überall den graden Weg zu gehen. Sie sind noch viel schlimmer als wie Dodson, Sir, und was Fogg betrifft, den sehe ich geradezu als ’n geborenen Engel an gegen Sie.“

Nachdem Mr. Weller diese seine letzte Ansicht mit einem nachdrücklichen Schlag auf beide Knie begleitet hatte, verschränkte er mit entrüsteter Miene seine Arme und warf sich in seinen Stuhl zurück, als erwartete er die Verteidigung des Angeklagten.

„Mein guter Junge“, sagte Mr. Winkle, die Hand ausstreckend und mit den Zähnen klappernd, denn er war während der ganzen Lektion Mr. Wellers in einem leichten Nachtgewand dagestanden, „mein guter Junge, ich achte Ihre Anhänglichkeit an meinen vortrefflichen Freund hoch, und es tut mir in der Tat sehr leid, ihm Ursache zum Kummer gegeben zu haben. Da, Sam, da!“

„Gut“, sagte Sam mürrisch, obgleich er die hingebotene Hand ehrerbietig schüttelte, „es darf Ihnen wohl leid tun, und mir freut es ungemein, daß Sie mich hier getroffen haben; denn wenn ich ihm dazu helfen kann, denn soll ihm keine sterbliche Seele ’n Kummer machen.“

„Da haben Sie ganz recht, Sam“, erwiderte Mr. Winkle. ,Aber jetzt gehen Sie zu Bett, und morgen früh wollen wir weiter über die Sache sprechen.“

„Tut mir riesig leid“, erklärte Sam, „aber ich kann nich zu Bett gehen.“

„Nicht zu Bett gehen?“

„Nein“, sagte Sam, den Kopf schüttelnd, „kann nich sein.“

„Sie werden doch nicht in der Nacht zurückreisen wollen, Sani?“ drängte Mr. Winkle sehr überrascht.

„Nö, außer wenn Sie’s absolut wünschen“, versetzte Sam; „aber ich darf dies Zimmer hier nich verlassen. Der Herr hat mir ganz eindeutige Befehle gegeben.“

„Unsinn, Sam“, sagte Mr. Winkle. „Ich muß zwei oder drei Tage hierbleiben, und was noch mehr ist, Sam, Sie müssen auch hierbleiben, um mir zu einer Zusammenkunft mit einer jungen Dame zu verhelfen – nämlich mit Miß Allen. Sie erinnern sich ihrer gewiß noch; ich muß und will sie sehen, bevor ich Bristol verlasse.“

Statt aller Antwort auf diesen Vorschlag schüttelte Sam mit großer Festigkeit das Haupt und erwiderte ausdrucksvoll:

„Geht absolut nich.“

Nach manchen Argumentationen und Vorstellungen Mr. Winkles jedoch und nach einer umständlichen Auseinandersetzung über das Zusammentreffen mit Dowler begann Sam zu schwanken, und zuletzt kam ein Vertrag zustande, dessen Hauptbedingungen folgende waren:

Daß sich Sam entfernen und Mr. Winkle im ungestörten Besitz seines Zimmers belassen solle, jedoch mit der Erlaubnis, die Tür von außen zu schließen und den Schlüssel mitzunehmen; dagegen habe er, im Fall ein Feuer ausbreche oder sonst eine Gefahr eintrete, die Tür sogleich zu öffnen. Ferner solle am nächsten Morgen in aller Frühe Mr. Dowler ein Brief an Mr. Pickwick mitgegeben werden, in dem Sam und Mr. Winkle um Erlaubnis bäten, zu dem bereits bezeichneten Zwecke in Bristol zu bleiben, und um eine Antwort mit der nächsten Postkutsche ersuchten. Falle diese günstig aus, so sollten sie bleiben – wo nicht, unmittelbar Empfang des Schreibens nach Bath zurückreisen. Endlich solle Mr. Winkle sich mit Wort verpflichten, in der Zwischenzeit nicht durch das Fenster, den Kamin, oder sonst auf hinterlistige Art zu entweichen.

Nachdem diese Abmachungen festgesetzt waren, schloß Sam die Tür und ging.

Er war beinahe die Treppe unten, als er stehenblieb und den Schlüssel aus der Tasche zog.

„Ich habe ganz vergessen, ihn umzuhauen“, brummte er und drehte sich unschlüssig halb um. „Der Herr hat es doch ausdrücklich gesagt. Oh, ich Rindvieh. Aber macht nichts“ setzte er, sich plötzlich besinnend, hinzu, „läßt sich ja morgen leicht nachholen.“

Durch diesen Gedankengang augenscheinlich sehr getröstet, steckte er dann den Schlüssel wieder in die Tasche, ging ohne weitere Gewissensbisse die paar Stufen vollends hinunter und begrub sich kurz darauf, gleich den übrigen Bewohnern des Hauses, in seine Kissen.

Achtundzwanzigstes Kapitel


Achtundzwanzigstes Kapitel

Ein heiteres Weihnachtskapitel nebst Erzählung einer Hochzeit und einiger anderer Lustbarkeiten.

So rührig wie Bienen, wenn auch nicht so leicht beschwingt, versammelten sich die vier Pickwickier am Morgen des zweiundzwanzigsten Dezembers in dem Jahre des Heils, in dem alle diese so streng gewissenhaft aufgezeichneten Abenteuer erlebt wurden. Weihnachten stand vor der Tür mit all seiner schlichten und herzlichen Biederkeit; es war die Zeit der Gastlichkeit, des Frohsinns und der Freundschaft, und das alte Jahr schickte sich gleich jenem Philosophen der Antike an, mitten unter Gesang und Becherklang sanft und selig von hinnen zu scheiden. Es war eine fröhliche, schöne Zeit, besonders für vier von den zahlreichen Herzen, die sich sehr auf das herannahende Fest freuten.

Wir wollen uns aber nicht zu sehr in die Vorzüge der Weihnachtszeit verlieren, denn die Pickwickier warten in der Winterkälte darauf, daß die Postkutsche nach Muggleton abfährt, in die sie, eingehüllt in Überröcke und Halstücher, soeben eingestiegen sind. Die Mantel- und Reisesäcke sind schon verpackt, und Mr. Weller bemüht sich zusammen mit dem Kondukteur nur noch, einen riesigen Kabeljau in einen Korb zu pferchen, der wegen seiner Größe als letztes Gepäckstück auf einem halben Dutzend Austerntönnchen verstaut werden soll, die ebenfalls Herrn Pickwick gehören, der gespannt zusieht, wie der Kabeljau allen Kunstgriffen trotzt, bis der Kondukteur ihn ganz unvermutet samt dem Korb in den Kutschkasten hineinstößt, dabei selbst Hals über Kopf nachstürzt und bis zum Brustkorb im Kutschkasten verschwindet.

Alle Umstehenden lachen, Herr Pickwick stiftet dem Kondukteur einen Schilling, worauf dieser zusammen mit Mr. Weller für fünf Minuten verschwindet und beide mit einer Schnapsfahne wiederkehren. Und nun steigt der Kutscher auf den Bock, Mr. Weller springt hinten auf, die Pickwickier mummeln sich in ihre Überröcke und Halstücher und die Fahrt beginnt.

Um drei Uhr nachmittags erreichen die Herren per Postkutsche frisch und gesund, fröhlich und wohlgemut den Blauen Löwen“ von Muggleton, nachdem sie unterwegs eine hinreichende Menge Ale und Brandy zu sich genommen, um dem Frost Trotz bieten zu können, der den Erdboden in eiserne Fesseln schlug und Bäume und Hecken mit seinem schönen Netzwerk umspannte. Mr. Pickwick war eifrig mit der Musterung der Austernfäßchen und der Aufsicht über die Ausladung des Kabeljaus, die er mitgebracht, beschäftigt, als er sich sachte am Rockzipfel gezupft fühlte, und, sich umsehend, die Entdeckung machte, daß das Individuum, das dieses Mittel ergriffen, um seine Aufmerksamkeit zu erregen, niemand anders war als Mr. Wardles Lieblingspage, der fette Junge.

„Aha“, rief Mr. Pickwick.

„Aha“, rief auch der fette Junge, beäugelte zuerst den Kabeljau und dann die Austernfäßchen und gluckste vor Vergnügen. – Er war noch wesentlich fetter geworden.

„Na, du siehst ja recht blühend aus, junger Freund“, sagte Mr. Pickwick.

„Ich hab grade vor dem Feuer in der Schenkstube geschlafen“, erwiderte der fette Junge, dessen Gesicht sich durch ein Stündchen Schlummer bis zur Farbe eines glühenden Kochtopfes erhitzt hatte. „Mein Herr hat mich mit dem Karren rübergeschickt, Ihr Gepäck abholen. Er hätte auch ’n paar Reitpferde geschickt, aber er hat gemeint, bei dem kalten Wetter möchten Sie am Ende lieber zu Fuß gehen.“

„Jaja“, sagte Mr. Pickwick hastig, eingedenk der früheren equestrischen Abenteuer, „ja, wir wollen lieber gehen. – Sam!“

„Sir?“ erwiderte Mr. Weller.

„Hilf Mr. Wardles Diener das Gepäck in den Karren schaffen und fahre dann mit ihm; wir gehen voraus.“

Nachdem Mr. Pickwick diese Befehle erteilt, schlug er mit seinen drei Freunden den Fußpfad über die Felder ein und ließ Mr. Weller und den fetten Jungen vorderhand beieinander. Sam sah den fetten Jungen mit großer Verwunderung an, ohne jedoch ein Wort zu sprechen, und begann die Sachen eiligst in den Karren zu schaffen, während der fette Junge ruhig dabeistand, offenbar sehr einverstanden, daß Mr. Weller so fleißig war.

„So“, sagte Sam und lud den letzten Mantelsack auf jetzt haben wir’s.“

„Ja“, versetzte der fette Junge sehr zufrieden, „jetzt haben wir’s.“

„Na, junger Tausendpfünder“, meinte Sam, „Sie könnten sich für Geld sehen lassen. Wahrhaftig.“

„Dank schön“, erwiderte der fette Junge.

„Kummer und Sorgen scheinen Sie wohl nich sonderlich zu bedrücken, was?“ fragte Sam.

„O nein“, gab der fette Junge zu.

„Freut mich sehr, dies zu vernehmen“, versetzte Sam. „Trinken Sie was?“

„Ich esse lieber“, erwiderte der Junge.

„Hätte ich mir denken können“, sagte Sam. „Doch ich meine, ob Sie nicht ’n Tropfen nehmen wollen, um sich zu erwärmen? Aber Sie haben wohl unter Ihrem Speck noch nie gefroren, oder?“

„Bisweilen doch“, versetzte der Junge, „aber ich trinke schon auch einen Schluck, wenn er gut ist.“

„Wirklich, tun Sie das?“ sagte Sam. „Na, dann kommen Sie!“

Die Wirtsstube des „Blauen Löwen“ war bald erreicht, und der fette Junge goß ein Glas Brandy hinunter, ohne eine Miene zu verziehen – was ihn in Mr. Wellers Augen außerordentlich hob. Nachdem Mr. Weller seinerseits ein ähnliches Manöver vollführt, stiegen sie in den Karren.

„Können Sie fahren?“ fragte der fette Junge.

„Sollt es fast meinen“, erwiderte Sam.

„Dorthinein also“, sagte der fette Junge, überließ Mr. Weller die Zügel und deutete auf einen Feldweg. „Immer gradaus. Sie können nicht fehlen.“ – Mit diesen Worten legte er sich neben den Kabeljau und fiel augenblicklich in Schlaf.

Mittlerweile hatten Mr. Pickwick und seine Freunde ihr Blut in raschere Zirkulation gesetzt und schritten munter dahin. Der Pfad war hart, das Gras bereift, die Luft rein, trocken und kalt, und das rasche Sinken des Tages ließ sie im Vorgenuß der Behaglichkeiten schwelgen, die ihrer bei dem gastfreundlichen Mr. Wardle warteten. Es hätte nicht viel gefehlt, und sie würden ihre Mäntel abgelegt haben und in der frohen Stimmung ihrer Herzen zum Privatvergnügen ein kleines Bockspringen arrangiert haben, und sicherlich hätte in diesem Augenblick Mr. Tupman seinen Rücken dargeboten, Mr. Pickwick würde dieses Anerbieten zum fröhlichen Spiel mit größtem Eifer aufgegriffen haben.

Mr. Tupman schien sich aber nicht freiwillig zu einer solchen Belustigung anbieten zu wollen, und so verfolgten die Freunde ihren Weg unter heiteren Gesprächen. Als sie in den Pfad nach Manor Farm einbogen, traf Stimmengewirr ihr Ohr, und ehe sie sich noch in Mutmaßungen ergehen konnten, begrüßte sie ein lautes Hurra.

Da waren zuerst Mr. Wardle, der womöglich noch fröhlicher aussah als früher, dann Bella und ihr getreuer Trundle, ferner Emilie und acht bis zehn junge Damen, die alle zur morgigen Hochzeit eingeladen waren und so wichtig und selig aussahen, wie junge Damen meist bei solchen Gelegenheiten.

Die Zeremonie des Vorstellens war bald vorüber, und ein paar Minuten später scherzte bereits Mr. Pickwick mit den jungen Damen, die, solange er zusah, nicht über das Geländer steigen wollten oder, sich ihrer hübschen Füßchen und feinen Knöchel gar wohl bewußt, fünf Minuten lang darauf stehenblieben und erklärten, sie fürchteten sich zu sehr, um sich nur rühren zu können – scherzte mit ihnen so ungezwungen und vertraulich, als hätte er sie seit Kindheit an gekannt. Mr. Snodgraß leistete Emilie weit mehr Beistand, als die Gefahren des Geländers erfordert hätten, während eine schwarzäugige junge Dame mit sehr zierlichen Pelzstiefelchen laut schrie, als ihr Mr. Winkle hinüberhelfen wollte.

Alles dies war höchst unterhaltend und ergötzlich, und als endlich die Hindernisse des Geländers glücklich überwunden waren und man sich wieder auf offenem Felde befand, machte der alte Wardle Mr. Pickwick die Mitteilung, sie hätten sämtlich die Ausstattung und Einrichtung des Hauses in Augenschein genommen, das dem Jungen Paar gleich nach Weihnachten zur Verfügung stehen sollte. Bella und Trundle wurden darüber so rot, wie vorher der fette Junge in der Wirtsstube am Feuer, und die junge Dame mit den schwarzen Augen und den pelzverbrämten Stiefelchen flüsterte Emilie etwas ins Ohr und warf einen schlauen Seitenblick auf Mr. Snodgraß. Mr. Snodgraß, verschämt wie alle großen Geister, fühlte, wie rot er bis in die Ohren wurde, und wünschte in den Tiefen seines Herzens die junge Dame mit den schwarzen Augen, dem schelmischen Seitenblick und den pelzverbrämten Stiefelchen in das Land, wo der Pfeffer wächst.

Wie groß war aber erst die Wärme und Herzlichkeit, mit der die Herren aufgenommen wurden, als sie die Farm erreichten! Sogar das Gesinde grinste vor Vergnügen, als es Mr. Pickwick erblickte, und Emma warf Mr. Tupman einen halb verschämten, halb verwegenen Blick des Wiedererkennens zu, der hingereicht hätte, den Gipsnapoleon im Gang zu ermutigen, sie an sich zu drücken.

Die alte Dame saß wie gewöhnlich in der vorderen Wohnstube, war aber ein wenig verdrießlich und folglich ganz besonders taub. Sie selbst ging nie aus und sah es daher als eine Art Hochverrat an, wenn sich jemand die Freiheit nahm, etwas zu tun, was sie nicht mehr konnte.

„Mutter“, sagte Mr. Wardle, „Mr. Pickwick ist hier. Du erinnerst dich seiner doch noch.“

„Ach, ich bitte dich“, erwiderte die alte Dame mit großer Würde, „bemühe Mr. Pickwick nicht wegen einer alten Frau wie ich. Es bekümmert sich ja niemand um mich. Das ist ja auch so der Lauf der Dinge.“ Und die alte Dame schüttelte den Kopf und strich ihr lavendelfarbiges Seidenkleid mit zitternden Händen glatt.

„O nein, Madam!“ sagte Mr. Pickwick. „Ich kann nicht zugeben, daß Sie einen alten Freund auf diese Art abspeisen. Ich bin ausdrücklich deswegen hergekommen, um mich recht lange mit Ihnen zu unterhalten und eine Partie Whist mit Ihnen zu spielen. Ja, und ehe achtundvierzig Stunden um sind, wollen wir diesen Knaben und Mädchen einmal zeigen, wie man ein Menuett tanzt.“

Die alte Dame war augenblicklich umgestimmt, wollte es aber nicht merken lassen und sagte daher nur: „Ach, ich verstehe ihn nicht.“

„Aber komm, Mutter, komm“, begütigte Mr. Wardle. „Sei doch nicht so verdrießlich; er ist so ’ne gute Seele. Denk Bella. Komm, du mußt dem armen Mädchen ’n bißchen Mut machen.“

Die gute alte Dame verstand alles, denn ihre Lippen zitterten, als ihr Sohn ihr so zuredete; aber das Alter hat nun einmal seine schwachen Seiten, und sie ließ sich noch nicht erweichen. Sie strich wieder an dem lavendelfarbigen Kleid hinunter und wandte sich zu Mr. Pickwick:

„Ach, Mr. Pickwick, als ich noch ein Mädchen war; waren die jungen Leute ganz anders.“

Kein Zweifel, Ma’am“, versetzte Mr. Pickwick. „Und gerade aus diesem Grunde achte ich auch die wenigen Menschen so hoch, die noch an die guten alten Zeiten erinnern.“ Dabei zog er Bella sanft an sich, drückte ihr einen Kuß auf die Stirn und bat sie, sich auf den kleinen Stuhl zu den Füßen ihrer Großmutter zu setzen. Die Herzensgüte Mr. Pickwicks rührte die alte Dame so sehr, daß sie weich wurde, ihren Kopf auf den Nacken ihrer Enkelin legte und ihre üble Laune in einer Flut stiller Tränen entströmen ließ.

Die Gesellschaft war an diesem Abend eitel Freude. Gesetzt und feierlich wickelte sich wieder die Whistpartie ab, die Mr. Pickwick und die alte Dame miteinander spielten, und lärmend das Gesellschaftsspiel am runden Tisch. Lange noch, nachdem sich die Damen zurückgezogen, machte der Glühwein, mit Rum und Gewürz verstärkt, aber und abermals die Runde, und gesund waren der Schlaf und süß die Träume, die darauf folgten. Es ist ein bemerkenswerter Umstand, daß Mr. Snodgraß die ganze Nacht von Emilie und Mr. Winkle von einer jungen Dame mit schalkhaften schwarzen Augen und außerordentlich niedlichen Pelzstiefelchen träumten.

In aller Frühe wurde Mr. Pickwick von einem Stimmengewirr und emsigem Hinundherlaufen geweckt, das sogar den fetten Jungen in seinem tiefen Schlummer stören mußte.

Er setzte sich auf und lauschte. Die Dienstmädchen und die weiblichen Gäste liefen unaufhörlich ab und zu, und es wurde sooft nach warmem Wasser und Nadel und Faden gerufen, und eine solche Menge Bitten: „Hilf mir, ich kann nicht damit zurechtkommen“, wurden laut, daß Mr. Pickwick in seiner Unschuld auf den Gedanken kam, es müsse irgend etwas Furchtbares vorgefallen sein, bis er nach und nach ganz munter wurde und sich erinnerte, daß heute ja Hochzeit sei. Dem Feste zu Ehren kleidete er sich mit besonderer Sorgfalt an und ging hinunter zum Frühstück.

Die Hausmädchen liefen in nagelneuen rosa Musselinkleidern mit weißen Schleifen an den Hauben in einem unbeschreiblichen Zustande von Aufregung und Diensteifer im Hause herum. Die alte Dame hatte ein Brokatkleid angelegt, das seit zwanzig Jahren das Tageslicht nicht mehr gesehen, von den spärlichen Strahlen vielleicht abgesehen, die sich durch die Ritzen in der Truhe gestohlen hatten, Mr. Trundle war in Prachteinband und selig, schien aber ein wenig nervös. Der fröhliche alte Herr suchte so aufgeräumt und unbefangen auszusehen wie möglich, verfehlte aber seinen Zweck sichtlich. Sämtliche jungen Damen schwammen in Tränen und weißem Musselin, mit Ausnahme der paar Auserwählten, die die besondere Ehre genossen, Braut und Brautjungfern im oberen Saal von Angesicht zu Angesicht zu sehen. Sämtliche Pickwickier waren aufs festlichste herausgeputzt, und auf dem Grasplatz vor dem Hause machten die Knechte und Buben, die zum Pachtgut gehörten, jeder eine weiße Schleife im Knopfloch, einen furchtbaren Spektakel mit Singen und Herumspringen, angestiftet von Mr. Samuel Weller, der sich im Handumdrehen die Volksgunst zu erwerben gewußt und sich bereits so heimisch fühlte, als wäre er auf dem Lande geboren.

Die Trauung wurde schließlich von dem alten Geistlichen in der Kirche zu Dingley Dell vollzogen, und Mr. Pickwicks Name ist noch heute in dem Register in der Sakristei zu lesen. Die junge Dame mit den schwarzen Augen trug ihren Namen mit unsteter und zitternder Hand ein, und die Unterschrift Emiliens, der andern Brautjungfer, fiel beinahe ganz unleserlich aus. Sonst ging aber alles in bewunderungswürdiger Ordnung vor sich; die jungen Damen fanden im allgemeinen die Sache weit weniger schrecklich, als sie erwartet hatten, und die Eigentümerin der schelmischen schwarzen Augen versicherte Mr. Winkle, sie wisse gewiß, daß sie sich niemals zu einem so fürchterlichen Schritte würde entschließen können. Dem allen wäre noch hinzuzufügen, daß Mr. Pickwick der erste war, der die Braut beglückwünschte und ihr bei dieser Gelegenheit eine prachtvolle goldene Uhr umhing, die noch keines Menschen Auge, außer dem des Goldschmiedes, gesehen hatte. Dann fielen die alten Kirchenglocken so heiter ein, wie sie nur konnten, und der Hochzeitszug kehrte zum Frühstück nach Manor Farm zurück.

„Wo sollen die Fleischpasteten hin, junger Opiumfresser?“ fragte Mr. Weller den fetten Jungen, als er die Speisen ordnen half, die am vorhergehenden Abend noch nicht hatten aufgestellt werden können.

Der fette Junge deutete stumm auf die betreffende Stelle.

„Schön, und nu stecken Sie noch wat Jrünes rein. Dort in die andre Platte. So, jetzt nehmen wir uns erst hübsch aus, wie der Vater sagte, als er seinem Jungen den Kopf abschlug, um ihm das Schielen zu vertreiben.“

Dann trat Mr. Weller ein paar Schritte zurück, kniff ein Auge zu und übersah die Anordnungen mit dem Ausdruck größter Zufriedenheit.

Dann nahm die Gesellschaft ihre Plätze ein, und Mr. Pickwick mußte sogleich mit dem alten Wardle ein Glas Wein zu Ehren des jungen Paares leeren und Duzbrüderschaft trinken.

Die alte Dame saß in vollem Prunk obenan, links neben ihr die junge Neuvermählte, rechts Mr. Pickwick. Sie zog An sogleich ins Gespräch, ließ sich in eine weitläufige und ausführliche Schilderung ihrer eignen Hochzeit ein und knüpfte daran eine Abhandlung über die damalige Mode, Schuhe mit hohen Absätzen zu tragen, und einige Erlebnisse und Abenteuer der schönen Lady Tollimglower, wobei sie so herzlich lachte, daß die jungen Damen, verwundert, weshalb denn in aller Welt die Großmama auf einmal so gesprächig geworden, mit einstimmten. Und wenn die jungen Damen lachten, lachte die alte Dame noch zehnmal herzlicher und sagte, diese Geschichten hätten schon damals immer einen Kapitalspaß gegeben, was ein neuerliches Gelächter hervorrief, das die alte Dame geradezu in Rosenlaune versetzte. Dann wurde der Hochzeitskuchen zerschnitten und machte die Runde um die Tafel, und die jungen Damen legten sich heimlich Stücke beiseite, um sie unter das Kopfkissen zu schieben und von ihren künftigen Gatten zu träumen, was wiederum viel Spaß und Erröten verursachte.

„Mr. Miller“, wendete sich Mr. Pickwick zu seinem alten Bekannten, dem Herrn mit dem Borsdorfer Gesicht, „ein Glas Wein?“

„Mit dem größten Vergnügen, Mr. Pickwick“, versetzte der Herr mit dem Borsdorfer Gesicht feierlich.

„Wollen Sie mich nicht auch mit einschließen?“ fragte der wohlwollende alte Geistliche.

„Und mich auch“, fiel seine Gattin ein.

„Mich auch, mich auch“, riefen ein paar arme Verwandte am unteren Ende der Tafel, die aus Herzenslust gegessen und getrunken und über alles und jedes gelacht hatten.

Mr. Pickwicks Antlitz strahlte vor Freude über seine Beliebtheit, er stand auf und erhob sein Glas.

„Hört, hört! Hört, hört! Hört, hört!“ rief Mr. Weller im Übermaß seiner Gefühle.

„Ruft die gesamte Dienerschaft herein“, befahl der alte Wardle, um Mr. Weller den öffentlichen Verweis zu ersparen, der ihm sonst ohne allen Zweifel von seiten seines Herrn geblüht hätte.

„Jedem ein Glas Wein, um den Toast mitzutrinken! Nun, Pickwick?“

Tiefe Stille trat ein, die weibliche Dienerschaft flüsterte, die männliche stand verlegen da, und Mr. Pickwick begann:

„Meine Damen und Herren, nein, nicht meine Damen und Herren, meine lieben Freundinnen und Freunde, wenn mir die Damen eine so große Freiheit erlauben wollen …“

Ein unermeßlicher Beifall von seiten der Damen unterbrach ihn; die Herren stimmten mit ein, und mitten in dem Lärm hörte man die Eigentümerin der schwarzen Augen ganz deutlich sagen, sie möchte diesen lieben Mr. Pickwick küssen, worauf Mr. Winkle galant fragte, ob ihm das nicht auch ein Stellvertreter überbringen könne, eine Frage, die von der jungen Dame mit einem „Kommen Sie mir nicht mehr unter die Augen“ beantwortet, zugleich aber von einem Blick begleitet wurde, der so deutlich, wie es nur immer ein Blick konnte, hinzusetzte: „Wenn Sie das zuwege ringen.“

„Meine teuren Freundinnen und Freunde“, nahm Mr. Pickwick seine Rede wieder auf, „ich bringe hiermit die Gesundheit der jungen Neuvermählten aus. Gott segne sie! (Beifall und Tränen.) In meinem jungen Freund Trundle sehe ich einen vorzüglichen männlichen Charakter, und seine Frau kenne ich als eine höchst liebenswürdige, reizende junge Dame, wohl geeignet, das Glück, das sie zwanzig Jahre lang in ihres Vaters Haus um sich her verbreitet, in einen andern Wirkungskreis zu übertragen. (Hier brach der fette Junge in ein lautes Geheul aus und wurde von Mr. Weller am Rockkragen hinausgeführt.) Ich wünschte“, fügte Mr. Pickwick hinzu, „ich wünschte, ich wäre jung genug, um der Gatte ihrer Schwester zu sein (Beifall), aber da dies nun nicht der Fall ist, so bin ich doch so glücklich, alt genug zu sein, um ihr Vater sein zu können, und daher über jeden Verdacht versteckter Absichten erhaben, wenn ich sage, daß ich sie beide bewundere, achte und liebe. (Beifall und Schluchzen.) Der Vater der Braut, unser guter, lieber Freund, ist ein wackerer Mann, und ich bin stolz darauf, ihn zu kennen. (Großer Jubel.) Er ist ein liebevoller, vortrefflicher, vornehm denkender, herzensguter, gastfreundlicher, freigebiger Mann.

Enthusiastischer Beifall von seiten der armen Verwandten, besonders bei den beiden letzten Attributen.) Daß seiner Tochter all das Glück zuteil werde, das er selbst ihr nur immer wünschen kann, und daß er aus der Betrachtung desselben alle Freuden des Herzens und alle Ruhe der Seele ziehen möge, die er so wohl verdient, ist, ich bin es überzeugt, unser aller Wunsch. So laßt uns denn auf die Gesundheit des jungen Paares trinken und ihm ein langes Leben und reichen Segen wünschen!“ Unter stürmischem Beifall schloß Mr. Pickwick seine Rede und auf ein Zeichen Mr. Wellers taten auch die Lungen des Personals ihre Pflicht und Schuldigkeit. Sodann ließ Mr. Wardle Mr. Pickwick und dieser die alte Dame, Mr. Snodgraß Mr. Wardle, Mr. Wardle Mr. Snodgraß, der eine von den armen Vettern Mr. Tupman und der andre Mr. Winkle leben, und alles war eitel Lust und Freude, bis das geheimnisvolle Verschwinden der beiden armen Vettern unter den Tisch die Gesellschaft daran erinnerte, daß es Zeit sei, vom Frühstück aufzustehen.

An der Mittagstafel traf man wieder zusammen, nachdem die männlichen Glieder der Gesellschaft auf Mr. Wardles Empfehlung fünfundzwanzig Meilen weit spazierengegangen waren, um die Wirkungen des beim Frühstück genossenen Weines aufzuheben, während die armen Vettern den ganzen Tag im Bett lagen, um dasselbe Resultat zu erzielen, aber wegen der Erfolglosigkeit ihrer Bestrebungen liegenbleiben mußten. Mr. Weller erhielt die Dienerschaft in einem Zustand ununterbrochener Heiterkeit, und der fette Junge teilte seine Zeit zwischen Essen und Schlafen ein. Das Diner war ebenso heiter und ebenso geräuschvoll wie das Frühstück, nur Tränen kamen nicht vor. Dann trug man das Dessert auf und brachte noch verschiedene Toaste aus. Nachdem noch Tee und Kaffee serviert worden, nahm der Ball seinen Anfang.

Der Festsaal von Manor Farm war ein freundliches, langes, dunkelgetäfeltes Gemach, mit einem so geräumigen Kamin, daß eins der neumodischen Patentkabrioletts bequem hätte hindurchfahren können. Am oberen Ende des Saales saßen in einer schattigen Laube von Stechpalmen und Immergrün die beiden besten Geiger und die einzige Harfenspielerin von Muggleton. Alle Nischen und Gesimse waren mit alten, massiven silbernen Leuchtern geschmückt, jeder mit vier Armen, der Boden war mit Teppichen belegt, die Kerzen brannten hell, das Feuer loderte und knisterte im Kamin und heitere Stimmen und frohes Gelächter hallten durch den Saal.

Wenn irgend etwas den interessanten Eindruck dieser anmutigen Szene noch mehr hervorheben konnte, so war es der denkwürdige Umstand, daß Mr. Pickwick zum ersten Male, soweit sich seine ältesten Freunde zurückerinnern konnten, ohne Gamaschen erschien.

„Du willst wohl tanzen?“ fragte Mr. Wardle.

„Natürlich“, erwiderte Mr. Pickwick. „Siehst du denn nicht, daß ich mich extra dazu angekleidet habe?“ Und Mr. Pickwick wies auf seine gesprenkelten seidenen Strümpfe und Lackschuhe.

Sie in seidenen Strümpfen!“ rief Mr. Tupman in scherzhaftem Ton.

„Und warum nicht, Sir, warum nicht?“ fragte Mr. Pickwick ein wenig hitzig.

„0h, es ist natürlich gar kein Grund vorhanden, warum Sie sie nicht tragen sollten“, antwortete Mr. Tupman.

„Das will ich meinen, Sir, das will ich meinen“, sagte Mr. Pickwick mit sehr entschiednem Tone.

Mr. Tupman hatte Lust zum Lachen verspürt, fand aber, daß die Sache ernster Natur war, und nahm daher auch eine dementsprechende Miene an und sagte, die Strümpfe hätten ein hübsches Muster.

„Das hoffe ich“, bemerkte Mr. Pickwick mit einem strengen Blick auf seinen Freund, „aber ich erwarte von Ihnen, Sir, daß Sie auch an den Strümpfen als solchen nichts auszusetzen haben?“

„Gewiß nicht, oh, gewiß nicht“, beteuerte Mr. Tupman, entfernte sich schleunigst, und Mr. Pickwicks Gesicht nahm seinen gewohnten wohlwollenden Ausdruck wieder an.

„Ich glaube, die Paare sind jetzt geordnet“, sagte Mr. Pickwick, am Arm die alte Dame, nachdem er in seinem Feuereifer bereits viermal vor der Zeit die Anfangspas gemacht hatte.

Wardle gab das Zeichen, die zwei Geigen und die Harfe erklangen, und Mr. Pickwick begann eine Kreuztour, als ein allgemeines Händeklatschen erscholl und von allen Seiten „Halt! Halt!“ gerufen wurde.

„Was gibt’s denn?“ rief Mr. Pickwick, nur durch das Verstummen der Geige und der Harfe zum Stehen gebracht, was keine Irdische Gewalt sonst hätte erreichen können und wenn das Haus in Flammen gestanden hätte.

„Wo ist Arabella Allen?“ rief ein Dutzend Stimmen.

„Und Winkle?“ setzte Mr. Tupman hinzu.

„Hier sind wir“, rief Mr. Winkle, trat mit seiner hübschen Gefährtin aus einer Nische hervor, und es würde schwergehalten haben zu bestimmen, wer von beiden ein röteres Gesicht hatte, er oder die junge Dame mit den schwarzen Augen.

„Was ist das nur wieder für ein merkwürdiges Benehmen Winkle“, sagte Mr. Pickwick ein wenig ärgerlich, „daß Sie nicht rechtzeitig auf Ihrem Platz sind?“

„Gar nicht merkwürdig“, versetzte Mr. Winkle. „Nun ja“, meinte Mr. Pickwick mit einem sehr ausdrucksvollen Lächeln, als sein Blick auf Arabella fiel. „Nun, ich gebe ja zu, daß es nicht besonders merkwürdig ist.“

Es war indes keine Zeit mehr, die Sache weiterzuerörtern, denn Geigen und Harfe ertönten schon wieder. Mr. Pickwick schwebte dahin von der Mitte des Saales bis zum äußersten Ende, an den Kamin und wieder zurück an die Tür – Poussette hin und Poussette her – lautes Stampfen auf den Boden – das nächste Paar – ab – die ganze Figur wiederholt – eine neue Tour – das nächste Paar vor und das nächste und übernächste. So etwas war noch nicht da. Und endlich, nachdem alle ausgetanzt und volle vierzehn Paare nach der alten Dame abgetreten und die Gattin des Geistlichen die Stelle der Großmutter eingenommen, hielt der Treffliche noch immer aus und lächelte seiner Tänzerin die ganze Zeit über mit einer Freundlichkeit zu, die jede Beschreibung übersteigt.

Lange bereits, ehe sich Mr. Pickwick müde getanzt, hatte sich das neuvermählte Paar zurückgezogen. Unten erwartete die Gesellschaft ein vortreffliches Souper, und es wurde noch lange und viel getafelt. Und als Mr. Pickwick am andern Morgen spät erwachte, erinnerte er sich verworren, ungefähr fünfundvierzig Personen aufs dringendste eingeladen zu haben, sobald sie nach London kämen, im „Georg und Geier“ mit ihm zu speisen, was ihm ein untrügliches Zeichen war, daß er in der. „vergangenen Nacht seinem physischen Ich mehr zugemutet hatte als die bloße Bewegung.

„Also heute abend wird sich die Familie in der Küche mit Gesellschaftsspielen unterhalten, mein Schatz?“ fragte Sam Emma.

„Ja, Mr. Weller“, erwiderte Emma. „Wir halten es immer so am Weihnachtsabend. Unser Herr besteht auf diesem Brauch.“

„Ihr Herr is überhaupt ’n Schenlmän, mein Schatz. Habe noch mein Lebtag keinen feineren kennengelernt.“

„Ja, das is er!“ mischte sich der fette Junge ins Gespräch. „Und die Ferkel, was er mästet!“

„Na, sind Sie endlich aufgewacht?“ fragte Sam.

Der fette Junge nickte bejahend.

„Ich will Ihnen mal was sagen, Sie junge Riesenschlange“, sagte Mr. Weller eindringlich. „Falls Sie nich ’n bißchen weniger schlafen und sich mehr Bewegung verschaffen, wenn Sie mal ins männliche Alter kommen, denn kann es Ihnen noch so gehen wie dem alten Herrn mit der Zopfperücke.“

„Und was ist dem passiert?“ fragte der fette Junge stotternd.

„Will ich Ihnen sagen“, erwiderte Mr. Weller, „war einer von den dicksten Schmerbäuchen, wo sich jemals umgedreht haben – ’ne Art Mastochse, der fünfundvierzig Jahre lang seine eignen Füße nicht sah.“

„Himmel!“ rief Emma.

„Ja, wahrhaftig, mein Schatz, und wenn Sie ihm das genaueste Modell von seinen Beinen auf ’n Tisch gelegt hätten, er hätte sie nich erkannt. Er ging immer in sein Bureau mit ’ner riesig feinen goldnen Uhrkette, wo anderthalb Fuß lang raushing, und einer goldnen Uhr dran in seiner Westentasche, die – ich kann es kaum sagen, wieviel, aber jedenfalls mordsmäßig viel wert war – ’n großes, schweres, rundes Ding, als Uhr so dick wie er als Mann, und mit n entsprechend breitem Gesicht. ,Solltest diese Uhr nich tragen‘, sagten die Freunde von dem Alten, ,man wird sie dir noch stehlen.‘ – ,Na‘, sagte er, ,den Dieb möchte ich sehen, die Uhr rausbrächte. Ich will verdammt sein, wenn ich sie selbst rausbringe. Wenn ich wissen will, wieviel Uhr es is, muß ich in ’n Bäckerladen sehen gehen.‘ Und dann lachte er so entsetzlich, daß er fast platzte, und ging wieder mit seinem gepuderten Kopf und Zopf aus und wälzte sich den ,Strand‘ hinunter, und die Kette hing weiter raus als je, und die große runde Uhr drückte beinah ’n Loch durch seine graue Kerseyhose. Es gab nich einen Taschendieb in ganz London, wo nich schon an der Kette gerissen hatte, aber se ging nich entzwei, und die Uhr ging nich raus, so daß sie’s bald satt bekamen, so ’n schweren alten Herrn die Straße entlangzuziehen, und dann ging er jedesmal nach Hause und lachte, daß sein Zopf, wie der Perpendikel an ’ner Holländeruhr, hin und her wackelte. Eines Tages nu wälzte sich der alte Herr wieder mal spazieren und sah ’nen Taschendieb, den er auf den ersten Blick erkannte, Arm in Arm mit ’nem kleinen Jungen, der ’n sehr dicken Kopf hatte, auf sich zukommen. Das gibt ’n Spaß, sagte sich der alte Herr, die werden’s wieder probieren, aber se werden sich schneiden. Und er fing schon an, aus vollem Halse zu lachen, als der kleine Junge plötzlich den Arm des Taschendiebes losließ und mit dem Kopf dem dicken Herrn in den Bauch rannte, daß dieser vor Schmerz fast die Besinnung verlor. ,Mörder!‘ rief der alte Herr und hörte grade noch, wie ihm der Taschendieb ins Ohr flüsterte: ,Allright, Sir.‘ Und wie er wieder auf den Beinen war, waren Uhr und Kette beim Teufel und, was noch schlimmer war, seine Verdauung war auch beim Teufel bis zum letzten Tag seines Lebens. – Sehen Sie sich also vor, junger Herr, und nehmen Se sich in acht, daß Se nich zu fett werden.“

Mit dieser Ermahnung schloß Mr. Weller seine Erzählung, die den fetten Jungen sehr zu ergreifen schien, und alle drei gingen in die große Küche, in der sich schon die Vorfahren Mr. Wardles, einem alten Brauche gemäß, seit unvordenklichen Zeiten um diese Stunde zu versammeln pflegten.

Soeben hatte der alte Wardle im Mittelpunkt der Decke eigenhändig einen großen Mistelzweig aufgehängt, was sofort ein allgemeines höchst ergötzliches Gedränge verursachte. Inmitten dieser Verwirrung nahm Mr. Pickwick mit einer Galanterie, die einem Abkömmling der Lady Tollimglower Ehre gemacht haben würde, die alte Dame bei der Hand, führte sie unter den mystischen Zweig und küßte sie mit ritterlichem Anstand. Die alte Dame unterwarf sich dieser Höflichkeit mit all der Würde, die einer so wichtigen und ernsten Feier angemessen war, aber die jüngeren Damen, die keine so abergläubige Verehrung für das Althergebrachte hegten oder der Meinung waren, der Wert eines Kusses werde bedeutend erhöht, wenn es einige Mühe koste, ihn zu erlangen, kreischten und sträubten sich und liefen in die Ecken, kurz, taten alles mögliche, nur die Küche verließen sie nicht. Erst als einige der weniger verwegenen Herren im Begriff waren, von ihrem Verlangen abzustehen, fanden sie es auf einmal zwecklos, noch ferner Widerstand zu leisten, und unterwarfen sich dem Kuß gutwillig. Mr. Winkle küßte die junge Dame mit den schwarzen Augen, Mr. Snodgraß Emilie, und Mr. Weller kaprizierte sich nicht darauf, daß es gerade unter dem Mistelzweig geschehen müsse, und küßte Emma und die übrigen Dienstmädchen, wo er sie gerade erhaschte. Was die armen Vettern betraf, so küßten sie alle ohne Unterschied, nicht einmal den unansehnlicheren Teil der weiblichen Gäste ausgenommen, die in ihrer außerordentlichen Verwirrung geradenwegs unter den Mistelzweig rannten, ohne es selbstverständlich zu wissen. Wardle stand mit dem Rücken gegen den Kamin und schaute vergnügt zu, während der fette Junge die Gelegenheit ergriff, eine besonders schöne Fleischpastete, die für jemand anders extra zurückgelegt worden war, zu seinem eignen Gebrauche zu verwenden. Das Kreischen hatte aufgehört, die Gesichter glühten, alle locken waren in Verwirrung, Mr. Pickwick stand unterm Mistelzweig und sah mit vergnügter Miene dem Treiben ringsum zu, als die junge Dame mit den schwarzen Augen nach einem kurzen Geflüster mit ihren Freundinnen ganz plötzlich auf ihn zusprang, ihren Arm um seinen Nacken legte und ihn zärtlich auf die linke Wange küßte. Und noch ehe er recht wußte, wie ihm geschah, war er umringt und von allen geküßt.

Es war eine Lust, Mr. Pickwick inmitten der Gruppe zu sehen, bald dahin, bald dorthin gezerrt und zuerst auf das Kinn und die Nase und dann auf die Brille geküßt – eine Lust, das fröhliche Gelächter zu hören, das ihn umjubelte Aber wie entzückend war es erst, ihn gleich darauf mit einem seidenen Taschentuch um die Augen gegen die Wand rennen und in die Winkel tappen und mit Herzenslust auf alle Geheimnisse des Blindekuhspieles eingehen zu sehen, bis er endlich einen von den armen Vettern erwischte und dann selbst der blinden Kuh aus dem Wege gehen mußte, was er mit einer Behendigkeit und Gewandtheit tat, die allen Zuschauern Ausrufe der höchsten Bewunderung entlockte. Nachdem alle das Blindekuhspiel satt hatten, wurde eine große Drachenschnappe arrangiert und Rosinen aus brennendem Rum herausgefischt, und schließlich setzte man sich neben dem hoch auflodernden Feuer zu einem tüchtigen Nachtessen und einer mächtigen Schüssel, die etwas kleiner war als ein gewöhnlicher Waschkessel und in der die heißen Äpfel einladend und lustig zischten und tanzten, daß es eine Lust war.

„Ja, das ist“, sagte Mr. Pickwick und blickte rundum, „das ist wirkliche, köstliche Weihnachtsfreude.“

„Unser alter Brauch“, erwiderte Mr. Wardle. „Am Weihnachtsabend sitzen wir alle, samt und sonders, Herr und Diener, beisammen und warten, bis die Glocke zwölf Uhr schlägt und die Weihnacht einläutet, und vertreiben uns die Zeit mit Pfänderspielen und alten Geschichten. – Trundle, mein Junge, schür doch mal das Feuer an. Hm?“

Die hellen Funken flogen zu Tausenden auf, und die dunkelrote Flamme ergoß einen glänzenden Schein bis in die entfernteste Ecke der Küche und bestrahlte jedes Gesicht mit seinem heiteren Glanz.

Dann ging der Humpen herum, und Mr. Wardle stimmte unter großem Beifall ein fröhliches Lied an, und besonders die armen Vettern waren vor Entzücken ganz außer sich. Das Feuer wurde von neuem geschürt, und der Humpen machte wieder die Runde.

„Wie es schneit“, sagte einer von den Knechten leise.

„Schneien?“ fragte Wardle.

„Eine rauhe, kalte Nacht, Sir“, erwiderte der Mann, „und ein Wind geht, daß es den Schnee in dicken weißen Wolken über die Felder jagt.“ „Was sagt Jem?“ fragte die alte Dame. „Es ist doch kein Unglück passiert?“

Nein, nein, Mutter“, beruhigte sie Wardle. „Er spricht nur von einem Schneegestöber und von einem kalten, schneidenden Wind. Man hört’s aber auch am Sausen im Kamin.“

„Ach“, sagte die alte Dame, „vor fünf Jahren, vor dem Tod deines armen Vaters, ging auch ein solcher Wind. Es war auch Weihnachtsabend, und ich erinnere mich, daß er uns in derselben Nacht die Geschichte von den Gespenstern zählte, die den alten Gabriel Grub geholt haben.“ „Die Geschichte von was?“ fragte Mr. Pickwick.

„Ach nichts, nichts“, erwiderte Wardle. „Von einem alten Totengräber, von dem die guten Leute glauben, die Gespenster hätten ihn geholt.“ „Glauben?“ rief die alte Dame aus. „Ist jemand so verstockt, um es nicht zu glauben? Glauben! Hast du nicht schon als Kind gehört, daß er von den Gespenstern geholt wurde, und weißt du vielleicht nicht, daß es wirklich so ist?“

„Schon gut, Mutter, jaja. Also es war so, wenn du darauf bestehst“, sagte Wardle lachend. „Er wurde von den Gespenstern geholt, Pickwick, und damit gut.“

„Nein, nein“, rief Mr. Pickwick, „nicht ,damit gut‘. Ich muß doch wissen, wie und warum und so weiter.“

Wardle lächelte, als er sah, daß alle die Ohren spitzten, ließ jedem einschenken, trank Mr. Pickwick zu und begann die Geschichte von den Kobolden, die einen Totengräber entführten.

In einer alten Klosterstadt in diesem Teile unsrer Grafschaft wirkte vor langer, langer Zeit – vor so langer Zeit, daß die Geschichte wahr sein muß, weil unsre Urahnen schon unbedingt daran glaubten – ein gewisser Gabriel Grub als Totengräber auf dem Kirchhof. Daraus, daß ein Mann ein Totengräber und beständig von Sinnbildern der Sterblichkeit umgeben ist, folgt noch keineswegs, daß er ein mürrischer und melancholischer Mann sein muß. Die Leichenbesorger zum Beispiel sind die fröhlichsten Leute von der Welt, und ich hatte einmal die Ehre, mit einem sogenannten „Stummen“, Bern Gehilfen eines Begräbnisunternehmers, befreundet zu sein, der in seinem Privatleben und außer seinem Berufe ein so spaßhafter und jovialer Junge war, wie nur je einer ein lustiges Liedchen sang oder ein gutes, bis an den Rand gefülltes Glas Grog leerte, ohne den Atem zu verlieren. Allein Gabriel Grub war ein verdrießlicher, mürrischer, grämlicher Geselle – ein trübsinniger, menschenscheuer Kerl, der mit niemand als mit sich selbst und einer alten korbumflochtenen Flasche, die genau in seine große, tiefe Westentasche paßte, Umgang pflog und jedes fröhliche Gesicht mit einem solch bösartigen und verdrießlichen Blick ansah, daß man ihm nicht begegnen konnte, ohne sich verstimmt zu fühlen.

An einem Weihnachtsabend, als es eben zu dämmern begann, schulterte Gabriel seinen Spaten, zündete seine Laterne an und begab sich nach dem alten Kirchhof, denn er mußte bis zum nächsten Morgen ein Grab geschaufelt haben. Als er die gewohnte Straße entlangging, sah er durch die alten Fenster den Glanz des Feuers lustig schimmern und hörte lauten Jubel und fröhliches Lachen. Er gewahrte die geschäftigen Vorbereitungen für den folgenden Tag und roch die vielen herrlichen Düfte, die ihm aus den Küchenfenstern entgegenwogten. All das war seinem Herzen Galle und Wermut, und wenn hie und da eine Kinderschar aus den Häusern heraushüpfte, über die Straße sprang und, ehe sie noch an der gegenüberstehenden Tür anklopfen konnte, von einem Halbdutzend kleiner Lockenköpfe empfangen und zum gemeinsamen Spiel und Fest eingeladen wurde, lächelte er grimmig, faßte seinen Spaten fester und dachte an Masern, Scharlach, Halsentzündung, Keuchhusten und andre Trostquellen.

In solch glücklicher Gemütsverfassung schritt Gabriel seines Weges, die freundlichen Grüße der Nachbarn, die dann und wann an ihm vorüberkamen, mit einem kurzen mürrischen Knurren erwidernd, bis er in das dunkle Gäßchen einbog, das auf den Kirchhof führte. Er hatte sich bereits danach gesehnt, denn es war ein düsteres, trauriges Stück Weg, das die Leute aus der Stadt nur am hellen Mittag besuchten, wenn die Sonne schien. Er war daher nicht wenig entrüstet, als er mitten in diesem Heiligtum, das seit den Tagen des alten Klosters und der geschorenen Mönche das Sarggäßchen genannt wurde, eine Kinderstimme ein lustiges Weihnachtslied singen hörte. Als er weiterging und die Stimme näher kam, bemerkte er, daß sie einem kleinen Jungen angehörte, der mit schnellen Schritten das Gäßchen herabeilte, um eine von den kleinen Gesellschaften in der alten Straße zu treffen, und teils zur Unterhaltung, teils zur Vorbereitung auf die bevorstehende Feier aus vollem Halse sang. Gabriel wartete, bis der Junge vorbeikam, drückte ihn dann in eine Ecke und schlug ihm fünf- bis sechsmal die Laterne um die Ohren, nur um ihm das Modulieren zu lehren, und als der Knabe die Hand an den Kopf hielt und eine ganz andre Weise anstimmte, lachte Gabriel herzlich, trat in den Kirchhof und schloß das Tor hinter sich.

Er legte seinen Rock ab, stellte seine Laterne auf den Boden, stieg in das angefangne Grab und arbeitete wohl eine Stunde lang mit regem Eifer. Aber die Erde war hartgefroren, und es ging nicht so leicht, die Schollen aufzubrechen und hinauszuschaufeln, und wenn auch der Mond am Himmel stand, so war er kaum erst sichelförmig und warf nur einen matten Schein auf das Grab, das überdies noch im Schatten der Kirche lag. Zu jeder andern Zeit hätten diese Hindernisse Gabriel Grub sehr verdrießlich und mürrisch gemacht, aber es freute ihn so sehr, dem Jungen das Singen vertrieben zu haben, daß er sich über den langsamen Fortgang der Arbeit wenig grämte, und nachdem er sie für diesen Abend vollendet hatte, sah er mit grimmiger Lust in das Grab hinunter und brummte, sein Handwerkszeug zusammenraffend:

Billige Wohnung für jung und alt,
Schwarze Erde naß und kalt;
Ein Stein zu Häupten, ein Stein zu Fuß,
Und für die Würmer ein Hochgenuß.

„Ho! ho!“ lachte er, setzte sich auf den niedrigen Grabstein, auf dem er gewöhnlich ausruhte, und zog seine Weidenflasche hervor. „Ein Sarg um Weihnachten – auch ein Weihnachtsgeschenk. Ho! ho! ho!“

„Ho! ho! ho!“ wiederholte eine Stimme dicht neben ihm. Gabriel hielt erschrocken in seinem Geschäft, die Flasche an die Lippen zu setzen, inne und sah sich rings um. Der Grund des ältesten Grabes konnte nicht stiller und ruhiger sein als der Kirchhof im blassen Mondlicht. Der Rauhreif funkelte auf den Grabsteinen und blitzte gleich Diamanten auf dem steinernen Bildwerk der alten Kirche. Der Schnee lag hart und krustig wie eine weiße, glatte Decke über den Grabhügeln, als hätten die Leichen ihre Sterbetücher ausgebreitet Nicht das geringste Geräusch unterbrach die tiefe, feierliche Stille. Der Schall selbst schien erfroren zu sein, so kalt und ruhig war alles.

„Es war der Widerhall“, sagte Gabriel Grub und setzte die Flasche wieder an seine Lippen.

„Er war es nicht„, antwortete eine tiefe Stimme.

Gabriel sprang auf und blieb vor Bestürzung und Schrecken wie angewurzelt stehen, denn seine Augen ruhten auf einer Gestalt, deren Anblick ihm das Blut erstarren machte.

Auf einem aufrecht stehenden Grabstein dicht neben ihm saß ein seltsames, überirdisches Wesen, und Gabriel fühlte sogleich, daß es nicht von dieser Welt sein konnte. Die langen phantastischen Beine, die den Boden leicht hätten erreichen können, waren hinaufgezogen und kreuzten sich auf eine seltsame Weise; die nervigen Arme waren nackt, und die Hände ruhten auf den Knien. Auf dem kurzen runden Leib trug die Gestalt ein eng anschließendes Gewand, mit kleinen Litzen verziert, und auf dem Rücken hing ihr ein kurzer Mantel. Der Kragen war in seltsame Spitzen ausgeschnitten, die dem Gespenst als Krause oder Halstuch dienten, und die Schuhe liefen an den Zehen in lange Hörner aus. Auf dem Kopf trug es einen breitkrempigen Zuckerhut mit einer einzigen Feder. Das Gespenst, ganz mit Reif überzogen, sah aus, als säße es schon ein paar Jahrhunderte lang ganz behaglich auf dem Grabstein. Es saß vollkommen still, bleckte wie zum Hohn die Zunge heraus und sah Gabriel Grub mit einem Grinsen an, wie es eben nur ein Gespenst zuwege zu bringen vermag.

„Es war nicht der Widerhall“, wiederholte das Phantom.

Gabriel Grub war wie gelähmt und konnte kein Wort hervorbringen.

„Was hast du hier am Heiligen Abend zu schaffen?“ fragte das Gespenst mit strengem Ton.

„Ich mußte ein Grab schaufeln, Sir“, stammelte Gabriel.

„Welcher Sterbliche wandelt in einer Nacht wie diese auf Gräbern und Kirchhöfen?“

„Gabriel Grub! Gabriel Grub!“ schrie ein Chor wilder Stimmen, daß der Kirchhof widerhallte. Gabriel sah sich erschrocken rings um, konnte aber nichts entdecken.

„Was hast du in der Flasche da?“ fragte das Gespenst.

„Wacholder, Sir“, erwiderte der Totengräber und zitterte noch heftiger, denn er hatte den Schnaps von Schmugglern gekauft und dachte, das Gespenst könne vielleicht Beziehungen zum Zollamt haben.

„Wer wird auch in einer Nacht, wie diese ist, allein und auf dem Kirchhof Wacholder trinken?“ fragte das Gespenst.

„Gabriel Grub! Gabriel Grub!“ riefen die wilden Stimmen wieder. Das Gespenst warf einen boshaften Blick auf den erschrockenen Totengräber und fragte weiter mit erhobener Stimme:

„Und wer ist also unser gesetzmäßiges und rechtmäßiges Eigentum?“

Auf diese Frage antwortete der unsichtbare Chor mit einem Gesang, wie von einer großen Menschenmenge bei vollem Spiel der alten Kirchenorgel – eine Weise, die wie auf Windesflügeln zu den Ohren des Totengräbers getragen wurde und wie ein leichtes vorüberschwebendes Lüftchen hinstarb. Aber der Refrain war immer der gleiche; „Gabriel Grub! Gabriel Grub!“

Noch unheimlicher als zuvor grinste das Gespenst und sagte:

„Nun, Gabriel, was meinst du dazu?“

Der Totengräber rang nach Atem.

„Was meinst du hierzu, Gabriel?“ wiederholte das Phantom, zog seine Beine an beiden Seiten des Grabsteines hinauf und betrachtete die Hörner seiner Schuhe mit einem Wohlgefallen, als hätte es das modernste Paar Wellington-Stiefel von der ganzen Bondstreet an.

„’s ist – ’s ist – ganz kurios, Sir“, stammelte der Totengräber, halbtot vor Schrecken. „Ganz kurios und sehr hübsch; aber ich denke, ich konnte wieder ans Geschäft gehen und meine Arbeit vollenden, wenn Sie erlauben.“

„Arbeit?“ sagte das Gespenst. „Was für eine Arbeit?“

„Das Grab, Sir, das Grab“, stotterte der Totengräber.

„So, so, das Grab. Wer wird auch Gräber schaufeln und eine Freude daran finden, wenn alle übrigen Menschenkinder fröhlich sind!“

Und wieder riefen die geheimnisvollen Stimmen: „Gabriel Grub! Gabriel Grub!“

„Ich fürchte, Gabriel, meine Freunde begehren dein“, sagte das Gespenst und bleckte die Zunge noch weiter heraus, und es war eine fürchterliche Zunge. „Ich fürchte, Gabriel, meine Freunde begehren dein.“

„Mit Verlaub, Sir“, erwiderte der Totengräber schreckensbleich, „das ist nicht gut möglich, Sir; sie kennen mich nicht, Sir, und ich glaube nicht, daß mich die Herren je gesehen haben, Sir.“

„Da irrst du dich aber gründlich“, versetzte der Kobold. „Man kennt den Mann mit dem grämlichen, finsteren Gesicht gar wohl, der diesen Abend die Straße heraufkam und seine boshaften Blicke auf die Kinder warf und dabei sein Grabscheit fester an sich drückte. Man kennt doch den Mann, der in der Mißgunst seines Herzens den jungen schlug, bloß weil dieser heiter sein konnte und er nicht. Man kennt ihn, man kennt ihn.“ Und das Gespenst schlug ein lautes, gellendes Gelächter an, das das Echo zwanzigfältig zurückgab, zog seine Beine hinauf, stellte sich auf dem schmalen Rand des Grabsteines auf den Kopf oder vielmehr auf die Spitze seines Zuckerhutes und schoß mit außerordentlicher Gewandtheit einen Purzelbaum, der es gerade vor die Füße des Totengräbers brachte, wo es sich dann in der Stellung niederließ, die gewöhnlich die Schneider auf ihrem Arbeitstisch einnehmen.

„Es – es – tut mir wirklich leid, daß ich Sie verlassen muß, Sir“, begann der Totengräber und machte eine Bewegung, sich zu entfernen.

„Uns verlassen?“ rief das Gespenst. „Gabriel Grub will uns verlassen! Ho! ho! ho!“

In diesem Augenblick flammten die Kirchenfenster auf, als ob das ganze Gebäude in Brand stünde, dann erloschen die Lichter, die Orgel ertönte, und ganze Trupps von Kobolden, dem ersten wie aus dem Gesicht geschnitten, wogten in den Kirchhof herein und begannen über die Grabsteine Bock zu springen, immer einer hinter dem andern, ohne Atem zu schöpfen. Das erste Gespenst war ein ausgezeichneter Springer und mit ihm konnte sich keins von den andern messen; sogar in seiner außerordentlichen Angst bemerkte der Totengräber unwillkürlich, daß es im Gegensatz zu seinen Freunden, die sich damit begnügten, über gewöhnliche Grabsteine wegzusetzen, Familiengewölbe samt eisernen Gittern und allem Dazugehörigen mit Leichtigkeit übersprang, als wären es Meilensteine.

Endlich erreichte das Spiel eine betäubende Geschwindigkeit; die Orgel spielte schneller und schneller, und die Gespenster sprangen höher und höher, ballten sich wie Kugeln zusammen, rollten über den Boden hin und schnellten gleich Federbällen über die Grabsteine weg. Dem Totengräber wirbelte der Kopf und seine Beine wankten unter ihm, da schoß plötzlich der Gespensterkönig auf ihn zu, packte ihn am Kragen und fuhr mit ihm in die Erde hinab.

Als Gabriel Grub wieder Atem schöpfen konnte, sah er sich in einer Art großer Höhle, auf allen Seiten von einer Menge häßlicher, grimmig aussehender Kobolde umringt. In der Mitte saß auf einem erhöhten Sitz sein Freund vom Kirchhof, und neben ihm stand er selbst, der Fähigkeit, sich zu bewegen, gänzlich beraubt.

„Eine kalte Nacht“, sagte der König der Gespenster. „Eine sehr kalte Nacht. Holt uns ein Gläschen Warmen.“

Sofort verschwanden ein halbes Dutzend dienstbare Geister, auf deren Gesichtern ein beständiges Lächeln lag, was Gabriel vermuten ließ, daß es Höflinge seien, und kehrten sogleich mit einem Becher flüssigen Feuers zurück, den sie dem König kredenzten.

„Ah“, sagte das Gespenst, dessen Wangen und Kehle ganz durchsichtig wurden, als es die Flamme in sich sog, „das wärmt. Reicht Mr. Grub auch einen Becher.“

Vergebens wendete der unglückliche Totengräber ein, es sei ganz gegen seine Gewohnheit, bei Nacht etwas Warmes zu sich zu nehmen. Eins von den Gespenstern hielt ihn fest und ein anderes goß ihm die lodernde Flüssigkeit in die Kehle. Die ganze Gesellschaft brach in ein schallendes Gelächter aus, als er hustete und keuchte und sich die Tränen abwischte, die der brennende Trank seinen Augen entlockt hatte.

„Und nun“, sagte der König, bohrte das spitzige Ende seines Zuckerhutes auf höchst phantastische Art dem Totengräber ins Auge und verursachte ihm dadurch die fürchterlichsten Schmerzen, „und nun zeigt dem Mann der mürrischen Sinnesart einige von den Gemälden aus unsrer großen Galerie!“

Eine dichte Wolke, die den Hintergrund der Höhle in Dunkel gehüllt hatte, wich allmählich zurück, und in weiter Ferne wurde ein ärmliches, aber reinliches Zimmer sichtbar. Eine Schar kleiner Kinder war um ein helles Feuer versammelt, zerrte die Mutter am Kleide und tanzte um ihren Stuhl herum. Von Zeit zu Zeit erhob sich die Frau und zog den Fenstervorhang zurück und schaute hinaus, als ob sie jemand erwarte. Auf dem Tisch stand ein frugales Abendessen bereit, und ein Armstuhl war an den Kamin gerückt. Dann hörte man ein Pochen an der Tür, die Mutter öffnete, und die Kinder umringten sie und klatschten vor Freude in die Hände, als ihr Vater eintrat. Er war naß und müde und schüttelte den Schnee von seinen Kleidern, und als er sich vor dem Feuer zum Mahle niedersetzte, kletterten die Kinder auf seine Knie, und die Mutter setzte sich neben ihn, und alle waren voll Lust und Freude.

Aber fast unmerklich änderte sich die Szene. Das Zimmer verwandelte sich in ein kleines Schlafgemach, in dem das hübscheste und jüngste Kind im Sterben lag. Die Rosen seiner Wangen waren verblichen und der Glanz seines Auges erstorben. Und sogar der Totengräber betrachtete es mit einer vorher nie gefühlten Teilnahme, als es verschied. Die jungen Brüder und Schwestern versammelten sich um das Bettchen und ergriffen die abgezehrte kleine Hand. Sie war so kalt und schwer, daß sie erschreckt zurückfuhren und mit Schauder in das Gesicht des Kindes sahen, das so ruhig und still dalag und friedlich zu schlummern schien. Sie fühlten daß es tot war und jetzt als Engel aus einem Himmel voll Glanz und Seligkeit auf sie herniederblickte.

Wieder zog sich die leichte Wolke über das Gemälde, und abermals änderte sich die Szene. Vater und Mutter waren jetzt alt und hilflos, und die Zahl der Ihrigen hatte sich um mehr als die Hälfte vermindert. Aber Zufriedenheit und Heiterkeit lagen auf jedem Gesicht und strahlten aus jedem Auge, als sie sich um das Feuer scharten und einander alte Geschichten aus längst vergangenen Tagen erzählten. Langsam und still sank der Vater ins Grab, und bald darauf folgte ihm die Gefährtin seiner Sorgen und Mühen an die Stätte der Ruhe und des Friedens. Die Überlebenden knieten an ihrem Grabe und benetzten den Rasen, der es bedeckte, mit ihren Tränen, standen dann auf und entfernten sich traurig und niedergeschlagen, aber nicht mit bitterem Jammer oder verzweiflungsvollem Wehklagen, denn sie wußten, daß sie sich dereinst wiederfinden würden. Sie gingen an ihr Tagwerk und erlangten wieder die frühere Zufriedenheit und Heiterkeit.

Dann senkte sich eine Wolke auf das Gemälde und entzog es den Blicken des Totengräbers.

„Was sagst du jetzt?“ fragte das Gespenst und wandte sein breites Gesicht Gabriel Grub zu.

Gabriel murmelte so etwas wie: Es sei recht hübsch, und schlug beschämt die Augen vor den feurigen Blicken des Gespenstes nieder.

„Du bist mir ein jämmerlicher Mensch!“ sagte der Kobold im Tone grenzenloser Verachtung. „Du!“ Er schien noch mehr hinzufügen zu wollen, aber der Unwille erstickte seine Stimme. Er hob eins seiner gelenkigen Beine, schwenkte es über dem Kopf hin und her, als ob er damit zielen wolle, und versetzte dann Gabriel Grub einen derben Fußtritt, worauf sogleich die ganze Gespensterschar den unglücklichen Totengräber umringte und schonungslos mit den Füßen mißhandelte, ganz wie die Höflinge auf Erden, die auch treten, wen ihr Herr tritt, und in den Himmel heben, wen ihr Herr in den Himmel hebt.

„Zeigt ihm noch einige Gemälde“, befahl der König der Kobolde.

Die Wolke verschwand, und eine reiche, schöne Landschaft wurde sichtbar. Noch heutzutage sieht man eine solche eine halbe Meile von der alten Klosterstadt entfernt. Die Sonne leuchtete am reinen blauen Himmelszelt, das Wasser funkelte unter ihren Strahlen, und die Bäume sahen grüner und die Blumen heiterer unter ihrem belebenden Einfluß aus. Die Wellen schlugen plätschernd ans Ufer, die Bäume rauschten im leichten Winde, der durch ihr Laubwerk säuselte, die Vögel sangen auf den Zweigen, und die Lerche trillerte hoch in den Lüften ihr Morgenlied. Es war Frühe, ein schöner, duftender Sommermorgen; das kleinste Blatt, der dünnste Grashalm atmete Leben, die Ameise eilte an ihr Tagewerk; der Schmetterling flatterte spielend in den wärmenden Strahlen des Lichtes; Myriaden von Insekten entfalteten ihre durchsichtigen Flügel und freuten sich ihres kurzen glücklichen Daseins, und der Mensch weidete sein Auge an der blühenden Schöpfung, und alles war voll Glanz und Herrlichkeit.

„Du bist mir ein erbärmlicher Mensch!“ sagte der König der Gespenster noch verächtlicher als zuvor. Und wieder zielte er mit seinem Fuß, und wieder ließ er ihn auf die Schultern des Totengräbers niederfallen, und wieder ahmten die untergebenen Kobolde das Beispiel ihres Oberhauptes nach. Noch viele Male verschwand und erschien die Wolke, und manche Lehre erhielt Gabriel Grub, der mit einer Teilnahme zusah, die nichts zu vermindern imstande war, so sehr ihn auch seine Schultern von den Fußtritten der Kobolde schmerzten. Er sah, daß Menschen, die durch saure Arbeit ihr spärliches Brot im Schweiße ihres Angesichts erwarben, heiter und glücklich sein konnten und daß für die Unwissendsten und Ärmsten das freundliche Gesicht der Natur ein nie versiegender Quell der Freude war. Er sah andre, die in Luxus und Reichtum erzogen worden, unter Entbehrungen heiter sein und über Leiden erhaben, die manchen aus festerem Holz niedergebeugt haben würden, denn sie trugen die Bedingungen ihres Glücks, ihrer Zufriedenheit und Ruhe in der eignen Brust. Er sah, daß Frauen, die zartesten und gebrechlichsten von allen Geschöpfen Gottes, oft mehr Kummer, Widerwärtigkeiten und Mißgeschick überwandten als stärkere, weil ihr Herz von Liebe und Hingebung überfloß. Und er erkannte, daß Menschen, wie er, die ob des Frohsinns anderer neidisch grollten, das schlechteste Unkraut auf der schönen Erde waren. Und wie er das Gute in der Welt mit dem Bösen verglich, kam er zu dem Schluß, daß es nach allem eine recht erträgliche und achtbare Welt sei. Und kaum hatte er sich dieses Urteil gebildet, als sich die Wolke, die das letzte Gemälde verhüllt hatte, auf seine Sinne niedersenkte. Ein Gespenst nach dem andern zerfloß vor seinen Augen, und als das letzte verschwunden war, sank er in tiefen Schlaf.

Der Tag war angebrochen, als Gabriel Grub erwachte und einer ganzen Länge nach auf einer Grabplatte im Kirchhof lag, und neben ihm die leere Weidenflasche und Rock, Spaten und Laterne, alles vom nächtlichen Reif überzogen. Der Stein, auf dem er das Gespenst hatte sitzen sehen, stand bolzengerade vor ihm, und nicht weit von ihm war das Grab, das er am Abend zuvor geschaufelt. Anfangs zweifelte er an der Wirklichkeit dessen, was er erlebt hatte; aber der stechende Schmerz in seinen Schultern, wenn er aufzustehen versuchte, brachte ihn zur Überzeugung, daß die Fußtritte der Gespenster keine Phantasiebilder gewesen. Er wurde zwar wieder wankend in seinem Glauben, als er keine Fußtapfen im Schnee fand, in dem die Kobolde mit den Grabsteinen Bocksprung gespielt hatten, aber schnell erinnerte er sich, daß Geister ja keine sichtbaren Eindrücke hinterlassen konnten. So erhob er sich denn, so gut es ihm seine Rückenschmerzen erlaubten, schüttelte den Reif von seinem Rock, zog sich an und wendete seine Schritte der Stadt zu.

Aber er war jetzt ein anderer Mensch und konnte den Gedanken nicht ertragen, an einen Ort zurückzukehren, wo man seiner Reue gespottet und seiner Bekehrung mißtraue hätte. Er schwankte einen Augenblick, dann aber schlug er den nächsten besten Weg ein, um sein Brot anderwärts zu suchen.

Laterne, Spaten und Weidenflasche wurden am nämlichen Tag auf dem Kirchhof gefunden. Anfangs stellte man allerlei Vermutungen über das Schicksal des Totengräbers an, aber bald setzte sich der Glaube fest, er sei von Kobolden entführt worden. Und es fehlte nicht an glaubwürdigen Zeugen, die ihn auf dem Rücken eines kastanienbraunen einäugigen Rosses mit dem Hinterteil eines Löwen und dem Schwanz eines Bären deutlich hatten durch die Luft reiten sehen. So wurde das Gerücht zur festen Annahme, und der neue Totengräber pflegte den Neugierigen gegen ein geringes Trinkgeld ein ziemlich großes Stück von dem Wetterhahn der Kirche zu zeigen, das, von dem besagten Pferde auf seiner Luftfahrt zufälligerweise abgestoßen, ein oder zwei Jahre nachher auf dem Kirchhof gefunden worden war.

Leider wurde der Glaube an diese Geschichte durch die unerwartete Erscheinung Gabriel Grubs selbst erschüttert. Er war wohl zehn Jahre älter, ein von der Gicht geplagter und heimgesuchter, aber zufriedener Greis und erzählte seine Geschichte dem Pfarrer und auch dem Bürgermeister, und im Laufe der Zeit wurde sie zur historischen Tatsache erhoben, als die sie noch bis auf den heutigen Tag gilt. Diejenigen, die zuerst an die Wetterhahngeschichte geglaubt und sich so getäuscht sahen, waren nicht so leicht wieder zu bewegen, ihren Glauben ein zweites Mal aufs Spiel zu setzen, und so taten sie denn, so weise sie konnten, zuckten die Achseln, schüttelten die Köpfe und murmelten so etwas, wie wenn Gabriel Grub den Wacholder ganz ausgetrunken hätte und dann auf der Grabplatte eingeschlafen wäre, und erklärten das, was er in der Gespensterhöhle gesehen haben wollte, dadurch, daß sie sagten, er habe inzwischen die Welt gesehen und sei durch Erfahrung klüger geworden. Aber diese Ansicht, die zu keiner Zeit viele Anhänger zählte, verlor sich allmählich, und die Sache mag sich nun so oder so abgespielt haben, da Gabriel Grub bis ans Ende seiner Tage von der Gicht heimgesucht wurde, so enthält diese Geschichte wenigstens eine Moral, und wenn sie auch nichts Besseres lehrt, so lehrt sie doch so viel: Wenn ein Mann um Weihnachten trübsinnig ist und allein trinkt, so wird dadurch sein Befinden nicht im geringsten verbessert, das Getränk mag so gut sein, wie es will, oder sogar noch um vieles besser und feuriger als das, das Gabriel Grub in der Gespensterhöhle trank oder getrunken zu haben glaubte.

Zweiundzwanzigstes Kapitel


Zweiundzwanzigstes Kapitel

Mr. Pickwick reist nach Ipswich und erlebt ein romantisches Abenteuer mit einer Dame in mittleren Jahren und gelben Haarwickeln.

„Das is wohl das Gepäck von deinem Herrn, Sammy?“ fragte Mr. Weller senior seinen zärtlichen Sohn, als dieser mit einer Reisetasche und einem kleinen Mantelsack den Hof des Gasthauses „Zum Ochsen“ in Whitechapel betrat.

„Was denn sonst?“ erwiderte Mr. Weller junior, legte seine Bürde auf dem Hofe ab und setzte sich darauf. „Der Gouverneur wird sofort erscheinen.“

„Kommt wohl in ’nem Kabriolett?“

„Ja. Tut für acht Pence zwei Meilen weit sein Leben riskieren. Aber wie geht’s heute früh der Stiefmutter?“

„Is doll geworden, Sammy, ganz doll“, erwiderte Mr. Weller senior mit ernstem Ton. „Is unter die Methodisten gegangen, Sammy, und aasig fromm geworden. Sie is viel zu gut für mir, Sammy. Ich fühle das: ich verdiene ihr nich.“

„Das is aber zuviel Selbstverleugnung von dir“, bemerkte Mr. Samuel.

„So is es“, seufzte sein Vater. „’ne neue Erfindung hat es ihr angetan; erwachsene Leute noch mal geboren werden lassen, Sammy; die neue Geburt, glaube ich, nennen sie das. Ich möchte ja gerne das System in Tätigkeit sehen, Sammy. Es wäre ja herrlich, wenn deine Stiefmutter noch mal geboren würde. Würde ihr sofort ’ne Amme mieten. – Was glaubst du wohl, was die Weiber vor’n paar Tagen gemacht haben?“ fuhr Mr. Weller nach einer kurzen Pause fort und legte einen Zeigefinger bedeutungsvoll an die Nase. „Was glaubst du wohl, was die vor ’n paar Tagen gemacht haben?“

„Kann ich doch nich wissen“, erwiderte Sam.

„Veranstalten die doch für ’nen Kerl, den sie ihren Hirten nennen, ’n großartigen Tee. Ich stehe just am Bilderladen auf unserem Platz und begaffe mir das Gepinsel, da lese ich ’nen Zettel, wo drauf steht, die Karte kostet ’ne halbe Krone. ,Man wende sich an dem Komitee: Mrs. Weller.‘ Ich komme nach Hause, da hält der Komitee seine Sitzung in unserer Hinterstube. Vierzehn Weiber. Ich wollte, du hättest sie gehört, Sammy. Sie stimmten über Beschlüsse ab und setzten Beiträge fest und trieben noch mehr Blödsinn. Gut. Weil mich nun deine Stiefmutter plagt und ich auch neugierig werde, haue ich meinen Namen auch runter für eine Karte, putze mir am Freitagabend um sechs Uhr raus und mache mir mit der Alten auf ’n Weg. Wir latschen in ’ne muffige Stube mit ’nem Teeserviß für dreißig Personen, und ’n ganzer Schwärm Weiber fängt an, untereinander zu flüstern und gafft mich an; die hatten anscheint noch nie ’n stattlichen Achtundfünfziger gesehen. Auf einmal is ’n Mordsspektakel, und „n langbeiniger Kerl mit ’ner roten Nase und ’nem weißen Halstuch um kommt reingestolpert und singt: ,Der Hirte kommt zu seiner treuen Herde‘; hinter ihm kommt so’n fetter Schwarzkittel mit ’ner breiten, blassen Visage und grinst wie ’n Affe. Empfanget den Friedenskuß‘, sagt er und küßt die Weiber, eins nach dem andern; und wie er damit fertig is, fängt doch der mit der roten Nase an. Ich denke mir, es is eigentlich kein schlechter Gedanke, besonders wo neben mir ’ne sehr hübsche Frau saß und deine Stiefmutter gerade rausgegangen war. Da fangen die doch an zu singen. Und dann ging es ans Essen. Ich wollte, du hättest gesehen, wie der Hirte in den Schinken und den Semmelkuchen reingehauen hat! So hat überhaupt noch niemals einer gegessen und getrunken. Der Rotnasige war gar nichts gegen ihn. Gut. Wie denn der Tee vorüber war, legten sie wieder mit dem Lobgesang los, und denn predigte der Hirte. Es war nicht mal so übel, wenn man bedenkt, wie schwer ihm die Semmeln im Magen liegen mußten. Auf einmal bricht es doch bei ihm aus, und er brüllt: ,Wo ist der Sünder, wo ist der elende Sünder?‘ und alle Weiber sehen mir persönlich an und fangen an zu schluchzen; schlimmer, als wenn sie sterben wollten. Das kam mir ja nun seltsam vor, aber ich sagte nichts. Mit einemmal legt der doch wieder los, sieht mir persönlich scharf in die Pupille und sagt: ,Wo ist der Sünder, wo ist der elende Sünder?‘, und alle Weiber schluchzen wieder; noch zehnmal lauter als vorher. Das brachte mich denn doch auf ’n Baum. Ich trete also ’n paar Schritte vor und sage: .Guter Freund‘, sage ich, ,war diese Bemerkung auf mir gemünzt?‘ – Anstatt daß der nun mir um Verzeihung bitten tut, wie ein Schendlmän das getan hätte, wird der doch noch anzüglicher und nennt mich ’n Gefäß, Sammy, ’n Gefäß des Zornes! Da war es aber ganz aus. Zuerst verpaßte ich ihm zwei oder drei für ihn selbst und denn noch zwei oder drei zur Weiterleitung an den Rotnasigen, und denn machte ich mich dünne. Ich wollte, du hättest gehört, Sammy, wie die Weiber geschrien haben, wie sie den Hirten unter dem Tisch vorpulten. – Hallo, da ist ja auch dein Herr in Lebensgröße.“

Noch während Mr. Weller so sprach, stieg Mr. Pickwick aus einem Kabriolett und trat in den Hof.

„’n hübscher Morgen, Sir“, grüßte Mr. Weller senior.

„In der Tat sehr schön“, antwortete ein rothaariger Mann mit einer vorwitzigen Nase und einer blauen Brille, der sich zu gleicher Zeit mit Mr. Pickwick aus einem Kabriolett geschoben hatte. „Reisen Sie nach Ipswich, Sir?“

„Ja“, erwiderte Mr. Pickwick.

„Außerordentlicher Zufall. Ich auch.“

Mr. Pickwick verbeugte sich.

„Haben Sie einen Außenplatz?“

Mr. Pickwick verbeugte sich wieder.

„Merkwürdig, ich auch“, sagte der Rothaarige. „Wir machen also de facto die Reise mitsammen.“ – Der Rothaarige, der ein sehr wichtig aussehender, spitznasiger, geheimnisvoll tuender Herr war und den Vögeln die Gewohnheit abgesehen zu haben schien, jedesmal, wenn er etwas vorbrachte, den Kopf in die Höhe zu werfen, lächelte, als hätte er eine der wichtigsten Entdeckungen gemacht, auf die jemals der menschliche Geist gekommen.

„Freut mich außerordentlich, eine so angenehme Gesellschaft zu haben, Sir“, sagte Mr. Pickwick.

„Oh“, erwiderte der neue Ankömmling, „ganz meinerseits, ganz meinerseits. Gesellschaft, sehen Sie, Gesellschaft ist – ist – ist eben doch etwas ganz andres als Einsamkeit, nicht wahr?“

„Nich zu leugnen“, mischte sich Mr. Weller junior mit einem freundlichen Lächeln ins Gespräch. „Selbstverständlich, wie der Mann meinte, der Hundefleisch verkaufte, als ihm die Magd sagte, er wäre kein Schendlmän nich.“

„Hm“, bemerkte der Rothaarige und maß Mr. Weller mit einem hochfahrenden Blick von Kopf bis zu Fuß. „Ein Freund von Ihnen, Sir?“

„Nicht gerade ein Freund“, erwiderte Mr. Pickwick halblaut. „Er ist mein Bedienter. Aber ich lasse ihm manches durchgehen, da ich ihn, unter uns gesagt, für einen originellen Kopf halte und ein bißchen stolz auf ihn bin.“

„So, so“, sagte der Rothaarige, „doch das ist, möchte ich sagen, Geschmackssache. Ich bin kein Freund von Originalität; ich kann sie nicht leiden; sehe ihre Notwendigkeit nicht ein. – Ihr Name, Sir?“

„Hier ist meine Karte, Sir“, erwiderte Mr. Pickwick, dem die plötzliche Frage und die sonderbaren Manieren des Unbekannten höchst ergötzlich vorkamen.

„Ah“, sagte der Rothaarige und legte die Karte in seine Brieftasche. „Pickwick. Sehr schön. Es ist mir immer lieb, wenn ich den Namen eines Menschen weiß; man erspart sich manche Unannehmlichkeit. Hier, meine Karte, Sir. Magnus ist mein Name. Ist das nicht ein hübscher Name, Sir?“ „In der Tat, ein sehr hübscher Name“, gab Mr. Pickwick zu, kaum imstande, ein Lächeln zu unterdrücken.

„Nicht wahr?!“ fuhr Mr. Magnus fort. „Sie werden bemerken, es steht auch ein schöner Taufname davor. Erlauben Sie, Sir, wenn Sie die Karte ein wenig schief halten, etwa auf diese Art, so fällt das Licht auf den Hauptstrich. Hier – Peter Magnus. – Klingt gut, nicht wahr, Sir?“ „Sehr“, bestätigte Mr. Pickwick.

„Eigne Sache das mit den Anfangsbuchstaben, Sir. Sie werden bemerken: P. M. = post meridiem. In der Eile unterzeichne ich mich oft, in Briefen an gute Bekannte, ,Nachmittag‘, und das belustigt meine Freunde immer sehr, Mr. Pickwick.“

„Es läßt sich denken, daß es ihnen viel Spaß machen muß“, versetzte Mr. Pickwick, Mr. Magnus Freunde um ihre Anspruchslosigkeit beneidend. „Schenlmen“, meldete der Stallknecht, „es ist angespannt. Wenn’s gefällig ist …“

„Haben Sie mein Gepäck nicht vergessen?“ fragte Mr. Magmas.

„Alles in Ordnung, Sir.“

„Ist der rote Reisesack drin?“

„Alles in Ordnung, Sir.“

„Und der gestreifte Sack?“

„Unterm Kutschbock, Sir.“

„Und das Papierpaket?“

„Unter dem Sitz, Sir.“

„Und das lederne Hutfutteral?“

„Alles drin, Sir.“

„Nun, wollen Sie nicht einsteigen?“ fragte Mr. Pickwick.

„Sie entschuldigen“, erwiderte Magnus und blieb auf dem Rade stehen. „Aber in diesem Zustand von Ungewißheit kann ich nicht einsteigen. Ich sehe es dem Menschen an, daß das lederne Hutfutteral nicht darin ist.“

Die feierlichen Verwahrungen des Hausknechts waren gänzlich fruchtlos, und das lederne Hutfutteral mußte aus den tiefsten Tiefen des Kutschbockkastens herausgefischt werden, um Mr. Magnus zu überzeugen. Nachdem er sich über diesen Punkt beruhigt hatte, quälte ihn eine böse Ahnung, erstens, sein roter Reisesack sei verlegt, und zweitens, sein gestreifter Sack sei gestohlen, und endlich, das Papierpaket sei aufgegangen. Erst als er sich durch eignen Augenschein von der Grundlosigkeit seiner sämtlichen Vermutungen überzeugt hatte, ließ er sich überreden, auf die Kutsche zu klettern.

„Sammy“, sagte Mr. Weller senior darauf zu seinem Sohn, „sei deinem Herrn beim Aufsteigen behilflich! Hoch das Bein, Sir; geben Sie mir Ihre Hand, Sir! Und jetzt rauf! Sie waren aber auch leichter, als Sie noch ein Knabe waren, Sir!“

„Das allerdings, Mr. Weller“, erwiderte Mr. Pickwick atemlos, aber gut gelaunt, als er neben ihm Platz nahm.

„So, und jetzt mach, daß du auf den Bock kommst, Sammy“, sagte Mr. Weller. „Willem, laß die Zügel los. Achtung vor dem Torweg von wegen Köpfe und so! Tortenaufsatz runter, wie der Pastetenbäcker sagte. Gut so, Willem, und jetzt ab dafür!“

Und die Kutsche rasselte Whitechapel hinauf zur Bewunderung der ganzen Einwohnerschaft dieses ziemlich stark bevölkerten Viertels.

„Ziemlich mäßige Nachbarschaft, Sir“, bemerkte Sam und griff an seinen Hut, wie er es immer zu tun pflegte, wenn er ein Gespräch mit seinem Herrn anknüpfte.

„Wahrhaftig ja, Sam“, erwiderte Mr. Pickwick mit einem Blick auf das Gewimmel in der schmutzigen Straße.

Bald hatten sie den Schlagbaum in Mile End erreicht. Ein tiefes Stillschweigen herrschte während der ersten zwei bis drei Meilen, dann wandte sich Mr. Weller senior unvermittelt zu Mr. Pickwick und sagte:

„So ’n Baummensch, Sir, führt doch ’n wunderliches Leben.“

„Ein was?“ fragte Mr. Pickwick.

„’n Baummensch.“

„Was verstehen Sie unter einem Baummenschen?“ fragte Mr. Peter Magnus.

„Der Alte meint ’n Schlagbaumwächter, meine Herren“, erklärte Mr. Weller junior.

„Ah, ich verstehe“, sagte Mr. Pickwick. „Ja, ein sehr sonderbares Leben. Sehr unbequem.“

„Sind aber auch alles Leute, die schon mal im Leben ausgerutscht sind“, bemerkte Mr. Weller sen. „Und die Folge is, daß sie sich aus der Welt zurückziehen und an die Bäume retirieren; nämlich erstens, damit sie alleine sind, und denn, damit sie sich an der Menschheit können rächen und ihr Zoll abnehmen.“

„Wahrhaftig“, sagte Mr. Pickwick, „das ist mir vollkommen neu.“

„Tatsache, Sir“, versicherte Mr. Weller. „Wenn es Schendlmen wären, würde man sie Misantropfen nennen, so sind es bloß Baummenschen.“

Durch solche und ähnliche Unterhaltungen, die den unschätzbaren Reiz hatten, das Nützliche mit dem Angenehmen zu verbinden, verkürzte Mr. Weller während des größten Teiles des Tages den Herren die Langeweile der Reise. An Stoff zum Gespräch fehlte es nie, denn selbst in dem Falle, daß in seiner Redseligkeit eine Pause eintrat, wurde sie durch Mr. Magnus mehr als hinreichend ergänzt, der ein außerordentliches Verlangen an den Tag legte, sich mit den Privatverhältnissen seiner Reisegefährten bekannt zu machen und sich außerdem auf jeder Station mit lauter Stimme ängstlich nach der Sicherheit der beiden Säcke, des ledernen Hutfutterals und des Papierpakets zu erkundigen.

In der Hauptstraße von Ipswich, linker Hand, nicht weit von dem freien Platz vor dem Rathaus, steht ein Gasthof, der weit und breit unter dem Namen „Das große weiße Roß“ bekannt ist und durch ein steinernes, wütendes Tier mit wehender Mähne und fliegendem Schweife über der Haupttür, das eine entfernte Ähnlichkeit mit einem wahnsinnigen Karrengaul hat, noch mehr in die Augen fällt. „Das große weiße Roß“ ist in der Nachbarschaft wegen der Eigenschaft berühmt, die es mit Preisochsen oder in der Grafschaftschronik aufgezeichneten Rüben oder ungeheuren Schweinen teilt – nämlich wegen seines riesenhaften Umfanges. Nirgends auf der Welt trifft man wieder solche Labyrinthe von Gängen ohne Fußteppiche, solche Reihen dumpfiger, finsterer Zimmer, eine solche Anzahl Speise- oder Schlafgrotten unter einem Dache an wie zwischen den vier Wänden des „Großen weißen Rosses“ in Ipswich.

„Steigen Sie auch hier ab, Sir?“ fragte Mr. Peter Magnus, als der gestreifte Sack und der rote Sack und das lederne Hutfutteral und das Papierpaket sämtlich im Hausgang untergebracht waren. „Steigen Sie auch hier ab, Sir?“

„Ja“, erwiderte Mr. Pickwick.

„Nein, es ist wirklich ein außerordentliches Zusammentreffen“, rief Mr. Magnus. „Denken Sie nur, ich steige auch hier ab. Wir speisen doch zusammen?“

„Mit Vergnügen“, erwiderte Mr. Pickwick. „Ich weiß übrigens nicht gewiß, ob ich hier nicht einige Freunde treffe. ~ Ist ein Herr namens Tupman hier, Kellner?“

Ein korpulenter Gentleman mit einer schon vierzehn Tage benutzten Serviette unter dem Arm und mit ebenso alten Strümpfen an den Beinen unterbrach auf Mr. Pickwicks Frage seine Beschäftigung, die Straße hinunterzuspähen, musterte eine Minute lang das Äußere des kecken Fragestellers vom Deckel seines Hutes bis zum untersten Gamaschenknopf und erwiderte dann mit Nachdruck: „Nein!“

„Auch kein Herr namens Snodgraß?“

„Nein!“

„Oder Winkle?“

„Nein!“

„Dann sind meine Freunde heute also noch nicht angekommen“, bemerkte Mr. Pickwick. „Wir werden demnach allein speisen. – Geben Sie uns ein Extrazimmer, Kellner.“

Auf diese Aufforderung hin ließ sich der dicke Gentleman herab, dem Hausknechte zu befehlen, das Gepäck dir Herren hineinzutragen, und führte sie sodann durch einen langen finstern Gang in ein großes ungemütliches Zimmer mit einem rußigen Kamin, in dem sich ein kleines Feuerchen jämmerlich abmühte, lustig zu brennen und dem entmutigenden Einfluß der Örtlichkeit Trotz zu bieten. Nach Verlauf einer Stunde wurde den Reisenden ein Stück Fisch und geröstetes Ochsenfleisch vorgesetzt, und als der Tisch abgeräumt war, zogen die Herren Pickwick und Peter Magnus ihre Stühle ans Feuer. Sie bestellten zunächst eine Flasche Portwein und bekamen die denkbar jämmerlichste Sorte zum denkbar höchsten Preis, womit dem Wirt gedient war; sodann tranken sie Grog, womit ihnen selbst gedient war.

Mr. Peter Magnus hatte von Natur einen sehr großen Hang zur Mitteilsamkeit, und der Grog brachte eine so wunderbare Wirkung hervor, daß er bald die verborgensten Geheimnisse seines Herzens enthüllte. Nachdem er ein langes und breites von sich, seiner Familie, seinen Verbindungen, seinen Freunden, seinen Erholungen, seinen Geschäften und seinen Brüdern erzählt hatte, nahm er Mr. Pickwick mehrere Minuten lang durch seine blauen Brillengläser in Augenschein und fragte dann mit bescheidener Miene:

„Und warum, meinen Sie, warum, meinen Sie, Mr. Pickwick, daß ich hierhergereist bin?“

„Auf mein Wort“, erwiderte Mr. Pickwick, „ich kann es unmöglich erraten. Geschäfte halber vielleicht?“

„Zum Teil getroffen, Sir“, versetzte Mr. Peter Magnus. „Zum Teil aber auch fehlgeschossen. Raten Sie noch einmal, Mr. Pickwick.“

„Wahrhaftig“, versicherte Mr. Pickwick, „ich muß mich Ihnen auf Gnade und Ungnade ergeben, ob Sie’s mir sagen wollen oder nicht, denn erraten kann ich es nicht, und wenn ich die ganze Nacht darüber nachdächte.“

„Hihihi!“ kicherte Mr. Peter Magnus verschämt. „Was würden Sie denken, Mr. Pickwick, wenn ich hierhergekommen wäre, um einer Dame einen Heiratsantrag zu machen? Hi, hi, hi.“

„Was ich denken würde? Je nun, daß Sie höchstwahrscheinlich Erfolg haben werden“, erwiderte Mr. Pickwick mit seinem freundlichsten Lächeln. „Ah, glauben Sie das wirklich, Mr. Pickwick? Wirklich?“

„Ganz gewiß.“

„Aber Sie scherzen vielleicht.“

„Nein, nein, gewiß nicht“

„Nun“, sagte Mr. Magnus, „um Ihnen ein kleines Geheimnis zu verraten – ich glaube es auch. Ich will Ihnen auch nicht länger verhehlen, Mr. Pickwick, obgleich ich von Natur fürchterlich eifersüchtig bin – ungeheuer: die Dame ist hier im Hause.“ Mr. Magnus nahm seine Brille ab, um besser blinzeln zu können, und setzte sie dann wieder auf.

„Deshalb also sind Sie vor dem Essen so oft aus dem Zimmer gelaufen?“ fragte Mr. Pickwick schalkhaft.

„Pst – freilich, ja. Das war’s. Ich war natürlich nicht so töricht, mich ihr zu zeigen.“

„Nicht?“

„Nein; das geht doch nicht, wenn man eben erst von der Reise kommt; ich will bis morgen warten, Sir – dann habe ich doppelte Chancen. In diesem Reisesack, Mr. Pickwick, befindet sich ein Anzug, und in diesem Futteral ein Hut, von denen ich mir eine unfehlbare Wirkung verspreche.“

„So, so“, sagte Mr. Pickwick.

„Ja. Sie müssen bemerkt haben, wie besorgt ich heute morgen darum war. Ich glaube, ein solcher Anzug und ein solcher Hut sind überhaupt nicht mehr für Geld zu haben, Mr. Pickwick.“

Mr. Pickwick beglückwünschte den beneidenswerten Eigentümer der unwiderstehlichen Kleidungsstücke zu seiner Akquisition, und der Freier versank auf einige Augenblicke in tiefes Nachsinnen.

„Es ist eine schöne Person“, begann er dann wieder.

„So?“ fragte Mr. Pickwick.

„Sehr schön. Sie wohnt ungefähr zwanzig Meilen von hier, Mr. Pickwick. Ich erfuhr, daß sie diesen Abend und morgen noch den ganzen Vormittag hierbleiben wird, und bin hergereist, um die günstige Gelegenheit zu benützen. Meiner Ansicht nach ist ein Gasthof der geeignetste Ort, um einer ledigen Dame einen Antrag zu machen. Auf der Reise wird ihr die Verlassenheit ihrer Lage fühlbarer, als wenn sie zu Hause ist. Was halten Sie davon, Mr. Pickwick?“

„Es leuchtet mir sehr ein“, versicherte Mr. Pickwick.

„Ich bitte um Verzeihung, Mr. Pickwick“, begann Mr. Peter Magnus wieder, „aber ich bin von Natur etwas wißbegierig – Was mag Sie hierhergeführt haben?“

„Eine weit weniger angenehme Sache“, erwiderte der Gelehrte, dem bei der bloßen Erinnerung das Blut in die Wangen stieg. „Ich bin hierhergekommen, Sir, um die Falschheit und Verräterei einer Person zu entlarven, in deren Ehrenhaftigkeit und Treue ich einstens unbegrenztes Vertrauen gesetzt habe.“

„O Himmel“, rief Mr. Peter Magnus, „das ist freilich sehr unangenehm. Es handelt sich wohl um eine Dame? Nicht wahr? Ich merke schon, Mr. Pickwick, ich merke schon. Ich möchte Ihren Gefühlen um alles in der Welt natürlich nicht zu nahe treten, aber schmerzlich so was, Sir, sehr schmerzlich. Scheuen Sie sich nicht, Mr. Pickwick, wenn Sie Ihren Gefühlen Luft machen wollen. Ich weiß, was es heißt, in der Liebe getäuscht werden, Sir. Ich selbst habe schon drei- oder viermal derartige Erfahrungen gemacht.“

„Ich bin Ihnen für Ihre Teilnahme an dem, was Sie für den Grund meines Ärgers halten, sehr verbunden“, sagte Mr. Pickwick, zog seine Uhr auf und legte sie auf den Tisch, „aber …“

„Nein –nein“, fiel Peter Magnus ein. „Kein Wort mehr. Es tut Ihnen weh, ich sehe es. Wie spät ist es, Mr. Pickwick?“

„Zwölf Uhr durch.“

„Du lieber Himmel, da ist es ja höchste Zeit, schlafen zu gehen. Ich darf nicht länger aufbleiben, sonst sehe ich morgen zu blaß aus, Mr. Pickwick.“

Schon der bloße Gedanke an eine solche Möglichkeit jagte ihm einen derartigen Schrecken ein, daß er aufsprang, dem Stubenmädchen klingelte und, nachdem der gestreifte Reisesack, der rote Reisesack, das lederne Hutfutteral und das Papierpaket in sein Schlafzimmer gebracht worden waren, sich mit einem lackierten Leuchter nach dem einen Ende des Hauses zu rückzog, während Mr. Pickwick, mit einem andern lackierten Leuchter bewaffnet, durch eine Unzahl verschlungener Gänge nach dem seinigen geführt wurde.

„Dies ist Ihr Zimmer, Sir“, sagte das Stubenmädchen.

Mr. Pickwick sah sich um. Es war ein ziemlich geräumiges, mit zwei Betten versehenes Gemach, in dem ein Feuer brannte –jedenfalls ein weit wohnlicherer Auf enthalt, als er sich nach allem, was er bisher von dem Komfort des „Großen weißen Rosses“ gesehen, vorgestellt hätte.

„Im andern Bett schläft natürlich niemand?“

„Bewahre, Sir“, erwiderte das Mädchen verschämt.

„Sehr gut! Sagen Sie meinem Diener, ich bedürfe seiner heute nicht mehr, aber morgen solle er mir um halb neun Uhr warmes Wasser heraufbringen.“

„Sehr wohl, Sir.“

Mr. Pickwick eine gute Nacht wünschend, zog sich das Stubenmädchen zurück und ließ ihn allein.

Mr. Pickwick setzte sich vor den Kamin, und Bilder aller An zogen an seinem Geiste vorüber. Zuerst dachte er an seine Freunde, und wann er sie wohl wiedersehen werde, dann wanderten seine Gedanken zu Mrs. Marta Bardell und von ihr in die düstere Schreibstube von Dodson und Fogg. Von Dodson und Fogg schweiften sie mitten in die Geschichte von dem seltsamen Klienten ab und kehrten in das „Große weiße Roß“ in Ipswich zurück, wo sie sein Bewußtsein noch klar genug fanden, um ihn gewahren zu lassen, daß er eben im Begriff war, einzuschlafen. Er stand auf und wollte sich entkleiden, da erinnerte er sich, daß er seine Uhr unten auf dem Tisch habe liegenlassen.

Diese Uhr stand nun bei Mr. Pickwick in besonderer Gunst, da er sie eine größere Anzahl von Jahren hindurch, als wir uns hier anzugeben berufen fühlen, unter dem Schatten seiner Weste mit sich herumgetragen hatte. Noch niemals hatte Mr. Pickwick auch nur an die Möglichkeit gedacht, einzuschlafen, ohne sie unter seinem Kopfkissen oder in der Uhrtasche über seinem Kopf ticken zu hören. Es war bereits spät, und da er zu dieser Stunde der Nacht nicht mehr läuten wollte, schlüpfte er wieder in seinen Rock, den er soeben abgelegt hatte, nahm den lackierten Leuchter und ging leise die Treppe hinunter.

Je mehr Stufen er hinunterging, desto mehr schien er dann wieder hinaufsteigen zu müssen, und wenn er in einen schmalen Gang gekommen war und sich bereits Glück wünschte, den Hausflur erreicht zu haben, zeigte sich immer wieder eine neue Treppe seinen erstaunten Blicken. Endlich gelangte er in den mit Steinplatten belegten Vorsaal, den er, soviel er sich erinnerte, beim Eintritt in das Haus gesehen hatte. Er durchsuchte Gang für Gang, öffnete ein Zimmer nach dem andern, und endlich, als er bereits im Begriff war, voll Verzweiflung seine Nachforschungen aufzugeben, fand er die Tür des Zimmers, in dem er den Abend zugebracht hatte, und sah seine vermißte Uhr auf dem Tisch liegen. Triumphierend steckte er sie ein und begab sich sofort auf den Rückweg nach seinem Schlafzimmer. War aber seine Herreise schon mit Schwierigkeiten verbunden gewesen, so gestaltete sich sein Rückzug noch unendlich mühseliger.

In jeder Richtung zweigten Türreihen ab, vor denen Stiefel von jeglicher Gestalt, Fasson und Größe standen. Wohl ein dutzendmal faßte er leise die Klinke einer Schlafzimmertür, die der seinigen glich, aber jedesmal ertönte im Innern ein barsches: „Zum Teufel, wer ist da?“, oder eine ähnliche Begrüßung, und er machte sich dann mit einer wahrhaft bewunderungswürdigen Schnelligkeit auf den Zehen davon. Er fühlte sich bereits am Rande der Verzweiflung, als endlich eine offne Tür seine Aufmerksamkeit auf sich zog. Er blickte hinein – endlich die rechte. Da standen die zwei Betten, deren Lage ihm noch vollkommen erinnerlich war, und in dem Kamin brannte das Feuer. Seine Kerze, die schon, als sie ihm ausgehändigt worden war, nicht zu den längsten gehört hatte, war in dem Luftzug, dem er sie auf seiner Wanderung durch die langen Gänge ausgesetzt hatte, heruntergebrannt und fiel, als er eben die Tür hinter sich schloß, in die Röhre des Leuchters hinein. Hat nichts zu bedeuten, tröstete er sich, ich kann mich ebensogut beim Schein des Feuers auskleiden.

Die Betten standen, das eine rechts, das andre links von der Tür und ließen an der Wand einen Gang frei, der breit genug war, daß man von ihm aus ins Bett steigen konnte. Mr. Pickwick zog die Vorhänge seines Bettes auf der Außenseite sorgfältig zu, setzte sich auf den Strohsessel, der am Ende des besagten Ganges neben dem Bett stand, und entledigte sich langsam seiner Schuhe und Gamaschen. Dann legte er seinen Rock, seine Weste und seine Halsbinde ab, zog aus der rückwärtigen Hosentasche seine mit einer Troddel versehene Nachtmütze, setzte sie auf und befestigte sie auf seinem Kopf, indem er die Bänder, die an diesem Bestandteil seines Schlafgewandes nie fehlten, unter dem Kinn fest zusammenknüpfte. Die komische Wanderung, die er soeben gemacht, fiel ihm wieder ein, und er mußte in seinem Strohsessel so herzlich über sich selbst lachen, daß es eine Lust hätte sein müssen, seine von innerer Heiterkeit verklärten Züge unter der Nachtmütze zu sehen.

Er war eben im Begriff, mit dem Auskleiden fortzufahren, und lächelte dabei so fröhlich, daß beinahe die Bänder seiner Nachtmütze rissen – als er plötzlich auf eine höchst unerwartete Weise gestört wurde. Es trat nämlich jemand mit einem Licht ins Zimmer, verschloß die Tür hinter sich und stellte die Kerze auf das Toilettetischchen.

Das Lächeln, das eben noch auf Mr. Pickwicks Zügen spielte, verwandelte sich augenblicklich in grenzenloses Erstaunen. Die Person, wer sie auch sein mochte, war so plötzlich und so geräuschlos eingetreten, daß Mr. Pickwick keine Zeit gehabt hatte zu rufen oder sich ihrem Eintritt zu widersetzen. Wer konnte es sein? Ein Räuber? Irgendein Spitzbube, der ihn vielleicht mit der wertvollen Uhr in der Hand hatte die Treppe heraufkommen sehen? – Was war zu tun?

Der einzige Weg, um den geheimnisvollen Besuch mit so wenig Gefahr wie möglich zu beobachten, war der, ins Bett zu schlüpfen und hinter den Vorhängen der entgegengesetzten Seite hinauszuspähen. Zu diesem Mittel nahm Mr. Pickwick also seine Zuflucht, hielt die Vorhänge vorsichtig mit der Hand zusammen, so daß man. nichts als sein Gesicht seine Nachtmütze sehen konnte, setzte seine Brille auf, faßte sich ein Herz und lugte hinaus.

Er fiel vor Schrecken beinahe in Ohnmacht, als er vor dem Toilettenspiegel eine Dame in mittleren Jahren, das Haupt mit gelben Haarwickeln gespickt, eifrig damit beschäftigt sah, das mit ausgestrecktem Arm zu bürsten, was die Damen ihren Zopf nennen. Wie nun auch die arglose Dame in mittleren Jahren in das Zimmer gekommen sein mochte, soviel war gewiß, daß sie die Nacht über hierzubleiben gesonnen war, denn sie hatte ein Nachtlicht mit einem Lichtschirm mitgebracht, das sie mit lobenswerter Vorsicht gegen Feuersgefahr in einem Waschbecken auf den Boden gestellt hatte, wo es gleich einem riesenhaften Leuchtturm in einem winzigen See fortglomm.

Gott im Himmel, dachte Mr. Pickwick, welch furchtbares Ereignis.

„Hem!“ räusperte sich die Dame, und sofort zog Mr. Pickwick mit der Schnelligkeit eines Taschenspielers seinen Kopf zurück.

So etwas Entsetzliches ist mir in meinem Leben noch nicht begegnet, dachte er, und kalte Schweißtropfen drangen durch seine Nachtmütze. Es ist schauderhaft.

Unmöglich konnte er dem quälenden Verlangen widerstehen, abermals hinauszusehen, was weiter sich begeben werde, und wieder steckte er den Kopf zwischen die Vorhänge. Der Anblick, der sich ihm darbot, war noch schreckenerregender als vorher. Die Dame in den mittleren Jahren hatte ihre Haare zurechtgebürstet, weggelegt, sorgfältig eine musselinene, mit schmalen gefältelten Spitzen besetzte Schlafhaube aufgesetzt und blickte gedankenvoll ins Feuer.

Die Sache fängt an, bedenklich zu werden, überlegte Mr. Pickwick. So kann es nicht fortgehen. Die Unbefangenheit dieser Dame ist mir ein klarer Beweis, daß ich in ein falsches Zimmer geraten sein muß. Wenn ich sie anrufe, bringt sie das ganze Haus in Aufruhr, und wenn ich ruhig bleibe, können die Folgen unberechenbar werden.

Es ist durchaus nicht nötig, zu bemerken, daß Mr. Pickwick einer der bescheidensten und zartfühlendsten Sterblichen war. Schon der bloße Gedanke, sich in einer Nachtmütze einer Dame zu zeigen, erfüllte ihn mit Schauder, aber er hatte die verdammten Bänder in einen Knoten zusammengezogen, den er um nichts in der Welt so schnell zu lösen vermochte. Und doch mußte er sich entdecken! Es stand ihm nur noch ein Ausweg zu Gebote. Er zog sich hinter die Vorhänge zurück und hustete laut:

„Hä, Hem!“

Daß die unerwarteten Laute die Dame außerordentlich erschreckt haben mußten, war offenbar, denn man hörte sie gegen den Lichtschirm stolpern, aber daß sie sich einredete, es müsse nur Einbildung gewesen sein, war ebenfalls klar, denn als Mr. Pickwick, ganz versteinert vor Angst, sie könne in Ohnmacht gefallen sein, wieder hinauszuspähen wagte, blickte sie wie zuvor nachdenklich ins Feuer.

Ein höchst merkwürdiges Frauenzimmer das, dachte Mr. Pickwick und hustete wieder. „Hä, hüm.“

Die Laute glichen diesmal zu sehr denen, durch die der Menschenfresser im Märchen gewöhnlich seine Ansicht auszudrücken pflegt, daß es höchste Zeit sei, den Tisch zu decken, und waren überhaupt zu deutlich, um noch einmal für Einbildung gehalten werden zu können.

„Barmherziger Himmel!“ rief denn auch die Dame in den mittleren Jahren. „Was ist das?“

„Es ist – es ist – nur ein Herr, Ma’am“, rief Mr. Pickwick hinter seinen Vorhängen.

„Ein Herr!“ kreischte die Dame entsetzt.

Jetzt ist’s aus, dachte Mr. Pickwick.

„Ein fremder Mann!“ schrie die Dame noch lauter. Noch ein Augenblick, und das Haus mußte in Aufruhr sein. Schon rauschte sie der Tür zu.

„Ma’am, Ma’am“, rief Mr. Pickwick und steckte in äußerster Verzweiflung seinen Kopf hervor. „Ma’am!!“

Wenn auch Mr. Pickwick keinen bestimmten Zweck damit verfolgte, daß er den Kopf hinaussteckte, so brachte es augenblicklich eine gute Wirkung hervor. Die Dame stand bereits nahe an der Tür und würde in der nächsten Sekunde zweifelsohne die Treppe erreicht haben, hätte sie nicht die plötzliche Erscheinung von Mr. Pickwicks Nachtmütze in die entfernteste Ecke des Zimmers zurückgetrieben, von wo aus sie wilde Blicke auf den Gelehrten schoß, die dieser nicht weniger entsetzt erwiderte.

„Elender“, ächzte die Dame und bedeckte die Augen mit der Hand, „was suchen Sie hier?“

„Nichts, Ma’am, durchaus nichts, Ma’am“, versicherte Mr. Pickwick ernsthaft.

„Nichts?“ rief die Dame und schlug die Augen auf.

„Nichts, Ma’am. Auf mein Ehrenwort“, beteuerte Mr. Pickwick mit so nachdrücklichem Kopfschütteln, daß die Troddel seiner Nachtmütze hin und her tanzte. „Ich sinke vor Scham, eine Dame in meiner Nachtmütze anzureden“, hastig riß die Dame die ihre herunter, „beinahe in die Erde, aber ich kann den Knoten nicht lösen, Ma’am!“ Zum Beweis für seine Behauptung riß Mr. Pickwick mit Macht an den Bändern. „Es ist mir jetzt klar, Ma’am, daß ich in ein falsches Zimmer geraten bin. Ich war noch nicht fünf Minuten hier, da traten Sie plötzlich ein.“

„Wenn diese unwahrscheinliche Geschichte wirklich wahr ist“, entgegnete die Dame unter heftigem Schluchzen, „so werden Sie sich augenblicklich entfernen.“

„Mit dem größten Vergnügen, Ma’am.“

„Augenblicklich, Sir“, wiederholte die Dame.

„Gewiß, Ma’am. Sofort Ma’am. Ich – ich – bin untröstlich, Ma’am“, sagte Mr. Pickwick und erschien schüchtern am Fußende des Bettes, „die unschuldige Ursache dieser Unruhe und Aufregung zu sein, ganz untröstlich, Ma’am!“

Die Dame deutete stumm auf die Tür.

In diesem Augenblick zeigte sich, trotz der ungemein mißlichen Lage, eine der vorzüglichsten Eigenschaften von Mr. Pickwicks Charakter. Obgleich er nach Art der alten Nachtwächter seinen Hut hastig über die Nachtmütze gestülpt hatte und seine Schuhe und Gamaschen in der Hand und seinen Rock und seine Weste über dem Arm trug, so ließ ihn selbst das nicht seine angeborne Galanterie vergessen.

„Ich bin über die Maßen untröstlich, Madam“, versicherte er ein ums andre Mal mit tiefen Verbeugungen.

„Dann werden Sie augenblicklich das Zimmer verlassen“, erwiderte die Dame.

„Unverzüglich, Madam. Auf der Stelle, Madam“, beteuerte Mr. Pickwick, öffnete die Tür und ließ dabei geräuschvoll seine Schuhe fallen. „Ich hoffe, Madam“, begann er wieder, hob sie auf und wandte sich abermals mit einer Verbeugung zu der Dame um, „ich hoffe, Madam, mein unbefleckter Ruf und die große Achtung, die ich Ihrem Geschlecht zolle, werden mir als Entschuldigung …“ Doch ehe er seinen Satz noch vollenden konnte, hatte ihn die Dame bereits in den Gang gedrängt und die Tür hinter ihm verschlossen und verriegelt.

Soviel Grund Mr. Pickwick auch haben mochte, sich Glück zu wünschen, so glimpflich davongekommen zu sein, so hatte doch seine neue Lage durchaus nichts Beneidenswertes. Er war mitten in der Nacht allein in einem offenen Gang, in einem fremden Hause und nur halb angekleidet. In der undurchdringlichen Finsternis konnte er unmöglich den Weg nach einem Zimmer finden, das er schon mit dem Licht nicht hatte entdecken können, und wenn er bei seinen fruchtlosen Versuchen das geringste Geräusch machte, wie leicht konnte er da von irgendeinem wachsamen Reisenden erschossen werden! Es blieb ihm daher nichts übrig, als zu bleiben, wo er war, bis der Tag anbrach. Er tappte noch einige Schritte vorwärts, stolperte dabei zu seinem unendlichen Schrecken über diverse Paar Stiefel und drückte sich schließlich in eine kleine Nische in der Wand, um den Morgen, so philosophisch gefaßt wie möglich, zu erwarten.

Es sollte ihm indes nicht bestimmt sein, diesen neuen Kelch leeren zu müssen. Er war noch nicht lange in seinem Schlupfwinkel versteckt, als sich zu seinem unsäglichen Schrecken am Ende des Ganges ein Mann mit einem Licht zeigte; doch ebenso schnell verwandelte sich sein Entsetzen in Freude, als er die Gestalt seines treuen Dieners erkannte. Es war in der Tat Samuel Weller, der eben im Begriff stand, sich zur Ruhe zu begeben, nachdem er sich so lange mit dem Hausknecht unterhalten hatte.

„Sam!“ rief Mr. Pickwick, plötzlich auftauchend wie ein Gespenst. „Wo ist mein Schlafzimmer?“

Mr. Weller starrte seinen Herrn höchst erstaunt an, und Mr. Pickwick mußte die Frage dreimal wiederholen, ehe er sich umwandte und nach dem lange gesuchten Zimmer vorausging.

„Sam“, sagte Mr. Pickwick, als er sich ins Bett legte, „ich habe heute nacht einen der außerordentlichsten Mißgriffe getan, von denen man je gehört hat.“

„Scheint so“, erwiderte Mr. Weller trocken.

„Ich habe mir fest vorgenommen, Sam“, fuhr Mr. Pickwick fort, „mich, und wenn wir noch ein halbes Jahr in diesem Hause bleiben sollten, nie wieder allein in diese Labyrinthe zu wagen.“

„Is auch der klügste Entschluß, den Sie fassen könnten, Sir“, versetzte Mr. Weller. „Sie sollten jemand haben, wo Ihnen zurückhält, wenn’s über Sie kommt.“

„Was meinst du damit, Sam?“ fragte Mr. Pickwick, richtete sich im Bett auf und streckte die Hand aus, als wolle er noch mehr sagen, dann aber hielt er plötzlich inne, legte sich auf die Seite und wünschte seinem Diener gute Nacht.

„Gute Nacht, Sir“, erwiderte Mr. Weller, ging zur Tür hinaus, blieb stehen, schüttelte den Kopf, ging weiter, stand still, putzte das Licht, schüttelte den Kopf wieder und trat endlich langsam in sein Schlafzimmer; er war offensichtlich tief in Grübelei versunken.

Dreiundzwanzigstes Kapitel


Dreiundzwanzigstes Kapitel

Mr. Samuel Weller bietet alles auf, Mr. Trotter seine Schuld abzuzahlen.

In einem kleinen Hinterzimmer in der Nachbarschaft der Ställe saß am Morgen, der auf Mr. Pickwicks Abenteuer mit der Dame in mittleren Jahren und gelben Haarwickeln folgte, Mr. „Weller senior, mit den Vorbereitungen zur Rückreise nach London beschäftigt.

Mr. Wellers Profil mußte in einer früheren Epoche seines Lebens kühne und scharfe Umrisse gehabt haben, aber unter dem Einfluß des guten Lebens und einer hervorragenden Neigung seines Besitzers zur Beschaulichkeit hatten sich seine Dimensionen allmählich verändert, und die fleischigen Formen waren so weit über die ihnen von Natur gesteckten Grenzen getreten, daß es für den Beschauer sehr schwer war, etwas mehr als die äußerste Spitze einer karfunkelroten Nase zu entdecken, wenn er nicht direkt vis-a-vis stand. Das Kinn hatte aus derselben Ursache jene würdevolle und imposante Form angenommen, die man gewöhnlich durch Vorsetzung des bedeutungsvollen Wortes „doppel“ zu bezeichnen pflegt, und die Gesichtsfarbe war aus jenen eigentümlichen Mischungen des Kolorits zusammengesetzt, die man nur bei Herren von Mr. Wellers Beruf und bei halbgarem Roastbeef findet. Um den Nacken schlang sich ein karmesinrotes Halstuch, wie man es auf Reisen zu tragen pflegt, und ging in so unmerklichen Stufen in das Kinn über, daß man kaum die Falten des einen von denen des andern unterscheiden konnte. Darunter erstreckte sich eine lange Weste aus rotgestreiftem Stoff, zum Teil bedeckt von einem grünen Rock mit breitem Saum und großen Metallknöpfen, von denen die beiden, die in der Taille saßen, so weit voneinander abstanden, daß ein irdisches Geschöpf sie unmöglich zu gleicher Zeit sehen konnte. Das kurze, glatte schwarze Haar sah kaum unter der breiten Krempe eines niederen braunen Hutes hervor. Die Beine staken in Reithosen und gewichsten Stulpenstiefeln, und von der geräumigen Westentasche hing eine kupferne Uhrkette, das freie Ende mit einem Petschaft und einem Schlüssel geziert, nachlässig herunter.

Mr. Weller war mit den Vorbereitungen zu seiner Reise nach London beschäftigt, das heißt, er nahm Mundvorrat ein. Auf dem Tisch vor ihm winkten eine Flasche Ale, ein kaltes Stück Ochsenfleisch, ein sehr respektabler Laib Brot, und jedem dieser Gegenstände schenkte er mit der strengsten Unparteilichkeit abwechslungsweise seine Gunst. Er hatte soeben ein mächtiges Stück von dem letzteren abgeschnitten, als ihn das Geräusch nahender Fußtritte veranlaßte, den Kopf zu erheben und seines Sohnes, der eben ins Zimmer trat, ansichtig zu werden.

„Morgen, Sammy“, sagte Mr. Weller.

Sam näherte sich wortlos dem Bierkrug, nickte seinem Vater zu und tat, als Erwiderung des Grußes, einen kräftigen Zug.

„Nich schlecht, Sammy“, bemerkte Mr. Weller senior mit einem Blick in den Krug, den sein Erstgeborener bis zur Hälfte geleert hatte. „Mit deiner Saugekraft hättest du ’ne ungewöhnlich hübsche Auster abgegeben, Sammy, wenn du in der Gestalt zur Welt gekommen wärest.“

„Ja, ich würde mich in Ehren ernährt haben“, erwiderte Sam und machte sich mit beträchtlichem Eifer über das kalte Fleisch her.

„Es grämt mich bitter, Sammy“, sagte Mr. Weller senior, hob seinen Bierkrug an und bereitete den nächsten Schluck vor, indem er kleine Kreise mit dem Krug beschrieb. „Es grämt mich bitter, Sammy, daß ich von deinen Lippen das Bekenntnis hören mußte, daß der Maulbirnen-Kerl dich geleimt hat. Bis vor drei Tagen dachte ich noch, daß der Name Weller und das Wort Schafskopf niemals zusammenpassen würden, Sammy, niemals.“

„Natürlich abgesehen von dem Fall, wo es sich um ’ne Witfrau handelt, nich wahr“, fiel Sam ein.

„Witfrauen, Sammy“, erwiderte Mr. Weller und verfärbte sich ein wenig, „Witfrauen sind immer Ausnahmen von jeder Regel. Ich habe mal gehört, wieviel gewöhnliche Weibsleute auf eine einzige Witfrau kommen, wenn man den Fall rechnet, daß einer hinters Licht geführt werden soll. Ich glaube, es waren fünfundzwanzig; aber es können genausogut noch mehr gewesen sein.“

„Das Ding is gut; das is sogar sehr gut“, warf Sammy ein.

„Außerdem“, fuhr Mr. Weller fort, ohne den Einwurf zu beachten, „is das ’ne ganz andre Sache. Du weißt doch, was der Advokat sagte, Sammy, als er den Schendlemän verteidigte, wo seine Gattin immer mit dem Schürhaken verprügelte, wenn er fidel wurde. ,Und außerdem, Mylord‘, sagte er, ,ist es bloß ’ne liebenswürdige Schwäche.‘ Und so spreche ich gleichfalls dies bezüglich die Witfrauen, Sammy, und du selbst wirst so sprechen tun, wenn du erst in meine Jahre kommen tust.“

„Na ja“, gab Sam zu, „ich hätte sicher mehr Schlauheit beweisen sollen.“

„Mehr Schlauheit beweisen sollen?“ wiederholte Mr. Weller und schlug mit der Faust auf den Tisch. „Mehr Schlauheit beweisen sollen? Na und ob; ich kenn ’nen Grünschnabel, der hat noch nich mal ein Viertel von deiner Erziehung genossen, der hat noch keine sechs Monate auf Marktplätzen kampiert, aber der hätte sich nicht so leimen lassen. Gar nicht dran zu denken, daß dem so was passiert wäre.“ In der Gemütserregung, die durch diese peinigende Erwägung in ihm hervorgerufen wurde, klingelte Mr. Weller und bestellte einen zweiten Krug Ale. „Unser ganzes Gerede darüber hat ja doch keinen Zweck mehr“, sagte Sam, „vorbei ist vorbei, und die Sache läßt sich nicht mehr ändern; das ist auch ein Trost, wie sie in der Türkei sagen, wenn sie einem den Kopf abgeschlagen haben und es war der verkehrte. Aber jetzt ist die Reihe an mir, Gouverneur, und wenn ich diesen Trotter hier unter die Föten bekomme, soll er lebenslänglich daran denken.“

„Das will ich hoffen, Sammy, das will ich hoffen“, erwiderte Mr. Weller. „Deine Gesundheit, Sammy! Und daß du mir bald die Schmach abwäschst, wo du unsern Familiennamen mit befleckt hast.“ Zu Ehren dieses Trinkspruches verleibte sich Mr. Weller mindestens zwei Drittel von dem Inhalt des neu angekommenen Kruges ein und hielt dann den Rest seinem Sohne hin, der ihm unverzüglich in gleicher Weise Bescheid tat.

„Und nu, Sammy“, sagte Mr. Weller und zog die große doppelgehäusige silberne Uhr zu Rate, die das eine Ende der kupfernen Kette zierte, „nu is es Zeit, daß ich mir auf der Post begebe und abfertigen lasse und zusehe, wie sie die Kutsche laden. Denn Kutschen, Sammy, sind wie Kanonen: sie müssen mit Sorgfalt geladen werden, ehe daß sie losgehen tun.“ Diesen beruflichen Scherz seines Vaters begleitete Mr. Weller junior mit dem Lächeln kindlicher Liebe, und sein ehrwürdiger Erzeuger fuhr in feierlichem Ton fort: „Mein Sohn Samuel, ich werde dich jetzt verlassen, und niemand weiß, wann ich dir wiedersehen tue. Vielleicht hat deine Stiefmutter mich bis dahin längst untergekriegt, und auch sonst können tausend Sachen passiert sein, bis du wieder was von dem berühmten Mr. Weller von Bellsavage hören tust. Der gute Name der Familie hängt jetzt größtenteils von dir ab, Samuel, und ich hoffe, du wirst ihm keine Schande machen. In allen geringeren Stücken kann ich mir so gut auf dir verlassen wie auf mir selber. Ich habe dir also nur noch einen Rat zu geben. Wenn du gegen die Fünfzig kommst und du fühlst dann plötzlich Neigungen, dir selbst zu verheiraten – die Person spielt keine Rolle –, dann schließe dir in deine Kammer ein, falls du eine hast, und vergifte dir unverzüglich. Hängen is was Gemeines, deshalb gib dir damit nich ab. Vergifte dir, mein Sohn Samuel, vergifte dir, und du wirst mir hinterher dankbar sein.“

Bei diesen liebevollen Ermahnungen sah Mr. Weller seinem Sohne ernst ins Gesicht, beschrieb langsam einen Halbkreis mit seinem Absatz und schritt hinaus.

In der ernsten Stimmung, die diese Worte begreiflicherweise hervorgerufen, verließ Mr. Samuel Weller das „Große weiße Roß“ und lenkte seine Schritte der St.-Clemens-Kirche zu, um in altertümlicher Umgebung seine Schwermut zu vergessen. Nach einiger Zeit bemerkte er, daß er auf einen abgelegenen Platz geraten war – eine Art Vorhof von ehrwürdigem Aussehen –, der, wie er bemerkte, keinen anderen Ausgang hatte als eben den Einlaß, durch den er eingetreten war. Schon im Begriff, wieder umzukehren, blieb er. durch eine Erscheinung gebannt, plötzlich wie angewurzelt stehen. Im einzelnen war das so geschehen: Er hatte, in Gedanken verloren, von Zeit zu Zeit an den roten Backsteinhäusern hinaufgesehen und dabei manch lieblichem rotwangigem Dienstmädchen zugenickt, wenn ein Vorhang aufgezogen oder ein Fenster in einem Schlafzimmer geöffnet worden, da ging das grüne Gartentor am Ende des Hofes auf, ein Mann trat heraus, schloß es wieder sorgfältig hinter sich ab und ging dann schnellen Schrittes auf die Stelle zu, wo sich der Einlaß befand.

Als bloßes Faktum, ohne alle Nebenumstände betrachtet, lag gewiß nichts Außerordentliches in diesem Ereignis, denn in vielen Teilen der Welt kommen Männer aus Gärten, schließen grüne Tore hinter sich ab und gehen rasch ihres Weges weiter, ohne daß dies die Augen der Öffentlichkeit in besonderem Grade auf sich zöge. Es war daher klar, daß an dem Manne oder in seinen Manieren oder in beidem etwas liegen mußte, was Mr. Wellers Aufmerksamkeit besonders erregte.

Als der Mann das grüne Tor hinter sich abgesperrt hatte, ging er, wie gesagt, mit schnellen Schritten auf den Hofeinlaß zu. Kaum hatte er jedoch Mr. Weller zu Gesicht bekommen, als er mit einem Ruck stehenblieb, offenbar unschlüssig, was er tun solle. Da das grüne Tor hinter ihm abgeschlossen war und der Hof keinen anderen Ausgang hatte als den in der Front, schien er zu dem Schluß zu gelangen, er müsse an Mr. Samuel Weller vorbei, um hinauszukommen. Er nahm also seinen schnellen Schritt wieder auf und starrte dabei zerstreut vor sich hin. Das Außerordentlichste an ihm war aber, daß er sein Gesicht in die erstaunlichsten und entsetzlichsten Fratzen verzerrte, die wohl jemals ein Mensch gesehen hat. Noch nie ward ein Werk der Natur durch die Kunst der Mimik in einem Augenblick so maskiert, wie das Gesicht dieses Mannes.

„Is doch kurios“, brummte Mr. Weller, als der Mensch näher kam. „Hätte drauf schwören mögen, er ist’s.“

Der Mann kam heran, und sein Gesicht war noch furchtbarer entstellt als vorher.

„Möchte ’n Eid drauf ablegen, es is die schwarze Mähne und die Maulbeerlivree“, sagte sich Mr. Weller. „Nur die Fratze stimmt nich.“

Noch während er so überlegte, nahmen die Züge des Mannes einen geradezu unirdisch-scheußlichen Ausdruck an. Er mußte jedoch ganz nahe vorüber, und der forschende Blick Mr. Wellers erkannte hinter diesen furchtbaren Gesichtsverzerrungen doch etwas, was Mr. Hiob Trotters kleinen Äuglein glich und jeden Irrtum ausschloß, deutlich genug.

„Hallo, Sir!“ schrie Sam wütend.

Der Fremde blieb stehen.

„Hallo!“ wiederholte Sam in noch rauherem Tone.

Der Mann mit dem fürchterlichen Gesicht sah mit der größten Überraschung den Hof hinauf und den Hof hinunter und an den Fenstern der Häuser empor – überallhin, nur nicht auf Sam Weller, und wollte dann vorbeigehen, aber ein dritter Ruf brachte ihn wieder zum Stehen.

Es gab keinen Vorwand mehr, die Stelle zu verkennen, von der die Stimme kam, und er konnte nicht mehr gut etwas andres tun, als Sam Weller gerade ins Gesicht sehen.

„Es hilft alles nichts, Hiob Trotter“, sagte Sam. „Lassen Sie den Blödsinn! So ’ne Schönheit sind Sie nich, daß Sie die paar natürlichen Züge in Ihrem Gesicht auch noch verhunzen. Bringen Sie ja Ihre Augen schnell in ’ne vernünftige Lage, oder ich dämmer Sie Ihnen aus dem Kopf raus. Verstanden?“

Da Mr. „Weller sichtlich geneigt schien, seinen „Worten die Tat folgen zu lassen, ließ Mr. Trotter sein Gesicht allmählich seinen ursprünglichen Ausdruck wieder annehmen und rief mit freudigem Erstaunen: „Was seh ich? Mr. Walker!“

„Mhm!“ versetzte Sam. „Macht Ihnen wohl viel Freude, mich zu sehen, nich wahr?“

„Freude?!“ rief Hiob Trotter. „Oh, Mr. Walker, wenn Sie wüßten, wie ich mich nach diesem Wiedersehen gesehnt habe! Es ist zuviel für mich, Mr. Walker, ich kann es kaum ertragen.“

Und Mr. Trotter brach in einen Strom von Tränen aus, umschlang Mr. Weller mit den Armen und drückte ihn, im Übermaß der Seligkeit, fest ans Herz.

„Loslassen!“ rief Sam, über dieses Benehmen höchlich entrüstet und vergeblich bemüht, sich der Umarmung seines enthusiastischen Freundes zu entziehen. „Loslassen, sag ich Ihnen. Was heulen Sie denn so in mich hinein, Sie Handfeuerspritze?“

„Weil ich so unendlich glücklich bin, Sie zu sehen“, erwiderte Hiob Trotter und ließ allmählich von Mr. Weller ab, bei dem die schlimmsten Symptome der Boxlust nachzulassen begannen. „Oh, Mr. Walker, das ist zuviel.“

„Zuviel?“ wiederholte Sam. „Ich glaube auch, es ist zuviel. Nun, was haben Sie mir zu sagen, he?“

Mr. Trotter gab keine Antwort, denn sein kleines rosafarbiges Taschentuch hatte vollauf zu tun.

„Was haben Sie mir ZTI sagen, ehe ich Ihnen den Kopf einschlage?“ wiederholte Mr. Weller in drohendem Tone.

„Wie beliebt?“ rief Mr. Trotter mit einem Blick tugendhaften Erstaunens.

„Was Sie mir zu sagen haben!“

„Ich – Ihnen, Mr. Walker?“

„Nennen Sie mich nicht Walker. Mein Name ist Weller, das wissen Sie so gut wie ich. Was Sie mir zu sagen haben?“

„Ach Gott, Mr. Walker – Weller, meine ich –, eine Menge Dinge, wenn Sie mit mir irgendwohin gehen wollen, wo wir ungestört miteinander sprechen können. Ach, wenn Sie wüßten, wie sehr mich nach Ihnen verlangt hat, Mr. Weller.“

„Muß ja direkt gewaltig gewesen sein“, bemerkte Sam trocken.

„Außerordentlich, außerordentlich, lieber Herr“, beteuerte Mr. Trotter, ohne eine Miene zu verziehen. „Aber reichen Sie mir die Hand, Mr. Weller.“

Sam betrachtete seinen Kameraden einige Sekunden lang und erfüllte dann, wie durch plötzliche Eingebung dazu getrieben, sein Verlangen. „Was macht“, fragte Hiob Trotter, als sie miteinander weitergingen, „was macht Ihr lieber guter Herr? Ach, ist das ein würdiger Gentleman, Mr. Weller. Ich hoffe, er hat sich in jener fürchterlichen Nacht doch keine Erkältung zugezogen?“

Es blitzte eine Sekunde wie tief versteckte Bosheit in Hiob Trotters Augen bei diesen Worten auf. Mr. Weller fühlte ein Jucken in der geballten Faust, aber er bezwang sich und erwiderte, sein Herr sei ganz wohl.

„Oh, wie mich das freut“, frohlockte Mr. Trotter. „Befindet er sich hier?“

„Ist der Ihrige hier?“ fragte Sam.

„O ja, er ist hier, und es schmerzt mich, Mr. Weller, Ihnen sagen zu müssen, daß er’s ärger treibt als je.“

„Wirklich?“

„Ja; ’s ist furchtbar, schrecklich!“

„Wieder in einem Pensionat?“

„Nein, in keinem Pensionat“, erwiderte Hiob Trotter mit demselben boshaften Blick, den Sam schon vorhin bemerkt hatte, „in keinem Pensionat.“

„In dem Haus mit dem grünen Tor?“ fragte Sam weiter und faßte seinen Kollegen scharf ins Auge.

„Nein – nein – oh, dort nicht“, versetzte Hiob mit einer Eile, die man sonst nicht an ihm gewohnt war.

„Was hatten Sie denn dort zu tun?“ fragte Sam höchst mißtrauisch. „Sie sind vielleicht bloß zufällig durch das Tor gekommen, was?“

„Nun, Mr. Weller“, erwiderte Hiob, „ich trage kein Bedenken, Ihnen meine kleinen Geheimnisse mitzuteilen, denn Sie wissen, was für eine Neigung wir gleich beim ersten Zusammentreffen füreinander faßten. Sie erinnern sich doch, wie vergnügt wir damals beisammensaßen?“

„Jaja“, erwiderte Sam ungeduldig. „Ich erinnere mich. Nun, und?“

„Nun, und“, fuhr Hiob in dem gedämpften Tone eines Menschen fort, der jemand ein wichtiges Geheimnis mitteilt, „in dem Haus mit dem Tor, Mr. Weller, ist eine zahlreiche Dienerschaft.“

„Scheint dem Aussehen nach zu stimmen“, brummte Sam.

„Nun, und unter dieser Dienerschaft“, fuhr Mr. Trotter fort, „ist eine Köchin, Mr. Weller, die ein paar Groschen erspart hat und, wenn sie sich passend verheiraten kann, einen kleinen Kramladen aufzumachen gesonnen ist.“

„So?“

„Ja, Mr. Weller. Ich lernte sie in einer Kapelle kennen, die ich gewöhnlich besuche – ein sehr hübsches Kapellchen in dieser Stadt, Mr. Weller, wo man aus Nummer vier der Sammlung geistlicher Lieder vorsingt, die ich gewöhnlich in einem kleinen Buch bei mir trage, das Sie vielleicht schon bei mir gesehen haben, und ich wurde mit ihr bekannt, Mr. Weller, und daraus entspannen sich nähere Beziehungen zwischen uns, und ich kann Ihnen anvertrauen, Mr. Weller, ich habe die beste Aussicht, Krämer zu werden.“

„Sie werden einen sehr liebenswürdigen abgegeben“, versetzte Sam mit einem Seitenblick tiefgewurzelten Widerwillens auf Hiob.

„Der große Vorteil davon ist, Mr. Weller“, fuhr Hiob fort, und seine Augen füllten sich mit Tränen, „daß ich dann meinen gegenwärtigen schimpflichen Dienst bei dem Gottlosen verlassen und mich einem besseren und tugendhafteren Leben weihen kann – einem Leben, das meiner Erziehung mehr entspricht, Mr. Weller.“

„Sie müssen wohl sehr gut erzogen worden sein“, bemerkte Sam.

„O gewiß, Mr. Weller, gewiß“, erwiderte Hiob, zog bei der Erinnerung an die Unschuld seiner Jugendjahre das rote Taschentuch hervor und vergoß einen Tränenstrom.

„Was fehlt dem Kerl bloß?“ knurrte Sam. „Die Wasserspiele von Chelsea sind ja gar nichts gegen Sie! Was bezwecken Sie eigentlich damit? Wollen Sie schon wieder krumme Dinger drehen?“

„Ich kann meine Gefühle nicht unterdrücken, Mr. Weller“, entschuldigte er sich nach einer Pause. „Wer hätte sich damals träumen lassen, daß mein Herr das Gespräch argwöhnte, das ich mit Mr. Pickwick hatte, und mich zwang, mit ihm abzureisen, nachdem er zuvor die junge Dame und die Vorsteherin der Schule zu der Aussage beredet hatte, sie wüßten nichts von ihm. Ach, es schaudert mich, Mr. Weller, wenn ich daran denke, daß er die Arme nur verließ, um einer besseren Spekulation nachzugehen.“

„Also so verhielt sich die Sache! Wirklich?“ fragte Mr. Weller.

„Sie dürfen mir aufs Wort glauben“, beteuerte Hiob.

„Gut“, sagte Sam, als sie jetzt am Gasthof angekommen waren. „Ich möchte ganz gern wieder ein wenig mit Ihnen plaudern, Hiob. Wenn Sie sonst nich vergeben sind, würde es mir freuen, Sie so gegen acht im .Großen weißen Roß‘ zu sehen.“

„Ich werde nicht ermangeln, mich einzufinden“, sagte Hiob.

„Sie werden wohl daran tun“, erwiderte Sam mit einem vielsagenden Blick, „oder ich suche Ihnen sonst vielleicht hinter dem grünen Tor auf, und dann wäre es möglich, daß ich Sie aussteche.“

„Ich werde mich bestimmt einstellen“, versicherte Mr. Trotter, drückte Mr. Weller mit größter Wärme die Hand Und entfernte sich.

„Nimm dich in acht, Hiob Trotter“, brummte Sam, als er ihm nachsah. „Nimm dich in acht, oder ’s geht dir verdammt an den Kragen, ’n zweites Mal laß ich mir nich hinters Licht führen.“

Nach diesem Monolog machte sich Mr. Weller auf den „Weg nach seines Herrn Schlafzimmer.

„Alles im Zug, Sir“, sagte er.

„Was ist im Zug, Sam?“ fragte Mr. Pickwick.

„Ich habe sie ausfindig gemacht, Sir.“

„Ausfindig gemacht? Wen?“

„Den sauberen Spitzbuben und den melancholischen Schuft mit dem schwarzen Gestrüpp.“

„Unmöglich, Sam!“ rief Mr. Pickwick erregt aus. „Wo sind sie, Sam, wo sind sie?“

„Pst, pst“, erwiderte Mr. Weller und setzte Mr. Pickwick, während er ihm beim Ankleiden half, den Operationsplan auseinander, den er entworfen hatte.

„Aber wann soll das alles geschehen, Sam?“ fragte Mr. Pickwick.

„Alles zu seiner Zeit, Sir, alles zu seiner Zeit.“

Vierundzwanzigstes Kapitel


Vierundzwanzigstes Kapitel

Mr. Peter Magnus wird eifersüchtig und die Dame in den mittleren Jahren so besorgt, daß die Pickwickier Gefahr laufen, dem Arme der Gerechtigkeit überliefert zu werden.

Als Mr. Pickwick in das Zimmer trat, in dem er mit Mr. Peter Magnus den verflossenen Abend verbracht, hatte sich dieser bereits mit dem größten Teil des Inhalts der beiden Reisesäcke, des ledernen Hutfutterals und des Papierpakets so vorteilhaft wie möglich herausgeputzt und ging im Zustand höchster Aufregung und Gemütsbewegung auf und nieder.

„Guten Morgen, Sir“, begann er. „Nun, was sagen Sie dazu?“

„Sie werden einen großartigen Eindruck machen – fraglos“, erwiderte Mr. Pickwick mit gutmütigem Lächeln.

„Ja, ich glaube es selbst“, sagte Mr. Magnus. „Mr. Pickwick, wissen Sie, daß ich bereits meine Karte hinauf geschickt habe?“

„Was Sie sagen!“

„Ja, und sie ließ mir durch den Kellner ausrichten, sie erwarte mich um elf Uhr. – Um elf Uhr, Sir! Es fehlt nur noch eine Viertelstunde!“

„Eine kurze Zeit“, bemerkte Mr. Pickwick.

„Ja, sie ist ziemlich kurz“, erwiderte Mr. Magnus. „Etwas zu kurz, um sich wohl dabei zu fühlen. Meinen Sie nicht auch, Mr. Pickwick?“

„Selbstvertrauen tut dann sehr viel“, riet Mr. Pickwick.

„Ich glaube das auch, Sir“, sagte Mr. Peter Magnus. „Ich erfreue mich übrigens eines großen Selbstvertrauens, Sir. Genaugenommen, Mr. Pickwick, sehe ich auch nicht ein, warum ein Mann in einem Fall wie diesem sich fürchten sollte. Man braucht sich dessen doch nicht zu schämen. Es ist eine Sache gegenseitiger Übereinkunft, weiter nichts. Der Gatte auf der einen Seite, die Gattin auf der andern. Das ist meine Ansicht von der Sache, Mr. Pickwick.“

„Sehr philosophisch gedacht“, versetzte Mr. Pickwick. „Aber das Frühstück wartet, Mr. Magnus. Kommen Sie.“

Die Herren setzten sich zum Frühstück, aber trotz des großen Selbstbewußtseins Mr. Peter Magnus‘ war nicht zu verkennen, daß er im höchsten Grade aufgeregt war, wovon seine Appetitlosigkeit, eine stete Neigung, das Teegeschirr umzuwerfen, ein vergebliches Bemühen, lustig zu sein, und ein unwiderstehlicher Hang, alle Augenblicke auf die Uhr zu sehen, deutlich Zeugnis ablegten.

„Hihihi“, kicherte er nach einer Weile mit erkünstelter Heiterkeit, während er vor innerer Bewegung keuchte. „Es sind nur noch zwei Minuten, Mr. Pickwick. Sehe ich blaß aus, Sir?“

„Nicht sehr“, meinte Mr. Pickwick.

Wieder trat eine kurze Pause ein.

„Ich bitte um Verzeihung, Mr. Pickwick. Aber waren Sie schon jemals in Ihrem Leben in einer solchen Lage?“

„Sie meinen, in der Lage eines Freiers?“ fragte Mr. Pickwick.

„Ja.“

„Noch nie“, erwiderte Mr. Pickwick mit großem Nachdruck. „Noch nie.“

„Sie wissen also nicht, wie man sich dabei zu benehmen hat?“

„Nun, ich habe mir wohl schon gelegentlich meine Gedanken über einen derartigen eventuellen Fall gemacht“, erwiderte Mr. Pickwick. „Aber da ich sie noch nie an dem Prüfstein der Erfahrung erprobt habe, so möchte ich Ihnen nicht raten, Ihr Benehmen danach einzurichten.“

„Immerhin wäre ich Ihnen für jeden Wink sehr verbunden, Sir“, sagte Mr. Magnus mit einem Blick auf die Uhr, deren Zeiger bereits auf fünf Minuten nach elf wies.

„Also gut, Sir“, begann Mr. Pickwick mit dem feierlichen Ernst, durch den er, wenn er wollte, seinen Bemerkungen einen ungemein eindringlichen Charakter geben konnte, „ich würde zuerst der Schönheit und den vortrefflichen Eigenschaften der Dame meine Huldigung zollen und dann auf meine eigne Unwürdigkeit übergehen.“

„Ganz gut“, bemerkte Mr. Magnus.

„Verstehen Sie mich recht – Unwürdigkeit nur ihr gegenüber! Denn um zu zeigen, daß ich nicht im allgemeinen ein Unwürdiger sei, würde ich kurz mein bisheriges Leben und meine gegenwärtige Stellung schildern. Daraus würde ich nach dem Gesetz der Analogie folgern, daß ich für jede andre Person eine höchst wünschenswerte Partie sein müßte, und mich sodann über die Glut meiner Liebe und die Tiefe meines Gefühls verbreiten und mich vielleicht auch versucht finden, ihre Hand zu ergreifen.“

„Ja, ich verstehe“, bemerkte Mr. Magnus, „das wäre ein höchst wichtiger Punkt.“

„Dann, Sir, würde ich“, fuhr Mr. Pickwick fort und wurde immer wärmer, in je glühenderen Farben er sich die Szene ausmalte, „dann würde ich ihr die offene und einfache Frage vorlegen: Wollen Sie mich?, und ich glaube, zu der Annahme berechtigt zu sein, daß sie hierauf ihr Gesicht abwenden würde.“

„Glauben Sie das sicher annehmen zu dürfen?“ fragte Mr. Magnus. „Denn was, wenn sie es nicht täte?“

„Ich glaube, daß sie es tun wird“, meinte Mr. Pickwick mit der Überzeugung des Visionärs. „Dann, Sir, würde ich ihr die Hand drücken, und ich glaube – ich glaube, Mr. Magnus –, wenn ich einmal das getan hätte, würde ich, vorausgesetzt, sie hätte bisher zugehört, sachte das Taschenruch, das sie in diesem Augenblick, wie mich meine geringe Kenntnis der menschlichen Natur vermuten läßt, vor die Augen halten dürfte, wegziehen und ihr in allen Ehren einen Kuß rauben. Ich glaube, ich würde sie küssen, Mr. Magnus. Und was diesen besonderen Punkt betrifft, so bin ich entschieden der Meinung, die Dame würde sodann, wenn sie mich überhaupt wollte, ein verschämtes Ja hauchen.“

Mr. Magnus schauderte zusammen, blickte in Mr. Pickwicks durchgeistigtes Gesicht, schüttelte ihm nach einer kurzen Pause – der Zeiger wies auf zehn Minuten nach elf – mit Wärme die Hand und rannte fassungslos aus dem Zimmer.

Mr. Pickwick war auf und nieder geschritten, und es schlug halb zwölf, als sich plötzlich die Tür öffnete. Er wandte sich um und wollte eben Mr. Peter Magnus beglückwünschen, da erblickte er statt seiner das fröhliche Gesicht Mr. Tupmans, die heitere Miene Mr. Winkles und das Dichterantlitz Mr. Snodgraß‘.

Noch während die Herren Mr. Pickwick begrüßten, trippelte Mr. Peter Magnus ins Zimmer.

„Meine Freunde, der Herr, von dem ich soeben sprach, Mr. Magnus“, stellte Mr. Pickwick vor.

„Ihr Diener, meine Herren“, sagte Mr. Magnus, sichtlich in großer Aufregung. „Mr. Pickwick, könnte ich Sie einen Augenblick allein sprechen?“ Mit diesen Worten verankerte Mr. Magnus seinen Zeigefinger in Mr. Pickwicks Rockknopfloch, zog ihn hastig HI eine Fenstervertiefung und stieß hervor:

„Wünschen Sie mir Glück, Sir! Ich habe Ihren Rat buchstäblich befolgt.“

„Und es lief alles gut ab, nicht wahr?“

„Ausgezeichnet, Sir, hätte nicht besser ausfallen können“, erwiderte Mr. Magnus. „Sie ist mein.“

„Also meinen herzlichsten Glückwunsch!“ rief Mr. Picknick und schüttelte seinem neuen Freund mit Wärme die Hand.

„Ich muß Sie unbedingt vorstellen, Sir“, drängte Mr. Magnus. „Kommen Sie, bitte, kommen Sie! – Sie entschuldigen einen Augenblick, meine Herren.“

Er zog Mr. Pickwick aus dem Zimmer, ging eilends mit ihm die Treppe hinauf, blieb an der nächsten Türe im Gang stehen und klopfte leise an. „Herein!“ rief eine weibliche Stimme, und sie traten ein.

„Miß Witherfield“, sagte Mr. Magnus, „gestatten Sie, daß ich Ihnen meinen vertrauten Freund, Mr. Pickwick, vorstelle. – Mr. Pickwick – Miß Witherfield.“

Die Dame stand am andern Ende des Zimmers. Mr. Pickwick verbeugte sich, nahm seine Brille aus der Westentasche und setzte sie auf. Doch kaum war das geschehen, da wich er mit einem Ausruf des Erstaunens einige Schritte zurück, und die Dame schlug mit einem halbunterdrückten Schrei die Hände vors Gesicht und sank in einen Stuhl.

Mr. Pickwick hatte nämlich kaum seine Brille aufgesetzt, als er in der zukünftigen Mrs. Magnus die Dame erkannte, in deren Zimmer er in der verflossenen Nacht auf so unverantwortliche Weise eingedrungen war, und im selben Augenblick sah auch die Dame plötzlich wieder das Gesicht vor sich, das sie, mit allen Schrecknissen einer Nachtmütze umgeben, noch vor nicht langer Zeit erblickt hatte.

Die Dame schrie, und Mr. Pickwick starrte sie an.

„Mr. Pickwick!“ rief Mr. Magnus außer sich. „Was hat das zu bedeuten, Sir? – Was hat das zu bedeuten?“ wiederholte er in lautem, drohendem Tone.

„Sir!“ erwiderte Mr. Pickwick, über die Art und Weise etwas unwillig, mit der ihn Mr. Peter Magnus so plötzlich angefahren hatte. „Ich muß die Beantwortung dieser Frage ablehnen.“

„Sie lehnen sie ab, Sir?“ fragte Mr. Magnus.

„Ja, allerdings, Sir. Ich lehne es auf das entschiedenste ab, auch nur ein Wort zu sagen, das die Dame kompromittieren oder unangenehme Erinnerungen in ihrer Brust erwecken könnte, ohne ihre ausdrückliche Erlaubnis und Zustimmung.“

„Miß Witherfield!“ sagte Mr. Peter Magnus. „Kennen Sie diesen Herrn?“

„Ob ich ihn kenne?“ erwiderte die Dame in den mittleren Jahren zögernd.

„Ja, ob Sie ihn kennen, Madam. – Ich frage, ob Sie ihn kennen?“ wiederholte Mr. Magnus wild.

„Ich habe ihn allerdings schon gesehen“, gab die Dame in den mittleren Jahren zu.

„Wo?“ fragte Mr. Magnus. „Wo?“

„Das werde ich nie sagen. Nie, nie!“ erwiderte die Dame in den mittleren Jahren, sprang von ihrem Sitz auf und wandte ihr Gesicht ab.

„Ich verstehe Sie, Madam“, sagte Mr. Pickwick. „Ich achte Ihr Zartgefühl. Und auch ich werde kein Wort sprechen, seien Sie überzeugt.“

„Ich muß sagen, Madam“, bemerkte Mr. Magnus, „in Anbetracht des Verhältnisses, in dem ich zu Ihnen stehe, behandeln Sie diese Sache ja recht gleichgültig – recht gleichgültig, Madam!“

„Grausamer Mr. Magnus“, schluchzte die Dame in den mittleren Jahren und brach in Tränen aus.

„Richten Sie Ihre Vorwürfe an mich, Sir“, fiel Mr. Pickwick ein. „Ich allein bin zu tadeln, wenn jemand Tadel verdient.“

„So, so, Sie allein sind zu tadeln, Sir!“ sagte Mr. Magnus. „Jetzt durchschaue ich alles, Sir. Sie bereuen offenbar Ihren Entschluß, nicht wahr?“

„Meinen Entschluß?“ fragte Mr. Pickwick.

„Ihren Entschluß, Sir! Starren Sie mich nur nicht so an, Sir! Ich erinnere mich noch ganz gut Ihrer Worte von gestern abend. Sie sind hierhergekommen, Sir, die Treulosigkeit und Falschheit einer Person zu entlarven, auf deren Ehrenhaftigkeit und Treue Sie einst gebaut hatten, nicht wahr?“ Mr. Peter Magnus verzog sein Gesicht zu einem spöttischen Lächeln und nahm seine grünliche Brille ab – die er wahrscheinlich in seinem Eifersuchtsanfall für überflüssig hielt – und rollte seine kleinen Äuglein in schreckenerregender Weise. „Nicht wahr? Aber Sie sollen mir Rede und Antwort stehen, Sir.“

„Rede und Antwort? Auf was?“ fragte Mr. Pickwick.

„Schon gut, Sir“, versetzte Mr. Magnus und schritt erregt im Zimmer auf und ab, „schon gut.“

Es müssen magische Kräfte in den Worten „schon gut“ verborgen liegen, denn, wann immer sie fallen, bei einem „Wortwechsel auf der Straße, im Theater, im Wirtshaus oder sonstwo, stets erwecken sie einen größeren Unwillen, als es die beredtesten Schimpfwörter hervorzurufen vermöchten Nicht etwa, daß die Anwendung dieses Lakonismus in Mr. Pickwicks Seele genau denselben Unwillen erregt hätte wie in einer gewöhnlichen Brust, aber jedenfalls öffnete er die Tür und rief laut hinunter:

„Tupman, kommen Sie, bitte, einen Moment herein!“

Mr. Tupman erschien augenblicklich mit höchst erstauntem Gesicht.

„Tupman“, sagte Mr. Pickwick, „ein Geheimnis zarter Natur, das diese Dame betrifft, ist die Ursache eines „Wortwechsels zwischen diesem Herrn und mir. Wenn ich ihm jetzt in Ihrer Gegenwart hiermit versichere, daß es keinen Bezug auf ihn hat und in keiner Verbindung mit seinen Angelegenheiten steht, so muß ich Sie dringend ersuchen, ihm zu bemerken, daß, wenn er fortfährt, beleidigende Zweifel in meine „Wahrhaftigkeit zu setzen, ich genötigt sein werde, meine Konsequenzen zu ziehen.“

Mr. Pickwick sah bei diesen Worten Mr. Peter Magnus mit einem Blick an, der mehr sagte als ganze Enzyklopädien.

Sein offenes, ehrenhaftes Benehmen, verbunden mit der Kraft und Energie der Sprache, die ihn so sehr auszeichneten, würde jeden vernünftigen Menschen beruhigt haben, aber unglücklicherweise war gerade in diesem Moment der Geist Mr. Peter Magnus‘ seiner Klarheit beraubt. Anstatt Mr. Pickwicks Erklärung so aufzunehmen, wie es sich geziemt hätte, fuhr er fort, sich in eine Art Raserei hineinzureden und davon zu sprechen, was er sich selbst schuldig sei, und von anderen Dingen mehr, wobei er seiner Deklamation dadurch Nachdruck verlieh, daß er mit schnellen Schritten auf und nieder ging, sich durch die Haare fuhr und gelegentlich Mr. Pickwicks menschenfreundlichem Antlitz die Faust unter die Nase hielt.

Mr. Pickwick, im Bewußtsein seiner Unschuld und Korrektheit und in der Unruhe, die Dame in mittleren Jahren verhängnisvollerweise in eine so unangenehme Lage versetzt zu haben, behielt leider nicht die ruhige Fassung, die man sonst an ihm gewohnt war. Die Worte wurden immer hitziger und die Stimmen heftiger, und als Mr. Magnus endlich Mr. Pickwick hinwarf, „er werde von ihm hören“, war die kaltblütige Antwort: „Je früher, desto besser!“

Voll Schrecken stürzte die Dame in den mittleren Jahren aus dem Zimmer, und Mr. Tupman zog Mr. Pickwick mit sich fort, Mr. Peter Magnus sich und seinen Gedanken überlassend.

Hätte die Dame in den mittleren Jahren Lebenserfahrung besessen oder überhaupt die Art und Weise derer gekannt, die die Gesetze oder die Mode machen, so würde sie gewußt haben, daß solche stürmische Auftritte zu den harmlosesten Dingen von der Welt gehören. Aber da sie die meiste Zeit auf dem Lande gelebt und noch nie die Parlamentsverhandlungen gelesen hatte, so war sie in den Verfeinerungen des zivilisierten Lebens wenig bewandert. Als sie ihr Schlafzimmer erreicht und sich eingeschlossen hatte, drängten sich beim Nachdenken über die Szene, deren Zeuge sie soeben gewesen war, ihrer Phantasie die fürchterlichsten Bilder von Mord und Blutvergießen auf, unter denen die Vision des Mr. Peter Magnus, in Lebensgröße von vier Mann nach Hause getragen und die linke Brusthälfte mit den feindlichen Geschossen gefüllt, eine der allerkleinsten war. Je mehr sie darüber nachdachte, desto mehr erschrak sie, und endlich beschloß sie, sich zum Bürgermeister der Stadt zu begeben und ihn zu ersuchen, die Herren Pickwick und Tupman unverzüglich verhaften zu lassen.

Zu diesem Entschluß wurde die Dame in den mittleren Jahren durch verschiedne Erwägungen bestimmt, von denen der unwiderlegliche Beweis, den sie dadurch von ihrer Herzensangst um Mr. Peter Magnus‘ Leben lieferte, der hauptsächlichste war. Sie kannte sein eifersüchtiges Temperament zu gut, um auch nur die leiseste Anspielung auf den eigentlichen Grund ihrer Aufregung beim Anblick Mr. Pickwicks Zu wagen und setzte so viel Vertrauen auf ihren Einfluß und ihre Überredungsgabe, daß sie sich mit der Hoffnung schmeichelte, seine stürmische Eifersucht beruhigen zu können, wenn Mr. Pickwick entfernt wäre und kein neuer Streit entstehen könnte. Mit diesem Gedanken erfüllt, hüllte sie sich in ihre Haube und ihren Schal und begab sich schnurstracks nach der Wohnung des Bürgermeisters.

Nun war George Nupkins, Esquire, der besagte oberste Beamte der Stadt, eine so bedeutende Person, wie sie der schnellste lebende Läufer am einundzwanzigsten Juni, der nach Behauptung des Kalenders der längste Tag im ganzen Jahr ist und also die längste Zeit zum Suchen, gestattet, zwischen Sonnenaufgang und –niedergang nur hätte finden können. Gerade an diesem Morgen befand sich Mr. Nupkins im Zustande größter Aufregung, denn es hatte eine Revolution in der Stadt gegeben. Sämtliche Schüler der besuchtesten Klasse hatten sich verschworen, einem Obsthändler, der ihnen ein Dorn im Auge war, die Fenster einzuwerfen, hatten den Büttel ausgepfiffen und den Konstabler, einen ältlichen Mann in Stulpenstiefeln, der beordert gewesen war, den Aufruhr im Keim zu ersticken und wenigstens schon, ein halbes Jahrhundert lang den Frieden der Stadt aufrechterhalten, mit Kot beworfen.

Mr. Nupkins saß in seinem Sorgenstuhl, runzelte majestätisch die Stirne und kochte noch immer vor Wut, als eine Dame gemeldet wurde, die ihn in einer besondern und dringenden Privatangelegenheit zu sprechen wünsche. Mr. Nupkins nahm den ruhig-furchtbaren Blick seines Standes an und befahl, die Dame hereinzuführen, welchem Befehle, wie allen Verordnungen von Kaisern, Königen und andern großen Mächten der Erde, auf der Stelle Folge geleistet wurde.

Miß Witherfield trat in reizender Verwirrung herein.

„Muzzle!“ rief der Beamte.

Muzzle war ein Diener von untersetzter Statur, mit langem Leib und kurzen Beinen.

„Ja, Euer Gnaden!“

„Bring einen Stuhl und verlaß das Zimmer!“

„Ja, Euer Gnaden.“

„Nun, Madam, wollen Sie mir freundlichst Ihre Angelegenheit vortragen“, sagte der Beamte.

„Sie ist sehr schmerzlicher Natur, Sir“, bemerkte Miß Witherfield.

„Das ist mir leid, Madam“, versetzte Mr. Nupkins mit wohlwollendem Blick. „Fassen Sie sich, Madam. – Und dann sagen Sie mir, Madam, ob eine Gesetzesüberschreitung Sie zu mir führt.“ Hier triumphierte der Beamte über den Menschen, und sein Blick wurde wieder streng.

„Es ist mir ungemein peinlich, Ihnen diese Mitteilung machen zu müssen“, sagte Miß Witherfield, „aber ich fürchte, es soll hier ein Duell ausgetragen werden.“

„Hier, Madam?“ rief der Beamte. „Wo, Madam?“

„In Ipswich.“

„In Ipswich, Madam? Ein Duell in Ipswich?“ murmelte der Beamte, bei dem bloßen Gedanken außer sich vor Schrecken. „Unmöglich, Madam, so etwas kann in dieser Stadt nicht vorkommen, davon bin ich überzeugt. – Beim Himmel, Madam, wissen Sie nichts von der Tätigkeit unsrer städtischen Polizei? Haben Sie nie davon gehört, Madam, daß ich am vierten Mai dieses Jahres, nur von sechzig Konstablern begleitet, in einen Boxring eindrang und auf die Gefahr hin, der wilden Leidenschaft eines wütenden Pöbels zum Opfer zu fallen, einen Faustkampf zwischen Dumpling von Middlesex und Bantam von Suffolk verhinderte? – Ein Duell in Ipswich, Madam! – Ich kann – ich kann es nicht glauben“, fuhr der Beamte im Selbstgespräch fort, „daß zwei Menschen die Kühnheit haben sollten, einen solchen Friedensbruch in dieser Stadt zu beabsichtigen.“

„Meine Angabe ist leider nur zu richtig“, sagte die Dame in den mittleren Jahren. „Ich selbst war beim Streit gegenwärtig.“

„Es ist wirklich unerhört“, rief der Beamte aus. „Muzzle!!“

„Hier, Euer Gnaden!“

„Mr. Jinks soll sofort kommen. Augenblicklich.“

„Zu Befehl, Euer Gnaden.“

Muzzle entfernte sich, und ein blasser, spitznasiger, halbverhungerter, schäbig gekleideter Schreiber, auch in den mittleren Jahren, trat ins Zimmer.

„Mr. Jinks!“ rief der Beamte. „Mr. Jinks!“

„Sir“, erwiderte Mr. Jinks.

„Diese Dame, Mr. Jinks, macht soeben die Anzeige, daß ein Duell hier in der Stadt geplant wird.“

Mr. Jinks, der sich nicht darüber klar war, wie er sich benehmen sollte, lächelte mit der Miene des Untergebenen.

„Was gibt’s da zu lachen, Mr. Jinks?“ fragte der Beamte.

Mr. Jinks machte augenblicklich ein ernstes Gesicht.

„Mr. Jinks!“ herrschte ihn der Beamte an. „Sie sind ein Narr!“

Mr. Jinks blickte demütig an dem Machthaber empor und nagte an seiner Feder.

„Sie können etwas Komisches in dieser Angabe finden, Sir, aber ich muß Ihnen sagen, Mr. Jinks, daß Sie sehr wenig Grund haben zu lachen!“ Der halbverhungerte Jinks seufzte, als wäre er sich vollkommen bewußt, daß er sehr wenig Grund habe zu lachen, und schrieb dann auf Befehl Mr. Nupkins‘ die Aussage der Dame in ein Protokoll.

„Dieser Pickwick ist also der Friedensstörer, wie ich höre?“ fragte der Beamte, als der Akt geschlossen war.

„Ja“, erwiderte die Dame in den mittleren Jahren.

„Und der Sekundant … Wie ist sein Name, Mr. Jinks?“

„Tupman, Sir.“

„Tupman?“

„Ja, Sir.“

„Der Geforderte, sagen Sie, ist verschwunden, Madam.“

„Ja“, erwiderte Miß Witherfield mit einem kurzen Hüsteln.

„Also gut“, sagte der Beamte. „Da sind zwei Gurgelabschneider extra von London hergekommen, um die Bevölkerung zu dezimieren, weil sie meinen, in dieser Entfernung von der Hauptstadt sei der Arm des Gesetzes schwach und gichtbrüchig. Aber ich werde ein Exempel an ihnen statuieren. Setzen Sie die Verhaftsbefehle auf, Mr. Jinks. – Muzzle!!“

„Hier, Euer Gnaden.“

„Ist Grummer unten?“

„Ja, Euer Gnaden.“

„Schick ihn herauf.“

Dienstbeflissen enteilte Muzzle und kehrte bald darauf mit einem ältlichen Gentleman in Stulpenstiefeln zurück, der sich hauptsächlich durch eine Kupfernase, eine heisere Stimme, einen schnupftabakfarbenen Überrock und einen unsteten Blick auszeichnete.

„Grummer!“ sagte der Beamte.

„Euer Ho’ohlgeboren?!“

„Ist die Stadt jetzt ruhig?“

„Zimmlich, Euer Ho’ohlgeboren“, erwiderte Grummer. Das Volksempfinn ist gewissermaaßn abgeflaut, weil die Lümmel verschwunn sind; zum Kricket.“

„Nur energische Maßregeln wirken noch in diesen Zeiten, Grummer“, sagte der Würdenträger mit sehr bestimmtem Ton. „Wenn das Ansehen der königlichen Behörden mißachtet wird, muß das Standrecht verhängt werden. Wenn die Zivilbehörde die Fenster nicht schützen kann, so muß die militärische Macht die Zivilbehörde und die Fenster schützen. Ich glaube, das ist ein Grundsatz der Verfassung, Mr. Jinks?“

„Gewiß, Sir“, versetzte Jinks.

„Sehr gut“, sagte der Beamte und unterzeichnete die Verhaftsbefehle. „Grummer, Sie werden mir heute nachmittag die hier bezeichneten Personen vorführen. Sie finden sie im ,Großen weißen Roß‘. Sie erinnern sich doch noch an den Fall von Dumpling aus Middlesex und Bantam aus Suffolk, Grummer?“

Mr. Grummer deutete durch ein Kopfnicken an, daß das seinem Gedächtnis nie entschwinden könne. Begreiflicherweise, denn er wurde doch täglich daran erinnert.

„Dieser Fall ist noch gesetzwidriger. Er bedeutet einen noch größeren Friedensbruch, einen noch größeren Eingriff in Seiner Majestät Vorrechte. Ich glaube, das Duell ist eins der unbestrittensten Vorrechte der Krone, Mr. Jinks, nicht wahr?“

„In der Magna Charte ausdrücklich stipuliert, Sir“, erwiderte Mr. Jinks.

„Einer von den glänzendsten Juwelen Großbritanniens, Seiner Majestät durch die politische Union der Barone abgetrotzt, glaube ich, Mr. Jinks?“

„Jawohl“, versetzte Mr. Jinks.

„Sehr gut“, bemerkte der Beamte und richtete sich stolz auf. „Es soll in diesem Teile königlichen Gebietes nichts an getastet –werden. Grummer, sorgen Sie für entsprechenden Beistand, und vollziehen Sie diese Verhaftsbefehle so bald wie möglich. – Muzzle!“

„Hier, Euer Gnaden.“

„Begleiten Sie diese Dame.“

Miß Witherfield entschwebte, mit hoher Bewunderung der Gelehrsamkeit und des Scharfsinnes des Würdenträgers erfüllt. Mr. Nupkins zog sich zum Essen zurück, Mr. Jinks in sich selbst – mit Ausnahme des Ruhebettes in seinem kleinen Stübchen, das bei Tag von der Familie seiner Hauswirtin bewohnt wurde, die einzige Zufluchtsstätte, die ihm amtlich gestattet war –, und Mr. Grummer zog sich zurück, um durch Vollziehung des ihm gewordnen Auftrages die Schmach abzuwaschen, die ihm und Seiner Majestät anderm Repräsentanten – dem Büttel – im Laufe des Vormittags angetan worden war.

Während diese entschlossenen Anstalten zur Erhaltung des Friedens Seiner Majestät getroffen wurden, hatten sich Mr. Pickwick und seine Freunde, den nahenden Sturm nicht im entferntesten ahnend, ruhig zur Tafel gesetzt und waren alle sehr vergnügt und gesprächig. Mr. Pickwick erzählte eben zum großen Ergötzen seiner Freunde, besonders Mr. Tupmans, sein nächtliches Abenteuer, als sich die Tür öffnete und eine geradezu verbotene Physiognomie in das Zimmer spähte. Die Augen dieser Physiognomie ruhten einige Sekunden forschend auf Mr. Pickwick und waren allem Anschein nach mit dem Ergebnis ihrer Untersuchung zufrieden, denn der Leib, zu dem die verbotene Physiognomie gehörte, schob sich langsam ins Zimmer und entpuppte sich als die Gestalt eines ältlichen Mannes in Stulpenstiefeln – kurz, um den Leser nicht länger in qualvoller Ungewißheit zu lassen, als die Mr. Grummers.

Mr. Grummers Vorgehen war seinem Berufe angemessen, aber eigentümlich. Seine erste Handlung bestand in der Verriegelung der Tür, seine zweite im sorgfältigen Abtrocknen seines Kopfes und Gesichtes mit einem baumwollnen Taschentuch, seine dritte im Hinstellen seines Hutes mit dem baumwollnen Taschentuch darin und seine vierte im Hervorziehen eines kurzen, mit einer messingnen Krone versehenen Stabes, den er mit einer gravitätischen und geisterhaften Miene gegen Mr. Pickwick schwang.

Mr. Snodgraß war der erste, der das eingetretne Stillschweigen brach. Er sah Mr. Grummer einige Minuten durchbohrend an und bedeutete ihm dann mit Nachdruck:

„Dies ist ein Privatzimmer, Sir, ein Privatzimmer.“

Mr. Grummer schüttelte den Kopf und erwiderte:

„Es gibbt kein Privatzimmer vor Seiner Majestät, wenn die Hausschwelle erst einmal öberschritten ist. Das ist Kesetz. Viele Leute behaupten, des Engländers Haus ist seine Burg. Das ist aberr Onnsinn.“

Die Pickwickier starrten einander mit verwunderten Augen an.

„Wer ist Mr. Tupman?“ fragte Mr. Grummer. – Mr. Pickwick hatte er nämlich vermöge seines Scharfblicks sogleich erkannt.

„Ich heiße Tupman.“

„Und ich heiße Kesetz“, erwiderte Mr. Grummer.

„Wie?“ fragte Mr. Tupman.

„Kesetz“, wiederholte Mr. Grummer, „Kesetz, bürrgerrliche Rrechtsgewalt sowie Ixikuttiiwee; das sind meine Titell; hierr ist meine Errmächtigungk, betrrifft Tupman, betrifft Pickfick; Verrstoß in Forrm von Frriedensbrruch gerrichtett gegen unsern rregierrenden Herrn, den König; auf vorliegenden Fall berrechnet und ausgestellt; alles in Butter. liich verrhafte Sie, Pickfick! Tupman – desgleichen.“ „Was ist das für eine Unverschämtheit!“ rief Mr. Tupman aufspringend. „Verlassen Sie das Zimmer! – Augenblicklich verlassen Sie das Zimmer.“ „Hallo!“ rief Mr. Grummer, verfügte sich eiligst an die‘ Tür und öffnete sie ein paar Zoll weit. „Dubbley!“

„Hirr“, antwortete eine Baßstimme aus dem Gang, und ein sechs Fuß hoher und entsprechend breiter Mann mit C1nem schmutzigen roten Gesicht schob sich durch die halb geöffnete Tür ins Zimmer.

„Sind die andern gleichfalls zurr Hand, Dubbley?“ fragte Mr. Grummer.

Mr. Dubbley, ein wortkarger Mann, nickte bejahend.

„Erringen Sie die Abteilung herrein, Dubbley“, gebot Mr. Grummer.

Mr. Dubbley tat, wie ihm befohlen, und ein halbes Dutzend Konstabler, jeder mit einem kurzen Stab und einer messingnen Krone versehen, stellten sich im Zimmer auf. Mr. Grummer steckte seinen Stab in die Tasche und sah Mr. Dubbley an. Mr. Dubbley steckte seinen Stab in die Tasche und sah seine Abteilung an, und die Abteilung steckte ihre Stäbe in die Tasche und sah die Herren Tupman und Pickwick an.

Mr. Pickwick und seine Jünger erhoben sich wie ein Mann.

„Was soll dieses stürmische Eindringen in ein Privatzimmer bedeuten?“ fragte Mr. Pickwick.

„Wer untersteht sich, mich zu verhaften?“ rief Mr. Tupman.

„Was wollt ihr hier, ihr Schufte?“ sagte Mr. Snodgraß.

Mr. Winkle sagte gar nichts, heftete nur seine Augen auf Grummer und schleuderte ihm einen Blick zu, der ihm die Hirnschale durchbohrt und auf der andern Seite wieder herausgekommen wäre, hätte der Mann nur einigermaßen Empfinden besessen, so aber brachte es keine sichtbare Wirkung hervor.

Als das Detachement gewahrte, daß Mr. Pickwick und seine Freunde geneigt waren, sich der Autorität der Behörden zu widersetzen, stülpte es sehr bedeutungsvoll seine Rockärmel auf, als ob es in ihrem Beruf läge und sich von selbst verstände, daß es die Herren zuvörderst zu Boden schlagen und dann mitnehmen müsse. Diese Demonstration verfehlte ihre Wirkung auf Mr. Pickwick keineswegs. Er besprach sich einige Minuten lang leise mit Mr. Tupman, erklärte sich dann bereit, mit zum Bürgermeister zu gehen, und begnügte sich damit, die Anwesenden in Kenntnis zu setzen, daß er fest entschlossen sei, sobald er wieder in Freiheit sein werde, diese ungeheure Verletzung seiner Vorrechte als Engländer zu ahnden, was den Eindringlingen ein lautes Gelächter entlockte, Mr. Grummer ausgenommen, der auch den geringsten Eingriff in das göttliche Recht der Obrigkeit einer Art Gotteslästerung gleich zu achten schien.

Als sich jedoch Mr. Pickwick bereit erklärt hatte, sich den Gesetzen seines Landes zu fügen, und die Kellner und Hausknechte, Stubenmädchen und Postjungen, die sich von der angedrohten Widersetzlichkeit allerhand Kurzweil versprochen hatten, getäuscht und mißmutig auseinandergingen, ergab sich eine ungeahnte Schwierigkeit. Trotz seiner Hochachtung vor den Behörden weigerte sich nämlich Mr. Pickwick auf das entschiedenste, sich gleich einem gemeinen Verbrecher von den Dienern der Gerechtigkeit umringt und bewacht über die Straße führen zu lassen. Ebenso bestimmt weigerte sich Mr. Grummer, bei der noch immer herrschenden Aufregung der Gemüter – denn es war ein halber Feiertag und die Schuljugend noch nicht nach Hause zurückgekehrt –, auf der andern Seite der Straße zu gehen und sich mit Mr. Pickwicks Ehrenwort, sich geradenwegs zum Bürgermeister verfügen zu wollen, zu begnügen. Andererseits weigerten sich Mr. Pickwick und Mr. Tupman ebenso entschieden, die Kosten einer Postkutsche, des einzigen anständigen Vehikels, das man bekommen konnte, zu tragen. Der Streit wurde immer hitziger, die Parlamentäre konnten sich nicht einigen, und eben war das Detachement im Begriff, Mr. Pickwicks Weigerung durch das gewöhnliche Auskunftsmittel zu beseitigen, ihn mit Brachialgewalt zum Bürgermeister zu schleppen, als man sich erinnerte, daß im Hofe eine alte Sänfte stand, die, ursprünglich für einen mit Gicht behafteten Grundeigentümer entworfen, zur Beförderung Mr. Pickwicks und Mr. Tupmans zum mindesten ebenso geeignet war wie eine moderne Postkutsche. Die Sänfte wurde also requiriert und in den Hausflur gebracht. Mr. Pickwick und Mr. Tupman schlüpften hinein und ließen die Vorhänge herunter. Ein paar Träger waren bald gefunden, und in bester Ordnung setzte sich der Zug in Bewegung. Die Diener der Gerechtigkeit umzingelten das Vehikel, Mr. Grummer und Mr. Dubbley schritten triumphierend voran, Mr. Snodgraß und Mr. Winkle gingen Arm in Arm hinterdrein, und die Ungeseiften von Ipswich bildeten die Nachhut.

Die Krämer der Stadt hatten zwar nur eine sehr unbestimmte Vorstellung von der Natur des vorgefallnen Verbrechens, waren aber doch durch dieses Schauspiel höchlich erbaut. War es doch der starke Arm des Gesetzes, der sich da mit der Kraft von zwanzig Goldschlägern auf zwei Verbrecher aus der Hauptstadt herniedersenkte; die gewaltige Maschine wurde durch ihren eignen Bürgermeister geleitet und durch ihre eignen Amtsdiener in Betrieb gesetzt, und durch ihre vereinten Anstrengungen waren die Frevler in dem engen Raum einer Sänfte sicher aufgehoben. Mancher Zuruf des Beifalls und der Bewunderung begrüßte Mr. Grummer, als er den Zug mit dem Stab in der Hand anführte. Laut und anhaltend war der Jubel, den die Ungeseiften anstimmten.

Mr. Weller kehrte gerade in seiner Morgenjacke mit den schwarzen Kalikoärmeln ziemlich niedergeschlagen von einer erfolglosen Besichtigung des geheimnisvollen Hauses mit dem grünen Tor zurück, als er, die Augen erhebend, den die Sänfte umwogenden Volkshaufen gewahrte. Um seine Gedanken von dem fehlgeschlagnen Unternehmen abzulenken, trat er beiseite, um die Menge vorbeizulassen, und da er hörte, daß sie größtenteils zu ihrem Privatvergnügen schrie und lärmte, begann er sofort, lediglich um sich aufzuheitern, ebenfalls aus vollem Halse zu schreien.

Mr. Grummer schritt vorüber und Mr. Dubbley, die Sänfte und die Leibwache, und immer noch stimmte Sam in das enthusiastische Geschrei der Menge ein und schwenkte dabei seinen Hut im Taumel höchster Lust, nicht im entferntesten die Wahrheit ahnend, als er plötzlich bei der unerwarteten Erscheinung der Herren Winkle und Snodgraß verstummte.

„Was is los, Gentlemen?“ rief er. „Wen tragen sie denn da in diesem Trauerschilderhaus?“

Beide Herren antworteten gleichzeitig, aber ihre Worte verhallten im allgemeinen Lärm.

Wen?“ schrie Sam wieder. Und abermals erfolgte eine gleichzeitige Antwort. Wenn er auch die Worte nicht vernehmen konnte, so las er doch von der beiden befreundeten Lippenpaaren das Zauberwort „Pickwick“. Dies war genug. In der nächsten Minute hatte sich Mr. Weller Bahn gebrochen, brachte die Träger zum Stehen und stellte den stattlichen Grummer zur Rede. „Holla, Alter, wen haben Sie da in dieser Tragbahre?“ „Zurück!“ rief Mr. Grummer, dessen Selbstgefühl durch die Volksgunst wunderbar gehoben war.

„Schlagt ihn nieder, wenn er nicht abhaut“, riet Mr. Dubbley.

„Ich bin Ihnen ja sehr verbunden, Sie alter Herr, daß Sie sich so um meine Bequemlichkeit kümmern; und dem andern alten Herrn, der so aussieht, als wenn er gerade aus ’ner Karawane getürmt ist, wo lauter Riesen drin waren, dem bin ich ja noch mehr verbunden wegen sein hübschen Vorschlag. Bloß, wenn es Ihnen egal is, dann hätte ich doch lieber Auskunft auf meine Frage. – Wie geht es Ihnen, Sir?“ Diese letzte Bemerkung war in gönnerhaftem Ton an Mr. Pickwick gerichtet, der eben durch das Vorderfenster spähte.

Mr. Grummer war völlig sprachlos vor Entrüstung. Er zog seinen Stab mit der Messingkrone aus der Tasche hervor und schwenkte ihn vor Sams Augen.

„Hm“, sagte Sam, „recht hübsch, besonders die Krone, die hat ja direkt Ähnlichkeit mit ’ner richtigen.“

„Zurück!“ schrie Mr. Grummer entrüstet, und um seinem Befehl mehr Kraft zu geben, stieß er mit der einen Hand das metallne Sinnbild des Stabes in Sams Halstuch und faßte ihn mit der andern am Kragen, eine Artigkeit, die Mr. Weller damit erwiderte, daß er ihn zu Boden schlug, nachdem er zuvor mit der größten Bedachtsamkeit einen Träger umgeworfen, um Mr. Grummer minder hart zu betten.

Ob Mr. Winkle von einem vorübergehenden Anfall jener Art von Wahnsinn befallen war, die aus dem Gefühl erlittenen Unrechts entspringt, oder ob er durch Mr. Wellers Tapferkeit angesteckt wurde, läßt sich nicht mehr ermitteln; kaum jedoch sah er Mr. Grummer stürzen, als er einen furchtbaren Angriff auf einen kleinen Jungen machte, der neben ihm stand, worauf Mr. Snodgraß mit echt christlichem Sinn und um niemand ungewarnt zu überfallen, mit lauter Stimme ankündigte, er werde jetzt beginnen – eine Erklärung, nach der er mit kaltblütiger Überlegung seinen Rock auszog. Er wurde jedoch augenblicklich umringt und festgenommen, und zu seiner und Mr. Winkles Ehre sei gesagt, daß beide nicht den geringsten Versuch machten, sich oder Mr. Weller zu befreien, der erst nach heftigem Widerstand von der Übermacht bewältigt und festgenommen wurde. Der Zug ordnete sich, die Träger traten an ihre Plätze, und alles setzte sich wieder in Bewegung.

Mr. Pickwicks Entrüstung während dieses ganzen Vorfalls kannte keine Grenzen. Er sah nur, wie Sam die Werkzeuge der Gerechtigkeit in allen Richtungen durcheinanderwarf – das einzige, was er wahrnehmen konnte, da er weder die Tür der Sänfte zu öffnen, noch die Vorhänge aufzuziehen vermochte. Endlich gelang es ihm mit Hilfe Mr. Tupmans, die Decke zu durchstoßen und auf den Sitz zu steigen, von wo aus er, krampfhaft auf die Schulter des Freundes gestützt, eine flammende Rede an das Volk hielt, in der er gegen die unverantwortliche Art der Behandlung protestierte und alle zu Zeugen aufrief, daß sein Diener zuerst angegriffen worden sei.

In diesem Aufzug erreichten sie das Haus des Bürgermeisters, die Sänftenträger im Trab, Mr. Pickwick im Feuer der Rede und die Menge laut johlend.

Fünfundzwanzigstes Kapitel


Fünfundzwanzigstes Kapitel

Zeigt nebst andern ergötzlichen Dingen, welche Würde und Unparteilichkeit Mr. Nupkins an den Tag legte, und wie Mr. Weller seine Schuld Mr. Hiob Trotter mit Zinseszinsen heimzahlte.

Groß war Mr. Wellers Entrüstung, als er fortgeschleppt wurde, zahlreich seine Anspielungen auf die Persönlichkeit und Handlungsweise Mr. Grummers und seines Amtsgenossen und heldenmütig die Herausforderungen, die er an die sechs Konstabler richtete. Mr. Snodgraß und Mr. Winkle lauschten mit tiefem Respekt auf den Strom der Beredsamkeit, den ihr Meister, taub gegen die Bitten Mr. Tupmans, doch den Deckel des Vehikels zu schließen, von der Höhe herab sich ergießen ließ. Doch Mr. Wellers Zorn wich plötzlich der Neugierde, als die Menge in denselben Hofraum einbog, in dem er den Ausreißer Hiob Trotter getroffen hatte, und die Neugierde machte einem Gefühle der freudigsten Überraschung Platz, als Mr. Grummer den Trägern haltzumachen gebot, mit würdevollem und festem Gang auf das grüne Tor zuschritt und hastig am Glockenzug riß.

Darauf erschien ein sehr gut gebautes Hausmädchen mit ausnehmend hübschem Gesicht, das vor Erstaunen über das rebellische Aussehen der Gefangenen und den schäumenden Redefluß Mr. Pickwicks die Hände über dem Kopf zusammenschlug und Mr. Muzzle herbeirief. Mr. Muzzle öffnete den einen Flügel des Tores, um die Sänfte, die Gefangenen und die Diener der Gerechtigkeit einzulassen. Sobald diese das Tor passiert hatten, schlug Muzzle es der folgenden Menge vor der Nase zu, mit dem Erfolg, daß die Leute, empört über ihren Ausschluß und neugierig auf das, was noch kommen würde, ein, zwei Stunden lang ihren Gefühlen Luft machten, indem sie das Tor mit Fußtritten bearbeiteten und die Glocke tanzen ließen. An diesem Vergnügen beteiligten sich abwechselnd alle Versammelten außer drei oder vier Glücklichen, die eine Ritze im Tor entdeckt hatten, durch die man zwar auch nichts sehen konnte, die sie aber dennoch mit jener unermüdlichen Sturheit belagerten, mit der sich ganze Menschentrauben die Nasen an den Vorderfenstern einer Apotheke flachdrücken, während ein angesäuselter Mann, der versehentlich unter die Pferde gekommen ist, im Hinterzimmer behandelt wird.

Am Fuß einer zur Haustür führenden Treppe, die auf beiden Seiten von je einer amerikanischen Aloe in einem grünen Topf bewacht wurde, machte die Sänfte halt, und Mr. Pickwick und seine Freunde wurden in den Hausflur geführt, um gleich darauf, von Muzzle angemeldet, Mr. Nupkins, dem Allgewaltigen, vorgestellt zu werden.

Die Szene, die sich ihren Augen darbot, war ergreifend und ganz darauf berechnet, das Herz des Schuldbewußten mit Schrecken zu erfüllen und ihm einen richtigen Begriff von der Strenge und Majestät des Gesetzes beizubringen. Vor einem mächtigen Bücherkasten, an einem ebensolchen Tisch, hinter einem großen Buch und in einem geräumigen Stuhl saß Mr. Nupkins, alle diese Gegenstände weit überragend. Der Tisch war mit Stößen von Akten geschmückt, und an seinem untern Ende präsidierte Mr. Jinks, eifrig bemüht, so geschäftig wie möglich auszusehen. Nachdem die ganze Gesellschaft eingetreten war, Muzzle sorgfältig die Tür verschlossen und sich hinter den Stuhl seines Gebieters, seiner Befehle gewärtig, aufgestellt hatte, lehnte sich Mr. Nupkins mit feierlicher „Würde zurück und betrachtete die Gesichter seiner unfreiwilligen Gäste mit durchbohrenden Blicken.

„Wer ist diese Person, Grummer?“ fragte er, auf Mr. Pickwick deutend, der als Sprecher, mit dem Hut in der Hand, dastand und sich mit äußerster Höflichkeit und Ehrerbietung verneigte.

„Euer Ho’ohlgeboren, das ist derr Pickfick“, erwiderte Grummer.

„Etwas höflicher, ja! Alte Lichtschere!“ fiel Mr. Weller ein und drängte sich mit Ellbogenstößen in die vorderste Reihe. „Bitte um Verzeihung, Sir, aber Ihr dienstbarer Geist da in den Stulpenstiefeln würde als Zeremonienmeister senkrecht verhungern. Dies, Sir“, fuhr Mr. Weller mit launiger Vertraulichkeit fort, „dies ist Mr. Pickwick, Esquire; dies Mr. Tupman; der Herr dort Mr. Snodgraß und der andre neben ihm Mr. Winkle, lauter vortreffliche Schenlmän, deren Bekanntschaft zu machen Sie sich noch mal sehr glücklich schätzen werden. Je schneller Sie übrigens Ihre Konstabler auf ’n paar Monate in die Tretmühle schicken, desto schneller und besser werden wir uns verständigen. Zuerst das Geschäft, dann das Vergnügen, wie König Richard der Dritte sagte, als er seinen Nebenbuhler im Tower erstach und dann die kleinen Kinder erwürgte.“

Mr. Weller schwieg, bürstete seinen Hut mit dem rechten Ellenbogen und nickte Mr. Jinks zu, der ihm bis zu Ende, sprachlos vor Entsetzen, zugehört hatte.

„Wer ist der Mensch, Grummer?“ fragte der Machthaber.

„Ein gänzlich hemmungsloser Kerl. Euer Ho’ohlgeboren“, erwiderte Grummer. „Er unterfing sich, die Gefangenen zu befreien ond griff die Diener des Kesetzes an. Wir nahmen ihn derrwegen pfest ond brrachten ihn mit.“

„Da hattet ihr vollkommen recht“, entgegnete Mr. Nupkins. „Es ist augenscheinlich ein desperater Halunke.“

„Es ist mein Diener, Sir“, fiel Mr. Pickwick zornig ein.

„So, so, er ist Ihr Diener!“ sagte Mr. Nupkins. „Also eine Verschwörung, das Ansehen der Behörden zu schmälern und ihre Vollstrecker zu ermorden. Pickwicks Diener! – Bringen Sie das zu Protokoll, Mr. Jinks!“

Mr. Jinks‘ Feder rauschte über das Papier.

„Dein Name, Bursche!“ donnerte Herr Nupkins.

„Weller“, erwiderte Sam.

„Ein sehr hübscher Name für die Liste von Newgate“, bemerkte Mr. Nupkins.

Dies war ein Scherz, und Jinks, Grummer, Dubbley, sämtliche Konstabler und Muzzle brachen gehorsamst in ein schallendes Gelächter aus. „Notieren Sie den Namen, Mr. Jinks“, befahl der Würdenträger.

„Zwei l, alter Knabe“, rief Sam.

Ein unglücklicher Aushilfskonstabler lachte wiederum und wurde augenblicklich wegen vorschriftswidriger Heiterkeit mit Arrest bedroht., „Wo zu Hause?“ verhörte der Machthaber weiter.

„Jedesmal woanders“, erwiderte Sam.

„Notieren Sie das, Mr. Jinks“, sagte der Beamte, allmählich in Wut geratend.

„Unterstreichen Sie’s auch“, fügte Sam hinzu.

„Er ist also ein Landstreicher, Mr. Jinks; ein Landstreicher nach seiner eignen Aussage. – Nicht wahr, Mr. Jinks?“

„Allerdings, Sir.“

„Dann bleibt er als solcher in Haft!“

„Is ’ne entgegenkommende Justiz hierzulande“, bemerkte Sam, „da gibt’s keinen Beamten nich, wo nich auf der Stelle zwei dumme Streiche macht, wenn er andere Leute wegen einem einzigen einsperrt.“

Wieder lachte ein Aushilfskonstabler und machte dann ein so übernatürlich-feierliches Gesicht, daß man ihn augenblicklich als den Sünder erkannte.

„Grummer“, rief Mr. Nupkins, kirschrot vor Wut, „wie können Sie es wagen, sich einen so unverantwortlich respektlosen Menschen zur Aushilfe zu wählen?“

„Es tut mir sehr leid, Euer Ho’ohlgeboren“, stammelte Grummer.

„Sehr leid?! Sie werden mir büßen für diese Pflichtvergessenheit, Mr. Grummer. Ich werde ein Exempel an Ihnen statuieren. Nehmen Sie dem Burschen den Stab ab. Er ist betrunken. – Du bist betrunken, Kerl.“

„Ich bin nicht betrunken, Euer Gnaden“, erwiderte der Mann.

„Du bist betrunken!“ entgegnete Mr. Nupkins. „Wie kannst du dich unterstehen, zu behaupten, du seist nicht betrunken, wenn ich sage, du bist es? – Riecht er nicht nach Schnaps, Grummer?“

„Kanz krausam, Euer Ho’ohlgeboren“, erwiderte Grummer, unter dem Eindruck, daß irgend jemand nach Rum röche.

„Ich habe es gleich gewußt“, bemerkte Mr. Nupkins. „Gleich beim Eintritt ins Zimmer habe ich es ihm an seinen entzündeten Augen angesehen, daß er betrunken ist. – Haben Sie seine entzündeten Augen bemerkt, Mr. Jinks?“

„Gewiß, Sir.“

„Ich habe diesen Morgen nicht einen Tropfen Branntwein gesehen“, versicherte der Mann, der so nüchtern war wie nur je in seinem Leben. „Er wagt es, mir eine Lüge ins Gesicht zu sagen!“ rief der Bürgermeister. „Ist er nicht in diesem Augenblick betrunken, Mr. Jinks?“

„Gewiß, Sir!“

„Mr. Jinks, ich lasse den Kerl einsperren wegen Unverschämtheit. Setzen Sie den Arrestbefehl auf, Mr. Jinks.“

Der Aushilfskonstabler wäre ohne weiteres eingesperrt worden, allein Jinks als juristischer Beirat flüsterte Mr. Nupkins ins Ohr, er glaube, das gehe nicht gut; wohl sei jeder Privatmann in England verpflichtet, auf Aufforderung der Behörden als Aushilfskonstabler eine Verhaftung mit bewerkstelligen zu helfen, aber er könne ruhig betrunken sein und es leugnen. – Der Würdenträger ließ es demnach mit Rücksicht auf die zahlreiche Familie des Aushilfskonstablers bei einem Verweis und bei der Entfernung aus dem Lokal bewenden und enthob ihn weiterer Verpflichtungen. Murmelnd bewunderten Grummer, Dubbley, Muzzle und sämtliche übrigen Konstabler Mr. Nupkins Großmut.

„Jetzt, Mr. Jinks, nehmen Sie Grummer unter Eid“, befahl der Würdenträger.

Grummer rasselte die Formel herunter, aber da er dann etwas weitschweifig wurde und Mr. Nupkins Essenszeit heranrückte, wurde die Sache kurz gemacht und Mr. Grummer die Antworten auf die Zunge gelegt, die denn auch immer so bejahend wie möglich ausfielen. Mr. Weller wurde zweier tätlicher Angriffe, Mr. Winkle einer Drohung und Mr. Snod-graß einer Handgreiflichkeit an einem Jungen überführt.

Die darauffolgende amtliche Beratung dauerte ungefähr zehn Minuten, dann zog sich Mr. Jinks an seinen Platz am Ende des Tisches zurück. Der Bürgermeister setzte sich nach einem vorbereitenden Räuspern in seinen Stuhl und war eben im Begriff, seine Anrede zu beginnen, als ihn Mr. Pickwick mit den Worten unterbrach:

„Ich bitte um Verzeihung, Sir, wenn ich das Wort ergreife, aber bevor Sie das Urteil, das Sie auf die stattgehabten Verhandlungen gegründet haben mögen, aussprechen, muß ich mein Recht, gehört zu werden, geltend machen, insofern die Sache meine Person betrifft.“

„Schweigen Sie!“ rief der Bürgermeister gebieterisch.

„Ich muß Ihnen bemerken, Sir –“, sagte Mr. Pickwick.

„Schweigen Sie, Sir, oder ich befehle meinem Gerichtsdiener, Sie abzuführen!“

„Sie können Ihrem Gerichtsdiener befehlen, was Ihnen beliebt, Sir“, fuhr Mr. Pickwick gelassen fort. „Und nach dem, was ich von der Subordination gesehen habe, die bei Ihnen herrscht, zweifle ich nicht, daß auch alles ausgeführt werden wird, was Sie nur immer befehlen, aber ich muß mir die Freiheit nehmen, Sir, so lange auf meinem Recht, angehört zu werden, zu bestehen, bis man mich mit Gewalt daran hindert.“

„Hoch Pickwick und feste Jrundsätze!“ rief Mr. Weller mit sehr vernehmlicher Stimme.

„Sam, sei ruhig!“ ermahnte Mr. Pickwick.

„Stumm, wie ’ne durchlöcherte Trommel“, brummte Sam.

Mr. Nupkins sah Mr. Pickwick mit dem Ausdruck des höchsten Erstaunens über eine derartig unerhörte Verwegenheit an und war augenscheinlich im Begriff, sehr zornig zu erwidern, als ihn Mr. Jinks am Ärmel zupfte und ihm etwas ins Ohr flüsterte.

Seinen Ärger herunterschluckend, wandte sich dann Mr. Nupkins wieder an Mr. Pickwick und fragte in scharfem Ton: „Also, was haben Sie mir zu sagen?“

„Vorerst“, begann Mr. Pickwick mit einem Zornesblick durch seine Brille, vor dem sogar Nupkins die Augen niederschlug, „vorerst wünsche ich zu erfahren, warum ich und meine Freunde hierher gebracht worden sind?“

„Muß ich es ihm sagen?“ fragte der Würdenträger seinen Schreiber leise.

„Ich denke, es wird das beste sein, Sir“, flüsterte Jinks.

„Es ist eine Anzeige erstattet worden, daß Sie ein Duell planen und daß der andre da, Tupman, Ihr Sekundant und Mitschuldiger ist. Aus diesem Grunde … Was, Mr. Jinks?“

„Allerdings, Sir.“

„Aus diesem Grunde fordere ich Sie beide auf … Was, Mr. Jinks?“

„Sehr richtig, Sir.“

„Fordere ich Sie auf, fordere ich Sie auf . .. Nun, Mr. Jinks?“ fragte Mr. Nupkins ärgerlich.

„Eine Bürgschaft zu stellen, Sir.“

„Ja. Deshalb fordere ich Sie beide auf, wie ich eben sagen wollte, als mich mein Schreiber unterbrach, eine Bürgschaft zu stellen.“

„Genügende Bürgschaft“, soufflierte Mr. Jinks.

„Und zwar eine genügende Bürgschaft.“

„Leute aus der Stadt“, flüsterte Jinks. „Fünfzig Pfund jeder und natürlich Hausbesitzer.“

„Ich verlange zwei Bürgen, jeder à fünfzig Pfund“, sagte Mr. Nupkins laut und würdevoll, „die beide natürlich Hausbesitzer sein müssen.“

„Aber um Himmels willen, Sir“, rief Mr. Pickwick wie auch Mr. Tupman, vor Erstaunen und Unwillen außer sich, „wir sind in dieser Stadt doch völlig fremd. Ich kenne ebensowenig einen Hausbesitzer hier, wie ich beabsichtige, mich mit irgend jemand in ein Duell einzulassen.“

„Nun dann, nun dann … Was, Mr. Jinks?“

„Allerdings, Sir.“

„Haben Sie noch etwas hinzuzufügen?“ fragte der Bürgermeister.

Mr. Pickwick hätte allerdings noch eine ganze Menge hinzuzufügen gehabt, wäre er nicht in diesem Augenblick von Mr. Weller beiseite gezogen und in ein halblautes Gespräch verwickelt worden, das ihn so in Anspruch nahm, daß er darüber die Frage vollständig überhörte. Mr. Nupkins war nun nicht der Mann, eine derartige Frage zweimal zu stellen, und begann nach einem abermaligen vorbereitenden Räuspern seine Entscheidung auszusprechen, während die Konstabler voll Ehrfurcht und Bewunderung lauschten.

Mr. Weller sollte für seinen ersten Angriff auf die Diener der Gerechtigkeit um zwei und für den zweiten um drei, Mr. Winkle um zwei und Snodgraß um ein Pfund gestraft werden und außerdem, lautete der Urteilsspruch, den Frieden gegen Seiner Majestät Untertanen und insbesondere gegen den Gerichtsdiener Daniel Grummer beschwören. Pickwick und Tupman hätten, wie gesagt, Bürgen zu stellen.

Kaum hatte der Würdenträger zu sprechen aufgehört, als Mr. Pickwick, auf dessen bereits wieder heiterem Gesicht ein Lächeln durchbrach, vortrat und sagte:

„Ich bitte den Herrn Bürgermeister um Verzeihung, aber ich muß um eine geheime Unterredung ersuchen.“

„Um was?“ fragte Mr. Nupkins.

Mr. Pickwick wiederholte sein Anliegen.

„Das ist eine sonderbare Bitte“, meinte der Bürgermeister, „eine geheime Unterredung?“

„Eine geheime Unterredung“, wiederholte Mr. Pickwick mit Festigkeit. „Nur wünsche ich, daß mein Diener dabei ist, da ich die Mitteilung, die ich Ihnen zu machen habe, zum Teil ihm verdanke.“

Allgemeines Staunen. Mr. Nupkins erbleichte. Sollten die beiden, von Gewissensbissen gefoltert, irgendeine heimliche Verschwörung gegen sein Leben einzugestehen vorhaben? Furchtbarer Gedanke! Er war Staatsbeamter. Auch Julius Cäsar und Mr. Parsifal …! Er sah Mr. Pickwick an und winkte dann Mr. Jinks.

„Was halten Sie davon, Mr. Jinks?“ flüsterte er.

Mr. Jinks, der sich darüber durchaus nicht im klaren war, lächelte nur, zog die Mundwinkel in die Höhe und wiegte bedenklich den Kopf.

„Mr. Jinks“, sagte der Bürgermeister streng, „Sie sind ein Esel, Sir.“

Mr. Jinks lächelte wieder, wenn auch weniger, und zog sich langsam hinter den Tisch zurück.

Mr. Nupkins ging einige Minuten mit sich selbst zu Rate, erhob sich dann, bedeutete Mr. Pickwick und Sam Weller, ihm zu folgen, trat in ein kleines Zimmer, das an die Amtsstube stieß, ersuchte Mr. Pickwick, sich nach dem entgegengesetzten Ende des Gemaches zu verfügen, und erklärte sich bereit, die Mitteilungen, welcher Art sie auch sein möchten, stehend anzuhören, immer dabei die Hand auf der Türklinke, um sogleich entrinnen zu können, im Falle die beiden nur die geringste Miene machen sollten, zu Feindseligkeiten überzugehen.

„Ich will ohne Umschweife zur Sache kommen, Sir“, begann Mr. Pickwick. „Es betrifft Sie und das Ansehen Ihrer Person. Ich habe allen Grund zu der Vermutung, Sir, daß Sie einem frechen Betrüger den Verkehr in Ihrem Hause gestattet haben.“

„Zweien“, unterbrach Sam, „der Maulbeeronkel is ’n Füllhorn voll Krokodilstränen und Schurkerei.“

„Sam!“ mahnte Mr. Pickwick, „wenn ich mich mit dem Herrn verständigen soll, muß ich dich schon bitten, den Mund zu halten.“

„Das is ’n Schlag, Sir“, versetzte Mr. Weller. „Aber wenn man bedenkt, was der Hiob für ein Kerl ist, kann man sich nich helfen, man muß das Ventil ’n paar Zoll aufmachen.“

„Mit einem Wort, Sir“, fuhr Mr. Pickwick fort, „mein Diener scheint mit Recht zu vermuten, daß ein gewisser Kapitän Fitz-Marshall bei Ihnen aus und ein geht. – Denn“, fügte er hinzu, als er sah, daß Mr. Nupkins ihn zornig unterbrechen wollte, „denn wenn er recht hat, so kenne ich diesen Menschen als einen …“

„Pst, pst, halt“, rief Mr. Nupkins und schloß schnell die Tür. „Sie kennen ihn – als was?“

„Als einen nichtswürdigen Abenteurer, als einen ehrlosen Halunken, der die Gesellschaft plündert und die Leute mit seinen Schurkereien, seinen albernen, dummen, erbärmlichen Schurkereien, hinters Licht führt“, rief Mr. Pickwick aufgeregt.

„O Gott“, ächzte Mr. Nupkins, blutrot im Gesicht, und plötzlich die Liebenswürdigkeit selbst. „O Gott, o Gott, Mr. …“ .

„Pickwick“, ergänzte Sam.

„Mr. Pickwick. O Gott, Mr. Pickwick – bitte, nehmen Sie doch Platz – das kann nicht Ihr Ernst sein. Kapitän Fitz-Marshall!?“

„Nennen Sie den bloß nich Käptn“, fiel Sam ein, „und auch nich Fitz-Marshall; der is weder dies noch das, ’n rumstromernder Komödiant, das ja, und heißen tut er Jingle, und wenn es je ’nen Wolf in ’ner maulbeerfarbenen Haut gegeben hat, denn isses Hiob Trotter.“

„Es ist die reine Wahrheit, Sir“, bestätigte Mr. Pickwick, als ihn der Würdenträger voll Bestürzung anstarrte. „Mein Besuch in dieser Stadt gilt lediglich der Entlarvung dieses Hochstaplers.“

Und Mr. Pickwick begann dem schreckensbleichen Mr. Nupkins einen kurzen Abriß von Mr. Jingles Scheußlichkeiten zu geben. Er erzählte, wie er sich zuerst eingeführt, wie er Miß Wardle entführt, sie aber selber gegen ein Lösegeld gern wieder freigegeben, wie er ihn selber später um Mitternacht in ein Pensionat gelockt habe und wie es Bürgerpflicht sei, die Ansprüche Jingles auf seinen Stand und Namen in ihrer ganzen Nichtigkeit zu enthüllen).

Das Blut stieg Mr. Nupkins bis in die äußersten Spitzen seiner Ohren. Er hatte den Kapitän bei einem Pferderennen in der Nachbarschaft zufälligerweise kennengelernt. Geblendet durch seine lange Liste aristokratischer Bekanntschaften, seine ausgedehnten Reisen und sein fashionables Benehmen hatten Mrs. Nupkins und Miß Nupkins mit Kapitän Fitz-Marshall überall großgetan, bis schließlich ihre Busenfreundinnen, Mrs. und Miß Porkenham, nebst Bruder, Mr. Sidney Porkenham, vor Eifersucht und Neid beinahe geplatzt waren. Und jetzt, nach all dem, hören zu müssen, der Kapitän sei ein schäbiger Abenteurer, ein herumziehender Komödiant und, nicht direkt ein Betrüger, so doch ein Subjekt, das einem solchen verzweifelt ähnlich sah. O Gott, o Gott, was würden die Porkenhams sagen? Wie würde Mr. Sidney Porkenham triumphieren, wenn er erführe, daß man ihn um eines solchen Nebenbuhlers willen zurückgesetzt? Und das Gesicht des alten Porkenham bei der nächsten Quartalgerichtssitzung, wenn die Geschichte ruchbar geworden! Wie würde die Opposition der Magistratspartei die Sache breittreten und ausnützen!

„Aber alles das“, meinte Nupkins nach einem langen Stillschweigen, und sein Antlitz hellte sich für einen Augenblick wieder auf, „alles das ist schließlich nur eine bloße Behauptung. Kapitän Fitz-Marshall ist ein Mann von sehr einnehmenden Manieren und hat ohne Zweifel viele Feinde. Welche Beweise haben Sie für die Wahrheit Ihrer Angaben?“

„Stellen Sie ihn mir gegenüber“, erwiderte Mr. Pickwick. „Das ist alles, was ich verlange, und alles, was ich mir ausbitte. Stellen Sie ihn mir und meinen Freunden gegenüber, und Sie werden keines weiteren Beweises mehr bedürfen.“

„Nun“, sagte Mr. Nupkins, „das läßt sich sehr leicht bewerkstelligen, denn er wird heute abend bei uns sein. Auf die Art würde die Sache auch nicht publik werden. Es wäre mir bloß – bloß – um den jungen Mann selbst, Sie verstehen. Ich, ich möchte aber immerhin erst Mrs. Nupkins bezüglich der zu ergreifenden Maßregeln um Rat fragen. Vorerst müssen wir unsre Rechtssache ins reine bringen, ehe wir etwas andres vornehmen können. Darf ich bitten, wieder in das andre Zimmer zu treten – Grummer!“

„Euer Ho’ohlgeboren?“ erwiderte Grummer mit dem Lächeln des erklärten Günstlings.

„Lassen Sie sich in Zukunft keine solchen Übereiltheiten mehr zuschulden kommen“, sagte Mr. Nupkins streng. „Es ist höchst ungebührlich, daß Sie auch noch lachen. Sie haben am wenigsten Grund dazu. War der Bericht, den Sie mir soeben erstatteten, durchaus der Wahrheit getreu? Besinnen Sie sich wohl, Mensch.“

„Euer Ho’ohlgeboren“, stotterte Grummer, „ich …“

„Aha. Sie verwickeln sich in Widersprüche! Mr. Jinks, bemerken Sie seine Verwirrung?“

„Allerdings, Sir.“

„Wiederholen Sie jetzt Ihre Aussagen, Grummer. Und noch einmal: ich warne Sie, nehmen Sie sich zusammen! Mr. Jinks, geben Sie seine Angaben zu Protokoll.“

Der unglückliche Grummer begann seinen Bericht aufs neue, allein sein Hang zur Weitschweifigkeit und die Art und Weise, wie Mr. Jinks seine Worte drehte und wendete, machte ihn in einem Zeitraum von weniger als drei Minuten derart konfus, daß Mr. Nupkins mit einem Faustschlag auf den Tisch erklärte, er könne ihm keinen Glauben schenken. Die Strafen wurden also erlassen, und Mr. Jinks wußte im Augenblick ein paar Bürgen. Nachdem so die ganze feierliche Gerichtsverhandlung zur allgemeinen Zufriedenheit geschlossen war, wurde Mr. Grummer schimpflich hinausgewiesen – ein furchtbarer Beweis der Unbeständigkeit menschlichen Glückes und der unsichern Stellung eines Günstlings der Großen dieser Welt.

Mrs. Nupkins war eine majestätische Dame in einem blauen Gazeturban und einer lichtbraunen Perücke. Miß Nupkins besaß alles Hochfahrende ihrer Mama, außer dem Turban, und alles Falsche, außer den Haaren, und wenn die beiden Damen sonst noch etwas hervorstechend Gemeinsames miteinander hatten, so war es das, bei jeder sich bietenden Gelegenheit in allem und jedem eine Schuld auf Mr. Nupkins Schultern abzuwälzen. Als daher Mr. Nupkins Mrs. Nupkins aufsuchte und ihr eröffnete, was er von Mr. Pickwick erfahren, erinnerte sie sich augenblicklich, daß sie von Anfang an so etwas erwartet und immer gesagt habe, es müsse so gehen, wenn man nie auf ihren Rat achte, und daß sie wirklich gar nicht wisse, wofür Mr. Nupkins sie eigentlich halte.

„Der Gedanke!“ rief Miß Nupkins und preßte aus jedem Augenwinkel eine Träne von ausgesprochen dürftigem Forint. „Der Gedanke, so zum Spielball gemacht worden zu sein …“

„Bedank dich nur bei deinem Papa!“ fiel Mrs. Nupkins ein. „Was habe ich den Mann gebeten und beschworen, sich nach des Kapitäns Familienverhältnissen zu erkundigen. Wie bin ich in ihn gedrungen, ihn vor eine Alternative zu stellen.! Aber natürlich, man glaubt mir ja nicht.“

„Aber meine Liebe“, wendete Mr. Nupkins ein. „Entschuldige dich nicht, du machst die Sache nur schlimmer“, fiel Mrs. Nupkins ein.

„Meine Liebe“, begann Mr. Nupkins aufs neue, „du hast doch selbst Kapitän Fitz-Marshall begünstigt, hast ihn beständig zu uns eingeladen, meine Liebe, und keine Gelegenheit vorübergehen lassen, ihn auch in andern Gesellschaften einzuführen.“

„Hab ich es nicht gesagt, Henriette?“ rief Mrs. Nupkins und wandte sich mit der Miene der schwer gekränkten Ehefrau an ihre Tochter. „Hab ich es nicht gesagt, dein Papa wird die Sache umdrehen und alle Schuld mir geben? Hab ich es nicht gesagt?“

Mrs. Nupkins schluchzte laut.

„Ach, Papa!“ rief die Tochter laut und schluchzte ebenfalls.

„Wie können wir den Porkenhams je wieder unter die Augen treten?“ jammerte Mrs. Nupkins. „Oder den Grigs!“ stöhnte Miß .Nupkins. „Oder den Slummintowkens! Aber was kümmert das deinen Papa? Fragt er danach?“

Und wieder schluchzten die beiden Damen herzzerbrechend.

Endlich hatte sich Mrs. Nupkins die Sache ein wenig überlegt, und ihre Entscheidung fiel dahin aus, es werde wohl das beste sein, wenn man Mr. Pickwick und seine Freunde bis zur Ankunft des Kapitäns zu bleiben bäte. Würden sich dann die Angaben als wahr herausstellen, könnte dem Kapitän ohne weiteres Aufsehen die Tür gewiesen und den Porkenhams erzählt werden, er sei durch den Einfluß seiner Familie bei Hof zum Generalgouverneur von Sierra Leone oder Sangur Point oder irgendeiner andern Kolonie in jenen gesunden Himmelsstrichen ernannt worden, die die Europäer so sehr bezaubern, daß sie sie bei Lebzeiten fast nie wieder verlassen. Mr. Pickwick und seine Freunde wurden also den Damen vorgestellt und in das Speisezimmer geführt und Muzzle angewiesen, Mr. Weller, in dem der Bürgermeister vermöge des ihm eignen Scharfblickes binnen einer halben Stunde einen der feinsten Köpfe von der Welt entdeckt hatte, hinunter in die Gesindestube zu geleiten und ihm alle mögliche Sorgfalt und Pflege angedeihen zu lassen.

„Wie geht es Ihnen, Sir?“ begann Mr. Muzzle die Unterhaltung, als er Mr. Weller die Küchentreppe hinuntergeleitete. „Na, seit der kurzen Zeit, wo ich Ihnen in der Amtsstube hinter dem Stuhle Ihres Herrn aufgepflanzt gesehen habe, hat sich keine besondere Veränderung in meinem System vollzogen“, versetzte Sam.

„Sie müssen schon entschuldigen, daß ich keine Notiz von Ihnen genommen habe“, sagte Mr. Muzzle. „Wir waren einander ja noch nicht vorgestellt. Aber wollen Sie sich nicht die Hände waschen, Sir, ehe wir zu den Damen gehen? Hier ist ’n Becken mit Wasser, Sir, und hinter der Tür ’n reines Handtuch.“

„Könnte nich schaden, wenn ich mir säubern würde“, erwiderte Mr. Weller, beschmierte das Handtuch dick mit grüner Seife und rieb sich das Gesicht, bis es wieder schimmerte. „Wie viele Damen sind hier?“

„Nur zwei in der Küche“, antwortete Mr. Muzzle, „eine Köchin und ein Hausmädchen. Wir halten einen Jungen für die gröberen Arbeiten und außerdem noch ein Spülmädel. Aber sie essen im Waschhaus.“

„So, im Waschhaus?“

„Ja. Wir haben anfangs versucht, sie an unsre Tafel zu ziehen, aber es ging nicht. Das Spülmädel hat furchtbar gemeine Manieren, und der Junge schnauft so schrecklich beim Essen, daß man’s gar nicht aushaken kann. – Hierher, Sir, wenn’s gefällig ist, hierher.“ Und mit der größten Höflichkeit vorangehend, führte Muzzle Mr. Weller in die Küche.

„Mary“, stellte er das hübsche Hausmädchen vor, „dies ist Mr. Weller, ein Gentleman, den der Herr herunterschickt, damit wir’s ihm so gemütlich wie möglich machen.“

„Und Ihr Herr is ’n Kenner – und hat mir gerade an den richtigen Ort geschickt“, bemerkte Mr. Weller mit einem bewundernden Blick auf Mary.

„Wenn ich Herr im Hause wäre, würde ich auch immer alles, was ich zur Gemütlichkeit brauche, bei Mary finden.“

„Aber Mr. Weller“, sagte Mary errötend.

„Na, ich bin wohl niemand?“ rief die Köchin.

„Jesses, Sie hab ich ganz vergessen, Köchin“, sagte Mr. Muzzle. „Erlauben Sie mir, daß ich Sie vorstelle, Mr. Weller.“

„Wie befinden Sie sich, Ma’am?“ fragte Mr. „Weller. „Freut mir mächtig, Ihnen kennenzulernen, und ich hoffe, unsre Bekanntschaft wird von langer Dauer sein, wie der Schendlmän zu der Fünffundnote sagte.“

Als der zeremonielle Teil der Unterhaltung vorüber war, zogen sich die Köchin und Mary in den Hintergrund der Küche zurück, um zehn Minuten lang zu kichern, und kamen dann mit hochroten Gesichtern lachend wieder, worauf sich die Gesellschaft sofort zu Tisch setzte.

Mr. Wellers Weltgewandtheit und Unterhaltungsgabe übte einen so unwiderstehlichen Einfluß auf seine neuen Freunde, daß sie, ehe das Mittagessen halb vorüber war, bereits auf dem vertrautesten Fuße mit ihm standen und in Hiob Trotters ruchlose Gesinnung völlig eingeweiht waren.

„Ich habe diesen Hiob niemals nicht schmecken können“, sagte Mary.

„War auch nich gut anders möglich, mein Schätzchen“, versetzte Mr. Weller.

„Warum nicht?“ fragte Mary.

„Weil sich Häßlichkeit und Schurkerei mit Schönheit und Tugend nich verschwistern können“, erwiderte Mr. Weller. „Nich wahr, Mr. Muzzle?“

Mary lachte und sagte, die Köchin habe sie zum Lachen gebracht. Und die Köchin lachte und sagte, es sei nicht wahr.

„Ich hab kein Glas“, sagte Mary nach einer Weile.

„Trinken Sie mit mir, Angebetete!“ sagte Mr. Weller. „Setzen Sie Ihre Lippen an meinen Krug, dann kann ich Ihnen auf Umwegen küssen.“

„Schämen Sie sich was, Mr. Weller“, meinte Mary.

„Warum schämen, mein Herz?“

„Daß Sie so was aussprechen.“

„Wieso denn; ist doch nichts dabei; ist doch was ganz Natürliches; stimmt’s, Köchin?“

„Fragen Sie mich nicht so dumm“, erwiderte die Köchin so vergnügt, daß Mary sich an dem Bier verschluckte und fast erstickte. Aber Mr. Samuel Weller gab ihr mehrere kräftige Schläge, und sie überstand siegreich die Krisis.

Die laute Fröhlichkeit der Gesellschaft wurde plötzlich durch ein starkes Läuten am Gartentor unterbrochen. Der junge Gentleman, der seine Mahlzeit im Waschhaus hielt, eilte hinaus und öffnete. Mr. Weller widmete seine ganze Aufmerksamkeit dem hübschen Stubenmädchen, Mr. Muzzle war durch das Servieren in Anspruch genommen, und die Köchin hatte eben zu lachen aufgehört und führte gerade ein mächtiges Stück Fleisch zum Munde, als die Küchentür aufging und Mr. Hiob Trotter beim Anblick Mr. Wellers, starr vor Schrecken, wie angewurzelt auf der Schwelle stehenblieb.

„Da is er ja“, sagte Sam und stand fröhlich auf. „Haben soeben von Ihnen gesprochen. Wie befinden Sie sich? Wo waren Sie so lange? Treten Sie doch ein.“

Und seine Hand auf den maulbeerfarbigen Kragen des widerstandslosen Hiob legend, zog er ihn in die Küche, schloß die Tür ab und händigte den Schlüssel Mr. Muzzle ein, der ihn kaltblütig in seine Seitentasche steckte. „Is doch ’n Spaß, was?“ rief Sam. „Mein Herr hat das Vergnügen, den Ihrigen oben zu begrüßen, und ich habe die Freude, Sie hier unten zu sehen. Wie geht’s Ihnen und was macht der Kramladen? Und wie gut Sie aussehen. Is ’ne wahre Lust, Ihnen zu betrachten. Nicht wahr, Mr. Muzzle?“

„Gewiß“, erwiderte Mr. Muzzle.

„Und so glücklich, uns hier beieinander zu finden. – Ja, ja, das macht ihn so heiter. Setzen Sie sich doch; setzen Sie sich.“

Mr. Trotter ließ sich willenlos in einen Stuhl drücken und richtete seine Äuglein zuerst auf Mr. Weller und dann auf Mr. Muzzle, sagte aber nichts.

„Und bei der Gelegenheit möchte ich Ihnen hier vor den Damen fragen“, sagte Sam, „rein aus Neugierde, ob Sie sich nich für ’n so hübschen und artigen jungen Schenlmän halten, wie nur je einer ein rotgewürfeltes Taschentuch und Nummer vier des geistlichen Liederschatzes mit sich rumschleppte.“

„Und wie nur je einer sich mit einer Köchin verheiraten wollte“, ergänzte die ältere der beiden Damen. „Lump, elendiger!“

„Haha, und sich einen Kramladen aufmachen!“ sagte das Hausmädchen.

„Jetzt will ich Ihnen mal was sagen, junger Herr“, begann Mr. Muzzle, den besonders die letzte Anspielung in „Wut versetzte, mit strengem Ton. „Mit dieser Dame da bin ich verlobt. – Da gibt’s nix. Verstehen Sie mich, Sir?“

Mr. Muzzle, stolz auf seine Beredsamkeit, schwieg und wartete auf eine Antwort.

Aber Mr. Trotter erwiderte kein Wort, und Mr. Muzzle sah sich genötigt, streng fortzufahren:

„Man wird Sie wahrscheinlich oben eine Zeitlang noch nicht brauchen, Sir. Mein Herr ist in diesem Augenblick damit beschäftigt, aus Ihrem Herrn ein Haschee zu machen. Wir können einstweilen mal unter vier Augen eine kleine Privatunterredung halten, Sir. Verstehen Sie mich, Sir?“ Wieder wartete Mr. Muzzle auf eine Antwort; aber Mr. Trotter täuschte abermals seine Erwartung.

„Na, dann tut’s mir leid“, sagte Mr. Muzzle, „in Gegenwart von die Damen hier midi näher erklären zu müssen. Die Waschküche is grad frei, wenn Sie gefälligst eintreten wollen, Sir! Mr. Weller wird Unparteiischer sein, und wir können uns unsre Satisfaktion holen, bis geläutet wird. Also was is, Sir?“

Mr. Muzzle schritt zur Türe und zog sich, um keine Zeit zu verlieren, während des Gehens den Rock aus.

Kaum hatte die Köchin die letzten Worte dieser furchtbaren Herausforderung vernommen und gesehen, daß Mr. Muzzle bereits im Begriff war, sie zur Ausführung zu bringen, als sie einen lauten, durchdringenden Schrei ausstieß und auf Mr. Hiob Trotter, der eben von seinem Stuhl aufgestanden war, losstürzte und ihm sein breites, plattes Gesicht mit jener Energie zerkratzte und zerschlug, die das weibliche Geschlecht auszeichnet, wenn es aufgeregt ist. Sie fuhr ihm mit den Händen in sein langes schwarzes Haar und riß ihm so viel davon aus, daß man fünf bis sechs putzend der größten Trauerringe hätte daraus flechten können.

Nachdem sie diese Heldentat mit all der Begeisterung vollbracht hatte, die ihr die feurige Liebe zu Mr. Muzzle eingab, wankte sie zurück, und da sie eine Dame mit sehr erregbarem und zartem Nervensystem war, fiel sie augenblicklich ohnmächtig unter den Anrichtetisch.

In diesem Augenblick ertönte die Glocke.

„Das gilt Ihnen, Hiob Trotter“, sagte Sam, und bevor Mr. Trotter noch etwas erwidern, geschweige denn das Blut stillen konnte, das den Wunden seines Hauptes entsickerte, nahmen ihn Sam und Mr. Muzzle in die Mitte und schoben und zerrten ihn die Treppe hinauf ins Wohnzimmer.

Ein imposanter Anblick bot sich ihnen dar. Alfred Jingle, Esquire, alias Kapitän Fitz-Marshall, stand mit dem Hut in der Hand und trotz seiner höchst unangenehmen Lage lächelnd und vollkommen ruhig an der Tür, ihm gegenüber Mr. Pickwick, der soeben eine Vorlesung über Moral gehalten haben mußte, denn seine Linke war in die Taille gestemmt und die Rechte schwebte ausdrucksvoll in der Luft.

In einiger Entfernung stand Mr. Tupman mit entrüsteter Miene, von seinen beiden jüngeren Freunden sorgfältig bewacht und zurückgehalten. Im Hintergrunde waren Mr., Mrs. und Miß Nupkins, das Antlitz umdüstert, sichtbar.

„Was hindert mich“, rief Mr. Nupkins voll Würde, als Hiob hereingebracht wurde, „was hindert mich, diese Menschen als Landstreicher und Betrüger verhaften zu lassen? Es ist eine törichte Nachsicht. Was hindert mich?“

„Stolz, alter Bursche, Stolz“, erwiderte Jingle unverschämt. „Geht nicht gut – faule Sache. – Einen Kapitän geangelt für die Tochter, was? – Haha! – Einen Gatten für die Tochter – saurer Apfel – öffentlich werden – um alle Welt nicht – Mordsblamage. – Ochs am Berge.“

„Elender!“ rief Mrs. Nupkins. „Ihre niederträchtigen Anspielungen können uns nur Verachtung einflößen.“

„Ich habe ihn von Anfang an gehaßt“, fügte Henriette hinzu.

„Na, natürlich! – Schlanker junger Mann – alter Liebhaber – Sidney Porkenham – reich – feiner Bursche – aber der Kapitän reicher, was? – Laufpaß gegeben – das Leben für den Kapitän – gibt nur einen Kapitän – alle Mädchen rasend verliebt. – Was, Hiob?“ Mr. Jingle lachte aus vollem Halse und Hiob rieb sich die Hände vor Vergnügen und gab den ersten Laut von sich, seit er ins Haus getreten war – ein leises, kaum vernehmliches Kichern.

„Nupkins!“ bemerkte die Gnädige. „Unsre Unterredung eignet sich nicht für die Ohren der Dienerschaft. Laß die Schurken entfernen.“

„Du hast recht, meine Liebe“, erwiderte Mr. Nupkins. „Muzzle!“

„Euer Gnaden …“

„Machen Sie die Tür auf.“

„Ja, Euer Gnaden.“

„Und Sie verlassen augenblicklich das Haus“, sagte Mr. Nupkins mit einer ausdrucksvollen Handbewegung.

Jingle lächelte und ging zur Tür.

„Halt!“ rief Mr. Pickwick.

Jingle blieb stehen.

„Ich hätte von Rechts wegen eine weit empfindlichere Rache für die Behandlung nehmen sollen, die mir von Ihnen und Ihrem heuchlerischen Freunde widerfahren ist.“

Mr. Hiob Trotter verbeugte sich höflich und legte die Hand aufs Herz.

„Ich wiederhole“, fuhr Mr. Pickwick, immer zorniger werdend, fort, „ich hätte eine empfindlichere Rache nehmen sollen, aber ich begnügte mich damit, meine Pflicht gegenüber der bürgerlichen Gesellschaft zu erfüllen und Sie zu entlarven. Es ist dies eine Nachsicht, Sir, die Sie gar nicht verdienen.“

Hiob Trotter hielt höhnisch die Hand ans Ohr, als läge ihm alles daran, nur ja keine Silbe von Mr. Pickwicks Rede zu verlieren.

„Und ich habe nur noch hinzuzufügen, Sir“, fuhr Mr. Pickwick außer sich vor Zorn fort, „daß ich Sie für einen Schurken und einen – einen Halunken – und – einen ärgeren Schandbuben halte, als mir je einer vorgekommen ist, mit Ausnahme dieses scheinheiligen Landstreichers in der maulbeerfarbigen Livree.“

„Ha-ha-ha“, lachte Jingle. „Guter Kerl, Pickwick – edle Seele – wackerer alter Knabe – aber nicht hitzig werden – tut nicht gut – na, sehen uns schon noch wieder – alles Gute – nur den Mut nicht sinken lassen. – Jetzt, Hiob, ab!“

Und Mr. Jingle setzte den Hut in seiner gewohnten Weise auf und schritt aus dem Zimmer. Hiob Trotter blieb einen Moment stehen, blickte umher, lächelte, machte Mr. Pickwick eine spöttisch-feierliche Verbeugung, zwinkerte Mr. Weller mit einer Unverschämtheit, die jeder Beschreibung spottete, zu und folgte dann seinem vielversprechenden Gebieter.

„Sam!“ rief Mr. Pickwick, als Mr. Weller Hiob nacheilen wollte.

„Sir?“

„Dableiben!“

Mr. Weller schwankte.

„Dableiben!“ wiederholte Mr. Pickwick streng.

„Könnte ich diesem Hiob nich im Garten noch schnell eins auswischen?“ fragte Mr. Weller.

„Nein“, erwiderte Mr. Pickwick.

„Nur so ’n leisen Fußtritt am Gartentor?“ bat Mr. Weller.

„Nein, unter keinen Umständen!“

Zum ersten Male seit seinem Dienstantritt sah Mr. Weller einen Augenblick mißvergnügt und unglücklich aus, doch gleich darauf klärte sich sein Gesicht auf, denn der listige Mr. Muzzle hatte sich hinter der Haustür versteckt und sich gerade im richtigen Moment auf Mr. Jingle und seinen Adjutanten gestürzt und sie kopfüber die Treppe hinab in die Aloekübel geworfen.

„Da ich mich nunmehr meiner Pflicht entledigt habe, Sir“, wandte sich Mr. Pickwick an Mr. Nupkins, „so will ich mich jetzt mit meinen Freunden von Ihnen verabschieden. Wir danken Ihnen für die uns erwiesene Gastfreundschaft, und ich bitte Sie, versichert zu sein, daß wir sie nie in Anspruch genommen, noch uns auf eine solche Weise unsrer früheren Verlegenheit entzogen haben würden, wären wir nicht durch ein strenges Pflichtgefühl dazu bestimmt worden. Wir kehren morgen nach London zurück. Ihr Geheimnis ist sicher bei uns aufgehoben.“ Nachdem Mr. Pickwick auf so feine Weise seinem Protest gegen die unwürdige Behandlung, die ihm am Morgen widerfahren, Ausdruck verliehen, machte er den Damen eine tiefe Verbeugung und verließ, ungeachtet der dringenden Einladung der Familie, noch zu bleiben, mit seinen Freunden das Zimmer.

„Nimm deinen Hut, Sam“, sagte er.

„Er is unten, Sir“, erwiderte Sam und eilte hinunter, um ihn zu holen.

Da niemand in der Küche war als das hübsche Hausmädchen und Sam seinen Hut verlegt hatte, mußte er ihn natürlich suchen, und Mary leuchtete ihm. Der Hut war nicht zu finden, und das hübsche Hausmädchen kniete in ihrem Eifer nieder und durchstöberte alles, was in dem Winkel hinter der Tür aufgehäuft lag. Es war ein unangenehmer Winkel. Man konnte nicht hinkommen, ohne vorher die Tür zu schließen.

„Hier ist er“, rief das hübsche Hausmädchen. „Dieser ist’s, nicht wahr?“

„Lassen Sie sehen“, sagte Sam.

Das hübsche Hausmädchen hatte das Licht auf den Boden gestellt, und da es schlecht brannte, war Sam genötigt, sich ebenfalls auf die Knie niederzulassen, um zu sehen, ob es wirklich sein Hut sei. Der Winkel war außerordentlich eng, und so kamen durch die Schuld des Mannes, der das Haus gebaut, Sam und das hübsche Hausmädchen notwendigerweise sehr nahe zusammen.

„Ja, das ist er“, sagte Sam. „Leben Sie wohl.“

„Leben Sie wohl“, antwortete das hübsche Hausmädchen.

„Leben Sie wohl“, wiederholte Sam und ließ dabei den Hut fallen, dessen Auffindung so viele Mühe gekostet hatte.

„Sind Sie aber ungeschickt“, rief das hübsche Hausmädchen aus. „Sie werden den Hut noch ganz verlieren, wenn Sie nicht besser achtgeben.“ Und um dem vorzubeugen, setzte sie ihn Sam auf den Kopf.

Ob nun das Gesicht des hübschen Hausmädchens noch hübscher aussah, als es Sam zugekehrt war, oder ob es lediglich eine natürliche Folge des Umstandes war, daß beide einander so nahe waren, läßt sich schwer entscheiden, aber jedenfalls küßte Sam das hübsche Hausmädchen.

„Sie haben das doch nicht mit Absicht getan?“ fragte das hübsche Hausmädchen errötend.

„Nein“, antwortete Sam, „aber jetzt will ich es mit Absicht tun.“

Und er küßte sie wieder.

„Sam“, rief Mr. Pickwick in diesem Augenblick von der Treppe herunter.

„Komme schon, Sir“, erwiderte Sam und eilte hinauf.

„Wo hast du denn so lange gesteckt?“ fragte Mr. Pickwick.

„’s war was hinter der Tür, Sir; wir konnten se lange nich aufkriegen“, entschuldigte sich Sam.

So endete das erste Stadium in Mr. Wellers erster ernster Liebe.

Sechsundzwanzigstes Kapitel


Sechsundzwanzigstes Kapitel

Enthält einen kurzen Bericht über den weiteren Verlauf der Klagsache Bardell kontra Pickwick.

Mr. Pickwick hatte durch Jingles Entlarvung den Hauptzweck seiner Reise erreicht und beschloß‘ daher, so bald wie möglich nach London zurückzukehren, um sich zu informieren, welche Schritte die Herren Dodson und Fogg unterdessen wohl ergriffen haben mochten. So benutzte er denn bereits am Morgen nach dem denkwürdigen Ereignisse die erste Postkutsche und langte noch am nämlichen Abend mit seinen drei Freunden und Mr. Samuel glücklich und wohlbehalten in der Hauptstadt an.

Hier trennten sich die Freunde auf eine kurze Zeit. Die Herren Tupman, Snodgraß und Winkle zogen sich in ihre diversen Wohnungen zurück, um die Vorbereitungen zu treffen, die ihr bevorstehender Besuch in Dingley Dell erforderte, und Mr. Pickwick und Sam schlugen einstweilen ihr Quartier in einem sehr guten, altmodischen und bequemen Gasthof auf, dem „Georg und Geier“, Gast- und Kaffeehaus, George Yard, Lombardstreet. Mr. Pickwick hatte gespeist, seine zweite halbe Flasche extra guten Portwein geleert, sein seidenes Taschentuch über den Kopf gezogen, seine Füße an das Kamingitter gestemmt und sich in einem bequemen Armstuhl zurückgelehnt, als ihn der Eintritt Mr. Wellers mit seinem Mantelsack aus seinen stillen Betrachtungen riß.

„Sam!“

„Sir?“ erwiderte Mr. Weller.

„Ich habe soeben daran gedacht“, sagte Mr. Pickwick, „daß ich bei Mrs. Bardell in Goswellstreet noch viele von meinen Sachen liegen habe, die ich gerne holen lassen möchte, ehe ich die Stadt wieder verlasse.“

„Ganz recht, Sir.“

„Ich könnte sie zwar für den Augenblick bei Mr. Tupman unterbringen, aber bevor wir sie von dort holen, müssen sie notwendig durchgesehen und zusammengepackt werden. Ich möchte daher, daß du in die Goswellstreet gingest und alles in Ordnung brächtest.“

„Sogleich, Sir?“

„Sogleich“, erwiderte Mr. Pickwick.

„Aber halt, Sam“, fügte er hinzu und zog seine Börse hervor. „Wir könnten die Miete gleich bezahlen. Sie ist zwar erst Weihnachten fällig, aber es ist besser, wenn wir die Sache gleich jetzt ins reine bringen. Es ist monatliche Kündigung ausgemacht. Hier ist der Mietvertrag. Gib ihn Mrs. Bardell und sag ihr, sie könne die Wohnung abgeben, wann es ihr beliebe.“

„Ganz recht, Sir“, versetzte Mr. Weller. „Haben Sie sonst noch etwas zu befehlen, Sir?“

„Nein, Sam.“

Mr. Weller ging langsam nach der Tür, als warte er noch auf etwas, öffnete sie und trat zögernd hinaus, als ihn Mr. Pickwick nochmals zurückrief.

„Sir?“ erwiderte Mr. Weller, kehrte diensteifrig zurück und schloß die Tür hinter sich.

„Ich habe nichts dagegen, Sam, wenn du zu ermitteln suchen willst, wie Mrs. Bardell gegenwärtig gegen mich gesinnt ist und ob wirklich die niederträchtige, grundlose Klage bis aufs äußerste getrieben werden soll. Ich sage, ich habe nichts dagegen, wenn du es tun willst. Ich überlasse es ganz dir.“

Sam nickte verständnisinnig und verließ das Zimmer; Mr. Pickwick zog sein seidenes Taschentuch noch weiter über das Gesicht und schickte sich zu einem Schläfchen an, und Mr. Weller ging rasch seines Weges, um den Auftrag auszurichten.

Es war nahe an neun Uhr, als er Goswellstreet erreichte. In dem kleinen Wohnzimmer auf die Straße heraus brannten ein paar Kerzen, und auf dem Fenstervorhang bewegten sich die Schatten von ein paar Hauben. Mrs. Bardell hatte Gesellschaft.

Mr. Weller klopfte, und es dauerte ziemlich lange, ehe ein paar kleine Stiefel über die Hausflur geklappert kamen und der junge Master Bardell öffnete.

„Na, du junger Naseweis“, fragte ihn Sam, „wie geht’s Muttern?“

„Sie is ganz wohl“, erwiderte Master Bardell, „und ich auch.“

„Na, gottlob“, versetzte Sam. „Sag ihr, ich möchte sie gerne sprechen, holdes Wunderkind.“

Master Bardell stellte das Licht auf die Treppe und verschwand mit der Botschaft hinter der Tür des Wohnzimmers.

Mrs. Bardell saß gerade mit zwei ihrer vertrautesten Freundinnen um den Teetisch, und ein paar Schweinsfüße mitsamt einem Käse schmorten auf höchst einladende Weise in einem kleinen holländischen Backofen vor dem Feuer.

„Mr. Pickwicks Bedienter?“ rief Mrs. Bardell erblassend, als ihr ihr Sohn die Meldung überbrachte.

„Gott steh uns bei!“ rief Mrs. Cluppins.

„Ich würde es wahrhaftig nicht für möglich gehalten haben, wenn ich es nicht eben selbst gehört hätte“, meinte Mrs. Sanders.

Mrs. Chippins war eine kleine, rührige, geschäftig aus. sehende Frau und Mrs. Sanders eine große wohlbeleibte Person mit einem Vollmondgesicht.

Mrs. Bardell hielt es für angemessen, auf alle Fälle aufgeregt zu sein; da aber keine der drei Damen genau wußte, ob es unter den obwaltenden Umständen rätlich sei, selbst mit Mr. Pickwicks Bedienten anders als durch Vermittlung der Herren Dodson und Fogg zu verkehren, herrschte allgemeine Bestürzung. In diesem Zustand von Ungewißheit war wohl das beste, den Jungen vorerst einmal dafür herumzuknuffen, daß er Mr. Weller an der Tür gefunden hatte. Das tat denn auch die Mutter, und der Jüngling heulte melodisch dazu.

„Wirst du gleich aufhören, du nichtsnutziger Bengel!“ rief Mrs. Bardell.

„Ja; quäle deine arme Mutter nicht so“, sagte Mrs. Sanders.

„Sie ist auch ohne dich ein geschlagener Mensch, Tommy“, fügte Mrs. Cluppins voll Teilnahme hinzu.

„Armes, unglückliches Lamm!“ seufzte Mrs. Sanders. Doch trotz all dieser moralischen Betrachtungen heulte Master Bardell nur um so lauter. „Was soll ich nun bloß tun?“ fragte Mrs. Bardell Mrs. Cluppins.

„Ich denke, Sie sollten ihn vorlassen“, riet Mrs. Cluppins, „aber auf keinen Fall ohne Zeugen.“

„Ich denke, zwei Zeugen wäre noch gesetzmäßiger“, warf Mrs. Sanders hin, die wie ihre Freundin fast vor Neugierde verging.

„Ja, es ist wohl das beste, ihn hereinzulassen“, sah Mrs. Bardell ein.

„Ohne Zweifel“, griff Mrs. Cluppins den Gedanken begierig auf. „Treten Sie ein, junger Mann, und schließen Sie, bitte, vorher noch die Haustür.“

Mr. Weller folgte auf der Stelle der Einladung, trat ins Wohnzimmer und begann sich seines Auftrags an Mrs. Bardell mit folgenden Worten zu entledigen: „Tut mir sehr leid, wenn ich Ihnen beschwerlich falle, wie der Einbrecher zu der alten Dame sagte, als er ihr auf die heiße Herdplatte legte, aber da ich und mein Herr eben erst in der Stadt angekommen sin und wir sogleich wieder abreisen wollen, so konnte ich nicht umhin, Ihnen meine Aufwartung zu machen.“

„Natürlich; der junge Mann kann doch nichts für die Fehler seines Herrn“, sagte Mrs. Cluppins, von Mr. Wellers flotter Erscheinung und feinem Benehmen bezaubert.

„Natürlich nicht“, stimmte Mrs. Sanders ein, nach gewissen sehnsüchtigen Blicken auf die kleine Zinnplatte zu urteilen, offenbar im Zweifel, ob die Schweinsfüße, im Falle Sam zum Abendessen mit eingeladen würde, reichen würden.

„Bin nur gekommen“, sagte Sam, ohne die Unterbrechung zu beachten, „erstens, um den Mietvertrag zurückzugeben. Hier ist er. Zweitens, um den Hauszins zu bezahlen. Hier ist er. Drittens, um auszurichten, daß alle Sachen Mr. Pickwicks zusammengepackt und dem Dienstmann eingehändigt werden sollen, den er darum schicken wird. Viertens, daß Sie die Wohnung, so bald es Ihnen beliebt, vermieten können. So, das is alles.“

„Was auch geschehen sein mag“, seufzte Mrs. Bardell, „ich habe es immer gesagt und werde es immer sagen, Mr. Pickwick hat sich in jeder Hinsicht, die eine Sache ausgenommen, stets wie ein vollendeter Gentleman benommen. Das Geld war bei ihm immer so sicher wie bei der Bank. Immer.“

Dann hielt sie ihr Taschentuch vor die Augen und ging aus dem Zimmer, um die Quittung zu schreiben.

Sam wußte sehr gut, daß er nur zu schweigen brauchte, um die Weiber zum Sprechen zu bringen; er blickte daher stumm abwechselnd nach der zinnernen Platte, dem gerösteten Käse, der Wand und der Zimmerdecke.

„Arme Mrs. Bardell“, seufzte denn auch Mrs. Cluppins gleich darauf.

„Armes Ding“, stimmte Mrs. Sanders mit ein.

Sam sagte nichts. Er sah, daß sie zur Sache kamen.

„Ich kann es wahrhaftig gar nicht fassen“, bemerkte Mrs. Cluppins, „wie man nur so treulos sein kann. Ich möchte nicht gern etwas zur Sprache bringen, was Sie peinlich berühren könnte, junger Mann, aber Ihr Herr ist ein Ungeheuer, und ich wollte, er wäre hier, daß ich es ihm ins Gesicht sagen könnte.“

„Hm, das wünschte ich auch“, sagte Sam.

„Es bricht einem ordentlich das Herz, wenn man sieht, wie tiefsinnig sie umherwankt und an nichts mehr Vergnügen findet. Es ist wirklich abscheulich!“

„Barbarisch“, rief Mrs. Sanders.

„Und Ihr Herr, junger Mann, ein Gentleman mit Vermögen, der die Auslagen für eine Frau gar nicht spüren würde“, fuhr Mrs. Cluppins mit großer Zungengeläufigkeit fort, „und also keine Spur von Entschuldigung für sich hat. Warum heiratet er sie nicht?“

„Na ja“, erwiderte Sam, „das is doch die Frage, um die sich’s handelt.“

„Frage, meinen Sie?“ entgegnete Mrs. Cluppins. „Ich an ihrer Stelle würde ihn nicht lange fragen. Gott sei Dank, es gibt noch Gesetze für uns Frauen, zu so elenden Geschöpfen die Männer uns auch machen möchten, wenn sie könnten! Das wird Ihr Herr auf seine Kosten erfahren, noch ehe er ein halbes Jahr älter ist.“

Dieser tröstliche Gedanke heiterte die Mienen der beiden Damen sogleich auf, und sie lächelten einander verständnisvoll an.

Der Prozeß nimmt also seinen Fortgang; da ist kein Zweifel, dachte Sam, als Mrs. Bardell mit der Quittung erschien.

„Hier ist die Quittung, Mr. Weller, und hier ist das Geld, das Sie noch herausbekommen. Ich hoffe, Sie werden einen Tropfen annehmen, um sich zu erwärmen, wäre es auch nur um der alten Bekanntschaft willen, Mr. Weller!“

Sam nahm den Vorteil wahr, der sich ihm bot, und verbeugte sich. Mrs. Bardell holte aus einem kleinen Wandschrank eine dunkle Flasche und ein Weinglas, schenkte ein und war so tief in ihren Seelenschmerz versunken, daß sie in der Zerstreutheit noch drei weitere Gläser zutage förderte und sie ebenfalls füllte.

„Ach du meine Güte, Mrs. Bardell“, rief Mrs. Cluppins aus, „ja, was haben Sie denn da angestellt?“

„Aber, aber, aber!“ stimmte Mrs. Sanders mit ein.

„Ach, mein armer Kopf!“ seufzte Mrs. Bardell mit trübem Lächeln.

Sam begriff natürlich und sagte sofort, er könne vor Tisch nie trinken, außer, es täte ihm ein weibliches Wesen Bescheid. Die Damen lachten darüber nicht wenig, und Mrs. Sanders erbot sich, ihn in dieser Hinsicht zufriedenzustellen, und schlürfte ein paar Tropfen aus ihrem Glas. Dann meinte Sam, alle müßten trinken, und so nahmen denn alle ein kleines Schlückchen. Als dann die kleine Mrs. Cluppins den Toast vorschlug: auf guten Erfolg in dem Prozeß Bardell kontra Pickwick, leerten die Damen ihre Gläser begeistert und wurden alsbald sehr gesprächig.

„Ich vermute, Sie haben gehört, was vorgeht, Mr. Weller?“ fragte Mrs. Bardell.

„Habe davon reden hören“, erwiderte Sam.

„Es ist entsetzlich, auf diese Art zum Stadtgespräch zu werden, Mr. Weller“, klagte Mrs. Bardell. „Aber ich sehe jetzt ein, es war das einzige, was ich tun konnte, und meine Rechtsbeistände, die Herren Dodson und Fogg, sagen mir, daß wir mit den Beweisen, die wir vorleger“ können, gewinnen müssen. Ich wüßte wirklich nicht, was ich anfangen sollte, wenn es fehlschlüge, Mr. Weller.“

Der bloße Gedanke, Mrs. Bardell könne möglicherweise ihren Prozeß verlieren, griff Mrs. Sanders so heftig an, daß sie sich genötigt sah, augenblicklich ihr Glas wieder zu füllen, und zu leeren; sie fühlte, wie sie nachher gestand, daß sie unfehlbar umgesunken wäre, wenn sie nicht die Geistesgegenwart gehabt hätte, dieses Mittel zu ergreifen.

„Wann, glaubt man, kommt die Sache denn dran?“ fragte Sam.

„Entweder im Februar oder im März“, erwiderte Mrs. Bardell.

„Was für eine Menge von Zeugen da auftreten werden!“ rief Mrs. Cluppins aus.

„Dutzende“, bestätigte Mrs. Sanders.

„Ich glaube, die Herren Dodson und Fogg würden rasen, Wenn die Klägerin nicht gewänne“, fügte Mrs. Cluppins hinzu, „sie führen den Prozeß auf ihr eigenes Risiko.“

„Rasen würden sie!“ sagte Mrs. Sanders.

„Aber die Klägerin muß gewinnen“, bemerkte Mrs. Cluppins.

„Ich hoffe es“, seufzte Mrs. Bardell.

„Oh, darüber kann doch gar kein Zweifel obwalten“, rief Mrs. Sanders.

„Na. Alles, was ich sagen kann, is, daß ich wünsche, Sie mögen ihn gewinnen“, sagte Sam, stand auf und setzte sein Glas nieder.

„Ich danke Ihnen, Mr. Weller“, erwiderte Mrs. Bardell gerührt.

„Und was die Dodson und Fogg betrifft, die so uneigennützig sin“, fuhr Mr. Weller fort „so kann ich nur so viel sagen, ich wünsche, sie mögen den Lohn bekommen, den ich ihnen gönne.“

„Oh, ich wünschte, sie würden den Lohn bekommen, den ihnen jeder gute Mensch geben möchte“, sagte Mrs. Bardell dankbewegt.

„Amen“, versetzte Sam, „und sie könnten dabei dick und fett werden. Wünsche Ihnen geruhsame Nacht, meine Damen.“

Zur großen Beruhigung der Mrs. Sanders entfernte er sich, ohne von der Hauswirtin zu dem gerösteten Käse und den Schweinsfüßen eingeladen zu werden, und unter dem jugendlichen Beistande Master Bardells schwanden bald darauf die trefflichen Leckerbissen von der zinnernen Platte. Mr. Weller lenkte seine Schritte nach dem „Georg und Geier“ zurück und erstattete seinem Herrn getreulich Bericht. Eine Unterredung mit Mr. Perker am folgenden Tage bestätigte seine Angaben nur zu sehr, und Mr. Pickwick traf Vorbereitungen zu seinem Weihnachtsbesuche in Dingley Dell mit dem erfreulichen Vorgefühle, daß zwei bis drei Monate später vor dem Gerichtshofe der Common-Pleas eine Entschädigungsklage wegen Bruchs eines Eheversprechens gegen ihn anhängig gemacht werden würde, wobei die Klägerin alle Vorteile für sich hatte, die sich nicht nur aus dem erdrückenden Beweismaterial, sondern auch aus der Gewandtheit und dem Scharfsinn der Herren Dodson und Fogg für sie voraussichtlich ergeben mußten.

Siebenundzwanzigstes Kapitel


Siebenundzwanzigstes Kapitel

Samuel Weller macht eine Wallfahrt nach Dorking und bekommt seine Stiefmutter zu Gesicht.

Da bis zur Abreise der Pickwickier nach Dingley Dell noch zwei Tage fehlten, setzte sich Mr. Weller, nachdem er zeitig zu Mittag gespeist, im „Georg und Geier“ in ein Hinterstübchen, um darüber nachzudenken, wie er diese Zwischenzeit am zweckmäßigsten anwenden könnte. Es war ein außerordentlich schöner Tag, und er hatte das Thema noch keine zehn Minuten lang erwogen, als er plötzlich einen Anfall von kindlicher Liebe und Zärtlichkeit verspürte. Der Gedanke, seinen Vater besuchen und seiner Stiefmutter seine Aufwartung machen zu müssen, stand so gebieterisch vor seiner Seele, daß er ganz erstaunt war, wie er bisher diese Pflicht so gänzlich hatte vergessen können. Um das Versäumnis unverzüglich wiedergutzumachen, ging er geradenwegs zu Mr. Pickwick hinauf und bat ihn um Urlaub zur Ausführung seines lobenswerten Vorhabens.

„Von Herzen gern, Sam, von Herzen gern“, sagte Mr. Pickwick, und seine Augen strahlten vor Freude über diesen Beweis der zärtlichen Gefühle seines Dieners. „Von Herzen gern, Sam.“

Mr. Weller verneigte sich dankbar.

„Ich sehe mit Vergnügen“, sagte Mr. Pickwick, „daß du eine so hohe Auffassung von Kindespflichten hast, Sam.“

„Habe ich immer gehabt, Sir“, erwiderte Mr. Weller. „Sooft ich was von meinem Vater haben wollte, bat ich ’n jedesmal auf die ehrerbietigste und höflichste Weise darum, und wenn ich’s nich kriegte, nahm ich’s mir selber, aus Furcht, mir nich am Ende zu was Unrechtem verleiten zu lassen, wenn ich es nicht hätte. Ich habe ihm auf diese Weise unmenschlich viel Verdruß erspart, Sir.“

„Nun, da gehen unsre Meinungen ein bißchen auseinander, Sam“, versetzte Mr. Pickwick lächelnd und schüttelte den Kopf.

„Hatte immer ’n zartes Gefühl, Sir, immer die besten Absichten, wie der Schenlmän sagte, als er seine Gattin im Stich ließ, weil se unglücklich mit ihm zu sein schien.“

„Also gut, du kannst gehen, Sam“, sagte Mr. Pickwick.

„Danke Ihnen, Sir“, erwiderte Mr. Weller. Und nachdem er seine beste Verbeugung gemacht und seine Sonntagskleider angelegt hatte, setzte er sich oben auf die Kutsche von Arundel und fuhr nach Dorking.

Der „Marquis von Granby“ war zu Mr. Wellers Zeiten das Muster eines Landstraßen Wirtshauses der besseren Klasse, gerade groß genug, um bequem, und klein genug, um behaglich zu sein. Gegenüber an der Straße war ein großes Schild auf einem hohen Pfosten befestigt, das den Kopf und die Schultern eines Mannes von apoplektischem Äußern in einem roten Rock, mit violetten Aufschlägen und einem dreieckigen Hut unter einem blauen Streifen als Himmel darstellte. Darüber waren ein paar Fahnen und unter dem untersten Rockknopf des Mannes ein paar Kanonen angebracht als Hinweis auf den Marquis von Granby glorreichen Angedenkens. Am Fenster des Schenkstübchens präsentierte sich eine auserlesene Sammlung von Geranien und eine Reihe dick mit Staub bedeckter Branntweinflaschen. Die offenen Fensterläden waren mit einer Menge goldener Inschriften dekoriert, die gute Betten und vorzügliche Weine verhießen, und die auserlesene Gesellschaft von Bauern und Hausknechten, die an der Stalltür neben den Futtertrögen herumlungerten, war ein hinreichender Beweis für die Vortrefflichkeit des Ales und Brandys, die im Hause verkauft wurden.

Sam Weller stieg ab und blieb vor der Haustür stehen, um mit dem Auge des erfahrenen Reisenden alle diese kleinen Anzeichen eines lebhaften Geschäftsbetriebes zu mustern, und ging dann, mit den Ergebnissen seiner Beobachtungen sichtlich zufrieden, raschen Schrittes hinein.

„Heda“, rief eine gellende weibliche Stimme gerade in ‚dem Augenblick, wo er seinen Kopf zur Tür hineinsteckte, „was wünschen Sie, junger Mann?“

Sam spähte in die Richtung, aus der die Stimme gekommen war. Sie gehörte einer ziemlich wohlbeleibten Dame von behäbigem Aussehen, die im Schenkstübchen neben dem Kamin saß und das Feuer unter dem Teekessel anblies. Sie war nicht allein, denn ihr gegenüber saß in einem Stuhl mit hoher Lehne ein Mann in fadenscheinigen schwarzen Kleidern, mit einem Rücken, der beinahe ebenso lang und steif war wie der des Sessels. Der Mann erregte sogleich Sams besondere Aufmerksamkeit.

Er hatte ein langes, schmales, heuchlerisches Gesicht, eine rote Nase und einen stechenden Blick, der an eine Klapperschlange erinnerte und entschieden auf eine schlechte Gesinnung hindeutete. Er trug sehr kurze Hosen und schwarze Baumwollstrümpfe, die, gleich seiner übrigen Bekleidung, sehr abgeschabt aussahen. Seine Blicke hatten etwas Steifes, im Gegensatz zu seiner Halsbinde, deren lange schmale Zipfel auf eine für das Auge höchst beleidigende Weise über die eng zugeknöpfte Weste herabhingen. Ein Paar alte abgetragene Biberhandschuhe, ein breitkrempiger Hut und ein verschossener grüner Regenschirm mit einer Menge hervorstehender Fischbeine als Ersatz für den fehlenden Handgriff am Stock lag auf dem Stuhl daneben, und die Sorgfalt, mit der sie geordnet waren, ließ vermuten, daß der Mann mit der roten Nase, wer er immer auch sein mochte, nicht die Absicht hatte, so bald wieder zu gehen.

Es wäre auch recht unvernünftig von ihm gewesen, denn das Feuer brannte hell und behaglich unter dem Einfluß des Blasebalgs, und der Kessel summte vergnüglich unter dem Einfluß beider. Auf dem Tisch stand ein kleines Teeservice, auf einer Platte vor dem Feuer schmorten einige Butterbrotschnitten, und der Mann mit der roten Nase war eifrig damit beschäftigt, den Vorrat durch Zuhilfenahme einer langen Messinggabel in den genannten Leckerbissen zu verwandeln. Neben ihm stand ein Glas duftenden warmen Ananasgrogs mit einer Zitronenscheibe darin, und sooft der Mann mit der roten Nase eine Brotschnitte vors Auge hielt, um zu untersuchen, ob sie schon knusprig sei, nahm er einen Schluck und lächelte dabei der wohlbeleibten Dame freundlich zu.

Sam war so sehr in Betrachtung dieser reizvollen Szene verloren, daß er die erste Frage der Frau gänzlich überhörte. Erst als sie wiederholt, und zwar jedesmal in immer gellenderem Tone an sein Ohr gedrungen war, kam er zum Bewußtsein der Unschicklichkeit seines Betragens.

„Is der Herr zu Hause?“ fragte er daher.

„Nö, is er nich“, versetzte Mrs. Weller, denn die wohlbeleibte Dame war niemand anders als die ehemalige Witwe und Universalerbin des seligen Mr. Clarke. „Nö, is er nich. Ich erwarte ihm auch nich.“

„Is wohl irgendwohin gefahren?“ forschte Sam.

„Mag sein; vielleicht auch nich“, erwiderte Mrs. Weller, eine Brotschnitte, die der Mann mit der roten Nase eben abgeschnitten hatte, mit Butter bestreichend. „Weiß es nich; kümmert mich übrigens auch nich. Sprechen Sie ’n Segen, Mr. Stiggins.“

Der Mann mit der roten Nase tat wie gebeten und fiel dann unverzüglich mit wilder Gefräßigkeit über die Brotschnitten her.

Gleich auf den ersten Blick hatte Sam aus dem Äußern des Mannes mit der roten Nase den Schluß gezogen, es müsse der Adjunkt des geistlichen Hirten sein, von dem sein würdiger Vater gesprochen. In dem Augenblick jedoch, wo er ihn essen sah, wichen seine letzten Zweifel, und er begriff, daß er, um einstweilen sein Quartier hier aufschlagen zu können, unverzüglich festen Fuß fassen müsse. Er griff daher über die Halbtür des Schenkstübchens hinüber, riegelte kaltblütig auf und ging hinein.

„Na, Stiefmutter, wie geht’s?“ sagte er.

„Wahrhaftig, ich glaube, es is ’n Weller“, rief die Dame mit nicht besonders erfreuter Miene.

„Kommt mir auch so vor“, sagte Sam, nicht aus der Fassung zu bringen, „und ich hoffe, dieser ehrwürdige Schenlmän wird mir entschuldigen, wenn ich sage, ich wünschte, ich wäre der Weller, wo Ihnen zur Gattin hat.“

Dieses doppelte Kompliment machte sichtlich Eindruck auf beide, und Sam verfolgte den einmal errungenen Vorteil, indem er seine Stiefmutter küßte.

„Ach, gehen Sie doch“, sagte Mrs. Weller.

„Pfui, junger Mann“, schalt der Gentleman mit der roten Nase.

„Nichts für ungut, Sir“, entschuldigte sich Sam. „Aber Sie haben ganz recht; es ist aber auch etwas Mißliches, wenn Stiefmütter jung und hübsch sind . .. Nich wahr, Sir?“

„Es ist alles eitel“, sagte Mr. Stiggins.

„Ach ja“, seufzte Mrs. Weller und setzte ihre Haube zurecht.

Sam war der gleichen Meinung, verschloß sie aber in seiner Brust.

Der Vizehirt schien über Sams Ankunft keineswegs erfreut, und als die erste Begeisterung über das Kompliment verflogen war, sah man es auch Mrs. Weller an, daß sie Sams Gegenwart ganz gern entbehrt hätte. Aber da er nun einmal hier war, konnte man ihn nicht gut hinausweisen, und so setzten sich denn alle drei zum Tee.

„Und was macht der Vater?“ fragte Sam.

Mrs. Weller hob Hände und Augen empor, als wäre ihr das Thema äußerst schmerzlich.

Mr. Stiggins seufzte.

„Was fehlt denn dem Schenlmän?“ fragte Sam teilnehmend.

„Er beklagt den Weg, den Ihr Vater wandelt“, erwiderte Mrs. Weller.

„Was Sie nich sagen!“

„Ja, er hat leider nur zu triftige Gründe dazu“, fuhr Mrs. Weller in ernstem Ton fort.

Mr. Stiggins nahm eine frische Butterschnitte und stöhnte.

„Er ist ein entsetzlich ruchloser Mensch“, sagte Mrs. Weller.

„Ein Gefäß des Zorns“, setzte Mr. Stiggins hinzu, biß ein großes halbkreisförmiges Stück aus der Butterschnitte heraus und seufzte wieder. Sam verspürte eine heftige Neigung, dem ehrwürdigen Mr. Stiggins begründeten Anlaß zum Seufzen zu geben, bezwang sich aber und fragte nur: „Was is denn mit dem Alten?“

„Was mit ihm is?“ versetzte Mrs. Weller. „Er hat ein verstocktes Herz. Jeden Abend kommt dieser vortreffliche Mann – jaja, Mr. Stiggins, Sie sind ein vortrefflicher Mann – und bleibt vier Stunden lang bei uns, und es macht nicht den geringsten Eindruck auf ihn.“

„Hm, sonderbar“, meinte Sam. „Auf mich würde es ’n starken Eindruck machen, wenn ich an seiner Stelle wäre, das weiß ich.“

„Die Sache ist die, mein junger Freund“, hob Mr. Stiggins feierlich an, „er hat ein verhärtetes Gemüt. Oh, mein junger Freund, wie hätte er sonst den inständigen Bitten von sechzehn unsrer schönsten Schwestern widerstehen können und ihren Ermahnungen, unsrer trefflichen Gesellschaft beizutreten, die die Negerkinder in Westindien mit Flanelljacken und moralischen Taschentüchern versieht, sein Ohr verschlossen?“

„Was is denn das, ’n moralisches Taschentuch?“ fragte Sam. „Habe noch nie so ’ne Ware gesehen.“

„Taschentücher, die das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden, mein junger Freund“, erklärte Mr. Stiggins. „Es sind auserlesene Erzählungen mit Holzschnitten darauf gedruckt.“

Mr. Stiggins machte sich an eine dritte Butterschnitte und nickte beifällig.

„Und er wollte sich von den Damen nich dazu bewegen lassen?“ fragte Sam.

„Saß da und rauchte seine Pfeife und sagte, das mit den Negerkindern wäre … Was, sagte er, daß das mit den Negerkindern wäre, Mr. Stiggins?“

„Beutelschneiderei“, erwiderte Mr. Stiggins höchlich entrüstet.

„Sagte, das mit den Negerkindern wäre Beutelschneiderei!“ wiederholte Mrs. Weller, und beide seufzten über das gottlose Benehmen Mr. Wellers senior.

Es wäre wohl noch eine Menge andrer Ruchlosigkeiten ähnlicher Art zur Sprache gekommen, hätten sich nicht die Butterschnitten und der Tee ihrem Ende zugeneigt. Da überdies Sam nicht im geringsten Miene machte, sich zu entfernen, erinnerte sich Mr. Stiggins plötzlich, daß er eine höchst dringende Angelegenheit mit dem Hirten zu besprechen habe, und verabschiedete sich.

Kaum war das Teegeschirr abgetragen und der Herd aufgewaschen, als die Londoner Postkutsche Mr. Weller senior vor dem Hause absetzte. „Hallo, Sammy!“ rief der Vater.

„Sieh mal an, der alte Obadiah!“ begrüßte ihn der Sohn, und sie schüttelten sich herzlich die Hände.

„Das is fein, daß ich dir mal zu sehen kriegen tue, Sammy; bloß, wie du deine Stiefmutter gebändigt hast, das is ’n Geheimnis für mich. Ich wollte bloß, du würdest mir das Rezept aufschreiben.“

„Pst“, machte Sam, „sie ist zu Hause, Alter!“

„Hört uns aber nich“, versetzte Mr. Weller. „Nach dem Tee rauscht sie allemal die Treppen runter und macht unten Stunk. Inzwischen wollen wir uns ruhig einen aufmischen, Sammy.“

Mr. Weller mischte zwei Gläser Brandy mit Wasser, holte ein paar Pfeifen, und dann setzten sich Vater und Sohn einander gegenüber; Sam auf der einen Seite des Kamins in den Sessel mit der hohen Lehne und Mr. Weller senior auf der anderen Seite in einen nicht minder bequemen. „Jemand hier gewesen, Sammy?“ fragte er nach einem langen Stillschweigen.

Sam nickte bedeutsam.

„So „n rotnasiger Strolch?“

Sam nickte wieder.

„Das is ’n liebenswürdiger Kunde, Sammy“, bemerkte Mr. Weller, heftig rauchend.

„Scheint so“, erwiderte Sam.

„Großes Rechentalent!“

„Wieso?“ fragte Sam.

„Pumpt am Montag achtzehn Pence, verlangt am Dienstag ’nen Schilling, um die halbe Krone vollzumachen. Am Mittwoch will er noch ’ne halbe Krone, damit es fünf Schilling ausmacht. So doppelt er weiter, bis er ’ne Fünffundnote hat, ehe man sich’s versieht; genauso, wie es im Rechenbuch mit den Hufnägeln ging.“

Sam gab durch Kopfnicken zu verstehen, daß er sich des Problems, auf das sein Vater anspielte, noch erinnere.

„Wolltest also für die Flanelljacken nich unterschreiben?“ fragte Sam wieder nach einer Pause, die lediglich dem Rauchen gewidmet gewesen. „Beileibe nich“, erwiderte Mr. Weller. „Was sollen die jungen Neger mit Flanelljacken. Aber ich will dir mal was sagen, Sammy“, fuhr er fort, dämpfte seine Stimme und beugte sich zu seinem Sohn hinüber, „gegen Zwangsjacken für gewisse Leute hierzulande hätte ich nichts einzuwenden.“ „Is wirklich ’n verrückter Einfall, Taschentücher unter Leute auszuteilen, wo gar nich wissen, wie man sie benutzt“, bemerkte Sam.

„Sie haben immer wieder ’ne neue Verrücktheit im Kopf, Sammy“, versetzte Mr. Weller. „Letzten Sonntag Schaukel‘ ich die Straße lang. Wen sehe ich da an die Kirchentür stehen mit ’nem blauen Suppenteller in der Hand? Genau deine Stiefmutter. Ich glaube wahrhaftig, da waren Münzen für mehrere Sovereigns drin, lauter Halbpencestücke, und als die Leute aus der Kirche kamen, regnete es Pennies, daß man glauben konnte, kein sterblicher Teller, der jemals aus ’ner Töpferwerkstätte kam, könnte diese Hülle und Fülle vertragen. Wofür, meinst du wohl, daß da gesammelt wurde, Sammy?“

„Na, vielleicht wieder für ’n Tee?“

„Keine Spur. Für die Wassersteuer von dem Hirten, Sammy.“

„Die Wassersteuer von dem Hirten?“ fragte Sam.

„Klar, er stand damit für drei ganze Quartale in der Kreide – vielleicht, weil er nicht viel Nutzen von so ’n gewöhnliches Gesöff hat. Der kennt ’n anderes, wo wenigstens sechsmal soviel wert ist. Jedenfalls war es so oder so nu mal nich bezahlt, und sie vernagelten ihm das Rohr. Was tut der Hirte? Geht er doch in die Kirche, gibt sich für ’nen verfolgten Heiligen aus und sagt, er will hoffen, daß der, wo ihm das Wasser abgegraben hatte, daß der also in sich gehen sollte und auf den rechten Weg zurückkehren. Aber innerlich denkt er, der Deubel soll den holen. Die Weiber berufen natürlich ’ne Versammlung ein, singen ’nen Psalm, setzen deine Stiefmutter auf den Präsidentenstuhl, legen nächsten Sonntag ’ne Kollekte auf und händigen alles dem Hirten ein. Und wenn der nich genug bekommen hat, um sich für sein Lebtag von der Wassersteuer frei zu machen“, schloß Mr. Weller seinen Vortrag, „denn bin ich ’n Holländer, und du bist auch einer, Sam, und damit basta.“

Mr. Weller rauchte stumm einige Minuten und begann dann aufs neue:

„Das schlimmste an diesem Hirten ist, daß er den jungen Leibern den Kopf verdreht. Der Herr segne sie, sie wissen es nich besser. Aber ich sage dir, sie sind Spielbälle, Samuel, sie sind Spielbälle.“

„Vermute ich auch“, sagte Sam.

„Klar wie dicke Tinte“, versetzte Mr. Weller mit ernstem Kopfschütteln. „Und was mich dabei in Fahrt bringt, Samuel: sie vergeuden ihre ganze Zeit und Mühe damit, Kleider für kupferfarbene Leute zu machen, wo so was gar nich brauchen tun, und sie kümmern sich nich um fleischfarbige Christen, wo es nötig haben. Wenn es nach mir ginge, ich würde diese faulen Hirten hinter ’n schweren Schubkarren stellen. Mit dem müßten sie mir Tag für Tag auf einem Brett von höchstens vierzehn Zoll Breite hin und her balancieren. Das würde ihnen schon den Blödsinn austreiben.“ Nachdem Mr. Weller dieses menschenfreundliche Mittel so warm empfohlen und ihm durch verschiedentliches Nicken und Augenverdrehen den gebührenden Nachdruck verliehen, leerte er sein Glas auf einen Zug und klopfte mit der ihm angebornen Würde die Asche aus seiner Pfeife.

Er war damit noch nicht zu Ende, als sich im Gange eine gellende Stimme vernehmen ließ und Mrs. Weller gleich darauf hereinstürmte.

„Na, bist du endlich zurückgekommen?“ fragte sie.

„Wie de siehst, mein Schatz“, erwiderte Mr. Weller, sich eine frische Pfeife stopfend.

„Ist Mr. Stiggins nich hier gewesen?“

„Nö, mein Schatz. War nich hier“, erwiderte Mr. Weller und zündete seine Pfeife vermittels der sinnreichen Operation an, die darin besteht, daß man mit der Zange eine rotglühende Kohle dem Feuer entnimmt und an die Höhlung des Pfeifenkopfes hält. „Würde es übrigens mit Fassung tragen, wenn er überhaupt nich mehr kommen würde.“

„Pfui, du ruchloser Mensch“, rief Mrs. Weller aus.

„Ick danke dir, mein Schatz“, erwiderte Mr. Weller.

„Ruhig, Alter, ruhig“, mischte sich Sam ein. „Keine Liebeserklärungen nich vor Fremden. Da kommt gerade Seine Ehrwürden selber.“

Hastig wischte Mrs. Weller die Tränen ab, die sie soeben hervorzupressen begonnen, und Mr. Weller rückte seinen Lehnstuhl mißmutig in die Kaminecke.

Mr. Stiggins war leicht zu bewegen, ein Glas warmen Ananasgrog anzunehmen, ein zweites und ein drittes darauf folgen zu lassen und sich dann mit einem kleinen Abendessen zu erquicken, bevor er sich wieder aufs neue dem Geschäft des Trinkens zuwandte. Er saß neben Mr. Weller, und sooft dieser es unbemerkt von seiner Gattin tun konnte, deutete er seinem Sohne die Regungen, die die Tiefen seines Herzens aufwühlten, dadurch an, daß er seine Faust über dem Haupte des Vizehirten hin und her bewegte, und zwar mit einer Lebendigkeit des Ausdruckes, der seinem Sohne die ungetrübteste Freude bereitete, um so mehr, als Mr. Stiggins, ruhig seinen Ananasgrog schlürfend, nicht im entferntesten ahnte, was hinter ihm vorging.

Die Kosten der Unterhaltung trugen zum größten Teil Mrs. Weller und Ehrwürden Mr. Stiggins, und das Thema, um das es sich hauptsächlich drehte, behandelte die Tugenden des Hirten, die Würdigkeit seiner Herde und die schweren Sünden und Verbrechen aller übrigen Menschen – lauter Gespräche, die Mr. Weller senior gelegentlich durch halbunterdrückte Anspielungen auf einen Gentleman namens Walker und andere naheliegende Kommentare dieser Art unterbrach.

Endlich ergriff Mr. Stiggins unter verschiedenen, ganz unzweideutigen Symptomen, daß er so viel Ananasgrog zu sich genommen, als er nur irgend hatte unterbringen können, seinen Hut, verabschiedete sich, und gleich darauf wurde Sam von seinem Vater schlafen geschickt. Der würdige alte Herr schüttelte seinem Sohn mit Wärme die Hand und schien geneigt, einige Bemerkungen an ihn zu richten, aber als er sah, daß Mrs. Weller in der Nähe war, gab er seine Absicht auf und wünschte ihm nur kurz eine gute Nacht.

Sam war am folgenden Tage beizeiten auf, und nachdem er in aller Eile sein Frühstück eingenommen, schickte er sich zur Rückkehr nach London an. Er hatte kaum den Fuß aus dem Hause gesetzt, als sein Vater vor ihm stand.

„Du gehst, Sammy?“ fragte Mr. Weller.

„Bin grade dabei.“

Ich wünschte, du könntest diesen Stiggins auch einpacken und mitnehmen, Sammy.“

Ich tue mir für dir schämen“, sagte Sam in vorwurfsvollem Ton. „Wie kannst du es dulden, daß er seine rote Nase in den ,Marquis von Granby‘ reinsteckt?“

Mr. Weller senior heftete einen ernsten Blick auf seinen Sohn und erwiderte:

„Weil ich ’n verheirateter Mann bin, Samuel; weil ich ’n verheirateter Mann bin. Wenn du mal ’n verheirateter Mann bist, Samuel, denn wirst du auch ’ne Menge Dinge verstehen lernen tun, wo du jetzt nich verstehen tust. Allerdings, ob es die Mühe lohnt, so viel durchzumachen, um so wenig zu lernen – wie der Waisenknabe sagte, als er mit dem Alphabet zu Ende war –, das is Geschmacksache. Ich glaube, es lohnt nich.“ „Hm“, meinte Sam, „mach’s gut!“

„Noch ’n Augenblick, Sammy.“

„Ich möchte bloß noch sagen“, sprach Sam und blieb stehen, „wenn ich der Eigentümer vom ,Marquis von Granby‘ wäre und dieser Stiggins würde angekrochen kommen und meine gerösteten Butterbrote in meinem Schenkstübchen fressen, ich würde dem s…“

„Was?“ unterbrach ihn Mr. Weller in heftiger Erregung. „Was würdest du ihm?“

„…seinen Grog vergiften.“

„Wirklich?“ rief Mr. Weller und schüttelte seinem Sohn feurig die Hand. „Würdest du das wirklich tun, Sammy?“

„Jawohl. Würde ich“, sagte Sam. „Vorerst würde ich ihn mal in die Wasserkufe stecken und den Deckel zuschlagen, und wenn ich dann merken würde, daß er gegen Güte unempfänglich wäre, denn würde ich ihn, mit anderen Mitteln bekehren.“

Mr. Weller senior warf einen Blick hoher, unaussprechlicher Bewunderung auf seinen Sohn, drückte ihm nochmals die Hand und ging langsam ins Haus, von einer Flut von Gedanken bestürmt, die der Rat seines Erstgeborenen in ihm erweckt hatte.

Sam sah ihm nach und schlug dann, ebenfalls in tiefes Sinnen versunken, den Weg nach London ein.