Dreizehntes Kapitel


Dreizehntes Kapitel

Ein Vorfall von einschneidender Wirkung auf Mr. Pickwicks Leben und Geschichte.

Mr. Pickwicks Wohnung in Goß Wallstreet war zwar nicht groß, aber einem Mann von seinem Genie und seiner Beobachtungsgabe vorzüglich angepaßt. Sein Arbeitszimmer befand sich im ersten Stock, sein Schlafzimmer im zweiten, und beide lagen vornheraus, so daß Mr. Pickwick sowohl von seinem Schreibtisch im Wohnzimmer wie von seinem Ankleidespiegel im Schlafgemach aus stets Gelegenheit hatte, die menschliche Natur in allen ihren unzähligen Phasen an einem Platze zu beobachten, der ihm fortwährend ein buntes Volksleben vor Augen führte. Seine Hauswirtin, Mrs. Bardell, die trostlose Hinterbliebene eines Zollbeamten, war eine stattliche Frau von lebhaftem Temperament, angenehmem Äußern und wohlausgebildetem Kochgenie. In ihrem Hause gab es weder Kinder noch Dienstboten, noch Federvieh. Seine einzigen Insassen waren, außer Mr. Pickwick, ein großer Mann und ein kleiner Knabe, der erstere ein Mietsmann, der zweite ein Sprößling Mrs. Bardells. Der große Mann kam immer abends Punkt zehn Uhr nach Hause, um sich in eine zwerghafte französische Bettstelle in dem hintern Zimmer zu zwängen, wogegen die kindlichen Spiele und gymnastischen Übungen des jungen Mr. Bardell sich ausschließlich auf die Plätze vor den Türen der Nachbarn und die Gossen vor dem Hause beschränkten. Reinlichkeit und Ruhe herrschten in dem Hause, in dem Mr. Pickwicks Wille als oberstes Gesetz galt. Jedermann, der den geschilderten häuslichen Zustand und die bewunderungswürdige Selbstbeherrschung Mr. Pickwicks kannte, würde das Benehmen des Gelehrten an dem Morgen des Vortages der Reise nach Eatanswill höchst mysteriös und unergründlich vorgekommen sein. Er ging mit raschen Schritten in seinem Zimmer auf und ab, schaute alle drei Minuten einmal unruhig zum Fenster hinaus, sah fortwährend auf die Uhr und ließ noch viele andere bei ihm selten vorkommende Zeichen von Ungeduld wahrnehmen. Offenbar lag ihm etwas sehr Wichtiges im Sinn; doch was das sein konnte, vermochte selbst Mrs. Bardell nicht zu ergründen.

„Mrs. Bardell!“ hob Mr. Pickwick endlich an, als das langwierige Staubabwischen der Haushälterin sich seinem Ende zuneigte.

„Sir?“

„Ihr kleiner Knabe bleibt aber lange aus, Mrs. Bardell!“

„Nun, es ist auch ein ziemlich weiter Weg nach dem Borough, Sir“, entgegnete Mrs. Bardell.

„Da haben Sie freilich recht“, versetzte Mr. Pickwick und versank abermals in Stillschweigen, während Mrs. Bardell mit dem Staubabwischen fortfuhr.

„Mrs. Bardell!“ begann Mr. Pickwick nach einigen Minuten von neuem.

„Sir?“ sagte Mrs. Bardell wie zuvor.

„Glauben Sie, daß es bedeutend teurer käme, zwei Personen zu erhalten als eine einzige?“

„Ach Gott, Mr. Pickwick“, rief Mrs. Bardell aus, bis an den Rand ihrer Haube errötend, da sie in den Augen ihres Mieters ein heiratslustiges Blinzeln zu bemerken glaubte. „Ach Gott, Mr. Pickwick, was ist das für eine Frage?“

„Glauben Sie es wirklich?“ forschte Mr. Pickwick weiter.

„Ach Mr. Pickwick“, erwiderte Mrs. Bardell und kam mit ihrem Staubtuch bis dicht an die Ellenbogen des Gelehrten. „Das kommt ganz darauf an, ob es eine haushälterische und verständige Person ist, Sir.“

„Sehr wahr“, versetzte Mr. Pickwick, „aber ich denke, daß die Person, die ich im Auge habe“, bei diesen Worten fixierte er Mrs. Bardell sehr scharf, „diese Eigenschaften und noch überdies eine beträchtliche Weltkenntnis und Klugheit besitzt, was mir alles wesentlich von Nutzen sein dürfte.“

„Ach Gott, Mr. Pickwick!“ rief Mrs. Bardell aus und errötete abermals bis an den Rand ihrer Haube.

„Ich bin wirklich davon überzeugt“, sagte Mr. Pickwick, lebhaft werdend, wie es gewöhnlich bei ihm der Fall war, wenn er von einem ihn interessierenden Gegenstande sprach. „Ich bin wirklich fest davon überzeugt, und, um Ihnen die Wahrheit zu sagen, Mrs. Bardell, ich habe bereits meinen Entschluß gefaßt.“

„Ach du meine Güte, Sir!“ rief Mrs. Bardell.

„Sie werden es allerdings auffallend finden“, fuhr Mr. Pickwick liebenswürdig fort und blickte dabei seine Hausgenossin mit freundlichem Lächeln an, „daß ich Sie über diese Angelegenheit gar nicht zu Rat gezogen und nicht eher etwas erwähnt habe als in dieser Stunde, wo ich Ihren kleinen Jungen ausgeschickt … He, he, was sagen Sie?“

Mrs. Bardell konnte nur mit einem Blick antworten. Sie hatte Mr. Pickwick längst im stillen verehrt, und jetzt sah sie sich mit einem Male auf den Gipfel eines Glücks gehoben, von dem sie sich nicht im entferntesten hatte träumen lassen. Mr. Pickwick stand im Begriff, ihr einen Antrag zu machen! – Ein wohlüberlegter Plan! – Ja, nur deshalb hatte er ihren Knaben ausgeschickt. Wie herrlich war das ausgedacht und wie klug ausgeführt.

„Nun“, fragte Mr. Pickwick, „was meinen Sie?“

„Ach, Mr. Pickwick“, erwiderte Mrs. Bardell, vor innerer Bewegung zitternd. „Sie sind zu gütig, Sir.“

„Meinen Sie nicht, daß ich Ihnen ein gutes Teil Mühe dadurch ersparen würde?“ fragte Mr. Pickwick weiter.

„Ach, aus der Mühe mache ich mir gar nichts, Sir“, erwiderte Mrs. Bardell, „und ich will mich, wenn ich Sie nur zufrieden weiß, gern noch einer größeren unterziehen. Ach, es ist unaussprechlich gütig von Ihnen, Mr. Pickwick, auf meine verlassene Lage soviel Rücksicht zu nehmen!“

„Ich muß gestehen“, versetzte Mr. Pickwick, „daran habe ich gar nicht einmal gedacht. Sie werden auf diese Art, wenn ich in der Stadt bin, immer jemand haben, der bei Ihnen bleibt. Vorausgesetzt, daß es Ihnen recht ist.“

„Oh, wie glücklich werde ich sein“, seufzte Mr. Bardell.

„Und Ihr kleiner Knabe wird einen Gefährten haben, und zwar einen recht aufgeweckten, der ihn, ich will wetten, in einer Woche mehr Schelmenstreiche lehren wird, als er sonst wohl in einem Jahre lernen würde.“ Mr. Pickwick begleitete diese Worte mit einem gutmütigen Lächeln.

„Oh, Sie teurer …“

Mr. Pickwick stutzte.

„Oh, du lieber, guter, herrlicher Mann!“ rief Mrs. Bardell aus, sprang von ihrem Stuhle auf und schlang ohne weitere Umstände unter einem Katarakt von Tränen ihre Arme um Mr. Pickwicks Nacken.

„Gerechter Gott!“ schrie Mr. Pickwick, ganz außer sich. „Mrs. Bardell, gute Frau, du lieber Himmel! – Welche Situation! – Ich bitte, bedenken Sie doch, Mrs. Bardell, ich beschwöre Sie um alles in der Welt, wenn jemand käme …“

„Oh, mag kommen, wer will!“ rief Mrs. Bardell im Liebestaumel. „Ich lasse dich nicht! Oh, du lieber, du guter Mann!“ Dabei klammerte sie sich noch fester an ihn.

„Barmherziger Gott!“ ächzte Mr. Pickwick und rang aus Leibeskräften, um sich loszumachen. „Ich höre jemand die Treppe heraufkommen. Ich bitte Sie um des Himmels willen, liebe Frau, seien Sie doch nur vernünftig!“

Aber alle Bitten und Vorstellungen blieben fruchtlos, Mrs. Bardell war in Pickwicks Armen in Ohnmacht gefallen, und ehe er noch Zeit finden konnte, sie auf einen Stuhl niederzusetzen, trat Master Bardell ins Zimmer, gefolgt von Mr. Tupman, Mr. Winkle und Mr. Snodgraß.

Mr. Pickwick war wie vom Donner gerührt. Seine liebliche Bürde in den Armen haltend, stand er bestürzt und regungslos da und starrte seine Freunde an, ohne sie zu begrüßen, ja auch nur den geringsten Versuch zu machen, ihnen eine Erklärung zu geben. Die Herren machten große Augen, und Master Bardell glotzte von einem zum andern.

Die Verwirrung Mr. Pickwicks und das Erstaunen seiner Jünger waren so grenzenlos, daß sie wahrscheinlich sämtlich bis zum Wiedererwachen der Lebensgeister der guten Mrs. Bardell regungslos in ihren Stellungen verharrt haben würden, wenn sich nicht die kindliche Zärtlichkeit des Sprößlings der Ohnmächtigen auf eine höchst rührende Weise Luft gemacht hätte. Er war anfangs in seinem Manchesteranzug mit den großen Metallknöpfen erstaunt und ungewiß an der Tür stehengeblieben, aber allmählich erwachte in ihm der Verdacht, Mr. Pickwick könne seiner Mutter ein Leid angetan haben.

Er erhob ein jämmerliches Geschrei, stürzte auf den Unsterblichen los und begann seinen Kücken und seine Beine so empfindlich zu bearbeiten, wie es die Kraft seines kleinen Armes und das Ungestüm seiner Aufregung nur irgend gestatteten.

„So halten Sie doch den Schlingel fest!“ rief Mr. Pickwick in seiner Angst. „Er ist ja rein des Teufels!“

„Was gibt es denn eigentlich?“ fragten die drei Jünger wie aus einem Munde.

„Ich weiß es nicht“, entgegnete Mr. Pickwick verdrießlich. „Schaffen Sie mir nur den Knaben vom Halse und helfen Sie mir, die Frau die Treppe hinunterzubringen.“

„Ach, ich fühle mich schon wieder besser“, seufzte Mrs. Bardell mit schwacher Stimme.

„Erlauben Sie mir, Sie hinunterzubegleiten“, sagte der stets galante Mr. Tupman.

„Vielen Dank, Sir, vielen Dank“, rief Mrs. Bardell hysterisch und ließ sich mit ihrem zärtlichen Sprößling von Mr. Tupman die Treppe hinabführen.

„Ich kann gar nicht begreifen“, sagte Mr. Pickwick, als sein Freund zurückkehrte, „was mit der Frau eigentlich los ist. Ich hatte ihr kaum meine Absicht angekündigt, mir einen Diener zu halten, als sie geradezu in Paroxismus verfiel und schließlich ohnmächtig wurde. Ein höchst merkwürdiger Fall!“

„Höchst merkwürdig!“ riefen die drei Freunde.

„Sie versetzte mich tatsächlich in eine höchst unangenehme Lage“, fuhr Mr. Pickwick fort.

„Höchst unangenehm!“ wiederholten die Jünger, hüstelten und warfen sich bedeutsame Blicke zu, die Mr. Pickwick nicht entgingen. Sie mißtrauten ihm offenbar.

„Es wartet ein Mann auf dem Gange“, unterbrach Mr. Tupman endlich das Schweigen.

„Ohne Zweifel der Bediente, von dem ich sprach“, sagte Mr. Pickwick. „Ich habe heute morgen nach ihm geschickt. Würden Sie vielleicht die Güte haben, ihn hereinzurufen, lieber Snodgraß.“

Mr. Snodgraß tat, wie ihm geheißen, und gleich darauf präsentierte sich Mr. Samuel Weller.

„Sie erinnern sich meiner wohl noch?“ redete ihn Mr. Pickwick an.

„Sollt’s meinen“, erwiderte Sam mit einem pfiffigen Blinzeln. „Tolle Sache das – damals –, aber er hat Sie umzingelt; weg war er, ehe einer ’ne Prise nehmen konnte, wie?“

„Lassen wir das jetzt“, fiel Mr. Pickwick hastig ein. „Ich wollte von etwas anderm mit Ihnen reden. Setzen Sie sich.“

„Danke, Sir“, sagte Sam und setzte sich, ohne sich weiter nötigen zu lassen, nachdem er vorher seinen alten weißen Hut auf einen Tisch vor der Tür gelegt hatte. „Er sieht nicht zum besten aus“, bemerkte er dabei mit einem freundlichen Lächeln, „sitzt aber erstaunlich gut und war ’n hübscher Deckel, ehe er sich von seiner Krempe trennte; jetzt ist er aber um so leichter, was der eine Vorteil is, und dann läßt jedes Loch frische Luft rein, und das ist der zweite.“

„Gut, gut“, sagte Mr. Pickwick, „aber jetzt zu der Sache, wegen der ich Sie habe rufen lassen.“

„Sehr wohl, Sir“, unterbrach ihn Sam, „nur raus damit, wie der Vater zu dem Kinde sagte, als es den Pfennig verschluckt hatte.“

„Vor allen Dingen möchte ich wissen“, fuhr Mr. Pickwick fort, „ob Sie in irgendeiner Hinsicht mit Ihrem gegenwärtigen Posten unzufrieden sind.“

„Bevor ich auf diese Frage antworte“, versetzte Sam, „möcht ich gern wissen, ob Sie mir vielleicht, zu ’nem bessern verhelfen wollen?“

Ein Strahl gütigen Wohlwollens glänzte auf Mr. Pickwicks Angesicht.

„Ich bin halb und halb entschlossen, Sie selbst in Dienst zu nehmen.“

„So, sind Sie das?“ sagte Sam.

Mr. Pickwick nickte bejahend.

„Lohn?“ fragte Sam.

„Zwölf Pfund jährlich“, erwiderte Mr. Pickwick.

„Kleidung?“

„Zwei Anzüge.“

„Arbeit?“

„Sie hätten mich zu bedienen und diese Herren hier und mich auf unsern Reisen zu begleiten.“

„Schon daß der Anschlagzettel unten runterkommt“, sagte Sam mit Nachdruck. „Ich bin an ’nen einzelnen Herrn vermietet und mit die Bedingungen einverstanden.“

„Sie nehmen also die Stelle an?“ fragte Mr. Pickwick.

„‚türlich“, erwiderte Sam. „Wenn mir die Livree nur halb so gut paßt wie die Stelle, kann’s gleich losgehen.“

„Sie haben doch ein Zeugnis?“

„Da müssen Sie sich an die Wirtin vom ,Weißen Hirsch‘ wenden“, versetzte Sam.

„Könnten Sie noch heute abend den Dienst antreten?“

„Augenblicks stecke ich mich in die Livree, wenn die zur Hand is“, entgegnete Sam äußerst heiter.

„Sprechen Sie heute abend um acht Uhr vor“, sagte Mr. Pickwick, „und wenn meine Erkundigungen nach Wunsch ausfallen, werde ich für eine Livree sogleich Sorge tragen.“

Abgesehen von einem einzigen liebenswürdigen Fehltritt, an dem ein Hausmädchen zu gleichen Teilen die Schuld trug, lautete die Auskunft über Mr. Wellers Aufführung so günstig, daß Mr. Pickwick sich vollkommen beruhigt fühlte und noch am selben Abend den Vertrag abschloß. Mit der Raschheit und Energie, die nicht nur das öffentliche, sondern auch das Privatleben des außerordentlichen Mannes charakterisierte, führte er Sam Weller in eine der Niederlagen, wo alte und neue Männerkleider vorrätig sind und man der lästigen und unbequemen Formalität des Maßnehmens enthoben ist, und noch vor Einbruch der Nacht war Mr. Weller mit einem grauen Rock mit P.-K.-Knöpfen, einem schwarzen Hut mit einer Kokarde, einer fleischfarbigen, gestreiften Weste, lichten Beinkleidern und Gamaschen und sonstigem Zubehör ausstaffiert.

„Bin doch neugierig“, sagte der so plötzlich umgewandelte Mr. Weller, als er am nächsten Morgen den Außensitz der Eatanswiller Postkutsche eingenommen hatte, „ob ich ’nen Bedienten, ’nen Stallknecht, ’nen Wildhüter oder einen Portier vorstellen soll. Scheine mir so ’ne Art Ragout von all dem zu sein. Na, macht nichts. Komme auf diese Weise zu ’ner Luftveränderung, kriege viel zu sehen und habe wenig zu tun, was mir alles prächtig zusagt. Vivat hoch! Die Pickwickier sollen leben!“

Vierzehntes Kapitel


Vierzehntes Kapitel

Einiges über die Wahlen in Eatanswill.

Es scheint, als ob die Bewohner von Eatanswill, wie die so mancher andern Kleinstädte, eine außerordentlich hohe Meinung von ihrer Wichtigkeit hatten. Jedermann daselbst schien sich für verpflichtet zu halten, mit Leib und Seele zu einer der beiden großen Parteien des Städtchens, den Blauen und den Gelben, zu gehören. Die Blauen ließen keine Gelegenheit vorübergehen, wo sie den Gelben entgegentreten konnten, wie auch die Gelben jede Gelegenheit ergriffen, mit den Blauen Händel anzufangen. Die Folge davon war, daß es jedesmal zu skandalösen Auftritten kam, wenn die Gelben und Blauen auf dem Rathaus, dem Markte oder bei Versammlungen auf öffentlichen Plätzen zusammentrafen. Bei diesem Mangel an Harmonie wurde jede Angelegenheit in Eatanswill zur Parteifrage. Wenn die Gelben den Vorschlag machten, den Marktplatz mit neuen Laternen zu versehen, so riefen die Blauen zu öffentlichen Versammlungen auf und brachen den Stab über den wahnsinnigen Plan. Wenn die Blauen noch einen Brunnen in der Hauptstraße anlegen wollten, so schrien die Gelben, einer für alle und alle für einen, über Verrücktheit. Es gab blaue Läden und gelbe Läden, blaue Wirtshäuser und gelbe Wirtshäuser; es gab sogar einen blauen Flügel und einen gelben Flügel in den Kirchen.

Natürlich war es ein wesentliches und notwendiges Erfordernis, daß jede dieser gewaltigen Parteien ihr besonderes Organ hatte. Demzufolge gab es in der Stadt zwei Blätter – die „Eatanswill-Gazette“ und den „Eatanswill-Independent“. Erstere vertrat die Grundsätze der Blauen, der letztere war ausgesprochen gelb. Beides waren vorzüglich geleitete Blätter. – „Unsere unwürdige Nebenbuhlerin, die ,Gazette'“ – „das gemeine und niederträchtige Schmierblatt, der ,Independent'“ – „das erbärmliche Machwerk, die ,Gazette'“ – solche und andre geistsprühende Ausfälle waren in jeder Nummer zu Dutzenden anzutreffen und riefen bei der einen Hälfte der Bevölkerung die unbändigste Freude, bei der andern die höchste Erbitterung hervor.

Mr. Pickwick hatte vermöge seines gewohnten Scharfsinns und Seherblickes einen besonders günstigen Moment zu seiner Reise nach Eatanswill gewählt. Einen solchen Parteikampf hatte es seit Menschengedenken nicht gegeben. Samuel Slumkey Hochwohlgeboren von Slumkey-Hall war der blaue Kandidat, und Horatio Fizkin Esq. von Fizkin-Lodge bei Eatanswill war von seinen Freunden dazu ausersehen, das Interesse der Gelben zu vertreten. Die „Gazette“ stellte den Wählern von Eatanswill vor, daß nicht nur die Augen Englands, sondern der ganzen zivilisierten Welt auf sie gerichtet seien, und der „Independent“ verlangte gebieterisch zu wissen, ob die Bürger von Eatanswill wirklich die großen Männer wären, für die sie von jeher gegolten, oder elende sklavische Werkzeuge, die weder den Namen Engländer noch die Segnungen der Freiheit verdienten. Noch nie zuvor fieberte die Stadt in einer solchen Erregung.

Es war spätabends, als Mr. Pickwick und seine Freunde mit Sams Beistand vom Dach der Eatanswiller Postkutsche herabstiegen. Große blaue Seidenfahnen flatterten an den Wänden des Gasthauses „Zum Stadtwappen“, und an jedem Fenster waren ungeheure Papierbogen angeklebt, auf denen mit riesigen Buchstaben geschrieben stand, daß hier das Komitee Samuel Slumkeys Hochwohlgeboren täglich seine Sitzungen abhielt. Eine Menge Gaffer war auf der Straße versammelt und betrachtete einen Mann auf dem Balkon, der sich zugunsten Slumkeys kirschrot und heiser schrie, obgleich die Gewalt seiner Beweisgründe von dem beständigen Gerassel einer großen Trommel, die das Komitee Mr. Fizkins an der Straßenecke aufgestellt hatte, einigermaßen geschwächt wurde. An seiner Seite stand ein geschäftiges kleines Männchen, das von Zeit zu Zeit den Hut abnahm und die Menge zu einem Beifallsgeschrei aufforderte, das dann auch jedesmal mit der größten Begeisterung ertönte, und als der kirschrote Herr sich violett geschrien, schien er seinen Zweck ebensogut erreicht zu haben, als hätte ihn jedermann verstanden.

Die Pickwickier waren kaum abgestiegen, als sie von einem Haufen der „Unabhängigen“ umringt und mit dreimaligem donnerndem Hurra empfangen wurden, in das sofort die ganze Volksmenge mit einem furchtbaren Triumphgebrüll einstimmte.

„Noch ein Hurra!“ kreischte das Männchen auf dem Balkon, und wieder brüllte die Menge, als wären ihre Lungen aus Gußeisen.

„Slumkey, hoch!“ schrien die Unabhängigen.

„Slumkey, hoch!“ wiederholte Mr. Pickwick und schwang seinen Hut.

„Nieder mit Fizkin“, schrie der Haufe.

„Nieder mit Fizkin“, rief auch Mr. Pickwick.

Und abermals erhob sich ein Gebrüll wie von einer ganzen Menagerie, wenn der Elefant die Glocke zur kalten Küche gezogen hat.

„Wer ist Slumkey?“ flüsterte Mr. Tupman.

„Weiß nicht“, versetzte Mr. Pickwick ebenso leise. „Pst! Fragen Sie nicht. Es ist immer das beste, bei solchen Gelegenheiten zu tun, was der große Haufe tut.“

„Aber angenommen, es sind zwei Haufen“, warf Mr. Snodgraß ein.

„Dann hält man mit dem größeren“, entgegnete Mr. Pickwick.

Ganze Bände hätten nicht mehr sagen können.

Die Herren traten ins Haus. Die Menge bildete Spalier und brüllte. Die erste Frage galt einem Nachtlager.

„Können wir hier Betten haben?“ fragte Mr. Pickwick den Kellner.

„Weiß nicht, Sir“, war die Antwort, „fürchte, es ist alles besetzt, Sir; will nachfragen, Sir.“

Der Kellner entfernte sich, kehrte aber augenblicklich wieder zurück und fragte, ob die Herren „Blaue“ wären.

Da weder Mr. Pickwick noch seine Gefährten ein besonderes Interesse an dem einen oder dem andern Kandidaten hatten, war die Frage etwas schwer zu beantworten. In diesem Dilemma erinnerte sich Mr. Pickwick an seinen neuen Freund Mr. Perker.

„Kennen Sie einen Herrn namens Perker?“ forschte er.

„Allerdings, Sir; Agent für Samuel Slumkey, Hochwohlgeboren.“

„Blau, nicht wahr?“

„Jawohl, Sir.“

„Dann sind wir auch Blaue“, sagte Mr. Pickwick; aber da er bemerkte, daß der Kellner ein mißtrauisches Gesicht machte, gab er ihm seine Karte mit dem Auftrag, sie Mr. Perker sogleich zu überbringen.

Der Kellner entfernte sich und kehrte im Augenblick zurück, bat Mr. Pickwick, ihm zu folgen, und führte ihn in ein großes Zimmer im ersten Stock, wo Mr. Perker an einem langen, mit Büchern und Papieren bedeckten Tische saß.

„Ah, ah, mein werter Herr“, rief der kleine Mann und stand auf. „Sehr erfreut, mein werter Herr, sehr erfreut. Bitte, nehmen Sie Platz. So haben Sie also Ihren Plan ausgeführt? Sie sind hergefahren, um einer Wahl beizuwohnen, nicht wahr?“

Mr. Pickwick bejahte.

„Ein heißer Kampf, mein werter Herr!“

„Ich bin entzückt, das zu hören“, versetzte Mr. Pickwick und rieb sich die Hände. „Ich sehe nichts lieber als Betätigung des Patriotismus, gleichviel, bei welcher Partei! – Ein heißer Kampf also?“

„Freilich, freilich“, antwortete der kleine Anwalt. „Sehr heiß. Wir haben alle Gasthäuser für unsere Partei mit Beschlag belegt und unsern Gegnern nichts als die Bierschenken gelassen, ein vorzüglicher Staatsstreich, mein werter Herr, nicht wahr?“ Der Kleine lächelte selbstgefällig und nahm eine tüchtige Prise.

„Und was wird wohl das Ergebnis des Kampfes sein?“ fragte Mr. Pickwick.

„Noch zweifelhaft, mein werter Herr; ziemlich zweifelhaft bis jetzt. Fizkins Leute halten dreiunddreißig Wähler im ,Weißen Hirsch‘ im Wagenschuppen eingeschlossen.“

„Im Wagenschuppen?“ fragte Mr. Pickwick erstaunt.

„Sie haben sie dort eingesperrt, bis sie sie nötig haben. Der Zweck ist, wie Sie sehen, daß wir ihnen nicht beikommen sollen, und selbst wenn wir es könnten, würde es nichts helfen, denn sie haben sie absichtlich betrunken gemacht. Ein tüchtiger Mensch, Fizkins Agent, sehr tüchtig!“ Mr. Pickwick schwieg betroffen.

„Und doch haben wir ziemliche Hoffnung“, fuhr Mr. Perker fort und dämpfte seine Stimme bis zum Geflüster. „Wir haben eine kleine Teegesellschaft hier gehabt, gestern abend. – Fünfundvierzig Frauen, mein werter Herr, und wir haben jeder einen grünen Sonnenschirm zum Andenken geschenkt, als sie nach Hause gingen.“

„Einen Sonnenschirm?“ fragte Mr. Pickwick.

„Tatsache, mein werter Herr, Tatsache. Fünfundvierzig grüne Sonnenschirme zu sieben Schillingen und sechs Pence das Stück. Alle Frauen lieben den Putz außerordentlich. Sicherte uns ihre Männer, alle, und die Hälfte ihrer Brüder; Strümpfe, Flanell und all das Zeug haben gar keine Wirkung. Meine Idee, mein teurer Herr, ganz allein meine Idee. Ob’s hagelt, regnet oder vor Hitze glüht. Sie können keine zwanzig Schritte auf der Straße gehen, ohne nicht wenigstens einem halben Dutzend grüner Sonnenschirme zu begegnen.“

Der kleine Mann wollte sich ausschütten vor Lachen, als ein schmächtiger Herr mit rotem Haar, das hin und wieder lichte Stellen zeigte, und einer Miene voll feierlicher Wichtigkeit und unergründlicher Gelehrsamkeit eintrat. Er trug einen langen braunen Oberrock, eine schwarze Tuchweste und modefarbige Beinkleider. Ein Augenglas baumelte an seiner Brust, und auf seinem Kopfe balancierte er einen niedrigen Hut mit breiter Krempe. Der neue Ankömmling wurde Mr. Pickwick als Mr. Pott, Herausgeber der „Eatanswill-Gazette“, vorgestellt.

Nach einigen wenigen einleitenden Bemerkungen wandte sich Mr. Pott an Mr. Pickwick und fragte mit feierlichem Tone:

„Der Wahlkampf erregt wohl großes Interesse in der Hauptstadt, Sir?“

„Ich glaube, ja“, antwortete Mr. Pickwick.

„Ich habe Grund zu vermuten“, sagte Mr. Pott und sah Mr. Perker mit Bejahung heischendem Blick an, „ich habe Grund zu vermuten, daß mein Artikel im letzten Samstagblatt einigermaßen dazu beigetragen hat.“

„Ohne Zweifel“, bestätigte der kleine Anwalt.

„Die Presse ist ein gar mächtiger Hebel!“ sagte Pott.

Mr. Pickwick war vollständig derselben Ansicht.

„Ich schmeichle mir, Sir“, fuhr Pott fort, „daß ich die ungeheure Gewalt, die mir anvertraut ist, nie mißbraucht habe. Nie habe ich die Waffe, die in meine Hände gelegt ist, gegen den heiligen Busen des Privatlebens oder die persönliche Ehre gekehrt; ich schmeichle mir, mein Herr, daß ich meine Kräfte, so schwach sie auch sein mögen, stets den Prinzipien des – des …“

Der Herausgeber der „Eatanswill-Gazette“ schien sich ein wenig verrannt zu haben, und Mr. Pickwick kam ihm zu Hilfe und sagte: „Ohne Zweifel.“

„Und wie, mein Herr“, sagte Pott, „wie, mein Herr, erlauben Sie mir, die Frage an Sie als einen Unparteiischen zu richten, wie ist die öffentliche Meinung in London über meinen Kampf mit dem ,Independent‘?“

„Man ist ohne Zweifel sehr aufgeregt“, fiel Mr. Perker mit einem schlauen Blick ein.

„Der Kampf“, fuhr Pott fort, „soll so lange dauern, als ich Kraft und Leben habe und das bißchen Talent, das mir beschieden, mir innewohnt. Ich will nicht ablassen von dem Kampfe, und mag er die Gemüter so aufregen, daß sie die gewöhnlichen Geschäfte des alltäglichen Lebens darüber vergessen; von diesem Kampfe, sage ich, will ich nicht ablassen, bis ich meine Ferse auf den ,Independent‘ von Eatanswill gesetzt habe. Die Bewohnerschaft von London und das ganze englische Volk sollen wissen, daß es auf mich rechnen kann, daß ich sie nicht verlassen werde, daß ich entschlossen bin, ihre Sache zu verfechten bis ans Ende.“

„Das nenne ich Mut, in der Tat, mein Herr“, rief Mr. Pickwick und schüttelte Mr. Pott warm die Hand.

„Sie, mein Herr, sind ein Mann von Scharfsinn und Begabung, das spür ich wohl“, sagte Mr. Pott; er war noch fast atemlos von der Wucht seiner patriotischen Erklärung.

„Und ich“, sagte Mr. Pickwick, „fühle mich durch Ihre Meinungsäußerung hoch geehrt. Erlauben Sie, daß ich Ihnen meine Reisegefährten vorstelle, einige Mitglieder des Klubs, den ich – mit Stolz sage ich es – gegründet habe?“

„Es wird mich unendlich freuen“, antwortete Mr. Pott.

Mr. Pickwick verließ das Zimmer, holte seine drei Freunde und stellte sie in aller Form dem Herausgeber der „Eatanswill-Gazette“ vor.

„Nun, mein lieber Pott“, fragte der kleine Mr. Perker, „was machen wir mit unsern Freunden?“

„Wir könnten, dächte ich, hier im Hause bleiben“, meinte Mr. Pickwick.

„Nicht ein Bett mehr, mein werter Herr, nicht ein Bett mehr frei.“

„Sehr ärgerlich“, brummte Mr. Pickwick.

„Außerordentlich“, meinten auch seine Reisegefährten.

„Warten Sie mal“ sagte Mr. Pott, „im ,Pfau‘ wären noch zwei Betten, und was Mrs. Pott betrifft, so wird es sie gewiß außerordentlich freuen, Mr. Pickwick und einen seiner Freunde bei sich zu beherbergen, wenn die beiden andern Herren und ihr Diener sich, so gut es geht, im ,Pfau‘ behelfen wollen.“

Die Einladung wurde dankend angenommen,‘ und nach einem gemeinschaftlichen Mahl im „Stadtwappen“ schieden die Freunde. Mr. Tupman und Mr. Snodgraß verfügten sich in den „Pfau“, und Mr. Pickwick und Mr. Winkle begaben sich in die Wohnung Mr. Potts, nachdem sie zuvor ausgemacht hatten, sich am nächsten Morgen wieder im „Stadtwappen“ zu treffen und den Zug Samuel Slumkeys Hochwohlgeboren auf den Wahlplatz zu begleiten.

Mr. Potts Familie bestand nur aus dem Herausgeber und seiner Ehehälfte.

„Meine Liebe!“ stellte Mr. Pott vor. „Meine Frau – Mr. Pickwick aus London.“

Mrs. Pott erwiderte den väterlichen Händedruck des Gelehrten mit bezaubernder Anmut, und Mr. Winkle, der vergessen worden war, machte unbeachtet in einem dunkeln Winkel Kratzfüße auf Kratzfüße.

„P., mein Schatz!“ sagte Mrs. Pott.

„Mein Leben?“

„Bitte, stelle mir doch auch den andern Herrn vor.“

„Bitte tausendmal um Verzeihung“, rief Mr. Pott. „Mrs. Pott – Mr. – Mr. –“

„Winkle“, ergänzte Mr. Pickwick.

„Winkle“, wiederholte Mr. Pott, und die Zeremonie war vorüber.

„Wir müssen vielmals um Entschuldigung bitten, Ma’am“, nahm Mr. Pickwick das Wort, „daß wir schon nach einer so kurzen Bekanntschaft eine solche Störung in Ihrem Hauswesen verursachen.“

„Aber ich bitte Sie, meine Herren, ich bitte Sie“, erwiderte der weibliche Pott mit Lebhaftigkeit. „Es ist ein unendlicher Genuß für mich, ich versichere Ihnen, wenn ich wieder neue Gesichter sehe. Ich lebe so von einem Tag zum andern, von einer Woche zur andern in diesem Nest und bekomme niemand zu Gesicht.“

„Niemand, meine Liebe?“ fiel Mr. Pott schalkhaft ein.

„Niemand als dich“, entgegnete Mrs. Pott mit Bitterkeit.

„Sie müssen wissen, Mr. Pickwick“, erläuterte der Wirt, „wir sind von einer Menge Vergnügungen ausgeschlossen, an denen wir unter andern Verhältnissen teilnehmen könnten. Meine öffentliche Stellung als Herausgeber der ,Eatanswill-Gazette‘, der Ruf, in dem dieses Blatt in der ganzen Gegend steht, mein bewegtes Leben im Strudel der Politik…“

„P., mein Schatz!“ unterbrach ihn Mrs. Pott.

„Mein Leben?“

„Du solltest lieber ein Thema zur Sprache bringen, an dem diese Herren auch ein Interesse haben können.“

„Aber, meine Liebe“, entschuldigte sich der Publizist demütig, „Mr. Pickwick nimmt Interesse daran.“

„Desto besser für ihn, wenn er kann“, versetzte Mrs. Pott mit Nachdruck. „Ich meinerseits habe deine ewige Politik herzlich satt, und die Zänkereien mit dem ,Independenten‘, und was dergleichen Unsinn mehr ist, widern mich förmlich an. Ich begreife nicht, P., wie du nur deine Albernheiten so auskramen magst.“

„Aber, meine Liebe“, sagte Mr. Pott.

„Ach! Unsinn! Laß mich!“ unterbrach ihn Mrs. Pott. „Spielen Sie Ecarte, mein Herr?“

„Ich wäre unendlich glücklich, es unter Ihrer Anweisung zu lernen“, erwiderte Mr. Winkle.

„Pott, stelle das Tischchen hier ans Fenster, damit ich von deiner langweiligen Politik nichts mehr höre!“

„Jane“, rief Mr. Pott dem Mädchen zu, das eben die Lichter brachte, „geh hinunter in mein Studierzimmer und hole mir den Jahrgang von achtzehnhundertachtundzwanzig der ,Gazette‘. Ich will Ihnen vorlesen“, wandte er sich an Mr. Pickwick, „was ich damals über den unglaublichen Einfall der Gelben, einen neuen Schlagbaumwärter anzustellen, schrieb. Ich denke, es wird Ihnen gefallen.“

„Ich bin wirklich sehr gespannt“, sagte Mr. Pickwick.

Der Jahrgang wurde gebracht, der Publizist setzte sich, und Mr. Pickwick nahm an seiner Seite Platz.

Wir haben das Tagebuch Mr. Pickwicks vergebens durchblättert, in der Hoffnung, einen Auszug aus jenem Aufsatz zu finden. Wir haben allen Grund zu glauben, daß Mr. Pickwick von dem Feuer und der Frische der Darstellung ganz bezaubert war, und Mr. Winkle erinnerte sich auch, daß des Meisters Augen während der ganzen Dauer der Vorlesung, wahrscheinlich im Übermaße des Genusses, geschlossen waren.

Die Ankündigung, daß das Essen aufgetragen sei, machte sowohl dem Ecarte wie der Rekapitulation der stilistischen Feinheiten der „Eatanswill-Gazette“ ein Ende. Mrs. Pott war eitel Entzücken und rosenfarbener Laune. Mr. Winkle hatte reißende Fortschritte in ihrer Gunst gemacht, und sie trug kein Bedenken, ihm im Vertrauen zuzuflüstern, daß Mr. Pickwick ein „charmanter alter Herr“ sei, ein Ausdruck, der einen Grad von Familiarität verriet, den sich nur wenige erlaubt haben würden, die mit dem Riesengeiste des Mannes näher bekannt waren. Nichtsdestoweniger haben wir es aufgezeichnet, um dadurch zugleich einen rührenden und überzeugenden Beweis zu geben, wie leicht Mr. Pickwick jedermanns Herz und Neigung zu gewinnen imstande war.

Es war spät in der Nacht, lange, nachdem sich Mr. Tupman und Mr. Snodgraß im hintersten Trakt des „Pfauen“ dem Schlafe überlassen hatten, als sich die beiden Freunde zur Ruhe begaben. Mr. Winkle verfiel bald in tiefen Schlaf, aber seine Gefühle und seine Bewunderung waren mächtig erregt, und manche Stunde noch, nachdem ihm der Schlaf die Außenwelt unzugänglich gemacht hatte, umgaukelten ihn das Angesicht und die Gestalt der reizenden Mrs. Pott.

Das Getöse und der Lärm am folgenden Morgen waren hinreichend, um jeden Gedanken, der nicht unmittelbar mit der bevorstehenden Wahl in Verbindung stand, auch dem verzücktesten Träumer aus dem Kopfe zu treiben. Das Rasseln der Trommeln, das Blasen der Hörner und Trompeten, das Schreien der Menschen und das Getrappel der Pferde dröhnten vom ersten Anbruch des Tages durch die Straßen, und Scharmützel zwischen den Plänklern beider Parteien belebten gelegentlich die Szene.

„Nun, Sam“, sagte Mr. Pickwick, als sein Bedienter in das Schlafzimmer trat, „heute ist alles lebendig, denke ich?“

„Reguläres Wettrennen, Sir“, antwortete Mr. Weller. „Unsre Leute halten heute Versammlung drunten im ,Stadtwappen‘ und haben sich bereits heiser gejohlt.“

„So?“ sagte Mr. Pickwick. „Sie sind wohl ihrer Partei sehr ergeben?“

„Tag meines Lebens, noch keine solche Ergebenheit gesehen, Sir.“

„Jeder stellt seinen Mann. Nicht wahr?“

„Ungemein“, erwiderte Sam. „Hab mein Leben Menschen noch nich so viel essen und trinken sehen. Nimmt mich wunder, daß sie nich platzen.“

„Vermutlich eine übelangebrachte Freigebigkeit der hiesigen Honoratiorenschaft“, meinte Mr. Pickwick.

„Sehr möglich“, erwiderte Sam kurz.

„Frische Gesellen scheinen es zu sein“, bemerkte Mr. Pickwick, einen Blick aus dem Fenster werfend.

„Ungemein frisch“, erwiderte Sam. „Ich und die zwei Kellner im ,Pfau‘ hatten die Independenten, wo gestern dort zu Nacht speisten, unter der Pumpe.“

„Die Independentenwähler unter der Pumpe?“

„Tja. Jeder schlief, wo er grade hingefallen war. Wir haben se heute morgen aus dem Dreck gezogen, einen nach dem andern, und sie unter den Brunnen gestellt, alle in schönster Ordnung. Das Komitee hat ’n Schilling pro Stück gezahlt.“

„Ist es denn möglich!“ rief Mr. Pickwick ganz erstaunt.

„Mein Gott, Sir“, sagte Sam, „wo sind Sie denn auf die Welt gekommen, daß Sie so was nich wissen? Das is doch noch gar nischt.“

„Nichts?“ fragte Mr. Pickwick.

„Noch gar nichts! Den Abend vor der letzten Wahl haben se das Schenkmädchen im ,Stadtwappen‘ bestochen, und die hat ’n Hokuspokus mit dem Brandy gemacht, wo sie den vierzehn Wählern einschenkte, wo im Hause über Nacht waren und noch nich abgestimmt hatten.“

„Was soll das heißen, einen Hokuspokus mit dem Brandy?“ fragte Mr. Pickwick.

„Hat ’n Schlaftränkchen reingegossen. Hol mich dieser und jener, wenn se nich alle wie die Ratzen schliefen, bis die Wahl schon zwölf Stunden vorüber war. Einen davon haben se auf ’n Schubkarren geladen und ins Stimmhaus gebracht, aber se konnten ’n nich hoch kriegen und mußten ’n wieder ins Bett bringen.“

„Seltsame Kniffe das“, sagte Mr. Pickwick, halb zu sich selbst, halb zu Sam.

„Noch nich halb so seltsam, Sir, wie die kuriose Geschichte, wo mal bei ’nem Wahlkampf hier meinem Alten passierte“, versetzte Sam.

„Wieso das?“

„Na, er führte mal jemand her; die Wahlzeit war vor der Tür, und er wurde von der einen Partei bestellt, Wahlmänner von London abzuholen. Den Abend vorher läßt ’n das Komitee der andern Partei heimlich rufen, und er kommt in ’ne große Stube, vollgepfropft mit Herren, Haufen von Papier, Tinte, Federn und so weiter. ,Ah, Mr. Weller‘, sagte der Präsident, ,freue mir, Ihnen zu sehen, Sir; wie befinden Sie sich, Sir?‘ – ,Sehr gut, danke Ihnen, Sir‘, sagt mein Alter, ,hoffe, Sie sind auch wohlauf.‘ – .Recht wohl, danke Ihnen‘, sagt der Herr, ,setzen Sie sich, Mr. Weller, bitte setzen Sie sich.‘ – Mein Vater setzt sich, und die beiden – er und der alte Herr – glotzen sich an. Rennen Sie mir nicht mehr?‘ fragt der Herr – .Wüßte nicht‘, meint mein Alter. – .Aber ich kenne Ihnen‘, sagt der Herr, ,ich kannte Ihnen schon, wie Sie noch ganz klein waren.‘ – .Möglich, aber ich erinnere mir nicht mehr‘, sagt mein Vater. – ,Merkwürdig‘, sagt der Herr, .Sie müssen ein kurzes Gedächtnis haben, Mr. .‘ – ,So besonders ist es freilich nicht‘, sagt mein Vater. – ,Glaube ich Ihnen‘, sagt der Herr. – Na und dann schenkten sie ihm ’n Glas Wein ein, redeten mit ihm über sein Fuhrwerk, brachten ihn in gute Laune und zuletzt drückten sie ihn ’ne Zwanzigfundnote in die Hand. – ,Is kein schöner Weg von hier nach London‘, sagt der Herr. – ,Lausig!‘ sagt mein Alter. – .Besonders am Kanal, glaube ich‘, sagt der Herr. – ,Die Strecke ist freilich mehr als mulmig‘, sagt mein Vater. – ,Nun, Mr. Weller‘, sagt der Herr, ,Sie führen ja doch ’ne gute Peitsche und können mit ihren Pferden machen, was Sie wollen. Wir halten große Stücke auf Ihnen, Mr. Weller, und wenn Ihnen auf Ihrer Fahrt mit den Wahlmännern ’n kleiner Unfall zustoßen möchte, wenn Sie sie zum Beispiel in den Kanal schmeißen würden, ohne daß einer dabei zu Schaden käme, da würde das Geld Ihnen gehören‘, sagt er doch. – ,Meine Herren, Sie sind sehr gütig‘, sagt mein Vater ,und ich will mit noch ein Glas Wein Ihre Gesundheit betrinken‘, sagt er und tut es auch; dann schaufelt er das Geld ein und macht seinen Kratzfuß. – Sie werden es kaum glauben“, fuhr Sam mit einem unverschämten Blick fort, „daß der Wagen, wie er am andern Tag mit den Wählern da längs kam, an derselben Stelle umschmiß und die Passagiere samt und sonders in den Kanal flogen.“

„Sie kamen aber doch wieder heraus?“ fragte Mr. Pickwick hastig.

„N – na“, versetzte Sam gedehnt, „ich glaube, ein alter Herr ist vermißt worden; ich weiß nur, sein Hut kam wieder zum Vorschein, aber ob sein Kopf drin war oder nich, kann ich nich genau sagen. Aber was mir bei dem sonderbaren Zufall am meisten wundert, ist, daß der Herr voraussagte, daß mein Vater am selben Platz und am selben Tag umwerfen würde.“

„Es ist ohne Zweifel ein ganz außerordentlicher Zufall. Aber bürsten Sie meinen Hut aus, Sam, ich höre Mr. Winkle zum Frühstück rufen.“ Mr. Pickwick eilte ins Wohnzimmer hinab, wo er das Frühstück aufgetragen und die Familie bereits vollzählig versammelt fand. Das Mahl wurde hastig eingenommen und die Hüte der Herren von den schönen Händen Mrs. Potts mit einem Ungeheuern blauen Bande geziert. Da Mr. Winkle es übernommen hatte, die Dame Pott zu einem Hausgiebel unweit der Rednertribüne zu geleiten, begaben sich Mr. Pickwick und Mr. Pott allein nach dem „Stadtwappen“, zu dessen Hinterfenster hinaus jemand vom Slumkey-Komitee eine Ansprache an sechs kleine Jungen und ein Mädchen hielt, die er bei jedem zweiten Satz mit der imposanten Anrede: „Männer von Eatanswill“ beehrte, worauf die erwähnten sechs kleinen Knaben in Beifallsstürme ausbrachen.

Der Hofraum wies unverwechselbare Merkmale des Glanzes und der Macht der Blauen von Eatanswill auf. Eine Armee von Fahnen war da zu sehen, manche nur an einer Stange, manche sogar an zweien; alle trugen passende Losungen in vier Fuß hohen goldenen Buchstaben von entsprechender Breite. Auch für ein großes Orchester war gesorgt; Trompeter, Fagottisten und Trommler, vier Mann hoch, verdienten ihr Geld im Schweiße ihres Angesichts. Besonders die Trommler, die wahre Muskelpakete darstellten. Ein Korps von Schutzleuten mit blauen Knüppeln, zwanzig Komiteemitglieder mit blauen Schärpen sowie ein wüster Haufen von Stimmberechtigten mit blauen Kokarden nebst Wahlmännern zu Fuß und hoch zu Roß waren aufmarschiert; ein offner Wagen mit vier Pferden für Samuel Slumkey Hochwohlgeboren und vier Zweispänner für seine Freunde und Gönner standen bereit. Die Fahnen flatterten, Und das Musikkorps spielte, die Schutzleute fluchten, die zwanzig Komiteemitglieder zankten sich, und die Menge brüllte, die Pferde bäumten sich, und die Postillions schwitzten; kurz, alles war zu Nutz, Frommen, Ehren und Ruhm Samuel Slumkeys Hochwohlgeboren von Slumkey-Hall, des einen Bewerbers um die Vertretung des Fleckens Eatanswill im Unterhaus, auf den Beinen. Laut und lang ertönte das Jubelgeschrei, und gewaltig war das Rauschen einer der blauen Fahnen mit der Inschrift: „Freiheit der Presse“, als die Menge das rothaarige Haupt Mr. Potts am Fenster erblickte, und über alle Beschreibung steigerte sich der Enthusiasmus, als Samuel Slumkey Hochwohlgeboren selbst in Stulpenstiefeln und mit einer blauen Halsbinde sich zeigte, besagten Pott am Henkel faßte und durch melodramatische Pantomimen seine überschwenglichen Dankesgefühle gegenüber der „Eatanswill-Gazette“ vor der Menge an den Tag legte. „Ist alles bereit?“ fragte Samuel Slumkey Hochwohlgeboren Mr. Perker.

„Alles, mein werter Herr“, war die Antwort des kleinen Mannes.

„Es ist hoffentlich nichts vergessen worden?“

„Nichts, nichts, mein werter Herr, durchaus nichts. Am Hoftor stehen zwanzig Kerle mit frischgewaschnen Fäusten zum Händeschütteln, und sechs Kinder sind bereits auf den Armen ihrer Mütter, um sich auf die Wangen tätscheln und um ihr Alter fragen zu lassen. Geben Sie sich besonders mit den Kindern ab, mein werter Herr; so etwas hat immer eine große Wirkung!“

„Ja, ja, werde ich machen“, erwiderte der hochachtbare Samuel Slumkey.

„Und wenn Sie vielleicht, mein wertgeschätzter Herr“, fuhr der umsichtige kleine Mann fort, „wenn Sie es vielleicht so einrichten können – ich will nicht sagen, daß es unerläßlich ist –, aber wenn Sie es so einrichten könnten, daß Sie eins von den Kindern küssen würden – das würde sicher einen sehr vorteilhaften Eindruck auf die Menge machen.“

„Würde es nicht genausogut wirken, wenn jemand vom Komitee das tun würde?“ fragte der hochehrenwerte Samuel Slumkey.

„Ich fürchte, nein“, sagte der Agent. „Wenn Sie selbst es tun würden, mein wertgeschätzter Herr, dann würde Sie das ausgesprochen populär machen, denke ich.“

„Na schön“, sagte der hochehrenwerte Samuel Slumkey mit niedergeschlagener Miene, „dann muß es eben überstanden werden. Nichts zu machen.“ Unter dem Jubelgeschrei der versammelten Menge stellten sich das Musikkorps, die Wachleute, das Komitee und die Wahlmänner und die Berittenen und die Wagen in Reih und Glied, und jeder von den Zweispännern wurde mit so viel Herren vollgepfropft, als aufrecht darin Platz hatten; der für Mr. Perker bestimmte war mit Mr. Pickwick, Mr. Tupman, Mr. Snodgraß und ungefähr einem halben Dutzend Komiteemitgliedern bepackt. Es war ein Augenblick ungeheurer Spannung, als der Zug auf Samuel Slumkey Hochwohlgeboren wartete. Plötzlich erscholl ein gewaltiges Jubelgeschrei.

„Er kommt“, rief der kleine Mr. Perker mit einer Aufregung, die um so stärker wirken mußte, als der Zug nicht sehen konnte, was vorging.

Ein zweites, noch stärkeres Jubelgeschrei.

„Er hat den Männern die Hände geschüttelt!“

Ein drittes brausendes Hurra.

„Er hat die Kleinen getätschelt“, rief Mr. Perker, bebend vor Erregung.

Abermaliger Sturm.

„Er hat eins von ihnen geküßt“, schrie das Männchen entzückt.

Wieder ein Gebrüll.

„Er hat noch eins geküßt!“

Ein drittes Gebrüll.

„Er küßt sie alle der Reihe nach!“ schrie Mr. Perker begeistert, und unter dem betäubenden Jubelgeschrei der Menge setzte sich der Zug in Bewegung.

Wieso oder auf welche Weise er sich mit dem Zuge der Gegenpartei verwickelte und wie er sich aus der darauf folgenden Verwirrung wieder herausarbeitete, läßt sich nicht . feststellen, da Mr. Pickwick gleich anfangs von einer gelben Fahnenstange der Hut bis ans Kinn über das Gesicht geschlagen wurde. Als der Gelehrte wieder einen Ausblick auf seine Umgebung gewinnen konnte, sah er sich, wie er erzählt, mitten in einer ungeheuren Staubwolke, von grimmigen Gesichtern und wild geballten Fäusten, umringt. Er wurde wie von einer unsichtbaren Gewalt aus dem Wagen gerissen und persönlich in den Kampf verwickelt; aber mit wem oder wie oder wo, ist er nicht imstande zu bestimmen. Schließlich fühlte er sich von der andrängenden Menge auf eine hölzerne Treppe hinaufgeschoben, und als er seinen Hut vom Haupte löste, sah er sich von seinen Freunden umgeben und stand ganz vorn auf der linken Seite der Wahltribüne; die rechte war von den Gelben besetzt und das Zentrum für den Bürgermeister und seine Funktionäre reserviert. Einer der letzteren, der wohlbeleibte Ausrufer von Eatanswill, gebot mit einer ungeheuren Glocke Stillschweigen, während sich Horatio Fizkin Esq. und Samuel Slumkey Hochwohlgeboren, beide die Hand auf dem Herzen, mit äußerster Leutseligkeit gegen die brausende See von Köpfen verbeugten, die vor dem Gerüste wogte und mit Schreien, Jauchzen, Jubeln und Brüllen ein Getöse hervorbrachte, das einem Erdbeben Ehre gemacht haben würde.

„Dort ist Winkle“, sagte Mr. Tupman und zupfte seinen Freund am Ärmel.

„Wo?“ fragte Mr. Pickwick, seine Brille hervorziehend, die er glücklicherweise bis dahin in der Tasche behalten hatte.

„Dort“, antwortete Mr. Tupman, „auf dem Dachgiebel drüben.“

Und wirklich saß Mr. Winkle neben Mrs. Pott in der wuchtigen Hohlkehle eines Ziegeldaches ganz behaglich auf einem Stuhl. Sie winkten zum Zeichen des Erkennens mit ihren Taschentüchern, und Mr. Pickwick warf der Dame eine Kußhand zu.

Die Feierlichkeit hatte noch nicht begonnen, und da eine untätige Menge immer zu Spaßen aufgelegt ist, so war diese höchst unschuldige Handlung hinreichend, Anlaß zu rohen Scherzen zu geben.

„Ist das ein alter Sünder!“ rief eine Stimme. „Schielt noch nach den Weibern.“

„Ehrwürden Ziegenbock!“ meckerte ein anderer.

„Setzt sich noch extra die Brille auf, um nach einer Ehefrau zu schielen.“

„Gib auf deine Frau acht, Pott“, kreischte jemand in hohen Tönen, und ein schallendes Gelächter brach los.

Da diese Spottrufe außerdem von hämischen Vergleichen mit einem alten Bock und andern Witzeleien ähnlicher Art begleitet waren, die ganz dazu angetan schienen, die Ehre einer unschuldigen Dame anzutasten, kannte die Entrüstung des großen Mannes keine Grenzen; da aber im selben Augenblick Stillschweigen geboten wurde, begnügte er sich damit, auf die Menge einen sengenden Blick des Mitleids wegen ihrer mißleiteten Sinnesart zu werfen, was jedoch leider abermals ein furchtbares Gelächter zur Folge hatte.

„Ruhe!“ brüllten die Funktionäre.

„Whiffin, gebieten Sie Ruhe“, sagte der Bürgermeister mit der Würde, die seine hohe Stellung erforderte.

Der Ausrufer gab ein zweites Konzert mit seiner Glocke, und ein Mann in der Menge rief: „Frische Semmeln!“, was wiederum ein großes Gelächter erregte.

„Gentlemen“, schrie der Bürgermeister so laut, als es nur immer die Kraft seiner Stimme gestattete. „Gentlemen, Brüder, Wahlmänner der Stadt Eatanswill, wir sind heute hier versammelt, um einen Abgeordneten an Stelle unseres letzten …“

Abermals gellte eine vorlaute Stimme und rief:

„Hoch der Nagelschmied!“

Diese Anspielung auf das bürgerliche Gewerbe des Sprechers wurde mit einem ungeheuren Beifallsgeschrei aufgenommen, das unter Begleitung der Glockenmusik des öffentlichen Ausrufers den übrigen Teil der Rede, mit Ausnahme des Schlußsatzes, unverständlich machte. In diesem dankte der Bürgermeister der Versammlung für die gespannte Aufmerksamkeit, mit der sie ihn von Anfang bis zu Ende angehört hätte, eine Dankbezeugung, die ein zweites Jubelgeschrei erzeugte, das ungefähr eine Viertelstunde dauerte.

Hierauf bat ein großer hagerer Mann mit einer sehr steifen weißen Halsbinde, nachdem er wiederholt von der Menge aufgefordert worden war, einen Jungen nach Hause zu schicken und fragen zu lassen, ob er seinen Stimmzettel nicht unter dem Kopfkissen habe liegenlassen, die Versammlung um die Erlaubnis, eine taugliche und geeignete Person vorschlagen zu dürfen, die die Volksinteressen im Parlamente zu vertreten hätte, und als er sodann Horatio Fizkin Esq. von Fizkin Lodge bei Eatanswill, genannt hatte, erhoben die Fizkinisten ein beifälliges und die Slumkeyisten ein mißbilligendes Geschrei, das so lange anhielt und so laut war, daß er und sein Adjunkt, statt zu sprechen, ebensogut lustige Lieder hätten singen können, ohne daß es aufgefallen wäre.

Nachdem die Freunde Horatio Fizkins Esq. in ihrem Triumph genügend geschwelgt hatten, trat ein gallsüchtiges Männchen mit einem rötlichgelben Gesicht vor, um eine andre taugliche und geeignete Person vorzuschlagen, die die Wahlbürger von Eatanswill im Unterhaus vertreten könnte. Leider besaß er kein Organ für die heitere Summung der Menge. So kam es, daß er nach ein paar sehr kurzen Proben seiner bilderreichen Beredsamkeit zunächst diejenigen Störenfriede beschimpfte, die in der Menge standen, und dann dazu überging, mit den Herren auf der Tribüne Flegeleien auszutauschen. Dabei entstand ein solcher Lärm, daß er genötigt wurde, seine Gefühle nur noch in bitterernsten Gebärden auszudrücken. Das tat er denn auch und überließ anschließend seinem Assistenten die Szene. Dieser ließ sich nicht weiter beirren, sondern las eine Rede von halbstündiger Dauer bis zum letzten Wort herunter.

Als dann Horatio Fizkin Esq. von Fizkin Lodge bei Eatanswill in höchsteigener Person auftrat, um die Wahlversammlung anzureden und kaum zu sprechen angefangen hatte, fiel die Musikbande, die von Samuel Slumkey Hochwohlgeboren aufgestellt war, mit einer Heftigkeit ein, gegen die ihre Leistungen am Morgen das reinste Kinderspiel waren.

Zur Vergeltung bearbeitete die Partei der Gelben die Köpfe und Rücken der Blauen in einer Weise, die die Blauen zu dem Versuch nötigte, sich von dieser lästigen Nachbarschaft zu befreien. Eine Prügelszene entwickelte sich, die der Bürgermeister nicht billigen zu können glaubte, weshalb er zwölf Schutzleute mit dem strikten Befehl entsandte, die Rädelsführer zu umzingeln, deren Anzahl sich ungefähr auf zweihunderundfünfzig Mann belief. Diese Auftritte versetzten Horatio Fizkin Esq. von Fizkin Lodge und seine Anhänger so in Zorn und Wut, daß schließlich Horatio Fizkin Esq. von Fizkin Lodge in eigner Person um die Erlaubnis bat, seinen Gegner, Samuel Slumkey Hochwohlgeboren von Slumkey-Hall, zu fragen, ob die Musikbande mit seiner Bewilligung spiele – eine Frage, deren Beantwortung Samuel Slumkey Hochwohlgeboren mit einer Entschiedenheit ablehnte, die Horatio Fizkin Esq. von Fizkin Lodge veranlaßte, seinem Gegner mit der Faust zu drohen, was diesen derart reizte, daß er Horatio Fizkin Esq. zum Kampf auf Leben und Tod herausforderte. Auf diese Verletzung aller bekannten Gesetze und jedes Herkommens ordnete der Bürgermeister ein neuerliches Glockenkonzert an und erklärte, er werde sowohl Horatio Fizkin Esq. von Fizkin Lodge als auch Samuel Slumkey Hochwohlgeboren von Slumkey-Hall vor sich bescheiden und den Frieden beschwören lassen. Auf diese furchtbare Androhung legten sich die Rechtsbeistände der beiden Kandidaten ins Mittel, und nachdem sich die Anhänger der zwei Parteien drei Viertelstunden lang herumgezankt hatten, lüftete Horatio Fizkin Esq. seinen Hut gegen Samuel Slumkey Hochwohlgeboren und Samuel Slumkey Hochwohlgeboren den seinigen gegen Horatio Fizkin Esq. Das klingende Spiel hörte auf, die Menge war verhältnismäßig still, und Horatio Fizkin Esq. konnte fortfahren.

Die Reden der beiden Kandidaten, so verschieden sie in jeder Rücksicht waren, ließen den großen Vorzügen und Verdiensten der Wahlbürger von Eatanswill volle Gerechtigkeit widerfahren. Jeder sprach sich dahin aus, daß die Welt noch nie freiere, aufgeklärtere, patriotischere, hochherzigere, uneigennützigere Männer gesehen habe als die Wähler der eignen Partei. Jeder spielte fein darauf an, daß die gegnerischen Wahlmänner an Gehirnerweichung und ähnlichen Schwächen litten, die sie unfähig machten, den wichtigen Pflichten nachzukommen, die ihnen oblägen. Beide sagten, der Handel, die Industrie und der Wohlstand von Eatanswill lägen ihnen mehr am Herzen als irgend etwas auf der Welt, und jeder meinte, mit Zuversicht behaupten zu dürfen, daß er der Erwählte des Tages werden würde.

Hierauf wurde durch Handaufheben auf der Tribüne abgestimmt. Der Bürgermeister entschied zugunsten Samuel Slumkeys Hochwohlgeboren von Slumkey-Hall. Horatio Fizkin Esq. von Fizkin Lodge bestand auf Gegenprobe, die jedoch das Resultat bestätigte. Sodann wurde dem Bürgermeister eine Dankadresse dotiert für sein würdevoll“ Benehmen als Vorsitzender.

Die Züge reihten sich wieder aneinander, die Wagen arbeiteten sich langsam durch das Gedränge, und die Menge fluchte und jauchzte ihnen nach, je nachdem es Sinnesart oder Laune eingaben.

Während der ganzen Zeit der Stimmenzählung war die Stadt in fieberischer Aufregung. Alles wurde auf die entgegenkommendste und nobelste Art betrieben. Konsumartikel waren in allen Wirtshäusern merkwürdig wohlfeil, und Sänften standen in allen Straßen für Wähler bereit, die von einem vorübergehenden Schwindel befallen wurden, eine Epidemie, die während des Wahlkampfes unter der sämtlichen stimmfähigen Bürgerschaft in einem höchst beunruhigenden Maße grassierte und unter deren Einwirkung ganze Massen von Menschen besinnungslos auf dem Pflaster umherlagen. Eine kleine Anzahl von Wahlmännern hielt ihre Stimme bis auf den letzten Tag zurück. Es waren das spekulative Köpfe, die sich noch von keiner Partei durch Argumente irgendwelcher Art hatten überzeugen lassen, so häufig sie auch den Zusammenkünften beigewohnt hatten.

Eine Stunde vor Schluß der Zählung bat Mr. Perker um die Ehre einer geheimen Unterredung mit diesen einsichtsvollen, edelgesinnten und patriotischen Männern. Es wurde ihm willfahrt. Seine Argumente waren kurz, aber überzeugend. Die Herren begaben sich in hellen Haufen in den Stimmsaal, und, als sie ihre Namen eingetragen hatten, wurde auch Samuel Slumkey Hochwohlgeboren von Slumkey-Hall als Abgeordneter für Eatanswill eingetragen.

Zweites Kapitel


Zweites Kapitel

Die Reise des ersten Tages und die Abenteuer des ersten Abends nebst ihren Folgen.

Eben war die pünktliche Helferin bei allem Tagewerk, die Sonne, aufgegangen und begann mit ihrem Schein den Morgen des dreizehnten Mai eintausendachthundertsiebenundzwanzig zu erhellen, als sich Mr. Samuel Pickwick gleich einer zweiten Sonne von seinem Lager erhob, das Fenster seines Schlafgemachs öffnete und auf die Welt zu seinen Füßen hinabblickte.

Goswellstreet lag unter ihm. Goswellstreet zu seiner Rechten, Goswellstreet zu seiner Linken – so weit das Auge reichte. Die andere Seite der Goswellstreet lag genau gegenüber. „Beschränkt wie der Horizont jener Philosophen“, murmelte Mr. Pickwick, „die sich damit begnügen, die Dinge zu untersuchen, die vor ihnen liegen, ohne sich um die Wahrheiten zu kümmern, die dahinter liegen. Genausogut könnte ich mich damit zufriedengeben, immer nur Goswellstreet zu begaffen, ohne mir die Mühe zu machen, die Gebiete zu ergründen, von denen sie rings umgeben ist.“ Nach‘ dieser bewundernswerten Reflexion schlüpfte Mr. Pickwick in seine Kleider und packte zusätzliche Garderobe in seinen Mantelsack. Große Männer sind hinsichtlich ihres äußeren selten wählerisch. Die Tätigkeit des Rasierens, Ankleidens und Kaffeetrinkens war bald beendet, und eine Stunde später langte Mr. Pickwick, mit dem Mantelsack in der Hand, seinem Fernrohr in der Tasche des Überrocks und seinem Notizbuch in der „Westentasche – also bereit zur Aufnahme aller merkwürdigen Entdeckungen –, bei Saint Martin le Grand an, wo die Droschken stehen.

„Fuhrwerk!“ rief Mr. Pickwick.

„Genau richtig, mein Herr!“ brüllte ein Prachtstück von Kerl in einer sackleinenen Jacke, mit einer gleichartigen Schürze und einem numerierten Messingschild um den Hals ausgestattet, als wäre er einer Raritätensammlung entsprungen. Es war ein sogenannter Schlepper. „Genau richtig, mein Herr! Na los, erste Droschke ran!“ Gleich wurde die „erste Droschke“ aus dem Wirtshaus gezerrt, wo sie gerade ihre Morgenpfeife geraucht hatte, und Mr. Pickwick nebst Mantelsack im Wagen verstaut.

„Golden Groß“, befahl Mr. Pickwick.

„Wieder bloß ’n Schietkram, Tommy“, rief der Kutscher verdrießlich seinem Freund, dem Schlepper, zu, der ihm diesen Kunden zugewiesen hatte, und trieb sein Pferd an.

„Wie alt ist. dieses Tier, mein Freund?“ fragte Mr. Pickwick und rieb sich mit dem Schilling, den er als Fahrgeld bereit hielt, die Nase.

„Zweiundvierzig“, entgegnete der Kutscher mit einem forschenden Blick auf seinen Passagier.

„Was?“ rief Mr. Pickwick und langte nach seinem Notizbuch.

Der Kutscher wiederholte seine Behauptung. Mr. Pickwick sah ihm scharf ins Gesicht, aber der Mann zuckte nicht mit der Wimper; daher notierte er unverzüglich das Faktum.

„Und wie lange halten Sie es eingespannt?“ forschte Mr. Pickwick weiter, um genauere Auskünfte zu erhalten.

„Zwei bis drei Wochen“, erwiderte der Mann.

„Wochen?“ sagte Mr. Pickwick erstaunt und griff wieder nach seinem Notizbuch.

„Es hat seinen Stall in Pentonwil“, bemerkte der Kutscher kaltblütig, „aber ich nehme es selten mit nach Hause, von wegen die Schwäche.“

„Wegen seiner Schwäche?“ wiederholte verblüfft Mr. Pickwick.

„Es fällt immer um, wenn’s aus dem Geschirr kommt“, fuhr der Kutscher fort, „aber wenn’s drin ist, so richtig festgewürgt, und ich halt die Zügel stramm, da kann’s ja nicht umkippen. Ich habe auch ’n paar mächtig breite Räder; sobald der Gaul sich rührt, laufen sie ihm nach, und vorwärts muß er, da hilft ihm alles nichts.“

Mr, Pickwick trug diese äußerung wörtlich in sein Taschenbuch ein, in der Absicht, die Tatsache als ein einzigartiges Beispiel für die Zähigkeit der Pferde, selbst unter den kümmerlichsten Lebensverhältnissen, dem Klub mitzuteilen. Die Eintragung war kaum beendet, da waren sie auch schon in Golden Groß. Der Kutscher sprang vom Bock und half Mr. Pickwick heraus; Mr. Tupman, Mr. Snodgraß und Mr. Winkle, die bereits sehnsüchtig auf ihren berühmten Meister gewartet hatten, umdrängten ihn bei der Begrüßung.

„Hier ist Ihr Fahrgeld“, sagte Mr. Pickwick und reichte dem Kutscher den Schilling; aber wie erstaunt war der Gelehrte, als dieser unberechenbare Mensch die Münze auf das Straßenpflaster warf und in blumigen Redewendungen um das Vergnügen bat, mit Mr. Pickwick um diesen Betrag boxen zu dürfen.

„Sie sind wohl toll?“ rief Mr. Snodgraß.

„Oder betrunken!“ meinte Mr. Winkle.

„Oder beides!“ sagte Mr. Tupman.

„Ran hier!“ rief der Droschkenkutscher und fuchtelte mit den Fäusten wie ein Uhrwerk. „Ran hier – alle vier Mann!“

„Das gibt ’n Fez!“ schrie ein halbes Dutzend Mietkutscher. „Nimm sie in die Mache, Sam!“ Und schon drängten sie sich vergnügt um die Gesellschaft.

„Was für ’n Skandal ist hier los, Sam?“ fragte ein Gentleman in schwarzen Kalikoärmeln.

„Skandal?“ wiederholte der Kutscher, „zu was braucht er meine Nummer?“

„Ich habe Sie ja gar nicht nach Ihrer Nummer gefragt“, sagte Mr. Pickwick erstaunt.

„Na, zu was brauchen Sie sie denn?“ fragte der Kutscher.

„Aber ich weiß sie ja gar nicht“, antwortete Mr. Pickwick unwillig.

„Sollte man das glauben?“ sagte der Kutscher zu den Umstehenden. „Sollte man das glauben: steigt doch da so ’n Spitzel in den Wagen und schreibt sich nicht bloß die Nummer auf, sondern obendrein noch jedes Wort, das man sagt – alles in seine Kladde.“ (Mr. Pickwick ging ein Licht auf: das Notizbuch war gemeint.)

„Hat er tatsächlich?“ fragte ein anderer Kutscher.

„Klar, hat er“, antwortete der erste, „und damit er mir noch fester am Kragen hat, besorgt er sich noch drei Zeugen, von wegen Beweise und so. Aber dem will ich’s geben, und wenn ich sechs Monate dafür kriege. Los, ran hier!“ Und schon warf der Kutscher, ohne die geringste Rücksicht auf sein Privateigentum, seinen Hut auf die Erde, schlug Mr. Pickwick die Brille aus dem Gesicht und ließ diesem Angriff sofort einen Schlag gegen Mr. Pickwicks Nase und einen weiteren gegen dessen Brust folgen. Ein dritter traf Mr. Snodgraß‘ Auge und ein vierter zur Abwechslung Mr. Tupmans Weste. Dann tanzte der Kutscher auf der Straße herum, kam wieder auf den Bürgersteig zurück und beraubte Mr. Winkle durch einen harten Schlag gegen den Bauch völlig des Atems. All das geschah in kaum einem halben Dutzend Sekunden.

„Wo ist die Polizei?“ rief Mr. Snodgraß.

„Zerrt ihn unter die Pumpe!“ riet ein Pastetenverkäufer.

„Das sollen Sie mir büßen!“ keuchte Mr. Pickwick.

„Spitzel!“ brüllte die Menge.

„Ran hier!“ schrie der Droschkenkutscher, der während der ganzen Zeit ununterbrochen seine Boxübungen fortgesetzt hatte.

Die Menge hatte bisher untätig dagestanden und die Szene verfolgt; als sich aber die Kunde verbreitete, die Pickwickier sollten Spitzel sein, da begannen die Leute mit beachtlicher Lebhaftigkeit den Vorschlag des Pastetenverkäufers auf seine Zweckmäßigkeit zu erörtern, und man kann nicht ahnen, zu welchen Tätlichkeiten es noch gekommen wäre, wenn nicht ein neuer Ankömmling sich eingemischt und das Geplänkel überraschend beendet hätte.

„Was ist das hier für ’n Fez?“ fragte ein langer, schmächtiger junger Mann in einem grünen Rock, der ganz plötzlich aufgetaucht war.

„Spitzel!“ brüllte die Menge abermals.

„Wir sind keine“, ächzte Mr. Pickwick in einem Ton, der jeden Unbefangenen sofort überzeugen mußte.

„Wirklich nicht? Tatsache? Wirklich nicht?“ fragte der junge Mann Mr. Pickwick, während er sich durch wohlgezielte Stöße mit den Ellenbogen in die Gesichter der Leute Bahn brach. Der Gelehrte legte in wenigen hastigen Worten den wahren Stand der Dinge dar.

„Na, dann kommen Sie“, sagte der Grünrock, der ununterbrochen redete, und zog Mr. Pickwick mit Gewalt hinter sich her. „Da, Nummer neunhundertvierundzwanzig, nimm dein Geld und pack dich – respektabler Herr – kenne ihn gut – ist ja Blödsinn, was du sagst – hierher, mein Herr! Und wo sind Ihre Freunde? – Alles nur Mißverständnis, wie ich sehe – macht nichts – kommt schon mal vor – besten Familien – keine Lebensgefahr – Schwein muß der Mensch haben – ab dafür! – Starker Tobak – schätze die Sorte – verdammte Schurken.“ Mit solchen und ähnlichen abgebrochenen Sätzen, die er mit außerordentlicher Zungenfertigkeit heraussprudelte, führte der Fremde Mr. Pickwick und seine Jünger in die Gaststube eines Wirtshauses.

„He, Kellner!“ schrie der Fremde und läutete dabei heftig mit der Glocke, „Gläser her, Branntwein und Wasser, heiß, stark, süß, anständige Menge – Auge beschädigt, mein Herr? – Kellner! Rohes Rindfleisch für das Auge dieses Herrn! – nichts besser als rohes Rindfleisch für eine Quetschung, mein Herr; kalter Laternenpfahl auch sehr gut, aber unbequem – verdammt unbequem, halbe Stunde auf offener Straße mit Auge am Laternenpfahl stehen – äh – aber sehr gut – hahaha!“ Und ohne auch nur Atem zu holen, schluckte der Fremde auf Anhieb einen Viertelliter der dampfenden Mischung und warf sich behaglich in einen Stuhl, als wäre nichts Unangenehmes vorgefallen.

Während sich die drei Jünger in Dankesbeteuerungen gegenüber ihrem neuen Bekannten ergingen, hatte Mr. Pickwick Muße, dessen Kleidung und äußere Erscheinung genauer in Augenschein zu nehmen.

Er war von mittlerer Statur, aber die Schmächtigkeit seines Körpers und die Länge seiner Beine ließen ihn viel größer erscheinen. Sein grüner Rock mochte zu jener Zeit, als die Schwalbenschwänze Mode waren, hübsch gewesen sein; er hatte aber augenscheinlich damals einem weit kleineren Manne gehört, da die verschmierten, fadenscheinigen ärmel dem Fremden kaum bis zum Handgelenk reichten. Er war bis ans Kinn zugeknöpft; dafür drohte jedoch sichtlich die Gefahr, daß die Rückennähte platzen könnten. Eine alte Krawatte zierte seinen Hals – aber keine Spur eines Hemdkragens war vorhanden. Die knappen schwarzen Beinkleider zeigten da und dort glänzende Stellen und verrieten so, daß sie schon lange ihren Dienst leisteten. Sie waren straff über ein Paar geflickte Schuhe gezogen, um die schmutzigen weißen Strümpfe zu verbergen; aber ohne Erfolg. Sein langes schwarzes Haar quoll in ungepflegten Locken zu beiden Seiten unter einem verdellten alten Hut hervor, und hin und wieder kam das nackte Handgelenk zwischen den Enden der Handschuhe und den Aufschlägen der Rockärmel zum Vorschein. Das Gesicht war schmal und hager, aber ein unbeschreiblicher Ausdruck von zudringlicher Unverschämtheit und grenzenloser Selbstüberhebung sprach sich in der ganzen Erscheinung des Mannes aus.

So sah die Gestalt aus, die Mr. Pickwick durch seine Brille, die er glücklicherweise wiedergefunden hatte, musterte und der er sich jetzt – nachdem seine Freunde sich erschöpft hatten – mit den wärmsten und gewähltesten Dankesbeteuerungen für den soeben gewährten Beistand näherte.

„Gern geschehen“, schnitt ihm der Fremde kurz das Wort ab. „Kein Wort mehr – verdammter ‚Kerl, der Droschkenkutscher. Nimmt’s mit fünfen auf – wäre ich Ihr Freund Grünrock gewesen – hol mich dieser und jener – hätte ihm den Kopf zerdroschen – ohne Umstände – Kellner, einen Schweinsrüssel – und den Pastetenmann dazu – nein, keinen Schinken.“

Diese zusammenhängende Rede wurde durch die Meldung des Rochester Postillions unterbrochen, daß der „Kommodore“ sogleich abfahren würde.

„Kommodore?“ rief der Fremde aufspringend. „Mein Wagen – eingeschrieben – Außensitz – zahlen Sie meinen Grog – kein Kleingeld – abgegriffenes Silber – die reinsten Hosenknöpfe – geht nicht – wie?“ Dabei schüttelte er pfiffig den Kopf.

Nun hatten zufällig Mr. Pickwick und seine Begleiter ebenfalls Rochester als erstes Reiseziel festgesetzt und kamen deshalb mit ihrem neuen Bekannten überein, daß sie die Rücksitze des Wagens nehmen wollten, wo sie alle nebeneinander Platz hätten.

„Rauf mit Ihnen“, sagte der Fremde und half Mr. Pickwick mit einer Hast auf die Kutsche, die der Würde des Gelehrten beträchtlich Abbruch tat.

„Kein Gepäck, Sir?“ fragte der Kutscher.

„Wer – ich? – Da, dieses Papierpaket – weiter nichts – das andere Gepäck ist zu Wasser fort – Kisten, zugenagelt und groß wie die Häuser – schwer, schwer, verdammt schwer“, erwiderte der Fremde und zwängte sein Paket, das verdächtig danach aussah, als enthielte es nur ein Hemd und ein Sacktuch, so gut es ging, in die Tasche.

„Achtung – Köpfe“, rief er gleich darauf, als sie unter einem niedrigen Torbogen durchführen. „Schauderhafter Durchlaß – gefährliche Sache – vorgestern – fünf Kinder – Mutter – große Dame, aß Sandwiches – denkt nicht an den Bogen – Krach – Bumm – Kinder sehen sich um – Mutter ohne Kopf – Sandwich in der Hand – keinen Mund, um ihn hineinzustecken – Haupt der Familie tot – scheußliche Geschichte. Sehen Sie dort Whitehall, Sir? Schöner Ort – kleines Fenster – auch dort jemand Kopf verloren – Karl der Erste nämlich. – Nahm sich auch nicht genug in acht – was meinten Sie, Sir?“ . „Ich dachte soeben“, sagte Mr. Pickwick, „über die Vergänglichkeit aller irdischen Dinge nach.“

„Ja, ja. Karl der Erste – heute zur Tür des Palastes hinein – morgen durchs Fenster hinaus, aufs Schafott. – Philosoph, Sir?“

„Hm, ja. Ein Beobachter der menschlichen Natur, Sir“, versetzte Mr. Pickwick.

„So? – Ich auch. – Die meisten Leute sind’s, wenn sie wenig zu tun und noch weniger zu leben haben. – Poet, Sir?“

„Mein Freund, Mr. Snodgraß, hat eine starke poetische Ader.“

„So? – Ich auch. – Episches Gedicht – zehntausend Verse – Julirevolution – an Ort und Stelle verfaßt – Mars bei Tag, Apollo bei Nacht – Kanonendonner – Geistesblitze.“

„Sie waren bei jenem glorreichen Schauspiel anwesend, Sir?“ fragte Mr. Snodgraß.

„Anwesend?“ wiederholte der Grünrock. „Will’s meinen3– feuerte drauflos – Idee durch den Kopf geschossen – rasch in ein Weinhaus – schrieb sie nieder – wieder zurück – Schuß auf Schuß – eine andere Idee – abermals ins Weinhaus – Feder und Tinte – aufs neue zurück – gestochen und gehauen – großartige Zeit, Sir. – Jagdliebhaber, Sir?“ wandte er sich plötzlich an Mr. Winkle.

„Ein wenig, Sir.“

„Feiner Sport, Sir, feiner Sport. Hunde, Sir?“

„Zur Zeit nicht“, entgegnete Mr. Winkle.

„Ah, Sie sollten Hunde halten – herrliche Tiere – schlaue Geschöpfe – hatte selbst einmal einen – Hühnerhund – merkwürdiger Instinkt – gehe eines Tages auf den Anstand – trete in eine Umzäunung – pfeife – Hund wie festgenagelt – pfeife wieder – ,Ponto!‘ Rührt sich nicht. – Rufe noch mal: – ,Ponto! Ponto!‘ – Rührt sich nicht – wie festgewurzelt – stiert auf ein Brett – sehe auf und lese die Inschrift: ,Der Wildhüter hat Befehl, alle Hunde, die er im Bereich dieser Umzäunung antrifft, totzuschießen.‘ – Wundervoller Hund, unschätzbarer Hund – kolossal.“

„In der Tat, einzig in seiner Art“, sagte Mr. Pickwick „Würden Sie gestatten, daß ich mir das notiere?“

„Gewiß, Sir, gewiß. Können noch hundert Geschichten von demselben Tier haben. – Schöne Mädchen, Sir!“

„Sehr schöne“, bestätigte Mr. Tupman, der soeben einer vorübergehenden jungen Dame einige nicht eben pickwickische Blicke zugeworfen hatte.

„Englische Mädchen nicht so schön wie spanische – edle Gestalten – pechschwarzes Haar – dunkle Augen – liebliche Formen – süße Geschöpfe – bezaubernd.“

„Sie sind in Spanien gewesen, Sir?“

„Hm – lebte dort – halbes Menschenalter.“

„Viele Eroberungen gemacht, Sir?“ fragte Mr. Tupman weiter.

„Eroberungen? – Tausende. – Don Bolaro Fizzgig – Grande – einzige Tochter – Donna Christina – prachtvolles Geschöpf – verliebt in mich bis zum Wahnsinn – eifersüchtiger Vater – hochherzige Tochter – schöner Engländer – Donna Christina in Verzweiflung – Blausäure – Magenpumpe im Mantelsack – Operation glücklich durchgeführt – der alte Bolaro außer sich vor Entzücken – willigte in unsere Verbindung – Händedrücke und Tränenströme – romantische Geschichte – kolossal.“

„Ist die Dame jetzt in England, Sir?“ fragte Mr. Tupman, auf den die Schilderung der Reize Donna Christinas einen mächtigen Eindruck gemacht hatte.

„Tot, Sir, tot“, sagte der Fremde und drückte den spärlichen Überrest eines uralten Baumwollschnupftuches an sein rechtes Auge. „Nie ganz genesen, trotz der Magenpumpe – untergrabene Konstitution – Opfer geworden.“

„Und ihr Vater?“ fragte der poetische Snodgraß.

„Elend und Gewissensbisse. – Plötzlich verschwunden – Stadtgespräch – Nachforschungen überall – erfolglos – öffentlicher Brunnen auf dem Hauptplatze hört auf zu springen – Wochen vergehen – immer noch kein Wasser – Arbeiter kommen – schöpfen aus – finden meinen Schwiegervater mit dem Kopf in der Hauptröhre stecken, mit einem ausführlichen Bekenntnis in seinem rechten Stiefel – ziehen In heraus. – Brunnen springt wieder – wie früher.“

»Würden Sie mir gestatten, Sir, diesen kleinen Roman niederzuschreiben?“ fragte Mr. Snodgraß, tief ergriffen.

„Gewiß, Sir, gewiß – noch fünfzig andre, wenn Sie sie hören wollen. – Ein seltsames Leben geführt – merkwürdige Geschichte – nicht ungewöhnlich, aber höchst interessant.“

An diesem Faden spann der Fremde – nur hin und wieder ein Glas Bier einschaltend, wenn die Pferde gewechselt wurden – so lange weiter, bis sie die Rochesterbrücke erreichten; und bereits zu diesem Zeitpunkt hatten Mr. Pickwick und Mr. Snodgraß ihre Notizbücher mit ausgewählten Partien seiner Abenteuer restlos vollgeschrieben.

„Großartige Ruine!“ rief Mr. Augustus Snodgraß mit der poetischen Glut, der er seinen Dichterruhm verdankte, als sie des schönen alten Schlosses ansichtig wurden.

„Welch herrliche Gelegenheit für einen Altertumsforscher!“ ließ sich Mr. Pickwick vernehmen, als er sein Fernrohr ans Auge gebracht hatte.

„Hm, schöner Platz“, sagte der Fremde. – „Glorioses Gebäude – zürnende Mauern –wankende Bogen–dunkle Nischen – krachende Stiegen – ehrwürdiger Dom – dumpfer Geruch – alte Stufen – ausgehöhlt von den Tritten der Pilgrime – kleine sächsische Türen – Beichtstühle wie Theaterkassenlogen – wunderliche Käuze, diese Mönche – Päpste, Lordschatzmeister und alle Arten alter Burschen mit großen roten Gesichtern und abgebrochnen Nasen – alle Tage zu sehen – auch Koller von Büffelhaut – Luntengewehre – Sarkophage – herrlicher Ort – alte Legenden – wunderliche Historien – kolossal.“ – Der Fremde fuhr in diesem Selbstgespräch fort, bis sie das „Wirtshaus zum Ochsen“ in Highstreet erreichten und haltmachten.

„Bleiben Sie hier, Sir?“ fragte Mr. Nathanael Winkle.

„Hier? – Ich nicht – aber Sie werden gut daran tun – gutes Haus – famose Betten – Wrights Hotel nebenan teuer – sehr teuer – ’ne halbe Krone auf der Rechnung, wenn Sie den Kellner nur ansehen – fordern Ihnen noch mehr ab, wenn Sie zu einem Freunde essen gehen – verwünschte Kerle – toll.“

Mr. Winkle beugte sich zu Mr. Pickwick hinüber und flüsterte ihm einige Worte zu. Mr. Pickwick besprach sich leise mit Mr. Snodgraß, und Mr. Snodgraß mit Mr. Tupman. Allgemeines Einverständnis und beifälliges Kopfnicken. Dann wandte sich Mr. Pickwick zu dem Fremden.

„Sie haben uns diesen Morgen einen sehr wesentlichen Dienst geleistet, Sir. Würden Sie uns vielleicht gestatten, Ihnen einen kleinen Beweis unsrer Dankbarkeit zu liefern, indem wir Sie um die Ehre Ihrer Gesellschaft bei Tisch bitten?“

„Mit größtem Vergnügen – will natürlich nichts vorschreiben, aber Geflügel und Champignons – kapitale Sache! – Welche Zeit?“

„Sagen wir einmal …“ Mr. Pickwick zog seine Uhr zu Rate; „es ist jetzt bald drei Uhr; paßt Ihnen fünf Uhr?“

„Würde mir sehr passen“, entgegnete der Fremde. „Also präzis fünf Uhr – habe die Ehre bis dahin.“

Er lüftete seinen zerdrückten Hut einige Zoll, setzte ihn nachlässig wieder aufs Ohr und begab sich dann mit seinem Papierpaket eiligen Schrittes auf die Straße.

„Augenscheinlich ein weitgereister Mann und ein trefflicher Beobachter“, sagte Mr. Pickwick.

„Ich hätte gern sein Epos gelesen“, meinte Mr. Snodgraß.

„Und ich seinen Hund gesehen“, sagte Mr. Winkle.

Mr. Tupman sagte nichts, aber er dachte an Donna Christina, die Magenpumpe und den Springbrunnen, und seine Augen füllten sich mit Tränen.

Die Herren ließen sich ein gemeinsames Wohnzimmer geben, prüften ihre Schlafzimmer, bestellten ein Mittagessen und verließen sodann den Gasthof, um sich die Stadt und ihre Umgebung anzusehen“:

Nach sorgfältiger Durchsicht der Notizen Mr. Pickwicks finden wir, daß seine Bemerkungen über die vier Städte Stroud, Rochester, Chatham und Brompton sich von denen andrer Reisenden, die gleichfalls diese Orte besucht haben, nicht wesentlich unterscheiden. Wir können daher eine allgemeine Übersicht seiner Schilderungen geben.

„Die Haupterzeugnisse dieser Städte“, sagte Mr. Pickwick, »scheinen Soldaten, Matrosen, Juden, Kreide, Garnelen, Polizeimänner und Dockarbeiter zu sein. Die Haupthandelsartikel, die man in den Straßen ausgestellt sieht, sind Seemannsartikel, Zwieback, äpfel, Seezungen und Austern. Die Straßen bieten einen sehr belebten Anblick, besonders infolge der gehobenen Stimmung des Militärs. Es ist wahrhaft entzückend für das Herz eines Philanthropen, diese Braven begeistert umhertorkeln zu sehen, besonders wenn wir in Betracht ziehen, daß es den ihnen nachziehenden Gassenjungen eine wohlfeile, unschuldige Unterhaltung und Anlaß zu Scherz und Fröhlichkeit bietet. – Nichts“, setzt Mr. Pickwick hinzu, „kommt der Gutmütigkeit eines Soldaten gleich. So wurde am Tage vor meiner Ankunft ein solcher in dem Hause eines Gastwirts gröblich beleidigt. Das Schenkmädchen weigerte sich nämlich entschieden, ihm noch weiter Branntwein zu geben, und er zog – natürlich nur im Scherze – das Bajonett und verwundete das Mädchen damit an der Schulter. Und doch war dieser brave Bursche der erste, der am nächsten Morgen wieder im Hause erschien und dadurch bewies, daß er geneigt sei, den ihm zugefügten Schimpf zu übersehen und den Vorfall zu vergessen.

Der Verbrauch von Tabak“, fährt Mr. Pickwick fort, „muß in diesen Städten sehr groß sein, wie auch sein Geruch, der die Straßen erfüllt, allen denen, die das Rauchen lieben, ungemein angenehm sein muß. Ein oberflächlicher Beobachter würde sich vielleicht über den herrschenden Schmutz beschweren; wenn man jedoch ins Auge faßt, daß dieser nur ein Beweis für den lebhaften und blühenden Handelsverkehr ist, so kann man sich natürlich nur darüber freuen.“

Punkt fünf Uhr erschien der Fremde und bald darauf das Essen. Er hatte sich seines Papierpaketes entledigt, aber sein Anzug war unverändert; auch war er womöglich noch redseliger als am Morgen.

„Was ist das?“ fragte er, als der Kellner den Deckel von einer der Schüsseln entfernte.

„Seezungen, Sir.“

„Seezungen – ah! – Kapitale Fische – kommen alle von London – Postwageneigentümer geben politische Diners – Wagen voll Seezungen – Dutzende von Körben – pfiffige Burschen. Glas Wein, Sir?“

„Bitte sehr“, sagte Mr. Pickwick.

Zuerst trank der Unbekannte mit Mr. Pickwick, dann mit Mr.Snodgraß, dann mit Mr.Tupman, dann mit Mr.Winkle und schließlich auf die Gesundheit der ganzen Gesellschaft, alles fast ebenso schnell hintereinander, wie er sprach.

„Teufelslärm auf der Treppe, Kellner“, sagte er. „Bänke hinauf – Zimmerleute herunter – Lampen, Gläser, Harfen. – Was gibt’s denn?“

„Ball, Sir“, antwortete der Kellner.

„Assemblee – wie?“

„Nein, Sir, keine Assemblee; Ball für wohltätige Zwecke, Sir.“

„Wissen Sie nicht, Sir, ob hier in der Stadt viele schöne Frauen sind?“ fragte Mr. Tupman angelegentlich.

„Prächtig – fabelhaft. Kent, Sir, Kent ist weltberühmt; äpfel, Kirschen, Hopfen und Frauen. – Glas Wein, Sir?“

„Bitte sehr.“

Der Fremde füllte und leerte sein Glas.

„Ich würde ganz gern mit dabeisein“, sagte Mr. Tupman, dem der Ball nicht aus dem Kopf ging.

„Eintrittskarten zu einer halben Guinee beim Wirt, Sir“, mischte sich der Kellner ein.

Mr. Tupman drückte wiederholt seinen Wunsch aus, der Festlichkeit beizuwohnen, machte sich aber, da er in dem umflorten Blick Mr. Snodgraß und in den in Gedanken verlorenen Mienen Mr. Pickwicks keinem Verständnis begegnete, mit großem Eifer über den Portwein und das Dessert her. Der Kellner entfernte sich, und die Gesellschaft blieb allein, um die der Mahlzeit folgenden Stunden in traulicher Unterhaltung zu verbringen.

„Sie entschuldigen, Sir“, sagte der Fremde. „Flasche ruht – muß kreisen – der Sonne gleich – bis zum letzten Tropfen – keine Restchen.“ Wieder leerte er sein Glas, das er kaum zwei Minuten zuvor gefüllt hatte, und schenkte sich mit der Miene eines an Wein gewöhnten Mannes aufs neue ein.

Die Flasche machte die Runde, und bald wurde eine neue bestellt. Der Fremde schwatzte, und die Pickwickier hörten zu. Mr. Tupman fühlte sich mit jedem Augenblick mehr geneigt, den Ball zu besuchen. Mr. Pickwicks Gesicht erglühte in einem Ausdruck alles umfassender Menschenliebe, und Mr. Winkle und Mr. Snodgraß sanken in festen Schlaf.

„Oben fangen sie bereits an“, sagte der Fremde. „Hören Sie? – Geigenklänge – jetzt die Harfe – es geht los.“ Musik tönte durch das Haus und verkündete den Beginn der ersten Quadrille.

„Ich ginge gar zu gerne“, begann Mr. Tupman abermals.

„Ich auch“, versetzte der Fremde. „Verdammtes Gepäck – langweiliges Gezottel – keinen passenden Anzug – ärgerlich, nicht wahr?“

Nun gehörte zu den Grundzügen der Pickwick-Theorie unter anderem auch allumfassendes Wohlwollen, und niemand erwies sich eifriger in der Befolgung dieses edlen Grundsatzes als Mr. Tracy Tupman. Die Zahl der in den Protokollen der Gesellschaft verzeichneten Fälle, in denen dieser vortreffliche Mann Hilfsbedürftige zu anderen Klubmitgliedern nach Geldunterstützung oder abgelegten Kleidern geschickt hat, ist fast unglaublich.

„Ich würde mich glücklich schätzen, Ihnen zu diesem Zwecke einen Anzug borgen zu können“, sagte er, „aber Sie sind ziemlich schlank und ich …“

„Bißchen fett – ein echter Bacchus – ohne Kranz – vom Faß gestiegen und in Tuchhosen geschlüpft. – Haha! – Geben Sie mal die Flasche rüber.“

Ob Mr. Tupman ein wenig indigniert über den befehlenden Ton war, oder ob er als eines der bedeutendsten Pickwick-Klub-Mitglieder sich durch den respektlosen Vergleich mit einem unberittenen Bacchus verletzt fühlte, ist ein Faktum, das sich heute nicht mehr mit Sicherheit ermitteln läßt. Jedenfalls reichte er die Flasche hinüber, hustete ein paarmal und sah den Fremden einige Sekunden mit finsterem Gesichte an. Als er jedoch bemerkte, daß sich dieser durch seine Blicke nicht im geringsten beirren ließ, gewannen seine Züge allmählich ihren milderen Ausdruck wieder, und er brachte aufs neue den Ball zur Sprache.

„Ich wollte bemerken, Sir“, sagte er, „daß, wenn auch mein Anzug Ihnen zu weit ist, Ihnen doch vielleicht der meines Freundes Mr. Winkle besser passen würde.“

Der Fremde maß Mr. Winkle mit den Augen, und seine Züge erglänzten von Zufriedenheit.

„Wie angegossen.“

Mr. Tupman sah sich um. Der Wein, der bereits an Mr. Snodgraß und Mr. Winkle seine schlafbringende Wirkung geübt, hatte sich auch der Sinne Mr. Pickwicks bemächtigt. Allmählich hatte der würdige Gentleman die verschiedenen Stadien durchlaufen, die der durch eine reichliche Mahlzeit veranlaßten Lethargie und ihren Folgen vorangehen, von dem Gipfelpunkt der Heiterkeit bis zu der Abgrundtiefe geistigen Elends, und wieder zurück. Wie eine Glaslampe im Freien, mit Luft in der Röhre, hatte er für einen Augenblick einen unnatürlichen Glanz verbreitet, dann war sein Licht zu einem kaum sichtbaren Flämmchen zusammengeschrumpft, das nach einer Weile für einen Moment wieder mit irrem und unsicherem Scheine aufflackerte, um schließlich ganz zu erlöschen. Sein Kopf war auf die Brust herabgesunken, und ein beständiges Schnarchen, gelegentlich durch einen Erstickungsanfall unterbrochen, war das einzig hörbare Anzeichen der Anwesenheit des großen Mannes.

Die Versuchung, den Ball zu besuchen und die ersten Eindrücke der Schönheit der Kenter Damen zu genießen, übte gewaltigen Einfluß auf Mr. Tupman aus, und nicht minder groß war die Versuchung, den Fremden mitzunehmen, zumal er Ort und Einwohner so gut zu kennen schien, als ob er von Kindheit auf daselbst gelebt hätte. Mr. Winkle schlief, und Mr. Tupman wußte aus Erfahrung, daß sein Freund beim Erwachen sofort schwer ins Bett sinken würde. Er schwankte noch.

„Schenken Sie sich ein und geben Sie die Flasche herüber“, mahnte der unermüdliche Gast.

„Winkle und ich schlafen zusammen. Wenn ich ihn jetzt weckte, könnte ich ihm nicht gut begreiflich machen, was ich von ihm will; aber er hat einen Abendanzug in. seinem Gepäck“, begann Mr. Tupman nach einer Weile. „Ich denke, Sie könnten ihn ganz gut auf dem Ball tragen; ich brächte ihn nachher wieder an Ort und Stelle, ohne daß er überhaupt etwas von der Sache erführe.“

„Glänzend!“ meinte der Fremde. „Famose Idee – verdammt verdrießliche Lage – vierzehn Röcke in den Kisten – und jetzt fremde Kleider anziehen müssen – sehr guter Gedanke das – gewiß.“

„Wir müssen aber jetzt unsre Eintrittskarten lösen“, sagte Mr. Tupman.

„Nicht der Mühe wert, Guinee zu halbieren. – Wollen losen, wer für beide zahlt. – Ich rate – Sie werfen. Also: – Frauenzimmer – Frauenzimmer – holdes Frauenzimmer.“

Das Goldstück fiel nieder, und der Drache, aus Galanterie Frauenzimmer genannt, kam nach oben zu liegen.

Mr. Tupman klingelte, kaufte die Karten und ließ Kerzen bringen. In einer Viertelstunde war der Fremde mit Nathanael Winkles Kleidern ausstaffiert.

„Es ist ein neuer Frack“, erklärte Mr. Tupman, als sich der Fremde mit großer Selbstgefälligkeit in einem Ankleidespiegel betrachtete. „Der erste, der mit unsern Klubknöpfen gemacht wurde.“ – Er zeigte auf die vergoldeten Knöpfe, die die Buchstaben P. K. und dazwischen Mr. Pickwicks Brustbild aufwiesen.

„P. K.?“ sagte der Fremde. – „Schnurriger Einfall – Bild des alten Knaben und P. K.? – Was bedeutet P. K.? – Seltsamer Frack – wie?“

Mr. Tupman erklärte mit steigendem Unwillen und großer Wichtigkeit die Bedeutung der geheimnisvollen Devise.

„Etwas kurz in der Taille – nicht?“ meinte der Fremde und verrenkte sich, um im Spiegel einen Blick auf die rückwärtigen Knöpfe zu erhaschen, die allerdings so ziemlich zwischen den Schulterblättern saßen. „Gerade wie eine Briefträgerjacke – wunderliche Fräcke das – statutenmäßig angefertigt – kein Maß genommen – geheimnisvolle Schickung der Vorsehung. – Alle kleinen Leute kriegen lange Röcke – alle großen kurze.“

So schwatzte der Fremde weiter, stutzte dabei seine – oder vielmehr Mr. Winkles – Garderobe zurecht und ging, von Mr. Tupman begleitet, die Treppe hinauf, die in den Ballsaal führte.

„Ihre Namen, meine Herren?“ fragte der Türsteher.

Mr. Tupman wollte vortreten, um seinen Namen und Titel anzugeben, aber der Fremde hinderte ihn daran.

„Nein. Keine Namen, ganz gute Namen – aber nicht bekannt – nicht berühmt genug – ganz famose Namen für eine kleine Reisegesellschaft, machen aber keinen Eindruck in öffentlichen Assemblees – inkognito besser – Herren aus London – distinguierte Fremde oder so.“

Die Tür wurde geöffnet: Mr. Tracy Tupman und der Fremde betraten den Ballsaal.

Es war ein langer Raum mit scharlachrot ausgeschlagnen Bänken, der durch Wachskerzen in gläsernen Wandleuchtern erhellt wurde. Für die Musik war eine erhöhte Tribüne aufgeschlagen, und die Quadrillen wurden von zwei oder drei Reihen von Tänzern gewissenhaft absolviert. Zwei Spieltische standen in einem anstoßenden Zimmer, und zweimal zwei alte Damen mit einer entsprechenden Anzahl Herren saßen beim Whist.

Die Tour war zu Ende; die Tänzer und Tänzerinnen promenierten im Saale, und Mr. Tupman pflanzte sich mit seinem Gefährten in einer Ecke auf, um die Gesellschaft zu beobachten.

„Entzückende Weiber“, meinte er.

„Warten Sie noch ein Weilchen“, sagte der Fremde. „Wird gleich lustiger. – Beste Gesellschaft fehlt noch – kurioses Nest – oberste Arsenalbeamten kennen nicht die untern – untere Arsenalbeamte nicht die niedern Patrizier – niedere Patrizier nicht die Kaufleute – Bezirkshauptmann kennt keinen Menschen.“

„Was ist das für ein junger Mensch, der dort, mit dem blonden Haar, den kleinen Augen und dem bunten Frack?“ fragte Mr. Tupman.

„Pst, bitte – kleine Augen? – Bunter Frack? – Junger Mensch? – Fähnrich im siebenundneunzigsten Regiment. Wilmot Snipe Wohlgeboren – vornehme Familie – die Snipes – sehr vornehm.“

„Sir Thomas Clubber, Lady Clubber und Fräulein Töchter!“ rief der Türsteher mit Stentorstimme.

Große Sensation: ein hochgewachsener Gentleman in blauem Frack mit blanken Knöpfen, begleitet von einer großen Dame in blauem Atlaskleid und zwei jungen Damen in sehr modernen Roben in derselben Farbe, trat in den Saal.

„Bezirkshauptmann – großes Tier – höchst bedeutender Mann“, flüsterte der Fremde Mr. Tupman ins Ohr, als der Wohltätigkeitsausschuß Sir Thomas Clubber nebst Familie nach dem obern Teil des Saales führte.

Wilmot Snipe, Wohlgeboren, nebst ändern Gentlemen der besten Gesellschaft drängten sich an die Misses Clubber heran, um ihnen ihre Huldigungen darzubringen, und Sir Thomas Clubber stand bolzengerade da und betrachtete über sein schwarzes Halstuch hinweg die versammelte Gesellschaft.

„Mr. Smithie, Mrs. Smithie und Fräulein Töchter!“ lautete die nächste Meldung des Türstehers.

„Wer ist Mr. Smithie?“ fragte Mr. Tracy Tupman.

„Irgendein Arsenalbeamter“, antwortete der Fremde.

Mr. Smithie verbeugte sich ehrfurchtsvoll vor Sir Thomas Clubber, und Sir Thomas Clubber erwiderte den Gruß mit stolzer Herablassung. Lady Clubber belorgnettierte Mrs. Smithie nebst Familie, während Mrs. Smithie ihrerseits eine Mrs. Soundso anstarrte, deren Gatte nicht Arsenalbeamter war.

„Oberst Bulder nebst Frau Gemahlin und Fräulein Tochter“, waren die nächsten Ankömmlinge.

„Garnisonskommandant“, beantwortete der Fremde Mr. Tupmans fragenden Blick.

Miß Bulder wurde sehr warm von den Misses Clubber bewillkommnet, und auch zwischen der Frau Oberst und Lady Clubber fand eine über alle Beschreibung zärtliche Begrüßung statt. Oberst Bulder und Sir Thomas Clubber boten sich gegenseitig ihre Dosen an und sahen ganz wie ein Paar Robinson Crusoes aus – Alleinherrscher auf einer menschenleeren Insel.

Während die Aristokratie der Stadt – nämlich die Bulders, Clubbers und Snipes – in dieser Weise ihre Würde oben im Saal wahrte, ahmten die übrigen Klassen der Gesellschaft ihr Beispiel in den ändern Teilen nach. Die weniger noblen Offiziere des Siebenundneunzigsten widmeten sich den Familien der untergeordneten Arsenalbeamten. Die Frauen der Anwälte und Weinhändler standen an der Spitze einer dritten Kaste (die Frau des Brauers machte den Bulders einen Besuch), und Mrs. Tomlinson, die Gattin des Posthalters, schien durch stillschweigende Übereinkunft das Haupt der Frauen aus dem Handelsstande zu repräsentieren.

Eine der populärsten Personen war ein kleiner dickbäuchiger Herr mit einem in die Höhe gestrichnen Kranz von schwarzen Haaren, der eine ungeheure Glatze umgab – Dr. Slammer, Regimentsarzt beim Siebenundneunzigsten. Der Doktor schnupfte mit jedermann, lachte, tanzte, machte Witze, spielte Whist, kurz, tat alles und war überall. Aber noch viel wichtiger als dies alles nahm der kleine Doktor seine unablässigen Huldigungsakte vor einer kleinen alten Witwe, deren kostbares, mit Schmuck überladenes Kleid sie als eine äußerst wünschenswerte Zugabe zu einem magern Einkommen kennzeichnete.

„Klotzig reich – heiratslustige Alte – windbeuteliger Doktor – kein übler Gedanke – Mordsspaß.“

Mr. Tupman sah den Fremden fragend an.

„Will mit der Witwe tanzen“, sagte der Fremde.

„Wer ist sie?“ fragte Mr. Tupman.

„Weiß nicht – in meinem Leben nie gesehen – den Doktor ausstechen. – Mal sehen.“

Der Fremde ging quer durch den Saal, lehnte sich an das Kaminsims und begann, der fetten, kleinen alten Dame Blicke ehrfurchtsvoller und melancholischer Bewunderung zuzuwerfen. Mr. Tupman sah in stummem Erstaunen zu. Der Fremde machte, während der kleine Doktor mit einer ändern Dame tanzte, reißende Fortschritte. Die Witwe ließ ihren Fächer fallen; der Fremde hob ihn auf, überreichte ihn. – Ein Lächeln – eine Verbeugung – ein Knicks – einige verbindliche Worte, dann ging er keck auf den Festordner los, kehrte mit ihm zurück – eine kleine einleitende Pantomime –, und schon trat er mit Mrs. Budger in die Quadrille ein.

So groß auch Mr. Tupmans Verwunderung über dieses summarische Verfahren war, so wurde sie doch durch die des Doktors bei weitem übertroffen. Der Fremde war jung, und die Witwe fühlte sich geschmeichelt. Des Doktors Aufmerksamkeiten blieben fortan unbeachtet, und seine entrüsteten Blicke machten auf seinen unerschütterlichen Nebenbuhler nicht den geringsten Eindruck. Dr. Slammer war außer sich. Er, der Dr. Slammer, Regimentsarzt vom Siebenundneunzigsten, im Augenblick ausgelöscht von einem Menschen, den niemand zuvor gesehen und von dem man auch jetzt noch nicht wußte, wer er war! Dr. Slammer, Dr. Slammer vom Siebenundneunzigsten, verschmäht! Unmöglich! Es konnte nacht sein! Und doch war es so. Da standen sie. Was, er stellte ihr sogar seinen Freund vor? Dr. Slammer wollte seinen Augen nicht trauen. Abermals sah er hin und fühlte die schmerzliche Notwendigkeit, sich einzugestehen, daß ihn seine Sehorgane nicht betrogen. Mrs. Budger tanzte mit Mr. Tracy Tupman, da war kein Irrtum mehr möglich. Ja, es war leibhaftig die Witwe, die da mit ungewöhnlicher Leichtigkeit an ihm vorbeihüpfte, und Mr. Tracy mit der allerfeierlichsten Miene desgleichen, und sie tanzten, als sei eine Quadrille nichts Belustigendes, sondern eine Feuerprobe des Herzens, die größte Standhaftigkeit heischte.

Stumm und geduldig ertrug der Doktor all das, wie auch das darauf folgende Präsentieren von Glühwein und Konfekt nebst dem Kokettieren, das von solchen Aufmerksamkeiten untrennbar ist.

Als jedoch der Fremde verschwand, um Mrs. Budger zu ihrem Wagen zu geleiten, stürzte Dr. Slammer rasch aus dem Saal, und jedes Teilchen seines bisher eingestöpselten Grimmes brauste auf und trat ihm in großen Schweißtropfen auf die zornrote Glatze.

Der Fremde kehrte mit Mr. Tupman zurück. Er sprach leise und lachte. Der kleine Doktor dürstete nach seinem Blute. Offenbar fühlte sich sein Nebenbuhler als Sieger und frohlockte darüber!

„Sir!“ sagte der Doktor mit furchtbarer Stimme, trat in die Ecke zu seinem Gegner und zog eine Karte hervor. „Mein Name ist Slammer, Dr. Slammer, – beim siebenundneunzigsten Regiment – Chathamkaserne. – Hier meine Karte, mein Herr.“

„Ah“, entgegnete der Fremde kaltblütig, „Slammer – sehr verbunden – ungemein aufmerksam – jetzt nicht krank. – Slammer – werde im Bedarfsfall nach Ihnen schicken.“

„Sie – Sie sind ein Intrigant, mein Herr“, keuchte der Doktor wütend. „Ein Hasenfuß – eine Memme – ein Lügner – ein – ein ….. Werden Sie mir nicht endlich Ihre Karte geben, Sir?“

„Aha – starker Glühwein hier – gutmütiger Wirt – sehr töricht, sehr – Limonade viel besser – zu heiß im Saal – ältere Herren – haben dann morgen Katzenjammer – böse Sache“, sagte der Fremde und machte Miene, sich zu entfernen.

„Sie wohnen hier im Hause, Sir“, knirschte der zornige kleine Mann. „Sie sind jetzt betrunken, Sir. Sie werden morgen von mir hören, Sir. Ich werde Sie schon ausfindig machen, Sir.“

„Meinetwegen, wenn’s Ihnen Freude macht“, versetzte der unbeirrbare Fremde.

Dr. Slammer setzte mit einem Giftblick und einem zornigen Klaps seinen Hut auf, und der Fremde und Mr. Tupman gingen in das Schlafgemach, um das erborgte Gefieder wieder in den Handkoffer des nichtsahnenden Mr. Winkle zu stecken.

Der Gentleman lag in tiefem Schlaf, und so war denn die Rückerstattung bald vollzogen. Der Fremde benahm sich sehr drollig, und dem von Sherry, Glühwein, Lichtern und Damen verwirrten Mr. Tracy Tupman kam die ganze Sache als ein ausgezeichneter Spaß vor. Der neue Freund entfernte sich, und Mr. Tupman half sich, nachdem er mit einiger Mühe die ursprünglich für den Kopf berechnete öffnung seiner Nachtmütze gefunden und bei seinen Anstrengungen, dem Lichte einen passenden Platz anzuweisen, den Leuchter umgeworfen hatte, durch eine Reihe komplizierter Evolutionen in sein Bett, in dem er kurz darauf in tiefen Schlaf fiel.

Am nächsten Morgen hatte es kaum sieben ausgeschlagen, als Mr. Pickwicks reger Geist aus dem Zustand der Bewußtlosigkeit, in den der Schlummer ihn gewiegt, durch ein lautes Pochen an der Zimmertür geweckt wurde.

„Wer ist da?“ rief Mr. Pickwick, von seinem Kissen auffahrend.

„Der Hausknecht, Sir.“

„Was wollen Sie?“

„Bitte, können Sie mir nicht sagen, welcher Herr von Ihrer Gesellschaft einen blauen Frack mit vergoldeten Knöpfen trägt, mit den Buchstaben P. K. drauf?“

Der Rock wird zum Ausbürsten hinausgehängt worden sein, überlegte sich Mr. Pickwick, und der Mann hat vergessen, wem er gehört. – „Mr. Winkle“, rief er laut. „Im dritten Zimmer rechts.“

„Danke, Sir“, versetzte der Hausknecht und entfernte sich.

„Was gibt’s?“ rief Mr. Tupman, als ein lautes Klopfen an seiner Tür ihn aus seiner tiefen Ruhe aufschreckte.

„Kann ich mit Mr. Winkle sprechen, Sir?“ entgegnete der Hausknecht von außen.

„Winkle! – Winkle!“ rief Mr. Tupman ins Nebenzimmer.

„Hallo?“ antwortete eine schwache Stimme unter der Bettdecke hervor.

»Jemand will Sie sprechen. An der Tür.“

Nachdem sich Mr. Tracy Tupman soweit angestrengt hatte, drehte er sich auf die andere Seite und fiel sofort wieder in tiefen Schlaf.

„Mich sprechen?“ brummte Mr. Winkle, sprang aus seinem Bett und zog in aller Eile ein paar Kleidungsstücke an. „Mich? Hier, so weit von London? Wer, um Himmels willen, kann hier etwas von mir wollen?“

„Ein Herr im Gastzimmer, Sir“, versetzte der Hausknecht, als Mr. Winkle die Tür öffnete. „Der Herr will Sie nicht lange aufhalten, doch er kann sich auf keinen Fall abweisen lassen, sagt er.“

„Höchst seltsam!“ sagte Mr. Winkle. „Nun, ich werde gleich hinunterkommen.“

Er hüllte sich rasch in einen Reiseschal, zog seinen Schlafrock an und ging die Stiege hinunter. Eine alte Frau und ein paar Kellner scheuerten das Gastzimmer. Ein Offizier in Halbuniform blickte aus dem Fenster, wandte sich dann mit einer steifen Verbeugung an den eintretenden Mr. Winkle, befahl dem Dienstpersonal, sich zu entfernen, und schloß sorgfältig die Tür.

„Mr. Winkle, wie ich vermute?“

„Das ist allerdings mein Name, Sir.“

„Es wird Sie wahrscheinlich nicht überraschen, Sir, wenn ich Ihnen mitteile, daß ich Sie in der Angelegenheit eines Freundes, des Dr. Slammer, von Siebenundneunzig, besuche.“

„Dr. Slammer?“ fragte Mr. Winkle erstaunt.

„Dr. Slammer. Er bat mich, Ihnen in seinem Namen zu sagen, daß Ihr Benehmen gestern abend nicht der Art war, daß es sich ein Mann von Ehre gefallen lassen kann und wie es sich kein Mann von Ehre gegen einen ändern erlauben würde.“

Mr. Winkles Erstaunen war zu echt und zu augenfällig, tun Mr. Slammers Sekundanten zu entgehen.

„Mein Freund Dr. Slammer“, fuhr er daher fort, „ersuchte mich, hinzuzufügen, daß er fest überzeugt ist, Sie wären einen großen Teil des gestrigen Abends betrunken gewesen und wüßten daher vielleicht nichts mehr von dem Umfang der Beleidigung, die Sie sich zuschulden kommen ließen. Er trug mir deshalb auf, Ihnen zu sagen, daß er sich, wenn Sie diesen Umstand als eine Entschuldigung Ihres Benehmens geltend machen wollten, mit einer schriftlichen Abbitte, die ich Ihnen in die Feder zu diktieren hätte, begnügen

„Eine schriftliche Abbitte?“ wiederholte Mr. Winkle im Tone grenzenlosen Staunens.

„Sie wissen natürlich, welche Wahl Ihnen übrigbleibt“, versetzte der Offizier kühl.

„Wurde Ihnen dieser Auftrag wirklich für mich übergeben?“ fragte Mr. Winkle, dessen Sinne sich während dieser seltsamen Unterhaltung hoffnungslos verwirrten.

»Ich war nicht anwesend“, entgegnete der Besuch, „und infolge Ihrer entschiedenen Weigerung, Dr. Slammer Ihre Karte zu geben, hat mich besagter Herr gebeten, mir über die Identität des Besitzers eines höchst ungewöhnlichen Rockes – eines blauen Fracks mit vergoldeten Knöpfen, auf denen sich ein Brustbild und die Buchstaben P. K. befinden – Gewißheit zu verschaffen.“

Mr. Winkle wäre vor Entsetzen beinahe umgesunken, als er seinen eignen Frack so genau beschreiben hörte. Dr. Slammers Freund fuhr fort:

„Den hier im Gasthof soeben angestellten Recherchen zufolge gelangte ich zu der Überzeugung, daß der Eigentümer des fraglichen Kleidungsstückes gestern nachmittag mit drei Herren hier angekommen ist. Ich sandte sogleich zu dem Herrn, der mir als mutmaßliche Hauptperson der Gesellschaft beschrieben wurde, und dieser selbst hat mich an Sie verwiesen.“

Wenn es dem Hauptturm von Rochester-Castle plötzlich eingefallen wäre, seinen Platz zu verlassen und sich gerade dem Gasthof gegenüber aufzupflanzen, so hätte Mr. Winkle nicht überraschter sein können. Sein erster Gedanke war, sein Frack sei ihm vielleicht gestohlen worden.

„Würden Sie mich einen Augenblick entschuldigen?“ fragte er. „Bitte sehr.“

Hastig eilte er die Treppe hinauf und öffnete mit zitternden Händen seinen Reisesack. Der Frack lag an seinem gewohnten Platz; eine genauere Besichtigung zeigte jedoch deutliche Spuren, daß er in der letzten Nacht getragen worden war.

Es muß doch seine Richtigkeit haben, sagte sich Mr. Winkle, und der Rock entglitt seinen Händen. Ich habe nach dem Essen zuviel Wein getrunken und entsinne mich dunkel, daß ich nachher auf der Straße spazierenging und eine Zigarre rauchte. Ja, ja, so muß es sein. Ich war sehr betrunken, muß mich umgekleidet – und jemand beleidigt haben. Es kann gar nicht anders sein. Und dieser Besuch ist die schreckliche Folge all dessen.

Mit diesen Worten lenkte Mr. Winkle seine Schritte wieder zum Gastzimmer zurück.

Er war zu dem düsteren und schrecklichen Entschluß gekommen, die Forderung des kampflustigen Dr. Slammer anzunehmen und somit auch das Schlimmste über sich ergehen zu lassen.

Zu dieser Entscheidung war er durch die verschiedensten Rücksichten gezwungen, unter denen sein Ruf im Klub an erster Stelle stand. Stets hatte er als hohe Autorität gegolten, wenn es sich um offensive, defensive oder inoffensive sportliche Angelegenheiten gehandelt hatte, bei denen die Gewandtheit eine Rolle spielt; wenn er nun bei dieser ersten Gelegenheit, selbst Farbe zu bekennen, vor der Prüfung zurückbebte – dazu noch unter den Augen seines Meisters –, dann war es für immer um seinen Rang geschehen. Zudem erinnerte er sich, von Leuten, die allerdings in solchen Dingen nicht recht Bescheid wußten, häufig die Vermutung gehört zu haben, daß auf Grund eines stillschweigenden Einverständnisses zwischen den Sekundanten die Pistolen nur selten mit Kugeln geladen würden, und überdies zog er noch in Erwägung, daß Mr. Snodgraß, wenn er ihn zum Sekundanten wählen und ihm die Gefahr in glühenden Farben Schildern würde, sich vielleicht in dieser Angelegenheit an Mr. Pickwick wenden könnte, der dann zweifellos keinen Augenblick zögern würde, die Ortspolizeibehörde zu informieren, um auf diese Weise die Tötung oder Verstümmelung eines seiner Jünger zu verhindern.

Das waren so seine Gedanken, als er in das Gastzimmer zurückkehrte und daselbst seine Absicht kundgab, die Herausforderung des Doktors anzunehmen.

„Wollen Sie mir einen Vertreter namhaft machen, damit ich Ort und Stunde der Zusammenkunft festsetzen kann?“ fragte der Offizier.

„Ganz unnötig“, entgegnete Mr. Winkle. „Sie können beides mir namhaft machen. Für einen Sekundanten werde ich‘ sodann schon Sorge tragen.“

„Paßt es Ihnen heute abend vor Sonnenuntergang?“ fragte der Offizier in gleichgültigem Ton.

„Sehr gut“, entgegnete Mr. Winkle – und dachte bei sich: Sehr schlimm.

„Kennen Sie das Fort Pitt?“

„Ja, ich habe es gestern gesehen.“

„Dann bitte ich Sie, sich auf dem Felde, das den Laufgraben abschließt, auf den Platz zu bemühen, wo die Schanze einen Winkel bildet, den Fußpfad linker Hand einzuschlagen, und geradeaus zu gehen, bis Sie meiner ansichtig werden. Ich werde die Herren dann zu einer geschützten Stelle führen, wo die Angelegenheit abgemacht werden kann, ohne daß wir eine Störung zu befürchten haben.“

Störung zu befürchten! dachte Mr. Winkle.

„Das wäre wohl alles, dächte ich“, sagte der Offizier.

„Ich wüßte auch nicht, was noch zu besprechen wäre“, entgegnete Mr. Winkle.

„Guten Morgen.“

„Guten Morgen.“

Der Offizier pfiff eine Arie und entfernte sich.

Beim Frühstück herrschte eine ziemlich trübselige Stimmung. Mr. Tupman war nach der durchschwärmten Nacht nicht in der Lage, aufzustehen, Mr. Snodgraß schien an einer poetischen Depression zu laborieren, und selbst Mr. Pickwick zeigte eine ungewöhnliche Vorliebe für Schweigen und Sodawasser. Mr. Winkle wartete ängstlich auf eine günstige Gelegenheit. Sie ließ nicht lange auf sich warten. Mr. Snodgraß machte den Vorschlag, das Kastell zu besichtigen, und da Mr. Winkle der einzige von der Gesellschaft war, der Lust zu einem Spaziergang bezeugte, gingen sie miteinander aus.

„Snodgraß“, begann Mr. Winkle, als sie die belebteren Straßen hinter sich hatten, „mein lieber Snodgraß, kann ich mich auf Ihre Verschwiegenheit verlassen?“ Im Innersten seines Herzens dachte er: Ach, wäre es doch nicht der Fall!

„Unbedingt“, beteuerte Mr. Snodgraß. „Ich schwöre es Ihnen bei allem …“

„Nein, nein“, unterbrach ihn Mr. Winkle, erschreckt durch den Gedanken, Mr. Snodgraß könnte sich unwillkürlich durch einen Eid die Zunge binden. „Schwören Sie nicht, schwören Sie nicht; es ist ganz und gar unnötig.“

Mr. Snodgraß ließ die Hand, die er in poetischem Schwünge zu den Wolken erhoben hatte, wieder sinken und nahm die Miene gespanntester Aufmerksamkeit an.

„Ich bedarf Ihres Beistandes in einer Ehrensache, lieber Freund!“

„Mit Freuden“, versetzte Mr. Snodgraß und drückte voll Wärme die Hand Mr. Winkles.

„Mit einem Doktor, Dr. Slammer vom siebenundneunzigsten Regiment“, sagte Mr. Winkle, der die Sache so feierlich wie möglich machen wollte, „eine Ehrensache mit einem Offizier, dem ein Kamerad sekundiert, heute abend vor Sonnenuntergang, auf einem abgelegnen Feld, in der Nähe des Forts Pitt.“

„Sie können auf mich rechnen“, versicherte Mr. Snodgraß. Er war zwar erstaunt, aber keineswegs fassungslos.

Es ist wirklich kaum zu glauben, wie kaltblütig alle – außer den Beteiligten – sich in so einer Angelegenheit benehmen. Mr. Winkle hatte das nicht bedacht und die Gefühle seines Freundes nach den eignen eingeschätzt.

„Die Folgen können schrecklich sein“, gab Mr. Winkle zu bedenken.

„Hoffentlich nicht“, meinte Mr. Snodgraß.

„Der Doktor ist, glaube ich, ein sehr guter Schütze.“

„Das sind Offiziere meistens“, bemerkte Mr. Snodgraß ruhig. „Aber Sie sind’s doch auch, nicht wahr?“

Mr. Winkle bejahte und änderte, da er seinen Gefährten nicht hinreichend bestürzt sah, seine Taktik.

„Snodgraß“, sagte er, und seine Stimme bebte vor Erregung, „wenn ich falle, so werden Sie in einem Paket, das ich in Ihre Hände zu legen gedenke, einen Brief finden an – an meinen Vater.“

Auch diese Attacke schlug fehl. Mr. Snodgraß war zwar gerührt, übernahm aber die Besorgung des Schreibens so Bereitwillig wie ein Briefträger.

„Wenn ich fallen sollte“, fuhr Mr. Winkle fort, „oder wenn der Doktor fällt, so werden Sie, als bei der Sache beteiligt, vor Gericht gestellt. Schrecklich der Gedanke, meinen Freund der Gefahr der Deportation, wenn nicht noch Schlimmerem, auszusetzen!“

Mr. Snodgraß kratzte sich zwar ein wenig den Kopf, aber sein Heroismus war unerschütterlich. „Wenn es Freundespflicht gilt“, rief er begeistert, „biete ich allen Gefahren Trotz.“

Wie verwünschte Mr. Winkle in seinem Innern die aufopfernde Freundschaft seines Gefährten, als sie einige Minuten schweigend nebeneinander gingen, beide tief in Gedanken versunken.

Der Morgen entschwand, und Mr. Winkle geriet in Verzweiflung.

„Snodgraß“, sagte er, plötzlich haltmachend, „daß uns nur ja keine Störung dazwischenkommt! Sie dürfen durchaus nicht etwa eine Anzeige machen oder die Polizei anrufen, um durch meine oder die Verhaftung des Dr. Slammer vom siebenundneunzigsten Regiment, wohnhaft in der Chathamkaserne, diesem Duelle vorzubeugen. Ich sage Ihnen, tun Sie es nicht.“

Mr. Snodgraß ergriff die Hand seines Freundes mit Wärme und beteuerte enthusiastisch: „Seien Sie unbesorgt!“

Ein Schauder überlief Mr. Winkle, als er die schreckliche Überzeugung gewann, daß er von der ängstlichkeit seines Freundes nichts zu hoffen hatte und bestimmt war, das lebende Ziel einer Feuerwaffe zu werden.

Nachdem die Lage der Dinge mit allen Nebenumständen mit Mr. Snodgraß erörtert worden und in einem Kaufladen Pistolen, Pulver, Blei und Zündhütchen besorgt waren, kehrten die beiden Freunde in den Gasthof zurück; Mr. Winkle, um über das bevorstehende Duell nachzudenken, und Mr. Snodgraß, um die Waffen für den augenblicklichen Gebrauch gehörig instand zu setzen.

Es war ein trüber, unfreundlicher Abend, als sich beide auf den Weg machten. Mr. Winkle hatte sich, um der Beobachtung der Leute zu entgehen, in einen ungeheuren Mantel gehüllt, und Mr. Snodgraß trug unter dem seinen die Werkzeuge der Zerstörung.

„Haben Sie alles bei sich?“ fragte Mr. Winkle mit erstickter Stimme.

„Alles“, erwiderte Mr. Snodgraß. „Auch Munition die Fülle, wenn die ersten Schüsse resultatlos verlaufen sollten. Ein Viertelpfund Pulver in der Schachtel und zehn Zeitungen zu Pfropfen in der Tasche.“

Das waren Freundschaftsbeweise, für die sich jeder Mensch hätte ungemein verpflichtet fühlen müssen. Vermutlich waren aber Mr. Winkles Dankesgefühl zu übermächtig, um sich in Worten ausdrücken zu lassen, denn er sagte nichts und ging, wenn auch ziemlich langsam, weiter.

„Wir kommen ganz zur rechten Zeit“, bemerkte Mr. Snodgraß, als sie über die Hecke des ersten Feldes kletterten. „Die Sonne will eben untergehen.“

Mr. Winkle blickte auf den sinkenden Feuerball und dachte mit Schmerz an die Möglichkeit seines eigenen „Untergangs“, der ihm in so kurzer Frist bevorstehen konnte.

„Dort ist der Offizier!“ rief er, nachdem sie wieder einige Minuten gegangen waren.

„Wo?“

„Dort! Der Herr in dem blauen Mantel.“

Mr. Snodgraß blickte in die Richtung, die ihm der Finger seines Freundes wies, und gewahrte eine verhüllte Gestalt. Durch Winken mit der Hand gab der Offizier zu erkennen, daß er ihrer gleichfalls ansichtig geworden, und die Freunde folgten ihm in einiger Entfernung.

Der Himmel wurde mit jedem Augenblick trüber, und melancholisch heulte der Wind über die einsamen Felder, wie ein Riese, der seinem Hund pfeift. Das Düstere der Szene stimmte Mr. Winkle todestraurig. Er schauerte zusammen, als er an dem Laufgraben vorbeikam – der sah aus wie ein kolossales Grab.

Der Offizier bog plötzlich von dem Fußpfad ab, klomm über ein Pfahlwerk, stieg über eine Hecke, und sie gelangten auf ein abgeschlossenes Feld. Zwei Herren warteten bereits dort; der eine ein kleiner wohlbeleibter Mann mit schwarzem Haar, der andre eine stattliche Erscheinung in einem militärischen Überrock – mit vollkommenem Gleichmut auf einem Feldstuhl sitzend.

„Die Gegenpartei und ein Wundarzt, vermutlich“, sagte Mr. Snodgraß. „Nehmen Sie ein Tröpfchen Branntwein.“

Mr. Winkle ergriff die Feldflasche, die ihm sein Freund hinreichte, und labte sich mit einem langen Schluck an der belebenden Flüssigkeit.

„Mein Freund Mr. Snodgraß, Sir“, stellte er vor, als der Offizier herantrat.

Dr. Slammers Sekundant verbeugte sich und brachte ein ähnliches Futteral, wie Mr. Snodgraß es bei sich führte, zum Vorschein.

„Ich denke, weitere Worte sind wohl überflüssig“, begann er kaltblütig, als er den Pistolenkasten öffnete, »da eine Abbitte entschieden abgelehnt wurde.“

„Ganz Ihrer Meinung, Sir“, versetzte Mr. Snodgraß, dem es langsam schwül zumute wurde.

„Wollen Sie vielleicht die Schritte abzählen!“

„Bitte sehr“, entgegnete Mr. Snodgraß.

Die Distanz wurde abgeschritten und die weiteren Vorbereitungen getroffen.

„Sie werden diese Waffen besser als Ihre eignen finden“, sagte der Sekundant der Gegenpartei und bot seine Pistolen an. „Sie haben doch beim Laden zugesehen? Oder haben Sie vielleicht etwas gegen deren Benützung einzuwenden?“

„Nicht das mindeste“, versicherte Mr. Snodgraß. Ein Stein fiel ihm vom Herzen, denn er hatte nur sehr schleierhafte Begriffe vom Laden einer Pistole.

„So können wir, denke ich, jetzt unsre Duellanten aufstellen“, bemerkte der Offizier mit einer Gleichgültigkeit, als wären die beiden Gegner Schachfiguren und die Sekundanten die Spieler.

„Ja, das können wir“, erwiderte Mr. Snodgraß, der in seiner Unerfahrenheit in solchen Dingen zu jedem Vorschlag ja gesagt haben würde.

Der Offizier verfügte sich zu Dr. Slammer, und Snodgraß trat an Mr. Winkles Seite.

„Es ist alles in Ordnung“, sagte er und händigte seinem Freunde die Pistole ein. „Geben Sie mir Ihren Mantel.“

„Sie haben doch den Brief an sich genommen, teurer Freund?“ fragte der arme Winkle.

„Alles in Ordnung. Zielen Sie ruhig und schießen Sie ihn durch die Schulter.“

Mr. Winkle kam dieser Rat sehr ähnlich vor wie ein anderer, den Zuschauer bei Straßenboxkämpfen stets und stur auch für den kleinsten Jungen übrig haben: Los, feste, hau ihn um! – Ein großartiger Rat; wenn man nur wüßte, wie man es machen soll. Dennoch legte er schweigend seinen Mantel ab – es verging eine geraume Weile, bis er damit zu Rande kam.– und nahm die Pistole entgegen. Die Sekundanten traten zurück, der Mann auf dem Feldstuhl tat ein Gleiches, und die Duellanten gingen aufeinander zu.

Mr. Winkle stand in dem Rufe außerordentlicher Menschenfreundlichkeit. Vermutlich war auch sein Wunsch, niemand absichtlich zu verletzen, die einzige Ursache, warum er, kaum an der verhängnisvollen Stelle angelangt, die äugen schloß und daher das seltsame und unerklärliche Benehmen des Dr. Slammer nicht gewahren konnte. Dieser stutzte nämlich, sah seinen Gegner an, trat zurück, rieb sich die Augen, sah wieder hin und rief endlich:

„Halt! Halt!“

„Was soll das heißen“, sagte er, als die beiden Sekundanten zu ihm eilten. „Das ist nicht der Mann.“

„Nicht der Mann?“ sagte Dr. Slammers Freund.

„Nicht der Mann?“ wiederholte Mr. Snodgraß.

„Nicht der Mann?“ rief der Gentleman mit dem Feldstuhl in der Hand.

„Bestimmt nicht“, entgegnete der kleine Doktor. „Das ist nicht die Person, die mich gestern nacht beleidigte.“

„Höchst sonderbar!“ rief der Offizier.

„Allerdings!“ sagte der Gentleman mit dem Feldstuhl mit Autoritätsmiene und nahm eine Prise. „Die Frage ist nur, ob dieser Herr, da er auf dem Kampfplatze erschien, nicht formell als das Individuum betrachtet werden muß, das gestern nacht unsern Freund Dr. Slammer beleidigte, mag es nun dieselbe Person sein oder nicht.“

Mr. Winkle hatte die Augen geöffnet und die Ohren dazu, als er seinen Gegner von Einstellung der Feindseligkeiten Sprechen hörte. Er begriff sofort, daß offenbar ein Mißverständnis vorlag und sein Ansehen ungemein steigen mußte, wenn er den wahren Grund seines Erscheinens auf dem Kampfplatz verschwieg. Er trat daher kühn vor und sprach:

„Nein, ich bin’s nicht. Ich weiß es.“

„Dann ist es eine Verhöhnung Dr. Slammers“, sagte der i^Mann mit dem Feldstuhl. „Grund genug, in der Sache fortzufahren.“

„Ich bitte, einen Augenblick, Payne“, fiel ihm der Sekundant ins Wort. „Warum haben Sie mir das nicht heute morgen mitgeteilt, Sir?“

„Ja, ja, warum nicht – warum nicht?“ wiederholte der Herr mit dem Feldstuhl unwillig.

„Ich bitte, lassen Sie mich machen, Payne“, mischte sich der Offizier ein. „Muß ich meine Frage wiederholen, Sir?“

„Weil Sie, mein Herr“, entgegnete Mr. Winkle, der inzwischen Zeit gehabt hatte, über eine passende Antwort nachzudenken, „weil Sie, mein Herr, eine betrunkene und allen Anstandes bare Person als den Träger eines Rockes bezeichneten, den ich nicht allein zu tragen, sondern sogar erfunden zu haben, die Ehre habe – der einstimmig angenommenen Uniform des Pickwick-Klubs in London, Sir. Ich fühlte mich verpflichtet, die Ehre dieser Uniform zu verfechten, und aus keinem ändern Grunde, Sir, habe ich die Forderung ohne weitere Nachforschung angenommen.“

„Mein werter Herr“, rief der gutmütige kleine Doktor und trat mit ausgestreckter Hand heran, „ich ehre Ihren ritterlichen Mut. Erlauben Sie mir, Sir, Ihnen zu sagen, daß ich Ihr Benehmen höchlich bewundere und außerordentlich bedauere, Sie für nichts und wieder nichts ‚hierherbemüht zu haben.“

„Ich bitte, sprechen Sie nicht davon“, lehnte Mr. Winkle bescheiden ab.

„Ich bin stolz darauf, Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben, Sir“, versicherte der kleine Doktor.

„Auch mir gewährt es das größte Vergnügen, Sie kennengelernt zu haben“, entgegnete Mr. Winkle.

Der Doktor und Mr. Winkle reichten sich die Hände; ein Gleiches taten dann Mr. Winkle und Leutnant Tappleton, der Sekundant des Doktors, dann Mr. Winkle und der Herr mit dem Feldstuhl, und endlich Mr. Winkle und Mr. Snodgraß; letzterer ganz hingerissen von Bewunderung über das ritterliche Benehmen seines heldenmütigen Freundes.

„Ich dächte, wir könnten jetzt nach Hause gehen“, meinte Leutnant Tappleton.

„Gewiß“, erklärte der Doktor.

„Wenn nicht etwa“, fügte der Herr mit dem Feldstuhl bei, „wenn nicht etwa Mr. Winkle sich durch die Forderung beleidigt fühlt, in welchem Falle er natürlich das Recht hat, Satisfaktion zu verlangen.“

Mr. Winkle erklärte mit großer Selbstverleugnung, daß die Genugtuung, die er bereits bekommen hatte, hinreichte.

„Vielleicht fühlt sich aber der Sekundant des Gentleman durch gewisse Bemerkungen, die ich anfänglich fallenließ, verletzt“, fuhr der Herr mit dem Feldstuhl fort. „Wäre dies der Fall, so würde ich mich glücklich schätzen, ihm auf der Stelle Satisfaktion zu geben.“

Mr. Snodgraß äußerte sogleich, er wäre dem Herrn für sein liebenswürdiges Anerbieten sehr verbunden, sähe sich jedoch veranlaßt, abzulehnen, da ihn der Verlauf der Sache ungemein befriedigte. Die beiden Sekundanten schlössen ihre Waffenfutterale, und alle verließen den Kampfplatz fröhlicher, als sie gekommen waren.

„Bleiben Sie lange hier?“ fragte Dr. Slammer Mr. Winkle, als sie freundschaftlich nebeneinander gingen.

„Ich denke, wir werden übermorgen wieder abreisen.“

„Dann hoffe ich wenigstens das Vergnügen zu haben, Sie und Ihren Freund bei mir zu sehen, um gemeinsam nach diesem widerwärtigen Mißverständnis noch einen heitern Abend zu verbringen. Sie sind doch nicht für heute vergeben?“

„Wir haben noch einige Freunde hier“, wendete Mr. Winkle ein, „von denen wir uns ungern trennen möchten. Aber vielleicht besuchen Sie und Ihre Kameraden uns im ,Ochsen‘?“

„Mit größtem Vergnügen“, entgegnete der kleine Doktor. „Würde zehn Uhr zu spät sein, um noch ein halbes Stündchen bei Ihnen zu plaudern?“

„Oh, gewiß nicht. Ich werde mich glücklich schätzen, Sie meinen Freunden Mr. Pickwick und Mr. Tupman vorzustellen.“

„Wird mir eine große Ehre sein“, meinte Dr. Slammer, der sich nicht träumen ließ, wer wohl Mr. Tupman wäre.

„Wir dürfen also auf Sie zählen?“ fragte Mr. Snodgraß.

„Gewiß.“

Sie hatten inzwischen die Landstraße wieder erreicht, nahmen herzlichen Abschied voneinander und trennten sich. Dr. Slammer begab sich mit seinen Freunden nach der Kaserne, und Mr. Winkle kehrte, von Mr. Snodgraß begleitet, in den Gasthof zurück.

  1. Ein beachtliches Beispiel für den prophetischen Gehalt der Imagination des Fremden: diese Unterhaltung fand im Jahre 1827 statt, die Revolution erst 1830.

Erstes Kapitel


Erstes Kapitel

Die Pickwickier.

Der erste Lichtstrahl, der das Dunkel erleuchtet und blendende Helligkeit an Stelle jener Finsternis verbreitet, in welche die frühe Geschichte der öffentlichen Laufbahn des unsterblichen Pickwick bisher eingehüllt schien, ging von der sorgsamen Durchsicht folgender Eintragungen in den Sitzungsberichten des Pickwick-Klubs aus, die der Herausgeber dieser Papiere seinen Lesern mit lebhaftem Vergnügen als Beweis für die gründliche Aufmerksamkeit, den unermüdlichen Fleiß und das feine Unterscheidungsvermögen vorlegt, womit die Nachforschungen in der Fülle verschiedenartiger Dokumente, die ihm anvertraut waren, seinerseits durchgeführt worden sind.

12. Mai 1817. Präsidium: Joseph Smiggers, Hochwohlgeb. SVL.–PKM.1 Folgende Resolutionen wurden einstimmig angenommen:

I. „Daß die Sitzungsteilnehmer mit dem Gefühl ungetrübter Befriedigung sowie uneingeschränkter Zustimmung die Verlesung des von Samuel Pickwick, Hochwohlgeb. HV. PKM.2, beigebrachten Schriftstücks anhörten, welches den Titel trug: Spekulationen über die Quelle der Tümpel von Hampstead nebst einigen Bemerkungen zur Theorie der Stichlinge‘, und daß die Sitzungsteilnehmer hiermit dem besagten Samuel Pickwick, Hochwohlgeb. HV. PKM., ihren wärmsten Dank dafür aussprechen.“

II. „Daß die Sitzungsteilnehmer voll und ganz die Vorteile würdigen, welche der Wissenschaft gleichermaßen aus dem eben erwähnten Opus wie überhaupt aus den unermüdlichen Forschungen Samuel Pickwicks, Hochwohlgeb. HV. PKM., in Hornsey, Highgate, Brixton und Camberwell erwachsen müssen, und daher nicht umhin können, sich den unschätzbaren Gewinn lebhaft zu vergegenwärtigen, der sich aus einer Ausdehnung der Spekulationen dieses Gelehrten auf ein breiteres Feld, aus einer Erweiterung seiner Reisen und damit einer Vergrößerung seines Beobachtungsraumes zwangsläufig für den Fortschritt der Wissenschaft und die Verbreitung von Gelehrsamkeit ergeben würde.“

III. „Daß die Sitzungsteilnehmer in der eben erwähnten Absicht einen Vorschlag ernstlich in Erwägung gezogen haben, der von besagtem Samuel Pickwick, Hochwohlgeb. HV. PKM., und drei anderen, nachstehend aufgeführten Pickwickiern ausging, nämlich, eine neue Unterabteilung der Vereinigten Pickwickier unter der Bezeichnung ,Korrespondierende Gesellschaft des Pickwick-Klubs‘ zu gründen.“

IV. „Daß der genannte Vorschlag die Unterstützung und Billigung der Sitzungsteilnehmer gefunden hat.“

V. „Daß daher die Korrespondierende Gesellschaft des Pickwick-Klubs hiermit konstituiert ist und daß Samuel Pickwick, Hochwohlgeb. HV. PKM., Tracy Tupman, Hochwohlgeb. PKM., Augustus Snodgraß, Hochwohlgeb. PKM., und Nathanael“Winkle, Hochwohlgeb. PKM., hiermit nach erfolgter Nominierung zu Mitgliedern derselben ernannt sowie ferner ersucht worden sind, von Fall zu Fall authentische Berichte über ihre Reisen und Untersuchungen, über ihre Beobachtungen der Sitten und Gebräuche wie auch über alle ihre Erlebnisse unter Beifügung sämtlicher Details und Belege, zu denen jeweils die örtliche Szenerie oder irgendwelche Ideenverbindungen Anlaß geben sollten, an den in London residierenden Pickwick-Klub einzusenden.“

VI. „Daß die Sitzungsteilnehmer aufrichtig den Grundsatz der Selbstfinanzierung der Korrespondierenden Gesellschaft hinsichtlich eigener Reisekosten anerkennen und nicht das geringste dagegen einzuwenden haben, daß die Mitglieder der genannten Sektion unter dieser Bedingung ihre Forschungsreisen beliebig lange ausdehnen.“

VII. „Daß den Mitgliedern der obenerwähnten Korrespondierenden Gesellschaft hiermit eröffnet wird und ist, daß ihr Vorschlag, die Postwertzeichen für ihre Briefe sowie die Portogebühren für ihre Pakete selbst zu bezahlen, von den Sitzungsteilnehmern reiflich erwogen wordenist und daß die Sitzungsteilnehmer zu dem Ergebnis kamen, dieser Vorschlag sei der großen Geister, die ihn aufbrachten, durchaus würdig, und daß sie sich hierdurch vorbehaltlos mit ihm einverstanden erklären.“

Ein nachlässiger Beobachter – so fügt der Schriftführer, dessen Aufzeichnungen wir den folgenden Bericht verdanken, hinzu –, ein nachlässiger Beobachter also hätte vielleicht nichts Außergewöhnliches an der Glatze gefunden, auch nicht an den kreisrunden Brillengläsern, die während der Verlesung obiger Resolutionen unverwandt auf sein (des Schriftführers) Gesicht gerichtet waren. Für solche aber, die da wußten, daß Pickwicks gigantisches Hirn hinter dieser Stirn arbeitete und daß die strahlenden Augen Pickwicks hinter jenen Gläsern funkelten, war der Anblick wahrhaft fesselnd.

Da saß der Mann, der die gewaltigen Tümpel von Hampstead bis zu ihren Quellen erforscht und die wissenschaftliche Welt mit seiner Theorie der Stichlinge aufgewühlt hatte, da saß er so ruhig und unbewegt wie die tiefen Wasser der erstgenannten an einem eiskalten Tag oder wie ein einsames Exemplar der letzteren tief im Bauch eines irdenen Kruges. Und um wieviel reizvoller wurde das Schauspiel noch, als seine Anhänger einstimmig in den Ruf“Pickwick“ ausbrachen, worauf Leben und Munterkeit in ihn fuhren und dieser erlauchte Mann gelassen den Lehnstuhl bestieg, auf dem er so lange gesessen hatte, und sich an den Klub wandte, der von ihm selbst gegründet worden war. Welch eine Studie für einen Künstler bot diese erregende Szene dar! Pickwick in seiner Beredsamkeit, die eine Hand mit Grazie hinter seinem Rockschoß verbergend, die andere in der Luft schwenkend, um seinen begeisternden Vortrag noch lebendiger zu gestalten! Seine exponierte Stellung enthüllte Röhrenhosen und Gamaschen, die wohl unbeachtet geblieben wären, wenn sie einen gewöhnlichen Menschen geziert hätten, die nun aber, da Pickwick seinerseits sie zierte (wenn wir uns des Ausdrucks bedienen dürfen), spontane Ehrfurcht und Hochachtung einflößten. Rings um ihn die Männer, die sich freiwillig entschlossen hatten, die Gefahren seiner Reisen zu teilen, und daher auserwählt waren, auch den Ruhm seiner Entdeckungen mit ihm zu genießen. Zu seiner Rechten saß Mr. Tracy Tupman; der allzu empfängliche Tupman, der stets die Weisheit und Erfahrung reiferer Jahre mit der Begeisterung und Glut des Jünglings verband, wenn es sich um die reizvollste und verzeihlichste aller menschlichen Schwächen handelte – um die Liebe. Die Jahre und das Wohlleben hatten seiner einst romantischen Gestalt einen größeren Umfang verliehen; die schwarzseidene Weste hatte sich immer mehr hervorgedrängt, Zoll für Zoll war die goldene Uhrkette dem Gesichtskreis Tupmans entrückt worden, nach und nach war das volle Kinn über die Grenzen der weißen Krawatte hinausgequollen, aber Tupmans Inneres hatte keine Veränderung erlitten: Bewunderung des schönen Geschlechts war immer noch seine Hauptleidenschaft.

Zur Linken seines großen Meisters saß der poetische Snodgraß und neben ihm Mr. Winkle, der Freund der Wälder und Jagden. Ersterer poetisch in einen Mantel gehüllt, dessen geheimnisvolles Blau von einem Kragen aus Kaninchenfell gekrönt wurde, während letzterer in einem neuen grünen Jagdrock, einem gewürfelten schottischen Halstuch und enganliegenden Tuchbeinkleidern prangte.

Mr. Pickwicks Rede bei diesem Anlaß sowie die darauffolgenden Debatten sind in den Protokollen des Klubs niedergelegt. Beide haben große ähnlichkeit mit den Diskussionen anderer berühmter Körperschaften, und da es immer interessant ist, der Verwandtschaft zwischen den äußerungen großer Männer nachzugehen, seien hier wenigstens die ersten Seiten erwähnt.

Mr. Pickwick bemerkte (so lautet die Darstellung des Schriftführers), daß der Ruhm jedermann besonders am Herzen läge. Seinem Freunde Snodgraß ginge es vor allem um dichterischen Ruhm; ebenso erstrebenswert wäre der Ruhm, Herzen zu erobern, für seinen Freund Tupman, und der Ehrgeiz, Ruhm zu ernten in den weidmännischen Bereichen zu Lande, zu Wasser und in der Luft wäre schier übermächtig in der Brust seines Freundes Winkle. Er (Mr. Pickwick) wollte nicht ableugnen, daß auch auf ihn menschliche Leidenschaften und Gefühle gewissen Einfluß hätten (Beifall) – vielleicht sogar menschliche Schwächen (laute Zurufe:“Keinesfalls!“); aber er möchte doch annehmen, daß die Flamme der Selbstsucht, wenn sie je in seiner Brust aufloderte, mit Nachdruck von dem Wunsche erstickt würde, in erster Linie der Menschheit zu dienen. Lob und Preis dem Menschentum – das wäre der Fittich seines Geistes; Menschenliebe wäre für ihn die höchste Instanz. (Stürmischer Beifall.) Er hätte einen gewissen Stolz empfunden – das gäbe er offen zu, und seine Feinde dürften nun darüber herfallen –, er hätte also einen gewissen Stolz empfunden, als er der Welt seine Stichlingstheorie eröffnet hätte; sie mochte nun anerkannt werden oder auch nicht. (Ein Ruf: „Das ist sie schon!“ und lauter Beifall.) Er wollte der Versicherung des ehrenwerten Pickwickiers, dessen Stimme er soeben gehört hätte, Glauben schenken – also gut: sie wäre anerkannt; aber wenn auch der Ruhm jener Abhandlung bis an die äußerste Grenze der Welt dringen sollte, so würde doch der Stolz, mit dem er auf die Autorschaft dieses Erzeugnisses blickte, nichts gegen das Gefühl des Stolzes sein, mit dem er in diesem, dem stolzesten Augenblick seines Daseins um sich blickte. (Beifall.) Er wäre ja nur eine unscheinbare Person (Widerspruch); aber er könnte trotzdem nicht umhin, zu empfinden, daß man ihn zu einer sehr ehrenvollen und auch nicht ungefährlichen Sendung auserkoren hätte. Das Reisen wäre jetzt eine mißliche Sache; zumal bei der notorischen Unzuverlässigkeit der Kutscher. Man brauchte sich nur umzublicken und die Vorfälle zu betrachten, die sich ringsumher ereigneten. überall würden Wagen umgeworfen, Pferde gingen durch, Boote kippten um und Dampfkessel platzten. (Beifall – eine Stimme: „Nein!“) Nein? (Beifall.) Das verehrliche Pickwick-Klub-Mitglied, das so laut „Nein!“ gerufen hätte, möchte doch vortreten und alles das leugnen, wenn es könnte! (Beifall.) Der da „Nein!“ gerufen hätte, sollte sich melden! (Enthusiastischer Beifall.) Ob es womöglich ein erfolgloser und enttäuschter Mensch wäre, um den Ausdruck Kleinigkeitskrämer zu vermeiden (lauter Beifall), den die Eifersucht auf das – vielleicht unverdiente – Lob, das man seinen (Mr. Pickwicks) Untersuchungen gezollt hätte, und der Kummer über den Schimpf, den ihm seine eigenen läppischen Konkurrenzversuche eingebracht hätten, schließlich zu dieser ekelhaften und verleumderischen Art …

Hier meldete sich Mr. Blotton (von Aldgate) unter Berufung auf die Geschäftsordnung zum Wort. Ob etwa der verehrliche Pickwickier auf ihn anspielen wollte? (Rufe:“Zur Geschäftsordnung!“ – „Hinsetzen!“ – „Ja!“ – „Nein!“ – „Weiter!“ – „Laß doch sein!“ und so weiter.)

Mr. Pickwick erklärte, er könnte es nicht über sich bringen, sich durch Geschrei unterkriegen zu lassen. Er hätte allerdings den ehrenwerten Herrn gemeint. (Große Aufregung.)

Mr. Blotton sagte, er hätte darauf weiter nichts zu erwidern, als daß er die unwahre und lächerliche Beschuldigung des ehrenwerten Vorredners mit tiefer Verachtung zurückweisen müßte. (Große Bewegung.) Der ehrenwerte Vorredner wäre ein Aufschneider. (Ungeheure Verwirrung und laute Rufe: „Zur Geschäftsordnung!“ und „Hinsetzen!“.)

Mr. A. Snodgraß meldete sich zum Wort. Er sähe sich genötigt, an den Vorsitzenden zu appellieren. („Hört.!“) Er wünschte zu wissen, ob es geduldet werden könnte, daß dieser schmähliche Streit zwischen zwei Mitgliedern des Klubs fortgesetzt würde. („Hört, hört!“)

Der Vorsitzende gab hierauf seiner Überzeugung Ausdruck, daß der ehrenwerte Pickwickier den Ausdruck zurücknehmen würde, dessen er sich soeben bedient hätte.

Mr. Blotton erklärte, dies bei aller Achtung vor dem Vorsitzenden nicht tun zu wollen.

Der Vorsitzende hielt es darauf für seine Pflicht, den ehrenwerten Herrn direkt zu fragen, ob er sich des ihm entschlüpften Ausdrucks im landläufigen Sinne bedient hätte.

Mr. Blotton zögerte nicht im geringsten, die Frage zu verneinen; er hätte das Wort lediglich in seiner pickwickischen Bedeutung gebraucht. („Hört, hört!“) Er fühlte sich verpflichtet, zu erklären, daß er persönlich die größte Hochachtung für den betroffenen ehrenwerten Herrn empfände. Als einen Aufschneider hätte er ihn lediglich in einer gewissen pickwickischen Perspektive betrachtet. („Hört, hört!“)

Mr. Pickwick fühlte sich durch die offene, aufrichtige und umfassende Erklärung seines verehrten Freundes vollkommen zufriedengestellt und erklärte gleichzeitig, daß auch seine eigenen Bemerkungen nur als Klubausdruck aufzufassen wären. (Beifall.)

Hier enden diese Eintragungen, und mit der Debatte geschah, nachdem sie zu einem so überaus befriedigenden und einleuchtenden Ergebnis geführt hatte, zweifellos das gleiche. Wir besitzen zwar keine offiziellen Berichte über die Tatsachen, welche der Leser im nächsten Kapitel verzeichnet finden wird, aber sie wurden sorgfältig aus Briefen und anderen handschriftlichen Dokumenten zusammengestellt, deren Echtheit genügend außer Zweifel steht, um ihre zusammenhängende Darstellung in erzählerischer Form zu rechtfertigen.

  1. Stellvertretender Vorsitzender auf Lebenszeit. – Pickwick-Klub-Mitglied.
  2. Hauptvorsitzender. – Pickwick-Klub-Mitglied.