VIII. Glaube, Gesetz.

Wir tadeln die Kirche, wenn sie sich an Intriguen satt frißt, wir verachten das Geistliche, das nach dem Weltlichen giert, überall aber ehren wir den denkenden Menschen.

Wir verneigen uns vor dem Knieenden.

Der Glaube ist für den Menschen eine Nothwendigkeit. Wehe dem, der an nichts glaubt!

Man ist nicht unbeschäftigt, wenn man in Gedanken versunken ist. Es giebt eine sichtbare und unsichtbare Arbeit.

Betrachten heißt pflügen, denken handeln. Die übereinandergeschlagenen Arme, die gefalteten Hände arbeiten auch. Der Blick zum Himmel ist auch ein Werk.

Thales blieb vier Jahre unbeweglich. Er begründete die Philosophie.

Für uns sind die Klosterbewohner keine Müßiggänger, die Einsamen keine Faullenzer.

Trotz alledem, was wir gesagt haben, ist die Bemerkung nicht inconsequent, daß der stäte Gedanke an das Grab den Lebendenden nicht unziemlich ist.

In diesem Punkte stimmen der Geistliche und der Philosoph überein.

Es giebt ein materielles Wachsthum und eine moralische Größe; wir wollen Beides.

Die, welche immer beten, beten mit für die, welche nie beten.

Für uns kommt Alles auf die Gedanken an, mit denen man betet.

Wenn Leibnitz betet, so ist das groß; wenn Voltaire betet, so ist das etwas Schönes.

Wir sind für die Religion gegen die Religionen.

Wir gehören zu denen, welche an die Erbärmlichkeit der Gebete und an die Erhabenheit des Gebetes glauben.

Uebrigens erscheint uns in der jetzigen uns zum Leben angewiesenen Minute, die hoffentlich dem neunzehnten Jahrhundert ihre Gestalt nicht hinterlassen wird, in dieser Stunde, in welcher so viele Menschen eine niedrige Stirn und eine kleine Seele haben, unter so vielen Lebenden, welche nur den Genuß als Moral kennen und die sich mit kleinlichen unbedeutenden Interessen der Materie beschäftigen, jeder ehrwürdig, der sich in die Verbannung begiebt. Wenn auch die Art, wie das Opfer gebracht werden mag, falsch ist, das Opfer bleibt doch immer Opfer. Es hat sein Großartiges, einen strengen Irrthum als Pflicht anzunehmen.

An sich, als Ideal, hat das Kloster, das Frauenkloster namentlich – denn in unserer Gesellschaft leidet das Weib am meisten und in diesem Exil des Klosters liegt eine Protestation – unbestreitbar eine gewisse Majestät.

Dieses so strenge und düstere Klosterleben ist nicht das Leben, denn es ist nicht die Freiheit; es ist auch nicht das Grab, es ist der seltsame Ort, von dem aus man, wie von der Spitze eines hohen Berges, auf der einen Seite den Abgrund, in dem wir sind, auf der anderen den Abgrund, in dem wir sein werden, erblickt; es ist eine schmale neblige Grenze, welche zwei Welten von einander trennt, von beiden zugleich beleuchtet und verdunkelt, wo der schwache Strahl des Lebens mit dem undeutlichen Schimmer des Todes sich mischt: es ist das Halbdunkel des Grabes.

IX. Ein Jahrhundert unter einem klösterlichen Busentuche.

In dem kleinen Kloster befand sich eine Nonne von hundert Jahren, die aus der Abtei von Fontevrault gekommen war. Vor der Revolution hatte sie sogar in der Welt gelebt. Sie sprach viel vom Herrn Miromesnil, Siegelbewahrer unter Ludwig XVI. und von einer Präsidentin Duplat, welche sie sehr gut gekannt. Es war ihre Freude und ihr Stolz, diese beiden Namen bei jeder Gelegenheit zu erwähnen. Sie erzählte Wunderdinge von der Abtei Fontevrault, daß sie wie eine Stadt sei und daß es Straßen in dem Kloster gebe.

Sie sprach im Dialekt der Picardie, worüber die Pensionärinnen immer sehr lachen mußten. Alle Jahre erneuerte sie feierlich ihr Gelübde.

Geschichten erzählte sie sehr gern. Sie sagte, »in ihrer Jugend hätten die Bernhardiner den Mousquetairen nicht nachgestanden.« Sie erzählte auch von der Sitte mit den vier Weinen, welche vor der Revolution in der Champagne und in Burgund üblich gewesen war. Wenn eine hohe Persönlichkeit, ein Marschall von Frankreich, ein Prinz, ein Herzog oder ein Pair, durch eine Stadt kam, so hielt die städtische Behörde eine Rede an ihn und überreichte ihm vier silberne Becher, in welche man vier verschiedene Weinsorten gegossen hatte. Auf dem ersten las man folgende Inschrift: »Affenwein,« auf dem zweiten: »Löwenwein,« auf dem dritten: »Schafwein,« und auf dem vierten: »Schweinewein.« Diese vier Inschriften bezeichneten die vier Grade der Trunkenheit. Der erste Grad der Trunkenheit macht heiter, der zweite zornig, der dritte stumpf, der vierte zum Vieh.

In ihrem Schranke hatte sie unter Schloß und Riegel einen geheimnißvollen Gegenstand, an dem sie sehr hing. Die Regel von Fontevrault untersagte ihr das nicht. Niemandem wollte sie den Gegenstand zeigen. Sie schloß sich ein, was die Regel ihres Ordens ihr ebenfalls gestattet, und versteckte sich jedesmal, wenn sie ihn betrachten wollte. Wenn sie in dem Corridor gehen hörte, so schloß sie den Schrank so eilig, als sie mit ihren alten Händen nur konnte, zu. Sobald man darüber mit ihr sprach, schwieg sie, sie, welche doch so gern sprach. Die Neugierigsten scheiterten an ihrem Schweigen und die Zähesten an ihrer Hartnäckigkeit.

Nach dem Tode der armen Alten, eilte man schneller vielleicht als es schicklich war an den Schrank und öffnete ihn. Dreifach in Leinwand eingehüllt, fand man den Gegenstand. Es war ein Fayence-Teller mit Malerei. Amoretten, welche, verfolgt von Apothekerjungen mit großen Klystierspritzen, davonfliegen. Es wimmelt von komischen und lächerlichen Stellungen. Ein reizender kleiner Amor ist bereits gespießt. Er wehrt sich, schlägt mit seinen kleinen Flügeln und versucht noch zu fliegen, aber der kleine Spritzenheld lacht satanisch. Die Moral ist: die Liebe besiegt durch Kolik.

Diese gute Alte nahm Besuche von außen nicht an. Das Sprechzimmer war ihr »zu traurig,« wie sie sagte.

II. Glücklicherweise trägt die Austerlitz-Brücke Wagen.

Für Johann Valjean war die Ungewißheit vorbei, glücklicher Weise dauerte sie noch für die vier Männer fort. Er benutzte ihr Zögern, es war für sie verlorene, für ihn gewonnene Zeit. Er ging aus seinem Verstecke hervor und nach dem botanischen Garten zu. Cosette fing an müde zu werden, er nahm sie in seine Arme und trug sie. Er begegnete Niemand und des Mondscheins wegen hatte man die Laternen nicht angezündet.

Er verdoppelte seine Schritte, passirte den botanischen Garten und gelangte endlich auf den Quai. Hier drehte er sich um. Der Quai war leer. Die Straßen waren öde. Niemand hinter ihm Er athmete auf.

Er erreichte die Austerlitz-Brücke.

Damals mußte noch Brückengeld bezahlt werden. Er trat an die Einnahmestelle und zahlte einen Sous.

»Es macht zwei Sous,« sagte der Invalide. »Sie tragen da ein Kind, das gehen kann. Sie müssen für zwei bezahlen.«

Aergerlich darüber, daß er zu einer Bemerkung Veranlassung gegeben, bezahlte er. Jede Flucht muß ein Entschlüpfen sein.

Gleichzeitig mit ihm passirte ein schwer beladener Wagen die Seine. Dieser wollte sich, ebenso wie er, auf das rechte Ufer derselben begeben. Das war ihm nützlich. Er konnte die ganze Brücke im Schatten dieses Wagens überschreiten. Ungefähr in der Mitte der Brücke wünschte Cosette wieder zu gehen, da ihr die Beine eingeschlafen. Er ließ sie herunter und nahm sie wieder bei der Hand.

Hinter der Brücke sah er ein wenig rechts Holzlagerplätze. Er ging darauf zu. Um dorthin zu gelangen, mußte er sich in einen ziemlich großen, freien und hellbeschienenen Raum wagen. Er zögerte nicht. Die, welche ihn verfolgten, hatten offenbar seine Spur verloren. Johann Valjean glaubte sich außer Gefahr. Man suchte ihn noch – ja, man folgte ihm aber nicht mehr.

Zwischen zwei von Mauern eingeschlossenen Lagerplätzen ging ein Gäßchen hin, schmal und dunkel, als sei es ganz besonders für ihn gemacht. Ehe er hineintrat, sah er hinter sich.

Von seinem Standpunkt aus konnte er die ganze Länge der Brücke von Austerlitz übersehen.

Vier Schatten traten eben auf die Brücke. Sie wendeten dem botanischen Garten den Rücken zu und gingen auf das rechte Seineufer. Diese vier Schatten waren die vier Männer.

Johann Valjean empfand das Zittern eines wiedergefangenen Wildes.

Eine Hoffnung blieb ihm: daß die vier Männer in dem Augenblicke, als er mit Cosetten an der Hand über den hellen Platz gegangen, noch nicht auf der Brücke gewesen und ihn noch nicht gesehen hätten.

In diesem Falle konnte er entkommen, wenn er durch das vor ihm liegende Gäßchen die Holzplätze erreichte und die unbebauten äußeren Stellen der Stadt.

Er glaubte sich dem schweigsamen Gäßchen anvertrauen zu können und schritt hinein.

X. Ursprung der Ewigen Anbetung.

Der Orden der Ewigen Anbetung ist nicht sehr alt. Es sind seit seinem Entstehen noch nicht zweihundert Jahre verflossen.

Im Jahre 1649 wurde die Heilige Monstranz zwei Mal in einer Zeit von nur wenigen Tagen in zwei Kirchen zu Paris entweiht. Diese entsetzliche und seltene Kirchenschändung setzte die ganze Stadt in Aufregung. Der Prior Groß-Vicar von St. Germain des Pres ordnete eine feierliche Prozession seiner ganzen Geistlichkeit an, bei welcher der päpstliche Nuntius celebrirte. Diese Sühnung genügte jedoch zweien würdigen Frauen, der Madame Courtin, Marquise v. Boucs und der Gräfin von Chateauvieux nicht. Diese gegen das »allerheiligste Sakrament des Altares« verübte Schmähung konnten die beiden frommen Seelen nicht vergessen und schien ihnen nicht anders gut gemacht werden zu können als durch eine Ewige Anbetung in einigen Nonnenklöstern. Beide, die eine 1652, die andere 1653 übermachten der Mutter Katharina von Bar, genannt vom heiligen Sakrament, einer Benedictinerin, ansehnliche Summen zum Geschenk, um zu diesem frommen Zwecke ein Kloster vom Orden des heiligen Benedict zu gründen. Die erste Erlaubniß zu dieser Stiftung erhielt Katharina von Bar von Herrn v. Metz, Abt von St. Germain, unter der Bedingung, »daß kein Mädchen aufgenommen werde, welche nicht dreihundert Livres Renten, also ein Kapital von sechstausend Livres, mitbringe.«

Die königliche Bestätigung datirt von 1654. Drei Jahre später, also im Jahre 1657 ermächtigte der Papst Alexander XII. durch ein besonderes Breve, auch die Bernhardinerinnen von Klein-Picpus die Ewige Anbetung zu verrichten, ebenso wie die Benedictinerinnen vom Heiligen Sakrament.

Die beiden Orden selbst sind jedoch ganz verschieden von einander.

XI. Ende von Klein-Picpus.

Seit dem Beginn der Restauration verfiel das Kloster von Klein-Picpus; es unterlag dem allgemeinen Hinsterben des Klosterlebens, welches seit Ablauf des achtzehnten Jahrhunderts vergeht, wie alle religiösen Orden. Die beschauliche Selbstbetrachtung ist wie das Gebet ein Bedürfnis des Menschen. Wie alles aber, was die Revolution berührt hat, wird sie sich umgestalten und dem gesellschaftlichen Fortschritte nicht ferner feindlich sein, sondern ihm günstig werden.

Das Haus in Klein-Picpus entvölkerte sich schnell. Im Jahre 1840 war das kleine Kloster verschwunden, ebenso das Pensionat. Es gab weder alte Frauen noch junge Mädchen darin; die einen waren gestorben, die anderen hatten das Haus verlassen.

Wegen der Strenge der Ordensregel ergänzt sich der Orden nicht mehr. Vor vierzig Jahren waren ungefähr noch hundert Nonnen im Kloster, vor fünfzehn Jahren nur noch achtundzwanzig. Im Jahre 1847 war die Priorin eine junge Dame von noch nicht vierzig Jahren, ein Zeichen, daß der Kreis der Wählbaren zusammengeschrumpft war. Und in dem Maaße, in welchem die Anzahl sich verringert, in demselben Maaße wird der Dienst einer Jeden beschwerlicher.

Wegen dieses Verfalles hat das Kloster auch die Erziehung von Mädchen aufgegeben. –

Wir haben vor diesem außerordentlichen, unbekannten, dunklen Hause nicht vorüber gehen können, ohne in dasselbe einzutreten, ohne in dasselbe das Gemüth der Leser, welche uns begleiten und denen wir unsere Erzählung vortragen, einzuführen. Für Manche wird dieser Besuch vielleicht nicht nutzlos gewesen sein. Wir haben von diesem seltsamen Orte mit möglichster Ehrfurcht gesprochen, wenn die Mittheilung einiger Einzelheiten uns auch manchmal betreffs der dem heiligen Orte schuldigen Rücksicht verdächtigt haben mag. Wir begreifen nicht Alles, wir wollen aber Niemand beleidigen. Wir sind ebenso weit entfernt von dem Hosiannah Joseph de Maistres, wie von dem höhnischen Grinsen Voltaires, welcher sogar das Crucifix verspottete.

Im neunzehnten Jahrhundert erleidet die religiöse Idee eine Krisis. Man verlernt gewisse Dinge und man thut wohl daran, wenn man nur statt dessen etwas anderes lernt. Im menschlichen Herzen darf es keinen leeren Raum geben. Wenn dem Einsturz der Neubau folgt, so kann man sich trösten.

Die Nachahmungen der Vergangenheit nehmen falsche Namen an und nennen sich gern Zukunft. Die Vergangenheit ist ein Gespenst, das gar zu häufig seinen Paß fälscht. Wir müssen uns in Acht nehmen, daß wir uns von diesem Passe nicht täuschen lassen und Todtes nicht für das Leben der Zukunft halten. Die Vergangenheit hat ein Gesicht und eine Maske; das Gesicht ist der Aberglaube, die Maske ist die Heuchelei. Zeigen wir das Gesicht und reißen wir die Maske ab.

Die Klosterfrage ist eine sehr verwickelte. Sie ist eine Frage der Civilisation, welche sie verurtheilt; sie ist eine Frage der Freiheit, welche sie in ihren Schutz nimmt.

I. Das Kloster als abstracter Begriff.

Dieses Buch ist ein Drama, in welchem das Unendliche die erste, der Mensch die zweite Rolle spielt.

Da dem so ist und wir auf unserm Wege ein Kloster gefunden haben, so mußten wir in dasselbe eintreten, denn das Kloster, dem Morgenlande wie dem Abendlande, dem Alterthume wie der modernen Zeit, dem Heidenthume, dem Buddhaismus, dem Mohamedanismus, wie dem Christenthume eigen, ist ein optischer Apparat, welchen der Mensch auf das Unendliche richtet.

Es ist hier nicht der Ort, über die Grenzen dieses Werkes hinaus gewisse Ideen zu entwickeln; bei aller Einschränkung jedoch müssen wir aber sagen, daß wir jedesmal uns von Achtung ergriffen fühlen, wenn wir in den Menschen dem Unendlichen begegnen; der Mensch mag es gut oder schlecht verstanden haben. Es giebt in der Synagoge, in der Mosche, in der Pagode, dem Wigwam eine häßliche Seite, die wir verwünschen, aber auch eine erhabene, die wir verehren. Welche endlose Betrachtung für den Geist ist die Widerspiegelung Gottes im Menschen!

II. Das Kloster als historische Thatsache.

Vom Gesichtspunkte der Geschichte, der Vernunft und der Wahrheit aus ist das Mönchthum verurtheilt.

Wenn die Klöster bei einer Nation zu zahlreich sind, so bilden sie Knoten, welche die Cirkulation hindern und Mittelpunkte der Faulheit. Die Klostergemeinden verhalten sich zu der großen gesellschaftlichen Gemeinschaft wie die Mispel zur E:che, wie die Warze zum menschlichen Körper. Ihr Gedeihen ist die Verarmung des Landes. Die Mönchsherrschaft, welche im Anfange der Civilisation gut war und dazu beitrug, durch das Geistige die Roheit zu mäßigen, ist, nachtheilig im Mannesalter der Völker.

Die Klöster haben ihre Zeit gehabt. Nützlich der ersten Erziehung der modernen Civilisation, wurden sie ihrem Wachsthum lästig und ihrer Entwickelung schädlich. Im zehnten Jahrhunderte waren sie gut, im fünfzehnten konnte man über ihren Werth streiten, im neunzehnten Jahrhundert aber sind sie unbedingt verwerflich. Der Mönchsaussatz hat zwei bewundernswürdige Nationen, Italien und Spanien, von denen Jahrhunderte lang die eine die Leuchte, die andere der Glanz Europas gewesen waren, bis fast zum Gerippe zerfressen. Erst jetzt beginnen die beiden erlauchten Völker, Dank der gesunden und kräftigen Gesundheitslehre von 1789, zu genesen.

Das Kloster, namentlich das ehemalige Frauenkloster, wie es an der Schwelle unseres Jahrhunderts noch in Italien, in Oestreich und in Spanien erscheint, ist eine der düstersten Schöpfungen des Mittelalters.

Thatsachen sprechen. Sie lassen sich schwerlich in Abrede stellen, sie stehen fest.

Der Verfasser dieses Buches hat mit eigenen Augen, acht Meilen von Brüssel in der Abtei von Villers das Loch der Verließe gesehen, mitten in der Wiese, wo der Hof des Klosters gewesen war, am Dyle, vier steinerne Kerker, halb unter der Erde, halb unter dem Wasser. Das waren die in pace 5. Jeder dieser Kerker hat einen Ueberrest von einer eisernen Thür, eine Latrine und ein vergittertes Fenster, außen zwei Fuß über dem Flusse, innen sechs Fuß über dem Boden. Außen längs der Mauer hin fließt vier Fuß tief der Fluß. Der Boden ist immer feucht. Diejenigen, welche in pace wohnten, hatten diesen Boden als Bett. In einem dieser Kerker befindet sich ein Stück eines in der Wand geschmiedeten Halseisens; in einem andern sieht man einen viereckigen aus vier Granitplatten gemachten Kasten, zu kurz, um sich hinein zu legen, zu niedrig, um darin aufstehen zu können. Darein steckte man einen Menschen und darüber legte man eine Steindecke! Diese in pace, diese Kerker, diese Eisenangeln, jenes Halseisen, jenes Fenster, jener Fußboden, jener Steinkasten mit dem Steindeckel darauf wie ein Grab – sind das keine Thatsachen, sind das keine Zeugen!?

  1. D. h. in Frieden, bezeichnet in gewisser ironischer Weise Kerker.

III. Unter welcher Bedingung man die Vergangenheit achten kann.

Das Mönchsthum, wie es in Spanien bestand und in Thibet noch besteht, ist eine Art Schwindsucht für die Civilisation. Es hält das Leben auf, schon aus dem einfachen Grunde, weil es entvölkert. Dazu nehme man die so oft dem Gewissen angethane Gewalt, den erzwungenen Beruf für das Kloster, das sich auf das Kloster stützende Feudalwesen, das Erstgeburtsrecht, welches das Zuviel der Familie dem Kloster zuführte, die Grausamkeiten, von denen wir gesprochen haben, und wir werden zittern vor der Kutte und dem Schleier, diesen beiden Grabtüchern menschlicher Erfindung.

Gleichwohl dauert hartnackig an gewissen Orten trotz der Philosophie und des Fortschritts der Klostergeist noch fort mitten im neunzehnten Jahrhundert. Der Eigensinn veralteter Einrichtungen, fortdauern zu wollen, gleicht der Hartnäckigkeit ranzigen Parfüms, das unser Haar ölen, der Anmaßung eines verdorbenen Fisches, der gegessen sein will, der Anmaßung eines Knabenanzuges, den ein Mann noch tragen soll: ist grade so als wenn ein Leichnam noch zärtliche Umarmungen machen wollte.

Ihr Undankbaren! sagt der Knaben-Rock; ich habe Euch bei schlechter Zeit geschützt, warum wollt ihr nichts mehr von mir wissen? Ich war im frischen, klaren Wasser des Sees, sagt der Fisch. Ich war eins Rose, sagt das Parfüm. Ich habe Euch geliebt, sagt der Leichnam.

Ich habe zu Eurer Civilisation beigetragen, sagt das Kloster.

Darauf giebt es nur eine Antwort: Ehemals.

Ist es doch seltsam, zu glauben, Dinge, welche gestorben sind, lebten noch und würden noch ewig leben; es ist doch seltsam, wenn der Gegenwart die Vergangenheit sich aufdringen will. Und doch giebt es Vertreter dieser Theorie. Diese sonst geistreichen Leute haben ein sehr einfaches Verfahren: sie übertünchen die Vergangenheit und diesen Ueberzug nennen sie gesellschaftliche Ordnung, göttliches Recht, Moral, Familie, Achtung vor den Vorfahren, alte Autorität, heilige Tradition, Legitimität, Religion. Es ist dies die bekannte Logik der Alten, welche auch bei den Haruspices in Uebung war. Sie bestrichen eine junge schwarze Kuh mit Kreide und sagten: sie ist weiß. Der sogenannte bos eretatus (bekreidete Ochse).

Was uns betrifft, so achten und schonen wir hier und da die Vergangenheit, wir schonen sie jedoch nur dann, wenn sie nicht aufs Leben Anspruch machen, wenn sie todt sein will. Will sie leben, so greifen wir sie an und suchen sie zu tödten.

Aberglaube, Bigotterie, Muckerthum, Vorurtheile, diese Larven haben, obgleich sie Larven und Schatten sind, ein zähes Leben. Der Schatten ist schwer an der Kehle zu packen und niederzuwerfen.«

Ein Kloster im vollen Mittag des neunzehnten Jahrhunderts, mitten in der Stadt von 1789, 1830 und 1848, Rom in Paris, ist ein Anachronismus.

V. Zerstreuungen.

Ueber der Thür des Refectoriums stand mit großen schwarzen Buchstaben das so genannte »weiße Vater Unser«, ein Gebet, welches die Kraft besitzen soll, die Leute, diejenigen welche es beten, jedenfalls ins Paradies zu bringen.

Im Jahre 1827 war es unter dem Anstrich verschwunden, jetzt ist es auch in der Erinnerung der meisten jungen Mädchen von damals, welche heute alte Frauen sind, erloschen.

Ein großes, an die Wand genageltes Crucifix vervollständigte die Ausschmückung des Refectoriums, dessen einzige Thür sich nach dem Garten zu öffnete. Zwei schmale Tafeln bildeten zwei lange, parallele Linien von einem Ende des Refectoriums, bis zum andern. Längs der Tische standen zwei Bänke von Holz. Die Wände waren weiß, die Tische schwarz. Diese beiden Trauerfarben sind die einzigen Abwechselungen in den Klöstern. Die Mahlzeiten waren unfreundlich und selbst das Essen der Kinder war spartanisch. Eine einzige Schüssel Fleisch und Gemüse oder gesalzener Fisch; das war der Luxus. Dieses allein für die Pensionärinnen vorbehaltene Essen war indeß eine Ausnahme. Die Kinder aßen schweigend unter der Aufsicht der Wochen-Mutter, welche von Zeit zu Zeit, wenn eine Fliege gegen die Regel zu fliegen und zu summen anfing, geräuschvoll ein hölzernes Buch auf- und zuschlug. Dieses Schweigen würzten Lebensbeschreibungen von Heiligen, welche auf einer kleinen Kanzel mit einem am Fuße des Crucifixes angebrachten Pult mit lauter Stimme vorgelesen wurden. Die Vorleserin war eine große Pensionärin, welche die Woche hatte. In gewissen Entfernungen standen auf dem ungedeckten Tische Schüsseln, in denen die Pensionärinnen selbst ihr Couvert abwuschen und in die sie zuweilen auch einige Stücke von Ueberbleibseln warfen, zähes Fleisch oder verdorbenen Fisch. Das wurde bestraft.

Dasjenige Kind, welches das Schweigen brach, machte »mit der Zunge ein Kreuz.« Wo? Am Fußboden. Der Staub, dieses Ende aller Freuden, mußte diese armen kleinen Rosenblätter züchtigen, die sich des Rauschens schuldig gemacht.

In dem Kloster befand sich ein Buch, das nur in einem einzigen Exemplar gedruckt worden und in dem zu lesen verboten ist. Es enthält die Regel des heiligen Benedikt, ein Geheimniß, in das kein profanes Auge dringen darf.

Eines Tages gelang es den Pensionärinnen das Buch zu entwenden und sie fingen gierig an darin zu lesen, machten aber das Buch schnell wieder zu, da sie in ihrer Lectüre durch die Angst, überrascht zu werden, zu häufig unterbrochen wurden. Einige unverständliche Seiten über die Sünden kleiner Knaben, war noch das »Interessanteste« darin gewesen.

Trotz der ungeheueren Aufsicht und Strenge der Strafen gelang es ihnen doch bisweilen, wenn der Wind die Bäume geschüttelt hatte, verstohlen einen grünen Apfel, eine verdorbene Aprikose oder eine wurmstichige Birne aufzuheben. Ich lasse jetzt einen Brief sprechen, der vor mir liegt und den vor fünfundzwanzig Jahren eine der ehemaligen Pensionärinnen, die jetzt Herzogin M… und eine der elegantesten Frauen von Paris ist, geschrieben hatte. Er lautet wörtlich wie folgt:

»Man versteckt seine Birne oder seinen Apfel wie man kann. Wenn man hinauf geht, um vor dem Abendessen den Schleier auf das Bett zu legen, so steckt man das Obst unter das Kopfkissen und ißt es Abends im Bett oder, wenn das nicht geht, im geheimen Orte.« Das war das größte Vergnügen.

Einmal, auch um die Zeit eines Besuches des Erzbischof’s in dem Kloster, wettete ein junges Mädchen, ein Fräulein Bouchard, gewissermaßen eine Verwandte der Montmorency, daß sie den Erzbischof um einen freien Tag bitten würde, etwas Unerhörtes! Die Wette wurde angenommen, aber keine von denen, die sie annahmen, auch Fräulein Bouchard nicht, glaubte daran. Als der Augenblick gekommen war, als nämlich der Erzbischof an den Pensionärinnen vorbei ging, trat Fräulein Bouchard, zum unbeschreiblichen Entsetzen ihrer Kameradinnen, aus der Reihe heraus und sagte: »Gnädiger Herr, einen freien Tag!« Fräulein Bouchard war groß und frisch, mit dem niedlichsten Rosengesicht von der Welt. Herr von Quelen lächelte und sagte: »Wie, mein liebes Kind, einen freien Tag? Drei Tage, wenn Du willst. Ich bewillige drei Tage.« Die Priorin konnte nichts dagegen thun, der Erzbischof, hatte gesprochen. Es war ein Aergerniß für das Kloster, aber eine Freude für das Pensionat. Die Wirkung kann man sich denken.

Dieses abstoßende Kloster war indeß nicht so fest ummauert, daß das Leben der Leidenschaften, der Außenwelt, das Drama, sogar der Roman nicht hineingedrungen wären. Zum Beweise beschränken wir uns hier kurz eine wirkliche und unbestreitbare Thatsache anzudeuten, welche indeß an und für sich mit der Geschichte, die wir erzählen, in gar keiner Verbindung steht. Wir erwähnen die Thatsache um das Bild des Klosters im Geiste des Lesers zu vervollständigen

Um diese Zeit also befand sich, in dem Kloster eine geheimnißvolle Person, die nicht Nonne war, die man mit großer Achtung behandelte und »Madame Albertine« nannte. Man wußte weiter nichts von ihr, als daß sie irr war und daß sie in der Welt für todt galt.

Es steckten, wie man sagte, Vermögensbeziehungen dahinter, welche wegen einer großen Heirath nöthig gewesen waren.

Diese kaum dreißig Jahre alte, brünette ziemlich schöne Frau sah mit großen schwarzen Augen unsicher um sich her. Sah sie wirklich? Man zweifelte daran. Sie glitt mehr als sie ging; sie sprach niemals, es war nicht einmal gewiß, ob sie athmete. Ihre Nase war spitz und bleich wie nach dem letzten Seufzer. Ihre Hand berühren hieß Schnee anfühlen. Sie hatte eine seltsame gespenstische Anmuth. Man fror, wo sie erschien.

Man erzählte hunderterlei Geschichten über Madame Albertine. Sie war der Gegenstand der ewigen Neugierde der Pensionärinnen. In der Kapelle befand sich eine Tribüne, welche man das »Ochsenauge« nannte. Auf dieser Tribüne, die nur ein rundes Fenster hatte, ein »Ochsenauge«, wohnte Madame Albertine dem Gottesdienste bei. Sie war gewöhnlich hier allein, weil man von der im ersten Stockwerke befindlichen Tribüne den Geistlichen oder den Administranten sehen konnte, was den Nonnen verboten war. Eines Tages stand ein junger Priester von hohem Range auf der Kanzel, der Herzog von Rohan, Pair von Frankreich, gestorben 1830 als Cardinal und Erzbischof von Besançon. Er predigte zum ersten Mal in dem Kloster von Klein-Picpus. Madame Albertine wohnte gewöhnlich der Predigt und der Messe in vollkommener und vollständiger Unbeweglichkeit bei. An diesem Tage aber richtete sie sich, als sie kaum Herrn von Rohan bemerkt, halb in die Höhe und rief laut in die Stille der Kapelle hinein: »Sieh doch, August!«

Die ganze Klostergemeinde sah sich entsetzt um, der Prediger blickte empor, Madame Albertine aber war wieder in ihre Unbeweglichkeit versunken. Ein Hauch von der äußeren Welt, ein Schein des Lebens war einen Augenblick auf diese verschlossene, eisige Gestalt gefallen, dann war alles wieder verschwunden und die Irre war wieder Leichnam geworden.

Jene drei Worte aber machten Alles, was im Kloster reden durfte, reden. Was lag Alles in dem: »siehe da! August!« Welche Enthüllungen! Herr von Rohan hieß in der That August. Offenbar hatte Albertine den höchsten Kreisen angehört, da sie Herrn von Rohan kannte; offenbar hatte sie selbst eine hohe Stellung eingenommen, da sie von einem so hohen Herrn so familiär sprach; offenbar stand sie in Verbindung mit ihm, vielleicht gar in verwandtschaftlicher, und am Ende war sie gar ganz nahe mit ihm verwandt, da sie seinen Taufnamen kannte.

Von außen drang kein Geräusch in das Kloster. Nur in einem gewissen Jahre drang der Ton einer Flöte bis hier hinein. Das war ein Ereigniß, dessen sich die Pensionärinnen von damals noch erinnern.

Jemand in der Nachbarschaft blies die Flöte und zwar immer ein und dieselbe Melodie; zwei bis dreimal hörte man sie den Tag über. Stunden lang hörten die jungen Mädchen zu. Die Stimmmütter waren außer sich, alle Köpfe waren verkehrt, es regnete von Strafen. Das dauerte mehrere Monate. Die Pensionärinnen waren alle mehr oder weniger in den unbekannten Flötenbläser verliebt. Sie hätten alles versucht, um, und wenn auch nur eine Secunde, den »Jüngling« zu sehen, zu bemerken, der so köstlich die Flöte blies. Es war aber ein alter, emigrirt gewesener, blinder und zuletzt in Vermögensverfall gerathener Edelmann, welcher in seinem Dachstübchen die Flöte blies, um sich die Langeweile zu vertreiben.

VI. Das kleine Kloster.

Innerhalb der Grenzmauern von Klein-Picpus standen drei ganz von einander verschiedene Gebäude: das große Kloster, wo die Nonnen, das Pensionat, wo die Zöglinge wohnten und endlich das sogenannte kleine Kloster. Es war ein Gebäude mit Garten, in welchem gemeinschaftlich alle Arten alter Nonnen von verschiedenen Orden wohnten, Reste aus den durch die Revolution zerstörten Klöstern, eine buntscheckige Sammlung von schwarz, grau und weiß, von allen Gemeinschaften und allen Raritäten. Wenn eine solche Wortpaarung zulässig wäre, hätte man es ein Harlekin-Kloster nennen können.

Seit dem Kaiserreich war es allen diesen armen vertriebenen und umher verstreuten Mädchen erlaubt worden, unter den Fittichen der Bernhardiner-Benedictinerinnen Schutz zu suchen. Die Regierung gab ihnen eine kleine Pension und die Frauen von Klein-Picpus hatten sie mehr als gern mit religiös schwesterlicher Liebe aufgenommen. Das war ein seltsames Durcheinander. Jede lebte nach ihrer Ordensregel. Bisweilen erlaubte man den Pensionärinnen als besondere Erholung ihnen einen Besuch zu machen.

Um 1820 oder 1821 wollte Frau von Genlis, welche damals eine kleine periodische Schrift unter dem Titel »Der Unerschrockene ( l'Intrèpide) herausgab in das Kloster von Klein-Picpus als Mietherin einziehen. Der Herzog von Orleans empfahl sie. Das gab Aufregung in dem Bienenkörbe! Die Stimmmütter zitterten, Frau von Genlis hatte ja Romane geschrieben; sie hatte aber erklärt, daß sie die erste sei, welche dieselben verwerfe und dann hatte sie auch einen verzweifelt hohen Grad von Frömmigkeit erreicht. Gott half, der Prinz auch und sie zog ein. Nach Verlauf von sechs oder acht Monaten zog sie aber wieder aus, weil der Garten nicht schattig genug war. Die Nonnen waren entzückt darüber. Obgleich sie schon sehr alt war, spielte sie noch die Harfe und zwar sehr gut.

Als sie auszog, ließ sie ihr Zeichen in der Zelle zurück. Frau von Genlis war abergläubisch und verstand lateinisch. Diese beiden Worte geben ein ziemlich treues Bild von ihr. Noch vor einigen Jahren sah man an der Innenseite eines kleinen Schrankes ihrer Zelle, in welchem sie ihr Geld und ihren Schmuck bewahrte, einige lateinische Verse angeklebt, die sie eigenhändig, mit rother Dinte auf gelbes Papier geschrieben hatte und welche ihrer Meinung nach die Kraft hatten, die Diebe zu verscheuchen.