Kapitel 33

 

33

 

Um elf Uhr hörte Jim, der noch eifrig in seinem Arbeitszimmer tätig war, Schritte auf dem geschotterten Fahrweg. Er öffnete die Tür und hörte die Unterhaltung zwischen Binger und einem Unbekannten. Plötzlich kam Binger sehr erregt zu ihm.

 

»Es ist dieser verfluchte Marborne!« flüsterte er ihm zu.

 

»Führen Sie ihn ruhig herein!«

 

Marborne sah hager und angegriffen aus. Jim glaubte, daß er Unannehmlichkeiten mit ihm haben werde, aber die Haltung des Mannes blieb höflich.

 

»Es tut mir sehr leid, daß ich Sie so spät noch störe, Mr. Morlake«, begann er, »und ich hoffe, daß Sie nicht denken, ich käme wegen des Vorfalls von letzter Nacht zu Ihnen.«

 

Jim schwieg.

 

»Tatsächlich bin ich –« Plötzlich fuhr Marborne nervös herum. »Was ist denn das?« fragte er aufgeregt.

 

Wieder waren Schritte auf dem Fahrweg zu hören.

 

»Wer mag das sein?« fragte er heiser.

 

»Das werde ich feststellen«, entgegnete Jim, ging hinaus und öffnete selbst dem Besucher die Tür.

 

»Treten Sie bitte näher, Welling! Sie sind der zweite, den ich heute abend bestimmt nicht erwartet hätte.«

 

»Wer war denn der erste?«

 

»Ein alter Freund von Ihnen – Marborne.«

 

Captain Welling runzelte die Stirn.

 

»Sehr interessant. Ist er hergekommen, um sein Geld von Ihnen zurückzuverlangen?«

 

»Das nahm ich zuerst auch an. Aber ich glaube, seine Unruhe hat eine viel ernstere Ursache.«

 

Als Marborne sah, wer Jims neuer Besucher war, atmete er erleichtert auf.

 

»Haben Sie einen Freund erwartet?« fragte Welling.

 

»Nein«, stammelte Marborne verwirrt.

 

»Sie können aber Ihren Revolver ruhig fortlegen – es ist eine sehr schlechte Angewohnheit, Waffen mit sich herumzutragen.«

 

Marborne hatte sich wieder etwas erholt.

 

»Mr. Morlake«, wandte er sich an Jim, »ich möchte Sie heute abend nicht mehr mit meinen Angelegenheiten belästigen – vielleicht können Sie mir morgen früh ein paar Minuten schenken?«

 

»Wenn ich Ihnen hier im Wege bin –« begann Welling.

 

»Nein, durchaus nicht. Sagen Sie mir nur, wo ich während der Nacht schlafen kann! Vermutlich gibt es hier im Dorf ein Gasthaus oder ein Hotel?«

 

»Jawohl, hier ist ein Gasthaus – der ›Rote Löwe‹. Ich wohne selbst dort. Aber ich kann ja auch warten. Mein Geschäft ist nicht so sehr dringend. Ich wollte nur eine oder zwei Fragen an Mr. Morlake stellen.«

 

»Nein, danke, es genügt, wenn ich Mr. Morlake morgen früh sprechen kann.«

 

Marborne war inzwischen zu einem anderen Entschluß gekommen. Er wollte Hamon noch eine letzte Chance geben, da er hier nicht einen Pistolenschuß von ihm entfernt wohnte. Am Morgen wollte er ihm noch ein Angebot machen, und Hamon würde besser und williger zahlen, da jetzt auch noch eine Anklage wegen versuchten Mordes gegen ihn erhoben werden konnte. Er verabschiedete sich von den beiden und ging.

 

»Was ist eigentlich mit Marborne los?« fragte Welling.

 

»Ich weiß es nicht. Er war sehr nervös, und ich hatte den Eindruck, daß er in irgendeiner Gefahr schwebt. Aber vielleicht hat er auch wieder getrunken.«

 

»Nein, getrunken hatte er nicht. Ich möchte doch zu gern wissen, was er wollte.« Die letzten Worte sprach er fast zu sich selbst. »Das beste ist, wir rufen ihn wieder zurück.«

 

Sie gingen zusammen auf den Fahrweg hinaus, konnten aber nichts mehr von Marborne sehen.

 

»Haben Sie ein Feuerzeug bei sich?« fragte Welling beunruhigt.

 

Jim reichte ihm seine Taschenlampe, und der Detektiv leuchtete den Fahrweg ab. Ringsumher herrschte tödliche Stille.

 

Auf halbem Weg zwischen Tor und Haus hielt er plötzlich an und richtete den Lichtschein auf Sträucher, die am Weg standen.

 

Dort lag Marborne mit dem Gesicht nach unten. Sie konnten eine leichte Wunde am Hinterkopf feststellen, aber getötet hatte ihn eine seidene Schnur, die um seinen Hals geschlungen war.

 

Kapitel 34

 

34

 

»Er ist wirklich tot«, sagte Jim, nachdem er sich in seinem Arbeitszimmer eine halbe Stunde mit der reglosen Gestalt abgemüht hatte.

 

Er hatte Marborne vollständig entkleidet und künstliche Atmung angewandt. Aber der Mann mußte einige Sekunden, bevor sie ihn auffanden, gestorben sein.

 

»Der Mörder hat zuverlässig gearbeitet, es muß sehr schnell gegangen sein. Sehen Sie einmal, bis auf die Haut ist er durchsucht worden. Hier hatte er sein Geheimnis verwahrt – er hat es direkt auf dem Körper getragen. Das ist ein alter Trick. Vorläufig können wir nichts anderes tun als die Ortspolizei alarmieren. Der Mörder muß sich über die Wiesen entfernt haben, denn er ist nicht durch das vordere Parktor gegangen. Vielleicht hält er sich in einem der kleinen Wälder auf, aber auch das ist sehr zweifelhaft. Morlake, Sie kennen doch hier die Gegend genau – welchen Weg könnte er eingeschlagen haben?«

 

»Das hängt ganz davon ab, ob auch er genau Bescheid wußte. Vermutlich hat er auf der Brücke den Fluß überschritten und ist dann am Ufer entlang zur Amdon Road gelaufen. Von dort aus kann er ein halb Dutzend verschiedene Wege eingeschlagen haben. Vielleicht finden Sie Spuren, wenn Sie einmal die Mauern besichtigen, die den Park umgeben.«

 

Aber hierin täuschte sich Jim.

 

Weder das Tageslicht noch die Polizei brachten den Mörder in ihre Hände. Nur eine Entdeckung machte man: Auf dem Weg am Fluß wurde ein gebogenes Messer gefunden, das der Verbrecher in der Eile hatte fallen lassen. Es ging deshalb an alle Polizeistationen im Umkreis von zwanzig Meilen der Befehl, nach einem Araber zu fahnden. Jim hatte diesen Rat gegeben, da er die Zusammenhänge vermutete.

 

Welling durchsuchte Marbornes Wohnung und besichtigte den Schauplatz des Kampfes. Tisch und Stühle lagen kreuz und quer übereinander. Er entdeckte auch den Scheinbrief, der an Marborne gerichtet war.

 

»Wahrscheinlich hat sich der Mörder unter diesem Vorwand Zutritt zur Wohnung verschafft«, erzählte er später Jim Morlake. »Marborne muß den Angriff wohl abgeschlagen haben – und aus diesem Grund kam er nachher zu Ihnen.«

 

»Aber warum ausgerechnet zu mir?«

 

»Er wollte Ihnen das Dokument verkaufen, mit dem er Hamon erpreßte. Bestimmt glaubte er, Hamon habe den Araber beauftragt, ihn zu beseitigen. Und Hamon ist auch sicher an diesem Mord beteiligt. Aber wieder haben wir nicht genug Beweismaterial gegen ihn in der Hand«, fügte er zweifelnd hinzu, »um eine Durchsuchung seiner Wohnung zu rechtfertigen.«

 

Welling schlug sein Hauptquartier in Wold House auf. Eine merkwürdige Wahl, dachte Hamon, als er in Jims Arbeitszimmer gerufen wurde. Er drückte auch seine Verwunderung hierüber aus.

 

»Das mag merkwürdig, vielleicht sogar tragisch sein«, erwiderte Welling, der nicht länger liebenswürdig und höflich war, »aber mir paßt dieser Ort, und deshalb muß er auch für Sie gut genug sein. Haben Sie die Nachricht schon gehört?«

 

»Sie meinen, daß Marborne getötet wurde? Ja, der arme Mensch!«

 

»Er war doch Ihr Freund?«

 

»Ich kannte ihn und kann sagen, daß er mein Freund war.«

 

»Wann haben Sie ihn zuletzt gesehen?«

 

»Ich habe ihn seit mehreren Tagen nicht mehr gesehen.«

 

»War Ihre letzte Unterredung mit ihm freundschaftlich?«

 

»Ja, er kam, um sich Geld zu leihen – er wollte ein eigenes Geschäft gründen.«

 

»Und Sie haben es ihm wahrscheinlich auch gegeben?« fragte Welling trocken. »Mit dieser Angabe wollen Sie wohl die finanziellen Transaktionen erklären?«

 

»Behaupten Sie, daß ich nicht die Wahrheit sage?«

 

»Ich behaupte sogar, daß Sie lügen«, erwiderte Welling kurz.

 

»Ich bin dabei, einen Mord aufzuklären. Sie gaben Marborne das Geld aus rein egoistischen Gründen. Er hatte ein Dokument in seinem Besitz, das Sie unter allen Umständen wiederhaben wollen, und da er es Ihnen nicht geben wollte, mußten Sie ihm eben große Summen zahlen.«

 

»Sie machen hier eine Feststellung, die nur vor Gericht erörtert werden könnte.«

 

»Das wird auch der Fall sein, wenn ich den Mörder fange«, sagte Welling grimmig.

 

»Ist Ihnen denn nicht aufgefallen«, erwiderte Hamon gehässig, »daß dieser Marborne ein Feind Morlakes war und daß man ihn ausgerechnet auf seinem Grundstück tot auffand?«

 

»Darüber habe ich schon die ganze Nacht nachgedacht. Unglücklicherweise – für Ihre Theorie – war Morlake in meiner Gesellschaft, als Marborne getötet wurde. Ist es übrigens wahr, daß Marborne Sie erpreßt hat? Geben Sie es ruhig zu, denn wir haben bereits genug Beweise dafür in der Hand. Auch Slone hat es durch seine Aussagen bestätigt.«

 

»Was Slone Ihnen erzählt hat, interessiert mich durchaus nicht. Ich kann nur wiederholen, daß dieser unglückliche Mann Geld von mir lieh, um ein eigenes Geschäft aufzumachen. Wenn Sie Beweise für das Gegenteil haben, dann lassen Sie es mich bitte wissen.«

 

Niemand wußte besser als Welling, daß solche Beweise nicht existierten. Sein Bluff hatte keinen Erfolg gehabt. Aber er war nicht besonders unglücklich darüber und ging sofort zu einem neuen Angriff über.

 

»Sie haben in letzter Zeit eine Anzahl von Code-Telegrammen nach Marokko geschickt – ich denke hauptsächlich an eins, das sich auf einen gewissen Ali Hassan bezog. Wer ist das?«

 

Wieder wurden Hamons Blicke ängstlich, aber es gelang ihm zu lächeln.

 

»Nun weiß ich auch, warum man Detektive fleißige Leute nennt«, meinte er. »Sie sind ja sehr tätig gewesen in der letzten Nacht. Ali Hassan ist eine maurische Zigarrenmarke.«

 

Er schaute auf Jim, der zur Bestätigung nickte.

 

»Das ist allerdings wahr, aber es ist auch der Name eines maurischen Mörders, der vor fünfundzwanzig Jahren hingerichtet wurde.«

 

»Dann wählen Sie bitte, was Ihnen besser gefällt«, sagte Hamon ironisch.

 

»Ist das hier nicht Ihre Handschrift?« Welling nahm von dem Tisch hinter sich ein Kuvert und hielt es Hamon hin.

 

»Nein«, sagte Ralph, ohne zu zögern.

 

»Marborne wurde von einem Araber getötet, den Sie zu diesem Zweck eigens kommen ließen.«

 

»Mit anderen Worten, ich bin an diesem Mord mitschuldig?«

 

Welling nickte.

 

»Wenn es nicht so außerordentlich komisch wäre, müßte ich ärgerlich sein. Unter diesen Umständen lehne ich es ab, noch irgendwelche Aussagen zu machen. Sie können mich zu nichts zwingen, niemand weiß das besser als Sie, Welling. Und ich werde Ihnen keine weitere Auskunft geben.«

 

Mit diesen Worten ging er.

 

»Er hat uns schon mehr gesagt, als er selbst ahnt«, bemerkte Welling, als sich die Tür hinter Hamon geschlossen hatte. »Wer ist aber Sadi Hafis?«

 

»Ein entsetzlich hinterlistiger Schuft, der in Tanger lebt«, sagte Jim rasch. »Ein skrupelloser Mann, außerordentlich nützlich für Leute wie Hamon und andere dunkle Geschäftsgründer, die vielversprechende Prospekte in die Welt hinaussenden wollen. Er ist ein Agent Hamons, ich kenne ihn schon seit vielen Jahren – wir haben nämlich eine kleine Schießerei miteinander gehabt, als ich damals beim Abstecken der beabsichtigten Fes-Eisenbahn beschäftigt war. Er bezieht sicher von einem halben Dutzend Interessenten Pensionen, und ich glaube, daß er mehr Verbrechen auf dem Gewissen hat als irgendein anderer Mann in Marokko.«

 

»Meinen Sie damit Mord?«

 

Jim lächelte.

 

»Ich sagte Ihnen doch eben: Verbrechen. Mord ist im Rifgebirge kein besonders schlimmes Vergehen.«

 

»Wenn wir diesen maurischen Burschen fangen, werden wir ja alles erfahren.«

 

»Der wird nicht das mindeste gegen Sadi Hafis aussagen. Die Scherife sind in gewisser Weise heilige Leute, und der Mörder wird sterben, ohne ein Wort zu sagen, das Sadi Hafis oder irgend jemanden sonst belasten könnte.« –

 

Durch Lord Creith erfuhr Welling später, daß Ralph Hamon am Morgen nach dem Mord mit der zweiten Post einen umfangreichen eingeschriebenen Brief erhalten hatte. Er zweifelte keinen Augenblick daran, daß das begehrte Dokument darin lag.

 

*

 

Joan benützte die erste Gelegenheit, die sich ihr bot, um ihren Vater um eine Aussprache zu bitten.

 

Er sah sie besorgt an.

 

»Was fehlt dir, Kind? Du bist sehr blaß.«

 

»Es geht mir gut, du brauchst dir keine Sorgen zu machen, aber du wirst wohl sehr böse auf mich sein –«

 

Er schüttelte den Kopf.

 

»Dazu gehört schon furchtbar viel, daß ich mit dir unzufrieden sein könnte, Joan«, sagte er und legte den Arm um ihre Schulter. Er führte sie zu einem Fenstersitz in der Bibliothek.

 

»Vater«, begann sie endlich leise, »ich habe Ferdie Farringdon geheiratet, als ich noch in der Schule war.«

 

Er zeigte keine Erregung.

 

»Oh, die Farringdons sind eine gute, alte Familie, nur sind sie leider dem Trunk verfallen«, meinte er ruhig.

 

Joan sank ihm schluchzend in die Arme.

 

Kapitel 35

 

35

 

»Bitte, erzähle mir alles genau«, bat er, als sie sich etwas beruhigt hatte. »Und lasse vor allem den Kopf nicht hängen, Joan. Es gibt nichts, was meine Zuneigung zu dir irgendwie beeinträchtigen könnte. Du bist die einzige in der Welt, die mir nicht lästig und unangenehm ist.«

 

»Bannockwaite ist an allem schuld. Er gründete damals die Gesellschaft der Mitternachtsmönche. Die Schüler von Hulston kletterten über die Mauern; wir saßen zusammen im Klostergarten und aßen allerlei Näschereien. Es war so eine Art Mitternachtspicknick. Es wird dir komisch vorkommen, aber es ging ganz harmlos dabei zu. Alle andern merkwürdigen Gesellschaften, die er gründete, waren ähnlich. Wir waren also die Mitternachtsmönche, und meine beste Freundin, Ada Lancing, war unsere Äbtissin. Natürlich haben die Nonnen nichts von der Sache erfahren. Die Armen wären wahrscheinlich vor Furcht gestorben, wenn sie auch nur im Traum geahnt hätten, was dort vorging. Eins der Mitglieder gab nun die Anregung, die beiden Zweige der Geheimgesellschaft für ewige Zeiten miteinander zu verbinden. Zu diesem Zweck sollte eine symbolische Hochzeit stattfinden. Bannockwaite war damals gerade von Oxford gekommen und hatte eine kleine Kapelle im Wald gebaut. Er hat später nie die Verbindung mit einer seiner Geheimgesellschaften aufgegeben, und besonders stark war er an den Mitternachtsmönchen Interessiert, da sie seine älteste Gründung waren. Er kam an einem unserer Sommernachtsfeste zu uns und führte den Vorsitz. Wir zogen Lose, wer die Braut sein sollte –«

 

»Und die Wahl fiel auf dich?« fragte Lord Creith freundlich.

 

»Nein, auf Ada. Sie war begeistert, bis der Tag der Hochzeit selbst kam. Es war ein Feiertag, und den älteren von uns war erlaubt, zu zweien auszugehen. Mr. Bannockwaite hatte alles arrangiert. Der Bräutigam mußte sich wie ein Mönch kleiden und die Kapuze über das Gesicht ziehen, und die Braut war dicht verschleiert. Keiner wußte, wer der andere war, selbst wir durften nicht wissen, wer die Lose gezogen hatte. Kannst du dir etwas Verrückteres vorstellen? Mr. Bannockwaite selbst wollte die Trauung vollziehen, und wir gingen alle zu der kleinen, hübschen Kapelle in der Nähe von Ascot … Aber in der Sakristei brach die arme Ada zusammen. Damals kam mir zum erstenmal der Gedanke, daß die Sache eigentlich furchtbar ernst war. Um es kurz zu machen, Vater – ich bin für Ada eingesprungen.«

 

»Und du hast nie das Gesicht des jungen Mannes gesehen?«

 

»Doch, die Mönchskapuze fiel einen Augenblick zurück. Als die Trauung vorüber war, unterzeichnete ich das Protokoll. Dort stand auch sein Name, und ich habe ihn gelesen. Aber ich glaube nicht, daß er meinen kennt – es sei denn, daß er später zur Kapelle zurückging.«

 

»Hast du ihn nicht wiedergesehen, bis – er hierherkam? Früher hörte ich einmal, er sei gestorben.«

 

Lord Creith stopfte eine Pfeife, seine Hand zitterte.

 

»Das war eine ganz verabscheuungswürdige Handlungsweise von Bannockwaite. Aber es hätte ja noch schlimmer sein können. Es ist furchtbar traurig für dich, Joan, aber es gibt keinen Grund, deshalb zu verzweifeln.«

 

»Es ist schlimmer, als du denkst.«

 

»Warum denn, mein liebes Kind? Liebst du einen anderen?«

 

Sie nickte.

 

»Das ist allerdings schmerzlich«, sagte er und richtete sich auf. »Aber komm, fasse dich.« Sie küßte ihn und ging dann in ihr Zimmer.

 

Lord Creith fand Hamon im Wohnzimmer. Der Finanzmann machte ein düsteres Gesicht und überhäufte ihn mit Vorwürfen, daß er der Polizei Auskunft über seine Privatangelegenheiten gegeben habe. Schließlich wurde es dem Lord zuviel, und er wies Hamon kurzerhand aus dem Haus.

 

Diese Entwicklung der Dinge änderte Hamons Pläne erheblich. Der Tod Marbornes und die Wiedererlangung des Dokumentes versprachen ihm keine vollkommene Sicherheit, und da er nun unter Verdacht stand, an dem Mord beteiligt zu sein, hatte er doppelten Grund, Creith nicht zu verlassen, bis er sein Ziel erreicht hatte. Deshalb siedelte er in den ›Löwen‹ um.

 

Er hatte Ahmet nur den Auftrag gegeben, Marborne zu verletzen, nicht ihn zu töten – also war es doch nicht seine Schuld, wenn dieser verrückte Kerl seine Instruktionen überschritt.

 

Nach kurzer Überlegung telegrafierte er an Lydia, daß sie ihn am nächsten Tag in London treffen solle. Er wartete, bis es dunkel war, und ging dann zu Mrs. Cornford. Sie selbst öffnete, erkannte ihn aber in der Dunkelheit zuerst nicht.

 

»Ich möchte Sie sprechen, Mrs. Cornford.«

 

»Wer sind Sie denn?«

 

»Ralph Hamon.«

 

Sie stand einen Augenblick reglos, aber dann Öffnete sie die Tür weiter.

 

»Treten Sie ein«, sagte sie und ging hinter ihm in das Wohnzimmer.

 

»Sie haben sich nicht sehr verändert«, begann er und überlegte krampfhaft, wie er fortfahren könne. »Sie sind mir wohl noch sehr böse?«

 

»Nein«, antwortete sie ruhig. »Aber warum setzen Sie sich nicht, Mr. Hamon?«

 

»Ich wüßte auch nicht, warum Sie mir böse sein sollten. Ich habe doch für John alles getan, was ich nur tun konnte.«

 

»Wo ist er?«

 

»Ich weiß es nicht – ich nehme an, daß er tot ist.«

 

Sie zuckte unter seinen Worten zusammen.

 

»Ich glaube auch, daß er tot ist«, sagte sie dann leise. »Aber vor zwölf Jahren lebte er doch noch. Was ist aus seinem Geld geworden, Mr. Hamon?«

 

»Er muß es verloren haben«, erklärte er ungeduldig. »Ich sagte es Ihnen doch schon früher.«

 

Sie ließ ihn nicht aus den Augen.

 

»Er schrieb mir aus Marokko, daß er die Mine gesehen habe und daß sie eine glänzende Sache sei. Einen Monat später teilte er mir aus London mit, daß er alles mit Ihnen abmachen wolle. Und dann hörte ich nichts mehr von ihm.«

 

»Er verschwand – das ist alles, was ich von ihm weiß. Er wollte in mein Büro kommen, um den Kauf der Aktien zu vollziehen, aber er erschien nicht. Ich telegrafierte Ihnen ja damals und fragte bei Ihnen an, wo er sein könne.«

 

»Ich weiß nur, daß er hunderttausend Pfund von der Bank abgehoben hatte, daß aber weder er noch das Geld jemals wieder zum Vorschein kam. Ich will nicht gerade behaupten, Mr. Hamon, daß mein Mann und ich sehr glücklich waren – er war ein zu ruheloser Geist und hatte zuviel Freunde, sowohl unter den Männern als auch unter den Frauen. Außerdem trank er. Aber er war doch in mancher Beziehung auch gut und gewissenhaft, und er hätte mich niemals ohne Geld zurückgelassen.«

 

Hamon zuckte die Schultern.

 

»Warum sind Sie denn damals nicht zur Polizei gegangen?« fragte er freundlich. »Wenn Sie irgendwelchen Zweifel über meine Person hatten –«

 

Sie schaute ihn mit verächtlichem Lächeln an.

 

»Sie baten mich doch selbst, nicht zur Polizei zu gehen – ich sehe erst jetzt ein, wie töricht ich damals handelte. Sie baten mich, um meinetwillen und auch um der Verwandten meines Mannes willen nichts zu unternehmen, und vor allem nicht in die Zeitungen zu bringen, daß er vermißt wurde.«

 

»Habe ich denn nicht in allen Zeitungen annonciert? Habe ich nicht meine Beauftragten nach Monte Carlo, nach Aix, nach Deauville geschickt – nach jedem Ort, wo es Spielbanken gab und wo er sich aufhalten konnte?« fragte er mit gespielter Entrüstung. »Mrs. Cornford, ich glaube, Sie tun mir unrecht.«

 

Es war nutzlos, ihm zu antworten. Er hatte sie damals von ihren Nachforschungen so lange abgehalten, bis selbst die tüchtigsten Detektivagenturen Englands nicht mehr imstande waren, ihr zu helfen. Einst war sie eine reiche Frau gewesen, hatte ein eigenes, vornehmes Haus besessen und ein großes Einkommen gehabt.

 

Wäre John Cornford ein Geschäftsmann wie andere gewesen, so hätte sie sofort die Polizei alarmiert. Aber er kümmerte sich wenig um seine Familie und verschwand manchmal auf längere Zeit, ohne daß jemand wußte, wo er sich aufhielt. Während ihres Zusammenlebens hatte sie gelernt zu schweigen.

 

»Warum sind Sie jetzt zu mir gekommen?« fragte sie.

 

»Weil ich die Angelegenheit ein für allemal regeln will. Ich fühle mich bis zu einem gewissen Grad verantwortlich, weil ich ihn nach London zurückbrachte. Würden Sie mir den Brief zeigen, den er Ihnen damals schrieb?«

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

»Sie haben mich schon früher danach gefragt, Mr. Hamon. Er ist aber das einzige Beweisstück dafür, daß mein Mann nach England zurückkehrte. Vor einiger Zeit wurden Sie von jemand gefragt, was aus Mr. Cornford geworden sei, und Sie erklärten, daß er in der Wüste von Marokko verschwunden sei. Hunderte von Leuten, die ihn kannten, leben in der Überzeugung, daß er dort drüben gestorben ist.«

 

»Mrs. Cornford, wenn Sie mich den Brief lesen lassen, erzähle ich Ihnen die volle Wahrheit über Johns Tod.«

 

»Dann wissen Sie also genau, daß er tot ist?« fragte sie heiser.

 

»Ja, Er ist vor zehn Jahren gestorben.«

 

Sie schien mit sich selbst zu kämpfen, aber plötzlich stand sie auf, ging in das Schlafzimmer und schloß die Tür. Einige Minuten später kehrte sie mit einem kleinen Ebenholzkasten zurück, den sie auf den Tisch stellte und öffnete.

 

»Hier ist der Brief – Sie können ihn lesen.«

 

Ja, es war blaues Papier. Hamon wußte, daß es ein Briefbogen des Critton-Hotels sein mußte – und das war seit vielen Jahren blau.

 

Er las die etwas kritzelige Schrift.

 

*

 

›Ich gehe heute zu Ralph Hamon. Wir wollen alle Einzelheiten des Kaufs der Aktien festsetzen. Ich bin mir nur noch nicht darüber klar, ob die Mine, die ich sah, tatsächlich Hamons Eigentum ist oder ob es sich um ein anderes gutgehendes Bergwerk handelt, das mit Ralph Hamons Gesellschaft nichts zu tun hat. Dies schreibe ich dir aber nicht, weil ich denke, daß er mich betrügen will.‹

 

*

 

Sie beobachtete ihn dauernd und war bereit, ihm den Brief aus der Hand zu reißen, wenn er den leisesten Versuch machen würde, ihn in die Tasche zu stecken. Aber er gab ihn zurück. Sie legte ihn wieder in den Kasten und schloß den Deckel.

 

Plötzlich hörten sie ein furchtbares Stöhnen aus dem Nebenraum, und Mrs. Cornford eilte hinüber. Nach einem kleinen Zögern folgte ihr Hamon verwundert.

 

»Wer ist das?« fragte er und betrachtete neugierig das eingefallene Gesicht des Kranken in den Kissen.

 

»Es ist der junge Mann, der bei mir wohnt«, sagte sie besorgt. »Ich fürchte, es wird eine schlimme Nacht werden.«

 

Farringdon stützte sich auf die Ellbogen und versuchte, aus dem Bett zu steigen. Es bedurfte all ihrer Kraft, ihn zurückzuhalten. Hamon unterstützte sie, aber es war selbst für ihn schwer, den Kranken zu bändigen.

 

»Würden Sie bei ihm bleiben, bis ich den Doktor geholt habe?« bat sie.

 

Ralph Hamon hatte allerdings keine Lust, hier Krankenwärter zu spielen, aber unter den gegebenen Umständen hielt er es für besser, ihrer Bitte nachzukommen. Er nahm sich einen Stuhl, setzte sich ans Bett und beobachtete den armen Menschen, der sich von einer Seite auf die andere warf, sprach, lachte und im Delirium schrie. Aber plötzlich wurde seine Stimme klarer.

 

»Joan – verheiratet? Ja, ihr Vater ist irgendein Lord«, sagte Ferdie zusammenhanglos. »Das wußte ich nicht – sehen Sie, das fand man an dem Nachmittag heraus – der Butler hörte nicht, wie ich zu Bannockwaite sprach. Wir wurden in der kleinen Kirche im Wald getraut. Ich wollte ja gar nicht heiraten, aber die anderen bestanden darauf. Wir hatten Lose gezogen. Das Ganze war doch nur Bannockwaites Schuld …«

 

Hamon lauschte gespannt. Joan! Das konnte niemand anders als Joan Carston sein. Er beugte sich über den Kranken.

 

»Wo wurden Sie denn getraut?«

 

Farringdon murmelte etwas Unverständliches.

 

»Wo war es?« fragte Hamon noch einmal scharf.

 

»In der kleinen Kirche im Wald bei Ascot. Es steht im Register.«

 

Hamon kannte den schlechten Ruf, in dem Bannockwaite stand, und den Rest der Geschichte konnte er sich denken. Joan war also verheiratet! Er preßte die Lippen zusammen. Er hörte draußen die Schritte der Frau und des Arztes und trat auf den Gang hinaus. Es war ein günstiger Augenblick, sich zu verabschieden. Er machte eine kurze Verbeugung und ging zum Gasthaus zurück.

 

Der Doktor blieb anderthalb Stunden bei dem Kranken. Das Fieber stieg.

 

Als er gegangen war, dachte sie über den seltsamen Besuch Ralph Hamons nach. Warum wollte er den Brief sehen? Schon vor Jahren hatte er sie darum gebeten, aber sie hatte es ihm damals glatt abgeschlagen, da sie fühlte, daß der Besitz dieses Schriftstücks doch noch eine gewisse Anwartschaft auf das verlorene Vermögen bedeutete.

 

Sie war ein großes Risiko eingegangen, als sie ihm den Brief in die Hände gab. Sie öffnete den Ebenholzkasten noch einmal. Obenauf lag der blaßblaue Brief, aber als sie ihn auseinanderfaltete, hatte sie ein unbeschriebenes Blatt vor sich.

 

Es war spät geworden. Sollte sie noch zum Herrenhaus hinübergehen und Lord Creith um Hilfe bitten? Sie hatte ihn früher einmal gesehen. Plötzlich dachte sie an James, diesen ruhigen und gefälligen Mann. Sie setzte den Hut auf, zog den Mantel an und eilte nach Wold House.

 

Kapitel 36

 

36

 

Der Aufenthalt in einem Gasthaus hat gewisse Vorteile, aber auch Nachteile. Für Ralph Hamon lag ein Nachteil hauptsächlich darin, daß man ihn leicht besuchen konnte.

 

Er saß vor dem offenen Kaminfeuer in seinem Zimmer, da die Nacht kühl war, und rauchte noch eine Zigarre vor dem Schlafengehen. Seine Gedanken waren bei seinem letzten Erlebnis, als Jim Morlake plötzlich ohne anzuklopfen die Tür öffnete und hereintrat.

 

»Ich bringe Ihnen zwei Neuigkeiten, Hamon. Erstens ist Ihr Araber gefaßt worden, und zweitens werden Sie mir den Brief geben, den Sie heute abend Mrs. Cornford gestohlen haben – und zwar werden Sie sich damit sehr beeilen!«

 

Hamon sprang auf.

 

»Mein Araber, wie Sie ihn nennen, interessiert mich durchaus nicht, und was Sie da von einem gestohlenen Brief reden, amüsiert mich nicht einmal!«

 

»Ich bin auch nicht gekommen, um Ihnen Witze zu erzählen. Ich will den Brief haben.«

 

Mit zwei Schritten durchmaß Jim das Zimmer, und Ralph Hamon sprang mit einem Fluch vor den Tisch.

 

Morlake schob ihn beiseite, zog die Schublade auf und nahm eine Brieftasche heraus.

 

»Sie gemeiner Dieb!« brüllte Hamon und fiel ihn an.

 

Aber er taumelte zurück, von Morlakes Faust getroffen.

 

»Hier ist der Brief. Wenn ich jetzt –«

 

Hamon sah, rasend vor Wut, wie Jim die Brieftasche weiter durchsuchte. Aber das andere belastende Dokument lag nicht darin.

 

»Nun, haben Sie es gefunden?« fragte Hamon höhnisch.

 

»Ich habe den Brief, das ist im Augenblick genug«, entgegnete Jim, als er den Bogen in die Tasche steckte. »Sie können ja nach der Polizei schicken, wenn Ihnen etwas daran liegt. Mir macht es nichts aus – ich bin ja gewohnt, mit diesen Leuten umzugehen. Wenn Ihr Araber plaudert, wird es traurige Gesichter geben denn nichts kann eine Gesellschaft mehr aus der Fassung bringen, als wenn man ihren Präsidenten aufhängt!«

 

Hamon antwortete nichts. Er machte das Fenster auf, lehnte sich hinaus und beobachtete Morlake, der im Dunkel der Nacht verschwand. Dann setzte er sich wieder vor den Kamin und grübelte. Allmählich kam er wieder zu dem Punkt, von dem er ausgegangen war – Joan Carston –, Joan Carston war verheiratet! Er mußte sie immer wieder irgendwie mit Jim Morlake in Verbindung bringen. Lydia hatte ihm gesagt, daß die beiden verlobt seien, und er hatte darüber gelacht. Ob Morlake wirklich das Hindernis war? Wenn er nur Gewißheit darüber bekommen könnte …!

 

Am nächsten Morgen fuhr er nach London, um Lydia zu treffen. Sie hatte von der Ermordung Marbornes gelesen und war etwas nervös.

 

»Wie ist es denn nur passiert; Ralph?« fragte sie ängstlich, als sie neben ihm im Wagen saß. »Wurde er tatsächlich von einem Araber umgebracht?« Sie faßte seine Hand und sah ihm forschend ins Gesicht. »Du hast es doch nicht getan? Es wäre schrecklich, wenn ich das denken müßte.«

 

»Du wirst hysterisch, Lydia. Ich weiß wirklich nicht mehr von dem Tod des armen Teufels als du.«

 

»Was wirst du nun tun?«

 

»Ich werde das Land verlassen. Diese Umgebung macht mich krank.«

 

»Fährst du nach Marokko?«

 

»Ja, um Weihnachten werden wir dort sein. Das ist doch die schönste Zeit des Jahres.«

 

»Aber doch nicht für immer?«

 

»Natürlich nicht. Wenn es dir zu langweilig werden sollte, kannst du nach Gibraltar oder nach Algeciras gehen«, beruhigte er sie. »Vielleicht werde ich auch gar nicht nach Marokko fahren. Eigentlich sollte ich nach New York, um dort ein Geschäft zum Abschluß zu bringen. Du hast mir doch bei deinem letzten Hiersein erzählt, daß einer deiner französischen Freunde eine Jacht gemietet habe, um mit einigen Bekannten in die Südsee zu fahren. Soviel ich mich erinnere, hat er die Sache wieder aufgegeben.«

 

Sie bejahte und schaute ihn verwundert an.

 

»Könntest du diese Jacht wohl für den Winter chartern?«

 

»Aber warum willst du denn nicht die gewöhnliche Reiseroute benützen? Sie ist doch viel angenehmer.«

 

»Willst du einmal sehen, was du in der Angelegenheit tun kannst?« fragte er nur.

 

»Natürlich. Graf Lagune ist gerade in London, und die Sache könnte wahrscheinlich leicht arrangiert werden.«

 

Am Abend brachte sie ihm die Nachricht, daß sein Auftrag ausgeführt war. Sie hatte, vorbehaltlich seiner Unterschrift, die Jacht gechartert, und der Graf hatte nach Cherbourg telegrafiert und das Schiff nach Southampton beordert. Sie fand ihren Bruder in sehr gehobener Stimmung, denn der Araber war aus der kleinen Sussex-Polizeistation, wo man ihn festgehalten hatte, entkommen. Außerdem hatte er inzwischen aus dem Register der kleinen Kirche bei Ascot festgestellt, daß Joan tatsächlich mit Farringdon verheiratet war. Und nun schmiedete er neue Pläne.

 

*

 

»Ich muß wirklich zugeben, daß dieser Kerl doch nicht so schlecht ist, wie er aussieht«, sagte Lord Creith bedächtig. »Er hat mir einen reizenden Brief geschrieben, und es tut mir jetzt leid, daß ich ihn so scharf angefaßt habe.«

 

»Vermutlich sprichst du von Hamon?« meinte Joan lächelnd, nahm den Brief und las.

 

›Ich fürchte, daß ich Ihnen in den letzten Tagen sehr auf die Nerven gefallen bin, aber es ist so viel passiert, daß ich selbst nervös wurde. Hoffentlich denken Sie nicht zu schlecht von mir. In ein oder zwei Jahren werden wir uns darüber amüsieren, wie absurd es war, mich mit der Ermordung Marbornes in Verbindung zu bringen. Unvorhergesehenerweise bin ich nach Amerika gerufen worden, und meine Pläne haben sich dadurch vollkommen geändert, da ich ursprünglich mit meiner Jacht ins Mittelmeer fahren wollte. Ich möchte Ihnen nun anbieten, statt meiner die Fahrt nach dem Süden zu machen. Sie werden ganz allein reisen, und ich bin sicher, daß es eine angenehme Abwechslung für Sie ist. Es tut mir nur unendlich leid, daß weder ich noch meine Schwester Sie begleiten können. Das Schiff heißt ›L’Esperance‹ und wird am nächsten Dienstag Southampton anlaufen. Darf ich Sie bitten, die Jacht als Ihr Eigentum zu betrachten?‹

 

»Wenn ich die Reise mit ihm hätte machen sollen, würde ich natürlich höflich abgelehnt haben«, sagte der Lord vergnügt. »Aber so ist das doch etwas anderes – meinst du nicht auch, Liebling?«

 

Da er ihre Abneigung gegen Hamon kannte, erwartete er eigentlich Widerspruch von ihrer Seite und war angenehm überrascht, als sie sich seiner Ansicht anschloß. Der dauernde Aufenthalt in Creith wurde ihr allmählich unerträglich. Der Gedanke an Ferdie Farringdon quälte sie, ebenso der Gedanke an Jim, den sie in letzter Zeit nicht mehr gesehen hatte.

 

Die erste Nachricht von der beabsichtigten Reise bekam Jim Morlake wie gewöhnlich durch Binger.

 

»Es scheint, daß diese Jacht von Hamon nur geliehen wurde.«

 

»Meinen Sie, daß er das Schiff gechartert hat?«

 

»Wenn meine Informationen stimmen, ist es so.«

 

»Wahrscheinlich haben Sie sich verhört – wohin soll denn die Reise gehen?«

 

»Ins Mittelmeer. Mr. Hamon und seine Schwester reisen nach Amerika.«

 

»Ins Mittelmeer?« Jim schaute nachdenklich auf seinen Pfeifenkopf. »Das heißt doch … wann wollen sie denn abreisen?«

 

»Am Sonnabend.«

 

»So, so!«

 

Das Mittelmeer bedeutete Tanger, und Tanger wiederum war für Jim gleichbedeutend mit Sadi Hafis und dem prachtvollen Palast in den Rifbergen.

 

Kapitel 29

 

29

 

Wenn man die enge, hügelige Straße entlanggeht, die von der Moschee zu dem großen Markt in Tanger führt, und sich scharf nach rechts wendet, als ob die Kasbah das Ziel wäre, hat man zur Linken eine hohe, weiße Mauer, in der sich nur ein großes, massives Tor mit grün angelaufenen Bronzebeschlägen befindet.

 

Hinter dieser Mauer lag ein verwilderter Garten mit einem beschädigten Brunnen. Er war wenigstens wieder so weit repariert worden, daß ein schwacher Wasserstrahl emporstieg. Mit melodischem Rieseln fiel er ins Bassin zurück, wo zwischen vielen Schlinggewächsen Goldfische langsam und träge hin und her schwammen.

 

Das Haus von Sadi Hafis erhob sich in rechtem Winkel zu dieser Mauer. Es war ein häßliches, weißverputztes Gebäude, das vorn eine Veranda und eine kleine Säulenvorhalle hatte. Dort saß Sadi Hafis bei warmem Wetter in einem verschossenen Armsessel, trank Pfefferminztee und rauchte dazu seine Wasserpfeife. Er war ein schlanker, hellfarbiger Maure mit vortretenden Backenknochen und dünnem, schwarzem Bart. Stets sah er aus, als ob er halb schliefe.

 

Der Scherif Sadi Hafis war ein Mann, der die verschiedensten Vertrauensstellungen unter den wechselnden Regierungen eingenommen hatte; er war aber jedesmal nicht lange im Amt geblieben. Zwei Sultanen und vier Kronprätendenten hatte er schon gedient, und er war der Geheimagent für ein amerikanisches und sechs europäische Konsulate, die er nacheinander alle bestohlen und betrogen hatte. Außerdem war er ein vorzüglicher Redner und ein Freund der Eingeborenen. Sein Einfluß reichte sehr weit, und er handelte mit Konzessionen wie kein zweiter in diesem Land.

 

Um die Abendstunde kam ein Europäer von kleiner Gestalt zu ihm. Es war Colport, der Agent der Ralph-Hamon-Gesellschaften in Tanger.

 

»Guten Abend – trinken Sie eine Tasse Tee mit mir«, brummte der Scherif in englischer Sprache. »Haben Sie eine Antwort auf Ihr Telegramm erhalten?«

 

»Er telegrafierte, daß die vierteljährliche Rente erst in einem Monat fällig sei.«

 

Der Maure spuckte verächtlich aus.

 

»Hat er doch tatsächlich zwanzig Pesetas ausgegeben, um das zu telegrafieren – bei Allah! Und wenn sie erst in zwanzig Monaten fällig ist, ich brauche jetzt Geld, Colport! Kommt er selbst?«

 

»Ich weiß nicht. Er hat nichts davon erwähnt.«

 

Sadi Hafis sah ihn unter müden Augenlidern hervor an.

 

»Bringt er Lydia mit? Natürlich sagt er davon auch nichts. Schon seit fünf Jahren soll sie kommen, aber er behandelt mich schlechter als Israel Hassim. Ich habe ihm Konzessionen gegeben, mit denen er Gesellschaften gründen konnte! Er verdient Millionen, und alles, was ich von ihm zu sehen bekomme, ist diese vierteljährliche Rente! Was habe ich vor Jahren für Hamon alles getan! Fragen Sie ihn danach!«

 

Colport hörte ruhig zu. Sadi klagte ständig und erzählte immer von geheimnisvollen Diensten, aber nie erwähnte er Genaueres.

 

»Wenn es nach ihm ginge, könnte ich in der Kasbah in Ketten liegen und nach einem Tropfen Wasser schmachten! Ich habe zwei neue Wunder für ihn – eine Silbermine in den Bergen! Aha, da machen Sie große Augen! Allein an dieser Konzession kann er fünfzig Millionen Pesetas verdienen – wer könnte solche Schönheiten finden außer Sadi Hafis? Ich bin der mächtigste Mann in Marokko – größer als ein Pascha – größer als der Sultan …«

 

In diesem Ton redete er weiter, und Colport wartete auf eine günstige Gelegenheit. Schließlich kam sie.

 

»Mr. Hamon sagt weiter, daß er die vierteljährliche Rente jetzt zahlen will und obendrein fünfhundert Pfund. Aber Sie müssen sofort … warten Sie einmal …«

 

Er nahm ein Telegramm aus der Tasche und glättete es.

 

»Sagen Sie Sadi, ich muß einen anderen Ali Hassan haben«, las er vor, »Was meint er wohl damit?«

 

Sadis Augen öffneten sich weit.

 

»Das bedeutet, daß er in großen Sorgen ist«, erwiderte er langsam. »Ich dachte es mir schon. Aber Ali Hassans wachsen nicht auf jedem Kaktusstrauch, Colport.«

 

Lange Zeit schwieg er nachdenklich, und seine Gedanken waren nicht die angenehmsten und schönsten.

 

»Telegrafieren Sie ihm, daß es tausend Pfund kostet«, sagte er schließlich. »Bringen Sie mir das Geld morgen abend. Aber auch dann … nun ja, ich will sehen.«

 

Er begleitete Colport an das Tor, was eine ungewöhnliche Ehre war. Dann ging er wieder zu seinem verschossenen Armsessel zurück, stützte die Ellbogen auf die Knie und das Kinn in die Hand, bis die Stunde des Gebets kam und er auf seinem Teppich niederkniete, das Antlitz gegen Osten gewandt. Nachher erhob er sich und rief einen Mann, der sein Schreiber und Diener war.

 

»Kennst du Ahmet, den Mauleseltreiber?«

 

»Ja. Er ist der Mann, der den Geldwechsler umbrachte. Man sagt auch, daß er noch einen anderen Mann beraubte und in einen Brunnen warf. Er ist ein schlechter Mensch.«

 

»Spricht er Englisch?«

 

»Spanisch und Englisch. Er war Fremdenführer in Casablanca, aber er hat dort eine Frau bestohlen und wurde dafür ausgepeitscht.«

 

Sadi neigte den Kopf.

 

»Er muß mein Ali Hassan werden. Geh zu den niedrigen Häusern an der Küste in seine Wohnung. Wenn er betrunken ist, lasse ihn dort, denn die französische Polizei darf ihn nicht sehen. Wenn er aber nüchtern ist, soll er um die zwölfte Stunde zu mir kommen.«

 

*

 

Die einzige europäische Uhr in Tanger schlug Mitternacht, als der Diener den Mauleseltreiber in Sadi Hafis‘ Haus einließ.

 

»Friede sei mit dir und deinem Hause, möge Gott dir glückliche Träume schenken«, sagte Ahmet, als der weißgekleidete Scherif ihm im Mondlicht entgegenkam.

 

»Du bist doch in England gewesen?«

 

Sie standen in der Mitte des Hofes, weit entfernt von den mit Holzgittern verschlossenen Haremsfenstern, hinter denen neugierige Ohren lauschten.

 

»Ja, Scherif, ich bin mehrere Male dort gewesen – auf den Maultierschiffen während des großen Krieges.«

 

»Du mußt wieder hin, Ahmet. Dort lebt ein Mann, der dich braucht. Erinnere dich stets daran, daß ich dich zweimal vom Tode errettet habe, als der Strick schon um deinen Hals lag. Zweimal habe ich, der Scherif von Ben-Aza, den Pascha um Gnade für dich gebeten und dich gerettet. Aber in England wird niemand sein, um dich zu retten, wenn du dich töricht benimmst. Komm morgen zu mir, und ich werde dir einen Brief geben.«

 

Kapitel 3

 

3

 

Ferdinand Carston, der neunte Earl von Creith, war eine schlanke, sympathische Erscheinung, aber ein etwas eigensinniger und querköpfiger Mann. Während seines ganzen Lebens hatte er versucht, Unannehmlichkeiten möglichst aus dem Weg zu gehen, und dadurch hatte er manchen Verlust erlitten. Er liebte es nicht, von seinen Rechtsanwälten, seinen Inspektoren und seinen Pächtern gestört zu werden, und man durfte ihn nicht mit Agenten behelligen. So kam es, daß er seine Leute kaum kannte und die wenigsten von ihnen sich die Mühe machten, ihm genaue Abrechnungen zu schicken. Von Zeit zu Zeit faßte er den guten Vorsatz, sich aus seinen Schulden herauszuarbeiten, und ließ sich auf Spekulationen ein. Da er sich aber weder um Geschäftsberichte kümmerte, noch sich nach der Güte der Geschäfte erkundigte, geriet er in immer größere Schwierigkeiten.

 

Und plötzlich tauchte ein sehr liebenswürdiger Finanzmann unter seinen Bekannten auf, der es unternahm, all seine unangenehmen Verbindlichkeiten zu regeln, die Klagen der Banken zu beschwichtigen und vor allem die aufdringlichen privaten Geldgeber zu beruhigen. Lord Creith war sehr dankbar dafür, verkaufte ihm die Anwartschaft auf die Güter der Creith und war nun mit einem Male nicht nur all seine Schulden los, sondern verfügte sogar noch über flüssige Mittel.

 

Er saß in seiner Bibliothek und las mit größtem Interesse in einem Auktionskatalog, als plötzlich sein Gast eintrat.

 

»Hallo, Hamon!« sagte er, ohne sehr erfreut zu sein. »Haben Sie schon gefrühstückt?«

 

»Joan war nicht hier.«

 

»Hat sie außerhalb gefrühstückt?« Lord Creith sah ihn über seine Brille hinweg an.

 

Hamon nahm sich einen Stuhl.

 

»Haben Sie schon jemals daran gedacht, was geschehen wird, wenn Sie sterben?« fragte er ohne weitere Einleitung.

 

»Nein – bestimmt nicht! Ich bin immer regelmäßig zur Kirche gegangen, obgleich die Abgaben und die Kirchensteuer ganz niederträchtige Belästigungen sind – und ich hoffe, daß mir die Himmelstür nicht verschlossen bleibt –«

 

»Ach, davon rede ich nicht. Ich meine, was nach Ihrem Tod aus der Familie Creith werden soll?«

 

»Den Titel erbt Joan – nach unseren Familiengesetzen kann auch die Frau erben«, erklärte der Lord unwillig. »Aber warum quälen Sie mich denn mit solchen Einzelheiten, mein Lieber? Wenn Joan die Güter und das Herrenhaus behalten will, müßte sie Ihre Frau werden. Ich hätte nichts dagegen. Wir haben schon früher ganz merkwürdige Kerle in unserer Familie gehabt, und ich glaube, das wird auch so bleiben. Meine Urgroßmutter hatte sogar ein hölzernes Bein.«

 

Mr. Ralph Hamon überhörte die Beleidigung, die in diesen Worten lag.

 

»Wenn Joan nicht selbst die Absicht hat, mich zu heiraten, dann könnten Sie doch Ihren großen Einfluß auf sie geltend machen.«

 

Lord Creith nahm umständlich seine Brille ab.

 

»Sie meinen, ich hätte einen großen Einfluß auf meine Tochter? Da irren Sie sich aber gewaltig. Sie nimmt nicht den leisesten Rat von mir an. Ich muß zwar zugeben, daß ich ein schlechter Ratgeber bin. Sie soll nur ruhig tun, was sie mag. Ihre verewigte Mutter war genau wie sie. Aber machen Sie mir doch nicht mit all diesen Dingen den Kopf heiß!«

 

»Nehmen wir einmal an, Joan lehnt meinen Antrag glatt ab«, erwiderte Hamon hartnäckig.

 

Lord Creith lächelte selbstbewußt und zufrieden.

 

»Ja, mein lieber Junge, dann sind Sie am Ende mit Ihrer Weisheit!«

 

»Sie müssen eben Ihren Einfluß geltend machen!« wiederholte Hamon verbissen. »Sprechen Sie doch mit ihr!«

 

Der Lord war wenig erfreut über diese Bitte.

 

»Also gut, ich werde mit ihr sprechen!« rief er erregt. »Übrigens vergaß ich, Ihnen zu sagen, daß Sie das Gut, das Sie haben wollten, nicht bekommen können. Ich habe bei Durchsicht der Papiere gefunden, daß es der Midland-Bank verpfändet war und daß sich diese schon vor einem Monat daraus bezahlt gemacht hat. Sie hat das Gut an diesen merkwürdigen Morlake verkauft. Was er damit anfangen will, weiß ich allerdings nicht. Er ist bereits Besitzer von Wold House –«

 

»Morlake! Das ist doch nicht etwa – James Lexington Morlake? Lebt er hier in der Nähe? Ist das der Amerikaner, von dem Sie mir neulich erzählten …?«

 

Hamon sprach schnell und etwas zusammenhanglos. Die vielen Fragen waren Lord Greith zuwider, und er schloß müde die Augen.

 

»Ich weiß nicht, wer er ist … ich habe nur seinen Namen erwähnt. Was haben Sie denn?«

 

»Nichts«, entgegnete Hamon barsch. »Denken Sie bitte daran, mit Joan zu sprechen.« Damit verließ er die Bibliothek.

 

Joan war in ihrem Zimmer, als das Mädchen sie rief. Sie erschien gleich darauf bei ihrem Vater, der schon wieder in seinen Auktionskatalog vertieft war.

 

»Ach, Joan, ich möchte dich wegen einer Sache sprechen – ja, ich besinne mich jetzt. Sei doch zu Hamon so nett wie nur irgend möglich, Liebling!«

 

»Hat er sich über mich beklagt?«

 

»Großer Gott, nein! Er hat nur wieder von seiner Absicht gesprochen, dich zu heiraten. Ich weiß ja nicht, wie du darüber denkst.«

 

»Soll ich es dir sagen?«

 

Lord Creith schüttelte energisch den Kopf.

 

»Nein. Es sind sicher Auseinandersetzungen damit verbunden, die mich doch nur langweilen. Du bist ja von der Lage verständigt und weißt, daß ich ihm alles verkauft habe … den Herrensitz, die Güter, auch unser Stadthaus in London. Wenn du ihn nicht nimmst, bekommst du nur das bißchen Geld, das ich dir hinterlassen kann, wenn ich einmal – sterbe. Verzeih mir, wenn ich so offen bin. Du magst ihn natürlich nicht? – Das dachte ich mir schon«, erklärte er mit Genugtuung. »Sag mal, kennst du eigentlich diesen Morlake?«

 

Wenn er sie angesehen hätte, wäre er über ihr plötzliches Erröten erstaunt gewesen. Aber er schaute auf seinen Katalog.

 

»Wie meinst du das, Vater?«

 

»Ich erwähnte seinen Namen Hamon gegenüber – ich habe noch niemals einen Menschen so verwirrt gesehen wie ihn. Wer ist denn eigentlich dieser Morlake?«

 

»Ein Mann«, erwiderte Joan kurz.

 

»Wie interessant!«

 

Lord Creith blätterte in seinem Heft weiter.

 

Kapitel 30

 

30

 

Jim Morlake kehrte in den frühen Morgenstunden nach Hause zurück. Um halb vier Uhr sah Spooner, daß der Schatten am Fenster verschwand und der Vorhang aufgezogen wurde. Im nächsten Augenblick öffnete Jim das bis zum Boden reichende Fenster und trat hinaus. Er schritt über den Rasen zum Tor. Der Detektiv zog sich in den Schatten der Büsche zurück, aber Jim rief ihn an.

 

»Sind Sie dort, Finnigan – oder sind Sie es, Spooner?«

 

»Spooner«, erwiderte der Beamte ein wenig verdutzt und trat vor.

 

»Kommen Sie herein und nehmen Sie einen Whisky-Soda. Sie haben sicher sehr gefroren heute nacht.«

 

»Wußten Sie denn, daß wir hier waren?«

 

Jim lachte: »Natürlich wußte ich das.«

 

Jim schenkte ihm ein Glas ein, und der Detektiv trank es in einem Zug aus.

 

»Es ist doch wirklich verrückt, daß man die Zeit eines Beamten so vergeudet –«

 

»Sie meinen zweier Beamter«, verbesserte ihn Jim.

 

»Sagen Sie einmal, wann schlafen Sie überhaupt?« fragte der Detektiv und nahm sich eine Zigarre aus dem Kasten, den Jim ihm reichte.

 

»Sehr selten«, erwiderte Morlake ernst. »Es erfrischt mich, wenn ich auf und ab gehe.«

 

»Aber wie machen Sie das? Ich sehe Sie immer nur in der einen Richtung an dem Fenster vorbeigehen.«

 

»Ich gehe um diesen Tisch herum«, entgegnete Jim gleichgültig. »Ich wollte Sie eigentlich fragen, ob Sie nicht einen Schrei gehört haben? Aber es kann sein, daß das lange Wachen mich nervös gemacht hat.«

 

»Ich habe nichts gehört. Das müssen Sie sich eingebildet haben. Aus welcher Richtung sollte er denn gekommen sein?«

 

»Von der Wiese auf der anderen Seite des Flusses. Aber wenn Sie ihn nicht gehört haben, dann wollen wir uns auch nicht weiter darum kümmern.«

 

»Ist dort eine Brücke?« fragte der Detektiv, der froh war, eine kleine Abwechslung zu haben. »Was für ein Geräusch war es denn?«

 

»Es klang wie ein Hilfeschrei. Wenn Sie denken, daß es sich lohnt, hole ich eine Lampe, und wir sehen einmal nach.«

 

Er steckte eine Windlaterne an, und sie eilten quer über den Rasen nach der kleinen Flußbrücke.

 

»Ich glaube, daß der Schrei von diesem Feld kam«, sagte er.

 

Spooner sah auch bald eine Gestalt auf dem Boden liegen.

 

»Wer ist es?« fragte Jim.

 

»Er scheint betrunken zu sein – hallo, wachen Sie auf!« Er zog den reglosen Mann auf die Knie und schüttelte ihn heftig an der Schulter. »Wachen Sie auf! Das ist ja der junge Mann, der im Haus von Mrs. Cornford wohnt!«

 

»Ich erkenne ihn jetzt auch. Wie mag er nur hierhergekommen sein? Vielleicht sind Sie so liebenswürdig, ihn zu mir zu bringen.«

 

Spooner holte Finnigan zu Hilfe, und Jim ging nach Hause zurück. Es war nicht nur die Arbeit dieser Nacht sehr schwer für ihn gewesen – Marbornes einbruchsicherer Safe war eine der schwierigsten Aufgaben, die er jemals gehabt hatte – auch die Verantwortung, die er für den halbverrückten Trunkenbold übernommen hatte, machte ihm zu schaffen. Während er seinen sehr gewagten Einbruch verübte, hatte Ferdie Farringdon im Wagen geschlafen, ebenso während der Rückfahrt. Schließlich mußte Jim ihn von dem Schuppen an, wo er seinen Wagen untergestellt hatte, halb tragen und halb führen. Er hatte ihn in den Wiesen von Creith House niedergelegt, als ihm einfiel, daß die Detektive, die sein Haus bewachten, doch ganz zweckmäßig dazu verwendet werden könnten, den armen Kerl nach Hause zu bringen.

 

Jim ging in sein Schlafzimmer, zählte den Stoß Banknoten, den er aus seiner Tasche nahm, steckte ihn in ein Kuvert, schrieb die Adresse darauf und verwahrte es in dem Geheimfach unter dem Teppich.

 

Was er finden wollte, hatte er nicht bekommen, aber sein Mißerfolg bedrückte ihn weniger als die merkwürdige Geschichte, die Farringdon ihm erzählt hatte. Es konnte doch unmöglich Joan sein – aber ihr Vater war ein Lord, sie hatte die herzförmige Narbe auf der Hand – und sie hieß Joan! Es ist ja Unsinn! sagte er zu sich selbst, das kann nicht sein! Unmöglich hat Joan das Leben dieses Mannes ruiniert. Sie ist doch noch ein Kind…

 

Sicher war es nur das Geschwätz eines Betrunkenen, aber er konnte sich mit dieser Erklärung nicht zufriedengeben. Schließlich nahm er sich vor, Mr. Farringdon am Morgen aufzusuchen und um eine Erklärung zu bitten. Er schlief vier Stunden, badete und kleidete sich an. Seine ersten Gedanken beim Erwachen beschäftigten sich wieder mit dem Betrunkenen und dessen Äußerungen.

 

Nachdem er eine Tasse Tee getrunken hatte, bestieg er sein Pferd und ritt den Seitenweg entlang, bis er zu der einsam stehenden Gärtnerwohnung kam. Er hatte Mrs. Cornford noch nie gesehen, aber er war ziemlich beeindruckt von ihr.

 

»Mein Name ist Morlake«, sagte er und beobachtete sie scharf. »Ich freue mich, daß Sie nicht gleich in Ohnmacht fallen, wenn sich Ihnen ein Verbrecher vorstellt.«

 

Sie lächelte, als sie seinen Namen hörte.

 

»Ich möchte gern den Herrn sprechen, der bei Ihnen wohnt.«

 

»Mr. Farringdon?« Ihr Gesichtsausdruck änderte sich plötzlich. »Es tut mir leid, daß Sie ihn nicht sehen können – er ist sehr krank. Sie wissen vielleicht, daß er an Trunksucht leidet. Gestern ist er durchgebrannt, als ich ins Dorf ging, um einzukaufen, und er ist erst heute früh zurückgekommen. Ich habe eben nach dem Arzt geschickt.«

 

»Ist er denn so krank, daß ich ihn nicht sprechen kann?«

 

»Seine Temperatur ist hoch, und auch sonst ist er sehr elend. Kennen Sie ihn gut?«

 

»Nein, ich weiß nur verschiedenes von ihm, das ist alles.«

 

Sie wollte anscheinend nicht weiter über Mr. Farringdon sprechen, und er verabschiedete sich. Er ritt querfeldein nach No Man’s Hill.

 

Es war eine merkwürdige Laune von ihm, daß er von dem sonst üblichen Weg abbog und auf die Höhe des Hügels ritt. Er hatte plötzlich ein Bedürfnis nach Einsamkeit, die er dort oben zu finden hoffte.

 

Als er jedoch auf die offene Wiese kam, sah er sich unerwartet Lady Joan gegenüber. Sie saß im Sattel, schaute ihn mit einem merkwürdigen Lächeln an und lachte schließlich laut über sein erstauntes Gesicht.

 

»Mein Vater ist gestern abend nach Creith zurückgekommen«, sagte sie, »und unser gewöhnliches Leben hier auf dem Land hat wieder begonnen. Wir erwarten, daß auch Hamon jeden Augenblick hier erscheint.«

 

»Da kann ich Ihnen ja gratulieren!«

 

»Wissen Sie schon, daß in der letzten Nacht in London wieder eingebrochen wurde? Es sah einer Ihrer Heldentaten recht ähnlich!«

 

Sie schaute ihn bei diesen Worten durchdringend an.

 

»Eine schlechte Nachahmung. Wollen Sie mich denn für jeden Einbruch verantwortlich machen –?«

 

»Waren Sie es?«

 

Lachend stieg er vom Pferd.

 

»Sie sind eine sehr wißbegierige junge Dame – aber ich werde Ihre Neugierde nicht befriedigen.«

 

»Dann waren Sie es also doch!« Sie seufzte. »Ich fürchtete es schon. Hier im Dorf sind allerdings alle überzeugt, daß Sie Wold House nicht verlassen haben.«

 

»Ich war aber tatsächlich vorige Nacht in London. Was ich auch sonst Böses getan haben mag – ein gutes Werk habe ich wenigstens vollbracht. Ich bewahrte einen jungen Mann davor, wegen Trunkenheit verhaftet zu werden, und ich habe ihn zu der guten Mrs. Cornford zurückgebracht.«

 

Sie wurde auffallend blaß.

 

»Das war sehr lieb von Ihnen«, sagte sie leise.

 

»Kennen Sie den Mann?«

 

Sie antwortete nicht.

 

»Hat er Grund, Sie zu hassen?«

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

»Joan, haben Sie Sorgen oder Schwierigkeiten?«

 

»Sorgen habe ich immer«, erwiderte sie leichthin. »Schon so lange ich denken kann, war das so!«

 

»Sie weichen mir aus. Aber vielleicht sagen Sie mir etwas anderes?« Es wurde ihm schwer, die richtigen Worte zu finden. »Wenn ich nicht – wenn ich ein ehrbares Mitglied der Gesellschaft und von Ihrem Stande wäre… würden Sie mich dann heiraten?«

 

Sie sah ihn traurig an.

 

»Nein.«

 

»Warum nicht?«

 

»Weil… Sie sprachen eben über Ferdie Farringdon.« Sie war kaum fähig, weiterzusprechen. »Ich bin mit ihm verheiratet!« sagte sie dann, wandte ihr Pferd und ritt in vollem Galopp den Hügel hinunter.

 

Kapitel 31

 

31

 

Er mußte träumen! Das konnte doch nicht wahr sein! Es war zu absurd. Sie wollte ihn ebenso erschrecken, wie sie Lydia Hamon erschreckt hatte. Sicherlich war das nicht wahr…

 

Er hielt wieder vor dem Hause von Mrs. Cornford. Er hätte ja hineingehen, sich Gewißheit verschaffen können, aber eben sah er den Doktor aus der Tür kommen. Der alte Mann nickte ihm freundlich lächelnd zu.

 

»Wie geht es Ihrem Patienten?« fragte Jim.

 

»Sehr schlecht. Ich fürchte, er hat Angina. Er ist kraftlos und kann der Krankheit keinen Widerstand entgegensetzen. Ein merkwürdiger Kerl, dieser Farringdon! Hat eine Hochschule besucht, aber die Haare würden Ihnen zu Berge stehen, wenn Sie gehört hätten, was er im Delirium redete. Wissen Sie eigentlich etwas von Mitternachtsmönchen?«

 

»Wovon?«

 

»Von Mitternachtsmönchen. Sie sind doch weit in der Welt herumgekommen. Es muß irgendeine Geheimgesellschaft sein. Er hat die ganze Zeit davon geschwatzt. Eigentlich dürfte ich ja nicht darüber sprechen. Neben den Mitternachtsmönchen erwähnte er immer noch den Namen Joan.«

 

Jim sagte nichts darauf, und der Arzt verabschiedete sich.

 

Tief in Gedanken versunken ritt Morlake weiter. Joan hatte ihn erschrecken wollen, das war die einzige Erklärung. Hierbei blieb er und betrog sich selbst.

 

Er bog nach Wold House ein, als ein großer italienischer Wagen an ihm vorbeifuhr. Einen kurzen Augenblick konnte er den Mann sehen, der darin saß. Hamons Anwesenheit würde hier niemand Glück bringen, ihm am allerwenigsten.

 

»Polizeibeamte waren hier!« sagte Binger, der ihm auf der Zufahrtsstraße entgegenkam, etwas theatralisch.

 

»Wer denn? Spooner und Finnigan?«

 

»Die beiden und noch einer. Der wollte wissen, ob Sie letzte Nacht ausgegangen seien. Aber ich wußte ja ganz genau, daß Sie hier waren, und habe das auch zu Protokoll gegeben.«

 

»Wann sind sie fortgegangen?«

 

»Sie sind noch in Ihrem Arbeitszimmer. Der eine Herr sagte, daß er sich nicht wohl fühle und sich ein wenig hinsetzen müsse. Draußen scheine ihm die Sonne zu stark.«

 

»Wir haben seit einem Monat überhaupt keinen Sonnenschein gehabt – ich nehme an, daß dieser dritte Welling heißt. Was Sie eben sagten, klingt ganz nach ihm.«

 

»Stimmt. Er ist ein älterer Mann, der nicht ganz richtig im Kopf sein muß. Er ist ein wenig kindisch. Den Plattenspieler hat er auf den Tisch gestellt und gefragt, wofür denn die kleinen Löcher an der Seite seien. Es ist schrecklich, wenn man einen Menschen sieht, der seinen Verstand nicht ganz beisammen hat.«

 

Als Jim in sein Arbeitszimmer kam, bewunderte Welling gerade eine große Radierung, die über dem Kamin hing.

 

»Da sind Sie ja endlich, Morlake. Ich dachte, es sei gut, wenn ich mich einmal nach Ihnen erkundigte. Erst gestern abend habe ich entdeckt, daß ohne mein Wissen zwei Leute vom Yard hierhergeschickt wurden, um Sie zu beobachten. Ich finde das nicht richtig«, sagte er und schüttelte den Kopf. »Sobald ich es entdeckte, entschloß ich mich, die Beamten zu entfernen. Ich möchte Sie nicht ärgern; Sie müssen sich frei bewegen können, Morlake.«

 

Jim lachte laut.

 

»Ich zweifle nicht im geringsten daran, daß Sie selbst die Detektive beauftragt haben, mich zu überwachen.«

 

»Und ich zweifle noch weniger daran«, gab Welling reumütig zu, »daß ich sie tatsächlich herschickte. Das ist das Schlechteste an unserem Beruf, daß wir dauernd lügen müssen.« Er schüttelte traurig den Kopf. »Und dann solche unnötigen Lügen. Mir graut manchmal vor mir selbst, wenn ich daran denke, was ich so tagsüber zusammengelogen habe. Sie haben da einen netten Plattenspieler – haben Sie auch Platten?«

 

»Massenhaft«, antwortete Jim prompt.

 

»Sehen Sie mal an. Ich hatte den Apparat gerade vorhin angedreht.« Bei diesen Worten schaltete er ihn an, und der Plattenspieler bewegte sich langsam. »Der kriecht wie eine Schnecke. Nun dachte ich mir, wenn Sie eine Lampe hätten und sie in die Mitte setzten, dann könnte man eine Pappfigur von der Gestalt eines Mannes ausschneiden und den Apparat so aufstellen, daß jedesmal der Schatten die Vorhänge trifft, wenn die Figur vorübergeht. Wie gefällt Ihnen die Idee? Wenn ich mein kleines Buch über Einbrecher schreibe, dann werde ich diese Sache ganz bestimmt erwähnen – sogar mit Illustrationen.«

 

Jim verschob den Regulator, und die Scheibe drehte sich nun schnell.

 

»Das beweist nur, wie selbst ein schlauer Plan aus Mangel an Vorsicht scheitern kann. Wenn ich ein Verbrecher gewesen wäre, wenn ich die Polizei hätte täuschen wollen, dann hätte ich doch vor allem den Hebel auf normale Gangart zurückstellen müssen. Bitte, vergessen Sie nicht, auch das in Ihrem Buch zu erwähnen.«

 

»Sicherlich werde ich das nicht vergessen«, gab der Detektiv schalkhaft zu. »Ich danke Ihnen für Ihre Informationen.«

 

Er sah sich nach Spooner und Finnigan um.

 

»Also, die Sache ist in Ordnung – ich glaube nicht, daß Sie hier noch zu warten brauchen. Sie fahren beide mit dem nächsten Zug in die Stadt zurück. Inzwischen möchte ich mit Mr. Morlake noch etwas privatim besprechen.«

 

Er verbeugte sich leicht, ging zum Fenster und beobachtete, wie die beiden Beamten verschwanden.

 

»Gute Leute«, meinte er und wandte sich wieder an Jim. »Kein bißchen Verstand, aber von idealer Pflichttreue. Sagen Sie mal, Morlake, wo waren Sie eigentlich letzte Nacht?«

 

»Wo soll ich denn gewesen sein?« Jim nahm seine Pfeife vom Kamin und stopfte sie.

 

»Ich nehme an, daß Sie in dem Haus Cambridge Circus Nr. 302 waren und den Geldschrank unseres Freundes Marborne ein wenig öffneten. Und wenn ich sage, ich nehme es an, dann heißt das, ich weiß es genau. Morlake, das gehört sich doch nicht.« Er schüttelte vorwurfsvoll den Kopf. »Ein Hund beißt doch nicht den anderen, und ein Dieb darf doch nicht den anderen berauben. Dieser Marborne war der größte Dieb, der je Polizeiuniform getragen hat. Der Himmel und unser Chef wissen es genau. Haben Sie denn wenigstens das gefunden, was Sie suchten?«

 

»Nein.«

 

»Aber warum nahmen Sie dann das Geld?«

 

»Was für Geld?« fragte Jim unschuldig.

 

Captain Welling setzte sich in einen Sessel und zog die Falten seiner Hose hoch.

 

»Ich sehe schon, wir müssen uns erst eine Weile streiten.«

 

»Um Himmels willen, ich nähme doch nur Geld, wenn es dem Mann gehörte, den ich beraube.«

 

Welling nickte.

 

»Das habe ich schon vermutet – aber es war doch Marbornes Eigentum. Können Sie mir eigentlich sagen, welchen Einfluß Marborne auf Hamon hat?«

 

»Soviel ich weiß, erpreßt er ihn, weil er ein Dokument hat, das für Hamon sehr belastend ist. So sehe ich wenigstens den Fall an.«

 

»Mysteriöse Angelegenheit, die ich nicht verstehe. Da ist also ein Dokument, das Sie haben wollen und das nach Ihrer Behauptung Marborne besitzt. Wenn dieses Schriftstück in die Hände der Polizei oder des Gerichts fiele, würde das für Hamon katastrophale Folgen haben. Habe ich bis dahin alles richtig gesagt?«

 

»Ja, soweit wie möglich.«

 

»Nun gut.« Welling legte die Spitzen der Finger zusammen. »Also zuerst haben wir ein Dokument oder einen Brief, ein Protokoll oder so was Ähnliches, dessen Bekanntwerden, sagen wir einmal, Hamon in eine böse Lage bringt. Warum in aller Welt vernichtet der Mann dieses Dokument nicht?«

 

Ein feines Lächeln zeigte sich auf Jims Zügen.

 

»Weil er eben wie ein Affe ist. Er hat seine Hand in die Kürbisflasche gesteckt, hat die Frucht darin ergriffen und kann nun die Hand nicht herausziehen, ohne seine Beute fahrenzulassen.«

 

»Ich habe zwar gehört, daß er ein Geizhals ist – aber warum bewahrt er denn eine Sache auf, die ihn –«

 

»An den Galgen bringt«, ergänzte Jim.

 

Welling machte ein ernstes Gesicht.

 

»Ist es wirklich so schlimm? Ich ahnte es. Der Mann ist verrückt. Für eine solche Wahnsinnstat gibt es überhaupt keinen Präzedenzfall in der Geschichte der Justiz. Ein Mann mag solch ein Dokument aufheben, weil er nachlässig ist, oder weil er es vergessen hat – aber absichtlich! Hat er es denn geschrieben?«

 

»Nein, ein anderer. Es enthält eine Anklage, daß er einen großen Betrug plante und jemand zu ermorden versuchte.«

 

»Ich gebe es auf, diese Sache zu entwirren«, meinte Welling und schüttelte den Kopf. »Aber unter allen Umständen wird es Hamons Untergang sein.«

 

»Er ist übrigens schon wieder hier.«

 

Jim hatte Welling gern, und unter gewöhnlichen Umständen hätte er sich über seine Gesellschaft gefreut, aber jetzt war er nicht in der Stimmung, Menschen um sich zu haben, und er war froh, als der Detektiv ging. Die Erklärung Joan Carstons hatte ihn sehr mitgenommen. Er glaubte jetzt, daß sie die Wahrheit gesagt hatte. Mit ihm würde sie nicht spielen. Zweimal ritt er an diesem Tage noch zu Mrs. Cornford und fragte nach dem Patienten.

 

»Es geht ihm sehr schlecht, aber der Arzt hat Hoffnung.«

 

»Wissen Sie eigentlich Genaueres über Mr. Farringdon?«

 

»Ich weiß nur wenig. Er hat fast keine Freunde. Ein Anwalt aus der Stadt zahlt ihm pünktlich eine Rente aus. Wenn ich nur wüßte, wie ich seine Verwandten benachrichtigen kann, aber er spricht von nichts anderem als diesen Mitternachtsmönchen, und der einzige Name, den er außer dem eines Mädchens erwähnt, ist Bannockwaite. Er kommt mir irgendwie bekannt vor, aber ich kann nicht sagen, woher ich ihn kenne.«

 

Jim hatte den Namen auch schon gehört, besann sich aber nur darauf, daß er mit irgendwelchen unangenehmen oder bösen Dingen verknüpft war. Plötzlich kam ihm ein Einfall. Welling hatte ihm gesagt, daß er noch einen oder zwei Tage im Dorf bleiben wolle. Jim ritt also zum ›Roten Löwen‹, wo der Beamte sein Quartier aufgeschlagen hatte und fand ihn vor einem großen Bierglas sitzend.

 

»Kennen Sie einen gewissen Bannockwaite?«

 

»Früher kannte ich einen Mann dieses Namens«, entgegnete der Detektiv sofort. »Er war ein furchtbares Rauhbein. Erinnern Sie sich nicht an den Fall? Ein junger Geistlicher, der sich unmöglich machte und aus der Kirche ausgeschlossen wurde? Er hatte eigentlich nicht viel verbrochen, er war von Natur ein Teufel, und es gibt keinen größeren Fehler, als die geistliche Karriere einzuschlagen, wenn man nicht dazu berufen ist. Später war er in eine Falschspieleraffäre verwickelt und geriet auch in unsere Hände. Aber es wurde keine Klage gegen ihn erhoben. Bei Kriegsausbruch meldete er sich freiwillig, erhielt das Victoriakreuz und fiel an der Somme. Vielleicht erinnern Sie sich an ihn in Verbindung mit einer der Geheimgesellschaften, die er gründete.«

 

»Welche Geheimgesellschaften meinen Sie?«

 

»Als er noch auf die Schule ging, hat er mit einer solchen Geschichte nicht nur seine Kameraden in Verwirrung gebracht, sondern auch noch ein Dutzend andere Institute.«

 

»Auf welcher Schule war er denn? Aber das werden Sie wohl nicht wissen.«

 

»Zufällig weiß ich es noch. Es war Hulston – das ist eine große Schule in Berkshire.«

 

Jim ging nach Hause und schrieb an den Schuldirektor in Hulston.

 

Spät am Nachmittag sah er Hamons Wagen in der Richtung nach London vorbeifahren und wunderte sich, welches dringende Geschäft den Finanzmann wohl in die Stadt zurücktreiben mochte.

 

Nach Mitternacht kehrte Hamon schon wieder zurück. Er hatte in London zwei nützliche Stunden verbracht und mit einem Fremden gesprochen, der gerade angekommen war. Die Unterhaltung war nur auf arabisch geführt worden.

 

Kapitel 22

 

22

 

Jim Morlake war noch nie so langsam und nachdenklich nach Wold House gefahren wie an diesem Nachmittag. Er konnte sich wohl vorstellen, daß die Gesellschaft in Sussex ziemlich entrüstet war. Die Vikare und die Kirchenräte, die Herren und Damen des Landadels, die Lords und die Nachbarn, die ihm Einladungen hatten zukommen lassen, ja die Dorfbewohner selbst, die ihr Eigentum bedroht sahen, würden seine Verhaftung und die Worte des Richters als eine Katastrophe für ihn ansehen.

 

Er lächelte, als er an die Wirkung dachte, die der Prozeß auf diese Leute gehabt haben mußte. Sein Personal wurde sehr gut bezahlt und behandelt. Er hatte den Vorstand der kleinen Bankfiliale in Creith angewiesen, die Gehälter weiterzuzahlen und ebenso das nötige Geld, um den Haushalt aufrechtzuerhalten. Wie die Leute jetzt über ihn dachten, wußte er nicht, da er seit seiner Verhaftung nicht mehr mit Wold House in Verbindung gestanden hatte.

 

Und was er befürchtet hatte, trat ein: Bei seiner Ankunft kündigte das gesamte Personal und bat um sofortige Entlassung. Er kam dem Wunsch ohne Zögern nach, und als alle gegangen waren, schloß er die Tore und kehrte in sein leeres Haus zurück.

 

Binger konnte er nicht gut hierherrufen, weil der Mann die Londoner Wohnung in Ordnung halten mußte. Und Mahmet hatte wenig oder gar keine Ahnung von europäischer Küche, obwohl er vorzüglichen Kaffee zu bereiten verstand.

 

Jim wanderte durch das verlassene Haus. Alles war tadellos sauber, und sicher würde es auch für einige Tage so bleiben.

 

Es gab eigentlich keine andere Lösung, als nach London überzusiedeln, aber es reizte ihn, nun gerade hierzubleiben. Auf keinen Fall wollte er sich aus der Fassung bringen lassen.

 

Seine Lage gestaltete sich noch schwieriger, als sich die Kaufleute im Ort weigerten, ihm Waren zu liefern.

 

Am nächsten Mittag hatte er Keks, Tee und Schinken; abends gab es Keks und Tee ohne Schinken, und am Morgen darauf dieselbe Kombination, da er trotz allen Suchens keine anderen Vorräte finden konnte. Der Speisezettel war etwas eintönig, aber Jim fühlte sich ganz wohl dabei. In Hemdsärmeln kehrte er sein Zimmer und die Halle, machte selbst das Bett, reinigte auch die breiten Stufen vor der Haustür und benahm sich dabei so anstellig wie ein Dienstmädchen.

 

Am dritten Tag, als Tee und Keks doch schon etwas langweilig zu werden begannen, entdeckte er unverhofft ein Körbchen mit Eiern. Er machte sich allerdings nicht die Mühe, den Küchenherd anzufeuern, sondern setzte in seinem schon etwas unordentlich aussehenden Arbeitszimmer einen kleinen Spirituskocher in Brand. Er hatte Tee aufgebrüht, den Tisch mit der Morgenzeitung gedeckt und machte sich nun daran, Setzeier zu backen. Leider wußte er nur, daß dazu eine bestimmte Hitze, eine gewisse Menge Eier und eine Pfanne notwendig waren. Bald war denn auch der Raum mit Rauch gefüllt, und es roch nach angebrannten Eiern.

 

Plötzlich kam ein unerwarteter Besuch. Die Dame war durch die offene Vordertür eingetreten und stand nun im Gang, erstaunt über den Anblick, der sich ihr bot.

 

»Was machen Sie denn da?« fragte sie verwundert, trat schnell näher und nahm ihm die rauchende Pfanne aus der Hand. »Sie müssen doch erst Butter oder Fett hineintun!«

 

Er war sprachlos. Die letzte, die er hier in Wold House in diesem kritischen Augenblick erwartet hatte, war Jane Smith. Sie war es aber wirklich, hübscher als je in dem einfachen, blauen Kostüm und dem kleinen Hut.

 

»Wo kommen Sie denn her?«

 

»Aus dem Dorf. Es riecht aber fürchterlich hier – machen Sie doch das Fenster auf!«

 

»Warum – mögen Sie Eier nicht?«

 

»Verbrannte Eier?«

 

»Ich vermute, daß Sie wissen –«

 

»Ja, ich weiß.« Sie löschte den Spirituskocher und setzte die Pfanne beiseite. »Ich bin hergekommen, um mich einmal nach Ihnen umzusehen, Sie amerikanischer Waisenknabe!«

 

Kapitel 23

 

23

 

Gehorsam trug er Spirituskocher, Tassen und Schüsseln in die Küche und schaute ihr dann bewundernd zu, wie sie im großen Küchenherd Feuer machte.

 

»Lassen Sie doch mich das besorgen!« bat er.

 

»Das hätten Sie schon vor Stunden selbst machen können«, erwiderte sie vorwurfsvoll. »Aber es wäre Ihnen ja doch nicht gelungen. Sie hätten höchstens eine noch viel größere Rauchwolke zustande gebracht –«

 

»Feuer anzünden ist allerdings eine Kunst – ich habe das bisher noch nicht gewußt.«

 

»Sehen Sie einmal in der Speisekammer nach, ob Sie nicht etwas Bratfett finden!«

 

Er gehorchte und kam mit dem Gewünschten wieder.

 

Sie hatte sich vor dem knisternden Feuer auf die Knie niedergelassen und sah ihn neugierig an.

 

»Warum sind Sie eigentlich nicht nach London zurückgegangen? Sie haben doch eine schöne Stadtwohnung?«

 

»Ich bleibe lieber hier.«

 

»Wie hochmütig – ich bleibe lieber hier!« Sie ahmte seine Stimme nach. »Sie werden hier noch verhungern, mein lieber Freund, und sich zu Tode frieren. Sie müssen doch nun schon wissen, daß die Leute in Creith es nicht zulassen, daß ihre reinen Seelen durch die Berührung mit einem Menschen mit Ihrer Vergangenheit befleckt werden. Holen Sie sich doch Dienstboten aus London, die sind weniger kleinlich in ihren Ansichten!«

 

Sie machte sich mit den Eiern zu schaffen.

 

»Wissen Sie denn auch, warum dieser Widerstand gegen Sie im Dorf erwacht ist?« fragte sie nach einer Weile. »Sie müssen nicht denken, daß die Leute das nur getan haben, weil sie sittenstreng sind. Vor einer Woche kam Mr. Hamon hierher und hetzte alle gegen Sie auf. Ich nehme an, daß er auch Ihr Personal aufsässig gemacht hat. Ich weiß es von meinem Mädchen, das hier im Dorf wohnt –«

 

»Von wem wissen Sie es?« fragte er schnell.

 

»Von meinem Mädchen – ich wollte sagen, von meiner Tante«, erwiderte sie, ohne mit der Wimper zu zucken. »Also, meine Tante, die hier im Dorf lebt und allen Klatsch hört, hat es mir gesagt.«

 

»Dann waren Sie also hier?«

 

»Nein, ich war zu der Zeit in London – sie erzählte es mir, als ich herkam. So, nun sind die Eier fertig.«

 

»Aber ich kann doch unmöglich drei essen«, protestierte er.

 

»Das sollen Sie auch gar nicht. Eins ist für mich.«

 

Sie ging in die Diele und nahm dort aus einer Tasche Brot und Butter.

 

»Wir werden in der Küche essen, dort fühle ich mich mehr zu Hause. Und nach dem Frühstück sehe ich mich einmal um, was hier alles getan werden muß. Ich kann täglich nur ein paar Stunden kommen.«

 

»Wollen Sie morgen wiederkommen?« fragte er freudig.

 

Sie nickte, und er seufzte erleichtert auf.

 

»Es war so merkwürdig, daß ich Sie nicht kommen sah. Ich schaute doch gerade durch das Fenster auf die Einfahrt.«

 

»Ich bin auch nicht auf dem großen Paradeweg, sondern auf einem Geheimpfad gekommen. Natürlich habe ich so viel Rücksicht auf meinen Ruf zu nehmen, daß ich heimlich kommen muß.«

 

Er lachte.

 

»Wenn Sie damit sagen wollen, daß Sie sich auch nur einen Deut um das kümmern, was die Leute im Dorf von Ihnen denken, dann glaube ich davon kein einziges Wort. Und dann – Sie mögen ja aus dem Dorf stammen, sonst könnten Sie nicht soviel von den Leuten hier wissen, aber daß Sie zu den Dienstboten gehören, glaube ich Ihnen niemals.«

 

»Holen Sie mir den Teppichklopfer! Ich will Ihnen einmal zeigen, wie man damit umgeht – und daß ich wirklich zu arbeiten verstehe.«

 

Ihm verging die Zeit wie im Fluge, und als sie sich schließlich verabschiedete, glaubte er, daß kaum zehn Minuten seit ihrer Ankunft vergangen seien.

 

»Sie wollen schon gehen?« fragte er enttäuscht.

 

»Allerdings – und Sie werden so gut sein und hierbleiben und nicht versuchen, mir zu folgen. Ich vertraue auf Ihre Diskretion, daß Sie im Dorf nicht bei Bekannten fragen, wer ich bin und wer meine Verwandten sind. Ich möchte den Namen Smith reinhalten. Übrigens habe ich mein möglichstes getan, um die Kaufleute zu beruhigen, und ich denke, morgen werden sie Ihnen wieder alles schicken, was Sie brauchen.«

 

»Auf Wiedersehen, Jane, und herzlichen Dank!« sagte er begeistert.

 

Als Jim am nächsten Morgen herunterkam und die Tür öffnete, saß der Ladenjunge des Kolonialwarenhändlers auf den Stufen und wartete, um Aufträge entgegenzunehmen.

 

Auch Jane Smith kam wieder, aber es fiel ihm eine Veränderung auf.

 

»Sie haben geweint?« fragte er mitfühlend.

 

»Nein, ich habe nur wenig geschlafen – das ist alles.«

 

»Aber Sie haben doch geweint.«

 

»Wenn Sie das noch einmal sagen, gehe ich sofort wieder weg. Sie langweilen mich mit Ihren Wiederholungen.«

 

Er schwieg. War sie durch ihren Besuch bei ihm in Schwierigkeiten geraten? Er glaubte auf keinen Fall, daß sie ein Dienstmädchen war. Vielleicht war sie eine arme Verwandte einer der reichen Familien in der Nachbarschaft.

 

Als sie beim Mittagessen saßen, wollte die Unterhaltung kaum in Gang kommen.

 

»Wo wohnen Sie eigentlich?« fragte er sie plötzlich ganz offen.

 

»Ach, irgendwo hier in der Gegend.«

 

»Haben Sie mir überhaupt schon einmal die Wahrheit gesagt?«

 

»Ich war der ehrlichste Mensch von der Welt, bis ich –« sie brach plötzlich ab.

 

»Bis Sie –«

 

»Bis ich eben zu lügen anfing – das ist doch sehr einfach.«

 

»Ich wollte Ihnen noch sagen, daß heute morgen zwei Dienstmädchen zurückgekommen sind. Sie wollen ihre Stellung wieder antreten.«

 

»Nehmen Sie sie nicht«, entgegnete sie hastig. »Wenn Sie es tun, werde ich gehen.«

 

Aber dann kam ihr doch ihr Egoismus zum Bewußtsein.

 

»Ach, nehmen Sie sie ruhig«, fuhr sie schnell fort. »Es ist das beste, wenn Sie Ihr gewohntes Personal so bald wie möglich wiederhaben. Nur sagen Sie mir bitte genau, wann die Leute zurückkommen.«

 

Nach dem Essen half er ihr beim Geschirrspülen, dann ging er in sein Arbeitszimmer, um einige Briefe zu schreiben, während sie das Abendessen für ihn vorbereiten wollte. Die Küchentreppe mündete in einen kleinen Flur, und er war sehr erstaunt, dort eine junge Dame zu finden. Er hatte die Haustür weit offenstehen lassen und entweder nicht gehört, daß sie geklingelt hatte, oder sie hatte nicht geläutet. Sie war sehr schön, das sah er auf den ersten Blick. Auch war sie schick gekleidet. Vielleicht war sie eine Abgesandte der Damen von Sussex, die ihn aufforderten, die Gegend so bald wie möglich zu verlassen.

 

Aber sie lächelte ihn an und trat näher.

 

»Sie sind Mr. Morlake?« fragte sie und reichte ihm die Hand. »Ich habe Sie gleich nach der Fotografie erkannt. Sie kennen mich nicht?«

 

»Ich fürchte, daß ich bisher nicht die Ehre hatte …« Jim führte sie ins Wohnzimmer.

 

»Ich wollte Sie einmal besuchen, Mr. Morlake. Dieser gräßliche Streit zwischen Ihnen und meinem Bruder muß endlich aufhören.«

 

»Ihrem Bruder?« fragte er verwundert.

 

Sie lachte schelmisch.

 

»Nun sagen Sie mir nur nicht, daß Sie nichts gegen den armen Ralph im Schilde führen!«

 

»Ach, Sie sind Miss Hamon?«

 

»Ja, erraten. Ich bin direkt von Paris gekommen, nur um Sie aufzusuchen. Ralph ist sehr bekümmert wegen dieses unseligen Streites, den Sie mit ihm haben.«

 

»Ja, vermutlich«, erwiderte Jim gewandt. »Und Sie sind den weiten Weg von Paris gekommen, um unsere Zwistigkeiten beizulegen? Aber natürlich, Sie sind Lydia Hamon. Wie man doch vergeßlich sein kann! Ich habe Sie gesehen, bevor Ihr Bruder sein großes Vermögen erwarb.«

 

Lydia wollte unter keinen Umständen an diese Zeit erinnert werden und versuchte, die Unterhaltung von dem gefährlichen Thema abzulenken.

 

»Mr. Morlake, ist es denn nicht möglich, daß Sie sich mit Ralph vertragen und mit ihm zusammenarbeiten?«

 

Die Tür öffnete sich plötzlich, und Jane Smith trat herein. Sie wollte wieder nach Hause gehen und zog gerade die Handschuhe an.

 

»Ich dachte, Sie seien in Ihrem Arbeitszimmer –« begann sie, als sie die fremde Dame bemerkte.

 

Wenn die Gegenwart Lydia Hamons sie in Verwunderung setzte, so war doch der Eindruck, den sie umgekehrt auf die Besucherin machte, weit größer.

 

»Ich irre mich doch sicher nicht?« rief sie. »Da ist ja Lady Joan Carston?«