Kapitel 2

 

2

 

Stephens, der Butler in Creith House, las in der Morgenzeitung, daß ›der Schwarze‹ wieder einen Einbruch verübt hatte. In raffinierter Weise war der Mann in die Burlington-Bank eingedrungen, hatte die Wachleute betäubt und die Alarmvorrichtungen unbrauchbar gemacht. Stephens war eine mitteilsame Natur und erzählte die Neuigkeit seinem Herrn, als er ihm den Morgenkaffee servierte. Hätte er dieselbe Geschichte dem Gast berichtet, der sich gerade im Haus aufhielt, so würde er eine größere Sensation hervorgerufen haben. Aber aus vielen Gründen konnte er Mr. Ralph Hamon nicht leiden. Bei seinen ersten Besuchen war dieser Herr dem Lord gegenüber sehr höflich gewesen, hatte sich in Gegenwart der jungen Lady bescheiden benommen und sich die größte Mühe gegeben, ihr zu gefallen. Aber mit der Zeit hatte sich das Verhalten des Finanzmannes gegenüber der Familie des Lords bedeutend geändert, und Stephens war aufgebracht und böse darüber.

 

Er stand am großen Fenster des getäfelten Bankettsaals und starrte über die breite grüne Rasenfläche zu dem Fluß hinüber, der im Norden die Grenze des Landsitzes bildete. Es war ein herrlicher Frühherbstmorgen, und die Bäume glänzten noch in grünem Laub. Nur hier und dort färbten sich schon einige Blätter gelb und rot. Besonders schön leuchteten die Baumgruppen auf No Man’s Hill.

 

»Guten Morgen, Stephens!«

 

Der Butler drehte sich schuldbewußt um, als er die Stimme des Mannes hörte, an den er eben gedacht hatte.

 

Ralph Hamon war geräuschlos eingetreten. Er war von mittlerer Größe, hatte eine gedrungene Gestalt und neigte etwas zur Korpulenz. Stephens schätzte ihn auf fünfundvierzig. Hamons großes Gesicht war bleich und im allgemeinen ausdruckslos. Die hohe, kahle Stirn, die dunklen, tiefliegenden Augen und die harten Linien seines wenig schönen Mundes deuteten auf Klugheit und Geschicklichkeit. Die Kahlheit des Kopfes war noch deutlicher zu sehen, als er sich bückte, um eine Stecknadel vom Parkett aufzuheben.

 

»Das nennt man Glück«, sagte er und steckte sie unter die Klappe seines eleganten Anzugs. »Besser kann man den Tag gar nicht anfangen, als daß man etwas findet, was man gebrauchen kann.«

 

Stephens hatte auf der Zunge, daß die Stecknadel schon jemand gehörte, aber er beherrschte sich.

 

»Der Schwarze war wieder an der Arbeit«, erwiderte er nur.

 

Hamon runzelte die Stirn und nahm ihm hastig die Zeitung aus der Hand.

 

»Der Schwarze – wo denn?«

 

Während er den Artikel las, verdüsterten sich seine Züge noch mehr.

 

»Diesmal hat er die Burlington-Bank erwischt«, sagte er zu sich selbst. »Ich möchte nur wissen…?« Er warf Stephens einen Blick zu. »Sonderbar. Ist Lord Creith schon heruntergekommen?«

 

»Nein.«

 

»Und Lady Joan?«

 

»Die Lady ist vor einer Stunde ausgeritten.«

 

»Hm.«

 

Mr. Hamon sah mißmutig drein, als er die Zeitung weglegte. Gestern abend hatte er Joan Carston gebeten, mit ihm auszureiten, aber sie hatte sich damit entschuldigt, daß sich ihr Lieblingspferd verletzt habe. Stephens war kein Gedankenleser, aber er erinnerte sich plötzlich an gewisse Instruktionen.

 

»Lady Joan dachte eigentlich nicht, daß es möglich sei, aber ihr Pferd hatte sich heute morgen wieder soweit erholt.«

 

»Hm«, wiederholte Mr. Hamon. »Sie erzählte mir, daß sie jemandem eines der kleinen Häuser als Wohnung angewiesen habe – vielmehr ich hörte nur, wie sie es Lord Creith gegenüber erwähnte. Können Sie mir sagen, um wen es sich handelt?«

 

»Ich weiß leider nichts Genaues. Soviel ich gehört habe, ist es eine Dame mit ihrer Tochter… Lady Joan hat sie in London kennengelernt und ihr das kleine Haus als Erholungsaufenthalt überlassen.«

 

Mr. Hamon lächelte spöttisch.

 

»Sie betätigt sich wohl als Menschenfreundin?«

 

Langsam ging er durch die Halle ins Freie. Von Lady Joan war nichts zu sehen, und er vermutete ganz richtig, daß Stephens entweder Unkenntnis vorschützen oder ihm die Unwahrheit sagen würde, wenn er sich nach ihrem Weg erkundigte.

 

Er konnte die junge Dame nicht entdecken, so scharf er auch Ausschau hielt, aber sie sah ihn sehr genau von No Man’s Hill aus. Sie ritt im Herrensattel auf einem alten Fuchs und schaute nachdenklich zu dem großen, etwas verfallenen Herrenhaus hinüber. Ihr Gesicht war sorgenvoll, und es lag wie ein Schleier über ihren grauen Augen. Ihre schlanke, vornehme Gestalt wirkte fast knabenhaft. Sie beobachtete den dicken Mann, der jetzt wieder zum Haus zurückging, und als er verschwunden war, lächelte sie.

 

»Vorwärts, Toby!« Sie schlug mit den Zügeln auf den Hals des Pferdes und war in wenigen Augenblicken auf der Höhe des Hügels angelangt. Dort stieg sie ab, ließ das Tier grasen und ging zur höchsten Spitze hinauf. Mechanisch sah sie nach ihrer Armbanduhr – es war genau acht. Ihre Blicke verfolgten den breiten Weg, der unten am Hügel vorbeiführte.

 

Sie hätte nicht nach der Uhr zu sehen brauchen, denn der Mann, nach dem sie ausschaute, ritt Tag für Tag, Monat für Monat zur selben Zeit aus dem Gebüsch heraus. Er war groß und schlank, lenkte sein Pferd mühelos und rauchte wie immer eine Pfeife. Sie nahm den Feldstecher aus dem Lederetui und stellte ihn ein. Ihre Neugierde war wirklich unentschuldbar, und sie gestand sich diesen Fehler auch ohne Zögern ein. Er war es: Sie sah die stattliche, sehnige Gestalt mit dem schönen Gesicht und den leicht ergrauten Haaren an den Schläfen. In der einen Hand trug er eine dünne, schmiegsame Reitgerte, mit der er die Mähne seines Pferdes zerstreut streichelte.

 

›Joan Carston, du bist geradezu schamlos!‹ sagte sie zu sich selbst. ›Bedeutet dir denn dieser Mensch etwas? – Nein! Aber umgibst du ihn nicht mit dem goldenen Schimmer der Romantik? – Ja! Treiben dich nicht reine Neugierde und der Hang zu geheimnisvollen Abenteuern jeden Morgen hierher, um diesen harmlosen Gentleman zu beobachten? – Ja! Und schämst du dich nicht deshalb? – Nein!‹

 

Der Mann, der nichts von Joans Selbstgespräch ahnte, ritt weiter und befand sich nun auf gleicher Höhe mit ihr. Er schaute weder nach rechts noch nach links, bis er außer Sicht kam.

 

Mr. James Lexington Morlake war für die Bevölkerung der Umgebung eine rätselhafte, interessante Persönlichkeit. Man wußte nichts Genaues über ihn, nur war er offensichtlich sehr reich. Freunde besaß er bestimmt nicht, und alle Einladungen, die ihn in nähere Berührung mit seinen Nachbarn gebracht hätten, lehnte er strikt ab. Er machte und empfing keine Besuche. Man zog Erkundigungen über ihn ein und erfuhr schließlich durch die Dienstboten, daß er ein ganz merkwürdiges und unregelmäßiges Leben führe. Sein Aufenthalt in Wold House oder in London war stets unbestimmt. Selbst seinen Angestellten teilte er nicht mit, welche Absichten er für den nächsten Tag, geschweige denn für die nächste Woche hatte.

 

Joan Carston bestieg wieder ihr Pferd und ritt den Hügelpfad hinunter, den James Morlake eben eingeschlagen hatte. Als sie an die Weggabelung kam, schaute sie noch gerade zur rechten Zeit nach links, um seinen großen schwarzen Filzhut hinter der Senkung des Geländes, das zum Fluß hinabführte, verschwinden zu sehen.

 

»Ich bin eine wenig anständige junge Dame«, sagte sie in die zurückgelegten Ohren ihres Pferdes. »Ich besitze keine Zurückhaltung und habe nicht den geringsten Stolz, Toby, und ich würde zwei Pfund Sterling dafür geben – das ist meine ganze Barschaft–, um einmal mit ihm persönlich zu sprechen. Und dann wäre ich natürlich enttäuscht.«

 

In kurzem Galopp legte sie den Rest des Weges zurück und bog durch das verfallene Tor ein. Wo die Hauptstraße den Park ihres Vaters berührte, stand ein einfaches Fachwerkhaus, und dorthin ritt sie. Eine Frau winkte ihr aus dem Garten zu, als sie vorbeikam. Sie war etwas über vierzig Jahre alt, sah aber noch sehr gut aus.

 

»Guten Morgen, Lady Joan! Ich bin gestern abend hier angekommen, und Sie haben alles so schön für mich vorbereitet. Es war sehr liebenswürdig von Ihnen, daß Sie sich meinetwegen so viel Mühe gegeben haben.«

 

»Ach, das macht nichts.« Joan war schnell abgestiegen. »Wie geht es denn Ihrem Patienten, Mrs. Cornford?«

 

Die Frau lächelte.

 

»Ich weiß es nicht. Er kommt erst heute abend an. Hoffentlich haben Sie nichts dagegen, daß sich noch jemand bei mir aufhält?«

 

»Ach nein. Wollen Sie eigentlich nicht für immer hier wohnen? Mein Vater würde Ihnen gern die Erlaubnis dazu geben. Wer ist denn der Herr?«

 

»Ein junger Mann, für den ich mich interessiere. Ich muß Ihnen aber sagen, daß er leider ein periodischer Trinker ist. Ich habe versucht, ihn zu heilen, und ich hoffe sogar, daß er keine Rückfälle mehr bekommen wird. Er stammt aus einer vornehmen Familie. Es ist wirklich tragisch, daß so viele junge, blühende Menschen durch Trunk zugrunde gehen. Ich arbeite bei der Trinkerhilfe, wenn ich Zeit habe, und ich erlebe dabei viel Trauriges.«

 

»Darf ich einen Augenblick eintreten?« fragte Joan. »Eigentlich erwartet man mich in Creith – wenigstens unser Besuch erwartet mich. Mein Vater denkt wohl weniger daran. Er hofft nur immer, daß ein Wunder passiert und ihm eine Million in den Schoß fällt, ohne daß er sich anstrengen muß. Und denken Sie, dieses Wunder hat sich nun tatsächlich zum Teil erfüllt!«

 

Mrs. Cornford blickte erstaunt auf.

 

»Wir sind nicht reich«, fuhr Joan fort. »Wir gehören zum verarmten Landadel. Der Herrensitz, die Güter und unser Londoner Stadthaus sind – oder waren wenigstens bis zur vorigen Woche – mit Hypotheken überlastet. Wir sind die ärmste Familie in der Gegend.«

 

Mrs. Cornford war über Joans offenes Bekenntnis verwundert.

 

»Das tut mir leid«, sagte sie. »Es muß schrecklich für Sie sein.«

 

»Ach, ich mache mir nicht viel daraus. Hier sind alle Leute arm, mit Ausnahme dieses geheimnisvollen Mr. Morlake, den man allgemein für einen Millionär hält. Aber er steht wahrscheinlich nur deshalb in dem Ruf, weil er nicht mit anderen Leuten über seine Schulden und Hypotheken spricht.«

 

Mrs. Cornford schwieg und sah nur traurig auf das schöne Gesicht Joans. Sie kannte sie nun seit einem Jahr; eine Zeitungsannonce, in der sie um Näharbeit bat, hatte Joan in die kleine, enge Vorstadtwohnung geführt, wo sich die Frau mit ihrem Töchterchen durch ihre geschickte und flinke Arbeit ernährte.

 

»Die Armen haben es nicht leicht«, meinte sie nach einer Pause.

 

Joan schaute auf.

 

»Sie sind früher auch bemittelt gewesen. Ich wußte es. An einem der nächsten Tage müssen Sie mir einmal Ihre Geschichte erzählen – aber nein, ich will Sie damit nicht quälen. Kennen Sie eigentlich Mr. Morlake?«

 

Mrs. Cornford lächelte.

 

»Er scheint hier in der Gegend eine Art Sehenswürdigkeit zu sein. Ich würde ja kaum etwas von ihm wissen, aber die Phantasie der Leute hier beschäftigt sich sehr mit ihm. Das Mädchen aus dem Dorf, das Sie freundlicherweise geschickt haben, um das Häuschen in Ordnung zu halten, hat mir schon viel von ihm erzählt. Ist er ein Freund von Ihnen?«

 

»Er ist mit niemandem befreundet. Im Gegenteil, er ist so ablehnend und abweisend, daß er reich sein muß. Ich dachte früher einmal daran, daß er mein Freund sein könnte.« Bei diesen Worten seufzte sie.

 

»Ich weiß nicht, ob Sie im Ernst sprechen und ob Sie wirklich so traurig sind«, erwiderte Mrs. Cornford lächelnd.

 

Joans Züge wurden undurchsichtig.

 

»Sie glauben wohl nicht, daß auch ich eine traurige Geschichte haben könnte? Ich bin schon recht alt – beinahe dreiundzwanzig.«

 

»Sie sehen aber viel jünger aus!«

 

»Vielleicht habe auch ich ein schreckliches Geheimnis.«

 

»Das kann ich doch kaum annehmen.«

 

Joan seufzte wieder.

 

»Ich werde jetzt zu meinen Sorgen und Lasten zurückkehren.« Mit diesen Worten verabschiedete sie sich.

 

Die ›Sorgen und Lasten‹ spazierten zu der Zeit gerade die lange Allee von Walnußbäumen entlang.

 

»Ich freue mich sehr, daß Sie zurückgekommen sind«, sagte Hamon mit schlecht angebrachter Heiterkeit, als sie ihn überholte. »Ich habe mich sehr nach Ihnen gesehnt!«

 

Kapitel 20

 

20

 

Ralph Hamon betrieb mancherlei Geschäfte und war an vielen Projekten beteiligt. Das hohe Bürogebäude mit der schmalen Front, in dem seine Unternehmungen untergebracht waren, hieß das Marokko-Haus, denn die Interessen Mr. Hamons hatten hauptsächlich mit diesem Land zu tun.

 

Aufgeregt ging er durch die Räume. Er war nicht im Gericht gewesen; er hielt es für besser, sich dort nicht sehen zu lassen. Dagegen hatte er den Ausgang des Prozesses im Klub erwartet. Das ›Nicht schuldig‹ hatte seine Wut zur Weißglut gebracht.

 

Marborne hatte ihm allerdings schon vorher mitgeteilt, daß der Prozeß nicht nach Wunsch gehe und man mit Überraschungen rechnen müsse. Aber Hamons Meinung nach stand eine Verurteilung außer allem Zweifel, und er war seiner Sache so sicher, daß er an einen Freispruch Morlakes überhaupt nicht gedacht hatte. Und nun sah er sich plötzlich dieser schrecklichen Tatsache gegenüber. – Jim Morlake war frei, der alte Kampf begann von neuem. Solange Morlake auf freiem Fuß war, blieb Hamon bedroht.

 

Mr. Hamons Privatbüro ähnelte in gewisser Weise einem Boudoir. Dicke Teppiche bedeckten den Boden, bequeme, gepolsterte Möbel standen umher, und ein schwacher Duft von Weihrauch und Zedern schwebte in der Luft. Er schob den Stoß Briefe, den ihm ein Sekretär brachte, beiseite und schickte den Mann mit einem Fluch fort.

 

»Es sind drei Telegramme von Sadi angekommen«, sagte der Angestellte und blieb in der Tür stehen.

 

»Bringen Sie sie sofort her«, brummte Hamon. Er entzifferte sie mit Hilfe eines Notizbuches, das er aus der Tasche zog. Offensichtlich wurde seine Stimmung dadurch nicht besser, denn er saß zusammengekauert und hatte die Hände tief in die Hosentaschen vergraben. Schließlich griff er nach dem Telefonhörer und rief seine Wohnung am Grosvenor Place an.

 

»Sagen Sie Miss Lydia, daß ich sie sprechen möchte.« Nach einer geraumen Weile hörte er ihre Stimme. »Stelle den Apparat nach meinem Arbeitszimmer um«, bat er leise. »Ich muß eine private Sache mit dir besprechen. Morlake ist freigekommen.«

 

»Ach, wirklich?« fragte sie gleichgültig.

 

»Höre auf mit deinem ›Ach, wirklich‹!« fuhr er sie an. »Stelle das Telefon um.«

 

Er hörte ein Knacken, danach waren sie wieder verbunden.

 

»Was gibt es denn, Ralph? Ist es so schlimm, daß Morlake freigekommen ist?«

 

»Das ist das Schlimmste, was überhaupt passieren konnte. Jetzt mußt du dein Heil mit ihm versuchen, Lydia. Aus deiner Reise nach Karlsbad kann nichts werden. Wahrscheinlich muß ich nach Tanger gehen, und du mußt mich begleiten.«

 

Er hörte ihren betroffenen Ausruf und grinste.

 

»Du hast mir doch versprochen, daß ich nie mehr dorthin brauche«, beklagte sie sich. »Ralph, ist das wirklich nötig? Ich will ja gern alles tun, was du von mir verlangst, aber bringe mich nicht wieder in dieses schreckliche Haus.«

 

»Wir werden sehen – warte auf mich; in einer halben Stunde bin ich zu Hause.«

 

Er legte den Hörer auf, sah rasch die Korrespondenz durch und wollte gerade dem Sekretär klingeln, als der geschäftige und überarbeitete Mann schon in der Tür erschien.

 

»Ich kann niemand empfangen«, sagte Hamon schnell, als er eine Visitenkarte in seiner Hand sah.

 

»Aber er sagt –«

 

»Das ist mir ganz gleich, was er sagt – Sie hören doch, ich kann niemand empfangen. Wer ist es denn?««

 

Schnell nahm er die Karte und las. Captain Julius Welling von der Kriminalpolizei!

 

Ralph Hamon biß sich auf die Lippen. Er hatte von Welling gehört und wurde nervös.

 

»Lassen Sie ihn hereinkommen«, sagte er kurz.

 

Hamon war erstaunt, als er diesen Mann mit dem milden Gesicht vor sich sah, dem die weißen Haare ein freundliches, wohlwollendes Aussehen gaben. Der Beamte ging ein klein wenig vornübergeneigt und war sehr höflich.

 

»Bitte, nehmen Sie Platz, Captain Welling. Was wünschen Sie von mir?«

 

»Ich kam hier vorbei und dachte, daß ich einmal mit Ihnen sprechen könnte«, sagte Julius liebenswürdig. »Ich gehe oft hier vorbei – Sie liegen eigentlich sehr bequem für uns, Mr. Hamon – nur ein paar Schritte vom Kriminalgericht entfernt.«

 

Hamon schaute ihn unruhig an.

 

»Ich glaube, ich habe Sie in der Verhandlung gegen Morlake nicht gesehen.«

 

»Ich habe mich wenig für den Fall interessiert.«

 

»Ach so – ich nahm allerdings das Gegenteil an. Wie konnte ich auch nur auf einen solchen Gedanken kommen?«

 

Er sah mit traurigen Augen auf Hamon, der unter diesem Blick unsicher wurde.

 

»Es wäre ja auch möglich, daß ich mich in gewisser Weise dafür interessierte. Dieser Mensch ist mir schon seit Jahren auf die Nerven gefallen, und Sie wissen, daß ich in der Lage war, der Polizei einige wertvolle Informationen über ihn zu geben.

 

»Nicht der Polizei – Sie meinen wohl Inspektor Marborne, der allerdings auf den ersten Blick wie ein Polizeibeamter aussieht. Ein merkwürdiger Mann, dieser Mr. Morlake, nicht wahr?«

 

»Alle Verbrecher sind mehr oder weniger merkwürdig.«

 

»Da haben Sie recht – alle Verbrecher sind merkwürdig. Aber manche sind merkwürdiger als andere, und dann gibt es auch sehr merkwürdige Leute, die nicht zu den Verbrechern gehören. Haben Sie das auch schon beobachtet? Er hat einen maurischen Diener, Mahmet, und soviel ich weiß, spricht er sehr gut Arabisch. Aber sagen Sie einmal, Sie sprechen doch diese Sprache auch?«

 

»Ja.«

 

»Sehen Sie einmal an. Ist das nicht ein bemerkenswertes Zusammentreffen? Sie beide haben enge Beziehungen zu Marokko. Sie haben ja auch eine ganze Anzahl Gesellschaften gegründet, die mehr oder weniger mit dem Land zu tun haben. Da wurde zunächst die Marrakesch-Gesellschaft gegründet zur Ausbeutung der Ölquellen in der Wüste Hari. Die Wüste war da, aber kein Petroleum, wenn ich mich richtig besinne – und dann ging die Gesellschaft in Liquidation.«

 

»Es war wohl Petroleum da, aber die Quellen waren erschöpft.«

 

»Und Morlake – war der auch an marokkanischen Finanzgeschäften interessiert? Er lebte doch einige Zeit dort. Haben Sie ihn drüben getroffen?«

 

»Ich habe ihn niemals getroffen – einmal habe ich ihn allerdings gesehen. Aber Tanger ist doch der Ort, wo aller Unrat Europas zusammenkommt.«

 

»Da haben Sie recht. Erinnern Sie sich noch an das Rifdiamanten-Syndikat? Das haben Sie doch vor ungefähr zwölf Jahren gegründet?«

 

»Ja. Das ist leider auch in Liquidation gegangen.«

 

»Ich denke dabei weniger an die Gesellschaft als an die armen Aktionäre.«

 

»Darüber brauchen Sie sich keine Sorge zu machen, denn ich war der einzige Aktionär«, entgegnete Hamon schroff. »Wenn Sie aber hergekommen sind, Captain Welling, um sich nach meinen Gesellschaften zu erkundigen, dann wäre ich Ihnen sehr verbunden, wenn Sie nicht immer um die Sache herumredeten, sondern mir ganz klar und offen sagten, was Sie wissen möchten.«

 

»Ich möchte gar nichts wissen.« Welling machte eine abwehrende Bewegung. »Ich bin nun schon so alt geworden, Mr. Hamon, daß ich gern ein bißchen klatsche. Ja, sehen Sie, so geht die Zeit hin; mir ist es, als ob ich die Prospekte des Rifdiamanten-Syndikats erst vor kurzem gelesen und von den prachtvollen Steinen gehört hätte, die in der Mine gefunden worden sein sollten, ungefähr fünfundvierzig Meilen südwestlich von Tanger. Sind eigentlich viele Leute darauf hereingefallen?«

 

Der Beamte sprach so gleichgültig und harmlos, daß Hamon die Beleidigung, die in diesen Worten lag, zuerst gar nicht merkte.

 

»Was wollen Sie damit sagen?« fuhr er dann auf. »Ich habe Ihnen doch eben erklärt, daß keine Aktie in andere Hände ging. Nicht ein Penny fremdes Kapital steckte in der Gesellschaft!«

 

Mr. Welling seufzte, nahm Schirm und Hut und erhob sich etwas steifbeinig.

 

»So, so«, sagte er freundlich, »dann bleibt die ganze Sache also ein unerklärliches Geheimnis. Warum ist denn James Morlake so hinter Ihnen her, wenn keine Aktien ausgegeben wurden? Warum hat er denn seit zehn Jahren die Banken beraubt, bei denen Sie ein Depot haben, und warum wurde er dann zum Verbrecher?«

 

Er ging zur Tür, drehte sich aber noch einmal um.

 

»Haben Sie einmal einen Matrosen in der Portsmouth Road getroffen?« fragte er.

 

Hamon zuckte zusammen.

 

»Heutzutage begegnen Sie solchen Leuten nicht mehr auf der Landstraße, sie fahren in der Eisenbahn bequemer. Und es ist auch sicherer dort, denn im Zug werden sie nicht so leicht erschlagen wie auf der einsamen Portsmouth Road. Denken Sie einmal darüber nach!«

 

Kapitel 21

 

21

 

Wieviel mochte dieser Mann wissen? Hatte Morlake ihm erzählt –?

 

Hamon erinnerte sich an einen sonnigen Tag in Marokko, an dem zwei Männer auf Mauleseln durch die Wüste auf die Rifhügel zuritten. Er selbst war einer der beiden, der andere war ohne Namen. Als sie den sandigen Abhang emporklommen, kam plötzlich ein junger Mann im schärfsten Galopp auf sie zu, hielt an und beobachtete sie, nachdem sie vorüber waren. Das war Hamons erste Begegnung mit James Lexington Morlake gewesen.

 

Jetzt erinnerte er sich auch, daß er damals plötzlich den unbändigen Wunsch hatte, sich auf den Mann zu stürzen und ihn niederzuschießen. Der Beobachter bedeutete für ihn die größte Gefahr. Ralph Hamon faßte mit der Hand mechanisch zur Hüfttasche, wo seine Pistole steckte. Aber dann schüttelte er die Träume von sich ab und verließ das Büro.

 

Lydia wartete schon ungeduldig auf ihn.

 

»Ich habe eine Verabredung zum Abendessen mit Lady Clareborough. Ich habe nur noch fünf Minuten Zeit!« erklärte sie ärgerlich.

 

»So, fünf Minuten hast du nur für mich übrig? Na, ich glaube, das genügt auch. Es handelt sich um Morlake.«

 

»Morlake?« fragte sie, unangenehm berührt. »Haben wir mit ihm nicht Schluß gemacht?«

 

»Die Frage ist jetzt nur, ob er mit mir Schluß gemacht hat. Du mußt mit ihm bekannt werden, ganz gleich, wieviel Geld das kostet. Ich möchte zu irgendeiner Verständigung mit ihm kommen, Frieden mit ihm machen. Und ich glaube, daß du die Sache besser vermitteln kannst als ich. Du bist klug und hast Erfindungsgabe. Vielleicht ist er auch der Mann, der einer Frau gegenüber zugänglich ist – es gibt wohl nur wenige, auf die du keinen Eindruck machst.«

 

»Was meinst du mit – zugänglich? Soll er mich etwa heiraten oder sich in mich verlieben? Oder was soll es sonst heißen?«

 

»Es ist mir ganz egal, was er tut, wenn du ihn nur überreden kannst, seine Rachepläne gegen mich aufzugeben.«

 

»Sorgt denn nicht das Gesetz bereits dafür, daß du nichts mehr von ihm zu befürchten hast? Ich habe den Bericht über die Gerichtssitzung gelesen, und nach dem, was der Richter sagte, machst du dir doch wahrscheinlich unnötige Sorgen. Außerdem möchte ich die gesellschaftliche Stellung, die ich mir erobert habe, nicht leichtsinnig aufs Spiel setzen, indem ich mit einem verurteilten Verbrecher verkehre – nach dem Prozeß ist er so gut wie verurteilt. Ich muß vor allen Dingen an meine Bekannten denken.«

 

»Na, dann geh zu deinem Dinner!« entgegnete er barsch. »Ich dachte, du hättest dir diese Dummheiten aus dem Kopf geschlagen.«

 

Sie wollte ihm leidenschaftlich widersprechen, aber als sie seinen Blick sah, schwieg sie.

 

Ralph Hamon war ein reicher, aber ein geiziger Mann. Er verwahrte nutzlose Dinge in der Hoffnung, sie eines Tages doch noch verwenden zu können. Nie verschwendete er ein Blatt Papier, auf das man noch eine Zeile schreiben konnte.

 

Jim Morlake hatte diese Schwäche sehr gut charakterisiert, als er Hamon die Parabel von dem Affen und der Kürbisflasche erzählte. Aber diese Eigenschaft war nicht nur eine Schwäche, sie konnte ihm sogar zum Verhängnis werden. Seine Vernunft sagte ihm, daß er ein gewisses Schriftstück, das er besaß, verbrennen sollte. Aber obwohl er schon ein dutzendmal fest dazu entschlossen war, brachte er es doch nicht fertig.

 

Die Bibliothek, in der er sich gewöhnlich aufhielt, wenn er arbeitete, lag im Obergeschoß seines Hauses am Grosvenor Place. Er las wenig, trotzdem waren drei Wände des Raumes mit Bücherschränken und Regalen, die die üblichen Werke enthielten, bedeckt.

 

Einen Band nahm er allerdings öfter zur Hand. In einem kleinen, besonderen Schrank mit Glastüren standen neben anderen Büchern Emersons Essays.

 

Hamon verriegelte die Tür, zog die Vorhänge dicht zu, öffnete den Schrank und holte das prachtvoll gebundene Exemplar heraus. Er brauchte beide Hände, um es herunterzuheben und zum Tisch zu tragen.

 

Der Einband war äußerst geschickt nachgemacht, und der Buchschnitt täuschend ähnlich.

 

Hamon wählte einen Schlüssel aus dem Bund, den er an einer langen Kette in der Tasche trug, steckte ihn in ein Loch zwischen Deckel und Seiten und schloß auf. Als er den Deckel hochhob, enthüllte sich das Buch als ein flacher, halb mit Dokumenten gefüllter Kasten, der aus solidem Stahl gefertigt war. Hier verwahrte Hamon seine wichtigsten Akten.

 

Er nahm ein Schriftstück heraus, legte es auf den Schreibtisch und schaute auf das engbeschriebene Blatt. Es war von Anfang bis zu Ende eine große Anklage gegen ihn. Gefängnis und Todesstrafe standen auf die Taten, die hier von ihm berichtet wurden. Mit zitternder Hand entzündete er ein Streichholz, zögerte, warf es in den Kamin und legte das Blatt wieder in den Kasten zurück.

 

Es klopfte an die Tür. Nachdem er den Deckel hastig zugeklappt hatte, stellte er das Buch wieder an seinen Platz zurück und drückte die Schranktür zu.

 

»Wer ist da?«

 

»Wollen Sie Mr. Marborne empfangen?« fragte der Diener mit leiser Stimme.

 

»Ja, lassen Sie ihn heraufkommen!«

 

Er zog den Riegel zurück und trat an die Treppe hinaus, um den übelgelaunten Detektiv zu begrüßen.

 

»Sie haben die ganze Sache verpfuscht!« sagte Hamon ärgerlich.

 

»Meine Karriere ist futsch – das kann ich Ihnen sagen, Hamon! Ich muß den Dienst quittieren! Ich wünschte, ich hätte mich nie mit diesem verdammten Morlake abgegeben!«

 

»Es hat gar keinen Zweck, jetzt Spektakel zu machen.«

 

»Welling hat mir mitgeteilt, daß ich entlassen bin, aber selbst wenn ich noch im Dienst bleiben könnte, würde ich es doch vorziehen, meinen Abschied zu nehmen. Ich wäre doch für alle Zeiten gebrandmarkt. Sie müssen eine Stelle für mich finden!«

 

»Sieh mal einer an! Ich soll Ihnen jetzt eine Stelle beschaffen? Ich dachte, Sie wären bescheidener!«

 

»Ich weiß nicht, wer jetzt bescheidener sein muß, ich oder Sie!« fuhr Marborne heftig auf.

 

»Wir wollen uns nicht zanken.« Hamon goß Whisky ein und füllte das Glas aus dem Siphon. »Ich glaube, daß ich eine Stelle für Sie finden kann. Ich brauche einen Mann in Tanger, der meine Interessen dort vertritt. Aber überlegen Sie mal, ich war es nicht, der Sie in diese böse Lage gebracht hat – das war James Morlake!«

 

»Dieser verdammte Kerl!« rief Marborne und trank sein Glas in einem Zug aus. Dann setzte er sich an den Schreibtisch, nahm ein Blatt Papier aus der Brieftasche und entfaltete es.

 

»Ich habe meine Spesen für die Sache zusammengerechnet – hier ist die Aufstellung.«

 

Hamon stöhnte, als er die Endsumme las.

 

»Das ist aber doch ein starkes Stück – ich habe Sie nicht ermächtigt, so hohe Ausgaben zu machen!«

 

»Sie haben mir gesagt, ich könne so viel brauchen, wie ich wolle!«

 

»Das sind doch beinahe tausend Pfund!« rief Hamon entsetzt. »Ich bin ein geschlagener Mann.«

 

»Das ist mir gleich, was Sie sind; auf alle Fälle haben Sie zu zahlen! Auch Slone muß noch etwas bekommen!«

 

»Sie scheinen ganz zu vergessen, daß ich Ihnen schon reichlich Geld gegeben habe –« begann Hamon, als er plötzlich unterbrochen wurde.

 

Der Butler erschien in der Tür und flüsterte seinem Herrn etwas, zu.

 

»Er ist hier?« fragte Hamon aufgeregt.

 

»Ja, er wartet unten.«

 

Hamon wandte sich zu Marborne. Sein Ärger war verflogen.

 

»Er ist da!« sagte er.

 

»Er? Wer?« fragte Marborne verwundert. »Sie meinen doch nicht etwa Morlake?«

 

Hamon nickte.

 

»Sie bleiben besser hier oben, ich gehe hinunter und spreche mit ihm. Lassen Sie aber die Tür offen; wenn Lärm oder Streit entsteht, kommen Sie.«

 

Hamon begrüßte Jim Morlake in der Diele mit der größten Herzlichkeit.

 

»Treten Sie doch bitte näher, lieber Morlake!« Er öffnete die Tür des Wohnzimmers. »Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie ich mich freue, daß Sie freigesprochen worden sind.«

 

Jim antwortete nicht, bis er in den Raum getreten war und die Tür geschlossen hatte. »Ich habe die Absicht, meine üble Karriere aufzugeben, Hamon«, sagte er kurz und bündig.

 

»Ich denke, daran tun Sie sehr gut. Wenn ich Ihnen irgendwie behilflich sein kann –«

 

»Ja, Sie können mir behilflich sein. Geben Sie mir ein Dokument, das von einem gewissen Mann unterschrieben ist – Sie wissen, wen ich meine. Vor etwa zwölf Jahren sah ich ihn mit Ihnen zusammen in Marokko.«

 

»Nehmen wir einmal an, ich hätte das Schriftstück«, erwiderte Hamon nach einer Pause, »glauben Sie, ich wäre so verrückt, es Ihnen zu geben, um meine Freiheit in Ihre Hände zu legen?«

 

»Ich würde Ihnen genug Zeit lassen, aus dem Land zu verschwinden, und ich würde mich auch verpflichten, die Anklage, die in dem Schriftstück gegen Sie erhoben wird, nicht zu unterstützen. Ohne meine Aussage würde eine Anklage gegen Sie zusammenbrechen.«

 

Hamon lachte rauh.

 

»Ich habe nicht die Absicht, England zu verlassen, besonders nicht am Vorabend meiner Hochzeit – ich heirate nämlich Lady Joan Carston.«

 

»Ist das nicht die Tochter von Lord Creith?«

 

Hamon nickte.

 

»Sie werden die Dame aber nicht heiraten, ohne daß sie verschiedenes über Sie erfährt.«

 

»Sie weiß alles von mir, was sie wissen muß.«

 

»Dann werde ich ihr noch ein wenig mehr erzählen. Immerhin haben Ihre Heiratspläne mit der Sache, die wir hier besprechen, nichts zu tun. Ich bin gekommen, um Ihnen eine Chance zu geben und mir zugleich eine Menge Unannehmlichkeiten zu ersparen. Ich brauche dieses Dokument.«

 

»Sie jagen hinter einem Phantom her«, entgegnete Hamon verächtlich. »Was dieses wertvolle Dokument betrifft, so existiert es überhaupt nicht – es hat sich jemand einen Scherz mit Ihnen erlaubt und sich über Ihre Leichtgläubigkeit lustig gemacht. Hören Sie, Morlake! Könnten wir unseren Streit denn nicht als Gentlemen beilegen?«

 

»Ich könnte das wohl von meiner Seite aus, denn ich bin ein echter Gentleman, aber Sie können Ihre Angelegenheiten höchstens als ein niederträchtiger Schwindler und Verbrecher regeln, der durch den finanziellen Ruin anderer Menschen zu Vermögen gekommen ist. Es ist die letzte Möglichkeit für Sie und vielleicht auch für mich. Geben Sie mir das Schriftstück, und wir sind miteinander fertig.«

 

»Eher will ich in die Hölle kommen«, rief Hamon wütend. »Selbst wenn ich es hätte – aber ich habe es nicht –«

 

Jim nickte nachdenklich und ging zur Tür.

 

»Ich sehe, die Hand des Affen, bleibt eben in der Kürbisflasche. Er ist zu gierig, um die Dattel fahrenzulassen.«

 

Hamon eilte zur Bibliothek hinauf, nachdem Morlake gegangen war.

 

»Unser Freund ist immer noch sehr aufsässig«, sagte er, aber er sprach in den leeren Raum. Rasch klingelte er nach dem Butler.

 

»Haben Sie gesehen, daß Mr. Marborne weggegangen ist?«

 

»Jawohl, er ging vor einigen Sekunden, gerade bevor Sie aus dem Wohnzimmer kamen. Er schien es sehr eilig zu haben.«

 

»Das ist aber seltsam«, meinte Hamon und entließ den Mann wieder.

 

Auf dem Schreibtisch entdeckte er eine Bleistiftnotiz.

 

›Wenn Sie meine Aufstellung nicht begleichen wollen, zahlen Sie vielleicht nachher eine größere Rechnung.‹

 

Hamon rieb sich nervös das Kinn. Was bedeuteten diese sonderbaren Worte? Wahrscheinlich war Marborne aus Ärger wieder gegangen. Hamon zuckte die Schultern und setzte sich. Er hatte keine Zeit, sich um die Launen der Leute zu kümmern, die ihm als Werkzeug gedient hatten.

 

Als er sich umschaute, bemerkte er, daß die Glastür zum Bücherschrank offenstand, und er hätte doch schwören mögen, daß er sie geschlossen hatte. Mit einem Fluch sprang er auf.

 

Das Stahlbuch war an seiner Stelle, aber der Titel stand auf dem Kopf. Jemand mußte es in der Hand gehabt haben.

 

Schnell nahm er es herunter, und zu seinem größten Schrecken‘ ließ sich der Deckel öffnen. Er hatte vergessen, es zuzuschließen.

 

Zitternd suchte er die Dokumente durch – aber das belastende Schriftstück fehlte!

 

Mit einem wütenden Ausruf lief er zur Tür und rief den Butler.

 

»In welcher Richtung hat sich Marborne entfernt?« fragte er hastig.

 

»Nach rechts.«

 

»Holen Sie mir schnell ein Auto!«

 

Hamon legte die Dokumente wieder in den Kasten, verschloß ihn und stellte ihn in den Schrank zurück. Dann fuhr er zu Marbornes Wohnung.

 

Als er dort ankam, sagte man ihm, daß der Detektiv nicht nach Hause gekommen sei. Er habe erst kurz vorher angeläutet und mitgeteilt, daß er nach dem Festland hinüber müsse.

 

Hamon überlegte schnell. Es blieb ihm nur eins übrig: sofort zur Polizei zu gehen. Marborne war noch Beamter und mußte sich früher oder später in Scotland Yard melden.

 

Dort hatte Hamon das Glück, Welling zu treffen. Der alte Herr schien über seinen Besuch in keiner Weise überrascht zu sein.

 

»Sie wollen Marborne sprechen? Handelt es sich um eine wichtige Angelegenheit?«

 

»Wird er denn überhaupt zurückkehren – ich meine …«, fragte Hamon atemlos.

 

»Sicher kommt er. Morgen früh hat er eine sehr dringende Besprechung mit dem Chef.«

 

»Hat er keine Freunde – wo wohnt eigentlich Slone?«

 

Welling rückte die Brille zurecht und sah seinen Besucher scharf an.

 

»Ist etwas Unangenehmes passiert?«

 

»Ja – ich wollte sagen nein. Wenigstens nichts Wichtiges – es geht nur mich und Marborne an.«

 

»So?« Welling ging zu einem Tisch, öffnete ein großes Buch und schlug Slones Adresse auf, notierte sie auf ein Blatt und gab es Hamon.

 

»Ich bin Ihnen zu größtem Dank verpflichtet. Ich erwartete nicht, daß Sie sich soviel Umstände machen würden.«

 

»Wir tun, was in unseren Kräften steht«, entgegnete Welling leise.

 

Als Hamon gegangen war, nahm Welling den Telefonhörer ab und rief den Posten am Portal an.

 

»Ein gewisser Hamon kommt gleich durch. Geben Sie Sergeant Lavington den Auftrag, ihm zu folgen und ihn nicht aus dem Auge zu verlieren. Ich will wissen, wohin er geht und was mit ihm los ist.«

 

Vergnügt rieb er sich die Hände und schaute in die Ferne.

 

Ich glaube, es wird sehr viel los sein, sagte er zu sich selbst.

 

Kapitel 1

 

1

 

James Lexington Morlake, der von seinen Zinsen lebte und viele Titel hatte, wenn er sie auch selten führte, saß in seinem Arbeitszimmer.

 

Er schloß eine Schublade des schönen Rokokoschreibtisches auf und schaute nachdenklich in das Fach, das mit Stahl ausgeschlagen und durch vier Schließbolzen gesichert war. Dann nahm er langsam ein viereckig zusammengefaltetes, schwarzes Seidentuch, eine automatische Pistole und eine Lederrolle heraus. Er öffnete den Verschluß des Necessaires und breitete es auf seinem Schreibtisch aus. Es war aus dauerhaftem, feinem Seehundsfell gearbeitet, und in den einzelnen Taschen steckten viele Instrumente, Feilen und Sperrhaken – alles äußerst klein und aus bestem Werkzeugstahl hergestellt.

 

Er prüfte die Diamantspitze eines Bohrers, der die Größe eines Zahnstochers hatte. Dann legte er das Werkzeug wieder zurück, rollte das Etui zusammen, lehnte sich in seinen Stuhl und betrachtete die Gegenstände, die vor ihm lagen.

 

Die Wohnung James Morlakes in der Bond Street war vielleicht die luxuriöseste dieser vornehmen Straße. Phantastische Ornamente und Arabesken schmückten die Decke des Arbeitszimmers. Die Wände bestanden aus poliertem Marmor, der Fußboden war aus Mosaik, das aber unter einem schweren, kostbaren Perserteppich nur teilweise zum Vorschein kam. Vier silberne, mit bunten Seidenstoffen abgedämpfte Hängelampen verbreiteten angenehmes Licht.

 

Mit Ausnahme des großen, prächtig verzierten Schreibtisches befanden sich nur noch wenige Möbel in dem Raum: ein niedriger Diwan unter einem Fenster, ein perlmutteingelegter Stuhl und ein Sessel.

 

Den Mann am Schreibtisch konnte man seinem Aussehen nach auf vierzig oder fünfzig Jahre schätzen: in Wirklichkeit zählte er aber erst sechsunddreißig. Aus seinem klugen Gesicht leuchteten lebhafte, kühne Augen, und ihr fröhlicher Ausdruck milderte in gewisser Weise die scharfen Konturen seiner Züge. Manchmal trübten allerdings auch Schwermut und Melancholie seinen Blick. James Morlake war eine einnehmende und vornehme Persönlichkeit. Er soll früher in New York gelebt haben, obwohl manche Leute dies bezweifelten. Jetzt wohnte er in der Bond Street in London und besaß den Landsitz Wold House in Sussex. Er trug Abendkleidung; sein Frack saß tadellos, und seine weiße Krawatte war vollendet gebunden.

 

Plötzlich schaute er vom Schreibtisch und den unheimlichen Dingen, die dort lagen, auf und schlug die Hände einmal zusammen. Durch einen seidenen Vorhang kam auf leisen Sohlen ein junger Mohr herein. Sein prachtvoll weißer Fellap und sein feuerroter Turban gaben ihm ein malerisches Aussehen und hoben sich wirkungsvoll von dem gedämpften Hintergrund ab.

 

»Mahmet, ich gehe heute abend aus – ich werde dir noch sagen, wann ich zurückkomme.« Morlake sprach maurisch. »Wenn ich durch Gottes Gnade wiederkehre, werde ich reichliche Arbeit für dich haben.«

 

Mahmet hob die Hand zum Gruß, trat behende vor und küßte die beiden Frackschöße seines Herrn, dann seinen Daumen, denn Morlake war in gewisser Beziehung eine heilige Persönlichkeit für ihn.

 

»Ich bin dein Diener, Effendi«, sagte er. »Willst du deinen Sekretär sprechen?«

 

Morlake nickte, und mit einem kurzen Salaam verschwand Mahmet. ›Sekretär‹ war eine euphemistische Bezeichnung für Binger, denn der Mohr wagte es nicht, einen weißen Mann einen Diener zu nennen.

 

Gleich darauf erschien Binger in der Tür. Er war ein stattlicher, etwas untersetzter Mann mit gesundem, rotem Gesicht und blondem Schnurrbart. Nachdem er einen Blick auf seinen Herrn und die Instrumente auf dem Tisch geworfen hatte, seufzte er.

 

»Wollen Sie wieder ausgehen?« fragte er traurig.

 

»Ja. Es ist möglich, daß ich einige Tage ausbleibe. Sie wissen ja, wo Sie mich finden können.«

 

»Ich hoffe, daß ich Sie nicht in einer Gefängniszelle wiederfinde, womit ich immer rechnen muß.«

 

James Morlake lachte leise vor sich hin.

 

»Das Schicksal hat Sie eigentlich nicht dazu bestimmt, der Diener eines Einbrechers zu werden.«

 

»Bitte sagen Sie das nicht – malen Sie den Teufel nicht an die Wand! Ich zittere jetzt schon vor Angst. Ich möchte keine Kritik an Ihnen üben, das habe ich noch nie getan. Wenn Sie kein Einbrecher gewesen wären, würde ich längst nicht mehr am Leben sein. Sie haben sich für mich in große Gefahr begeben, und ich werde Ihnen das nie vergessen!«

 

Das stimmte auch, denn eines Nachts war James Lexington Morlake in ein Warenhaus eingebrochen, in dem Binger eine Anstellung als Nachtwächter hatte. Morlake wollte durch das Warenhaus nur seinem Ziel, einer Bank, näher kommen. Auf dem Weg durch das Geschäftshaus hatte er Binger bewußtlos auf dem Boden gefunden. Der Mann war durch ein offenes Oberlicht gefallen und hatte sich schwer verletzt. Morlake verband ihn so gut wie möglich und brachte ihn in ein Hospital. Binger vermutete, daß ›der Schwarze‹, der Schrecken aller Bankdirektoren des Landes, sein Wohltäter war. Auf diese Weise waren die beiden zusammengekommen. Für James Morlake konnte keine große Gefahr daraus entstehen, denn er war ein Menschenkenner und wußte, daß Binger ihm treu ergeben war.

 

»Vielleicht werde ich in den nächsten Tagen ein ehrenwertes Mitglied der Gesellschaft, Binger«, sagte er lachend.

 

»Das hoffe ich inständigst. Ich bete jeden Tag darum«, sagte der Mann ernst. »Es ist kein schöner Beruf – Sie sind immer die ganzen Nächte fort – das schadet der Gesundheit! Und als alter Soldat kann ich Ihnen nur sagen, daß Ehrlichkeit die beste Politik ist.«

 

»Davon bin ich auch überzeugt. Aber nun hören Sie einmal zu. Mein Wagen soll an der Ecke der Albemarle Street auf mich warten, und zwar um zwei Uhr in der Nacht. Es regnet ein wenig, das Verdeck muß hochgeschlagen werden. Stecken Sie hinten eine Nummer von Oxford an, die Sussex-Nummer legen Sie unter den Sitz. Eine Thermosflasche mit Kaffee und ein paar Butterbrote – das ist alles.«

 

»Gut Glück!« sagte Binger mit schwacher Stimme.

 

»Ich wollte, Sie meinten das auch wirklich«, entgegnete James Morlake, als er sich erhob, den langen, schwarzen Mantel vom Diwan nahm und die Pistole und das Werkzeug in die Tasche steckte …

 

Kapitel 10

 

10

 

Polizeiinspektor Marborne kam aus dem Büro seines Vorgesetzten und pfiff leise vor sich hin. Selbst sein Freund und Helfer, Detektivsergeant Slone, der ihm auf die Straße folgte, ließ sich durch sein Verhalten täuschen.

 

»Alles in Ordnung?« fragte er neugierig, als sie nebeneinander am Themseufer entlanggingen.

 

»Nein, nichts war in Ordnung. Es wäre beinahe Schluß gewesen. Der Alte sagte, er habe Beweise genug in der Hand, daß ich mich von dem Spielklubbesitzer Bolson hätte bestechen lassen. Er gab mir auch die Nummern der Scheine an, die Big Bennet mir dafür zahlte, daß ich seinen Bruder vor seiner Verhaftung warnte. Ich stehe auf der Liste der Leute, die pensioniert werden sollen. Sie übrigens auch. Der Alte sprach davon, daß auch Sie an allem beteiligt wären.«

 

Sergeant Barny Slone fühlte sich durchaus nicht wohl bei dieser Mitteilung.

 

»Es gibt nur eine Hoffnung und nur eine Lösung für uns – wir müssen die Sache unter allen Umständen durchführen«, sagte Marborne. »Es ist mir ja furchtbar unangenehm, wenn ich solchen Verbrechern wie Lieber und Colley zu Dank verpflichtet, ja von ihnen abhängig bin, aber ohne die geht es diesmal nicht. Bringen Sie also die beiden heute abend zu einem kleinen Essen in meine Wohnung.«

 

»Was haben Sie vor?«

 

»Ich will den Schwarzen festsetzen.«

 

»Ihn festsetzen – wie wollen Sie denn das machen?«

 

Aber Marborne gab keine weitere Erklärung.

 

»Ich weiß, wer er ist – oder vielmehr einer meiner Bekannten weiß es. Es wird die größte Sache, die wir je gemacht haben, Barny.«

 

Seit mehr als fünf Jahren war ›der Schwarze‹ die größte Sensation Londons. Er führte seinen Namen deshalb, weil er nur Kleider dieser Farbe trug. Kein Bankgewölbe und kein Stahlraum, kein Geldschrank war so sicher, daß ihn dieser kluge und geschickte Mann nicht hätte öffnen können. Seine Stärke bestand vor allem darin, daß er stets allein arbeitete. Er beschäftigte sich nur mit Bankdepots und hatte der Polizei bisher unüberwindliche Schwierigkeiten bereitet.

 

Merkwürdigerweise wurde die Höhe der Summen, die der Schwarze erbeutete, niemals bekannt. Er plünderte nur Privatbanken, bei denen ›ehrenwerte Leute‹ ihre Depots hatten. Aber die dort verwahrten Dokumente konnten offenbar sehr unangenehm für ihren Ruf und ihre Stellung werden, wenn der Inhalt der Öffentlichkeit preisgegeben worden wäre. Manche versteckten auch ihr Vermögen dort und verloren dadurch die Zinsen, hatten aber die Gewißheit, ein größeres Vermögen zur Hand zu haben, wenn ihnen einmal der Boden in England zu heiß werden sollte. Natürlich sprachen diese Menschen wenig oder gar nicht über Verluste, häufig bestritten sie sogar, daß sie auch nur einen Schilling verloren hätten. Der Schwarze war allem Anschein nach ein großer Menschenkenner, denn alle seine Raubzüge waren wohlvorbereitet. Obwohl in den letzten fünf Jahren dreiundzwanzig Einbrüche zweifellos ihm zuzuschreiben waren, konnte man gegen ihn doch nicht die Anklage erheben, daß er eine bestimmte Summe gestohlen habe.

 

Um fünf Uhr nachmittags begab sich Mr. Marborne nach Grosvenor Place Nr. 307, wo Ralph Hamons Londoner Wohnung lag.

 

Hamon war dabei, Briefe zu schreiben, als der Diener den Beamten in das Arbeitszimmer führte. Er begrüßte den Besucher zuvorkommend. »Treten Sie doch bitte näher, Marborne, ich freue mich sehr, Sie zu sehen – haben Sie meinen Brief erhalten?«

 

»Ja, heute morgen.« Der Detektiv setzte sich. »Sie haben dreitausend Pfund verloren? Hoffentlich haben Sie sich die Nummern der Scheine notiert?«

 

»Selbstverständlich! Aber Sie wissen selbst, wie leicht es ist, gestohlenes Geld unterzubringen. Und wenn man es mit einem so gerissenen Burschen zu tun hat, braucht man sich keine Hoffnung zu machen, ihn durch diesen alten Trick zu fangen.«

 

»Sind Sie denn sicher, daß es tatsächlich der Schwarze war?«

 

»Ja, natürlich. Aber ich habe keine Beweise gegen ihn, nur einen Verdacht. Wir müssen auf unseren Plan zurückkommen, von dem ich Ihnen schon vor einem Monat erzählte.«

 

»Es ist aber eine verdammt schwierige Sache, eine Klage aufzubauen. Das wird eine ziemliche Summe kosten, Mr. Hamon. Ich habe es mir nach allen Richtungen hin überlegt, und obwohl ich die geeigneten Leute an der Hand habe, sind die Ausgaben doch größer, als die Geschichte vielleicht wert ist.«

 

»Ich riskiere selbst eine große Summe«, erwiderte Hamon erregt. »Die Hauptsache ist, daß wir ihn fassen. Er hält sich augenblicklich in London auf, aber das wird Ihnen ja bekannt sein.«

 

»Ich habe ihn, soweit es möglich war, beobachten lassen. Sergeant Slone ist hinter ihm her. Aber es ist nicht so einfach, wie Sie es sich denken. Nach unseren Dienstvorschriften können wir einen Mann nicht von Beamten beobachten lassen, wenn nicht eine offizielle Anzeige gegen ihn erstattet ist. Slone kann sich daher nur in seiner freien Zeit mit ihm beschäftigen.«

 

»Ich zahle ja auch gut«, entgegnete Hamon etwas ungeduldig. »Haben Sie denn wenigstens einen Plan ausgearbeitet?«

 

»Ja. In Blackheath steht ein Haus«, begann der Inspektor, »das einem früheren Kolonialbeamten gehört. Er wohnt mit seiner Frau, seiner Tochter und drei Dienstboten dort, ist sehr reich und hat eine wunderbare Sammlung alter Juwelen. Ich habe nun einen Mann an der Hand, der in fünf Minuten in der Wohnung sein und alle Schränke aufbrechen kann. Es wird nicht so leicht sein, die Juwelen zu bekommen, weil sie in einem starken Safe eingeschlossen sind. Aber damit brauchen wir uns ja auch gar nicht abzugeben. Die schwierige Sache ist nur, wie wir den Schwarzen zu dem Haus oder möglichst in das Haus bringen. Alle Alibis, die er etwa vorbringen könnte, müssen wir von vornherein ausschalten. Es ist vollständig zwecklos, ihn wegen eines Einbruchs in Blackheath zu verhaften, wenn er nachher beweisen kann, daß er zur selben Zeit in seinem Klub saß.«

 

»Können Sie denn überhaupt veranlassen, daß er nach Blackheath kommt?« fragte Hamon interessiert.

 

»Darauf bin ich doch gerade aus – aber es wird viele Vorarbeiten kosten. Morlake wohnt in der Bond Street und hat dort einen Mohren Mahmet und einen gewissen Binger, einen pensionierten Sergeanten. Der wohnt aber nicht bei ihm, er hat eine eigene Wohnung in der Blackheath Road. Deshalb habe ich auch gerade Blackheath ausgewählt. Gewöhnlich geht Binger abends nach Hause, selbst wenn Morlake sich in seiner Stadtwohnung aufhält; Sergeant Slone hat sich mit ihm angefreundet; Binger weiß natürlich nicht, daß Slone Polizeibeamter ist. Er gab sich die größte Mühe, den Mann zum Reden zu bringen, konnte aber bis jetzt nichts herausbringen – er schweigt über seinen Herrn.«

 

»Aber wie kann der Mann Ihnen denn helfen?«

 

»Sie werden sehen, daß er außerordentlich wichtig für uns ist. Morlake hat ihn gern – als er vor einigen Jahren einmal krank lag, besuchte er ihn jeden Tag in der Blackheath Road und schickte ihm seinen eigenen, teuren Arzt. Manchmal geht Binger zeitiger nach Hause, und wenn er das nächstemal früher heimkommt, wollen wir unseren Plan ausführen. Können Sie mir nicht irgend etwas von Morlake verschaffen – ein Taschentuch oder ein Notizbuch?«

 

»Nein. Ich bin noch nie in seiner Wohnung gewesen.«

 

»Das ist schade. Aber ich will sehen, was sich tun läßt. Es wird allerdings ein Stück Geld kosten – Sie müssen sich auf große Ausgaben gefaßt machen.«

 

Mr. Hamon nahm seine Brieftasche heraus und reichte dem Inspektor eine Anzahl Banknoten. Marborne verbarg seine freudige Erregung; seine kühnsten Hoffnungen waren übertroffen.

 

Mit dem Geld in der Tasche und in einer Stimmung, die der Höhe der Summe entsprach, trat er wieder auf die Straße, wo Slone auf ihn wartete. »Nun, hat er Moneten gespuckt?« fragte der Sergeant.

 

Der Inspektor zog die Augenbrauen hoch.

 

»Lassen Sie diese Redensarten!« sagte er ernst. »Mein Freund hat mir wohl eine kleine Summe für die nötigen Ausgaben überlassen, aber glauben Sie deswegen nicht, daß er die Bank von England ist. Ich habe ungefähr hundert Pfund für Sie bekommen. Zu Hause gebe ich Ihnen das Geld. Haben Sie Colley in meine Wohnung bestellt?«

 

»Er wartet schon den ganzen Nachmittag auf Sie. Lieber ist bis jetzt noch nicht gekommen, aber Holländer sind ja immer etwas langsam.«

 

Colley war klein und hatte ein runzliges Gesicht, auf dem sein verbrecherischer Charakter so deutlich geschrieben stand, daß man ihn auch ohne Gerichtsverhandlung hätte verurteilen können. Er wartete auf dem Gehsteig gegenüber der Marborneschen Wohnung und folgte den beiden, als sie ins Haus traten. In dem gemütlichen Wohnzimmer nahm er sich eine Zigarre aus der Kiste, die ihm gereicht wurde.

 

»Der Sergeant sagte, daß Sie mich sehen wollen, Mr. Marborne«, begann er.

 

»Ja, ich brauche Sie, Colley. Hören Sie gut zu. Ich habe einen Freund, der sich mit einem Bekannten einen Scherz machen will. Die Sache selbst geht Sie ja nichts an.« Er erklärte ihm eingehend, was zu tun sei; aber Colley fürchtete einen Hinterhalt der Polizei und ließ sich nur schwer überzeugen.

 

»Ich soll also möglichst schnell in das Haus einbrechen und rasch wieder verschwinden – das meinen Sie doch?«

 

»Nicht zu rasch«, verbesserte ihn Marborne. »Sie müssen schon ein wenig Spektakel und Aufruhr in der Wohnung machen – man muß merken, daß ein Einbrecher im Hause war.«

 

»Wenn der Mann aber ein früherer Kolonialbeamter ist, hat er sicher einen Revolver, und wenn er mich sieht, bevor ich ihn sehe, dann gibt es eine etwas einseitige Schießerei.«

 

Es dauerte noch eine ganze Stunde, bis Marborne Colley klargemacht hatte, daß die Sache gefahrlos und die Belohnung reichlich sein werde. Schließlich wurde vereinbart, daß er sich in der nächsten Woche auf Abruf bereithalten solle.

 

Als die Unterredung beendet war, wandte sich Marborne zu dem schwierigsten Teil der Aufgabe. Er verhandelte zu diesem Zweck mit Mr. Lieber, der mit großer Verspätung eingetroffen war und ihn nun begleitete.

 

»Es ist möglich, daß ich Sie nicht brauche, aber Sie können hier in der Gegend warten, falls Sie doch nötig sind. Kennen Sie Morlake?«

 

Der etwas behäbige Mann schüttelte den Kopf.

 

»Ist er ein Verbrecher?«

 

»Ja. Ich brauche eine Bestätigung seiner Persönlichkeit – genau wie im Fall Crewe, in dem Sie für mich gearbeitet haben. Ein Taschentuch, ein Notizbuch, Papiere, Briefe, irgend etwas muß ich von ihm haben. Es ist aber möglich, daß es auch so geht. – Hier sind wir angekommen – warten Sie an der Ecke und folgen Sie mir, wenn ich herauskomme.«

 

Binger öffnete dem Besucher und sah ihn mißtrauisch von der Seite an, da im Auftreten des Beamten etwas Offizielles lag.

 

»Ich weiß nicht, ob Mr. Morlake zu Hause ist«, sagte er vorsichtig. »Wenn Sie ein wenig warten wollen, werde ich nachsehen.«

 

Er schlug die Tür vor Marbornes Nase zu und ging in den großen, mit orientalischem Luxus ausgestatteten Raum, wo James Morlake, in ein Buch vertieft, saß.

 

»Er sagt, daß sein Name Kelly ist. Möglich, daß es stimmt, möglich aber auch, daß es nicht stimmt.«

 

»Was will er denn von mir?« fragte Morlake und schloß das Buch.

 

»Er erzählte mir, daß er Sie vor einigen Jahren in Marokko getroffen und eben erst Ihre Adresse bekommen habe.«

 

»Lassen Sie ihn eintreten«, erwiderte James Morlake kurz.

 

Marborne kam in den großen Raum und sah sich bewundernd um.

 

»Nehmen Sie Platz, Mr. Kelly. Ich habe allerdings keine Stühle, weil ich für gewöhnlich keinen Besuch empfange, aber vielleicht lassen Sie sich auf dem Diwan nieder.«

 

Der Inspektor setzte sich und lächelte geziert.

 

»Es ist allerdings schon lange her, daß ich Sie getroffen habe – Sie besinnen sich vielleicht kaum darauf, daß Sie mich vor ungefähr zehn Jahren im Hotel Cecil in Tanger zum Essen einluden?«

 

»Ich kann mich dunkel erinnern.« Morlake betrachtete ihn gleichgültig.

 

»Ich reiste damals für eine Porzellanfirma«, fuhr Marborne gesprächig fort. Er ließ seine Blicke umherschweifen, um irgendeinen kleinen Gegenstand aus Morlakes Besitz zu entdecken, den er bei einer späteren Gelegenheit als Beweisstück gebrauchen konnte. »Ich weiß nicht, ob Ihnen daran liegt, so zufällige Bekanntschaften aufrechtzuerhalten, aber ich erinnere mich jedenfalls sehr gern an unser Zusammentreffen.«

 

»Ich entsinne mich jetzt genau«, sagte Morlake, »obgleich Sie sich in der Zwischenzeit ein wenig verändert haben.«

 

Mr. Marborne schaute zu der prachtvoll verzierten Decke empor.

 

»Sie haben eine wunderbare Wohnung. Niemand würde denken, daß ein maurisch ausgestattetes Zimmer von solcher Schönheit in seiner nächsten Nähe liegt, wenn er die Bond Street entlanggeht.«

 

Plötzlich sah er, was er brauchte. Hinter dem Briefpapierständer lag ein kleines Lederkästchen mit Morlakes Monogramm. Es war zu schmal für ein Notizbuch, und er vermutete, daß es zum Aufbewahren von Briefmarken diente. Erst später, als er näher an den Tisch kam, bemerkte er, daß es ein flacher Behälter für Streichhölzer war.

 

Er erhob sich vom Diwan, ging durch den Raum, bis er dem aufmerksamen Morlake am Schreibtisch gegenüberstand, und legte die Hände auf die Tischplatte.

 

»Ich hatte nicht die Absicht, Sie irgendwie zu stören, ich wollte Sie nur noch einmal aufsuchen, weil ich gerade in London war und gern die Bekanntschaft mit Ihnen erneuern möchte. Hoffentlich habe ich Sie nicht zu sehr belästigt.«

 

Er hatte seine Hand auf das Streichholzkästchen gelegt und umschloß es jetzt. Der kleine Gegenstand war so winzig, daß er ihn mühelos in der Hand verbergen konnte.

 

»Ich freue mich immer, wenn ich einen alten Bekannten aus Marokko treffe«, sagte Jim. »Wollen Sie nicht etwas trinken?«

 

»Danke, nein. Ich möchte Sie nicht länger aufhalten«, entgegnete der Inspektor und ließ das Kästchen in die Tasche gleiten. »Wenn Sie einmal nach Liverpool kommen sollten, suchen Sie mich doch bitte auf – John L. Kelly.« Er nahm die Hand wieder aus der Tasche. »Sie finden meine Adresse im Telefonbuch – Lime Street 149. Ich habe mich sehr über das Wiedersehen mit Ihnen gefreut.«

 

James reichte ihm die Hand.

 

»Aber nebenbei bemerkt«, sagte er plötzlich, als der Detektiv an der Tür stand, »seien Sie doch so liebenswürdig und lassen Sie mir meine Streichhölzer hier – es wäre möglich, daß ich sie brauchte.«

 

Der Beamte schaute sich entsetzt um.

 

»Ihre – Ihre Streichhölzer?« stammelte er.

 

»Ja. Sie stecken in Ihrer rechten Hosentasche, Inspektor«, erwiderte Jim und schaute kaum von dem Buch auf, das er wieder ergriffen hatte.

 

»Ich habe keine Streichhölzer«, entgegnete Marborne laut.

 

»Dann geben Sie mir wenigstens die leere Hülle zurück. Wenn Sie Schwierigkeiten machen wollen, gehe ich zur Polizei und erzähle dort einmal verschiedenes über Sie. In der Marylebone Road gibt es einen großen Hehlerladen, und soviel ich weiß, bekommen Sie von den Geschäften zehn Prozent. – Ich bin überzeugt, daß Ihr Chef keine Ahnung davon hat.«

 

Marborne zuckte zusammen und wurde bleich. Er wollte sprechen, aber dann nahm er plötzlich die Streichholzschachtel aus der Tasche und warf sie zu Boden.

 

»Ich danke Ihnen vielmals!« sagte Jim höflich.

 

Das Gesicht des Inspektors wurde dunkelrot. Die kühle Verachtung Morlakes reizte ihn zu höchster Wut: »Ich werde Sie noch fassen – Sie sollen mir nicht entkommen!«

 

Binger zeigte sich zwischen den Vorhängen in der Tür.

 

»Begleiten Sie diesen Herrn hinaus und passen Sie auf, daß er meinen Schirm nicht aus dem Ständer nimmt!« befahl Jim.

 

Kapitel 11

 

11

 

Als sich die Tür hinter dem wütenden Marborne geschlossen hatte, eilte Binger zu seinem Herrn zurück.

 

»Es war ein Detektiv«, flüsterte er heiser.

 

»Das weiß ich.« Jim unterdrückte ein Gähnen. »Er hat mir meine Streichhölzer gestohlen – ist das nicht der beste Beweis dafür?«

 

»Gehen Sie heute abend aus?« fragte Binger besorgt.

 

»Nein, ich bleibe hier, aber Sie können trotzdem gehen. Sagen Sie Mahmet, daß er mir Kaffee bringt, ich werde heute noch lange arbeiten.«

 

Als Binger sich entfernt hatte, legte Morlake sein Buch hin und ging langsam im Zimmer auf und ab. Gleich darauf kam der maurische Diener herein und brachte ein Tablett mit allen Gegenständen, die zur Zubereitung von Kaffee notwendig waren.

 

Jim beobachtete ihn und griff wieder zu seiner Lektüre, als Mahmet gegangen war.

 

Er überlegte, was Marbornes Besuch zu bedeuten habe. Der Mann hatte sich in seiner Naivität doch tatsächlich eingebildet, daß er ihn nicht kenne. Aber James Morlake kannte alle irgendwie bedeutenden Detektive vom Yard dem Gesicht nach sehr genau.

 

Warum also mochte Marborne gekommen sein? Ein halbes Dutzend Lösungen fiel Jim ein, aber keine befriedigte ihn vollkommen.

 

Um halb zwölf stand er auf. Er entschloß sich, doch noch auszugehen, und wechselte die Schuhe. Als er die Tür öffnete, sah er einen Brief auf dem Fußboden liegen, der offenbar durch die Türspalte geschoben worden war. Die Adresse war mit Bleistift geschrieben und lautet nur: ›Mr. Morlake.‹ Darunter stand noch: ›Eilt!‹, und zwar mehrmals unterstrichen.

 

Schnell riß er den Umschlag auf und las die wenigen, rasch hingeworfenen Zeilen. Dann runzelte er die Stirn, faltete den Brief wieder zusammen, tat ihn in das Kuvert zurück und steckte es in die Tasche.

 

»Mahmet, hast du draußen jemand gehört?« fragte er, als der Diener auf sein Klingelzeichen erschien.

 

»Nein, Effendi, ich habe niemand gehört, seitdem der Sekretär gegangen ist. Ich war immer in der Halle hier.«

 

Morlake nahm den Brief aus der Tasche.

 

»Lag das schon hier, als Binger fortging?«

 

»Nein, Effendi.«

 

Der Brief mußte also gebracht worden sein, während er die Schuhe wechselte.

 

Wieder schob er die Warnung in die Tasche und trat auf die Treppe hinaus. Als er auf der Straße erschien, stand Inspektor Marborne auf der gegenüberliegenden Seite im Schatten eines Toreingangs und klopfte Lieber auf die Schulter.

 

»Das ist er«, flüsterte er ihm zu.

 

Der Taschendieb nickte, ging quer über die Straße und folgte dem großen, schlanken Mann, der langsam Piccadilly hinabschlenderte.

 

An der Ecke blieb Morlake stehen und schaute sich unentschlossen um, als ob er nicht wüßte, nach welcher Seite er sich wenden sollte. In diesem Augenblick rannte ihn ein kleiner, dicker Mann an, der es anscheinend sehr eilig hatte. Der Zusammenstoß war ziemlich heftig.

 

»Ruhe, Ruhe, mein Freund!« sagte James Morlake.

 

»Entschuldigen Sie bitte vielmals!« erwiderte Lieber und setzte seinen Weg mit größter Hast fort.

 

Morlake schaute etwas belustigt und spöttisch hinter ihm her.

 

Inspektor Marborne wartete an der Ecke der Air Street, und als Lieber in diese verlassene Straße einbog, ging er auf ihn zu und schloß sich ihm an.

 

»Nun?« fragte er schnell.

 

»Ich habe etwas.« Lieber steckte die Hand in die Tasche. »Es war zwar kein Taschentuch oder eine Schachtel, aber ein Brief.«

 

Ungeduldig riß ihm der Inspektor das Schreiben aus der Hand. Er blieb unter einer Straßenlaterne stehen und untersuchte das Beutestück.

 

»Der Brief ist an ihn gerichtet. Jetzt haben wir ihn!«

 

Er zog den Inhalt aus dem Umschlag und las. Aber der triumphierende Ausdruck verschwand dabei allmählich wieder aus seinen Zügen.

 

Der Text des kurzen Schreibens lautete:

 

›Mein lieber Morlake,

 

Ralph Hamon hat einen Polizeibeamten namens Marborne angestiftet, Ihnen eine Falle zu stellen.

 

Jane Smith.‹

 

»Zum Teufel, wer ist denn Jane Smith?« fragte der Inspektor.

 

Kapitel 12

 

12

 

Marborne schaute seinen Begleiter düster an.

 

»Na, Sie sind mir ein feiner Dieb«, brummte er. »Haben Sie denn nicht etwas anderes nehmen können?«

 

Lieber machte ein dummes Gesicht: »Genügt das nicht? Sie sagten mir doch ausdrücklich, ich solle einen Brief bringen –«

 

Marborne stopfte das Schreiben in die Tasche und ließ den verdutzten Mann stehen.

 

Die Entdeckung, daß diese Jane Smith von seiner Verbindung mit Hamon wußte, machte ihm großes Kopfzerbrechen. Sie bedrückte ihn um so mehr, als er sich jetzt schon zu weit in die Sache eingelassen hatte, um sich noch zurückzuziehen. Der Plan mußte nun unbedingt durchgeführt werden. Aber zuerst mußte er seine Vorsichtsmaßregeln treffen. Er rief ein Taxi an und fuhr trotz der späten Stunde noch zum Grosvenor Place. Der Butler kannte ihn und ließ ihn ein, teilte ihm aber mit, daß Mr. Hamon nicht zu Hause sei.

 

»Wollen Sie vielleicht Miss Hamon sprechen?« fragte er dann.

 

»Miss Hamon? Ich wußte gar nicht, daß es überhaupt eine solche Dame gibt«, sagte der Inspektor erstaunt.

 

»O ja, Mr. Hamon hat eine Schwester, für gewöhnlich lebt sie allerdings in Paris.«

 

Der Butler ließ Marborne in der Diele zurück und ging ins Wohnzimmer.

 

Gleich darauf erschien er wieder und lud ihn durch eine Handbewegung ein, näher zu treten.

 

Lydia Hamon war schlank und schön. Reiche, rotblonde Locken umrahmten ihr zartes Gesicht. An den nackten Armen trug sie kostbare Reife, die im Licht der elektrischen Lampen aufsprühten. Langsam schaute sie zu dem Polizeibeamten auf, als er eintrat, machte aber keine Anstalten, ihn zu begrüßen.

 

Marborne, der sich an weiblicher Schönheit begeistern konnte, betrachtete sie fasziniert und war von ihrem Charme entzückt. Sie trug ein grünes Abendkleid und prachtvolle, goldene Schuhe. Die schmale, feine Hand hatte sie an die Augen gelegt, als ob Marbornes Erscheinung sie blendete.

 

»Sie wollten meinen Bruder besuchen?« fragte sie.

 

»Ja, ich muß ihn in einer geschäftlichen Angelegenheit sprechen.«

 

»Ich hoffe, daß er bald zurückkommt. Von seinen Geschäften weiß ich wenig und kann Ihnen daher leider nicht dienen. Aber nehmen Sie doch bitte Platz, Mr. Marlow.«

 

»Marborne«, verbesserte der Detektiv leise und setzte sich vorsichtig auf die Kante eines Stuhls. »Ich hatte bisher noch nicht das Vergnügen, Sie kennenzulernen, Miss Hamon.«

 

»Ich lebe meistens in Paris. London mit seinem Geschäftsgeist ist ohne Seele und fällt mir auf die Nerven.«

 

Inspektor Marborne, der nicht viel zu reden wußte, hätte beinahe gesagt, die Londoner Polizei arbeite so gut, daß sich niemand hier fürchten müsse, aber zu seinem Glück erschien Hamon und verhinderte diese Bloßstellung.

 

»Hallo, Marborne – stimmt etwas nicht? Haben Sie mit meiner Schwester Bekanntschaft geschlossen? Lydia, Mr. Marborne ist einer meiner Freunde, ein Beamter von Scotland Yard. Aber wir wollen nach oben gehen.« Hamon ging mit dem Detektiv aus dem Zimmer, bevor dieser sich von seiner Schwester verabschieden konnte.

 

Als sie allein waren, erzählte der Inspektor, was sich ereignet hatte.

 

»Zeigen Sie mir den Brief.«

 

Hamon las ihn beim Licht der Tischlampe. Seine Lippen zogen sich zusammen, und seine Stirn legte sich in Falten.

 

»Jane Smith? Wer zum Teufel kann das sein?« brummte er.

 

»Weiß denn jemand etwas von – unserer Angelegenheit?« fragte Marborne.

 

»Niemand – ich habe nur meiner Schwester davon erzählt.«

 

»Das hätten Sie nicht tun sollen.«

 

»Ich habe ihr doch nur gesagt, daß ich einen bestimmten Plan habe, um einmal mit Morlake abzurechnen«, entgegnete Hamon ungeduldig. »Aber ich kann Ihnen schwören, daß die Schrift auf dem Kuvert nicht von Lydia ist – sie kennt Morlake auch nicht. Und selbst wenn sie ihn kennen würde, schriebe sie niemals an ihn. Ist das alles, was Sie von ihm bekommen konnten?«

 

»Mehr brauche ich nicht«, sagte Marborne leichthin. »Mein Plan ist jetzt so gut durchgearbeitet, daß es nicht einmal notwendig wäre, überhaupt etwas von Morlake zu besitzen.«

 

Marborne berichtete nichts von seinem Besuch bei Morlake, denn er fühlte, daß er seinen Mißerfolg nicht eingestehen sollte.

 

»Wann werden Sie ihn ausführen?«

 

»Das hängt ganz davon ab. Hoffentlich geht es noch diese Woche. Sie haben nichts zu befürchten, ich kann genug Beweise beibringen, um ihn zu überführen. Und wenn wir ihn erst einmal verhaftet haben, können wir seine Stadtwohnung und sein Haus in Sussex durchsuchen.«

 

Nachdem sich der Detektiv verabschiedet hatte, ging Hamon wieder zu seiner Schwester hinunter.

 

»Wer war das?« fragte Lydia. »Es verkehren merkwürdige Leute bei dir.«

 

»Warum bist du eigentlich hergekommen?«

 

»Weil ich Geld brauche. Ich habe eine wundervolle kleine Statuette gekauft – eine wirklich prachtvolle Arbeit von Demetri. Und dann habe ich ziemlich viel beim Spiel verloren. Ohne Geld kann man eben nicht leben, Ralph.«

 

Er schaute sie an, ohne etwas zu sagen.

 

»Außerdem habe ich Lady Darlew versprochen, ein Wochenende mit ihr zu verbringen …«

 

»Lydia, hör einmal zu«, unterbrach Hamon seine Schwester. »Als ich anfing, Geld zu verdienen, hattest du eine Stellung in einer Bar im Westen und verdientest gerade genug, um leben zu können. Bitte, vergiß das nicht. Meine Mittel sind nicht unerschöpflich, ich kann unter keinen Umständen dein Monatsgeld erhöhen. Am besten schlägst du dir alle Freundinnen aus dem Kopf, die so reich sind, daß sie ihre Kinder in Eton erziehen lassen können.«

 

Sie blitzte ihn wütend an.

 

»Es kann leicht sein, daß du dir deinen Unterhalt bald wieder selbst verdienen mußt«, fuhr er unbeirrt fort.

 

»Was soll das heißen?«

 

Sie spielte nun nicht länger die große Dame, sondern stemmte die Hände in die Hüften und schrie ihn rauh und böse an.

 

»Willst du vielleicht sagen, daß ich wieder eine Stellung in einer Bar annehmen soll, während du hier das Geld nach Zehntausenden verdienst? Ich habe dir früher geholfen, Ralph, vergiß das nicht! Besinnst du dich noch auf Jonny Cornford, und wie ich dich damals unterstützte?«

 

Er wurde bleich.

 

»Du brauchst hier nicht über Jonny Cornford oder sonst jemanden zu sprechen«, erwiderte er grob. »Es ist auch nicht notwendig, gleich in die Luft zu gehen, wenn ich einmal zu deinem eigenen Besten mit dir rede. Ich brauche deine Hilfe wieder, das weißt du doch. Marborne hat einen großen Plan ausgearbeitet, wie wir Morlake unschädlich machen können. Und wenn wir ihn nicht auf die eine Weise fangen können, müssen wir es eben auf eine andere versuchen… und das sollst du besorgen.«

 

»Ach so. Und was bekomme ich dafür? Wahrscheinlich dasselbe wie bei der Geschichte mit Cornford – nichts!«

 

»Ich habe wirklich nichts daran verdient, ich sagte es dir doch! Es war die größte Enttäuschung, die ich jemals erlebte. Ich habe nie einen Cent von Cornfords Geld gesehen.«

 

Ein kurzes, unheimliches Schweigen folgte.

 

»Was soll ich denn mit Mr. Morlake anfangen?« fragte sie schließlich. »Soll ich ihn irgendwohin locken – hat er denn so viel Geld?«

 

»Haufenweise. Aber sein Geld will ich gar nicht.«

 

»Du mußt sehr gut daran sein; wenn du dich nicht einmal um sein Geld kümmerst. Was soll ich also dabei tun?«

 

»Das hängt ganz davon ab, ob Marbornes Plan gelingt. Wir brauchen uns vorläufig noch nicht den Kopf darüber zu zerbrechen.«

 

»Wie sieht er denn eigentlich aus?«

 

Hamon verließ das Zimmer und kam gleich darauf mit einer Fotografie zurück, die er ihr reichte. Sie betrachtete das Bild prüfend.

 

»Netter Kerl«, meinte Lydia. »Was ist er?«

 

»Ich würde viel darum geben, wenn ich es wüßte. Stelle keine langweiligen Fragen. Ich wollte nur wissen, ob er der Typ ist, der dir liegt – vorausgesetzt, daß du dabei genügend verdienst.«

 

Sie sah von dem Bild zu ihrem Bruder auf.

 

»Auf sein Aussehen kommt es dabei gar nicht an.«

 

Kapitel 13

 

13

 

Jim Morlake hatte die Abendmahlzeit beendet, die Mahmet ihm aufgetragen hatte, und las Zeitung. Binger war früher als gewöhnlich nach Hause gegangen und hatte außerdem Anweisung, nicht vor drei Tagen zurückzukommen. Morlake hatte die Absicht, diesen Abend noch nach Wold House zurückzukehren. In der Halle stand schon sein Koffer, und sein Wagen hielt vor der Tür. Er hätte zeitiger aufbrechen können, aber der Nebel war am Nachmittag so dicht gewesen, daß er lieber wartete, bis es aufklarte. Schließlich legte er die Zeitung fort, trat an das Fenster, zog die schweren Übergardinen beiseite und schaute hinaus.

 

»Ich fahre jetzt, Mahmet«, sagte er dann.

 

Im selben Augenblick schrillte das Telefon.

 

Er nahm den Hörer ab.

 

»Ist dort Mr. Morlake?« fragte eine fremde Stimme erregt. »Ich spreche von Blackheath aus… Binger ist von einem Autobus überfahren worden… man hat ihn nach Cranfield Gardens Nr. 12 gebracht. Können Sie sofort dorthin kommen?«

 

»Ist er schwer verletzt?« fragte Morlake schnell.

 

»Ich glaube nicht, daß er mit dem Leben davonkommt – ich bin Doktor Grainger.«

 

Jim sah sich auf der Karte rasch die genaue Lage von Cranfield Gardens an und fuhr ein paar Minuten später in größter Eile nach Blackheath. Der Nebel im Süden Londons war dichter, als Jim erwartet hatte, und man konnte nur langsam vorwärtskommen. Aber bei New Cross klarte es auf.

 

Lieber hatte Morlakes Wohnung beobachtet und ihn abfahren sehen. Er eilte zur nächsten Telefonzelle und rief Marborne an.

 

»Er ist fort«, sagte er. »Es war fünf Minuten nach zehn.«

 

»Ist er allein?«

 

»Ja, er fährt in seinem eigenen Wagen. Es sah so aus, als ob er große Eile hätte.«

 

Marborne hängte den Hörer ein und zahlte dann seine Zeche in dem kleinen Restaurant in Greenwich, in dem er schon seit einer Stunde auf die Nachricht gewartet hatte. Rasch trat er zu Slone und Colley auf die Straße hinaus.

 

»Wir dürfen keine Zeit verlieren. Brechen Sie jetzt so schnell als möglich in das Haus ein, Colley. Die Leute legen sich immer schon um neun Uhr schlafen.«

 

Das Auto, das sie für die ganze Nacht gemietet hatten, brachte sie nach Blackheath, und an der Ecke von Cranfield Gardens erhielt Colley die letzten Instruktionen.

 

»Sie müssen durch das Fenster in der Speisekammer eindringen und dann zum ersten Stock hinaufsteigen. Schlagen Sie eine der Vitrinen ein, in denen die Juwelen liegen. Sie riskieren nichts dabei, Colley. Sobald Sie Ihre Aufgabe erfüllt haben und die Familie wach ist, machen Sie, daß Sie fortkommen!«

 

Colley verschwand in der Dunkelheit.

 

»Die Sache ist etwas sehr plump, Inspektor«, wandte sich Slone an seinen Vorgesetzten. »Ich fürchte, Morlake geht nicht in eine solche Falle. Er fährt wahrscheinlich direkt zur Wohnung seines Dieners und findet ihn gesund zu Hause.«

 

»Und ich sage Ihnen, daß er geradenwegs hierherkommt. Ich hörte schon an seiner Stimme, daß er in großer Sorge um Binger ist.«

 

Die beiden gingen schnell Cranfield Gardens hinunter und traten in einen dunklen Torweg.

 

»Das Auto kommt eben den Hügel herauf«, sagte Marborne plötzlich. »Kommen Sie noch tiefer in den Schatten.«

 

»Die ganze Geschichte ist verpfuscht«, brummte Slone. »Das ist zu plump angelegt – das kann nicht gut ausgehen.«

 

»Halten Sie den Mund«, fuhr ihn Marborne an. »Da ist der Wagen schon.«

 

Jim Morlake hielt vor Nr. 12 und stieg aus. Es war das vierte Haus von der Straßenecke und hatte eine große, schöne Fassade, aber es war kein Licht zu sehen. Er war schon durch das Tor in der Umzäunung gegangen, als ihm plötzlich auffiel, daß die rote Laterne, die gewöhnlich die Wohnung eines Arztes ankündigt, nicht brannte. Er kehrte um und schaute auf den Torpfosten, um sich zu vergewissern. Es stimmte, dieses Haus war Nr. 12. Er zögerte nun nicht länger, ging den kurzen Weg zur Haustür und stieg die Treppe hinauf. Da hörte er von innen einen Schuß und das Geräusch von Schritten in der Halle.

 

Plötzlich erkannte er instinktiv, in welcher Gefahr er schwebte, und eilte die Stufen wieder hinunter. Aber kaum hatte er zwei Schritte auf das Tor zu getan, als er einen Schlag erhielt, der ihm beinahe das Bewußtsein raubte. Noch ein Hieb sauste auf ihn nieder, dann wurde alles um ihn her dunkel.

 

Als er wieder zu sich kam, lag er auf einer harten, hölzernen Pritsche; jemand war mit seinem Kopf beschäftigt. Er öffnete die Augen und sah im spärlichen Licht der Zelle einen Mann, der ihn verband.

 

»Bleiben Sie still liegen«, sagte der Doktor entschieden.

 

Es war wirklich eine Zelle. Wie war er nur hierhergekommen? Plötzlich erinnerte er sich an den Schlag, der ihn niedergestreckt hatte. Sein Kopf schmerzte furchtbar, und er hatte ein unangenehmes Gefühl an den Händen. Als er sie betrachtete, bemerkte er, daß sie gefesselt waren.

 

»Warum hat man mich hierhergebracht?« fragte er.

 

»Der Polizeiinspektor wird Ihnen wohl alles Nötige mitteilen,« meinte der Arzt.

 

»Ach so«, erwiderte Jim düster. »Ich wünschte, er käme möglichst bald, um mir Aufklärung zu geben. Wie geht es denn Binger?«

 

Er lächelte schwach. »Die ganze Geschichte war wohl nur erfunden? Der Polizeiinspektor, von dem Sie sprechen, ist natürlich Marborne?«

 

»Fragen Sie ihn lieber selbst«, entgegnete der Arzt diplomatisch. »Er wird in ein paar Minuten hier sein.«

 

Er ging hinaus und schloß die Zellentür. Mühsam setzte sich James Morlake aufrecht und überdachte seine unglückliche Lage. Er befühlte seine Taschen. Man hatte ihm alle Gegenstände abgenommen, die er bei sich getragen hatte.

 

Nach einer Weile wurde die Zellentür geöffnet, und Marborne trat mit einem triumphierenden Lächeln ein.

 

»Nun, Morlake? Jetzt haben wir Sie doch gefaßt!«

 

»Ich hätte Ihnen doch damals die Streichhölzer lassen sollen«, sagte Jim kühl. »Wenn ich gewußt hätte, mit welcher Absicht Sie sie nahmen und daß Sie mir auflauern und mich berauben wollten, dann hätte ich Ihnen die Mühe sparen können!«

 

»Ich weiß gar nicht, was Sie da von Streichhölzern reden«, sagte Marborne brüsk. »Ich weiß nur, daß wir Sie mit Ihrer Beute gefangengenommen haben. Ich bin Inspektor Marborne«, fuhr er in amtlichem Ton fort, »und ich beschuldige Sie, daß Sie gestern abend in das Haus Cranfield Gardens Nr. 12 eingebrochen sind. Ebenso erhebe ich Klage gegen Sie, weil Sie im Besitz eines geladenen Revolvers und von Einbrecherwerkzeug waren. Weiter lege ich Ihnen zur Last, daß Sie am siebzehnten dieses Monats in der Burlington-Depositenbank eingebrochen sind und am zwölften August die Home-Counties-Bank beraubt haben.«

 

»Ich will Ihre Deklamationen nicht unterbrechen«, erwiderte Morlake. »Sie müßten mich noch warnen, daß alles, was ich sage, als Beweis gegen mich verwendet werden kann. Das ist Ihre Pflicht, das wissen Sie doch! Haben Sie vielleicht unseren Freund Hamon auch verhaftet?«

 

»Sie wissen sehr wohl, daß ich Mr. Hamon nicht verhaftet habe. Welche Anklage könnten Sie denn vorbringen?«

 

»Vorsätzlichen Mord! Und Sie würde ich beschuldigen, nach der Tat sein Helfer gewesen zu sein!«

 

Kapitel 14

 

14

 

Der Polizeibeamte verstand nicht sofort.

 

»Was heißt das?« fragte er rauh. »Vorsätzlicher Mord?«

 

»Wieviel Sie von der Sache wissen, muß ich erst noch erfahren«, sagte Jim Morlake ruhig. »Aber an dem Tag, an dem ich Hamon fange, geht es auch Ihnen schlecht!«

 

»Wenn Sie Hamon fangen – wollen Sie denn Polizeibeamter werden?« fragte Marborne ironisch.

 

»Das ist gar nicht nötig – so tief werde ich niemals sinken.«

 

Der Detektiv bückte sich, packte ihn und zog ihn hoch, so daß Jim auf die Füße zu stehen kam.

 

»Kommen Sie jetzt mit und sehen Sie sich ein paar von den Sachen an, die man gefunden hat, als Sie verhaftet wurden«, sagte er und führte ihn den Korridor entlang ins Amtszimmer.

 

Auf dem Tisch des Sergeanten lagen verschiedene Dinge. Eine schwarze Seidenmaske, eine Pistole, ein vollständiger Satz von Einbrecherinstrumenten, eine kleine Azetylenlampe, ein Gummibehälter mit sechs Fläschchen und drei Bündel Dietriche.

 

»Das soll mir gehören? Wo hatte ich denn all diese Dinge – in meiner Westentasche vielleicht?«

 

»Einiges fand sich in Ihrem Mantel, das andere war unter dem Sitz Ihres Wagens verborgen«, sagte der Detektiv. »Sie geben doch wohl zu, daß Ihnen das alles gehört?«

 

»Ich gebe gar nichts zu. Das einzige, was ich nicht sehen kann, ist eine goldene Uhr mit Kette, die mir wirklich gehört. Ich nehme an, daß Sie sie zu persönlichen Zwecken konfisziert haben. Ich trug auch ein wenig Geld bei mir – ungefähr fünfundsechzig Pfund – auch das ist verschwunden. Das haben Sie wohl ebenfalls für sich behalten?«

 

»Geld und Uhr verwahre ich«, erwiderte der Sergeant. »Sie machen Ihre Lage nicht besser, wenn Sie diesen Beamten beschuldigen.«

 

»Vielleicht stimmt das«, gab Jim nach kurzem Nachdenken zu. Dann zeigte er seine gefesselten Hände.

 

»War das unbedingt notwendig?«

 

»Ich glaube nicht.«

 

Der Sergeant nahm einen Schlüssel, schloß die Handschellen auf und nahm sie ihm ab. Dann wurde Morlake in seine Zelle zurückgebracht. –

 

Joan Carston saß beim Frühstück in Lowndes Square und las in der Morgenzeitung, als Hamon gemeldet wurde. Seufzend legte sie das Blatt hin und sah ihren Vater an.

 

»Dieser Mensch! Warum kommt er jetzt schon wieder?« fragte er aufgeregt. »Ich dachte, wir hätten nun einmal für einen Monat Ruhe vor ihm!«

 

»Es wird vorübergehen«, meinte Joan resigniert. »Wir müssen ihn empfangen.«

 

Ralph Hamon war lebhaft und liebenswürdig, sie hatte ihn noch nie so strahlend gesehen.

 

»Ich habe einige sehr interessante Neuigkeiten für Sie«, sagte er jovial, nahm sich ohne Aufforderung einen Stuhl und setzte sich an den Frühstückstisch. »Wir haben den Teufel!«

 

»Na, dann legen Sie ihn in Ketten und schicken Sie ihn zur Hölle!« brummte der Lord.

 

»Von welchem besonderen Teufel sprechen Sie denn, Mr. Hamon?« fragte Joan niedergeschlagen.

 

»Von Morlake. Man hat ihn letzte Nacht auf frischer Tat ertappt, als er in ein Haus in Blackheath einbrach.«

 

Sie sprang auf.

 

»Das ist doch nicht wahr!« rief sie erregt. »Mr. Morlake … o nein, das ist nicht wahr!«

 

»Es ist einwandfrei erwiesen«, erklärte Hamon. »Er wurde verhaftet, als er in das Haus eines Mannes einbrach, der eine Juwelensammlung besitzt. Glücklicherweise folgten ihm zwei Polizeibeamte, die ihn schon seit einiger Zeit beobachteten, und nahmen ihn fest, als er eben fliehen wollte. Colonel Paterson störte ihn nämlich bei der Arbeit.«

 

Lord Creith nahm seine Brille ab und schaute ihn erstaunt an.

 

»Sie meinen James Morlake, unseren Nachbarn?« fragte er ungläubig.

 

Hamon nickte: »Ich meine ›den Schwarzen‹, den geschicktesten Einbrecher seit Jahren.«

 

Joan war in ihren Sessel zurückgesunken, das Zimmer schien sich um sie zu drehen. Hamon sprach die Wahrheit. Seine Heiterkeit war der beste Beweis dafür.

 

»Meine Schwester wird sich übrigens die Ehre geben, Sie zu besuchen, Lady Joan«, wandte er sich höflich an sie.

 

»So?« fragte sie abwesend. »Ach ja, Sie haben eine Schwester in Paris. Es tut mir leid, daß ich heute nachmittag nicht zu Hause bin.«

 

»Das dachte ich mir und sagte ihr deshalb, daß sie morgen kommen solle. Sie wird Ihnen gefallen, sie ist ein gutes Mädchen, obwohl ich sie ein wenig verzogen habe.«

 

»Wann wird Mr. Morlake verhört?« fragte sie, ohne weiter auf Lydia Hamon einzugehen.

 

»Heute früh beginnt die Voruntersuchung, dann kommt er wieder in Untersuchungshaft, und nächste Woche wird er vor Gericht gestellt. Sie interessieren sich wohl für ihn? Nun, das ist ja natürlich. Solche Menschen haben etwas Romantisches an sich.«

 

»Hat er Freunde? Ich meine, jemand, der sich für ihn verbürgt?«

 

»In seinem Falle gibt es keine Bürgschaft. Die Polizei wird sich hüten, ihn gegen Kaution freizulassen, zumal seine Verhaftung nur nach einem harten Kampf möglich war.«

 

»Wurde er verletzt?« fragte sie schnell.

 

»Er hat einen oder zwei Schläge abbekommen«, erwiderte Hamon mit einem sorglosen Achselzucken.

 

Ihre Augen ließen ihn nicht los.

 

»Sie wissen sehr viel darüber. Man hat Sie vermutlich angerufen und Ihnen alles erzählt?«

 

»Ich weiß nur, was in den Zeitungen steht«, erwiderte Hamon schnell.

 

»Es steht nichts in den Zeitungen – es passierte wohl zu spät in der Nacht, um noch in die Morgenpresse zu kommen.«

 

Sie erhob sich und ging ohne ein Wort aus dem Zimmer.

 

Kapitel 1

 

1

 

Mr. Reeder reiste nach den Vereinigten Staaten, um bei der Aufklärung einer großen Unterschlagungsaffäre mitzuhelfen; es handelte sich dabei um den Fall der Gessler-Bank.

 

Selbstverständlich wurde er bei seiner Ankunft in New York von den Spitzen der städtischen Polizei wie ein Prinz aus königlicher Familie empfangen. Die Polizeibeamten dieser Riesenstadt waren nicht nur äußerst höflich zu ihm, sondern bewiesen auch, daß sie an Originale jeder Art gewöhnt waren.

 

Es lächelte also niemand über die ein wenig altmodische Kleidung des Detektivs, und keiner hätte sich eine boshafte Bemerkung über seinen steifen Filzhut und seinen Selbstbinder erlaubt. Jeder sah in ihm nur den berühmten Kriminalisten und ließ sich nicht durch sein zurückhaltendes und fast schüchternes Wesen täuschen.

 

Mr. Reeder blieb nur verhältnismäßig kurze Zeit in den USA, aber immerhin fand er Gelegenheit, den Polizeiapparat der vier größten amerikanischen Städte zu studieren. Unter anderem besuchte er das Zuchthaus in Atlanta, und zwei Tage vor seiner Abfahrt ließ er es sich nicht nehmen, auch noch nach Ossning zu fahren. Dort öffneten sich vor ihm die gewaltigen Stahltore von Sing- Sing, und geführt von dem Gefängnisdirektor persönlich, lernte er alle Einrichtungen dieses weltberühmten Zuchthauses kennen – angefangen von der Gefangenenkartei bis zu dem Raum, wo der elektrische Stuhl stand.

 

»Es wäre mir sehr lieb gewesen, wenn Sie sich einmal einen bestimmten Häftling näher angesehen hätten«, sagte der Gefängnisdirektor, kurz bevor er sich von ihm verabschiedete. »Es handelt sich um einen Engländer – einen Mann namens Redsack. Haben Sie jemals etwas von dem Burschen gehört?«

 

Mr. Reeder schüttelte den Kopf.

 

»Leider gibt es eine ganze Menge von Leuten, deren Existenz ich bisher noch nicht in meinem Gedächtnis registriert habe«, erwiderte er fast entschuldigend in seiner etwas umständlichen Art. »Dazu gehört auch Mr. Redsack. Wird er Ihnen noch lange zur Last fallen?«

 

»Er muß eine lebenslängliche Zuchthausstrafe absitzen«, entgegnete der Direktor, »und er darf noch froh sein, daß er nicht auf dem elektrischen Stuhl gelandet ist. Aus drei verschiedenen Gefängnissen konnte er schon ausbrechen, aber hier in Sing-Sing wird ihm das nicht gelingen. Er ist einer der gefährlichsten Verbrecher, die wir jemals beherbergten.«

 

»Ich würde ihn gerne sehen.«

 

»Im Augenblick kann ich Ihnen Redsack leider nicht vorführen. Wir mußten ihn nämlich in eine Strafzelle stecken, weil er wieder einmal einen Ausbruchsversuch gemacht hat. Eigentlich hatte ich angenommen, daß Sie ihn kennen würden. Viermal ist er in den USA schon verurteilt worden, und er hat wahrscheinlich mehr Morde auf dem Gewissen, als wir ahnen. Dabei ist er einer der klügsten Burschen, die mir je unter die Hände gekommen sind.«

 

»Ich habe bis jetzt noch keinen wirklich intelligenten Verbrecher kennengelernt. Nur schade, daß Redsack seine Straftaten nicht in England begangen hat.«

 

»Warum schade?« fragte der Direktor erstaunt.

 

»Dann wäre er nämlich jetzt nicht mehr am Leben«, erwiderte Mr. Reeder und seufzte.

 

In diesem Winter fuhren die Schiffe von New York nicht gerade regelmäßig ab; das Wetter war sehr schlecht. Auch der Dampfer, den Mr. Reeder wählte, hatte eine Verspätung von vierundzwanzig Stunden. So füllte er die Wartezeit damit aus, die Akten des Polizeipräsidiums von New York zu studieren. Besonders interessierten ihn dabei Angaben über die Person dieses Mr. Redsack.

 

Mr. Reeder staunte, als er einen ziemlich dicken Ordner durchblätterte. Redsack war anscheinend ein ziemlich gerissener Verbrecher. Es existierten zwar viele Fotos von ihm, aber er hatte es immer wieder verstanden, sich auf jedem davon ein anderes Aussehen zu geben. Sein Geburtsort war Vancouver in Kanada, in London wurde er erzogen. Schon mit dreißig Jahren hatte er so zahlreiche Gaunereien verübt, daß er in Verbrecherkreisen hohes Ansehen genoß. Der Mann schien wirklich klug zu sein. Er hatte es verstanden, sich bereits dreimal mit außergewöhnlicher Schlauheit aus der Schlinge zu ziehen.

 

Das Schiff verließ New York gegen Mitternacht, und als Mr. Reeder sich schlafen legte, hatte er keine Ahnung, daß fünf Decks unter ihm der Mann als Heizer arbeitete, mit dem er sich noch vor kurzem so intensiv beschäftigt hatte.

 

Redsacks Flucht aus Sing-Sing war eine äußerst kühne Tat. Sie wirkte um so sensationeller, als er sie nicht vorher hatte planen können.

 

Jede Flucht ist ein abenteuerliches Unternehmen, doch die des Sträflings Redsack würde fast ans Unglaubhafte grenzen, wenn nicht ihre Begleitumstände in den Akten der amerikanischen Polizeibehörden genau niedergelegt worden wären. Glück, Geschicklichkeit – und vor allem eine Verknüpfung seltsamer Zufälle standen dem Gefangenen an jenem Tag bei.

 

Es war ein trüber Winternachmittag. Etwa ein Dutzend Sträflinge trabten im Kreis auf dem großen Hof des Zuchthauses umher. Sie wurden scharf bewacht, doch konnten es ihnen ihre Wächter schließlich nicht verbieten, über die hohe Gefängnismauer hinweg zu dem grauverhangenen Himmel emporzusehen. Ganz in der Nähe manövrierte ein Freiballon, der von einem benachbarten Militärflugplatz aufgestiegen war. Einige heftige Windböen hatten ihn von seinem Kurs abgetrieben und zu Boden gedrückt. Die Besatzung, die Wetterbeobachtungen anstellen sollte, bemühte sich verzweifelt, Ballast abzuwerfen, doch irgend etwas an dem Mechanismus der Abwurfvorrichtung für die Sandsäcke funktionierte nicht. Der Ballon sank tiefer und tiefer, bis er schließlich nur noch ungefähr fünfzig Meter über der Erdoberfläche dahingetrieben wurde.

 

Was die Sträflinge und ihre Wächter – auch diese beobachteten gespannt den Vorfall – nicht sahen, war das gleichzeitig als Haltetau bei einer Landung dienende Schleppseil des Ballons, das über den Boden schleifte.

 

Eine neue Windbö trieb den Ballon zur Seite. Er jagte jetzt nur dreißig Meter über dem Boden direkt auf das Gefängnis zu.

 

In Sekundenschnelle hatte er sich der Umfassungsmauer genähert und stand gleich darauf – riesengroß aus dieser Nähe – direkt über dem Hof. Das Schleppseil verfing sich einen Augenblick in den auf der Mauer angebrachten Eisenzacken und klatschte dann auf das Pflaster des Hofs, wo die Sträflinge in ihrer gleichförmigen Bewegung einen Augenblick erstarrten und, wie ihre Wachmannschaften, die Hälse nach oben reckten.

 

Was jetzt folgte, spielte sich im Bruchteil einer Sekunde ab. Der Ballon wurde über den Hof getrieben, das Schleppseil hatte schon fast die gegenüberliegende Mauer erreicht, als sich plötzlich ein Sträfling aus dem Kreis löste und mit einigen mächtigen Sätzen bei dem Seil war. Er packte es, eine neuerliche Bö warf den Ballon einige Dutzend Meter in die Höhe und jagte ihn gleichzeitig nach vorn. Bevor die verdutzten Wächter noch ihre Gewehre von den Schultern gerissen hatten, waren Ballon und Mann schon hinter einem nahen Gehölz verschwunden.

 

Die Besatzung des Ballons sah natürlich ihren ungebetenen Passagier, konnte aber beim besten Willen nichts gegen ihn unternehmen. Die Männer in der Gondel hatten alle Hände voll zu tun, die Abwurfvorrichtung in Ordnung zu bringen, damit sie endlich aus der für sie gefährlichen Nähe des Erdbodens freikamen.

 

Dichtes Schneetreiben hatte eingesetzt. Der Ballon trieb ungefähr zwei Kilometer weit, und Redsack – so hieß der Sträfling, der diese tollkühne Flucht gewagt hatte – wurden allmählich die Finger klamm. Er mußte damit rechnen, daß es der Ballonbesatzung jede Minute gelingen konnte, Ballast abzuwerfen – und dann würde es steil in die Höhe gehen. Er blickte unter sich … Die Gelegenheit war günstig, der Ballon wurde in diesem Moment wieder zu Boden gedrückt. Noch zwanzig Meter Abstand zwischen ihm und der tief verschneiten Erdoberfläche – noch fünfzehn Meter – noch zehn Meter – mit dem Mut der Verzweiflung ließ er los und landete sich überschlagend in einer tiefen Schneewehe, die wie für einen solchen Zweck geschaffen, vom Wind an einer Straßenböschung aufgehäuft worden war.

 

Genau das Richtige für seine Zwecke war auch der kleine Fordwagen, der zehn Meter weiter am Straßenrand parkte. Er gehörte einem Sonntagsjäger, der mit seiner Schrotflinte hier in der Gegend auf den Krähenstrich gegangen war. Eine zweite Flinte, die für einen Freund gedacht gewesen war, der ihn eigentlich hatte begleiten wollen, lag auf dem Rücksitz. Mr. Redsack stieg ein und hielt eine halbe Stunde später vor einer Bank in einer kleinen Stadt, ungefähr zehn Meilen von Jersey City entfernt.

 

Er verließ den Wagen mit einem doppelläufigen Gewehr unter dem Arm und ging in die Bank. Es war eine Minute vor Schluß, und im Schalterraum befanden sich nur noch der Kassierer und der Prokurist. Der letztere wollte gleich anschließend in Urlaub fahren und hatte sein Reisegepäck ins Büro mitgenommen.

 

Kurz darauf verließ Redsack die Bank mit einem Koffer in der Hand und sechstausend Dollar in der Tasche. Auch hatte er sich zwei Revolver angeeignet, die er in einer Schreibtischschublade gefunden hatte. Aus dem Keller, in dem er die beiden Bankbeamten einschloß, nahm er den Arbeitsanzug des Hausmeisters mit.

 

Bei der nächsten Gelegenheit warf er den Koffer in den Straßengraben und wechselte seine Sträflingskleidung in einem Gebüsch mit dem alten, abgetragenen Arbeitsanzug des Hausmeisters aus. Den Ford ließ er zwei Meilen von New Jersey City entfernt auf der Straße stehen. Dann stieg er in einen Bus.

 

Es war ihm klar, daß die Polizei hinter ihm her war, aber natürlich suchte sie nach einem Mann, der die Kleider des Prokuristen trug. So durfte er ziemlich sicher sein, daß man ihn nicht erkennen würde. Er hatte noch keine festen Pläne, als er zum Hafen von New York fuhr.

 

Dort brauchte er aber nur kurze Zeit, um sich über seine nächsten Schritte klarzuwerden; von da ab ging alles glatt.

 

Heizer waren stets gesucht, und so wurde er gleich der ersten Wache zugeteilt und war damit beschäftigt, Kohlen ins Feuer zu werfen, bevor der Dampfer den Hafen von New York verließ.

 

Als die Beamten von Scotland Yard später den Fall Redsack bearbeiteten, schüttelten sie die Köpfe. Es war doch ein eigenartiger Zufall, daß Redsack ausgerechnet an dem Tag aus der Strafzelle herauskam, als die Geschichte mit dem Wetterballon passierte. Wenn Mr. Reeder ihn wenigstens vorher gesehen hätte, dann wäre viel Mühe und Arbeit gespart worden. Und wahrscheinlich wäre auch die große Betrugssache bei der L. und O.-Bank nicht vorgekommen.

 

Mr. Reeder hatte übrigens diesen intelligenten Verbrecher durchaus nicht vergessen. Als er wieder in England war, ließ er sich sofort alle Unterlagen über Redsack vorlegen, die in den Archiven von Scotland Yard schlummerten. Er notierte sogar die wichtigsten Stationen auf dem Lebensweg Mr. Redsacks, denn er war der Meinung, daß jedes Verbrechen in irgendeiner abgewandelten Form später wieder einmal auftauchen würde.

 

Merkwürdigerweise dachte er aber nicht im entferntesten an Redsack, als die L. und O.-Bank beraubt wurde.