Kapitel 55

 

55

 

Die Leute brachten Sadi Hafis zu Hamons Haus auf dem Hügel zurück. Die Reise war lang für einen Mann, der eine Kugel in der Schulter hatte.

 

»Allah! Dieses Schwein!« stöhnte der Maure. »Wenn sich die Pistole nicht in den Falten meines Mantels verfangen hätte, würde der Kerl jetzt in der Hölle sein!«

 

Hamon schickte nach Frauen, die die Wunde untersuchten und verbanden.

 

»Es ist nichts«, sagte Sadi rauh. »Als er mich das letztemal anschoß, war die Sache schlimmer.«

 

»Sprechen Sie von dem Bettler?« fragte Hamon erstaunt.

 

»Natürlich!«

 

»Ich hätte nie gedacht, daß er Ihnen etwas anhaben könnte. Er ist doch alt und schwach. Und Sie haben mir auch nicht gesagt, daß Sie ihn kannten.«

 

»Ich wußte es selbst bis zum letzten Augenblick nicht, aber dieser Morlake ist ein alter Feind von mir.«

 

Hamon zuckte zusammen.

 

»Sie sprachen doch eben noch von dem Bettler«, erwiderte er und runzelte die Stirn. »Ich bin so aufgeregt heute nacht – Sie meinten doch den alten Bettler Abdul?«

 

»Ich spreche von Morlake«, stieß Sadi zwischen den Zähnen hervor, »den Sie heute morgen so voreilig mit einer Frau verheirateten!«

 

Hamon starrte ihn fassungslos an.

 

»Das verstehe ich nicht. Der Bettler war Morlake? Aber – er war doch ein alter Mann!«

 

»Wenn ich nicht die Augen eines Mondkalbes gehabt hätte«, entgegnete Sadi bitter, »dann hätte ich gleich sehen müssen, daß es Morlake war. Schon früher bevorzugte er diese Verkleidung, als er hier noch im diplomatischen Dienst tätig war.«

 

Hamon ließ sich verstört auf dem Diwan nieder.

 

»Der Bettler war also Morlake – und ich habe die beiden verheiratet!«

 

Er brach in ein hysterisches Lachen aus, aber allmählich beruhigte er sich wieder.

 

»Er haßt Sie!« sagte Sadi nach einem langen Schweigen. »Was steckt eigentlich hinter der ganzen Geschichte?«

 

»Er will ein Schriftstück haben, das in meinem Besitz ist – das ist alles.«

 

Das aufgeregte, rote Gesicht Hamons und der nervöse Ton seiner Stimme weckten Sadis Verdacht. Ob Hamon getrunken hatte?

 

»Sie denken, ich bin betrunken«, meinte Hamon, als ob er Sadis Gedanken gelesen hätte. »Aber das stimmt nicht.«

 

Plötzlich ging er aus dem Zimmer und ließ Sadi allein. Der Scherif dachte über alle Möglichkeiten nach. Hamon mußte verschwinden, entschied er kaltblütig. Wenn es wahr wäre, daß ein englischer Detektiv in Tanger Nachforschungen nach ihm anstellte, dann sollte er auch seine Beute erhalten. Nur auf diese Weise konnte sich Sadi rächen. Hamon war ja auch keine große Einnahmequelle mehr für ihn.

 

Kurz nach Sonnenaufgang stand Sadi auf, um seinen Gastgeber aufzusuchen. Hamon hielt sich in dem Zimmer auf, das Joan innegehabt hatte. Er schlief, sein Kopf ruhte über den gefalteten Armen auf der Tischplatte. Neben ihm lag eine offene Brieftasche mit vielen Papieren. Sadi untersuchte sie leise. Er fand ein halbes Dutzend noch nicht eingelöster Schecks und ein viermal zusammengefaltetes Blatt. Begierig griff er danach und las.

 

›Ich bin zu der Ansicht gekommen, daß Ralph Hamon, den ich für meinen Freund hielt, mich töten will. Er hält mich augenblicklich in einem kleinen Haus in der Nähe von Hindhead gefangen. Auf seinen Rat begleitete ich ihn nach Marokko, um dort eine Mine zu besichtigen, die ich für sein Eigentum hielt. Wir kehrten auf seinen Wunsch heimlich nach London zurück, weil niemand erfahren sollte, daß er seinen Anteil an der Mine verkaufen wollte. Ich hatte den Verdacht, daß die Mine, die er mir als die seine zeigte, in Wirklichkeit nichts mit ihm und seinen Unternehmungen zu tun hatte, kam nach Hindhead und wollte erst dann zahlen, wenn sich mein Argwohn als unbegründet erwiesen hatte. Ich habe eine Vorsichtsmaßregel ergriffen, die ich für sehr wirksam halte. In Hindhead wurde mein Verdacht bestätigt, und ich weigerte mich deshalb, das Geld zu zahlen. Darauf schloß mich Hamon in der Küche ein und ließ mich von einem Araber bewachen, den er von seiner letzten Reise aus Tanger mitgebracht hatte. Sie haben bereits versucht, mich umzubringen, und ich fürchte, das nächstemal –‹

 

Hier endete das Schreiben plötzlich. Aber als Sadi das Blatt umwandte, weiteten sich seine Augen. Die Anklage stand auf der Rückseite einer Tratte auf die Bank von England in Höhe von hunderttausend Pfund …

 

Hamon erwachte, während Sadi noch las.

 

»Geben Sie mir mein Eigentum zurück, wenn Sie fertig sind«, sagte er.

 

Der Maure zeigte nicht die geringste Verlegenheit und legte das Schriftstück wieder auf den Tisch.

 

»Jetzt weiß ich Bescheid. Ich wunderte mich schon immer, warum Sie in so großer Unruhe waren. Sie sind doch ein Narr – das Dokument bringt Sie noch an den Galgen –, warum verbrennen Sie es denn nicht?«

 

»Weil ich es brauche – ich muß es behalten«, erwiderte Ralph und steckte die Brieftasche wütend ein.

 

Gegen Abend sah er, daß einer von Sadis Leuten sein Pferd bestieg und ein anderes am Zaum führte. Das konnte nur eins bedeuten. Dieser Bote sollte so schnell wie möglich nach Tanger reiten. Er nahm ein zweites Pferd mit, um unterwegs wechseln zu können. Und er konnte nur einen bestimmten Auftrag haben.

 

Ralph Hamon lachte leise vor sich hin. Aus irgendeinem Grunde bereitete ihm diese Entdeckung unendliches Vergnügen. Sadi Hafis wollte also auf seine Kosten die eigene Haut retten. In zwei Tagen, vielleicht schon morgen, konnten der Befehl und die Vollmacht von dem Vertreter des Sultans kommen, und er, Ralph Hamon, würde dann von dem Mann verhaftet werden, mit dem er so eng befreundet gewesen war. Sadi würde ihn nach Tanger bringen und dem Gericht ausliefern.

 

Er ging hinters Haus und rief seinen Stallmeister zu sich.

 

»Ich werde heute nacht eine Reise machen, aber sie muß geheim bleiben. Du bringst mein und dein Pferd an den Bach, wo er die Straße kreuzt. Wir reiten zur Küste und gehen später auf spanisches Gebiet über. Du bekommst zweitausend Peseten von mir, wenn du schweigst. Bist du einverstanden?«

 

»O Herr, du hast meinen Mund mit Goldfäden zugenäht«, sagte der Mann.

 

Hamon speiste mit Sadi zu Abend.

 

Von der kleinen Uhr im Wohnzimmer schlug es Mitternacht, als Hamon in Reitanzug und dickem Mantel die Treppe hinunterstieg. Er trug Gummischuhe über den Stiefeln und schlich sich geräuschlos zu Sadis Schlafraum. Leise klinkte er die Tür auf und lauschte, bis er den regelmäßigen Atem des Schlafenden hörte. Dann zog er ein langes, gerades Messer aus der Tasche und trat in das Zimmer ein, in dem nur eine Kerze brannte. Er blieb ein paar Minuten dort, dann löschte er das Licht und verließ den Raum wieder.

 

Er ritt zwei Stunden in scharfem Trab, dann hielt er an, und sein Diener bereitete ein Mahl. Hamon saß am Feuer.

 

»O Herr, ich sehe Blut an deinem Ärmel und an deinen Händen!« rief sein Begleiter plötzlich erregt.

 

»Das ist nichts!« erwiderte Hamon ruhig. »Am Abend wollte mich ein Hund beißen. Ich habe ihn getötet.«

 

Kapitel 56

 

56

 

Eine Flut von Sonnenlicht ergoß sich über Tanger, und die Oberfläche des Meeres erschien wie schimmerndes Gold. Aber die beiden älteren Herren, die an dem Geländer der Hotelterrasse lehnten, sahen nichts von dieser Schönheit.

 

»Keine neuen Nachrichten?« fragte Welling.

 

Lord Creith schüttelte den Kopf, und seine Blicke wanderten zu der prachtvollen Yacht hinüber, die im Hafen vor Anker lag.

 

»Wollen Sie hier warten, bis Sie etwas hören?«

 

»Das muß ich wohl tun«, sagte der Lord niedergeschlagen. »Und was beabsichtigen Sie?«

 

»Meine Arbeit hier ist eigentlich beendet. Ich wollte die ersten Anfänge von Hamons Aufstieg untersuchen, und ich habe alles, was noch unklar war, vollständig aufgeklärt. Er gründete Schwindelgesellschaften und verdiente damit allerhand Geld. Dann brachte er einen vermögenden Engländer hierher. Sie wohnten ungefähr vierzehn Tage im Hause von Sadi Hafis. Nachher verließen sie das Land wieder. Ich entdeckte, daß der Fremde ihm eine große Geldsumme zahlte – ich habe auch beim Credit Lyonnais Nachforschungen angestellt und die alten Akten eingesehen. Die Geldüberweisung ist klar. Fünfzigtausend Pfund gab der Mann als Anzahlung.«

 

»Wofür denn?« fragte der Lord, der sich trotz seiner Sorgen für die Sache zu interessieren begann.

 

»Das muß ich noch herausbekommen. Allem Anschein nach sollte später noch eine viel größere Summe auf Hamons Konto eingezahlt werden.«

 

»Kennen Sie eigentlich den Namen dieses geheimnisvollen Engländers?«

 

»Nein. Vermutlich wurde die Einzahlung in der Nähe von Hindhead geleistet. Wenn ich das sicher wüßte, würde sich Hamon in Tanger nicht wieder blicken lassen.«

 

»Das wird er auch so nicht mehr wagen«, entgegnete der Lord bitter. »Wenn die Regierung dieses verfluchten Landes morgen nicht etwas unternimmt, dann mache ich auf eigene Faust eine Expedition ins Innere, um meine Tochter zu finden! Und wenn ich Ralph Hamon entdecke, ist es aus mit ihm!«

 

Welling rauchte bedächtig weiter und schaute auf die sonnige Bucht hinaus.

 

»Wenn Jim Morlake sie nicht findet, wird es Ihnen auch nicht gelingen.«

 

»Wo mag sie nur geblieben sein?«

 

Zwei Leute ritten die Küste entlang auf die Stadt zu. Sie waren kaum noch eine halbe Meile entfernt und fielen durch ihr merkwürdiges Betragen auf.

 

»Ein Maure, der sich mit einer Frau in der Öffentlichkeit unterhält, ist ein seltener Anblick«, sagte Welling, der die beiden beobachtete.

 

Lord Creith schaute durch sein Fernglas. Die Frau hob die Hand und winkte, und es sah fast so aus, als ob der Gruß ihm gelten sollte.

 

»Wollen sie uns ein Zeichen geben?«

 

»Es scheint so«, meinte Welling.

 

Lord Creith wurde plötzlich bleich.

 

»Das ist doch nicht möglich!« rief er mit zitternder Stimme, drehte sich plötzlich um und eilte die Stufen zur Uferstraße hinunter. Die beiden Reiter fielen in Galopp.

 

Welling beobachtete die Szene erstaunt und sah, wie die maurische Frau plötzlich aus dem Sattel sprang und in die Arme des alten Mannes eilte. Dann stieg auch ihr Begleiter ab und wurde von Lord Creith aufs herzlichste begrüßt.

 

Wenn das nicht Jim Morlake ist, will ich ein Neger sein, sagte Welling zu sich selbst.

 

Im nächsten Augenblick eilte auch er hinunter, um die beiden zu begrüßen, und eine Stunde später saßen vier glückliche Menschen bei einer vergnügten Mahlzeit.

 

Einen Tag später erfuhren sie von Sadis Tod und der mißglückten Flucht seines Mörders. Sadis Leute hatten Hamon verfolgt, ihm den Weg abgeschnitten und ihn aus dem Hinterhalt erschossen. Sein Dienernder entkommen war, brachte die Nachricht nach Tanger. Die Leiche wurde geborgen, und das Dokument, nach dem Jim seit Jahren vergeblich gesucht hatte, kam endlich zutage.

 

»Wir fahren noch heute abend«, erklärte der Lord. »Mögen die Wellen im Golf von Biscaya haushoch sein, und mag der größte Sturm im Kanal toben – wenn wir nur aus diesem Land fortkommen! Ich muß die Yacht zur Heimfahrt benützen, denn der eigentliche Besitzer ist ein persönlicher Freund von mir, wie ich inzwischen erfahren habe. Sie begleiten uns doch, Morlake?«

 

»Ja«, erwiderte Jim. »Meine Aufgaben sind erledigt. Sie wurden vom Schicksal für mich gelöst. Um so mehr freue ich mich, daß ich jetzt nur noch schöne vor mir habe.«

 

Er sah Joan freudig an, und ihre Augen leuchteten glücklich auf.

 

Kapitel 6

 

6

 

»Hat es nicht eben gedonnert?« fragte Lord Creith. Er hob die Hand zum Mund, um ein Gähnen zu verbergen.

 

Auch Joan fühlte sich gelangweilt. Das Essen nahm kein Ende.

 

»Es klang fast so«, erwiderte Hamon und fuhr aus seinen unangenehmen Gedanken auf.

 

»Im Oktober sind Gewitter sehr selten«, meinte der Lord. »Ich kann mich daran erinnern, als ich noch ein Junge war …«

 

Er machte einen schwachen Versuch, die andern durch eine Geschichte zu unterhalten, die jedoch niemand fesselte. Er schien es auch zu fühlen und brach bald ab. Aber dann brachte er das Gespräch plötzlich auf ein Thema, das seine beiden Tischgenossen in hohem Maße interessierte.

 

»Ich habe Stephens nach diesem Morlake gefragt. Ein merkwürdiger Mensch. Niemand weiß auch nur das Geringste über ihn. Vor drei Jahren kam er von irgendwoher, kaufte Wold House und ließ sich hier als Gutsbesitzer nieder. Er beteiligt sich an keiner Jagd, keinem Ball, lehnt alle Einladungen ab, die ihm geschickt werden, und hat offenbar weder Bekannte noch Freunde. Ein ganz eigentümlicher Kerl!«

 

»Das kann ich nur bestätigen!«

 

Mr. Hamon lachte laut, und Joan sah ihn erstaunt an.

 

»Kennen Sie ihn denn?«

 

»Ziemlich genau – er ist ein amerikanischer Verbrecher!«

 

Joan versuchte vergeblich, ihre Erregung zu verbergen. Aber anscheinend übersah Hamon das Wohlwollen und die Sympathie, die der Besitzer von Wold House hier genoß. Er freute sich über das Aufsehen, das seine Worte hervorriefen.

 

»Ja, er ist ein Verbrecher, einer der größten Geldschrankknacker und Erpresser! Wie er in Wirklichkeit heißt, weiß ich nicht.«

 

»Aber dann ist die Polizei doch sicher über ihn informiert«, meinte Lord Creith verwundert.

 

»Das mag sein, aber ein Mann wie Morlake, der so viel Geld hat, braucht die Polizei nicht zu fürchten.«

 

Joan hatte bis jetzt sprachlos zugehört.

 

»Woher wollen Sie denn das alles wissen?« fragte sie, als sie ihre Stimme wieder beherrschte.

 

Hamon zuckte die Schultern.

 

»Vor einigen Jahren bin ich einmal mit ihm aneinandergeraten. Er dachte, er habe etwas entdeckt, was ihm eine gewisse Macht über mich gebe, und versuchte, mich zu erpressen. Er entkam nur mit genauer Not. Das nächstemal wird es ihm nicht glücken! Und das nächstemal –« er öffnete und schloß die Hand, als ob er jemand erwürgen wollte »– wird recht bald kommen! Ich habe ihn in meiner Gewalt.«

 

Joan haßte Ralph Hamon in diesem Augenblick über alle Maßen, obwohl er sie eigentlich nicht beleidigt hatte.

 

»Ich sagte schon, daß ich nicht weiß, wie er in Wirklichkeit heißt. Die Polizei beobachtet ihn seit Jahren, aber sie hat noch nie genügend Material gegen ihn sammeln können, um ihn vor Gericht zu bringen.«

 

»Ich habe aber noch nie etwas davon erfahren«, unterbrach ihn Lord Creith, »und ich bin doch hier der Ortsvorstand. Die hiesige Polizei hat nichts gegen ihn, im Gegenteil, man spricht ganz gut von Mr. Morlake.«

 

»Als ich eben die Polizei erwähnte, meinte ich damit Scotland Yard in London, und die Leute dort reden natürlich nicht darüber.«

 

»Ich kann das alles nicht glauben!« Joans lange unterdrückte Entrüstung kam zum Durchbruch. »Wahrscheinlich haben Sie irgendwelche Schauergeschichten gehört, die Ihre Phantasie jetzt verwirren!«

 

Hamon lächelte.

 

»Ich gebe zu, daß es recht unglaubhaft klingt, aber es ist die volle Wahrheit. Ich habe Morlake erst heute morgen gesprochen. Er war auf das unangenehmste überrascht, als er mich sah, das kann ich Ihnen sagen. Am meisten schien er sich darüber zu ärgern, daß ich ihn wiedererkannte. Er bat mich auch händeringend, es niemand zu erzählen –«

 

»Das ist nicht wahr! Unter keinen Umständen kann das stimmen!« erklärte Joan zornig. »Mr. Morlake ist der letzte, der einen anderen um etwas bitten würde. Ich glaube auch nicht, daß er ein Dieb ist.«

 

»Ist er denn Ihr Freund?«

 

»Ich bin ihm noch nie begegnet.«

 

Ein verlegenes Schweigen trat ein, aber Ralph Hamon hatte ein dickes Fell. Obwohl sie ihm auf den Kopf zusagte, daß er log, fühlte er sich nicht im mindesten verletzt.

 

Als sich Lord Creith in sein Zimmer zurückgezogen hatte, ging Joan hinaus, um die aufflammenden Blitze am südlichen Himmel zu beobachten. Sie wollte allein sein, doch Hamon folgte ihr.

 

»Es sieht so aus, als ob wir eine stürmische Nacht bekämen«, meinte er, um eine Unterhaltung zu beginnen.

 

Sie gab ihm recht und wollte wieder ins Haus zurückkehren, aber er hielt sie an.

 

»Wo haben Sie denn die Bekanntschaft der Dame gemacht, die dort drüben wohnt?«

 

»Sprechen Sie etwa von Mrs. Cornford? Ist sie vielleicht auch eine Verbrecherin?« fragte sie scharf.

 

Er lächelte nachsichtig über die sarkastische Bemerkung.

 

»Das nicht gerade. Ich interessiere mich nur für sie. Es kommt mir vor, als hätte ich sie schon vor Jahren einmal gesehen. Ich vermute, daß sie mich noch kennt. Hat sie Ihnen etwas davon gesagt?«

 

»Sie hat Ihren Namen niemals erwähnt – wahrscheinlich, weil ich mit ihr nicht über Sie gesprochen habe«, antwortete Joan etwas erstaunt.

 

»Ich glaube mich daran zu erinnern, daß sie nicht ganz richtig im Kopf war – sie war ein Jahr in einer Irrenanstalt.«

 

Joan lachte laut auf.

 

»Ausgezeichnet! Wer von meinen Freunden nicht gerade ein Verbrecher ist, wird von Ihnen für wahnsinnig erklärt!«

 

»Ich wußte nicht, daß er Ihr Freund ist«, sagte er schnell und trat an sie heran.

 

»Mr. Morlake ist unser Nachbar, und Nachbarn sind nach alter Sitte unsere Freunde. Wir gehen jetzt aber besser hinein.«

 

»Einen Augenblick noch.«

 

Er nahm ihren Arm, und sie machte sich durch eine leichte Bewegung wieder frei: »Was wollen Sie mir denn noch sagen?«

 

»Hat Ihr Vater über meinen Antrag mit Ihnen gesprochen?«

 

»Ja, es war die Rede davon«, erwiderte sie gleichgültig. »Ich erklärte ihm, daß ich nicht den Wunsch habe, Sie zu heiraten, obwohl ich gut verstünde, welches Kompliment Sie mir mit Ihrem Antrag machten.«

 

Hamon räusperte sich. »Erwähnte er auch die Tatsache, daß in Wirklichkeit ich der Eigentümer der Creithschen Güter bin?«

 

»Auch das hat er mir gesagt.«

 

»Ich nehme an, daß Ihnen das Stammhaus der Creith doch ein wenig am Herzen liegt? Ihre Vorfahren haben es seit Hunderten von Jahren besessen!«

 

»Sicher, es ist mir sehr teuer«, entgegnete sie steif. »Aber es ist mir doch nicht so kostbar, daß ich das Glück meines Lebens opfern würde, um den Titel einer Herrin von Creith zu behalten. Es gibt noch viel schlimmere Dinge, als heimatlos zu sein, Mr. Hamon.«.

 

Sie machte eine Bewegung, als ob sie gehen wollte, aber wieder hielt er sie zurück.

 

»Warten Sie noch«, sagte er leidenschaftlich. »Joan, ich bin zwanzig Jahre älter als Sie, aber Sie sind die Frau, von der ich geträumt habe, solange ich denken kann. Es gibt nichts, das ich nicht für Sie tun könnte, kein Dienst wäre mir zu schwer. Ich muß Sie besitzen!«

 

Bevor sie wußte, was geschah, hatte er sie in die Arme geschlossen. Sie wehrte sich und wollte sich frei machen, aber er umklammerte sie fest.

 

»Lassen Sie mich gehen – wie dürfen Sie das wagen!«

 

»Ruhe!« zischte er. »Ich liebe Sie, Joan, obwohl Sie mich mit Ihrem Hochmut tief gekränkt haben. Ich liebe Ihr süßes Gesicht, Ihre Augen, Ihren herrlichen, schlanken Körper …«

 

Sie bog den Kopf zur Seite, um dem Kuß seiner gierigen Lippen zu entgehen. Im selben Augenblick klang die Stimme ihres Vaters von der Halle zu ihnen herüber.

 

»Bist du noch draußen, Joan?«

 

Hamon ließ die Arme sinken, und sie taumelte zitternd vor Schrecken und Abscheu zurück.

 

»Es tut mir sehr leid, daß ich mich so vergaß«, flüsterte er.

 

Sie konnte nicht sprechen und zeigte nur zur Tür. Er verließ sie und ging hinein. Erst nach einigen Minuten folgte sie ihm.

 

Lord Creith schaute mit seinen kurzsichtigen Augen prüfend auf seine Tochter.

 

»Ist etwas passiert?« fragte er, als er ihre Blässe bemerkte.

 

»Nein, Vater.«

 

Er sah sich um. Hamon war verschwunden.

 

»Ein Mensch ohne Erziehung – ich werde ihn aus dem Hause weisen, wenn du es wünschest, mein Liebling.«

 

»Ach, das ist nicht notwendig. Aber wenn er morgen nicht von selbst verschwindet, wollen wir dann nicht lieber nach London gehen?«

 

»Ja, das wollen wir tun.«

 

Kapitel 47

 

47

 

Hamon hatte Joan die Wahrheit erzählt, als er sagte, daß Jim in große Unannehmlichkeiten mit den Behörden geraten sei. Aber das waren Schwierigkeiten, die er kannte und deren er Herr werden konnte. »Es wird nahezu unmöglich sein, die Häuser zu durchsuchen, in denen sie verborgen sein könnte«, sagte er zu Lord Creith. »Ich bin schon jetzt in eine recht böse Lage gekommen. Wenn wir jetzt etwas unternehmen, können wir es nur auf eigene Faust tun. Die Räuber sind jedenfalls nicht die Fesstraße weiter entlanggegangen. Ich bin zwanzig Meilen über die Stelle hinausgegangen, wo wir den Wagen fanden, und ich habe niemand gesehen. Ich werde jetzt weitere Nachforschungen anstellen.«

 

Der alte Herr ging in sein Zimmer hinauf, um eine Vollmacht zu holen, die er diesen Nachmittag von den verschiedenen Konsulaten besorgt hatte. Jim wartete unten und trat auf den Balkon hinaus. Der Abend war kühl, und der Vollmond erhob sich in voller Pracht am wolkenlosen Himmel. Einen Augenblick war er überwältigt von der Schönheit dieses Anblicks. Die breite Hotelterrasse war verlassen, nur ein Mann saß noch dort, der den Mantelkragen hochgeklappt und die Füße auf das Steingeländer gelegt hatte. Er mußte Amerikaner oder Engländer sein. Niemand sonst würde es wagen, sich der Nachtluft auszusetzen. Der Fremde rauchte eine Zigarre.

 

Lord Creith erschien mit der Vollmacht.

 

»Ich fürchte, sie wird Ihnen auch nicht viel nützen«, meinte er, »aber in Orten, die die Oberhoheit des Sultans anerkennen, werden Ihnen die Behörden Hilfe und Beistand leisten.« Er streckte ihm die Hand entgegen. »Also, gehen Sie – ich wünsche Ihnen viel Glück. Bringen Sie mir Joan zurück, ich muß sie wiederhaben – und ich glaube, Sie auch.«

 

Jim drückte die Hand des alten Mannes, nickte ihm noch einmal zu und schob ihn dann durch die Glastür in die große Hotelhalle zurück. Er mußte jetzt allein sein.

 

Eine Sekunde schaute er dem alten Mann noch nach, der etwas gebückt über den Korridor schritt, dann wandte er sich um und eilte die Stufen hinunter, die zur Küstenstraße führten. Er war gerade unten, als er angerufen wurde.

 

»Hallo!«

 

Es war der Fremde mit der Zigarre. Jim dachte, daß der andere sich geirrt habe, und ging weiter.

 

»Kommen Sie doch her, Morlake!«

 

Erstaunt wandte sich Jim um.

 

»Wenn Sie mich so gut kennen, daß Sie meinen Namen wissen, darf ich Ihnen sicher ohne Umschweife sagen, daß ich in großer Eile bin.«

 

»Gewiß.« Der Mann streckte die Beine gemütlich von sich. »Ich möchte von Ihnen nur eins erfahren – haben Sie vielleicht etwas von meinem Freund Hamon gesehen?«

 

Jim beugte sich nieder, um das Gesicht des Fremden besser sehen zu können. Es war Captain Welling …

 

Kapitel 48

 

48

 

»Was in aller Welt tun Sie denn hier?«

 

»Ich werde mir Rheumatismus holen«, brummte Welling. »Sie sind in Eile – was gibt es denn?«

 

»Lady Joan ist verschwunden.« Jim erzählte ihm von der Entführung.

 

Der Detektiv hörte nachdenklich zu.

 

»Das ist allerdings eine schlechte Neuigkeit«, sagte er dann. »Ich hatte schon gehört, daß es einen Skandal gegeben haben soll, aber ich wußte nicht, was es war. Mein Spanisch ist schon sehr in Vergessenheit geraten, und Arabisch verstehe ich so gut wie gar nicht. Lady Joan! Das ist recht böse. Was haben Sie denn nun vor?«

 

»Ich will mich nach ihr umsehen!« erwiderte Jim kurz.

 

»Dann darf ich Sie nicht aufhalten. Haben Sie nichts von Hamon entdeckt? Ich habe ihn bis Cadiz verfolgt. Er kam auf der ›Peleago‹ nach Gibraltar. Dort habe ich die Spur verloren. Er war plötzlich verschwunden, und ich konnte ihn nicht wieder auffinden.«

 

Bestürzt hörte Jim diese Nachricht.

 

»Dann ist er hier – gesehen habe ich ihn allerdings noch nicht. Zuerst hatte ich Sadi Hafis in Verdacht, aber es ist leicht möglich, daß Hamon die Entführung dirigierte.«

 

Mit einem hastigen Lebewohl eilte er fort.

 

In der Nähe der Straße der Moschee stand ein kleines, unansehnliches Haus, zu dessen Tür man auf einer schmalen Treppe emporklettern mußte. Jim stieg hinauf, klopfte an und wurde sofort eingelassen. Er nickte dem maurischen Schneider, der mit untergeschlagenen Beinen bei seiner Arbeit saß, einen Gruß zu, ging in einen inneren Raum, zog den Rock aus und erschien dann wieder in der Tür.

 

»Haben Sie alles vorbereitet?« fragte er.

 

»Ja«, entgegnete der Schneider, der nicht von seiner Arbeit aufschaute. »Sie warten auf Sie in der Straße, wo der englische Arzt wohnt.«

 

Jim hatte die Weste ausgezogen, als er plötzlich ein lautes Brummen hörte. Er sah nach einer viereckigen Öffnung, zu der eine alte, zerbrochene Leiter hinaufführte.

 

»Wer ist dort oben?«

 

Der Schneider fädelte mit außerordentlicher Schnelligkeit eine Nadel ein, bevor er antwortete.

 

»Ein Mann«, sagte er dann gleichgültig. »Er hat das Dachzimmer, das früher der Wasserverkäufer bewohnte. Yassin konnte keinen Mieter finden, weil der Wasserverkäufer an den Pocken starb. Deshalb gab er es an den Englesi für sechs Pesetas den Monat. Er raucht und wird jetzt in ein Café gehen, wo er seine Pfeife Haschisch für zehn Centimos bekommt.«

 

Als Jim noch verwundert nach oben schaute, erschien ein zerrissener Schuh auf der Leiter, darüber ein Bein, das kaum durch eine zerlumpte Hose bedeckt wurde. Der Mann stieg langsam herab, und Jim betrachtete ihn genau. Schmutzig graue Haare hingen über den Kragen des Mannes herunter, und sein Anzug war zerschlissen. Er hatte eine dicke, rote Nase, und ein verwilderter Bart umrahmte sein Gesicht. Schläfrig richtete er den trüben Blick auf Jim.

 

»Guten Abend«, keuchte er.

 

»Sind Sie Engländer?« fragte Jim, überrascht und abgestoßen durch die häßliche Erscheinung des Fremden.

 

»Ja, Brite. Aber sehen Sie mich doch nicht so verteufelt an, als ob Ihnen schlecht würde, mein Lieber! An Ihrer verfluchten Aussprache erkenne ich, daß Sie aus den Staaten sind. Was treiben Sie denn hier? Leihen Sie mir fünf Peseten, alter Junge, ich erhalte morgen eine Geldsendung von zu Hause.«

 

Jim drückte ihm eine spanische Münze in die ausgestreckte Hand und sah dem verkommenen Mann nach, der in die Nacht hinauswankte.

 

»Wie lange ist der schon hier?«

 

»Fünf Jahre«, antwortete der Schneider, »mir ist er auch fünf Pesetas schuldig.«

 

»Wie heißt er denn?«

 

»Das weiß ich nicht – was kommt es auch auf den Namen an?«

 

Jim gab ihm innerlich recht.

 

*

 

Der heruntergekommene Mann schwankte die Straße entlang und stieß gleich darauf mit einem anderen Europäer zusammen.

 

»Verdammt noch einmal«, sagte Hamon. »Passen Sie doch auf!«

 

Er war sehr erstaunt, als ihm auf englisch erwidert wurde.

 

»Verfluchter Hund! Machen Sie selbst die Augen auf, Sie Esel! Wie können Sie einen Gentleman anrennen – Sie sind ja vollständig betrunken, Sir!«

 

Ralph war so verwundert, daß er schnell ein Streichholz ansteckte, aber er hätte es beinahe wieder fallen lassen, als er das blutunterlaufene Gesicht und den roten Bart des Mannes sah.

 

»Das Licht bricht aus der Finsternis«, murmelte der Haschischraucher. »Entschuldigen Sie, wenn meine Sprache etwas ungebildet war – verzeihen Sie.« Er schaute zum mondhellen Himmel hinauf.

 

»Würde es Sie sehr belästigen, wenn ich Sie bäte, mir den Stern Gamma im Bild des Orion zu zeigen? Mein Café liegt nämlich ungefähr in dieser Richtung. Ich lebe in einer greulichen Höhle, Sir, über dem Laden eines schrecklichen maurischen Schneiders. Und was bin ich, mein lieber Freund? Ein Geistlicher! Kein Priester, den man ausgestoßen hat – sondern ein Prediger! Ein Offizier, der die höchste Auszeichnung der Welt erhalten hat, das Victoria-Kreuz! Aylmer Bernando Bannockwaite! Aber würden Sie nicht die außerordentliche Liebenswürdigkeit haben, mir fünf Peseten zu leihen – morgen erhalte ich eine Geldsendung von zu Hause.«

 

Wie im Traum gab ihm Ralph Hamon einen Geldschein.

 

Bannockwaite! Der Mann, der Joan und Ferdie Farringdon getraut hatte!

 

Kapitel 49

 

49

 

Vier Stunden lang ritt Joan in der Nacht auf einem tänzelnden Maultier durch eine Landschaft, die sie nicht sah und deren Charakter ihr ein Geheimnis blieb. Soweit sie erkennen konnte, folgte die kleine Karawane keinem festliegenden Weg. Von Zeit zu Zeit verfingen sich ihre Füße in dem dornigen Gebüsch, das sich mit seinen Spitzen auch in ihr weißes Kleid einhakte.

 

Bei Tagesanbruch entdeckte sie, daß sie sich in einem wilden und anscheinend unbewohnten Landstrich befanden. Sechs Männer und das Mädchen, das sie schon bedient hatte, begleiteten sie. Einer der Leute machte ein Feuer und hängte einen Wasserkessel darüber, während ein anderer die Maulesel zu einem nahen Bach führte.

 

Joan blickte umher und versuchte vergeblich, sich vorzustellen, wo sie waren. Blaue Hügel zogen sich am Horizont hin. Ein Araber durchsuchte das Gebüsch und fand ein stilles, schattiges Plätzchen. Dort breitete er ein Tuch aus und deutete ihr an, daß sie sich zur Ruhe legen sollte. Aber nie war sie wacher gewesen, und obgleich sie sich dorthin zurückzog, konnte sie doch nicht schlafen. Sie mußte immer wieder ihre Lage überdenken.

 

Die Araberin brachte ihr Kaffee und Weizenkuchen, und Joan war dankbar für die Erfrischung, denn sie hatte seit dem Mittag vorher nichts gegessen.

 

Nachdem die kleine Karawane zwei Stunden geruht hatte, wurde der Marsch fortgesetzt. Joan wunderte sich zuerst, daß die Leute, denen sie zuweilen begegnete, nicht erstaunt waren, eine europäische Frau zu sehen. Aber dann erinnerte sie sich daran, daß sie maurische Kleidung trug. Wenn die Leute sie überhaupt ansahen, so war es nur, weil sie ihr Gesicht nicht verschleiert hatte.

 

Die Berge rückten näher und näher, und sie entdeckte einen weißen Flecken an einem Abhang, ohne zu wissen, daß es das Ziel ihrer Reise war. Als der Weg sich aufwärtszog, erkannte sie allmählich, daß es ein Gebäude war. Nach und nach traten die Umrisse des palastartigen Hauses immer deutlicher hervor, und sie war erstaunt über die Schönheit dieser Anlage. Es erschien ihr wie ein weitstrahlender Edelstein, und selbst aus dieser Entfernung konnte sie die Anmut der Gärten und Terrassen ahnen, die sich nach oben und unten in verschiedenen Abstufungen um das Haus zogen.

 

Die Landschaft hatte hier wellenförmigen Charakter, und als die kleine Karawane zwischen Sträuchern einen sanften Hügelrücken hinaufritt, sah Joan einen Mann auf einem müden Pferd. Er hielt in kurzer Entfernung von ihnen rechts an der Straße. Die anderen schenkten ihm weiter keine Beachtung, aber das maurische Mädchen sagte ein Wort, das Joan verstand.

 

»Ein Bettler?« fragte sie erstaunt. Bei anderer Gelegenheit hätte sie sich darüber gewundert, einen Bettler zu Pferd zu sehen.

 

Es war ein älterer Mann mit grauem Bart. Sein Gesicht sah aus, als ob er noch nie Wasser und Seife benützt hätte, und seine Kopfbedeckung war alt und verschossen. Er schaute auf die kleine Schar, als sie vorüberkam, und Joan betrachtete bestürzt das zerrissene Gewand, das seine gebeugte Gestalt nur spärlich bedeckte, und das schmutzige Hemd, das sich am Hals zeigte. Sie glaubte, noch nie einen so abstoßenden Menschen gesehen zu haben.

 

»Almosen!« sagte er. »Almosen im Namen des barmherzigen Gottes!«

 

Einer der Männer warf ihm eine Kupfermünze zu, und er fing sie geschickt auf.

 

»Almosen, o du schöne Rose, im Namen des Barmherzigen und Gnädigen! Habe Mitleid mit den Armen!«

 

Seine Stimme erstarb in einem Murmeln.

 

Joan war sehr müde, als sie die Tore erreichten und durch die blühenden Gärten schritten. Das Mädchen lief zum Haus voraus und sprach mit einer der Frauen, die neugierig ihre Ankunft beobachteten.

 

Dann trat eine behäbige Frau einige Schritte vor. Ihr Gesichtsausdruck war düster und verärgert, und sie sagte etwas in scharfem Ton. Als Joan den Kopf schüttelte, um anzudeuten, daß sie sie nicht verstanden habe, biß sie sich ungeduldig auf die Lippen.

 

Das maurische Mädchen schien sich vor der Frau zu fürchten; es zeigte auf eine Tür, öffnete sie schnell und bat Joan herein.

 

Das Zimmer erinnerte an einen geschmackvoll eingerichteten englischen Raum. Nur die Fenster waren, wie in den meisten maurischen Häusern; mit Gittern versehen. Joan sah sich neugierig um.

 

»Wer war denn die Frau?« fragte sie in dem gebrochenen Spanisch, in dem sie sich mit der Araberin zu verständigen suchte.

 

Das Mädchen wollte sich vor Lachen ausschütten.

 

»Das ist Senora Hamon!«

 

Joan setzte sich auf den nächsten Sessel und lachte gleichfalls laut auf.

 

Kapitel 5

 

5

 

Ralph Hamon sprang auf. Sein Gesicht zuckte, und er biß sich auf die Lippen, um seine Erregung zu meistern.

 

»Sie verfluchter Hund! Ich soll gehenkt werden? Das will ich Ihnen aber heimzahlen! Ich weiß genug von Ihnen!«

 

Morlake machte eine abwehrende Bewegung.

 

»Versuchen Sie nicht, mir einen Schrecken einzujagen. Seien Sie vernünftig. Sagen Sie mir alles, was Sie inzwischen erlebt haben. Wie ich höre, haben Sie eine halbe Million bei den Varoni-Diamanten verdient, und sogar auf ehrliche Weise – das ist das Merkwürdigste an der ganzen Sache. Wenn Sie doch nur auf den Erfolg gewartet hätten, Hamon! Dann brauchten Sie jetzt nicht um Ihr Leben zu zittern. Wissen Sie eigentlich, wie die Eingeborenen Affen fangen? Sie stecken eine Pflaume oder eine Dattel in eine enghalsige Kürbisflasche, der Affe greift hinein, packt die Dattel, aber er kann die Hand durch den engen Hals nicht mehr herausziehen. Die Dattel will er nicht loslassen, er ist aber auch nicht stark genug, die Flasche zu zertrümmern, und so wird er gefangen. Sie sind auch so ein Affenmann!«

 

Hamon hatte seine Wut unterdrückt, aber er sah noch unheimlich bleich aus.

 

»Ich verstehe Sie nicht. Sie sind einer von diesen ganz Oberschlauen, die sich gern reden hören. Ich habe Sie gewarnt. Vielleicht sind Sie die Kürbisflasche, die zerschmettert wird!«

 

»Das mag sein. Aber wenn ich in die Binsen gehe, so geschieht es wenigstens für eine gute Sache. Inzwischen werde ich in Wold House wohnen und mich daran freuen, daß sich alle Leute hier über meine geheimnisvolle Erscheinung den Kopf zerbrechen.«

 

»Das Geheimnis werde ich bald aufklären«, rief Hamon.

 

Am Rand des Wegs blieb er noch einmal stehen und drehte sich um. »Ich lasse Ihnen sieben Tage Zeit, von hier zu verschwinden!«

 

»Schließen Sie das Tor, wenn Sie hinausgehen«, erwiderte James Morlake.

 

Hamon stieg in seinen Wagen und fuhr verärgert die Hauptstraße entlang, bis er wieder zu dem holperigen Weg kam, der die Grenze der Creithschen Besitzung bildete. Dann wurde er etwas ruhiger. Das war jetzt sein Eigentum, er war Herr dieser Äcker und der kleinen, traulichen Farmhäuser, die sich zwischen den Hügeln in die Täler einschmiegten. Aber er wollte auch das schlanke, schöne Mädchen besitzen.

 

Er fühlte das unbändige Verlangen, Joan zu zähmen, zu erniedrigen und für ihre Anmaßung zu bestrafen. Das wäre etwas, das ihn mehr befriedigen würde als alles andere …

 

Das Auto war schon auf die Nebenstraße abgebogen, als sein Blick auf ein kleines Haus fiel, das sich hinter einem Holzzaun erhob. Er hielt an, weil er sich erinnerte, daß hier seit gestern eine Freundin Joans wohnte.

 

Ralph Hamon war ein Mann, der alle Vorteile wahrnahm. Eine Freundin Joans konnte ja auch seine Freundin werden. Vielleicht konnte er mit Hilfe dieser Frau Joans Antipathie überwinden.

 

Er stieg aus und ging auf die Hauptstraße zurück, bis er zur Gartentür kam. Dann trat er ein und sah sich nach rechts und links um, aber die Bewohnerin war nicht im Garten. Schließlich klopfte er an die Haustür. Als ihm Mrs. Cornford öffnete, schaute er sie mit starren Augen an, als ob sie eine Erscheinung aus einer anderen Welt wäre.

 

Dann versuchte er zu sprechen, aber nur ein unverständliches Stöhnen kam über seine Lippen. Plötzlich drehte er sich um und eilte wie gehetzt den Pfad zurück. Schwere Schweißtropfen standen auf seiner Stirn, und er biß sich vor Furcht auf die Lippen. Elsa Cornford kannte einen Teil jenes Geheimnisses, das der Besitzer von Wold House bisher nicht herausgebracht hatte.

 

Kapitel 50

 

50

 

»Und die anderen Frauen? Sind das auch seine Gemahlinnen?« fragte Joan.

 

»Nein, hier ist nur eine Frau. Die anderen sind Dienerinnen. Sie ist erst vor einiger Zeit hergekommen. Seit vielen Jahren hat sie ihren Mann nicht gesehen.«

 

Joan wunderte sich, daß sie so vergnügt sein konnte. Aber die frische, gesunde Luft in den Bergen tat ihr gut und gab ihr neue Kraft. Oder war es vielleicht das Bewußtsein, daß die Zukunft ihr keine Überraschungen mehr bringen konnte? Ralph Hamon hatte diesen Zufluchtsort sicher schon seit langem vorbereitet.

 

Alles war herrlich, aber es blieb doch ein Gefängnis.– vielleicht noch etwas Schlimmeres.

 

Am andern Ende des Zimmers fiel Licht durch ein großes Fenster, das von außen durch ein geschmiedetes Gitter geschlossen war. Sie öffnete es und staunte über die Schönheit und Pracht des weiten Tales. In der Ferne konnte sie das Meer erkennen, und am Horizont tauchte der düstere Felsen von Gibraltar auf.

 

Im Tal bewegte sich etwas. Sie hielt die Hand vor die Augen, um sie gegen die hellen Sonnenstrahlen zu schützen. Es war der Bettler, der wohl nach Tanger zurückritt.

 

Sie schloß das Fenster, ging zum Eingang zurück und drückte auf die silberne Klinke. Zu ihrem Erstaunen gab sie nach, und eine große weite Halle öffnete sich vor ihr. Auch die Pendeltüren, die ins Freie führten, waren nicht verschlossen. Offensichtlich ließ man ihr hier also größere Freiheit, und sie war dankbar dafür.

 

Aber als sie in den Garten kam, erkannte sie, daß es hoffnungslos war, von hier entkommen zu wollen. Die Mauern waren selbst für ein maurisches Haus ungewöhnlich hoch. Oben waren sie mit unzähligen Glasscherben belegt, die im Sonnenlicht glitzerten und daran erinnerten, daß jeder Fluchtversuch vergeblich sein würde.

 

Trotz ihres festen Vorsatzes, tapfer zu bleiben, ging sie langsam und niedergeschlagen in das große Zimmer zurück, das augenscheinlich für sie reserviert war. –

 

Ralph Hamon hatte Nachricht von dem Gelingen der Flucht erhalten und ritt nun quer durch das unebene Gelände. Er triumphierte, daß er sein Ziel soweit erreicht hatte, und sein Blick ruhte wohlgefällig auf dem weißen Haus in den Bergen.

 

Dort war Joan Carston endlich sein eigen in des Wortes wahrster Bedeutung. Er hatte vorher in Tanger noch eine geheime Unterredung mit Mr. Bannockwaite gehabt, die auch zu seiner Zufriedenheit ausgefallen war.

 

Sadi Hafis ritt an Hamons Seite, aber er war lange nicht so froh gestimmt wie dieser. Er schaute düster drein und hatte noch kaum ein Wort gesprochen.

 

»Wir werden bald nach Sonnenuntergang dort sein«, sagte Ralph.

 

»Mag der Himmel wissen, warum ich überhaupt mitkomme«, erklärte Sadi unwirsch. »Sie haben all meine Angelegenheiten zu einem schlechten Ende gebracht!«

 

»Beruhigen Sie sich doch. Lydia hatte einen Aufenthalt in Lissabon. In ein paar Tagen ist sie hier. – Ach, Joan ist wirklich außergewöhnlich schön«, rief er begeistert.

 

»Würde ich sonst diese beschwerliche Reise machen?« fragte Sadi kühl.

 

Ralph Hamon wurde aufmerksam.

 

»Nun ja, Sie mögen Ihre Neugierde befriedigen und dann wieder gehen«, erwiderte er kurz. »Sie dürfen ihr Aufmerksamkeiten erweisen, wo sie am Platz sind – aber damit von Anfang an kein Mißverständnis herrscht, diese junge Dame heiratet mich.«

 

Der Scherif zuckte die Schultern.

 

»Frauen gibt es soviel wie Bettler«, entgegnete er gleichgültig und wies mit dem Kopf nach der wenig anziehenden Gestalt, die ihnen entgegenkam.

 

»Almosen, im Namen Allahs, des Allmächtigen und Allgütigen!« murmelte der zerlumpte Greis.

 

»Ein zahnloser, alter Teufel«, sagte Hamon und warf ihm eine Kupfermünze hin.

 

»Gott gebe dir glückliche Träume!« bedankte sich der Bettler mit singender Stimme und ritt langsam hinter den beiden her. »Mögen dir die Freuden des Himmels sicher sein und die Herrlichkeiten der Propheten! Laß mich unter dem Dach deines Hauses zur Nacht schlafen, denn ich bin ein alter Mann …«

 

Sadi konnte als Maure diese Bitte mit philosophischer Ruhe und Gleichgültigkeit anhören. Ralph wandte sich zornig um.

 

»Mach, daß du fortkommst, du Hund!« brüllte er. Doch der Alte folgte ihnen unentwegt und wiederholte dauernd seine eintönigen Bitten.

 

»Lassen Sie ihn schwatzen«, sagte Sadi. »Wozu kümmern Sie sich überhaupt um ihn? Sie kennen doch Marokko lange genug.«

 

Der Bettler hielt sich ständig in einiger Entfernung von ihnen, und erst als sie ihm die Tür vor der Nase zuschlugen, kehrte er schimpfend und unzufrieden um. Später sah Ralph, daß das Pferd in der Umgebung graste. Eine blaue Rauchwolke stieg aus den Büschen zum Himmel auf, wo der Alte sein Lager bereitete.

 

Ralph Hamon hatte noch eine unangenehme Aufgabe vor sich, und er hatte es nicht besonders eilig, sie zu lösen. In einem kleinen Raum hinter der Halle speiste er mit Sadi zu Abend.

 

»Sie sind aber kein eifriger Liebhaber«, meinte der Araber. »Haben Sie sie schon gesehen?«

 

»Sie kann warten.«

 

»Dann werde ich ihr einstweilen meine Aufwartung machen«, erwiderte Sadi schmeichlerisch. »Sie sind kein Muselman, und ich denke, die junge Dame wird beruhigt sein, wenn sie einen wirklichen maurischen Edelmann kennenlernt und erfährt, daß wir auch gute Sitten haben.«

 

»Ich werde Sie später vorstellen, aber erst muß ich noch etwas anderes erledigen«, entgegnete Ralph kurz.

 

Die andere Aufgabe bestand darin, seine Frau zu sprechen, die er acht Jahre nicht gesehen hatte. Als er in ihr Zimmer trat, wollte er nicht glauben, daß diese dicke, düstere Frau einst ein schönes maurisches Mädchen von schlankem, wundervollem Wuchs gewesen war.

 

»So bist du doch endlich gekommen?« fragte sie hart. »All diese Jahre habe ich nichts von dir gehört oder gesehen.«

 

»Hast du etwa Hunger gelitten?« erwiderte er kühl. »Hast du kein Dach über dem Kopf gehabt?«

 

»Wer ist dieses Mädchen?«

 

»Sie wird bald meine Frau sein.«

 

Die Maurin sprang auf und zitterte vor Zorn.

 

»Warum hast du mich dann hierherholen lassen?« rief sie aufgebracht? »Soll ich wie eine Närrin vor meinen Dienerinnen dastehen? Warum hast du mich nicht in Mogador gelassen? Dort hatte ich wenigstens Freunde und Bekannte. Hier bin ich mitten in der Wildnis lebendig begraben. Soll ich deinem neuen Weib vielleicht als Sklavin dienen? Das tue ich niemals, Hamon!«

 

Er fühlte sich nun sicher.

 

»Du kannst nächste Woche wieder nach Mogador zurückkehren. Ich habe dich aus einem besonderen Grund hierherkommen lassen.«

 

Sie war hergebracht worden, damit Joan sie sehen und ihre eigene Lage besser beurteilen solle.

 

Er ging zu Sadi zurück.

 

»Ich gehe jetzt zu meiner Dame. Später werde ich Sie vorstellen.«

 

Er klopfte an die Tür des Wohnzimmers, und als keine Antwort kam, trat er ein. Joan saß vor dem großen Flügel und hatte die Hände im Schoß gefaltet. Sie hatte sich gerade an das Instrument gesetzt, als Hamon in der Tür erschien.

 

»Wie geht es Ihnen – fühlen Sie sich schon ein wenig heimisch?« fragte er.

 

Eine Weile blieb er stehen und bewunderte ihre schlanke Gestalt und ihre ruhigen, gleichmäßigen Züge. Sie schenkte ihm überhaupt keine Beachtung. Er hätte ebensogut ein Diener im Herrenhaus von Creith sein können, der auf ihr Klingelzeichen erschienen war.

 

»Ist es hier nicht herrlich?« fuhr er fort. »Dies ist einer der schönsten Plätze Marokkos. Eine Dame könnte es hier schon ein oder zwei Jahre aushalten. Haben Sie meine Frau Nummer eins gesehen?«

 

Er setzte sich und steckte sich eine Zigarre an.

 

»Wollen Sie mit Nummer eins Mrs. Hamon bezeichnen?« fragte sie langsam.

 

Er nickte.

 

Sie hatte Ralph Hamon noch nie so vergnügt gesehen. Er machte einen so freien und fröhlichen Eindruck, als ob alle Sorgen von ihm abgefallen wären.

 

»Sie müssen mir erzählen, wie man hier Ehen schließt. Ich fürchte, daß ich darüber vollkommen unwissend bin.«

 

»Hören Sie zu, Joan. Ich werde Sie nicht nach maurischem Ritual heiraten. Es wird eine christliche Eheschließung werden, und ein wirklicher Geistlicher der englischen Kirche wird uns trauen. Ich habe Sie vorhin gefragt, ob Sie meine maurische Frau gesehen haben. Was denken Sie von ihr?«

 

Joan erwiderte nichts. Sie bemühte sich, seine Absicht zu erkennen.

 

»Was denken Sie von ihr?« fragte er noch einmal.

 

»Sie tut mir leid – sie war nicht gerade sehr höflich zu mir, aber trotzdem fühle ich Sympathie für sie.«

 

»So? Die Dame ist Ihnen sympathisch? Sie ist etwas fett und hat ein zu dickes Gesicht. In Marokko werden sie alle so, weil sie sich dauernd im Harem aufhalten müssen, keine Freiheit und nicht genügend Bewegung haben. Sie werden hier behandelt wie Vieh, in einem heißen Haus eingeschlossen, in dem Tag und Nacht furchtbare Luft herrscht. Joan, möchten Sie tatsächlich ein solches Leben führen?«

 

Sie sah ihm gerade ins Gesicht.

 

»Ich möchte überhaupt nicht Ihre Frau sein.«

 

»Möchten Sie das Leben einer maurischen Frau führen?« wiederholte er. »Oder möchten Sie nach europäischer Weise heiraten und Kinder haben, die später Ihren Namen tragen und den Titel Ihres Vaters erben?«

 

Sie erhob sich schroff und drehte ihm den Rücken zu.

 

»Nun gut, wir wollen diese Frage im Augenblick nicht erörtern«, sagte Ralph und stand auch auf. »Ich möchte Sie bitten, jetzt Sadi Hafis zu empfangen. Er ist ein guter Freund von mir. Seien Sie liebenswürdig zu ihm, aber nicht zu sehr. Er ist im Moment nicht gut auf mich zu sprechen, da er Lydia haben wollte. Sie hat ihn aber ausgeschlagen. Und ich wünsche nicht, daß er sich Hoffnungen auf Sie macht.«

 

Er verschwand und ließ sie mit ihren Gedanken allein. Nach einigen Minuten kehrte er mit Sadi zurück.

 

Joan erkannte sofort, daß dieser Mann eine ebenso große Gefahr für sie bedeutete wie Ralph Hamon, vielleicht eine noch größere. Mit Abscheu betrachtete sie Sadis dickes, ausdrucksloses Gesicht und seine dunklen, trüben Augen, mit denen er sie durchbohrte und ihren Wert einschätzte. Sie haßte ihn wegen seines Benehmens, seiner höflichen Sprache und seines glatten Lächelns. Der Maure blieb nur so lange, um Eindruck auf sie zu machen.

 

»Was denken Sie von ihm?« fragte Ralph, als Sadi fort war.

 

»Ich bin mir noch nicht klar über ihn«, log sie.

 

»Ein guter Freund, aber auch ein furchtbarer Feind«, erwiderte er vielsagend. »Ich wünschte, Lydia wäre vernünftiger gewesen.«

 

Plötzlich erhob er sich.

 

»Ich verlasse Sie jetzt – Sie werden Ihr Schlafzimmer finden? Ich wünsche Ihnen angenehme Träume!«

 

An der Tür wandte er sich noch einmal um.

 

»Eine christliche Frau hat es besser als eine maurische – hoffentlich haben Sie das jetzt eingesehen!«

 

Sie sprach noch immer nicht.

 

»In zwei Tagen heiraten wir.« Er lächelte ironisch. »Wünschen Sie, daß jemand zu der Hochzeit geladen wird?«

 

»Sie werden doch nicht wagen, einen englischen Geistlichen zuzuziehen?«

 

»Ach, glauben Sie? Aber Sie sollen sehen, er wird uns trauen, was Sie auch immer sagen und welchen Widerspruch Sie auch erheben mögen. Außerdem werden Sie einen alten Freund in ihm wiedertreffen.«

 

»Einen alten Freund?« fragte sie betroffen.

 

»Ja – Reverend Bannockwaite.«

 

Mit diesen Worten verließ er sie und schloß die Tür ab.

 

Kapitel 43

 

43

 

Sie schaute ihn minutenlang starr an, dann brach sie plötzlich in Lachen aus.

 

»Mr. Welling, Sie haben mir einen furchtbaren Schrecken eingejagt. Glauben Sie mir, mein Vater tötet niemand.«

 

Er ließ sich aber nicht erschüttern.

 

»Ich will ja auch gar nicht behaupten, daß Ihr Vater Farringdon erschossen hat. Ich stelle nur fest, daß Lord Creith der einzige Mann ist, der hier im Umkreis von zehn Meilen spitze Schuhe trägt.«

 

»Das ist aber doch absurd! Viele Leute tragen spitze Schuhe – Mr. Hamon zum Beispiel –«

 

»Das wollte ich ja nur hören«, erwiderte Captain Welling höflich. »Das ist alles, was ich wissen muß. Trägt Mr. Hamon immer solche Schuhe? Von Lord Creith wußte ich es genau, denn ich habe den Schuhmacher im Dorf gefragt, und der Mann kennt ja sämtliche Schuhe im Herrenhaus.«

 

»Mr. Hamon ist so wohlhabend, daß er seine Schuhe nicht reparieren läßt. Sie haben ihn doch nicht etwa im Verdacht? Er war gestern abend ja gar nicht in Creith!«

 

»Wenn er Farringdon erschossen hat, muß er wohl in Creith gewesen sein, und wenn er es nicht getan hat, kümmere ich mich auch nicht darum, wo er war.«

 

Die Reaktion nach dieser Nacht voll Schrecken und Angst war so groß, daß sie den alten Mann hätte umarmen und vor Freude küssen mögen.

 

»Sind Sie denn ganz sicher?«

 

»Sie meinen über Morlake?« Er wußte, warum sie so ängstlich war. »Ich glaube, daß es da nicht den geringsten Zweifel gibt. Er hat so große Füße, daß er niemals die Schuhe hätte tragen können, deren Spuren wir vor dem Haus gefunden haben. Trotzdem ist es unter keinen Umständen gewiß, daß der Eigentümer der spitzen Schuhe auch der Mörder ist.«

 

Als sie ins Haus traten, beaufsichtigte Lord Creith eben die Diener, die das Gepäck in Ordnung brachten, die einzelnen Koffer numerierten und die Zettel aufklebten.

 

»Hallo, Welling, wen haben Sie heute morgen verhaftet?«

 

»Am Sonnabend verhafte ich niemand – das verdirbt den Leuten das Wochenende. Sie sind von Hamon antelefoniert worden?«

 

»Ja«, sagte der Lord erstaunt. »Ungefähr um Mitternacht.«

 

»Hat er Sie gebeten, ihm etwas nachzuschicken, das er vergessen hatte?«

 

»Nein, er wollte nur wissen, wann ich heute abreise.«

 

»Sehen Sie einmal an«, nickte Welling. »Es war ganz selbstverständlich, daß er das tat, obendrein noch um zwölf Uhr nachts?«

 

»Es war etwas vor zwölf, denke ich. Sicherlich haben Sie das Gespräch belauscht«, sagte Lord Creith vorwurfsvoll.

 

Als er nach dem Verbleib eines Sportgewehrs forschte, das merkwürdigerweise im letzten Augenblick verschwunden war, wandte sich Joan wieder an Welling.

 

»Woher wissen Sie das alles, Captain?«

 

»Ich vermute es nur. Es ist doch natürlich, daß der Mann mit den spitzen Schuhen, wenn es unser Freund Hamon war, so bald als möglich einen Beweis geben wollte, daß er in der Stadt sei. Die Versuche, sich durch ein Telefongespräch ein Alibi zu verschaffen, sind sehr häufig.«

 

Sie war vollständig von einem Gedanken beherrscht.

 

»Warum mag wohl Mr. Morlake fortgegangen sein?«

 

»Vielleicht hatte er wieder einen kleinen Einbruch vor –«

 

»Seien Sie doch nicht so schrecklich«, rief sie erregt. »Sie wissen genau, daß Mr. Morlake kein Einbrecher ist!«

 

»Wenn ich überhaupt etwas genau weiß«, entgegnete er, »so ist es, daß Morlake tatsächlich ein Einbrecher ist. Ich kümmere mich nicht darum, welche edlen Motive ihn dazu machen – aber er ist ein Einbrecher. Sogar der tüchtigste und schlaueste aller Geldschrankknacker im Land.«

 

»Hat er viel Geld geraubt?«

 

»Viele Tausende, aber es war stets Hamons Eigentum. Das ist das Merkwürdige.«

 

Joan hoffte, daß ein Wunder geschehen und Jim noch im letzten Augenblick erscheinen werde. Aber in dieser Erwartung wurde sie bitter enttäuscht. Sie mußte nach Southampton abfahren, ohne ihn noch einmal gesehen zu haben.

 

Mit Erstaunen und Verwunderung betrachtete sie auf der Reede die Jacht. Sie hatte sich ein winziges Fahrzeug vorgestellt, aber die ›Esperance‹ hatte das Aussehen eines kleinen Kreuzers.

 

»Die muß Freund Hamon aber eine schöne Stange Geld gekostet haben – sieht ja beinahe wie ein Passagierdampfer aus«, meinte Lord Creith.

 

Der englische Kapitän begrüßte sie oben am Fallreep. Alle Vorbereitungen zur Abfahrt waren schon getroffen.

 

»Mr. Hamon wird nicht kommen, wie ich erfahren habe«, sagte Captain Green. »Wenn Sie gestatten, Mylord, lichten wir die Anker.«

 

Kapitel 44

 

44

 

Die Strahlen der Frühsonne lagen über Tanger. Joan Carston schaute verwundert von Bord des Schiffs auf das schöne Bild, als sie langsam in die Bai einfuhren. Über ihr wölbte sich ein fleckenloser, tiefblauer Himmel, und der Wind trug einen feinen, fremdartigen Duft von der Küste herüber.

 

»Freust du dich, daß wir an Land gehen?« fragte ihr Vater.

 

Sie nickte.

 

»Du bist doch ein prächtiges Mädchen!« sagte er bewundernd. »Du hattest in den letzten Wochen mehr Schicksalsschläge zu ertragen als ein Durchschnittsmensch im Lauf seines ganzen Lebens.«

 

»Man kann sich auch gegen Schicksalsschläge abhärten.«

 

»Du bist jetzt nicht mehr in so großer Sorge um Morlake?«

 

»Nein. Ich habe sogar das Gefühl, daß wir ihn bald wiedersehen.«

 

Lord Creith war in guter Stimmung.

 

»Der Kapitän sagte, er habe es so eingerichtet, daß wir eine Woche hier bleiben können, und ich glaube, daß wir unsere Zeit gut ausnützen werden.«

 

Er mietete Zimmer in dem großen weißen Hotel, von dem aus man die Küste übersehen konnte. Später am Tag schaute Joan von der breiten Treppe auf die wunderlichen, bunt durcheinanderliegenden Häuser, die das moderne Tanger so reizvoll machen.

 

»Es sieht aus wie eine Szene aus dem Alten Testament mit elektrischer Beleuchtung«, meinte der Lord. »Ich weiß nicht, ob ich das irgendwo gelesen habe oder ob ich selber darauf kam. Aber es ist ein treffender Ausspruch. Ich hoffe, daß du nicht enttäuscht bist, Joan? Diese Städte sind in der Nähe lange nicht so angenehm wie drei Meilen von der See aus. Und der Geruch – hm!« Er verzog das Gesicht.

 

»Jim hat jahrelang hier gelebt«, sagte sie.

 

»Aber davon duftet die Luft nicht gleich nach Rosenöl«, erwiderte ihr Vater.

 

Am dritten Tag ihres Aufenthaltes begann Joan die Stadt schon etwas langweilig zu werden. Sie hatte den großen Marktplatz und den Basar mehrmals besucht, war zwischen den Holzkohleverkäufern und den ruhenden Kamelen herumgewandert, hatte den eingeborenen Gauklern, Fakiren und heiligen Männern zugesehen und mit Händlern um Bronze- und Messinggeräte gefeilscht.

 

»Den schönsten Teil von Tanger bekommt man eigentlich nicht zu sehen. Erinnerst du dich an die häßliche Straße, durch die wir neulich kamen?« fragte sie ihren Vater. »Dort öffnete sich ein altes Tor, und ich konnte einen Blick in einen großen Garten werfen. Zwei verschleierte Frauen standen auf einem Balkon und fütterten Tauben. Es war ein so liebliches Bild, daß ich ganz entzückt war.«

 

Am Nachmittag erstiegen sie einen Hügel, um einer Festlichkeit beizuwohnen. Eine große Anzahl von Stämmen aus der Wüste hatte sich versammelt, um den Todestag eines Heiligen zu feiern. Als Lord Creith und seine Tochter später durch die Stadt zurückkamen, führte er sie seitlich vom Markt an einem Gefängnis vorbei. Sie schauderte, als sie ein entsetzlich abgemagertes Gesicht hinter den Gittern sah.

 

»Möchtest du dir das Gefängnis auch einmal ansehen?«

 

»Nein, danke«, erwiderte sie schnell, und sie wandten sich wieder dem Basar zu.

 

Er öffnete einen leichten, weißen Sonnenschirm, denn die Sonne schien außerordentlich heiß.

 

»Ost ist Ost, und West ist West«, zitierte er. »Am meisten interessieren mich doch die Gedanken dieser Leute. Man begreift den Osten nicht, wenn man die Mentalität seiner Menschen nicht kennenlernt.«

 

Joan, die schon eine Weile hinter ihm hergegangen war, antwortete nicht, aber er war daran gewöhnt, daß sie auf seine Bemerkungen häufig schwieg.

 

»Und wenn du mich fragst –« begann er wieder und drehte sich um, um festzustellen, ob sie auch zuhöre.

 

Aber Joan war nicht zu sehen.

 

Er ging die Straße zurück. An der Ecke eines Hofes stand ein Bettler und bat im Namen Allahs um Almosen; eine verschleierte Frau, die einen Korb mit allerhand Eingeborenenarbeiten trug, kam an ihm vorüber. Aber Joan war nicht zu entdecken. Er schaute an den hohen Mauern der Straße zu beiden Seiten empor, als ob er erwartete, daß sie durch irgendein Wunder dort oben säße.

 

Dann wurde er unruhig und besorgt und eilte die unebene Straße entlang, bis er ihr Ende erreichte. Er schaute nach rechts und links und bemerkte vier Leute, die einen hölzernen Kasten trugen und dabei sangen. Er lief wieder zu dem Bettler zurück und wollte ihn gerade fragen, ob er nicht eine Dame gesehen habe, als er bemerkte, daß der Mann blind war.

 

»Joan!« rief er laut, erhielt aber keine Antwort.

 

Ein Mann, der im Schatten des Tores schlief, wachte auf, starrte auf den bleichen, alten Herrn und verfluchte alle Fremden, die die Sammlung der Gläubigen stören. Dann rollte er sich wieder zusammen und schlief weiter.

 

Lord Creith sah in einiger Entfernung einen französischen Gendarmerieoffizier und stürzte, zu ihm.

 

»Haben Sie nicht eine europäische Dame gesehen – meine Tochter?« begann er zusammenhanglos. Dann erzählte er schnell, wie er Joan aus den Augen verloren hatte.

 

»Wahrscheinlich ist sie in eins der Häuser gegangen. Haben Sie maurische Freunde hier?«

 

»Nein.«

 

»Wo war sie denn, als Sie sie zuletzt sahen?«

 

Lord Creith zeigte es ihm.

 

»Hier ist eine kleine Straße, auf der Sie schnell zum Basar kommen«, sagte der Offizier und führte ihn dorthin.

 

Aber Joan war nicht auf dem großen Markt. Lord Creith eilte ins Hotel zurück. Sie war weder in ihrem Zimmer noch auf der Terrasse. Dort saß nur ein Herr in grauem Anzug und fächelte sich mit seinem Hut Luft zu.

 

Er schaute sich um, als er Lord Creiths Stimme hörte, und sprang auf.

 

»Morlake!« rief der Lord erleichtert. »Joan …!«

 

»Ist etwas passiert?« fragte Jim schnell.

 

»Sie ist verschwunden! Mein Gott, ich fürchte, daß ihr etwas zugestoßen ist!«