Zweiundzwanzigstes Kapitel

Zweiundzwanzigstes Kapitel

Es möchte schwer zu sagen sein, wer sich am meisten freute, als Mabel aus ihrem Versteck hervoreilte – ob sie selbst, da sie in ihrem Besuch nicht Pfeilspitze, sondern dessen Weib erkannte, oder June, da sie bemerkte, ihr Rat sei befolgt und das Blockhaus von Mabel, die sie so ängstlich und fast hoffnungslos gesucht hatte, zum Zufluchtsort gewählt worden. Sie umarmten einander, und das unverdorbene Tuscaroraweib lachte in ihren süßen Tönen, als sie sich von der Gegenwart ihrer Freundin durch ihre Sinne überzeugen konnte.

»Blockhaus gut«, sagte die junge Indianerin; »nicht kriegen Skalp.«

»Es ist in der Tat gut, June«, antwortete Mabel mit Schaudern, wobei sie zugleich die Augen verhüllte, als ob sie den Anblick des Schreckens vermeiden wolle, dessen Zeuge sie eben gewesen war. »Sag‘ mir um Gottes willen, ob du weißt, was aus meinem lieben Onkel geworden ist; ich hab‘ in allen Richtungen nach ihm ausgesehen, ohne was von ihm entdecken zu können.«

»Nicht hier in Blockhaus?« fragte June mit einiger Neugier.

»Nein, er ist’s leider nicht. Ich bin ganz allein hier, seit Jennie, das Weib, das bei mir war, zu ihrem Mann hinauseilte, an dessen Seite sie ihre Unklugheit mit dem Leben büßte.«

»June wissen, June sehen; sehr schlimm: Pfeilspitze nicht fühlen für irgendein Weib, nicht fühlen für sein eigenes.«

»Ach June, dein Leben ist doch wenigstens sicher!«

»Kann nicht wissen! Pfeilspitze töten mich, wenn er alles wissen.«

»Gott segne und schütze dich, June; er muß dich für deine Menschlichkeit segnen und schützen. Sag‘ mir, was zu tun ist, und ob mein armer Onkel noch lebt?«

»Weiß nicht. Salzwasser haben Boot; kann sein, gegangen auf Fluß.«

»Das Boot ist noch am Ufer, aber weder mein Onkel noch der Quartiermeister ist irgendwo zu sehen.«

»Nicht tot, sonst June würde sehen. Versteckt! Rot Mann verstecken; keine Schande für Bleichgesicht.«

»Die Schande kümmert mich wenig, wohl aber, ob sie eine Gelegenheit zu einem Versteck gefunden haben. Euer Angriff war fürchterlich schnell, June!«

»Tuscarora!« erwiderte die andere mit einem entzückten Lächeln über die Raschheit ihres Gatten. »Pfeilspitze großer Krieger!«

»Du bist zu gut und zu zart für solch ein Leben, June; du kannst bei solchen Szenen nicht glücklich sein?«

Junes Gesicht umwölkte sich, und es kam Mabel vor, als liege etwas von dem wilden Feuer eines Häuptlings in ihrem finsteren Blick, als sie antwortete:

»Yengeese zu gierig, nehmen weg alle Jagdgründe; jagen sechs Volk von Morgen bis Nacht; schlecht König, schlechte Leute. Bleichgesicht sehr schlecht.«

Mabel wußte, daß viel Wahres in dieser Ansicht lag, obgleich sie zu unterrichtet war, um nicht einzusehen, daß der König in diesem wie in tausend anderen Fällen wegen Handlungen getadelt wurde, von denen er wahrscheinlich gar nichts wußte. Sie fühlte daher die Gerechtigkeit des gemachten Vorwurfs zu sehr, um eine Erwiderung zu versuchen, und ihre Gedanken kehrten natürlich wieder zu ihrer Lage zurück.

»Und was muß ich tun, June?« fragte sie. »Es kann nicht lange anstehen, bis deine Leute dieses Gebäude angreifen.«

»Blockhaus gut – kriegen nicht Skalp.«

»Aber sie werden bald entdecken, daß hier keine Mannschaft liegt, wenn sie es nicht schon wissen. Du, du selbst hast mir die Anzahl der Leute namhaft gemacht, die sich auf der Insel befanden, und ohne Zweifel hast du es von Pfeilspitze erfahren.«

»Pfeilspitze wissen«, antwortete June, indem sie, um die Zahl der Männer anzudeuten, sechs Finger erhob. »Alle rote Männer wissen. Vier schon verloren Skalp; zwei noch sie haben.«

»Sprich nicht davon, June; der schreckliche Gedanke macht mir das Blut in den Adern erstarren. Deine Leute können nicht wissen, daß ich allein in dem Blockhaus bin, aber sie können denken, mein Onkel und der Quartiermeister seien bei mir und werden Feuer um das Gebäude legen, um sie herauszutreiben. Man hat mir gesagt, daß Feuer das Gefährlichste für solche Plätze sei.«

»Nicht verbrennen Blockhaus«, sagte June ruhig.

»Du kannst das nicht wissen, meine gute June, und ich habe kein Mittel, sie davon abzuhalten.«

»Nicht verbrennen Blockhaus. Blockhaus gut; kriegen nicht Skalp.«

»Aber sage mir, warum, June; ich fürchte, sie werden es dennoch anzünden.«

»Blockhaus naß – viel Regen – grün Holz – nicht leicht brennen. Rot Mann wissen das – schön Ding – dann es nicht verbrennen, zu sagen Yengeese, daß Irokesen gewesen hier. Vater kommen zurück, fehlen Blockhaus, nicht finden. Nein, nein: Indianer viel zu schlau; nicht berühren etwas.«

»Ich verstehe dich, June, und hoffe, deine Voraussetzung wird eintreffen; denn was meinen lieben Vater anbelangt, wenn er entrinnen sollte – aber vielleicht ist es schon tot oder gefangen, June?«

»Nicht berühren Vater; nicht wissen, wohin er gegangen, Wasser haben keine Fährte – rot Mann nicht können folgen. Nicht verbrennen Blockhaus – Blockhaus gut; nicht kriegen Skalp.«

»Glaubst du, ich könne sicher hier bleiben, bis mein Vater zurückkehrt?«

»Nicht weiß; Tochter sagen am besten, wann Vater kommen zurück.«

Mabel wurde bange bei dem Blick, den Junes schwarzes Auge schoß, als sie diese Worte sprach; denn die schreckliche Vermutung stieg in ihr auf, daß ihre Gefährtin die Absicht habe, etwas aus ihr herauszulocken, das ihren Leuten von Nutzen sein könnte, wobei es zugleich zur Vernichtung ihres Vaters und seiner Mannschaft führen müßte. Sie war im Begriff, eine ausweichende Antwort zu geben, als auf einmal ein Stoß von außen an die Tür ihre Gedanken auf die Gefahr zurückführte.

»Sie kommen!« rief sie aus – »vielleicht, June, ist es mein Onkel oder der Quartiermeister. Ich kann sogar Herrn Muir nicht in einem Augenblick, wie dieser ist, ausschließen.«

»Warum nicht sehen? voller Schießloch, zu sehen.«

Mabel faßte den Wink auf und ging zu einer der abwärts gerichteten Schießscharten, die sich in den Stämmen befanden, die die Basis des vorspringenden Stockwerkes bildeten. Vorsichtig hob sie den Deckel, der das kleine Loch bedeckte, und warf einen Blick auf das, was an der Tür vorging. Das erblassende Gesicht des Mädchens sagte ihrer Gefährtin, daß einige von ihren eigenen Leuten unten seien. »Rot Mann«, sagte June, indem sie warnend und zur Vorsicht auffordernd einen Finger erhob.

»Es sind ihrer vier; sie sehen schrecklich in ihrer Malerei und mit ihren blutigen Siegeszeichen aus. Pfeilspitze ist unter ihnen.«

June hatte sich in eine Ecke begeben, wo einige vorrätige Büchsen lehnten, und sie hatte bereits eine in die Hand genommen, als der Name ihres Mannes ihre weiteren Bewegungen anzuhalten schien. Dies währte jedoch nur einen Augenblick; dann ging sie geradezu auf die Schießscharte los und war eben daran, die Mündung des Gewehres durchzustecken, als das Gefühl eines natürlichen Widerwillens Mabel veranlaßte, ihren Arm zu fassen.

»Nein, nein, nein, June!« sagte sie; »beginne nichts gegen deinen Gatten, und sollte es mich auch mein Leben kosten.«

»Nicht treffen Pfeilspitze«, erwiderte June mit einem leichten Schauder, »nicht treffen rot Mann überhaupt. Nicht schießen auf sie, nur erschrecken.«

Mabel begriff nun Junes Absicht und widersetzte sich nicht länger. Die Indianerin schob die Mündung des Gewehres durch die Schießscharten, wobei sie hinlänglich Geräusch veranlaßte, um Aufmerksamkeit zu erregen, und drückte ab. Das Gewehr war kaum entladen, als Mabel ihrer Freundin Vorwürfe für dieselbe Handlung machte, die die Absicht hatte, ihr Dienste zu leisten.

»Du hast gesagt, daß du nicht feuern wollest«, sagte sie, »und hast jetzt vielleicht deinen eigenen Gatten getötet.«

»Alles fortlaufen, ehe ich feuern«, erwiderte June lachend, ging dann zu einer anderen Schießscharte, um die Bewegungen ihrer Freunde zu beobachten, und lachte noch herzlicher. »Sieh! suchen Versteck – jeder Krieger. Glauben, Salzwasser und Quartiermeister hier. Nehmen in acht jetzt.«

»Gott sei gepriesen! Und nun, June, kann ich hoffen, meine Gedanken für eine kleine Weile zum Gebet zu sammeln, damit ich nicht wie Jennie sterbe – auf nichts bedacht, als auf das Leben und die Dinge dieser Welt.«

June legte die Büchse beiseite und setzte sich zu Mabel auf die Kiste, auf die das Mädchen infolge der physischen Erschöpfung, einer natürlichen Wirkung der Freude sowohl als des Kummers, niedergesunken war. Junitau blickte fest in das Gesicht Mabels mit einem Ausdruck, in dem diese den des Ernstes und der Bekümmernis zu finden glaubte.

»Pfeilspitze großer Krieger«, sagte das Tuscaroraweib. »Alle Mädchen vom Stamm viel blicken auf ihn. Die Bleichgesichtsschönheit hat auch Augen?«

»June! – was sollen diese Worte – dieser Blick? Was willst du sagen?«

»Warum du so Angst, June schießen Pfeilspitze?«

»Wär’s nicht schrecklich gewesen, ein Weib ihren eigenen Gatten erschlagen zu sehen? Nein, June, lieber war‘ ich selbst gestorben.«

»Ganz gewiß das alles?«

»Das war alles, so wahr Gott lebt – und gewiß, das war genug. Nein, nein! es hat heute genug des Entsetzlichen gegeben; eine Handlung wie diese soll es nicht noch vermehren. Was für einen anderen Grund konntest du vermuten?«

»Nicht wissen! Armes Tuscaroramädchen sehr töricht. Pfeilspitze großer Häuptling und sehen alles auf sich. Sprechen von Bleichgesichtsschönheit im Schlaf. Großer Häuptling lieben viele Weiber.«

»Kann ein Häuptling unter deinem Volk mehr als ein Weib besitzen, June?«

»Haben so viel, als er kann erhalten. Große Jäger oft heiraten. Pfeilspitze jetzt nur June haben; aber er sehen zuviel, sprechen zuviel von Bleichgesichtsmädchen.«

Mabel wußte von diesem Umstand, der sie bereits während ihrer Reise nicht wenig beunruhigt hatte, aber es verletzte sie, diese Anspielung, wie es jetzt geschah, aus dem Munde von des Indianers Weib zu vernehmen. Es war ihr zwar nicht unbekannt, daß Gewohnheiten und Ansichten in solchen Dingen einen großen Unterschied machen, aber zu der widerfahrenen Kränkung, die unfreiwillige Nebenbuhlerin eines Weibes zu sein, gesellte sich die Besorgnis, daß in ihrer gegenwärtigen Lage die Eifersucht eine zweideutige Gewährleistung für ihre persönliche Sicherheit sein dürfte. Ein festerer Blick auf June beruhigte sie jedoch wieder, denn es war leicht, in den Zügen dieses Naturkindes den Schmerz eines gebrochenen Herzens zu lesen, während auch nicht eine Spur des Hasses und des Verrates darin zu erkennen war.

»Du wirst mich nicht verraten, June?« sagte Mabel mit einem Händedruck, indem sie sich dem Zug eines edlen Vertrauens hingab. »Du wirst keine deines eigenen Geschlechts dem Tomahawk preisgeben?«

»Kein Tomahawk berühren dich. Pfeilspitze es nicht zulassen. Wenn June muß haben Schwesterweib, liebt sie, zu haben dich.«

»Nein, June; meine Religion und meine Gefühle, beide verbieten es. Und zudem, wenn es mir überhaupt möglich wäre, das Weib eines Indianers zu werden, so möchte ich nie in einem Wigwam dich von deinem Platze verdrängen.«

June antwortete nur mit einem frohen und dankbaren Blick. Sie wußte, daß sich wenige, vielleicht kein Indianermädchen aus dem Kreis von Pfeilspitzens Bekanntschaft mit ihr an körperlichen Reizen vergleichen ließ, und obgleich sich ihr Mann konnte einfallen lassen, ein ganzes Dutzend Weiber zu nehmen, so kannte sie doch außer Mabel keine, deren Einfluß sie wirklich gefürchtet hätte. Sie nahm jedoch an der Schönheit, dem gewinnenden Benehmen, der Güte und der weiblichen Zartheit Mabels so lebhaften Anteil, daß er, wenn die Eifersucht ihrer Gefühle erkalten wollte, nur neue Stärke erhielt und sogar zu einer Haupttriebfeder wurde, die die Indianerin veranlaßte, sich so großer Gefahr auszusetzen, um ihre mutmaßliche Nebenbuhlerin gegen die Folgen des Angriffes zu sichern, der, wie sie wohl wußte, im Schilde geführt wurde. Mit einem Wort – June hatte mit dem Scharfblick eines Weibes die Liebe ihres Gatten zu Mabel entdeckt. Aber statt sich den Qualen der Eifersucht, die ihren Haß gegen die Nebenbuhlerin erregt haben würde, hinzugeben, wie es vielleicht ein Weib getan haben würde, das weniger an die Unterwürfigkeit gegen die Rechte des Mannes gewöhnt gewesen, durchforschte sie die Blicke und den Charakter der Bleichgesichtsschönheit; und da sie mit nichts zusammentraf, was ihre eigenen Gefühle zurückstieß, wohl aber mit allem, was sie ansprach, gewann sie eine Bewunderung und Liebe zu dem weißen Mädchen, die zwar verschiedener Natur, aber doch nicht weniger stark war als die zu ihrem Gatten. Pfeilspitze selbst hatte sie ausgesendet, Mabel vor der nahenden Gefahr zu warnen, obgleich er nicht wußte, daß sich sein Weib gegenwärtig auf der Insel in dem Bereich der Angreifenden befand und mit dem Gegenstand ihrer vereinten Sorgfalt in der Zitadelle verschanzt war. Er glaubte im Gegenteil, wie June angedeutet hatte, daß sich Cap und Muir mit Mabel in dem Blockhaus aufhielten und daß der Versuch, ihn und seine Kameraden zurückzutreiben, von diesen Männern ausgegangen sei.

»June traurig, Lily nicht heiraten Pfeilspitze«, denn Lily nannte die Indianerin in ihrer poetischen Sprache Mabel. »Sein Wigwam groß, und ein großer Häuptling muß haben Weiber genug, zu füllen ihn.«

»Ich danke dir, June, für diesen Vorzug, der mit der Denkweise der weißen Weiber nicht im Einklang steht«, erwiderte Mabel lächelnd, ungeachtet der furchtbaren Lage, in der sie sich befand. »Aber ich werde vielleicht überhaupt nie heiraten.«

»Muß haben gut Ehemann«, sagte June. »Heiraten Eau-douce, wenn nicht lieber Pfeilspitze.«

»June, das ist kein geeignetes Gespräch für ein Mädchen, das kaum weiß, ob es in der nächsten Stunde noch leben wird oder nicht. Ach, wenn es nur möglich wäre, irgendeinen Wink von dem Leben und der Sicherheit meines Onkels zu bekommen!«

»June gehen sehen.«

»Kannst du? – willst du? – Kannst du dich mit Sicherheit auf der Insel sehen lassen? Ist deine Anwesenheit den Kriegern bekannt, und würde es ihnen gefallen, ein Weib mit ihnen auf dem Kriegspfad zu finden?«

Alles dieses fragte Mabel in rascher Aufeinanderfolge, da sie fürchtete, die Antwort möchte nicht ausfallen, wie sie wünschte. Sie hielt es für etwas Ungewöhnliches, daß June an dem Zug teilgenommen hatte und dachte sich daher, so unwahrscheinlich dies auch sein mochte, das Weib wäre heimlich in ihrem Kahn den Irokesen gefolgt und ihnen vorausgeeilt, nur um ihr jene Mitteilung zu machen, die wahrscheinlich ihr Leben gerettet hatte. June suchte und fand in ihrer unvollkommenen Ausdrucksweise Mittel, diesen Irrtum zu beseitigen.

Pfeilspitze, obgleich ein Häuptling, war bei seinem eigenen Volk in Ungnade gefallen und handelte im gegenwärtigen Augenblick in vollkommenem Einverständnis mit den Irokesen. Er hatte allerdings einen Wigwam, war aber selten darin, und während er Freundschaft für die Engländer heuchelte, in deren Dienste er scheinbar den Sommer hinbrachte, war er in Wirklichkeit für die Franzosen tätig, wobei ihn sein Weib auf vielen seiner Wanderungen begleitete, die er meistens im Kahn machte. Mit einem Wort, ihre Gegenwart war kein Geheimnis, da ihr Gatte selten ohne sie auszog. June teilte von diesen Verhältnissen Mabel genug mit, um sie zu dem Wunsch zu ermutigen, ihre Freundin möchte hinausgehen und sich über ihres Onkels Schicksal Gewißheit verschaffen; sie waren aber auch bald darüber im reinen, daß die Indianerin im nächsten günstigen Augenblick das Blockhaus zu diesem Zwecke verlassen solle.

Sie untersuchten zuerst von den verschiedenen Schießscharten aus die Insel, so gut es die Lage des Blockhauses erlaubte, und fanden, daß sich die Sieger zu einem Gelage vorbereiteten, wozu sie die Proviantvorräte der Engländer zusammengetragen und die Hütten geplündert hatten. Die meisten Vorräte waren in dem Blockhaus; aber auch außen war noch genug zu finden, um die Indianer für einen Angriff zu belohnen, der mit einer so geringen Gefahr begleitet war. Ein Teil hatte bereits die toten Körper auf die Seite geschafft, und Mabel sah, daß ihre Waffen in der Nähe des zum Mahle bestimmten Ortes aufgeschichtet waren. June deutete ihr durch ein Zeichen an, daß die Leichen in das Dickicht gebracht worden seien, um entweder begraben oder aus dem Gesicht geschafft zu werden. Nichts von den mehr augenfälligen Gegenständen auf der Insel war verändert, da die Sieger den Sergeanten bei seiner Zurückkunft in einen Hinterhalt zu locken wünschten. June machte ihre Gefährtin auf einen Mann auf einem Baum bemerklich, der, wie sie sagte, ein Lugaus sei, um rechtzeitig von der Annäherung eines Bootes Nachricht zu geben, obgleich die Abreise des Sergeanten erst so kürzlich geschehen war, daß nur ein unerwartetes Ereignis eine so baldige Rückkehr erwarten ließ. Es hatte nicht den Anschein, als ob man einen unmittelbaren Angriff auf das Blockhaus beabsichtige; wohl aber waren, wie June sagte, die Anzeichen vorhanden, daß es die Indianer bis zur Zurückkunft der Partei des Sergeanten im Auge behalten würden, damit nicht die Spuren eines Angriffs Pfadfinders geübten Augen einen warnenden Wink geben möchten. Des Bootes hatten sie sich jedoch versichert und es in dasselbe Gebüsch gebracht, wo die Kähne der Indianer verborgen lagen.

June teilte nun ihrer Freundin die Absicht mit, sich zu den Ihrigen zu begeben, da der Augenblick ungemein günstig war, das Blockhaus zu verlassen. Mabel fühlte einiges Mißtrauen, als sie die Leiter hinunterstiegen; aber im nächsten Augenblick schämte sie sich dieses Gefühls, weil es unbillig, gegen ihre Gefährtin und ihrer selbst unwürdig war; und als sie den Boden erreicht hatten, war das Vertrauen wieder hergestellt. Die Aufriegelung geschah mit der größten Vorsicht, und als der letzte Querbalken weggenommen werden sollte, stellte sich June so nahe wie möglich an die Stelle, wo die Tür aufgehen mußte. Dieser war kaum gelüpft und die Tür so weit geöffnet, daß man sich durchdrängen konnte, als June hinausschlüpfte, worauf Mabel unter hörbarem Herzklopfen und mit fast krampfartiger Hast den Riegel wieder vorschob. Jetzt erst fühlte sie sich wieder sicher, und die beiden anderen Balken wurden mit mehr Ruhe und Überlegung vorgelegt. Als nun die Tür fest geschlossen war, stieg sie wieder in den ersten Stock hinauf, wo sie allein einen Blick auf das, was außen vorging, werfen konnte.

Lange, schmerzlich trübe Stunden vergingen, ohne daß Mabel etwas von June erfuhr. Sie hörte das durchdringende Geschrei der Wilden, denn der Branntwein führte sie bereits über die Grenzen der Vorsicht; bisweilen warf sie durch die Schießscharten einen Blick auf die tollen Orgien, die ihr die Nähe ihrer Feinde ins Gedächtnis zurückriefen. Gegen Mittag kam es ihr vor, als sähe sie einen Weißen auf der Insel, obgleich ihn sein Anzug und sein wildes Aussehen zuerst als einen neu angekommenen Indianer erscheinen ließ. Ein Blick auf sein Gesicht jedoch, obgleich es dunkel und von der Sonne gebräunt war, ließ ihr keinen Zweifel mehr, daß ihre Vermutung richtig sei: eine erhebende Erscheinung in ihrer Lage, da sie nun einen Mann ihrer eigenen Farbe nahe wußte, dessen Beistand sie in der äußersten Not anrufen könnte. Ach, Mabel wußte nur wenig, wie gering der Einfluß der Weißen auf ihre wilden Verbündeten war, wenn diese einmal Blut gekostet hatten, oder wie wenig erstere überhaupt geneigt waren, den Grausamkeiten der Indianer Einhalt zu tun.

Der Tag kam Mabel wie ein Monat vor, und die einzigen, rascher entschwindenden Augenblicke waren die im Gebet zugebrachten Minuten. Sie nahm von Zeit zu Zeit zu diesem Trost ihre Zuflucht und fühlte sich jedesmal darauf fester, ruhiger und ergebener. Die Vermutung Junes wurde ihr immer wahrscheinlicher, und sie fing an zu glauben, daß das Blockhaus bis zur Rückkehr ihres Vaters unbelästigt bleiben würde, um ihn in einen Hinterhalt zu locken, wodurch sich ihre Besorgnis vor unmittelbarer Gefahr minderte. Aber die Zukunft gab ihr wenig Grund zur Hoffnung, und ihre Gedanken beschäftigten sich bereits mit der Wahrscheinlichkeit der Gefangenschaft.

Solange es Tag blieb, war die Lage Mabels schon hinreichend beunruhigend; als über die Schatten des Abends allmählich die Insel umfingen, wurde sie geradezu fürchterlich. Da sich die Wilden des ganzen Branntweinvorrates der Engländer bemächtigt hatten, steigerte sich ihn: Erregung nachgerade bis zur Wut, und ihr Lärmen und Toben gab ihnen das Ansehen, als ob sie von bösen Geistern besessen seien. Alle Bemühungen ihres französischen Führers, sie im Zaume zu halten, waren fruchtlos, weshalb dieser sich auch klüglich nach einem Biwak auf einer benachbarten Insel zurückgezogen hatte, um sich gegen seine so sehr zu Ausschweifungen geneigten Freunde sicherzustellen. Ehe jedoch dieser Offizier seine Stelle verließ, war es ihm, unter Gefährdung seines eigenen Lebens, gelungen, das Feuer auszulöschen und die gewöhnlichen Mittel, es wieder anzuzünden, auf die Seite zu schaffen. Er hatte diese Vorsichtsmaßregel angewandt, damit die Indianer das Blockhaus nicht verbrennen sollten, dessen Erhaltung zur Erreichung seiner künftigen Pläne nötig war. Ebensogern hätte er auch alle Waffen entfernt, was sich aber nicht ausführen ließ, da die Krieger ihre Messer und Tomahawks mit der Beharrlichkeit von Männern festhielten, die es für eine Ehrensache erachteten, sie nicht aus der Hand zu lassen, solange sie noch die Fähigkeit, sie zu führen, besaßen; auch wäre die Entfernung der Büchsen, solange man ihnen die Waffen ließ, die bei solchen Gelegenheiten gewöhnlich gebraucht wurden, ein vergebliches Unternehmen gewesen. Das Auslöschen des Feuers bewährte sich als die klügste Maßregel; denn der Offizier hatte sich kaum zurückgezogen, als einer der Krieger den Vorschlag machte, das Blockhaus anzuzünden. Pfeilspitze hatte sich gleichfalls von der betrunkenen Rotte entfernt, sobald er bemerkte, daß sie ihrer Sinne nicht mehr mächtig sei, und eine Hütte aufgesucht, wo er sich auf das Stroh warf, um die Ruhe zu suchen, die ihm zwei Nächte der Schlaflosigkeit und Tätigkeit nötig gemacht hatten. Es war daher niemand unter den Indianern, der für Mabel Sorge getragen hätte, wenn sie überhaupt etwas von ihrer Anwesenheit wußten; und der Vorschlag des Trunkenbolds wurde von acht bis zehn ebenso betrunkenen und viehischen Kerlen mit gellendem Freudengeschrei aufgenommen.

Ein fürchterlicher Augenblick für Mabel! Die Indianer bekümmerten sich in ihrem gegenwärtigen Zustand wenig um die Büchsen, die sich noch im Blockhaus befinden mochten. Die dunkle Erinnerung, die ihnen noch von den lebenden Wesen, die sich darin aufhielten, geblieben war, diente als ein weiterer Sporn für ihr Vorhaben, und da sie von dem Getränk erst aufgeregt, nicht betäubt waren, so näherten sie sich dem Gebäude mit dem Geheul und den Sprüngen losgelassener Teufel. Zuerst versuchten sie es mit der Tür, indem sie in Masse gegen sie ansprengten; aber ihre Festigkeit, sie war ganz aus Baumstämmen, mußte ihre Bemühung vereiteln und wären sie hundert gewesen. Mabel wußte das freilich nicht, und ihr Herz wollte sich stets durch einen Hilferuf Luft machen, wenn sie die heftigen Stöße bei jeder neuen Anstrengung vernahm. Endlich jedoch, als sie fand, daß die Tür allen Angriffen widerstand, ohne erschüttert zu werden oder nachzugeben, und nur durch das leichte Knarren in ihren schweren Angeln verriet, daß sie ein von der Wand getrennter Teil sei, belebte sich ihr Mut wieder, und sie, ergriff den ersten günstigen Augenblick, um durch die Öffnung hinunterzusehen and womöglich den Umfang der vorhandenen Gefahr kennenzulernen. Ein Schweigen, das sie sich nicht zu erklären vermochte, steigerte ihre Neugier, denn nichts ist für jemand, der sich in der Nähe einer großen Gefahr weiß, beunruhigender als die Unmöglichkeit, ihren Gang zu verfolgen.

Mabel fand, daß zwei oder drei Irokesen die Asche durchsucht und einige glimmende Kohlen gefunden hatten, die sie zu einer Flamme anzublasen suchten. Der Eifer, mit dem sie ihr Geschäft betrieben, die Hoffnung des Gelingens ihrer verderblichen Absicht und die Macht der Gewohnheit setzten sie in den Stand, umsichtig und vereint zu handeln, solange sie ihren grausamen Zweck im Auge behielten. Ein Weißer würde an dem Versuch verzweifelt sein, aus der Asche gelesene Fünkchen zu einem Feuer anzublasen; aber diesen Kindern des Waldes standen manche Mittel zu Gebote, von denen die Zivilisation nichts weiß. Mit Hilfe einiger trockener Blätter, die allein sie zu finden wußten, brachten sie endlich eine Flamme zustande und versicherten sich des gewonnenen Vorteils, indem sie diese durch einige leichte Holzstücke unterhielten. Als Mabel sich über die Schießscharte beugte, häuften die Indianer gerade Gesträuch an der Tür auf, und da sie stehenblieb, um die weiteren Schritte zu beobachten, bemerkte sie, wie die Zweige Feuer, fingen und die Flamme von Ast zu Ast flog, bis der ganze Stoß prasselte und sich in glänzender Lohe verzehrte. Die Indianer erhoben nun ein gellendes Triumphgeschrei und kehrten zu ihren Gefährten zurück, überzeugt, daß das Werk der Zerstörung seinen Anfang genommen habe. Mabel blickte fortwährend hinunter, kaum fähig, sich von der Schwelle zu bewegen – so mächtig war der Anteil, den sie an dem Fortschreiten des Feuers nahm. Als jedoch der Holzstoß durchaus in Glut stand, hoben sich die Flammen so weit, daß sie ihr die Augenbrauen sengten und sie zum Rückzug zwangen. Sie hatte kaum die entgegengesetzte Seite des Raumes, zu der sie sich in ihrer Angst geflüchtet, erreicht, als durch die Öffnung der Schießscharte, die sie zu schließen vergessen, ein Feuerstrahl heraufschoß und das unscheinbare Gemach mit Mabel und ihrer Trostlosigkeit beleuchtete. Sie mußte nun natürlich denken, ihre letzte Stunde sei gekommen, denn die Tür, der einzige Weg zur Flucht, war mit höllischem Scharfsinn durch das brennende Gestrüpp verrammelt worden; und zum letztenmal, wie sie glaubte, richtete sie ihr Gebet an ihren Schöpfer. Ihre Augen waren geschlossen, und ihr Geist schien mehr als eine Minute abwesend; aber der Lebenswille kämpfte noch zu heftig in ihrer Seele, um ganz unterdrückt werden zu können, und als sie unwillkürlich die Augen aufschlug, wurde sie nicht mehr durch den Flammenstrom geblendet, obgleich das Holz rund um die kleine Öffnung gloste und das Feuer unter dem Einfluß eines aufgesaugten Luftstoßes langsam aufflackerte. Eine Tonne mit Wasser stand in einer Ecke, und Mabel griff mehr instinktartig als mit voller Besinnung nach einem Gefäß, füllte es und goß es mit zitternder Hand über das Holz, wodurch es ihr gelang, an dieser Stelle die Flamme zu löschen. Sie konnte wegen des Rauches einige Minuten lang nicht hinuntersehen; als ihr aber dies möglich wurde, klopfte ihr Herz hoch auf vor Freude und Hoffnung, denn der brennende Holzstoß war übereinandergestürzt und zerstreut, und über die Holzstämme der Tür war Wasser gegossen worden, so daß sie wohl noch rauchten, aber nicht brannten.

»Wer ist da?« rief Mabel durch die Öffnung hinunter. »Welche freundliche Hand hat mir die gütige Vorsehung zum Beistand gesendet?«

Man hörte unten einen leichten Fußtritt und einige schwache Schläge an der Tür, die kaum die Angeln ertönen ließen.

»Wer begehrt Einlaß? Seid Ihr es, lieber Onkel?«

»Salzwasser nicht hier. Sankt Lorenzo süß Wasser«, war die Antwort. »Öffnen schnell, müssen hinein.«

Mabels Tritt war nie leichter und ihre Bewegungen nie schneller und natürlicher, als wie sie die Leiter hinunterstieg und die Balken von der Tür nahm; doch trug ihr ganzes Benehmen das Gepräge des Ernstes und der Hast. Die ganze Zeit dachte sie nur an ihre Flucht, und sie öffnete die Tür mit einer Eile, die keine Vorsicht erlaubte. Ihr erster Gedanke war, ins Freie zu eilen, damit sie nur aus dem Blockhaus käme, aber June verhinderte diesen Versuch und legte, sobald sie eingetreten war, wieder ruhig die Riegel vor, ehe sie auf Mabels Bemühungen, sie zu umarmen, achtete.

»Gott segne dich! Gott segne dich, June!« rief das Mädchen mit Inbrunst. »Die Vorsehung hat dich mir als Schutzengel gesendet!«

»Nicht umfassen so fest«, antwortete das Tuscaroraweib. »Bleichgesichtsweib ganz weinen oder ganz lachen. Laß June schließen Türe.«

Mabel kam ein wenig zur Besinnung, und in wenigen Minuten befanden sich die beiden wieder in dem oberen Raum. Sie saßen Hand in Hand beisammen, und die Gefühle des Mißtrauens und der Eifersucht waren auf der einen Seite durch das Bewußtsein empfangener, auf der andern durch die Erinnerung an erwiesene Gunst zum Schweigen gebracht. »Nun sag mir, June«, begann Mabel, »hast du was von meinem Onkel gesehen oder gehört?«

»Nicht weiß. Niemand sehen ihn, niemand hören ihn, niemand wissen was. Salzwasser in Fluß laufen, denk‘ ich, denn ich nicht finden ihn. Ich schauen und schauen und schauen, aber nicht sehen sie; nicht einen, richt andern, nicht wo.«

»Gott sei gelobt! Sie müssen entkommen sein, obgleich wir nicht wissen, wie. Es kam mir vor, als ob ich einen Franzosen auf der Insel gesehen hätte, June?«

»Ja; französisch Kapitän kommen, aber auch wieder fort sein. Viel Indianer auf der Insel.«

»Oh! June, June, gibt es kein Mittel, meinen lieben Vater aus den Händen seiner Feinde zu retten?«

»Nicht weiß! denk, daß Krieger warten in Hinterhalt, und Yengeese müssen verlieren Skalp.«

»Gewiß, gewiß, June, kannst du, die du soviel für die Tochter getan hast, mir nicht verweigern, auch dem Vater zu helfen?«

»Nicht kennen Vater, nicht lieben Vater. June helfen eigenem Volk, helfen Pfeilspitze – Mann lieben Skalp.«

»June, nimmer kann ich das von dir glauben. Nein, ich kann, ich will nicht glauben, daß du unsere Leute ermordet sehen möchtest.«

June richtete ihr dunkles Auge ruhig auf Mabel, und einen Moment wurde ihr Blick ernst, obgleich er bald wieder den Ausdruck einer schwermütigen Teilnahme gewann.

»Lily, Yengeese Mädchen?« fragte sie.

»Gewiß, und als ein Yengeesemädchen möcht‘ ich meine Landsleute von der Schlachtbank retten.«

»Sehr gut, wenn können. June nicht Yengeese, June Tuscarora haben Tuscarora-Mann – Tuscarora-Herz – Tuscarora-Gefühl ganz und gar Tuscarora. Lily wird nicht gehen und sagen Franzosen, daß ihr Vater wird kommen, zu gewinnen Sieg?«

»Vielleicht nicht, erwiderte Mabel und drückte die Hand gegen das wirre Gehirn; »vielleicht nicht, aber du dienst mir, hilfst mir, hast mich gerettet, June! Warum hast du das getan, wenn du nur wie eine Tuscarora fühlst?«

»Nicht allein fühlen wie Tuscarora, fühlen als Mädchen, fühlen als Weib. Lieben schöne Lily und in Busen tragen.«

Mabel zerfloß in Tränen und drückte das liebevolle Geschöpf an ihr Herz. Es dauerte eine Minute, bis sie weitersprechen konnte; dann fuhr sie aber mit mehr Ruhe und Zusammenhang fort:

»Laß mich das Schlimmste wissen, June«, sagte sie. »Heute nacht tun sich deine Leute gütlich, was haben sie morgen vor?«

»Weiß nicht; fürchten, zu sehen Pfeilspitze; fürchten zu fragen; glauben, verstecken, bis Yengeese kommen zurück.«

»Werden sie keinen neuen Versuch gegen das Blockhaus machen? Du hast gesehen, wie fürchterlich sie sein können, wenn sie wollen.«

»Zuviel Rum. Pfeilspitze schlafen, oder nicht wagen. Französisch Kapitän sein weg, oder nicht wagen. Alles gehen zu schlafen nun.«

»Und du glaubst, daß ich wenigstens für diese Nacht sicher bin?«

»Zuviel Rum. Wenn Lily wie June, könnte tun viel für ihr Volk.«

»Ich bin wie du, June, wenn der Wunsch, meinen Landsleuten zu dienen, mich einem so mutigen Mädchen gleichstellen kann.«

»Nein, nein, nein«, murmelte June leise vor sich hin; »nicht haben Herz, und wenn haben, June nicht lassen dich. Junes Mutter einmal gefangen, und Krieger sein trunken; Mutter alle tomahawken. So Rothautweiber tun, wenn Leute in Gefahr und brauchen Skalp.«

»Du hast recht«, erwiderte Mabel mit Schaudern, indem sie unwillkürlich Junes Hand fallen ließ. »So etwas könnte ich nicht tun. Ich hab‘ weder die Kraft noch den Mut, noch den Willen, meine Hände in Blut zu tauchen.«

»Denken das auch; – dann bleiben, wo du sein – Blockhaus gut – nicht kriegen Skalp.«

»Du glaubst also, daß ich hier sicher sein werde, wenigstens bis, mein Vater und seine Leute zurückkehren?«

»Wissen das. Nicht dürfen anrühren Blockhaus morgen. Horch! Alles nun still – trinken Rum, bis Kopf fallen nieder, und schlafen wie Klotz.«

»Könnte ich nicht entkommen? Sind nicht einige Kähne an der Insel? – Könnte ich nicht einen davon nehmen und meinem Vater entgegengehen, um ihm mitzuteilen, was hier vorgegangen ist?«

»Wissen, wie zu rudern?« fragte June mit einem verstohlenen Blick auf Mabel.

»Nicht so gut wie du vielleicht; aber gut genug, um vor Tagesanbruch deinen Leuten aus dem Gesicht zu sein.«

»Was tun dann? – Nicht können rudern sechs – zehn – acht Meilen!«

»Ich weiß das nicht; ich würde viel können, um meinem Vater, dem wackeren Pfadfinder und den übrigen einen Wink von der Gefahr zu geben, in der sie sich befinden.«

»Lieben Pfadfinder?«

»Wer ihn kennt, liebt ihn; – auch du müßtest ihn lieben, wenn du sein Herz kennen würdest.«

»Nicht ihn lieben, gar nicht. Zu gut Büchse – zu gut Auge – zuviel schießen Irokesen und Junes Volk. Kriegen müssen sein Skalp, wenn können.«

»Und ich muß ihn retten, wenn ich kann, June. In dieser Beziehung also sind wir Gegnerinnen. Ich will, solange sie noch schlafen, einen Kahn aufsuchen und die Insel verlassen.«

»Nicht können – June dürfen nicht lassen dich. Rufen Pfeilspitze.«

»June, du wirst mich nicht verraten; du kannst mich nicht preisgeben, nach allem, was du schon für mich getan hast!«

»Gerade so«, erwiderte June, indem sie die Hand rückwärts bewegte, und mit einer Wärme und einem Ernst sprach, die Mabel nie zuvor an ihr bemerkt hatte. »Rufen Pfeilspitze mit lauter Stimme. Ein Ruf von Weib wecken Krieger auf. June nicht lassen Lily helfen Feind – nicht lassen Indianer verletzen Lily.«

»Ich verstehe dich, June, und fühle das Natürliche und Gerechte deiner Gefühle; und im Grunde ist’s doch besser, daß ich hier bleibe, denn ich hab‘ sehr wahrscheinlich meine Kräfte überschätzt. Aber sage mir nur noch eins: Wenn mein Onkel in der Nacht kommt und um Einlaß bittet, so wirst du mich doch die Tür des Blockhauses öffnen lassen, daß er herein kann?«

»Gewiß – er gefangen hier, und June lieben Gefangenen mehr als Skalp; Skalp gut für Ehre, Gefangener gut für Gefühl. Aber Salzwasser so gut verborgen; er selbst nicht wissen, wo er sein.«

June lachte dabei in mädchenhafter, lustiger Weise, denn sie war mit Szenen der Gewalt zu vertraut, um diese Eindrücke so tief zu Herzen zu nehmen, daß sie ihr Naturell geändert hätten. Es folgte nun eine lange and lebhafte Unterhaltung, in der sich Mabel bemühte, ihre gegenwärtige Lage genauer kennenzulernen, und sich der schwachen Hoffnung hingab, es möchten sich einige der Tatsachen, die sie auf diesem Wege erfuhr, zu ihrem Vorteil wenden lassen. June beantwortete ihre Fragen einfach, aber mit Vorsicht, da sie recht gut zwischen dem, was unwesentlich war, und zwischen dem, was die Sicherheit oder die weiteren Schritte ihrer Freunde gefährden konnte zu unterscheiden wußte. Mabel erfuhr ungefähr folgendes:

Pfeilspitze, auch Arrowhead genannt, stand schon lange mit den Franzosen in Verbindung, obgleich dieses die erste Gelegenheit war, bei der er seine Maske ganz ablegte. Da er, zumal bei dem Pfadfinder, Spuren des Mißtrauens bemerkt hatte, so wagte er sich nicht mehr unter die Engländer, und mit indianischer Prahlerei wollte er nun lieber seine Verräterei zur Schau tragen als sie verbergen. Er hatte den Kriegerhaufen bei dem Angriff auf die Insel unter der Oberaufsicht des bereits erwähnten Franzosen angeführt; aber June lehnte es ab, Auskunft darüber zu geben, ob er auch das Mittel zur Entdeckung der Lage dieses Platzes geworden sei, den man den Blicken des Feindes so sehr entzogen gewähnt, obgleich sie zugestand, daß sie und ihr Gatte seit der Abreise des Scud den Kutter im Auge behalten hätten, bis sie von ihm überholt und genommen worden seien. Die Franzosen hatten erst in der neuesten Zeit genaue Mitteilungen über die wahre Lage der Station erhalten, und Mabel fühlte einen Stich durchs Herz, als sie aus den versteckten Anspielungen der Indianerin entnehmen zu müssen glaubte, daß diese Mitteilung von einem unter Duncan of Lundie stehenden Bleichgesicht herrühre. Dies war jedoch eher angedeutet als ausgesprochen, und sobald Mabel Zeit hatte, über die Worte ihrer Gefährtin nachzudenken und sich zu erinnern, wie kurz und abgemessen sie in ihrer Ausdrucksweise war, gab sie der Hoffnung wieder Raum, daß sie dies unrecht verstanden habe und daß sich Jasper Western als vollkommen gerechtfertigt aus diese Sache ziehen werde.

June zögerte nicht, zu bekennen, daß sie auf die Insel gesandt worden sei, um über die Anzahl und das Treiben derer, die darauf geblieben waren, genaue Nachricht einzuziehen, obgleich sie auch in ihrer naiven Weise verriet, daß sie hauptsächlich durch den Wunsch, Mabel zu dienen, veranlaßt worden sei, sich zu diesem Geschäft brauchen zu lassen. Infolge ihrer und anderweitiger Mitteilungen kannte der Feind die Macht genau, die gegen ihn aufgebracht werden konnte; auch wußten sie, mit wieviel Mannschaft und mit welcher Absicht Sergeant Dunham ausgezogen war, obgleich es ihnen unbekannt blieb, an welcher Stelle er die französischen Boote zu treffen hoffte. June war bei ihren Enthüllungen ebenso begierig zu erfahren, wo der Sergeant hingegangen sei und wann er zurückkehren werde, wie Mabel in betreff anderer Punkte; aber June enthielt sich mit einem Zartgefühl, das dem zivilisiertesten Volke Ehre gemacht hätte, jeder Frage und versuchte auch keinen andern Weg, der mittelbaren Aufschluß über diese ihr so wichtige Angelegenheit herbeizuführen vermochte, obgleich sie mit fast atemloser Aufmerksamkeit horchte, wenn Mabel in ihrer eigenen Erzählung einen Umstand berührte, der möglicherweise ein Licht hätte auf die Sache werfen können.

In dieser Weise entschwanden den beiden die Stunden unbeachtet, denn jede war zu sehr beteiligt, um an Ruhe zu denken. Doch forderte gegen Morgen die Natur ihre Rechte, und Mabel ließ sich überreden, sich auf eines der für die Soldaten bestimmten Strohlager zu legen, wo sie bald in einen tiefen Schlaf verfiel. June nahm an ihrer Seite Platz. Auf der ganzen Insel herrschte eine Ruhe, als ob der Bereich des Waldes nie durch menschlichen Fußtritt gestört worden sei.

Als Mabel erwachte, strömte das Licht der Sonne durch die Schießscharten, und sie fand, daß der Tag bereits beträchtlich vorgerückt war. June lag noch neben ihr und schlief so sanft und tief, als ob sie die Sorge gar nicht kenne. Trotzdem weckten Mabels Bewegungen die an Wachsamkeit gewöhnte Indianerin bald, und beide verschafften sich nun durch die Schießscharten einen Überblick über das, was um sie her vorging.

Dreiundzwanzigstes Kapitel

Dreiundzwanzigstes Kapitel

Die Ruhe der vergangenen Nacht stand in keinem Widerspruch mit den Bewegungen des Tages. Obgleich Mabel und June an allen Schießscharten herumgingen, ließ sich doch, mit Ausnahme ihrer selbst, kein lebendes Wesen auf der ganzen Insel entdecken. An der Stelle, wo M’Nab und seine Kameraden gekocht hatten, befand sich ein halberloschenes Feuer, als ob der Rauch, der sich in die Höhe ringelte, die Absicht hätte, die Abwesenden anzulocken; und ringsumher waren die Hütten wieder in ihren früheren Zustand versetzt worden. Mabel fuhr unwillkürlich zusammen, als ihr Auge auf eine Gruppe von drei Männern in den Scharlachröcken des fünfundfünfzigsten Regiments fiel, die in nachlässiger Stellung im Grase saßen, als ob sie in sorgloser Sicherheit miteinander plauderten; aber ihr Blut erstarrte, als sie bei einem zweiten Blick die farblosen Gesichter und die gläsernen Augen der Toten erkannte. Sie saßen ganz in der Nähe des Blockhauses, und zwar so nahe, daß sie dem ersten Blick auffallen mußten; auch lag, da man ihre starren Glieder in verschiedene, das Leben nachahmende Lagen gebracht hatte, eine so spöttische Leichtfertigkeit in ihren Stellungen und Gebärden, daß sich die Seele darüber empörte. So schrecklich übrigens diese Gruppe jedem sein möchte, der nahe genug war, um den schreienden Kontrast zwischen Schein und Wesen zu entdecken – die Täuschung war doch mit so viel Kunst ausgeführt, daß sie einen oberflächlichen Beobachter auf eine Entfernung von hundert Ellen irreleiten konnte. Nach einer sorgfältigen Untersuchung der Ufer machte June ihre Gefährtin auf einen vierten Soldaten aufmerksam, der, an einem Baum gelehnt, mit überhängenden Füßen am Wasser saß, und eine Angelrute in der Hand hielt. Die skalplosen Köpfe waren mit Mützen bedeckt, und alle Spuren von Blut vorsichtig von den Gesichtern gewaschen.

Mabel wurde fast ohnmächtig bei diesem Anblick, der nicht nur allen ihren Begriffen von Schicklichkeit zuwiderlief, sondern auch an sich so empörend und allen menschlichen Gefühlen entgegen war. Sie sank auf einen Stuhl und verbarg das Antlitz einige Minuten in ihrem Gewand, bis sie ein leiser Ruf von June wieder an die Schießscharten zog. June zeigte ihr nun den Körper von Jennie, die in einer vorwärts gebeugten Stellung, als ob sie auf die Gruppe der Männer sähe, in der Tür einer Hütte zu stehen schien, indes ihre Haube in dem Winde flatterte, und ihre Hand einen Besen hielt. Die Entfernung war zu groß, um die Züge genau zu unterscheiden; aber es kam Mabel so vor, die Kinnlade sei niedergedrückt und der Mund zu einem entsetzlichen Lachen verzogen.

»June! June!« rief sie aus, »das übersteigt alles, was ich je von der Verräterei und der List deines Volkes gehört oder für möglich gehalten habe.«

»Tuscarora sehr schlau«, sagte June in einem Ton, der den Gebrauch, der von den Leichnamen gemacht worden, mehr zu billigen als zu verwerfen schien. »Soldaten tun nichts Leid nun; tun Irokesen gut; kriegen Skalp zuerst; nun machen Tote helfen. Dann sie verbrennen.«

Aus diesen Worten wurde Mabel klar, wie sehr der Charakter ihrer Gefährtin von dem ihrigen verschieden war, und es vergingen einige Minuten, ehe sie die Indianerin wieder anzureden vermochte. Aber diese vorübergehende Anwandlung von Widerwillen war bei June verloren, denn sie schickte sich zur Bereitung ihres einfachen Frühstücks an, wobei ihr ganzes Benehmen bewies, wie unempfindlich sie bei anderen gegen Gefühle war, die sie ihre Erziehung abzulegen gelehrt hatte. Mabel genoß nur weniges, während ihre Gefährtin aß, als ob gar nichts vorgefallen sei. Dann überließen sie sich wieder ihren Gedanken oder setzten ihre Untersuchungen durch die Schießscharten fort. Mabel brannte zwar von fieberischem Verlangen, stets an diesen Öffnungen zu sein; aber sie trat selten davor, ohne sich mit Widerwillen abzuwenden, obgleich ihre Angst sie nach einigen Minuten wieder dahin zurückführte, wenn sie ein Geräusch vernahm, mochte es auch nur das Rauschen der Blätter oder das Seufzen des Windes sein. Es war in der Tat etwas feierlich Ergreifendes, diesen verlassenen Ort von Toten in der Kleidung des Lebens und in der Stellung sorgloser Heiterkeit oder rohen Vergnügens bevölkert zu sehen. Diesen ganzen Tag über, der Mabel kein Ende zu nehmen schien, ließ sich weder ein Indianer noch ein Franzose blicken, und die Nacht senkte sich allmählich über diese schweigende Maskerade mit der unabänderlichen Stetigkeit, mit der die Erde ihren Gesetzen folgt, ohne sich um das kleinliche Treiben der Menschen zu kümmern. Die Nacht war weit ruhiger als die vorhergehende, und Mabel schlief mit neuer Zuversicht, denn sie fühlte sich nun überzeugt, daß sich ihr Schicksal nicht vor der Zurückkunft ihres Vaters entscheiden würde. Er wurde jedoch schon am folgenden Tag erwartet. Als Mabel erwachte, eilte sie hastig zu den Schießscharten, um über den Stand des Wetters, das Aussehen des Himmels und über die Verhältnisse auf der Insel Erkundigung einzuziehen. Da saß noch die furchtbare Gruppe im Gras; der Fischer beugte sich noch über das Wasser, als ob er lebhaft auf seinen Fang erpicht sei, und das Gesicht Jennies glotzte in schrecklicher Verzerrung aus der Hütte. Aber das Wetter hatte sich geändert. Der Wind blies steif aus Süden, und obgleich hell, war die Luft doch mit den Anzeichen des Sturmes erfüllt.

»Es wird mir immer unerträglicher, June«, sagte Mabel, als sie die Öffnung verließ. »Ich wollte lieber den Feind sehen, als stets diese schreckliche Heerschau des Todes vor Augen haben.«

»Still! da sie kommen. June denken hören einen Schrei, wie Krieger rufen, wenn er nehmen einen Skalp.«

»Was meinst du? Es gibt nichts mehr zu schlachten! – es kann nichts mehr geben!«

»Salzwasser!« rief June lachend, indem sie durch die Schießscharte blickte.

»Mein Onkel! Gott sei Dank! Er lebt also! O June, June, du wirst ihm doch kein Leid tun lassen?«

»June arme Squaw. Was Krieger denken von was ich sagen? Pfeilspitze bringen ihn her.«

Mabel stand an einer Schießscharte und sah deutlich genug Cap und den Quartiermeister in den Händen von acht oder zehn Indianern, die jene zum Fuß des Blockhauses führten; denn da sie nunmehr gefangen waren, sah der Feind wohl ein, daß sich kein Mann in diesem Gebäude befinden könne. Mabel wagte kaum zu atmen, bis der ganze Trupp unmittelbar vor der Tür stand, wo sie dann zu ihrer großen Freude bemerkte, daß der französische Offizier unter ihnen war. Es folgte nun eine kurze Besprechung, die Pfeilspitze und der weiße Führer mit den Gefangenen hielt, worauf der Quartiermeister mit vernehmlicher Stimme unserer Heldin zurief:

»Schöne Mabel! Schöne Mabel!« sagte er, »blicken Sie aus einer Ihrer Schießscharten auf uns herunter, und haben Sie Mitleid mit unserer Lage. Wir sind mit augenblicklichem Tod bedroht, wenn Sie nicht den Siegern die Tür öffnen. Lassen Sie sich also erweichen, sonst tragen wir unsere Skalpe keine halbe Stunde mehr von diesem gesegneten Augenblick an.«

Mabel kam es vor, als ob Spott und Leichtfertigkeit in diesem Aufruf liege, ein Benehmen, das mehr dazu diente, ihren Entschluß, den Platz so lange wie möglich zu halten, zu befestigen als zu entkräften.

»Sprecht Ihr zu mir, Onkel«, rief sie durch die Schießscharte »und sagt mir, was ich tun soll.«

»Gott sei Dank! Gott sei Dank!« entgegnete Cap; »der Ton deiner Stimme, Magnet, nimmt mir eine schwere Last vom Herzen; denn ich fürchtete, du habest das Los der armen Jennie geteilt. Es lag mir in den letzten vierundzwanzig Stunden auf der Brust, als ob man eine Tonne Blockeisen darauf verstaut hätte. Du fragst mich, was du tun sollst, Kind, und ich weiß nicht, was ich dir raten soll, obgleich du meiner Schwester Tochter bist. Armes Mädchen! Alles, was ich dir jetzt sagen kann, ist, daß ich vom Grunde meines Herzens den Tag verwünsche, an dem wir beide jemals diesen Frischwasserstreifen gesehen haben.«

»Aber, Onkel, wenn Euer Leben in Gefahr ist – meint Ihr, ich solle die Tür öffnen?«

»Ein runder Schlag und zwei Timmerstiche machen einen festen Beleg; und ich würde niemand raten, der außer dem Bereich dieser Teufel ist, was zu entriegeln oder aufzumachen, um in ihre Hände zu fallen. Was den Quartiermeister und mich anbelangt, so sind wir beide ältliche Leute und für die Menschheit von keiner besonderen Bedeutung, wie der ehrliche Pfadfinder sagen würde; es kann jenem daher keinen großen Unterschied ausmachen, ob er seine Zahlungslisten in diesem oder dem nächsten Jahre ausgleicht, und was mich anlangt, ja, wenn ich auf hoher See an Bord wäre, so wüßt‘ ich wohl, was ich zu tun hätte, aber hier oben, in dieser wässerigen Wildnis, kann ich nur sagen, daß ein gutes Stück indianischer Logik dazu gehören würde, mich aus einem solchen bißchen Bollwerk, wenn ich dahinter wäre, ‚rauszukriegen.«

»Sie werden nicht auf alles, was Ihr Onkel sagt, achten«, warf Muir ein, »denn das Unglück hat ihm augenscheinlich den Kopf verwirrt, so daß er nicht imstande ist, das einzusehen, was im gegenwärtigen Augenblick nottut. Wir sind hier in den Händen sehr umsichtiger und achtenswerter Personen, wie man erkennen muß, und wir haben wenig Ursache, irgendeine mißliebige Gewalt zu befürchten. Die Zufälle, die sich ereignet haben, sind in einem Krieg gewöhnlich und können unsere Gefühle gegen den Feind nicht ändern, denn dieser ist weit entfernt, die Absicht an den Tag zu legen, daß den Gefangenen irgendein Leid zugefügt werde. Ich bin überzeugt, daß Meister Cap so wenig wie ich Ursache hat, sich zu beklagen, denn wir haben uns selbst Meister Pfeilspitze ausgeliefert, der mich durch seine Tugenden und seine Mäßigung an die Römer oder Spartaner erinnert; es wird Ihnen aber bekannt sein, daß die Gebräuche verschieden sind und daß unsere Skalpe als gesetzliche Opfer genommen werden können, um die Manen gefallener Feinde zu sühnen, wenn Sie sie nicht durch Kapitulation retten.«

»Ich werde besser tun, in dem Blockhaus zu bleiben, bis das Schicksal der Insel entschieden ist«, erwiderte Mabel. »Unsere Feinde können mich wenig bekümmern, da sie wissen, daß ich ihnen keinen Schaden zufügen kann. Ich halte es daher für mein Geschlecht und für mein Alter weit passender, hier zu bleiben.«

»Wenn es sich hier bloß um das, was für Sie passend ist, handelte, Mabel, so würden wir uns alle gern Ihren Wünschen fügen; aber diese Herren glauben, daß das Blockhaus für ihre Operationen sehr günstig sei, und haben daher ein großes Verlangen, es in ihre Gewalt zu kriegen. Offen gesprochen, ich und Ihr Onkel sind in einer eigentümlichen Lage, und ich habe, um üblen Folgen vorzubeugen, als Offizier in Seiner Majestät Diensten eine Verbal-Kapitulation abgeschlossen, in der ich mich verpflichtete, das Blockhaus und die ganze Insel zu übergeben. Das ist das Los des Krieges, und man muß sich ihm unterwerfen, öffnen Sie also ohne Aufschub die Tür, schöne Mabel, und vertrauen Sie sich der Sorgfalt derer an, die wohl wissen, wie sie Schönheit und Tugend im Unglück zu behandeln haben. Kein Höfling in Schottland ist gefälliger und mehr mit den Gesetzen des Anstandes vertraut als dieser Häuptling.«

»Nicht verlassen Blockhaus«, flüsterte June, die an Mabels Seite die Vorgänge aufmerksam beobachtete. »Blockhaus gut – kriegen nicht Skalp.«

Ohne diese Aufmunterung hätte Mabel vielleicht nachgegeben, denn es leuchtete ihr nachgerade ein, daß es wohl das beste sein dürfte, den Feind durch Zugeständnisse zu gewinnen, statt ihn durch Widerstand zu erbittern. Muir und Cap befanden sich in den Händen der Indianer, denen es bekannt war, daß sich kein Mann in dem Gebäude aufhalte, weshalb sie sich vorstellte, die Wilden würden aufs neue die Tür berennen oder sich mit den Äxten einen Weg durch die Stämme bahnen, wenn ein friedlicher Einlaß jetzt hartnäckig verweigert würde, wo kein Grund mehr vorhanden war, ihre Büchsen zu fürchten. Aber Junes Worte veranlaßten sie, innezuhalten, und ein ernster Händedruck, ein bittender Blick ihrer Gefährtin befestigten ihren Entschluß.

»Nicht gefangen noch«, flüsterte June, »laß sie machen gefangen, ehe sie nehmen gefangen – sprechen groß; June sie weisen.«

Mabel begann nun entschlossener mit Muir zu sprechen und erklärte ihm offen, daß es nicht ihre Absicht sei, das Gebäude zu übergeben.

»Sie vergessen die Kapitulation, Miss Mabel«, sagte Muir, »die Ehre eines von Seiner Majestät Dienern ist dabei beteiligt, und die Ehre Seiner Majestät durch diesen Diener. Sie wissen, was es mit der militärischen Ehre für eine zarte, empfindliche Bewandtnis hat?«

»Ich weiß genug, Herr Muir, um einzusehen, daß Sie bei dieser Expedition kein Kommando und deshalb auch kein Recht haben, das Blockhaus auszuliefern; und ich erinnere mich noch obendrein, von meinem Vater gehört zu haben, daß ein Gefangener für die ganze Zeit der Gefangenschaft seine Machtvollkommenheit verliere.«

»Lauter Spitzfindigkeit, schöne Mabel – Verrat gegen den König, Beschimpfung seiner Offiziere und Schmähung seines Namens. Sie werden nicht auf Ihrer Absicht bestehen, wenn Ihr besseres Urteil Muße gehabt hat, nachzudenken und auf die Verhältnisse und Umstände Rücksicht zu nehmen.«

»Ja«, seufzte Cap, »das ist ein Umstand, hol‘ ihn der Henker!«

»Kein Sinn haben, was Onkel sagt«, bemerkte June, die sich in einer Ecke des Zimmers beschäftigte. »Blockhaus gut – kriegen nicht Skalp.«

»Ich werde bleiben, wo ich bin, Herr Muir, bis Nachrichten von meinem Vater eingehen. Er wird im Laufe der nächsten zehn Tage zurückkommen.«

»Ach! Mabel; diese List wird die Feinde nicht täuschen, denn sie sind durch Mittel, die unbegreiflich scheinen würden, wenn nicht ein unabweisbarer Verdacht auf einem unglücklichen jungen Mann haftete – sie sind also von allen unsern Bewegungen und Plänen in Kenntnis gesetzt und wissen wohl, daß, ehe noch die Sonne niedergeht, der würdige Sergeant mit allen seinen Leuten in ihrer Gewalt sein wird. Geben Sie nach! Unterwerfung unter die Beschlüsse der Vorsehung ist Christenpflicht.«

»Herr Muir, Sie scheinen über die Stärke dieses Werkes im Irrtum zu sein und es für schwächer zu halten, als es ist. Wollen Sie sehen, was ich zu seiner Verteidigung tun kann, wenn ich will?«

»Ich will’s meinen, daß ich das sehen möchte«, antwortete der Quartiermeister, der immer in seinen schottischen Dialekt verfiel, wenn ihn etwas lebhaft beschäftigte.

»Was halten Sie von dem? Sehen Sie auf die Schießscharte im obern Stock.«

Auf diese Worte richteten sich aller Augen nach oben und erblickten die Mündung einer Büchse, die vorsichtig durch eine Öffnung geschoben wurde, denn June hatte wieder zu einem Kunstgriff Zuflucht genommen, den sie schon einmal mit gutem Erfolg angewendet hatte. Das Resultat entsprach ganz der Erwartung; denn kaum hatten die Indianer diese verhängnisvolle Waffe zu Gesicht bekommen, als sie sich aus dem Staube machten, und in weniger als einer Minute hatte jeder sein Versteck aufgefunden. Der französische Offizier blickte auf den Lauf des Gewehres, um sich zu überzeugen, daß es nicht auf ihn gerichtet sei, und nahm kaltblütig eine Prise Tabak, während Cap und Muir, die von dieser Seite aus nichts zu befürchten hatten, ruhig stehenblieben.

»Seien Sie klug, meine schöne Mabel, seien Sie klug!« rief Muir, »und veranlassen Sie keinen nutzlosen Zwist. Im Namen aller Könige von Albion, wen haben Sie in diesem hölzernen Turm bei sich eingeschlossen, der es so sehr auf Blut abgesehen zu haben scheint? Da steckt Zauberei dahinter, und unsere ganze Reputation hängt von dieser Entwicklung ab.«

»Was halten Sie von dem Pfadfinder, Herr Muir, als Besatzung für einen so starken Posten?« rief Mabel, indem sie zu einem Doppelsinn ihre Zuflucht nahm, den die Umstände sehr entschuldbar machten. »Was werden ihre französischen und indianischen Kameraden von einem Ziel für Pfadfinders Büchse halten?«

»Gehen Sie glimpflich um mit dem Unglück, schöne Mabel, und vermischen Sie nicht die Diener des Königs – der Himmel segne ihn und das ganze königliche Haus – mit des Königs Feinden. Wenn Pfadfinder wirklich im Blockhaus ist, so mag er sprechen. Wir wollen dann unsere Unterhandlungen unmittelbar mit ihm abmachen. Er kennt uns als Freunde, und wir fürchten nichts Schlimmes von seiner Hand, am allerwenigsten aber ich; denn eine edle Seele ist ganz geeignet, Nebenbuhlerschaft in einem gewissen Interesse zu einer sichern Grundlage der Achtung und Freundschaft zu machen, zumal da Bewunderung des nämlichen weiblichen Gegenstandes eine Gleichheit der Gefühle und des Geschmacks beweist.«

Das Vertrauen auf Pfadfinders Freundschaft erstreckte sich jedoch nicht weiter als auf den Quartiermeister und Cap; denn selbst der französische Offizier, der sich bisher nicht von der Stelle gerührt hatte, schrak zurück bei dem Klange dieses gefürchteten Namens. In der Tat schien er, obgleich ein Mann von eisernen Nerven und durch lange Jahre an die Gefahren des Indianerkriegs gewöhnt, sich nicht den Kugeln des Wildtodes aussetzen zu wollen, dessen Ruf an der ganzen Grenze so wohlbegründet war wie der von Marlborough in Europa; und er verschmähte es nicht, gleichfalls ein Versteck zu suchen, wobei er darauf bestand, daß ihm seine beiden Gefangenen folgen sollten. Mabel war zu sehr erfreut, ihre Feinde losgeworden zu sein, als daß sie die Entfernung beklagt hätte, obgleich sie Cap durch die Schießscharte eine Kußhand zuwarf und ihm einige Worte der Liebe nachrief, als er sich zögernd und ungern entfernte.

Der Feind schien nun geneigt, alle Versuche auf das Blockhaus für den Augenblick aufzugeben, und June, die durch die eine Falltür auf das Dach gestiegen war, wo sie alles am besten übersehen konnte, berichtete, daß sich der ganze Trupp in einem abgelegenen und geschützten Teil der Insel zum Essen versammelt hätte, wobei Cap und Muir so ruhig an dem Mahl teilnähmen, als ob sie aller Sorge ledig seien. Diese Mitteilung beruhigte Mabel, und sie begann wieder an die Mittel zu denken, um ihre Flucht zu bewerkstelligen oder ihren Vater vor der Gefahr, die seiner wartete, zu warnen. Die Rückkehr des Sergeanten wurde diesen Nachmittag erwartet, und sie wußte, daß ein gewonnener oder verlorener Augenblick über sein Schicksal entscheiden konnte.

Drei oder vier Stunden entschwanden. Die Insel war wieder in tiefe Ruhe versenkt. Der Tag neigte sich, und noch hatte Mabel keinen Entschluß gefaßt. June bereitete im untersten Raum das einfache Abendessen, und Mabel war selbst auf das Dach gestiegen, das mit einer Falltür versehen war. Durch diese konnte sie in den Giebel des Gebäudes gelangen, von wo aus sich die weiteste Aussicht bot, obgleich diese immer noch beschränkt und häufig durch die Gipfel der Bäume eingeengt war. Das ängstliche Mädchen wagte es nicht, sich sehen zu lassen, denn sie konnte nicht wissen, ob nicht ungezügelte Leidenschaft einen Wilden veranlassen möchte, ihr eine Kugel durchs Hirn zu jagen. Sie erhob daher nur ihren Kopf über die Falltür, von wo aus sie im Laufe des Nachmittags ihre Augen über die verschiedenen Kanäle um die Insel die Runde machen ließ.

Die Sonne war nun wirklich untergegangen. Von den Booten hatte sich nichts sehen lassen und Mabel stieg aufs Dach, um den letzten Blick auszusenden in der Hoffnung, daß ihre Leute in der Dunkelheit ankommen sollten, wodurch die Indianer wenigstens verhindert würden, ihren Hinterhalt so gefährlich zu machen, wie dies unter andern Umständen der Fall gewesen wäre. Sie wurde hierdurch in den Stand gesetzt, mittelst Feuers ein so augenfälliges Warnungszeichen zu geben, wie es eben in ihrer Macht stand. Ihr Auge streifte achtsam um den ganzen Horizont herum, und sie war eben im Begriff, sich zurückzuziehen, als sie einen neuen Gegenstand gewahrte, der ihre Aufmerksamkeit fesselte. Die Inseln lagen so dicht beieinander, daß man sechs bis acht verschiedene Kanäle oder Wasserstraßen zwischen ihnen erblicken konnte, und in einem der verstecktesten, fast ganz durch das Gebüsch des Ufers verborgenen, erkannte sie bei einem zweiten Blick einen Rindenkahn. Er enthielt zweifellos ein menschliches Wesen. In der Überzeugung, daß, wenn sie es hier mit einem Feind zu tun habe, ein Signal nicht schaden, wohl aber im entgegengesetzten Fall von gutem Nutzen sein könne, ließ das Mädchen schnell eine kleine Flagge wehen, die sie für ihren Vater gemacht hatte, wobei sie Sorge trug, daß diese Bewegung von der Insel aus nicht gesehen werde.

Mabel wiederholte ihr Signal acht- oder zehnmal vergebens und fing schon an, die Hoffnung aufzugeben, daß es bemerkt würde, als auf einmal ihr Zeichen durch eine Bewegung mit dem Ruder erwidert wurde und der Mann so weit hervorkam, daß sie in ihm Chingachgook erkennen konnte. Hier war also endlich ein Freund, und zwar einer, der fähig und, wie sie nicht bezweifelte, geneigt war, ihr Beistand zu leisten. Von diesem Augenblick an lebte all ihr Mut wieder auf. Der Mohikaner hatte sie gesehen, mußte sie, da er von ihrer Teilnahme an dem Zug wußte, erkannt haben und tat, ohne Zweifel, sobald es dunkel geworden war, die nötigen Schritte zu ihrer Befreiung. Daß ihm die Anwesenheit des Feindes nicht entgangen sein konnte, ließ sich aus der großen Vorsicht, die er beobachtete, abnehmen, und auf seine Klugheit und Geschicklichkeit konnte sie sich zuversichtlich verlassen. Die Hauptschwierigkeit war nun von June zu befürchten; denn so sehr sie auch an Mabel hing, so hatte letztere doch zuviel von der Treue der Indianerin gegen ihr Volk gesehen, als daß sie hoffen durfte, sie werde einem feindlichen Indianer den Eintritt in das Blockhaus erlauben oder sie selbst entfliehen lassen mit der Absicht, Pfeilspitzes Pläne zu vereiteln. Die halbe Stunde, die der Entdeckung von der Annäherung der Großen Schlange folgte, war die peinlichste in Mabels Leben. Sie sah die Mittel zur Ausführung all ihrer Wünsche so ganz in der Nähe, und doch konnte sie nicht danach greifen. Sie kannte Junes Entschlossenheit und Besonnenheit, ungeachtet ihrer Herzensgüte und ihrer zarten, weiblichen Gefühle, und kam endlich, zwar mit innerem Widerstreben, zu der Überzeugung, daß es kein anderes Mittel zur Erreichung ihres Zweckes gebe, als ihre erprobte Freundin und Beschützerin zu täuschen. Es empörte allerdings Mabels edle Seele, eine Freundin wie June zu hintergehen, aber ihres Vaters Leben stand auf dem Spiel; ihrer Gefährtin drohte kein unmittelbarer Nachteil, und die Gefühle und Interessen, die sie selbst berührten, waren von einer Art, daß sie wohl größere Zweifel beseitigt haben müßten.

Sobald es dunkel war, begann Mabels Herz mit erneuter Heftigkeit zu pochen, und sie entwarf und wechselte ihre weiteren Pläne wohl ein dutzendmal im Lauf einer einzigen Stunde. June war immer die Quelle ihrer größten Verlegenheit; denn erstens sah sie nicht ein, wie sie sich die Überzeugung zu verschaffen vermöge, daß Chingachgook an der Tür sei, wo er, wie sie nicht zweifelte, bald erscheinen mußte – und zweitens, wie sie ihn einlassen könne, ohne ihre wachsame Freundin aufmerksam zu machen. Doch die Zeit drängte, denn der Mohikaner konnte kommen und wieder fortgehen, wenn sie nicht bereit war, ihn aufzunehmen, da es für den Delawaren gewagt gewesen wäre, lange auf der Insel zu bleiben. Es wurde daher unbedingt nötig, einen Entschluß zu fassen, selbst auf die Gefahr hin, unbesonnen zu handeln. Nach manchen Plänen, die ihr Gehirn durchkreuzten, ging daher Mabel auf ihre Gefährtin zu und sagte zu ihr mit so viel Ruhe, wie sie aufzubringen vermochte:

»June, fürchtest du nicht, daß deine Leute, da sie glauben, Pfadfinder sei in dem Blockhaus, kommen und aufs neue Feuer anlegen werden?«

»Nicht denken solche Ding. Nicht verbrennen Blockhaus, Blockhaus gut; kriegen nicht Skalp.«

»June, wir können das nicht wissen. Sie haben sich versteckt, weil sie glaubten, was ich ihnen wegen Pfadfinders sagte.«

»Glauben machen Furcht. Furcht kommen schnell, gehen schnell. Furcht machen weglaufen. Verstand machen zurückkommen. Furcht machen Krieger töricht, so gut wie junges Mädchen.«

Hier lachte June in der Weise junger Mädchen, wenn ein possierlicher Einfall ihre Gedanken durchkreuzt.

»Mir ist gar nicht wohl bei der Sache, June, und ich wünschte, du gingest wieder aufs Dach, um dich dort umzusehen, ob nicht etwas gegen uns im Werke ist; du kennst die Zeichen dessen, was deine Leute beabsichtigen, besser als ich.«

»June gehen, Lily wünschen; aber sehr wohl wissen, daß Indianer schlafen, warten auf Vater. Krieger essen, trinken, schlafen, alle Zeit, wenn nicht fechten und gehen auf Kriegspfad; aber dann nie schlafen, essen, trinken – nie fühlen. Krieger jetzt schlafen.«

»Gott gebe, daß es so sein möge! Aber geh‘ hinauf, liebe June, und sieh dich wohl um. Die Gefahr kann kommen, wenn wir es am wenigsten erwarten.«

June erhob sich und schickte sich an, auf das Dach hinaufzusteigen; auf der ersten Sprosse der Leiter hielt sie aber inne, Mabels Herz schlug so heftig, daß sie fürchtete, ihr Herzschlag möchte gehört werden, und sie bildete sich ein, daß eine Ahnung ihrer wahren Absicht die Seele ihrer Freundin durchkreuze. Sie hatte zum Teil recht; denn die Indianerin hatte wirklich angehalten, um zu überlegen, ob sie mit diesem Schritt nicht eine Unbesonnenheit begehe. Einmal tauchte in ihr der Verdacht auf, daß Mabel entfliehen möchte; diesen verwarf sie jedoch wieder, weil sie wußte, daß dem Bleichgesicht keine Mittel zu Gebote standen, die Insel zu verlassen, und das Blockhaus war jedenfalls der sicherste Punkt, den sie finden konnte. Dann war ihr nächster Gedanke, Mabel könnte Zeichen von der Annäherung ihres Vaters entdeckt haben. Aber auch diese Vermutung haftete nur einen Augenblick, denn June hegte gegen die Fähigkeit ihrer Freundin, derartige Zeichen zu verstehen – Zeichen, die ihrem eigenen Scharfblick entgangen waren –, keine hohe Meinung. Sie fing also an, langsam die Leiter hinaufzusteigen.

Sie hatte eben den oberen Boden erreicht, als sich Mabel ein glücklicher Gedanke darbot, und da sie ihn in einer zwar hastigen, aber natürlichen Weise kundgab, gewann sie einen großen Vorteil für die Verwirklichung ihres Planes.

»Ich will hinabgehen, June, und an der Tür horchen, während du auf dem Dach bist; wir sind auf diese Weise oben und unten auf unserer Hut.«

June hielt dies für eine unnötige Vorsicht, da sie wohl wußte, daß niemand ohne Hilfe von innen in das Gebäude herein könne, und daß keine Gefahr von außen zu erwarten stehe, ohne daß sie es vorher bemerken mußte; sie schrieb daher diesen Vorschlag Mabels Unwissenheit und Furcht zu und nahm ihn mit so viel Vertrauen auf, wie er mit Unverfänglichkeit gemacht zu sein schien. So wurde es nun unserer Heldin möglich, zu der Tür hinunterzusteigen, während sich ihre Freundin nach dem Dach begab und keinen besondern Anlaß zu haben glaubte, erstere zu bewachen. Die Entfernung zwischen beiden war jetzt zu groß, um ein Gespräch zu ermöglichen, und die eine beschäftigte sich drei oder vier Minuten mit Umsehen in der Gegend, so gut dies die Finsternis erlaubte, indes die andere mit so viel Spannung an der Tür horchte, als ob alle ihre Sinne sich im Ohr konzentriert hätten.

June bemerkte nichts von ihrem hohen Standpunkt, die Finsternis ließ auch in der Tat kaum einen Erfolg hoffen; es möchte aber nicht leicht sein, das Gefühl zu beschreiben, mit dem Mabel einen schwachen und vorsichtigen Stoß gegen die Tür zu bemerken glaubte. Fürchtend, es möchte nicht alles sein wie sie wünschte, und ängstlich bekümmert, Chingachgook ihre Nähe anzudeuten, fing sie an, obgleich in leisen und bebenden Tönen, zu singen. Die Stille war in diesem Augenblick so tief, daß der Laut der unsicheren Stimme bis zu dem Dache hinauf tönte, und eine Minute später begann June herunterzusteigen. Unmittelbar darauf wurde ein leichtes Pochen an der Tür gehört. Mabel war außer sich, denn jetzt war keine Zeit mehr zu verlieren. Die Hoffnung überwog die Furcht, und mit sicheren Händen begann sie, die Balken wegzunehmen. Sie hörte auf dem Flur über sich Junes Mokassin; und erst ein einzelner Balken war zurückgeschoben, der zweite war gehoben, als die Gestalt der Indianerin bereits zur Hälfte auf der unteren Leiter sichtbar war.

»Was tun da?« rief June mit Heftigkeit. »Laufen weg – toll verlassen Blockhaus? Blockhaus gut!«

Beide legten ihre Hände an den letzten Riegel, der wahrscheinlich aus den Klammern gehoben worden wäre, wenn nicht ein kräftiger Druck von außen das Holz eingeklemmt hätte. Nun folgte ein kurzer Kampf, obschon beide der Anwendung von Gewalt gleich abgeneigt waren. Wahrscheinlich würde übrigens June den Sieg davongetragen haben, hätte nicht ein weiterer, noch kräftigerer Stoß von außen das leichte Hindernis, das den Balken noch hielt, überwunden und die Tür geöffnet. Man sah nun die Gestalt eines Mannes eintreten, und beide eilten nach der Leiter, als ob sie gleich besorgt wegen der Folgen seien. Der Fremde schloß die Tür und stieg, nachdem er sich vorher sorgfältig im Erdgeschoß umgesehen hatte, die Leiter hinauf. June hatte, sobald es dunkel geworden war, die Schießscharten im ersten Stock geschlossen und ein Licht angezündet. Beide erwarteten jetzt in dieser düsteren Beleuchtung die Erscheinung ihres neuen Gastes, dessen vorsichtige und bedachtsame Tritte sie auf der Leiter hören konnten. Es dürfte schwer zu sagen sein, welche von den Weibern am meisten erstaunt, war, als der Fremde durch die Falltür hinaufstieg und die Gestalt Pfadfinders vor ihren Augen stand.

»Gott sei gepriesen!« rief Mabel, denn der Gedanke, daß das Blockhaus mit einer solchen Besatzung unbezwinglich sei, durchkreuzte ihre Seele. »O Pfadfinder, was ist aus meinem Vater geworden?«

»Der Sergeant ist bis jetzt wohlbehalten und siegreich, obgleich es nicht unter die Gaben des Menschen gehört zu sagen, wie der Ausgang sein wird. Ist das nicht Arrowheads Weib, Pfeilspitzes Junitau, die sich dort in die Ecke kauert?«

»Macht ihr keine Vorwürfe, Pfadfinder; ich verdanke ihr mein Leben und meine gegenwärtige Sicherheit. Sagt mir, wie es meinem Vater und seinen Leuten gegangen ist und warum Ihr hier seid; ich will Euch dann alle die schrecklichen Ereignisse erzählen, die auf dieser Insel vorgefallen sind.«

»Dafür werden wenig Worte ausreichen, Mabel; denn wenn man an indianische Teufeleien gewöhnt ist, so bedarf’s keiner weitläufigen Erörterung eines solchen Überfalls. Unser Feldzug ging, wie wir’s hoffen konnten, vonstatten, denn Schlange war auf Kundschaft und teilte uns mit, was das Herz nur wünschen konnte. Wir kriegten drei Boote in einen Hinterhalt, und nachdem wir die Franzosen draus verjagt hatten, nahmen wir davon Besitz und versenkten sie vorschriftsmäßig an der tiefsten Stelle des Kanals. Die Wilden in Oberkanada werden diesen Winter mit indianischen Gütern nicht weit springen. Auch werden Pulver und Blei unter ihnen seltener sein, als es geschickten Jägern und mutigen Kriegern lieb sein mag. Wir haben nicht einen Mann verloren, nicht einmal eine Haut wurde gestreift, und ich denke, der Feind wird nicht besonders gut drauf zu sprechen sein. Kurz, Mabel – es ist gerade solch ein Ausflug gewesen, wie ihn Lundie liebt – viel Schaden für den Feind und wenig für uns selbst.«

»Ach, Pfadfinder, ich fürchte, wenn Major Duncan die ganze traurige Geschichte erfährt, so wird er Ursache haben zu bereuen, daß er je diesen Handel unternommen hat.«

»Ich weiß, was Sie meinen; wenn ich Ihnen aber die Umstände geradezu erzähle, so werden Sie sie besser verstehen. Als der Sergeant seinen Strauß mit Ehren beendet hatte, sandte er mich und Chingachgook in Kähnen voraus, um Euch zu sagen, wie die Sachen abgelaufen seien und daß er mit den so sehr beschwerten Booten nicht vor morgen eintreffen könne. Ich trennte mich diesen Vormittag von Chingachgook, und wir trafen dabei die Verabredung, daß er die eine und ich die andere Reihe von Kanälen hinauffahren solle, um zu sehen, ob der Pfad sauber sei. Seitdem habe ich den Häuptling nicht wieder gesehen.«

Mabel erklärte ihm nun die Art, wie sie den Mohikaner entdeckt hatte, und daß sie ihn nun im Blockhaus erwarte.

»Nein, nein! ein regelmäßiger Kundschafter geht nie hinter Wände und Holzstämme, solange er in freier Luft bleiben und eine nützliche Beschäftigung finden kann. Ich würde auch nicht gekommen sein, Mabel, wenn ich nicht dem Sergeanten versprochen hätte, Ihnen Mut zuzusprechen und für Ihre Sicherheit zu sorgen. Ach, ich hab‘ diesen Vormittag die Insel mit schwerem Herzen untersucht, und es war mir eine herbe Stunde, als ich dachte, Sie könnten unter den Erschlagenen sein.«

»Aber welcher glückliche Zufall hat Euch verhindert, kühn auf die Insel loszurudern, wodurch Ihr hättet in die Hände des Feindes fallen müssen?«

»Durch einen Zufall, Mabel, wie die Vorsehung ihn schuf, um dem Hund zu sagen, wo der Hirsch zu finden ist, und dem Hirsch, wie er den Hund abwerfen soll. Nein, nein! diese Kunstgriffe und Teufeleien mit Leichen mögen die Soldaten des Fünfundfünfzigsten und die Offiziere des Königs täuschen, aber bei Leuten, die ihr Leben in den Wäldern zugebracht haben, sind sie verloren. Ich kam in dem Kanal angesichts des vorgeblichen Anglers herunter, und obgleich dieses Gezücht den armen Wicht kunstreich hingesetzt hatte, so geschah es doch nicht mit dem nötigen Scharfsinn, um ein geübtes Auge zu hintergehen. Er hielt die Rute zu hoch, denn die Leute vom Fünfundfünfzigsten haben am Oswego fischen gelernt, wenn sie es vorher auch nicht konnten; und dann war der Mann auch viel zu ruhig für einen, dem nichts anbeißen will. Aber wir gehen nie blindlings auf einen Posten zu, und ich bin einmal eine ganze Nacht vor einer Garnison liegen geblieben, weil man die Schildwachen und die Art ihres Wachstehens verändert hatte. Weder Chingachgook noch ich lassen sich durch solche plumpe Pfiffe übertölpeln, die wahrscheinlich mehr auf die Schotten berechnet sind; denn obgleich diese in manchen Stücken ziemlich verschlagen sein mögen, so sind sie doch nichts weniger als Hexenmeister, wenn es sich um indianische Kunstgriffe handelt.«

»Glaubt Ihr, mein Vater und seine Leute könnten noch überlistet werden?« fragte Mabel rasch.

»Nicht, wenn ich’s verhindern kann, Mabel. Sie sagen mir, Schlange sei auch auf der Lauer; und so ist es doppelt wahrscheinlich, daß es uns gelingen wird, ihn von der Gefahr in Kenntnis zu setzen, obgleich wir nicht genau wissen, durch welchen Kanal er kommen mag.«

»Pfadfinder«, sagte Mabel feierlich, denn die schrecklichen Szenen, deren Zeuge sie gewesen, malten ihr den Tod mit den furchtbarsten Farben; »Ihr habt gesagt, daß Ihr mich zu Eurer Frau wünscht?«

»Ich wagte es, über diesen Gegenstand mit Ihnen zu sprechen, Mabel, und der Sergeant hat mir erst kürzlich gesagt, daß Sie gegen mich gütig gesinnt seien; aber ich bin nicht der Mann, das zu verfolgen, was ich liebe.«

»Hört mich, Pfadfinder – ich schätze Euch, ich achte Euch, ich verehre Euch – rettet meinen Vater von diesem fürchterlichen Tode, und ich kann Euch anbeten. Hier ist meine Hand; ich verpflichte mich feierlich, Wort zu halten, sobald Ihr kommt, um Eure Ansprüche auf sie geltend zu machen.«

»Gott segne Sie, Mabel, Gott segne Sie; das ist mehr als ich verdiene – mehr, fürchte ich, als ich zu schätzen weiß. Doch bedurfte es dessen nicht, um mich willfährig zu machen, dem Sergeanten Dienste zu leisten. Wir sind alte Kameraden, und jeder verdankt dem andern das Leben, obgleich ich fürchte, Mabel, daß es nicht immer die beste Empfehlung bei der Tochter ist, des Vaters Kamerad zu sein.«

»Ihr bedürft keiner andern Empfehlung als Eurer Handlungen, Eures Mutes und Eurer Treue. Alles, was Ihr tut und sagt, Pfadfinder, billigt meine Vernunft, und das Herz wird – nein, es muß folgen.«

»Das ist ein Glück, das ich in dieser Nacht nicht erwartete; aber wir sind in Gottes Hand, und er wird uns nach seiner Weise beschützen. Ihre Worte sind süß, Mabel; aber es bedarf ihrer nicht, um mich aufzumuntern, unter den gegenwärtigen Umständen alles aufzubieten, was in menschlicher Kraft steht; sie werden aber auch in keinem Fall meinen Eifer mindern.«

»Wir verstehen uns jetzt, Pfadfinder«, fügte Mabel mit erstickter Stimme bei. »Laßt uns keinen der kostbarsten Augenblicke verlieren, die vielleicht von unberechenbarem Werte sind. Können wir nicht in Euern Kahn eilen und meinem Vater entgegengehen?«

»Ich möchte hierzu nicht raten, da ich nicht weiß, durch welchen Kanal Ihr Vater kommen wird, denn es gibt deren mehr als zwanzig. Verlassen Sie sich übrigens darauf, Chingachgook wird sich durch alle zu winden wissen. Nein, nein! Mein Rat ist, hier zu bleiben. Die Stämme dieses Blockhauses sind noch grün; es wird daher nicht leicht sein, sie in Brand zu stecken, und wenn wir nichts von Feuer zu befürchten haben, ich will den Platz gegen einen ganzen Stamm halten. Das Irokesenvolk soll mich nicht aus dieser Festung herausbringen, solange wir die Flamme abhalten können. Der Sergeant biwakiert jetzt auf irgendeiner Insel und wird erst gegen Morgen kommen. Wenn wir das Blockhaus halten, so können wir ihn zeitig warnen, durch Abschießen von Büchsen zum Beispiel; und sollte er sich zu einem Angriff gegen die Wilden entschließen, wozu ihn sein Temperament wahrscheinlich veranlassen wird, so kann der Besitz dieses Gebäudes im Treffen von keinem geringen Belang sein. Nein, nein! ich bin dafür, zu bleiben, wenn wir dem Sergeanten einen Dienst leisten wollen, obgleich das Entkommen für uns beide keine schwierige Aufgabe wäre.«

»So bleibt, bleibt, um Gottes willen, Pfadfinder!« flüsterte Mabel. »Ich bin mit allem zufrieden, was meinen Vater retten kann!«

»Ja, das ist Natur. Es freut mich, Sie so sprechen zu hören, Mabel, denn ich gestehe, daß ich den Sergeanten hübsch unterstützt sehen möchte. Wie die Sachen jetzt stehen, so hat er sich Kredit erworben; und könnte er vollends diese Hunde vertreiben und sich ehrenvoll zurückziehen, nachdem er Blockhaus und Hütte in Asche gelegt hat, so ist gar kein Zweifel, daß Lundie an ihn denken und ihm auch wieder Dienste leisten wird. Ja, ja, Mabel, wir müssen nicht allein das Leben des Sergeanten, sondern auch seinen Ruf retten.«

»Wegen des Überfalls dieser Insel kann meinen Vater kein Vorwurf treffen.«

»Davon ist nicht die Rede; militärischer Ruhm ist ein höchst unsicheres Ding. Ich habe die Delawaren in Bedrängnis gesehen, wo sie sich wackerer gehalten haben als in Zeiten, wo sie den Sieg davongetragen hatten. Man ist übel dran, wenn man sein Leben an ein Geratewohl wagt – und am allerübelsten im Krieg. Ich kenne die Ansiedlungen und die Meinungen wenig, die dort im Schwange sind; aber hier oben schätzen selbst die Indianer den Wert eines Kriegers nach seinem Glück. Für einen Soldaten ist es immer die Hauptsache, nicht geschlagen zu werden, denn ich glaub’s nicht, daß sich die Leute lange bei den Betrachtungen aufhalten, wie der Tag gewonnen oder verloren wurde. Was mich betrifft, Mabel, so mach‘ ich’s mir zur Regel, im Angesicht des Feindes ihm so scharf zuzusetzen, wie ich nur kann, und mich mit der möglichsten Mäßigung zu benehmen, sobald wir im Vorteil sind. Von dem Gefühl der Mäßigung nach einer Niederlage läßt sich nicht viel sagen, da das Geklopftwerden ohnehin das Demütigendste in der ganzen Natur ist. Die Pfarrer predigen von Demut in den Garnisonen; aber wenn Demut den Christen ausmacht, so müßten des Königs Truppen Heilige sein, denn sie haben bis jetzt wenig mehr in diesem Krieg getan, als sich von den Franzosen Lektionen geben lassen, von dem Fort du Quesne an bis zum Ty.«

»Mein Vater konnte nicht ahnen, daß die Lage der Insel dem Feind bekannt sei«, erwiderte Mabel, deren Gedanken sich mit dem wahrscheinlichsten Erfolg der neuesten Ereignisse für den Sergeanten beschäftigten.

»Das ist wahr, und es ist mir unbegreiflich, wie sie die Franzosen ausgefunden haben. Der Ort ist gut gewählt, und es ist selbst für den, der den Weg hierher und wieder zurück schon einmal gemacht hat, keine leichte Aufgabe, ihn wiederzufinden. Es ist, wie ich fürchte, Verräterei dabei im Spiel; ja, ja, wir müssen verraten worden sein.«

»O Pfadfinder, wär‘ dies möglich?«

»Nichts leichter, Mabel; denn Verräterei ist manchen Leuten so natürlich wie das Essen. Wenn ich einen Mann voll schöner Worte treffe, so geb‘ ich immer genau auf seine Handlungen acht, denn wenn das Herz an der rechten Stelle sitzt und man das Gute wirklich mit Eifer sucht, so begnügt man sich im allgemeinen, sein Benehmen und nicht seine Zunge sprechen zu lassen.«

»Jasper Western ist keiner von diesen«, sagte Mabel mit Ungestüm. »Kein Mensch kann aufrichtiger in seinem Benehmen oder weniger fähig sein, die Zunge statt der Taten reden zu lassen.«

»Jasper Western? Verlassen Sie sich drauf, Mabel, daß bei dem Jungen Herz und Zunge an der rechten Stelle sind, trotz der üblen Meinung, die Lundie, der Quartiermeister, der Sergeant und Ihr Onkel von ihm haben; man könnte ebensogut glauben, daß die Sonne bei Nacht und die Sterne bei Tag scheinen. Nein, nein, ich stehe für Eau-douces Ehrlichkeit mit meinem eigenen Skalp oder, wenn’s nottut, mit meiner eigenen Büchse.«

»Gott segne Euch, Pfadfinder, Gott segne Euch!« rief Mabel, indem sie ihre Hand ausstreckte und die Eisenfinger ihres Gefährten mit einem Gefühl drückte, dessen Kraft ihr selbst unbewußt war. »In Euch vereinigt sich alles Große, alles Edle; Gott wird es Euch vergelten.«

»Ach, Mabel, ich fürchte, wenn dies wahr wäre, so würd‘ ich nicht nach einem Weib trachten –«

»Wir wollen heute nacht nichts mehr davon sprechen«, unterbrach ihn Mabel mit erstickter Stimme. »Wir müssen jetzt mehr an unsere Freunde als an uns selbst denken, Pfadfinder. Aber es freut mich von ganzer Seele, daß Ihr Jasper für unschuldig haltet. Laßt uns nun von anderen Dingen reden. – Sollten wir nicht June freilassen?«

»Ich habe bereits an sie gedacht; denn es wär‘ nicht geraten, hier innen im Blockhaus unsere Augen zu schließen, indes die ihrigen offen sind. Wenn wir sie in den oberen Raum brächten und die Leiter wegnähmen, so wär‘ sie wenigstens in unsern Händen.«

»Ich kann die Frau, die mein Leben gerettet hat, nicht so behandeln lassen. Es wär‘ vielleicht besser, sie abziehen zu lassen, denn ich glaube, sie liebt mich zu sehr, um mir Schaden zuzufügen.«

»Sie kennen diese Rasse nicht, Mabel. Es ist schon wahr, sie ist keine Vollblutsmingo; aber sie lebt in Gesellschaft mit diesen Landstreichern und muß was von ihren Tücken gelernt haben. – Was ist das?«

»Es klingt wie Ruderschlag; ein Boot kommt den Kanal herunter.«

Pfadfinder schloß die Falltür, die zu dem untern Raum führte, um Junes Entspringen zu verhindern, löschte das Licht aus und ging hastig zu einer Schießscharte, wobei Mabel mit atemloser Neugierde über seine Schultern blickte.

Nach längerem Spähen vermochte das Auge des Kundschafters einige Gegenstände in der Dunkelheit zu unterscheiden. Zwei Boote waren vorbeigerudert und schossen an einer Stelle, die etwa fünfzig Ellen von dem Blockhaus entfernt lag – an dem gewöhnlichen Landungsplatz – auf das Ufer. Die Dunkelheit verhinderte ein genaueres Erkennen, und Pfadfinder flüsterte Mabel zu, daß die neuen Ankömmlinge ebensogut Feinde wie Freunde sein könnten, denn er glaube nicht, daß es ihrem Vater möglich geworden sei, sobald anzulangen. Jetzt sah man eine Anzahl Leute das Boot verlassen, dann folgten drei kräftige englische Freudenrufe, die es nicht mehr am Zweifel ließen, daß die erwarteten Freunde gelandet waren. Pfadfinder sprang gegen die Falltür, hob sie auf, glitt die Leiter hinunter und begann die Tür mit einem Ernst zu entriegeln, der bewies, wie entscheidend ihm der Augenblick vorkam. Mabel war nachgefolgt; sie hinderte aber mehr das Geschäft des Mannes, als daß sie es unterstützt hätte; und kaum war der erste Balken losgemacht, als sich der Knall vieler Büchsen vernehmen ließ. Sie standen noch in atemlosem Zweifel, als plötzlich das Kriegsgeschrei der Indianer die ganze Insel erfüllte. Die Tür war nun offen, und Pfadfinder und Mabel eilten ins Freie. Alles war wieder still. Als jedoch Pfadfinder eine halbe Minute aufhorchte, kam es ihm vor, als höre er ein ersticktes Ächzen in der Nähe der Boote; aber der Wind blies so frisch, und das Rauschen der Blätter mischte sich so sehr mit dem Sausen des Windes, daß sich keine Gewißheit darüber erlangen ließ. Mabel aber wurde von ihren Gefühlen hingerissen und eilte an dem Gefährten vorüber gegen die Boote zu.

»Das geht nicht, Mabel«, sagte der Kundschafter mit ernster, aber leiser Stimme, indem er ihren Arm ergriff; »das geht nimmermehr. Gewisser Tod wird die Folge sein, ohne daß irgend jemandem ein Nutzen daraus erwächst. Wir müssen in das Blockhaus zurück.«

»Vater! mein armer, gemordeter Vater!« sagte das Mädchen mit wirrem Blick, obgleich die gewohnte Vorsicht auch in diesem schrecklichen Augenblick ihre Stimme dämpfte. »Pfadfinder, wenn Ihr mich liebt, so laßt mich zu meinem Vater gehen.«

»Es geht nicht, Mabel. Es ist sonderbar, daß niemand spricht, niemand erwidert das Feuer von den Booten aus, und ich habe das Gewehr im Blockhaus gelassen! Aber was würde eine Büchse nützen, wenn sich kein Feind sehen läßt?«

In diesem Augenblick entdeckte das rasche Auge des Pfadfinders, der unablässig, während er Mabel fest gefaßt hielt, seine Blicke über den nächtlichen Schauplatz hinstreifen ließ, in der Finsternis vier oder fünf geduckte dunkle Gestalten, die sich an ihm vorbeizustehlen suchten, ohne Zweifel in der Absicht, den Rückzug nach dem Blockhaus abzuschneiden. Er nahm daher Mabel wie ein Kind auf den Arm, und mit der ganzen Anstrengung seiner Kraft gelang es ihm, in das Gebäude zurückzukommen. Die Verfolger schienen ihm unmittelbar auf der Ferse zu sein. Nachdem er seine Bürde niedergesetzt hatte, wandte er sich, schloß die Tür, und hatte eben einen Balken angelegt, als sie ein Stoß gegen die feste Masse aus ihren Angeln zu sprengen drohte. Die anderen Riegel vorzulegen war das Werk eines Augenblicks.

Mabel stieg nun in das erste Stockwerk, während Pfadfinder als Schildwache unten blieb. Das Mädchen war in jenem Zustand, in dem der Körper scheinbar ohne die Mitwirkung des Geistes tätig ist. Sie zündete nach dem Wunsch ihres Gefährten mechanisch das Licht an und kehrte damit in das Erdgeschoß zurück, wo der Pfadfinder auf sie wartete. Dieser war kaum im Besitz des Lichtes, als er den Ort sorgfältig untersuchte, um gewiß zu sein, daß sich niemand in der Feste verborgen hatte, was er dann aus demselben Grund der Reihe nach auch bei den übrigen Stockwerken tat. Das Ergebnis dieser Untersuchung war, daß er sich mit Mabel allein im Blockhaus befand, denn June war entwischt. Sobald er sich über diesen wichtigen Punkt vollkommene Überzeugung verschafft hatte, kehrte Pfadfinder wieder zu seiner kleinen Heldin in das Hauptgemach zurück, stellte das Licht auf den Tisch und setzte sich nieder, nachdem er zuvor das Schloß seines Wildtods untersucht hatte.

»Unsere schlimmsten Befürchtungen sind eingetroffen!« sagte Mabel, für die in der Hast und Aufregung der letzten fünf Minuten die Stürme eines ganzen Lebens enthalten zu sein schienen. »Mein lieber Vater ist mit seinen Leuten entweder erschlagen worden oder gefangen.«

»Wir können das nicht wissen – der Morgen wird uns Aufschluß geben. Ich glaube nicht, daß die Sache soweit im reinen ist, sonst würden wir das Siegesgeheul dieser landstreicherischen Mingos vor dem Blockhaus hören. Wir können nur auf eins mit Sicherheit zählen; wenn der Feind wirklich gesiegt hat, so wird er’s nicht lange anstehen lassen, uns zur Übergabe aufzufordern. Die Squaw wird sie in das Geheimnis unserer Lage einweihen; und da sie wohl wissen, daß der Platz nicht bei Tag in Brand gesteckt werden kann, solange der Wildtod fortfährt, seinem Ruf Ehre zu machen, können wir uns darauf verlassen, daß sie nicht säumen werden, einen Versuch zu machen, solang‘ sie dies unter dem Schutz der Dunkelheit tun können.«

»Gewiß – ich höre ein Stöhnen.«

»Das ist Einbildung, Mabel. Wenn der Geist, besonders der weibliche Geist, beunruhigt ist, so steigen ihm oft Dinge auf, die in Wirklichkeit nicht vorhanden sind. Ich habe manche gekannt, die in Träumen Wahrheit zu finden glaubten –«

»Nein, ich hab‘ mich nicht getäuscht; es ist gewiß jemand unten – ein Leidender.«

Pfadfinder mußte jetzt zugestehen, daß sich die scharfen Sinne Mabels nicht getäuscht hatten. Er empfahl ihr jedoch vorsorglich, ihre Gefühle zu unterdrücken und erinnerte sie, daß die Wilden alle Kunstgriffe aufzubieten gewöhnt seien, um zu ihrem Zweck zu gelangen, und daß es mehr als wahrscheinlich sei, man wolle sie durch ein verstelltes Stöhnen aus dem Blockhaus locken oder doch zum Öffnen der Tür veranlassen.

»Nein, nein, nein!« sagte Mabel hastig, »es liegt keine Arglist in diesen Tönen; sie kommen aus einem leidenden Körper, wenn nicht aus einer geängstigten Seele: Sie sind schreckhaft natürlich.«

»Nun, wir werden bald sehen, ob ein Freund da ist oder nicht. Verbergen Sie das Licht wieder, Mabel; ich will mit der Person durch die Schießscharte sprechen.«

Nach Pfadfinders Urteil und Erfahrung war selbst zur Ausführung dieses einfachen Vorhabens keine geringe Vorsicht nötig, denn er wußte, daß schon mancher Sorglose erschlagen wurde, weil es ihm an der nötigen Achtsamkeit auf das gebrach, was dem Unwissenden als ein übertrieben vorsichtiges Schutzmittel erscheinen mochte. Er brachte seinen Mund nicht an die Schießscharte selbst, aber doch so nahe daran, daß er verstanden werden konnte, ohne die Stimme zu verstärken.

»Wer ist unten?« fragte Pfadfinder, als alle Vorkehrungen nach seinem Wunsch getroffen waren. »Ist es irgendein Bedrängter? Wenn es ein Freund ist, so mag er kühn sprechen und auf unsern Beistand bauen.«

»Pfadfinder«, antwortete eine Stimme, die beide, Mabel und der Angeredete, sogleich als die des Sergeanten erkannten – »Pfadfinder, sagt mir doch um Gottes willen, was aus meiner Tochter geworden ist?«

»Vater, ich bin hier! Unverletzt sicher! Oh, daß ich das gleiche von Euch glauben dürfte!«

Ein Ausruf des Dankes, der jetzt folgte, wurde von beiden vernommen; er war aber deutlich mit dem Ächzen des Schmerzes vermengt.

»Meine schlimmsten Ahnungen sind eingetroffen!« sagte Mabel mit einer Art verzweifelter Ruhe. »Pfadfinder, mein Vater muß ins Blockhaus gebracht werden, mag es auch mit noch soviel Gefahr verbunden sein.«

»Das ist Natur und ist das Gesetz Gottes. Aber ruhig, Mabel; geben Sie sich Mühe gelassen zu sein. Alles, was ein Mensch für den Sergeanten tun kann, soll geschehen. Ich bitte Sie bloß, gefaßt zu sein.«

»Ich bin’s, ich bin’s, Pfadfinder. Ich war in meinem Leben nie ruhiger, nie gesammelter als in diesem Moment. Aber bedenkt, wie gefährlich jeder Augenblick werden kann. Um’s Himmels willen, laßt uns schnell tun, was geschehen muß.«

Pfadfinder staunte über die Festigkeit in Mabels Stimme und wurde vielleicht selbst durch die erzwungene Ruhe und Selbstbeherrschung, die sie angenommen, ein wenig getäuscht. Indessen schien ihm keine weitere Erörterung nötig; er stieg deshalb unverzüglich hinunter und begann die Tür zu entriegeln. Dieses geschah mit der gewöhnlichen Vorsicht; als er aber die schwere Balkenmasse behutsam sich in den Angeln drehen ließ, fühlte er einen Druck dagegen, der ihn fast veranlaßt hätte, die Tür wieder zu schließen. Nach einem Blick durch die Spalte jedoch öffnete er sie vollends, und der Körper des Sergeanten Dunham, der sich daran lehnte, fiel halb in das Blockhaus herein. Ein Augenblick, und Pfadfinder hatte ihn vollends hereingezogen und die Balken wieder vorgelegt, so daß kein Hindernis mehr vorhanden war, dem Verwundeten ungeteilte Sorgfalt zu weihen.

Mabel benahm sich bei diesem erdrückenden Auftritt mit jener ungewöhnlichen Seelenstärke, die ihr Geschlecht in solchen erregenden Momenten entwickeln kann. Sie holte das Licht, benetzte die trockenen Lippen ihres Vaters mit Wasser, unterstützte den Pfadfinder bei Bereitung eines bequemen Strohlagers und machte aus ihren Kleidern ein Kissen für den Kopf des Kranken. Alles dies geschah unter ernstem Schweigen; selbst Mabel vergoß keine Träne, bis sie die Segensgebete vernahm, die der Sergeant für ihre Zärtlichkeit und Sorgfalt über ihr Haupt aussprach. Bisher hatte Mabel nur Vermutungen über den Zustand ihres Vaters. Pfadfinder hatte jedoch mehr Aufmerksamkeit auf das körperliche Leiden des Sergeanten verwendet und die Überzeugung gewonnen, daß eine Büchsenkugel durch den Körper des verwundeten Mannes gedrungen sei. Er war mit der Natur solcher Verletzungen zu gut vertraut, um nicht zu wissen, daß für das Aufkommen seines Freundes wenig oder keine Hoffnung vorhanden war.

Vierundzwanzigstes Kapitel

Vierundzwanzigstes Kapitel

Sergeant Dunhams Augen ließen nicht ab, der Gestalt seiner lieblichen Tochter zu folgen, sobald das Licht erschienen war. Darauf warf er seinen Blick nach der Tür des Blockhauses, um sich zu überzeugen, daß sie gut verschlossen sei, denn man hatte ihn in dem unteren Raum gelassen, weil es an den Mitteln fehlte, ihn in das erste Stockwerk zu bringen. Dann suchte er wieder Mabels Antlitz; denn mit dem raschen Hinschwinden des Lebens steigert sich die Macht der Liebe, und wir würdigen das am meisten, was uns, wie wir fühlen, auf immer entrissen werden soll.

»Gott sei gelobt! mein Kind, du wenigstens bist ihren mörderischen Büchsen entronnen«, sagte er mit einer Stimme, deren Kraft seine Schmerzen nicht zu steigern schien. »Erzählt mir den Verlauf dieser traurigen Geschichte, Pfadfinder.«

»Ach, Sergeant! sie ist traurig gewesen, wie Ihr sagt. Wir sind verraten worden; man muß dem Feind die Lage der Insel mitgeteilt haben – das ist nach meiner Ansicht so gewiß, wie daß wir noch im Besitz des Blockhauses sind. Aber –«

»Major Duncan hatte recht«, unterbrach ihn Dunham, indem er seine Hand auf den Arm seines Freundes legte.

»Nicht in dem Sinne, wie Ihr meint, Sergeant – nein, nicht aus diesem Gesichtspunkt: nimmermehr! Wenigstens nach meiner Ansicht nicht. Ich kenne die Schwäche der menschlichen Natur – aber ich glaube nicht, daß ein treueres Herz an den Grenzen lebt als Jasper Western.«

»Gott segne Euch dafür, Pfadfinder!« rief Mabel aus ganzer Seele, indes eine Flut von Tränen ihrer Erregung Luft machte. »Der Brave darf nie den Braven verlassen – der Ehrliche muß dem Ehrlichen beistehen.«

Des Vaters Augen waren ängstlich auf das Gesicht seiner Tochter gerichtet, bis die letztere ihr Antlitz mit dem Gewand verhüllte, um ihre Tränen zu verbergen; dann blickte er forschend in die harten Züge des Kundschafters. Diese zeigten nur den gewöhnlichen Ausdruck der Freimütigkeit, Einfachheit und Biederkeit; und der Sergeant bat ihn fortzufahren.

»Ihr wißt, wo Chingachgook und ich Euch verlassen haben, Sergeant«, berichtete Pfadfinder weiter, »und ich brauch‘ also nichts von dem zu sagen, was vorher geschah. Es ist nun zu spät, das Vergangene zu bereuen, doch glaub‘ ich, daß es nicht so gekommen wäre, war‘ ich bei den Booten geblieben. Andere Leute mögen wohl auch gute Führer sein – aber es gibt bessere und schlechtere. Ich denke, der arme Gilbert, der meinen Platz einnahm, hat seinen Mißgriff büßen müssen.«

»Er fiel an meiner Seite«, antwortete der Sergeant mit leisem, traurigem Tone. »Wir haben wirklich alle für unsere Mißgriffe büßen müssen.«

»Nein, nein, Sergeant; ich hatte nicht die Absicht, ein Urteil über Euch zu fällen, denn nie waren Leute besser geführt als die Eurigen bei dieser Unternehmung. Nie ist man einem Feinde schöner in die Flanken gefallen, und an der Art, wie Ihr Euer Boot gegen seine Haubitzen führtet, hätte selbst Lundie eine Lektion nehmen können.«

Das Auge des Sergeanten leuchtete, und sein Gesicht trug sogar den Ausdruck eines militärischen Triumphes, der jedoch stets der bescheidenen Stellung angemessen blieb, in der der alte Soldat tätig gewesen war.

»Es war nicht schlecht ausgeführt, mein Freund«, sagte er, »wir nahmen ihr hölzernes Bollwerk im Sturm.«

»Es war schön ausgeführt, Sergeant; obgleich ich fürchte, es kommt am Ende drauf hinaus, daß diese Vagabunden ihre Haubitzen wiederkriegen. Aber – Mut gefaßt! Versucht, alles Unangenehme zu vergessen und denkt nur an die angenehme Seite der Geschichte. Das ist die beste Philosophie und die beste Religion obendrein. Wenn der Feind die Haubitzen wiederkriegt, so hat er nur das, was ihm vorhin gehörte; wir konnten’s nicht ändern. Das Blockhaus aber haben sie noch nicht und sollen’s auch nicht kriegen, wenn sie es nicht in der Dunkelheit anzünden. Nun, Sergeant, Schlange und ich trennten uns ungefähr zehn Meilen weiter unten im Fluß, denn wir hielten’s fürs Klügste, uns auch einem freundlichen Lager nicht ohne die gewöhnliche Vorsicht zu nähern. Was aus Chingachgook geworden, weiß ich nicht, obgleich mir Mabel sagt, er sei nicht fern, und ich zweifle nicht dran, daß der wackere Delaware seine Schuldigkeit tut, wenn er auch unseren Augen nicht sichtbar ist. Merkt Euch meine Worte, Sergeant – ehe diese Sache abgetan ist, werden wir in einem entscheidenden Augenblick und auf eine Weise von ihm hören, die seiner Klugheit und der guten Meinung, die man von ihm hat, angemessen ist. Ach, Schlange ist ein kluger und tugendhafter Häuptling, und manchem weißen Mann wären seine Gaben zu wünschen. Als ich näher gegen die Insel kam, vermißte ich den Rauch, und dies veranlaßte mich, auf der Hut zu sein; denn ich wußte, daß die Soldaten des Fünfundfünzigsten nicht schlau genug sind, um dieses Zeichen zu verbergen, obwohl man sie der Gefährlichkeit wegen oft gewarnt hat. Ich wurde vorsichtiger, bis ich jenen Scheinangler zu Gesicht bekam, wie ich bereits Mabel erzählt habe, wo dann das Ganze ihrer höllischen Künste so klar vor mir lag, als hätte ich’s auf dem Papier. Ich brauch‘ Euch nicht zu erzählen, Sergeant, daß ich zuerst an Mabel dachte, und daß ich, sobald ich fand, sie sei im Blockhaus, hierher kam, um mit ihr zu leben oder zu sterben.«

Der Vater warf seinem Kind einen zufriedenen Blick zu, und Mabel fühlte ein Herzweh, das sie in einem solchen Augenblick, wo sie gewünscht hätte, ihre ganze Sorge nur auf die Lage ihres Vaters zu verwenden, nicht für möglich gehalten hätte. Als der Verwundete die Hand gegen sie ausstreckte, ergriff sie diese und bedeckte sie mit Küssen.

Dann kniete sie an seiner Seite nieder und weinte, als ob ihr das Herz brechen wollte.

»Mabel«, sagte er fest, »der Wille des Herrn geschehe. Es ist vergeblich, dich oder mich selbst täuschen zu wollen; meine Stunde ist gekommen, und es ist mir ein Trost, wie ein Soldat zu sterben. Lundie wird mir Gerechtigkeit widerfahren lassen; denn unser Freund Pfadfinder wird ihm sagen, was geschehen und wie alles so gekommen ist. Du wirst unser letztes Gespräch nicht vergessen haben?«

»Ach, Vater, auch meine Stunde ist wahrscheinlich gekommen!« rief Mabel, der in diesem Augenblick der Tod als ein Bote des Trostes erschienen wäre; »ich hab‘ keine Hoffnung zu entkommen, und Pfadfinder würde besser tun, uns zu verlassen und mit den traurigen Neuigkeiten in die Garnison zurückzukehren, solange es ihm noch möglich ist.«

»Mabel Dunham«, sagte Pfadfinder vorwurfsvoll, obgleich er mit Güte ihre Hand faßte, »ich habe das nicht verdient. Ich weiß, ich bin wild, rauh, unbehilflich –«

»Pfadfinder!«

»Nun, wir wollen’s vergessen; Sie haben es nicht so gemeint, Sie können so was nicht denken. Es ist jetzt nutzlos, von Flucht zu reden, denn der Sergeant kann nicht von der Stelle, und das Blockhaus muß verteidigt werden, kost‘ es, was es wolle. Vielleicht erhält Lundie Nachricht von unserm Unglück und schickt uns Mannschaft, um die Belagerung aufzuheben.«

»Pfadfinder – Mabel!« sagte der Sergeant, der sich vor Schmerzen wand, bis ihm der kalte Schweiß auf der Stirn stand; »kommt beide an meine Seite. Ihr versteht einander, hoffe ich?«

»Vater, sprecht nicht davon. Es ist alles, wie Ihr’s wünscht.«

»Gott sei Dank! Gib mir deine Hand, Mabel – hier, Pfadfinder, nehmt sie. Ich kann nicht mehr tun, als Euch das Mädel auf diese Weise geben. Ich weiß, Ihr werdet ihr ein liebevoller Gatte sein. Verschiebt es nicht wegen meines Todes. Vor dem Eintritt des Winters wird ein Geistlicher in dem Fort eintreffen! laßt Euch dann zusammengeben. Mein Schwager, wenn er noch am Leben ist, wird sich nach dem Meer zurücksehnen, und dann wird das Kind keinen Beschützer haben. Mabel, dein Gatte ist mein Freund gewesen, das wird dir, hoff‘ ich, zu einigem Trost gereichen.«

»Überlaßt diese Sache mir, Sergeant«, warf Pfadfinder ein; »sie ist, wie Euer letzter Wunsch, wohlverwahrt in meinen Händen, und verlaßt Euch drauf, daß alles gehen wird, wie es soll.«

»Es ist recht so; ich setze mein ganzes Vertrauen auf dich, treuer Freund, und ermächtige dich, in allen Stücken zu handeln, wie ich es tun würde. Mabel, Kind – reiche mir das Wasser – du wirst diese Nacht nie bereuen. Gott segne dich, meine Tochter! Gott segne dich und bewahre dich unter seinem heiligen Schutz!«

Diese zärtliche Sorge machte einen unaussprechlich tiefen Eindruck auf Mabels Gefühle, und es war ihr in diesem Augenblick, als ob ihre künftige Verbindung mit Pfadfinder eine Weihe empfangen hätte, die keine kirchliche Zeremonie hätte erhöhen können. Aber doch lag eine Bergeslast auf ihrem Herzen, und sie würde den Tod für ein Glück gehalten haben. Es folgte nun eine kurze Pause, worauf der Sergeant in gebrochenen Sätzen kurz erzählte, wie es ihm gegangen, seit er sich vom Pfadfinder und dem Delawaren getrennt hatte. Der Wind war günstiger geworden, und statt, wie es im Anfang seine Absicht war, auf einer Insel zu lagern, hatte er sich entschlossen, weiterzufahren, um schon in der Nacht die Station zu erreichen. Ihre Annäherung würde, wie er glaubte, nicht bemerkt, und ein Teil des Unglücks verhütet worden sein, wenn sie nicht an der Spitze einer benachbarten Insel auf den Grund gelaufen wären, wo ohne Zweifel der Lärm, den seine Leute beim Aufbringen des Bootes gemacht, ihre Nähe verraten und den Feind in den Stand gesetzt hatte, sich zu ihrem Empfang vorzubereiten. Sie waren ohne die mindeste Ahnung einer Gefahr gelandet, obschon sie das Fehlen einer Schildwache überraschte, und ihre Waffen in den Booten gelassen, um zuvor ihre Tornister und Mundvorräte auszuschiffen. Das feindliche Feuer war so nahe, daß ungeachtet der Dunkelheit fast jeder Schuß tödlich wurde. Alle waren gefallen, obgleich sich nachher zwei oder drei wieder erhoben und verschwanden. Vier oder fünf Soldaten blieben tot auf dem Platze oder waren doch so verwundet, daß sie nur noch wenige Minuten lebten; doch eilte der Feind aus einem unbekannten Grunde nicht wie gewöhnlich herbei, um sich der Skalpe zu bemächtigen. Sergeant Dunham fiel mit den anderen. Mabels Stimme zu der Zeit, als sie das Blockhaus verlassen hatte, war zu seinen Ohren gedrungen, und dieser Ruf der Verzweiflung, der alle seine väterlichen Gefühle aufregte, hatte ihn in den Stand gesetzt, bis an die Tür des Gebäudes zu kriechen, wo er sich auf die bereits erwähnte Weise an dem Gebälk aufrichtete.

Nach dieser einfachen Auseinandersetzung fühlte sich der Sergeant so schwach, daß er der Ruhe bedurfte, und seine Gefährten verhielten sich, während sie auf seine Pflege bedacht waren, eine Weile schweigend. Pfadfinder nahm diese Gelegenheit wahr, durch die Schießscharten und vom Dach herab auszuspähen und untersuchte den Zustand der Büchsen, von denen sich ungefähr ein Dutzend im Gebäude befanden, da sich die Soldaten bei ihrem Ausflug der Musketen des Regiments bedient hatten. Mabel jedoch verließ ihren Vater keinen Augenblick, und wenn sie aus seinem Atmen vermutete, er schlafe, so fiel sie auf ihre Knie nieder und betete.

Die nächste halbe Stunde verfloß in feierlicher Stille. Man hörte im oberen Stock kaum den Mokassin des Pfadfinders und wie er hin und wieder einen Büchsenschaft auf dem Boden aufstellte, denn er war geschäftig, sich die Sicherheit zu verschaffen, daß die Ladungen und Schlösser der Gewehre in Ordnung seien. Außer diesem ließ sich nichts als das Atmen des Verwundeten vernehmen. Aber Dunham schlief nicht. Er war in jenem Zustand, wo die Welt plötzlich ihre Reize, ihre Täuschungen und ihre Macht verliert, und eine unbekannte Zukunft die Seele mit Ahnungen, Lichtblicken und ihrer ganzen Unendlichkeit erfüllt. Er war für einen Soldaten ein sittlicher Mann gewesen, hatte aber wenig über diesen allerwichtigsten Lebensabschnitt nachgedacht. Hätte der Schlachtenruf in seinem Ohr geklungen, so hätte das kriegerische Feuer bis zu seinem Ende ausdauern mögen; hier aber, im Schweigen des fast unbewohnten Blockhauses, ohne irgendeinen belebenden Ton, ohne einen Aufruf, um erkünstelte Gefühle rege zu erhalten, ohne die Hoffnung eines zu erringenden Sieges – fingen die Dinge nun an, ihm in ihren wahren Farben zu erscheinen, und er lernte den Zustand des Daseins in seinem eigentlichen Wert würdigen. Auch fühlte er die volle Verantwortlichkeit eines Vaters, und es kamen ihm einige Gewissensbisse über die Art, mit der er sich seiner Pflichten gegen die arme Waise entledigt hatte. Während derartige Gedanken seine Seele beschäftigten und Mabel auf die leichteste Veränderung in seinem Atem achtete, vernahm sie ein leises Pochen an der Tür. Sie dachte, es möchte von Chingachgook herrühren, stand auf, entfernte zwei Querbalken und fragte, den dritten in ihrer Hand, wer draußen sei. Die Stimme ihres Onkels antwortete und bat um augenblicklichen Einlaß. Ohne die mindeste weitere Zögerung drehte sie den dritten Riegel zurück, und Cap trat ein. Er war kaum durch die Öffnung geschlüpft, als Mabel die Tür wieder so fest wie vorher verschloß, denn die Übung hatte sie mit diesem Teil ihrer Obliegenheit vertraut gemacht.

Als der rauhe Seemann die Lage seines Schwagers erfuhr und sich selbst sowohl als Mabel gerettet sah, wurde er fast zu Tränen bewegt. Sein eigenes Erscheinen erklärte er dadurch, daß er sorglos bewacht worden sei, weil man glaubte, daß er und der Quartiermeister unter dem Einfluß der geistigen Getränke schliefen, die man ihnen in der Absicht, sie bei dem bevorstehenden Geschäft ruhig zu erhalten, in Menge vorgesetzt hatte. Muir schlief oder schien zu schlafen, als sich Cap während der Unruhe des Angriffs in das Gebüsch flüchtete, wo er Pfadfinders Kahn fand und es ihm endlich gelang, das Blockhaus zu erreichen, von wo aus er seine Nichte zu Wasser zu entführen beabsichtigte.

»Wenn es zum Schlimmsten kommt, Meister Pfadfinder«, sagte er, »so müssen wir eben die Flagge streichen, und das wird uns einen Anspruch auf Pardon geben. Wir sind es unserer Mannheit schuldig, uns so lange als tunlich zu halten; für uns selbst aber haben wir die Verpflichtung, die Flagge niederzuhalten, wenn es noch Zeit ist, anständige Bedingungen zu machen. Ich wünschte, Herr Muir sollte dasselbe tun, als wir von diesen Burschen, die Ihr Landstreicher nennt, gefangen wurden – ja, sie heißen mit Recht so, denn elendere Landstreicher gibt es nicht auf der Erde –«

»Ihr habt ihren Charakter jetzt kennengelernt?« unterbrach ihn Pfadfinder, der immer bereit war, ebensogut in die Schmähungen gegen die Mingos wie in das Lob seiner Freunde einzustimmen. »Ja, wenn Ihr in die Hände der Delawaren gefallen wärt, so würdet Ihr wohl einen Unterschied gefunden haben.«

»Ach, mir schienen sie ganz von derselben Art zu sein, Halunken hinten und vorn, natürlich Euren Freund, die Schlange, ausgenommen, der ein wahrer Gentleman von einem Indianer ist. Aber als diese Wilden ihren Ausfall auf uns machten und den Korporal M’Nab und seine Leute wie die Hasen niederschossen, nahmen wir – der Quartiermeister und ich – unsere Zuflucht zu einer der Höhlen dieser Insel, von denen es viele unter den Felsen gibt – regelmäßige, geologische Unterhöhlungen durch das Wasser, wie der Leutnant sagt –, und da blieben wir eingestaut wie zwei Belagerte in einem Schiffsraum, bis uns der Mangel an Nahrung heraustrieb. Man kann sagen, die Nahrung sei das Fundament der Menschennatur. Ich verlangte von dem Quartiermeister, er solle Bedingungen machen, denn wir hätten uns auf dem Platze, so schlecht er auch war, ein oder zwei Stunden verteidigen können; aber er lehnte es ab, weil diese Schurken doch nicht Wort halten würden, wenn man einen von ihnen verwundete, und so war also von Unterhandlungen keine Rede. Ich gab aus zwei Gründen meine Einwilligung zum Streichen; erstens da man von uns sagen konnte, wir hätten bereits gestrichen, denn das Laufen nach unten wird schon im allgemeinen für ein Aufgeben des Schiffes betrachtet, und zweitens hatten wir einen Feind in unserm Magen, dessen Angriffe furchtbarer waren als der Feind auf dem Verdeck. Der Hunger ist ein verdammter Umstand, wie jeder zugeben wird, der sich achtundvierzig Stunden mit ihm ‚rumgeschlagen hat.«

»Onkel!« sagte Mabel mit trauriger Stimme und bittender Gebärde, »mein armer Vater ist schwer, schwer verwundet!«

»Du hast recht, Magnet; du hast recht; ich will mich zu ihm setzen und mein Bestes tun, ihn zu trösten. Sind die Balken gut vorgelegt, Mädel? Denn bei einer solchen Gelegenheit muß der Geist ruhig und ungestört sein.«

»Ich glaube, wir sind vor allem sicher, nur nicht vor diesem schweren Schlag des Schicksals.«

»Gut also, Magnet; geh in den oberen Stock hinauf und versuch, dich zu sammeln, indes der Pfadfinder über dem Verdeck patrouilliert und von dem Mastbaumkreuzen seinen Lugaus nimmt. Dein Vater will mir was anvertrauen, und es wird gut sein, wenn du uns allein läßt. Das sind feierliche Momente, und so unerfahrene Leute, wie ich, haben’s nicht gerne, daß man alles hört, was sie sagen.«

Obgleich Mabel nie der Gedanke gekommen war, daß ihr Onkel an der Seite eines Sterbebettes von den Tröstungen der Religion Gebrauch machen würde, so glaubte sie doch, daß er irgendeinen besonderen Grund zu dieser Bitte habe, der ihr unbekannt sei, und fügte sich deshalb darein. Pfadfinder hatte bereits das Dach bestiegen, um sich in der Gegend umzusehen, und die beiden Schwäger blieben allein. Cap setzte sich an die Seite des Sergeanten und sann ernstlich über die wichtige Pflicht nach, die er zu erfüllen hatte. Einige Minuten herrschte tiefes Schweigen, während der Seemann den Entwurf seiner beabsichtigten Rede überdachte.

»Ich muß sagen, Sergeant Dunham«, begann Cap endlich in seiner eigentümlichen Weise, »daß in diesem unglücklichen Zug eine schlechte Führung stattgefunden hat, und da wir nun Gelegenheit haben, die Wahrheit – und nichts als die Wahrheit – auszusprechen, so halt‘ ich’s für meine Pflicht, dieses unumwunden zu tun. Mit einem Wort, Sergeant – über diesen Punkt kann es nicht wohl zwei Meinungen geben; denn obgleich ich nur ein Seemann und kein Soldat bin, so kann ich doch selbst mehrere Fehler entdecken, deren Auffindung gerade keiner besondern Vorstudien bedarf.«

»Was willst du damit, Bruder Cap?« erwiderte der andere mit schwacher Stimme. »Was geschehen ist, ist geschehen; und es ist jetzt zu spät, es zu ändern.«

»Sehr wahr, Bruder Dunham; aber nicht, es zu bereuen. Das Gute Buch sagt uns, daß die Reue nie zu spät kommt, und ich hab‘ immer gehört, ein Augenblick, wie der gegenwärtige, sei der kostbarste zu einem solchen Geschäft. Wenn du was auf deiner Seele hast, Sergeant, so gib’s los, denn du weißt, daß du dich einem Freund anvertraust. Du bist meiner Schwester Mann gewesen, und die arme kleine Magnet ist meiner Schwester Tochter; magst du nun am Leben bleiben oder sterben, so werd‘ ich dich immer wie einen Bruder betrachten. Es ist jammerschade, daß du nicht mit den Booten liegen bliebst und einen Kahn zum Rekognoszieren vorausschicktest, du würdest dann deine Leute gerettet und diesen Unfall von unseren Häuptern abgewendet haben. Nun, Sergeant, wir sind alle sterblich – das ist ohne Zweifel einiger Trost, und wenn du auch vorangehst, so kommt doch die Reihe bald an uns. Ja, das muß dir zum Trost gereichen.«

»Ich weiß das alles, Bruder Cap, und hoffe, ich bin vorbereitet, das Schicksal eines Soldaten zu erfüllen; – aber die arme Mabel –«

»Ja, ja, das treibt schwer vor Anker, ich weiß; aber du möchtest sie doch nicht mitnehmen, wenn du auch könntest, Sergeant, und so ist es besser, sich die Trennung so leicht wie möglich zu machen. Mabel ist ein gutes Mädel, wie ehedem ihre Mutter; sie war meine Schwester, und ich will dafür sorgen, daß ihre Tochter einen braven Mann bekommt, wenn wir mit dem Leben und unsern Skalpen davonkommen: Denn ich denke, daß es niemand drum zu tun sein würde, in eine Familie, die keine Skalpe hat, reinzuheiraten.«

»Bruder, mein Kind ist versprochen; sie wird das Weib des Pfadfinders werden.«

»Nun, Bruder Dunham, jeder hat seine besonderen Begriffe und Lebensansichten, und der Handel kann, wie mir vorkommt, Mabel nichts weniger als angenehm sein. Ich hab‘ nichts gegen das Alter des Mannes einzuwenden, denn ich gehör‘ nicht zu denen, die es für nötig halten, daß man ein Knabe sein muß, um ein Mädchen glücklich zu machen, sondern halt‘ im allgemeinen einen Fünfziger für den geeignetsten Ehemann; aber es darf kein Umstand zwischen den Parteien obwalten, der sie unglücklich machen könnte. Im Ehestand sind Umstände des Teufels, und es kommt mir fast als ein solcher vor, daß der Pfadfinder nicht soviel Kenntnisse hat wie meine Nichte. Du hast nur wenig von dem Mädel gesehen, Sergeant, und bist mit dem Umfang ihres Wissens nicht bekannt; aber sie soll ihn einmal auskramen, sie soll ihn dir durch und durch zeigen, und du wirst mir beistimmen, daß nur wenige Schulmeister mit ihr Luv halten können.«

»Sie ist ein gutes Kind, ein liebes, gutes Kind«, flüsterte der Sergeant mit tränenfeuchtem Auge; »und es ist mein Mißgeschick, daß ich nur so wenig von ihr gesehen habe.«

»Sie ist, bei Gott! ein gutes Mädel und weiß viel zuviel für den armen Pfadfinder, der zwar in seiner Weise ein ganz vernünftiger und erfahrener Mann ist, aber von der Hauptsache nichts weiter versteht, als du von der sphärischen Trigonometrie, Sergeant.«

»Ach, Bruder Cap, wär‘ der Pfadfinder bei uns in den Booten gewesen, so hätt’s wahrscheinlich nicht diesen traurigen Ausgang genommen.«

»Das ist wohl möglich, denn sein ärgster Feind muß ihm nachsagen, daß er ein guter Kundschafter ist. Aber, Sergeant, die Wahrheit zu sagen, du hast diese Expedition ziemlich auf die leichte Achsel genommen. Du hättest vor dem Hafen bleiben und ein Rekognoszierboot ausschicken sollen, wie ich dir vorhin gesagt habe. Das ist eine Sache, die du bereuen solltest; und ich sag’s dir, weil man in einem solchen Falle die Wahrheit sprechen muß.«

»Meine Verirrungen sind mir teuer zu stehen gekommen, Bruder; und ich fürchte, die arme Mabel wird es auszubaden haben. Doch ich glaube, daß uns das Unglück nicht begegnet wäre, wenn nicht Verrat die Hand im Spiele gehabt hätte. Ich fürchte, Bruder, es ist ein Streich von Eau-douce.«

»Das ist auch meine Ansicht, denn dieses Frischwasserleben muß früher oder später die Sittlichkeit eines jeden untergraben. Leutnant Muir und ich haben viel über diesen Gegenstand gesprochen, während wir da draußen in einem Stückchen Höhle lagen, und wir kamen beide zu dem Schluß, daß nur Jaspers Verräterei uns alle in diese höllische Klemme gebracht hat. Doch, Sergeant, es ist besser, du sammelst deinen Geist und denkst an andere Gegenstände, denn wenn ein Fahrzeug im Begriff ist, in einen fremden Hafen einzufahren, so ist es klüger, an den Ankergrund drinnen zu denken, als sich durch Betrachtung aller Begebnisse während der Reise stören zu lassen. Solche Dinge aufzuzeichnen, ist das Logbuch ausdrücklich vorhanden, und was in dem steht, bildet die Spalten, die für oder gegen uns sprechen. – Nun, Pfadfinder, was gibt’s? Ist was gegen uns in dem Wind, daß Ihr die Leiter herunterkommt, wie ein Indianer in dem Kielwasser eines Skalps?«

Der Kundschafter winkte mit dem Finger zu schweigen, und er bedeutete Cap, daß er die Leiter hinaufsteigen und seinen Platz an der Seite des Sergeanten Mabel einräumen solle.

»Wir müssen klug, aber auch zugleich kühn sein«, sagte er leise. »Dieses Gezücht macht Ernst mit seiner Absicht, das Blockhaus anzuzünden, denn sie wissen, daß jetzt nichts mehr zu gewinnen ist, wenn sie es stehen lassen. Ich hörte die Stimme des Strolches Pfeilspitze unter ihnen, der sie antrieb, ihre Teufelei noch in dieser Nacht auszuführen. Wir müssen rührig sein, Salzwasser, und tätig dazu. Zum Glück sind vier oder fünf Tonnen mit Wasser in dem Blockhaus, und das ist schon ein bißchen was bei einer Belagerung. Auch müßt‘ ich mich sehr verrechnen, wenn wir nicht noch einigen Vorteil aus dem Umstand ernten könnten, daß der ehrliche Chingachgook in Freiheit ist.«

Cap ließ sich nicht zweimal auffordern, sondern schlich sich weg und war bald mit Pfadfinder in dem oberen Raum, indem Mabel seine Stelle an dem ärmlichen Lager ihres Vaters einnahm. Pfadfinder öffnete, nachdem er das Licht so weit verborgen hatte, daß es ihn keinem verräterischen Schuß aussetzen konnte, eine Schießscharte, und hielt, da er eine Aufforderung erwartete, sein Gesicht an die Öffnung, um sogleich antworten zu können. Die nun folgende Stille wurde endlich durch Muirs Stimme unterbrochen.

»Meister Pfadfinder«, rief der Schotte, »ein Freund fordert Euch zu einer Besprechung auf. Kommt ohne Scheu an eine der Öffnungen, denn Ihr habt nichts zu fürchten, solang‘ Ihr mit einem Offizier des Fünfundfünfzigsten verhandelt.«

»Was begehren Sie, Quartiermeister? Was wollen Sie? Ich kenne das Fünfundfünfzigste und glaube, daß es ein braves Regiment ist, obgleich ich’s mit dem Sechzigsten lieber zu tun habe, und am allerliebsten mit den Delawaren. Aber was verlangen Sie von mir, Quartiermeister? Es muß eine dringende Botschaft sein, die Sie zu dieser Stunde der Nacht unter die Schießscharten eines Blockhauses bringt, in dessen Innerem, wie Sie wissen, der Wildtod ist.«

»Oh, ich weiß gewiß, daß Ihr einem Freund kein Leid tun werdet, und das ist meine Beruhigung. Ihr seid ein Mann von Verstand und habt Euch durch Eure Tapferkeit einen zu großen Namen an der Grenze erworben, als daß Ihr es für nötig halten könntet, ihn durch Tollkühnheit in Ehren zu erhalten. Ihr werdet wohl einsehen, mein guter Freund, daß man, wenn Widerstand unmöglich ist, durch eine freiwillige Unterwerfung ebensoviel Achtung gewinnen kann wie durch ein hartnäckiges, gegen alle Kriegsregeln laufendes Ausharren. Der Feind ist zu stark für uns, mein wackerer Kamerad, und ich komme, Euch zu raten, das Blockhaus zu übergeben unter der Bedingung, als Kriegsgefangener behandelt zu werden.«

»Ich dank‘ Ihnen für diesen Rat, Quartiermeister, der um so annehmlicher ist, da er nichts kostet; aber ich glaube, es gehört nicht zu meinen Gaben, einen solchen Platz aufzugeben, solange Proviant und Wasser da ist.«

»Gut, ich würde der letzte sein, Pfadfinder, der gegen ein solches mutiges Vorhaben irgendwas zu erinnern hätte, wenn ich die Möglichkeit seiner Ausführung einsehen könnte. Aber Ihr werdet wissen, daß Meister Cap gefallen ist.«

»Ah, bewahre«, krächzte Cap durch eine andere Schießscharte; »er ist so wenig gefallen, Leutnant, daß er vielmehr zu der Höhe dieser Befestigung gestiegen ist und nicht im Sinn hat, seinen Kopf wieder in die Hände solcher Barbiere zu geben, solange er’s ändern kann. Ich betrachte dieses Blockhaus als einen Umstand und denke nicht daran, ihn von mir zu werfen.«

»Wenn das die Stimme eines Lebenden ist«, erwiderte Muir, »so freut mich’s, sie zu vernehmen; denn wir alle glauben, der Mann, dem sie angehört, sei in der letzten schrecklichen Verwirrung gefallen. Aber Meister Pfadfinder, obgleich Ihr Euch der Gesellschaft Eures Freundes Cap erfreut, was großes Vergnügen gewährt, wie ich aus Erfahrung weiß, da ich zwei Tage und zwei Nächte mit ihm in einer Höhle unter der Erde zubrachte, so haben wir doch den Sergeanten Dunham verloren, der mit allen Tapferen gefallen ist, die er in der letzten Expedition anführte. Lundie wollte es so haben, obschon es vernünftiger und passender gewesen wäre, einem wirklichen Offizier das Kommando zu übertragen. Dunham war aber trotzdem ein braver Soldat; Ehre seinem Andenken! Kurz, wir haben alle unser Bestes getan, und mehr läßt sich selbst zugunsten des Prinzen Eugen oder des Herzogs von Marlborough nicht sagen.«

»Sie sind wieder irrig daran, Quartiermeister, Sie sind wieder irrig daran«, antwortete Pfadfinder, indem er, um der Stärke seiner Verteidigungsmittel mehr Achtung zu verschaffen, zu einer List seine Zuflucht nahm. »Der Sergeant ist gleichfalls wohlbehalten im Blockhaus und daher sozusagen die ganze Familie beieinander.«

»Gut – es freut mich, das zu hören, denn wir hatten den Sergeanten zuverlässig zu den Erschlagenen gezählt. Aber wenn die schöne Mabel noch in dem Blockhaus ist, so laßt sie nur um des Himmels willen keinen Augenblick mehr darin bleiben, denn der Feind ist im Begriff, das Gebäude der Feuerprobe zu unterwerfen. Ihr kennt die Macht dieses fürchterlichen Elements und werdet mehr als der verständige, erfahrene Krieger handeln, für den man Euch allgemein betrachtet, wenn Ihr einen Platz aufgebt, den Ihr nicht verteidigen könnt, als wenn Ihr Eure Gefährten in Euern Untergang mit hereinzieht.«

»Ich kenne die Macht des Feuers, wie Sie es nennen, Quartiermeister, und brauch‘ mir nicht erst sagen zu lassen, daß es sich auch noch zu was anderem als zum Kochen des Mittagessens benutzen läßt. Ich zweifle jedoch nicht, daß auch Sie was von der Macht des Wildtodes gehört haben, und der Mann, der es wagt, einen Reisbündel an diese Balken zu legen, soll was davon zu kosten kriegen. Was die Pfeile anbelangt, so gehört es nicht zu ihren Gaben, dieses Gebäude in Brand zu stecken, denn wir haben keine Schindeln auf unserem Dach, sondern gute, kernige Klötze und grüne Rinde; außerdem Wasser die Fülle. Auch ist das Dach so flach, daß wir darauf herumgehen können, wie Sie wohl wissen, Quartiermeister, und so hat’s also von dieser Seite keine Gefahr, solange das Wasser ausreicht. Ich bin friedlich genug, wenn man mich zufrieden läßt; wer’s aber versucht, dieses Blockhaus über meinem Kopf anzuzünden, der soll finden, daß sich das Feuer in seinem Blut kühlen wird.«

»Das sind unnütze und romanhafte Reden, Pfadfinder, und Ihr werdet sie selbst nicht festhalten, wenn Ihr über die Wirklichkeit nachdenkt. Ich hoffe, Ihr werdet gegen die Loyalität und den Mut des Fünfundfünfzigsten nichts einzuwenden haben, und ich bin überzeugt, daß sich ein Kriegsrat unverzüglich zu einer Übergabe entschließen würde. Nein, nein, Pfadfinder, Tollkühnheit ist der Tapferkeit eines Wallace oder Bruce nicht ähnlicher als Albany am Hudson der alten Stadt Edinburgh.«

»Da ein jeder von uns mit sich im reinen zu sein scheint, so sind weitere Worte fruchtlos. Wenn dieses Gewürm in ihrer Nähe Lust hat, sein höllisches Werk auszuführen, so soll’s bloß mal anfangen. Sie können Holz und ich Pulver verbrennen. Wenn ich ein Indianer am Pfahl wäre, so glaub‘ ich, ich könnte ebensogut prahlen wie die übrigen; aber meine Natur und meine Gaben sind die eines Weißen, und ich halt‘ es daher lieber mit Handlungen als mit Worten. Sie haben nun für einen Offizier in des Königs Dienst genug gesagt; und sollten wir auch alle von den Flammen verzehrt werden, so wird niemand von uns Ihnen einen Groll nachtragen.«

»Pfadfinder, Ihr werdet doch Mabel, die schöne Mabel Dunham, nicht einem solchen Unglück aussetzen wollen?«

»Mabel Dunham ist an der Seite ihres Vaters, und Gott wird für die Sicherheit eines frommen Kindes Sorge tragen. Kein Haar soll von ihrem Haupt fallen, solange mir Arm und Auge treu bleibt. Mögen Sie immer auf die Mingos Ihr Vertrauen setzen, Herr Muir, ich wenigstens tue es nicht. Sie haben dort einen schurkischen Tuscarora in Ihrer Gesellschaft, der Bosheit und Verschlagenheit genug besitzt, die Ehre eines jeden Stammes, zu dem er sich hält, zu vernichten, obgleich er, wie ich fürchte, die Mingos hinlänglich verderbt gefunden hat. Doch kein Wort mehr; mag jede Partei nun von ihren Mitteln und Gaben Gebrauch machen.«

Während des ganzen Gesprächs hatte der Pfadfinder seinen Körper gedeckt gehalten, damit ihn kein verräterischer Schuß durch die Schießscharte treffe, und nun gab er Cap die Weisung, auf das Dach zu steigen, um zur Begegnung des ersten Angriffs bereit zu sein. Obgleich der letztere so ziemlich an Eile gewöhnt war, so fand er doch wenigstens schon zehn flammende Pfeile in der Rinde stecken, indes die Luft von den gellenden Tönen des feindlichen Kriegsgeschreis erfüllt wurde. Darauf folgte ein rasches Büchsenfeuer und die Kugeln knatterten gegen die Holzstämme, so daß es deutlich war, der Kampf habe allen Ernstes begonnen.

Dies waren jedoch Töne, die weder Pfadfinder noch Cap erschreckten, und Mabel war zu sehr in ihren Kummer vertieft, um Unruhe zu fühlen. Auch war sie verständig genug, die Natur der Verteidigungsmittel zu verstehen und ihre Wirksamkeit zu würdigen. In dem Sergeanten jedoch weckte dieser Lärm wieder neues Leben, und mit Wehmut bemerkte in diesem Augenblick sein Kind, daß das matte Auge abermals zu leuchten begann und das Blut in die erblaßten Wangen zurückkehrte, als er diesen Aufruhr vernahm. Mabel bemerkte jetzt zum erstenmal, daß sein Geist anfing, irre zu werden.

»Leichte Kompagnien vor!« flüsterte er. »Grenadiere, Feuer! Wagen sie’s, uns in unserm Fort anzugreifen? Warum gibt die Artillerie nicht Feuer auf sie?«

In diesem Augenblick ließ sich der dumpfe Knall eines schweren Geschützes durch die Nacht vernehmen. Man hörte das Krachen des zersplitterten Holzes, als eine schwere Kugel die Stämme des oberen Raumes zerriß, und das ganze Blockhaus erbebte unter der Gewalt einer Bombe, die in das Haus gedrungen war. Der Pfadfinder entging kaum diesem schrecklichen Geschoß; aber als es platzte, konnte Mabel einen Ruf des Schreckens nicht unterdrücken, da sie alles Lebende und Leblose über ihrem Haupt für zerstört hielt. Um ihr Entsetzen zu vermehren, rief ihr Vater mit wütender Stimme: »Zum Angriff!«

»Mabel«, rief Pfadfinder durch die Falltür herunter, »das ist echte Mingoarbeit – mehr Lärm als Schaden. Die Landstreicher haben sich der Haubitze, die wir den Franzosen abnahmen, bemächtigt und sie gegen das Blockhaus abgefeuert. Zum Glück haben sie jetzt die einzige Bombe, die wir hatten, verschossen, und es ist nun nichts Derartiges mehr zu fürchten. Es ist dadurch zwar einige Verwirrung in die Vorräte dieses Stockwerks gekommen, aber niemand ist verletzt. Ihr Onkel ist noch auf dem Dach, und was mich anbelangt, so hab‘ ich schon zu oft im Kugelregen gestanden, um mich durch ein Ding wie ’ne Haubitze einschüchtern zu lassen, und dazu noch in den Händen von Indianern.«

Mabel flüsterte ihren Dank und versuchte es, ihre ganze Aufmerksamkeit auf ihren Vater zu wenden, der immer aufstehen wollte und nur durch seine Schwäche davon abgehalten wurde. Während der schrecklichen Minuten, die nun folgten, war sie so sehr mit der Pflege des Kranken beschäftigt, daß sie kaum des Geschreis achtete, das rundherum tobte. Der Aufruhr war aber auch so groß, daß, hätten ihre Gedanken nicht eine andere Richtung genommen, wahrscheinlich eher Verwirrung des Verstandes als Entsetzen die Folge gewesen wäre.

Cap entwickelte eine bewunderungswürdige Besonnenheit. Er hatte allerdings einen großen und sich immer steigernden Respekt vor der Macht der Wilden und der Majestät des Frischwassers; aber alle seine Befürchtungen vor den Wilden gingen mehr von der Scheu, skalpiert und gemartert zu werden, als von einer unmännlichen Todesfurcht aus. Da er nun, wenn auch nicht auf dem Verdeck eines Schiffes, so doch auf dem Verdeck eines Hauses stand und wußte, daß ein Entern nicht zu befürchten war, so bewegte er sich mit einer Furchtlosigkeit und einer tollkühnen Gefährdung seiner Person hin und her, die der Pfadfinder, wenn er sie bemerkt hätte, zuerst getadelt haben würde. Statt nach der Gewohnheit des Indianerkriegs seinen Körper gedeckt zu halten, zeigte er sich an jeder Stelle des Daches und goß rechts und links mit jener Beharrlichkeit und Unbesorgtheit Wasser aus, mit der ein Segelsetzer seine Kunst in einer Seeschlacht ausgeübt hätte. Seine Erscheinung war eine der Ursachen des außerordentlichen Geschreis unter den Angreifenden, die, nicht daran gewöhnt, ihre Feinde so unbekümmert zu sehen, ihre Zungen gegen ihn schießen ließen wie eine Meute Hunde, die den Fuchs im Auge haben. Er schien jedoch ein durch Zauber geschütztes Leben zu besitzen, denn obgleich die Kugeln von allen Seiten um ihn pfiffen und seine Kleider verschiedene Male durchbohrten, so konnte ihm doch keine die Haut ritzen. Als die Bombe weiter unten durch die Balken drang, ließ der alte Seemann seinen Eimer fallen, schwenkte seinen Hut und ließ drei Hurras erschallen, und gerade während dieses heroischen Aktes platzte das gefährliche Geschoß. Diese charakteristische Tat rettete wahrscheinlich sein Leben; denn von diesem Augenblick an ließen die Indianer nach, auf ihn zu feuern oder ihre flammenden Pfeile nach dem Blockhaus zu schießen, da sie gleichzeitig und übereinstimmend die Überzeugung gewannen, daß das »Salzwasser« toll sei; und es ist ein eigentümlicher Zug ihrer Großmut, daß sie nie Hand an jene legten, deren Verstand sie verwirrt glaubten.

Pfadfinders Benehmen war sehr verschieden. Was er tat, geschah mit der genauesten Berechnung – eine Folge langjähriger Erfahrung und gewohnter Besonnenheit. Er hielt sich sorgfältig aus den Linien der Schießscharten, und der Ort, den er zu seinem Lugaus gewählt hatte, war keiner Gefahr ausgesetzt. Man wußte von diesem berühmten Kundschafter, daß er oft, wo nichts mehr zu hoffen war, einen glücklichen Ausweg gefunden hatte: daß er schon einmal am Pfahl stand und die Grausamkeiten und Hohnworte des wilden indianischen Witzes ohne einen Klagelaut erduldete. Erzählungen von seinen Taten, von seiner Besonnenheit und seiner Kühnheit waren an der ganzen weiten Grenze, wo nur immer Menschen wohnten und Menschen kämpften, im Umlauf. Aber bei dieser Gelegenheit hätte einer, der seine Geschichte und seinen Charakter nicht kannte, der außerordentlichen Vorsicht und der großen Aufmerksamkeit auf seine Selbsterhaltung einen unwürdigen Beweggrund unterschieben können. Ein solcher Richter hätte jedoch den Mann nicht verstanden. Der Pfadfinder dachte an Mabel und an die wahrscheinlichen Folgen, denen das arme Mädchen ausgesetzt wäre, wenn ihm selbst ein Unfall begegnete; aber dieser Gedanke – statt seine gewohnte Klugheit zu ändern, schärfte eher seine geistigen Kräfte. Er war wirklich einer von denen, die Furcht so wenig kennen, daß sie gar nicht daran denken, was andere von ihrem Benehmen denken mögen. Aber wenn er in Augenblicken der Gefahr mit der Klugheit der Schlange handelte, so tat er es auch mit der Einfalt eines Kindes.

Während der ersten zehn Minuten des Angriffs erhob Pfadfinder nie den Schaft seiner Büchse von dem Boden, als wenn er seine Stellung wechselte, denn er wußte wohl, daß die feindlichen Kugeln gegen die dicken Holzstämme des Werks vergeblich abgeschossen waren; und da er bei Wegnahme der Haubitze mit tätig gewesen, so konnte er der festen Überzeugung leben, daß die Wilden keine andere Bombe besäßen als jene, die sich in dem genommenen Mörser befunden hatte. Es war daher kein Grund vorhanden, das Feuer der Angreifenden zu fürchten, wenn nicht zufällig eine Kugel durch die Öffnung einer Schießscharte flog. Dies kam ein- oder zweimal vor, aber die Kugeln waren unter einem Winkel eingedrungen, der sie unschädlich machte, solange sich die Indianer in der Nähe des Blockhauses hielten, und wenn sie aus größerer Entfernung abgeschossen wurden, so war kaum die Möglichkeit vorhanden, daß von Hunderten eine die Öffnung träfe. Als aber Pfadfinder den Ton eines Mokassintrittes und das Rascheln von Gestrüpp am Fuß des Gebäudes vernahm, so wurde es ihm klar, daß der Versuch, Feuer an die Balken zu legen, erneuert werden sollte. Er rief daher Cap vom Dach, wo jetzt keine Gefahr mehr zu befürchten war und forderte ihn auf, sich mit seinem Wasser an einer Öffnung, die unmittelbar über der bedrohten Stelle lag, bereit zu halten.

Ein Mann von weniger Erfahrung als unser Held möchte wohl zu hastig einen so gefährlichen Versuch zu vereiteln gesucht und zu früh zu den Hilfsmitteln, die ihm zu Gebote standen, seine Zuflucht genommen haben – aber nicht so Pfadfinder. Seine Absicht war nicht nur, das Feuer zu löschen, das ihm wenig Besorgnis einflößte, sondern vielmehr, dem Feind eine Lehre zu geben, die ihn für den Rest der Nacht vorsichtig machen sollte. Um das letztere Vorhaben auszuführen, mußte er warten, bis ihm das Licht des beabsichtigten Brandes ein Ziel zeigte; denn er wußte wohl, daß dann eine kleine Probe seiner Geschicklichkeit zureichen würde. Er ließ daher die Irokesen unangefochten dürres Gestrüpp sammeln, es am Blockhaus aufhäufen, anzünden und sie wieder in ihre Verstecke zurückkehren. Cap sollte nur ein volles Wasserfaß unmittelbar zu der Öffnung über der bedrohten Stelle rollen, um im geeigneten Augenblick für den Gebrauch bereit zu sein. Dieser Augenblick war aber, nach Pfadfinders Ansicht, nicht früher vorhanden, als bis die Flamme das benachbarte Gebüsch beleuchtete und dem raschen und geübten Auge des Kundschafters Zeit gelassen hatte, die Gestalten von drei oder vier lauernden Wilden zu entdecken, die mit der kalten Gleichgültigkeit von Menschen, die gewöhnt sind, teilnahmslos auf das menschliche Elend zu blicken, auf die Fortschritte des Brandes achteten. Jetzt erst sprach er.

»Seid Ihr bereit, Freund Cap?« fragte er. »Die Hitze fängt an, durch die Spalten zu dringen, und obgleich diese grünen Stämme nicht die feuerfangende Natur eines reizbaren Menschen haben, so mögen sie doch am Ende auflodern, wenn man sie allzusehr herausfordert. Seid Ihr mit dem Faß bereit? Gebt acht, daß Ihr es in die rechte Lage bringt, und daß das Wasser nicht unnötig verwendet wird.«

»Alles bereit!« antwortete Cap in dem Ton, mit dem der Matrose auf dem Schiff eine solche Aufforderung zu erwidern pflegt.

»Dann wartet, bis ich Euch weitere Weisung gebe. Man darf sowenig zu hastig in einem gefährlichen Augenblick sein wie tollkühn in einer Schlacht. Wartet, bis ich’s Euch sage.«

Während der Pfadfinder diese Anweisungen gab, machte er seine eigenen Vorbereitungen, denn er sah, daß der Augenblick des Handelns gekommen sei. Der Wildtod wurde vorsichtig gehoben, angelegt und abgefeuert. Das Ganze dauerte ungefähr eine halbe Minute, und nachdem er die Büchse wieder hereingenommen hatte, brachte der Schütze sein Auge an die Schießscharte.

»Eines von diesen Reptilien weniger«, brummte Pfadfinder in den Bart. »Ich habe diesen Strolch schon früher mal gesehen, und ich kenn‘ ihn als einen schonungslosen Teufel. Noch einen von diesen Schuften, und das wird guttun für diese Nacht. Wenn das Tageslicht kommt, werden wir heißere Arbeit kriegen.«

Mittlerweile wurde eine andere Büchse bereitgehalten, und als Pfadfinder zu sprechen aufgehört hatte, fiel ein zweiter Wilder.

Das war in der Tat hinreichend; denn die ganze Rotte, die sich in das Gebüsch um das Blockhaus herum verkrochen hatte, empfand keine Lust, eine dritte Heimsuchung von derselben Hand abzuwarten, und da keiner wissen konnte, wer dem Auge des Schützen ausgesetzt war, so hüpften sie aus ihren Verstecken und flüchteten sich nach verschiedenen Richtungen, um ihre Haut in Sicherheit zu bringen.

»Jetzt gießt aus, Meister Cap«, sagte Pfadfinder, »ich habe diesen Blaustrümpfen einen Denkzettel gegeben; sie werden uns in dieser Nacht kein Feuer mehr anzünden.«

»Achtung!« schrie Cap, indem er das Faß mit einer Sorgfalt ausschüttete, daß die Flammen auf einmal und vollständig erloschen.

So endete dieser sonderbare Kampf, und der Rest der Nacht verfloß in Ruhe. Pfadfinder und Cap wachten abwechselnd, obgleich man von keinem sagen konnte, daß er wirklich schliefe. Auch schien der Schlaf kein Bedürfnis für sie zu sein, da beide an langes Wachen gewöhnt waren, und es gab Zeiten, wo der erstere buchstäblich gegen die Anforderungen des Hungers und Durstes unempfindlich und gegen die Wirkungen der Ermüdung ganz abgestumpft schien.

Mabel wachte an ihres Vaters Lager und begann zu fühlen, wie oft unser zeitliches Glück nur von Dingen abhängt, die in der Einbildung bestehen. Bisher hatte sie eigentlich ohne Vater gelebt, da ihre Verbindung mit ihm eher eine geistige als eine wirkliche zu nennen war. Jetzt aber, da sie ihn verlieren sollte, betrachtete sie den Augenblick seines Todes als den Abschnitt, der ihr die Welt zur Öde machte und all ihr irdisches Glück zerstörte.

Fünfundzwanzigstes Kapitel

Fünfundzwanzigstes Kapitel

Als das Licht wiederkehrte, stieg Pfadfinder mit Cap auf das Dach, um den Stand der Dinge auf der Insel zu überblicken. Dieser Teil des Blockhauses hatte rundherum Zinnen, die den in der Mitte stehenden Personen einen beträchtlichen Schutz gewährten und den Zweck hatten, die Schützen, die hinter ihnen lagen und darüberweg feuerten, zu decken. Unter Benützung dieser schwachen Verteidigungsmittel – denn sie waren nicht hoch, obgleich, so weit sie gingen, hinreichend breit – gewannen die beiden, die Verstecke ausgenommen, eine ziemlich weite Aussicht über die Insel und über die meisten Kanäle, die zu ihnen führten.

Der Wind blies noch sehr steif aus Süden, und an vielen Stellen sah die Oberfläche des Stromes grün und zürnend aus, obgleich sie der Wind kaum kräftig genug peitschte, um die Wellen zum Schäumen zu bringen. Die Gestalt der kleinen Insel war fast oval, und der längste Durchmesser ging von Osten nach Westen. Wenn sich ein Fahrzeug in den Kanälen hielt, die das Ufer umzogen, so konnte es infolge ihres verschiedenen Laufes und der Richtung des Windes an den beiden Hauptseiten fast mit vollen Segeln vorbeikommen. Dies waren die Umstände, die Cap zuerst gewahrte und seinem Gefährten auseinandersetzte; denn die Hoffnung beider beruhte nur auf der Möglichkeit eines Entsatzes von Oswego aus. Während sie in dieser Weise ängstlich um sich blickten, rief der Seemann auf einmal in seiner lustigen, herzlichen Manier:

»Segel! ho!«

Pfadfinder folgte schnell der Richtung von Caps Blicken, und in der Tat – eben tauchte dort der Gegenstand auf, dem des alten Matrosen Ausruf galt. Der hohe Standpunkt machte es beiden möglich, über die Niederungen verschiedener anliegender Inseln wegzusehen, und die Leinwand eines Schiffes glänzte durch das Gebüsch, das ein mehr südwestlich gelegenes Eiland säumte. Das fremde Fahrzeug war unter niederem Segel, wie es die Seeleute nennen; aber die Gewalt des Windes war so groß, daß seine weißen Umrisse an den Ausschnitten des Gebüsches mit der Schnelligkeit eines Renners vorbeiflogen – ähnlich einer Wolke, die in der Luft vor dem Wind treibt.

»Das kann nicht Jasper sein«, sagte Pfadfinder niedergeschlagen, denn er erkannte in dem vorbeieilenden Gegenstand den Kutter seines Freundes nicht. »Nein, nein, der Bursche kommt zu spät, und jenes Schiff dort schicken die Franzosen ihren Freunden, den verfluchten Mingos, zu Hilfe.«

»Diesmal habt Ihr Euch verrechnet, Freund Pfadfinder, wenn Ihr es auch nie vorher tatet«, erwiderte Cap in einer Weise, die selbst unter den gegenwärtigen bedenklichen Umständen von ihrer Rechthaberei nichts verloren hatte. »Frischwasser oder Salzwasser – das ist der obere Teil von des Scuds großem Segel, denn seine Gilling ist schmaler als gewöhnlich ausgeschnitten, und dann könnt Ihr sehen, daß eine Schale um die Gaffel gelegt ist: Es ist zwar gut ausgeführt, ich geb’s zu, aber doch ist eine Schale dran.«

»Ich bekenne, daß ich nichts hiervon sehen kann«, antwortete Pfadfinder, dem die Ausdrücke seines Gefährten spanisch vorkamen.

»Nicht? Nun, das nimmt mich wunder, denn ich dachte, Eure Augen könnten alles sehen. Was mich anlangt, so ist mir nichts deutlicher als diese Gilling und diese Schale, und ich muß sagen, mein ehrlicher Freund, daß ich an Eurer Stelle besorgen würde, mein Gesicht fange an, abzunehmen.«

»Wenn das wirklich Jasper ist, so befürcht‘ ich wenig mehr. Wir können dann das Blockhaus gegen die ganze Nation der Mingos auf acht oder zehn Stunden halten, und wenn Eau-douce unseren Rückzug deckt, so verzweifle ich an nichts. Gott gebe, daß der Junge nicht längs dem Ufer auf den Strand läuft und in einen Hinterhalt fällt, wie es dem Sergeanten ergangen ist.«

»Ja, das ist der faule Fleck. Man hätte Signale verabreden und einen Ankergrund ausbojen sollen – auch eine Quarantäne und ein Lazarett wären nützlich gewesen, wenn man diesen Mingos einen Respekt vor dem Völkerrecht einflößen könnte. Wenn der Bursche, wie Ihr sagt, irgendwo in der Nachbarschaft dieser Insel anlegt, so können wir den Kutter als verloren betrachten. Aber Meister Pfadfinder, müssen wir im Grunde diesen Jasper nicht eher für einen geheimen Verbündeten der Franzosen als für unseren Freund halten? Ich kenne des Sergeanten Ansicht in dieser Beziehung und muß sagen, diese ganze Geschichte sieht wie Verrat aus.«

»Wir werden’s bald erfahren, Meister Cap, denn da kommt der Kutter wahrhaftig schon aus den Inseln ‚raus, und einige Minuten müssen die Sache ins klare bringen. Es möchte übrigens gut sein, wenn wir dem Burschen ein Zeichen geben könnten, daß er auf der Hut sein soll. Es wäre nicht recht, ihn in die Falle laufen zu lassen, ohne ihm bemerklich zu machen, daß eine gelegt ist.«

Besorgnis und Ungewißheit hinderten jedoch beide an dem Versuch, ein Signal zu geben. Es war auch nicht leicht einzusehen, wie dies geschehen könnte, denn der Scud kam schäumend durch den Kanal an der Luvseite der Insel herunter, mit einer Geschwindigkeit, die zur Ausführung eines solchen Vorhabens kaum Zeit ließ. Auch war niemand auf dem Verdeck sichtbar, dem man ein Zeichen zuwinken konnte; selbst das Steuer schien verlassen, obgleich der Kurs des Schiffes so stetig war, wie es sich rasch vorwärtsbewegte.

Cap blickte in schweigender Verwunderung auf ein so ungewohntes Schauspiel. Aber als der Scud näherkam, entdeckte sein geübtes Auge, daß das Ruder mittels der Steuerreepe in Bewegung gesetzt wurde, obgleich der Maat, der es leitete, verborgen war. Da der Kutter Schutzbretter von einiger Höhe hatte, so ließ sich das Geheimnis leicht erklären, und es unterlag keinem Zweifel, daß die Mannschaft sich dahinter befand, um gegen die feindlichen Büchsen geschützt zu sein. Dieser Umstand ließ jedoch erkennen, daß nur wenige Leute an Bord sein konnten, und Pfadfinder nahm diese Auseinandersetzung seines Gefährten mit einem bedeutungsvollen Kopfschütteln hin.

»Das beweist, daß die Große Schlange Oswego nicht erreicht hat« sagte er, »und daß wir von der Garnison keine Unterstützung erwarten dürfen. Ich hoffe, Lundie hat sich’s nicht in den Kopf gesetzt, dem Jungen das Kommando zu nehmen, denn Jasper Western würde in einer solchen Klemme für ein ganzes Heer gelten. Wir drei, Meister Cap, könnten den Krieg männlich durchführen: Ihr, als ein Seemann, müßtet den Verkehr mit dem Kutter unterhalten, Jasper kennt den See und weiß, was auf diesem zu tun ist, und ich habe Gaben, die so gut wie die irgendeines Mingo sind, mag ich auch in anderer Beziehung sein, was ich will. Ich sage, wir sollten um Mabels willen einen mannhaften Kampf bestehen.«

»Das müssen wir, und das wollen wir«, erwiderte Cap mit Herzlichkeit, denn er hatte, da er nun wieder das Licht der Sonne sah, mehr Zuversicht wegen der Sicherheit seines Skalps. »Ich betrachte die Ankunft des Scud als einen Umstand, und die Möglichkeit, daß dieser verhenkerte Eau-douce ehrlich ist, für einen zweiten. Jasper ist, wie Ihr seht, ein kluger, junger Bursch, denn er hält sich in einer guten Landweite und scheint entschlossen, vorher die Verhältnisse auf der Insel zu rekognoszieren, ehe er anzulegen wagt.«

»Ich hab’s! ich hab’s!« rief Pfadfinder freudig. »Da liegt der Kahn des Chingachgook auf dem Deck des Kutters; der Häuptling ist an Bord und hat ohne Zweifel einen treuen Bericht über unsere Lage erstattet; denn ein Delaware, ungleich dem Mingo, erzählt gewiß eine Geschichte richtig oder schweigt lieber still.«

»Möglich, daß der Kahn nicht zu dem Kutter gehört«, sagte der krittlige Seemann, »aber Eau-douce hatte auch einen an Bord, als wir aussegelten.«

»Sehr wahr, Freund Cap, aber wenn Ihr Eure Segel und Masten an den Gillingen und Schalen erkennt, so läßt mich mein Grenzmannswissen die Kähne und Fährten unterscheiden. Wenn Ihr an einem Segel neues Tuch seht, so seh‘ ich an einem Kahn frische Rinde. Das ist das Boot des großen Häuptlings, und dieser wackere Bursche ist der Garnison zugerudert, sobald er sah, daß das Blockhaus eingeschlossen sei; er traf dann den Scud, erzählte die ganze Geschichte, und brachte den Kutter mit hierher, um zu sehen, was zu tun ist. Gott gebe, daß Jasper Western noch an Bord ist.«

»Ja, ja, es könnte nicht schaden; denn Verräter oder loyal, der Bursche weiß mit einem Sturm umzuspringen, ich muß das zugeben.«

»Und mit den Wasserfällen!« sagte Pfadfinder und stieß seinen Gefährten mit dem Ellenbogen an, wobei er in seiner stillen Weise herzlich lachte. »Wir müssen dem Jungen Gerechtigkeit widerfahren lassen, und sollte er uns alle eigenhändig skalpieren.«

Der Scud war nun so nahe, daß Cap die Erwiderung schuldig blieb.

Der Wind blies immer noch sehr heftig. Viele von den kleinen Bäumen beugten ihre Wipfel fast bis zur Erde, während das Sausen des Sturmes durch die Äste der Waldung dem Rollen ferner Wagen glich.

Die Luft war mit Blättern angefüllt, die sich in dieser späten Jahreszeit leicht von den Zweigen lösten und wie Scharen von Vögeln von einer Insel zur anderen flogen. Im übrigen war alles still wie das Grab. Daß die Wilden noch auf der Insel weilten, ließ sich aus den Kähnen entnehmen, die mit den Booten des Fünfundfünzigsten in der kleinen, als Hafen dienenden Bucht lagen, obgleich kein anderes Zeichen ihre Gegenwart verriet. Zwar wurden sie durch die plötzliche und unvorgesehene Rückkehr des Kutters äußerst überrascht; aber ihre gewohnte Vorsicht auf einem Kriegspfad war so allgemein und gewissermaßen instinktmäßig, daß auf das erste Warnungszeichen ein jeder nach seinem Versteck eilte wie der Fuchs nach seinem Bau. Dieselbe Stille herrschte in dem Blockhaus; denn obgleich Pfadfinder und Cap die Aussicht nach der Wasserstraße beherrschten, so nahmen sie doch die nötige Vorsicht wahr, sich verborgen zu halten. Noch merkwürdiger war die ungewohnte Erscheinung, daß sich an Bord des Scud keine Spur von lebendigen Wesen blicken ließ. Da die Indianer Zeugen seiner scheinbar nicht geleiteten Bewegungen waren, so faßte sie ein Gefühl des Entsetzens, und einige der Kühnsten fingen an, über den Ausgang eines Unternehmens besorgt zu werden, das unter so günstigen Anzeichen begonnen hatte. Selbst Pfeilspitze, der doch an den Verkehr mit den Weißen auf beiden Seiten des Sees gewöhnt war, erblickte etwas Unheilverkündendes in der Erscheinung dieses unbemannten Schiffes und wäre in diesem Augenblick wohl gerne wieder auf dem Festland gewesen.

Mittlerweile bewegte sich der Kutter rasch vorwärts. Er segelte durch den mittleren Kanal, sich bald vor den Windstößen beugend, bald wieder aufrecht, wie ein Philosoph, der, niedergedrückt von den Stürmen des Lebens, seine freie Haltung wiedergewinnt, sobald sie verschwinden – und trennte die schäumenden Wogen unter seinem Bug. Obgleich er unter sehr kurzem Segel ging, war doch seine Geschwindigkeit ansehnlich, und es verflossen kaum zehn Minuten von der Zeit an, als seine Leinwand zum erstenmal durch die entfernten Bäume und Gebüsche glänzte, bis zu dem Augenblick, wo er die Höhe des Blockhauses erreichte. Cap und Pfadfinder beugten sich, als der Scud unter ihrem Horst vorbeizog, vorwärts, um besser auf das Verdeck sehen zu können, als zu ihrem beiderseitigen großen Vergnügen Jasper aufsprang und einen dreifachen Freudenruf erschallen ließ. Ohne auf irgendeine Gefahr Rücksicht zu nehmen, schwang sich Cap auf die hölzerne Brüstung und erwiderte den Gruß – Ruf um Ruf. Zum Glück rettete ihn die Klugheit des Feindes; denn die Indianer lagen noch ruhig, ohne eine Büchse abzufeuern. Auf der anderen Seite behielt Pfadfinder mehr den nützlichen Teil des Kriegszuges im Auge, ohne dem nur dramatischen irgendeine Aufmerksamkeit zu schenken. Sobald er seinen Freund Jasper erblickte, rief er ihm mit einer Stentorstimme zu:

»Steht uns bei, Junge, und der Tag wird unser sein. Nehmt jene Büsche ein wenig aufs Korn, und Ihr werdet die Halunken wie die Rebhühner aufjagen.«

Ein Teil hiervon erreichte Jaspers Ohr, aber das meiste wurde auf den Schwingen des Windes leewärts getragen. Der Scud hatte während dieser Worte vorbeigetrieben, und im nächsten Augenblick verbarg ihn die Waldung, in der das Blockhaus teilweise versteckt lag.

Nun folgten zwei beängstigende Minuten; aber nach diesem kurzen Zeitraum glänzten die Segel wieder durch die Bäume, da Jasper geviert, das Segel gedreht und unter dem Lee der Insel zu dem anderen Gang aufgeholt hatte. Der Wind war noch immer frei genug, um ein solches Manöver zuzulassen, und der Kutter, der die Strömung unter seinem Leebug hatte, wurde zu seinem Kurs auf eine Weise aufgerichtet, daß man wohl sehen konnte, er werde ohne Schwierigkeit wieder windwärts von der Insel kommen. Diese ganze Schwenkung wurde mit der größten Leichtigkeit ausgeführt und keine Schote berührt; die Segel setzten sich von selbst, und nur das Ruder leitete die wunderbare Maschine.

Dies alles schien des Rekognoszierens wegen zu geschehen. Als jedoch der Scud seinen Gang um die ganze Insel herum gemacht und in dem Kanal, in dem er sich zuerst der Insel genähert, seine Luvlage wieder eingenommen hatte, wurde das Steuer niedergelassen und durch den Wind gewendet. Der Ton des schlagenden, großen Segels, so dicht es auch gerefft war, glich dem Schuß einer Kanone, so daß Cap Angst bekam, die Nahtung möchte sich lösen.

»Seine Majestät gibt gute Leinwand, das muß man ihr lassen«, brummte der alte Seemann; »auch muß man dem Jungen zugestehen, daß er sein Boot wie ein erfahrener Bursche handhabt. Gott verdamm mich, Meister Pfadfinder, wenn ich, trotz allem, was man drüber sagen mag, glaube, daß dieser verhenkerte Meister Eaudouce sein Gewerbe auf diesem Fetzen Frischwasser gelernt hat!«

»Ei freilich lernte er’s hier. Er hat nie das Meer gesehen und ist zu seinem Beruf nirgends anders als hier auf dem Ontario herangebildet worden. Ich hab’s oft gesagt, daß er eine natürliche Gabe für Schoner und Schaluppen habe, und respektiere ihn auch dafür besonders. Was Verrat, Lügen und alle die Laster eines schwarzen Herzens anbelangt, Freund Cap, so ist Jasper davon so frei wie der tugendhafteste Krieger unter den Delawaren; und wenn Ihr ein Verlangen tragt, einen echten, ehrlichen Mann zu sehen, so müßt Ihr ihn unter diesem Stamm suchen.«

»Da flitzt er ‚rum um die Ecke«, rief der vergnügte Cap, als sich der Scud wieder zu dem ursprünglichen Gang anschickte, »und nun werden wir mal sehen, was der Junge beabsichtigt; er kann doch nicht immer in diesen Kanälen hin und her fahren wollen, wie ein Mädchen bei einem Jahrmarktstanz.«

Der Scud hielt jetzt so weit ab, daß die beiden Beobachter auf dem Blockhaus einen Augenblick fürchteten, Jasper wolle landen; und die Wilden betrachteten den Kutter aus ihren Verstecken mit einer Art Lust, wie sie wohl der geduckte Tiger fühlen mag, wenn er das Opfer sich harmlos seinem Lager nähern sieht. Aber Jasper hatte nicht diese Absicht. Vertraut mit dem Ufer und bekannt mit der Tiefe des Wassers an jeder Stelle der Insel, wußte er wohl, daß der Scud ohne Gefahr ans Ufer laufen könne: Deshalb wagte er sich furchtlos so nahe, daß er beim Fahren durch die kleine Bai die zwei Boote der Soldaten von den Tauen losriß, sie in den Kanal hinausdrängte und mit sich fortzog. Da jedoch alle Kähne an den beiden Booten Dunhams befestigt waren, so wurden die Wilden durch diesen kühnen und erfolgreichen Versuch auf einmal aller Mittel beraubt, die Insel anders als durch Schwimmen zu verlassen. Auch schienen sie diesen wichtigen Umstand im Augenblick einzusehen; sie erhoben sich insgesamt, erfüllten die Luft mit ihrem Geschrei und eröffneten ein unschädliches Büchsenfeuer. Während dieses unbedachtsamen Beginnens wurden zwei Büchsen von ihren Gegnern abgefeuert. Eine Kugel kam von dem Giebel des Blockhauses, und ein Irokese fiel, durch das Hirn getroffen, rücklings nieder. Die andere kam vom Scud aus. Sie war aus dem Gewehr des Delawaren, aber weniger sicher als die seines Freundes, da sie den Feind nicht erschlug, sondern nur auf Lebenszeit lähmte. Die Mannschaft des Scud jubelte, und die Wilden verschwanden wieder bis auf den letzten Mann, als ob sie die Erde verschluckt hätte.

»Das war der Schlange zischende Stimme«, sagte Pfadfinder, als die zweite Büchse abgefeuert wurde. »Ich kenne diesen Knall so gut, wie ich den des Wildtods kenne: ’s ist ein guter Lauf, obgleich nicht sicherer Tod. Nun, mit Chingachgook und Jasper auf dem Wasser und Euch und mir in dem Blockhaus, Freund Cap – da müßte es sonderbar zugehen, wenn wir diese Mingostrolche nicht lehrten, wie man mit Verstand ficht.«

Diese ganze Zeit über war der Scud in Bewegung. Sobald Jasper das Ende der Insel erreicht hatte, ließ er seine Prisen in den Wind treiben, bis sie auf einem Punkt, eine halbe Meile leewärts, auf den Strand liefen. Er vierte sodann und kam, gegen die Strömung anlegend, wieder durch den anderen Gang. Die auf dem Giebel des Blockhauses konnten nun bemerken, daß etwas auf dem Verdeck des Scud in Tätigkeit war, und zu ihrem großen Vergnügen wurde, als der Kutter in gleicher Linie mit der Hauptbucht und an die Stelle kam, wo die Feinde am dichtesten lagen, die Haubitze, die seine einzige Bewaffnung ausmachte, demaskiert, und ein Kartätschenschauer zischte in die Gebüsche. Ein Flug Wachteln hätte sich nicht schneller erheben können, als dieser unerwartete Eisenhagel die Irokesen aufjagte; da fiel wieder ein Wilder durch eine Kugel aus der Wildtodbüchse, indes ein anderer infolge einer Heimsuchung aus Chingachgooks Büchse davonhinkte. Sie hatten jedoch im Augenblick wieder neue Verstecke, und jeder Teil schien sich zur Erneuerung des Kampfes in einer anderen Weise vorzubereiten. Aber die Erscheinung Junes, die eine weiße Flagge trug und von dem französischen Offizier und Muir begleitet wurde, brachte alle Hände zur Ruhe und war der Vorläufer einer weiteren Unterhandlung.

Diese wurde so nah unter dem Blockhaus abgehalten, daß alle, die sich in keinem Versteck befanden, der Gnade von Pfadfinders nie fehlender Büchse gänzlich preisgegeben waren. Jasper legte den Kutter quer vor Anker, und auch die Haubitze war auf die Unterhändler gerichtet, so daß die Belagerten und ihre Freunde mit Ausnahme des Mannes, der den Zündstock hielt, keine Scheu haben durften, sich offen zu zeigen. Chingachgook allein blieb versteckt, jedoch mehr aus Gewohnheit als aus Mißtrauen.

»Ihr habt gesiegt, Pfadfinder«, rief der Quartiermeister aus, »und Kapitän Sanglier kommt selbst, um Friedensvorschläge zu machen. Ihr werdet einem tapferen Feinde einen ehrenvollen Rückzug nicht verweigern, weil er brav gekämpft und seinem König und seinem Land so viel Ehre gemacht hat, wie er konnte. Ihr seid selbst ein zu loyaler Untertan, um Loyalität und Treue mit einem harten Urteil heimzusuchen. Ich bin von Seiten des Feindes bevollmächtigt, die Räumung der Insel, Austausch der Gefangenen und Rückerstattung der Skalpe anzubieten. Da keine Bagage und Artillerie vorhanden ist, so kann man kaum mehr verlangen.«

Da das Gespräch wegen des Windes sowohl als der Entfernung halber sehr laut geführt werden mußte, so konnten die Worte des Sprechers sowohl auf dem Blockhaus als auf dem Kutter verstanden werden.

»Was sagt Ihr dazu, Jasper?« rief Pfadfinder. »Ihr hört den Vorschlag; sollen wir diese infamen Landstreicher gehen lassen, oder wollen wir die Strolche zeichnen, wie man die Schafe in den Ansiedlungen zeichnet, daß wir sie später wiedererkennen können?«

»Wie geht’s Mabel Dunham?« fragte der junge Mann mit einem Stirnrunzeln auf seinem schönen Gesicht, das selbst denen auf dem Blockhaus nicht entging. »Wenn ein Haar ihres Hauptes berührt worden ist, so soll mir’s der ganze Stamm der Irokesen büßen.«

»Nein, nein, sie ist wohlbehalten im Erdgeschoß bei ihrem Vater.«

»Sie ist hier!« rief das Mädchen selbst, die das Dach erstiegen hatte, als sie vernahm, welche Wendung die Dinge genommen hatten. »Sie ist hier! Und im Namen des Gottes, den wir alle gemeinschaftlich anbeten, im Namen unserer heiligen Religion – laßt kein Blutvergießen mehr stattfinden. Es ist schon genug Blut geflossen; und wenn diese Männer gehen wollen, Pfadfinder – wenn sie im Frieden abziehen wollen, Jasper – oh, so haltet keinen von ihnen zurück. Geht, geht, Franzosen und Indianer; wir sind nicht länger eure Feinde und werden keinem von euch ein Leid zufügen.«

»Halt, halt, Magnet«, warf Cap ein, »das klingt vielleicht religiös oder wie ein Komödienbuch; aber es klingt nicht wie gesunder Menschenverstand. Der Feind ist bereit, die Flagge zu streichen, Jasper hat, wahrscheinlich mit Springen auf den Kabeln, quer geankert, um eine Lage geben zu können, Pfadfinders Auge und Hand sind so treu wie die Magnetnadel, und wir werden Prisengeld, Kopfgeld und Ehre obendrein gewinnen, wenn du dich die nächste halbe Stunde nicht in unsere Angelegenheiten einmischst.«

»Ei«, sagte Pfadfinder, »ich halte mich zu Mabel. Es ist für unseren Zweck und für den Dienst des Königs genug Blut geflossen; und was die Ehre anbetrifft, so wollen wir sie jungen Fähnrichen und Rekruten überlassen, denn diese können sie besser brauchen als besonnene, christliche Männer. Die Ehre liegt im Rechthandeln, und nur schlechte Taten können einen entehren; ich halt’s aber für schlecht, einem, und wär’s auch nur ein Mingo, das Leben zu nehmen, ohne irgendeinen nützlichen Zweck; ja, ja – und ich halt’s für recht, alle Zeit auf die Stimme der Vernunft zu achten. So lassen Sie uns also hören, Leutnant Muir, was Ihre Freunde, die Franzosen und Indianer, für sich vorzubringen haben?«

»Meine Freunde?« sagte Muir mit Unwillen. »Ihr werdet doch nicht des Königs Feinde meine Freunde nennen wollen, Pfadfinder, weil mich das Geschick des Krieges in ihre Hände geworfen hat? Die größten Krieger der alten und der neuen Zeit sind schon Kriegsgefangene gewesen, und Ihr könnt dort Meister Cap fragen, ob wir nicht alles Menschenmögliche aufboten, um diesem Ungemach zu entfliehen.«

»Ja, ja«, antwortete Cap trocken; »entfliehen ist das geeignete Wort. Wir eilten nach unten und verbargen uns so klug, daß wir noch zu dieser Stunde in der Höhle sitzen könnten, hätte uns nicht der Brotkorb so hoch gehangen. Sie haben sich bei dieser Gelegenheit so geschickt wie ein Fuchs eingegraben, und zum Teufel, mich nimmt’s bloß wunder, wie Sie das Nest so auf der Stelle zu finden wußten.«

»Und folgtet Ihr mir nicht auf dem Fuße? Es gibt im Menschenleben Verhältnisse, wo die Vernunft zum Instinkt hinansteigt –«

»Und die Menschen in Höhlen hinabsteigen«, unterbrach ihn Cap mit einem polternden Lachen, in das Pfadfinder auf seine ruhige Weise einstimmte. Auch Jasper, obgleich noch voll Bekümmernis Mabels wegen, konnte sich eines Lächelns nicht erwehren. »Man sagt, der Teufel könne kein Matrose werden, wenn er nicht in die Höhe sieht, und nun scheint mir’s, er war‘ auch zum Soldaten verdorben, wenn er nicht nach unten schaute.«

Dieser Ausbruch von Heiterkeit, obgleich Muir nichts besonders Belustigendes darin fand, trug viel dazu bei, den Frieden aufrechtzuerhalten. Cap bildete sich ein, er habe einen ungewöhnlich guten Witz gemacht, und war daher geneigt, in der Hauptsache nachzugeben, solange ihn seine Gefährten bei dem Glauben ließen, daß sie ihn für einen witzigen Kopf hielten. Nach einer kurzen Beratung wurden die Wilden insgesamt ohne Waffen hundert Ellen von dem Blockhaus und in der Linie der Geschützpforten des Scud versammelt, indes Pfadfinder zu der Tür seiner Feste hinunterstieg und die Bedingungen festsetzte, unter denen der Feind die Insel räumen solle. In Anbetracht der Verhältnisse waren diese für beide Teile vorteilhaft. Die Indianer mußten vorsichtshalber alle ihre Waffen, selbst ihre Messer und Tomahawks ausliefern, weil sie an Zahl immer noch um das Vierfache überlegen waren. Der französische Offizier, Monsieur Sanglier, wie man ihn gewöhnlich nannte und er sich selbst zu nennen pflegte, machte Einwendungen gegen diesen Akt, der wahrscheinlich mehr als irgendein anderer Teil des ganzen Verfahrens ein übles Licht auf sein Kommando werfen konnte; aber Pfadfinder, der Zeuge einiger Indianergemetzel gewesen war, wußte wohl, wie wenig Verpflichtungen geachtet wurden, wenn sie mit dem Vorteil in Widerspruch gerieten, und blieb, was die Wilden anbelangte, unerbittlich. Der zweite Punkt war fast von gleicher Wichtigkeit; er enthielt die Bestimmung, daß Kapitän Sanglier alle Gefangenen ausliefere, die in der Höhle, zu der Cap und Muir ihre Zuflucht genommen hatten, bewacht wurden. Als diese Leute zum Vorschein kamen, erwiesen sich vier von ihnen als unverletzt: sie waren nur niedergefallen, um ihr Leben durch einen in dem Indianerkrieg gewöhnlichen Kunstgriff zu retten, von den übrigen waren zwei so leicht verwundet, daß sie wohl zum Dienst verwendet werden konnten. Da sie ihre Musketen mit sich brachten, so ließ dieser Zuwachs an Macht Pfadfinder wieder um ein Gutes leichter atmen; denn nachdem er die Waffen des Feindes im Blockhaus gesammelt hatte, gab er diesen Leuten die Weisung, das Gebäude zu besetzen und stellte eine regelmäßige Schildwache vor die Tür. Die übrigen Soldaten waren tot, da die schwer Verwundeten sogleich erschlagen wurden, um ihre heißbegehrten Skalpe nehmen zu können.

Sobald Jasper den Inhalt des Vertrags erfahren hatte, und die Präliminarien soweit vorgeschritten waren, daß er es wagen konnte, sich zu entfernen, lichtete er die Anker und segelte zu der Stelle hinunter, wo die Boote auf den Strand gelaufen waren, nahm sie wieder ins Schlepptau und brachte sie mit wenigen Streckungen in den Kanal leewärts. Hier wurden die Wilden sogleich eingeschifft, worauf Jasper die Kähne zum drittenmal ins Tau nahm, vor dem Wind herlief und sie etwa eine Meile unter dem Lee der Insel in Freiheit setzte. Die Indianer hatten für jedes Boot nur ein Ruder erhalten, da der junge Schiffer wohl wußte, daß sie, wenn sie sich vor dem Wind zu halten vermochten, schon im Laufe des Morgens das Ufer von Kanada erreichen konnten.

Nur Kapitän Sanglier, Pfeilspitze und June blieben zurück, nachdem über den Rest ihrer Partei diese Verfügung getroffen worden war. Der erstere hatte mit Leutnant Muir, der in seinen Augen allein die mit einer Offiziersstelle verbundenen Befähigungen besaß, gewisse Papiere zu ordnen und zu unterzeichnen, und der letztere zog es aus nur ihm bekannten Gründen vor, sich seinen abziehenden Freunden, den Irokesen, nicht anzuschließen. Man hatte für die Abfahrt dieser drei die nötigen Kähne zurückbehalten.

Während der Scud mit den Booten im Schlepptau abwärts segelte, waren Cap und Pfadfinder nebst anderen geeigneten Helfern mit der Zurichtung eines Frühstücks beschäftigt, da die meisten schon vierundzwanzig Stunden nichts genossen hatten. Der kurze Zeitraum, der bis zur Rückkehr des Kutters verfloß, wurde nur wenig durch Gespräche unterbrochen, obgleich Pfadfinder Muße genug fand, den Sergeanten zu besuchen, Mabel einige freundliche Worte zu sagen und verschiedene Anweisungen zu geben, die ihm den Hingang des Sterbenden zu erleichtern schienen. Was Mabel anbetraf, so bestand er darauf, daß sie einige Erfrischung zu sich nehme, und da nun kein weiterer Grund mehr vorhanden war, die Schildwache am Blockhaus stehenzulassen, ließ er sie abziehen, damit die Tochter ungehindert ihres Vaters warten konnte. Nachdem diese Vorkehrungen getroffen waren, kehrte unser Held wieder zu dem Feuer zurück, um das der ganze Rest der Gesellschaft, Jasper mit eingeschlossen, versammelt saß.

Sechzehntes Kapitel

Sechzehntes Kapitel

Mit dem fortschreitenden Tag erschienen nach und nach alle, die sich auf dem Schiff befanden und nicht ihrer Freiheit beraubt waren, auf dem Verdeck. Die Wogen gingen noch nicht besonders hoch, woraus man schloß, daß der Kutter noch unter dem Lee der Inseln liege; aber es war alles, die den See kannten klar, daß sie einen der schweren Herbststürme durchzumachen haben würden, die zu dieser Jahreszeit in jener Gegend nicht selten sind. Man sah nirgends Land, und der Horizont bot nach allen Seiten nichts als jene düstere Leere, die der Aussicht auf weiten Wasserflächen den Charakter einer geheimnisvollen Erhabenheit aufdrückt. Die Deinigen, oder, wie man es an Land nennt, die Wogen, waren kurz und kräuselnd und brachen sich notwendigerweise früher als die längeren Wellen des Ozeans, während das Element selbst, statt die schöne Farbe zu zeigen, die mit den tiefen Tönungen des südlichen Himmels wetteifert, grün und zürnend aussah, obgleich ihm der Glanz mangelte, den es sonst den Strahlen der Sonne verdankt.

Die Soldaten hatten an diesem Anblick bald genug und es verschwand einer nach dem anderen, so daß außer den Matrosen zuletzt nur noch der Sergeant, Cap, Pfadfinder, der Quartiermeister und Mabel auf dem Verdeck waren. Es lagerte sich ein Schatten um das Auge des Mädchens, da sie den wirklichen Stand der Dinge erfahren und es vergebens versucht hatte, die Zurückgabe des Kommandos an Jasper zu erwirken. Auch den Pfadfinder schien die Ruhe und Überlegung einer Nacht in seiner Überzeugung von der Schuldlosigkeit des jungen Mannes befestigt zu haben, so daß er gleichfalls mit Wärme, obschon mit demselben ungünstigen Erfolg, zugunsten seines Freundes sprach.

So vergingen einige Stunden, wobei der Wind allmählich immer heftiger wurde und der See sich hob, bis die Bewegung des Kutters auch Mabel und den Quartiermeister zum Rückzug veranlaßte. Cap vierte öfters, und es war nun klar, daß der Scud in die breiteren und tieferen Gegenden des Sees trieb, wobei die Wogen mit einer solchen Wut auf ihn einstürmten, daß sich nur ein Fahrzeug von besserer Form und stärkerem Bau lange gegen sie halten und Widerstand leisten konnte. Doch Cap machte sich nichts aus alledem; denn wie der Jagdhund beim Schmettern des Hornes die Ohren spitzt oder das Kriegsroß beim Wirbeln der Trommeln scharrt und schnaubt, so wurden bei dem Anblick dieser ganzen Szene alle Lebensgeister des Mannes rege, und statt der zanksüchtigen, hochmütigen und absprechenden Tadelsucht, die an jeder Kleinigkeit krittelte und unwesentliche Dinge übertrieb, begann er die Eigenschaften des kühnen und erfahrenen Seemannes zu entwickeln, der er in der Tat war. Die Matrosen hegten bald Achtung vor seiner Geschicklichkeit, und obgleich sie sich wunderten über das Verschwinden ihres früheren Befehlshabers und des Lotsen, dessen Grund ihnen nicht mitgeteilt worden war, so zollten sie doch gern ihrem neuen Gebieter unbedingten Gehorsam.

»Dieses bißchen Frischwasser, Bruder Dunham, hat im Grunde doch einiges Leben, wie ich merke«, rief Cap gegen Mittag und rieb vor lauter Vergnügen die Hände, weil er nun wieder einmal seine Kraft gegen die der Elemente versuchen konnte. »Der Wind scheint eine ehrliche, altmodische Kühlte zu sein, und die Wellen haben eine wunderliche Ähnlichkeit mit denen des Golfstromes. Ich liebe das, Sergeant; ich liebe das und werde Euern See achten lernen, wenn er noch so vierundzwanzig Stunden in der angefangenen Weise fortmacht.«

»Land ho!« rief der Mann, der in der Back aufgestellt war.

Cap eilte vorwärts; und wirklich war durch den Nebelregen in der Entfernung einer halben Meile Land sichtbar, auf das der Scud lostrieb. Zuerst wollte der alte Seemann Befehl geben, beizulegen und vom Ufer abzuvieren; aber der besonnene Soldat hielt ihn zurück.

»Wenn wir etwas näher kommen«, sagte der Sergeant, »so erkennen vielleicht einige die Gegend. Die meisten von uns kennen das amerikanische Ufer an diesem Teil des Sees, und wir werden dadurch über unsere Stellung ins klare kommen.«

»Sehr wahr, sehr wahr. Wahrscheinlich wird dieses der Fall sein, und wir wollen darauf anhalten. Was ist das dort, ein wenig vor unserem Luvbug? Es sieht wie ein niedriges Vorgebirge aus!«

»Die Garnison, beim Jupiter!« rief der andere, dessen geübtes Auge die Umrisse des Forts früher erkannte, als das weniger scharfe seines Verwandten.

Der Sergeant hatte sich nicht geirrt. Es war wirklich das Fort, obgleich es in dem feinen Regen nur dunkel und unbestimmt wie im Düster des Abends oder im Morgennebel erschien. Die niedrigen, grünen Rasenwälle, die düstern Palisaden, die im Regen noch dunkler erschienen, die Dächer einiger Häuser, die hohe einsame Wimpelstange, deren Flaggenfälle mit einer Stetigkeit dem Zug des Windes folgten, daß sie wie unbewegliche, krumme Linien in der Luft erschienen – alles dieses wurde nach und nach sichtbar, obgleich sich keine Spur des Lebens entdecken ließ. Selbst die Schildwache war untergetreten, und man glaubte zuerst, daß kein Auge die Annäherung des eigenen Schiffes entdecken würde. Aber die unablässige Wachsamkeit einer Grenzgarnison schlummerte nicht, und wahrscheinlich machte einer der Ausluger die interessante Entdeckung. Bald erschienen einige Männer auf den höheren Standorten, und bald wimmelten alle Wälle in der Nähe des Sees von menschlichen Wesen.

Es war eine der Szenen, deren Großartigkeit noch insbesondere durch den Reiz des Malerischen gehoben wird. Das Wüten des Sturmes war so anhaltend, daß man sich zu der Vermutung geneigt fühlen konnte, es gehöre zu dem beständigen Charakter dieser Gegend. Das Brüllen des Windes tobte in einem fort, und das empörte Wasser begleitete diese gewaltigen, dumpfen Töne mit seinem gischtenden Schaum, der drohenden Brandung, und den steigenden Wogen. Der leichte Regen ließ dem Auge alles wie in einem dünnen Nebel erscheinen, der die Bilder sanfter machte und einen geheimnisvollen Schleier darüber warf, während die erhebenden Gefühle, die ein Seesturm leicht zu erregen imstande ist, die milderen Eindrücke des Augenblicks steigerten. Der dunkle, unabsehbare Wald erhob sich großartig düster aus dem Nebelgrau, während die einsamen eigentümlichen und malerischen Bilder des Lebens, die man bei und in dem Fort entdecken konnte, dem Auge einen Ruhepunkt boten, wenn es die schrofferen Züge der Natur erdrücken wollten.

»Sie sehen uns«, sagte der Sergeant, »und glauben, wir seien wegen des Sturmes zurückgekehrt, der uns zu weit leewärts von unserem Hafen getrieben hat. Ja, dort ist Major Duncan selbst auf dem nördlichen Bollwerk. Ich kenne ihn an seiner Höhe und den Offizieren, die ihn umgeben.«

»Sergeant, es war‘ wohl der Mühe wert, sich ein wenig auslachen zu lassen, wenn wir in den Fluß kommen und einen sichern Ankerplatz gewinnen könnten. Wir würden bei dieser Gelegenheit auch den Meister Eau-douce ans Land setzen und das Boot reinigen.«

»Allerdings; aber so wenig ich auch von der Schiffahrt verstehe, so weiß ich doch, daß sich das nicht tun läßt. Nichts, was auf dem See segelt, kann sich windwärts gegen diese Kühlte wenden, und hier außen ist bei diesem Wetter kein Ankerplatz.«

»Ich weiß es, ich sehe es, Sergeant; und so lieblich auch dieser Anblick für Euch Landratten sein mag, so müssen wir ihm doch den Rücken kehren. Was mich anbelangt, so fühle ich mich nie wohler, als wenn ich gewiß bin, daß in einem rechten Unwetter das Land weit hinter mir liegt.«

Der Scud war nun so nahe gekommen, daß es unumgänglich nötig wurde, seinen Schnabel wieder vom Lande abzuwenden, wozu denn auch die geeigneten Befehle gegeben wurden. Das untere Stagsegel wurde vorwärts losgemacht, die Gaffel herabgelassen, das Steuer aufgestellt, und das leichte Fahrzeug, das wie eine Ente mit dem Element zu spielen schien, fiel ein wenig ab, drückte schnell von vorn um, folgte dem Ruder und flog bald, tot vor der Kühlte, über die Spitzen der Wellen hin. Während es diese schnelle Flucht machte, verschwanden das Fort und die ängstlichen Zuschauergruppen auf den Wällen bald in dem Nebel, obgleich das Land am Backbord noch sichtbar war. Nun folgten die nötigen Schwenkungen, um das Vorderteil des Kutters in die Richtung des Windes zu bringen, worauf er ermattet den schwierigen Weg gegen das Nordufer wieder aufnahm.

Stunden vergingen nun, ohne daß eine weitere Veränderung vorgenommen wurde. Die Macht des Windes steigerte sich so sehr, daß endlich selbst der eigensinnige Cap zugeben mußte, es wehe nun eine tüchtige Kühlte. Gegen Sonnenuntergang vierte der Scud wieder, um in der Dunkelheit der Nacht nicht an das Nordufer getrieben zu werden, und gegen Mitternacht glaubte der dermalige Schiffsmeister, der sich durch sein indirektes Ausforschen der Matrosen einige allgemeine Kenntnisse über die Größe und die Gestalt des Sees erworben hatte, daß er sich ungefähr in der Mitte zwischen beiden Ufern befinde. Die Höhe und Länge der Wellen machte diese Vermutung wahrscheinlich, und wir müssen noch beifügen, daß Cap zu dieser Zeit eine Achtung vor dem Frischwasser zu fühlen anfing, die er vierundzwanzig Stunden früher als eine Unmöglichkeit verlacht haben würde. Eben, als der Tag zu grauen begann, wurde die Wut des Windes so heftig, daß sich der Seemann nicht mehr gegen sie zu halten vermochte, denn die Wogen fielen in solchen Massen über das Verdeck des kleinen Fahrzeugs, daß sie es in seinem Innersten erschütterten und ungeachtet seiner Behendigkeit unter ihrem Gewicht zu begraben drohten. Die Matrosen des Scud versicherten, daß sie früher nie einen solchen Sturm auf dem See durchgemacht hätten, was auch richtig war, denn Jasper würde, bei seiner genauen Kenntnis aller Flüsse, Vorgebirge und Hafen, den Kutter lange vorher ans Ufer geführt und auf einen sicheren Ankergrund gebracht haben. Aber Cap verschmähte es noch immer, den jungen Schiffer, der sich fortwährend im unteren Raum befand, um Rat zu fragen, und war entschlossen, wie ein Seemann auf dem großen Weltmeer zu handeln.

Um ein Uhr morgens wurde das untere Stagsegel wieder an den Scud gelegt, der obere Teil des Hauptsegels niedergelassen und der Kutter vor den Wind gebracht. Obgleich nun die Oberfläche der Leinwand dem Wind nur einen Streifen darbot, so machte doch das kleine Fahrzeug seinem edlen Namen Ehre, denn es flog in der Tat acht Stunden lang wie eine Wolke dahin, beinahe mit derselben Geschwindigkeit, mit der die Möwen über ihn wegschössen, augenscheinlich vor Furcht, in den kochenden Kessel des Sees herunterzufallen. Das Aufdämmern des Tages brachte wenig Veränderung. Der Horizont blieb auf den kleinen bereits beschriebenen Nebelkreis beschränkt, in dem die Elemente in chaotischer Verwirrung zu toben schienen. Während dieser Zeit verhielten sich die Matrosen und Passagiere des Kutters in gezwungener Untätigkeit. Jasper und der Lotse blieben unten; als aber die Bewegung des Fahrzeuges leichter wurde, so kamen fast alle übrigen auf das Verdeck. Das Frühstück wurde schweigend eingenommen, und jeder blickte dem anderen ins Auge, als ob sie sich in dieser stummen Weise fragen wollten, wohin dieser Kampf der Elemente wohl noch führen werde. Cap erhielt sich jedoch vollkommen seine Fassung; sein Auge strahlte, sein Tritt wurde fester und seine ganze Haltung zuversichtlicher, als der Sturm zunahm und größere Anforderungen an seine Geschicklichkeit und seinen Mut machte. Er stand mit gekreuzten Armen und mit seemännischem Instinkt seinen Körper wiegend auf der Back, indes seine Augen auf die Spitzen der Wellen achteten, die sich brachen und an dem taumelnden Kutter vorbeischössen, wobei sie in ihrer raschen Bewegung selbst wie zum Himmel steigende Wolken erschienen. In diesem erhabenen Augenblick gab einer der Matrosen den unerwarteten Ruf: »Ein Segel!«

Der Ontario hatte so viel von dem wilden und einsamen Charakter der Wälder, daß man kaum hoffen durfte, auf seinem Wasser mit einem Schiff zusammenzutreffen. Der Scud selbst erschien denen, die er trug, wie ein einzelner Wanderer in der Wildnis, und dieses Zusammentreffen glich dem zweier einsamer Jäger unter dem breiten Blättergewölbe, das damals so viele Millionen Morgen des amerikanischen Festlandes bedeckte. Der eigentümliche Wetterstand diente dazu, das Romantische und fast Übernatürliche dieser Begegnung zu steigern. Cap allein war an derartige Erscheinungen mehr gewöhnt; aber doch bebten auch seine eisernen Nerven unter den Gefühlen, die die wilden Züge dieser Szene erweckten.

Das fremde Schiff befand sich ungefähr zwei Kabellängen vor dem Scud, stand mit seinen Bügen quer gegen den Wind und steuerte in einem Kurs, daß der letztere wahrscheinlich in einer Entfernung von einigen Ellen daran vorbeikommen mußte. Es war vollständig aufgetakelt, und in der stürmischen Nebelluft konnte selbst das geübteste Auge keine Unvollkommenheit in seinem Bau und seiner Takelage erkennen. Die einzige losgemachte Leinwand war das dicht gereffte große Marssegel und zwei kleine untere Stagsegel, das eine vorn, das andere hinten. Doch die Gewalt des Windes drängte das Fahrzeug so heftig, daß es sich fast bis an seine Deckbalkenenden umbeugte, wenn es nicht durch das Steigen der Wellen unter seinem Lee aufgerichtet wurde. Die Spieren waren alle an ihrer Stelle, und an der Bewegung, die mit einer Geschwindigkeit von vier Knoten in der Stunde vonstatten ging, konnte man erkennen, daß es ein wenig frei steuerte.

»Der Bursch muß seine Stellung gut kennen«, sagte Cap, als der Kutter mit einer Geschwindigkeit, die beinahe der des Sturmes glich, auf das Schiff zuflog, »denn er steht so kühn gegen Süden an, daß er dort sicher einen Hafen oder Ankerplatz zu finden weiß. Kein vernünftiger Mensch würde in dieser Weise frei davonfahren, ohne genau zu wissen, wohin er will; es müßte denn sein, daß ihn der Sturm, einer Wolke gleich, vor sich herjagte, wie dies bei uns der Fall ist.«

»Wir haben einen Lauf gemacht, von dem man allen Respekt haben muß, Kapitän«, erwiderte der Mann, an den die vorige Bemerkung gerichtet war. »Dies ist das französische Königsschiff Lee-my Calm (le Montcalm) und segelt nach dem Niagara, wo sein Eigner eine Garnison und einen Hafen hat. Wir haben einen respektabeln Lauf gemacht.«

»Ach, hol‘ ihn der Henker! Wie ein echter Franzose rennt er augenscheinlich dem Hafen zu, sobald er einen englischen Kiel sieht.«

»Es möchte für uns gut sein, wenn wir ihm folgen könnten«, erwiderte der Mann mit zaghaftem Kopfschütteln, »denn wir kommen hier oben am Ende des Sees in eine Bai, und es ist zweifelhaft, ob wir je wieder aus ihr herauskommen.«

»Pah, pah, Mann! Wir haben die offene See vor und einen guten englischen Boden unter uns. Wir sind keine Johnny Crapauds, um uns wegen eines Windstoßes hinter eine Bergspitze oder ein Fort zu verstecken. Vergeßt Euer Steuer nicht, Herr!«

Dieser Befehl wurde wegen des drohenden Näherrückens des feindlichen Schiffes gegeben. Der Scud schoß nun gerade auf die Kielkinnbacke des Franzosen zu, und da sich die Entfernung zwischen den beiden Fahrzeugen bis auf hundert Ellen vermindert hatte, so war es einen Augenblick zweifelhaft, ob Raum genug vorhanden sei, um aneinander vorbeizukommen.

»An Backbord, an Backbord das Ruder und hinten vorbei!« rief Cap.

Man sah die Schiffsmannschaft des Franzosen sich windwärts versammeln und einige Musketen anlegen, als ob sie der Mannschaft des Scud befehlen wolle, sich fernzuhalten. Auch wurden noch andere Gebärden bemerkt, aber der See war zu wild und drohend, um irgendeine feindselige Demonstration zuzulassen. Aus den Mündungen der zwei oder drei leichten Kanonen an Bord des Schiffes tropfte Wasser, und niemand dachte daran, sich ihrer in diesem Sturm bedienen zu wollen. Die schwarzen Seiten des Fahrzeugs glänzten, wenn sie aus einer Welle auftauchten, und schienen zu zürnen, während der Wind durch das Takelwerk heulte und in den tausend Tönen eines Schiffes herumorgelte, so daß man davor nicht einmal das auf den französischen Schiffen gewöhnliche Rufen und Schreien vernehmen konnte.

»Mag er sich heiser schreien«, grollte Cap. »Wir haben jetzt kein Wetter, in dem man sich Geheimnisse zuflüstern kann. An Backbord das Ruder, Herr!«

Der Mann am Steuer gehorchte, und der nächste Wogenguß trieb den Scud so nahe gegen die Windvierung des Schiffes hinab, daß selbst der alte Seemann einen Schritt zurückprallte und erwartete, daß, sobald die Wellen den Schnabel wieder in die Höhe brächten, die vordersten Büge gerade in die Planken des Gegners treiben müßten. Dies geschah jedoch nicht; denn als der Kutter sich wieder aus seiner geduckten Stellung aufrichtete, die der eines lauernden Panthers vor dem Sprunge glich, schoß er vorwärts und im nächsten Augenblick an dem Stern des feindlichen Schiffes vorüber, wobei er gerade noch dessen Spenkerspierende mit seiner eigenen unteren Rah klärte.

Der junge Franzose, der den Montcalm befehligte, sprang auf den Hackebord, lüpfte mit jenem zierlichen Anstand, der auch den niedrigsten Handlungen seiner Landsleute eine gewisse Feinheit verleiht, seine Mütze und winkte einen lächelnden Gruß, als der Scud vorüberschoß. Es lag, da die Umstände keine anderen Mitteilungen gestatteten, eine gewisse Leutseligkeit und feine Bildung in diesem Akt der Höflichkeit, die aber bei Cap verlorenging; denn mit dem seinen Leuteschlag eigenen Instinkt schüttelte er drohend seine Faust und brummte vor sich hin: »Ja, ja, es ist ein verflixtes Glück für euch, daß wir kein schweres Geschütz hier an Bord haben, sonst wollte ich euch was ‚rüberschicken, was euch neue Kajütenfenster nötig machen dürfte.«

»Er war höflich, Bruder Cap«, erwiderte der andere, indem er seine Hand sinken ließ, da sein Soldatenstolz ihn veranlaßt hatte, die militärische Begrüßung zu erwidern; »er war höflich, und das ist so viel, wie man von einem Franzosen erwarten kann. Was er damit wirklich meinte, kann wohl niemand sagen.«

»Er setzt sich gewiß nicht umsonst bei diesem Wetter der See aus. Je nun, lassen wir ihn einlaufen, wenn er kann, indes wir uns wie mutige englische Matrosen auf dem Wasser halten wollen.«

Das klang wohl schön, aber Cap blickte doch neidisch auf den glänzenden schwarzen Rumpf des Montcalm, sein flatterndes Segel und die verschwimmenden Spierenkreuzungen, bis sich sein Bild immer mehr und mehr verwischte und zuletzt wie ein wesenloser Schatten im Nebel verschwand. Cap wäre gern seinem Fahrwasser gefolgt, wenn er es hätte wagen dürfen; denn die Aussicht auf eine zweite Sturmnacht mitten auf dem wilden Wasser, das rund um ihn her tobte, hatte in der Tat wenig Tröstliches für ihn. Sein seemännischer Stolz erlaubte ihm jedoch nicht, eine Unbehaglichkeit merken zu lassen, und die seiner Obhut Anvertrauten verließen sich auf seine Kenntnisse und Geschicklichkeit mit dem blinden und unbedingten Vertrauen, das bei Unkundigen so gewöhnlich ist.

Es vergingen nun einige Stunden, und die Finsternis begann wieder, die Gefahren des Scud zu vermehren. Doch hatte ein Nachlassen der Kühlte Cap veranlaßt, wieder einmal in den Wind umzulenken, und der Kutter lag die ganze Nacht über, wie früher, bei, indes er jedoch stets nach vorn trieb und gelegentlich vierte, um vom Lande abzuhalten. Die Ereignisse dieser Nacht waren übrigens so ziemlich dieselben wie bei anderen Kühlten: ein Schwanken des Schiffes, ein Gischen des Wassers, ein Spritzen des Schaumes und Erschütterungen, die das von den Wellen hin und her geschleuderte Fahrzeug zu vernichten drohten; das unablässige Heulen des Windes und die Schrecken erregende Abtrift. Letztere waren am gefährlichsten; denn obgleich der Scud außerordentlich gut Luv unter seinem Segel hielt und durchaus keinen Windfang hatte, so war er doch so leicht, daß ihn die steigenden Wogen bisweilen in reißender Schnelle in ihr Lee hinabzuwaschen schienen.

Während dieser Nacht überließ sich Cap einige Stunden einem gesunden Schlaf. Der Morgen dämmerte eben auf, als er sich an der Schulter ergriffen fühlte: Als er sich aufrichtete, sah er den Pfadfinder an seiner Seite stehen. Während des Sturmes hatte sich der Kundschafter wenig auf dem Verdeck gezeigt, denn seine natürliche Bescheidenheit belehrte ihn, daß die Leitung des Schiffes nur in den Bereich der Seeleute gehöre, und er war geneigt, den Führern des Scud dasselbe Vertrauen zu schenken, das er von denen erwartete, die ihm durch die Wälder folgten. Jetzt aber hielt er eine Einmischung für gerechtfertigt und vollführte diese in seiner eigentümlichen, ehrlichen Weise.

»Der Schlaf ist süß, Meister Cap, wie ich aus eigener Erfahrung weiß; aber das Leben ist noch süßer«, sagte er, als sich Caps Augen geöffnet hatten und er sich in seine Lage zu finden begann. »Seht um Euch und sagt mir, ob das nicht ein Augenblick ist, wo ein Befehlshaber auf seinen Beinen sein muß.«

»Wie, wie – Meister Pfadfinder?« brummte Cap in den ersten Augenblicken des wiederkehrenden Bewußtseins. »Habt Ihr Euch auch auf die Seite der Murrenden geschlagen? Auf dem Lande bewunderte ich Eure Klugheit, die Euch über die gefährlichsten Untiefen ohne Kompaß wegführte; und seit wir auf dem Wasser sind, hat mir Eure Mäßigung und Ergebenheit ebensowohl gefallen wie die Zuversicht, mit der Ihr auf Eurem eigenen Boden auftratet. Ich hätte eine solche Aufforderung von Euch am wenigsten erwartet.«

»Was mich angeht, Meister Cap, so fühl‘ ich, daß ich meine Gaben habe, die wohl denen eines andern nicht ins Gehege kommen werden. Mit Mabel Dunham mag es aber ein anderer Fall sein, ’s ist wahr, sie hat auch ihre Gaben; sie sind aber nicht so rauh wie die unsrigen, sondern sanft und weiblich, wie sie sein müssen. Ich spreche daher mehr um ihret- als um meinetwillen.«

»Ja, ja – ich fange an zu begreifen. Das Mädchen ist ein gutes Kind, mein werter Freund; aber sie ist die Tochter eines Soldaten und die Nichte eines Seemanns und sollte daher in einem Sturm nicht zu furchtsam sein. Läßt sie Furcht blicken?«

»Nein, nicht doch. Mabel ist zwar ein Weib, aber vernünftig und schweigsam. Ich hab‘ sie nicht ein Wort über unser Handeln äußern hören, obgleich ich glaube, Meister Cap, daß es ihr lieber wäre, wenn Jasper wieder seine frühere Stellung einnähme und alles in den alten Zustand versetzt würde. Das ist so die menschliche Natur.«

»Das will ich ohne Schwur glauben – ’s ist so ganz nach der Art der Mädels und zumal der Dunhams. Alles ist besser als ein alter Onkel, und jedermann weiß mehr als ein alter Seemann. Das ist menschliche Natur, Meister Pfadfinder, und hol‘ mich der Teufel, wenn ich der Mann bin, der, sei es am Back- oder Steuerbord, um der ganzen Menschennatur willen, die in einem solchen zwanzigjährigen Naseweis steckt, auch nur einen Faden ab- oder angiere; – ja, auch nicht um aller willen« (er dämpfte hierbei seine Stimme ein wenig), »die in seiner Majestät fünfundfünfzigstem Regiment zu Fuß auf die Parade ziehen. Ich hab‘ mich nicht vierzig Jahre auf dem Meer ‚rumgetrieben, um hier auf diesem Fetzen Frischwasser zu lernen, was Menschennatur ist. – Wie diese Kühlte anhält! Sie bläst in diesem Augenblick so kräftig, als ob Boreas selber seine Schläuche quetschte. Und was ist das alles auf der Leeseite?« (er rieb die Augen) – »Land! So wahr ich Cap heiße – und dazu Hochland!«

Der Pfadfinder gab keine unmittelbare Antwort, betrachtete aber mit Kopfschütteln und ängstlicher Sorge den Gesichtsausdruck seines Gefährten.

»Land, so wahr wie dieses der Scud ist!« wiederholte Cap. »Ein Legerwall und noch dazu in der Entfernung von einer Stunde, mit einer so schönen Linie von Brandungen, wie man nur eine an dem Ufer von ganz Long-Island finden kann!«

»Und ist das ermutigend oder niederschlagend?« fragte der Pfadfinder.

»Ah! Ermutigend – niederschlagend! – ’s ist keines von beiden. Nein, nein! Ich kann nichts Ermutigendes daran sehen, und einen Seemann darf nichts niederschlagen. Es schlägt Euch wohl auch nichts nieder in den Wäldern, mein Freund?«

»Ich will das nicht sagen – ich will das nicht sagen. Wenn die Gefahr groß ist, so hab‘ ich die Gabe, sie zu sehen, zu erkennen und den Versuch zu ihrer Vermeidung zu machen, sonst würde wohl mein Skalp schon längst in dem Wigwam eines Mingo trocknen. Auf diesem See aber kann ich keine Spur sehen und muß mich daher unterwerfen, obgleich ich meine, wir sollten uns daran erinnern, daß eine Person wie Mabel Dunham an Bord ist. Doch da kommt ihr Vater und wird ohne Zweifel um sein Kind besorgt sein.«

»Wir sind da, glaub‘ ich, in einer bedenklichen Lage, Bruder Cap, soviel ich von den beiden Matrosen am Backbord entnehmen kann«, sagte der Sergeant, als er bei den beiden angelangt war. »Sie sagen mir, der Kutter könne kein Segel mehr führen, und die Abtrift sei so stark, daß sie uns in einer oder zwei Stunden ans Ufer werfen werde. Ich hoffe, daß ihre Furcht sie täuscht.«

Cap antwortete nicht, sondern blickte nur mit einem kläglichen Gesicht gegen das Land, worauf er sich jedoch mit dem Ausdruck der Entrüstung gegen den Wind kehrte, als ob er gerne mit dem Wetter Händel angefangen hätte.

»Es möchte wohl gut sein, Bruder«, fuhr der Sergeant fort, »nach Jasper zu schicken, um mit ihm über das zu beraten, was geschehen muß. Hier sind keine Franzosen zu fürchten, und möglicherweise wird uns der Junge doch vor dem Ertrinken retten.«

»Ja, ja, diese verwünschten Indizien haben uns in all dieses Ungemach geführt. Doch laßt den Burschen kommen, laßt ihn kommen. Einige gut angebrachte Fragen werden ihm wohl die Wahrheit entlocken – ich stehe dafür.«

Sobald die Zustimmung des starrköpfigen Cap erlangt war, wurde nach Jasper geschickt. Der junge Mann erschien sogleich und trug in seiner Miene wie auch seinem ganzen Äußeren den Ausdruck eines gekränkten und gedemütigten Gefühls, den jedoch einige der Beobachter als die Befangenheit der überführten Schuld betrachteten. Kaum war er auf dem Verdeck angelangt, so warf er einen schnellen ängstlichen Blick um sich, als ob er neugierig sei, die Lage des Kutters kennenzulernen, und dieser Blick schien hinreichend zu sein, ihm die ganze Gefahr zu enthüllen. Zuerst blickte er nach Seemannsweise gegen den Wind und sah sich dann rings am Horizont um, bis sein Auge auf dem leewärts gelegenen Hochland haften blieb, von wo aus ihm auf einmal die traurige Wahrheit in lebendigen Zügen vors Auge trat.

»Ich hab‘ nach Euch geschickt, Meister Jasper«, sagte Cap, indem er die Arme kreuzte und mit der ganzen Backbordwürde seines Körpers wiegte, »um was über den Hafen in unserem Lee zu erfahren, denn wir denken, Ihr werdet Euren Unwillen nicht so weit treiben, daß Ihr uns alle ersäuft sehen möchtet, zumal die Weiber. Auch denk‘ ich, Ihr werdet Manns genug sein, uns den Kutter auf ein sicheres Lager bringen zu helfen, bis dieses bißchen Kühlte zu blasen nachgelassen hat.«

»Ich wollte lieber zugrunde gehen, als daß Mabel Dunham ein Leid geschehen sollte«, antwortete der Jüngling mit ruhigem Ernst.

»Ich wußte es – ich wußte es!« rief der Pfadfinder, indem er Jasper freundlich auf die Schulter klopfte. »Der Junge ist so treu wie der beste Kompaß, der je an der Grenze war oder irgend jemanden von einer blinden Fährte half. Es ist eine Todsünde, etwas anderes zu glauben.«

»Hum!« rief Cap, »zumalen die Weiber! Als ob die in einer besonderen Gefahr wären. Doch es macht nichts, junger Mensch; wir werden einander verstehen, wenn wir wie ein paar ehrliche Seeleute miteinander reden. Kennt Ihr irgendeinen Hafen unter unserem Lee?«

»Nein. Es ist eine weite Bucht an diesem Ende des Sees; sie ist uns allen aber unbekannt und die Einfahrt schwierig.«

»Und diese Küste im Lee – sie hat nichts besonders Einladendes, denk‘ ich?«

»Es ist eine Wildnis, die auf der einen Seite bis zur Mündung des Niagara und auf der anderen zum Fort Frontenac reicht. Ich hab‘ mir sagen lassen, daß nördlich und westlich tausend Meilen weit nichts als Wälder und Prärien sind.«

»Gott sei Dank! Dann können doch keine Franzosen da sein. Sind auf dem Lande dort vielleicht viele Wilde um den Weg?«

»Man findet in allen Richtungen Indianer, obgleich sie nirgends sehr zahlreich sind. Man kann zufällig auf eine Partie an irgendeinem Punkt des Ufers stoßen, aber auch monatelang wandern, ohne einen einzigen zu sehen.«

»Nun, was diese Blaustrümpfe anbelangt, so müssen wir’s eben nehmen, wie’s kommt. Aber um offen mit Euch zu reden, Meister Western, wenn dieser kleine, unangenehme Vorfall mit den Franzosen nicht dazwischengekommen wäre – was würdet Ihr jetzt mit dem Kutter anfangen?«

»Ich bin ein viel jüngerer Schiffer als Ihr, Meister Cap«, sagte Jasper bescheiden, »und also kaum geeignet, hier eine Meinung zu äußern.«

»Ja, ja – wir wissen das wohl. In einem gewöhnlichen Fall vielleicht nicht. Aber das ist ein ungewöhnlicher Fall, ein Umstand, und dieses Stückchen Frischwasser hat sozusagen seine Eigentümlichkeiten. Ihr mögt also, wenn man es beim Licht betrachtet, wohl geeignet sein, hier Eure Ansichten auszusprechen, und wenn es gegen Euren Vater wäre. In jedem Falle könnt Ihr sprechen, und ich kann Eure Meinung meiner Erfahrung gemäß beurteilen.«

»Ich denke, Herr, daß der Kutter, ehe noch zwei Stunden vorüber sind, vor Anker gebracht werden sollte.«

»Vor Anker? – Doch nicht hier draußen auf dem See?«

»Nein, Herr, aber dort drinnen, in der Nähe des Landes.«

»Ihr wollt mir doch nicht weismachen, Meister Eau-douce, daß Ihr bei einer solchen Kühlte an einem Legerwall ankern würdet?«

»Wenn ich mein Schiff retten will, so kann ich nichts anderes tun.«

»Hu, hu-u! Das ist ein verteufeltes Frischwasser. Hört, junger Mensch, ich bin ein seefahrendes Tier gewesen, als Knabe und Mann, einundvierzig Jahre lang, und nie hab‘ ich von so was gehört; auch wollt‘ ich lieber alles Tauwerk über Bord werfen, ehe ich mich eines solchen Schuljungenstreiches schuldig machen würde!«

»Wir handeln so hier auf dem See, wenn wir hart gedrängt werden«, erwiderte Jasper bescheiden. »Vielleicht könnten wir etwas Besseres tun, wenn man’s uns gelehrt hätte.«

»Das möchte in der Tat der Fall sein! Nein, niemand wird mich veranlassen, eine solche Sünde gegen meine Erziehung zu begehen. Ich könnte ja nie wieder mein Gesicht innerhalb Sandy-Hook zeigen, wenn ich mir einen solchen Schülerstreich hätte zuschulden kommen lassen. Da hat sogar der Pfadfinder mehr Seemannslust in seinem Leib. Ihr könnt wieder hinuntergehen, Meister Eau-douce.«

Jasper verbeugte sich ruhig und schied. Als er jedoch die Leiter hinunterstieg, warf er, wie die Zuschauer bemerkten, zögernd einen ängstlichen Blick gegen den Horizont windwärts und gegen das Gestade im Lee, worauf er mit dem Ausdruck schweren Kummers in jedem Zug seines Gesichts verschwand.

Siebzehntes Kapitel

Siebzehntes Kapitel

Da die Soldatenfrau auf ihrem Lager krank lag, befand sich, als Jasper zurückkehrte, nur Mabel Dunham in der äußeren Kajüte, denn der Sergeant hatte ihm die Gunst widerfahren lassen, seinen ihm gebührenden Platz in diesem Teil des Schiffes einnehmen zu dürfen. Als er seinen Sitz neben ihr einnahm und sein ganzes Gesicht die deutlichen Züge seiner Bekümmernis über die Lage des Kutters trug, schwand jede Spur von Verdacht aus ihrer Seele, und sie erblickte in ihm nur den gekränkten Mann.

»Ihr nehmt Euch diese Sache zu sehr zu Herzen, Jasper!« sagte sie hastig mit jener Selbstvergessenheit, mit der die Jüngeren ihres Geschlechts ihre Gefühle zu verraten pflegen, wenn eine lebhafte Teilnahme die Oberhand gewinnt. »Niemand, der Euch kennt, kann oder wird an Eure Schuld glauben. Pfadfinder sagt, er stehe mit seinem Leben für Euch.«

»So betrachten Sie mich also nicht als einen Verräter, Mabel, wie dies Ihr Vater zu tun scheint?« erwiderte der Jüngling mit glänzenden Blicken.

»Vater ist Soldat und muß als ein solcher handeln. Bei meines Vaters Tochter ist das nicht so, und ich will von Euch nicht anders denken, als ich von einem Manne denken muß, der mir bereits soviel Dienste erwiesen hat.«

»Mabel, ich bin nicht gewöhnt, mit Ihresgleichen zu reden oder alles, was ich denke und fühle, auszusprechen. Ich habe nie eine Schwester gehabt, und meine Mutter starb, als ich noch ein Kind war, so daß ich wenig davon weiß, was Ihr Geschlecht am liebsten hört –«

Mabel hätte die ganze Welt darum geben mögen, wenn sie gewußt hätte, was dem Wort, bei dem Jasper steckenblieb, folgen sollte; aber das wachsame Gefühl weiblicher Schüchternheit, das sich nicht beschreiben läßt, hieß sie ihre Neugier unterdrücken. Sie erwartete daher schweigend die weitere Erklärung.

»Ich wollte sagen, Mabel«, fuhr der junge Mann nach einer Weile der peinlichsten Verlegenheit fort, »daß ich nicht an die Weise und die Ansichten von Ihresgleichen gewohnt bin, und daß sie sich alles, was ich hinzufügen möchte, denken müssen.«

Es fehlte nun allerdings Mabel nicht an Einbildungskraft: Aber es gibt Gedanken und Gefühle, die das weibliche Geschlecht gern ausgedrückt wissen möchte, ehe es seine eigenen Sympathien dagegen gibt, und sie hatte ein dunkles Vorgefühl, daß Jaspers Gedanken gerade in diese Reihe gehören dürften. Sie zog es deshalb vor, mit der ihrem Geschlechte eigentümlichen Gewandtheit dem Gespräch eine andere Wendung zu geben, als in dieser unbefriedigenden Weise fortzufahren.

»Sagt mir nur eines, Jasper, und ich werde zufrieden sein«, sagte sie mit einer Hastigkeit, die nicht nur ihre Zuversicht zu sich selbst, sondern auch zu ihrem Gefährten bekundete: »Habt Ihr keinen Anlaß gegeben zu dem grausamen Verdacht, der auf Euch lastet?«

»Gewiß nicht, Mabel«, antwortete Jasper und blickte ihr dabei mit einer Offenheit und Einfalt in die Augen, daß dadurch auch ein tiefer haftender Argwohn hätte erschüttert werden mögen, »so wahr ich dereinst auf Gnade hoffe.«

»Ich wußte es – ich hätte darauf schwören wollen«, erwiderte das Mädchen mit Wärme. »Und doch ist mein Vater ein wohlmeinender Mann. – Aber laßt Euch diese Sache nicht beunruhigen, Jasper.«

»Ach, es gibt gegenwärtig so ganz andere Dinge, die mich beunruhigen, daß ich an diese kaum denke.«

»Jasper!«

»Ich möchte Sie nicht in Sorge bringen, Mabel; aber wenn nur Ihr Onkel dahin zu bringen wäre, daß er seine Ansichten über die Handhabung des Scud änderte. Freilich ist er viel älter und erfahrener als ich, so daß er vielleicht mit Recht mehr Vertrauen auf sein eigenes Urteil als auf das meinige setzt.«

»Glaubt Ihr, der Kutter sei in Gefahr?« fragte Mabel mit Gedankenschnelle.

»Ich fürchte so, wenigstens würden ihn alle von diesem See für höchst gefährdet halten. Vielleicht stehen aber einem alten Seemann von dem Ozean besondere Mittel zu Gebote, um ihn zu retten.«

»Jasper, alle stimmen darin überein, daß Ihr volles Vertrauen verdient, was Eure Geschicklichkeit in der Führung des Scud anbelangt. Ihr kennt den See und den Kutter und müßt daher am besten über unsere gegenwärtige Lage urteilen können.«

»Vielleicht, Mabel, macht mich meine Besorgnis um Sie furchtsamer als gewöhnlich. Aber, um mich frei auszusprechen, ich kenne nur einen Weg, zu verhindern, daß der Scud nicht im Laufe der nächsten zwei oder drei Stunden scheitert, und Ihr Onkel weigert sich, ihn einzuschlagen. Doch vielleicht versteh‘ ich’s nicht besser, denn er sagt, der Ontario sei nur Frischwasser.«

»Ihr glaubt doch nicht, daß dies einen Unterschied macht? Denkt an meinen lieben Vater, Jasper! denkt an Euch selbst – an alle, deren Leben von einem Wort abhängt, das Ihr zur rechten Zeit aussprecht.«

»Ich denke an Sie, Mabel, und das ist mehr, viel mehr als alles andere zusammengenommen!« erwiderte der junge Mann mit einer Kraft des Ausdrucks und einem Ernst des Blicks, die unendlich mehr sagten als seine Worte.

Mabels Herz schlug heftig, und ein Strahl zufriedenen Dankes leuchtete aus ihrem errötenden Antlitz. Aber die Beunruhigung war zu lebhaft und ernst, als daß sie glücklicheren Gedanken hätte Raum geben können. Sie versuchte es nicht, einen dankbaren Blick zu unterdrücken, dann kehrte sie aber schnell wieder zu dem Gefühl zurück, das nunmehr die Oberhand gewann.

»Man darf’s nicht zugeben, daß meines Onkels Starrsinn Anlaß zu diesem Unglück gibt. Geht noch einmal auf das Verdeck und ersucht meinen Vater, in die Kajüte zu kommen.«

Während der junge Mann dieser Bitte entsprach, horchte Mabel mit einer Furcht, die ihr bisher fremd geblieben war, auf das Heulen des Sturmes und das Schlagen der Wellen gegen den Kutter. Von Konstitution ein wahrer Matrose, wie die Passagiere die zu nennen pflegen, denen das Wasser nichts anhaben kann, hatte sie bisher nicht im mindesten an eine Gefahr gedacht und die ganze Zeit seit dem Beginn des Sturmes mit weiblichen Beschäftigungen zugebracht, wie sie ihre Lage erlaubte: Seitdem aber ihre Besorgnisse ernstlich geweckt waren, erinnerte sie sich nicht, daß sie früher jemals bei einem solchen Unwetter auf dem Wasser gewesen sei. Die paar Minuten, die vergingen, bis der Sergeant kam, erschienen ihr wie eine Stunde, und als er mit Jasper die Leiter herunterstieg, wagte sie kaum, Atem zu holen. Sie teilte ihrem Vater so schnell wie die Sprache ihren Gedanken folgen konnte, Jaspers Ansicht über ihre gemeinschaftliche Lage mit und beschwor ihn, wenn er sie liebe oder wenn ihm sein eigenes Leben und das seiner Leute teuer sei, gegen ihren Onkel Einrede zu tun und ihn zu veranlassen, daß er die Führung des Kutters wieder in die Hände seines eigentlichen Befehlshabers abgebe.

»Jasper ist treu, Vater«, fügte sie mit Ernst hinzu, »und wenn er auch falsch wäre, so könnte er doch keinen Grund haben, uns, unter Gefährdung des Lebens aller wie auch seines eigenen, in diesem entfernten Teil des Sees scheitern zu lassen. Ich setze mein Leben an seine Redlichkeit.«

»Ja, das ist wohl genug für ein in Furcht gesetztes Weib«, antwortete der phlegmatische Vater; »aber bei einem Mann, der das Kommando für einen Feldzug übernommen hat, möchte es weder klug noch entschuldbar sein. Jasper denkt, vielleicht, daß die Möglichkeit, bei einem Näherkommen an das Ufer zu ertrinken, durch die Möglichkeit, beim Landen zu entspringen, voll aufgewogen werde.«

»Sergeant Dunham!«

»Vater!«

Diese Ausrufe erklangen gleichzeitig, äußerten jedoch in ihrem Ton den Ausdruck verschiedener Gefühle. Bei Jasper trug er vorzugsweise das Gepräge der Überraschung, bei Mabel das des Tadels. Der alte Soldat war übrigens zu sehr gewohnt, seine Untergebenen ohne Umstände zu behandeln, als daß er hierauf geachtet hätte, und fuhr nach einer kleinen Weile des Nachdenkens, als ob nichts gesprochen worden wäre, fort:

»Auch ist Bruder Cap wahrscheinlich nicht der Mann, der sich am Bord eines Schiffes Belehrungen gefallen läßt.«

»Aber, Vater, wenn unser aller Leben in der größten Gefahr ist?«

»Um so schlimmer. Ein Schiff bei gutem Wetter zu kommandieren, hat nicht viel auf sich, aber wenn es drunter und drüber geht, zeigt sich der gute Offizier in seinem wahren Licht. Charles Cap wird wahrscheinlich schon deshalb das Steuer nicht abgeben, weil das Schiff in Gefahr ist. Außerdem, Eau-douce, sagte er, daß Euer Vorschlag gar verdächtig aussehe und mehr nach Verrat als nach Vernunft rieche.«

»Er mag so denken, aber laßt ihn nach dem Lotsen schicken und seine Meinung hören. Man weiß wohl, daß ich diesen Mann seit gestern abend nicht mehr gesehen habe.«

»Das klingt vernünftig, und der Versuch soll gemacht werden. Folgt mir auf das Verdeck, daß alles ehrlich und über Bord hergehe.«

Casper gehorchte, und Mabel nahm an der Sache so lebhaften Anteil, daß sie sich bis an die Kajütentreppe wagte, wo ihre Kleidung hinlänglich gegen die Macht des Windes und sie selbst gegen den Schaum der Wogen geschützt war. Ihre Bescheidenheit erlaubte ihr nicht, weiter zu gehen, und so blieb sie hier, ein verborgener Zeuge dessen, was vorgehen sollte.

Der Lotse erschien bald, und der Blick der Beängstigung, den er auf die Umgebung warf, als er sich in der freien Luft befand, war nicht zu mißverstehen. Allerdings hatten auch schon einige Gerüchte über die Lage des Scud ihren Weg in den unteren Raum gefunden; aber in dem gegenwärtigen Fall hatten sie, statt die Gefahr zu vergrößern, diese eher vermindert. Es wurde ihm gewährt, sich einige Minuten umzusehen, und dann legte man ihm die Frage vor, was er unter diesen Verhältnissen für das klügste halte.

»Ich sehe kein Mittel, den Kutter zu retten, als ihn vor Anker zu bringen«, antwortete er einfach und ohne Zögern.

»Was? hier draußen auf dem See?« fragte Cap, wie er es früher bei Jasper getan hatte.

»Nein, weiter innen; gerade an der äußeren Linie der Brandungen.«

Das Ergebnis dieser Besprechung ließ Cap keinen Zweifel, daß es zwischen Jasper und dem Lotsen im geheimen abgekartet worden sei, den Scud zugrunde zu richten, wobei sie wahrscheinlich zu entspringen hofften. Infolgedessen behandelte er die Ansicht des Lotsen mit derselben Gleichgültigkeit, die er gegen die Jaspers an den Tag gelegt hatte.

»Ich sage dir, Bruder Dunham«, erwiderte er auf die Einwendungen des Sergeanten, der ihn bat, gegen diese von zweien ausgesprochene übereinstimmende Ansicht nicht taub zu bleiben, »daß kein ehrlicher Seemann eine solche Meinung aussprechen kann. An einem Legerwall in einer solchen Kühlte zu ankern, wäre eine Tollheit, die ich gegen keinen Assekuranten zu verantworten wüßte, solang mir nur noch ein Fetzen Segel auszusetzen bleibt. Der allertollste Unsinn wär’s aber, wenn ich dicht an den Brandungen vor Anker gehen wollte.«

»Ihre Majestät ist der Assekurant des Scud, Bruder, und ich bin für das Leben der meinem Kommando anvertrauten Leute verantwortlich. Diese Männer kennen den Ontariosee besser als wir, und ich glaube, daß man ihrer übereinstimmenden Aussage einigen Glauben schenken sollte.«

»Onkel!« rief Mabel mit Ernst; aber eine Bewegung von Jasper veranlaßte das Mädchen, ihre Gefühle zurückzuhalten.

»Wir triften so schnell gegen die Brandungen ab«, sagte der junge Mann, »daß über diesen Gegenstand wenig mehr gesagt zu werden braucht. Eine halbe Stunde wird die Sache auf eine oder die andere Weise ins reine bringen. Aber ich gebe Meister Cap zu bedenken, daß sich selbst der festeste Fuß keinen Augenblick auf dem Verdeck dieses niedrigen Fahrzeugs wird aufrecht erhalten können, wenn wir erst einmal in die Brandung eingetreten sind! Ich zweifle in der Tat keinen Augenblick, daß das Schiff sich füllen und sinken wird, ehe wir noch über die zweite Linie der Rollwogen wegkommen.«

»Und wie könnte uns da ein Ankern helfen?« fragte Cap wütend, als ob ihm Jasper ebenso verantwortlich für die Wirkungen des Sturmes wie für die gerade ausgesprochene Ansicht sei.

»Es würde wenigstens nicht schaden«, erwiderte Eau-douce mit Sanftmut. »Wenn wir den Schnabel des Kutters seewärts bringen, so werden wir die Abtrift vermindern; und sollten wir auch durch die Brandungen geschleppt werden, so wird es doch mit der möglichst geringen Gefahr geschehen. Ich hoffe, Meister Cap, Ihr werdet mir und dem Lotsen erlauben, wenigstens die Vorbereitungen zum Ankerwerfen zu treffen, da eine solche Vorsorge uns zugute kommen und in keinem Fall schaden kann.«

»Überholt Eure Taue, wenn Ihr wollt, und macht die Anker klar – von ganzem Herzen. Wir sind nun mal in einer Lage, daß an solchen Dingen nicht mehr viel liegt. Sergeant, auf ein Wort dahinten, wenn’s gefällig ist.«

Cap führte seinen Schwager außer Hörweite und öffnete ihm nun sein Herz über die wahre Lage mit mehr menschlichem Gefühl in seiner Stimme und seinen Gebärden, als sich von ihm erwarten ließ.

»Das ist eine traurige Geschichte für die arme Mabel«, sagte er mit leichtem Beben und erweiterten Nüstern. »Du und ich, wir sind ein paar alte Gesellen und an die Nähe des Todes gewöhnt, wenn auch nicht an den Tod selbst. Unser Gewerbe hat uns für solche Szenen abgehärtet; aber die arme Mabel! – Sie ist ein liebes und gutherziges Mädel, und ich habe gehofft, sie anständig versorgt und als Mutter lieber Kinder zu sehen, ehe mein Stündlein kommt. Doch, es muß so auch recht sein! Wir müssen das Schlimme wie das Gute auf unsern Reisen hinnehmen, und der einzige ernstliche Kummer, den sich ein alter Seefahrer mit Recht über ein solches Ereignis machen kann, ist der, daß es auf diesem verdammten Fetzen Frischwasser stattfinden soll.«

Sergeant Dunham war ein wackerer Mann und hatte seinen Mut unter Umständen erprobt, die noch weit hoffnungsloser schienen als die gegenwärtigen. Aber bei solchen Gelegenheiten hatte er doch die Macht gehabt, seinen Feinden Widerstand zu leisten, während er hier von einem Gegner gedrängt wurde, zu dessen Bekämpfung ihm die Mittel fehlten. Er war weniger für sich als für seine Tochter bekümmert; denn er fühlte etwas von dem Selbstvertrauen, daß einen Mann selten verläßt, der in der Blüte der Kraft und Gesundheit steht und an persönliche Anstrengungen in Augenblicken der Gefahr gewöhnt ist. Für Mabel sah er aber kein Mittel des Entkommens, und mit der Zärtlichkeit: eines Vaters entschloß er sich, wenn ihr Untergang unvermeidlich sein sollte, zugleich mit ihr zu sterben.

»Glaubst du, daß es so kommen müsse?« fragte er Cap mit Festigkeit, aber mit tiefem Gefühl.

»Zwanzig Minuten werden uns in die Brandungen führen; und betrachte selbst, Sergeant, welche Wahrscheinlichkeit auch der kräftigste Mann unter uns haben kann, aus dem Kessel dort im Lee zu entrinnen.«

Der Anblick war allerdings wenig geeignet, die Hoffnung zu ermutigen. Mittlerweile war der Scud auf eine Meile in die Nähe des Ufers gekommen, auf das der Sturm unter einem rechten Winkel mit einer Heftigkeit blies, daß das Prangen eines weiteren Segels, um vom Legerwall abzuarbeiten, nicht zu denken war. Der beigesetzte kleine Streifen des großen Segels, das jedoch nur dazu diente, das Vorderteil des Scud dem Winde so nah‘ zu halten, daß die Wellen nicht über ihm zusammenbrechen, zitterte unter den Stößen des Sturmes, unter denen die starken Taue, die die komplizierte Maschine zusammenhielten, jeden Augenblick zu zerreißen drohten. Der Regen hatte nachgelassen, aber die Luft war hundert Fuß über der Oberfläche des Sees mit blendendem Gischt erfüllt, der einem funkelnden Wasserstaub nicht unähnlich war, indes über dem Ganzen die Sonne glorreich an dem wolkenlosen Himmel strahlte. Jasper bemerkte diese Vorzeichen und erklärte, daß es ein schleuniges Ende des Sturmes bedeute, obgleich die nächsten paar Stunden über ihr Schicksal entscheiden müßten. Zwischen dem Kutter und dem Ufer war der Anblick noch wilder und niederschlagender.

Die Brandungen erstreckten sich fast auf eine halbe Meile in den See hinein, indes das Wasser innerhalb ihrer Linie wie weißer Schaum erschien und die Luft darüber so hoch mit Dunst und Gischt erfüllt war, daß man das jenseitige Land nur unbestimmt und wie durch einen Nebel erblicken konnte. Stets blieb aber seine steile Ansteigung – eine ungewöhnliche Erscheinung an den Ufern des Ontario – und der grüne Mantel des endlosen Waldes, womit es bedeckt war, zu erkennen.

Während der Sergeant und Cap stillschweigend auf dieses Schauspiel blickten, war Jasper mit seinen Leuten am Backbord beschäftigt. Der junge Mann hatte kaum die Erlaubnis erhalten, sein früheres Geschäft wieder aufzunehmen, so ließ er, da er einige Soldaten zur Handreichung aufgerufen hatte, seine fünf oder sechs Gehilfen antreten, und begann mit allem Ernst eine Vorrichtung auszuführen, die nur zu lange schon verzögert worden war. Auf diesem schmalen Wasserbecken werden weder die Anker in Bord gestaut, noch die für den Dienst bestimmten Kabeln von den Ankerringen losgemacht, was Jasper einen großen Teil der Mühe, die auf dem Meer nötig gewesen wäre, ersparte. Der tägliche Anker und der Teuanker waren bald in dem Zustand, losgelassen zu werden, und der auf dem Deck befindliche Teil der Ankertaue überholt, worauf dann innegehalten und nach weiterer Weisung ausgesehen wurde. Bis jetzt hatte sich noch nichts zum Besseren gekehrt; aber der Kutter trieb langsam weiter, und man gewann mit jedem Augenblick mehr Gewißheit, daß man ihn nicht um einen Zoll weiter windwärts bringen könne.

Nach einem langen und ernsten Blick über den See gab Jasper neue Befehle, in einer Weise, die deutlich bewies, wie drängend ihm der Augenblick vorkommen mochte. Zwei Wurfanker wurden auf das Verdeck gebracht und die dicken Trosse dran befestigt; dann wurden die inneren Enden der Trosse wieder um die Kronen der Anker geschlungen und alles bereitgehalten, um sie in dem geeigneten Augenblick über Bord zu werfen. Als Jasper mit diesen Vorbereitungen zu Ende war, beruhigte sich seine geschäftige Aufregung, obgleich in seinem Blick noch die Sorge lag. Er verließ das Vorderkastell, wo die Wellen bei jeder Schwankung des Schiffes an Bord schlugen und wo das eben erwähnte Geschäft unter häufigen Wassergüssen, die die Arbeiter ganz überschütteten, vollführt worden war, und ging an einen trockenen Platz weiter hinten auf dem Verdeck. Hier traf er den Pfadfinder, der bei Mabel und dem Quartiermeister stand. Die meisten der an Bord befindlichen Personen, mit Ausnahme der bereits genannten, waren in dem unteren Raum und suchten teilweise Linderung ihrer körperlichen Leiden auf ihren Betten, während andere allmählich mit ihrem Gewissen ins reine zu kommen suchten. Es war wahrscheinlich das erstemal, seit dieser Kiel in das klare Wasser des Ontario getaucht hatte, daß der Ton eines Gebetes am Bord des Scud gehört wurde.

»Jasper«, begann der freundlich gesinnte Kundschafter; »ich bin diesen Morgen zu nichts nütze gewesen, denn ich verstehe nun mal von Schiffsdingen nichts. Wenn es aber Gott gefallen sollte, des Sergeanten Tochter lebend das Ufer erreichen zu lassen, so dürfte meine Bekanntschaft mit den Wäldern sie wohl glücklich wieder in die Garnison zurückbringen.«

»Es ist eine schreckliche Entfernung bis dahin, Pfadfinder!« entgegnete Mabel, denn die Gesellschaft stand so nahe beieinander, daß alles, was irgendeiner sprach, auch von den andern gehört werden konnte. »Ich fürchte, daß niemand von uns das Fort lebend erreichen wird.«

»Es würde einen gefährlichen Marsch mit vielen Umwegen abgeben, Mabel, obgleich einige Ihres Geschlechts noch viel mehr in dieser Wildnis durchgemacht haben. Aber, Jasper, Ihr oder ich oder wir beide müssen diesen Rindenkahn bemannen. Mabels Rettung ist nur dadurch möglich, daß wir sie auf diese Weise durch die Brandungen bringen.«

»Ich wollte gern alles tun, um Mabel zu retten«, erwiderte Jasper mit einem trüben Lächeln; »aber keine menschliche Hand, Pfadfinder, vermag den Kahn in einer solchen Kühlte durch jene Brandungen zu führen. Ich verspreche mir übrigens doch noch was vom Ankerwerfen, denn wir haben früher einmal den Scud in einer fast ebenso großen Gefahr auf diese Weise gerettet.«

»Wenn wir ankern müssen«, fragte der Sergeant, »warum geschieht dies nicht gleich jetzt? Jeder Fußbreit, den wir an der Abtrift verlieren, würde wahrscheinlich unserem Fahrzeug vor dem Ankern einen Spielraum geben, wenn er jetzt ausgeworfen würde.«

Jasper näherte sich dem Sergeanten, ergriff mit Ernst seine Hand und drückte sie auf eine Weise, die ein tiefes, fast unwiderstehliches Gefühl verriet.

»Sergeant Dunham«, sagte er feierlich – »Ihr seid ein guter Mann, obgleich Ihr mich in dieser Angelegenheit sehr hart behandelt habt. Ihr liebt Eure Tochter?«

»Ihr könnt das nicht bezweifeln, Eau-douce«, antwortete der Sergeant mit tonloser Stimme.

»Wollt Ihr ihr – wollt Ihr uns allen das einzig wahrscheinliche Mittel, das zur Rettung des Lebens noch übrig ist, zugestehen?«

»Was wollt Ihr von mir, Junge? Was soll ich tun? Ich hab‘ bisher immer nach meiner Einsicht gehandelt – was verlangt Ihr aber jetzt von mir?«

»Unterstützt mich fünf Minuten gegen Meister Cap, und es wird alles geschehen sein, was ein Mensch tun kann, um den Scud zu retten.«

Der Sergeant zögerte, denn er war zu sehr an die Disziplin gewöhnt, um regelmäßigen Befehlen entgegen zu handeln. Auch mißfiel ihm jeder Schein von Wankelmut, und zudem hatte er eine große Achtung vor der Seemannskunst seines Verwandten. Während er so überlegte, kam Cap von seinem Platz, den er seit einiger Zeit an der Seite des Steuermanns eingenommen hatte, und näherte sich der Gesellschaft.

»Meister Eau-douce«, sagte er, als er nahe genug war, um verstanden zu werden; »ich komme, Euch zu fragen, ob Euch nicht in der Nähe ein Ort bekannt ist, wo man den Kutter ans Ufer bringen könnte. Der Zeitpunkt ist gekommen, der zu diesem schweren Entschluß drängt.«

Dieser Augenblick der Unentschlossenheit bei Cap sicherte Jaspers Sieg. Er sah den Sergeanten an, und ein Kopfnicken versicherte den jungen Mann, daß ihm in allem freie Hand gelassen würde. Er zögerte daher nicht, die Minuten, die so kostbar zu werden anfingen, zu benützen.

»Soll ich das Steuer nehmen«, fragte er Cap, »und sehen, ob wir einen Schlupfhafen, der dort im Lee liegt, erreichen können?«

»Macht es so, macht es so«, sagte der andere mit einigem Räuspern, denn er fühlte das Gewicht der Verantwortlichkeit um so schwerer auf seiner Schulter lasten, da er sich seine Unwissenheit eingestehen mußte. »Macht es so, Eau-douce, denn, um frisch von der Leber weg zu reden, ich seh‘ nicht ein, was man Besseres tun könnte. Wir müssen entweder ans Land kommen oder versinken.«

Jasper verlangte nichts weiter. Er eilte nach hinten und hatte bald die Speichen des Steuerrads in seinen Händen. Der Lotse war auf das Folgende vorbereitet, und auf einen Wink seines jungen Gebieters wurde der Fetzen Segel, der noch ausgesetzt war, gestrichen. In diesem Augenblick hob Jasper, der seine Zeit ausnutzte, das Steuer. Der obere Teil eines Stagsegels wurde nach vorn gelöst, und der leichte Kutter fiel ab, als ob er es fühlte, daß er wieder unter der Leitung vertrauter Hände war, und lag bald in dem hohlen Raum zweier Wellen. Dieser gefährliche Augenblick ging glücklich vorüber, und im nächsten Moment flog das kleine Fahrzeug mit einer Geschwindigkeit gegen die Brandungen nieder, daß man seine plötzliche Vernichtung befürchten mußte. Die Entfernungen waren nun so kurz geworden, daß fünf oder sechs Minuten für alle Wünsche Jaspers genügten, und als die Buge des Scud gegen den Wind aufkamen, was ungeachtet des tobenden Wassers mit der Anmut einer Ente geschah, die ihre Richtung auf einem spiegelglatten Teich verändert – ließ Jasper das Steuer wieder nieder. Ein Zeichen von ihm setzte alles auf dem Backbord in Bewegung, und an jedem Bug wurde ein Wurfanker ausgeworfen. Die furchtbare Natur der Abtrift war nun sogar Mabels Augen anschaulich, denn die zwei dicken Trosse liefen aus wie Bugsiertaue. Sobald man an ihnen eine leichte Spannung gewahr wurde, ließ man beide Anker gehen und gab jedem ein Kabel fast bis zu den Betingschlagenden. Es war kein schwieriges Geschäft, den Gang eines so leichten Fahrzeugs mit einem ungewöhnlich guten Ankertauwerk zu hemmen; und in weniger als zehn Minuten von dem Augenblick an, wo Jasper das Steuer ergriffen hatte, lag der Scud, mit dem Schnabel seewärts, an zwei vorwärts gestreckten Kabeln wie zwischen zwei Eisenbalken vor Anker.

»Das ist nicht wohlgetan, Meister Jasper«, rief Cap mit Ärger, sobald er den Streich, den man ihm gespielt hatte, bemerkte. »Das ist nicht wohlgetan, Herr! Ich befehle Euch, zu kappen und den Kutter ohne den geringsten Verzug ans Ufer zu führen.«

Es schien jedoch niemand geneigt, diesem Befehl Folge zu leisten; denn die Rudermannschaft wollte, solange Jasper das Kommando nicht abzugeben geneigt war, nur ihm gehorchen. Da nun Cap, der das Fahrzeug in der allergrößten Gefahr glaubte, sah, daß die Mannschaft untätig blieb, so wendete er sich stolz gegen Jasper und erneuerte seine Gegenrede.

»Ihr seid nicht auf den angeblichen Schlupfhafen zugesteuert«, fuhr er fort, nachdem er einige Schmähworte ausgestoßen hatte, »sondern auf diesen Vorsprung, wo jede Seele an Bord hätte ersaufen müssen, wenn wir da das Land erreicht hätten.«

»Und Ihr wollt, daß man kappen solle, damit jede Seele an derselben Stelle ans Ufer geworfen werde?« erwiderte Jasper etwas sarkastisch.

»Werft am Schnabel ein Lot über Bord und vergewissert die Abtrift«, brüllte Cap den vornstehenden Matrosen zu.

Ein Zeichen Jaspers unterstützte diesen Befehl, worauf augenblicklich Folge geleistet wurde. Alle auf dem Verdeck versammelten sich um die Stelle und achteten mit fast atemloser Teilnahme auf das Ergebnis dieses Versuchs. Das Blei war kaum auf dem Grund, als sich die Leine nach vorn dehnte, und in ungefähr zwei Minuten sah man, daß der Kutter um seine Länge tot gegen den Vorsprung hin abgetriftet hatte. Jasper sah ernst aus, denn er wußte wohl, daß nichts das Schiff anhalten konnte, wenn es in den Strudel der Brandungen gelangt war, deren erste Linie ungefähr eine Kabellänge gerade unter seinem Stern erschien und verschwand.

»Verräter!« schrie Cap und schüttelte die Faust gegen den jungen Befehlshaber, wobei der ganze übrige Körper vor Wut zitterte. »Ihr sollt mir mit Eurem Leben dafür einstehen!« fügte er nach einer kurzen Pause hinzu. »Wenn ich an der Spitze dieses Zuges stände, Sergeant, so ließ‘ ich ihn an das Ende des großen Mastes hängen, damit der Milchbart nicht entwischt.«

»Mäßige deine Hitze, Bruder; ich bitte dich, sei ein wenig gelassener. Jasper scheint in der besten Absicht gehandelt zu haben, und die Sache steht vielleicht nicht so schlimm wie du glaubst.«

»Warum steuert er nicht auf die Bucht zu, von der er gesprochen hat? Warum hat er uns hierher gebracht, tot windwärts von diesem Vorsprung, und auf einen Fleck, wo die Brandungen nur die Hälfte der gewöhnlichen Weite haben, als ob er sich nicht genug beeilen könne, um alles an Bord zu ersäufen?«

»Ich lief, gerade weil an dieser Stelle die Brandungen so schmal sind, gegen das Vorgebirge«, antwortete Jasper sanft, obgleich ihm bei diesen Worten seines Gegners die Kehle schwoll.

»Wollt Ihr einem alten Seemann wie ich bin weismachen, daß der Kutter sich in diesen Brandungen halten könne?«

»Nicht doch, Herr. Ich glaube, er würde sich füllen und sinken, wenn er in ihre erste Linie gelangte. Sicherlich würde er das Ufer nicht auf seinem Ziel erreichen, wenn er einmal drinnen wäre. Ich hoffe übrigens, ihn gegen alles das klar zu halten.«

»Mit der Abtrift einer Schiffslänge in der Minute?«

»Die Anker haben noch nicht in den Grund gebissen. Auch hoffe ich nicht einmal, daß sie das Fahrzeug ganz anhalten können.«

»Auf was verlaßt Ihr Euch denn? Soll vielleicht Glaube, Hoffnung und Liebe das Fahrzeug vorn und hinten ankerfest machen?«

»Nein, Herr, ich verlasse mich auf den Unterschlepper. Ich hielt deshalb auf das Vorgebirge ab, weil ich weiß, daß er an dieser Stelle stärker ist als an anderen Orten und weil wir dadurch näher an Land kommen, ohne in die Brandungen einzutreten.«

Jasper sprach diese Worte mit Kraft, ohne jedoch irgendeine Empfindlichkeit blicken zu lassen. Auch machten sie einen augenscheinlichen Eindruck auf Cap, bei dem das Gefühl der Überraschung sichtlich die Oberhand gewann. »Unterschlepper?« wiederholte er, »wer Teufel hat je gehört, daß ein Fahrzeug durch einen Unterschlepper vom Stranden abgehalten wurde?«

»Vielleicht kommt so was auf dem Meer nie vor, Herr«, antwortete Jasper bescheiden; »aber wir wissen, daß es hier schon hin und wieder der Fall war.«

»Der Junge hat recht, Bruder«, warf der Sergeant ein; »denn obgleich ich’s nicht besonders verstehe, so hab ich doch die Schiffer auf diesem See oft von einem solchen Ding reden hören. Wir werden wohltun, Jasper in dieser Klemme zu vertrauen.«

Cap brummte und fluchte, mußte sich aber doch zuletzt wohl oder übel zufriedengeben. Jasper gab nun auf die Frage, was er unter dem Unterschlepper verstehe, die gewünschte Erklärung. Das Wasser, das durch den Sturm an das Ufer getrieben wurde, mußte notwendig zur Herstellung seines Gleichgewichts auf geheimen Wegen wieder in den See zurückfließen. Dieses konnte auf der Oberfläche wegen des Sturms und der Wellen, die es beständig landwärts drängten, nicht stattfinden, woraus denn eine Art Ebbe in der Tiefe gebildet wurde, mittels der das Wasser wieder in sein früheres Bett abfloß. Diese Tiefenströmung hatte den Namen Unterschlepper erhalten; und da sie auf den Kiel eines Fahrzeugs, das so tief wie der Scud im Wasser ging, wirken mußte, so konnte Jasper wohl hoffen, daß diese Beihilfe das Zerreißen der Ankertaue verhindern werde. Mit einem Wort, die obere und die untere Strömung sollten wechselweise einander entgegenarbeiten.

So einfach und sinnreich übrigens diese Theorie war, so blieb doch noch wenig Anschein vorhanden, aus ihr praktischen Nutzen ziehen zu können. Die Abtrift machte fort, obgleich sie sich sichtlich verminderte, da sich die Ketschen und Trosse, mit denen die Anker verkattet waren, ausspannten. Endlich gab der Mann am Blei den erfreulichen Bericht, daß die Anker nicht mehr weitertrieben und das Fahrzeug festliege. In diesem Augenblick war die erste Linie der Brandungen noch ungefähr hundert Fuß von dem Stern des Scud entfernt und schien sogar noch näher zu kommen, wenn der Schaum verschwand und auf den tobenden Wogen zurückkehrte. Jasper eilte vorwärts, warf einen Blick über die Buge und lächelte triumphierend, als er auf die Kabeln zeigte. Statt wie früher die Starrheit von Eisenstangen zu zeigen, beugten sie sich nun abwärts, und ein Seemann konnte deutlich bemerken, daß sich der Kutter mit einer Leichtigkeit auf den Wellen hob und senkte, wie dies auf einem Kanal zur Zeit der Ebbe und Flut der Fall ist, wenn die Macht des Windes durch den Gegendruck des Wassers gemildert wird.

»’s ist der Unterschlepper!« rief Jasper voll Wonne, wobei er das Verdeck entlang gegen das Steuer flog, um es zu stellen und den Kutter noch leichter vor Anker zu legen. »Die Vorsehung hat uns gerade in seine Strömung gebracht, und wir haben keine weitere Gefahr zu befürchten.«

»Ja, ja, die Vorsehung ist ein guter Seemann«, grollte Cap, »und hilft oft dem Unwissenden aus der Not. Unterschlepper oder Oberschlepper – der Wind hat nachgelassen, und zu gutem Glück für uns alle hat das Schiff zugleich einen ordentlichen Haltegrund gefunden. Ah, dieses verdammte Frischwasser hat eine ganz unnatürliche Art an sich.«

Der Mensch ist selten geneigt, mit dem Glück zu hadern, während er gewöhnlich durch das Unglück vorlaut und zänkisch wird. Die meisten am Bord glaubten, daß Jaspers Kenntnisse und Geschicklichkeit den Schiffbruch verhindert hätten, ohne Caps Gegenreden zu berücksichtigen, dessen Bemerkungen jetzt nur noch wenig beachtet wurden. Allerdings verging noch eine halbe Stunde der Ungewißheit und des Zweifels, während das Blei die ängstliche Aufmerksamkeit in Anspruch nahm. Dann aber bemächtigte sich ein Gefühl der Sicherheit aller Gemüter, und die Ermatteten gaben sich der Ruhe hin, ohne von dem drohenden Tode zu träumen.

Elftes Kapitel

Elftes Kapitel

Selten wird die Hoffnung durch einen so vollkommenen Genuß belohnt wie der war, der den jungen Leuten der Garnison am folgenden Tage durch die günstige Witterung bereitet wurde. Es gehört vielleicht mit zu der gewöhnlichen Verkehrtheit des Menschen, daß die Amerikaner gerne auf Dinge ihren Stolz setzen, denen das Urteil einsichtsvoller Personen in Wirklichkeit nur eine untergeordnete Stelle angewiesen haben würde, indes sie Vorteile, die sie in eine gleiche Höhe mit den meisten ihrer Mitgeschöpfe, wo nicht gar über sie, stellen, übersehen oder unter ihrem Wert anschlagen. Unter diese letztere gehört das Klima, das zwar im ganzen kein vollkommenes, aber doch unendlich angenehmer und ebenso gesund ist wie das der meisten Gegenden, die sich hierin am lautesten rühmen.

Die Hitze des Sommers wurde in der jetzigen Zeit am Oswego wenig gefühlt, denn die Schatten des Urwaldes verminderten in Verbindung mit der erfrischenden Seeluft den Einfluß der Sonne so weit, daß die Nächte immer kühl und die Tage selten drückend waren.

Es war im September, wo die starken Küstenwinde oft durch das Land hin bis zu den großen Seen dringen, so daß der Binnenschiffer bisweilen den eigentümlichen Einfluß, der die Winde des Meeres charakterisiert, in der höheren Kraft seines Körpers, der größeren Frische des Geistes und der Steigerung seiner moralischen Kräfte fühlt. Ein solcher Tag war’s, als sich die Garnison versammelte, um Zeuge des von ihrem Kommandanten scherzweise so betitelten »Waffenganges« zu sein. Lundie war ein Gelehrter, wenigstens in militärischen Dingen, und tat sich etwas darauf zugute, die Lektüre und die Gedanken der unter seinem Befehl stehenden jungen Leute auf die mehr intellektuellen Teile ihres Berufes hinzuleiten. Seine Bibliothek war für einen Mann in seiner Lage gut und umfassend und stand jedem, der von den Büchern Gebrauch zu machen wünschte, offen. Unter die anderen seltsamen Einfälle, die durch solche Hilfsmittel ihren Weg zu der Garnison gefunden hatten, gehörte auch der Geschmack an einer Art von Unterhaltung, der man sich heute hinzugeben anschickte. Dabei hatten einige Chroniken aus den Zeiten des Rittertums Anlaß gegeben, der Belustigung einen Anstrich des Paradeartigen und Romantischen zu verleihen, was gerade nicht ungeeignet für den Charakter und die Gewohnheiten von Soldaten war oder für den wilden und isolierten Posten, den diese Garnison besetzt hielt.

Während man jedoch so ernstlich auf das Vergnügen bedacht war, vernachlässigten die Diensthabenden die Sicherheit der Garnison nicht. Wer an den Bollwerken des Forts stand und auf die ungeheure, fast den ganzen nördlichen Horizont begrenzende Wassermasse und von da aus auf den schlummernden, scheinbar endlosen Wald blickte, der die andere Hälfte des Panoramas ausfüllte, der hätte allerdings denken mögen, daß dieser Ort der wahre Aufenthalt des Friedens und der Sicherheit sei. Aber Duncan of Lundie wußte zu wohl, daß diese Wälder im Augenblick Hunderte auszuschicken vermochten, deren einziger Sinn die Zerstörung des Forts und seines ganzes Inhalts war, und daß gerade der trügerische See einen offenen Weg darbot, auf dem seine zwar mehr zivilisierten, aber kaum weniger hinterlistigen Feinde, die Franzosen, leicht nahe kommen und ihn in einem unwillkommenen und unbewachten Moment überfallen konnten. Es wurden Patrouillen unter alten wachsamen Offiziere ausgeschickt, die sich wenig um die Spiele des Tages kümmerten, um durch den Wald zu streifen, und in dem Fort blieb eine ganze Kompagnie stets unter Waffen, mit dem Befehl ebensosehr auf der Hut zu sein als ob gemeldet worden wäre, daß ein übermächtiger Feind im Anzug sei. Unter diesen Vorsichtsmaßregeln überließ sich der Rest der Offiziere und der Mannschaft ohne Besorgnis der Beschäftigung des Morgens.

Die für die Belustigung ausersehene Stelle war ein freier Platz, etwas westlich vom Fort und unmittelbar an dem Damm des Sees. Man hatte ihn von Bäumen und Strauchwerk gelichtet, um sich seiner als eines Exerzierplatzes zu bedienen, da er den Vorteil hatte, im Hintergrund von dem Wasser und auf einer Seite durch die Festungswerke gedeckt zu sein. Es war daher nur von zwei Seiten ein Angriff möglich, und da sich der freie Raum weit nach Westen und Süden hinzog, so mußten die Angreifer das Versteck in den Wäldern verlassen, wenn sie nahe genug kommen wollten, um wirklich gefährlich zu werden.

Obgleich die gewöhnliche Waffe des Regimentes die Muskete war, brachte man bei dieser Gelegenheit doch etliche und fünfzig Büchsen zum Vorschein. Jeder Offizier hatte eine als einen Teil seiner Privatprovision und zu seinem Vergnügen; viele gehörten den Kundschaftern und befreundeten Indianern, deren sich stets mehr oder weniger um das Fort aufhielten; und einige waren das Eigentum des Bataillons, zum Gebrauch derer bestimmt, die zu Ergänzung des Mundvorrates der Jagd oblagen. Unter denen, die eine eigene Waffe führten, waren etwa fünf oder sechs, die in besonderem Ruf standen und sich durch ihre Geschicklichkeit eine Berühmtheit an der Grenze erworben hatten; zweimal soviel mochten für etwas mehr als gewöhnliche Schützen gelten. Dann gab es aber noch manche, die man für gewandt in fast jeder Lage hätte halten mögen, nur nicht gerade in der, in der sie sich eben jetzt hervortun sollten.

Die Zielweite betrug hundert Ellen; ein Auflegen des Gewehrs war nicht üblich. Das Ziel bestand aus einer mit den gewöhnlichen Kreisen versehenen weißgemalten Scheibe, die im Mittelpunkt das Ochsenauge hatte. Die ersten Geschicklichkeitsversuche begannen mit Herausforderungen unter der unedleren Klasse der Bewerber, um ihre Sicherheit und Gewandtheit in einem unbelohnten Wetteifer zu zeigen. Es nahmen jedoch nur die gemeinen Soldaten an diesem Spiel teil, das für die Zuschauer, unter denen noch kein Offizier erschienen war, wenig Interesse hatte.

Die meisten Soldaten waren Schotten. Das Regiment war vor einer Reihe von Jahren in Stirling und dessen Nachbarschaft ausgehoben worden, und nachdem es in den Kolonien angekommen war, hatten sich mit ihm, wie dies auch mit Sergeant Dunham der Fall war, viele Amerikaner vereinigt. Im allgemeinen waren die aus den Provinzen die erfahrensten Schützen, und nach den Proben einer halben Stunde mußte der Ruhm der größten Geschicklichkeit einem in der Kolonie von New York geborenen Jüngling von holländischer Abkunft zugestanden werden, der den wohlklingenden Namen van Valtenburg trug, gewöhnlich aber Follock genannt wurde. Gerade als man sich über diese Ansicht entschieden hatte, erschien der älteste Kapitän, begleitet von den meisten Herren und Damen, in festlichem Aufzug. Ein Schweif von etlichen zwanzig Frauen und Mädchen geringeren Standes folgte, unter denen auch die gewandte Gestalt, das ausdrucksvolle, blühende, lebhafte Gesicht und der zierliche Anzug Mabel Dunhams zu sehen war.

Von Frauen, die offiziell als zur Klasse der Damen von Stand gehörig betrachtet werden mußten, waren nur drei in dem Fort. Diese waren Offiziersfrauen, gesetzte ältere Damen, in deren Benehmen sich die Einfachheit des mittleren Alters zum Teil mit ihren Begriffen von dem Übergewicht ihres Standes, den Rechten und Pflichten der Kaste und der Etikette des Ranges mischte. Die anderen Frauen waren Frauen von Unteroffizieren und Gemeinen, und Mabel war im eigentlichen Sinne, wie bereits der Quartiermeister bemerkt hatte, die einzige sich für den Ehestand eignende Person unter ihrem Geschlecht. Allerdings waren auch noch ein Dutzend anderer Mädchen da; sie gehörten aber noch unter die Kinder, und es war keine darunter, die schon so alt gewesen wäre, um einen geeigneten Gegenstand der Bewunderung abzugeben.

Um die Frauen auf eine passende Weise zu empfangen, war eine niedrige Art Tribüne unmittelbar am Damm des Sees aufgeschlagen worden. In der Nähe waren die Preise an einem Pfahl aufgehängt. Man ließ den Vordersitz des Gerüstes von den drei Ladys mit ihren Kindern einnehmen, indes Mabel und die Frauen der Unteroffiziere den zweiten Platz besetzten. Die Frauen und Töchter der Gemeinen bildeten eine bunte Reihe; einige standen, andere saßen, wie sie eben Platz finden konnten. Mabel, die bereits in einer Art von Gesellschafterin Zutritt in den Zirkel einiger Offiziersfrauen gefunden hatte, wurde von den Damen auf dem Vordersitz, die eine bescheidene Selbstachtung und höfliche, feine Sitte zu schätzen wußten, sehr beachtet, obgleich sie alle den Wert des Ranges, zumal in einer Garnison, hoch anschlugen.

Sobald dieser wichtige Teil des schaulustigen Publikums seinen Platz eingenommen hatte, gab Lundie den Befehl zur Eröffnung der Belustigung in der Weise, wie er es vorher angeordnet hatte. Acht oder zehn der besten Schützen der Garnison nahmen Besitz von dem Stand und begannen nach der Reihe zu feuern. Sie bestanden aus Offizieren und anderen Leuten ohne Unterschied, da auch die Gelegenheitsbesucher auf dem Fort von der Mitbewerbung nicht ausgeschlossen waren. Man konnte von Leuten, deren Belustigung und behaglicher Unterhalt allein von der Geschicklichkeit in Führung des Gewehrs abhing, erwarten, daß sie alle hinreichend geübt waren, das Ochsenauge oder den weißen Fleck im Zentrum des Zieles zu treffen. Dann folgten andere, die weniger sicher waren und mit ihren Kugeln nur in den verschiedenen Kreisen um das Zentrum blieben, ohne es selbst zu berühren.

Nach den Regeln des Tages konnte keiner einen zweiten Schuß tun, wenn er das erstemal gefehlt hatte, und der Platzadjutant, der den Zeremonienmeister oder Marschall des Tages machte, rief die glücklicheren Bewerber bei ihren Namen auf, sich für einen weiteren Versuch bereit zu halten, indem er zugleich ankündigte, daß alle die das Ochsenauge gefehlt hätten, von aller weiteren Mitbewerbung ausgeschlossen sein sollten. Gerade in diesem Augenblick erschienen Lundie, der Quartiermeister und Jasper Eau-douce unter der Gruppe bei dem Stand, indes der Pfadfinder gemächlich über den Platz schritt, ohne seine beliebte Büchse bei sich zu führen. Dies war ein zu ungewöhnlicher Umstand, als daß nicht alle Anwesenden darauf hätten entnehmen sollen, es geschehe nur deshalb, weil er sich nicht als Mitbewerber um die Ehren des Tages betrachte. Alles machte dem Major Duncan Platz, der sich in gutgelaunter Weise dem Stand näherte, seine Stellung einnahm, sein Gewehr sorglos erhob und Feuer gab. Die Kugel fehlte das erforderliche Ziel um mehrere Zoll.

»Major Duncan ist von den ferneren Versuchen ausgeschlossen!« proklamierte der Adjutant mit einer so starken und zuversichtlichen Stimme, daß alle älteren Offiziere und Sergeanten wohl erkannten, wie dieser Fehlschuß vorher verabredet war, indes sich die jüngeren Herren und die Gemeinen durch die augenscheinliche Unparteilichkeit, mit der die Gesetze des Spiels gehandhabt wurden, aufs neue ermutigt fühlten; denn nichts ist für schlichte Menschen so anziehend wie die Verheißung strenger Gerechtigkeit, und nichts ist so selten wie ihre wirkliche Ausübung.

»Nun kommt die Reihe an Euch, Meister Eau-douce«, sagte Muir, »und wenn Ihr den Major nicht überbietet, so werd‘ ich sagen, daß Eure Hand besser mit dem Ruder als mit der Büchse umzugehen weiß.«

Jaspers hübsches Gesicht errötete. Er schritt gegen den Stand zu, warf einen hastigen Blick auf Mabel, deren zierliche Gestalt, wie er sich überzeugte, sich rasch vorwärts beugte, als ob sie auf das Resultat begierig sei – ließ den Lauf seiner Flinte anscheinend mit geringer Sorgfalt auf die Fläche seiner Linken fallen, erhob die Mündung einen Augenblick mit außerordentlicher Fertigkeit und feuerte. Die Kugel drang genau durch das Zentrum des Ochsenauges – der beste Schuß dieses Morgens, da die anderen das Bild nur berührt hatten.

»Brav gemacht, Meister Jasper«, sagte Muir, sobald das Resultat bekannt gemacht war, »und ein Schuß, der einem älteren Kopf und einem erfahreneren Auge Ehre gemacht haben würde. Doch ich denke, es war etwas dummes Glück dabei, denn Ihr wart nicht besonders genau im Zielnehmen. Ihr mögt wohl schnell in der Bewegung sein, Eau-douce, aber Ihr seid nicht wissenschaftlich genug in der Handhabung Eures Gewehrs. Nun, Sergeant Dunham, ich werd‘ es Euch Dank wissen, wenn Ihr die Damen ersucht, etwas mehr als gewöhnlich acht zu haben; denn ich will jetzt einen Gebrauch von der Büchse machen, den man einen intellektuellen nennen kann. Ich geb‘ zu, Jasper würde einen getötet haben; es hätte aber beim Empfang eines solchen Schusses nicht halb so viel Befriedigung stattgefunden, als beim Empfang einer wissenschaftlich abgefeuerten Ladung.«

Diese ganze Zeit über bereitete sich der Quartiermeister auf seinen wissenschaftlichen Versuch vor. Er verschob es jedoch zu zielen, bis er sah, daß sich das Auge Mabels, ebenso wie die Blicke der übrigen weiblichen Zuschauer, neugierig auf ihn richteten. Da ihm die anderen aus Achtung vor seinem Rang Raum ließen und nur der Kommandant in seiner Nähe stand, so sagte er zu diesem in seiner familiären Weise:

»Sie sehen, Lundie, daß etwas zu gewinnen ist, wenn man die weibliche Neugier aufregt, ’s ist ein lebhaftes Gefühl um die Neugier; und zweckmäßig geleitet mag sie am Ende zu etwas besserem führen.«

»Sehr wahr, David; aber Sie lassen uns mit ihren Vorbereitungen nicht zu lange warten, und da kommt Pfadfinder, der etwas aus Ihrer größeren Erfahrung lernen möchte.«

»Wohl, Pfadfinder, Ihr könnt dabei auch einen Begriff von der Philosophie des Schießens bekommen. Ich hab‘ nicht die Absicht, mein Licht unter den Scheffel zu stellen, und Ihr seid immer willkommen, wenn Ihr was von mir lernen wollt. Habt Ihr nicht auch die Absicht, einen Schuß zu versuchen, Mann?«

»Warum sollt‘ ich, Quartiermeister? Ich brauche keinen von den Preisen, und was die Ehre anbelangt, so hab‘ ich deren genug gehabt, wenn’s überhaupt ’ne Ehre ist, besser zu schießen als Sie. Ich bin kein Weib, um einen Kopfputz zu tragen.«

»Sehr wahr; aber Ihr könntet ein Weib finden, das in Euren Augen kostbar genug ist, ihn von Euch zu tragen, wie –«

»Vorwärts, David«, unterbrach ihn der Major, »wir möchten den Schuß oder Ihren Abzug sehen. Der Adjutant wird ungeduldig.«

»Des Quartiermeisters Geschäftskreis und der des Adjutanten vertragen sich selten miteinander, Lundie. Aber ich bin bereit. Geht ein bißchen auf die Seite, Pfadfinder, und nehmt den Damen nicht die Aussicht.«

Leutnant Muir nahm nun seine Stellung mit einem guten Teil studierter Eleganz ein, erhob seine Büchse langsam, senkte sie, erhob sie aufs neue, wiederholte dieses Manöver nochmals und gab Feuer.

»Gefehlt, die ganze Scheibe«, rief der Mann, der die Treffer zu bezeichnen hatte, und wenig Geschmack an des Quartiermeisters lästiger Wissenschaftlichkeit fand. »Die Scheibe verfehlt.«

»Es kann nicht sein«, schrie Muir, und sein Gesicht glühte ebensosehr vor Entrüstung wie vor Scham. »Es kann nicht sein, Adjutant; denn nie begegnete mir in meinem Leben eine solche Ungeschicklichkeit. Ich appelliere an die Damen um ein gerechtes Urteil!«

»Die Damen schlossen ihre Augen, als Sie feuerten«, riefen die Spötter im Regimente. »Ihre Vorbereitungen erschreckten sie.«

»Ich kann solche Schmähung von den Damen nicht glauben und meine Geschicklichkeit nicht auf solche Weise verunglimpfen lassen«, erwiderte der Quartiermeister, der mehr und mehr in sein Schottisch verfiel, je wärmer seine Gefühle wurden, »’s ist ’ne Verschwörung, um einem verdienten Mann das zu rauben, was ihm gebührt.«

»Es ist eben ein Fehlschuß, Muir«, sagte der Major lachend, »und Sie müssen sich in die Laune des Glücks fügen.«

»Nein, nein, Major«, bemerkte endlich Pfadfinder, »der Quartiermeister ist, seine Langsamkeit ausgenommen, auf eine gemessene Entfernung ein guter Schütze, obgleich nichts Außerordentliches für den wirklichen Dienst. Seine Kugel hat die von Jasper bedeckt, wie man bald sehen kann, wenn sich einer die Mühe nehmen will, die Scheibe zu untersuchen.«

Die Achtung vor Pfadfinders Geschicklichkeit und vor der Schnelligkeit und Sicherheit seines Auges war so groß und allgemein, daß in dem Augenblick, als er diese Erklärung gab, die Zuschauer ihren eigenen Meinungen zu mißtrauen anfingen und ein Dutzend davon gegen die Scheibe stürzten, um sich über die Tatsache Gewißheit zu verschaffen. Man fand auch wirklich, daß des Quartiermeisters Kugel durch das von Jasper gemachte Loch, und zwar mit einer Genauigkeit gegangen war, daß es einer sehr scharfen Untersuchung bedurfte, um den Tatbestand außer Zweifel zu stellen; doch lag es am Tage, als man eine Kugel über der anderen in dem Pfahle fand, an dem die Scheibe befestigt war.

»Ich sagt‘ es ja, meine Damen, daß Sie Zeugen des Einflusses der Wissenschaft auf die Kunst zu schießen sein würden«, sprach der Quartiermeister, indem er auf die Tribüne zuging. »Major Duncan verlacht die Idee, daß sich die Mathematik auf das Scheibenschießen anwenden lasse; aber ich sag’s ihm, Philosophie färbt, vergrößert, verbessert, erweitert und breitet alles aus, was zum menschlichen Leben gehört, sei’s nun ein Wettschießen oder eine Predigt. Mit einem Wort, Philosophie ist Philosophie, und das ist alles, was man über diesen Gegenstand zu sagen nötig hat.«

»Ich denke, Sie schließen die Liebe von diesem Katalog aus«, bemerkte die Frau eines Hauptmanns, die die Geschichte von des Quartiermeisters Heiraten kannte und einen weiblichen Widerwillen gegen diesen Monopolisten ihres Geschlechtes hatte – »mir scheint, daß Philosophie wenig gemein hat mit der Liebe.«

»Sie würden das nicht sagen, Madame, wenn Ihr Herz viele Versuchungen erfahren hätte. Ein Mann oder eine Frau, die viele Gelegenheit gehabt haben, ihre Sympathien auszubilden, können am besten über solche Gegenstände sprechen; und, glauben Sie mir, von aller Liebe ist die philosophische die beste, da sie die vernünftigste ist.«

»So empfehlen Sie wohl die Erfahrung zur Veredelung der Liebe?«

»Ihr schneller Geist hat diese Idee mit einem Blick erfaßt. Die glücklichsten Heiraten sind die, wo Jugend, Schönheit und Vertrauen auf der einen Seite sich auf den Scharfsinn, die Mäßigung und die Klugheit der Jahre verläßt, des mittleren Alters, meine ich, Madame; denn ich will nicht in Abrede stellen, daß es auch so ein Ding von Ehemann geben kann, das zu alt für eine Frau ist. Hier ist Sergeant Dunhams bezaubernde Tochter, die sicherlich solchen Gefühlen Beifall zollen wird, denn die Besonnenheit ihres Charakters ist in der Garnison bereits vollkommen anerkannt, so kurz auch ihr Aufenthalt unter uns sein mag.«

»Sergeant Dunhams Tochter ist kaum eine geeignete Sprecherin bei einer Unterhaltung zwischen Ihnen und mir, Leutnant Muir«, erwiderte die Kapitänsfrau, die ihrer Würde nichts vergeben wollte; »doch, damit wir auf einen anderen Gegenstand kommen – dort schickt sich Pfadfinder an, sein Glück zu versuchen.«

»Ich protestiere, Major Duncan, ich protestiere!« – schrie Muir, indem er mit erhobenen Armen, um seinen Worten Nachdruck zu leihen, gegen den Stand zurückeilte. – »Ich protestiere in strengster Form, meine Herren, daß Pfadfinder bei dieser Unterhaltung mit seinem Wildtod zugelassen wird, denn, abgesehen von seiner langjährigen Fertigkeit, ist dies ein Gewehr, das bei einem Geschicklichkeitsversuch außer allem Verhältnis mit den Büchsen des Gouvernements steht.«

»Der Wildtod schläft zu Hause, Quartiermeister«, erwiderte Pfadfinder, »und niemand denkt hier dran, ihn zu stören. Ich dachte selbst nicht, heute den Drücker zu berühren; aber Sergeant Dunham überzeugte mich, daß ich seiner schönen Tochter, die unter meinem Schutz hierher kam, keine besondere Ehre erweise, wenn ich bei solcher Gelegenheit zurückbleibe. Ich benütze daher Jaspers Büchse, Quartiermeister, wie Sie sehen, und die ist nicht besser als Ihre.«

Leutnant Muir mußte sich zufriedengeben, und jedes Auge richtete sich auf den Pfadfinder, als er die erforderliche Stellung einnahm. Die Haltung dieses gefeierten Kundschafters und Jägers war äußerst straff, als er seine kühne Gestalt erhob und das Gewehr zurechtsetzte, wobei er eine vollkommene Selbstbeherrschung und eine genaue Kenntnis des menschlichen Körpers sowohl als der Waffe entwickelte. Sein Zielen geschah mit der Schnelle des Gedankens, und als der Rauch über seinem Haupt schwebte, erblickte man schon den Schaft der Büchse auf der Erde, die Hand an den Lauf gelehnt, und sein ehrliches Gesicht leuchtend von seinem stillen herzlichen Lachen.

»Wenn man bei solcher Gelegenheit eine Anspielung machen darf«, rief Major Duncan, »so möcht‘ ich sagen, daß der Pfadfinder auch die Scheibe verfehlt hat!«

»Nein, nein Major«, erwiderte Pfadfinder mit Zuversicht, »das würde eine gewagte Behauptung sein. Ich hab‘ das Gewehr nicht geladen und kann nicht sagen, was darin war; wenn es aber geladen war, so werden Sie finden, daß die Kugel die des Quartiermeisters und Jaspers tiefer hineingetrieben hat.«

Ein Ruf von der Scheibe her verkündete die Wahrheit dieser Versicherung.

»Das ist nicht alles, das ist nicht alles, Jungens«, rief Pfadfinder aus, der nun langsam auf die Tribüne der Damen zuging, »wenn ihr die Scheibe nur im mindesten berührt findet, so will ich verloren haben. Der Quartiermeister hat das Holz gestreift, ihr werdet aber nicht finden, daß es die letzte Kugel angegriffen hätte.«

»Sehr wahr, Pfadfinder, sehr wahr«, antwortete Muir, der sich in Mabels Nähe gemacht hatte, obschon er sich scheute, sie in Gegenwart der Offiziersfrauen anzureden. »Der Quartiermeister hat das Holz ausgeschnitten und hierdurch einen Weg für Eure Kugel geöffnet, die durch das Loch durchgegangen ist, das er gemacht hat.«

»Wohl, Quartiermeister; doch jetzt kommt’s an den Nagel, und wir wollen sehen, wer ihn tiefer hineintreiben kann, Sie oder ich, denn obgleich ich heut‘ nicht zeigen wollte, was eine Büchse leisten kann, so will ich doch, da sie mal in meiner Hand ist, keinen, der Königs Georgs Bestallung hat, den Rücken kehren. Chingachgook ist draußen, sonst könnte mich der zu einigen Feinheiten der Kunst veranlassen; aber was Sie anbelangt, Quartiermeister – wenn Sie der Nagel nicht so zufriedenstellt, so wird’s die Kartoffel tun.«

»Ihr tut diesen Morgen gewaltig dick, Pfadfinder; aber Ihr sollt finden, daß Ihr’s nicht mit einem grünen Burschen, frisch von den Ansiedlungen und Städten weg, zu tun habt; das versichere ich Euch.«

»Ich weiß das wohl, Quartiermeister, und will Ihrer Erfahrung nicht zu nah treten. Sie haben schon viele Jahre an der Grenze gelebt, und ich hab‘ von Ihnen in den Kolonien und selbst unter den Indianern schon vor einem ganzen Menschenalter sprechen hören.«

»Na, na«, unterbrach ihn Muir in seinem breitesten Schottisch; »das ist ’ne Ungerechtigkeit, Mann. Ich bin noch nicht so gar alt, nein.«

»Ich will Ihnen Gerechtigkeit widerfahren lassen, auch wenn Sie das beste in dem Kartoffelversuch wegkriegen sollten. Sie haben für einen Soldaten ein gutes Menschenalter an Orten verlebt, wo die Büchse täglich gebraucht wird, und ich weiß, Sie sind ein geachteter und scharfblickender Schütze; aber doch sind Sie kein rechter Büchsenschütze. Was das Prahlen anbelangt, so hoff‘ ich, daß ich nicht als ein eitler Auskrämer meiner eigenen Taten bekannt bin; aber die Gaben eines Menschen sind seine Gaben, und es hieße der Vorsehung Trotz bieten, wenn man sie verleugnen wollte. Des Sergeanten Tochter hier soll zwischen uns Richter sein, wenn Sie Lust haben, sich einem so artigen Richter zu unterwerfen.«

Der Pfadfinder hatte Mabel zur Schiedsrichterin gewählt, weil er sie bewunderte und weil der Rang in seinen Augen wenig oder keinen Wert hatte. Aber Leutnant Muir schrak vor einer solchen Berufung in Gegenwart der Offiziersfrauen zurück. Er hätte wohl gern sein Bild beständig vor den Augen und der Seele des Gegenstandes seiner Hoffnungen gewünscht; aber er war doch zu sehr unter dem Einfluß alter Vorurteile und vielleicht zu schlau, um öffentlich als ihr Verehrer aufzutreten, wenn er nicht auf einen sicheren Erfolg hoffen durfte. Zu der Verschwiegenheit des Majors Duncan hatte er volles Vertrauen und fürchtete von dieser Seite aus keinen Verrat. Er mußte aber sehr vorsichtig zu Werk gehen; denn wenn es ruchbar wurde, daß er von der Tochter eines Unteroffiziers zurückgewiesen worden sei, so mochte er bei der Bewerbung um eine andere Frau von Stand – und auf eine solche durfte er vernünftigerweise doch Anspruch machen – wohl große Schwierigkeiten finden. Aber Mabel erschien so hübsch, errötete so niedlich, lächelte so hold und war ein so gewinnendes Bild von Jugend, Bescheidenheit und Schönheit, daß er es, ungeachtet seiner Zweifel und Besorgnisse, für äußerst verführerisch fand, seine Person in ihrer ganzen Erhabenheit von der Phantasie des Mädchens Besitz nehmen zu lassen, weshalb er es über sich gewann, sein Wort frei an sie zu richten.

»Es soll geschehen nach Euerm Wunsch, Pfadfinder«, erwiderte er, sobald er mit seinen Zweifeln ins reine gekommen war; »laßt des Sergeanten reizende Tochter Schiedsrichterin sein, und ihr wollen wir beiden den Preis widmen, den einer oder der andere sicher gewinnen muß. Pfadfinder muß, wie Sie bemerken, meine Damen, eigen gelaunt sein, sonst würden wir ohne Zweifel die Ehre gehabt haben, uns dem Urteil einer Dame aus Ihrer bezaubernden Gesellschaft zu unterwerfen.«

Ein Aufruf an die Bewerber führte nun den Quartiermeister und seinen Gegner hinweg, und in wenigen Minuten begann der zweite Versuch. Ein gewöhnlicher Werknagel, dessen Kopf gefärbt war, wurde leicht in die Scheibe getrieben, und die Schützen mußten ihn treffen, wenn sie nicht ihren Schuß bei den weiteren Proben verlieren wollten. Niemand von denen, die früher das Ochsenauge gefehlt hatten, wurde zugelassen.

Es waren ungefähr ein halbes Dutzend Bewerber um die Ehre dieses Probestückes. Einer oder zwei, die bei dem ersten Schießen den gemalten Fleck nur notdürftig berührt hatten, zogen es vor, ihren Ruf nicht auf Spiel zu setzen, denn sie fühlten, daß bei der schwereren Aufgabe, um die es sich jetzt handelte, nichts für sie zu holen sei. Die drei ersten Schützen fehlten, obschon sie der Marke sehr nahe kamen, ohne sie jedoch zu berühren. Der vierte in der Reihe war der Quartiermeister, der, nachdem er seine gewöhnlichen Stellungen durchgemacht hatte, insoweit glücklich schoß, als seine Kugel ein kleines Stück von dem Kopf des Nagels trennte und an der Seite des Punktes einschlug. Dies wurde als kein außerordentlicher Schuß betrachtet, obgleich er den Bewerber wieder auf die Liste brachte.

»Sie haben Ihre Haut gerettet, Quartiermeister, wie man in den Ansiedlungen von den Kreaturen sagt«, rief Pfadfinder lachend; »aber es würde lang‘ dauern, ein Haus mit einem Hammer zu bauen, der nicht besser als der Ihrige ist. Jasper hier wird Ihnen zeigen, wie man einen Nagel treffen muß, oder der Junge hat was von der Festigkeit seiner Hand und der Sicherheit seines Auges verloren. Sie würden besser getan haben, Leutnant, wenn Sie Ihre Stellungen weniger soldatisch gehalten hätten. Schießen ist eine natürliche Gabe und muß auf natürliche Weise geübt werden.« »Wir werden sehen, Pfadfinder; ich nenne das einen recht artigen Schuß, und ich zweifle, ob das Fünfundfünfzigste einen andern Hammer hat, wie Ihr es nennt, der wieder gerade dahin zu treffen vermag.«

»Jasper ist nicht im Fünfundfünfzigsten, aber da geht sein Schlag hin.«

Als der Pfadfinder sprach, traf Eau-douces Kugel das Viereck des Nagels und trieb den Kopf ungefähr einen Zoll tief in die Scheibe.

»Nietet ihn aus, Jungens«, schrie der Pfadfinder, indem er in die Fußtapfen seines Freundes in dem Augenblick trat, als sie frei wurden. »Laßt es gut sein mit dem neuen Nagel. Ich kann ihn sehen, obgleich die Farbe weggegangen ist, und was ich sehen kann, kann ich auch auf hundert Ellen treffen, und wär’s nur das Auge eines Moskitos. Habt ihr ihn ausgenietet?«

Die Flinte krachte; die Kugel flog ihren Weg, und der Kopf des Nagels wurde in dem Holz begraben, bedeckt von einem Stück plattgedrückten Bleis.

»Nun, Jasper, Junge«, fuhr der Pfadfinder fort, indem er den. Schaft seines Gewehrs zur Erde sinken ließ und das Gespräch wieder aufnahm, als ob er gar nicht an seinen eigenen Schuß dächte. »Ihr verbessert Euch täglich. Noch einige Züge am Land in meiner Gesellschaft, und der beste Schütze an der Grenze wird sich zusammennehmen müssen, wenn er seinen Stand nach Euch nimmt. Der Quartiermeister ist respektabel; aber er wird’s nicht weiter bringen. Dagegen habt Ihr, Jasper, die Gabe, und könnt’s eines Tags mit jedem Schützen aufnehmen.«

»Ho, ho!« rief Muir, »Ihr nennt das Streifen eines Nagelkopfs nur respektabel, da es doch die Vollkommenheit der Kunst ist? Jeder, der nun ein etwas verfeinertes und gebildetes Gefühl hat, weiß, daß die leichten Berührungen den Meister bekunden. Dagegen kommen Eure Schmiedhammerschläge nur aus dem Rohen und Ungebildeten. Wenn’s beim Schießen heißt: Um ein Haar gefehlt ist so gut wie um eine Meile gefehlt, so muß dies doch noch mehr bei einem Treffer gelten, Pfadfinder, ob er nun verwundet oder tötet.«

»Der sicherste Weg, diese Nebenbuhlerschaft zu beruhigen, wird wohl ein anderer Versuch sein«, bemerkte Lundie, »und das soll durch die Kartoffel geschehen. Sie sind ein Schotte, Herr Muir, und möchten vielleicht besser fahren, wenn es ein Kuchen oder eine Distel wäre, aber der Grenzbrauch hat sich für die amerikanische Frucht, die Kartoffel, erklärt.«

Da Major Duncan in seiner Weise einige Ungeduld kundgab, so hatte Muir zuviel Takt, den Fortgang der Belustigung noch länger durch seine Bemerkungen zu unterbrechen, sondern bereitete sich klugerweise für den nächsten Aufruf vor. Der Quartiermeister hatte zwar in der Tat wenig oder kein Vertrauen, daß er den nun folgenden Versuch glücklich bestehen werde, und würde es wohl nicht gewagt haben, sich unter die Bewerber zu mischen, wenn er vorausgesehen hätte, daß er wirklich stattfinden würde. Aber Major Duncan, der etwas humoristisch in seiner ruhigen, schottischen Weise war, hatte – ausdrücklich um ihn zu wählen – insgeheim bereits die nötigen Vorbereitungen treffen lassen; denn da er selbst ein Laird war, so konnte er dem Gedanken keinen Geschmack abgewinnen, daß ein Mann, der als ein Edelmann betrachtet werden wollte, seiner Kaste durch Eingehung einer ungleichen Verbindung Unehre zu machen gedachte. Sobald alles eingeleitet war, wurde Muir aufgefordert, seinen Stand zu nehmen, und die Kartoffel zum Wurf in Bereitschaft gehalten. Bei dem Ruf »auf«, den der Schütze gab, wurde das Gewächs mit einem sanften Stoß in die Luft geworfen, und es war nun des Quartiermeisters Aufgabe, eine Kugel durchzuschießen, ehe es den Boden wieder erreichte. Der Schuß fiel; aber das fliegende Ziel blieb unberührt.

»Rechts um – durchgefallen, Quartiermeister«, sagte Lundie mit einem Lächeln über diesen Erfolg, »die Ehre des seidenen Kopfputzes wird zwischen Jasper Eau-douce und Pfadfinder liegen.«

»Und wie soll der Versuch enden, Major«, fragte dieser. »Soll der mit den zwei Kartoffeln noch dazukommen, oder ist es mit Zentrum und Haut abgetan?«

»Mit Zentrum und Haut, wenn ein bemerklicher Unterschied stattfindet; im andern Fall muß der Doppelschuß folgen.«

»Das ist für mich ein entsetzlicher Augenblick, Pfadfinder«, bemerkte Jasper, und die Gewalt seiner Gefühle trieb alle Farbe aus seinem Gesicht, als er sich gegen den Stand hinbewegte.

Pfadfinder blickte ernst auf den jungen Mann; dann bat er den Major, einen Augenblick Geduld zuhaben, und führte seinen Freund etwas beiseite, so daß sie die nahe Stehenden nicht hören konnten.

»Ihr scheint Euch diese Sache zu Herzen zu nehmen, Jasper?« bemerkte der Jäger, indem er dem Jüngling mit festen Blicken ins Auge sah.

»Ich muß zugeben, Pfadfinder, daß sich meine Gefühle nie vorher so sehr an den Erfolg knüpften.«

»Und verlangt Ihr so sehr, mich auszustechen, einen alten geprüften Freund? – und das, sozusagen, auf meinem eigenen Wege? Schießen ist meine Gabe, Junge, und keine gewöhnliche Hand kann sich mit der meinigen messen.«

»Ich weiß es, ich weiß es, Pfadfinder, aber doch –«

»Aber was, Jasper, Junge? – Sprecht frei, Ihr sprecht mit einem Freund.«

Der junge Mann biß sich in die Lippen, fuhr mit der Hand über das Auge und errötete und erblaßte wechselweise wie ein Mädchen, das seine Liebe gesteht. Dann drückte er des andern Hand und sagte ruhig, und mit einer Männlichkeit, die alle andern Gefühle überwältigte:

»Ich wollte einen Arm drum geben, Pfadfinder, wenn ich diesen Kopfputz Mabel Dunham anbieten könnte.«

Der Jäger ließ seine Augen zur Erde sinken, und als er langsam gegen den Stand zurückging, schien er das, was er eben gehört hatte, tief zu erwägen.

»Es kann Euch nie bei dem Doppelversuch glücken, Jasper!« bemerkte er plötzlich.

»Des bin ich nur zu gewiß, und eben das quält mich.«

»Was für ein Geschöpf ist doch der sterbliche Mensch! Er sehnt sich schmerzlich nach Dingen, die nicht zu seinen Gaben gehören, und behandelt die Wohltaten, die ihm durch die Vorsehung zugewiesen werden, mit Leichtfertigkeit. Macht nichts – macht nichts! Stellt Euch auf, Jasper, denn der Major wartet – und hört, Junge – ich muß die Haut berühren, denn ich könnte mit weniger als so viel mein Gesicht nicht mehr in der Garnison zeigen.«

»Ich glaube, ich muß mich meinem Schicksal unterwerfen«, erwiderte Jasper, wie früher bald errötend, bald erbleichend – »aber ich will mir Mühe geben, als ob’s mein Leben gälte.«

Die Kartoffel wurde geworfen, Jasper feuerte, und das darauf folgende Geschrei leitete die Ankündigung ein, die Kugel sei in das Zentrum oder ihm doch so nahe eingedrungen, daß der Schuß wohl als Zentrumsschuß gelten könne.

»Das ist ein Mitbewerber, der Eurer würdig ist, Pfadfinder«, rief Major Duncan vergnügt, als der erstere seinen Stand einnahm, »und wir werden noch einige schöne Schüsse bei dem Doppelversuch zu sehen bekommen.«

»Was für ein Ding ist der sterbliche Mensch!« wiederholte der Jäger, der so sehr in seine eigenen Betrachtungen vertieft war, daß er kaum auf das, was um ihn vorging, zu achten schien, »Auf!«

Die Kartoffel flog, und die Flinte krachte gerade, als der kleine, schwarze Ball in der Luft zu stehen schien; denn der Schütze nahm augenscheinlich ungewöhnliche Sorgfalt auf sein Ziel. Dann folgte ein Blick der getäuschten Erwartung und Verwunderung unter denen, die das fallende Ziel aufgefangen hatten.

»Zwei Löcher auf einer Seite?« rief der Major aus.

»Die Haut, die Haut«, war die Antwort, »nur die Haut!«

»Was ist das, Pfadfinder? Soll Jasper Eau-douce die Ehre des Sieges davontragen?«

»Der Gewinn ist sein«, erwiderte der andere mit Kopfschütteln und verließ ruhig den Stand.

Da der Pfadfinder seine Kugel nicht durch die Mitte der Kartoffel geschickt, sondern nur die Haut durchschnitten hatte, so wurde der Preis Jasper zugesprochen. Der Kopfputz war in seinen Händen, als der Quartiermeister herzutrat und mit einem glatten Schein von Herzlichkeit seinem glücklicheren Nebenbuhler Glück zu dem Sieg wünschte.

»Aber nun habt Ihr den Putz gewonnen, Junge, der Euch zu nichts nütze ist«, fügte er bei. »Ihr könnte weder ein Segel noch eine Flagge daraus machen. Ich denke, Eau-douce, daß es Euch nicht leid täte, seinen Wert in gutem königlichem Silber in Eurer Tasche zu sehen?«

»Er ist für kein Geld feil, Leutnant«, erwiderte Jasper, dessen Auge von dem ganzen Feuer des Glückes und der Freude strahlte. »Dieser gewonnene Kopfputz ist mir lieber als fünfzig neue vollständige Segel für den Scud!«

»Ho, ho! Junge! Ihr werdet mir so toll wie all die andern. Ich hab’s eben wagen wollen, Euch eine halbe Guinea für diese Kleinigkeit anzubieten, ’s wär‘ doch besser, als wenn er in der Kajüte Eures Kutters unter den Füßen umherfährt oder am Ende ein Kopfputz für eine Squaw wird.«

Obgleich Jasper nicht wußte, daß der schlaue Quartiermeister ihm nicht die Hälfte des wirklichen Wertes seiner Prämie angeboten hatte, hörte er doch seinen Vorschlag mit Gleichgültigkeit an. Er schüttelte verneinend den Kopf und ging auf die Tribüne zu, wo seine Annäherung eine kleine Bewegung veranlaßte, da sich die Offiziersfrauen samt und sonders entschlossen hatten, wenn Galanterie den jungen Schiffer veranlassen sollte, mit seinem Gewinst ein Geschenk machen zu wollen, es anzunehmen. Aber Jaspers Schüchternheit nicht weniger als seine Bewunderung für eine andere würde ihn gehindert haben, nach der Ehre eines Komplimentes an die, die er so hoch über sich dachte, zu streben.

»Mabel«, sagte er, »dieser Preis ist für Sie, wenn nicht –«

»Wenn nicht was, Jasper?« antwortete das Mädchen, die bei dem natürlichen und großmütigen Wunsch, ihn seiner Verlegenheit zu entheben, ihre eigene Schüchternheit verlor, obgleich beide in einer Weise erröteten, die tiefere Gefühle verriet.

»Wenn Sie ihn nicht für zu unbedeutend halten, da er von einem angeboten wird, der kein Recht haben mag, zu glauben, daß seine Gabe angenommen werde.«

»Ich nehme sie an, Jasper; sie soll mir ein Erinnerungszeichen der Gefahr sein, die ich in Eurer Gesellschaft durchgemacht habe, und der Dankbarkeit, die ich für Eure Sorgfalt um mich fühle für Eure und des Pfadfinders Sorgfalt.«

»Laßt’s gut sein; laßt’s gut sein«, rief der letztere. »Dies ist Jaspers Glück und Jaspers Gabe. Geben Sie ihm vollen Kredit für beides. Die Reihe kann an einem andern Tag an mich kommen, an mich und den Quartiermeister, der wegen des Kopfputzes dem Jungen zu grollen scheint, obgleich ich nicht einsehe, zu was er ihn braucht, da er kein Weib hat.«

»Und hat Jasper Eau-douce ein Weib? oder habt Ihr selbst ein Weib, Pfadfinder? Ich kann ihn brauchen, daß er mir ein Weib kriegen helfe, oder als ein Erinnerungszeichen, daß ich ein Weib hatte, oder als einen Beweis, wie sehr ich dieses Geschlecht bewundere, oder weil er ein Frauenschmuck ist, oder aus irgendeinem anderen gleich achtbaren Grund. Die Nichtreflektierenden sind nicht die Geachtetsten bei den Gedankenvollen, und es gibt, laßt’s euch allen gesagt sein, kein besseres Zeichen, daß ein Mann ein guter Gatte seiner ersten Gefährtin war, als wenn er sich eilig nach einer geeigneten Nachfolgerin umsieht. Die Liebe ist eine schöne Gabe der Vorsehung, und wer wahrhaft geliebt hat, beweist, wie reichlich er diese Wohltat genossen, wenn er sobald wie möglich wieder eine andere liebt.«

»Es mag so sein. Ich bin kein Praktiker in solchen Dingen; aber Mabel hier, des Sergeanten Tochter, wird Ihre Worte voll zu würdigen wissen. Kommt, Jasper! obschon wir nichts dabei zu tun haben, so wollen wir doch sehen, was die andern Jungens mit ihren Büchsen ausrichten.«

Pfadfinder und seine Gefährten zogen sich zurück, denn die Belustigung nahm nun wieder ihren Fortgang. Die Damen jedoch waren nicht so sehr von dem Schießen in Anspruch genommen, um den Kopfputz darüber zu vernachlässigen. Er ging von Hand zu Hand; man befühlte die Seide, krittelte an der Fasson und untersuchte die Arbeit. Dann wagte man auch verschiedene Meinungen zu äußern, ob es auch passend sei, daß ein so schöner Putz in den Besitz einer Unteroffizierstochter gekommen.

»Ihr werdet vielleicht geneigt sein, den Kopfputz zu verkaufen, Mabel, wenn Ihr ihn eine kurze Zeit besessen habt?« fragte die Kapitänsfrau, »denn tragen könnt Ihr ihn doch nie, sollte ich denken.«

»Ich will ihn nicht tragen«, erwiderte unsere Heldin bescheiden, »doch möchte ich mich auch nicht von ihm trennen.«

»Sergeant Dunham versetzt Euch freilich nicht in die Notwendigkeit, Eure Kleider zu verkaufen, mein Kind, es ist aber immer weggeworfenes Geld, einen Putzartikel zu behalten, den Ihr doch nie tragen könnt.«

»Ich würde mich ungerne von der Gabe eines Freundes trennen.«

»Aber der junge Mann wird um so besser von Eurer Klugheit denken, wenn der Triumph dieses Tages vergessen ist. Es ist ein artiger und anständiger Schmuck und sollte nicht weggeworfen werden.«

»Es ist nicht meine Absicht, ihn wegzuwerfen, Madame, und wenn Sie erlauben, will ich ihn lieber behalten.«

»Wie Ihr wollt, Kind; Mädchen in Eurem Alter übersehen oft ihren wahren Vorteil. Doch erinnert Euch, daß er bestellt ist, wenn Ihr Euch entschließt, über ihn zu verfügen, und daß ich ihn nicht nehmen werde, wenn Ihr ihn je einmal selbst aufgesetzt hättet.«

»Ja, Madame«, sagte Mabel mit möglichst demütiger Stimme, obgleich ihre Augen glänzten und ihre Wangen sich röteten, als sie den verbotenen Schmuck eine Minute lang über ihre wohlgeformten Schultern legte, als ob sie versuchen wolle, wie er ihr passe, und ihn dann ruhig wieder abnahm.

Der Rest der Belustigung bot wenig Interesse. Man schoß wohl gut, aber in keinem Vergleich mit den eben erzählten Leistungen, und die Bewerber wurden bald sich selbst überlassen. Die Damen und die meisten Offiziere zogen sich zurück, und die übrigen Frauen folgten ihrem Beispiel. Mabel kehrte über die niedrigen Felsenplatten, die das Ufer des Sees bedeckten, heim und ließ den zierlichen Kopfputz auf ihrem noch zierlicheren Finger flattern, als der Pfadfinder zu ihr trat. Er führte die Büchse bei sich, deren er sich an diesem Tage bedient hatte; aber sein Benehmen zeigte weniger von der freien Leichtigkeit des Jägers als gewöhnlich, und sein Auge schien unstet und düster. Nach einigen nichtssagenden Worten über die vor ihnen liegende großartige Wasserfläche wandte er sich mit dem Ausdruck eines großen Anliegens in seinem Gesicht gegen das Mädchen und sprach:

»Jasper erntete diesen Putz für Sie, Mabel, ohne seine Gaben sehr anzustrengen.«

»Er hat sich gut gehalten, Pfadfinder.«

»Kein Zweifel. Die Kugel ging hübsch durch die Kartoffel, und niemand hätte mehr tun können, obgleich andere hätten ebensoviel leisten mögen.«

»Aber keiner leistete ebensoviel«, rief Mabel mit einer Lebhaftigkeit, die sie im Augenblick bereute; denn sie sah aus dem schmerzlichen Blick des Pfadfinders, wie sehr er durch diese Bemerkung sowohl als durch das Gefühl, mit dem sie sprach, gekränkt wurde.

»Es ist wahr – es ist wahr, Mabel, keiner leistete ebensoviel; aber – doch ich sehe keinen Grund, warum ich meine Gaben, die von der Vorsehung kommen, verleugnen sollte – ja, ja; keiner leistete dort so viel, aber Sie sollen sehen, was hier getan werden kann. Sehen Sie die Möwen, die über unsern Köpfen fliegen?«

»Gewiß, Pfadfinder; es sind zu viele, um der Beobachtung zu entgehen.«

»Hier, wo sie quer übereinander hinfliegen«, setzte er hinzu, indem er den Hahn spannte und die Büchse erhob; »die zwei – die zwei: Nun sehen Sie!«

Das Gewehr wurde mit Gedankenschnelle angelegt, als gerade zwei Vögel in eine Linie kamen, obgleich ihre Entfernung voneinander viele Ellen betragen mochte; der Schuß fiel und die Kugel drang durch die Körper der beiden Opfer. Die Möwen waren kaum in den See gefallen, als der Pfadfinder seinen Büchsenschaft fallen ließ und in seiner eigentümlichen Weise auflachte. Jeder Schatten von Unzufriedenheit und gekränktem Stolz hatte sein ehrliches Gesicht verlassen.

»Das ist was, Mabel – das ist was; obgleich ich Ihnen keinen Siegespreis zu geben habe. Aber fragen Sie Jasper selbst; ich will alles Jasper überlassen, denn eine wahrere Zunge und ein treueres Herz ist nicht in Amerika.«

»Es war also nicht Jaspers Verdienst, daß er den Preis gewonnen hat?«

»Nicht doch! Er tat sein Bestes und traf gut. Für einen, der bessere Wassergaben als Landgaben hat, ist Jasper ungemein erfahren, und man kann sich weder auf dem Wasser noch auf dem Land einen bessern Rückhalt wünschen. Aber es war mein Werk, Mabel, daß er gewonnen hat, obgleich es gerade keinen Unterschied macht – es macht keinen Unterschied, denn das Ding ist an die rechte Person gekommen.«

»Ich glaube, ich verstehe Euch, Pfadfinder«, sagte Mabel mit unwillkürlichem Erröten; »und ich betrachte nun den Putz als die vereinte Gabe von Euch und Jasper.«

»Da würden Sie dem Jungen unrecht tun. Er gewann das Kleidungsstück und hatte ein Recht, es wegzugeben. Ich wünsche nur, Mabel, Sie möchten glauben, daß, wenn ich es gewonnen hätte, es an dieselbe Person gekommen wäre.«

»Ich will’s nicht vergessen, Pfadfinder, und Sorge tragen, daß auch andere Eure Geschicklichkeit erfahren, die Ihr in meiner Gegenwart an den armen Möwen erprobt habt.«

»Gott segne Sie, Mabel; aber jedermann weiß, was ich in dieser Beziehung leisten kann, und Ihre Worte wären ebenso verloren wie das Französische bei einem amerikanischen Bären.«

»Ihr denkt wohl, Jasper wisse, daß Ihr ihm den Vorteil verschafft habt, den er auf eine so unschöne Weise benutzt hat?« sagte Mabel, indem die Farbe, die ihren Augen soviel Glanz verliehen hatte, allmählich ihr Gesicht verließ, das nun den Ausdruck eines gedankenvollen Ernstes annahm.

»Ich bin weit entfernt, das zu sagen. Wir alle vergessen Dinge, die wir gewußt haben, wenn wir auf unsere Wünsche sehr erpicht sind. Jasper weiß wohl, daß ich eine Kugel ebensogut durch zwei Kartoffeln schicken kann, wie ich’s eben bei diesen Möwen getan habe, und er weiß, daß dies kein anderer Mann an der Grenze vermag. Aber mit dem Kopfputz von seinen Augen und der Hoffnung, ihn Ihnen zu geben, war der Junge vielleicht gerade in diesem Augenblicke geneigt, besser von sich selbst zu denken, als er hätte tun sollen. Nein, nein; es ist nichts Niedriges oder Verdächtiges an Jasper Eau-douce, denn es ist eine natürliche Gabe aller jungen Leute, sich vor den Augen schöner, junger Frauen auszeichnen zu wollen.«

»Ich will versuchen, alles zu vergessen, mit Ausnahme der Güte, die ihr beide gegen ein armes, mutterloses Mädchen gezeigt habt«, sagte Mabel, indem sie sich bemühte, Bewegungen zu unterdrücken, von denen sie kaum einen Grund anzugeben wußte. »Glaubt mir, Pfadfinder, ich werde es nie vergessen, was Ihr schon alles für mich getan habt – Ihr und Jasper; und dieser neue Beweis Eurer Achtung soll nicht verloren sein. Hier, hier ist eine silberne Busennadel, und ich biete sie Euch an als ein Wahrzeichen, daß ich Euch mein Leben oder meine Freiheit verdanke.«

»Was soll ich damit tun, Mabel?« fragte der Jäger verlegen, als er den einfachen Zierat in seiner Hand hielt. »Ich hab‘ weder Schnalle noch Knopf an mir, denn ich trage nichts als lederne Schnüre, und zwar aus guten Hirschhäuten. Es fällt hübsch ins Auge, aber es ist weit schöner an der Stelle, von der es kam, als an mir.«

»Nein, steckt sie in Euer Jagdhemd; sie wird Euch gut stehen. Erinnert Euch, daß es ein Zeichen unserer Freundschaft ist und ein Merkmal, daß ich Euch und Eure Dienste nie vergessen kann.«

Mabel grüßte lächelnd zum Abschied, und an dem Damm hinhüpfend verlor sich ihre Gestalt bald hinter dem Wall des Forts.

Zwölftes Kapitel

Zwölftes Kapitel

Einige Stunden später stand Mabel in tiefen Gedanken auf dem Bollwerk, von dem aus man den Fluß und den See überblicken konnte. Der Abend war ruhig und sanft, und es hatte sich die Frage aufgeworfen, ob die Mannschaft wegen der gänzlichen Windstille diese Nacht abfahren könne oder nicht. Die Waffen und Mundvorräte waren bereits eingeschifft und auch Mabels Effekten an Bord; aber die kleine Anzahl Leute, die mitsegeln sollte, war noch am Ufer, und es hatte nicht das Aussehen, als ob sich der Kutter auf den Weg machen werde. Da Jasper den Scud aus der Bai stromaufwärts gewunden hatte, um nach Belieben die Mündung des Flusses passieren zu können, so blieb das Fahrzeug dort ruhig vor einem einzelnen Anker liegen, indes die Mannschaft müßig am Ufer der Bai hin und her ging, ohne zu wissen, ob es überhaupt zur Abfahrt kommen werde.

Die Belustigungen des Morgens hatte eine Ruhe in der Garnison zurückgelassen, die mit der Schönheit des gegenwärtigen Schauspiels im Einklang war, und Mabel fühlte diesen Einfluß, obgleich sie wahrscheinlich zu wenig gewöhnt war, über solche Empfindungen nachzusinnen, um den Grund zu bemerken. Alles in der Nähe schien lieblich und mild, während die feierliche Größe der schweigenden Wälder und die sanfte Fläche des Sees das Gepräge einer Erhaben heit trugen, die man bei andern Szenen wohl vergebens gesucht haben würde. Das erstemal fühlte Mabel den Einfluß merklich geschwächt, den die Städte und die Zivilisation auf ihre Gewohnheiten geübt hatten, und ihr warmes Herz fing an zu glauben, daß ein Leben unter den sie umgebenden Verhältnissen wohl ein glückliches sein könnte. Wie weit jedoch die Erfahrung der letzten zehn Tage dieser ruhigen und heiligen Abendstunde zu Hilfe kam und zur Bildung die jungen Überzeugung beitrug, dessen war sie sich nicht bewußt.

»Ein herrlicher Sonnenuntergang, Mabel«, sagte die kräftige Stimme ihres Onkels so dicht an ihrem Ohr, daß sie erschrak – »ein herrlicher Sonnenuntergang; was das Frischwasser betrifft, obgleich wir auf dem Meer nur wenig davon halten würden.«

»Ist nicht die Natur dieselbe, am Land oder auf dem Meer, auf einem See – wie dieser – oder dem Ozean? Scheint die Sonne nicht überall gleich, lieber Onkel?«

»Das Mädel ist über einige von ihrer Mutter Büchern gekommen – obgleich ich gedacht hätte, der Sergeant würde kaum einen zweiten Marsch mit solchem Plunder unter seiner Bagage machen. Ist nicht die Natur dieselbe – in der Tat! Wie, Mabel, bildest du dir etwa ein, daß die Natur eines Soldaten dieselbe sei wie die eines Seemanns? Du hast Verwandte in diesen beiden Geschäftszweigen und mußt mir antworten können.«

»Aber, Onkel, ich meine die menschliche Natur –«

»Ja, grade die mein‘ ich, Mädel; die menschliche Natur eines Seemanns und die menschliche Natur eines dieser Burschen vom Fünfundfünfzigsten, selbst deinen eigenen Vater nicht ausgenommen. Da haben sie heut‘ ein Wettzielscheibenschießen, wie ich’s nennen möchte, gehalten, und was für ein ganz ander Ding ist das gewesen als ein Scheibenfeuer auf dem Meer. Da hätten wir unsere Breitseite springen und die Kugeln spielen lassen auf einen Gegenstand, eine halbe Meile in der größten Nähe entfernt. Und die Kartoffeln? – Wenn sich etwa eine an Bord verirrt hätte, was aber wahrscheinlich nicht der Fall gewesen wäre, die wären wohl in des Kochs Kupferkessel geblieben. Es mag ein ehrenwerter Beruf sein, der eines Soldaten, Mabel; aber ein erfahrener Kerl sieht viele Torheiten und Schwächen in einem gewissen Fort. Was das bißchen See da anlangt, so weißt du bereits, was ich davon denke, und ich will nichts verachten. Kein rechter Seefahrer verachtet was! Aber ich will verdammt sein, wenn ich diesen Ontario da, wie sie ihn nennen, anders betrachte als so viel Wasser in einer Schiffluckenrinne. Nun sieh mal, Mabel, wenn du den Unterschied zwischen dem Ozean und einem See kennenlernen willst, so kann ich dir das auf einen einzigen Blick begreiflich machen. Dies ist, was man einen Kalm oder eine Windstille nennen könnte, denn du siehst, daß kein Wind da ist, obgleich ich, die Wahrheit zu gestehen, nicht glaube, daß diese Stille so ruhig ist, wie wir sie draußen haben –«

»Onkel, es geht ja kein Lüftchen. Die Blätter können unmöglich noch unbeweglicher sein, als sie es in diesem Augenblick durch den ganzen Forst sind.«

»Blätter! Was sind Blätter, Kind? Es gibt keine Blätter auf dem Meer. Wenn du wissen willst, ob ein toter Wind da ist oder nicht, so zünde ein gegossenes Licht an – die gezogenen flackern zuviel –, und dann kannst du sicher wissen, ob ein Wind da ist oder keiner. Wenn du in einer Breite wärst, wo die Luft so still ist, daß es dir schwer würde, sie sogar durch deine Atemzüge zu stören, so könntest du dir einen Begriff von einem Kalm machen. In den Kalmbreiten können die Leute nur ganz kurz Atem holen. Nun sieh mal wieder auf dies Wasser. Es ist wie Milch in der Pfanne, mit nicht mehr Bewegung als in einem vollen Faß, ehe der Spund gesprungen ist. Auf dem Meer ist das Wasser nie still, mag die Luft so ruhig sein wie sie will.«

»Das Wasser auf dem Meer ist nie still, Onkel Cap, nicht einmal bei Windstille?«

»Gewiß nicht, mein Kind. Das Meer atmet wie ein lebendiges Wesen, und sein Busen hebt sich immer, wie die Versemacher es nennen, wenn auch gleich nicht mehr Luft da ist, als man etwa in einem Heber finden kann. Niemand hat je das Meer so still wie diesen See gesehen; es hebt sich und senkt sich, als ob’s Lungen hätte.«

»Aber auch dieser See ist nicht ganz ruhig, denn dort bemerkt Ihr den leichten Wellenschlag am Ufer, und zeitweise könnt Ihr auch die Brandung hören, die sich an den Felsen bricht.«

»Alles verdammte Dichterei. Man kann, wenn man will, ebensogut eine Wasserblase einen Wellenschlag und eine Deckwäsche eine Brandung nennen. Nein, der Ontario-See ist gegen das Atlantische Meer nichts weiter als ein Fischerkahn gegen ein Kriegsschiff ersten Ranges. Übrigens, der Jasper da, das ist ein ordentlicher Bursche, und es fehlt ihm nichts als Unterricht, um einen Mann aus ihm zu machen.«

»Ihr haltet ihn für unwissend, Onkel«, erwiderte Mabel, indem sie ihre Locken zurechtmachte, wobei sie ihr Gesicht abwandte. »Mir scheint Jasper Eau-douce mehr zu wissen als die meisten jungen Leute seines Berufs. Er hat zwar wenig gelesen, denn Bücher sind nicht sehr häufig in dieser Gegend; aber er hat, wie mir scheint, viel gedacht für einen so jungen Menschen.«

»Er ist unwissend, er ist unwissend, wie’s alle sein müssen, die auf solchem Binnenwasser segeln. Es ist wahr, er kann einen flachen Knopf machen und einen Timmerstich, aber er hat so wenig Begriff von Schauermannsknopf und Rahbandknopf wie du vom Verkatten eines Ankers. Doch, Mabel, wir beide sind dem Jasper und dem Pfadfinder verpflichtet; und ich hab‘ dran gedacht, wie ich ihnen am besten einen Dienst erweisen kann; denn ich halte die Undankbarkeit für das Laster eines Schweins. Einige Leute sagen, sie sei das Laster eines Königs, aber ich sage, es ist das eines Schweins; denn bewirte es mit deinem eigenen Mittagsmahl, so wird es dich zum Dessert verspeisen.«

»Sehr wahr, lieber Onkel! Wir müssen auch wirklich tun, was wir können, um diesen beiden braven Männern für die geleisteten Dienste unseren Dank auszudrücken.«

»Gesprochen wie deiner Mutter Tochter, Mädel, und auf eine Art, die der Capschen Familie Ehre macht. Nun, es ist mir da ein Gegendienst eingefallen, der alle Teile zufriedenstellen wird, und sobald wir von dieser kleinen Expedition an dem See da drunten, wo die Tausendinseln sind, zurückkommen und ich mich zur Heimreise anschicke, so ist’s meine Absicht, ihn auszuführen.«

»Liebster Onkel, das ist recht und vernünftig. Darf ich fragen, was Eure Absichten sind?«

»Ich sehe keinen Grund, warum ich sie gegen dich geheimhalten soll; nur ist’s nicht gerade nötig, daß du deinem Vater was davon sagst, denn der Sergeant hat seine Vorurteile und könnte Schwierigkeiten in den Weg legen. Weder aus Jasper noch aus seinem Freund Pfadfinder kann hier herum was werden, und ich will ihnen daher den Vorschlag machen, sie mit mir an die Küste und an Bord zu nehmen. Jasper würde sich in vierzehn Tagen in die Ozeanschuhe finden, und eine Reise von zwölf Monaten würde einen ganzen Mann aus ihm machen. Der Pfadfinder würde freilich mehr Zeit brauchen oder vielleicht nie ganz tauglich werden; doch könnte man auch was aus ihm machen, einen Ausluger etwa, weil er so ungewöhnlich gute Augen hat.«

»Onkel, glaubt Ihr wohl, daß sie mit Euch gleiche Ansichten haben werden?« sagte das Mädchen lächelnd.

»Müßte ich sie nicht für Tröpfe halten? Welches vernünftige Wesen wird sein Weiterkommen vernachlässigen? Wenn Jasper diesen Weg verfolgt, kann er noch als der Herr irgendeines Schiffes mit langen Rahen absterben.«

»Und würde er darum glücklicher sein, lieber Onkel? Um wieviel ist denn der Herr eines Schiffes mit langen Rahen besser als der eines Fahrzeugs mit kurzen?«

»Pah, pah! Magnet; du bist gerade geeignet, vor irgendeiner hysterischen Gesellschaft Vorlesungen über Schiffe zu halten, denn du weißt nicht einmal, wovon du sprichst. Überlaß diese Dinge mir, und sie werden besser ausfallen. Ah! Da ist der Pfadfinder selbst. Ich möcht‘ ihm wohl so einen kleinen Wink über meine wohlwollenden Gesinnungen gegen ihn hinwerfen.«

Cap nickte mit dem Kopf und beendete seine Rede, als der Jäger näher kam. Dies geschah jedoch nicht mit seiner gewöhnlichen, freien, leichten Manier, sondern mehr in einer Weise, die andeutete, daß er etwas verwirrt, wo nicht mißtrauisch wegen der Art seines Empfanges war.

»Onkel und Nichte bilden eine Familienpartei«, sagte der Pfadfinder, als er beiden nahe stand, »und ein Fremder möchte wohl nicht der willkommenste Gesellschafter sein.«

»Ihr seid kein Fremder, Meister Pfadfinder«, erwiderte Cap, »und niemand kann willkommener sein als Ihr. Wir sprachen diesen Augenblick von Euch, und wenn Freunde von einem Abwesenden sprechen, kann er den Inhalt ihrer Worte erraten.«

»Ich frage nicht nach Geheimnissen, nein. Jeder Mensch hat seine Feinde, und ich habe die meinen, obgleich ich weder Euch, Meister Cap, noch die liebliche Mabel hier unter ihre Zahl rechne. Was die Mingos anbelangt, so will ich davon schweigen, obschon sie keine gerechte Ursache haben, mich zu hassen.«

»Dafür will ich einstehen, Pfadfinder, denn ich betrachte Euch als ein gutgesinntes und aufrichtiges Wesen. Doch gibt’s eine Methode, wie Ihr der Feindschaft gerade dieser Mingos entgehen könnt; und wenn Ihr Euch entschließen könnt, sie zu ergreifen, so würde niemand geneigter sein, sie Euch mitzuteilen als ich, ohne daß mein Rat gerade maßgebend sein soll.«

»Ich wünsche keine Feinde, Salzwasser« – denn so fing Pfadfinder an, Cap zu nennen, indem er unwillkürlich den Namen aufgegriffen hatte, der letzterem von den Indianern in und außer dem Fort gegeben wurde; – »ich wünsche keine Feinde und wäre bereit, die Axt sowohl mit den Mingos als mit den Franzosen zu vergraben; aber Ihr wißt wohl, daß es von einem Größeren, als wir sind, abhängt, die Herzen so zu lenken, daß ein Mensch ohne Feinde bleibt.«

»Wenn Ihr Euren Anker lichtet und mich an die Küsten hinab begleitet, Freund Pfadfinder, sobald wir von diesem kurzen Kreuzzug zurückkehren, so werdet Ihr Euch außer dem Bereich des Kriegsgeschreies und sicher genug vor einer indianischen Kugel befinden.«

»Und was soll ich am Salzwasser tun? Jagen in Euren Städten? Die Fährten der Leute, die auf den Markt und wieder zurückgehen, verfolgen und gegen Hunde und Hühner im Hinterhalt liegen? Ihr seid kein Freund meines Glückes, Meister Cap, wenn Ihr mich dem Schatten der Wälder entführen und in die Sonne des gelichteten Landes setzen wollt.«

»Mein Vorschlag geht nicht dahin, Euch in den Ansiedlungen zu lassen, sondern Euch aufs Meer hinauszuführen, wo man allein sagen kann, daß man frei Atem schöpft. Mabel kann mir’s bezeugen, daß das meine Absicht war, ehe ich Euch noch ein Wort über diesen Gegenstand mitteilte.«

»Und was denkt Mabel wohl, daß bei einem solchen Tausch herauskomme? Sie weiß, daß der Mensch seine Gaben hat und daß es ebenso nutzlos ist, denen eines anderen nachzustreben, wie denen zu widerstehen, die von der Vorsehung kommen. Ich bin ein Jäger und Kundschafter, Salzwasser, und es liegt nicht in mir, dem Himmel Trotz zu bieten und etwas anderes werden zu wollen. Hab‘ ich recht, Mabel, oder sind Sie so sehr Weib, daß Sie eine Natur verändert sehen möchten?«

»Ich möchte keinen Wechsel in Euch sehen, Pfadfinder«, erwiderte Mabel mit einer herzlichen Aufrichtigkeit und Freimütigkeit, die des Jägers Herz traf; »und so sehr mein Onkel das Meer bewundert und so groß auch das Gute sein mag, das wir ihm nach seiner Meinung verdanken, so wünscht‘ ich doch den besten und edelsten Jäger der Wälder nicht einmal in einen Admiral verwandelt zu sehen. Bleibt, was Ihr seid, mein wackerer Freund, und Ihr braucht nichts zu fürchten als den Zorn Gottes.«

»Hört Ihr’s, Salzwasser? Hört Ihr, was des Sergeanten Tochter sagt, und sie ist viel zu aufrichtig und gut, um anders zu denken, als sie spricht. Solang sie mit mir zufrieden ist, wie ich bin, werd‘ ich gewiß nicht den Gaben der Vorsehung Trotz bieten und was anderes werden wollen. Ich mag in der Garnison unnütz scheinen; aber wenn wir nach den Tausendinseln hinunterkommen, so gibt’s vielleicht Gelegenheit zu beweisen, daß eine sichere Büchse bisweilen eine wahre Gottesgabe ist.«

»So seid Ihr also auch von unserer Partie«, sagte Mabel, indem sie dem Pfadfinder so offen und freundlich zulächelte, daß er ihr bis ans Ende der Erde gefolgt wäre. »Ich werde mit Ausnahme einer Soldatenfrau das einzige Mädel sein und mich um so sicherer fühlen, Pfadfinder, da Ihr unter unseren Beschützern sein werdet.«

»Sie würden unter des Sergeanten Schutz sicher genug sein, auch wenn Sie nicht seine Verwandte wären. Alles wird auf Sie Bedacht nehmen. Ich denke, auch Ihr Onkel hier wird an einer derartigen Expedition Vergnügen finden, wenn es an ein Segeln geht und sich ein Blick auf das Binnenmeer werfen läßt?«

»Euer Binnenmeer ist von keinem Belang, Meister Pfadfinder, und ich erwarte nichts von ihm. Doch geb‘ ich zu, daß es mir angenehm sein würde, den Zweck dieses Kreuzzuges kennenzulernen. Man will nicht gerade müßig sein, und mein Schwager, der Sergeant, ist so verschlossen wie ein Freimaurer. Weißt du, Mabel, was das alles bedeutet?«

»Nicht im mindesten, Onkel. Ich darf meinen Vater um nichts fragen, was mit seinem Dienst in Verbindung steht, da er diesen für kein Geschäft der Weiber betrachtet. Alles, was ich sagen kann, ist, daß wir absegeln werden, sobald es der Wind zuläßt, und daß wir einen Monat ausbleiben sollen.«

»Vielleicht kann uns Meister Pfadfinder einen nützlichen Wink geben, denn eine Reise ohne Zweck ist nie besonders belustigend für einen alten Seemann.«

»Es ist kein großes Geheimnis, Salzwasser, was unsern Hafen und unsern Zweck anlangt, obgleich es verboten ist, in der Garnison viel davon zu reden. Doch ich bin kein Soldat und kann meine Zunge nach Gefallen brauchen, obgleich ich sie, wie ich hoffe, so wenig wie ein anderer zu einem eitlen Geschwätz benütze. Da wir aber so bald absegeln und wir beide von der Partie sind, so kann ich wohl sagen, wo’s hingeht. Ich setze voraus, daß Ihr wißt, es gibt solche Dinger wie die Tausendinseln, Meister Cap?«

»Ja, was man hier herum so nennt, obgleich ich’s für ausgemacht halte, daß es keine wirklichen Inseln sind, nämlich solche, wie wir sie auf dem Meer treffen, und daß man unter den Tausenden etwa zwei oder drei versteht, wie das auch bei den Getöteten und Verwundeten nach einer großen Schlacht zu geschehen pflegt.«

»Meine Augen sind gut, und doch haben sie mir oft versagt, wenn ich es versuchte, diese wirklichen Inseln zu zählen.«

»Schön, schön, ich hab‘ Leute gekannt, die nicht über eine gewisse Zahl zählen konnten. Die Sache scheint mir ganz unmöglich.«

»Ihr kennt die Seen nicht, Meister Cap, sonst würdet Ihr das nicht sagen. Ehe wir noch zu den Tausendinseln kommen, werdet Ihr andere Begriffe von dem kriegen, was die Natur in dieser Wildnis getan hat.«

»Ich hab‘ meine Zweifel, ob Ihr so ’n Ding, wie eine wirkliche Insel in dieser ganzen Gegend habt. Nach meinen Begriffen kann das frische Wasser gar keine echte und gerechte Insel machen – nicht das, was ich eine Insel nenne.«

»Wir können Euch Hunderte davon zeigen. Wenn es auch nicht gerade tausend sind, so sind es doch so viele, daß das Auge nicht alle sehen kann.«

»Und was für ’ne Art von Dingern mag das sein?«

»Land, rund umher von Wasser umgeben.«

»Gut, aber was für ’ne Art Land und was für ’ne Art Wasser? Ich wette, daß sie, wenn man die Wahrheit wüßte, zu nichts als Halbinseln oder Vorgebirgen oder Teilen des Festlandes würden, obgleich das, wie ich wohl sagen darf, Sachen sind, von denen Ihr wenig oder nichts versteht. – Aber Inseln oder nicht Inseln, was ist der Zweck des Kreuzzugs, Pfadfinder?«

»Nun, da Ihr des Sergeanten Schwager seid und die artige Mabel hier seine Tochter ist, so kann’s nichts schaden, wenn ich Euch ein bißchen einen Begriff von dem beibringe, was wir vorhaben. Da Ihr ein alter Seemann seid, Meister Cap, so habt Ihr ohne Zweifel von so einem Hafen wie Frontenac gehört?«

»Wer sollte nicht?. Ich will nicht gerade sagen, daß ich in dem Hafen selbst gewesen bin – aber doch oft auf der Höhe dieses Platzes.«

»So steht es Euch bevor, einen bekannten Boden zu betreten, obgleich ich nicht verstehe, wie Ihr vom Ozean aus dahin kommen konntet. Diese großen Seen bilden, wie Ihr wissen müßt, eine Kette, und das Wasser fließt aus dem einen in den anderen, bis es den Eriesee erreicht, der von hier aus gegen Westen liegt und ebenso groß ist wie der Ontario selbst. Aus dem Eriesee kommt nun das Wasser, bis es so eine Art niederen Bergrand erreicht, über den es weggeht –«

»Ich möchte doch wissen, wie zum Teufel das geschehen kann?«

»Leicht genug, Meister Cap«, erwiderte Pfadfinder lachend, »denn es darf nur über den Hügel hinunterfallen. Hätt‘ ich gesagt, daß es das Gebirge hinangehe, so wär’s gegen die Natur gewesen; aber wir halten’s für nichts Besonderes, daß das Wasser einen Berg runterstürzt – ich meine nämlich das frische Wasser.«

»Ja, ja; aber Ihr sprecht von Wasser, das von einem See an der Seite des Gebirges herabkommt. Das heißt ja geradezu, der Vernunft gegen den Stachel lecken, wenn die Vernunft einen Stachel hat.«

»Nun, wir wollen über diesen Punkt nicht streiten; aber was ich gesehen habe, habe ich gesehen. Ob die Vernunft einen Stachel hat, kann ich nicht sagen, aber das Gewissen hat einen, und dazu einen scharfen. Wenn das Wasser aller dieser Seen in den Ontario gelangt ist, so fließt es durch einen Fluß nach dem Meer ab, und in der Enge, wo die Wassermasse weder als Fluß noch als See betrachtet werden kann, liegen die besprochenen Inseln. Frontenac ist ein über diesen Inseln gelegener Posten der Franzosen. Die haben weiter unten eine Garnison, und so können sie ihre Mund- und Waffenvorräte flußaufwärts nach Frontenac bringen und sie längs der Ufer dieses und der andern Seen weiterschaffen, um den Feind instand zu setzen, seine Teufeleien unter den Wilden zu spielen und christliche Kopfhäute zu gewinnen.«

»Und wird unsere Gegenwart einem solch schrecklichen Treiben vorbeugen können?« fragte Mabel mit Teilnahme.

»Vielleicht, vielleicht auch nicht, wie es die Vorsehung will. Lundie sandte Mannschaft aus, um auf einer dieser Inseln Posto zu fassen und einige der französischen Boote abzuschneiden. Unsere Expedition ist nun die zweite Ablösung. Sie haben bis jetzt noch wenig getan, obgleich sie zwei mit indianischen Gütern beladene Kähne gekapert haben. Aber in der letzten Woche kam ein Bote und brachte solche Nachrichten, daß der Major jetzt damit umgeht, die letzte Anstrengung zu machen, die Schurken zu überlisten. Jasper kennt den Weg, und wir werden in guten Händen sein, denn der Sergeant ist klug, zumal in einem Hinterhalt; ja, er ist beides, klug und rasch.«

»Ist das alles?« sagte Cap verächtlich. »Aus den Vorbereitungen und Zurüstungen dacht‘ ich mir, wir hätten auch ein rechtes Stück Arbeit im Wind, und es sei ein ehrlicher Pfennig bei diesem Abenteuer zu gewinnen. Wahrscheinlich teilt man sich nicht in Eure Frischwasserprisengelder?«

»Wie?«

»Ich nehme es für ausgemacht an, daß alles, was durch diese Soldatenmärsche und Hinterhalte, wie Ihr’s nennt, gewonnen wird, dem König zufällt?«

»Davon weiß ich nichts, Meister Cap. Ich nehme mir meinen Anteil Pulver und Blei weg, wenn uns was in die Hände fällt, und sage dem König nichts davon. Andere mögen wohl besser dabei wegkommen, obgleich es nun auch für mich Zeit wird, an ein Haus, eine Einrichtung und eine Heimat zu denken.

Pfadfinder wagte es nicht, als er diese Anspielung auf eine Veränderung in seinem Leben machte, Mabel anzusehen, und doch hätte er eine Welt darum geben mögen, zu wissen, ob sie ihn gehört und wie dabei der Ausdruck ihres Gesichts gewesen wäre. Aber Mabel ahnte die Natur dieser Anspielung wenig, und mit völlig unbefangenem Gesicht richtete sie ihre Augen auf den Fluß, wo eine Bewegung an Bord des Scud sichtbar zu werden begann.

»Jasper bringt den Kutter hinaus«, bemerkte der Kundschafter, dessen Blick durch den Fall irgend eines schweren Körpers auf dem Verdeck nach derselben Richtung geleitet wurde. »Der Junge sieht ohne Zweifel Zeichen von Wind und wünscht bereit zu sein.«

»Nun, da werden wir wohl Gelegenheit haben, was von der Seefahrerkunst zu lernen«, erwiderte Cap mit einem höhnischen Blick. »Es liegt was Subtiles darin, wie man ein Fahrzeug unter Segel bringt, und man kann daran einen erfahrenen Seemann so gut wie an was anderem erkennen, ’s ist dabei wie mit dem Zuknöpfen eines Soldatenrocks, ob einer damit oben oder unten anfängt.«

»Ich will nicht sagen, daß man Jasper mit den Matrosen da unten vergleichen kann«, bemerkte Pfadfinder, dessen aufrichtige Seele das unwürdige Gefühl des Neides oder der Eifersucht fremd war; »aber er ist ein kühner Bursche und handhabt seinen Kutter so geschickt, wie man es nur immer verlangen kann – auf diesem See wenigstens. Ihr habt gesehen, daß er sich an den Oswegofällen nicht ungeschickt benahm, wo das frische Wasser ohne besondere Schwierigkeit über den Berg niederstürzt.«

Cap antwortete nur mit einem Ausruf der Unzufriedenheit; dann folgte allgemeines Schweigen. Alle auf der Bastei betrachteten die Bewegungen des Kutters mit großer Teilnahme. Noch war eine tote Windstille, und die Oberfläche des Sees erglänzte im eigentlichsten Sinne von den letzten Strahlen der Sonne. Der Scud war auf einen Kat-Anker gewarpt worden, der etwa hundert Ellen über der Flußmündung lag, wo der Strom den Hafen des Oswego bildete und hinreichenden Raum für die Handhabung des Fahrzeugs bot. Aber die völlige Windstille verhinderte einen solchen Versuch, und es wurde bald klar, daß das leichte Schiff nur mittels der Ruder durch die Passage gebracht werden könne. Es wurde kein Segel losgemacht, aber sobald der Anker aus dem Grund gehoben war, ließ sich der schwere Fall der Ruder vernehmen, und der Kutter begann mit stromaufwärts gerichteter Spitze gegen die Mitte der Strömung zu fahren. Als er diese erreicht hatte, ließ die Tätigkeit der Mannschaft nach, und er trieb gegen den Ausfluß hin. In dem engen Paß selbst beschleunigte sich seine Bewegung, und in weniger als fünf Minuten schwamm der Scud außerhalb der beiden niederen Kieseinschnitte, an denen sich die Wellen des Sees brachen. Da man keinen Anker auswarf, fuhr das Fahrzeug fort, sich vom Land zu entfernen, bis sein dunkler Rumpf auf der glatten Fläche des Sees, eine volle Viertelmeile jenseits des niedrigen Vorsprungs, still hielt, der die östliche Begrenzung des Raumes bildete, den man den äußersten Hafen oder den Ankerplatz hätte nennen können. Hier ließ der Einfluß der Strömung nach, und das Fahrzeug kam zur Ruhe.

»Das Schiff kommt mir sehr schön vor, Onkel«, sagte Mabel, deren Blick sich während dieser Stellungsveränderung keinen Augenblick von dem Kutter abgewendet hatte. »Ihr mögt vielleicht Fehler in seinem Aussehen und der Art seiner Führung entdecken; aber in meinen unwissenden Augen sind beide gleich vollkommen.«

»Ja, ja, es schwimmt mit der Strömung gut genug, Mädchen, und das würde ein Hobelspan auch tun. Wenn man aber auf die Feinheiten eingeht, so braucht ein alter Teer keine Brille, um Fehler dran zu finden.«

»Aber, Meister Cap«, warf Pfadfinder ein, der selten ein Vorurteil über Jasper aussprechen ließ, ohne sich zum Widerspruch geneigt zu zeigen, »ich habe gehört, wie alte und erfahrene Salzwasserschiffer zugestanden, daß der Scud ein so artiges Fahrzeug sei, wie nur eins auf dem Wasser schwimme. Ich verstehe mich nicht auf solche Dinge; man kann aber doch seine Begriffe von einem Schiff haben, wenn sie auch nicht ganz vollständig sind, und es würde mehr als Eures Zeugnisses bedürfen, mich zu überreden, daß Jasper sein Boot nicht in guter Ordnung halte.«

»Ich sage nicht, Meister Pfadfinder, daß der Kutter gar nichts tauge; aber er hat seine Fehler, und große Fehler.«

»Und was sind das für Fehler, Onkel? Wenn sie Jasper kennen würde, so würde er sie mit Vergnügen verbessern.«

»Was es für Fehler sind? Ei, es sind ihrer mehr als fünfzig, hundert sogar; sehr wesentliche und in die Augen fallende Fehler.«

»So nennt sie uns, Herr, und Pfadfinder wird sie seinem Freunde sagen.«

»Sie nennen? Es ist keine leichte Sache, die Sterne mit Namen zu nennen, aus dem einfachen Grunde, weil sie so zahlreich sind. Sie nennen! In der Tat. – Ei, meine artige Nichte, Miß Magnet, was hältst du von diesem Hauptmast da? Meinen unwissenden Augen erscheint er um wenigstens einen Fuß zu hoch getoppt, und dann ist der Wimpel falsch und – und – ja, ich will verdammt sein, wenn da nicht eine Toppsegelseisung losgetrieben ist – und, es würde mich nicht mal besonders überraschen, wenn dieses dicke Troß einen runden Schlag machen würde, ließe man in diesem Augenblick den Anker los. Fehler? – In der Tat! Kein Seemann kann’s nur einen Augenblick ansehen, ohne daß er fände, es sei so voller Fehler, wie ein Bedienter, der schon seinen Abschied in der Tasche hat.«

»Das mag sehr wahr sein, Onkel, obgleich es eine große Frage ist, ob Jasper davon weiß. Ich glaube nicht, Pfadfinder, daß er solche Übelstände dulden würde, wenn man sie ihm einmal zeigte.«

»Lassen Sie Jasper nur selber für seinen Kutter sorgen, Mabel. Seine Gabe liegt auf diesem Wege, und ich stehe dafür, daß niemand ihn lehren kann, wie er ihn den Händen der Frontenacer und ihrer teuflischen Freunde, der Mingos, zu entziehen hat. Wer kümmert sich um einen runden Schlag des Ankers und um Trosse, die zu hoch getoppt sind, Meister Cap, solang das Fahrzeug gut segelt und sich klar gegen die Franzosen hält? Ich verlasse mich trotz allen Seefahrern an den Küsten hier oben an den Seen auf Jasper, obgleich ich damit nicht sagen will, daß seine Gaben auch für das Meer passen, weil er sich da noch nie versucht hat.«

Cap lächelte herablassend, hielt es aber nicht für nötig, im Augenblick seine Kritteleien noch weiter fortzuführen. Sein Aussehen und Benehmen wurde jedoch allmählich übermütiger und hochfahrender, obgleich er bei der Behandlung von Streitpunkten, mit denen eine der Parteien gänzlich unbekannt war, als ganz gleichgültig zu erscheinen wünschte. Inzwischen hatte der Kutter angefangen, in den Strömungen des Sees hin und her zu treiben, und seine Spitze wendete sich, obgleich nur langsam und nicht in einer Weise, die besondere Aufmerksamkeit auf sich ziehen konnte, nach allen Richtungen. Auf einmal aber wurde der Klüver losgemacht und aufgehißt, und das Segel blähte sich gegen das Land zu, obschon auf der Oberfläche des Wassers noch keine Spuren des Windes zu entdecken waren. So gering übrigens dieser Einfluß war, so gab ihm doch der leichte Rumpf nach, und eine Minute später sah man den Scud sich quer in der Strömung des Flusses halten, mit einer so leichten und gemäßigten Bewegung, daß man sie kaum bemerken konnte. Als er die Strömung übersetzt hatte, stieß er auf einen Wirbel und schoß gegen das Land, gerade auf die Anhöhe zu, wo das Fort stand. Hier ließ Jasper den Anker fallen.

»Nicht tölpelig getan«, brummte Cap in einer Art von Selbstgespräch, »nicht besonders tölpelig, obgleich er sein Steuer an den Steuerbord, statt an den Backbord hätte setzen sollen, denn ein Fahrzeug muß immer den Stern gegen das Ufer kehren, sei es nun eine Meile vom Land oder eine Kabellänge. Es gewinnt dadurch ein achtsameres Aussehen, und das Aussehen gilt etwas auf dieser Welt.«

»Jasper ist ein gewandter Bursche«, bemerkte plötzlich Sergeant Dunham hart an seines Schwagers Seite, »und wir können uns bei unsern Ausflügen auf seine Geschicklichkeit verlassen. Aber kommt samt und sonders, wir haben nur noch eine halbe Stunde Tag, um unsere Sache zu besorgen, und die Kähne werden so schnell für uns bereit sein, wie wir es für sie sind.«

Auf diese Mitteilung trennte sich die ganze Gesellschaft, und jeder suchte noch die Kleinigkeiten zusammenzuraffen, die nicht bereits an Bord waren. Einige Trommelschläge gaben den Soldaten das nötige Signal, und in wenigen Minuten war alles in Bewegung.

Dreizehntes Kapitel

Dreizehntes Kapitel

Die Einschiffung des kleinen Häufleins ging schnell und ohne Verwirrung vonstatten. Die ganze unter dem Befehl des Sergeanten Dunham stehende Macht bestand nur aus zehn Gemeinen und zwei Unteroffizieren. Es war zwar bald bekannt, daß Herr Muir an der Expedition teilnehmen werde; doch wollte der Quartiermeister nur als Freiwilliger mitgehen und sich dabei, wie er es mit dem Kommandanten abgemacht hatte, des Vorwandes einiger Geschäfte, die in sein eigenes Departement gehörten, bedienen. Hierzu kamen noch der Pfadfinder und Cap mit Jasper und seinen Untergebenen, von denen einer ein Knabe war. Der männliche Teil der Gesellschaft bestand also aus nicht ganz zwanzig Personen und einem vierzehnjährigen Jungen, indes das weibliche Geschlecht durch Mabel und die Frau eines Gemeinen repräsentiert wurde.

Sergeant Dunham führte sein Kommando in einem großen Kahn über und kehrte dann zurück, um die Schlußbefehle einzuholen und nachzusehen, ob für seinen Schwager und seine Tochter Sorge getragen werde. Nachdem er Cap das Boot gezeigt hatte, dessen er und Mabel sich bedienen sollten, ging er in das Fort zurück, um seine letzte Zusammenkunft mit Lundie zu halten.

Es war schon ziemlich dunkel, als Mabel das Boot bestieg, das sie zu dem Kutter führen sollte. Die Oberfläche des Sees war so glatt, daß es nicht nötig wurde, die Kähne in den Fluß zu bringen, um ihre Fracht aufzunehmen, denn da das äußere Ufer ganz ohne Brandung und das Wasser ruhig wie in einem Teich war, konnte die Einschiffung hier geschehen. Man bemerkte, wie Cap gesagt hatte, auf dem See nichts von dem Heben und Sinken, dem Arbeiten der weiten Lungen und der Atmung eines Meeres; denn der Umfang des Ontario erlaubt es nicht, daß an einer Stelle Stürme toben, während an einer anderen Windstille herrscht, wie es auf dem Atlantischen Ozean der Fall ist. Es gehört auch zu den gewöhnlichen Bemerkungen der Seeleute, daß das Wasser auf allen den großen Seen des Westens schneller hochgeht und sich früher wieder legt als auf den verschiedenen Meeren, die sie kennen. Als daher Mabel das Land verließ, hatte sie aus keiner Bewegung des Wassers, die unter solchen Umständen so gewöhnlich ist, die Größe der Masse erkennen können. Nach einem Dutzend Ruderschlägen lag das Boot an der Seite des Kutters.

Jasper hielt sich bereit, seine Passagiere zu empfangen, und da das Verdeck des Scud nur zwei oder drei Fuß über dem Wasser lag, war es nicht schwierig, an Bord zu gelangen. Sobald dies geschehen war, zeigte der junge Mann Mabel und ihrer Gefährtin die Bequemlichkeiten, die er für ihren Empfang vorbereitet hatte, von denen sie auch ohne weiteres Besitz nahmen. Das kleine Fahrzeug hatte in seinem unteren Raum vier Kabinette, da alles zwischen den Decken ausdrücklich zum Zweck des Transports von Offizieren und Mannschaft mit ihren Weibern und Familien eingerichtet war. Das erste im Rang war die sogenannte Nebenkajüte, ein kleines Stübchen, das vier Lagerstellen enthielt und den Vorteil hatte, daß durch kleine Fenster Licht und Luft eindringen konnte. Dieses wurde gewöhnlich für die Frauen, die sich an Bord befanden, bestimmt, und da Mabel und ihre Gefährtin allein waren, so fehlte es nicht an Raum und Bequemlichkeit. Die Hauptkajüte war größer und erhielt ihr Licht von oben. Sie diente zum Gebrauch des Quartiermeisters, des Sergeanten, Caps und Jaspers, da sich der Pfadfinder, mit Ausnahme der Frauenkabine, überall herum aufhielt. Die Korporale und Gemeinen hatten ihren Platz unter der großen Luke, die zu diesem Zweck mit einem Deck verseben war, während die Ruderer wie gewöhnlich im Vorderkastell ihr Lager aufschlugen. Obgleich der Kutter nicht ganz fünfzig Tonnen führte, so war doch die Befrachtung durch die Offiziere und Mannschaft so gering, daß für alle, die an Bord waren, ein weiter Raum blieb, der im Notfall die dreifache Anzahl zu bergen imstande gewesen wäre.

Sobald Mabel von ihrem in der Tat recht anständigen und bequemen Kabinett Besitz genommen hatte, wobei sie sich nicht enthalten konnte, der angenehmen Betrachtung Raum zu geben, daß sie hierbei manches Jaspers Gunst zu verdanken habe – ging sie wieder auf das Verdeck zurück. Hier war alles in Bewegung. Die Soldaten liefen hin und her, um nach ihren Tornistern und anderen Effekten zu sehen; doch stellten Methode und Gewohnheit die Ordnung bald wieder her, und es herrschte nun an Bord eine tiefe Stille, die mit dem Gedanken an das künftige Abenteuer und an die verhängnisvolle Vorbereitung in Verbindung stand.

Die Finsternis fing an, die Gegenstände am Ufer undeutlich zu machen. Das ganze Land bildete einen gestaltlosen schwarzen Umriß an den Spitzen des Waldes und war nur von dem darüber hängenden Himmel durch das höhere Licht dieses Gewölbes zu unterscheiden. Bald begannen dort auch die Sterne nach und nach mit ihrem milden, angenehmen Licht zu schimmern und brachten das Gefühl der Ruhe mit sich, das gewöhnlich die Nacht begleitet. Es lag etwas Besänftigendes und zugleich etwas Aufregendes in dieser Szene, und Mabel, die auf der Schanze saß, fühlte sich lebhaft von diesen beiden Einflüssen ergriffen. Der Pfadfinder stand in ihrer Nähe, wie gewöhnlich an seine lange Büchse gelehnt, und es kam ihr selbst trotz der zunehmenden Dunkelheit der Stunde vor, als ob sie schärfere Linien des Nachdenkens als gewöhnlich in seinen rauhen Zügen entdeckte.

»Eine solche Fahrt kann Euch nichts Neues sein, Pfadfinder«, sagte sie, »und es überrascht mich daher, die Leute so still und in Gedanken vertieft zu sehen.«

»Wir lernen dies aus dem Krieg gegen die Indianer. Die Milizen schwatzen viel und handeln im allgemeinen wenig; aber die Soldaten, die oft mit den Mingos zusammentreffen, lernen den Wert einer klugen Zunge schätzen. Eine schweigende Armee ist in den Wäldern doppelt stark und eine lärmende doppelt schwach. Wenn Zungen Soldaten machten, so würden auf dem Schlachtfeld gewöhnlich die Weiber die Herren des Tages sein.«

»Aber wir sind weder eine Armee noch in den Wäldern! Man hat sich doch in dem Scud nicht vor den Mingos zu fürchten?«

»Fragen Sie Jasper, wie er Herr dieses Kutters geworden ist, und Sie werden sich dies selbst beantworten können. Niemand ist vor einem Mingo sicher, wenn er nicht dessen eigentliche Natur kennt, und gerade dann muß er sorgfältig seiner Kenntnis gemäß handeln. Fragen Sie nur den Jasper, wie er zu dem Kommando dieses Kutters gekommen ist.«

»Und wie kam er dazu?« fragte Mabel mit einem Ernst und einer Teilnahme, die einen angenehmen Einfluß auf ihren einfachen und treuherzigen Gefährten übten, der nie vergnügter war, als wenn er Gelegenheit hatte, zugunsten eines Freundes etwas zu sagen. »Es ist ehrenvoll für ihn, daß er bei seiner Jugend diese Stellung erreicht hat.«

»Es ist so; aber er hat sie verdient und wohl noch mehr. Eine Fregatte war‘ nicht zuviel gewesen, um seinen Geist und seine Besonnenheit zu belohnen, wenn es so ein Ding auf dem Ontario gäbe, was aber nicht der Fall ist und auch wahrscheinlich nie der Fall sein wird.«

»Aber Jasper – Ihr habt mir noch nicht erzählt, wie er zu dem Kommando dieses Schoners gekommen ist.«

»Es ist eine lange Geschichte, Mabel, die Ihnen Ihr Vater, der Sergeant, besser erzählen kann als ich; denn er war dabei und ich auf Kundschaft abwesend. Ich muß zugeben, daß Jasper kein guter Erzähler ist, und ich hab‘ ihn, wenn er um diese Sache befragt wurde, immer nur eine schlechte Erzählung geben hören, obschon jedermann weiß, daß es eine gute Sache war. Nein, nein, Jasper erzählt nicht gut; das müssen seine besten Freunde zugestehen. Der Scud war nahe daran, in die Hände der Franzosen und der Mingos zu fallen, als Jasper ihn auf eine Weise rettete, die nur ein schnell besonnener Geist und ein kühnes Herz versuchen konnte. Der Sergeant kann Ihnen die Geschichte besser mitteilen als ich, und ich wünsche, daß Sie ihn einmal fragen möchten, wenn es gerade nichts Besseres zu tun gibt. Was den Jasper anbelangt, so wird es nichts nützen, den Jungen damit zu plagen, denn er wird die Sache ganz verstümpern, weil er durchaus keine Geschichte zu geben weiß.«

Mabel entschloß sich, ihren Vater um die Mitteilung der Einzelheiten dieses Ereignisses noch in dieser Nacht anzugehen, denn für ihre jugendliche Phantasie konnte es wohl nichts Besseres zu tun geben, als auf das Lob eines Mannes zu hören, der nur ein schlechter Erzähler seiner eigenen Taten war.

»Wird der Scud bei uns bleiben, wenn wir die Inseln erreicht haben?« fragte sie nach einem leichten Zögern ob der Schicklichkeit dieser Frage; »oder werden wir dann uns selbst überlassen sein?«

»Je nachdem es kommt. Jasper läßt den Kutter nicht gern müßig sein, wenn es was zu tun gibt, und wir dürfen von seiner Seite Tätigkeit erwarten. Doch wenn’s nicht grade die Stromschnellen, die Fälle und Kähne betrifft, so mach‘ ich keinen Anspruch drauf, was von der Sache zu verstehen. Ich zweifle übrigens nicht, daß unter Jasper alles gut gehen wird, da er auf dem Ontario so gut eine Fährte finden kann, wie sie ein Delaware auf dem Land zu entdecken weiß.«

»Und unser Delaware, Pfadfinder – die Schlange – warum ist er diese Nacht nicht bei uns?«

»Ihre Frage würde natürlicher sein, wenn Sie sagten ›Warum seid Ihr hier, Pfadfinder?‹ – Der Häuptling ist an seinem Platz, während ich nicht auf dem meinigen bin. Er ist mit zweien oder dreien ausgezogen, um die Seeufer auszukundschaften, und wird unten bei den Inseln wieder zu uns stoßen, um uns seine gesammelten Nachrichten mitzuteilen. Der Sergeant ist ein zu guter Soldat, um die Nachhut zu vergessen, wenn er im Angesicht des Feindes steht. Es ist tausendschade, Mabel, daß Ihr Vater nicht als ein General geboren wurde, wie wir da so einige Engländer unter uns haben, denn ich bin fest überzeugt, daß in einer Woche kein einziger Franzose mehr in Kanada wäre, wenn er seinen eigenen Weg gehen dürfte.«

»Werden wir den Feind zu Gesicht bekommen?« fragte Mabel lächelnd und fühlte dabei zum erstenmal eine leichte Furcht wegen der Gefahren dieser Fahrt. »Werden wir wohl in ein Treffen verwickelt werden?«

»Wenn das wär‘, Mabel, so wird’s Leute genug geben, die bereit sind, sich zwischen Sie und die Gefahr zu werfen. Doch Sie sind die Tochter eines Soldaten und haben, wie wir alle wissen, den Mut eines Soldaten. Lassen Sie deshalb die Furcht vor einem Gefecht den Schlaf nicht von Ihren schönen Augen scheuchen.«

»Ich fühle mich mutiger, Pfadfinder, hier außen in den Wäldern, als ich mich je mitten in der Weichlichkeit der Städte gefunden habe, obgleich ich’s immer versuchte, mich zu erinnern, was ich meinem lieben Vater schuldig bin.«

»Nun ja, Ihre Mutter dachte vor Ihnen ebenso. – ›Ihr werdet Mabel wie ihre Mutter finden, kein kreischendes und verzärteltes Mädchen, daß ein Mann seine Not mit ihr hat, sondern sie wird ihren Gatten ermutigen und aufrichten, wenn er bei Gefahren unter der Sorge erliegen will‹, sagte der Sergeant zu mir, ehe ich noch Ihr hübsches Gesichtchen gesehen hatte; – ja, das sagte er!«

»Und warum sollte mein Vater Euch das gesagt haben, Pfadfinder?« fragte das Mädchen mit einigem Ernst. »Vielleicht glaubte er, Ihr würdet besser von mir denken, wenn Ihr mich nicht für ein einfältiges, furchtsames Geschöpf halten müßtet, wie unser Geschlecht davon soviele aufweist?«

Täuschung, wenn es nicht gerade auf Kosten seiner Feinde im Felde ging – ja selbst das Verbergen eines Gedankens war so wenig im Einklang mit dem Wesen des Pfadfinders, daß er bei dieser einfachen Frage in keine geringe Verlegenheit kam. Er fühlte aus einer Art von Instinkt, von dem er sich keine Rechenschaft zu geben vermochte, daß es nicht geeignet sei, die Wahrheit offen zu gestehen; und sie zu verbergen? – das wollte sich nicht mit seinem Rechtlichkeitsgefühl und seinen Gewohnheiten vertragen. In dieser Klemme nahm er unwillkürlich seine Zuflucht zu einem Mittelweg, der das, was er nicht zu sagen wagte, zwar nicht entschleierte, aber auch nicht geradezu verhehlte.

»Sie müssen wissen, Mabel«, sagte er, »daß der Sergeant und ich alte Freunde sind und wir in manchem harten Gefecht, an manchem blutigen Tag Seite an Seite gestanden haben. Es ist dann so die Weise von uns Scharmützlern, daß wir wenig an den Kampf denken, wenn die Büchse das ihrige getan hat; und des Nachts an unseren Feuern oder auf unseren Märschen, plaudern wir von Gegenständen, die wir lieben, wie ihr jungen Mädchen euch über eure Träumereien und Meinungen unterhaltet und miteinander über eure Einfälle lacht. Nun, da war’s natürlich, daß der Sergeant, der eine Tochter wie Sie hat, die er mehr als alles andere liebt, von ihr öfter als von irgendwas anderem sprach. Da ich nun weder Tochter noch Schwester, noch Mutter oder sonstige Verwandte und Bekannte, mit Ausnahme der Delawaren, zu lieben habe, so stimmte ich natürlich mit ein, und ich gewann Sie lieb, Mabel, ehe ich Sie noch gesehen hatte – ja das tat ich, Mabel, gerade deshalb, weil wir soviel von Ihnen sprachen.«

»Und nun, da Ihr mich gesehen habt«, entgegnete das lächelnde Mädchen, deren unverändert natürliche Weise bewies, wie wenig sie an etwas mehr als an elterliche oder brüderliche Zuneigung dachte, »fangt Ihr an, die Torheit einzusehen, Freundschaft mit Leuten zu schließen, ehe man sie näher als nur vom Hörensagen kennt.«

»Es war nicht Freundschaft – nicht Freundschaft, Mabel, was ich für Sie fühle. Ich bin der Freund der Delawaren und bin’s von meinen Knabenjahren an gewesen; aber meine Gefühle für jene oder für den Besten unter ihnen sind nicht dieselben, die mir der Sergeant gegen Sie einflößte, um so mehr, da ich Sie nun näher kennenzulernen anfange. Bisweilen fürcht‘ ich freilich, es sei nicht gut für einen Mann, der einem wahrhaft männlichen Beruf folgt – sei er nun Kundschafter oder ein Soldat – Freundschaft mit Frauen und zumal mit jungen Frauen zu schließen, da sie mir den Unternehmungsgeist zu schwächen und die Gefühle von den Gaben und natürlichen Beschäftigungen abzulenken scheint.«

»Ihr meint doch sicherlich nicht, Pfadfinder, daß Freundschaft gegen ein Mädchen wie ich Euch weniger kühn und weniger geneigt machen würde, mit den Franzosen im Kriegsfall wie früher anzubinden?«

»Nein, nicht so, nicht so. Mit Ihnen in Gefahr würd‘ ich zum Beispiel fürchten, zu tollkühn zu werden. Aber ehe wir miteinander sozusagen vertraut wurden, dachte ich gerne an meine Kundschaftszüge, meine Märsche und Auslager, meine Gefechte und andere Abenteuer. Jetzt kümmert sich mein Geist wenig mehr drum, und ich denke mehr an die Hütten, an die Abende, die man im Gespräch hinbringen kann, an Gefühle, die nichts mit Hader und Blutvergießen zu tun haben, und an junge Frauen, ihr Lachen, ihre heiteren, sanften Stimmen, ihre lieblichen Blicke und ihre gewinnenden Weisen. Ich sage dem Sergeanten bisweilen, daß er und seine Tochter noch einen der besten und erfahrensten Kundschafter an den Grenzen verderben werden.«

»Nicht doch, Pfadfinder; sie wollen es nur versuchen, das, was schon ausgezeichnet ist, vollkommen zu machen. Ihr kennt uns nicht, wenn Ihr glaubt, daß einer von uns wünsche, Euch nur im mindesten verändert zu sehen. Bleibt, was Ihr schon seid, derselbe ehrliche, aufrichtige, gewissenhafte, furchtlose, einsichtsvolle und zuverlässige Kundschafter, und weder mein lieber Vater noch ich werden je anders von Euch denken, als wir es jetzt tun.«

Es war zu dunkel für Mabel, als daß sie die Bewegungen in dem Gesicht ihres Zuhörers hätte bemerken können; aber ihre liebliche Gestalt war gegen ihn gekehrt, als sie mit ebensoviel Feuer wie Freimütigkeit diese Worte sprach, die zeigten, wie aufrichtig sie gemeint und wie wenig ihre Gedanken in Verwirrung gebracht waren. Ihr Gesicht war zwar leicht gerötet, aber es zeigte den Ausdruck des Ernstes und der Wahrheit ihrer Gefühle, ohne daß dabei ein Pulsschlag rascher flog.

Der Pfadfinder war übrigens zu unerfahren, um in derartige Unterscheidungen eingehen zu können; und seine Bescheidenheit wurde durch die Geradheit und die Kraft der Worte, die er eben gehört hatte, ermutigt. Nicht geneigt, vielleicht auch nicht fähig, weiter zu sprechen, entfernte er sich und blickte, an seine Büchse gelehnt, eine Weile in tiefem Schweigen zu den Sternen auf.

Während dieses auf dem Kutter vorging, fand die bereits erwähnte Unterredung Lundies mit dem Sergeanten auf dem Bollwerk statt.

»Sind die Tornister der Mannschaft untersucht worden?« fragte Major Duncan, nachdem er einen Blick auf den geschriebenen Rapport, der ihm von dem Sergeanten eingehändigt worden, geworfen hatte, denn es war bereits zu dunkel, um zu lesen.

»Alle, Euer Gnaden, und alle sind in Ordnung.«

»Waffen und Kriegsbedarf?«

»Alles in Richtigkeit, Major Duncan, und für den Dienst bereit.«

»Ihr habt die von mir vorgezeichneten Leute genommen, Dunham?«

»Ohne Ausnahme, Sir. Bessere Leute können nicht in dem Regiment gefunden werden.«

»Ihr braucht auch die Besten von unserer Mannschaft, Sergeant. Dies ist nun der dritte Versuch, und er wurde immer unter einem von den Fähnrichen gemacht, auf die ich das größte Vertrauen setzte, und doch sind mir alle früheren fehlgeschlagen. Nach soviel Vorbereitungen und Kosten wollt‘ ich das Projekt doch nicht ganz aufgeben, aber dies soll die letzte Bemühung sein. Das Resultat wird hauptsächlich von Euch und dem Pfadfinder abhängen.«

»Auf uns beide können Sie zählen, Major Duncan. Der Auftrag, den Sie uns gegeben haben, geht nicht über unsere Kräfte und unsere Erfahrung, und ich denke, er soll gut ausgerichtet werden. Ich weiß, daß es der Pfadfinder nicht fehlen lassen wird.«

»Darauf wird man sich freilich sicher verlassen können. Er ist ein außerordentlicher Mann, Dunham – ein Mann, der mich lange in Verlegenheit gesetzt hat, der aber, da ich ihn nun kenne, so sehr über meine Achtung zu gebieten hat wie irgendein General in Seiner Majestät Diensten.«

»Ich hoffe, Sir, daß Sie die projektierte Heirat mit Mabel als einen Umstand betrachten würden, den ich wünschen und beschleunigen sollte.«

»Was das anbelangt, Sergeant, so wird’s die Zeit lehren«, erwiderte Lundie lächelnd; »ein Weib ist bisweilen schwieriger zu leiten als ein ganzes Regiment Soldaten. Zudem wißt Ihr auch, daß Euer Möchte-gern-Schwiegersohn, der Quartiermeister, mit von der Partie sein wird, und ich versehe mir’s von Euch, daß Ihr ihm wenigstens ein gleiches Feld einräumen werdet für den Versuch, Eurer Tochter ein Lächeln abzugewinnen.«

»Ich habe Achtung vor seinem Rang, Sir, und wenn mich auch dieser nicht schon dazu veranlaßte, so würde der Wunsch Euer Gnaden genügen.«

»Ich danke Euch, Sergeant. Wir haben lange miteinander gedient und müssen uns gegenseitig in unseren Stellungen schätzen. Doch, versteht mich wohl; ich verlange für David Muir nichts weiter als freies Feld, keine Begünstigung. In der Liebe wie im Krieg muß jeder sich selbst den Sieg erringen. – Seid Ihr gewiß, daß die Rationen gehörig berechnet sind?«

»Dafür steh‘ ich, Major Duncan; aber wenn’s auch nicht war‘, so brauchten wir nicht Not zu leiden mit zwei solchen Jägern in unserer Gesellschaft, wie der Pfadfinder und Chingachgook.«

»Das geht nicht, Dunham«, unterbrach ihn Lundie scharf; »das kommt von Eurer amerikanischen Geburt und Erziehung. Kein rechter Soldat verläßt sich auf was anderes als auf seinen Proviantkommissär, und ich muß bitten, daß kein Angehöriger meines Regiments zuerst ein Beispiel von dem Gegenteil gibt.«

»Sie haben zu befehlen, Major Duncan, und es wird gehorcht werden; und doch, wenn ich voraussetzen dürfte, Sir –«

»Sprecht frei. Sergeant; Ihr redet mit einem Freund.«

»Ich wollte nur sagen, daß, wie ich finde, die Schotten Wildbret und Vögel ebensosehr lieben wie Schweinefleisch, wenn sie schwer zu bekommen sind.«

»Das mag wohl wahr sein; aber Lieben oder Nichtlieben hat nichts mit dem System zu schaffen. Eine Armee kann sich auf nichts verlassen als auf ihre Kommissäre. Die Unregelmäßigkeit der Provinzler hat zu oft Teufeleien in des Königs Dienst gebracht, um da länger die Augen zu schließen.«

»General Braddoek, Euer Gnaden, hätte sich von dem Oberst Washington sollen raten lassen.«

»Weg mit Eurem Washington! Ihr seid alle miteinander Provinzler, Mann, und jeder hält den anderen, als ob Ihr von einer geschworenen Verbindung wäret.«

»Ich glaube, Seine Majestät hat keine loyaleren Untertanen als die Amerikaner, Euer Gnaden.«

»Was das anbelangt, so habt Ihr recht, glaube ich, und ich bin vielleicht ein bißchen zu warm geworden. Ich betrachte Euch nicht als einen Provinzler, Sergeant, denn obgleich Ihr in Amerika geboren seid, so hat doch nie ein besserer Soldat eine Muskete geschultert.«

»Und Oberst Washington, Euer Gnaden?«

»Nu ja – Oberst Washington mag auch ein brauchbarer Untertan sein. Er ist das Wundertier der Amerikaner, und ich denke, ich kann ihm wohl all die Ehre widerfahren lassen, die Ihr verlangt. Ihr zweifelt nicht an der Geschicklichkeit dieses Jasper Eau-douce?«

»Der Junge ist erprobt und allem gewachsen, was man von ihm verlangen kann.«

»Er führt einen französischen Namen und hat seine Kindheit meistens in den französischen Kolonien zugebracht: Hat er französisches Blut in seinen Adern, Sergeant?«

»Nicht einen Tropfen, Euer Gnaden. Jaspers Vater war ein alter Kamerad von mir, und seine Mutter ist aus einer ehrbaren und loyalen Familie in unserer Provinz.«

»Wie kam er denn soviel unter die Franzosen, und woher hat er seinen französischen Namen? Er spricht auch die Sprache der Kanadier, wie ich finde.«

»Das ist leicht auseinandergesetzt, Major Duncan. Der Knabe blieb unter der Obhut eines unserer Seeleute aus dem alten Heer, und so kam er zu Wasser wie eine Ente. Euer Gnaden weiß, daß wir an dem Ontario keine Häfen haben, die diesen Namen verdienen, und so brachte er natürlich den größten Teil seiner Zeit auf der anderen Seite des Sees zu, wo die Franzosen seit fünfzig Jahren mehrere Schiffe haben. Er lernte da gelegentlich ihre Sprache und erhielt seinen Namen von den Indianern und Kanadiern, die wahrscheinlich die Leute gerne nach ihren Eigenschaften nennen.«

»Demungeachtet ist aber ein französischer Meister nur ein schlechter Lehrer für einen britischen Schiffer.«

»Ich bin‘ um Verzeihung, Sir; Jasper Eau-douce ist von einem wirklichen englischen Seemann erzogen worden, von einem Mann, der unter des Königs Flagge segelte und ein Befahrener genannt werden kann; er ist in den Kolonien geboren, aber deshalb, wie ich hoffe, Major Duncan, keiner der schlechtesten von seinem Gewerbe«

»Vielleicht nicht, Sergeant, vielleicht nicht; aber auch nicht besser. Außerdem hat sich dieser Jasper brav gehalten, als ich ihm das Kommando des Scud übergab. Kein Bursche hätt‘ sich loyaler oder besser betragen können.«

»Oder tapferer, Major Duncan. Es bekümmert mich, sehen zu müssen, Sir, daß Sie Zweifel in Jaspers Treue setzen.«

»Es ist die Pflicht eines Soldaten, dem die Obhut über einen so entfernten und wichtigen Posten wie diesen anvertraut ist, nie in seiner Wachsamkeit zu erschlaffen, Dunham. Wir haben mit zweien der listigsten Feinde, die je die Welt hervorgebracht hat, in ihrer verschiedenen Weise zu kämpfen – mit den Indianern und den Franzosen; und es darf nichts übersehen werden, was uns in Nachteil bringen könnte.«

»Ich hoffe, Euer Gnaden halten mich für den Mann, dem man irgendeinen besonderen Grund, der einen Zweifel an Jasper rechtfertigte, anvertrauen kann, da Sie mich für geeignet halten, mir dieses Kommando zu übertragen?«

»Es ist nicht der Zweifel an Euch, Dunham, der mich veranlaßt, die Enthüllung dessen, was mir zur Kunde gekommen ist, zu verzögern, sondern der Widerwille, eine üble Nachricht über einen Mann, auf den ich bisher was gehalten habe, in Umlauf zu bringen. Ihr müßt wohl gut von dem Pfadfinder denken, sonst würdet Ihr nicht wünschen, ihm Eure Tochter zu geben?«

»Für des Pfadfinders Ehrlichkeit steh‘ ich mit meinem Leben, Sir«, erwiderte der Sergeant mit Festigkeit und nicht ohne eine Würde in seinem Benehmen, die auf den Vorgesetzten Eindruck machte. »Solch ein Mann weiß gar nicht, was falsch sein heißt.«

»Ich glaube, Ihr habt recht, Dunham; und doch hat diese letzte Mitteilung all meine alten Meinungen zum Wanken gebracht. Ich hab‘ ein anonymes Schreiben erhalten, Sergeant, das mich anweist, gegen Jasper Western oder Jasper Eau-douce, wie man ihn nennt, auf der Hut zu sein. Es wird darin behauptet, daß er vom Feinde erkauft sei, und man gibt mir Hoffnung, daß mir eine weitere und genauere Mitteilung bald zugehen werde.«

»Briefe ohne Unterschriften verdienen im Krieg kaum beachtet zu werden.«

»Im Frieden, Dunham. Niemand kann unter gewöhnlichen Umständen von dem Schreiber eines anonymen Briefes eine geringere Meinung haben als ich selbst. Diese Handlung verrät Feigheit und Gemeinheit und ist gewöhnlich ein Beweis der Falschheit sowohl als auch anderer Laster. Aber im Krieg ist es nicht derselbe Fall. Außerdem sind mir mehrere verdächtige Umstände namhaft gemacht worden.«

»Sind sie von der Art, daß eine Ordonnanz sie hören darf, Euer Gnaden?«

»Gewiß, wenn es eine ist, der ich so vertraue, wie Euch, Dunham. Es wurde zum Beispiel gesagt, daß die Irokesen Eure Tochter und ihre Gesellschaft nur deshalb entrinnen ließen, um Jasper bei mir in Kredit zu bringen. Es heißt dabei, daß den Herren zu Frontenac mehr daran gelegen sei, den Scud mit dem Sergeanten Dunham und seiner Mannschaft wegzunehmen und unseren Lieblingsplan zunichte zu machen, als ein Mädchen und den Skalp ihres Onkels zu erbeuten.«

»Ich verstehe den Wink, Sir, aber ich schenke ihm keinen Glauben. Jasper kann freilich nicht treu sein, wenn Pfadfinder falsch ist; aber was den letzteren anlangt, so möcht‘ ich ebensogut Euer Gnaden mißtrauen wie ihm.«

»Es würde so scheinen, Sergeant; es würde in der Tat so scheinen. Aber Jasper ist jedenfalls nicht Pfadfinder, und – ich muß gestehen, Dunham, ich würde mehr Vertrauen in den Burschen setzen, wenn er nicht Französisch spräche.«

»Ich versicher‘ Euer Gnaden, ’s ist auch keine Empfehlung in meinen Augen, aber der Junge hat’s durch Zwang gelernt, und da ’s mal so ist, so soll man ihn, mit Eurer Gnaden Erlaubnis, um dieses Umstandes willen nicht zu schnell verdammen. Wenn er Französisch spricht, so ist’s deshalb, weil er’s nicht wohl los werden kann.«

»Es ist ein verdammtes Gewelsch, und nie hat’s einem gut getan, wenigstens keinen britischen Untertanen, denn die Franzosen selbst müssen doch in irgendeiner Sprache miteinander sprechen! – Ich würde mehr Vertrauen in diesen Jasper setzen, wenn er nichts von ihrer Sprache verstände. Dieser Brief hat mich ganz konfus gemacht. Wenn nur noch ein anderer da wäre, dem ich den Kutter anvertrauen könnte, so wollt‘ ich wohl meine Maßregeln treffen, um ihn hier zurückzubehalten. Ich hab‘ schon wegen Eures Schwagers, der von der Partie ist, mit Euch gesprochen, Sergeant. Nicht wahr, er ist ein Schiffer?«

»Er ist ein wirklicher Seefahrer, Euer Gnaden, und etwas von Vorurteilen befangen gegen das frische Wasser. Ich zweifle, ob er veranlaßt werden könnte, seinen Charakter an eine Fahrt auf dem See wegzuwerfen, und ich bin überzeugt, daß er den Posten nie finden würde.«

»Das letztere hat wahrscheinlich seine Richtigkeit, und dann kennt der Mann diesen trügerischen See nicht genug, um einem solchen Auftrag gewachsen zu sein. Ihr müßt daher doppelt wachsam sein, Dunham. Ich geb‘ Euch unbeschränkte Vollmacht, und solltet Ihr an diesem Jasper irgendeine Verräterei entdecken, so laßt ihn als Opfer der beleidigten Gerechtigkeit fallen.«

»Da er im Dienst der Krone ist, Euer Gnaden, so steht er unter dem Kriegsgericht –«

»Sehr wahr; dann legt ihn in Eisen vom Kopf bis zu den Füßen und sendet ihn hierher in seinem eigenen Kutter. Euer Schwager muß doch imstande sein, den Weg wieder zurückzufinden, wenn er ihn einmal gemacht hat?«

»Ich zweifle nicht, Major Duncan, daß wir imstande sein werden, alles zu tun, was nötig ist, wenn Jasper entfernt werden müßte, wie Sie zum voraus anzunehmen scheinen – obgleich ich denke, ich könnte mein Leben an seine Treue setzen.«

»Eure Zuversicht gefällt mir – sie spricht für den Burschen; – aber der verwünschte Brief! Er hat so das Aussehen der Wahrheit an sich; nein, es ist so viel Wahres darin, was auf andere Gegenstände Bezug hat.«

»Ich glaube, Euer Gnaden sagten, es fehle die Unterschrift des Namens; ein großes Versehen, wenn man da auf einen Ehrenmann schließen soll.«

»Ganz recht, Dunham, und nur ein Schurke, und obendrein ein feiger Schurke kann in Privatangelegenheiten einen anonymen Brief schreiben. Doch das ist im Kriege anders. Da werden Nachrichten fingiert, und List ist immer zu rechtfertigen.«

»Eine männliche Kriegslist, Sir, wenn Sie so wollen, Hinterhalte, Überraschungen, fingierte Angriffe und auch noch Spione; aber nie hab‘ ich gehört, daß ein rechter Soldat den Charakter eines ehrenhaften jungen Mannes durch derartige Mittel zu untergraben beabsichtigt hätte.«

»Ich hab‘ im Laufe meiner Erfahrung manches ungewöhnliche Ereignis erlebt und manchen auf dem faulen Pferde erwischt. Doch, lebt wohl, Sergeant; ich darf Euch nicht länger aufhalten. Ihr seid nun gewarnt, und ich empfehle Euch unermüdete Wachsamkeit. Ich glaube, Muir beabsichtigt, sich bald zurückzuziehen, und wenn Ihr mit dieser Unternehmung gut zustande kommt, so will ich meinen ganzen Einfluß aufbieten, Euch an seine Stelle zu bringen, auf die Ihr so manche Ansprüche habt.«

»Ich danke Euer Gnaden untertänig«, erwiderte der Sergeant ruhig, der schon seit zwanzig Jahren immer auf diese Weise ermutigt worden war, »und ich hoffe, ich werde meiner Stellung nie Unehre machen, welche sie auch immer sein mag. Ich bin, was die Natur und Vorsehung aus mir gemacht hat, und ich hoffe zu Gott, daß ich mich nie über meinen Posten beklagt habe.«

»Ihr habt doch die Haubitze nicht vergessen?«

»Jasper nahm sie diesen Morgen an Bord, Sir.«

»Seid vorsichtig und traut diesem Manne nicht ohne Not. Macht dem Pfadfinder zu Eurem Vertrauten, er mag zur Entdeckung einer Verräterei, die allenfalls am Werke sein könnte, beitragen. Seine ehrliche Einfalt wird seinen Beobachtungen Vorschub leisten, wenn er sie gehörig zu verbergen weiß. Er muß treu sein.«

»Für ihn, Sir, steh‘ ich mit meinem Kopf oder mit meinem Rang im Regiment. Ich hab‘ ihn zu oft geprüft, um an ihm zu zweifeln.«

»Von allen peinigenden Gefühlen, Dunham, ist Mißtrauen da, wo man zum Vertrauen genötigt ist, das peinlichste. Ihr habt doch darauf gedacht, daß es Euch nicht an überzähligen Flintensteinen fehlt?«

»Ein Sergeant ist ein sicherer Besorger aller derartigen Einzelheiten, Euer Gnaden.«

»Wohl! Nun, so gebt mir Eure Hand, Dunham. Gott segne Euch und laß es Euch wohl gelingen! Muir beabsichtigt sich zurückzuziehen – doch, da wir gerade auf den kommen, laßt ihm gleiches Feld bei Eurer Tochter, denn dies kann eine künftige Bewerkstelligung Eures Vorrückens erleichtern. Man wird sich mit einer Gefährtin wie Mabel lieber zurückziehen, als im freudlosen Witwenstand, wo man nichts als sein Ich zu lieben hat und noch dazu solch ein Ich, wie das Davids!«

»Ich hoffe, Sir, mein Kind wird eine kluge Wahl treffen, und denke, sie hat sich schon so ziemlich für den Pfadfinder entschieden. Doch sie soll freies Spiel haben, obgleich Ungehorsam ein Verbrechen ist, das der Meuterei am nächsten steht.«

»Untersucht und prüft den Kriegsbedarf sorgfältig, sobald Ihr ankommt; die Ausdünstung des Sees könnte ihm schaden. Und noch einmal, lebt wohl, Sergeant. Gebt auf diesen Jasper acht, und in irgendeiner Schwierigkeit zieht den Muir zu Rat. Ich erwarte, daß Ihr heute über einen Monat siegreich zurückkehrt.«

»Gott segne Euer Gnaden! Wenn mir etwas zustoßen sollte, so verlaß ich mich auf Sie, Major Duncan, daß Sie Sorge tragen werden für die Ehre eines alten Soldaten.«

»Verlaßt Euch auf mich, Dunham – Ihr verlaßt Euch auf einen Freund. Seid wachsam, erinnert Euch, daß Ihr in dem Rachen des Löwen sein werdet – doch nein, nicht einmal in dem Rachen des Löwen, sondern in dem eines verräterischen Tigers, in seinem wahren Rachen und außer dem Bereich einer Unterstützung. Habt Ihr diesen Morgen die Flintensteine gezählt und untersucht? – Und nun lebt wohl, Dunham, lebt wohl!«

Der Sergeant nahm die dargebotene Hand seines Vorgesetzten mit dem gehörigen Respekt, und endlich trennten sie sich, Ludie eilte in seine Wohnung, während der andere das Fort verließ, ans Ufer hinabging und ein Boot bestieg.

Der Anker des Scud wurde gelichtet, sobald man das Boot mit dem Sergeanten, der die letzterwartete Person war, vom Ufer abstoßen sah, und man richtete das Vorderteil des Kutters gegen Osten. Einige kräftige Schläge brachten das leichte Fahrzeug in gleiche Linie mit der nachwirkenden Strömung des Flusses, und so kam es wieder weiter vom Lande ab. Es war jetzt gänzliche Windstille, da der leichte Luftzug, der den Untergang der Sonne begleitete, wieder nachgelassen hatte.

Die ganze Zeit über herrschte eine ungewöhnliche Ruhe auf dem Kutter. Es schien, als fühlten die an Bord befindlichen Personen, daß sie in der Dunkelheit der Nacht auf ein ungewisses Unternehmen ausgehen sollten: Und die Wichtigkeit ihres Auftrags, die Stunde und die Art der Abfahrt verlieh ihren Bewegungen eine gewisse Feierlichkeit. Diese Gefühle wurden noch durch die Vorschriften der Disziplin unterstützt. Die meisten schwiegen, und wer sprach, tat es selten und mit gedämpfter Stimme. In dieser Weise bewegte sich der Kutter langsam in den See hinaus, bis er dahin gelangte, wo die Strömung des Flusses aufhörte, und blieb dort in der Erwartung des gewöhnlichen Landwindes stehen. Eine halbe Stunde lang lag der Scud nun so bewegungslos wie ein auf dem Wasser schimmernder Stamm. Obschon während der geringen Veränderungen, die in der Lage des Schiffes vorgingen, eine allgemeine Ruhe herrschte, so blieb doch nicht alle Mitteilung unterdrückt; denn der Sergeant führte, nachdem er sich überzeugt hatte, daß sich seine Tochter und ihre Gefährtin auf der Schanze befanden, den Pfadfinder zu der Nebenkajüte, versicherte sich, daß kein Horcher in der Nähe sei, schloß die Tür mit großer Vorsicht und begann mit folgenden Worten: »Es ist nun schon so manches Jahr, mein Freund, seit Ihr angefangen habt, die Beschwerlichkeiten und Gefahren der Wälder in meiner Gesellschaft zu versuchen.«

»Es ist so, Sergeant. Ich fürchte bisweilen, ich sei zu alt für Mabel, die noch nicht geboren war, als wir schon als Kameraden miteinander gegen die Franzosen fochten.«

»Seid deshalb ohne Furcht, Pfadfinder. Ich war fast so alt wie Ihr, als ich mein Auge auf ihre Mutter warf, und Mabel ist ein festes und verständiges Mädchen, die mehr den Charakter als etwas anderes beachtet. Ein Bursche, wie Jasper Eau-douce zum Beispiel, würde kein Glück bei ihr machen, obgleich er jung und hübsch ist.«

»Denkt Jasper ans Heiraten?« fragte der Pfadfinder mit ernster Einfalt.

»Ich hoffe nicht – wenigstens nicht, bis er jeden überzeugt hat, daß er wirklich geeignet sei, ein Weib zu besitzen.«

»Jasper ist ein braver Junge und hat für sein Fach große Gaben. Er möchte wohl so gut wie ein anderer auf ein Weib Anspruch machen können.«

»Ich will offen gegen Euch sein, Pfadfinder; ich hab‘ Euch hierhergebracht, um gerade wegen dieses jungen Burschen ein Wörtchen mit Euch zu sprechen. Major Duncan hat eine Mitteilung erhalten, die ihm den Verdacht beibrachte, daß Jasper falsch Sei und im Solde des Feindes stehe. Ich wünsche Eure Meinung über diesen Gegenstand zu hören.«

»Wie?«

»Ich sage, der Major argwöhnt, Jasper sei ein Verräter, ein französischer Spion oder was noch schlimmer ist, erkauft, um uns auszuliefern. Er hat über diesen Umstand einen Brief erhalten und mich beauftragt, ein wachsames Auge auf alle Bewegungen des Jungen zu haben. Er fürchtet, daß wir mit den Feinden zusammentreffen werden, wenn wir’s am wenigsten vermuten, und zwar durch seine Schuld.«

»Duncan of Lundie hat Euch dies gesagt, Sergeant Dunham?«

»Ja, Pfadfinder; und obgleich ich nicht geneigt war, von Jasper so was Schlimmes zu glauben, so regt sich in mir doch ein Gefühl, das mir sagt, ich dürfe ihm nicht zu sehr trauen. Glaubt Ihr an Ahnungen, Freund?«

»An was, Sergeant?«

»An Ahnungen, eine Art geheimen Vorgefühls zukünftiger Ereignisse. Die Schotten in unserem Regiment sind große Verfechter solcher Dinge, und meine Meinung von Jasper ist so entschieden verändert, daß ich zu fürchten anfange, es sei was Wahres in ihren Behauptungen.«

»Aber Ihr habt mit Duncan of Lundie über Jasper gesprochen, und seine Worte haben in Euch Zweifel erregt.«

»Das ist’s nicht, nicht im mindesten; denn während ich mit dem Major sprach, dachte ich ganz anders, und ich gab mir alle Mühe, ihm zu beweisen, daß er dem Jungen unrecht tue. Aber ich finde, es hilft nichts, sich gegen eine Ahnung zu sträuben, und ich fürchte, daß doch etwas an dem Verdacht ist.«

»Ich weiß nichts von Ahnungen, Sergeant; aber ich habe Jasper von seinen Knabenjahren an gekannt und hege ein so großes Vertrauen zu seiner Ehrlichkeit wie zu meiner eigenen oder selbst der Chingachgooks.«

»Aber, Chingachgook, Pfadfinder, hat seine Kniffe und Hinterhalte im Krieg so gut wie ein anderer.«

»Ja, sie sind seine natürlichen Gaben und sind so, wie die seines Volkes. Aber Chingagook ist nicht der Mann, gegen den man eine Ahnung haben kann.«

»Ich glaube das, und ich würde noch diesen Morgen nicht übel von Jasper gedacht haben. Aber es scheint mir, Pfadfinder, seit diese Ahnung in mir aufgestiegen ist, als ob sich der Junge auf seinem Verdeck nicht mehr so natürlich rühre, wie er es sonst gewohnt ist. Er ist still, schwermütig und gedankenvoll, wie ein Mann, der was auf seinem Gewissen hat.«

»Jasper ist nie laut, und er sagt mir, daß geräuschvolle Schiffe im allgemeinen übel geführte Schiffe seien. Auch Meister Cap gibt dies zu. Nein, nein, ich will nichts gegen Jasper glauben, bis ich’s sehe. Schickt nach Eurem Schwager, Sergeant, und laßt uns ihn über die Sache befragen; denn mit dem Verdacht gegen einen Freund im Herzen zu schlafen, ist ein Schlaf mit Blei auf dem Herzen. Ich hab‘ keinen Glauben an Eure Ahnungen.«

Da der Sergeant hiergegen kaum etwas einwerfen konnte, so fügte er sich darein, und Cap wurde aufgefordert, sich ihrer Beratung anzuschließen. Pfadfinder war gesammelter als sein Gefährte, und in der vollen Überzeugung von der Treue des angeschuldigten Teiles übernahm er das Geschäft des Sprechers.

»Wir haben Euch gebeten, zu uns herunterzukommen, Meister Cap«, fing er an, »um Euch zu fragen, ob Ihr diesen Abend nicht was Ungewöhnliches in den Bewegungen des Eau-douce bemerkt habt?«

»Seine Bewegungen sind gewöhnlich genug für das frische Wasser, Meister Pfadfinder, obgleich wir das meiste von seinem Verfahren unten an der Küste für unregelmäßig halten würden.«

»Ja, ja, wir wissen, daß Ihr nie mit dem Burschen über die Art, wie ein Kutter zu handhaben ist, einig werden könnt. Aber es ist was anderes, worüber wir Eure Meinung hören möchten.«

Der Pfadfinder setzte nun Cap von dem Verdacht in Kenntnis, den der Sergeant gegen Jasper hegte, und gab ihm die Veranlassung dazu an, soweit sich Major Duncan darüber ausgesprochen hatte. »Wie? – der Junge spricht Französisch?« sagte Cap.

»Man sagt, er spreche es besser, als es gewöhnlich gesprochen wird«, erwiderte der Sergeant mit Ernst, »Pfadfinder weiß, daß dies wahr ist.«

»Ich kann nichts dagegen sagen«, antwortete der Wegweiser; »wenigstens erzählt man sich so. Aber dieses würde nichts gegen einen Mississagua, geschweige gegen einen Menschen wie Jasper, beweisen. Ich spreche auch die Sprache der Mingos, die ich gelernt habe, als ich ein Gefangener unter diesem Gewürm war; wer wird mich aber deshalb für ihren Freund halten? Nicht, daß ich nach indianischen Begriffen ihr Feind wäre, obgleich ich zugebe, daß ich in den Augen der Christen ihr Feind bin.«

»Wohl, Pfadfinder; – aber Jasper hat sein Französisch nicht als Gefangener gelernt, er lernte es in seiner Kindheit, wo der Geist am empfänglichsten ist und leicht bleibende Eindrücke aufnimmt wo die Natur ein Vorgefühl von dem Weg hat, den der Charakter wahrscheinlich später einschlagen wird.«

»Eine sehr wahre Bemerkung«, fügte Cap bei, »denn das ist die Lebenszeit, wo wir alle den Katechismus und andere moralische Lehren lernen. Die Bemerkung des Sergeanten zeigt, daß er die menschliche Natur kennt, und ich bin vollkommen seiner Ansicht. Es ist eine Heillosigkeit, daß so’n junger Bursche auf diesem bißchen Frischwasser da oben Französisch kann. Wenn’s noch unten auf dem Atlantischen Meer wär‘, wo ein Seemann bisweilen Gelegenheit hat, mit einem Lotsen oder Sprachgelehrten in dieser Sprache zu reden, so würd‘ ich mir nicht soviel draus machen, obschon wir immer – selbst da – einen Schiffsmat mit Argwohn betrachten, wenn er zuviel davon versteht. Aber hier oben, auf dem Ontario, halt‘ ich’s für einen äußerst verdächtigen Umstand.«

»Aber Jasper muß mit den Leuten am anderen Ufer Französisch sprechen«, sagte Pfadfinder, »oder ganz schweigen, da man dort nur diese Sprache kennt.«

»Ihr wollt mir doch nicht weismachen, Pfadfinder, daß dort drüben auf der entgegengesetzten Küste Frankreich liegt?« rief Cap, indem er mit seinem Daumen über die Schulter weg gegen Kanada hinwies. »Wie, soll auf der einen Seite dieses Frischwasserstreifens York und auf der anderen Frankreich liegen?«

»Ich will Euch nur sagen, daß hier York und dort Oberkanada ist und daß man hier Englisch, Holländisch und Indianisch und drüben Französisch und Indianisch spricht. Selbst die Mingos haben manche französische Worte in ihren Dialekt aufgenommen, wodurch er gerade nicht besser geworden ist.«

»Sehr wahr; aber was für ’ne Art Leute sind diese Mingos, mein Freund?« fragte der Sergeant, indem er Pfadfinders Schulter berührte, um seiner Bemerkung mehr Nachdruck zu geben: »Niemand kennt sie besser als Ihr, und ich frag‘ Euch, was ist’s für ein Menschenschlag?«

»Jasper ist kein Mingo, Sergeant.«

»Er spricht Französisch und könnte deshalb ebensogut einer sein. Bruder Cap, kannst du dich nicht auf irgendeine Bewegung in der Führung seines Berufes besinnen, die auf eine Verräterei hindeuten könnte?«

»Nicht bestimmt, Sergeant, obgleich er die halbe Zeit über das Hinterste zuvorderst angegriffen hat. Es ist wahr, daß einer seiner Handlanger ein Tau gegen die Sonne aufgeschlagen hat, was er, als ich ihn um den Grund fragte, ein Tauquerlen nannte; aber ich weiß nicht, was er damit meinte, obgleich ich sagen darf, daß die Franzosen die Hälfte ihres laufenden Tauwerks unrecht aufschlagen, und es deshalb vielleicht auch Querlen nennen. Dann splißte Jasper selbst das Ende der Klüverfallen mit den Fußstöcken des Tauwerks, anstatt sie an dem Mast anzubringen, wohin sie, wenigstens nach dem Urteil britischer Seeleute, gehören.«

»Es ist wohl möglich, daß Jasper, der sich so viel auf der anderen Seite des Sees aufgehalten, bei Behandlung seines Fahrzeugs einige von den kanadischen Kunstgriffen angenommen hat«, warf Pfadfinder ein; »aber das Aufgreifen eines Gedankens oder eines Wortes ist weder Verräterei noch Treulosigkeit. Ich habe bisweilen selbst von den Mingos eine Idee aufgefangen, und doch war mein Herz immer bei den Delawaren. Nein, nein, Jasper ist treu, und der König könnte ihm seine Krone anvertrauen, ebensogut wie seinem ältesten Sohn, der gewiß der letzte sein wird, der sie ihm stehlen möchte, da er sie eines Tages tragen soll.«

»Schöne Reden, schöne Reden!« sagte Cap, der sich erhob, um durch das Kajütenfenster zu spucken, wie es bei Leuten gewöhnlich ist, wenn sie die ganze Macht ihrer moralischen Überlegenheit fühlen und dabei zufällig Tabak kauen. »Nichts als schöne Reden, aber verdammt wenig Logik. Einmal kann des Königs Majestät seine Krone nicht herleihen, da dies gegen die Gesetze des Reichs ist, denen zufolge er sie immer tragen muß, damit man seine geheiligte Person erkenne, wie auch der Scherif auf der See stets das silberne Ruder bei sich führen muß. Dann ist es nach den Gesetzen Hochverrat, wenn Seiner Majestät ältester Sohn nach der Krone trachtet oder ein Kind erzeugt, es sei denn in einer gesetzlichen Ehe, da dadurch die Nachfolge in Unordnung kommen würde. Ihr könnt also daraus sehen, Freund Pfadfinder, daß man, wenn man richtig räsonieren will, die richtigen Segel beisetzen muß. Gesetz ist Vernunft, und Vernunft ist Philosophie, und Philosophie ist ein beständiges Vor-Anker-Treiben; woraus denn folgt, daß die Kronen durch Gesetz, Vernunft und Philosophie geregelt werden.«

»Ich verstehe wenig von alledem, Meister Cap; aber nichts soll mich veranlassen, Jasper Western für einen Verräter zu halten, bis ich mich durch meine eigenen Augen und Ohren überzeugt habe.«

»Da habt Ihr wieder unrecht, Pfadfinder, denn es gibt einen Weg, eine Sache viel folgerichtiger zu prüfen, als durch Sehen und Hören, oder beides zusammen, und das ist der Indizienbeweis.«

»So mag’s in den Ansiedlungen sein, aber nicht hier an der Grenze.«

»Es liegt in der Natur, und diese herrscht überall gleich. So ist Euren Sinnen zufolge Jasper Eau-douce in diesem Augenblicke auf dem Verdeck, und jeder, der da hinaufgeht, kann sich durch seine Augen und seine Ohren davon überzeugen. Sollte sich’s aber nachher herausstellen, daß in diesem nämlichen Augenblicke den Franzosen eine Mitteilung gemacht wurde, die nur von Jasper ausgehen konnte, warum sollten wir uns nicht zu der Annahme verpflichtet fühlen, daß das Indiz wahr ist und daß uns unsere Sinne getäuscht haben? Jeder Rechtsgelehrte wird Euch dasselbe sagen.«

»Das ist kaum richtig«, sagte Pfadfinder; »auch ist es nicht möglich, da es aller Wirklichkeit widerspricht.«

»Es ist noch viel mehr als möglich, mein würdiger Pfadfinder; es ist Gesetz, ein unbedingtes Gesetz des Königreiches, und als solches verlangt es Achtung und Gehorsam. Ich würde meinen eigenen Bruder auf ein solches Zeugnis hin hängen, ohne weitere Rücksicht auf die Familie zu nehmen, Sergeant.«

»Gott weiß, wie weit dies alles auf Jasper anwendbar ist, Pfadfinder, obgleich ich glaube, daß Meister Cap, was das Gesetz anbelangt, recht hat; denn bei solchen Gelegenheiten haben Indizien eine weit größere Bedeutung als die Sinne. Wir müssen sehr auf unserer Hut sein und dürfen nichts Verdächtiges übersehen.«

»Ich erinnere mich nun«, fuhr Cap fort, indem er sich wieder des Fensters bediente, »daß, gerade als wir diesen Abend an Bord kamen, ein Indiz stattfand, das äußerst verdächtig ist, und recht wohl einen neuen Punkt gegen diesen jungen Menschen abgeben mag. Jasper befestigte des Königs Flagge mit eigenen Händen, und während er sich das Ansehen gab, als blicke er auf Mabel und das Soldatenweib, und die Anweisung erteilte, sie da herunterzuführen und ihnen alles zu zeigen, zog er die Flagge der Union nieder.«

»Das kann ein Zufall gewesen sein«, erwiderte der Sergeant, »denn etwas Derartiges ist mir selbst schon begegnet; zudem führen die Fallen zu einem Flaschenzug, und die Flagge muß recht oder unrecht kommen, je nachdem sie der Junge aufgehißt hatte.«

»Ein Flaschenzug?« rief Cap mit Unwillen, »ich wünschte, Sergeant, ich könnte dich dahin bringen, dich der geeigneten Ausdrücke zu bedienen. Ein Flaggenfallblock ist ebensowenig ein Flaschenzug wie deine Hellebarde ein Enterhaken. Es ist zwar wahr, wenn man an dem einen Teil zieht, so muß der andere in die Höhe gehen, aber da Ihr mir mal Euren Verdacht mitgeteilt habt, so betracht‘ ich die Geschichte mit der Flagge als ein Indiz, das ich nicht außer acht lassen will. Ich denke übrigens, daß das Abendessen nicht vergessen worden ist, und wenn der ganze Raum voll Verräter wäre.«

»Es wird dafür gehörige Sorge getragen sein, Bruder Cap; aber ich rechne auf deinen Beistand bezüglich der Führung des Scuds, wenn was vorfallen sollte, was zu Jaspers Verhaftung Anlaß gäbe.«

»Ich werde dich nicht verlassen, Sergeant; und in diesem Falle kannst du wahrscheinlich lernen, was der Kutter wirklich zu leisten vermag, denn bis jetzt, meine ich, müßte man das mehr erraten.«

»Wohl, was mich anbelangt«, sagte Pfadfinder mit einem tiefen Seufzer, »so will ich die Hoffnung auf Jaspers Unschuld festhalten und empfehle ein offenes Verfahren, indem man den Jungen ohne weiteren Verzug selbst fragt, ob er ein Verräter sei oder nicht. Ich setze auf Jasper mein Vertrauen, trotz allen Ahnungen und Indizien in der Kolonie.«

»Das geht nicht«, erwiderte der Sergeant. »Die Verantwortlichkeit dieses Geschäftes liegt auf mir, und ich bitte und befehle, daß gegen niemanden ohne mein Vorwissen irgendwas verlaute. Wir wollen alle ein wachsames Auge haben und auf die Indizien geeignete Rücksicht nehmen.«

»Ja, ja! die Indizien sind im Grund die Hauptsache«, erwiderte Cap. »Ein einziges Indiz gilt für fünfzig Tatsachen. Dies ist, so viel ich weiß, das Gesetz des Königreichs. Mancher ist schon auf Indizien hin gehenkt worden.«

Die Besprechung war nun zu Ende, und nach einem kurzen Zögern kehrten sie auf das Verdeck zurück, wobei jeder in der Absicht, das Betragen des verdächtigen Jasper zu beobachten, der seinen Gewohnheiten und seinem Charakter angemessenen Weise folgte.

Vierzehntes Kapitel

Vierzehntes Kapitel

Inzwischen ging alles auf dem Schiff seinen gewohnten Gang, Jasper schien mit seinem Fahrzeug auf den Landwind zu warten, indes die Soldaten, die an ein frühes Aufstehen gewöhnt waren, bis auf den letzten Mann ihre Schlafstätten in dem Hauptraum aufgesucht hatten. Nur die Schiffsleute, Muir und die beiden Frauen waren noch auf dem Verdeck. Der Quartiermeister bemühte sich, bei Mabel den Angenehmen zu spielen, während diese wenig auf seine Bemühungen achtete, die sie teilweise der soldatischen Galanterie, teilweise vielleicht auch ihrem hübschen Gesicht zuschrieb, und sich an den Eigentümlichkeiten eines Schauspiels und einer Lage erfreute, die ihr so viele Reize der Neuheit darboten.

Die Segel waren gehißt, aber noch regte sich kein Lüftchen, und der See war so ruhig und eben, daß an dem Kutter nicht die mindeste Bewegung zu erkennen war. Die Flußströmung hatte ihn nicht ganz auf eine Viertelmeile vom Lande abgetrieben, und da lag er nun wie festgenagelt in der ganzen Schönheit seiner Form und seines Ebenmaßes. Der junge Jasper war auf der Schanze und stand nah genug, um gelegentlich die stattfindende Unterhaltung zu vernehmen; doch wagte er es nicht, sich darein zu mischen, teils weil er seinen eigenen Ansprüchen zu sehr mißtraute, teils weil er von den Obliegenheiten seines Dienstes in Anspruch genommen war. Mabels schöne blaue Augen folgten seinen Bewegungen in neugieriger Erwartung und betrachteten die kleinen Begebnisse auf dem Fahrzeug mit einer solchen Aufmerksamkeit, daß sie die Artigkeiten des Quartiermeisters, die er mehr als einmal an sie richten mußte, bis sie gehört wurden, nur mit Gleichgültigkeit hinnahm. Endlich schwieg selbst Muir, und eine tiefe Stille herrschte auf dem Wasser. Da fiel plötzlich unter dem Fort eine Ruderschaufel in ein Boot, und der Ton war auf dem Kutter so vernehmlich, als ob er von seinem eigenen Verdeck ausgegangen sei. Dann kam ein Gemurmel, wie ein Seufzen der Nacht: das Flattern eines Segels, das Knarren des Mastes und das Schlagen des Klüvers. Diesen wohlbekannten Tönen folgte eine leichte Hielung des Kutters und das Blähen aller Segel.

»Da kommt der Wind, Anderson«, rief Jasper dem ältesten seiner Schiffsleute zu. »Nimm das Steuer.«

Dieser kurzen Anweisung wurde gehorcht, das Steuer gehoben, und die Buge fielen ab. Nach einigen Minuten hörte man das Murmeln des Wassers unter dem Schnabel, und der Scud schoß in den See mit der Geschwindigkeit von fünf Meilen in einer Stunde. Alles dieses geschah mit tiefem Schweigen, als Jasper aufs neue den Befehl gab:

»Fiert die Schoten ein wenig und haltet längs dem Lande hin.«

In diesem Augenblick erschienen die drei Männer aus der Nebenkajüte wieder auf der Schanze.

»Ihr habt wohl nicht die Absicht, Junge, unseren Nachbarn, den Franzosen, allzu nahe zu kommen«, bemerkte Muir, der die Gelegenheit ergriff, ein Gespräch anzufangen. »Na, gut! Ich ziehe Eure Klugheit nicht im mindesten in Zweifel, denn ich liebe die Kanadier so wenig, wie Ihr sie wahrscheinlich liebt.«

»Ich halte am Ufer wegen des Windes, Herr Muir. Der Landwind ist immer in der Nähe des Strandes am frischesten, vorausgesetzt, daß man nicht nahe genug kommt, um die Bäume im Lee zu haben. Wir haben die Mexikobai zu kreuzen, und diese wird uns bei dem gegenwärtigen Kurs grade genug offene See geben.«

»Es ist mir recht lieb, daß es nicht die Bai von Mexiko ist«, warf Cap ein, »denn diese ist ein Teil der Welt, den ich in einem von Euren Binnenschiffen lieber nicht besuchen möchte. Hat Euer Kutter ein Luvsteuer, Meister Eau-douce?«

»Er geht leicht nach dem Steuer, Meister Cap, aber er sieht so gern wie ein anderes Fahrzeug nach dem Wind, wenn er erst mal in lebhafter Bewegung ist.«

»Ich hoffe, Ihr habt doch solche Dinger, die man Reffe heißt, obgleich Ihr kaum eine Gelegenheit haben könnt, sie zu benützen?«

Mabels leuchtende Augen entdeckten das Lächeln, das einen Augenblick Jaspers Gesicht überflog, obschon niemand anders diesen vorübergehenden Ausdruck der Überraschung und Verachtung bemerkte.

»Wir haben Reffe, und es gibt oft Gelegenheit, sie zu benützen«, erwiderte der junge Mann mit Ruhe. »Ehe wir einlaufen, wird sich’s machen, Euch die Art, wie wir sie gebrauchen, zu zeigen; denn im Osten braut das Wetter etwas, und selbst auf dem Meer kann der Wind nicht schneller umspringen, als er auf dem Ontariosee seinen Kehrum macht.«

»Nun, Ihr sprecht wie einer, der’s nicht besser versteht. Ich hab‘ den Wind auf dem Atlantischen Meer sich wie ein Kutschenrad drehen sehen, in einer Weise, daß die Segel stundenlang bebten und das Schiff vollkommen bewegungslos stand, weil es nicht wußte, wohin es sich drehen solle.«

»Wir haben hier freilich keine so plötzlichen Wechsel«, erwiderte Jasper ruhig, »obgleich wir glauben, daß wir manchen unerwarteten Veränderungen des Windes ausgesetzt sind. Ich hoffe übrigens, daß wir diesen Landwind bis zu den ersten Inseln behalten werden, und dann wird die Gefahr, von einem Frontenacschen Lugausboot gesehen und verfolgt zu werden, weniger groß sein.«

»Meint Ihr, die Franzosen halten Spione hier außen auf dem See, Jasper?« fragte der Pfadfinder.

»Wir wissen, daß es so ist. Letzte Montagnacht war sogar einer vor Oswego. Ein Rindenkahn kam bis an die östliche Spitze und setzte einen Indianer und einen Offizier ans Land. Wenn Ihr damals, wie gewöhnlich, außen gewesen wärt, so hätten wir, wenn nicht beide, doch gewiß einen aufgreifen können.«

Es war zu dunkel, um die Röte zu bemerken, die die Farbe auf den sonnverbrannten Zügen des Pfadfinders vertiefte, denn er war sich bewußt, daß er sich damals in dem Fort aufgehalten hatte, um auf Mabels süße Stimme zu hören, als sie ihrem Vater Balladen vorsang, und ihr in das Auge zu schauen, das für ihn Zauberstrahlen schoß. Rechtschaffenheit im Denken und Handeln war eine charakteristische Eigenschaft in der Seele dieses außerordentlichen Mannes, und obgleich er fühlte, daß eine Art von Schmach seiner bei dieser Gelegenheit bewiesenen Trägheit anklebe, so wäre ihm doch der Versuch, seine Nachlässigkeit zu bemänteln oder in Abrede zu ziehen, am allerletzten eingefallen.

»Ich geb’s zu, Jasper, ich geb’s zu«, sagte er bescheiden. »Wär‘ ich in jener Nacht außen gewesen – und ich kann mich keines zureichenden Grundes erinnern, warum ich’s nicht war – so möcht’s wirklich so gegangen sein, wie Ihr sagt.«

»Das war an jenem Abend, Pfadfinder, den Ihr bei uns zubrachtet«, bemerkte Mabel unschuldig; »und gewiß ist ein Mann, der so viel Zeit in den Wäldern und im Angesicht des Feindes verlebt, zu entschuldigen, wenn er einige Stunden einem alten Freund und seiner Tochter widmet.«

»Nein, nein, ich bin, seit ich in das Fort zurückgekommen, fast nichts als müßig gewesen«, erwiderte der andere mit einem Seufzer, »und es ist gut, daß der Junge davon spricht. Der Müßige bedarf das Tadels, ja er bedarf des Tadels.«

»Tadel, Pfadfinder? Ich hab‘ nie im Traum daran gedacht, Euch was Unangenehmes zu sagen, und am wenigsten fällt mir’s ein, Euch zu tadeln, weil uns ein Spion und ein oder zwei Indianer entwischt sind. Überhaupt halt‘ ich, da ich nun weiß, wo Ihr wart, Eure Abwesenheit für die natürlichste Sache von der Welt.«

»Tut nichts, Jasper, tut nichts, daß Ihr mir’s gesagt habt, denn ich hab’s verdient. Wir sind alle Menschen und tun alle unrecht.«

»Das ist unfreundlich, Pfadfinder.«

»Gebt mir Eure Hand, Junge. Nicht Ihr habt mir diese Lehre gegeben, sondern mein Gewissen.«

»Gut, gut!« unterbrach Cap. »Dieser letztere Gegenstand ist nun zur Zufriedenheit aller Teile beigelegt. Ihr werdet uns aber vielleicht sagen, wie es zuging, daß man Kunde von Spionen erhielt, die erst kürzlich in unserer Nähe waren. Dies sieht einem Indiz zum Erstaunen ähnlich.«

Als der Seemann diese letzte Äußerung laut werden ließ, drückte er seinen Fuß leicht auf den des Sergeanten, stieß Pfadfinder mit dem Ellenbogen an und blinzelte zu gleicher Zeit mit den Augen, obgleich dieses Zeichen in der Dunkelheit verlorenging.

»Es wurde bekannt, weil Schlange am anderen Tag ihre Fährte fand, die aus der Spur eines Soldatenstiefels und der eines Mokassins bestand. Zudem hat einer unserer Jäger am anderen Morgen den Kahn gegen Frontenac rudern sehen.«

»Führte die Spur in die Nähe der Garnison, Jasper?« fragte Pfadfinder in dem sanften und demütigen Ton eines getadelten Schulknaben.

»Wir glaubten das nicht zu finden, obgleich sie natürlicherweise auch nicht übern Fluß führte. Man verfolgte sie bis zur östlichen Spitze an der Mündung des Flusses hinab, wo man sehen konnte, was im Hafen geschah. Soviel wir aber entdecken konnten, kreuzte sie den Fluß nicht.«

»Und warum begabt Ihr Euch nicht auf den Weg, Meister Jasper«, fragte Cap, »um auf sie Jagd zu machen? Wir hatten am Dienstagmorgen guten Wind, bei dem der Kutter wohl hätte neun Knoten ablaufen können.«

»Das mag auf dem Ozean angehen, Meister Cap«, warf Pfadfinder ein, »aber hier ließ sich das nicht machen. Das Wasser hinterläßt keine Fährte, und einen Indianer oder einen Franzosen mag der Teufel verfolgen.«

»Was braucht’s einer Fährte, wenn man den Gegenstand der Jagd vom Verdeck aus sehen kann, wie dies nach Jaspers Äußerung mit dem Kahn der Fall war? Bei einem guten britischen Kiel in seinem Fahrwasser hätt’s nichts zu sagen, wenn es ihrer zwanzig von Euren Mingos und Franzosen wären. Ich wette, Meister Eaudouce, daß wir, wenn Ihr mir an jenem Dienstagmorgen was von der Sache gesagt hättet, diese Blaustrümpfe überholt hätten.«

»Ich glaube wohl, Meister Cap, daß der Rat eines alten Seemanns, wie Ihr seid, einem so jungen Schiffer, wie ich bin, nicht hätte schaden mögen, aber die Jagd auf einen Rindenkahn ist eine lange und hoffnungslose.«

»Ihr hättet ihm nur hart zusetzen und ihn ans Ufer treiben dürfen.«

»Ans Ufer, Meister Cap? Ihr kennt die Schiffahrt auf unserem See nicht im mindesten, wenn Ihr’s für eine Kleinigkeit haltet, einen Rindenkahn ans Ufer zu treiben. Wenn sich diese Wasserblasen gedrängt fühlen, so rudern sie recht in des Windes Auge, und ehe Ihr’s Euch verseht, so befindet Ihr Euch eine Meile oder zwei tot unter ihrem Lee.«

»Ihr wollt mir doch nicht weismachen, Meister Jasper, daß sich irgend jemand so unbesonnen der Gefahr des Ertrinkens aussetzt, um in einer dieser Eierschalen in den See hineinzufahren, wenn Wind da ist?«

»Ich hab‘ oft bei ziemlich hoher See in einem Rindenkahn über den Ontario gesetzt. Gut gehandhabt sind sie die erprobtesten Fahrzeuge, die wir kennen.«

Cap nahm darauf seinen Schwager und den Pfadfinder beiseite und versicherte, daß Jaspers Zugeständnis bezüglich der Spione »ein Indiz«, und zwar »ein gewichtiges Indiz« sei, das wohl eine weitere Überlegung und Nachforschung verdiene, indes seine Erzählung im Betreff der Kähne so unwahrscheinlich klinge, daß sie das Aussehen habe, als wolle er sich nur über seine Zuhörer lustig machen. Jasper hatte zuversichtlich von dem Charakter der zwei gelandeten Personen gesprochen, und dies schien Cap ein ziemlich bündiger Beweis, daß jener mehr von ihnen wisse, als sich aus einer bloßen Fährte erkennen lasse. Von den Mokassins sagte er, daß sie in diesem Teile der Welt von den Weißen sowohl als von den Indianern getragen würden; er hätte selbst ein Paar gekauft, und Stiefel machten bekanntermaßen nicht den Soldaten. Obgleich vieles von dieser Logik dem Sergeanten gegenüber verlorenging, so hatte sie doch einigen Erfolg. Es kam ihm ein wenig sonderbar vor, daß in der Nähe des Forts Spione entdeckt sein sollten, ohne daß er etwas davon wußte. Auch glaubte er, daß dies eine Art von Kenntnis sei, die nicht gerade in Jaspers Sphäre einschlage. Allerdings war der Scud ein- und zweimal über See geschickt worden, um Mannschaft ans Land zu setzen oder weiterzuschaffen; aber damals spielte Jasper, wie er wohl wußte, eine sehr untergeordnete Rolle, und der Führer des Kutters kannte von dem Auftrag der Leute, die er ab- und zuführte, so wenig wie ein anderer. Auch sah er nicht ein, warum Eau-douce allein von allen Anwesenden etwas von dem letzten Besuch wissen sollte. Pfadfinder betrachtete übrigens die Sache von einem ganz anderen Standpunkt. Mit seinem gewohnten Mißtrauen tadelte er sich selbst wegen Vernachlässigung seiner Pflicht, und jene Kenntnis, deren Mangel ihm bei einem Mann, der sie besitzen sollte, als ein Fehler erschien, rechnete er dem jungen Mann als Verdienst an. Er sah nichts Außerordentliches in der Bekanntschaft Jaspers mit den von ihm mitgeteilten Tatsachen, während er fühlte, daß es ungewöhnlich, wo nicht gar entehrend für ihn selbst sei, jetzt zum erstenmal davon zu hören.

»Was die Mokassins angeht, Meister Cap«, sagte er, als ihn eine kurze Pause zum Sprechen veranlaßte, »so mögen sie allerdings von Bleichgesichtern so gut wie von Rothäuten getragen werden, doch lassen sie nie dieselben Fußspuren zurück. Wer an die Wälder gewöhnt ist, weiß wohl die Fußstapfen eines Indianers von denen eines weißen Mannes zu unterscheiden, mögen sie nun von einem Stiefel oder einem Mokassin stammen. Man muß mir mit besseren Gründen kommen, wenn man mich glauben machen will, daß Jasper falsch sei.«

»Ihr werdet doch zugeben, Pfadfinder, daß es Leute auf der Welt gibt, die man Verräter nennt?« warf Cap mit einer hochweisen Miene ein.

»Ich hab‘ nie einen ehrlich gesinnten Mingo gekannt, das heißt, einen dem man vertrauen konnte, wenn sich ihm eine Versuchung zum Betrug darbot. Arglist freilich scheint ihre Gabe zu sein, und es kommt mir bisweilen vor, als ob man sie deshalb mehr bedauern als verfolgen sollte.«

»Warum dann aber nicht glauben, daß Jasper die nämliche Schwäche haben könnte? Mensch ist Mensch, und die menschliche Natur ist bisweilen nur ein armes Ding, wie ich aus eigener Erfahrung weiß, ja ich kann sagen, recht gut aus eigener Erfahrung weiß – wenigstens, soweit ich von meiner eigenen menschlichen Natur spreche.«

Dies gab die Einleitung zu einer langen und wechselnden Unterhaltung, in der für und wider die Wahrscheinlichkeit von Jaspers Schuld oder Unschuld gesprochen wurde, bis sich der Sergeant und sein Schwager fast ganz in die volle Überzeugung von der Schuld Jaspers hineinräsoniert hatten, indes ihr Gefährte in seiner Verteidigung des Angeklagten immer derber und standhafter wurde, und sich in der Meinung, daß man Jasper mit Unrecht Verräterei zur Last lege, nur noch mehr befestigte. Das war nun freilich ganz der gewöhnliche Lauf der Dinge; denn es gibt keinen sicheren Weg, sich irgendeine besondere Ansicht zu eigen zu machen, als wenn man ihre Verteidigung unternimmt, und zu unseren hartnäckigsten Meinungen mögen die gerechnet werden, die aus Erörterungen fließen, in denen wir die Erforschung der Wahrheit zum Vorwand nehmen, während sie in Wirklichkeit nur zur Kräftigung unserer Vorurteile dienen. Mittlerweile war der Sergeant in eine Gemütsstimmung geraten, die ihn geneigt machte, jede Handlung des jungen Schiffers mit Mißtrauen zu betrachten, und bald kam er mit seinem Verwandten über die Ansicht in Einklang, daß das, was Jasper von den Spionen wußte, nicht in den Kreis seiner regelmäßigen Pflichten gehöre und demnach »ein Indiz« sei.

Während dieses in der Nähe des Hakebords verhandelt wurde, saß Mabel still an der Kajütentreppe. Herr Muir war in den unteren Raum gegangen, um nach seinen eigenen Bequemlichkeiten zu sehen, und Jasper stand ein wenig luvwärts mit gekreuzten Armen, indes seine Augen von den Segeln nach den Wolken, von den Wolken zu den dunklen Umrissen des Ufers, vom Ufer zum See und vom See wieder zurück zu den Segeln wanderten. Auch unsere Heldin fing an, mit ihren Gedanken geheime Zwiesprache zu halten. Die Aufregung der letzten Reise, die Ereignisse, die mit dem Tage ihrer Ankunft im Fort verbunden waren, das Zusammentreffen mit einem Vater, der ihr eigentlich fremd war, die Neuheit ihrer Lage in der Garnison und die gegenwärtige Reise – alles dies bildete für das Auge ihres Geistes eine Perspektive, die ihr auf Monate zurückzudeuten schien. Sie konnte kaum glauben, daß sie erst vor so kurzer Zeit die Stadt mit all den Gewohnheiten des zivilisierten Lebens verlassen habe, und staunte, daß namentlich die Ereignisse, die ihr während der Fahrt auf dem Oswego begegnet waren, einen so geringen Eindruck in ihrem Gemüt zurückgelassen hätten. Da sie zu unerfahren war, um zu wissen, daß sich häufende Ereignisse die Wirkung der Zeit haben oder daß eine rasche Aufeinanderfolge neuer Zustände, die uns auf Reisen begegnen, jene fast zu der Bedeutung wichtiger Begebenheiten erhebt, so forschte ihr Gedächtnis nach Zeit und Tagen, um sich zu überzeugen, daß sie mit Jasper, dem Pfadfinder und ihrem Vater wenig mehr als seit vierzehn Tagen bekannt war. Mabel war ein Mädchen, bei der das Herz über die Einbildungskraft herrschte, obgleich ihr die letztere keineswegs fehlte; sie vermochte sich nicht leicht Rechenschaft über die Gewalt der Gefühle zu geben, die sie gegen Männer hegte, die ihr kurz vorher noch fremd waren, da sie nicht hinreichend geübt war, ihre Empfindungen zu zergliedern und daraus die Natur der erwähnten Einflüsse sich klarzumachen. Ihr reiner Sinn war jedoch bis jetzt frei von dem Gift des Mißtrauens; keine Ahnung tauchte in ihr auf von den Absichten ihrer beiden Anbeter, und der Gedanke, daß einer ein Verräter an König und Vaterland sein könne, würde wohl zuletzt ihre Zuversicht getrübt haben.

Amerika zeichnete sich zu der Zeit durch seine Anhänglichkeit an die deutsche Familie aus, die auf dem britischen Thron saß, wie man denn überhaupt in allen Provinzen findet, daß die Vorzüge und Eigenschaften, die man in der Nähe der Macht aus Klugheit und Schmeichelei preist, in solcher Entfernung bei Leichtgläubigen und Unwissenden Teile eines politischen Glaubensbekenntnisses werden. Diese Beobachtung findet man heutzutage in Beziehung auf die Matadore der Republik ebenso wahr, wie sie damals in betreff dieser entfernten Herrscher galt, deren Verdienste zu erheben die Klugheit anriet, und deren Mängel zu enthüllen als Hochverrat betrachtet wurde.

Die Franzosen bedrängten damals die britischen Kolonien durch einen Gürtel von Festungen und Ansiedlungen an den Grenzen, wodurch sie auch die Wilden in ihrem Bund erhielten: Man konnte daher kaum sagen, ob die Liebe der Amerikaner zu den Engländern größer war oder ihr Haß gegen die Franzosen, und wer zu jenen Zeiten lebte, würde wahrscheinlich das Bündnis, das etliche zwanzig Jahre später zwischen den cisatlantischen Untertanen und den alten Nebenbuhlern der britischen Krone stattfand, als ein Ereignis betrachtet haben, das außer dem Kreis der Möglichkeit liege. Mit einem Wort – die Ansichten werden in Provinzen wie die Moden übertrieben, und die Loyalität, die in London zum Teil nur eine politische Form war, steigerte sich in New York zu einem Vertrauen, das fast Berge hätte versetzen können. Man traf daher selten Unzufriedene, und Verrat zugunsten Frankreichs oder der Franzosen wäre in den Augen der Provinzbewohner am allerverhaßtesten erschienen. Mabel würde das Verbrechen, das man Jasper insgeheim zu Last legte, am wenigsten geahnt haben, und wenn andere in ihrer Nähe die Qual des Argwohns fühlten, so war wenigstens sie von der edlen Zuversicht einer weiblichen Seele erfüllt. Noch war kein Flüstern zu ihr gedrungen, um das Gefühl des Vertrauens zu stören, mit dem sie vom Anfang an auf den jungen Schiffer geblickt hatte, und ihr eigener Geist würde ihr gewiß zuletzt einen solchen Gedanken von selbst zugeführt haben.

Die Jahreszeit und die Nacht waren ganz geeignet, die Gefühle zu steigern, die Jugend, Gesundheit und Glück mit dem Reiz der Neuheit zu verbinden gewohnt ist. Das Wetter war warm, wie es selbst im Sommer in dieser Gegend nicht immer der Fall ist, während die Luft, die vom Lande her strömte, die Kühle und den Duft der Wälder mit sich führte. Man konnte den Wind bei weitem keinen steifen nennen, obwohl er kräftig genug war, den Scud lustig vor sich herzutreiben und vielleicht die Aufmerksamkeit in der Unsicherheit rege zu erhalten, die mehr oder weniger das Dunkel begleitet. Jasper schien diesen Wind mit Wohlgefallen zu betrachten.

»Wenn es so fortgeht, Eau-douce« – denn so hatte bereits Mabel den jungen Schiffer nennen gelernt – »so kann’s nicht lange anstehen, bis wir den Ort unserer Bestimmung erreichen.«

»Hat Ihr Vater Ihnen den Namen genannt, Mabel?«

»Er hat mir nichts gesagt. Mein Vater ist zu sehr Soldat und zuwenig an ein Familienleben gewöhnt, um über solche Dinge mit mir zu sprechen. Ist es verboten zu sagen, wohin wir gehen?«

»Da wir in dieser Richtung steuern, so kann’s nicht weit sein, denn mit sechzig oder siebzig Meilen kommen wir in den S. Lorenzo, den uns die Franzosen heiß genug machen dürften. Auch kann keine Reise auf diesem See besonders lange dauern.«

»So sagt mein Onkel Cap; aber mir, Jasper, scheint der Ontario und der Ozean ziemlich das gleiche zu sein.«

»Sie sind also auf dem Ozean gewesen, während ich, der ich mich für einen Schiffer ausgebe, noch nie Salzwasser gesehen habe? Sie müssen wohl einen Seemann, wie ich bin, in Ihrem Herzen recht verachten, Mabel?«

»Verachtung wohnt nicht in meinem Herzen, Jasper Eau-douce. Was hätte auch ein Mädchen ohne Erfahrung und Kenntnis für ein Recht, irgend jemanden zu verachten, geschweige einen Mann wie Euch, der das Vertrauen des Majors besitzt und ein Schiff wie dieses hier befehligt. Ich bin nie auf dem Ozean gewesen, obgleich ich ihn gesehen habe, und ich wiederhole es, daß ich keinen Unterschied zwischen diesem See und dem Atlantischen Meer gewahren kann.«

»Auch nicht zwischen denen, die auf beiden segeln? Ich fürchtete, Mabel, Ihr Onkel hätte so viel gegen uns Frischwasserschiffer gesagt, daß Sie uns für wenig mehr als für anmaßende Leute halten müssen?«

»Laßt Euch das nicht kümmern, Jasper, denn ich kenne meinen Onkel, und er sagt, wenn wir in York sind, ebensoviel gegen die die am Lande leben, wie er hier gegen die sagt, die das Frischwasser befahren. Nein, nein, weder mein Vater noch ich halten etwas von solchen Ansichten. Mein Onkel Cap möchte wohl, wenn er sich offen ausspräche, von einem Soldaten noch eine geringere Meinung kundgeben als von einem Schiffer, der nie das Meer gesehen hat.«

»Aber Ihr Vater, Mabel, hat eine bessere Meinung von einem Soldaten als von irgend jemand anderem. Er wird wohl wünschen, Sie an einen Soldaten zu verheiraten?«

»Jasper Eau-douce! – ich, einen Soldaten heiraten? – Mein Vater sollte das wünschen? – Warum sollte er das tun? Was für ein Soldat ist denn in der Garnison, den ich heiraten könnte, daß er wünschen sollte, mich zu verheiraten?«

»Man kann einen Beruf so sehr lieben, daß man sich denkt, er verdecke tausend Unvollkommenheiten.«

»Aber man kann doch wahrscheinlich seinen Beruf nicht so sehr lieben, daß man alles andere dabei übersieht. Ihr sagt, mein Vater wünsche mich an einen Soldaten zu verheiraten, und doch ist in Oswego keiner, dem er mich wahrscheinlich geben möchte. Ich bin in einer unangenehmen Lage, denn während ich nicht gut genug bin, um die Frau eines Gentleman in der Garnison zu werden, halte ich mich doch – und Ihr werdet mir beistimmen, Jasper – für zu gut, um einen gemeinen Soldaten zu heiraten.«

Als Mabel so offen sprach, errötete sie unwillkürlich, obgleich dies in der Dunkelheit von ihrem Gefährten nicht bemerkt wurde, und lächelte dabei wie jemand, der es fühlt, daß ein Gegenstand von so zarter Natur aufrichtig behandelt zu werden verdiene. Jasper jedoch schien ihre Lage von einem verschiedenen Gesichtspunkte aus zu betrachten.

»Es ist wahr, Mabel«, sagte er, »Sie sind nicht, was man im gewöhnlichen Sinne des Worts eine Dame nennt –«

»In keinem Sinne des Worts, Jasper«, unterbrach ihn das edle Mädchen mit Lebhaftigkeit, »und ich hoffe, ich bin in diesem Punkt frei von aller Eitelkeit. Die Vorsehung hat mich zu der Tochter eines Sergeanten gemacht, und ich bin zufrieden mit der Stellung, in der ich geboren bin.«

»Aber nicht alle bleiben in der Stellung, in der sie geboren sind, Mabel. Einige erheben sich darüber, und einige sinken noch tiefer. Viele Sergeanten sind Offiziere, sogar Generäle geworden, und warum sollten Sergeantentöchter nicht Offiziersfrauen werden können.«

»In dem Falle von Sergeant Dunhams Tochter weiß ich keinen besseren Grund anzugeben, als daß mich wahrscheinlich kein Offizier zu seinem Weibe machen will«, erwiderte Mabel lachend.

»Sie mögen so denken; aber es gibt einige im Fünfundfünfzigsten, die das besser wissen. Es ist gewiß ein Offizier in diesem Regiment, der Sie zu seiner Frau zu machen wünscht.«

Mit der Schnelligkeit des Blitzes eilten Mabels Gedanken über die fünf oder sechs Subalternoffiziere des Korps weg, deren Alter und Neigungen auf einen derartigen Wunsch mochten schließen lassen; und wir würden vielleicht ihren Gesinnungen unrecht tun, wenn wir es verschwiegen, daß einen Augenblick das Gefühl der Freude lebhaft in ihrem Busen aufleuchtete, als sie sich die Möglichkeit dachte, sich über eine Stellung zu erheben, von der sie trotz ihrer vorgeblichen Zufriedenheit fühlte, daß sie nicht ganz mit ihrer Erziehung im Einklang stehe. Diese Bewegung verschwand jedoch ebenso schnell, wie sie erschienen war, denn Mabels Gefühle waren viel zu rein und weiblich, um den Bund der Ehe von einem so weltlichen Gesichtspunkt aus zu betrachten, den nur die Vorteile des Standes boten.

»Ich kenne keinen Offizier des fünfundfünfzigsten oder irgendeines anderen Regiments, von dem ich eine solche Torheit vermuten könnte. Auch glaub‘ ich nicht, daß ich selbst die Torheit begehen würde, einen Offizier zu heiraten.«

»Torheit, Mabel?«

»Ja, Torheit, Jasper. Ihr wißt so gut wie ich, was die Welt von solchen Verbindungen denkt, und ich müßte wohl mit Grund befürchten, es könnte meinen Gatten einmal reuen, daß er sich durch ein Äußeres, an dem er Gefallen fand, verleiten ließ, die Tochter eines Sergeanten zu heiraten.«

»Ihr Gatte wird wahrscheinlich mehr an die Tochter als an den Vater denken.«

Das Mädchen hatte mit einem Anflug von Laune gesprochen, obgleich auch sichtlich ihre Gefühle an der Unterhaltung teilnahmen. Auf Jaspers letzte Bemerkung schwieg sie beinahe eine Minute und fuhr dann in einer Weise fort, in der ein aufmerksamer Beobachter einen leichten melancholischen Zug hätte entdecken mögen:

»Vater und Kind müssen leben, als ob sie nur ein Herz, nur eine Gefühls- und Denkweise hätten. Ein gemeinschaftliches Interesse unter allen Verhältnissen ist für Mann und Frau so gut ein Erfordernis zu ihrem Glück, wie für die übrigen Glieder einer und derselben Familie. Am allerwenigsten darf aber der Mann oder die Frau irgendeinen ungewöhnlichen Grund haben, sich unglücklich zu fühlen, da die Welt ohnehin deren so viele liefert.«

»Ich soll daraus wohl entnehmen, Mabel, daß Sie die Verheiratung mit einem Offizier nur darum ausschlagen würden, weil er ein Offizier ist?«

»Habt Ihr ein Recht, eine solche Frage zu stellen, Jasper?« sagte Mabel lächelnd.

»Kein anderes Recht, als es der eifrige Wunsch, Sie glücklich zu sehen, geben kann, und dieses mag im Grunde gering genug sein. Meine Besorgnis hatte zugenommen, als ich zufällig erfuhr, daß Ihr Vater die Absicht habe, Sie zu einer Verbindung mit dem Leutnant Muir zu bereden.«

»Mein lieber Vater kann keinen so lächerlichen, so grausamen Gedanken hegen.«

»Wär‘ es denn so grausam, wenn er Sie als die Frau eines Quartiermeisters zu sehen wünschte?«

»Ich hab‘ Euch gesagt, was ich über diesen Gegenstand denke, und kann mich darüber nicht deutlicher ausdrücken. Da ich Euch aber so freimütig geantwortet habe, Jasper, so hab‘ ich wohl ein Recht zu fragen, wie Ihr etwas von den Gedanken meines Vaters erfahren habt?«

»Daß er einen Mann für Sie ausgesucht hat, weiß ich aus seinem eigenen Munde; er erzählte mir’s bei Gelegenheit der häufigen Besprechungen, die ich mit ihm hielt, als er bei der Einschiffung der Vorräte die Aufsicht führte, und daß sich Herr Muir Ihnen antragen wird, hat mir dieser Offizier selbst mitgeteilt. Da ich nun diese beiden Umstände zusammenhielt, so kam ich natürlich zu der vorhin ausgesprochenen Meinung.«

»Kann nicht mein lieber Vater, Jasper« – Mabels Gesicht glühte wie Feuer, während sie sprach, obgleich ihr die Worte nur langsam und wie unter einer Art unwillkürlichen Antriebs von den Lippen glitten – »kann nicht mein lieber Vater an einen anderen gedacht haben? Aus dem, was Ihr mir sagtet, folgt nicht, daß er den Herrn Muir meine.«

»Ist es nicht nach allen Vorgängen sehr wahrscheinlich, Mabel? Was bringt den Quartiermeister hierher? Er hat es früher nie für nötig gefunden, die Mannschaft, die herunter geht, zu begleiten. Er wünscht, Sie zum Weibe zu haben, und Ihr Vater ist damit einverstanden. Es muß Ihnen einleuchten, Mabel, daß Herr Muir nur um Ihretwillen mitgeht.«

Mabel gab keine Antwort. Ihr weiblicher Instinkt hatte ihr allerdings bereits gesagt, daß sie ein Gegenstand von des Quartiermeisters Bewunderung sei, obgleich sie dies kaum in der Ausdehnung vermutet hatte, die Jasper der Sache gab. Auch hatte sie aus einem Gespräch mit ihrem Vater vernommen, daß er ernstlich daran denke, über ihre Hand zu verfügen; aber kein Grübeln hätte sie je auf den Gedanken gebracht, daß Herr Muir der Mann sei. Sie glaubte es auch jetzt noch nicht, obgleich sie weit entfernt war, die Wahrheit zu ahnen. In der Tat betrachtete sie die gelegentlichen Bemerkungen ihres Vaters, die ihr aufgefallen waren, mehr für die Ergüsse des Wunsches, sie überhaupt versorgt zu sehen, als für die Ergebnisse eines Planes, sie mit irgendeinem bestimmten Manne zu vereinigen. Sie hielt jedoch diese Gedanken geheim, da es die Selbstachtung und weibliche Zurückhaltung als unpassend erscheinen ließen, sie zum Gegenstand einer Besprechung mit ihrem gegenwärtigen Gesellschafter zu machen. Um daher dem Gespräch eine andere Richtung zu geben, fuhr sie nach einer Pause fort, die lange genug gewesen war, um beide Teile in Verlegenheit zu setzen:

»Auf eines könnt Ihr Euch verlassen, Jasper, und dies ist auch alles, was ich Euch über den Gegenstand noch zu sagen wünsche – Leutnant Muir wird, selbst wenn er Oberst wäre, nie der Gatte von Mabel Dunham sein. Und nun erzählt mir von Eurer Reise – wann wird sie enden?«

»Das ist ungewiß. Wenn man erst mal auf dem Wasser ist, so ist man dem Wind und den Wellen preisgegeben. Pfadfinder wird Ihnen sagen, daß, wer einen Hirsch am Morgen aufjagt, nicht sagen kann, wo er des Nachts schlafen wird.«

»Aber wir sind weder auf der Hirschjagd noch ist es Morgen. Pfadfinders Vergleich hinkt also.«

»Wir sind freilich nicht auf der Hirschjagd, jagen aber hinter etwas her, was wohl ebenso schwer zu fangen ist. Ich kann Ihnen darüber nicht mehr sagen, denn es ist unsere Pflicht, den Mund zu halten, ob etwas davon abhängt oder nicht. Ich fürchte jedoch, ich werde Sie nicht lange genug auf dem Scud behalten, um Ihnen zeigen zu können, was er im Notfall zu leisten imstande ist.«

»Ich halte ein Mädchen für unklug, das je einen Seemann heiratet«, sagte Mabel abgebrochen und fast unwillkürlich.

»Das ist eine sonderbare Ansicht; warum glauben Sie das?«

»Weil eines Seemanns Weib darauf rechnen kann, an seinem Schiff eine Nebenbuhlerin zu haben. Selbst Onkel Cap sagt, daß ein Schiffer nie heiraten sollte.«

»Er meint die Salzwasserschiffer«, erwiderte Jasper mit Lachen. »Wenn er glaubt, daß die Frauen nicht genug für die Ozeanfahrer sind, so wird er gewiß denken, sie sind für die, die auf den Seen segeln, eben recht. Ich hoffe, Mabel, Sie lassen sich in Ihren Meinungen über uns Frischwassermatrosen nicht so ganz von dem bestimmen, was Meister Cap von uns sagt?«

»Segel, ho!« rief auf einmal der Mann, von dem eben die Red war, »oder Boot ho! Um der Wahrheit näher zu kommen.«

Jasper eilte vorwärts. Wirklich ließ sich auch etwa hundert Ellen vor dem Kutter nahe an seinem Leebug ein kleiner Gegenstand bemerken. Jasper erkannte in ihm auf den ersten Blick einen Rindenkahn; denn obgleich die Finsternis das Erkennen der Farben verhindert, so konnte doch ein an die Nacht gewöhntes Auge nahe liegende Gestalten unterscheiden, zumal ein Auge wie Jaspers, das zu lange mit den Ereignissen auf dem Wasser vertraut war, um die Umrisse zu verkennen, die ihn zu solcher Folgerung veranlaßten.

»Das kann ein Feind sein«, bemerkte der junge Mann, »und es ist wohl ratsam, ihn zu überholen.«

»Er rudert mit aller Macht, Junge«, erwiderte Pfadfinder, »und beabsichtigt, unseren Bug zu kreuzen und windwärts zu kommen, wo Ihr dann ebensogut einem ausgewachsenen Bock in Schneeschuhen nachjagen könntet.«

»Halt bei dem Wind!« rief Jasper dem Steuermann zu, »luv auf, solang sich das Schiff halten läßt. Nun fest und nahe gehalten.«

Der Steuermann gehorchte, und da der Scud nun die Wellen lustig auf die Seite warf, so brachten eine oder zwei Minuten den Kahn so weit leewärts, daß ein Entrinnen unausführbar war. Jasper sprang nun selbst ans Steuer, und durch eine geschickte und vorsichtige Bewegung kam er dem Gegenstand seiner Jagd so nahe, daß man sich seiner durch einen Bootshaken versichern konnte. Die zwei in dem Kahn befindlichen Personen verließen nun auf erhaltenen Befehl das Boot, und sie waren kaum auf dem Verdeck des Kutters angelangt, als man in ihnen Pfeilspitze und sein Weib erkannte.