Sechzehntes Kapitel

Sechzehntes Kapitel

Mit dem fortschreitenden Tag erschienen nach und nach alle, die sich auf dem Schiff befanden und nicht ihrer Freiheit beraubt waren, auf dem Verdeck. Die Wogen gingen noch nicht besonders hoch, woraus man schloß, daß der Kutter noch unter dem Lee der Inseln liege; aber es war alles, die den See kannten klar, daß sie einen der schweren Herbststürme durchzumachen haben würden, die zu dieser Jahreszeit in jener Gegend nicht selten sind. Man sah nirgends Land, und der Horizont bot nach allen Seiten nichts als jene düstere Leere, die der Aussicht auf weiten Wasserflächen den Charakter einer geheimnisvollen Erhabenheit aufdrückt. Die Deinigen, oder, wie man es an Land nennt, die Wogen, waren kurz und kräuselnd und brachen sich notwendigerweise früher als die längeren Wellen des Ozeans, während das Element selbst, statt die schöne Farbe zu zeigen, die mit den tiefen Tönungen des südlichen Himmels wetteifert, grün und zürnend aussah, obgleich ihm der Glanz mangelte, den es sonst den Strahlen der Sonne verdankt.

Die Soldaten hatten an diesem Anblick bald genug und es verschwand einer nach dem anderen, so daß außer den Matrosen zuletzt nur noch der Sergeant, Cap, Pfadfinder, der Quartiermeister und Mabel auf dem Verdeck waren. Es lagerte sich ein Schatten um das Auge des Mädchens, da sie den wirklichen Stand der Dinge erfahren und es vergebens versucht hatte, die Zurückgabe des Kommandos an Jasper zu erwirken. Auch den Pfadfinder schien die Ruhe und Überlegung einer Nacht in seiner Überzeugung von der Schuldlosigkeit des jungen Mannes befestigt zu haben, so daß er gleichfalls mit Wärme, obschon mit demselben ungünstigen Erfolg, zugunsten seines Freundes sprach.

So vergingen einige Stunden, wobei der Wind allmählich immer heftiger wurde und der See sich hob, bis die Bewegung des Kutters auch Mabel und den Quartiermeister zum Rückzug veranlaßte. Cap vierte öfters, und es war nun klar, daß der Scud in die breiteren und tieferen Gegenden des Sees trieb, wobei die Wogen mit einer solchen Wut auf ihn einstürmten, daß sich nur ein Fahrzeug von besserer Form und stärkerem Bau lange gegen sie halten und Widerstand leisten konnte. Doch Cap machte sich nichts aus alledem; denn wie der Jagdhund beim Schmettern des Hornes die Ohren spitzt oder das Kriegsroß beim Wirbeln der Trommeln scharrt und schnaubt, so wurden bei dem Anblick dieser ganzen Szene alle Lebensgeister des Mannes rege, und statt der zanksüchtigen, hochmütigen und absprechenden Tadelsucht, die an jeder Kleinigkeit krittelte und unwesentliche Dinge übertrieb, begann er die Eigenschaften des kühnen und erfahrenen Seemannes zu entwickeln, der er in der Tat war. Die Matrosen hegten bald Achtung vor seiner Geschicklichkeit, und obgleich sie sich wunderten über das Verschwinden ihres früheren Befehlshabers und des Lotsen, dessen Grund ihnen nicht mitgeteilt worden war, so zollten sie doch gern ihrem neuen Gebieter unbedingten Gehorsam.

»Dieses bißchen Frischwasser, Bruder Dunham, hat im Grunde doch einiges Leben, wie ich merke«, rief Cap gegen Mittag und rieb vor lauter Vergnügen die Hände, weil er nun wieder einmal seine Kraft gegen die der Elemente versuchen konnte. »Der Wind scheint eine ehrliche, altmodische Kühlte zu sein, und die Wellen haben eine wunderliche Ähnlichkeit mit denen des Golfstromes. Ich liebe das, Sergeant; ich liebe das und werde Euern See achten lernen, wenn er noch so vierundzwanzig Stunden in der angefangenen Weise fortmacht.«

»Land ho!« rief der Mann, der in der Back aufgestellt war.

Cap eilte vorwärts; und wirklich war durch den Nebelregen in der Entfernung einer halben Meile Land sichtbar, auf das der Scud lostrieb. Zuerst wollte der alte Seemann Befehl geben, beizulegen und vom Ufer abzuvieren; aber der besonnene Soldat hielt ihn zurück.

»Wenn wir etwas näher kommen«, sagte der Sergeant, »so erkennen vielleicht einige die Gegend. Die meisten von uns kennen das amerikanische Ufer an diesem Teil des Sees, und wir werden dadurch über unsere Stellung ins klare kommen.«

»Sehr wahr, sehr wahr. Wahrscheinlich wird dieses der Fall sein, und wir wollen darauf anhalten. Was ist das dort, ein wenig vor unserem Luvbug? Es sieht wie ein niedriges Vorgebirge aus!«

»Die Garnison, beim Jupiter!« rief der andere, dessen geübtes Auge die Umrisse des Forts früher erkannte, als das weniger scharfe seines Verwandten.

Der Sergeant hatte sich nicht geirrt. Es war wirklich das Fort, obgleich es in dem feinen Regen nur dunkel und unbestimmt wie im Düster des Abends oder im Morgennebel erschien. Die niedrigen, grünen Rasenwälle, die düstern Palisaden, die im Regen noch dunkler erschienen, die Dächer einiger Häuser, die hohe einsame Wimpelstange, deren Flaggenfälle mit einer Stetigkeit dem Zug des Windes folgten, daß sie wie unbewegliche, krumme Linien in der Luft erschienen – alles dieses wurde nach und nach sichtbar, obgleich sich keine Spur des Lebens entdecken ließ. Selbst die Schildwache war untergetreten, und man glaubte zuerst, daß kein Auge die Annäherung des eigenen Schiffes entdecken würde. Aber die unablässige Wachsamkeit einer Grenzgarnison schlummerte nicht, und wahrscheinlich machte einer der Ausluger die interessante Entdeckung. Bald erschienen einige Männer auf den höheren Standorten, und bald wimmelten alle Wälle in der Nähe des Sees von menschlichen Wesen.

Es war eine der Szenen, deren Großartigkeit noch insbesondere durch den Reiz des Malerischen gehoben wird. Das Wüten des Sturmes war so anhaltend, daß man sich zu der Vermutung geneigt fühlen konnte, es gehöre zu dem beständigen Charakter dieser Gegend. Das Brüllen des Windes tobte in einem fort, und das empörte Wasser begleitete diese gewaltigen, dumpfen Töne mit seinem gischtenden Schaum, der drohenden Brandung, und den steigenden Wogen. Der leichte Regen ließ dem Auge alles wie in einem dünnen Nebel erscheinen, der die Bilder sanfter machte und einen geheimnisvollen Schleier darüber warf, während die erhebenden Gefühle, die ein Seesturm leicht zu erregen imstande ist, die milderen Eindrücke des Augenblicks steigerten. Der dunkle, unabsehbare Wald erhob sich großartig düster aus dem Nebelgrau, während die einsamen eigentümlichen und malerischen Bilder des Lebens, die man bei und in dem Fort entdecken konnte, dem Auge einen Ruhepunkt boten, wenn es die schrofferen Züge der Natur erdrücken wollten.

»Sie sehen uns«, sagte der Sergeant, »und glauben, wir seien wegen des Sturmes zurückgekehrt, der uns zu weit leewärts von unserem Hafen getrieben hat. Ja, dort ist Major Duncan selbst auf dem nördlichen Bollwerk. Ich kenne ihn an seiner Höhe und den Offizieren, die ihn umgeben.«

»Sergeant, es war‘ wohl der Mühe wert, sich ein wenig auslachen zu lassen, wenn wir in den Fluß kommen und einen sichern Ankerplatz gewinnen könnten. Wir würden bei dieser Gelegenheit auch den Meister Eau-douce ans Land setzen und das Boot reinigen.«

»Allerdings; aber so wenig ich auch von der Schiffahrt verstehe, so weiß ich doch, daß sich das nicht tun läßt. Nichts, was auf dem See segelt, kann sich windwärts gegen diese Kühlte wenden, und hier außen ist bei diesem Wetter kein Ankerplatz.«

»Ich weiß es, ich sehe es, Sergeant; und so lieblich auch dieser Anblick für Euch Landratten sein mag, so müssen wir ihm doch den Rücken kehren. Was mich anbelangt, so fühle ich mich nie wohler, als wenn ich gewiß bin, daß in einem rechten Unwetter das Land weit hinter mir liegt.«

Der Scud war nun so nahe gekommen, daß es unumgänglich nötig wurde, seinen Schnabel wieder vom Lande abzuwenden, wozu denn auch die geeigneten Befehle gegeben wurden. Das untere Stagsegel wurde vorwärts losgemacht, die Gaffel herabgelassen, das Steuer aufgestellt, und das leichte Fahrzeug, das wie eine Ente mit dem Element zu spielen schien, fiel ein wenig ab, drückte schnell von vorn um, folgte dem Ruder und flog bald, tot vor der Kühlte, über die Spitzen der Wellen hin. Während es diese schnelle Flucht machte, verschwanden das Fort und die ängstlichen Zuschauergruppen auf den Wällen bald in dem Nebel, obgleich das Land am Backbord noch sichtbar war. Nun folgten die nötigen Schwenkungen, um das Vorderteil des Kutters in die Richtung des Windes zu bringen, worauf er ermattet den schwierigen Weg gegen das Nordufer wieder aufnahm.

Stunden vergingen nun, ohne daß eine weitere Veränderung vorgenommen wurde. Die Macht des Windes steigerte sich so sehr, daß endlich selbst der eigensinnige Cap zugeben mußte, es wehe nun eine tüchtige Kühlte. Gegen Sonnenuntergang vierte der Scud wieder, um in der Dunkelheit der Nacht nicht an das Nordufer getrieben zu werden, und gegen Mitternacht glaubte der dermalige Schiffsmeister, der sich durch sein indirektes Ausforschen der Matrosen einige allgemeine Kenntnisse über die Größe und die Gestalt des Sees erworben hatte, daß er sich ungefähr in der Mitte zwischen beiden Ufern befinde. Die Höhe und Länge der Wellen machte diese Vermutung wahrscheinlich, und wir müssen noch beifügen, daß Cap zu dieser Zeit eine Achtung vor dem Frischwasser zu fühlen anfing, die er vierundzwanzig Stunden früher als eine Unmöglichkeit verlacht haben würde. Eben, als der Tag zu grauen begann, wurde die Wut des Windes so heftig, daß sich der Seemann nicht mehr gegen sie zu halten vermochte, denn die Wogen fielen in solchen Massen über das Verdeck des kleinen Fahrzeugs, daß sie es in seinem Innersten erschütterten und ungeachtet seiner Behendigkeit unter ihrem Gewicht zu begraben drohten. Die Matrosen des Scud versicherten, daß sie früher nie einen solchen Sturm auf dem See durchgemacht hätten, was auch richtig war, denn Jasper würde, bei seiner genauen Kenntnis aller Flüsse, Vorgebirge und Hafen, den Kutter lange vorher ans Ufer geführt und auf einen sicheren Ankergrund gebracht haben. Aber Cap verschmähte es noch immer, den jungen Schiffer, der sich fortwährend im unteren Raum befand, um Rat zu fragen, und war entschlossen, wie ein Seemann auf dem großen Weltmeer zu handeln.

Um ein Uhr morgens wurde das untere Stagsegel wieder an den Scud gelegt, der obere Teil des Hauptsegels niedergelassen und der Kutter vor den Wind gebracht. Obgleich nun die Oberfläche der Leinwand dem Wind nur einen Streifen darbot, so machte doch das kleine Fahrzeug seinem edlen Namen Ehre, denn es flog in der Tat acht Stunden lang wie eine Wolke dahin, beinahe mit derselben Geschwindigkeit, mit der die Möwen über ihn wegschössen, augenscheinlich vor Furcht, in den kochenden Kessel des Sees herunterzufallen. Das Aufdämmern des Tages brachte wenig Veränderung. Der Horizont blieb auf den kleinen bereits beschriebenen Nebelkreis beschränkt, in dem die Elemente in chaotischer Verwirrung zu toben schienen. Während dieser Zeit verhielten sich die Matrosen und Passagiere des Kutters in gezwungener Untätigkeit. Jasper und der Lotse blieben unten; als aber die Bewegung des Fahrzeuges leichter wurde, so kamen fast alle übrigen auf das Verdeck. Das Frühstück wurde schweigend eingenommen, und jeder blickte dem anderen ins Auge, als ob sie sich in dieser stummen Weise fragen wollten, wohin dieser Kampf der Elemente wohl noch führen werde. Cap erhielt sich jedoch vollkommen seine Fassung; sein Auge strahlte, sein Tritt wurde fester und seine ganze Haltung zuversichtlicher, als der Sturm zunahm und größere Anforderungen an seine Geschicklichkeit und seinen Mut machte. Er stand mit gekreuzten Armen und mit seemännischem Instinkt seinen Körper wiegend auf der Back, indes seine Augen auf die Spitzen der Wellen achteten, die sich brachen und an dem taumelnden Kutter vorbeischössen, wobei sie in ihrer raschen Bewegung selbst wie zum Himmel steigende Wolken erschienen. In diesem erhabenen Augenblick gab einer der Matrosen den unerwarteten Ruf: »Ein Segel!«

Der Ontario hatte so viel von dem wilden und einsamen Charakter der Wälder, daß man kaum hoffen durfte, auf seinem Wasser mit einem Schiff zusammenzutreffen. Der Scud selbst erschien denen, die er trug, wie ein einzelner Wanderer in der Wildnis, und dieses Zusammentreffen glich dem zweier einsamer Jäger unter dem breiten Blättergewölbe, das damals so viele Millionen Morgen des amerikanischen Festlandes bedeckte. Der eigentümliche Wetterstand diente dazu, das Romantische und fast Übernatürliche dieser Begegnung zu steigern. Cap allein war an derartige Erscheinungen mehr gewöhnt; aber doch bebten auch seine eisernen Nerven unter den Gefühlen, die die wilden Züge dieser Szene erweckten.

Das fremde Schiff befand sich ungefähr zwei Kabellängen vor dem Scud, stand mit seinen Bügen quer gegen den Wind und steuerte in einem Kurs, daß der letztere wahrscheinlich in einer Entfernung von einigen Ellen daran vorbeikommen mußte. Es war vollständig aufgetakelt, und in der stürmischen Nebelluft konnte selbst das geübteste Auge keine Unvollkommenheit in seinem Bau und seiner Takelage erkennen. Die einzige losgemachte Leinwand war das dicht gereffte große Marssegel und zwei kleine untere Stagsegel, das eine vorn, das andere hinten. Doch die Gewalt des Windes drängte das Fahrzeug so heftig, daß es sich fast bis an seine Deckbalkenenden umbeugte, wenn es nicht durch das Steigen der Wellen unter seinem Lee aufgerichtet wurde. Die Spieren waren alle an ihrer Stelle, und an der Bewegung, die mit einer Geschwindigkeit von vier Knoten in der Stunde vonstatten ging, konnte man erkennen, daß es ein wenig frei steuerte.

»Der Bursch muß seine Stellung gut kennen«, sagte Cap, als der Kutter mit einer Geschwindigkeit, die beinahe der des Sturmes glich, auf das Schiff zuflog, »denn er steht so kühn gegen Süden an, daß er dort sicher einen Hafen oder Ankerplatz zu finden weiß. Kein vernünftiger Mensch würde in dieser Weise frei davonfahren, ohne genau zu wissen, wohin er will; es müßte denn sein, daß ihn der Sturm, einer Wolke gleich, vor sich herjagte, wie dies bei uns der Fall ist.«

»Wir haben einen Lauf gemacht, von dem man allen Respekt haben muß, Kapitän«, erwiderte der Mann, an den die vorige Bemerkung gerichtet war. »Dies ist das französische Königsschiff Lee-my Calm (le Montcalm) und segelt nach dem Niagara, wo sein Eigner eine Garnison und einen Hafen hat. Wir haben einen respektabeln Lauf gemacht.«

»Ach, hol‘ ihn der Henker! Wie ein echter Franzose rennt er augenscheinlich dem Hafen zu, sobald er einen englischen Kiel sieht.«

»Es möchte für uns gut sein, wenn wir ihm folgen könnten«, erwiderte der Mann mit zaghaftem Kopfschütteln, »denn wir kommen hier oben am Ende des Sees in eine Bai, und es ist zweifelhaft, ob wir je wieder aus ihr herauskommen.«

»Pah, pah, Mann! Wir haben die offene See vor und einen guten englischen Boden unter uns. Wir sind keine Johnny Crapauds, um uns wegen eines Windstoßes hinter eine Bergspitze oder ein Fort zu verstecken. Vergeßt Euer Steuer nicht, Herr!«

Dieser Befehl wurde wegen des drohenden Näherrückens des feindlichen Schiffes gegeben. Der Scud schoß nun gerade auf die Kielkinnbacke des Franzosen zu, und da sich die Entfernung zwischen den beiden Fahrzeugen bis auf hundert Ellen vermindert hatte, so war es einen Augenblick zweifelhaft, ob Raum genug vorhanden sei, um aneinander vorbeizukommen.

»An Backbord, an Backbord das Ruder und hinten vorbei!« rief Cap.

Man sah die Schiffsmannschaft des Franzosen sich windwärts versammeln und einige Musketen anlegen, als ob sie der Mannschaft des Scud befehlen wolle, sich fernzuhalten. Auch wurden noch andere Gebärden bemerkt, aber der See war zu wild und drohend, um irgendeine feindselige Demonstration zuzulassen. Aus den Mündungen der zwei oder drei leichten Kanonen an Bord des Schiffes tropfte Wasser, und niemand dachte daran, sich ihrer in diesem Sturm bedienen zu wollen. Die schwarzen Seiten des Fahrzeugs glänzten, wenn sie aus einer Welle auftauchten, und schienen zu zürnen, während der Wind durch das Takelwerk heulte und in den tausend Tönen eines Schiffes herumorgelte, so daß man davor nicht einmal das auf den französischen Schiffen gewöhnliche Rufen und Schreien vernehmen konnte.

»Mag er sich heiser schreien«, grollte Cap. »Wir haben jetzt kein Wetter, in dem man sich Geheimnisse zuflüstern kann. An Backbord das Ruder, Herr!«

Der Mann am Steuer gehorchte, und der nächste Wogenguß trieb den Scud so nahe gegen die Windvierung des Schiffes hinab, daß selbst der alte Seemann einen Schritt zurückprallte und erwartete, daß, sobald die Wellen den Schnabel wieder in die Höhe brächten, die vordersten Büge gerade in die Planken des Gegners treiben müßten. Dies geschah jedoch nicht; denn als der Kutter sich wieder aus seiner geduckten Stellung aufrichtete, die der eines lauernden Panthers vor dem Sprunge glich, schoß er vorwärts und im nächsten Augenblick an dem Stern des feindlichen Schiffes vorüber, wobei er gerade noch dessen Spenkerspierende mit seiner eigenen unteren Rah klärte.

Der junge Franzose, der den Montcalm befehligte, sprang auf den Hackebord, lüpfte mit jenem zierlichen Anstand, der auch den niedrigsten Handlungen seiner Landsleute eine gewisse Feinheit verleiht, seine Mütze und winkte einen lächelnden Gruß, als der Scud vorüberschoß. Es lag, da die Umstände keine anderen Mitteilungen gestatteten, eine gewisse Leutseligkeit und feine Bildung in diesem Akt der Höflichkeit, die aber bei Cap verlorenging; denn mit dem seinen Leuteschlag eigenen Instinkt schüttelte er drohend seine Faust und brummte vor sich hin: »Ja, ja, es ist ein verflixtes Glück für euch, daß wir kein schweres Geschütz hier an Bord haben, sonst wollte ich euch was ‚rüberschicken, was euch neue Kajütenfenster nötig machen dürfte.«

»Er war höflich, Bruder Cap«, erwiderte der andere, indem er seine Hand sinken ließ, da sein Soldatenstolz ihn veranlaßt hatte, die militärische Begrüßung zu erwidern; »er war höflich, und das ist so viel, wie man von einem Franzosen erwarten kann. Was er damit wirklich meinte, kann wohl niemand sagen.«

»Er setzt sich gewiß nicht umsonst bei diesem Wetter der See aus. Je nun, lassen wir ihn einlaufen, wenn er kann, indes wir uns wie mutige englische Matrosen auf dem Wasser halten wollen.«

Das klang wohl schön, aber Cap blickte doch neidisch auf den glänzenden schwarzen Rumpf des Montcalm, sein flatterndes Segel und die verschwimmenden Spierenkreuzungen, bis sich sein Bild immer mehr und mehr verwischte und zuletzt wie ein wesenloser Schatten im Nebel verschwand. Cap wäre gern seinem Fahrwasser gefolgt, wenn er es hätte wagen dürfen; denn die Aussicht auf eine zweite Sturmnacht mitten auf dem wilden Wasser, das rund um ihn her tobte, hatte in der Tat wenig Tröstliches für ihn. Sein seemännischer Stolz erlaubte ihm jedoch nicht, eine Unbehaglichkeit merken zu lassen, und die seiner Obhut Anvertrauten verließen sich auf seine Kenntnisse und Geschicklichkeit mit dem blinden und unbedingten Vertrauen, das bei Unkundigen so gewöhnlich ist.

Es vergingen nun einige Stunden, und die Finsternis begann wieder, die Gefahren des Scud zu vermehren. Doch hatte ein Nachlassen der Kühlte Cap veranlaßt, wieder einmal in den Wind umzulenken, und der Kutter lag die ganze Nacht über, wie früher, bei, indes er jedoch stets nach vorn trieb und gelegentlich vierte, um vom Lande abzuhalten. Die Ereignisse dieser Nacht waren übrigens so ziemlich dieselben wie bei anderen Kühlten: ein Schwanken des Schiffes, ein Gischen des Wassers, ein Spritzen des Schaumes und Erschütterungen, die das von den Wellen hin und her geschleuderte Fahrzeug zu vernichten drohten; das unablässige Heulen des Windes und die Schrecken erregende Abtrift. Letztere waren am gefährlichsten; denn obgleich der Scud außerordentlich gut Luv unter seinem Segel hielt und durchaus keinen Windfang hatte, so war er doch so leicht, daß ihn die steigenden Wogen bisweilen in reißender Schnelle in ihr Lee hinabzuwaschen schienen.

Während dieser Nacht überließ sich Cap einige Stunden einem gesunden Schlaf. Der Morgen dämmerte eben auf, als er sich an der Schulter ergriffen fühlte: Als er sich aufrichtete, sah er den Pfadfinder an seiner Seite stehen. Während des Sturmes hatte sich der Kundschafter wenig auf dem Verdeck gezeigt, denn seine natürliche Bescheidenheit belehrte ihn, daß die Leitung des Schiffes nur in den Bereich der Seeleute gehöre, und er war geneigt, den Führern des Scud dasselbe Vertrauen zu schenken, das er von denen erwartete, die ihm durch die Wälder folgten. Jetzt aber hielt er eine Einmischung für gerechtfertigt und vollführte diese in seiner eigentümlichen, ehrlichen Weise.

»Der Schlaf ist süß, Meister Cap, wie ich aus eigener Erfahrung weiß; aber das Leben ist noch süßer«, sagte er, als sich Caps Augen geöffnet hatten und er sich in seine Lage zu finden begann. »Seht um Euch und sagt mir, ob das nicht ein Augenblick ist, wo ein Befehlshaber auf seinen Beinen sein muß.«

»Wie, wie – Meister Pfadfinder?« brummte Cap in den ersten Augenblicken des wiederkehrenden Bewußtseins. »Habt Ihr Euch auch auf die Seite der Murrenden geschlagen? Auf dem Lande bewunderte ich Eure Klugheit, die Euch über die gefährlichsten Untiefen ohne Kompaß wegführte; und seit wir auf dem Wasser sind, hat mir Eure Mäßigung und Ergebenheit ebensowohl gefallen wie die Zuversicht, mit der Ihr auf Eurem eigenen Boden auftratet. Ich hätte eine solche Aufforderung von Euch am wenigsten erwartet.«

»Was mich angeht, Meister Cap, so fühl‘ ich, daß ich meine Gaben habe, die wohl denen eines andern nicht ins Gehege kommen werden. Mit Mabel Dunham mag es aber ein anderer Fall sein, ’s ist wahr, sie hat auch ihre Gaben; sie sind aber nicht so rauh wie die unsrigen, sondern sanft und weiblich, wie sie sein müssen. Ich spreche daher mehr um ihret- als um meinetwillen.«

»Ja, ja – ich fange an zu begreifen. Das Mädchen ist ein gutes Kind, mein werter Freund; aber sie ist die Tochter eines Soldaten und die Nichte eines Seemanns und sollte daher in einem Sturm nicht zu furchtsam sein. Läßt sie Furcht blicken?«

»Nein, nicht doch. Mabel ist zwar ein Weib, aber vernünftig und schweigsam. Ich hab‘ sie nicht ein Wort über unser Handeln äußern hören, obgleich ich glaube, Meister Cap, daß es ihr lieber wäre, wenn Jasper wieder seine frühere Stellung einnähme und alles in den alten Zustand versetzt würde. Das ist so die menschliche Natur.«

»Das will ich ohne Schwur glauben – ’s ist so ganz nach der Art der Mädels und zumal der Dunhams. Alles ist besser als ein alter Onkel, und jedermann weiß mehr als ein alter Seemann. Das ist menschliche Natur, Meister Pfadfinder, und hol‘ mich der Teufel, wenn ich der Mann bin, der, sei es am Back- oder Steuerbord, um der ganzen Menschennatur willen, die in einem solchen zwanzigjährigen Naseweis steckt, auch nur einen Faden ab- oder angiere; – ja, auch nicht um aller willen« (er dämpfte hierbei seine Stimme ein wenig), »die in seiner Majestät fünfundfünfzigstem Regiment zu Fuß auf die Parade ziehen. Ich hab‘ mich nicht vierzig Jahre auf dem Meer ‚rumgetrieben, um hier auf diesem Fetzen Frischwasser zu lernen, was Menschennatur ist. – Wie diese Kühlte anhält! Sie bläst in diesem Augenblick so kräftig, als ob Boreas selber seine Schläuche quetschte. Und was ist das alles auf der Leeseite?« (er rieb die Augen) – »Land! So wahr ich Cap heiße – und dazu Hochland!«

Der Pfadfinder gab keine unmittelbare Antwort, betrachtete aber mit Kopfschütteln und ängstlicher Sorge den Gesichtsausdruck seines Gefährten.

»Land, so wahr wie dieses der Scud ist!« wiederholte Cap. »Ein Legerwall und noch dazu in der Entfernung von einer Stunde, mit einer so schönen Linie von Brandungen, wie man nur eine an dem Ufer von ganz Long-Island finden kann!«

»Und ist das ermutigend oder niederschlagend?« fragte der Pfadfinder.

»Ah! Ermutigend – niederschlagend! – ’s ist keines von beiden. Nein, nein! Ich kann nichts Ermutigendes daran sehen, und einen Seemann darf nichts niederschlagen. Es schlägt Euch wohl auch nichts nieder in den Wäldern, mein Freund?«

»Ich will das nicht sagen – ich will das nicht sagen. Wenn die Gefahr groß ist, so hab‘ ich die Gabe, sie zu sehen, zu erkennen und den Versuch zu ihrer Vermeidung zu machen, sonst würde wohl mein Skalp schon längst in dem Wigwam eines Mingo trocknen. Auf diesem See aber kann ich keine Spur sehen und muß mich daher unterwerfen, obgleich ich meine, wir sollten uns daran erinnern, daß eine Person wie Mabel Dunham an Bord ist. Doch da kommt ihr Vater und wird ohne Zweifel um sein Kind besorgt sein.«

»Wir sind da, glaub‘ ich, in einer bedenklichen Lage, Bruder Cap, soviel ich von den beiden Matrosen am Backbord entnehmen kann«, sagte der Sergeant, als er bei den beiden angelangt war. »Sie sagen mir, der Kutter könne kein Segel mehr führen, und die Abtrift sei so stark, daß sie uns in einer oder zwei Stunden ans Ufer werfen werde. Ich hoffe, daß ihre Furcht sie täuscht.«

Cap antwortete nicht, sondern blickte nur mit einem kläglichen Gesicht gegen das Land, worauf er sich jedoch mit dem Ausdruck der Entrüstung gegen den Wind kehrte, als ob er gerne mit dem Wetter Händel angefangen hätte.

»Es möchte wohl gut sein, Bruder«, fuhr der Sergeant fort, »nach Jasper zu schicken, um mit ihm über das zu beraten, was geschehen muß. Hier sind keine Franzosen zu fürchten, und möglicherweise wird uns der Junge doch vor dem Ertrinken retten.«

»Ja, ja, diese verwünschten Indizien haben uns in all dieses Ungemach geführt. Doch laßt den Burschen kommen, laßt ihn kommen. Einige gut angebrachte Fragen werden ihm wohl die Wahrheit entlocken – ich stehe dafür.«

Sobald die Zustimmung des starrköpfigen Cap erlangt war, wurde nach Jasper geschickt. Der junge Mann erschien sogleich und trug in seiner Miene wie auch seinem ganzen Äußeren den Ausdruck eines gekränkten und gedemütigten Gefühls, den jedoch einige der Beobachter als die Befangenheit der überführten Schuld betrachteten. Kaum war er auf dem Verdeck angelangt, so warf er einen schnellen ängstlichen Blick um sich, als ob er neugierig sei, die Lage des Kutters kennenzulernen, und dieser Blick schien hinreichend zu sein, ihm die ganze Gefahr zu enthüllen. Zuerst blickte er nach Seemannsweise gegen den Wind und sah sich dann rings am Horizont um, bis sein Auge auf dem leewärts gelegenen Hochland haften blieb, von wo aus ihm auf einmal die traurige Wahrheit in lebendigen Zügen vors Auge trat.

»Ich hab‘ nach Euch geschickt, Meister Jasper«, sagte Cap, indem er die Arme kreuzte und mit der ganzen Backbordwürde seines Körpers wiegte, »um was über den Hafen in unserem Lee zu erfahren, denn wir denken, Ihr werdet Euren Unwillen nicht so weit treiben, daß Ihr uns alle ersäuft sehen möchtet, zumal die Weiber. Auch denk‘ ich, Ihr werdet Manns genug sein, uns den Kutter auf ein sicheres Lager bringen zu helfen, bis dieses bißchen Kühlte zu blasen nachgelassen hat.«

»Ich wollte lieber zugrunde gehen, als daß Mabel Dunham ein Leid geschehen sollte«, antwortete der Jüngling mit ruhigem Ernst.

»Ich wußte es – ich wußte es!« rief der Pfadfinder, indem er Jasper freundlich auf die Schulter klopfte. »Der Junge ist so treu wie der beste Kompaß, der je an der Grenze war oder irgend jemanden von einer blinden Fährte half. Es ist eine Todsünde, etwas anderes zu glauben.«

»Hum!« rief Cap, »zumalen die Weiber! Als ob die in einer besonderen Gefahr wären. Doch es macht nichts, junger Mensch; wir werden einander verstehen, wenn wir wie ein paar ehrliche Seeleute miteinander reden. Kennt Ihr irgendeinen Hafen unter unserem Lee?«

»Nein. Es ist eine weite Bucht an diesem Ende des Sees; sie ist uns allen aber unbekannt und die Einfahrt schwierig.«

»Und diese Küste im Lee – sie hat nichts besonders Einladendes, denk‘ ich?«

»Es ist eine Wildnis, die auf der einen Seite bis zur Mündung des Niagara und auf der anderen zum Fort Frontenac reicht. Ich hab‘ mir sagen lassen, daß nördlich und westlich tausend Meilen weit nichts als Wälder und Prärien sind.«

»Gott sei Dank! Dann können doch keine Franzosen da sein. Sind auf dem Lande dort vielleicht viele Wilde um den Weg?«

»Man findet in allen Richtungen Indianer, obgleich sie nirgends sehr zahlreich sind. Man kann zufällig auf eine Partie an irgendeinem Punkt des Ufers stoßen, aber auch monatelang wandern, ohne einen einzigen zu sehen.«

»Nun, was diese Blaustrümpfe anbelangt, so müssen wir’s eben nehmen, wie’s kommt. Aber um offen mit Euch zu reden, Meister Western, wenn dieser kleine, unangenehme Vorfall mit den Franzosen nicht dazwischengekommen wäre – was würdet Ihr jetzt mit dem Kutter anfangen?«

»Ich bin ein viel jüngerer Schiffer als Ihr, Meister Cap«, sagte Jasper bescheiden, »und also kaum geeignet, hier eine Meinung zu äußern.«

»Ja, ja – wir wissen das wohl. In einem gewöhnlichen Fall vielleicht nicht. Aber das ist ein ungewöhnlicher Fall, ein Umstand, und dieses Stückchen Frischwasser hat sozusagen seine Eigentümlichkeiten. Ihr mögt also, wenn man es beim Licht betrachtet, wohl geeignet sein, hier Eure Ansichten auszusprechen, und wenn es gegen Euren Vater wäre. In jedem Falle könnt Ihr sprechen, und ich kann Eure Meinung meiner Erfahrung gemäß beurteilen.«

»Ich denke, Herr, daß der Kutter, ehe noch zwei Stunden vorüber sind, vor Anker gebracht werden sollte.«

»Vor Anker? – Doch nicht hier draußen auf dem See?«

»Nein, Herr, aber dort drinnen, in der Nähe des Landes.«

»Ihr wollt mir doch nicht weismachen, Meister Eau-douce, daß Ihr bei einer solchen Kühlte an einem Legerwall ankern würdet?«

»Wenn ich mein Schiff retten will, so kann ich nichts anderes tun.«

»Hu, hu-u! Das ist ein verteufeltes Frischwasser. Hört, junger Mensch, ich bin ein seefahrendes Tier gewesen, als Knabe und Mann, einundvierzig Jahre lang, und nie hab‘ ich von so was gehört; auch wollt‘ ich lieber alles Tauwerk über Bord werfen, ehe ich mich eines solchen Schuljungenstreiches schuldig machen würde!«

»Wir handeln so hier auf dem See, wenn wir hart gedrängt werden«, erwiderte Jasper bescheiden. »Vielleicht könnten wir etwas Besseres tun, wenn man’s uns gelehrt hätte.«

»Das möchte in der Tat der Fall sein! Nein, niemand wird mich veranlassen, eine solche Sünde gegen meine Erziehung zu begehen. Ich könnte ja nie wieder mein Gesicht innerhalb Sandy-Hook zeigen, wenn ich mir einen solchen Schülerstreich hätte zuschulden kommen lassen. Da hat sogar der Pfadfinder mehr Seemannslust in seinem Leib. Ihr könnt wieder hinuntergehen, Meister Eau-douce.«

Jasper verbeugte sich ruhig und schied. Als er jedoch die Leiter hinunterstieg, warf er, wie die Zuschauer bemerkten, zögernd einen ängstlichen Blick gegen den Horizont windwärts und gegen das Gestade im Lee, worauf er mit dem Ausdruck schweren Kummers in jedem Zug seines Gesichts verschwand.

Einleitung Coopers

Einleitung Coopers

Der Plan zu dieser Erzählung bot sich dem Autor schon vor Jahren dar, obgleich die Einzelheiten insgesamt von neuer Erfindung sind. Ich teilte einem Verleger die Idee mit, Seeleute und Wilde unter Verhältnissen, die den großen Seen eigentümlich wären, miteinander in Verbindung zu bringen, und übernahm somit gewissermaßen die Verpflichtung, irgendwann das Gemälde auszuführen: eine Verpflichtung, deren ich mich nun hiermit – freilich spät und unvollständig – entledige.

In dem Hauptcharakter dieses Romans wird der Leser einen alten Freund unter neuen Umständen finden. Sollte es sich erweisen, daß die Wiedereinführung dieses alten Bekannten ihn unter den veränderten Verhältnissen in der Gunst der Lesewelt nicht sinken läßt, so wird dies dem Verfasser ein um so größeres Vergnügen gewähren, als er an der fraglichen Person warmen Anteil nimmt – so als hätte sie einmal unter den Lebenden gewandelt. Es ist jedoch kein leichtes Unternehmen, denselben Charakter mit Beibehaltung der bezeichnenden Eigentümlichkeit in mehreren Werken durchzuführen, ohne Gefahr zu laufen, den Leser durch Gleichförmigkeit zu ermüden, und der gegenwärtige Versuch ist ebensosehr infolge derartiger Besorgnisse wie aus irgendeinem andern Grund so lange verzögert worden. Freilich, in diesem wie in jedem andern Unternehmen muß das Ende das Werk krönen.

Der indianische Charakter bietet so wenig Mannigfaltigkeit dar, daß ich es bei der gegenwärtigen Gelegenheit vermied, allzulange dabei zu verweilen; auch fürchte ich, seine Verbindung mit dem des Seemanns wird mehr neu als interessant erscheinen.

Dem Neuling mag es vielleicht als ein Anachronismus auffallen, daß ich schon in der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts Schiffe auf den Ontario versetze. In dieser Beziehung aber werden Tatsachen die poetische Lizenz hinreichend rechtfertigen. Zwar haben sich die in diesen Blättern erwähnten Fahrzeuge niemals weder auf dem Ontario noch auf einem andern Gewässer befunden; aber ganz ähnliche befuhren dieses Binnenmeer in einer noch viel früheren Zeit, und dies mag als hinreichende Berechtigung gelten, jene in ein Werk der Poesie einzuführen. Man erinnert sich vielleicht nicht allgemein des bekannten Umstands, daß es längs der Linie der großen Seen vereinzelte Stellen gibt, die ebensolange wie viele der ältesten amerikanischen Städte bewohnt sind und die lange, noch ehe der größere Teil selbst der ältern Staaten der Wildnis entrissen wurden, einen gewissen Grad von Zivilisation aufzuweisen vermochten.

Der Ontario ist in unsern Tagen der Schauplatz wichtiger nautischer Entwicklungen gewesen. Wo sich vor einem halben Jahrhundert nur eine öde Wasserfläche zeigte, haben Flotten manövriert, und der Tag ist nicht fern, wo diese Kette von Seen als der Sitz einer Macht und mit allem befrachtet erscheinen wird, dessen die menschliche Gesellschaft bedarf. Ein Rückblick auf das, was diese weiten Räume ehedem waren, und wäre es auch nur durch die farbigen Gläser der Dichtkunst, mag vielleicht einen Beitrag zu der Vervollständigung des Wissens geben, das uns allein zu einer richtigen Würdigung der wunderbaren Mittel führen kann, deren sich die Vorsehung bedient, um dem Fortschritt der Zivilisation über das ganze amerikanische Festland Bahn zu brechen.

Im Dezember 1839.

Neuntes Kapitel

Neuntes Kapitel

Es lag keine leere Prahlerei in dem Versprechen des Sergeanten Dunham. Ungeachtet der abgeschiedenen Lage des Grenzpostens erfreute sich doch seine Besatzung einer Tafel, um die sie in manchen Beziehungen von Königen und Fürsten hätte beneidet werden mögen. Zur Zeit unserer Erzählung und auch noch ein halbes Jahrhundert später war die, ganze weite Gegend, die man damals den Westen nannte und die seit dem Revolutionskrieg den Namen der ›neuen Länder‹ führt, vergleichungsweise unbevölkert und verlassen, obschon sie alle lebenden Naturprodukte, die diesem Klima angehören, mit Ausnahme des Menschen und der Haustiere, in üppiger Fülle hervorbrachte. Die wenigen Indianer, die in den Wäldern umherstreiften, vermochten den Überfluß an Wild nicht sichtlich zu vermindern, und die zerstreuten Garnisonen wie auch die einzelnen Jäger, auf die man hin und wieder traf, übten keinen größeren Einfluß aus als den einer Biene auf das Buchweizenfeld oder den des Kolibri auf ein Blumenbeet.

Die Erzählungen von der wunderbaren Menge der wilden Tiere, Vögel und Fische, die insbesondere an den Ufern der großen Seen gefunden wurden, werden durch die Erfahrung mancher noch lebenden Menschen bestätigt. Besonders war der Oswego geeignet, die Speisekammer eines Epikureers immer reichlich zu versorgen. Fische von verschiedener Art wimmelten in seinem Strom, und der Fischer durfte nur seine Leine auswerfen, um einen Barsch oder ein anderes Glied der mit Flossen versehenen Zunft herauszuholen, die in ebenso großer Menge das Wasser bevölkerte, in der die Luft über den Sümpfen dieser fruchtbaren Breite von Insekten erfüllt war. Unter andern stand der Lachs, eine Varietät der wohlbekannt ten Art, an Leckerhaftigkeit dem des nördlichen Europas kaum nach. Die Wälder und Wasser wimmelten von verschiedenen Zugvögeln, und man sah oft hunderte von Morgen Landes an den großen Buchten, die in die Ufer des Sees einschneiden, von Gänsen und Enten bedeckt. Hirsche, Bären, Kaninchen, Eichhörnchen und verschiedene andere Vierfüßler, unter denen sich auch bisweilen das Elentier befand, halfen die Summe der natürlichen Hilfsmittel vervollständigen, durch die sich die entfernten Grenzbesatzungen für ihre übrigen Entbehrungen mehr oder minder schadlos hielten.

An einem Ort, wo Fleischsorten, die anderswo unter die Luxusartikel gerechnet werden, in solchem Übermaß vorhanden waren, blieb niemand von ihrem Genuß ausgeschlossen. Der Geringste an dem Oswego speiste Wildbret, das den Glanz einer Pariser Tafel ausgemacht haben würde, und es war nur ein heilsamer Kommentar über die Launen des Geschmacks und die Verkehrtheit der menschlichen Begierden, daß die kräftige Diät, die unter andern Umständen ein Gegenstand des Neides und Ärgers gewesen wäre, den Appetit hier bis zum Ekel übersättigte. Die gewöhnliche rauhe Nahrung der Armee, die man wegen der Schwierigkeit des Transportes zu Rat halten mußte, stieg in der Achtung des gemeinen Soldaten, und er würde Wildbret, Enten, Tauben und Lachse mit Freuden verschmäht haben, um bei den Annehmlichkeiten des geräucherten Schweinefleisches, pelziger Rüben und halbgaren Kohls zu schwelgen.

Um auf die Tafel des Sergeanten Dunham zurückzukommen, so trug sie das Gepräge des Überflusses und des Luxus der Grenze wie auch ihrer Entbehrungen. Ein köstlich gebratener Lachs dampfte auf einer unzierlichen Platte, heiße Wildbretstückchen sandten ihre einladenden Düfte aus, und verschiedene Schüsseln kalter Speisen, die alle aus Wildbret bestanden, wurden den Gästen vorgesetzt, um den neuangekommenen Besuch zu ehren und des alten Soldaten Gastfreundlichkeit zu beweisen.

»Du scheinst in diesem Erdwinkel nicht karg gehalten zu werden, Sergeant«, sprach Cap, nachdem er sich in die Geheimnisse der verschiedenen Schüsseln eingeweiht hatte. »Ein solcher Lachs kann deine Schottländer wohl zufriedenstellen.«

»Und doch tut er’s nicht, Bruder Cap; denn unter den zwei- oder dreihundert Burschen, die wir in dieser Garnison haben, gibt’s kaum ein halbes Dutzend, die nicht darauf schwören würden, daß dieser Fisch ungenießbar sei. Selbst solche, die nie Wildbret kosteten, wenn sie’s nicht in ihrer Heimat aus irgendeinem Gehege stahlen, rümpfen ihre Nasen über die saftigsten Hirschkeulen, die wir hier bekommen können.«

»Ja, das ist Christennatur«, warf Pfadfinder ein, »und ich muß sagen, sie gereicht ihnen nicht zur Ehre. Eine Rothaut ist nie unzufrieden, sondern immer dankbar für die Nahrung, die sie findet, mag sie nun fett oder mager, Hochwild oder Bär, die Brust eines wilden Puters oder der Flügel einer Wildgans sein. Zur Schande der Weißen muß man’s sagen, daß wir so unzufrieden mit den Segnungen sind und unbedeutende Übel als Dinge von großer Wichtigkeit betrachten.«

»Es ist so, wenigstens beim Fünfundfünfzigsten, obschon ich von seinem Christentum nicht viel sagen kann«, erwiderte der Sergeant. »Selbst der Major, der alte Duncan of Lundie, pflegt bisweilen zu sagen, ein Haferkuchen sei eine bessere Speise als der Oswegobarsch, und seufzt dabei nach einem Schluck Hochlandwasser, obschon er den ganzen Ontario hat, um seinen Durst zu löschen, wenn es ihn danach gelüstet.«

»Hat Major Duncan Frau und Kinder?« fragte Mabel, deren Gedanken sich in ihrer neuen Lage natürlicherweise zuerst auf ihr eigenes Geschlecht richteten.

»Nein, Mädchen, aber man sagt, er habe eine Verlobte in der Heimat. Die Dame scheint jedoch lieber warten als sich den Beschwerlichkeiten unterziehen zu wollen, die mit einem Dienst in dieser wilden Gegend verbunden sind. Es entspricht das freilich nicht den Begriffen, die ich von den Pflichten eines Weibes habe, Bruder Cap. Deine Schwester dachte anders, und wenn’s Gott gefallen hätte, sie mir zu erhalten, so würde sie wohl in diesem Augenblick auf demselben Lagerstuhl sitzen, der nun ihrer Tochter so gut ansteht.«

»Ich hoffe nicht, Sergeant, daß du dir Mabel je als ein Soldatenweib denken wirst«, erwiderte Cap ernsthaft. »Unsere Familie hat in dieser Beziehung das ihrige schon getan, und es ist hohe Zeit, daß man sich auch das Meer wieder ins Gedächtnis ruft.«

»Ich kann dir versichern, Bruder, daß ich nicht dran denke, ihr einen Mann aus dem Fünfundfünfzigsten oder irgendeinem andern Regiment auszusuchen, obschon ich glaube, daß es für das Mädel wohl Zeit wäre, eine anständige Partie zu treffen.«

»Vater!«

»Es ist ihr nicht lieb, Sergeant, so offen über so was zu sprechen«, sagte der Pfadfinder, »denn ich hab‘ mich aus Erfahrung überzeugt, daß man nicht seine Gedanken laut werden lassen darf, wenn man der Herzensneigung einer Jungfrau nachspüren will. Wir wollen daher, wenn’s beliebt, von was anderem reden.«

»Gut also, Bruder Cap; ich hoffe, daß dieses Stückchen von einem kalten, gerösteten Ferkel nach deinem Sinn ist. Ich glaube, du liebst diese Speise.«

»Ja, ja, gib mir eine zivilisierte Kost, wenn ich essen soll«, erwiderte der hartnäckige Seemann. »Wildbret ist gut genug für Eure Landschiffer, aber wir von dem Ozean lieben das, was wir kennen.«

Hier legte der Pfadfinder Messer und Gabel nieder, brach in sein herzliches, aber stilles Lachen aus und fragte dann etwas neugierig:

»Vermißt ihr nicht die Schwarte, Meister Cap, vermißt Ihr nicht die Schwarte?«

»Ich glaube selber, daß es in seiner Jacke besser gewesen wäre, Pfadfinder; aber ich hielt’s für eine Mode in den Wäldern, die Ferkel so aufzutragen.«

»Nun, nun – man kann um die ganze Erde herumkommen und doch nicht alles wissen. Wenn Ihr die Haut dieses Ferkels hättet abziehen müssen, so möchtet Ihr wohl wunde Hände davongetragen haben. Das Geschöpf ist ein Stachelschwein.«

»Die Pest auf mich, wenn ich’s je für ein ganz natürliches Schwein gehalten habe«, erwiderte Cap. »Aber ich dachte eben, daß sogar ein Spanferkel hier oben in den Wäldern einige von seinen guten Eigenschaften verloren haben könnte. Es schien mir nicht mehr als vernünftig, daß ein Frischwasserschwein nicht ganz so gut sei wie ein Salzwasserschwein. Ich denk‘ aber, Sergeant, daß dir das nichts ausmacht.«

»Wenn nur das Hautabstreifen nicht an mich kommt, Schwager. – Pfadfinder, ich hoffe, Ihr fandet Mabel nicht ungehorsam auf dem Marsch?«

»Gewiß nicht. Wenn Mabel nur halb so zufrieden mit Jasper und Pfadfinder ist wie der Pfadfinder und Jasper mit ihr, Sergeant, so werden wir wohl für den Rest unserer Tage Freunde bleiben.«

Während der Waldläufer sprach, richtete er seine Augen mit dem unschuldigen Wunsch, ihre Meinung zu erfahren, auf das errötende Mädchen; dann aber blickte er mit einem angeborenen Zartgefühl, das über das Verlangen erhaben ist, in das Heiligtum weiblicher Gefühle einzudringen, auf seinen Teller und schien seine Kühnheit zu bereuen.

»Nun, nun – wir müssen uns erinnern, mein Freund, daß Weiber keine Männer sind«, sagte der Sergeant, »und ihrer Natur und Erziehung manches zugut halten. Ein Rekrut ist kein Veteran. Man weiß, daß es länger braucht, einen guten Soldaten als etwas anderes zu bilden, und so muß es auch mehr als gewöhnliche Zeit brauchen, eine gute Soldatentochter zu werden.«

»Das ist eine neue Lehre, Sergeant«, sagte Cap etwas hochmütig. »Wir alten Seeleute halten eher dafür, daß man sechs Soldaten, und dazu Kapitalsoldaten, bilden könne, bis nur ein Matrose seine Schule durchgemacht hat.«

»Ja, ja, Bruder Cap, ich kenne die hohe Meinung ein wenig, die die seefahrenden Leute von sich selbst haben«, erwiderte der Schwager mit einem so milden Lächeln, wie es sich mit seinen ernsten Zügen vertrug, »denn ich habe manche Jahre in einer Hafengarnison zugebracht. Wir haben früher schon über diesen Gegenstand gesprochen, und ich fürchte, wir werden nie drüber einig werden. Wenn du aber den Unterschied zwischen einem wirklichen Soldaten und einem Menschen kennenlernen willst, der sich sozusagen noch in seinem Naturzustand befindet, so darfst du bloß heute nachmittag bei der Parade einen Blick auf ein Bataillon des Fünfundfünfzigsten werfen und dann, wenn du nach York zurückkommst, eines von den Milizregimentern betrachten, wenn es seine größten Anstrengungen macht.«

»Nun, Sergeant, da ist in meinen Augen kein besonderer Unterschied, vielleicht kein größerer als der, den du zwischen einer Brigg und einer Schnaue finden würdest. Mir kommen sie ganz gleich vor; Scharlach und Federn, Pulver und Pfeifenerde.«

»Soweit reicht allenfalls eines Seemanns Verstand«, erwiderte der Sergeant mit Würde; »aber vielleicht hast du noch nicht bemerkt, daß es ein Jahr braucht, um einen rechten Soldaten nur essen zu lehren?«

»Um so schlimmer für ihn. Die Miliz weiß sich im Augenblick drein zu finden, wie sie essen soll, denn ich hab‘ oft gehört, daß sie auf ihren Märschen alles, was ihnen in den Wurf kommt, verspeisen, wenn sie auch sonst nichts weiter tun.«

»Ich denke, sie haben ihre Gaben wie andere Leute«, bemerkte der Pfadfinder in der Absicht, den Frieden zu erhalten, der augenscheinlich durch die hartnäckige Vorliebe der beiden Sprecher für ihren Beruf gefährdet war, »und da der Mensch seine Gaben von der Vorsehung hat, so ist’s gewöhnlich fruchtlos, ihnen zu widerstreben. Das Fünfundfünfzigste, Sergeant, ist ein sehr verständiges Regiment, was das Essen anbelangt, wie ich wohl weiß, da ich solange schon mit ihm umgehe; aber vielleicht findet sich’s, daß es von dem Milizkorps in derartigen Kunststücken übertroffen wird.«

»Onkel«, sagte Mabel, »wenn Ihr gefrühstückt habt, so werd‘ ich’s Euch Dank wissen, wenn Ihr mich wieder auf das Bollwerk hinaus begleitet. Wir haben beide den See noch nicht halb gesehen, und es würde sich doch schlecht ausnehmen, wenn ein junges Mädchen am ersten Tag ihrer Ankunft so ganz allein um das Fort spazieren müßte.«

Cap verstand Mabels Absicht wohl. Da er aber im Grunde gegen seinen Schwager eine herzliche Freundschaft hegte, so war er bereit, den Gegenstand beruhen zu lassen, bis sie länger beisammen gewesen wären; denn der Gedanke, ihn ganz aufzugeben, konnte einem so überklugen und hartnäckigen Mann nicht in den Sinn kommen. Er begleitete daher seine Nichte, während Sergeant Dunham und sein Freund Pfadfinder allein miteinander zurückblieben.

Der Sergeant, der das Manöver seiner Tochter nicht ganz so gut verstanden hatte, wandte sich nach dem Abzug seines Gegners an seinen Gefährten und bemerkte mit einem Lächeln, das nicht ohne Triumph war:

»Die Armee, Pfadfinder, hat sich noch nie in Behauptung ihrer Rechte Gerechtigkeit widerfahren lassen, und obgleich jedem Bescheidenheit ziemt, mag er nun in einem roten oder in einem schwarzen Rock oder gar nur in seinen Hemdärmeln stecken, so laß ich doch nicht gerne eine gute Gelegenheit entschlüpfen, um zu ihren Gunsten ein Wort zu sprechen. – Na, mein Freund«, er legte dabei seine Hand auf die des Pfadfinders und drückte sie herzlich, »wie gefällt Euch das Mädel?«

»Ihr habt Ursache, stolz auf sie zu sein, Sergeant, stolz zu sein, daß Ihr der Vater eines so schönen und wohlgesitteten jungen Mädelchens seid. Ich hab‘ manche ihres Geschlechts gesehen und darunter einige recht hübsche; aber bis jetzt traf ich mit keiner zusammen, bei der, wie ich glaube, die Vorsehung die verschiedenen Gaben in ein solches Gleichgewicht gebracht hatte.«

»Und die gute Meinung – das kann ich Euch versichern, Pfadfinder – ist wechselseitig. Sie erzählte mir in der letzten Nacht alles von Eurer Besonnenheit, Eurem Mut, Eurer Güte – besonders von dieser letzteren, denn Güte zählt bei Weibern mehr als die Hälfte, mein Freund – und die erste Beschauung scheint auf beiden Seiten befriedigend ausgefallen zu sein. Bürstet nur die Uniform aus und verwendet mehr Aufmerksamkeit auf das Äußere, Pfadfinder, und Ihr werdet das Mädchen haben, Herz und Hand.«

»Nein, nein, Sergeant, ich habe nichts von dem vergessen, was Ihr mir gesagt habt, und ich will mich keine vernünftige Mühe reuen lassen, in Mabels Augen so angenehm zu erscheinen, wie sie den meinigen geworden ist. Diesen Morgen, mit Sonnenaufgang, hab‘ ich Wildtod geputzt und aufpoliert, und nach meinem Urteil, hat das Gewehr nie besser als in diesem Augenblick ausgesehen.«

»Das ist so Euren Jägerbegriffen gemäß, Pfadfinder; aber Feuerwaffen müssen schimmern und funkeln in der Sonne, und ich hab‘ nie was Schönes an einem damaszierten Lauf erblicken können.«

»Lord Howe dachte anders, Sergeant, und der galt doch für einen guten Soldaten.«

»Sehr wahr; seine Herrlichkeit hat alle Läufe seines Regiments anlaufen lassen; aber was kam dabei Gutes heraus? Ihr könnt seinen Wappenschild in der englischen Kirche zu Albany hängen sehen. Nein, nein, mein würdiger Freund, ein Soldat muß ein Soldat sein und nie sich schämen oder scheuen, die Zeichen und Symbole seines ehrenwerten Gewerbes an sich zu tragen. Habt Ihr Euch viel mit Mabel unterhalten, als Ihr in dem Kahn miteinander führet?«

»Es gab nicht viel Gelegenheit dazu, Sergeant, und dann fand ich meine Gedanken soweit unter den ihren, daß ich mich scheute, viel mehr, als was in den Bereich meiner Kenntnisse fällt, zu sprechen.«

»Da habt Ihr teilweise recht und teilweise unrecht, mein Freund. Die Frauenzimmer lieben unbedeutende Diskurse, denn sie wollen den größten Teil davon selber führen. Ihr wißt ja, daß ich nicht der Mann bin, der wegen jedes schwindligen Gedankens seine Zunge schießen läßt, und doch gab’s eine Zeit, wo Mabels Mutter nicht geringer von mir dachte, weil ich ein bißchen von meinem männlichen Ernst abfiel. Es ist wahr, ich war damals um zweiundzwanzig Jahre jünger als jetzt, und obendrein, statt der älteste Sergeant im Regiment zu sein, war ich der jüngste. Würde ist allerdings empfehlend und nützlich, und ohne sie macht man keine Fortschritte bei den Männern; wenn Ihr aber auch von den Weibern geschätzt werden wollt, so ist es durchaus nötig, gelegentlich ein bißchen zu ihnen hinunter zu steigen.«

»Ah, Sergeant! ich fürchte bisweilen, daß es nicht gehen wird.«

»Warum denkt Ihr von einer Sache so entmutigend, bei der ich der Meinung war, daß beider Gemüter schon im reinen seien?«

»Wir sind übereingekommen, daß ich – wenn sich Mabel als solche bewähre, wie Ihr sie mir geschildert habt, und sie einen rauhen Jäger und Kundschafter gerne haben könne – daß ich von meinen Wanderzügen etwas ablassen und den Versuch machen solle, meinen Geist für Weib und Kind herab zu humanisieren. Aber seit ich das Mädchen gesehen habe, sind mir, ich muß es gestehen, manche Besorgnisse aufgestiegen.«

»Was soll das?« fiel der Sergeant ernst ein. »Hab‘ ich Euch etwa unrecht verstanden, als Ihr sagtet, sie gefiel‘ Euch? – Und ist Mabel ein Mädchen, um die Erwartung zu täuschen?«

»Ach, Sergeant, nicht Mabel ist’s, der ich mißtraue, sondern meine eigene Wenigkeit. Ich bin weiter nichts als ein armer unwissender Waldmann und vielleicht doch in Wirklichkeit nicht so gut, wie eben Ihr und ich von mir denken mögen?«

»Wenn Ihr auch an der Richtigkeit Eures Urteils über Euch zweifeln mögt, Pfadfinder, so muß ich bitten – zweifelt wenigstens nicht an dem meinen. Sollte ich etwa nicht der Mann sein, eines Mannes Charakter zu beurteilen? Gehört dieses nicht zu meinen besonderen Dienstverrichtungen? Hab‘ ich mich je getäuscht? Fragt den Major Duncan, wenn Ihr noch besonderer Versicherungen bedürft.«

»Aber, Sergeant, wir sind lange Freunde gewesen, haben dutzend Mal Seite an Seite gefochten, und jeder hat dem andern manchen Dienst erwiesen. Unter solchen Umständen kann ein Mann wohl allzu freundlich von einem andern denken, und ich fürchte, daß die Tochter einen einfachen unwissenden Jäger vielleicht nicht mit den wohlwollenden Blicken ihres Vaters betrachtet.«

»Still, still, Pfadfinder, Ihr kennt Euch selbst nicht und mögt Euch deshalb getrost auf mein Urteil verlassen. Einmal habt Ihr Erfahrung, und da diese allen Mädchen abgeht, so wird kein kluges junges Frauenzimmer diese Eigenschaft übersehen. Dann seid Ihr keiner von den Gecken, die sich breit machen, sobald sie in ein Regiment geschmeckt haben, wohl aber ein Mann, der den Dienst gesehen hat und die Merkmale davon an seiner Person und in seinem Gesicht mit herumträgt. Ich darf sagen, daß Ihr etliche dreißig oder vierzig Male im Feuer gestanden seid, wenn ich alle die Scharmützel und Hinterhalte, die Ihr gesehen habt, in Rechnung bringe.«

»Wohl wahr, Sergeant, wohl wahr; aber was wird das helfen bei der Gewinnung des Wohlwollens eines zartherzigen jungen Frauenzimmers?«

»Es wird den Ausschlag geben. Erfahrung im Feld ist so gut für die Liebe wie für den Krieg. Ihr seid ein so ehrenhafter und loyaler Untertan, wie der König – Gott segne ihn! – nur immer einen haben kann.«

»Das mag alles sein, das mag alles sein; aber ich bin – ich fürchte ich bin zu rauh und zu alt und zu wildartig, um für die Phantasie eines so jungen und feinen Mädchens wie Mabel zu passen, die der Weise unserer Wälder zu ungewohnt ist und wohl denken wird, daß die Ansiedlungen ihren Gaben und Neigungen besser zusagen.«

»Das sind wieder neue Zweifel von Euch, Freund, und ich wundre mich, daß sie nie vorher paradierten.«

»Weil ich vielleicht nie meine eigene Wertlosigkeit so erkannte, bis ich Mabel sah. Ich bin wohl mit einigen Schönen gewandert und hab‘ sie durch die Wälder geführt – hab‘ sie in ihren Gefahren und in ihrer Heiterkeit gesehen; aber sie standen immer zu hoch über mir, um sie anders zu betrachten, als wie Wehrlose, die zu beschützen und zu verteidigen ich mich verpflichtet hatte. Der Fall ist nun verschieden. Mabel und ich, wir stehen uns so nahe, daß es mich fast erdrückt, uns so ungleich finden zu müssen. Ich wünschte, Sergeant, daß ich um zehn Jahre jünger, schöner und geeigneter wäre, einem jungen, hübschen Frauenzimmer zu gefallen.«

»Faßt Mut, mein braver Freund, und verlaßt Euch auf einen Vater, der die Weiberart kennt. Mabel liebt Euch bereits halb, und so eine Bekanntschaft von vierzehn Tagen da unten an den Inseln wird die andere Hälfte vollends ganz machen. Das Mädchen hat mir das in der letzten Nacht selbst gesagt.«

»Ist’s möglich, Sergeant?« sagte Pfadfinder, dessen demütige und bescheidene Natur zurückbebte, als er sich selbst in so günstigen Farben erblickte. »Ist’s wirklich möglich? Ich bin nur ein armer Jäger, und Mabel ist dazu gemacht, eine Offiziersfrau zu werden. Glaubt Ihr, das Mädchen werde einwilligen, alle die beliebten Gebräuche der Ansiedlungen zu verlassen, ihre Visiten, ihre Kirchgänge, um mit einem einfachen Waldläufer und Jäger hier oben in den Wäldern zu wohnen? Wird sie nicht am Ende ihre alte Lebensweise und einen besseren Mann begehren?«

»Ein besserer Mann, Pfadfinder, dürfte schwer zu finden sein«, erwiderte der Vater. »Was die Stadtbräuche anlangt, so werden diese bald in der Freiheit der Wälder vergessen sein, und Mabel hat Mut genug, um an der Grenze zu wohnen. Ich hab‘ den Plan zu der Heirat nicht entworfen, ohne vorher darüber, wie ein General bei einem Feldzug, reiflich nachzudenken. Fürs erste dachte ich daran, Euch in das Regiment zu bringen, daß Ihr mein Nachfolger werden könnt, wenn ich mich zurückziehe, was früher oder später geschehen muß; aber das braucht noch Überlegung, Pfadfinder, denn ich glaube kaum, daß Ihr dem Dienst gewachsen seid. Nun, wenn Ihr aber auch nicht gerade ein Soldat im vollen Sinne des Wortes seid, so seid Ihr doch ein Soldat im besten Sinne, und ich weiß, daß Ihr Euch des Wohlwollens aller Offiziere im Korps erfreut. Solang‘ ich lebe, kann Mabel bei mir wohnen, und Ihr werdet immer eine Heimat haben, wenn Ihr von Euren Kundschaftsreisen und Märschen zurückkommt.«

»Ein schöner Gedanke, Sergeant, wenn nur das Mädchen unsern Wünschen mit gutem Willen entgegenkommen kann. Aber ach! Es scheint mir nicht, daß ein Mensch wie ich ihren schönen Augen besonders angenehm sein werde. Wenn ich jünger und schöner wäre, wie zum Beispiel der Jasper Western, so möchte die Sache wohl ein andres Gesicht bekommen; ja, dann – in der Tat, möchte es ein bißchen anders aussehen.«

»Das für den Jasper Eau-douce und für jeden jungen Bursch innerhalb oder außerhalb des Forts!« erwiderte der Sergeant, indem er mit den Fingern schnippte. »Wenn Ihr auch nicht in Wirklichkeit zu den Jungen gehört, so seht Ihr doch wie ein Junger aus und jedenfalls besser als der Scudsmeister –«

»Wie?« sagte Pfadfinder, indem er auf seinen Gefährten mit dem Ausdruck des Zweifels blickte, als ob er seine Meinung nicht verstanden hätte.

»Ich sage nicht gerade jünger an Tagen und Jahren, aber Ihr seht kräftiger und sehniger aus als Jasper oder einer von diesen; und es wird noch in dreißig Jahren mehr an Euch sein als an allen diesen Burschen zusammengenommen. Ein gutes Gewissen macht einen Mann wie Ihr sein ganzes Leben über zu einem Jüngling.«

»Jasper hat ein so reines Gewissen wie irgendein Jüngling aus meiner Bekanntschaft, Sergeant; und er wird sich deshalb wahrscheinlich solange jung erhalten wie nur irgendeiner in den Kolonien.«

»Zudem seid Ihr –«, er drückte dabei die Hand des anderen – »mein erprobter, geschworener und langjähriger Freund.«

»Ja, wir sind nun Freunde, fast an zwanzig Jahre, Sergeant – ehe noch Mabel geboren war.«

»Ganz recht – ehe noch Mabel das Licht erblickte, waren wir schon geprüfte Freunde, und das Weibsbild wird sich doch nicht einfallen lassen, einen Mann auszuschlagen, der schon ihres Vaters Freund war, ehe sie zur Welt kam?«

»Wer weiß, Sergeant, wer weiß. Gleich und gleich gesellt sich. Junge ziehen die Gesellschaft der Jungen und Alte die Gesellschaft der Alten vor.«

»Das ist nicht so bei Weibern, Pfadfinder. Ich hab‘ noch keinen alten Mann gesehen, der was gegen ein junges Weib einzuwenden gehabt hätte. Zudem seid Ihr geachtet und geschätzt von jedem Offizier im Fort, wie ich bereits gesagt habe, und es wird ihr schmeicheln, einen Mann zu lieben, den alle anderen lieben.«

»Ich hoffe, daß ich keine anderen Feinde habe als die Mingos«, erwiderte Pfadfinder, indem er sich die Haare niederstrich und gedankenvoll weitersprach. »Ich hab’s versucht, recht zu handeln, und das muß Freunde machen, obschon es bisweilen auch fehlschlägt.«

»Auch muß man sagen, daß Ihr Euch stets zu der besten Gesellschaft haltet. Der alte Duncan of Lundie freut sich, so oft er Euch sieht, und Ihr bringt oft ganze Stunden bei ihm zu. Von allen Kundschaftern setzt er in Euch das größte Vertrauen.«

»Ja, es sind wohl noch Größere als er ist tagelang an meiner Seite marschiert und haben sich mit mir unterhalten, als ob ich ihr Bruder wäre; aber, Sergeant, ich hab‘ mir nie was auf ihre Gesellschaft eingebildet, denn ich weiß wohl, daß die Wälder oft eine Gleichheit hervorbringen, die man in den Ansiedlungen vergeblich suchen würde.«

»Zudem kennt man Euch als den besten Büchsenschützen, der je in dieser Gegend den Drücker berührt hat.«

»Wenn Mabel um dieser Eigenschaft willen einen Mann lieben könnte, so hätte ich keine besondere Ursache zu verzweifeln; und doch, Sergeant, denk‘ ich bisweilen, daß ich das eher dem Gewehr, als meiner eigenen Geschicklichkeit zuschreiben müsse. Es ist gewiß ein wunderbares Gewehr und würde in den Händen eines anderen wohl dieselben Dienste tun.«

»Das ist wieder die demütige Meinung, die Ihr von Euch selbst hegt, Pfadfinder; aber wir haben mit der nämlichen Waffe zu viele fehlen sehen, und Ihr habt so oft mit den Büchsen anderer gut getroffen, als daß ich da Eurer Meinung sein könnte. Wir wollen in einem oder zwei Tagen ein Wettschießen halten, wo Ihr Eure Geschicklichkeit zeigen könnt, und dann mag sich Mabel ein Urteil über Euren wahren Charakter bilden.«

»Wird das aber auch gut sein, Sergeant? Jedermann weiß, daß der Wildtod selten fehlt. Müssen wir daher einen derartigen Versuch machen, wenn alle schon vorher wissen, was das Resultat sein wird?«

»Still, still da. Ich sehe voraus, daß ich die Werbung für Euch zur Hälfte selbst machen muß. Denn ich hab‘ doch schließlich das Mädel hauptsächlich mit aus diesem Grunde hierher kommen lassen, um ihm einen braven Mann zu geben. Still, still! Für einen Mann, der bei einem Gefecht immer innerhalb des Pulverdampfes stand, seid Ihr der feigherzigste Freier, der mir je vorgekommen ist! Erinnert Euch, daß Mabel aus einer kühnen Familie stammt, und Mabel wird ebensogern einen Mann bewundern, wie ehedem ihre Mutter.«

Hier erhob sich der Sergeant und entfernte sich, ohne sich zu entschuldigen, um seinem Dienst, an dem er es nie fehlen ließ, nachzukommen. Das Verhältnis, in dem der Pfadfinder zu allem in der Garnison stand, ließ diese Freiheit als ganz natürlich erscheinen.

Zehntes Kapitel

Zehntes Kapitel

Eine Woche verging in der gewöhnlichen Weise eines Garnisonlebens. Mabel gewöhnte sich an ihre Lage, die sie im Anfang nicht nur neu, sondern auch ein wenig lästig gefunden hatte. Die Offiziere und Soldaten machten sich der Reihe nach allmählich mit der Anwesenheit eines jungen und blühenden Mädchens vertraut, dessen Anmut und Betragen das Gepräge einer bescheidenen höheren Bildung an sich trug, die sie dem Aufenthalt in der Familie ihrer Beschützerin verdankte. Dabei ließ sie sich wenig beunruhigen durch die schlecht verhehlte Bewunderung dieser Leute, indem sie deren Achtungsbeweise gern auf Rechnung ihres Vaters schrieb, obschon sie ihr lediglich ihres eigenen bescheidenen, aber würdevollen Benehmens willen gezollt wurden.

Bekanntschaften, die in einem Urwald oder unter Umständen von ungewöhnlicher Aufregung gemacht werden, erreichen bald ihre Grenzen. Mabel fand den Aufenthalt einer Woche an dem Oswego hinreichend, ihr alle die zu bezeichnen, mit denen sie einen vertraulichem Umgang wünschen konnte, und auch alle, die sie meiden mußte. Die gewissermaßen neutrale Stellung, die ihr Vater einnahm, da er kein Offizier war und doch so weit über dem gemeinen Soldaten stand, um diese beiden militärischen Klassen von ihr fern zu halten, verminderte die Zahl derer, mit denen sie sich bekannt machen mußte, und machte ihr die Entscheidung verhältnismäßig leicht. Doch bemerkte sie bald, daß es selbst unter denen, die auf einen Sitz an der Tafel des Kommandanten Anspruch machen konnten, einige gab, die nicht abgeneigt waren, um der Neuheit einer gewandten Figur und eines artigen, gewinnenden Gesichtes willen die Hellebarde des Unteroffiziers zu übersehen, und nach den ersten zwei oder drei Tagen hatte sie ihre Bewunderer auch unter den Vornehmeren der Garnison. Besonders war der Quartiermeister, ein Soldat von mittlerem Alter, der schon mehr als einmal die Segnungen des Ehestandes versucht hatte, zur Zeit aber als Witwer lebte, augenscheinlich bemüht, mit dem Sergeanten in ein noch vertrauteres Verhältnis zu treten, als es schon durch die Pflicht des Dienstes bestand. Die Jüngeren seiner Kameraden ermangelten daher nicht, ihre Bemerkungen zu machen, als dieser methodische Mann, der ein Schotte war und of Muir hieß, die Quartiere seines Untergeordneten öfter als bisher besuchte. Ein Gelächter oder ein Scherz zu Ehren der »Sergeantentochter« machte dann gewöhnlich den Schluß ihrer Witzeleien, obgleich »Mabel Dunham« bald ein Toast wurde, den kein Fähnerich oder Leutnant auszubringen Anstand nahm.

Am Ende der Woche ließ Duncan of Lundie nach dem Abendverlesen den Sergeanten Dunham eines Geschäftes wegen rufen, das, wie es hieß, einer persönlichen Besprechung bedurfte. Der alte Veteran wohnte in einer beweglichen Baracke, die er nach Belieben umherschieben lassen konnte, da sie auf Rädern stand, so daß er das eine Mal in diesem, das andere Mal in jenem Teile des innern Raumes der Feste sein Quartier hielt. Bei der gegenwärtigen Gelegenheit hatte er so ziemlich im Mittelpunkt haltgemacht, und hier fand ihn sein Untergebener, der, ohne lange im Vorzimmer warten zu müssen, eintreten durfte. In der Tat war auch nur ein sehr geringer Unterschied in der Beschaffenheit der Offizierswohnungen und denen der Mannschaft.

Erstere hatten nur den größeren Raum voraus, und Mabel mit ihrem Vater wohnte fast – wo nicht ganz – ebensogut wie der Kommandant des Platzes selbst.

»Herein, Sergeant, herein, mein guter Freund«, sagte der alte Lundie herzlich, als sein Untergebener in respektvoller Haltung an der Tür von einer Art Bibliothek- und Schlafzimmer stehenblieb. »Herein, und nehmt auf diesem Stuhl da Platz. Ich habe nach Euch geschickt, Mann, aber nicht, um diesen Abend von den Zahlungslisten mit Euch zu sprechen. Wir sind nun schon so manches Jahr Kameraden gewesen, und so eine lange Bekanntschaft alter Burschen mag doch für etwas gelten, zumal zwischen einem Major und seiner Ordonnanz, einem Schotten und einem Yankee. Sitzt nieder, Mann, und macht’s Euch bequem. – Es ist ein schöner Tag gewesen, Sergeant.«

»Freilich, Major Duncan«, erwiderte der andere, der sich zwar anschickte, Platz zu nehmen, doch viel zu erfahren war, um nicht zu wissen, welchen Grad von Achtung er zu beobachten habe; »ein sehr schöner Tag ist heute gewesen, Sir, und wir möchten wohl gerne noch mehrere solche in dieser Jahreszeit sehen.«

»Ich hoffe das von Herzen. Die Früchte sehen, gut aus, Mann, und Ihr werdet finden, daß das Fünfundfünfzigste fast ebenso gute Bauern wie Soldaten bildet. Ich sah nie bessere Kartoffeln in Schottland, als die sind, die wir wahrscheinlich von unserem Neubruch kriegen werden.«

»Sie versprechen einen guten Ertrag, Major Duncan, und in dieser Hinsicht einen behaglicheren Winter, als der letzte war.«

»Das Leben ist fortschreitend, Sergeant, in seinen Bequemlichkeiten sowohl als in den Bedürfnissen. Wir werden alt und fangen an, auf den Rückzug und an ein Ruheplätzchen zu denken. Ich fühle, daß meine Arbeitstage bald vorüber sind.«

»Der König, Gott segne ihn, hat noch einen guten Diener in Euer Gnaden.«

»Kann sein, Sergeant Dunham, besonders wenn sich’s zutragen sollte, daß eine Oberstleutnantsstelle für mich übrig bleibt.«

»Das Fünfundfünfzigste wird sich geehrt fühlen an dem Tage, wo das Patent Duncan of Lundie übertragen wird, Sir.«

»Und Duncan of Lundie wird sich geehrt fühlen an dem Tage, wo er’s erhält. Aber wenn Ihr auch nie eine Oberstleutnantsstelle hattet, so habt Ihr doch ein gutes Weib gehabt, und das ist das Nächste nach dem Rang, um einen Mann glücklich zu machen.«

»Ich bin verheiratet gewesen, Major Duncan; aber es ist schon so lange her, daß ich keinen Vorbehalt mehr habe vor der Liebe, die ich für Seine Majestät und meine Pflicht hege.«

»Was, Mann, nicht einmal die Liebe, die Ihr gegen die kleine, fixe und rundliche Tochter hegt, die ich in den letzten paar Tagen im Fort gesehen habe? Pfui, Sergeant! So ein alter Bursch‘ ich bin, so könnt‘ ich doch fast das Mädel selbst lieb haben und die Oberstleutnantsstelle zum Teufel schicken.«

»Wir wissen alle, wo Major Duncans Herz ist; das weilt in Schottland, wo eine schöne Dame bereit ist, ihn glücklich zu machen, sobald es sein eigenes Pflichtgefühl zuläßt.«

»Ach, die Hoffnung liegt immer fern«, erwiderte der Oberst, indes ein Schatten von Melancholie über seine harten schottischen Züge glitt, »und das hübsche Schottland ist ein fernes Land. Nun, wenn wir auch keine Heiden und kein Hafermehl in dieser Gegend haben, so haben wir doch Hochwild zu schießen und Lachse in einer Fülle, wie zu Berwick überm Tweed. Ist’s wahr, Sergeant, daß sich die Mannschaft beklagt, weil sie in der letzten Zeit überwildbretet und übertäubt worden sei?«

»Seit einigen Wochen nicht, Major Duncan, denn weder Hirsche noch Vögel sind in dieser Jahreszeit so häufig wie sonst. Sie fängt zwar an, ihre Bemerkungen über den Lachs zu machen, aber ich denke, wir werden ohne irgend ernsthafte Störung wegen der Kost durch den Sommer kommen. Nur die Schotten in dem Bataillon sprechen mehr als klug ist über den Mangel an Hafermehl und murren gelegentlich über unser Weizenbrot.«

»Ah! das ist die menschliche Natur, Sergeant – reine, unverfälschte schottische Menschennatur. Ein Haferkuchen, Mann, ist wirklich ein angenehmer Bissen, und ich schmachte oft selbst nach einem Mund voll davon.« »Wenn dies Gefühl so beunruhigend wird, Major Duncan – ich meine bei der Mannschaft, Sir, denn ich möchte nicht so respektwidrig von Euer Gnaden sprechen –, wenn die Soldaten so ernstlich nach ihrer natürlichen Nahrung schmachten, so möcht‘ ich untertänig empfehlen, daß etwas Hafermehl für sie eingeführt oder in dieser Gegend bereitet würde. Man würde dann, meines Erachtens, keine Klagen mehr hören. Ein klein wenig möchte wohl für die Kur zureichen.«

»Ihr seid ein Schalk, Sergeant, aber ich will gehangen sein, wenn ich weiß, ob Ihr nicht recht habt. Es mag noch manche angenehmeren Dinge in der Welt geben als Hafermehl. Einmal habt Ihr eine angenehme Tochter, Dunham –-«

»Das Mädchen gleicht ihrer Mutter, Major Duncan, und kann sich wohl sehen lassen«, sagte der Sergeant stolz. »Nirgends gedeiht was besser, als auf echt amerikanischem Boden. Das Mädchen kann sich sehen lassen, Sir.«

»Das kann sie, dafür stehe ich. Nun, ich kann ebensogut auf einmal zur Sache kommen und meine Reserve ins Treffen führen. Da ist David Muir, der Quartiermeister, der geneigt ist, Eure Tochter zu seinem Weib zu machen. Er hat mich eben angegangen, Euch die Sache zu eröffnen, weil er befürchtete, seine Würde zu kompromittieren, und ich möchte dem noch beifügen, daß die Hälfte der jungen Leute im Fort Toaste auf sie ausbringen und von ihr reden vom Morgen bis in die Nacht.«

»Es ist eine große Ehre für uns, Sir«, erwiderte der Vater steif; »aber ich glaube, daß die Herren bald einen würdigeren Gegenstand finden werden, um darüber lange zu sprechen. Ich hoffe, sie als das Weib eines rechtschaffenen Mannes zu sehen, ehe noch einige Wochen um sind, Sir.«

»Ja, Davis ist ein rechtschaffener Mann, und das ist, denk‘ ich, mehr, als man von allen in des Quartiermeisters Departement sagen kann«, entgegnete Lundie mit einem leichten Lächeln. »Nun denn, darf ich dem in Liebe verstrickten jungen Mann sagen, daß die Sache abgemacht ist?«

»Ich danke Euer Gnaden; aber Mabel ist einem anderen verlobt.«

»Zum Teufel, ist’s wahr? Das wird eine Störung im Fort hervorbringen. Doch um frei mit Euch zu reden, Sergeant, es tut mir nicht leid, so was zu hören; denn ich bin kein großer Bewunderer von ungleichen Verbindungen.«

»Ich denke wie Euer Gnaden und trage kein Verlangen danach, meine Tochter als eine Offiziersfrau zu sehen. Wenn sie erreichen kann, was ihre Mutter war, so muß sie als eine vernünftige Person zufrieden sein.«

»Und darf ich fragen, Sergeant, wer der glückliche Mann ist, den Ihr Euch zum Schwiegersohn ausersehen habt?«

»Der Pfadfinder, Euer Gnaden.«

»Der Pfadfinder?«

»Ja, Major Duncan, und indem ich Ihnen seinen Namen nenne, geb‘ ich Ihnen seine ganze Geschichte. Niemand ist an dieser Grenze bekannter als mein ehrlicher, braver, treuherziger Freund.«

»Das ist alles sehr wahr. Ist er aber auch so eine Art Person, die ein Mädchen von zwanzig glücklich machen kann?«

»Warum nicht, Euer Gnaden? Der Mann ist der erste seines Berufs. Es gibt keinen anderen Waldläufer oder Kundschafter bei der Armee, der nur halb soviel Achtung besäße wie der Pfadfinder oder sie nur halb so gut verdiente.«

»Ganz richtig, Sergeant; aber ist die Achtung, die ein Kundschafter genießt, so eine Art Ruf, um die Phantasie eines Mädchens anzusprechen?«

»Von den Phantasien eines Mädchens zu reden, Sir, ist nach meiner untertänigen Meinung, ebensoviel, als wenn man von dem Urteil eines Rekruten sprechen wollte. Wenn wir uns von den Bewegungen einer tölpischen Rekrutenabteilung wollten leiten lassen, so würden wir das Bataillon nie in eine anständige Linie bringen, Major Duncan.«

»Aber Eure Tochter hat nichts Tölpisches an sich, denn ein anständigeres Mädchen in ihrem Stande findet man selbst in Altengland nicht. Teilt sie über diesen Punkt Eure Ansichten? – doch ich denke, sie muß wohl, da Ihr mir sagt, sie sei verlobt.«

»Wir haben noch nicht über diesen Gegenstand miteinander gesprochen, Euer Gnaden; aber ich betrachte sie in ihrem Sinn für so gut als einverstanden, nach mehreren kleinen Umständen, die wohl von Bedeutung sein möchten.«

»Und was sind das für Umstände, Sergeant?« fragte der Major, der an der Sache mehr teilzunehmen begann, als er im Anfang gefühlt hatte. »Ich bekenne, ich bin ein bißchen neugierig, etwas von dem Sinn der Weiber kennenzulernen, da ich, wie Ihr wißt, selbst ein Junggeselle bin.«

»Euer Gnaden, wenn ich von dem Pfadfinder zu dem Mädchen spreche, so blickt sie mir immer voll ins Gesicht, stimmt mit allem überein, was ich zu seinen Gunsten sage, und benimmt sich dabei auf eine freie und offene Weise, die so viel sagt, als ob sie ihn schon halb als ihren Ehemann betrachte.« »Hm – und diese Zeichen, Sergeant, glaubt Ihr, seien die treuen Merkmale ihrer Gefühle?«

»Ja, Euer Gnaden, denn sie sind auffallend genug. Wenn ich einen Mann finde, Sir, der mir frei ins Gesicht sieht, während er einen Offizier lobt – denn, ich bitte Euer Gnaden um Verzeihung, die Soldaten machen bisweilen ihre Bemerkungen über die Vorgesetzten – wenn ich einen Mann finde, der mir in die Augen sieht, wenn er seinen Kapitän lobt, so nehm‘ ich immer an, daß der Bursch‘ ehrlich ist und es auch so meint, wie er sagt.«

»Ist aber nicht ein wesentlicher Unterschied zwischen dem Alter des Bräutigams und dem seiner artigen Braut, Sergeant?«

»Ganz recht, Sir; Pfadfinder steht um die Vierzig, und Mabel hat jede Aussicht auf ein Glück, das ein junges Weib mit Sicherheit durch den Besitz eines erfahrenen Ehemannes erwarten darf. Ich war selbst volle vierzig Jahre alt, als ich ihre Mutter heiratete.«

»Aber wird Eure Tochter geneigt sein, ein grünes Jagdhemd, wie es Euer würdiger Kundschafter trägt, mit einer Fuchsmütze, ebenso zu bewundern wie die blanke Uniform des Fünfundfünfzigsten?«

»Vielleicht nicht, Sir; dafür wird sie aber das Verdienst der Selbstverleugnung haben, die immer ein junges Weib weiser und besser macht.«

»Und Ihr befürchtet nicht, daß sie noch als junges Weib Witwe werden möchte? Immer unter wilden Tieren und noch wilderen Menschen – man kann von Pfadfinder sagen, daß er sein Leben in seiner Hand trage.«

»Jede Kugel hat ihr bestimmtes Ziel, Lundie«, denn so ließ sich der Major in Augenblicken der Herablassung, und wenn es sich nicht um militärische Angelegenheiten handelte, gerne nennen; »und kein Mann im Fünfundfünfzigsten kann sich vor einem plötzlichen Tod sicher halten. In dieser Hinsicht würde also Mabel bei dem Tausch nichts gewinnen. Außerdem, Sir, um über einen solchen Gegenstand von der Leber ‚runter zu sprechen, zweifle ich sehr, ob der Pfadfinder je in einer Schlacht oder unter den plötzlichen Wechselfällen der Wildnis stirbt.«

»Und warum das, Sergeant?« fragte der Major, indem er auf seinen Untergebenen mit jener Art von Ehrfurcht blickte, die ein Schotte jener Zeit, mehr als dies gegenwärtig der Fall ist, vor mysteriösen Einwirkungen hegte. »Er ist ein Soldat und, was die Gefahr anlangt, einer von denen, die ihr mehr als gewöhnlich ausgesetzt sind; und wenn er auch keine Kapitulation hat, warum soll er da zu entrinnen hoffen dürfen, wo es andere nicht können?« »Ich glaube nicht, daß der Pfadfinder sein eigenes Geschick für besser hält als das irgendeines anderen; aber der Mann wird nie durch eine Kugel sterben. Ich hab‘ ihn so oft sein Gewehr mit einer Fassung handhaben sehen, als ob’s nur ein Schäferstecken wäre, mitten im dichtesten Kugelregen und unter so manchen außerordentlichen Umständen, daß ich mir nicht denken kann, es sei die Absicht der Vorsehung, ihn je auf diese Weise fallen zu lassen. Und doch, wenn irgendein Mann in Seiner Majestät Besitzungen einen solchen Tod verdient, so ist’s der Pfadfinder.«

»Wir können das nie wissen, Sergeant«, erwiderte Lundie, mit gedankenvollem Ernst in seinen Zügen; »und je weniger wir davon sprechen, desto besser ist’s vielleicht. Aber wird Eure Tochter – Mabel, glaube ich, nennt Ihr sie – wird Mabel geneigt sein, einen Mann zu nehmen, der im Grunde doch nur ein Anhängsel zu der Armee ist, und nicht lieber einen aus dem Dienst selbst wählen? Es ist keine Hoffnung zum Avancieren für den Pfadfinder vorhanden, Sergeant.«

»Er ist bereits an der Spitze seines Korps, Euer Gnaden. Kurz, Mabel ist darauf vorbereitet, und da sich Euer Gnaden so weit herabgelassen haben, mit mir von Herrn Muir zu sprechen, so hoff‘ ich, daß Sie die Güte haben, ihm zu sagen, daß das Mädchen so gut als einquartiert für ihr Leben ist.«

»Wohl, wohl, das ist Eure eigene Sache, und nun – Sergeant Dunham!«

»Euer Gnaden«, sagte der andere, indem er sich erhob und die übliche Begrüßung machte.

»Man hat Euch gesagt, daß es meine Absicht sei, Euch für den nächsten Monat nach den Tausendinseln zu schicken. All die alten Subalternoffiziere haben ihre Diensttour in diesem Quartier gehabt, wenigstens alle, denen ich vertrauen durfte, und es kommt nun endlich die Reihe an Euch. Es ist zwar wahr, Leutnant Muir macht auf sein Recht Anspruch, aber da er Quartiermeister ist, so lieb‘ ich’s nicht, altherkömmliche Anordnungen aufzuheben. Sind die Leute gezogen?«

»Alles ist bereit, Euer Gnaden. Der Zug ist vorüber, und ich hörte von dem Kahn, der in der letzten Nacht Botschaft brachte, die Meldung, daß die dortige Mannschaft bereits nach der Ablösung aussähe.«

»Es ist so, und Ihr müßt übermorgen, wenn nicht schon morgen nacht abgehen. Es wird vielleicht klug sein, in der Dunkelheit zu segeln.«

»So denkt Jasper, Major Duncan, und ich kenne niemand, auf den man sich in einer solchen Angelegenheit besser verlassen könnte als auf den jungen Jasper Western.«

»Der junge Jasper Eau-douce?« sagte Lundie, indem sich ein leichtes Lächeln um seinen gewöhnlich ernsten Mund zog. »Wird dieser junge Mensch auch von Eurer Partie sein, Sergeant?«

»Euer Gnaden wird sich erinnern, daß der Scud nie ohne ihn ausläuft.«

»Wahr, aber alle Regeln haben Ausnahmen. Hab‘ ich nicht einen Seemann in den letzten paar Tagen um das Fort gesehen?«

»Ohne Zweifel, Euer Gnaden. Es ist Meister Cap, mein Schwager, der mir meine Tochter heraufbrachte.«

»Warum nicht ihn für diesen Kreuzzug in den Scud setzen, Sergeant, und den Jasper zurücklassen? Euer Schwager würde wohl gern zur Abwechslung mal auf dem Frischwasser kreuzen, und Ihr habt doch mehr von seiner Gesellschaft.«

»Ich habe beabsichtigt, Euer Gnaden um die Erlaubnis zu bitten, ihn mitnehmen zu dürfen; aber er muß als Volontär mitgehen. Jasper ist ein zu braver Junge, als daß man ihn ohne Grund des Kommandos entheben sollte, Major Duncan; und ich fürchte, mein Schwager Cap verachtet das Frischwasser zu sehr, um darauf Dienste zu tun.«

»Gut, Sergeant, ich überlasse das alles Eurem eigenen Urteil. Wenn man die Sache weiter überlegt, so muß Jasper sein Kommando behalten. Ihr beabsichtigt wohl, den Pfadfinder auch mitzunehmen?«

»Wenn es Euer Gnaden billigt. Es wird Dienste geben für beide Kundschafter, den Indianer sowohl als den Weißen.«

»Ich glaube, Ihr habt recht. Nun, Sergeant, ich wünsche Euch gut Glück zu der Unternehmung, und denkt daran, daß der Posten zerstört und verlassen wird, wenn Euer Kommando abläuft. Er wird dann seine Dienste geleistet haben oder wir begehen einen großen Mißgriff, denn wir sind dort in einer zu kitzligen Stellung, um die unnötigerweise zu unterhalten. Ihr könnt abtreten.«

Sergeant Dunham salutierte auf die übliche Weise, drehte sich auf seinen Fersen wie auf Spindelzapfen und hatte fast die Tür hinter sich geschlossen, als er plötzlich wieder zurückgerufen wurde.

»Ich hab‘ vergessen, Sergeant, daß die jüngeren Offiziere um ein Wettschießen angesucht haben, und der morgende Tag ist dazu bestimmt. Alle Bewerber werden zugelassen, und die Preise bestehen in einem mit Silber ausgelegten Pulverhorn, einer ledernen Flasche dito« – er las dieses von einem Stückchen Papier ab – »wie ich aus dem gewerbsmäßigen Jargon dieser Liste ersehe, und einem seidenen Damenkopfputz. Bei dem letzteren kann der Sieger seine Galanterie zeigen, indem er ihn seiner Liebsten zum Geschenk macht.«

»Alles sehr angenehm, Euer Gnaden, wenigstens für den, dem’s glückt. Darf der Pfadfinder auch teilnehmen?«

»Ich sehe nicht ein, wie man ihn ausschließen könnte, wenn er kommen will. Ich hab‘ aber in letzter Zeit bemerkt, daß er keinen Teil an solchen Belustigungen nimmt, wahrscheinlich, weil er von seiner eigenen unübertroffenen Geschicklichkeit überzeugt ist.«

»Es ist so, Major Duncan. Der ehrliche Bursche weiß, daß es keinen an der Grenze gibt, der sich mit ihm messen kann, und wünscht nicht, andere ihres Vergnügens zu berauben. Ich denke, wir können uns jedenfalls auf sein Zartgefühl verlassen, Sir. Es möchte vielleicht gut sein, ihn seinen eigenen Weg gehen zu lassen?«

»In diesem Fall müssen wir’s, Sergeant. Ob er in allem anderen so guten Erfolg erlebt, werden wir sehen. Ich wünsche Euch guten Abend, Dunham.«

Der Sergeant zog sich zurück und überließ Duncan of Lundie seinen eigenen Gedanken. Daß diese nicht ganz unangenehm waren, konnte man an dem Lächeln bemerken, das gelegentlich auf seinem Gesicht spielte, das gewöhnlich einen harten soldatischen Ausdruck zeigte, obgleich es auf Augenblicke wieder dem besonnenen Ernst wich. So mochte ungefähr eine halbe Stunde vergangen sein, als ein Pochen an der Tür durch die Aufforderung einzutreten beantwortet wurde. Ein Mann von mittlerem Alter in Offiziersuniform, die aber des in diesem Stande gewöhnlichen geputzten Ansehens entbehrte, trat ein und wurde als Herr Muir begrüßt.

»Ich komme auf Ihren Befehl, Sir, um mein Schicksal zu erfahren«, sagte der Quartiermeister mit hartem schottischen Akzent, sobald er den Sitz eingenommen hatte, der ihm angeboten worden war. »Wahrhaftig, Major Duncan, dieses Mädel richtet in der Garnison so viel Zerstörung an wie die Franzosen vor Ty. Ich habe nie in so kurzer Zeit eine so allgemeine Verwirrung gesehen.«

»Sie wollen mich doch sicherlich nicht überreden, David, daß Ihr junges und unverdorbenes Herz in einer solchen Flamme ist, da es erst die Glut einer Woche trägt? Da war‘ noch ein üblerer Umstand als der in Schottland, wo die innere Hitze, wie man sagt, so übermächtig war, daß sie sogar ein Loch durch Ihren kostbaren Körper brannte, durch das alle Mädchen reingucken konnten, um zu sehen, was das entzündliche Material wert sei.«

»Ich sehe nichts so Besonderes dran, wenn junge Leute dem Zug ihrer Neigung folgen.« »Sie sind aber den Ihrigen so oft gefolgt, David, daß man denken sollte, sie hätten nachgerade den Reiz der Neuheit verloren. Einschließlich iener, der nötigen Formalitäten entbehrenden Affäre in Schottland, wo Sie noch ein junger Bursch waren, haben Sie sich schon viermal verheiratet.«

»Nur dreimal, Major, so wahr ich hoffe, noch ein Weib zu bekommen. Ich habe noch nicht meine Zahl; nein, nein, bloß dreimal.«

»Ich glaube, Sie rechnen die erwähnte erste Geschichte nicht mit – ich meine die, wo kein Pfarrer dabei war?«

»Und warum sollt‘ ich, Major? Das Gericht hat entschieden, daß es keine Heirat war, und was braucht ein Mensch weiter? Das Weib zog Vorteile von einer leichten verliebten Neigung, die vielleicht eine Schwäche in meiner Sinnesart sein mochte, und verführte mich zu einem Kontrakt, der als ungesetzlich befunden wurde.«

»Wenn ich mich recht erinnere, Muir, so glaubte man zu jener Zeit, daß diese Angelegenheit zwei Seiten hätte?«

»Es müßte ein sehr gleichgültiger Gegenstand sein, mein lieber Major, der nicht seine zwei Seiten hätte, und ich weiß von manchen, die ihrer drei hatten. Aber das arme Weib ist tot, auch war kein Nachkomme da, und so hatte die Sache keine weiteren Folgen. Dann war ich besonders unglücklich mit meinem zweiten Weib; ich sage zweites, Major, aus Achtung gegen Sie und unter der Voraussetzung, daß hier doch nur von meiner wirklichen ersten Verheiratung die Rede ist; aber erste oder zweite, ich war besonders unglücklich mit Jeannie Graham, da sie in dem ersten Lustrum starb, ohne mir ein Hähnchen oder Hühnchen zurückzulassen. Ich glaube nicht, daß ich, wenn Jeannie am Leben geblieben wäre, je einen Gedanken auf ein anderes Weib gerichtet hätte.«

»Nun sie aber dies nicht tat, so hatten Sie zweimal nach ihrem Tod wieder geheiratet und gehen damit um, es zum drittenmal zu tun.«

»Der Wahrheit kann natürlich nie widersprochen werden, Major, und ich bin immer bereit, sie anzuerkennen. Ich glaube, Lundie, Sie sind melancholisch an diesem schönen Abend?«

»Nein, Muir, nicht gerade melancholisch, aber, ich gesteh’s, ein bißchen in Gedanken. Ich blickte ein wenig zurück auf meine Jugendjahre, wo ich, der Lairdssohn, und Sie, der des Pfarrers, auf unseren heimatlichen Hügeln als glückliche, sorglose Knaben herumstreiften, die sich wenig um die Zukunft kümmerten. Dann kamen mir einige Gedanken, die ein wenig schmerzlicher sind wegen der Folgezeit, wie sie nun geworden ist.« »Sicherlich, Lundie, beklagen Sie sich nicht über den Ihnen beschiedenen Teil? Sie haben es bis zum Major gebracht und werden bald Oberstleutnant werden, wenn man sich auf Briefe verlassen kann, während ich bloß um eine einzige Stufe höher stehe als zur Zeit, wo mir Ihr geehrter Vater meine erste Stelle verschaffte, und ein armer Teufel von einem Quartiermeister bin.«

»Und die vier Weiber?«

»Drei, Lundie; nur drei waren gesetzlich, sogar nach unseren eigenen liberalen und geheiligten Gesetzen.«

»Wohl denn, lassen wir’s drei sein, David«, sagte Major Duncan, indem er unwillkürlich in die Aussprache und den Dialekt seiner Jugend zurückfiel, was auch bei gebildeten Schottländern leicht geschieht, wenn sie über einen Gegenstand warm werden, der ihr Herz näher berührt. – »Sie wissen’s, David, daß meine eigene Wahl schon lange getroffen ist, und wie ich ängstlich und in banger Hoffnung auf die glückliche Stunde gewartet habe, wo ich einmal das Weib, das ich so lange liebte, mein nennen könnte, und Sie haben hier, ohne Vermögen, Namen, Geburt oder Verdienst – ich meine besonderes Verdienst –-«

»Na, na, können Sie so was sagen, Lundie? Die Muirs sind von gutem Blut.«

»Na schön also, ohne was anderes als Blut haben Sie vier Weiber gehabt.«

»Ich sag‘ Ihnen, nur drei, Lundie. Sie werden die alte Freundschaft schwächen, wenn Sie vier sagen.«

»Lassen wir’s bei Ihrer eigenen Zahl, David; auch die ist schon mehr, als Ihnen gebührt. Unser Leben ist sehr verschieden gewesen, im Punkt des Heiratens wenigstens – Sie müssen das zugeben, mein alter Freund.«

»Und wer, meinen Sie wohl, ist dabei der Gewinnende, Major, wenn wir so frei miteinander sprechen wollen, wie wir’s taten, als wir noch Jungens waren?«

»Ich hab‘ nichts zu verhehlen. Meine Tage gingen hin in verzögerter Hoffnung, während die Ihrigen in –-«

»Nicht realisierter Hoffnung, ich geb‘ Ihnen mein Ehrenwort, Major Duncan«, unterbrach ihn der Quartiermeister. »Von jedem neuen Versuch hoffte ich einen Vorteil; aber Täuschung scheint das Los des Menschen zu sein. Ach, es ist eine eitle Welt, Lundie, man muß es zugeben, und in nichts eitler als im Ehestand.«

»Und doch haben Sie keine Furcht, Ihren Nacken zum fünftenmal in die Schlinge zu Stetten?«

»Ich behaupte, daß es das viertemal ist, Major Duncan«, sagte der Quartiermeister mit Bestimmtheit; dann änderte sich der Ausdruck seines Gesichtes plötzlich in den eines knabenhaften Entzückens, und er fuhr fort: »Aber diese Mabel Dunham ist eine rara avis. Unsere schottischen Mädchen sind schön und angenehm, aber man muß zugestehen, diese Kolonialmädchen übertreffen sie an Liebenswürdigkeit.«

»Sie werden wohltun, Ihre Stellung und Ihr Blut nicht aus dem Auge zu verlieren, David. Ich glaube alle Ihre vier Weiber –-«

»Ich wünschte, mein lieber Lundie, daß Sie in Ihrer Arithmetik etwas genauer wären. Drei mal eins macht drei.«

»Alle drei also waren, was man Frauen von Stand zu nennen pflegt?«

»Gerade so ist’s, Major. Drei waren Frauen von Stand, wie ich Ihnen sage, und die Verbindungen waren angemessen.«

»Und die vierte war die Tochter von meines Vaters Gärtner; diese Verbindung war nicht angemessen. Aber fürchten Sie nicht, daß die Verehelichung mit dem Kind eines Unteroffiziers, der noch dazu mit Ihnen bei demselben Korps steht, die Folge haben wird, Ihr Ansehen bei dem Regiment zu schmälern?«

»Das ist gerade mein Leben lang meine schwache Seite gewesen, Major Duncan, denn ich habe immer geheiratet, ohne auf die Folgen Rücksicht zu nehmen. Jedermann hat seinen Fehler, und ich fürchte, der meinige ist das Heiraten. Doch, da wir nun verhandelt haben, was man die Prinzipien der Verbindung nennen könnte, so möchte ich fragen, ob Sie mir die Gunst erwiesen haben, mit dem Sergeanten über diese Kleinigkeit zu sprechen?«

»Ich tat es, David, befürchte aber, daß ich Ihnen wenig Hoffnung zu einem günstigen Erfolg machen kann!«

»Zu keinem günstigen Erfolg? Ein Offizier und Quartiermeister obendrein und kein günstiger Erfolg bei eines Sergeanten Tochter?«

»Das ist’s gerade, David.«

»Und warum nicht, Lundie? Werden Sie wohl die Güte haben, mir das zu beantworten?«

»Das Mädchen ist verlobt. Hand und Wort gegeben, die Liebe verbürgt – nein, ich will gehangen sein, wenn ich das je glaube: Aber sie ist verlobt.«

»Wohl, das ist ein Hindernis, ich geb’s zu, Major, obgleich ich es nur gering anschlage, wenn das Herz frei ist.«

»Ganz wahr; und mir ist es wahrscheinlich, daß das Herz in diesem Falle frei ist. Der beabsichtigte Ehemann scheint eher die Wahl des Vaters als die der Tochter zu sein.«

»Und wer mag das sein, Major?« fragte der Quartiermeister, der die ganze Sache mit der Philosophie und Ruhe eines erfahrenen Mannes überblickte. »Ich kann mir doch keinen passenden Freier denken, der mir im Wege stehen könnte.«

»Nein, Sie sind der einzige passende Freier an der Grenze, David. Der glückliche Mann ist Pfadfinder.«

»Pfadfinder, Major Duncan?«

»Nicht mehr und nicht weniger, David Muir. Pfadfinder ist der Mann. Aber es mag Ihre Eifersucht ein wenig erleichtern, wenn ich Ihnen sage, daß mir der Handel mehr vom Vater als von der Tochter auszugehen scheint.«

»Ich dachte mir’s«, rief der Quartiermeister aus und schöpfte tiefen Atem wie einer, dem eine Last von seiner Brust genommen wird. »Es ist ganz unmöglich, daß mit meiner Erfahrung in der menschlichen Natur –-«

»Besonders in der Weibernatur, David –-«

»Sie wollen Ihren Scherz haben, Lundie, und mag sich auf den einlassen, wer will. Ich kann’s aber nicht für möglich halten, daß ich mich täuschen sollte über die Neigung eines jungen Frauenzimmers, die – ich kann mich wohl kühn darüber aussprechen, da wir unter uns sind – die über den Stand des Pfadfinders hinausgeht. Was den Mann selbst anbelangt – nun, die Zeit wird’s lehren.«

»Sagen Sie mir doch offen, David Muir«, sprach Lundie, indem er eine kurze Weile seinen Spaziergang unterbrach und den anderen ernst und mit einem komischen Ausdruck der Überraschung ins Gesicht faßte, der die Züge des Veteranen in einem spöttischen Ernst erscheinen ließ – »glauben Sie wirklich, daß ‚ein Mädel, wie die Tochter des Sergeanten Dunham, eine ernsthafte Neigung zu einem Mann von Ihren Jahren, Ihrem Aussehen, und – Ihrer Erfahrung, möcht‘ ich hinzusetzen, fassen kann?«

»Bst, ruhig, Lundie; Sie kennen das Geschlecht nicht, und das ist der Grund, warum Sie in Ihrem fünfundvierzigsten Jahre noch unverheiratet sind. Es ist doch ’ne schreckliche Zeit, die Sie als Junggeselle zugebracht haben, Major!«

»Und was mag Ihr Alter sein, Leutnant Muir, wenn man eine so delikate Frage wagen darf?«

»Siebenundvierzig; ich will’s nicht verleugnen, Lundie, und wenn ich Mabel kriege, so kommt gerade auf jedes Jahrzehnt eine Frau. Aber nein, ich kann nicht denken, daß Sergeant Dunham so niedrig gesinnt sein sollte, um sich’s träumen zu lassen, dieses süße Mädel einem Menschen wie dem Pfadfinder zu geben.«

»Er träumt sich nichts dabei, David; der Mann ist so ernsthaft wie ein Soldat, der gepeitscht werden soll.«

»Wohl, wohl, Major, wir sind alte Freunde« – beide kamen in ihr Schottisch oder vergaßen es, je nachdem sie im Gespräch ihre jüngeren Tage berührten oder davon abkamen – »und sollten wissen, wie man außer dem Dienst einen Scherz zu nehmen oder zu geben hat. Es ist möglich, daß der gute Mann meine Winke nicht verstand oder die Sache sich nie so gedacht hat. Der Unterschied zwischen einer Offiziersfrau und dem Weib eines Kundschafters ist so ungeheuer, als der zwischen dem Alter Schottlands und dem Alter Amerikas. Auch bin ich von altem Blut, Lundie.«

»Nehmen Sie mein Wort dafür, David – Ihr Alter wird Ihnen in dieser Angelegenheit nichts nützen, und was Ihr Blut anbelangt, so ist’s nicht älter als Ihre Knochen. Nun gut; Sie kennen des Sergeanten Antwort und werden bemerken, daß mein Einfluß, auf den Sie so viel gezählt haben, nichts für Sie tun kann. Lassen Sie uns ein Glas miteinander leeren, alter Bekanntschaft wegen, und dann werden Sie guttun, sich der Partie zu erinnern, die morgen abgehen soll, und Mabel Dunham, so gut Sie immer können, zu vergessen.«

»Ach, Major! ich hab’s immer leichter gefunden, ein Weib als ein Schätzchen zu vergessen. Wenn ein Paar so recht ordentlich verheiratet ist, so ist alles im reinen, bis der Tod uns am Ende alle trennt; und es scheint mir höchst unehrerbietig, die Hingeschiedenen zu beunruhigen. Dagegen hat man den Mädels gegenüber so viel Angst, Hoffnung und Glückseligkeit in der liebenden Erwartung, daß die Gedanken immer rege erhalten werden.«

»Das ist grade auch meine Ansicht von Ihrer Lage, David; denn ich habe nie vermutet, daß Sie noch eine weitere Glückseligkeit von Ihren Weibern erwarten. Nun, ich hab‘ wohl schon von Burschen gehört, die so einfältig waren, das Glück mit ihren Weibern auch jenseits des Grabes zu suchen. Ich trinke Ihnen zu auf glückliche Fortschritte oder auf baldige Wiedergenesung von diesem Anfall, Leutnant, und ermahne Sie, für die Zukunft vorsichtiger zu sein, da einige solcher heftiger Zufälle Ihnen am Ende den Garaus machen könnten.«

»Schönen Dank, lieber Major, und baldiges Ende einer bekannten alten Freierei. Das ist ein wahrer Bergtau, Lundie, und wärmt das Herz wie ein Strahl aus dem guten Schottland. Was die erwähnten Leute anlangt, so konnten sie nur ein Weib gehabt haben; denn wenn einer einmal einige gehabt hat, so bringen ihn die Weiber selbst durch ihr Benehmen auf andere Gedanken. Ich denke, ein vernünftiger Ehemann muß zufrieden sein, wenn er seine freie Zeit mit einem wunderlichen Weib zubringen kann, das dieser Welt angehört, und soll nicht wegen unerreichbarer Dinge den Kopf hängen lassen. Ich bin Ihnen unendlich verbunden, Major Duncan, für diesen und alle anderen Freundschaftsbeweise, und wenn Sie noch einen weiteren dazufügen wollten, so würde ich glauben, daß Sie den Spielkameraden Ihrer Jugend nicht ganz vergessen hätten.«

»Schön, David, wenn das Gesuch ein vernünftiges ist und so, daß es ein Vorgesetzter zugestehen kann, heraus damit.«

»Wenn Sie nur einen kleinen Dienst für mich da unten an den Tausendinseln ersinnen könnten, so für vierzehn Tage vielleicht. Ich denke, solcher Umstand würde zur Zufriedenheit aller Parteien ausfallen. Es fällt mir eben auch ein, Lundie, daß das Mädel die einzig heiratbare Weiße an dieser Grenze ist.«

»Es gibt immer einen Dienst für einen Mann in Ihrer Stellung auf einem Posten, wenn er auch nur unbedeutend ist; aber dort unten kann er vom Sergeanten ebensogut wie von einem Generalquartiermeister besorgt werden – und wohl noch besser.«

»Aber nicht besser als von einem Regimentsoffizier. Es findet im allgemeinen eine große Verschwendung bei den Ordonnanzen statt.«

»Ich will mir’s überlegen, Muir«, sagte der Major lachend. »Sie sollen morgen meine Antwort haben. Auch wird es morgen für Sie eine schöne Gelegenheit geben, sich vor der Dame zu zeigen. Sie wissen mit der Büchse gut umzugehen, und es gibt Preise zu gewinnen. Machen Sie sich gefaßt, Ihre Geschicklichkeit zu entwickeln, und wer weiß, was geschieht, ehe noch der Scud absegelt.«

»Ich denke, die meisten jungen Leute werden die Sicherheit ihrer Hand bei diesem Spiel versuchen wollen, Major?«

»Das werden sie, und einige von den Alten auch, wenn Sie dabei erscheinen. Um Sie in der Fassung zu erhalten, will ich selbst einen Schuß oder zwei tun, David; und Sie wissen, daß ich in dieser Beziehung einigen Ruf habe.«

»Das weibliche Herz, Major Duncan, ist verschiedenartig empfänglich. Einige verlangen von ihrem Anbeter, daß er gegen sie eine regelmäßige Belagerung eröffne, und kapitulieren bloß, wenn sich der Platz nicht länger halten kann; andere lieben es, wenn sie im Sturm genommen werden, indes wieder andere solche Drachen sind, daß man sie nur fangen kann, wenn man sie in einen Hinterhalt leitet. Das erste ist das anständigste und vielleicht das am meisten für einen Offizier passende Verfahren, obschon ich sagen muß, daß das letztere am meisten Vergnügen macht.«

»Eine Ansicht, die Sie ohne Zweifel Ihrer Erfahrung verdanken. Und wie ist’s mit der Sturmpartie?«

»Die mag für jüngere Leute passen«, erwiderte der Quartiermeister, indem er aufstand und mit den Augen zwinkerte, eine Freiheit, die er sich oft auf Rechnung seiner langjährigen Vertrautheit gegen seinen kommandierenden Offizier herausnahm; »jede Periode des Lebens hat ihre Erfordernisse, und im Siebenundvierzigsten ist’s gerade angemessen, sich ein wenig auf den Kopf zu verlassen. Ich wünsche recht guten Abend, Major Duncan, und gute Besserung mit der Gicht.«

»Danke, Herr Muir. Vergessen Sie morgen das Wettschießen nicht!«

Der Quartiermeister zog sich zurück und überließ es Lundie, in seiner Bibliothek seinen Gedanken nachzuhängen. Langjähriger Umgang hatte den Major Duncan so an den Leutnant Muir und an dessen Weise und Laune gewöhnt, daß ihm sein Betragen nicht mehr auffiel.

Dreiunddreißigstes Kapitel.

Dreiunddreißigstes Kapitel.

Wie Tapfere sie fochten lang und gut.
Sie thürmten leich‘ auf Leich‘ von Moslemin.
Sie siegten – doch Bozzaris fiel. Sein Blut
Aus jeder Ader rann.
Die kleine Schaar der Kameraden sah
Ihn lächeln, als ihr stolzes Siegshurrah
Durch’s rothe Bluthfeld drang!
Dann sah’n sie, wie zum Tod sein Auge zu
Sich schloß, so milde, wie zur Nachtesruh,
Der Blume gleich, bei Sonnenuntergang.
Halleck.

Die aufgehende Sonne fand die Lenapen als ein Volk von Trauernden. Die Töne der Schlacht waren verklungen. Ihr alter Haß war reichlich gesättigt und den letzten Strauß mit den Meng-We’s hatten sie durch die Vernichtung einer ganzen Stammgemeinde gerächt. Trüb und düster lag die Atmosphäre über der Gegend, wo das Lager der Huronen gewesen war, und verkündete nur zu gut das Schicksal dieses wandernden Stammes, während Hunderte von Raben, über den bleichen Gipfeln der Berge durcheinander fliegend oder in krächzenden Schwärmen über den endlosen Waldräumen schwebend gräßliche Wegweiser zu dem Schauplatz des Kampfes abgaben. Kurz, jedes Auge, mit der Kriegführung an den Gränzen nur in etwas vertraut, hätte diese untrüglichen Spuren der Gräuel einer Indianerrache leicht erkennen müssen. Und doch fand die aufgehende Sonne das Volk der Lenapen in Trauer. Kein Jubellaut, kein Triumphgesang, den Sieg zu feiern, ward gehört. Der letzte Nachzügler war von seinem gräßlichen Geschäfte heimgekehrt, nur um die schrecklichen Abzeichen seines blutigen Berufes zu entfernen und in die Klagen seiner Landsleute, die sich ein geschlagenes Volk nennen durften, einzustimmen. Stolz und Frohlocken waren der Demüthigung, und die wildesten menschlichen Leidenschaften den Aeußerungen des tiefsten, unzweideutigsten Schmerzes gewichen.

Die Wohnungen waren verlassen: Alles, was Leben hatte, war nach einem Orte in der Nähe gezogen, wo jetzt Alle in tiefem, feierlichem Stillschweigen versammelt waren, ein breiter Gürtel ernsthaft blickender Gesichter. Menschliche Wesen jedes Ranges und Alters, von beiden Geschlechtern und von den verschiedensten Berufsarten waren in dieser lebendigen Mauer versammelt, und doch belebte sie alle ein Gefühl. Aller Augen hefteten sich auf die Mitte des Kreises, wo sich die Gegenstände so lebhafter und so allgemeiner Theilnahme befanden.

Sechs delawarische Mädchen, deren lange, dunkle Haarflechten nachläßig über ihre Brust herabflossen, standen bei Seite und gaben kein anderes Zeichen ihrer Gegenwart, als daß sie von Zeit zu Zeit süßduftende Kräuter und Waldblumen auf eine Sänfte, von wohlriechenden Zweigen bereitet, streuten: sie enthielt unter einem Leichentuche aus indianischen Gewändern die irdischen Ueberreste der feurigen, hochsinnigen, edelmüthigen Cora. Ihre Gestalt war unter vielen Hüllen aus demselben einfachen Stoffe verborgen, und ihr Gesicht für immer dem Anblick der Menschen entzogen. Zu ihren Füßen saß der trostlose Munro. Sein ehrwürdiges Haupt beugte sich beinahe zur Erde nieder, in schmerzlicher Unterwerfung unter die Schickung des Himmels; aber ein verborgener Gram kämpfte um die gefurchte Stirn, die nur theilweise durch graue, nachläßig über seine Schläfe fallende Locken bedeckt wurde. Gamut stand an seiner Seite, sein mildes Haupt war entblößt und den Strahlen der Sonne preisgegeben, während seine Augen, unstät und befangen, ihre Blicke zwischen dem kleinen Buche, das so spitzfindig ausgedrückte und doch so hochheilige Lehren enthielt, und zwischen dem Wesen theilten, dem sein Gemüth gerne Trost gespendet hätte. Heyward stand in der Nähe und lehnte sich an einen Baum, bemüht, die plötzlichen Ausbrüche des Schmerzes darniederzuhalten, zu deren Bekämpfung er seiner ganze Männlichkeit bedurfte.

So traurig und melancholisch man sich auch diese Gruppe denken mag, so war sie doch nicht so ergreifend als eine andere am entgegengesetzten Ende dieser Räume. Dort saß Uncas, wie wenn er noch am Leben wäre, Gestalt und Haltung voll Würde und Anstand, mit den glänzendsten Zierrathen geschmückt, die der Reichthum des Stammes hatte auftreiben können. Reiche Federn rollten von seinem Haupte: Wampum, Hals- und Armgeschmeide, Denkmünzen waren an ihm verschwendet, aber sein erstorbenes Auge und seine leblosen Züge widersprachen zu sehr der stolzen Absicht eines so eitlen Schmuckes.

Gerade vor dem Todten saß Chingachgook, ohne Waffen, ohne Bemalung, ja ohne Verzierung irgend einer Art, das glänzend blaue Stammbild seines Geschlechtes ausgenommen, das der nackten Brust unvertilgbar eingegraben war. Während der langen Zeit, da der Stamm hier versammelt war, schaute der mohikanische Krieger fest und kummervoll auf das kalte, leblose Antlitz seines Sohnes. So unverwandt und innig war dieser Blick, seine Haltung so unverrückt, daß ein Fremder den Lebenden von dem Todten nur an dem gelegentlichen Spiel eines aufgeregten Geistes, das sich auf dem düstern Antlitze des Vaters malte, und an der todtenähnlichen Ruhe, die sich für immer auf den Zügen des Sohnes gelagert hatte, unterschieden haben würde.

Der Kundschafter stand dicht daneben, in nachdenklicher Stellung auf seine todbringende Rächerwaffe gelehnt, während Tamenund, von den Aeltesten seiner Nation unterstützt, einen erhöhten Platz einnahm, von wo er die stumme, von Gram bewegte Versammlung überblicken konnte.

In dem innern Rande des Kreises stand ein Offizier, in der Uniform einer fremden Nation; außerhalb war sein Schlachtroß, von einer Anzahl berittener Diener umgeben, die sich, wie es schien, auf eine ferne Reise bereitet hatten. Der Anzug des Fremden zeigte, daß er in der nächsten Umgebung des Statthalters von Canada eine angesehene Stellung inne habe. Wie es schien, war seine Absicht, Frieden zu stiften, durch das wilde Ungestüm seiner Verbündeten vereitelt worden, und er mußte sich nun begnügen, ein schweigsamer Zeuge der traurigen Früchte eines Streites zu seyn, dem vorzubeugen er zu spät gekommen war.

Der Tag nahte sich dem Ende seines ersten Viertels und immer noch verharrte die Menge in dem athemlosen Schweigen, welches seit dem vergangenen Abende unter ihr herrschte. Nichts hörte man, als etwa einen unterdrückten Seufzer, kein Glied hatte sich die lange Zeit über gerührt, außer um die einfachen und rührenden Opferdienste zu versehen, die von Zeit zu Zeit dem Andenken der Verstorbenen gebracht wurden. Nur die Geduld und Ausdauer indianischer Seelenstärke konnte solch einen Anschein lebendigen Todes ertragen, welcher die dunkeln, bewegungslosen Gestalten in Stein verwandelt zu haben schien. Endlich reckte der Weise der Delawaren einen Arm aus, stützte sich auf die Schultern seiner Begleiter und erhob sich mit einem Ausdruck von Schwäche, als ob auf dem Manne, der gestern noch vor seinem Volke gestanden, heute, da er auf seinem erhabenen Sitze wankte, ein Menschenalter mehr lastete.

»Männer der Lenapen!« sprach er in hohlen Tönen, deren Klang eine Prophezeiung zu verkünden schien; »Manitto’s Gesicht ist hinter einer Wolke! Sein Auge ist von euch gewandt; seine Ohren sind verschlossen; seine Zunge gibt keine Antwort. Ihr seht ihn nicht, und doch sind seine Gerichte vor euern Augen. Eure Herzen seyen offen und eure Geister sprechen keine Lüge! Männer der Lenapen! Manitto’s Antlitz ist hinter einer Wolke!«

Als diese einfache und doch furchtbare Ankündigung in die Ohren der Zuhörer drang, erfolgte eine so tiefe und schauerliche Stille, als ob das hohe Wesen, das sie anbeteten, die Worte ohne Hülfe menschlicher Organe gesprochen hätte: selbst der entseelte Uncas schien belebt im Vergleich mit der demüthigen, unterwürfigen Menge, von der er umgeben war. Jedoch der unmittelbare Eindruck verschwand allmählig, und leise, murmelnde Stimmen begannen eine Art von Gesang zu Ehren der Todten. Es waren weibliche Laute, durchdringend, sanft und klagend. Die Worte hatten unter sich keine regelmäßige Folge: wenn Eine aufhörte, nahm eine Andere den Lobgesang oder die Trauerklage, wie man es nennen mochte, wieder auf und drückte ihre Empfindungen in einer Sprache aus, wie sie ihr das Gefühl und die Verhältnisse eingaben. Dazwischen wurden die Sprecherinnen von lauten und allgemeinen Ausbrüchen des Schmerzes unterbrochen, während welcher die Mädchen um Cora’s Bahre die Pflanzen und Blumen auf ihrem Körper in wilder Hast zerpflückten, als wären sie vor Gram wahnsinnig. In milderen Augenblicken jedoch wurden diese Sinnbilder der Reinheit und süßer Anmuth mit allen Zeichen zärtlicher Theilnahme wieder an ihre frühere Stelle gelegt. Obgleich ihre Worte durch die vielfachen, stärkeren Ausbrüche der Empfindung unzusammenhängend erschienen, so würde eine Uebertragung derselben doch regelmäßig wiederkehrende Wechsel und in ihnen eine Reihenfolge von Gedanken zu Tage gebracht haben.

Ein Mädchen, durch ihren Rang und ihre Eigenschaften hiezu besonders auserlesen, begann mit bescheidenen Anspielungen auf die Verdienste des gefallenen Kriegers, und schmückte ihre Ausdrucksweise mit jenen morgenländischen Bildern, welche die Indianer ohne Zweifel von den äußersten Enden des andern Festlandes mit herübergebracht haben, und die an sich schon ein Gelenk in der Verbindungskette der Geschichte der zwei Welten bilden. Sie nannte ihn den Panther seines Stammes und schilderte ihn als Einen, dessen Moccasin keine Spur auf dem Thaue zurücklasse; dessen Sprung dem des jungen Hirschkalbes gleiche; dessen Auge glänzender als ein Stern in finsterer Nacht sey, und dessen Stimme in der Schlacht so laut klinge, als der Donner des Manitto. Sie erinnerte ihn an die Mutter, die ihn geboren, und verweilte namentlich bei dem Glücke, das diese im Besitze eines solchen Sohnes empfinden müsse. Sie bat ihn, ihr zu sagen, wenn er sie in der Welt der Geister treffe, daß die Delawaren-Mädchen über dem Grabe ihres Kindes Thränen vergossen und sie eine Gesegnete genannt hätten.

Ihr folgten Andere, welche in einer noch milderen, innigeren Weise mit der ihrem Geschlechte eigenen zarten Empfindsamkeit das fremde Mädchen besangen. Sie sey so nahe an Uncas‘ Tode dieser Erde entrückt worden, daß der Wille des großen Manitto mit Beiden sich deutlich offenbare und nicht mißverstanden werden könne. Sie ermahnten ihn, freundlich gegen sie zu sehn und Nachsicht mit ihr zu haben, wenn sie die Fertigkeiten nicht besitze, die einem Krieger, wie er, für seine Bequemlichkeit so nöthig sehen. Sie verweilten bei ihrer unvergleichlichen Schönheit und ihrem entschlossenen Edelsinn, ohne einen Gedanken von Neid, wie etwa Engel an noch höheren Wesen ihre Freude finden mögen. Sie fügten bei, daß diese reichen Gaben kleinere Mängel der Erziehung mehr als ersetzen würden.

Nach ihnen redeten Andere, in wohlbedachter Folge, in der Sprache der Zärtlichkeit und Liebe zu dem Mädchen selbst. Sie ermunterten sie, fröhlichen Sinnes zu seyn und nichts für ihre künftige Wohlfahrt zu fürchten. Ein Jäger werde ihr Gefährte seyn, der ihre kleinsten Bedürfnisse zu befriedigen wisse: ein Krieger ihr zur Seite stehen, der sie gegen jegliche Gefahr zu schützen vermöge. Ihr Pfad, verhießen sie, werde anmuthig, und ihre Bürde leicht seyn. Sie warnten sie vor vergeblicher Sehnsucht nach den Freunden ihrer Jugend, nach den Landen, wo ihre Väter geweilt hätten, mit der Versicherung, die gesegneten Jagdgefilde der Lenapen enthielten so anmuthige Thäler, so klare Ströme und so liebliche Blumen, als der Himmel der Blaßgesichter. Sie riethen ihr, aufmerksam für die Bedürfnisse ihres Gefährten zu seyn und nie zu vergessen, welchen Unterschied Manitto so weislich zwischen ihnen festgestellt habe. Dann besangen sie, ihre Stimmen stärker erhebend, die Sinnesweise des Mohikaners. Sie nannten ihn edel, männlich, großmüthig; Alles vereinige er, was einem Krieger zieme – was ein Mädchen lieben könne. Sie kleideten ihre Gedanken in die entferntesten, gesuchtesten Bilder und gaben zu verstehen, daß es ihnen in der kurzen Zeit ihres Zusammenseyns gelungen sey, seine geheime Neigung mit der ihrem Geschlecht eigenen schnellen Auffassungsgabe richtig zu erspähen. Die Delawaren-Mädchen hätten in seinen Augen keine Gnade gefunden. Er sey von einem Stamme, dessen Glieder einst Herren der Gestade des Salzsees gewesen, und seine Wünsche hätten ihn zurück nach einem Volke geleitet, das um die Gräber seiner Väter wohne. Warum sollte ein solcher innerer Zug nicht begünstigt werden? Aber sie gehöre einem reineren und reicheren Mute an, als Andere ihrer Nation, wie jedes Auge leicht erkennen werde; daß sie den Gefahren und Wagnissen des Lebens in den Wäldern gewachsen sei, habe ihr Benehmen gezeigt. Und jetzt,« fuhren sie fort, »habe ,der Weise der Erde sie an einen Ort versetzt, wo sie ebenbürtige Geister finden und für immer glücklich sein werde.«

In einem zweiten Übergange wechselten sie abermals Ton und Gegenstand und gingen zu der Jungfrau über, die in der nahegelegenen Wohnung weinte. Sie verglichen sie mit den Flocken des Schnees: so rein, so weiß, so glänzend, so leicht schmelzbar in der heftigen Sommerhitze, so leicht dem Gefrieren ausgesetzt in dem Froste des Winters war sie. Sie zweifelten nicht an ihrer Liebenswürdigkeit in den Augen des jungen Häuptlings, dessen Farbe und dessen Schmerz dem ihrigen so ähnlich scheine, wenn sie auch weit entfernt blieben, einen solchen Vorzug deutlich auszusprechen. Doch war es klar, daß sie Alice nicht so hoch stellten, als das Mädchen, um welches sie trauerten. Sie versagten ihr jedoch keinen Ruhm, den ihre seltenen Reize ansprechen durften. Ihre Locken wurden mit den üppigen Ranken der Weinrebe, ihr Auge mit dem blauen Himmelsgewölbe verglichen, und das fleckenloseste Gewölk, von dem glühenden Hauche der Sonne gerötet, war nicht so reizend als die Blüte ihrer Wangen.

Während dieser und ähnlicher Klagelieder hörte man nichts als das Gemurmel des Gesangs, gehoben oder vielmehr furchtbar gemacht durch die gelegentlichen stärkeren Ausbrüche des Grams, die gleichsam ein Chor genannt werden konnten. Die Delaware horchten, wie von einem Zauber gefangen, und das wechselnde Spiel ihrer ausdrucksvollen Mienen gab kund, wie tief und innig ihr Mitleid war. Selbst David lieh willig sein Ohr den Tönen so lieblicher Stimmen, und lange bevor der Gesang zu Ende war, verkündete sein Blick, wie tief sein Gemüt im Hören gefesselt war.

Der Kundschafter, dem allein unter den anwesenden Weißen diese Worte verständlich waren, erhob sich etwas aus seiner nachdenklichen Stellung und neigte sein Haupt beiseite, um den fortlaufenden Sinn derselben aufzufassen. Als sie aber von den künftigen Aussichten Cora’s und Uncas sangen, schüttelte er den Kopf, wie Einer, der die Irrthümer ihres schlichten Glaubens wohl erkannte, und nahm dann wieder seine zurückgelehnte Stellung an, in ihr verharrend, bis die Ceremonie zu Ende war – wenn man Ceremonie eine Handlung nennen darf, die von so tiefem Gefühl zeugte. Heyward und Munro verstanden, zum Glück für ihre Fassung, den Sinn der eben vernommenen wilden Laute nicht,

Chingachgook allein bildete eine Ausnahme unter den so tief ergriffenen übrigen Eingebornen. Sein Blick wechselte nie während tes ganzen Auftrittes, selbst bei den wildesten oder feierlichsten Theilen der Wehklage bewegte sich keine Muskel auf seinem starren Antlitz. Die kalten, leblosen Ueberreste seines Sohnes waren ihm Alles, und jeder andere Sinn, außer dem Gesichtssinn, schien erstorben, während sein Auge zum Letztenmale nach den so lange geliebten Zügen schaute, deren Anblick ihm bald für immer entrissen werden sollte.

Jetzt trat ein Krieger, berühmt durch seine Waffenthaten, besonders aber durch seine Leistungen in dem letzten Kampfe, ein Mann von ernster, würdevoller Haltung, langsam aus der Menge hervor und stellte sich vor den Todten.

»Warum hast du uns verlassen, Stolz der Wapanachki?« sprach er, sich an die tauben Ohren des jungen Mohikaners wendend, als ob die leere Hülle noch die Fähigkeiten des Lebenden besäße; »deine Zeit war die der Sonne, so lange sie hinter den Bäumen ist: dein Ruhm war glänzender als ihr Licht um die Mittagszeit, Du bist dahingegangen, junger Krieger, aber Hunderte von Wyandot’s räumen die Brombeersträuche von deinem Pfade nach der Welt der Geister. Wer sah dich in der Schlacht und glaubte, daß du sterben könntest? Wer vor dir hat Uttawa den Weg in die Schlacht gezeigt? Deine Füße waren gleich Adlerschwingen; dein Arm schwerer als Aeste, die von der Fichte fallen, und deine Stimme glich der Stimme Manitto’s, wenn er in den Wolken spricht. Die Zunge Uttawa’s ist schwach,« fügte er hinzu, indem er mit traurigem Blicke um sich schaute, »und sein Herz wird ihm schwer. Stolz der Wapanachki, warum hast du uns verlassen?«

Ihm folgten der Reihe nach Andere, bis die meisten der hohen und begabten Männer der Nation sprechend oder im Gesang den Mannen des dahingeschiedenen Häuptlings das Opfer ihrer Lobpreisungen dargebracht hatten. Als sie zu Ende waren, herrschte abermals atemlose Stille über die ganze Versammlung,

Jetzt ließ sich ein leiser, tiefer Ton vernehmen, ähnlich der gedämpften Begleitung einer fernen Musik. Er war laut genug, um hörbar zu werden, blieb aber so unbestimmt, daß man so wenig wußte, woher er kam, als was er bedeutete. Er stieg jedoch höher und höher, bis er zuerst in lang ausgehaltenen oft wiederholten Ausrufungen und endlich in Worten deutlich in das Ohr der Hörer drang. Die Lippen Chingachgook’s hatten sich nun so weit geöffnet, daß man erkannte, es sei des Vaters Trauergesang, für Uncas. Obgleich kein Auge sich nach ihm wandte, nicht das geringste Zeichen der Ungeduld laut wurde, so sah man doch an der Weise, wie die Versammelten ihre Häupter erhoben, daß sie die Töne mit einer Aufmerksamkeit verschlangen, so gespannt, wie sie bisher nur Tamemund zu Teil geworden war. Sie horchten aber vergeblich. Der Gesang wurde gerade so laut, um vernehmbar zu werden, dann immer schwächer und zitternder, bis er dem Ohre völlig entschwand, als würde er von einem flüchtigen Windhauch davongetragen. Die Lippen des Sagamoren schlossen sich und er blieb schweigend sitzen, mit seinem starrblickenden Auge und der regungslosen Gestalt einem Wesen gleich, das der Allmächtige nur mit dem Bilde, aber nicht mit dem Geiste eines Menschen begabt hatte. Die Delawaren, welche an diesem Zeichen erkannten, daß ihr Freund noch nicht zu einer so mächtigen Erhebung des Geistes fähig sei, ließen ihre Aufmerksamkeit sinken und schienen in angebornem Zartgefühl alle ihre Gedanken nur auf das Leichenbegängniß des fremden Mädchens zu richten.

Einer der älteren Häuptlinge gab den Frauen ein Zeichen, die in der Nähe von Cora’s Leiche standen. Dem Winke gehorchend, erhoben die Mädchen die Bahre zu der Höhe ihrer Häupter und schritten langsam und regelmäßig vorwärts, einen zweiten Klaggesang zum Preise der Verstorbenen anstimmend. Gamut, welcher ihre ihm so heidnisch dünkenden Gebräuche beobachtet hatte, beugte jetzt sein Haupt über die Schulter des besinnungslosen Vaters und flüsterte:

»Sie nehmen die Ueberreste deines Kindes auf: wollen wir nicht ihnen folgen und auf ein christliches Begräbniß bedacht seyn?«

Munro fuhr auf, als hätte die letzte Posaune in sein Ohr geklungen und warf einen hastigen, ängstlichen Blick um sich her; dann erhob er sich und folgte dem einfachen Zuge mit der Miene eines Soldaten, aber mit dem ganzen Gewichte des Vaterschmerzes. Seine Freunde drängten sich mit einem Ausdrucke des Kummers um ihn her, der zu stark war, um Mitgefühl genannt zu werden. Selbst der junge Franzose schloß sich an, offenbar lebhaft ergriffen von dem frühen und traurigen Ende eines so liebenswürdigen Wesens. Als aber die letzten und niedrigsten Weiber des Stammes dem anscheinend regellosen und doch geordneten Zuge sich angereiht hatten, schlossen die Männer der Lenapen den Kreis um Uncas‘ Leiche wieder so ernst, so würdevoll, so regungslos wie zuvor.

Die Stelle, welche sie zu Cora’s Grab gewählt hatten, war ein kleiner Hügel, wo ein Kreis junger, gesunder Fichten Wurzel gefaßt hatte, deren Schatten nur ein melancholisches, so Wohl geeignetes Dämmerlicht gestattete. An dem Platze angekommen, setzten die Mädchen ihre Last nieder und warteten mit der ihnen eigenthümlichen Geduld und mit angeborner Schüchternheit auf irgend ein Zeichen der Zustimmung von Denen, deren Gefühle bei diesen Anordnungen am meisten betheiligt waren. Endlich sprach der Kundschafter, welcher allein ihre Gebräuche verstand, in ihrer Mundart:

»Was meine Töchter gethan haben, ist gut; die weißen Männer danken ihnen.«

Zufrieden mit diesem Zeugniß, schickten sich die Mädchen an, die Leiche in eine Art Sarg, künstlich und nicht ohne Geschmack aus Birkenrinde gefertigt, zu legen, und senkten sie dann in die finstere, letzte Behausung hinab. In derselben schlichten Weise und ebenso stumm wurde die Leiche bedeckt, und die Spur der frischen Erde mit Blättern und anderen Hüllen, wie sie die Natur und die Gewohnheit an die Hand gaben, verborgen. Als die Arbeit dieser freundlichen Kinder der Natur, die eine so traurige Pflicht so liebevoll erfüllt hatten, vollendet war, zögerten sie, um zu zeigen, daß sie nicht wüßten, wie weiter fortzufahren. Jetzt wandte sich der Kundschafter wieder mit den Worten an sie:

»Meine jungen Weiber haben genug gethan,« sprach er, »der Geist eines Blaßgesichtes bedarf keiner Speise noch Kleidung. Sie haben, was sie in dem Himmel ihrer Farbe bedürfen. Ich sehe,« fuhr er fort, einen Blick auf David werfend, der eben mit seinem Buche beschäftigt war und die Absicht verrieth, einen heiligen Gesang einzuleiten; »daß Einer reden will, der die christlichen Gebräuche besser kennt, als ich!«

Die Mädchen, welche bisher eine Hauptrolle gespielt hatten, traten nun bescheiden bei Seite, ruhige und aufmerksame Zuschauerinnen bei dem, was folgte. Während David auf die angedeutete Weise die frommen Gefühle seines Herzens ergoß, entschlüpfte ihnen kein Zeichen der Ueberraschung, kein Blick der Ungeduld. Sie lauschten vielmehr gleich denen, welche den Sinn der fremden Worte verstanden, und es schien, als ob sie die gemischten Gefühle des Schmerzes, der Hoffnung und der Ergebung mit empfanden, die der Gesang hervorrufen sollte.

Aufgeregt von der Scene, deren Zeuge er gewesen war, und vielleicht in Folge der Bewegung seines Innern, leistete der Singmeister Ungewöhnliches. Seine volle, reiche Stimme litt nicht, verglichen mit den sanften Tönen der Mädchen, und seine kunstgerechten Weisen besaßen wenigstens für die Ohren derer, an welche sie sich vornehmlich wandten, das Uebergewicht leichteren Verständnisses, Er endete das heilige Lied, wie er es angefangen hatte, mitten unter ernstem, feierlichem Schweigen.

Als jedoch der Schluß des Gesanges in den Ohren seiner Zuhörer verhallt war, verriethen die geheimen, schüchternen Blicke der Augen, und die allgemeine, wenn gleich unterdrückte Bewegung unter den Versammelten, daß man von dem Vater der Verstorbenen einige Worte erwartete. Munro schien zu fühlen, daß auch für ihn‘ die Zeit gekommen sey, vielleicht die größte Anstrengung zu machen, deren die Menschennatur fähig ist. Er entblößte sein graues Haupt und schaute fest und mit gefaßter Miene auf die ihn umgebende scheue und ruhige Volksmenge. Dann winkte er dem Kundschafter mit der Hand und sprach:

»Sagt diesen guten, liebreichen Mädchen, daß ein schwacher Greis, dessen Herz gebrochen, ihnen seinen Dank abstatte. Sagt ihnen, daß das Wesen, welches wir alle verehren, wenn auch unter verschiedenen Namen, ihrer Liebe gedenken wird: daß die Zeit nicht mehr ferne seyn kann, wo wir alle ohne Unterschied des Geschlechts, des Ranges oder der Farbe, um seinen Thron versammelt seyn werden.«

Der Kundschafter hörte diese Worte, die der Veteran mit zitternder Stimme sprach, aufmerksam an, und schüttelte, als er zu Ende war, langsam das Haupt, als ob er an ihrer Wirksamkeit zweifelte.

»Ihnen dies mitzutheilen,« sprach er, »hieße so viel, als wenn ich sagte, daß der Schnee nicht im Winter komme, oder die Sonne am wärmsten scheine, wenn die Bäume ihres Laubes baar sind.«

Er wandte sich zu den Weibern und drückte ihnen Munro’s Dankbarkeit aus, wie er es der Fassungskraft seiner Zuhörerinnen für am angemessensten hielt. Munro’s Haupt war wieder auf seine Brust gesunken, und er war nahe daran, sich wieder der früheren Schwermuth hinzugeben, da wagte der junge Franzose seinen Ellbogen leicht zu berühren. Sobald er die Aufmerksamkeit des trauernden alten Mannes gewonnen hatte, wies er auf einen Trupp junger Indianer, welche mit einer leichten, aber dicht verschlossenen Sänfte herannahten, und deutete dann aufwärts nach der Sonne.

»Ich verstehe Sie, mein Herr!« versetzte Munro im Tone erzwungener Festigkeit; »ich verstehe Sie. Es ist der Wille des Himmels, und ich unterwerfe mich. Cora, mein Kind! Wenn die Gebete eines Vaters, dessen Herz gebrochen ist, dir jetzt helfen könnten, wie selig solltest du seyn! – Kommen Sie, meine Herren!« fuhr er fort, mit einer Miene stolzer Fassung um sich blickend, obgleich der Gram, der in seinen gebleichten Zügen bebte, zu gewaltig war, um sich verbergen zu lassen – »Wir haben hier nichts mehr zu thun; laßt uns gehen!«

Heyward gehorchte gerne dem Rufe, der ihn von einem Orte entfernte, wo, wie er wohl fühlte, seine Selbstbeherrschung ihn jeden Augenblick verlassen konnte. Während seine Begleiter aber zu Pferde stiegen, fand er noch Zeit, dem Kundschafter die Hand zu drücken und ihm ihre Uebereinkunft noch einmal ins Gedächtniß zu rufen, sich wieder bei den Posten des brittischen Heeres zu treffen. Dann warf er sich getrost in den Sattel und spornte sein Schlachtroß an die Seite der Sänfte, aus welcher ihm ein leichtes, halbunterdrücktes Schluchzen die Gegenwart Alicens verkündete. Munro senkte wieder das Haupt auf die Brust; Heyward und David folgten in düsterem Schweigen, von Montcalm’s Adjutanten und seiner Bedeckung begleitet; so entschwanden alle Weißen, mit Ausnahme Hawk-eye’s, den Augen der Delaware« und waren bald in den endlosen Wäldern des Landes begraben.

Das Band gemeinschaftlich erlittenen Unglücks aber, welches diese einfachen Waldbewohner mit den Fremden vereinte, die so vorübergehend unter ihnen verweilt hatten, konnte sich nicht so bald lösen. Jahre vergingen, ehe die sagenhafte Überlieferung von dem weißen Mädchen und dem jungen Krieger der Mohikaner aufhörte, den Delawaren lange Nächte und ermüdende Märsche zu verkürzen, oder ihre Jünglinge und ihre Tapferen mit dem Verlangen nach Rache zu erfüllen. Auch Diejenigen, welche in diesen bedeutenden Erlebnissen eine weniger hervorragende Rolle gehabt hatten, wurden nicht vergessen. Durch Vermittlung des Kundschafters, welcher noch Jahre nachher eine Art von Mittelglied zwischen ihnen und der civilisirten Welt bildete, erfuhren sie als Antwort auf ihre Erkundigungen, daß das ,graue Haupt` bald zu seinen Vätern versammelt worden sey, darniedergedrückt, wie sie irrig glaubten, durch sein Unglück im Kriege: und daß die ›offene Hand‹ seine überlebende Tochter weit hinweg nach den Niederlassungen der Blaßgesichter geführt habe, wo ihre Thränen endlich aufgehört hätten zu fließen, dem lieblichen Lächeln weichend, das ihrer heiteren Natur besser ziemte.

Doch diese Begebenheiten fallen in eine Zeit, welche außer dem Bereiche unserer Erzählung liegt. Von allen Gefährten seiner Farbe verlassen, kehrte Hawk-eye an den Ort zurück, wohin ihn seine Neigungen mit einer Gewalt zogen, wie sie kein blos eingebildetes Band der Einigung schaffen konnte. Er kam noch eben zur Zeit, einen Abschiedsblick auf Uncas‘ Züge zu werfen, den die Delawaren bereits in seine letzten Pelzgewänder hüllten. Sie hielten eine Weile inne, um dem beherzten Waidmann seinen zögernden Blick der Sehnsucht nicht zu verkümmern, und der Leib wurde eingehüllt, um nie mehr aufgedeckt zu werden. Dann folgte ein zweiter feierlicher Zug, und die ganze Nation versammelte sich um das vorläufig gewählte Grab des Häuptlings – vorläufig, denn seine Gebeine sollten einst in kommenden Tagen unter denen seines eigenen Volkes ruhen. Die allgemeine Uebereinstimmung der Gefühle brachte auch hier eine Theilnahme hervor, von der sich Niemand ausschloß. Derselbe ernste Ausdruck des Grams, dasselbe strenge Stillschweigen, dieselbe Ehrfurcht gegen den Hauptleidtragenden, die wir bereits einmal zu schildern hatten, war auch um diese Begräbnisstätte zu bemerken. Die Leiche ward in ruhender Stellung niedergelassen, das Gesicht gegen die aufgehende Sonne gerichtet, neben ihm seine Kriegs- und Jagdgeräthe, bereit für die letzte große Reise. In dem Sarge, durch welchen der Körper gegen die unmittelbare Berührung der Erde geschützt war, ließ man eine Oeffnung, damit der Geist, sofern es nöthig wäre, mit seiner irdischen Hülle verkehren könne. Das Ganze ward mit dem den Eingebornen eigenen Scharfsinne gegen den Instinkt und die Verwüstungen der Raubthiere geschützt. Die Gebräuche, bei denen Mehrere thätig zu seyn hatten, waren nun zu Ende, und Aller Sinn wandte sich wieder dem geistigeren Theile der Feierlichkeiten zu.

Chingachgook wurde noch einmal der Gegenstand allgemeiner Aufmerksamkeit. Er hatte noch nicht gesprochen, und doch erwartete man bei einem so wichtigen Anlasse von einem so berühmten Häuptling etwas Tröstliches und Belehrendes zu hören. Die Wünsche des Volkes errathend, erhob der Krieger, seinen Schmerz bezwingend, das ernste Antlitz, das er zuletzt in sein Gewand verhüllt gehalten hatte, und schaute mit festem Auge um sich. Seine festzusammengepreßten, ausdrucksvollen Lippen öffneten sich, und zum Erstenmale während der langen Ceremonie ließ sich seine Stimme deutlich vernehmen.

»Warum trauern meine Brüder?« sprach er, auf die dunkeln Krieger schauend, die mit niedergeschlagener Miene um ihn standen: »warum weinen meine Töchter? weil ein junger Krieger nach den glücklichen Jagdgefilden gegangen ist – weil ein Häuptling seine Zeit mit Ehren erfüllt hat? Er war gut: er war pflichttreu; war tapfer. Wer kann es läugnen? Manitto hatte einen solchen Krieger nöthig, und er hat ihn abgerufen. Was mich betrifft, den Sohn und den Vater eines Uncas, so bin ich eine abgeschälte Fichte in einer Lichtung der Blaßgesichter. Mein Geschlecht ist geschieden von den Gestaden des Salzsees und von den Bergen der Delawaren. Aber wer kann sagen, daß die Schlange seines Stammes ihrer Weisheit vergessen hat? Ich bin allein –«

»Nein, nein,« rief Hawk-eye, welcher bisher mit einem Ausdruck der hingebendsten Theilnahme auf die strengen Züge Chingachgook’s geschaut hatte, und nun seine gewohnte, bisher nur mit Mühe behauptete Fassung sinken lassen mußte: »nein, Sagamore, nicht allein. Unsere Gaben und unsere Farbe mögen verschieden seyn: aber Gott hieß uns auf demselben Pfade mit einander wandeln. Ich habe keinen Verwandten, und kann, gleich dir, sagen, ich habe auch kein Volk. Er war dein Sohn und eine Rothhaut von Natur: und es mag seyn, daß dein Blut näher – aber wenn ich je den Jungen vergesse, der im Kriege so oft neben mir gefochten, im Frieden an meiner Seite geruht hat, so soll Er, der uns alle erschuf, wie auch unsere Farbe oder unsere Natur sein mag – meiner vergessen! Der Junge hat uns für eine Weile verlassen; aber, Sagamore, du bist nicht allein!«

Chingachgook ergriff die Hand, welche der Kundschafter in der Wärme seines Gefühls ihm über die frische Erde hinüber streckte, und in dieser Stellung der Freundschaft neigten die beiden kräftigen, unerschrockenen Waidmänner ihre Häupter zusammen: heiße Thränen rollten auf das Grab nieder und befeuchteten Uncas‘ Ruhestätte, wie fallende Regentropfen.

Mitten in dem ehrfurchtsvollen Schweigen, mit welchem ein solcher Ausbruch der Empfindung von Seiten der zwei berühmtesten Krieger jener Regionen aufgenommen ward, erhob Tamenund seine Stimme, das Volk zu zerstreuen:

»Es ist genug!« rief er. »Geht, Kinder der Lenapen, der Zorn Manitto’s hat sich noch nicht gelegt. Warum sollte Tamenund weilen? Die Blaßgesichter sind Herren der Erde, und die Zeit der Rothäute ist noch nicht wieder gekommen. Mein Tag ist zu lang gewesen. Am Morgen sah ich die Söhne des Unamis glücklich und mächtig, und jetzt, bevor die Nacht eingebrochen ist, mußte ich leben, um den letzten Krieger von dem weisen Geschlechte der Mohikaner zu schauen!«

Zweites Kapitel.

Zweites Kapitel.

Sola, sola, so, sa, so, sola!
Shakespeare.

Während die eine der liebenswürdigen Damen, mit denen wir unsere Leser flüchtig bekannt gemacht, so in Gedanken vertieft war, hatte sich die andere schnell von dem leichten Schrecken erholt, der jenen Ausruf veranlaßte, und über ihre eigene Schwäche lachend, fragte sie den jungen Mann, der ihr zur Seite ritt: –

»Sind solche Gespenster häufig in diesen Wäldern, Heyward, oder ist das ein Schauspiel, das uns zu Lieb‘ gegeben wurde? Wenn Letzteres der Fall ist, so muß uns Dankbarkeit den Mund schließen; im erstern Falle bedürfen Cora und ich eines reichen Vorrathes von jenem ererbten Muthe, dessen wir uns rühmen, selbst ehe wir noch den gefürchteten Montcalm begegnen.«

»Der Indianer dort ist ein Läufer von dem Heere, und kann in der Weise seines Volkes für einen Helden gelten,« versetzte der Offizier. »Er hat sich erboten, uns auf einen nur wenig gekannten Pfade schneller und folglich angenehmer nach dem See zu bringen, als wenn wir den langsamen Bewegungen des Heeres folgten.«

»Der Mensch gefällt mir nicht,« sprach die Lady, von angenommenem, noch mehr aber von wirklichem Schrecken schaudernd. »Sie kennen ihn doch genau, Duncan, sonst würden Sie sich nicht so unbedenklich seiner Führung anvertrauen?«

»Sagen Sie lieber, Alice, ich würde Sie ihm nicht anvertrauen. Ich kenne ihn, sonst würde ich ihm am wenigsten in diesem Augenblicke vertrauen. Man sagt, er sey auch ein Canadier – und doch diente er unsern Freunden, den Mohawks, die, wie Sie wissen, eine der sechs verbündeten Nationen sind. Er wurde, wie ich hörte, durch einen seltsamen Vorfall zu uns gebracht, bei dem Ihr Vater betheiligt war, und wobei der Wilde hart behandelt wurde – aber ich vergaß das Geschichtchen, genug, er ist jetzt unser Freund.«

»Wenn er meines Vaters Feind war, so gefällt er mir noch viel weniger!« rief das nun wirklich erschrockene Mädchen. »Wollen Sie nicht mit ihm sprechen, Major Heyward, daß ich seine Stimme höre. Es ist vielleicht eine Thorheit, aber Sie haben schon oft von mir gehört, daß ich auf den Ton der Menschenstimme gehe.«

»Das würde vergeblich seyn, und höchst wahrscheinlich nur durch einen Ausruf beantwortet werden. Wenn er auch Englisch versteht, so thut er doch, wie die Meisten seines Volkes, als verstünde er Nichts davon, und am wenigsten wird er sich herablassen, jetzt zu sprechen, da der Krieg ihn zur strengsten Behauptung seiner Würde auffordert. Aber er hält inne: der geheime Weg, den wir einschlagen sollen, ist wahrscheinlich hier in der Nähe.«

Die Vermuthung Major Heyward’s war richtig. Als sie zu der Stelle kamen, wo der Indianer stand, wies er auf ein Dickicht zur Seite der Heerstraße, und ein schmaler, unansehnlicher Pfad, der, wenn auch mit einiger Unbequemlichkeit, eine Person aufnehmen konnte, wurde sichtbar.

»Dahin also,« sprach der junge Mann mit gedämpfter Stimme, »geht unser Weg. Zeigen Sie kein Mißtrauen, oder Sie locken selbst die Gefahr herbei, die Sie zu fürchten scheinen.«

»Cora, was denkst Du?« fragte die widerstrebende Schöne. »Wenn wir mit den Truppen reisen, werden wir nicht, obgleich wir ihre Gegenwart lästig finden müßten, über unsere Sicherheit beruhigter seyn können?«

»Da Sie mit den Kunstgriffen der Wilden zu wenig bekannt sind, Alice, so wissen Sie nicht, wo die Gefahr am größten ist,« fiel Heyward ein. »Wenn die Feinde überhaupt schon den Trageplatz erreicht haben, was keineswegs wahrscheinlich ist, da unsre Kundschafter draußen sind, so gehen sie sicherlich darauf aus, die Kolonne zu umzingeln, weil es hier am meisten zu skalpiren gibt. Die Straße des Detachements ist bekannt, während unser Weg, welchen einzuschlagen erst vor einer Stunde beschlossen ward, noch ein Geheimnis seyn muß.«

»Sollen wir dem Mann mißtrauen, weil seine Sitten nicht die unsern find, und seine Haut dunkel?« fragte kaltblütig Cora.

Alice zögerte nicht länger; sie gab ihrem Narraganset einen tüchtigen Schlag mit der Reitgerte, drückte zuerst die dünnen Zweige der Gebüsche bei Seite und folgte dem Läufer den dunkeln, verschlungenen Pfad entlang. Der junge Mann betrachtete die letzte Sprecherin mit unverholener Bewunderung, und ließ ihre schönere, oder zum Mindesten nicht weniger schöne Gefährtin ohne Begleitung, während er eifrig einen Weg für jene bahnte, welche Cora genannt wurden war. Die Diener mußten vorher ihre Weisungen erhalten haben: denn statt mit in das Dickicht einzudringen, folgten sie auf der Heerstraße der Kolonne, eine Maßregel, welche nach Heyward’s Angabe der Scharfsinn ihres Führers angerathen hatte, um nicht zu viel Spuren von sich zu hinterlassen, für den Fall, daß die Canadischen Wilden sich etwa so weit dem Heere voraus in Hinterhalt legten. Mehrere Minuten lang erlaubte der verschlungene Weg keine weitere Unterhaltung. Jetzt aber gelangten sie aus dem breiteren Saume des Unterholzes, das sich die Heerstraße entlang erstreckte, unter das hohe und dunkle Bogendach der Waldbäume. Hier war ihr Vordringen weniger unterbrochen, und sobald der Führer merkte, daß die Damen über ihre Pferde freier verfügen konnten, schlug er einen stärkeren trottartigen Schritt an, der die sicherfüßigen Thiere in einen schnellen, aber leichten Paß versetzte. Der junge Mann hatte sich umgewendet, um mit der schwarzäugigen Cora zu sprechen, als ihn entfernte Hufschläge, die über die Wurzeln des holperigen Weges hinter ihnen daher stampften, veranlaßten, sein Schlachtroß anzuhalten. Auch seine Begleiterinnen hielten in demselben Augenblick ihre Zügel an, die ganze Parthie machte Halt, um Aufschluß über die unerwartete Unterbrechung zu erhalten.

In wenigen Augenblicken sah man ein Füllen wie einen Damhirsch durch die geraden Fichtenstämme schlüpfen und gleich darauf die Person des unbehülflichen Mannes, den wir in dem vorigen Kapitel beschrieben haben, zum Vorschein kommen, wie er sein mageres Thier zu so viel Eile antrieb, als dieses ertragen konnte, ohne daß es zu einem förmlichen Sturze kam. Bis jetzt war diese Persönlichkeit der Beobachtung unserer Reisenden entgangen. Besaß er die Macht, das Auge des Wanderers zu fesseln, wenn er zu Fuß die volle Glorie seiner Körperhöhe entfaltete, so mußte die Grazie des Reiters die gleiche Aufmerksamkeit erregen. Trotz der beständigen Tätigkeit der einen bewaffneten Ferse gegen die Seite seiner Stute, war doch der stärkste Lauf, in den er sie bringen konnte, ein leichter Galopp mit den Hinterbeinen, in welchen die vorderen nur in zweifelhaften Momenten mit einstimmten, gemeinhin aber sich begnügten, einen hüpfenden Trott einzuhalten. Vielleicht brachte der schnelle Wechsel dieser Bewegungen eine optische Täuschung hervor, welche die Kräfte des Thiers scheinbar vergrößerte. Denn so viel ist gewiß, daß Heyward, der doch ein scharfes Auge für die Verdienste der Pferde hatte, bei allem Scharfsinn nicht im Stande war, zu entscheiden, durch welcherlei Bewegung sein Verfolger die Krümmungen des Weges mit so ausdauernder Kühnheit zurücklegte.

Der Eifer und die Bewegungen des reitenden Theils waren nicht minder merkwürdig, als die seines Rosses. Bei jedem Wechsel der Evolutionen des Letztern erhob der Erstere seine hagere Gestalt in den Bügeln, und bewirkte durch die ungebührliche Verlängerung seiner Beine ein so plötzliches Wachsen und Zusammensinken seiner Gestalt, daß jede Vermuthung über seine eigentlichen Dimensionen vereitelt wurde. Fügen wir noch die Thatsache hinzu, daß durch den einseitigen Gebrauch des Sporns eine Seite der Mähre sich schneller zu bewegen schien, als die andere, und daß die mißhandelte Flanke durch unabläßige Schläge mit dem buschigen Schwanze bezeichnet ward, so haben wir das treue Bild von Roß und Mann.

Die Runzeln, welche sich um die schöne, offene und männliche Stirn Heyward’s gesammelt hatten, glätteten sich allmählig und um seine Lippen kräuselte ein leichtes Lächeln, als er den Fremden betrachtete. Alice strengte sich nicht eben an, ihre Heiterkeit zu unterdrücken, und selbst das schwarze, sinnige Auge Cora’s erglänzte von einer Laune, welche mehr Gewohnheit als die augenblickliche Stimmung seiner Gebieterin zu bewältigen schien.

»Suchen Sie Jemand?« fragte Heyward, als der Andere nahe genug gekommen war, um seine Eile zu mäßigen: »ich hoffe, Sie sind kein Unglücksbote.« »Ja gewiß,« erwiederte der Fremde, indem er fleißigen Gebrauch von seinem dreieckigen Castor machte, um eine Circulation in der geschlossenen Luft des Waldes zu bewirken, und seine Zuhörer in Zweifel ließ, auf welche der Fragen des jungen Mannes er antwortete. Als er jedoch sein Gesicht abgekühlt hatte und wieder zu Athem gekommen war, fuhr er fort: »ich höre, Sie reiten nach William Henry, und da ich ebendahin reise, so schloß ich, gute Gesellschaft würde mit den Wünschen beider Parteien zusammentreffen.«

»Sie scheinen das Vorrecht der entscheidenden Stimme zu haben,« erwiederte Heyward;« wir sind unser drei, und Sie haben Niemand, als sich selbst zu Rath gezogen.«

»Gewiß. Das Erste, worüber wir im Reinen seyn müssen, sind wir selbst. Ist man dessen gewiß – und wo Weiber mit im Spiel sind, ist dies nichts Leichtes – so ist das Nächste, dem Entschlusse gemäß zu handeln. Ich suchte beides zu thun und hier bin ich.«

»Wenn Sie nach dem See reisen,« versetzte Heyward stolz, »dann sind Sie nicht auf dem rechten Wege, die Straße liegt wenigstens eine halbe Meile hinter uns.«

»So ist es,« erwiederte der Fremde, durch den kalten Empfang nicht entmuthigt. »Ich habe mich in Edward eine Woche aufgehalten, und müßte stumm seyn, wenn ich mich nicht nach dem Weg, den ich zu nehmen habe, erkundigt hätte; und wäre ich stumm, so hätt’s auch mit meinem Beruf ein Ende.«

Er lächelte vor sich hin, wie Einer, dem die Bescheidenheit verbietet, seine Bewunderung über einen zum Besten gegebenen, den Zuhörern aber unverständlichen Witz offen darzulegen, und fuhr dann fort: »Es ist nicht klug bei Leuten von meinem Beruf, mit denen, welche sie zu unterrichten haben, sich zu gemein zu machen: deshalb folge ich nicht dem Heereszug; zudem glaube ich, daß ein Gentleman Ihres Standes am besten zu reisen weiß, und habe mich daher entschlossen, Ihnen Gesellschaft zu leisten, damit der Weg durch gegenseitige Mittheilung unterhaltender werde.« »Ein äußerst willkürlicher, wo nicht voreiliger Entschluß!« rief Heyward, unentschlossen, ob er seinem steigenden Aerger Luft machen oder dem Sprecher ms Gesicht lachen sollte. »Aber Sie reden vom Unterrichten und von Beruf; sind sie dem Provinzialcorps beigegeben als Lehrer in der edeln Kunst der Vertheidigung und des Angriffs? oder sind sie vielleicht Einer, der Linien und Winkel zieht und vorgibt, die Mathematik auszulegen?«

Der Fremde sah den Frager einen Augenblick verwundert an, dann aber löste er jede Spur von Selbstzufriedenheit in einen Ausdruck feierlicher Demuth auf und antwortete:

»Von Angriff ist, hoffe ich, auf keiner Seite die Rede. Was die Vertheidigung betrifft, so brauch‘ ich mich nicht zu vertheidigen. Mit Gottes Gnade habe ich keine offenbare Sünde begangen, seitdem ich ihn zum letzten Mal um Vergebung gebeten. Ich verstehe Ihre Anspielungen auf Linien und Winkel nicht, und überlasse das Auslegen denen, die besonders zu diesem heiligen Amte berufen sind. Ich mache auf keine höhere Gabe Anspruch, als auf eine geringe Einsicht in die glorreiche Kunst des Lobgesangs und Danksagens wie sie bei dem Psalmsingen dem Himmel dargebracht werden.«

»Der Mann ist offenbar ein Schüler Apollos,« rief die belustigte Alice, »und ich nehme ihn unter meine specielle Protection. Nein, weg mit diesen Runzeln, Heyward, aus Mitleid für meine neugierigen Ohren lassen Sie ihn in unsrem Gefolge reisen. Ueberdies,« fuhr sie in gedämpftem und hastigen Tone mit einem Blick auf die entfernte Cora, welche langsam den Tritten ihres schweigsamen und düstern Führers folgte, fort: »kann er vielleicht als Freund im Falle der Noth unsre Kräfte verstärken.«

»Glauben Sie, Alice, ich würde diejenigen, die ich liebe, auf einen geheimen Pfad führen, wenn ich mir dächte, daß eine solche Noth kommen könnte?«

»Nein, nein, ich denke jetzt auch nicht daran; aber dieser seltsame Mann belustigt mich, und wenn er Musik in seiner Seele hat,‹ so wollen wir ihn nicht lieblos aus unsrer Gesellschaft verweisen.« Sie deutete mit ihrer Reitgerte bittend nach dem Pfade hin, indeß beider Augen in einem Blicke sich begegneten, den der junge Mann gerne verlängert hätte; dann gab er ihrem begütigenden Einfluß nach, stieß seinem Rosse die Sporen ein, und in wenigen Sprüngen war er wieder an Cora’s Seite.

»Es freut mich, Dich zu treffen, Freund,« fuhr Alice fort, dem Fremden mit der Hand winkend, weiter zu reiten, indem sie ihren Narraganset wieder in einen Paß zu bringen suchte. »Parteiische Verwandte haben mich beinahe überredet, daß ich bei einem Duett nicht übel anstehen könne, und wir erheitern uns den Weg, wenn wir unsrer Lieblingsneigung in etwas nachgeben. Es wird einem Wesen, das so unwissend ist, wie ich, zu besonderem Vortheil gereichen, die Meinungen und Erfahrungen eines Meisters in der Kunst zu vernehmen.«

»Es ist erfrischend für Geist und Leib, sich zu seiner Zeit durch Singen von Psalmen zu erquicken,« erwiederte der Meister im Gesang, indem er unbedenklich ihrer Einladung folgte; »und Nichts dürfte dem Gemüth so wohl thun, als eine solche Vereinigung. Aber vier Stimmen sind erforderlich, um eine Melodie gehörig auszuführen. Nach allen Anzeigen besitzen Sie einen sanften und vollen Discant; ich kann, durch absonderliche Gunst des Himmels, einen vollen Tenor auf die höchste Note führen; aber es fehlt uns noch ein Alt und ein Baß! Der königliche Offizier dort, welcher mich nicht in seine Gesellschaft aufnehmen wollte, könnte den letztern übernehmen, wenn ich nach den Intonationen seiner Stimme im gewöhnlichen Gespräche schließen darf.«

»Urtheilen Sie nicht zu voreilig nach flüchtigen und täuschenden Scheinbarkeiten,« entgegnete lächelnd das Mädchen, »wenn Major Heyward auch bei Gelegenheit solche tiefe Töne anstimmen kann, so glauben Sie mir, daß seine natürliche Stimme sich mehr zu einem weichen Tenor, als für den Baß eignet, den Sie gehört haben.« »Ist er also im Psalmsingen besonders erfahren?« fragte ihr schlichter Begleiter.

Alice hätte gerne laut aufgelacht, bezähmte aber ihre Laune, als sie antwortete:

»Ich fürchte, er hält es mehr mit weltlichem Gesang. Das wechselnde Soldatenleben ist wenig geeignet, ernstere Neigungen zu begünstigen.«

»Die Stimme ist dem Menschen, wie andere Talente, zum Gebrauch, nicht zum Mißbrauch gegeben. Mir kann Niemand nachsagen, daß ich je meine Gaben vernachläßigt habe. Ich danke Gott, daß, obgleich ich schon meine Jugend, wie König David, der Musik gewidmet habe, kein profaner Vers jemals meine Lippen entweihte.«

»So haben Sie denn Ihre Kunstversuche auf den heiligen Gesang beschränkt?«

»Ja. Wie die Psalmen Davids jede andere Sprache weit übertreffen, so übertrifft auch die Psalmodie, welche von den Gottesgelehrten und Weisen des Landes ihnen angepaßt worden ist, alle weltliche Poesie. Glücklicher Weise darf ich sagen, daß ich nur die Gedanken und die Wünsche des Königs von Israel selbst ausspreche: denn wenn auch die Zeiten einige unbedeutende Veränderungen erheischen, so übertrifft doch die Uebertragung, deren wir uns in den Kolonien von Neu-England bedienen, jede andere so weit, daß sie durch ihre Fülle, ihre Genauigkeit und ihre geistliche Einfalt dem großen Werke des begeisterten Dichters möglichst nahe kommt. Nie bleibe ich schlafend oder wachend an einem Ort, ohne ein Exemplar dieses hochbegabten Buches bei mir zu haben. Es ist die sechsundzwanzigste Edition, herausgegeben zu Boston Anno Domini 1744 und führt die Aufschrift: Psalmen, Hymnen und geistliche Gesänge des Alten und Neuen Testaments, getreu übertragen in das englische Versmaß, zur Erbauung und zum Troste der Heiligen, zu öffentlichem und Privatgebrauch, besonders in Neu-England.« Während dieser Lobpreisung auf das seltene Produkt seiner heimischen Dichter hatte der Fremde das Buch aus seiner Tasche gezogen, eine in Eisen gefaßte Brille auf seine Nase gesetzt und das Buch mit einer Sorgfalt und Verehrung geöffnet, welche seinen heiligen Zwecken ganz angemessen war. Dann sprach er, ohne weitere Einleitung und Apologie, zuerst das Wort »Standish« aus, setzte das bereits erwähnte unbekannte Instrument an den Mund, und brachte damit einen hohen, schrillen Ton hervor, dem er eine Octave niedriger mit seiner eigenen Stimme folgte. Nun begann er die folgenden Worte in vollen, süßen und melodischen Tönen, welche der Musik, der Poesie und selbst der unbehaglichen Bewegung seines ungezogenen Kleppers Hohn zu sprechen schienen, abzusingen:

O sieh, wie fein und lieblich
Es ist, wie’s Gott gefällt,
Wenn mit dem Bruder treulich
Der Bruder Frieden hält.
Es gleicht der Salben bester,
Die vom Haupt zum Barte floß,
Auf Aarons Bart herunter,
Bis zu des Kleides Schoß.

Die Absingung dieser kunstreichen Reime begleitete der Fremde mit einem regelmäßigen Steigen und Fallen seiner rechten Hand. Beim Senken ließ er seine Finger einen Augenblick auf den Blättern des kleinen Buches ruhen, während er das Steigen mit einem Schnörkelschlag dieses Gliedes begleitete, welchen nachahmen zu können, Niemand als der Eingeweihte hoffen durfte. Es wollte scheinen, als ob lange Angewöhnung diese Begleitung der Hand nothwendig gemacht hätte, denn sie hörte nicht auf, bis die Präposition, welche der Poet für den Schluß seines Verses gewählt hatte, getreulich als ein Wort von zwei Sylben abgesungen war. Eine solche Unterbrechung der Stille des einsamen Waldes konnte nicht verfehlen, sich dem Ohre derer, die nur eine kleine Strecke voraus zogen, bemerklich zu machen.

Der Indianer murmelte einige Worte in gebrochenem Englisch gegen Heyward, welcher seinerseits mit dem Fremden sprach, seine musikalischen Versuche unterbrechend und zugleich beendigend.

»Obgleich wir nicht in Gefahr sind, so räth uns schon die gewöhnliche Klugheit, durch diese Wildniß in möglichster Stille zu reisen. Sie werden mir also verzeihen, Alice, wenn ich Ihre Genüsse beeinträchtige, indem ich diesen Herrn ersuche, seinen Gesang auf eine sicherere Gelegenheit aufzusparen.«

»Das werden Sie in der That,« versetzte das schelmische Mädchen, »nie hörte ich eine unwürdigere Verbindung zwischen Musik und Sprache, als die, der ich so eben lauschte; und ich hatte mich schon in eine Untersuchung über die Ursachen einer solchen Disharmonie zwischen Ton und Sinn vertieft, als Sie den Zauber meiner Träumereien durch ihren Baß zerstörten, Duncan.«

»Ich weiß nicht, was Sie meinen Baß nennen,« entgegnete Heyward, empfindlich über ihre Bemerkung, »aber so viel weiß ich, daß Ihre und Cora’s Sicherheit mir viel theurer ist, als ein Orchester von Händel’s Musik.« Er schwieg, kehrte plötzlich sein Auge gegen das Dickicht und heftete sie dann auf ihren Führer, welcher in ungestörter Gravität den gleichen Schritt einhielt. Der junge Mann lächelte über sich selbst, denn er glaubte, er habe eine glänzende Waldbeere für die glühenden Augäpfel eines herumstreichenden Wilden genommen, und ritt weiter, indem er die Unterhaltung fortsetzte, welche durch jenen flüchtigen Gedanken unterbrochen worden war.

Major Heyward hatte sich nur in sofern getäuscht, als er sich durch seinen jugendlichen und hochsinnigen Stolz von weiterer Nachforschung abhalten ließ. Der Zug war noch nicht lang vorüber, als die Zweige des Gebüsches, welche das Dickicht bildeten, vorsichtig auseinander gebogen wurden, und ein Menschengesicht, so trotzig und furchtbar, als wilde Kunst und ungebändigte Leidenschaften es machen konnten, den sich entfernenden Fußtritten der Reisenden nachblickte. Ein Strahl des Frohlockens schoß über die dunkelbemalten Gesichtszüge des Waldbewohners, als er sah, welche Richtung seine arglosen Schlachtopfer eingeschlagen hatten. Den lichten und anmuthigen Gestalten der Frauen, welche zwischen den Bäumen dahin schwebten, folgte durch die Krümmungen des Weges die männliche Gestalt Heywards, bis schließlich die unförmliche Person des Singmeisters unter den zahllosen Baumstämmen verschwand, die sich in düstern Linien dazwischen erhoben.

Drittes Kapitel.

Drittes Kapitel.

Eh‘ man die Felder noch gepflügt,
Voll bis zum Rand die Flüsse strömten,
Der Wasser Melodie erfüllt‘
Den frischen, weiten Wald, es rauschten
Waldströme, und das Bächlein spielt‘,
Und in dem Schatten sprangen Quellen.
Bryant.

Wir lassen den argwohnlosen Heyward und seine ihm vertrauenden Begleiter noch tiefer in den Wald eindringen, der so verrätherische Bewohner in sich schloß, und bedienen uns der Freiheit des Schriftstellers, die Scene einige Meilen weiter westlich von dem Orte, wo wir sie zuletzt gesehen haben, zu versetzen.

An jenem Tage schlenderten zwei Männer an dem Ufer eines kleinen aber reißenden Stroms, ungefähr eine Tagreise von dem Lager Webbs, als harrten sie der Ankunft eines Dritten, oder der Annäherung eines erwarteten Ereignisses. Das weite Laubdach des Waldes dehnte sich an dem Rande des Flusses aus, indem es das Wasser überhing und seine dunkeln Fluten mit noch tieferem Dunkel überschattete. Die Strahlen der Sonne fingen bereits an schwächer zu werden, und die übermäßige Hitze des Tages sich zu mildern, während kühlere Dünste von Quellen aus ihren Laubbetten emporstiegen und sich mit der Atmosphäre vermischten. Immer noch herrschte in dieser Einsamkeit jene Stille, welche die drückende Schwüle einer amerikanischen Juli-Landschaft charakterisirt, und wurde nur von den leisen Stimmen der Männer, dem gelegentlichen, müden Picken eines Waldspechts, dem unharmonischen Schrei eines bunten Hehers, oder dem dumpfen Rauschen eines entfernten Wasserfalls unterbrochen.

Diese schwachen und abgebrochenen Laute waren jedoch den Waldbewohnern zu vertraut, als daß sie ihre Aufmerksamkeit von dem interessanteren Gegenstand ihrer Unterhaltung abgezogen hätten. Während einer dieser müßigen Wanderer die rothe Haut und den wilden Aufzug eines Eingebornen der Wälder hatte, zeigte der andere unter der Hülle roher und fast wilder Bekleidung die hellere, wenn gleich sonnverbrannte und lang verwitterte Farbe Eines, der auf europäische Abstammung Anspruch machen durfte. Der Eine saß auf dem Rand eines bemoosten Baumstammes in einer Stellung, die ihm vergönnte, die Wirkung seiner ernsten Rede durch die ruhigen und ausdrucksvollen Gebärden des in einem Streitgespräche begriffenen Indianers zu erhöhen. Sein beinahe nackter Leib bot ein schreckhaftes Sinnbild des Todes dar, durch die verschlungene Mischung weißer und schwarzer Farbenzüge. Sein kahl geschorner Kopf, auf dem kein andres Haar, als der wohlbekannte, ritterliche Skalpirschopf belassen worden, war ohne andern Putz, als eine einzige Adlersfeder, die über seinen Scheitel lief und auf die linke Schulter herunter hing. Ein Tomahawk und ein Skalpirmesser von englischer Arbeit stacken in seinem Gürtel, während eine Büchse von der Art, womit die Politik der Weißen ihre wilden Verbündeten bewaffnete, nachläßig über seinen bloßen, sehnigen Knien lag. Die gewölbte Brust, die vollgeformten Glieder und die ernste Haltung dieses Kriegers schienen anzudeuten, daß er sich in der Vollkraft seines Lebens befinde, ohne noch Spuren der Abnahme seiner Mannheit zu fühlen.

Die Gestalt des Weißen glich, nach den Körpertheilen zu schließen, welche er nicht mit dem Kleide bedeckte. Jemand, der seit seiner frühesten Jugend Mühseligkeiten zu ertragen und Anstrengungen zu machen gelernt hatte. Seine Person, obgleich muskulös, war eher mager, als voll; aber jeder Nerv und Muskel schien gedrungen und durch unausgesetzte Anstrengung und Arbeit abgehärtet. Er trug ein waldgrünes Jagdhemd mit verwittertem Gelb besetzt, und eine Sommermütze von geschornem Fell. Auch er trug ein Messer in einem Wampumgürtel, gleich dem, der die ärmliche Bekleidung des Indianers umschloß, aber keinen Tomahawk. Seine Moccasins waren nach der Weise der Eingebornen verziert, während der einzige Theil seiner untern Bekleidung, der unter dem Jagdrock sichtbar war, aus ein Paar bockledernen Kamaschen bestand, die, auf beiden Seiten verbrämt, über dem Knie mit Hirschsehnen befestigt waren. Eine Jagdtasche und ein Pulverhorn vollendeten seinen Anzug, und eine Büchse von großer Länge, welche die Theorie der erfahrneren Weißen die Waldbewohner als die gefährlichste Feuerwaffe betrachten ließ, lehnte an einem benachbarten Bäumchen. Das Auge des Jägers oder Kundschafters, was immer er seyn mochte, war klein, lebhaft, scharf und unruhig, und rollte, während er sprach, in allen Richtungen umher, als ob er ein Jagdwild suchte oder die plötzliche Annäherung eines Feindes besorgte. Trotz tiefer Symptome gewohnten Mißtrauens verrieth sein Gesicht nicht nur keine Tücke, sondern trug in dem Augenblick, da er sprach, sogar das Gepräge offener Rechtlichkeit.

»Selbst eure Ueberlieferungen sprechen für mich, Chingachgook,« entgegnete er in einer Sprache, welche allen Eingebornen, die früher das Land zwischen dem Hudson und dem Potomak bewohnten, bekannt war, und von der wir zu Gunsten des Lesers eine freie Uebersetzung geben, aber zugleich darauf Bedacht nehmen werden, einige Eigenthümlichkeiten, sowohl des Individuums als des Ausdrucks beizubehalten. »Eure Väter kamen von der untergehenden Sonne her, gingen über den großen Fluß, kämpften mit dem Volke des Landes und nahmen dieses weg; die Meinigen kamen vom rothen Morgenhimmel über den Salzsee und thaten ganz nach dem Beispiel, das die Eurigen ihnen gegeben hatten. So laß denn Gott unsere Sache entscheiden, und Freunde darüber keine Worte verlieren.«

»Meine Väter fochten mit dem nackten rothen Mann,« versetzte der Indianer ernst, in der nämlichen Sprache. »Ist kein Unterschied, Hawk-eye (Falkenauge), zwischen dem steingespitzten Pfeil des Kriegers und der bleiernen Kugel, womit ihr tödtet?«

»Ein Indianer hat Verstand, wenn ihm gleich die Natur eine rothe Haut gegeben hat,« sprach der Weiße, den Kopf schüttelnd, gleich einem, bei dem eine solche Berufung auf seine Gerechtigkeit nicht weggeworfen war. Einen Augenblick schien es ihm, als ob er im Nachtheil wäre; dann aber nahm er sich zusammen und beantwortete den Einwurf seines Gegners so gut, als seine beschränkten Kenntnisse ihm gestatteten: »Ich bin kein Schriftgelehrter und scheere mich auch den Henker um ihre Weisheit; wenn ich aber nach dem urtheile, was ich bei meinen Jagden auf die Hirsche und Eichhörnchen von den Burschen da unten gesehen habe, da sollt‘ ich meinen, daß eine Büchse in den Händen ihrer Großväter nicht so gefährlich gewesen wäre, als ein Bogen von Nußbaumholz und eine gute Feuersteinspitze seyn mochten, wenn jener mit indianischer Umsicht gespannt und diese mit einem Indianerauge entsendet wurde.«

»Dir wurde die Geschichte so von deinen Vätern erzählt,« erwiederte der Andere, mit der Hand eine verächtliche Bewegung machend. »Was sagen eure alten Männer? Sagen sie den jungen Kriegern, daß die Blaßgesichter den rothen Männern entgegen getreten sind, die zum Krieg bemalt und mit der steinernen Streitaxt und dem hölzernen Geschoß bewaffnet waren?«

»Ich habe keine Vorurtheile und bin nicht der Mann, der sich natürlicher Vorrechte rühmt, obgleich der schlimmste Feind, den ich habe, und der ist ein Irokese, nicht wagen darf, zu läugnen, daß ich von ächt weißer Abstammung bin,« sprach der Kundschafter, indem er mit geheimem Wohlgefallen die verwitterte Farbe seiner knöchernen und sehnigen Hand überblickte, »und ich gestehe gerne, daß mein Volk manche Wege geht, die ich als ehrlicher Mann nicht gut heißen kann. Es ist eine ihrer übeln Gewohnheiten, daß sie in Bücher schreiben, was sie gethan und gesehen haben, statt davon in ihren Dörfern zu erzählen, wo man einen feigen Prahlhans ins Gesicht Lügen strafen und der brave Soldat seine Kameraden zu Zeugen für die Wahrheit seiner Worte aufrufen kann. In Folge dieser schlechten Sitte kann ein Mensch, der zu gewissenhaft ist, um seine Tage unter Weibern und im Lernen der schwarzen Zeichen zu verschwenden, nie von den Thaten seiner Väter hören, noch einen Stolz darein setzen, sie übertreffen zu wollen. Für meinen Theil glaube ich, daß alle Bumppo schießen konnten: denn ich habe ein natürliches Geschick für die Büchse, das sich von Geschlecht zu Geschlecht vererbt haben muß, da, wie unsre heiligen Gebote uns melden, alle guten und schlimmen Gaben von oben kommen, obgleich ich in solchen Dingen nicht gern für Andere stehe. Aber jedes Ding hat seine zwei Seiten: so frage ich dich, Chingachgook, was begab sich nach den Ueberlieferungen der rothen Männer, als unsre Väter sich zuerst getroffen haben?«

Eine augenblickliche Stille erfolgte, während welcher der Indianer stumm da saß: dann fing er, von der Würde seines Amtes erfüllt, seine kurze Erzählung mit einer Feierlichkeit an, die dazu diente, ihre anscheinende Wahrheit zu verstärken.

»Höre, Hawk-eye, und dein Ohr soll keine Lüge trinken. So haben meine Väter gesagt und die Mohikaner gethan.« Er zögerte einen Augenblick und heftete einen vorsichtigen Blick auf seinen Begleiter. Dann fuhr er auf eine Weise fort, die zwischen Frage und Behauptung getheilt war: »Fließt nicht der Strom zu unsern Füßen dem Sommer zu, bis seine Wasser salzig werden und sein Lauf aufwärts geht?«

»Es kann nicht geläugnet werden, daß eure Ueberlieferungen in diesen beiden Stücken Wahrheit enthalten,« sagte der weiße Mann: »denn ich bin da gewesen und habe sie gesehen: warum aber das Wasser, das so süß im Schatten ist, in der Sonne bitter wird, weiß ich nicht und habe mir’s nie erklären können.«

»Und der Lauf!« fragte der Indianer, welcher seine Antwort mit jener Art von Interesse erwartete, das Jemand bei der Bestätigung eines Wunders fühlt, das er selbst unbegreiflich findet, während er seine Wirklichkeit anerkennt: »die Väter von Chingachgook haben nicht gelogen.«

»Die heilige Bibel ist nicht wahrer, und das ist doch das Wahrste, was es hienieden gibt. Die Leute nennen diesen aufströmenden Lauf die Flut, was bald erörtert und klar genug ist. Sechs Stunden laufen die Wasser hinein und sechs heraus und das kommt daher: wenn das Wasser in der See höher ist, als in dem Fluß, dann läuft es herein, und wenn’s der Fluß gewinnt und wieder höher wird, dann läuft es wieder hinaus.«

»Die Wasser in den Wäldern und an den großen Seen laufen hinab, bis sie so flach da liegen, wie meine Hand,« versetzte der Indianer, indem er diese horizontal vor sich ausstreckte, »und dann laufen sie nicht weiter.«

»Kein ehrlicher Mann wird das bestreiten,« erwiederte der Kundschafter, ein wenig empfindlich über dieses Mißtrauen gegen seine Erklärung des Geheimnisses der Flut, »und ich gebe zu, daß es wahr ist im verjüngten Maßstab, und wo das Land eben ist. Aber alles kommt darauf an, nach welchem Maßstab du die Dinge betrachtest. Nun ist die Erde nach dem verjüngten Maßstab eben; nach dem vergrößerten aber ist sie rund. So mögen Teiche und Weiher und selbst die großen Frischwasserseen still stehen, wie du und ich wissen, weil wir sie gesehen haben; wenn du aber kommst und Wasser über eine große Fläche gießest, wie die See: wie kann da das Wasser vernünftiger Weise ruhig bleiben, wo die Erde rund ist? Eben so gut kannst du erwarten, daß der Fluß an dem Rand der schwarzen Klippen da oben eine halbe Meile über uns ruhig liegen bleibe, während deine eignen Ohren dir sagen, daß er in diesem Augenblick darüber hinwegbraust.«

Wenn auch unbefriedigt von der Philosophie seines Begleiters, so besaß der Indianer doch zu viel Würde, um seinen Unglauben zu verrathen. Er hörte zu, wie Jemand, der sich überzeugen lassen will, und nahm dann seine Erzählung mit der früheren Feierlichkeit wieder auf:

»Wir kamen von dem Orte, wo die Sonne Nachts sich verbirgt, über große Flächen, wo die Büffel leben, bis wir den großen Fluß erreichten. Hier kämpften wir mit den Alligewis, bis der Boden sich von ihrem Blute röthete. Von den Ufern des großen Flußes bis zu den Gestaden des Salzsees war keiner mehr, der es mit uns aufgenommen hätte. Dann folgten in einiger Entfernung die Maquas. Wir sagten, das Land sollte unser seyn, von der Stelle an, wo das Wasser nicht mehr stromaufwärts fließt, bis zu einem Fluße zwanzig Sonnen (Tagreisen) sommerwärts. Das Land, das wir als Krieger eroberten, behaupteten wir als Männer. Wir trieben die Maquas in die Wälder zu den Bären. Sie schmeckten blos das Salz ihrer Thränen und zogen keinen Fisch aus dem großen See: wir warfen ihnen die Gräten zu.«

»All das habe ich gehört und glaube es,« sagte der Weiße, als er bemerkte, daß der Indianer inne hielt; »aber das war lange, bevor die Engländer in das Land kamen.«

»Damals wuchs eine Fichte da, wo jetzt dieser Kastanienbaum steht. Die ersten Blaßgesichter, welche zu uns kamen, sprachen kein Englisch, Sie kamen in einem großen Canoe, als meine Väter das Tomahawk mit den rothen Männern um sie her begraben hatten. Da, Hawk-eye,« fuhr er fort, indem er seine tiefe Bewegung nur dadurch kund gab, daß er seine Stimme zu jenen tiefen Kehltönen herabsinken ließ, die seine Sprache oft so musikalisch machten; »da, Hawk-eye, waren wir ein Volk, und wir waren glücklich. Der Salzsee gab uns seine Fische, der Wald sein Wild und die Luft ihre Vögel. Wir nahmen Weiber, die uns Kinder gebaren; wir beteten den großen Geist an und hielten die Maquas außer dem Bereiche unsrer Triumphgesänge.«

»Weißt du etwas von deiner eigenen Familie zu jener Zeit?«, fragte der Weiße. »Du bist ein gerechter Mann für einen Indianer! und da du, wie ich vermuthe, ihre Eigenschaften geerbt hast, so müssen deine Väter brave Krieger und weise Männer beim Versammlungsfeuer gewesen seyn.«

»Mein Stamm ist der Ahnherr von Nationen, aber ich bin unvermischt geblieben. Das Blut von Häuptlingen rollt in meinen Adern, wo es immer verbleiben soll. Die Holländer landeten und gaben meinem Volke das Feuerwasser; sie tranken, bis Himmel und Erde sich zu berühren schienen, und wähnten in ihrer Thorheit, sie hätten den großen Geist gefunden. Dann mußten sie von ihrem Lande scheiden. Schritt vor Schritt wurden sie zurück von den Gestaden getrieben, bis ich, der ich ein Häuptling und Sagamore bin, die Sonne nie anders als durch die Bäume habe scheinen sehen; und noch nie hab‘ ich die Gräber meiner Väter besucht!«

»Gräber bringen das Gemüth in feierliche Stimmung,« bemerkte der Kundschafter, merklich gerührt von dem ruhigen Leiden seines Begleiters, »und oft helfen sie Einem zu guten Entschlüssen. Ich für mein Theil versehe mich dazu, daß meine Gebeine einstens unbegraben bleiben, um in den Wäldern zu bleichen, oder von den Wölfen zerrissen zu werden. Aber wo finden sich Diejenigen Deines Geschlechtes, welche vor so vielen Sommern zu ihren Verwandten nach dem Delaware gekommen sind?«

»Wo sind die Blüten jener Sommer! – gefallen, Einer nach dem Andern: denn Alle von meiner Familie sind, wie die Reihe an sie kam, in das Land der Geister hinübergegangen. Ich stehe oben auf dem Berg und muß ins Thal hinab; und wenn Uncas meinen Fußstapfen folgt, so ist keiner mehr übrig vom Blut der Sagamoren: denn mein Knabe ist der letzte Mohikaner.«

»Uncas ist da!« sprach eine andere Stimme in denselben sanften Kehllauten, dicht bei ihm; »wer fragt nach Uncas?« Der Weiße fuhr bei dieser plötzlichen Unterbrechung mit seinem Messer aus der ledernen Scheide und machte eine unwillkürliche Bewegung mit der Hand nach seiner Büchse; der Indianer aber saß ruhig da, ohne den Kopf nach den unerwarteten Tönen umzuwenden.

Im nächsten Augenblick schritt ein junger Krieger mit geräuschlosem Tritt zwischen ihnen durch und setzte sich an das Ufer des reißenden Stromes. Kein Laut der Ueberraschung entfuhr dem Vater, mehrere Augenblicke hiedurch ward keine Frage gethan, noch eine Antwort gegeben, da Jeder den Moment zu erwarten schien, wo er sprechen könnte, ohne weibische Neugierde oder kindische Ungeduld zu verrathen. Der Weiße schien ihr Beispiel nachzuahmen, zog seine Hand von der Büchse zurück und blieb gleichfalls still und in sich gekehrt. Endlich wandte Chingachgook seine Augen langsam nach seinem Sohn und fragte:

»Wagen die Maquas, die Spuren ihrer Moccasins diesen Wäldern einzudrücken?«

»Ich war ihnen auf der Fährte,« antwortete der junge Indianer, »und weiß, daß ihrer so viele sind, als Finger an meinen zwei Händen; aber sie liegen wie Feiglinge verborgen.«

»Die Diebe sind auf der Lauer nach Skalpen und nach Beute?« sprach der Weiße, den wir mit seinen Begleitern Hawk-eye nennen wollen. »Der rührige Franzmann Montcalm wird seine Spione noch bis in unser Lager schicken, aber er soll erfahren, welchen Weg wir nehmen.«

»Genug!« versetzte der Vater, sein funkelndes Auge nach der untergehenden Sonne gerichtet! »sie sollen vertrieben werden, wie das Wild aus den Büschen. Hawk-eye, wir wollen zu Nacht essen und morgen den Maquas zeigen, daß wir Männer sind.«

»Ich bin zu dem Einen, wie zu dem Andern bereit; aber um mit den Irokesen zu kämpfen, muß man sie in ihrem Verstecke finden, und um zu essen braucht man ein Wild – sprich vom Teufel und er ist nicht weit von dir; da bewegt sich ein Paar der stärksten Geweihe, die ich dieses Jahr gesehen habe, hinter den Büschen den Hügel hinab. Nun, Uncas,« fuhr er halb flüsternd fort, indem er vor sich hin lachte, wie Jemand, der gelernt hat, auf seiner Hut zu seyn, »ich wette mein Horn, dreimal mit Pulver gefüllt, gegen einen Wampumfuß, daß ich ihn zwischen den Augen und näher dem rechten als dem linken Auge nehme.«

»Es kann nicht seyn!« sprach der junge Indianer, indem er mit jugendlichem Ungestüm aufsprang; »’s ist ja Alles bis auf die Spitze des Geweihes hinter dem Gebüsch verborgen!«

»Er ist ein Knabe!« sprach der Weiße, den Kopf schüttelnd und sich zum Vater wendend. »Meint er, der Jäger könne, wenn er einen Theil vom Thiere sieht, nicht sagen, wo das Uebrige zu finden ist?«

Er richtete sein Gewehr und war im Begriff, eine Probe der Geschicklichkeit abzulegen, die er so sehr an sich schätzte, da fuhr der Krieger mit der Hand nach der Waffe und sagte:

»Hawk-eye! hast du Lust mit den Maquas zu fechten?«

»Diese Indianer kennen die Wälder wie durch Instinkt!« versetzte der Kundschafter, indem er seine Büchse sinken ließ und sich abwendete wie Einer, der sich eines Irrthums überwiesen steht. »Ich muß den Bock deinem Pfeil überlassen, Uncas, oder wir tödten das Thier, nur um die Diebe, die Irokesen, damit zu füttern.«

Kaum hatte der Vater diese Aufforderung mit einer ausdrucksvollen Bewegung der Hand begleitet, so warf sich Uncas zu Boden und näherte sich mit vorsichtigen Bewegungen dem Thiere. Als er nur noch wenige Klafter von dem Verstecke entfernt war, legte er mit größter Sorgfalt einen Pfeil auf den Bogen, und das Geweih bewegte sich, als ob sein Besitzer Unrath witterte. Im nächsten Augenblick schwirrte der Bogen, ein weißer Streif fuhr in das Gebüsch, und der verwundete Rehbock stürzte aus seinem Schutzorte zu den Füßen des verborgenen Feindes. Dem Geweih des wüthenden Thieres ausweichend sprang Uncas auf die Seite und stach ihm das Messer durch die Kehle, der Rehbock stürzte an den Rand des Flußes und fiel zu Boden, indem er die Wasser mit seinem Blute röthete.

»Das nenn‘ ich Indianergeschick!« sprach der Kundschafter, vor sich hin lachend, mit großem Wohlgefallen; »und ’s war ein artiger Anblick! obschon der Pfeil nur in die Nähe geht und der Nachhülfe des Messers bedarf.« »Ha!« rief sein Begleiter, sich plötzlich wendend wie ein Hund, der die Fährte eines Wildes wittert.

»Bei Gott, da ist ein ganzes Rudel!« rief der Kundschafter, dessen Augen vor Lust zu seiner Lieblingsbeschäftigung funkelten. »Wenn sie in Kugelweite kommen, brenn‘ ich einem eins auf, und wenn alle sechs Nationen auf der Lauer lägen! Was hörst du, Chingachgook? Für meine Ohren sind die Wälder stumm.«

»Hier ist nur ein Reh, und das ist todt,« sprach der Indianer, indem er sich niederbückte, bis sein Ohr beinahe die Erde berührte. »Ich höre Fußtritte!«

»Vielleicht haben die Wölfe den Rehbock in das Versteck getrieben und sind ihm jetzt auf der Spur.«

»Nein, Pferde weißer Männer kommen!« erwiederte der Andere, indem er sich mit Würde erhob und mit der früheren Ruhe seinen Sitz auf dem Stamme wieder einnahm. »Hawk-eye, es sind deine Brüder; sprich mit ihnen!«

»Das will ich und in einem Englisch, auf das der König sich nicht schämen dürfte zu antworten,« versetzte der Jäger in der Sprache, deren er sich rühmte: »aber ich seh‘ Nichts, noch höre ich einen Laut von einem Menschen oder Vieh: ’s ist sonderbar, daß ein Indianer die Laute von Weißen besser kennen soll, als Einer, dem seine Feinde selbst gestehen müssen, daß er kein Falsch in seinem Blute hat, obgleich er lange genug mit den Rothhäuten gelebt haben mag, um einiges Mißtrauen zu erregen. Ha! da kracht etwas, wie dürres Holz, – nun höre ich das Gebüsch sich bewegen – ja, ja, es sind Pferdetritte, die ich für das Fallen des Wassers nahm – und – aber da kommen sie selbst! Gott behüte sie vor den Irokesen!«

Viertes Kapitel.

Viertes Kapitel.

Wohl! Geh‘ nur deines Wegs,
aus diesem Haine kommst Du nicht,
bis für dein Unrecht ich mich räche.
Sommernachtstraum.

Noch sprach der Kundschafter, als der Führer der Parthie, deren nahende Tritte das wachsame Ohr des Indianers vernommen hatte, sichtbar ward. Ein gebahnter Pfad, wie ihn der gelegentliche Durchzug des Wildes bildet, wand sich durch ein nahes Thälchen und führte an den Fluß auf die Stelle, wo der weiße Mann und seine rothen Genossen Halt gemacht hatten. Auf diesem Wege kamen die Reisenden, welche so unerwartet in der Tiefe des Waldes erschienen, langsam auf den Jäger zu, welcher, vor seinen Genossen stehend, bereit war, sie zu empfangen.

»Wer da?« fragte der Kundschafter, seine Büchse nachläßig über den linken Arm werfend, und den Vorderfinger der Rechten auf dem Drücker haltend, wobei er jedoch allen Schein von Drohung vermied. – »Wer kommt hieher, unter die Thiere und die Gefahren der Wildniß?«

»Gläubige Christen und Freunde von Gesetz und König,« antwortete der vorderste Reiter. »Menschen, welche seit Sonnenaufgang in dem Schatten des Waldes gereist haben, ohne Nahrung und erschöpft von der Anstrengung des Weges.«

»So habt Ihr euch verirrt,« unterbrach ihn der Jäger, »und habt gefunden, wie übel man daran ist, wenn man nicht weiß, ob man sich zur Rechten oder Linken wenden soll.«

»So ist es; der Säugling ist nicht abhängiger von der Amme, als von dem Führer wir, die Erwachsenen, welche jetzt nur die Gestalt, nicht aber den Verstand von Menschen haben. Wißt Ihr, wie weit es nach einem Posten der Krone, genannt William Henry, ist?«

»Wetter!« rief der Kundschafter, indem er laut auflachte, aber bald diese gefährlichen Laute unterdrückte, um seiner Laune auf eine Weise Raum zu geben, die von den lauernden Feinden weniger gehört werden konnte, »Ihr seyd so weit von der Fährte, als ein Hund, wenn der Horican zwischen ihm und dem Wilde liegt! William Henry, Mann! Wenn ihr Freunde des Königs seyd, und ein Geschäft bei dem Heere habt, so thätet ihr besser, am Flusse hinab nach Edward zu gehen, und eure Sache Webb vorzulegen, der dort liegen bleibt, statt in die Engpässe vorzudringen und den frechen Franzmann über den Champlain in sein Nest zurückzutreiben.«

Ehe der Fremde auf diesen unerwarteten Vorschlag etwas erwiedern konnte, sprengte ein anderer Reiter durch das nahe Gebüsch sein Roß auf den Pfad, seinem Begleiter gegenüber.

»Wie weit mögen wir denn von Fort Edward seyn?« fragte der neue Sprecher. »Den Platz, nach dem ihr uns weiset, verließen wir diesen Morgen und unsre Bestimmung geht nach der Quelle des Sees.«

»Dann müßt Ihr euern Gesichtssinn früher als den Weg verloren haben: der Weg über den Trageplatz ist gute zwei Ruthen breit ausgehauen und eine so breite Straße, denk‘ ich, als irgend eine in London, oder selbst vor dem Königspalast.«

»Wir wollen uns jetzt nicht über die Vortrefflichkeit des Weges streiten,« versetzte Heyward lächelnd: denn er war es, wie der Leser bereits entnommen haben wird. »Es ist genug, wenn ich euch sage, daß wir uns einem indianischen Führer anvertrauten, der uns einen nähern, wiewohl geheimeren Weg führen wollte, und daß wir durch seine vermeintliche Ortskenntniß getäuscht worden sind. Mit einem Wort: wir wissen nicht, wo wir uns befinden.«

»Ein Indianer in den Wäldern verirrt!« sprach der Kundschafter, bedenklich den Kopf schüttelnd: »wenn die Sonne auf die Baumgipfel brennt, und die Ströme ihre Bette füllen, und das Moos an jedem Baume ihm sagen muß, in welcher Richtung der Nordstern in nächster Nacht leuchten wird, wenn die Wälder voll von Fährten des Wilds sind, welche zu den Strömen führen, Punkte, die Jedermann kennt! Und noch sind nicht alle Gänse nach den Canadagewässern fort! Es ist seltsam, daß sich ein Indianer zwischen dem Horican und der Krümmung des Flusses verirrt haben soll? Ist er ein Mohawk?«

»Nicht von Geburt, obgleich in diesen Stamm aufgenommen; ich glaube, seine Heimath liegt weiter nördlich, und er ist einer von denen, die ihr Huronen nennt.«

»Hugh!« riefen die zwei Begleiter des Kundschafters, die bis zu diesem Theile des Gesprächs unbeweglich und anscheinend gleichgültig gegen das, was vorging, dagesessen hatten, jetzt aber überrascht mit einem Ungestüm und einer Theilnahme, die offenbar über ihre Zurückhaltung gesiegt hatte, emporsprangen.

»Ein Hurone!« wiederholte der kecke Kundschafter, noch einmal voll Mißtrauen den Kopf schüttelnd; »dies ist ein diebisches Geschlecht, und ich frage nicht viel darnach, von wem er aufgenommen wurde. Ihr könnt ihn zu Nichts als zum Wegelagern und Herumstreichen brauchen. Da Ihr euch der Sorge Eines aus dieser Nation anvertraut habt, so wundert es mich nur, daß Ihr nicht noch mit Mehreren zu thun bekommen!«

»Das hat keine Gefahr, da William Henry so viele Meilen vor uns liegt. Ihr vergesset, was ich euch vorhin sagte; unser Führer ist jetzt ein Mohawk und dient als Freund bei unserm Heer.«

»Und ich sage euch, daß, wer als Mingo geboren wird, als Mingo stirbt,« entgegnete zuversichtlich der Andere. »Nein, da lob‘ ich mir einen Delawaren oder Mohikaner: die sind ehrlich; und wenn sie fechten wollen, wozu jedoch nicht Alle Lust bezeigen, da sie sich von ihren listigen Feinden, den Maquas, zu Weibern machen ließen – aber wenn sie überhaupt fechten wollen, so schaut mir einen Delawaren oder Mohikaner an, wenn Ihr einen Krieger haben wollt.«

»Genug davon,« sprach Heyward ungeduldig, »ich will nicht den Charakter eines Mannes untersuchen, den ich kenne, und dem Ihr fremd seyn müsset, Ihr habt mir noch nicht auf meine Frage geantwortet: wie weit sind wir von dem Hauptheer zu Edward? »Das kommt, scheint mir, darauf an, wer euer Führer ist. Ein Pferd, wie das da, dürfte eine gute Strecke Landes zwischen Sonnenauf- und Untergang zurücklegen, sollte Einer meinen.«

»Ich wünsche keinen Streit mit eiteln Worten gegen euch, mein Freund,« bemerkte Heyward, sein Mißvergnügen unterdrückend, in höflicherem Ton; »wenn Ihr mir die Entfernung von Fort Edward sagt und mich dahin führt, so soll eure Bemühung nicht unbelohnt bleiben.«

»Und wenn ich das thue, wer bürgt mir dafür, daß ich keinen Feind und Spion Montcalm’s nach den Festungswerken des Heeres führe? Nicht Jeder, der englisch sprechen kann, ist darum ein Ehrenmann.«

»Wenn Ihr bei dem Heere dient, von dem Ihr, wie ich schließe, ein Kundschafter seyd, so solltet Ihr das sechzigste Regiment des Königs kennen.«

»Das sechzigste Regiment! Ihr könnt mir wenig von den königlichen Amerikanern sagen, das ich nicht schon wüßte, obgleich ich ein Jagdhemd und seinen Scharlachrock trage.«

»Gut, dann kennt Ihr vielleicht unter Anderem den Major desselben.«

»Seinen Major!« unterbrach der Jäger, sich emporrichtend, wie Einer, der stolz auf das ihm geschenkte Vertrauen ist. »Wenn ein Mann im Lande ist, der Major Effingham kennt, so steht er vor euch.«

»Das Corps hat mehrere Majors. Der von euch genannte ist der älteste; aber ich spreche von dem allerjüngsten, der die Compagnien in William Henry befehligt.«

»Ja, ich habe gehört, daß ein sehr reicher junger Mann, aus einer Provinz weit im Süden, diesen Posten erhalten hat. Er ist jung für einen solchen Rang, wo er über Männern steht, deren Köpfe zu bleichen beginnen, und doch sagen sie, er sey ein geschickter Soldat und ein ritterlicher Herr.«

»Was er auch seyn mag, und wie er für seinen Posten sich eignet, er spricht jetzt mit euch und Ihr habt daher keinen Feind in ihm zu fürchten.« »Der Kundschafter betrachtete Heyward erstaunt, lüpfte dann seine Mütze und antwortete in einem minder freien, obgleich noch immer argwöhnischen Tone –

»Ich habe gehört, daß eine Abtheilung diesen Morgen aus dem Lager nach dem Ufer des Sees abgehen sollte.«

»Da habt Ihr recht gehört, ich wählte lieber einen nähern Weg, wobei ich mich auf den vorerwähnten Indianer verließ.«

»Und er täuschte euch und lief davon.«

»Keines von Beiden, wie ich glaube, wenigstens das letztere nicht; denn er ist in meinem Gefolge.«

»Ich möchte mir diesen Menschen etwas näher ansehen. Wenn es ein ächter Irokese ist, so erkenn‘ ich ihn an seinem schelmischen Blick und an der Farbe seines Gesichts,« sprach der Kundschafter, indem er an Heyward’s Pferde vorbeischritt und den Weg hinter des Singmeisters Stute betrat, deren Füllen den Stillstand benützte, um die Mutter in Kontribution zu setzen. Nachdem er das Gebüsch bei Seite geschoben hatte, traf er einige Schritte weiter auf die Frauen, welche das Ergebniß der Besprechung mit Ungeduld und nicht ohne Furcht erwarteten. Hinter diesen lehnte der Läufer an einem Baum, die genaue Prüfung des Kundschafters mit unveränderter Miene aushaltend, aber mit einem so finstern und wilden Blick, daß schon dieser an sich Furcht erregen konnte. Zufrieden mit dem Resultat seiner Forschungen, verließ ihn der Jäger. Als er an den Frauen vorüberging, hielt er einen Augenblick, um ihre Schönheit zu betrachten, das Lächeln und Nicken Alicens mit augenfälligem Vergnügen erwiedernd. Von da trat er der Stute zur Seite und nachdem er einen Augenblick vergeblich den Charakter des Reiters zu erforschen gesucht hatte, schüttelte er den Kopf und kehrte zu Heyward zurück.

»Ein Mingo ist und bleibt ein Mingo, und da ihn Gott einmal so erschaffen hat, so können ihn weder die Mohawks noch andere Stämme anders machen,« sprach er nachdem er seine frühere Stellung wieder eingenommen hatte, »Wenn wir allein wären und Ihr wolltet das edle Roß der Willkühr der Wölfe überlassen, so könnte ich euch selbst den Weg nach Edward in einer Stunde zeigen: denn weiter ist es nicht von hier entfernt; aber mit den Frauen in eurem Gefolge ist es unmöglich.«

»Warum? Sie sind zwar ermüdet, aber für einen Ritt von ein paar Meilen weiter noch kräftig genug.«

»Es ist eine offenbare Unmöglichkeit!« wiederholte der Kundschafter, »für die beste Büchse in den Kolonien möchte ich in Gesellschaft des Läufers nach Einbruch der Nacht keine Meile in diesen Wäldern machen. Sie sind voll von lauernden Irokesen und euer Zwitter-Mohawk weiß zu gut, wo er sie zu finden hat, als daß ich sein Gesellschafter werden möchte.«

»Seht Ihr die Sache so an?« sprach Heyward, indem er sich in dem Sattel vorneigte und seine Stimme fast zu einem Geflüster sinken ließ: »ich gestehe, ich war auch nicht ohne Argwohn, obgleich ich ihn wegen meiner Begleiterinnen zu verbergen suchte. Eben weil ich Verdacht schöpfte, wollt‘ ich ihm nicht länger folgen, und ließ ihn, wie Ihr seht, hinter mir her gehen.«

»Ich wußte, daß er ein Schelm ist, so bald ich ihn anblickte!« versetzte der Kundschafter, als Zeichen der Vorsicht einen Finger auf die Nase legend. »Der Dieb lehnt am Fuße des jungen Baums, den Ihr über den Büschen weg sehen könnt, sein rechtes Bein steht in Einer Richtung mit der Rinde des Baums und (hier griff er nach seiner Büchse) ich kann ihn von meinem Standpunkt aus zwischen dem Knöchel und dem Knie nehmen, daß ihm nur wenigstens einen Monat das Herumstreichen in den Wäldern vergeht. Ginge ich zu ihm zurück, so würde der Schlaukopf etwas wittern, und wie ein erschrecktes Reh durch die Bäume entschlüpfen.«

»Das geht nicht. Er kann unschuldig seyn und ich liebe diese Handlungsweise nicht. Und doch, wenn ich gewiß wüßte, daß er ein Verräther –« »Auf die Schurkerei eines Irokesen darf man mit Sicherheit rechnen,« sprach der Kundschafter, indem er instinktmäßig nach seiner Büchse griff.

»Halt!« unterbrach ihn Heyward, »es geht nicht –wir müssen auf etwas Anderes denken – und doch, ich habe vielen Grund zu glauben, daß der Schuft mich getäuscht hat.« Der Jäger, welcher bereits seine Absicht, den Läufer lahm zu schießen, aufgegeben hatte, sann einen Augenblick und machte dann ein Zeichen, das seine zwei rothen Begleiter ihm sogleich zur Seite rief. Sie sprachen leise, aber lebhaft in delawarischer Sprache mit einander; aus den Gebärden des Weißen jedoch, der sich häufig gegen den Gipfel des jungen Baumes richtete, ging deutlich hervor, daß er von ihrem verborgenen Feinde sprach. Seine Begleiter hatten seine Wünsche alsbald verstanden, legten ihre Feuergewehre weg, wandten sich nach entgegengesetzten Seiten und vergruben sich mit so vorsichtigen Bewegungen in das Dickicht, daß ihre Tritte nicht gehört werden konnten.

»Jetzt, geht zurück,« sprach der Jäger wieder zu Heyward, »und haltet den Teufelsbalg mit Reden hin, die Mohikaner hier wollen ihn lebendig fangen, ohne ihm die Schminke zu verderben.«

»Nein,« sprach Heyward stolz, »ich will ihn selbst fassen.«

»Pah! was vermöget Ihr zu Pferd gegen einen Indianer in den Büschen?«

»Ich steige ab.«

»Glaubt Ihr, er werde, wenn er sieht, daß Ihr einen Fuß aus dem Bügel habt, warten, bis auch der andere frei ist? Wer in den Wäldern mit den Eingebornen zu thun hat, muß indianische Kniffe brauchen, wenn er etwas ausrichten will. Geht denn, sprecht vertraulich mit dem Bösewicht, und thut, als ob Ihr ihn für euern treuesten Freund auf Erden hieltet.«

Heyward schickte sich an, diesen Rath zu befolgen, obgleich ihm die Rolle, die er zu spielen hatte, nicht behagen wollte. Indeß überzeugte er sich jeden Augenblick mehr, daß er durch sein zu großes Vertrauen seine Schützlinge in eine sehr mißliche Lage versetzt hatte. Die Sonne war bereits untergegangen, und die Wälder, plötzlich ihres Lichtes beraubt, nahmen eine düstere Farbe an, welche ihn ernstlich erinnerte, daß die Stunde, welche die Wilden gewöhnlich für ihre grausamsten und gefühllosesten Akte der Rache oder der Feindseligkeit wählten, mit schnellen Schritten heran rücke. Von Besorgnissen bestürmt, verließ er den Kundschafter, welcher unmittelbar darauf in eine laute Unterredung mit dem Fremden einging, der sich mit so wenig Umständen am Morgen in die Reisegesellschaft eingedrängt hatte. Als er an seinen zarten Begleiterinnen vorbeiritt, sprach er einige Worte der Ermuthigung zu ihnen und fand zu seiner Freude, daß sie, obgleich ermüdet von den Anstrengungen des Tages, keinen Verdacht zu haben schienen, ihre gegenwärtige Verlegenheit sey etwas anderes, als die Folge des Zufalls. Er ließ sie glauben, daß er sich blos über ihre bevorstehende Route bespreche, spornte sein edles Roß und zog die Zügel wieder an, als er in die Nähe der Stelle kam, wo der trotzige Läufer immer noch an den Baum angelehnt stand.

»Du siehst, Magua,« sprach er, indem er eine unbefangene, vertrauliche Miene anzunehmen bemüht war, »daß die Nacht rings umher einbricht, und daß wir William Henry noch nicht näher sind, als da wir Webb’s Lager mit Aufgang der Sonne verließen. Du hast den Weg verfehlt und ich bin nicht glücklicher gewesen. Zum Glück aber sind wir auf einen Jäger getroffen, mit dem du den Sänger sprechen hörst. Er ist mit den Fährten des Wildes und den Fußpfaden der Wälder vertraut, und verspricht, uns nach einem Platze zu führen, wo wir sicher bis zum Morgen ausruhen können.«

Der Indianer heftete seine funkelnden Augen auf Heyward, und fragte in seinem gebrochenen Englisch: »Ist er allein?«

»Allein!« wiederholte zögernd Heyward, dem Täuschung noch zu neu war, als daß er nicht etwas verlegen geworden wäre. »Oh! gewiß nicht allein, Magua: du weißt ja, daß wir bei ihm sind.« »Dann kann le Renard Subtil gehen,« versetzte der Läufer, indem er eine kleine Reisetasche von der Stelle, wo sie zu seinen Füßen lag, kaltblütig aufhob; »und die Blaßgesichter werden nur Leute ihrer eigenen Farbe sehen.«

»Gehen? Wen nennst du le Renard

»Diesen Namen haben seine Canadischen Väter Magua gegeben,« antwortete der Läufer mit einer Miene, welche bewies, daß er auf diese Auszeichnung stolz war. »Nacht und Tag sind für Subtil gleich, wenn Munro auf ihn wartet.«

»Was will le Renard Subtil dem Befehlshaber von William Henry von seinen Töchtern melden? Wird er es wagen, dem hitzköpfigen Schottländer zu sagen, daß er seine Kinder ohne Führer gelassen habe, obgleich Magua ihnen einer zu seyn versprach?«

»Der Graukopf hat eine laute Stimme und einen langen Arm, aber wird jene le Renard in den Wäldern hören, oder diesen fühlen?«

»Aber was werden die Mohawks sagen! Sie werden ihm einen Weiberrock machen und ihn heißen im Wigwam bei den Weibern bleiben: denn nicht länger kann man ihm das Geschäft eines Mannes anvertrauen!«

»Le Subtil kennt den Pfad zu den großen Seen und kann die Gebeine seiner Väter finden,« war die Antwort des unbeweglichen Läufers.

»Genug, Magua,« sprach Heyward, »sind wir nicht Freunde? Warum sollen bittere Worte zwischen uns gewechselt werden? Munro hat dir für deine Dienste ein Geschenk versprochen, und ich werde dein Schuldner für einen andern seyn. So laß deine müden Glieder ausruhen und öffne deine Reisetasche, um zu essen. Wir haben nur wenige Minuten zum Besten, laß sie uns nicht wie zänkische Weiber vergeuden. Wenn die Frauen Erfrischungen zu sich genommen haben, gehen wir weiter.«

»Die Blaßgesichter machen sich zu Hunden ihrer Frauen,« murmelte der Indianer in seiner Muttersprache, »und wenn sie essen wollen, müßen ihre Krieger den Tomahawk bei Seite legen, um ihre Trägheit zu nähren.« »Was sagst du, Renard?«

»Le Subtil sagt, es ist gut.«

Der Indianer heftete jetzt das Auge fest auf das offene Gesicht Heyward’s, als er aber seinem Blicke begegnete, wandte er sich schnell ab, nahm, indem er sich bedächtlich zu Boden setzte, den Rest eines früheren Mahles aus der Tasche und begann zu essen, jedoch nicht ohne langsam und vorsichtig um sich her zu blicken.

»So ist es recht,« fuhr Heyward fort, »und Renard wird morgen neue Kraft des Leibes und der Augen haben, um den Weg zu finden;« er hielt inne, denn Laute wie das Knistern von dürren Reisern und das Rauschen von Blättern ließ sich aus den nahen Gebüschen vernehmen. Plötzlich aber besann er sich und fuhr fort: »wir müssen aufbrechen, ehe die Sonne sich sehen läßt, sonst legt sich uns Montcalm in den Weg und schneidet uns von der Festung ab.«

Magua ließ seine Hand vom Munde zur Seite herabsinken und obgleich seine Augen auf den Boden geheftet waren, bog er dennoch den Kopf seitwärts: seine Nasenlöcher erweiterten sich, und sogar seine Ohren schienen aufrechter zu stehen, als gewöhnlich, indem sie ihm den Anschein einer Bildsäule gaben, welche gespannte Aufmerksamkeit darstellen soll.

Heyward, welcher seinen Bewegungen mit wachsamem Auge folgte, zog nachläßig einen seiner Füße aus dem Bügel, während er mit der Hand über die Bärenhautdecke seiner Pistolenhalfter hinglitt. Jede Bemühung, den Punkt zu entdecken, den der Läufer besonders ins Auge faßte, scheiterte an seinem zitternden Blick, der auf seinem besondern Gegenstande auch nur einen Augenblick ruhte und sich doch auch nicht eigentlich zu bewegen schien. Während Jener noch unschlüssig war, stand le Subtil vorsichtig auf, jedoch mit einer so langsamen und bedächtigen Bewegung, daß diese Veränderung nicht das geringste Geräusch verursachte. Heyward fühlte, daß jetzt gehandelt werden mußte. Er warf sein Bein über den Sattel und stieg ab, entschlossen sich seines verrätherischen Begleiters zu bemächtigen indem er sich auf seine Mannesstärke verließ. Um jedoch unnöthigen Lärm zu verhüten, behielt er immer noch den Anschein der Ruhe und Vertraulichkeit. Le Renard Subtil ißt nicht,« sprach er, indem er sich des Namens bediente, welcher der Eitelkeit des Indianers am meisten zu schmeicheln schien. »Sein Korn ist nicht gut geröstet, es scheint zu trocken. Ich will sehen, vielleicht findet sich etwas unter meinem eigenen Vorrath, was ihm besser mundet.«

Magua hielt die Reisetasche hin, um ihm zuvorzukommen. Er litt es selbst, daß ihre Hände sich berührten, ohne die geringste Aufregung zu zeigen, oder die Stellung der Aufmerksamkeit zu verändern. Kaum fühlte er aber, daß Heyward’s Finger sich leicht über seinen nackten Arm hinbewegten, so schlug er die Hand des jungen Mannes zurück, stieß, unter ihr wegspringend, einen durchdringenden Schrei aus und tauchte mit einem einzigen Sprung in das entgegengesetzte Dickicht. Im nächsten Augenblicke erschien die Gestalt Chingachgook’s vor den Gebüschen, der mit seiner Gesichtsbemalung wie ein Gespenst aussah, und glitt über den Pfad hin, um ihn eiligst zu verfolgen. Einen Augenblick später folgte Uncas‘ Ruf, und die Wälder wurden durch einen plötzlichen Strahl erleuchtet, den ein scharfer Knall von des Jägers Büchse begleitete.

Fünftes Kapitel.

Fünftes Kapitel.

– – In einer solchen Nacht
Hüpft‘ Thisbe furchtsam über’n Thau dahin
Und sah des Leuen Schatten vor dem Leuen.
Der Kaufmann von Venedig.

Die plötzliche Flucht seines Führers und das wilde Geschrei der Verfolger versetzten Heyward auf einige Augenblicke in ein unthätiges Erstaunen. Bald aber bedachte er, wie wichtig es sey, sich des Flüchtlings zu versichern, stürzte auf die nahen Gebüsche und drang eilig vor, um sie bei der Jagd zu unterstützen. Er hatte aber noch keine zweihundert Schritte zurückgelegt, als er die drei Waldbewohner bereits von ihrer fruchtlosen Verfolgung zurückkehren sah.

»Warum so bald den Muth verloren?« rief er; »der Schurke muß sich hinter einem dieser Bäume verborgen haben, wir können seiner noch habhaft werden. Wir sind nicht sicher, so lang er auf freiem Fuße ist.«

»Wollt ihr den Wind mit einer Wolke jagen?« fragte der Kundschafter ärgerlich; »ich hörte den Teufelskerl über das trockne Laub hinschlüpfen, wie eine schwarze Natter, bekam gerade über jener dicken Fichte einen schwachen, flüchtigen Schein von ihm, spannte, als wäre ich ihm auf der Fährte, ’s war aber Nichts! und doch hieße ich’s, wenn ein Anderer als ich den Drücker berührte, meisterlich gezielt, und man sollte meinen, ich habe Erfahrung in diesen Dingen, und könne es wissen. Da seht ‚mal diesen Summach an, seine Blätter sind roth, und doch weiß Jedermann, daß er im Monat July in gelber Blüte steht.«

»’s ist Blut von le Subtil! er ist verwundet und fällt vielleicht noch!«

»Nein, nein,« entgegnete der Kundschafter, diese Vermuthung entschieden verwerfend, »ich streifte wohl nur die Rinde von einem Gliede ab, und der Bursche hüpft dafür um so länger. Eine Büchsenkugel thut einem Jagdthier, wenn sie’s streift, just denselben Dienst wie euer Sporn dem Rosse, sie beeilt nur seinen Lauf, und bringt Leben in das Fleisch, statt es zu rauben. Aber wenn’s ein tüchtiges Loch bohrt, so ist’s nach ein paar Sprüngen gemeiniglich am Ende mit dem Laufen, sei’s nun Indianer oder Wild!«

»Wir sind aber vier kräftige Kerls gegen einen Verwundeten!«

»Ist’s Leben euch verleidet?« unterbrach ihn der Kundschafter. »Der rothe Teufel dort würd‘ euch in’s Bereich der Tomahawks seiner Gesellen bringen, bevor ihr euch noch von der Jagd erhitzt hättet. Es war ein unbesonnener Streich von einem Mann, der so oft geschlafen hat, während der Schlachtruf durch die Luft ertönte, seine Flinte in der Hörweite eines Hinterhalts abzufeuern. Aber die Versuchung war zu groß! Kommt, Freunde, verändern wir unsern Standort auf eine Weise, welche den listigen Mingo auf eine falsche Fährte bringt, sonst trocknen morgen um diese Stunde unsre Skalpe vor Montcalm’s Lager im Winde!«

Diese schauderhafte Erklärung, welche der Kundschafter mit der kaltblütigen Zuversicht eines Mannes gab, der die volle Gefahr begriff, während er nicht fürchtete, ihr die Stirne zu bieten, erinnerte Heyward an die Wichtigkeit des Amtes, das er freiwillig übernommen hatte. Während er seine Augen umherwarf und vergeblich sich anstrengte, die Finsterniß zu durchdringen, welche unter dem Blätterbogen des Waldes immer mehr sich verdichtete, war es ihm, als ob seine wehrlosen Begleiterinnen, von menschlicher Hülfe abgeschnitten, bald der gänzlichen Willkühr dieser barbarischen Feinde hingegeben wären, die, gleich Raubthieren, nur warteten, bis die Finsterniß ihre Streiche noch sicherer und verderblicher machte. Seine aufgeregte Einbildungskraft, getäuscht durch das trügerische Licht, verwandelte jedes sich bewegende Gebüsch, jeden Stamm eines gefallenen Baumes in menschliche Gestalten, und zu wiederholten Malen glaubte er die greulichen Gesichter seiner lauernden Feinde unterscheiden zu können, wie sie, in rastloser Wachsamkeit, auf die Bewegungen seiner Begleiter aus ihren Verstecken hervorschauten. Aufblickend fand er, daß die dünnen, stockigen Wölkchen, welche der Abend an dem blauen Himmel geröthet hatte, bereits die schwächsten Tinten ihrer Rosenfarbe verloren, während der eingebettete Strom, der an dem Orte, wo er stand, vorbeifloß, nur noch an dem dunkeln Streifen seiner bewaldeten Ufer erkennbar war.

»Was ist zu thun?« fragte er, die äußerste Hilflosigkeit seiner peinlichen Lage empfindend; »verlaßt mich nicht um Gottes Willen! Bleibt, um die zu vertheidigen, die unter meinem Geleite stehen, und bestimmt frei, womit ich euch belohnen soll!«

Seine Begleiter, welche auf der Seite in der Sprache ihres Stammes sich beriethen, achteten nicht auf diese plötzliche, ernstliche Aufforderung. Obgleich ihre Unterredung in leisem und vorsichtigem Tone gehalten wurde, und nicht vielmehr als Geflüster war, konnte doch Heyward, welcher jetzt hinzutrat, leicht den ernstlichen Nachdruck des jungen Kriegers von den bedächtlicheren Reden der Aelteren unterscheiden. Offenbar stritten sie über die Zweckmäßigkeit einer Maßregel, welche das Wohl der Reisenden betraf. Von der Dringlichkeit seines Gegenstandes bewältigt und ungeduldig über einen Verzug, der ihm mit so viel Gefahr verbunden schien, trat Heyward näher zu der düstern Gruppe heran, um sein Anerbieten in Betreff der Belohnung noch bestimmter auszudrücken, als der Weiße, mit der Hand eine Bewegung machend, als gäbe er den bestrittenen Punkt zu, sich abwandte und in einer Art Selbstgespräch in englischer Sprache sagte:

»Uncas hat Recht! Es wäre unmenschlich, so harmlose Geschöpfe ihrem Schicksal zu überlassen, selbst wenn dadurch unser Zufluchtsort für immer aufs Spiel gesetzt würde. Wenn Ihr diese zarten Blumen aus der Gewalt der schlimmsten aller Schlangen retten wollt, Herr, so habt ihr keine Zeit zu verlieren, und müßt zu einem Entschlusse kommen!«

»Wie könnt Ihr an einem solchen Wunsche zweifeln! habe ich mich nicht bereits erboten –«

»Richtet euer Gebet an den Himmel, der kann uns allein Weisheit geben, die Arglist der Teufel, die diese Wälder füllen, zu Schanden zu machen,« unterbrach ihn ruhig der Kundschafter: »aber verschont uns mit euern Geldanerbietungen, der Ihr vielleicht nicht so lange lebt, um sie zu erfüllen, noch ich, um sie zu benützen. Diese Mohikaner und ich wollen thun, was Menschengedanken ersinnen können, um liebliche Blumen, welche nicht für die Wildniß geschaffen sind, vor Schaden zu bewahren, und zwar ohne Hoffnung auf andere Belohnung, als solche, welche Gott immer rechtschaffenem Handeln zu Theil werden läßt. Zuerst müßt Ihr zweierlei versprechen, sowohl in eurem Namen, als für eure Freunde, oder wir werden uns, ohne euch einen Dienst leisten zu können, nur selbst Schaden bringen!«

»Redet!«

»Das Erste ist, euch stiller zu verhalten, als die ruhenden Wälder hier, mag auch geschehen, was da will; das Zweite den Ort, wohin wir euch bringen, vor jedem Sterblichen geheim zu halten.«

»Ich will mein Aeußerstes thun, um diese beiden Bedingungen erfüllt zu sehen.«

»So folgt mir; denn wir verlieren Augenblicke, die so kostbar sind, als dem verwundeten Wilden das Herzblut!« Heyward konnte durch den wachsenden Schatten der Nacht die ungeduldigen Geberden des Kundschafters bemerken und folgte schnell seinen Tritten nach der Stelle hin, wo er den Rest der Reisegesellschaft gelassen hatte. Als sie bei den erwartungsvollen und ängstlichen Frauen eintrafen, machte er sie in kurzen Worten mit den Bedingungen ihres neuen Führers bekannt und fügte hinzu, wie sie jede Besorgniß verscheuchen und sich zu augenblicklichen ernsten Anstrengungen entschließen müßten. Obgleich seine beunruhigende Mittheilung nicht ohne geheimen Schrecken aufgenommen ward, so gelang es doch seinem Ernst und seinen eindringlichen Vorstellungen, unterstützt vielleicht von der Beschaffenheit der Gefahr, ihre Nerven für eine unerwartete, ungewöhnliche Prüfung zu stählen. Schweigend und ohne den geringsten Verzug ließen sie sich von den Pferden helfen und begaben sich eilig an den Rand des Wassers hinab, wo der Kundschafter mehr durch ausdrucksvolle Geberden, als durch Worte den Rest der Gesellschaft versammelt hatte.

»Was thun wir mit diesen stummen Geschöpfen?« murmelte der Weiße, von welchem die ganze Leitung ihrer künftigen Bewegungen abzuhängen schien, »es wäre Zeitverlust, ihnen die Kehle abzuschneiden und sie in den Fluß zu werfen; sie aber hier zu lassen, hieße den Mingo’s sagen, daß sie ihre Eigentümer nicht weit davon zu suchen haben.« »So geben wir ihnen die Zügel und lassen sie frei im Walde laufen,« wagte Heyward zu rathen.

»Nein, es ist besser, wir leiten die Schufte irre, und lassen sie glauben, es bedürfe Rossesschnelle, um ihr Wildpret zu erjagen. Ja, ja, das blendet die Feuerkugeln ihrer Augen! Chingach – St! Was rührt sich hier im Gebüsch?«

»Das Füllen!«

»Das Füllen wenigstens muß sterben,« murmelte der Kundschafter, nach der Mähne des flinken Thieres greifend, das schnell seiner Hand entschlüpfte! »Uncas, deine Pfeile!«

»Halt!« rief der Eigenthümer des zum Tode verurtheilten Thieres laut, ohne Rücksicht auf das Flüstern, in welchem die Uebrigen sprachen; »verschont mir Mirjams Füllen! Es ist der artige Sprößling einer treuen Mutter und wird mit Willen keinen Schaden thun.«

»Wenn Menschen kämpfen für das nackte Leben, das Gott ihnen gegeben hat,« sprach der Kundschafter ernst, »so ist ihnen das eigene Geschlecht nicht mehr als die Bestien des Waldes. Wenn Ihr wieder sprechet, so überlass‘ ich euch der Willkühr der Maquas! Den Pfeil aufgelegt, Uncas, und gut gezielt, wir haben keine Zeit, um einen zweiten zu versenden!«

Die leisen, murrenden Töne seiner drohenden Stimme waren noch hörbar, als schon das verwundete Füllen sich bäumte und dann auf die Kniee niederstürzte. Chingachgook trat herzu, stieß ihm blitzschnell das Messer durch die Kehle und warf das sich sträubende Schlachtopfer in den Fluß, von dessen Strömung es fortgerissen ward, während es noch hörbar mit dem schwindenden Leben nach Athem schnappte. Dieser Akt scheinbarer Grausamkeit, aber wirklicher Notwendigkeit machte, als Beweis der drohenden Gefahr, in der sie schwebten, auf die Gemüther der Reisenden einen furchtbaren Eindruck, der durch die ruhige, aber feste Entschlossenheit der handelnden Personen bei dem Schauspiel noch erhöht werden mußte. Die Schwestern schauderten und drängten sich fester an einander, während Heyward instinktmäßig die Hand an eine der Pistolen legte, die er so eben aus ihren Halftern gezogen hatte, als er zwischen seine Schutzbefohlenen und die finstern Schatten trat, welche einen undurchdringlichen Schleier um den Schooß des Waldes zu ziehen schienen.

Die Indianer bedachten sich keinen Augenblick, sie ergriffen die Zügel und führten die erschreckten und widerstrebenden Pferde in das Bett des Flusses hinab.

In einiger Entfernung vom Ufer wandten sie sich und wurden bald durch einen vorspringenden Hügel gedeckt, unter dessen Schutze sie in einer dem Laufe des Flusses entgegengesetzten Richtung fortwanderten. Mittlerweile zog der Kundschafter ein Canoe von Baumrinde aus einem Versteck unter niedrigen Gebüschen hervor, deren Zweige sich mit der Strömung fortbewegten, und bedeutete den Frauen, einzusteigen. Sie thaten es unbedenklich, obgleich sie manchen furchtsamen und ängstlichen Blick in das immer wachsende Dunkel zurückwarfen, welches jetzt wie eine schwarze Gränzwand auf dem Rande des Stromes lag.

Sobald Cora und Alice saßen, hieß der Kundschafter, ohne einen Blick auf das Element zu werfen, Heyward eine Seite des gebrechlichen Fahrzeugs unterstützen, während er sich selbst auf die andere stellte, und so brachten sie es, gefolgt von dem niedergeschlagenen Besitzer des todten Füllen, stromaufwärts. Auf diese Weise gingen sie eine gute Strecke fort, und beobachteten ein Stillschweigen, das nur durch das Schlagen der Wogen, wenn Wirbel sie umgaben, und durch das leise Geräusch, das ihre vorsichtigen Fußtritte machten, unterbrochen wurde. Heyward überließ die Lenkung des Canoe’s durchaus dem Kundschafter, welcher sich dem Ufer bald näherte, bald sich von ihm entfernte, um Felsblöcke oder tiefere Stellen zu vermeiden, mit einer Gewandtheit, welche seine Kenntniß des eingeschlagenen Weges genügsam bekundete. Gelegentlich hielt er an und inmitten dieser Todtenstille, welche das dumpfe, jedoch zunehmende Rauschen des Wasserfalls nur noch mehr bezeichnete, horchte er mit ängstlicher Aufmerksamkeit, ob nicht etwa ein Laut aus dem schlummernden Walde hervordringe. Wenn er sich überzeugt hatte, daß Alles ruhig war, und er selbst mit seinen geübten Sinnen kein Zeichen annähernder Feinde entdecken konnte, fuhr er mit großer Bedächtlichkeit langsam und vorsichtig weiter. Endlich erreichten sie eine Stelle in dem Fluß, wo Heyward’s umherschweifendes Auge eine Gruppe schwarzer Gegenstände gewahrte, die sich auf einem Punkte beisammen fanden, wo das höhere Ufer einen tieferen Schatten auf die finsteren Gewässer warf. Er zögerte, weiter zu fahren, und richtete die Aufmerksamkeit seines Begleiters auf diese Stelle, »Nun,« versetzte der ruhige Mann, »die Indianer haben hier die Thiere mit der den Eingebornen eigenen Vorsicht untergebracht. Das Wasser läßt keine Spur zurück und selbst die Augen einer Eule würden in der Finsterniß einer solchen Höhle erblinden.«

Die ganze Parthie war jetzt vereinigt und eine zweite Berathung zwischen dem Kundschafter und seinen neuen Genossen erfolgte, während welcher sie, deren Schicksal von der Treue und Rechtlichkeit dieser unbekannten Waldbewohner abhing, ein wenig Muße hatten, sich genauer umzusehen.

Der Fluß war zwischen hohe und rauhe Felsen eingezwängt, von denen einer über die Stelle, wo das Canoe ruhte, herüberhing. Da diese wieder von hohen Bäumen überragt wurden, welche an dem Rande des Absturzes zu schwanken schienen, so war es, als ob der Strom ein tiefes und enges Thal durchflösse. Unter diesen fantastischen Felsrändern, und den zackigen Baumgipfeln, welche sich hier und da dunkel an den gestirnten Zenith malten, lag Alles in dichter Finsterniß. Hinter ihnen begränzte die Krümmung der Ufer bald die Aussicht durch dieselbe dunkle und waldige Säumung, aber vorne und scheinbar in geringer Entfernung schien das Wasser zum Himmel emporgethürmt, und stürzte von da in Höhlen, aus denen jene unheimlichen Töne, welche die Abendluft erfüllten, sich vernehmen ließen. Der Ort schien wirklich der Abgeschiedenheit geweiht, und die Schwestern empfanden ein wohlthuendes Gefühl von Sicherheit, als sie seine romantischen, wenn gleich nicht schrecklosen Schönheiten betrachteten. Eine allgemeine Bewegung unter ihren Führern rief sie jedoch bald von dem Anschauen dieser Zauber, welche die Nacht dem Orte verliehen hatte, zu dem peinlichen Bewußtseyn wirklicher Gefahr zurück.

Die Pferde waren an einigen zerstreuten Gesträuchen, die aus den Spalten der Felsen wuchsen, angebunden und mußten hier, im Wasser stehend, die ganze Nacht zubringen. Der Kundschafter hieß Heyward und seine angstvollen Begleiter sich in das vordere Ende des Canoe setzen und nahm selbst Besitz von dem andern, so aufrecht und fest, als ob er in einem Fahrzeug von viel stärkerem Material dahinführe. Die Indianer zogen sich behutsam zu der Stelle zurück, die sie verlassen hatten, als der Kundschafter, seine Ruderstange gegen einen Felsen stemmend, mit einem kräftigen Stoss die gebrechliche Barke mitten in die stürmische Strömung trieb. Mehrere Minuten war der Kampf zwischen dem leichten Fahrzeug, in dem sie fuhren, und dem ungestümen Strome ernst und zweifelhaft. Da die Reisenden keine Hand rühren durften und beinahe nicht zu athmen wagten, um nicht das schwache Schifflein der Wuth des Stromes preiszugeben, starrten sie, in fieberhafter Spannung auf die schäumenden Wogen hin. Oft glaubten sie, die wirbelnde Springfluth stürze sie in unvermeidliches Verderben – doch jedesmal stemmte die Meisterhand des Steuermanns den Bug des Canoe’s der Strömung entgegen. Eine lange, kräftige, und wie es den Frauen schien, verzweiflungsvolle Anstrengung beschloß den Kampf. Gerade als Alice ihre Augen vor Entsetzen geschlossen hatte, weil sie glaubte, von dem Strudel am Fuße des Wasserfalls verschlungen zu werden, blieb das Canoe an der Seite des flachen Felsens, der mit dem Wasser von gleicher Höhe war, wie angewurzelt stehen.

»Wo sind wir? Was ist zunächst zu thun?« fragte Heyward, als er wahrnahm, daß die Anstrengungen des Steuermanns aufgehört hatten.

»Ihr seyd am Fuße des Glenn,« versetzte der Andere, mit lauter Stimme, ohne beim Brausen des Wasserfalls schlimme Folgen zu befürchten; »das Nächste ist, festen Fußes auszusteigen, damit das Canoe nicht aufstoße und ihr den schwierigen Weg, den wir gemacht haben, schneller hinabfahret, als ihr heraufgekommen seyd. Es ist ein hart Stück Arbeit, gegen die Strömung zu fahren, wenn der Fluß etwas angeschwellt ist, und fünfe sind eine starke Zahl, wenn man sich in einem Kahn, mit Harz verstrichen, in solchen Strudeln und Wirbeln trocken halten will. Da, tretet alle auf den Felsen, und ich will die Mohikaner mit dem Wildpret bringen. Leichter schläft sich’s ohne Skalp, als wenn man mitten im Ueberfluß Hunger leiden soll.«

Froh befolgten seine Gefährten diese Weisung. Wie der letzte Fuß den Felsen berührte, wirbelte das Canoe von seinem Standort; die hohe Gestalt des Kundschafters war einen Augenblick sichtbar, wie er über die Fluthen dahinglitt, ehe er in der undurchdringlichen Finsterniß, die über dem Bette des Flusses lag, verschwand. Verlassen von ihrem Führer, blieben die Reisenden einige Minuten in hülfloser Unwissenheit, indem sie zögerten, sich auf den durchbrochenen Felsen fortzubewegen, damit nicht ein Fehltritt sie in eine der tiefen und schäumenden Höhlen stürze, in welche das Wasser auf allen Seiten heranzubrausen schien. Bald waren sie jedoch von ihrer Ungewißheit befreit. Unterstützt von der Kunst der Eingebornen schoß das Canoe zurück durch die Wirbel und lag wieder zur Seite des flachen Felsens, ehe sie glaubten, daß der Kundschafter Zeit gehabt habe, bei seinen Freunden einzutreffen.

»Nun haben wir Bollwerk, Besatzung und Proviant!« rief Heyward in munterer Laune, »und können Montcalm und allen seinen Verbündeten die Spitze bieten. Jetzt, meine scharfsichtige Schildwache, könnt Ihr etwas von euren Irokesen, wie Ihr sie nennt, auf dem Lande drüben sehen?« »Ich heiße sie Irokesen, weil mir jeder Eingeborne, der eine fremde Sprache spricht, als Feind gilt, wenn er auch vorgibt, dem Könige zu dienen! Wenn Webb von einem Indianer Treue und Redlichkeit haben will, so hole er die Stämme der Delawaren und schicke diese raubsüchtigen, lügenhaften Mohawks und Oneidas mit ihren sechs Nationen von Lumpenkerls dahin, wohin sie ihrer Natur nach gehören, zu den Franzosen’«

»Dann würden wir einen kriegerischen Freund gegen einen unbrauchbaren vertauschen. Ich habe gehört, daß die Delawaren das Schlachtbeil niedergelegt haben und sich’s gefallen ließen, Weiber genannt zu werden.«

»Ja, Schande auf die Holländer und die Irokesen, die sie durch ihre Teufeleien zu einem solchen Vertrage verleitet haben! Aber ich kenne sie seit zwanzig Jahren und nenne den einen Lügner, welcher sagt, daß Memmenblut in den Adern eines Delawaren fließe. Ihr habt ihre Stämme von dem Seegestade vertrieben und glaubt nun gerne, was ihre Feinde sagen, um Nachts ruhiger auf euren Kissen zu schlafen. Nein, nein; bei mir ist jeder Indianer, der eine fremde Sprache redet, ein Irokese, mag nun die Burg seines Stamms in Canada oder in York stehen.«

Als Heyward sah, daß die hartnäckige Anhänglichkeit des Kundschafters an seine Freunde, die Delawaren oder Mohikaner – sie waren Zweige desselben zahlreichen Volkes – eine nutzlose Erörterung herbeiführen dürfte, so ging er auf einen andern Gegenstand über.

»Vertrag oder nicht, ich sehe jetzt wohl, daß eure zwei Begleiter wackere und vorsichtige Krieger sind. Hörten oder sahen sie etwas von unsern Feinden?«

»Einen Indianer spürt man vorher, ehe man ihn sieht,« antwortete der Kundschafter, den Felsen hinansteigend und den Rehbock nachläßig hinwerfend, »Ich verlasse mich auf andere Zeichen, als solche, die ins Auge fallen, wenn ich den Mingos auf der Spur bin.«

»Sagen eure Ohren euch, daß sie unser Versteck aufgespürt haben?«

»Das sollte mir sehr leid thun, obgleich es ein Ort ist, den Muth und Tapferkeit gegen einen scharfen Angriff vertheidigen könnten. Ich will jedoch nicht läugnen, daß die Pferde, als ich an ihnen vorüberging, sich zusammen drückten, als ob sie Wölfe witterten, und ein Wolf ist ein Thier, das gerne um einen indianischen Hinterhalt streicht und auf den Abfall von dem Wilde, das sie erlegen, zu lauern pflegt.«

»Ihr vergeßt den Rehbock da zu euern Füßen! oder verdanken wir ihren Besuch nicht dem todten Füllen? Ha, was ist das für ein Geräusch?«

»Arme Mirjam!« murmelte der Fremde, »dein Füllen ward verdammt, eine Beute der raubsüchtigen Bestien zu werden. Dann erhob er plötzlich unter dem ewigen Getöse der Wogen seine Stimme und sang laut:

Aegyptens Erstgeborne schlug er
Vom Menschen und vom Vieh zumal!
Aegypten, Wunder zu dir sandt‘ er
Auf Pharao und seine Diener all!

»Der Tod des Füllen liegt seinem Eigenthümer schwer auf dem Herzen,« sprach der Kundschafter; »es ist immer ein gutes Zeichen, wenn man noch etwas auf seine stummen Freunde hält. Seine Religion läßt ihn glauben: was geschehen soll, müsse doch geschehen, und bei dieser Ueberzeugung wird es schwer ihm darzuthun, daß es vernünftig ist, ein vierfüßiges Thier zu tödten, um das Leben von Menschen zu retten. Ihr habt vielleicht Recht,« fuhr er fort, indem er auf Heyward’s letzte Bemerkung zurück kam; »um so mehr Grund für uns, daß wir uns unsre Fleisch-Stücke abschneiden, und das Gerippe den Fluß hinabtreiben lassen, sonst heult das ganze Pack um die Klippen uns in die Ohren und mißgönnt uns jeden Bissen, den wir zum Munde bringen. Zudem sind die Irokesen, obgleich sie die Delawaren-Sprache so wenig als ein Buch verstehen, gescheut genug, die Ursache von einem Wolfsgeheul zu enträthseln.«

Während dieser Bemerkungen war der Kundschafter beschäftigt, einige notwendige Geräthschaften zusammenzunehmen, und ging, als er fertig war, schweigend an der Gruppe der Reisenden vorbei; begleitet von den Mohikanern, welche seine Absichten mit instinktmäßiger Bereitwilligkeit zu begreifen schienen. Einer nach dem andern von den dreien verschwand hinter der finstern Wand eines senkrechten Felsens, der sich einige Fuß vom Wasserrande entfernt zu einer Höhe von einigen Ellen erhob.

Sechstes Kapitel.

Sechstes Kapitel.

Ein Lied, das lieblich einst in Zion tönt‘, –
Er wählt eine Weis mit klugem Sinn,
Und »lebt den Herrn!« spricht er mit feierlicher Mien‘.
Burns.

Heyward und seine weiblichen Begleiter sahen diese geheimnißvolle Bewegung mit innerer Unruhe: denn, wenn auch das Betragen des Weißen bis jetzt ganz untadelhaft war, so konnte doch sein roher Aufzug, sein derbes Betragen und seine mannigfachen Vorurtheile, zusammengehalten mit dem Charakter seiner schweigsamen Genossen, in den Gemüthern Solcher, welche eben erst durch indianische Verrätherei in Roth gekommen waren, Grund zu Mißtrauen erregen.

Der Fremde allein achtete nicht auf das, was um ihn her vorging. Er saß auf dem Vorsprung eines Felsens, und gab keine andern Lebenszeichen, als häufige, schwere Seufzer, welche Kämpfe in seinem Innern bekundeten. Gedämpfte Männerstimmen ließen sich jetzt vernehmen, als ob sie in den Eingeweiden der Erde einander zuriefen, ein plötzlicher Lichtstrahl schoß auf die außen Weilenden und enthüllte das so hochgeschätzte Geheimniß des Ortes. An dem entferntern Ende einer engen, tiefen Höhle in dem Felsen, deren Länge durch die Perspektive und die Beschaffenheit des Lichtes, in dem sie gesehen ward, wohl noch vergrößert erschien, saß der Kundschafter, einen Fichtenbrand haltend. Der helle Schein des Feuers fiel auf sein derbes, verwittertes Gesicht und seinen Jagdanzug, und verlieh einen Anschein romantischer Wildheit dem Aeußern eines Mannes, der, in dem ruhigern Lichte des Tages nur durch seinen seltsamen Anzug, die eiserne Gedrungenheit seiner Gestalt und die sonderbare Mischung von lebhaftem, allezeit wachem Scharfblick und entschiedener Einfalt, die abwechslungsweise seine Züge beherrschten, sich ausgezeichnet hätte. Unweit von ihm, aber etwas im Vordergrund, stand Uncas, dessen ganze Person in vollem Lichte erschien. Die Reisenden betrachteten aufmerksam die aufrechte, schlanke Gestalt des jungen Mohikaners, anmuthig und ungezwungen in Haltung und Bewegungen. Obgleich sein Leib mehr als gewöhnlich verdeckt war durch ein grünes mit Franzen besetztes Jagdhemd, dem des Weißen gleich, so ließ doch sein schwarzes, funkelndes Auge, furchtlos und ruhig, wenn gleich furchtbar; der kühne Umriß seiner hohen, stolzen Züge, in ihrem reinen, natürlichen Roth; seine würdevolle, hohe Stirn, mit all den schönen Verhältnissen eines edeln Hauptes, das bis auf den Haarschopf kahl geschoren war, sich nicht verbergen. Zum erstenmale hatten Duncan und seine Gefährten Gelegenheit, die markirten Züge ihrer beiden indianischen Begleiter zu betrachten, und Alle fühlten sich von einer Bürde des Zweifels erleichtert, als sich die stolzen und entschlossenen, wenn gleich wilden Züge des jungen Kriegers ihrer Beobachtung aufdrangen. Sie fühlten, daß sein Geist noch zum Theil von Unwissenheit umnachtet seyn konnte, daß er aber nie seine herrlichen Naturgaben zu Zwecken boshafter Verrätherei mißbrauchen werde.

Die offenherzige Alice staunte sein freies Wesen und seine stolze Haltung an, wie sie bei einer kostbaren Reliquie des griechischen Meißels, die sie durch ein Wunder belebt gesehen, gethan haben würde, während Heyward, obgleich gewohnt an den Anblick vollendeter Formen, die unter den unverdorbenen Eingebornen so häufig sind, seine Bewunderung über ein so tadelloses Muster der edelsten Männergestalt unverholen äußerte.

»Ich könnte ruhig schlafen,« flüsterte ihm Alice erwiedernd zu, »wenn ich einen so furchtlosen, hochsinnigen Jüngling zu meiner Schildwache hätte. Sicher, Duncan, werden die grausamen Mordthaten, jene furchtbaren Marterscenen, von denen wir so viel lesen und hören, nie in Gegenwart von Einem, wie er ist, verübt.«

»Gewiß ein seltenes, glänzendes Muster jener natürlichen Eigenschaften, wodurch diese eigenthümlichen Völker sich so sehr auszeichnen sollen,« bemerkte er. »Ich bin mit Ihnen einverstanden, Alice, daß eine solche Stirne und ein solches Auge mehr geschaffen sind, Furcht einzujagen, als zu betrügen; aber täuschen wir uns nicht selbst, indem wir von ihm die Ausübung einer andern Tugend, als sich mit den Begriffen eines Wilden verträgt, erwarten. Glänzende Beispiele großer Eigenschaften sind so selten unter Christen, wie sollten sie nicht bei den Indianern vereinzelte Erscheinungen seyn, obgleich, zur Ehre unsres gemeinsamen Geschlechts, beide Theile nicht unfähig sind, dergleichen aufzustellen! Hoffen wir denn, daß dieser Mohikaner unsre Hoffnungen nicht täusche, sondern sich, wie sein Blick verspricht, als wackrer und beständiger Freund erweise.«

»Jetzt spricht Major Heyward, wie Major Heyward sollte,« sagte Cora; »wer gedenkt der Farbe der Haut, wenn er diesen Sohn der Natur betrachtet?«

Ein kurzes und anscheinend verlegenes Stillschweigen folgte auf diese Bemerkung. Es wurde von dem Kundschafter unterbrochen, der ihnen laut zurief, in die Höhle zu treten.

»Das Feuer fängt an, hell aufzuflammen,« fuhr er fort, als sie seiner Aufforderung folgten: »und könnte den Mingos zu unserem Verderben leuchten. Uncas, laß den Vorhang herab und zeig‘ den Schelmen die finstere Seite. Das ist freilich kein Essen, wie es ein Major der königlichen Amerikaner zu erwarten berechtigt ist; aber ich hab‘ schon kühne Detachements gesehen, welche froh waren, wenn sie ihr Wildbret roh und ohne Zuthat essen durften. Hier haben wir, wie Ihr seht, eine Fülle Salzes, und das Fleisch ist bald gebraten. Da sind frische Sassafraszweige für die Ladies, um darauf zu sitzen, vielleicht nicht so stattlich als ihre My-Hog-Guineasessel, aber lieblicher duftend, als die Haut eines Schweines, sey’s von Guinea oder einem andern Land. Kommt, Freund, seyd nicht so traurig ob dem Füllen, ’s war ein unschuldiges Ding und hat nicht viel Trübsal erlebt. Sein Tod erspart ihm manchen wunden Rücken und manchen müden Fuß.«

Uncas that, wie ihm der Andere befohlen hatte, und sobald Hawk-eye’s Stimme verstummte, scholl das Brausen des Wasserfalls wie das Dröhnen eines entfernten Donners.

»Sind wir ganz sicher in dieser Höhle?« fragte Heyward. »Ist kein Ueberfall zu befürchten? Ein einziger bewaffneter Mann an dem Eingang hätte uns alle in seiner Gewalt.«

Eine geisterähnliche Gestalt schritt aus der Finsterniß hinter dem Kundschafter hervor, ergriff einen Fichtenbrand und hielt ihn gegen das entferntere Ende ihres Verstecks. Alice stieß einen schwachen Angstruf aus und selbst Cora sprang auf, als dieser schreckhafte Gegenstand mehr in das Licht trat. Heyward aber beruhigte sie mit der Versicherung, daß es blos ihr Begleiter Chingachgook sey, der, einen zweiten Vorhang hebend, zeigte, daß die Höhle zwei Ausgänge hatte. Dieser schritt, den Feuerbrand in der Hand, durch eine enge tiefe Spalte in dem Felsen, die mit dem Gang, in welchem sie waren, in einen rechten Winkel zusammenlief aber nicht, wie dieser zur Seite, sondern nach oben offen war und in eine andere Höhle führte, der Beschreibung der erstern in allem Wesentlichen entsprechend.

»So alte Füchse, wie Chingachgook und ich, lassen sich nicht leicht in einem Bau mit einem Ausgange fangen,« bemerkte Hawk-eye lachend; »Ihr könnet leicht absehen, wie klug Alles eingerichtet ist – der Felsen schwarzer Kalkstein, der bekanntlich sehr weich ist und kein unbequemes Lager gewährt, wo Gestrüpp und Nadelholz selten sind. Der Wasserfall war früher einige Schritte unter uns, und ich darf wohl sagen, seiner Zeit so regelmäßig und schön, als nur irgend einer längs des Hudson zu finden ist. Aber Alter richtet in der Schönheit arge Verwüstungen an, wie diese lieblichen Ladies selbst noch erfahren werden. Der Platz hat eine traurige Umwandlung erlitten. Diese Felsen sind voll Risse und an einzelnen Stellen weicher als an andern. Das Wasser hat sich nun tiefe Höhlen gegraben, ist um einige hundert Fuß zurückgetreten, bald hier etwas ansetzend, bald dort etwas nehmend, bis die Fälle weder Form noch Bestand mehr hatten.«

»In welchem Theile davon sind wir?« fragte Heyward.

»Nun wir sind nahe bei der Stelle, wo die Vorsehung zuerst sie hinverlegt hat, wo sie aber durchaus nicht mehr bleiben wollten. Der Felsen wurde auf beiden Seiten von uns weicher und so ließ das Wasser die Mitte des Flußes trocken liegen und bohrte zuerst diese zwei kleinen Höhlen zu Verstecken für uns aus.« »So sind wir denn auf einer Insel?«

»Freilich, zu beiden Seiten haben wir die Wasserfälle und über und unter uns den Fluß. Wenn wir Tag hätten, so würde sich’s verlohnen, auf die Höhe dieses Felsens zu treten und das wunderliche Treiben des Wassers mitanzusehen. Es fällt ganz regellos: oft springt es empor, dann stürzt es wieder hinab; da hüpft, dort schießt es; an einer Stelle ist es weiß wie Schnee, an einer andern grün wie das Gras; hier stürzt es in tiefe Höhlen, daß die Erde rumort und erzittert, dort rieselt und singt es, wie ein Bach, macht Wirbel und Strudel in dem alten Gestein, als ob es nicht härter, denn getretener Lehmboden wäre. Der ganze Lauf des Flußes scheint jetzt in’s Stocken gerathen zu seyn; erst fließt er ganz sänftlich, als wollt‘ er, wie sich’s sonst ziemt, abwärts, dann macht er rechtsum und stößt an das Ufer, an einzelnen Stellen sogar möcht‘ er wieder rückwärts, als wollt‘ er die Wildniß nicht verlassen, um sich mit dem Salzwasser zu vermischen. Ja, Lady, das feine Spinngeweb, das Ihr am Halse tragt, ist grob wie ein Fischernetz gegen die vielerlei Bilderchen, die er an manchen Orten, wie ich Euch zeigen kann, künstelt, als ob er, einmal der Ordnung entronnen, seine Kunst an Allem versuchen wollte. Und doch auf was läuft Alles hinaus? Hat das Wasser eine Weile, wie ein verzogenes Kind, seinen Willen gehabt, so sammelt es wieder dieselbe Hand, die es erschaffen, und eine kleine Strecke unter Euch könnt Ihr sehen, wie es hübsch ordentlich der See zufließt, als wär’s ihm so von Anbeginn der Welt beschieden gewesen.«

Als Hawk-eye’s Zuhörer aus dessen kunstloser Beschreibung des Glenn über die Sicherheit ihres Verstecks Gewißheit erhalten, waren sie sehr geneigt, verschieden über seine wilden Schönheiten zu urtheilen. Sie waren aber nicht in der Stimmung, mit ihren Gedanken lange bei den Reizen von Naturgegenständen zu verweilen; und da der Kundschafter es nicht für nöthig hielt, während seines Vortrags seine Küchengeschäfte einzustellen, obgleich er hin und wieder mit seiner zerbrochenen Gabel auf besonders gefährliche Stellen des rebellischen Flußes hindeutete, so ließen sie jetzt ihre Aufmerksamkeit auf die nothwendige, wenn gleich gemeinere Betrachtung ihres Abendmahles gerichtet seyn.

Das Mahl, welches durch die Beigabe einiger Leckerbissen, welche Heyward die Vorsicht gehabt hatte mitzunehmen, als sie die Pferde verließen, bedeutend unterstützt wurde, war für die ermüdete Gesellschaft sehr erquickend. Uncas bediente die Damen und verrichtete alle die kleinen Dienste, die in seiner Macht standen, mit einer Mischung von Würde und Aengstlichkeit, welche Heyward sehr belustigte, da er wußte, daß dies eine ungewöhnliche Abweichung von den indianischen Sitten war, welche einem Krieger verbieten, sich zu einem häuslichen Geschäfte, besonders zu Gunsten der Weiber, herabzulassen. Da jedoch die Gebräuche der Gastfreundschaft unter ihnen als heilig angesehen wurden, so erregte dieses theilweise Verläugnen der Würde des Mannes keinen hörbaren Tadel. Hätte Einer gehörig Muße gehabt, um aufmerksam zu beobachten, so würde er gefunden haben, daß die Dienste des jungen Häuptlings nicht ganz unpartheiisch waren; daß, während er Alice die Kürbißflasche mit süßem Wasser reichte, das Wildpret auf einem aus der Wurzel des Pfefferbaums niedlich geschnitzten Teller darbot und mit gebührender Höflichkeit ihrer Schwester die gleichen Dienste that, sein dunkles Auge auf Cora’s ausdrucksvollen Gesichtszügen verweilte. Ein- oder zweimal sah er sich veranlaßt, zu sprechen, um die Aufmerksamkeit derer, die er bediente, rege zu machen. In solchen Fällen gebrauchte er das Englische, zwar gebrochen und mangelhaft, aber verständlich genug und durch seine tiefe Kehlstimme so mild und wohlklingend, daß beide Damen jedesmal mit Bewunderung und Erstaunen auf ihn blickten. Im Verlaufe dieser Höflichkeitsbezeugungen wurden einige Worte gewechselt, welche nicht verfehlten, ihrem Verkehr den Anschein freundlicher Zutraulichkeit zu geben.

Mittlerweile blieb Chingachgook’s Ernst sich immer gleich. Er hatte sich mehr in den Bereich des Lichtes gesetzt, wo die häufigen, unruhigen Blicke seiner Gäste besser im Stande waren, den natürlichen Ausdruck seines Gesichtes von dessen künstlichen Schreckenszügen zu trennen. Sie fanden eine große Aehnlichkeit zwischen Vater und Sohn, nur mit dem Unterschied, welchen Alter und Anstrengungen erwarten ließen. Das Wilde seiner Züge schien zu schlummern, und jener ausdruckslosern Ruhe zu weichen, die einem indianischen Krieger eigenthümlich ist, wenn seine Geisteskräfte nicht für höhere Lebenszwecke in Anspruch genommen sind. An den gelegentlichen Blitzen, die über sein dunkles Gesicht hinfuhren, war jedoch leicht zu ersehen, daß es nur galt, seine Leidenschaften zu wecken, um dem schreckhaften Emblem, das er gewählt hatte, seine Feinde in Furcht zu setzen, seine volle Bedeutung zu geben. Auf der andern Seite ruhte das lebhafte, unstäte Auge des Kundschafters nur selten. Er aß und trank zwar mit einer Lust, die keine Furcht vor Gefahr zu stören vermochte, aber seine Wachsamkeit schien ihn nie zu verlassen. Sehr oft mußte die Kürbißsflasche, oder das Wildpret, vor seinem Munde angelangt, warten, während er den Kopf bei Seite wendete, als ob er auf entfernte, verdächtige Laute horchte – eine Bewegung, die nie verfehlte, seine Gäste von der Betrachtung ihrer neuen Lage ab und zu der beunruhigenden Veranlassung derselben zurückzurufen. Da auf diese häufigen Pausen nie eine Bemerkung folgte, so ging die augenblickliche Unruhe vorüber und ward in einer Weile vergessen.

»Kommt, Freund,« sprach Hawk-eye, indem er gegen das Ende des Mahls eine Tonne unter einer Decke von Laub hervorzog und sich an den Fremden, der ihm zur Seite saß und seiner Kochkunst volle Gerechtigkeit widerfahren ließ, mit den Worten wandte: »versucht einmal dies Sprossenbier, es spült euch alle Gedanken an das Füllen hinweg und facht das Leben in euerm Busen wieder an. Ich trinke auf bessere Freundschaft und hoffe, daß das Bischen Pferdefleisch keinen Groll in eurem Herzen zurücklassen wird. Wie nennt Ihr euch?«

»Gamut, David Gamut,« antwortete der Singmeister, indem er sich anschickte, in einem kräftigen Zug aus des Waidmanns stark-duftender, wohlverspundeter Biertonne seinen Kummer hinabzuwaschen.

»Ein sehr guter Name, und ich darf wohl sagen, von rechtlichen Vorfahren ererbt. Ich bin ein Bewunderer von Namen, obgleich die christlichen Gebräuche alle hinter der Sitte der Wilden zurückstehen müßen. Die feigste Memme, die ich kennen lernte, hieß Lion (Löwe), und sein Weib, Patience (Geduld), schalt Euch eher aus dem Feld, als ein gehetztes Wild eine Ruthe weit laufen konnte. Bei dem Indianer ist es Gewissenssache; wie er sich nennt, so ist er auch gemeiniglich – nicht als ob Chingachgook, das eine große Schlange bedeutet, wirklich eine große oder kleine Schlange wäre, sondern daß er sich auf die Windungen und Krümmungen der menschlichen Natur versteht, schweigt und seine Feinde trifft, wenn sie sich dessen am wenigsten versehen. Was ist euer Beruf?«

»Ich bin ein unwürdiger Lehrer in der Kunst, die Psalmen abzusingen.«

»Das wäre!«

»Ich ertheile den Kindern der Connecticuter Landwehr Unterricht im Singen.«

»Da könntet Ihr eine bessere Beschäftigung finden. Die jungen Hunde stöbern bereits zu viel lachend und singend durch die Wälder, wo sie nicht lauter athmen sollten, als der Fuchs in seinem Baue. Versteht Ihr euch auf’s Fechten, oder handhabt Ihr die Büchse?«

»Gott sey Dank, noch nie hatte ich Gelegenheit, mit Mordinstrumenten umzugehen.«

»Vielleicht versteht Ihr euch auf den Compaß und könnet die Läufe der Gewässer und die Richtungen der Gebirge zu Papier bringen, damit Diejenigen, welche nachkommen, die Plätze wieder finden, die Ihr angegeben habt?«

»Ich treibe nichts dergleichen.«

»Ihr habt ’n Paar Beine, die einen langen Weg verkürzen dürften! Ihr reiset, denk‘ ich mir, oft mit Nachrichten zu dem General.«

»Nie; ich folge keinem andern, als meinem eigenen hohen Berufe, und der ist, Unterricht in der heiligen Musik zu ertheilen.«

»Ein seltsamer Beruf!« murmelte Hawk-eye, in sich hineinlachend, »wie ein Spottvogel durch’s Leben zu gehen, und alle Auf und Nieder, die aus andrer Leute Kehlen kommen, zu bekritteln. Gut, Freund, ich denke, Ihr habt ‚mal ’ne Schneide dafür, und das muß so gut gelten, als wenn’s fürs Schießen, oder sonst was Besseres wäre. Laßt uns hören, was Ihr darin zu leisten vermöget; ’s wird ’ne freundliche Weise seyn, gute Nacht zu sagen; denn es ist Zeit, daß die Ladies da sich für ’ne harte, lange Tour am frühesten Morgen, eh‘ noch die Maquas sich rühren, Kräfte sammeln.«

»Mit höchster Freude stimm‘ ich ein,« versetzte David, indem er seine eisenbereifte Brille zurecht machte, sein geliebtes Büchlein hervorthat und Alice bot. »Was kann passender und tröstlicher seyn, als nach einem so gefahrvollen Tage seinen Abenddank Gott darzubringen.«

Alice lächelte; doch erröthete und zögerte sie, indem sie einen Blick auf Heyward warf.

»Thun Sie ’s immerhin!« flüsterte er; »sollte nicht die Aufforderung von des Psalmisten würdigem Namensbruder in solch einem Augenblicke Gewicht bei Ihnen haben?«

Ermuthigt durch seine Zustimmung that Alice, wozu sie ihre frommen Neigungen und ihre Vorliebe für sanfte Töne zuvor schon so stark gedrungen hatten. Das Buch ward bei einer Hymne aufgeschlagen, die für ihre Lage nicht übel paßte, und wo der Dichter seinen Wunsch, den begeisterten König Israels zu übertreffen, unterdrückend, eine reinere und ehrwürdige Kraft entwickelt hatte. Cora fühlte Neigung, ihre Schwester zu unterstützen, und der heilige Gesang begann, nachdem der schulgerechte David als unerläßliche Vorbedingung mit der Pfeife den Ton angegeben hatte.

Die Weise war feierlich und langsam. Bisweilen erhob sie sich zu dem vollsten Umfang der reichen Stimmen der Frauen, welche über ihrem kleinen Buche in heiliger Andacht hingen, und sank dann wieder so tief, daß das Rauschen des Wassers wie eine dumpfe Begleitung ihre Melodie durchzog. Der natürliche Geschmack und das gute Ohr Davids leitete und ermäßigte die Töne nach dem beschränkten Raume der Höhle, wo jede Spalte, jeder Riß von den durchdringenden Tönen ihrer biegsamen Stimmen erfüllt ward. Die Indianer hefteten ihre Augen auf die Felsen und horchten mit einer Aufmerksamkeit, als ob sie in Stein verwandelt wären. Die harten Gesichtszüge des Kundschafters, der, sein Kinn auf die Hand gestützt, mit dem Ausdruck kalter Gleichgültigkeit dagesessen hatte, wurden allmählig milder, bis er, als nun Vers auf Vers sich folgten, seine eiserne Natur bewältigt fühlte, und seine Erinnerungen ihn in die Knabenjahre zurückversetzten, wo seine Ohren in den Pflanzungen der Kolonie gewohnt waren, ähnliche Lobgesänge zu vernehmen. Sein Auge begann sich zu feuchten; heiße Thränen rollten aus diesen, wie es schien, schon so lange trockenen Quellen und folgten einander über jene Wangen herab, die öfter Zeugen von den Stürmen des Himmels, als von einer solchen Rührung gewesen waren. Die Sänger hielten eben einen jener tiefen, dahinsterbenden Akkorde aus, welche das Ohr mit so gierigem Entzücken verschlingt, als ob es wüßte, daß es sie alsbald verlieren werde, da ließ sich in der äußern Luft ein Schrei vernehmen, der weder menschlichen noch überhaupt irdischen Ursprungs zu seyn schien, und nicht blos die Winkel der Höhle, sondern selbst die innersten Herzen Aller, die ihn vernahmen, durchdrang. Ihm folgte eine so tiefe Stille, als ob die Wasser durch eine so gräßliche und ungewohnte Unterbrechung in ihrem tobenden Laufe gehemmt worden wären.

»Was ist das?« flüsterte Alice nach einigen Augenblicken schrecklicher Ungewißheit.

»Was ist das?« wiederholte Heyward laut.

Weder Hawk-eye noch die Indianer gaben eine Antwort. Sie horchten, als erwarteten sie, daß der Laut sich wiederholen würde, auf eine Weise, die ihr eigenes Erstaunen ausdrückte. Endlich unterhielten sie sich ernstlich in der delawarischen Mundart, und Uncas verließ, durch die innere und verborgenste Oeffnung schreitend, vorsichtig die Höhle. Als er fort war, sprach der Kundschafter erst in englischer Sprache:

»Was es ist, oder nicht ist, kann keiner hier sagen, obgleich zwei von uns die Wälder mehr denn dreißig Jahre durchzogen haben. Ich glaubte, es gäbe keinen Schrei, den ein Indianer oder ein Thier ausstoßen könne, welchen mein Ohr nicht schon vernommen hätte, dieser Ton aber hat bewiesen, daß ich nur ein eitler, eingebildeter Mensch gewesen bin!«

»War es denn nicht das Geschrei, das die Krieger erheben, wenn sie ihre Feinde zu schrecken wünschen?« fragte Cora, die da stand und ihren Schleier um sich schlug, mit einer Ruhe, deren ihre bestürzte Schwester völlig unfähig war.

»Nein, nein, das war ein schlimmes, ein erschreckliches Geschrei und tönte wie übermenschlich; wenn Ihr einmal den Schlachtruf hört, so werdet Ihr ihn nimmer mit was Anderem verwechseln! Nun, Uncas,« fragte er den jungen Häuptling, welcher wieder in die Höhle trat, »was siehst du? Scheinen unsre Lichter durch die Vorhänge?«

Die Antwort war kurz und scheinbar entschieden, erfolgte aber in derselben Sprache.

»Da draußen ist nichts zu sehen,« fuhr Hawk-eye fort, indem er ärgerlich den Kopf schüttelte, »und unser Versteck liegt noch in Finsterniß! Geht in die andere Höhle, und sucht den Schlaf, Ihr, die ihr dessen bedürft. Lange ehe die Sonne aufgeht, müßen wir auf den Beinen seyn, und den größten Theil des Wegs nach Edward hinter uns kriegen, während die Indianer noch ihre Morgenruhe halten.«

Cora ging mit gutem Beispiele voran und zwar mit einer Festigkeit, welche die furchtsamere Alice von der Nothwendigkeit zu folgen überzeugte. Ehe sie sich jedoch fortbegab, flüsterte sie Duncan die Bitte zu, daß er ihnen folgen möchte. Uncas hob den Vorhang, um sie durchzulassen, und als die Schwestern sich umwendeten, um ihm für diese Aufmerksamkeit zu danken, sahen sie, wie der Kundschafter wieder, sein Gesicht auf die Hände gestützt, vor der erlöschenden Gluthasche saß, in einer Stellung, welche verrieth, wie tief er über die unerklärliche Unterbrechung ihrer Abendandacht brütete. Heyward nahm einen Brand mit sich, der ein düsteres Licht durch die engen Räume ihres neuen Gemaches warf. Nachdem er ihn an einer vortheilhaften Stelle aufgesteckt hatte, trat er zu den Damen, welche jetzt, seitdem sie die freundlichen Bollwerke von Fort Edward verlassen hatten, sich zum ersten Male mit ihm allein befanden.

»Verlassen Sie uns nicht, Duncan,« sprach Alice; »wir können an einem Platz, wie dieser ist, nicht schlafen, da der schreckliche Schrei uns immer noch in den Ohren tönt.« »Zuerst wollen wir die Sicherheit unserer Feste untersuchen,« antwortete er, »und dann vom Uebrigen sprechen.«

Er näherte sich am entfernteren Ende der Höhle einem Ausgang, der, wie die andern, durch eine dicke Decke verborgen war, und athmete, diese hinwegschiebend, die frische und belebende Luft des Wasserfalls. Ein Arm des Flusses floß durch eine tiefe, enge Schlucht, welche die Strömung gerade unter seinen Füßen durch den weichen Felsen gegraben hatte, und die, wie er glaubte, von dieser Seite den Ort gegen jede Gefahr vertheidigte, da das Wasser nur wenige Ruthen über ihnen mit größtem Ungestüm von Absatz zu Absatz schimmernd herabstürzte und Alles mit sich fortreißen mußte.

»Die Natur hat auf dieser Seite ein undurchdringliches Bollwerk gebildet,« fuhr er fort, indem er auf den senkrechten Absturz in die dunkle Strömung hinabwies, bevor er den Vorhang fallen ließ; »und da Sie wissen, daß rechtliche, zuverläßige Männer auf der Vorderseite Wache halten, so sehe ich nicht ein, warum der Rath unsres ehrlichen Gastfreundes nicht befolgt werden sollte. Ich bin gewiß, Cora wird mir beistimmen, daß der Schlaf Ihnen beiden höchst nothwendig ist.«

»Cora wird die Richtigkeit Ihrer Ansicht zugeben, aber sie kann sie nicht in Anwendung bringen,« entgegnete die ältere Schwester, welche sich neben Alice auf ein Lager von Sassafras niedergelassen hatte: »es gäbe noch andere Dinge, die uns den Schlaf verscheuchen, wenn wir auch von dem Schrecken des unerklärlichen Schreies verschont geblieben wären. Fragen Sie, sich selbst, Heyward, können Töchter sich aus dem Sinne schlagen, welche Angst einen Vater peinigen muß, dessen Kinder in einer solchen Wildniß, er weiß nicht wo und wie, umherirren und von so vielen Gefahren umgeben sind?«

»Er ist Soldat, und weiß, was Einem in den Wäldern alles begegnen kann.« »Aber er ist Vater und die Natur verläugnet ihre Rechte nie.«

»Wie nachsichtig er immer gegen all meine Thorheiten gewesen ist! Mit welcher Zärtlichkeit er allen meinen Wünschen willfahrte!« seufzte Alice, »Es war selbstsüchtig von uns, Schwester, daß wir unter solchen Gefahren auf unsrem Besuche bestanden.«

»Es war vielleicht unbesonnen von mir, daß ich im Augenblick solcher Bedrängnis so dringend um seine Einwilligung bat; ich wollte ihm aber zeigen, daß, wie auch andere in seiner Noth ihn vernachläßigen mögen, seine Kinder wenigstens mit Treue an ihm hängen.«

»Als er von Ihrer Ankunft im Fort Edward hörte,« sprach Heyward freundlich, »kämpfte es gewaltig in seinem Busen zwischen Furcht und Liebe; aber letztere, durch eine so lange Trennung wo möglich noch erhöht, gewann bald die Oberhand. ,Der Geist meiner hochsinnigen Cora treibt sie, Duncan, sprach er, ich will nicht dawider sein‘ Wollte Gott, daß er, der die Ehre unsres königlichen Gebieters hier zu schirmen hat, nur halb so viel Festigkeit besäße!«

»Und sprach er nicht auch von mir, Heyward?« fragte Alice mit der Eifersucht der Liebe. »Gewiß hat er seine kleine Elsie nicht ganz vergessen.«

»Das wäre unmöglich,« versetzte der junge Mann, »er gebrauchte tausend Liebkosungswörter, die ich nachzusprechen mir nicht herausnehme, deren Gerechtigkeit ich aber von Herzen erkenne. Einmal sagte er fürwahr –«

Duncan sprach nicht weiter: denn während seine Blicke auf Alicens Augen geheftet waren, die sich mit der Innigkeit kindlicher Liebe zu ihm gewendet hatte, um seine Worte zu erhaschen, erfüllte derselbe starke, gräßliche Schrei, wie zuvor, die Luft und machte ihn verstummen. Ein langes athemloses Stillschweigen folgte, während dessen sie einander anblickten, in ängstlicher Erwartung, daß der Ton sich wiederholen werde. Endlich hob sich langsam die Decke, und der Kundschafter stand in der Oeffnung mit einer Miene, deren Festigkeit sichtlich vor einem Geheimnisse wich, welches sie mit einer Gefahr zu bedrohen schien, gegen die seine List und Erfahrung nicht ausreichen mochte.