Zweites Kapitel

Zweites Kapitel

Der Mohikaner fuhr fort zu essen; der zweite weiße Mann jedoch erhob sich und nahm vor Mabel Dunham höflich die Mütze ab. Er war ein junger, gesunder, kräftiger Mann und trug einen Anzug, der auch in ihm den Schiffsmann erkennen ließ, obgleich nicht so ausgeprägt wie bei dem Onkel. In der Tat sind die Seeleute eine von den übrigen Menschen ganz verschiedene Klasse. Ihre Ideen, ihre gewöhnliche Sprache, ihr Anzug, alles ist so streng bezeichnend für ihren Beruf, wie Meinungen, Sprache und Tracht bezeichnend sind für den Muselman. Obgleich der Pfadfinder kaum mehr in der Blütezeit des Lebens stand, so schloß sich Mabel doch mit einer Festigkeit an ihn, die wohl darin ihren Grund haben mochte, daß sie auf diese Zusammenkunft vorbereitet war; aber wenn ihre Augen denen des jungen Mannes am Feuer begegneten, so senkten sie sich vor dem Blick der Bewunderung, mit dem er sie beobachtete. Und sie fühlten auch beide ein gegenseitiges Interesse füreinander, das die Ähnlichkeit des Alters, der Stellung und der Neuheit ihrer Lage bei jungen offenen Gemütern wohl zu erwecken geeignet war.

»Hier«, sagte der Pfadfinder mit einem ehrlichen Lächeln zu Mabel, »sind die Freunde, die Ihnen Ihr würdiger Vater entgegensendet. Dies ist ein großer Delaware, der zu seiner Zeit ein hochgestellter Mann war und viele Gefahren und Mühen durchgemacht hat. Er hat einen für einen Häuptling ganz geeigneten indianischen Namen, den aber eine unerfahrene Zunge nur schwer auszusprechen vermag, weshalb wir ihn auch ins Englische übertragen haben und ihn Große Schlange nennen. Glauben Sie aber ja nicht, man wolle damit sagen, daß er verräterisch sei, wie dies bei den Rothäuten jenseits des Sees gewöhnlich der Fall ist, sondern, daß er weise und schlau ist, wie es einem Krieger ziemt. Pfeilspitze weiß, was ich meine.«

Während der Pfadfinder diese Worte sprach, beobachteten sich die beiden Indianer eine Weile mit festen Blicken. Dann trat der Tuscarora näher und redete den andern anscheinend mit freundlichen Worten an.

»Ich sehe«, fuhr der Pfadfinder fort, »die Begrüßung zweier Rothäute in den Wäldern so gerne, Meister Cap, wie Ihr den Gruß freundlicher Schiffe auf dem Ozean. Aber weil wir gerade vom Wasser sprechen – es erinnert mich dies an meinen jungen Freund da, den Jasper Western, der einiges von solchen Dingen verstehen muß, da er seine Tage auf dem Ontario zugebracht hat.«

»Freut mich, Euch zu sehen, Freund«, sagte Cap, indem er dem jungen Süßwassersegler herzlich die Hand drückte, »aber Ihr mögt wohl noch manches zu lernen haben in der Schule, in die man Euch schickte. Dies ist meine Nichte, Mabel. Ich nenne sie Magnet, aus einem Grunde, von dem sie sich nichts träumen läßt, obgleich Ihr vielleicht Erziehung genug habt, es zu erraten; denn ich vermute, daß Ihr doch einigen Anspruch darauf macht, einen Kompaß zu verstehen.«

»Der Grund ist leicht aufzufinden«, sagte der junge Mann, indem er dabei unwillkürlich sein scharfes, dunkles Auge auf das errötende Antlitz des Mädchens richtete, »und ich fühle sicher, daß der Schiffer, der mit Eurem Magnet steuert, nie ein falsches Land ansegeln wird.«

»Ah, Ihr bedient Euch einiger unserer Kunstausdrücke, und mit Verstand und Anstand, wie ich merke, obschon ich fürchte, daß Ihr mehr grünes als blaues Wasser gesehen habt.«

»Es darf nicht überraschen, daß wir einige Phrasen kennen, die auf das Land Bezug haben, da wir’s selten länger als auf vierundzwanzig Stunden aus dem Gesicht verlieren.«

»Das ist schade, Junge, recht schade. Ein ganz kleines Stück Land muß weit reichen für einen Seefahrer, und wahrlich, ich glaube, Meister Western, es ist mehr oder weniger Land rund um Euern See herum.«

»Und ist nicht mehr oder weniger Land um den Ozean herum, Onkel?« erwiderte Magnet schnell, denn sie fürchtete eine unzeitige Entwicklung der dem alten Seemann eigentümlichen Pedanterie.

»Nein, Kind, es ist mehr oder weniger Meer um das Land herum; das ist’s, was ich dem Ufervolk sagen will, junger Bursche. Man lebt, so gut’s gehen will, mitten im Meer, ohne es zu wissen, eigentlich nur geduldet, möcht‘ ich sagen, denn das Wasser ist mächtiger und in viel größerer Masse vorhanden. Allein ’s ist des Dünkels kein Ende auf dieser Welt. Ein Kerl, der nie Salzwasser sah, bildet sich oft ein, er wisse mehr als einer, der das Kap Horn umsegelt hat. Nein, nein, die Erde ist weiter nichts als ’ne ziemlich große Insel, und alles übrige ist Wasser, nichts als Wasser!«

Der junge Western hatte einen großen Respekt vor den Seeleuten des Ozeans, nach dem er sich oft gesehnt; aber er hegte auch eine natürliche Verehrung gegen die breite Fläche, auf der er sein Leben zugebracht hatte und die in seinen Augen ihre eigenen Reize besaß.

»Was Ihr sagt«, antwortete er bescheiden, »mag in bezug auf das Atlantische Meer wahr sein; aber wir hier oben um den Ontario verehren das Land.«

»Das macht, weil Ihr überall vom Land eingeschlossen seid«, erwiderte Cap mit herzlichem Lachen; »aber dort ist der Pfadfinder mit einigen dampfenden Schüsseln, der uns einlädt zum Essen, und ich will nur gestehen, daß einem auf dem Meer ein Wildbraten nicht zu Gesicht kommt. Meister Western, Höflichkeit gegen Mädchen kommt in Euern Jahren so leicht wie das Schlaffwerden der Flaggenfalltaue, und wenn Ihr ein Auge haben wollt auf ihre Bequemlichkeit, während ich mich mit dem Pfadfinder und Euern indianischen Freunden zum Essen setze, so zweifle ich nicht, daß sie’s Euch danken wird.«

Meister Cap hatte mehr gesprochen, als zu dieser Zeit klug war. Jasper Western achtete sorgsam auf Mabels Bedürfnisse, und lange dachte sie an des jungen Seemanns zarte und männliche Aufmerksamkeit, die er ihr bei diesem ersten Zusammentreffen bewiesen hatte.

Er bereitete ihr aus einem Baumstrunk einen Sitz, besorgte ihr ein köstliches Wildbretstückchen, holte Wasser von der Quelle, und da er ihr ganz nahe gegenübersaß, so gewann er durch die höfliche aber freie Manier, mit der er seine Sorgfalt an den Tag legte, einen festen Weg zu ihrer Achtung. Frauen empfangen gern kleine Huldigungen, aber nie sind sie ihnen so angenehm und schmeichelhaft, als wenn sie den Ausdruck einer männlichen Höflichkeit tragen und von einem Altersgenossen dargebracht werden. Der junge Western war, wie die meisten, die ihre Zeit fern von der Gesellschaft des sanfteren Geschlechts zugebracht haben, ernst, einfach und zart in seinen Aufmerksamkeiten, die einen reichen Ersatz für alle die konventionellen Verfeinerungen gewährten, die Mabel vielleicht nicht einmal vermißte.

Die Gesellschaft hatte sich um eine Schüssel mit Wildbretstücken niedergelassen, und natürlich trug die Unterhaltung das charakteristische Gepräge der dabei Beteiligten. Die Indianer waren still und emsig; der Wildbretappetit der ureingeborenen Amerikaner schien unstillbar. Die zwei weißen Männer waren mitteilsam und gesprächig, geschwätzig sogar, und beide starrsinnig in ihrer Weise.

»Ich zweifle nicht, Meister Pfadfinder«, begann Cap, als der Hunger des Reisenden so weit beschwichtigt war, daß er nun anfing, sich unter den übrigen nur die saftigeren Stückchen auszulesen, »daß ein Leben wie das Eurige viel Befriedigung gewähren muß. Es hat einiges von den Wechseln und Zufällen, die der Seemann liebt; und wenn bei uns alles Wasser ist, so ist bei Euch alles Land.«

»Nun, wir haben auch Wasser auf unsern Reisen und Märschen«, erwiderte sein weißer Gesellschafter. »Wir Grenzleute handhaben das Ruder und die Fischgabel fast ebensooft wie die Büchse und das Weidmesser.«

»Schön, schön, aber handhabt ihr auch die Brasse und die Bugleine, das Steuerrad und die Leitleine, die Reffseising und das Windreep? Das Ruder ist gewiß ’n gutes Ding für ein Kanu; aber wozu kann man’s an Bord gebrauchen?«

»Ich respektiere jeden in seinem Beruf und glaube, daß all die Dinge, die Ihr da erwähnt, zu was nütze sind. Ein Mann wie ich, der mit so viel Stämmen gelebt hat, weiß wohl einen Unterschied zu machen in Gebräuchen. Der Mingo malt seine Haut anders als der Delaware, und wer einen Krieger in dem Anzug einer Squaw zu sehen hofft, wird sich wohl täuschen. Ich bin zwar noch nicht besonders alt, aber ich hab‘ in den Wäldern gelebt und mir einige Vertrautheit mit der Menschennatur erworben. Auf das Wissen der Städter hab‘ ich nie viel gegeben, denn ich hab‘ von dorther noch keinen gesehen, der ein Auge für eine Büchse oder eine Fährte gehabt hätte.«

»Das ist bis aufs Garn meine Art zu räsonieren, Meister Pfadfinder. Durch die Straßen laufen, sonntags in die Kirche gehen und eine Predigt hören, das hat nie aus einem menschlichen Wesen einen Mann gemacht. Aber sendet den Knaben ‚raus aufs Weltmeer, wenn Ihr seine Augen öffnen wollt; laßt ihn fremde Völker oder, wie ich’s nenne, das Antlitz der Natur sehen, wenn Ihr wollt, daß er seinen Charakter kennenlernen soll. Da ist nun mein Schwager, der Sergeant: Er ist in seiner Art ein so guter Bursch als nur je einer Zwieback gebrochen hat; aber was ist er im ganzen? – nichts, als ein Soldat! ein Sergeant zwar; aber das ist doch nur so eine Soldatenart, wie Ihr wißt. Als er die arme Bridget, meine Schwester, heiraten wollte, sagte ich dem Mädchen, was er sei, wie er von seinen Pflichten in Anspruch genommen werde und was sie von einem solchen Ehemann zu hoffen habe; aber Ihr wißt ja, wie es ist mit den Mädchen, wenn eine Liebschaft ihren Verstand in die Klemme bringt. Es ist wahr, der Sergeant ist in seinem Beruf gestiegen, und man sagt, daß er ein bedeutender Mann im Fort sei; aber sein armes Weib hat’s nicht erlebt, all das zu sehen, denn es ist nun schon an vierzehn Jahre, daß sie tot ist.«

»Des Soldaten Beruf ist ein ehrenwerter Beruf, vorausgesetzt, daß er nur auf der Seite des Rechts kämpft«, entgegnete der Pfadfinder, »und da die Franzosen immer schlecht sind, und Seine geheiligte Majestät und diese Kolonien immer recht handeln, so behaupt‘ ich, daß der Sergeant ein ebenso gutes Gewissen hat wie wackeren Charakter. Ich schlief nie süßer, als wenn ich einen Kampf mit den Mingos ausgefochten hatte, obgleich ich’s mir zum Grundsatz gemacht habe, stets wie ein weißer Mann und nie wie ein Indianer zu kämpfen. Die Schlange da hat ihre Gewohnheiten – und ich meine; und doch haben wir so manche Jahre Seite an Seite gefochten, ohne daß einer dem andern seine Manier verdachte. Ich erzähle ihm, daß es trotz seiner Traditionen nur einen Himmel und eine Hölle gibt, obschon die Wege zu beiden vielfältig sind.«

»Das ist vernünftig, und er muß Euch glauben, obschon ich denke, daß die Wege zur letzteren meist auf dem trockenen Lande liegen. Das Meer ist, wie meine arme Schwester zu sagen pflegte, ein Reinigungsort, und man ist außer den Wegen der Versuchung, wenn man außer der Sicht des Landes ist. Ich zweifle, ob man ebensoviel zugunsten Eurer Seen da oben sagen kann.«

»Ich will einräumen, daß Städte und Ansiedlungen zur Sünde verleiten können, aber unsere Seen sind von den Urwäldern begrenzt, und man findet jeden Tag eine Aufforderung zur Verehrung Gottes in einem solchen Tempel. Freilich muß ich zugeben, daß die Menschen auch in der Wildnis nicht immer dieselben sind, denn der Unterschied zwischen einem Mingo und einem Delawaren liegt so auf flacher Hand wie der zwischen Mond und Sonne. Doch ich bin froh, Freund Cap, daß wir uns getroffen haben, wär’s auch nur, um der Schlange erzählen zu können, daß es auch Seen mit salzigem Wasser gibt. Wir sind, seit wir uns kennen, stets ziemlich eines Sinnes gewesen, und wenn der Mohikaner nur halb so viel Vertrauen zu mir hätte wie ich zu ihm, so müßte er mir alles glauben, was ich ihm von den Gewohnheiten und Naturgesetzen der Weißen erzählt habe. Aber es hat mir immer geschienen, als ob keine der Rothäute den Erzählungen von den großen Salzseen und den aufwärtsgehenden Strömungen der Flüsse so Glauben schenkt, wie es ein ehrlicher Mann gern haben möchte.«

»Das kommt daher«, antwortete Cap mit einem herablassenden Nicken, »daß Ihr in diesen Dingen verkehrterweise das Pferd beim Schwanz aufgezäumt habt. Ihr habt Euch Eure Seen und Stromschnellen als das Schiff und das Meer mit seiner Ebbe und Flut als ein Boot gedacht. Weder Pfeilspitze noch Schlange haben Ursache, das, was Ihr über beides gesagt habt, zu bezweifeln. Ich muß übrigens gestehen, daß es mir Schwierigkeiten macht, die Erzählung von den Binnenmeeren so ohne weiteres runterzuschlucken –, und noch mehr, daß es hier eine See mit frischem Wasser geben soll. Ich hab‘ deshalb meine Reise ebensogut unternommen, um meine eigenen Augen und meinen Gaumen von der Wahrheit dieser Dinge zu überzeugen, wie um dem Sergeanten und Magnet gefällig zu sein, obgleich der erste meiner Schwester Mann war und Mabel mir wie ein eigenes Kind am Herzen liegt.«

»Ihr habt unrecht, sehr unrecht, Freund Cap, daß Ihr in irgendeiner Sache der Macht Gottes mißtraut«, entgegnete der Pfadfinder ernst. »Wer in Ansiedlungen und Städten wohnt, mag wohl zu beschränkten und irrigen Meinungen über die Macht seiner Hand kommen; wir aber, die wir unsere Zeit sozusagen in seiner wahren Gegenwart zubringen, sehen die Sachen anders an – ich meine nämlich die Weißen. Eine Rothaut hat wieder ihre eigenen Begriffe, und es ist recht, daß es so ist; wenn sie auch nicht ganz so sind, wie die eines Weißen, so darf uns das nicht bekümmern. Es gibt Dinge, die in die weise Ordnung der göttlichen Vorsehung gehören, und zu diesen sind auch jene Süß- und Salzwasserseen zu rechnen. Ich maße mir nicht an, sie erklären zu wollen, aber ich denke, es ist Schuldigkeit eines jeden, dran zu glauben. Was mich anlangt, so denk‘ ich, daß dieselbe Hand, die das Süßwasser gemacht hat, auch Salzwasser schaffen kann.«

»Halt da, Meister Pfadfinder«, unterbrach ihn Cap nicht ohne einige Hitze, »auf dem Wege eines gebührlichen und männlichen Glaubens werde ich keinem den Rücken kehren, solang ich flott bin. Obgleich ich mehr daran gewöhnt bin, auf dem Verdeck alles rein zu halten und ein schönes Segel zu zeigen als zu beten, wenn der Orkan kommt, so weiß ich wohl, daß wir zur Zeit nur hilflose Sterbliche sind, und ich hoffe, ich zolle Verehrung, wo ich Verehrung schuldig bin. Was ich sagen zu müssen meinte, war nichts weiter, als daß ich, der ich in großen Bottichen salziges Wasser zu sehen gewöhnt bin, es vorziehe, es vorher zu kosten, ehe ich glaube, daß es frisch ist.«

»Gott hat dem Hirsch die Salzlicke gegeben und dem Menschen, sei er rot oder weiß, die köstliche Quelle, um seinen Durst zu stillen. Es ist also ganz vernünftig zu denken, daß er dem Westen nicht habe Seen von frischem und dem Osten Seen von unreinem Wasser geben können.«

Cap war trotz seiner anmaßenden Starrköpfigkeit durch den einfachen Ernst des Pfadfinders eingeschüchtert, obgleich ihm der Gedanke nicht behagte, eine Sache zu glauben, deren Unmöglichkeit er jahrelang behauptet hatte. Da er jedoch nicht geneigt war, seine Meinung aufzugeben, und zugleich gegen so ungewohnte Gründe nichts auszurichten vermochte, so war er froh, sich durch eine Ausflucht retten zu können.

»Nun, nun, Freund Pfadfinder«, sagte er, »wir wollen die Sache bewenden lassen, und da der Sergeant uns Euch als Lotsen für den See geschickt hat, so können wir ja das Wasser untersuchen, wenn wir hinkommen. Merkt Euch übrigens meine Worte – ich sage nicht, daß es nicht auch frisches Wasser auf der Oberfläche geben könne; sogar der Atlantische Ozean hat manchmal was in der Nähe der Mündungen großer Flüsse; aber verlaßt Euch drauf, ich will Euch eine Methode zeigen, das Wasser, und wenn es manche Faden tief ist, zu kosten, von der Ihr Euch nichts träumen laßt; und dann werden wir mehr davon erfahren.«

Der Führer schien zufrieden, die Sache beruhen zu lassen, und der Gegenstand der Unterhaltung wechselte.

»Wir bilden uns nicht zuviel auf unsere Gaben ein«, bemerkte der Pfadfinder nach einer kurzen Pause, »und wissen wohl, wer in Städten lebt oder in der Nähe des Meeres –«

»Auf dem Meere«, unterbrach ihn Cap.

»Auf dem Meere also, wenn Ihr so wollt – daß der manche Gelegenheiten hat, die uns hier in unserer Wildnis nicht aufstoßen. Genug, wir kennen unsern Beruf, betrachten ihn als unsere natürliche Bestimmung und sind nicht durch Eitelkeit und Üppigkeit verkehrt. Meine Gaben beschränken sich auf den Gebrauch der Büchse und das Erkennen der Fährte zum Zwecke der Jagd und des Kundschaftens, und obgleich ich auch ein Ruder führen und die Gabel handhaben kann, so darf ich mir wenigstens nichts drauf einbilden. In dieser Beziehung ist der junge Jasper da, der sich mit des Sergeanten Tochter unterhält, ein ganz andrer Bursch, so daß man von ihm sagen kann, er atme Wasser wie ein Fisch. Die Indianer und die Franzosen des nördlichen Seeufers nennen ihn wegen seiner Gaben Eau-douce. Süßwasser versteht es aber besser, das Ruder und das Tau zu handhaben, als Feuer auf einer Fährte anzumachen.«

»Im Grunde muß doch was an den Gaben sein, von denen Ihr sprecht«, sagte Cap. »Ich gestehe, dies Feuer hier hat mein ganzes Seemannswesen zuschanden gemacht; Pfeilspitze sagte, der Rauch komme von einem Bleichgesichtsfeuer, und das nenn‘ ich mir ein Stückchen Philosophie, das dem Steuern am Rand einer Sandbank entlang bei finstrer Nacht nichts nachgibt.«

»Ist kein großes Geheimnis, kein großes Geheimnis«, erwiderte der Pfadfinder mit lustigem Lachen, obgleich er aus gewohnter Vorsicht den allzu lauten Ausbruch unterdrückte. »Nichts ist leichter für uns, die wir unsere Zeit in der großen Schule der Vorsehung zubringen, als ihre Aufgaben zu lernen. Wir wären für die Fährte wie für das Geschäft eines Kundschafters so nutzlos wie die Murmeltierlein, wenn wir uns nicht früh die Kenntnis solcher Kleinigkeiten zu verschaffen wüßten. Eau-douce, wie wir ihn nennen, ist ein so großer Freund des Wassers, daß er ein oder zwei feuchte Holzstücke für unser Feuer auflas, obschon ganz trockene neben den feuchten genug umherlagen, und Feuchtigkeit macht schwarzen Rauch, was meiner Meinung nach ihr Herren von der See auch wissen müßt. ’s ist kein großes Geheimnis, obschon für solche, die nicht auf den Herrn und seine mächtigen Wege mit Demut und Dankbarkeit achten, alles geheimnisvoll ist.«

»Pfeilspitze muß ein scharfes Auge haben, um einen so unbedeutenden Unterschied zu sehen!«

»Er wär ’n armer Indianer, wenn er das nicht könnte. Nein, nein; es ist Kriegszeit, und keine Rothaut wagt sich hinaus, wenn sie nicht im vollen Besitz ihrer Sinne ist. Jede Haut hat ihre eigene Natur, und jede Natur hat ihre eigenen Gesetze wie ihre eigene Haut. Es dauerte manches Jahr, bis ich mir all diese höheren Zweige der Wäldererziehung angeeignet hatte; denn die Kenntnisse der Rothäute gehen der Natur einer weißen Haut nicht so leicht ein, wie man sich’s wohl von den Kenntnissen der Weißen einbildet.«

»Ihr seid ein braver Schüler gewesen, Meister Pfadfinder, wie man aus Eurer genauen Kenntnis all dieser Dinge merkt. Ich denke aber, es müßte für einen ordentlichen Zögling des Meeres nicht schwer sein, diese Kleinigkeiten zu lernen, wenn er nur seinen Kopf so weit zusammennehmen will, um drauf acht zu geben.«

»Ich weiß das nicht. Der Weiße findet seine Schwierigkeiten, wenn er sich die Fertigkeiten der Rothäute aneignen will, wie der Indianer, wenn er die Wege einer weißen Haut geht. Es liegt eben in der Natur, daß keiner in der Art des andern vollkommen aufgehen kann.«

»Und doch sagen wir Seeleute, die wir ganz um die Welt herumkommen, es gibt allenthalben nur eine Natur, beim Chinesen dieselbe wie beim Holländer. Was mich anlangt, so fühl‘ ich mich geneigt, dasselbe anzunehmen; denn ich hab‘ im allgemeiner, gefunden, daß alle Nationen Gold und Silber lieben und die meisten Männer Geschmack am Tabak finden.«

»Dann kennt ihr Seefahrer die Rothäute wenig. Habt ihr je einen von euern Chinesen gesehen, der sein Sterbelied singen konnte, während sein Fleisch mit Splittern zerrissen und mit Messern zerschnitten wurde? während das Feuer rund um seinen nackten Körper wütete und der Tod ihm ins Auge starrte? Könnt Ihr mir einen Chinesen oder irgendeinen Christenmenschen finden, der dies kann? Ihr werdet keinen finden mit einer Rothautnatur, mag er noch so tapfer aussehen oder alle Bücher zu lesen verstehen, die je gedruckt worden sind.«

»Nur die Wilden können einander so höllische Streiche spielen«, sagte Cap, indem er seinen Blick unbehaglich unter den endlos scheinenden Wölbungen des Forstes umherstreifen ließ. »Kein weißer Mann ist je verurteilt worden, solche Proben zu bestehen.«

»Nein, da habt Ihr mich wieder irrig verstanden«, entgegnete der Pfadfinder, indem er sich ruhig noch ein leckeres Stückchen Wildbret auslas; »denn obgleich diese Quälereien nur zu der Natur einer Rothaut gehören, so mag sie doch eine weiße Haut ebensogut ertragen, und wir haben schon Beispiele davon gehabt!«

»Zum Glück«, sagte Cap, »wird keiner von Seiner Majestät Alliierten lüstern sein, solche verdammlichen Grausamkeiten an irgendeinem von Seiner Majestät loyalen Untertanen zu versuchen. Es ist wohl wahr, ich habe nicht lange in der Königlichen Flotte gedient; aber ich habe gedient, und das ist schon was, und an den Kaperzügen, an dem Kampf gegen den Feind in seinen Schiffen und Schiffsladungen hab‘ ich vollen Anteil genommen. Aber ich glaub‘, es gibt keine französischen Wilden auf dieser Seite des Sees, und wenn ich nicht irre, so habt Ihr gesagt, daß der Ontario eine breite Wasserfläche ist?«

»Ja, er ist breit in unseren Augen«, erwiderte der Pfadfinder, ohne sich Mühe zu geben, das Lächeln zu verbergen, das seine sonnverbrannten Züge überflog, »doch ich weiß nicht, ob ihn nicht einige für schmal halten. Jedenfalls ist er nicht breit genug, den Feind abzuhalten. Der Ontario hat zwei Enden, und der Feind, der zu furchtsam ist, darüber zu setzen, weiß wohl, daß er um ihn herumgehen kann.«

»Ach, da haben wir’s ja mit euern verdammten Frischwasserteichen!« brummte Cap mit einem Seufzer, der laut genug war, ihn schnell seine Unvorsichtigkeit bereuen zu lassen. »Kein Mensch hat je gehört, daß ein Pirat oder ein Schiff geschwind um ein Ende des Atlantischen Ozeans herumgekommen wäre!«

»Vielleicht hat der Ozean keine Enden?«

»Freilich hat er nicht; weder Enden noch Seiten, noch Grund. Das Volk, das fest an einer seiner Küsten vor Anker liegt, hat nichts zu fürchten von den Bewohnern eines jenseitigen Ankerplatzes, mögen sie so wild sein, wie sie wollen, wenn sie nicht die Kunst des Schiffbaus besitzen. Nein, nein! Die Leute, die an den Ufern des Atlantischen Meeres wohnen, haben wenig für ihre Häute und ihre Skalpe zu fürchten. Da kann sich einer doch nachts mit der Hoffnung niederlegen, am Morgen sein Haar noch auf dem Kopfe zu finden, wenn er nicht eine Perücke trägt.«

»Hier ist’s nicht so. Doch ich möchte das junge Frauenzimmerchen da nicht beunruhigen, und ich will deshalb nicht auf Einzelheiten eingehen, obschon sie mir auf den Eau-douce zu hören scheint. Jedenfalls aber möchte ohne die Erziehung, die ich dem Aufenthalt in den Wäldern verdanke, unter den gegenwärtigen Verhältnissen eine Reise über den zwischen uns und der Garnison liegenden Grund ein gefährliches Unternehmen sein. Es gibt auf dieser Seite des Ontario so viel Irokesen wie auf der andern. Der Sergeant hat also sehr wohl daran getan, Freund Cap, uns euch als Wegweiser entgegenzuschicken.«

»Was? Dürfen die Schurken so nahe an den Kanonen von einem der Werke Seiner Majestät kreuzen?«

»Halten sich nicht die Raben in der Nähe eines Hirschgerippes auf, obgleich der Vogelsteller bei der Hand ist? Sie kommen eben, weil es in ihrer Natur liegt. Es gibt immer mehr oder weniger Weiße, die zwischen den Forts und den Ansiedlungen wandern, und sie sind ihrer Fährte sicher. Schlange ist auf der einen und ich auf der andern Seite des Flusses heraufgekommen, um diese umherstreichenden Schufte auszukundschaften, indes Jasper, der ein kühner Schiffer ist, den Kahn heraufbrachte. Der Sergeant hat ihm mit Tränen im Auge alles von seinem Kinde erzählt, wie sein Herz nach ihr verlange und wie sanft und gehorsam sie sei, so daß ich glaube, der Junge hätte sich lieber ganz allein in ein Mingolager gestürzt, als die Partie ausgeschlagen.«

»Wir danken ihm – wir danken ihm und wollen nun um seiner Bereitwilligkeit willen besser von ihm denken, obschon ich im Grunde vermute, daß er sich grade keiner großen Gefahr ausgesetzt hat.«

»Bloß der Gefahr, von einem Hinterhalt aus erschossen zu werden, während er den Kahn durch die Stromengen drängte oder bei den Krümmungen des Flusses mit auf die Wirbel gerichtetem Auge eine Wendung machte. Von allen gefährlichen Reisen ist nach meinem Dafürhalten die auf einem von Gebüsch umsäumten Fluß die allergefährlichste, und der hat sich Jasper unterzogen.«

»Und warum, beim Teufel, veranlaßte mich der Sergeant, einen Weg von hundertundfünfzig Meilen in dieser ausländischen Manier zu machen? Gebt mir offene See und den Feind ins Gesicht, und ich will ’ne Partie mit ihm machen, nach seiner eigenen Art, solang’s ihm beliebt, auf Buglänge oder hinter den Enterschotten; aber erschossen zu werden wie eine Schildkröte im Schlaf, das ist nicht nach meinem Geschmack. Wär’s nicht um die kleine Magnet, ich ging augenblicklich an Bord, kehrte eilends nach York zurück und ließe den Ontario für sich selber sorgen, mag er nun Salzwasser oder Frischwasser haben!«

»Das würde die Sache nicht viel verbessern, Freund Seemann, da der Rückweg viel länger und fast ebenso gefährlich ist wie der, den wir noch zu gehen haben. Doch verlaßt Euch drauf, wir wollen Euch heil durchbringen oder unsere Kopfhäute verlieren.«

Cap trug einen steifen, mit Aalhaut umwickelten Zopf, indes der Scheitel seines Kopfes fast kahl war. Mechanisch fuhr seine Hand über beides, als ob sie sich versichern wolle, daß alles noch an seinem gehörigen Orte sei. Er war im Grunde ein braver Mann und hatte oft dem Tod mit Ruhe ins Auge gesehen, jedoch nie in der furchtbaren Gestalt, in der er ihm durch das zwar gedrängte, aber doch sehr bezeichnende Gemälde seines Tischgenossen vorgeführt wurde. Es war zu spät zum Rückzug, und so entschloß er sich denn, zum bösen Spiel gute Miene zu machen, obgleich er sich nicht enthalten konnte, einige Flüche über die Gleichgültigkeit und Unbesonnenheit in den Bart zu brummen, mit der ihn sein Schwager, der Sergeant, in dies Dilemma geführt hatte.

»Ich zweifle nicht, Meister Pfadfinder«, erwiderte er, als er mit seinen Betrachtungen zu Ende gekommen war, »daß wir den Hafen wohlbehalten erreichen werden. Wie weit können wir noch vom Fort entfernt sein?«

»Wenig mehr als fünfzehn Meilen, und zwar so schnelle Meilen, wie sie der Strom nur machen kann, falls uns die Mingos ungehindert ziehen lassen.«

»Und ich denke, daß sich die Wälder längs Steuerbord und Backbord hinziehen wie bisher?«

»Wie?«

»Ich meine, daß wir unseren Weg durch diese verwünschten Bäume suchen werden?«

»Nein, nein, Ihr werdet in den Kahn gehen. Der Oswego ist durch die Truppen von seinem Treibholz gereinigt worden. Wir werden schnell genug stromabwärts kommen.«

»Und was zum Teufel wird diese Minks, von denen Ihr sprecht, abhalten, auf uns zu schießen, wenn wir ein Vorgebirge umsegeln oder beschäftigt sind, von den Felsen abzusteuern?«

»Der Herr! – Er, der so oft anderen aus noch größeren Schwierigkeiten geholfen hat. Schon oft war meinem Kopf Haar, Haut und alles abgestreift worden, wenn der Herr nicht an meiner Seite gefochten hätte. Ich unterziehe mich nie einem Scharmützel, Freund Seemann, ohne an diesen großen Verbündeten zu denken, der im Kampf mehr tun kann als alle Bataillons vom Sechzigsten, stünden sie auch in einer Linie.«

»Schön, schön, das mag wohl für ’nen Kundschafter gut sein, aber wir Seeleute lieben unsere offene See, und wenn’s ins Feuer geht, mögen wir unseren Kopf mit nichts anderem behelligen als mit dem Geschäft vor uns – volle Lage gegen volle Lage und keine Bäume und Felsen, das Wasser unsicher zu machen.«

»Und auch keinen Gott, um es mit einem Wort zu sagen. Nehmt mein Wort dafür, Meister Cap, daß kein Kampf schlimm sein kann, wenn Ihr den Herrn auf Eurer Seite habt. Betrachtet einmal den Kopf der Schlange da! Ihr könnt noch der ganzen Länge nach die Spur eines Messers an seinem linken Ohr erkennen, und nur eine Kugel aus meiner langen Büchse konnte damals seine Kopfhaut retten; denn sie klaffte bereits, und eine halbe Minute später wär’s um seine Kriegerlocke geschehen gewesen. Wenn mir nun der Mohikaner die Hand drückt und mir zu verstehen gibt, ich hätte mich ihm in dieser Sache als ein Freund erwiesen, so sag‘ ich zu ihm: Nein, es war der Herr, der mich zu der einzigen Stelle führte, wo ihm dieses Leid geschehen konnte und von wo aus mir der aufsteigende Rauch seine Not verriet. Freilich – als ich erst mal meine Stellung genommen hatte, beendigte ich die Sache auf eigene Faust; denn ein Freund unter dem Tomahawk bringt einen zu einem raschen Entschluß und zu schneller Tat, sonst würde jetzt wohl der Geist der Großen Schlange im seligen Lande seines Volkes jagen!«

»Na, na, Pfadfinder, dieses Gewäsch ist schlimmer, als vom Vorsteven bis zum Stern skalpiert zu werden. Wir haben nur noch wenige Stunden bis zum Untergang der Sonne, und es wird besser sein, uns Eurer Strömung anzuvertrauen, solang es noch möglich ist. Magnet, Schätzchen, bist du bereit, aufzubrechen?«

Magnet fuhr auf, errötete über und über und machte ihre Vorbereitungen zur Weiterreise. Sie hatte von der Unterhaltung der beiden keine Silbe gehört, denn Eau-douce unterhielt ihr Ohr mit einer Beschreibung des Forts, das ihr Reiseziel war, mit Erzählungen von ihrem Vater, den sie seit ihrer Kindheit nicht mehr gesehen hatte, und von den Sitten und Gebräuchen der Grenzgarnison. Unwillkürlich hatten sich ihre Gedanken zu sehr in diese Gegenstände vertieft, als daß die minder erfreulichen, die von ihren Nachbarn besprochen wurden, ihr Ohr hätten erreichen können. Der Lärm des Aufbruchs machte dieser Unterhaltung ein Ende, und in wenigen Minuten war die ganze Gesellschaft samt dem wenigen Gepäck der Wegweiser zum Abzug bereit. Ehe sie jedoch die Stelle verließen, sammelte Pfadfinder, zur großen Bewunderung seiner Gefährten, eine Partie Zweige und warf sie auf den glimmenden Rest des Feuers. Dabei nahm er darauf Bedacht, einige feuchte Holzstücke darunter zu mengen, um den Rauch so dunkel und dicht als nur möglich zu machen.

»Wenn Ihr Eure Fährte verbergen könnt, Jasper«, sagte er, »so wird der Rauch auf dem Lagerplatz eher Nutzen als Schaden bringen. Wenn sich ein Dutzend Mingos innerhalb zehn Meilen von uns befinden, so werden sich einige auf den Höhen oder in den Bäumen aufhalten und nach Rauch umsehen. Erblicken sie diesen, so mag er ihnen wohl bekommen; unsere Überbleibsel sind ihnen gegönnt.«

»Aber kann er sie nicht veranlassen, unsere Spur zu verfolgen?« fragte Jasper, dessen Besorgnisse über die Gefährlichkeit ihrer Lage seit seinem Zusammentreffen mit Magnet bedeutend erhöht worden waren. »Wir lassen bis zum Fluß einen breiten Pfad zurück.«

»Je breiter, desto besser. Wenn wir dort sind, so wird’s über den Horizont eines listigen Mingos gehen, zu sagen, ob der Kahn aufwärts oder abwärts gegangen ist. Wasser ist das einzige in der Natur, was durchaus jede Fährte verwischt, und doch tut es auch das Wasser nicht immer, wenn die Witterung scharf ist. Seht Ihr nicht, Eau-douce, daß sich die Mingos, wenn sie unsere Spur unterhalb der Fälle bemerkt haben, gegen diesen Rauch heraufziehen und daraus den natürlichen Schluß ableiten werden, daß, wer stromaufwärts gegangen ist, auch stromaufwärts seine Fahrt fortgesetzt hat? Wenn sie was wissen, so wissen sie nur, daß eine Partie von dem Fort ausgegangen ist, und sicher wird’s den Witz eines Mingos übersteigen, sich zu denken, daß wir nur um einer Lustpartie willen an einem Tage hierher und wieder zurück, unsere Kopfhäute in Gefahr gesetzt haben.«

»Freilich«, versetzte Jasper, der sich abseits mit dem Pfadfinder besprach, während sie ihre Richtung gegen die Windgasse hin einschlugen, »sie können nichts von des Sergeanten Tochter wissen, denn darüber wurde das größte Geheimnis bewahrt.«

»Und hier sollen sie nichts erfahren«, erwiderte Pfadfinder, indem er seinen Gefährten veranlaßte, sorgfältig in die Spuren von Mabels kleinem Fuß zu treten, »wenn nicht dieser alte Salzwasserfisch seine Nichte in der Windgasse herumgeführt hat, wie eine alte Hirschkuh ihr Kitzchen.«

»Ein Bock, meint Ihr, Meister Pfadfinder.«

»Ist er nicht ein Querkopf? Nun, ich kann wohl Kameradschaft halten mit einem Schiffer, wie Ihr seid, Eau-douce, und finde nichts besonders Konträres in unseren Gaben, obgleich sich die Euern mehr für die Seen und die meinen für die Wälder eignen; aber mit diesem – hört, Jasper«, fuhr der Kundschafter mit seinem gewohnten tonlosen Lachen fort, »ich meine, wir sollten ihm doch das Gewehr visitieren und ihn über die Fälle schießen lassen?«

»Und was in der Zwischenzeit mit der artigen Nichte anfangen?«

»Nun, ihr braucht deshalb kein Leid zu widerfahren. Sie muß jedenfalls auf dem Trageweg um die Fälle gehen. Aber Ihr und ich können diesen Atlantischen Ozeansmenschen auf die Probe stellen, und dann werden sich wohl alle Partien besser miteinander befreunden. Wir wollen ausfindig machen, ob sein Stein Feuer gibt, und er mag etwas von den Streichen der Grenzleute erfahren.«

Der junge Jasper lächelte, denn er war einem Scherz nicht abgeneigt, um so weniger, als ihn Caps Anmaßung unangenehm berührt hatte. Aber Mabels schönes Antlitz, ihre leichte, behende Gestalt und ihr gewinnendes Lächeln stellte sich wie ein Schild zwischen ihren Onkel und den beabsichtigten Versuch.

»Vielleicht wird es des Sergeanten Tochter erschrecken«, sagte er.

»Gewiß nicht, wenn sie was von des Sergeanten Geist in sich hat. Sie sieht nicht aus, als ob sie ’n zimperliches Ding war. Oder laßt mich’s allein machen, ich will die Sache schon durchführen.«

»Nicht Ihr allein, Pfadfinder; ihr würdet beide miteinander ertrinken. Wenn der Kahn über die Fälle geht, muß ich dabei sein.«

»Gut, sei es so. Es bleibt also bei der Übereinkunft.«

Jasper nickte lächelnd seine Zustimmung, und der Gegenstand war abgemacht, als die Gesellschaft bei dem Kahn anlangte. Weniger Worte hatten schon über wichtigere Dinge zwischen den Partien entschieden.

Neunundzwanzigstes Kapitel

Neunundzwanzigstes Kapitel

Die Ereignisse der letzten Tage waren zu aufregend gewesen und hatten die Kräfte Mabels zu sehr in Anspruch genommen, als daß sie sich der Hilflosigkeit des Grames hätte hingeben können. Sie trauerte um ihren Vater, und gelegentlich überlief sie ein Schauder, wenn sie sich Jennies plötzlichen Tod und all die schrecklichen Szenen, deren Zeuge sie gewesen, ins Gedächtnis zurückrief: Im ganzen aber war sie gefaßter und weniger niedergedrückt, als dies bei tiefem Schmerz gewöhnlich ist. Vielleicht half ihr das übermächtige, betäubende Seelenleiden, das die arme June beugte und sie beinahe vierundzwanzig Stunden besinnungslos niedergeworfen hatte, Mabel ihre eigenen Gefühle besiegen, da sie sich zur Trösterin des armen Indianerweibes berufen glaubte; auch erwies sie ihr diesen Dienst in der ruhigen, besänftigenden und einnehmenden Weise, mit der ihr Geschlecht bei solchen Gelegenheiten seinen Einfluß geltend macht.

Der Morgen des dritten Tages war für die Abfahrt des Scud bestimmt. Jasper hatte seine Vorbereitungen getroffen, die verschiedenen beweglichen Gegenstände waren eingeschifft, und Mabel hatte von June Abschied genommen – ein schmerzliches und zärtliches Lebewohl. Mit einem Wort, alles war bereit, und mit Ausnahme der Indianerin, Pfadfinders, Jaspers und Mabels hatte die ganze Gesellschaft die Insel verlassen. Junitau war ins Gebüsch gegangen, um zu weinen, und die drei letzteren näherten sich einer Stelle, wo drei Kähne lagen, von denen einer Junes Eigentum war, während die beiden übrigen die Bestimmung hatten, die Zurückgebliebenen dem Scud zuzuführen. Pfadfinder ging voraus; als er aber näher gegen das Ufer kam, forderte er, statt die Richtung nach den Booten einzuschlagen, seine Gefährten auf, ihm zu folgen, worauf er sie zu einem umgestürzten Baum führte, der am Rande der Lichtung und außer dem Gesichtskreis des Kutters lag. Hier ließ er sich nieder und hieß Mabel auf der einen und Jasper auf der anderen Seite neben ihm Platz nehmen.

»Setzen Sie sich hierher, Mabel – und Ihr, Eau-douce, dahin«, begann er, sobald er seinen Sitz eingenommen hatte. »Mir liegt was schwer auf der Seele, und es ist jetzt Zeit, es abzuschütteln, wenn’s anders möglich ist. Setzen Sie sich, Mabel, und lassen Sie mich mein Herz, wenn nicht mein Gewissen, erleichtern, solange ich noch die Kraft hab‘, es zu tun.«

Es folgte nun eine Pause von zwei oder drei Minuten, und beide jungen Leute harrten verwundert dessen, was kommen sollte. Der Gedanke, daß Pfadfinder eine Last auf seinem Gewissen haben könne, schien beiden gleich unwahrscheinlich.

»Mabel«, fuhr unser Held endlich fort, »wir müssen offen miteinander reden, ehe wir wieder mit Ihrem Onkel auf dem Scud zusammentreffen, wo Salzwasser seit dem letzten Spaß jede Nacht geschlafen hat, weil dieser, wie er sagt, der einzige Platz sei, wo ein Mann versichert sein dürfe, seine Haare auf dem Kopf zu behalten. – Aber ach, was kümmern mich jetzt diese Torheiten und albernen Worte! Ich versuch‘ es, heiter und leichten Sinnes zu sein; aber die Kraft des Menschen kann das Wasser nicht stromaufwärts fließen machen. Mabel, Sie wissen, daß der Sergeant vor seinem Scheiden die Bestimmung getroffen hat, daß wir uns heiraten, beieinander leben und uns gegenseitig lieben sollen, solang es dem Herrn gefällt, uns auf Erden zu lassen: ja, und auch nachher?«

Mabels Wangen hatten in der frischen Morgenluft wieder etwas von ihrem früheren rosigen Aussehen gewonnen; bei dieser unerwarteten Anrede aber erbleichten sie fast wieder wie zu der Stunde, wo der herbste Schmerz ihr Inneres erfaßt hatte. Doch blickte sie Pfadfinder mit freundlichem Ernst an und versuchte es, ein Lächeln zu erzwingen.

»Sehr wahr, mein ausgezeichneter Freund«, entgegnete sie; »das war der Wunsch meines armen Vaters, und ich fühle die tiefe Überzeugung, daß ein ganzes, Eurem Glück und Eurem Wohlbehagen geweihtes Leben kaum imstande ist, Euch für alles, was Ihr an uns getan habt, zu belohnen.«

»Ich fürchte, Mabel, daß Mann und Weib durch ein kräftigeres Band aneinandergeknüpft sein müssen als durch solche Gefühle. Sie haben nichts oder doch nichts von irgendeinem Belang für mich getan, und doch neigt sich mein ganzes Herz zu Ihnen; es dünkt mir daher wahrscheinlich, daß diese Zuneigung von was anderem herkommt als von dem Schutz der Skalpe und dem Geleit durch die Wälder.«

Mabels Wangen fingen wieder an zu glühen, und obgleich sie sich alle Mühe gab, zu lächeln, so war doch in ihrer Antwort ein leichtes Beben der Stimme nicht zu erkennen.

»Wär‘ es nicht besser, wenn wir diese Unterhaltung aufschöben, Pfadfinder?« sagte sie; »wir sind nicht allein, und es heißt, es sei nichts Unangenehmeres für einen Dritten, Familienangelegenheiten besprechen zu hören, die für ihn kein Interesse haben.«

»Gerade, weil wir nicht allein sind oder vielmehr, weil Jasper bei uns ist, Mabel, möcht‘ ich diese Sache zur Sprache bringen. Der Sergeant glaubte, daß ich ein geeigneter Lebensgefährte für Sie sein dürfte, und obgleich ich meine Bedenklichkeiten dabei hatte ja, ja, ich hatte viele Bedenklichkeiten – ließ ich mich doch zuletzt bereden, und die Dinge nahmen die Ihnen bekannte Wendung. Als sie aber Ihrem Vater versprachen, mich zu heiraten, Mabel, und Sie mir so bescheiden, so anmutig Ihre Hand gaben, war ein Umstand, wie es Ihr Onkel nennt, vorhanden, von dem Sie nichts wußten, und ich halt‘ es für billig, Ihnen den mitzuteilen, ehe die Sachen ganz ins reine gebracht sind. Ich hab‘ mich oft mit einem mageren Hirsch für meine Mahlzeit begnügt, wenn ich kein gutes Wildbret haben konnte, aber es ist natürlich, daß man nicht nach dem Schlechtesten greift, wenn das Beste zu finden ist.«

»Ihr sprecht in einer Weise, Pfadfinder, die ich nicht verstehen kann. Wenn diese Unterhaltung wirklich so notwendig ist, so hoff‘ ich doch, daß Ihr Euch deutlicher ausdrückt.«

»Gut also. – Mabel, ich habe mir Gedanken darüber gemacht, daß Sie, als Sie sich in die Wünsche des Sergeanten fügten, wahrscheinlich die Natur von Jasper Westerns Gefühlen gegen Sie nicht kannten?«

»Pfadfinder!«

Mabels Wangen erbleichten nun zur Blässe des Todes und erglühten wieder purpurn; ihr ganzer Körper bebte. Pfadfinder hatte jedoch zu sehr seinen Zweck im Auge, um diesen schnellen Wechsel zu bemerken, und Eau-douce bedeckte sein Gesicht mit den Händen.

»Ich hab‘ mit dem Jungen gesprochen, und wenn ich seine Träume, seine Gefühle und seine Wünsche mit den meinigen vergleiche, so fürcht‘ ich, wir denken über Sie zu gleich, als daß wir beide glücklich sein könnten.«

»Pfadfinder, Ihr vergeßt – Ihr solltet Euch erinnern, daß wir verlobt sind«, sagte Mabel hastig und mit so leiser Stimme, daß von Seiten der Zuhörer große Aufmerksamkeit erfordert wurde, um ihre Worte zu verstehen. In der Tat waren auch die paar letzten Silben dem Kundschafter völlig entgangen, und er gab dies zu verstehen durch sein gewöhnliches:

»Wie?«

»Ihr vergeßt, daß wir uns heiraten sollen, und solche Anspielungen sind ebenso ungeeignet wie schmerzlich.«

»Alles, was recht ist, ist geeignet, Mabel; und alles ist recht, was zu einem billigen Ausgleich und zu einem offenen Verständnis führt, obgleich es, wie mir meine eigene Erfahrung sagt, schmerzlich genug ist, wie Sie sich ausdrücken. Nun, Mabel, wenn Sie gewußt hätten, daß Jasper in solcher Weise an Sie denkt, so hätten Sie vielleicht nie eingewilligt, einen so alten und unansehnlichen Mann, wie ich bin, zu heiraten?«

»Warum diese grausame Prüfung, Pfadfinder? Wozu kann das alles führen? Jasper denkt nicht an so was; er sagt nichts, er fühlt nichts.«

»Mabel!« entfuhr es den Lippen des Jünglings auf eine Weise, die die unbezwingliche Natur seiner Gefühle verriet, obgleich er keine Silbe weiter hinzufügte.

Mabel bedeckte ihr Antlitz mit den Händen, und die beiden saßen da wie ein paar Schuldige, die plötzlich bei einem Verbrechen ertappt wurden, bei dem es sich um das ganze Glück eines gemeinschaftlichen Gönners handelte. In diesem Augenblick war Jasper vielleicht selbst geneigt, seine Leidenschaft in Abrede zu stellen, da er weit entfernt war, seinem Freund einen Gram bereiten zu wollen, während für Mabel die unverhohlene Mitteilung einet Tatsache, die sie eher im stillen gehofft als geglaubt hatte, so unerwartet kam, daß sich auf einen Augenblick ihre Sinne verwirrten und sie nicht wußte, ob sie weinen oder sich freuen sollte. Doch mußte sie zuerst sprechen, da Jasper nicht imstande war, etwas hervorzubringen, was unredlich oder für seinen Freund schmerzlich erscheinen konnte.

»Pfadfinder«, sagte sie, »Ihr sprecht rauh. Weshalb erwähnt Ihr solche Dinge?«

»Nun, Mabel, wenn ich rauh spreche, so wissen Sie wohl, daß ich von Natur sowohl als auch, wie ich fürchte, aus Gewohnheit ein halber Wilder bin.« Als er dies sagte, suchte er in seiner gewöhnlichen lautlosen Weise zu lachen, aber es gelang nicht recht, und der Versuch gestaltete sich zu einem seltsamen Mißton, der ihn fast zu ersticken drohte. »Ja, ich muß wohl wild sein; ich will nicht versuchen, es zu leugnen.«

»Teuerster Pfadfinder! Mein bester, fast mein einziger Freund, Ihr könnt und werdet nicht glauben, daß ich etwas der Art zu sagen beabsichtigte!« unterbrach ihn Mabel, indem ihr die Eile, womit sie ihre unbeabsichtigte Kränkung wieder gutmachen wollte, fast den Atem versagte. »Wenn Mut, Treue, Adel der Seele und des Charakters, Festigkeit der Grundsätze und hundert andere ausgezeichnete Eigenschaften einem Mann Achtung, Verehrung und Liebe gewinnen können, so steht Ihr mit Euren Ansprüchen keinem anderen menschlichen Wesen nach.«

»Was für zarte und bezaubernde Stimmen die Frauen haben, Jasper!« nahm der Kundschafter nun mit einem offenen und natürlichen Lachen wieder das Wort. »Ja, die Natur scheint sie geschaffen zu haben, uns in die Ohren zu singen, wenn die Melodien der Wälder schweigen. Aber wir müssen zu einem vollen Verständnis kommen – ja, das müssen wir. Ich frage Sie noch mal, Mabel wenn Sie gewußt hätten, daß Jasper Western Sie ebensosehr liebt wie ich oder vielleicht noch mehr, obgleich dies kaum möglich ist – daß er mit Ihnen und von Ihnen in seinen Träumen spricht, daß er sich vorstellt, alles, was schön und gut und tugendhaft ist, gleiche Mabel Dunham, daß er glaubt, nie ein Glück gekannt zu haben, ehe er Sie gesehen, daß er den Boden küssen möchte, den Ihr Fuß betreten, daß er alle Freuden seines Berufes vergißt, um an Sie zu denken, mit Entzücken Ihre Schönheit zu bewundern und auf Ihre Stimme zu horchen – würden Sie dann eingewilligt haben, mich zu heiraten?«

Mabel hätte diese Frage nicht beantworten können, selbst wenn sie gewollt hätte; aber obgleich sie ihr Gesicht mit ihren Händen verhüllte, so war doch die Glut des Blutstromes zwischen ihren Fingern sichtbar, und selbst diese schienen an dem Rot teilzunehmen. Die Natur behauptete jedoch ihre Macht; denn einen Augenblick lang warf das bestürzte, fast erschreckte Mädchen einen verstohlenen Blick auf Jasper, als ob sie Pfadfinders Erzählung von der Art der Gefühle des jungen Mannes mißtraute, und dieser Blick schloß ihr die ganze Wahrheit auf; sie verbarg schnell das Gesicht wieder, als ob sie es für immer der Beobachtung entziehen wolle.

»Nehmen Sie sich Zeit, nachzudenken«, fuhr der Kundschafter fort, »denn es ist eine ernste Sache, einen Mann zum Gatten anzunehmen, wenn die Gedanken und Wünsche auf einen anderen gerichtet sind. Jasper und ich haben über diesen Gegenstand offen, wie zwei alte Freunde, gesprochen, und obgleich ich stets wußte, daß wir die meisten Dinge so ziemlich mit gleichem Auge betrachten, so wäre mir’s doch nie eingefallen, daß unsere Gedanken über einen Gegenstand sogar die gleichen wären, bis wir uns gegenseitig unsere Gefühle über Sie mitteilten. Jasper gesteht ein, daß er Sie von der Zeit an, als er Sie das erstemal erblickte, für das süßeste und gewinnendste Wesen hielt, das er je getroffen, daß der Ton Ihrer Stimme wie das Brausen der Wasser in seinen Ohren klinge, daß ihm seine Segel wie Ihre im Winde flatternden Gewänder vorkämen, daß er Ihr Lächeln in seinen Träumen sehe, und daß er wieder und wieder erschreckt aufführe, weil es ihm schiene, es wolle Sie jemand mit Gewalt dem Scud entführen, wohin seine Einbildungskraft Ihren Aufenthalt verlegt hatte. Ja, der Junge hat sogar zugestanden, daß ihm oft die Tränen ins Auge getreten seien, wenn er dachte, daß Sie Ihre Tage wahrscheinlich mit einem anderen und nicht mit ihm hinbringen würden.«

»Jasper?«

»Es ist feierliche Wahrheit, Mabel, und es ist recht, daß Sie sie erfahren. Nun stehen Sie auf und wählen Sie zwischen uns beiden. Ich glaube, Jasper liebt Sie ebensosehr wie ich. – Er wollte mich zwar bereden, daß seine Liebe heißer sei, ich kann dies aber nicht zugeben, weil es unmöglich ist; ich glaube aber, daß der Junge Sie von ganzem Herzen und von ganzer Seele liebt, und er hat daher das Recht, gehört zu werden. Der Sergeant hat mich zu Ihrem Beschützer, nicht zu Ihrem Tyrannen bestellt. Ich hab‘ ihm versprochen, daß ich Ihnen Vater und Gatte sein wolle, und es scheint mir, daß kein gefühlvoller Vater seinem Kind dies kleine Vorrecht versagen würde. Stehen Sie daher auf, Mabel, und sprechen Sie Ihre Gedanken so unverhohlen aus, als ob ich der Sergeant selbst wäre, der nichts anderes als Ihr Bestes beabsichtigt.«

Mabel ließ die Hände sinken, erhob sich und stand, Angesicht gegen Angesicht, ihren beiden Freiern gegenüber, obgleich eine fieberhafte Glut ihre Wangen bedeckte – eher eine Wirkung der Aufregung als der Scham.

»Was wollt Ihr von mir, Pfadfinder?« fragte sie; »hab‘ ich nicht bereits meinem armen Vater versprochen, ganz nach Euren Wünschen zu handeln?«

»Dann wünsch‘ ich folgendes: Hier steh‘ ich, ein Mann der Wälder und von wenig Wissen, obgleich ich fürchte, daß mein Ehrgeiz vielleicht meine Verdienste übersteigt, und ich will mir Mühe geben, beiden Teilen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Fürs erste ist es hinsichtlich unserer Gesinnungen für Sie zugestanden, daß wir beide Sie mit gleicher Innigkeit lieben; Jasper meint zwar, daß seine Gefühle die tieferen sein müßten, aber ich kann das als ehrlicher Mann nicht zugeben, weil es mir vorkommt, als könnt‘ es unmöglich wahr sein, sonst würde ich mich frei und offen drüber aussprechen. In dieser Beziehung, Mabel, wären also unsere beiderseitigen Verhältnisse die gleichen. Was mich anbelangt, so steht es mir als dem Ältesten zuerst zu, daß bißchen, was zu meinen Gunsten spricht, ebensogut wie das Gegenteil vorzubringen. An der ganzen Grenze, glaub‘ ich, gibt’s keinen, der mich als Jäger übertrifft. Wenn also Wildbret und Bärenfleisch oder selbst Vögel und Fische in unserer Hütte selten sein sollten, so müßte die Schuld davon wahrscheinlich eher der Natur und der Vorsehung zugeschrieben werden als mir. Kurz, es kommt mir vor, daß die Frau, die mir folgt, sich nie über Mangel an Nahrung zu beklagen haben wird. Aber ich bin schrecklich unwissend! Es ist zwar wahr, ich spreche mehrere Sprachen, wie sie eben sind, aber ich bin weit entfernt, auch nur in meiner eigenen gründlich bewandert zu sein. Dann bin ich älter als Sie, Mabel, und der Umstand, daß ich so lange der Kamerad Ihres Vaters gewesen bin, mag gerade kein großes Verdienst in Ihren Augen sein. Auch wollt‘ ich, ich wäre hübscher: Aber wir sind eben, wie uns die Natur gemacht hat und, besondere Anlässe ausgenommen, sollte sich der Mensch am allerletzten über sein Aussehen beklagen. Wenn ich nun alles, Alter, Aussehen, Kenntnisse und Gewohnheiten in Betracht ziehe, Mabel, so sagt mir mein Gewissen, daß ich durchaus nicht für Sie passe, wenn ich nicht etwa gar Ihrer ganz unwürdig bin, und ich würde zur Stunde meine Hoffnung schwinden lassen, wenn nicht etwas in meinem Herzen klopfte, was sich schwer loswerden läßt!«

»Pfadfinder! Edler, großmütiger Pfadfinder!« rief Mabel, indem sie seine Hand faßte und mit einer Art heiliger Verehrung küßte: »Ihr tut Euch selbst unrecht – Ihr vergeßt meinen armen Vater und Euer Versprechen – Ihr kennt mich nicht!«

»Nun – da ist Jasper«, fuhr der Kundschafter fort, ohne sich beirren zu lassen; »bei ihm ist der Fall anders. Hinsichtlich der Versorgung und der Liebe findet kein großer Unterschied zwischen uns statt, denn der Junge ist mäßig, fleißig und sorgsam. Auch ist er sehr unterrichtet, kann Französisch, liest viele Bücher, darunter auch einige, die Sie, wie ich weiß, selbst gerne lesen, und kann Sie allezeit verstehen, was vielleicht mehr ist, als ich von mir selbst sagen kann.«

»Wozu dies alles«, unterbrach ihn Mabel ungeduldig – »warum sprecht Ihr jetzt, warum sprecht Ihr überhaupt davon?«

»Dann hat der Junge eine Art, seine Gedanken auszudrücken, in der ich es ihm, wie ich fürchte, nie gleichtun kann. Wenn es was auf Erden gibt, was meine Zunge kühn und beredt machen kann, Mabel, so sind Sie’s, und doch hat mich Jasper bei unseren letzten Gesprächen auch in diesem Punkt übertreffen, so daß ich mich vor mir selbst schämen muß. Er sagte mir, wie einfach, wie redlich und gütig Sie wären und wie wenig Sie auf die Eitelkeiten der Welt achteten; denn obgleich Sie die Gattin von mehr als einem Offizier werden könnten, wie er meint, so hielten sie doch fest an ihrem Gefühl und zögen es vor, sich selbst und der Natur treu zu bleiben, als nach dem Rang einer Obristenfrau zu trachten. Er hat mir in der Tat das Blut ordentlich warm gemacht, als er von Ihrer Schönheit sprach, auf die Sie gar nicht einmal zu sehen schienen, und wie Sie so natürlich und anmutsvoll gleich einem jungen Reh dahinschritten, ohne es selbst zu wissen; dann von der Richtigkeit und Gerechtigkeit Ihrer Gedanken und der Wärme und dem Edelmut Ihres Herzens –«

»Jasper!« unterbrach ihn Mabel und ließ nun ihren Gefühlen, die um so unbezwinglicher zum Ausbruch kamen, je länger sie niedergedrückt worden waren, den Zügel schießen; sie fiel in die offenen Arme des jungen Mannes und weinte wie ein Kind und fast ebenso hilflos an seiner Brust. – »Jasper! Jasper! Warum habt Ihr mir das verborgen?«

Eau-douces Antwort war nicht sehr verständlich, und auch die nun folgende flüsternde Zwiesprache nicht besonders zusammenhängend; aber die Sprache der Liebe versteht sich leicht. Die nächste Stunde entschwand den beiden wie sonst einige Minuten, soweit nämlich die Berechnung der Zeit in Betracht kommt; und als Mabel sich wieder faßte und sich besann, daß es auch noch andere Leute gebe, maß bereits ihr Onkel das Deck des Schiffes mit ungeduldigen Schritten und wunderte sich, warum Jasper den günstigen Wind zu benützen säume. Zuerst gedachte sie jedoch des Mannes, der wahrscheinlich diese unerwartete Äußerung ihrer wahren Gefühle am schmerzlichsten empfand.

»O Jasper!« rief sie im Tone des plötzlich auftauchenden Schuldbewußtseins – »der Pfadfinder!«

Eau-douce zitterte – nicht aus unmännlicher Furcht, wohl aber in der schmerzlichen Überzeugung, seinen Freund tief gekränkt zu haben, und sah nach allen Richtungen aus, ihn zu erblicken. Aber Pfadfinder hatte sich mit einem Zartgefühl, das dem Takt und der Bildung eines Hofmanns Ehre gemacht hätte, zurückgezogen. Die beiden Liebenden saßen noch einige Minuten beisammen und harrten seiner Rückkehr, ohne zu wissen, was sie unter so bezeichnenden und eigentümlichen Umständen am geeignetsten tun könnten. Endlich sahen sie ihren Freund langsam und nachdenklich auf sie zukommen.

»Ich weiß nun, was Ihr unter dem Sprechen ohne Zunge und dem Hören ohne Ohren verstandet, Jasper«, sagte er, als er dem Baum nahe genug war, um verstanden zu werden. »Ja, ja, ich weiß es jetzt; und es ist eine sehr angenehme Art von Unterredung, wenn man sie mit Mabel Dunham halten kann. Ach! ich hab’s ja dem Sergeanten gesagt, daß ich nicht für sie passe – daß ich zu alt, zu unwissend und zu wild sei; aber er wollte es anders wissen.«

Jasper und Mabel saßen schweigend da. Sie sprachen nicht, sie bewegten sich nicht einmal, obgleich sich beide in diesem Augenblick einbildeten, sie könnten sich von ihrem eben erst gefundenen Glück trennen, um den Seelenfrieden ihres Freundes wiederherzustellen. Jasper war blaß wie der Tod; Mabel hatte aber die jungfräuliche Scham das Blut auf die Wangen getrieben, die in einem Rot strahlten, das sich kaum mit dem ihrer heitersten und glücklichsten Stunden vergleichen ließ. Pfadfinder blickte sie mit einer Innigkeit an, die er nicht zu verbergen suchte und brach dann mit einem wilden Entzücken in sein gewohntes Lachen aus, wie wohl Leute von geringer Bildung ihre Lustigkeit auszudrücken pflegen. Diese augenblickliche Heiterkeit erstarb aber schnell in dem Schmerz des Bewußtseins, daß ihm dieses herrliche junge Wesen für immer verloren sei. Es bedurfte einer vollen Minute, bis sich der einfache, edle Mann von dieser erschütternden Überzeugung erholte; dann gewann er seine frühere würdevolle Haltung wieder und sprach mit Ernst, ja beinahe mit Feierlichkeit:

»Es war mir immer bekannt, Mabel, daß die Menschen ihre Gaben haben, obschon ich vergaß, daß es nicht zu den meinigen gehörte, den Jungen, Schönen und Unterrichteten zu gefallen. Ich hoffe, daß der Mißgriff keine allzuschwere Sünde gewesen ist, und wenn er es war, so bin ich wahrlich schmerzlich genug dafür gestraft worden. Ich weiß, was Sie sagen wollen, Mabel, aber es ist nicht nötig. Ich fühle es ganz, und das ist so gut, als ob ich es ganz hörte. Ich habe eine bittere Stunde gehabt, Mabel; ich habe eine sehr bittere Stunde gehabt, Junge –«

»Eine Stunde?« wiederholte Mabel, als sich Pfadfinder dieses Wortes zum erstenmal bediente, und das verräterische Blut, das ihrem Herzen zuzuströmen angefangen hatte, flutete wieder ungestüm gegen ihre Schläfe; »gewiß, es kann keine Stunde gewesen sein, Pfadfinder.«

»Eine Stunde?« rief Jasper gleichzeitig; »nein, nein, mein würdiger Freund; es sind noch keine zehn Minuten, seit Ihr uns verlassen habt!«

»Nun, es mag so sein, obgleich mir’s wie ein Tag vorkam. Ich fange übrigens an zu glauben, daß der Glückliche seine Zeit nach Minuten und der Elende nach Monaten zählt. Doch, reden wir nichts mehr davon; es ist nun alles vorbei, und viele Worte darüber machen euch nicht glücklicher, während sie mir nur sagen, was ich verloren habe, und wahrscheinlich auch, wie sehr ich verdiente, es zu Verlierern. Nein, nein, Mabel, Sie brauchen mich nicht zu unterbrechen; ich gebe alles zu, und Ihre Gegenrede, so gut sie auch gemeint sein mag, wird meinen Sinn nicht ändern. Nun, Jasper, sie ist die Eure, und obgleich mir’s schwer ankommt, dran zu denken, so will ich doch glauben, daß Ihr sie glücklicher machen werdet, als ich es vermocht hätte. Ich hätte wohl besser getan, dem Sergeanten nicht zu glauben, und mich an das halten sollen, was mir Mabel am See sagte; denn Vernunft und Urteilskraft mußten mir sagen, daß sie recht hatte; aber es ist so angenehm, das zu denken, was wir wünschen, und man läßt sich so leicht beschwatzen, wenn man sich selbst gern überreden möchte. Aber ich hab’s schon gesagt, was nützt all das Gerede? Es ist zwar wahr, Mabel schien einzuwilligen, aber sie tat es ja nur ihrem Vater zu Gefallen – und weil sie sich wegen der Wilden fürchtete –«

»Pfadfinder!«

»Ich verstehe Sie, Mabel; aber ich hab‘ Sie nicht kränken wollen – gewiß nicht. Bisweilen ist mir’s, als möcht‘ ich gerne in eurer Nachbarschaft leben, damit ich euer Glück mitansehen könnte; es ist aber im Grunde doch besser, wenn ich das Fünfundfünfzigste ganz verlasse und zum Sechzigsten zurückkehre, das sozusagen mein angeborenes ist. Vielleicht wär’s auch besser gewesen, wenn ich es nie verlassen hätte, obgleich man meine Dienste in dieser Gegend nötiger hatte und ich einige vom Fünfundfünzigsten aus früheren Jahren kannte – den Sergeanten Dunham zum Beispiel, der ja vorher bei einem anderen Korps stand. Doch, Jasper, es reut mich nicht, Euch kennengelernt zu haben –«

»Und mich, Pfadfinder?« unterbrach ihn Mabel ungestüm: »Bereut Ihr es, mich gekannt zu haben? Wenn ich das glauben müßte, so könnte ich nie zum Frieden mit mir selbst kommen.«

»Sie, Mabel?« erwiderte der Kundschafter, indem er ihr Hand ergriff und dem Mädchen mit argloser Einfalt und inniger Liebe ins Antlitz blickte – »wie könnte mir’s leid tun, daß ein Strahl der Sonne das Dunkel eines freudlosen Tages einen Augenblick erleuchtete? Ich schmeichle mir nicht, daß ich in der nächsten Zeit so leichten Herzens dahinwandern oder so gesund schlafen kann, wie ich es sonst gewohnt war; aber ich werde mich stets erinnern, wie nahe mir ein unverdientes Glück stand. Weit entfernt, Ihnen Vorwürfe zu machen, Mabel, tadle ich vielmehr nur mich selbst, weil ich eitel genug war, auch nur einen Augenblick an die Möglichkeit zu denken, daß ich einem so holden Wesen gefallen könne; denn gewiß, Sie haben mir alles gesagt, als wir auf der Anhöhe am See darüber sprachen, und ich hätte Ihnen damals glauben sollen. Es ist ja auch ganz natürlich, daß junge Mädchen ihre Neigungen besser kennen als die Väter. Na, ’s ist jetzt im reinen – und mir bleibt nichts mehr übrig, als Euch Lebewohl zu sagen, damit Ihr abreisen könnt.«

»Lebewohl zu sagen?« rief Mabel.

»Lebewohl?« wiederholte Jasper – »es wird doch nicht Eure Absicht sein, uns zu verlassen?«

»Es ist das beste, Mabel; es ist gewiß das beste, Eau-douce, und auch das klügste. Wenn ich bloß meinen Gefühlen folgen wollte, so könnt‘ ich in eurer Gesellschaft leben und sterben; wenn ich aber der Vernunft Gehör gebe, so muß ich euch hier verlassen. Ihr geht nach Oswego zurück und laßt euch, sobald ihr dort ankommt, zusammengeben! denn alles das ist bereits mit Meister Cap abgemacht, der sich wieder nach dem Meer sehnt; er weiß, was geschehen muß. Ich für meinen Teil aber will wieder in meine Wälder und zu meinem Schöpfer zurückkehren. Kommen Sie, Mabel«, fuhr der Pfadfinder fort, indem er sich erhob und dem Mädchen ernst und fast feierlich nähertrat – »Küssen Sie mich; Jasper wird mir diesen Kuß nicht mißgönnen, denn es gilt den Abschied.«

»O Pfadfinder!« rief Mabel, warf sich in die Arme des Kundschafters und küßte seine Wangen wieder und wieder mit einer Unbefangenheit und Wärme, die sie nicht gezeigt hatte, als sie an Jaspers Brust ruhte. »Gott segne Euch, teuerster Pfadfinder. Ihr werdet uns später besuchen? Wir werden Euch wiedersehen? Wenn Ihr alt seid, so werdet Ihr zu unserer Wohnung kommen, und ich darf dann Eure Tochter sein?«

»Ja, das ist’s«, erwiderte Pfadfinder, nach Luft schnappend; »ich will es versuchen, die Sache in diesem Licht zu betrachten. Sie sind geeigneter, meine Tochter als mein Weib zu sein – ja, so ist es. Lebt wohl, Jasper! Wir wollen nun zu dem Kahn gehen; es ist Zeit, daß Ihr an Bord kommt, und Meister Cap wird längst ungeduldig sein!«

Pfadfinder ging ernst und ruhig voraus, dem Ufer zu. Sobald sie den Kahn erreicht hatten, faßte er noch einmal Mabels Hände, hielt sie auf Armeslänge von sich und blickte ihr aufmerksam ins Antlitz, bis die ungebetenen Tränen aus seinen Augen quollen und über seine rauhen Wangen niederflossen.

»Segnet mich, Pfadfinder«, sagte Mabel, indem sie sich ehrfurchtsvoll auf die Knie niederließ; »segnet mich wenigstens, ehe wir scheiden!«

Der einfache, hochherzige Mann tat, wie sie wünschte, half ihr in den Kahn und riß sich dann mit schwerem Herzen los. Ehe er sich jedoch zurückzog, nahm er noch Jasper ein wenig auf die Seite und sprach folgendes:

»Euer Herz ist gut, und Ihr seid von Natur edel, Jasper; aber wir sind beide rauh und wild im Vergleich mit diesem holden Geschöpf. Gebt auf sie acht, und laßt ihren zarten Charakter nie die Rauheit der männlichen Natur fühlen. Ihr werdet sie bald auskennen, und der Herr, der in gleicher Weise über dem See und den Wäldern thront, der mit Lächeln auf die Tugend und mit Zürnen auf das Laster blickt, erhalte Euch glücklich und des Glückes würdig!«

Pfadfinder winkte seinem Freund zum Abschied und blieb, auf seine Büchse gelehnt, stehen, bis der Kahn die Seite des Scud erreicht hatte. Mabel weinte, als ob ihr das Herz brechen wollte, und verwendete kein Auge von der offenen Stelle des Baumgangs, wo die Gestalt des Pfadfinders sichtbar war, bis der Kutter um eine Spitze bog, die die Aussicht nach der Insel schloß. Bei diesem letzten Blick war die sehnige Figur dieses außerordentlichen Mannes so bewegungslos, als wäre eine Statue an diesem einsamen Orte als Denkstein der kürzlich hier vorgefallenen Ereignisse aufgestellt worden.

Dreißigstes Kapitel

Dreißigstes Kapitel

Pfadfinder war an die Einsamkeit gewöhnt; aber als der Scud völlig verschwunden war, umdüsterte das Gefühl des Alleinseins seine Seele. Nie vorher war er sich seines Alleinseins in der Welt bewußt geworden; denn erst jetzt hatten seine Gefühle angefangen, sich allmählich in die Annehmlichkeiten und Bedürfnisse des geselligen Lebens hineinzufinden, besonders wo diese mit häuslichen Freuden in Aussicht standen. Nun aber war alles sozusagen in einem Nu verschwunden, und er blieb ohne Gefährten und ohne Hoffnung zurück. Selbst Chingachgook hatte ihn, freilich nur für eine Weile, verlassen, und so fehlte des Freundes Nähe gerade in einem Augenblick, den wir den entscheidendsten im Leben unseres Helden nennen könnten.

Pfadfinder stand noch immer regungslos und sinnend da, als der Scud schon längst verschwunden war. Seine Glieder schienen erstarrt, und nur ein Mann, der gewöhnt war, seine Muskeln den härtesten Übungen zu unterwerfen, vermochte so lange in einem derartigen, marmorgleichen Zustand zu verharren. Endlich verließ er den Ort; doch ehe er seinen Körper bewegte, stieß er einen Seufzer aus, der sich aus den tiefsten Tiefen seiner Brust zu heben schien.

Es war eine Eigentümlichkeit dieses außerordentlichen Mannes, daß ihm seine Sinne und seine Glieder nie ihre Dienste versagten, mochte der Geist auch noch so sehr von anderweitigen Interessen befangen sein. Auch bei der gegenwärtigen Gelegenheit blieben ihm diese wichtigen Hilfsmittel treu, und obgleich sich seine Gedanken ausschließlich mit Mabel, ihrer Schönheit, dem Vorzug, den sie Jasper gegeben, ihren Tränen und ihrem Abschied beschäftigten, bewegte er sich doch in gerader Linie der Stelle zu, wo Junitau noch am Grab ihres Gatten weilte.

Sie saß, ohne die Gegenwart des anderen zu bemerken, mit aufgelösten Haaren auf einem Stein, der bei dem Ausschaufeln des Grabes in der Erde gefunden worden war und nun an der Stelle lag, wo Pfeilspitzes Körper ruhte. Sie glaubte, alle, außer ihr, hätten die Insel verlassen, und der Tritt von Pfadfinders Mokassin war zu leise, um sie auf eine rauhe Weise zu enttäuschen.

Pfadfinder betrachtete das Weib einige Minuten mit stummer Aufmerksamkeit. Der Anblick ihres Schmerzes, die Erinnerung an ihren unersetzlichen Verlust und der sichtliche Ausdruck ihrer Trostlosigkeit übten einen heilsamen Einfluß auf seine eigenen Gefühle. Sein Verstand sagte ihm, um wieviel tiefer als bei ihm selbst die Quellen des Kummers bei einem jungen Weibe lägen, dem ihr Gatte so plötzlich und gewaltsam genommen worden war.

»Junitau«, sagte er feierlich und mit einem Ernst, der die Innigkeit seiner Teilnahme bezeugte; – »du bist nicht allein in deinem Schmerz. Wende dich und richte dein Auge auf einen Freund.«

»June hat keinen Freund mehr!« antwortete die Indianerin. »Pfeilspitze ist zu den glücklichen Jagdgründen gegangen, und niemand ist übrig, der für June Sorge trägt. Die Tuscaroras werden sie aus ihren Wigwams jagen; die Irokesen sind ihren Augen verhaßt, und sie mag sie nicht ansehen! Nein! laß June sterben über dem Grabe ihres Gatten.«

»Das geht nicht – das darf nicht sein. Es ist gegen Vernunft und Recht. Du glaubst an den Manito, June?«

»Er hat sein Gesicht vor June verborgen, weil er zornig ist. Er hat sie allein gelassen, damit sie sterben kann.«

»Hör auf einen Mann, der seit langem die Natur der Rothäute kennt. Wenn der Manito eines Bleichgesichts was Gutes im Herzen eines Bleichgesichts hervorbringen will, so schickt er ihm Leiden; denn in unserm Kummer, June, blicken wir mit scharfen Augen in unser Inneres – mit den schärfsten, wenn es sich um Unterscheidung von Recht oder Unrecht handelt. Der Große Geist will dir wohl und hat den Häuptling hinweggenommen, damit dich seine listige Zunge nicht irreleite und dein Charakter nicht der einer Mingo werde, wie du schon in ihrer Gesellschaft warst.«

»Pfeilspitze war ein großer Häuptling«, erwiderte die Indianerin mit Stolz.

»Er hatte seine Verdienste – gewiß; doch hatte er auch seine Fehler. Aber, June, du bist nicht verlassen und wirst es auch nicht so bald sein. Laß deinen Schmerz austoben, wie es die Natur will, und wenn die geeignete Zeit kommt, will ich dir mehr sagen.«

Pfadfinder ging nun zu seinem Kahn und verließ die Insel. Im Verlauf des Tages vernahm June ein- oder zweimal den Knall seiner Büchse, und beim Untergang der Sonne erschien er wieder mit Vögeln, die bereits zubereitet waren. Diese Art von Verkehr dauerte einen Monat, während Junitau es hartnäckig verweigerte, das Grab ihres Mannes zu verlassen, obgleich sie die freundlichen Gaben ihres Beschützers schweigend hinnahm. Hin und wieder sprachen sie miteinander, wobei Pfadfinder ihren Gemütszustand untersuchte; die Unterredungen waren aber stets kurz und selten. June schlief in einer der Hütten, wo sie ihr Haupt sicher niederlegen konnte, denn sie war sich des Schutzes eines Freundes bewußt, obgleich sich Pfadfinder jede Nacht auf eine anliegende Insel zurückzog, wo er sich selbst eine Wohnung gebaut hatte.

Mit dem Ablauf des Monats war jedoch die Jahreszeit zu weit vorgerückt, um Junes Lage angenehm zu machen. Die Bäume hatten ihre Blätter verloren, und die Nächte wurden kalt und winterlich. Es war Zeit zur Abreise.

Da erschien auf einmal Chingachgook wieder. Er hielt mit seinem Freund eine lange und vertrauliche Unterredung auf der Insel. June sah, daß ihr Beschützer danach sehr betrübt war. Sie schmiegte sich an seine Seite und suchte mit weiblicher Zartheit und weiblichem Instinkt seinen Kummer zu lindern.

»Ich danke dir, June, ich danke dir!« sagte er; »du meinst es gut, aber es ist umsonst. Doch es ist Zeit, daß wir diesen Ort verlassen. Morgen wollen wir abreisen. Du gehst mit uns, denn du bist jetzt wieder zur Vernunft gekommen.«

June gab in der demütigen Weise einer Indianerin ihre Zustimmung und zog sich zurück, um die ihr noch übrige Zeit bei Pfeilspitzes Grab zuzubringen. Ohne Rücksicht auf Stunde und Jahreszeit kam ihr Haupt während der ganzen Herbstnacht auf kein Kissen. Sie saß in der Nähe der Stelle, die die irdischen Reste ihres Mannes barg und betete in der Weise ihres Volkes für sein Glück auf dem endlosen Pfad, den er erst jüngst angetreten hatte, und für ihre Wiedervereinigung im Land der Gerechten.

Sie reisten am Morgen miteinander ab – Pfadfinder ernst und umsichtig in allem, was er tat, der große Häuptling dem Beispiel des Gefährten in tiefem Schweigen folgend und June demütig, entsagend, aber von Kummer gebeugt. Sie fuhren in zwei Kähnen; der der Indianerin blieb zurück. Chingachgook ruderte stromaufwärts voraus, und Pfadfinder folgte. Sie steuerten zwei Tage westwärts und schlugen ebensooft ihr Nachtlager auf den Inseln auf. Zum Glück wurde das Wetter milder, und als sie in den See gelangten, fanden sie ihn so glatt und ruhig wie einen Teich. Es war der Sommer der Indianer, die Zeit der Windstillen; die dunstige Atmosphäre hatte fast die Milde des Juni.

Am Morgen des dritten Tages kamen sie an der Mündung des Oswego vorbei, wo sie das Fort und die ruhige Flagge vergeblich zum Landen einlud. Ohne einen Blick seitwärts zu werfen, ruderte Chingachgook über die dunklen Wasser des Stromes, und Pfadfinder folgte in schweigender Emsigkeit. Die Wälle waren mit Zuschauern angefüllt, aber Lundie, der in den Booten seine alten Freunde erkannte, erlaubte es nicht, sie anzurufen.

Gegen Mittag fuhr Chingachgook in eine kleine Bucht ein, wo der Scud in einer Art Reede vor Anker war. Am Ufer befand sich eine kleine, vor alters entstandene Lichtung, und am Rande des Sees lag ein etwas roh behauenes, neues und vollständig ausgebautes Blockhaus. Der ganze Platz trug das Gepräge der Wohnlichkeit und des Überflusses der Grenze, obgleich er etwas wild und einsam war. Jasper stand am Ufer, und als Pfadfinder landete, bot er ihm zuerst die Hand. Die Begrüßung war einfach, aber sehr herzlich. Es wurden keine Fragen gestellt, denn augenscheinlich hatte Chingachgook die nötigen Erklärungen gegeben. Pfadfinder hatte die Hand seines Freundes nie mit mehr Wärme gedrückt als bei dieser Zusammenkunft, und er lachte sogar von ganzem Herzen, als er ihm sagte, wie er so recht im Glück zu sitzen scheine.

»Wo ist sie, Jasper, wo ist sie?« flüsterte endlich der Kundschafter, denn anfangs schien er selbst vor der Frage zu bangen.

»Sie erwartet uns im Hause, mein lieber Freund, wohin June bereits vorausgeeilt ist, wie Ihr seht.«

»Ihr habt also den Geistlichen in der Garnison gefunden, und die Sache ist nun ganz im reinen?«

»Wir ließen uns eine Woche, nachdem wir Euch verlassen hatten, trauen, und Meister Cap reiste des andern Tages ab. Ihr habt vergessen, nach Eurem Freund Salzwasser zu fragen.«

»Nicht doch, nicht doch, der Häuptling hat mir alles erzählt; und dann hör‘ ich lieber von Mabel und ihrem Glück sprechen. Lachte das Kind oder weinte sie, als die Feierlichkeit vorüber war?«

»Sie tat beides, mein Freund; aber –«

»Ja, das ist so ihre Art – Tränen und Heiterkeit. Ach – sie erscheinen uns Leuten aus den Wäldern so gar liebenswürdig, und ich glaube, ich würde alles für recht halten, was Mabel täte. Und glaubt Ihr, Jasper, daß sie meiner überhaupt bei diesem freudevollen Anlaß gedachte?«

»Gewiß, Pfadfinder! – Sie denkt an Euch und spricht von Euch täglich. Niemand liebt Euch so wie wir.«

»Ich weiß, daß mich wenige mehr lieben als Ihr, Jasper. Chingachgook ist vielleicht jetzt noch das einzige Geschöpf, von dem ich das sagen kann. Nun – es führt zu nichts, länger zu zögern; es muß geschehen, und so kann es denn ebensogut gleich geschehen. So zeigt mir den Weg, Jasper, ich will’s versuchen, noch einmal in ihr süßes Auge zu blicken.«

Jasper ging voran, und bald trafen sie mit Mabel zusammen. Letztere empfing ihren ehemaligen Verlobten mit hohem Erröten, und ihre Glieder zitterten, so daß sie sich kaum aufrechtzuhalten vermochte. Doch war die Art, wie sie ihm entgegenkam, liebevoll und offen. Bei diesem Besuch, der nicht länger als eine Stunde dauerte, obgleich Pfadfinder in der Wohnung seiner Freunde speiste, hätte ein geübter Seelenkenner ein treues Bild von Mabels Gefühlen, wie auch von ihrem Benehmen gegen Pfadfinder und ihren Gatten erhalten können. Gegen Jasper zeigte sie, wie es bei Neuvermählten gewöhnlich ist, noch etwas Zurückhaltung, aber der Ton ihrer Stimme war sogar noch sanfter als gewöhnlich; ihre Blicke waren zärtlich, und sie sah ihn selten an, ohne daß die Glut ihrer Wangen Gefühle verriet, denen Zeit und Gewohnheit noch nicht den Stempel der vollkommenen Ruhe aufgedrückt hatten. Gegen Pfadfinder war sie ernst, aufrichtig, sogar ängstlich; aber ihre Stimme bebte nie, das Auge senkte sich nicht, und wenn die Wangen erröteten, so geschah dies infolge von Regungen, die sich mit der Besorgnis über seine Zukunft verbanden.

Endlich kam der Augenblick, wo Pfadfinder aufbrechen mußte. Chingachgook hatte bereits die Kähne verlassen und sich am Saum des Waldes aufgestellt, wo ein Pfad ins Innere führte. Hier erwartete er ruhig die Ankunft seines Freundes. Sobald Pfadfinder dies bemerkte, erhob er sich feierlich und nahm Abschied.

»Ich habe bisweilen gedacht, daß das Schicksal ein wenig zu hart mit mir umgegangen sei«, sagte er; »aber dieses Weib, Mabel, hat mich beschämt und zur Vernunft gebracht.«

»June wird bei mir bleiben«, unterbrach ihn Mabel.

»Ich hab‘ mir das auch so vorgestellt. Wenn irgend jemand ihren Schmerz heilen und ihr das Leben wieder wert machen kann, so sind Sie es, Mabel, obgleich ich zweifle, daß es Ihnen gelingen wird. Das arme Geschöpf ist ebensosehr ohne Stamm wie ohne Mann, und es ist nicht leicht, sich mit dem Gefühl auszusöhnen, beide verloren zu haben. – Ach! warum kümmere ich mich aber um anderer Leute Elend und Heiraten, als ob ich nicht selber genug Leid auf dem Herzen trüge! Sagen Sie mir nichts, Mabel sagt mir nichts, Jasper! – Laßt mich im Frieden und wie ein Mann meinen Weg ziehen. Ich hab‘ Euer Glück gesehen, und das ist schon was Herrliches; ich werde jetzt um so eher imstande sein, meinen Kummer zu tragen. Nein – ich will Sie nicht wieder küssen, Mabel; ich will Sie nie wieder küssen. Hier ist meine Hand, Jasper; drückt sie, Junge, drückt sie – ohne Umstände, ’s ist die Hand eines Mannes – und nun, Mabel – da haben Sie sie auch; nein, nicht so« – Mabel wollte sie küssen – »Sie müssen das nicht tun –«

»Pfadfinder«, fragte die junge Frau; »wann werden wir Euch wiedersehen?«

»Ich hab‘ auch schon dran gedacht – ja, ich hab‘ dran gedacht. Wenn einmal die Zeit kommt, wo ich Sie ganz als eine Schwester betrachten kann, Mabel, oder als mein Kind – es ist besser, wenn ich sage, als ein Kind – denn Sie sind jung genug, um meine Tochter sein zu können; dann, verlaßt Euch drauf – dann will ich wiederkommen, denn es würde mir das Herz erleichtern, Zeuge eures Glücks zu sein. Aber wenn ich nicht kann – lebt wohl – lebt wohl der Sergeant hatte unrecht, ja, der Sergeant hatte unrecht!«

Dies waren die letzten Worte, die Jasper Western und Mabel Dunham je von Pfadfinder hörten. Er entfernte sich, da ihn die Macht der Gefühle überwältigte, und befand sich schnell an der Seite seines Freundes. Als Chingachgook ihn kommen sah, lud er sich seinen Pack auf und schlüpfte unter die Bäume, ohne zu warten, bis er angesprochen wurde. Mabel, ihr Gatte und June, sahen noch lange der Gestalt des Pfadfinders nach, in der Hoffnung, daß er ihnen noch einen Wink oder einen Scheideblick zuwerfen werde; aber er schaute nicht zurück. Ein- oder zweimal kam es ihnen vor, als ob er den Kopf schüttelte, wie einer, der im Schmerz seiner Seele erzittert; dann fuhr er mit der Hand in die Höhe, als ob er wisse, daß man ihm nachsehe: Aber ein Schritt, dessen Kraft kein Kummer beugen konnte, entführte ihn bald ihren Blicken.

Weder Jasper noch seine Gattin sahen Pfadfinder jemals wieder. Sie blieben noch ein Jahr an den Ufern des Ontario; dann ließen sie sich durch Caps dringende Bitten veranlassen, zu ihm nach New York zu ziehen, wo Jasper ein bemittelter und geachteter Kaufmann wurde. Im Laufe der Zeit erhielt Mabel dreimal wertvolle Geschenke von Pelzwerk, und ihre Gefühle sagten ihr, woher sie kämen, obgleich kein Name die Gaben begleitete. In späterer Zeit jedoch, als sie bereits Mutter mehrerer Kinder war, gab sich ihr eine Veranlassung, das Innere des Landes zu besuchen, und sie befand sich an den Ufern des Mohawks, von ihren Söhnen begleitet, deren ältester bereits fähig war, ihr Beschützer zu sein. Bei dieser Gelegenheit bemerkte sie einen Mann in sonderbarer Tracht, der sie aus der Entfernung mit einer Aufmerksamkeit betrachtete, daß sie dadurch veranlaßt wurde, über sein Gewerbe und seinen Charakter Erkundigung einzuziehen. Sie erfuhr, daß er der berühmteste Jäger in diesem Teil des Staates – es war nach der Revolution – und ein Mann von großer Sittenreinheit und bezeichnenden Eigentümlichkeiten sei, und daß man ihn in diesem Landstrich unter dem Namen Lederstrumpf kenne. Etwas weiteres konnte Frau Western nicht erfahren; aber jener Blick aus der Ferne und das eigentümliche Benehmen des unbekannten Jägers machten ihr eine schlaflose Nacht und warfen einen wehmütigen Schatten über ihre noch immer lieblichen Züge, der mehrere Tage lang nicht verschwand.

Auf Junitau hatte der doppelte Verlust ihres Gatten und ihres Stammes den von Pfadfinder vorausgesehenen Einfluß geübt. Sie starb in Mabels Hütte an den Ufern des Sees, und Jasper führte ihre Leiche nach der Insel, wo er sie neben Pfeilspitze beerdigte.

Lundie erlebte es, seine alte Liebe heimzuführen und nahm als ein schlachtenmüder Veteran seinen Abschied; aber sein Name wurde in unseren Tagen durch die Taten eines jüngeren Bruders berühmt, der dem älteren in seinem Lairdstitel nachfolgte, diese Würde aber bald mit der eines großen Seehelden vertauschte.

 

Ende

Drittes Kapitel

Drittes Kapitel

Die Wasser, die in die Südseite des Ontario einmünden, sind im allgemeinen schmal, träg und tief. Doch gibt es einige Ausnahmen, denn manche Flüsse haben reißende Strömungen oder Stromschnellen, wie man sie in diesen Gegenden nennt, andere haben Fälle. Zu diesen gehörte der Fluß, auf dem unsere Abenteurer ihre Reise fortsetzten. Der Oswego wird von dem Oneida und dem Onondago gebildet, die beide von Seen herkommen, und fließt etwa acht bis zehn Meilen durch ein wellenförmiges Land, bis er den Rand einer Art natürlicher Terrasse erreicht, von dem aus er zehn bis fünfzehn Fuß tief in eine andere Ebene hinabstürzt und durch diese in der stillen und ruhigen Weise eines tiefen Gewässers hingleitet, bis er seinen Zoll an den weiten Behälter des Ontario entrichtet. Der Kahn, in dem Cap und seine Gesellschaft vom Fort Stanwix hergekommen war, der letzten militärischen Station an dem Mohawk, lag an der Seite des Flusses und nahm die ganze Gesellschaft, mit Ausnahme des Pfadfinders, auf, der am Land blieb, um das leichte Fahrzeug abzustoßen.

»Laßt den Stern vorantreiben, Jasper«, sagte der Mann der Wälder zu dem jungen Schiffer des Sees, der Pfeilspitzes Ruder ergriffen und selber die Stellung des Steuermanns eingenommen hatte, »laßt ihn mit der Strömung abwärts gehen. Wenn einige von diesen Mingoteufeln unsere Fährte auswittern und bis hierher verfolgen, so werden sie erst die Spuren im Schlamm untersuchen: und merken sie, daß wir das Ufer mit stromaufwärts gerichteter Nase verlassen haben, so müssen sie natürlich vermuten, daß wir aufwärts gerudert sind.«

Dieser Anweisung wurde Folge geleistet. Pfadfinder, der sich in der Blüte seiner Kraft und Tätigkeit befand, gab dem Kahn einen kräftigen Stoß und sprang mit einer Leichtigkeit in den Bug, die das Gleichgewicht des Fahrzeuges nicht im mindesten störte. Als sie die Mitte des Flusses, wo die Strömung am stärksten war, erreicht hatten, drehte sich das Boot und begann geräuschlos stromabwärts zu gleiten.

Das Fahrzeug, in dem sich Cap und seine Nichte zu ihrer langen und abenteuerlichen Reise eingeschifft hatten, war eines von den indianischen Rindenkanus, die wegen ihrer außerordentlichen Leichtigkeit und Geschwindigkeit ungemein geeignet für eine Fahrt sind, wo Sandbänke, Treibholz und ähnliche Störungen so oft in den Weg treten. Die zwei Männer der ursprünglichen Gesellschaft hatten es ohne das Gepäck manche hundert Ellen weit geschleppt, und das Gewicht hätte wohl durch die Kraft eines einzelnen Mannes gehoben werden mögen. Immerhin war es lang, für einen Kahn weit, und nur die geringere Festigkeit mochte in den Augen der Uneingeweihten als ein Mangel erscheinen. An diesen Übelstand war man jedoch nach ein paar Stunden gewöhnt, und Mabel wie ihr Onkel hatten sich so weit in seine Bewegungen zu finden gelernt, daß sie nun mit vollkommener Gemütsruhe ihre Plätze festhielten. Auch belastete das Gewicht der drei Wegweiser die Kräfte des Kahns nicht über Gebühr, da der breite runde Bauch hinreichend Wasser verdrängte, ohne das Schandeck der Oberfläche des Stromes merklich näher zu bringen. Die Arbeit daran war zierlich, die Spannen klein und mit Lederwerk befestigt und der ganze Bau, so unbedeutend und unsicher er dem Auge erscheinen mochte, imstande, vielleicht die doppelte Personenzahl weiterzubringen.

Cap hatte einen niedrigen Quersitz in der Mitte des Kahnes, und Schlange kauerte neben ihm auf den Knien. Pfeilspitze und sein Weib saßen vor ihnen, da dieser seinen Platz hinten im Kahn verlassen hatte. Mabel hatte sich hinter ihrem Onkel halb auf ihr Gepäck zurückgelehnt, indes der Pfadfinder und Eau-douce, der eine im Bug, der andere im Stern, aufrecht standen und langsam, fest und geräuschlos die Ruder bewegten. Die Unterhaltung wurde mit gedämpfter Stimme geführt, denn alle begannen die Notwendigkeit der Vorsicht zu fühlen, da sie sich nun den Außenwerken des Forts mehr näherten und nicht mehr durch das Versteck des Waldes gedeckt waren.

Der Oswego war gerade auf dieser Strecke von tiefdunkler Farbe, nicht besonders breit, und der stille düstere Strom verfolgte seine Windungen unter überhängenden Bäumen, die an manchen Stellen das Licht des Himmels fast ganz ausschlossen. Hier und da kreuzte ein halbgefallener Waldriese nahezu die Oberfläche und machte Vorsicht nötig, indes am Ufer Bäume von niedrigerem Wuchs Zweige und Blätter ins Wasser senkten. Die Erde war gedüngt durch die vermoderte Vegetation von Jahrhunderten und bildete einen schwarzen Lehmgrund, während die Ufer des Stroms voll zum Überfließen waren. Kurz, die ganze Szene war die einer reichen und wohlwollenden Natur, ehe sie der Mensch unterworfen – verschwenderisch, wild, vielversprechend und auch in diesem rohesten Zustand nicht ohne den Reiz des Malerischen. In jener fernen Zeit gab es zwischen dem bewohnten Teil der Kolonie New York und den Grenzfestungen Kanadas zwei große militärische Verbindungskanäle, deren einer durch den Champlain- und Georgensee, der andere durch den Mohawk, den Wood-Creek, den Oneida und die oben genannten Flüsse vermittelt wurde. Längs dieser beiden Verbindungslinien waren militärische Posten aufgestellt. Diese fanden sich übrigens so spärlich, daß sich von dem letzten an dem Ursprung des Mohawks gelegenen Fort bis zum Ausfluß des Oswego eine unbesetzte Strecke von hundert Meilen ausdehnte, die Cap und Mabel nun größtenteils unter Pfeilspitzes Schutz zurückgelegt hatten.

»Ich wünsche mir wohl bisweilen die Zeit des Friedens wieder«, sagte der Pfadfinder, »wo man den Wald durchstreifen konnte, ohne es mit anderen Feinden als wilden Tieren und Fischen zu tun zu haben. Ach, wie manchen Tag hab‘ ich mit Schlange zwischen den Strömen bei Wildbret, Salmen und Forellen zugebracht, ohne an einen Mingo oder einen Skalp zu denken! Bisweilen wünsch‘ ich, diese gesegneten Tage möchten wiederkehren, denn die Jagd auf mein eigenes Geschlecht gehört nicht zu meinen eigentlichen Gaben. Ich bin überzeugt, daß des Sergeanten Tochter mich nicht für einen solchen Elenden hält, der seine Lust an Menschenblut hat!«

Nach dieser Bemerkung, die halb fragend gemacht wurde, blickte der Pfadfinder hinter sich; und obgleich selbst der parteiischste Freund seine sonnverbrannten, harten Züge kaum schön nennen konnte, so fand doch Mabel sein Lächeln, seinen gesunden Verstand und die Aufrichtigkeit, die aus seinem ehrlichen Gesicht leuchtete, sehr anziehend.

»Ich glaube nicht, daß mein Vater einen Mann, wie Ihr ihn bezeichnet, ausgeschickt hätte, seine Tochter durch die Wildnis zu geleiten«, antwortete das Mädchen, indem sie sein Lächeln so freimütig, wie es gegeben wurde, nur mit etwas mehr Anmut, erwiderte.

»Er hätt’s nicht, nein, er hätt’s nicht getan. Der Sergeant ist ein Mann von Gefühl, und wir haben zusammen manchen Marsch gemacht und manchen Kampf ausgefochten – Schulter an Schulter, wie er’s nennen würde –, obgleich ich mir die Glieder immer frei gehalten habe, wenn ein Franzose oder Mingo in der Nähe war.«

»So seid Ihr also der junge Freund, von dem mein Vater so oft in seinen Briefen gesprochen hat?«

»Sein junger Freund – der Sergeant ist gegen mich um dreißig Jahre im Vorteil, ja, er ist dreißig Jahre älter als ich, und nun ebensolange mein Vorgesetzter.«

»In den Augen der Tochter wohl nicht, Freund Pfadfinder«, warf Cap ein, dessen Lebensgeister wieder rege zu werden begannen, als er Wasser um sich fließen sah. »Dreißig Jahre werden von einem neunzehnjährigen Mädchen selten als Vorteil betrachtet.«

Mabel errötete, und während sie ihr Gesicht von den im Vorderteil des Kahnes befindlichen Personen abwenden wollte, begegnete sie dem bewundernden Blicke des jungen Mannes am Stern. Als letzte Zuflucht senkte sie nun ihr sanftes, blaues, ausdrucksvolles Auge gegen die Wasserfläche. Gerade in diesem Augenblick schwebte durch die Baumreihe ein matter, dumpfer Ton, getragen von einem leichten Luftstrom, der kaum ein Kräuseln auf dem Wasser hervorbrachte.

»Das klingt angenehm«, sagte Cap, und spitzte die Ohren gleich einem Hund, der entferntes Bellen hört.

»Es ist nur der Fluß, der eine halbe Meile unter uns über einige Felsen stürzt.«

»Ist ein Fall auf dem Strom?« fragte Mabel, indem sie noch höher errötete.

»Der Teufel! Meister Pfadfinder oder Ihr, Herr Eau-douce« (denn so begann Cap Jasper in der vertraulichen Weise der Grenzleute zu nennen), »konntet Ihr dem Kahn keinen besseren Strich geben und Euch näher ans Ufer halten? Diese Wasserfälle haben gewöhnlich Stromschnellen über sich, und ebensogut könnten wir uns dem Maelstrom wie ihrem Strudel anvertrauen!«

»Verlaßt Euch auf uns, verlaßt Euch auf uns, Freund Cap«, antwortete der Pfadfinder; »wir sind zwar Frischwasserschiffer, und ich darf mir nicht mal darauf viel zugute tun; aber wir kennen die Strömungen und die Wasserfälle, und während wir drübergehen, werden wir uns Mühe geben, unserer Erziehung keine Unehre zu machen.«

»Drübergehen!« rief Cap. »Zum Teufel, Mensch, Ihr werdet’s Euch doch nicht träumen lassen, über einen Wasserfall zu fahren in dieser Nußschale von Barke?«

»Gewiß, der Weg geht über die Fälle, und es ist viel leichter, über diese wegzuschießen, als den Kahn auszuladen, und ihn samt seinem Inhalt zu Land eine Meile Wegs herumzutragen.«

Mabel kehrte ihr erblaßtes Antlitz gegen den jungen Mann am Stern des Kahnes, denn gerade jetzt hatte ein frischer Luftstrom das Getöse der Fälle aufs neue zu ihren Ohren getragen. Der Ton konnte wirklich Schrecken erregen, wo seine Ursache bekannt war.

»Wir dachten, die Frauen und die beiden Indianer ans Land zu setzen«, bemerkte Jasper ruhig, »indes wir drei weißen Männer, die wir ans Wasser gewöhnt sind, das Boot sicher darüber wegführen, denn wir sind schon oft über diese Fälle geschossen.«

»Und wir zählen auf Euern Beistand, Freund Seemann«, sagte der Pfadfinder, indem er Jasper über die Achsel zuwinkte, »denn Ihr seid des Wellensturzes gewohnt, und wenn nicht einer auf die Ladung acht hat, so möchten alle die feinen Sachen der Tochter des Sergeanten in der Flußwäsche zugrunde gehen.«

Cap war verwirrt. Der Gedanke, über die Fälle zu fahren, erschien seinen Augen vielleicht ernsthafter, als er denen vorkommen mochte, die mit der Führung eines Bootes gänzlich unbekannt waren; denn er kannte die Macht des Elements und die Ratlosigkeit des Menschen, wenn er solcher Wut ausgesetzt ist. Sein Stolz empörte sich aber gegen den Gedanken, das Boot zu verlassen, als er sah, mit welcher Festigkeit und Ruhe die anderen darauf bestanden, den Weg auf die bezeichnete Weise fortzusetzen. Ungeachtet dieses Gefühls und seiner sowohl angeborenen als erworbenen Festigkeit in Gefahren, würde er übrigens seinen Posten wahrscheinlich dennoch verlassen haben, wenn seine Phantasie nicht von den Bildern der auf Skalpe lauernden Indianer so ganz hingerissen gewesen wäre, daß er den Kahn gewissermaßen als ein Asyl betrachtete.

»Was fängt man aber mit Magnet an?« fragte er, als die Zuneigung zu seiner Nichte neue Gewissensskrupel in ihm aufsteigen ließ. »Wir können sie doch nicht ans Land setzen, wenn Indianer in der Nähe sind?«

»Nein, kein Mingo wird sich hier nähern; denn diese Stelle ist zu offen für ihre Teufeleien«, antwortete Pfadfinder zuversichtlich. »Es gehört zur Natur des Indianers, sich da finden zu lassen, wo er am wenigsten erwartet wird. Auf besuchten Pfaden hat man ihn nicht zu fürchten, denn er wünscht immer, unvorbereitet zu überfallen, und die Schufte machen sich’s zur Ehrensache, ihre Gegner auf einem oder dem anderen Wege zu täuschen. Streich ein, Eau-douce; wir wollen des Sergeanten Tochter am Ende jenes Baumstrunks landen, auf dem sie trockenen Fußes das Ufer erreichen kann.«

Die Einlenkung geschah, und in wenigen Minuten hatte die ganze Gesellschaft, mit Ausnahme des Pfadfinders und der beiden Seeleute, den Kahn verlassen. Ungeachtet des Stolzes auf sein Gewerbe würde jedoch Cap freudig gefolgt sein, wenn er sich nicht gescheut hätte, in Gegenwart der beiden Frischwasserschiffer eine so unzweideutige Schwäche an den Tag zu legen.

»Ich rufe alle zu Zeugen an«, sagte er, als sich die Gelandeten zum Abzüge anschickten, »daß ich diese ganze Sache für weiter nichts ansehe als für eine Kahnfahrt in den Wäldern. Es gilt keine Seemannskunst beim Hinunterstürzen über einen Wasserfall, und es ist eine Heldentat, die der unerfahrenste Schlingel so gut wie der älteste Matrose bestehen kann.« »Nun, nun, Ihr habt nicht nötig, die Oswegofälle zu verachten, denn wenn sie schon keine Niagaras oder Genesees oder Cahoos oder Glenns oder sonstige Fälle Kanadas sind, so sind sie doch immer stark genug für einen Neuling. Laßt des Sergeanten Tochter auf jenen Felsen stehen, und sie wird sehen, wie wir unwissende Hinterwäldler über eine Schwierigkeit hingehen, unter der wir nicht wegkommen können. Nun, Eau-douce, feste Hand und sicheres Auge, denn alles liegt auf Euch, da, wie ich sehe, Meister Cap für nichts weiter als für einen Passagier zu rechnen ist.«

Als er geendet hatte, verließ der Kahn das Ufer. Mabel erreichte mit schnellem und zitterndem Schritt den ihr bezeichneten Felsen und sprach mit ihrer Begleiterin über die Gefahr, in die sich ihr Onkel so unnötigerweise begeben hatte, indes ihr Blick unverwandt auf der behenden und kräftigen Gestalt von Eau-douce ruhte, der aufrecht im Stern des leichten Bootes stand und die Bewegungen leitete. Als sie jedoch die Stelle erreicht hatte, wo sich ihr die Aussicht über den Wasserfall öffnete, stieß sie einen unwillkürlichen, aber unterdrückten Schrei aus und bedeckte sich die Augen. Im nächsten Augenblick ließ sie aber die Hände wieder sinken, und nun stand das hingerissene Mädchen unbeweglich wie eine Statue und beobachtete mit verhaltenem Atem, was vorging. Die zwei Indianer setzten sich teilnahmslos auf einen Baumstamm, kaum gegen den Strom hinblickend, indes Pfeilspitzes Weib sich Mabel näherte und auf die Bewegungen des Kahns mit derselben Spannung zu achten schien, mit dem die Blicke der Kinder den Sprüngen eines Gauklers folgen.

Als das Boot in der Strömung war, sank Pfadfinder auf die Knie und fuhr fort zu rudern. Er tat es doch nur langsam und derart, daß es die Bemühungen seines Gefährten nicht beeinträchtigte. Jasper stand noch aufrecht, und da er sein Auge auf irgendeinen Gegenstand jenseits des Falles gerichtet hielt, so war es augenscheinlich, daß er sorgfältig die für ihre Passage geeignetste Stelle ausspähte.

»Mehr West, Junge! mehr West«, brummte Pfadfinder; »da wo Ihr den Wasserschaum seht. Bringt den Gipfel der toten Eiche in eine Linie mit dem Stamm der dürren Schierlingstanne.«

Eau-douce gab keine Antwort, denn der Kahn war in der Mitte des Flusses, mit dem Schnabel gegen den Fall gekehrt, und fing nun an, seine Bewegungen zu beschleunigen, da sich die Gewalt der Strömung mehrte. In diesem Augenblick würde Cap mit Freuden auf alle ruhmvollen Ansprüche, die er bei dieser Unternehmung erwerben konnte, verzichtet haben, wenn er nur mit heiler Haut das Ufer hätte erreichen können. Er hörte das Geräusch des Wassers wie ein entferntes Donnern, das immer lauter und deutlicher wurde, und vor sich sah er eine Linie den Wald durchschneiden, in der sich das erzürnte grüne Element zu weiten schien und zu leuchten, als ob es eben im Begriff sei, die Elemente seines Zusammenhangs zu zerstören.

»’runter mit Euerm Steuer, Mensch, ‚runter mit Euerm Steuer!« rief er aus, unfähig, seine Beängstigung länger zu unterdrücken, als der Kahn auf den Rand des Falles losglitt.

»Ha, ha, ‚runter geht’s, sicher genug«, antwortete Pfadfinder, indem er einen Augenblick mit seinem stillen, munteren Lachen hinter sich blickte, »’runter gehen wir, sicherlich! Hoch den Stern, Junge, noch mehr, Junge – so!«

Das übrige ging mit der Schnelligkeit des Windes. Eau-douce gab mit dem Ruder den erforderlichen Schwung, der Kahn schoß in das Fahrwasser, und auf einige Augenblicke war es Cap, als sei er in einen Kochkessel gestoßen. Er fühlte die Kahnspitze sich biegen, sah das wildbewegte, schaumige Wasser in tollem Wogen an seiner Seite tanzen und bemerkte, daß das leichte Fahrzeug, in dem er schwamm, wie eine Nußschale umhergewirbelt wurde. Dann entdeckte er zu seiner ebensogroßen Freude wie Überraschung, daß es unter Jaspers sicherem Ruderschlag quer durch das ruhige Wasserbecken glitt, das sich unter dem Fall befand.

Der Pfadfinder fuhr fort zu lachen, erhob sich von seinen Knien, brachte eine zinnerne Kanne nebst einem Hornlöffel hervor und fing an, bedächtig das Wasser, das während ihrer Überfahrt in den Kahn gedrungen war, zu messen.

»Vierzehn Löffel voll, Eau-douce; vierzehn wohlgemessene Löffel voll. Ihr müßt zugeben, daß ich Euch mit bloß zehn habe übersetzen sehen.«

»Meister Cap lehnte so hart gegen den Strom«, entgegnete Jasper ernst, »daß ich Mühe hatte, dem Kahn die gehörige Richtung zu geben.«

»Mag sein, mag sein; und ich glaube ja, daß es wirklich so ist. Aber ich weiß, daß Ihr sonst bloß mit zehnen überfahrt.«

Cap machte sich durch ein erschütterndes Räuspern Luft, griff nach seinem Zopf, als ob er sich versichern wollte, daß sich der noch wohlbehalten an seiner Stelle befinde, und blickte dann zurück, um die Gefahr zu ermessen, die er soeben überstanden hatte; denn daß sie vorüber war, wurde ihm schnell klar. Die größte Wassermasse des Stromes hatte einen senkrechten Fall von ungefähr zehn bis zwölf Fuß; aber mehr gegen die Mitte hin wurde die Gewalt der Strömung so mächtig, daß das Wasser unter einem Winkel von ungefähr fünfundvierzig Grad abstieß und daselbst eine schmale Passage über den Felsen eröffnete. Der Kahn war über diesen kitzligen Weg gegangen, mitten durch zerbrochene Felsenstücke, die Strudel und die Stöße des empörten Elementes, die jeden Unkundigen die unvermeidliche Zerstörung eines so zerbrechlichen Fahrzeuges befürchten ließen. Seine große Leichtigkeit hatte die Überfahrt begünstigt; denn getragen vom Kamm des Wassers und geleitet von einem festen Auge und einem kräftigen Arm tanzte er mit der Leichtigkeit einer Feder von einer Schaumspitze zur anderen, so daß kaum seine blanke Seite benetzt wurde. Es waren einige Felsblöcke zu vermeiden, die eine äußerst genaue Führung forderten; das übrige geschah durch die Gewalt der Strömung.

Wollte man sagen, daß Cap erstaunt gewesen sei, so würde man nicht halb seine Gefühle ausdrücken. Er war mit Ehrfurcht erfüllt, denn der gewaltige Respekt, den die meisten Seeleute vor Felsen haben, kam noch seiner Bewunderung für die Kühnheit zu Hilfe, mit der dieses Manöver ausgeführt worden war. Er war jedoch nicht geneigt, alle seine Empfindungen an den Tag zu legen, um nicht zuviel zugunsten der Frischwasser- und Binnenschiffahrt einzuräumen. Auch klärte er seine Kehle nicht eher durch das obengenannte Räuspern, als bis sich seine Zunge wieder in dem gewöhnlichen Zug der Überlegenheit befand.

»Ich habe nichts gegen Eure Kenntnis der Stromfahrt einzuwenden, Meister Eau-douce« (denn diese Benennung hielt er gläubig für Jaspers Zunamen), »und allem nach ist die Kenntnis des Fahrwassers an einem solchen Platz die Hauptsache. Ich habe es mit Schaluppenführern zu tun gehabt, die hier auch hätten herunterfahren können, wenn sie das Fahrwasser gekannt hätten.«

»Es ist nicht genug, das Fahrwasser zu kennen, Freund Seemann«, sagte Pfadfinder, »es braucht Kraft und Geschicklichkeit, den Kahn aufrecht zu halten und ihn klar von den Felsen abzusteuern. Es ist außer Eau-douce in der ganzen Gegend kein Bootsmann, der den Oswegofall mit Sicherheit zu passieren imstande war, obschon hin und wieder einer durchgetappt ist. Ich kann’s auch nicht, wenn nicht mit Gottes Hilfe; und man braucht Jaspers Hand und Jaspers Auge, wenn man die Fahrt trocken und sicher machen will. Vierzehn Löffel voll sind im Grunde auch nicht viel, obgleich ich gewünscht hätte, es wären nur zehn gewesen, weil des Sergeanten Tochter zugesehen hat.«

»Und doch kanntet Ihr die Führung des Kahns und sagtet ihm, wie er leiten und streichen solle.«

»Menschliche Schwachheit, Meister Seemann; ’s ist was dabei von der Weißhautnatur. Wäre Schlange in diesem Boot gewesen, so würde er kein Wort gesprochen und keinem Gedanken Laut gegeben haben. Ein Indianer weiß, wie er seine Zunge zu meistern hat, aber wir weißes Volk bilden uns immer ein, wir sind klüger als unsere Kameraden. Ich bin zwar willens, mich von dieser Schwäche zu kurieren, aber es braucht Zeit, ein Unkraut auszurotten, das schon mehr als dreißig Jahre gewuchert hat.«

»Ich halte wenig oder, aufrichtig zu reden, gar nichts von der ganzen Geschichte. Es handelt sich bei einem Wegschießen unter der Londoner Brücke nur um eine kleine Schaumwäsche, und Hunderte von Menschen, ja selbst die empfindlichsten vornehmen Damen tun es täglich. Selbst des Königs Majestät hat in höchsteigener Person die Fahrt gemacht.«

»Wohl, wir brauchen keine vornehmen Damen oder Königliche Majestäten (Gott segne sie) für unseren Kahn, wenn er über diese Fälle geht, denn eine Bootsbreite auf irgendeine Weise gefehlt, möchte leicht aus ihnen ersäufte Leichname machen. Eau-douce, wir werden des Sergeanten Schwager wohl noch über den Niagara führen müssen, um ihm zu zeigen, was wir Grenzleute zu leisten vermögen.«

»Zum Teufel, Meister Pfadfinder, Ihr seid ja sehr spaßhaft. Sicher ist’s unmöglich, in einem Birkenkahn über so ’n mächtigen Wassersturz zu setzen.«

»Ihr seid in Eurem Leben nie in einem größeren Irrtum gewesen, Meister Cap. Nichts ist leichter als dies, und ich hab‘ manchen Kahn mit meinen eigenen Augen ‚runterrutschen sehen. Wenn wir beide leben, so hoff‘ ich Euch von der Wahrheit zu überzeugen. Ich für mein Teil denke, das größte Schiff, das je auf dem Ozean gesegelt hat, müßte da hinuntergeführt werden, sobald es mal in den Stromschnellen ist.«

Cap bemerkte den Wink nicht, den der Pfadfinder mit Eaudouce wechselte, und blieb eine Weile still; denn er hatte wirklich nie an die Möglichkeit gedacht, den Niagara hinunterzukommen, so sehr sie auch jedem anderen in die Augen springen mußte, während doch, wenn man die Sache bei Licht betrachtet, die Schwierigkeit eigentlich nur im Hinaufkommen liegt.

Unterdessen hatte die Gesellschaft die Stelle erreicht, wo Jasper seinen eigenen Kahn gelassen und im Gebüsch versteckt hatte. Sie schifften sich hier aufs neue ein; Cap, Jasper und die Nichte in dem einen, Pfadfinder, Pfeilspitze und das Weib des letzteren in dem anderen Boot. Der Mohikaner war bereits zu Land an den Ufern des Flusses weitergegangen, indem er vorsichtig und mit der Gewandtheit seines Volkes auf die Spuren eines Feindes achtete.

Mabels Wangen fingen erst wieder an zu glühen, als sich der Kahn in der Strömung befand, auf der er sanft, nur gelegentlich von Jaspers Ruder angetrieben, abwärts glitt. Sie hatte den Übergang über den Wasserfall mit einem Schrecken angesehen, der ihre Zunge gebunden hielt. Doch war ihre Furcht nicht so groß gewesen, daß sie der Bewunderung Eintrag getan hätte, die sie der Festigkeit des Jünglings, der die Bewegungen leitete, zollen mußte. In der Tat wären auch die Gefühle eines weit weniger empfänglichen Mädchens durch die besonnene und brave Haltung, mit der er das Wagestück ausführte, erweckt worden. Er war aufrecht geblieben, ungeachtet des Sturzes, und die sich am Ufer befanden, konnten deutlich unterscheiden, daß nur durch die zeitige Anwendung seiner Kraft und Gewandtheit der Kahn den nötigen Schwung bekam, um von einem Felsen klar abzufahren, über den sich das sprudelnde Wasser in Strahlen brach und bald das braune Gestein sichtbar werden ließ, bald es mit einem durchsichtigen Wogenguß überschüttete, als ob ein künstliches Triebwerk dieses Spiel des Elements veranlaßte. Die Zunge vermag nicht immer auszudrücken, was das Auge schaut; aber Mabel sah selbst in jenem Augenblick des Schreckens genug, um ihrem Geist für immer die Bilder des herabstürzenden Kahns und des unbewegten Steuermanns einzuprägen. Sie duldete diese verräterischen Gefühle, die das Weib so eng an den Mann ketten und denen sich noch der Eindruck der Sicherheit beimischte, die ihr sein Schutz versprach. Sie fühlte sich in der zerbrechlichen Barke das erstemal wieder so recht leicht und behaglich, seit sie Fort Stanwix verlassen hatte. Der andere Kahn ruderte ganz nahe an dem ihrigen, und da der Pfadfinder ihr gerade gegenüber saß, so fand vorzugsweise zwischen ihnen beiden die Unterredung statt. Jasper sprach selten, wenn er nicht angeredet wurde, und verwandte fortwährend seine ganze Sorgfalt auf die Führung des Bootes.

»Wir kennen zu gut die Gaben der Frauen, um daran zu denken, des Sergeanten Tochter über die Fälle zu führen«, sagte der Pfadfinder mit einem Blick auf Mabel zu dem Onkel, »obgleich ich manche ihres Geschlechts in diesen Gegenden gekannt habe, die sich wenig aus einer solchen Fahrt machen würden.«

»Mabel ist zaghaft wie ihre Mutter«, entgegnete Cap, »und Ihr tatet wohl, Freund, sie zu schonen. Ihr werdet Euch erinnern, daß das Kind nie auf der See gewesen ist.«

»Nein, nein, das war leicht zu entdecken; doch bei Eurer eignen Furchtlosigkeit hätte wohl jeder sehen können, wie wenig Ihr Euch aus der Sache machtet. Ich fuhr mal mit einem ungeschickten Burschen hinunter, der aus dem Kahn sprang, grad als er den Saum berührte –«

»Was wurde aus dem armen Kerl?« unterbrach Cap, der nicht wußte, wie der des anderen Weise zu nehmen hatte, denn sie war so trocken und einfach, daß ein Mensch, der nur ein bißchen weniger stumpf als der alte Seemann war, ihre Aufrichtigkeit verdächtig gefunden hätte. »Wer diese Stelle passiert hat, weiß, wie es ihm zumute sein mochte.«

»Es war ein armer Kerl, wie Ihr sagt, und ein armer Grenzmann dazu, obgleich er es nur tat, um uns unwissenden Leuten seine Geschicklichkeit zu zeigen. Was aus ihm wurde? Ei, er ging kopfüber die Fälle hinunter, wie es bei einem Landhaus oder Fort auch gegangen wäre –«

»Wenn sie aus einem Kahn springen würden«, unterbrach ihn Jasper lächelnd, obgleich er sichtlich weit geneigter war, als sein Freund, die Fahrt über die Wasserfälle in Vergessenheit zu bringen.

»Der Junge hat recht«, erwiderte Pfadfinder mit einem Lachen gegen Mabel, der er sich so weit genähert hatte, daß sich die Kähne hart berührten; »er hat sicher recht. Aber Sie haben uns noch nicht gesagt, was Sie von dem Satz halten, den wir da gemacht haben?«

»Er war gefährlich und kühn«, sagte Mabel, »und als ich zusah, hätte ich wohl gewünscht, daß er nicht versucht worden wäre, obschon ich jetzt, da er vorüber ist, die Kühnheit und Festigkeit, mit der er gemacht wurde, bewundern muß.«

»Glauben Sie übrigens ja nicht, daß wir es taten, um uns in den Augen eines Mädelchens hervorzutun. Es mag zwar jungen Leuten angenehm sein, sich durch Handlungen, die kühn und lobenswert scheinen, bei anderen in gute Meinung zu setzen, aber weder Eaudouce noch ich selbst bin von dieser Sorte. Meine Natur, obgleich vielleicht die Schlange ein besseres Zeugnis ablegen könnte, hat sich hierin nicht geändert; sie ist eine gerade Natur und würde nicht geeignet sein, mich zu solcher ungebührlichen Eitelkeit zu verleiten. Was den Jasper anlangt, so würde er über die Oswegofälle lieber ohne einen Zuschauer gehen als vor hundert Augen. Ich kenne den Jungen aus langer Kameradschaft und weiß, daß er kein Prahler und Großtuer ist.«

Mabel blickte den Kundschafter mit einem Lächeln an, das Veranlassung gab, die Kähne noch eine Weile länger beisammenzuhalten; denn der Anblick von Jugend und Schönheit war so selten an dieser entfernten Grenze, daß die eben getadelten und unterdrückten Gefühle dieses Wanderers in den Wäldern durch die blühende Liebenswürdigkeit des Mädchens empfindlich berührt wurden.

»Wir hielten’s eben fürs Beste«, fuhr Pfadfinder fort, »und ’s war auch das Beste. Hätten wir den Kahn zu Land weiter gebracht, so wär viel Zeit verlorengegangen, und nichts ist so kostbar wie Zeit, wenn man sich vor den Mingos in acht zu nehmen hat.«

»Aber wir können nun wenig mehr zu fürchten haben. Die Kähne fahren schnell, und zwei Stunden werden uns, wie Ihr gesagt habt, nach dem Fort bringen.«

»Es muß ein schlauer Irokese sein, der Ihnen auch nur ein Haar Ihres Hauptes beschädigen will; denn hier haben sich alle dem Sergeanten, und die meisten, denke ich, gegen Sie selbst verpflichtet, jedes Ungemach von Ihnen fern zu halten. Ha! Eau-douce, was ist das an dem Fluß? dort, an der unteren Umbiegung, unterhalb des Gebüsches – was steht dort an dem Felsen?«

»Es ist die Große Schlange, Pfadfinder; er macht uns Zeichen, die ich nicht verstehe.«

»Er ist’s, so wahr ich ein Weißer bin, und er wünscht, daß wir uns mehr seinem Ufer nähern. Es ist Unheil um den Weg, sonst würde ein Mann von seiner Bedächtigkeit und Festigkeit nie diese Störung veranlassen. Doch Mut! Wir sind Männer und müssen uns bei einer Teufelei benehmen, wie es unserer Farbe und unserem Beruf ziemt. Ach! ich hab‘ nie was Gutes bei dem Großtun herauskommen sehen; und hier, gerade da ich mich unserer Sicherheit rühme, kommt die Gefahr, die mich Lügen straft.«

Viertes Kapitel

Viertes Kapitel

Unterhalb der Fälle des Oswego ist die Strömung reißender und ungleichmäßiger als oberhalb. Es gibt Stellen, wo der Fluß mit der stillen Ruhe des tiefen Wassers hinfließt, aber auch viele Sandbänke und Stromschnellen, und damals, als sich noch alles im Naturzustand befand, war die Durchfahrt stellenweise nicht ohne Gefahr. Zwar wurde im allgemeinen nur wenig Anstrengung von Seiten der Kahnführer erfordert; an Stellen aber, wo die Schnelligkeit der Strömung und die vorhandenen Felsen Vorsicht verlangten, bedurfte es wirklich nicht nur der Wachsamkeit, sondern auch der größten Besonnenheit, Schnelligkeit und kräftiger Arme, um die Gefahr zu vermeiden. Auf alles dieses hatte der Mohikaner geachtet, und mit Umsicht eine Stelle gewählt, wo der Fluß ruhig genug floß, um die Kähne anhalten und die Verbindung für die, mit denen er sprechen wollte, gefahrlos einleiten zu können.

Sobald der Pfadfinder die Gestalt seines roten Freundes erkannt hatte, ruderte er mit kräftigen Schlägen dem Ufer zu und winkte Jasper, ihm zu folgen. In einer Minute waren beide Kähne in dem Bereich des überhängenden Gebüsches. Es herrschte tiefes Stillschweigen, das die einen aus Furcht, die anderen aus gewohnter Vorsicht beobachteten. Als sich die Reisenden dem Indianer näherten, machte er ein Zeichen, stillzuhalten, und hatte dann mit dem Pfadfinder eine kurze, aber ernste Besprechung in der Sprache der Delawaren.

»Der Häuptling ist nicht der Mann, der einen toten Stamm für einen Feind ansieht«, bemerkte der weiße Mann gegen seinen roten Verbündeten, »warum läßt er uns anhalten?«

»Mingos sind in den Wäldern.«

»Das haben wir in diesen zwei Tagen vermutet. Weiß der Häuptling davon?«

Der Mohikaner hielt ruhig einen steinernen Pfeifenkopf in die Höhe.

»Er lag auf einer frischen Fährte, die gegen die Garnison hinführt« – so wurden nämlich von den Grenzleuten die militärischen Werke genannt, mochten sie Mannschaft: haben oder nicht.

»Das kann ein Pfeifenkopf sein, der einem Soldaten gehört. Viele bedienen sich der Pfeifen der Rothäute.«

»Sieh«, sagte Schlange und hielt aufs neue den gefundenen Gegenstand seinem Freund vor Augen.

Der Pfeifenkopf war mit großer Sorgfalt und Geschicklichkeit aus Seifenstein geschnitten. In der Mitte befand sich ein kleines Kreuz, das mit einer Genauigkeit gefertigt war, die keinen Zweifel über seine Bedeutung gestattete.

»Das prophezeit Unheil und Teufelei«, sagte der Pfadfinder, der den damals in den englischen Provinzen gewöhnlichen Abscheu gegen dieses heilige Symbol teilte; und da man leicht Sachen mit Personen verwechselt, so hatte sich dieses Grauen mit den Vorurteilen der Leute verflochten und einen mächtigen Eindruck auf das moralische Gefühl des Volkes gemacht.

»Kein Indianer, der nicht durch die schlauen Priester Kanadas bekehrt ist, würde sich’s einfallen lassen, ein Ding wie dieses auf seine Pfeife zu schneiden. Ich wette, der Spitzbube betet jedesmal zu diesem Bild, wenn er mit einem Unschuldigen zusammentreffen und seine Schuftigkeit an ihm ausüben will. Ist sie auch frisch, Chingachgook?« »Der Tabak war noch brennend, als ich sie fand.«

»Das wird tüchtige Arbeit geben, Häuptling. Wo ist die Spur?«

Der Mohikaner deutete auf eine Stelle, die keine hundert Ellen von seinem Standpunkt entfernt war.

Die Sache begann nun ein ernsteres Aussehen zu gewinnen. Die zwei Hauptführer besprachen sich einige Minuten beiseite, stiegen dann am Ufer hinauf, näherten sich dem bezeichneten Ort und untersuchten die Fährte mit der größten Sorgfalt. Als ihre Nachforschungen ungefähr eine Viertelstunde gedauert hatten, kehrte der weiße Mann allein zurück, und sein roter Freund verschwand im Wald.

Sonst trug das Gesicht des Pfadfinders ein Gepräge der Einfachheit, Rechtschaffenheit und Aufrichtigkeit, gemischt mit der Miene des Selbstvertrauens, das gewöhnlich allen, die sich unter seiner Hut befanden, Zuversicht einflößte; aber nun warf der Ausdruck der Sorge einen Schatten über seine ehrlichen Züge, der die ganze Gesellschaft beunruhigte.

»Was gibt’s, Meister Pfadfinder?« fragte Cap, indem seine gewohnte, tiefe und zuversichtliche Stimme zu einem scheuen Flüstern herabsank, das sich allerdings mehr für die Gefahren der Wildnis eignete.

»Hat sich der Feind zwischen uns und unseren Hafen gelegt?«

»Wie?«

»Haben einige von diesen bemalten Schalksnarren Anker geworfen vorm Hafen, auf den wir lossteuern, und wollen sie uns die Einfahrt abschneiden?«

»Es mag sein, wie Ihr sagt, Freund Cap, aber ich bin durch Eure Worte um kein Haar weiser geworden, und in kitzligen Zeitumständen wird man um so leichter verstanden, je deutlicher man sein Englisch macht. Ich weiß nichts von Hafen und Anker, aber es liegt eine beängstigende Mingofährte in der Nähe von hundert Ellen, und so frisch wie Wildbret ohne Salz. Wenn einer von diesen argen Teufeln vorübergekommen ist, so sind es auch ein Dutzend; und was das Schlimmste ist, sie sind abwärts gegen die Garnison zu gegangen, und keine Seele kann um die Lichtung herumkommen, ohne daß man einigen ihrer durchbohrenden Augen in den Weg käme. Dann wird’s sicher Kugeln geben.«

»Kann nicht das besagte Fort eine Lage geben und alles innerhalb des Bereichs seiner Klüsen wegfegen?«

»Nein, die Forts sind bei uns nicht wie die Forts in den Ansiedlungen, und zwei oder drei leichte Kanonen sind alles, was sie da unten an der Mündung des Flusses haben. Überhaupt hieße auch ein Lagerfeuer auf ein Dutzend herumstreifender Mingos geben, die sich hinter Baumstämmen und im Walde verbergen können, sein Pulver verschwenden. Wir haben nur einen, und zwar einen sehr kitzligen Weg. Wir sind einmal hier; beide Kähne sind durch das hohe Ufer und das Gebüsch vor aller Augen verborgen, wenn uns nicht einer von jenen Strauchdieben gerade gegenüber in den Weg kommt. Hier wollen wir also bleiben, ohne uns zu ängstigen. Aber wie bringen wir die blutdürstigen Teufel wieder über den Strom hinauf? – Ha, ich hab’s – ich hab’s. Wenn es auch nichts nützt, so kann es doch nichts schaden. Seht Ihr den breitwipfeligen Kastanienbaum dort, Jasper, an der letzten Stromwendung? Auf Eurer Seite, meine ich.«

»Den bei der gestürzten Fichte?«

»Richtig! Nehmt Stein und Feuerzeug, kriecht am Ufer hin und macht ein Feuer. Kann sein, daß sie der Rauch da ‚rauflockt. Mittlerweile bringen wir vielleicht mit der gehörigen Vorsicht die Kähne weiter stromab und finden anderen Schutz. Buschwerk haben wir genug, und ein Versteck ist leicht zu finden, was uns die vielen Hinterhalte beweisen können.«

»Ich will’s tun, Pfadfinder«, sagte Jasper und sprang ans Ufer. »In zehn Minuten soll das Feuer brennen.«

»Und, Eau-douce, nehmt diesmal ordentlich feuchtes Holz dazu«, flüsterte der andere mit seinem eigentümlichen innerlichen Lachen. »Wenn’s an Rauch fehlt, muß Wasser helfen, ihn zu verdicken.«

Der junge Mann eilte rasch dem bezeichneten Punkt zu. Mabel wagte einen leichten Einwurf wegen der Gefahr, der aber nicht beachtet wurde, und die Gesellschaft bereitete sich vor, ihre Stellung unverzüglich zu verändern, da sie von dem Ort aus, wo Jasper das Feuer anzünden sollte, gesehen werden konnten. Die Bewegung forderte keine Eile und wurde mit Ruhe und Vorsicht ausgeführt.

Die Kähne fuhren um die Gebüsche herum und glitten mit der Strömung fort, bis sie eine Stelle erreicht hatten, an der sie von dem Kastanienbaum aus nicht mehr erblickt werden konnten. Hier hielten sie an, und aller Augen richteten sich nun auf den zurückgebliebenen Abenteurer.

»Da steigt der Rauch auf«, rief der Pfadfinder, als ein leichter Windstoß eine kleine Dunstsäule in die Höhe wirbelte und sie in spiralförmigen Wendungen über den Fluß hintrieb. »Ein guter Stein, ein Stückchen Stahl und ein Haufen dürrer Blätter machen schnell ein Feuer. Ich hoffe, Eau-douce wird das feuchte Holz nicht vergessen, wenn uns die List nutzen soll.« »Zuviel Rauch – zuviel Klugheit«, sagte Pfeilspitze in seiner spruchartigen Weise.

»Das war so wahr wie die Bibel, Tuscarora, wenn die Mingos nicht wüßten, daß es Soldaten in der Nähe gibt. Die Soldaten denken aber an einem Rastort gewöhnlich eifriger an ihre Mahlzeit als an das, was klug ist und sie gegen Gefahr schützen könnte. Nein, nein! Mag der Junge immerhin seine Holzklötze aufhäufen, daß es einen tüchtigen Rauch setzt, sie werden es der Dummheit einiger irischer und schottischer Tölpel zuschreiben, die mehr an ihre Hafergrütze und an ihre Kartoffeln denken als an ein Zusammentreffen mit Indianern und indianischen Büchsen.«

»Man sollte aber doch glauben, nach allem, was ich hierüber in den Städten gehört habe, daß die Soldaten an dieser Grenze an die Kunstgriffe ihrer Feinde gewöhnt und fast so listig geworden seien wie die roten Menschen selbst«, erwiderte Mabel.

»Nicht die hier, Kind, nicht die hier. Erfahrung macht sie wenig klüger, und sie diskutieren von ihren Wendungen, ihren Pelotons und Bataillons hier in den Wäldern so behaglich, als wäre sie zu Hause in ihren Pferchen. Eine Rothaut hat mehr Schlauheit in ihrer Natur als ein ganzes Regiment von der anderen Seite des Wassers. Ich nenne das Wälderschlauheit. – Aber auf mein Wort, nun ist’s genug Rauch, und wir werden besser tun, uns ein anderes Versteck aufzusuchen. Der Junge hat den ganzen Fluß in sein Feuer geworfen, und es ist zu besorgen, daß die Mingos glauben, es ist ein ganzes Regiment unterwegs.«

Während er so sprach, trieb der Pfadfinder von dem Busch weg, an dem er angelegt hatte, und in einigen Minuten verbarg ihnen die Biegung des Flusses den Rauch und den Baum. Glücklicherweise zeigte sich auch an dem Ufer, wenige Ellen von dem Punkt, an dem sie eben vorbeifuhren, eine kleine Bucht, zu der die Kähne hinlenkten.

Die Reisenden hätten wohl keinen geschickteren Platz für ihre Absicht auffinden können. Das Gebüsch war dick und hing gegen das Wasser hin, so daß es einen vollständigen Blätterbaldachin bildete. Im Grund der kleinen Bucht befand sich ein schmaler, kiesiger Strand, wo die Mehrzahl der Gesellschaft zu ihrer größeren Bequemlichkeit ans Land ging. Auch konnten sie nur von der gerade entgegengesetzten Seite des Flusses aus bemerkt werden. Von dieser Seite her war jedoch die Gefahr der Entdeckung gering, da das Gesträuch hier dichter als gewöhnlich und das Land jenseits so naß und sumpfig war, daß man nicht ohne große Schwierigkeiten durchkommen konnte.

»Das ist ein guter Schlupfwinkel«, sagte der Pfadfinder, als er seine Stellung mit dem Blick eines Kenners untersucht hatte, »aber man muß ihn noch sicherer machen. Meister Cap, ich verlange nichts von Euch als Stillschweigen und Unterdrückung aller Gaben, die Ihr Euch auf dem Meere erworben habt, während der Tuscarora und ich unsere Vorkehrungen für die Stunde der Gefahr treffen.«

Der Führer ging nun mit dem Indianer etwas weiter in das Gebüsch, wo sie die stärkeren Stämme mehrerer Erlen und anderer Sträucher abschnitten, dabei aber die größte Sorgfalt anwandten, um kein Geräusch zu verursachen. Die Enden dieser kleinen Bäume, denn das waren sie in der Tat, wurden, da das Wasser nur eine geringe Tiefe hatte, an der äußeren Seite der Kähne in den Schlamm gesteckt, und im Verlaufe von zehn Minuten war ein sehr täuschender Schirm zwischen ihnen und dem Orte errichtet, woher die hauptsächlichste Gefahr drohte. Die beiden Arbeiter hatten viel Scharfsinn und Geschicklichkeit bei dieser einfachen Anordnung entwickelt, wobei sie durch die Form des Ufers, seine Einbuchtung, die Seichtigkeit des Wassers und die Art, wie diese Gebüschverzweigungen gegen das Wasser überhängen, wesentlich begünstigt wurden. Der Pfadfinder sah dabei vorzüglich auf gekrümmte Stämme, und da er sie in einiger Entfernung unter der Biegung abschnitt und die letztere das Wasser berühren ließ, so hatte das künstliche Dickicht zwar nicht das Ansehen eines in dem Strom gewachsenen, was wohl hätte Verdacht erregen mögen, aber doch mochte es jeder, der an ihm vorbei kam, für ein Gebüsch halten, das waagrecht vom Ufer ausging, ehe es sich aufwärts gegen das Licht richtete. Kurz, der Schirm war so scharfsinnig angeordnet und so kunstreich zusammengesetzt, daß nur ein ungewöhnlich mißtrauisches Auge hier ein Versteck hätte ahnen mögen.

»Das ist der beste Schlupfwinkel, in dem ich je gesteckt habe«, sagte der Pfadfinder mit seinem ruhigen Lachen, nachdem er sich die Außenseite betrachtet hatte. »Die Blätter unserer neuen Bäume berühren aufs genaueste die des Gebüsches zu unseren Häupten, und selbst der Maler, der kürzlich in der Garnison war, könnte nicht sagen, was hier das Werk der Vorsehung und was das unsere ist. Pst! dort kommt Eau-douce gewatet. Was er doch für ein verständiger Junge ist, seine Fährte dem Wasser zu überlassen! Nun, wir werden bald sehen, ob unser Versteck zu was gut ist oder nicht.«

Jasper war wirklich von seiner Verrichtung zurückgekehrt, und da er die Kähne vermißte, so folgerte er, daß sie sich unter der nächsten Wendung des Flusses verborgen hätten, in der sie von dem Feuer aus nicht bemerkt werden konnten. Seine gewohnte Vorsicht hatte ihn veranlaßt, im Wasser fortzugehen, um nicht eine Verbindung der Spuren erkennen zu lassen, die von der Gesellschaft am Ufer zurückgeblieben waren, und des Platzes, wo er ihren neuen Zufluchtsort vermutete. Würden dann die Kanadaindianer auf ihrer eigenen Fährte zurückkehren und die Spuren bemerken, die Pfadfinder und Schlange bei ihrer Besprechung und Untersuchung hinterlassen hatten, so mußten sie den Schlüssel zu diesen Bewegungen verlieren, da sich keine Fußtapfen dem Wasser aufdrücken.

Der junge Mann war deshalb von diesem Punkt aus knietief im Wasser gewatet und machte nun langsam seinen Weg am Rande des Stromes abwärts, um die Stelle zu suchen, wo die Kähne verborgen lagen.

Wenn die hinter dem Gebüsch Befindlichen ihre Augen näher gegen die Blätter brachten, so konnten sie manche Stellen finden, die ihnen einen Durchblick ließen, indes dieser Vorteil in einiger Entfernung wieder verlorenging. Mochte dann auch ein Auge auf einige solche Öffnungen fallen, so wurde doch durch das Ufer und den Schatten des Gebüsches vermittelt, daß die Gestalten und Umrisse unserer Flüchtlinge keiner Entdeckung ausgesetzt waren. Unsere Gesellschaft, die sich nun in die Kähne begeben hatte und aus ihrem Versteck hervor Jaspers Bewegungen beobachtete, erkannte bald, daß ihm die Stelle entging, wo sich Pfadfinder verborgen hatte. Als er um die Krümmung des Ufers gekommen war und die Aussicht nach dem Feuer hin verlor, hielt der junge Mann an und begann das Ufer mit Bedacht und Vorsicht zu untersuchen. Gelegentlich ging er wieder acht bis zehn Schritte weiter und hielt dann einmal an, um sein Suchen zu erneuern. Das Wasser war viel seichter als gewöhnlich, und er ging an der Seite hin, um sich seinen Spaziergang zu erleichtern, wobei er der künstlichen Plantage so nahe kam, daß er sie mit seinen Händen hätte erreichen können. Aber er entdeckte nichts und war eben daran, seinen Weg weiter fortzusetzen, als der Pfadfinder eine Öffnung in die Zweige machte und ihn mit gedämpfter Stimme eintreten hieß.

»Es ist ganz gut so«, sagte der Pfadfinder lachend, »obgleich die Augen eines Bleichgesichtes von denen einer Rothaut so verschieden sind wie die Fernrohre untereinander. Ich wollte mit des Sergeanten Tochter ein Pulverhorn gegen einen Wampumgürtel wetten, daß ihres Vaters Regiment an unserer Einsiedlung vorbeimarschieren könnte, ohne je die List auszufinden. Aber wenn die Mingos wirklich wie Jasper in dem Bett des Flusses herunterkämen, so würde ich für diese Anpflanzung zittern. Über den Fluß hinüber mag sie wohl ihre Augen täuschen und insofern nicht ohne Nutzen sein.«

»Glaubt Ihr nicht, Meister Pfadfinder«, sagte Cap, »daß es das Beste wäre, uns auf den Weg zu machen und so schnell wie möglich stromabwärts zu segeln, sobald wir gewiß sind, daß diese Schufte in unserem Stern sind? Wir Seeleute nennen eine Sternjagd eine lange Jagd.«

»Ich möchte mich mit des Sergeanten Tochter nicht um alles Pulver, das da unten im Fort liegt, von der Stelle rühren, bis wir was von Schlange gehört haben. Sichere Gefangenschaft oder gewisser Tod würden die Folge sein. Wenn sich so ein zartes Schmaltierchen wie das Mädchen, das wir zur Fracht haben, durch die Wälder finden könnte, wie ein alter Hirsch, so möcht‘ es allerdings angehen, die Kähne zu verlassen, denn auf einem Umweg könnten wir die Garnison noch vor Anbruch des Morgens erreichen.«

»Dann tut es«, sagte Mabel, rasch unter dem plötzlichen Einfluß erweckter Energie aufspringend. »Ich bin jung, behend, an Anstrengung gewöhnt und möchte es leicht meinem lieben Onkel zuvortun. Ich will durchaus kein Hindernis sein und könnte es nicht ertragen, daß euer aller Leben um meinetwillen gefährdet sein sollte.«

»Nein, nein, gutes Kind! Wir halten Sie keineswegs für ein Hindernis oder eine Belästigung und würden uns gern noch einmal dieser Gefahr unterziehen, um Ihnen und dem wackeren Sergeanten einen Dienst zu leisten. Ist das nicht auch Eure Meinung, Eaudouce?«

»Ihr einen Dienst zu leisten?« rief Jasper mit Nachdruck. »Nichts soll mich bewegen, Mabel Dunham zu verlassen, bis ich sie sicher in ihres Vaters Armen weiß!«

»Wohl gesprochen, Junge; brav und ehrenhaft gesprochen, und ich stimme bei mit Herz und Hand. Nein, nein, Sie sind nicht die erste Ihres Geschlechts, die ich durch die Wälder geleitet habe, und keine hat dabei je Schaden genommen mit Ausnahme einer einzigen. Das war freilich ein trüber Tag; aber seinesgleichen wird wohl nicht wiederkommen.«

Mabel blickte von einem ihrer Beschützer auf den anderen, und ihre schönen Augen schwammen in Tränen. Sie reichte jedem ihre Hand und sprach, obgleich anfangs mit erstickter Stimme:

»Ich tue unrecht, euch um meinetwillen der Gefahr auszusetzen. Mein lieber Vater wird es euch danken. Auch ich danke euch – Gott vergelt es euch; aber laßt uns hier nicht unnötigerweise die Gefahr erwarten. Ich kann wohl gehen und bin oft in mädchenhafter Laune meilenweit gegangen. Warum sollte ich es jetzt nicht können, da es mein Leben – nein, da es euer kostbares Leben gilt?«

»Sie ist eine treue Taube, Jasper«, sagte der Pfadfinder, indem er ihre Hand so lange festhielt, bis das Mädchen selbst aus angeborener Bescheidenheit die Gelegenheit ergriff, sie zurückzuziehen, »und wunderbar anziehend! Wir sind in den Wäldern rauh und bisweilen auch hartherzig geworden, Mabel, aber ein Anblick wie der Ihrige erweckt unsere jugendlichen Gefühle wieder und tut uns wohl für den Rest unserer Tage. Jasper wird dasselbe sagen; denn wie ich in den Wäldern, so sieht Jasper auf dem Ontario wenige von Ihresgleichen, die sein Herz zu erweichen und ihn an die Liebe seines Geschlechts zu erinnern vermöchten. Sprecht selbst, Jasper, und sagt, ob es nicht so ist.«

»Ich zweifle, ob viele wie Mabel Dunham irgendwo gefunden werden können«, entgegnete der junge Mann artig und mit einem Blick voll ehrlicher Aufrichtigkeit, der mehr als seine Zunge ausdrückte. »Ihr braucht nicht die Seen und Wälder herauszufordern; ich möchte lieber die Städte und Ansiedlungen darum befragen.«

»Wir würden besser tun, die Kähne zu verlassen«, erwiderte Mabel hastig; »denn ich fühle, es ist nicht länger sicher hier.«

»Ihr könnt nicht fort von hier, in keinem Fall. Wir hätten einen Marsch von mehr als zwanzig Meilen vor uns, durch Dickicht und Sümpfe und noch obendrein in der Finsternis. Auch gäbe unsere Gesellschaft eine breite Fährte, und wir dürften allem nach unsern Weg in die Garnison erkämpfen müssen. Wir wollen auf den Mohikaner warten.«

Nach dieser Entscheidung des Mannes, von dem alle in der gegenwärtigen gefährlichen Lage Rat erwarteten, wurde nichts mehr über diesen Gegenstand gesprochen. Die Gesellschaft bildete nun Gruppen. Pfeilspitze und sein Weib saßen abgesondert unter dem Gebüsch und besprachen sich mit leiser Stimme, der Mann mit Ernst, das Weib mit der untertänigen Sanftmut, wie sie die herabgewürdigte Lage des Weibes eines Wilden bezeichnete. Pfadfinder und Cap hatten in einem der Kähne Platz genommen und schwatzten von ihren verschiedenen Abenteuern zu Wasser und zu Land, während Jasper und Mabel in dem andern saßen, wobei ihre Vertraulichkeiten in einer Stunde größere Fortschritte machte, als dies unter anderen Umständen vielleicht in einem Jahr der Fall gewesen wäre. Ungeachtet ihrer bedrängten Lage verging ihnen die Zeit schnell, und besonders die jungen Leute waren verwundert, als ihnen Cap sagte, wie lange sie sich in dieser Weise beschäftigt hätten.

»Wenn man rauchen könnte, Freund Pfadfinder, so möchte dieser Raum behaglich genug sein; denn um auch dem Teufel sein Recht widerfahren zu lassen, Ihr habt die Kähne hübsch eingebuchtet und in eine Reede gebracht, die dem Passatwind trotzen würde. Das einzige Unbequeme ist, daß man von seiner Pfeife soll keinen Gebrauch machen können.«

»Der Tabaksgeruch würde uns verraten, und welchen Vorteil hätten wir von allen gegen die Augen der Mingos gerichteten Vorsichtsmaßregeln, wenn ihnen ihre Nase sagte, wo unser Versteck zu finden ist? Nein, nein, unterdrückt Eure Begierden, unterdrückt sie und lernt eine Tugend von der Rothaut, die eine ganze Woche das Essen vergessen kann, um einen einzigen Skalp zu erbeuten. Hört Ihr nichts, Jasper?«

»Schlange kommt.«

»Dann laßt uns sehen, ob die Augen des Mohikaners besser sind als die eines gewissen Burschen, den sein Gewerbe aufs Wasser führt.«

Der Mohikaner folgte derselben Richtung, die Jasper eingeschlagen hatte, um sich mit seinen Freunden zu vereinen; aber statt geradeaus zu gehen, drückte er sich in der Windung des Flusses, die so verhinderte, daß er von höher gelegenen Punkten gesehen wurde, dicht an das Ufer und suchte mit der größten Sorgfalt eine Stellung in dem Gebüsch, die ihm den Rückblick gestattete, ohne daß man ihn bemerken konnte.

»Schlange sieht die Schufte!« flüsterte der Pfadfinder. »So wahr ich ein Christ und ein Weißer bin, sie haben angebissen und den Rauch umzingelt.«

Hier unterbrach ein herzliches, aber stilles Lachen seine Worte, indem er zugleich mit dem Ellenbogen Cap anstieß, und alle verfolgten mit gespannter Aufmerksamkeit die lautlosen Bewegungen Chingachgooks. Der Mohikaner blieb volle zehn Minuten so unbeweglich wie der Fels, an dem er stand; dann war ihm augenscheinlich ein Gegenstand von Interesse zu Gesicht gekommen, denn er ließ einen ängstlichen und scharfen Blick längs des Stromrandes hingleiten und bewegte sich schnell abwärts, wobei er Sorge trug, daß er seine Fährte dem seichten Wasser überließ. Er war sichtlich in großer Hast und Unruhe und blickte bald hinter sich, bald untersuchte sein Auge jede Stelle des Ufers, wo er sich die Kähne verborgen denken mochte.

»Ruft ihn herein«, flüsterte Jasper, kaum fähig, seine Ungeduld zurückzuhalten, »ruft ihn herein, ehe es zu spät ist. Seht, er kommt eben an uns vorbei.«

»Nicht doch, nicht doch, Junge; es drängt nicht«, entgegnete sein Gefährte, »sonst würde die Schlange zu kriechen anfangen. Der Herr helfe uns und lehre uns Weisheit! Aber ich glaube gar, daß uns Chingachgook übersieht, dessen Augen so zuverlässig sind wie der Geruch des Hundes, und uns nicht auffindet in dem künstlichen Gebüsch!«

Dieser Ausbruch war unzeitig, denn die Worte waren kaum ausgesprochen, als der Indianer, der bereits einige Fuß über das künstliche Versteck hinausgeschritten war, plötzlich anhielt, einen festen und scharfen Blick auf die Anpflanzung warf, schnell einige Schritte rückwärts machte, sich beugte und, nachdem er das Gebüsch vorsichtig auseinandergebogen hatte, unter der Gesellschaft erschien.

»Die verfluchten Mingos!« sagte Pfadfinder, sobald sein Freund nahe genug war, um ohne Gefahr angeredet werden zu können.

»Irokesen«, erwiderte kurz der Indianer.

»Gleichviel, gleichviel; Irokesen, Teufel, Mingos, Mengwes oder Furien – alles ist beinahe das nämliche. Ich nenne alle Schurken Mingos. Komm hierher, Häuptling, und laß uns vernünftig miteinander reden.« Beide begaben sich auf die Seite und besprachen sich ernsthaft in der Sprache der Delawaren. Als ihr Gespräch zu Ende war, trat Pfadfinder wieder zu den übrigen und teilte ihnen alles mit, was er eben erfahren hatte.

Der Mohikaner hatte die Spur ihrer Feinde eine Strecke weit gegen das Fort hin verfolgt, bis sie den Rauch von Jaspers Feuer zu Gesicht bekamen, worauf sie alsbald ihre Schritte anhielten. Da Chingachgook hierdurch in die größte Gefahr, entdeckt zu werden, geriet, so mußte er ein Versteck auffinden, wo er sich verbergen konnte, bis der Haufe vorüber war. Es war vielleicht ein Glück für ihn, daß die Wilden zu sehr auf diese neue Entdeckung achteten, um auf die Spuren im Walde ihre gewöhnliche Aufmerksamkeit zu verwenden. Kurz, sie eilten, fünfzehn an der Zahl, rasch an ihm vorüber, indem jeder in die Fußtapfen des anderen trat, und so wurde es dem Lauscher unmöglich gemacht, wieder in ihren Bereich zu gelangen. Als sie zu der Stelle gekommen waren, wo sich die Spuren des Pfadfinders und des Mohikaners mit ihrer eigenen Fährte vermischten, zogen sich die Irokesen gegen den Fluß hin und erreichten diesen, als Jasper gerade hinter der Biegung verschwunden war. Die Aussicht nach dem Rauch hin war nun frei, und die Wilden stürzten sich in die Wälder, um sich unbemerkt dem Feuer zu nähern. Chingachgook benützte diese Gelegenheit, um landab ins Wasser zu steigen und gleichfalls die Flußbiegung zu gewinnen, die ihn gegen Entdeckung schützen sollte.

Über die Beweggründe der Irokesen konnte der Mohikaner nur aus ihren Handlungen urteilen. Er vermutete, daß sie die List mit dem Feuer entdeckt und sich überzeugt hatten, es sei nur in der Absicht, sie irrezuleiten, angezündet worden; denn nach einer hastigen Untersuchung der Stelle hatten sie sich getrennt und einige davon sich in die Wälder begeben, indes sechs oder acht den Fußtritten Jaspers an dem Ufer hin folgten und stromabwärts zu der Stelle kamen, wo die Kähne gelandet hatten. Welchen Weg sie nun von dieser Stelle weiter gemacht, konnte nur vermutet werden, denn die Gefahr war zu drängend, als daß Schlange länger hätte zögern sollen, sich nach seinen Freunden umzusehen. Aus einigen Anzeichen, die er aus ihren Gebärden entnehmen konnte, hielt er es für wahrscheinlich, daß die Feinde am Rande des Flusses herunterkommen würden. Er konnte dies jedoch nicht mit Sicherheit behaupten.

Als der Pfadfinder diese Umstände seinen Gefährten mitgeteilt hatte, gewannen bei den zwei anderen weißen Männern die Gefühle ihres Berufes die Oberhand, und bei beiden entsprach die Behandlung der Frage über die Mittel des Entrinnens natürlich ihren Beschäftigungen.

»Laßt schnell die Kähne frei«, sagte Jasper lebhaft, »die Strömung ist stark, und wenn wir tüchtig rudern, werden wir bald aus dem Bereich dieser Schurken sein.«

»Und diese arme Blume, die kaum erst aufblühte in den Lichtungen – soll sie im Walde verwelken?« entgegnete sein Freund mit einer Poesie, die er unwillkürlich aus seinem langen Umgang mit den Delawaren geschöpft hatte.

»Wir müssen alle einmal sterben«, antwortete der Jüngling, indem ein kühnes Rot seine Wangen färbte; »Mabel und Pfeilspitzes Weib können sich in den Kähnen niederlegen, indes wir aufrecht, wie es Männern ziemt, unsere Pflicht erfüllen.«

»Ja, Ihr seid ein gewandter Ruderer, aber die Bosheit eines Mingo ist noch viel gewandter. Die Kähne sind schnell, aber eine Büchsenkugel ist schneller.«

»Da wir einem vertrauenden Vater unser Wort gegeben haben, so ist es Männerpflicht, uns dieser Gefahr zu unterziehen.«

»Aber es ist nicht unsere Pflicht, die Klugheit außer acht zu lassen.«

»Klugheit? Man kann seine Klugheit auch so weit treiben, den Mut darüber zu vergessen!«

Die Gruppe stand an dem nahen Ufer, Pfadfinder auf seine Büchse gelehnt, deren Schaft auf dem Kiesgrund ruhte, indes er den Lauf, der bis zu seinen Schultern reichte, mit beiden Händen umfaßte. Als Jasper diesen schweren und unverdienten Vorwurf ausstieß, blieb das tiefe Rot auf dem Gesicht seines Kameraden unverändert, obgleich der junge Mann bemerkte, daß seine Hände das Eisen des Gewehres mit der Festigkeit eines Schraubstockes umfaßten. Weiter verriet sich keine Bewegung.

»Ihr seid jung und heißköpfig«, erwiderte der Pfadfinder mit einer Würde, die die Zuhörer seine moralische Überlegenheit deutlich fühlen ließ, »aber mein Leben war eine Reihe von Gefahren wie diese, und meine Erfahrung und meine Gaben sind von der Art, daß sie nicht nötig haben, sich durch die Ungeduld eines Knaben meistern zu lassen. Was den Mut anlangt, Jasper, so will ich kein kränkendes, bedeutungsloses Wort einem ähnlichen entgegensetzen, denn ich weiß, daß Ihr treu auf Eurem Posten seid, so gut Ihr’s eben versteht; aber beachtet den Rat eines Mannes, der den Mingos schon ins Auge schaute, als Ihr noch ein Kind wart und der weiß, daß man ihre Schlauheit weit eher durch Klugheit umgeht, als durch Torheit überlistet.«

»Ich bitte Euch um Verzeihung, Pfadfinder«, sagte der reuige Jasper, indem er mit Feuer nach der Hand des anderen griff, die ihm dieser überließ, »ich bitte aufrichtig um Verzeihung. Es war töricht und schlecht von mir, einen Mann zu beschuldigen, von dem man weiß, daß sein Herz in einer guten Sache so fest ist wie die Felsen am Seeufer.«

Zum erstenmal vertiefte sich die Röte auf den Wangen des Pfadfinders, und die feierliche Würde, die er angenommen hatte, wich dem Ausdruck der ernsten Einfachheit, die alle seine Gefühle durchdrang. Er erwiderte den Händedruck seines jungen Freundes so herzlich, als ob keine Saite einen Mißton zwischen ihnen hätte laut werden lassen, und ein leichter Ernst, der noch seine Augen umfangen hielt, gab dem Ausdruck natürlicher Güte Raum.

»’s ist gut, Jasper, ’s ist gut«, antwortete er lachend. »Ich trage nichts nach, und mir soll auch niemand was nachtragen. Meine Natur ist die eines Weißen, und die hegt keinen Groll im Herzen. Es möchte übrigens ein kitzliges Werk gewesen sein, der Schlange da nur halb soviel zu sagen, obschon er ein Delaware ist; denn jede Farbe hat ihre Art.«

Eine Berührung seiner Schulter machte den Sprecher schweigen. Mabel stand aufrecht im Kahn, und ihre leichte, schwellende Gestalt beugte sich vorwärts in eine Stellung des anmutigsten Ernstes, während sie den Finger an die Lippen legte, mit abgewandtem Kopf ihre ausdrucksvollen Augen auf eine Öffnung im Gebüsch richtete und dabei mit dem Ende einer Fischerrute, die sie in dem ausgestreckten Arm hielt, den Pfadfinder berührte. Letzterer beugte seinen Kopf gegen eine Öffnung, der er absichtlich nahe geblieben war, und flüsterte dann Jasper zu –

»Die verfluchten Mingos! Greift zu euren Waffen, Männer, aber verhaltet euch so ruhig, wie die Stämme toter Bäume!«

Jasper eilte mit lautlosen Tritten zum Kahn und veranlaßte mit höflicher Gewalt Mabel, eine Stellung anzunehmen, durch die ihr ganzer Körper verborgen wurde, obschon es wahrscheinlich über seine Macht gegangen wäre, das Mädchen zu bewegen, ihren Kopf so niedrig zu halten, daß sie nicht noch einen Blick auf die Feinde hätte werfen können. Er stellte sich dann in ihre Nähe und brachte das gespannte Gewehr in Anschlag. Pfeilspitze und Chingachgook krochen zu dem Versteck und lauerten wie die Schlangen, mit bereitgehaltenen Waffen, während das Weib des ersteren den Kopf zwischen die Knie beugte, ihn mit ihrem Kattunkleide bedeckte und sich ganz ruhig und unbeweglich verhielt. Cap zog seine beiden Pistolen aus dem Gürtel, schien aber ganz verlegen zu sein, welchem Kurs er folgen solle. Der Pfadfinder stand bewegungslos. Er hatte gleich im Anfang eine Stellung eingenommen, die ihm gestattete, mit gutem Erfolg durch die Blätter zu zielen und die Bewegungen der Feinde zu überwachen. Er war zu standhaft, um sich durch diesen kritischen Moment aus der Fassung bringen zu lassen.

Es war in der Tat ein beängstigender Augenblick. Gerade, als Mabel die Schulter ihres Führers berührt hatte, zeigten sich drei Irokesen im Wasser an der Biegung des Flusses, etwa hundert Ellen von dem Versteck, und hielten an, um den Strom nach unten zu untersuchen. Sie waren nackt bis zum Gürtel, für einen Feldzug gegen ihre Feinde bewaffnet und mit ihren Kriegsfarben bemalt. Sie schienen über den Weg, den sie zur Verfolgung der Flüchtlinge einzuschlagen hätten, unentschieden zu sein; denn der eine deutete stromabwärts, der andere aufwärts und der dritte auf das entgegengesetzte Ufer. Ihre Zweifel waren sichtlich.

Zweiundzwanzigstes Kapitel

Zweiundzwanzigstes Kapitel

Es möchte schwer zu sagen sein, wer sich am meisten freute, als Mabel aus ihrem Versteck hervoreilte – ob sie selbst, da sie in ihrem Besuch nicht Pfeilspitze, sondern dessen Weib erkannte, oder June, da sie bemerkte, ihr Rat sei befolgt und das Blockhaus von Mabel, die sie so ängstlich und fast hoffnungslos gesucht hatte, zum Zufluchtsort gewählt worden. Sie umarmten einander, und das unverdorbene Tuscaroraweib lachte in ihren süßen Tönen, als sie sich von der Gegenwart ihrer Freundin durch ihre Sinne überzeugen konnte.

»Blockhaus gut«, sagte die junge Indianerin; »nicht kriegen Skalp.«

»Es ist in der Tat gut, June«, antwortete Mabel mit Schaudern, wobei sie zugleich die Augen verhüllte, als ob sie den Anblick des Schreckens vermeiden wolle, dessen Zeuge sie eben gewesen war. »Sag‘ mir um Gottes willen, ob du weißt, was aus meinem lieben Onkel geworden ist; ich hab‘ in allen Richtungen nach ihm ausgesehen, ohne was von ihm entdecken zu können.«

»Nicht hier in Blockhaus?« fragte June mit einiger Neugier.

»Nein, er ist’s leider nicht. Ich bin ganz allein hier, seit Jennie, das Weib, das bei mir war, zu ihrem Mann hinauseilte, an dessen Seite sie ihre Unklugheit mit dem Leben büßte.«

»June wissen, June sehen; sehr schlimm: Pfeilspitze nicht fühlen für irgendein Weib, nicht fühlen für sein eigenes.«

»Ach June, dein Leben ist doch wenigstens sicher!«

»Kann nicht wissen! Pfeilspitze töten mich, wenn er alles wissen.«

»Gott segne und schütze dich, June; er muß dich für deine Menschlichkeit segnen und schützen. Sag‘ mir, was zu tun ist, und ob mein armer Onkel noch lebt?«

»Weiß nicht. Salzwasser haben Boot; kann sein, gegangen auf Fluß.«

»Das Boot ist noch am Ufer, aber weder mein Onkel noch der Quartiermeister ist irgendwo zu sehen.«

»Nicht tot, sonst June würde sehen. Versteckt! Rot Mann verstecken; keine Schande für Bleichgesicht.«

»Die Schande kümmert mich wenig, wohl aber, ob sie eine Gelegenheit zu einem Versteck gefunden haben. Euer Angriff war fürchterlich schnell, June!«

»Tuscarora!« erwiderte die andere mit einem entzückten Lächeln über die Raschheit ihres Gatten. »Pfeilspitze großer Krieger!«

»Du bist zu gut und zu zart für solch ein Leben, June; du kannst bei solchen Szenen nicht glücklich sein?«

Junes Gesicht umwölkte sich, und es kam Mabel vor, als liege etwas von dem wilden Feuer eines Häuptlings in ihrem finsteren Blick, als sie antwortete:

»Yengeese zu gierig, nehmen weg alle Jagdgründe; jagen sechs Volk von Morgen bis Nacht; schlecht König, schlechte Leute. Bleichgesicht sehr schlecht.«

Mabel wußte, daß viel Wahres in dieser Ansicht lag, obgleich sie zu unterrichtet war, um nicht einzusehen, daß der König in diesem wie in tausend anderen Fällen wegen Handlungen getadelt wurde, von denen er wahrscheinlich gar nichts wußte. Sie fühlte daher die Gerechtigkeit des gemachten Vorwurfs zu sehr, um eine Erwiderung zu versuchen, und ihre Gedanken kehrten natürlich wieder zu ihrer Lage zurück.

»Und was muß ich tun, June?« fragte sie. »Es kann nicht lange anstehen, bis deine Leute dieses Gebäude angreifen.«

»Blockhaus gut – kriegen nicht Skalp.«

»Aber sie werden bald entdecken, daß hier keine Mannschaft liegt, wenn sie es nicht schon wissen. Du, du selbst hast mir die Anzahl der Leute namhaft gemacht, die sich auf der Insel befanden, und ohne Zweifel hast du es von Pfeilspitze erfahren.«

»Pfeilspitze wissen«, antwortete June, indem sie, um die Zahl der Männer anzudeuten, sechs Finger erhob. »Alle rote Männer wissen. Vier schon verloren Skalp; zwei noch sie haben.«

»Sprich nicht davon, June; der schreckliche Gedanke macht mir das Blut in den Adern erstarren. Deine Leute können nicht wissen, daß ich allein in dem Blockhaus bin, aber sie können denken, mein Onkel und der Quartiermeister seien bei mir und werden Feuer um das Gebäude legen, um sie herauszutreiben. Man hat mir gesagt, daß Feuer das Gefährlichste für solche Plätze sei.«

»Nicht verbrennen Blockhaus«, sagte June ruhig.

»Du kannst das nicht wissen, meine gute June, und ich habe kein Mittel, sie davon abzuhalten.«

»Nicht verbrennen Blockhaus. Blockhaus gut; kriegen nicht Skalp.«

»Aber sage mir, warum, June; ich fürchte, sie werden es dennoch anzünden.«

»Blockhaus naß – viel Regen – grün Holz – nicht leicht brennen. Rot Mann wissen das – schön Ding – dann es nicht verbrennen, zu sagen Yengeese, daß Irokesen gewesen hier. Vater kommen zurück, fehlen Blockhaus, nicht finden. Nein, nein: Indianer viel zu schlau; nicht berühren etwas.«

»Ich verstehe dich, June, und hoffe, deine Voraussetzung wird eintreffen; denn was meinen lieben Vater anbelangt, wenn er entrinnen sollte – aber vielleicht ist es schon tot oder gefangen, June?«

»Nicht berühren Vater; nicht wissen, wohin er gegangen, Wasser haben keine Fährte – rot Mann nicht können folgen. Nicht verbrennen Blockhaus – Blockhaus gut; nicht kriegen Skalp.«

»Glaubst du, ich könne sicher hier bleiben, bis mein Vater zurückkehrt?«

»Nicht weiß; Tochter sagen am besten, wann Vater kommen zurück.«

Mabel wurde bange bei dem Blick, den Junes schwarzes Auge schoß, als sie diese Worte sprach; denn die schreckliche Vermutung stieg in ihr auf, daß ihre Gefährtin die Absicht habe, etwas aus ihr herauszulocken, das ihren Leuten von Nutzen sein könnte, wobei es zugleich zur Vernichtung ihres Vaters und seiner Mannschaft führen müßte. Sie war im Begriff, eine ausweichende Antwort zu geben, als auf einmal ein Stoß von außen an die Tür ihre Gedanken auf die Gefahr zurückführte.

»Sie kommen!« rief sie aus – »vielleicht, June, ist es mein Onkel oder der Quartiermeister. Ich kann sogar Herrn Muir nicht in einem Augenblick, wie dieser ist, ausschließen.«

»Warum nicht sehen? voller Schießloch, zu sehen.«

Mabel faßte den Wink auf und ging zu einer der abwärts gerichteten Schießscharten, die sich in den Stämmen befanden, die die Basis des vorspringenden Stockwerkes bildeten. Vorsichtig hob sie den Deckel, der das kleine Loch bedeckte, und warf einen Blick auf das, was an der Tür vorging. Das erblassende Gesicht des Mädchens sagte ihrer Gefährtin, daß einige von ihren eigenen Leuten unten seien. »Rot Mann«, sagte June, indem sie warnend und zur Vorsicht auffordernd einen Finger erhob.

»Es sind ihrer vier; sie sehen schrecklich in ihrer Malerei und mit ihren blutigen Siegeszeichen aus. Pfeilspitze ist unter ihnen.«

June hatte sich in eine Ecke begeben, wo einige vorrätige Büchsen lehnten, und sie hatte bereits eine in die Hand genommen, als der Name ihres Mannes ihre weiteren Bewegungen anzuhalten schien. Dies währte jedoch nur einen Augenblick; dann ging sie geradezu auf die Schießscharte los und war eben daran, die Mündung des Gewehres durchzustecken, als das Gefühl eines natürlichen Widerwillens Mabel veranlaßte, ihren Arm zu fassen.

»Nein, nein, nein, June!« sagte sie; »beginne nichts gegen deinen Gatten, und sollte es mich auch mein Leben kosten.«

»Nicht treffen Pfeilspitze«, erwiderte June mit einem leichten Schauder, »nicht treffen rot Mann überhaupt. Nicht schießen auf sie, nur erschrecken.«

Mabel begriff nun Junes Absicht und widersetzte sich nicht länger. Die Indianerin schob die Mündung des Gewehres durch die Schießscharten, wobei sie hinlänglich Geräusch veranlaßte, um Aufmerksamkeit zu erregen, und drückte ab. Das Gewehr war kaum entladen, als Mabel ihrer Freundin Vorwürfe für dieselbe Handlung machte, die die Absicht hatte, ihr Dienste zu leisten.

»Du hast gesagt, daß du nicht feuern wollest«, sagte sie, »und hast jetzt vielleicht deinen eigenen Gatten getötet.«

»Alles fortlaufen, ehe ich feuern«, erwiderte June lachend, ging dann zu einer anderen Schießscharte, um die Bewegungen ihrer Freunde zu beobachten, und lachte noch herzlicher. »Sieh! suchen Versteck – jeder Krieger. Glauben, Salzwasser und Quartiermeister hier. Nehmen in acht jetzt.«

»Gott sei gepriesen! Und nun, June, kann ich hoffen, meine Gedanken für eine kleine Weile zum Gebet zu sammeln, damit ich nicht wie Jennie sterbe – auf nichts bedacht, als auf das Leben und die Dinge dieser Welt.«

June legte die Büchse beiseite und setzte sich zu Mabel auf die Kiste, auf die das Mädchen infolge der physischen Erschöpfung, einer natürlichen Wirkung der Freude sowohl als des Kummers, niedergesunken war. Junitau blickte fest in das Gesicht Mabels mit einem Ausdruck, in dem diese den des Ernstes und der Bekümmernis zu finden glaubte.

»Pfeilspitze großer Krieger«, sagte das Tuscaroraweib. »Alle Mädchen vom Stamm viel blicken auf ihn. Die Bleichgesichtsschönheit hat auch Augen?«

»June! – was sollen diese Worte – dieser Blick? Was willst du sagen?«

»Warum du so Angst, June schießen Pfeilspitze?«

»Wär’s nicht schrecklich gewesen, ein Weib ihren eigenen Gatten erschlagen zu sehen? Nein, June, lieber war‘ ich selbst gestorben.«

»Ganz gewiß das alles?«

»Das war alles, so wahr Gott lebt – und gewiß, das war genug. Nein, nein! es hat heute genug des Entsetzlichen gegeben; eine Handlung wie diese soll es nicht noch vermehren. Was für einen anderen Grund konntest du vermuten?«

»Nicht wissen! Armes Tuscaroramädchen sehr töricht. Pfeilspitze großer Häuptling und sehen alles auf sich. Sprechen von Bleichgesichtsschönheit im Schlaf. Großer Häuptling lieben viele Weiber.«

»Kann ein Häuptling unter deinem Volk mehr als ein Weib besitzen, June?«

»Haben so viel, als er kann erhalten. Große Jäger oft heiraten. Pfeilspitze jetzt nur June haben; aber er sehen zuviel, sprechen zuviel von Bleichgesichtsmädchen.«

Mabel wußte von diesem Umstand, der sie bereits während ihrer Reise nicht wenig beunruhigt hatte, aber es verletzte sie, diese Anspielung, wie es jetzt geschah, aus dem Munde von des Indianers Weib zu vernehmen. Es war ihr zwar nicht unbekannt, daß Gewohnheiten und Ansichten in solchen Dingen einen großen Unterschied machen, aber zu der widerfahrenen Kränkung, die unfreiwillige Nebenbuhlerin eines Weibes zu sein, gesellte sich die Besorgnis, daß in ihrer gegenwärtigen Lage die Eifersucht eine zweideutige Gewährleistung für ihre persönliche Sicherheit sein dürfte. Ein festerer Blick auf June beruhigte sie jedoch wieder, denn es war leicht, in den Zügen dieses Naturkindes den Schmerz eines gebrochenen Herzens zu lesen, während auch nicht eine Spur des Hasses und des Verrates darin zu erkennen war.

»Du wirst mich nicht verraten, June?« sagte Mabel mit einem Händedruck, indem sie sich dem Zug eines edlen Vertrauens hingab. »Du wirst keine deines eigenen Geschlechts dem Tomahawk preisgeben?«

»Kein Tomahawk berühren dich. Pfeilspitze es nicht zulassen. Wenn June muß haben Schwesterweib, liebt sie, zu haben dich.«

»Nein, June; meine Religion und meine Gefühle, beide verbieten es. Und zudem, wenn es mir überhaupt möglich wäre, das Weib eines Indianers zu werden, so möchte ich nie in einem Wigwam dich von deinem Platze verdrängen.«

June antwortete nur mit einem frohen und dankbaren Blick. Sie wußte, daß sich wenige, vielleicht kein Indianermädchen aus dem Kreis von Pfeilspitzens Bekanntschaft mit ihr an körperlichen Reizen vergleichen ließ, und obgleich sich ihr Mann konnte einfallen lassen, ein ganzes Dutzend Weiber zu nehmen, so kannte sie doch außer Mabel keine, deren Einfluß sie wirklich gefürchtet hätte. Sie nahm jedoch an der Schönheit, dem gewinnenden Benehmen, der Güte und der weiblichen Zartheit Mabels so lebhaften Anteil, daß er, wenn die Eifersucht ihrer Gefühle erkalten wollte, nur neue Stärke erhielt und sogar zu einer Haupttriebfeder wurde, die die Indianerin veranlaßte, sich so großer Gefahr auszusetzen, um ihre mutmaßliche Nebenbuhlerin gegen die Folgen des Angriffes zu sichern, der, wie sie wohl wußte, im Schilde geführt wurde. Mit einem Wort – June hatte mit dem Scharfblick eines Weibes die Liebe ihres Gatten zu Mabel entdeckt. Aber statt sich den Qualen der Eifersucht, die ihren Haß gegen die Nebenbuhlerin erregt haben würde, hinzugeben, wie es vielleicht ein Weib getan haben würde, das weniger an die Unterwürfigkeit gegen die Rechte des Mannes gewöhnt gewesen, durchforschte sie die Blicke und den Charakter der Bleichgesichtsschönheit; und da sie mit nichts zusammentraf, was ihre eigenen Gefühle zurückstieß, wohl aber mit allem, was sie ansprach, gewann sie eine Bewunderung und Liebe zu dem weißen Mädchen, die zwar verschiedener Natur, aber doch nicht weniger stark war als die zu ihrem Gatten. Pfeilspitze selbst hatte sie ausgesendet, Mabel vor der nahenden Gefahr zu warnen, obgleich er nicht wußte, daß sich sein Weib gegenwärtig auf der Insel in dem Bereich der Angreifenden befand und mit dem Gegenstand ihrer vereinten Sorgfalt in der Zitadelle verschanzt war. Er glaubte im Gegenteil, wie June angedeutet hatte, daß sich Cap und Muir mit Mabel in dem Blockhaus aufhielten und daß der Versuch, ihn und seine Kameraden zurückzutreiben, von diesen Männern ausgegangen sei.

»June traurig, Lily nicht heiraten Pfeilspitze«, denn Lily nannte die Indianerin in ihrer poetischen Sprache Mabel. »Sein Wigwam groß, und ein großer Häuptling muß haben Weiber genug, zu füllen ihn.«

»Ich danke dir, June, für diesen Vorzug, der mit der Denkweise der weißen Weiber nicht im Einklang steht«, erwiderte Mabel lächelnd, ungeachtet der furchtbaren Lage, in der sie sich befand. »Aber ich werde vielleicht überhaupt nie heiraten.«

»Muß haben gut Ehemann«, sagte June. »Heiraten Eau-douce, wenn nicht lieber Pfeilspitze.«

»June, das ist kein geeignetes Gespräch für ein Mädchen, das kaum weiß, ob es in der nächsten Stunde noch leben wird oder nicht. Ach, wenn es nur möglich wäre, irgendeinen Wink von dem Leben und der Sicherheit meines Onkels zu bekommen!«

»June gehen sehen.«

»Kannst du? – willst du? – Kannst du dich mit Sicherheit auf der Insel sehen lassen? Ist deine Anwesenheit den Kriegern bekannt, und würde es ihnen gefallen, ein Weib mit ihnen auf dem Kriegspfad zu finden?«

Alles dieses fragte Mabel in rascher Aufeinanderfolge, da sie fürchtete, die Antwort möchte nicht ausfallen, wie sie wünschte. Sie hielt es für etwas Ungewöhnliches, daß June an dem Zug teilgenommen hatte und dachte sich daher, so unwahrscheinlich dies auch sein mochte, das Weib wäre heimlich in ihrem Kahn den Irokesen gefolgt und ihnen vorausgeeilt, nur um ihr jene Mitteilung zu machen, die wahrscheinlich ihr Leben gerettet hatte. June suchte und fand in ihrer unvollkommenen Ausdrucksweise Mittel, diesen Irrtum zu beseitigen.

Pfeilspitze, obgleich ein Häuptling, war bei seinem eigenen Volk in Ungnade gefallen und handelte im gegenwärtigen Augenblick in vollkommenem Einverständnis mit den Irokesen. Er hatte allerdings einen Wigwam, war aber selten darin, und während er Freundschaft für die Engländer heuchelte, in deren Dienste er scheinbar den Sommer hinbrachte, war er in Wirklichkeit für die Franzosen tätig, wobei ihn sein Weib auf vielen seiner Wanderungen begleitete, die er meistens im Kahn machte. Mit einem Wort, ihre Gegenwart war kein Geheimnis, da ihr Gatte selten ohne sie auszog. June teilte von diesen Verhältnissen Mabel genug mit, um sie zu dem Wunsch zu ermutigen, ihre Freundin möchte hinausgehen und sich über ihres Onkels Schicksal Gewißheit verschaffen; sie waren aber auch bald darüber im reinen, daß die Indianerin im nächsten günstigen Augenblick das Blockhaus zu diesem Zwecke verlassen solle.

Sie untersuchten zuerst von den verschiedenen Schießscharten aus die Insel, so gut es die Lage des Blockhauses erlaubte, und fanden, daß sich die Sieger zu einem Gelage vorbereiteten, wozu sie die Proviantvorräte der Engländer zusammengetragen und die Hütten geplündert hatten. Die meisten Vorräte waren in dem Blockhaus; aber auch außen war noch genug zu finden, um die Indianer für einen Angriff zu belohnen, der mit einer so geringen Gefahr begleitet war. Ein Teil hatte bereits die toten Körper auf die Seite geschafft, und Mabel sah, daß ihre Waffen in der Nähe des zum Mahle bestimmten Ortes aufgeschichtet waren. June deutete ihr durch ein Zeichen an, daß die Leichen in das Dickicht gebracht worden seien, um entweder begraben oder aus dem Gesicht geschafft zu werden. Nichts von den mehr augenfälligen Gegenständen auf der Insel war verändert, da die Sieger den Sergeanten bei seiner Zurückkunft in einen Hinterhalt zu locken wünschten. June machte ihre Gefährtin auf einen Mann auf einem Baum bemerklich, der, wie sie sagte, ein Lugaus sei, um rechtzeitig von der Annäherung eines Bootes Nachricht zu geben, obgleich die Abreise des Sergeanten erst so kürzlich geschehen war, daß nur ein unerwartetes Ereignis eine so baldige Rückkehr erwarten ließ. Es hatte nicht den Anschein, als ob man einen unmittelbaren Angriff auf das Blockhaus beabsichtige; wohl aber waren, wie June sagte, die Anzeichen vorhanden, daß es die Indianer bis zur Zurückkunft der Partei des Sergeanten im Auge behalten würden, damit nicht die Spuren eines Angriffs Pfadfinders geübten Augen einen warnenden Wink geben möchten. Des Bootes hatten sie sich jedoch versichert und es in dasselbe Gebüsch gebracht, wo die Kähne der Indianer verborgen lagen.

June teilte nun ihrer Freundin die Absicht mit, sich zu den Ihrigen zu begeben, da der Augenblick ungemein günstig war, das Blockhaus zu verlassen. Mabel fühlte einiges Mißtrauen, als sie die Leiter hinunterstiegen; aber im nächsten Augenblick schämte sie sich dieses Gefühls, weil es unbillig, gegen ihre Gefährtin und ihrer selbst unwürdig war; und als sie den Boden erreicht hatten, war das Vertrauen wieder hergestellt. Die Aufriegelung geschah mit der größten Vorsicht, und als der letzte Querbalken weggenommen werden sollte, stellte sich June so nahe wie möglich an die Stelle, wo die Tür aufgehen mußte. Dieser war kaum gelüpft und die Tür so weit geöffnet, daß man sich durchdrängen konnte, als June hinausschlüpfte, worauf Mabel unter hörbarem Herzklopfen und mit fast krampfartiger Hast den Riegel wieder vorschob. Jetzt erst fühlte sie sich wieder sicher, und die beiden anderen Balken wurden mit mehr Ruhe und Überlegung vorgelegt. Als nun die Tür fest geschlossen war, stieg sie wieder in den ersten Stock hinauf, wo sie allein einen Blick auf das, was außen vorging, werfen konnte.

Lange, schmerzlich trübe Stunden vergingen, ohne daß Mabel etwas von June erfuhr. Sie hörte das durchdringende Geschrei der Wilden, denn der Branntwein führte sie bereits über die Grenzen der Vorsicht; bisweilen warf sie durch die Schießscharten einen Blick auf die tollen Orgien, die ihr die Nähe ihrer Feinde ins Gedächtnis zurückriefen. Gegen Mittag kam es ihr vor, als sähe sie einen Weißen auf der Insel, obgleich ihn sein Anzug und sein wildes Aussehen zuerst als einen neu angekommenen Indianer erscheinen ließ. Ein Blick auf sein Gesicht jedoch, obgleich es dunkel und von der Sonne gebräunt war, ließ ihr keinen Zweifel mehr, daß ihre Vermutung richtig sei: eine erhebende Erscheinung in ihrer Lage, da sie nun einen Mann ihrer eigenen Farbe nahe wußte, dessen Beistand sie in der äußersten Not anrufen könnte. Ach, Mabel wußte nur wenig, wie gering der Einfluß der Weißen auf ihre wilden Verbündeten war, wenn diese einmal Blut gekostet hatten, oder wie wenig erstere überhaupt geneigt waren, den Grausamkeiten der Indianer Einhalt zu tun.

Der Tag kam Mabel wie ein Monat vor, und die einzigen, rascher entschwindenden Augenblicke waren die im Gebet zugebrachten Minuten. Sie nahm von Zeit zu Zeit zu diesem Trost ihre Zuflucht und fühlte sich jedesmal darauf fester, ruhiger und ergebener. Die Vermutung Junes wurde ihr immer wahrscheinlicher, und sie fing an zu glauben, daß das Blockhaus bis zur Rückkehr ihres Vaters unbelästigt bleiben würde, um ihn in einen Hinterhalt zu locken, wodurch sich ihre Besorgnis vor unmittelbarer Gefahr minderte. Aber die Zukunft gab ihr wenig Grund zur Hoffnung, und ihre Gedanken beschäftigten sich bereits mit der Wahrscheinlichkeit der Gefangenschaft.

Solange es Tag blieb, war die Lage Mabels schon hinreichend beunruhigend; als über die Schatten des Abends allmählich die Insel umfingen, wurde sie geradezu fürchterlich. Da sich die Wilden des ganzen Branntweinvorrates der Engländer bemächtigt hatten, steigerte sich ihn: Erregung nachgerade bis zur Wut, und ihr Lärmen und Toben gab ihnen das Ansehen, als ob sie von bösen Geistern besessen seien. Alle Bemühungen ihres französischen Führers, sie im Zaume zu halten, waren fruchtlos, weshalb dieser sich auch klüglich nach einem Biwak auf einer benachbarten Insel zurückgezogen hatte, um sich gegen seine so sehr zu Ausschweifungen geneigten Freunde sicherzustellen. Ehe jedoch dieser Offizier seine Stelle verließ, war es ihm, unter Gefährdung seines eigenen Lebens, gelungen, das Feuer auszulöschen und die gewöhnlichen Mittel, es wieder anzuzünden, auf die Seite zu schaffen. Er hatte diese Vorsichtsmaßregel angewandt, damit die Indianer das Blockhaus nicht verbrennen sollten, dessen Erhaltung zur Erreichung seiner künftigen Pläne nötig war. Ebensogern hätte er auch alle Waffen entfernt, was sich aber nicht ausführen ließ, da die Krieger ihre Messer und Tomahawks mit der Beharrlichkeit von Männern festhielten, die es für eine Ehrensache erachteten, sie nicht aus der Hand zu lassen, solange sie noch die Fähigkeit, sie zu führen, besaßen; auch wäre die Entfernung der Büchsen, solange man ihnen die Waffen ließ, die bei solchen Gelegenheiten gewöhnlich gebraucht wurden, ein vergebliches Unternehmen gewesen. Das Auslöschen des Feuers bewährte sich als die klügste Maßregel; denn der Offizier hatte sich kaum zurückgezogen, als einer der Krieger den Vorschlag machte, das Blockhaus anzuzünden. Pfeilspitze hatte sich gleichfalls von der betrunkenen Rotte entfernt, sobald er bemerkte, daß sie ihrer Sinne nicht mehr mächtig sei, und eine Hütte aufgesucht, wo er sich auf das Stroh warf, um die Ruhe zu suchen, die ihm zwei Nächte der Schlaflosigkeit und Tätigkeit nötig gemacht hatten. Es war daher niemand unter den Indianern, der für Mabel Sorge getragen hätte, wenn sie überhaupt etwas von ihrer Anwesenheit wußten; und der Vorschlag des Trunkenbolds wurde von acht bis zehn ebenso betrunkenen und viehischen Kerlen mit gellendem Freudengeschrei aufgenommen.

Ein fürchterlicher Augenblick für Mabel! Die Indianer bekümmerten sich in ihrem gegenwärtigen Zustand wenig um die Büchsen, die sich noch im Blockhaus befinden mochten. Die dunkle Erinnerung, die ihnen noch von den lebenden Wesen, die sich darin aufhielten, geblieben war, diente als ein weiterer Sporn für ihr Vorhaben, und da sie von dem Getränk erst aufgeregt, nicht betäubt waren, so näherten sie sich dem Gebäude mit dem Geheul und den Sprüngen losgelassener Teufel. Zuerst versuchten sie es mit der Tür, indem sie in Masse gegen sie ansprengten; aber ihre Festigkeit, sie war ganz aus Baumstämmen, mußte ihre Bemühung vereiteln und wären sie hundert gewesen. Mabel wußte das freilich nicht, und ihr Herz wollte sich stets durch einen Hilferuf Luft machen, wenn sie die heftigen Stöße bei jeder neuen Anstrengung vernahm. Endlich jedoch, als sie fand, daß die Tür allen Angriffen widerstand, ohne erschüttert zu werden oder nachzugeben, und nur durch das leichte Knarren in ihren schweren Angeln verriet, daß sie ein von der Wand getrennter Teil sei, belebte sich ihr Mut wieder, und sie, ergriff den ersten günstigen Augenblick, um durch die Öffnung hinunterzusehen and womöglich den Umfang der vorhandenen Gefahr kennenzulernen. Ein Schweigen, das sie sich nicht zu erklären vermochte, steigerte ihre Neugier, denn nichts ist für jemand, der sich in der Nähe einer großen Gefahr weiß, beunruhigender als die Unmöglichkeit, ihren Gang zu verfolgen.

Mabel fand, daß zwei oder drei Irokesen die Asche durchsucht und einige glimmende Kohlen gefunden hatten, die sie zu einer Flamme anzublasen suchten. Der Eifer, mit dem sie ihr Geschäft betrieben, die Hoffnung des Gelingens ihrer verderblichen Absicht und die Macht der Gewohnheit setzten sie in den Stand, umsichtig und vereint zu handeln, solange sie ihren grausamen Zweck im Auge behielten. Ein Weißer würde an dem Versuch verzweifelt sein, aus der Asche gelesene Fünkchen zu einem Feuer anzublasen; aber diesen Kindern des Waldes standen manche Mittel zu Gebote, von denen die Zivilisation nichts weiß. Mit Hilfe einiger trockener Blätter, die allein sie zu finden wußten, brachten sie endlich eine Flamme zustande und versicherten sich des gewonnenen Vorteils, indem sie diese durch einige leichte Holzstücke unterhielten. Als Mabel sich über die Schießscharte beugte, häuften die Indianer gerade Gesträuch an der Tür auf, und da sie stehenblieb, um die weiteren Schritte zu beobachten, bemerkte sie, wie die Zweige Feuer, fingen und die Flamme von Ast zu Ast flog, bis der ganze Stoß prasselte und sich in glänzender Lohe verzehrte. Die Indianer erhoben nun ein gellendes Triumphgeschrei und kehrten zu ihren Gefährten zurück, überzeugt, daß das Werk der Zerstörung seinen Anfang genommen habe. Mabel blickte fortwährend hinunter, kaum fähig, sich von der Schwelle zu bewegen – so mächtig war der Anteil, den sie an dem Fortschreiten des Feuers nahm. Als jedoch der Holzstoß durchaus in Glut stand, hoben sich die Flammen so weit, daß sie ihr die Augenbrauen sengten und sie zum Rückzug zwangen. Sie hatte kaum die entgegengesetzte Seite des Raumes, zu der sie sich in ihrer Angst geflüchtet, erreicht, als durch die Öffnung der Schießscharte, die sie zu schließen vergessen, ein Feuerstrahl heraufschoß und das unscheinbare Gemach mit Mabel und ihrer Trostlosigkeit beleuchtete. Sie mußte nun natürlich denken, ihre letzte Stunde sei gekommen, denn die Tür, der einzige Weg zur Flucht, war mit höllischem Scharfsinn durch das brennende Gestrüpp verrammelt worden; und zum letztenmal, wie sie glaubte, richtete sie ihr Gebet an ihren Schöpfer. Ihre Augen waren geschlossen, und ihr Geist schien mehr als eine Minute abwesend; aber der Lebenswille kämpfte noch zu heftig in ihrer Seele, um ganz unterdrückt werden zu können, und als sie unwillkürlich die Augen aufschlug, wurde sie nicht mehr durch den Flammenstrom geblendet, obgleich das Holz rund um die kleine Öffnung gloste und das Feuer unter dem Einfluß eines aufgesaugten Luftstoßes langsam aufflackerte. Eine Tonne mit Wasser stand in einer Ecke, und Mabel griff mehr instinktartig als mit voller Besinnung nach einem Gefäß, füllte es und goß es mit zitternder Hand über das Holz, wodurch es ihr gelang, an dieser Stelle die Flamme zu löschen. Sie konnte wegen des Rauches einige Minuten lang nicht hinuntersehen; als ihr aber dies möglich wurde, klopfte ihr Herz hoch auf vor Freude und Hoffnung, denn der brennende Holzstoß war übereinandergestürzt und zerstreut, und über die Holzstämme der Tür war Wasser gegossen worden, so daß sie wohl noch rauchten, aber nicht brannten.

»Wer ist da?« rief Mabel durch die Öffnung hinunter. »Welche freundliche Hand hat mir die gütige Vorsehung zum Beistand gesendet?«

Man hörte unten einen leichten Fußtritt und einige schwache Schläge an der Tür, die kaum die Angeln ertönen ließen.

»Wer begehrt Einlaß? Seid Ihr es, lieber Onkel?«

»Salzwasser nicht hier. Sankt Lorenzo süß Wasser«, war die Antwort. »Öffnen schnell, müssen hinein.«

Mabels Tritt war nie leichter und ihre Bewegungen nie schneller und natürlicher, als wie sie die Leiter hinunterstieg und die Balken von der Tür nahm; doch trug ihr ganzes Benehmen das Gepräge des Ernstes und der Hast. Die ganze Zeit dachte sie nur an ihre Flucht, und sie öffnete die Tür mit einer Eile, die keine Vorsicht erlaubte. Ihr erster Gedanke war, ins Freie zu eilen, damit sie nur aus dem Blockhaus käme, aber June verhinderte diesen Versuch und legte, sobald sie eingetreten war, wieder ruhig die Riegel vor, ehe sie auf Mabels Bemühungen, sie zu umarmen, achtete.

»Gott segne dich! Gott segne dich, June!« rief das Mädchen mit Inbrunst. »Die Vorsehung hat dich mir als Schutzengel gesendet!«

»Nicht umfassen so fest«, antwortete das Tuscaroraweib. »Bleichgesichtsweib ganz weinen oder ganz lachen. Laß June schließen Türe.«

Mabel kam ein wenig zur Besinnung, und in wenigen Minuten befanden sich die beiden wieder in dem oberen Raum. Sie saßen Hand in Hand beisammen, und die Gefühle des Mißtrauens und der Eifersucht waren auf der einen Seite durch das Bewußtsein empfangener, auf der andern durch die Erinnerung an erwiesene Gunst zum Schweigen gebracht. »Nun sag mir, June«, begann Mabel, »hast du was von meinem Onkel gesehen oder gehört?«

»Nicht weiß. Niemand sehen ihn, niemand hören ihn, niemand wissen was. Salzwasser in Fluß laufen, denk‘ ich, denn ich nicht finden ihn. Ich schauen und schauen und schauen, aber nicht sehen sie; nicht einen, richt andern, nicht wo.«

»Gott sei gelobt! Sie müssen entkommen sein, obgleich wir nicht wissen, wie. Es kam mir vor, als ob ich einen Franzosen auf der Insel gesehen hätte, June?«

»Ja; französisch Kapitän kommen, aber auch wieder fort sein. Viel Indianer auf der Insel.«

»Oh! June, June, gibt es kein Mittel, meinen lieben Vater aus den Händen seiner Feinde zu retten?«

»Nicht weiß! denk, daß Krieger warten in Hinterhalt, und Yengeese müssen verlieren Skalp.«

»Gewiß, gewiß, June, kannst du, die du soviel für die Tochter getan hast, mir nicht verweigern, auch dem Vater zu helfen?«

»Nicht kennen Vater, nicht lieben Vater. June helfen eigenem Volk, helfen Pfeilspitze – Mann lieben Skalp.«

»June, nimmer kann ich das von dir glauben. Nein, ich kann, ich will nicht glauben, daß du unsere Leute ermordet sehen möchtest.«

June richtete ihr dunkles Auge ruhig auf Mabel, und einen Moment wurde ihr Blick ernst, obgleich er bald wieder den Ausdruck einer schwermütigen Teilnahme gewann.

»Lily, Yengeese Mädchen?« fragte sie.

»Gewiß, und als ein Yengeesemädchen möcht‘ ich meine Landsleute von der Schlachtbank retten.«

»Sehr gut, wenn können. June nicht Yengeese, June Tuscarora haben Tuscarora-Mann – Tuscarora-Herz – Tuscarora-Gefühl ganz und gar Tuscarora. Lily wird nicht gehen und sagen Franzosen, daß ihr Vater wird kommen, zu gewinnen Sieg?«

»Vielleicht nicht, erwiderte Mabel und drückte die Hand gegen das wirre Gehirn; »vielleicht nicht, aber du dienst mir, hilfst mir, hast mich gerettet, June! Warum hast du das getan, wenn du nur wie eine Tuscarora fühlst?«

»Nicht allein fühlen wie Tuscarora, fühlen als Mädchen, fühlen als Weib. Lieben schöne Lily und in Busen tragen.«

Mabel zerfloß in Tränen und drückte das liebevolle Geschöpf an ihr Herz. Es dauerte eine Minute, bis sie weitersprechen konnte; dann fuhr sie aber mit mehr Ruhe und Zusammenhang fort:

»Laß mich das Schlimmste wissen, June«, sagte sie. »Heute nacht tun sich deine Leute gütlich, was haben sie morgen vor?«

»Weiß nicht; fürchten, zu sehen Pfeilspitze; fürchten zu fragen; glauben, verstecken, bis Yengeese kommen zurück.«

»Werden sie keinen neuen Versuch gegen das Blockhaus machen? Du hast gesehen, wie fürchterlich sie sein können, wenn sie wollen.«

»Zuviel Rum. Pfeilspitze schlafen, oder nicht wagen. Französisch Kapitän sein weg, oder nicht wagen. Alles gehen zu schlafen nun.«

»Und du glaubst, daß ich wenigstens für diese Nacht sicher bin?«

»Zuviel Rum. Wenn Lily wie June, könnte tun viel für ihr Volk.«

»Ich bin wie du, June, wenn der Wunsch, meinen Landsleuten zu dienen, mich einem so mutigen Mädchen gleichstellen kann.«

»Nein, nein, nein«, murmelte June leise vor sich hin; »nicht haben Herz, und wenn haben, June nicht lassen dich. Junes Mutter einmal gefangen, und Krieger sein trunken; Mutter alle tomahawken. So Rothautweiber tun, wenn Leute in Gefahr und brauchen Skalp.«

»Du hast recht«, erwiderte Mabel mit Schaudern, indem sie unwillkürlich Junes Hand fallen ließ. »So etwas könnte ich nicht tun. Ich hab‘ weder die Kraft noch den Mut, noch den Willen, meine Hände in Blut zu tauchen.«

»Denken das auch; – dann bleiben, wo du sein – Blockhaus gut – nicht kriegen Skalp.«

»Du glaubst also, daß ich hier sicher sein werde, wenigstens bis, mein Vater und seine Leute zurückkehren?«

»Wissen das. Nicht dürfen anrühren Blockhaus morgen. Horch! Alles nun still – trinken Rum, bis Kopf fallen nieder, und schlafen wie Klotz.«

»Könnte ich nicht entkommen? Sind nicht einige Kähne an der Insel? – Könnte ich nicht einen davon nehmen und meinem Vater entgegengehen, um ihm mitzuteilen, was hier vorgegangen ist?«

»Wissen, wie zu rudern?« fragte June mit einem verstohlenen Blick auf Mabel.

»Nicht so gut wie du vielleicht; aber gut genug, um vor Tagesanbruch deinen Leuten aus dem Gesicht zu sein.«

»Was tun dann? – Nicht können rudern sechs – zehn – acht Meilen!«

»Ich weiß das nicht; ich würde viel können, um meinem Vater, dem wackeren Pfadfinder und den übrigen einen Wink von der Gefahr zu geben, in der sie sich befinden.«

»Lieben Pfadfinder?«

»Wer ihn kennt, liebt ihn; – auch du müßtest ihn lieben, wenn du sein Herz kennen würdest.«

»Nicht ihn lieben, gar nicht. Zu gut Büchse – zu gut Auge – zuviel schießen Irokesen und Junes Volk. Kriegen müssen sein Skalp, wenn können.«

»Und ich muß ihn retten, wenn ich kann, June. In dieser Beziehung also sind wir Gegnerinnen. Ich will, solange sie noch schlafen, einen Kahn aufsuchen und die Insel verlassen.«

»Nicht können – June dürfen nicht lassen dich. Rufen Pfeilspitze.«

»June, du wirst mich nicht verraten; du kannst mich nicht preisgeben, nach allem, was du schon für mich getan hast!«

»Gerade so«, erwiderte June, indem sie die Hand rückwärts bewegte, und mit einer Wärme und einem Ernst sprach, die Mabel nie zuvor an ihr bemerkt hatte. »Rufen Pfeilspitze mit lauter Stimme. Ein Ruf von Weib wecken Krieger auf. June nicht lassen Lily helfen Feind – nicht lassen Indianer verletzen Lily.«

»Ich verstehe dich, June, und fühle das Natürliche und Gerechte deiner Gefühle; und im Grunde ist’s doch besser, daß ich hier bleibe, denn ich hab‘ sehr wahrscheinlich meine Kräfte überschätzt. Aber sage mir nur noch eins: Wenn mein Onkel in der Nacht kommt und um Einlaß bittet, so wirst du mich doch die Tür des Blockhauses öffnen lassen, daß er herein kann?«

»Gewiß – er gefangen hier, und June lieben Gefangenen mehr als Skalp; Skalp gut für Ehre, Gefangener gut für Gefühl. Aber Salzwasser so gut verborgen; er selbst nicht wissen, wo er sein.«

June lachte dabei in mädchenhafter, lustiger Weise, denn sie war mit Szenen der Gewalt zu vertraut, um diese Eindrücke so tief zu Herzen zu nehmen, daß sie ihr Naturell geändert hätten. Es folgte nun eine lange and lebhafte Unterhaltung, in der sich Mabel bemühte, ihre gegenwärtige Lage genauer kennenzulernen, und sich der schwachen Hoffnung hingab, es möchten sich einige der Tatsachen, die sie auf diesem Wege erfuhr, zu ihrem Vorteil wenden lassen. June beantwortete ihre Fragen einfach, aber mit Vorsicht, da sie recht gut zwischen dem, was unwesentlich war, und zwischen dem, was die Sicherheit oder die weiteren Schritte ihrer Freunde gefährden konnte zu unterscheiden wußte. Mabel erfuhr ungefähr folgendes:

Pfeilspitze, auch Arrowhead genannt, stand schon lange mit den Franzosen in Verbindung, obgleich dieses die erste Gelegenheit war, bei der er seine Maske ganz ablegte. Da er, zumal bei dem Pfadfinder, Spuren des Mißtrauens bemerkt hatte, so wagte er sich nicht mehr unter die Engländer, und mit indianischer Prahlerei wollte er nun lieber seine Verräterei zur Schau tragen als sie verbergen. Er hatte den Kriegerhaufen bei dem Angriff auf die Insel unter der Oberaufsicht des bereits erwähnten Franzosen angeführt; aber June lehnte es ab, Auskunft darüber zu geben, ob er auch das Mittel zur Entdeckung der Lage dieses Platzes geworden sei, den man den Blicken des Feindes so sehr entzogen gewähnt, obgleich sie zugestand, daß sie und ihr Gatte seit der Abreise des Scud den Kutter im Auge behalten hätten, bis sie von ihm überholt und genommen worden seien. Die Franzosen hatten erst in der neuesten Zeit genaue Mitteilungen über die wahre Lage der Station erhalten, und Mabel fühlte einen Stich durchs Herz, als sie aus den versteckten Anspielungen der Indianerin entnehmen zu müssen glaubte, daß diese Mitteilung von einem unter Duncan of Lundie stehenden Bleichgesicht herrühre. Dies war jedoch eher angedeutet als ausgesprochen, und sobald Mabel Zeit hatte, über die Worte ihrer Gefährtin nachzudenken und sich zu erinnern, wie kurz und abgemessen sie in ihrer Ausdrucksweise war, gab sie der Hoffnung wieder Raum, daß sie dies unrecht verstanden habe und daß sich Jasper Western als vollkommen gerechtfertigt aus diese Sache ziehen werde.

June zögerte nicht, zu bekennen, daß sie auf die Insel gesandt worden sei, um über die Anzahl und das Treiben derer, die darauf geblieben waren, genaue Nachricht einzuziehen, obgleich sie auch in ihrer naiven Weise verriet, daß sie hauptsächlich durch den Wunsch, Mabel zu dienen, veranlaßt worden sei, sich zu diesem Geschäft brauchen zu lassen. Infolge ihrer und anderweitiger Mitteilungen kannte der Feind die Macht genau, die gegen ihn aufgebracht werden konnte; auch wußten sie, mit wieviel Mannschaft und mit welcher Absicht Sergeant Dunham ausgezogen war, obgleich es ihnen unbekannt blieb, an welcher Stelle er die französischen Boote zu treffen hoffte. June war bei ihren Enthüllungen ebenso begierig zu erfahren, wo der Sergeant hingegangen sei und wann er zurückkehren werde, wie Mabel in betreff anderer Punkte; aber June enthielt sich mit einem Zartgefühl, das dem zivilisiertesten Volke Ehre gemacht hätte, jeder Frage und versuchte auch keinen andern Weg, der mittelbaren Aufschluß über diese ihr so wichtige Angelegenheit herbeizuführen vermochte, obgleich sie mit fast atemloser Aufmerksamkeit horchte, wenn Mabel in ihrer eigenen Erzählung einen Umstand berührte, der möglicherweise ein Licht hätte auf die Sache werfen können.

In dieser Weise entschwanden den beiden die Stunden unbeachtet, denn jede war zu sehr beteiligt, um an Ruhe zu denken. Doch forderte gegen Morgen die Natur ihre Rechte, und Mabel ließ sich überreden, sich auf eines der für die Soldaten bestimmten Strohlager zu legen, wo sie bald in einen tiefen Schlaf verfiel. June nahm an ihrer Seite Platz. Auf der ganzen Insel herrschte eine Ruhe, als ob der Bereich des Waldes nie durch menschlichen Fußtritt gestört worden sei.

Als Mabel erwachte, strömte das Licht der Sonne durch die Schießscharten, und sie fand, daß der Tag bereits beträchtlich vorgerückt war. June lag noch neben ihr und schlief so sanft und tief, als ob sie die Sorge gar nicht kenne. Trotzdem weckten Mabels Bewegungen die an Wachsamkeit gewöhnte Indianerin bald, und beide verschafften sich nun durch die Schießscharten einen Überblick über das, was um sie her vorging.

Dreiundzwanzigstes Kapitel

Dreiundzwanzigstes Kapitel

Die Ruhe der vergangenen Nacht stand in keinem Widerspruch mit den Bewegungen des Tages. Obgleich Mabel und June an allen Schießscharten herumgingen, ließ sich doch, mit Ausnahme ihrer selbst, kein lebendes Wesen auf der ganzen Insel entdecken. An der Stelle, wo M’Nab und seine Kameraden gekocht hatten, befand sich ein halberloschenes Feuer, als ob der Rauch, der sich in die Höhe ringelte, die Absicht hätte, die Abwesenden anzulocken; und ringsumher waren die Hütten wieder in ihren früheren Zustand versetzt worden. Mabel fuhr unwillkürlich zusammen, als ihr Auge auf eine Gruppe von drei Männern in den Scharlachröcken des fünfundfünfzigsten Regiments fiel, die in nachlässiger Stellung im Grase saßen, als ob sie in sorgloser Sicherheit miteinander plauderten; aber ihr Blut erstarrte, als sie bei einem zweiten Blick die farblosen Gesichter und die gläsernen Augen der Toten erkannte. Sie saßen ganz in der Nähe des Blockhauses, und zwar so nahe, daß sie dem ersten Blick auffallen mußten; auch lag, da man ihre starren Glieder in verschiedene, das Leben nachahmende Lagen gebracht hatte, eine so spöttische Leichtfertigkeit in ihren Stellungen und Gebärden, daß sich die Seele darüber empörte. So schrecklich übrigens diese Gruppe jedem sein möchte, der nahe genug war, um den schreienden Kontrast zwischen Schein und Wesen zu entdecken – die Täuschung war doch mit so viel Kunst ausgeführt, daß sie einen oberflächlichen Beobachter auf eine Entfernung von hundert Ellen irreleiten konnte. Nach einer sorgfältigen Untersuchung der Ufer machte June ihre Gefährtin auf einen vierten Soldaten aufmerksam, der, an einem Baum gelehnt, mit überhängenden Füßen am Wasser saß, und eine Angelrute in der Hand hielt. Die skalplosen Köpfe waren mit Mützen bedeckt, und alle Spuren von Blut vorsichtig von den Gesichtern gewaschen.

Mabel wurde fast ohnmächtig bei diesem Anblick, der nicht nur allen ihren Begriffen von Schicklichkeit zuwiderlief, sondern auch an sich so empörend und allen menschlichen Gefühlen entgegen war. Sie sank auf einen Stuhl und verbarg das Antlitz einige Minuten in ihrem Gewand, bis sie ein leiser Ruf von June wieder an die Schießscharten zog. June zeigte ihr nun den Körper von Jennie, die in einer vorwärts gebeugten Stellung, als ob sie auf die Gruppe der Männer sähe, in der Tür einer Hütte zu stehen schien, indes ihre Haube in dem Winde flatterte, und ihre Hand einen Besen hielt. Die Entfernung war zu groß, um die Züge genau zu unterscheiden; aber es kam Mabel so vor, die Kinnlade sei niedergedrückt und der Mund zu einem entsetzlichen Lachen verzogen.

»June! June!« rief sie aus, »das übersteigt alles, was ich je von der Verräterei und der List deines Volkes gehört oder für möglich gehalten habe.«

»Tuscarora sehr schlau«, sagte June in einem Ton, der den Gebrauch, der von den Leichnamen gemacht worden, mehr zu billigen als zu verwerfen schien. »Soldaten tun nichts Leid nun; tun Irokesen gut; kriegen Skalp zuerst; nun machen Tote helfen. Dann sie verbrennen.«

Aus diesen Worten wurde Mabel klar, wie sehr der Charakter ihrer Gefährtin von dem ihrigen verschieden war, und es vergingen einige Minuten, ehe sie die Indianerin wieder anzureden vermochte. Aber diese vorübergehende Anwandlung von Widerwillen war bei June verloren, denn sie schickte sich zur Bereitung ihres einfachen Frühstücks an, wobei ihr ganzes Benehmen bewies, wie unempfindlich sie bei anderen gegen Gefühle war, die sie ihre Erziehung abzulegen gelehrt hatte. Mabel genoß nur weniges, während ihre Gefährtin aß, als ob gar nichts vorgefallen sei. Dann überließen sie sich wieder ihren Gedanken oder setzten ihre Untersuchungen durch die Schießscharten fort. Mabel brannte zwar von fieberischem Verlangen, stets an diesen Öffnungen zu sein; aber sie trat selten davor, ohne sich mit Widerwillen abzuwenden, obgleich ihre Angst sie nach einigen Minuten wieder dahin zurückführte, wenn sie ein Geräusch vernahm, mochte es auch nur das Rauschen der Blätter oder das Seufzen des Windes sein. Es war in der Tat etwas feierlich Ergreifendes, diesen verlassenen Ort von Toten in der Kleidung des Lebens und in der Stellung sorgloser Heiterkeit oder rohen Vergnügens bevölkert zu sehen. Diesen ganzen Tag über, der Mabel kein Ende zu nehmen schien, ließ sich weder ein Indianer noch ein Franzose blicken, und die Nacht senkte sich allmählich über diese schweigende Maskerade mit der unabänderlichen Stetigkeit, mit der die Erde ihren Gesetzen folgt, ohne sich um das kleinliche Treiben der Menschen zu kümmern. Die Nacht war weit ruhiger als die vorhergehende, und Mabel schlief mit neuer Zuversicht, denn sie fühlte sich nun überzeugt, daß sich ihr Schicksal nicht vor der Zurückkunft ihres Vaters entscheiden würde. Er wurde jedoch schon am folgenden Tag erwartet. Als Mabel erwachte, eilte sie hastig zu den Schießscharten, um über den Stand des Wetters, das Aussehen des Himmels und über die Verhältnisse auf der Insel Erkundigung einzuziehen. Da saß noch die furchtbare Gruppe im Gras; der Fischer beugte sich noch über das Wasser, als ob er lebhaft auf seinen Fang erpicht sei, und das Gesicht Jennies glotzte in schrecklicher Verzerrung aus der Hütte. Aber das Wetter hatte sich geändert. Der Wind blies steif aus Süden, und obgleich hell, war die Luft doch mit den Anzeichen des Sturmes erfüllt.

»Es wird mir immer unerträglicher, June«, sagte Mabel, als sie die Öffnung verließ. »Ich wollte lieber den Feind sehen, als stets diese schreckliche Heerschau des Todes vor Augen haben.«

»Still! da sie kommen. June denken hören einen Schrei, wie Krieger rufen, wenn er nehmen einen Skalp.«

»Was meinst du? Es gibt nichts mehr zu schlachten! – es kann nichts mehr geben!«

»Salzwasser!« rief June lachend, indem sie durch die Schießscharte blickte.

»Mein Onkel! Gott sei Dank! Er lebt also! O June, June, du wirst ihm doch kein Leid tun lassen?«

»June arme Squaw. Was Krieger denken von was ich sagen? Pfeilspitze bringen ihn her.«

Mabel stand an einer Schießscharte und sah deutlich genug Cap und den Quartiermeister in den Händen von acht oder zehn Indianern, die jene zum Fuß des Blockhauses führten; denn da sie nunmehr gefangen waren, sah der Feind wohl ein, daß sich kein Mann in diesem Gebäude befinden könne. Mabel wagte kaum zu atmen, bis der ganze Trupp unmittelbar vor der Tür stand, wo sie dann zu ihrer großen Freude bemerkte, daß der französische Offizier unter ihnen war. Es folgte nun eine kurze Besprechung, die Pfeilspitze und der weiße Führer mit den Gefangenen hielt, worauf der Quartiermeister mit vernehmlicher Stimme unserer Heldin zurief:

»Schöne Mabel! Schöne Mabel!« sagte er, »blicken Sie aus einer Ihrer Schießscharten auf uns herunter, und haben Sie Mitleid mit unserer Lage. Wir sind mit augenblicklichem Tod bedroht, wenn Sie nicht den Siegern die Tür öffnen. Lassen Sie sich also erweichen, sonst tragen wir unsere Skalpe keine halbe Stunde mehr von diesem gesegneten Augenblick an.«

Mabel kam es vor, als ob Spott und Leichtfertigkeit in diesem Aufruf liege, ein Benehmen, das mehr dazu diente, ihren Entschluß, den Platz so lange wie möglich zu halten, zu befestigen als zu entkräften.

»Sprecht Ihr zu mir, Onkel«, rief sie durch die Schießscharte »und sagt mir, was ich tun soll.«

»Gott sei Dank! Gott sei Dank!« entgegnete Cap; »der Ton deiner Stimme, Magnet, nimmt mir eine schwere Last vom Herzen; denn ich fürchtete, du habest das Los der armen Jennie geteilt. Es lag mir in den letzten vierundzwanzig Stunden auf der Brust, als ob man eine Tonne Blockeisen darauf verstaut hätte. Du fragst mich, was du tun sollst, Kind, und ich weiß nicht, was ich dir raten soll, obgleich du meiner Schwester Tochter bist. Armes Mädchen! Alles, was ich dir jetzt sagen kann, ist, daß ich vom Grunde meines Herzens den Tag verwünsche, an dem wir beide jemals diesen Frischwasserstreifen gesehen haben.«

»Aber, Onkel, wenn Euer Leben in Gefahr ist – meint Ihr, ich solle die Tür öffnen?«

»Ein runder Schlag und zwei Timmerstiche machen einen festen Beleg; und ich würde niemand raten, der außer dem Bereich dieser Teufel ist, was zu entriegeln oder aufzumachen, um in ihre Hände zu fallen. Was den Quartiermeister und mich anbelangt, so sind wir beide ältliche Leute und für die Menschheit von keiner besonderen Bedeutung, wie der ehrliche Pfadfinder sagen würde; es kann jenem daher keinen großen Unterschied ausmachen, ob er seine Zahlungslisten in diesem oder dem nächsten Jahre ausgleicht, und was mich anlangt, ja, wenn ich auf hoher See an Bord wäre, so wüßt‘ ich wohl, was ich zu tun hätte, aber hier oben, in dieser wässerigen Wildnis, kann ich nur sagen, daß ein gutes Stück indianischer Logik dazu gehören würde, mich aus einem solchen bißchen Bollwerk, wenn ich dahinter wäre, ‚rauszukriegen.«

»Sie werden nicht auf alles, was Ihr Onkel sagt, achten«, warf Muir ein, »denn das Unglück hat ihm augenscheinlich den Kopf verwirrt, so daß er nicht imstande ist, das einzusehen, was im gegenwärtigen Augenblick nottut. Wir sind hier in den Händen sehr umsichtiger und achtenswerter Personen, wie man erkennen muß, und wir haben wenig Ursache, irgendeine mißliebige Gewalt zu befürchten. Die Zufälle, die sich ereignet haben, sind in einem Krieg gewöhnlich und können unsere Gefühle gegen den Feind nicht ändern, denn dieser ist weit entfernt, die Absicht an den Tag zu legen, daß den Gefangenen irgendein Leid zugefügt werde. Ich bin überzeugt, daß Meister Cap so wenig wie ich Ursache hat, sich zu beklagen, denn wir haben uns selbst Meister Pfeilspitze ausgeliefert, der mich durch seine Tugenden und seine Mäßigung an die Römer oder Spartaner erinnert; es wird Ihnen aber bekannt sein, daß die Gebräuche verschieden sind und daß unsere Skalpe als gesetzliche Opfer genommen werden können, um die Manen gefallener Feinde zu sühnen, wenn Sie sie nicht durch Kapitulation retten.«

»Ich werde besser tun, in dem Blockhaus zu bleiben, bis das Schicksal der Insel entschieden ist«, erwiderte Mabel. »Unsere Feinde können mich wenig bekümmern, da sie wissen, daß ich ihnen keinen Schaden zufügen kann. Ich halte es daher für mein Geschlecht und für mein Alter weit passender, hier zu bleiben.«

»Wenn es sich hier bloß um das, was für Sie passend ist, handelte, Mabel, so würden wir uns alle gern Ihren Wünschen fügen; aber diese Herren glauben, daß das Blockhaus für ihre Operationen sehr günstig sei, und haben daher ein großes Verlangen, es in ihre Gewalt zu kriegen. Offen gesprochen, ich und Ihr Onkel sind in einer eigentümlichen Lage, und ich habe, um üblen Folgen vorzubeugen, als Offizier in Seiner Majestät Diensten eine Verbal-Kapitulation abgeschlossen, in der ich mich verpflichtete, das Blockhaus und die ganze Insel zu übergeben. Das ist das Los des Krieges, und man muß sich ihm unterwerfen, öffnen Sie also ohne Aufschub die Tür, schöne Mabel, und vertrauen Sie sich der Sorgfalt derer an, die wohl wissen, wie sie Schönheit und Tugend im Unglück zu behandeln haben. Kein Höfling in Schottland ist gefälliger und mehr mit den Gesetzen des Anstandes vertraut als dieser Häuptling.«

»Nicht verlassen Blockhaus«, flüsterte June, die an Mabels Seite die Vorgänge aufmerksam beobachtete. »Blockhaus gut – kriegen nicht Skalp.«

Ohne diese Aufmunterung hätte Mabel vielleicht nachgegeben, denn es leuchtete ihr nachgerade ein, daß es wohl das beste sein dürfte, den Feind durch Zugeständnisse zu gewinnen, statt ihn durch Widerstand zu erbittern. Muir und Cap befanden sich in den Händen der Indianer, denen es bekannt war, daß sich kein Mann in dem Gebäude aufhalte, weshalb sie sich vorstellte, die Wilden würden aufs neue die Tür berennen oder sich mit den Äxten einen Weg durch die Stämme bahnen, wenn ein friedlicher Einlaß jetzt hartnäckig verweigert würde, wo kein Grund mehr vorhanden war, ihre Büchsen zu fürchten. Aber Junes Worte veranlaßten sie, innezuhalten, und ein ernster Händedruck, ein bittender Blick ihrer Gefährtin befestigten ihren Entschluß.

»Nicht gefangen noch«, flüsterte June, »laß sie machen gefangen, ehe sie nehmen gefangen – sprechen groß; June sie weisen.«

Mabel begann nun entschlossener mit Muir zu sprechen und erklärte ihm offen, daß es nicht ihre Absicht sei, das Gebäude zu übergeben.

»Sie vergessen die Kapitulation, Miss Mabel«, sagte Muir, »die Ehre eines von Seiner Majestät Dienern ist dabei beteiligt, und die Ehre Seiner Majestät durch diesen Diener. Sie wissen, was es mit der militärischen Ehre für eine zarte, empfindliche Bewandtnis hat?«

»Ich weiß genug, Herr Muir, um einzusehen, daß Sie bei dieser Expedition kein Kommando und deshalb auch kein Recht haben, das Blockhaus auszuliefern; und ich erinnere mich noch obendrein, von meinem Vater gehört zu haben, daß ein Gefangener für die ganze Zeit der Gefangenschaft seine Machtvollkommenheit verliere.«

»Lauter Spitzfindigkeit, schöne Mabel – Verrat gegen den König, Beschimpfung seiner Offiziere und Schmähung seines Namens. Sie werden nicht auf Ihrer Absicht bestehen, wenn Ihr besseres Urteil Muße gehabt hat, nachzudenken und auf die Verhältnisse und Umstände Rücksicht zu nehmen.«

»Ja«, seufzte Cap, »das ist ein Umstand, hol‘ ihn der Henker!«

»Kein Sinn haben, was Onkel sagt«, bemerkte June, die sich in einer Ecke des Zimmers beschäftigte. »Blockhaus gut – kriegen nicht Skalp.«

»Ich werde bleiben, wo ich bin, Herr Muir, bis Nachrichten von meinem Vater eingehen. Er wird im Laufe der nächsten zehn Tage zurückkommen.«

»Ach! Mabel; diese List wird die Feinde nicht täuschen, denn sie sind durch Mittel, die unbegreiflich scheinen würden, wenn nicht ein unabweisbarer Verdacht auf einem unglücklichen jungen Mann haftete – sie sind also von allen unsern Bewegungen und Plänen in Kenntnis gesetzt und wissen wohl, daß, ehe noch die Sonne niedergeht, der würdige Sergeant mit allen seinen Leuten in ihrer Gewalt sein wird. Geben Sie nach! Unterwerfung unter die Beschlüsse der Vorsehung ist Christenpflicht.«

»Herr Muir, Sie scheinen über die Stärke dieses Werkes im Irrtum zu sein und es für schwächer zu halten, als es ist. Wollen Sie sehen, was ich zu seiner Verteidigung tun kann, wenn ich will?«

»Ich will’s meinen, daß ich das sehen möchte«, antwortete der Quartiermeister, der immer in seinen schottischen Dialekt verfiel, wenn ihn etwas lebhaft beschäftigte.

»Was halten Sie von dem? Sehen Sie auf die Schießscharte im obern Stock.«

Auf diese Worte richteten sich aller Augen nach oben und erblickten die Mündung einer Büchse, die vorsichtig durch eine Öffnung geschoben wurde, denn June hatte wieder zu einem Kunstgriff Zuflucht genommen, den sie schon einmal mit gutem Erfolg angewendet hatte. Das Resultat entsprach ganz der Erwartung; denn kaum hatten die Indianer diese verhängnisvolle Waffe zu Gesicht bekommen, als sie sich aus dem Staube machten, und in weniger als einer Minute hatte jeder sein Versteck aufgefunden. Der französische Offizier blickte auf den Lauf des Gewehres, um sich zu überzeugen, daß es nicht auf ihn gerichtet sei, und nahm kaltblütig eine Prise Tabak, während Cap und Muir, die von dieser Seite aus nichts zu befürchten hatten, ruhig stehenblieben.

»Seien Sie klug, meine schöne Mabel, seien Sie klug!« rief Muir, »und veranlassen Sie keinen nutzlosen Zwist. Im Namen aller Könige von Albion, wen haben Sie in diesem hölzernen Turm bei sich eingeschlossen, der es so sehr auf Blut abgesehen zu haben scheint? Da steckt Zauberei dahinter, und unsere ganze Reputation hängt von dieser Entwicklung ab.«

»Was halten Sie von dem Pfadfinder, Herr Muir, als Besatzung für einen so starken Posten?« rief Mabel, indem sie zu einem Doppelsinn ihre Zuflucht nahm, den die Umstände sehr entschuldbar machten. »Was werden ihre französischen und indianischen Kameraden von einem Ziel für Pfadfinders Büchse halten?«

»Gehen Sie glimpflich um mit dem Unglück, schöne Mabel, und vermischen Sie nicht die Diener des Königs – der Himmel segne ihn und das ganze königliche Haus – mit des Königs Feinden. Wenn Pfadfinder wirklich im Blockhaus ist, so mag er sprechen. Wir wollen dann unsere Unterhandlungen unmittelbar mit ihm abmachen. Er kennt uns als Freunde, und wir fürchten nichts Schlimmes von seiner Hand, am allerwenigsten aber ich; denn eine edle Seele ist ganz geeignet, Nebenbuhlerschaft in einem gewissen Interesse zu einer sichern Grundlage der Achtung und Freundschaft zu machen, zumal da Bewunderung des nämlichen weiblichen Gegenstandes eine Gleichheit der Gefühle und des Geschmacks beweist.«

Das Vertrauen auf Pfadfinders Freundschaft erstreckte sich jedoch nicht weiter als auf den Quartiermeister und Cap; denn selbst der französische Offizier, der sich bisher nicht von der Stelle gerührt hatte, schrak zurück bei dem Klange dieses gefürchteten Namens. In der Tat schien er, obgleich ein Mann von eisernen Nerven und durch lange Jahre an die Gefahren des Indianerkriegs gewöhnt, sich nicht den Kugeln des Wildtodes aussetzen zu wollen, dessen Ruf an der ganzen Grenze so wohlbegründet war wie der von Marlborough in Europa; und er verschmähte es nicht, gleichfalls ein Versteck zu suchen, wobei er darauf bestand, daß ihm seine beiden Gefangenen folgen sollten. Mabel war zu sehr erfreut, ihre Feinde losgeworden zu sein, als daß sie die Entfernung beklagt hätte, obgleich sie Cap durch die Schießscharte eine Kußhand zuwarf und ihm einige Worte der Liebe nachrief, als er sich zögernd und ungern entfernte.

Der Feind schien nun geneigt, alle Versuche auf das Blockhaus für den Augenblick aufzugeben, und June, die durch die eine Falltür auf das Dach gestiegen war, wo sie alles am besten übersehen konnte, berichtete, daß sich der ganze Trupp in einem abgelegenen und geschützten Teil der Insel zum Essen versammelt hätte, wobei Cap und Muir so ruhig an dem Mahl teilnähmen, als ob sie aller Sorge ledig seien. Diese Mitteilung beruhigte Mabel, und sie begann wieder an die Mittel zu denken, um ihre Flucht zu bewerkstelligen oder ihren Vater vor der Gefahr, die seiner wartete, zu warnen. Die Rückkehr des Sergeanten wurde diesen Nachmittag erwartet, und sie wußte, daß ein gewonnener oder verlorener Augenblick über sein Schicksal entscheiden konnte.

Drei oder vier Stunden entschwanden. Die Insel war wieder in tiefe Ruhe versenkt. Der Tag neigte sich, und noch hatte Mabel keinen Entschluß gefaßt. June bereitete im untersten Raum das einfache Abendessen, und Mabel war selbst auf das Dach gestiegen, das mit einer Falltür versehen war. Durch diese konnte sie in den Giebel des Gebäudes gelangen, von wo aus sich die weiteste Aussicht bot, obgleich diese immer noch beschränkt und häufig durch die Gipfel der Bäume eingeengt war. Das ängstliche Mädchen wagte es nicht, sich sehen zu lassen, denn sie konnte nicht wissen, ob nicht ungezügelte Leidenschaft einen Wilden veranlassen möchte, ihr eine Kugel durchs Hirn zu jagen. Sie erhob daher nur ihren Kopf über die Falltür, von wo aus sie im Laufe des Nachmittags ihre Augen über die verschiedenen Kanäle um die Insel die Runde machen ließ.

Die Sonne war nun wirklich untergegangen. Von den Booten hatte sich nichts sehen lassen und Mabel stieg aufs Dach, um den letzten Blick auszusenden in der Hoffnung, daß ihre Leute in der Dunkelheit ankommen sollten, wodurch die Indianer wenigstens verhindert würden, ihren Hinterhalt so gefährlich zu machen, wie dies unter andern Umständen der Fall gewesen wäre. Sie wurde hierdurch in den Stand gesetzt, mittelst Feuers ein so augenfälliges Warnungszeichen zu geben, wie es eben in ihrer Macht stand. Ihr Auge streifte achtsam um den ganzen Horizont herum, und sie war eben im Begriff, sich zurückzuziehen, als sie einen neuen Gegenstand gewahrte, der ihre Aufmerksamkeit fesselte. Die Inseln lagen so dicht beieinander, daß man sechs bis acht verschiedene Kanäle oder Wasserstraßen zwischen ihnen erblicken konnte, und in einem der verstecktesten, fast ganz durch das Gebüsch des Ufers verborgenen, erkannte sie bei einem zweiten Blick einen Rindenkahn. Er enthielt zweifellos ein menschliches Wesen. In der Überzeugung, daß, wenn sie es hier mit einem Feind zu tun habe, ein Signal nicht schaden, wohl aber im entgegengesetzten Fall von gutem Nutzen sein könne, ließ das Mädchen schnell eine kleine Flagge wehen, die sie für ihren Vater gemacht hatte, wobei sie Sorge trug, daß diese Bewegung von der Insel aus nicht gesehen werde.

Mabel wiederholte ihr Signal acht- oder zehnmal vergebens und fing schon an, die Hoffnung aufzugeben, daß es bemerkt würde, als auf einmal ihr Zeichen durch eine Bewegung mit dem Ruder erwidert wurde und der Mann so weit hervorkam, daß sie in ihm Chingachgook erkennen konnte. Hier war also endlich ein Freund, und zwar einer, der fähig und, wie sie nicht bezweifelte, geneigt war, ihr Beistand zu leisten. Von diesem Augenblick an lebte all ihr Mut wieder auf. Der Mohikaner hatte sie gesehen, mußte sie, da er von ihrer Teilnahme an dem Zug wußte, erkannt haben und tat, ohne Zweifel, sobald es dunkel geworden war, die nötigen Schritte zu ihrer Befreiung. Daß ihm die Anwesenheit des Feindes nicht entgangen sein konnte, ließ sich aus der großen Vorsicht, die er beobachtete, abnehmen, und auf seine Klugheit und Geschicklichkeit konnte sie sich zuversichtlich verlassen. Die Hauptschwierigkeit war nun von June zu befürchten; denn so sehr sie auch an Mabel hing, so hatte letztere doch zuviel von der Treue der Indianerin gegen ihr Volk gesehen, als daß sie hoffen durfte, sie werde einem feindlichen Indianer den Eintritt in das Blockhaus erlauben oder sie selbst entfliehen lassen mit der Absicht, Pfeilspitzes Pläne zu vereiteln. Die halbe Stunde, die der Entdeckung von der Annäherung der Großen Schlange folgte, war die peinlichste in Mabels Leben. Sie sah die Mittel zur Ausführung all ihrer Wünsche so ganz in der Nähe, und doch konnte sie nicht danach greifen. Sie kannte Junes Entschlossenheit und Besonnenheit, ungeachtet ihrer Herzensgüte und ihrer zarten, weiblichen Gefühle, und kam endlich, zwar mit innerem Widerstreben, zu der Überzeugung, daß es kein anderes Mittel zur Erreichung ihres Zweckes gebe, als ihre erprobte Freundin und Beschützerin zu täuschen. Es empörte allerdings Mabels edle Seele, eine Freundin wie June zu hintergehen, aber ihres Vaters Leben stand auf dem Spiel; ihrer Gefährtin drohte kein unmittelbarer Nachteil, und die Gefühle und Interessen, die sie selbst berührten, waren von einer Art, daß sie wohl größere Zweifel beseitigt haben müßten.

Sobald es dunkel war, begann Mabels Herz mit erneuter Heftigkeit zu pochen, und sie entwarf und wechselte ihre weiteren Pläne wohl ein dutzendmal im Lauf einer einzigen Stunde. June war immer die Quelle ihrer größten Verlegenheit; denn erstens sah sie nicht ein, wie sie sich die Überzeugung zu verschaffen vermöge, daß Chingachgook an der Tür sei, wo er, wie sie nicht zweifelte, bald erscheinen mußte – und zweitens, wie sie ihn einlassen könne, ohne ihre wachsame Freundin aufmerksam zu machen. Doch die Zeit drängte, denn der Mohikaner konnte kommen und wieder fortgehen, wenn sie nicht bereit war, ihn aufzunehmen, da es für den Delawaren gewagt gewesen wäre, lange auf der Insel zu bleiben. Es wurde daher unbedingt nötig, einen Entschluß zu fassen, selbst auf die Gefahr hin, unbesonnen zu handeln. Nach manchen Plänen, die ihr Gehirn durchkreuzten, ging daher Mabel auf ihre Gefährtin zu und sagte zu ihr mit so viel Ruhe, wie sie aufzubringen vermochte:

»June, fürchtest du nicht, daß deine Leute, da sie glauben, Pfadfinder sei in dem Blockhaus, kommen und aufs neue Feuer anlegen werden?«

»Nicht denken solche Ding. Nicht verbrennen Blockhaus, Blockhaus gut; kriegen nicht Skalp.«

»June, wir können das nicht wissen. Sie haben sich versteckt, weil sie glaubten, was ich ihnen wegen Pfadfinders sagte.«

»Glauben machen Furcht. Furcht kommen schnell, gehen schnell. Furcht machen weglaufen. Verstand machen zurückkommen. Furcht machen Krieger töricht, so gut wie junges Mädchen.«

Hier lachte June in der Weise junger Mädchen, wenn ein possierlicher Einfall ihre Gedanken durchkreuzt.

»Mir ist gar nicht wohl bei der Sache, June, und ich wünschte, du gingest wieder aufs Dach, um dich dort umzusehen, ob nicht etwas gegen uns im Werke ist; du kennst die Zeichen dessen, was deine Leute beabsichtigen, besser als ich.«

»June gehen, Lily wünschen; aber sehr wohl wissen, daß Indianer schlafen, warten auf Vater. Krieger essen, trinken, schlafen, alle Zeit, wenn nicht fechten und gehen auf Kriegspfad; aber dann nie schlafen, essen, trinken – nie fühlen. Krieger jetzt schlafen.«

»Gott gebe, daß es so sein möge! Aber geh‘ hinauf, liebe June, und sieh dich wohl um. Die Gefahr kann kommen, wenn wir es am wenigsten erwarten.«

June erhob sich und schickte sich an, auf das Dach hinaufzusteigen; auf der ersten Sprosse der Leiter hielt sie aber inne, Mabels Herz schlug so heftig, daß sie fürchtete, ihr Herzschlag möchte gehört werden, und sie bildete sich ein, daß eine Ahnung ihrer wahren Absicht die Seele ihrer Freundin durchkreuze. Sie hatte zum Teil recht; denn die Indianerin hatte wirklich angehalten, um zu überlegen, ob sie mit diesem Schritt nicht eine Unbesonnenheit begehe. Einmal tauchte in ihr der Verdacht auf, daß Mabel entfliehen möchte; diesen verwarf sie jedoch wieder, weil sie wußte, daß dem Bleichgesicht keine Mittel zu Gebote standen, die Insel zu verlassen, und das Blockhaus war jedenfalls der sicherste Punkt, den sie finden konnte. Dann war ihr nächster Gedanke, Mabel könnte Zeichen von der Annäherung ihres Vaters entdeckt haben. Aber auch diese Vermutung haftete nur einen Augenblick, denn June hegte gegen die Fähigkeit ihrer Freundin, derartige Zeichen zu verstehen – Zeichen, die ihrem eigenen Scharfblick entgangen waren –, keine hohe Meinung. Sie fing also an, langsam die Leiter hinaufzusteigen.

Sie hatte eben den oberen Boden erreicht, als sich Mabel ein glücklicher Gedanke darbot, und da sie ihn in einer zwar hastigen, aber natürlichen Weise kundgab, gewann sie einen großen Vorteil für die Verwirklichung ihres Planes.

»Ich will hinabgehen, June, und an der Tür horchen, während du auf dem Dach bist; wir sind auf diese Weise oben und unten auf unserer Hut.«

June hielt dies für eine unnötige Vorsicht, da sie wohl wußte, daß niemand ohne Hilfe von innen in das Gebäude herein könne, und daß keine Gefahr von außen zu erwarten stehe, ohne daß sie es vorher bemerken mußte; sie schrieb daher diesen Vorschlag Mabels Unwissenheit und Furcht zu und nahm ihn mit so viel Vertrauen auf, wie er mit Unverfänglichkeit gemacht zu sein schien. So wurde es nun unserer Heldin möglich, zu der Tür hinunterzusteigen, während sich ihre Freundin nach dem Dach begab und keinen besondern Anlaß zu haben glaubte, erstere zu bewachen. Die Entfernung zwischen beiden war jetzt zu groß, um ein Gespräch zu ermöglichen, und die eine beschäftigte sich drei oder vier Minuten mit Umsehen in der Gegend, so gut dies die Finsternis erlaubte, indes die andere mit so viel Spannung an der Tür horchte, als ob alle ihre Sinne sich im Ohr konzentriert hätten.

June bemerkte nichts von ihrem hohen Standpunkt, die Finsternis ließ auch in der Tat kaum einen Erfolg hoffen; es möchte aber nicht leicht sein, das Gefühl zu beschreiben, mit dem Mabel einen schwachen und vorsichtigen Stoß gegen die Tür zu bemerken glaubte. Fürchtend, es möchte nicht alles sein wie sie wünschte, und ängstlich bekümmert, Chingachgook ihre Nähe anzudeuten, fing sie an, obgleich in leisen und bebenden Tönen, zu singen. Die Stille war in diesem Augenblick so tief, daß der Laut der unsicheren Stimme bis zu dem Dache hinauf tönte, und eine Minute später begann June herunterzusteigen. Unmittelbar darauf wurde ein leichtes Pochen an der Tür gehört. Mabel war außer sich, denn jetzt war keine Zeit mehr zu verlieren. Die Hoffnung überwog die Furcht, und mit sicheren Händen begann sie, die Balken wegzunehmen. Sie hörte auf dem Flur über sich Junes Mokassin; und erst ein einzelner Balken war zurückgeschoben, der zweite war gehoben, als die Gestalt der Indianerin bereits zur Hälfte auf der unteren Leiter sichtbar war.

»Was tun da?« rief June mit Heftigkeit. »Laufen weg – toll verlassen Blockhaus? Blockhaus gut!«

Beide legten ihre Hände an den letzten Riegel, der wahrscheinlich aus den Klammern gehoben worden wäre, wenn nicht ein kräftiger Druck von außen das Holz eingeklemmt hätte. Nun folgte ein kurzer Kampf, obschon beide der Anwendung von Gewalt gleich abgeneigt waren. Wahrscheinlich würde übrigens June den Sieg davongetragen haben, hätte nicht ein weiterer, noch kräftigerer Stoß von außen das leichte Hindernis, das den Balken noch hielt, überwunden und die Tür geöffnet. Man sah nun die Gestalt eines Mannes eintreten, und beide eilten nach der Leiter, als ob sie gleich besorgt wegen der Folgen seien. Der Fremde schloß die Tür und stieg, nachdem er sich vorher sorgfältig im Erdgeschoß umgesehen hatte, die Leiter hinauf. June hatte, sobald es dunkel geworden war, die Schießscharten im ersten Stock geschlossen und ein Licht angezündet. Beide erwarteten jetzt in dieser düsteren Beleuchtung die Erscheinung ihres neuen Gastes, dessen vorsichtige und bedachtsame Tritte sie auf der Leiter hören konnten. Es dürfte schwer zu sagen sein, welche von den Weibern am meisten erstaunt, war, als der Fremde durch die Falltür hinaufstieg und die Gestalt Pfadfinders vor ihren Augen stand.

»Gott sei gepriesen!« rief Mabel, denn der Gedanke, daß das Blockhaus mit einer solchen Besatzung unbezwinglich sei, durchkreuzte ihre Seele. »O Pfadfinder, was ist aus meinem Vater geworden?«

»Der Sergeant ist bis jetzt wohlbehalten und siegreich, obgleich es nicht unter die Gaben des Menschen gehört zu sagen, wie der Ausgang sein wird. Ist das nicht Arrowheads Weib, Pfeilspitzes Junitau, die sich dort in die Ecke kauert?«

»Macht ihr keine Vorwürfe, Pfadfinder; ich verdanke ihr mein Leben und meine gegenwärtige Sicherheit. Sagt mir, wie es meinem Vater und seinen Leuten gegangen ist und warum Ihr hier seid; ich will Euch dann alle die schrecklichen Ereignisse erzählen, die auf dieser Insel vorgefallen sind.«

»Dafür werden wenig Worte ausreichen, Mabel; denn wenn man an indianische Teufeleien gewöhnt ist, so bedarf’s keiner weitläufigen Erörterung eines solchen Überfalls. Unser Feldzug ging, wie wir’s hoffen konnten, vonstatten, denn Schlange war auf Kundschaft und teilte uns mit, was das Herz nur wünschen konnte. Wir kriegten drei Boote in einen Hinterhalt, und nachdem wir die Franzosen draus verjagt hatten, nahmen wir davon Besitz und versenkten sie vorschriftsmäßig an der tiefsten Stelle des Kanals. Die Wilden in Oberkanada werden diesen Winter mit indianischen Gütern nicht weit springen. Auch werden Pulver und Blei unter ihnen seltener sein, als es geschickten Jägern und mutigen Kriegern lieb sein mag. Wir haben nicht einen Mann verloren, nicht einmal eine Haut wurde gestreift, und ich denke, der Feind wird nicht besonders gut drauf zu sprechen sein. Kurz, Mabel – es ist gerade solch ein Ausflug gewesen, wie ihn Lundie liebt – viel Schaden für den Feind und wenig für uns selbst.«

»Ach, Pfadfinder, ich fürchte, wenn Major Duncan die ganze traurige Geschichte erfährt, so wird er Ursache haben zu bereuen, daß er je diesen Handel unternommen hat.«

»Ich weiß, was Sie meinen; wenn ich Ihnen aber die Umstände geradezu erzähle, so werden Sie sie besser verstehen. Als der Sergeant seinen Strauß mit Ehren beendet hatte, sandte er mich und Chingachgook in Kähnen voraus, um Euch zu sagen, wie die Sachen abgelaufen seien und daß er mit den so sehr beschwerten Booten nicht vor morgen eintreffen könne. Ich trennte mich diesen Vormittag von Chingachgook, und wir trafen dabei die Verabredung, daß er die eine und ich die andere Reihe von Kanälen hinauffahren solle, um zu sehen, ob der Pfad sauber sei. Seitdem habe ich den Häuptling nicht wieder gesehen.«

Mabel erklärte ihm nun die Art, wie sie den Mohikaner entdeckt hatte, und daß sie ihn nun im Blockhaus erwarte.

»Nein, nein! ein regelmäßiger Kundschafter geht nie hinter Wände und Holzstämme, solange er in freier Luft bleiben und eine nützliche Beschäftigung finden kann. Ich würde auch nicht gekommen sein, Mabel, wenn ich nicht dem Sergeanten versprochen hätte, Ihnen Mut zuzusprechen und für Ihre Sicherheit zu sorgen. Ach, ich hab‘ diesen Vormittag die Insel mit schwerem Herzen untersucht, und es war mir eine herbe Stunde, als ich dachte, Sie könnten unter den Erschlagenen sein.«

»Aber welcher glückliche Zufall hat Euch verhindert, kühn auf die Insel loszurudern, wodurch Ihr hättet in die Hände des Feindes fallen müssen?«

»Durch einen Zufall, Mabel, wie die Vorsehung ihn schuf, um dem Hund zu sagen, wo der Hirsch zu finden ist, und dem Hirsch, wie er den Hund abwerfen soll. Nein, nein! diese Kunstgriffe und Teufeleien mit Leichen mögen die Soldaten des Fünfundfünfzigsten und die Offiziere des Königs täuschen, aber bei Leuten, die ihr Leben in den Wäldern zugebracht haben, sind sie verloren. Ich kam in dem Kanal angesichts des vorgeblichen Anglers herunter, und obgleich dieses Gezücht den armen Wicht kunstreich hingesetzt hatte, so geschah es doch nicht mit dem nötigen Scharfsinn, um ein geübtes Auge zu hintergehen. Er hielt die Rute zu hoch, denn die Leute vom Fünfundfünfzigsten haben am Oswego fischen gelernt, wenn sie es vorher auch nicht konnten; und dann war der Mann auch viel zu ruhig für einen, dem nichts anbeißen will. Aber wir gehen nie blindlings auf einen Posten zu, und ich bin einmal eine ganze Nacht vor einer Garnison liegen geblieben, weil man die Schildwachen und die Art ihres Wachstehens verändert hatte. Weder Chingachgook noch ich lassen sich durch solche plumpe Pfiffe übertölpeln, die wahrscheinlich mehr auf die Schotten berechnet sind; denn obgleich diese in manchen Stücken ziemlich verschlagen sein mögen, so sind sie doch nichts weniger als Hexenmeister, wenn es sich um indianische Kunstgriffe handelt.«

»Glaubt Ihr, mein Vater und seine Leute könnten noch überlistet werden?« fragte Mabel rasch.

»Nicht, wenn ich’s verhindern kann, Mabel. Sie sagen mir, Schlange sei auch auf der Lauer; und so ist es doppelt wahrscheinlich, daß es uns gelingen wird, ihn von der Gefahr in Kenntnis zu setzen, obgleich wir nicht genau wissen, durch welchen Kanal er kommen mag.«

»Pfadfinder«, sagte Mabel feierlich, denn die schrecklichen Szenen, deren Zeuge sie gewesen, malten ihr den Tod mit den furchtbarsten Farben; »Ihr habt gesagt, daß Ihr mich zu Eurer Frau wünscht?«

»Ich wagte es, über diesen Gegenstand mit Ihnen zu sprechen, Mabel, und der Sergeant hat mir erst kürzlich gesagt, daß Sie gegen mich gütig gesinnt seien; aber ich bin nicht der Mann, das zu verfolgen, was ich liebe.«

»Hört mich, Pfadfinder – ich schätze Euch, ich achte Euch, ich verehre Euch – rettet meinen Vater von diesem fürchterlichen Tode, und ich kann Euch anbeten. Hier ist meine Hand; ich verpflichte mich feierlich, Wort zu halten, sobald Ihr kommt, um Eure Ansprüche auf sie geltend zu machen.«

»Gott segne Sie, Mabel, Gott segne Sie; das ist mehr als ich verdiene – mehr, fürchte ich, als ich zu schätzen weiß. Doch bedurfte es dessen nicht, um mich willfährig zu machen, dem Sergeanten Dienste zu leisten. Wir sind alte Kameraden, und jeder verdankt dem andern das Leben, obgleich ich fürchte, Mabel, daß es nicht immer die beste Empfehlung bei der Tochter ist, des Vaters Kamerad zu sein.«

»Ihr bedürft keiner andern Empfehlung als Eurer Handlungen, Eures Mutes und Eurer Treue. Alles, was Ihr tut und sagt, Pfadfinder, billigt meine Vernunft, und das Herz wird – nein, es muß folgen.«

»Das ist ein Glück, das ich in dieser Nacht nicht erwartete; aber wir sind in Gottes Hand, und er wird uns nach seiner Weise beschützen. Ihre Worte sind süß, Mabel; aber es bedarf ihrer nicht, um mich aufzumuntern, unter den gegenwärtigen Umständen alles aufzubieten, was in menschlicher Kraft steht; sie werden aber auch in keinem Fall meinen Eifer mindern.«

»Wir verstehen uns jetzt, Pfadfinder«, fügte Mabel mit erstickter Stimme bei. »Laßt uns keinen der kostbarsten Augenblicke verlieren, die vielleicht von unberechenbarem Werte sind. Können wir nicht in Euern Kahn eilen und meinem Vater entgegengehen?«

»Ich möchte hierzu nicht raten, da ich nicht weiß, durch welchen Kanal Ihr Vater kommen wird, denn es gibt deren mehr als zwanzig. Verlassen Sie sich übrigens darauf, Chingachgook wird sich durch alle zu winden wissen. Nein, nein! Mein Rat ist, hier zu bleiben. Die Stämme dieses Blockhauses sind noch grün; es wird daher nicht leicht sein, sie in Brand zu stecken, und wenn wir nichts von Feuer zu befürchten haben, ich will den Platz gegen einen ganzen Stamm halten. Das Irokesenvolk soll mich nicht aus dieser Festung herausbringen, solange wir die Flamme abhalten können. Der Sergeant biwakiert jetzt auf irgendeiner Insel und wird erst gegen Morgen kommen. Wenn wir das Blockhaus halten, so können wir ihn zeitig warnen, durch Abschießen von Büchsen zum Beispiel; und sollte er sich zu einem Angriff gegen die Wilden entschließen, wozu ihn sein Temperament wahrscheinlich veranlassen wird, so kann der Besitz dieses Gebäudes im Treffen von keinem geringen Belang sein. Nein, nein! ich bin dafür, zu bleiben, wenn wir dem Sergeanten einen Dienst leisten wollen, obgleich das Entkommen für uns beide keine schwierige Aufgabe wäre.«

»So bleibt, bleibt, um Gottes willen, Pfadfinder!« flüsterte Mabel. »Ich bin mit allem zufrieden, was meinen Vater retten kann!«

»Ja, das ist Natur. Es freut mich, Sie so sprechen zu hören, Mabel, denn ich gestehe, daß ich den Sergeanten hübsch unterstützt sehen möchte. Wie die Sachen jetzt stehen, so hat er sich Kredit erworben; und könnte er vollends diese Hunde vertreiben und sich ehrenvoll zurückziehen, nachdem er Blockhaus und Hütte in Asche gelegt hat, so ist gar kein Zweifel, daß Lundie an ihn denken und ihm auch wieder Dienste leisten wird. Ja, ja, Mabel, wir müssen nicht allein das Leben des Sergeanten, sondern auch seinen Ruf retten.«

»Wegen des Überfalls dieser Insel kann meinen Vater kein Vorwurf treffen.«

»Davon ist nicht die Rede; militärischer Ruhm ist ein höchst unsicheres Ding. Ich habe die Delawaren in Bedrängnis gesehen, wo sie sich wackerer gehalten haben als in Zeiten, wo sie den Sieg davongetragen hatten. Man ist übel dran, wenn man sein Leben an ein Geratewohl wagt – und am allerübelsten im Krieg. Ich kenne die Ansiedlungen und die Meinungen wenig, die dort im Schwange sind; aber hier oben schätzen selbst die Indianer den Wert eines Kriegers nach seinem Glück. Für einen Soldaten ist es immer die Hauptsache, nicht geschlagen zu werden, denn ich glaub’s nicht, daß sich die Leute lange bei den Betrachtungen aufhalten, wie der Tag gewonnen oder verloren wurde. Was mich betrifft, Mabel, so mach‘ ich’s mir zur Regel, im Angesicht des Feindes ihm so scharf zuzusetzen, wie ich nur kann, und mich mit der möglichsten Mäßigung zu benehmen, sobald wir im Vorteil sind. Von dem Gefühl der Mäßigung nach einer Niederlage läßt sich nicht viel sagen, da das Geklopftwerden ohnehin das Demütigendste in der ganzen Natur ist. Die Pfarrer predigen von Demut in den Garnisonen; aber wenn Demut den Christen ausmacht, so müßten des Königs Truppen Heilige sein, denn sie haben bis jetzt wenig mehr in diesem Krieg getan, als sich von den Franzosen Lektionen geben lassen, von dem Fort du Quesne an bis zum Ty.«

»Mein Vater konnte nicht ahnen, daß die Lage der Insel dem Feind bekannt sei«, erwiderte Mabel, deren Gedanken sich mit dem wahrscheinlichsten Erfolg der neuesten Ereignisse für den Sergeanten beschäftigten.

»Das ist wahr, und es ist mir unbegreiflich, wie sie die Franzosen ausgefunden haben. Der Ort ist gut gewählt, und es ist selbst für den, der den Weg hierher und wieder zurück schon einmal gemacht hat, keine leichte Aufgabe, ihn wiederzufinden. Es ist, wie ich fürchte, Verräterei dabei im Spiel; ja, ja, wir müssen verraten worden sein.«

»O Pfadfinder, wär‘ dies möglich?«

»Nichts leichter, Mabel; denn Verräterei ist manchen Leuten so natürlich wie das Essen. Wenn ich einen Mann voll schöner Worte treffe, so geb‘ ich immer genau auf seine Handlungen acht, denn wenn das Herz an der rechten Stelle sitzt und man das Gute wirklich mit Eifer sucht, so begnügt man sich im allgemeinen, sein Benehmen und nicht seine Zunge sprechen zu lassen.«

»Jasper Western ist keiner von diesen«, sagte Mabel mit Ungestüm. »Kein Mensch kann aufrichtiger in seinem Benehmen oder weniger fähig sein, die Zunge statt der Taten reden zu lassen.«

»Jasper Western? Verlassen Sie sich drauf, Mabel, daß bei dem Jungen Herz und Zunge an der rechten Stelle sind, trotz der üblen Meinung, die Lundie, der Quartiermeister, der Sergeant und Ihr Onkel von ihm haben; man könnte ebensogut glauben, daß die Sonne bei Nacht und die Sterne bei Tag scheinen. Nein, nein, ich stehe für Eau-douces Ehrlichkeit mit meinem eigenen Skalp oder, wenn’s nottut, mit meiner eigenen Büchse.«

»Gott segne Euch, Pfadfinder, Gott segne Euch!« rief Mabel, indem sie ihre Hand ausstreckte und die Eisenfinger ihres Gefährten mit einem Gefühl drückte, dessen Kraft ihr selbst unbewußt war. »In Euch vereinigt sich alles Große, alles Edle; Gott wird es Euch vergelten.«

»Ach, Mabel, ich fürchte, wenn dies wahr wäre, so würd‘ ich nicht nach einem Weib trachten –«

»Wir wollen heute nacht nichts mehr davon sprechen«, unterbrach ihn Mabel mit erstickter Stimme. »Wir müssen jetzt mehr an unsere Freunde als an uns selbst denken, Pfadfinder. Aber es freut mich von ganzer Seele, daß Ihr Jasper für unschuldig haltet. Laßt uns nun von anderen Dingen reden. – Sollten wir nicht June freilassen?«

»Ich habe bereits an sie gedacht; denn es wär‘ nicht geraten, hier innen im Blockhaus unsere Augen zu schließen, indes die ihrigen offen sind. Wenn wir sie in den oberen Raum brächten und die Leiter wegnähmen, so wär‘ sie wenigstens in unsern Händen.«

»Ich kann die Frau, die mein Leben gerettet hat, nicht so behandeln lassen. Es wär‘ vielleicht besser, sie abziehen zu lassen, denn ich glaube, sie liebt mich zu sehr, um mir Schaden zuzufügen.«

»Sie kennen diese Rasse nicht, Mabel. Es ist schon wahr, sie ist keine Vollblutsmingo; aber sie lebt in Gesellschaft mit diesen Landstreichern und muß was von ihren Tücken gelernt haben. – Was ist das?«

»Es klingt wie Ruderschlag; ein Boot kommt den Kanal herunter.«

Pfadfinder schloß die Falltür, die zu dem untern Raum führte, um Junes Entspringen zu verhindern, löschte das Licht aus und ging hastig zu einer Schießscharte, wobei Mabel mit atemloser Neugierde über seine Schultern blickte.

Nach längerem Spähen vermochte das Auge des Kundschafters einige Gegenstände in der Dunkelheit zu unterscheiden. Zwei Boote waren vorbeigerudert und schossen an einer Stelle, die etwa fünfzig Ellen von dem Blockhaus entfernt lag – an dem gewöhnlichen Landungsplatz – auf das Ufer. Die Dunkelheit verhinderte ein genaueres Erkennen, und Pfadfinder flüsterte Mabel zu, daß die neuen Ankömmlinge ebensogut Feinde wie Freunde sein könnten, denn er glaube nicht, daß es ihrem Vater möglich geworden sei, sobald anzulangen. Jetzt sah man eine Anzahl Leute das Boot verlassen, dann folgten drei kräftige englische Freudenrufe, die es nicht mehr am Zweifel ließen, daß die erwarteten Freunde gelandet waren. Pfadfinder sprang gegen die Falltür, hob sie auf, glitt die Leiter hinunter und begann die Tür mit einem Ernst zu entriegeln, der bewies, wie entscheidend ihm der Augenblick vorkam. Mabel war nachgefolgt; sie hinderte aber mehr das Geschäft des Mannes, als daß sie es unterstützt hätte; und kaum war der erste Balken losgemacht, als sich der Knall vieler Büchsen vernehmen ließ. Sie standen noch in atemlosem Zweifel, als plötzlich das Kriegsgeschrei der Indianer die ganze Insel erfüllte. Die Tür war nun offen, und Pfadfinder und Mabel eilten ins Freie. Alles war wieder still. Als jedoch Pfadfinder eine halbe Minute aufhorchte, kam es ihm vor, als höre er ein ersticktes Ächzen in der Nähe der Boote; aber der Wind blies so frisch, und das Rauschen der Blätter mischte sich so sehr mit dem Sausen des Windes, daß sich keine Gewißheit darüber erlangen ließ. Mabel aber wurde von ihren Gefühlen hingerissen und eilte an dem Gefährten vorüber gegen die Boote zu.

»Das geht nicht, Mabel«, sagte der Kundschafter mit ernster, aber leiser Stimme, indem er ihren Arm ergriff; »das geht nimmermehr. Gewisser Tod wird die Folge sein, ohne daß irgend jemandem ein Nutzen daraus erwächst. Wir müssen in das Blockhaus zurück.«

»Vater! mein armer, gemordeter Vater!« sagte das Mädchen mit wirrem Blick, obgleich die gewohnte Vorsicht auch in diesem schrecklichen Augenblick ihre Stimme dämpfte. »Pfadfinder, wenn Ihr mich liebt, so laßt mich zu meinem Vater gehen.«

»Es geht nicht, Mabel. Es ist sonderbar, daß niemand spricht, niemand erwidert das Feuer von den Booten aus, und ich habe das Gewehr im Blockhaus gelassen! Aber was würde eine Büchse nützen, wenn sich kein Feind sehen läßt?«

In diesem Augenblick entdeckte das rasche Auge des Pfadfinders, der unablässig, während er Mabel fest gefaßt hielt, seine Blicke über den nächtlichen Schauplatz hinstreifen ließ, in der Finsternis vier oder fünf geduckte dunkle Gestalten, die sich an ihm vorbeizustehlen suchten, ohne Zweifel in der Absicht, den Rückzug nach dem Blockhaus abzuschneiden. Er nahm daher Mabel wie ein Kind auf den Arm, und mit der ganzen Anstrengung seiner Kraft gelang es ihm, in das Gebäude zurückzukommen. Die Verfolger schienen ihm unmittelbar auf der Ferse zu sein. Nachdem er seine Bürde niedergesetzt hatte, wandte er sich, schloß die Tür, und hatte eben einen Balken angelegt, als sie ein Stoß gegen die feste Masse aus ihren Angeln zu sprengen drohte. Die anderen Riegel vorzulegen war das Werk eines Augenblicks.

Mabel stieg nun in das erste Stockwerk, während Pfadfinder als Schildwache unten blieb. Das Mädchen war in jenem Zustand, in dem der Körper scheinbar ohne die Mitwirkung des Geistes tätig ist. Sie zündete nach dem Wunsch ihres Gefährten mechanisch das Licht an und kehrte damit in das Erdgeschoß zurück, wo der Pfadfinder auf sie wartete. Dieser war kaum im Besitz des Lichtes, als er den Ort sorgfältig untersuchte, um gewiß zu sein, daß sich niemand in der Feste verborgen hatte, was er dann aus demselben Grund der Reihe nach auch bei den übrigen Stockwerken tat. Das Ergebnis dieser Untersuchung war, daß er sich mit Mabel allein im Blockhaus befand, denn June war entwischt. Sobald er sich über diesen wichtigen Punkt vollkommene Überzeugung verschafft hatte, kehrte Pfadfinder wieder zu seiner kleinen Heldin in das Hauptgemach zurück, stellte das Licht auf den Tisch und setzte sich nieder, nachdem er zuvor das Schloß seines Wildtods untersucht hatte.

»Unsere schlimmsten Befürchtungen sind eingetroffen!« sagte Mabel, für die in der Hast und Aufregung der letzten fünf Minuten die Stürme eines ganzen Lebens enthalten zu sein schienen. »Mein lieber Vater ist mit seinen Leuten entweder erschlagen worden oder gefangen.«

»Wir können das nicht wissen – der Morgen wird uns Aufschluß geben. Ich glaube nicht, daß die Sache soweit im reinen ist, sonst würden wir das Siegesgeheul dieser landstreicherischen Mingos vor dem Blockhaus hören. Wir können nur auf eins mit Sicherheit zählen; wenn der Feind wirklich gesiegt hat, so wird er’s nicht lange anstehen lassen, uns zur Übergabe aufzufordern. Die Squaw wird sie in das Geheimnis unserer Lage einweihen; und da sie wohl wissen, daß der Platz nicht bei Tag in Brand gesteckt werden kann, solange der Wildtod fortfährt, seinem Ruf Ehre zu machen, können wir uns darauf verlassen, daß sie nicht säumen werden, einen Versuch zu machen, solang‘ sie dies unter dem Schutz der Dunkelheit tun können.«

»Gewiß – ich höre ein Stöhnen.«

»Das ist Einbildung, Mabel. Wenn der Geist, besonders der weibliche Geist, beunruhigt ist, so steigen ihm oft Dinge auf, die in Wirklichkeit nicht vorhanden sind. Ich habe manche gekannt, die in Träumen Wahrheit zu finden glaubten –«

»Nein, ich hab‘ mich nicht getäuscht; es ist gewiß jemand unten – ein Leidender.«

Pfadfinder mußte jetzt zugestehen, daß sich die scharfen Sinne Mabels nicht getäuscht hatten. Er empfahl ihr jedoch vorsorglich, ihre Gefühle zu unterdrücken und erinnerte sie, daß die Wilden alle Kunstgriffe aufzubieten gewöhnt seien, um zu ihrem Zweck zu gelangen, und daß es mehr als wahrscheinlich sei, man wolle sie durch ein verstelltes Stöhnen aus dem Blockhaus locken oder doch zum Öffnen der Tür veranlassen.

»Nein, nein, nein!« sagte Mabel hastig, »es liegt keine Arglist in diesen Tönen; sie kommen aus einem leidenden Körper, wenn nicht aus einer geängstigten Seele: Sie sind schreckhaft natürlich.«

»Nun, wir werden bald sehen, ob ein Freund da ist oder nicht. Verbergen Sie das Licht wieder, Mabel; ich will mit der Person durch die Schießscharte sprechen.«

Nach Pfadfinders Urteil und Erfahrung war selbst zur Ausführung dieses einfachen Vorhabens keine geringe Vorsicht nötig, denn er wußte, daß schon mancher Sorglose erschlagen wurde, weil es ihm an der nötigen Achtsamkeit auf das gebrach, was dem Unwissenden als ein übertrieben vorsichtiges Schutzmittel erscheinen mochte. Er brachte seinen Mund nicht an die Schießscharte selbst, aber doch so nahe daran, daß er verstanden werden konnte, ohne die Stimme zu verstärken.

»Wer ist unten?« fragte Pfadfinder, als alle Vorkehrungen nach seinem Wunsch getroffen waren. »Ist es irgendein Bedrängter? Wenn es ein Freund ist, so mag er kühn sprechen und auf unsern Beistand bauen.«

»Pfadfinder«, antwortete eine Stimme, die beide, Mabel und der Angeredete, sogleich als die des Sergeanten erkannten – »Pfadfinder, sagt mir doch um Gottes willen, was aus meiner Tochter geworden ist?«

»Vater, ich bin hier! Unverletzt sicher! Oh, daß ich das gleiche von Euch glauben dürfte!«

Ein Ausruf des Dankes, der jetzt folgte, wurde von beiden vernommen; er war aber deutlich mit dem Ächzen des Schmerzes vermengt.

»Meine schlimmsten Ahnungen sind eingetroffen!« sagte Mabel mit einer Art verzweifelter Ruhe. »Pfadfinder, mein Vater muß ins Blockhaus gebracht werden, mag es auch mit noch soviel Gefahr verbunden sein.«

»Das ist Natur und ist das Gesetz Gottes. Aber ruhig, Mabel; geben Sie sich Mühe gelassen zu sein. Alles, was ein Mensch für den Sergeanten tun kann, soll geschehen. Ich bitte Sie bloß, gefaßt zu sein.«

»Ich bin’s, ich bin’s, Pfadfinder. Ich war in meinem Leben nie ruhiger, nie gesammelter als in diesem Moment. Aber bedenkt, wie gefährlich jeder Augenblick werden kann. Um’s Himmels willen, laßt uns schnell tun, was geschehen muß.«

Pfadfinder staunte über die Festigkeit in Mabels Stimme und wurde vielleicht selbst durch die erzwungene Ruhe und Selbstbeherrschung, die sie angenommen, ein wenig getäuscht. Indessen schien ihm keine weitere Erörterung nötig; er stieg deshalb unverzüglich hinunter und begann die Tür zu entriegeln. Dieses geschah mit der gewöhnlichen Vorsicht; als er aber die schwere Balkenmasse behutsam sich in den Angeln drehen ließ, fühlte er einen Druck dagegen, der ihn fast veranlaßt hätte, die Tür wieder zu schließen. Nach einem Blick durch die Spalte jedoch öffnete er sie vollends, und der Körper des Sergeanten Dunham, der sich daran lehnte, fiel halb in das Blockhaus herein. Ein Augenblick, und Pfadfinder hatte ihn vollends hereingezogen und die Balken wieder vorgelegt, so daß kein Hindernis mehr vorhanden war, dem Verwundeten ungeteilte Sorgfalt zu weihen.

Mabel benahm sich bei diesem erdrückenden Auftritt mit jener ungewöhnlichen Seelenstärke, die ihr Geschlecht in solchen erregenden Momenten entwickeln kann. Sie holte das Licht, benetzte die trockenen Lippen ihres Vaters mit Wasser, unterstützte den Pfadfinder bei Bereitung eines bequemen Strohlagers und machte aus ihren Kleidern ein Kissen für den Kopf des Kranken. Alles dies geschah unter ernstem Schweigen; selbst Mabel vergoß keine Träne, bis sie die Segensgebete vernahm, die der Sergeant für ihre Zärtlichkeit und Sorgfalt über ihr Haupt aussprach. Bisher hatte Mabel nur Vermutungen über den Zustand ihres Vaters. Pfadfinder hatte jedoch mehr Aufmerksamkeit auf das körperliche Leiden des Sergeanten verwendet und die Überzeugung gewonnen, daß eine Büchsenkugel durch den Körper des verwundeten Mannes gedrungen sei. Er war mit der Natur solcher Verletzungen zu gut vertraut, um nicht zu wissen, daß für das Aufkommen seines Freundes wenig oder keine Hoffnung vorhanden war.

Vierundzwanzigstes Kapitel

Vierundzwanzigstes Kapitel

Sergeant Dunhams Augen ließen nicht ab, der Gestalt seiner lieblichen Tochter zu folgen, sobald das Licht erschienen war. Darauf warf er seinen Blick nach der Tür des Blockhauses, um sich zu überzeugen, daß sie gut verschlossen sei, denn man hatte ihn in dem unteren Raum gelassen, weil es an den Mitteln fehlte, ihn in das erste Stockwerk zu bringen. Dann suchte er wieder Mabels Antlitz; denn mit dem raschen Hinschwinden des Lebens steigert sich die Macht der Liebe, und wir würdigen das am meisten, was uns, wie wir fühlen, auf immer entrissen werden soll.

»Gott sei gelobt! mein Kind, du wenigstens bist ihren mörderischen Büchsen entronnen«, sagte er mit einer Stimme, deren Kraft seine Schmerzen nicht zu steigern schien. »Erzählt mir den Verlauf dieser traurigen Geschichte, Pfadfinder.«

»Ach, Sergeant! sie ist traurig gewesen, wie Ihr sagt. Wir sind verraten worden; man muß dem Feind die Lage der Insel mitgeteilt haben – das ist nach meiner Ansicht so gewiß, wie daß wir noch im Besitz des Blockhauses sind. Aber –«

»Major Duncan hatte recht«, unterbrach ihn Dunham, indem er seine Hand auf den Arm seines Freundes legte.

»Nicht in dem Sinne, wie Ihr meint, Sergeant – nein, nicht aus diesem Gesichtspunkt: nimmermehr! Wenigstens nach meiner Ansicht nicht. Ich kenne die Schwäche der menschlichen Natur – aber ich glaube nicht, daß ein treueres Herz an den Grenzen lebt als Jasper Western.«

»Gott segne Euch dafür, Pfadfinder!« rief Mabel aus ganzer Seele, indes eine Flut von Tränen ihrer Erregung Luft machte. »Der Brave darf nie den Braven verlassen – der Ehrliche muß dem Ehrlichen beistehen.«

Des Vaters Augen waren ängstlich auf das Gesicht seiner Tochter gerichtet, bis die letztere ihr Antlitz mit dem Gewand verhüllte, um ihre Tränen zu verbergen; dann blickte er forschend in die harten Züge des Kundschafters. Diese zeigten nur den gewöhnlichen Ausdruck der Freimütigkeit, Einfachheit und Biederkeit; und der Sergeant bat ihn fortzufahren.

»Ihr wißt, wo Chingachgook und ich Euch verlassen haben, Sergeant«, berichtete Pfadfinder weiter, »und ich brauch‘ also nichts von dem zu sagen, was vorher geschah. Es ist nun zu spät, das Vergangene zu bereuen, doch glaub‘ ich, daß es nicht so gekommen wäre, war‘ ich bei den Booten geblieben. Andere Leute mögen wohl auch gute Führer sein – aber es gibt bessere und schlechtere. Ich denke, der arme Gilbert, der meinen Platz einnahm, hat seinen Mißgriff büßen müssen.«

»Er fiel an meiner Seite«, antwortete der Sergeant mit leisem, traurigem Tone. »Wir haben wirklich alle für unsere Mißgriffe büßen müssen.«

»Nein, nein, Sergeant; ich hatte nicht die Absicht, ein Urteil über Euch zu fällen, denn nie waren Leute besser geführt als die Eurigen bei dieser Unternehmung. Nie ist man einem Feinde schöner in die Flanken gefallen, und an der Art, wie Ihr Euer Boot gegen seine Haubitzen führtet, hätte selbst Lundie eine Lektion nehmen können.«

Das Auge des Sergeanten leuchtete, und sein Gesicht trug sogar den Ausdruck eines militärischen Triumphes, der jedoch stets der bescheidenen Stellung angemessen blieb, in der der alte Soldat tätig gewesen war.

»Es war nicht schlecht ausgeführt, mein Freund«, sagte er, »wir nahmen ihr hölzernes Bollwerk im Sturm.«

»Es war schön ausgeführt, Sergeant; obgleich ich fürchte, es kommt am Ende drauf hinaus, daß diese Vagabunden ihre Haubitzen wiederkriegen. Aber – Mut gefaßt! Versucht, alles Unangenehme zu vergessen und denkt nur an die angenehme Seite der Geschichte. Das ist die beste Philosophie und die beste Religion obendrein. Wenn der Feind die Haubitzen wiederkriegt, so hat er nur das, was ihm vorhin gehörte; wir konnten’s nicht ändern. Das Blockhaus aber haben sie noch nicht und sollen’s auch nicht kriegen, wenn sie es nicht in der Dunkelheit anzünden. Nun, Sergeant, Schlange und ich trennten uns ungefähr zehn Meilen weiter unten im Fluß, denn wir hielten’s fürs Klügste, uns auch einem freundlichen Lager nicht ohne die gewöhnliche Vorsicht zu nähern. Was aus Chingachgook geworden, weiß ich nicht, obgleich mir Mabel sagt, er sei nicht fern, und ich zweifle nicht dran, daß der wackere Delaware seine Schuldigkeit tut, wenn er auch unseren Augen nicht sichtbar ist. Merkt Euch meine Worte, Sergeant – ehe diese Sache abgetan ist, werden wir in einem entscheidenden Augenblick und auf eine Weise von ihm hören, die seiner Klugheit und der guten Meinung, die man von ihm hat, angemessen ist. Ach, Schlange ist ein kluger und tugendhafter Häuptling, und manchem weißen Mann wären seine Gaben zu wünschen. Als ich näher gegen die Insel kam, vermißte ich den Rauch, und dies veranlaßte mich, auf der Hut zu sein; denn ich wußte, daß die Soldaten des Fünfundfünzigsten nicht schlau genug sind, um dieses Zeichen zu verbergen, obwohl man sie der Gefährlichkeit wegen oft gewarnt hat. Ich wurde vorsichtiger, bis ich jenen Scheinangler zu Gesicht bekam, wie ich bereits Mabel erzählt habe, wo dann das Ganze ihrer höllischen Künste so klar vor mir lag, als hätte ich’s auf dem Papier. Ich brauch‘ Euch nicht zu erzählen, Sergeant, daß ich zuerst an Mabel dachte, und daß ich, sobald ich fand, sie sei im Blockhaus, hierher kam, um mit ihr zu leben oder zu sterben.«

Der Vater warf seinem Kind einen zufriedenen Blick zu, und Mabel fühlte ein Herzweh, das sie in einem solchen Augenblick, wo sie gewünscht hätte, ihre ganze Sorge nur auf die Lage ihres Vaters zu verwenden, nicht für möglich gehalten hätte. Als der Verwundete die Hand gegen sie ausstreckte, ergriff sie diese und bedeckte sie mit Küssen.

Dann kniete sie an seiner Seite nieder und weinte, als ob ihr das Herz brechen wollte.

»Mabel«, sagte er fest, »der Wille des Herrn geschehe. Es ist vergeblich, dich oder mich selbst täuschen zu wollen; meine Stunde ist gekommen, und es ist mir ein Trost, wie ein Soldat zu sterben. Lundie wird mir Gerechtigkeit widerfahren lassen; denn unser Freund Pfadfinder wird ihm sagen, was geschehen und wie alles so gekommen ist. Du wirst unser letztes Gespräch nicht vergessen haben?«

»Ach, Vater, auch meine Stunde ist wahrscheinlich gekommen!« rief Mabel, der in diesem Augenblick der Tod als ein Bote des Trostes erschienen wäre; »ich hab‘ keine Hoffnung zu entkommen, und Pfadfinder würde besser tun, uns zu verlassen und mit den traurigen Neuigkeiten in die Garnison zurückzukehren, solange es ihm noch möglich ist.«

»Mabel Dunham«, sagte Pfadfinder vorwurfsvoll, obgleich er mit Güte ihre Hand faßte, »ich habe das nicht verdient. Ich weiß, ich bin wild, rauh, unbehilflich –«

»Pfadfinder!«

»Nun, wir wollen’s vergessen; Sie haben es nicht so gemeint, Sie können so was nicht denken. Es ist jetzt nutzlos, von Flucht zu reden, denn der Sergeant kann nicht von der Stelle, und das Blockhaus muß verteidigt werden, kost‘ es, was es wolle. Vielleicht erhält Lundie Nachricht von unserm Unglück und schickt uns Mannschaft, um die Belagerung aufzuheben.«

»Pfadfinder – Mabel!« sagte der Sergeant, der sich vor Schmerzen wand, bis ihm der kalte Schweiß auf der Stirn stand; »kommt beide an meine Seite. Ihr versteht einander, hoffe ich?«

»Vater, sprecht nicht davon. Es ist alles, wie Ihr’s wünscht.«

»Gott sei Dank! Gib mir deine Hand, Mabel – hier, Pfadfinder, nehmt sie. Ich kann nicht mehr tun, als Euch das Mädel auf diese Weise geben. Ich weiß, Ihr werdet ihr ein liebevoller Gatte sein. Verschiebt es nicht wegen meines Todes. Vor dem Eintritt des Winters wird ein Geistlicher in dem Fort eintreffen! laßt Euch dann zusammengeben. Mein Schwager, wenn er noch am Leben ist, wird sich nach dem Meer zurücksehnen, und dann wird das Kind keinen Beschützer haben. Mabel, dein Gatte ist mein Freund gewesen, das wird dir, hoff‘ ich, zu einigem Trost gereichen.«

»Überlaßt diese Sache mir, Sergeant«, warf Pfadfinder ein; »sie ist, wie Euer letzter Wunsch, wohlverwahrt in meinen Händen, und verlaßt Euch drauf, daß alles gehen wird, wie es soll.«

»Es ist recht so; ich setze mein ganzes Vertrauen auf dich, treuer Freund, und ermächtige dich, in allen Stücken zu handeln, wie ich es tun würde. Mabel, Kind – reiche mir das Wasser – du wirst diese Nacht nie bereuen. Gott segne dich, meine Tochter! Gott segne dich und bewahre dich unter seinem heiligen Schutz!«

Diese zärtliche Sorge machte einen unaussprechlich tiefen Eindruck auf Mabels Gefühle, und es war ihr in diesem Augenblick, als ob ihre künftige Verbindung mit Pfadfinder eine Weihe empfangen hätte, die keine kirchliche Zeremonie hätte erhöhen können. Aber doch lag eine Bergeslast auf ihrem Herzen, und sie würde den Tod für ein Glück gehalten haben. Es folgte nun eine kurze Pause, worauf der Sergeant in gebrochenen Sätzen kurz erzählte, wie es ihm gegangen, seit er sich vom Pfadfinder und dem Delawaren getrennt hatte. Der Wind war günstiger geworden, und statt, wie es im Anfang seine Absicht war, auf einer Insel zu lagern, hatte er sich entschlossen, weiterzufahren, um schon in der Nacht die Station zu erreichen. Ihre Annäherung würde, wie er glaubte, nicht bemerkt, und ein Teil des Unglücks verhütet worden sein, wenn sie nicht an der Spitze einer benachbarten Insel auf den Grund gelaufen wären, wo ohne Zweifel der Lärm, den seine Leute beim Aufbringen des Bootes gemacht, ihre Nähe verraten und den Feind in den Stand gesetzt hatte, sich zu ihrem Empfang vorzubereiten. Sie waren ohne die mindeste Ahnung einer Gefahr gelandet, obschon sie das Fehlen einer Schildwache überraschte, und ihre Waffen in den Booten gelassen, um zuvor ihre Tornister und Mundvorräte auszuschiffen. Das feindliche Feuer war so nahe, daß ungeachtet der Dunkelheit fast jeder Schuß tödlich wurde. Alle waren gefallen, obgleich sich nachher zwei oder drei wieder erhoben und verschwanden. Vier oder fünf Soldaten blieben tot auf dem Platze oder waren doch so verwundet, daß sie nur noch wenige Minuten lebten; doch eilte der Feind aus einem unbekannten Grunde nicht wie gewöhnlich herbei, um sich der Skalpe zu bemächtigen. Sergeant Dunham fiel mit den anderen. Mabels Stimme zu der Zeit, als sie das Blockhaus verlassen hatte, war zu seinen Ohren gedrungen, und dieser Ruf der Verzweiflung, der alle seine väterlichen Gefühle aufregte, hatte ihn in den Stand gesetzt, bis an die Tür des Gebäudes zu kriechen, wo er sich auf die bereits erwähnte Weise an dem Gebälk aufrichtete.

Nach dieser einfachen Auseinandersetzung fühlte sich der Sergeant so schwach, daß er der Ruhe bedurfte, und seine Gefährten verhielten sich, während sie auf seine Pflege bedacht waren, eine Weile schweigend. Pfadfinder nahm diese Gelegenheit wahr, durch die Schießscharten und vom Dach herab auszuspähen und untersuchte den Zustand der Büchsen, von denen sich ungefähr ein Dutzend im Gebäude befanden, da sich die Soldaten bei ihrem Ausflug der Musketen des Regiments bedient hatten. Mabel jedoch verließ ihren Vater keinen Augenblick, und wenn sie aus seinem Atmen vermutete, er schlafe, so fiel sie auf ihre Knie nieder und betete.

Die nächste halbe Stunde verfloß in feierlicher Stille. Man hörte im oberen Stock kaum den Mokassin des Pfadfinders und wie er hin und wieder einen Büchsenschaft auf dem Boden aufstellte, denn er war geschäftig, sich die Sicherheit zu verschaffen, daß die Ladungen und Schlösser der Gewehre in Ordnung seien. Außer diesem ließ sich nichts als das Atmen des Verwundeten vernehmen. Aber Dunham schlief nicht. Er war in jenem Zustand, wo die Welt plötzlich ihre Reize, ihre Täuschungen und ihre Macht verliert, und eine unbekannte Zukunft die Seele mit Ahnungen, Lichtblicken und ihrer ganzen Unendlichkeit erfüllt. Er war für einen Soldaten ein sittlicher Mann gewesen, hatte aber wenig über diesen allerwichtigsten Lebensabschnitt nachgedacht. Hätte der Schlachtenruf in seinem Ohr geklungen, so hätte das kriegerische Feuer bis zu seinem Ende ausdauern mögen; hier aber, im Schweigen des fast unbewohnten Blockhauses, ohne irgendeinen belebenden Ton, ohne einen Aufruf, um erkünstelte Gefühle rege zu erhalten, ohne die Hoffnung eines zu erringenden Sieges – fingen die Dinge nun an, ihm in ihren wahren Farben zu erscheinen, und er lernte den Zustand des Daseins in seinem eigentlichen Wert würdigen. Auch fühlte er die volle Verantwortlichkeit eines Vaters, und es kamen ihm einige Gewissensbisse über die Art, mit der er sich seiner Pflichten gegen die arme Waise entledigt hatte. Während derartige Gedanken seine Seele beschäftigten und Mabel auf die leichteste Veränderung in seinem Atem achtete, vernahm sie ein leises Pochen an der Tür. Sie dachte, es möchte von Chingachgook herrühren, stand auf, entfernte zwei Querbalken und fragte, den dritten in ihrer Hand, wer draußen sei. Die Stimme ihres Onkels antwortete und bat um augenblicklichen Einlaß. Ohne die mindeste weitere Zögerung drehte sie den dritten Riegel zurück, und Cap trat ein. Er war kaum durch die Öffnung geschlüpft, als Mabel die Tür wieder so fest wie vorher verschloß, denn die Übung hatte sie mit diesem Teil ihrer Obliegenheit vertraut gemacht.

Als der rauhe Seemann die Lage seines Schwagers erfuhr und sich selbst sowohl als Mabel gerettet sah, wurde er fast zu Tränen bewegt. Sein eigenes Erscheinen erklärte er dadurch, daß er sorglos bewacht worden sei, weil man glaubte, daß er und der Quartiermeister unter dem Einfluß der geistigen Getränke schliefen, die man ihnen in der Absicht, sie bei dem bevorstehenden Geschäft ruhig zu erhalten, in Menge vorgesetzt hatte. Muir schlief oder schien zu schlafen, als sich Cap während der Unruhe des Angriffs in das Gebüsch flüchtete, wo er Pfadfinders Kahn fand und es ihm endlich gelang, das Blockhaus zu erreichen, von wo aus er seine Nichte zu Wasser zu entführen beabsichtigte.

»Wenn es zum Schlimmsten kommt, Meister Pfadfinder«, sagte er, »so müssen wir eben die Flagge streichen, und das wird uns einen Anspruch auf Pardon geben. Wir sind es unserer Mannheit schuldig, uns so lange als tunlich zu halten; für uns selbst aber haben wir die Verpflichtung, die Flagge niederzuhalten, wenn es noch Zeit ist, anständige Bedingungen zu machen. Ich wünschte, Herr Muir sollte dasselbe tun, als wir von diesen Burschen, die Ihr Landstreicher nennt, gefangen wurden – ja, sie heißen mit Recht so, denn elendere Landstreicher gibt es nicht auf der Erde –«

»Ihr habt ihren Charakter jetzt kennengelernt?« unterbrach ihn Pfadfinder, der immer bereit war, ebensogut in die Schmähungen gegen die Mingos wie in das Lob seiner Freunde einzustimmen. »Ja, wenn Ihr in die Hände der Delawaren gefallen wärt, so würdet Ihr wohl einen Unterschied gefunden haben.«

»Ach, mir schienen sie ganz von derselben Art zu sein, Halunken hinten und vorn, natürlich Euren Freund, die Schlange, ausgenommen, der ein wahrer Gentleman von einem Indianer ist. Aber als diese Wilden ihren Ausfall auf uns machten und den Korporal M’Nab und seine Leute wie die Hasen niederschossen, nahmen wir – der Quartiermeister und ich – unsere Zuflucht zu einer der Höhlen dieser Insel, von denen es viele unter den Felsen gibt – regelmäßige, geologische Unterhöhlungen durch das Wasser, wie der Leutnant sagt –, und da blieben wir eingestaut wie zwei Belagerte in einem Schiffsraum, bis uns der Mangel an Nahrung heraustrieb. Man kann sagen, die Nahrung sei das Fundament der Menschennatur. Ich verlangte von dem Quartiermeister, er solle Bedingungen machen, denn wir hätten uns auf dem Platze, so schlecht er auch war, ein oder zwei Stunden verteidigen können; aber er lehnte es ab, weil diese Schurken doch nicht Wort halten würden, wenn man einen von ihnen verwundete, und so war also von Unterhandlungen keine Rede. Ich gab aus zwei Gründen meine Einwilligung zum Streichen; erstens da man von uns sagen konnte, wir hätten bereits gestrichen, denn das Laufen nach unten wird schon im allgemeinen für ein Aufgeben des Schiffes betrachtet, und zweitens hatten wir einen Feind in unserm Magen, dessen Angriffe furchtbarer waren als der Feind auf dem Verdeck. Der Hunger ist ein verdammter Umstand, wie jeder zugeben wird, der sich achtundvierzig Stunden mit ihm ‚rumgeschlagen hat.«

»Onkel!« sagte Mabel mit trauriger Stimme und bittender Gebärde, »mein armer Vater ist schwer, schwer verwundet!«

»Du hast recht, Magnet; du hast recht; ich will mich zu ihm setzen und mein Bestes tun, ihn zu trösten. Sind die Balken gut vorgelegt, Mädel? Denn bei einer solchen Gelegenheit muß der Geist ruhig und ungestört sein.«

»Ich glaube, wir sind vor allem sicher, nur nicht vor diesem schweren Schlag des Schicksals.«

»Gut also, Magnet; geh in den oberen Stock hinauf und versuch, dich zu sammeln, indes der Pfadfinder über dem Verdeck patrouilliert und von dem Mastbaumkreuzen seinen Lugaus nimmt. Dein Vater will mir was anvertrauen, und es wird gut sein, wenn du uns allein läßt. Das sind feierliche Momente, und so unerfahrene Leute, wie ich, haben’s nicht gerne, daß man alles hört, was sie sagen.«

Obgleich Mabel nie der Gedanke gekommen war, daß ihr Onkel an der Seite eines Sterbebettes von den Tröstungen der Religion Gebrauch machen würde, so glaubte sie doch, daß er irgendeinen besonderen Grund zu dieser Bitte habe, der ihr unbekannt sei, und fügte sich deshalb darein. Pfadfinder hatte bereits das Dach bestiegen, um sich in der Gegend umzusehen, und die beiden Schwäger blieben allein. Cap setzte sich an die Seite des Sergeanten und sann ernstlich über die wichtige Pflicht nach, die er zu erfüllen hatte. Einige Minuten herrschte tiefes Schweigen, während der Seemann den Entwurf seiner beabsichtigten Rede überdachte.

»Ich muß sagen, Sergeant Dunham«, begann Cap endlich in seiner eigentümlichen Weise, »daß in diesem unglücklichen Zug eine schlechte Führung stattgefunden hat, und da wir nun Gelegenheit haben, die Wahrheit – und nichts als die Wahrheit – auszusprechen, so halt‘ ich’s für meine Pflicht, dieses unumwunden zu tun. Mit einem Wort, Sergeant – über diesen Punkt kann es nicht wohl zwei Meinungen geben; denn obgleich ich nur ein Seemann und kein Soldat bin, so kann ich doch selbst mehrere Fehler entdecken, deren Auffindung gerade keiner besondern Vorstudien bedarf.«

»Was willst du damit, Bruder Cap?« erwiderte der andere mit schwacher Stimme. »Was geschehen ist, ist geschehen; und es ist jetzt zu spät, es zu ändern.«

»Sehr wahr, Bruder Dunham; aber nicht, es zu bereuen. Das Gute Buch sagt uns, daß die Reue nie zu spät kommt, und ich hab‘ immer gehört, ein Augenblick, wie der gegenwärtige, sei der kostbarste zu einem solchen Geschäft. Wenn du was auf deiner Seele hast, Sergeant, so gib’s los, denn du weißt, daß du dich einem Freund anvertraust. Du bist meiner Schwester Mann gewesen, und die arme kleine Magnet ist meiner Schwester Tochter; magst du nun am Leben bleiben oder sterben, so werd‘ ich dich immer wie einen Bruder betrachten. Es ist jammerschade, daß du nicht mit den Booten liegen bliebst und einen Kahn zum Rekognoszieren vorausschicktest, du würdest dann deine Leute gerettet und diesen Unfall von unseren Häuptern abgewendet haben. Nun, Sergeant, wir sind alle sterblich – das ist ohne Zweifel einiger Trost, und wenn du auch vorangehst, so kommt doch die Reihe bald an uns. Ja, das muß dir zum Trost gereichen.«

»Ich weiß das alles, Bruder Cap, und hoffe, ich bin vorbereitet, das Schicksal eines Soldaten zu erfüllen; – aber die arme Mabel –«

»Ja, ja, das treibt schwer vor Anker, ich weiß; aber du möchtest sie doch nicht mitnehmen, wenn du auch könntest, Sergeant, und so ist es besser, sich die Trennung so leicht wie möglich zu machen. Mabel ist ein gutes Mädel, wie ehedem ihre Mutter; sie war meine Schwester, und ich will dafür sorgen, daß ihre Tochter einen braven Mann bekommt, wenn wir mit dem Leben und unsern Skalpen davonkommen: Denn ich denke, daß es niemand drum zu tun sein würde, in eine Familie, die keine Skalpe hat, reinzuheiraten.«

»Bruder, mein Kind ist versprochen; sie wird das Weib des Pfadfinders werden.«

»Nun, Bruder Dunham, jeder hat seine besonderen Begriffe und Lebensansichten, und der Handel kann, wie mir vorkommt, Mabel nichts weniger als angenehm sein. Ich hab‘ nichts gegen das Alter des Mannes einzuwenden, denn ich gehör‘ nicht zu denen, die es für nötig halten, daß man ein Knabe sein muß, um ein Mädchen glücklich zu machen, sondern halt‘ im allgemeinen einen Fünfziger für den geeignetsten Ehemann; aber es darf kein Umstand zwischen den Parteien obwalten, der sie unglücklich machen könnte. Im Ehestand sind Umstände des Teufels, und es kommt mir fast als ein solcher vor, daß der Pfadfinder nicht soviel Kenntnisse hat wie meine Nichte. Du hast nur wenig von dem Mädel gesehen, Sergeant, und bist mit dem Umfang ihres Wissens nicht bekannt; aber sie soll ihn einmal auskramen, sie soll ihn dir durch und durch zeigen, und du wirst mir beistimmen, daß nur wenige Schulmeister mit ihr Luv halten können.«

»Sie ist ein gutes Kind, ein liebes, gutes Kind«, flüsterte der Sergeant mit tränenfeuchtem Auge; »und es ist mein Mißgeschick, daß ich nur so wenig von ihr gesehen habe.«

»Sie ist, bei Gott! ein gutes Mädel und weiß viel zuviel für den armen Pfadfinder, der zwar in seiner Weise ein ganz vernünftiger und erfahrener Mann ist, aber von der Hauptsache nichts weiter versteht, als du von der sphärischen Trigonometrie, Sergeant.«

»Ach, Bruder Cap, wär‘ der Pfadfinder bei uns in den Booten gewesen, so hätt’s wahrscheinlich nicht diesen traurigen Ausgang genommen.«

»Das ist wohl möglich, denn sein ärgster Feind muß ihm nachsagen, daß er ein guter Kundschafter ist. Aber, Sergeant, die Wahrheit zu sagen, du hast diese Expedition ziemlich auf die leichte Achsel genommen. Du hättest vor dem Hafen bleiben und ein Rekognoszierboot ausschicken sollen, wie ich dir vorhin gesagt habe. Das ist eine Sache, die du bereuen solltest; und ich sag’s dir, weil man in einem solchen Falle die Wahrheit sprechen muß.«

»Meine Verirrungen sind mir teuer zu stehen gekommen, Bruder; und ich fürchte, die arme Mabel wird es auszubaden haben. Doch ich glaube, daß uns das Unglück nicht begegnet wäre, wenn nicht Verrat die Hand im Spiele gehabt hätte. Ich fürchte, Bruder, es ist ein Streich von Eau-douce.«

»Das ist auch meine Ansicht, denn dieses Frischwasserleben muß früher oder später die Sittlichkeit eines jeden untergraben. Leutnant Muir und ich haben viel über diesen Gegenstand gesprochen, während wir da draußen in einem Stückchen Höhle lagen, und wir kamen beide zu dem Schluß, daß nur Jaspers Verräterei uns alle in diese höllische Klemme gebracht hat. Doch, Sergeant, es ist besser, du sammelst deinen Geist und denkst an andere Gegenstände, denn wenn ein Fahrzeug im Begriff ist, in einen fremden Hafen einzufahren, so ist es klüger, an den Ankergrund drinnen zu denken, als sich durch Betrachtung aller Begebnisse während der Reise stören zu lassen. Solche Dinge aufzuzeichnen, ist das Logbuch ausdrücklich vorhanden, und was in dem steht, bildet die Spalten, die für oder gegen uns sprechen. – Nun, Pfadfinder, was gibt’s? Ist was gegen uns in dem Wind, daß Ihr die Leiter herunterkommt, wie ein Indianer in dem Kielwasser eines Skalps?«

Der Kundschafter winkte mit dem Finger zu schweigen, und er bedeutete Cap, daß er die Leiter hinaufsteigen und seinen Platz an der Seite des Sergeanten Mabel einräumen solle.

»Wir müssen klug, aber auch zugleich kühn sein«, sagte er leise. »Dieses Gezücht macht Ernst mit seiner Absicht, das Blockhaus anzuzünden, denn sie wissen, daß jetzt nichts mehr zu gewinnen ist, wenn sie es stehen lassen. Ich hörte die Stimme des Strolches Pfeilspitze unter ihnen, der sie antrieb, ihre Teufelei noch in dieser Nacht auszuführen. Wir müssen rührig sein, Salzwasser, und tätig dazu. Zum Glück sind vier oder fünf Tonnen mit Wasser in dem Blockhaus, und das ist schon ein bißchen was bei einer Belagerung. Auch müßt‘ ich mich sehr verrechnen, wenn wir nicht noch einigen Vorteil aus dem Umstand ernten könnten, daß der ehrliche Chingachgook in Freiheit ist.«

Cap ließ sich nicht zweimal auffordern, sondern schlich sich weg und war bald mit Pfadfinder in dem oberen Raum, indem Mabel seine Stelle an dem ärmlichen Lager ihres Vaters einnahm. Pfadfinder öffnete, nachdem er das Licht so weit verborgen hatte, daß es ihn keinem verräterischen Schuß aussetzen konnte, eine Schießscharte, und hielt, da er eine Aufforderung erwartete, sein Gesicht an die Öffnung, um sogleich antworten zu können. Die nun folgende Stille wurde endlich durch Muirs Stimme unterbrochen.

»Meister Pfadfinder«, rief der Schotte, »ein Freund fordert Euch zu einer Besprechung auf. Kommt ohne Scheu an eine der Öffnungen, denn Ihr habt nichts zu fürchten, solang‘ Ihr mit einem Offizier des Fünfundfünfzigsten verhandelt.«

»Was begehren Sie, Quartiermeister? Was wollen Sie? Ich kenne das Fünfundfünfzigste und glaube, daß es ein braves Regiment ist, obgleich ich’s mit dem Sechzigsten lieber zu tun habe, und am allerliebsten mit den Delawaren. Aber was verlangen Sie von mir, Quartiermeister? Es muß eine dringende Botschaft sein, die Sie zu dieser Stunde der Nacht unter die Schießscharten eines Blockhauses bringt, in dessen Innerem, wie Sie wissen, der Wildtod ist.«

»Oh, ich weiß gewiß, daß Ihr einem Freund kein Leid tun werdet, und das ist meine Beruhigung. Ihr seid ein Mann von Verstand und habt Euch durch Eure Tapferkeit einen zu großen Namen an der Grenze erworben, als daß Ihr es für nötig halten könntet, ihn durch Tollkühnheit in Ehren zu erhalten. Ihr werdet wohl einsehen, mein guter Freund, daß man, wenn Widerstand unmöglich ist, durch eine freiwillige Unterwerfung ebensoviel Achtung gewinnen kann wie durch ein hartnäckiges, gegen alle Kriegsregeln laufendes Ausharren. Der Feind ist zu stark für uns, mein wackerer Kamerad, und ich komme, Euch zu raten, das Blockhaus zu übergeben unter der Bedingung, als Kriegsgefangener behandelt zu werden.«

»Ich dank‘ Ihnen für diesen Rat, Quartiermeister, der um so annehmlicher ist, da er nichts kostet; aber ich glaube, es gehört nicht zu meinen Gaben, einen solchen Platz aufzugeben, solange Proviant und Wasser da ist.«

»Gut, ich würde der letzte sein, Pfadfinder, der gegen ein solches mutiges Vorhaben irgendwas zu erinnern hätte, wenn ich die Möglichkeit seiner Ausführung einsehen könnte. Aber Ihr werdet wissen, daß Meister Cap gefallen ist.«

»Ah, bewahre«, krächzte Cap durch eine andere Schießscharte; »er ist so wenig gefallen, Leutnant, daß er vielmehr zu der Höhe dieser Befestigung gestiegen ist und nicht im Sinn hat, seinen Kopf wieder in die Hände solcher Barbiere zu geben, solange er’s ändern kann. Ich betrachte dieses Blockhaus als einen Umstand und denke nicht daran, ihn von mir zu werfen.«

»Wenn das die Stimme eines Lebenden ist«, erwiderte Muir, »so freut mich’s, sie zu vernehmen; denn wir alle glauben, der Mann, dem sie angehört, sei in der letzten schrecklichen Verwirrung gefallen. Aber Meister Pfadfinder, obgleich Ihr Euch der Gesellschaft Eures Freundes Cap erfreut, was großes Vergnügen gewährt, wie ich aus Erfahrung weiß, da ich zwei Tage und zwei Nächte mit ihm in einer Höhle unter der Erde zubrachte, so haben wir doch den Sergeanten Dunham verloren, der mit allen Tapferen gefallen ist, die er in der letzten Expedition anführte. Lundie wollte es so haben, obschon es vernünftiger und passender gewesen wäre, einem wirklichen Offizier das Kommando zu übertragen. Dunham war aber trotzdem ein braver Soldat; Ehre seinem Andenken! Kurz, wir haben alle unser Bestes getan, und mehr läßt sich selbst zugunsten des Prinzen Eugen oder des Herzogs von Marlborough nicht sagen.«

»Sie sind wieder irrig daran, Quartiermeister, Sie sind wieder irrig daran«, antwortete Pfadfinder, indem er, um der Stärke seiner Verteidigungsmittel mehr Achtung zu verschaffen, zu einer List seine Zuflucht nahm. »Der Sergeant ist gleichfalls wohlbehalten im Blockhaus und daher sozusagen die ganze Familie beieinander.«

»Gut – es freut mich, das zu hören, denn wir hatten den Sergeanten zuverlässig zu den Erschlagenen gezählt. Aber wenn die schöne Mabel noch in dem Blockhaus ist, so laßt sie nur um des Himmels willen keinen Augenblick mehr darin bleiben, denn der Feind ist im Begriff, das Gebäude der Feuerprobe zu unterwerfen. Ihr kennt die Macht dieses fürchterlichen Elements und werdet mehr als der verständige, erfahrene Krieger handeln, für den man Euch allgemein betrachtet, wenn Ihr einen Platz aufgebt, den Ihr nicht verteidigen könnt, als wenn Ihr Eure Gefährten in Euern Untergang mit hereinzieht.«

»Ich kenne die Macht des Feuers, wie Sie es nennen, Quartiermeister, und brauch‘ mir nicht erst sagen zu lassen, daß es sich auch noch zu was anderem als zum Kochen des Mittagessens benutzen läßt. Ich zweifle jedoch nicht, daß auch Sie was von der Macht des Wildtodes gehört haben, und der Mann, der es wagt, einen Reisbündel an diese Balken zu legen, soll was davon zu kosten kriegen. Was die Pfeile anbelangt, so gehört es nicht zu ihren Gaben, dieses Gebäude in Brand zu stecken, denn wir haben keine Schindeln auf unserem Dach, sondern gute, kernige Klötze und grüne Rinde; außerdem Wasser die Fülle. Auch ist das Dach so flach, daß wir darauf herumgehen können, wie Sie wohl wissen, Quartiermeister, und so hat’s also von dieser Seite keine Gefahr, solange das Wasser ausreicht. Ich bin friedlich genug, wenn man mich zufrieden läßt; wer’s aber versucht, dieses Blockhaus über meinem Kopf anzuzünden, der soll finden, daß sich das Feuer in seinem Blut kühlen wird.«

»Das sind unnütze und romanhafte Reden, Pfadfinder, und Ihr werdet sie selbst nicht festhalten, wenn Ihr über die Wirklichkeit nachdenkt. Ich hoffe, Ihr werdet gegen die Loyalität und den Mut des Fünfundfünfzigsten nichts einzuwenden haben, und ich bin überzeugt, daß sich ein Kriegsrat unverzüglich zu einer Übergabe entschließen würde. Nein, nein, Pfadfinder, Tollkühnheit ist der Tapferkeit eines Wallace oder Bruce nicht ähnlicher als Albany am Hudson der alten Stadt Edinburgh.«

»Da ein jeder von uns mit sich im reinen zu sein scheint, so sind weitere Worte fruchtlos. Wenn dieses Gewürm in ihrer Nähe Lust hat, sein höllisches Werk auszuführen, so soll’s bloß mal anfangen. Sie können Holz und ich Pulver verbrennen. Wenn ich ein Indianer am Pfahl wäre, so glaub‘ ich, ich könnte ebensogut prahlen wie die übrigen; aber meine Natur und meine Gaben sind die eines Weißen, und ich halt‘ es daher lieber mit Handlungen als mit Worten. Sie haben nun für einen Offizier in des Königs Dienst genug gesagt; und sollten wir auch alle von den Flammen verzehrt werden, so wird niemand von uns Ihnen einen Groll nachtragen.«

»Pfadfinder, Ihr werdet doch Mabel, die schöne Mabel Dunham, nicht einem solchen Unglück aussetzen wollen?«

»Mabel Dunham ist an der Seite ihres Vaters, und Gott wird für die Sicherheit eines frommen Kindes Sorge tragen. Kein Haar soll von ihrem Haupt fallen, solange mir Arm und Auge treu bleibt. Mögen Sie immer auf die Mingos Ihr Vertrauen setzen, Herr Muir, ich wenigstens tue es nicht. Sie haben dort einen schurkischen Tuscarora in Ihrer Gesellschaft, der Bosheit und Verschlagenheit genug besitzt, die Ehre eines jeden Stammes, zu dem er sich hält, zu vernichten, obgleich er, wie ich fürchte, die Mingos hinlänglich verderbt gefunden hat. Doch kein Wort mehr; mag jede Partei nun von ihren Mitteln und Gaben Gebrauch machen.«

Während des ganzen Gesprächs hatte der Pfadfinder seinen Körper gedeckt gehalten, damit ihn kein verräterischer Schuß durch die Schießscharte treffe, und nun gab er Cap die Weisung, auf das Dach zu steigen, um zur Begegnung des ersten Angriffs bereit zu sein. Obgleich der letztere so ziemlich an Eile gewöhnt war, so fand er doch wenigstens schon zehn flammende Pfeile in der Rinde stecken, indes die Luft von den gellenden Tönen des feindlichen Kriegsgeschreis erfüllt wurde. Darauf folgte ein rasches Büchsenfeuer und die Kugeln knatterten gegen die Holzstämme, so daß es deutlich war, der Kampf habe allen Ernstes begonnen.

Dies waren jedoch Töne, die weder Pfadfinder noch Cap erschreckten, und Mabel war zu sehr in ihren Kummer vertieft, um Unruhe zu fühlen. Auch war sie verständig genug, die Natur der Verteidigungsmittel zu verstehen und ihre Wirksamkeit zu würdigen. In dem Sergeanten jedoch weckte dieser Lärm wieder neues Leben, und mit Wehmut bemerkte in diesem Augenblick sein Kind, daß das matte Auge abermals zu leuchten begann und das Blut in die erblaßten Wangen zurückkehrte, als er diesen Aufruhr vernahm. Mabel bemerkte jetzt zum erstenmal, daß sein Geist anfing, irre zu werden.

»Leichte Kompagnien vor!« flüsterte er. »Grenadiere, Feuer! Wagen sie’s, uns in unserm Fort anzugreifen? Warum gibt die Artillerie nicht Feuer auf sie?«

In diesem Augenblick ließ sich der dumpfe Knall eines schweren Geschützes durch die Nacht vernehmen. Man hörte das Krachen des zersplitterten Holzes, als eine schwere Kugel die Stämme des oberen Raumes zerriß, und das ganze Blockhaus erbebte unter der Gewalt einer Bombe, die in das Haus gedrungen war. Der Pfadfinder entging kaum diesem schrecklichen Geschoß; aber als es platzte, konnte Mabel einen Ruf des Schreckens nicht unterdrücken, da sie alles Lebende und Leblose über ihrem Haupt für zerstört hielt. Um ihr Entsetzen zu vermehren, rief ihr Vater mit wütender Stimme: »Zum Angriff!«

»Mabel«, rief Pfadfinder durch die Falltür herunter, »das ist echte Mingoarbeit – mehr Lärm als Schaden. Die Landstreicher haben sich der Haubitze, die wir den Franzosen abnahmen, bemächtigt und sie gegen das Blockhaus abgefeuert. Zum Glück haben sie jetzt die einzige Bombe, die wir hatten, verschossen, und es ist nun nichts Derartiges mehr zu fürchten. Es ist dadurch zwar einige Verwirrung in die Vorräte dieses Stockwerks gekommen, aber niemand ist verletzt. Ihr Onkel ist noch auf dem Dach, und was mich anbelangt, so hab‘ ich schon zu oft im Kugelregen gestanden, um mich durch ein Ding wie ’ne Haubitze einschüchtern zu lassen, und dazu noch in den Händen von Indianern.«

Mabel flüsterte ihren Dank und versuchte es, ihre ganze Aufmerksamkeit auf ihren Vater zu wenden, der immer aufstehen wollte und nur durch seine Schwäche davon abgehalten wurde. Während der schrecklichen Minuten, die nun folgten, war sie so sehr mit der Pflege des Kranken beschäftigt, daß sie kaum des Geschreis achtete, das rundherum tobte. Der Aufruhr war aber auch so groß, daß, hätten ihre Gedanken nicht eine andere Richtung genommen, wahrscheinlich eher Verwirrung des Verstandes als Entsetzen die Folge gewesen wäre.

Cap entwickelte eine bewunderungswürdige Besonnenheit. Er hatte allerdings einen großen und sich immer steigernden Respekt vor der Macht der Wilden und der Majestät des Frischwassers; aber alle seine Befürchtungen vor den Wilden gingen mehr von der Scheu, skalpiert und gemartert zu werden, als von einer unmännlichen Todesfurcht aus. Da er nun, wenn auch nicht auf dem Verdeck eines Schiffes, so doch auf dem Verdeck eines Hauses stand und wußte, daß ein Entern nicht zu befürchten war, so bewegte er sich mit einer Furchtlosigkeit und einer tollkühnen Gefährdung seiner Person hin und her, die der Pfadfinder, wenn er sie bemerkt hätte, zuerst getadelt haben würde. Statt nach der Gewohnheit des Indianerkriegs seinen Körper gedeckt zu halten, zeigte er sich an jeder Stelle des Daches und goß rechts und links mit jener Beharrlichkeit und Unbesorgtheit Wasser aus, mit der ein Segelsetzer seine Kunst in einer Seeschlacht ausgeübt hätte. Seine Erscheinung war eine der Ursachen des außerordentlichen Geschreis unter den Angreifenden, die, nicht daran gewöhnt, ihre Feinde so unbekümmert zu sehen, ihre Zungen gegen ihn schießen ließen wie eine Meute Hunde, die den Fuchs im Auge haben. Er schien jedoch ein durch Zauber geschütztes Leben zu besitzen, denn obgleich die Kugeln von allen Seiten um ihn pfiffen und seine Kleider verschiedene Male durchbohrten, so konnte ihm doch keine die Haut ritzen. Als die Bombe weiter unten durch die Balken drang, ließ der alte Seemann seinen Eimer fallen, schwenkte seinen Hut und ließ drei Hurras erschallen, und gerade während dieses heroischen Aktes platzte das gefährliche Geschoß. Diese charakteristische Tat rettete wahrscheinlich sein Leben; denn von diesem Augenblick an ließen die Indianer nach, auf ihn zu feuern oder ihre flammenden Pfeile nach dem Blockhaus zu schießen, da sie gleichzeitig und übereinstimmend die Überzeugung gewannen, daß das »Salzwasser« toll sei; und es ist ein eigentümlicher Zug ihrer Großmut, daß sie nie Hand an jene legten, deren Verstand sie verwirrt glaubten.

Pfadfinders Benehmen war sehr verschieden. Was er tat, geschah mit der genauesten Berechnung – eine Folge langjähriger Erfahrung und gewohnter Besonnenheit. Er hielt sich sorgfältig aus den Linien der Schießscharten, und der Ort, den er zu seinem Lugaus gewählt hatte, war keiner Gefahr ausgesetzt. Man wußte von diesem berühmten Kundschafter, daß er oft, wo nichts mehr zu hoffen war, einen glücklichen Ausweg gefunden hatte: daß er schon einmal am Pfahl stand und die Grausamkeiten und Hohnworte des wilden indianischen Witzes ohne einen Klagelaut erduldete. Erzählungen von seinen Taten, von seiner Besonnenheit und seiner Kühnheit waren an der ganzen weiten Grenze, wo nur immer Menschen wohnten und Menschen kämpften, im Umlauf. Aber bei dieser Gelegenheit hätte einer, der seine Geschichte und seinen Charakter nicht kannte, der außerordentlichen Vorsicht und der großen Aufmerksamkeit auf seine Selbsterhaltung einen unwürdigen Beweggrund unterschieben können. Ein solcher Richter hätte jedoch den Mann nicht verstanden. Der Pfadfinder dachte an Mabel und an die wahrscheinlichen Folgen, denen das arme Mädchen ausgesetzt wäre, wenn ihm selbst ein Unfall begegnete; aber dieser Gedanke – statt seine gewohnte Klugheit zu ändern, schärfte eher seine geistigen Kräfte. Er war wirklich einer von denen, die Furcht so wenig kennen, daß sie gar nicht daran denken, was andere von ihrem Benehmen denken mögen. Aber wenn er in Augenblicken der Gefahr mit der Klugheit der Schlange handelte, so tat er es auch mit der Einfalt eines Kindes.

Während der ersten zehn Minuten des Angriffs erhob Pfadfinder nie den Schaft seiner Büchse von dem Boden, als wenn er seine Stellung wechselte, denn er wußte wohl, daß die feindlichen Kugeln gegen die dicken Holzstämme des Werks vergeblich abgeschossen waren; und da er bei Wegnahme der Haubitze mit tätig gewesen, so konnte er der festen Überzeugung leben, daß die Wilden keine andere Bombe besäßen als jene, die sich in dem genommenen Mörser befunden hatte. Es war daher kein Grund vorhanden, das Feuer der Angreifenden zu fürchten, wenn nicht zufällig eine Kugel durch die Öffnung einer Schießscharte flog. Dies kam ein- oder zweimal vor, aber die Kugeln waren unter einem Winkel eingedrungen, der sie unschädlich machte, solange sich die Indianer in der Nähe des Blockhauses hielten, und wenn sie aus größerer Entfernung abgeschossen wurden, so war kaum die Möglichkeit vorhanden, daß von Hunderten eine die Öffnung träfe. Als aber Pfadfinder den Ton eines Mokassintrittes und das Rascheln von Gestrüpp am Fuß des Gebäudes vernahm, so wurde es ihm klar, daß der Versuch, Feuer an die Balken zu legen, erneuert werden sollte. Er rief daher Cap vom Dach, wo jetzt keine Gefahr mehr zu befürchten war und forderte ihn auf, sich mit seinem Wasser an einer Öffnung, die unmittelbar über der bedrohten Stelle lag, bereit zu halten.

Ein Mann von weniger Erfahrung als unser Held möchte wohl zu hastig einen so gefährlichen Versuch zu vereiteln gesucht und zu früh zu den Hilfsmitteln, die ihm zu Gebote standen, seine Zuflucht genommen haben – aber nicht so Pfadfinder. Seine Absicht war nicht nur, das Feuer zu löschen, das ihm wenig Besorgnis einflößte, sondern vielmehr, dem Feind eine Lehre zu geben, die ihn für den Rest der Nacht vorsichtig machen sollte. Um das letztere Vorhaben auszuführen, mußte er warten, bis ihm das Licht des beabsichtigten Brandes ein Ziel zeigte; denn er wußte wohl, daß dann eine kleine Probe seiner Geschicklichkeit zureichen würde. Er ließ daher die Irokesen unangefochten dürres Gestrüpp sammeln, es am Blockhaus aufhäufen, anzünden und sie wieder in ihre Verstecke zurückkehren. Cap sollte nur ein volles Wasserfaß unmittelbar zu der Öffnung über der bedrohten Stelle rollen, um im geeigneten Augenblick für den Gebrauch bereit zu sein. Dieser Augenblick war aber, nach Pfadfinders Ansicht, nicht früher vorhanden, als bis die Flamme das benachbarte Gebüsch beleuchtete und dem raschen und geübten Auge des Kundschafters Zeit gelassen hatte, die Gestalten von drei oder vier lauernden Wilden zu entdecken, die mit der kalten Gleichgültigkeit von Menschen, die gewöhnt sind, teilnahmslos auf das menschliche Elend zu blicken, auf die Fortschritte des Brandes achteten. Jetzt erst sprach er.

»Seid Ihr bereit, Freund Cap?« fragte er. »Die Hitze fängt an, durch die Spalten zu dringen, und obgleich diese grünen Stämme nicht die feuerfangende Natur eines reizbaren Menschen haben, so mögen sie doch am Ende auflodern, wenn man sie allzusehr herausfordert. Seid Ihr mit dem Faß bereit? Gebt acht, daß Ihr es in die rechte Lage bringt, und daß das Wasser nicht unnötig verwendet wird.«

»Alles bereit!« antwortete Cap in dem Ton, mit dem der Matrose auf dem Schiff eine solche Aufforderung zu erwidern pflegt.

»Dann wartet, bis ich Euch weitere Weisung gebe. Man darf sowenig zu hastig in einem gefährlichen Augenblick sein wie tollkühn in einer Schlacht. Wartet, bis ich’s Euch sage.«

Während der Pfadfinder diese Anweisungen gab, machte er seine eigenen Vorbereitungen, denn er sah, daß der Augenblick des Handelns gekommen sei. Der Wildtod wurde vorsichtig gehoben, angelegt und abgefeuert. Das Ganze dauerte ungefähr eine halbe Minute, und nachdem er die Büchse wieder hereingenommen hatte, brachte der Schütze sein Auge an die Schießscharte.

»Eines von diesen Reptilien weniger«, brummte Pfadfinder in den Bart. »Ich habe diesen Strolch schon früher mal gesehen, und ich kenn‘ ihn als einen schonungslosen Teufel. Noch einen von diesen Schuften, und das wird guttun für diese Nacht. Wenn das Tageslicht kommt, werden wir heißere Arbeit kriegen.«

Mittlerweile wurde eine andere Büchse bereitgehalten, und als Pfadfinder zu sprechen aufgehört hatte, fiel ein zweiter Wilder.

Das war in der Tat hinreichend; denn die ganze Rotte, die sich in das Gebüsch um das Blockhaus herum verkrochen hatte, empfand keine Lust, eine dritte Heimsuchung von derselben Hand abzuwarten, und da keiner wissen konnte, wer dem Auge des Schützen ausgesetzt war, so hüpften sie aus ihren Verstecken und flüchteten sich nach verschiedenen Richtungen, um ihre Haut in Sicherheit zu bringen.

»Jetzt gießt aus, Meister Cap«, sagte Pfadfinder, »ich habe diesen Blaustrümpfen einen Denkzettel gegeben; sie werden uns in dieser Nacht kein Feuer mehr anzünden.«

»Achtung!« schrie Cap, indem er das Faß mit einer Sorgfalt ausschüttete, daß die Flammen auf einmal und vollständig erloschen.

So endete dieser sonderbare Kampf, und der Rest der Nacht verfloß in Ruhe. Pfadfinder und Cap wachten abwechselnd, obgleich man von keinem sagen konnte, daß er wirklich schliefe. Auch schien der Schlaf kein Bedürfnis für sie zu sein, da beide an langes Wachen gewöhnt waren, und es gab Zeiten, wo der erstere buchstäblich gegen die Anforderungen des Hungers und Durstes unempfindlich und gegen die Wirkungen der Ermüdung ganz abgestumpft schien.

Mabel wachte an ihres Vaters Lager und begann zu fühlen, wie oft unser zeitliches Glück nur von Dingen abhängt, die in der Einbildung bestehen. Bisher hatte sie eigentlich ohne Vater gelebt, da ihre Verbindung mit ihm eher eine geistige als eine wirkliche zu nennen war. Jetzt aber, da sie ihn verlieren sollte, betrachtete sie den Augenblick seines Todes als den Abschnitt, der ihr die Welt zur Öde machte und all ihr irdisches Glück zerstörte.

Fünfundzwanzigstes Kapitel

Fünfundzwanzigstes Kapitel

Als das Licht wiederkehrte, stieg Pfadfinder mit Cap auf das Dach, um den Stand der Dinge auf der Insel zu überblicken. Dieser Teil des Blockhauses hatte rundherum Zinnen, die den in der Mitte stehenden Personen einen beträchtlichen Schutz gewährten und den Zweck hatten, die Schützen, die hinter ihnen lagen und darüberweg feuerten, zu decken. Unter Benützung dieser schwachen Verteidigungsmittel – denn sie waren nicht hoch, obgleich, so weit sie gingen, hinreichend breit – gewannen die beiden, die Verstecke ausgenommen, eine ziemlich weite Aussicht über die Insel und über die meisten Kanäle, die zu ihnen führten.

Der Wind blies noch sehr steif aus Süden, und an vielen Stellen sah die Oberfläche des Stromes grün und zürnend aus, obgleich sie der Wind kaum kräftig genug peitschte, um die Wellen zum Schäumen zu bringen. Die Gestalt der kleinen Insel war fast oval, und der längste Durchmesser ging von Osten nach Westen. Wenn sich ein Fahrzeug in den Kanälen hielt, die das Ufer umzogen, so konnte es infolge ihres verschiedenen Laufes und der Richtung des Windes an den beiden Hauptseiten fast mit vollen Segeln vorbeikommen. Dies waren die Umstände, die Cap zuerst gewahrte und seinem Gefährten auseinandersetzte; denn die Hoffnung beider beruhte nur auf der Möglichkeit eines Entsatzes von Oswego aus. Während sie in dieser Weise ängstlich um sich blickten, rief der Seemann auf einmal in seiner lustigen, herzlichen Manier:

»Segel! ho!«

Pfadfinder folgte schnell der Richtung von Caps Blicken, und in der Tat – eben tauchte dort der Gegenstand auf, dem des alten Matrosen Ausruf galt. Der hohe Standpunkt machte es beiden möglich, über die Niederungen verschiedener anliegender Inseln wegzusehen, und die Leinwand eines Schiffes glänzte durch das Gebüsch, das ein mehr südwestlich gelegenes Eiland säumte. Das fremde Fahrzeug war unter niederem Segel, wie es die Seeleute nennen; aber die Gewalt des Windes war so groß, daß seine weißen Umrisse an den Ausschnitten des Gebüsches mit der Schnelligkeit eines Renners vorbeiflogen – ähnlich einer Wolke, die in der Luft vor dem Wind treibt.

»Das kann nicht Jasper sein«, sagte Pfadfinder niedergeschlagen, denn er erkannte in dem vorbeieilenden Gegenstand den Kutter seines Freundes nicht. »Nein, nein, der Bursche kommt zu spät, und jenes Schiff dort schicken die Franzosen ihren Freunden, den verfluchten Mingos, zu Hilfe.«

»Diesmal habt Ihr Euch verrechnet, Freund Pfadfinder, wenn Ihr es auch nie vorher tatet«, erwiderte Cap in einer Weise, die selbst unter den gegenwärtigen bedenklichen Umständen von ihrer Rechthaberei nichts verloren hatte. »Frischwasser oder Salzwasser – das ist der obere Teil von des Scuds großem Segel, denn seine Gilling ist schmaler als gewöhnlich ausgeschnitten, und dann könnt Ihr sehen, daß eine Schale um die Gaffel gelegt ist: Es ist zwar gut ausgeführt, ich geb’s zu, aber doch ist eine Schale dran.«

»Ich bekenne, daß ich nichts hiervon sehen kann«, antwortete Pfadfinder, dem die Ausdrücke seines Gefährten spanisch vorkamen.

»Nicht? Nun, das nimmt mich wunder, denn ich dachte, Eure Augen könnten alles sehen. Was mich anlangt, so ist mir nichts deutlicher als diese Gilling und diese Schale, und ich muß sagen, mein ehrlicher Freund, daß ich an Eurer Stelle besorgen würde, mein Gesicht fange an, abzunehmen.«

»Wenn das wirklich Jasper ist, so befürcht‘ ich wenig mehr. Wir können dann das Blockhaus gegen die ganze Nation der Mingos auf acht oder zehn Stunden halten, und wenn Eau-douce unseren Rückzug deckt, so verzweifle ich an nichts. Gott gebe, daß der Junge nicht längs dem Ufer auf den Strand läuft und in einen Hinterhalt fällt, wie es dem Sergeanten ergangen ist.«

»Ja, das ist der faule Fleck. Man hätte Signale verabreden und einen Ankergrund ausbojen sollen – auch eine Quarantäne und ein Lazarett wären nützlich gewesen, wenn man diesen Mingos einen Respekt vor dem Völkerrecht einflößen könnte. Wenn der Bursche, wie Ihr sagt, irgendwo in der Nachbarschaft dieser Insel anlegt, so können wir den Kutter als verloren betrachten. Aber Meister Pfadfinder, müssen wir im Grunde diesen Jasper nicht eher für einen geheimen Verbündeten der Franzosen als für unseren Freund halten? Ich kenne des Sergeanten Ansicht in dieser Beziehung und muß sagen, diese ganze Geschichte sieht wie Verrat aus.«

»Wir werden’s bald erfahren, Meister Cap, denn da kommt der Kutter wahrhaftig schon aus den Inseln ‚raus, und einige Minuten müssen die Sache ins klare bringen. Es möchte übrigens gut sein, wenn wir dem Burschen ein Zeichen geben könnten, daß er auf der Hut sein soll. Es wäre nicht recht, ihn in die Falle laufen zu lassen, ohne ihm bemerklich zu machen, daß eine gelegt ist.«

Besorgnis und Ungewißheit hinderten jedoch beide an dem Versuch, ein Signal zu geben. Es war auch nicht leicht einzusehen, wie dies geschehen könnte, denn der Scud kam schäumend durch den Kanal an der Luvseite der Insel herunter, mit einer Geschwindigkeit, die zur Ausführung eines solchen Vorhabens kaum Zeit ließ. Auch war niemand auf dem Verdeck sichtbar, dem man ein Zeichen zuwinken konnte; selbst das Steuer schien verlassen, obgleich der Kurs des Schiffes so stetig war, wie es sich rasch vorwärtsbewegte.

Cap blickte in schweigender Verwunderung auf ein so ungewohntes Schauspiel. Aber als der Scud näherkam, entdeckte sein geübtes Auge, daß das Ruder mittels der Steuerreepe in Bewegung gesetzt wurde, obgleich der Maat, der es leitete, verborgen war. Da der Kutter Schutzbretter von einiger Höhe hatte, so ließ sich das Geheimnis leicht erklären, und es unterlag keinem Zweifel, daß die Mannschaft sich dahinter befand, um gegen die feindlichen Büchsen geschützt zu sein. Dieser Umstand ließ jedoch erkennen, daß nur wenige Leute an Bord sein konnten, und Pfadfinder nahm diese Auseinandersetzung seines Gefährten mit einem bedeutungsvollen Kopfschütteln hin.

»Das beweist, daß die Große Schlange Oswego nicht erreicht hat« sagte er, »und daß wir von der Garnison keine Unterstützung erwarten dürfen. Ich hoffe, Lundie hat sich’s nicht in den Kopf gesetzt, dem Jungen das Kommando zu nehmen, denn Jasper Western würde in einer solchen Klemme für ein ganzes Heer gelten. Wir drei, Meister Cap, könnten den Krieg männlich durchführen: Ihr, als ein Seemann, müßtet den Verkehr mit dem Kutter unterhalten, Jasper kennt den See und weiß, was auf diesem zu tun ist, und ich habe Gaben, die so gut wie die irgendeines Mingo sind, mag ich auch in anderer Beziehung sein, was ich will. Ich sage, wir sollten um Mabels willen einen mannhaften Kampf bestehen.«

»Das müssen wir, und das wollen wir«, erwiderte Cap mit Herzlichkeit, denn er hatte, da er nun wieder das Licht der Sonne sah, mehr Zuversicht wegen der Sicherheit seines Skalps. »Ich betrachte die Ankunft des Scud als einen Umstand, und die Möglichkeit, daß dieser verhenkerte Eau-douce ehrlich ist, für einen zweiten. Jasper ist, wie Ihr seht, ein kluger, junger Bursch, denn er hält sich in einer guten Landweite und scheint entschlossen, vorher die Verhältnisse auf der Insel zu rekognoszieren, ehe er anzulegen wagt.«

»Ich hab’s! ich hab’s!« rief Pfadfinder freudig. »Da liegt der Kahn des Chingachgook auf dem Deck des Kutters; der Häuptling ist an Bord und hat ohne Zweifel einen treuen Bericht über unsere Lage erstattet; denn ein Delaware, ungleich dem Mingo, erzählt gewiß eine Geschichte richtig oder schweigt lieber still.«

»Möglich, daß der Kahn nicht zu dem Kutter gehört«, sagte der krittlige Seemann, »aber Eau-douce hatte auch einen an Bord, als wir aussegelten.«

»Sehr wahr, Freund Cap, aber wenn Ihr Eure Segel und Masten an den Gillingen und Schalen erkennt, so läßt mich mein Grenzmannswissen die Kähne und Fährten unterscheiden. Wenn Ihr an einem Segel neues Tuch seht, so seh‘ ich an einem Kahn frische Rinde. Das ist das Boot des großen Häuptlings, und dieser wackere Bursche ist der Garnison zugerudert, sobald er sah, daß das Blockhaus eingeschlossen sei; er traf dann den Scud, erzählte die ganze Geschichte, und brachte den Kutter mit hierher, um zu sehen, was zu tun ist. Gott gebe, daß Jasper Western noch an Bord ist.«

»Ja, ja, es könnte nicht schaden; denn Verräter oder loyal, der Bursche weiß mit einem Sturm umzuspringen, ich muß das zugeben.«

»Und mit den Wasserfällen!« sagte Pfadfinder und stieß seinen Gefährten mit dem Ellenbogen an, wobei er in seiner stillen Weise herzlich lachte. »Wir müssen dem Jungen Gerechtigkeit widerfahren lassen, und sollte er uns alle eigenhändig skalpieren.«

Der Scud war nun so nahe, daß Cap die Erwiderung schuldig blieb.

Der Wind blies immer noch sehr heftig. Viele von den kleinen Bäumen beugten ihre Wipfel fast bis zur Erde, während das Sausen des Sturmes durch die Äste der Waldung dem Rollen ferner Wagen glich.

Die Luft war mit Blättern angefüllt, die sich in dieser späten Jahreszeit leicht von den Zweigen lösten und wie Scharen von Vögeln von einer Insel zur anderen flogen. Im übrigen war alles still wie das Grab. Daß die Wilden noch auf der Insel weilten, ließ sich aus den Kähnen entnehmen, die mit den Booten des Fünfundfünzigsten in der kleinen, als Hafen dienenden Bucht lagen, obgleich kein anderes Zeichen ihre Gegenwart verriet. Zwar wurden sie durch die plötzliche und unvorgesehene Rückkehr des Kutters äußerst überrascht; aber ihre gewohnte Vorsicht auf einem Kriegspfad war so allgemein und gewissermaßen instinktmäßig, daß auf das erste Warnungszeichen ein jeder nach seinem Versteck eilte wie der Fuchs nach seinem Bau. Dieselbe Stille herrschte in dem Blockhaus; denn obgleich Pfadfinder und Cap die Aussicht nach der Wasserstraße beherrschten, so nahmen sie doch die nötige Vorsicht wahr, sich verborgen zu halten. Noch merkwürdiger war die ungewohnte Erscheinung, daß sich an Bord des Scud keine Spur von lebendigen Wesen blicken ließ. Da die Indianer Zeugen seiner scheinbar nicht geleiteten Bewegungen waren, so faßte sie ein Gefühl des Entsetzens, und einige der Kühnsten fingen an, über den Ausgang eines Unternehmens besorgt zu werden, das unter so günstigen Anzeichen begonnen hatte. Selbst Pfeilspitze, der doch an den Verkehr mit den Weißen auf beiden Seiten des Sees gewöhnt war, erblickte etwas Unheilverkündendes in der Erscheinung dieses unbemannten Schiffes und wäre in diesem Augenblick wohl gerne wieder auf dem Festland gewesen.

Mittlerweile bewegte sich der Kutter rasch vorwärts. Er segelte durch den mittleren Kanal, sich bald vor den Windstößen beugend, bald wieder aufrecht, wie ein Philosoph, der, niedergedrückt von den Stürmen des Lebens, seine freie Haltung wiedergewinnt, sobald sie verschwinden – und trennte die schäumenden Wogen unter seinem Bug. Obgleich er unter sehr kurzem Segel ging, war doch seine Geschwindigkeit ansehnlich, und es verflossen kaum zehn Minuten von der Zeit an, als seine Leinwand zum erstenmal durch die entfernten Bäume und Gebüsche glänzte, bis zu dem Augenblick, wo er die Höhe des Blockhauses erreichte. Cap und Pfadfinder beugten sich, als der Scud unter ihrem Horst vorbeizog, vorwärts, um besser auf das Verdeck sehen zu können, als zu ihrem beiderseitigen großen Vergnügen Jasper aufsprang und einen dreifachen Freudenruf erschallen ließ. Ohne auf irgendeine Gefahr Rücksicht zu nehmen, schwang sich Cap auf die hölzerne Brüstung und erwiderte den Gruß – Ruf um Ruf. Zum Glück rettete ihn die Klugheit des Feindes; denn die Indianer lagen noch ruhig, ohne eine Büchse abzufeuern. Auf der anderen Seite behielt Pfadfinder mehr den nützlichen Teil des Kriegszuges im Auge, ohne dem nur dramatischen irgendeine Aufmerksamkeit zu schenken. Sobald er seinen Freund Jasper erblickte, rief er ihm mit einer Stentorstimme zu:

»Steht uns bei, Junge, und der Tag wird unser sein. Nehmt jene Büsche ein wenig aufs Korn, und Ihr werdet die Halunken wie die Rebhühner aufjagen.«

Ein Teil hiervon erreichte Jaspers Ohr, aber das meiste wurde auf den Schwingen des Windes leewärts getragen. Der Scud hatte während dieser Worte vorbeigetrieben, und im nächsten Augenblick verbarg ihn die Waldung, in der das Blockhaus teilweise versteckt lag.

Nun folgten zwei beängstigende Minuten; aber nach diesem kurzen Zeitraum glänzten die Segel wieder durch die Bäume, da Jasper geviert, das Segel gedreht und unter dem Lee der Insel zu dem anderen Gang aufgeholt hatte. Der Wind war noch immer frei genug, um ein solches Manöver zuzulassen, und der Kutter, der die Strömung unter seinem Leebug hatte, wurde zu seinem Kurs auf eine Weise aufgerichtet, daß man wohl sehen konnte, er werde ohne Schwierigkeit wieder windwärts von der Insel kommen. Diese ganze Schwenkung wurde mit der größten Leichtigkeit ausgeführt und keine Schote berührt; die Segel setzten sich von selbst, und nur das Ruder leitete die wunderbare Maschine.

Dies alles schien des Rekognoszierens wegen zu geschehen. Als jedoch der Scud seinen Gang um die ganze Insel herum gemacht und in dem Kanal, in dem er sich zuerst der Insel genähert, seine Luvlage wieder eingenommen hatte, wurde das Steuer niedergelassen und durch den Wind gewendet. Der Ton des schlagenden, großen Segels, so dicht es auch gerefft war, glich dem Schuß einer Kanone, so daß Cap Angst bekam, die Nahtung möchte sich lösen.

»Seine Majestät gibt gute Leinwand, das muß man ihr lassen«, brummte der alte Seemann; »auch muß man dem Jungen zugestehen, daß er sein Boot wie ein erfahrener Bursche handhabt. Gott verdamm mich, Meister Pfadfinder, wenn ich, trotz allem, was man drüber sagen mag, glaube, daß dieser verhenkerte Meister Eaudouce sein Gewerbe auf diesem Fetzen Frischwasser gelernt hat!«

»Ei freilich lernte er’s hier. Er hat nie das Meer gesehen und ist zu seinem Beruf nirgends anders als hier auf dem Ontario herangebildet worden. Ich hab’s oft gesagt, daß er eine natürliche Gabe für Schoner und Schaluppen habe, und respektiere ihn auch dafür besonders. Was Verrat, Lügen und alle die Laster eines schwarzen Herzens anbelangt, Freund Cap, so ist Jasper davon so frei wie der tugendhafteste Krieger unter den Delawaren; und wenn Ihr ein Verlangen tragt, einen echten, ehrlichen Mann zu sehen, so müßt Ihr ihn unter diesem Stamm suchen.«

»Da flitzt er ‚rum um die Ecke«, rief der vergnügte Cap, als sich der Scud wieder zu dem ursprünglichen Gang anschickte, »und nun werden wir mal sehen, was der Junge beabsichtigt; er kann doch nicht immer in diesen Kanälen hin und her fahren wollen, wie ein Mädchen bei einem Jahrmarktstanz.«

Der Scud hielt jetzt so weit ab, daß die beiden Beobachter auf dem Blockhaus einen Augenblick fürchteten, Jasper wolle landen; und die Wilden betrachteten den Kutter aus ihren Verstecken mit einer Art Lust, wie sie wohl der geduckte Tiger fühlen mag, wenn er das Opfer sich harmlos seinem Lager nähern sieht. Aber Jasper hatte nicht diese Absicht. Vertraut mit dem Ufer und bekannt mit der Tiefe des Wassers an jeder Stelle der Insel, wußte er wohl, daß der Scud ohne Gefahr ans Ufer laufen könne: Deshalb wagte er sich furchtlos so nahe, daß er beim Fahren durch die kleine Bai die zwei Boote der Soldaten von den Tauen losriß, sie in den Kanal hinausdrängte und mit sich fortzog. Da jedoch alle Kähne an den beiden Booten Dunhams befestigt waren, so wurden die Wilden durch diesen kühnen und erfolgreichen Versuch auf einmal aller Mittel beraubt, die Insel anders als durch Schwimmen zu verlassen. Auch schienen sie diesen wichtigen Umstand im Augenblick einzusehen; sie erhoben sich insgesamt, erfüllten die Luft mit ihrem Geschrei und eröffneten ein unschädliches Büchsenfeuer. Während dieses unbedachtsamen Beginnens wurden zwei Büchsen von ihren Gegnern abgefeuert. Eine Kugel kam von dem Giebel des Blockhauses, und ein Irokese fiel, durch das Hirn getroffen, rücklings nieder. Die andere kam vom Scud aus. Sie war aus dem Gewehr des Delawaren, aber weniger sicher als die seines Freundes, da sie den Feind nicht erschlug, sondern nur auf Lebenszeit lähmte. Die Mannschaft des Scud jubelte, und die Wilden verschwanden wieder bis auf den letzten Mann, als ob sie die Erde verschluckt hätte.

»Das war der Schlange zischende Stimme«, sagte Pfadfinder, als die zweite Büchse abgefeuert wurde. »Ich kenne diesen Knall so gut, wie ich den des Wildtods kenne: ’s ist ein guter Lauf, obgleich nicht sicherer Tod. Nun, mit Chingachgook und Jasper auf dem Wasser und Euch und mir in dem Blockhaus, Freund Cap – da müßte es sonderbar zugehen, wenn wir diese Mingostrolche nicht lehrten, wie man mit Verstand ficht.«

Diese ganze Zeit über war der Scud in Bewegung. Sobald Jasper das Ende der Insel erreicht hatte, ließ er seine Prisen in den Wind treiben, bis sie auf einem Punkt, eine halbe Meile leewärts, auf den Strand liefen. Er vierte sodann und kam, gegen die Strömung anlegend, wieder durch den anderen Gang. Die auf dem Giebel des Blockhauses konnten nun bemerken, daß etwas auf dem Verdeck des Scud in Tätigkeit war, und zu ihrem großen Vergnügen wurde, als der Kutter in gleicher Linie mit der Hauptbucht und an die Stelle kam, wo die Feinde am dichtesten lagen, die Haubitze, die seine einzige Bewaffnung ausmachte, demaskiert, und ein Kartätschenschauer zischte in die Gebüsche. Ein Flug Wachteln hätte sich nicht schneller erheben können, als dieser unerwartete Eisenhagel die Irokesen aufjagte; da fiel wieder ein Wilder durch eine Kugel aus der Wildtodbüchse, indes ein anderer infolge einer Heimsuchung aus Chingachgooks Büchse davonhinkte. Sie hatten jedoch im Augenblick wieder neue Verstecke, und jeder Teil schien sich zur Erneuerung des Kampfes in einer anderen Weise vorzubereiten. Aber die Erscheinung Junes, die eine weiße Flagge trug und von dem französischen Offizier und Muir begleitet wurde, brachte alle Hände zur Ruhe und war der Vorläufer einer weiteren Unterhandlung.

Diese wurde so nah unter dem Blockhaus abgehalten, daß alle, die sich in keinem Versteck befanden, der Gnade von Pfadfinders nie fehlender Büchse gänzlich preisgegeben waren. Jasper legte den Kutter quer vor Anker, und auch die Haubitze war auf die Unterhändler gerichtet, so daß die Belagerten und ihre Freunde mit Ausnahme des Mannes, der den Zündstock hielt, keine Scheu haben durften, sich offen zu zeigen. Chingachgook allein blieb versteckt, jedoch mehr aus Gewohnheit als aus Mißtrauen.

»Ihr habt gesiegt, Pfadfinder«, rief der Quartiermeister aus, »und Kapitän Sanglier kommt selbst, um Friedensvorschläge zu machen. Ihr werdet einem tapferen Feinde einen ehrenvollen Rückzug nicht verweigern, weil er brav gekämpft und seinem König und seinem Land so viel Ehre gemacht hat, wie er konnte. Ihr seid selbst ein zu loyaler Untertan, um Loyalität und Treue mit einem harten Urteil heimzusuchen. Ich bin von Seiten des Feindes bevollmächtigt, die Räumung der Insel, Austausch der Gefangenen und Rückerstattung der Skalpe anzubieten. Da keine Bagage und Artillerie vorhanden ist, so kann man kaum mehr verlangen.«

Da das Gespräch wegen des Windes sowohl als der Entfernung halber sehr laut geführt werden mußte, so konnten die Worte des Sprechers sowohl auf dem Blockhaus als auf dem Kutter verstanden werden.

»Was sagt Ihr dazu, Jasper?« rief Pfadfinder. »Ihr hört den Vorschlag; sollen wir diese infamen Landstreicher gehen lassen, oder wollen wir die Strolche zeichnen, wie man die Schafe in den Ansiedlungen zeichnet, daß wir sie später wiedererkennen können?«

»Wie geht’s Mabel Dunham?« fragte der junge Mann mit einem Stirnrunzeln auf seinem schönen Gesicht, das selbst denen auf dem Blockhaus nicht entging. »Wenn ein Haar ihres Hauptes berührt worden ist, so soll mir’s der ganze Stamm der Irokesen büßen.«

»Nein, nein, sie ist wohlbehalten im Erdgeschoß bei ihrem Vater.«

»Sie ist hier!« rief das Mädchen selbst, die das Dach erstiegen hatte, als sie vernahm, welche Wendung die Dinge genommen hatten. »Sie ist hier! Und im Namen des Gottes, den wir alle gemeinschaftlich anbeten, im Namen unserer heiligen Religion – laßt kein Blutvergießen mehr stattfinden. Es ist schon genug Blut geflossen; und wenn diese Männer gehen wollen, Pfadfinder – wenn sie im Frieden abziehen wollen, Jasper – oh, so haltet keinen von ihnen zurück. Geht, geht, Franzosen und Indianer; wir sind nicht länger eure Feinde und werden keinem von euch ein Leid zufügen.«

»Halt, halt, Magnet«, warf Cap ein, »das klingt vielleicht religiös oder wie ein Komödienbuch; aber es klingt nicht wie gesunder Menschenverstand. Der Feind ist bereit, die Flagge zu streichen, Jasper hat, wahrscheinlich mit Springen auf den Kabeln, quer geankert, um eine Lage geben zu können, Pfadfinders Auge und Hand sind so treu wie die Magnetnadel, und wir werden Prisengeld, Kopfgeld und Ehre obendrein gewinnen, wenn du dich die nächste halbe Stunde nicht in unsere Angelegenheiten einmischst.«

»Ei«, sagte Pfadfinder, »ich halte mich zu Mabel. Es ist für unseren Zweck und für den Dienst des Königs genug Blut geflossen; und was die Ehre anbetrifft, so wollen wir sie jungen Fähnrichen und Rekruten überlassen, denn diese können sie besser brauchen als besonnene, christliche Männer. Die Ehre liegt im Rechthandeln, und nur schlechte Taten können einen entehren; ich halt’s aber für schlecht, einem, und wär’s auch nur ein Mingo, das Leben zu nehmen, ohne irgendeinen nützlichen Zweck; ja, ja – und ich halt’s für recht, alle Zeit auf die Stimme der Vernunft zu achten. So lassen Sie uns also hören, Leutnant Muir, was Ihre Freunde, die Franzosen und Indianer, für sich vorzubringen haben?«

»Meine Freunde?« sagte Muir mit Unwillen. »Ihr werdet doch nicht des Königs Feinde meine Freunde nennen wollen, Pfadfinder, weil mich das Geschick des Krieges in ihre Hände geworfen hat? Die größten Krieger der alten und der neuen Zeit sind schon Kriegsgefangene gewesen, und Ihr könnt dort Meister Cap fragen, ob wir nicht alles Menschenmögliche aufboten, um diesem Ungemach zu entfliehen.«

»Ja, ja«, antwortete Cap trocken; »entfliehen ist das geeignete Wort. Wir eilten nach unten und verbargen uns so klug, daß wir noch zu dieser Stunde in der Höhle sitzen könnten, hätte uns nicht der Brotkorb so hoch gehangen. Sie haben sich bei dieser Gelegenheit so geschickt wie ein Fuchs eingegraben, und zum Teufel, mich nimmt’s bloß wunder, wie Sie das Nest so auf der Stelle zu finden wußten.«

»Und folgtet Ihr mir nicht auf dem Fuße? Es gibt im Menschenleben Verhältnisse, wo die Vernunft zum Instinkt hinansteigt –«

»Und die Menschen in Höhlen hinabsteigen«, unterbrach ihn Cap mit einem polternden Lachen, in das Pfadfinder auf seine ruhige Weise einstimmte. Auch Jasper, obgleich noch voll Bekümmernis Mabels wegen, konnte sich eines Lächelns nicht erwehren. »Man sagt, der Teufel könne kein Matrose werden, wenn er nicht in die Höhe sieht, und nun scheint mir’s, er war‘ auch zum Soldaten verdorben, wenn er nicht nach unten schaute.«

Dieser Ausbruch von Heiterkeit, obgleich Muir nichts besonders Belustigendes darin fand, trug viel dazu bei, den Frieden aufrechtzuerhalten. Cap bildete sich ein, er habe einen ungewöhnlich guten Witz gemacht, und war daher geneigt, in der Hauptsache nachzugeben, solange ihn seine Gefährten bei dem Glauben ließen, daß sie ihn für einen witzigen Kopf hielten. Nach einer kurzen Beratung wurden die Wilden insgesamt ohne Waffen hundert Ellen von dem Blockhaus und in der Linie der Geschützpforten des Scud versammelt, indes Pfadfinder zu der Tür seiner Feste hinunterstieg und die Bedingungen festsetzte, unter denen der Feind die Insel räumen solle. In Anbetracht der Verhältnisse waren diese für beide Teile vorteilhaft. Die Indianer mußten vorsichtshalber alle ihre Waffen, selbst ihre Messer und Tomahawks ausliefern, weil sie an Zahl immer noch um das Vierfache überlegen waren. Der französische Offizier, Monsieur Sanglier, wie man ihn gewöhnlich nannte und er sich selbst zu nennen pflegte, machte Einwendungen gegen diesen Akt, der wahrscheinlich mehr als irgendein anderer Teil des ganzen Verfahrens ein übles Licht auf sein Kommando werfen konnte; aber Pfadfinder, der Zeuge einiger Indianergemetzel gewesen war, wußte wohl, wie wenig Verpflichtungen geachtet wurden, wenn sie mit dem Vorteil in Widerspruch gerieten, und blieb, was die Wilden anbelangte, unerbittlich. Der zweite Punkt war fast von gleicher Wichtigkeit; er enthielt die Bestimmung, daß Kapitän Sanglier alle Gefangenen ausliefere, die in der Höhle, zu der Cap und Muir ihre Zuflucht genommen hatten, bewacht wurden. Als diese Leute zum Vorschein kamen, erwiesen sich vier von ihnen als unverletzt: sie waren nur niedergefallen, um ihr Leben durch einen in dem Indianerkrieg gewöhnlichen Kunstgriff zu retten, von den übrigen waren zwei so leicht verwundet, daß sie wohl zum Dienst verwendet werden konnten. Da sie ihre Musketen mit sich brachten, so ließ dieser Zuwachs an Macht Pfadfinder wieder um ein Gutes leichter atmen; denn nachdem er die Waffen des Feindes im Blockhaus gesammelt hatte, gab er diesen Leuten die Weisung, das Gebäude zu besetzen und stellte eine regelmäßige Schildwache vor die Tür. Die übrigen Soldaten waren tot, da die schwer Verwundeten sogleich erschlagen wurden, um ihre heißbegehrten Skalpe nehmen zu können.

Sobald Jasper den Inhalt des Vertrags erfahren hatte, und die Präliminarien soweit vorgeschritten waren, daß er es wagen konnte, sich zu entfernen, lichtete er die Anker und segelte zu der Stelle hinunter, wo die Boote auf den Strand gelaufen waren, nahm sie wieder ins Schlepptau und brachte sie mit wenigen Streckungen in den Kanal leewärts. Hier wurden die Wilden sogleich eingeschifft, worauf Jasper die Kähne zum drittenmal ins Tau nahm, vor dem Wind herlief und sie etwa eine Meile unter dem Lee der Insel in Freiheit setzte. Die Indianer hatten für jedes Boot nur ein Ruder erhalten, da der junge Schiffer wohl wußte, daß sie, wenn sie sich vor dem Wind zu halten vermochten, schon im Laufe des Morgens das Ufer von Kanada erreichen konnten.

Nur Kapitän Sanglier, Pfeilspitze und June blieben zurück, nachdem über den Rest ihrer Partei diese Verfügung getroffen worden war. Der erstere hatte mit Leutnant Muir, der in seinen Augen allein die mit einer Offiziersstelle verbundenen Befähigungen besaß, gewisse Papiere zu ordnen und zu unterzeichnen, und der letztere zog es aus nur ihm bekannten Gründen vor, sich seinen abziehenden Freunden, den Irokesen, nicht anzuschließen. Man hatte für die Abfahrt dieser drei die nötigen Kähne zurückbehalten.

Während der Scud mit den Booten im Schlepptau abwärts segelte, waren Cap und Pfadfinder nebst anderen geeigneten Helfern mit der Zurichtung eines Frühstücks beschäftigt, da die meisten schon vierundzwanzig Stunden nichts genossen hatten. Der kurze Zeitraum, der bis zur Rückkehr des Kutters verfloß, wurde nur wenig durch Gespräche unterbrochen, obgleich Pfadfinder Muße genug fand, den Sergeanten zu besuchen, Mabel einige freundliche Worte zu sagen und verschiedene Anweisungen zu geben, die ihm den Hingang des Sterbenden zu erleichtern schienen. Was Mabel anbetraf, so bestand er darauf, daß sie einige Erfrischung zu sich nehme, und da nun kein weiterer Grund mehr vorhanden war, die Schildwache am Blockhaus stehenzulassen, ließ er sie abziehen, damit die Tochter ungehindert ihres Vaters warten konnte. Nachdem diese Vorkehrungen getroffen waren, kehrte unser Held wieder zu dem Feuer zurück, um das der ganze Rest der Gesellschaft, Jasper mit eingeschlossen, versammelt saß.

Achtzehntes Kapitel

Achtzehntes Kapitel

Gegen Mittag legte sich der Sturm. Seine Wut sänftigte sich ebenso schnell, wie sie ausgebrochen war. In wehiger als zwei Stunden nach dem Abfallen des Windes war der glänzende Schaum auf der Oberfläche des Sees verstoben, obgleich dieser noch immer sehr bewegt war, und in der doppelten Zeit zeigte die ganze Wassermasse das gewöhnliche unruhige Wogen, auf das der Sturm keinen Einfluß mehr übt. Die Wellen schlugen zwar noch ohne Unterlaß gegen das Ufer, und die Linie der Brandungen blieb bestehen, aber das Auffliegen des Gischtes hatte nachgelassen. Das Wogen der Fluten war gemäßigter, und was noch von stärkerer Erregung zurückblieb, konnte als die Nachwirkung des erschöpften Sturmes betrachtet werden.

Da es nicht möglich war, bei dem leichten Gegenwind, der aus Osten wehte, gegen die noch aufgeregten Wellen zu steuern, so wurde der Gedanke, sich noch an diesem Nachmittag auf den Weg zu machen, aufgegeben. Jasper, der nun ungehindert sein Kommando wieder aufgenommen hatte, beschäftigte sich mit den Ankern, die nacheinander gelichtet wurden. Die Ketschen, mit denen sie verkettet waren, wurden aufgezogen und alles in segelfertigen Stand gesetzt, um abfahren zu können, sobald es das Wetter zuließ. Inzwischen ergingen sich die bei der Arbeit Unbeteiligten in Belustigungen, wie sie ihre eigentümliche Lage gerade erlaubte.

Mabel ließ sehnsüchtige Blicke nach dem Ufer herübergleiten, wie es denen zu gehen pflegt, die nicht an den engen Raum eines Schiffes gewöhnt sind, und bald gab sie den Wunsch zu erkennen, daß man womöglich landen möchte. Der Pfadfinder versicherte, daß nichts leichter sei, als ihrem Anliegen zu entsprechen, da sie einen Rindenkahn auf dem Deck hätten, mit dem sich die Durchfahrt durch die Brandung am besten bewerkstelligen lasse. Nach den gewöhnlichen Zweifeln und Bedenklichkeiten wurde der Sergeant aufgerufen, nach dessen Zustimmung sogleich die geeigneten Anstalten getroffen wurden, der Laune des Mädchens zu willfahren.

Die Gesellschaft, die zu landen wünschte, bestand aus Sergeant Dunham, seiner Tochter und dem Pfadfinder. An die Bewegungen eines Kahns gewöhnt, nahm Mabel ihren Sitz mit großer Festigkeit in der Mitte, ihr Vater setzte sich in den Bug, und Pfadfinder übernahm das Geschäft des Fährmannes, indem er das Ruder im Stern ergriff. Man bedurfte jedoch des Ruders nur wenig, denn die Rollwogen warfen den Kahn oft mit einer Heftigkeit vorwärts, die jede Anstrengung, die Bewegungen zu leiten, fruchtlos machte. Bis sie das Ufer erreichten, bereute Mabel mehr als einmal ihre Verwegenheit; aber Pfadfinder ermutigte sie und zeigte dabei soviel Selbstbeherrschung, Gelassenheit und persönliche Kraft, daß selbst eine Frau Anstand nehmen mußte, ihre Besorgnis einzugestehen. Mabel war nicht feigherzig, und während ihr die Fahrt durch eine Brandung als etwas ganz Neues vorkommen mochte, fühlte sie zugleich auch einen großen Teil der damit verbundenen wilden Lust. Bisweilen wollte ihr freilich der Mut sinken, wenn diese Schaumblase von einem Boot auf dem obersten Kamm der schäumenden Brandung das Wasser nur wie eine streichende Schwalbe zu berühren schien; dann aber lachte sie wieder errötend, wenn man das Element durchschnitten hatte und die Woge hinten zu weilen schien, als ob sie sich schäme, in diesem ungestümen Wettlauf besiegt worden zu sein. Diese Aufregung dauerte jedoch nur kurze Zeit, denn obgleich der Abstand zwischen dem Kutter und dem Land beträchtlich mehr als eine Viertelmeile betrug, so wurde er doch in einigen Minuten zurückgelegt.

Als sie ans Land gestiegen waren, küßte der Sergeant seine Tochter zärtlich (denn er war so sehr Soldat, daß er sich in jeder Hinsicht auf dem Festland heimischer fühlte als auf dem Wasser), ergriff dann sein Gewehr und gab seine Absicht zu erkennen, sich eine Stunde auf der Jagd zu ergehen.

»Pfadfinder wird bei dir bleiben, Mädel, und dir vielleicht einiges von der Geschichte dieses Weltteils oder von seinen Erfahrungen unter den Mingos erzählen.«

Pfadfinder lachte, versprach, für das Mädchen Sorge zu tragen, und in wenigen Minuten hatte der Vater eine Anhöhe erstiegen, wo er im Wald verschwand. Die Zurückgebliebenen schlugen eine andere Richtung ein und erreichten gleichfalls nach wenigen Minuten eine kleine kahle Spitze des Vorgebirges, wo sich dem Auge ein weites und ganz eigentümliches Rundgemälde darbot. Mabel setzte sich auf die Trümmer eines umgestürzten Felsblockes, um auszuruhen und wieder zu Atem zu kommen, während ihr Gefährte, auf dessen Sehnen keinerlei körperliche Anstrengung einen Einfluß zu üben schien, neben ihr stand und sich in seiner eigentümlichen, nicht anmutlosen Weise auf seine lange Büchse lehnte. So vergingen einige Minuten in Stillschweigen, während der besonders Mabel in Bewunderung des Anblicks verloren war.

Der Ort ihrer Rast lag hoch genug, um den weiten Bereich des Sees zu beherrschen, der sich endlos gegen Nordost erstreckte und, erglänzend unter den Strahlen der Nachmittagssonne, noch die Spuren der Bewegung trug, in die ihn der letzte Sturm versetzt hatte. Das Land säumte seine Ränder mit einem Ungeheuern Halbmond und verschwand gegen Südost und Norden in der Ferne. So weit das Auge reichte, erblickte es nichts als Wälder, und auch nicht eine Spur von Zivilisation unterbrach die gleichförmige und hehre Größe der Natur. Der Sturm hatte den Scud über die Linie des Forts hinausgetrieben, mit der die Franzosen damals die englischen Besitzungen in Nordamerika zum umgürten bemüht waren: Denn ihre Posten lagen, da sie den Verbindungskanälen der großen Seen folgten, an den Ufern des Niagara, indes unsere Abenteurer sich um viele Stunden westlich von dieser berühmten Wasserstraße befanden. Der Kutter lag vor einem einzelnen Anker außerhalb der Brandungen und glich einem artigen, sorgfältig gearbeiteten Spielzeug, daß eher für einen Glasschrank als für den Kampf der Elemente, dem er eben erst ausgesetzt gewesen, bestimmt schien, während der Kahn auf dem schmalen Strand gerade außer dem Bereich der Wellen ruhte, die am Land anschlugen und sich wie ein dunkler Punkt auf den Ufersteinchen ausnahm.

»Wir sind hier wohl sehr fern von menschlichen Wohnungen!« rief Mabel, als sich nach einem langen und sinnenden Blick auf dieses Panorama seine Haupteigentümlichkeiten ihrer geschäftigen Phantasie bemächtigt hatten. »Das heißt in der Tat an der Grenze sein.«

»Gibt es wohl ansprechendere Bilder als diese in der Nähe des Meeres und in der Umgebung großer Städte?« fragte Pfadfinder mit so viel Wärme, wie er nur auszudrücken vermochte.

»Ich will das nicht sagen. Man erinnert sich dort mehr an seinen Nebenmenschen als hier, aber vielleicht auch weniger an Gott.«

»Ja, Mabel, das sind ganz meine Gefühle. Ich weiß zwar wohl, daß ich nur ein armer unwissender Jäger bin. Aber Gott ist mir in dieser meiner Heimat so nahe wie dem König in seinem Palast.«

»Wer kann daran zweifeln?« erwidert Mabel, indem sie ihren Blick von der Aussicht weg auf die harten ehrlichen Züge ihres Gefährten richtete, da sie der kräftige Ausdruck seiner Worte überrascht hatte. »Man fühlt, glaub‘ ich, die Nähe Gottes mehr an einer solchen Stelle, als wenn der Geist durch das Gewühl der Städte zerstreut wird.«

»Sie sagen da alles, was ich sagen könnte, Mabel, aber in einer so viel einfacheren Sprache, daß ich erröten muß, wenn ich das, was ich bei solchen Anlässen fühle, anderen mitteilen möchte. Ich habe vor dem Kriege die Küsten dieses Sees durchstreift, um Felle zu erbeuten, und bin schon einmal hier gewesen – nicht gerade auf dieser Stelle, denn wir landeten dort, wo Sie die dürre Eiche über der Gruppe von Schierlingstannen sehen –«

»Wie, Pfadfinder? Ihr könnt Euch aller dieser Einzelheiten so genau erinnern?«

»Sie sind unsere Straßen und Häuser, unsere Kirchen und Paläste. Ob ich mich ihrer erinnere? – Aber ganz genau! Ich machte einmal der Schlange den Vorschlag, mit ihm nach sechs Monaten mittags um zwölf Uhr an dem Fuße einer gewissen Fichte zusammenzutreffen, obschon damals jeder an dreihundert Meilen von der Stelle entfernt war. Der Baum stand und steht noch, wenn nicht auch ihn sein Schicksal ereilt hat, in der Mitte des Waldes, fünfzig Meilen von der nächsten Ansiedlung, aber in einer Gegend, wo es ungewöhnlich viel Biber gibt.«

»Und traft Ihr ihn zur Stunde an Ort und Stelle?«

»Auf die Minute! Als ich bei dem Baum anlangte, fand ich den Häuptling mit zerrissenen Beinkleidern und schmutzigen Mokassins an dem Stamm lehnend. Der Delaware war in einen Sumpf gekommen und hatte nicht wenig Not gehabt, seinen Weg wieder ‚rauszufinden; aber er hielt Ort und Zeit so genau ein wie die Sonne, die über die östlichen Berge am Morgen heraufkommt und abends hinter den westlichen untergeht. Chingachgook kennt keine Furcht, mag sich’s um einen Freund oder einen Feind handeln; er hält jedem Wort.«

»Und wo ist der Delaware jetzt? Warum ist er heute nicht bei uns?«

»Er spürt die Mingofährte aus, was ich eigentlich auch tun sollte und aus einer großen menschlichen Schwäche unterlassen habe.«

»Ihr scheint über alle menschlichen Schwächen weit erhaben zu sein, Pfadfinder. Ich habe noch nie einen Mann getroffen, der den Schwachheiten der Natur so wenig unterworfen zu sein schien.«

»Wenn Sie damit Gesundheit und Kraft meinen, Mabel, so hat mich die Vorsehung allerdings gütig behandelt, obgleich ich denke, daß frische Luft, das Jagdleben, rührige Kundschaftsmärsche, Wälderkost und der Schlaf eines guten Gewissens den Doktor immer fernhalten können. Im Grunde bin ich aber doch ein Mensch; ja, und ich fühle, daß ich es bisweilen recht sehr bin.«

Mabel blickte ihn überrascht und mit einem ziemlichen Anteil Neugier an, obgleich ihre Zunge rücksichtsvoller war.

»Es liegt etwas Bezauberndes in Eurem wilden Leben, Pfadfinder«, rief sie aus, und die Glut der Begeisterung legte sich auf ihre Wangen. »Ich finde, daß ich schnell zu einem Grenzmädchen werde und anfange, dieses großartige Schweigen der Wälder zu lieben. Die Städte erscheinen mir schal, und da mein Vater den Rest seiner Tage wahrscheinlich da zubringen will, wo er so lange gelebt hat, so kann ich mich wohl in das Gefühl finden, daß ich bei ihm glücklich sein werde, ohne nach dem Meeresufer zurückkehren zu wollen.«

»Die Wälder schweigen für den nie, der ihre Stimmen versteht, Mabel. Ich hab‘ sie tagelang allein durchwandert, ohne einen Mangel an Gesellschaft zu fühlen; und wenn man ihre Sprache zu deuten weiß, so fehlt’s auch nicht an verständiger und belehrender Unterhaltung.«

»Ich glaube, Ihr seid glücklicher, Pfadfinder, wenn Ihr allein seid, als im Gewühle Eurer Mitmenschen.«

»Ich will das nicht gerade sagen. Ich hab‘ ’ne Zeit gekannt, wo ich glaubte, daß mir Gott in meinen Wäldern genug sei, und wo ich um nichts flehte, als um seinen Schutz und seine Gnade. Jetzt haben aber andere Gefühle die Oberhand gewonnen, und ich denke, man muß der Natur ihren Lauf lassen. Alle anderen Geschöpfe paaren sich, Mabel, und es ist die Einrichtung getroffen, daß der Mensch ein Gleiches tue.«

»Und habt Ihr nie daran gedacht, Euch ein Weib zu suchen, Pfadfinder, und Euer Geschick mit ihm zu teilen?« fragte das Mädchen mit der Offenheit, die am besten die Reinheit und Arglosigkeit des Herzens bezeichnet, und mit dem Gefühl der Teilnahme, das dem weiblichen Geschlecht angeboren ist. »Mir scheint, es fehlt Euch nichts als ein Herd, zu dem Ihr von Euren Wanderungen heimkehren könnt, um das Glück Eures Lebens vollständig zu machen. Wenn ich ein Mann wäre, so würd‘ es meine größte Lust sein, nach Gefallen durch diese Wälder zu streifen und über diesen prächtigen See zu segeln.«

»Ich versteh‘ Sie, Mabel, und Gott segne Sie, daß Sie an die Wohlfahrt so geringer Leute, wie wir sind, denken. Es ist wahr, wir haben unsere Vergnügungen so gut wie unsere Gaben; aber wir möchten gern noch glücklicher sein. Ja, ich glaube, wir könnten noch glücklicher sein.«

»Glücklicher? – und wie das, Pfadfinder? In dieser reinen Luft, mit diesen kühlen, schattigen Wäldern durch die Ihr wandert, diesem lieblichen See, auf dem Ihr segelt: dazu noch ein reines Gewissen und der Überfluß an allen leiblichen Bedürfnissen – müssen da die Menschen nicht so vollkommen glücklich sein, wie es nur überhaupt bei ihrer Gebrechlichkeit möglich ist?«

»Jedes Geschöpf hat seine Gaben, Mabel, und auch die Menschen haben die ihren«, antwortete der Kundschafter mit einem verstohlenen Blick auf seine schöne Gefährtin, deren Wangen erglühten und deren Augen leuchteten – »und alles muß ihnen gehorchen. Sehen Sie die Wildtaube, die sich gerade gegen das Ufer hinunterläßt, dort in einer Linie mit dem umgestürzten Kastanienbaum?«

»Gewiß, denn es ist ja das einzige lebendige Geschöpf, das sich außer uns in dieser weiten Einsamkeit blicken läßt.«

»Nicht doch, Mabel, nicht doch; die Vorsehung schafft kein Leben, um es ganz allein hinzubringen. Da fliegt gerade ihr Männchen auf; es hat auf einer anderen Seite des Ufers Nahrung gesucht, aber es wird nicht lange von seiner Gefährtin getrennt bleiben.«

»Ich versteh‘ Euch, Pfadfinder«, erwiderte Mabel mit leisem Lächeln, obgleich sie dabei so ruhig blieb, als ob sie mit ihrem Vater spräche. »Aber ein Jäger kann auch in dieser wilden Gegend eine Gefährtin finden. Die indianischen Mädchen sind, soviel ich weiß, zärtlich und treu, denn so war wenigstens das Weib Pfeilspitzes, obgleich ihr Mann weit öfter die Stirn runzelte als lächelte.«

»Das würde nun und nimmermehr angehen, und nie könnte was Gutes dabei ‚rauskommen. Art darf nicht von Art und Land nicht vom Lande lassen, wenn einer sein Glück finden will. Wenn ich freilich jemand wie Sie treffen könnte, die sich entschlösse, einen Jäger zu heiraten und meine Unwissenheit und Rauheit nicht verspottete, dann würden mir sicher alle Mühen der Vergangenheit nur wie das Spielen des jungen Hirsches und meine künftigen Tage im Glänze der Sonne erscheinen.«

»Jemand wie ich? Ein Mädchen von meinen Jahren und meiner Unbesonnenheit möchte kaum eine passende Gefährtin für den kühnsten Kundschafter und den sichersten Jäger an den Grenzen abgeben.«

»Ach, ich fürchte, Mabel, ich hab‘ zuviel von den Gaben der Rothäute mit der Natur eines Bleichgesichts verbunden! Ein solcher Mann sollte sich wohl ein Weib aus einem indianischen Dorfe suchen.«

»Gewiß, Pfadfinder – gewiß! es ist nicht Euer Ernst, ein so simples, eitles und unerfahrenes Geschöpf wie mich zum Weibe zu nehmen.«

Mabel würde noch hinzugesetzt haben: »und ein so junges«; aber ein instinktartiges Zartgefühl unterdrückte diese Worte.

»Und warum nicht, Mabel? Wenn Sie unwissend sind, was die Grenzbräuche betrifft, so kennen Sie mehr angenehme Geschichtchen von dem Stadtleben als wir alle miteinander. Was Sie unter simpel verstehen, weiß ich nicht; wenn es aber ›schön‹ bedeutet, ach! dann fürcht‘ ich, daß es kein Fehler in meinen Augen ist. Eitel sind Sie nicht, wie man aus der Art bemerken kann, mit der Sie meinen müßigen Erzählungen von Fährten und Kundschaftszügen zuhören, und was die Erfahrung anbetrifft, so kommt diese mit den Jahren. Außerdem fürchte ich, Mabel, daß die Männer über solche Sachen wenig nachdenken, wenn sie ein Weib nehmen wollen; wenigstens geht’s mir so.«

»Pfadfinder, Eure Worte – Eure Blicke – sicherlich, alles dies ist nur Tändelei, nur Scherz von Euch?«

»Mir ist es immer angenehm, in Ihrer Nähe zu sein, Mabel, und ich würde in dieser Nacht weit gesünder schlafen, als ich die ganze vergangene Woche über getan habe, wenn ich denken könnte, daß Sie an solchen Unterhaltungen ebensoviel Vergnügen fänden wie ich.«

Obschon sich Mabel Dunham schon immer für den Liebling des Pfadfinders hielt, wie es ihr schneller weiblicher Scharfsinn bald entdeckt und vielleicht auch gelegentlich bemerkt hatte, da sich in seine Achtung und Freundschaft zugleich auch etwas von der männlichen Zärtlichkeit mischte, die das stärkere Geschlecht, wenn seine Sitten nicht ganz verwildert sind, dem zarteren hin und wieder zu zeigen geneigt ist, so war doch der Gedanke einer ernstlichen Werbung nie in ihrer Seele aufgetaucht. Jetzt aber traf sie eine Ahnung der Wahrheit, die vielleicht weniger durch die Worte als vielmehr durch das ganze Benehmen ihres Gefährten geweckt wurde.

Als Mabel mit Ernst in das faltige, ehrliche Gesicht des Waldläufers blickte, gewannen ihre Züge den Ausdruck der Sorge und der Bekümmernis; dann begann sie wieder in einer so gewinnenden Weise zu sprechen, daß Pfadfinder nur noch mächtiger durch sie angezogen wurde, obgleich ihre Worte die Absicht hatten, ihn zurückzuweisen.

»Ihr und ich sollten einander verstehen, Pfadfinder«, sagte sie mit aufrichtigem Ernst, »und es sollte sich keine Wolke zwischen uns legen. Ihr seid zu aufrichtig und offen, als daß ich Euch nicht auch mit Aufrichtigkeit und Offenheit entgegenkommen sollte. Gewiß, gewiß – Ihr habt mit allem dem nichts sagen wollen; es hat keine andere Verbindung mit Euren Gefühlen als die der Freundschaft, die ein Mann von Eurem Wissen und Charakter für ein Mädchen wie mich natürlicherweise fühlen kann.«

»Ich glaube, ’s ist alles natürlich, Mabel; ja, das glaub‘ ich. Der Sergeant sagt mir, er hätte solche Gefühle gegen Ihre Mutter gehegt; und ich denke, ich hab‘ auch etwas der Art bei den jungen Leuten gesehen, die ich von Zeit zu Zeit durch die Wildnis führte. Ja, ja; ich darf sagen, ’s ist alles natürlich genug, deshalb kommt es auch so leicht, und es wird einem so wohl dabei ums Herz.«

»Pfadfinder, Eure Worte machen mich unruhig. Sprecht deutlicher oder laßt uns den Gegenstand für immer abbrechen. Ich glaube nicht – ich kann nicht glauben, daß – daß Ihr mir wollt verstehen geben –« die Zunge des Mädchens stotterte, und die jungfräuliche Scham erlaubte ihr nicht, das zu vollenden, was sie noch so gern gesagt hätte. Sie sammelte jedoch ihren Mut wieder, entschlossen, so bald und so unumwunden wie möglich der Sache auf den Grund zu gehen, und fuhr daher nach einem kurzen Zögern fort:

»Ich meine, Pfadfinder, Ihr wollt mir doch nicht zu verstehen geben, daß Ihr mich im Ernst zu Eurem Weibe haben möchtet?«

»Freilich, Mabel, das ist’s; das ist’s eben, und Sie haben die Sache in ein weit helleres Licht gerückt, als ich mit meinen Waldgaben und meiner Grenzweise je fähig gewesen wäre. Der Sergeant und ich haben den Handel unter der Bedingung abgemacht, daß Sie damit einverstanden seien, und er meint, daß dies wahrscheinlich der Fall sein werde, wenngleich ich zweifle, ob ich die Eigenschaften besitze, einem Mädchen zu gefallen, das den besten Mann in ganz Amerika verdient.«

Mabels Gesicht ging von dem Ausdruck des Unbehagens zu dem des Staunens und dann, in noch rascherer Folge, zu dem des Schmerzes über.

»Mein Vater!« rief sie, »mein lieber Vater hatte den Gedanken, daß ich Euer Weib werden sollte, Pfadfinder?«

»Ja, den hatte er, Mabel; den hatte er in der Tat. Er glaubte sogar, diese Sache dürfte Ihnen angenehm sein, und hat mich solange ermutigt, bis ich glaubte, es sei wahr.«

»Aber Ihr – Ihr kümmert Euch gewiß wenig darum, ob diese sonderbare Hoffnung je in Erfüllung gehen wird oder nicht?«

»Wie?«

»Ich meine, Pfadfinder, daß Ihr von dieser Angelegenheit mehr wegen meines Vaters als um eines anderen Grundes willen mit mir gesprochen habt und daß Eure Gefühle keineswegs dabei beteiligt sind, mag nun meine Antwort ausfallen, wie sie will?«

Der Kundschafter blickte mit Ernst in Mabels schönes Antlitz, das unter der Glut ihrer Gefühle errötete, und man konnte den Ausdruck der Bewunderung unmöglich verkennen, der sich in jedem Zug seines sprechenden Gesichts verriet.

»Ich habe mich oft glücklich gefühlt, Mabel, wenn ich in der Fülle der Gesundheit und Kraft auf einer ertragreichen Jagd durch die Wälder streifte und die reine Luft der Berge atmete. Ich weiß aber jetzt, daß dies noch gar nichts heißen will im Vergleiche mit der Wonne, die mir das Bewußtsein geben würde, daß Sie besser von mir als von den meisten anderen denken.«

»Besser von Euch? – Wirklich, Pfadfinder, ich denke besser von Euch als von den meisten, vielleicht als von allen anderen; denn Eure Wahrheitsliebe, Ehrlichkeit, Einfachheit, Gerechtigkeit und Tapferkeit finden kaum ihresgleichen auf Erden.«

»Ach, Mabel, wie süß und ermutigend klingen diese Worte aus Ihrem Munde, und der Sergeant hat im Grunde doch nicht so ganz unrecht gehabt, wie ich fürchtete.«

»Nein, Pfadfinder; ich beschwör‘ Euch bei allem, was heilig ist, laßt in einer Sache von so großer Wichtigkeit kein Mißverständnis zwischen uns Platz greifen. Wenn ich Euch auch schätze, achte nein, sogar verehre, fast so sehr, wie ich meinen teuren Vater verehre, so ist es doch nicht möglich, daß ich je Euer Weib werde – daß ich –«

Der Wechsel in den Zügen ihres Gefährten war so plötzlich und auffallend, daß Mabel in dem Augenblick, als sie die Wirkung ihrer Äußerungen in Pfadfinders Gesicht las, ungeachtet des sehnlichen Wunsches einer Verständigung, ihre Worte unterbrach und, weil sie ihm nicht weh tun wollte, stillschwieg. Es folgte eine lange Pause.

Der Schatten getäuschter Hoffnung, der sich über die rauhen Züge des Jägers gelagert hatte, wurde immer dunkler, so daß Mabel fast Angst und Furcht empfand, während das Gefühl des Erstickens bei dem Pfadfinder so mächtig wurde, daß er nach seiner Kehle griff wie einer, der gegen körperliches Leiden Hilfe sucht. Das krampfhafte Arbeiten seiner Finger erfüllte das beunruhigte Mädchen mit wahrer Todesangst.

»Nein, Pfadfinder«, fuhr Mabel hastig fort, sobald sie wieder über ihre Stimme gebieten konnte – »ich hab‘ vielleicht mehr gesagt, als ich sagen wollte; denn auf dieser Welt sind alle Dinge möglich, und die Frauen, sagt man, sind in ihren Entschließungen nicht immer am festesten. Ich wollte Euch nur zu verstehen geben, daß Ihr, Pfadfinder, und ich wahrscheinlich nie voneinander würden denken können, wie Mann und Weib voneinander denken sollen.«

»Ich denke nicht – ich werde nie wieder in dieser Weise an Sie denken, Mabel«, keuchte der Pfadfinder aus der zum Ersticken gepreßten Brust. »Nein, nein – ich werde nie, weder an Sie noch an jemand anders wieder in dieser Weise denken.«

»Pfadfinder, lieber Pfadfinder, versteht mich wohl! Legt nicht mehr Sinn in meine Worte, als ich selbst hineinlege. Eine derartige Heirat wäre unklug, vielleicht unnatürlich!«

»Ja, unnatürlich – gegen die Natur; ich hab‘ das auch dem Sergeanten gesagt, aber er wollt’s besser wissen.«

»Pfadfinder! Oh, das ist schlimmer, als ich mir einbilden konnte. Nehmt meine Hand, vortrefflicher Pfadfinder, und laßt mich daraus erkennen, daß Ihr mich nicht haßt. Um Gottes willen, seht mich nur wieder freundlich an.«

»Sie hassen, Mabel? Sie freundlich ansehen? Wehe mir!«

»Nein, gebt mir Eure Hand, Eure kühne, treue und männliche Hand – beide, beide, Pfadfinder! denn es wird mir nicht wohl, bis ich gewiß weiß, daß wir wieder Freunde sind und daß dies alles nur ein Mißverständnis war.«

»Mabel«, sagte der Pfadfinder, indem er einen langen und sinnenden Blick auf das Antlitz des erregten Mädchens warf, das seine harten, sonnverbrannten Hände zwischen ihren Fingern hielt, und dazu in seiner eigentümlichen lautlosen Weise lachte, obgleich in jeder Linie seines Gesichtes, das keiner Täuschung fähig zu sein schien, der Ausdruck des Schmerzes hervortrat, da sich die widersprechendsten Gefühle in seinem Mienenspiel bekämpften – »Mabel! der Sergeant hatte unrecht.«

Die verhaltenen Gefühle waren nun nicht mehr zurückzudrängen, und Tränen rollten über die Wangen des Kundschafters wie Regengüsse. Seine Finger arbeiteten wieder krampfhaft an seiner Kehle, und seine Brust hob sich wie unter einer schweren Last, die sie unter verzweifelten Anstrengungen abwerfen wollte.

»Pfadfinder! Pfadfinder!« rief Mabel laut; »alles, nur das nicht! Sprecht mit mir, Pfadfinder, lächelt wieder; sagt mir nur ein freundliches Wörtchen, zum Beweis, daß Ihr mir vergeben habt.«

»Der Sergeant hatte unrecht«, rief Pfadfinder, indem er mitten in seinem Seelenkampf ein Lachen aufschlug, daß seine Gefährtin vor dieser unnatürlichen Mischung von Beängstigung und Heiterkeit zurückbebte. »Ich wußt‘ es, ich wußt‘ es und hab’s vorausgesagt; ja, der Sergeant hatte doch unrecht, wie ich deutlich einsehe.«

»Wir könnten Freunde sein, ohne daß wir gerade Eheleute sind«, fuhr Mabel fort, die sich in einem fast ebenso verwirrten Zustand befand wie ihr Gefährte und kaum wußte, was sie sagte. »Wir können immer Freunde sein und wollen es auch stets bleiben.«

»Ich dachte mir’s immer, daß der Sergeant in einem Irrtum befangen sei«, fuhr der Pfadfinder fort, als er mit gewaltiger Anstrengung wieder Herr seiner Bewegungen geworden war, »denn ich bildete mir nie ein, daß meine Gaben von der Art seien, um mir die Neigung eines Stadtmädchens gewinnen zu können. Er hätte besser getan, wenn er unterlassen hätte, mir das Gegenteil aufzuschwatzen, und es war‘ vielleicht auch besser gewesen, wenn Sie weniger gefällig und zutraulich gewesen wären; ja, gewiß! das wäre es.«

»Wenn ich dächte, daß ein Irrtum von meiner Seite, wie unabsichtlich er auch sein mochte, trügerische Hoffnungen in Euch erweckt habe, Pfadfinder, so könnt‘ ich mir nimmer vergeben; denn glaubt mir, ich möchte lieber alles über mich ergehen lassen, als Euch leiden sehen.«

»Das ist’s eben, Mabel; das ist’s eben. Diese Worte und Gedanken, die Sie mit so weicher Stimme und auf eine Weise aussprechen, wie ich sie in den Wäldern noch nie gehört habe, haben all dies Unheil angerichtet. Es wird mir aber jetzt klarer, und ich fange an, den Unterschied zwischen uns besser zu erkennen. Ich will mir Mühe geben, meine Gedanken zu zügeln, und wieder hinausgehen in die Wälder, um dem Wild und dem Feind aufzulauern. Ach, Mabel! ich bin wahrlich auf einer ganz falschen Fährte gewesen, seit ich das erstemal mit Ihnen zusammentraf.«

»Aber Ihr werdet nun wieder auf der rechten wandeln. Bald habt Ihr dies alles vergessen und blickt auf mich als auf eine Freundin, die Euch ihr Leben verdankt.«

»Das mag vielleicht die Weise der Städter sein; aber ich zweifle, ob dies in den Wäldern ebenso natürlich ist. Wenn bei uns das Auge einen lieblichen Anblick trifft, so haftet es lange darauf, und wenn ihn die Seele aufrichtig und auf eine schickliche Weise lieb gewinnt, so mag sie sich nicht mehr davon trennen.«

»Aber Eure Liebe zu mir ist weder ein schickliches Gefühl noch mein Anblick ein lieblicher. Ihr werdet alles das vergessen, wenn Ihr zu ernsterer Besinnung kommt und auf einmal einseht, daß ich durchaus nicht zu Eurem Weibe passe.«

»Das hab‘ ich auch dem Sergeanten gesagt, aber er wollt’s besser wissen. Ich wußte wohl, daß Sie zu jung und zu schön sind für einen Mann, der bereits in den mittleren Jahren steht und selbst als Jüngling nie besonders liebenswürdig ausgesehen hat. Dann sind auch Ihre Wege nicht die meinigen gewesen, und die Hütte eines Jägers würde wohl keine schickliche Wohnung für ein Mädchen sein, das sozusagen unter Häuptlingen erzogen wurde. Freilich, wenn ich jünger und schöner wäre, etwa wie Jasper Eau-douce –«

»Nichts von Jasper Eau-douce«, unterbrach ihn Mabel ungeduldig; »wir können von was anderem sprechen.«

»Jasper ist ein tüchtiger Bursche, Mabel, ja, und ein hübscher dazu«, erwiderte der arglose Pfadfinder mit einem ernsten Blick auf das Mädchen, als ob er ihren Worten nicht traue, da sie sich so geringschätzig über seinen Freund äußerte. »Wär‘ ich nur halb so schön als Jasper Western, so würden meine Besorgnisse in dieser Angelegenheit nicht halb so groß und auch wahrscheinlich weniger begründet gewesen sein.«

»Wir wollen nicht von Jasper Western reden«, wiederholte Mabel, bis zur Stirn errötend; »er mag wohl gut genug für einen Sturm sein oder auf dem See, aber er ist nicht gut genug, hier den Gegenstand unseres Gespräches zu bilden.«

»Ich fürchte, Mabel, er ist besser als jeder andere Mann, der einmal Ihr Gatte wird. Zwar sagte der Sergeant, daß aus dieser Sache nie was werden könne; aber er hat einmal unrecht gehabt, und so mag dies wohl auch zum zweitenmal der Fall sein.«

»Und wer wird denn wohl wahrscheinlich mein Gatte werden, Pfadfinder? Ihr sprecht da von etwas, was mich kaum weniger befremdet als das, was eben zwischen uns vorgegangen ist.«

»Ich weiß, es ist natürlich, daß Gleiches das Gleiche sucht, und daß solche, die viel mit Offiziersfrauen umgegangen sind, gern selbst Offiziersfrauen werden möchten. Aber, Mabel, ich weiß auch, daß ich mich unverhohlen gegen Sie aussprechen darf, und hoffe, daß Sie mir meine Worte nicht übelnehmen; denn da es mir nun bekannt ist, wie schmerzlich derartige Täuschungen auf unserer Seele lasten, so möcht‘ ich nicht einmal über das Haupt eines Mingo einen solchen Kummer bringen. Aber das Glück findet sich in einem Offizierszelt nicht häufiger als in dem eines gemeinen Soldaten, und wenn auch die Wohnungen der Offiziere verführerischer aussehen als die übrigen Baracken, so fühlt sich doch oft ein Ehepaar innerhalb der Türen der erstem recht unglücklich.«

»Ich zweifle nicht im mindesten daran, Pfadfinder, und beruhte die Entscheidung auf mir, so würd‘ ich Euch lieber zu irgendeiner Hütte in die Wälder folgen und Euer Schicksal, möchte es nun gut oder schlimm sein, mit Euch teilen, ehe ich das Innere der Wohnung irgendeines mir bekannten Offiziers in der Absicht beträte, als die Frau ihres Bewohners dort zu bleiben.«

»Lundie hofft oder glaubt, es werde sich wohl anders machen.«

»Was kümmere ich mich um Lundie? Er ist Major vom Fünfundfünfzigsten und mag seine Leute ›Rechts um‹ und ›Marsch‹ machen lassen, solang‘ es ihm beliebt; er kann mich nicht zwingen, irgendeinen zu heiraten, sei er nun der Erste oder der Letzte seines Regiments. Doch was kann Euch von Lundies Wünschen über diesen Gegenstand bekannt sein?«

»Ich hab‘ es aus Lundies eigenem Munde. Der Sergeant sagte ihm, daß er mich zu seinem Schwiegersohn haben möchte, und der Major, mein alter und treuer Freund, sprach mit mir über die Sache. Er machte mir unumwunden Vorstellungen, ob es nicht edelmütiger von mir wäre, zugunsten eines Offiziers zurückzutreten, als ob ich mir Mühe gäbe, Sie in das Schicksal eines Jägers zu verflechten. Ich gab zu, daß er recht haben möge – ja, ich tat das; als er mir aber sagte, daß er unter dem Offizier den Quartiermeister meine, so wollt‘ ich nichts mehr von seinen Vorschlägen wissen. Nein, nein, Mabel, ich kenne Davy Muir genau, und wenn er Sie auch zu einer Dame machen kann, so kann er Sie doch nie zu einer glücklichen Frau und sich selbst zu einem Ehrenmann machen. Das ist so meine ehrliche Meinung, ja, ja; denn ich seh‘ nun deutlich, daß der Sergeant unrecht gehabt hat.«

»Mein Vater hat sehr unrecht gehabt, wenn er etwas sagte oder tat, was Euch Kummer machte, Pfadfinder: Und meine Achtung gegen Euch ist so groß und meine Freundschaft so aufrichtig, daß ich, wäre es nicht um eines willen – ich will damit sagen, daß niemand den Einfluß des Leutnants Muir auf mich zu fürchten hat – lieber bis zu meinem Todestag bleiben würde wie ich bin, ehe ich um den Preis meiner Hand durch den Quartiermeister eine vornehme Frau werden möchte.«

»Ich glaub‘ nicht, daß Sie was sagen, was Sie nicht fühlen?« erwiderte Pfadfinder mit Ernst.

»Nicht in einem solchen Augenblick, nicht in einer solchen Sache und am allerwenigsten gegen Euch. Nein, Leutnant Muir soll sich seine Frau suchen, wo er will – mein Name wenigstens wird nie auf seiner Liste stehen.«

»Ich dank‘ Ihnen, Mabel, ich dank‘ Ihnen dafür; denn wenn schon für mich die Hoffnung entschwunden ist, so könnt‘ ich doch nie glücklich sein, wenn Sie den Quartiermeister nähmen. Ich fürchtete, sein Rang möchte für etwas angeschlagen werden – und ich kenne diesen Mann. Es ist nicht die Eifersucht, die mich so sprechen läßt, sondern die reine Wahrheit, denn ich kenne den Mann. Ja, wenn Ihre Neigung auf einen verdienstvollen jungen Mann fiele, so einen, wie Jasper Western zum Beispiel –«

»Warum kommt Ihr mir immer mit diesem Jasper Eau-douce, Pfadfinder? Er steht in keiner Beziehung zu unserer Freundschaft; laßt uns daher von Euch sprechen und von der Weise, wie Ihr den Winter hinzubringen beabsichtigt.«

»Ach! – Ich bin nur wenig wert, Mabel, wenn es nicht etwa einer Fährte oder einer Büchse gilt; und jetzt um so weniger, seit ich des Sergeanten Mißgriff entdeckt habe, ’s ist daher nicht nötig, von mir zu sprechen. Es ist mir recht angenehm gewesen, solang in Ihrer Nähe zu sein und mir dabei ein bißchen einzubilden, daß der Sergeant recht habe; das ist aber nun alles vorbei. Ich will mit Jasper den See hinabgehen, und dann wird es genug Beschäftigung für uns geben, um unnütze Gedanken fernzuhalten.«

»Und Ihr werdet dies vergessen – mich vergessen? Nein, nicht mich vergessen, Pfadfinder; aber Ihr werdet Eure frühere Beschäftigung wieder aufnehmen und aufhören, ein Mädchen für bedeutend genug zu halten, Euren Frieden zu stören.«

»Ich wußte früher nie was von solchen Dingen, Mabel; aber die Mädchen haben doch ’ne größere Bedeutung im Leben, als ich früher glauben konnte. Ja, eh‘ ich Sie kannte, schlief das neugeborene Kind nicht süßer, als dies bei mir gewöhnlich der Fall war; mein Haupt lag kaum auf einer Wurzel, einem Stein oder vielleicht auf einem Fell, so war den Sinnen alles entschwunden, wenn nicht etwa die Beschäftigung des Tages in meine Träume überging: Und so lag ich, bis der Zeitpunkt des Erwachens kam, und ebenso gewiß, wie die Schwalbe mit ihren Schwingen das Licht begrüßt, war ich in dem gewünschten Augenblick auf den Beinen. Alles das schien eine Gabe zu sein, und ich konnte selbst mitten in einem Mingolager darauf rechnen; denn ich hab‘ mich meiner Zeit selbst bis in die Dörfer dieser Vagabunden gewagt.«

»Alles dies wird wiederkommen, Pfadfinder; denn ein so wackerer und biederer Mann wird nimmermehr sein Glück an einen bloßen Wahn wegwerfen. Ihr werdet wieder von Euren Jagden träumen, von dem Hirsch, den Ihr erlegt, und dem Biber, den Ihr gefangen habt.«

»Ach, Mabel! Ich wünsche nie wieder zu träumen. Ehe ich Sie kannte, gewährte es mir eine gewisse Lust, in meinen Phantasien den Hunden zu folgen und der Fährte der Irokesen nachzustreichen – ja, meine Gedanken führten mich in Scharmützel und Hinterhalte, und ich fand darin mein Behagen. Aber all das hat seinen Reiz verloren, seit ich mit Ihnen bekannt geworden bin. Von solchen rohen Dingen kommt nichts mehr in meinen Träumen vor. So dünkte mich in der letzten Nacht, die wir in der Garnison zubrachten, ich hätte eine Hütte in einem Lustwäldchen von Zuckerahorn, und am Fuß eines jeden Baumes stand eine Mabel Dunham, indes die Vögel auf den Zweigen statt ihrer natürlichen Weisen Liedchen sangen, daß selbst der Hirsch horchend stille hielt. Ich versuchte es, ein Schmaltier zu schießen, aber mein Wildtod gab nicht Feuer, und die Kreatur lachte mir so vergnügt ins Gesicht, wie ein junges Mädel in ihrer Heiterkeit zu tun pflegt, und dann hüpfte sie fort, wobei sie nach mir zurücksah, als erwarte sie, daß ich ihr folgen werde.«

»Nichts mehr davon, Pfadfinder! Wir wollen nicht mehr über diese Dinge reden«, sagte Mabel, indem sie die Tränen von ihren Augen wischte, denn die einfache und ernste Weise, mit der dieser rauhe Waldbewohner verriet, wie tiefe Wurzeln seine Gefühle gefaßt hatten, überwältigte fast ihr gutes Herz. »Wir wollen uns jetzt nach meinem Vater umsehen; er kann nicht weit weg sein, denn ich hörte den Knall seiner Flinte ganz in der Nähe.«

»Der Sergeant hatte unrecht – ja, er hatte unrecht, und es wird nichts nützen, die Taube mit dem Wolf paaren zu wollen.«

»Hier kommt mein lieber Vater«, unterbrach ihn Mabel. »Wir müssen heiter und zufrieden aussehen, Pfadfinder, wie sich’s für gute Freunde ziemt, und unsere Geheimnisse für uns behalten.«

Es folgte nun eine Pause; dann hörte man ganz nahe den Fuß des Sergeanten die trockenen Zweige zertreten, bis endlich seine Gestalt seitwärts an dem Gebüsch des Unterholzes sichtbar wurde. Als der alte Soldat auf dem freien Platz anlangte, betrachtete er prüfend seine Tochter und ihren Gefährten und sprach in guter Laune:

»Mabel, Kind, du bist jung und leicht auf den Beinen. Sieh nach dem Vogel, den ich geschossen habe, und der gerade dort bei dem Dickicht der jungen Schierlingstanne am Ufer niederfiel. Du brauchst dir dann nicht die Mühe zu geben, wieder den Hügel heraufzukommen; denn da uns Jasper ein Zeichen machen will, wenn es Zeit ist zu kommen, so können wir nach ein paar Minuten am Gestade zusammentreffen.«

Mabel gehorchte und sprang mit den leichten Schritten der Jugend und Gesundheit den Hügel hinab. Aber ungeachtet der Leichtigkeit ihres Trittes war doch das Herz des Mädchens schwer, und sobald sie das Dickicht der Beobachtung entzog, warf sie sich an dem Fuß eines Baumes nieder und weinte, als ob ihr das Herz brechen wollte. Der Sergeant betrachtete sie, bis sie verschwunden war, mit dem Stolz eines Vaters und kehrte sich dann mit einem so freundlichen und vertraulichen Lächeln, wie ihm seine Gewohnheit gegen irgend jemand gestatten mochte, zu dem Kundschafter.

»Sie hat die Leichtigkeit und Rührigkeit ihrer Mutter und etwas von der Kraft ihres Vaters«, sagte er. »Ihre Mutter war, glaub‘ ich, nicht ganz so schön; aber die Dunhams hielt man immer für hübsch, mochten es Männer oder Weiber sein. Nun, Pfadfinder, ich zweifle nicht, daß Ihr die Gelegenheit nicht entschlüpfen ließt und mit dem Mädchen offen gesprochen habt? Frauen lieben in solchen Dingen die Freimütigkeit.«

»Ich glaube, Mabel und ich verstehen einander wenigstens, Sergeant«, erwiderte der andere und schaute nach der entgegengesetzten Richtung, um dem Blick des Soldaten auszuweichen.

»Um so besser. Es gibt Leute, die immer glauben, daß ein bißchen Zweifel und Ungewißheit der Liebe noch mehr Leben gebe; ich halt‘ es aber mit der Offenheit und denke, sie führt weit eher zu einem Verständnis. War Mabel überrascht?«

»Ich fürchte, ja – Sergeant, ich fürchte, sie war nur allzusehr überrascht – ja, das fürchte ich.«

»Gut, gut! Überraschungen in der Liebe sind was die Hinterhalte im Krieg und ebenso zulässig, obgleich die Überraschung eines Weibes nicht so leicht zu erkennen ist wie die eines Feindes. Mabel lief nicht davon, mein Freund – nicht wahr?«

»Nein, Sergeant; Mabel versuchte nicht auszuweichen; das kann ich mit gutem Gewissen sagen.«

»Ich hoffe, daß das Mädel doch nicht allzu willig gewesen ist? Ihre Mutter tat wenigstens einen Monat lang spröde und zimperlich. Aber die Freimütigkeit ist schließlich doch der beste Empfehlungsbrief für Mann und Weib.«

»Ja, das ist sie, das ist sie; aber ein gesundes Urteil auch.«

»Ach, nach dem darf man bei einem jungen Geschöpf von zwanzig Jahren nicht allzuviel fragen; aber es kommt mit der Erfahrung. Ein Mißgriff von Euch oder mir zum Beispiel dürfte freilich nicht so leicht übersehen werden.«

Die Muskeln im Gesicht des Zuhörers zuckten, als der Sergeant seinen Gefühlen in dieser Weise Luft machte, obgleich der Pfadfinder nun wieder einen Teil jenes Stoizismus erlangt hatte, der ein hervorstechender Zug in seinem Charakter und wahrscheinlich eine Folge seines langen Umgangs mit den Indianern war. Seine Augen hoben und senkten sich, und einmal schoß ein Strahl über seine harten Züge, als ob er im Begriff sei, seinem eigentümlichen Lachen Raum zu geben. Aber dieser Anflug von Heiterkeit verlor sich schnell in einen Blick der Bekümmernis. Diese ungewöhnliche Mischung eines wilden und schmerzlichen Seelenkampfes mit der natürlichen einfachen Heiterkeit hatte Mabel am meisten erschreckt. Wenn während ihrer Unterredung die Bilder des Glückes und der frohen Laune in einem Gemüt auftauchten, das in seiner Einfalt und Natürlichkeit beinah kindlich erschien, so fühlte sich das Mädchen zuerst zu der Annahme versucht, daß das Herz ihres Verehrers nur leicht berührt sei; dieser Eindruck verwischte sich aber bald, als sie die schmerzlichen und tiefen Erregungen bemerkte, die das Innerste seiner Seele zu zerschneiden schienen. Pfadfinder war in dieser Beziehung wirklich ein bloßes Kind. Unerfahren in der Weise der Welt, fiel es ihm nicht ein, irgendeinen Gedanken zu verhehlen: Sein Gemüt nahm jeden Eindruck auf und gab ihn ebenso leicht zurück. Ein Kind konnte seine launische Einbildungskraft kaum mit einer größeren Leichtigkeit einer vorübergehenden Erregung hingeben als dieser Mann, der so einfach in seinen Gefühlen, so ernst, so gelassen und männlich und so streng in allem war, was sein gewöhnliches Treiben berührte.

»Ihr habt recht, Sergeant«, antwortete der Pfadfinder; »ein Mißgriff von Eurer Seite ist schon eine ernstere Sache.«

»Ihr werdet Mabel zuletzt doch aufrichtig und ehrlich finden; laßt ihr nur ein bißchen Zeit.«

»Ach, Sergeant!«

»Ein Mann von Euren Verdiensten würde auf einen Stein Eindruck machen, wenn Ihr ihm Zeit ließt, Pfadfinder.«

»Sergeant Dunham, wir sind alte Kriegskameraden – das heißt, wie man den Krieg eben hier in den Wäldern führt –, und wir haben uns gegenseitig so viel Liebes erwiesen, daß wir wohl aufrichtig gegeneinander sein können. – Was hat Euch denn veranlaßt, zu glauben, daß Mabel einen so rauhen Burschen, wie ich bin, gern haben könne?«

»Was? – ach, eine Menge von Gründen, und dazu recht gute, mein Freund. Vielleicht die Liebesbeweise, von denen Ihr eben spracht, und die Kämpfe, die wir miteinander bestanden; und dann seid Ihr mein geschworener und geprüfter Freund.«

»All das klingt ja ganz gut, soweit es Euch und mich betrifft; aber es steht in keiner Berührung mit Eurer hübschen Tochter. Sie denkt vielleicht, daß gerade die Kämpfe das etwas schmuckere Aussehen verheerten, das ich einmal gehabt haben mag; und ich bin nicht darüber im reinen, ob des Vaters Freundschaft besonders geeignet ist, einem Anbeter die Liebe eines jungen Mädchens zu verschaffen. Gleich und gleich gesellt sich, sag‘ ich Euch, Sergeant; und meine Gaben sind nicht ganz Mabel Dunhams Gaben.«

»Das sind wieder einige von Euren alten überbescheidenen Skrupeln, Pfadfinder, die Euch bei dem Mädchen nicht weiterbringen werden. Weiber vertrauen den Männern nicht, wenn diese sich selbst nicht vertrauen, und halten sich an solche, die gegen nichts ein Mißtrauen haben. Ich gebe zwar zu, die Bescheidenheit ist eine Kardinaltugend für einen Rekruten oder für einen jungen Leutnant, der eben zum Regiment gekommen ist, denn sie hält ihn ab, einen Unteroffizier auszuzanken, ehe er weiß, ob er einen Grund dazu hat; auch weiß ich nicht gewiß, ob sie nicht auch bei einem Kriegskommissär oder einem Pfarrer am Platz wäre, aber sie ist des Teufels, wenn sie von einem wirklichen Soldaten oder einem Liebhaber Besitz nimmt. Ihr dürft sowenig wie möglich mit ihr zu tun haben, wenn Ihr ein Weiberherz gewinnen wollt. Was Euren Grundsatz, daß sich nur das Gleiche gefalle, anbelangt, so ist er in solchen Dingen so unrichtig wie nur immer möglich. Wenn Gleiches das Gleiche liebte, so würden die Weiber einander lieben, und dasselbe müßte auch bei den Männern der Fall sein. Nein, nein; Gleiches liebt Ungleiches –« der Sergeant hatte nämlich seine Schule nur in der Kaserne und dem Lager gemacht – »und Ihr habt in dieser Hinsicht von Mabel nichts zu fürchten. Betrachtet einmal den Leutnant Muir; der Mann hat schon fünf Weiber gehabt, wie ich höre, und es steckt nicht mehr Bescheidenheit in ihm als in einer neunschwänzigen Katze.«

»Leutnant Muir wird nie der Mann von Mabel Dunham werden, wenn er auch seine Federn noch so schön fliegen läßt.«

»Das ist eine vernünftige Bemerkung von Euch, Pfadfinder; denn ich bin damit im reinen, daß Ihr mein Schwiegersohn werden sollt. Wenn ich selbst ein Offizier wäre, so möchte vielleicht Herr Muir einige Aussicht haben. Aber die Zeit hat eine Tür zwischen mich und mein Kind gestellt, und ich wünsche nicht, daß es auch noch die eines Offizierszeltes sein soll.«

»Sergeant, wir müssen Mabel ihrer Neigung folgen lassen. Sie ist jung und leichten Herzens, und Gott verhüte, daß irgendein Wunsch von mir auch nur das Gewicht einer Feder auf ihr immer heiteres Gemüt lege oder das Glück ihrer Fröhlichkeit nur einen Augenblick verstimme.«

»Habt Ihr frei mit dem Mädchen gesprochen?« fragte der Sergeant rasch und etwas rauh.

Pfadfinder war zu ehrlich, um nicht die unumwundene Wahrheit zu antworten, und doch zu ehrenhaft, um Mabel zu verraten und sie dem Unwillen eines Vaters auszusetzen, von dem er wußte, daß er sehr streng in seinem Zorn war.

»Wir haben uns offen ausgesprochen«, sagte er; »und obgleich Mabel ein Mädchen ist, das jeder gerne ansieht, so find‘ ich dabei doch wenig, Sergeant, was mich besser von mir selbst denken ließe.«

»Das Mädel hat sich doch nicht unterstanden, Euch zurückzuweisen – ihres Vaters besten Freund zurückzuweisen?«

Pfadfinder wandte sein Gesicht ab, um den Blick der Bekümmernis zu verbergen, die, wie er fühlte, seine Züge umdüsterte, fuhr jedoch mit ruhiger männlicher Stimme fort:

»Mabel ist zu gut, um irgend jemanden zurückzuweisen oder selbst nur gegen einen Hund harte Worte zu gebrauchen. Ich habe meinen Antrag nicht so gestellt, daß er geradezu zurückgewiesen werden konnte, Sergeant.«

»Und habt Ihr erwartet, daß meine Tochter nur so in Eure Arme fliegen sollte, ehe Ihr Euch vollkommen erklärt habt? Sie wäre nicht ihrer Mutter Kind gewesen, wenn sie das getan hätte, und ich glaube, auch nicht das meinige. Die Dunhams lieben die Offenheit so gut wie des Königs Majestät, aber sie werfen sich nicht weg. Laßt mich die Sache für Euch abmachen, Pfadfinder, und sie wird sich nicht unnötig in die Länge ziehen. Ich will diesen Abend noch selbst mit dem Mädchen reden, und Euer Name soll den Hauptgegenstand des Gespräches bilden.«

»Ich wünschte, Ihr tätet’s lieber nicht, Sergeant. Überlaßt die Sache Mabel und mir, und ich denke, daß zuletzt noch alles recht werden soll. Junge Mädchen sind wie scheue Vögel und lieben es nicht sehr, übereilt und hart angegangen zu werden. Überlaßt mir und Mabel die Sache.«

»Nun, meinetwegen, aber nur unter einer Bedingung, mein Freund. Ihr müßt mir nämlich mit Eurem Ehrenwort versprechen, daß Ihr bei der nächsten schicklichen Gelegenheit offen und ohne gezierte Worte mit Mabel redet.«

»Ich will sie fragen, Sergeant – Ja, ich will sie fragen; aber Ihr müßt mir versprechen, daß Ihr Euch nicht in unsere Angelegenheiten mischen wollt. Ich verspreche Euch dann, Mabel zu fragen, ob sie mich heiraten will, selbst auf die Gefahr hin, daß sie mir ins Gesicht lacht.«

Sergeant Dunham gab gerne das verlangte Versprechen, denn er hatte sich vollständig in die Überzeugung hineingearbeitet, daß der Mann, den er so sehr achtete und schätzte, auch seiner Tochter annehmbar erscheinen müsse. Er hatte selbst auch eine Frau, die viel jünger als er war, geheiratet und sah daher nichts Unpassendes in dem Altersunterschied des Paares.

Als der Pfadfinder und sein kriegerischer Freund den Hügel hinab gegen das Seeufer stiegen, wurde die Unterhaltung noch immer weitergeführt. Letzterer fuhr fort, dem ersteren einzureden, daß seine Schüchternheit allein einem vollständigen Erfolg bei Mabel im Wege stehe und daß es nur der Ausdauer bedürfe, um zum Ziel zu kommen. Pfadfinder war von Natur zu bescheiden und durch das Gespräch mit Mabel auf eine zwar schonende, aber zu unumwundene Weise entmutigt worden, um all dem, was er hörte, Glauben zu schenken. Der Vater hatte aber so viele annehmlich scheinende Gründe bei der Hand, und der Gedanke, Mabel doch noch besitzen zu können, enthielt so viel Anziehendes, daß dieser Sohn der Natur Mabels Benehmen doch nicht ganz in dem Lichte betrachten zu müssen glaubte, wie er es zu tun geneigt gewesen war. Er glaubte allerdings nicht alles, was ihm der Sergeant sagte; aber er fing an zu vermuten, daß jungfräuliche Scheu und Unsicherheit ihrer eigenen Gefühle Mabel veranlaßt hätte, sich auf die obenerwähnte Weise auszusprechen.

»Der Quartiermeister ist nicht ihr Liebling«, antwortete Pfadfinder auf eine von den Bemerkungen seines Gefährten. »Mabel wird ihn immer bloß als einen Mann betrachten, der bereits vier oder fünf Weiber gehabt hat.«

»Und das ist mehr als ihm gebührt. Ein Mann mag allenfalls zweimal heiraten, ohne gegen die Moral und Ehrbarkeit anzustoßen; aber viermal ist ja was Ungeheures.«

»Ich sollte das Heiraten zum erstenmal schon für einen Umstand oder ein Indiz halten, wie es Meister Cap nennt«, warf Pfadfinder mit seinem ruhigen Lachen ein, da seine Lebensgeister wieder etwas von ihrer Frische gewonnen hatten.

»Das ist’s auch in der Tat und dazu ein recht feierlicher Umstand. Wenn nicht Mabel Euer Weib werden sollte, so würd‘ ich Euch raten, lieber gar nicht zu heiraten. Doch da ist das Mädchen selbst, und da gilt jetzt Schweigen als Losung.«

»Ach, Sergeant, ich fürchte, Ihr seid im Irrtum.«