Fünftes Kapitel

Fünftes Kapitel

Es war ein atemloser Augenblick. Die Flüchtlinge konnten die Absichten ihrer Verfolger nur aus ihren Gebärden und den Zeichen erraten, die ihnen in der Wut der getäuschten Erwartung entschlüpften. Daß eine Partie bereits auf ihrer eigenen Fährte zu Land zurückgekehrt war, war fast gewiß und also der ganze Vorteil verloren, den man von dem Kunstgriff mit dem Feuer erwartet hatte. Diese Betrachtung war jedoch im gegenwärtigen Augenblick von geringem Belang, da die Gesellschaft von denen, die im Wasser herunterkamen, mit augenblicklicher Entdeckung bedroht war. Alle diese Umstände traten vor die Seele des Pfadfinders, der die Notwendigkeit einer schnellen Entscheidung erkannte und die Vorbereitungen zum Kampf traf. Er winkte den beiden Indianern und Jasper, näher zu kommen und teilte ihnen flüsternd seine Ansichten mit.

»Wir müssen schlagfertig sein, bereit sein«, sagte er. »Es sind nur drei von diesen skalplustigen Teufeln, und wir sind fünf, von denen vier als brave Krieger für solch ein Scharmützel betrachtet werden können. Eau-douce, nehmt Ihr den Burschen, der wie der Tod bemalt ist, aufs Korn; dir, Chingachgook, gebe ich den Häuptling, und Ihr, Pfeilspitze, müßt Euer Auge auf den Jungen halten. Es darf kein Irrtum stattfinden; denn zwei Kugeln in den nämlichen Körper wären eine sündhafte Verschwendung, wenn man eine Person, wie des Sergeanten Tochter, in Gefahr weiß. Ich selbst will die Reserve bilden, wenn etwa so ein viertes Gewürm erschiene oder eine eurer Hände sich als unsicher erprobte. Gebt aber nicht Feuer, bis ich es sage. Wir dürfen nur im äußersten Notfall unsere Büchsen brauchen, da die übrigen Bösewichter den Knall hören würden. Jasper, Junge, wenn sich eine Bewegung hinter uns, vom Ufer her, hören läßt, so verlaß ich mich auf Euch, daß Ihr mit des Sergeanten Tochter den Kahn auslaufen laßt und in Gottes Namen, so schnell Ihr könnt, der Garnison zutreibt.«

Der Pfadfinder hatte kaum diese Anweisungen gegeben, als die Annäherung der Feinde das tiefste Stillschweigen nötig machte.

Die Irokesen kamen langsam den Strom herunter und hielten sich in die Nähe des Gebüsches, das über das Wasser herhing, indes es das Rauschen der Blätter und das Rascheln der Zweige bald zur Gewißheit machte, daß sich ein zweiter Trupp längs dem Ufer hinbewegte und mit denen im Wasser gleichen Schritt und gleiche Richtung hielt. Da das von den Flüchtigen künstlich angelegte Gebüsch in einiger Entfernung von dem wahren Ufer lag, so wurden sich die beiden Haufen gerade an den gegenüberliegenden Punkten ansichtig. Sie hielten nun an, und es erfolgte eine Besprechung, die sozusagen über den Häuptern der Verborgenen weggeführt wurde. In der Tat wurden auch unsere Reisenden durch nichts geschützt als durch die Zweige und Blätter ihrer Pflanzung, die so biegsam waren, daß sie jedem Luftstrom nachgaben und von jedem mehr als gewöhnlichen Windstoß weggeblasen worden wären. Glücklicherweise führte die Gesichtslinie die Augen der im Wasser stehenden Wilden und derer am Lande, über das Gebüsch weg, dessen Blätter dicht genug schienen, um jeden Verdacht zu beseitigen. Vielleicht verhinderte nur die Kühnheit dieses Auswegs eine augenblickliche Entdeckung. Die Besprechung wurde mit Ernst, jedoch in gedämpftem Tone geführt, als ob die Sprechenden die Aufmerksamkeit irgendeines Lauschers vereiteln wollten. Sie geschah in einem Dialekt, den sowohl die beiden indianischen Krieger als auch der Pfadfinder verstand, während Jasper nur ein Teil des Gespräches deutlich wurde.

»Die Fährte ist durch das Wasser weggewaschen«, sagte einer von unten, der dem künstlichen Versteck der Flüchtigen so nahe stand, daß man ihn mit dem Lachsspieß hätte erreichen können, der in Jaspers Kahn lag. »Wasser hat sie so rein gewaschen, daß ihr der Hund eines Yengeese nicht zu folgen wüßte.«

»Die Bleichgesichter haben das Ufer in ihren Kähnen verlassen«, antwortete der Sprecher am Ufer.

»Es kann nicht sein. Die Büchsen unserer Krieger unten sind sicher.«

Der Pfadfinder warf Jasper einen bedeutungsvollen Blick zu und biß die Zähne zusammen, um den Ton seines Atems zu unterdrücken.

»Laß meine jungen Leute um sich blicken, als ob ihre Augen Adler seien«, sagte der älteste Krieger unter denen, die im Fluß wateten. – »Wir sind einen ganzen Mond auf dem Kriegspfad gewesen und haben nur einen Skalp gefunden. Es ist ein Mädchen unter ihnen, und einige unserer Tapferen brauchen Weiber.«

Glücklicherweise gingen diese Worte für Mabel verloren; aber Jasper runzelte die Stirn, und sein Gesicht brannte.

Die Wilden brachen nun ihre Unterhaltung ab, und unsere Versteckten hörten die langsamen und vorsichtigen Bewegungen ihrer Feinde am Ufer und das Rascheln des Gebüsches, das sie auf ihrem Wege behutsam zur Seite bogen. Sie waren augenscheinlich schon über das Versteck hinaus; aber das Häuflein im Wasser hielt noch an und prüfte das Ufer mit Augen, die aus ihren Kriegsfarben wie die Glut aus Kohlen herausfunkelten. Nach einer Pause von zwei oder drei Minuten fingen auch sie an, stromabwärts zu gehen, obgleich nur Schritt für Schritt, wie Menschen, die einen verlorenen Gegenstand suchen.

In dieser Weise kamen sie an dem künstlichen Schirm vorbei, und der Pfadfinder verzog seinen Mund zu dem herzlichen, aber lautlosen Lachen, das Natur und Gewohnheit zu einer Eigentümlichkeit dieses Mannes gemacht hatte. Sein Triumph war jedoch voreilig, denn der Letzte des abziehenden Häufleins warf gerade in diesem Moment einen Blick zurück und hielt plötzlich an. Diese Bewegung und ein vorsichtiges Umschauen verriet ihnen auf einmal zu ihrem größten Schrecken, daß einige vernachlässigte Büsche den Verdacht erregt hätten.

Es war vielleicht ein Glück für die Verborgenen, daß der Krieger, der diese erschreckenden Zeichen eines auftauchenden Verdachtes kundgab, ein Jüngling war, der erst Achtung erwerben mußte. Er wußte, wie wichtig Besonnenheit und Bescheidenheit für einen Menschen von seinen Jahren sei und fürchtete mehr als alles das Lächerliche und die Verachtung, die die Folge eines falschen Lärmens waren. Ohne daher einen der Gefährten zurückzurufen, kehrte er wieder um, und während die anderen im Flusse weiterschritten, näherte er sich vorsichtig den Büschen, auf die er seine Blicke wie durch einen Zauber gebannt hielt. Einige von den Blättern, die der Sonne am meisten ausgesetzt gewesen, waren verwelkt, und diese leichte Abweichung von den gewöhnlichen Gesetzen der Natur hatte das rasche Auge des Indianers auf sich gezogen.

Die scheinbare Geringfügigkeit der Beobachtung, die er gemacht hatte, war ein weiterer Grund für den Jüngling, sie seinen Gefährten nicht mitzuteilen. Hatte sie ihn wirklich zu einer Entdeckung geleitet, so war sein Ruhm um so größer, wenn er ihn ungeteilt genoß; und war dies nicht der Fall, so durfte er hoffen, dem Gelächter zu entgehen, das die jungen Indianer so sehr scheuen. Hier drohten jedoch die Gefahren eines Hinterhalts und eines Überfalls, die jeden, auch den feurigsten Krieger der Wälder, zu einer langsamen und vorsichtigen Annäherung veranlassen; und infolge der aus den eben genannten Umständen fließenden Zögerung waren die zwei Partien bereits fünfzig bis sechzig Ellen weiter abwärts gekommen, ehe der junge Wilde der Anpflanzung Pfadfinders so nahe gerückt war, daß er sie mit den Händen erreichen konnte.

Die durch die Hitze hervorgebrachte Veränderung des Gebüsches war nur so leicht, daß der Irokese, als er wirklich die Hand an die Blätter legte, vermutete, er habe sich getäuscht. Um aber seinem Verdacht auf die Spur zu kommen, bog der junge Krieger vorsichtig die Zweige auf die Seite und war mit einem Tritt in dem Versteck, wo die Gestalten der darin Befindlichen wie ebenso viele atemlose Statuen seinen Blicken entgegentraten. Der dumpfe Ausruf, das leichte Zurückfahren und das glänzende Auge des Feindes wurden kaum gesehen und gehört, als sich der Arm Chingachgooks erhob, und der Tomahawk des Delawaren auf den nackten Schädel seines Gegners niedersank. Der Irokese erhob wütend die Hände, stürzte rückwärts und fiel an einer Stelle ins Wasser, wo der Strom den Körper wegführte, dessen Glieder noch im Todeskampf zuckten. Der Delaware machte einen kräftigen, aber erfolglosen Versuch, seinen Arm zu ergreifen, in der Hoffnung, sich des Skalps zu bemächtigen; aber das blutgestreifte Wasser wirbelte stromabwärts und führte seine bebende Last mit sich fort.

Alles dieses geschah in weniger als einer Minute und erschien dem Auge so plötzlich und unerwartet, daß Leute, die weniger an die Kriegsfahrten der Wälder gewöhnt waren als der Pfadfinder und seine Genossen, nicht sogleich gewußt hätten, was beginnen.

»Es ist kein Augenblick zu verlieren«, sagte Jasper mit ernster, aber gedämpfter Stimme, indem er das Gebüsch auf die Seite drückte. »Tut, was ich tue, Meister Cap, wenn Ihr Eure Nichte gerettet wissen wollt; und Sie, Mabel, legen Sie sich der Länge nach in dem Kahn nieder.«

Er hatte diese Worte kaum gesprochen, als er den Bug des leichten Bootes ergriff, es im Wasser watend längs dem Ufer hinschleppte, wobei Cap ihn am Stern unterstützte – sich so nahe wie möglich an das Ufer hielt, um von den Wilden nicht bemerkt zu werden, und die obere Wendung des Flusses zu gewinnen suchte, die die Gesellschaft mit Sicherheit vor dem Feind verbergen mochte. Des Pfadfinders Kahn lag zunächst am Land und mußte deshalb zuletzt das Ufer verlassen. Der Delaware sprang ans Land und verlor sich in den Wald, da er es für seine Aufgabe hielt, den Feind in dieser Gegend zu überwachen, indes Pfeilspitze seinen weißen Gefährten beim Flottmachen des Kahnes unterstützte – um Jasper folgen zu können. All dieses war das Werk eines Augenblicks; als aber Pfadfinder die Strömung an der Flußwendung erreicht hatte, fühlte er plötzlich ein Leichterwerden des Gewichtes, das er führte, und bei einem Rückblick entdeckte er, daß ihn der Tuscarora mit seinem Weib verlassen hatte. Der Gedanke an Verrat blitzte in seiner Seele auf; aber es war keine Zeit anzuhalten. Der Klageruf, der sich weiter unten im Fluß erhob, verkündete, daß der weggeschwemmte Körper des jungen Indianers bei seinen Freunden angelangt war. Der Knall einer Flinte folgte, und nun sah der Wegweiser, daß Jasper, nachdem er die Flußbeugung umrudert hatte, den Strom quer durchschnitt und beide, Jasper aufrechtstehend im Stern des Kahnes und Cap am Bug sitzend, das leichte Fahrzeug mit kräftigen Ruderschlägen vorwärts trieben. Ein Blick, ein Gedanke, ein Auskunftsmittel erfolgte rasch aufeinander in der Seele eines Mannes, der so sehr an die Wechselfälle des Grenzkriegs gewöhnt war. Er sprang schnell in das Hinterteil seines Kahnes, drängte ihn mit einem kräftigen Stoß in die Strömung und fing gleichfalls an, den Strom so weit unten zu kreuzen, daß seine Person eine Zielscheibe für den Feind abgeben mochte, indem er wohl wußte, daß ihr eifriges Verlangen, sich einer Kopfhaut zu sichern, alle anderen Gefühle überwältigen würde.

»Haltet Euch oberhalb der Strömung, Jasper«, rief der unerschrockene Führer, indem er das Wasser mit langen, festen und kräftigen Ruderschlägen peitschte, »haltet Euch immer über der Strömung und treibt gegen das Erlengebüsch drüben! Bewahrt vor allem des Sergeanten Tochter und überlaßt diese Schufte von Mingos mir und der Großen Schlange!«

Jasper schwenkte sein Ruder zum Zeichen, daß er ihn verstanden habe, und nun ertönte Schuß auf Schuß in rascher Folge, davon jeder auf den einzelnen Mann in dem nächsten Kahn gerichtet war.

»Haha, knallt nur eure Schießprügel ab, ihr Dummköpfe«, brummte Pfadfinder in sich hinein, »knallt nur feste los auf ein unsicheres Ziel und laßt mir Zeit, auf dem Fluß eine Elle um die andere zwischen uns zu legen! Ich will euch nicht tadeln wie ein Delaware oder Mohikaner; aber ihr seid wenig besser als die Leute aus den Städten, die auf die Spatzen in den Obstgärten schießen. Hoppla, das war gut gemeint« – er zog seinen Kopf zurück, da eine Flintenkugel eine Haarlocke von seinen Schläfen abgerissen hatte – »aber das Blei, das um einen Zoll fehlt, ist ebenso nutzlos wie was stets im Flintenlauf bleibt. Brav getan, Jasper! Des Sergeanten süßes Kind muß gerettet werden, und wenn wir alle unsere Kopfhäute darüber verlieren sollten.«

Mittlerweile war der Pfadfinder in die Mitte des Flusses und fast an die Seite seiner Feinde gerudert, indes der andere Kahn, von Caps und Jaspers kräftigen Armen getrieben, der ihnen bezeichneten Stelle am jenseitigen Ufer nahe gekommen war. Der alte Seemann spielte nun seine Rolle männlich, denn er war auf seinem eigenen Element, liebte seine Nichte aufrichtig, hatte eine besondere Verehrung gegen seine eigene Person und war des Feuers nicht ungewohnt, obgleich sich seine Erfahrung auf eine ganz andere Art des Kriegsführens bezog. Einige Ruderstreiche brachten den Kahn in das Gebüsch; Mabel eilte mit Jasper ans Land, und für den Augenblick waren alle drei Flüchtlinge gerettet.

Nicht so verhielt es sich mit dem Pfadfinder. Seine mutige Selbstaufopferung hatte ihn in eine ungemein gefährliche Lage gebracht, die sich noch dadurch verschlimmerte, daß, als er gerade zunächst dem Feinde vorbeitrieb, der am Land befindliche Trupp am Ufer herunterglitt und sich mit seinen in dem Wasser stehenden Freunden vereinigte. Der Oswego war an dieser Stelle ungefähr eine Kabellänge breit, und der in der Mitte befindliche Kahn nur ungefähr hundert Ellen oder eine Zielweite von den Büchsen entfernt, die ohne Unterlaß auf ihn abgefeuert wurden.

In dieser verzweifelten Lage tat die Festigkeit und Geschicklichkeit des Pfadfinders gute Dienste. Er wußte, daß seine Sicherheit nur von einer fortdauernden Bewegung abhing, denn ein feststehender Gegenstand wäre in dieser Entfernung fast mit jedem Schusse getroffen worden. Bewegung allein war aber nicht zureichend; denn seine Feinde, die gewöhnt waren, den Hirsch im Sprunge zu töten, wußten wahrscheinlich ihr Ziel so scharf zu nehmen, daß sie ihn getroffen haben würden, wenn die Bewegung eine gleichförmige war. Er sah sich daher veranlaßt, den Kurs des Kahnes zu wechseln und schoß einen Augenblick mit der Schnelligkeit des Pfeiles stromabwärts: im nächsten hielt er in dieser Richtung an und schnitt schräg in den Strom ein. Glücklicherweise konnten die Irokesen ihre Gewehre im Wasser nicht wieder laden, und das Gebüsch, das überall das Ufer säumte, machte es schwierig, den Flüchtling im Gesicht zu behalten, wenn sie ans Land stiegen. Unter dem Schutz dieser Umstände, und da die Feinde alle ihre Gewehre auf ihn abgefeuert hatten, hatte Pfadfinder schnell, sowohl abwärts als in die Quere, eine sichernde Entfernung gewonnen, als plötzlich eine neue, wenn auch nicht unerwartete Gefahr auftauchte.

Diese bestand in der Erscheinung des Trupps, der weiter unten im Hinterhalt gelegen hatte, um den Strom zu bewachen, und den die Wilden in ihrem vorhin gehaltenen kurzen Gespräch erwähnt hatten. Die Zahl betrug nicht weniger als zehn, und da ihnen alle Vorteile ihres blutigen Gewerbes bekannt waren, so hatten sie sich an einem Punkte aufgestellt, wo das Wasser zwischen den Felsen und über die Untiefen brandete: Stellen, die man in der Sprache dieser Gegend Stromengen nennt. Der Pfadfinder sah wohl, daß er, wenn er in diese Enge einliefe, auf den Punkt zugetrieben würde, wo sich die Irokesen aufgestellt hatten; denn die Strömung war unwiderstehlich, die Felsen erlaubten keinen anderen sicheren Durchgang, und so waren Tod oder Gefangenschaft die einzigen wahrscheinlichen Resultate eines solchen Versuches. Er strengte daher alle seine Kräfte an, um das westliche Ufer zu erreichen, da sich alle Feinde auf der Ostseite des Flusses befanden. Aber ein solches Unternehmen überstieg die Kraft eines einzelnen Menschen, und ein Versuch, die Strömung zu überwinden, würde die Bewegung des Kahnes auf einmal so weit vermindert haben, daß dadurch einem sicheren Zielen Raum gegeben worden wäre. In dieser Not kam der Wegweiser mit seiner gewohnten schnellen Besonnenheit zu einem Entschluß, für den er alsbald seine Vorbereitungen traf. Anstatt sich zu bemühen, das Fahrwasser zu gewinnen, steuerte er gegen die seichteste Stelle des Stroms, und als er diese erreicht hatte, ergriff er seine Büchse und sein Bündel, sprang ins Wasser und fing an, von Felsen zu Felsen zu waten, wobei er seine Richtung gegen das westliche Ufer einschlug. Der Kahn wirbelte in der wütenden Strömung, rollte über einige schlüpfrige Steine, füllte und leerte sich wieder und erreichte endlich das Ufer, einige Ellen von der Stelle entfernt, wo sich die Indianer aufgestellt hatten.

Indes war der Pfadfinder noch lange nicht außer Gefahr. In den ersten Minuten erhielt die Bewunderung seiner Schnelligkeit und seines Mutes, dieser bei den Indianern so hoch geachteten Tugenden, seine Verfolger regungslos. Aber der Durst nach Rache und die Gier nach dem so hochgepriesenen Siegeszeichen überwältigten bald dieses vorübergehende Gefühl und weckten sie aus ihrer Erstarrung. Büchse um Büchse krachte, und die Kugeln sausten um des Flüchtlings Haupt, daß er sie durch das Brausen des Wassers hören konnte. Aber er schritt fort, gleich einem, der ein durch Zauberkraft geschütztes Leben trägt, und obwohl das grobe Gewand des Grenzmannes mehr als einmal durchlöchert wurde, so wurde doch nicht einmal seine Haut gestreift.

Da der Pfadfinder einigemal genötigt war, bis unter die Arme im Wasser zu waten, wobei er seine Büchse samt dem Schießbedarf über die wütende Strömung erhob, so wurde er von der Anstrengung bald ermüdet, und er war erfreut, an einem großen Stein – oder vielmehr einem kleinen Felsen – haltmachen zu können, der so hoch über den Fluß hervorragte, daß seine obere Fläche trocken war. Auf diesen Stein legte er sein Pulverhorn und stellte sich selbst dahinter, so daß sein Körper teilweise gedeckt wurde. Das westliche Ufer war nur noch fünfzig Fuß entfernt, aber die ruhige, schnelle, dunkle Strömung, die dazwischen hindurchschoß, verschaffte ihm die Überzeugung, daß er hier werde schwimmen müssen.

Die Indianer, die nur eine Weile ihr Feuer aussetzten, versammelten sich um den gestrandeten Kahn; und da sie dabei die Ruder fanden, so schickten sie sich an, über den Fluß zu setzen.

»Pfadfinder!« rief eine Stimme aus dem Gebüsch des westlichen Ufers.

»Was wollt Ihr, Jasper?«

»Seid guten Muts! – Es sind Freunde bei der Hand, und kein Mingo soll über den Fluß setzen, ohne für seine Kühnheit zu büßen. Würdet Ihr nicht besser tun, Eure Büchse auf dem Felsen zu lassen und herüberzuschwimmen, ehe die Schurken flottmachen?«

»Ein braver Jäger läßt nie sein Gewehr im Stich, solange er Pulver im Horn und eine Kugel in der Tasche hat. Ich habe heute den Drücker noch nicht berührt und könnte den Gedanken nicht ertragen, mit diesem Gewürm zusammengekommen zu sein, ohne ihm eine Erinnerung an meinen Namen zurückzulassen. Ein bißchen Wasser wird meinen Beinen nicht schaden, und ich sehe jenen Lumpenkerl, die Pfeilspitze, unter den Strolchen; ich möchte dem wohl einen Lohn zusenden, den er so redlich verdient hat. Ihr habt doch hoffentlich nicht des Sergeanten Tochter mit herunter und in die Schußweite ihrer Kugeln gebracht, Jasper?«

»Sie ist in Sicherheit, wenigstens für den Augenblick, obgleich alles davon abhängt, daß wir den Fluß zwischen uns und dem Feind behalten. Sie müssen jetzt unsere Schwäche kennen, und wenn sie übersetzen sollten, so zweifle ich nicht, daß ein Teil davon auf der anderen Seite bleiben wird.«

»Diese Kahnfahrt betrifft Eure Gaben näher als die meinigen, Junge, obgleich ich mein Ruder handhaben werde wie der beste Mingo, der je einen Lachs spießte. Wenn sie unterhalb der Stromenge kreuzen, warum sollten wir nicht ebensogut oberhalb über das ruhige Wasser setzen und sie durch das Hin und Her wie im Wolfspiel zum besten haben können?«

»Weil sie, wie gesagt, eine Partei auf dem anderen Ufer lassen werden; und dann, Pfadfinder, möchtet Ihr Mabel den Büchsen der Irokesen bloßgeben?«

»Des Sergeanten Tochter muß gerettet werden«, entgegnete der Wegweiser mit ruhiger Energie. »Ihr habt recht, Jasper; sie hat nicht die Gabe, ihren Mut dadurch zu bewähren, daß sie ihr hübsches Gesicht und ihren zarten Körper einer Mingobüchse aussetzt. Was können wir tun? Wir müssen eben, wenn es möglich ist, das Übersetzen ein oder zwei Stunden verhindern, und dann in der Dunkelheit unser Letztes versuchen.«

»Ich stimme Euch bei, Pfadfinder, wenn es bewerkstelligt werden kann. Aber sind wir auch stark genug für dieses Vorhaben?«

»Der Herr ist mit uns, Junge – der Herr ist mit uns; und es ist unvernünftig zu glauben, daß eine Person wie des Sergeanten Tochter in einer solchen Verlegenheit so ganz von der Vorsehung sollte verlassen werden. Es ist, wie ich gewiß weiß, kein Boot zwischen den Fällen und der Garnison als unsere beiden Kähne, und ich denke, es wird über die Gaben einer Rothaut gehen, angesichts zweier Büchsen wie die Eurige und die meinige über den Fluß zu setzen. Ich will nicht prahlen, Jasper, aber man weiß in allen Grenzorten wohl, daß der Wildtod selten fehlt.«

»Eure Geschicklichkeit ist nah und fern bekannt, Pfadfinder, aber eine Büchse braucht Zeit, um geladen zu werden; auch seid Ihr nicht an Land und durch ein gutes Versteck geschützt, von dem aus Ihr Euch Eurer gewohnten Vorteile bedienen könntet. Wenn Ihr unsern Kahn hättet, getrautet Ihr Euch wohl, mit trockenem Gewehr das Ufer zu erreichen?«

»Kann ein Adler fliegen?« erwiderte der andere mit seinem gewohnten Lachen, indem er im Sprechen rückwärts blickte. »Aber es würde unklug sein, Euch selbst auf dem Wasser auszusetzen, denn diese Spitzbuben fangen wieder an, sich an ihr Pulver und ihre Kugeln zu erinnern.«

»Es kann auch, ohne daß ich mich in Gefahr begebe, geschehen. Meister Cap ist nach dem Kahn hinaufgegangen und wird den Zweig eines Baumes in den Fluß werfen, um die Strömung zu untersuchen, die von jener oberen Stelle in der Richtung Eures Felsens läuft. Seht, da kommt er schon, wenn er gut anlangt, so dürft Ihr nur den Arm ausstrecken, und der Kahn wird folgen. Jedenfalls wird ihn, wenn er an Euch vorbeigehen sollte, der Wirbel da unten wieder heraufbringen, so daß ich ihn wohl erreichen kann.«

Während Jasper noch sprach, kam der schwimmende Zweig näher. Er beschleunigte seine Geschwindigkeit mit der zunehmenden Schnelle der Strömung und tanzte schnell abwärts auf den Pfadfinder zu, der ihn rasch ergriff und als ein erfolgversprechendes Zeichen in die Höhe hielt. Cap verstand das Signal und überließ den Kahn mit einer Behutsamkeit und Umsicht, zu deren Beobachtung die Gewohnheit den Seemann geeignet gemacht hatte, dem Strom. Er schwamm in derselben Richtung wie der Zweig, und in einer Minute wurde er von dem Pfadfinder angehalten.

»Das ist mit der Einsicht eines Grenzmannes ausgeführt, Jasper«, sagte der Wegweiser lachend. »Nun laßt diese schuftigen Mingos ihre Hähne spannen, denn dies ist das letztemal, daß sie imstande sind, auf einen Mann außerhalb eines Versteckes zu zielen.«

»Schiebt den Kahn gegen das Ufer, legt gegen die Strömung ein und springt hinein, wenn er abstößt. Man hat wenig Vorteil, wenn man sich der Gefahr aussetzt.«

»Ich lieb‘ es, Gesicht gegen Gesicht wie ein Mann meinen Feinden gegenüberzustehen, wenn sie mir hierin das Beispiel geben«, erwiderte der Pfadfinder stolz. »Ich bin keine geborene Rothaut und will lieber offen fechten, als im Hinterhalt liegen.«

»Und Mabel?«

»Richtig, Junge, Ihr habt recht; des Sergeanten Tochter muß gerettet werden, und solche törichte Aussetzung ziemt bloß Knaben. Glaubt Ihr, daß Ihr da drüben den Kahn auffangen könnt?«

»Sicher doch! wenn Ihr ihm ’nen kräftigen Stoß gebt.«

Pfadfinder wandte die erforderliche Kraft an; die leichte Barke schoß quer über den trennenden Raum, und als sie gegen das Land kam, wurde sie von Jasper ergriffen. Da die beiden Freunde nun den Kahn zu sichern und geeignete Stellung in einem Versteck zu nehmen hatten, so blieb ihnen nur ein Augenblick, um sich die Hände zu drücken, was mit einer Herzlichkeit geschah, als ob sie sich nach langer Trennung wieder zum erstenmal gesehen hätten.

»Nun, Jasper, wir werden sehen, ob einer von diesen Mingos über den Oswego setzen kann, wenn ihm Wildtod die Zähne weist. Ihr seid vielleicht gewandter im Rudern als im Gebrauch der Büchse, aber Ihr habt ein tapferes Herz und eine sichere Hand, und das sind schon Dinge, die bei einem Kampf in Betracht kommen.«

»Mabel wird mich zwischen ihr und ihren Feinden finden«, sagte Jasper ruhig.

»Ja, ja, des Sergeanten Tochter muß beschützt werden. Ich liebe Euch, Junge, um Eurer selbst willen; aber ich liebe Euch noch viel mehr, weil Ihr so auf den Schutz dieses schwachen Geschöpfs bedacht seid, in einem Augenblick, wo sie Eurer ganzen Mannheit bedarf. Seht, Jasper, drei von diesen Schurken sind eben in den Kahn gestiegen. Sie müssen glauben, wir seien geflohen, sonst würden sie so was sicher nicht im Angesicht des Wildtodes gewagt haben.«

Die Irokesen schienen sich nun zu einer Kreuzung des Stromes anzuschicken; denn da sich Pfadfinder und seine Freunde sorgfältig versteckt hielten, fingen ihre Feinde an zu glauben, daß sie die Flucht ergriffen hätten. Diesen Ausweg würden auch wohl die meisten Weißen eingeschlagen haben; aber Mabel war unter dem Schutz von Leuten, die zu sehr den Krieg in den Wäldern kannten, um die Verteidigung des einzigen Übergangspunktes zu vernachlässigen, der ihre Sicherheit gefährden konnte.

Von den drei Kriegern im Kahn lagen zwei auf den Knien im Anschlag, um jeden Augenblick ihrer tödlichen Waffe ein Ziel geben zu können; der dritte stand aufrecht im Stern und lenkte das Ruder. So verließen sie das Ufer, nachdem sie erst den Kahn vorsichtig stromaufwärts gehalten hatten, um in das stillere Wasser oberhalb der Stromenge zu kommen. Man konnte auf den ersten Blick sehen, daß der Wilde, der das Boot führte, seine Sache gut verstand, denn unter seinem langen und sicheren Ruderschlag flog das Fahrzeug mit der Leichtigkeit einer Feder über die glänzende Fläche.

»Soll ich Feuer geben?« fragte Jasper flüsternd und zitternd vor Begier, den Kampf zu beginnen.

»Noch nicht, Junge, noch nicht. Es sind ihrer drei, und wenn Meister Cap dort weiß, wie er die Schlüsselbüchsen, die in seinem Gürtel stecken, zu gebrauchen hat, so können wir sie immer ans Land kommen lassen. Wir werden dann den Kahn wiederkriegen.«

»Aber Mabel?«

»Fürchtet nichts für des Sergeanten Tochter. Sie ist ja, wie Ihr sagt, sicher in dem hohlen Baum, dessen Öffnung ihr klugerweise durch die Brombeerstaude verbargt. Wenn’s wahr ist, was Ihr mir über die Weise, wie Ihr ihre Fährte verdeckt habt, erzähltet, so könnte das süße Geschöpf wohl einen Monat dort liegen und alle Mingos auslachen.«

»Wir sind dessen nie gewiß, und ich wünschte, wir hätten sie unserem eigenen Versteck näher gebracht.«

»Warum, Eau-douce? Um ihren niedlichen Kopf und ihr klopfendes Herz den fliegenden Kugeln auszusetzen? Nein, nein, sie bleibt besser, wo sie ist, weil sie dort sicherer ist.«

»Wir hielten uns auch für sicher hinter dem Gebüsch, und doch habt Ihr selbst gesehen, daß wir entdeckt wurden –«

»Und der junge Teufel von Mingo seine Neugierde büßen mußte, wie es mir alle diese Schufte tun sollen –«

Der Pfadfinder unterbrach seine Worte, denn in diesem Augenblick schlug der Knall einer Büchse an sein Ohr. Der Indianer im Sterne des Kahnes sprang hoch in die Luft und fiel mit dem Ruder in der Hand ins Wasser. Ein leichtes Rauchwölkchen wirbelte aus einem der Gebüsche auf dem östlichen Ufer in die Höhe und verlor sich bald in der Atmosphäre.

»Das ist das Zischen der Großen Schlange!« rief der Pfadfinder frohlockend. »Ein kühneres und treueres Herz hat nie in der Brust eines Delawaren geschlagen. Es ist mir zwar leid, daß er sich in die Sache gemischt hat; aber er konnte unsere Lage nicht kennen, er konnte nicht wissen, wie wir stehen.«

Kaum hatte der Kahn seinen Führer verloren, so wurde er von den Schnellen der Stromenge ergriffen. Gänzlich hilflos und verwirrt blickten die zwei darin befindlichen Indianer um sich, vermochten es aber nicht, der Macht des Elementes Widerstand entgegenzusetzen. Es war vielleicht ein Glück für Chingachgook, daß die Aufmerksamkeit der meisten Irokesen von der Lage ihrer Freunde im Boot in Anspruch genommen wurde, sonst möchte ihm wohl das Entkommen zum mindesten schwer, wo nicht gar unmöglich geworden sein. Aber man bemerkte unter den Feinden keine weitere Bewegung als die des Verbergens in irgendeinem Versteck. Jedes Auge war fest auf die beiden im Kahn befindlichen Abenteurer gerichtet. In kürzerer Zeit als nötig ist, um die Begebenheiten zu erzählen, wurde das Boot in den Wirbel der Stromenge geschleudert, wobei sich die Wilden auf den Boden ausgestreckt hatten, da dies das einzige Mittel war, das Gleichgewicht zu erhalten. Aber auch dieser Ausweg schlug ihnen fehl, denn ein Stoß an einen Felsen stürzte das kleine Fahrzeug um, und beide Krieger wurden in den Fluß geschleudert. Das Wasser ist an solchen Engen selten tief, mit Ausnahme einzelner Stellen, wo es sich Kanäle ausgewaschen hat. Es blieb ihnen deshalb von diesem Unfall wenig zu befürchten, obgleich ihre Waffen dabei verlorengingen. Sie waren nun genötigt, sich mit dem möglichsten Vorteil gegen das freundliche Ufer zurückzuziehen, bald schwimmend, bald watend, wie es die Umstände erforderten. Der Kahn selbst blieb an einem Felsen in der Mitte des Stromes hängen, wodurch er für den Augenblick beiden Parteien gleich nutzlos wurde.

»Jetzt ist’s an uns, Pfadfinder«, sagte Jasper, als die beiden Irokesen, während sie durch die seichteste Stelle der Stromschnellen wateten, ihre Körper am meisten aussetzten. »Der obere Bursche ist mein; Ihr könnt den unteren nehmen!«

Der junge Mann war durch alle Einzelheiten dieser beunruhigenden Szene so aufgeregt worden, daß, ehe er noch ausgesprochen hatte, die Kugel aus seinem Rohr flog – aber sie war augenscheinlich vergeudet, denn die beiden Flüchtlinge erhoben voll Geringschätzung ihre Arme. Der Pfadfinder feuerte nicht.

»Nein, nein, Eau-douce«, erwiderte er, »ich vergieße kein Blut ohne Grund, und meine Kugel ist wohl gepflastert und sorgfältig aufgesetzt für einen besseren Augenblick. Ich liebe keinen Mingo, wie Ihr wißt, weil ich mich soviel bei den Delawaren, ihren natürlichen Todfeinden, umhertreibe. Ich will aber nie meinen Drücker gegen einen solchen Schuft brauchen, wenn sein Tod nicht zu irgendeinem guten Ziele führt. Ein Leben ist hinreichend für jetzt, und ich muß die Büchse nun zur Verteidigung der Schlange brauchen, der eine höchst verwegene Tat begangen hat, indem er diese Teufel so deutlich wissen ließ, daß er in ihrer Nachbarschaft ist. So wahr ich ein armer Sünder bin, da schleicht sich gerade einer von diesen Strolchen am Ufer hin, wie ein Junge in der Garnison hinter einen gefallenen Baum, wenn er auf ein Eichhörnchen schießen will!«

Da der Pfadfinder, während er sprach, mit seinen Fingern zeigte, so konnte Jaspers schnelles Auge den Gegenstand, auf den sie gerichtet waren, rasch auffinden. Es war einer der jungen Krieger, der vor Begierde brannte, sich auszuzeichnen, und sich von seiner Partei weggestohlen hatte, gegen das Versteck hin, wo Chingachgook verborgen lag; und da dieser durch die scheinbare Apathie seiner Feinde getäuscht und überhaupt mit weiteren Vorkehrungen für seine Sicherheit beschäftigt war, so hatte der Irokese augenscheinlich eine Stellung genommen, die ihm den Delawaren zu Gesicht brachte. Man konnte dies aus seinen Vorkehrungen, Feuer zu geben, erkennen, denn Chingachgook selbst war denen auf dem westlichen Ufer des Flusses nicht sichtbar. Die Stromenge befand sich an einer Krümmung des Oswego, und der Bogen des östlichen Ufers bildete eine so tiefe Einbiegung, daß Chingachgook in gerader Linie seinen Feinden ganz nahe war, obgleich er zu Lande mehrere hundert Fuß von ihnen entfernt stand. Aus diesem Grunde war auch die Entfernung beider Parteien gegen Jaspers und Pfadfinders Stellung so ziemlich die gleiche und mochte nicht viel weniger als zweihundert Ellen betragen.

»Schlange muß um den Weg sein«, sagte der Pfadfinder, der keinen Augenblick sein Auge von dem jungen Krieger abwandte. »Er sieht sich auf eine sonderbare Weise vor, wenn er einem solchen blutdürstigen Mingoteufel gestattet, so nahe zu kommen.«

»Seht«, unterbrach ihn Jasper, »da ist der Körper des Indianers, den der Delaware erschoß. Er wurde an einen Felsen getrieben, und die Strömung hat den Kopf und das Gesicht aus dem Wasser gedrängt.«

»Ganz wahrscheinlich, Junge; ganz wahrscheinlich. Menschennatur ist wenig besser als ein Stamm Treibholz, wenn das Leben daraus gewichen ist. Dieser Irokese wird niemanden mehr ein Leid tun; aber jener schleichende Wilde steht im Begriff, sich des Skalps meines besten und erprobtesten Freundes –«

Der Pfadfinder unterbrach sich plötzlich selbst und erhob seine Büchse, eine Waffe von ungewöhnlicher Länge, mit bewunderungswürdiger Genauigkeit und feuerte in dem Augenblick, wo sie die nötige Höhe erreicht hatte. Der Irokese auf dem entgegengesetzten Ufer zielte eben, als ihn der verhängnisvolle Bote aus dem Lauf des Wildtodes ereilte. Seine Büchse entlud sich allerdings, aber mit der Mündung in die Luft, indes der Mann selbst in das Gebüsch stürzte, gewiß verwundet, wo nicht getötet.

»Dieses schleichende Reptil wollte es nicht besser«, brummte der Pfadfinder, indem er sein Gewehr sinken ließ und wieder neu zu laden anfing. »Chingachgook und ich haben von Jugend auf zusammen gefochten, am Horican, am Mohawk, am Ontario und an allen anderen blutigen Pässen zwischen unserem und dem französischen Gebiet, und so ein törichter Schuft glaubt, ich werde dabeistehen und zusehen, wenn mein bester Freund in einem Hinterhalt erlegt wird!«

»Wir haben Chingachgook einen so guten Dienst getan wie er uns. Diese Schufte sind eingeschüchtert und werden in ihre Verstecke zurückgehen, wenn sie finden, daß wir sie über den Fluß hinüber erreichen können.«

»Der Schuß ist nicht von Bedeutung, Jasper. Fragt einen von dem Sechzigsten, und er wird Euch erzählen, was Wildtod tun kann und was er getan hat, selbst wenn uns die Kugeln wie Hagelkörner um die Köpfe sausten. Nein, der gedankenlose Rumstreicher ist selber schuld daran.«

»Ist das ein Hund oder ein Hirsch, was auf unser Ufer zuschwimmt?«

Der Pfadfinder fuhr auf, denn es war gewiß, daß irgendein Gegenstand oberhalb der Stromenge über den Fluß setzte, aber immer mehr durch die Gewalt der Strömung der ersteren zugetrieben wurde. Ein zweiter Blick überzeugte beide Beobachter, daß es ein Mensch und zwar ein Indianer war, obgleich er im Anfang so tief im Wasser steckte, daß man noch zweifeln mußte. Die Freunde fürchteten eine Kriegslist und richteten deshalb die schärfste Aufmerksamkeit auf die Bewegungen des Fremden.

»Er stößt was im Schwimmen vor sich hin, und sein Kopf gleicht einem Busch«, sagte Jasper.

»Es ist eine indianische Teufelei, Junge, aber christliche Ehrlichkeit wird alle ihre Künste zunichte machen.«

Als sich der Mann langsam näherte, begannen die Beobachter die Richtigkeit ihrer ersten Eindrücke zu bezweifeln, und erst als er zwei Dritteile des Stromes zurückgelegt hatte, wurde ihnen die Wahrheit völlig klar.

»Chingachgook, so wahr ich lebe«, rief Pfadfinder, indem er auf seinen Gefährten blickte und dabei vor Wonne über den glücklichen Kunstgriff lachte, bis ihm die Tränen in die Augen traten. »Er hat Gesträuch um seinen Kopf gebunden, um ihn zu verbergen, und das Pulverhorn an die Spitze gehängt. Die Flinte liegt auf dem Stückchen Stamm, das er vor sich hertreibt, und er kommt herüber, um sich mit seinen Freunden zu vereinigen. Ach! die schönen Zeiten, die schönen Zeiten, wo wir beide solche Schwänke gemacht haben, direkt unter den Zähnen der nach Blut tobenden Mingos, bei der großen Durchfahrt um den Ty herum.«

»Es kann, genau betrachtet, doch nicht Schlange sein, Pfadfinder; ich kann keinen Zug entdecken, dessen ich mich erinnere.«

»Was Zug! Wer sieht auf die Züge bei einem Indianer? – Nein, nein, Junge, seine Malerei ist’s, die spricht, und nur ein Delaware würde diese Farben tragen … Dies sind seine Farben, Jasper, gerade wie Euer Fahrzeug auf dem See das Georgenkreuz trägt und die Franzosen ihre Tafeltücher in dem Winde flattern lassen mit all ihren Flecken von Fischgräten und Wildbretstücken. Ihr seht doch das Auge, Junge, und es ist das Auge eines Häuptlings. Aber, Eau-douce, so ungestüm es im Kampf und so glänzend es unter den Blättern blickt«, – hier legte der Pfadfinder einen Finger leicht, aber mit Nachdruck auf den Arm seines Gefährten, »so hab‘ ich’s doch gesehen, wie es Tränen gleich dem Regen vergoß. Es ist eine Seele und ein Herz unter dieser roten Haut, verlaßt Euch drauf, obgleich diese Seele und dieses Herz Gaben haben, die von den unsrigen verschieden sind.«

»Niemand, der den Häuptling kennt, hat je hieran gezweifelt.«

»Ich aber weiß es«, erwiderte der andere stolz, »denn ich war in Freude und Leid sein Gefährte und hab‘ in dem einen ihn als einen Mann gefunden, wie schwer er auch getroffen war, und in der anderen als einen Häuptling, der wohl weiß, daß selbst die Weiber seines Stammes anständig sind in ihrer Fröhlichkeit. Doch still! Es gleicht zu sehr den Leuten von den Ansiedlungen, schmeichelnde Reden in das Ohr eines anderen zu gießen, und Schlange hat scharfe Sinne. Er weiß, daß ich ihn liebe und daß ich gut von ihm spreche hinter seinem Rücken; aber ein Delaware trägt Bescheidenheit in seiner innersten Natur, obgleich er prahlen wird wie ein Sünder, wenn er an den Pfahl gebunden ist.«

Chingachgook hatte nun das Ufer gerade angesichts seiner Kameraden erreicht, mit deren Stellung er schon bekannt gewesen sein mußte, ehe er das östliche Ufer verließ. Als er sich aus dem Wasser erhob, schüttelte er sich wie ein Hund und rief in seiner gewohnten Weise – »Hugh!«

Sechstes Kapitel

Sechstes Kapitel

Als der Häuptling ans Land gestiegen war und mit dem Pfadfinder zusammentraf, redete dieser ihn in der Sprache seines Volkes an.

»War es wohlgetan, Chingachgook«, sagte er vorwurfsvoll, »sich gegen ein Dutzend Mingos ganz allein in einen Hinterhalt zu legen? ’s ist zwar wahr, mein Wildtod fehlt selten, aber der Oswego ist breit, und dieser Schuft zeigte wenig mehr als Kopf und Schultern überm Gebüsch, und eine ungeübte Hand und ein unsicheres Auge hätt‘ ihn leicht fehlen können. Du solltest das bedacht haben, Häuptling!«

»Schlange ist ein mohikanischer Krieger und sieht nur die Feinde, wenn er auf seinem Kriegspfad ist. Seine Väter haben ihre Feinde im Rücken angegriffen, seit die Wasser zu fließen begannen.«

»Ich kenne deine Gaben und habe alle Achtung davor. Kein Mensch wird mich klagen hören, daß eine Rothaut der Rothautnatur treu bleibt; aber Klugheit ziemt einem Krieger so gut wie Tapferkeit, und hätten nicht diese Irokesenteufel auf ihre Freunde im Wasser gesehen, so möchten sie dir wohl heiß genug auf die Fährte gekommen sein.«

»Was hat der Delaware vor?« rief Jasper, der in diesem Augenblick bemerkte, daß der Häuptling plötzlich den Pfadfinder verließ und gegen den Rand des Wassers ging, anscheinend mit der Absicht, wieder in den Fluß zu steigen. »Er wird doch nicht so toll sein, wieder an das andere Ufer zurückzukehren, vielleicht um einer Kleinigkeit willen, die er vergessen hat?«

»Nein, gewiß nicht; er ist im Grunde so klug wie tapfer, obgleich er sich in seinem letzten Hinterhalt vergessen hat. Hört, Jasper –« er führte den anderen ein wenig auf die Seite, als man gerade den Indianer in das Wasser springen hörte: »Hört, Junge; Chingachgook ist kein Christ, kein weißer Mann wie wir, sondern ein mohikanischer Häuptling, der seine eigenen Gaben hat. Und wer sich zu Männern gesellt, die nicht so ganz von seiner Art sind, tut gut, sie der Leitung ihrer Natur und Gewohnheit zu überlassen.«

»Was soll das bedeuten? – Seht, der Delaware schwimmt auf den Körper zu, der dort am Felsen hängt. Warum begibt er sich in diese Gefahr?«

»Um der Ehre und des Ruhmes willen!«

»Ich verstehe. Er will sich den Skalp holen.«

»In den Augen einer Rothaut erscheint dies als ehrenhaft.«

»Ein Wilder bleibt ein Wilder, Pfadfinder, mag er in was immer für einer Gesellschaft leben.«

»Wir haben da gut reden, Junge; aber die Ehre des Weißen steht gleichfalls nicht immer im Einklang mit der Vernunft und dem Willen Gottes.«

»Er setzt sich bei diesem Skalpholen der größten Gefahr aus. Es kann uns den Tag verlieren.«

»Wie er’s betrachtet, nicht, Jasper. Dieser einzige Skalp gereicht ihm nach seinen Begriffen zu größerer Ehre, als ein ganzes Feld voll Erschlagener, die ihre Haare auf dem Kopf haben. Da hat der feine junge Kapitän vom Sechzigsten beim letzten Gefecht mit den Franzosen sein Leben dem Versuch geopfert, einen feindlichen Dreipfünder zu nehmen, wobei er sich auch Ehre zu erwerben hoffte; dann hab‘ ich noch ’n jungen Fähnrich gekannt, der sich in seine Fahne wickelte, um darin den blutigen Todesschlaf zu schlafen. Mochte er sich wohl einbilden, daß er so sanfter ruhe, als auf einer Büffelhaut?«

»Ja, es ist ein anerkanntes Verdienst, seine Flagge nicht niederzuholen.«

»Und dies sind Chingachgooks Flaggen – er wird sie aufbewahren, um sie seinen Kindeskindern zu zeigen.« – Hier unterbrach sich Pfadfinder, schüttelte melancholisch den Kopf und fuhr fort: »Was sage ich! Kein Sprößling ist dem alten mohikanischen Stamm geblieben. Er hat keine Kinder, die er mit seinen Siegeszeichen erfreuen könnte, keinen Stamm, der seine Taten preist. Er ist ein einsamer Mann in dieser Welt, und doch hält er treu an seiner Erziehung und seinen Gaben! Es liegt etwas Ehrenwertes und Achtbares hierin, Jasper, Ihr müßt es zugeben.«

Hier erhob sich unter den Irokesen ein gewaltiges Geschrei, dem schnell das Knallen ihrer Büchsen folgte. Die Feinde wurden in ihrem Bemühen, den Delawaren von seinem Opfer zurückzutreiben, so hitzig, daß ein Dutzend ins Wasser stürzte und einige fast auf hundert Fuß in der schäumenden Strömung vordrangen, als ob sie wirklich an einen ernstlichen Ausfall dächten. Aber Chingachgook machte ruhig weiter, da er von den Geschossen unverletzt geblieben war, und beendete seine Aufgabe mit der Gewandtheit einer langen Übung. Dann schwang er sein triefendes Siegeszeichen in der Luft und ließ sein Schlachtgeheul in den furchtbarsten Tönen erschallen. Eine Minute lang ertönten die Hallen des schweigenden Waldes und der tiefe, von dem Laufe des Stromes gebildete Einschnitt von einem schrecklichen Geschrei wider, so daß Mabel in ununterdrückbarer Furcht ihr Haupt sinken ließ, während ihr Onkel einen Augenblick ernstlich auf Flucht bedacht war.

»Das übersteigt alles, was ich je von diesen Elenden gehört habe«, rief Jasper voll Entsetzen und Abscheu, indem er sich die Ohren zuhielt.

»Es ist ihre Musik, Junge; ihre Trommeln und Pfeifen, ihre Trompeten und Zinken. Sie lieben diese Töne, denn sie erregen in ihnen ungestüme Gefühle und das Verlangen nach Blut«, erwiderte Pfadfinder in vollkommener Ruhe. »Ich hielt sie für schrecklicher, als ich noch ein junger Bursche war; jetzt aber sind sie meinen Ohren nicht mehr als das Pfeifen des Windfängers oder der Gesang des Spottvogels, und stünde dieses kreischende Gewürm von den Fällen an bis zur Garnison, einer an dem anderen, so würde es jetzt keinen Eindruck mehr auf meine Nerven machen. Ich hoffe, Schlange ist nun zufriedengestellt, denn da kommt er mit dem Skalp an seinem Gürtel.«

Jasper wandte voll Abscheu über das letzte Beginnen des Delawaren sein Gesicht ab, als dieser ans Land stieg. Pfadfinder aber betrachtete seinen Freund mit der philosophischen Gleichgültigkeit eines Mannes, dessen Geist sich gewöhnt hat, auf alle ihm außerwesentlich scheinendenden Dinge ohne Vorurteil zu blicken. Als sich der Delaware tiefer in das Gebüsch begab, um seinen ärmlichen Kattunanzug auszuwringen und seine Büchse instand zu setzen, warf er einen triumphierenden Blick auf seine Gefährten, nach dem jedoch alle auf seine vermeintliche Heldentat bezogenen Gefühlsäußerungen verschwanden.

»Jasper«, begann nun der Pfadfinder, »geht zu Meister Caps Station hinunter und sagt ihm, er soll sich mit uns vereinigen. Wir haben nur wenig Zeit zur Beratung und müssen daher schnell unsern Plan entwerfen; denn es wird nicht lange dauern, bis diese Mingos neues Unheil spinnen.«

Der junge Mann gehorchte, und in wenigen Minuten waren die vier in der Nähe des Ufers versammelt, um ihre nächsten Bewegungen zu beraten, wobei sie sich jedoch vorsichtig verbargen und ein wachsames Auge auf das Beginnen ihrer Feinde hielten.

Mittlerweile hatte sich der Tag seinem Ende zugeneigt und weilte noch einige Minuten zwischen dem scheidenden Licht und einer Dunkelheit, die tiefer als gewöhnlich zu werden versprach.

»Männer«, begann Pfadfinder, »der Augenblick ist gekommen, wo wir mit Besonnenheit unsere Pläne entwerfen müssen, um gemeinschaftlich und nach bester Würdigung unserer Gaben handeln zu können. In einer Stunde werden diese Wälder so dunkel wie um Mitternacht sein, und wenn wir je die Garnison erreichen wollen, so muß es unter dem Schutz dieses günstigen Umstandes geschehen. Was sagt Ihr, Meister Cap? Denn obgleich Ihr in den Kämpfen und Rückzügen der Wälder nicht unter die Erfahrensten gehört, so berechtigen Euch doch Eure Jahre, zuerst im Rat und in dieser Sache zu sprechen.«

»Und meine nahe Verwandtschaft zu Mabel, Pfadfinder, die doch auch als was anzuschlagen ist.«

»Ich weiß das nicht. Rücksicht ist Rücksicht, und Zuneigung ist Zuneigung, ob sie eine Gabe der Natur ist oder ob sie aus eigenem Urteil und einer freiwilligen Anhänglichkeit fließt. Ich will hier nicht von Chingachgook sprechen, der für die Weiber keinen Sinn mehr hat, wohl aber von Jasper und mir; wir sind ebenso bereit, uns zwischen des Sergeanten Tochter und die Mingos zu stellen, wie es ihr eigener braver Vater tun würde. Sag‘ ich nicht die Wahrheit, Junge?«

»Mabel kann bis zum letzten Tropfen Bluts auf mich rechnen«, sprach Jasper, zwar mit verhaltenem Ton, aber mit tiefem Ausdruck des Gefühls.

»Schön, schön«, erwiderte der Onkel, »wir wollen über diesen Gegenstand nicht streiten, da wir alle dem Mädchen dienen wollen, und Taten sind besser als Worte. Nach meinem Gutachten können wir nichts anderes tun, als an Bord des Kahnes gehen, sobald es dunkel genug ist, daß uns die feindlichen Ausluger nicht sehen können, und gegen den Hafen rennen, so schnell es Wind und Zeit erlaubt.«

»Das ist leicht gesagt, aber nicht leicht getan«, entgegnete Pfadfinder. »Wir werden in dem Fluß weit mehr Gefahren ausgesetzt sein, als wenn wir unseren Weg durch die Wälder verfolgen, und dann ist die Stromenge des Oswego vor uns. Ich glaube nicht, daß selbst Jasper einen Kahn in der Dunkelheit wohlbehalten darüber wegbringen wird. Was sagt Ihr, Junge, da ich das Euerm Urteil und Eurer Geschicklichkeit überlassen muß.«

»Ich bin, die Benützung des Kahnes, anlangend, mit Meister Cap einer Meinung. Mabel ist zu zart, um in einer Nacht, wie diese zu werden scheint, durch Sümpfe und über Baumwurzeln zu gehen, und dann fühle ich mein Herz immer kräftiger und mein Auge treuer, wenn ich mich auf dem Wasser befinde.«

»Kräftig mag Euer Herz sein, Junge, und Euer Auge treu genug für einen, der soviel im hellen Sonnenschein und so wenig in den Wäldern gelebt hat. Freilich, der Ontario hat keine Bäume, sonst würde er eine Fläche sein, die das Herz eines Jägers erfreuen könnte. Aber was Eure Meinung anbelangt, Freunde, so hat sie viel für sich und viel gegen sich. Einmal ist es richtig: Das Wasser hinterläßt keine Fährte –«

»Was ist denn das Kielwasser anders?« unterbrach ihn der hartnäckige und überkluge Cap.

»Wie?«

»Macht nur fort«, sagte Jasper, »er bildet sich ein, er sei auf dem Meere – Wasser hinterläßt keine Fährte –«

»Es hinterläßt keine, Eau-douce, wenigstens bei uns nicht, obgleich ich mir nicht anmaße, zu sagen, was es auf dem Meer hinterläßt. Ein Kahn ist schnell und bequem, wenn er mit der Strömung schwimmt, und den zarten Gliedern der Sergeantentochter wird diese Bewegung gut bekommen. Andererseits aber hat der Fluß keine Verstecke als die Wolken des Himmels. Die Stromenge ist sogar bei Tage für einen Kahn ein kitzliges Wagestück; und dann sind es zu Wasser sechs wohlgemessene Meilen von hier an bis zur Garnison. Eine Landspur dagegen findet man in der Dunkelheit nicht leicht auf. Es beunruhigt mich, Jasper, denn wirklich ist hier guter Rat teuer.«

»Wenn Schlange und ich in den Fluß schwimmen und den anderen Kahn aufbringen könnten«, erwiderte der junge Schiffer, »so möchte unser sicherster Weg der zu Wasser sein.«

»Ja, wenn! – Und doch ließe sich’s vielleicht tun, wenn es erst ein wenig dunkler geworden ist. Gut, gut, wenn ich des Sergeanten Tochter und ihr Aussehen betrachte, so weiß ich nicht, ob es nicht doch das Beste sein mag. Ja, wenn es bloß eine Partie von Männern wäre, so möcht’s eine lustige Hatz werden, wenn wir mit jenen schuftigen Burschen ein wenig Verstecken spielten. Jasper«, fuhr der Pfadfinder fort, in dessen Charakter keine Spur von eitlem Gepränge Raum fand, »wollt Ihr es unternehmen, den Kahn aufzubringen?«

»Ich will alles unternehmen, was zu Mabels Nutz und Schutz sein kann, Pfadfinder.«

»Das ist ’n rechtschaffenes Gefühl, und ich denke, es ist Natur. Chingachgook, der bereits fast entkleidet ist, kann Euch helfen. So wird diesen Teufeln wenigstens eines der Mittel abgeschnitten, mit denen sie Unheil stiften können.«

Nachdem dieser wichtige Punkt im reinen war, bereiteten sich die verschiedenen Glieder der Gesellschaft vor, ihn zur Ausführung zu bringen. Die Schatten des Abends fielen dicht über den Forst, und als es so dunkel geworden war, daß man unmöglich mehr die Gegenstände am jenseitigen Ufer unterscheiden konnte, war alles zum Versuch bereit. Die Zeit drängte; denn die indianische Schlauheit konnte so manches Mittel ersinnen, um über einen so schmalen Strom zu setzen, so daß der Pfadfinder mit Ungeduld darauf drang, den Ort zu verlassen. Während Jasper und sein Helfer, nur mit Messern und dem Tomahawk des Delawaren bewaffnet, in den Strom gingen und die größte Sorgfalt anwandten, um keine ihrer Bewegungen zu verraten, holte Pfadfinder Mabel aus ihrem Versteck, hieß sie und Cap am Ufer hin bis an den Fuß der Stromschnellen gehen und bestieg selbst den anderen Kahn, um ihn an dieselbe Stelle zu bringen.

Dies war leicht bewerkstelligt. Der Kahn wurde an das Ufer getrieben, und Mabel und Cap stiegen ein, um ihre vorigen Sitze wieder einzunehmen. Der Pfadfinder stand im Stern aufrecht und hielt bei einem Gebüsch, um zu verhüten, daß sie das schnelle Wasser nicht in die Strömung reiße.

Einige Minuten gespannter und atemloser Aufmerksamkeit folgten, während sie den Erfolg des kühnen Versuches ihrer Kameraden erwarteten.

Die zwei Abenteurer mußten nun über das tiefe und reißende Fahrwasser schwimmen, ehe sie den Teil der Stromenge erreichen konnten, der ihnen das Waten erlaubte. Soweit war jedoch die Unternehmung bald gediehen, und Jasper und der Häuptling erreichten im gleichen Augenblick Seite an Seite den Grund. Als sie nun festen Fuß gewonnen hatten, nahmen sie sich gegenseitig bei der Hand und wateten langsam und mit der äußersten Vorsicht in der Richtung fort, in der sie den Kahn vermuteten. Aber die Tiefe der Finsternis brachte sie zu der Überzeugung, daß ihnen der Gesichtssinn hier nur wenige Hilfe gewähre und daß ihr Suchen durch jene Art von Instinkt geleitet werden müsse, der die Jäger in den Stand setzt, ihren Weg unter Umständen zu finden, wo keine Sonne und kein Stern einen Leitpunkt abgibt und wo einem Neuling in den Labyrinthen der Urwälder alles nur wie ein Chaos erscheinen würde. Unter solchen Verhältnissen ergab sich Jasper darein, sich von dem Delawaren leiten zu lassen, dessen Gewohnheiten ihn am ehesten geeignet machten, die Führung zu übernehmen. Es war jedoch keine kleine Aufgabe, in dieser Stunde mitten durch das brausende Element zu waten und alle Örtlichkeiten dem Geist so einzuprägen, daß ihnen die nötige Erinnerung daran blieb. Als sie sich in der Mitte des Stromes glaubten, waren die Ufer nur noch als dunkle Massen zu unterscheiden, deren Umrisse am Himmel kaum durch die Einschnitte der Baumwipfel angedeutet wurden. Ein- oder zweimal veränderten die Wanderer ihren Kurs, weil sie unerwartet in das tiefe Wasser gekommen waren; denn sie wußten, daß sich der Kahn an der seichtesten Stelle der Stromenge befand. Dies war auch überhaupt ihr einziger Leitpunkt, und Jasper und sein Gefährte tappten nun schon nahezu eine Viertelstunde im Wasser herum, was dem jungen Mann gar kein Ende zu nehmen schien, und doch waren sie scheinbar dem Gegenstand ihres Suchens nicht näher, als sie es im Anfang gewesen waren. Gerade, als der Delaware anhalten wollte, um seinem Kameraden mitzuteilen, daß sie besser tun würden, ans Land zurückzukehren und von dort aus einen neuen Versuch zu machen, sah er in einer Entfernung, die er mit dem Arm erreichen konnte, sich die Gestalt eines Menschen im Wasser bewegen. Jasper stand neben dem Häuptling, dem es nun auf einmal klar wurde, daß die Irokesen die gleiche Absicht wie sie hatten.

»Mingo!« wisperte er in Jaspers Ohr – »Schlange wird seinem Bruder zeigen, wie man schlau ist.«

Der junge Schiffer warf in diesem Moment einen Blick auf die Gestalt, und die erschreckende Wahrheit blitze auch in seiner Seele auf. Da er die Notwendigkeit erkannte, sich hier ganz dem Delawarenhäuptling anzuvertrauen, so hielt er sich zurück, indes sich sein Freund vorsichtig in der Richtung fortbewegte, in der die fremde Gestalt verschwunden war. Im nächsten Augenblick wurde sie wieder sichtbar und bewegte sich augenblicklich auf unsere beiden Abenteurer zu. Die Wasser tobten in einer Weise, daß von dem gewöhnlichen Ton der Stimme nichts zu befürchten stand; der Indianer wendete daher den Kopf rückwärts und sprach hastig: »Überlaß dies der Schlauheit der Großen Schlange.«

»Hugh!« rief der fremde Wilde und fuhr in der Sprache seines Volkes fort – »der Kahn ist gefunden, aber es ist niemand da, mir zu helfen. Kommt, laßt uns ihn vom Felsen losmachen.«

»Gern«, antwortete Chingachgook, der den Dialekt verstand, »führe uns, wir wollen folgen.«

Der Fremde, der mitten im Brausen der Wasserfluten die Stimme und den Akzent nicht zu unterscheiden vermochte, führte sie in der erforderlichen Richtung, wobei sich die beiden dicht an seiner Ferse hielten, und so erreichten alle drei schnell den Kahn. Der Irokese hielt an dem einen Ende, Chingachgook stellte sich in der Mitte auf und Jasper begab sich zum anderen, da es von Wichtigkeit war, daß der Fremde nicht die Anwesenheit eines Bleichgesichts gewahr werde – eine Entdeckung, die ebensogut durch die Kleidungsstücke, die noch der junge Mann trug, als durch das Sichtbarwerden seines Kopfes hätte herbeigeführt werden mögen.

»Hoch!« sagte der Irokese mit der seiner Rasse eigentümlichen Kürze, und mit geringer Anstrengung machten sie den Kahn von dem Felsen los, hielten ihn einen Augenblick in der Luft, um ihn auszuleeren, und setzten ihn dann sorgfältig in der geeigneten Lage auf das Wasser. Alle drei hielten fest, damit er nicht unter dem heftigen Drängen der Strömung ihren Händen entschlüpfte, während der Irokese, der den Kurs leitete und sich an dem Bug des Kahnes befand, die Richtung nach dem östlichen Ufer oder dem Ort, wo seine Freunde seine Rückkehr erwarteten, einschlug.

Da der Delaware und Jasper aus dem Umstand, daß ihre eigene Erscheinung dem Indianer sogar nicht aufgefallen war, annehmen konnten, daß sich noch mehrere Irokesen in der Stromenge befanden, so fühlten sie die Notwendigkeit der äußersten Vorsicht. Männer von weniger Mut und Entschlossenheit würden zuviel Gefahr zu laufen gefürchtet haben, wenn sie sich in die Mitte ihrer Feinde begeben, aber die kühnen Grenzleute kannten die Furcht nicht, waren mit Gefahren vertraut und sahen die Notwendigkeit wenigstens die Besitzergreifung des Fahrzeugs durch die Feinde zu verhindern, zu sehr ein, um sich nicht mit Freuden zu Erringung dieses Zweckes sogar noch größeren Wagnissen zu unterziehen. Jasper erschien auch in der Tat der Besitz oder die Zerstörung dieses Kahnes für Mabel so wichtig, daß er sein Messer zog und sich bereit hielt, Löcher hineinzustoßen, um ihn wenigstens für den Augenblick unbrauchbar zu machen, wenn er und der Delaware durch irgendeinen Umstand zum leeren Rückzug gezwungen werden sollten.

Mittlerweile schritt der Irokese, der den Zug anführte, in der Richtung seiner eigenen Partei, langsam durch das Wasser und schleppte seine widerstrebender Hintermänner nach. Einmal hatte Chingachgook schon seinen Tomahawk erhoben, um ihn in das Hirn seines vertrauenden und arglosen Nachbars zu senken; aber die Wahrscheinlichkeit, daß der Todesschrei oder der schwimmende Körper Lärm erregen würden, veranlaßte den behutsamen Häuptling, sein Vorhaben zu ändern. Im nächsten Augenblick bereute er jedoch seine Unentschlossenheit, denn plötzlich fanden sich die drei, die den Kahn festhielten, von vier anderen umgeben, die gleichfalls nach dem Fahrzeug spähten.

Nach den gewöhnlichen kurzen charakteristischen Ausrufungen, die ihre Zufriedenheit bezeichneten, hielten die Wilden den Kahn mit Lebhaftigkeit an; denn alle schienen die Notwendigkeit, sich dieser wichtigen Erwerbung zu versichern, zu fühlen, da solche auf der einen Seite zur Verfolgung der Feinde, auf der anderen zur Sicherung des Rückzuges dienen sollte. Dieser Zuwachs der Gesellschaft war jedoch so unerwartet und gab dem Feind ein so vollständiges Übergewicht, daß sich selbst der Scharfsinn und die Gewandtheit des Delawaren einige Augenblicke in Verlegenheit befand. Die fünf Irokesen drängten gegen ihr Ufer zu, ohne zu einer Besprechung anzuhalten; denn ihre Absicht ging in Wahrheit dahin, die Ruder, deren sie sich vorläufig versichert hatten, zu holen, und drei oder vier Krieger einzuschiffen, samt allen ihren Büchsen und Pulverhörnern, deren Mangel allein sie verhindert hatte, sobald es dunkel war über den Fluß zu schwimmen.

So erreichten nun Freunde und Feinde miteinander den Rand des östlichen Fahrwassers, wo, wie in dem westlichen, das Wasser zu tief war, um durchwatet werden zu können. Hier erfolgte eine kurze Pause, denn es war nötig, die Art zu bestimmen, wie man den Kahn darüber wegbringen solle. Einer von den vieren, der eben bei dem Boot anlangte, war ein Häuptling, und da der amerikanische Indianer dem Verdienst, der Erfahrung und dem Rang Achtung zu zollen gewöhnt ist, so verhielten sich alle übrigen still, bis der Führer gesprochen hatte.

Durch diesen Halt wurde die Gefahr einer Entdeckung für Jasper, obgleich er zur Vorsorge seine Mütze in den Kahn geworfen hatte, noch vermehrt. Doch mochten seine Umrisse in der Dunkelheit, da er Jacke und Hemd ausgezogen hatte, weniger Aufmerksamkeit auf sich ziehen, und seine Stellung am Hinterteil des Kahnes begünstigte gleichfalls ein Verborgenbleiben, da die Indianer mehr vorwärts blickten. Nicht so verhielt sich’s mit Chingachgook, der sich buchstäblich mitten unter seinen tödlichsten Feinden befand und sich kaum bewegen konnte, ohne einen zu berühren. Er verhielt sich jedoch ruhig, obgleich alle seine Sinne rege waren und er jeden Augenblick bereit stand, zu entwischen oder im geeigneten Moment einen Schlag zu führen. Die Gefahr einer Entdeckung wurde noch dadurch vermindert, daß er sich sorgfältig enthielt, auf die hinter ihm Stehenden zurückzublicken, und so wartete er mit der unüberwindlichen Geduld eines Indianers auf den Augenblick, der ihn zu handeln zwang.

»Mögen alle meine jungen Leute ans Land gehen und ihre Waffen holen, bis auf die zwei an den Enden des Bootes. Diese mögen den Kahn über die Strömung wegbringen.«

Die Indianer gehorchten ruhig und ließen Jasper an dem Stern und den Indianer, der den Kahn aufgefunden hatte, an dem Bug des leichten Fahrzeuges. Chingachgook tauchte so tief in den Fluß, daß er ohne entdeckt zu werden an den anderen vorbeikommen konnte. Das Plätschern in dem Wasser, das Schlagen der Arme und der gegenseitige Zuruf verkündeten bald, daß die vier, die sich später zu der Gesellschaft gefunden hatten, im Schwimmen begriffen waren. Sobald sich der Delaware hiervon überzeugt hatte, erhob er sich, nahm seine frühere Stellung wieder ein und dachte nun auf den Augenblick des Handelns.

Ein Mann von geringerer Selbstbeherrschung als Chingachgook würde wahrscheinlich jetzt seinen beabsichtigten Streich ausgeführt haben. Aber Chingachgook wußte, daß sich noch mehr Irokesen hinter ihm in der Strömung befanden, und er war ein zu geübter und erfahrener Krieger, um irgend etwas unnützerweise zu wagen. Er ließ deshalb den Indianer am Bug des Kahnes in das tiefe Wasser stoßen, und nun schwammen alle drei in der Richtung des östlichen Ufers fort. Statt aber das Fahrzeug quer über die rasche Strömung treiben zu helfen, begannen Jasper und der Delaware, als sie sich mitten in dem kräftigsten Schusse des Wassers befanden, in einer Weise zu schwimmen, daß dadurch die weiteren Fortschritte in die Quere des Stromes verhindert wurden. Dies geschah jedoch nicht plötzlich oder in der unvorsichtigen Manier, mit der ein zivilisierter Mensch den Kunstgriff versucht haben würde, sondern mit Schlauheit und so allmählich, daß der Irokese am Bug zuerst dachte, er habe nur gegen die Gewalt der Strömung anzukämpfen. Wirklich trieb auch unter dem Einfluß dieser Gegenwirkung der Kahn stromabwärts und schwamm in ungefähr einer Minute in dem stillen tieferen Wasser am Fuß der Stromenge. Hier fand jedoch der Irokese bald, daß sich etwas Ungewöhnliches dem Weiterkommen entgegenstemme, und als er zurückblickte, wurde es ihm klar, daß er den Grund in den Bemühungen seiner Gehilfen zu suchen habe.

Jene zweite Natur, die in uns die Gewohnheit erzeugt, sagte dem Irokesen schnell, daß er allein mit seinen Feinden sei. Mit einem raschen Stoß durch das Wasser fuhr er Chingachgook an die Kehle, und nun ergriffen sich die beiden Indianer, die ihren Posten am Kahn verlassen hatten, mit der Wut der Tiger. In der Mitte der Finsternis und der düsteren Nacht, in einem Element schwimmend, das so gefährlich für einen tödlichen Kampf sein mußte, schienen sie alles mit Ausnahme ihres blutigen Hasses und des gegenseitigen Bestrebens, den Sieg davonzutragen, vergessen zu haben.

Jasper hatte nun den Kahn, der unter den durch das Ringen der beiden Kämpfer hervorgebrachten Wellenstößen wie eine Feder im Winde dahinflog, völlig in seiner Macht. Der erste Gedanke des Jünglings war, dem Delawaren zu Hilfe zu schwimmen. Dann aber zeigte sich ihm die Wichtigkeit der Sicherung des Kahnes in ihrer vollen Gewalt, und während er auf die schweren Atemzüge der beiden Krieger, die sich an den Kehlen gefaßt hielten, horchte, trieb er so eilig als er es vermochte dem westlichen Ufer zu. Dieses hatte er bald erreicht und nach kurzem Suchen die zurückgebliebene Gesellschaft, wie auch seine Kleider wieder aufgefunden. Wenige Worte genügten, um die Lage, in der er den Delawaren verlassen, und die Art, wie er den Kahn gerettet hatte, auseinanderzusetzen.

Als die am Ufer Befindlichen die Mitteilung Jaspers gehört hatten, trat eine tiefe Stille ein, und jeder lauschte aufmerksam in der eitlen Hoffnung, etwas zu vernehmen, was über den Ausgang des schrecklichen Kampfes, der im Wasser stattgefunden oder noch fortdauerte, Aufschluß geben konnte. Aber man vernahm nichts durch das Geräusch des brausenden Flusses, und es gehörte mit zu der Politik ihrer Feinde auf dem entgegengesetzten Ufer, eine totengleiche Stille zu beobachten.

»Nehmt dieses Ruder, Jasper«, sagte Pfadfinder ruhig, obgleich es den übrigen dünkte, daß seine Stimme melancholischer als gewöhnlich tönte, »und folgt mir mit Eurem Kahn. – Es ist nicht ratsam, hier zu bleiben.«

»Aber Chingachgook?«

»Die Große Schlange ist in den Händen ihrer Gottheit. Wir können ihm nicht helfen und würden zuviel wagen, wenn wir müßig hier bleiben und wie Weiber im Unglück jammern wollten. Diese Finsternis ist kostbar.«

Ein lauter, langer, durchdringender Schrei drang vom Ufer herüber und unterbrach die Worte des Pfadfinders.

»Was bedeutet dieser Lärm, Meister Pfadfinder?« fragte Cap. »Er klingt ja mehr wie das Zetergeschrei der Teufel, als wie Töne aus den Kehlen von Menschen und Christen.«

»Christen sind’s nicht und wollen keine sein; und wenn Ihr sie Teufel nennt, so habt Ihr sie richtig betitelt. Dieser Schrei ist ein Freudenruf, wie ihn die Sieger ausstoßen. Es ist kein Zweifel, der Körper Chingachgooks ist tot oder lebendig in ihrer Gewalt.«

»Und wir –«, rief Jasper, der den Schmerz einer edlen Reue fühlte, denn der Gedanke vergegenwärtigte sich seinem Geist, daß er wohl dieses Unglück abzuwenden vermocht hätte, wenn er seinen Kameraden nicht verlassen haben würde.

»Wir können dem Häuptling nichts nützen, Junge, und müssen diesen Platz so schnell wie möglich verlassen.«

»Ohne einen Versuch zu seiner Befreiung? – ja, ohne zu wissen, ob er tot oder lebendig ist?«

»Jasper hat recht«, sagte Mabel, die zwar zu sprechen vermochte, jedoch nur mit erstickter Stimme. »Ich habe keine Furcht, Onkel, und will hier bleiben, bis ich weiß, was aus unserem Freund geworden ist.«

»Das scheint vernünftig, Pfadfinder«, warf Cap ein. »Ein rechter Seemann kann seinen Kameraden nicht verlassen. Es freut mich, so richtige Grundsätze unter diesem Frischwasservolk zu finden.«

»Fort, fort damit«, erwiderte der ungeduldige Pfadfinder, indem er zugleich den Kahn in den Strom drängte. »Ihr wißt nichts, drum fürchtet Ihr nichts. Aber wenn Euch Euer Leben wert ist, so denkt daran, die Garnison zu erreichen, und überlaßt den Delawaren den Händen der Vorsehung. Ach! Der Hirsch, der zu oft zu der Lick geht, trifft am Ende doch mit dem Jäger zusammen!«

Siebentes Kapitel

Siebentes Kapitel

Die hochherzige Mabel fühlte ihr Blut in den Adern pochen und ihre Wangen erröten, als der Kahn in den Strom einlenkte, um den Platz zu verlassen. Die Finsternis der Nacht hatte nachgelassen, da sich die Wolken zerstreuten; aber das überhängende Gehölz umnachtete die Ufer so sehr, daß die Kähne wie in einem dunklen Schacht, frei von Entdeckung, in der Strömung hinabfuhren. Dennoch durften sich die in den Kähnen Befindlichen keineswegs für sicher halten, und selbst Jasper, der für das Mädchen zu zittern begann, warf bei jedem ungewöhnlichen Ton, der von dem Walde aufstieg, besorgte Blicke umher. Das Ruder wurde mit Leichtigkeit und der äußersten Sorgfalt geführt, denn der geringste Ton mochte in der tiefen Ruhe dieser Stunde und dieses Ortes den wachsamen Ohren der Irokesen ihre Stellung verraten.

Alles dies erhob noch die großartigen Eindrücke der Lage des Mädchens und trug dazu bei, den gegenwärtigen Augenblick zu dem aufregendsten zu machen, der Mabel je in ihrem kurzen Leben vorgekommen war. Mutig, voll Selbstvertrauen, wie sie war, und noch gehoben durch den Stolz, den sie als ein Soldatenkind fühlte, konnte man kaum von ihr sagen, daß Furcht auf sie einwirke, aber ihr Herz schlug oft schneller als gewöhnlich, ihr schönes Auge strahlte, unbemerkt in der Finsternis, mit dem Ausdruck der Entschlossenheit, und ihre lebhaften Gefühle waren durch die Ereignisse dieser Nacht noch gesteigert.

»Mabel«, sagte Jasper mit unterdrückter Stimme, als die Kähne so nahe beieinander schwammen, daß die Hand des jungen Mannes sie zusammenhalten konnte. »Sie haben keine Furcht und vertrauen freimütig unserer Sorgfalt und unserem guten Willen Ihren Schutz – nicht wahr?«

»Ich bin eines Soldaten Tochter, wie Ihr wißt, Jasper Western, und müßte erröten, wenn ich Furcht bekennen sollte.«

»Verlassen Sie sich auf mich – auf uns alle. Euer Onkel, der Pfadfinder, der Delaware, wenn der arme Bursche hier wäre – und ich selbst werden eher alles wagen, ehe Ihnen ein Leid zustoßen soll.«

»Ich glaube Euch, Jasper«, erwiderte das Mädchen, indem sie unwillkürlich ihre Hand in dem Wasser spielen ließ. »Ich weiß, daß mich mein Onkel liebt und nie an sich selber denkt, ohne zuerst an mich gedacht zu haben; auch glaub‘ ich, daß ihr alle Freunde meines Vaters seid und gerne seinem Kind beisteht. Aber ich bin nicht so schwach und zaghaft, wie Ihr glauben mögt; denn obgleich ich nur ein Stadtmädchen und, wie die meisten von dieser Klasse, ein wenig geneigt bin, Gefahr zu sehen, wo keine ist, so versprech ich Euch doch, Jasper, daß keine törichte Furcht von meiner Seite der Ausübung Eurer Pflicht in den Weg treten soll.«

»Des Sergeanten Tochter hat recht, und sie ist wert, ein Kind des wackeren Thomas Dunham zu sein«, warf der Pfadfinder ein. »Ach, mein Kind, wie oft spähte oder marschierte ich mit Ihrem Vater an den Flanken oder der Nachhut des Feindes in Nächten, die dunkler waren als diese, und zwar unter Umständen, wo keiner wissen konnte, ob ihn nicht der nächste Augenblick in einen blutigen Hinterhalt führe. Ich war an seiner Seite, als er an der Schulter verwundet wurde, und der wackere Kamerad wird Ihnen erzählen, wenn wir zu ihm kommen, wie wir’s anstellten, um über den Fluß zu setzen, der uns im Rücken lag, und seinen Skalp zu retten.«

»Er hat mir’s erzählt«, sagte Mabel mit mehr Feuer, als in ihrer gegenwärtigen Lage klug sein mochte. »Ich habe Briefe von ihm, in denen er von allem Erwähnung tut, und ich danke Euch von Grund meines Herzens für Eure Dienste. Gott mög’s Euch vergelten, Pfadfinder, und es gibt keine Erkenntlichkeit, die Ihr von der Tochter fordern könntet, die sie nicht mit Freuden für ihres Vaters Leben leisten würde.«

»Ja, das ist so bei euch sanften und reinen Geschöpfen. Ich hab‘ früher einige von euch kennengelernt und von anderen gehört. Der Sergeant selbst hat mir von seinen jüngeren Tagen erzählt, von Ihrer Mutter, von der Art, wie er um sie freite und von all den Querstrichen und widrigen Zufällen, bis er es zuletzt durchsetzte.«

»Meine Mutter lebte nicht lange genug, um ihn für alles zu entschädigen, was er tat, um sie zu gewinnen«, sprach Mabel mit bebender Lippe.

»So sagt‘ er mir. Der brave Sergeant hat gegen mich kein Geheimnis, und da er um manches Jahr älter ist als ich, betrachtete er mich auf unseren mannigfaltigen Späherzügen als so eine Art von Sohn.«

»Vielleicht, Pfadfinder«, bemerkte Jasper mit einer Unsicherheit der Stimme, die den beabsichtigten Scherz vereitelte, »würde er froh sein, in Euch wirklich einen zu besitzen?«

»Und wenn er’s wäre, Eau-douce, läge etwas Arges darin? Er weiß, was ich auf der Fährte und als Kundschafter bin, und hat mich oft Aug‘ in Auge mit den Franzosen gesehen. Ich habe bisweilen gedacht, Junge, daß wir uns alle Weiber suchen sollten, denn der Mann, der beständig in den Wäldern und in Berührung mit seinen Feinden oder seiner Beute steht, muß zuletzt einige Gefühle seines Geschlechts verlieren.«

»Nach den Proben, die ich davon gesehen habe«, erwiderte Mabel, »möchte ich sagen, daß viele, die lange in den Wäldern leben, auch vergessen, so manches von der Hinterlist und den Lastern der Städte zu lernen!«

»Es ist nicht leicht, Mabel, immer in der Gegenwart Gottes zu weilen und nicht die Macht seiner Güte zu fühlen. Ich habe den Gottesdienst in den Garnisonen besucht und, wie es einem braven Soldaten ziemt, versucht, an den Gebeten teilzunehmen; denn, obgleich ich nicht auf der Dienstliste des Königs stehe, so kämpfe ich doch in seinen Schlachten und diene seiner Sache. – Aber so sehr ich mich auch bemühte, den Garnisonsbrauch würdig mitzumachen, so konnt‘ ich mich doch nie zu den feierlichen Gefühlen und zu der treuen Hingebung erheben, die ich empfinde, wenn ich allein mit Gott in den Wäldern bin. Hier steh‘ ich Angesicht in Angesicht mit meinem Meister. Alles um mich ist frisch und schön, wie es aus seiner Hand kommt. Da gibt’s keine spitzfindigen Doktrinen, um das Gefühl zu erkälten. Nein, nein; die Wälder sind der wahre Tempel Gottes, in dem die Gedanken sich frei erheben und über die Wolken dringen.«

»Ihr sprecht die Wahrheit, Meister Pfadfinder«, sagte Cap, »und eine Wahrheit, die alle kennen, die oft in der Einsamkeit leben. Was ist zum Beispiel der Grund, daß die Seeleute im allgemeinen so religiös und gewissenhaft in ihrem ganzen Tun und Lassen sind, wenn nicht das, daß sie sich so oft allein mit der Vorsehung befinden und so wenig mit der Gottlosigkeit des Landes verkehren? Oft hab‘ ich auf meiner Wache gestanden unter dem Äquator oder auf dem südlichen Ozean, wenn die Nächte leuchteten von dem Feuer des Himmels; und dies, meine Lieben, ist der geeignetste Zeitpunkt, dem sündigen Menschen seinen Zustand zu zeigen. Ich hab‘ mich unter solchen Umständen wieder und wieder niedergeworfen, bis die Wandtaue und Talje-Reepen meines Gewissens mit Macht erknarrten. Ich stimm‘ Euch daher bei, Meister Pfadfinder, und sage, wenn Ihr einen wahrhaft religiösen Mann sehen wollt, geht aufs Meer oder geht in die Wälder.«

»Onkel, ich habe geglaubt, die Seeleute stünden im allgemeinen in dem Ruf, daß sie wenig Achtung vor der Religion hätten?«

»Alles heillose Verleumdung, Mädel! Frag mal einen Seefahrer, was seine wirkliche Herzensmeinung über die Bewohner des Landes, die Pfarrer und alle übrigen sei, so wirst du was ganz anderes hören. Ich kenne keine Menschenklasse, die hierin mehr verleumdet wird als die Seeleute, und bloß darum, weil sie nicht zu Hause bleiben, um sich zu verteidigen und die Geistlichkeit zu bezahlen. Sie haben freilich nicht so viel Unterricht wie die Landratten, aber was das Wesen des Christentums anlangt, so bohren die Seeleute die Ufermenschen stets in Grund.«

»Ich will für alles dies nicht einstehen, Meister Cap«, entgegnete Pfadfinder, »obschon einiges davon wahr sein mag. Aber es bedarf nicht des Donners und des Blitzes, um mich an meinen Gott zu erinnern, und ich bin nicht der Mann, seine Güte eher in der Verwirrung und Trübsal zu bewundern, als an einem feierlichen, ruhigen Tag, wo seine Stimme aus dem Krachen der toten Baumzweige oder im Gesang eines Vogels meinen Ohren wenigstens ebenso lieblich tönt, als wenn ich sie in dem Aufruhr der Elemente vernehmen müßte. Was meint Ihr, Eau-douce? Ihr habt’s ebensogut mit Gewittern zu tun wie Meister Cap und müßt doch was von den Gefühlen kennen, die angesichts eines Sturmes auftauchen.«

»Ich fürchte, daß ich zu jung und unerfahren bin, um viel über diesen Gegenstand sagen zu können«, erwiderte Jasper bescheiden.

»Ihr fühlt aber doch was dabei!« sagte Mabel rasch. »Ihr könnt nicht – niemand kann unter solchen Szenen leben, ohne zu empfinden, wie sehr er des Vertrauens auf Gott bedarf.«

»Ich will meine Erziehung nicht zu sehr verleugnen und deshalb gestehen, daß ich bisweilen meine Gedanken habe, aber ich fürchte, daß dies nicht so oft geschieht, wie es sollte.«

»Frischwasser!« erwiderte Cap nachdrücklich. »Du wirst doch nicht zuviel von dem jungen Mann erwarten, Mabel. Ich denke, man nennt Euch bisweilen mit einem Namen, der alles dies bezeichnet, Eau-de-vie, nicht wahr?«

»Eau-douce«, entgegnete mit Ruhe Jasper, der sich bei Gelegenheit seiner Fahrten auf dem See sowohl die Kenntnis des Französischen wie auch mehrere Dialekte der Indianer zu eigen gemacht hatte. »Es ist der Name, den mir die Irokesen gegeben haben, um mich von einigen Gefährten zu unterscheiden, die einmal eine Fahrt auf dem Meer mitgemacht haben und nun die Ohren der Landbewohner mit Geschichten von ihren großen Salzwasserseen erfüllen.«

»Und warum sollten sie das nicht? Sie tun dadurch den Wilden keinen Schaden, und wenn’s auch nichts zu ihrer Zivilisation beiträgt, so kommen sie dadurch doch nicht in eine noch größere Barbarei.«

»Die Bedeutung von Eau-douce ist süßes oder trinkbares Wasser«, erwiderte Jasper. »Aber man versteht bei uns Seeleuten unter Eau immer Branntwein, und unter Eau-de-vie einen Branntwein von höherer Stärke. Ich verdenke Euch übrigens Eure Unwissenheit nicht, denn sie ist Eurer Stellung angemessen.«

»Eau-douce oder Eau-de-vie«, unterbrach ihn der redliche und freimütige Pfadfinder, »ist jedenfalls ein braver Junge, und ich hab‘ immer so gesund geschlafen, wenn er auf Wache war, als wenn ich selbst aufgewesen wäre.«

»Ich mache keinen Anspruch auf Kenntnisse, die ich nicht besitze«, sprach Jasper, »und hab‘ nie gesagt, daß ich von Meer und Schifffahrt was verstehe. Wir steuern auf unseren Seen nach den Sternen und dem Kompaß und fahren von einem Vorgebirge zum anderen.«

»Ihr habt Eure Lote«, unterbrach ihn Cap.

»Sie sind von geringem Nutzen und werden selten ausgeworfen.« »Das Tieflot –«

»Ich habe von solchem Ding mal gehört, muß aber gestehen, daß ich nie eins sah.«

»Oh, zum Henker!« rief Cap mit Heftigkeit. »Ein Schiffer und kein Tieflot! Junge, Ihr könnt keinen Anspruch drauf machen, so ein Stück von Seemann zu sein. Wer, zum Teufel, hat je von einem Schiffer gehört ohne Tieflot?«

»Ich mache keinen Anspruch auf besondere Geschicklichkeit, Meister Cap –«

»Das Schießen über die Fälle und die Stromengen ausgenommen, Jasper«, sagte Pfadfinder, der ihm zu Hilfe kam; »in diesem Geschäft müßt auch Ihr ihm, Meister Cap, Gewandtheit zugestehen. Wenn Jasper auch für die offene See nicht taugt, so hat er doch ein scharfes Auge und eine sichere Hand, wenn er über die Fälle setzt.«

»Aber Jasper taugt wohl – würde wohl für die offene See taugen«, sagte Mabel mit einer Lebhaftigkeit in ihrer hellen Stimme, daß alle mitten in der Stille aufhorchten; »ich meine, ein Mann, der hier so viel zu leisten vermag, kann dort nicht untauglich sein, wenn er gleich nicht so mit den Schiffen vertraut ist wie Onkel.«

»Schön, schön, unterstützt euch nur in eurer Unwissenheit«, erwiderte Cap mit höhnischem Lächeln. »Wir Seeleute haben immer die Mehrzahl gegen uns, wenn wir am Ufer sind, und können deshalb selten zu unserem Recht kommen; aber wenn’s die Verteidigung gilt oder die Führung des Handels, da sind wir dann doch der Gutgenug!«

»Aber, Onkel, die Bewohner des Landes kommen doch nicht, um unsere Küsten anzugreifen. Es treffen also die Seeleute nur mit Seeleuten zusammen.«

»Da hat man wieder die Ignoranz! – Wo sind alle die Feinde, die in dieser Gegend gelandet haben, Franzosen und Engländer? Ich will nur das fragen.«

»Ja, wo sind sie?« rief Pfadfinder aus. »Niemand kann das besser sagen als die, Meister Cap, die sich in den Wäldern aufhalten. Ich hab‘ oft ihre Marschlinie verfolgt nach den Gebeinen, die im Regen bleichten; ich habe Jahre nachher ihre Spur bei Gräbern gefunden, nachdem sie und ihr Stolz lange verschwunden waren. Generale und Gemeine lagen durch das Land zerstreut als ebensoviel Beweise, was der Mensch ist, wenn ihn der Ehrgeiz leitet, mehr zu sein als seine Nebenmenschen.«

»Ich muß sagen, Meister Pfadfinder, daß Ihr bisweilen Meinungen äußert, die etwas merkwürdig klingen aus dem Munde eines Mannes, der stets unter dem Gewehr lebt und selten die Luft anders als mit Pulverdampf gemengt atmet – eines Mannes, der kaum seine Hängematte verläßt, ohne einem Feind zu Leibe zu gehen.«

»Wenn Ihr glaubt, daß ich mein Leben im ewigen Krieg gegen mein Geschlecht zubringe, so kennt Ihr weder mich noch meine Geschichte. Der Mann, der in den Wäldern und an den Grenzen lebt, muß sich den Wechsel der Dinge gefallen lassen. Ich bin nur ein einfacher, machtloser Jäger, Kundschafter und Wegweiser und dafür nicht verantwortlich. Mein wahrer Beruf ist jedoch, für die Armee auf dem Marsch sowohl als in Friedenszeiten zu jagen; obgleich ich eigentlich im Dienste eines Offiziers stehe, der aber abwesend und in den Ansiedlungen ist, wohin ich ihm nie folgen werde. Nein, nein; Blutdurst und Krieg sind nicht meine eigentlichen Gaben, sondern Mitleid und Friede. Dem Feind aber blicke ich so gut wie ein anderer ins Gesicht, und was die Mingos betrifft, so betrachte ich jeden als eine Schlange, die man unter die Ferse tritt, sobald sich die Gelegenheit darbietet.«

»Schön, schön; ich hab‘ mich in Eurem Beruf geirrt, den ich für so regelmäßig kriegerisch hielt wie den eines Schiffskonstabels. Da ist nun auch mein Schwager; er ist von seinem sechzehnten Jahre an Soldat gewesen und betrachtet sein Gewerbe jedenfalls als ebenso respektabel wie das eines Seefahrers. Das ist nun freilich ein Punkt, über den es kaum der Mühe wert ist zu streiten.«

»Man hat meinen Vater gelehrt, daß es ehrenvoll sei, die Waffen zu tragen«, sagte Mabel, »denn auch sein Vater war Soldat.«

»Ja, ja«, fuhr der Kundschafter fort, »die meisten Gaben des Sergeanten sind kriegerisch, und er betrachtet die meisten Dinge dieser Welt nur über seinen Musketenlauf. So ist’s auch einer von seinen Einfällen, ein königliches Gewehr einer regelmäßigen, langläufigen Büchse mit doppeltem Visierpunkt vorzuziehen. Aber solche Begriffe können wohl durch lange Gewohnheit aufkommen, und Vorurteil ist vielleicht der allgemeine Fehler der Menschennatur.« »Am Lande, das geb‘ ich zu«, sagte Cap. »Ich komme nie von einer Reise zurück, ohne dieselbe Bemerkung zu machen. Als ich das letztemal eingelaufen war, fand ich in ganz York kaum einen Mann, der im allgemeinen über die Dinge und Gegenstände dachte wie ich. Jeder, mit dem ich zusammentraf, schien seine Ideen gegen den Wind aufgetaljet zu haben, und wenn er ein wenig von seinen einseitigen Ansichten abfiel, so war’s gewöhnlich, um auf dem Kiel kurz umzuvieren und so dicht wie möglich auf einen anderen Gang anzulegen.«

»Versteht Ihr dies, Jasper?« flüsterte Mabel mit einem Lächeln dem jungen Manne zu, der sein eigenes Fahrzeug ganz dicht an ihrer Seite hielt.

»Es ist kein so großer Unterschied zwischen Salz- und Frischwasser, daß wir, die wir unsere Zeit darauf zubringen, uns nicht gegenseitig sollten verstehen können. Ich halt’s für kein groß‘ Verdienst, Mabel, die Sprache unseres Gewerbes zu verstehen.«

»Selbst die Religion«, fuhr Cap fort, »liegt nicht mehr an derselben Stelle vor Anker wie in meinen jungen Tagen. Sie vieren und holen sie am Lande an, wie sie’s mit anderen Dingen auch machen, und es ist kein Wunder, wenn sie hin und wieder festzusitzen kommen. Alles scheint zu wechseln, nur der Kompaß nicht, und auch der hat seine Abweichungen.«

»Wohl«, entgegnete Pfadfinder, »ich hab‘ aber immer das Christentum und den Kompaß für etwas ziemlich Beständiges gehalten.«

»Ja, wenn sie auf dem Meer sind, mit Ausnahme der Abweichungen. Die Religion auf dem Meer ist heute noch dasselbe, was sie war, als ich zum erstenmal meine Hand in den Teerkessel tauchte. Niemand wird mir das bestreiten, der die Gottesfurcht nicht aus den Augen läßt. Ich kann an Bord keinen Unterschied zwischen dem heutigen Zustand der Religion und dem aus der Zeit, da ich noch ein junges Bürschlein war, erkennen. So ist’s aber keineswegs am Ufer. Nehmt mein Wort dafür, Meister Pfadfinder, es ist schwer, einen Mann zu finden – ich meine auf dem Festlande – dessen Ansichten über diesen Gegenstand noch genau dieselben sind wie vor vierzig Jahren.«

»Und doch ist Gott unverändert, seine Werke sind unverändert, sein heiliges Wort ist unverändert: Es muß daher auch alles, was zum Preis und zur Ehre seines Namens dient, unverändert sein.«

»Nicht an Land. Es ist das gerade das Miserabelste von dem Lande, daß es beständig in Bewegung ist, obgleich es fest aussieht. Wenn Ihr einen Baum pflanzt, ihn verlaßt und nach einer dreijährigen Reise wieder zurückkommt, so findet Ihr ihn nicht wieder, wie Ihr ihn verlassen habt. Die Städte vergrößern sich; neue Straßen tun sich auf, die Kajen werden verändert, und die ganze Oberfläche der Erde erleidet einen Wechsel. Ein Schiff aber, das von einer Indienfahrt zurückkommt, ist noch gerade so wie es aussegelte, wenn man den fehlenden Anstrich, die Abnützung der Schiffsgerätschaften und die Zufälligkeiten der Fahrt abrechnet.«

»Das ist nur zu wahr, Meister Cap, und daher um so mehr zu beklagen. Ach! Die Dinge, die man Verbesserungen nennt, dienen zu nichts, als das Land zu untergraben und zu verunstalten. Die herrlichen Werke Gottes werden täglich niedergeworfen und zerstört, und die Hand des Menschen scheint erhoben zu sein in Verachtung seines mächtigen Willens. Man hat mir gesagt, es seien schreckenerregende Zeichen dessen, was noch kommen soll, im Süden und Westen der großen Seen anzutreffen; denn ich selbst bin in diesen Gegenden noch nie gewesen.«

»Was meint Ihr damit, Pfadfinder?« fragte Jasper bescheiden.

»Ich meine die Stellen, die die Rache des Himmels bezeichnete oder die sich vielmehr als feierliche Warnungszeichen dem Gedankenlosen und Üppigen in den Weg stellen. Man nennt sie die Prärien, und ich hab‘ einen so wackeren Delawaren, als ich nur je einen kannte, erzählen hören, die Hand Gottes liege so schwer darauf, daß nicht ein Baum dort gedeihe. Eine solche Heimsuchung der unschuldigen Erde muß Scheu erregen und kann nur die Absicht haben zu zeigen, zu welchen schrecklichen Folgen eine unbesonnene Zerstörungssucht führen mag.«

»Und doch hab‘ ich Ansiedler gesehen, die sich viel von diesen offenen Plätzen versprachen, weil sie ihnen die Mühe der Lichtung ersparten. Euer Brot schmeckt Euch, Pfadfinder; und doch kann der Weizen dazu nicht im Schatten reifen.«

»Aber ein redlicher Wille, einfache Wünsche und die Liebe Gottes können’s, Jasper. Selbst Meister Cap wird Euch sagen, daß eine baumlose Ebene einer öden Insel gleichen muß.«

»Kann sein«, warf Cap ein; »indes haben öde Inseln auch ihren Nutzen, denn sie dienen dazu, die Kursberechnungen zu korrigieren. Wenn es auf meinen Geschmack ankommt, so habe ich nie was gegen eine Ebene einzuwenden wegen ihres Mangels an Bäumen. Da die Natur mal dem Menschen Augen zum Umherblicken und eine Sonne zum Scheinen gegeben hat, so kann ich, wenn es nicht wegen des Schiffbaues oder hin und wieder wegen Errichtung eines Hauses wäre, in einem Baum keinen besonderen Nutzen entdecken, zumal wenn keine Affen oder Früchte darauf sind.«

Auf diese Bemerkung antwortete Pfadfinder nur durch einen leisen Ton, der die Absicht hatte, seine Gefährten zum Stillschweigen zu veranlassen. Während die Unterhaltung mit gedämpfter Stimme geführt wurde, waren die Kähne unter den tiefen Schatten des westlichen Ufers langsam mit der Strömung abwärts gegangen, ohne daß man sich der Ruder anders als zum Steuern bediente. Die Kraft des Stromes wechselte jetzt so bedeutend, daß das Wasser stellenweise ganz still zu stehen schien, indes seine Geschwindigkeit an anderen Orten mehr als zwei oder drei Meilen in der Stunde betragen mochte. Besonders drängte es an den Stromengen mit einer Eile vorwärts, die ein ungeübtes Auge erschrecken konnte. Jasper war der Meinung, daß sie mit der Strömung die Mündung des Flusses in zwei Stunden, von der Zeit ihrer Einschiffung an gerechnet, erreichen dürften, und er und Pfadfinder hatten es für geeignet gehalten, die Kähne so lange für sich schwimmen zu lassen, bis sie über die ersten Gefahren ihres neuen Kurses hinaus waren. Obgleich eine tiefe Ruhe in diesem fast endlosen Forst herrschte, sprach doch die Natur mit tausend Zungen in der beredten Sprache einer Nacht in den Wäldern. Die Luft seufzte durch Myriaden von Bäumen, das Wasser rieselte und brauste stellenweise an den Ufern, dann hörte man hin und wieder das Knarren eines Zweiges oder eines Stammes, der sich an einem anderen rieb und stieß. Aber alles Leben schwieg. Nur einmal glaubte Pfadfinder das Geheul eines entfernten Wolfes zu vernehmen; dieser Ton war jedoch so vorübergehend und zweifelhaft, daß seine Deutung wohl auf Rechnung der Einbildungskraft kommen konnte. Als er aber gegen seine Gefährten den Wunsch des Stillschweigens durch ein Pst! ausdrückte, hatte sein wachsames Ohr den eigentümlichen Ton erfaßt, der durch das Zerbrechen eines trockenen Baumzweiges hervorgebracht wird und der, wenn ihn seine Sinne nicht täuschten, von dem westlichen Ufer herkam. Wer einen solchen Ton öfter gehört hat, weiß, wie gut der Tritt, der den Zweig zerbricht, von jedem anderen Geräusch des Waldes zu unterscheiden ist.

»Es ist der Fußtritt eines Mannes am Ufer«, sagte Pfadfinder zu Jasper mit einer Stimme, die zwar nicht flüsternd, jedenfalls aber nicht laut genug war, um in einiger Entfernung gehört zu werden. »Können die verfluchten Irokesen schon mit ihren Waffen und ohne ein Boot über den Fluß gesetzt haben?«

»Es kann der Delaware sein. Möglich, daß er unseren Kurs am Ufer abwärts verfolgt, da er weiß, wo er uns zu finden hat. Laßt mich dichter ans Ufer fahren und rekognoszieren.«

»Geht, Junge, aber seid leicht mit dem Ruder, und in keinem Fall wagt Euch aufs Unsichere ans Ufer.«

»Ist das klug?« fragte Mabel mit einer Heftigkeit, die sie die Vorsicht, ihre Stimme zu dämpfen, vergessen ließ.

»Sehr unklug, meine Liebe, wenn Sie so laut sprechen. Ich liebe zwar Ihre angenehme Stimme, nachdem ich solange nur die der Männer gehört habe, aber sie darf sich doch nicht zu laut vernehmen lassen. Ihr Vater, der wackere Sergeant, wird Ihnen sagen, daß Schweigen auf einer Fährte eine doppelte Tugend ist. Geht, Jasper, und benehmt Euch klug in der Sache.«

Zehn drückende Minuten folgten dem Verschwinden von Jaspers Kahn, der von dem Pfadfinders so geräuschlos wegglitt, daß er in der Dunkelheit verschwunden war, ehe noch Mabel glauben konnte, der junge Mann werde wirklich ein Unternehmen wagen, das ihr die Phantasie mit so gefährlichen Farben malte. Während dieser Zeit fuhr die Gesellschaft fort, mit der Strömung zu schwimmen, ohne einen Laut, man möchte fast sagen, ohne einen Atemzug zu tun, um ja den leichtesten Ton, der vom Ufer herkäme, nicht zu überhören. Aber es herrschte dieselbe feierliche Stille wie früher. Nur das Plätschern des Wassers, wenn es gegen ein leichtes Hindernis anstieß, und das Seufzen der Bäume unterbrach den Schlummer des Forstes. Schließlich wurde das Knacken dürrer Zweige wieder schwach gehört, und es war dem Pfadfinder, als ob er den Ton gedämpfter Stimmen vernähme.

»Vielleicht irr‘ ich mich, denn die Gedanken malen einem gern, was das Herz wünscht; aber ich glaube, diese Töne gleichen der gedämpften Stimme des Delawaren.«

»Gehen die Wilden auch im Tode noch umher?« fragte Cap.

»Ja, und jagen dazu – in ihren glücklichen Jagdgründen, aber nirgend anders. Mit einer Rothaut ist’s auf der Erde aus, sobald der letzte Atemzug ihren Leib verlassen hat.«

»Ich seh‘ etwas auf dem Wasser«, flüsterte Mabel, die ihre Augen nicht von der Dunkelheit abgewandt hatte, seit Jasper in ihr verschwunden war.

»Es ist der Kahn«, erwiderte Pfadfinder mit großer Erleichterung. »Es muß alles gut stehen, sonst würden wir von dem Jungen gehört haben.«

In der nächsten Minute schwammen die zwei Kähne, die den Führern, erst als sie sich näher kamen, sichtbar wurden, wieder Seite an Seite, und man erkannte Jaspers Gestalt in dem Stern seines Bootes. Die Figur eines zweiten Mannes saß im Bug, und da der junge Schiffer sein Ruder in einer Weise regierte, daß das Gesicht seines Gefährten dem Pfadfinder und Mabel unter die Augen trat, so erkannten beide den Delawaren.

»Chingachgook – mein Bruder!« sagte der Pfadfinder in der Sprache des anderen mit einem Beben in seiner Stimme, das die Gewalt seiner Gefühle verriet – »Häuptling der Mohikaner! Mein Herz ist hocherfreut. Oft sind wir miteinander durch Blut und Streit gegangen! Aber ich habe gefürchtet, es werde nie wieder geschehen.«

»Hugh! – die Mingos sind Weiber! – Drei von ihren Skalpen hängen an meinem Gürtel. Sie wissen nicht die Große Schlange der Delawaren zu treffen. Ihre Herzen haben kein Blut, und ihre Gedanken sind auf dem Rückweg über die Wasser des großen Sees.«

»Bist du unter ihnen gewesen, Häuptling? Und was wurde aus dem Krieger, der im Fluß war?«

»Er ist zum Fisch geworden und liegt auf dem Grunde mit den Aalen. Laß seine Brüder die Angelhaken nach ihm auswerfen. Pfadfinder, ich hab‘ die Feinde gezählt und ihre Büchsen berührt.«

»Ah! Ich dachte, er würde verwegen sein«, rief der Kundschafter in englischer Sprache. »Der waghalsige Bursch ist mitten unter ihnen gewesen und hat uns ihre ganze Geschichte mitgebracht. Sprich, Chingachgook, damit ich unseren Freunden mitteilen kann, was wir selbst wissen.«

Der Delaware erzählte nun in gelassener und ernster Weise das Wesentlichste der Entdeckungen, die er gemacht hatte, seit ihn Jasper zuletzt im Fluße mit den Feinden hatte ringen sehen. Von dem Schicksal seines Gegners sprach er nicht mehr, da es gegen die Gewohnheit eines Kriegers ist, bei mehr ins einzelne gehenden Berichterstattungen groß zu tun. Sobald er aus diesem furchtbaren Kampf als Sieger hervorgegangen war, schwamm er gegen das östliche Ufer, stieg mit Vorsicht ans Land und nahm seinen Weg unter dem Schutz der Finsternis unentdeckt und im Grunde auch unbeargwöhnt mitten durch die Irokesen. Einmal wurde er angerufen; da er sich aber für Pfeilspitze ausgab, wurden keine weiteren Fragen an ihn gerichtet. Aus ihren Reden war ihm bald klargeworden, daß der Trupp ausdrücklich auf Mabel und ihren Onkel lauerte, über dessen Rang sie jedoch augenscheinlich im Irrtum waren. Er hatte auch genug erfahren, um den Verdacht zu rechtfertigen, daß Pfeilspitze sie ihren Feinden verraten habe, obgleich ein Beweggrund hierzu nicht leicht aufzufinden war, da er die Belohnung für seine Dienste noch nicht empfangen hatte.

Pfadfinder teilte von diesen Nachrichten seinen Gefährten nicht mehr mit, als er zu Milderung ihrer Besorgnisse für nötig hielt, indem er zugleich andeutete, daß es nun Zeit sei, ihre Kräfte zu brauchen, ehe sich die Irokesen von der Verwirrung erholt hätten, in die sie durch ihre Verluste geraten waren.

»Wir werden sie ohne Zweifel an der Stromenge wiederfinden«, fuhr er fort, »und dort müssen wir an ihnen vorbei oder in ihre Hände fallen. Die Entfernung von der Garnison ist nur noch gering, und ich hab‘ dran gedacht, mit Mabel zu landen, sie auf einigen Seitenwegen weiter zu geleiten und die Kähne ihrem Schicksal in den Stromschnellen zu überlassen.«

»Es wird nicht gelingen, Pfadfinder«, unterbrach ihn Jasper lebhaft. »Mabel ist nicht stark genug, um in einer solchen Nacht durch die Wälder zu gehen. Setzt sie in meinen Kahn, und ich will mein Leben verlieren oder sie über die Stromenge glücklich wegführen, so dunkel es auch sein mag.«

»Ich zweifle nicht, daß Ihr das werdet, Junge; niemand zweifelt an Euerm guten Willen, der Tochter des Sergeanten einen Dienst zu leisten; aber das Auge der Vorsehung muß es sein und nicht das Eurige, das Euch in einer Nacht wie diese glücklich über den Stromschuß des Oswego bringen kann.«

»Und wer wird sie denn zu Land glücklich nach der Garnison bringen? Ist die Nacht am Ufer nicht so dunkel wie auf dem Wasser? Oder glaubt Ihr, ich verstehe mich weniger auf meinen Beruf als Ihr Euch auf den Eurigen?«

»Kühn gesprochen, Junge; aber angenommen, ich verlöre meinen Weg in der Finsternis – und ich glaube, es kann mir niemand nachsagen, daß mir das je begegnet ist – angenommen, ich verlöre den Weg, so würde daraus kein anderes Unglück entspringen, als daß wir die Nacht im Walde zubringen müßten; indes eine falsche Wendung des Ruders oder ein breiteres Streichen des Kahns Euch und das junge Mädel in den Fluß werfen kann, aus dem, aller Wahrscheinlichkeit nach, des Sergeanten Tochter nicht mehr lebendig herauskommen wird.«

»Wir wollen das Mabel selbst überlassen; ich bin überzeugt, daß sie sich in dem Kahne sicherer fühlen wird.«

»Ich habe ein großes Vertrauen zu euch beiden«, antwortete das Mädchen, »und zweifle nicht, daß jeder tun wird, was er kann, um meinem Vater zu beweisen, wie wert er ihm ist. Aber ich bekenne, daß ich nicht gerne den Kahn verlassen möchte, da wir die Gewißheit haben, daß Feinde im Walde sind, wie wir sie gesehen haben. Doch mein Onkel mag in dieser Sache den Ausschlag geben.«

»Ich liebe die Wälder nicht, solange man eine so schöne Bahn wie hier auf dem Fluß vor sich hat. Außerdem, Meister Pfadfinder, um von den Wilden nichts zu sagen, Ihr überseht die Haifische.«

»Haifische! wer hat je von Haifischen in der Wildnis gehört?«

»Ach! Haifische oder Bären oder Wölfe – es ist gleichgültig, wie Ihr das Ding nennt. Es ist eben was, was die Lust und die Macht hat zu beißen.«

»Hilf Herr! Mensch, fürchtet Ihr ein Geschöpf, das in einem amerikanischen Forst gefunden werden kann? Ich will zwar zugeben, daß eine Pantherkatze ein ungebärdiges Tier ist; doch was will das heißen, wenn ein geübter Jäger bei der Hand ist? Sprecht von den Mingos und ihren Teufeleien, soviel Ihr wollt; aber macht mir keinen falschen Lärm mit Euren Bären und Wölfen.«

»Ja, ja, Meister Pfadfinder, das ist wohl alles gut genug für Euch, der Ihr wahrscheinlich den Namen einer jeden Kreatur hier kennt. Gewohnheit ist schon was und macht einen Mann kühn, wo er sonst vielleicht schüchtern wäre. Ich hab‘ in der Nähe des Äquators die Matrosen stundenlang unter fünfzehn bis zwanzig Fuß langen Haifischen herumschwimmen sehen, und sie hatten dabei keine anderen Gedanken, als die sich ein Landbewohner macht, wenn er sonntags nachmittags unter seinesgleichen aus der Kirchentür geht.«

»Das ist außerordentlich!« rief Jasper, der sich in seiner Treuherzigkeit jenen wesentlichen Teil seines Gewerbes, den man die Fähigkeit, »ein Garn zu spinnen« nennt, noch nicht angeeignet hatte. »Ich hab‘ immer gehört, daß der Tod gewiß sei, wenn man sich in das Wasser unter die Haie wage.«

»Ich vergaß zu sagen, daß die Jungen immer Spillenbäume, Kanonenspacken oder Kuhfüße mit sich nahmen und die Bestien auf die Nase schlugen, wenn sie ihnen lästig wurden. Nein, nein, ich finde kein Behagen an Bären und Wölfen, obgleich ich mir aus einem Walfisch so wenig mache wie aus einem Hering, wenn er getrocknet und gesalzen ist. Mabel und ich halten besser Stich im Kahn.«

»Mabel würde gut tun, das Fahrzeug zu wechseln«, fügte Jasper bei. »Das meine ist leer, und der Pfadfinder wird zugeben, daß mein Auge auf dem Wasser sicherer ist als das seine.«

»Das tu ich mit Freuden, Junge. Das Wasser ist dein Element, und niemand wird leugnen, daß Ihr’s aufs beste erprobt habt. Ihr habt recht, daß des Sergeanten Tochter in Euerm Kahn sicherer sei als in meinem, und obgleich ich gern selber in ihrer Nähe wäre, so liegt mir doch ihre Wohlfahrt zu sehr am Herzen, um sie nicht aufrichtig zu beraten. Bringt Euern Kahn dicht an unsere Seite, Jasper, damit ich Euch den kostbaren Schatz übergeben kann.«

»Ich betrachte sie wirklich als einen Schatz«, erwiderte der Jüngling, der keinen Augenblick verlor, um dieser Aufforderung nachzukommen; und als Mabel von dem einen Kahn in den anderen getreten war, setzte sie sich zu dem Gepäck, das bisher die einzige Last des Bootes ausgemacht hatte.

Jetzt trennten sich die Kähne und fuhren vorsichtig und ohne Geräusch in einiger Entfernung voneinander. Die Unterhaltung hörte nach und nach auf, und die Annäherung der gefürchteten Stromenge machte auf alle einen inhaltsschweren Eindruck. Es war fast gewiß, daß sich ihre Feinde alle Mühe gegeben hatten, diesen Punkt vor ihnen zu erreichen, und der Versuch, in der tiefen Dunkelheit auf dem Strom über ihn weg zu kommen, schien so wenig erfolgversprechend, daß der Pfadfinder der Überzeugung lebte, die Wilden hätten sich an beiden Ufern verteilt, in der Hoffnung, sie beim Landen abzufangen. Er würde auch seinen früheren Vorschlag nicht gemacht haben, wenn er es nicht seinen eigenen Fähigkeiten zugetraut hätte, dieses Vorgefühl eines günstigen Erfolgs von Seiten der Irokesen zu einer Vereitelung ihrer Pläne zu benützen. Da aber nun die Anordnung feststand, so hing alles von der Geschicklichkeit der Kahnführer ab. Denn wenn ein Fahrzeug auf einen Felsen stieß, so mußte es, wenn es nicht zertrümmert wurde, fast sicher festsitzen, und dann war man nicht nur den Zufällen des Stromes, sondern Mabel auch der Gewißheit ausgesetzt, in die Hände ihrer Verfolger zu fallen. Es war daher die äußerste Umsicht nötig, und jeder blieb zu sehr mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt, um mehr zu äußern, als gerade die Dringlichkeit des Augenblicks erforderte.

Die Kähne stahlen sich ruhig vorwärts, und das Brausen der Stromenge wurde hörbar. Cap mußte seine ganze Tapferkeit aufbieten, um sich auf seinem Sitz zu erhalten, indes jene bedeutungsvollen Töne immer näher kamen, wobei die Finsternis kaum die Umrisse des waldigen Ufers und das darüber hängende dunkle Himmelsgewölbe erkennen ließ. Der Eindruck, den die Wasserfälle auf ihn gemacht hatten, arbeitete noch in seiner Seele, und seine Phantasie war nicht untätig, die Gefahren der Stromenge mit jenen des jähen Absturzes, den er durchgemacht hatte, gleich zu halten, wenn sie nicht Zweifel und Ungewißheit gar noch vergrößerten. Hierin war jedoch der alte Seemann im Irrtum, denn die Stromenge des Oswego und seine Fälle sind in ihrem Charakter und in ihrer Heftigkeit sehr verschieden, da die erstere nichts weiter als eine Stromschnelle war, die über Untiefen und Felsen geht, indes die letzteren den Namen, den sie trugen, in Wirklichkeit verdienten.

Mabel mochte allerdings Beklemmung und Furcht fühlen. Aber ihre ganze Lage war so neu, und das Vertrauen zu ihrem Führer so groß, daß sie sich in einer Selbstbeherrschung erhielt, deren sie wohl nicht mächtig gewesen wäre, wenn sie sich hätte klarere Vorstellungen von der Wahrheit machen können oder die Hilflosigkeit des Menschen besser gekannt haben würde, wenn es den Kampf gegen die Macht und Majestät der Natur gilt.

»Ist das die Stelle?« sagte sie zu Jasper, als ihr das Geräusch des Stromschusses zum erstenmal nah und deutlich zu Ohren kam.

»Sie ist’s, und ich bitte Sie, Vertrauen zu mir zu haben. Unsere Bekanntschaft ist zwar noch jung, Mabel; aber wir leben hier in der Wildnis viele Tage in einem, und es kommt mir bereits vor, als ob ich Sie schon jahrelang gekannt hätte.«

»Auch ich fühle für Euch nicht wie für einen Fremden, Jasper. Ich habe Vertrauen zu Eurer Geschicklichkeit wie zu Euerm guten Willen, mir einen Dienst zu leisten.«

»Wir werden sehen, wir werden sehen. – Pfadfinder peitscht die Schnellen zu nahe am Mittelpunkt des Flusses; das Wasserbett ist gegen das östliche Ufer zu enger; aber ich kann mich ihm jetzt nicht verständlich machen. Halten Sie sich fest an den Kahn und befürchten Sie nichts.«

Im nächsten Augenblick hatte sie die rasche Strömung in den Schuß getrieben. Drei oder vier Minuten sah das mehr von heiliger Scheu als von Furcht ergriffene Mädchen rund um sich nichts als die Güsse glänzenden Schaumes und hörte nichts als das Brausen der Wasser. Zwanzigmal schien der Kahn von irgendeiner kräuselnden, glänzenden Welle, die man sogar in der Dunkelheit der Nacht erkennen konnte, überschüttet zu werden, und ebensooft glitt er unbeschädigt daran vorbei, getrieben durch den kräftigen Arm dessen, der seine Bewegungen leitete. Einmal, aber auch nur einmal, schien Jasper seine Herrschaft über die zerbrechliche Barke zu verlieren, und in einem kurzen Augenblick wirbelte sie rund herum; aber durch eine verzweifelte Anstrengung brachte er sie wieder in seine Gewalt, gewann das verlorene Fahrwasser zurück und fühlte sich bald für alle seine Beängstigungen dadurch belohnt, daß er den Kahn ruhig in dem tiefen Wasser unterhalb der Stromschnellen dahinschwimmen sah, ohne daß dieser von den überfluteten Wellen so viel abbekommen hätte, wie zu einem Trunk dienen könnte.

»Alles ist vorüber«, rief der junge Mann freudig. »Die Gefahr ist vorbei, und Sie dürfen nun hoffen, noch in dieser Nacht Ihren Vater zu umarmen.«

»Gott sei gepriesen! Jasper; Euch verdanken wir dieses große Glück.«

»Der Pfadfinder kann einen guten Teil des Verdienstes in Anspruch nehmen. Aber was ist aus dem andern Kahn geworden?«

»Ich sehe dort was auf dem Wasser. Ist es nicht das Boot unserer Freunde?«

Wenige Ruderschläge brachten Jasper an die Seite des fraglichen Gegenstandes. Es war der andere Kahn, leer und mit aufwärts gerichtetem Kiel. Der junge Mann hatte sich kaum über diesen Umstand Gewißheit verschafft, als er anfing, sich nach den Schwimmern umzusehen, und zu seiner großen Freude entdeckte er bald Cap, der mit der Strömung abwärts trieb. Der alte Seemann hatte die Gefahr des Ertrinkens dem Skalpieren vorgezogen, womit er beim Landen von den Wilden bedroht war. Er wurde, obschon nicht ohne Schwierigkeit, in den Kahn geholt, und damit hatte das Nachforschen ein Ende. Jasper war nämlich überzeugt, daß der Pfadfinder in dem seichten Wasser ans Ufer waten werde, um seine geliebte Büchse nicht verlassen zu müssen.

Der Rest der Fahrt war kurz, obgleich sie mitten in der Dunkelheit und Ungewißheit gemacht wurde. Nach einer kleinen Weile ließ sich ein dumpfes Getöse vernehmen, das zuweilen dem Rollen eines entfernten Donners und dann wieder dem Brausen der Wasser ähnelte. Jasper erklärte seinen Gefährten, daß sie nun die Brandung des Sees hörten. Vor ihnen lagen niedrige, gekrümmte Landspitzen, von denen die nächste eine Bai bildete.

Hier fuhr der Kahn ein und schoß geräuschlos an das kiesige Ufer. Dieser Übergang war so rasch erfolgt, daß Mabel die Vorgänge kaum fassen konnte. Im Laufe weniger Minuten kamen sie an den Schildwachen vorbei, das Tor wurde geöffnet, und das bewegte Mädchen fand sich in den Armen eines Vaters, der ihr fast ein Fremder geworden war.

Achtes Kapitel

Achtes Kapitel

Die Ruhe, die der Anstrengung folgt, ist gewöhnlich tief und süß, wenn sie mit dem Gefühl der Sicherheit verbunden ist. Dies war auch bei Mabel der Fall, die sich erst von ihrer ärmlichen Pritsche erhob – denn nur auf ein solches Lager konnte eine Sergeantentochter auf einem abgelegenen Grenzposten Anspruch machen – als die Garnison schon lange der Aufforderung der Trommeln gehorcht und sich zur Morgenparade versammelt hatte. Sergeant Dunham, dessen Geschäft es war, den gewöhnlichen täglichen Dienst zu beaufsichtigen, hatte bereits seine Morgenverrichtungen vollbracht und begann eben an sein Frühstück zu denken, als seine Tochter ihr Zimmer verließ und in die freie Luft heraustrat, in gleichem Grade verwirrt, erfreut und dankerfüllt über die Neuheit und Sicherheit ihrer jetzigen Lage.

Zu dieser Zeit war Oswego einer der äußersten Grenzposten der britischen Besitzungen auf diesem Kontinent. Es war noch nicht lange besetzt und hatte in seiner Garnison ein Bataillon eines ursprünglich schottischen Regiments, in das aber, seit seiner Ankunft in dieser Gegend, viele Amerikaner aufgenommen worden waren. Durch diese Neuerung wurde es dem Vater Mabels möglich gemacht, die zwar unbedeutende, aber doch verantwortliche Stelle des ältesten Sergeanten einzunehmen. Es befanden sich auch einige junge Offiziere, die in den Kolonien geboren waren, bei dem Korps. Das Fort selbst war, wie die meisten derartigen Werke, besser geeignet, einem Angriff der Wilden zu widerstehen, als eine regelmäßige Belagerung auszuhalten; aber die große Schwierigkeit, die mit dem Transport der schweren Artillerie und anderer Erfordernisse verbunden war, machte eine Belagerung so unwahrscheinlich, daß die Ingenieure bei dem Entwurf der Verteidigungswerke darauf gar keinen Bedacht nehmen zu müssen glaubten. Man hatte Bollwerke von Erde und Holzstämmen, einen trockenen Graben, Palisaden, einen Paradeplatz von beträchtlicher Ausdehnung und eine Kaserne aus Holzstämmen, die als Wohnung und Befestigung diente. Einige leichte Feldstücke standen im Raum des Forts, um schnell dahin geführt werden zu können, wo man ihrer bedurfte, und eine oder zwei schwere eiserne Kanonen blickten aus den Scharten der vorspringenden Winkel als Mahnungen an den Verwegenen, ihre Macht zu respektieren.

Als Mabel die bequeme, aber verhältnismäßig einsame Lagerhütte, in der sie ihr Vater unterbringen durfte, verlassen hatte und in die reine Morgenluft trat, fand sie sich am Fuß einer Bastei, die so einladend vor ihr lag, daß sie sich von hier aus einen Überblick über all das versprach, was ihr die Finsternis der vorigen Nacht verborgen hatte. Das Mädchen hüpfte mit ebenso leichten Füßen wie leichtem Herzen die grasige Anhöhe hinan und befand sich auf einmal auf einem Punkt, der ihr in wenigen Blicken die Übersicht über alle äußeren Verhältnisse ihrer neuen Lage erlaubte.

Gegen Süden lag der Wald, durch den sie so viele ermüdende Tage gewandert war und der sie die ganze Fülle seiner Gefahren hatte empfinden lassen. Er war von den Palisaden des Forts durch einen Gürtel freien Feldes getrennt, das hauptsächlich deshalb gelichtet worden war, um den kriegerischen Vorkehrungen Raum zu geben. Dieses Glacis, das in der Tat zu Kriegszwecken diente, mochte ungefähr hundert Morgen betragen; aber mit ihm wich auch jede Spur von Zivilisation. Jenseits war alles Wald – jener dichte, endlose Wald, den Mabel sich nun aus ihren Erinnerungen mit seinen verborgenen, glänzenden Seen, seinem dunkel rollenden Strom und seiner ganzen Welt von Natur deutlich vor die Seele führen konnte.

Als sich unsere Heldin von diesem Anblick abwendete, fühlte sie auf ihren Wangen das Fächeln eines frischen und angenehmen Lüftchens, wie sie es, seit sie die ferne Küste verlassen, nicht wieder empfunden hatte. Bald zeigte sich ihr ein neues Schauspiel, das sie, obschon es nicht unerwartet kam, dennoch nicht wenig überraschte, und ein schwacher Ausruf bekundete, mit welcher Lust ihre Augen die vor ihnen liegenden Reize verschlangen. Gegen Norden, Osten und Westen, in jeder Richtung, kurz, über die ganze Hälfte des neuen Panoramas lag eine weite Fläche wogenden Wassers. Das Element hatte weder das glänzende Grün, das im allgemeinen die amerikanischen Gewässer bezeichnet, noch das tiefe Blau des Ozeans; es war von einer lichten Ambrafarbe, die kaum seine Durchsichtigkeit beeinträchtigte. Nirgends Land, mit Ausnahme der anliegenden Küste, die sich rechts und links an einem ununterbrochenen Saum von Wäldern hinzog, mit weiten Buchten und niedrigen Vorsprüngen oder Spitzen. An vielen Stellen war das Ufer felsig, und in den Höhlen rollte das träge Wasser hin und wieder in einem hohlen Ton, der einem entfernten Kanonendonner glich. Kein Segel glänzte auf der Oberfläche, kein Wal oder Fisch spielte auf dieser Ebene, und kein Zeichen menschlichen Tuns und Treibens belohnte den anhaltendsten und sorgfältigsten Blick auf diese endlose Ausdehnung. Es war eine Szene, die auf der einen Seite die endlosen Wälder, auf der andern die weiten unbegrenzten Wasser zeigte, und die Natur schien eine Lust daran gefunden zu haben, eine großartige Wirkung dadurch hervorzurufen, daß sie sich ihre beiden Hauptbestandteile kühn nebeneinander erheben ließ, ohne auf deren Einzelheiten einzugehen. Das Auge flog mit Lust und Bewunderung von dem breiten Blätterteppich zu dem noch breiteren Wasserfeld und von dem endlosen, sanften Wellenschlag des Sees zu der heiligen Ruhe, der poetischen Einsamkeit des Urwaldes zurück.

Mabel war fern von jeder Verbildung, und da sie so empfänglich und offen, wie nur irgendein Mädchen mit warmem Herzen und reiner Seele war, so gebrach es ihr nicht an dem Sinn für die Poesie unserer schönen Erde. Obgleich man nicht sagen konnte, daß sie überhaupt Erziehung genossen – denn nur wenigen ihres Geschlechts wurde in jenen Tagen und in diesen Gegenden viel mehr als die Anfangsgründe des englischen Unterrichts zuteil – so hatte sie doch ansehnlich mehr gelernt, als bei Mädchen ihrer Stellung gewöhnlich war, und in einem Betracht wenigstens machte sie ihrem Lehrer keine Unehre.

Die Witwe eines Offiziers aus dem Regiment, zu dem ihr Vater gehörte, hatte sich nach dem Tode ihrer Mutter des Mädchens angenommen; unter der Sorgfalt dieser Frau konnte Mabel einigermaßen ihren Geschmack ausbilden und sich zu Ideen erheben, die ihr unter anderen Umständen wohl immer fremd geblieben wären. Ihre Stellung in der Familie war eher die einer Gesellschafterin als die eines Dienstboten gewesen, was man schon an ihrer Kleidung, ihrer Sprache, ihren Meinungen und insbesondere an ihren Gefühlen erkennen konnte, obgleich sie sich vielleicht nie zu der Höhe erhoben hatte, die geeignet war, eine Frau von Stand zu bezeichnen. Sie hatte die rauheren und wenig verfeinerten Gewohnheiten und Manieren ihrer ursprünglichen Stellung verloren, ohne jedoch ganz den Punkt erreicht zu haben, der sie für jene Lebenslage untauglich gemacht haben würde, wie sie ihr die Zufälligkeiten der Geburt und des Vermögens wahrscheinlich anwiesen. Alle andern Eigentümlichkeiten gehörten ihrem natürlichen Charakter an.

Nach solchen Vorgängen ist es nicht zu verwundern, daß Mabel das vor ihr liegende neue Schauspiel mit einem weit höheren Genuß betrachtete, als ihn eine gewöhnliche Überraschung zu geben vermag. Sie fühlte die allgemeinen Schönheiten, wie sie die meisten gefühlt haben würden; aber sie hatte auch einen Sinn für ihre Erhabenheit, für jene sanfte Einsamkeit, jene ruhige Größe und für die beredte Ruhe, die sich immer über eine weite Aussicht breitet, in der die Natur durch die Mühen und Anstrengungen des Menschen nicht gestört wird.

»Wie schön!« rief sie aus, ohne es selbst zu beachten, als sie auf dem einsamen Bollwerk stand und ihr die Luft des Sees entgegenwehte, die ihren Körper und ihren Geist in gleicher Weise belebend durchdrang. »Wie wahrhaft schön! und doch so einfach!«

Diese Worte und der Gang ihrer Gedanken wurde durch eine leichte Berührung ihrer Schulter unterbrochen, und als sie sich umdrehte, fand Mabel, die ihren Vater zu sehen erwartete, den Pfadfinder an ihrer Seite. Er lehnte ruhig an seiner langen Büchse und lachte in seiner stillen Weise, während er mit ausgestrecktem Arm über das ganze Wasser- und Landpanorama hinfuhr.

»Hier haben Sie unsere beiden Domänen«, sagte er, »Jaspers und die meinigen. Ihm gehört der See, mir gehören die Wälder. Der Junge tut bisweilen groß mit der Breite seiner Besitzungen; aber ich sage ihm, daß meine Bäume ein so großes Stück Fläche auf dieser Erde ausmachen wie all sein Wasser. Nun, Mabel, Sie passen wohl für beide, denn ich sehe nicht, daß die Furcht vor den Mingos oder die Nachtmärsche Ihre hübschen Augen trüben können.«

»Ich lerne den Pfadfinder in einem ganz neuen Charakter kennen, indem er einem einfältigen Mädchen Komplimente sagt!«

»Nicht einfältig, Mabel; nein, nicht im mindesten einfältig. Des Sergeanten Tochter würde ihrem würdigen Vater Unehre machen, wenn sie was tun oder sagen würde, was man mit Recht einfältig nennen könnte.«

»Dann muß sie sich in acht nehmen und den Schmeichelreden nicht zuviel Glauben schenken. Aber, Pfadfinder, ich freue mich, Euch wieder unter uns zu sehen, denn obgleich sich Jasper nicht viel daraus zu machen schien, so war ich doch besorgt, daß irgendein Unfall Euch und Euern Freund in dieser fürchterlichen Stromenge betroffen habe möchte.«

»Der Junge kannte uns beide und wußte wohl, daß wir nicht ertrinken würden. Es wär‘ auch wahrlich nicht gut schwimmen gewesen mit einer langläufigen Büchse in der Hand; und was diesen Spaß anbelangt, so sind der Wildtod und ich schon zu oft durch Wilde und Franzosen gegangen, als daß ich mich so leicht hätte von ihm trennen können. Nein, nein, wir wateten ans Ufer; die Enge war, mit Ausnahme einiger Stellen, seicht genug dazu – und landeten mit den Waffen in den Händen. Ich gebe zwar zu, daß wir uns um der Irokesen willen Zeit ließen; aber sobald diese schleichenden Vagabunden die Lichter erblickten, die der Sergeant nach Euerm Kahn herunterschickte, wußten wir wohl, daß sie sich aus dem Staub machen würden, um einer möglichen Visite von der Garnison aus zu entgehen. So saßen wir denn ungefähr eine Stunde geduldig auf den Steinen, und die Gefahr war vorüber. Geduld ist für einen Waldbewohner die wichtigste Tugend.«

»Ich freue mich, das zu hören! denn selbst die Müdigkeit konnte mich kaum schlafen machen, wenn ich bedachte, was Euch möchte zugestoßen sein.«

»Der Herr segne Ihr empfindsames kleines Herz, Mabel! aber das ist so die Weise sanfter Frauenzimmer. Was mich anbelangt, so war ich froh, als ich die Laternen auf das Wasser zukommen sah, weil ich daraus entnehmen konnte, daß Sie in Sicherheit waren. Wir Jäger und Kundschafter sind zwar rauhe Burschen, aber wir haben unsere Gefühle und unsere Gedanken so gut wie ein General in der Armee. Wir beide, Jasper und ich, hätten uns lieber totschlagen lassen, ehe Sie hätten Schaden nehmen sollen – ja, das hätten wir.«

»Ich danke Euch, Pfadfinder, für alles, was Ihr für mich getan habt; aus dem Grunde meines Herzens danke ich Euch, und verlaßt Euch drauf, daß es mein Vater erfahren soll. Ich hab‘ ihm schon viel erzählt, aber es bleibt mir noch eine weitere Verpflichtung.«

»Pah! Mabel! Der Sergeant weiß, was die Wälder sind, und kennt auch die Weise der echten Rothäute. Es ist nicht nötig, ihm diese Dinge weitläufig zu erzählen. Na, Sie sind ja jetzt mit Ihrem Vater zusammengetroffen? Finden Sie den braven alten Soldaten als so eine Art Person, wie Sie sie zu finden erwarteten?«

»Er ist mein lieber Vater und hat mich aufgenommen, wie ein Soldat und Vater sein Kind aufnehmen soll. Kennt Ihr ihn schon lange, Pfadfinder?«

»Allerdings, wenn wir wie die Leute rechnen wollen. Ich war gerade zwölf Jahre alt, als mich der Sergeant zu meiner ersten Späherstreife mitnahm, und das ist nun schon über dreißig Jahre her. Wir hatten übrigens lange dran zu kauen, und da dieses geschah, ehe Sie geboren waren, so würden Sie wohl keinen Vater gehabt haben, wäre nicht meine Büchse gewesen.«

»Erklärt Euch deutlicher.«

»Es ist zu einfach für viele Worte. Wir waren in einen Hinterhalt gefallen; der Sergeant wurde schwer verwundet und würde wohl seine Kopfhaut verloren haben, hätt‘ ich nicht aus so einer Art von Instinkt zum Gewehr gegriffen. Wir brachten ihn dann weg, und ein schönerer Haarkopf ist, solange das Regiment besteht, nicht darin gefunden worden, als wie ihn der Sergeant noch an diesem gesegneten Tag herumträgt.«

»Ihr habt meines Vaters Leben gerettet, Pfadfinder«, rief Mabel und faßte unwillkürlich aber mit Wärme seine harten, sehnigen Hände mit den ihrigen. »Gott segne Euch auch hierfür, wie für Eure andern guten Handlungen!«

»Nein, ich sagte das nicht, obgleich ich glaube, daß ich seinen Skalp gerettet habe. Ein Mensch kann ohne Kopfhaut leben, und so kann ich nicht sagen, daß ich sein Leben gerettet habe. Aber Sie könnten das wohl von Jasper behaupten, denn ohne sein Auge und seinen Arm würde der Kahn nimmermehr in einer Nacht wie die letzte glücklich über die Stromschnellen geschwommen sein. Er ist dort in der Bucht, sieht nach den Kähnen und wendet kein Auge von seinem lieben kleinen Fahrzeug. In meinen Augen gibt’s keinen schmuckeren Burschen in dieser Gegend als Jasper Western.«

Das erstemal, seit sie ihr Zimmer verlassen, blickte jetzt Mabel abwärts, um auch einen Überblick über den Vordergrund des merkwürdigen Gemäldes zu gewinnen, in das sie sich mit solcher Lust vertieft hatte. Der Oswego ergoß sein dunkles Wasser zwischen etwas erhöhten Dämmen in den See, von denen sich der östliche kühner erhob und weiter gegen Norden hervorsprang als der westliche. Das Fort lag auf der Westseite, und unmittelbar unter ihm befanden sich einige Blockhäuser, die nichts zur Verteidigung des Platzes beitragen konnten und an dem Ufer hin errichtet worden waren, um die Vorräte aufzunehmen und aufzubewahren, die gelandet wurden oder nach den verschiedenen befreundeten Häfen an den Ufern des Ontario eingeschifft werden sollten. Dann zeigten sich zwei niedrige, gekrümmte, kiesige Punkte, die mit überraschender Regelmäßigkeit durch die sich entgegenwirkenden Kräfte der Nordwinde und der schnellen Strömung gebildet waren und sich mitten im Fluß zu zwei gegen die Seestürme geschützten Buchten gestalteten. Die auf der Westseite war am tiefsten ausgeschnitten, und da sie auch das meiste Wasser hatte, so konnte man sie als einen kleinen malerischen Hafen betrachten. Längs des nahen Ufers, das sich zwischen der geringen Ansteigung des Forts und dem Wasser dieser Bucht befand, waren also diese rohen Gebäude errichtet.

Mehrere kleine Schiffe, Nachen und Rindenkähne schaukelten sich an dem Ufer, und in der Bai selbst lag das kleine Fahrzeug, dem Jasper seinen Ruf als Schiffer verdankte. Es mochte ungefähr vierzig Tonnen führen, war kutterartig aufgetakelt und so zierlich gebaut und gemalt, daß es einigermaßen das Ansehen eines Kriegsschiffes ohne Schanzen hatte. Dabei war es so genau nach den Proportionen der Schönheit sowohl als der Zweckmäßigkeit aufgetakelt und gespiert, daß sein geputztes und schmuckes Aussehen sogar Mabel auffiel. Seine Form war bewunderungswürdig, denn ein Arbeiter von großer Geschicklichkeit hatte auf den ausdrücklichen Befehl des Offiziers, der es bauen ließ, den Riß dazu aus England geschickt. Die Malerei war dunkel, kriegerisch und nett, und die lange, geißelförmige Flagge bezeichnete es auf den ersten Blick als Eigentum des Königs. Sein Name war der Scud.

»Das ist also Jaspers Schiff!« sagte Mabel, die den Führer des kleinen Fahrzeuges natürlich schnell mit dem Kutter selbst in Verbindung brachte. »Gibt es noch viele andere auf diesem See?«

»Die Franzosen haben drei. Eins davon ist, wie ich mir sagen ließ, ein wirkliches Schiff, wie man sich ihrer auf dem Meer bedient; das andere ist eine Brigg, und das dritte ein Kutter, wie der Scud hier, und heißt ›das Eichhörnchen‹ in ihrer Sprache. Dieser scheint einen natürlichen Haß gegen unser zierliches Boot zu haben, denn Jasper geht selten aus, ohne daß ihm das ›Eichhörnchen‹ auf der Ferse ist.«

»Und ist Jasper der Mann, der vor einem Franzosen davongeht, wenn er auch in der Gestalt eines Eichhörnchens erscheint und noch dazu auf dem Wasser?«

»Wozu nützt die Tapferkeit, wenn man es an den Mitteln fehlen läßt, ihr Nachdruck zu geben? Jasper ist ein mutiger Junge, wie alle an dieser Grenze wissen; aber er hat kein Geschütz, mit Ausnahme einer kleinen Haubitze, und dann besteht seine Mannschaft außer ihm nur noch aus zwei Leuten und einem Schiffsjungen. Ich war einmal auf einer seiner Fahrten mit ihm, und der Bursche wagte genug, indem er uns so nahe an den Feind brachte, daß die Büchsen zu sprechen anfingen; aber die Franzosen haben Kanonen und Geschützpforten und zeigen ihr Gesicht nie außerhalb Frontenac, ohne etliche zwanzig Mann an Bord zu haben, zumal das Eichhörnchen. Nein, nein; diese Windwolke ist für den Flug gebaut, und der Major sagt, er wolle ihn nicht durch Bemannung und Bewaffnung zum Fechten geneigt machen, damit dem Fahrzeug nicht die Flügel beschnitten werden. Ich versteh‘ mich wenig auf diese Dinge, aber ich sehe der Sache auf den Grund – ich sehe ihr auf den Grund, obgleich das Jasper nicht tut.«

»Ah! da kommt mein Onkel, um diesen Binnensee zu betrachten, wohlgemut, trotz seiner gestrigen Schwimmtour.«

Wirklich erschien auch Cap, der bereits seine Annäherung durch ein paar kräftige »Hems« angekündigt hatte, auf der Bastei, wo er, nachdem er seiner Nichte und ihrem Gesellschafter zugenickt hatte, bedachtsam seinen Blick über die vor ihm liegende Wasserfläche hinstreifen ließ. Um sich den Überblick zu erleichtern, stieg er auf eine der alten eisernen Kanonen, kreuzte seine Arme über der Brust und wiegte seinen Körper, als ob er die Bewegung eines Schiffes fühle. Dabei hatte er eine kurze Pfeife in seinem Munde.

»Nun, Meister Cap«, fragte der Pfadfinder in aller Unschuld, denn er bemerkte nicht den Ausdruck der Verachtung, der sich allmählich auf den Zügen des anderen lagerte: »ist das nicht ’ne schöne Wasserfläche, die man ganz füglich ein Meer nennen könnte?«

»Das ist’s also, was Ihr Euern See nennt?« fragte Cap und fuhr mit seiner Pfeife an dem nördlichen Horizont hin. »Ich sage, ist das wirklich Euer See?«

»Gewiß; und wenn das Urteil eines Mannes, der an den Ufern von manchen anderen herumgekommen ist, was gilt, so ist es ein recht guter See.«

»Gerade, wie ich’s erwartete. Ein Teich im Umfang und eine Luckenrinne im Geschmack. Man reist rein vergebens ins Land rein, wenn man was Ausgewachsenes oder Nützliches zu sehen hofft. Ich wußt‘ es ja, daß es grad so gehen würde.«

»Was ist es denn mit dem Ontario, Meister Cap? Er ist groß, schön anzusehen, und angenehm genug zu trinken für alle, die kein Quellwasser kriegen können.«

»Nennt Ihr das groß?« fragte Cap, indem er wieder mit der Pfeife durch die Luft fuhr. »Ich möchte Euch doch fragen, was da Großes dran ist? Hat nicht Jasper selbst zugestanden, daß er nur etliche zwanzig Stunden von einem Ufer zum andern mißt?«

»Aber, Onkel«, fiel Mabel ein; »man sieht doch kein Land, als hier an unserer Küste. Mir kommt’s gerade wie der Ozean vor.«

»Dieses bißchen Teich wie der Ozean! Ei, Magnet, das ist von einem Mädchen, das wirkliche Seeleute in ihrer Familie gehabt hat, der handgreiflichste Unsinn. Was ist denn daran, ich bitte dich, das auch nur einen Zug vom Meer hätte?«

»Nun, hier ist Wasser – Wasser – Wasser – nichts als Wasser.«

»Und ist nicht auch Wasser – Wasser – Wasser – nichts als Wasser, Meilen an Meilen, in den Flüssen, auf denen wir gefahren sind? ja, und so weit das Auge sehen kann obendrein.«

»Ja, Onkel, aber die Flüsse haben ihre Ufer und Bäume an ihren Seiten; auch sind sie schmal.«

»Und das ist etwa kein Ufer, worauf wir stehen? Nennen es die Soldaten nicht den Damm des Sees? Sind hier nicht Bäume zu Tausenden? Und sind nicht zwanzig Stunden schmal genug, bei gutem Gewissen? Wer zum Teufel hat je von den Dämmen des Ozeans gehört, wenn’s nicht etwa die Dämme unter Wasser sind?«

»Aber Onkel, wir können doch nicht über den See hinübersehen, wie über einen Fluß?«

»Fehl geschossen, Magnet. Sind nicht der Amazonenstrom, der Orinoko und der La Plata auch Flüsse, und kannst du über sie hinübersehen? Hört, Pfadfinder, ich bin noch sehr im Zweifel, ob dieser Streifen Wasser hier auch wirklich ein See ist, denn mir scheint er nur ein Fluß zu sein. Ihr seid hier oben in den Wäldern keineswegs besonders bewandert in Eurer Geographie, wie ich merke.«

»Diesmal habt Ihr fehlgeschossen, Meister Cap. Es ist ein Fluß da, und zwar ein prächtiger, an jedem Ende. Aber das, was Ihr vor Euch habt, ist der alte Ontario, und es gibt nach meiner Meinung wenig bessere als den hier.«

»Und, Onkel, wenn wir auch am Strand zu Rokaway stünden, was könnten wir denn mehr sehen als hier? Es sind dort ein Ufer oder ein Damm auf einer Seite und Bäume so gut wie hier.«

»Das ist lauter Verkehrtheit, Magnet, und junge Mädchen sollten von allem Widerspruchsgeist klar absteuern. Erstens hat der Ozean Küsten und keine Dämme, mit Ausnahme der großen Dämme, der Grand Banks, sag‘ ich dir, die man vom Land aus gar nicht sieht, und du wirst doch nicht behaupten wollen, daß dieser Damm außer Sicht des Landes oder gar unter Wasser ist?« Da Mabel diese abschweifende Meinung mit keinen besonders stichhaltigen Gründen umzustoßen wußte, verfolgte Cap den Gegenstand weiter, wobei sein Gesicht in dem Triumph eines glücklichen Wortkämpfers zu strahlen anfing.

»Und dann sind jene Bäume mit diesen Bäumen gar nicht zu vergleichen. Die Küsten des Ozeans haben Meiereien, Städte, Landsitze, und in einigen Teilen der Welt Schlösser, Klöster und Leuchttürme – ja, ja – Leuchttürme ganz besonders; – lauter Dinge, von denen man hier nicht ein einziges sieht. Nein, nein, Meister Pfadfinder; ich hab‘ nie von einem Meer gehört, an dem nicht mehr oder weniger Leuchttürme sind, während es hier herum nicht mal ’ne Feuerbake gibt.«

»Hier gibt’s aber was Besseres, was viel Besseres, einen Hochwald und prächtige Bäume, einen vollendeten Tempel Gottes.«

»Ja, Euer Hochwald mag wohl gut sein für einen See, aber wozu würde das Weltmeer nützen, wenn die ganze Erde darum Wald wäre? Man brauchte keine Schiffe, da sich das Bauholz flößen ließe; und dann hätt‘ es ein Ende mit dem Handel; was würde aber eine Welt ohne Handel sein? Ich bin der Meinung des Philosophen, der da sagt, die menschliche Natur sei für den Handel erfunden worden. Magnet, ich bin erstaunt, daß du auch nur daran denken kannst, dies Wasser sehe aus wie Seewasser! Es ist am Ende nicht einmal so ein Ding wie ein Walfisch in Euerm See, Meister Pfadfinder?«

»Ich gestehe, daß ich nie von einem gehört habe. Aber ich verstehe mich nicht auf die Tiere, die im Wasser leben, wenn’s nicht die Fische in Flüssen und Bächen sind.«

»Kein Nordkaper oder etwa ein Meerschwein? Nicht mal so’n armer Teufel von Haifisch?«

»Ich will’s nicht auf mich nehmen zu sagen, daß irgendeiner davon da ist. Ich sag‘ Euch ja, Meister Cap, daß meine Gaben nicht auf diesem Wege liegen.«

»Kein Hering, kein Sturmvogel oder ein fliegender Fisch?« fuhr Cap fort, der sein Auge fest auf den Kundschafter richtete, um zu sehen, wie weit er gehen dürfe. »Nicht einmal so was wie ein Fisch, der fliegen kann, he?«

»Ein Fisch, der fliegen kann? Meister Cap, Meister Cap, glaubt ja nicht, daß wir, weil wir nur Grenzleute sind, keine Begriffe von der Natur hätten und von dem, was ihr zu schaffen beliebt haben mag. Ich weiß zwar, daß es Eichhörnchen gibt, die fliegen können –«

»Ein fliegendes Eichhörnchen? – Zum Teufel, Meister Pfadfinder, glaubt Ihr da oben, Ihr hättet einen Jungen auf seiner ersten Fahrt vor Euch?«

»Ich weiß nichts von Euern Fahrten, Meister Cap, obschon ich glaube, daß Ihr manche gemacht habt. Aber was die Natur in den Wäldern anlangt, so scheu‘ ich mich nicht, jedem ins Gesicht zu sagen, was ich gesehen hab‘.«

»Ihr wollt mir also zu verstehen geben, daß Ihr ein fliegendes Eichhörnchen gesehen habt?«

»Ich will Euch die Macht Gottes zu verstehen geben, Meister Cap, und Ihr werdet wohltun, dies und noch manche andere derartige Dinge zu glauben, denn Ihr könnt Euch drauf verlassen, daß es wahr ist.«

»Und doch, Pfadfinder«, sagte Mabel mit einem so lieblichen Blicke, während sie des Waldläufers Schwäche berührte, daß er ihr von Herzen vergab – »scheint Ihr, der Ihr doch mit so großer Verehrung von der Macht der Gottheit sprecht, daran zu zweifeln, daß ein Fisch fliegen könne?«

»Nein, das hab ich nicht gesagt; und wenn Meister Cap bereit ist, mir’s zu beweisen, will ich’s gern für wahr halten, so unwahrscheinlich es auch aussieht.«

»Und warum soll mein Fisch nicht ebensogut Schwingen haben können wie Euer Eichhörnchen?« fragte Cap mit mehr Logik, als bisher seine Gewohnheit gewesen war. »Daß Fische fliegen und fliegen können, ist ebenso wahr, wie es zweckmäßig ist.«

»Nein, das ist’s eben, was einem das Glauben an diese Geschichte so schwer macht«, entgegnete Pfadfinder. »Es scheint unzweckmäßig, einem Tiere, das im Wasser lebt, Schwingen zu geben, die doch keinen Nutzen haben können.«

»Und glaubt Ihr, daß die Fische solche Esel seien, um unter dem Wasser fliegen zu wollen, wenn sie mal schön mit Schwingen ausgestattet sind?«

»Ich versteh‘ mich nicht auf diese Sache. Aber daß ein Fisch in der Luft fliegen soll, scheint mir noch mehr gegen die Natur zu sein, als wenn er in seinem eigenen Elemente flöge, worin er geboren und groß geworden ist, meine ich.«

»Was das für verschrumpfte Ideen sind, Magnet. Der Fisch fliegt aus dem Wasser, um seinen Feinden im Wasser zu entgehen, und da habt Ihr nicht nur das Faktum, sondern auch das Zweckmäßige daran.«

»Dann will ich glauben, daß es wahr sein muß«, sagte Pfadfinder ruhig. »Wie lang sind ihre Schwingen?«

»Nicht ganz so lang wie die der Tauben vielleicht, jedenfalls aber lang genug, um damit eine freie See zu gewinnen. Was Euer Eichhörnchen anlangt, so wollen wir nichts mehr darüber sprechen, Freund Pfadfinder, denn ich denke, daß Ihr sie nur als Zugabe zu dem Fisch, zugunsten der Wälder, erwähnt habt. Aber was ist das für ein Ding, das da unter dem Hügel vor Anker liegt?«

»Das ist Jaspers Kutter, Onkel«, sagte das Mädchen schnell, »und ein sehr zierliches Fahrzeug, wie ich denke. Es heißt ›der Scud‹.«

»Ja, es mag vielleicht für einen See gut genug sein; doch will es grade nicht viel besagen. Der Junge da hat ein stehendes Bugspriet, und wer hat je vorher einen Kutter mit einem stehenden Bugspriet gesehen?«

»Aber mag das auf einem See wie diesem nicht seinen guten Grund haben, Onkel?«

»Wahrscheinlich – man muß sich erinnern, daß dieses nicht das Meer ist, obgleich es so aussieht.«

»Ah, Onkel, dann sieht also der Ontario nach allem doch wie das Meer aus?«

»In deinen Augen, mein‘ ich, und in denen Pfadfinders; aber nicht im mindesten in meinen, Magnet. Ihr könnt mich dort in der Mitte dieses Stückchen Weihers, und zwar in der dunkelsten Nacht, die je vom Himmel fiel und in dem kleinsten Kahne aussetzen – ich wollte Euch doch sagen, daß es nur ein See ist. Was das anbelangt, so würd‘ es mein Schiff, die Dorothy, so schnell weg haben wie ich selbst. Ich glaube nicht, daß die Brigg im äußersten Fall mehr als ein paar kurze Streckungen machen dürfte, um den Unterschied zwischen dem Ontario und dem alten Atlantischen Ozean zu spüren. Ich führte sie einmal hinab in eine von den großen südamerikanischen Buchten, und sie benahm sich dabei so störrisch wie ein unruhiger Bube in einer Methodistenversammlung. Und Jasper segelt dieses Boot? Ich muß mit dem Jungen einen Kreuzzug machen, ehe ich Euch verlasse, nur um des Namens dieses Dings willen; denn es ging‘ doch nicht an zu sagen, ich hätte diesen Weiher gesehen ohne einen Abstecher drauf gemacht zu haben.«

»Gut, da dürft Ihr nicht lange drauf warten«, erwiderte Pfadfinder, »denn der Sergeant ist im Begriff, sich mit einer Partie einzuschiffen und einen Posten an den Tausendinseln abzulösen; und da ich ihn sagen hörte, daß er Mabel mitnehmen wolle, so könnt auch Ihr Euch der Gesellschaft anschließen.«

»Ist das wahr, Magnet?«

»Ich glaube«, antwortete das Mädchen mit einem so leichten Erröten, daß es der Beobachtung ihrer Gesellschafter entging, »obgleich ich darüber noch nicht mit meinem Vater gesprochen habe, um es mit Sicherheit zu behaupten. Doch da kommt er, und Ihr könnt ihn selber fragen.«

Ungeachtet seines niederen Ranges war doch etwas Achtunggebietendes in der Miene und dem Charakter des Sergeanten Dunham. Seine hohe imponierende Gestalt, sein ernstes und düsteres Aussehen, die Bestimmtheit und Entschiedenheit seiner Denk- und Handlungsweise machten sogar auf den absprechenden und anmaßenden Cap Eindruck, so daß er’s nicht wagte, sich gegen den alten Soldaten die Freiheiten zu erlauben, die er sich gegen seine übrigen Freunde herausnahm. Man konnte oft bemerken, daß der Sergeant Dunham bei Duncan of Lundie, dem schottischen Laird, der den Posten kommandierte, weit mehr Achtung genoß als sogar die meisten Subalternoffiziere, denn Erfahrung und erprobte Dienste hatten in den Augen des alten Majors ebensoviel Wert wie Geburt und Vermögen. Da der Sergeant gerade nicht höher zu steigen hoffte, so respektierte er sich selbst und seine Stellung so weit, daß er immer in einer Weise handelte, die Achtung gebot. Auch hatte die Gewohnheit, immer unter seinen Untergebenen zu leben, deren Leidenschaften und Neigungen er notwendig durch eine gewisse Abgeschlossenheit und Würde im Zaume halten mußte, seinem ganzen Benehmen eine Färbung gegeben, von deren Einfluß nur wenige frei blieben. Da die Kapitäne ihn freundlich und wie einen alten Kameraden behandelten, so wagten es die Leutnants selten, seinen militärischen Ansichten zu widersprechen, und die Fähnriche legten gegen ihn eine Art von Achtung an den Tag, die fast bis zur Verehrung stieg. Es ist daher kein Wunder, daß Mabels Ankündigung plötzlich dem Gespräche ein Ende machte, obgleich man oft bemerken konnte, daß der Pfadfinder der einzige in dieser Grenzfeste war, der sich’s erlaubte, ohne ein Mann von Stand zu sein, den Sergeanten als seinesgleichen oder vielmehr mit der herzlichen Vertraulichkeit eines Freundes zu behandeln.

»Guten Morgen, Bruder Cap«, sagte der Sergeant, militärisch grüßend, als er mit ernstem und stattlichem Anstand auf das Bollwerk zukam. »Es könnte scheinen, daß mein Morgendienst mich deiner und Mabels vergessen ließ; aber wir haben dafür nun eine oder zwei Stunden übrig, um bekannter zu werden. Bemerkst du nicht, Schwager, eine große Ähnlichkeit bei dem Mädchen?«

»Mabel ist das Ebenbild ihrer Mutter, Sergeant, wie ich immer gesagt habe, mit einer kleinen Beimischung von deinem festeren Bau; obgleich es, was das anbelangt, den Caps auch nie an Schnellkraft und Behendigkeit fehlte.«

Mabel warf einen furchtsamen Blick auf die ernsten und strengen Züge ihres Vaters, die sie sich mit ihrem warmen Herzen während ihrer Abwesenheit immer mit dem Ausdruck der elterlichen Liebe gedacht hatte; und als sie diese Züge durch das Steife und Methodische seiner Manier durchblicken sah, so hätte sie gern in seine Arme fliegen und sich nach Herzenslust an seiner Brust ausweinen mögen. Aber es war mehr Kälte, mehr Förmlichkeit und Abgeschlossenheit in seinem Äußeren, als sie zu finden erwartet hatte, so daß sie sich nie solche Freiheit herauszunehmen gewagt haben würde, selbst wenn sie allein mit ihm gewesen wäre.

»Du hast um meinetwillen eine lange und mühselige Reise unternommen, Bruder, und wir wollen versuchen, dir den Aufenthalt unter uns angenehm zu machen.«

»Ich hab‘ gehört, daß du wahrscheinlich Befehl erhalten wirst, die Anker zu lichten, um deine Back in einen Teil der Welt zu schaffen, wo, wie man sagt, tausend Inseln sein sollen.«

»Pfadfinder, ist das ein Stückchen von Eurer Vergeßlichkeit?«

»Nein, nein, Sergeant, ich hab‘ nichts vergessen; aber es schien mir nicht nötig, Eure Absichten vor Eurem eigenen Fleisch und Blut so streng zu verbergen.«

»Alle militärischen Bewegungen müssen mit so wenig Gerede als möglich gemacht werden«, erwiderte der Sergeant, indem er des Waldläufers Schulter zwar freundlich, aber doch mißbilligend berührte. »Ihr habt zuviel von Eurem Leben den Franzosen gegenüber zugebracht, um nicht den Wert des Schweigens zu kennen. Doch es macht nichts; die Sache muß doch bald bekannt werden, und es würde nicht viel nützen, wenn man’s jetzt noch versuchen wollte, sie geheim zu halten. Wir werden in kurzem eine Ablösungsmannschaft nach einem Posten am See schicken, obgleich ich damit nicht sagen will, daß es nach den Tausendinseln gehe. Ich werde wohl selbst mitgehen, und in diesem Falle hab‘ ich die Absicht, Mabel mitzunehmen, damit sie mir meine Suppe koche, und ich hoffe, Schwager, du wirst auf einen Monat oder so was Soldatenkost nicht ausschlagen.«

»Das wird von der Art des Marsches abhängen. Ich hab‘ keine besondere Freude an Wäldern und Sümpfen.«

»Wir werden in dem Scud segeln, und in der Tat, der ganze Dienst, der uns nichts Neues ist, kann wohl einem gefallen, der ans Wasser gewöhnt ist.«

»An Salzwasser, willst du sagen, aber nicht an das Wasser eines Sees. Doch, wenn ihr niemand habt, dieses Stückchen Kutter da für euch zu regieren, so hab‘ ich nichts dagegen, für diese Reise den Schiffer zu machen, obgleich ich die ganze Geschichte für verlorene Zeit halte. Wie man sich doch so täuschen kann, ein Segeln auf diesem Weiher herum ein ›zur See gehen‹ zu heißen.«

»Jasper ist jedenfalls imstande, den Scud zu handhaben, Bruder Cap, und in dieser Hinsicht kann ich grade nicht sagen, daß wir deine Dienste brauchen, obschon uns deine Gesellschaft Vergnügen machen wird. Du kannst erst nach den Ansiedlungen zurückkehren, wenn eine Partie dahin gesendet wird, und dies wird wahrscheinlich nicht vor unserer Zurückkunft geschehen. – Nun, Pfadfinder, es ist das erstemal, daß ich Leute auf der Fährte der Mingos weiß, ohne daß Ihr an ihrer Spitze seid.«

»Um ehrlich gegen Euch zu sein, Sergeant«, erwiderte der Kundschafter nicht ohne einige Derbheit und eine merkliche Veränderung der Farbe seines sonnverbrannten Gesichts, »ich habe diesen Morgen nicht gefühlt, daß so was meine Gabe war. Erstens weiß ich recht wohl, daß die Soldaten des Fünfundfünfzigsten nicht die Leute dazu sind, die Irokesen in den Wäldern zu erwischen, und die Schurken warten sicher nicht, bis man sie umringt, wenn sie wissen, daß Jasper die Garnison erreicht hat. Dann kann sich ein Mann nach einem heißen Tagewerk wohl ein wenig Ruhe gönnen, ohne daß man Ursache hat, seinen guten Willen zu verdächtigen. Außerdem ist die Große Schlange mit ihnen ausgezogen, und wenn die Strolche überhaupt zu finden sind, so könnt Ihr Euch wohl auf seinen Haß und sein Auge verlassen, von denen der eine stärker, das andere nahezu wo nicht ganz – so gut wie mein eigenes ist. Er liebt die schleichenden Vagabunden so wenig wie ich, und ich möchte, daß meine Gefühle gegen einen Mingo nichts weiter sind als die Gaben eines Delawaren, gepfropft auf einen christlichen Stamm. Nein, nein, ich dachte, ich wolle die Ehre dieses Tages, wenn anders Ehre zu erwerben ist, dem jungen Fähnrich überlassen, der das Kommando führt. Er kann dann, wenn er nicht seinen Skalp verliert, mit diesem Feldzug in den Briefen an seine Mutter großtun. Ich möchte übrigens einmal in meinem Leben auch den Faulenzer spielen.«

»Und niemand hat ein besseres Recht dazu, wenn lange und treue Dienste zu einem Urlaub berechtigen«, entgegnete der Sergeant freundlich. »Mabel wird nicht schlechter von Euch denken, daß Ihr ihre Gesellschaft der Fährte der Wilden vorzieht, und sich obendrein freuen, Euch einen Teil ihres Frühstücks abzutreten, wenn Ihr Lust habt, was zu genießen. Du darfst jedoch nicht glauben, Mädchen, daß es die Gewohnheit Pfadfinders ist, die Spitzbuben um das Fort Retraite schlagen zu lassen, ohne daß sich der Knall seiner Büchse dabei hören läßt.«

»Wenn ich dächte, daß sie das glaubte, Sergeant, so würd‘ ich, obgleich ich nicht viel auf Gepränge und Parade-Evolutionen gebe, den Wildtod schultern und die Garnison verlassen, ehe noch ihre schönen Augen Zeit hätten, finster zu blicken. Nein, nein, Mabel kennt mich besser, obgleich unsre Bekanntschaft noch neu ist; denn es hat nicht an Mingos gefehlt, um den kurzen Marsch zu beleben, den wir bereits in Gesellschaft gemacht haben.«

»Es würde überhaupt gewichtiger Beweismittel bedürfen, um mir in irgendeiner Beziehung eine üble Meinung von Euch beizubringen, geschweige denn hinsichtlich dessen, was Ihr da erwähnt«, erwiderte Mabel mit aufrichtigem Ernst, um jeden Verdacht zu beseitigen, der in seiner Seele von dem Gegenteil auftauchen möchte. »Vater und Tochter, glaub‘ ich, verdanken Euch ihr Leben, und seid überzeugt, daß keins von beiden es je vergessen wird.«

»Danke, danke, Mabel, von ganzem Herzen. Aber ich will von Eurer beiderseitigen Unwissenheit keinen Vorteil ziehen, Mädchen, und deshalb will ich sagen, daß ich nicht glaube, die Mingos hätten Ihnen auch nur ein Haar Ihres Kopfes verletzt, wenn ihnen ihre Teufeleien und Pfiffe geglückt und Sie in ihre Hände gekommen wären. Mein Skalp, Jaspers und Caps seiner da, wie auch der Chingachgooks wären zwar sicher in den Rauch gehängt worden; was aber des Sergeanten Tochter anlangt, so glaub‘ ich nicht, daß ihr ein Haar gekrümmt worden wäre.«

»Und warum sollt‘ ich annehmen, daß Feinde, von denen bekannt ist, daß sie weder Weiber noch Kinder schonen, mir mehr Mitleid erwiesen hätten als anderen? Ich fühle, Pfadfinder, daß ich Euch mein Leben verdanke.«

»Ich sage nein, Mabel; sie würden nicht das Herz gehabt haben, Sie zu verletzen. Nein, nicht einmal ein hitziger Mingoteufel würde das Herz gehabt haben, ein Haar Ihres Hauptes zu krümmen. Für so schlimm ich auch diese Vampire halten mag, so glaub‘ ich sie doch keiner solchen Verruchtheit fähig. Sie würden Sie wohl gezwungen haben, das Weib eines ihrer Häuptlinge zu werden, und das wär‘ Qual genug für ein junges Christenmädchen; aber weiter, glaub‘ ich, wären selbst die Mingos nicht gegangen.«

»Nun, so verdank‘ ich Euch doch, daß ich diesem großen Unglück entgangen bin«, sagte Mabel, indem sie, gewiß zum großen Vergnügen des ehrlichen Pfadfinders, seine harte Hand freimütig und herzlich mit der ihrigen erfaßte. »Es wär‘ ein geringeres Übel für mich gewesen, getötet als das Weib eines Indianers zu werden.«

»Das ist ihre Gabe, Sergeant«, rief Pfadfinder, indem er sich mit einem Vergnügen, das aus jedem Zug seines ehrlichen Gesichtes strahlte, gegen seinen alten Kameraden wandte, »und die will ihren Weg haben. Ich sage dem Chingachgook immer, daß das Christwerden nicht einmal einen Delawaren zu einem weißen Mann machen kann; und so wird auch weder das Kriegsgeschrei noch das Kampfgeheul ein Bleichgesicht in eine Rothaut verwandeln. Dies ist die Gabe eines jungen, von christlichen Eltern geborenen Weibes, und die muß festgehalten werden.«

»Ihr habt recht, Pfadfinder; und was Mabel Dunham anbelangt, so ist es gewiß, daß sie sie festhalten wird. Aber es ist Zeit, Euer Fasten zu brechen, und wenn du mir folgen willst, Bruder Cap, so will ich dir zeigen, wie wir armen Soldaten hier in einer entfernten Grenzfeste leben.«

Dreißigstes Kapitel

Dreißigstes Kapitel

Pfadfinder war an die Einsamkeit gewöhnt; aber als der Scud völlig verschwunden war, umdüsterte das Gefühl des Alleinseins seine Seele. Nie vorher war er sich seines Alleinseins in der Welt bewußt geworden; denn erst jetzt hatten seine Gefühle angefangen, sich allmählich in die Annehmlichkeiten und Bedürfnisse des geselligen Lebens hineinzufinden, besonders wo diese mit häuslichen Freuden in Aussicht standen. Nun aber war alles sozusagen in einem Nu verschwunden, und er blieb ohne Gefährten und ohne Hoffnung zurück. Selbst Chingachgook hatte ihn, freilich nur für eine Weile, verlassen, und so fehlte des Freundes Nähe gerade in einem Augenblick, den wir den entscheidendsten im Leben unseres Helden nennen könnten.

Pfadfinder stand noch immer regungslos und sinnend da, als der Scud schon längst verschwunden war. Seine Glieder schienen erstarrt, und nur ein Mann, der gewöhnt war, seine Muskeln den härtesten Übungen zu unterwerfen, vermochte so lange in einem derartigen, marmorgleichen Zustand zu verharren. Endlich verließ er den Ort; doch ehe er seinen Körper bewegte, stieß er einen Seufzer aus, der sich aus den tiefsten Tiefen seiner Brust zu heben schien.

Es war eine Eigentümlichkeit dieses außerordentlichen Mannes, daß ihm seine Sinne und seine Glieder nie ihre Dienste versagten, mochte der Geist auch noch so sehr von anderweitigen Interessen befangen sein. Auch bei der gegenwärtigen Gelegenheit blieben ihm diese wichtigen Hilfsmittel treu, und obgleich sich seine Gedanken ausschließlich mit Mabel, ihrer Schönheit, dem Vorzug, den sie Jasper gegeben, ihren Tränen und ihrem Abschied beschäftigten, bewegte er sich doch in gerader Linie der Stelle zu, wo Junitau noch am Grab ihres Gatten weilte.

Sie saß, ohne die Gegenwart des anderen zu bemerken, mit aufgelösten Haaren auf einem Stein, der bei dem Ausschaufeln des Grabes in der Erde gefunden worden war und nun an der Stelle lag, wo Pfeilspitzes Körper ruhte. Sie glaubte, alle, außer ihr, hätten die Insel verlassen, und der Tritt von Pfadfinders Mokassin war zu leise, um sie auf eine rauhe Weise zu enttäuschen.

Pfadfinder betrachtete das Weib einige Minuten mit stummer Aufmerksamkeit. Der Anblick ihres Schmerzes, die Erinnerung an ihren unersetzlichen Verlust und der sichtliche Ausdruck ihrer Trostlosigkeit übten einen heilsamen Einfluß auf seine eigenen Gefühle. Sein Verstand sagte ihm, um wieviel tiefer als bei ihm selbst die Quellen des Kummers bei einem jungen Weibe lägen, dem ihr Gatte so plötzlich und gewaltsam genommen worden war.

»Junitau«, sagte er feierlich und mit einem Ernst, der die Innigkeit seiner Teilnahme bezeugte; – »du bist nicht allein in deinem Schmerz. Wende dich und richte dein Auge auf einen Freund.«

»June hat keinen Freund mehr!« antwortete die Indianerin. »Pfeilspitze ist zu den glücklichen Jagdgründen gegangen, und niemand ist übrig, der für June Sorge trägt. Die Tuscaroras werden sie aus ihren Wigwams jagen; die Irokesen sind ihren Augen verhaßt, und sie mag sie nicht ansehen! Nein! laß June sterben über dem Grabe ihres Gatten.«

»Das geht nicht – das darf nicht sein. Es ist gegen Vernunft und Recht. Du glaubst an den Manito, June?«

»Er hat sein Gesicht vor June verborgen, weil er zornig ist. Er hat sie allein gelassen, damit sie sterben kann.«

»Hör auf einen Mann, der seit langem die Natur der Rothäute kennt. Wenn der Manito eines Bleichgesichts was Gutes im Herzen eines Bleichgesichts hervorbringen will, so schickt er ihm Leiden; denn in unserm Kummer, June, blicken wir mit scharfen Augen in unser Inneres – mit den schärfsten, wenn es sich um Unterscheidung von Recht oder Unrecht handelt. Der Große Geist will dir wohl und hat den Häuptling hinweggenommen, damit dich seine listige Zunge nicht irreleite und dein Charakter nicht der einer Mingo werde, wie du schon in ihrer Gesellschaft warst.«

»Pfeilspitze war ein großer Häuptling«, erwiderte die Indianerin mit Stolz.

»Er hatte seine Verdienste – gewiß; doch hatte er auch seine Fehler. Aber, June, du bist nicht verlassen und wirst es auch nicht so bald sein. Laß deinen Schmerz austoben, wie es die Natur will, und wenn die geeignete Zeit kommt, will ich dir mehr sagen.«

Pfadfinder ging nun zu seinem Kahn und verließ die Insel. Im Verlauf des Tages vernahm June ein- oder zweimal den Knall seiner Büchse, und beim Untergang der Sonne erschien er wieder mit Vögeln, die bereits zubereitet waren. Diese Art von Verkehr dauerte einen Monat, während Junitau es hartnäckig verweigerte, das Grab ihres Mannes zu verlassen, obgleich sie die freundlichen Gaben ihres Beschützers schweigend hinnahm. Hin und wieder sprachen sie miteinander, wobei Pfadfinder ihren Gemütszustand untersuchte; die Unterredungen waren aber stets kurz und selten. June schlief in einer der Hütten, wo sie ihr Haupt sicher niederlegen konnte, denn sie war sich des Schutzes eines Freundes bewußt, obgleich sich Pfadfinder jede Nacht auf eine anliegende Insel zurückzog, wo er sich selbst eine Wohnung gebaut hatte.

Mit dem Ablauf des Monats war jedoch die Jahreszeit zu weit vorgerückt, um Junes Lage angenehm zu machen. Die Bäume hatten ihre Blätter verloren, und die Nächte wurden kalt und winterlich. Es war Zeit zur Abreise.

Da erschien auf einmal Chingachgook wieder. Er hielt mit seinem Freund eine lange und vertrauliche Unterredung auf der Insel. June sah, daß ihr Beschützer danach sehr betrübt war. Sie schmiegte sich an seine Seite und suchte mit weiblicher Zartheit und weiblichem Instinkt seinen Kummer zu lindern.

»Ich danke dir, June, ich danke dir!« sagte er; »du meinst es gut, aber es ist umsonst. Doch es ist Zeit, daß wir diesen Ort verlassen. Morgen wollen wir abreisen. Du gehst mit uns, denn du bist jetzt wieder zur Vernunft gekommen.«

June gab in der demütigen Weise einer Indianerin ihre Zustimmung und zog sich zurück, um die ihr noch übrige Zeit bei Pfeilspitzes Grab zuzubringen. Ohne Rücksicht auf Stunde und Jahreszeit kam ihr Haupt während der ganzen Herbstnacht auf kein Kissen. Sie saß in der Nähe der Stelle, die die irdischen Reste ihres Mannes barg und betete in der Weise ihres Volkes für sein Glück auf dem endlosen Pfad, den er erst jüngst angetreten hatte, und für ihre Wiedervereinigung im Land der Gerechten.

Sie reisten am Morgen miteinander ab – Pfadfinder ernst und umsichtig in allem, was er tat, der große Häuptling dem Beispiel des Gefährten in tiefem Schweigen folgend und June demütig, entsagend, aber von Kummer gebeugt. Sie fuhren in zwei Kähnen; der der Indianerin blieb zurück. Chingachgook ruderte stromaufwärts voraus, und Pfadfinder folgte. Sie steuerten zwei Tage westwärts und schlugen ebensooft ihr Nachtlager auf den Inseln auf. Zum Glück wurde das Wetter milder, und als sie in den See gelangten, fanden sie ihn so glatt und ruhig wie einen Teich. Es war der Sommer der Indianer, die Zeit der Windstillen; die dunstige Atmosphäre hatte fast die Milde des Juni.

Am Morgen des dritten Tages kamen sie an der Mündung des Oswego vorbei, wo sie das Fort und die ruhige Flagge vergeblich zum Landen einlud. Ohne einen Blick seitwärts zu werfen, ruderte Chingachgook über die dunklen Wasser des Stromes, und Pfadfinder folgte in schweigender Emsigkeit. Die Wälle waren mit Zuschauern angefüllt, aber Lundie, der in den Booten seine alten Freunde erkannte, erlaubte es nicht, sie anzurufen.

Gegen Mittag fuhr Chingachgook in eine kleine Bucht ein, wo der Scud in einer Art Reede vor Anker war. Am Ufer befand sich eine kleine, vor alters entstandene Lichtung, und am Rande des Sees lag ein etwas roh behauenes, neues und vollständig ausgebautes Blockhaus. Der ganze Platz trug das Gepräge der Wohnlichkeit und des Überflusses der Grenze, obgleich er etwas wild und einsam war. Jasper stand am Ufer, und als Pfadfinder landete, bot er ihm zuerst die Hand. Die Begrüßung war einfach, aber sehr herzlich. Es wurden keine Fragen gestellt, denn augenscheinlich hatte Chingachgook die nötigen Erklärungen gegeben. Pfadfinder hatte die Hand seines Freundes nie mit mehr Wärme gedrückt als bei dieser Zusammenkunft, und er lachte sogar von ganzem Herzen, als er ihm sagte, wie er so recht im Glück zu sitzen scheine.

»Wo ist sie, Jasper, wo ist sie?« flüsterte endlich der Kundschafter, denn anfangs schien er selbst vor der Frage zu bangen.

»Sie erwartet uns im Hause, mein lieber Freund, wohin June bereits vorausgeeilt ist, wie Ihr seht.«

»Ihr habt also den Geistlichen in der Garnison gefunden, und die Sache ist nun ganz im reinen?«

»Wir ließen uns eine Woche, nachdem wir Euch verlassen hatten, trauen, und Meister Cap reiste des andern Tages ab. Ihr habt vergessen, nach Eurem Freund Salzwasser zu fragen.«

»Nicht doch, nicht doch, der Häuptling hat mir alles erzählt; und dann hör‘ ich lieber von Mabel und ihrem Glück sprechen. Lachte das Kind oder weinte sie, als die Feierlichkeit vorüber war?«

»Sie tat beides, mein Freund; aber –«

»Ja, das ist so ihre Art – Tränen und Heiterkeit. Ach – sie erscheinen uns Leuten aus den Wäldern so gar liebenswürdig, und ich glaube, ich würde alles für recht halten, was Mabel täte. Und glaubt Ihr, Jasper, daß sie meiner überhaupt bei diesem freudevollen Anlaß gedachte?«

»Gewiß, Pfadfinder! – Sie denkt an Euch und spricht von Euch täglich. Niemand liebt Euch so wie wir.«

»Ich weiß, daß mich wenige mehr lieben als Ihr, Jasper. Chingachgook ist vielleicht jetzt noch das einzige Geschöpf, von dem ich das sagen kann. Nun – es führt zu nichts, länger zu zögern; es muß geschehen, und so kann es denn ebensogut gleich geschehen. So zeigt mir den Weg, Jasper, ich will’s versuchen, noch einmal in ihr süßes Auge zu blicken.«

Jasper ging voran, und bald trafen sie mit Mabel zusammen. Letztere empfing ihren ehemaligen Verlobten mit hohem Erröten, und ihre Glieder zitterten, so daß sie sich kaum aufrechtzuhalten vermochte. Doch war die Art, wie sie ihm entgegenkam, liebevoll und offen. Bei diesem Besuch, der nicht länger als eine Stunde dauerte, obgleich Pfadfinder in der Wohnung seiner Freunde speiste, hätte ein geübter Seelenkenner ein treues Bild von Mabels Gefühlen, wie auch von ihrem Benehmen gegen Pfadfinder und ihren Gatten erhalten können. Gegen Jasper zeigte sie, wie es bei Neuvermählten gewöhnlich ist, noch etwas Zurückhaltung, aber der Ton ihrer Stimme war sogar noch sanfter als gewöhnlich; ihre Blicke waren zärtlich, und sie sah ihn selten an, ohne daß die Glut ihrer Wangen Gefühle verriet, denen Zeit und Gewohnheit noch nicht den Stempel der vollkommenen Ruhe aufgedrückt hatten. Gegen Pfadfinder war sie ernst, aufrichtig, sogar ängstlich; aber ihre Stimme bebte nie, das Auge senkte sich nicht, und wenn die Wangen erröteten, so geschah dies infolge von Regungen, die sich mit der Besorgnis über seine Zukunft verbanden.

Endlich kam der Augenblick, wo Pfadfinder aufbrechen mußte. Chingachgook hatte bereits die Kähne verlassen und sich am Saum des Waldes aufgestellt, wo ein Pfad ins Innere führte. Hier erwartete er ruhig die Ankunft seines Freundes. Sobald Pfadfinder dies bemerkte, erhob er sich feierlich und nahm Abschied.

»Ich habe bisweilen gedacht, daß das Schicksal ein wenig zu hart mit mir umgegangen sei«, sagte er; »aber dieses Weib, Mabel, hat mich beschämt und zur Vernunft gebracht.«

»June wird bei mir bleiben«, unterbrach ihn Mabel.

»Ich hab‘ mir das auch so vorgestellt. Wenn irgend jemand ihren Schmerz heilen und ihr das Leben wieder wert machen kann, so sind Sie es, Mabel, obgleich ich zweifle, daß es Ihnen gelingen wird. Das arme Geschöpf ist ebensosehr ohne Stamm wie ohne Mann, und es ist nicht leicht, sich mit dem Gefühl auszusöhnen, beide verloren zu haben. – Ach! warum kümmere ich mich aber um anderer Leute Elend und Heiraten, als ob ich nicht selber genug Leid auf dem Herzen trüge! Sagen Sie mir nichts, Mabel sagt mir nichts, Jasper! – Laßt mich im Frieden und wie ein Mann meinen Weg ziehen. Ich hab‘ Euer Glück gesehen, und das ist schon was Herrliches; ich werde jetzt um so eher imstande sein, meinen Kummer zu tragen. Nein – ich will Sie nicht wieder küssen, Mabel; ich will Sie nie wieder küssen. Hier ist meine Hand, Jasper; drückt sie, Junge, drückt sie – ohne Umstände, ’s ist die Hand eines Mannes – und nun, Mabel – da haben Sie sie auch; nein, nicht so« – Mabel wollte sie küssen – »Sie müssen das nicht tun –«

»Pfadfinder«, fragte die junge Frau; »wann werden wir Euch wiedersehen?«

»Ich hab‘ auch schon dran gedacht – ja, ich hab‘ dran gedacht. Wenn einmal die Zeit kommt, wo ich Sie ganz als eine Schwester betrachten kann, Mabel, oder als mein Kind – es ist besser, wenn ich sage, als ein Kind – denn Sie sind jung genug, um meine Tochter sein zu können; dann, verlaßt Euch drauf – dann will ich wiederkommen, denn es würde mir das Herz erleichtern, Zeuge eures Glücks zu sein. Aber wenn ich nicht kann – lebt wohl – lebt wohl der Sergeant hatte unrecht, ja, der Sergeant hatte unrecht!«

Dies waren die letzten Worte, die Jasper Western und Mabel Dunham je von Pfadfinder hörten. Er entfernte sich, da ihn die Macht der Gefühle überwältigte, und befand sich schnell an der Seite seines Freundes. Als Chingachgook ihn kommen sah, lud er sich seinen Pack auf und schlüpfte unter die Bäume, ohne zu warten, bis er angesprochen wurde. Mabel, ihr Gatte und June, sahen noch lange der Gestalt des Pfadfinders nach, in der Hoffnung, daß er ihnen noch einen Wink oder einen Scheideblick zuwerfen werde; aber er schaute nicht zurück. Ein- oder zweimal kam es ihnen vor, als ob er den Kopf schüttelte, wie einer, der im Schmerz seiner Seele erzittert; dann fuhr er mit der Hand in die Höhe, als ob er wisse, daß man ihm nachsehe: Aber ein Schritt, dessen Kraft kein Kummer beugen konnte, entführte ihn bald ihren Blicken.

Weder Jasper noch seine Gattin sahen Pfadfinder jemals wieder. Sie blieben noch ein Jahr an den Ufern des Ontario; dann ließen sie sich durch Caps dringende Bitten veranlassen, zu ihm nach New York zu ziehen, wo Jasper ein bemittelter und geachteter Kaufmann wurde. Im Laufe der Zeit erhielt Mabel dreimal wertvolle Geschenke von Pelzwerk, und ihre Gefühle sagten ihr, woher sie kämen, obgleich kein Name die Gaben begleitete. In späterer Zeit jedoch, als sie bereits Mutter mehrerer Kinder war, gab sich ihr eine Veranlassung, das Innere des Landes zu besuchen, und sie befand sich an den Ufern des Mohawks, von ihren Söhnen begleitet, deren ältester bereits fähig war, ihr Beschützer zu sein. Bei dieser Gelegenheit bemerkte sie einen Mann in sonderbarer Tracht, der sie aus der Entfernung mit einer Aufmerksamkeit betrachtete, daß sie dadurch veranlaßt wurde, über sein Gewerbe und seinen Charakter Erkundigung einzuziehen. Sie erfuhr, daß er der berühmteste Jäger in diesem Teil des Staates – es war nach der Revolution – und ein Mann von großer Sittenreinheit und bezeichnenden Eigentümlichkeiten sei, und daß man ihn in diesem Landstrich unter dem Namen Lederstrumpf kenne. Etwas weiteres konnte Frau Western nicht erfahren; aber jener Blick aus der Ferne und das eigentümliche Benehmen des unbekannten Jägers machten ihr eine schlaflose Nacht und warfen einen wehmütigen Schatten über ihre noch immer lieblichen Züge, der mehrere Tage lang nicht verschwand.

Auf Junitau hatte der doppelte Verlust ihres Gatten und ihres Stammes den von Pfadfinder vorausgesehenen Einfluß geübt. Sie starb in Mabels Hütte an den Ufern des Sees, und Jasper führte ihre Leiche nach der Insel, wo er sie neben Pfeilspitze beerdigte.

Lundie erlebte es, seine alte Liebe heimzuführen und nahm als ein schlachtenmüder Veteran seinen Abschied; aber sein Name wurde in unseren Tagen durch die Taten eines jüngeren Bruders berühmt, der dem älteren in seinem Lairdstitel nachfolgte, diese Würde aber bald mit der eines großen Seehelden vertauschte.

 

Ende

Drittes Kapitel

Drittes Kapitel

Die Wasser, die in die Südseite des Ontario einmünden, sind im allgemeinen schmal, träg und tief. Doch gibt es einige Ausnahmen, denn manche Flüsse haben reißende Strömungen oder Stromschnellen, wie man sie in diesen Gegenden nennt, andere haben Fälle. Zu diesen gehörte der Fluß, auf dem unsere Abenteurer ihre Reise fortsetzten. Der Oswego wird von dem Oneida und dem Onondago gebildet, die beide von Seen herkommen, und fließt etwa acht bis zehn Meilen durch ein wellenförmiges Land, bis er den Rand einer Art natürlicher Terrasse erreicht, von dem aus er zehn bis fünfzehn Fuß tief in eine andere Ebene hinabstürzt und durch diese in der stillen und ruhigen Weise eines tiefen Gewässers hingleitet, bis er seinen Zoll an den weiten Behälter des Ontario entrichtet. Der Kahn, in dem Cap und seine Gesellschaft vom Fort Stanwix hergekommen war, der letzten militärischen Station an dem Mohawk, lag an der Seite des Flusses und nahm die ganze Gesellschaft, mit Ausnahme des Pfadfinders, auf, der am Land blieb, um das leichte Fahrzeug abzustoßen.

»Laßt den Stern vorantreiben, Jasper«, sagte der Mann der Wälder zu dem jungen Schiffer des Sees, der Pfeilspitzes Ruder ergriffen und selber die Stellung des Steuermanns eingenommen hatte, »laßt ihn mit der Strömung abwärts gehen. Wenn einige von diesen Mingoteufeln unsere Fährte auswittern und bis hierher verfolgen, so werden sie erst die Spuren im Schlamm untersuchen: und merken sie, daß wir das Ufer mit stromaufwärts gerichteter Nase verlassen haben, so müssen sie natürlich vermuten, daß wir aufwärts gerudert sind.«

Dieser Anweisung wurde Folge geleistet. Pfadfinder, der sich in der Blüte seiner Kraft und Tätigkeit befand, gab dem Kahn einen kräftigen Stoß und sprang mit einer Leichtigkeit in den Bug, die das Gleichgewicht des Fahrzeuges nicht im mindesten störte. Als sie die Mitte des Flusses, wo die Strömung am stärksten war, erreicht hatten, drehte sich das Boot und begann geräuschlos stromabwärts zu gleiten.

Das Fahrzeug, in dem sich Cap und seine Nichte zu ihrer langen und abenteuerlichen Reise eingeschifft hatten, war eines von den indianischen Rindenkanus, die wegen ihrer außerordentlichen Leichtigkeit und Geschwindigkeit ungemein geeignet für eine Fahrt sind, wo Sandbänke, Treibholz und ähnliche Störungen so oft in den Weg treten. Die zwei Männer der ursprünglichen Gesellschaft hatten es ohne das Gepäck manche hundert Ellen weit geschleppt, und das Gewicht hätte wohl durch die Kraft eines einzelnen Mannes gehoben werden mögen. Immerhin war es lang, für einen Kahn weit, und nur die geringere Festigkeit mochte in den Augen der Uneingeweihten als ein Mangel erscheinen. An diesen Übelstand war man jedoch nach ein paar Stunden gewöhnt, und Mabel wie ihr Onkel hatten sich so weit in seine Bewegungen zu finden gelernt, daß sie nun mit vollkommener Gemütsruhe ihre Plätze festhielten. Auch belastete das Gewicht der drei Wegweiser die Kräfte des Kahns nicht über Gebühr, da der breite runde Bauch hinreichend Wasser verdrängte, ohne das Schandeck der Oberfläche des Stromes merklich näher zu bringen. Die Arbeit daran war zierlich, die Spannen klein und mit Lederwerk befestigt und der ganze Bau, so unbedeutend und unsicher er dem Auge erscheinen mochte, imstande, vielleicht die doppelte Personenzahl weiterzubringen.

Cap hatte einen niedrigen Quersitz in der Mitte des Kahnes, und Schlange kauerte neben ihm auf den Knien. Pfeilspitze und sein Weib saßen vor ihnen, da dieser seinen Platz hinten im Kahn verlassen hatte. Mabel hatte sich hinter ihrem Onkel halb auf ihr Gepäck zurückgelehnt, indes der Pfadfinder und Eau-douce, der eine im Bug, der andere im Stern, aufrecht standen und langsam, fest und geräuschlos die Ruder bewegten. Die Unterhaltung wurde mit gedämpfter Stimme geführt, denn alle begannen die Notwendigkeit der Vorsicht zu fühlen, da sie sich nun den Außenwerken des Forts mehr näherten und nicht mehr durch das Versteck des Waldes gedeckt waren.

Der Oswego war gerade auf dieser Strecke von tiefdunkler Farbe, nicht besonders breit, und der stille düstere Strom verfolgte seine Windungen unter überhängenden Bäumen, die an manchen Stellen das Licht des Himmels fast ganz ausschlossen. Hier und da kreuzte ein halbgefallener Waldriese nahezu die Oberfläche und machte Vorsicht nötig, indes am Ufer Bäume von niedrigerem Wuchs Zweige und Blätter ins Wasser senkten. Die Erde war gedüngt durch die vermoderte Vegetation von Jahrhunderten und bildete einen schwarzen Lehmgrund, während die Ufer des Stroms voll zum Überfließen waren. Kurz, die ganze Szene war die einer reichen und wohlwollenden Natur, ehe sie der Mensch unterworfen – verschwenderisch, wild, vielversprechend und auch in diesem rohesten Zustand nicht ohne den Reiz des Malerischen. In jener fernen Zeit gab es zwischen dem bewohnten Teil der Kolonie New York und den Grenzfestungen Kanadas zwei große militärische Verbindungskanäle, deren einer durch den Champlain- und Georgensee, der andere durch den Mohawk, den Wood-Creek, den Oneida und die oben genannten Flüsse vermittelt wurde. Längs dieser beiden Verbindungslinien waren militärische Posten aufgestellt. Diese fanden sich übrigens so spärlich, daß sich von dem letzten an dem Ursprung des Mohawks gelegenen Fort bis zum Ausfluß des Oswego eine unbesetzte Strecke von hundert Meilen ausdehnte, die Cap und Mabel nun größtenteils unter Pfeilspitzes Schutz zurückgelegt hatten.

»Ich wünsche mir wohl bisweilen die Zeit des Friedens wieder«, sagte der Pfadfinder, »wo man den Wald durchstreifen konnte, ohne es mit anderen Feinden als wilden Tieren und Fischen zu tun zu haben. Ach, wie manchen Tag hab‘ ich mit Schlange zwischen den Strömen bei Wildbret, Salmen und Forellen zugebracht, ohne an einen Mingo oder einen Skalp zu denken! Bisweilen wünsch‘ ich, diese gesegneten Tage möchten wiederkehren, denn die Jagd auf mein eigenes Geschlecht gehört nicht zu meinen eigentlichen Gaben. Ich bin überzeugt, daß des Sergeanten Tochter mich nicht für einen solchen Elenden hält, der seine Lust an Menschenblut hat!«

Nach dieser Bemerkung, die halb fragend gemacht wurde, blickte der Pfadfinder hinter sich; und obgleich selbst der parteiischste Freund seine sonnverbrannten, harten Züge kaum schön nennen konnte, so fand doch Mabel sein Lächeln, seinen gesunden Verstand und die Aufrichtigkeit, die aus seinem ehrlichen Gesicht leuchtete, sehr anziehend.

»Ich glaube nicht, daß mein Vater einen Mann, wie Ihr ihn bezeichnet, ausgeschickt hätte, seine Tochter durch die Wildnis zu geleiten«, antwortete das Mädchen, indem sie sein Lächeln so freimütig, wie es gegeben wurde, nur mit etwas mehr Anmut, erwiderte.

»Er hätt’s nicht, nein, er hätt’s nicht getan. Der Sergeant ist ein Mann von Gefühl, und wir haben zusammen manchen Marsch gemacht und manchen Kampf ausgefochten – Schulter an Schulter, wie er’s nennen würde –, obgleich ich mir die Glieder immer frei gehalten habe, wenn ein Franzose oder Mingo in der Nähe war.«

»So seid Ihr also der junge Freund, von dem mein Vater so oft in seinen Briefen gesprochen hat?«

»Sein junger Freund – der Sergeant ist gegen mich um dreißig Jahre im Vorteil, ja, er ist dreißig Jahre älter als ich, und nun ebensolange mein Vorgesetzter.«

»In den Augen der Tochter wohl nicht, Freund Pfadfinder«, warf Cap ein, dessen Lebensgeister wieder rege zu werden begannen, als er Wasser um sich fließen sah. »Dreißig Jahre werden von einem neunzehnjährigen Mädchen selten als Vorteil betrachtet.«

Mabel errötete, und während sie ihr Gesicht von den im Vorderteil des Kahnes befindlichen Personen abwenden wollte, begegnete sie dem bewundernden Blicke des jungen Mannes am Stern. Als letzte Zuflucht senkte sie nun ihr sanftes, blaues, ausdrucksvolles Auge gegen die Wasserfläche. Gerade in diesem Augenblick schwebte durch die Baumreihe ein matter, dumpfer Ton, getragen von einem leichten Luftstrom, der kaum ein Kräuseln auf dem Wasser hervorbrachte.

»Das klingt angenehm«, sagte Cap, und spitzte die Ohren gleich einem Hund, der entferntes Bellen hört.

»Es ist nur der Fluß, der eine halbe Meile unter uns über einige Felsen stürzt.«

»Ist ein Fall auf dem Strom?« fragte Mabel, indem sie noch höher errötete.

»Der Teufel! Meister Pfadfinder oder Ihr, Herr Eau-douce« (denn so begann Cap Jasper in der vertraulichen Weise der Grenzleute zu nennen), »konntet Ihr dem Kahn keinen besseren Strich geben und Euch näher ans Ufer halten? Diese Wasserfälle haben gewöhnlich Stromschnellen über sich, und ebensogut könnten wir uns dem Maelstrom wie ihrem Strudel anvertrauen!«

»Verlaßt Euch auf uns, verlaßt Euch auf uns, Freund Cap«, antwortete der Pfadfinder; »wir sind zwar Frischwasserschiffer, und ich darf mir nicht mal darauf viel zugute tun; aber wir kennen die Strömungen und die Wasserfälle, und während wir drübergehen, werden wir uns Mühe geben, unserer Erziehung keine Unehre zu machen.«

»Drübergehen!« rief Cap. »Zum Teufel, Mensch, Ihr werdet’s Euch doch nicht träumen lassen, über einen Wasserfall zu fahren in dieser Nußschale von Barke?«

»Gewiß, der Weg geht über die Fälle, und es ist viel leichter, über diese wegzuschießen, als den Kahn auszuladen, und ihn samt seinem Inhalt zu Land eine Meile Wegs herumzutragen.«

Mabel kehrte ihr erblaßtes Antlitz gegen den jungen Mann am Stern des Kahnes, denn gerade jetzt hatte ein frischer Luftstrom das Getöse der Fälle aufs neue zu ihren Ohren getragen. Der Ton konnte wirklich Schrecken erregen, wo seine Ursache bekannt war.

»Wir dachten, die Frauen und die beiden Indianer ans Land zu setzen«, bemerkte Jasper ruhig, »indes wir drei weißen Männer, die wir ans Wasser gewöhnt sind, das Boot sicher darüber wegführen, denn wir sind schon oft über diese Fälle geschossen.«

»Und wir zählen auf Euern Beistand, Freund Seemann«, sagte der Pfadfinder, indem er Jasper über die Achsel zuwinkte, »denn Ihr seid des Wellensturzes gewohnt, und wenn nicht einer auf die Ladung acht hat, so möchten alle die feinen Sachen der Tochter des Sergeanten in der Flußwäsche zugrunde gehen.«

Cap war verwirrt. Der Gedanke, über die Fälle zu fahren, erschien seinen Augen vielleicht ernsthafter, als er denen vorkommen mochte, die mit der Führung eines Bootes gänzlich unbekannt waren; denn er kannte die Macht des Elements und die Ratlosigkeit des Menschen, wenn er solcher Wut ausgesetzt ist. Sein Stolz empörte sich aber gegen den Gedanken, das Boot zu verlassen, als er sah, mit welcher Festigkeit und Ruhe die anderen darauf bestanden, den Weg auf die bezeichnete Weise fortzusetzen. Ungeachtet dieses Gefühls und seiner sowohl angeborenen als erworbenen Festigkeit in Gefahren, würde er übrigens seinen Posten wahrscheinlich dennoch verlassen haben, wenn seine Phantasie nicht von den Bildern der auf Skalpe lauernden Indianer so ganz hingerissen gewesen wäre, daß er den Kahn gewissermaßen als ein Asyl betrachtete.

»Was fängt man aber mit Magnet an?« fragte er, als die Zuneigung zu seiner Nichte neue Gewissensskrupel in ihm aufsteigen ließ. »Wir können sie doch nicht ans Land setzen, wenn Indianer in der Nähe sind?«

»Nein, kein Mingo wird sich hier nähern; denn diese Stelle ist zu offen für ihre Teufeleien«, antwortete Pfadfinder zuversichtlich. »Es gehört zur Natur des Indianers, sich da finden zu lassen, wo er am wenigsten erwartet wird. Auf besuchten Pfaden hat man ihn nicht zu fürchten, denn er wünscht immer, unvorbereitet zu überfallen, und die Schufte machen sich’s zur Ehrensache, ihre Gegner auf einem oder dem anderen Wege zu täuschen. Streich ein, Eau-douce; wir wollen des Sergeanten Tochter am Ende jenes Baumstrunks landen, auf dem sie trockenen Fußes das Ufer erreichen kann.«

Die Einlenkung geschah, und in wenigen Minuten hatte die ganze Gesellschaft, mit Ausnahme des Pfadfinders und der beiden Seeleute, den Kahn verlassen. Ungeachtet des Stolzes auf sein Gewerbe würde jedoch Cap freudig gefolgt sein, wenn er sich nicht gescheut hätte, in Gegenwart der beiden Frischwasserschiffer eine so unzweideutige Schwäche an den Tag zu legen.

»Ich rufe alle zu Zeugen an«, sagte er, als sich die Gelandeten zum Abzüge anschickten, »daß ich diese ganze Sache für weiter nichts ansehe als für eine Kahnfahrt in den Wäldern. Es gilt keine Seemannskunst beim Hinunterstürzen über einen Wasserfall, und es ist eine Heldentat, die der unerfahrenste Schlingel so gut wie der älteste Matrose bestehen kann.« »Nun, nun, Ihr habt nicht nötig, die Oswegofälle zu verachten, denn wenn sie schon keine Niagaras oder Genesees oder Cahoos oder Glenns oder sonstige Fälle Kanadas sind, so sind sie doch immer stark genug für einen Neuling. Laßt des Sergeanten Tochter auf jenen Felsen stehen, und sie wird sehen, wie wir unwissende Hinterwäldler über eine Schwierigkeit hingehen, unter der wir nicht wegkommen können. Nun, Eau-douce, feste Hand und sicheres Auge, denn alles liegt auf Euch, da, wie ich sehe, Meister Cap für nichts weiter als für einen Passagier zu rechnen ist.«

Als er geendet hatte, verließ der Kahn das Ufer. Mabel erreichte mit schnellem und zitterndem Schritt den ihr bezeichneten Felsen und sprach mit ihrer Begleiterin über die Gefahr, in die sich ihr Onkel so unnötigerweise begeben hatte, indes ihr Blick unverwandt auf der behenden und kräftigen Gestalt von Eau-douce ruhte, der aufrecht im Stern des leichten Bootes stand und die Bewegungen leitete. Als sie jedoch die Stelle erreicht hatte, wo sich ihr die Aussicht über den Wasserfall öffnete, stieß sie einen unwillkürlichen, aber unterdrückten Schrei aus und bedeckte sich die Augen. Im nächsten Augenblick ließ sie aber die Hände wieder sinken, und nun stand das hingerissene Mädchen unbeweglich wie eine Statue und beobachtete mit verhaltenem Atem, was vorging. Die zwei Indianer setzten sich teilnahmslos auf einen Baumstamm, kaum gegen den Strom hinblickend, indes Pfeilspitzes Weib sich Mabel näherte und auf die Bewegungen des Kahns mit derselben Spannung zu achten schien, mit dem die Blicke der Kinder den Sprüngen eines Gauklers folgen.

Als das Boot in der Strömung war, sank Pfadfinder auf die Knie und fuhr fort zu rudern. Er tat es doch nur langsam und derart, daß es die Bemühungen seines Gefährten nicht beeinträchtigte. Jasper stand noch aufrecht, und da er sein Auge auf irgendeinen Gegenstand jenseits des Falles gerichtet hielt, so war es augenscheinlich, daß er sorgfältig die für ihre Passage geeignetste Stelle ausspähte.

»Mehr West, Junge! mehr West«, brummte Pfadfinder; »da wo Ihr den Wasserschaum seht. Bringt den Gipfel der toten Eiche in eine Linie mit dem Stamm der dürren Schierlingstanne.«

Eau-douce gab keine Antwort, denn der Kahn war in der Mitte des Flusses, mit dem Schnabel gegen den Fall gekehrt, und fing nun an, seine Bewegungen zu beschleunigen, da sich die Gewalt der Strömung mehrte. In diesem Augenblick würde Cap mit Freuden auf alle ruhmvollen Ansprüche, die er bei dieser Unternehmung erwerben konnte, verzichtet haben, wenn er nur mit heiler Haut das Ufer hätte erreichen können. Er hörte das Geräusch des Wassers wie ein entferntes Donnern, das immer lauter und deutlicher wurde, und vor sich sah er eine Linie den Wald durchschneiden, in der sich das erzürnte grüne Element zu weiten schien und zu leuchten, als ob es eben im Begriff sei, die Elemente seines Zusammenhangs zu zerstören.

»’runter mit Euerm Steuer, Mensch, ‚runter mit Euerm Steuer!« rief er aus, unfähig, seine Beängstigung länger zu unterdrücken, als der Kahn auf den Rand des Falles losglitt.

»Ha, ha, ‚runter geht’s, sicher genug«, antwortete Pfadfinder, indem er einen Augenblick mit seinem stillen, munteren Lachen hinter sich blickte, »’runter gehen wir, sicherlich! Hoch den Stern, Junge, noch mehr, Junge – so!«

Das übrige ging mit der Schnelligkeit des Windes. Eau-douce gab mit dem Ruder den erforderlichen Schwung, der Kahn schoß in das Fahrwasser, und auf einige Augenblicke war es Cap, als sei er in einen Kochkessel gestoßen. Er fühlte die Kahnspitze sich biegen, sah das wildbewegte, schaumige Wasser in tollem Wogen an seiner Seite tanzen und bemerkte, daß das leichte Fahrzeug, in dem er schwamm, wie eine Nußschale umhergewirbelt wurde. Dann entdeckte er zu seiner ebensogroßen Freude wie Überraschung, daß es unter Jaspers sicherem Ruderschlag quer durch das ruhige Wasserbecken glitt, das sich unter dem Fall befand.

Der Pfadfinder fuhr fort zu lachen, erhob sich von seinen Knien, brachte eine zinnerne Kanne nebst einem Hornlöffel hervor und fing an, bedächtig das Wasser, das während ihrer Überfahrt in den Kahn gedrungen war, zu messen.

»Vierzehn Löffel voll, Eau-douce; vierzehn wohlgemessene Löffel voll. Ihr müßt zugeben, daß ich Euch mit bloß zehn habe übersetzen sehen.«

»Meister Cap lehnte so hart gegen den Strom«, entgegnete Jasper ernst, »daß ich Mühe hatte, dem Kahn die gehörige Richtung zu geben.«

»Mag sein, mag sein; und ich glaube ja, daß es wirklich so ist. Aber ich weiß, daß Ihr sonst bloß mit zehnen überfahrt.«

Cap machte sich durch ein erschütterndes Räuspern Luft, griff nach seinem Zopf, als ob er sich versichern wollte, daß sich der noch wohlbehalten an seiner Stelle befinde, und blickte dann zurück, um die Gefahr zu ermessen, die er soeben überstanden hatte; denn daß sie vorüber war, wurde ihm schnell klar. Die größte Wassermasse des Stromes hatte einen senkrechten Fall von ungefähr zehn bis zwölf Fuß; aber mehr gegen die Mitte hin wurde die Gewalt der Strömung so mächtig, daß das Wasser unter einem Winkel von ungefähr fünfundvierzig Grad abstieß und daselbst eine schmale Passage über den Felsen eröffnete. Der Kahn war über diesen kitzligen Weg gegangen, mitten durch zerbrochene Felsenstücke, die Strudel und die Stöße des empörten Elementes, die jeden Unkundigen die unvermeidliche Zerstörung eines so zerbrechlichen Fahrzeuges befürchten ließen. Seine große Leichtigkeit hatte die Überfahrt begünstigt; denn getragen vom Kamm des Wassers und geleitet von einem festen Auge und einem kräftigen Arm tanzte er mit der Leichtigkeit einer Feder von einer Schaumspitze zur anderen, so daß kaum seine blanke Seite benetzt wurde. Es waren einige Felsblöcke zu vermeiden, die eine äußerst genaue Führung forderten; das übrige geschah durch die Gewalt der Strömung.

Wollte man sagen, daß Cap erstaunt gewesen sei, so würde man nicht halb seine Gefühle ausdrücken. Er war mit Ehrfurcht erfüllt, denn der gewaltige Respekt, den die meisten Seeleute vor Felsen haben, kam noch seiner Bewunderung für die Kühnheit zu Hilfe, mit der dieses Manöver ausgeführt worden war. Er war jedoch nicht geneigt, alle seine Empfindungen an den Tag zu legen, um nicht zuviel zugunsten der Frischwasser- und Binnenschiffahrt einzuräumen. Auch klärte er seine Kehle nicht eher durch das obengenannte Räuspern, als bis sich seine Zunge wieder in dem gewöhnlichen Zug der Überlegenheit befand.

»Ich habe nichts gegen Eure Kenntnis der Stromfahrt einzuwenden, Meister Eau-douce« (denn diese Benennung hielt er gläubig für Jaspers Zunamen), »und allem nach ist die Kenntnis des Fahrwassers an einem solchen Platz die Hauptsache. Ich habe es mit Schaluppenführern zu tun gehabt, die hier auch hätten herunterfahren können, wenn sie das Fahrwasser gekannt hätten.«

»Es ist nicht genug, das Fahrwasser zu kennen, Freund Seemann«, sagte Pfadfinder, »es braucht Kraft und Geschicklichkeit, den Kahn aufrecht zu halten und ihn klar von den Felsen abzusteuern. Es ist außer Eau-douce in der ganzen Gegend kein Bootsmann, der den Oswegofall mit Sicherheit zu passieren imstande war, obschon hin und wieder einer durchgetappt ist. Ich kann’s auch nicht, wenn nicht mit Gottes Hilfe; und man braucht Jaspers Hand und Jaspers Auge, wenn man die Fahrt trocken und sicher machen will. Vierzehn Löffel voll sind im Grunde auch nicht viel, obgleich ich gewünscht hätte, es wären nur zehn gewesen, weil des Sergeanten Tochter zugesehen hat.«

»Und doch kanntet Ihr die Führung des Kahns und sagtet ihm, wie er leiten und streichen solle.«

»Menschliche Schwachheit, Meister Seemann; ’s ist was dabei von der Weißhautnatur. Wäre Schlange in diesem Boot gewesen, so würde er kein Wort gesprochen und keinem Gedanken Laut gegeben haben. Ein Indianer weiß, wie er seine Zunge zu meistern hat, aber wir weißes Volk bilden uns immer ein, wir sind klüger als unsere Kameraden. Ich bin zwar willens, mich von dieser Schwäche zu kurieren, aber es braucht Zeit, ein Unkraut auszurotten, das schon mehr als dreißig Jahre gewuchert hat.«

»Ich halte wenig oder, aufrichtig zu reden, gar nichts von der ganzen Geschichte. Es handelt sich bei einem Wegschießen unter der Londoner Brücke nur um eine kleine Schaumwäsche, und Hunderte von Menschen, ja selbst die empfindlichsten vornehmen Damen tun es täglich. Selbst des Königs Majestät hat in höchsteigener Person die Fahrt gemacht.«

»Wohl, wir brauchen keine vornehmen Damen oder Königliche Majestäten (Gott segne sie) für unseren Kahn, wenn er über diese Fälle geht, denn eine Bootsbreite auf irgendeine Weise gefehlt, möchte leicht aus ihnen ersäufte Leichname machen. Eau-douce, wir werden des Sergeanten Schwager wohl noch über den Niagara führen müssen, um ihm zu zeigen, was wir Grenzleute zu leisten vermögen.«

»Zum Teufel, Meister Pfadfinder, Ihr seid ja sehr spaßhaft. Sicher ist’s unmöglich, in einem Birkenkahn über so ’n mächtigen Wassersturz zu setzen.«

»Ihr seid in Eurem Leben nie in einem größeren Irrtum gewesen, Meister Cap. Nichts ist leichter als dies, und ich hab‘ manchen Kahn mit meinen eigenen Augen ‚runterrutschen sehen. Wenn wir beide leben, so hoff‘ ich Euch von der Wahrheit zu überzeugen. Ich für mein Teil denke, das größte Schiff, das je auf dem Ozean gesegelt hat, müßte da hinuntergeführt werden, sobald es mal in den Stromschnellen ist.«

Cap bemerkte den Wink nicht, den der Pfadfinder mit Eaudouce wechselte, und blieb eine Weile still; denn er hatte wirklich nie an die Möglichkeit gedacht, den Niagara hinunterzukommen, so sehr sie auch jedem anderen in die Augen springen mußte, während doch, wenn man die Sache bei Licht betrachtet, die Schwierigkeit eigentlich nur im Hinaufkommen liegt.

Unterdessen hatte die Gesellschaft die Stelle erreicht, wo Jasper seinen eigenen Kahn gelassen und im Gebüsch versteckt hatte. Sie schifften sich hier aufs neue ein; Cap, Jasper und die Nichte in dem einen, Pfadfinder, Pfeilspitze und das Weib des letzteren in dem anderen Boot. Der Mohikaner war bereits zu Land an den Ufern des Flusses weitergegangen, indem er vorsichtig und mit der Gewandtheit seines Volkes auf die Spuren eines Feindes achtete.

Mabels Wangen fingen erst wieder an zu glühen, als sich der Kahn in der Strömung befand, auf der er sanft, nur gelegentlich von Jaspers Ruder angetrieben, abwärts glitt. Sie hatte den Übergang über den Wasserfall mit einem Schrecken angesehen, der ihre Zunge gebunden hielt. Doch war ihre Furcht nicht so groß gewesen, daß sie der Bewunderung Eintrag getan hätte, die sie der Festigkeit des Jünglings, der die Bewegungen leitete, zollen mußte. In der Tat wären auch die Gefühle eines weit weniger empfänglichen Mädchens durch die besonnene und brave Haltung, mit der er das Wagestück ausführte, erweckt worden. Er war aufrecht geblieben, ungeachtet des Sturzes, und die sich am Ufer befanden, konnten deutlich unterscheiden, daß nur durch die zeitige Anwendung seiner Kraft und Gewandtheit der Kahn den nötigen Schwung bekam, um von einem Felsen klar abzufahren, über den sich das sprudelnde Wasser in Strahlen brach und bald das braune Gestein sichtbar werden ließ, bald es mit einem durchsichtigen Wogenguß überschüttete, als ob ein künstliches Triebwerk dieses Spiel des Elements veranlaßte. Die Zunge vermag nicht immer auszudrücken, was das Auge schaut; aber Mabel sah selbst in jenem Augenblick des Schreckens genug, um ihrem Geist für immer die Bilder des herabstürzenden Kahns und des unbewegten Steuermanns einzuprägen. Sie duldete diese verräterischen Gefühle, die das Weib so eng an den Mann ketten und denen sich noch der Eindruck der Sicherheit beimischte, die ihr sein Schutz versprach. Sie fühlte sich in der zerbrechlichen Barke das erstemal wieder so recht leicht und behaglich, seit sie Fort Stanwix verlassen hatte. Der andere Kahn ruderte ganz nahe an dem ihrigen, und da der Pfadfinder ihr gerade gegenüber saß, so fand vorzugsweise zwischen ihnen beiden die Unterredung statt. Jasper sprach selten, wenn er nicht angeredet wurde, und verwandte fortwährend seine ganze Sorgfalt auf die Führung des Bootes.

»Wir kennen zu gut die Gaben der Frauen, um daran zu denken, des Sergeanten Tochter über die Fälle zu führen«, sagte der Pfadfinder mit einem Blick auf Mabel zu dem Onkel, »obgleich ich manche ihres Geschlechts in diesen Gegenden gekannt habe, die sich wenig aus einer solchen Fahrt machen würden.«

»Mabel ist zaghaft wie ihre Mutter«, entgegnete Cap, »und Ihr tatet wohl, Freund, sie zu schonen. Ihr werdet Euch erinnern, daß das Kind nie auf der See gewesen ist.«

»Nein, nein, das war leicht zu entdecken; doch bei Eurer eignen Furchtlosigkeit hätte wohl jeder sehen können, wie wenig Ihr Euch aus der Sache machtet. Ich fuhr mal mit einem ungeschickten Burschen hinunter, der aus dem Kahn sprang, grad als er den Saum berührte –«

»Was wurde aus dem armen Kerl?« unterbrach Cap, der nicht wußte, wie der des anderen Weise zu nehmen hatte, denn sie war so trocken und einfach, daß ein Mensch, der nur ein bißchen weniger stumpf als der alte Seemann war, ihre Aufrichtigkeit verdächtig gefunden hätte. »Wer diese Stelle passiert hat, weiß, wie es ihm zumute sein mochte.«

»Es war ein armer Kerl, wie Ihr sagt, und ein armer Grenzmann dazu, obgleich er es nur tat, um uns unwissenden Leuten seine Geschicklichkeit zu zeigen. Was aus ihm wurde? Ei, er ging kopfüber die Fälle hinunter, wie es bei einem Landhaus oder Fort auch gegangen wäre –«

»Wenn sie aus einem Kahn springen würden«, unterbrach ihn Jasper lächelnd, obgleich er sichtlich weit geneigter war, als sein Freund, die Fahrt über die Wasserfälle in Vergessenheit zu bringen.

»Der Junge hat recht«, erwiderte Pfadfinder mit einem Lachen gegen Mabel, der er sich so weit genähert hatte, daß sich die Kähne hart berührten; »er hat sicher recht. Aber Sie haben uns noch nicht gesagt, was Sie von dem Satz halten, den wir da gemacht haben?«

»Er war gefährlich und kühn«, sagte Mabel, »und als ich zusah, hätte ich wohl gewünscht, daß er nicht versucht worden wäre, obschon ich jetzt, da er vorüber ist, die Kühnheit und Festigkeit, mit der er gemacht wurde, bewundern muß.«

»Glauben Sie übrigens ja nicht, daß wir es taten, um uns in den Augen eines Mädelchens hervorzutun. Es mag zwar jungen Leuten angenehm sein, sich durch Handlungen, die kühn und lobenswert scheinen, bei anderen in gute Meinung zu setzen, aber weder Eaudouce noch ich selbst bin von dieser Sorte. Meine Natur, obgleich vielleicht die Schlange ein besseres Zeugnis ablegen könnte, hat sich hierin nicht geändert; sie ist eine gerade Natur und würde nicht geeignet sein, mich zu solcher ungebührlichen Eitelkeit zu verleiten. Was den Jasper anlangt, so würde er über die Oswegofälle lieber ohne einen Zuschauer gehen als vor hundert Augen. Ich kenne den Jungen aus langer Kameradschaft und weiß, daß er kein Prahler und Großtuer ist.«

Mabel blickte den Kundschafter mit einem Lächeln an, das Veranlassung gab, die Kähne noch eine Weile länger beisammenzuhalten; denn der Anblick von Jugend und Schönheit war so selten an dieser entfernten Grenze, daß die eben getadelten und unterdrückten Gefühle dieses Wanderers in den Wäldern durch die blühende Liebenswürdigkeit des Mädchens empfindlich berührt wurden.

»Wir hielten’s eben fürs Beste«, fuhr Pfadfinder fort, »und ’s war auch das Beste. Hätten wir den Kahn zu Land weiter gebracht, so wär viel Zeit verlorengegangen, und nichts ist so kostbar wie Zeit, wenn man sich vor den Mingos in acht zu nehmen hat.«

»Aber wir können nun wenig mehr zu fürchten haben. Die Kähne fahren schnell, und zwei Stunden werden uns, wie Ihr gesagt habt, nach dem Fort bringen.«

»Es muß ein schlauer Irokese sein, der Ihnen auch nur ein Haar Ihres Hauptes beschädigen will; denn hier haben sich alle dem Sergeanten, und die meisten, denke ich, gegen Sie selbst verpflichtet, jedes Ungemach von Ihnen fern zu halten. Ha! Eau-douce, was ist das an dem Fluß? dort, an der unteren Umbiegung, unterhalb des Gebüsches – was steht dort an dem Felsen?«

»Es ist die Große Schlange, Pfadfinder; er macht uns Zeichen, die ich nicht verstehe.«

»Er ist’s, so wahr ich ein Weißer bin, und er wünscht, daß wir uns mehr seinem Ufer nähern. Es ist Unheil um den Weg, sonst würde ein Mann von seiner Bedächtigkeit und Festigkeit nie diese Störung veranlassen. Doch Mut! Wir sind Männer und müssen uns bei einer Teufelei benehmen, wie es unserer Farbe und unserem Beruf ziemt. Ach! ich hab‘ nie was Gutes bei dem Großtun herauskommen sehen; und hier, gerade da ich mich unserer Sicherheit rühme, kommt die Gefahr, die mich Lügen straft.«

Viertes Kapitel

Viertes Kapitel

Unterhalb der Fälle des Oswego ist die Strömung reißender und ungleichmäßiger als oberhalb. Es gibt Stellen, wo der Fluß mit der stillen Ruhe des tiefen Wassers hinfließt, aber auch viele Sandbänke und Stromschnellen, und damals, als sich noch alles im Naturzustand befand, war die Durchfahrt stellenweise nicht ohne Gefahr. Zwar wurde im allgemeinen nur wenig Anstrengung von Seiten der Kahnführer erfordert; an Stellen aber, wo die Schnelligkeit der Strömung und die vorhandenen Felsen Vorsicht verlangten, bedurfte es wirklich nicht nur der Wachsamkeit, sondern auch der größten Besonnenheit, Schnelligkeit und kräftiger Arme, um die Gefahr zu vermeiden. Auf alles dieses hatte der Mohikaner geachtet, und mit Umsicht eine Stelle gewählt, wo der Fluß ruhig genug floß, um die Kähne anhalten und die Verbindung für die, mit denen er sprechen wollte, gefahrlos einleiten zu können.

Sobald der Pfadfinder die Gestalt seines roten Freundes erkannt hatte, ruderte er mit kräftigen Schlägen dem Ufer zu und winkte Jasper, ihm zu folgen. In einer Minute waren beide Kähne in dem Bereich des überhängenden Gebüsches. Es herrschte tiefes Stillschweigen, das die einen aus Furcht, die anderen aus gewohnter Vorsicht beobachteten. Als sich die Reisenden dem Indianer näherten, machte er ein Zeichen, stillzuhalten, und hatte dann mit dem Pfadfinder eine kurze, aber ernste Besprechung in der Sprache der Delawaren.

»Der Häuptling ist nicht der Mann, der einen toten Stamm für einen Feind ansieht«, bemerkte der weiße Mann gegen seinen roten Verbündeten, »warum läßt er uns anhalten?«

»Mingos sind in den Wäldern.«

»Das haben wir in diesen zwei Tagen vermutet. Weiß der Häuptling davon?«

Der Mohikaner hielt ruhig einen steinernen Pfeifenkopf in die Höhe.

»Er lag auf einer frischen Fährte, die gegen die Garnison hinführt« – so wurden nämlich von den Grenzleuten die militärischen Werke genannt, mochten sie Mannschaft: haben oder nicht.

»Das kann ein Pfeifenkopf sein, der einem Soldaten gehört. Viele bedienen sich der Pfeifen der Rothäute.«

»Sieh«, sagte Schlange und hielt aufs neue den gefundenen Gegenstand seinem Freund vor Augen.

Der Pfeifenkopf war mit großer Sorgfalt und Geschicklichkeit aus Seifenstein geschnitten. In der Mitte befand sich ein kleines Kreuz, das mit einer Genauigkeit gefertigt war, die keinen Zweifel über seine Bedeutung gestattete.

»Das prophezeit Unheil und Teufelei«, sagte der Pfadfinder, der den damals in den englischen Provinzen gewöhnlichen Abscheu gegen dieses heilige Symbol teilte; und da man leicht Sachen mit Personen verwechselt, so hatte sich dieses Grauen mit den Vorurteilen der Leute verflochten und einen mächtigen Eindruck auf das moralische Gefühl des Volkes gemacht.

»Kein Indianer, der nicht durch die schlauen Priester Kanadas bekehrt ist, würde sich’s einfallen lassen, ein Ding wie dieses auf seine Pfeife zu schneiden. Ich wette, der Spitzbube betet jedesmal zu diesem Bild, wenn er mit einem Unschuldigen zusammentreffen und seine Schuftigkeit an ihm ausüben will. Ist sie auch frisch, Chingachgook?« »Der Tabak war noch brennend, als ich sie fand.«

»Das wird tüchtige Arbeit geben, Häuptling. Wo ist die Spur?«

Der Mohikaner deutete auf eine Stelle, die keine hundert Ellen von seinem Standpunkt entfernt war.

Die Sache begann nun ein ernsteres Aussehen zu gewinnen. Die zwei Hauptführer besprachen sich einige Minuten beiseite, stiegen dann am Ufer hinauf, näherten sich dem bezeichneten Ort und untersuchten die Fährte mit der größten Sorgfalt. Als ihre Nachforschungen ungefähr eine Viertelstunde gedauert hatten, kehrte der weiße Mann allein zurück, und sein roter Freund verschwand im Wald.

Sonst trug das Gesicht des Pfadfinders ein Gepräge der Einfachheit, Rechtschaffenheit und Aufrichtigkeit, gemischt mit der Miene des Selbstvertrauens, das gewöhnlich allen, die sich unter seiner Hut befanden, Zuversicht einflößte; aber nun warf der Ausdruck der Sorge einen Schatten über seine ehrlichen Züge, der die ganze Gesellschaft beunruhigte.

»Was gibt’s, Meister Pfadfinder?« fragte Cap, indem seine gewohnte, tiefe und zuversichtliche Stimme zu einem scheuen Flüstern herabsank, das sich allerdings mehr für die Gefahren der Wildnis eignete.

»Hat sich der Feind zwischen uns und unseren Hafen gelegt?«

»Wie?«

»Haben einige von diesen bemalten Schalksnarren Anker geworfen vorm Hafen, auf den wir lossteuern, und wollen sie uns die Einfahrt abschneiden?«

»Es mag sein, wie Ihr sagt, Freund Cap, aber ich bin durch Eure Worte um kein Haar weiser geworden, und in kitzligen Zeitumständen wird man um so leichter verstanden, je deutlicher man sein Englisch macht. Ich weiß nichts von Hafen und Anker, aber es liegt eine beängstigende Mingofährte in der Nähe von hundert Ellen, und so frisch wie Wildbret ohne Salz. Wenn einer von diesen argen Teufeln vorübergekommen ist, so sind es auch ein Dutzend; und was das Schlimmste ist, sie sind abwärts gegen die Garnison zu gegangen, und keine Seele kann um die Lichtung herumkommen, ohne daß man einigen ihrer durchbohrenden Augen in den Weg käme. Dann wird’s sicher Kugeln geben.«

»Kann nicht das besagte Fort eine Lage geben und alles innerhalb des Bereichs seiner Klüsen wegfegen?«

»Nein, die Forts sind bei uns nicht wie die Forts in den Ansiedlungen, und zwei oder drei leichte Kanonen sind alles, was sie da unten an der Mündung des Flusses haben. Überhaupt hieße auch ein Lagerfeuer auf ein Dutzend herumstreifender Mingos geben, die sich hinter Baumstämmen und im Walde verbergen können, sein Pulver verschwenden. Wir haben nur einen, und zwar einen sehr kitzligen Weg. Wir sind einmal hier; beide Kähne sind durch das hohe Ufer und das Gebüsch vor aller Augen verborgen, wenn uns nicht einer von jenen Strauchdieben gerade gegenüber in den Weg kommt. Hier wollen wir also bleiben, ohne uns zu ängstigen. Aber wie bringen wir die blutdürstigen Teufel wieder über den Strom hinauf? – Ha, ich hab’s – ich hab’s. Wenn es auch nichts nützt, so kann es doch nichts schaden. Seht Ihr den breitwipfeligen Kastanienbaum dort, Jasper, an der letzten Stromwendung? Auf Eurer Seite, meine ich.«

»Den bei der gestürzten Fichte?«

»Richtig! Nehmt Stein und Feuerzeug, kriecht am Ufer hin und macht ein Feuer. Kann sein, daß sie der Rauch da ‚rauflockt. Mittlerweile bringen wir vielleicht mit der gehörigen Vorsicht die Kähne weiter stromab und finden anderen Schutz. Buschwerk haben wir genug, und ein Versteck ist leicht zu finden, was uns die vielen Hinterhalte beweisen können.«

»Ich will’s tun, Pfadfinder«, sagte Jasper und sprang ans Ufer. »In zehn Minuten soll das Feuer brennen.«

»Und, Eau-douce, nehmt diesmal ordentlich feuchtes Holz dazu«, flüsterte der andere mit seinem eigentümlichen innerlichen Lachen. »Wenn’s an Rauch fehlt, muß Wasser helfen, ihn zu verdicken.«

Der junge Mann eilte rasch dem bezeichneten Punkt zu. Mabel wagte einen leichten Einwurf wegen der Gefahr, der aber nicht beachtet wurde, und die Gesellschaft bereitete sich vor, ihre Stellung unverzüglich zu verändern, da sie von dem Ort aus, wo Jasper das Feuer anzünden sollte, gesehen werden konnten. Die Bewegung forderte keine Eile und wurde mit Ruhe und Vorsicht ausgeführt.

Die Kähne fuhren um die Gebüsche herum und glitten mit der Strömung fort, bis sie eine Stelle erreicht hatten, an der sie von dem Kastanienbaum aus nicht mehr erblickt werden konnten. Hier hielten sie an, und aller Augen richteten sich nun auf den zurückgebliebenen Abenteurer.

»Da steigt der Rauch auf«, rief der Pfadfinder, als ein leichter Windstoß eine kleine Dunstsäule in die Höhe wirbelte und sie in spiralförmigen Wendungen über den Fluß hintrieb. »Ein guter Stein, ein Stückchen Stahl und ein Haufen dürrer Blätter machen schnell ein Feuer. Ich hoffe, Eau-douce wird das feuchte Holz nicht vergessen, wenn uns die List nutzen soll.« »Zuviel Rauch – zuviel Klugheit«, sagte Pfeilspitze in seiner spruchartigen Weise.

»Das war so wahr wie die Bibel, Tuscarora, wenn die Mingos nicht wüßten, daß es Soldaten in der Nähe gibt. Die Soldaten denken aber an einem Rastort gewöhnlich eifriger an ihre Mahlzeit als an das, was klug ist und sie gegen Gefahr schützen könnte. Nein, nein! Mag der Junge immerhin seine Holzklötze aufhäufen, daß es einen tüchtigen Rauch setzt, sie werden es der Dummheit einiger irischer und schottischer Tölpel zuschreiben, die mehr an ihre Hafergrütze und an ihre Kartoffeln denken als an ein Zusammentreffen mit Indianern und indianischen Büchsen.«

»Man sollte aber doch glauben, nach allem, was ich hierüber in den Städten gehört habe, daß die Soldaten an dieser Grenze an die Kunstgriffe ihrer Feinde gewöhnt und fast so listig geworden seien wie die roten Menschen selbst«, erwiderte Mabel.

»Nicht die hier, Kind, nicht die hier. Erfahrung macht sie wenig klüger, und sie diskutieren von ihren Wendungen, ihren Pelotons und Bataillons hier in den Wäldern so behaglich, als wäre sie zu Hause in ihren Pferchen. Eine Rothaut hat mehr Schlauheit in ihrer Natur als ein ganzes Regiment von der anderen Seite des Wassers. Ich nenne das Wälderschlauheit. – Aber auf mein Wort, nun ist’s genug Rauch, und wir werden besser tun, uns ein anderes Versteck aufzusuchen. Der Junge hat den ganzen Fluß in sein Feuer geworfen, und es ist zu besorgen, daß die Mingos glauben, es ist ein ganzes Regiment unterwegs.«

Während er so sprach, trieb der Pfadfinder von dem Busch weg, an dem er angelegt hatte, und in einigen Minuten verbarg ihnen die Biegung des Flusses den Rauch und den Baum. Glücklicherweise zeigte sich auch an dem Ufer, wenige Ellen von dem Punkt, an dem sie eben vorbeifuhren, eine kleine Bucht, zu der die Kähne hinlenkten.

Die Reisenden hätten wohl keinen geschickteren Platz für ihre Absicht auffinden können. Das Gebüsch war dick und hing gegen das Wasser hin, so daß es einen vollständigen Blätterbaldachin bildete. Im Grund der kleinen Bucht befand sich ein schmaler, kiesiger Strand, wo die Mehrzahl der Gesellschaft zu ihrer größeren Bequemlichkeit ans Land ging. Auch konnten sie nur von der gerade entgegengesetzten Seite des Flusses aus bemerkt werden. Von dieser Seite her war jedoch die Gefahr der Entdeckung gering, da das Gesträuch hier dichter als gewöhnlich und das Land jenseits so naß und sumpfig war, daß man nicht ohne große Schwierigkeiten durchkommen konnte.

»Das ist ein guter Schlupfwinkel«, sagte der Pfadfinder, als er seine Stellung mit dem Blick eines Kenners untersucht hatte, »aber man muß ihn noch sicherer machen. Meister Cap, ich verlange nichts von Euch als Stillschweigen und Unterdrückung aller Gaben, die Ihr Euch auf dem Meere erworben habt, während der Tuscarora und ich unsere Vorkehrungen für die Stunde der Gefahr treffen.«

Der Führer ging nun mit dem Indianer etwas weiter in das Gebüsch, wo sie die stärkeren Stämme mehrerer Erlen und anderer Sträucher abschnitten, dabei aber die größte Sorgfalt anwandten, um kein Geräusch zu verursachen. Die Enden dieser kleinen Bäume, denn das waren sie in der Tat, wurden, da das Wasser nur eine geringe Tiefe hatte, an der äußeren Seite der Kähne in den Schlamm gesteckt, und im Verlaufe von zehn Minuten war ein sehr täuschender Schirm zwischen ihnen und dem Orte errichtet, woher die hauptsächlichste Gefahr drohte. Die beiden Arbeiter hatten viel Scharfsinn und Geschicklichkeit bei dieser einfachen Anordnung entwickelt, wobei sie durch die Form des Ufers, seine Einbuchtung, die Seichtigkeit des Wassers und die Art, wie diese Gebüschverzweigungen gegen das Wasser überhängen, wesentlich begünstigt wurden. Der Pfadfinder sah dabei vorzüglich auf gekrümmte Stämme, und da er sie in einiger Entfernung unter der Biegung abschnitt und die letztere das Wasser berühren ließ, so hatte das künstliche Dickicht zwar nicht das Ansehen eines in dem Strom gewachsenen, was wohl hätte Verdacht erregen mögen, aber doch mochte es jeder, der an ihm vorbei kam, für ein Gebüsch halten, das waagrecht vom Ufer ausging, ehe es sich aufwärts gegen das Licht richtete. Kurz, der Schirm war so scharfsinnig angeordnet und so kunstreich zusammengesetzt, daß nur ein ungewöhnlich mißtrauisches Auge hier ein Versteck hätte ahnen mögen.

»Das ist der beste Schlupfwinkel, in dem ich je gesteckt habe«, sagte der Pfadfinder mit seinem ruhigen Lachen, nachdem er sich die Außenseite betrachtet hatte. »Die Blätter unserer neuen Bäume berühren aufs genaueste die des Gebüsches zu unseren Häupten, und selbst der Maler, der kürzlich in der Garnison war, könnte nicht sagen, was hier das Werk der Vorsehung und was das unsere ist. Pst! dort kommt Eau-douce gewatet. Was er doch für ein verständiger Junge ist, seine Fährte dem Wasser zu überlassen! Nun, wir werden bald sehen, ob unser Versteck zu was gut ist oder nicht.«

Jasper war wirklich von seiner Verrichtung zurückgekehrt, und da er die Kähne vermißte, so folgerte er, daß sie sich unter der nächsten Wendung des Flusses verborgen hätten, in der sie von dem Feuer aus nicht bemerkt werden konnten. Seine gewohnte Vorsicht hatte ihn veranlaßt, im Wasser fortzugehen, um nicht eine Verbindung der Spuren erkennen zu lassen, die von der Gesellschaft am Ufer zurückgeblieben waren, und des Platzes, wo er ihren neuen Zufluchtsort vermutete. Würden dann die Kanadaindianer auf ihrer eigenen Fährte zurückkehren und die Spuren bemerken, die Pfadfinder und Schlange bei ihrer Besprechung und Untersuchung hinterlassen hatten, so mußten sie den Schlüssel zu diesen Bewegungen verlieren, da sich keine Fußtapfen dem Wasser aufdrücken.

Der junge Mann war deshalb von diesem Punkt aus knietief im Wasser gewatet und machte nun langsam seinen Weg am Rande des Stromes abwärts, um die Stelle zu suchen, wo die Kähne verborgen lagen.

Wenn die hinter dem Gebüsch Befindlichen ihre Augen näher gegen die Blätter brachten, so konnten sie manche Stellen finden, die ihnen einen Durchblick ließen, indes dieser Vorteil in einiger Entfernung wieder verlorenging. Mochte dann auch ein Auge auf einige solche Öffnungen fallen, so wurde doch durch das Ufer und den Schatten des Gebüsches vermittelt, daß die Gestalten und Umrisse unserer Flüchtlinge keiner Entdeckung ausgesetzt waren. Unsere Gesellschaft, die sich nun in die Kähne begeben hatte und aus ihrem Versteck hervor Jaspers Bewegungen beobachtete, erkannte bald, daß ihm die Stelle entging, wo sich Pfadfinder verborgen hatte. Als er um die Krümmung des Ufers gekommen war und die Aussicht nach dem Feuer hin verlor, hielt der junge Mann an und begann das Ufer mit Bedacht und Vorsicht zu untersuchen. Gelegentlich ging er wieder acht bis zehn Schritte weiter und hielt dann einmal an, um sein Suchen zu erneuern. Das Wasser war viel seichter als gewöhnlich, und er ging an der Seite hin, um sich seinen Spaziergang zu erleichtern, wobei er der künstlichen Plantage so nahe kam, daß er sie mit seinen Händen hätte erreichen können. Aber er entdeckte nichts und war eben daran, seinen Weg weiter fortzusetzen, als der Pfadfinder eine Öffnung in die Zweige machte und ihn mit gedämpfter Stimme eintreten hieß.

»Es ist ganz gut so«, sagte der Pfadfinder lachend, »obgleich die Augen eines Bleichgesichtes von denen einer Rothaut so verschieden sind wie die Fernrohre untereinander. Ich wollte mit des Sergeanten Tochter ein Pulverhorn gegen einen Wampumgürtel wetten, daß ihres Vaters Regiment an unserer Einsiedlung vorbeimarschieren könnte, ohne je die List auszufinden. Aber wenn die Mingos wirklich wie Jasper in dem Bett des Flusses herunterkämen, so würde ich für diese Anpflanzung zittern. Über den Fluß hinüber mag sie wohl ihre Augen täuschen und insofern nicht ohne Nutzen sein.«

»Glaubt Ihr nicht, Meister Pfadfinder«, sagte Cap, »daß es das Beste wäre, uns auf den Weg zu machen und so schnell wie möglich stromabwärts zu segeln, sobald wir gewiß sind, daß diese Schufte in unserem Stern sind? Wir Seeleute nennen eine Sternjagd eine lange Jagd.«

»Ich möchte mich mit des Sergeanten Tochter nicht um alles Pulver, das da unten im Fort liegt, von der Stelle rühren, bis wir was von Schlange gehört haben. Sichere Gefangenschaft oder gewisser Tod würden die Folge sein. Wenn sich so ein zartes Schmaltierchen wie das Mädchen, das wir zur Fracht haben, durch die Wälder finden könnte, wie ein alter Hirsch, so möcht‘ es allerdings angehen, die Kähne zu verlassen, denn auf einem Umweg könnten wir die Garnison noch vor Anbruch des Morgens erreichen.«

»Dann tut es«, sagte Mabel, rasch unter dem plötzlichen Einfluß erweckter Energie aufspringend. »Ich bin jung, behend, an Anstrengung gewöhnt und möchte es leicht meinem lieben Onkel zuvortun. Ich will durchaus kein Hindernis sein und könnte es nicht ertragen, daß euer aller Leben um meinetwillen gefährdet sein sollte.«

»Nein, nein, gutes Kind! Wir halten Sie keineswegs für ein Hindernis oder eine Belästigung und würden uns gern noch einmal dieser Gefahr unterziehen, um Ihnen und dem wackeren Sergeanten einen Dienst zu leisten. Ist das nicht auch Eure Meinung, Eaudouce?«

»Ihr einen Dienst zu leisten?« rief Jasper mit Nachdruck. »Nichts soll mich bewegen, Mabel Dunham zu verlassen, bis ich sie sicher in ihres Vaters Armen weiß!«

»Wohl gesprochen, Junge; brav und ehrenhaft gesprochen, und ich stimme bei mit Herz und Hand. Nein, nein, Sie sind nicht die erste Ihres Geschlechts, die ich durch die Wälder geleitet habe, und keine hat dabei je Schaden genommen mit Ausnahme einer einzigen. Das war freilich ein trüber Tag; aber seinesgleichen wird wohl nicht wiederkommen.«

Mabel blickte von einem ihrer Beschützer auf den anderen, und ihre schönen Augen schwammen in Tränen. Sie reichte jedem ihre Hand und sprach, obgleich anfangs mit erstickter Stimme:

»Ich tue unrecht, euch um meinetwillen der Gefahr auszusetzen. Mein lieber Vater wird es euch danken. Auch ich danke euch – Gott vergelt es euch; aber laßt uns hier nicht unnötigerweise die Gefahr erwarten. Ich kann wohl gehen und bin oft in mädchenhafter Laune meilenweit gegangen. Warum sollte ich es jetzt nicht können, da es mein Leben – nein, da es euer kostbares Leben gilt?«

»Sie ist eine treue Taube, Jasper«, sagte der Pfadfinder, indem er ihre Hand so lange festhielt, bis das Mädchen selbst aus angeborener Bescheidenheit die Gelegenheit ergriff, sie zurückzuziehen, »und wunderbar anziehend! Wir sind in den Wäldern rauh und bisweilen auch hartherzig geworden, Mabel, aber ein Anblick wie der Ihrige erweckt unsere jugendlichen Gefühle wieder und tut uns wohl für den Rest unserer Tage. Jasper wird dasselbe sagen; denn wie ich in den Wäldern, so sieht Jasper auf dem Ontario wenige von Ihresgleichen, die sein Herz zu erweichen und ihn an die Liebe seines Geschlechts zu erinnern vermöchten. Sprecht selbst, Jasper, und sagt, ob es nicht so ist.«

»Ich zweifle, ob viele wie Mabel Dunham irgendwo gefunden werden können«, entgegnete der junge Mann artig und mit einem Blick voll ehrlicher Aufrichtigkeit, der mehr als seine Zunge ausdrückte. »Ihr braucht nicht die Seen und Wälder herauszufordern; ich möchte lieber die Städte und Ansiedlungen darum befragen.«

»Wir würden besser tun, die Kähne zu verlassen«, erwiderte Mabel hastig; »denn ich fühle, es ist nicht länger sicher hier.«

»Ihr könnt nicht fort von hier, in keinem Fall. Wir hätten einen Marsch von mehr als zwanzig Meilen vor uns, durch Dickicht und Sümpfe und noch obendrein in der Finsternis. Auch gäbe unsere Gesellschaft eine breite Fährte, und wir dürften allem nach unsern Weg in die Garnison erkämpfen müssen. Wir wollen auf den Mohikaner warten.«

Nach dieser Entscheidung des Mannes, von dem alle in der gegenwärtigen gefährlichen Lage Rat erwarteten, wurde nichts mehr über diesen Gegenstand gesprochen. Die Gesellschaft bildete nun Gruppen. Pfeilspitze und sein Weib saßen abgesondert unter dem Gebüsch und besprachen sich mit leiser Stimme, der Mann mit Ernst, das Weib mit der untertänigen Sanftmut, wie sie die herabgewürdigte Lage des Weibes eines Wilden bezeichnete. Pfadfinder und Cap hatten in einem der Kähne Platz genommen und schwatzten von ihren verschiedenen Abenteuern zu Wasser und zu Land, während Jasper und Mabel in dem andern saßen, wobei ihre Vertraulichkeiten in einer Stunde größere Fortschritte machte, als dies unter anderen Umständen vielleicht in einem Jahr der Fall gewesen wäre. Ungeachtet ihrer bedrängten Lage verging ihnen die Zeit schnell, und besonders die jungen Leute waren verwundert, als ihnen Cap sagte, wie lange sie sich in dieser Weise beschäftigt hätten.

»Wenn man rauchen könnte, Freund Pfadfinder, so möchte dieser Raum behaglich genug sein; denn um auch dem Teufel sein Recht widerfahren zu lassen, Ihr habt die Kähne hübsch eingebuchtet und in eine Reede gebracht, die dem Passatwind trotzen würde. Das einzige Unbequeme ist, daß man von seiner Pfeife soll keinen Gebrauch machen können.«

»Der Tabaksgeruch würde uns verraten, und welchen Vorteil hätten wir von allen gegen die Augen der Mingos gerichteten Vorsichtsmaßregeln, wenn ihnen ihre Nase sagte, wo unser Versteck zu finden ist? Nein, nein, unterdrückt Eure Begierden, unterdrückt sie und lernt eine Tugend von der Rothaut, die eine ganze Woche das Essen vergessen kann, um einen einzigen Skalp zu erbeuten. Hört Ihr nichts, Jasper?«

»Schlange kommt.«

»Dann laßt uns sehen, ob die Augen des Mohikaners besser sind als die eines gewissen Burschen, den sein Gewerbe aufs Wasser führt.«

Der Mohikaner folgte derselben Richtung, die Jasper eingeschlagen hatte, um sich mit seinen Freunden zu vereinen; aber statt geradeaus zu gehen, drückte er sich in der Windung des Flusses, die so verhinderte, daß er von höher gelegenen Punkten gesehen wurde, dicht an das Ufer und suchte mit der größten Sorgfalt eine Stellung in dem Gebüsch, die ihm den Rückblick gestattete, ohne daß man ihn bemerken konnte.

»Schlange sieht die Schufte!« flüsterte der Pfadfinder. »So wahr ich ein Christ und ein Weißer bin, sie haben angebissen und den Rauch umzingelt.«

Hier unterbrach ein herzliches, aber stilles Lachen seine Worte, indem er zugleich mit dem Ellenbogen Cap anstieß, und alle verfolgten mit gespannter Aufmerksamkeit die lautlosen Bewegungen Chingachgooks. Der Mohikaner blieb volle zehn Minuten so unbeweglich wie der Fels, an dem er stand; dann war ihm augenscheinlich ein Gegenstand von Interesse zu Gesicht gekommen, denn er ließ einen ängstlichen und scharfen Blick längs des Stromrandes hingleiten und bewegte sich schnell abwärts, wobei er Sorge trug, daß er seine Fährte dem seichten Wasser überließ. Er war sichtlich in großer Hast und Unruhe und blickte bald hinter sich, bald untersuchte sein Auge jede Stelle des Ufers, wo er sich die Kähne verborgen denken mochte.

»Ruft ihn herein«, flüsterte Jasper, kaum fähig, seine Ungeduld zurückzuhalten, »ruft ihn herein, ehe es zu spät ist. Seht, er kommt eben an uns vorbei.«

»Nicht doch, nicht doch, Junge; es drängt nicht«, entgegnete sein Gefährte, »sonst würde die Schlange zu kriechen anfangen. Der Herr helfe uns und lehre uns Weisheit! Aber ich glaube gar, daß uns Chingachgook übersieht, dessen Augen so zuverlässig sind wie der Geruch des Hundes, und uns nicht auffindet in dem künstlichen Gebüsch!«

Dieser Ausbruch war unzeitig, denn die Worte waren kaum ausgesprochen, als der Indianer, der bereits einige Fuß über das künstliche Versteck hinausgeschritten war, plötzlich anhielt, einen festen und scharfen Blick auf die Anpflanzung warf, schnell einige Schritte rückwärts machte, sich beugte und, nachdem er das Gebüsch vorsichtig auseinandergebogen hatte, unter der Gesellschaft erschien.

»Die verfluchten Mingos!« sagte Pfadfinder, sobald sein Freund nahe genug war, um ohne Gefahr angeredet werden zu können.

»Irokesen«, erwiderte kurz der Indianer.

»Gleichviel, gleichviel; Irokesen, Teufel, Mingos, Mengwes oder Furien – alles ist beinahe das nämliche. Ich nenne alle Schurken Mingos. Komm hierher, Häuptling, und laß uns vernünftig miteinander reden.« Beide begaben sich auf die Seite und besprachen sich ernsthaft in der Sprache der Delawaren. Als ihr Gespräch zu Ende war, trat Pfadfinder wieder zu den übrigen und teilte ihnen alles mit, was er eben erfahren hatte.

Der Mohikaner hatte die Spur ihrer Feinde eine Strecke weit gegen das Fort hin verfolgt, bis sie den Rauch von Jaspers Feuer zu Gesicht bekamen, worauf sie alsbald ihre Schritte anhielten. Da Chingachgook hierdurch in die größte Gefahr, entdeckt zu werden, geriet, so mußte er ein Versteck auffinden, wo er sich verbergen konnte, bis der Haufe vorüber war. Es war vielleicht ein Glück für ihn, daß die Wilden zu sehr auf diese neue Entdeckung achteten, um auf die Spuren im Walde ihre gewöhnliche Aufmerksamkeit zu verwenden. Kurz, sie eilten, fünfzehn an der Zahl, rasch an ihm vorüber, indem jeder in die Fußtapfen des anderen trat, und so wurde es dem Lauscher unmöglich gemacht, wieder in ihren Bereich zu gelangen. Als sie zu der Stelle gekommen waren, wo sich die Spuren des Pfadfinders und des Mohikaners mit ihrer eigenen Fährte vermischten, zogen sich die Irokesen gegen den Fluß hin und erreichten diesen, als Jasper gerade hinter der Biegung verschwunden war. Die Aussicht nach dem Rauch hin war nun frei, und die Wilden stürzten sich in die Wälder, um sich unbemerkt dem Feuer zu nähern. Chingachgook benützte diese Gelegenheit, um landab ins Wasser zu steigen und gleichfalls die Flußbiegung zu gewinnen, die ihn gegen Entdeckung schützen sollte.

Über die Beweggründe der Irokesen konnte der Mohikaner nur aus ihren Handlungen urteilen. Er vermutete, daß sie die List mit dem Feuer entdeckt und sich überzeugt hatten, es sei nur in der Absicht, sie irrezuleiten, angezündet worden; denn nach einer hastigen Untersuchung der Stelle hatten sie sich getrennt und einige davon sich in die Wälder begeben, indes sechs oder acht den Fußtritten Jaspers an dem Ufer hin folgten und stromabwärts zu der Stelle kamen, wo die Kähne gelandet hatten. Welchen Weg sie nun von dieser Stelle weiter gemacht, konnte nur vermutet werden, denn die Gefahr war zu drängend, als daß Schlange länger hätte zögern sollen, sich nach seinen Freunden umzusehen. Aus einigen Anzeichen, die er aus ihren Gebärden entnehmen konnte, hielt er es für wahrscheinlich, daß die Feinde am Rande des Flusses herunterkommen würden. Er konnte dies jedoch nicht mit Sicherheit behaupten.

Als der Pfadfinder diese Umstände seinen Gefährten mitgeteilt hatte, gewannen bei den zwei anderen weißen Männern die Gefühle ihres Berufes die Oberhand, und bei beiden entsprach die Behandlung der Frage über die Mittel des Entrinnens natürlich ihren Beschäftigungen.

»Laßt schnell die Kähne frei«, sagte Jasper lebhaft, »die Strömung ist stark, und wenn wir tüchtig rudern, werden wir bald aus dem Bereich dieser Schurken sein.«

»Und diese arme Blume, die kaum erst aufblühte in den Lichtungen – soll sie im Walde verwelken?« entgegnete sein Freund mit einer Poesie, die er unwillkürlich aus seinem langen Umgang mit den Delawaren geschöpft hatte.

»Wir müssen alle einmal sterben«, antwortete der Jüngling, indem ein kühnes Rot seine Wangen färbte; »Mabel und Pfeilspitzes Weib können sich in den Kähnen niederlegen, indes wir aufrecht, wie es Männern ziemt, unsere Pflicht erfüllen.«

»Ja, Ihr seid ein gewandter Ruderer, aber die Bosheit eines Mingo ist noch viel gewandter. Die Kähne sind schnell, aber eine Büchsenkugel ist schneller.«

»Da wir einem vertrauenden Vater unser Wort gegeben haben, so ist es Männerpflicht, uns dieser Gefahr zu unterziehen.«

»Aber es ist nicht unsere Pflicht, die Klugheit außer acht zu lassen.«

»Klugheit? Man kann seine Klugheit auch so weit treiben, den Mut darüber zu vergessen!«

Die Gruppe stand an dem nahen Ufer, Pfadfinder auf seine Büchse gelehnt, deren Schaft auf dem Kiesgrund ruhte, indes er den Lauf, der bis zu seinen Schultern reichte, mit beiden Händen umfaßte. Als Jasper diesen schweren und unverdienten Vorwurf ausstieß, blieb das tiefe Rot auf dem Gesicht seines Kameraden unverändert, obgleich der junge Mann bemerkte, daß seine Hände das Eisen des Gewehres mit der Festigkeit eines Schraubstockes umfaßten. Weiter verriet sich keine Bewegung.

»Ihr seid jung und heißköpfig«, erwiderte der Pfadfinder mit einer Würde, die die Zuhörer seine moralische Überlegenheit deutlich fühlen ließ, »aber mein Leben war eine Reihe von Gefahren wie diese, und meine Erfahrung und meine Gaben sind von der Art, daß sie nicht nötig haben, sich durch die Ungeduld eines Knaben meistern zu lassen. Was den Mut anlangt, Jasper, so will ich kein kränkendes, bedeutungsloses Wort einem ähnlichen entgegensetzen, denn ich weiß, daß Ihr treu auf Eurem Posten seid, so gut Ihr’s eben versteht; aber beachtet den Rat eines Mannes, der den Mingos schon ins Auge schaute, als Ihr noch ein Kind wart und der weiß, daß man ihre Schlauheit weit eher durch Klugheit umgeht, als durch Torheit überlistet.«

»Ich bitte Euch um Verzeihung, Pfadfinder«, sagte der reuige Jasper, indem er mit Feuer nach der Hand des anderen griff, die ihm dieser überließ, »ich bitte aufrichtig um Verzeihung. Es war töricht und schlecht von mir, einen Mann zu beschuldigen, von dem man weiß, daß sein Herz in einer guten Sache so fest ist wie die Felsen am Seeufer.«

Zum erstenmal vertiefte sich die Röte auf den Wangen des Pfadfinders, und die feierliche Würde, die er angenommen hatte, wich dem Ausdruck der ernsten Einfachheit, die alle seine Gefühle durchdrang. Er erwiderte den Händedruck seines jungen Freundes so herzlich, als ob keine Saite einen Mißton zwischen ihnen hätte laut werden lassen, und ein leichter Ernst, der noch seine Augen umfangen hielt, gab dem Ausdruck natürlicher Güte Raum.

»’s ist gut, Jasper, ’s ist gut«, antwortete er lachend. »Ich trage nichts nach, und mir soll auch niemand was nachtragen. Meine Natur ist die eines Weißen, und die hegt keinen Groll im Herzen. Es möchte übrigens ein kitzliges Werk gewesen sein, der Schlange da nur halb soviel zu sagen, obschon er ein Delaware ist; denn jede Farbe hat ihre Art.«

Eine Berührung seiner Schulter machte den Sprecher schweigen. Mabel stand aufrecht im Kahn, und ihre leichte, schwellende Gestalt beugte sich vorwärts in eine Stellung des anmutigsten Ernstes, während sie den Finger an die Lippen legte, mit abgewandtem Kopf ihre ausdrucksvollen Augen auf eine Öffnung im Gebüsch richtete und dabei mit dem Ende einer Fischerrute, die sie in dem ausgestreckten Arm hielt, den Pfadfinder berührte. Letzterer beugte seinen Kopf gegen eine Öffnung, der er absichtlich nahe geblieben war, und flüsterte dann Jasper zu –

»Die verfluchten Mingos! Greift zu euren Waffen, Männer, aber verhaltet euch so ruhig, wie die Stämme toter Bäume!«

Jasper eilte mit lautlosen Tritten zum Kahn und veranlaßte mit höflicher Gewalt Mabel, eine Stellung anzunehmen, durch die ihr ganzer Körper verborgen wurde, obschon es wahrscheinlich über seine Macht gegangen wäre, das Mädchen zu bewegen, ihren Kopf so niedrig zu halten, daß sie nicht noch einen Blick auf die Feinde hätte werfen können. Er stellte sich dann in ihre Nähe und brachte das gespannte Gewehr in Anschlag. Pfeilspitze und Chingachgook krochen zu dem Versteck und lauerten wie die Schlangen, mit bereitgehaltenen Waffen, während das Weib des ersteren den Kopf zwischen die Knie beugte, ihn mit ihrem Kattunkleide bedeckte und sich ganz ruhig und unbeweglich verhielt. Cap zog seine beiden Pistolen aus dem Gürtel, schien aber ganz verlegen zu sein, welchem Kurs er folgen solle. Der Pfadfinder stand bewegungslos. Er hatte gleich im Anfang eine Stellung eingenommen, die ihm gestattete, mit gutem Erfolg durch die Blätter zu zielen und die Bewegungen der Feinde zu überwachen. Er war zu standhaft, um sich durch diesen kritischen Moment aus der Fassung bringen zu lassen.

Es war in der Tat ein beängstigender Augenblick. Gerade, als Mabel die Schulter ihres Führers berührt hatte, zeigten sich drei Irokesen im Wasser an der Biegung des Flusses, etwa hundert Ellen von dem Versteck, und hielten an, um den Strom nach unten zu untersuchen. Sie waren nackt bis zum Gürtel, für einen Feldzug gegen ihre Feinde bewaffnet und mit ihren Kriegsfarben bemalt. Sie schienen über den Weg, den sie zur Verfolgung der Flüchtlinge einzuschlagen hätten, unentschieden zu sein; denn der eine deutete stromabwärts, der andere aufwärts und der dritte auf das entgegengesetzte Ufer. Ihre Zweifel waren sichtlich.

Sechsundzwanzigstes Kapitel

Sechsundzwanzigstes Kapitel

Männer, die an solch kriegerische Szenen gewöhnt sind, eignen sich gerade nicht besonders, auf dem Walplatz dem Einfluß zarterer Gefühle Raum zu geben. Trotzdem weilte aber während dieser Begebnisse mehr als ein Herz bei Mabel in dem Blockhaus, und das wichtige Geschäft der Mahlzeit wollte sogar dem kühnsten Krieger nicht besonders behagen, da man wußte, daß der Sergeant im Sterben lag.

Als Pfadfinder von dem Blockhaus zurückkehrte, traf er auf Muir, der ihn beiseite führte, um eine geheime Besprechung mit ihm zu halten. Das Benehmen des Quartiermeisters trug das Gepräge einer übergebührlichen Höflichkeit, die fast immer der Arglist als Hülle dient: Es ist das untrügliche Zeichen einer unredlichen Absicht, offene Handlungen ausgenommen – wenn ein Gesicht immer lächelt oder eine Zunge übermäßig glatt ist. Muir hatte im allgemeinen viel von diesem Ausdruck an sich, obschon sich einige scheinbare Freimütigkeit damit verband, die durch seine derbe schottische Stimme, seinen schottischen Akzent und seine schottische Ausdrucksweise auf eine eigentümliche Art gehoben wurde. Er verdankte nämlich seine Stellung auch nur einer lang an den Tag gelegten Ergebenheit gegen Lundie und seine Familie; denn wenn auch der Major zu scharfblickend war, um sich von einem Mann täuschen zu lassen, der so weit an wirklichen Kenntnissen und Talenten unter ihm stand, so liegt es doch in der Natur der meisten Menschen, dem Schmeichler freigebige Zugeständnisse zu machen, selbst wenn sie seiner Aufrichtigkeit mißtrauen und seine Beweggründe vollkommen durchschauen. Bei der gegenwärtigen Gelegenheit versuchten zwei Männer gegenseitig ihre Gewandtheit, die sich in den Grundzügen des Charakters so verschieden verhielten wie nur immer möglich. Pfadfinder war so einfach wie der Quartiermeister verschlagen, so aufrichtig wie der andere falsch, und so unbefangen wie der andere schleichend. Beide waren besonnen und berechnend, und beide mutig, obgleich in verschiedener Art und in verschiedenem Grade, da sich Muir nie einer persönlichen Gefahr aussetzte, wenn er nicht seine eigenen Zwecke dabei hatte, während Pfadfinder die Furcht unter die Vernunftschwächen zählte oder als ein Gefühl betrachtete, das nur zulässig sei, wenn etwas Gutes dabei herauskomme.

»Mein teuerster Freund«, begann Muir, »denn nach Eurem letzten Benehmen müßt Ihr uns allen siebenundsiebzigmal teurer sein, als Ihr uns je gewesen, da Ihr Euch in dieser kürzlichen Verhandlung so sehr hervorgetan habt – es ist zwar wahr, man wird Euch nicht zu einem Offizier machen, da diese Art von Bevorzugung nicht für Euren Stand paßt, und, wie ich vermute, auch nicht nach Eurem Wunsch ist; aber als Kundschafter, als Berater, als treuer Untertan und erfahrener Schütze hat Euer Ruf sozusagen seine Glanzhöhe erreicht. Ich zweifle, ob der Oberbefehlshaber so viel Ruhm von Amerika mit fortnehmen wird, wie auf Euren Teil kommt. Ihr könnt nun ruhig Euer Haupt niederlegen und Euch für den Rest Eurer Tage gütlich tun. Heiratet, Mann – ohne Verzug, und bereitet Euch das schönste Glück; denn Ihr habt keine Gelegenheit, Euch nach noch mehr Ruhm umzusehen. Nehmt um Himmels willen Mabel Dunham an Euer Herz, und Ihr habt beides, eine gute Braut und einen guten Namen.«

»Ei, Quartiermeister, das ist ja ein ganz nagelneuer Rat aus Ihrem Munde. Man hat mir gesagt, ich hätt‘ in Ihnen einen Nebenbuhler?«

»Den hattet Ihr, Mann, und zwar einen furchtbaren, kann ich Euch sagen – einen, der nie vergebens freite und doch fünfmal freite. Lundie reibt mir immer vier unter die Nase, und ich weise den Angriff zurück, aber er hat keine Ahnung davon, daß die Wahrheit sogar seine Arithmetik übersteigt. Ja, ja, Ihr hattet einen Nebenbuhler, Pfadfinder; das ist aber jetzt nicht mehr der Fall. Ich wünsche Euch alles Glück zu Euren Fortschritten bei Mabel, und wenn der wackere Sergeant am Leben bliebe, so könntet Ihr Euch noch obendrein sicher darauf verlassen, daß ich bei ihm ein gutes Wort für Euch einlegen würde.«

»Ich erkenne Ihre Freundschaft, Quartiermeister, obgleich ich Ihrer Fürsprache bei Sergeant Dunham, der mein langjähriger Freund ist, nicht bedarf. Ich glaube, wir dürfen die Sache als so sicher abgemacht betrachten, wie es nur immer in Kriegszeiten möglich ist; denn Mabel und ihr Vater stimmen ein, und das ganze Fünfundfünfzigste wird es nicht ändern können. Ach! der arme Vater wird es kaum erleben, seinen so lange gehegten Herzenswunsch erfüllt zu sehen.«

»Aber er hat den Trost, die Gewißheit mit in die Ewigkeit zu nehmen. Oh, es ist eine große Beruhigung für den scheidenden Geist, Pfadfinder, mit der Überzeugung zu sterben, daß die zurückbleibenden Lieben gut versorgt sind. Alle meine Frauen haben auf ihrem Sterbebett pflichtgemäß dieses Gefühl ausgesprochen.«

»Alle Ihre Frauen haben wahrscheinlich diesen Trost gefühlt, Quartiermeister.«

»Pfui, Mann! Ich hätte Euch nicht für einen solchen Schalk gehalten. Nun, Scherzworte bringen keinen Groll zwischen alte Freunde. Wenn ich Mabel nicht heiraten kann, so werdet Ihr mich doch nicht hindern wollen, sie zu achten und gut von ihr zu sprechen, und von Euch dazu, bei jeder tunlichen Gelegenheit und in allen Gesellschaften. Aber Pfadfinder, Ihr werdet wohl einsehen, daß ein armer Teufel, der eine solche Braut verliert, wahrscheinlich auch einiges Trostes bedarf?«

»Sehr wahrscheinlich, sehr wahrscheinlich, Quartiermeister«, erwiderte der einfache Kundschafter. »Ich weiß, daß es mir selber äußerst schwer fiele, Mabels Verlust zu ertragen. Es mag wohl drückend auf Ihren Gefühlen lasten, uns verheiratet zu sehen. Aber der Tod des Sergeanten wird die Sache wahrscheinlich hinausschieben, und Sie haben dann Zeit, sich männlich drein zu finden.«

»Ich will dieses Gefühl bekämpfen, ja ich will’s bekämpfen, obgleich mir das Herz dabei bricht; und Ihr könnt mir an die Hand gehen, Mann, wenn Ihr mir was zu tun gebt. Ihr begreift, daß es mit dieser Expedition eine eigentümliche Bewandtnis hat, denn ich bin hier, obgleich ein Offizier des Königs, sozusagen nur ein Freiwilliger, während eine bloße Ordonnanz das Kommando geführt hat. Ich habe mich aus verschiedenen Gründen drein gefügt, obschon ich mit heißem Verlangen auf diesen Auftrag gehofft habe, während ihr als kühne Streiter für die Ehre des Landes und die Rechte des Königs –«

»Quartiermeister«, unterbrach ihn Pfadfinder, »Sie fielen zu früh in die Hände des Feindes, so daß Sie in diesem Betracht Ihr Gewissen leicht beruhigen können. Lassen Sie sich also raten und sprechen Sie nichts mehr davon.«

»Das ist grade auch meine Meinung, Pfadfinder; wir wollen alle nichts mehr davon reden. Sergeant Dunham ist hors de combat

»Wie?« sagte der Pfadfinder. »Nun, der Sergeant kann nicht mehr kommandieren, und es würde kaum angehen, einen Korporal an die Spitze einer siegreichen Partei wie diese zu stellen; denn Blumen, die in einem Garten blühen, sterben auf einer Heide, und ich dachte eben daran, den Anspruch an diese Ehre für einen Mann, der Seiner Majestät Patent als Leutnant hat, geltend zu machen. Was die Mannschaft anbelangt, so darf diese keinen Einwurf dagegen erheben, und was Euch betrifft, mein teurer Freund – Ihr habt schon so viel Ruhm geerntet, habt obendrein Mabel und das Bewußtsein, Eure Pflicht getan zu haben, was noch das kostbarste von allem ist; ich hoffe daher, daß ich eher in Euch einen Verbündeten als einen Gegner meines Planes finden werde.«

»Was den Befehl über die Soldaten des Fünfundfünfzigsten betrifft, Leutnant, so glaub‘ ich, daß Sie ein Recht daran haben, und niemand hier wird was dagegen einwenden. Zwar sind Sie ein Kriegsgefangener gewesen, und manche könnten es vielleicht nicht ertragen, einen Gefangenen an ihrer Spitze zu haben, der durch ihre Taten befreit worden ist; doch hier wird sich wahrscheinlich niemand Ihren Wünschen entgegenstellen.«

»Das ist’s gerade, Pfadfinder; und wenn ich den Bericht von unserem Sieg über die Boote, die Verteidigung des Blockhauses und die Hauptoperationen, mit Einschluß der Kapitulation, abfassen werde, so sollt Ihr finden, daß ich Eure Ansprüche und Verdienste nicht übergangen habe.«

»Still von meinen Ansprüchen und Verdiensten, Quartiermeister! Lundie weiß, was ich im Wald und was ich in einem Fort bin, und der General weiß es noch besser als er. Kümmern Sie sich nicht um mich, und erzählen Sie Ihre Geschichte; nur lassen Sie dabei Mabels Vater Gerechtigkeit widerfahren, der in einem Sinne noch gegenwärtig der kommandierende Offizier ist.«

Muir drückte seine vollkommene Zufriedenheit mit dieser Verhandlung und seinen Entschluß aus, allen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen; dann gingen beide wieder zu der an dem Feuer versammelten Gruppe zurück. Hier begann der Quartiermeister das erstemal, seit er Oswego verlassen hatte, einigermaßen seine Ansprüche auf die Würde geltend zu machen, die eigentlich seinem Range zu gebühren schien. Er nahm den am Leben gebliebenen Korporal beiseite und erklärte ihm unumwunden, daß er ihn für die Zukunft als einen Offizier im aktiven Dienst betrachten müsse, und diese Veränderung im Stande der Dinge seinen Untergebenen mitteilen solle. Dieser Dynastienwechsel wurde ohne die gewöhnlichen revolutionären Erscheinungen bewerkstelligt; denn da alle des Leutnants gesetzliche Ansprüche an das Kommando kannten, so fühlte sich niemand geneigt, seinen Befehlen zu widersprechen. Lundie und der Quartiermeister hatten ursprünglich aus Gründen, die ihnen selbst am besten bekannt waren, eine andere Verfügung getroffen, und jetzt betrachtete es Muir aus eigenen Gründen für zweckmäßig, davon abzugehen. Dies mußte den Soldaten genügen, obgleich die tödliche Verwundung des Sergeanten Dunham den Umstand hinreichend erklärt haben würde, wenn er einer Erklärung bedurft hätte.

Diese ganze Zeit über beschäftigte sich Kapitän Sanglier nur mit seinem Frühstück und zeigte dabei die Ergebung des Philosophen, die Ruhe eines alten Soldaten, die Freimütigkeit und Kenntnisse eines Franzosen und die Gefräßigkeit eines Straußes. Dieser Mann befand sich schon an dreißig Jahre in den Kolonien und hatte Frankreich in ungefähr derselben Stellung bei der Armee verlassen, die Muir bei dem Fünfundfünfzigsten einnahm. Eine eiserne Körperbeschaffenheit, vollkommene Abstumpfung der Gefühle, eine gewisse Gewandtheit, mit den Wilden umzugehen, und ein unbeugsamer Mut hatten ihn früh dem Oberbefehlshaber als einen Mann bezeichnet, der sich als ein geschickter Leiter der militärischen Operationen unter den alliierten Indianern verwenden ließ. In dieser Eigenschaft hatte er sich den Titel eines Kapitäns erworben, und mit dieser Rangeserhöhung sich zugleich einen Teil der Sitten und Ansichten seiner Verbündeten mit jener Leichtigkeit und Gefügigkeit angeeignet, die in diesem Teil der Welt als Eigentümlichkeiten seiner Landsleute betrachtet werden. Er hatte oft die Indianerhorden in ihren Raubzügen angeführt, er entwarf Unternehmungen, deren Wichtigkeit und Folgen die gewöhnliche Politik der Indianer weit überragten, und schritt dann ein, um die selbstgeschaffenen Übel zu mindern. Kurz, er war ein Abenteurer, den die Umstände in eine Lage geworfen hatten, wo sich die rauhen Eigenschaften von Leuten seiner Klasse im Guten wie im Schlimmen entwickeln konnten; und er war nicht der Mann, das Glück durch unzeitige Gewissenhaftigkeit, etwa die Folge früherer Eindrücke – zu verscherzen oder mit dieser Gunst zu spielen, indem er unnötigerweise durch mutwillige Grausamkeit seinen Groll herausforderte. Doch da sein Name unvermeidlich mit vielen von seinen Horden begangenen Ausschweifungen und Überschreitungen in Verbindung gebracht wurde, so betrachtete man ihn allgemein in den amerikanischen Provinzen als einen Elenden, der seine Lust am Blutvergießen habe und sein größtes Glück in den Qualen der Hilflosen und Unschuldigen finde; und der Name Sanglier, was Eber bedeutet und den er sich beigelegt hatte, oder Kieselherz, wie man ihn gewöhnlich an den Grenzen nannte, war den Weibern und Kindern dieser Gegend furchtbar geworden.

Das Zusammentreffen zwischen Pfadfinder und Sanglier fand bei dem Feuer statt, und beide Teile betrachteten sich eine Weile, ohne zu sprechen. Jeder fühlte, daß er in dem anderen einen furchtbaren Feind hatte, und daß ein großer Unterschied zwischen ihren Charakteren und Interessen obwaltete, obschon sie sich gegenseitig mit der männlichen Freimütigkeit von Kriegern behandeln mußten. Der eine diente um Geld und Beförderung, der andere, weil ihn sein Schicksal in die Wälder geschleudert hatte und weil sein Geburtsland seines Armes und seiner Erfahrung bedurfte. Der Wunsch, sich über seine gegenwärtige Lage zu erheben, trübte Pfadfinders Ruhe nicht; auch hatte er nie einen ehrgeizigen Gedanken im gewöhnlichen Sinne des Wortes gehegt, bis er mit Mabel bekannt wurde. Seit dieser Zeit aber hatten ihn allerdings sein geringes Selbstvertrauen, Verehrung für seine Geliebte und der Wunsch, ihr eine bessere Stellung zu verschaffen, manche unbehagliche Augenblicke gemacht; doch die Geradheit und Einfachheit seines Charakters gewährte ihm bald die erforderliche Beruhigung, und er begann zu fühlen, daß die Frau, die keinen Anstand nahm, ihn zum Gatten zu wählen, auch kein Bedenken tragen würde, sein Los, so gering es auch sein mochte, zu teilen. Er achtete Sanglier als einen tapferen Krieger und besaß viel zuviel von jener Freisinnigkeit, die das Ergebnis durch Erfahrung erworbenen Wissens ist, um nur die Hälfte von dem zu glauben, was er zum Nachteil seines Gegners gehört hatte; denn gewöhnlich sind die, die am wenigsten von einer Sache verstehen, die befangensten und unduldsamsten Beurteiler davon. Doch konnte er die Selbstsucht des Franzosen, seine kaltblütigen Berechnungen und die Beweise nicht billigen, mit der er seine »weißen Gaben« vergessen und sich die rein »roten« angeeignet hatte. Auf der anderen Seite war Pfadfinder dem Kapitän Sanglier ein Rätsel, da letzterer die Beweggründe des anderen nicht zu begreifen vermochte.

Er hatte oft von der Geradheit, Gerechtigkeit und Wahrheitsliebe des Kundschafters gehört, und diese hatten ihn schon zu großen Irrtümern verleitet, nach demselben Grundsatz, nach dem ein freimütiger und offener Diplomat sein Geheimnis weit besser bewahren soll als der listige und verschlossene.

Als sich die beiden Helden auf die erwähnte Weise betrachtet hatten, berührte Monsieur Sanglier seine Mütze, denn das wilde Grenzleben hatte die feineren Sitten seiner Jugend und den Anstrich von Bonhomie, die den Franzosen angeboren scheint, nicht ganz zerstört.

»Monsieur, le Pfadfinder«, sagte er mit sehr entschiedenem Ton, obgleich mit freundlichem Lächeln; »un militaire ehren le courage et la loyauté. Sie sprechen Irokesisch?«

»Ja, ich verstehe die Sprache dieses elenden Gezüchtes und kann damit fortkommen, wenn sich eine Gelegenheit dazu bietet«, erwiderte der wahrheitliebende Kundschafter, »obgleich mir weder die Sprache noch der Stamm behagt. Wo Sie immer auf Mingoblut stoßen, Meister Kieselherz, finden Sie einen Schurken. Nun, ich habe Sie oft gesehen, zwar nur in der Schlacht, aber ich muß gestehen – immer im Vordertreffen. Sie müssen die meisten unserer Kugeln aus eigener Anschauung kennen?«

»Nie, Herr, Ihre eigene; une balle aus Ihrer verehrten Hand sein sicherer Tod. Sie töten wird meine beste Krieger auf einer Insel.«

»Das kann sein, das kann sein; obgleich ich sagen darf, daß sie sich, wenn man’s genauer betrachtet, als die größten Schurken ausweisen werden. Nehmen Sie mir’s nicht übel, Herr Kieselherz, Sie halten sich zu einer verzweifelt schlechten Gesellschaft.«

»Ja, Herr«, antwortete der Franzose, der etwas Artiges erwidern wollte, und da er den anderen nur schwer verstehen konnte, seine Worte für ein Kompliment gehalten hatte; »Sie sein zu gütig. Aber un brave immer comme ça. Was das bedeuten? ha! was dies jeune homme tun?«

Die Hand und das Auge Kapitän Sangliers leitete den Blick Pfadfinders auf die entgegengesetzte Seite des Feuers, wo Jasper in diesem Augenblick von zwei Soldaten gepackt wurde, die ihm auf Muirs Befehl die Hände banden.

»Was soll das heißen, he?« rief der Kundschafter, indem er vorwärts eilte und die zwei Untergebenen mit unwiderstehlicher Muskelkraft zurückdrückte. »Wer wagt es, so mit Jasper umzugehen? Und wer erkühnt sich, das vor meinen Augen zu tun?«

»Es geschieht auf meinen Befehl, Pfadfinder«, antwortete der Quartiermeister; »und ich werde es verantworten. Ihr werdet Euch doch nicht herausnehmen, die Gesetzlichkeit der Befehle, die ein königlicher Offizier des Königs Soldaten gibt, zu bestreiten?«

»Ich bestreite die Worte des Königs, wenn ich sie aus seinem eigenen Mund habe, sobald sie behaupten, daß Jasper eine solche Behandlung verdiene. Hat nicht der Junge eben die Skalpe von uns allen gerettet? Und uns zum Sieg verholfen? Nein, nein, Leutnant; wenn das der erste Gebrauch ist, den Sie von Ihrem Ansehen machen wollen, so werd‘ ich mich ein für allemal dagegen stemmen.« »Das riecht ein wenig nach Insubordination«, antwortete Muir; »aber wir lassen uns viel von Pfadfinder gefallen. Es ist wahr, daß uns Jasper in dieser Angelegenheit zu dienen schien; wir dürfen aber die Vergangenheit nicht außer acht lassen. Hat ihn nicht Major Duncan selbst dem Sergeanten Dunham als verdächtig bezeichnet, ehe wir die Garnison verließen? Haben wir nicht genug mit unseren eigenen Augen gesehen, um überzeugt sein zu dürfen, daß wir verraten wurden? Und ist es nicht natürlich und fast notwendig, diesen jungen Menschen für den Verräter zu halten? Ach, Pfadfinder, Ihr werdet nie ein großer Staatsmann oder ein großer Feldherr werden, wenn Ihr so sehr dem Schein vertraut. Du lieber Himmel! Die Heuchelei ist ein noch gewöhnlicheres Laster als der Neid, der doch der Krebsschaden der menschlichen Natur ist.«

Kapitän Sanglier zuckte die Achsel; dann blickte er ernst von Jasper auf den Quartiermeister und von dem Quartiermeister wieder auf Jasper zurück.

»Ich bekümmere mich wenig um Ihren Neid oder Ihre Heuchelei oder um Ihre ganze menschliche Natur«, erwiderte Pfadfinder. »Jasper Eau-douce ist mein Freund, Jasper Eau-douce ist ein mutiger Bursche, ein ehrlicher Bursche, ein loyaler Bursche, und niemand vom Fünfundfünfzigsten soll Hand an ihn legen, solang ich’s verhindern kann – es sei denn auf Lundies eigenen Befehl. Sie mögen meinetwegen Macht über Ihre Soldaten haben, aber Sie haben keine über Jasper oder mich, Herr Muir.«

»Bon!« rief Sanglier in einem Ton, an dessen Energie die Kehle und die Nase in gleicher Weise teilnahm.

»Wollt Ihr der Vernunft kein Gehör geben, Pfadfinder? Bedenkt doch unsere Vermutungen und unseren Argwohn; auch hab‘ ich noch ein weiteres Indiz bereit, das alle anderen vermehrt und erschwert. Betrachtet einmal dieses Stückchen Segeltuch; dieses fand Mabel Dunham – und noch obendrein an einem Baumast auf unserer Insel, kaum eine Stunde, ehe der Feind seinen Angriff machte. Wenn Ihr Euch nun die Mühe nehmen wollt, die Länge des Scudwimpels zu betrachten, so werdet Ihr selbst sagen müssen, daß dieser Streifen davon abgeschnitten ist. Ein umständlicherer, augenscheinlicherer Beweis ist nie geliefert worden.«

»Ma foi c’est un peu trop, ceci«, murmelte Sanglier zwischen den Zähnen.

»Was schwatzen Sie mir da von Wimpeln und Signalen, wenn ich das Herz kenne!« fuhr Pfadfinder fort. »Jasper hat die Gabe der Ehrlichkeit, und die ist zu selten, um damit sein Spiel treiben zu dürfen, wie mit dem Gewissen eines Mingos. Nein, nein; die Hände weg, oder wir werden sehen, wer sich am wackersten im Kampf hält – Sie und Ihre Leute vom Fünfundfünfzigsten oder Chingachgook hier, der Wildtod und Jasper mit seinen Bootsleuten. Leutnant Muir, Sie überschätzen Ihre Macht ebensosehr, wie Sie Jaspers Treue zu gering achten.«

»Très-bon!«

»Nun, wenn ich offen sprechen muß, Pfadfinder, so muß ich’s eben tun. Kapitän Sanglier hier und der brave Tuscarora da haben mir mitgeteilt, daß dieser unglückselige Jüngling der Verräter ist. Nach einem solchen Zeugnis könnt Ihr mein Recht, ihn zu bestrafen, ebensowenig länger bestreiten wie die Notwendigkeit dieser Handlung.«

»Scélérat«, brummte der Franzose.

»Kapitän Sanglier ist ein wackerer Soldat und wird nichts gegen das Benehmen eines ehrlichen Schiffers zu sagen wissen«, warf Jasper ein. »Ist ein Verräter hier, Kapitän Kieselherz?«

»Ja«, fügte Muir bei, »er soll sich aussprechen, da Ihr selbst wünscht, unglücklicher Jüngling, daß die Wahrheit bekannt werde; und ich kann Euch nur wünschen, daß Ihr mit dem Leben davonkommen möchtet, wenn ein Kriegsgericht über Euer Verbrechen aburteilt. Wie ist es, Kapitän? Sehen Sie einen Verräter unter uns oder nicht?«

»Oui – ja, Herr – bien sûre!«

»Zuviel lügen!« rief Pfeilspitze mit einer Donnerstimme, indem er in hastiger Bewegung mit seinem Handrücken Muirs Brust berührte. »Wo meine Krieger? – Wo Yengeese Skalp? Zuviel lügen!«

Es fehlte Muir weder an persönlichem Mut noch an einem gewissen persönlichen Ehrgefühl. Er nahm die Berührung des Tuscarora, die nur die unwillkürliche Folge einer raschen Gebärde war, irrigerweise für einen Schlag: Denn das Gewissen erwachte in ihm plötzlich, und mit einem Schritt zurück streckte er die Hand nach einem Gewehr aus. Sein Gesicht war bleich vor Wut, und seine Züge drückten die volle Absicht seines Innern aus. Aber Pfeilspitze war schneller als er. Der Tuscarora warf einen wilden Blick um sich, griff dann in seinen Gürtel, zog ein verborgenes Messer daraus hervor und hatte es in einem Augenblick bis ans Heft in dem Körper des Quartiermeisters begraben. Sanglier nahm, als Muir zu seinen Füßen niederstürzte und ihm mit dem stieren Blicke des überraschten Todes ins Gesicht starrte, eine Prise Schnupftabak und sagte mit ruhiger Stimme:

»Voilà l’affaire finie; mais«, er zuckte die Achsel, »ce n’est qu’un scélérat de moins.«

Die Tat war zu rasch geschehen, um verhindert werden zu können, und als Pfeilspitze mit einem gellenden Schrei in das Gebüsch enteilte, waren die Weißen zu bestürzt, um ihm zu folgen. Nur Chingachgook war gefaßter, und die Büsche hatten sich kaum hinter dem Körper des Tuscarora geschlossen, als der des Delawaren ihm in rascher Verfolgung nachrauschte.

Jasper sprach geläufig Französisch, und die Worte wie das Benehmen Sangliers waren ihm daher aufgefallen.

»Sprechen Sie, Monsieur«, sagte er englisch, »bin ich ein Verräter?«

»Le voilà«, antwortete der kaltblütige Franzose, »das is unser éspion – unser Agent – unser Freund – ma – foi – c’était un grand scélérat voici.«

Bei diesen Worten beugte sich Sanglier über den toten Körper und griff mit der Hand in die Tasche des Quartiermeisters, aus der er eine Börse zog. Als er den Inhalt auf die Erde leerte, rollten mehrere Doppel-Louisdors gegen die Soldaten hin, die nicht säumten, sie aufzulesen. Dann warf der Glücksritter die Börse verächtlich weg, wendete sich zu der Suppe, die er mit so großer Sorgfalt bereitet hatte, und da er sie nach seinem Geschmack fand, so begann er sein Frühstück mit einer Gleichgültigkeit, um die ihn der stoischste indianische Krieger hätte beneiden können.

Siebenundzwanzigstes Kapitel

Siebenundzwanzigstes Kapitel

Während der Körper des Quartiermeisters in den Händen der Soldaten war, die ihn anständig beiseite brachten und mit einem Mantel bedeckten, nahm Chingachgook schweigend wieder seinen Platz am Feuer ein, und Sanglier und Pfadfinder bemerkten, daß ein frischer, noch blutender Skalp an seinem Gürtel hing. Niemand tat eine Frage, und der erstere, obwohl er vollkommen überzeugt war, daß Pfeilspitze gefallen sei, zeigte keine Spur von Neugier oder Teilnahme. Er aß ruhig seine Suppe fort, als ob sich nichts Ungewöhnliches während der Mahlzeit ereignet hätte. In all diesem lag etwas von dem Stolz und der angenommenen Gleichgültigkeit, darin er die Indianer nachahmte; doch mochte es noch mehr das Ergebnis eines sturmvollen Lebens, gewohnter Selbstbeherrschung und der Härte seines Gemütes sein. Pfadfinder fühlte etwas anderes bei der Sache, obgleich er sich im äußeren fast ebenso benahm. Er liebte Muir nicht, da dessen glatte Höflichkeit wenig mit seinem eigenen freimütigen und edlen Wesen im Einklang stand; aber sein unerwarteter und gewaltsamer Tod hatte ihn, obgleich er an ähnliche Szenen gewöhnt war, ergriffen, und das Offenbarwerden seines Verrates mußte ihn überraschen. Um sich über die Ausdehnung dieses Verrates Gewißheit zu verschaffen, begann er, sobald die Leiche entfernt war, den Kapitän über die Sache auszuforschen, und da dieser nach dem Tode seines Agenten keinen besonderen Grund hatte, sie geheimzuhalten, so enthüllte er während des Frühstücks folgendes:

Bald nach dem Aufzug des Fünfundfünfzigsten an der Grenze hatte Muir freiwillig dem Feinde seine Dienste angeboten. In seinen Anträgen rühmte er sich der Freundschaft mit Lundie, die ihm Mittel böte, ungewöhnlich genaue und wichtige Mitteilungen zu machen. Seine Bedingungen wurden angenommen; Monsieur Sanglier hielt in der Nähe des Forts Oswego mehrere Zusammenkünfte mit ihm und brachte einmal eine ganze Nacht verborgen in der Garnison zu. Pfeilspitze war der gewöhnliche Zwischenträger; der anonyme Brief an Major Duncan wurde von Muir aufgesetzt, nach Frontenac geschickt, abgeschrieben und durch den Tuscarora zurückgebracht, der eben von dieser Sendung zurückkehrte, als ihn der Scud abfing. Jasper sollte geopfert werden, um den Verrat des Quartiermeisters zu verhüllen und allen Verdacht zu beseitigen, daß durch ihn die Mitteilung der Lage der Insel an den Feind geschehen sei. Eine außerordentliche Belohnung, die in seiner Börse gefunden wurde, hatte ihn veranlaßt, Sergeant Dunhams Zug zu begleiten, um die Signale zum Angriff geben zu können. Die Vorliebe Muirs für das andere Geschlecht war eine natürliche Schwäche, und er würde Mabel ebensogut wie irgendeine andere geheiratet haben, die sich geneigt gezeigt hätte, seine Hand anzunehmen; aber seine Bewunderung gegen sie war großenteils geheuchelt, um einen Vorwand zur Teilnahme an dem Zug zu haben, ohne sich bei dem Mißlingen einer Verantwortlichkeit auszusetzen oder Gefahr zu laufen, daß ihm die Begleitung wegen fehlender gewichtiger und hinreichender Gründe abgeschlagen würde. Hiervon war vieles, namentlich der mit Mabel in Verbindung stehende Teil, dem Kapitän Sanglier bekannt, und er ermangelte nicht, seine Zuhörer in das ganze Geheimnis einzuweihen, wobei er oft in seiner sarkastischen Weise lachte, als er die verschiedenen Kunstgriffe des unglücklichen Quartiermeisters enthüllte.

»Touchez-là«, sagte der kaltblütige Parteigänger und hielt, als er mit seinen Erläuterungen zu Ende war, dem Pfadfinder seine sehnige Hand entgegen. »Sie seien honête, und das ist beaucoup. Wir nehmen den Spion, wie wir nehmen la médecine, für gut, mais je le déteste! touchez-là!«

»Ich nehme Ihre Hand, Kapitän, ja; denn Sie sind ein gesetzmäßiger, natürlicher Feind«, erwiderte Pfadfinder, »und ein mannhafter obendrein; aber der Körper des Quartiermeisters soll nie den englischen Boden entehren. Ich hatte im Sinn, ihn zu Lundie zurückzuführen, damit dieser seine Dudelsäcke über ihn pfeifen lasse; aber er soll nun hier liegen an dem Ort, wo er seine Schurkerei geübt, und sein Verrat sei sein Grabstein. Kapitän Kieselherz, ich will glauben, daß die Gemeinschaft mit Verrätern zu den regelmäßigen Dienstpflichten eines Soldaten gehört; aber ich sag‘ Ihnen ehrlich, daß sie mir nicht gefällt und daß es mir lieber ist, Sie haben diese Sache auf Ihrem Gewissen als ich. Welch ein arger Sünder! Solch schamlosen Verrat zu spinnen, rechts und links, gegen Vaterland, Freunde und Gott! Jasper, Junge, ein Wort beiseite, nur eine Minute –«

Pfadfinder führte den Jüngling auf die Seite, und indem er ihm, mit Tränen in den Augen, die Hand drückte, fuhr er fort:

»Ihr kennt mich, Eau-douce, und ich kenne Euch; diese Neuigkeiten haben meine Meinung von Euch nicht im mindesten geändert. Ich hab‘ ihrem Gerede nie Glauben geschenkt, obgleich es, ich geb’s zu, eine Minute bedenklich genug aussah; ja es sah bedenklich aus und machte auch mich bedenklich. Aber ich hatte keinen Augenblick Argwohn gegen Euch, denn ich weiß, daß Eure Gaben nicht auf diesem Wege liegen, obschon ich zugestehen muß, daß ich so was nicht hinter dem Quartiermeister gesucht hätte.«

»Und er war sogar ein Offizier seiner Majestät, Pfadfinder!«

»Es ist nicht sowohl deswegen, Jasper Western, es ist nicht gerade das. Bestallung hin, Bestallung her; er war von Gott bestallt, recht zu handeln und mit seinen Mitgeschöpfen ehrlich zu Werk zu gehen, und er hat sich schrecklich gegen diese Pflicht verfehlt.«

»Und dann noch seine vorgebliche Liebe zu Mabel, für die er auch nicht das mindeste fühlte!«

»Gewiß, das war schlecht; der Kerl muß Mingoblut in seinen Adern gehabt haben. Ein Mensch, der gegen ein Weib unredlich ist, kann nur ein Mischling sein, Junge; denn der Herr hat sie hilflos geschaffen, damit wir ihre Liebe durch Güte und Dienstleistungen gewinnen mögen. Da liegt der arme Mann, der Sergeant, auf seinem Sterbebett; und er hat mich mit seiner Tochter verlobt, und Mabel, das liebe Kind, hat ihre Zustimmung gegeben. Dies läßt mich nun fühlen, daß ich auf die Wohlfahrt zweier zu denken, für zwei Naturen zu sorgen und zwei Herzen zu erfreuen habe. Ach, Jasper, es kommt mir bisweilen vor, ich sei nicht gut genug für dieses süße Geschöpf!«

Eau-douce schnappte nach Luft, als er zum erstenmal diese Nachricht vernahm, und obgleich es ihm gelang, einige äußere Zeichen seines Seelenkampfes zu verbergen, so überflog doch seine Wangen die Blässe des Todes. Er faßte sich aber und antwortete nicht nur mit Festigkeit, sondern sogar mit Kraft:

»Sagt nicht so, Pfadfinder; Ihr seid gut genug für eine Königin.«

»Ja, ja, Junge – nach Euern Begriffen von meinen Vorzügen; das heißt, ich kann einen Hirsch töten oder im Notfall auch einen Mingo so gut wie irgendeiner an der Grenze, oder ich kann einen Waldpfad mit sicherem Auge verfolgen und in den Sternen lesen, wenn andere das nicht vermögen. Kein Zweifel, kein Zweifel, Mabel wird Wildbret und Fische genug haben; aber wird sie nicht Kenntnisse, Ideen und eine angenehme Unterhaltung vermissen, wenn sich das Leben ein wenig langweilig hinschleppt und jeder von uns sich in seinem wahren Wert zu zeigen beginnt?«

»Wenn Ihr Euern Wert zeigt, Pfadfinder, so muß die größte Dame im Land mit Euch glücklich werden. In dieser Beziehung habt Ihr keinen Grund, besorgt zu sein.«

»Nun, Jasper, ich glaube, daß es Euch Ernst ist – nein, ich weiß es; denn es ist natürlich und der Freundschaft gemäß, daß man die Geliebte in einem allzu günstigen Licht betrachtet. Ja, ja, wenn ich Euch heiraten sollte, Junge, so würd‘ ich mir keine Sorge machen, günstig beurteilt zu werden, denn Ihr habt Euch immer geneigt gezeigt, mich und meine Handlungen mit wohlwollenden Blicken zu betrachten. Aber ein junges Mädchen muß im Grunde doch wünschen, einen Mann zu kriegen, der ihrem eigenen Alter und ihrer Denkweise nähersteht als einer, der seinen Jahren nach ihr Vater sein könnte und ungeschliffen genug ist, um ihr Furcht einzujagen. Es nimmt mich wunder, Jasper, daß Mabel nicht lieber ein Auge auf Euch geworfen hat, statt mir ihre Neigung zuzuwenden.«

»Ein Auge auf mich werfen, Pfadfinder?« erwiderte der junge Mann, indem er die Bewegung in seiner Stimme zu verbergen suchte. »Was könnte an mir wohl einem Mädchen wie Mabel Dunham gefallen? Ich habe alle die Mängel, die Ihr an Euch selbst findet, und nichts von den Vorzügen, die Euch sogar die Achtung von Generalen gewonnen haben.«

»Nun, es ist alles Zufall, sage man, was man wolle. Ich hab‘ ein Frauenzimmer nach dem andern durch die Wälder geführt und mit ihnen in der Garnison verkehrt, ohne gegen irgendeine Zuneigung zu empfinden, bis ich Mabel Dunham sah. Es ist wahr, der arme Sergeant hat zuerst meine Gedanken auf seine Tochter gelenkt, aber als wir ein bißchen bekannt wurden, bedurfte es nicht vieler Worte, um mich Tag und Nacht an sie denken zu machen. Ich bin zähe, Jasper, ich bin sehr zähe und entschlossen genug, wie ihr alle wißt, und doch glaub‘ ich, es würde mich erdrücken, wenn ich jetzt Mabel Dunham verlieren müßte.«

»Wir wollen nicht mehr davon reden, Pfadfinder«, sagte Jasper, indem er den Händedruck seines Freundes erwiderte und sich wieder dem Feuer zukehrte, obgleich es nur langsam und in der Weise eines Menschen geschah, dem es gleichgültig ist, wohin er geht; – »wir wollen nicht mehr davon reden. Ihr seid Mabels, und Mabel ist Eurer würdig – Ihr liebt Mabel, und Mabel liebt Euch – Ihr Vater hat Euch zu ihrem Gatten bestimmt, und niemand hat das Recht, sich darein zu legen. Was aber den Quartiermeister anbelangt, so war seine geheuchelte Liebe gegen Mabel ein noch weit schlechterer Streich als sein Verrat gegen den König.«

Mittlerweile waren sie dem Feuer so nahe gekommen, daß es nötig wurde, den Gegenstand der Unterhaltung zu wechseln. Zum Glück erschien in diesem Augenblick Cap, der in dem Blockhaus seinem sterbenden Schwager Gesellschaft geleistet und von den Vorgängen seit der Kapitulation nichts erfahren hatte, mit ernstem und traurigen Blick unter der Gesellschaft. Ein großer Teil jenes absprechenden Wesens, das selbst seinem gewöhnlichen Benehmen den Anschein gab, als ob er alles um sich her verachte, war verschwunden, und sein Äußeres erschien gedankenvoll, wenn nicht gedrückt.

»Der Tod, meine Herren«, begann er, als er nahe genug gekommen war, »ist, von der besten Seite betrachtet, ein trauriges Ding. Da ist nun Sergeant Dunham – ohne Zweifel ein sehr guter Soldat im Begriff, sein Kabel laufen zu lassen, und doch hält er sich an dem besseren Ende fest, als ob er entschlossen sei, es für immer in der Klüse zurückzuhalten – und das nur aus Liebe zu seiner Tochter, wie mir scheint. Was mich anbelangt, so wünsch‘ ich stets, wenn ein Freund in die Notwendigkeit versetzt wird, eine lange Reise anzutreten, daß er gut und glücklich fortkommt.«

»Ihr werdet doch den Sergeanten nicht vor seiner Zeit unter der Erde haben wollen?« antwortete Pfadfinder vorwurfsvoll. »Das Leben ist süß, auch für den Betagten, und ich hab‘ in dieser Hinsicht Leute gekannt, denen es am teuersten zu sein schien, wo es gerade am wenigsten Wert hatte.«

Nichts war Caps Gedanken ferner gewesen als der Wunsch, seines Schwagers Ende beschleunigt zu sehen. Er fühlte sich durch die Pflicht, die letzten Stunden des Sterbenden zu erleichtern, in Verlegenheit gesetzt, und wollte einfach seine Sehnsucht ausdrücken, daß der Sergeant glücklich aller Zweifel und Leiden enthoben sein möchte. Die falsche Deutung seiner Worte berührte ihn daher etwas unangenehm, und er erwiderte mit einem Anflug seiner eigentümlichen Rauheit, obgleich ihm sein Gewissen den Vorwurf machte, daß er seinen eigenen Wünschen kein Genüge geleistet habe:

»Ihr seid zu alt und zu verständig, Pfadfinder«, sagte er, »jemanden mit einer Welle einzuholen, wenn er sozusagen seine Gedanken auf eine trübselige Weise auskramt. Sergeant Dunham ist mein Schwager und mein Freund – das heißt, ein so inniger Freund, wie ein Soldat gegen einen Seemann sein kann – und ich achte und ehre ihn demgemäß. Ich zweifle übrigens nicht, daß er gelebt hat, wie es einem Mann ziemt, und es kann daher nichts Unrechtes in dem Wunsch liegen, daß einer im Himmel gut gebettet sein möge. Nun, selbst die Besten von uns müssen sterben, Ihr werdet’s mir nicht in Abrede stellen; und das mag uns zur Lehre dienen, damit wir uns unserer Fülle und Kraft nicht überheben. Wo ist der Quartiermeister, Pfadfinder? Es wär‘ in Ordnung, wenn er dem Sergeanten noch Lebewohl sagte, der uns nur um ein kleines vorangeht.«

»Ihr habt wahrer gesprochen, Meister Cap, als Ihr derzeit selbst wißt; das darf uns jedoch nicht wundern, denn der Mensch sagt zuzeiten oft beißende Wahrheiten, wo er es am wenigsten beabsichtigt. Demungeachtet könnt Ihr aber noch weiter gehen und sagen, daß auch die Schlechtesten von uns sterben müssen, was ebenfalls ganz richtig ist, und eine noch heilsamere Wahrheit enthält, als wenn man sagt, daß auch die Besten sterblich seien. Was des Quartiermeisters Abschied von dem Sergeanten betrifft, so kann davon keine Rede sein, denn Ihr werdet sehen, daß er vorangegangen ist, und zwar ohne daß ihm selbst oder irgendeinem andern seine Abreise angekündigt worden wäre.«

»Ihr sprecht Euch nicht so ganz deutlich aus, wie Ihr sonst zu tun pflegt, Pfadfinder. Ich weiß, daß wir alle bei solchen Gelegenheiten ernstere Gedanken fassen sollten; aber ich sehe nicht ein, was es für einen Nutzen hat, in Parabeln zu reden.«

»Wenn meine Worte nicht klar sind, so ist’s doch der Gedanke. Kurz, Meister Cap – während sich Sergeant Dunham zu einer langen Reise vorbereitet, langsam und bedächtig, wie es einem gewissenhaften, ehrlichen Manne ziemt, so ist der Quartiermeister vor ihm in aller Hast abgefahren, und obgleich es eine Sache ist, über die mir ein bestimmter Ausspruch nicht zusteht, so muß ich doch die Vermutung äußern, daß die beiden zu verschiedene Wege gehen, um sich je wieder zu treffen.«

»Erklärt Euch deutlicher, mein Freund«, sagte der verwirrte Seemann und sah sich nach Muir um, dessen Abwesenheit anfing, ihm verdächtig zu werden. »Ich seh‘ nichts von dem Quartiermeister, aber ich halt‘ ihn doch nicht für feige genug, um jetzt, da der Sieg errungen ist, davonzulaufen. Wenn der Kampf erst anfinge, statt daß wir jetzt in seinem Kielwasser sind, so möchte das freilich die Sache ändern.«

»Alles, was von ihm übrig ist, liegt unter jenem Mantel dort« erwiderte Pfadfinder und erzählte dann in kurzen Worten die Geschichte von dem Tod des Leutnants.

»Der Stich des Tuscarora war so giftig wie der der Klapperschlange, obgleich ihm das Warnungszeichen fehlte«, fuhr Pfadfinder fort. »Ich habe manchen verzweifelten Kampf und viele solche plötzlichen Ausbrüche wilden Temperaments gesehen, aber nie kam es mir vor, daß eine Seele so unerwartet oder in einem für die Hoffnungen eines Sterbenden so ungünstigen Augenblick ihren Körper verließ. Sein Atem stockte mit einer Lüge auf den Lippen, und sein Geist entschwand sozusagen in der Gluthitze der Verworfenheit.«

Cap horchte mit offenem Munde auf und ließ zwei oder drei gewaltige »Hems« vernehmen, als ob er seinem eigenen Atem nicht traute.

»Ihr führt ein unsicheres und unbequemes Leben hier zwischen dem Frischwasser und den Wilden, Meister Pfadfinder«, sagte er, »und je früher ich es in meinen Rücken kriege, eine desto bessere Meinung werd‘ ich von mir selber hegen. Nun, Ihr habt die Sache erwähnt, und so muß ich denn auch sagen, daß der Mann, als der Feind zuerst auf uns abhielt, mit einer Art Instinkt nach dem Felsennest eilte, der mich an einem Offizier überraschte; aber ich folgte ihm in zu großer Hast, um mir die Sache zurechtzulegen. – Gott sei mit uns! Gott sei mit uns! Ein Verräter, sagt Ihr, und bereit, sein Vaterland zu verkaufen, und noch obendrein an einen schuftigen Franzosen?«

»Alles zu verkaufen, Vaterland, Seele, Leib, Mabel und alle unsere Skalpe; und ich wette, er nahm es nicht genau damit, wer der Käufer sei. Diesmal waren die Landsleute des Kapitän Kieselherz die Zahlmeister.«

»Das sieht ihnen ganz gleich; immer bereit, zu kaufen, wenn sie nicht zuschlagen können, und wenn keines von beiden angeht, davonzulaufen.«

Monsieur Sanglier lüpfte seine Mütze mit spöttischem Ernst und erkannte das Kompliment mit einem Ausdruck höflicher Verachtung an, der jedoch bei einem so stumpfsinnigen Gegner verlorenging. Aber Pfadfinder hatte zuviel angeborene Artigkeit und zuviel Gerechtigkeitssinn, um den Angriff unbeachtet vorübergehen zu lassen.

»Nun, nun«, warf er ein, »ich finde da im Grunde keinen großen Unterschied zwischen einem Engländer und einem Franzosen. Ich gebe zwar zu, sie sprechen eine verschiedene Sprache und leben unter verschiedenen Königen; aber beide sind Menschen und fühlen wie Menschen, wenn sich eine Gelegenheit dazu bietet. Wenn der Franzose bisweilen scheu ist, so ist es der Engländer auch, und was das Davonlaufen anbelangt – ei, das wird ein Mensch hin und wieder ebensogut tun wie ein Pferd, mag er von was immer für einem Volk sein.«

Kapitän Kieselherz, wie ihn Pfadfinder nannte, verbeugte sich wieder; aber diesmal war sein Lächeln freundlich und nicht spöttisch, denn er fühlte, daß die Absicht gut war, mochte auch die Art des Ausdrucks sein, welche sie wollte. Da er aber zu sehr Philosoph war, um das zu beachten, was ein Mann wie Cap dachte oder sagte, so vollendete er sein Frühstück, ohne seine Aufmerksamkeit wieder von diesem wichtigen Geschäft ablenken zu lassen.

»Ich bin hauptsächlich wegen des Quartiermeisters hergekommen«, fuhr Cap fort, nachdem er das Benehmen des Gefangenen eine Weile betrachtet hatte. »Der Sergeant muß seinem Ende nahe sein, und ich vermutete, er könnte wünschen, seinem Amtsnachfolger noch was vor seinem Hingang mitzuteilen. Es ist aber zu spät, wie’s scheint; und wie Ihr sagt, Pfadfinder, ist der Leutnant in Wirklichkeit ihm vorausgegangen.«

»Das ist er, ja – obgleich auf einem ganz anderen Pfad. Was das Amt anbelangt, so hat jetzt, glaub‘ ich, der Korporal ein Recht auf das Kommando der noch übrigen, kleinen, geplackten – um nicht zu sagen – geschreckten Mannschaft des Fünfundfünfzigsten. Doch wenn was getan werden muß, so ist große Wahrscheinlichkeit vorhanden, daß ich dazu berufen bin. Ich denke aber, wir haben nur unsere Toten zu begraben und das Blockhaus mit den Hütten in Brand zu stecken, da sie sich wenigstens ihrer Lage, wenn auch nicht dem Recht nach, auf dem feindlichen Gebiet befinden und nicht zum Dienst des Feindes stehen bleiben dürfen. Wir werden sie ohne Zweifel nicht wieder benützen, denn da die Franzosen die Insel aufzufinden wissen, so hieße das mit offenen Augen in eine Wolfsfalle greifen. Für diesen Teil unserer Verrichtung will ich mit Chingachgook sorgen, denn wir sind sowohl im Rückzug als im Angriff geübt.«

»Alles das ist ganz recht, mein guter Freund; aber was meinen armen Schwager anbelangt – obgleich er ein Soldat ist – so können wir ihn, nach meiner Ansicht, doch nicht ohne ein Wort des Trostes und ohne Lebewohl hinübergehen lassen. Es ist in jeder Hinsicht ein unglückseliger Handel gewesen, obgleich sich ein solches Ende voraussehen ließ, wenn man die Zeitverhältnisse und die Beschaffenheit dieser Schiffahrt ins Auge faßt. Doch, wir müssen’s uns gefallen lassen und wollen nun den Versuch machen, dem würdigen Mann vom Ankergrund wegzuhelfen, ohne seine Gienen allzusehr anzuspannen. Der Tod ist im Grunde eben ein Indiz – ein Umstand wollt‘ ich sagen, Meister Pfadfinder, und zwar ein Umstand von sehr allgemeinem Charakter, da wir ihm alle früher oder später folgen müssen.«

»Ihr habt recht; ich halte es daher für weise, immer bereit zu sein. Ich habe oft gedacht, Salzwasser, daß der der Glücklichste ist, der am wenigsten zurückgelassen hat, wenn die Mahnung an ihn ergeht. So bin ich zum Beispiel ein Jäger, Kundschafter und Waldläufer, und obgleich ich keinen Fußbreit Erde mein eigen nennen kann, so bin ich doch froher und reicher als der große Albany-Patron. Der Himmel über meinem Haupt, um mich an die letzte große Jagd zu erinnern, und die dürren Blätter unter meinem Fuß, schreite ich über die Erde hin, als ob ich ihr Herr und Besitzer sei; und was braucht das Herz weiter? Ich will damit nicht sagen, daß ich nichts liebe, was der Erde angehört; denn wie wenig es auch sein mag, Mabel Dunham ausgenommen, so ist mir doch manches teuer, was ich nicht mit mir nehmen kann. Ich hab‘ einige Hunde auf dem obern Fort, die ich sehr wert halte, obgleich sie für die Kriegszüge zu laut und deshalb vorderhand von mir getrennt sind. Dann würd‘ es mich, glaub‘ ich, schwer ankommen, von dem Wildtod zu scheiden; aber ich seh‘ nicht ein, warum man ihn nicht mit mir sollte begraben können, da wir beide auf eine Haaresbreite die gleiche Länge – nämlich sechs Fuß – haben. Doch außer diesem und einer Pfeife, die mir der große Häuptling Schlange gab, und einigen Andenken, die ich von Reisenden erhielt, was man alles in eine Tasche stecken und unter meinen Kopf legen kann – wenn die Reihe an mich kommt, bin ich zu jeder Minute bereit; und laßt Euch sagen, Meister Cap, das ist so was, was ich auch einen Umstand nenne.«

»Gerade so geht’s mir«, entgegnete der Seemann, während beide dem Blockhaus zugingen, dabei aber zu sehr mit ihren eigenen moralischen Betrachtungen beschäftigt waren, um in diesem Augenblick des traurigen Auftritts zu gedenken, der ihnen bevorstand – »das ist ganz meine Gefühls- und Denkweise. Wie oft ist mir, wenn ich nahe am Scheitern war, der Gedanke zum Trost geworden, daß das Fahrzeug nicht mein Eigentum sei. Ich sagte dann oft zu mir selbst, wenn’s untergeht, je nun – so geht mein Leben mit verloren, aber nicht mein Eigentum, und darin liegt eine große Beruhigung. Ich habe auf meinen Reisen durch alle Weltgegenden, vom Kap Horn bis zum Nordkap, von der Fahrt auf diesem Frischwasserstreifen gar nicht zu reden, die Entdeckung gemacht: Ein Mann, der einige Dollars besitzt und sie im Kasten unter Schloß und Riegel verwahrt, darf sicher sein, daß er sein Herz in derselben Truhe mit eingeschlossen hat; und so trage ich fast alles, was ich mein eigen nennen darf, in einem Gürtel um meinen Leib herum, damit ich sagen kann, alles zum Leben dienliche sei an der echten Stelle. – Gott verdamme mich, Pfadfinder, wenn ich einen Menschen, der kein Herz hat, für besser halte als einen Fisch mit einem Loch in seiner Schwimmblase.«

»Ich weiß nicht, wie sich das verhält, Meister Cap; aber verlaßt Euch drauf, ein Mensch ohne Gewissen ist nur ein armes Geschöpf, wie jeder zugeben wird, der mit den Mingos zu tun gehabt hat. Ich kümmere mich wenig um Dollars oder anderes Geld, wie man es in dieser Weltgegend münzt; aber ich kann demnach, was ich bei anderen gesehen habe, leicht glauben, daß man von einem Menschen, der seinen Kasten damit angefüllt hat, sagen muß, er verschließe sein Herz mit in dieselbe Kiste. Ich war mal während des letzten Friedens zwei Sommer auf der Jagd, wo ich so viel Pelzwerk sammelte, daß ich endlich fand, die Begier nach Besitz ersticke meine besten Gefühle; und ich fürchte, wenn ich Mabel heirate, möchte mich die Gier nach solchen Dingen wieder übermannen, damit ich ihr das Leben behaglicher machen könne.«

»Ihr seid ein Philosoph, Pfadfinder, das ist klar, und ich glaube, daß Ihr auch ein Christ seid.«

»Ich dürfte nicht gut auf den Mann zu sprechen sein, der mir das letztere in Abrede stellte, Meister Cap. Ich bin allerdings nicht von den Herrnhutern bekehrt worden, wie so viele von den Delawaren, aber ich halt’s mit dem Christentum und den weißen Gaben. Ich hab‘ ebensowenig Vertrauen zu einem weißen Mann, der kein Christ ist, wie zu einer Rothaut, die nicht an ihre glückliche Jagdgründe glaubt. In der Tat, wenn man einige Verschiedenheiten in den Überlieferungen und einige Abänderungen über die Art abrechnet, wie sich der menschliche Geist nach dem Tode beschäftigt, so halt‘ ich einen guten Delawaren für einen guten Christen, wenn er auch nie einen Herrnhuter sah, und einen guten Christen, was die Natur anbelangt, für einen guten Delawaren. Der Häuptling und ich, wir sprechen oft über diese Gegenstände, denn er hat ein großes Verlangen nach dem Christentum –«

»Den Teufel hat er!« unterbrach ihn Cap. »Was will er denn in der Kirche mit all den Skalpen anfangen, die er nimmt?«

»Rennt nicht mit einer falschen Idee durch, Freund Cap; rennt nicht mit einer falschen Idee durch. Diese Dinge gehen nicht tiefer als die Haut ist, und hängen von der Erziehung und den natürlichen Gaben ab. Betrachtet die Menschen um Euch her und sagt mir, warum Ihr hier einen roten Krieger, dort einen schwarzen, an anderen Orten Heere von weißen seht? Alles dieses und noch viel mehr derartiges, was ich namhaft machen könnte, ist zu besonderen Zwecken so eingerichtet, und es ziemt uns nicht, Tatsachen zu widersprechen und die Wahrheit in Abrede zu stellen. Nein, nein – jede Farbe hat ihre Gaben, ihre Gesetze und ihre Überlieferungen, und keine darf die andere verdammen, weil sie sie nicht ganz begreifen kann.«

»Ihr müßt viel gelesen haben, Pfadfinder, daß Ihr in diesen Dingen so deutlich seht«, erwiderte Cap, den das einfache Glaubensbekenntnis seines Gefährten nicht wenig geheimnisvoll ansprach. »Es ist mir jetzt alles so klar wie der Tag, obgleich ich sagen muß, daß mir solche Ansichten noch nie zu Ohren gekommen sind. Wie heißen die, zu denen Ihr gehört, mein Freund?«

»Wie?«

»Zu welcher Sekte haltet Ihr Euch? Welcher besonderen Kirche gehört Ihr an?«

»Seht um Euch und urteilt selbst. Ich bin gegenwärtig in meiner Kirche, ich esse in der Kirche, ich trinke in der Kirche und schlafe in der Kirche. Die Erde ist der Tempel des Herrn, und ich hoffe demütig, daß ich ihm stündlich, täglich und ohne Unterlaß diene. Nein, nein, – ich will weder mein Blut noch meine Farbe verleugnen; ich bin als Christ geboren und will in diesem Glauben sterben. Die Herrenhuter haben mir hart zugesetzt, und einer von des Königs Geistlichen hat mir auch sein Sprüchlein gesagt, obgleich das nicht gerade die Leute sind, die sich mit derartigen Dingen besondere Mühe geben; außerdem sprach noch ein Missionar aus Rom viel mit mir, als ich ihn während des letzten Friedens durch die Wälder geleitete. Aber ich hatte für alle nur eine Antwort: Ich bin bereits ein Christ und brauche weder ein Herrenhuter noch ein Hochkirchlicher, noch ein Papist zu sein. Nein, nein, ich will meine Geburt und mein Blut nicht verleugnen.«

»Ich denke, ein Wort von Euch könnte den Sergeanten leichter über die Untiefen des Todes wegbringen, Meister Pfadfinder. Er hat niemand um sich als die arme Mabel, und die ist, obgleich seine Tochter, doch nur ein Mädchen und im Grunde noch ein Kind, wie Ihr selber wißt.«

»Mabel ist schwach an Körper, Freund Cap, aber ich glaube, daß sie in derartigen Dingen stärker ist als die meisten Männer. Doch Sergeant Dunham ist mein Freund; er ist Euer Schwager – und so wird es, da der Drang des Kampfes und die Wahrung unserer Rechte vorüber ist, geeignet sein, daß wir beide zu ihm gehen und Zeugen seines Hinganges sind. – Ich bin bei manchem Sterbenden gewesen, Meister Cap«, fuhr Pfadfinder fort, der sehr geneigt war, sich über Gegenstände aus seiner Erfahrung weitläufig auszusprechen, wobei er anhielt und seinen Gefährten am Rockknopf faßte, »ich stand schon manchem Sterbenden zur Seite und hörte seinen letzten Atemzug; denn wenn das Getümmel der Schlacht vorüber ist, so muß man der Unglücklichen gedenken, und es ist merkwürdig zu sehen, wie verschieden sich die Gefühle der menschlichen Natur in einem solchen feierlichen Augenblick aussprechen. Einige gehen diesen Weg so stumpf und dumpf, als ob sie von Gott keine Vernunft und kein Gewissen erhalten hätten, indes uns andere freudig verlassen, als ob sie eine schwere Bürde loswürden. Ich glaube, daß der Geist in solchen Augenblicken hell sieht, mein Freund, und daß die Taten der Vergangenheit lebhaft in der Erinnerung auftauchen.«

»Ich wette, es ist so, Pfadfinder. Ich hab‘ selbst was der Art bemerkt und hoffe, dadurch nicht schlimmer geworden zu sein. Ich erinnere mich, daß ich einmal glaubte, mein Stündlein sei gekommen, und da überholte ich das Log mit einem Fleiß, dessen ich mich bis zu jenem Augenblick nie für fähig gehalten hätte. Ich bin kein besonders großer Sünder gewesen, Freund Pfadfinder, das heißt – nie in einem großen Maßstab, obgleich ich der Wahrheit zu Ehren sagen muß, daß eine beträchtliche Rechnung kleiner Dinge gegen mich so gut wie gegen einen anderen aufgebracht werden könnte; aber nie habe ich Seeräuberei, Hochverrat, Mordbrennerei oder etwas der Art begangen. Was das Schmuggeln und ähnliches anbelangt – ei, ich bin ein Seemann, und ich denke, jeder Stand hat seine schwachen Seiten. Ich wette, Euer Gewerbe ist auch nicht so ganz tadelfrei, so ehrbar und nützlich es auch aussehen mag?«

»Viele von den Kundschaftern sind ausgemachte Schurken, und einige lassen sich, wie der Quartiermeister hier, von beiden Seiten bezahlen. Ich hoffe, ich bin keiner von diesen, obgleich alle Beschäftigungen ihre Versuchungen haben. Ich bin dreimal in meinem Leben ernstlich geprüft worden, und einmal gab ich ein wenig nach, wenn es sich schon nicht um einen Gegenstand handelte, der meiner Ansicht nach das Gewissen eines Mannes in seiner letzten Stunde beunruhigen könnte. Das erstemal war es, als ich in den Wäldern ein Pack Felle fand, von denen ich wußte, daß sie einem Franzosen gehörten, der auf unserer Seite, wo er eigentlich nichts zu tun hatte, auf der Jagd war – sechsundzwanzig so schöne Biberhäute, als nur je eine das menschliche Auge erfreute. Nun, das war eine schwere Anfechtung, denn ich glaubte, ich hätte fast ein Recht daran, obgleich es damals Friede war. Dann erinnerte ich mich aber, daß solche Gesetze nicht für uns Jäger gemacht seien, und es kam mir der Gedanke, daß der Mann vielleicht große Erwartungen für den nächsten Winter auf das aus den Fellen erlöste Geld baute; und ich ließ sie, wo sie lagen. Die meisten von unsern Leuten sagten zwar, ich hätte unrecht getan; aber die Art wie ich die Nacht darauf schlief, überzeugte mich von dem Gegenteil. Die andere Anfechtung betraf eine Büchse, die ich gefunden hatte, die einzige in diesem Weltteil, die sich an Sicherheit mit dem Wildtod vergleichen läßt. Wenn ich sie nahm und versteckte, so wußte ich gewiß, daß mir kein Schütze an der ganzen Grenze mehr die Spitze zu bieten vermochte. Ich war damals jung und keineswegs so geübt, wie ich es seitdem geworden bin – und die Jugend ist ehrgeizig und hochstrebend: aber Gott sei Dank, ich hab‘ dieses Gefühl gemeistert, und, Freund Cap, was fast ebensogut ist – ich meisterte später meinen Nebenbuhler in einem so schönen Wettschießen, wie nur je eines in der Garnison abgehalten wurde, er mit seiner Büchse, ich mit dem Wildtod – und noch dazu in der Gegenwart des Generals!«

Hier hielt der Pfadfinder an und lachte; in seinem Auge strahlte die Lust der Erinnerung, und eine Siegesfreude umzog seine sonnverbrannten braunen Wangen. »Nun, der dritte Kampf mit dem Teufel war der schwerste von allen; ich stieß plötzlich auf ein Lager von sechs Mingos, die in den Wäldern schliefen und ihre Gewehre und Pulverhörner auf eine Stelle gehäuft hatten, so daß ich mich ihrer, ohne einen von den Schuften zu wecken, bemächtigen konnte. Was wäre das für eine Gelegenheit für den Chingachgook gewesen, einen nach dem andern mit seinem Messer abzutun und die Skalpe fast in kürzerer Zeit an seinem Gürtel zu haben, wie ich zur Erzählung der Geschichte brauche. Oh, er ist ein wackerer Krieger, dieser Chingachgook, so ehrlich wie tapfer und so gut wie ehrlich.«

»Und was habt Ihr in dieser Sache getan, Meister Pfadfinder?« fragte Cap, der auf den Ausgang neugierig wurde; »es scheint mir, Ihr seid entweder an ein sehr gutes oder ein sehr schlimmes Land angelaufen?«

»Es war gut und schlimm, wie Ihr es nehmen wollt; schlimm, weil die Versuchung eine verzweifelte war, und wenn man alle Umstände betrachtet, am Ende doch gut. Ich berührte kein Haar ihres Hauptes, denn es gehört nicht zu den Gaben eines weißen Mannes, Skalpe zu nehmen, und bemächtigte mich nicht einer einzigen ihrer Büchsen. Ich traute mir selbst nicht, da ich wohl wußte, daß die Mingos nicht meine Lieblinge sind.«

»Was die Skalpe anbelangt, so habt Ihr wohl recht getan, mein würdiger Freund; aber Waffen und Munition würde Euch jedes Prisengericht in der Christenheit zugesprochen haben.«

»Das ist wohl richtig; aber dann würden die Mingos frei ausgegangen sein, denn ein weißer Mann kann einen unbewaffneten Feind ebensowenig wie einen schlafenden angreifen. Nein, nein, ich ließ mir, meiner Farbe und auch meiner Religion mehr Gerechtigkeit widerfahren. Ich wartete, bis sie ausgeschlafen hatten und wieder auf ihrem Kriegspfad waren, und pfefferte dann die Halunken tüchtig von hinten und von der Seite, so daß nur einer davon in sein Dorf zurückkam, und auch dieser erreichte seinen Wigwam bloß hinkend. Glücklicherweise war der große Delaware, wie sich später zeigte, nur zurückgeblieben, um einem Stück Wild nachzugehen, und folgte meiner Fährte; als er wieder zu mir traf, hingen die Skalpe der fünf Schurken an der Stelle, wo sie hingehörten, und so – seht Ihr – war bei dieser Handlungsweise nichts verloren, weder was die Ehre noch was den Vorteil anbelangt.«

Cap grunzte Beifall, obgleich man gestehen muß, daß ihm die Unterscheidungen in der Moral seines Gefährten nicht so ganz klar vorkamen. Beide waren während ihrer Unterhaltung auf das Blockhaus zugegangen und ab und zu dabei stehengeblieben, je nachdem ihnen ein Gegenstand von mehr als gewöhnlichem Interesse Halt gebot. Jetzt befanden sie sich aber so nahe an dem Gebäude, daß keiner daran dachte, das Gespräch weiter zu verfolgen, und jeder bereitete sich zu dem letzten Abschied von dem Sergeanten vor.

Achtundzwanzigstes Kapitel

Achtundzwanzigstes Kapitel

Obgleich der Soldat im Getümmel der Schlacht die Gefahr und selbst den Tod mit Gleichmut betrachtet, so bringt doch, wenn sich der Hingang der Seele verzögert und Augenblicke der Ruhe und Betrachtung eintreten, der Wechsel gewöhnlich ernstere Gedanken, Reue über die Vergangenheit, Zweifel und Ahnungen über die Zukunft mit sich. Mancher ist schon mit dem Ausdruck des Heldenmuts auf seinen Lippen heimgegangen, während sein Herz schwer und trostlos war; denn wie verschieden auch unsere Glaubensbekenntnisse sein mögen: Ob unser Hoffen auf der Vermittlung Christi, auf den Verheißungen Mohammeds oder auf irgendeiner andern ausgebildeten Allegorie des Ostens beruhe – es gibt nur eine allen Menschen gemeinsame Überzeugung, daß nämlich der Tod nur eine Übergangsstufe von diesem zu einem höheren Leben sei. Sergeant Dunham war ein tapferer Mann; aber er stand im Begriff, einem Lande entgegenzugehen, in dem ihm Entschlossenheit nichts nützen konnte; und da er sich immer mehr und mehr von der Erde losgerissen fühlte, so nahmen seine Gedanken und Betrachtungen die für seine Lage passende Richtung, denn wenn es wahr ist, daß der Tod alles gleich macht, so ist nichts wahrer, als daß er alle zu denselben Ansichten von der Eitelkeit des Lebens zurückführt.

Pfadfinder war zwar ein Mann von sonderbaren und eigentümlichen Gewohnheiten und Meinungen, aber auch zugleich nachdenksam und geneigt, alles um sich mit einem gewissen Anstrich von Philosophie und Ernst zu betrachten. Die Szene im Blockhaus erweckte daher in ihm nicht gerade neue Gefühle. Anders war es jedoch mit Cap. Rauh, eigensinnig, absprechend und heftig, war der alte Seemann wenig gewöhnt, selbst auf den Tod mit jenem Ernst zu blicken, den die Wichtigkeit eines solchen Augenblicks fordert: Und ungeachtet all dessen, was vorgegangen, und trotz der Achtung, die er gegen seinen Schwager hegte, trat er jetzt an des Mannes Sterbebette mit einem großen Teil jener stumpfen Gleichgültigkeit, die die Frucht des langen Aufenthalts in einer Schule war, die, obgleich sie viele Lehren der erhabensten Wahrheit gibt, im allgemeinen ihre Mahnungen an Schüler verschwendet, die nur wenig geneigt sind, daraus Nutzen zu ziehen.

Den ersten Beweis, daß er nicht ganz in die feierliche Stimmung paßte, die dieser Moment bei den übrigen hervorbrachte, gab Cap dadurch, daß er eine Erzählung der Ereignisse begann, die den Tod Muirs und Pfeilspitzes herbeigeführt hatten.

»Beide lichteten ihre Anker in aller Eile, Bruder Dunham«, schloß er, »und du hast den Trost, daß andere dir auf deiner großen Reise vorausgegangen sind, und noch obendrein solche, bei denen du keinen besonderen Grund hast, sie zu lieben, was mir in deiner Lage viel Vergnügen gewähren würde. Meister Pfadfinder, meine Mutter sagte mir immer, daß man den Geist eines Sterbenden nicht niederbeugen, sondern durch alle geeigneten und klugen Mittel aufrichten müsse; und diese Neuigkeiten werden dem armen Mann eine große Erleichterung verschaffen, wenn er anders gegen diese Wilden fühlt wie ich.«

Bei diesen Nachrichten erhob sich June und schlich sich mit lautlosem Tritt aus dem Blockhaus. Dunham horchte mit leerem, starrem Blick, denn das Leben löste allmählich so viele seiner Bande, daß er Pfeilspitze ganz vergessen hatte und sich nicht mehr um Muir bekümmerte. Nur nach Eau-douce fragte er mit schwacher Stimme. Dieser trat auf die an ihn ergangene Aufforderung heran. Der Sergeant blickte ihn mit Wohlwollen an, und der Ausdruck seines Auges bewies, daß er das Unrecht bereue, das er dem jungen Mann in Gedanken zugefügt hatte. Mabel kniete an seiner Seite und drückte bald seine feuchte Hand an ihre Stirne, bald benetzte sie die trockenen Lippen ihres Vaters.

»Euer Schicksal wird über ein kurzes auch das unsrige sein, Sergeant«; sagte Pfadfinder – von dem man nicht gerade sagen konnte, daß ihn diese Szene ergriff, denn er war vorher zu oft Zeuge von der Annäherung und dem Sieg des Todes gewesen, obgleich er den Unterschied zwischen dessen Triumph in der Aufregung des Schlachtgetümmels und der Ruhe des häuslichen Kreises ganz fühlte – »und ich zweifle nicht daran, daß wir uns später wiedertreffen werden. Es ist zwar wahr, Pfeilspitze ist seinen Weg gegangen; es kann aber nimmer der Weg eines guten Indianers sein. Ihr habt ihn zum letztenmal gesehen, denn sein Pfad war nicht der Pfad eines Gerechten. Das Gegenteil zu denken, wäre gegen alle Vernunft, was auch meiner Ansicht nach bezüglich des Leutnants Muir der Fall ist. Solang Ihr lebtet, habt Ihr Eure Pflicht getan, und wenn man das von einem Mann sagen kann, so mag er zur längsten Reise mit leichtem Herzen und rüstigen Füßen aufbrechen.«

»Ich hoffe so, mein Freund; ich hab‘ wenigstens versucht, meine Pflicht zu tun.«

»Ja, ja«, warf Cap ein, »die gute Absicht gilt für eine halbe Schlacht; und obgleich du besser getan hättest, auf dem See draußen zu bleiben und ein Fahrzeug hereinzuschicken, um zu sehen, wie das Land liege, was allem eine ganz andere Wendung hätte geben können – so zweifelt doch niemand hier – und auch wohl niemand anderswo –, daß du in der besten Absicht handeltest, wenn ich das glauben darf, was ich von dieser Welt gesehen und von einer anderen gelesen habe.«

»Ja, es ist so; ich hab‘ alles in bester Absicht getan!«

»Vater! o lieber Vater!«

»Mabel ist durch diesen Schlag back gelegt worden, Meister Pfadfinder, und kann nur wenig sagen oder tun, was ihren Vater über die Untiefen bringen könnte; wir müssen deshalb um so ernstlicher an den Versuch gehen, ihm einen freundlichen Abschied zu bereiten.«

»Hast du gesprochen, Mabel?« fragte Dunham und richtete die Augen auf seine Tochter, da er bereits zu schwach war, seinen Kopf zu wenden.

»Ach Vater, verlaßt Euch nicht um Eurer Handlungen willen auf die göttliche Gnade und Erlösung, sondern vertraut allein auf die segensreiche Vermittlung unseres Heilandes!«

»Der Kaplan hat uns auch etwas Derartiges gesagt, Bruder. Das liebe Kind kann wohl recht haben.«

»Ja, ja, das ist ein Glaubenssatz, ohne Zweifel. Er wird unser Richter sein und hält das Logbuch unserer Taten, auf denen er fußen wird am letzten Gericht; dann wird er sagen, wer recht und wer unrecht gehandelt hat. Ich glaube, Mabel hat recht; aber dann darfst du unbesorgt sein, da du ohne Zweifel mit deiner Rechnung im reinen bist.«

»Ach, liebster Vater, setzt Eure ganze Hoffnung auf die Vermittlung unseres heiligen Erlösers!«

»Die Herrenhuter pflegten uns dasselbe zu sagen«, sagte Pfadfinder leise zu Cap; »verlaßt Euch darauf, Mabel hat recht.«

»Recht genug, Freund Pfadfinder, in den Entfernungen, aber unrecht im Kurs. Ich fürchte, das Kind macht den Sergeanten in dem Augenblick triftig, wo wir ihn in dem besten Fahrwasser hatten.«

»Überlaßt das Mabel; sie versteht sich besser darauf als einer von uns, und in keinem Falle bringt es Schaden.«

»Ich habe das wohl früher gehört«, erwiderte endlich Dunham. »Ach, Mabel! es ist sonderbar, daß der Vater sich in einem solchen Augenblick auf sein Kind stützen muß.«

»Setzt Euer Vertrauen auf Gott, Vater; stützt Euch auf das Erbarmen seines heiligen Sohnes. Betet, Vater; bittet um seinen allmächtigen Beistand.«

»Ich bin das Beten nicht gewöhnt, Bruder. Pfadfinder – Jasper, könnt Ihr mir zu Worten helfen?«

Cap wußte kaum, was Beten heißt und konnte nichts darauf antworten. Pfadfinder betete oft, täglich, wo nicht stündlich, aber nur im Geist und in seiner einfachen Denkweise. Er war daher in dieser Not ebenso nutzlos wie der Seemann und wußte nichts zu erwidern. Jasper würde sich zwar mit Freuden bemüht haben, Berge in Bewegung zu setzen, um Mabel zu unterstützen, aber der Beistand, der hier erbeten wurde, lag nicht in seinen Kräften, und er trat beschämt zurück, wie es wohl junge, kräftige Leute zu tun pflegen, wenn man von ihnen Handlungen verlangt, bei denen sie ihre Schwäche und Abhängigkeit von einer höhern Macht bekennen müssen.

»Vater!« sagte Mabel, indem sie sich die Tränen aus den Augen wischte, »ich will mit Euch, für Euch, für mich und für uns alle beten. Selbst das Gebet des Schwächsten und Niedrigsten bleibt nicht unbeachtet.«

Es lag etwas Erhabenes, etwas unendlich Rührendes in diesem Akt kindlicher Liebe.

Dunham selbst war bald in den Gegenstand des Gebetes verloren und fühlte jene Art von Erleichterung, die ein Mensch empfindet, der unter einer übermäßig schweren Last an einem Abgrund wankt, wenn er unerwartet seine Bürde sich entnommen und diese auf den Schultern eines anderen sieht, der besser imstande ist, sie zu tragen. Cap war sowohl überrascht als von Ehrfurcht ergriffen, obgleich die Erregungen in seiner Seele weder besonders tief gingen noch lange anhielten. Er wunderte sich ein wenig über seine Gefühle und machte sich Zweifel darüber, ob sie auch so männlich und heroisch seien, wie sie sein sollten; er war jedoch von den Eindrücken der Wahrheit, der Demut, der religiösen Unterwerfung und der menschlichen Abhängigkeit zu ergriffen, um mit seinen rauhen Einwürfen dagegen anzukämpfen. Jasper kniete mit verhülltem Gesicht Mabel gegenüber und folgte ihren Worten mit dem ernstlichen Wunsch, ihre Bitten mit den seinigen zu unterstützen, wenn es schon zweifelhaft sein mochte, ob seine Gedanken nicht ebensoviel bei den sanften, lieblichen Tönen der Beterin wie bei dem Gegenstand ihres Gebets verweilten.

Die Wirkung auf Pfadfinder war augenfällig und ergreifend; augenfällig, weil er aufrecht und gerade Mabel gegenüberstand: Und die Bewegungen seiner Gesichtszüge verrieten wie gewöhnlich das Ringen seines Inneren. Er lehnte auf seiner Büchse, und seine sehnigen Finger schienen hin und wieder den Lauf mit aller Gewalt zerdrücken zu wollen, während er ein- oder zweimal, wenn Mabels Gedanken sich in vollster Innigkeit aussprachen, seine Augen zur Decke des Gemachs erhob, als ob er erwartete, daß das gefürchtete Wesen, an das die Worte gerichtet waren, sichtbar über ihm schweben werde. Dann kehrten seine Gefühle wieder zu dem zarten Geschöpf zurück, das in heißem, aber ruhigem Gebet für einen sterbenden Vater ihre Seele ausgoß; denn Mabels Wangen waren nicht mehr bleich, sondern glühten von heiliger Begeisterung, während sich ihre blauen Augen dem Licht in einer Weise zukehrten, daß das Mädchen wie ein Bild von Guido Reni erschien. In solchen Augenblicken glänzte die ganze ehrliche und männliche Zuneigung Pfadfinders in seinen lebendigen Zügen, und der Blick, den er auf die Betende heftete, glich dem des zärtlichen Vaters gegenüber dem Kind seiner Liebe.

Sergeant Dunham legte seine kraftlose Hand auf Mabels Haupt, als sie zu beten aufhörte und ihr Gesicht in seiner Bettdecke verbarg.

»Gott segne dich, mein liebes Kind; Gott segne dich!« flüsterte er. »Du hast mir einen wahren Trost verschafft. Oh, daß auch ich beten könnte!«

»Vater! Ihr kennt das Gebet des Herrn, denn Ihr habt’s ja selbst mich gelehrt, als ich noch ein Kind war.«

Auf des Sergeanten Gesicht strahlte ein Lächeln; denn er erinnerte sich, daß er wenigstens diesen Teil der elterlichen Pflicht erfüllt hatte, und die Erinnerung daran gewährte ihm in diesem Augenblick ein inniges Vergnügen. Er schwieg dann einige Minuten, und alle Anwesenden glaubten, er unterhalte sich mit seinem Schöpfer.

»Mabel, mein Kind«, sprach er endlich mit einer Stimme, die neue Lebenskraft gewonnen zu haben schien – »Mabel, ich verlasse dich jetzt. Wo ist deine Hand?«

»Hier, liebster Vater – hier sind beide – oh, nehmt beide!«

»Pfadfinder«, fuhr der Sergeant fort, und tastete nach der entgegengesetzten Seite des Bettes, wo Jasper kniete, wobei er im Mißgriff eine der Hände des jungen Mannes faßte – »nimm sie – sei ihr Vater – wie ihr’s für gut findet – Gott segne dich – Gott segne euch beide!«

Niemand wollte in diesem ergreifenden Augenblick dem Sergeanten seinen Irrtum benehmen, und so starb er, einige Minuten später, Jaspers und Mabels Hände mit den seinigen bedeckend. Das Mädchen wußte nichts von diesen Vorgängen, bis ihr ein Ausruf von Cap den Tod ihres Vaters ankündigte. Als sie ihr Gesicht erhob, traf sie auf einen Blick aus Jaspers Augen und fühlte den warmen Druck seiner Hand. In diesem Augenblick war aber nur ein Gefühl in ihr vorherrschend; sie zog sich zurück, um zu weinen. Pfadfinder nahm Eau-douce am Arm und verließ mit ihm das Blockhaus.

Die zwei Freunde gingen in tiefstem Schweigen an dem Feuer vorbei, durch den Baumgang fast bis zum entgegengesetzten Ufer der Insel, wo sie anhielten. Pfadfinder ergriff das Wort.

»Es ist alles vorbei, Jasper«, sagte er; »es ist alles vorbei. Ach, der arme Sergeant Dunham hat seine Laufbahn beendet, und noch dazu durch die Hand eines giftigen Mingowurms. Nun, wir wissen nie, was auf uns wartet, und sein Los kann heut‘ oder morgen das Eurige oder das meinige sein.«

»Und Mabel? was soll aus Mabel werden, Pfadfinder?«

»Ihr habt die letzten Worte des sterbenden Dunham gehört; er hat mir die Obhut über sein Kind gelassen, Jasper; und das ist ein feierliches Vermächtnis, ja, es ist ein sehr feierliches Vermächtnis.«

»Ein Vermächtnis, das Euch jeder gerne abnehmen würde«, versetzte der Jüngling mit einem bitteren Lächeln.

»Ich hab‘ oft gedacht, daß es nur in schlechte Hände gefallen ist. Ich bin nicht eingebildet, Jasper, und denke nicht dran, mir was drauf zugute zu tun; wenn Mabel aber geneigt ist, alle meine Unvollkommenheiten und meine Unwissenheit zu übersehen, so wär’s unrecht von mir, was dagegen einzuwenden, so sehr ich auch von meiner Wertlosigkeit überzeugt sein mag.«

»Niemand wird Euch tadeln, Pfadfinder, wenn Ihr Mabel Dunham heiratet, ebensowenig wie man’s Euch verargen würde, wenn Ihr einen kostbaren Edelstein trüget, den Euch ein Freund geschenkt hätte.«

»Glaubt Ihr, daß man Mabel tadeln würde, Junge? – Ich hab‘ auch meine Bedenken darüber gehabt, denn nicht alle Leute sind geneigt, mich mit Euern und mit Mabels Augen zu betrachten.« Jasper Eau-douce fuhr zusammen wie jemand, den ein plötzlicher, körperlicher Schmerz überfällt, doch bewahrte er seine Selbstbeherrschung. »Die Menschen sind neidisch und schlimm, besonders in den Garnisonen und ihrer Nachbarschaft. Ich wünsche bisweilen, Jasper, daß Mabel zu Euch hätte eine Neigung gewinnen können – ja ja, und daß Ihr eine Neigung zu ihr gefaßt hättet; denn es kommt mir oft vor, daß ein Bursche wie Ihr sie im Grunde doch glücklicher machen müßte, als ich es je imstande bin.«

»Reden wir nicht mehr davon, Pfadfinder«, unterbrach ihn Jasper barsch und ungeduldig – »Ihr werdet Mabels Gatte sein, und es ist nicht recht, von einem andern in dieser Eigenschaft zu sprechen. Was mich anbelangt, so will ich Caps Rat folgen und es versuchen, einen Mann aus mir zu bilden. Vielleicht kann das auf dem Salzwasser geschehen.«

»Ihr, Jasper Western? – aber warum die Seen, die Wälder und die Grenzen verlassen? Und noch dazu um der Städte, der öden Wege in den Ansiedlungen und des bißchen Unterschieds willen im Geschmack des Wassers? Haben wir denn nicht die Salzlicken, wenn Ihr Salz braucht? Und sollte nicht ein Mann mit dem zufrieden sein, was andern Geschöpfen Gottes genügt? Ich hab‘ auf Euch gerechnet, Jasper; ja, ich zählte auf Euch – und dachte, da nun Mabel und ich in unserer eigenen Hütte wohnen werden, daß Ihr Euch eines Tags auch versucht fühlen könntet, eine Gefährtin zu wählen, wo Ihr Euch dann in unserer Nachbarschaft niederlassen solltet. Ich hab‘ ein schönes Plätzchen für mich im Sinn, etwa fünfzig Meilen westlich von der Garnison, und etwa zehn Stunden seitwärts ist ein ausgezeichneter Hafen, wo Ihr mit dem Kutter in der größten Muße ein- und ausfahren könntet. Da hab‘ ich mir denn grade Euch und Euer Weib vorgestellt, wie Ihr von diesem Platz Besitz nehmt, während ich und Mabel uns auf dem andern niederlassen. Wir hätten eine hübsche, gesunde Jagd dabei; und wenn der Herr überhaupt irgendeines seiner Geschöpfe auf Erden zu beglücken beabsichtigt, so könnte niemand glücklicher sein als wir vier.«

»Ihr vergeßt, mein Freund«, entgegnete Jasper, indem er mit erzwungenem Lächeln des Kundschafters Hand ergriff, »daß es an der vierten Person fehlt, die mir lieb und teuer sein könnte; und ich zweifle sehr, ob ich je irgend jemand so lieben kann, wie ich Euch und Mabel liebe.«

»Ich dank‘ Euch, Junge; ich dank‘ Euch von ganzem Herzen, aber was Ihr in Beziehung auf Mabel Liebe nennt, ist bloß Freundschaft und etwas ganz anderes, als was ich für sie fühle. Jetzt, statt wie früher gesund zu schlafen, träum‘ ich jede Nacht von Mabel Dunham, und erst in meinem letzten Schlummer kam mir es vor, ich wär‘ auf dem Niagara und hielte Mabel in meinen Armen, mit der ich lieber über den Fall hinunterstürzte, ehe ich von ihr lassen wollte. Die bittersten Augenblicke, die mir je vorkamen, waren die, wenn der Teufel oder vielleicht ein Mingozauberer meinen Träumen die Vorstellung beimischte, daß Mabel für mich durch irgendein unerklärliches Unglück verlorengegangen sei.«

»O Pfadfinder! wenn Euch das schon im Traum so bitter dünkt, wie muß es erst dem sein, der es in Wirklichkeit fühlt und weiß, daß alles wahr, wahr, wahr ist? So wahr, um keinen Funken Hoffnung zurückzulassen – nichts zurückzulassen als die Verzweiflung!«

Diese Worte entquollen Jasper wie die Flüssigkeit einem plötzlich geborstenen Gefäß. Sie entglitten seinen Lippen unwillkürlich, fast unbewußt, aber mit einer Wahrheit und einer Tiefe des Gefühls, daß sich ihre Aufrichtigkeit nicht bezweifeln ließ.

Pfadfinder blickte seinen Freund in wirrer Überraschung eine Minute lang an; dann tauchte ihm, ungeachtet seiner Einfachheit, ein Strahl der Wahrheit auf. Er war von Natur so zuversichtlich, so gerecht und so geneigt zu glauben, daß ihm alle seine Freunde ein gleiches Glück gönnten, wie er es ihnen wünschte, daß bis zu diesem unglücklichen Augenblick nie eine Ahnung von Jaspers Liebe zu Mabel in seiner Brust aufgetaucht war. Er war aber jetzt zu erfahren in den Regungen, die eine solche Leidenschaft bezeichnen; auch machten sich die Gefühle seines Gefährten zu heftig und zu natürlich Luft, um den braven Kundschafter länger im Zweifel zu lassen. Er fühlte sich durch diese Entdeckung aufs schmerzlichste gedemütigt. Jaspers Jugend, sein schmuckeres Äußeres und alle die Hauptwahrscheinlichkeiten, die einen solchen Freier dem Mädchen angenehmer machen mochten, traten ihm vor das Auge. Endlich aber machte die edle Geradheit seiner Seele, die ihn so sehr zu seinem Vorteil auszeichnete, ihre Rechte geltend und wurde noch unterstützt durch die männliche Bescheidenheit, mit der er sich selbst beurteilte, und durch seine gewohnte Nachgiebigkeit gegen die Rechte und Gefühle anderer, die einen Teil seines Wesens auszumachen schien. Er ergriff Jaspers Arm und führte ihn zu einem Baumstrunk, auf den er den jungen Mann mit seiner unwiderstehlichen Muskelkraft niederdrückte, und dann neben ihm seinen Sitz einnahm.

Sobald sich Jaspers innere Bewegung Luft gemacht hatte, fühlte er sich durch die Heftigkeit ihres Ausdruckes beunruhigt und beschämt. Er würde gerne alles, was er auf Erden sein nennen konnte, darum gegeben haben, hätte er die letzten drei Minuten wieder zurückrufen können; aber er war von Natur zu freimütig und zu sehr daran gewöhnt, gegen seinen Freund offen zu verfahren, um nur einen Augenblick zu versuchen, seine Gefühle zu verhehlen oder die Erklärung zu umgehen, die ihm, wie er wußte, nun abverlangt wurde. Zwar zitterte er vor den Folgen, aber er konnte es nicht über sich gewinnen, ein zweideutiges Benehmen einzuschlagen.

»Jasper«, begann Pfadfinder in einem so feierlichen Ton, daß jeder Nerv seines Zuhörers bebte, »das kam sehr unverhofft. Ihr hegt zartere Gefühle für Mabel, als ich dachte, und wenn mich nicht ein Mißgriff meiner Eitelkeit und Einbildung grausam getäuscht hat, so bedaure ich Euch, Junge, von ganzer Seele. Ja, ich weiß – glaub‘ ich –, wie der zu beklagen ist, der sein Herz an ein Wesen wie Mabel gesetzt hat, ohne hoffen zu dürfen, daß sie ihn mit denselben Augen betrachte, wie er sie betrachtet. Diese Sache muß sich aufklären, bis, keine Wolke mehr zwischen uns steht, wie die Delawaren sagen.«

»Was bedarf es da einer Aufklärung, Pfadfinder? Ich liebe Mabel Dunham, und Mabel Dunham liebt mich nicht; sie will lieber Euch zum Gatten haben, und das klügste, was ich tun kann, ist, fort und auf das Salzwasser zu gehen und zu versuchen, Euch beide zu vergessen.«

»Mich zu vergessen, Jasper? – das wär‘ eine Strafe, die ich nicht verdiene. Aber woher wißt Ihr, daß Mabel mich lieber hat? Wie wißt Ihr das, Junge? – Mir scheint das ja ganz unmöglich!«

»Wird sie nicht Euer Weib werden? Und würde Mabel einen Mann heiraten, den sie nicht liebt?«

»Der Sergeant hat ihr hart zugesetzt – ja, so ist’s; und einem gehorsamen Kinde mag es wohl schwer werden, den Wünschen eines sterbenden Vaters zu widerstehen. Habt Ihr Mabel je gesagt, daß Ihr sie liebt, daß Ihr solche Gefühle gegen sie hegt?«

»Nie, Pfadfinder! Wie könnt‘ ich Euch ein solches Unrecht zufügen?«

»Ich glaub‘ Euch, Junge; ja, ich glaub‘ Euch und glaub‘ auch, daß Ihr imstande wärt, spurlos zu verschwinden und aufs Salzwasser zu gehen. Aber das ist nicht gerade nötig. Mabel soll alles erfahren und ihren eigenen Weg haben; ja, das soll sie, und wenn mir das Herz bei dem Versuch bräche. Ihr habt ihr also nie ein Wort davon gesagt, Jasper?«

»Nichts von Belang, nichts Bestimmtes. Aber doch muß ich meine ganze Torheit eingestehen, Pfadfinder, wie es meine Pflicht gegen einen so edlen Freund ist, und dann wird alles zu Ende sein. Ihr wißt, wie sich junge Leute verstehen oder zu verstehen glauben, ohne sich gerade offen auszusprechen, und wie sie auf hunderterlei Weise gegenseitig ihre Gedanken kennenlernen oder kennenzulernen glauben.«

»Nein, Jasper, das weiß ich nicht«, antwortete der Kundschafter treuherzig; denn, die Wahrheit zu sagen, seine Huldigungen hatten nie auf jene süße und köstliche Ermutigung getroffen, die das stumme Merkmal der zur Liebe fortschreitenden Zuneigung ist.

»Nein, Jasper, ich weiß nichts von alledem. Mabel hat mich immer freundlich behandelt und sagte mir, was sie zu sagen hatte, auf die unumwundenste Weise.«

»Ihr hattet aber die Wonne, sie sagen zu hören, daß sie Euch liebe, Pfadfinder?«

»Ei nein, Jasper; nicht gerade mit Worten, sie hat mir sogar gesagt, daß wir uns nie heiraten könnten, nie heiraten sollten; daß sie nicht gut genug für mich sei, obgleich sie versicherte, daß sie mich achte und ehre. Dann sagte mir aber der Sergeant, dies sei die gewöhnliche Weise junger und schüchterner Mädchen: Ihre Mutter hab‘ es zu ihrer Zeit ebenso gemacht und ebenso gesprochen, und ich müsse mich begnügen, wenn sie nur überhaupt einwillige, mich zu heiraten. Ich habe daraus nun geschlossen, daß alles in Ordnung sei.«

Ungeachtet seiner Freundschaft für den glücklichen Freier und trotz der aufrichtigsten Wünsche für sein Wohl, fühlte Jasper bei diesen Worten sein Herz in überschwenglicher Wonne klopfen. Nicht als ob er in diesem Umstand hätte eine Hoffnung für sich auftauchen sehen; es war nur das eifersüchtige Verlangen einer unbegrenzten Liebe, die sich bei der Kunde entzückt fühlte, daß kein anderes Ohr die süßen Geständnisse gehört habe, die dem einen versagt blieben.

»Erzählt mir mehr von dieser Weise, ohne Zunge zu sprechen«, fuhr der Pfadfinder fort, dessen Gesichtszüge ernster wurden und der nun seinen Gefährten mit dem Ton eines Mannes fragte, der einer unangenehmen Antwort entgegensieht. »Ich kann mich mit Chingachgook auf eine solche Art unterhalten und hab‘ es auch mit seinem Sohne Uncas getan, ehe er gefallen; ich wußte aber nicht, daß junge Mädchen auch in dieser Kunst bewandert sind, und von Mabel Dunham versah ich mich’s am allerwenigsten.«

»Es ist nichts, Pfadfinder. Ich meine nur einen Blick, ein Lächeln, einen Wink mit dem Auge, das Zittern eines Armes oder einer Hand, wenn mich das Mädchen gelegentlich berührte; und weil ich schwach genug gewesen bin, selbst zu zittern, wenn mich ihr Atem traf oder mich ihre Kleider streiften, so führten mich meine törichten Gedanken irre. Ich hab‘ mich nie offen gegen Mabel ausgesprochen; und jetzt würd‘ es mir nichts mehr nützen, da nun doch alle Hoffnung vorbei ist.«

»Jasper«, erwiderte Pfadfinder einfach, aber mit einer Würde, die für den Augenblick alle weiteren Bemerkungen abschnitt, »wir wollen über des Sergeanten Leichenbegängnis und über unsere Abreise von der Insel sprechen. Wenn hierüber die nötigen Verfügungen getroffen sind, werden wir hinlänglich Zeit haben, noch ein Wort über des Sergeanten Tochter zu reden. Die Sache bedarf einer reiflichen Erwägung, denn der Vater hat mir die Obhut über sein Kind hinterlassen.«

Jasper war froh, von diesem Gegenstand abzukommen, und die Freunde trennten sich, um den ihrer Stellung und ihrem Beruf angemessenen Obliegenheiten nachzukommen.

Am Nachmittag wurden die Toten beerdigt. Das Grab des Sergeanten befand sich im Mittelpunkt des Baumganges unter dem Schatten einer hohen Rüster. Mabel weinte bitterlich während der Bestattung und fand in ihren Tränen Erleichterung für ihr bekümmertes Herz. Die Nacht verging ruhig; ebenso der ganze folgende Tag, denn Jasper erklärte, daß der Wind viel zu heftig sei, um sich auf den See wagen zu können. Dieser Umstand hielt auch den Kapitän Sanglier zurück, der die Insel erst am Morgen des dritten Tages nach Dunhams Tod verließ, da das Wetter milder und der Wind günstiger wurden. Ehe er abreiste, nahm er zum letztenmal von dem Pfadfinder in der Weise eines Mannes Abschied, der sich in der Gesellschaft eines ausgezeichneten Charakters befunden zu haben glaubt. Beide schieden unter Beweisen gegenseitiger Achtung, während jeder fühlte, daß ihm der andere ein Rätsel sei.