Elftes Kapitel.

Elftes Kapitel.

Sobald der Tag zunahm, fanden sich auch nach und nach die Vorzeichen eines starken Seewindes ein, und mit dem Zunehmen des Windes zeigten sich auf dem Bristoler Kauffahrteifahrer alle jene Bewegungen, die die Absicht verraten, den Hafen zu verlassen. Vor sechzig Jahren war das Absegeln eines größeren Schiffes ein Ereignis von viel mehr Wichtigkeit in einem amerikanischen Hafen, als heutzutage, wo man oft an einem und demselben Tage, und in einem und demselben Hafen zwanzig Schiffe ankommen und zwanzig andere absegeln sehen kann. Ungeachtet ihrer Ansprüche, Einwohner einer der vornehmsten Städte in der Kolonie zu sein, beobachteten die guten Leute von Newport die Bewegung am Bord der Carolina; doch nicht mit jener Art von Teilnahmlosigkeit, die aus Übersättigung entspringt, und die uns Sterbliche endlich auch gegen das seltenste Schauspiel abstumpft, selbst gegen die interessantesten Evolutionen einer ganzen Flotte. Im Gegenteil, in den Kojen wimmelte es unaufhörlich von Knaben, ja auch von erwachsenen Pflastertretern. Selbst die gesetzteren, arbeitsameren Bürgersleute, die sonst mit Minuten zu geizen pflegten, erlaubten sich von Zeit zu Zeit ein Mußestündchen, schlenderten aus ihren dumpfen Werkstätten nach der Küste hin, um sich am erhabenen Anblick eines Schiffes in Bewegung zu ergötzen.

Jedoch waren die Vorbereitungen der Carolina etwas zu zögernd, um die Geduld der mehr als die übrigen auf die Zeit, die liebe Zeit, bedachten Bürger nicht endlich zu erschöpfen. So kam es denn, daß nach und nach die Anzahl der Neugierigen aus der besseren Klasse bis auf die Hälfte geschmolzen war; aber das Fahrzeug zog noch immer keine frische Segel auf, noch immer flatterte nur das eine Segel einsam im Winde. Statt den Wünschen von Hunderten, die sich schon müde gesehen hatten, zu entsprechen, drehte sich das edle Fahrzeug um seine eigenen Anker und legte sich bald auf die eine, bald auf die andere Seite, wie gerade der Wind den Kiel traf, einem raschen Rennpferde gleich, das, noch am Zügel gehalten, am Gebiß schäumt und es nicht abwarten kann, bis es die Luft durchfliege, hin ans Ziel. Nachdem man so eine Stunde gewartet hatte, und nicht begreifen konnte, was vorgefallen sei, verbreitete sich durch die Menge das Gerücht, daß jemand, der ein wichtiges Amt im Schiffe versah, einen bedeutenden Schaden genommen habe. Aber auch dies Gerücht hielt sich nicht lange und war schon fast vergessen, als auf einmal aus einer der Stückpforten der Carolina eine Wolke wirbelnden, aufsteigenden Rauches hervorkam, und dicht darauf ein Flammenblitz, dem ebenso schnell der Knall einer Kanone folgte. Nun entstand unter den von der Erwartung abgemüdeten Zuschauern jenes rege Drängen und Treiben, das der Ankündigung eines lang ersehnten Auftrittes voranzugehen pflegt, und bei jedem einzelnen war’s jetzt ausgemacht, nun würde es mit dem Schiffe vorwärts gehen, es möchte darin vorgefallen sein, was wollte.

Diesem langen Zaudern, den verschiedenen Bewegungen an Bord, dem Signal zur Abfahrt und der Ungeduld der Menge hatte Wilder mit ebenso vielem Ernst als Aufmerksamkeit zugeschaut. Gegen einen Anker gelehnt, der zu einem zur Untätigkeit verurteilten Schiffe gehörte, und auf einem von dem Gedränge etwas entfernten Löschplatze lag, war er eine Stunde lang in derselben Stellung stehen geblieben und hatte während der Zeit kaum den Blick vom Schiffe weggewendet. Als die Kanone abgefeuert wurde, schrak er zusammen, nicht etwa aus jenem Eindruck auf die Nerven, der bei hundert andern dieselbe Wirkung hervorbrachte; was ihn erschreckte, schien vom Lande herzukommen, denn er warf einen ängstlichen; raschen Blick nach den Straßen hin, die zur Kaje führten. Doch nahm er bald seine vorige Stellung wieder an, obgleich die Unruhe in seinen Blicken und der ganze Ausdruck seines sprechenden Gesichtes leicht merken ließ, daß irgend etwas, das des jungen Seemanns Gemüt ganz eingenommen hatte, zu geschehen im Begriff wäre. Eine Minute nach der andern flog dahin, und mit ihnen seine Unruhe; ein Lächeln der Freude glänzte auf seinen Zügen, und seine Lippen bewegten sich, als wenn er vor innerem Behagen ein Selbstgespräch hielte. Allein kaum hatte er sich diesen angenehmen Betrachtungen überlassen, als mehrere Stimmen in der Nähe hörbar wurden, und wie er sich umwandte, erblickte er eine ziemlich zahlreiche Gesellschaft wenige Schritte von sich. Bald entdeckte sein spähender Blick die Gestalt von Mistreß Wyllys und Gertraud in Reisekleidern, so daß es nun endlich gewiß war, daß sie sich einschiffen würden.

Keine Wolke, die an der Sonne vorüberzieht, verändert das Aussehen der Erde so sehr, als dieser unerwartete Auftritt Wilders Antlitz. Er hatte sich dem Glauben an das Gelingen einer List ganz hingegeben, die zwar hinlänglich seicht war, von der er sich aber doch, auf die weibliche Furchtsamkeit und Leichtgläubigkeit bauend, volle Wirkung versprochen hatte; und nun wurde er von diesem schmeichlerischen Wahn zu einer, alle seine Hoffnung zerstörenden Wirklichkeit aufgerüttelt. Halb unterdrückte Verwünschungen über die Treulosigkeit seines Mitverschworenen vor sich hinmurmelnd, verbarg er sich so sehr als möglich hinter dem Ankerflügel und heftete den düstern Blick auf das Fahrzeug.

Die Gesellschaft, die die Abreisenden bis ans Wasser begleitete, war, wie Gesellschaften zu sein pflegen, wenn der Abschied von geschätzten Freunden bevorsteht: schweigsam und unruhig zugleich. Wer sprach, hatte etwas Rasches, Ungeduldiges im Tone, als wünschte man die Trennung zu beschleunigen, die doch wehe tat, und die Züge derer, die ein Schweigen beobachteten, waren beredt genug, um den innern Gram zu verraten. Gar mancher liebevolle, herzliche Wunsch, gar manches abgezwungene Versprechen ertönte von jugendlichen Stimmen, während dazwischen die weichen, trauernden Antworten aus Gertrauds Munde vernehmbar waren, aber Wilder tat sich Gewalt an und erlaubte sich auch nicht einen einzigen verstohlenen Blick dahin, wo die Sprechenden standen.

Endlich hörte er in der Nähe Fußtritte, und der Seitenblick, den er wagte, begegnete dem der Mistreß Wyllys. Beide waren über das plötzliche gegenseitige Sicherkennen etwas betroffen, allein die Dame gewann die Fassung zuerst wieder und bemerkte mit bewunderungswürdiger Ruhe: »Sie sehen, mein Herr, wir lassen uns von einem einmal unternommenen Plane durch gewöhnliche Gefahren nicht abschrecken.«

»Ich wünsche, Madame, Sie mögen Ihren Mut nicht zu bereuen haben.«

Mistreß Wyllys hielt einen Augenblick, schmerzlich sinnend, inne, blickte dann hinter sich, um sich zu überzeugen, daß sie nicht belauscht werde, trat dann einen Schritt näher auf den Jüngling zu und sprach mit noch leiserer Stimme als zuvor:

»Es ist noch nicht zu spät: geben Sie mir nur einen Schatten von Grund zu dem, was Sie behauptet haben, und ich will die Ankunft eines andern Schiffes abwarten. Töricht genug, machen meine Gefühle mich geneigt, Ihren Worten zu glauben, wenn mir auch meine Vernunft sagt, daß Sie mit unserer weibischen Zaghaftigkeit Ihr Spiel treiben.«

»Spiel? Gilt es solches Wagnis, möchte ich mit keiner Ihres Geschlechts mein Spiel treiben, und am allerwenigsten mit Ihnen!«

»Sonderbar! Von einem Fremden unbegreiflich! Sind Sie nicht imstande, mir eine Tatsache, einen Beweggrund anzuführen, worauf ich mich bei den Verwandten meiner Pflegebefohlenen stützen könnte?«

»Das hab‘ ich schon.«

»So muß ich denn, wie ungern ich es auch tue, annehmen, daß Sie durch zwingende Rücksichten bestimmt werden, Ihren Beweggrund nicht mitzuteilen,« erwiderte die Gouvernante mit einer Mischung von Ruhe und gekränkter Empfindlichkeit, »und ich wünsche um Ihrer selbst willen, er möge kein unedler sein. Nehmen Sie meinen Dank hin für Ihre Absichten, wenn sie redlich, meine Verzeihung, wenn sie es nicht waren.«

Sie schieden mit der Zurückhaltung, die sich äußert, wenn man sich gegenseitig das Mißtrauen abfühlt. Wilder verharrte hinter seiner Brustwehr in stolzer Stellung, und dunkler Ernst umwölkte sein Gesicht. Allein die Nähe der Gesellschaft nötigte ihn, fast alles, was gesprochen wurde, mit anzuhören. Die am meisten sprach, war, wie sich’s bei einer solchen Gelegenheit gebührte, Frau von Lacey, deren Stimme sich oft erhob in weisen Ermahnungen, auf eine solche Weise mit ihren Ansichten über die Schiffahrtswissenschaft vermischt, daß alle darüber erstaunten, wenngleich keine ihres Geschlechts, die nicht etwa das seltene Glück genoß, in engster Bindung mit einem Flaggenoffizier zu stehen, der Hoffnung Raum geben durfte, es Frau von Lacey gleichzutun.

»Und nun, meine teuerste Nichte,« schloß die Witwe des Konteradmirals, nachdem sie ihren Atem und Weisheitsvorrat fast erschöpft hatte in zahllosen Ermahnungen, als da sind: Die Gesundheit in acht zu nehmen, recht oft zu schreiben, ihrem Bruder, dem General, alles wörtlich auszurichten, wenn der Wind hoch gehe, hübsch in der Kajüte zu bleiben, ausführliche Berichte aufzusetzen von allem Merkwürdigen, was auf der Fahrt sich ereignen könnte: – kurz, in allem, was es nur bei einem Abschied dieser Art zu ermahnen und zu erinnern gab – »und nun, meine teuerste Nichte, befehle ich dich der mächtigen See und einem weit Mächtigeren – dem, der sie geschaffen hat. Verbanne von deinen Gedanken alle Erinnerung an das, was du über die Mängel der Royal Carolina gehört haben magst; denn die Meinung des alten Seemanns, der mit meinem betrauerten Admiral segelte, bestärkt mich in der Überzeugung, daß alles nur aus Irrtum hervorgegangen ist.«

»Der Verräter, der Schurke«, murmelte Wilder.

Beim Ende ihrer Rede waren die Augen der würdigen, gutherzigen Matrone voll Tränen, und das Natürliche in dem Zittern ihrer Stimme erfüllte jeden, der sie hörte, mit gleicher Rührung. In dieser herzlichen Stimmung wurde endlich das letzte Lebewohl ausgetauscht, und in der darauffolgenden Minute hörte man schon den Ruderschlag der Bootsknechte, die unsere Reisenden zum Schiff hinführten.

Mit einer Aufmerksamkeit, die fast an Schmerz grenzte, und von der er sich wohl selbst keine Rechenschaft geben konnte, lauschte Wilder dem wohlbekannten Schlagen der Ruder. Aus diesem halb bewußtlosen Hinstarren weckte ihn eine leise Berührung am Ellbogen. Etwas entrüstet über die Zudringlichkeit wendete er sich hastig um und sah einen Knaben von ungefähr fünfzehn Jahren vor sich. Seine Abwesenheit des Geistes machte, daß er erst beim zweiten Blick Roderich, den Burschen des Freibeuters wiedererkannte.

Sein Befremden über die zudringliche Unterbrechung seiner Betrachtungen ging nun in Unwillen über. »Was beliebt?« fragte er.

»Ich bin beauftragt, Ihnen diese Befehle zu übergeben«, war die Antwort.

»Befehle!« erwiderte der Jüngling, indem er die Lippen aufwarf: »Wahrlich, die Macht verdient Gehorsam, deren hohe Verfügungen durch solche Hände gehen.«

»Es ist eine Macht, der man noch nicht ohne Gefahr ungehorsam gewesen ist«, erwiderte mit Ernst der Knabe.

»So! Da muß ich mich denn freilich ungesäumt mit dem Inhalt bekannt machen, sonst dürfte wohl der Verzug verhängnisvoll sein. Hat man dich geheißen, auf Antwort zu warten?« Während dieser Worte hatte er den Brief erbrochen, und als er bei der Schlußfrage aufblickte, war der Bote schon verschwunden. Ein so behendes Wesen wie Roderich in dem Labyrinth von Gegenständen aller Art einzuholen, die auf dem Löschplatz und dem Strand entlang umherlagen, wäre vergebliches Bemühen gewesen, daher öffnete Wilder das Papier und las:

»Ein Zufall hat den Schiffer des zum Absegeln bestimmten Fahrzeuges, die Royal Carolina genannt, unfähig gemacht, seinem Amte vorzustehen. Der, dem die Ladung übergeben ist, hat kein Vertrauen in die Fähigkeit des Nächsten im Range auf dem Schiff; absegeln muß es aber. Man lobt es als einen Scharfsegler. Wenn Sie Zeugnisse über Ihre Aufführung und geeignete Kenntnisse besitzen, benutzen Sie die Gelegenheit und verdienen Sie sich den Rang, den Sie zu bekleiden bestimmt sind. Sie sind einigen von den Beteiligten vorgeschlagen worden, und man hat nach Ihnen überall gesucht. Erreicht Sie Gegenwärtiges noch früh genug, so verlieren Sie keine Zeit, und handeln Sie entschlossen. Lassen Sie sich kein Befremden anmerken, wenn Sie unvermuteten Beistand finden. Ich habe mehr Leute im Sold, als Sie anfangs glaubten. Die Ursache ist klar; Gold ist gelb, obgleich ich bin

Der Rote.«

Der Inhalt und der Ton dieses Briefes ließen Wilder nicht lange auf den Verfasser raten, wenn auch die Unterschrift gefehlt hätte. Einen Blick um sich her werfen und in einen Kahn springen, war Sache einer Sekunde, und ehe noch die Reisenden im Boote das Schiff erreicht hatten, hatte er den halben Weg dahin durchschnitten; da er sein Ruder mit kräftigem und geschicktem Arm handhabte, so stand er bald auf dem Verdeck, wo er sich Bahn brach durch die Menge, die sich auf einem Schiff, das eben in See stechen will, noch dies und jenes zu schaffen macht. So drang er bis zu dem Teil des Schiffes vor, wo ein Kreis von Menschen stand, deren geschäftige und sorgliche Mienen ihm sagten, daß sie bei dem Schicksale des Schiffes am meisten interessiert waren. Bis zu diesem Augenblick war er kaum zu Atem gekommen, geschweige zum Nachdenken darüber, wie sein plötzliches Erscheinen aufgenommen werden dürfte. Hätte er sich nun aber auch zurückziehen oder gar sein Vorhaben aufgeben wollen, so war es jetzt zu spät dazu, wenn er nicht gefahrbringenden Verdacht erregen wollte. Er nahm sich daher schnell zusammen und fragte: »Sehe ich hier den Eigentümer der Carolina?«

»Das Schiff ist an unser Haus konsigniert«, erwiderte ein gesetztes, bedächtiges Individuum mit schlauer Miene und in einem Anzug, der den reichen, aber ökonomischen Handelsmann verriet,

»Mir ist gesagt worden, daß Euch ein erfahrener Offizier fehle.«

»Erfahrene Offiziere sind eine trostreiche Sache für den Eigentümer eines Schiffes von Wert«, antwortete der Kaufmann. »Ich hoffe, die Carolina ist damit wohl versehen.«

»Ich hörte aber doch, man sähe sich ängstlich nach jemand um, der die Stelle des Kommandeurs vertreten könne?«

»Sollte der Kommandeur nicht imstande sein, seiner Pflicht zu entsprechen, so dürfte allerdings von so was die Rede sein. Suchen Sie vielleicht einen Platz im Schiff?«

»Ich bin gekommen, mich um die leergewordene Stelle zu bewerben.«

»So? Es wäre aber weiser gehandelt gewesen, wenn Sie sich erst davon vergewissert hätten, daß eine Stelle wirklich leer geworden sei. Aber Sie verlangen doch wohl nicht ein Kommando in einem Schiff, wie das gegenwärtige, ohne ausreichende Zeugnisse über Ihre Fähigkeit, und daß Sie einem solchen Posten gewachsen sind?«

»Ich hoffe, diese Dokumente werden genügend sein«, sagte Wilder, ihm einige entsiegelte Papiere einhändigend.

Während des Lesens blickte das Männchen mit dem schlauen Auge mehrere Male über die Brille weg auf den Gegenstand der Zeugnisse, und seine abwechselnden Blicke bald niederwärts aufs Papier, bald über die Brille weg auf den Jüngling, zeigten deutlich, daß es sich aus eigenem Anschauen von der Wahrheit des Gelesenen überzeugen wollte.

»Hm, hm! Freilich ein ganz vortreffliches Zeugnis zu Ihren Gunsten, junger Herr; und da es von zwei so respektabeln und vermögenden Häusern, wie Spriggs, Boggs & Komp. und Hammer & Hacket ausgestellt ist, allerdings glaubwürdig. Eine reichere und solidere Firma als die erstere, dürfte wohl in allen Kolonien Sr. Majestät nicht anzutreffen sein, und was die letztere anbelangt, so schätze ich sie sehr, wenngleich einige Neidharde sagen, daß sie sich etwas zu tief einlasse.«

»Wenn Sie eine so große Achtung vor jenen Häusern haben, so hab‘ ich mich wohl nicht übereilt, indem ich so vermessen war, auf meine Freundschaft damit als auf eine gute Empfehlung zu rechnen.«

»Nicht im mindesten, nein, nicht im mindesten, Herr – hm – hm – (mit dem Blick einen der Briefe durchlaufend) jawohl, Herr Wilder; ein billiges Anerbieten in Geschäftssachen ist niemals Vermessenheit. Ohne Anerbieten von seiten des Käufers und Verkäufers würde unsere Ware nicht von der Hand gehen. Teuerster, ha, ha! Wohlverstanden, junger Herr, nicht mit Prosit von der Hand gehen.«

»Ich sehe die Wahrheit Ihrer Bemerkungen ein und wiederhole daher mein Anerbieten.«

»Alles ganz schön und billig. Aber, Herr Wilder, Sie verlangen doch nicht, daß wir ausdrücklich eine Lücke machen, bloß damit Sie sie ausfüllen können – ob zwar zugestanden werden muß, daß Ihre Zeugnisse ganz vortrefflich sind – so gut wie die Wechsel von Spriggs, Boggs & Komp. selber – so verlangen Sie doch nicht, daß wir ausdrücklich …«

»Ich stand im Wahn, der Schiffer sei so bedenklich krank, daß …«

»Krank, aber nicht bedenklich,« unterbrach der verschmitzte Kommissionär, indem er mehrere der Beteiligten und einige andere Zuschauer, die nahe genug standen, um das Gespräch mit anhören zu können, flüchtig anblickte; »krank allerdings, aber doch nicht so sehr, daß er das Schiff verlassen müßte. Nein, nein, meine Herren: das traute Schiff Royal Carolina tritt seine Fahrt an, wie immer, unter der Leitung des alten und wohlerfahrenen Seemanns Nicholas Nichols.«

»So tut es mir leid, Herr, Sie in einem so beschäftigten Augenblicke gestört zu haben«, sagte Wilder mit der Miene getäuschter Hoffnung und trat einen Schritt zurück, um sich wegzubegeben.

»Nicht so eilig – nicht so eilig: ein Handel, junger Mann, schließt sich nicht so rasch ab, wie ihr die Segeltücher von den Rahen fallen laßt. Kann sein, daß Ihre Dienste von Nutzen sind, wenngleich nicht in dem verantwortlichen Amte eines Offiziers. Wie hoch schlagen Sie den Titel Kapitän an?«

»Ich kümmere mich wenig um den Namen, wenn mir nur das Schiff und der Oberbefehl darauf anvertraut werden.«

»Ein sehr gescheiter Junge!« brummte der kluge Kaufmann, »der versteht sich auf den Unterschied zwischen Schein und Sein. Dennoch kann es einem Herrn von Ihrem Verstande und Charakter nicht unbekannt sein, daß sich das Gehalt immer nach der Titularwürde richtet. Handelte ich in dieser Angelegenheit für meine eigene Person, so wär‘ das ganz was anderes, allein als Kommissionär befiehlt mir die Pflicht, das Interesse meines Prinzipals zu wahren.«

»Das Gehalt kommt bei mir nicht in Anschlag,« sagte Wilder mit einer Hastigkeit, die vielleicht alles verdorben hätte, wenn der, mit dem er handelte, nicht ganz in Gedanken verloren gewesen wäre (was immer der Fall war, wenn es einen so löblichen Gegenstand, als Sparen, galt), wie er sich wohl zu möglichst wohlfeilem Preise des andern Dienste sichern könnte, »mir ist es nur um Beschäftigung zu tun.«

»Die sollen Sie denn haben, auch sollen Sie an uns keine Knicker finden. Vorschuß für ein Fährtchen von weniger als einem Monat werden Sie wohl nicht verlangen, ebensowenig wie Akzidenzien fürs Stauen, da das Schiff schon bis zu den Luken angestaut ist, ebensowenig Gratifikationen, da wir Sie hauptsächlich nehmen, um einem so braven Jüngling einen Gefallen zu erzeigen, und die Empfehlungen eines so respektabeln Hauses wie Spriggs, Boggs & Komp. zu honorieren; aber freigebig, über die Maßen freigebig sollen Sie uns finden. Sachte – wer steht uns aber dafür, daß Sie die in dem Avi – wollte sagen, in dem Empfehlungsschreiben genannte Person auch wirklich sind?«

»Ist die Tatsache, daß ich die Briefe besitze, nicht Bürge für meinen Charakter?«

»Das wäre sie allerdings in Friedenszeiten, wo das Reich nicht von der Kriegsgeißel heimgesucht wird. Eine Personbeschreibung sollte dem Dokumente angefügt sein, wie ein Avisbrief einem Wechsel. Da wir demnach in dem vorliegenden Geschäft einiges Risiko laufen, so darf es Sie keineswegs befremden, wenn der Umstand etwas auf den Preis wirkt. Wir sind freigebig; kein Haus in den Kolonien belohnt meines Erachtens mit größerer Liberalität, aber man hat denn doch auch den Ruf der Diskretion zu schonen.«

»Des Preises wegen, das sagte ich Ihnen schon, werden wir nicht uneinig.«

»Gut; es freut einen, bei so liberalen und ehrenwerten Grundsätzen einen Handel zu schließen, aber doch wär‘ es mir lieb gewesen, wenn ein Notariatssiegel oder eine Personalbeschreibung die Zeugnisse begleitet hätte. Dies ist die Unterschrift von Robert Boggs, ich kenne sie wohl, und wollte, ich hätte sie unter einer Verschreibung von zehntausend Pfund, wohlverstanden mit einem verantwortlichen Endosseur; aber diese Unsicherheit, junger Mann, steht Ihrem pekuniären Interesse im Wege, da wir gleichsam dafür garantieren, daß Sie und kein anderer die gemeinte Person sind.«

»Damit Sie sich hierüber vollkommen beruhigen, Herr Bale,« rief eine Stimme aus dem Kreise der nahestehenden Personen, die mit ungewöhnlicher Teilnahme die Ohren spitzte, um kein Wort vom Gange des Handels zu verlieren, »so kann ich dafür Zeugnis ablegen, oder wenn’s nötig sein sollte, auch Bürgschaft stellen, daß der junge Herr die gemeinte Person ist.«

Wilder wandte sich etwas rasch um und war nicht wenig betroffen über die Bekanntschaft, die ihm der Zufall auf eine so außerordentliche, ja so unangenehme Weise zuführte, und noch dazu in einer Gegend, wo er wünschte, vollkommen ungekannt zu bleiben. Zu seinem größten Erstaunen fand er nämlich, daß der hinzutretende Sprecher kein anderer war, als der Wirt zum Unklaren Anker. – Da stand der ehrliche Joram, blickte vollkommen ruhig drein, mit einem Gesicht, dem man’s ansah, es würde auch vor einer höheren Behörde seine Gelassenheit behalten, und erwartete, was seine Bürgschaft auf die scheinbar noch schwankende Gesinnung des Kommissionärs für Wirkung haben würde.

»Ach, der Herr hat bei Euch eine Zeitlang logiert, und da könnt Ihr denn bezeugen, daß er ein pünktlicher Zahler und ruhiger Gast ist! Was ich aber gern möchte, sind Dokumente, um sie der Korrespondenz mit dem Eigentümer daheim anzuweisen.«

»Ich weiß zwar nicht, welche Sorte von Zeugnis Sie für dergleichen vornehme Gesellschaft gut genug halten,« erwiderte gelassen der Gastwirt, indem er mit der größten Unbefangenheit die Hand in die Höhe hielt; »wenn aber die auf Eid gegebene Erklärung eines Hauseigentümers von der Sorte ist, wie Sie es brauchen, nu so sind Sie ja eine Magistratsperson und können mir gleich den Eid vorsagen.«

»Mitnichten! Bin ich auch eine Magistratsperson, so fehlt doch die Form bei dem Eid, und er würde also vor Gericht nicht bindend sein. Aber sagt, was wißt Ihr von dem in Rede stehenden jungen Manne?«

»Daß er für seine Jahre ein Seemann ist, wie Sie ihn in den Kolonien nicht besser finden können. Einige mögen ihn vielleicht an Übung und Erfahrung übertreffen; sehr wahrscheinlich finden sich solche. Kommt es aber auf Tätigkeit, Wachsamkeit und Klugheit an, so würde es kein leichtes sein, seinesgleichen anzutreffen – ganz absonderlich was die Klugheit betrifft.«

»So, Ihr seid also ganz gewiß, daß diese Person eine und dieselbe mit dem in diesen Papieren genannten Individuum ist?«

Mit derselben bewunderungswürdigen Ruhe, die er von Anfang des Gesprächs an gezeigt hatte, nahm Joram die dargereichten Zeugnisse und machte sich dran, sie mit der gewissenhaftesten Sorgfalt durchzulesen. Um dieses Stück zu bewirken, mußte er seine Brille aufsetzen, denn der Wirt zum Unklaren Anker stand im abnehmenden Lebensviertel, und wie er so gemächlich das Lesewerkzeug herauszog, drängte sich Wildern die unwillkürliche Betrachtung auf, daß er ein merkwürdiges Beispiel abgebe, wie selbst die Verderbtheit den Anschein der Ehrbarkeit erhalte, wenn eine ehrwürdige Außenseite das Auge besticht.

»Alles sehr wahr, was dasteht, Herr Bale,« fuhr der Gastwirt fort, indem er die Brille ebenso bedächtig, als er sie aufgesetzt hatte, wieder abnahm, und die Papiere dem Kaufmann hinreichte; »aber man hat vergessen zu erwähnen, wie er die ›Muntre Nanette‹ rettete, auf der Höhe von Hatteras, und wie er ohne Lotsen die ›Margarete‹ durch die Barre des Hafens von Savannah führte, während die Batterien von Norden und von Osten her spielten; ich aber, der ich in meinen jungen Tagen zur See gewesen bin, wie Sie wohl wissen, hab‘ gar oft die Seefahrer von beiden Umständen sprechen hören, und ich kann wohl über die Schwierigkeit ein Urteil fällen. Ich nehme teil an diesem Schiff, Nachbar Bale (denn wenn Sie auch ein reicher Mann sind, ich aber nur ein armer, so sind wir doch immer Nachbarn), ich sage also, ich nehme teil an dem Schiffe, weil es ein Fahrzeug ist, das Newport selten verläßt, ohne klingende Münze in meiner Tasche zurückzulassen, sonst wär‘ ich heute nicht da, um zu sehen, wie es die Anker lichtet.«

Bei diesen Worten gab er hörbaren Beweis davon, daß sein Besuch nicht unbelohnt gewesen war, indem er mit der Hand in der Tasche einen Ton erklingen ließ, der den Ohren des haushälterischen Handelsmannes nicht weniger angenehm war, als seinen eigenen. Die beiden Ehrenmänner lachten wie Leute, die sich verstehen, und die aus ihrem Verhältnisse zur Royal Carolina ihren respektiven Profit zu ziehen wußten. Bale winkte Wilder beiseite, und nach noch einigen Präliminarien wurden endlich die Bedingungen seiner Anstellung festgesetzt. Der eigentliche Schiffer sollte nach diesen Bestimmungen an Bord bleiben, sowohl als Bürge für die Versicherung des Schiffes, als zur Erhaltung des guten Rufes; aber man machte nun kein Geheimnis mehr daraus, daß ihn sein Schaden, der in einem Beinbruch bestand, das die Chirurgen eben zurechtsetzten, aller Wahrscheinlichkeit nach nötigen würde, über einen Monat seine Kajüte und Hängematte zu hüten. Seinem Amte und seinen Pflichten sollte nun während dieser Zeit wesentlich unser Abenteurer vorstehen. Nachdem diese Verabredung noch eine Stunde Zeit weggenommen hatte, verließ der Kommissionär das Schiff, mit der klugen und ökonomischen Weise höchst zufrieden, mit der er seiner Pflicht gegen seinen Prinzipal nachgekommen war. Um aber sein eigenes Interesse nicht aus dem Gesichte zu verlieren, wählte er noch, bevor er in das Boot stieg, eine passende Gelegenheit, um den Wirt zu ersuchen, eine gehörige und förmliche Erklärung von allem aufzusetzen, was er aus eigener Erfahrung von dem eben angestellten Seeoffizier wisse. Der ehrliche Joram ließ es auch an Versprechungen nicht fehlen; als er aber alles nach Genüge arrangiert sah, so konnte er die Notwendigkeit, sich einem nutzlosen Risiko bloßzustellen, nicht einsehen, und wußte es so zu machen, daß er das Halten umging, höchstwahrscheinlich seine Entschuldigung darin findend, daß seine Aussage ja doch bei weitem nicht umständlich genug wäre, um vor den Gerichten bei genauerer Prüfung nach den erforderlichen Bestimmungen von Gewicht zu sein.

Das geschäftige Treiben, das Nachholen halbvergessener Geschäfte, das Getöse, die Wünsche, das Einschärfen der Aufträge für den oder jenen entfernten Hafen, und alle sich durchkreuzende, und scheinbar gar kein Ende nehmende Pflichten, die sich in den letzten zehn Minuten vor der Abfahrt eines Kauffahrteifahrers drängen, besonders wenn glücklicher oder vielmehr unglücklicherweise Passagiere darauf sind – das alles zu schildern wäre überflüssig. Bei dergleichen Gelegenheiten verläßt eine gewisse Klasse von Leuten ein Schiff mit derselben Saumseligkeit, wie irgendeinen andern Ort, wo es was zu verdienen gibt, indem sie so träge an der Schiffsleiter hinabkriechen, wie der Blutegel, wenn er sich mit seinem blutigen Mahl angefüllt hat. Des gemeinen Matrosen Aufmerksamkeit ist zwischen den Anordnungen des Lotsen und dem Abschied von Bekannten geteilt, so daß er bald da, bald dorthin rennt, nur nicht wohin er sollte, und das ist vielleicht die einzige Zeit in seinem Seeleben, wo er den Gebrauch des solang gehandhabten Tauwerks nicht zu kennen scheint. Trotz all dieser verdrießlichen Zauderei und herkömmlichen Belästigungen, ward die »Royal Carolina« endlich doch aller ihrer Besuche, mit der Ausnahme eines einzigen, los, und Wilder konnte sich nun einem Vergnügen überlassen, das niemand als ein Seemann nach Würden zu schätzen weiß – reines Feld auf dem Verdeck und eine wohldisziplinierte Schiffsmannschaft.

Zwölftes Kapitel.

Zwölftes Kapitel.

Die eben erwähnten Auftritte hatten einen geraumen Teil des Tages dahingenommen. Ein stehender Wind hatte sich wohl eingestellt, allein er war nichts weniger als stark. Sobald sich Wilder indessen von den Müßiggängern vom Lande und dem sich in alles mischenden Kommissionär befreit sah, warf er den Blick um sich her, um das Schiff unter den Wind zu bringen. Er ließ daher den Lotsen holen, teilte ihm seinen Entschluß mit und zog sich dann an einen Platz des Verdecks zurück, der geeignet war, ihm teils über die Gegenstände seines neuen Kommandos einen Überblick, teils über die unerwartete und außerordentliche Lage, in die er sich versetzt sah, Muße zum Nachdenken zu lassen.

Der Royal Carolina fehlten keineswegs gerechte Ansprüche auf den pompösen Namen, den sie führte. Es war ein Fahrzeug von jener glücklichen Mittelgröße, wo für die Bequemlichkeit am besten gesorgt zu sein pflegt. Der Brief des Freibeuters bestätigte, daß es wegen seines schnellen Segelns im Ruf stehe, und mit innigem Vergnügen gewahrte der junge Kommandeur, daß es dem Schiffe nicht an Mitteln fehlte, seine besten Eigenschaften entwickeln zu können. Eine gesunde, muntre und geübte Mannschaft, Spieren, die vollkommen der Größe des Fahrzeugs entsprachen, wenig Windfang Verursachendes in den Marsen und Masten, eine vortreffliche Form und Lage, mit einem Überfluß an leichten Segeln, boten alle Vorteile dar, die sich seine Erfahrung nur wünschen konnte. Sein Auge glänzte, als es über diese verschiedenen, seinem Kommando unterworfenen Gegenstände wegglitt, und seine Lippen bewegten sich wie die eines Menschen, der sich selbst halblaut beglückwünscht, oder sich einer Selbstgefälligkeit überläßt, die nach den Vorschriften der Bescheidenheit die Grenzen des Gedankens nicht überschreiten soll.

Jetzt war die Mannschaft unter den Befehlen des Lotsen am Bratspill versammelt und hatte schon angefangen, Kabel aufzuziehen. Diese Arbeit eignete sich ganz dazu, die Kräfte des einzelnen sowohl als die Gesamtkraft im vorteilhaftesten Lichte zu zeigen. Ihre Bewegung um das Bratspill war taktmäßig, rasch und kräftig; ihre Töne rein und munter. Unser Abenteurer, gleichsam als ob er sich seinen Einfluß fühlbar machen wollte, erhob nun mitten im »Ahoi!« der Matrosen seine eigne Stimme mit einem jener abgebrochenen und ermutigenden Zurufe, durch die Seeoffiziere ihre Leute aufzumuntern pflegen. Seine Aussprache war männlich, lebhaft und Gehorsam gebietend. Feurigen Rennern gleich hielten die Matrosen einen Augenblick inne, als sie zuerst dies Signal vernahmen, und jeder warf einen Blick hinter sich, als wollte er die Eigenschaften seines neuen Befehlshabers prüfen. Wilder lächelte mit einiger Selbstzufriedenheit, wandte sich, um auf der Schanze auf und ab zu gehen, und fand sich wieder dem ruhigen, sinnenden, aber doch erstaunten Blicke der Mistreß Wyllys gegenüber.

»Nach der Meinung, die Sie über dies Schiff zu erkennen zu geben beliebten,« sagte die Dame mit scharfer Ironie, »hatte ich nimmermehr erwartet, Sie darauf ein Amt von solcher Verantwortlichkeit verwalten zu sehen.«

»Wahrscheinlich wissen Sie, Madame, daß dem Schiffer ein trauriger Zufall begegnete?«

»Ja, auch hatte ich gehört, daß man vorläufig einem andern Offizier seine Stelle anvertraut hätte. Allein, ich sollte meinen, daß es Sie nicht befremden muß, wenn Sie selbst darüber nachdenken, mich erstaunt zu sehen, indem ich nun finde, wer dieser andere Offizier ist.«

»Unsere Unterredungen, Madame, haben Ihnen vielleicht eine ungünstige Idee von meiner Sachkunde beigebracht. Indessen hoffe ich, daß Sie sich über diesen Punkt beruhigen werden, da …«

»Sie verstehen sich ohne Zweifel auf Ihre Wissenschaft! Wenigstens scheint es, daß eine geringfügige Gefahr nicht imstande ist, Sie davon abzuschrecken, passende Gelegenheit zu suchen, Ihre Kenntnisse zu zeigen. Werden Sie uns mit Ihrer Gesellschaft für die ganze Reise oder nur bis zur Mündung des Hafens erfreuen?«

»Ich hab‘ es übernommen, das Schiff bis zum Ziele seiner Reise zu führen.«

»Dann dürfen wir ja wohl hoffen, daß Sie die Gefahr, die Sie entweder sahen oder doch zu sehen glaubten, jetzt für geringer halten, sonst würden Sie ja nicht so bereitwillig sein, sie mit uns zu teilen.«

»Sie tun mir unrecht, Madame,« erwiderte Wilder warm und unwillkürlich den Blick auf die ernste, aber mit der größten Spannung zuhörende Gertraud richtend: »Es gibt keine Gefahr, der ich nicht freudig die Stirn böte, um Sie oder diese junge Dame vor Leid zu schützen.«

»Ihr ritterliches Betragen kann selbst dieser jungen Dame nicht entgehen!« Mistreß Wyllys entledigte sich nun des Zwanges, den sie bis jetzt in ihren Reden beobachtet hatte, und fuhr in einem natürlicheren, mit ihrer sanften und sinnigen Miene mehr im Einklange stehenden Tone fort: »Das sonderbare Gefühl, daß Sie dennoch ein Freund der Wahrheit seien, wie sehr es auch meine Vernunft verwirft, bleibt immer ein mächtiger Fürsprech für Sie, junger Mann, in meinem Innersten. Da das Schiff Ihrer Dienste bedarf, so will ich Sie jetzt nicht aufhalten; es kann uns nicht an Gelegenheiten fehlen, die uns instand setzen werden, sowohl über Ihren Willen, als über Ihre Fähigkeit, uns nützlich zu sein, ein Urteil zu fällen. Liebe Gertraud, Frauen sind gewöhnlich nur im Wege auf einem Fahrzeuge, besonders wenn eine dringende und schwere Dienstpflicht ruft, wie es hier der Fall ist.«

Eine Röte überflog Gertrauds Wangen bei dieser Anrede, und sie folgte hastig ihrer Gouvernante zur entgegengesetzten Seite der Schanze, während ihr unser Abenteurer mit einem sehnsuchtsvollen Blicke nachsah, der deutlich genug ausdrückte, daß ihm ihre Gegenwart nichts weniger als lästig war. Da aber die Damen einen von allen anderen entfernten Platz einnahmen, wo sie bei einer bequemen Übersicht aller Manöver doch selber am wenigsten der Regierung des Schiffes im Wege waren, so konnte der arme Wilder nicht schicklich das Gespräch fortsetzen, obgleich er sehr gewünscht hätte, die angenehme Unterhaltung nicht eher abbrechen zu dürfen, bis er sich durch die Übernahme des Kommandos aus den Händen des Lotsen dazu gezwungen sähe. Inzwischen war der Anker bereits eingewunden, und die Matrosen waren vollauf damit beschäftigt, mehr Segel beizusetzen. Wilder gab sich nun in sehr aufgeregter Stimmung der Dienstpflicht hin, ließ sich von dem Offizier, der die nötigen Befehle erteilte, die Parole geben, und übernahm die unmittelbare Leitung des Schiffes selber.

Sowie ein Segeltuch nach dem andern von den Rahen fiel, und durch den zusammengesetzten Wind den Mechanismus auffing, gewann das Interesse, das ein Seemann stets an seinem Schiffe nimmt, mehr und mehr über jedes andere Gefühl die Oberhand. Als alles in Ordnung war, von den Oberbramsegeln an bis zum Verdeck, und das Schiff mit seinem Vorderteil nach der Mündung des Hafens zugewendet war, so hatte unser Abenteurer wahrscheinlich vergessen (freilich nur auf einen Augenblick), wie vollkommen fremd er noch immer denen sein mußte, über die er durch eine so außergewöhnliche Wahl das Kommando erhalten hatte, und welche kostbare Fracht man seiner Festigkeit und Entschlossenheit anvertraut hatte. Nachdem alles vom Verdeck bis zum Topp hinaus in die vorteilhafteste Lage und das Schiff dicht in die Windlinie gebracht war, maß sein Auge jede Rahe, jedes Segel von den obersten Flaggenknöpfen bis zum Rumpf und überschaute endlich auch noch die Außenseite des Schiffes, ob auch der Lauf nicht durch irgendein heraushängendes Seil gehemmt werde. Da erblickte er ein winziges Boot, an der Leeseite des Schiffes angebunden, in dem ein Knabe saß, und das, sowie die Masse des Schiffes sich vorwärts bewegte, leicht und elastisch wie eine Feder hinten nachtanzte. Wilder bemerkte, daß es ein Boot von der Küste sei, daher fragte er einen Seemann, wer der Eigentümer davon wäre. Jener wies auf Joram, der gerade in dem Augenblick vom Schiffsraume heraufgestiegen kam, wo er mit einem Delinquenten, oder, was bei ihm gleichbedeutend war, einem Gast, der noch nicht bezahlt hatte, seine Rechnung ins reine zu bringen beschäftigt war.

Der Anblick dieses Mannes erinnerte Wilder an alles, was am Morgen vorgefallen war, und wie bedenklich das Unternehmen sei, dem er sich hingegeben hatte. Der Gastwirt seinesteils, dessen Gedanken sich alle um den Angelpunkt des Prosits drehten, schien bei dem Wiederbegegnen auf keine Weise bewegt. Er näherte sich dem jungen Seemanne, redete ihn mit dem Titel Kapitän an und wünschte ihm eine glückliche Reise, nebst allem andern, was man zu wünschen pflegt, wenn man zur See und bei einer solchen Gelegenheit voneinander scheidet.

»Der Herr Kapitän haben einen vorteilhaften Handel geschlossen,« endigte er, »und ich hoffe, Sie werden eine schnelle Fahrt machen. Es wird Ihnen diesen Nachmittag nicht an Wind fehlen, und wenn Sie bis nach Montauth hin brav Segel aussetzen, werden Sie beim zweiten Wenden die offene See gewinnen, so daß Sie morgen schon die Küste aus dem Gesicht haben. Wenn ich mich im geringsten aufs Wetter verstehe, so wird auch der Wind mehr von Osten blasen, als Euch vielleicht anstehen dürfte.«

»Und wie lange glaubt Ihr wohl, daß meine Fahrt dauern wird?« fragte Wilder in einem so leisen Tone, daß ihn außer dem Gastwirt niemand hören konnte. Joram sah sich verstohlen um, und als er sah, daß sie ohne Zeugen waren, erlaubte er seinen Zügen, die gewöhnlich eine abgestumpfte, sinnliche Zufriedenheit aussprachen, den Ausdruck einer verstockten Verschmitztheit, und, den Finger an die Nase legend, erwiderte er:

»Hab‘ ich dem Kommissionär nicht einen schönen Eid angeboten, Herr Wilder?«

»Ihr habt allerdings meine Erwartung übertroffen mit Eurer Bereitwilligkeit und …«

»Auskunft!« setzte der Gastwirt zum Unklaren Anker hinzu, wie er Wildern in Verlegenheit nach einem Worte sah; »ja, ja, ich bin stets merkwürdig gewesen wegen der Geschäftigkeit meines Geistes in derlei Kleinigkeiten; allein, wenn einer eine Sache schon durch und durch kennt, ei! da wär’s ja töricht, seinen Atem mit zuviel Worten zu vergeuden.«

»Es ist freilich sehr vorteilbringend, so wohlunterrichtet zu sein. Ihr versteht Euch ohne Zweifel herrlich darauf, aus Euern Kenntnissen soviel Profit als möglich zu ziehen.«

»Du lieber Gott! was sollte denn auch in diesen schweren Zeiten aus uns allen werden, wenn wir einen redlichen Groschen nicht auf jede sich darbietende Art anlegen wollten? Hab‘ mit Ehren mehrere hübsche Kinder großgezogen, und an mir soll’s nicht liegen, wenn ich ihnen nicht auch noch was zurücklasse, meinen guten Ruf gar nicht mitgerechnet. Nu ja, das Sprichwort sagt: Ein behender Groschen ist so gut wie ein müßiger Taler; ich aber lobe mir den Mann, der nicht dasteht und Maulaffen feil hat, wenn ein Freund seines guten Wortes oder des Aufhebens seines Fingers bedarf. Sie wissen nun, wo Sie jederzeit einen solchen Mann finden werden, wie unsere Staatsmänner zu sagen pflegen, wenn sie durch das Dicke und Dünne der Sache gegangen sind, sie mag nun gerecht oder ungerecht sein.«

»Sehr lobenswerte Grundsätze, in der Tat! Sie werden gewiß dazu beitragen, Euch früher oder später in der Welt zu erheben! Doch, Ihr vergeßt meine eigentliche Frage zu beantworten: Wird unsere Fahrt von langer oder kurzer Dauer sein?«

»Ei der Tausend, Herr Wilder! Muß ein armer Gastwirt, wie ich, dem Meister dieses stattlichen Schiffes erst sagen, woher der Wind zuerst blasen wird? Da haben Sie den werten und ehrenhaften Schiffer Nichols, der drunten in seiner Staatskajüte liegt, der kann Euch mit dem Fahrzeuge anfangen, was er will; und warum soll ich glauben, daß ein Herr, wie Sie, mit so guten Empfehlungen, nicht ebensoviel auszurichten vermag? Ich versehe mich keines andern, als mit nächstem zu hören, daß Sie was ganz Apartes von Fahrt gemacht, und das gute Wort, das ich zu Ihren Gunsten gesprochen, vollkommen gerechtfertigt hätten.«

Wilder verwünschte in seinem Herzen die vorsichtige Verschmitztheit des Spitzbuben, mit dem er unter den obwaltenden Umständen notwendig im Bunde stand; denn er sah klar ein, daß Joram durchaus entschlossen war, nicht mehr als das schlechthin Erforderliche von seinem Geheimnis zu verraten, und viel zuviel Umsicht beobachtete, um seinen eigenen Absichten zu entsprechen. Nach einem augenblicklichen Besinnen fuhr er hastig fort:

»Ihr seht, das Schiff läuft viel zu schnell, um uns zu erlauben, unsere Zeit mit ausweichenden Redensarten zu vergeuden. Sagt, was wißt Ihr von dem Billett, das ich heute früh empfangen habe?«

»Aber, lieber Gott! halten Sie mich denn für einen Postmeister, Herr Kapitän? Wie kann ich wissen, welche Briefe in Newport ankommen, und welche auf See bleiben?«

»Ein ebenso großer Hasenfuß als verschmitzter Schurke!« murmelte der junge Seemann. »Aber das könnt Ihr doch wenigstens sagen: Wird man mir auf der Ferse folgen, oder erwartet man, daß ich unter irgendeinem erdenklichen Vorwande das Schiff anhalten lasse, sobald es die offene See gewonnen hat?«

»Der Himmel behüte Euch, junger Herr! was sind das für seltsame Fragen von einem, der frisch von der See kommt, an einen Mann, der sie seit fünfundzwanzig Jahren nur vom Lande aus angesehen hat. Alles, worauf ich mich besinnen kann, ist, daß Sie das Schiff ziemlich Süd halten müssen, bis die Inseln zurückgelegt sind, und dann müssen Sie Ihre Berechnung nach dem Winde machen, damit Sie nicht in den Golf kommen, wo Sie, wie Sie wissen werden, der Strom dahin treibt, während Ihr Kommando dorthin lautet.«

»Luv an! beim Wind gehalten, Herr!« rief nun der Lotse mit barscher Stimme dem am Steuer zu: »So sehr als möglich beim Wind gehalten; um keinen Preis nach der Leeseite des Sklavenhändlers dort!«

Sowohl Wilder als der Gastwirt schreckten zusammen, als wenn das eben erwähnte Schiff etwas Besorgniserregendes für sie hätte; der erstere wies auf das winzige Boot und sagte:

»Wenn Ihr nicht mit uns zur See gehen wollt, Herr Joram, so ist es Zeit, daß dieses Boot jetzt seinen Eigentümer aufnimmt!«

»Ei, jawohl, ich sehe, Sie sind schon in vollem Gange, und muß Sie also verlassen, wie gern ich auch länger bliebe«, erwiderte der Gastwirt zum Unklaren Anker, indem er sich geschäftig und so gut es gehen wollte, über die Schiffsseite hinüber und in sein Schiffchen hinuntermachte.

»Na, Jungens, wünsch‘ euch gute Zeit, viel Wind und von der rechten Sorte, sichere Reise auswärts und eine schnelle Zurückkunft. Werft ab!«

Man gehorchte seinem Ruf; kaum war das Boot außer Verbindung mit dem Schiffe gesetzt, so wich es aus der bisherigen Bahn, drehte sich drei- viermal um sich selbst und hielt dann einen Augenblick inne, während das große Schiff weiter zog mit der Stetigkeit eines Elefanten, von dessen Rücken eben ein Schmetterling ausgeflogen. Wilder folgte dem Boote eine Sekunde mit den Augen, allein seine Gedanken wurden zurückgerufen durch die Stimme des Lotsen, die sich nun wieder von der Vorderseite des Schiffes her vernehmen ließ:

»Etwas mehr in die Höhe mit den leichten Segeln, Junge, mehr in die Höhe, keinen Zoll breit vom Winde, sonst kommst du nie dem Sklavenhändler bei der Windseite vorbei. Luv an, sag‘ ich, Herr, Luv!«

»Der Sklavenhändler!« murmelte unser Abenteurer vor sich hin, indem er hastig nach einem Platz im Schiffe eilte, von wo aus er jenes wichtige, ihn zwiefach interessierende Schiff genau sehen konnte; »ach ja, der Sklavenhändler! Es mag freilich nicht leicht sein, dem Sklavenhändler die Windseite abzugewinnen!«

Ohne es zu wissen, fand er sich neben Mistreß Wyllys und Gertraud, die sich auf die Galerie der Schanze stützte, und das fremde, vor Anker liegende Fahrzeug mit einem Vergnügen betrachtete, das für ein so junges Mädchen natürlich genug war. »Sie werden mich auslachen, liebe Frau Wyllys, mich unbeständig, ja leichtgläubig nennen,« rief das arglose Mädchen, gerade als Wilder die bezeichnete Stelle eingenommen hatte, »aber bei alldem wünsche ich doch, wir kämen auf eine gute Manier aus dieser Royal Carolina und könnten unsre Fahrt in jenem schönen Schiffe dort machen.«

»Es ist allerdings ein schönes Schiff!« erwiderte Mistreß Wyllys, »doch möchte ich nicht behaupten, daß es ein sicheres und bequemeres wäre als das, in dem wir uns befinden.«

»Welch ein Ebenmaß, welche Ordnung in den Tauen! Und wie vogelähnlich es auf dem Wasser schwebt!«

»Wenn Sie es mit einer Ente verglichen hätten, so wäre das Bild durchaus der Schiffahrtskunst gemäß,« sagte die Gouvernante halb ernsthaft, halb lächelnd; »Sie zeigen Anlagen, liebes Kind, zur einstigen Frau eines Seemannes.«

Gertraud errötete ein wenig, und wie sie den Kopf umwandte, um ihrer Gouvernante in demselben scherzhaften Tone zu antworten, begegnete ihr Auge dem auf sie gehefteten Blicke Wilders. Nun wuchs das sanfte Erröten zum Hochrot, und sie verstummte; der große Strohhut, den sie auf hatte, diente dazu, ihr Gesicht und die Verwirrung zu verbergen, die sich so deutlich darauf malte.

»Sie antworten ja nicht, Kind, als überlegten Sie ernsthaft, was kommen könnte«, fuhr Mistreß Wyllys fort, deren nachdenkender, abwesender Blick jedoch hinlänglich bewies, daß sie kaum wußte, was sie gesprochen hatte.

»Die See ist ein zu unstetes Element für meinen Geschmack«, erwiderte Gertraud kalt. »Sagen Sie mir doch, liebe Wyllys, ist das Schiff, dem wir uns nähern, ein königliches Schiff? Es sieht so kriegerisch aus, ja fast drohend.«

»Der Lotse hat es schon zweimal einen Sklavenhändler genannt.«

»Ein Sklavenhändler! Wie trügerisch ist dann seine Schönheit und sein Ebenmaß! Nie will ich dem Scheine wieder trauen, da ein so hübscher Gegenstand zu einem so abscheulichen Zwecke gebraucht werden kann.«

»Jawohl, trügerisch!« rief Wilder mit einer ebenso unwiderstehlichen als unwillkürlichen Bewegung laut aus. »Ich wage es, zu behaupten, daß auf dem ganzen Ozean kein Schiff treibt, das so verräterisch wäre, wie dort der symmetrische, bewunderungswürdig ausgerüstete …«

»Sklavenhändler!« fügte Mistreß Wyllys hinzu, die nun Zeit gehabt hatte, sich umzuwenden und ihr ganzes Erstaunen durch ihre Blicke auszudrücken, bis der junge Mann in der Mitte seines Satzes stockte.

»Sklavenhändler!« wiederholte er mir Nachdruck, indem er zugleich eine Verbeugung machte, als wollte er ihr für das Wort danken. Nach dieser Unterbrechung folgte eine tiefe Stille. Mistreß Wyllys prüfte einen Augenblick die bewegten Züge des Jünglings mit einem Gesicht, das eine besondere, obgleich nicht ungemischte Teilnahme ausdrückte, dann ließ sie den Blick aufs Meer fallen, in tiefen, wo nicht schmerzlichen Betrachtungen versunken.

Auch Gertraud, obgleich ihre sylphenhafte, in den zartesten Umrissen gezeichnete Gestalt noch gegen die Galerie lehnte, hatte ihr vom Hut beschattetes Köpfchen abgewender, so daß sich Wilder vergebens bestrebte, noch einen Blick zu erhaschen. Inzwischen nahte die Stunde, wo Dinge vorfallen sollten, die geeignet waren, ihn selbst von seiner so angenehmen Beschäftigung abzuziehen und ganz in Anspruch zu nehmen.

Das Schiff war jetzt zwischen der kleinen Insel und dem Punkte hindurch, wo Homespun eingeschifft worden war, so daß es nun den inneren Hafen vollkommen klariert hatte. Schnurgerade dem Schiffe im Wege lag der Sklavenhändler dort, und jedermann war in der größten Spannung, um zu sehen, ob es noch möglich wäre, auf der Windseite vorbeizukommen. Wünschenswert war es, teils weil ein Seemann stolz darauf ist, jeden Gegenstand, der ihm begegnet, an der Ehrenseite zu passieren, teils und vorzüglich, weil die Lage des fremden Schiffes von der Art war, daß man, wenn bei seiner Windseite passiert werden konnte, nicht eher zu wenden brauchte, als bis zu dieser Bewegung ein vorteilhafterer Punkt als der gegenwärtige erreicht sein würde. Unsere Leser werden indessen leicht begreifen, daß die Spannung des neuen Kommandeurs der Carolina aus ganz anderen Gefühlen als bloßem Kunststolz oder Liebe zur Bequemlichkeit entsprang.

In jedem Nerv fühlte Wilder die Wahrscheinlichkeit, daß es nun zu einer Entscheidung kommen werde. Man erwäge wohl, daß ihm die unmittelbaren Absichten des Rover völlig unbekannt waren. Das Fort war keineswegs in dem Zustand, der letzteren hätte verhindern können, seine Beute im Angesicht der Stadtbewohner aufzubringen, und sie, deren schwachen Verteidigungsmitteln zum Hohn mit sich fortzuführen. Auch war die Stellung, in der sich beide Schiffe zueinander verhielten, einem solchen Unternehmen nichts weniger als ungünstig. Unvorbereitet und verdachtlos mußte ihm die Carolina, die sich überhaupt nicht mit einem so mächtigen Gegner messen konnte, ohne Mühe als Opfer fallen. Nur sehr wenig Aussicht war vorhanden, daß der Pirat mit seiner Prise nicht sollte weit genug absegeln können, um jeden Schuß von der Batterie wirkungslos, wo nicht vollkommen unschädlich zu machen. Überdies mußte das Wilde und Verwegene eines solchen Unternehmens für den verzweifelten Freibeuter, seinem Rufe nach zu urteilen, sogar etwas Verlockendes haben, so daß die Tat einzig von seiner zufälligen Stimmung abzuhängen schien.

Unter diesen Eindrücken, und mit der Aussicht einer baldigen Endschaft seines nagelneuen Kommandos, darf es wohl nicht wundernehmen, daß unser Abenteurer dem Ausgang mit weit größerer Gespanntheit entgegensah, als irgend jemand in seiner Umgebung. Er erstieg die Kühl des Schiffes und strengte sich an, den Plan seiner geheimen Verbündeten mittelst eines der Zeichen, womit Seefahrer so vertraut sind, durchschauen zu können. Allein es ließ sich in dem angeblichen Sklavenschiff auch nicht die mindeste Andeutung erspähen, daß es abzusegeln oder irgendwie seine Stellung zu ändern beabsichtige. Da lag es in derselben tiefen, schönen aber verratbrütenden Ruhe, in der es während des ganzen ereignisreichen Morgens gelegen hatte. In dem ganzen Labyrinth seines Tauwerks, längs dem weiten Bereich seiner Spierstangen, war nicht mehr als eine einsame Figur zu entdecken. Diese war ein Matrose, der auf dem einen Ende eines der unteren Rahen saß, wo er sich, wie das bei großen Schiffen beständig nötig ist, mit der Ausbesserung der Kardeelen zu beschäftigen und auf sonst nichts zu achten schien. Da der Mann auf der Windseite seines Schiffes saß, so durchzuckte Wilder die Idee, daß er dorthin postiert wäre, damit er in die Takelage der Carolina nötigenfalls einen Fanghaken werfe, um die Schiffe aufeinander treiben zu machen. Einer solchen unsanften Bewegung auszuweichen, beschloß er rasch den Plan zu hintertreiben. Er rief dem Lotsen zu, daß der Versuch bei der Windseite zu passieren von sehr zweifelhaftem Erfolg wäre, und stellte ihm vor, das sicherste sei wohl, bei der Leeseite vorüberzufahren.

»Fürchten Sie nichts, Kapitän, fürchten Sie nichts«, erwiderte der eigensinnige Leiter des Schiffes, der wegen der kurzen Dauer seiner Herrschaft nur desto entschlossener war, sie ohne Einschränkung auszuüben, und dem Usurpator eines Thrones gleich, voll Eifersucht gegen die mehr berechtigte Macht, die er gestürzt hat. »Lassen Sie mich nur machen, Kapitän! Ich bin schon öfter über diesen Boden getrollt, als Sie die See durchschnitten haben, und kann Ihnen die Namen der Felsen auf dem Grunde bei den Fingern herzählen, wie der Stadtbüttel die Straßen von Newport. Luv, Junge! Laß das Schiff gerade in den Wind reinsegeln, luv! soviel du kannst.«

»Ihr seht, Herr,« sagte Wilder ernst, »das Schiff zittert in allen Rippen, Wenn Ihr uns auf den Sklavenhändler treibt, wer zahlt die Zeche?«

»Ich habe Kaution für alles gestellt,« erwiderte der eingebildete Lotse; »meine Frau soll Euch jedes Loch, das ich in Eure Segel bringe, mit einer Nadel zusammennähen, nicht dicker als ein Haar und einem Platen, nicht größer, als der Fingerhut einer Fee.«

»Das klingt recht schön, aber Ihr könnt ja schon jetzt das Schiff nicht mehr regieren, und ehe Ihr noch mit Euern Prahlereien zu Ende seid, liegt es gefesselt wie ein verurteilter Dieb. Nicht höher mit den Segeln da, nicht höher damit. Junge!«

»Jawohl, nicht höher«, wiederholte nun auch der Lotse, der jetzt, da die Schwierigkeit, die Windseite zu passieren, mit jeder Sekunde wuchs, in seinem Entschlüsse zu wanken anfing. »Halt‘ die Segel voll und dicht bei Wind – ich hab’s ja immer gesagt: voll und dicht bei Wind. – Es kann sein, Kapitän, da der Wind etwas konträr geworden ist, daß wir doch noch auf die Leeseite müssen: wenn das aber ist, so müssen Sie zugeben, daß wir werden wenden müssen.«

Eigentlich war aber erstlich, gerade jetzt der Wind, obgleich etwas schwächer als vorher, nichts weniger als konträr, im Gegenteil um eine Kleinigkeit günstiger geworden, und zweitens war es Wildern nie beigekommen zu leugnen, daß das Schiff, wenn es die Leeseite des andern nähme, einige und zwanzig Minuten früher würde wenden müssen, als in dem Fall, wenn ihnen der schwierige Versuch, auf der Ehrenseite zu passieren, gelingen sollte. Allein, je gemeiner eine Seele ist, desto schwerer kommt es ihr an, begangene Fehler einzugestehen, daher suchte der überführte Lotse sein notgedrungenes Nachgeben auf diese Weise zu bemänteln, um die Meinung nicht zu verringern, die die Mannschaft von seinem Scharfsinn haben mochte.

»Aus dem Wind mit dem Schiffe!« schrie Wilder, der nachgerade anfing, aus dem Ton der Vorstellung in den des Befehls überzugehen; »aus dem Winde, Herr, solang‘ es noch geht, oder beim …« Seine Lippen wurden hier regungslos, denn sein Blick fiel auf das blasse, sprechende und ängstliche Antlitz Gertrauds.

»Es wird wohl geschehen müssen, da der Wind einmal geschralt hat. Laß fallen vorm Wind, Junge … nimm die Richtung nach dem Spiegel des Schiffes dort vor Anker! … Halt! … wieder nach der Luvseite hin! Rein in den Wind, bis ins Mark rein! … in die Höhe mit den Segeln … leichte Segel in die Höhe! Das fremde Schiff hat uns ja ein Ankerseil quer übers Kielwasser geworfen! Wenn noch Gesetz in den Plantagen ist, soll mir sein Kapitän dies vor Gericht verantworten.«

»Was will der Mensch?« fragte Wilder, sich rasch auf eine Kanone schwingend, um besser sehen zu können. Sein Gehilfe zeigte nach der Leeseite des andern Schiffes, wo man nur zu deutlich sehen konnte, wie ein langes Tau das Wasser peitschte, gerade als wenn man eben mit dem Ausspannen beschäftigt wäre. Die Wahrheit durchblitzte nun das Gemüt unseres jungen Seemanns. Der Pirat lag vor Anker mit einem heimlichen Spring auf dem Kapel, wahrscheinlich um nötigenfalls die Geschützseite seines Schiffes desto leichter nach der Batterie richten zu können, und nun bediente er sich dieses Springtaues, um dem Kauffahrteischiff die Leeseite abzuschneiden. Die Offiziere auf der Carolina waren nicht wenig über diese Vorkehrung befremdet und stießen nicht wenig Verwünschungen aus, obgleich niemand außer dem Kommandeur nur im entferntesten die eigentliche Ursache ahnen konnte, warum der Wurfanker so gelegt und ein Sperrtau so zur Unzeit quer über den Pfad gestreckt wurde. Einen gab es indessen auf dem Schiff, der sich über den Umstand freute, und das war der Lotse. Er hatte nämlich das Schiff in eine solche Lage gebracht, daß es ebenso schwierig war, auf der einen, wie auf der andern Seite vorwärts zu segeln; und es fehlte ihm nun nicht an einem hinlänglichen Grund zur Rechtfertigung, wenn sich bei dem höchst mißlichen und nunmehr unvermeidlich gewordenen Manöver ein Unfall ereignen sollte.

»Das ist eine außerordentliche Frechheit am Eingang eines Hafens«, brummte Wilder vor sich hin, als er sich durch den Augenschein von der Wirklichkeit überzeugt hatte. »Ihr müßt das Schiff bei der Windseite vorbeiführen, Lotse; es bleibt nichts anderes übrig.«

»Ich wasche meine Hände in Unschuld, was auch folgen möge, und rufe alle am Bord zu Zeugen auf«, erwiderte der Lotse mit der Miene eines tiefbeleidigten Mannes, obgleich er innerlich frohlockte, daß er dieselbe Maßregel, die er vor einer Minute hartnäckig durchsetzen wollte, notgedrungen wieder ergreifen mußte. »Die Gerechtigkeit muß sich dreinlegen, wenn’s jetzt zerbrochene Stangen und zerzauste Takelage gibt. Luv auf ein Haar, Junge: luv kurz in den Wind und versuch‘ eine halbe Wendung!«

Der Mann am Steuer gehorchte dem Befehl, ließ die Spaken fahren, so daß das Steuerrad einen schnellen Umschwung machte. Das Schiff, von neuem durch den Wind getrieben, drehte sich schwerfällig mit dem Vorderteil nach der Seite, von der es gekommen war, während die Massen von Leinwand oben ein Geflatter machten, wie ein eben auffliegendes Volk Wasservögel. Allein kaum war es mit dem Steuer wieder in einer Richtung, so fiel es vom Winde ab wie vorher, kraftlos, weil es seinen Pfad verloren hatte, und quer auf den vermeinten Sklavenhändler hintreibend, mit einem Winde, der gerade jetzt, in dem bedenklichen Moment, wo seine vollste Gewalt höchst wünschenswert war, um vieles nachgelassen hatte.

Die Lage der Carolina war eine solche, die ein Seemann leicht begreifen wird. Durch Beisetzung vieler Segel hatte sie sich weit genug nach vorne hingearbeitet, daß sie gerade auf der Windseite des fremden Schiffes lag, allein zu nahe, um nur im mindesten vom Winde abfallen zu können, ohne die höchste Gefahr, auf den Sklavenhändler zu stoßen. Der Wind war unbeständig, bald in leichten Stößen blasend, bald wieder still und lauernd. Bei jedem Stoße beugten sich die hohen Masten zierlich nach dem Sklavenhändler zu, als wollten sie ihm Lebewohl sagen, doch kaum ließ der augenblickliche Druck nach, so rollte das Schiff schwerfällig nach der Windseite hin, ohne einen Fuß weiterzukommen. Indessen bewirkte jeder solcher Wechsel eine wachsende Annäherung an den gefährlichen Nachbar, so daß es jetzt dem unerfahrensten Seemann im Schiffe klar sein mußte, daß nichts als ein schnelles Wenden des Windes das Schiff in den Stand setzen konnte, gerade vorbeizusegeln, zumal da die Flut eben vom Meere hereinzukommen schien.

Da die untergeordneten Offiziere der Carolina mit ihren Bemerkungen über die Dummheit, die sie in eine so unbehilfliche und demütigende Lage gebracht hatte, nicht sparsam waren, so versuchte der Lotse seinen Verdruß hinter zahllosen und lärmenden Befehlen zu verbergen. Vom Schreien ging er bald zur Verwirrung über, bis die Mannschaft müßig dastand und nicht wußte, was von den schwankenden und sich widersprechenden Kommandos sie zuerst ausführen sollte. Inzwischen stand Wilder neben seinen weiblichen Passagieren mit verschränkten Armen und scheinbar vollkommen gleichgültig. Mistreß Wyllys studierte emsig seine Blicke, um sich durch deren Ausdruck über die Beschaffenheit und Größe der Gefahr Gewißheit zu verschaffen, sollte überhaupt Gefahr darin sein, wenn ein Schiff, sich auf spiegelflachem Wasser fast unmerklich vorwärtsbewegend, endlich auf ein anderes stößt, das ruhig vor Anker liegt. Die düstere und unbewegliche Wolke, die sich auf seiner Stirn zusammenzog, gab ihr eine Unruhe, die sie sonst, da der Anschein von großer Gefahr nicht sehr lebendig war, nicht gefühlt haben würde.

»Ist wirklich Gefahr da, mein Herr?« fragte die Gouvernante, indem sie ihre eigenen Besorgnisse vor Gertraud zu verbergen strebte.

»Ich sagte Ihnen, Madame, es würde sich ausweisen, daß die Carolina ein unglückbringend Schiff ist.«

Beide Damen betrachteten das eigentümliche bittere Lächeln, womit Wilder diese Erwiderung machte, als ein schlimmes Zeichen, und Gertraud schmiegte sich an ihre Reisegefährtin, auf die sie längst gewohnt war, sich kindlich vertrauend zu stützen.

»Warum lassen sich die Matrosen des Sklavenschiffs nicht sehen, um uns beizustehen, um abzuwehren, daß wir nicht zu nahe kommen?« fragte sie ängstlich.

»Jawohl, warum nicht! Doch wir werden sie, denk‘ ich, bald genug zu sehen bekommen.«

»Nach Ihren Reden und Blicken zu urteilen, junger Mann, halten Sie dies Sehen für gefahrvoll!«

»Bleiben Sie an meiner Seite«, erwiderte Wilder mit halbunterdrückten Worten. »Auf jeden Fall bleiben Sie mir so nahe als möglich zur Seite.«

»Den kleinen Leesegelbaum windwärts angeholt!« schrie der Lotse; »laßt die Boote hinab und zieht das Schiff beim Vorderteil rum … Tau vom Wurfanker los … Klüversegel angeholt … große Segeltaue wieder zugesetzt!«

Die erstaunten Leute standen da wie Bildsäulen, nicht wissend, wohin zuerst, indem einige einen Befehl kaum weiter gefördert hatten, als andere schon wieder ein entgegengesetztes Kommandowort riefen. Da ertönte eine achtunggebietende, ruhige Stimme: »Schweigt im Schiff!« Die Töne waren von jener Art, die die vollkommene Besonnenheit des Sprechers bekunden und daher den Untergeordneten stets viel von der Zuversicht des Befehlenden mitteilen. Jedes Ohr richtete sich nach der Seite hin, woher der Ton kam, als wollte ein jeder den nun zu folgenden Befehl zuerst auffangen. Wilder stand auf dem Gangspill, von wo aus er nach jeder Seite hin sehen konnte, und es bedurfte nur eines einzigen Kennerblicks, um ihn über die Lage des Schiffs genau zu unterrichten. Dann haftete sein ängstlicher Blick an dem Sklavenschiff, als wollte er die verratschwangere Stille, die dort noch immer herrschte, durchdringen, um zu erkennen, wieweit man ihm erlauben würde, seinem Schiffe nützlich zu sein. Allein das fremde Fahrzeug lag bewegungslos wie auf das Wasser hingezaubert; im ganzen Bereich seines künstlich verschränkten Baues war auch nicht eine menschliche Gestalt sichtbar, ausgenommen der schon erwähnte Matrose, der seine Arbeit noch immer emsig fortsetzte, so ruhig, als ob die Carolina hundert Meilen weit von dem Orte entfernt wäre, wo er saß. Wilders Lippen bewegten sich, ob aus innerem Unmut, ob aus Freude, war nicht zu verkennen, denn ein höchst zweideutiges Lächeln hellte seine Gesichtszüge auf, als er in der vorherigen tiefen gebieterischen Stimme fortfuhr: »Legt alle Segel flatt gegen die Masten, vorn und hinten!«

»Jawohl!« wiederholte der Lotse wie ein Echo, »alles flatt gegen die Masten.«

»Ist keine Schluppe an Bord des Schiffes?« fragte unser Abenteurer. Ein Dutzend Stimmen antwortete bejahend. »Werft den Lotsen dort hinein.«

»Dies ist eine gesetzwidrige Order,« schrie dieser, »und ich verbiete es, irgendeinem Kommando, außer dem meinigen, zu gehorchen.«

» Werft ihn hinein!« wiederholte Wilder strenge.

Bei dem Geklatter, das das Umbrassen der Rahen verursachte, erregte der Widerstand des Lotsen wenig oder gar kein besonderes Aufsehen. Die nervigen Arme zweier Matrosen hoben ihn, trotz seinem Sträuben, das sich in den sonderbarsten Bewegungen seiner Glieder äußerte, leicht in die Höhe und warfen ihn dann ins Boot mit ebensowenig Umständen, als wäre er ein Klotz gewesen. Das andere Ende der Fangleine wurde ihm nachgeworfen, und so überließ man den besiegten Wegweiser höchst gleichgültig seinen eigenen erbaulichen Betrachtungen.

Inzwischen war der Befehl Wilders ausgeführt; die ungeheuren Segeltücher, die noch vor einem Augenblick teils in der Luft flatterten, teils sich bald ein- bald auswärts füllten, preßten nun alle gegen ihre Masten und nötigten das Schiff, seinen irrtümlich genommenen Weg wieder zurückzumessen. Das Manöver war von der Art, daß es nur die ungeteilteste Aufmerksamkeit und eine selbst das Geringfügigste berücksichtigende Pünktlichkeit glücklich ausführen konnte. Allein der junge Befehlshaber war seiner Aufgabe ganz gewachsen. Hier schob sich ein Segel; dort wurde ein anderes flacher dem Winde zugekehrt; bald sah man die leichteren Segeltücher flattern; bald waren sie wie ein durchsichtiger Nebel, der plötzlich von der Sonne zerstreut wird, wieder verschwunden. Gebieterisch und doch ruhig erklang die Stimme Wilders während der ganzen Szene. Das Schiff selber schien einem belebten Wesen gleich, sich bewußt, daß sein Schicksal nun anderen und geschickteren Händen als vorher anvertraut sei. Gehorsam der neuen Wendung rollte dies unermeßliche Gewölk von Leinwand mit seinem ganzen hohen Wald von Spieren und Tauwerk zuerst hin und her; bald aber war die bisherige Untätigkeit des Schiffes überwunden, und dem Drucke nachgebend trat es den beabsichtigten Rückweg an.

Während der ganzen Zeit, die erforderlich war, um die Carolina aus ihrer mißlichen Stellung zu bringen, war Wilders Aufmerksamkeit zwischen seinem eigenen Schiffe und seinem rätselhaften Nachbar geteilt, dessen imposante, totenähnliche Stille auch nicht durch einen Laut unterbrochen wurde. Kein Menschenantlitz, ja kein einziges lauerndes Auge konnte man in irgendeinem der zahlreichen Luglöcher entdecken, durch die die Mannschaft eines bewaffneten Schiffs auf die See blicken kann. Der Matrose oben auf der Rahe setzte seine Arbeit fort, wie einer, für den alle Gegenstände außer ihm so gut wie nicht da sind. Jedoch machte jetzt das Schiff langsam und fast unbemerklich eine Bewegung, die der trägen Wendung eines schlafenden Walfisches ähnlich, mehr die Folge bewußtloser Willkür, als einer durch Menschenhände bewirkten Tätigkeit zu sein schien.

Aber nicht die geringste dieser Veränderungen entging der scharfen und kennermäßigen Prüfung Wilders. Er sah, wie sich die Seite des Sklavenschiffes nach und nach, sowie sich sein Schiff zurückzuziehen begann, ihm gleichfalls zukehrte. Unaufhörlich klafften die Kanonenrachen des fremden Schiffes auf das seinige, so wie das Auge des lauernden Tigers die Bewegungen seines Opfers verfolgt; und während der Zeit der größten Annäherung beider Schiffe war auch kein Augenblick, wo nicht eine volle Ladung des erstern das ganze Verdeck des letztern hätte bestreichen können. Bei jedem Befehl wandte unser Abenteurer sein Auge mir steigender Spannung seitwärts, um zu sehen, ob man ihm die Ausführung vergönnen werde; nicht eher fühlte er sich überzeugt, daß das Schiff wirklich von seinem alleinigen Befehl geleitet werde, als bis er sah, daß es sich aus seiner gefährlichen Nachbarschaft zu entfernen und der neuen Richtung der Segel folgend, von dem leichten Winde abzufallen begann und einer Stelle zusteuerte, wo er es nach Belieben handhaben konnte. Hier angelangt, fand er, daß der Strom ungünstig und der Wind zu leicht war, um mit dem Vorsteven davor liegen zu bleiben; daher wurden die Segel an ihren Rahen in Festons zusammengezogen und ein Anker auf den Grund hinabgelassen.

Dreizehntes Kapitel.

Dreizehntes Kapitel.

Die Carolina lag nun innerhalb einer Kabellänge von dem vermeintlichen Sklavenhändler. Wilder hatte dadurch, daß er dem Lotsen den Laufpaß gegeben hatte, eine Verantwortlichkeit übernommen, vor der ein Seemann zurückzuschrecken pflegt, indem er nicht nur die ganze Summe, zu der das Schiff versichert ist, zahlen muß, falls sich beim Klarieren des Hafens ein Unglück ereignen sollte, sondern sich noch sonstigen Strafen aussetzt. Wievielen Einfluß bei Wilder aber auch das Bewußtsein, daß er außer oder über dem Bereich des Gesetzes stehe, auf seine entschiedene Handlungsweise gehabt haben mochte, jedenfalls war die einzige unmittelbare Wirkung seines Schrittes die, daß seine Aufmerksamkeit, die sich vorher zwischen seinen weiblichen Passagieren und dem Schiffe teilte, nun ganz der Leitung des letzteren zugewandt wurde. Kaum indessen hatte er sein Fahrzeug, auf eine Zeitlang wenigstens, in Sicherheit gebracht, kaum waren seine Besorgnisse eines bevorstehenden, heftigen Auftrittes beschwichtigt, so fand er auch schon Muße zu seiner frühern, obgleich (für einen so ausgemachten Seefahrer) kaum angenehmeren Beschäftigung. Der glückliche Erfolg seines schwierigen Manövers gab seinem Antlitze eine Glut wie nach einem errungenen Triumph; und als er sich Frau Wyllys und Gertraud näherte, verriet sein Schritt jenen Stolz, den das Bewußtsein dem Manne gibt, wenn er sich durch Anwendung von großer Sachkenntnis aus einer bedenklichen Lage zu ziehen verstand. Wenigstens las die erstere der beiden Damen alles dieses in seinem flammenden Auge, in seiner triumphierenden Miene; möglich, daß die letztere geneigt war, seine inneren Regungen nachsichtiger zu beurteilen. Von den geheimen Gründen seines Frohlockens ahnte wahrscheinlich weder die eine noch die andere das Geringste; und es ist wohl möglich, daß ein weit edleres Gefühl, als beide vermuten konnten, auf seine freudige Stimmung Einfluß hatte.

Dem mag aber sein, wie ihm wolle, sobald Wilder sah, daß die Carolina ruhig vor ihrem Anker spielte, mithin seine Dienste nicht unmittelbar vonnöten waren, so suchte er Gelegenheit, ein Gespräch wieder anzuknüpfen, das bisher wegen der vielen Unterbrechungen noch immer arm an Gehalt bleiben mußte. Mistreß Wyllys war lange unverrückten Blickes im Anschauen des fremden Schiffes versunken; erst als ihr der junge Seemann ganz nahe stand, wandte sie von dem regungslosen und schweigsamen Gegenstand das Auge auf ihn und begann das Gespräch:

»Das Schiff dort«, rief sie mit einem Tone des Erstaunens, »muß eine außerordentliche, oder eine der Empfindung unfähige Mannschaft in sich schließen. Man wäre leicht versucht, es für ein gespenstisches Schiff zu halten, wenn es dergleichen gäbe.«

»Es ist in der Tat ein wunderbar ebenmäßiges und schön ausgerüstetes Kauffahrteischiff.«

»Trogen mich meine Besorgnisse? oder war wirklich Gefahr vorhanden, daß die beiden Schiffe aufeinander trieben?«

»Es war allerdings Grund zu einiger Besorgnis da: indes, Sie sehen, wir sind geborgen …«

»Was wir Ihrer Geschicklichkeit zu verdanken haben. Die Art, wie Sie uns eben aus der Gefahr befreiten, widerspricht geradezu allem, was Sie von dem uns Bevorstehenden vorauszusagen beliebten.«

»Ich weiß wohl, Madame, daß mein Betragen ungünstig ausgelegt werden kann, jedoch …«

»Dachten Sie, es könne nicht schaden, sich über die Schwachheit leichtgläubiger Frauen zu belustigen«, vollendete lächelnd Frau Wyllys. »Gut, Sie haben Ihren Scherz genossen, und werden jetzt hoffentlich geneigter sein, das, was eine natürliche Schwäche in dem weiblichen Gemüt sein soll, zu bemitleiden.«

Bei diesen letzteren Worten richtete sie den Blick auf Gertraud, mit einem Ausdruck, der zu sagen schien: Es würde grausam sein, wenn er noch jetzt mit der Furcht eines so jungen, unschuldigen Wesens sein Spiel forttreiben wollte. Sein Blick folgte dem ihrigen, und als er antwortete, geschah es mit einer Aufrichtigkeit, die wohl geeignet war, Überzeugung einzuflößen.

»Bei der Wahrhaftigkeit, die ein Mann von Erziehung Ihrem ganzen Geschlechte schuldig ist, Madame, was ich Ihnen gesagt habe, ist noch immer mein Glaube.«

»Wie, die Wuhlingen und die großen Brammasten!«

»Nein, nein,« unterbrach der junge Seemann lachend und stark errötend zugleich, »vielleicht das alles nicht. Aber hätte ich Mutter, Weib oder Schwester, sie sollten diese Fahrt in der Royal Carolina mit meiner Zustimmung nicht machen.«

»Ihr Blick, Ihre Stimme und Ihre treuherzige Miene stehen in seltsamem Widerspruch mit dem, was Sie sagen, junger Mann; denn während die ersteren mich versuchen, Sie für aufrichtig zu halten, finde ich in ihrer Aussage doch auch keinen Schatten von Grund oder Haltbarkeit. Ich gestehe, obgleich ich mich der Schwäche schämen sollte, die geheimnisvolle ewige Unbedenklichkeit, die in dem Schiffe dort herrscht, hat mich mit einer unerklärlichen Unruhe erfüllt, was wohl mit dem Treiben darin irgendwie zusammenhängen mag. Wissen Sie denn gewiß, daß es ein Sklavenhändler ist?«

»Wenigstens ist es gewiß ein schönes Schiff!« rief Gertraud.

»Ein sehr schönes!« stimmte Wilder mit Ernst ein.

»Auf einer der Rahen sitzt ein Mann, dem seine Beschäftigung für alles andere das Bewußtsein geraubt zu haben scheint«, fuhr Mistreß Wyllys fort, indem sie gedankenvoll das Kinn auf die Hand stützte und auf den Matrosen hinschaute. »Auch nicht ein einziges Mal während der ganzen Zeit, wo wir in so großer Gefahr waren, aufeinanderzutreiben, würdigte uns dieser Matrose auch nur eines verstohlenen Blickes.«

»Seine Kameraden schlafen vielleicht«, sagte Gertraud.

»Schlafen! Matrosen schlafen nicht zu einer solchen Stunde, an einem solchen Tage! Sagen Sie uns, Herr Wilder (Sie als Seemann müssen es ja wissen), pflegt eine Schiffsmannschaft zu schlafen, wenn ein fremdes Fahrzeug bis zur Berührung nahe ist?«

»Nein.«

»Ich konnte es mir wohl denken; denn ganz uneingeweiht in Gegenstände Ihres verwegenen, Ihres kühnen, Ihres edeln Gewerbes bin ich eben nicht!« erwiderte die Gouvernante mit vielem Nachdruck. »Und wie, wenn wir wirklich auf das Sklavenschiff gestoßen hätten, glauben Sie, die Mannschaft dort würde in ihrer Regungslosigkeit verharrt sein?«

»Ich glaube nicht, Madame.«

»In dieser ganzen angenommenen Ruhe ist ein Etwas, was einen wohl verleiten könnte, den ärgsten Verdacht von dem Treiben dieses Schiffes zu fassen. Weiß man, ob einige von der Mannschaft mit der Stadt verkehrten, während es dort vor Anker lag?«

»Ja.«

»Ich habe mir sagen lassen, daß falsche Flaggen von der Küste gesehen, und daß im letzten Sommer Schiffe geplündert und ihre Mannschaft und Passagiere mißhandelt wurden. Man glaubt sogar, der berühmte Rover sei seiner Exzesse in der spanischen See müde geworden: man hält ein Schiff, das vor kurzem in der Karaibischen See gesehen wurde, für den Kreuzer jenes verzweifelten Freibeuters.« Wilder erwiderte nichts hierauf. Er hatte bis jetzt die Sprechende fest, obgleich ehrerbietig angesehen, allein nun ließ er den Blick aufs Verdeck sinken und schien ruhig zu warten, bis es ihr gefallen würde, ihre Rede fortzusetzen. Die Gouvernante sann eine Sekunde, und mit verändertem Ausdruck im Gesichte, der zu erkennen gab, daß ihre Vermutung von der Wahrheit doch zu leicht war, um sich ohne weitere Bestätigung in ihr festzusetzen, fuhr sie fort:

»Genau genommen ist das Geschäft eines Sklavenhändlers arg genug und unglücklicherweise jenem Schiffe nur zu ähnlich, um ihm einen noch schlimmern Charakter beizulegen. – Könnte ich doch den Grund Ihrer befremdenden Behauptungen erfahren, Herr Wilder?«

»Ich bin nicht imstande, ihn deutlich zu machen, Madame; wenn mein Wesen Sie nicht überzeugt, so schlagen meine Absichten, die wenigstens das Verdienst der Aufrichtigkeit haben, durchaus fehl.«

»Ist denn das Wagnis durch Ihre Gegenwart nicht verringert?«

»Verringert wohl, aber immer ein Wagnis.«

Bis jetzt schien Gertraud eher eine willkürliche Zuhörerin als eine Teilnehmerin des Gespräches gewesen zu sein, doch jetzt wandte sie sich rasch und nicht ganz ohne Ungeduld gegen Wilder und fragte mit glühender Wange und einem Lächeln, das wohl einen eigensinnigeren Mann zum Geständnis hätte bewegen können: » Dürfen Sie denn nicht ausführlicher sprechen?«

Der junge Befehlshaber zauderte, vielleicht ebensosehr, um den Blick auf den treuherzigen Zügen der Sprecherin weilen zu lassen, als um sich zu einer Antwort zu entschließen. Seine gebräunte Wange wurde röter und röter, und sein Auge verriet inneres Wohlbehagen: endlich, als ob er sich plötzlich besänne, daß er eine zu lange Pause gemacht habe, sagte er:

»Ich bin gewiß, daß ich nichts wage, indem ich mich auf Ihre Verschwiegenheit verlasse.«

»Zweifeln Sie nicht daran,« erwiderte Frau Wyllys, »Sie sollen nicht verraten werden, es mag kommen, was da will.«

»Verraten? Für meine Person, Madame, befürchte ich wenig. Wenn Sie glauben, daß mich persönliche Rücksicht bestimmt, so tun Sie mir sehr großes Unrecht.«

»Wir trauen Ihnen nichts zu, was Ihrer unwürdig wäre,« sagte Gertraud hastig, »allein wir stehen unsertwegen in großer Besorgnis.«

»So will ich Sie denn davon befreien, wenn auch auf Kosten mei …«

Hier unterbrach ihn der Ruf eines Schiffsgehilfen an einen andern und leitete seine Aufmerksamkeit auf das naheliegende Schiff. »Die Leute im Sklavenschiff haben just ausfindig gemacht, daß ihr Schiff nicht gemacht sei, um unter Glas gestellt und von Weibern und Kindern begafft zu werden«, rief der eine, laut genug, daß ihn der andere, der im Vormars beschäftigt war, deutlich verstehen konnte.

»Ganz recht,« war die Antwort, »er sieht, daß wir munter sind, der Kerl dort, und das erinnert ihn, daß er sich selber auf die Beine machen muß. Halten sie nicht Wache am Bord des Wichtes, wie die Sonne in Grönland; sechs Monate über dem Verdeck und sechs Monate drunter?«

Der komische Vergleich erregte, wie gewöhnlich, ein helles Gelächter unter den Matrosen, die in diesem Tone, doch aus Respekt gegen ihre Oberen, etwas leiser ihre witzigen Ausfälle fortsetzten.

Wilders Augen aber hatten sich an das andere Schiff geheftet. Der Mann, der solange auf der Kante der großen Rahe gesessen hatte, war verschwunden, und ein anderer Matrose schritt bedachtsam längs der entgegengesetzten Seite derselben Spiere, mit der einen Hand sich am Baum festhaltend, während er in der andern das Ende eines Taues hielt, das er im Begriff schien, da, wo es hingehörte, einzureffen. Gleich beim ersten Blick erkannte Wilder seinen Fid in ihm, der sich von seinem Rausch erholt hatte, so daß er auf der schwindeligen Höhe mit ebenso großer, vielleicht mit noch größerer Sicherheit ging, als er auf festem Boden, wenn ihn seine Pflicht herabgerufen hätte, nur immer hätte einherschlendern können. Das Antlitz des Jünglings, das vor einem Augenblick noch voll freudiger Erregung glühte, und dessen Glanz auf die Freude zurückschließen ließ, die ihm das sich erschließende Vertrauen machte, dies Antlitz umwölkte nun düsterer Verdruß und Zurückhaltung. Mistreß Wyllys, der die geringste Schattierung in dem wechselnden Ausdruck seines Gesichtes nicht entgangen war, nahm das Gespräch mit einer gewissen Angelegentlichkeit wieder auf, da wo er es so kurz abgebrochen hatte.

»Sie wollten uns von unserer Unruhe befreien,« sagte sie, »auf Kosten Ihres …«

»Lebens, Madame, aber nicht auf Kosten der Ehre.«

»Gertraud, lassen Sie uns in die Kajüte gehen«, sagte Mistreß Wyllys mit einer Miene kalten, aus getäuschter Hoffnung und aus Empfindlichkeit gemischten Mißfallens über das Spiel, das, wie sie glaubte, mit ihr getrieben wurde. Gertrauds Auge war ebenfalls abgewendet und drückte nicht weniger Kälte aus, als das ihrer Gouvernante, während der glänzendere Blick fast ebensoviel Empfindlichkeit verriet. Wie sie bei dem stummen Wilder vorübergingen, machten sie eine vornehme Verbeugung und ließen dann unseren Abenteurer allein auf der Schanze stehen.

Während die Mannschaft geschäftig die Taue aufschoß und die sonstigen, auf dem Deck zerstreut umherliegenden Gegenstände aus dem Wege räumte, lehnte ihr junger Befehlshaber sein Haupt auf die Galerie des Spiegels (jenen Teil des Schiffes, den die gute Witwe des Konteradmirals so seltsamerweise mit einem sehr verschiedenen Gegenstand am andern Ende des Schiffes verwechselt hatte), und blieb mehrere Minuten lang in einer Stellung gänzlicher Abwesenheit. Aus diesen Träumen wurde er endlich aufgeschreckt durch einen Ton, dem ähnlich, den das Heben und Fallen eines leichten Ruders hervorbringt. Er glaubte, neue Besuche von der Küste wären im Begriff, ihn zu belästigen, und schaute mürrischen Blickes aus und über die Schiffsseite weg, um zu sehen, wer sich denn nähere.

Ein leichtes Boot von der Gattung, deren sich die Fischerleute in den Baien und seichten Gewässern Amerikas zu bedienen pflegen, lag innerhalb zehn Fuß vom Schiff, und zwar so, daß es einige Mühe kostete, dessen ansichtig zu werden. Nur ein einziger Mann befand sich darin, den Rücken dem Schiffe zugekehrt, und scheinbar das dem Eigentümer eines solchen Fahrzeugs eigentümliche Geschäft treibend.

»Sucht Ihr Ruderfische, mein Freund, daß Ihr so dicht unter meinem Spiegel treibt?«« fragte Wilder. »Die Bai soll ja voll köstlicher Barse und anderer schuppiger Herren sein, die Eure Mühe weit besser lohnen würden.«

»Der ist hinlänglich belohnt, der gerade den Fisch bekommt, nach dem er angelt««, erwiderte der andere, indem er den Kopf umwandle, und das verschmitzte Auge und selbstzufriedene Gesicht des alten Robert Bunt zeigte.

»Wie wagst du es, dich mir in fünf Faden tiefes Wasser anzuvertrauen, nach dem Schurkenstreich, den du für gut fandest …

»St! edler Kapitän, st!« unterbrach ihn Robert, einen Finger in die Höhe hebend, um des andern Lebhaftigkeit zu dämpfen und anzudeuten, daß ihre Unterredung keine so laute sein dürfe: »mißbraucht nicht den Kommandoruf: ›Überall! Alle zu Hauf!‹ als ob uns die Leute bei unserm Geplauder helfen müßten. Aus welche Weise bin ich auf die Leeseite Eurer Gunst geraten, Kapitän?«

»Auf welche Weise, Kerl! Hast du nicht Geld empfangen, um den Damen eine solche Schilderung von dem Schiffe zu machen, daß sie, ich gebrauche deine eigenen Worte, lieber in einem Kirchhof übernachten würden, als nur einen Fuß an Bord setzen?«

»Es hat sich freilich so was Ähnliches zwischen uns zugetragen, Kapitän; doch Ihr habt die eine Hälfte der Bedingung vergessen, und so hab‘ ich an die andere Hälfte nicht gedacht, und ich darf einem so erfahrenen Schiffahrer wohl nicht erst sagen, daß zwei Halbe ein Ganzes machen. Es ist also ganz natürlich, daß die Sache zwischen uns mitten durchgefallen ist.«

»Was? Ist es nicht genug, daß du treulos bist, mußt du auch noch lügen! Welchen Teil meines Versprechens hätte ich nicht gehalten?«

»Welchen Teil?« erwiderte der vermeintliche Fischer, indem er gemächlich eine Leine einzog, die wohl, wie der schnelle Blick Wilders leicht entdeckte, reichlich mit Lot versehen war, aber nicht mit dem ebenso wesentlichen Werkzeuge, dem Widerhaken; »welchen Teil, Kapitän? Keine geringere Kleinigkeit als die zweite Guinee.«

»Sie sollte die Belohnung eines ausgerichteten Dienstes sein, aber nicht, wie ihr Gefährte, ein Aufgeld, um dich zur ernstlichen Übernahme des Geschäftes zu bewegen.«

»Ha! Sie haben mir aufs rechte Wort geholfen. Ich dachte die Guinee wäre nicht ernstlich gemeint, wie die erste, die ich bekam, und so ließ ich denn den Handel halb beendigt.«

»Halb beendigt, Schuft! Du hast nie begonnen, was du zu vollenden so hoch und teuer beschworen hast.«

»Da seid Ihr auf falscher Fahrt, mein Schiffspatron, gerade als wenn Ihr Ostost steuern wolltet, um den Nordpol zu erreichen. Ich habe gewissenhaft die eine Hälfte unseres Übereinkommens ausgeführt; und für eine Hälfte haben Sie nur bezahlt, wie Sie wissen.«

»Es soll dir schwer werden, zu beweisen, daß du auch nur dieses Wenige getan hast.«

»Wollen einmal unser Logbuch darüber zu Rate ziehen. Ich ließ mich dazu anwerben, den Hügel hinaufzugehen bis zum Hause der guten Admiralswitwe und daselbst gewisse Abänderungen, die wir jetzt nicht erst zu nennen brauchen, in meinen Behauptungen zu machen.«

»Und die du nicht gemacht, sondern im Gegenteil dadurch vereitelt hast, daß du eine schnurstracks entgegengesetzte Geschichte erzähltest.«

»Wahr.«

»Wahr, Halunke? Wenn nach Recht mit dir verfahren würde, so sollte die vertrautere Bekanntschaft mit einem Strick deine wohlverdiente Belohnung ausmachen.«

»Hu, welch ein Windstoß von Worten! – Wenn Euer Schiff ebenso in die Kreuz und Quer steuert wie Eure Gedanken, Kapitän, so wird Eure Fahrt nach Süden ziemlich zickzack gehen. Haltet Ihr es für einen alten Mann, wie ich bin, nicht für leichter, ein paar Lügen zu sagen, als jene lange und steile Anhöhe hinanzuklimmen? Streng genommen, hatte ich bereits mehr als meine halbe Obliegenheit erfüllt, als ich bei der gläubigen Witfrau anlangte; und dann beschloß ich, den halben Lohn, den ich noch bekommen sollte, auszuschlagen, um mich lieber von der andern Partei beschenken zu lassen.«

»Niederträchtiger!« schrie Wilder, den der heftige Unwille etwas verblendete, »selbst deine Jahre sollen dich nicht länger vor Strafe schützen. He, da vorne! Bemannt die Schute, Maat, und bringt mir den alten Kerl dort in dem kleinen Boot an Bord des Schiffes. Achtet auf sein Geschrei nicht; das Geschäft, das ich mit ihm abzumachen habe, kann nicht ganz ohne Geräusch ins reine gebracht werden.« Der Schiffsgehilfe, an den dieser Zuruf gerichtet war, und der ihn erwiderte, sprang nun auf die Galerie, wo er das kleine Fahrzeug gewahrte, auf das er Jagd machen sollte. In weniger als einer Minute war er mit noch vier Mann in der Schute und ruderte um das Schiff herum, um auf die Seite zu kommen, wo die Erreichung seines Zweckes möglich war. Der selbstgetaufte Robert Bunt tat einen oder zwei Ruderschläge, und setzte federleicht über die Wogen zwanzig bis dreißig Klafter weg, von wo er gehalten hatte, lachte in sich hinein wie einer, der sich über das Gelingen seiner List freut, ohne im mindesten über die Folgen besorgt zu scheinen. Sobald jedoch nun die Schute hervorkam und sichtbar wurde, legte er sich mit kräftigen Armen ein und überzeugte bald die Zuschauer im Schiffe, daß es einige Mühe kosten würde, ihn einzuholen.

Eine Zeitlang war es zweifelhaft, was für einen Lauf der Flüchtling zu nehmen gedächte; denn er tat nichts, als daß er in schnellen und plötzlichen Wendungen und Kreisen eine geraume Zeit seine Verfolger verwirrte und durch seine geschickten und leichten Evolutionen ihre Anstrengung vereitelte. Doch endlich war er dieser höhnenden Belustigung müde, oder vielleicht auch besorgt, seine Kräfte zu erschöpfen, und im Nu schoß er wie ein Pfeil in gerade Linie dahin, auf den Rover los.

Die Jagd wurde nun heiß und ernst und erregte das Beifallsgeschrei der meisten von den zuschauenden Matrosen. Anfangs schien der Ausgang zweifelhaft; doch gewann endlich die Schute, nachdem sie den Widerstand des Stroms besiegt hatte, dem Boote mehr und mehr Seeraum ab, obgleich sie noch immer eine Strecke dahinter zurückblieb. Allein es dauerte keine drei Minuten, so schoß Robert unter den Spiegel des andern Schiffes, und da der Rumpf des Sklavenschiffes mit dem Laufe der Carolina in einer Linie lag, so verschwand es den Augen der Zuschauer sowohl als seiner Verfolger. Diese säumten nun nicht, dieselbe Richtung zu nehmen: und die Matrosen der Carolina fingen nun an, lachend an der Takelage hinaufzuklimmen, um über den dazwischenliegenden Rumpf des Sklavenschiffes wegsehen zu können.

Indessen war auf der Meeresfläche jenseits durchaus kein Boot zu sehen, nichts bewegte sich auf der See bis an die fernliegende Insel mit ihrem kleinen Fort. In ein paar Minuten sah man die Mannschaft der Schute langsam ihren Weg zurückrudern, wie Leute, die in ihrer Erwartung getäuscht worden. Alles lief nun an die Seite des Schiffes, um den Ausgang des Abenteuers zu hören; der Lärm der sich auf einen Punkt hindrängenden Menge zog selbst die beiden Damen aus der Kajüte aufs Verdeck. Statt jedoch den Fragen ihrer Kameraden mit dem Seeleuten so gewöhnlichen Wortreichtum entgegenzukommen, sahen die Leute in der Schute ganz verdutzt und erschrocken aus. Ihr Offizier sprang aufs Deck, ohne einen Laut von sich zu geben, und suchte seinen Kommandeur.

»Das Boot war zu behende für Sie, Herr Nighthead«, bemerkte gelassen Wilder, der sich während des ganzen Austritts nicht von seinem Platze bewegt hatte.

»Zu behende, Herr! Kennen Sie den Menschen, der darin ruderte?«

»Nicht ganz genau; aber ein Spitzbube ist’s, soviel weiß ich.«

»Das kann freilich nicht anders sein, da er mit dem Teufel verwandt ist.«

»Ich getraue mir zwar nicht zu sagen, daß es so arg mit ihm stehe, wie Sie zu glauben scheinen, wenn ich auch eben nicht viel Ursache habe, zu denken, er besitze so viel überflüssige Ehrlichkeit, daß er einiges davon über Bord werfen könnte. Was ist aus ihm geworden?«

»Das ist leicht gefragt, aber schwer zu beantworten. Erstlich kniff der alte Graukopf sein Schiffchen vorwärts, daß es Euch aussah, als schwämm‘ es in der Luft. Wir waren nicht eine Minute, höchstens zwei, hinter ihm; als wir aber das Sklavenschiff umsegelt hatten, waren Boot und Bootsmann verschwunden!«

»Sehr natürlich, er steuerte dicht an der Schiffsseite herum, während Ihr dicht bei dem Spiegel vorbeikreuztet.«

»Sie haben ihn also gesehen?«

»Ich gestehe, nein.«

»Das konnte er nicht, mein Herr, wir ruderten weit genug vom Schiffe ab, um nach beiden Seiten hinsehen zu können; überdies wußten die Leute auf dem Sklavenhändler nichts von ihm.«

»Saht Ihr die Mannschaft des Sklavenschiffs?«

»Ich hätte sagen sollen, der Mann darauf; denn dem Anscheine nach ist nur einer am Bord.«

»Und wie war der beschäftigt!«

»Er saß auf einem der Wandtaue und schien eben vom Schlafe aufzuwachen. Es ist ein träges Schiff, Herr, das sich von seinem Eigentümer wahrscheinlich mehr geben läßt, als es verdient!«

»Kann sein. Gut, laß ihn laufen, den Spitzbuben. Master Earing, es scheint ein Seewind im Anzuge, wir wollen doch unsere Bramsegel wieder aufziehen, damit er uns zum Empfang bereit finde. Noch geb‘ ich die Hoffnung nicht auf, so weit zu kommen, daß wir die Sonne im Meere untergehen sehen.«

Die Schiffsgehilfen und die übrige Mannschaft gingen nun munter an ihre Arbeit. Jedoch konnten die verwunderten Matrosen selbst beim Aufziehen der Segel, um den Wind einzuladen, ihre Neugier nicht unterdrücken und richteten an die, die in der Schute gewesen waren, mannigfaltige Fragen, wofür sie gar feierliche Antworten erhielten. Währenddessen wendete sich Wilder zu Mistreß Wyllys, die seinem kurzen Gespräch mit dem Maat zugehört hatte.

»Sie sehen, Madame,« sagte er, »daß wir unsere Reise nicht ohne bedeutsame Vorzeichen antreten.«

»Wenn Sie, rätselhafter Mensch, mir mit jener Ihnen oft eigenen aufrichtigen Miene darzutun suchten, daß wir nicht weise handeln, uns der See anzuvertrauen, so bin ich fast geneigt, Ihren Worten Glauben beizumessen; allein der Versuch, die Zauberei in Ihr Interesse zu ziehen, um Ihrer Zumutung Eingang zu verschaffen, kann nur die entgegengesetzte Wirkung haben.«

»Anker gelichtet!« schrie Wilder mit einem Blick, der seinen Reisegefährtinnen zu sagen schien: Wenn ihr denn so kühnen Mutes seid, an Gelegenheit, ihn zu zeigen, soll es euch nicht fehlen. »Heda, Mannschaft, ans Gangspill! Wir wollen noch einmal versuchen, mit dem Winde in die freie See zu kommen, solang‘ es noch hell ist.«

Nun das Geklapper der Handspeichen, nun der Gesang der Matrosen, wie sie sich schweren, abgemessenen Trittes um das Gangspill drehten. So wurde die Eisenwucht in ein paar Minuten dem Boden entrissen und das Schiff zum zweitenmal von den Banden, die es festhielten, entfesselt.

Der Wind kam bald frisch vom Meere her, klamm und mit salzigen Teilen des Elementes geschwängert. Sowie er in die schwellenden, gleichmäßig ausgebreiteten Segel fiel, beugte sich das Schiff tief vor dem willkommenen Gast, und als es sich ebenso zierlich wieder erhob, ertönte in dem Labyrinth des Tauwerks das Spiel des Windes, die lieblichste Musik für Matrosenohren. Die willkommenen Töne und die Frische der ganz eigentümlichen Luft erhöhten das Kräftige in den Bewegungen der Leute. Der Anker wurde eingestaut, die leichteren Segel bei-, das Schiff in Gang gesetzt, die unteren großen Tücher von ihren Rahen losgelassen, und ehe wieder zehn Minuten vorüber waren, sprühte der Wasserstaub zu beiden Seiten der Carolina, wie sie vor dem Winde dahinrauschte.

Wilder hatte nun die Lösung der Aufgabe, das Schiff zwischen den Inseln Rhode und Connannicut hindurchzuführen, selbst übernommen. Bei der großen Verantwortlichkeit, der er sich dadurch unterzogen, war es ein glücklicher Umstand, daß die Durchfahrt durch die Meerenge nicht schwierig war und der Wind sich hinlänglich nach Osten gedreht hatte, um es ihm, nach einigem Segeln dicht beim Wind, leicht zu machen, den Kanal in einem einzigen Zuge zurückzulegen. Allein wenn er einen großen Teil seines vorteilhaften Pfades nicht verlieren wollte, so mußte er in seinem Zuge hart am Rover vorbei. Er war nicht unschlüssig. Sobald das Fahrzeug luvwärts der Küste so nahe war, als nach seinem geschäftigen Senkblei für ratsam erachtet werden konnte, ließ er durch den Wind wenden, so daß das Schiff mit seinem Vorderteil auf den noch immer bewegungs- und scheinbar achtlosen Sklavenhändler zu liegen kam.

Die zweite Annäherung der Carolina fand unter weit günstigeren Umständen statt als die frühere. Der Wind blies nicht in Flagen wie vorher, sondern stetig, und die Mannschaft hielt das Schiff im Zügel, wie ein gewandter Reiter das Feuer seines schnaubenden Hengstes bändigt. Bei alledem war keine Seele auf dem Bristoler Kauffahrer, die die Vorüberfahrt nicht in atemlose Erwartung dessen, was da kommen sollte, gesetzt hätte. Ein jeder war aus einer verschiedenen Ursache äußerst gespannt. Für die Seeleute hatte das Schiff nachgerade den Charakter des Wunderbaren angenommen; die Gouvernante und ihr Zögling waren bewegt – sie wußten selbst kaum warum – indes Wilder nur zu gut unterrichtet war von der Art der Gefahr, in der alle, er selbst ausgenommen, schwebten. Schon war der Steuermann im Begriff, seinem Matrosenstolz huldigend, das Steuerrad wie vorher zu drehen, daß sie luvwärts vorbeikämen, und allerdings war der Versuch jetzt nicht so gefährlich; allein er erhielt die entgegengesetzte Weisung.

»Bei der Leeseite des Sklavenhändlers vorbeifahren, Herr!« sagte Wilder zu ihm mit gebieterischer Gebärde, und ging dann selbst nach der Galerie der Luvseite, um, wie jeder andere müßige Zuschauer auf dem Verdeck, den Gegenstand, dem sie sich nun so schnell näherten, mit prüfenden Blicken anzuschauen. Wie sich die Carolina kühn nahte, den Wind gleichsam vor sich hertragend, war aus dem fremden Schiffe kein anderer Ton zu vernehmen, als das Geseufze des Windes durch das leise bewegte Tauwerk. Kein einziges menschliches Antlitz, nicht einmal ein heimliches, neugieriges Auge war zu erspähen. Die Vorüberfahrt war natürlich sehr rasch, nur eine Sekunde, und kaum lagen Vorderteil und Spiegel beider Schiffe parallel, da glaubte Wilder, der vermeintliche Sklavenhändler würde tun, als bemerkte er gar nicht, daß sie vorübersegelten, allein er irrte sich. Eine leichte, behende Gestalt, in der Unteruniform eines Flottenoffiziers, sprang aus den obern Teil des Spiegels und schwenkte die Mütze zum Gruß. Sobald die blonden Locken das Gesicht des Grüßenden umwehten, erkannte Wilder das feurige Auge und die sprechenden Gesichtszüge des roten Freibeuters.

»Glauben Sie, daß sich der Wind so halten wird, mein Herr?« rief dieser, so laut er konnte.

»Wohl möglich, da er so steif angefangen hat.«

»Ein kluger Seemann würde seinen Ostwind ganz und beizeit benutzen: mir riecht der Wind ziemlich westindisch.«

»Sie sind der Meinung, er wird sich mehr nach Süden drehen?«

»Ja; doch die Segel nur straff beim Winde gehalten, so gewinnt Ihr schon das Weite.«

Jetzt war die Carolina vorüber, und jetzt wandte sie sich schon mit dem Winde, quer vor dem Sklavenhändler, wieder in ihr erstes Kielwasser; da schwenkte die Gestalt auf dem Hackebord noch einmal die Mütze zum Lebewohl hoch in die Luft und verschwand.

»Ist es möglich, daß ein solcher Mann Handel mit menschlichen Wesen treiben kann!« rief Gertraud aus, als beider Stimmen nicht mehr ertönten.

Da sie keine Antwort erhielt, drehte sie sich um, ihre Gefährtin anzusehen. Die Gouvernante stand da, wie ein Wesen im Zustand der Verzückung. Ihre Augen blickten in das Leere, denn sie hatten immer noch dieselbe Richtung, obgleich sie das Schiff schon längst so weit getragen hatte, um das Gesicht des Fremden noch erreichen zu können. Gertraud faßte ihre Hand und wiederholte die Frage, da kehrte ihr erst die Besinnung wieder, und mit der Hand über die Stirn hinfahrend, unsteten Blickes und ein Lächeln erzwingend, sagte sie:

»Liebe, wenn sich Schiffe begegnen, oder sich irgendein Ereignis zur See vor meinen Augen erneut, so beleben sich immer meine frühesten Erinnerungen. Gewiß, das war kein gewöhnliches Wesen, was sich endlich blicken ließ in dem Sklavenschiffe dort.«

»Ein höchst ungewöhnliches, in der Tat, für einen Sklavenhändler!«

Die Wyllys stützte ihr Haupt einen Augenblick auf die eine Hand und wandte sich dann zurück, um Wilder zu suchen. Der junge Seemann stand ihr nah, und prüfend ruhte sein Auge auf ihrem Gesichte mit einer Teilnahme, die fast ebenso auffallend war, als ihre eigene gedankenvolle Miene.

»Sagen Sie mir, junger Mann, ist jenes Individuum der Kommandeur des Sklavenschiffes?«

»Das ist er.«

»Sie kennen ihn?«

»Wir begegneten schon einander.«

»Und er heißt?«

»Befehlshaber jenes Schiffes. Weiter weiß ich keinen Namen von ihm.«

»Gertraud, suchen wir unsre Kajüte. Herr Wilder wird schon so gut sein, uns sagen zu lassen, wenn das Land zu verschwinden anfängt.«

Dieser machte eine bejahende Verbeugung, und die Damen verließen das Verdeck. Die Carolina hatte nun die Aussicht, ungesäumt die offene See zu gewinnen. Um dieses Ziel zu erreichen, hatte Wilder alles, was weiter bringen konnte, so vorteilhaft als möglich beigesetzt. Dennoch wandte er wohl hundertmal den Kopf, um einen verstohlenen Blick nach dem überholten Schiff zu werfen. Es lag in der Bai noch so, als wie sie vorüberfuhren, ein symmetrischer, schöner, aber unbewegter Gegenstand. Nach jeder dieser heimlichen Untersuchungen blickte unser Abenteurer unabänderlich auf die Segel seines eigenen Schiffes, wobei eine gewisse Aufgeregtheit und Ungeduld unverkennbar waren, indem er bald das eine Segel straffer an die Spiere anzuziehen, bald das andere an seiner Stenge geräumiger auszureffen befahl.

Diese Besorglichkeit, verbunden mit ungemeiner Sachkenntnis, hatte die Wirkung, daß der Bristoler Kauffahrteifahrer durchs Element dahinschoß mit einer Schnelle, die er selten oder niemals übertroffen hatte. Es dauerte nicht lange, so hörte das Land auf von den Schiffsseiten aus sichtbar zu sein; nur eine leiser und leiser werdende Spur davon war noch zu erkennen in den blauen Inseln hinter ihnen und in dem blassen Streif am Horizont nach Norden und Westen hin, wo sich das unermeßliche Festland zahllose Meilen lang ausstreckt. Nun wurden die beiden weiblichen Reisenden aufgefordert, vom Lande Abschied zu nehmen, und man sah die Offiziere mit der Aufzeichnung der Abreise beschäftigt. Wie es zu dunkeln begann und die Inseln eben ganz in den Wogen versanken, stieg Wilder auf eine der oberen Rahen mit einem Fernglase in der Hand. Er blickte lange, angelegentlich und ganz im Anstaunen versunken, in die Ferne, doch stieg er mit einem beruhigteren Auge und gelassenerer Miene wieder herunter. Ein Lächeln, das einen guten Erfolg zu begleiten pflegt, spielte um seine Lippen; und in einer heitern, Mut einflößenden Stimme erteilte er seine Befehle, denen ebenso munter gehorcht wurde. Die ältlicheren unter den Matrosen wiesen auf die See hinter dem Schiffe hin und behaupteten, daß die Carolina niemals in solchem Grade Fahrt gemacht habe. Die Gehilfen ließen die Loglinie schießen und nickten sich Beifall zu, als sie sich von dem ungewohnten Fluge des Schiffes überzeugten. Mit einem Worte, Zufriedenheit und Heiterkeit herrschte am Bord; denn die Zeichen, unter denen man die Reise begann, schienen so glückbedeutend, daß man einer baldigen und erwünschten Beendigung entgegensah. Mitten unter diesen ermutigenden Vorbedeutungen tauchte die Sonne in den Ozean, im Sinken einen weiten Streif des kalten und düsteren Elementes bedeckend. Darauf fingen die Schatten der abendlichen Stunde an sich zu sammeln über der unabsehbaren Oberfläche der grenzenlosen See.

Fünftes Kapitel

Fünftes Kapitel

Es war ein atemloser Augenblick. Die Flüchtlinge konnten die Absichten ihrer Verfolger nur aus ihren Gebärden und den Zeichen erraten, die ihnen in der Wut der getäuschten Erwartung entschlüpften. Daß eine Partie bereits auf ihrer eigenen Fährte zu Land zurückgekehrt war, war fast gewiß und also der ganze Vorteil verloren, den man von dem Kunstgriff mit dem Feuer erwartet hatte. Diese Betrachtung war jedoch im gegenwärtigen Augenblick von geringem Belang, da die Gesellschaft von denen, die im Wasser herunterkamen, mit augenblicklicher Entdeckung bedroht war. Alle diese Umstände traten vor die Seele des Pfadfinders, der die Notwendigkeit einer schnellen Entscheidung erkannte und die Vorbereitungen zum Kampf traf. Er winkte den beiden Indianern und Jasper, näher zu kommen und teilte ihnen flüsternd seine Ansichten mit.

»Wir müssen schlagfertig sein, bereit sein«, sagte er. »Es sind nur drei von diesen skalplustigen Teufeln, und wir sind fünf, von denen vier als brave Krieger für solch ein Scharmützel betrachtet werden können. Eau-douce, nehmt Ihr den Burschen, der wie der Tod bemalt ist, aufs Korn; dir, Chingachgook, gebe ich den Häuptling, und Ihr, Pfeilspitze, müßt Euer Auge auf den Jungen halten. Es darf kein Irrtum stattfinden; denn zwei Kugeln in den nämlichen Körper wären eine sündhafte Verschwendung, wenn man eine Person, wie des Sergeanten Tochter, in Gefahr weiß. Ich selbst will die Reserve bilden, wenn etwa so ein viertes Gewürm erschiene oder eine eurer Hände sich als unsicher erprobte. Gebt aber nicht Feuer, bis ich es sage. Wir dürfen nur im äußersten Notfall unsere Büchsen brauchen, da die übrigen Bösewichter den Knall hören würden. Jasper, Junge, wenn sich eine Bewegung hinter uns, vom Ufer her, hören läßt, so verlaß ich mich auf Euch, daß Ihr mit des Sergeanten Tochter den Kahn auslaufen laßt und in Gottes Namen, so schnell Ihr könnt, der Garnison zutreibt.«

Der Pfadfinder hatte kaum diese Anweisungen gegeben, als die Annäherung der Feinde das tiefste Stillschweigen nötig machte.

Die Irokesen kamen langsam den Strom herunter und hielten sich in die Nähe des Gebüsches, das über das Wasser herhing, indes es das Rauschen der Blätter und das Rascheln der Zweige bald zur Gewißheit machte, daß sich ein zweiter Trupp längs dem Ufer hinbewegte und mit denen im Wasser gleichen Schritt und gleiche Richtung hielt. Da das von den Flüchtigen künstlich angelegte Gebüsch in einiger Entfernung von dem wahren Ufer lag, so wurden sich die beiden Haufen gerade an den gegenüberliegenden Punkten ansichtig. Sie hielten nun an, und es erfolgte eine Besprechung, die sozusagen über den Häuptern der Verborgenen weggeführt wurde. In der Tat wurden auch unsere Reisenden durch nichts geschützt als durch die Zweige und Blätter ihrer Pflanzung, die so biegsam waren, daß sie jedem Luftstrom nachgaben und von jedem mehr als gewöhnlichen Windstoß weggeblasen worden wären. Glücklicherweise führte die Gesichtslinie die Augen der im Wasser stehenden Wilden und derer am Lande, über das Gebüsch weg, dessen Blätter dicht genug schienen, um jeden Verdacht zu beseitigen. Vielleicht verhinderte nur die Kühnheit dieses Auswegs eine augenblickliche Entdeckung. Die Besprechung wurde mit Ernst, jedoch in gedämpftem Tone geführt, als ob die Sprechenden die Aufmerksamkeit irgendeines Lauschers vereiteln wollten. Sie geschah in einem Dialekt, den sowohl die beiden indianischen Krieger als auch der Pfadfinder verstand, während Jasper nur ein Teil des Gespräches deutlich wurde.

»Die Fährte ist durch das Wasser weggewaschen«, sagte einer von unten, der dem künstlichen Versteck der Flüchtigen so nahe stand, daß man ihn mit dem Lachsspieß hätte erreichen können, der in Jaspers Kahn lag. »Wasser hat sie so rein gewaschen, daß ihr der Hund eines Yengeese nicht zu folgen wüßte.«

»Die Bleichgesichter haben das Ufer in ihren Kähnen verlassen«, antwortete der Sprecher am Ufer.

»Es kann nicht sein. Die Büchsen unserer Krieger unten sind sicher.«

Der Pfadfinder warf Jasper einen bedeutungsvollen Blick zu und biß die Zähne zusammen, um den Ton seines Atems zu unterdrücken.

»Laß meine jungen Leute um sich blicken, als ob ihre Augen Adler seien«, sagte der älteste Krieger unter denen, die im Fluß wateten. – »Wir sind einen ganzen Mond auf dem Kriegspfad gewesen und haben nur einen Skalp gefunden. Es ist ein Mädchen unter ihnen, und einige unserer Tapferen brauchen Weiber.«

Glücklicherweise gingen diese Worte für Mabel verloren; aber Jasper runzelte die Stirn, und sein Gesicht brannte.

Die Wilden brachen nun ihre Unterhaltung ab, und unsere Versteckten hörten die langsamen und vorsichtigen Bewegungen ihrer Feinde am Ufer und das Rascheln des Gebüsches, das sie auf ihrem Wege behutsam zur Seite bogen. Sie waren augenscheinlich schon über das Versteck hinaus; aber das Häuflein im Wasser hielt noch an und prüfte das Ufer mit Augen, die aus ihren Kriegsfarben wie die Glut aus Kohlen herausfunkelten. Nach einer Pause von zwei oder drei Minuten fingen auch sie an, stromabwärts zu gehen, obgleich nur Schritt für Schritt, wie Menschen, die einen verlorenen Gegenstand suchen.

In dieser Weise kamen sie an dem künstlichen Schirm vorbei, und der Pfadfinder verzog seinen Mund zu dem herzlichen, aber lautlosen Lachen, das Natur und Gewohnheit zu einer Eigentümlichkeit dieses Mannes gemacht hatte. Sein Triumph war jedoch voreilig, denn der Letzte des abziehenden Häufleins warf gerade in diesem Moment einen Blick zurück und hielt plötzlich an. Diese Bewegung und ein vorsichtiges Umschauen verriet ihnen auf einmal zu ihrem größten Schrecken, daß einige vernachlässigte Büsche den Verdacht erregt hätten.

Es war vielleicht ein Glück für die Verborgenen, daß der Krieger, der diese erschreckenden Zeichen eines auftauchenden Verdachtes kundgab, ein Jüngling war, der erst Achtung erwerben mußte. Er wußte, wie wichtig Besonnenheit und Bescheidenheit für einen Menschen von seinen Jahren sei und fürchtete mehr als alles das Lächerliche und die Verachtung, die die Folge eines falschen Lärmens waren. Ohne daher einen der Gefährten zurückzurufen, kehrte er wieder um, und während die anderen im Flusse weiterschritten, näherte er sich vorsichtig den Büschen, auf die er seine Blicke wie durch einen Zauber gebannt hielt. Einige von den Blättern, die der Sonne am meisten ausgesetzt gewesen, waren verwelkt, und diese leichte Abweichung von den gewöhnlichen Gesetzen der Natur hatte das rasche Auge des Indianers auf sich gezogen.

Die scheinbare Geringfügigkeit der Beobachtung, die er gemacht hatte, war ein weiterer Grund für den Jüngling, sie seinen Gefährten nicht mitzuteilen. Hatte sie ihn wirklich zu einer Entdeckung geleitet, so war sein Ruhm um so größer, wenn er ihn ungeteilt genoß; und war dies nicht der Fall, so durfte er hoffen, dem Gelächter zu entgehen, das die jungen Indianer so sehr scheuen. Hier drohten jedoch die Gefahren eines Hinterhalts und eines Überfalls, die jeden, auch den feurigsten Krieger der Wälder, zu einer langsamen und vorsichtigen Annäherung veranlassen; und infolge der aus den eben genannten Umständen fließenden Zögerung waren die zwei Partien bereits fünfzig bis sechzig Ellen weiter abwärts gekommen, ehe der junge Wilde der Anpflanzung Pfadfinders so nahe gerückt war, daß er sie mit den Händen erreichen konnte.

Die durch die Hitze hervorgebrachte Veränderung des Gebüsches war nur so leicht, daß der Irokese, als er wirklich die Hand an die Blätter legte, vermutete, er habe sich getäuscht. Um aber seinem Verdacht auf die Spur zu kommen, bog der junge Krieger vorsichtig die Zweige auf die Seite und war mit einem Tritt in dem Versteck, wo die Gestalten der darin Befindlichen wie ebenso viele atemlose Statuen seinen Blicken entgegentraten. Der dumpfe Ausruf, das leichte Zurückfahren und das glänzende Auge des Feindes wurden kaum gesehen und gehört, als sich der Arm Chingachgooks erhob, und der Tomahawk des Delawaren auf den nackten Schädel seines Gegners niedersank. Der Irokese erhob wütend die Hände, stürzte rückwärts und fiel an einer Stelle ins Wasser, wo der Strom den Körper wegführte, dessen Glieder noch im Todeskampf zuckten. Der Delaware machte einen kräftigen, aber erfolglosen Versuch, seinen Arm zu ergreifen, in der Hoffnung, sich des Skalps zu bemächtigen; aber das blutgestreifte Wasser wirbelte stromabwärts und führte seine bebende Last mit sich fort.

Alles dieses geschah in weniger als einer Minute und erschien dem Auge so plötzlich und unerwartet, daß Leute, die weniger an die Kriegsfahrten der Wälder gewöhnt waren als der Pfadfinder und seine Genossen, nicht sogleich gewußt hätten, was beginnen.

»Es ist kein Augenblick zu verlieren«, sagte Jasper mit ernster, aber gedämpfter Stimme, indem er das Gebüsch auf die Seite drückte. »Tut, was ich tue, Meister Cap, wenn Ihr Eure Nichte gerettet wissen wollt; und Sie, Mabel, legen Sie sich der Länge nach in dem Kahn nieder.«

Er hatte diese Worte kaum gesprochen, als er den Bug des leichten Bootes ergriff, es im Wasser watend längs dem Ufer hinschleppte, wobei Cap ihn am Stern unterstützte – sich so nahe wie möglich an das Ufer hielt, um von den Wilden nicht bemerkt zu werden, und die obere Wendung des Flusses zu gewinnen suchte, die die Gesellschaft mit Sicherheit vor dem Feind verbergen mochte. Des Pfadfinders Kahn lag zunächst am Land und mußte deshalb zuletzt das Ufer verlassen. Der Delaware sprang ans Land und verlor sich in den Wald, da er es für seine Aufgabe hielt, den Feind in dieser Gegend zu überwachen, indes Pfeilspitze seinen weißen Gefährten beim Flottmachen des Kahnes unterstützte – um Jasper folgen zu können. All dieses war das Werk eines Augenblicks; als aber Pfadfinder die Strömung an der Flußwendung erreicht hatte, fühlte er plötzlich ein Leichterwerden des Gewichtes, das er führte, und bei einem Rückblick entdeckte er, daß ihn der Tuscarora mit seinem Weib verlassen hatte. Der Gedanke an Verrat blitzte in seiner Seele auf; aber es war keine Zeit anzuhalten. Der Klageruf, der sich weiter unten im Fluß erhob, verkündete, daß der weggeschwemmte Körper des jungen Indianers bei seinen Freunden angelangt war. Der Knall einer Flinte folgte, und nun sah der Wegweiser, daß Jasper, nachdem er die Flußbeugung umrudert hatte, den Strom quer durchschnitt und beide, Jasper aufrechtstehend im Stern des Kahnes und Cap am Bug sitzend, das leichte Fahrzeug mit kräftigen Ruderschlägen vorwärts trieben. Ein Blick, ein Gedanke, ein Auskunftsmittel erfolgte rasch aufeinander in der Seele eines Mannes, der so sehr an die Wechselfälle des Grenzkriegs gewöhnt war. Er sprang schnell in das Hinterteil seines Kahnes, drängte ihn mit einem kräftigen Stoß in die Strömung und fing gleichfalls an, den Strom so weit unten zu kreuzen, daß seine Person eine Zielscheibe für den Feind abgeben mochte, indem er wohl wußte, daß ihr eifriges Verlangen, sich einer Kopfhaut zu sichern, alle anderen Gefühle überwältigen würde.

»Haltet Euch oberhalb der Strömung, Jasper«, rief der unerschrockene Führer, indem er das Wasser mit langen, festen und kräftigen Ruderschlägen peitschte, »haltet Euch immer über der Strömung und treibt gegen das Erlengebüsch drüben! Bewahrt vor allem des Sergeanten Tochter und überlaßt diese Schufte von Mingos mir und der Großen Schlange!«

Jasper schwenkte sein Ruder zum Zeichen, daß er ihn verstanden habe, und nun ertönte Schuß auf Schuß in rascher Folge, davon jeder auf den einzelnen Mann in dem nächsten Kahn gerichtet war.

»Haha, knallt nur eure Schießprügel ab, ihr Dummköpfe«, brummte Pfadfinder in sich hinein, »knallt nur feste los auf ein unsicheres Ziel und laßt mir Zeit, auf dem Fluß eine Elle um die andere zwischen uns zu legen! Ich will euch nicht tadeln wie ein Delaware oder Mohikaner; aber ihr seid wenig besser als die Leute aus den Städten, die auf die Spatzen in den Obstgärten schießen. Hoppla, das war gut gemeint« – er zog seinen Kopf zurück, da eine Flintenkugel eine Haarlocke von seinen Schläfen abgerissen hatte – »aber das Blei, das um einen Zoll fehlt, ist ebenso nutzlos wie was stets im Flintenlauf bleibt. Brav getan, Jasper! Des Sergeanten süßes Kind muß gerettet werden, und wenn wir alle unsere Kopfhäute darüber verlieren sollten.«

Mittlerweile war der Pfadfinder in die Mitte des Flusses und fast an die Seite seiner Feinde gerudert, indes der andere Kahn, von Caps und Jaspers kräftigen Armen getrieben, der ihnen bezeichneten Stelle am jenseitigen Ufer nahe gekommen war. Der alte Seemann spielte nun seine Rolle männlich, denn er war auf seinem eigenen Element, liebte seine Nichte aufrichtig, hatte eine besondere Verehrung gegen seine eigene Person und war des Feuers nicht ungewohnt, obgleich sich seine Erfahrung auf eine ganz andere Art des Kriegsführens bezog. Einige Ruderstreiche brachten den Kahn in das Gebüsch; Mabel eilte mit Jasper ans Land, und für den Augenblick waren alle drei Flüchtlinge gerettet.

Nicht so verhielt es sich mit dem Pfadfinder. Seine mutige Selbstaufopferung hatte ihn in eine ungemein gefährliche Lage gebracht, die sich noch dadurch verschlimmerte, daß, als er gerade zunächst dem Feinde vorbeitrieb, der am Land befindliche Trupp am Ufer herunterglitt und sich mit seinen in dem Wasser stehenden Freunden vereinigte. Der Oswego war an dieser Stelle ungefähr eine Kabellänge breit, und der in der Mitte befindliche Kahn nur ungefähr hundert Ellen oder eine Zielweite von den Büchsen entfernt, die ohne Unterlaß auf ihn abgefeuert wurden.

In dieser verzweifelten Lage tat die Festigkeit und Geschicklichkeit des Pfadfinders gute Dienste. Er wußte, daß seine Sicherheit nur von einer fortdauernden Bewegung abhing, denn ein feststehender Gegenstand wäre in dieser Entfernung fast mit jedem Schusse getroffen worden. Bewegung allein war aber nicht zureichend; denn seine Feinde, die gewöhnt waren, den Hirsch im Sprunge zu töten, wußten wahrscheinlich ihr Ziel so scharf zu nehmen, daß sie ihn getroffen haben würden, wenn die Bewegung eine gleichförmige war. Er sah sich daher veranlaßt, den Kurs des Kahnes zu wechseln und schoß einen Augenblick mit der Schnelligkeit des Pfeiles stromabwärts: im nächsten hielt er in dieser Richtung an und schnitt schräg in den Strom ein. Glücklicherweise konnten die Irokesen ihre Gewehre im Wasser nicht wieder laden, und das Gebüsch, das überall das Ufer säumte, machte es schwierig, den Flüchtling im Gesicht zu behalten, wenn sie ans Land stiegen. Unter dem Schutz dieser Umstände, und da die Feinde alle ihre Gewehre auf ihn abgefeuert hatten, hatte Pfadfinder schnell, sowohl abwärts als in die Quere, eine sichernde Entfernung gewonnen, als plötzlich eine neue, wenn auch nicht unerwartete Gefahr auftauchte.

Diese bestand in der Erscheinung des Trupps, der weiter unten im Hinterhalt gelegen hatte, um den Strom zu bewachen, und den die Wilden in ihrem vorhin gehaltenen kurzen Gespräch erwähnt hatten. Die Zahl betrug nicht weniger als zehn, und da ihnen alle Vorteile ihres blutigen Gewerbes bekannt waren, so hatten sie sich an einem Punkte aufgestellt, wo das Wasser zwischen den Felsen und über die Untiefen brandete: Stellen, die man in der Sprache dieser Gegend Stromengen nennt. Der Pfadfinder sah wohl, daß er, wenn er in diese Enge einliefe, auf den Punkt zugetrieben würde, wo sich die Irokesen aufgestellt hatten; denn die Strömung war unwiderstehlich, die Felsen erlaubten keinen anderen sicheren Durchgang, und so waren Tod oder Gefangenschaft die einzigen wahrscheinlichen Resultate eines solchen Versuches. Er strengte daher alle seine Kräfte an, um das westliche Ufer zu erreichen, da sich alle Feinde auf der Ostseite des Flusses befanden. Aber ein solches Unternehmen überstieg die Kraft eines einzelnen Menschen, und ein Versuch, die Strömung zu überwinden, würde die Bewegung des Kahnes auf einmal so weit vermindert haben, daß dadurch einem sicheren Zielen Raum gegeben worden wäre. In dieser Not kam der Wegweiser mit seiner gewohnten schnellen Besonnenheit zu einem Entschluß, für den er alsbald seine Vorbereitungen traf. Anstatt sich zu bemühen, das Fahrwasser zu gewinnen, steuerte er gegen die seichteste Stelle des Stroms, und als er diese erreicht hatte, ergriff er seine Büchse und sein Bündel, sprang ins Wasser und fing an, von Felsen zu Felsen zu waten, wobei er seine Richtung gegen das westliche Ufer einschlug. Der Kahn wirbelte in der wütenden Strömung, rollte über einige schlüpfrige Steine, füllte und leerte sich wieder und erreichte endlich das Ufer, einige Ellen von der Stelle entfernt, wo sich die Indianer aufgestellt hatten.

Indes war der Pfadfinder noch lange nicht außer Gefahr. In den ersten Minuten erhielt die Bewunderung seiner Schnelligkeit und seines Mutes, dieser bei den Indianern so hoch geachteten Tugenden, seine Verfolger regungslos. Aber der Durst nach Rache und die Gier nach dem so hochgepriesenen Siegeszeichen überwältigten bald dieses vorübergehende Gefühl und weckten sie aus ihrer Erstarrung. Büchse um Büchse krachte, und die Kugeln sausten um des Flüchtlings Haupt, daß er sie durch das Brausen des Wassers hören konnte. Aber er schritt fort, gleich einem, der ein durch Zauberkraft geschütztes Leben trägt, und obwohl das grobe Gewand des Grenzmannes mehr als einmal durchlöchert wurde, so wurde doch nicht einmal seine Haut gestreift.

Da der Pfadfinder einigemal genötigt war, bis unter die Arme im Wasser zu waten, wobei er seine Büchse samt dem Schießbedarf über die wütende Strömung erhob, so wurde er von der Anstrengung bald ermüdet, und er war erfreut, an einem großen Stein – oder vielmehr einem kleinen Felsen – haltmachen zu können, der so hoch über den Fluß hervorragte, daß seine obere Fläche trocken war. Auf diesen Stein legte er sein Pulverhorn und stellte sich selbst dahinter, so daß sein Körper teilweise gedeckt wurde. Das westliche Ufer war nur noch fünfzig Fuß entfernt, aber die ruhige, schnelle, dunkle Strömung, die dazwischen hindurchschoß, verschaffte ihm die Überzeugung, daß er hier werde schwimmen müssen.

Die Indianer, die nur eine Weile ihr Feuer aussetzten, versammelten sich um den gestrandeten Kahn; und da sie dabei die Ruder fanden, so schickten sie sich an, über den Fluß zu setzen.

»Pfadfinder!« rief eine Stimme aus dem Gebüsch des westlichen Ufers.

»Was wollt Ihr, Jasper?«

»Seid guten Muts! – Es sind Freunde bei der Hand, und kein Mingo soll über den Fluß setzen, ohne für seine Kühnheit zu büßen. Würdet Ihr nicht besser tun, Eure Büchse auf dem Felsen zu lassen und herüberzuschwimmen, ehe die Schurken flottmachen?«

»Ein braver Jäger läßt nie sein Gewehr im Stich, solange er Pulver im Horn und eine Kugel in der Tasche hat. Ich habe heute den Drücker noch nicht berührt und könnte den Gedanken nicht ertragen, mit diesem Gewürm zusammengekommen zu sein, ohne ihm eine Erinnerung an meinen Namen zurückzulassen. Ein bißchen Wasser wird meinen Beinen nicht schaden, und ich sehe jenen Lumpenkerl, die Pfeilspitze, unter den Strolchen; ich möchte dem wohl einen Lohn zusenden, den er so redlich verdient hat. Ihr habt doch hoffentlich nicht des Sergeanten Tochter mit herunter und in die Schußweite ihrer Kugeln gebracht, Jasper?«

»Sie ist in Sicherheit, wenigstens für den Augenblick, obgleich alles davon abhängt, daß wir den Fluß zwischen uns und dem Feind behalten. Sie müssen jetzt unsere Schwäche kennen, und wenn sie übersetzen sollten, so zweifle ich nicht, daß ein Teil davon auf der anderen Seite bleiben wird.«

»Diese Kahnfahrt betrifft Eure Gaben näher als die meinigen, Junge, obgleich ich mein Ruder handhaben werde wie der beste Mingo, der je einen Lachs spießte. Wenn sie unterhalb der Stromenge kreuzen, warum sollten wir nicht ebensogut oberhalb über das ruhige Wasser setzen und sie durch das Hin und Her wie im Wolfspiel zum besten haben können?«

»Weil sie, wie gesagt, eine Partei auf dem anderen Ufer lassen werden; und dann, Pfadfinder, möchtet Ihr Mabel den Büchsen der Irokesen bloßgeben?«

»Des Sergeanten Tochter muß gerettet werden«, entgegnete der Wegweiser mit ruhiger Energie. »Ihr habt recht, Jasper; sie hat nicht die Gabe, ihren Mut dadurch zu bewähren, daß sie ihr hübsches Gesicht und ihren zarten Körper einer Mingobüchse aussetzt. Was können wir tun? Wir müssen eben, wenn es möglich ist, das Übersetzen ein oder zwei Stunden verhindern, und dann in der Dunkelheit unser Letztes versuchen.«

»Ich stimme Euch bei, Pfadfinder, wenn es bewerkstelligt werden kann. Aber sind wir auch stark genug für dieses Vorhaben?«

»Der Herr ist mit uns, Junge – der Herr ist mit uns; und es ist unvernünftig zu glauben, daß eine Person wie des Sergeanten Tochter in einer solchen Verlegenheit so ganz von der Vorsehung sollte verlassen werden. Es ist, wie ich gewiß weiß, kein Boot zwischen den Fällen und der Garnison als unsere beiden Kähne, und ich denke, es wird über die Gaben einer Rothaut gehen, angesichts zweier Büchsen wie die Eurige und die meinige über den Fluß zu setzen. Ich will nicht prahlen, Jasper, aber man weiß in allen Grenzorten wohl, daß der Wildtod selten fehlt.«

»Eure Geschicklichkeit ist nah und fern bekannt, Pfadfinder, aber eine Büchse braucht Zeit, um geladen zu werden; auch seid Ihr nicht an Land und durch ein gutes Versteck geschützt, von dem aus Ihr Euch Eurer gewohnten Vorteile bedienen könntet. Wenn Ihr unsern Kahn hättet, getrautet Ihr Euch wohl, mit trockenem Gewehr das Ufer zu erreichen?«

»Kann ein Adler fliegen?« erwiderte der andere mit seinem gewohnten Lachen, indem er im Sprechen rückwärts blickte. »Aber es würde unklug sein, Euch selbst auf dem Wasser auszusetzen, denn diese Spitzbuben fangen wieder an, sich an ihr Pulver und ihre Kugeln zu erinnern.«

»Es kann auch, ohne daß ich mich in Gefahr begebe, geschehen. Meister Cap ist nach dem Kahn hinaufgegangen und wird den Zweig eines Baumes in den Fluß werfen, um die Strömung zu untersuchen, die von jener oberen Stelle in der Richtung Eures Felsens läuft. Seht, da kommt er schon, wenn er gut anlangt, so dürft Ihr nur den Arm ausstrecken, und der Kahn wird folgen. Jedenfalls wird ihn, wenn er an Euch vorbeigehen sollte, der Wirbel da unten wieder heraufbringen, so daß ich ihn wohl erreichen kann.«

Während Jasper noch sprach, kam der schwimmende Zweig näher. Er beschleunigte seine Geschwindigkeit mit der zunehmenden Schnelle der Strömung und tanzte schnell abwärts auf den Pfadfinder zu, der ihn rasch ergriff und als ein erfolgversprechendes Zeichen in die Höhe hielt. Cap verstand das Signal und überließ den Kahn mit einer Behutsamkeit und Umsicht, zu deren Beobachtung die Gewohnheit den Seemann geeignet gemacht hatte, dem Strom. Er schwamm in derselben Richtung wie der Zweig, und in einer Minute wurde er von dem Pfadfinder angehalten.

»Das ist mit der Einsicht eines Grenzmannes ausgeführt, Jasper«, sagte der Wegweiser lachend. »Nun laßt diese schuftigen Mingos ihre Hähne spannen, denn dies ist das letztemal, daß sie imstande sind, auf einen Mann außerhalb eines Versteckes zu zielen.«

»Schiebt den Kahn gegen das Ufer, legt gegen die Strömung ein und springt hinein, wenn er abstößt. Man hat wenig Vorteil, wenn man sich der Gefahr aussetzt.«

»Ich lieb‘ es, Gesicht gegen Gesicht wie ein Mann meinen Feinden gegenüberzustehen, wenn sie mir hierin das Beispiel geben«, erwiderte der Pfadfinder stolz. »Ich bin keine geborene Rothaut und will lieber offen fechten, als im Hinterhalt liegen.«

»Und Mabel?«

»Richtig, Junge, Ihr habt recht; des Sergeanten Tochter muß gerettet werden, und solche törichte Aussetzung ziemt bloß Knaben. Glaubt Ihr, daß Ihr da drüben den Kahn auffangen könnt?«

»Sicher doch! wenn Ihr ihm ’nen kräftigen Stoß gebt.«

Pfadfinder wandte die erforderliche Kraft an; die leichte Barke schoß quer über den trennenden Raum, und als sie gegen das Land kam, wurde sie von Jasper ergriffen. Da die beiden Freunde nun den Kahn zu sichern und geeignete Stellung in einem Versteck zu nehmen hatten, so blieb ihnen nur ein Augenblick, um sich die Hände zu drücken, was mit einer Herzlichkeit geschah, als ob sie sich nach langer Trennung wieder zum erstenmal gesehen hätten.

»Nun, Jasper, wir werden sehen, ob einer von diesen Mingos über den Oswego setzen kann, wenn ihm Wildtod die Zähne weist. Ihr seid vielleicht gewandter im Rudern als im Gebrauch der Büchse, aber Ihr habt ein tapferes Herz und eine sichere Hand, und das sind schon Dinge, die bei einem Kampf in Betracht kommen.«

»Mabel wird mich zwischen ihr und ihren Feinden finden«, sagte Jasper ruhig.

»Ja, ja, des Sergeanten Tochter muß beschützt werden. Ich liebe Euch, Junge, um Eurer selbst willen; aber ich liebe Euch noch viel mehr, weil Ihr so auf den Schutz dieses schwachen Geschöpfs bedacht seid, in einem Augenblick, wo sie Eurer ganzen Mannheit bedarf. Seht, Jasper, drei von diesen Schurken sind eben in den Kahn gestiegen. Sie müssen glauben, wir seien geflohen, sonst würden sie so was sicher nicht im Angesicht des Wildtodes gewagt haben.«

Die Irokesen schienen sich nun zu einer Kreuzung des Stromes anzuschicken; denn da sich Pfadfinder und seine Freunde sorgfältig versteckt hielten, fingen ihre Feinde an zu glauben, daß sie die Flucht ergriffen hätten. Diesen Ausweg würden auch wohl die meisten Weißen eingeschlagen haben; aber Mabel war unter dem Schutz von Leuten, die zu sehr den Krieg in den Wäldern kannten, um die Verteidigung des einzigen Übergangspunktes zu vernachlässigen, der ihre Sicherheit gefährden konnte.

Von den drei Kriegern im Kahn lagen zwei auf den Knien im Anschlag, um jeden Augenblick ihrer tödlichen Waffe ein Ziel geben zu können; der dritte stand aufrecht im Stern und lenkte das Ruder. So verließen sie das Ufer, nachdem sie erst den Kahn vorsichtig stromaufwärts gehalten hatten, um in das stillere Wasser oberhalb der Stromenge zu kommen. Man konnte auf den ersten Blick sehen, daß der Wilde, der das Boot führte, seine Sache gut verstand, denn unter seinem langen und sicheren Ruderschlag flog das Fahrzeug mit der Leichtigkeit einer Feder über die glänzende Fläche.

»Soll ich Feuer geben?« fragte Jasper flüsternd und zitternd vor Begier, den Kampf zu beginnen.

»Noch nicht, Junge, noch nicht. Es sind ihrer drei, und wenn Meister Cap dort weiß, wie er die Schlüsselbüchsen, die in seinem Gürtel stecken, zu gebrauchen hat, so können wir sie immer ans Land kommen lassen. Wir werden dann den Kahn wiederkriegen.«

»Aber Mabel?«

»Fürchtet nichts für des Sergeanten Tochter. Sie ist ja, wie Ihr sagt, sicher in dem hohlen Baum, dessen Öffnung ihr klugerweise durch die Brombeerstaude verbargt. Wenn’s wahr ist, was Ihr mir über die Weise, wie Ihr ihre Fährte verdeckt habt, erzähltet, so könnte das süße Geschöpf wohl einen Monat dort liegen und alle Mingos auslachen.«

»Wir sind dessen nie gewiß, und ich wünschte, wir hätten sie unserem eigenen Versteck näher gebracht.«

»Warum, Eau-douce? Um ihren niedlichen Kopf und ihr klopfendes Herz den fliegenden Kugeln auszusetzen? Nein, nein, sie bleibt besser, wo sie ist, weil sie dort sicherer ist.«

»Wir hielten uns auch für sicher hinter dem Gebüsch, und doch habt Ihr selbst gesehen, daß wir entdeckt wurden –«

»Und der junge Teufel von Mingo seine Neugierde büßen mußte, wie es mir alle diese Schufte tun sollen –«

Der Pfadfinder unterbrach seine Worte, denn in diesem Augenblick schlug der Knall einer Büchse an sein Ohr. Der Indianer im Sterne des Kahnes sprang hoch in die Luft und fiel mit dem Ruder in der Hand ins Wasser. Ein leichtes Rauchwölkchen wirbelte aus einem der Gebüsche auf dem östlichen Ufer in die Höhe und verlor sich bald in der Atmosphäre.

»Das ist das Zischen der Großen Schlange!« rief der Pfadfinder frohlockend. »Ein kühneres und treueres Herz hat nie in der Brust eines Delawaren geschlagen. Es ist mir zwar leid, daß er sich in die Sache gemischt hat; aber er konnte unsere Lage nicht kennen, er konnte nicht wissen, wie wir stehen.«

Kaum hatte der Kahn seinen Führer verloren, so wurde er von den Schnellen der Stromenge ergriffen. Gänzlich hilflos und verwirrt blickten die zwei darin befindlichen Indianer um sich, vermochten es aber nicht, der Macht des Elementes Widerstand entgegenzusetzen. Es war vielleicht ein Glück für Chingachgook, daß die Aufmerksamkeit der meisten Irokesen von der Lage ihrer Freunde im Boot in Anspruch genommen wurde, sonst möchte ihm wohl das Entkommen zum mindesten schwer, wo nicht gar unmöglich geworden sein. Aber man bemerkte unter den Feinden keine weitere Bewegung als die des Verbergens in irgendeinem Versteck. Jedes Auge war fest auf die beiden im Kahn befindlichen Abenteurer gerichtet. In kürzerer Zeit als nötig ist, um die Begebenheiten zu erzählen, wurde das Boot in den Wirbel der Stromenge geschleudert, wobei sich die Wilden auf den Boden ausgestreckt hatten, da dies das einzige Mittel war, das Gleichgewicht zu erhalten. Aber auch dieser Ausweg schlug ihnen fehl, denn ein Stoß an einen Felsen stürzte das kleine Fahrzeug um, und beide Krieger wurden in den Fluß geschleudert. Das Wasser ist an solchen Engen selten tief, mit Ausnahme einzelner Stellen, wo es sich Kanäle ausgewaschen hat. Es blieb ihnen deshalb von diesem Unfall wenig zu befürchten, obgleich ihre Waffen dabei verlorengingen. Sie waren nun genötigt, sich mit dem möglichsten Vorteil gegen das freundliche Ufer zurückzuziehen, bald schwimmend, bald watend, wie es die Umstände erforderten. Der Kahn selbst blieb an einem Felsen in der Mitte des Stromes hängen, wodurch er für den Augenblick beiden Parteien gleich nutzlos wurde.

»Jetzt ist’s an uns, Pfadfinder«, sagte Jasper, als die beiden Irokesen, während sie durch die seichteste Stelle der Stromschnellen wateten, ihre Körper am meisten aussetzten. »Der obere Bursche ist mein; Ihr könnt den unteren nehmen!«

Der junge Mann war durch alle Einzelheiten dieser beunruhigenden Szene so aufgeregt worden, daß, ehe er noch ausgesprochen hatte, die Kugel aus seinem Rohr flog – aber sie war augenscheinlich vergeudet, denn die beiden Flüchtlinge erhoben voll Geringschätzung ihre Arme. Der Pfadfinder feuerte nicht.

»Nein, nein, Eau-douce«, erwiderte er, »ich vergieße kein Blut ohne Grund, und meine Kugel ist wohl gepflastert und sorgfältig aufgesetzt für einen besseren Augenblick. Ich liebe keinen Mingo, wie Ihr wißt, weil ich mich soviel bei den Delawaren, ihren natürlichen Todfeinden, umhertreibe. Ich will aber nie meinen Drücker gegen einen solchen Schuft brauchen, wenn sein Tod nicht zu irgendeinem guten Ziele führt. Ein Leben ist hinreichend für jetzt, und ich muß die Büchse nun zur Verteidigung der Schlange brauchen, der eine höchst verwegene Tat begangen hat, indem er diese Teufel so deutlich wissen ließ, daß er in ihrer Nachbarschaft ist. So wahr ich ein armer Sünder bin, da schleicht sich gerade einer von diesen Strolchen am Ufer hin, wie ein Junge in der Garnison hinter einen gefallenen Baum, wenn er auf ein Eichhörnchen schießen will!«

Da der Pfadfinder, während er sprach, mit seinen Fingern zeigte, so konnte Jaspers schnelles Auge den Gegenstand, auf den sie gerichtet waren, rasch auffinden. Es war einer der jungen Krieger, der vor Begierde brannte, sich auszuzeichnen, und sich von seiner Partei weggestohlen hatte, gegen das Versteck hin, wo Chingachgook verborgen lag; und da dieser durch die scheinbare Apathie seiner Feinde getäuscht und überhaupt mit weiteren Vorkehrungen für seine Sicherheit beschäftigt war, so hatte der Irokese augenscheinlich eine Stellung genommen, die ihm den Delawaren zu Gesicht brachte. Man konnte dies aus seinen Vorkehrungen, Feuer zu geben, erkennen, denn Chingachgook selbst war denen auf dem westlichen Ufer des Flusses nicht sichtbar. Die Stromenge befand sich an einer Krümmung des Oswego, und der Bogen des östlichen Ufers bildete eine so tiefe Einbiegung, daß Chingachgook in gerader Linie seinen Feinden ganz nahe war, obgleich er zu Lande mehrere hundert Fuß von ihnen entfernt stand. Aus diesem Grunde war auch die Entfernung beider Parteien gegen Jaspers und Pfadfinders Stellung so ziemlich die gleiche und mochte nicht viel weniger als zweihundert Ellen betragen.

»Schlange muß um den Weg sein«, sagte der Pfadfinder, der keinen Augenblick sein Auge von dem jungen Krieger abwandte. »Er sieht sich auf eine sonderbare Weise vor, wenn er einem solchen blutdürstigen Mingoteufel gestattet, so nahe zu kommen.«

»Seht«, unterbrach ihn Jasper, »da ist der Körper des Indianers, den der Delaware erschoß. Er wurde an einen Felsen getrieben, und die Strömung hat den Kopf und das Gesicht aus dem Wasser gedrängt.«

»Ganz wahrscheinlich, Junge; ganz wahrscheinlich. Menschennatur ist wenig besser als ein Stamm Treibholz, wenn das Leben daraus gewichen ist. Dieser Irokese wird niemanden mehr ein Leid tun; aber jener schleichende Wilde steht im Begriff, sich des Skalps meines besten und erprobtesten Freundes –«

Der Pfadfinder unterbrach sich plötzlich selbst und erhob seine Büchse, eine Waffe von ungewöhnlicher Länge, mit bewunderungswürdiger Genauigkeit und feuerte in dem Augenblick, wo sie die nötige Höhe erreicht hatte. Der Irokese auf dem entgegengesetzten Ufer zielte eben, als ihn der verhängnisvolle Bote aus dem Lauf des Wildtodes ereilte. Seine Büchse entlud sich allerdings, aber mit der Mündung in die Luft, indes der Mann selbst in das Gebüsch stürzte, gewiß verwundet, wo nicht getötet.

»Dieses schleichende Reptil wollte es nicht besser«, brummte der Pfadfinder, indem er sein Gewehr sinken ließ und wieder neu zu laden anfing. »Chingachgook und ich haben von Jugend auf zusammen gefochten, am Horican, am Mohawk, am Ontario und an allen anderen blutigen Pässen zwischen unserem und dem französischen Gebiet, und so ein törichter Schuft glaubt, ich werde dabeistehen und zusehen, wenn mein bester Freund in einem Hinterhalt erlegt wird!«

»Wir haben Chingachgook einen so guten Dienst getan wie er uns. Diese Schufte sind eingeschüchtert und werden in ihre Verstecke zurückgehen, wenn sie finden, daß wir sie über den Fluß hinüber erreichen können.«

»Der Schuß ist nicht von Bedeutung, Jasper. Fragt einen von dem Sechzigsten, und er wird Euch erzählen, was Wildtod tun kann und was er getan hat, selbst wenn uns die Kugeln wie Hagelkörner um die Köpfe sausten. Nein, der gedankenlose Rumstreicher ist selber schuld daran.«

»Ist das ein Hund oder ein Hirsch, was auf unser Ufer zuschwimmt?«

Der Pfadfinder fuhr auf, denn es war gewiß, daß irgendein Gegenstand oberhalb der Stromenge über den Fluß setzte, aber immer mehr durch die Gewalt der Strömung der ersteren zugetrieben wurde. Ein zweiter Blick überzeugte beide Beobachter, daß es ein Mensch und zwar ein Indianer war, obgleich er im Anfang so tief im Wasser steckte, daß man noch zweifeln mußte. Die Freunde fürchteten eine Kriegslist und richteten deshalb die schärfste Aufmerksamkeit auf die Bewegungen des Fremden.

»Er stößt was im Schwimmen vor sich hin, und sein Kopf gleicht einem Busch«, sagte Jasper.

»Es ist eine indianische Teufelei, Junge, aber christliche Ehrlichkeit wird alle ihre Künste zunichte machen.«

Als sich der Mann langsam näherte, begannen die Beobachter die Richtigkeit ihrer ersten Eindrücke zu bezweifeln, und erst als er zwei Dritteile des Stromes zurückgelegt hatte, wurde ihnen die Wahrheit völlig klar.

»Chingachgook, so wahr ich lebe«, rief Pfadfinder, indem er auf seinen Gefährten blickte und dabei vor Wonne über den glücklichen Kunstgriff lachte, bis ihm die Tränen in die Augen traten. »Er hat Gesträuch um seinen Kopf gebunden, um ihn zu verbergen, und das Pulverhorn an die Spitze gehängt. Die Flinte liegt auf dem Stückchen Stamm, das er vor sich hertreibt, und er kommt herüber, um sich mit seinen Freunden zu vereinigen. Ach! die schönen Zeiten, die schönen Zeiten, wo wir beide solche Schwänke gemacht haben, direkt unter den Zähnen der nach Blut tobenden Mingos, bei der großen Durchfahrt um den Ty herum.«

»Es kann, genau betrachtet, doch nicht Schlange sein, Pfadfinder; ich kann keinen Zug entdecken, dessen ich mich erinnere.«

»Was Zug! Wer sieht auf die Züge bei einem Indianer? – Nein, nein, Junge, seine Malerei ist’s, die spricht, und nur ein Delaware würde diese Farben tragen … Dies sind seine Farben, Jasper, gerade wie Euer Fahrzeug auf dem See das Georgenkreuz trägt und die Franzosen ihre Tafeltücher in dem Winde flattern lassen mit all ihren Flecken von Fischgräten und Wildbretstücken. Ihr seht doch das Auge, Junge, und es ist das Auge eines Häuptlings. Aber, Eau-douce, so ungestüm es im Kampf und so glänzend es unter den Blättern blickt«, – hier legte der Pfadfinder einen Finger leicht, aber mit Nachdruck auf den Arm seines Gefährten, »so hab‘ ich’s doch gesehen, wie es Tränen gleich dem Regen vergoß. Es ist eine Seele und ein Herz unter dieser roten Haut, verlaßt Euch drauf, obgleich diese Seele und dieses Herz Gaben haben, die von den unsrigen verschieden sind.«

»Niemand, der den Häuptling kennt, hat je hieran gezweifelt.«

»Ich aber weiß es«, erwiderte der andere stolz, »denn ich war in Freude und Leid sein Gefährte und hab‘ in dem einen ihn als einen Mann gefunden, wie schwer er auch getroffen war, und in der anderen als einen Häuptling, der wohl weiß, daß selbst die Weiber seines Stammes anständig sind in ihrer Fröhlichkeit. Doch still! Es gleicht zu sehr den Leuten von den Ansiedlungen, schmeichelnde Reden in das Ohr eines anderen zu gießen, und Schlange hat scharfe Sinne. Er weiß, daß ich ihn liebe und daß ich gut von ihm spreche hinter seinem Rücken; aber ein Delaware trägt Bescheidenheit in seiner innersten Natur, obgleich er prahlen wird wie ein Sünder, wenn er an den Pfahl gebunden ist.«

Chingachgook hatte nun das Ufer gerade angesichts seiner Kameraden erreicht, mit deren Stellung er schon bekannt gewesen sein mußte, ehe er das östliche Ufer verließ. Als er sich aus dem Wasser erhob, schüttelte er sich wie ein Hund und rief in seiner gewohnten Weise – »Hugh!«

Sechstes Kapitel

Sechstes Kapitel

Als der Häuptling ans Land gestiegen war und mit dem Pfadfinder zusammentraf, redete dieser ihn in der Sprache seines Volkes an.

»War es wohlgetan, Chingachgook«, sagte er vorwurfsvoll, »sich gegen ein Dutzend Mingos ganz allein in einen Hinterhalt zu legen? ’s ist zwar wahr, mein Wildtod fehlt selten, aber der Oswego ist breit, und dieser Schuft zeigte wenig mehr als Kopf und Schultern überm Gebüsch, und eine ungeübte Hand und ein unsicheres Auge hätt‘ ihn leicht fehlen können. Du solltest das bedacht haben, Häuptling!«

»Schlange ist ein mohikanischer Krieger und sieht nur die Feinde, wenn er auf seinem Kriegspfad ist. Seine Väter haben ihre Feinde im Rücken angegriffen, seit die Wasser zu fließen begannen.«

»Ich kenne deine Gaben und habe alle Achtung davor. Kein Mensch wird mich klagen hören, daß eine Rothaut der Rothautnatur treu bleibt; aber Klugheit ziemt einem Krieger so gut wie Tapferkeit, und hätten nicht diese Irokesenteufel auf ihre Freunde im Wasser gesehen, so möchten sie dir wohl heiß genug auf die Fährte gekommen sein.«

»Was hat der Delaware vor?« rief Jasper, der in diesem Augenblick bemerkte, daß der Häuptling plötzlich den Pfadfinder verließ und gegen den Rand des Wassers ging, anscheinend mit der Absicht, wieder in den Fluß zu steigen. »Er wird doch nicht so toll sein, wieder an das andere Ufer zurückzukehren, vielleicht um einer Kleinigkeit willen, die er vergessen hat?«

»Nein, gewiß nicht; er ist im Grunde so klug wie tapfer, obgleich er sich in seinem letzten Hinterhalt vergessen hat. Hört, Jasper –« er führte den anderen ein wenig auf die Seite, als man gerade den Indianer in das Wasser springen hörte: »Hört, Junge; Chingachgook ist kein Christ, kein weißer Mann wie wir, sondern ein mohikanischer Häuptling, der seine eigenen Gaben hat. Und wer sich zu Männern gesellt, die nicht so ganz von seiner Art sind, tut gut, sie der Leitung ihrer Natur und Gewohnheit zu überlassen.«

»Was soll das bedeuten? – Seht, der Delaware schwimmt auf den Körper zu, der dort am Felsen hängt. Warum begibt er sich in diese Gefahr?«

»Um der Ehre und des Ruhmes willen!«

»Ich verstehe. Er will sich den Skalp holen.«

»In den Augen einer Rothaut erscheint dies als ehrenhaft.«

»Ein Wilder bleibt ein Wilder, Pfadfinder, mag er in was immer für einer Gesellschaft leben.«

»Wir haben da gut reden, Junge; aber die Ehre des Weißen steht gleichfalls nicht immer im Einklang mit der Vernunft und dem Willen Gottes.«

»Er setzt sich bei diesem Skalpholen der größten Gefahr aus. Es kann uns den Tag verlieren.«

»Wie er’s betrachtet, nicht, Jasper. Dieser einzige Skalp gereicht ihm nach seinen Begriffen zu größerer Ehre, als ein ganzes Feld voll Erschlagener, die ihre Haare auf dem Kopf haben. Da hat der feine junge Kapitän vom Sechzigsten beim letzten Gefecht mit den Franzosen sein Leben dem Versuch geopfert, einen feindlichen Dreipfünder zu nehmen, wobei er sich auch Ehre zu erwerben hoffte; dann hab‘ ich noch ’n jungen Fähnrich gekannt, der sich in seine Fahne wickelte, um darin den blutigen Todesschlaf zu schlafen. Mochte er sich wohl einbilden, daß er so sanfter ruhe, als auf einer Büffelhaut?«

»Ja, es ist ein anerkanntes Verdienst, seine Flagge nicht niederzuholen.«

»Und dies sind Chingachgooks Flaggen – er wird sie aufbewahren, um sie seinen Kindeskindern zu zeigen.« – Hier unterbrach sich Pfadfinder, schüttelte melancholisch den Kopf und fuhr fort: »Was sage ich! Kein Sprößling ist dem alten mohikanischen Stamm geblieben. Er hat keine Kinder, die er mit seinen Siegeszeichen erfreuen könnte, keinen Stamm, der seine Taten preist. Er ist ein einsamer Mann in dieser Welt, und doch hält er treu an seiner Erziehung und seinen Gaben! Es liegt etwas Ehrenwertes und Achtbares hierin, Jasper, Ihr müßt es zugeben.«

Hier erhob sich unter den Irokesen ein gewaltiges Geschrei, dem schnell das Knallen ihrer Büchsen folgte. Die Feinde wurden in ihrem Bemühen, den Delawaren von seinem Opfer zurückzutreiben, so hitzig, daß ein Dutzend ins Wasser stürzte und einige fast auf hundert Fuß in der schäumenden Strömung vordrangen, als ob sie wirklich an einen ernstlichen Ausfall dächten. Aber Chingachgook machte ruhig weiter, da er von den Geschossen unverletzt geblieben war, und beendete seine Aufgabe mit der Gewandtheit einer langen Übung. Dann schwang er sein triefendes Siegeszeichen in der Luft und ließ sein Schlachtgeheul in den furchtbarsten Tönen erschallen. Eine Minute lang ertönten die Hallen des schweigenden Waldes und der tiefe, von dem Laufe des Stromes gebildete Einschnitt von einem schrecklichen Geschrei wider, so daß Mabel in ununterdrückbarer Furcht ihr Haupt sinken ließ, während ihr Onkel einen Augenblick ernstlich auf Flucht bedacht war.

»Das übersteigt alles, was ich je von diesen Elenden gehört habe«, rief Jasper voll Entsetzen und Abscheu, indem er sich die Ohren zuhielt.

»Es ist ihre Musik, Junge; ihre Trommeln und Pfeifen, ihre Trompeten und Zinken. Sie lieben diese Töne, denn sie erregen in ihnen ungestüme Gefühle und das Verlangen nach Blut«, erwiderte Pfadfinder in vollkommener Ruhe. »Ich hielt sie für schrecklicher, als ich noch ein junger Bursche war; jetzt aber sind sie meinen Ohren nicht mehr als das Pfeifen des Windfängers oder der Gesang des Spottvogels, und stünde dieses kreischende Gewürm von den Fällen an bis zur Garnison, einer an dem anderen, so würde es jetzt keinen Eindruck mehr auf meine Nerven machen. Ich hoffe, Schlange ist nun zufriedengestellt, denn da kommt er mit dem Skalp an seinem Gürtel.«

Jasper wandte voll Abscheu über das letzte Beginnen des Delawaren sein Gesicht ab, als dieser ans Land stieg. Pfadfinder aber betrachtete seinen Freund mit der philosophischen Gleichgültigkeit eines Mannes, dessen Geist sich gewöhnt hat, auf alle ihm außerwesentlich scheinendenden Dinge ohne Vorurteil zu blicken. Als sich der Delaware tiefer in das Gebüsch begab, um seinen ärmlichen Kattunanzug auszuwringen und seine Büchse instand zu setzen, warf er einen triumphierenden Blick auf seine Gefährten, nach dem jedoch alle auf seine vermeintliche Heldentat bezogenen Gefühlsäußerungen verschwanden.

»Jasper«, begann nun der Pfadfinder, »geht zu Meister Caps Station hinunter und sagt ihm, er soll sich mit uns vereinigen. Wir haben nur wenig Zeit zur Beratung und müssen daher schnell unsern Plan entwerfen; denn es wird nicht lange dauern, bis diese Mingos neues Unheil spinnen.«

Der junge Mann gehorchte, und in wenigen Minuten waren die vier in der Nähe des Ufers versammelt, um ihre nächsten Bewegungen zu beraten, wobei sie sich jedoch vorsichtig verbargen und ein wachsames Auge auf das Beginnen ihrer Feinde hielten.

Mittlerweile hatte sich der Tag seinem Ende zugeneigt und weilte noch einige Minuten zwischen dem scheidenden Licht und einer Dunkelheit, die tiefer als gewöhnlich zu werden versprach.

»Männer«, begann Pfadfinder, »der Augenblick ist gekommen, wo wir mit Besonnenheit unsere Pläne entwerfen müssen, um gemeinschaftlich und nach bester Würdigung unserer Gaben handeln zu können. In einer Stunde werden diese Wälder so dunkel wie um Mitternacht sein, und wenn wir je die Garnison erreichen wollen, so muß es unter dem Schutz dieses günstigen Umstandes geschehen. Was sagt Ihr, Meister Cap? Denn obgleich Ihr in den Kämpfen und Rückzügen der Wälder nicht unter die Erfahrensten gehört, so berechtigen Euch doch Eure Jahre, zuerst im Rat und in dieser Sache zu sprechen.«

»Und meine nahe Verwandtschaft zu Mabel, Pfadfinder, die doch auch als was anzuschlagen ist.«

»Ich weiß das nicht. Rücksicht ist Rücksicht, und Zuneigung ist Zuneigung, ob sie eine Gabe der Natur ist oder ob sie aus eigenem Urteil und einer freiwilligen Anhänglichkeit fließt. Ich will hier nicht von Chingachgook sprechen, der für die Weiber keinen Sinn mehr hat, wohl aber von Jasper und mir; wir sind ebenso bereit, uns zwischen des Sergeanten Tochter und die Mingos zu stellen, wie es ihr eigener braver Vater tun würde. Sag‘ ich nicht die Wahrheit, Junge?«

»Mabel kann bis zum letzten Tropfen Bluts auf mich rechnen«, sprach Jasper, zwar mit verhaltenem Ton, aber mit tiefem Ausdruck des Gefühls.

»Schön, schön«, erwiderte der Onkel, »wir wollen über diesen Gegenstand nicht streiten, da wir alle dem Mädchen dienen wollen, und Taten sind besser als Worte. Nach meinem Gutachten können wir nichts anderes tun, als an Bord des Kahnes gehen, sobald es dunkel genug ist, daß uns die feindlichen Ausluger nicht sehen können, und gegen den Hafen rennen, so schnell es Wind und Zeit erlaubt.«

»Das ist leicht gesagt, aber nicht leicht getan«, entgegnete Pfadfinder. »Wir werden in dem Fluß weit mehr Gefahren ausgesetzt sein, als wenn wir unseren Weg durch die Wälder verfolgen, und dann ist die Stromenge des Oswego vor uns. Ich glaube nicht, daß selbst Jasper einen Kahn in der Dunkelheit wohlbehalten darüber wegbringen wird. Was sagt Ihr, Junge, da ich das Euerm Urteil und Eurer Geschicklichkeit überlassen muß.«

»Ich bin, die Benützung des Kahnes, anlangend, mit Meister Cap einer Meinung. Mabel ist zu zart, um in einer Nacht, wie diese zu werden scheint, durch Sümpfe und über Baumwurzeln zu gehen, und dann fühle ich mein Herz immer kräftiger und mein Auge treuer, wenn ich mich auf dem Wasser befinde.«

»Kräftig mag Euer Herz sein, Junge, und Euer Auge treu genug für einen, der soviel im hellen Sonnenschein und so wenig in den Wäldern gelebt hat. Freilich, der Ontario hat keine Bäume, sonst würde er eine Fläche sein, die das Herz eines Jägers erfreuen könnte. Aber was Eure Meinung anbelangt, Freunde, so hat sie viel für sich und viel gegen sich. Einmal ist es richtig: Das Wasser hinterläßt keine Fährte –«

»Was ist denn das Kielwasser anders?« unterbrach ihn der hartnäckige und überkluge Cap.

»Wie?«

»Macht nur fort«, sagte Jasper, »er bildet sich ein, er sei auf dem Meere – Wasser hinterläßt keine Fährte –«

»Es hinterläßt keine, Eau-douce, wenigstens bei uns nicht, obgleich ich mir nicht anmaße, zu sagen, was es auf dem Meer hinterläßt. Ein Kahn ist schnell und bequem, wenn er mit der Strömung schwimmt, und den zarten Gliedern der Sergeantentochter wird diese Bewegung gut bekommen. Andererseits aber hat der Fluß keine Verstecke als die Wolken des Himmels. Die Stromenge ist sogar bei Tage für einen Kahn ein kitzliges Wagestück; und dann sind es zu Wasser sechs wohlgemessene Meilen von hier an bis zur Garnison. Eine Landspur dagegen findet man in der Dunkelheit nicht leicht auf. Es beunruhigt mich, Jasper, denn wirklich ist hier guter Rat teuer.«

»Wenn Schlange und ich in den Fluß schwimmen und den anderen Kahn aufbringen könnten«, erwiderte der junge Schiffer, »so möchte unser sicherster Weg der zu Wasser sein.«

»Ja, wenn! – Und doch ließe sich’s vielleicht tun, wenn es erst ein wenig dunkler geworden ist. Gut, gut, wenn ich des Sergeanten Tochter und ihr Aussehen betrachte, so weiß ich nicht, ob es nicht doch das Beste sein mag. Ja, wenn es bloß eine Partie von Männern wäre, so möcht’s eine lustige Hatz werden, wenn wir mit jenen schuftigen Burschen ein wenig Verstecken spielten. Jasper«, fuhr der Pfadfinder fort, in dessen Charakter keine Spur von eitlem Gepränge Raum fand, »wollt Ihr es unternehmen, den Kahn aufzubringen?«

»Ich will alles unternehmen, was zu Mabels Nutz und Schutz sein kann, Pfadfinder.«

»Das ist ’n rechtschaffenes Gefühl, und ich denke, es ist Natur. Chingachgook, der bereits fast entkleidet ist, kann Euch helfen. So wird diesen Teufeln wenigstens eines der Mittel abgeschnitten, mit denen sie Unheil stiften können.«

Nachdem dieser wichtige Punkt im reinen war, bereiteten sich die verschiedenen Glieder der Gesellschaft vor, ihn zur Ausführung zu bringen. Die Schatten des Abends fielen dicht über den Forst, und als es so dunkel geworden war, daß man unmöglich mehr die Gegenstände am jenseitigen Ufer unterscheiden konnte, war alles zum Versuch bereit. Die Zeit drängte; denn die indianische Schlauheit konnte so manches Mittel ersinnen, um über einen so schmalen Strom zu setzen, so daß der Pfadfinder mit Ungeduld darauf drang, den Ort zu verlassen. Während Jasper und sein Helfer, nur mit Messern und dem Tomahawk des Delawaren bewaffnet, in den Strom gingen und die größte Sorgfalt anwandten, um keine ihrer Bewegungen zu verraten, holte Pfadfinder Mabel aus ihrem Versteck, hieß sie und Cap am Ufer hin bis an den Fuß der Stromschnellen gehen und bestieg selbst den anderen Kahn, um ihn an dieselbe Stelle zu bringen.

Dies war leicht bewerkstelligt. Der Kahn wurde an das Ufer getrieben, und Mabel und Cap stiegen ein, um ihre vorigen Sitze wieder einzunehmen. Der Pfadfinder stand im Stern aufrecht und hielt bei einem Gebüsch, um zu verhüten, daß sie das schnelle Wasser nicht in die Strömung reiße.

Einige Minuten gespannter und atemloser Aufmerksamkeit folgten, während sie den Erfolg des kühnen Versuches ihrer Kameraden erwarteten.

Die zwei Abenteurer mußten nun über das tiefe und reißende Fahrwasser schwimmen, ehe sie den Teil der Stromenge erreichen konnten, der ihnen das Waten erlaubte. Soweit war jedoch die Unternehmung bald gediehen, und Jasper und der Häuptling erreichten im gleichen Augenblick Seite an Seite den Grund. Als sie nun festen Fuß gewonnen hatten, nahmen sie sich gegenseitig bei der Hand und wateten langsam und mit der äußersten Vorsicht in der Richtung fort, in der sie den Kahn vermuteten. Aber die Tiefe der Finsternis brachte sie zu der Überzeugung, daß ihnen der Gesichtssinn hier nur wenige Hilfe gewähre und daß ihr Suchen durch jene Art von Instinkt geleitet werden müsse, der die Jäger in den Stand setzt, ihren Weg unter Umständen zu finden, wo keine Sonne und kein Stern einen Leitpunkt abgibt und wo einem Neuling in den Labyrinthen der Urwälder alles nur wie ein Chaos erscheinen würde. Unter solchen Verhältnissen ergab sich Jasper darein, sich von dem Delawaren leiten zu lassen, dessen Gewohnheiten ihn am ehesten geeignet machten, die Führung zu übernehmen. Es war jedoch keine kleine Aufgabe, in dieser Stunde mitten durch das brausende Element zu waten und alle Örtlichkeiten dem Geist so einzuprägen, daß ihnen die nötige Erinnerung daran blieb. Als sie sich in der Mitte des Stromes glaubten, waren die Ufer nur noch als dunkle Massen zu unterscheiden, deren Umrisse am Himmel kaum durch die Einschnitte der Baumwipfel angedeutet wurden. Ein- oder zweimal veränderten die Wanderer ihren Kurs, weil sie unerwartet in das tiefe Wasser gekommen waren; denn sie wußten, daß sich der Kahn an der seichtesten Stelle der Stromenge befand. Dies war auch überhaupt ihr einziger Leitpunkt, und Jasper und sein Gefährte tappten nun schon nahezu eine Viertelstunde im Wasser herum, was dem jungen Mann gar kein Ende zu nehmen schien, und doch waren sie scheinbar dem Gegenstand ihres Suchens nicht näher, als sie es im Anfang gewesen waren. Gerade, als der Delaware anhalten wollte, um seinem Kameraden mitzuteilen, daß sie besser tun würden, ans Land zurückzukehren und von dort aus einen neuen Versuch zu machen, sah er in einer Entfernung, die er mit dem Arm erreichen konnte, sich die Gestalt eines Menschen im Wasser bewegen. Jasper stand neben dem Häuptling, dem es nun auf einmal klar wurde, daß die Irokesen die gleiche Absicht wie sie hatten.

»Mingo!« wisperte er in Jaspers Ohr – »Schlange wird seinem Bruder zeigen, wie man schlau ist.«

Der junge Schiffer warf in diesem Moment einen Blick auf die Gestalt, und die erschreckende Wahrheit blitze auch in seiner Seele auf. Da er die Notwendigkeit erkannte, sich hier ganz dem Delawarenhäuptling anzuvertrauen, so hielt er sich zurück, indes sich sein Freund vorsichtig in der Richtung fortbewegte, in der die fremde Gestalt verschwunden war. Im nächsten Augenblick wurde sie wieder sichtbar und bewegte sich augenblicklich auf unsere beiden Abenteurer zu. Die Wasser tobten in einer Weise, daß von dem gewöhnlichen Ton der Stimme nichts zu befürchten stand; der Indianer wendete daher den Kopf rückwärts und sprach hastig: »Überlaß dies der Schlauheit der Großen Schlange.«

»Hugh!« rief der fremde Wilde und fuhr in der Sprache seines Volkes fort – »der Kahn ist gefunden, aber es ist niemand da, mir zu helfen. Kommt, laßt uns ihn vom Felsen losmachen.«

»Gern«, antwortete Chingachgook, der den Dialekt verstand, »führe uns, wir wollen folgen.«

Der Fremde, der mitten im Brausen der Wasserfluten die Stimme und den Akzent nicht zu unterscheiden vermochte, führte sie in der erforderlichen Richtung, wobei sich die beiden dicht an seiner Ferse hielten, und so erreichten alle drei schnell den Kahn. Der Irokese hielt an dem einen Ende, Chingachgook stellte sich in der Mitte auf und Jasper begab sich zum anderen, da es von Wichtigkeit war, daß der Fremde nicht die Anwesenheit eines Bleichgesichts gewahr werde – eine Entdeckung, die ebensogut durch die Kleidungsstücke, die noch der junge Mann trug, als durch das Sichtbarwerden seines Kopfes hätte herbeigeführt werden mögen.

»Hoch!« sagte der Irokese mit der seiner Rasse eigentümlichen Kürze, und mit geringer Anstrengung machten sie den Kahn von dem Felsen los, hielten ihn einen Augenblick in der Luft, um ihn auszuleeren, und setzten ihn dann sorgfältig in der geeigneten Lage auf das Wasser. Alle drei hielten fest, damit er nicht unter dem heftigen Drängen der Strömung ihren Händen entschlüpfte, während der Irokese, der den Kurs leitete und sich an dem Bug des Kahnes befand, die Richtung nach dem östlichen Ufer oder dem Ort, wo seine Freunde seine Rückkehr erwarteten, einschlug.

Da der Delaware und Jasper aus dem Umstand, daß ihre eigene Erscheinung dem Indianer sogar nicht aufgefallen war, annehmen konnten, daß sich noch mehrere Irokesen in der Stromenge befanden, so fühlten sie die Notwendigkeit der äußersten Vorsicht. Männer von weniger Mut und Entschlossenheit würden zuviel Gefahr zu laufen gefürchtet haben, wenn sie sich in die Mitte ihrer Feinde begeben, aber die kühnen Grenzleute kannten die Furcht nicht, waren mit Gefahren vertraut und sahen die Notwendigkeit wenigstens die Besitzergreifung des Fahrzeugs durch die Feinde zu verhindern, zu sehr ein, um sich nicht mit Freuden zu Erringung dieses Zweckes sogar noch größeren Wagnissen zu unterziehen. Jasper erschien auch in der Tat der Besitz oder die Zerstörung dieses Kahnes für Mabel so wichtig, daß er sein Messer zog und sich bereit hielt, Löcher hineinzustoßen, um ihn wenigstens für den Augenblick unbrauchbar zu machen, wenn er und der Delaware durch irgendeinen Umstand zum leeren Rückzug gezwungen werden sollten.

Mittlerweile schritt der Irokese, der den Zug anführte, in der Richtung seiner eigenen Partei, langsam durch das Wasser und schleppte seine widerstrebender Hintermänner nach. Einmal hatte Chingachgook schon seinen Tomahawk erhoben, um ihn in das Hirn seines vertrauenden und arglosen Nachbars zu senken; aber die Wahrscheinlichkeit, daß der Todesschrei oder der schwimmende Körper Lärm erregen würden, veranlaßte den behutsamen Häuptling, sein Vorhaben zu ändern. Im nächsten Augenblick bereute er jedoch seine Unentschlossenheit, denn plötzlich fanden sich die drei, die den Kahn festhielten, von vier anderen umgeben, die gleichfalls nach dem Fahrzeug spähten.

Nach den gewöhnlichen kurzen charakteristischen Ausrufungen, die ihre Zufriedenheit bezeichneten, hielten die Wilden den Kahn mit Lebhaftigkeit an; denn alle schienen die Notwendigkeit, sich dieser wichtigen Erwerbung zu versichern, zu fühlen, da solche auf der einen Seite zur Verfolgung der Feinde, auf der anderen zur Sicherung des Rückzuges dienen sollte. Dieser Zuwachs der Gesellschaft war jedoch so unerwartet und gab dem Feind ein so vollständiges Übergewicht, daß sich selbst der Scharfsinn und die Gewandtheit des Delawaren einige Augenblicke in Verlegenheit befand. Die fünf Irokesen drängten gegen ihr Ufer zu, ohne zu einer Besprechung anzuhalten; denn ihre Absicht ging in Wahrheit dahin, die Ruder, deren sie sich vorläufig versichert hatten, zu holen, und drei oder vier Krieger einzuschiffen, samt allen ihren Büchsen und Pulverhörnern, deren Mangel allein sie verhindert hatte, sobald es dunkel war über den Fluß zu schwimmen.

So erreichten nun Freunde und Feinde miteinander den Rand des östlichen Fahrwassers, wo, wie in dem westlichen, das Wasser zu tief war, um durchwatet werden zu können. Hier erfolgte eine kurze Pause, denn es war nötig, die Art zu bestimmen, wie man den Kahn darüber wegbringen solle. Einer von den vieren, der eben bei dem Boot anlangte, war ein Häuptling, und da der amerikanische Indianer dem Verdienst, der Erfahrung und dem Rang Achtung zu zollen gewöhnt ist, so verhielten sich alle übrigen still, bis der Führer gesprochen hatte.

Durch diesen Halt wurde die Gefahr einer Entdeckung für Jasper, obgleich er zur Vorsorge seine Mütze in den Kahn geworfen hatte, noch vermehrt. Doch mochten seine Umrisse in der Dunkelheit, da er Jacke und Hemd ausgezogen hatte, weniger Aufmerksamkeit auf sich ziehen, und seine Stellung am Hinterteil des Kahnes begünstigte gleichfalls ein Verborgenbleiben, da die Indianer mehr vorwärts blickten. Nicht so verhielt sich’s mit Chingachgook, der sich buchstäblich mitten unter seinen tödlichsten Feinden befand und sich kaum bewegen konnte, ohne einen zu berühren. Er verhielt sich jedoch ruhig, obgleich alle seine Sinne rege waren und er jeden Augenblick bereit stand, zu entwischen oder im geeigneten Moment einen Schlag zu führen. Die Gefahr einer Entdeckung wurde noch dadurch vermindert, daß er sich sorgfältig enthielt, auf die hinter ihm Stehenden zurückzublicken, und so wartete er mit der unüberwindlichen Geduld eines Indianers auf den Augenblick, der ihn zu handeln zwang.

»Mögen alle meine jungen Leute ans Land gehen und ihre Waffen holen, bis auf die zwei an den Enden des Bootes. Diese mögen den Kahn über die Strömung wegbringen.«

Die Indianer gehorchten ruhig und ließen Jasper an dem Stern und den Indianer, der den Kahn aufgefunden hatte, an dem Bug des leichten Fahrzeuges. Chingachgook tauchte so tief in den Fluß, daß er ohne entdeckt zu werden an den anderen vorbeikommen konnte. Das Plätschern in dem Wasser, das Schlagen der Arme und der gegenseitige Zuruf verkündeten bald, daß die vier, die sich später zu der Gesellschaft gefunden hatten, im Schwimmen begriffen waren. Sobald sich der Delaware hiervon überzeugt hatte, erhob er sich, nahm seine frühere Stellung wieder ein und dachte nun auf den Augenblick des Handelns.

Ein Mann von geringerer Selbstbeherrschung als Chingachgook würde wahrscheinlich jetzt seinen beabsichtigten Streich ausgeführt haben. Aber Chingachgook wußte, daß sich noch mehr Irokesen hinter ihm in der Strömung befanden, und er war ein zu geübter und erfahrener Krieger, um irgend etwas unnützerweise zu wagen. Er ließ deshalb den Indianer am Bug des Kahnes in das tiefe Wasser stoßen, und nun schwammen alle drei in der Richtung des östlichen Ufers fort. Statt aber das Fahrzeug quer über die rasche Strömung treiben zu helfen, begannen Jasper und der Delaware, als sie sich mitten in dem kräftigsten Schusse des Wassers befanden, in einer Weise zu schwimmen, daß dadurch die weiteren Fortschritte in die Quere des Stromes verhindert wurden. Dies geschah jedoch nicht plötzlich oder in der unvorsichtigen Manier, mit der ein zivilisierter Mensch den Kunstgriff versucht haben würde, sondern mit Schlauheit und so allmählich, daß der Irokese am Bug zuerst dachte, er habe nur gegen die Gewalt der Strömung anzukämpfen. Wirklich trieb auch unter dem Einfluß dieser Gegenwirkung der Kahn stromabwärts und schwamm in ungefähr einer Minute in dem stillen tieferen Wasser am Fuß der Stromenge. Hier fand jedoch der Irokese bald, daß sich etwas Ungewöhnliches dem Weiterkommen entgegenstemme, und als er zurückblickte, wurde es ihm klar, daß er den Grund in den Bemühungen seiner Gehilfen zu suchen habe.

Jene zweite Natur, die in uns die Gewohnheit erzeugt, sagte dem Irokesen schnell, daß er allein mit seinen Feinden sei. Mit einem raschen Stoß durch das Wasser fuhr er Chingachgook an die Kehle, und nun ergriffen sich die beiden Indianer, die ihren Posten am Kahn verlassen hatten, mit der Wut der Tiger. In der Mitte der Finsternis und der düsteren Nacht, in einem Element schwimmend, das so gefährlich für einen tödlichen Kampf sein mußte, schienen sie alles mit Ausnahme ihres blutigen Hasses und des gegenseitigen Bestrebens, den Sieg davonzutragen, vergessen zu haben.

Jasper hatte nun den Kahn, der unter den durch das Ringen der beiden Kämpfer hervorgebrachten Wellenstößen wie eine Feder im Winde dahinflog, völlig in seiner Macht. Der erste Gedanke des Jünglings war, dem Delawaren zu Hilfe zu schwimmen. Dann aber zeigte sich ihm die Wichtigkeit der Sicherung des Kahnes in ihrer vollen Gewalt, und während er auf die schweren Atemzüge der beiden Krieger, die sich an den Kehlen gefaßt hielten, horchte, trieb er so eilig als er es vermochte dem westlichen Ufer zu. Dieses hatte er bald erreicht und nach kurzem Suchen die zurückgebliebene Gesellschaft, wie auch seine Kleider wieder aufgefunden. Wenige Worte genügten, um die Lage, in der er den Delawaren verlassen, und die Art, wie er den Kahn gerettet hatte, auseinanderzusetzen.

Als die am Ufer Befindlichen die Mitteilung Jaspers gehört hatten, trat eine tiefe Stille ein, und jeder lauschte aufmerksam in der eitlen Hoffnung, etwas zu vernehmen, was über den Ausgang des schrecklichen Kampfes, der im Wasser stattgefunden oder noch fortdauerte, Aufschluß geben konnte. Aber man vernahm nichts durch das Geräusch des brausenden Flusses, und es gehörte mit zu der Politik ihrer Feinde auf dem entgegengesetzten Ufer, eine totengleiche Stille zu beobachten.

»Nehmt dieses Ruder, Jasper«, sagte Pfadfinder ruhig, obgleich es den übrigen dünkte, daß seine Stimme melancholischer als gewöhnlich tönte, »und folgt mir mit Eurem Kahn. – Es ist nicht ratsam, hier zu bleiben.«

»Aber Chingachgook?«

»Die Große Schlange ist in den Händen ihrer Gottheit. Wir können ihm nicht helfen und würden zuviel wagen, wenn wir müßig hier bleiben und wie Weiber im Unglück jammern wollten. Diese Finsternis ist kostbar.«

Ein lauter, langer, durchdringender Schrei drang vom Ufer herüber und unterbrach die Worte des Pfadfinders.

»Was bedeutet dieser Lärm, Meister Pfadfinder?« fragte Cap. »Er klingt ja mehr wie das Zetergeschrei der Teufel, als wie Töne aus den Kehlen von Menschen und Christen.«

»Christen sind’s nicht und wollen keine sein; und wenn Ihr sie Teufel nennt, so habt Ihr sie richtig betitelt. Dieser Schrei ist ein Freudenruf, wie ihn die Sieger ausstoßen. Es ist kein Zweifel, der Körper Chingachgooks ist tot oder lebendig in ihrer Gewalt.«

»Und wir –«, rief Jasper, der den Schmerz einer edlen Reue fühlte, denn der Gedanke vergegenwärtigte sich seinem Geist, daß er wohl dieses Unglück abzuwenden vermocht hätte, wenn er seinen Kameraden nicht verlassen haben würde.

»Wir können dem Häuptling nichts nützen, Junge, und müssen diesen Platz so schnell wie möglich verlassen.«

»Ohne einen Versuch zu seiner Befreiung? – ja, ohne zu wissen, ob er tot oder lebendig ist?«

»Jasper hat recht«, sagte Mabel, die zwar zu sprechen vermochte, jedoch nur mit erstickter Stimme. »Ich habe keine Furcht, Onkel, und will hier bleiben, bis ich weiß, was aus unserem Freund geworden ist.«

»Das scheint vernünftig, Pfadfinder«, warf Cap ein. »Ein rechter Seemann kann seinen Kameraden nicht verlassen. Es freut mich, so richtige Grundsätze unter diesem Frischwasservolk zu finden.«

»Fort, fort damit«, erwiderte der ungeduldige Pfadfinder, indem er zugleich den Kahn in den Strom drängte. »Ihr wißt nichts, drum fürchtet Ihr nichts. Aber wenn Euch Euer Leben wert ist, so denkt daran, die Garnison zu erreichen, und überlaßt den Delawaren den Händen der Vorsehung. Ach! Der Hirsch, der zu oft zu der Lick geht, trifft am Ende doch mit dem Jäger zusammen!«

Siebentes Kapitel

Siebentes Kapitel

Die hochherzige Mabel fühlte ihr Blut in den Adern pochen und ihre Wangen erröten, als der Kahn in den Strom einlenkte, um den Platz zu verlassen. Die Finsternis der Nacht hatte nachgelassen, da sich die Wolken zerstreuten; aber das überhängende Gehölz umnachtete die Ufer so sehr, daß die Kähne wie in einem dunklen Schacht, frei von Entdeckung, in der Strömung hinabfuhren. Dennoch durften sich die in den Kähnen Befindlichen keineswegs für sicher halten, und selbst Jasper, der für das Mädchen zu zittern begann, warf bei jedem ungewöhnlichen Ton, der von dem Walde aufstieg, besorgte Blicke umher. Das Ruder wurde mit Leichtigkeit und der äußersten Sorgfalt geführt, denn der geringste Ton mochte in der tiefen Ruhe dieser Stunde und dieses Ortes den wachsamen Ohren der Irokesen ihre Stellung verraten.

Alles dies erhob noch die großartigen Eindrücke der Lage des Mädchens und trug dazu bei, den gegenwärtigen Augenblick zu dem aufregendsten zu machen, der Mabel je in ihrem kurzen Leben vorgekommen war. Mutig, voll Selbstvertrauen, wie sie war, und noch gehoben durch den Stolz, den sie als ein Soldatenkind fühlte, konnte man kaum von ihr sagen, daß Furcht auf sie einwirke, aber ihr Herz schlug oft schneller als gewöhnlich, ihr schönes Auge strahlte, unbemerkt in der Finsternis, mit dem Ausdruck der Entschlossenheit, und ihre lebhaften Gefühle waren durch die Ereignisse dieser Nacht noch gesteigert.

»Mabel«, sagte Jasper mit unterdrückter Stimme, als die Kähne so nahe beieinander schwammen, daß die Hand des jungen Mannes sie zusammenhalten konnte. »Sie haben keine Furcht und vertrauen freimütig unserer Sorgfalt und unserem guten Willen Ihren Schutz – nicht wahr?«

»Ich bin eines Soldaten Tochter, wie Ihr wißt, Jasper Western, und müßte erröten, wenn ich Furcht bekennen sollte.«

»Verlassen Sie sich auf mich – auf uns alle. Euer Onkel, der Pfadfinder, der Delaware, wenn der arme Bursche hier wäre – und ich selbst werden eher alles wagen, ehe Ihnen ein Leid zustoßen soll.«

»Ich glaube Euch, Jasper«, erwiderte das Mädchen, indem sie unwillkürlich ihre Hand in dem Wasser spielen ließ. »Ich weiß, daß mich mein Onkel liebt und nie an sich selber denkt, ohne zuerst an mich gedacht zu haben; auch glaub‘ ich, daß ihr alle Freunde meines Vaters seid und gerne seinem Kind beisteht. Aber ich bin nicht so schwach und zaghaft, wie Ihr glauben mögt; denn obgleich ich nur ein Stadtmädchen und, wie die meisten von dieser Klasse, ein wenig geneigt bin, Gefahr zu sehen, wo keine ist, so versprech ich Euch doch, Jasper, daß keine törichte Furcht von meiner Seite der Ausübung Eurer Pflicht in den Weg treten soll.«

»Des Sergeanten Tochter hat recht, und sie ist wert, ein Kind des wackeren Thomas Dunham zu sein«, warf der Pfadfinder ein. »Ach, mein Kind, wie oft spähte oder marschierte ich mit Ihrem Vater an den Flanken oder der Nachhut des Feindes in Nächten, die dunkler waren als diese, und zwar unter Umständen, wo keiner wissen konnte, ob ihn nicht der nächste Augenblick in einen blutigen Hinterhalt führe. Ich war an seiner Seite, als er an der Schulter verwundet wurde, und der wackere Kamerad wird Ihnen erzählen, wenn wir zu ihm kommen, wie wir’s anstellten, um über den Fluß zu setzen, der uns im Rücken lag, und seinen Skalp zu retten.«

»Er hat mir’s erzählt«, sagte Mabel mit mehr Feuer, als in ihrer gegenwärtigen Lage klug sein mochte. »Ich habe Briefe von ihm, in denen er von allem Erwähnung tut, und ich danke Euch von Grund meines Herzens für Eure Dienste. Gott mög’s Euch vergelten, Pfadfinder, und es gibt keine Erkenntlichkeit, die Ihr von der Tochter fordern könntet, die sie nicht mit Freuden für ihres Vaters Leben leisten würde.«

»Ja, das ist so bei euch sanften und reinen Geschöpfen. Ich hab‘ früher einige von euch kennengelernt und von anderen gehört. Der Sergeant selbst hat mir von seinen jüngeren Tagen erzählt, von Ihrer Mutter, von der Art, wie er um sie freite und von all den Querstrichen und widrigen Zufällen, bis er es zuletzt durchsetzte.«

»Meine Mutter lebte nicht lange genug, um ihn für alles zu entschädigen, was er tat, um sie zu gewinnen«, sprach Mabel mit bebender Lippe.

»So sagt‘ er mir. Der brave Sergeant hat gegen mich kein Geheimnis, und da er um manches Jahr älter ist als ich, betrachtete er mich auf unseren mannigfaltigen Späherzügen als so eine Art von Sohn.«

»Vielleicht, Pfadfinder«, bemerkte Jasper mit einer Unsicherheit der Stimme, die den beabsichtigten Scherz vereitelte, »würde er froh sein, in Euch wirklich einen zu besitzen?«

»Und wenn er’s wäre, Eau-douce, läge etwas Arges darin? Er weiß, was ich auf der Fährte und als Kundschafter bin, und hat mich oft Aug‘ in Auge mit den Franzosen gesehen. Ich habe bisweilen gedacht, Junge, daß wir uns alle Weiber suchen sollten, denn der Mann, der beständig in den Wäldern und in Berührung mit seinen Feinden oder seiner Beute steht, muß zuletzt einige Gefühle seines Geschlechts verlieren.«

»Nach den Proben, die ich davon gesehen habe«, erwiderte Mabel, »möchte ich sagen, daß viele, die lange in den Wäldern leben, auch vergessen, so manches von der Hinterlist und den Lastern der Städte zu lernen!«

»Es ist nicht leicht, Mabel, immer in der Gegenwart Gottes zu weilen und nicht die Macht seiner Güte zu fühlen. Ich habe den Gottesdienst in den Garnisonen besucht und, wie es einem braven Soldaten ziemt, versucht, an den Gebeten teilzunehmen; denn, obgleich ich nicht auf der Dienstliste des Königs stehe, so kämpfe ich doch in seinen Schlachten und diene seiner Sache. – Aber so sehr ich mich auch bemühte, den Garnisonsbrauch würdig mitzumachen, so konnt‘ ich mich doch nie zu den feierlichen Gefühlen und zu der treuen Hingebung erheben, die ich empfinde, wenn ich allein mit Gott in den Wäldern bin. Hier steh‘ ich Angesicht in Angesicht mit meinem Meister. Alles um mich ist frisch und schön, wie es aus seiner Hand kommt. Da gibt’s keine spitzfindigen Doktrinen, um das Gefühl zu erkälten. Nein, nein; die Wälder sind der wahre Tempel Gottes, in dem die Gedanken sich frei erheben und über die Wolken dringen.«

»Ihr sprecht die Wahrheit, Meister Pfadfinder«, sagte Cap, »und eine Wahrheit, die alle kennen, die oft in der Einsamkeit leben. Was ist zum Beispiel der Grund, daß die Seeleute im allgemeinen so religiös und gewissenhaft in ihrem ganzen Tun und Lassen sind, wenn nicht das, daß sie sich so oft allein mit der Vorsehung befinden und so wenig mit der Gottlosigkeit des Landes verkehren? Oft hab‘ ich auf meiner Wache gestanden unter dem Äquator oder auf dem südlichen Ozean, wenn die Nächte leuchteten von dem Feuer des Himmels; und dies, meine Lieben, ist der geeignetste Zeitpunkt, dem sündigen Menschen seinen Zustand zu zeigen. Ich hab‘ mich unter solchen Umständen wieder und wieder niedergeworfen, bis die Wandtaue und Talje-Reepen meines Gewissens mit Macht erknarrten. Ich stimm‘ Euch daher bei, Meister Pfadfinder, und sage, wenn Ihr einen wahrhaft religiösen Mann sehen wollt, geht aufs Meer oder geht in die Wälder.«

»Onkel, ich habe geglaubt, die Seeleute stünden im allgemeinen in dem Ruf, daß sie wenig Achtung vor der Religion hätten?«

»Alles heillose Verleumdung, Mädel! Frag mal einen Seefahrer, was seine wirkliche Herzensmeinung über die Bewohner des Landes, die Pfarrer und alle übrigen sei, so wirst du was ganz anderes hören. Ich kenne keine Menschenklasse, die hierin mehr verleumdet wird als die Seeleute, und bloß darum, weil sie nicht zu Hause bleiben, um sich zu verteidigen und die Geistlichkeit zu bezahlen. Sie haben freilich nicht so viel Unterricht wie die Landratten, aber was das Wesen des Christentums anlangt, so bohren die Seeleute die Ufermenschen stets in Grund.«

»Ich will für alles dies nicht einstehen, Meister Cap«, entgegnete Pfadfinder, »obschon einiges davon wahr sein mag. Aber es bedarf nicht des Donners und des Blitzes, um mich an meinen Gott zu erinnern, und ich bin nicht der Mann, seine Güte eher in der Verwirrung und Trübsal zu bewundern, als an einem feierlichen, ruhigen Tag, wo seine Stimme aus dem Krachen der toten Baumzweige oder im Gesang eines Vogels meinen Ohren wenigstens ebenso lieblich tönt, als wenn ich sie in dem Aufruhr der Elemente vernehmen müßte. Was meint Ihr, Eau-douce? Ihr habt’s ebensogut mit Gewittern zu tun wie Meister Cap und müßt doch was von den Gefühlen kennen, die angesichts eines Sturmes auftauchen.«

»Ich fürchte, daß ich zu jung und unerfahren bin, um viel über diesen Gegenstand sagen zu können«, erwiderte Jasper bescheiden.

»Ihr fühlt aber doch was dabei!« sagte Mabel rasch. »Ihr könnt nicht – niemand kann unter solchen Szenen leben, ohne zu empfinden, wie sehr er des Vertrauens auf Gott bedarf.«

»Ich will meine Erziehung nicht zu sehr verleugnen und deshalb gestehen, daß ich bisweilen meine Gedanken habe, aber ich fürchte, daß dies nicht so oft geschieht, wie es sollte.«

»Frischwasser!« erwiderte Cap nachdrücklich. »Du wirst doch nicht zuviel von dem jungen Mann erwarten, Mabel. Ich denke, man nennt Euch bisweilen mit einem Namen, der alles dies bezeichnet, Eau-de-vie, nicht wahr?«

»Eau-douce«, entgegnete mit Ruhe Jasper, der sich bei Gelegenheit seiner Fahrten auf dem See sowohl die Kenntnis des Französischen wie auch mehrere Dialekte der Indianer zu eigen gemacht hatte. »Es ist der Name, den mir die Irokesen gegeben haben, um mich von einigen Gefährten zu unterscheiden, die einmal eine Fahrt auf dem Meer mitgemacht haben und nun die Ohren der Landbewohner mit Geschichten von ihren großen Salzwasserseen erfüllen.«

»Und warum sollten sie das nicht? Sie tun dadurch den Wilden keinen Schaden, und wenn’s auch nichts zu ihrer Zivilisation beiträgt, so kommen sie dadurch doch nicht in eine noch größere Barbarei.«

»Die Bedeutung von Eau-douce ist süßes oder trinkbares Wasser«, erwiderte Jasper. »Aber man versteht bei uns Seeleuten unter Eau immer Branntwein, und unter Eau-de-vie einen Branntwein von höherer Stärke. Ich verdenke Euch übrigens Eure Unwissenheit nicht, denn sie ist Eurer Stellung angemessen.«

»Eau-douce oder Eau-de-vie«, unterbrach ihn der redliche und freimütige Pfadfinder, »ist jedenfalls ein braver Junge, und ich hab‘ immer so gesund geschlafen, wenn er auf Wache war, als wenn ich selbst aufgewesen wäre.«

»Ich mache keinen Anspruch auf Kenntnisse, die ich nicht besitze«, sprach Jasper, »und hab‘ nie gesagt, daß ich von Meer und Schifffahrt was verstehe. Wir steuern auf unseren Seen nach den Sternen und dem Kompaß und fahren von einem Vorgebirge zum anderen.«

»Ihr habt Eure Lote«, unterbrach ihn Cap.

»Sie sind von geringem Nutzen und werden selten ausgeworfen.« »Das Tieflot –«

»Ich habe von solchem Ding mal gehört, muß aber gestehen, daß ich nie eins sah.«

»Oh, zum Henker!« rief Cap mit Heftigkeit. »Ein Schiffer und kein Tieflot! Junge, Ihr könnt keinen Anspruch drauf machen, so ein Stück von Seemann zu sein. Wer, zum Teufel, hat je von einem Schiffer gehört ohne Tieflot?«

»Ich mache keinen Anspruch auf besondere Geschicklichkeit, Meister Cap –«

»Das Schießen über die Fälle und die Stromengen ausgenommen, Jasper«, sagte Pfadfinder, der ihm zu Hilfe kam; »in diesem Geschäft müßt auch Ihr ihm, Meister Cap, Gewandtheit zugestehen. Wenn Jasper auch für die offene See nicht taugt, so hat er doch ein scharfes Auge und eine sichere Hand, wenn er über die Fälle setzt.«

»Aber Jasper taugt wohl – würde wohl für die offene See taugen«, sagte Mabel mit einer Lebhaftigkeit in ihrer hellen Stimme, daß alle mitten in der Stille aufhorchten; »ich meine, ein Mann, der hier so viel zu leisten vermag, kann dort nicht untauglich sein, wenn er gleich nicht so mit den Schiffen vertraut ist wie Onkel.«

»Schön, schön, unterstützt euch nur in eurer Unwissenheit«, erwiderte Cap mit höhnischem Lächeln. »Wir Seeleute haben immer die Mehrzahl gegen uns, wenn wir am Ufer sind, und können deshalb selten zu unserem Recht kommen; aber wenn’s die Verteidigung gilt oder die Führung des Handels, da sind wir dann doch der Gutgenug!«

»Aber, Onkel, die Bewohner des Landes kommen doch nicht, um unsere Küsten anzugreifen. Es treffen also die Seeleute nur mit Seeleuten zusammen.«

»Da hat man wieder die Ignoranz! – Wo sind alle die Feinde, die in dieser Gegend gelandet haben, Franzosen und Engländer? Ich will nur das fragen.«

»Ja, wo sind sie?« rief Pfadfinder aus. »Niemand kann das besser sagen als die, Meister Cap, die sich in den Wäldern aufhalten. Ich hab‘ oft ihre Marschlinie verfolgt nach den Gebeinen, die im Regen bleichten; ich habe Jahre nachher ihre Spur bei Gräbern gefunden, nachdem sie und ihr Stolz lange verschwunden waren. Generale und Gemeine lagen durch das Land zerstreut als ebensoviel Beweise, was der Mensch ist, wenn ihn der Ehrgeiz leitet, mehr zu sein als seine Nebenmenschen.«

»Ich muß sagen, Meister Pfadfinder, daß Ihr bisweilen Meinungen äußert, die etwas merkwürdig klingen aus dem Munde eines Mannes, der stets unter dem Gewehr lebt und selten die Luft anders als mit Pulverdampf gemengt atmet – eines Mannes, der kaum seine Hängematte verläßt, ohne einem Feind zu Leibe zu gehen.«

»Wenn Ihr glaubt, daß ich mein Leben im ewigen Krieg gegen mein Geschlecht zubringe, so kennt Ihr weder mich noch meine Geschichte. Der Mann, der in den Wäldern und an den Grenzen lebt, muß sich den Wechsel der Dinge gefallen lassen. Ich bin nur ein einfacher, machtloser Jäger, Kundschafter und Wegweiser und dafür nicht verantwortlich. Mein wahrer Beruf ist jedoch, für die Armee auf dem Marsch sowohl als in Friedenszeiten zu jagen; obgleich ich eigentlich im Dienste eines Offiziers stehe, der aber abwesend und in den Ansiedlungen ist, wohin ich ihm nie folgen werde. Nein, nein; Blutdurst und Krieg sind nicht meine eigentlichen Gaben, sondern Mitleid und Friede. Dem Feind aber blicke ich so gut wie ein anderer ins Gesicht, und was die Mingos betrifft, so betrachte ich jeden als eine Schlange, die man unter die Ferse tritt, sobald sich die Gelegenheit darbietet.«

»Schön, schön; ich hab‘ mich in Eurem Beruf geirrt, den ich für so regelmäßig kriegerisch hielt wie den eines Schiffskonstabels. Da ist nun auch mein Schwager; er ist von seinem sechzehnten Jahre an Soldat gewesen und betrachtet sein Gewerbe jedenfalls als ebenso respektabel wie das eines Seefahrers. Das ist nun freilich ein Punkt, über den es kaum der Mühe wert ist zu streiten.«

»Man hat meinen Vater gelehrt, daß es ehrenvoll sei, die Waffen zu tragen«, sagte Mabel, »denn auch sein Vater war Soldat.«

»Ja, ja«, fuhr der Kundschafter fort, »die meisten Gaben des Sergeanten sind kriegerisch, und er betrachtet die meisten Dinge dieser Welt nur über seinen Musketenlauf. So ist’s auch einer von seinen Einfällen, ein königliches Gewehr einer regelmäßigen, langläufigen Büchse mit doppeltem Visierpunkt vorzuziehen. Aber solche Begriffe können wohl durch lange Gewohnheit aufkommen, und Vorurteil ist vielleicht der allgemeine Fehler der Menschennatur.« »Am Lande, das geb‘ ich zu«, sagte Cap. »Ich komme nie von einer Reise zurück, ohne dieselbe Bemerkung zu machen. Als ich das letztemal eingelaufen war, fand ich in ganz York kaum einen Mann, der im allgemeinen über die Dinge und Gegenstände dachte wie ich. Jeder, mit dem ich zusammentraf, schien seine Ideen gegen den Wind aufgetaljet zu haben, und wenn er ein wenig von seinen einseitigen Ansichten abfiel, so war’s gewöhnlich, um auf dem Kiel kurz umzuvieren und so dicht wie möglich auf einen anderen Gang anzulegen.«

»Versteht Ihr dies, Jasper?« flüsterte Mabel mit einem Lächeln dem jungen Manne zu, der sein eigenes Fahrzeug ganz dicht an ihrer Seite hielt.

»Es ist kein so großer Unterschied zwischen Salz- und Frischwasser, daß wir, die wir unsere Zeit darauf zubringen, uns nicht gegenseitig sollten verstehen können. Ich halt’s für kein groß‘ Verdienst, Mabel, die Sprache unseres Gewerbes zu verstehen.«

»Selbst die Religion«, fuhr Cap fort, »liegt nicht mehr an derselben Stelle vor Anker wie in meinen jungen Tagen. Sie vieren und holen sie am Lande an, wie sie’s mit anderen Dingen auch machen, und es ist kein Wunder, wenn sie hin und wieder festzusitzen kommen. Alles scheint zu wechseln, nur der Kompaß nicht, und auch der hat seine Abweichungen.«

»Wohl«, entgegnete Pfadfinder, »ich hab‘ aber immer das Christentum und den Kompaß für etwas ziemlich Beständiges gehalten.«

»Ja, wenn sie auf dem Meer sind, mit Ausnahme der Abweichungen. Die Religion auf dem Meer ist heute noch dasselbe, was sie war, als ich zum erstenmal meine Hand in den Teerkessel tauchte. Niemand wird mir das bestreiten, der die Gottesfurcht nicht aus den Augen läßt. Ich kann an Bord keinen Unterschied zwischen dem heutigen Zustand der Religion und dem aus der Zeit, da ich noch ein junges Bürschlein war, erkennen. So ist’s aber keineswegs am Ufer. Nehmt mein Wort dafür, Meister Pfadfinder, es ist schwer, einen Mann zu finden – ich meine auf dem Festlande – dessen Ansichten über diesen Gegenstand noch genau dieselben sind wie vor vierzig Jahren.«

»Und doch ist Gott unverändert, seine Werke sind unverändert, sein heiliges Wort ist unverändert: Es muß daher auch alles, was zum Preis und zur Ehre seines Namens dient, unverändert sein.«

»Nicht an Land. Es ist das gerade das Miserabelste von dem Lande, daß es beständig in Bewegung ist, obgleich es fest aussieht. Wenn Ihr einen Baum pflanzt, ihn verlaßt und nach einer dreijährigen Reise wieder zurückkommt, so findet Ihr ihn nicht wieder, wie Ihr ihn verlassen habt. Die Städte vergrößern sich; neue Straßen tun sich auf, die Kajen werden verändert, und die ganze Oberfläche der Erde erleidet einen Wechsel. Ein Schiff aber, das von einer Indienfahrt zurückkommt, ist noch gerade so wie es aussegelte, wenn man den fehlenden Anstrich, die Abnützung der Schiffsgerätschaften und die Zufälligkeiten der Fahrt abrechnet.«

»Das ist nur zu wahr, Meister Cap, und daher um so mehr zu beklagen. Ach! Die Dinge, die man Verbesserungen nennt, dienen zu nichts, als das Land zu untergraben und zu verunstalten. Die herrlichen Werke Gottes werden täglich niedergeworfen und zerstört, und die Hand des Menschen scheint erhoben zu sein in Verachtung seines mächtigen Willens. Man hat mir gesagt, es seien schreckenerregende Zeichen dessen, was noch kommen soll, im Süden und Westen der großen Seen anzutreffen; denn ich selbst bin in diesen Gegenden noch nie gewesen.«

»Was meint Ihr damit, Pfadfinder?« fragte Jasper bescheiden.

»Ich meine die Stellen, die die Rache des Himmels bezeichnete oder die sich vielmehr als feierliche Warnungszeichen dem Gedankenlosen und Üppigen in den Weg stellen. Man nennt sie die Prärien, und ich hab‘ einen so wackeren Delawaren, als ich nur je einen kannte, erzählen hören, die Hand Gottes liege so schwer darauf, daß nicht ein Baum dort gedeihe. Eine solche Heimsuchung der unschuldigen Erde muß Scheu erregen und kann nur die Absicht haben zu zeigen, zu welchen schrecklichen Folgen eine unbesonnene Zerstörungssucht führen mag.«

»Und doch hab‘ ich Ansiedler gesehen, die sich viel von diesen offenen Plätzen versprachen, weil sie ihnen die Mühe der Lichtung ersparten. Euer Brot schmeckt Euch, Pfadfinder; und doch kann der Weizen dazu nicht im Schatten reifen.«

»Aber ein redlicher Wille, einfache Wünsche und die Liebe Gottes können’s, Jasper. Selbst Meister Cap wird Euch sagen, daß eine baumlose Ebene einer öden Insel gleichen muß.«

»Kann sein«, warf Cap ein; »indes haben öde Inseln auch ihren Nutzen, denn sie dienen dazu, die Kursberechnungen zu korrigieren. Wenn es auf meinen Geschmack ankommt, so habe ich nie was gegen eine Ebene einzuwenden wegen ihres Mangels an Bäumen. Da die Natur mal dem Menschen Augen zum Umherblicken und eine Sonne zum Scheinen gegeben hat, so kann ich, wenn es nicht wegen des Schiffbaues oder hin und wieder wegen Errichtung eines Hauses wäre, in einem Baum keinen besonderen Nutzen entdecken, zumal wenn keine Affen oder Früchte darauf sind.«

Auf diese Bemerkung antwortete Pfadfinder nur durch einen leisen Ton, der die Absicht hatte, seine Gefährten zum Stillschweigen zu veranlassen. Während die Unterhaltung mit gedämpfter Stimme geführt wurde, waren die Kähne unter den tiefen Schatten des westlichen Ufers langsam mit der Strömung abwärts gegangen, ohne daß man sich der Ruder anders als zum Steuern bediente. Die Kraft des Stromes wechselte jetzt so bedeutend, daß das Wasser stellenweise ganz still zu stehen schien, indes seine Geschwindigkeit an anderen Orten mehr als zwei oder drei Meilen in der Stunde betragen mochte. Besonders drängte es an den Stromengen mit einer Eile vorwärts, die ein ungeübtes Auge erschrecken konnte. Jasper war der Meinung, daß sie mit der Strömung die Mündung des Flusses in zwei Stunden, von der Zeit ihrer Einschiffung an gerechnet, erreichen dürften, und er und Pfadfinder hatten es für geeignet gehalten, die Kähne so lange für sich schwimmen zu lassen, bis sie über die ersten Gefahren ihres neuen Kurses hinaus waren. Obgleich eine tiefe Ruhe in diesem fast endlosen Forst herrschte, sprach doch die Natur mit tausend Zungen in der beredten Sprache einer Nacht in den Wäldern. Die Luft seufzte durch Myriaden von Bäumen, das Wasser rieselte und brauste stellenweise an den Ufern, dann hörte man hin und wieder das Knarren eines Zweiges oder eines Stammes, der sich an einem anderen rieb und stieß. Aber alles Leben schwieg. Nur einmal glaubte Pfadfinder das Geheul eines entfernten Wolfes zu vernehmen; dieser Ton war jedoch so vorübergehend und zweifelhaft, daß seine Deutung wohl auf Rechnung der Einbildungskraft kommen konnte. Als er aber gegen seine Gefährten den Wunsch des Stillschweigens durch ein Pst! ausdrückte, hatte sein wachsames Ohr den eigentümlichen Ton erfaßt, der durch das Zerbrechen eines trockenen Baumzweiges hervorgebracht wird und der, wenn ihn seine Sinne nicht täuschten, von dem westlichen Ufer herkam. Wer einen solchen Ton öfter gehört hat, weiß, wie gut der Tritt, der den Zweig zerbricht, von jedem anderen Geräusch des Waldes zu unterscheiden ist.

»Es ist der Fußtritt eines Mannes am Ufer«, sagte Pfadfinder zu Jasper mit einer Stimme, die zwar nicht flüsternd, jedenfalls aber nicht laut genug war, um in einiger Entfernung gehört zu werden. »Können die verfluchten Irokesen schon mit ihren Waffen und ohne ein Boot über den Fluß gesetzt haben?«

»Es kann der Delaware sein. Möglich, daß er unseren Kurs am Ufer abwärts verfolgt, da er weiß, wo er uns zu finden hat. Laßt mich dichter ans Ufer fahren und rekognoszieren.«

»Geht, Junge, aber seid leicht mit dem Ruder, und in keinem Fall wagt Euch aufs Unsichere ans Ufer.«

»Ist das klug?« fragte Mabel mit einer Heftigkeit, die sie die Vorsicht, ihre Stimme zu dämpfen, vergessen ließ.

»Sehr unklug, meine Liebe, wenn Sie so laut sprechen. Ich liebe zwar Ihre angenehme Stimme, nachdem ich solange nur die der Männer gehört habe, aber sie darf sich doch nicht zu laut vernehmen lassen. Ihr Vater, der wackere Sergeant, wird Ihnen sagen, daß Schweigen auf einer Fährte eine doppelte Tugend ist. Geht, Jasper, und benehmt Euch klug in der Sache.«

Zehn drückende Minuten folgten dem Verschwinden von Jaspers Kahn, der von dem Pfadfinders so geräuschlos wegglitt, daß er in der Dunkelheit verschwunden war, ehe noch Mabel glauben konnte, der junge Mann werde wirklich ein Unternehmen wagen, das ihr die Phantasie mit so gefährlichen Farben malte. Während dieser Zeit fuhr die Gesellschaft fort, mit der Strömung zu schwimmen, ohne einen Laut, man möchte fast sagen, ohne einen Atemzug zu tun, um ja den leichtesten Ton, der vom Ufer herkäme, nicht zu überhören. Aber es herrschte dieselbe feierliche Stille wie früher. Nur das Plätschern des Wassers, wenn es gegen ein leichtes Hindernis anstieß, und das Seufzen der Bäume unterbrach den Schlummer des Forstes. Schließlich wurde das Knacken dürrer Zweige wieder schwach gehört, und es war dem Pfadfinder, als ob er den Ton gedämpfter Stimmen vernähme.

»Vielleicht irr‘ ich mich, denn die Gedanken malen einem gern, was das Herz wünscht; aber ich glaube, diese Töne gleichen der gedämpften Stimme des Delawaren.«

»Gehen die Wilden auch im Tode noch umher?« fragte Cap.

»Ja, und jagen dazu – in ihren glücklichen Jagdgründen, aber nirgend anders. Mit einer Rothaut ist’s auf der Erde aus, sobald der letzte Atemzug ihren Leib verlassen hat.«

»Ich seh‘ etwas auf dem Wasser«, flüsterte Mabel, die ihre Augen nicht von der Dunkelheit abgewandt hatte, seit Jasper in ihr verschwunden war.

»Es ist der Kahn«, erwiderte Pfadfinder mit großer Erleichterung. »Es muß alles gut stehen, sonst würden wir von dem Jungen gehört haben.«

In der nächsten Minute schwammen die zwei Kähne, die den Führern, erst als sie sich näher kamen, sichtbar wurden, wieder Seite an Seite, und man erkannte Jaspers Gestalt in dem Stern seines Bootes. Die Figur eines zweiten Mannes saß im Bug, und da der junge Schiffer sein Ruder in einer Weise regierte, daß das Gesicht seines Gefährten dem Pfadfinder und Mabel unter die Augen trat, so erkannten beide den Delawaren.

»Chingachgook – mein Bruder!« sagte der Pfadfinder in der Sprache des anderen mit einem Beben in seiner Stimme, das die Gewalt seiner Gefühle verriet – »Häuptling der Mohikaner! Mein Herz ist hocherfreut. Oft sind wir miteinander durch Blut und Streit gegangen! Aber ich habe gefürchtet, es werde nie wieder geschehen.«

»Hugh! – die Mingos sind Weiber! – Drei von ihren Skalpen hängen an meinem Gürtel. Sie wissen nicht die Große Schlange der Delawaren zu treffen. Ihre Herzen haben kein Blut, und ihre Gedanken sind auf dem Rückweg über die Wasser des großen Sees.«

»Bist du unter ihnen gewesen, Häuptling? Und was wurde aus dem Krieger, der im Fluß war?«

»Er ist zum Fisch geworden und liegt auf dem Grunde mit den Aalen. Laß seine Brüder die Angelhaken nach ihm auswerfen. Pfadfinder, ich hab‘ die Feinde gezählt und ihre Büchsen berührt.«

»Ah! Ich dachte, er würde verwegen sein«, rief der Kundschafter in englischer Sprache. »Der waghalsige Bursch ist mitten unter ihnen gewesen und hat uns ihre ganze Geschichte mitgebracht. Sprich, Chingachgook, damit ich unseren Freunden mitteilen kann, was wir selbst wissen.«

Der Delaware erzählte nun in gelassener und ernster Weise das Wesentlichste der Entdeckungen, die er gemacht hatte, seit ihn Jasper zuletzt im Fluße mit den Feinden hatte ringen sehen. Von dem Schicksal seines Gegners sprach er nicht mehr, da es gegen die Gewohnheit eines Kriegers ist, bei mehr ins einzelne gehenden Berichterstattungen groß zu tun. Sobald er aus diesem furchtbaren Kampf als Sieger hervorgegangen war, schwamm er gegen das östliche Ufer, stieg mit Vorsicht ans Land und nahm seinen Weg unter dem Schutz der Finsternis unentdeckt und im Grunde auch unbeargwöhnt mitten durch die Irokesen. Einmal wurde er angerufen; da er sich aber für Pfeilspitze ausgab, wurden keine weiteren Fragen an ihn gerichtet. Aus ihren Reden war ihm bald klargeworden, daß der Trupp ausdrücklich auf Mabel und ihren Onkel lauerte, über dessen Rang sie jedoch augenscheinlich im Irrtum waren. Er hatte auch genug erfahren, um den Verdacht zu rechtfertigen, daß Pfeilspitze sie ihren Feinden verraten habe, obgleich ein Beweggrund hierzu nicht leicht aufzufinden war, da er die Belohnung für seine Dienste noch nicht empfangen hatte.

Pfadfinder teilte von diesen Nachrichten seinen Gefährten nicht mehr mit, als er zu Milderung ihrer Besorgnisse für nötig hielt, indem er zugleich andeutete, daß es nun Zeit sei, ihre Kräfte zu brauchen, ehe sich die Irokesen von der Verwirrung erholt hätten, in die sie durch ihre Verluste geraten waren.

»Wir werden sie ohne Zweifel an der Stromenge wiederfinden«, fuhr er fort, »und dort müssen wir an ihnen vorbei oder in ihre Hände fallen. Die Entfernung von der Garnison ist nur noch gering, und ich hab‘ dran gedacht, mit Mabel zu landen, sie auf einigen Seitenwegen weiter zu geleiten und die Kähne ihrem Schicksal in den Stromschnellen zu überlassen.«

»Es wird nicht gelingen, Pfadfinder«, unterbrach ihn Jasper lebhaft. »Mabel ist nicht stark genug, um in einer solchen Nacht durch die Wälder zu gehen. Setzt sie in meinen Kahn, und ich will mein Leben verlieren oder sie über die Stromenge glücklich wegführen, so dunkel es auch sein mag.«

»Ich zweifle nicht, daß Ihr das werdet, Junge; niemand zweifelt an Euerm guten Willen, der Tochter des Sergeanten einen Dienst zu leisten; aber das Auge der Vorsehung muß es sein und nicht das Eurige, das Euch in einer Nacht wie diese glücklich über den Stromschuß des Oswego bringen kann.«

»Und wer wird sie denn zu Land glücklich nach der Garnison bringen? Ist die Nacht am Ufer nicht so dunkel wie auf dem Wasser? Oder glaubt Ihr, ich verstehe mich weniger auf meinen Beruf als Ihr Euch auf den Eurigen?«

»Kühn gesprochen, Junge; aber angenommen, ich verlöre meinen Weg in der Finsternis – und ich glaube, es kann mir niemand nachsagen, daß mir das je begegnet ist – angenommen, ich verlöre den Weg, so würde daraus kein anderes Unglück entspringen, als daß wir die Nacht im Walde zubringen müßten; indes eine falsche Wendung des Ruders oder ein breiteres Streichen des Kahns Euch und das junge Mädel in den Fluß werfen kann, aus dem, aller Wahrscheinlichkeit nach, des Sergeanten Tochter nicht mehr lebendig herauskommen wird.«

»Wir wollen das Mabel selbst überlassen; ich bin überzeugt, daß sie sich in dem Kahne sicherer fühlen wird.«

»Ich habe ein großes Vertrauen zu euch beiden«, antwortete das Mädchen, »und zweifle nicht, daß jeder tun wird, was er kann, um meinem Vater zu beweisen, wie wert er ihm ist. Aber ich bekenne, daß ich nicht gerne den Kahn verlassen möchte, da wir die Gewißheit haben, daß Feinde im Walde sind, wie wir sie gesehen haben. Doch mein Onkel mag in dieser Sache den Ausschlag geben.«

»Ich liebe die Wälder nicht, solange man eine so schöne Bahn wie hier auf dem Fluß vor sich hat. Außerdem, Meister Pfadfinder, um von den Wilden nichts zu sagen, Ihr überseht die Haifische.«

»Haifische! wer hat je von Haifischen in der Wildnis gehört?«

»Ach! Haifische oder Bären oder Wölfe – es ist gleichgültig, wie Ihr das Ding nennt. Es ist eben was, was die Lust und die Macht hat zu beißen.«

»Hilf Herr! Mensch, fürchtet Ihr ein Geschöpf, das in einem amerikanischen Forst gefunden werden kann? Ich will zwar zugeben, daß eine Pantherkatze ein ungebärdiges Tier ist; doch was will das heißen, wenn ein geübter Jäger bei der Hand ist? Sprecht von den Mingos und ihren Teufeleien, soviel Ihr wollt; aber macht mir keinen falschen Lärm mit Euren Bären und Wölfen.«

»Ja, ja, Meister Pfadfinder, das ist wohl alles gut genug für Euch, der Ihr wahrscheinlich den Namen einer jeden Kreatur hier kennt. Gewohnheit ist schon was und macht einen Mann kühn, wo er sonst vielleicht schüchtern wäre. Ich hab‘ in der Nähe des Äquators die Matrosen stundenlang unter fünfzehn bis zwanzig Fuß langen Haifischen herumschwimmen sehen, und sie hatten dabei keine anderen Gedanken, als die sich ein Landbewohner macht, wenn er sonntags nachmittags unter seinesgleichen aus der Kirchentür geht.«

»Das ist außerordentlich!« rief Jasper, der sich in seiner Treuherzigkeit jenen wesentlichen Teil seines Gewerbes, den man die Fähigkeit, »ein Garn zu spinnen« nennt, noch nicht angeeignet hatte. »Ich hab‘ immer gehört, daß der Tod gewiß sei, wenn man sich in das Wasser unter die Haie wage.«

»Ich vergaß zu sagen, daß die Jungen immer Spillenbäume, Kanonenspacken oder Kuhfüße mit sich nahmen und die Bestien auf die Nase schlugen, wenn sie ihnen lästig wurden. Nein, nein, ich finde kein Behagen an Bären und Wölfen, obgleich ich mir aus einem Walfisch so wenig mache wie aus einem Hering, wenn er getrocknet und gesalzen ist. Mabel und ich halten besser Stich im Kahn.«

»Mabel würde gut tun, das Fahrzeug zu wechseln«, fügte Jasper bei. »Das meine ist leer, und der Pfadfinder wird zugeben, daß mein Auge auf dem Wasser sicherer ist als das seine.«

»Das tu ich mit Freuden, Junge. Das Wasser ist dein Element, und niemand wird leugnen, daß Ihr’s aufs beste erprobt habt. Ihr habt recht, daß des Sergeanten Tochter in Euerm Kahn sicherer sei als in meinem, und obgleich ich gern selber in ihrer Nähe wäre, so liegt mir doch ihre Wohlfahrt zu sehr am Herzen, um sie nicht aufrichtig zu beraten. Bringt Euern Kahn dicht an unsere Seite, Jasper, damit ich Euch den kostbaren Schatz übergeben kann.«

»Ich betrachte sie wirklich als einen Schatz«, erwiderte der Jüngling, der keinen Augenblick verlor, um dieser Aufforderung nachzukommen; und als Mabel von dem einen Kahn in den anderen getreten war, setzte sie sich zu dem Gepäck, das bisher die einzige Last des Bootes ausgemacht hatte.

Jetzt trennten sich die Kähne und fuhren vorsichtig und ohne Geräusch in einiger Entfernung voneinander. Die Unterhaltung hörte nach und nach auf, und die Annäherung der gefürchteten Stromenge machte auf alle einen inhaltsschweren Eindruck. Es war fast gewiß, daß sich ihre Feinde alle Mühe gegeben hatten, diesen Punkt vor ihnen zu erreichen, und der Versuch, in der tiefen Dunkelheit auf dem Strom über ihn weg zu kommen, schien so wenig erfolgversprechend, daß der Pfadfinder der Überzeugung lebte, die Wilden hätten sich an beiden Ufern verteilt, in der Hoffnung, sie beim Landen abzufangen. Er würde auch seinen früheren Vorschlag nicht gemacht haben, wenn er es nicht seinen eigenen Fähigkeiten zugetraut hätte, dieses Vorgefühl eines günstigen Erfolgs von Seiten der Irokesen zu einer Vereitelung ihrer Pläne zu benützen. Da aber nun die Anordnung feststand, so hing alles von der Geschicklichkeit der Kahnführer ab. Denn wenn ein Fahrzeug auf einen Felsen stieß, so mußte es, wenn es nicht zertrümmert wurde, fast sicher festsitzen, und dann war man nicht nur den Zufällen des Stromes, sondern Mabel auch der Gewißheit ausgesetzt, in die Hände ihrer Verfolger zu fallen. Es war daher die äußerste Umsicht nötig, und jeder blieb zu sehr mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt, um mehr zu äußern, als gerade die Dringlichkeit des Augenblicks erforderte.

Die Kähne stahlen sich ruhig vorwärts, und das Brausen der Stromenge wurde hörbar. Cap mußte seine ganze Tapferkeit aufbieten, um sich auf seinem Sitz zu erhalten, indes jene bedeutungsvollen Töne immer näher kamen, wobei die Finsternis kaum die Umrisse des waldigen Ufers und das darüber hängende dunkle Himmelsgewölbe erkennen ließ. Der Eindruck, den die Wasserfälle auf ihn gemacht hatten, arbeitete noch in seiner Seele, und seine Phantasie war nicht untätig, die Gefahren der Stromenge mit jenen des jähen Absturzes, den er durchgemacht hatte, gleich zu halten, wenn sie nicht Zweifel und Ungewißheit gar noch vergrößerten. Hierin war jedoch der alte Seemann im Irrtum, denn die Stromenge des Oswego und seine Fälle sind in ihrem Charakter und in ihrer Heftigkeit sehr verschieden, da die erstere nichts weiter als eine Stromschnelle war, die über Untiefen und Felsen geht, indes die letzteren den Namen, den sie trugen, in Wirklichkeit verdienten.

Mabel mochte allerdings Beklemmung und Furcht fühlen. Aber ihre ganze Lage war so neu, und das Vertrauen zu ihrem Führer so groß, daß sie sich in einer Selbstbeherrschung erhielt, deren sie wohl nicht mächtig gewesen wäre, wenn sie sich hätte klarere Vorstellungen von der Wahrheit machen können oder die Hilflosigkeit des Menschen besser gekannt haben würde, wenn es den Kampf gegen die Macht und Majestät der Natur gilt.

»Ist das die Stelle?« sagte sie zu Jasper, als ihr das Geräusch des Stromschusses zum erstenmal nah und deutlich zu Ohren kam.

»Sie ist’s, und ich bitte Sie, Vertrauen zu mir zu haben. Unsere Bekanntschaft ist zwar noch jung, Mabel; aber wir leben hier in der Wildnis viele Tage in einem, und es kommt mir bereits vor, als ob ich Sie schon jahrelang gekannt hätte.«

»Auch ich fühle für Euch nicht wie für einen Fremden, Jasper. Ich habe Vertrauen zu Eurer Geschicklichkeit wie zu Euerm guten Willen, mir einen Dienst zu leisten.«

»Wir werden sehen, wir werden sehen. – Pfadfinder peitscht die Schnellen zu nahe am Mittelpunkt des Flusses; das Wasserbett ist gegen das östliche Ufer zu enger; aber ich kann mich ihm jetzt nicht verständlich machen. Halten Sie sich fest an den Kahn und befürchten Sie nichts.«

Im nächsten Augenblick hatte sie die rasche Strömung in den Schuß getrieben. Drei oder vier Minuten sah das mehr von heiliger Scheu als von Furcht ergriffene Mädchen rund um sich nichts als die Güsse glänzenden Schaumes und hörte nichts als das Brausen der Wasser. Zwanzigmal schien der Kahn von irgendeiner kräuselnden, glänzenden Welle, die man sogar in der Dunkelheit der Nacht erkennen konnte, überschüttet zu werden, und ebensooft glitt er unbeschädigt daran vorbei, getrieben durch den kräftigen Arm dessen, der seine Bewegungen leitete. Einmal, aber auch nur einmal, schien Jasper seine Herrschaft über die zerbrechliche Barke zu verlieren, und in einem kurzen Augenblick wirbelte sie rund herum; aber durch eine verzweifelte Anstrengung brachte er sie wieder in seine Gewalt, gewann das verlorene Fahrwasser zurück und fühlte sich bald für alle seine Beängstigungen dadurch belohnt, daß er den Kahn ruhig in dem tiefen Wasser unterhalb der Stromschnellen dahinschwimmen sah, ohne daß dieser von den überfluteten Wellen so viel abbekommen hätte, wie zu einem Trunk dienen könnte.

»Alles ist vorüber«, rief der junge Mann freudig. »Die Gefahr ist vorbei, und Sie dürfen nun hoffen, noch in dieser Nacht Ihren Vater zu umarmen.«

»Gott sei gepriesen! Jasper; Euch verdanken wir dieses große Glück.«

»Der Pfadfinder kann einen guten Teil des Verdienstes in Anspruch nehmen. Aber was ist aus dem andern Kahn geworden?«

»Ich sehe dort was auf dem Wasser. Ist es nicht das Boot unserer Freunde?«

Wenige Ruderschläge brachten Jasper an die Seite des fraglichen Gegenstandes. Es war der andere Kahn, leer und mit aufwärts gerichtetem Kiel. Der junge Mann hatte sich kaum über diesen Umstand Gewißheit verschafft, als er anfing, sich nach den Schwimmern umzusehen, und zu seiner großen Freude entdeckte er bald Cap, der mit der Strömung abwärts trieb. Der alte Seemann hatte die Gefahr des Ertrinkens dem Skalpieren vorgezogen, womit er beim Landen von den Wilden bedroht war. Er wurde, obschon nicht ohne Schwierigkeit, in den Kahn geholt, und damit hatte das Nachforschen ein Ende. Jasper war nämlich überzeugt, daß der Pfadfinder in dem seichten Wasser ans Ufer waten werde, um seine geliebte Büchse nicht verlassen zu müssen.

Der Rest der Fahrt war kurz, obgleich sie mitten in der Dunkelheit und Ungewißheit gemacht wurde. Nach einer kleinen Weile ließ sich ein dumpfes Getöse vernehmen, das zuweilen dem Rollen eines entfernten Donners und dann wieder dem Brausen der Wasser ähnelte. Jasper erklärte seinen Gefährten, daß sie nun die Brandung des Sees hörten. Vor ihnen lagen niedrige, gekrümmte Landspitzen, von denen die nächste eine Bai bildete.

Hier fuhr der Kahn ein und schoß geräuschlos an das kiesige Ufer. Dieser Übergang war so rasch erfolgt, daß Mabel die Vorgänge kaum fassen konnte. Im Laufe weniger Minuten kamen sie an den Schildwachen vorbei, das Tor wurde geöffnet, und das bewegte Mädchen fand sich in den Armen eines Vaters, der ihr fast ein Fremder geworden war.

Achtes Kapitel

Achtes Kapitel

Die Ruhe, die der Anstrengung folgt, ist gewöhnlich tief und süß, wenn sie mit dem Gefühl der Sicherheit verbunden ist. Dies war auch bei Mabel der Fall, die sich erst von ihrer ärmlichen Pritsche erhob – denn nur auf ein solches Lager konnte eine Sergeantentochter auf einem abgelegenen Grenzposten Anspruch machen – als die Garnison schon lange der Aufforderung der Trommeln gehorcht und sich zur Morgenparade versammelt hatte. Sergeant Dunham, dessen Geschäft es war, den gewöhnlichen täglichen Dienst zu beaufsichtigen, hatte bereits seine Morgenverrichtungen vollbracht und begann eben an sein Frühstück zu denken, als seine Tochter ihr Zimmer verließ und in die freie Luft heraustrat, in gleichem Grade verwirrt, erfreut und dankerfüllt über die Neuheit und Sicherheit ihrer jetzigen Lage.

Zu dieser Zeit war Oswego einer der äußersten Grenzposten der britischen Besitzungen auf diesem Kontinent. Es war noch nicht lange besetzt und hatte in seiner Garnison ein Bataillon eines ursprünglich schottischen Regiments, in das aber, seit seiner Ankunft in dieser Gegend, viele Amerikaner aufgenommen worden waren. Durch diese Neuerung wurde es dem Vater Mabels möglich gemacht, die zwar unbedeutende, aber doch verantwortliche Stelle des ältesten Sergeanten einzunehmen. Es befanden sich auch einige junge Offiziere, die in den Kolonien geboren waren, bei dem Korps. Das Fort selbst war, wie die meisten derartigen Werke, besser geeignet, einem Angriff der Wilden zu widerstehen, als eine regelmäßige Belagerung auszuhalten; aber die große Schwierigkeit, die mit dem Transport der schweren Artillerie und anderer Erfordernisse verbunden war, machte eine Belagerung so unwahrscheinlich, daß die Ingenieure bei dem Entwurf der Verteidigungswerke darauf gar keinen Bedacht nehmen zu müssen glaubten. Man hatte Bollwerke von Erde und Holzstämmen, einen trockenen Graben, Palisaden, einen Paradeplatz von beträchtlicher Ausdehnung und eine Kaserne aus Holzstämmen, die als Wohnung und Befestigung diente. Einige leichte Feldstücke standen im Raum des Forts, um schnell dahin geführt werden zu können, wo man ihrer bedurfte, und eine oder zwei schwere eiserne Kanonen blickten aus den Scharten der vorspringenden Winkel als Mahnungen an den Verwegenen, ihre Macht zu respektieren.

Als Mabel die bequeme, aber verhältnismäßig einsame Lagerhütte, in der sie ihr Vater unterbringen durfte, verlassen hatte und in die reine Morgenluft trat, fand sie sich am Fuß einer Bastei, die so einladend vor ihr lag, daß sie sich von hier aus einen Überblick über all das versprach, was ihr die Finsternis der vorigen Nacht verborgen hatte. Das Mädchen hüpfte mit ebenso leichten Füßen wie leichtem Herzen die grasige Anhöhe hinan und befand sich auf einmal auf einem Punkt, der ihr in wenigen Blicken die Übersicht über alle äußeren Verhältnisse ihrer neuen Lage erlaubte.

Gegen Süden lag der Wald, durch den sie so viele ermüdende Tage gewandert war und der sie die ganze Fülle seiner Gefahren hatte empfinden lassen. Er war von den Palisaden des Forts durch einen Gürtel freien Feldes getrennt, das hauptsächlich deshalb gelichtet worden war, um den kriegerischen Vorkehrungen Raum zu geben. Dieses Glacis, das in der Tat zu Kriegszwecken diente, mochte ungefähr hundert Morgen betragen; aber mit ihm wich auch jede Spur von Zivilisation. Jenseits war alles Wald – jener dichte, endlose Wald, den Mabel sich nun aus ihren Erinnerungen mit seinen verborgenen, glänzenden Seen, seinem dunkel rollenden Strom und seiner ganzen Welt von Natur deutlich vor die Seele führen konnte.

Als sich unsere Heldin von diesem Anblick abwendete, fühlte sie auf ihren Wangen das Fächeln eines frischen und angenehmen Lüftchens, wie sie es, seit sie die ferne Küste verlassen, nicht wieder empfunden hatte. Bald zeigte sich ihr ein neues Schauspiel, das sie, obschon es nicht unerwartet kam, dennoch nicht wenig überraschte, und ein schwacher Ausruf bekundete, mit welcher Lust ihre Augen die vor ihnen liegenden Reize verschlangen. Gegen Norden, Osten und Westen, in jeder Richtung, kurz, über die ganze Hälfte des neuen Panoramas lag eine weite Fläche wogenden Wassers. Das Element hatte weder das glänzende Grün, das im allgemeinen die amerikanischen Gewässer bezeichnet, noch das tiefe Blau des Ozeans; es war von einer lichten Ambrafarbe, die kaum seine Durchsichtigkeit beeinträchtigte. Nirgends Land, mit Ausnahme der anliegenden Küste, die sich rechts und links an einem ununterbrochenen Saum von Wäldern hinzog, mit weiten Buchten und niedrigen Vorsprüngen oder Spitzen. An vielen Stellen war das Ufer felsig, und in den Höhlen rollte das träge Wasser hin und wieder in einem hohlen Ton, der einem entfernten Kanonendonner glich. Kein Segel glänzte auf der Oberfläche, kein Wal oder Fisch spielte auf dieser Ebene, und kein Zeichen menschlichen Tuns und Treibens belohnte den anhaltendsten und sorgfältigsten Blick auf diese endlose Ausdehnung. Es war eine Szene, die auf der einen Seite die endlosen Wälder, auf der andern die weiten unbegrenzten Wasser zeigte, und die Natur schien eine Lust daran gefunden zu haben, eine großartige Wirkung dadurch hervorzurufen, daß sie sich ihre beiden Hauptbestandteile kühn nebeneinander erheben ließ, ohne auf deren Einzelheiten einzugehen. Das Auge flog mit Lust und Bewunderung von dem breiten Blätterteppich zu dem noch breiteren Wasserfeld und von dem endlosen, sanften Wellenschlag des Sees zu der heiligen Ruhe, der poetischen Einsamkeit des Urwaldes zurück.

Mabel war fern von jeder Verbildung, und da sie so empfänglich und offen, wie nur irgendein Mädchen mit warmem Herzen und reiner Seele war, so gebrach es ihr nicht an dem Sinn für die Poesie unserer schönen Erde. Obgleich man nicht sagen konnte, daß sie überhaupt Erziehung genossen – denn nur wenigen ihres Geschlechts wurde in jenen Tagen und in diesen Gegenden viel mehr als die Anfangsgründe des englischen Unterrichts zuteil – so hatte sie doch ansehnlich mehr gelernt, als bei Mädchen ihrer Stellung gewöhnlich war, und in einem Betracht wenigstens machte sie ihrem Lehrer keine Unehre.

Die Witwe eines Offiziers aus dem Regiment, zu dem ihr Vater gehörte, hatte sich nach dem Tode ihrer Mutter des Mädchens angenommen; unter der Sorgfalt dieser Frau konnte Mabel einigermaßen ihren Geschmack ausbilden und sich zu Ideen erheben, die ihr unter anderen Umständen wohl immer fremd geblieben wären. Ihre Stellung in der Familie war eher die einer Gesellschafterin als die eines Dienstboten gewesen, was man schon an ihrer Kleidung, ihrer Sprache, ihren Meinungen und insbesondere an ihren Gefühlen erkennen konnte, obgleich sie sich vielleicht nie zu der Höhe erhoben hatte, die geeignet war, eine Frau von Stand zu bezeichnen. Sie hatte die rauheren und wenig verfeinerten Gewohnheiten und Manieren ihrer ursprünglichen Stellung verloren, ohne jedoch ganz den Punkt erreicht zu haben, der sie für jene Lebenslage untauglich gemacht haben würde, wie sie ihr die Zufälligkeiten der Geburt und des Vermögens wahrscheinlich anwiesen. Alle andern Eigentümlichkeiten gehörten ihrem natürlichen Charakter an.

Nach solchen Vorgängen ist es nicht zu verwundern, daß Mabel das vor ihr liegende neue Schauspiel mit einem weit höheren Genuß betrachtete, als ihn eine gewöhnliche Überraschung zu geben vermag. Sie fühlte die allgemeinen Schönheiten, wie sie die meisten gefühlt haben würden; aber sie hatte auch einen Sinn für ihre Erhabenheit, für jene sanfte Einsamkeit, jene ruhige Größe und für die beredte Ruhe, die sich immer über eine weite Aussicht breitet, in der die Natur durch die Mühen und Anstrengungen des Menschen nicht gestört wird.

»Wie schön!« rief sie aus, ohne es selbst zu beachten, als sie auf dem einsamen Bollwerk stand und ihr die Luft des Sees entgegenwehte, die ihren Körper und ihren Geist in gleicher Weise belebend durchdrang. »Wie wahrhaft schön! und doch so einfach!«

Diese Worte und der Gang ihrer Gedanken wurde durch eine leichte Berührung ihrer Schulter unterbrochen, und als sie sich umdrehte, fand Mabel, die ihren Vater zu sehen erwartete, den Pfadfinder an ihrer Seite. Er lehnte ruhig an seiner langen Büchse und lachte in seiner stillen Weise, während er mit ausgestrecktem Arm über das ganze Wasser- und Landpanorama hinfuhr.

»Hier haben Sie unsere beiden Domänen«, sagte er, »Jaspers und die meinigen. Ihm gehört der See, mir gehören die Wälder. Der Junge tut bisweilen groß mit der Breite seiner Besitzungen; aber ich sage ihm, daß meine Bäume ein so großes Stück Fläche auf dieser Erde ausmachen wie all sein Wasser. Nun, Mabel, Sie passen wohl für beide, denn ich sehe nicht, daß die Furcht vor den Mingos oder die Nachtmärsche Ihre hübschen Augen trüben können.«

»Ich lerne den Pfadfinder in einem ganz neuen Charakter kennen, indem er einem einfältigen Mädchen Komplimente sagt!«

»Nicht einfältig, Mabel; nein, nicht im mindesten einfältig. Des Sergeanten Tochter würde ihrem würdigen Vater Unehre machen, wenn sie was tun oder sagen würde, was man mit Recht einfältig nennen könnte.«

»Dann muß sie sich in acht nehmen und den Schmeichelreden nicht zuviel Glauben schenken. Aber, Pfadfinder, ich freue mich, Euch wieder unter uns zu sehen, denn obgleich sich Jasper nicht viel daraus zu machen schien, so war ich doch besorgt, daß irgendein Unfall Euch und Euern Freund in dieser fürchterlichen Stromenge betroffen habe möchte.«

»Der Junge kannte uns beide und wußte wohl, daß wir nicht ertrinken würden. Es wär‘ auch wahrlich nicht gut schwimmen gewesen mit einer langläufigen Büchse in der Hand; und was diesen Spaß anbelangt, so sind der Wildtod und ich schon zu oft durch Wilde und Franzosen gegangen, als daß ich mich so leicht hätte von ihm trennen können. Nein, nein, wir wateten ans Ufer; die Enge war, mit Ausnahme einiger Stellen, seicht genug dazu – und landeten mit den Waffen in den Händen. Ich gebe zwar zu, daß wir uns um der Irokesen willen Zeit ließen; aber sobald diese schleichenden Vagabunden die Lichter erblickten, die der Sergeant nach Euerm Kahn herunterschickte, wußten wir wohl, daß sie sich aus dem Staub machen würden, um einer möglichen Visite von der Garnison aus zu entgehen. So saßen wir denn ungefähr eine Stunde geduldig auf den Steinen, und die Gefahr war vorüber. Geduld ist für einen Waldbewohner die wichtigste Tugend.«

»Ich freue mich, das zu hören! denn selbst die Müdigkeit konnte mich kaum schlafen machen, wenn ich bedachte, was Euch möchte zugestoßen sein.«

»Der Herr segne Ihr empfindsames kleines Herz, Mabel! aber das ist so die Weise sanfter Frauenzimmer. Was mich anbelangt, so war ich froh, als ich die Laternen auf das Wasser zukommen sah, weil ich daraus entnehmen konnte, daß Sie in Sicherheit waren. Wir Jäger und Kundschafter sind zwar rauhe Burschen, aber wir haben unsere Gefühle und unsere Gedanken so gut wie ein General in der Armee. Wir beide, Jasper und ich, hätten uns lieber totschlagen lassen, ehe Sie hätten Schaden nehmen sollen – ja, das hätten wir.«

»Ich danke Euch, Pfadfinder, für alles, was Ihr für mich getan habt; aus dem Grunde meines Herzens danke ich Euch, und verlaßt Euch drauf, daß es mein Vater erfahren soll. Ich hab‘ ihm schon viel erzählt, aber es bleibt mir noch eine weitere Verpflichtung.«

»Pah! Mabel! Der Sergeant weiß, was die Wälder sind, und kennt auch die Weise der echten Rothäute. Es ist nicht nötig, ihm diese Dinge weitläufig zu erzählen. Na, Sie sind ja jetzt mit Ihrem Vater zusammengetroffen? Finden Sie den braven alten Soldaten als so eine Art Person, wie Sie sie zu finden erwarteten?«

»Er ist mein lieber Vater und hat mich aufgenommen, wie ein Soldat und Vater sein Kind aufnehmen soll. Kennt Ihr ihn schon lange, Pfadfinder?«

»Allerdings, wenn wir wie die Leute rechnen wollen. Ich war gerade zwölf Jahre alt, als mich der Sergeant zu meiner ersten Späherstreife mitnahm, und das ist nun schon über dreißig Jahre her. Wir hatten übrigens lange dran zu kauen, und da dieses geschah, ehe Sie geboren waren, so würden Sie wohl keinen Vater gehabt haben, wäre nicht meine Büchse gewesen.«

»Erklärt Euch deutlicher.«

»Es ist zu einfach für viele Worte. Wir waren in einen Hinterhalt gefallen; der Sergeant wurde schwer verwundet und würde wohl seine Kopfhaut verloren haben, hätt‘ ich nicht aus so einer Art von Instinkt zum Gewehr gegriffen. Wir brachten ihn dann weg, und ein schönerer Haarkopf ist, solange das Regiment besteht, nicht darin gefunden worden, als wie ihn der Sergeant noch an diesem gesegneten Tag herumträgt.«

»Ihr habt meines Vaters Leben gerettet, Pfadfinder«, rief Mabel und faßte unwillkürlich aber mit Wärme seine harten, sehnigen Hände mit den ihrigen. »Gott segne Euch auch hierfür, wie für Eure andern guten Handlungen!«

»Nein, ich sagte das nicht, obgleich ich glaube, daß ich seinen Skalp gerettet habe. Ein Mensch kann ohne Kopfhaut leben, und so kann ich nicht sagen, daß ich sein Leben gerettet habe. Aber Sie könnten das wohl von Jasper behaupten, denn ohne sein Auge und seinen Arm würde der Kahn nimmermehr in einer Nacht wie die letzte glücklich über die Stromschnellen geschwommen sein. Er ist dort in der Bucht, sieht nach den Kähnen und wendet kein Auge von seinem lieben kleinen Fahrzeug. In meinen Augen gibt’s keinen schmuckeren Burschen in dieser Gegend als Jasper Western.«

Das erstemal, seit sie ihr Zimmer verlassen, blickte jetzt Mabel abwärts, um auch einen Überblick über den Vordergrund des merkwürdigen Gemäldes zu gewinnen, in das sie sich mit solcher Lust vertieft hatte. Der Oswego ergoß sein dunkles Wasser zwischen etwas erhöhten Dämmen in den See, von denen sich der östliche kühner erhob und weiter gegen Norden hervorsprang als der westliche. Das Fort lag auf der Westseite, und unmittelbar unter ihm befanden sich einige Blockhäuser, die nichts zur Verteidigung des Platzes beitragen konnten und an dem Ufer hin errichtet worden waren, um die Vorräte aufzunehmen und aufzubewahren, die gelandet wurden oder nach den verschiedenen befreundeten Häfen an den Ufern des Ontario eingeschifft werden sollten. Dann zeigten sich zwei niedrige, gekrümmte, kiesige Punkte, die mit überraschender Regelmäßigkeit durch die sich entgegenwirkenden Kräfte der Nordwinde und der schnellen Strömung gebildet waren und sich mitten im Fluß zu zwei gegen die Seestürme geschützten Buchten gestalteten. Die auf der Westseite war am tiefsten ausgeschnitten, und da sie auch das meiste Wasser hatte, so konnte man sie als einen kleinen malerischen Hafen betrachten. Längs des nahen Ufers, das sich zwischen der geringen Ansteigung des Forts und dem Wasser dieser Bucht befand, waren also diese rohen Gebäude errichtet.

Mehrere kleine Schiffe, Nachen und Rindenkähne schaukelten sich an dem Ufer, und in der Bai selbst lag das kleine Fahrzeug, dem Jasper seinen Ruf als Schiffer verdankte. Es mochte ungefähr vierzig Tonnen führen, war kutterartig aufgetakelt und so zierlich gebaut und gemalt, daß es einigermaßen das Ansehen eines Kriegsschiffes ohne Schanzen hatte. Dabei war es so genau nach den Proportionen der Schönheit sowohl als der Zweckmäßigkeit aufgetakelt und gespiert, daß sein geputztes und schmuckes Aussehen sogar Mabel auffiel. Seine Form war bewunderungswürdig, denn ein Arbeiter von großer Geschicklichkeit hatte auf den ausdrücklichen Befehl des Offiziers, der es bauen ließ, den Riß dazu aus England geschickt. Die Malerei war dunkel, kriegerisch und nett, und die lange, geißelförmige Flagge bezeichnete es auf den ersten Blick als Eigentum des Königs. Sein Name war der Scud.

»Das ist also Jaspers Schiff!« sagte Mabel, die den Führer des kleinen Fahrzeuges natürlich schnell mit dem Kutter selbst in Verbindung brachte. »Gibt es noch viele andere auf diesem See?«

»Die Franzosen haben drei. Eins davon ist, wie ich mir sagen ließ, ein wirkliches Schiff, wie man sich ihrer auf dem Meer bedient; das andere ist eine Brigg, und das dritte ein Kutter, wie der Scud hier, und heißt ›das Eichhörnchen‹ in ihrer Sprache. Dieser scheint einen natürlichen Haß gegen unser zierliches Boot zu haben, denn Jasper geht selten aus, ohne daß ihm das ›Eichhörnchen‹ auf der Ferse ist.«

»Und ist Jasper der Mann, der vor einem Franzosen davongeht, wenn er auch in der Gestalt eines Eichhörnchens erscheint und noch dazu auf dem Wasser?«

»Wozu nützt die Tapferkeit, wenn man es an den Mitteln fehlen läßt, ihr Nachdruck zu geben? Jasper ist ein mutiger Junge, wie alle an dieser Grenze wissen; aber er hat kein Geschütz, mit Ausnahme einer kleinen Haubitze, und dann besteht seine Mannschaft außer ihm nur noch aus zwei Leuten und einem Schiffsjungen. Ich war einmal auf einer seiner Fahrten mit ihm, und der Bursche wagte genug, indem er uns so nahe an den Feind brachte, daß die Büchsen zu sprechen anfingen; aber die Franzosen haben Kanonen und Geschützpforten und zeigen ihr Gesicht nie außerhalb Frontenac, ohne etliche zwanzig Mann an Bord zu haben, zumal das Eichhörnchen. Nein, nein; diese Windwolke ist für den Flug gebaut, und der Major sagt, er wolle ihn nicht durch Bemannung und Bewaffnung zum Fechten geneigt machen, damit dem Fahrzeug nicht die Flügel beschnitten werden. Ich versteh‘ mich wenig auf diese Dinge, aber ich sehe der Sache auf den Grund – ich sehe ihr auf den Grund, obgleich das Jasper nicht tut.«

»Ah! da kommt mein Onkel, um diesen Binnensee zu betrachten, wohlgemut, trotz seiner gestrigen Schwimmtour.«

Wirklich erschien auch Cap, der bereits seine Annäherung durch ein paar kräftige »Hems« angekündigt hatte, auf der Bastei, wo er, nachdem er seiner Nichte und ihrem Gesellschafter zugenickt hatte, bedachtsam seinen Blick über die vor ihm liegende Wasserfläche hinstreifen ließ. Um sich den Überblick zu erleichtern, stieg er auf eine der alten eisernen Kanonen, kreuzte seine Arme über der Brust und wiegte seinen Körper, als ob er die Bewegung eines Schiffes fühle. Dabei hatte er eine kurze Pfeife in seinem Munde.

»Nun, Meister Cap«, fragte der Pfadfinder in aller Unschuld, denn er bemerkte nicht den Ausdruck der Verachtung, der sich allmählich auf den Zügen des anderen lagerte: »ist das nicht ’ne schöne Wasserfläche, die man ganz füglich ein Meer nennen könnte?«

»Das ist’s also, was Ihr Euern See nennt?« fragte Cap und fuhr mit seiner Pfeife an dem nördlichen Horizont hin. »Ich sage, ist das wirklich Euer See?«

»Gewiß; und wenn das Urteil eines Mannes, der an den Ufern von manchen anderen herumgekommen ist, was gilt, so ist es ein recht guter See.«

»Gerade, wie ich’s erwartete. Ein Teich im Umfang und eine Luckenrinne im Geschmack. Man reist rein vergebens ins Land rein, wenn man was Ausgewachsenes oder Nützliches zu sehen hofft. Ich wußt‘ es ja, daß es grad so gehen würde.«

»Was ist es denn mit dem Ontario, Meister Cap? Er ist groß, schön anzusehen, und angenehm genug zu trinken für alle, die kein Quellwasser kriegen können.«

»Nennt Ihr das groß?« fragte Cap, indem er wieder mit der Pfeife durch die Luft fuhr. »Ich möchte Euch doch fragen, was da Großes dran ist? Hat nicht Jasper selbst zugestanden, daß er nur etliche zwanzig Stunden von einem Ufer zum andern mißt?«

»Aber, Onkel«, fiel Mabel ein; »man sieht doch kein Land, als hier an unserer Küste. Mir kommt’s gerade wie der Ozean vor.«

»Dieses bißchen Teich wie der Ozean! Ei, Magnet, das ist von einem Mädchen, das wirkliche Seeleute in ihrer Familie gehabt hat, der handgreiflichste Unsinn. Was ist denn daran, ich bitte dich, das auch nur einen Zug vom Meer hätte?«

»Nun, hier ist Wasser – Wasser – Wasser – nichts als Wasser.«

»Und ist nicht auch Wasser – Wasser – Wasser – nichts als Wasser, Meilen an Meilen, in den Flüssen, auf denen wir gefahren sind? ja, und so weit das Auge sehen kann obendrein.«

»Ja, Onkel, aber die Flüsse haben ihre Ufer und Bäume an ihren Seiten; auch sind sie schmal.«

»Und das ist etwa kein Ufer, worauf wir stehen? Nennen es die Soldaten nicht den Damm des Sees? Sind hier nicht Bäume zu Tausenden? Und sind nicht zwanzig Stunden schmal genug, bei gutem Gewissen? Wer zum Teufel hat je von den Dämmen des Ozeans gehört, wenn’s nicht etwa die Dämme unter Wasser sind?«

»Aber Onkel, wir können doch nicht über den See hinübersehen, wie über einen Fluß?«

»Fehl geschossen, Magnet. Sind nicht der Amazonenstrom, der Orinoko und der La Plata auch Flüsse, und kannst du über sie hinübersehen? Hört, Pfadfinder, ich bin noch sehr im Zweifel, ob dieser Streifen Wasser hier auch wirklich ein See ist, denn mir scheint er nur ein Fluß zu sein. Ihr seid hier oben in den Wäldern keineswegs besonders bewandert in Eurer Geographie, wie ich merke.«

»Diesmal habt Ihr fehlgeschossen, Meister Cap. Es ist ein Fluß da, und zwar ein prächtiger, an jedem Ende. Aber das, was Ihr vor Euch habt, ist der alte Ontario, und es gibt nach meiner Meinung wenig bessere als den hier.«

»Und, Onkel, wenn wir auch am Strand zu Rokaway stünden, was könnten wir denn mehr sehen als hier? Es sind dort ein Ufer oder ein Damm auf einer Seite und Bäume so gut wie hier.«

»Das ist lauter Verkehrtheit, Magnet, und junge Mädchen sollten von allem Widerspruchsgeist klar absteuern. Erstens hat der Ozean Küsten und keine Dämme, mit Ausnahme der großen Dämme, der Grand Banks, sag‘ ich dir, die man vom Land aus gar nicht sieht, und du wirst doch nicht behaupten wollen, daß dieser Damm außer Sicht des Landes oder gar unter Wasser ist?« Da Mabel diese abschweifende Meinung mit keinen besonders stichhaltigen Gründen umzustoßen wußte, verfolgte Cap den Gegenstand weiter, wobei sein Gesicht in dem Triumph eines glücklichen Wortkämpfers zu strahlen anfing.

»Und dann sind jene Bäume mit diesen Bäumen gar nicht zu vergleichen. Die Küsten des Ozeans haben Meiereien, Städte, Landsitze, und in einigen Teilen der Welt Schlösser, Klöster und Leuchttürme – ja, ja – Leuchttürme ganz besonders; – lauter Dinge, von denen man hier nicht ein einziges sieht. Nein, nein, Meister Pfadfinder; ich hab‘ nie von einem Meer gehört, an dem nicht mehr oder weniger Leuchttürme sind, während es hier herum nicht mal ’ne Feuerbake gibt.«

»Hier gibt’s aber was Besseres, was viel Besseres, einen Hochwald und prächtige Bäume, einen vollendeten Tempel Gottes.«

»Ja, Euer Hochwald mag wohl gut sein für einen See, aber wozu würde das Weltmeer nützen, wenn die ganze Erde darum Wald wäre? Man brauchte keine Schiffe, da sich das Bauholz flößen ließe; und dann hätt‘ es ein Ende mit dem Handel; was würde aber eine Welt ohne Handel sein? Ich bin der Meinung des Philosophen, der da sagt, die menschliche Natur sei für den Handel erfunden worden. Magnet, ich bin erstaunt, daß du auch nur daran denken kannst, dies Wasser sehe aus wie Seewasser! Es ist am Ende nicht einmal so ein Ding wie ein Walfisch in Euerm See, Meister Pfadfinder?«

»Ich gestehe, daß ich nie von einem gehört habe. Aber ich verstehe mich nicht auf die Tiere, die im Wasser leben, wenn’s nicht die Fische in Flüssen und Bächen sind.«

»Kein Nordkaper oder etwa ein Meerschwein? Nicht mal so’n armer Teufel von Haifisch?«

»Ich will’s nicht auf mich nehmen zu sagen, daß irgendeiner davon da ist. Ich sag‘ Euch ja, Meister Cap, daß meine Gaben nicht auf diesem Wege liegen.«

»Kein Hering, kein Sturmvogel oder ein fliegender Fisch?« fuhr Cap fort, der sein Auge fest auf den Kundschafter richtete, um zu sehen, wie weit er gehen dürfe. »Nicht einmal so was wie ein Fisch, der fliegen kann, he?«

»Ein Fisch, der fliegen kann? Meister Cap, Meister Cap, glaubt ja nicht, daß wir, weil wir nur Grenzleute sind, keine Begriffe von der Natur hätten und von dem, was ihr zu schaffen beliebt haben mag. Ich weiß zwar, daß es Eichhörnchen gibt, die fliegen können –«

»Ein fliegendes Eichhörnchen? – Zum Teufel, Meister Pfadfinder, glaubt Ihr da oben, Ihr hättet einen Jungen auf seiner ersten Fahrt vor Euch?«

»Ich weiß nichts von Euern Fahrten, Meister Cap, obschon ich glaube, daß Ihr manche gemacht habt. Aber was die Natur in den Wäldern anlangt, so scheu‘ ich mich nicht, jedem ins Gesicht zu sagen, was ich gesehen hab‘.«

»Ihr wollt mir also zu verstehen geben, daß Ihr ein fliegendes Eichhörnchen gesehen habt?«

»Ich will Euch die Macht Gottes zu verstehen geben, Meister Cap, und Ihr werdet wohltun, dies und noch manche andere derartige Dinge zu glauben, denn Ihr könnt Euch drauf verlassen, daß es wahr ist.«

»Und doch, Pfadfinder«, sagte Mabel mit einem so lieblichen Blicke, während sie des Waldläufers Schwäche berührte, daß er ihr von Herzen vergab – »scheint Ihr, der Ihr doch mit so großer Verehrung von der Macht der Gottheit sprecht, daran zu zweifeln, daß ein Fisch fliegen könne?«

»Nein, das hab ich nicht gesagt; und wenn Meister Cap bereit ist, mir’s zu beweisen, will ich’s gern für wahr halten, so unwahrscheinlich es auch aussieht.«

»Und warum soll mein Fisch nicht ebensogut Schwingen haben können wie Euer Eichhörnchen?« fragte Cap mit mehr Logik, als bisher seine Gewohnheit gewesen war. »Daß Fische fliegen und fliegen können, ist ebenso wahr, wie es zweckmäßig ist.«

»Nein, das ist’s eben, was einem das Glauben an diese Geschichte so schwer macht«, entgegnete Pfadfinder. »Es scheint unzweckmäßig, einem Tiere, das im Wasser lebt, Schwingen zu geben, die doch keinen Nutzen haben können.«

»Und glaubt Ihr, daß die Fische solche Esel seien, um unter dem Wasser fliegen zu wollen, wenn sie mal schön mit Schwingen ausgestattet sind?«

»Ich versteh‘ mich nicht auf diese Sache. Aber daß ein Fisch in der Luft fliegen soll, scheint mir noch mehr gegen die Natur zu sein, als wenn er in seinem eigenen Elemente flöge, worin er geboren und groß geworden ist, meine ich.«

»Was das für verschrumpfte Ideen sind, Magnet. Der Fisch fliegt aus dem Wasser, um seinen Feinden im Wasser zu entgehen, und da habt Ihr nicht nur das Faktum, sondern auch das Zweckmäßige daran.«

»Dann will ich glauben, daß es wahr sein muß«, sagte Pfadfinder ruhig. »Wie lang sind ihre Schwingen?«

»Nicht ganz so lang wie die der Tauben vielleicht, jedenfalls aber lang genug, um damit eine freie See zu gewinnen. Was Euer Eichhörnchen anlangt, so wollen wir nichts mehr darüber sprechen, Freund Pfadfinder, denn ich denke, daß Ihr sie nur als Zugabe zu dem Fisch, zugunsten der Wälder, erwähnt habt. Aber was ist das für ein Ding, das da unter dem Hügel vor Anker liegt?«

»Das ist Jaspers Kutter, Onkel«, sagte das Mädchen schnell, »und ein sehr zierliches Fahrzeug, wie ich denke. Es heißt ›der Scud‹.«

»Ja, es mag vielleicht für einen See gut genug sein; doch will es grade nicht viel besagen. Der Junge da hat ein stehendes Bugspriet, und wer hat je vorher einen Kutter mit einem stehenden Bugspriet gesehen?«

»Aber mag das auf einem See wie diesem nicht seinen guten Grund haben, Onkel?«

»Wahrscheinlich – man muß sich erinnern, daß dieses nicht das Meer ist, obgleich es so aussieht.«

»Ah, Onkel, dann sieht also der Ontario nach allem doch wie das Meer aus?«

»In deinen Augen, mein‘ ich, und in denen Pfadfinders; aber nicht im mindesten in meinen, Magnet. Ihr könnt mich dort in der Mitte dieses Stückchen Weihers, und zwar in der dunkelsten Nacht, die je vom Himmel fiel und in dem kleinsten Kahne aussetzen – ich wollte Euch doch sagen, daß es nur ein See ist. Was das anbelangt, so würd‘ es mein Schiff, die Dorothy, so schnell weg haben wie ich selbst. Ich glaube nicht, daß die Brigg im äußersten Fall mehr als ein paar kurze Streckungen machen dürfte, um den Unterschied zwischen dem Ontario und dem alten Atlantischen Ozean zu spüren. Ich führte sie einmal hinab in eine von den großen südamerikanischen Buchten, und sie benahm sich dabei so störrisch wie ein unruhiger Bube in einer Methodistenversammlung. Und Jasper segelt dieses Boot? Ich muß mit dem Jungen einen Kreuzzug machen, ehe ich Euch verlasse, nur um des Namens dieses Dings willen; denn es ging‘ doch nicht an zu sagen, ich hätte diesen Weiher gesehen ohne einen Abstecher drauf gemacht zu haben.«

»Gut, da dürft Ihr nicht lange drauf warten«, erwiderte Pfadfinder, »denn der Sergeant ist im Begriff, sich mit einer Partie einzuschiffen und einen Posten an den Tausendinseln abzulösen; und da ich ihn sagen hörte, daß er Mabel mitnehmen wolle, so könnt auch Ihr Euch der Gesellschaft anschließen.«

»Ist das wahr, Magnet?«

»Ich glaube«, antwortete das Mädchen mit einem so leichten Erröten, daß es der Beobachtung ihrer Gesellschafter entging, »obgleich ich darüber noch nicht mit meinem Vater gesprochen habe, um es mit Sicherheit zu behaupten. Doch da kommt er, und Ihr könnt ihn selber fragen.«

Ungeachtet seines niederen Ranges war doch etwas Achtunggebietendes in der Miene und dem Charakter des Sergeanten Dunham. Seine hohe imponierende Gestalt, sein ernstes und düsteres Aussehen, die Bestimmtheit und Entschiedenheit seiner Denk- und Handlungsweise machten sogar auf den absprechenden und anmaßenden Cap Eindruck, so daß er’s nicht wagte, sich gegen den alten Soldaten die Freiheiten zu erlauben, die er sich gegen seine übrigen Freunde herausnahm. Man konnte oft bemerken, daß der Sergeant Dunham bei Duncan of Lundie, dem schottischen Laird, der den Posten kommandierte, weit mehr Achtung genoß als sogar die meisten Subalternoffiziere, denn Erfahrung und erprobte Dienste hatten in den Augen des alten Majors ebensoviel Wert wie Geburt und Vermögen. Da der Sergeant gerade nicht höher zu steigen hoffte, so respektierte er sich selbst und seine Stellung so weit, daß er immer in einer Weise handelte, die Achtung gebot. Auch hatte die Gewohnheit, immer unter seinen Untergebenen zu leben, deren Leidenschaften und Neigungen er notwendig durch eine gewisse Abgeschlossenheit und Würde im Zaume halten mußte, seinem ganzen Benehmen eine Färbung gegeben, von deren Einfluß nur wenige frei blieben. Da die Kapitäne ihn freundlich und wie einen alten Kameraden behandelten, so wagten es die Leutnants selten, seinen militärischen Ansichten zu widersprechen, und die Fähnriche legten gegen ihn eine Art von Achtung an den Tag, die fast bis zur Verehrung stieg. Es ist daher kein Wunder, daß Mabels Ankündigung plötzlich dem Gespräche ein Ende machte, obgleich man oft bemerken konnte, daß der Pfadfinder der einzige in dieser Grenzfeste war, der sich’s erlaubte, ohne ein Mann von Stand zu sein, den Sergeanten als seinesgleichen oder vielmehr mit der herzlichen Vertraulichkeit eines Freundes zu behandeln.

»Guten Morgen, Bruder Cap«, sagte der Sergeant, militärisch grüßend, als er mit ernstem und stattlichem Anstand auf das Bollwerk zukam. »Es könnte scheinen, daß mein Morgendienst mich deiner und Mabels vergessen ließ; aber wir haben dafür nun eine oder zwei Stunden übrig, um bekannter zu werden. Bemerkst du nicht, Schwager, eine große Ähnlichkeit bei dem Mädchen?«

»Mabel ist das Ebenbild ihrer Mutter, Sergeant, wie ich immer gesagt habe, mit einer kleinen Beimischung von deinem festeren Bau; obgleich es, was das anbelangt, den Caps auch nie an Schnellkraft und Behendigkeit fehlte.«

Mabel warf einen furchtsamen Blick auf die ernsten und strengen Züge ihres Vaters, die sie sich mit ihrem warmen Herzen während ihrer Abwesenheit immer mit dem Ausdruck der elterlichen Liebe gedacht hatte; und als sie diese Züge durch das Steife und Methodische seiner Manier durchblicken sah, so hätte sie gern in seine Arme fliegen und sich nach Herzenslust an seiner Brust ausweinen mögen. Aber es war mehr Kälte, mehr Förmlichkeit und Abgeschlossenheit in seinem Äußeren, als sie zu finden erwartet hatte, so daß sie sich nie solche Freiheit herauszunehmen gewagt haben würde, selbst wenn sie allein mit ihm gewesen wäre.

»Du hast um meinetwillen eine lange und mühselige Reise unternommen, Bruder, und wir wollen versuchen, dir den Aufenthalt unter uns angenehm zu machen.«

»Ich hab‘ gehört, daß du wahrscheinlich Befehl erhalten wirst, die Anker zu lichten, um deine Back in einen Teil der Welt zu schaffen, wo, wie man sagt, tausend Inseln sein sollen.«

»Pfadfinder, ist das ein Stückchen von Eurer Vergeßlichkeit?«

»Nein, nein, Sergeant, ich hab‘ nichts vergessen; aber es schien mir nicht nötig, Eure Absichten vor Eurem eigenen Fleisch und Blut so streng zu verbergen.«

»Alle militärischen Bewegungen müssen mit so wenig Gerede als möglich gemacht werden«, erwiderte der Sergeant, indem er des Waldläufers Schulter zwar freundlich, aber doch mißbilligend berührte. »Ihr habt zuviel von Eurem Leben den Franzosen gegenüber zugebracht, um nicht den Wert des Schweigens zu kennen. Doch es macht nichts; die Sache muß doch bald bekannt werden, und es würde nicht viel nützen, wenn man’s jetzt noch versuchen wollte, sie geheim zu halten. Wir werden in kurzem eine Ablösungsmannschaft nach einem Posten am See schicken, obgleich ich damit nicht sagen will, daß es nach den Tausendinseln gehe. Ich werde wohl selbst mitgehen, und in diesem Falle hab‘ ich die Absicht, Mabel mitzunehmen, damit sie mir meine Suppe koche, und ich hoffe, Schwager, du wirst auf einen Monat oder so was Soldatenkost nicht ausschlagen.«

»Das wird von der Art des Marsches abhängen. Ich hab‘ keine besondere Freude an Wäldern und Sümpfen.«

»Wir werden in dem Scud segeln, und in der Tat, der ganze Dienst, der uns nichts Neues ist, kann wohl einem gefallen, der ans Wasser gewöhnt ist.«

»An Salzwasser, willst du sagen, aber nicht an das Wasser eines Sees. Doch, wenn ihr niemand habt, dieses Stückchen Kutter da für euch zu regieren, so hab‘ ich nichts dagegen, für diese Reise den Schiffer zu machen, obgleich ich die ganze Geschichte für verlorene Zeit halte. Wie man sich doch so täuschen kann, ein Segeln auf diesem Weiher herum ein ›zur See gehen‹ zu heißen.«

»Jasper ist jedenfalls imstande, den Scud zu handhaben, Bruder Cap, und in dieser Hinsicht kann ich grade nicht sagen, daß wir deine Dienste brauchen, obschon uns deine Gesellschaft Vergnügen machen wird. Du kannst erst nach den Ansiedlungen zurückkehren, wenn eine Partie dahin gesendet wird, und dies wird wahrscheinlich nicht vor unserer Zurückkunft geschehen. – Nun, Pfadfinder, es ist das erstemal, daß ich Leute auf der Fährte der Mingos weiß, ohne daß Ihr an ihrer Spitze seid.«

»Um ehrlich gegen Euch zu sein, Sergeant«, erwiderte der Kundschafter nicht ohne einige Derbheit und eine merkliche Veränderung der Farbe seines sonnverbrannten Gesichts, »ich habe diesen Morgen nicht gefühlt, daß so was meine Gabe war. Erstens weiß ich recht wohl, daß die Soldaten des Fünfundfünfzigsten nicht die Leute dazu sind, die Irokesen in den Wäldern zu erwischen, und die Schurken warten sicher nicht, bis man sie umringt, wenn sie wissen, daß Jasper die Garnison erreicht hat. Dann kann sich ein Mann nach einem heißen Tagewerk wohl ein wenig Ruhe gönnen, ohne daß man Ursache hat, seinen guten Willen zu verdächtigen. Außerdem ist die Große Schlange mit ihnen ausgezogen, und wenn die Strolche überhaupt zu finden sind, so könnt Ihr Euch wohl auf seinen Haß und sein Auge verlassen, von denen der eine stärker, das andere nahezu wo nicht ganz – so gut wie mein eigenes ist. Er liebt die schleichenden Vagabunden so wenig wie ich, und ich möchte, daß meine Gefühle gegen einen Mingo nichts weiter sind als die Gaben eines Delawaren, gepfropft auf einen christlichen Stamm. Nein, nein, ich dachte, ich wolle die Ehre dieses Tages, wenn anders Ehre zu erwerben ist, dem jungen Fähnrich überlassen, der das Kommando führt. Er kann dann, wenn er nicht seinen Skalp verliert, mit diesem Feldzug in den Briefen an seine Mutter großtun. Ich möchte übrigens einmal in meinem Leben auch den Faulenzer spielen.«

»Und niemand hat ein besseres Recht dazu, wenn lange und treue Dienste zu einem Urlaub berechtigen«, entgegnete der Sergeant freundlich. »Mabel wird nicht schlechter von Euch denken, daß Ihr ihre Gesellschaft der Fährte der Wilden vorzieht, und sich obendrein freuen, Euch einen Teil ihres Frühstücks abzutreten, wenn Ihr Lust habt, was zu genießen. Du darfst jedoch nicht glauben, Mädchen, daß es die Gewohnheit Pfadfinders ist, die Spitzbuben um das Fort Retraite schlagen zu lassen, ohne daß sich der Knall seiner Büchse dabei hören läßt.«

»Wenn ich dächte, daß sie das glaubte, Sergeant, so würd‘ ich, obgleich ich nicht viel auf Gepränge und Parade-Evolutionen gebe, den Wildtod schultern und die Garnison verlassen, ehe noch ihre schönen Augen Zeit hätten, finster zu blicken. Nein, nein, Mabel kennt mich besser, obgleich unsre Bekanntschaft noch neu ist; denn es hat nicht an Mingos gefehlt, um den kurzen Marsch zu beleben, den wir bereits in Gesellschaft gemacht haben.«

»Es würde überhaupt gewichtiger Beweismittel bedürfen, um mir in irgendeiner Beziehung eine üble Meinung von Euch beizubringen, geschweige denn hinsichtlich dessen, was Ihr da erwähnt«, erwiderte Mabel mit aufrichtigem Ernst, um jeden Verdacht zu beseitigen, der in seiner Seele von dem Gegenteil auftauchen möchte. »Vater und Tochter, glaub‘ ich, verdanken Euch ihr Leben, und seid überzeugt, daß keins von beiden es je vergessen wird.«

»Danke, danke, Mabel, von ganzem Herzen. Aber ich will von Eurer beiderseitigen Unwissenheit keinen Vorteil ziehen, Mädchen, und deshalb will ich sagen, daß ich nicht glaube, die Mingos hätten Ihnen auch nur ein Haar Ihres Kopfes verletzt, wenn ihnen ihre Teufeleien und Pfiffe geglückt und Sie in ihre Hände gekommen wären. Mein Skalp, Jaspers und Caps seiner da, wie auch der Chingachgooks wären zwar sicher in den Rauch gehängt worden; was aber des Sergeanten Tochter anlangt, so glaub‘ ich nicht, daß ihr ein Haar gekrümmt worden wäre.«

»Und warum sollt‘ ich annehmen, daß Feinde, von denen bekannt ist, daß sie weder Weiber noch Kinder schonen, mir mehr Mitleid erwiesen hätten als anderen? Ich fühle, Pfadfinder, daß ich Euch mein Leben verdanke.«

»Ich sage nein, Mabel; sie würden nicht das Herz gehabt haben, Sie zu verletzen. Nein, nicht einmal ein hitziger Mingoteufel würde das Herz gehabt haben, ein Haar Ihres Hauptes zu krümmen. Für so schlimm ich auch diese Vampire halten mag, so glaub‘ ich sie doch keiner solchen Verruchtheit fähig. Sie würden Sie wohl gezwungen haben, das Weib eines ihrer Häuptlinge zu werden, und das wär‘ Qual genug für ein junges Christenmädchen; aber weiter, glaub‘ ich, wären selbst die Mingos nicht gegangen.«

»Nun, so verdank‘ ich Euch doch, daß ich diesem großen Unglück entgangen bin«, sagte Mabel, indem sie, gewiß zum großen Vergnügen des ehrlichen Pfadfinders, seine harte Hand freimütig und herzlich mit der ihrigen erfaßte. »Es wär‘ ein geringeres Übel für mich gewesen, getötet als das Weib eines Indianers zu werden.«

»Das ist ihre Gabe, Sergeant«, rief Pfadfinder, indem er sich mit einem Vergnügen, das aus jedem Zug seines ehrlichen Gesichtes strahlte, gegen seinen alten Kameraden wandte, »und die will ihren Weg haben. Ich sage dem Chingachgook immer, daß das Christwerden nicht einmal einen Delawaren zu einem weißen Mann machen kann; und so wird auch weder das Kriegsgeschrei noch das Kampfgeheul ein Bleichgesicht in eine Rothaut verwandeln. Dies ist die Gabe eines jungen, von christlichen Eltern geborenen Weibes, und die muß festgehalten werden.«

»Ihr habt recht, Pfadfinder; und was Mabel Dunham anbelangt, so ist es gewiß, daß sie sie festhalten wird. Aber es ist Zeit, Euer Fasten zu brechen, und wenn du mir folgen willst, Bruder Cap, so will ich dir zeigen, wie wir armen Soldaten hier in einer entfernten Grenzfeste leben.«

Achtundzwanzigstes Kapitel

Achtundzwanzigstes Kapitel

Obgleich der Soldat im Getümmel der Schlacht die Gefahr und selbst den Tod mit Gleichmut betrachtet, so bringt doch, wenn sich der Hingang der Seele verzögert und Augenblicke der Ruhe und Betrachtung eintreten, der Wechsel gewöhnlich ernstere Gedanken, Reue über die Vergangenheit, Zweifel und Ahnungen über die Zukunft mit sich. Mancher ist schon mit dem Ausdruck des Heldenmuts auf seinen Lippen heimgegangen, während sein Herz schwer und trostlos war; denn wie verschieden auch unsere Glaubensbekenntnisse sein mögen: Ob unser Hoffen auf der Vermittlung Christi, auf den Verheißungen Mohammeds oder auf irgendeiner andern ausgebildeten Allegorie des Ostens beruhe – es gibt nur eine allen Menschen gemeinsame Überzeugung, daß nämlich der Tod nur eine Übergangsstufe von diesem zu einem höheren Leben sei. Sergeant Dunham war ein tapferer Mann; aber er stand im Begriff, einem Lande entgegenzugehen, in dem ihm Entschlossenheit nichts nützen konnte; und da er sich immer mehr und mehr von der Erde losgerissen fühlte, so nahmen seine Gedanken und Betrachtungen die für seine Lage passende Richtung, denn wenn es wahr ist, daß der Tod alles gleich macht, so ist nichts wahrer, als daß er alle zu denselben Ansichten von der Eitelkeit des Lebens zurückführt.

Pfadfinder war zwar ein Mann von sonderbaren und eigentümlichen Gewohnheiten und Meinungen, aber auch zugleich nachdenksam und geneigt, alles um sich mit einem gewissen Anstrich von Philosophie und Ernst zu betrachten. Die Szene im Blockhaus erweckte daher in ihm nicht gerade neue Gefühle. Anders war es jedoch mit Cap. Rauh, eigensinnig, absprechend und heftig, war der alte Seemann wenig gewöhnt, selbst auf den Tod mit jenem Ernst zu blicken, den die Wichtigkeit eines solchen Augenblicks fordert: Und ungeachtet all dessen, was vorgegangen, und trotz der Achtung, die er gegen seinen Schwager hegte, trat er jetzt an des Mannes Sterbebette mit einem großen Teil jener stumpfen Gleichgültigkeit, die die Frucht des langen Aufenthalts in einer Schule war, die, obgleich sie viele Lehren der erhabensten Wahrheit gibt, im allgemeinen ihre Mahnungen an Schüler verschwendet, die nur wenig geneigt sind, daraus Nutzen zu ziehen.

Den ersten Beweis, daß er nicht ganz in die feierliche Stimmung paßte, die dieser Moment bei den übrigen hervorbrachte, gab Cap dadurch, daß er eine Erzählung der Ereignisse begann, die den Tod Muirs und Pfeilspitzes herbeigeführt hatten.

»Beide lichteten ihre Anker in aller Eile, Bruder Dunham«, schloß er, »und du hast den Trost, daß andere dir auf deiner großen Reise vorausgegangen sind, und noch obendrein solche, bei denen du keinen besonderen Grund hast, sie zu lieben, was mir in deiner Lage viel Vergnügen gewähren würde. Meister Pfadfinder, meine Mutter sagte mir immer, daß man den Geist eines Sterbenden nicht niederbeugen, sondern durch alle geeigneten und klugen Mittel aufrichten müsse; und diese Neuigkeiten werden dem armen Mann eine große Erleichterung verschaffen, wenn er anders gegen diese Wilden fühlt wie ich.«

Bei diesen Nachrichten erhob sich June und schlich sich mit lautlosem Tritt aus dem Blockhaus. Dunham horchte mit leerem, starrem Blick, denn das Leben löste allmählich so viele seiner Bande, daß er Pfeilspitze ganz vergessen hatte und sich nicht mehr um Muir bekümmerte. Nur nach Eau-douce fragte er mit schwacher Stimme. Dieser trat auf die an ihn ergangene Aufforderung heran. Der Sergeant blickte ihn mit Wohlwollen an, und der Ausdruck seines Auges bewies, daß er das Unrecht bereue, das er dem jungen Mann in Gedanken zugefügt hatte. Mabel kniete an seiner Seite und drückte bald seine feuchte Hand an ihre Stirne, bald benetzte sie die trockenen Lippen ihres Vaters.

»Euer Schicksal wird über ein kurzes auch das unsrige sein, Sergeant«; sagte Pfadfinder – von dem man nicht gerade sagen konnte, daß ihn diese Szene ergriff, denn er war vorher zu oft Zeuge von der Annäherung und dem Sieg des Todes gewesen, obgleich er den Unterschied zwischen dessen Triumph in der Aufregung des Schlachtgetümmels und der Ruhe des häuslichen Kreises ganz fühlte – »und ich zweifle nicht daran, daß wir uns später wiedertreffen werden. Es ist zwar wahr, Pfeilspitze ist seinen Weg gegangen; es kann aber nimmer der Weg eines guten Indianers sein. Ihr habt ihn zum letztenmal gesehen, denn sein Pfad war nicht der Pfad eines Gerechten. Das Gegenteil zu denken, wäre gegen alle Vernunft, was auch meiner Ansicht nach bezüglich des Leutnants Muir der Fall ist. Solang Ihr lebtet, habt Ihr Eure Pflicht getan, und wenn man das von einem Mann sagen kann, so mag er zur längsten Reise mit leichtem Herzen und rüstigen Füßen aufbrechen.«

»Ich hoffe so, mein Freund; ich hab‘ wenigstens versucht, meine Pflicht zu tun.«

»Ja, ja«, warf Cap ein, »die gute Absicht gilt für eine halbe Schlacht; und obgleich du besser getan hättest, auf dem See draußen zu bleiben und ein Fahrzeug hereinzuschicken, um zu sehen, wie das Land liege, was allem eine ganz andere Wendung hätte geben können – so zweifelt doch niemand hier – und auch wohl niemand anderswo –, daß du in der besten Absicht handeltest, wenn ich das glauben darf, was ich von dieser Welt gesehen und von einer anderen gelesen habe.«

»Ja, es ist so; ich hab‘ alles in bester Absicht getan!«

»Vater! o lieber Vater!«

»Mabel ist durch diesen Schlag back gelegt worden, Meister Pfadfinder, und kann nur wenig sagen oder tun, was ihren Vater über die Untiefen bringen könnte; wir müssen deshalb um so ernstlicher an den Versuch gehen, ihm einen freundlichen Abschied zu bereiten.«

»Hast du gesprochen, Mabel?« fragte Dunham und richtete die Augen auf seine Tochter, da er bereits zu schwach war, seinen Kopf zu wenden.

»Ach Vater, verlaßt Euch nicht um Eurer Handlungen willen auf die göttliche Gnade und Erlösung, sondern vertraut allein auf die segensreiche Vermittlung unseres Heilandes!«

»Der Kaplan hat uns auch etwas Derartiges gesagt, Bruder. Das liebe Kind kann wohl recht haben.«

»Ja, ja, das ist ein Glaubenssatz, ohne Zweifel. Er wird unser Richter sein und hält das Logbuch unserer Taten, auf denen er fußen wird am letzten Gericht; dann wird er sagen, wer recht und wer unrecht gehandelt hat. Ich glaube, Mabel hat recht; aber dann darfst du unbesorgt sein, da du ohne Zweifel mit deiner Rechnung im reinen bist.«

»Ach, liebster Vater, setzt Eure ganze Hoffnung auf die Vermittlung unseres heiligen Erlösers!«

»Die Herrenhuter pflegten uns dasselbe zu sagen«, sagte Pfadfinder leise zu Cap; »verlaßt Euch darauf, Mabel hat recht.«

»Recht genug, Freund Pfadfinder, in den Entfernungen, aber unrecht im Kurs. Ich fürchte, das Kind macht den Sergeanten in dem Augenblick triftig, wo wir ihn in dem besten Fahrwasser hatten.«

»Überlaßt das Mabel; sie versteht sich besser darauf als einer von uns, und in keinem Falle bringt es Schaden.«

»Ich habe das wohl früher gehört«, erwiderte endlich Dunham. »Ach, Mabel! es ist sonderbar, daß der Vater sich in einem solchen Augenblick auf sein Kind stützen muß.«

»Setzt Euer Vertrauen auf Gott, Vater; stützt Euch auf das Erbarmen seines heiligen Sohnes. Betet, Vater; bittet um seinen allmächtigen Beistand.«

»Ich bin das Beten nicht gewöhnt, Bruder. Pfadfinder – Jasper, könnt Ihr mir zu Worten helfen?«

Cap wußte kaum, was Beten heißt und konnte nichts darauf antworten. Pfadfinder betete oft, täglich, wo nicht stündlich, aber nur im Geist und in seiner einfachen Denkweise. Er war daher in dieser Not ebenso nutzlos wie der Seemann und wußte nichts zu erwidern. Jasper würde sich zwar mit Freuden bemüht haben, Berge in Bewegung zu setzen, um Mabel zu unterstützen, aber der Beistand, der hier erbeten wurde, lag nicht in seinen Kräften, und er trat beschämt zurück, wie es wohl junge, kräftige Leute zu tun pflegen, wenn man von ihnen Handlungen verlangt, bei denen sie ihre Schwäche und Abhängigkeit von einer höhern Macht bekennen müssen.

»Vater!« sagte Mabel, indem sie sich die Tränen aus den Augen wischte, »ich will mit Euch, für Euch, für mich und für uns alle beten. Selbst das Gebet des Schwächsten und Niedrigsten bleibt nicht unbeachtet.«

Es lag etwas Erhabenes, etwas unendlich Rührendes in diesem Akt kindlicher Liebe.

Dunham selbst war bald in den Gegenstand des Gebetes verloren und fühlte jene Art von Erleichterung, die ein Mensch empfindet, der unter einer übermäßig schweren Last an einem Abgrund wankt, wenn er unerwartet seine Bürde sich entnommen und diese auf den Schultern eines anderen sieht, der besser imstande ist, sie zu tragen. Cap war sowohl überrascht als von Ehrfurcht ergriffen, obgleich die Erregungen in seiner Seele weder besonders tief gingen noch lange anhielten. Er wunderte sich ein wenig über seine Gefühle und machte sich Zweifel darüber, ob sie auch so männlich und heroisch seien, wie sie sein sollten; er war jedoch von den Eindrücken der Wahrheit, der Demut, der religiösen Unterwerfung und der menschlichen Abhängigkeit zu ergriffen, um mit seinen rauhen Einwürfen dagegen anzukämpfen. Jasper kniete mit verhülltem Gesicht Mabel gegenüber und folgte ihren Worten mit dem ernstlichen Wunsch, ihre Bitten mit den seinigen zu unterstützen, wenn es schon zweifelhaft sein mochte, ob seine Gedanken nicht ebensoviel bei den sanften, lieblichen Tönen der Beterin wie bei dem Gegenstand ihres Gebets verweilten.

Die Wirkung auf Pfadfinder war augenfällig und ergreifend; augenfällig, weil er aufrecht und gerade Mabel gegenüberstand: Und die Bewegungen seiner Gesichtszüge verrieten wie gewöhnlich das Ringen seines Inneren. Er lehnte auf seiner Büchse, und seine sehnigen Finger schienen hin und wieder den Lauf mit aller Gewalt zerdrücken zu wollen, während er ein- oder zweimal, wenn Mabels Gedanken sich in vollster Innigkeit aussprachen, seine Augen zur Decke des Gemachs erhob, als ob er erwartete, daß das gefürchtete Wesen, an das die Worte gerichtet waren, sichtbar über ihm schweben werde. Dann kehrten seine Gefühle wieder zu dem zarten Geschöpf zurück, das in heißem, aber ruhigem Gebet für einen sterbenden Vater ihre Seele ausgoß; denn Mabels Wangen waren nicht mehr bleich, sondern glühten von heiliger Begeisterung, während sich ihre blauen Augen dem Licht in einer Weise zukehrten, daß das Mädchen wie ein Bild von Guido Reni erschien. In solchen Augenblicken glänzte die ganze ehrliche und männliche Zuneigung Pfadfinders in seinen lebendigen Zügen, und der Blick, den er auf die Betende heftete, glich dem des zärtlichen Vaters gegenüber dem Kind seiner Liebe.

Sergeant Dunham legte seine kraftlose Hand auf Mabels Haupt, als sie zu beten aufhörte und ihr Gesicht in seiner Bettdecke verbarg.

»Gott segne dich, mein liebes Kind; Gott segne dich!« flüsterte er. »Du hast mir einen wahren Trost verschafft. Oh, daß auch ich beten könnte!«

»Vater! Ihr kennt das Gebet des Herrn, denn Ihr habt’s ja selbst mich gelehrt, als ich noch ein Kind war.«

Auf des Sergeanten Gesicht strahlte ein Lächeln; denn er erinnerte sich, daß er wenigstens diesen Teil der elterlichen Pflicht erfüllt hatte, und die Erinnerung daran gewährte ihm in diesem Augenblick ein inniges Vergnügen. Er schwieg dann einige Minuten, und alle Anwesenden glaubten, er unterhalte sich mit seinem Schöpfer.

»Mabel, mein Kind«, sprach er endlich mit einer Stimme, die neue Lebenskraft gewonnen zu haben schien – »Mabel, ich verlasse dich jetzt. Wo ist deine Hand?«

»Hier, liebster Vater – hier sind beide – oh, nehmt beide!«

»Pfadfinder«, fuhr der Sergeant fort, und tastete nach der entgegengesetzten Seite des Bettes, wo Jasper kniete, wobei er im Mißgriff eine der Hände des jungen Mannes faßte – »nimm sie – sei ihr Vater – wie ihr’s für gut findet – Gott segne dich – Gott segne euch beide!«

Niemand wollte in diesem ergreifenden Augenblick dem Sergeanten seinen Irrtum benehmen, und so starb er, einige Minuten später, Jaspers und Mabels Hände mit den seinigen bedeckend. Das Mädchen wußte nichts von diesen Vorgängen, bis ihr ein Ausruf von Cap den Tod ihres Vaters ankündigte. Als sie ihr Gesicht erhob, traf sie auf einen Blick aus Jaspers Augen und fühlte den warmen Druck seiner Hand. In diesem Augenblick war aber nur ein Gefühl in ihr vorherrschend; sie zog sich zurück, um zu weinen. Pfadfinder nahm Eau-douce am Arm und verließ mit ihm das Blockhaus.

Die zwei Freunde gingen in tiefstem Schweigen an dem Feuer vorbei, durch den Baumgang fast bis zum entgegengesetzten Ufer der Insel, wo sie anhielten. Pfadfinder ergriff das Wort.

»Es ist alles vorbei, Jasper«, sagte er; »es ist alles vorbei. Ach, der arme Sergeant Dunham hat seine Laufbahn beendet, und noch dazu durch die Hand eines giftigen Mingowurms. Nun, wir wissen nie, was auf uns wartet, und sein Los kann heut‘ oder morgen das Eurige oder das meinige sein.«

»Und Mabel? was soll aus Mabel werden, Pfadfinder?«

»Ihr habt die letzten Worte des sterbenden Dunham gehört; er hat mir die Obhut über sein Kind gelassen, Jasper; und das ist ein feierliches Vermächtnis, ja, es ist ein sehr feierliches Vermächtnis.«

»Ein Vermächtnis, das Euch jeder gerne abnehmen würde«, versetzte der Jüngling mit einem bitteren Lächeln.

»Ich hab‘ oft gedacht, daß es nur in schlechte Hände gefallen ist. Ich bin nicht eingebildet, Jasper, und denke nicht dran, mir was drauf zugute zu tun; wenn Mabel aber geneigt ist, alle meine Unvollkommenheiten und meine Unwissenheit zu übersehen, so wär’s unrecht von mir, was dagegen einzuwenden, so sehr ich auch von meiner Wertlosigkeit überzeugt sein mag.«

»Niemand wird Euch tadeln, Pfadfinder, wenn Ihr Mabel Dunham heiratet, ebensowenig wie man’s Euch verargen würde, wenn Ihr einen kostbaren Edelstein trüget, den Euch ein Freund geschenkt hätte.«

»Glaubt Ihr, daß man Mabel tadeln würde, Junge? – Ich hab‘ auch meine Bedenken darüber gehabt, denn nicht alle Leute sind geneigt, mich mit Euern und mit Mabels Augen zu betrachten.« Jasper Eau-douce fuhr zusammen wie jemand, den ein plötzlicher, körperlicher Schmerz überfällt, doch bewahrte er seine Selbstbeherrschung. »Die Menschen sind neidisch und schlimm, besonders in den Garnisonen und ihrer Nachbarschaft. Ich wünsche bisweilen, Jasper, daß Mabel zu Euch hätte eine Neigung gewinnen können – ja ja, und daß Ihr eine Neigung zu ihr gefaßt hättet; denn es kommt mir oft vor, daß ein Bursche wie Ihr sie im Grunde doch glücklicher machen müßte, als ich es je imstande bin.«

»Reden wir nicht mehr davon, Pfadfinder«, unterbrach ihn Jasper barsch und ungeduldig – »Ihr werdet Mabels Gatte sein, und es ist nicht recht, von einem andern in dieser Eigenschaft zu sprechen. Was mich anbelangt, so will ich Caps Rat folgen und es versuchen, einen Mann aus mir zu bilden. Vielleicht kann das auf dem Salzwasser geschehen.«

»Ihr, Jasper Western? – aber warum die Seen, die Wälder und die Grenzen verlassen? Und noch dazu um der Städte, der öden Wege in den Ansiedlungen und des bißchen Unterschieds willen im Geschmack des Wassers? Haben wir denn nicht die Salzlicken, wenn Ihr Salz braucht? Und sollte nicht ein Mann mit dem zufrieden sein, was andern Geschöpfen Gottes genügt? Ich hab‘ auf Euch gerechnet, Jasper; ja, ich zählte auf Euch – und dachte, da nun Mabel und ich in unserer eigenen Hütte wohnen werden, daß Ihr Euch eines Tags auch versucht fühlen könntet, eine Gefährtin zu wählen, wo Ihr Euch dann in unserer Nachbarschaft niederlassen solltet. Ich hab‘ ein schönes Plätzchen für mich im Sinn, etwa fünfzig Meilen westlich von der Garnison, und etwa zehn Stunden seitwärts ist ein ausgezeichneter Hafen, wo Ihr mit dem Kutter in der größten Muße ein- und ausfahren könntet. Da hab‘ ich mir denn grade Euch und Euer Weib vorgestellt, wie Ihr von diesem Platz Besitz nehmt, während ich und Mabel uns auf dem andern niederlassen. Wir hätten eine hübsche, gesunde Jagd dabei; und wenn der Herr überhaupt irgendeines seiner Geschöpfe auf Erden zu beglücken beabsichtigt, so könnte niemand glücklicher sein als wir vier.«

»Ihr vergeßt, mein Freund«, entgegnete Jasper, indem er mit erzwungenem Lächeln des Kundschafters Hand ergriff, »daß es an der vierten Person fehlt, die mir lieb und teuer sein könnte; und ich zweifle sehr, ob ich je irgend jemand so lieben kann, wie ich Euch und Mabel liebe.«

»Ich dank‘ Euch, Junge; ich dank‘ Euch von ganzem Herzen, aber was Ihr in Beziehung auf Mabel Liebe nennt, ist bloß Freundschaft und etwas ganz anderes, als was ich für sie fühle. Jetzt, statt wie früher gesund zu schlafen, träum‘ ich jede Nacht von Mabel Dunham, und erst in meinem letzten Schlummer kam mir es vor, ich wär‘ auf dem Niagara und hielte Mabel in meinen Armen, mit der ich lieber über den Fall hinunterstürzte, ehe ich von ihr lassen wollte. Die bittersten Augenblicke, die mir je vorkamen, waren die, wenn der Teufel oder vielleicht ein Mingozauberer meinen Träumen die Vorstellung beimischte, daß Mabel für mich durch irgendein unerklärliches Unglück verlorengegangen sei.«

»O Pfadfinder! wenn Euch das schon im Traum so bitter dünkt, wie muß es erst dem sein, der es in Wirklichkeit fühlt und weiß, daß alles wahr, wahr, wahr ist? So wahr, um keinen Funken Hoffnung zurückzulassen – nichts zurückzulassen als die Verzweiflung!«

Diese Worte entquollen Jasper wie die Flüssigkeit einem plötzlich geborstenen Gefäß. Sie entglitten seinen Lippen unwillkürlich, fast unbewußt, aber mit einer Wahrheit und einer Tiefe des Gefühls, daß sich ihre Aufrichtigkeit nicht bezweifeln ließ.

Pfadfinder blickte seinen Freund in wirrer Überraschung eine Minute lang an; dann tauchte ihm, ungeachtet seiner Einfachheit, ein Strahl der Wahrheit auf. Er war von Natur so zuversichtlich, so gerecht und so geneigt zu glauben, daß ihm alle seine Freunde ein gleiches Glück gönnten, wie er es ihnen wünschte, daß bis zu diesem unglücklichen Augenblick nie eine Ahnung von Jaspers Liebe zu Mabel in seiner Brust aufgetaucht war. Er war aber jetzt zu erfahren in den Regungen, die eine solche Leidenschaft bezeichnen; auch machten sich die Gefühle seines Gefährten zu heftig und zu natürlich Luft, um den braven Kundschafter länger im Zweifel zu lassen. Er fühlte sich durch diese Entdeckung aufs schmerzlichste gedemütigt. Jaspers Jugend, sein schmuckeres Äußeres und alle die Hauptwahrscheinlichkeiten, die einen solchen Freier dem Mädchen angenehmer machen mochten, traten ihm vor das Auge. Endlich aber machte die edle Geradheit seiner Seele, die ihn so sehr zu seinem Vorteil auszeichnete, ihre Rechte geltend und wurde noch unterstützt durch die männliche Bescheidenheit, mit der er sich selbst beurteilte, und durch seine gewohnte Nachgiebigkeit gegen die Rechte und Gefühle anderer, die einen Teil seines Wesens auszumachen schien. Er ergriff Jaspers Arm und führte ihn zu einem Baumstrunk, auf den er den jungen Mann mit seiner unwiderstehlichen Muskelkraft niederdrückte, und dann neben ihm seinen Sitz einnahm.

Sobald sich Jaspers innere Bewegung Luft gemacht hatte, fühlte er sich durch die Heftigkeit ihres Ausdruckes beunruhigt und beschämt. Er würde gerne alles, was er auf Erden sein nennen konnte, darum gegeben haben, hätte er die letzten drei Minuten wieder zurückrufen können; aber er war von Natur zu freimütig und zu sehr daran gewöhnt, gegen seinen Freund offen zu verfahren, um nur einen Augenblick zu versuchen, seine Gefühle zu verhehlen oder die Erklärung zu umgehen, die ihm, wie er wußte, nun abverlangt wurde. Zwar zitterte er vor den Folgen, aber er konnte es nicht über sich gewinnen, ein zweideutiges Benehmen einzuschlagen.

»Jasper«, begann Pfadfinder in einem so feierlichen Ton, daß jeder Nerv seines Zuhörers bebte, »das kam sehr unverhofft. Ihr hegt zartere Gefühle für Mabel, als ich dachte, und wenn mich nicht ein Mißgriff meiner Eitelkeit und Einbildung grausam getäuscht hat, so bedaure ich Euch, Junge, von ganzer Seele. Ja, ich weiß – glaub‘ ich –, wie der zu beklagen ist, der sein Herz an ein Wesen wie Mabel gesetzt hat, ohne hoffen zu dürfen, daß sie ihn mit denselben Augen betrachte, wie er sie betrachtet. Diese Sache muß sich aufklären, bis, keine Wolke mehr zwischen uns steht, wie die Delawaren sagen.«

»Was bedarf es da einer Aufklärung, Pfadfinder? Ich liebe Mabel Dunham, und Mabel Dunham liebt mich nicht; sie will lieber Euch zum Gatten haben, und das klügste, was ich tun kann, ist, fort und auf das Salzwasser zu gehen und zu versuchen, Euch beide zu vergessen.«

»Mich zu vergessen, Jasper? – das wär‘ eine Strafe, die ich nicht verdiene. Aber woher wißt Ihr, daß Mabel mich lieber hat? Wie wißt Ihr das, Junge? – Mir scheint das ja ganz unmöglich!«

»Wird sie nicht Euer Weib werden? Und würde Mabel einen Mann heiraten, den sie nicht liebt?«

»Der Sergeant hat ihr hart zugesetzt – ja, so ist’s; und einem gehorsamen Kinde mag es wohl schwer werden, den Wünschen eines sterbenden Vaters zu widerstehen. Habt Ihr Mabel je gesagt, daß Ihr sie liebt, daß Ihr solche Gefühle gegen sie hegt?«

»Nie, Pfadfinder! Wie könnt‘ ich Euch ein solches Unrecht zufügen?«

»Ich glaub‘ Euch, Junge; ja, ich glaub‘ Euch und glaub‘ auch, daß Ihr imstande wärt, spurlos zu verschwinden und aufs Salzwasser zu gehen. Aber das ist nicht gerade nötig. Mabel soll alles erfahren und ihren eigenen Weg haben; ja, das soll sie, und wenn mir das Herz bei dem Versuch bräche. Ihr habt ihr also nie ein Wort davon gesagt, Jasper?«

»Nichts von Belang, nichts Bestimmtes. Aber doch muß ich meine ganze Torheit eingestehen, Pfadfinder, wie es meine Pflicht gegen einen so edlen Freund ist, und dann wird alles zu Ende sein. Ihr wißt, wie sich junge Leute verstehen oder zu verstehen glauben, ohne sich gerade offen auszusprechen, und wie sie auf hunderterlei Weise gegenseitig ihre Gedanken kennenlernen oder kennenzulernen glauben.«

»Nein, Jasper, das weiß ich nicht«, antwortete der Kundschafter treuherzig; denn, die Wahrheit zu sagen, seine Huldigungen hatten nie auf jene süße und köstliche Ermutigung getroffen, die das stumme Merkmal der zur Liebe fortschreitenden Zuneigung ist.

»Nein, Jasper, ich weiß nichts von alledem. Mabel hat mich immer freundlich behandelt und sagte mir, was sie zu sagen hatte, auf die unumwundenste Weise.«

»Ihr hattet aber die Wonne, sie sagen zu hören, daß sie Euch liebe, Pfadfinder?«

»Ei nein, Jasper; nicht gerade mit Worten, sie hat mir sogar gesagt, daß wir uns nie heiraten könnten, nie heiraten sollten; daß sie nicht gut genug für mich sei, obgleich sie versicherte, daß sie mich achte und ehre. Dann sagte mir aber der Sergeant, dies sei die gewöhnliche Weise junger und schüchterner Mädchen: Ihre Mutter hab‘ es zu ihrer Zeit ebenso gemacht und ebenso gesprochen, und ich müsse mich begnügen, wenn sie nur überhaupt einwillige, mich zu heiraten. Ich habe daraus nun geschlossen, daß alles in Ordnung sei.«

Ungeachtet seiner Freundschaft für den glücklichen Freier und trotz der aufrichtigsten Wünsche für sein Wohl, fühlte Jasper bei diesen Worten sein Herz in überschwenglicher Wonne klopfen. Nicht als ob er in diesem Umstand hätte eine Hoffnung für sich auftauchen sehen; es war nur das eifersüchtige Verlangen einer unbegrenzten Liebe, die sich bei der Kunde entzückt fühlte, daß kein anderes Ohr die süßen Geständnisse gehört habe, die dem einen versagt blieben.

»Erzählt mir mehr von dieser Weise, ohne Zunge zu sprechen«, fuhr der Pfadfinder fort, dessen Gesichtszüge ernster wurden und der nun seinen Gefährten mit dem Ton eines Mannes fragte, der einer unangenehmen Antwort entgegensieht. »Ich kann mich mit Chingachgook auf eine solche Art unterhalten und hab‘ es auch mit seinem Sohne Uncas getan, ehe er gefallen; ich wußte aber nicht, daß junge Mädchen auch in dieser Kunst bewandert sind, und von Mabel Dunham versah ich mich’s am allerwenigsten.«

»Es ist nichts, Pfadfinder. Ich meine nur einen Blick, ein Lächeln, einen Wink mit dem Auge, das Zittern eines Armes oder einer Hand, wenn mich das Mädchen gelegentlich berührte; und weil ich schwach genug gewesen bin, selbst zu zittern, wenn mich ihr Atem traf oder mich ihre Kleider streiften, so führten mich meine törichten Gedanken irre. Ich hab‘ mich nie offen gegen Mabel ausgesprochen; und jetzt würd‘ es mir nichts mehr nützen, da nun doch alle Hoffnung vorbei ist.«

»Jasper«, erwiderte Pfadfinder einfach, aber mit einer Würde, die für den Augenblick alle weiteren Bemerkungen abschnitt, »wir wollen über des Sergeanten Leichenbegängnis und über unsere Abreise von der Insel sprechen. Wenn hierüber die nötigen Verfügungen getroffen sind, werden wir hinlänglich Zeit haben, noch ein Wort über des Sergeanten Tochter zu reden. Die Sache bedarf einer reiflichen Erwägung, denn der Vater hat mir die Obhut über sein Kind hinterlassen.«

Jasper war froh, von diesem Gegenstand abzukommen, und die Freunde trennten sich, um den ihrer Stellung und ihrem Beruf angemessenen Obliegenheiten nachzukommen.

Am Nachmittag wurden die Toten beerdigt. Das Grab des Sergeanten befand sich im Mittelpunkt des Baumganges unter dem Schatten einer hohen Rüster. Mabel weinte bitterlich während der Bestattung und fand in ihren Tränen Erleichterung für ihr bekümmertes Herz. Die Nacht verging ruhig; ebenso der ganze folgende Tag, denn Jasper erklärte, daß der Wind viel zu heftig sei, um sich auf den See wagen zu können. Dieser Umstand hielt auch den Kapitän Sanglier zurück, der die Insel erst am Morgen des dritten Tages nach Dunhams Tod verließ, da das Wetter milder und der Wind günstiger wurden. Ehe er abreiste, nahm er zum letztenmal von dem Pfadfinder in der Weise eines Mannes Abschied, der sich in der Gesellschaft eines ausgezeichneten Charakters befunden zu haben glaubt. Beide schieden unter Beweisen gegenseitiger Achtung, während jeder fühlte, daß ihm der andere ein Rätsel sei.

Zweites Kapitel

Zweites Kapitel

Der Mohikaner fuhr fort zu essen; der zweite weiße Mann jedoch erhob sich und nahm vor Mabel Dunham höflich die Mütze ab. Er war ein junger, gesunder, kräftiger Mann und trug einen Anzug, der auch in ihm den Schiffsmann erkennen ließ, obgleich nicht so ausgeprägt wie bei dem Onkel. In der Tat sind die Seeleute eine von den übrigen Menschen ganz verschiedene Klasse. Ihre Ideen, ihre gewöhnliche Sprache, ihr Anzug, alles ist so streng bezeichnend für ihren Beruf, wie Meinungen, Sprache und Tracht bezeichnend sind für den Muselman. Obgleich der Pfadfinder kaum mehr in der Blütezeit des Lebens stand, so schloß sich Mabel doch mit einer Festigkeit an ihn, die wohl darin ihren Grund haben mochte, daß sie auf diese Zusammenkunft vorbereitet war; aber wenn ihre Augen denen des jungen Mannes am Feuer begegneten, so senkten sie sich vor dem Blick der Bewunderung, mit dem er sie beobachtete. Und sie fühlten auch beide ein gegenseitiges Interesse füreinander, das die Ähnlichkeit des Alters, der Stellung und der Neuheit ihrer Lage bei jungen offenen Gemütern wohl zu erwecken geeignet war.

»Hier«, sagte der Pfadfinder mit einem ehrlichen Lächeln zu Mabel, »sind die Freunde, die Ihnen Ihr würdiger Vater entgegensendet. Dies ist ein großer Delaware, der zu seiner Zeit ein hochgestellter Mann war und viele Gefahren und Mühen durchgemacht hat. Er hat einen für einen Häuptling ganz geeigneten indianischen Namen, den aber eine unerfahrene Zunge nur schwer auszusprechen vermag, weshalb wir ihn auch ins Englische übertragen haben und ihn Große Schlange nennen. Glauben Sie aber ja nicht, man wolle damit sagen, daß er verräterisch sei, wie dies bei den Rothäuten jenseits des Sees gewöhnlich der Fall ist, sondern, daß er weise und schlau ist, wie es einem Krieger ziemt. Pfeilspitze weiß, was ich meine.«

Während der Pfadfinder diese Worte sprach, beobachteten sich die beiden Indianer eine Weile mit festen Blicken. Dann trat der Tuscarora näher und redete den andern anscheinend mit freundlichen Worten an.

»Ich sehe«, fuhr der Pfadfinder fort, »die Begrüßung zweier Rothäute in den Wäldern so gerne, Meister Cap, wie Ihr den Gruß freundlicher Schiffe auf dem Ozean. Aber weil wir gerade vom Wasser sprechen – es erinnert mich dies an meinen jungen Freund da, den Jasper Western, der einiges von solchen Dingen verstehen muß, da er seine Tage auf dem Ontario zugebracht hat.«

»Freut mich, Euch zu sehen, Freund«, sagte Cap, indem er dem jungen Süßwassersegler herzlich die Hand drückte, »aber Ihr mögt wohl noch manches zu lernen haben in der Schule, in die man Euch schickte. Dies ist meine Nichte, Mabel. Ich nenne sie Magnet, aus einem Grunde, von dem sie sich nichts träumen läßt, obgleich Ihr vielleicht Erziehung genug habt, es zu erraten; denn ich vermute, daß Ihr doch einigen Anspruch darauf macht, einen Kompaß zu verstehen.«

»Der Grund ist leicht aufzufinden«, sagte der junge Mann, indem er dabei unwillkürlich sein scharfes, dunkles Auge auf das errötende Antlitz des Mädchens richtete, »und ich fühle sicher, daß der Schiffer, der mit Eurem Magnet steuert, nie ein falsches Land ansegeln wird.«

»Ah, Ihr bedient Euch einiger unserer Kunstausdrücke, und mit Verstand und Anstand, wie ich merke, obschon ich fürchte, daß Ihr mehr grünes als blaues Wasser gesehen habt.«

»Es darf nicht überraschen, daß wir einige Phrasen kennen, die auf das Land Bezug haben, da wir’s selten länger als auf vierundzwanzig Stunden aus dem Gesicht verlieren.«

»Das ist schade, Junge, recht schade. Ein ganz kleines Stück Land muß weit reichen für einen Seefahrer, und wahrlich, ich glaube, Meister Western, es ist mehr oder weniger Land rund um Euern See herum.«

»Und ist nicht mehr oder weniger Land um den Ozean herum, Onkel?« erwiderte Magnet schnell, denn sie fürchtete eine unzeitige Entwicklung der dem alten Seemann eigentümlichen Pedanterie.

»Nein, Kind, es ist mehr oder weniger Meer um das Land herum; das ist’s, was ich dem Ufervolk sagen will, junger Bursche. Man lebt, so gut’s gehen will, mitten im Meer, ohne es zu wissen, eigentlich nur geduldet, möcht‘ ich sagen, denn das Wasser ist mächtiger und in viel größerer Masse vorhanden. Allein ’s ist des Dünkels kein Ende auf dieser Welt. Ein Kerl, der nie Salzwasser sah, bildet sich oft ein, er wisse mehr als einer, der das Kap Horn umsegelt hat. Nein, nein, die Erde ist weiter nichts als ’ne ziemlich große Insel, und alles übrige ist Wasser, nichts als Wasser!«

Der junge Western hatte einen großen Respekt vor den Seeleuten des Ozeans, nach dem er sich oft gesehnt; aber er hegte auch eine natürliche Verehrung gegen die breite Fläche, auf der er sein Leben zugebracht hatte und die in seinen Augen ihre eigenen Reize besaß.

»Was Ihr sagt«, antwortete er bescheiden, »mag in bezug auf das Atlantische Meer wahr sein; aber wir hier oben um den Ontario verehren das Land.«

»Das macht, weil Ihr überall vom Land eingeschlossen seid«, erwiderte Cap mit herzlichem Lachen; »aber dort ist der Pfadfinder mit einigen dampfenden Schüsseln, der uns einlädt zum Essen, und ich will nur gestehen, daß einem auf dem Meer ein Wildbraten nicht zu Gesicht kommt. Meister Western, Höflichkeit gegen Mädchen kommt in Euern Jahren so leicht wie das Schlaffwerden der Flaggenfalltaue, und wenn Ihr ein Auge haben wollt auf ihre Bequemlichkeit, während ich mich mit dem Pfadfinder und Euern indianischen Freunden zum Essen setze, so zweifle ich nicht, daß sie’s Euch danken wird.«

Meister Cap hatte mehr gesprochen, als zu dieser Zeit klug war. Jasper Western achtete sorgsam auf Mabels Bedürfnisse, und lange dachte sie an des jungen Seemanns zarte und männliche Aufmerksamkeit, die er ihr bei diesem ersten Zusammentreffen bewiesen hatte.

Er bereitete ihr aus einem Baumstrunk einen Sitz, besorgte ihr ein köstliches Wildbretstückchen, holte Wasser von der Quelle, und da er ihr ganz nahe gegenübersaß, so gewann er durch die höfliche aber freie Manier, mit der er seine Sorgfalt an den Tag legte, einen festen Weg zu ihrer Achtung. Frauen empfangen gern kleine Huldigungen, aber nie sind sie ihnen so angenehm und schmeichelhaft, als wenn sie den Ausdruck einer männlichen Höflichkeit tragen und von einem Altersgenossen dargebracht werden. Der junge Western war, wie die meisten, die ihre Zeit fern von der Gesellschaft des sanfteren Geschlechts zugebracht haben, ernst, einfach und zart in seinen Aufmerksamkeiten, die einen reichen Ersatz für alle die konventionellen Verfeinerungen gewährten, die Mabel vielleicht nicht einmal vermißte.

Die Gesellschaft hatte sich um eine Schüssel mit Wildbretstücken niedergelassen, und natürlich trug die Unterhaltung das charakteristische Gepräge der dabei Beteiligten. Die Indianer waren still und emsig; der Wildbretappetit der ureingeborenen Amerikaner schien unstillbar. Die zwei weißen Männer waren mitteilsam und gesprächig, geschwätzig sogar, und beide starrsinnig in ihrer Weise.

»Ich zweifle nicht, Meister Pfadfinder«, begann Cap, als der Hunger des Reisenden so weit beschwichtigt war, daß er nun anfing, sich unter den übrigen nur die saftigeren Stückchen auszulesen, »daß ein Leben wie das Eurige viel Befriedigung gewähren muß. Es hat einiges von den Wechseln und Zufällen, die der Seemann liebt; und wenn bei uns alles Wasser ist, so ist bei Euch alles Land.«

»Nun, wir haben auch Wasser auf unsern Reisen und Märschen«, erwiderte sein weißer Gesellschafter. »Wir Grenzleute handhaben das Ruder und die Fischgabel fast ebensooft wie die Büchse und das Weidmesser.«

»Schön, schön, aber handhabt ihr auch die Brasse und die Bugleine, das Steuerrad und die Leitleine, die Reffseising und das Windreep? Das Ruder ist gewiß ’n gutes Ding für ein Kanu; aber wozu kann man’s an Bord gebrauchen?«

»Ich respektiere jeden in seinem Beruf und glaube, daß all die Dinge, die Ihr da erwähnt, zu was nütze sind. Ein Mann wie ich, der mit so viel Stämmen gelebt hat, weiß wohl einen Unterschied zu machen in Gebräuchen. Der Mingo malt seine Haut anders als der Delaware, und wer einen Krieger in dem Anzug einer Squaw zu sehen hofft, wird sich wohl täuschen. Ich bin zwar noch nicht besonders alt, aber ich hab‘ in den Wäldern gelebt und mir einige Vertrautheit mit der Menschennatur erworben. Auf das Wissen der Städter hab‘ ich nie viel gegeben, denn ich hab‘ von dorther noch keinen gesehen, der ein Auge für eine Büchse oder eine Fährte gehabt hätte.«

»Das ist bis aufs Garn meine Art zu räsonieren, Meister Pfadfinder. Durch die Straßen laufen, sonntags in die Kirche gehen und eine Predigt hören, das hat nie aus einem menschlichen Wesen einen Mann gemacht. Aber sendet den Knaben ‚raus aufs Weltmeer, wenn Ihr seine Augen öffnen wollt; laßt ihn fremde Völker oder, wie ich’s nenne, das Antlitz der Natur sehen, wenn Ihr wollt, daß er seinen Charakter kennenlernen soll. Da ist nun mein Schwager, der Sergeant: Er ist in seiner Art ein so guter Bursch als nur je einer Zwieback gebrochen hat; aber was ist er im ganzen? – nichts, als ein Soldat! ein Sergeant zwar; aber das ist doch nur so eine Soldatenart, wie Ihr wißt. Als er die arme Bridget, meine Schwester, heiraten wollte, sagte ich dem Mädchen, was er sei, wie er von seinen Pflichten in Anspruch genommen werde und was sie von einem solchen Ehemann zu hoffen habe; aber Ihr wißt ja, wie es ist mit den Mädchen, wenn eine Liebschaft ihren Verstand in die Klemme bringt. Es ist wahr, der Sergeant ist in seinem Beruf gestiegen, und man sagt, daß er ein bedeutender Mann im Fort sei; aber sein armes Weib hat’s nicht erlebt, all das zu sehen, denn es ist nun schon an vierzehn Jahre, daß sie tot ist.«

»Des Soldaten Beruf ist ein ehrenwerter Beruf, vorausgesetzt, daß er nur auf der Seite des Rechts kämpft«, entgegnete der Pfadfinder, »und da die Franzosen immer schlecht sind, und Seine geheiligte Majestät und diese Kolonien immer recht handeln, so behaupt‘ ich, daß der Sergeant ein ebenso gutes Gewissen hat wie wackeren Charakter. Ich schlief nie süßer, als wenn ich einen Kampf mit den Mingos ausgefochten hatte, obgleich ich’s mir zum Grundsatz gemacht habe, stets wie ein weißer Mann und nie wie ein Indianer zu kämpfen. Die Schlange da hat ihre Gewohnheiten – und ich meine; und doch haben wir so manche Jahre Seite an Seite gefochten, ohne daß einer dem andern seine Manier verdachte. Ich erzähle ihm, daß es trotz seiner Traditionen nur einen Himmel und eine Hölle gibt, obschon die Wege zu beiden vielfältig sind.«

»Das ist vernünftig, und er muß Euch glauben, obschon ich denke, daß die Wege zur letzteren meist auf dem trockenen Lande liegen. Das Meer ist, wie meine arme Schwester zu sagen pflegte, ein Reinigungsort, und man ist außer den Wegen der Versuchung, wenn man außer der Sicht des Landes ist. Ich zweifle, ob man ebensoviel zugunsten Eurer Seen da oben sagen kann.«

»Ich will einräumen, daß Städte und Ansiedlungen zur Sünde verleiten können, aber unsere Seen sind von den Urwäldern begrenzt, und man findet jeden Tag eine Aufforderung zur Verehrung Gottes in einem solchen Tempel. Freilich muß ich zugeben, daß die Menschen auch in der Wildnis nicht immer dieselben sind, denn der Unterschied zwischen einem Mingo und einem Delawaren liegt so auf flacher Hand wie der zwischen Mond und Sonne. Doch ich bin froh, Freund Cap, daß wir uns getroffen haben, wär’s auch nur, um der Schlange erzählen zu können, daß es auch Seen mit salzigem Wasser gibt. Wir sind, seit wir uns kennen, stets ziemlich eines Sinnes gewesen, und wenn der Mohikaner nur halb so viel Vertrauen zu mir hätte wie ich zu ihm, so müßte er mir alles glauben, was ich ihm von den Gewohnheiten und Naturgesetzen der Weißen erzählt habe. Aber es hat mir immer geschienen, als ob keine der Rothäute den Erzählungen von den großen Salzseen und den aufwärtsgehenden Strömungen der Flüsse so Glauben schenkt, wie es ein ehrlicher Mann gern haben möchte.«

»Das kommt daher«, antwortete Cap mit einem herablassenden Nicken, »daß Ihr in diesen Dingen verkehrterweise das Pferd beim Schwanz aufgezäumt habt. Ihr habt Euch Eure Seen und Stromschnellen als das Schiff und das Meer mit seiner Ebbe und Flut als ein Boot gedacht. Weder Pfeilspitze noch Schlange haben Ursache, das, was Ihr über beides gesagt habt, zu bezweifeln. Ich muß übrigens gestehen, daß es mir Schwierigkeiten macht, die Erzählung von den Binnenmeeren so ohne weiteres runterzuschlucken –, und noch mehr, daß es hier eine See mit frischem Wasser geben soll. Ich hab‘ deshalb meine Reise ebensogut unternommen, um meine eigenen Augen und meinen Gaumen von der Wahrheit dieser Dinge zu überzeugen, wie um dem Sergeanten und Magnet gefällig zu sein, obgleich der erste meiner Schwester Mann war und Mabel mir wie ein eigenes Kind am Herzen liegt.«

»Ihr habt unrecht, sehr unrecht, Freund Cap, daß Ihr in irgendeiner Sache der Macht Gottes mißtraut«, entgegnete der Pfadfinder ernst. »Wer in Ansiedlungen und Städten wohnt, mag wohl zu beschränkten und irrigen Meinungen über die Macht seiner Hand kommen; wir aber, die wir unsere Zeit sozusagen in seiner wahren Gegenwart zubringen, sehen die Sachen anders an – ich meine nämlich die Weißen. Eine Rothaut hat wieder ihre eigenen Begriffe, und es ist recht, daß es so ist; wenn sie auch nicht ganz so sind, wie die eines Weißen, so darf uns das nicht bekümmern. Es gibt Dinge, die in die weise Ordnung der göttlichen Vorsehung gehören, und zu diesen sind auch jene Süß- und Salzwasserseen zu rechnen. Ich maße mir nicht an, sie erklären zu wollen, aber ich denke, es ist Schuldigkeit eines jeden, dran zu glauben. Was mich anlangt, so denk‘ ich, daß dieselbe Hand, die das Süßwasser gemacht hat, auch Salzwasser schaffen kann.«

»Halt da, Meister Pfadfinder«, unterbrach ihn Cap nicht ohne einige Hitze, »auf dem Wege eines gebührlichen und männlichen Glaubens werde ich keinem den Rücken kehren, solang ich flott bin. Obgleich ich mehr daran gewöhnt bin, auf dem Verdeck alles rein zu halten und ein schönes Segel zu zeigen als zu beten, wenn der Orkan kommt, so weiß ich wohl, daß wir zur Zeit nur hilflose Sterbliche sind, und ich hoffe, ich zolle Verehrung, wo ich Verehrung schuldig bin. Was ich sagen zu müssen meinte, war nichts weiter, als daß ich, der ich in großen Bottichen salziges Wasser zu sehen gewöhnt bin, es vorziehe, es vorher zu kosten, ehe ich glaube, daß es frisch ist.«

»Gott hat dem Hirsch die Salzlicke gegeben und dem Menschen, sei er rot oder weiß, die köstliche Quelle, um seinen Durst zu stillen. Es ist also ganz vernünftig zu denken, daß er dem Westen nicht habe Seen von frischem und dem Osten Seen von unreinem Wasser geben können.«

Cap war trotz seiner anmaßenden Starrköpfigkeit durch den einfachen Ernst des Pfadfinders eingeschüchtert, obgleich ihm der Gedanke nicht behagte, eine Sache zu glauben, deren Unmöglichkeit er jahrelang behauptet hatte. Da er jedoch nicht geneigt war, seine Meinung aufzugeben, und zugleich gegen so ungewohnte Gründe nichts auszurichten vermochte, so war er froh, sich durch eine Ausflucht retten zu können.

»Nun, nun, Freund Pfadfinder«, sagte er, »wir wollen die Sache bewenden lassen, und da der Sergeant uns Euch als Lotsen für den See geschickt hat, so können wir ja das Wasser untersuchen, wenn wir hinkommen. Merkt Euch übrigens meine Worte – ich sage nicht, daß es nicht auch frisches Wasser auf der Oberfläche geben könne; sogar der Atlantische Ozean hat manchmal was in der Nähe der Mündungen großer Flüsse; aber verlaßt Euch drauf, ich will Euch eine Methode zeigen, das Wasser, und wenn es manche Faden tief ist, zu kosten, von der Ihr Euch nichts träumen laßt; und dann werden wir mehr davon erfahren.«

Der Führer schien zufrieden, die Sache beruhen zu lassen, und der Gegenstand der Unterhaltung wechselte.

»Wir bilden uns nicht zuviel auf unsere Gaben ein«, bemerkte der Pfadfinder nach einer kurzen Pause, »und wissen wohl, wer in Städten lebt oder in der Nähe des Meeres –«

»Auf dem Meere«, unterbrach ihn Cap.

»Auf dem Meere also, wenn Ihr so wollt – daß der manche Gelegenheiten hat, die uns hier in unserer Wildnis nicht aufstoßen. Genug, wir kennen unsern Beruf, betrachten ihn als unsere natürliche Bestimmung und sind nicht durch Eitelkeit und Üppigkeit verkehrt. Meine Gaben beschränken sich auf den Gebrauch der Büchse und das Erkennen der Fährte zum Zwecke der Jagd und des Kundschaftens, und obgleich ich auch ein Ruder führen und die Gabel handhaben kann, so darf ich mir wenigstens nichts drauf einbilden. In dieser Beziehung ist der junge Jasper da, der sich mit des Sergeanten Tochter unterhält, ein ganz andrer Bursch, so daß man von ihm sagen kann, er atme Wasser wie ein Fisch. Die Indianer und die Franzosen des nördlichen Seeufers nennen ihn wegen seiner Gaben Eau-douce. Süßwasser versteht es aber besser, das Ruder und das Tau zu handhaben, als Feuer auf einer Fährte anzumachen.«

»Im Grunde muß doch was an den Gaben sein, von denen Ihr sprecht«, sagte Cap. »Ich gestehe, dies Feuer hier hat mein ganzes Seemannswesen zuschanden gemacht; Pfeilspitze sagte, der Rauch komme von einem Bleichgesichtsfeuer, und das nenn‘ ich mir ein Stückchen Philosophie, das dem Steuern am Rand einer Sandbank entlang bei finstrer Nacht nichts nachgibt.«

»Ist kein großes Geheimnis, kein großes Geheimnis«, erwiderte der Pfadfinder mit lustigem Lachen, obgleich er aus gewohnter Vorsicht den allzu lauten Ausbruch unterdrückte. »Nichts ist leichter für uns, die wir unsere Zeit in der großen Schule der Vorsehung zubringen, als ihre Aufgaben zu lernen. Wir wären für die Fährte wie für das Geschäft eines Kundschafters so nutzlos wie die Murmeltierlein, wenn wir uns nicht früh die Kenntnis solcher Kleinigkeiten zu verschaffen wüßten. Eau-douce, wie wir ihn nennen, ist ein so großer Freund des Wassers, daß er ein oder zwei feuchte Holzstücke für unser Feuer auflas, obschon ganz trockene neben den feuchten genug umherlagen, und Feuchtigkeit macht schwarzen Rauch, was meiner Meinung nach ihr Herren von der See auch wissen müßt. ’s ist kein großes Geheimnis, obschon für solche, die nicht auf den Herrn und seine mächtigen Wege mit Demut und Dankbarkeit achten, alles geheimnisvoll ist.«

»Pfeilspitze muß ein scharfes Auge haben, um einen so unbedeutenden Unterschied zu sehen!«

»Er wär ’n armer Indianer, wenn er das nicht könnte. Nein, nein; es ist Kriegszeit, und keine Rothaut wagt sich hinaus, wenn sie nicht im vollen Besitz ihrer Sinne ist. Jede Haut hat ihre eigene Natur, und jede Natur hat ihre eigenen Gesetze wie ihre eigene Haut. Es dauerte manches Jahr, bis ich mir all diese höheren Zweige der Wäldererziehung angeeignet hatte; denn die Kenntnisse der Rothäute gehen der Natur einer weißen Haut nicht so leicht ein, wie man sich’s wohl von den Kenntnissen der Weißen einbildet.«

»Ihr seid ein braver Schüler gewesen, Meister Pfadfinder, wie man aus Eurer genauen Kenntnis all dieser Dinge merkt. Ich denke aber, es müßte für einen ordentlichen Zögling des Meeres nicht schwer sein, diese Kleinigkeiten zu lernen, wenn er nur seinen Kopf so weit zusammennehmen will, um drauf acht zu geben.«

»Ich weiß das nicht. Der Weiße findet seine Schwierigkeiten, wenn er sich die Fertigkeiten der Rothäute aneignen will, wie der Indianer, wenn er die Wege einer weißen Haut geht. Es liegt eben in der Natur, daß keiner in der Art des andern vollkommen aufgehen kann.«

»Und doch sagen wir Seeleute, die wir ganz um die Welt herumkommen, es gibt allenthalben nur eine Natur, beim Chinesen dieselbe wie beim Holländer. Was mich anlangt, so fühl‘ ich mich geneigt, dasselbe anzunehmen; denn ich hab‘ im allgemeiner, gefunden, daß alle Nationen Gold und Silber lieben und die meisten Männer Geschmack am Tabak finden.«

»Dann kennt ihr Seefahrer die Rothäute wenig. Habt ihr je einen von euern Chinesen gesehen, der sein Sterbelied singen konnte, während sein Fleisch mit Splittern zerrissen und mit Messern zerschnitten wurde? während das Feuer rund um seinen nackten Körper wütete und der Tod ihm ins Auge starrte? Könnt Ihr mir einen Chinesen oder irgendeinen Christenmenschen finden, der dies kann? Ihr werdet keinen finden mit einer Rothautnatur, mag er noch so tapfer aussehen oder alle Bücher zu lesen verstehen, die je gedruckt worden sind.«

»Nur die Wilden können einander so höllische Streiche spielen«, sagte Cap, indem er seinen Blick unbehaglich unter den endlos scheinenden Wölbungen des Forstes umherstreifen ließ. »Kein weißer Mann ist je verurteilt worden, solche Proben zu bestehen.«

»Nein, da habt Ihr mich wieder irrig verstanden«, entgegnete der Pfadfinder, indem er sich ruhig noch ein leckeres Stückchen Wildbret auslas; »denn obgleich diese Quälereien nur zu der Natur einer Rothaut gehören, so mag sie doch eine weiße Haut ebensogut ertragen, und wir haben schon Beispiele davon gehabt!«

»Zum Glück«, sagte Cap, »wird keiner von Seiner Majestät Alliierten lüstern sein, solche verdammlichen Grausamkeiten an irgendeinem von Seiner Majestät loyalen Untertanen zu versuchen. Es ist wohl wahr, ich habe nicht lange in der Königlichen Flotte gedient; aber ich habe gedient, und das ist schon was, und an den Kaperzügen, an dem Kampf gegen den Feind in seinen Schiffen und Schiffsladungen hab‘ ich vollen Anteil genommen. Aber ich glaub‘, es gibt keine französischen Wilden auf dieser Seite des Sees, und wenn ich nicht irre, so habt Ihr gesagt, daß der Ontario eine breite Wasserfläche ist?«

»Ja, er ist breit in unseren Augen«, erwiderte der Pfadfinder, ohne sich Mühe zu geben, das Lächeln zu verbergen, das seine sonnverbrannten Züge überflog, »doch ich weiß nicht, ob ihn nicht einige für schmal halten. Jedenfalls ist er nicht breit genug, den Feind abzuhalten. Der Ontario hat zwei Enden, und der Feind, der zu furchtsam ist, darüber zu setzen, weiß wohl, daß er um ihn herumgehen kann.«

»Ach, da haben wir’s ja mit euern verdammten Frischwasserteichen!« brummte Cap mit einem Seufzer, der laut genug war, ihn schnell seine Unvorsichtigkeit bereuen zu lassen. »Kein Mensch hat je gehört, daß ein Pirat oder ein Schiff geschwind um ein Ende des Atlantischen Ozeans herumgekommen wäre!«

»Vielleicht hat der Ozean keine Enden?«

»Freilich hat er nicht; weder Enden noch Seiten, noch Grund. Das Volk, das fest an einer seiner Küsten vor Anker liegt, hat nichts zu fürchten von den Bewohnern eines jenseitigen Ankerplatzes, mögen sie so wild sein, wie sie wollen, wenn sie nicht die Kunst des Schiffbaus besitzen. Nein, nein! Die Leute, die an den Ufern des Atlantischen Meeres wohnen, haben wenig für ihre Häute und ihre Skalpe zu fürchten. Da kann sich einer doch nachts mit der Hoffnung niederlegen, am Morgen sein Haar noch auf dem Kopfe zu finden, wenn er nicht eine Perücke trägt.«

»Hier ist’s nicht so. Doch ich möchte das junge Frauenzimmerchen da nicht beunruhigen, und ich will deshalb nicht auf Einzelheiten eingehen, obschon sie mir auf den Eau-douce zu hören scheint. Jedenfalls aber möchte ohne die Erziehung, die ich dem Aufenthalt in den Wäldern verdanke, unter den gegenwärtigen Verhältnissen eine Reise über den zwischen uns und der Garnison liegenden Grund ein gefährliches Unternehmen sein. Es gibt auf dieser Seite des Ontario so viel Irokesen wie auf der andern. Der Sergeant hat also sehr wohl daran getan, Freund Cap, uns euch als Wegweiser entgegenzuschicken.«

»Was? Dürfen die Schurken so nahe an den Kanonen von einem der Werke Seiner Majestät kreuzen?«

»Halten sich nicht die Raben in der Nähe eines Hirschgerippes auf, obgleich der Vogelsteller bei der Hand ist? Sie kommen eben, weil es in ihrer Natur liegt. Es gibt immer mehr oder weniger Weiße, die zwischen den Forts und den Ansiedlungen wandern, und sie sind ihrer Fährte sicher. Schlange ist auf der einen und ich auf der andern Seite des Flusses heraufgekommen, um diese umherstreichenden Schufte auszukundschaften, indes Jasper, der ein kühner Schiffer ist, den Kahn heraufbrachte. Der Sergeant hat ihm mit Tränen im Auge alles von seinem Kinde erzählt, wie sein Herz nach ihr verlange und wie sanft und gehorsam sie sei, so daß ich glaube, der Junge hätte sich lieber ganz allein in ein Mingolager gestürzt, als die Partie ausgeschlagen.«

»Wir danken ihm – wir danken ihm und wollen nun um seiner Bereitwilligkeit willen besser von ihm denken, obschon ich im Grunde vermute, daß er sich grade keiner großen Gefahr ausgesetzt hat.«

»Bloß der Gefahr, von einem Hinterhalt aus erschossen zu werden, während er den Kahn durch die Stromengen drängte oder bei den Krümmungen des Flusses mit auf die Wirbel gerichtetem Auge eine Wendung machte. Von allen gefährlichen Reisen ist nach meinem Dafürhalten die auf einem von Gebüsch umsäumten Fluß die allergefährlichste, und der hat sich Jasper unterzogen.«

»Und warum, beim Teufel, veranlaßte mich der Sergeant, einen Weg von hundertundfünfzig Meilen in dieser ausländischen Manier zu machen? Gebt mir offene See und den Feind ins Gesicht, und ich will ’ne Partie mit ihm machen, nach seiner eigenen Art, solang’s ihm beliebt, auf Buglänge oder hinter den Enterschotten; aber erschossen zu werden wie eine Schildkröte im Schlaf, das ist nicht nach meinem Geschmack. Wär’s nicht um die kleine Magnet, ich ging augenblicklich an Bord, kehrte eilends nach York zurück und ließe den Ontario für sich selber sorgen, mag er nun Salzwasser oder Frischwasser haben!«

»Das würde die Sache nicht viel verbessern, Freund Seemann, da der Rückweg viel länger und fast ebenso gefährlich ist wie der, den wir noch zu gehen haben. Doch verlaßt Euch drauf, wir wollen Euch heil durchbringen oder unsere Kopfhäute verlieren.«

Cap trug einen steifen, mit Aalhaut umwickelten Zopf, indes der Scheitel seines Kopfes fast kahl war. Mechanisch fuhr seine Hand über beides, als ob sie sich versichern wolle, daß alles noch an seinem gehörigen Orte sei. Er war im Grunde ein braver Mann und hatte oft dem Tod mit Ruhe ins Auge gesehen, jedoch nie in der furchtbaren Gestalt, in der er ihm durch das zwar gedrängte, aber doch sehr bezeichnende Gemälde seines Tischgenossen vorgeführt wurde. Es war zu spät zum Rückzug, und so entschloß er sich denn, zum bösen Spiel gute Miene zu machen, obgleich er sich nicht enthalten konnte, einige Flüche über die Gleichgültigkeit und Unbesonnenheit in den Bart zu brummen, mit der ihn sein Schwager, der Sergeant, in dies Dilemma geführt hatte.

»Ich zweifle nicht, Meister Pfadfinder«, erwiderte er, als er mit seinen Betrachtungen zu Ende gekommen war, »daß wir den Hafen wohlbehalten erreichen werden. Wie weit können wir noch vom Fort entfernt sein?«

»Wenig mehr als fünfzehn Meilen, und zwar so schnelle Meilen, wie sie der Strom nur machen kann, falls uns die Mingos ungehindert ziehen lassen.«

»Und ich denke, daß sich die Wälder längs Steuerbord und Backbord hinziehen wie bisher?«

»Wie?«

»Ich meine, daß wir unseren Weg durch diese verwünschten Bäume suchen werden?«

»Nein, nein, Ihr werdet in den Kahn gehen. Der Oswego ist durch die Truppen von seinem Treibholz gereinigt worden. Wir werden schnell genug stromabwärts kommen.«

»Und was zum Teufel wird diese Minks, von denen Ihr sprecht, abhalten, auf uns zu schießen, wenn wir ein Vorgebirge umsegeln oder beschäftigt sind, von den Felsen abzusteuern?«

»Der Herr! – Er, der so oft anderen aus noch größeren Schwierigkeiten geholfen hat. Schon oft war meinem Kopf Haar, Haut und alles abgestreift worden, wenn der Herr nicht an meiner Seite gefochten hätte. Ich unterziehe mich nie einem Scharmützel, Freund Seemann, ohne an diesen großen Verbündeten zu denken, der im Kampf mehr tun kann als alle Bataillons vom Sechzigsten, stünden sie auch in einer Linie.«

»Schön, schön, das mag wohl für ’nen Kundschafter gut sein, aber wir Seeleute lieben unsere offene See, und wenn’s ins Feuer geht, mögen wir unseren Kopf mit nichts anderem behelligen als mit dem Geschäft vor uns – volle Lage gegen volle Lage und keine Bäume und Felsen, das Wasser unsicher zu machen.«

»Und auch keinen Gott, um es mit einem Wort zu sagen. Nehmt mein Wort dafür, Meister Cap, daß kein Kampf schlimm sein kann, wenn Ihr den Herrn auf Eurer Seite habt. Betrachtet einmal den Kopf der Schlange da! Ihr könnt noch der ganzen Länge nach die Spur eines Messers an seinem linken Ohr erkennen, und nur eine Kugel aus meiner langen Büchse konnte damals seine Kopfhaut retten; denn sie klaffte bereits, und eine halbe Minute später wär’s um seine Kriegerlocke geschehen gewesen. Wenn mir nun der Mohikaner die Hand drückt und mir zu verstehen gibt, ich hätte mich ihm in dieser Sache als ein Freund erwiesen, so sag‘ ich zu ihm: Nein, es war der Herr, der mich zu der einzigen Stelle führte, wo ihm dieses Leid geschehen konnte und von wo aus mir der aufsteigende Rauch seine Not verriet. Freilich – als ich erst mal meine Stellung genommen hatte, beendigte ich die Sache auf eigene Faust; denn ein Freund unter dem Tomahawk bringt einen zu einem raschen Entschluß und zu schneller Tat, sonst würde jetzt wohl der Geist der Großen Schlange im seligen Lande seines Volkes jagen!«

»Na, na, Pfadfinder, dieses Gewäsch ist schlimmer, als vom Vorsteven bis zum Stern skalpiert zu werden. Wir haben nur noch wenige Stunden bis zum Untergang der Sonne, und es wird besser sein, uns Eurer Strömung anzuvertrauen, solang es noch möglich ist. Magnet, Schätzchen, bist du bereit, aufzubrechen?«

Magnet fuhr auf, errötete über und über und machte ihre Vorbereitungen zur Weiterreise. Sie hatte von der Unterhaltung der beiden keine Silbe gehört, denn Eau-douce unterhielt ihr Ohr mit einer Beschreibung des Forts, das ihr Reiseziel war, mit Erzählungen von ihrem Vater, den sie seit ihrer Kindheit nicht mehr gesehen hatte, und von den Sitten und Gebräuchen der Grenzgarnison. Unwillkürlich hatten sich ihre Gedanken zu sehr in diese Gegenstände vertieft, als daß die minder erfreulichen, die von ihren Nachbarn besprochen wurden, ihr Ohr hätten erreichen können. Der Lärm des Aufbruchs machte dieser Unterhaltung ein Ende, und in wenigen Minuten war die ganze Gesellschaft samt dem wenigen Gepäck der Wegweiser zum Abzug bereit. Ehe sie jedoch die Stelle verließen, sammelte Pfadfinder, zur großen Bewunderung seiner Gefährten, eine Partie Zweige und warf sie auf den glimmenden Rest des Feuers. Dabei nahm er darauf Bedacht, einige feuchte Holzstücke darunter zu mengen, um den Rauch so dunkel und dicht als nur möglich zu machen.

»Wenn Ihr Eure Fährte verbergen könnt, Jasper«, sagte er, »so wird der Rauch auf dem Lagerplatz eher Nutzen als Schaden bringen. Wenn sich ein Dutzend Mingos innerhalb zehn Meilen von uns befinden, so werden sich einige auf den Höhen oder in den Bäumen aufhalten und nach Rauch umsehen. Erblicken sie diesen, so mag er ihnen wohl bekommen; unsere Überbleibsel sind ihnen gegönnt.«

»Aber kann er sie nicht veranlassen, unsere Spur zu verfolgen?« fragte Jasper, dessen Besorgnisse über die Gefährlichkeit ihrer Lage seit seinem Zusammentreffen mit Magnet bedeutend erhöht worden waren. »Wir lassen bis zum Fluß einen breiten Pfad zurück.«

»Je breiter, desto besser. Wenn wir dort sind, so wird’s über den Horizont eines listigen Mingos gehen, zu sagen, ob der Kahn aufwärts oder abwärts gegangen ist. Wasser ist das einzige in der Natur, was durchaus jede Fährte verwischt, und doch tut es auch das Wasser nicht immer, wenn die Witterung scharf ist. Seht Ihr nicht, Eau-douce, daß sich die Mingos, wenn sie unsere Spur unterhalb der Fälle bemerkt haben, gegen diesen Rauch heraufziehen und daraus den natürlichen Schluß ableiten werden, daß, wer stromaufwärts gegangen ist, auch stromaufwärts seine Fahrt fortgesetzt hat? Wenn sie was wissen, so wissen sie nur, daß eine Partie von dem Fort ausgegangen ist, und sicher wird’s den Witz eines Mingos übersteigen, sich zu denken, daß wir nur um einer Lustpartie willen an einem Tage hierher und wieder zurück, unsere Kopfhäute in Gefahr gesetzt haben.«

»Freilich«, versetzte Jasper, der sich abseits mit dem Pfadfinder besprach, während sie ihre Richtung gegen die Windgasse hin einschlugen, »sie können nichts von des Sergeanten Tochter wissen, denn darüber wurde das größte Geheimnis bewahrt.«

»Und hier sollen sie nichts erfahren«, erwiderte Pfadfinder, indem er seinen Gefährten veranlaßte, sorgfältig in die Spuren von Mabels kleinem Fuß zu treten, »wenn nicht dieser alte Salzwasserfisch seine Nichte in der Windgasse herumgeführt hat, wie eine alte Hirschkuh ihr Kitzchen.«

»Ein Bock, meint Ihr, Meister Pfadfinder.«

»Ist er nicht ein Querkopf? Nun, ich kann wohl Kameradschaft halten mit einem Schiffer, wie Ihr seid, Eau-douce, und finde nichts besonders Konträres in unseren Gaben, obgleich sich die Euern mehr für die Seen und die meinen für die Wälder eignen; aber mit diesem – hört, Jasper«, fuhr der Kundschafter mit seinem gewohnten tonlosen Lachen fort, »ich meine, wir sollten ihm doch das Gewehr visitieren und ihn über die Fälle schießen lassen?«

»Und was in der Zwischenzeit mit der artigen Nichte anfangen?«

»Nun, ihr braucht deshalb kein Leid zu widerfahren. Sie muß jedenfalls auf dem Trageweg um die Fälle gehen. Aber Ihr und ich können diesen Atlantischen Ozeansmenschen auf die Probe stellen, und dann werden sich wohl alle Partien besser miteinander befreunden. Wir wollen ausfindig machen, ob sein Stein Feuer gibt, und er mag etwas von den Streichen der Grenzleute erfahren.«

Der junge Jasper lächelte, denn er war einem Scherz nicht abgeneigt, um so weniger, als ihn Caps Anmaßung unangenehm berührt hatte. Aber Mabels schönes Antlitz, ihre leichte, behende Gestalt und ihr gewinnendes Lächeln stellte sich wie ein Schild zwischen ihren Onkel und den beabsichtigten Versuch.

»Vielleicht wird es des Sergeanten Tochter erschrecken«, sagte er.

»Gewiß nicht, wenn sie was von des Sergeanten Geist in sich hat. Sie sieht nicht aus, als ob sie ’n zimperliches Ding war. Oder laßt mich’s allein machen, ich will die Sache schon durchführen.«

»Nicht Ihr allein, Pfadfinder; ihr würdet beide miteinander ertrinken. Wenn der Kahn über die Fälle geht, muß ich dabei sein.«

»Gut, sei es so. Es bleibt also bei der Übereinkunft.«

Jasper nickte lächelnd seine Zustimmung, und der Gegenstand war abgemacht, als die Gesellschaft bei dem Kahn anlangte. Weniger Worte hatten schon über wichtigere Dinge zwischen den Partien entschieden.

Neunundzwanzigstes Kapitel

Neunundzwanzigstes Kapitel

Die Ereignisse der letzten Tage waren zu aufregend gewesen und hatten die Kräfte Mabels zu sehr in Anspruch genommen, als daß sie sich der Hilflosigkeit des Grames hätte hingeben können. Sie trauerte um ihren Vater, und gelegentlich überlief sie ein Schauder, wenn sie sich Jennies plötzlichen Tod und all die schrecklichen Szenen, deren Zeuge sie gewesen, ins Gedächtnis zurückrief: Im ganzen aber war sie gefaßter und weniger niedergedrückt, als dies bei tiefem Schmerz gewöhnlich ist. Vielleicht half ihr das übermächtige, betäubende Seelenleiden, das die arme June beugte und sie beinahe vierundzwanzig Stunden besinnungslos niedergeworfen hatte, Mabel ihre eigenen Gefühle besiegen, da sie sich zur Trösterin des armen Indianerweibes berufen glaubte; auch erwies sie ihr diesen Dienst in der ruhigen, besänftigenden und einnehmenden Weise, mit der ihr Geschlecht bei solchen Gelegenheiten seinen Einfluß geltend macht.

Der Morgen des dritten Tages war für die Abfahrt des Scud bestimmt. Jasper hatte seine Vorbereitungen getroffen, die verschiedenen beweglichen Gegenstände waren eingeschifft, und Mabel hatte von June Abschied genommen – ein schmerzliches und zärtliches Lebewohl. Mit einem Wort, alles war bereit, und mit Ausnahme der Indianerin, Pfadfinders, Jaspers und Mabels hatte die ganze Gesellschaft die Insel verlassen. Junitau war ins Gebüsch gegangen, um zu weinen, und die drei letzteren näherten sich einer Stelle, wo drei Kähne lagen, von denen einer Junes Eigentum war, während die beiden übrigen die Bestimmung hatten, die Zurückgebliebenen dem Scud zuzuführen. Pfadfinder ging voraus; als er aber näher gegen das Ufer kam, forderte er, statt die Richtung nach den Booten einzuschlagen, seine Gefährten auf, ihm zu folgen, worauf er sie zu einem umgestürzten Baum führte, der am Rande der Lichtung und außer dem Gesichtskreis des Kutters lag. Hier ließ er sich nieder und hieß Mabel auf der einen und Jasper auf der anderen Seite neben ihm Platz nehmen.

»Setzen Sie sich hierher, Mabel – und Ihr, Eau-douce, dahin«, begann er, sobald er seinen Sitz eingenommen hatte. »Mir liegt was schwer auf der Seele, und es ist jetzt Zeit, es abzuschütteln, wenn’s anders möglich ist. Setzen Sie sich, Mabel, und lassen Sie mich mein Herz, wenn nicht mein Gewissen, erleichtern, solange ich noch die Kraft hab‘, es zu tun.«

Es folgte nun eine Pause von zwei oder drei Minuten, und beide jungen Leute harrten verwundert dessen, was kommen sollte. Der Gedanke, daß Pfadfinder eine Last auf seinem Gewissen haben könne, schien beiden gleich unwahrscheinlich.

»Mabel«, fuhr unser Held endlich fort, »wir müssen offen miteinander reden, ehe wir wieder mit Ihrem Onkel auf dem Scud zusammentreffen, wo Salzwasser seit dem letzten Spaß jede Nacht geschlafen hat, weil dieser, wie er sagt, der einzige Platz sei, wo ein Mann versichert sein dürfe, seine Haare auf dem Kopf zu behalten. – Aber ach, was kümmern mich jetzt diese Torheiten und albernen Worte! Ich versuch‘ es, heiter und leichten Sinnes zu sein; aber die Kraft des Menschen kann das Wasser nicht stromaufwärts fließen machen. Mabel, Sie wissen, daß der Sergeant vor seinem Scheiden die Bestimmung getroffen hat, daß wir uns heiraten, beieinander leben und uns gegenseitig lieben sollen, solang es dem Herrn gefällt, uns auf Erden zu lassen: ja, und auch nachher?«

Mabels Wangen hatten in der frischen Morgenluft wieder etwas von ihrem früheren rosigen Aussehen gewonnen; bei dieser unerwarteten Anrede aber erbleichten sie fast wieder wie zu der Stunde, wo der herbste Schmerz ihr Inneres erfaßt hatte. Doch blickte sie Pfadfinder mit freundlichem Ernst an und versuchte es, ein Lächeln zu erzwingen.

»Sehr wahr, mein ausgezeichneter Freund«, entgegnete sie; »das war der Wunsch meines armen Vaters, und ich fühle die tiefe Überzeugung, daß ein ganzes, Eurem Glück und Eurem Wohlbehagen geweihtes Leben kaum imstande ist, Euch für alles, was Ihr an uns getan habt, zu belohnen.«

»Ich fürchte, Mabel, daß Mann und Weib durch ein kräftigeres Band aneinandergeknüpft sein müssen als durch solche Gefühle. Sie haben nichts oder doch nichts von irgendeinem Belang für mich getan, und doch neigt sich mein ganzes Herz zu Ihnen; es dünkt mir daher wahrscheinlich, daß diese Zuneigung von was anderem herkommt als von dem Schutz der Skalpe und dem Geleit durch die Wälder.«

Mabels Wangen fingen wieder an zu glühen, und obgleich sie sich alle Mühe gab, zu lächeln, so war doch in ihrer Antwort ein leichtes Beben der Stimme nicht zu erkennen.

»Wär‘ es nicht besser, wenn wir diese Unterhaltung aufschöben, Pfadfinder?« sagte sie; »wir sind nicht allein, und es heißt, es sei nichts Unangenehmeres für einen Dritten, Familienangelegenheiten besprechen zu hören, die für ihn kein Interesse haben.«

»Gerade, weil wir nicht allein sind oder vielmehr, weil Jasper bei uns ist, Mabel, möcht‘ ich diese Sache zur Sprache bringen. Der Sergeant glaubte, daß ich ein geeigneter Lebensgefährte für Sie sein dürfte, und obgleich ich meine Bedenklichkeiten dabei hatte ja, ja, ich hatte viele Bedenklichkeiten – ließ ich mich doch zuletzt bereden, und die Dinge nahmen die Ihnen bekannte Wendung. Als sie aber Ihrem Vater versprachen, mich zu heiraten, Mabel, und Sie mir so bescheiden, so anmutig Ihre Hand gaben, war ein Umstand, wie es Ihr Onkel nennt, vorhanden, von dem Sie nichts wußten, und ich halt‘ es für billig, Ihnen den mitzuteilen, ehe die Sachen ganz ins reine gebracht sind. Ich hab‘ mich oft mit einem mageren Hirsch für meine Mahlzeit begnügt, wenn ich kein gutes Wildbret haben konnte, aber es ist natürlich, daß man nicht nach dem Schlechtesten greift, wenn das Beste zu finden ist.«

»Ihr sprecht in einer Weise, Pfadfinder, die ich nicht verstehen kann. Wenn diese Unterhaltung wirklich so notwendig ist, so hoff‘ ich doch, daß Ihr Euch deutlicher ausdrückt.«

»Gut also. – Mabel, ich habe mir Gedanken darüber gemacht, daß Sie, als Sie sich in die Wünsche des Sergeanten fügten, wahrscheinlich die Natur von Jasper Westerns Gefühlen gegen Sie nicht kannten?«

»Pfadfinder!«

Mabels Wangen erbleichten nun zur Blässe des Todes und erglühten wieder purpurn; ihr ganzer Körper bebte. Pfadfinder hatte jedoch zu sehr seinen Zweck im Auge, um diesen schnellen Wechsel zu bemerken, und Eau-douce bedeckte sein Gesicht mit den Händen.

»Ich hab‘ mit dem Jungen gesprochen, und wenn ich seine Träume, seine Gefühle und seine Wünsche mit den meinigen vergleiche, so fürcht‘ ich, wir denken über Sie zu gleich, als daß wir beide glücklich sein könnten.«

»Pfadfinder, Ihr vergeßt – Ihr solltet Euch erinnern, daß wir verlobt sind«, sagte Mabel hastig und mit so leiser Stimme, daß von Seiten der Zuhörer große Aufmerksamkeit erfordert wurde, um ihre Worte zu verstehen. In der Tat waren auch die paar letzten Silben dem Kundschafter völlig entgangen, und er gab dies zu verstehen durch sein gewöhnliches:

»Wie?«

»Ihr vergeßt, daß wir uns heiraten sollen, und solche Anspielungen sind ebenso ungeeignet wie schmerzlich.«

»Alles, was recht ist, ist geeignet, Mabel; und alles ist recht, was zu einem billigen Ausgleich und zu einem offenen Verständnis führt, obgleich es, wie mir meine eigene Erfahrung sagt, schmerzlich genug ist, wie Sie sich ausdrücken. Nun, Mabel, wenn Sie gewußt hätten, daß Jasper in solcher Weise an Sie denkt, so hätten Sie vielleicht nie eingewilligt, einen so alten und unansehnlichen Mann, wie ich bin, zu heiraten?«

»Warum diese grausame Prüfung, Pfadfinder? Wozu kann das alles führen? Jasper denkt nicht an so was; er sagt nichts, er fühlt nichts.«

»Mabel!« entfuhr es den Lippen des Jünglings auf eine Weise, die die unbezwingliche Natur seiner Gefühle verriet, obgleich er keine Silbe weiter hinzufügte.

Mabel bedeckte ihr Antlitz mit den Händen, und die beiden saßen da wie ein paar Schuldige, die plötzlich bei einem Verbrechen ertappt wurden, bei dem es sich um das ganze Glück eines gemeinschaftlichen Gönners handelte. In diesem Augenblick war Jasper vielleicht selbst geneigt, seine Leidenschaft in Abrede zu stellen, da er weit entfernt war, seinem Freund einen Gram bereiten zu wollen, während für Mabel die unverhohlene Mitteilung einet Tatsache, die sie eher im stillen gehofft als geglaubt hatte, so unerwartet kam, daß sich auf einen Augenblick ihre Sinne verwirrten und sie nicht wußte, ob sie weinen oder sich freuen sollte. Doch mußte sie zuerst sprechen, da Jasper nicht imstande war, etwas hervorzubringen, was unredlich oder für seinen Freund schmerzlich erscheinen konnte.

»Pfadfinder«, sagte sie, »Ihr sprecht rauh. Weshalb erwähnt Ihr solche Dinge?«

»Nun, Mabel, wenn ich rauh spreche, so wissen Sie wohl, daß ich von Natur sowohl als auch, wie ich fürchte, aus Gewohnheit ein halber Wilder bin.« Als er dies sagte, suchte er in seiner gewöhnlichen lautlosen Weise zu lachen, aber es gelang nicht recht, und der Versuch gestaltete sich zu einem seltsamen Mißton, der ihn fast zu ersticken drohte. »Ja, ich muß wohl wild sein; ich will nicht versuchen, es zu leugnen.«

»Teuerster Pfadfinder! Mein bester, fast mein einziger Freund, Ihr könnt und werdet nicht glauben, daß ich etwas der Art zu sagen beabsichtigte!« unterbrach ihn Mabel, indem ihr die Eile, womit sie ihre unbeabsichtigte Kränkung wieder gutmachen wollte, fast den Atem versagte. »Wenn Mut, Treue, Adel der Seele und des Charakters, Festigkeit der Grundsätze und hundert andere ausgezeichnete Eigenschaften einem Mann Achtung, Verehrung und Liebe gewinnen können, so steht Ihr mit Euren Ansprüchen keinem anderen menschlichen Wesen nach.«

»Was für zarte und bezaubernde Stimmen die Frauen haben, Jasper!« nahm der Kundschafter nun mit einem offenen und natürlichen Lachen wieder das Wort. »Ja, die Natur scheint sie geschaffen zu haben, uns in die Ohren zu singen, wenn die Melodien der Wälder schweigen. Aber wir müssen zu einem vollen Verständnis kommen – ja, das müssen wir. Ich frage Sie noch mal, Mabel wenn Sie gewußt hätten, daß Jasper Western Sie ebensosehr liebt wie ich oder vielleicht noch mehr, obgleich dies kaum möglich ist – daß er mit Ihnen und von Ihnen in seinen Träumen spricht, daß er sich vorstellt, alles, was schön und gut und tugendhaft ist, gleiche Mabel Dunham, daß er glaubt, nie ein Glück gekannt zu haben, ehe er Sie gesehen, daß er den Boden küssen möchte, den Ihr Fuß betreten, daß er alle Freuden seines Berufes vergißt, um an Sie zu denken, mit Entzücken Ihre Schönheit zu bewundern und auf Ihre Stimme zu horchen – würden Sie dann eingewilligt haben, mich zu heiraten?«

Mabel hätte diese Frage nicht beantworten können, selbst wenn sie gewollt hätte; aber obgleich sie ihr Gesicht mit ihren Händen verhüllte, so war doch die Glut des Blutstromes zwischen ihren Fingern sichtbar, und selbst diese schienen an dem Rot teilzunehmen. Die Natur behauptete jedoch ihre Macht; denn einen Augenblick lang warf das bestürzte, fast erschreckte Mädchen einen verstohlenen Blick auf Jasper, als ob sie Pfadfinders Erzählung von der Art der Gefühle des jungen Mannes mißtraute, und dieser Blick schloß ihr die ganze Wahrheit auf; sie verbarg schnell das Gesicht wieder, als ob sie es für immer der Beobachtung entziehen wolle.

»Nehmen Sie sich Zeit, nachzudenken«, fuhr der Kundschafter fort, »denn es ist eine ernste Sache, einen Mann zum Gatten anzunehmen, wenn die Gedanken und Wünsche auf einen anderen gerichtet sind. Jasper und ich haben über diesen Gegenstand offen, wie zwei alte Freunde, gesprochen, und obgleich ich stets wußte, daß wir die meisten Dinge so ziemlich mit gleichem Auge betrachten, so wäre mir’s doch nie eingefallen, daß unsere Gedanken über einen Gegenstand sogar die gleichen wären, bis wir uns gegenseitig unsere Gefühle über Sie mitteilten. Jasper gesteht ein, daß er Sie von der Zeit an, als er Sie das erstemal erblickte, für das süßeste und gewinnendste Wesen hielt, das er je getroffen, daß der Ton Ihrer Stimme wie das Brausen der Wasser in seinen Ohren klinge, daß ihm seine Segel wie Ihre im Winde flatternden Gewänder vorkämen, daß er Ihr Lächeln in seinen Träumen sehe, und daß er wieder und wieder erschreckt aufführe, weil es ihm schiene, es wolle Sie jemand mit Gewalt dem Scud entführen, wohin seine Einbildungskraft Ihren Aufenthalt verlegt hatte. Ja, der Junge hat sogar zugestanden, daß ihm oft die Tränen ins Auge getreten seien, wenn er dachte, daß Sie Ihre Tage wahrscheinlich mit einem anderen und nicht mit ihm hinbringen würden.«

»Jasper?«

»Es ist feierliche Wahrheit, Mabel, und es ist recht, daß Sie sie erfahren. Nun stehen Sie auf und wählen Sie zwischen uns beiden. Ich glaube, Jasper liebt Sie ebensosehr wie ich. – Er wollte mich zwar bereden, daß seine Liebe heißer sei, ich kann dies aber nicht zugeben, weil es unmöglich ist; ich glaube aber, daß der Junge Sie von ganzem Herzen und von ganzer Seele liebt, und er hat daher das Recht, gehört zu werden. Der Sergeant hat mich zu Ihrem Beschützer, nicht zu Ihrem Tyrannen bestellt. Ich hab‘ ihm versprochen, daß ich Ihnen Vater und Gatte sein wolle, und es scheint mir, daß kein gefühlvoller Vater seinem Kind dies kleine Vorrecht versagen würde. Stehen Sie daher auf, Mabel, und sprechen Sie Ihre Gedanken so unverhohlen aus, als ob ich der Sergeant selbst wäre, der nichts anderes als Ihr Bestes beabsichtigt.«

Mabel ließ die Hände sinken, erhob sich und stand, Angesicht gegen Angesicht, ihren beiden Freiern gegenüber, obgleich eine fieberhafte Glut ihre Wangen bedeckte – eher eine Wirkung der Aufregung als der Scham.

»Was wollt Ihr von mir, Pfadfinder?« fragte sie; »hab‘ ich nicht bereits meinem armen Vater versprochen, ganz nach Euren Wünschen zu handeln?«

»Dann wünsch‘ ich folgendes: Hier steh‘ ich, ein Mann der Wälder und von wenig Wissen, obgleich ich fürchte, daß mein Ehrgeiz vielleicht meine Verdienste übersteigt, und ich will mir Mühe geben, beiden Teilen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Fürs erste ist es hinsichtlich unserer Gesinnungen für Sie zugestanden, daß wir beide Sie mit gleicher Innigkeit lieben; Jasper meint zwar, daß seine Gefühle die tieferen sein müßten, aber ich kann das als ehrlicher Mann nicht zugeben, weil es mir vorkommt, als könnt‘ es unmöglich wahr sein, sonst würde ich mich frei und offen drüber aussprechen. In dieser Beziehung, Mabel, wären also unsere beiderseitigen Verhältnisse die gleichen. Was mich anbelangt, so steht es mir als dem Ältesten zuerst zu, daß bißchen, was zu meinen Gunsten spricht, ebensogut wie das Gegenteil vorzubringen. An der ganzen Grenze, glaub‘ ich, gibt’s keinen, der mich als Jäger übertrifft. Wenn also Wildbret und Bärenfleisch oder selbst Vögel und Fische in unserer Hütte selten sein sollten, so müßte die Schuld davon wahrscheinlich eher der Natur und der Vorsehung zugeschrieben werden als mir. Kurz, es kommt mir vor, daß die Frau, die mir folgt, sich nie über Mangel an Nahrung zu beklagen haben wird. Aber ich bin schrecklich unwissend! Es ist zwar wahr, ich spreche mehrere Sprachen, wie sie eben sind, aber ich bin weit entfernt, auch nur in meiner eigenen gründlich bewandert zu sein. Dann bin ich älter als Sie, Mabel, und der Umstand, daß ich so lange der Kamerad Ihres Vaters gewesen bin, mag gerade kein großes Verdienst in Ihren Augen sein. Auch wollt‘ ich, ich wäre hübscher: Aber wir sind eben, wie uns die Natur gemacht hat und, besondere Anlässe ausgenommen, sollte sich der Mensch am allerletzten über sein Aussehen beklagen. Wenn ich nun alles, Alter, Aussehen, Kenntnisse und Gewohnheiten in Betracht ziehe, Mabel, so sagt mir mein Gewissen, daß ich durchaus nicht für Sie passe, wenn ich nicht etwa gar Ihrer ganz unwürdig bin, und ich würde zur Stunde meine Hoffnung schwinden lassen, wenn nicht etwas in meinem Herzen klopfte, was sich schwer loswerden läßt!«

»Pfadfinder! Edler, großmütiger Pfadfinder!« rief Mabel, indem sie seine Hand faßte und mit einer Art heiliger Verehrung küßte: »Ihr tut Euch selbst unrecht – Ihr vergeßt meinen armen Vater und Euer Versprechen – Ihr kennt mich nicht!«

»Nun – da ist Jasper«, fuhr der Kundschafter fort, ohne sich beirren zu lassen; »bei ihm ist der Fall anders. Hinsichtlich der Versorgung und der Liebe findet kein großer Unterschied zwischen uns statt, denn der Junge ist mäßig, fleißig und sorgsam. Auch ist er sehr unterrichtet, kann Französisch, liest viele Bücher, darunter auch einige, die Sie, wie ich weiß, selbst gerne lesen, und kann Sie allezeit verstehen, was vielleicht mehr ist, als ich von mir selbst sagen kann.«

»Wozu dies alles«, unterbrach ihn Mabel ungeduldig – »warum sprecht Ihr jetzt, warum sprecht Ihr überhaupt davon?«

»Dann hat der Junge eine Art, seine Gedanken auszudrücken, in der ich es ihm, wie ich fürchte, nie gleichtun kann. Wenn es was auf Erden gibt, was meine Zunge kühn und beredt machen kann, Mabel, so sind Sie’s, und doch hat mich Jasper bei unseren letzten Gesprächen auch in diesem Punkt übertreffen, so daß ich mich vor mir selbst schämen muß. Er sagte mir, wie einfach, wie redlich und gütig Sie wären und wie wenig Sie auf die Eitelkeiten der Welt achteten; denn obgleich Sie die Gattin von mehr als einem Offizier werden könnten, wie er meint, so hielten sie doch fest an ihrem Gefühl und zögen es vor, sich selbst und der Natur treu zu bleiben, als nach dem Rang einer Obristenfrau zu trachten. Er hat mir in der Tat das Blut ordentlich warm gemacht, als er von Ihrer Schönheit sprach, auf die Sie gar nicht einmal zu sehen schienen, und wie Sie so natürlich und anmutsvoll gleich einem jungen Reh dahinschritten, ohne es selbst zu wissen; dann von der Richtigkeit und Gerechtigkeit Ihrer Gedanken und der Wärme und dem Edelmut Ihres Herzens –«

»Jasper!« unterbrach ihn Mabel und ließ nun ihren Gefühlen, die um so unbezwinglicher zum Ausbruch kamen, je länger sie niedergedrückt worden waren, den Zügel schießen; sie fiel in die offenen Arme des jungen Mannes und weinte wie ein Kind und fast ebenso hilflos an seiner Brust. – »Jasper! Jasper! Warum habt Ihr mir das verborgen?«

Eau-douces Antwort war nicht sehr verständlich, und auch die nun folgende flüsternde Zwiesprache nicht besonders zusammenhängend; aber die Sprache der Liebe versteht sich leicht. Die nächste Stunde entschwand den beiden wie sonst einige Minuten, soweit nämlich die Berechnung der Zeit in Betracht kommt; und als Mabel sich wieder faßte und sich besann, daß es auch noch andere Leute gebe, maß bereits ihr Onkel das Deck des Schiffes mit ungeduldigen Schritten und wunderte sich, warum Jasper den günstigen Wind zu benützen säume. Zuerst gedachte sie jedoch des Mannes, der wahrscheinlich diese unerwartete Äußerung ihrer wahren Gefühle am schmerzlichsten empfand.

»O Jasper!« rief sie im Tone des plötzlich auftauchenden Schuldbewußtseins – »der Pfadfinder!«

Eau-douce zitterte – nicht aus unmännlicher Furcht, wohl aber in der schmerzlichen Überzeugung, seinen Freund tief gekränkt zu haben, und sah nach allen Richtungen aus, ihn zu erblicken. Aber Pfadfinder hatte sich mit einem Zartgefühl, das dem Takt und der Bildung eines Hofmanns Ehre gemacht hätte, zurückgezogen. Die beiden Liebenden saßen noch einige Minuten beisammen und harrten seiner Rückkehr, ohne zu wissen, was sie unter so bezeichnenden und eigentümlichen Umständen am geeignetsten tun könnten. Endlich sahen sie ihren Freund langsam und nachdenklich auf sie zukommen.

»Ich weiß nun, was Ihr unter dem Sprechen ohne Zunge und dem Hören ohne Ohren verstandet, Jasper«, sagte er, als er dem Baum nahe genug war, um verstanden zu werden. »Ja, ja, ich weiß es jetzt; und es ist eine sehr angenehme Art von Unterredung, wenn man sie mit Mabel Dunham halten kann. Ach! ich hab’s ja dem Sergeanten gesagt, daß ich nicht für sie passe – daß ich zu alt, zu unwissend und zu wild sei; aber er wollte es anders wissen.«

Jasper und Mabel saßen schweigend da. Sie sprachen nicht, sie bewegten sich nicht einmal, obgleich sich beide in diesem Augenblick einbildeten, sie könnten sich von ihrem eben erst gefundenen Glück trennen, um den Seelenfrieden ihres Freundes wiederherzustellen. Jasper war blaß wie der Tod; Mabel hatte aber die jungfräuliche Scham das Blut auf die Wangen getrieben, die in einem Rot strahlten, das sich kaum mit dem ihrer heitersten und glücklichsten Stunden vergleichen ließ. Pfadfinder blickte sie mit einer Innigkeit an, die er nicht zu verbergen suchte und brach dann mit einem wilden Entzücken in sein gewohntes Lachen aus, wie wohl Leute von geringer Bildung ihre Lustigkeit auszudrücken pflegen. Diese augenblickliche Heiterkeit erstarb aber schnell in dem Schmerz des Bewußtseins, daß ihm dieses herrliche junge Wesen für immer verloren sei. Es bedurfte einer vollen Minute, bis sich der einfache, edle Mann von dieser erschütternden Überzeugung erholte; dann gewann er seine frühere würdevolle Haltung wieder und sprach mit Ernst, ja beinahe mit Feierlichkeit:

»Es war mir immer bekannt, Mabel, daß die Menschen ihre Gaben haben, obschon ich vergaß, daß es nicht zu den meinigen gehörte, den Jungen, Schönen und Unterrichteten zu gefallen. Ich hoffe, daß der Mißgriff keine allzuschwere Sünde gewesen ist, und wenn er es war, so bin ich wahrlich schmerzlich genug dafür gestraft worden. Ich weiß, was Sie sagen wollen, Mabel, aber es ist nicht nötig. Ich fühle es ganz, und das ist so gut, als ob ich es ganz hörte. Ich habe eine bittere Stunde gehabt, Mabel; ich habe eine sehr bittere Stunde gehabt, Junge –«

»Eine Stunde?« wiederholte Mabel, als sich Pfadfinder dieses Wortes zum erstenmal bediente, und das verräterische Blut, das ihrem Herzen zuzuströmen angefangen hatte, flutete wieder ungestüm gegen ihre Schläfe; »gewiß, es kann keine Stunde gewesen sein, Pfadfinder.«

»Eine Stunde?« rief Jasper gleichzeitig; »nein, nein, mein würdiger Freund; es sind noch keine zehn Minuten, seit Ihr uns verlassen habt!«

»Nun, es mag so sein, obgleich mir’s wie ein Tag vorkam. Ich fange übrigens an zu glauben, daß der Glückliche seine Zeit nach Minuten und der Elende nach Monaten zählt. Doch, reden wir nichts mehr davon; es ist nun alles vorbei, und viele Worte darüber machen euch nicht glücklicher, während sie mir nur sagen, was ich verloren habe, und wahrscheinlich auch, wie sehr ich verdiente, es zu Verlierern. Nein, nein, Mabel, Sie brauchen mich nicht zu unterbrechen; ich gebe alles zu, und Ihre Gegenrede, so gut sie auch gemeint sein mag, wird meinen Sinn nicht ändern. Nun, Jasper, sie ist die Eure, und obgleich mir’s schwer ankommt, dran zu denken, so will ich doch glauben, daß Ihr sie glücklicher machen werdet, als ich es vermocht hätte. Ich hätte wohl besser getan, dem Sergeanten nicht zu glauben, und mich an das halten sollen, was mir Mabel am See sagte; denn Vernunft und Urteilskraft mußten mir sagen, daß sie recht hatte; aber es ist so angenehm, das zu denken, was wir wünschen, und man läßt sich so leicht beschwatzen, wenn man sich selbst gern überreden möchte. Aber ich hab’s schon gesagt, was nützt all das Gerede? Es ist zwar wahr, Mabel schien einzuwilligen, aber sie tat es ja nur ihrem Vater zu Gefallen – und weil sie sich wegen der Wilden fürchtete –«

»Pfadfinder!«

»Ich verstehe Sie, Mabel; aber ich hab‘ Sie nicht kränken wollen – gewiß nicht. Bisweilen ist mir’s, als möcht‘ ich gerne in eurer Nachbarschaft leben, damit ich euer Glück mitansehen könnte; es ist aber im Grunde doch besser, wenn ich das Fünfundfünfzigste ganz verlasse und zum Sechzigsten zurückkehre, das sozusagen mein angeborenes ist. Vielleicht wär’s auch besser gewesen, wenn ich es nie verlassen hätte, obgleich man meine Dienste in dieser Gegend nötiger hatte und ich einige vom Fünfundfünzigsten aus früheren Jahren kannte – den Sergeanten Dunham zum Beispiel, der ja vorher bei einem anderen Korps stand. Doch, Jasper, es reut mich nicht, Euch kennengelernt zu haben –«

»Und mich, Pfadfinder?« unterbrach ihn Mabel ungestüm: »Bereut Ihr es, mich gekannt zu haben? Wenn ich das glauben müßte, so könnte ich nie zum Frieden mit mir selbst kommen.«

»Sie, Mabel?« erwiderte der Kundschafter, indem er ihr Hand ergriff und dem Mädchen mit argloser Einfalt und inniger Liebe ins Antlitz blickte – »wie könnte mir’s leid tun, daß ein Strahl der Sonne das Dunkel eines freudlosen Tages einen Augenblick erleuchtete? Ich schmeichle mir nicht, daß ich in der nächsten Zeit so leichten Herzens dahinwandern oder so gesund schlafen kann, wie ich es sonst gewohnt war; aber ich werde mich stets erinnern, wie nahe mir ein unverdientes Glück stand. Weit entfernt, Ihnen Vorwürfe zu machen, Mabel, tadle ich vielmehr nur mich selbst, weil ich eitel genug war, auch nur einen Augenblick an die Möglichkeit zu denken, daß ich einem so holden Wesen gefallen könne; denn gewiß, Sie haben mir alles gesagt, als wir auf der Anhöhe am See darüber sprachen, und ich hätte Ihnen damals glauben sollen. Es ist ja auch ganz natürlich, daß junge Mädchen ihre Neigungen besser kennen als die Väter. Na, ’s ist jetzt im reinen – und mir bleibt nichts mehr übrig, als Euch Lebewohl zu sagen, damit Ihr abreisen könnt.«

»Lebewohl zu sagen?« rief Mabel.

»Lebewohl?« wiederholte Jasper – »es wird doch nicht Eure Absicht sein, uns zu verlassen?«

»Es ist das beste, Mabel; es ist gewiß das beste, Eau-douce, und auch das klügste. Wenn ich bloß meinen Gefühlen folgen wollte, so könnt‘ ich in eurer Gesellschaft leben und sterben; wenn ich aber der Vernunft Gehör gebe, so muß ich euch hier verlassen. Ihr geht nach Oswego zurück und laßt euch, sobald ihr dort ankommt, zusammengeben! denn alles das ist bereits mit Meister Cap abgemacht, der sich wieder nach dem Meer sehnt; er weiß, was geschehen muß. Ich für meinen Teil aber will wieder in meine Wälder und zu meinem Schöpfer zurückkehren. Kommen Sie, Mabel«, fuhr der Pfadfinder fort, indem er sich erhob und dem Mädchen ernst und fast feierlich nähertrat – »Küssen Sie mich; Jasper wird mir diesen Kuß nicht mißgönnen, denn es gilt den Abschied.«

»O Pfadfinder!« rief Mabel, warf sich in die Arme des Kundschafters und küßte seine Wangen wieder und wieder mit einer Unbefangenheit und Wärme, die sie nicht gezeigt hatte, als sie an Jaspers Brust ruhte. »Gott segne Euch, teuerster Pfadfinder. Ihr werdet uns später besuchen? Wir werden Euch wiedersehen? Wenn Ihr alt seid, so werdet Ihr zu unserer Wohnung kommen, und ich darf dann Eure Tochter sein?«

»Ja, das ist’s«, erwiderte Pfadfinder, nach Luft schnappend; »ich will es versuchen, die Sache in diesem Licht zu betrachten. Sie sind geeigneter, meine Tochter als mein Weib zu sein – ja, so ist es. Lebt wohl, Jasper! Wir wollen nun zu dem Kahn gehen; es ist Zeit, daß Ihr an Bord kommt, und Meister Cap wird längst ungeduldig sein!«

Pfadfinder ging ernst und ruhig voraus, dem Ufer zu. Sobald sie den Kahn erreicht hatten, faßte er noch einmal Mabels Hände, hielt sie auf Armeslänge von sich und blickte ihr aufmerksam ins Antlitz, bis die ungebetenen Tränen aus seinen Augen quollen und über seine rauhen Wangen niederflossen.

»Segnet mich, Pfadfinder«, sagte Mabel, indem sie sich ehrfurchtsvoll auf die Knie niederließ; »segnet mich wenigstens, ehe wir scheiden!«

Der einfache, hochherzige Mann tat, wie sie wünschte, half ihr in den Kahn und riß sich dann mit schwerem Herzen los. Ehe er sich jedoch zurückzog, nahm er noch Jasper ein wenig auf die Seite und sprach folgendes:

»Euer Herz ist gut, und Ihr seid von Natur edel, Jasper; aber wir sind beide rauh und wild im Vergleich mit diesem holden Geschöpf. Gebt auf sie acht, und laßt ihren zarten Charakter nie die Rauheit der männlichen Natur fühlen. Ihr werdet sie bald auskennen, und der Herr, der in gleicher Weise über dem See und den Wäldern thront, der mit Lächeln auf die Tugend und mit Zürnen auf das Laster blickt, erhalte Euch glücklich und des Glückes würdig!«

Pfadfinder winkte seinem Freund zum Abschied und blieb, auf seine Büchse gelehnt, stehen, bis der Kahn die Seite des Scud erreicht hatte. Mabel weinte, als ob ihr das Herz brechen wollte, und verwendete kein Auge von der offenen Stelle des Baumgangs, wo die Gestalt des Pfadfinders sichtbar war, bis der Kutter um eine Spitze bog, die die Aussicht nach der Insel schloß. Bei diesem letzten Blick war die sehnige Figur dieses außerordentlichen Mannes so bewegungslos, als wäre eine Statue an diesem einsamen Orte als Denkstein der kürzlich hier vorgefallenen Ereignisse aufgestellt worden.