Sechzehntes Kapitel.

Sechzehntes Kapitel.

Unserem wachsamen Abenteurer entgingen diese schlimmen, wohlbekannten Vorzeichen nicht. Kaum erblickte er die eigentümliche Atmosphäre, die plötzlich das geheimnisvolle Bild, den Gegenstand seines ängstlichen, lang vergeblichen Forschens, umgab, so ertönte warnend seine klare und kräftige Stimme:

»Zu Hauf! Die Leesegel runter! Runter damit!« schrie er so rasch hintereinander, daß seine Untergebenen fast die ersten Worte nicht hören konnten. »Runter bis auf den letzten Lappen, vorn und hinten! Bemannt die Geitaue der Bramsegel, Earing. Geitaue auf und nieder! Herab mit allem, ihr Leute, munter! munter! Herab damit!«

Das war der Mannschaft der Carolina eine ebenso bekannte als willkommene Sprache, denn der gemeinste Matrose darunter hatte schon lange seine eigenen Gedanken über die leichtsinnige Art, wie sein Kommandeur mit der Sicherheit des Schiffes sein Spiel trieb und frech den unglückverkündenden Symptomen des Wetters Trotz bot. Allein sie verkannten den Scharfblick und die Beobachtungsgabe Wilders. Er hatte allerdings das Bristoler Handelsschiff zu einer bisher noch nicht erreichten Schnelligkeit angetrieben; allein noch sprach die Tatsache zu seinen Gunsten, daß seine vermeintliche Verwegenheit bis jetzt dem Schiffe keinen Schaden zugezogen hatte. Als indessen der rasche, plötzliche Befehl ertönte, war das ganze Schiff augenblicklich in einem Aufruhr. Ein Dutzend Matrosen riefen aus verschiedenen Teilen des Schiffes einander zu, mit Stimmen, die es dem brüllenden Ozean zuvorzutun suchten; es sah aus, als wenn sich alles in einen allgemeinen Wirrwarr auflösen wollte, allein der nämliche Herrschergeist, der so unerwartet ihre regste Tätigkeit hervorzurufen wußte, verstand es auch, ihre kräftigen, aber verwirrenden Anstrengungen zur Ordnung zurückzuführen. Seine bisherigen Alarmrufe hatten zum Zweck, die Schläfrigen munter und die Trägen regsam zu machen; sobald er aber diesen Zweck erreicht und jeden in voller Tätigkeit sah, erteilte er seine Befehle, zwar nicht ohne den Nachdruck, den der Drang des Augenblickes gebot, aber doch mit einer Ruhe, wodurch die Kräfte jedes einzelnen erst dahin geleitet wurden, wo sie nützen konnten.

Die zahllose Masse von Segeln, die am düstern, drohenden Himmel wie ebenso viele lichte Wölkchen ausgesehen hatten, flatterten wild im Winde, als sie von ihren hohen Stangen herabgelassen wurden, und nach einigen Minuten war das Schiff ausschließlich auf die Wirkung der schweren, größere Sicherheit darbietenden Segel beschränkt. Die Herstellung dieses Zweckes hatte nicht nur eine feste und entschlossene Leitung von seiten des Kommandeurs erfordert, sondern auch alle Kräfte sämtlicher Mannschaft bis aufs Äußerste in Anspruch genommen. Darauf folgte eine kurze, angstvolle Pause der Erholung, während der jedes Auge nach der Gegend hin gerichtet war, wo die schlimmen Vorzeichen zuerst entdeckt worden waren, und ein jeglicher versuchte die Bedeutung zu entziffern, mit einer mehr oder minder richtigen Einsicht, je nach dem Grade der gesammelten Erfahrung während seiner kürzeren und längeren Dienstzeit auf dem verräterischen, zu seiner Heimat gewordenen Elemente.

Die matte Spur der Gestalt des fremden Schiffes war in der lichten Nebelflut zerschmolzen, die sich jetzt die See entlang wälzte wie fliegender Dampf, halb durchsichtig, gespenstisch, und dem Scheine nach fühlbar. Der Ozean selbst schien gewarnt vor einem bevorstehenden schnellen und heftigen Wechsel. Nicht mehr brachen sich die Wellen mit schäumenden und schimmernden Spitzen, nein, schwarze Wassermassen sah man ihre zürnenden Häupter gegen den östlichen Horizont erheben, die aber nun nicht wie vorhin jenes eigentümliche funkelnde Geflimmer von sich gaben. Auch der bisher straffe Wind, der sich zuweilen zu einer kleinen Bö gesteigert hatte, begann zu lunen und unsicher zu werden, gleichsam eingeschüchtert von der höheren Macht, die sich an der vom Horizont begrenzten Seelinie, nach der Richtung des nächsten Festlandes hin, zu sammeln anfing. Mit jedem Moment verloren die östlichen Windstöße an Kraft und wurden schwächer und schwächer, bis man nach wenigen Augenblicken die schweren Segel gegen die Masten anschlagen hörte: – drauf eine schreckliche, ahnungsvolle Stille! In diesem Augenblick erleuchtete ein flüchtiger Blitz die Finsternis des Ozeans, und dann rollte ein Knall, wie der einer plötzlichen Entladung des Donners, auf dem Gewässer daher. Die Matrosen sahen sich erschrocken an und standen verblüfft, als wenn sie vom Himmel eine Warnung vernommen hätten, von dem, was bevorstehe. Allein der mehr besonnene und scharfsichtige Kommandeur legte das Signal ganz anders aus. Im vollen Kennerstolz die Lippen aufwerfend, murmelte er rasch und mit einer Art von Verachtung vor sich hin:

»Er glaubt wohl, wir schlafen hier? Ha, er ist selbst mitten drin und will uns gegen das Herannahende warnen? Wunderlich! Er bildet sich ein, wir seien müßig gewesen, seit die Mitternachtswache abgelöst ist!«

Dann drehte er sich auf der Schanze einigemal um, den Blick unaufhörlich von einer Himmelsgegend nach der anderen wendend, von dem schwarzen stillen Wasser, auf dem sein Schiff schlingerte, zu den Segeln, und von seinen stummen, in tiefer Erwartung versunkenen Matrosen hinauf zu den matten Linien der Spieren, die sich über seinem Haupt hin- und her bogen und sich in dem düstern Getriebe der Wolken wie ebenso viele kleine gekrümmte Stäbchen ausnahmen.

»Braßt die Hinterrahen ans Kreuz!« rief er mit einer Stimme, die nur einen Ton über die gewöhnliche Sprechstimme erhoben, aber doch einem jeden auf dem Verdeck vollkommen vernehmlich war. Selbst das Schwirren der Blöcke, als die Spieren langsam und schwerfällig in die genannte Lage gedreht wurden, steigerte das Erhabene des Augenblicks und tönte in den Ohren der Erfahreneren wie Signale furchtbarer Vorbereitung.

»Holt die großen Segel an!« fuhr Wilder nach einem kurzen Augenblick der Überlegung mit derselben beredten Ruhe in seinen Befehlen fort. Darauf sah er noch einmal nach dem drohenden Horizont hin und fügte dann mit Nachdruck hinzu: »Rollt sie zusammen, rollt sie beide zusammen. – Nehmt die Segel oben weg! Beschlagt die großen Untersegel!« schrie er hinauf; »rollt sie zusammen, rasch! Zusammen damit, Jungens! frisch, sag‘ ich!«

Die Matrosen fühlten wohl, daß der Drang des Augenblicks groß war, und die Töne ihres Kommandeurs beseelten sie alle zur äußersten Anstrengung. In einem Augenblick sah man zwanzig dunkle Gestalten wie Vierfüßler munter die Takelage hinaufklettern, und einen Augenblick darauf waren auch schon die ungeheuern gewaltigen Segeltücher unschädlich gemacht und dicht zusammengerollt an ihren verschiedenen Spieren befestigt.

Die Leute stiegen von den Rahen ebenso schnell wieder herab, als sie hinaufgestiegen waren, dann folgte noch eine kurze Erholungspause. In diesem Augenblick würde die Flamme eines Lichtes kerzengerade gen Himmel gestiegen sein, so windstill war es. Der regelmäßig antreibenden Gewalt des Windes beraubt schwankte das Schiff in den Vertiefungen zwischen den zunehmend kleiner werdenden Wellen. Es schien, als ob das aufgeschreckte Element jetzt alle die Teilchen, die es kurz vorher in der Gestalt zahlloser Wogen auf seiner Oberfläche wild herum tanzen ließ, in den sicheren Hort seines ungeheuern Schoßes zurückriefe. Bald bespülte das Wasser mürrisch den unteren Rand des Schiffes, bald schoß es in unzähligen kleinen schimmernden Kaskaden vom Verdeck, wenn das arbeitende Fahrzeug von der einen Seite einer Woge hinabstürzte und sich erhob, um eine neue zu erklimmen. Jede Schattierung am Himmel, jedes Rauschen des Wassers, jedes trübe und niederschlagende Gesicht, das bei einem vorübergehenden Schimmer sichtbar wurde, erhöhte die schmerzliche Spannung des Augenblicks. In diesem kurzen Zwischenraum des Erwartens und Ausruhens näherten sich die beiden Subalternoffiziere nochmals ihrem Kommandeur.

»Es ist eine entsetzenerregende Nacht, Herr Kapitän«, sagte Earing, der seines höheren Ranges halber das Gespräch einleitete.

»Ich kenne manche Beispiele, wo das Umsetzen des Windes weit plötzlicher eintrat«, war die Antwort.

»Es ist freilich wahr, Sir, wir hatten noch Zeit genug, unsere Drachen einzuziehen; aber bei alledem ist dieses Umsetzen von Warnungszeichen begleitet, vor denen wohl der älteste Seemann Respekt hat!«

»Ja,« fuhr Nighthead fort, mit einer Stimme, die an Rauheit und Gewalt das Grausenhafte der umgebenden Szene noch überbot; »jawohl, eine Kleinigkeit ist’s nicht, die gewisse Leute, die ich nicht nennen will, in einer Nacht wie dieser zur See ruft. Es war gerade ein solches Wetter, als ich die Bombenkiste Vesuv an einen Ort gehen sah, der so tief war, daß keine Bombe aus ihrem Mörser bis in die freie Luft hätte reichen können, wär’s auch angegangen, da eine abzudrücken, wo sie lag.«

»Ganz recht, solches Wetter war es auch, als der Grönländer an den Orkneyinseln strandete: die toteste Windstille, die je auf See gelegen.«

»Meine Herren,« sagte Wilder, mit einem eigentümlichen und etwas ironischen Druck auf dieses Wort; »was ist eigentlich Ihr Verlangen? Kein Lüftchen rührt sich, und das Schiff ist bis zu den Topps von Segeln entblößt!«

Diese Frage genügend zu beantworten, würde beiden Unzufriedenen schwer geworden sein. Der innere Sporn, der sie antrieb, war die unbestimmte, abergläubische Furcht vor etwas Geheimnisvollem, eine Furcht, die das bestimmtere und unzweideutigere Aussehen der Nacht freilich nicht wenig steigerte; doch hatte keiner von beiden seinen Mut und seemännischen Stolz so gänzlich verloren, daß er sich getraut hätte, die Blöße seiner ganzen Schwäche aufzudecken, zumal in einer Stunde, wo sie jeden Moment aufgefordert werden konnten, ihre Entschlossenheit und Unerschrockenheit durch die Tat zu beweisen. Demungeachtet aber verriet Earings Antwort, wie unumwunden sie auch war, was für ein Gefühl ihn am meisten beherrschte.

»Nu ja, das Fahrzeug ist in ziemlich gutem Stande,« sagte er, »obgleich der Augenschein uns allen die Lehre gegeben hat, daß es in einem schwer befrachteten Schiffe keine leichte Sache ist, mit einem Fahrzeug um die Wette zu segeln, von dem man nicht weiß, wer sein Steuer regieren, oder nach welchem Kompaß es segeln, oder wie tief es Wasser ziehen mag.«

»Das sag‘ ich auch,« setzte Nighthead hinzu; »für ein ehrliches Kauffahrteischiff ist die Carolina schnell genug, und wenig Rahesegelschiffe gibt’s unter denen, die nicht die königliche Flagge führen, die der Carolina den Wind abgewinnen, oder sie aus ihrem Fahrwasser bringen könnten, wenn sie ihre Leesegel beigesetzt hat. Aber bei solchem Wetter und zu solcher Stunde mag sich ein Seemann in acht nehmen! Seht dort jenes Nebellicht nach der Landseite zu, das so schnell auf uns zukommt, und dann sagt mir, ob es von der Küste von Amerika herkommt, oder nicht vielmehr aus dem fremden Schiff. Glaubt mir, das Schiff ist zwar lange unter unserer Leeseite gewesen; allein es gewinnt uns, ohne daß wir uns dessen versehen, endlich doch den Wind ab, wenn’s nicht schon geschehen ist. Ich lobe mir zum Nachbar ein Schiff, dessen Kapitän ich kenne, oder lieber gar keins – mehr sag‘ ich nicht!«

»Das ist Ihr Geschmack, Herr Nighthead,« sagte Wilder kalt: »meiner ist zufällig von ganz anderer Art.«

»Nu ja,« fiel der vorsichtigere und klügere Earing ein, »in Kriegszeiten und mit Kaperbriefen versehen, kann man in allen Ehren wünschen, mal einem Schiff zu begegnen, dessen Befehlshaber ein Fremder ist, sonst würde man niemals aus den Feind stoßen. Aber unter den jetzigen Umständen gesteh‘ ich, obgleich ein geborener Engländer, ich würde das Schiff in dem Nebel dort von Herzen gern laufen lassen, da man weder weiß, was für einer Nation es angehört, noch auf was für einer Fahrt es begriffen ist. Ach, Herr Kapitän, was wir jetzt, zur Zeit der Morgenwache, dort erblicken, das ist wahrlich nichts Tröstliches! Gar manch liebes Mal hab‘ ich die Sonne im Osten aufsteigen sehen, ohne daß es was geschadet hätte; aber nimmermehr kann ein Tag gut endigen, wenn das Licht zuerst in Westen anbricht. Herzlich gern schenkte ich dem Prinzipal die Gage eines ganzen Monats, wie blutsauer ich sie auch verdient habe, wüßte ich nur, unter welcher Flagge der Fremde dort segelt.«

»Franzose, Spanier oder Satan, dort kommt er!« schrie Wilder.

Dann, sich zu den stummen, aufpassenden Matrosen wendend, rief er mit einer Stimme, die durch das Heftige und Bedeutungsschwere darin entsetzlich klang: »Laßt die Hinterfalltaue schießen! Herum mit der Fockrahe! Herum damit, ihr Leute, den Augenblick!«

Gar wohl verstand die aufgeschreckte Mannschaft dies Kommando. Jeder Nerv, jeder Muskel wurde angestrengt, den Orders zeitig genug nachzukommen, um auf den Empfang des nahenden Sturmes bereit zu sein. Kein einziger gab einen Laut von sich; sondern jeder verwandte seine Kräfte und Geschicklichkeit, um der ernsten Stunde zu genügen. Auch war kein einziger Augenblick zu verlieren, noch der geringste Teil menschlicher Kräfte ohne mehr als hinreichenden Grund in Anspruch zu nehmen.

Der lichte und furchtbar drohende Nebel, der sich während der letzten Viertelstunde in Nordwest anballte, trieb nun auf sie zu, mit der Geschwindigkeit eines Rennpferdes. Schon hatte die Luft das eigentümlich Klamme des Ostwinds verloren; und zwischen den Mastbäumen fing der Wind an in kleinen Kreisen zu wirbeln – alles Vorboten des kommenden Sturmwinds. Jetzt sauste ein heulender Ton über den Ozean dahin, dessen Glätte stufenweise zu einer gekräuselten Glanzfläche weißen, fleckenlosen Schaums verwandelt wurde. Im nächsten Augenblick traf die Gewalt des Windes in vollster Wut das arbeitende Schiff.

Wilder hatte; als er den herannahenden Sturm bemerkte, den geringen Vorteil, den ihm das Abwechseln der Windstöße darbot, benutzen wollen, um das Schiff vor den Wind zu bringen; allein die träge Bewegung des Schiffes entsprach weder seiner eigenen Ungeduld, noch dem Drange des Augenblicks. Langsam und schwerfällig, mit der Seite von Norden abfallend, war es seiner Stellung nach der vollen Lage des Windes ausgesetzt. Glücklicherweise für alle, die in diesem wehrlosen Schiffe ein Leben zu verlieren hatten, wollte das Geschick nicht, daß die ganze Wucht des Sturms mit einem Male darauf fiele. Die Segel flatterten und zitterten an ihren starken Rahen, indem sie eine Minute lang abwechselnd voll wurden und wieder zusammenschrumpften; dann fuhr der jähe Orkan über ihre Spitzen weg.

Die Carolina bewährte sich in der Eigenschaft eines starken und doch leicht schwimmenden Schiffes, dem furchtbaren Druck des Sturmes nachgebend, bis sie einem auf dem Wasser liegenden Körper ähnlicher sah, als einem darauf schwimmenden. Sodann, als ob das Schiff ein Bewußtsein von der Gefahr hätte, tauchten seine Masten von ihrer tiefen Neigung wieder in die Höhe, und nun mußte sich das Schiff jeden Schritt vorwärts durch den heißesten Kampf erringen.

»Haltet das Steuer windwärts! So lieb euch euer Leben ist, klemmt es luv!« schrie Wilder mitten im Geheul des Sturms.

Der Veteran am Steuerrad gehorchte der Order mit vieler Festigkeit; allein vergebens haftete sein Blick an den Rand seines Vorsegels, um zu beobachten, wie das Schiff dem Manöver gehorchen würde. Noch zweimal, in ebenso vielen Augenblicken, neigten sich die hohen Masten gegen den Horizont, tauchten ebensooft zierlich wieder auf, bis sie, dem ungeheuern Druck unterliegend, den ganzen Bau flach aufs Wasser legten.

»Besinnung!« schrie Wilder, indem er Earing, der fassungslos und wie wahnsinnig am steilen Deck hinan rannte, beim Arm ergriff; »Besinnung! Es ist unsere Pflicht, gefaßt zu bleiben. Eine Axt her!«

Schnell, wie der Gedanke, der die Order eingab, gehorchte der Maat, sprang an das Besansegel, um den Befehl, der jetzt, wie er wohl wußte, folgen würde, mit eigenen Händen zu vollstrecken.

»Soll ich zuhauen?« fragte er mit aufgehobenen Armen und kräftiger gehaltener Stimme, die seine augenblickliche Verwirrung leicht vergessen machte.

»Noch nicht! Gehorcht das Schiff im geringsten seinem Steuer?«

»Nicht einen Zoll, Herr!«

»Dann zugehauen!« schloß Wilder ruhig das Kommando.

Ein einziger Hieb reichte hin. Das Reep, ohnedies schon durch die ungeheure Wucht, die es aufrecht hielt, bis zum Reißen gespannt, war kaum abgehauen, als die übrigen alle, eines rasch nach dem anderen, von selber abrissen und es nunmehr dem Mast allein überließen, das schwere und verwickelte Tauwerk zu tragen. Nun krachte das Holz, und nun fiel, gleich einem Baum mit längst angefressenen Wurzeln, das ganze Tauwerk vollends in die See, die es, noch am Mast, auch schon beinahe berührt hatte.

»Fällt das Schiff jetzt ab?« rief Wilder sogleich dem aufmerksamen Steuermann zu.

»Es gab ein bißchen nach, Herr; aber dieser frische Stoß legt’s wieder um.«

»Soll ich zuhauen?« schrie Earing vom Haupttauwerk, wohin er wie ein Tiger auf seine Beute gesprungen war.

»Haut zu!« war die Antwort.

Ein lautes und fürchterliches Krachen folgte diesem Befehl, obgleich erst verschiedene Male in den Hauptmast selbst eingehauen werden mußte. Die See verschlang wie vorher das ganze hineinstürzende Labyrinth von Rahen, Tauen und Segeln, und das Schiff, sich augenblicklich von seiner seitwärts geneigten Lage aufhebend, rollte langsam windwärts.

»Es richtet sich auf! Es richtet sich auf!« schrien zwanzig Stimmen, die bisher in einer Leben und Tod in sich schließenden Erwartung verstummt waren.

»Laßt es gemach abfallen!« fügte die gebieterische, aber fortwährend ruhige Stimme des jungen Kommandeurs hinzu. »Her! Rasch! Das Vormarssegel einschnüren! – Laßt’s einen Augenblick hängen, damit’s das Schiff aus der Nähe des Wracks kriegt! – Nun kappt, flink, ihr Leute, kappt zu, mit Äxten und Messern, was ihr könnt!«

Da die Matrosen jetzt durch die wiederkehrende Hoffnung mit frischer Kraft arbeiteten, so waren die Taue, durch die die gefallenen Spieren noch mit dem Schiffe verwickelt blieben, gar bald gekappt, und die Carolina, jetzt tot vor dem Winde hertreibend, schien den Schaum, der die See über und über bedeckte, kaum zu berühren. Der Wind kam das Meer entlang, heulend wie ferner Donner, und mit einer Wut, die das Schiff samt allem, was drin war, aus seinem eigenen Element zu heben drohte. In dem Augenblick, wo der Sturm herannahte, hatte einer der Matrosen die Falltaue des einzigen Segels, das noch übrig war, sehr weislich und vorsichtig fahren lassen: dadurch wurde das Bramsegel geräumiger, fiel aber auch tiefer am Mast herunter, daher der Wind es jetzt so sehr anfüllte, daß es den einzigen noch stehenden Mast umzubrechen drohte. Wilder sah die Notwendigkeit ein, dieses Segel aus dem Wege zu schaffen, aber auch zugleich die Unmöglichkeit, es zu beschlagen. Daher rief er Earing zu sich, wies auf den Gegenstand der Gefahr hin und gab den nötigen Befehl.

»Die Spiere dort kann solche Stöße unmöglich lange mehr aushalten,« schloß er, »und warten wir, bis sie von selber bricht, so fällt sie über die Seite, und bei der Schnelligkeit, mit der sich das Schiff bewegt, versetzt sie ihm höchstwahrscheinlich einen verderbenbringenden Schlag. Es müssen ein paar Leute hinaufgeschickt werden, um die Segel von den Rahen zu kappen.«

»Die Stange biegt sich wie ’ne Weidengerte,« erwiderte der Maat, »überdies ist das Unterteil des Mastes schon gesprungen. Bei diesem unbändigen Sturm kommt jeder in augenscheinlichste Lebensgefahr, wer sich auf das Topp raufwagt!«

»Sie können recht haben«, versetzte Wilder, plötzlich von der Wahrheit dieser Bemerkung überzeugt. »Bleiben Sie also hier; widerfährt mir was Menschliches, so versuchen Sie das Fahrzeug in Hafen zu bringen, wenigstens so weit nach Norden zu als die Vorgebirge von Virginien; auf keinen Fall steuern Sie auf Hatteras, in der gegenwärtigen Verfassung des …«

»Was haben Sie vor, Herr Kapitän?« unterbrach der Gehilfe seinen Kommandeur, der bereits seine Matrosenmütze aufs Verdeck geworfen hatte und im Begriff stand, noch einige hinderliche Kleidungsstücke auszuziehen, kräftig bei der Schulter fassend.

»Ich steig‘ rauf, um den Mast vom Bramsegel zu befreien, sonst verlieren wir die Spiere und wahrscheinlich das Schiff obendrein.«

»Sehr richtig, ich seh‘ das nur zu gut ein; soll man aber dem Eduard Earing nachsagen, ein anderer habe den Dienst getan, den er tun sollte? Es ist an Ihnen, das Fahrzeug bis zum Vorgebirge Virginiens zu führen, und an mir, das Bramsegel abzukappen. Geschieht mir Leides, je nu, so tragen Sie es ins Logbuch ein, mit einem oder zwei Worten über die Art, wie ich meine Rolle ausgespielt habe. Das ist immer die beste und passendste Grabschrift für einen Matrosen.«

Wilder widersetzte sich ihm nicht, und unbefangen nahm er seine beobachtende und nachdenkende Stellung wieder an, denn er war zu lange selbst zur Erfüllung der Dienstpflicht angehalten worden, um es auffallend zu finden, daß einem anderen das Gebot der Pflicht einleuchtete. Inzwischen schickte sich Earing standhaft an, das eben Versprochene auszuführen. Auf der Kuhl des Schiffes versah er sich mit einer zweckmäßigen Axt, worauf er, ohne zu den in sprachloser Aufmerksamkeit dastehenden Leuten ein Wörtchen zu sprechen, in das Vordertauwerk hineinsprang, wo der Sturm jede Ducht, jeden Schaft bis zum Reißen straff spannte. Die erfahrenen Blicke seiner Beobachter begriffen bald seine Absicht; und von demselben Kennerstolze bewegt, der ihn zu dem gefährlichen Unternehmen angespornt hatte, warfen auch sie sich auf die Linien, um sich mit ihm in eine Höhe zu schwingen, wo die Luft von hundert Orkanen wimmelte.

»Runter aus dem Vordertauwerk«, schrie Wilder durch einen Rufer. »Runter! Alle außer dem Maat herab!«

Seine Worte reichten wohl noch weiter als bis zu den Ohren der aufgeregten und pikierten Matrosen, die Earing nachkletterten; allein eben diese Aufgeregtheit vereitelte die Wirkung seines Befehls. Sie waren jeder viel zu sehr mit dem eigenen festen Vorsatz beschäftigt, um auf die Töne des Rückrufs zu achten. Es dauerte keine Minute, so sah man sie, den einen da, den anderen dort auf den Rahen verteilt, bereit, dem Signal ihres Befehlshabers zu gehorchen. Der Maat warf einen Blick um sich her, ergriff einen verhältnismäßig günstigen Moment des Wetters und tat einen Hieb auf das große Tau, das eine der Ecken des gespannten und fast platzenden Segeltuchs an der Unterrahe festhielt. Die Wirkung war beinahe dieselbe, als wenn man den Schlußstein eines schlecht zusammengekitteten Gewölbes heraushiebe. Mit einer lauten Explosion riß sich die Leinwand von allen Befestigungen los, und einen Augenblick lang sah man sie in der Luft, gleichsam von Adlerschwingen getragen, vor dem Schiffe vorbeisegeln. Das Fahrzeug hob sich auf einer trägen Welle, der zaudernden Nachzüglerin des früheren Windes, und schoß dann von der anderen Seite der rollenden Woge wieder herab, gleich sehr von seiner eigenen Wucht und der sich erneuernden Heftigkeit des Sturms getrieben. In diesem kritischen Augenblick, während die Matrosen oben noch immer nach der Richtung hinschauten, wo die kleine Wolke Leinwand verschwunden war, riß ein Taljereep des unteren Tauwerks mit einem solchen Geräusch, daß es selbst Wilder auf dem Deck hören konnte.

»Runter!« schrie er fürchterlich durch seine Trompete, »laßt euch an den Pardunen runter! Herab, wenn euch das Leben lieb ist, sag‘ ich! Alle runter!«

Nur ein einziger von ihnen allen ließ sich warnen, und man sah ihn mit der Schnelligkeit des Windes nach dem Verdeck zu gleiten. Allein ein Tau nach dem anderen ging los, und das verhängnisvolle Abbrechen des Mastes erfolgte ohne den geringsten Zwischenraum. Eine Sekunde schwankte das turmhohe Labyrinth und schien sich nach jeder Himmelsgegend hinzuneigen; dann aber, der Bewegung des Schiffsrumpfes nachgebend, fiel das Ganze mit einem Krach in die See. Stagen, Taljereepen, kurz, jedes Tau riß der fallende Mast wie einen Zwirnsfaden los, und der nackte und entblößte Rumpf des Fahrzeuges trieb weiter vor dem Sturm, als wenn sich nichts Hemmendes zugetragen hätte.

Eine sprachlose und doch beredte Pause folgte auf diesen Unfall. Es hatte den Anschein, als ob die Elemente durch das, was sie angerichtet hatten, nunmehr versöhnt wären; eingelullt schien das furchtbare Brüllen des Sturms auf einen Moment. Wilder sprang auf die Seite des Schiffs und konnte deutlich die Opfer unterscheiden, wie sie sich noch immer an ihren schwachen Stützen festhielten, konnte sehen, wie Earing mit der Hand Lebewohl winkte, mit einem echten Matrosenherzen, und wie einer, der nicht nur das Verzweiflungsvolle seiner Lage fühlte, sondern sich auch mit Ergebung in sein Schicksal zu fügen wußte. Darauf verschwand das Wrack von Spieren mit allen, die sich daran festhielten, in dem entsetzlichen, übernatürlich aussehenden Nebel, der sich von allen Seiten und vom Ozean bis zu den Wolken hinauf ausdehnte.

»Laßt ein Boot hinab!« schrie Wilder, ohne zu überlegen, daß bei einem solchen Küselwinde an Schwimmen oder sonstige Hilfe nicht zu denken war. Allein die verblüfften und verwirrten Seeleute, die noch am Bord waren, durften hierüber auch nicht erst belehrt werden. Keiner rührte sich, keiner gab auch das geringste Zeichen des Gehorsams. Wild um sich her schauend, suchte jeder in dem trüben Angesicht des andern dessen Meinung von dem Umfange des Übels zu erfahren; aber kein Mund öffnete sich.

»Es ist zu spät – es ist zu spät!« murmelte Wilder vor sich hin; »menschliche Geschicklichkeit, menschliche Anstrengung konnte sie nicht retten!«

»Segel, ahoi!« brüllte Nighthead mit einer Stimme voll abergläubischen Entsetzens.

»Mag’s doch nun herankommen,« erwiderte bitter sein junger Kommandeur; »der Sturm hat ihm die Arbeit erspart, das Unheil ist geschehen!«

»Sollt‘ es aber am Ende doch ein sterbliches Schiff sein, so ist es unsere Pflicht gegen die Eigentümer und die Reisenden, es anzusprechen, wenn man sich in diesem Orkan noch vernehmlich machen kann«, fuhr der zweite Gehilfe fort, indem er den Finger in den Nebel hinein ausstreckte, auf den matten, aber allerdings wirklich nahen Punkt hinzeigend.

»Es ansprechen! – Reisende!« murrte Wilder, des andern Worte unwillkürlich wiederholend. »Nein; lieber das Ärgste, als es ansprechen. Könnt Ihr das Fahrzeug sehen, das so schnell auf uns lostreibt?« fragte er rauh den achtsamen Seemann, der das Steuerrad der Carolina noch immer nicht aufgegeben hatte.

»Jawohl, Sir«, war die kurze, matrosenmäßige Antwort.

»Dann umgeschwait mit dem Schiffe, streicht das Steuer ganz an Backbord – vielleicht segelt er in der Dunkelheit bei uns vorbei, da wir mit dem Verdeck beinahe das Wasser berühren. Weit auf Backbord gestrichen, sag‘ ich!«

Die nämliche lakonische Antwort wie zuvor erfolgte, und das Bristoler Kauffahrteischiff strich einige Augenblicke lang ein wenig aus der Linie, in der der Fremde herannahte; allein ein zweiter Blick versicherte Wilder von der Vergeblichkeit des Versuches. Das fremde Schiff (und ein jeglicher am Bord hatte die innere Überzeugung, daß es kein anderes war als das, das man solange am nordwestlichen Horizont schweben sah) es fuhr, den Nebel durchschneidend, mit einer Geschwindigkeit heran, die der Blitzesschnelle des Sturmwindes fast gleichkam. Nicht ein Faden Leinwand war am Bord zu sehen, dagegen war jede Spierlinie hinauf bis zu den ins kleine verschwindenden und zart aussehenden Oberbramstengen an ihrem gehörigen Ort; kurz, die Schönheit und das Ebenmaß des ganzen Baues war erhalten, aber an keiner Stange war auch nur die Spur von einem dem Winde dargebotenen Segel zu erblicken. Vor seinem Buge her wälzte sich eine Schaummasse, die trotz der allgemeinen Aufregung des Ozeans deutlich zu unterscheiden war; und als es in den Bereich des Gehörs kam, glich das mürrische Rauschen dem Lärm eines Wasserfalls. Anfangs glaubten die Zuschauer auf dem Verdeck der Carolina, man sähe sie nicht, und einige der Matrosen riefen wahnsinnig nach Lichtern, damit die Schrecken der Nacht nicht mit einem gefürchteten Aufeinanderprall endigen möchten.

»Nein,« schrie Wilder; »schon sehen uns nur zuviele!«

»Ja, ja,« murrte Nighthead; »braucht nicht zu fürchten, man sieht uns nur zu gut, und zwar mit Augen, die nie aus einem sterblichen Kopfe stierten.«

Die Matrosen hielten inne. Noch einen Augenblick, und das lang gesehene, geheimnisvolle Schiff war schon innerhalb hundert Fuß Weges vor ihnen. Die Gewalt des Windes, der die Wogen sonst zu erheben pflegte, drückte jetzt mit der Wucht von Gebirgen das Element in sein Bett zurück: eine unendliche Fläche Schaums, aber keine, auch nicht die geringste Erhebung über den Wasserspiegel; und hob sich hier und da noch eine unachtsame Welle aus der Sicherheit des Meeresschoßes, so folgte die Strafe augenblicklich, der Küselwind jagte sie als glänzenden Wasserstaub weit, weit vor sich her. Diese schäumende und doch verhältnismäßig bewegungslose Fläche entlang kam nun der Fremde heran, alle Spieren ausgestreckt, stetig und erhaben, wie eine schwarze Wolke vor dem Winde treibt. Nirgendswo ein Lebenszeichen! Wenn ja Menschen darauf waren, die aus Luglöchern auf das bedrängte Wrack des Bristolers hinschauten, so taten sie es mit der sorgfältigsten Heimlichkeit und in einer Finsternis, gleich der des Sturmes hinter ihnen. Wilder hielt, solange der Fremde in der größten Nähe zu ihm war, in unsäglicher Spannung den Atem an sich. Da er aber kein Signal des Erkennens, keine menschliche Gestalt, noch die geringste Absicht gewahrte, die wütende Karriere womöglich aufzugeben, so überflog sein Antlitz ein Lächeln des Entzückens, und seine Lippen bewegten sich, als wenn ihm nichts mehr Freude machen könnte, als in seiner schlimmen Lage vom Fremden unberücksichtigt zu bleiben. Dieser jagte vorüber wie ein finsteres Gespenst: und nach einer Minute fing seine Gestalt schon an, in einer dichten Wasserstaubwolke immer weniger deutlich zu werden.

»Es verschwindet im Nebel!« brach Wilder, atemholend nach der fürchterlichen Pause der letzten Augenblicke, los.

»Jawohl im Nebel, oder in Wolken«, erwiderte Nighthead, der jetzt seinem unbekannten Befehlshaber nicht von der Seite wich und mit dem heftigsten Mißtrauen die geringste seiner Bewegungen beobachtete.

»In den Wolken oder in der See, mir gleich, wenn es nur fort ist.«

»Die meisten Seefahrer würden sich aber freuen, wenn sie sich, wie wir, auf einem bis aufs Verdeck geschorenen Rumpf befänden und ihnen ein fremdes Segel zu Gesichte käme.«

»Die Menschen laden aus Unwissenheit ihres wahren Wohles oft das zu sich ein, was ihnen den Untergang bereitet. Mag es weitersegeln, das ist mein Losungswort, mein Gebet! Es gehe vier Fuß, wenn wir einen gehen; und nun wünsch‘ ich nichts sehnlicher, als daß dieser Orkan fortblasen möge bis zum Sonnenaufgang.«

Nighthead schrak zusammen und warf einen anklagenden Seitenblick auf seinen Gefährten. Seine stumpfen Seelenkräfte, sein vom Aberglauben umdüstertes Gemüt konnten in einem solchen Aufruf an den Sturm nichts als die äußerste Gottlosigkeit erkennen, zumal in einem Augenblick, wo die Winde ohnedies schon ihre wildeste Wut zu erschöpfen schienen.

»Dies ist eine schwere Bö, ich geb‘ es zu,« sagte er, »und eine solche, wie sie viele Seefahrer ihr ganzes Lebenlang nicht zu sehen bekommen. Der aber weiß doch nur wenig von der See, wenn er glaubt, da, wo dieser Wind herkommt, gebe es nicht noch mehr.«

»Mag er doch blasen!« schrie der andere und rieb sich nicht ohne ein klein wenig Schwärmerei die Hände; »mein einziges Gebet ist, daß er fortdaure!«

Wenn Nighthead, in Hinsicht des Charakters des jungen Fremdlings, der so unbegreiflicherweise zum Besitz von Nikolas Nichols Amt gekommen war, überhaupt noch Zweifel hatte, so verschwanden sie jetzt mit einem Male. Mit der Miene eines Menschen, der soeben über etwas eine entschiedene Meinung gewonnen hat, ging er vorwärts, der stummen und gedankenvollen Mannschaft entgegen. Wilder widmete indessen den Bewegungen seines Untergeordneten keine Aufmerksamkeit, sondern fuhr stundenlang damit fort, auf und ab zu gehen, bald aufwärts nach dem Himmel schauend, bald ängstlich hin und her am Horizont herumspähend, während die Royal Carolina noch immer irrend vor dem Wind trieb, ein nacktes und geschorenes Wrack.

Siebzehntes Kapitel.

Siebzehntes Kapitel.

Mit dem Augenblick, wo Earing und seine unglücklichen Gefährten von ihrer schwindelerregenden Höhe in die See gestürzt wurden, hatte auch der Sturm den Gipfelpunkt seiner Stärke erreicht. Obgleich der Wind noch lange nach diesem verhängnisvollen Ereignisse zu wehen fortfuhr, so geschah dies doch mit immer abnehmender Heftigkeit. Sowie aber die Bö abnahm, fing die See an, sich zu heben, und das Schiff in demselben Grade zu arbeiten. Nun folgten zwei Stunden der angestrengtesten, umsichtigsten Sorgfalt von seiten Wilders, indem es seine ganze Sachkunde in Anspruch nahm, zu verhüten, daß der entblößte Rumpf des Bristoler Kauffahrteischiffes eine Beute der gierigen Wellen werde. Seine vollendete Geschicklichkeit war indessen der zu lösenden Aufgabe ganz gewachsen, und mit dem ersten Anzeichen des Tagesanbruchs längs dem Osten fingen Wind und Wogen an sich zu legen. Während dieses ganzen Zeitraums waren zwei erfahrene Matrosen, die er vorher an das Steuerrad beordert hatte, die einzigen von der sämtlichen Bemannung, die ihm in seinen Anstrengungen Beistand leisteten. Allein er war gegen die Vernachlässigung der übrigen um so gleichgültiger, als wirklich nicht viel mehr erforderlich war, als sein eigenes Urteil und die pünktliche Befolgung seiner Befehle durch die beiden genannten, unter seiner unmittelbaren Leitung handelnden Matrosen. Der Morgen rötete sich über einer Szene, die gar sehr verschieden war von der, die von der stürmischen Gräßlichkeit der Nacht bezeichnet worden war. Es war, als ob die Winde in ihrem unzeitigen Eifer ihre ganze Wut erschöpft hätten; von der mäßigen Bö, in die sich der Orkan gegen das Ende der Mitternachtwache verwandelt hatte, fielen sie in eine schlaffe, unstetige Kühlde, und ehe noch die Sonne aufging, hatte selbst dieses leise Schwanken einer toten Windstille Platz gemacht. Die See sank gleichzeitig mit dem Erlöschen der Macht, die sie aufgeregt hatte, und wie nun der goldene Sonnenstrahl das unbeständige Element mit seinem vollen Glanze übergoß, lag der Ozean mild und heiter da, und die langen, langsamen Bewegungen seiner Wellen glichen dem ruhigen Atemholen eines schlafenden Säuglings.

Es war noch früh, und die Heiterkeit des Himmels und der See verhießen einen Tag, der Ruhe genug darbieten dürfte zur Erfindung der nötigen Mittel, um das Schiff einigermaßen wieder unter die Gewalt seiner Mannschaft zu bringen.

»Untersucht die Pumpen«, sagte Wilder, als er sah, wie von der Mannschaft einer nach dem andern aus seinem Schlupfwinkel hervorzukommen begann, wo er sich mit seinen Sorgen während des letzten Teils der Nacht verkrochen hatte. »Habt Ihr mich gehört, Herr?« fügte er streng hinzu, als sich niemand anschickte, seinem Kommando Folge zu leisten. »Peilt die Pumpen, und schafft das Wasser bis auf den letzten Zoll aus dem Schiffe.«

Nighthead, an den Wilder diese Worte gerichtet hatte, sah düster und von der Seite auf seinen Kommandeur, dann wechselte er ganz eigene Blicke des Einverständnisses mit seinen Kameraden, ehe er es für gut befand, auch nur die geringste Bewegung zur Ausführung der erhaltenen Order zu machen. Allein es war etwas Zwingendes in der Gebietermiene seines Obern, das ihn endlich doch zum Gehorsam bewegte. Anfangs gingen die Matrosen zaudernd und mit einem gewissen fahrlässigen Wesen an den erwähnten Dienst, allein als der Peilstock in die Höhe stieg und sich die wohlbekannten Kennzeichen eines furchtbaren Lecks zeigten, da wurde der Versuch schneller und mit größerer Genauigkeit wiederholt.

»Wenn Zauberei das Wasser aus einem Schiffe rausschaffen kann, das schon halb angefüllt ist,« sagte Nighthead, indem er dem beobachtenden Wilder wieder einen seiner düsteren Blicke zuwarf, »so täte sie wohl dran, sich bald ans Werk zu machen; denn es erfordert die ganze Kunst eines Zauberers, und zwar eines solchen, der mehr als ein bloßer Pfuscher in der Zauberei ist, um die Pumpen der Royal Carolina nur zum Ansaugen zu bringen!«

»Ist das Schiff leck?« fragte sein Vorgesetzter mit einer Schnelligkeit in der Aussprache, die hinlänglich anzeigte, wie wichtig ihm die Nachricht schien.

»Noch gestern würde ich meinen Namen unerschrocken unter die Schiffsliste irgendeines Fahrzeuges gesetzt haben, das auf dem Ozean schwimmt; und hätte mich der Kapitän gefragt, ob ich mich auf die Beschaffenheit und Eigenschaften eines Schiffes verstände, so wahr ich Franz Nighthead heiße, meine Antwort wäre gewesen: Ja! Allein ich finde, der älteste Seemann kann vom Wasser noch Lektionen nehmen, und wär’s auch, indem er auf einem Schiffsbrett über eine Fähre setzt.«

»Wie ist das gemeint, Herr?« fragte Wilder, der nun erst das Meuterische in den Blicken seines Maaten und die drohende Weise, wie er von der Mannschaft unterstützt wurde, zu gewahren anfing. »Unverzüglich das Tau an die Pumpen angebracht, sag‘ ich, und das Wasser aus dem Schiff geschafft!«

Nighthead vollzog, obgleich mit Widerwillen, den ersten Teil der Order; und nach wenigen Augenblicken war alles instand, um den notwendigen, ja, wie es schien, dringenden Dienst des Pumpens anzufangen. Allein keiner legte Hand an das mühsame Werk. Wilder, der jetzt freilich Verdacht geschöpft hatte, entdeckte bald mit scharfem Blicke diese Widersetzlichkeit; strengeren Tones wiederholte er die Order und rief zwei der Matrosen beim Namen, sie auffordernd, den andern im Gehorsam voranzugehen. Allein sie zauderten, und das gab dem Maat Gelegenheit, sie durch seine Rede in ihrem meuterischen Vorhaben noch mehr zu bestärken.

»Wozu braucht’s der Hände, um an den Pumpen zu arbeiten, in einem Schiffe wie diesem?« sagte er und schlug dabei eine rohe Lache auf, in der sich zurückgehaltene Furcht und hervorbrechende Bosheit den Vorrang streitig machten. »Nach allem, was wir heut‘ nacht mit angesehen haben, würde sich keiner verwundern, wenn das Schiff auf einmal wie ein schnaubender Walfisch das Salzwasser herauszublasen anfinge.«

»Wie soll ich dieses Zaudern, diese Redensarten verstehen?« sagte Wilder, sich festen Trittes Nighthead nähernd, mit einem Auge, das zu stolz war, um selbst bei den unumwundensten Zeichen der Insubordination nicht gerade und ohne Blinzeln dreinzuschauen. »Seid Ihr es, Ihr, der in solchem Augenblicke der vorderste in der Pflichterfüllung sein sollte, und der es wagt, ein Beispiel des Ungehorsams zu geben?«

Der Gehilfe trat erschrocken einen Schritt zurück, seine Lippen bewegten sich, doch kein vernehmbarer Laut entkam ihnen. Mit einem ruhigen, gebietenden Tone hieß ihn Wilder nochmals selber Hand an den Pumpstock legen. Nun kam Nighthead die Stimme wieder, um rund heraus eine Weigerung auszusprechen. Im nächsten Augenblick war er auch schon von seinem entbrannten Kommandeur, dessen Schlag sich zu widersetzen, er weder Geschicklichkeit noch Kraft genug besaß, auf die Erde geworfen. Dieser entscheidenden Tat folgte ein einziger Moment atemlosen, ungewissen Schweigens unter der Mannschaft, darauf ein gräßlicher Laut gleichzeitig aus jeder Kehle und ein ebenso allgemeines Eindringen auf unsern wehrlosen und alleinstehenden Abenteurer – die unzweideutigen Signale erklärter Feindseligkeit. Mitten in ihrem Vorhaben, als schon ein Dutzend Hände die Person Wilders ergriffen hatte, lähmte sie ein Schrei von der Schanze her und veranlaßte einen augenblicklichen Waffenstillstand. Es war der Angstruf Gertrauds, der selbst auf das unmenschliche Vorhaben solcher Wesen einen Einfluß ausübte, und zwar in einem Moment, wo ihre rohe und unbändige Leidenschaften den höchsten Grad der Aufregung erreicht hatten. Wilder war befreit, ein und derselbe Impuls hatte aller Augen dahin gerichtet, woher der Ton gekommen war.

Während der letzten ereignisvollen Stunden der Nacht hatten die meisten derer, die ihre Pflicht auf dem Verdeck gehalten hatte, selbst das Dasein von Passagieren in der Kajüte vergessen. Dachte ja irgend jemand noch an sie, so war es der junge Seemann, der das Schiff leitete, in jenen flüchtigen Sekunden, wo sein Gemüt Muße fand, verstohlen in der Erinnerung auf sanftere Szenen hinzublicken, als den wilden Krieg der Elemente, der um ihn her wütete. Nighthead hatte ihrer erwähnt, wie er irgendeines andern Teils des Kargos erwähnt haben würde; ihr Geschick konnte seine abgehärtete Natur nicht rühren. Mistreß Wyllys hatte sich mit ihrer Pflegebefohlenen die ganze Zeit hindurch unten gehalten, sie blieb mithin von allem, was sich unterdessen zugetragen, vollkommen ununterrichtet. In ihren Hängematten vergraben, hatten sie wohl das Gebrüll der Winde und das unablässige Anschlagen des Wassers gehört; allein eben diese gewöhnlichen Begleiter eines Sturms hatten verhindert, daß sie das Krachen der abbrechenden Mastbäume und die rauhen Schreie der Matrosen vernahmen. Während der paar Momente entsetzlicher Ungewißheit, wo das Bristoler Schiff auf der Seite lag, blitzte freilich im Gemüt der erfahrenen Gouvernante eine Ahnung von dem wahren Zustand der Dinge auf, allein da sie fühlte, daß sie doch nichts nützen könnte, und ihre minder erfahrene Reisegefährtin nicht entsetzen wollte, so gewann sie es über sich zu schweigen. Die nun folgende Stille und verhältnismäßige Ruhe verleitete sie, ihre Besorgnisse für unbegründet zu halten; so daß sie ebensowohl als Gertraud, lange ehe der Morgen anbrach, in einen süßen und erfrischenden Schlummer versank. Beide waren endlich aufgestanden und zusammen aufs Verdeck gestiegen, und noch im ersten Ausbruch ihres Erstaunens über die Verheerung begriffen, die ihre Blicke traf, als der geschilderte, lange vorher beschlossene Angriff der Matrosen auf Wilder stattfand.

»Was bedeutet dieser entsetzliche Wechsel?« fragte Mistreß Wyllys mit zitternden Lippen und einer Wange, die trotz ihrer Selbstbeherrschung von Totenblässe überzogen war.

Tiefe Glut in den Augen, mit einer Stirn, finster wie der eben überstandene Sturm, antwortete Wilder, drohend den Arm nach den Angreifenden ausstreckend: »Meuterei bedeutet es, Madame, niederträchtige, feige Meuterei!«

»Konnte Meuterei die Masten vom Schiffe wegscheren und es als unbeholfenen Klotz auf der See lassen?«

»Hören Sie, Madame!« unterbrach sie der rohe Gehilfe, »mit Ihnen will ich offen reden, denn Sie kamen an Bord der Carolina als ein ehrlich zahlender Passagier, und jedermann weiß, wer Sie sind. Heut‘ nacht hab‘ ich Himmel und See sich benehmen sehen, wie ich es bisher niemals sah. Schiffe liefen vor dem Wind her, leicht und auftauchend wie Korkpfröpfe, die Spieren fest und unbeweglich ausgereckt, da doch dem unsrigen jeder Mast so glatt weggeschoren wurde, wie Barthaar durchs Rasiermesser. Auf Kreuzer ist man gestoßen, die einhersegelten, ohne daß lebendige Hände drauf gewesen wären, sie zu handhaben: kurz, kein Mann hier am Bord hat jemals so eine Mitternachtswache erlebt, wie die vergangene.«

»Und was hat das mit dem heftigen Auftritt zu schaffen, von dem ich eben Zeuge war? Hat denn das Geschick jede Art von Unfall über dies Schiff verhängt! – Können Sie mir Aufklärung geben, Herr Wilder?«

»Wenigstens können Sie nicht sagen, daß Sie ohne vorhergehende Warnung vor Gefahr das Schiff betraten«, erwiderte Wilder mit einem bittern Lächeln.

»Ja, ja,« fing der Gehilfe wieder an, »der Teufel selbst muß redlich sein, weil er dazu gezwungen ist, und seine Helfershelfer, die unter seinem Oberbefehl segeln, die haben, dem Himmel sei Dank, weder Mut noch Gewalt, anders zu handeln, wie sehr sie auch Lust dazu fühlen! Sonst wär‘ eine friedliche Seereise in diesen unruhigen Zeiten eine solche Seltenheit, daß man nicht viele treffen würde, kühn genug, sich ums liebe Brot aufs Wasser zu wagen. Ohne Warnung! Nein, nein, das müssen wir Euch lassen, Ihr habt oft und offen genug gewarnt. Als Nikolas Nichols beim Einwinden des Ankers der Unfall traf – die Warnung hätte der Kommissionär nicht übersehen sollen, denn es ist mir noch niemals vorgekommen, daß so ein Zufall zu so einer Zeit ohne das größte Unheil abgelaufen wäre. Dann hatten wir eine Warnung an dem Alten im Boot. Davon will ich gar nicht erst sprechen, daß es immer Unglück bringen muß, wenn man den Lotsen mit Gewalt aus dem Schiffe schickt. Als wäre das alles aber noch nicht genug, statt die Warnung anzunehmen und ruhig vor Anker liegen zu bleiben, müssen wir die Anker lichten, und einen sichern, freundlichen Hafen an einem Freitag, von allen Tagen der Woche gerade an einem Freitag, verlassen. Ich wundre mich nicht über das, was geschehen ist, im Gegenteil, ich wundre mich nur, daß ich mich noch unter den Lebendigen befinde; die Ursache hiervon ist aber die, daß ich meinen Glauben dem geschenkt habe, dem Glaube gebührt, nicht aber unbekannten Matrosen und fremden Kommandeurs. Hätte der Eduard Earing es ebenso gehalten, so würde er jetzt noch ein Brett zwischen sich und dem Meeresboden haben; allein er war nur halb willig, die Wahrheit zu glauben, und neigte sich im ganzen zu sehr auf die Seite des Aberglaubens und der Leichtgläubigkeit.«

Dieses ausgearbeitete und charakteristische Glaubensbekenntnis des Maaten war Wildern vollkommen verständlich, den weiblichen Zuhörern aber ein unauflösliches Rätsel. Nighthead hatte indessen keinen halben Entschluß genommen; er lag ihm fern, nachdem er so weit gegangen war, halb verrichteter Sache aufzuhören. Ohne viele Umschweife erklärte er der Frau Wyllys die verzweifelte Lage des Schiffes, und wie es höchst unwahrscheinlich sei, daß es sich noch viele Stunden über Wasser halten könne, indem ihn persönliche Untersuchungen überzeugt hätten, daß der untere Raum schon halb mit Wasser angefüllt sei.

»Was ist aber zu tun?« fragte die Erzieherin, einen Blick bitteren Schmerzes auf die blasse, zuhörende Gertraud werfend. »Ist kein Segel nahe, das uns von dem Wrack aufnehmen kann? Oder müssen wir hilflos untergehen?«

»Gott schütze uns gegen noch mehr fremde Segel!« rief der mürrische Nighthead. »Dort auf dem Spiegel hängt unsere Pinasse, und Land muß Nordwest innerhalb einiger vierzig Seemeilen liegen. Trinkwasser und Mundvorrat ist genug da, und zwölf starke Hände können schon ohne Mühe ein Boot nach dem Kontinent von Amerika rudern! Das heißt, wohlverstanden, wenn Amerika da noch ist, wo es gestern bei Sonnenuntergang zu sehen war.«

»Sie haben also vor, das Fahrzeug im Stich zu lassen?«

»Ja. Zwar ist der Nutzen des Prinzipals allen braven Matrosen teuer, doch das Leben ist süßer als Gold.«

»Der Wille des Himmels geschehe! Aber Sie haben doch nichts Arges im Sinn gegen diesen Herrn? Er hat, wie ich gewiß überzeugt bin, das Schiff unter höchst kritischen Umständen mit einer Geschicklichkeit geleitet, die weit über seine Jahre geht.«

Nighthead murmelte seine Ansicht unverständlich vor sich hin; dann ging er beiseite, offenbar um sich mit den Leuten zu besprechen, die bereits nur zu sehr geneigt waren, seine Pläne zu unterstützen, sie mochten noch so irrig, noch so gesetzlos sein. Es folgten nun ein paar Augenblicke der Ungewißheit, während Wilder ruhig und gelassen dastand, kaum imstande, ein Lächeln der Verachtung zu unterdrücken, das um seine Lippen spielte, kurz, mehr mit der Miene eines Menschen, der Gewalt hat, über das Schicksal anderer zu entscheiden, als eines solchen, über dessen Schicksal höchstwahrscheinlich in demselben Augenblicke entschieden wurde. Als die langsamen Willensmeinungen der Seeleute endlich zu einem Beschluß gediehen waren, schritt der Maat vorwärts, um das Ergebnis zu verkündigen. Doch waren seine Worte zur Mitteilung des wesentlichen Teils ihres Beschlusses überflüssig; denn eine Gruppe sammelte sich sofort um das Hinterboot, und schickte sich an, es in See zu lassen, während die übrigen sich damit beschäftigten, den nötigen Mundvorrat herbeizuholen. »Es ist Raum genug in der Pinasse für alle Christen hier im Schiff,« fing Nighthead wieder an; »und was die betrifft, die ihr Vertrauen auf eine gewisse Personage setzen, je nu, die mögen sich da nach Hilfe umsehen, wo sie sie bisher gefunden haben.«

»Soll ich aus alledem entnehmen,« sagte Wilder ruhig, »daß Eure Absicht sei, das Wrack und Eure Pflicht aufzugeben?«

Der halb zurückgeschüchterte, aber rachgierige Gehilfe begleitete seine Antwort mit einem Blicke, von dem es schwer war zu sagen, ob Triumph, ob Furcht darin die Oberhand hatten.

»Sie verstehen sich drauf, ein Schiff ohne Mannschaft fortzuschaffen, Sie werden daher wohl nie wegen eines Boots in Verlegenheit sein. Sie sollen sich indessen bei Ihren Freunden, wer sie auch sein mögen, nie darüber zu beklagen haben, daß wir Sie ohne die Mittel, das Land zu erreichen, gelassen haben, wenn Sie anders wirklich ein Landvogel sind. Dort ist die Barkasse!«

»Dort ist die Barkasse! Ihr wißt ja recht gut, daß ohne Stengen alle eure vereinigten Kräfte nicht hinreichen, sie nur vom Deck zu lüften; sonst würdet ihr sie auch wohl nicht stehen lassen.«

»Das Gesindel, das die Stengen von der Carolina weggenommen hat, kann sie auch wieder einsetzen,« rief ein Matrose mit grinsendem Lachen; »es dauert gewiß keine Stunde, nachdem wir fort sind, so kommt ein Kiellichter heran, der wird Euch die Spieren schon wieder einsetzen, und dann könnt Ihr die Küstenfahrt in Gesellschaft machen.«

Wilder schien jede Antwort zu verschmähen. Er fing an, auf und ab zu gehen, tiefsinnig, dabei aber doch gelassen und mit vollkommener Selbstbeherrschung. Inzwischen bewirkte es der allgemeine Wunsch der Mannschaft, das Wrack sobald als möglich zu verlassen, daß ihre Vorbereitungen unglaublich schnell zustande kamen. Die erstaunten und erschreckten Damen hatten kaum Zeit, sich über das Außerordentliche ihrer Lage einen klaren Begriff zu bilden, als die Gestalt des hilflosen Schiffspatrons an ihnen vorüber getragen wurde, und gleich darauf erging die Aufforderung an sie, ihren Platz an dessen Seite im Boot einzunehmen.

Dringend auf diese Weise zum Handeln aufgefordert, fühlten sie die Notwendigkeit, endlich einen Entschluß zu fassen. Vorstellungen, befürchteten sie, würden vergeblich sein; die wilden, boshaften Blicke, die unter der Arbeit von Zeit zu Zeit auf Wilder geworfen wurden, ließen die Gefahr ahnen, wenn diese halsstarrigen und unwissenden Gemüter zu neuen Tätlichkeiten wieder aufgeregt würden. Die Gouvernante beabsichtigte anfangs, sich an den verwundeten Schiffspatron zu wenden; allein der zerstreute, kummervolle Blick, den dieser um sich her tat, als er aufs Verdeck gehoben ward, und der Ausdruck von körperlichen sowohl als geistigen Schmerzen auf seinen rauhen Gesichtszügen, als er sie unter den Decken, in denen er getragen wurde, wieder vergrub, kündigte nur zu deutlich an, daß in seiner gegenwärtigen Lage nur wenig Hilfe von ihm zu erwarten war.

»Was bleibt uns zu tun übrig?« fragte sie endlich den scheinbar empfindungslosen Gegenstand ihres Kummers.

»Das wünschte ich selber zu wissen«, antwortete er hastig, indem er schnell und angestrengten Blickes den Horizont umher anschaute. »Es ist nicht unwahrscheinlich, daß sie die Küste erreichen, ja, dauert die Windstille vierundzwanzig Stunden, so erreichen sie sie gewiß.«

»Und wo nicht?«

»Bläst der Wind Nordwest, oder irgendwoher von der Küste, so ist’s um sie geschehen.«

»Aber das Schiff?«

»Muß untergehen, wenn es verlassen wird.«

»Dann will ich noch einmal versuchen, diese Herzen von Stein zu Ihren Gunsten zu bewegen! Ich weiß nicht, warum ich an Ihrem Wohl so sehr teilnehme, unbegreiflicher, junger Mensch! Doch die herbsten Leiden würde ich nicht scheuen, um nicht glauben zu müssen, daß Sie einem solchen Geschick unterlegen seien.«

»Halten Sie ein, teuerste Frau«, sagte Wilder, indem er die Fortgehende bei der Hand hielt. »Ich kann das Fahrzeug nicht verlassen.«

»Das wissen wir noch nicht. Die hartnäckigsten Naturen können zum Nachgeben gebracht, ja, der Stumpfsinn – taub gegen die Stimme der Belehrung – kann endlich bewogen werden, der des Flehens Gehör zu geben. Vielleicht gelingt es mir.«

»Sie haben ein Gemüt zu überwinden, ein Urteil zu überzeugen, ein Vorurteil zu besiegen, über das Sie keine Gewalt haben.«

»Wessen?«

»Mein eigenes.«

»Was haben Sie vor, Sir? Sie sind doch nicht schwach genug, der Empfindlichkeit gegen solche Wesen zu erlauben, Sie zu einer wahnsinnigen Handlung hinzureißen?«

»Habe ich das Ansehen eines Wahnsinnigen?« fragte Wilder. »Das Gefühl, das mich leitet, kann irrig sein, allein es ist nun einmal mit meinen Gewohnheiten, meinen Ansichten, ja ich darf wohl sagen mit meinen Grundsätzen, unzertrennlich verwebt. Die Ehre ist es, die mir verbietet, ein Schiff, das ich befehlige, zu verlassen, solang‘ noch eine Planke davon schwimmt.«

»Was kann ein einzelner Arm in einer solchen Krise nützen?«

»Nichts«, antwortete er mit einem traurigen Lächeln. »Ich muß aber sterben, damit andere, die in Zukunft nützlich sein könnten, ihre Pflicht, ihre ganze Pflicht erfüllen.«

Tief, fast bis zum Entsetzen ergriffen, sahen sowohl Mistreß Wyllys als Gertraud in sein ruhiges Antlitz mit dem Flammenauge. Die erstere las in der Gelassenheit seiner Miene das Unwiderrufliche einer Entscheidung. Die letztere schauderte sichtbar zusammen, wie sich das Bild des grausamen, seiner harrenden Geschickes, ihrem Geiste aufdrängte, und das Glutgefühl in ihrem jungen Herzen ließ sie seine Selbstaufopferung sogar für etwas Verdienstliches halten. Allein die Gouvernante sah aus dem Entschlusse Wilders neue Gründe zu Besorgnissen entspringen. Hatte sie von Anfang an Widerwillen dagegen gefühlt, sich und ihre Pflegebefohlene einer Bande anzuvertrauen, wie die war, die jetzt die oberste Gewalt besaß, so wurde dieser Widerwille jetzt mehr als verdoppelt durch den rauhen und lärmenden Ruf, zu eilen und bei ihnen Platz zu nehmen.

»Wollte Gott, ich wüßte, was ich wählen soll!« rief sie aus. »O sprechen Sie, raten Sie uns, junger Mann, wie Sie einer Mutter und Schwester raten würden.«

»Wäre ich so glücklich, so nahe und teure Verwandte zu besitzen,« erwiderte er mit Nachdruck, »so sollte, in einer Stunde, wie der gegenwärtigen, nichts auf der Welt uns trennen.«

»Ist denn Hoffnung für die auf dem Wrack Zurückbleibenden?«

»Nur geringe.«

»Und im Boot?«

Wilder machte beinahe eine minutenlange Pause. Noch einmal wendete er den Blick rund am glänzenden Horizont umher und ließ ihn besonders an der Himmelsgegend nach der Richtung des fernen Festlandes zu mit unendlicher Anstrengung forschend weilen. Kein Zeichen, das die wahrscheinliche Beschaffenheit des Wetters andeuten konnte, entging seiner Beobachtung, während auf seinem sprechenden Gesicht alle die verschiedenen Bewegungen deutlich zu lesen waren, die in seinem prüfenden Geiste aufeinander folgten. »So wahr ich ein Mann bin, Madame,« antwortete er innig, »dessen Pflicht es ist, Ihrem Geschlecht ratend und schützend beizustehen, ich traue dem Wetter nicht. Ich glaube vielmehr, es ist ebenso wahrscheinlich, daß uns irgendein vorübersegelndes Schiff erspäht und aufnimmt, als daß die, die sich in die Pinasse wagen, je das Land erreichen.«

»So lassen Sie uns bleiben«, sagte Gertraud, indem ihr das Blut, zum erstenmal, seit sie wieder auf dem Verdeck erschienen war, mit Macht in die blassen Wangen strömte. »Ich kann den Gedanken nicht ertragen, mit den Elenden dort in einem Boote zu sein.«

»Rasch, rasch!« rief Nighthead ungeduldig. »Jede Minute Tageslicht ist für uns alle eine Minute Leben, und jede Sekunde Windstille ein Jahr. Rasch, rasch, sonst lassen wir euch zurück!«

Mistreß Wyllys antwortete nicht, sondern stand da, ein Bild des Zweifels und der schmerzlichsten Unentschiedenheit. Sie hörten bald das Plätschern des Wassers und sahen im nächsten Augenblick die Pinasse über das Element gleiten, von den starken Armen sechs rüstiger Ruderer getrieben.

»Halt!« kreischte die Gouvernante, die nun nicht mehr unentschieden war: »Nehmt mein Kind auf und laßt mich zurück!«

Ein verneinendes Winken mit der Hand und ein undeutliches Gebrumme der rauhen Stimme des Maaten war die einzige Antwort auf ihren Ruf. Nun eine lange, tiefe, atemlose Stille unter den Verlassenen! Das Schroffe in den Gesichtern der Matrosen in der Pinasse zerfloß bald in der Ferne, dann fing das Boot an, den Augen immer kleiner und kleiner zu erscheinen, bis nur noch ein dunkler, ferner Punkt zu sehen war, der mit den blauen Wogen stieg und fiel. Während dieser ganzen Zeit entschlüpfte keinem auch nur das leiseste Wörtchen. Ein jeder schaute bis zum Ermüden der Sehnerven hin auf den sich entfernenden Punkt! Erst als ihm das Auge das winzige Bild nicht mehr zur Vorstellung zu bringen vermochte, raffte sich Wilder aus der starren Betäubung wieder auf, in die er versunken war. Nun heftete er den Blick auf seine Gefährtinnen, die Hand gegen die Stirn drückend, gleichsam als ob ihn die schwere Verantwortlichkeit verwirrt hätte, die er durch den Rat, daß sie bleiben sollten, übernommen hatte. Doch dauerte diese tödliche Furcht nicht lange, und an ihre Stelle trat Festigkeit, Entschlossenheit. Seine Seele war in Szenen zweifelhaften Ausgangs zu oft erprobt worden, um lange der Fassung und Selbstbeherrschung beraubt werden zu können.

»Sie sind fort!« rief er, indem er einen langen und tiefen Atemzug tat, wie einer, der den Atem mit Gewalt an sich gehalten hatte.

»Sie sind fort!« wiederholte die Erzieherin, indem sie das vor innigstem Gram zusammengezogene Auge aus die marmorgleiche, regungslose Gestalt ihrer Schülerin wendete. »Alle Hoffnung ist dahin!«

Auch Wilders Blick ruhte auf diesem stummen, lieblichen Bildnis, und zwar mit nicht geringerem Ausdrucke als der Blick derer, die die Kindheit dieser reichen Erbin aus dem Süden in Unschuld und Liebe gepflegt hatte. Mit gedankenvoller Stirn, fest verschlossenem Mund saß er da und musterte mit angestrengter, gründlicher Prüfung alle Hilfsmittel, die seine fruchtbare Einbildungskraft und lang gesammelte Erfahrung nur darboten.

»Ist noch Hoffnung vorhanden?« fragte die Erzieherin, die den wechselnden Ausdruck seines Gesichtes mit unablässiger Aufmerksamkeit bewachte. Die Düsterkeit entfloh aus seinen braunen Gesichtszügen, und das Lächeln, das sie nun überglänzte, glich dem Sonnenstrahl, der die schwärzeste Wolke des treibenden Sturmwindes durchbricht.

»Ja, es ist noch Hoffnung!« sagte er mit Zuversicht; »unsere Lage ist keineswegs eine hoffnungslose.«

»Gelobet sei Er, der über das Meer und das Land regiert!« rief die dankbare Gouvernante, ihrem enggepreßten Herzen in einem Tränenstrom Luft machend. Gertraud warf sich ihrer Wyllys an den Hals, und beide gaben sich einen Augenblick ganz ihren hervorbrechenden Gefühlen hin.

»Und nun, meine Teuerste,« sagte Gertraud, sich aus der Umarmung ihrer mütterlichen Erzieherin windend, »lassen Sie uns der Geschicklichkeit des Herrn Wilder vertrauen; er hat diese Gefahr vorausgesehen und vorausgesagt, warum sollte er nicht mit gleicher Gewißheit unsere Rettung voraussagen können?«

»Vorausgesehen! Vorausgesagt!« versetzte die andere auf eine Weise, die wohl zeigte, daß ihr eigener Glaube an die sachkundige Voraussicht des Fremdlings nicht so ganz unbedingt war, wie der ihrer jungen und lebhaften Gefährtin. »Kein Sterblicher konnte dieses schreckliche Unglück voraussehen, und am allerwenigsten würde einer, der es wirklich voraussehen konnte, sich der Gefahr aufgedrängt haben! Herr Wilder, ich will Sie nicht mit Bitten um Erklärungen belästigen, die jetzt von keinem Nutzen sein würden, aber Sie werden uns gewiß nicht Ihre Gründe vorenthalten, die Sie zur Hoffnung ermutigen.«

Wilder wußte wohl, eine solche Neugierde sei ebenso peinlich als natürlich, und beeilte sich daher, sie zu befriedigen. Die Meuterer hatten nämlich das größte und bei weitem sicherste Boot auf dem Wrack zurückgelassen, weil sie die Windstille benützen wollten, und es ihnen stundenlange, schwere Arbeit gekostet hätte, um es aus den Einschnitten zwischen den beiden Hauptmasten zu heben und über die Seite des Schiffes in den Ozean hinabzuschwingen. Diese Arbeit, die mit Hilfe der gewöhnlichen Maschinerie eines Schiffes das Werk einiger Augenblicke gewesen wäre, würde alle ihre vereinigten, mit der äußersten Achtsamkeit und Umsicht gebrauchten Kräfte erfordert haben, so daß allerdings zuviele der Augenblicke drauf gegangen wären, die sie mit Recht der stürmischen und unsteten Jahreszeit wegen für so kostbar hielten. Wilders Vorschlag ging nun dahin, soviel Lebensbedürfnisse und Bequemlichkeitsgegenstände in diese kleine Arche zu schaffen, als sie eilig aus dem verlassenen Schiff zusammenraffen könnten, dann mit seinen Gefährtinnen hineinzusteigen, und den kritischen Augenblick abzuwarten, wo das Wrack unter ihnen wegsinken würde.

»Und das nennen Sie Hoffnung?« rief die von neuem wegen getäuschter Erwartung erblassende Wyllys, als er mit seiner Erklärung geendigt hatte. »Ich habe mir sagen lassen, daß der Strudel, den untergehende Schiffe auf der Meeresfläche verursachen, alle geringeren Gegenstände in der Nähe an sich ziehe und verschlinge!«

»Das ist zuweilen der Fall. Nicht um Welten möchte ich Sie hintergehen; doch sage ich noch immer: es ist ebenso wahrscheinlich, daß wir entkommen, als daß wir samt dem Schiff im Strudel versinken.«

»Das ist fürchterlich!« sprach die Gouvernante leise, »doch der Wille des Himmels geschehe! Kann denn Scharfsinn die Stelle der Kraft nicht ersetzen, um das Boot vom Verdeck zu werfen, ehe der verhängnisvolle Augenblick da ist?«

Wilder schüttelte den Kopf, entschieden verneinend.

»Wir sind nicht so schwach, wie Sie vielleicht glauben«, sagte Gertraud. »Leiten Sie nur unsere Bemühungen, und lassen Sie uns versuchen, was wir ausrichten können. Hier ist Kassandra,« fügte sie hinzu, sich nach dem Negermädchen umdrehend, die jetzt hinter ihrer jungen und eifrigen Gebieterin stand, den Mantel und den Schal über den Arm geworfen, als sollte sie sie eben auf eine Morgenpromenade begleiten, »hier ist Kassandra, die allein fast so stark ist wie ein Mann.«

»Und wenn sie so stark wie zwanzig Männer wäre, so würde ich doch verzweifeln, ohne Maschinerie das Boot über Bord zu schwingen. Doch wir verplaudern die Zeit; ich steige hinab, um über die wahrscheinliche Dauer unserer Zweifel ein Urteil zu fällen, und dann zu unseren Vorbereitungen! Selbst Sie, schön und schwach wie Sie sind, liebenswürdiges Wesen, werden dabei helfen können.«

Alsdann wies er auf verschiedene nicht schwere Gegenstände hin, die zu ihrer Bequemlichkeit dienen würden, sollten sie so glücklich sein, vom Wrack gehoben zu werden, und riet ihnen, diese ungesäumt ins Boot zu bringen. Während die drei Frauen auf diese Weise nützlich beschäftigt waren, stieg er in den Schiffsraum hinab, um von der Zunahme des Wassers zu berechnen, wie lange es noch dauern würde, bis der sinkende Bau ganz verschwände. Der Tatbestand bewies, daß ihre Lage bei weitem bedenklicher war, als selbst Wilder erwartet hatte. Seiner Masten entblößt, hatte das Schiff so stark geschlingert, daß viele der Nahten zwischen den Planken gesprungen waren, und in dem Grade, wie sich die Oberteile des Schiffes unter die Meeresfläche senkten, nahm die Schnelligkeit des Hereinströmens des Wassers zu. Als der junge Seemann den sachkundigen Blick überall umherwarf, konnte er nicht umhin, mit bitterem Herzen die Unwissenheit und den Aberglauben zu verwünschen, der die Desertion der überlebenden Mannschaft verursacht hatte. Denn in der Tat war kein Unglück geschehen, das nicht Anstrengung und Geschicklichkeit hätten wieder gut machen können. Doch so, alles Beistandes beraubt, sah er ohne Mühe ein, daß der Versuch, die nun unvermeidlich gewordene Katastrophe auch nur einen Augenblick aufhalten zu wollen, der Gipfelpunkt aller Torheit sein würde. Schweren Herzens aufs Verdeck zurückkehrend, machte er sich gleich an die Vorkehrungen, die nötig waren, um die entfernteste Aussicht zur Rettung zu eröffnen.

Während seine weiblichen Gefährten das Gefühl der Furcht durch ihre leichte, obgleich ebenso notwendige Beschäftigung betäubten, setzte Wilder die beiden Bootmaste ein, brachte die Segel in Ordnung und legte alle übrigen Werkzeuge zurecht, die im Rettungsfall nützlich sein konnten. Also beschäftigt, verflogen ein paar Stunden, als wären die Minuten zu Sekunden zusammengedrängt. Mit dem Ablauf dieser Zeit war seine Arbeit fertig. Er kappte nun die beiden Krabber, die dazu dienten, die Barkasse während der Bewegung des Schiffes festzuhalten, so daß sie, auf ihrer hölzernen Bettung stehend, außer aller sonstigen Verbindung mit dem Rumpfe gebracht wurde, der sich jetzt schon so rief hinabließ, daß in jedem Augenblick zu erwarten stand, er werde unter ihnen wegsinken. Nachdem diese Vorsichtsmaßregel genommen war, lud er die Frauen ein, ins Boot zu steigen, aus Furcht, die Krise könnte näher sein, als er es sich dachte; denn er wußte recht gut, daß ein untergehendes Schiff, einer wankenden Mauer gleich, jeden Moment dem Truck nach unten folgen kann. Hierauf machte er sich an die kaum minder notwendige Arbeit einer Auswahl unter dem Chaos von Gegenständen, womit der einsichtslose Eifer seiner Gefährtinnen das Boot so überfüllt hatte, daß kaum Platz für ihre unendlich kostbaren Personen übrig blieb. Nun flogen, trotz der vielen Gegenvorstellungen der Negerin, Schachteln, Koffer, Pakete aller Art rechts und links von der Barkasse nach allen Richtungen, als ob er nicht die geringste Rücksicht habe für die Bequemlichkeit und Pflege jenes liebenswürdigen Wesens, zu dessen Gunsten Kassandra unbeachtet und so heftig remonstrierte, wie ihre alte Namensbase von Troja. Das Boot war bald von allem gereinigt, was unter diesen Umständen buchstäblich in die Rumpelkammer gehörte, weil es nur im Wege stand. Es blieben indessen der Gegenstände weit mehr als genug für alle Bedürfnisse und für viele Bequemlichkeiten auf den Fall, daß die Elemente ihnen den Gebrauch erlaubten.

Jetzt, und nicht eher, ruhte Wilder von der Arbeit aus. Er hatte seine Segel so geordnet, daß er sie augenblicklich aufhissen konnte, hatte sorgfältigst untersucht, daß auch kein heraushängendes Seil das Boot noch mit dem Wrack verbinde und es dem untergehenden Kolosse nachziehe; endlich hatte er sich darüber vergewissert, daß alles an seiner gehörigen Stelle und zur Hand liege, Speisen, Wasser, Kompaß und die unvollkommenen Instrumente, die man damals noch hatte, um auszumitteln, in welcher Breite sich das Schiff befinde. Als alle Vorbereitungen endlich soweit gediehen waren, nahm er seine Stellung im Spiegel des Bootes ein und bemühte sich durch die Gelassenheit seines Wesens, den minder mutigen Gefährtinnen einen Teil seiner Unerschrockenheit mitzuteilen.

Der milde Sonnenschein ruhte auf tausend Stellen rechts und links vom stillen, verlassenen Wrack. So tot war die Stille, die auf der See herrschte, daß die riesige, unbeholfene Masse, auf der sich die Arche unserer Erwartungsvollen befand, regungslos dalag; nur nach langen Pausen schlingerte sie einen Augenblick heftig und senkte sich dann etwas tiefer in das gierig verschlingende Element. Bei alledem war das Verschwinden des Rumpfes nur langsam, und das Allmähliche hatte für die sogar etwas Langweiliges, die mit Sehnsucht dem Augenblick des gänzlichen Eintauchens entgegenharrten, als dem Wendepunkt ihres eigenen Geschickes.

Während dieser Stunden schrecklicher, ermüdender Ungewißheit wurde die Unterredung zwischen den ängstlich Wachenden in Tönen des Vertrauens, ja oft der Zärtlichkeit, geführt, aber ach! oft unterbrochen durch lange Zwischenräume tief sinnenden Schweigens. Ein jeder schlüpfte über die Erwähnung der gefährlichen Lage hinweg, um die Gefühle des andern zu schonen; aber jene ewigwachende Liebe zum Leben, die allen gemeinsam war, gab ihnen ein um so lebendigeres inneres Bewußtsein der Gefahr, die sie liefen. So flossen Minuten, Stunden, der ganze Tag dahin; schon konnte man sehen, wie sich die Finsternis längs des Ozeans heranzuschleichen begann, immer enger nach Osten hin den Umkreis ihrer Aussicht zusammenziehend, bis endlich das Ganze der öden Szene beschränkt war auf einen kleinen, düstern Kreis, unmittelbar um den Fleck her, wo sie sich befanden. Diesem Wechsel folgte noch eine bange Stunde, während der es den Anschein bekam, als wolle sie der Tod in der Umgebung seiner grauenvollsten Schrecken besuchen. Ein schwerer Schlag aufs Wasser dröhnte durch die Luft, es war ein sich heranwälzender Walfisch, der seine ungeschlachte Gestalt auf der Oberfläche hin und her warf. Das mimische Blasen von hundert Nachahmern in der Suite des Monarchen der Gewässer vermehrte das Gräßliche. Der entzündeten, fieberhaften Einbildungskraft Gertrauds kam es vor, als ob das Salzwasser alle seine Ungeheuer herbeisende; umsonst versuchte Wilder sie mit der Versicherung zu beruhigen: diese gewohnten Töne seien eher Vorboten des Friedens, als irgendeiner frischen Gefahr – in ihrem Geist sah sie die verborgenen Meeresabgründe klaffen, über denen sie, nur von einem Faden gehalten, schwebte, und es wimmelte darin von den ekelhaften Bewohnern der großen Tiefe. Doch blieb der aufgeklärte Seemann selbst nicht ohne Schrecken, als er die Finnen des gefräßigen Hai über die Oberfläche des Wassers dunkel hervorragen und das Ungeheuer sich in abgesetzten Schüssen rund um das Wrack stehlen sah, wobei der Instinkt es zu lehren schien, daß der Inhalt des dem Untergang geweihten Schiffes nun bald seine Beute werden müsse. Nun ging der Mond auf mit seinem milden, täuschenden Zauberlicht über die stets wechselnde, aber stets schreckenvolle Szene.

»Sehen Sie, meine Damen,« sagte Wilder, als der Himmelskörper sein blasses, trauriges Rund aus dem Meeresbette hob, »wir werden Licht haben zu unserem gewagten Schwung!«

»Ist es schon soweit?« fragte Mistreß Wyllys, mit soviel Ausdruck von Entschlossenheit, als sie nur immer in einer so herben Lage sammeln konnte.

»Ja – schon steht das Schiff mit den Speigaten unter Wasser. Ein Fahrzeug hält es zuweilen aus, bis es von Salzwasser ganz gesättigt ist. Wenn unseres überhaupt sinkt, so sinkt es bald.«

»Überhaupt sinkt! Ist denn Hoffnung da, daß es noch schwimmen könne?«

»Keine!« sagte Wilder und hielt inne, den hohlen, drohenden Tönen zu lauschen, die, während das Wasser durch die Schotten eindrang und sich von einer Seite zur andern schon freie Bahn brach, aus dem Boden des Schiffes hervordröhnten, gleich dem Gestöhne eines gewaltigen Ungeheuers im letzten Kampfe der Natur. »Keine; schon verliert es seine wasserrechte Linie.«

Auch seinen Gefährtinnen entging die Veränderung nicht, doch war keine von ihnen imstande, eine Silbe hervorzubringen, und wenn es den Besitz einer Welt gegolten hätte. Noch ein dumpfer, drohender, kollernder Ton, und von der im Räume eingeschlossenen Luft getrieben, flog das Vorderteil des Verdecks in die Höhe, mit der Explosion einer Kanone.

»Jetzt die Seile angefaßt, die ich Ihnen gegeben habe!« schrie Wilder mit atemloser Hast.

Seine Worte ersäufte das Rauschen und Gurgeln des Strudels. Der Schiffskoloß tat einen Fall wie ein sterbender Walfisch, er hob seinen Spiegel hoch in die Luft, dann glitt er in die Tiefe wie der Leviathan, wenn er in seine verborgenen Abgründe hinabschießt. Die festliegende Barkasse hob sich natürlich mit dem Schiffe, so daß sie endlich – eine fürchterliche Lage – beinahe einen rechten Winkel mit der Wasserfläche bildete. So wie das Wrack hinabsank, kamen die Seiten der Barkasse ins Wasser und vergruben sich so tief, daß die Wellen fast darüber zusammenschlugen; doch leicht gebaut, tauchte sie elastisch wieder empor, und von dem sinkenden Schiffe einen gewaltigen Stoß gegen den Spiegel empfangend, schoß die kleine Arche vorwärts, als wäre sie von einer Menschenhand fortgestoßen. Allein, da das Wasser eine geraume Strecke ringsumher nach dem Strudel strömte, so wurde alles unwiderstehlich mir fortgerissen, und kaum war die Barkasse aufgetaucht, so schoß sie auch schon wieder pfeilschnell mit dem Gefälle, als könnte sie nicht ablassen von dem größern Körper, dessen Satellit sie solange gewesen war, als müsse sie ihm durch die Kluft des wirbelnden Strudels in den Abgrund hinab folgen. Drauf stieg sie wieder schaukelnd an die Oberfläche, und einen Augenblick lang wurde sie umhergeworfen und gedreht wie eine Wasserblase in den Kreiswellen eines Teiches. Dann ächzte das Meer tief auf, und alles wurde wieder ruhig.

Achtzehntes Kapitel.

Achtzehntes Kapitel.

»Wir sind gerettet!« rief Wilder, der während des heftigen Kampfes, fest gegen einen Mast gelehnt, dagestanden und mit der gespanntesten Aufmerksamkeit die Art ihrer Rettung beobachtet hatte. »Soweit wenigstens sind wir gerettet; dem Himmel allein sei Dank dafür, da der größten Kunst von meiner Seite hier auch die geringste Änderung unmöglich gewesen wäre.«

Die Frauen hatten das Gesicht in die Gewänder und Tücher, auf denen sie saßen, tief vergraben, und selbst der Gouvernante mußte ihr Reisegefährte zweimal die Versicherung geben, daß die höchste Gefahr vorüber sei, ehe sie den Kopf in die Höhe hob. Sie und Gertraud brachten auf der Stelle dem höchsten Wesen ihren Dank auf eine Weise und mit Worten dar, weit unzweideutiger als der Ausdruck, der soeben von den Lippen des jungen Seemanns gekommen war. Nach Verrichtung dieser wohltuenden Pflicht, gleichsam durch das Dankopfer gestärkt, standen sie auf, um ihrer jetzigen Lage fester ins Antlitz zu schauen.

Nach jeder Seite hin dehnte sich die scheinbar grenzenlose Wasserwüste aus. Für sie war ihr kleines, gebrechliches Zimmerwerk nun die Welt. Solange sich das Schiff noch unter ihren Füßen befand, obgleich im Untergehen begriffen und verderbendrohend, war eine Zwischenlinie zwischen ihrem Dasein und dem verschlingenden Ozean, wenigstens dem Scheine nach, vorhanden. Allein eine einzige Minute hatte sie dieser letzten, trügerischen Hoffnung beraubt, und sie sahen sich jetzt in einem Fahrzeuge, das nicht unpassend mit einer Wasserblase verglichen werden konnte, der See preisgegeben. Gertraud fühlte in diesem Augenblick eine solche Sehnsucht, daß ihr die Hälfte ihrer Lebenshoffnungen kein zu großes Opfer geschienen hätte, um jenes ungeheure und fast unbewohnte Festland nur sehen zu können, das sich so viele hundert Meilen dem Westen entlang ausdehnte und der Wasserwelt Grenzen setzte.

Der Andrang von Gefühlen, deren Heftigkeit in ihrer verlassenen Lage sehr natürlich war, nahm indes bald ab, und nun war der nächste, ebenso natürliche Gedanke der an die Mittel ihrer Rettung. Dies hatte Wilder jedoch geahnt, und noch waren Mistreß Wyllys und Gertraud kaum recht zu sich selbst gekommen, als es ihm, unterstützt von der dienstfertigen, erschrockenen, aber dabei immer redseligen Kassandra, schon gelungen war, die im Boote umherliegenden Sachen so anzuordnen, daß sie der Bewegung den geringstmöglichen Widerstand entgegensetzten.

»Mit einem wohlgeordneten Schiffchen und vernünftigem Winde«, rief unser Abenteurer freudig, nachdem seine kleine Arbeit vollendet war, »dürfen wir immer hoffen, in einem Tag und einer Nacht das Land zu erreichen. Es gab schon Stunden in meinem Leben, wo ich nicht angestanden hätte, in dieser trauten Barkasse die ganze Küstenlänge Amerikas zu messen, wenn …«

»Ach, das Wenn! Sie hatten das Wenn vergessen«, sagte Gertraud, als sie sah, daß er sich selbst unterbrach, wahrscheinlich weil er die Besorgnisse seiner Reisegefährtinnen durch eine Bedingtheit seiner Zuversicht nicht vermehren wollte.

»Wenn das Jahr um zwei Monate weniger vorgerückt wäre«, setzte er nun etwas weniger zuversichtlich hinzu,

»Die Jahreszeit ist also gegen uns; dies fordert nur um so größere Entschlossenheit von unserer Seite.«

Wilder wendete den Blick nach der schönen Sprecherin hin, deren bleiches und ergebenes Antlitz in den versilbernden Strahlen des Mondes nichts weniger als den Mut ausdrückte, die Mühseligkeiten zu ertragen, die sie, wie er nur zu gut wußte, noch zu erdulden hatte, ehe sie hoffen durfte, das Festland zu erreichen. Er sann eine kleine Weile nach, hob dann den Arm nach Südwest und fing mit der flachen Hand die Nachtluft auf.

»Für Personen in unserer Lage ist nichts nachteiliger als Müßiggehen«, sagte er. »Es hat den Anschein, daß der Luftzug von dieser Seite herkommt: ich will mich zu seinem Empfange bereit halten.«

Hierauf breitere er seine beiden Eversegel aus, setzte sie back und nahm seine Stellung am Steuer ein, wohl wissend, daß seine Dienste in kurzem vonnöten sein würden. Der Erfolg rechtfertigte seine Erwartungen. Nicht lange, so fing die leichte Leinwand des Bootes an, hin und her zu flattern, und nachdem er die Seiten in die gehörige Richtung gesteuert hatte, begann sich das kleine Fahrzeug langsam auf seinem irren Wasserpfade vorwärts zu bewegen.

Bald fühlten die Segel den Druck eines frischeren, von der klammen Nachtluft durchdrungenen Windes. Das gab Wildern einen Vorwand, die Frauen zu ermahnen, unter dem kleinen Obdach von Teertüchern, das seine Vorsicht ausgebreitet hatte, einige Ruhe auf den aus dem Schiffe mitgenommenen Matratzen zu suchen. Frau Wyllys und ihre Pflegebefohlene merkten, daß ihr Beschützer allein zu sein wünschte, und folgten daher dessen Aufforderung. Wenn sie auch nicht schliefen, so hätte doch nach einigen Augenblicken niemand sagen können, ob sich außer unserem Abenteurer noch ein anderes lebendiges Geschöpf in der einsamen Barkasse befinde.

Die Mitternachtstunde ging vorüber, ohne daß sich die Aussichten derer, deren Schicksal so sehr von dem unzuverlässigen Einflusse des Wetters abhing, wesentlich verändert hätten. Der Wind war bis zu einer tüchtigen Kühlde angefrischt; nach Wilders Berechnung hatte das Boot schon viele Seemeilen quer durch den Ozean zurückgelegt, und zwar geradeswegs nach dem östlichen Ende jenes langen und schmalen Eilandes zu, das die Gewässer, die die Küsten von Konnektikut bespülen, von denen der offenen See abschneidet. Flüchtig flogen die Minuten vorbei; denn das Wetter war günstig, und des jungen Seefahrers Gedanken verloren sich in der Erinnerung eines kurzen, aber an Abenteuern reichen Lebens. Oft beugte er sich rückwärts, um das leise Atemholen der einzigen aufzufangen, die unter dem dunkeln und kunstlosen Obdach schlief, als ob er den sanften Hauch ihres Schlummers von dem ihrer Gefährtinnen hätte unterscheiden können. Dann fiel er wieder in seinen Sitz zurück, und seine Lippe wölbte, ja bewegte sich, wie sich die phantastischen Gebilden seines Hirns unwillkürlich in leise Töne auslösten. Doch niemals, selbst als er sich seinen Träumen und Gedanken am meisten hingab, vergaß er die unablässige, fast instinktmäßige Pflicht, die ihm seine Lage auferlegte. Ein flüchtiger Blick nach den Wolken, ein anderer seitwärts auf seinen Kompaß, dann wieder von Zeit zu Zeit ein langes Forschen in das bleiche Antlitz des traurigen Mondes, dies waren die gewöhnlichen Richtungen, die seine geübten Augen nahmen. Noch immer stand der Mond im Zenit, und Wilders Stirn zog sich in besorgliche Furchen zusammen, als er bemerkte, daß seine Strahlen in einer nebellosen Atmosphäre glänzten. Ihm würden selbst jene drohenden wässerigen Kreise, von denen der Mond so oft umgeben ist, und die gewöhnlich als Vorboten des Sturmes gelten, viel besser gefallen haben, als die durchsichtige, trockene Luft, durch die jetzt die Mondstrahlen so hell auf die Wasserfläche fielen. Jetzt hatte die Kühlde auch nichts mehr von der Feuchtigkeit an sich, mit der sie anfangs geschwängert war; und statt ihrer entdeckten die scharfen, empfindlichen Sinnesorgane des Seemanns den Landgeruch, der zwar oft den Matrosen angenehm ist, doch in diesem Augenblick nichts weniger als willkommen war. Dies alles waren Anzeichen, daß die Winde vom Festlande her bald herrschen würden, und zwar mit einer der stürmischen Jahreszeit entsprechenden Gewalt, wie es ihm die grotesken, langen, schmalen Wolken verkündeten, die sich über dem westlichen Horizonte zusammenzogen.

Hätte Wilder in seinem Innern über die Genauigkeit dieser Vorzeichen noch den geringsten Zweifel gehegt, so würde er gegen Anfang der Tagwache verschwunden sein. Denn in dieser Stunde fing die schwankende Kühlde gänzlich hinzusterben an; und noch ehe die anschlagende Leinwand den letzten Stoß fühlte, kamen schon die Gegenwinde von Westen her. Es bedurfte keines langen Sinnens von seiten unseres Abenteurers, um einzusehen, daß der rechte Kampf jetzt erst beginnen würde, und demzufolge traf er seine Vorkehrungen. Durch doppelte Reffe holte er jetzt die viereckigen Segeltücher zusammen, die solange ausgebreitet waren, um die milden Südlüfte aufzufangen, damit sie nun dem Winde nur ein Drittel der vorigen Fläche darboten, und verschiedene der zuvielen Raum einnehmenden übrigen Artikel, deren Nutzen unter gegenwärtigen Umständen fraglich wurde, warf er, ohne sich einen Augenblick zu bedenken, über Bord. Auch war diese Vorsicht nicht ohne hinlänglichen Grund, denn bald ließ sich von Nordwest das dumpfe Gestöhn des Windes über der Tiefe vernehmen, verbunden mit der erstarrenden Rauhigkeit der unwirtlichen Regionen der Kanadas.

»Ach, ich kenne dich recht gut,« murmelte Wilder, als der erste Stoß dieses unwillkommenen Gastes seine Segel traf und das kleine Boot nötigte, sich unter seiner daherfahrenden Gewalt zu beugen; »ich kenne dich recht gut mit deinem Süßwassergeschmack und deinem Landgeruch! Wollte Gott, du kühltest dein Mütchen auf den Landseen und kämest nicht herab, um gar manchen müden Seemann in sein früheres Kielwasser zurückzutreiben, und ihn zu zwingen, seine schon zu lange Fahrt unter deiner beißenden Kälte und ausdauernden Halsstarrigkeit mit unablässigem Lavieren fortzusetzen!«

»Sagten Sie etwas?« sprach Gertraud, halb aus dem Teertuchzelt hervorguckend, aber ebenso schnell mit einem Schauder wieder zurückschreckend, als sie den Einfluß der veränderten Luft fühlte.

»Schlafen Sie, Fräulein, schlafen Sie!« antwortete er, als ob er in einem solchen Augenblicke selbst von ihrer sanften Silberstimme nur ungern unterbrochen würde.

»Ist neue Gefahr da?« fragte das Mädchen und erhob sich leise von der Matratze, um die Ruhe ihrer Gouvernante nicht zu unterbrechen. »Fürchten Sie nicht, mir das Ärgste mitzuteilen: ich bin ja ein Soldatenkind!«

Er zeigte mit dem Finger auf die von ihm so wohl verstandenen Vorboten hin, verharrte aber im Schweigen.

»Ich fühle wohl, daß der Wind kälter ist als vorher,« sagte sie, »aber weiter sehe ich keine Veränderung.«

»Und wissen Sie, welchen Weg das Boot jetzt nimmt?«

»Nach dem Lande zu, denk‘ ich. Sie haben uns ja die Versicherung gegeben, und gewiß, Sie wollen uns nicht hintergehen.«

»Sie lassen mir Gerechtigkeit widerfahren; und zum Beweis will ich Ihnen jetzt sagen, daß Sie sich irren. Wohl weiß ich, daß Ihr Auge auf dieser öden Fläche die Richtungen des Kompasses nicht voneinander unterscheiden kann: allein so leicht kann ich mich nicht betrügen.«

»Wir segeln also nicht der Heimat zu?«

»So wenig, daß, wenn diese Richtung fortdauert, wir erst das ganze Atlantische Meer hinüber müssen, ehe wir Land erblicken können.«

Gertraud antwortete nicht, sondern begab sich traurig an die Seite ihrer Erzieherin zurück. Inzwischen zog der nun wieder allein gelassene Wilder seinen Kompaß und die Richtung des Windes zu Rate. Er bemerkte, daß er sich durch eine veränderte Stellung des Bootes dem Festlande von Amerika mehr würde nähern können, fierte daher herum und brachte das Vorderteil so nahe an Südwest, als der Wind nur zulassen wollte.

Allein dieser unbedeutende Wechsel gab nicht viel Hoffnung. Mit jeder Minute wuchs die Gewalt des Windes, bis sie einen so hohen Grad erreicht hatte, daß er seine Hintersegel ganz einholen mußte. Der schlafende Ozean zögerte nicht, aufzuwachen; und kaum war die Barkasse bequem unter einem enggerefften Stagfock geborgen, so begann sie sich auch schon auf den schwarzen, wachsenden Wogen zu heben und dann hinabzustürzen in eine hohle See, um nach einer augenblicklichen Ruhe wieder in die Höhe zu steigen, wo ihrer die immer zunehmende Gewalt der Windstöße warteten. Das Anschlagen des Wassers und das Heulen des Windes, der jetzt voll und schwer über die blaue Wasserwüste einherstürmte, zog die Frauen bald an die Seite ihres Beschützers. Auf ihre vielen und ängstlichen Fragen gab er besonnene, aber kurze Antworten, wohl fühlend, daß die Stunde weit mehr zu Handlungen als zu Worten aufforderte.

Auf diese Weise verflossen die letzten zögernden Minuten der Nacht, schwer durch eine mit den Augenblicken wachsende Angst, die jedes frische Anschwellen des Windes geeignet war, doppelt qualvoll zu machen. Es kam der Tag, aber nur um die trostlose Aussicht deutlicher vor Augen zu führen. Die Wogen sahen jetzt grün und mürrisch aus, und hier und da stürzte schon von ihren Gipfeln der weiße Schaum herunter – der untrügliche Beweis, daß ein Kampf zwischen den Elementen bevorstehe. – Drauf erschien die Sonne über dem schroffen, ungleichen Saum des östlichen Horizonts, langsam hinanklimmend am blauen Himmelsgewölbe, das kalt, durchsichtig und wolkenlos herabstarrte.

Wilder beobachtete alle diese Wechsel der Stunde mit einer Angelegentlichkeit, die bewies, wie bedenklich ihm ihre Lage vorkam. Ihm schien es mehr darum zu tun, sich über die Zeichen der oberen Regionen zu unterrichten; denn wenig beachtete er das wilde Taumeln und Strömen des Wassers, das gegen die Seiten des kleinen Fahrzeuges so fürchterlich anschlug, daß seine Schicksalsgenossen ihren unvermeidlichen Untergang vor sich zu sehen glaubten. Allein, wie gefährlich dieses letztere dem minder unterrichteten Sinne auch scheinen mußte, so war doch Wilder viel zu sehr daran gewöhnt, um daraus über den eigentlichen Moment der Gefahr einen Schluß ziehen zu wollen. Ihm war es, was der Donner in seinem Verhältnis zu dem vorangehenden Blitz dem Naturforscher ist; er wußte, daß das Element, auf dem er schwamm, nur erst dann Unglück bringen könne, wenn dessen Kraft zu schaden durch die Macht eines verwandten Elementes in Tätigkeit gesetzt werde.

»Was denken Sie jetzt von unserer Lage?« fragte Mistreß Wyllys, ihn fest anschauend, gleichsam als traue sie dem Ausdruck seiner Züge bei der Antwort mehr als dieser selber.

»Solange der Wind diese Richtung behält, dürfen wir der Hoffnung immer Raum geben, uns in dem Pfade der von und nach den großen nördlichen Häfen segelnden Schiffe zu halten; wird aber eine schwere Bö daraus, und fangen die Wogen an, sich heftiger zu brechen, so zweifle ich, daß das Boot stark genug sein dürfte, um nicht aus dem Wege verschlagen zu werden.«

»Dann bleibt uns wohl nur übrig, vor dem Winde zu laufen?«

»Freilich, wir müssen dann lenzen.«

»Welche Richtung nehmen wir in diesem Fall?« fragte Gertraud, deren Sinn für Örtlichkeit und Entfernungen durch die starke Bewegung des Ozeans und die kahle Aussicht nach jeder Seite hin in der unentwirrbarsten Verworrenheit befangen war.

»In solchem Falle,« erwiderte unser Abenteurer, sie mit einem Blicke anschauend, in dem Mitleiden und grenzenlose Teilnahme so seltsam verschmolzen waren, daß Gertrauds ruhiges, gerades Anschauen zu einem verstohlenen, furchtsamen Blinzeln eingeschüchtert wurde, »in einem solchen Falle würden wir uns von dem Lande entfernen, das zu erreichen uns so wichtig ist.«

»Dort, was dort?« schrie Kassandra, deren große, dunkle Augen nach jeder Richtung mit einer Neugier umherglotzten, die keine Sorge oder Gefühl von Gefahr zu unterdrücken vermochte: »ist groß, sehr groß Fisch auf die Wasser.«

»Es ist ein Boot!« rief Wilder, auf ein Querbrett springend, um den dunkeln Gegenstand genau zu betrachten, der den glänzenden Gipfel einer Woge durchschnitt, innerhalb hundert Fuß von da, wo die Barkasse mit dem Wasser kämpfte. »Heda, ho! – Boot, ahoi! – Hallo dort! – Boot ahoi!«

Der dumpfe Ton des Windes fuhr an ihnen vorüber, aber keine menschliche Stimme antwortete seinem Rufe. Sie waren nun wieder zwischen zwei Wogen in ein hohles Wassertal hinabgefallen, das die Aussicht durch zwei dunkle, wogende Schranken von beiden Seiten beengte.

»Gnädiger Himmel!« rief die Gouvernante aus, »können noch andere Fahrzeuge so unglücklich sein wie wir?«

»Wenn mich mein richtiger Blick nicht verlassen hat, so war es ein Boot«, erwiderte Wilder, indem er auf dem Brett stehen blieb, um den Moment, wo er einen zweiten Blick erhaschen könnte, nicht zu verfehlen. Sein Wunsch wurde bald erfüllt. Er hatte während dieser Zeit das Steuer den Händen Kassandras anvertraut, die die Barkasse ein klein wenig aus ihrer Richtung gehen ließ. Noch waren die Worte auf seinen Lippen, als der nämliche schwarze Gegenstand von der Windseite der Woge herabfuhr, und eine umgestürzte Pinasse floß in der hohlen See dicht bei ihnen vorbei. Plötzlich kreischte die Negerin auf, ließ die Ruderpinne fahren, fiel auf die Knie und hielt sich die Hände vors Gesicht. Wilder erhaschte instinktmäßig das Steuer, indem er sich dabei nach der Gegend hinbog, wo der Gegenstand sein mußte, der den Blick Kassandras empört und zurückgescheucht hatte. Eine Menschengestalt war es, die, bis zur Hälfte über dem Wasser hervorragend, herangeschwommen kam, mitten in einer überstürzenden Wogenspitze, die den dunkeln Abhang windwärts mit Schaum bedeckte. Eine Sekunde lang stand die Gestalt aufrecht, von deren eingeweichten Haaren das Salzwasser heruntertroff, wie ein Wesen aus der Tiefe, das gekommen war, um mit seinen scheußlichen Zügen die Anschauenden wahnsinnig zu machen – in der nächsten Sekunde trieb der leblose Körper des Ertrunkenen bei der Barkasse vorbei. Es dauerte keine Minute, so schwang sich das Boot über eine Woge in ein zweites Tal, wo nichts mehr zu sehen und alles vorüber war wie ein Traum.

Nicht bloß Wilder, sondern auch Gertraud und Mistreß Wyllys hatten das grausenvolle Schauspiel nahe genug gesehen, um das rauhe Gesicht Nightheads zu erkennen, durch den vom Tode zurückgelassenen Eindruck nur noch rauher und abschreckender gemacht. Doch niemand sprach oder gab sonst sein Erkennen durch Zeichen zu verstehen; nicht Wilder, weil er hoffte, daß seine Gefährtinnen von dem empörenden Wiedererkennen des Opfers verschont geblieben wären, nicht die Frauen, weil sie in dem unglücklichen Schicksal des Meuterers zu sehr ein Vorspiel ihres eigenen, obgleich mehr hinausgeschobenen Geschickes zu sehen glaubten, um fähig zu sein, dem tiefgefühlten Abscheu Worte zu geben. Eine Zeitlang war nichts zu vernehmen, als das Geseufze der Elemente, gleichsam das heisere Requiem über die Opfer ihrer Kriegswut.

»Die Pinasse hat sich gefüllt!« war Wilders Bemerkung, als er endlich an den blassen Zügen und sprechenden Augen seiner Gefährtinnen sehen konnte, daß längere Zurückhaltung ein vergebliches Beginnen wäre. »Ihr Boot war zu gebrechlich, und bis an den Wasserrand überladen.«

»Glauben Sie, daß alle verunglückt sind?« fragte Mistreß Wyllys mit leiser, flüsternder Stimme.

»Es ist keine Hoffnung für irgendeinen! Freudig wollte ich einen Arm verlieren, könnte ich dem Ärmsten dieser verblendeten Matrosen helfen, die ihr unglückliches Geschick durch Ungehorsam und Unwissenheit beschleunigt haben.«

»Und von allen den menschlichen Wesen, die so kürzlich den Hafen von Newport glücklich und leichten Sinnes verlassen haben, in einem Fahrzeug, das lange der stolz der Seeleute war, von allen sind wir die einzigen, die noch leben!«

»Die einzigen: dieses Boot und sein Inhalt ist alles, was noch an die Royal Carolina erinnert.«

»Es lag nicht im Bereich menschlichen Wissens, dieses Unglück vorherzusehen«, fuhr die Erzieherin fort und blickte Wildern dabei an, als wollte sie eine Frage tun, von der ihr jedoch das Gewissen sagte, daß sie aus demselben Aberglauben entsprungen sei, der den Untergang des soeben vorübergeschwommenen rohen Menschen herbeigerufen hatte.

»Nein.«

»Und die Gefahr, auf die Sie so oft und so geheimnisvoll anspielten, stand in keiner Verbindung mit der wirklich eingetretenen?«

»Nein.«

»Ist sie denn nun durch die Veränderung unserer Lage vorüber?«

»Ich hoffe es.«

»Sieh!« unterbrach Gertraud, die Hand in ihrer Hast auf Wilders Arm legend. »Gott sei gelobt, dort ist endlich etwas Erfrischendes für den Blick.«

»Es ist ein Schiff!« rief ihre Erzieherin, aber ach, eine neidische Woge erhob ihre grüne Mauer zwischen ihnen und dem Gegenstand, und sie sanken in die Hohlsee hinab, als ob sich die Erscheinung auf einen Augenblick ihnen gezeigt hätte, um sie mit ihrem Bilde zu verhöhnen. Doch hatte Wilder im Hinabsinken die sich an den Horizont malenden Spierenlinien flüchtig sehen können, und als das Boot nun wieder aufstieg, richtete er den geübten Blick so, daß er sich auch im Nu überzeugte, es sei ein Fahrzeug. Eine Woge kam nach der andern, ein Augenblick folgte dem andern, wo der Fremde abwechselnd mit dem Steigen der Barkasse erschien und mit ihrem Sinken wieder verschwand. Aber dieses kurze und flüchtige Erblicken war auch hinreichend, um das Auge dessen über alles Nötige zu belehren, der auf dem Elemente erzogen worden war, wo die Umstände jetzt so ausdauernde und unzweideutige Proben seiner Erfahrung heischten.

In der Entfernung einer Viertelmeile war allerdings ein Schiff zu sehen, das sich auf denselben Wogen, die der Barkasse jeden Fuß Weges streitig machten, mit Grazie und nur geringem Seitenschwanken, ohne scheinbare Anstrengung, vorwärts bewegte. Nur ein einsames Segel war beigesetzt, um der Bewegung des Schiffes mehr Stetigkeit zu geben; aber auch dieses eine war so zusammengerefft, daß es sich zwischen den schwarzen, verworrenen Linien der Taue und Spieren wie ein kleines weißes Wölkchen ausnahm. Zuweilen wies die Spitze der hohen, schlanken Masten nach dem Zenit, nicht selten schienen sie sich sogar vom Winde wegzuwenden, dann neigten sie sich wieder in langsamen und zierlichen Schwingungen nach der gekräuselten Meeresoberfläche hin, als wollten sie im Schoße des bewegten Elementes einen Zufluchtsort für ihre eigene endlose Bewegung suchen. Es gab Augenblicke, wo der lange, niedrige und schwarze Rumpf des Schiffes deutlich zu sehen war, auf einem Wogengipfel ruhend, und im Sonnenstrahle glänzend, wenn das Wasser seine Seiten umspielte; dann wieder sanken beide in eine Hohlsee nieder, Barkasse und Schiff, und alles verschwand dem Blick, selbst bis zu den feinen Linien, die die allerobersten Spieren in die Luft malten.

Sowohl Frau Wyllys als Gertraud beugten das Antlitz tief, in stille Anbetung und Dank zerflossen, als sie sich von der Erfüllung ihrer Hoffnungen versichert hatten. Dagegen war Kassandras Freude weniger zurückgehalten und geräuschvoller. Das einfältige Negermädchen lachte, weinte und jauchzte auf eine höchst rührende Weise, bei der sich eröffnenden Aussicht, ihre junge Gebieterin und sich selber nun einem Tode entrissen zu sehen, den der entsetzliche Anblick vor einigen Augenblicken ihrer Einbildungskraft unter einer so furchtbaren Gestalt vorgeführt hatte. Aber in dem trüben Auge Wilders war nichts zu spüren, was eine Teilnahme an der Freude der übrigen zu erkennen gegeben hätte.

»Jetzt,« sagte Mistreß Wyllys, seine Hand in ihre beiden schließend, »dürfen wir Rettung hoffen; und dann wird uns schon die Gelegenheit vergönnt sein, tapferer, trefflicher Jüngling, Ihnen zu beweisen, wie sehr wir Ihre Dienste zu schätzen wissen.«

Wilder litt den Ausbruch ihrer Gefühle, sprach aber nicht, noch äußerte er auf irgendeine andere Weise das geringste freudige Mitgefühl. Im Gegenteil, sein Wesen drückte eine Art von befangener Besorglichkeit aus.

»Es schmerzt Sie doch nicht, Herr Wilder,« setzte die verwunderte Gertraud die Rede ihrer Erzieherin fort, »daß sich uns endlich durch Gottes Barmherzigkeit eine Aussicht erschließt, aus diesen schrecklichen Wellen gerettet zu werden?«

»Mit Freuden ginge ich in den Tod, um Sie vor Leid zu schützen,« erwiderte der junge Seemann, »aber …«

»Jetzt ist keine Zeit für was anderes, als für Dank und Freude!« unterbrach ihn die Gouvernante. »Ich kann jetzt keinen kalten Ausnahmen Gehör gestatten; was soll Ihr freudedämpfendes Aber?«

»Vielleicht ist die Erreichung jenes Schiffes nicht so leicht als Sie glauben … der Wind kann es verhindern … kurz, der Blick erreicht wohl manches Schiff zur See, was deswegen doch nicht angesprochen werden kann.«

»Glücklicherweise ist das nicht unser grausames Los. Ich verstehe übrigens – Sie wünschen nicht Hoffnungen zu sehr zu ermuntern, die noch getäuscht werden könnten; allein zu lange und zu oft habe ich mich diesem gefährlichen Elemente anvertraut, um nicht zu wissen, daß, wer den Wind hat, sprechen kann oder nicht, nach Belieben.«

»Sie bemerken ganz richtig, Madame, daß wir die Windseite haben; und befände ich mich in einem größeren Fahrzeuge, so wäre nichts leichter, als dem Fremden nahe genug zu kommen, um ihn sprechen zu können. Das Schiff dort liegt freilich beim Winde, allein der Wind ist doch nicht stark genug, um ein so großes Fahrzeug einem so kleinen Segel nahe zu bringen.«

»Nun, so wird man uns sehen und warten, bis wir herankommen.«

»Nein, nein. Gottlob! noch sieht man uns nicht! Dieser kleine Lappen Segel zerfließt im Wasserstaube für den Blick der Leute in jenem Schiff, oder sie halten ihn für eine Seemöwe.«

»Und dafür danken Sie dem Himmel?« rief Gertraud aus, den ängstlichen Wilder mit einem Erstaunen ansehend, das sie nicht, wie ihre Erzieherin, Kraft genug zu unterdrücken besaß.

»Hab‘ ich dem Himmel gedankt, daß wir nicht gesehen werden? Kann sein, daß ich nicht um das Rechte dankte: es ist ein bewaffnetes Schiff.«

»Vielleicht ein königlicher Kreuzer. Um so wahrscheinlicher harrt unser eine willkommene Aufnahme! Darum zögern Sie nicht, ziehen Sie eine Notflagge in die Höhe, sonst setzt man vielleicht mehr Segel bei und läßt uns zurück.«

»Sie vergessen, daß der Feind oft an unseren Küsten kreuzt. Es könnte ein Franzose sein!«

»Ich fürchte einen großmütigen Feind nicht. Selbst ein Korsar würde Frauen in unserer Not Obdach und Willkommen geben.«

Hier folgte eine lange, tiefe Stille. Wilder stand auf dem Querbrett, sich anstrengend, jedes Seeleuten verständliche Zeichen zu lesen, eine Beschäftigung, die ihm wenig Freude zu machen schien.

»Wir wollen mir unserem Boot nach vorn steuern,« sagte er, »und da das Schiff anders beiliegt, so gelingt es vielleicht, uns noch so zu stellen, daß wir über unsere künftigen Bewegungen gebieten können.«

Seine Gefährtinnen wußten nicht recht, was sie gegen einen Vorschlag, den sie vielleicht nur halb verstanden, einwenden sollten. Mistreß Wyllys war so befremdet durch die sonderbare Kälte, mit der er diese Aussicht einer Zuflucht aus ihrer Lage aufnahm, einer Lage, die, nach seinem eigenen unmittelbar vorhergehenden Geständnis, hilflos war, so daß sie sich viel geneigter fühlte, über die Ursache dieser Kälte nachzudenken, als ihn mit Fragen zu belästigen, die, wie sie wohl einsah, zu nichts führen würden. Gertraud ihrerseits verwunderte sich, ja hatte fast Lust zu glauben, er könne doch recht haben, wenn sie auch nicht wußte warum. Nur Kassandra war aufrührerisch gesinnt. – Sie nahm wieder ihre Zuflucht zum lauten Remonstrieren gegen den geringsten Verzug und versicherte dem zerstreuten, nicht auf sie achtenden, jungen Seemann, daß, wenn ihre junge Gebieterin durch seinen Eigensinn ein Leid treffen sollte, der Herr General Grayson sehr böse sein würde; und dann überließ sie es ihm, über die Folgen eines Unwillens selbst nachzudenken, der in dem Sinne des naiven Negermädchens so voller Gefahren war, als der Zorn eines Monarchen nur immer sein kann. Durch sein übermütiges Nichtachten auf ihre Gegenvorstellungen gereizt, vergaß die Negerin, geblendet durch Liebe und Ehrerbietung für ihre Herrin, alle Achtung, erhaschte den Bootshaken, befestigte, ohne daß es Wilder bemerkte, mit großer Geschicklichkeit eines der aus dem Wrack mitgenommenen linnenen Tücher daran und hob es einige Minuten lang hoch über das eingereffte Segel hinweg, ehe noch ihr erfindungsreicher Streich von irgendeinem ihrer Reisegefährten entdeckt wurde. Dann freilich, als sie Wilders zürnender Blick traf, beeilte sie sich, das Signal fallen zu lassen. Allein ob auch der Triumph der Treue nur kurz war, so krönte ihn doch der unbedingteste Erfolg.

Noch herrschte in der Barkasse jene stumme Zurückhaltung, die gewöhnlich nach einem plötzlichen Hervorbrechen des Unwillens stattfindet, als eine Rauchwolke aus der Seite des Schiffes, gerade als es auf der Spitze einer Woge lag, hervordrang; und gleich darauf erdröhnte der dumpfe Knall einer Kanone, mühsam gegen den Wind ankämpfend.

»Jetzt ist Besinnen zu spät,« sagte Mistreß Wyllys; »wir werden gesehen, mag der Fremde Freund oder Feind sein.«

Wilder antwortete nicht, sondern fuhr fort, jede Gelegenheit zu benutzen, um die Bewegungen des Fremden zu beobachten. Im nächsten Augenblick sah er, wie die Spieren vom Winde abfielen, und nach noch einigen Minuten, wie das Vorderteil des Schiffes eine veränderte Richtung, gerade auf sie zu, erhielt. Nun erschienen vier oder fünf breitere Segeltücher an verschiedenen Teilen des zusammengesetzten Baues, während das Fahrzeug dem Winde nachgab, als ob es sich noch tiefer unter seiner Gewalt beugte. – Zuweilen, wenn es eine Woge bestieg, schien sein Kiel ganz und gar vom Elemente entblößt, und hohe Wasserstaubstrahlen schossen auf, die, wie sie in der Luft zerstoben, von der Sonne erglänzten, oder die Segel und das Tauwerk wie mit ebenso vielen Brillanten bedeckten.

»Jawohl, jetzt ist es zu spät«, brummte unser Abenteurer, indem er das Steuer aufhielt und das Segel durch die Hände laufen ließ, so daß es der Wind fast bis zum Bersten anfüllte.

Nun flog das Boot, das sich solange zwischen den Wogen herumarbeitete, um dem Festlande so nahe als möglich zu bleiben, hinweg über die See, eine lange Spur von Schaum hinter sich lassend; und ehe noch die Damen ihre Fassung ganz wieder erlangt hatten, schwamm es schon in der verhältnismäßigen Windstille, die der dazwischenliegende Rumpf eines großen Fahrzeugs zu verursachen pflegt.

Auf dem Tauwerk stand eine leichte, behende Gestalt, einem Hundert Matrosen die nötigen Befehle erteilend; und unter der Verwirrung und Erschrockenheit, die eine solche Szene in einem weiblichen Busen aufzuregen geeignet ist, wurden Gertraud und Mistreß Wyllys nebst ihren beiden Begleitern wohlbehalten aufs Verdeck des Fremden gebracht. Sobald sie und ihre Sachen in Sicherheit waren, überließ man die Barkasse wie ein unnützes Stück Gerät dem Spiel der Wogen. – Nun kletterten zwanzig Matrosen auf den Seilen herum, Segel nach Segel öffnete sich geräumiger, bis das Fahrzeug, die ungeheuern Falten aller seiner Leinwand ausgebreitet, auf seinem spurlosen Lauf dahingetrieben wurde, gleich einer schnellen Wolke in der dünnen Luft der höheren Regionen.

Sechstes Kapitel

Sechstes Kapitel

Als der Häuptling ans Land gestiegen war und mit dem Pfadfinder zusammentraf, redete dieser ihn in der Sprache seines Volkes an.

»War es wohlgetan, Chingachgook«, sagte er vorwurfsvoll, »sich gegen ein Dutzend Mingos ganz allein in einen Hinterhalt zu legen? ’s ist zwar wahr, mein Wildtod fehlt selten, aber der Oswego ist breit, und dieser Schuft zeigte wenig mehr als Kopf und Schultern überm Gebüsch, und eine ungeübte Hand und ein unsicheres Auge hätt‘ ihn leicht fehlen können. Du solltest das bedacht haben, Häuptling!«

»Schlange ist ein mohikanischer Krieger und sieht nur die Feinde, wenn er auf seinem Kriegspfad ist. Seine Väter haben ihre Feinde im Rücken angegriffen, seit die Wasser zu fließen begannen.«

»Ich kenne deine Gaben und habe alle Achtung davor. Kein Mensch wird mich klagen hören, daß eine Rothaut der Rothautnatur treu bleibt; aber Klugheit ziemt einem Krieger so gut wie Tapferkeit, und hätten nicht diese Irokesenteufel auf ihre Freunde im Wasser gesehen, so möchten sie dir wohl heiß genug auf die Fährte gekommen sein.«

»Was hat der Delaware vor?« rief Jasper, der in diesem Augenblick bemerkte, daß der Häuptling plötzlich den Pfadfinder verließ und gegen den Rand des Wassers ging, anscheinend mit der Absicht, wieder in den Fluß zu steigen. »Er wird doch nicht so toll sein, wieder an das andere Ufer zurückzukehren, vielleicht um einer Kleinigkeit willen, die er vergessen hat?«

»Nein, gewiß nicht; er ist im Grunde so klug wie tapfer, obgleich er sich in seinem letzten Hinterhalt vergessen hat. Hört, Jasper –« er führte den anderen ein wenig auf die Seite, als man gerade den Indianer in das Wasser springen hörte: »Hört, Junge; Chingachgook ist kein Christ, kein weißer Mann wie wir, sondern ein mohikanischer Häuptling, der seine eigenen Gaben hat. Und wer sich zu Männern gesellt, die nicht so ganz von seiner Art sind, tut gut, sie der Leitung ihrer Natur und Gewohnheit zu überlassen.«

»Was soll das bedeuten? – Seht, der Delaware schwimmt auf den Körper zu, der dort am Felsen hängt. Warum begibt er sich in diese Gefahr?«

»Um der Ehre und des Ruhmes willen!«

»Ich verstehe. Er will sich den Skalp holen.«

»In den Augen einer Rothaut erscheint dies als ehrenhaft.«

»Ein Wilder bleibt ein Wilder, Pfadfinder, mag er in was immer für einer Gesellschaft leben.«

»Wir haben da gut reden, Junge; aber die Ehre des Weißen steht gleichfalls nicht immer im Einklang mit der Vernunft und dem Willen Gottes.«

»Er setzt sich bei diesem Skalpholen der größten Gefahr aus. Es kann uns den Tag verlieren.«

»Wie er’s betrachtet, nicht, Jasper. Dieser einzige Skalp gereicht ihm nach seinen Begriffen zu größerer Ehre, als ein ganzes Feld voll Erschlagener, die ihre Haare auf dem Kopf haben. Da hat der feine junge Kapitän vom Sechzigsten beim letzten Gefecht mit den Franzosen sein Leben dem Versuch geopfert, einen feindlichen Dreipfünder zu nehmen, wobei er sich auch Ehre zu erwerben hoffte; dann hab‘ ich noch ’n jungen Fähnrich gekannt, der sich in seine Fahne wickelte, um darin den blutigen Todesschlaf zu schlafen. Mochte er sich wohl einbilden, daß er so sanfter ruhe, als auf einer Büffelhaut?«

»Ja, es ist ein anerkanntes Verdienst, seine Flagge nicht niederzuholen.«

»Und dies sind Chingachgooks Flaggen – er wird sie aufbewahren, um sie seinen Kindeskindern zu zeigen.« – Hier unterbrach sich Pfadfinder, schüttelte melancholisch den Kopf und fuhr fort: »Was sage ich! Kein Sprößling ist dem alten mohikanischen Stamm geblieben. Er hat keine Kinder, die er mit seinen Siegeszeichen erfreuen könnte, keinen Stamm, der seine Taten preist. Er ist ein einsamer Mann in dieser Welt, und doch hält er treu an seiner Erziehung und seinen Gaben! Es liegt etwas Ehrenwertes und Achtbares hierin, Jasper, Ihr müßt es zugeben.«

Hier erhob sich unter den Irokesen ein gewaltiges Geschrei, dem schnell das Knallen ihrer Büchsen folgte. Die Feinde wurden in ihrem Bemühen, den Delawaren von seinem Opfer zurückzutreiben, so hitzig, daß ein Dutzend ins Wasser stürzte und einige fast auf hundert Fuß in der schäumenden Strömung vordrangen, als ob sie wirklich an einen ernstlichen Ausfall dächten. Aber Chingachgook machte ruhig weiter, da er von den Geschossen unverletzt geblieben war, und beendete seine Aufgabe mit der Gewandtheit einer langen Übung. Dann schwang er sein triefendes Siegeszeichen in der Luft und ließ sein Schlachtgeheul in den furchtbarsten Tönen erschallen. Eine Minute lang ertönten die Hallen des schweigenden Waldes und der tiefe, von dem Laufe des Stromes gebildete Einschnitt von einem schrecklichen Geschrei wider, so daß Mabel in ununterdrückbarer Furcht ihr Haupt sinken ließ, während ihr Onkel einen Augenblick ernstlich auf Flucht bedacht war.

»Das übersteigt alles, was ich je von diesen Elenden gehört habe«, rief Jasper voll Entsetzen und Abscheu, indem er sich die Ohren zuhielt.

»Es ist ihre Musik, Junge; ihre Trommeln und Pfeifen, ihre Trompeten und Zinken. Sie lieben diese Töne, denn sie erregen in ihnen ungestüme Gefühle und das Verlangen nach Blut«, erwiderte Pfadfinder in vollkommener Ruhe. »Ich hielt sie für schrecklicher, als ich noch ein junger Bursche war; jetzt aber sind sie meinen Ohren nicht mehr als das Pfeifen des Windfängers oder der Gesang des Spottvogels, und stünde dieses kreischende Gewürm von den Fällen an bis zur Garnison, einer an dem anderen, so würde es jetzt keinen Eindruck mehr auf meine Nerven machen. Ich hoffe, Schlange ist nun zufriedengestellt, denn da kommt er mit dem Skalp an seinem Gürtel.«

Jasper wandte voll Abscheu über das letzte Beginnen des Delawaren sein Gesicht ab, als dieser ans Land stieg. Pfadfinder aber betrachtete seinen Freund mit der philosophischen Gleichgültigkeit eines Mannes, dessen Geist sich gewöhnt hat, auf alle ihm außerwesentlich scheinendenden Dinge ohne Vorurteil zu blicken. Als sich der Delaware tiefer in das Gebüsch begab, um seinen ärmlichen Kattunanzug auszuwringen und seine Büchse instand zu setzen, warf er einen triumphierenden Blick auf seine Gefährten, nach dem jedoch alle auf seine vermeintliche Heldentat bezogenen Gefühlsäußerungen verschwanden.

»Jasper«, begann nun der Pfadfinder, »geht zu Meister Caps Station hinunter und sagt ihm, er soll sich mit uns vereinigen. Wir haben nur wenig Zeit zur Beratung und müssen daher schnell unsern Plan entwerfen; denn es wird nicht lange dauern, bis diese Mingos neues Unheil spinnen.«

Der junge Mann gehorchte, und in wenigen Minuten waren die vier in der Nähe des Ufers versammelt, um ihre nächsten Bewegungen zu beraten, wobei sie sich jedoch vorsichtig verbargen und ein wachsames Auge auf das Beginnen ihrer Feinde hielten.

Mittlerweile hatte sich der Tag seinem Ende zugeneigt und weilte noch einige Minuten zwischen dem scheidenden Licht und einer Dunkelheit, die tiefer als gewöhnlich zu werden versprach.

»Männer«, begann Pfadfinder, »der Augenblick ist gekommen, wo wir mit Besonnenheit unsere Pläne entwerfen müssen, um gemeinschaftlich und nach bester Würdigung unserer Gaben handeln zu können. In einer Stunde werden diese Wälder so dunkel wie um Mitternacht sein, und wenn wir je die Garnison erreichen wollen, so muß es unter dem Schutz dieses günstigen Umstandes geschehen. Was sagt Ihr, Meister Cap? Denn obgleich Ihr in den Kämpfen und Rückzügen der Wälder nicht unter die Erfahrensten gehört, so berechtigen Euch doch Eure Jahre, zuerst im Rat und in dieser Sache zu sprechen.«

»Und meine nahe Verwandtschaft zu Mabel, Pfadfinder, die doch auch als was anzuschlagen ist.«

»Ich weiß das nicht. Rücksicht ist Rücksicht, und Zuneigung ist Zuneigung, ob sie eine Gabe der Natur ist oder ob sie aus eigenem Urteil und einer freiwilligen Anhänglichkeit fließt. Ich will hier nicht von Chingachgook sprechen, der für die Weiber keinen Sinn mehr hat, wohl aber von Jasper und mir; wir sind ebenso bereit, uns zwischen des Sergeanten Tochter und die Mingos zu stellen, wie es ihr eigener braver Vater tun würde. Sag‘ ich nicht die Wahrheit, Junge?«

»Mabel kann bis zum letzten Tropfen Bluts auf mich rechnen«, sprach Jasper, zwar mit verhaltenem Ton, aber mit tiefem Ausdruck des Gefühls.

»Schön, schön«, erwiderte der Onkel, »wir wollen über diesen Gegenstand nicht streiten, da wir alle dem Mädchen dienen wollen, und Taten sind besser als Worte. Nach meinem Gutachten können wir nichts anderes tun, als an Bord des Kahnes gehen, sobald es dunkel genug ist, daß uns die feindlichen Ausluger nicht sehen können, und gegen den Hafen rennen, so schnell es Wind und Zeit erlaubt.«

»Das ist leicht gesagt, aber nicht leicht getan«, entgegnete Pfadfinder. »Wir werden in dem Fluß weit mehr Gefahren ausgesetzt sein, als wenn wir unseren Weg durch die Wälder verfolgen, und dann ist die Stromenge des Oswego vor uns. Ich glaube nicht, daß selbst Jasper einen Kahn in der Dunkelheit wohlbehalten darüber wegbringen wird. Was sagt Ihr, Junge, da ich das Euerm Urteil und Eurer Geschicklichkeit überlassen muß.«

»Ich bin, die Benützung des Kahnes, anlangend, mit Meister Cap einer Meinung. Mabel ist zu zart, um in einer Nacht, wie diese zu werden scheint, durch Sümpfe und über Baumwurzeln zu gehen, und dann fühle ich mein Herz immer kräftiger und mein Auge treuer, wenn ich mich auf dem Wasser befinde.«

»Kräftig mag Euer Herz sein, Junge, und Euer Auge treu genug für einen, der soviel im hellen Sonnenschein und so wenig in den Wäldern gelebt hat. Freilich, der Ontario hat keine Bäume, sonst würde er eine Fläche sein, die das Herz eines Jägers erfreuen könnte. Aber was Eure Meinung anbelangt, Freunde, so hat sie viel für sich und viel gegen sich. Einmal ist es richtig: Das Wasser hinterläßt keine Fährte –«

»Was ist denn das Kielwasser anders?« unterbrach ihn der hartnäckige und überkluge Cap.

»Wie?«

»Macht nur fort«, sagte Jasper, »er bildet sich ein, er sei auf dem Meere – Wasser hinterläßt keine Fährte –«

»Es hinterläßt keine, Eau-douce, wenigstens bei uns nicht, obgleich ich mir nicht anmaße, zu sagen, was es auf dem Meer hinterläßt. Ein Kahn ist schnell und bequem, wenn er mit der Strömung schwimmt, und den zarten Gliedern der Sergeantentochter wird diese Bewegung gut bekommen. Andererseits aber hat der Fluß keine Verstecke als die Wolken des Himmels. Die Stromenge ist sogar bei Tage für einen Kahn ein kitzliges Wagestück; und dann sind es zu Wasser sechs wohlgemessene Meilen von hier an bis zur Garnison. Eine Landspur dagegen findet man in der Dunkelheit nicht leicht auf. Es beunruhigt mich, Jasper, denn wirklich ist hier guter Rat teuer.«

»Wenn Schlange und ich in den Fluß schwimmen und den anderen Kahn aufbringen könnten«, erwiderte der junge Schiffer, »so möchte unser sicherster Weg der zu Wasser sein.«

»Ja, wenn! – Und doch ließe sich’s vielleicht tun, wenn es erst ein wenig dunkler geworden ist. Gut, gut, wenn ich des Sergeanten Tochter und ihr Aussehen betrachte, so weiß ich nicht, ob es nicht doch das Beste sein mag. Ja, wenn es bloß eine Partie von Männern wäre, so möcht’s eine lustige Hatz werden, wenn wir mit jenen schuftigen Burschen ein wenig Verstecken spielten. Jasper«, fuhr der Pfadfinder fort, in dessen Charakter keine Spur von eitlem Gepränge Raum fand, »wollt Ihr es unternehmen, den Kahn aufzubringen?«

»Ich will alles unternehmen, was zu Mabels Nutz und Schutz sein kann, Pfadfinder.«

»Das ist ’n rechtschaffenes Gefühl, und ich denke, es ist Natur. Chingachgook, der bereits fast entkleidet ist, kann Euch helfen. So wird diesen Teufeln wenigstens eines der Mittel abgeschnitten, mit denen sie Unheil stiften können.«

Nachdem dieser wichtige Punkt im reinen war, bereiteten sich die verschiedenen Glieder der Gesellschaft vor, ihn zur Ausführung zu bringen. Die Schatten des Abends fielen dicht über den Forst, und als es so dunkel geworden war, daß man unmöglich mehr die Gegenstände am jenseitigen Ufer unterscheiden konnte, war alles zum Versuch bereit. Die Zeit drängte; denn die indianische Schlauheit konnte so manches Mittel ersinnen, um über einen so schmalen Strom zu setzen, so daß der Pfadfinder mit Ungeduld darauf drang, den Ort zu verlassen. Während Jasper und sein Helfer, nur mit Messern und dem Tomahawk des Delawaren bewaffnet, in den Strom gingen und die größte Sorgfalt anwandten, um keine ihrer Bewegungen zu verraten, holte Pfadfinder Mabel aus ihrem Versteck, hieß sie und Cap am Ufer hin bis an den Fuß der Stromschnellen gehen und bestieg selbst den anderen Kahn, um ihn an dieselbe Stelle zu bringen.

Dies war leicht bewerkstelligt. Der Kahn wurde an das Ufer getrieben, und Mabel und Cap stiegen ein, um ihre vorigen Sitze wieder einzunehmen. Der Pfadfinder stand im Stern aufrecht und hielt bei einem Gebüsch, um zu verhüten, daß sie das schnelle Wasser nicht in die Strömung reiße.

Einige Minuten gespannter und atemloser Aufmerksamkeit folgten, während sie den Erfolg des kühnen Versuches ihrer Kameraden erwarteten.

Die zwei Abenteurer mußten nun über das tiefe und reißende Fahrwasser schwimmen, ehe sie den Teil der Stromenge erreichen konnten, der ihnen das Waten erlaubte. Soweit war jedoch die Unternehmung bald gediehen, und Jasper und der Häuptling erreichten im gleichen Augenblick Seite an Seite den Grund. Als sie nun festen Fuß gewonnen hatten, nahmen sie sich gegenseitig bei der Hand und wateten langsam und mit der äußersten Vorsicht in der Richtung fort, in der sie den Kahn vermuteten. Aber die Tiefe der Finsternis brachte sie zu der Überzeugung, daß ihnen der Gesichtssinn hier nur wenige Hilfe gewähre und daß ihr Suchen durch jene Art von Instinkt geleitet werden müsse, der die Jäger in den Stand setzt, ihren Weg unter Umständen zu finden, wo keine Sonne und kein Stern einen Leitpunkt abgibt und wo einem Neuling in den Labyrinthen der Urwälder alles nur wie ein Chaos erscheinen würde. Unter solchen Verhältnissen ergab sich Jasper darein, sich von dem Delawaren leiten zu lassen, dessen Gewohnheiten ihn am ehesten geeignet machten, die Führung zu übernehmen. Es war jedoch keine kleine Aufgabe, in dieser Stunde mitten durch das brausende Element zu waten und alle Örtlichkeiten dem Geist so einzuprägen, daß ihnen die nötige Erinnerung daran blieb. Als sie sich in der Mitte des Stromes glaubten, waren die Ufer nur noch als dunkle Massen zu unterscheiden, deren Umrisse am Himmel kaum durch die Einschnitte der Baumwipfel angedeutet wurden. Ein- oder zweimal veränderten die Wanderer ihren Kurs, weil sie unerwartet in das tiefe Wasser gekommen waren; denn sie wußten, daß sich der Kahn an der seichtesten Stelle der Stromenge befand. Dies war auch überhaupt ihr einziger Leitpunkt, und Jasper und sein Gefährte tappten nun schon nahezu eine Viertelstunde im Wasser herum, was dem jungen Mann gar kein Ende zu nehmen schien, und doch waren sie scheinbar dem Gegenstand ihres Suchens nicht näher, als sie es im Anfang gewesen waren. Gerade, als der Delaware anhalten wollte, um seinem Kameraden mitzuteilen, daß sie besser tun würden, ans Land zurückzukehren und von dort aus einen neuen Versuch zu machen, sah er in einer Entfernung, die er mit dem Arm erreichen konnte, sich die Gestalt eines Menschen im Wasser bewegen. Jasper stand neben dem Häuptling, dem es nun auf einmal klar wurde, daß die Irokesen die gleiche Absicht wie sie hatten.

»Mingo!« wisperte er in Jaspers Ohr – »Schlange wird seinem Bruder zeigen, wie man schlau ist.«

Der junge Schiffer warf in diesem Moment einen Blick auf die Gestalt, und die erschreckende Wahrheit blitze auch in seiner Seele auf. Da er die Notwendigkeit erkannte, sich hier ganz dem Delawarenhäuptling anzuvertrauen, so hielt er sich zurück, indes sich sein Freund vorsichtig in der Richtung fortbewegte, in der die fremde Gestalt verschwunden war. Im nächsten Augenblick wurde sie wieder sichtbar und bewegte sich augenblicklich auf unsere beiden Abenteurer zu. Die Wasser tobten in einer Weise, daß von dem gewöhnlichen Ton der Stimme nichts zu befürchten stand; der Indianer wendete daher den Kopf rückwärts und sprach hastig: »Überlaß dies der Schlauheit der Großen Schlange.«

»Hugh!« rief der fremde Wilde und fuhr in der Sprache seines Volkes fort – »der Kahn ist gefunden, aber es ist niemand da, mir zu helfen. Kommt, laßt uns ihn vom Felsen losmachen.«

»Gern«, antwortete Chingachgook, der den Dialekt verstand, »führe uns, wir wollen folgen.«

Der Fremde, der mitten im Brausen der Wasserfluten die Stimme und den Akzent nicht zu unterscheiden vermochte, führte sie in der erforderlichen Richtung, wobei sich die beiden dicht an seiner Ferse hielten, und so erreichten alle drei schnell den Kahn. Der Irokese hielt an dem einen Ende, Chingachgook stellte sich in der Mitte auf und Jasper begab sich zum anderen, da es von Wichtigkeit war, daß der Fremde nicht die Anwesenheit eines Bleichgesichts gewahr werde – eine Entdeckung, die ebensogut durch die Kleidungsstücke, die noch der junge Mann trug, als durch das Sichtbarwerden seines Kopfes hätte herbeigeführt werden mögen.

»Hoch!« sagte der Irokese mit der seiner Rasse eigentümlichen Kürze, und mit geringer Anstrengung machten sie den Kahn von dem Felsen los, hielten ihn einen Augenblick in der Luft, um ihn auszuleeren, und setzten ihn dann sorgfältig in der geeigneten Lage auf das Wasser. Alle drei hielten fest, damit er nicht unter dem heftigen Drängen der Strömung ihren Händen entschlüpfte, während der Irokese, der den Kurs leitete und sich an dem Bug des Kahnes befand, die Richtung nach dem östlichen Ufer oder dem Ort, wo seine Freunde seine Rückkehr erwarteten, einschlug.

Da der Delaware und Jasper aus dem Umstand, daß ihre eigene Erscheinung dem Indianer sogar nicht aufgefallen war, annehmen konnten, daß sich noch mehrere Irokesen in der Stromenge befanden, so fühlten sie die Notwendigkeit der äußersten Vorsicht. Männer von weniger Mut und Entschlossenheit würden zuviel Gefahr zu laufen gefürchtet haben, wenn sie sich in die Mitte ihrer Feinde begeben, aber die kühnen Grenzleute kannten die Furcht nicht, waren mit Gefahren vertraut und sahen die Notwendigkeit wenigstens die Besitzergreifung des Fahrzeugs durch die Feinde zu verhindern, zu sehr ein, um sich nicht mit Freuden zu Erringung dieses Zweckes sogar noch größeren Wagnissen zu unterziehen. Jasper erschien auch in der Tat der Besitz oder die Zerstörung dieses Kahnes für Mabel so wichtig, daß er sein Messer zog und sich bereit hielt, Löcher hineinzustoßen, um ihn wenigstens für den Augenblick unbrauchbar zu machen, wenn er und der Delaware durch irgendeinen Umstand zum leeren Rückzug gezwungen werden sollten.

Mittlerweile schritt der Irokese, der den Zug anführte, in der Richtung seiner eigenen Partei, langsam durch das Wasser und schleppte seine widerstrebender Hintermänner nach. Einmal hatte Chingachgook schon seinen Tomahawk erhoben, um ihn in das Hirn seines vertrauenden und arglosen Nachbars zu senken; aber die Wahrscheinlichkeit, daß der Todesschrei oder der schwimmende Körper Lärm erregen würden, veranlaßte den behutsamen Häuptling, sein Vorhaben zu ändern. Im nächsten Augenblick bereute er jedoch seine Unentschlossenheit, denn plötzlich fanden sich die drei, die den Kahn festhielten, von vier anderen umgeben, die gleichfalls nach dem Fahrzeug spähten.

Nach den gewöhnlichen kurzen charakteristischen Ausrufungen, die ihre Zufriedenheit bezeichneten, hielten die Wilden den Kahn mit Lebhaftigkeit an; denn alle schienen die Notwendigkeit, sich dieser wichtigen Erwerbung zu versichern, zu fühlen, da solche auf der einen Seite zur Verfolgung der Feinde, auf der anderen zur Sicherung des Rückzuges dienen sollte. Dieser Zuwachs der Gesellschaft war jedoch so unerwartet und gab dem Feind ein so vollständiges Übergewicht, daß sich selbst der Scharfsinn und die Gewandtheit des Delawaren einige Augenblicke in Verlegenheit befand. Die fünf Irokesen drängten gegen ihr Ufer zu, ohne zu einer Besprechung anzuhalten; denn ihre Absicht ging in Wahrheit dahin, die Ruder, deren sie sich vorläufig versichert hatten, zu holen, und drei oder vier Krieger einzuschiffen, samt allen ihren Büchsen und Pulverhörnern, deren Mangel allein sie verhindert hatte, sobald es dunkel war über den Fluß zu schwimmen.

So erreichten nun Freunde und Feinde miteinander den Rand des östlichen Fahrwassers, wo, wie in dem westlichen, das Wasser zu tief war, um durchwatet werden zu können. Hier erfolgte eine kurze Pause, denn es war nötig, die Art zu bestimmen, wie man den Kahn darüber wegbringen solle. Einer von den vieren, der eben bei dem Boot anlangte, war ein Häuptling, und da der amerikanische Indianer dem Verdienst, der Erfahrung und dem Rang Achtung zu zollen gewöhnt ist, so verhielten sich alle übrigen still, bis der Führer gesprochen hatte.

Durch diesen Halt wurde die Gefahr einer Entdeckung für Jasper, obgleich er zur Vorsorge seine Mütze in den Kahn geworfen hatte, noch vermehrt. Doch mochten seine Umrisse in der Dunkelheit, da er Jacke und Hemd ausgezogen hatte, weniger Aufmerksamkeit auf sich ziehen, und seine Stellung am Hinterteil des Kahnes begünstigte gleichfalls ein Verborgenbleiben, da die Indianer mehr vorwärts blickten. Nicht so verhielt sich’s mit Chingachgook, der sich buchstäblich mitten unter seinen tödlichsten Feinden befand und sich kaum bewegen konnte, ohne einen zu berühren. Er verhielt sich jedoch ruhig, obgleich alle seine Sinne rege waren und er jeden Augenblick bereit stand, zu entwischen oder im geeigneten Moment einen Schlag zu führen. Die Gefahr einer Entdeckung wurde noch dadurch vermindert, daß er sich sorgfältig enthielt, auf die hinter ihm Stehenden zurückzublicken, und so wartete er mit der unüberwindlichen Geduld eines Indianers auf den Augenblick, der ihn zu handeln zwang.

»Mögen alle meine jungen Leute ans Land gehen und ihre Waffen holen, bis auf die zwei an den Enden des Bootes. Diese mögen den Kahn über die Strömung wegbringen.«

Die Indianer gehorchten ruhig und ließen Jasper an dem Stern und den Indianer, der den Kahn aufgefunden hatte, an dem Bug des leichten Fahrzeuges. Chingachgook tauchte so tief in den Fluß, daß er ohne entdeckt zu werden an den anderen vorbeikommen konnte. Das Plätschern in dem Wasser, das Schlagen der Arme und der gegenseitige Zuruf verkündeten bald, daß die vier, die sich später zu der Gesellschaft gefunden hatten, im Schwimmen begriffen waren. Sobald sich der Delaware hiervon überzeugt hatte, erhob er sich, nahm seine frühere Stellung wieder ein und dachte nun auf den Augenblick des Handelns.

Ein Mann von geringerer Selbstbeherrschung als Chingachgook würde wahrscheinlich jetzt seinen beabsichtigten Streich ausgeführt haben. Aber Chingachgook wußte, daß sich noch mehr Irokesen hinter ihm in der Strömung befanden, und er war ein zu geübter und erfahrener Krieger, um irgend etwas unnützerweise zu wagen. Er ließ deshalb den Indianer am Bug des Kahnes in das tiefe Wasser stoßen, und nun schwammen alle drei in der Richtung des östlichen Ufers fort. Statt aber das Fahrzeug quer über die rasche Strömung treiben zu helfen, begannen Jasper und der Delaware, als sie sich mitten in dem kräftigsten Schusse des Wassers befanden, in einer Weise zu schwimmen, daß dadurch die weiteren Fortschritte in die Quere des Stromes verhindert wurden. Dies geschah jedoch nicht plötzlich oder in der unvorsichtigen Manier, mit der ein zivilisierter Mensch den Kunstgriff versucht haben würde, sondern mit Schlauheit und so allmählich, daß der Irokese am Bug zuerst dachte, er habe nur gegen die Gewalt der Strömung anzukämpfen. Wirklich trieb auch unter dem Einfluß dieser Gegenwirkung der Kahn stromabwärts und schwamm in ungefähr einer Minute in dem stillen tieferen Wasser am Fuß der Stromenge. Hier fand jedoch der Irokese bald, daß sich etwas Ungewöhnliches dem Weiterkommen entgegenstemme, und als er zurückblickte, wurde es ihm klar, daß er den Grund in den Bemühungen seiner Gehilfen zu suchen habe.

Jene zweite Natur, die in uns die Gewohnheit erzeugt, sagte dem Irokesen schnell, daß er allein mit seinen Feinden sei. Mit einem raschen Stoß durch das Wasser fuhr er Chingachgook an die Kehle, und nun ergriffen sich die beiden Indianer, die ihren Posten am Kahn verlassen hatten, mit der Wut der Tiger. In der Mitte der Finsternis und der düsteren Nacht, in einem Element schwimmend, das so gefährlich für einen tödlichen Kampf sein mußte, schienen sie alles mit Ausnahme ihres blutigen Hasses und des gegenseitigen Bestrebens, den Sieg davonzutragen, vergessen zu haben.

Jasper hatte nun den Kahn, der unter den durch das Ringen der beiden Kämpfer hervorgebrachten Wellenstößen wie eine Feder im Winde dahinflog, völlig in seiner Macht. Der erste Gedanke des Jünglings war, dem Delawaren zu Hilfe zu schwimmen. Dann aber zeigte sich ihm die Wichtigkeit der Sicherung des Kahnes in ihrer vollen Gewalt, und während er auf die schweren Atemzüge der beiden Krieger, die sich an den Kehlen gefaßt hielten, horchte, trieb er so eilig als er es vermochte dem westlichen Ufer zu. Dieses hatte er bald erreicht und nach kurzem Suchen die zurückgebliebene Gesellschaft, wie auch seine Kleider wieder aufgefunden. Wenige Worte genügten, um die Lage, in der er den Delawaren verlassen, und die Art, wie er den Kahn gerettet hatte, auseinanderzusetzen.

Als die am Ufer Befindlichen die Mitteilung Jaspers gehört hatten, trat eine tiefe Stille ein, und jeder lauschte aufmerksam in der eitlen Hoffnung, etwas zu vernehmen, was über den Ausgang des schrecklichen Kampfes, der im Wasser stattgefunden oder noch fortdauerte, Aufschluß geben konnte. Aber man vernahm nichts durch das Geräusch des brausenden Flusses, und es gehörte mit zu der Politik ihrer Feinde auf dem entgegengesetzten Ufer, eine totengleiche Stille zu beobachten.

»Nehmt dieses Ruder, Jasper«, sagte Pfadfinder ruhig, obgleich es den übrigen dünkte, daß seine Stimme melancholischer als gewöhnlich tönte, »und folgt mir mit Eurem Kahn. – Es ist nicht ratsam, hier zu bleiben.«

»Aber Chingachgook?«

»Die Große Schlange ist in den Händen ihrer Gottheit. Wir können ihm nicht helfen und würden zuviel wagen, wenn wir müßig hier bleiben und wie Weiber im Unglück jammern wollten. Diese Finsternis ist kostbar.«

Ein lauter, langer, durchdringender Schrei drang vom Ufer herüber und unterbrach die Worte des Pfadfinders.

»Was bedeutet dieser Lärm, Meister Pfadfinder?« fragte Cap. »Er klingt ja mehr wie das Zetergeschrei der Teufel, als wie Töne aus den Kehlen von Menschen und Christen.«

»Christen sind’s nicht und wollen keine sein; und wenn Ihr sie Teufel nennt, so habt Ihr sie richtig betitelt. Dieser Schrei ist ein Freudenruf, wie ihn die Sieger ausstoßen. Es ist kein Zweifel, der Körper Chingachgooks ist tot oder lebendig in ihrer Gewalt.«

»Und wir –«, rief Jasper, der den Schmerz einer edlen Reue fühlte, denn der Gedanke vergegenwärtigte sich seinem Geist, daß er wohl dieses Unglück abzuwenden vermocht hätte, wenn er seinen Kameraden nicht verlassen haben würde.

»Wir können dem Häuptling nichts nützen, Junge, und müssen diesen Platz so schnell wie möglich verlassen.«

»Ohne einen Versuch zu seiner Befreiung? – ja, ohne zu wissen, ob er tot oder lebendig ist?«

»Jasper hat recht«, sagte Mabel, die zwar zu sprechen vermochte, jedoch nur mit erstickter Stimme. »Ich habe keine Furcht, Onkel, und will hier bleiben, bis ich weiß, was aus unserem Freund geworden ist.«

»Das scheint vernünftig, Pfadfinder«, warf Cap ein. »Ein rechter Seemann kann seinen Kameraden nicht verlassen. Es freut mich, so richtige Grundsätze unter diesem Frischwasservolk zu finden.«

»Fort, fort damit«, erwiderte der ungeduldige Pfadfinder, indem er zugleich den Kahn in den Strom drängte. »Ihr wißt nichts, drum fürchtet Ihr nichts. Aber wenn Euch Euer Leben wert ist, so denkt daran, die Garnison zu erreichen, und überlaßt den Delawaren den Händen der Vorsehung. Ach! Der Hirsch, der zu oft zu der Lick geht, trifft am Ende doch mit dem Jäger zusammen!«

Siebentes Kapitel

Siebentes Kapitel

Die hochherzige Mabel fühlte ihr Blut in den Adern pochen und ihre Wangen erröten, als der Kahn in den Strom einlenkte, um den Platz zu verlassen. Die Finsternis der Nacht hatte nachgelassen, da sich die Wolken zerstreuten; aber das überhängende Gehölz umnachtete die Ufer so sehr, daß die Kähne wie in einem dunklen Schacht, frei von Entdeckung, in der Strömung hinabfuhren. Dennoch durften sich die in den Kähnen Befindlichen keineswegs für sicher halten, und selbst Jasper, der für das Mädchen zu zittern begann, warf bei jedem ungewöhnlichen Ton, der von dem Walde aufstieg, besorgte Blicke umher. Das Ruder wurde mit Leichtigkeit und der äußersten Sorgfalt geführt, denn der geringste Ton mochte in der tiefen Ruhe dieser Stunde und dieses Ortes den wachsamen Ohren der Irokesen ihre Stellung verraten.

Alles dies erhob noch die großartigen Eindrücke der Lage des Mädchens und trug dazu bei, den gegenwärtigen Augenblick zu dem aufregendsten zu machen, der Mabel je in ihrem kurzen Leben vorgekommen war. Mutig, voll Selbstvertrauen, wie sie war, und noch gehoben durch den Stolz, den sie als ein Soldatenkind fühlte, konnte man kaum von ihr sagen, daß Furcht auf sie einwirke, aber ihr Herz schlug oft schneller als gewöhnlich, ihr schönes Auge strahlte, unbemerkt in der Finsternis, mit dem Ausdruck der Entschlossenheit, und ihre lebhaften Gefühle waren durch die Ereignisse dieser Nacht noch gesteigert.

»Mabel«, sagte Jasper mit unterdrückter Stimme, als die Kähne so nahe beieinander schwammen, daß die Hand des jungen Mannes sie zusammenhalten konnte. »Sie haben keine Furcht und vertrauen freimütig unserer Sorgfalt und unserem guten Willen Ihren Schutz – nicht wahr?«

»Ich bin eines Soldaten Tochter, wie Ihr wißt, Jasper Western, und müßte erröten, wenn ich Furcht bekennen sollte.«

»Verlassen Sie sich auf mich – auf uns alle. Euer Onkel, der Pfadfinder, der Delaware, wenn der arme Bursche hier wäre – und ich selbst werden eher alles wagen, ehe Ihnen ein Leid zustoßen soll.«

»Ich glaube Euch, Jasper«, erwiderte das Mädchen, indem sie unwillkürlich ihre Hand in dem Wasser spielen ließ. »Ich weiß, daß mich mein Onkel liebt und nie an sich selber denkt, ohne zuerst an mich gedacht zu haben; auch glaub‘ ich, daß ihr alle Freunde meines Vaters seid und gerne seinem Kind beisteht. Aber ich bin nicht so schwach und zaghaft, wie Ihr glauben mögt; denn obgleich ich nur ein Stadtmädchen und, wie die meisten von dieser Klasse, ein wenig geneigt bin, Gefahr zu sehen, wo keine ist, so versprech ich Euch doch, Jasper, daß keine törichte Furcht von meiner Seite der Ausübung Eurer Pflicht in den Weg treten soll.«

»Des Sergeanten Tochter hat recht, und sie ist wert, ein Kind des wackeren Thomas Dunham zu sein«, warf der Pfadfinder ein. »Ach, mein Kind, wie oft spähte oder marschierte ich mit Ihrem Vater an den Flanken oder der Nachhut des Feindes in Nächten, die dunkler waren als diese, und zwar unter Umständen, wo keiner wissen konnte, ob ihn nicht der nächste Augenblick in einen blutigen Hinterhalt führe. Ich war an seiner Seite, als er an der Schulter verwundet wurde, und der wackere Kamerad wird Ihnen erzählen, wenn wir zu ihm kommen, wie wir’s anstellten, um über den Fluß zu setzen, der uns im Rücken lag, und seinen Skalp zu retten.«

»Er hat mir’s erzählt«, sagte Mabel mit mehr Feuer, als in ihrer gegenwärtigen Lage klug sein mochte. »Ich habe Briefe von ihm, in denen er von allem Erwähnung tut, und ich danke Euch von Grund meines Herzens für Eure Dienste. Gott mög’s Euch vergelten, Pfadfinder, und es gibt keine Erkenntlichkeit, die Ihr von der Tochter fordern könntet, die sie nicht mit Freuden für ihres Vaters Leben leisten würde.«

»Ja, das ist so bei euch sanften und reinen Geschöpfen. Ich hab‘ früher einige von euch kennengelernt und von anderen gehört. Der Sergeant selbst hat mir von seinen jüngeren Tagen erzählt, von Ihrer Mutter, von der Art, wie er um sie freite und von all den Querstrichen und widrigen Zufällen, bis er es zuletzt durchsetzte.«

»Meine Mutter lebte nicht lange genug, um ihn für alles zu entschädigen, was er tat, um sie zu gewinnen«, sprach Mabel mit bebender Lippe.

»So sagt‘ er mir. Der brave Sergeant hat gegen mich kein Geheimnis, und da er um manches Jahr älter ist als ich, betrachtete er mich auf unseren mannigfaltigen Späherzügen als so eine Art von Sohn.«

»Vielleicht, Pfadfinder«, bemerkte Jasper mit einer Unsicherheit der Stimme, die den beabsichtigten Scherz vereitelte, »würde er froh sein, in Euch wirklich einen zu besitzen?«

»Und wenn er’s wäre, Eau-douce, läge etwas Arges darin? Er weiß, was ich auf der Fährte und als Kundschafter bin, und hat mich oft Aug‘ in Auge mit den Franzosen gesehen. Ich habe bisweilen gedacht, Junge, daß wir uns alle Weiber suchen sollten, denn der Mann, der beständig in den Wäldern und in Berührung mit seinen Feinden oder seiner Beute steht, muß zuletzt einige Gefühle seines Geschlechts verlieren.«

»Nach den Proben, die ich davon gesehen habe«, erwiderte Mabel, »möchte ich sagen, daß viele, die lange in den Wäldern leben, auch vergessen, so manches von der Hinterlist und den Lastern der Städte zu lernen!«

»Es ist nicht leicht, Mabel, immer in der Gegenwart Gottes zu weilen und nicht die Macht seiner Güte zu fühlen. Ich habe den Gottesdienst in den Garnisonen besucht und, wie es einem braven Soldaten ziemt, versucht, an den Gebeten teilzunehmen; denn, obgleich ich nicht auf der Dienstliste des Königs stehe, so kämpfe ich doch in seinen Schlachten und diene seiner Sache. – Aber so sehr ich mich auch bemühte, den Garnisonsbrauch würdig mitzumachen, so konnt‘ ich mich doch nie zu den feierlichen Gefühlen und zu der treuen Hingebung erheben, die ich empfinde, wenn ich allein mit Gott in den Wäldern bin. Hier steh‘ ich Angesicht in Angesicht mit meinem Meister. Alles um mich ist frisch und schön, wie es aus seiner Hand kommt. Da gibt’s keine spitzfindigen Doktrinen, um das Gefühl zu erkälten. Nein, nein; die Wälder sind der wahre Tempel Gottes, in dem die Gedanken sich frei erheben und über die Wolken dringen.«

»Ihr sprecht die Wahrheit, Meister Pfadfinder«, sagte Cap, »und eine Wahrheit, die alle kennen, die oft in der Einsamkeit leben. Was ist zum Beispiel der Grund, daß die Seeleute im allgemeinen so religiös und gewissenhaft in ihrem ganzen Tun und Lassen sind, wenn nicht das, daß sie sich so oft allein mit der Vorsehung befinden und so wenig mit der Gottlosigkeit des Landes verkehren? Oft hab‘ ich auf meiner Wache gestanden unter dem Äquator oder auf dem südlichen Ozean, wenn die Nächte leuchteten von dem Feuer des Himmels; und dies, meine Lieben, ist der geeignetste Zeitpunkt, dem sündigen Menschen seinen Zustand zu zeigen. Ich hab‘ mich unter solchen Umständen wieder und wieder niedergeworfen, bis die Wandtaue und Talje-Reepen meines Gewissens mit Macht erknarrten. Ich stimm‘ Euch daher bei, Meister Pfadfinder, und sage, wenn Ihr einen wahrhaft religiösen Mann sehen wollt, geht aufs Meer oder geht in die Wälder.«

»Onkel, ich habe geglaubt, die Seeleute stünden im allgemeinen in dem Ruf, daß sie wenig Achtung vor der Religion hätten?«

»Alles heillose Verleumdung, Mädel! Frag mal einen Seefahrer, was seine wirkliche Herzensmeinung über die Bewohner des Landes, die Pfarrer und alle übrigen sei, so wirst du was ganz anderes hören. Ich kenne keine Menschenklasse, die hierin mehr verleumdet wird als die Seeleute, und bloß darum, weil sie nicht zu Hause bleiben, um sich zu verteidigen und die Geistlichkeit zu bezahlen. Sie haben freilich nicht so viel Unterricht wie die Landratten, aber was das Wesen des Christentums anlangt, so bohren die Seeleute die Ufermenschen stets in Grund.«

»Ich will für alles dies nicht einstehen, Meister Cap«, entgegnete Pfadfinder, »obschon einiges davon wahr sein mag. Aber es bedarf nicht des Donners und des Blitzes, um mich an meinen Gott zu erinnern, und ich bin nicht der Mann, seine Güte eher in der Verwirrung und Trübsal zu bewundern, als an einem feierlichen, ruhigen Tag, wo seine Stimme aus dem Krachen der toten Baumzweige oder im Gesang eines Vogels meinen Ohren wenigstens ebenso lieblich tönt, als wenn ich sie in dem Aufruhr der Elemente vernehmen müßte. Was meint Ihr, Eau-douce? Ihr habt’s ebensogut mit Gewittern zu tun wie Meister Cap und müßt doch was von den Gefühlen kennen, die angesichts eines Sturmes auftauchen.«

»Ich fürchte, daß ich zu jung und unerfahren bin, um viel über diesen Gegenstand sagen zu können«, erwiderte Jasper bescheiden.

»Ihr fühlt aber doch was dabei!« sagte Mabel rasch. »Ihr könnt nicht – niemand kann unter solchen Szenen leben, ohne zu empfinden, wie sehr er des Vertrauens auf Gott bedarf.«

»Ich will meine Erziehung nicht zu sehr verleugnen und deshalb gestehen, daß ich bisweilen meine Gedanken habe, aber ich fürchte, daß dies nicht so oft geschieht, wie es sollte.«

»Frischwasser!« erwiderte Cap nachdrücklich. »Du wirst doch nicht zuviel von dem jungen Mann erwarten, Mabel. Ich denke, man nennt Euch bisweilen mit einem Namen, der alles dies bezeichnet, Eau-de-vie, nicht wahr?«

»Eau-douce«, entgegnete mit Ruhe Jasper, der sich bei Gelegenheit seiner Fahrten auf dem See sowohl die Kenntnis des Französischen wie auch mehrere Dialekte der Indianer zu eigen gemacht hatte. »Es ist der Name, den mir die Irokesen gegeben haben, um mich von einigen Gefährten zu unterscheiden, die einmal eine Fahrt auf dem Meer mitgemacht haben und nun die Ohren der Landbewohner mit Geschichten von ihren großen Salzwasserseen erfüllen.«

»Und warum sollten sie das nicht? Sie tun dadurch den Wilden keinen Schaden, und wenn’s auch nichts zu ihrer Zivilisation beiträgt, so kommen sie dadurch doch nicht in eine noch größere Barbarei.«

»Die Bedeutung von Eau-douce ist süßes oder trinkbares Wasser«, erwiderte Jasper. »Aber man versteht bei uns Seeleuten unter Eau immer Branntwein, und unter Eau-de-vie einen Branntwein von höherer Stärke. Ich verdenke Euch übrigens Eure Unwissenheit nicht, denn sie ist Eurer Stellung angemessen.«

»Eau-douce oder Eau-de-vie«, unterbrach ihn der redliche und freimütige Pfadfinder, »ist jedenfalls ein braver Junge, und ich hab‘ immer so gesund geschlafen, wenn er auf Wache war, als wenn ich selbst aufgewesen wäre.«

»Ich mache keinen Anspruch auf Kenntnisse, die ich nicht besitze«, sprach Jasper, »und hab‘ nie gesagt, daß ich von Meer und Schifffahrt was verstehe. Wir steuern auf unseren Seen nach den Sternen und dem Kompaß und fahren von einem Vorgebirge zum anderen.«

»Ihr habt Eure Lote«, unterbrach ihn Cap.

»Sie sind von geringem Nutzen und werden selten ausgeworfen.« »Das Tieflot –«

»Ich habe von solchem Ding mal gehört, muß aber gestehen, daß ich nie eins sah.«

»Oh, zum Henker!« rief Cap mit Heftigkeit. »Ein Schiffer und kein Tieflot! Junge, Ihr könnt keinen Anspruch drauf machen, so ein Stück von Seemann zu sein. Wer, zum Teufel, hat je von einem Schiffer gehört ohne Tieflot?«

»Ich mache keinen Anspruch auf besondere Geschicklichkeit, Meister Cap –«

»Das Schießen über die Fälle und die Stromengen ausgenommen, Jasper«, sagte Pfadfinder, der ihm zu Hilfe kam; »in diesem Geschäft müßt auch Ihr ihm, Meister Cap, Gewandtheit zugestehen. Wenn Jasper auch für die offene See nicht taugt, so hat er doch ein scharfes Auge und eine sichere Hand, wenn er über die Fälle setzt.«

»Aber Jasper taugt wohl – würde wohl für die offene See taugen«, sagte Mabel mit einer Lebhaftigkeit in ihrer hellen Stimme, daß alle mitten in der Stille aufhorchten; »ich meine, ein Mann, der hier so viel zu leisten vermag, kann dort nicht untauglich sein, wenn er gleich nicht so mit den Schiffen vertraut ist wie Onkel.«

»Schön, schön, unterstützt euch nur in eurer Unwissenheit«, erwiderte Cap mit höhnischem Lächeln. »Wir Seeleute haben immer die Mehrzahl gegen uns, wenn wir am Ufer sind, und können deshalb selten zu unserem Recht kommen; aber wenn’s die Verteidigung gilt oder die Führung des Handels, da sind wir dann doch der Gutgenug!«

»Aber, Onkel, die Bewohner des Landes kommen doch nicht, um unsere Küsten anzugreifen. Es treffen also die Seeleute nur mit Seeleuten zusammen.«

»Da hat man wieder die Ignoranz! – Wo sind alle die Feinde, die in dieser Gegend gelandet haben, Franzosen und Engländer? Ich will nur das fragen.«

»Ja, wo sind sie?« rief Pfadfinder aus. »Niemand kann das besser sagen als die, Meister Cap, die sich in den Wäldern aufhalten. Ich hab‘ oft ihre Marschlinie verfolgt nach den Gebeinen, die im Regen bleichten; ich habe Jahre nachher ihre Spur bei Gräbern gefunden, nachdem sie und ihr Stolz lange verschwunden waren. Generale und Gemeine lagen durch das Land zerstreut als ebensoviel Beweise, was der Mensch ist, wenn ihn der Ehrgeiz leitet, mehr zu sein als seine Nebenmenschen.«

»Ich muß sagen, Meister Pfadfinder, daß Ihr bisweilen Meinungen äußert, die etwas merkwürdig klingen aus dem Munde eines Mannes, der stets unter dem Gewehr lebt und selten die Luft anders als mit Pulverdampf gemengt atmet – eines Mannes, der kaum seine Hängematte verläßt, ohne einem Feind zu Leibe zu gehen.«

»Wenn Ihr glaubt, daß ich mein Leben im ewigen Krieg gegen mein Geschlecht zubringe, so kennt Ihr weder mich noch meine Geschichte. Der Mann, der in den Wäldern und an den Grenzen lebt, muß sich den Wechsel der Dinge gefallen lassen. Ich bin nur ein einfacher, machtloser Jäger, Kundschafter und Wegweiser und dafür nicht verantwortlich. Mein wahrer Beruf ist jedoch, für die Armee auf dem Marsch sowohl als in Friedenszeiten zu jagen; obgleich ich eigentlich im Dienste eines Offiziers stehe, der aber abwesend und in den Ansiedlungen ist, wohin ich ihm nie folgen werde. Nein, nein; Blutdurst und Krieg sind nicht meine eigentlichen Gaben, sondern Mitleid und Friede. Dem Feind aber blicke ich so gut wie ein anderer ins Gesicht, und was die Mingos betrifft, so betrachte ich jeden als eine Schlange, die man unter die Ferse tritt, sobald sich die Gelegenheit darbietet.«

»Schön, schön; ich hab‘ mich in Eurem Beruf geirrt, den ich für so regelmäßig kriegerisch hielt wie den eines Schiffskonstabels. Da ist nun auch mein Schwager; er ist von seinem sechzehnten Jahre an Soldat gewesen und betrachtet sein Gewerbe jedenfalls als ebenso respektabel wie das eines Seefahrers. Das ist nun freilich ein Punkt, über den es kaum der Mühe wert ist zu streiten.«

»Man hat meinen Vater gelehrt, daß es ehrenvoll sei, die Waffen zu tragen«, sagte Mabel, »denn auch sein Vater war Soldat.«

»Ja, ja«, fuhr der Kundschafter fort, »die meisten Gaben des Sergeanten sind kriegerisch, und er betrachtet die meisten Dinge dieser Welt nur über seinen Musketenlauf. So ist’s auch einer von seinen Einfällen, ein königliches Gewehr einer regelmäßigen, langläufigen Büchse mit doppeltem Visierpunkt vorzuziehen. Aber solche Begriffe können wohl durch lange Gewohnheit aufkommen, und Vorurteil ist vielleicht der allgemeine Fehler der Menschennatur.« »Am Lande, das geb‘ ich zu«, sagte Cap. »Ich komme nie von einer Reise zurück, ohne dieselbe Bemerkung zu machen. Als ich das letztemal eingelaufen war, fand ich in ganz York kaum einen Mann, der im allgemeinen über die Dinge und Gegenstände dachte wie ich. Jeder, mit dem ich zusammentraf, schien seine Ideen gegen den Wind aufgetaljet zu haben, und wenn er ein wenig von seinen einseitigen Ansichten abfiel, so war’s gewöhnlich, um auf dem Kiel kurz umzuvieren und so dicht wie möglich auf einen anderen Gang anzulegen.«

»Versteht Ihr dies, Jasper?« flüsterte Mabel mit einem Lächeln dem jungen Manne zu, der sein eigenes Fahrzeug ganz dicht an ihrer Seite hielt.

»Es ist kein so großer Unterschied zwischen Salz- und Frischwasser, daß wir, die wir unsere Zeit darauf zubringen, uns nicht gegenseitig sollten verstehen können. Ich halt’s für kein groß‘ Verdienst, Mabel, die Sprache unseres Gewerbes zu verstehen.«

»Selbst die Religion«, fuhr Cap fort, »liegt nicht mehr an derselben Stelle vor Anker wie in meinen jungen Tagen. Sie vieren und holen sie am Lande an, wie sie’s mit anderen Dingen auch machen, und es ist kein Wunder, wenn sie hin und wieder festzusitzen kommen. Alles scheint zu wechseln, nur der Kompaß nicht, und auch der hat seine Abweichungen.«

»Wohl«, entgegnete Pfadfinder, »ich hab‘ aber immer das Christentum und den Kompaß für etwas ziemlich Beständiges gehalten.«

»Ja, wenn sie auf dem Meer sind, mit Ausnahme der Abweichungen. Die Religion auf dem Meer ist heute noch dasselbe, was sie war, als ich zum erstenmal meine Hand in den Teerkessel tauchte. Niemand wird mir das bestreiten, der die Gottesfurcht nicht aus den Augen läßt. Ich kann an Bord keinen Unterschied zwischen dem heutigen Zustand der Religion und dem aus der Zeit, da ich noch ein junges Bürschlein war, erkennen. So ist’s aber keineswegs am Ufer. Nehmt mein Wort dafür, Meister Pfadfinder, es ist schwer, einen Mann zu finden – ich meine auf dem Festlande – dessen Ansichten über diesen Gegenstand noch genau dieselben sind wie vor vierzig Jahren.«

»Und doch ist Gott unverändert, seine Werke sind unverändert, sein heiliges Wort ist unverändert: Es muß daher auch alles, was zum Preis und zur Ehre seines Namens dient, unverändert sein.«

»Nicht an Land. Es ist das gerade das Miserabelste von dem Lande, daß es beständig in Bewegung ist, obgleich es fest aussieht. Wenn Ihr einen Baum pflanzt, ihn verlaßt und nach einer dreijährigen Reise wieder zurückkommt, so findet Ihr ihn nicht wieder, wie Ihr ihn verlassen habt. Die Städte vergrößern sich; neue Straßen tun sich auf, die Kajen werden verändert, und die ganze Oberfläche der Erde erleidet einen Wechsel. Ein Schiff aber, das von einer Indienfahrt zurückkommt, ist noch gerade so wie es aussegelte, wenn man den fehlenden Anstrich, die Abnützung der Schiffsgerätschaften und die Zufälligkeiten der Fahrt abrechnet.«

»Das ist nur zu wahr, Meister Cap, und daher um so mehr zu beklagen. Ach! Die Dinge, die man Verbesserungen nennt, dienen zu nichts, als das Land zu untergraben und zu verunstalten. Die herrlichen Werke Gottes werden täglich niedergeworfen und zerstört, und die Hand des Menschen scheint erhoben zu sein in Verachtung seines mächtigen Willens. Man hat mir gesagt, es seien schreckenerregende Zeichen dessen, was noch kommen soll, im Süden und Westen der großen Seen anzutreffen; denn ich selbst bin in diesen Gegenden noch nie gewesen.«

»Was meint Ihr damit, Pfadfinder?« fragte Jasper bescheiden.

»Ich meine die Stellen, die die Rache des Himmels bezeichnete oder die sich vielmehr als feierliche Warnungszeichen dem Gedankenlosen und Üppigen in den Weg stellen. Man nennt sie die Prärien, und ich hab‘ einen so wackeren Delawaren, als ich nur je einen kannte, erzählen hören, die Hand Gottes liege so schwer darauf, daß nicht ein Baum dort gedeihe. Eine solche Heimsuchung der unschuldigen Erde muß Scheu erregen und kann nur die Absicht haben zu zeigen, zu welchen schrecklichen Folgen eine unbesonnene Zerstörungssucht führen mag.«

»Und doch hab‘ ich Ansiedler gesehen, die sich viel von diesen offenen Plätzen versprachen, weil sie ihnen die Mühe der Lichtung ersparten. Euer Brot schmeckt Euch, Pfadfinder; und doch kann der Weizen dazu nicht im Schatten reifen.«

»Aber ein redlicher Wille, einfache Wünsche und die Liebe Gottes können’s, Jasper. Selbst Meister Cap wird Euch sagen, daß eine baumlose Ebene einer öden Insel gleichen muß.«

»Kann sein«, warf Cap ein; »indes haben öde Inseln auch ihren Nutzen, denn sie dienen dazu, die Kursberechnungen zu korrigieren. Wenn es auf meinen Geschmack ankommt, so habe ich nie was gegen eine Ebene einzuwenden wegen ihres Mangels an Bäumen. Da die Natur mal dem Menschen Augen zum Umherblicken und eine Sonne zum Scheinen gegeben hat, so kann ich, wenn es nicht wegen des Schiffbaues oder hin und wieder wegen Errichtung eines Hauses wäre, in einem Baum keinen besonderen Nutzen entdecken, zumal wenn keine Affen oder Früchte darauf sind.«

Auf diese Bemerkung antwortete Pfadfinder nur durch einen leisen Ton, der die Absicht hatte, seine Gefährten zum Stillschweigen zu veranlassen. Während die Unterhaltung mit gedämpfter Stimme geführt wurde, waren die Kähne unter den tiefen Schatten des westlichen Ufers langsam mit der Strömung abwärts gegangen, ohne daß man sich der Ruder anders als zum Steuern bediente. Die Kraft des Stromes wechselte jetzt so bedeutend, daß das Wasser stellenweise ganz still zu stehen schien, indes seine Geschwindigkeit an anderen Orten mehr als zwei oder drei Meilen in der Stunde betragen mochte. Besonders drängte es an den Stromengen mit einer Eile vorwärts, die ein ungeübtes Auge erschrecken konnte. Jasper war der Meinung, daß sie mit der Strömung die Mündung des Flusses in zwei Stunden, von der Zeit ihrer Einschiffung an gerechnet, erreichen dürften, und er und Pfadfinder hatten es für geeignet gehalten, die Kähne so lange für sich schwimmen zu lassen, bis sie über die ersten Gefahren ihres neuen Kurses hinaus waren. Obgleich eine tiefe Ruhe in diesem fast endlosen Forst herrschte, sprach doch die Natur mit tausend Zungen in der beredten Sprache einer Nacht in den Wäldern. Die Luft seufzte durch Myriaden von Bäumen, das Wasser rieselte und brauste stellenweise an den Ufern, dann hörte man hin und wieder das Knarren eines Zweiges oder eines Stammes, der sich an einem anderen rieb und stieß. Aber alles Leben schwieg. Nur einmal glaubte Pfadfinder das Geheul eines entfernten Wolfes zu vernehmen; dieser Ton war jedoch so vorübergehend und zweifelhaft, daß seine Deutung wohl auf Rechnung der Einbildungskraft kommen konnte. Als er aber gegen seine Gefährten den Wunsch des Stillschweigens durch ein Pst! ausdrückte, hatte sein wachsames Ohr den eigentümlichen Ton erfaßt, der durch das Zerbrechen eines trockenen Baumzweiges hervorgebracht wird und der, wenn ihn seine Sinne nicht täuschten, von dem westlichen Ufer herkam. Wer einen solchen Ton öfter gehört hat, weiß, wie gut der Tritt, der den Zweig zerbricht, von jedem anderen Geräusch des Waldes zu unterscheiden ist.

»Es ist der Fußtritt eines Mannes am Ufer«, sagte Pfadfinder zu Jasper mit einer Stimme, die zwar nicht flüsternd, jedenfalls aber nicht laut genug war, um in einiger Entfernung gehört zu werden. »Können die verfluchten Irokesen schon mit ihren Waffen und ohne ein Boot über den Fluß gesetzt haben?«

»Es kann der Delaware sein. Möglich, daß er unseren Kurs am Ufer abwärts verfolgt, da er weiß, wo er uns zu finden hat. Laßt mich dichter ans Ufer fahren und rekognoszieren.«

»Geht, Junge, aber seid leicht mit dem Ruder, und in keinem Fall wagt Euch aufs Unsichere ans Ufer.«

»Ist das klug?« fragte Mabel mit einer Heftigkeit, die sie die Vorsicht, ihre Stimme zu dämpfen, vergessen ließ.

»Sehr unklug, meine Liebe, wenn Sie so laut sprechen. Ich liebe zwar Ihre angenehme Stimme, nachdem ich solange nur die der Männer gehört habe, aber sie darf sich doch nicht zu laut vernehmen lassen. Ihr Vater, der wackere Sergeant, wird Ihnen sagen, daß Schweigen auf einer Fährte eine doppelte Tugend ist. Geht, Jasper, und benehmt Euch klug in der Sache.«

Zehn drückende Minuten folgten dem Verschwinden von Jaspers Kahn, der von dem Pfadfinders so geräuschlos wegglitt, daß er in der Dunkelheit verschwunden war, ehe noch Mabel glauben konnte, der junge Mann werde wirklich ein Unternehmen wagen, das ihr die Phantasie mit so gefährlichen Farben malte. Während dieser Zeit fuhr die Gesellschaft fort, mit der Strömung zu schwimmen, ohne einen Laut, man möchte fast sagen, ohne einen Atemzug zu tun, um ja den leichtesten Ton, der vom Ufer herkäme, nicht zu überhören. Aber es herrschte dieselbe feierliche Stille wie früher. Nur das Plätschern des Wassers, wenn es gegen ein leichtes Hindernis anstieß, und das Seufzen der Bäume unterbrach den Schlummer des Forstes. Schließlich wurde das Knacken dürrer Zweige wieder schwach gehört, und es war dem Pfadfinder, als ob er den Ton gedämpfter Stimmen vernähme.

»Vielleicht irr‘ ich mich, denn die Gedanken malen einem gern, was das Herz wünscht; aber ich glaube, diese Töne gleichen der gedämpften Stimme des Delawaren.«

»Gehen die Wilden auch im Tode noch umher?« fragte Cap.

»Ja, und jagen dazu – in ihren glücklichen Jagdgründen, aber nirgend anders. Mit einer Rothaut ist’s auf der Erde aus, sobald der letzte Atemzug ihren Leib verlassen hat.«

»Ich seh‘ etwas auf dem Wasser«, flüsterte Mabel, die ihre Augen nicht von der Dunkelheit abgewandt hatte, seit Jasper in ihr verschwunden war.

»Es ist der Kahn«, erwiderte Pfadfinder mit großer Erleichterung. »Es muß alles gut stehen, sonst würden wir von dem Jungen gehört haben.«

In der nächsten Minute schwammen die zwei Kähne, die den Führern, erst als sie sich näher kamen, sichtbar wurden, wieder Seite an Seite, und man erkannte Jaspers Gestalt in dem Stern seines Bootes. Die Figur eines zweiten Mannes saß im Bug, und da der junge Schiffer sein Ruder in einer Weise regierte, daß das Gesicht seines Gefährten dem Pfadfinder und Mabel unter die Augen trat, so erkannten beide den Delawaren.

»Chingachgook – mein Bruder!« sagte der Pfadfinder in der Sprache des anderen mit einem Beben in seiner Stimme, das die Gewalt seiner Gefühle verriet – »Häuptling der Mohikaner! Mein Herz ist hocherfreut. Oft sind wir miteinander durch Blut und Streit gegangen! Aber ich habe gefürchtet, es werde nie wieder geschehen.«

»Hugh! – die Mingos sind Weiber! – Drei von ihren Skalpen hängen an meinem Gürtel. Sie wissen nicht die Große Schlange der Delawaren zu treffen. Ihre Herzen haben kein Blut, und ihre Gedanken sind auf dem Rückweg über die Wasser des großen Sees.«

»Bist du unter ihnen gewesen, Häuptling? Und was wurde aus dem Krieger, der im Fluß war?«

»Er ist zum Fisch geworden und liegt auf dem Grunde mit den Aalen. Laß seine Brüder die Angelhaken nach ihm auswerfen. Pfadfinder, ich hab‘ die Feinde gezählt und ihre Büchsen berührt.«

»Ah! Ich dachte, er würde verwegen sein«, rief der Kundschafter in englischer Sprache. »Der waghalsige Bursch ist mitten unter ihnen gewesen und hat uns ihre ganze Geschichte mitgebracht. Sprich, Chingachgook, damit ich unseren Freunden mitteilen kann, was wir selbst wissen.«

Der Delaware erzählte nun in gelassener und ernster Weise das Wesentlichste der Entdeckungen, die er gemacht hatte, seit ihn Jasper zuletzt im Fluße mit den Feinden hatte ringen sehen. Von dem Schicksal seines Gegners sprach er nicht mehr, da es gegen die Gewohnheit eines Kriegers ist, bei mehr ins einzelne gehenden Berichterstattungen groß zu tun. Sobald er aus diesem furchtbaren Kampf als Sieger hervorgegangen war, schwamm er gegen das östliche Ufer, stieg mit Vorsicht ans Land und nahm seinen Weg unter dem Schutz der Finsternis unentdeckt und im Grunde auch unbeargwöhnt mitten durch die Irokesen. Einmal wurde er angerufen; da er sich aber für Pfeilspitze ausgab, wurden keine weiteren Fragen an ihn gerichtet. Aus ihren Reden war ihm bald klargeworden, daß der Trupp ausdrücklich auf Mabel und ihren Onkel lauerte, über dessen Rang sie jedoch augenscheinlich im Irrtum waren. Er hatte auch genug erfahren, um den Verdacht zu rechtfertigen, daß Pfeilspitze sie ihren Feinden verraten habe, obgleich ein Beweggrund hierzu nicht leicht aufzufinden war, da er die Belohnung für seine Dienste noch nicht empfangen hatte.

Pfadfinder teilte von diesen Nachrichten seinen Gefährten nicht mehr mit, als er zu Milderung ihrer Besorgnisse für nötig hielt, indem er zugleich andeutete, daß es nun Zeit sei, ihre Kräfte zu brauchen, ehe sich die Irokesen von der Verwirrung erholt hätten, in die sie durch ihre Verluste geraten waren.

»Wir werden sie ohne Zweifel an der Stromenge wiederfinden«, fuhr er fort, »und dort müssen wir an ihnen vorbei oder in ihre Hände fallen. Die Entfernung von der Garnison ist nur noch gering, und ich hab‘ dran gedacht, mit Mabel zu landen, sie auf einigen Seitenwegen weiter zu geleiten und die Kähne ihrem Schicksal in den Stromschnellen zu überlassen.«

»Es wird nicht gelingen, Pfadfinder«, unterbrach ihn Jasper lebhaft. »Mabel ist nicht stark genug, um in einer solchen Nacht durch die Wälder zu gehen. Setzt sie in meinen Kahn, und ich will mein Leben verlieren oder sie über die Stromenge glücklich wegführen, so dunkel es auch sein mag.«

»Ich zweifle nicht, daß Ihr das werdet, Junge; niemand zweifelt an Euerm guten Willen, der Tochter des Sergeanten einen Dienst zu leisten; aber das Auge der Vorsehung muß es sein und nicht das Eurige, das Euch in einer Nacht wie diese glücklich über den Stromschuß des Oswego bringen kann.«

»Und wer wird sie denn zu Land glücklich nach der Garnison bringen? Ist die Nacht am Ufer nicht so dunkel wie auf dem Wasser? Oder glaubt Ihr, ich verstehe mich weniger auf meinen Beruf als Ihr Euch auf den Eurigen?«

»Kühn gesprochen, Junge; aber angenommen, ich verlöre meinen Weg in der Finsternis – und ich glaube, es kann mir niemand nachsagen, daß mir das je begegnet ist – angenommen, ich verlöre den Weg, so würde daraus kein anderes Unglück entspringen, als daß wir die Nacht im Walde zubringen müßten; indes eine falsche Wendung des Ruders oder ein breiteres Streichen des Kahns Euch und das junge Mädel in den Fluß werfen kann, aus dem, aller Wahrscheinlichkeit nach, des Sergeanten Tochter nicht mehr lebendig herauskommen wird.«

»Wir wollen das Mabel selbst überlassen; ich bin überzeugt, daß sie sich in dem Kahne sicherer fühlen wird.«

»Ich habe ein großes Vertrauen zu euch beiden«, antwortete das Mädchen, »und zweifle nicht, daß jeder tun wird, was er kann, um meinem Vater zu beweisen, wie wert er ihm ist. Aber ich bekenne, daß ich nicht gerne den Kahn verlassen möchte, da wir die Gewißheit haben, daß Feinde im Walde sind, wie wir sie gesehen haben. Doch mein Onkel mag in dieser Sache den Ausschlag geben.«

»Ich liebe die Wälder nicht, solange man eine so schöne Bahn wie hier auf dem Fluß vor sich hat. Außerdem, Meister Pfadfinder, um von den Wilden nichts zu sagen, Ihr überseht die Haifische.«

»Haifische! wer hat je von Haifischen in der Wildnis gehört?«

»Ach! Haifische oder Bären oder Wölfe – es ist gleichgültig, wie Ihr das Ding nennt. Es ist eben was, was die Lust und die Macht hat zu beißen.«

»Hilf Herr! Mensch, fürchtet Ihr ein Geschöpf, das in einem amerikanischen Forst gefunden werden kann? Ich will zwar zugeben, daß eine Pantherkatze ein ungebärdiges Tier ist; doch was will das heißen, wenn ein geübter Jäger bei der Hand ist? Sprecht von den Mingos und ihren Teufeleien, soviel Ihr wollt; aber macht mir keinen falschen Lärm mit Euren Bären und Wölfen.«

»Ja, ja, Meister Pfadfinder, das ist wohl alles gut genug für Euch, der Ihr wahrscheinlich den Namen einer jeden Kreatur hier kennt. Gewohnheit ist schon was und macht einen Mann kühn, wo er sonst vielleicht schüchtern wäre. Ich hab‘ in der Nähe des Äquators die Matrosen stundenlang unter fünfzehn bis zwanzig Fuß langen Haifischen herumschwimmen sehen, und sie hatten dabei keine anderen Gedanken, als die sich ein Landbewohner macht, wenn er sonntags nachmittags unter seinesgleichen aus der Kirchentür geht.«

»Das ist außerordentlich!« rief Jasper, der sich in seiner Treuherzigkeit jenen wesentlichen Teil seines Gewerbes, den man die Fähigkeit, »ein Garn zu spinnen« nennt, noch nicht angeeignet hatte. »Ich hab‘ immer gehört, daß der Tod gewiß sei, wenn man sich in das Wasser unter die Haie wage.«

»Ich vergaß zu sagen, daß die Jungen immer Spillenbäume, Kanonenspacken oder Kuhfüße mit sich nahmen und die Bestien auf die Nase schlugen, wenn sie ihnen lästig wurden. Nein, nein, ich finde kein Behagen an Bären und Wölfen, obgleich ich mir aus einem Walfisch so wenig mache wie aus einem Hering, wenn er getrocknet und gesalzen ist. Mabel und ich halten besser Stich im Kahn.«

»Mabel würde gut tun, das Fahrzeug zu wechseln«, fügte Jasper bei. »Das meine ist leer, und der Pfadfinder wird zugeben, daß mein Auge auf dem Wasser sicherer ist als das seine.«

»Das tu ich mit Freuden, Junge. Das Wasser ist dein Element, und niemand wird leugnen, daß Ihr’s aufs beste erprobt habt. Ihr habt recht, daß des Sergeanten Tochter in Euerm Kahn sicherer sei als in meinem, und obgleich ich gern selber in ihrer Nähe wäre, so liegt mir doch ihre Wohlfahrt zu sehr am Herzen, um sie nicht aufrichtig zu beraten. Bringt Euern Kahn dicht an unsere Seite, Jasper, damit ich Euch den kostbaren Schatz übergeben kann.«

»Ich betrachte sie wirklich als einen Schatz«, erwiderte der Jüngling, der keinen Augenblick verlor, um dieser Aufforderung nachzukommen; und als Mabel von dem einen Kahn in den anderen getreten war, setzte sie sich zu dem Gepäck, das bisher die einzige Last des Bootes ausgemacht hatte.

Jetzt trennten sich die Kähne und fuhren vorsichtig und ohne Geräusch in einiger Entfernung voneinander. Die Unterhaltung hörte nach und nach auf, und die Annäherung der gefürchteten Stromenge machte auf alle einen inhaltsschweren Eindruck. Es war fast gewiß, daß sich ihre Feinde alle Mühe gegeben hatten, diesen Punkt vor ihnen zu erreichen, und der Versuch, in der tiefen Dunkelheit auf dem Strom über ihn weg zu kommen, schien so wenig erfolgversprechend, daß der Pfadfinder der Überzeugung lebte, die Wilden hätten sich an beiden Ufern verteilt, in der Hoffnung, sie beim Landen abzufangen. Er würde auch seinen früheren Vorschlag nicht gemacht haben, wenn er es nicht seinen eigenen Fähigkeiten zugetraut hätte, dieses Vorgefühl eines günstigen Erfolgs von Seiten der Irokesen zu einer Vereitelung ihrer Pläne zu benützen. Da aber nun die Anordnung feststand, so hing alles von der Geschicklichkeit der Kahnführer ab. Denn wenn ein Fahrzeug auf einen Felsen stieß, so mußte es, wenn es nicht zertrümmert wurde, fast sicher festsitzen, und dann war man nicht nur den Zufällen des Stromes, sondern Mabel auch der Gewißheit ausgesetzt, in die Hände ihrer Verfolger zu fallen. Es war daher die äußerste Umsicht nötig, und jeder blieb zu sehr mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt, um mehr zu äußern, als gerade die Dringlichkeit des Augenblicks erforderte.

Die Kähne stahlen sich ruhig vorwärts, und das Brausen der Stromenge wurde hörbar. Cap mußte seine ganze Tapferkeit aufbieten, um sich auf seinem Sitz zu erhalten, indes jene bedeutungsvollen Töne immer näher kamen, wobei die Finsternis kaum die Umrisse des waldigen Ufers und das darüber hängende dunkle Himmelsgewölbe erkennen ließ. Der Eindruck, den die Wasserfälle auf ihn gemacht hatten, arbeitete noch in seiner Seele, und seine Phantasie war nicht untätig, die Gefahren der Stromenge mit jenen des jähen Absturzes, den er durchgemacht hatte, gleich zu halten, wenn sie nicht Zweifel und Ungewißheit gar noch vergrößerten. Hierin war jedoch der alte Seemann im Irrtum, denn die Stromenge des Oswego und seine Fälle sind in ihrem Charakter und in ihrer Heftigkeit sehr verschieden, da die erstere nichts weiter als eine Stromschnelle war, die über Untiefen und Felsen geht, indes die letzteren den Namen, den sie trugen, in Wirklichkeit verdienten.

Mabel mochte allerdings Beklemmung und Furcht fühlen. Aber ihre ganze Lage war so neu, und das Vertrauen zu ihrem Führer so groß, daß sie sich in einer Selbstbeherrschung erhielt, deren sie wohl nicht mächtig gewesen wäre, wenn sie sich hätte klarere Vorstellungen von der Wahrheit machen können oder die Hilflosigkeit des Menschen besser gekannt haben würde, wenn es den Kampf gegen die Macht und Majestät der Natur gilt.

»Ist das die Stelle?« sagte sie zu Jasper, als ihr das Geräusch des Stromschusses zum erstenmal nah und deutlich zu Ohren kam.

»Sie ist’s, und ich bitte Sie, Vertrauen zu mir zu haben. Unsere Bekanntschaft ist zwar noch jung, Mabel; aber wir leben hier in der Wildnis viele Tage in einem, und es kommt mir bereits vor, als ob ich Sie schon jahrelang gekannt hätte.«

»Auch ich fühle für Euch nicht wie für einen Fremden, Jasper. Ich habe Vertrauen zu Eurer Geschicklichkeit wie zu Euerm guten Willen, mir einen Dienst zu leisten.«

»Wir werden sehen, wir werden sehen. – Pfadfinder peitscht die Schnellen zu nahe am Mittelpunkt des Flusses; das Wasserbett ist gegen das östliche Ufer zu enger; aber ich kann mich ihm jetzt nicht verständlich machen. Halten Sie sich fest an den Kahn und befürchten Sie nichts.«

Im nächsten Augenblick hatte sie die rasche Strömung in den Schuß getrieben. Drei oder vier Minuten sah das mehr von heiliger Scheu als von Furcht ergriffene Mädchen rund um sich nichts als die Güsse glänzenden Schaumes und hörte nichts als das Brausen der Wasser. Zwanzigmal schien der Kahn von irgendeiner kräuselnden, glänzenden Welle, die man sogar in der Dunkelheit der Nacht erkennen konnte, überschüttet zu werden, und ebensooft glitt er unbeschädigt daran vorbei, getrieben durch den kräftigen Arm dessen, der seine Bewegungen leitete. Einmal, aber auch nur einmal, schien Jasper seine Herrschaft über die zerbrechliche Barke zu verlieren, und in einem kurzen Augenblick wirbelte sie rund herum; aber durch eine verzweifelte Anstrengung brachte er sie wieder in seine Gewalt, gewann das verlorene Fahrwasser zurück und fühlte sich bald für alle seine Beängstigungen dadurch belohnt, daß er den Kahn ruhig in dem tiefen Wasser unterhalb der Stromschnellen dahinschwimmen sah, ohne daß dieser von den überfluteten Wellen so viel abbekommen hätte, wie zu einem Trunk dienen könnte.

»Alles ist vorüber«, rief der junge Mann freudig. »Die Gefahr ist vorbei, und Sie dürfen nun hoffen, noch in dieser Nacht Ihren Vater zu umarmen.«

»Gott sei gepriesen! Jasper; Euch verdanken wir dieses große Glück.«

»Der Pfadfinder kann einen guten Teil des Verdienstes in Anspruch nehmen. Aber was ist aus dem andern Kahn geworden?«

»Ich sehe dort was auf dem Wasser. Ist es nicht das Boot unserer Freunde?«

Wenige Ruderschläge brachten Jasper an die Seite des fraglichen Gegenstandes. Es war der andere Kahn, leer und mit aufwärts gerichtetem Kiel. Der junge Mann hatte sich kaum über diesen Umstand Gewißheit verschafft, als er anfing, sich nach den Schwimmern umzusehen, und zu seiner großen Freude entdeckte er bald Cap, der mit der Strömung abwärts trieb. Der alte Seemann hatte die Gefahr des Ertrinkens dem Skalpieren vorgezogen, womit er beim Landen von den Wilden bedroht war. Er wurde, obschon nicht ohne Schwierigkeit, in den Kahn geholt, und damit hatte das Nachforschen ein Ende. Jasper war nämlich überzeugt, daß der Pfadfinder in dem seichten Wasser ans Ufer waten werde, um seine geliebte Büchse nicht verlassen zu müssen.

Der Rest der Fahrt war kurz, obgleich sie mitten in der Dunkelheit und Ungewißheit gemacht wurde. Nach einer kleinen Weile ließ sich ein dumpfes Getöse vernehmen, das zuweilen dem Rollen eines entfernten Donners und dann wieder dem Brausen der Wasser ähnelte. Jasper erklärte seinen Gefährten, daß sie nun die Brandung des Sees hörten. Vor ihnen lagen niedrige, gekrümmte Landspitzen, von denen die nächste eine Bai bildete.

Hier fuhr der Kahn ein und schoß geräuschlos an das kiesige Ufer. Dieser Übergang war so rasch erfolgt, daß Mabel die Vorgänge kaum fassen konnte. Im Laufe weniger Minuten kamen sie an den Schildwachen vorbei, das Tor wurde geöffnet, und das bewegte Mädchen fand sich in den Armen eines Vaters, der ihr fast ein Fremder geworden war.

Achtes Kapitel

Achtes Kapitel

Die Ruhe, die der Anstrengung folgt, ist gewöhnlich tief und süß, wenn sie mit dem Gefühl der Sicherheit verbunden ist. Dies war auch bei Mabel der Fall, die sich erst von ihrer ärmlichen Pritsche erhob – denn nur auf ein solches Lager konnte eine Sergeantentochter auf einem abgelegenen Grenzposten Anspruch machen – als die Garnison schon lange der Aufforderung der Trommeln gehorcht und sich zur Morgenparade versammelt hatte. Sergeant Dunham, dessen Geschäft es war, den gewöhnlichen täglichen Dienst zu beaufsichtigen, hatte bereits seine Morgenverrichtungen vollbracht und begann eben an sein Frühstück zu denken, als seine Tochter ihr Zimmer verließ und in die freie Luft heraustrat, in gleichem Grade verwirrt, erfreut und dankerfüllt über die Neuheit und Sicherheit ihrer jetzigen Lage.

Zu dieser Zeit war Oswego einer der äußersten Grenzposten der britischen Besitzungen auf diesem Kontinent. Es war noch nicht lange besetzt und hatte in seiner Garnison ein Bataillon eines ursprünglich schottischen Regiments, in das aber, seit seiner Ankunft in dieser Gegend, viele Amerikaner aufgenommen worden waren. Durch diese Neuerung wurde es dem Vater Mabels möglich gemacht, die zwar unbedeutende, aber doch verantwortliche Stelle des ältesten Sergeanten einzunehmen. Es befanden sich auch einige junge Offiziere, die in den Kolonien geboren waren, bei dem Korps. Das Fort selbst war, wie die meisten derartigen Werke, besser geeignet, einem Angriff der Wilden zu widerstehen, als eine regelmäßige Belagerung auszuhalten; aber die große Schwierigkeit, die mit dem Transport der schweren Artillerie und anderer Erfordernisse verbunden war, machte eine Belagerung so unwahrscheinlich, daß die Ingenieure bei dem Entwurf der Verteidigungswerke darauf gar keinen Bedacht nehmen zu müssen glaubten. Man hatte Bollwerke von Erde und Holzstämmen, einen trockenen Graben, Palisaden, einen Paradeplatz von beträchtlicher Ausdehnung und eine Kaserne aus Holzstämmen, die als Wohnung und Befestigung diente. Einige leichte Feldstücke standen im Raum des Forts, um schnell dahin geführt werden zu können, wo man ihrer bedurfte, und eine oder zwei schwere eiserne Kanonen blickten aus den Scharten der vorspringenden Winkel als Mahnungen an den Verwegenen, ihre Macht zu respektieren.

Als Mabel die bequeme, aber verhältnismäßig einsame Lagerhütte, in der sie ihr Vater unterbringen durfte, verlassen hatte und in die reine Morgenluft trat, fand sie sich am Fuß einer Bastei, die so einladend vor ihr lag, daß sie sich von hier aus einen Überblick über all das versprach, was ihr die Finsternis der vorigen Nacht verborgen hatte. Das Mädchen hüpfte mit ebenso leichten Füßen wie leichtem Herzen die grasige Anhöhe hinan und befand sich auf einmal auf einem Punkt, der ihr in wenigen Blicken die Übersicht über alle äußeren Verhältnisse ihrer neuen Lage erlaubte.

Gegen Süden lag der Wald, durch den sie so viele ermüdende Tage gewandert war und der sie die ganze Fülle seiner Gefahren hatte empfinden lassen. Er war von den Palisaden des Forts durch einen Gürtel freien Feldes getrennt, das hauptsächlich deshalb gelichtet worden war, um den kriegerischen Vorkehrungen Raum zu geben. Dieses Glacis, das in der Tat zu Kriegszwecken diente, mochte ungefähr hundert Morgen betragen; aber mit ihm wich auch jede Spur von Zivilisation. Jenseits war alles Wald – jener dichte, endlose Wald, den Mabel sich nun aus ihren Erinnerungen mit seinen verborgenen, glänzenden Seen, seinem dunkel rollenden Strom und seiner ganzen Welt von Natur deutlich vor die Seele führen konnte.

Als sich unsere Heldin von diesem Anblick abwendete, fühlte sie auf ihren Wangen das Fächeln eines frischen und angenehmen Lüftchens, wie sie es, seit sie die ferne Küste verlassen, nicht wieder empfunden hatte. Bald zeigte sich ihr ein neues Schauspiel, das sie, obschon es nicht unerwartet kam, dennoch nicht wenig überraschte, und ein schwacher Ausruf bekundete, mit welcher Lust ihre Augen die vor ihnen liegenden Reize verschlangen. Gegen Norden, Osten und Westen, in jeder Richtung, kurz, über die ganze Hälfte des neuen Panoramas lag eine weite Fläche wogenden Wassers. Das Element hatte weder das glänzende Grün, das im allgemeinen die amerikanischen Gewässer bezeichnet, noch das tiefe Blau des Ozeans; es war von einer lichten Ambrafarbe, die kaum seine Durchsichtigkeit beeinträchtigte. Nirgends Land, mit Ausnahme der anliegenden Küste, die sich rechts und links an einem ununterbrochenen Saum von Wäldern hinzog, mit weiten Buchten und niedrigen Vorsprüngen oder Spitzen. An vielen Stellen war das Ufer felsig, und in den Höhlen rollte das träge Wasser hin und wieder in einem hohlen Ton, der einem entfernten Kanonendonner glich. Kein Segel glänzte auf der Oberfläche, kein Wal oder Fisch spielte auf dieser Ebene, und kein Zeichen menschlichen Tuns und Treibens belohnte den anhaltendsten und sorgfältigsten Blick auf diese endlose Ausdehnung. Es war eine Szene, die auf der einen Seite die endlosen Wälder, auf der andern die weiten unbegrenzten Wasser zeigte, und die Natur schien eine Lust daran gefunden zu haben, eine großartige Wirkung dadurch hervorzurufen, daß sie sich ihre beiden Hauptbestandteile kühn nebeneinander erheben ließ, ohne auf deren Einzelheiten einzugehen. Das Auge flog mit Lust und Bewunderung von dem breiten Blätterteppich zu dem noch breiteren Wasserfeld und von dem endlosen, sanften Wellenschlag des Sees zu der heiligen Ruhe, der poetischen Einsamkeit des Urwaldes zurück.

Mabel war fern von jeder Verbildung, und da sie so empfänglich und offen, wie nur irgendein Mädchen mit warmem Herzen und reiner Seele war, so gebrach es ihr nicht an dem Sinn für die Poesie unserer schönen Erde. Obgleich man nicht sagen konnte, daß sie überhaupt Erziehung genossen – denn nur wenigen ihres Geschlechts wurde in jenen Tagen und in diesen Gegenden viel mehr als die Anfangsgründe des englischen Unterrichts zuteil – so hatte sie doch ansehnlich mehr gelernt, als bei Mädchen ihrer Stellung gewöhnlich war, und in einem Betracht wenigstens machte sie ihrem Lehrer keine Unehre.

Die Witwe eines Offiziers aus dem Regiment, zu dem ihr Vater gehörte, hatte sich nach dem Tode ihrer Mutter des Mädchens angenommen; unter der Sorgfalt dieser Frau konnte Mabel einigermaßen ihren Geschmack ausbilden und sich zu Ideen erheben, die ihr unter anderen Umständen wohl immer fremd geblieben wären. Ihre Stellung in der Familie war eher die einer Gesellschafterin als die eines Dienstboten gewesen, was man schon an ihrer Kleidung, ihrer Sprache, ihren Meinungen und insbesondere an ihren Gefühlen erkennen konnte, obgleich sie sich vielleicht nie zu der Höhe erhoben hatte, die geeignet war, eine Frau von Stand zu bezeichnen. Sie hatte die rauheren und wenig verfeinerten Gewohnheiten und Manieren ihrer ursprünglichen Stellung verloren, ohne jedoch ganz den Punkt erreicht zu haben, der sie für jene Lebenslage untauglich gemacht haben würde, wie sie ihr die Zufälligkeiten der Geburt und des Vermögens wahrscheinlich anwiesen. Alle andern Eigentümlichkeiten gehörten ihrem natürlichen Charakter an.

Nach solchen Vorgängen ist es nicht zu verwundern, daß Mabel das vor ihr liegende neue Schauspiel mit einem weit höheren Genuß betrachtete, als ihn eine gewöhnliche Überraschung zu geben vermag. Sie fühlte die allgemeinen Schönheiten, wie sie die meisten gefühlt haben würden; aber sie hatte auch einen Sinn für ihre Erhabenheit, für jene sanfte Einsamkeit, jene ruhige Größe und für die beredte Ruhe, die sich immer über eine weite Aussicht breitet, in der die Natur durch die Mühen und Anstrengungen des Menschen nicht gestört wird.

»Wie schön!« rief sie aus, ohne es selbst zu beachten, als sie auf dem einsamen Bollwerk stand und ihr die Luft des Sees entgegenwehte, die ihren Körper und ihren Geist in gleicher Weise belebend durchdrang. »Wie wahrhaft schön! und doch so einfach!«

Diese Worte und der Gang ihrer Gedanken wurde durch eine leichte Berührung ihrer Schulter unterbrochen, und als sie sich umdrehte, fand Mabel, die ihren Vater zu sehen erwartete, den Pfadfinder an ihrer Seite. Er lehnte ruhig an seiner langen Büchse und lachte in seiner stillen Weise, während er mit ausgestrecktem Arm über das ganze Wasser- und Landpanorama hinfuhr.

»Hier haben Sie unsere beiden Domänen«, sagte er, »Jaspers und die meinigen. Ihm gehört der See, mir gehören die Wälder. Der Junge tut bisweilen groß mit der Breite seiner Besitzungen; aber ich sage ihm, daß meine Bäume ein so großes Stück Fläche auf dieser Erde ausmachen wie all sein Wasser. Nun, Mabel, Sie passen wohl für beide, denn ich sehe nicht, daß die Furcht vor den Mingos oder die Nachtmärsche Ihre hübschen Augen trüben können.«

»Ich lerne den Pfadfinder in einem ganz neuen Charakter kennen, indem er einem einfältigen Mädchen Komplimente sagt!«

»Nicht einfältig, Mabel; nein, nicht im mindesten einfältig. Des Sergeanten Tochter würde ihrem würdigen Vater Unehre machen, wenn sie was tun oder sagen würde, was man mit Recht einfältig nennen könnte.«

»Dann muß sie sich in acht nehmen und den Schmeichelreden nicht zuviel Glauben schenken. Aber, Pfadfinder, ich freue mich, Euch wieder unter uns zu sehen, denn obgleich sich Jasper nicht viel daraus zu machen schien, so war ich doch besorgt, daß irgendein Unfall Euch und Euern Freund in dieser fürchterlichen Stromenge betroffen habe möchte.«

»Der Junge kannte uns beide und wußte wohl, daß wir nicht ertrinken würden. Es wär‘ auch wahrlich nicht gut schwimmen gewesen mit einer langläufigen Büchse in der Hand; und was diesen Spaß anbelangt, so sind der Wildtod und ich schon zu oft durch Wilde und Franzosen gegangen, als daß ich mich so leicht hätte von ihm trennen können. Nein, nein, wir wateten ans Ufer; die Enge war, mit Ausnahme einiger Stellen, seicht genug dazu – und landeten mit den Waffen in den Händen. Ich gebe zwar zu, daß wir uns um der Irokesen willen Zeit ließen; aber sobald diese schleichenden Vagabunden die Lichter erblickten, die der Sergeant nach Euerm Kahn herunterschickte, wußten wir wohl, daß sie sich aus dem Staub machen würden, um einer möglichen Visite von der Garnison aus zu entgehen. So saßen wir denn ungefähr eine Stunde geduldig auf den Steinen, und die Gefahr war vorüber. Geduld ist für einen Waldbewohner die wichtigste Tugend.«

»Ich freue mich, das zu hören! denn selbst die Müdigkeit konnte mich kaum schlafen machen, wenn ich bedachte, was Euch möchte zugestoßen sein.«

»Der Herr segne Ihr empfindsames kleines Herz, Mabel! aber das ist so die Weise sanfter Frauenzimmer. Was mich anbelangt, so war ich froh, als ich die Laternen auf das Wasser zukommen sah, weil ich daraus entnehmen konnte, daß Sie in Sicherheit waren. Wir Jäger und Kundschafter sind zwar rauhe Burschen, aber wir haben unsere Gefühle und unsere Gedanken so gut wie ein General in der Armee. Wir beide, Jasper und ich, hätten uns lieber totschlagen lassen, ehe Sie hätten Schaden nehmen sollen – ja, das hätten wir.«

»Ich danke Euch, Pfadfinder, für alles, was Ihr für mich getan habt; aus dem Grunde meines Herzens danke ich Euch, und verlaßt Euch drauf, daß es mein Vater erfahren soll. Ich hab‘ ihm schon viel erzählt, aber es bleibt mir noch eine weitere Verpflichtung.«

»Pah! Mabel! Der Sergeant weiß, was die Wälder sind, und kennt auch die Weise der echten Rothäute. Es ist nicht nötig, ihm diese Dinge weitläufig zu erzählen. Na, Sie sind ja jetzt mit Ihrem Vater zusammengetroffen? Finden Sie den braven alten Soldaten als so eine Art Person, wie Sie sie zu finden erwarteten?«

»Er ist mein lieber Vater und hat mich aufgenommen, wie ein Soldat und Vater sein Kind aufnehmen soll. Kennt Ihr ihn schon lange, Pfadfinder?«

»Allerdings, wenn wir wie die Leute rechnen wollen. Ich war gerade zwölf Jahre alt, als mich der Sergeant zu meiner ersten Späherstreife mitnahm, und das ist nun schon über dreißig Jahre her. Wir hatten übrigens lange dran zu kauen, und da dieses geschah, ehe Sie geboren waren, so würden Sie wohl keinen Vater gehabt haben, wäre nicht meine Büchse gewesen.«

»Erklärt Euch deutlicher.«

»Es ist zu einfach für viele Worte. Wir waren in einen Hinterhalt gefallen; der Sergeant wurde schwer verwundet und würde wohl seine Kopfhaut verloren haben, hätt‘ ich nicht aus so einer Art von Instinkt zum Gewehr gegriffen. Wir brachten ihn dann weg, und ein schönerer Haarkopf ist, solange das Regiment besteht, nicht darin gefunden worden, als wie ihn der Sergeant noch an diesem gesegneten Tag herumträgt.«

»Ihr habt meines Vaters Leben gerettet, Pfadfinder«, rief Mabel und faßte unwillkürlich aber mit Wärme seine harten, sehnigen Hände mit den ihrigen. »Gott segne Euch auch hierfür, wie für Eure andern guten Handlungen!«

»Nein, ich sagte das nicht, obgleich ich glaube, daß ich seinen Skalp gerettet habe. Ein Mensch kann ohne Kopfhaut leben, und so kann ich nicht sagen, daß ich sein Leben gerettet habe. Aber Sie könnten das wohl von Jasper behaupten, denn ohne sein Auge und seinen Arm würde der Kahn nimmermehr in einer Nacht wie die letzte glücklich über die Stromschnellen geschwommen sein. Er ist dort in der Bucht, sieht nach den Kähnen und wendet kein Auge von seinem lieben kleinen Fahrzeug. In meinen Augen gibt’s keinen schmuckeren Burschen in dieser Gegend als Jasper Western.«

Das erstemal, seit sie ihr Zimmer verlassen, blickte jetzt Mabel abwärts, um auch einen Überblick über den Vordergrund des merkwürdigen Gemäldes zu gewinnen, in das sie sich mit solcher Lust vertieft hatte. Der Oswego ergoß sein dunkles Wasser zwischen etwas erhöhten Dämmen in den See, von denen sich der östliche kühner erhob und weiter gegen Norden hervorsprang als der westliche. Das Fort lag auf der Westseite, und unmittelbar unter ihm befanden sich einige Blockhäuser, die nichts zur Verteidigung des Platzes beitragen konnten und an dem Ufer hin errichtet worden waren, um die Vorräte aufzunehmen und aufzubewahren, die gelandet wurden oder nach den verschiedenen befreundeten Häfen an den Ufern des Ontario eingeschifft werden sollten. Dann zeigten sich zwei niedrige, gekrümmte, kiesige Punkte, die mit überraschender Regelmäßigkeit durch die sich entgegenwirkenden Kräfte der Nordwinde und der schnellen Strömung gebildet waren und sich mitten im Fluß zu zwei gegen die Seestürme geschützten Buchten gestalteten. Die auf der Westseite war am tiefsten ausgeschnitten, und da sie auch das meiste Wasser hatte, so konnte man sie als einen kleinen malerischen Hafen betrachten. Längs des nahen Ufers, das sich zwischen der geringen Ansteigung des Forts und dem Wasser dieser Bucht befand, waren also diese rohen Gebäude errichtet.

Mehrere kleine Schiffe, Nachen und Rindenkähne schaukelten sich an dem Ufer, und in der Bai selbst lag das kleine Fahrzeug, dem Jasper seinen Ruf als Schiffer verdankte. Es mochte ungefähr vierzig Tonnen führen, war kutterartig aufgetakelt und so zierlich gebaut und gemalt, daß es einigermaßen das Ansehen eines Kriegsschiffes ohne Schanzen hatte. Dabei war es so genau nach den Proportionen der Schönheit sowohl als der Zweckmäßigkeit aufgetakelt und gespiert, daß sein geputztes und schmuckes Aussehen sogar Mabel auffiel. Seine Form war bewunderungswürdig, denn ein Arbeiter von großer Geschicklichkeit hatte auf den ausdrücklichen Befehl des Offiziers, der es bauen ließ, den Riß dazu aus England geschickt. Die Malerei war dunkel, kriegerisch und nett, und die lange, geißelförmige Flagge bezeichnete es auf den ersten Blick als Eigentum des Königs. Sein Name war der Scud.

»Das ist also Jaspers Schiff!« sagte Mabel, die den Führer des kleinen Fahrzeuges natürlich schnell mit dem Kutter selbst in Verbindung brachte. »Gibt es noch viele andere auf diesem See?«

»Die Franzosen haben drei. Eins davon ist, wie ich mir sagen ließ, ein wirkliches Schiff, wie man sich ihrer auf dem Meer bedient; das andere ist eine Brigg, und das dritte ein Kutter, wie der Scud hier, und heißt ›das Eichhörnchen‹ in ihrer Sprache. Dieser scheint einen natürlichen Haß gegen unser zierliches Boot zu haben, denn Jasper geht selten aus, ohne daß ihm das ›Eichhörnchen‹ auf der Ferse ist.«

»Und ist Jasper der Mann, der vor einem Franzosen davongeht, wenn er auch in der Gestalt eines Eichhörnchens erscheint und noch dazu auf dem Wasser?«

»Wozu nützt die Tapferkeit, wenn man es an den Mitteln fehlen läßt, ihr Nachdruck zu geben? Jasper ist ein mutiger Junge, wie alle an dieser Grenze wissen; aber er hat kein Geschütz, mit Ausnahme einer kleinen Haubitze, und dann besteht seine Mannschaft außer ihm nur noch aus zwei Leuten und einem Schiffsjungen. Ich war einmal auf einer seiner Fahrten mit ihm, und der Bursche wagte genug, indem er uns so nahe an den Feind brachte, daß die Büchsen zu sprechen anfingen; aber die Franzosen haben Kanonen und Geschützpforten und zeigen ihr Gesicht nie außerhalb Frontenac, ohne etliche zwanzig Mann an Bord zu haben, zumal das Eichhörnchen. Nein, nein; diese Windwolke ist für den Flug gebaut, und der Major sagt, er wolle ihn nicht durch Bemannung und Bewaffnung zum Fechten geneigt machen, damit dem Fahrzeug nicht die Flügel beschnitten werden. Ich versteh‘ mich wenig auf diese Dinge, aber ich sehe der Sache auf den Grund – ich sehe ihr auf den Grund, obgleich das Jasper nicht tut.«

»Ah! da kommt mein Onkel, um diesen Binnensee zu betrachten, wohlgemut, trotz seiner gestrigen Schwimmtour.«

Wirklich erschien auch Cap, der bereits seine Annäherung durch ein paar kräftige »Hems« angekündigt hatte, auf der Bastei, wo er, nachdem er seiner Nichte und ihrem Gesellschafter zugenickt hatte, bedachtsam seinen Blick über die vor ihm liegende Wasserfläche hinstreifen ließ. Um sich den Überblick zu erleichtern, stieg er auf eine der alten eisernen Kanonen, kreuzte seine Arme über der Brust und wiegte seinen Körper, als ob er die Bewegung eines Schiffes fühle. Dabei hatte er eine kurze Pfeife in seinem Munde.

»Nun, Meister Cap«, fragte der Pfadfinder in aller Unschuld, denn er bemerkte nicht den Ausdruck der Verachtung, der sich allmählich auf den Zügen des anderen lagerte: »ist das nicht ’ne schöne Wasserfläche, die man ganz füglich ein Meer nennen könnte?«

»Das ist’s also, was Ihr Euern See nennt?« fragte Cap und fuhr mit seiner Pfeife an dem nördlichen Horizont hin. »Ich sage, ist das wirklich Euer See?«

»Gewiß; und wenn das Urteil eines Mannes, der an den Ufern von manchen anderen herumgekommen ist, was gilt, so ist es ein recht guter See.«

»Gerade, wie ich’s erwartete. Ein Teich im Umfang und eine Luckenrinne im Geschmack. Man reist rein vergebens ins Land rein, wenn man was Ausgewachsenes oder Nützliches zu sehen hofft. Ich wußt‘ es ja, daß es grad so gehen würde.«

»Was ist es denn mit dem Ontario, Meister Cap? Er ist groß, schön anzusehen, und angenehm genug zu trinken für alle, die kein Quellwasser kriegen können.«

»Nennt Ihr das groß?« fragte Cap, indem er wieder mit der Pfeife durch die Luft fuhr. »Ich möchte Euch doch fragen, was da Großes dran ist? Hat nicht Jasper selbst zugestanden, daß er nur etliche zwanzig Stunden von einem Ufer zum andern mißt?«

»Aber, Onkel«, fiel Mabel ein; »man sieht doch kein Land, als hier an unserer Küste. Mir kommt’s gerade wie der Ozean vor.«

»Dieses bißchen Teich wie der Ozean! Ei, Magnet, das ist von einem Mädchen, das wirkliche Seeleute in ihrer Familie gehabt hat, der handgreiflichste Unsinn. Was ist denn daran, ich bitte dich, das auch nur einen Zug vom Meer hätte?«

»Nun, hier ist Wasser – Wasser – Wasser – nichts als Wasser.«

»Und ist nicht auch Wasser – Wasser – Wasser – nichts als Wasser, Meilen an Meilen, in den Flüssen, auf denen wir gefahren sind? ja, und so weit das Auge sehen kann obendrein.«

»Ja, Onkel, aber die Flüsse haben ihre Ufer und Bäume an ihren Seiten; auch sind sie schmal.«

»Und das ist etwa kein Ufer, worauf wir stehen? Nennen es die Soldaten nicht den Damm des Sees? Sind hier nicht Bäume zu Tausenden? Und sind nicht zwanzig Stunden schmal genug, bei gutem Gewissen? Wer zum Teufel hat je von den Dämmen des Ozeans gehört, wenn’s nicht etwa die Dämme unter Wasser sind?«

»Aber Onkel, wir können doch nicht über den See hinübersehen, wie über einen Fluß?«

»Fehl geschossen, Magnet. Sind nicht der Amazonenstrom, der Orinoko und der La Plata auch Flüsse, und kannst du über sie hinübersehen? Hört, Pfadfinder, ich bin noch sehr im Zweifel, ob dieser Streifen Wasser hier auch wirklich ein See ist, denn mir scheint er nur ein Fluß zu sein. Ihr seid hier oben in den Wäldern keineswegs besonders bewandert in Eurer Geographie, wie ich merke.«

»Diesmal habt Ihr fehlgeschossen, Meister Cap. Es ist ein Fluß da, und zwar ein prächtiger, an jedem Ende. Aber das, was Ihr vor Euch habt, ist der alte Ontario, und es gibt nach meiner Meinung wenig bessere als den hier.«

»Und, Onkel, wenn wir auch am Strand zu Rokaway stünden, was könnten wir denn mehr sehen als hier? Es sind dort ein Ufer oder ein Damm auf einer Seite und Bäume so gut wie hier.«

»Das ist lauter Verkehrtheit, Magnet, und junge Mädchen sollten von allem Widerspruchsgeist klar absteuern. Erstens hat der Ozean Küsten und keine Dämme, mit Ausnahme der großen Dämme, der Grand Banks, sag‘ ich dir, die man vom Land aus gar nicht sieht, und du wirst doch nicht behaupten wollen, daß dieser Damm außer Sicht des Landes oder gar unter Wasser ist?« Da Mabel diese abschweifende Meinung mit keinen besonders stichhaltigen Gründen umzustoßen wußte, verfolgte Cap den Gegenstand weiter, wobei sein Gesicht in dem Triumph eines glücklichen Wortkämpfers zu strahlen anfing.

»Und dann sind jene Bäume mit diesen Bäumen gar nicht zu vergleichen. Die Küsten des Ozeans haben Meiereien, Städte, Landsitze, und in einigen Teilen der Welt Schlösser, Klöster und Leuchttürme – ja, ja – Leuchttürme ganz besonders; – lauter Dinge, von denen man hier nicht ein einziges sieht. Nein, nein, Meister Pfadfinder; ich hab‘ nie von einem Meer gehört, an dem nicht mehr oder weniger Leuchttürme sind, während es hier herum nicht mal ’ne Feuerbake gibt.«

»Hier gibt’s aber was Besseres, was viel Besseres, einen Hochwald und prächtige Bäume, einen vollendeten Tempel Gottes.«

»Ja, Euer Hochwald mag wohl gut sein für einen See, aber wozu würde das Weltmeer nützen, wenn die ganze Erde darum Wald wäre? Man brauchte keine Schiffe, da sich das Bauholz flößen ließe; und dann hätt‘ es ein Ende mit dem Handel; was würde aber eine Welt ohne Handel sein? Ich bin der Meinung des Philosophen, der da sagt, die menschliche Natur sei für den Handel erfunden worden. Magnet, ich bin erstaunt, daß du auch nur daran denken kannst, dies Wasser sehe aus wie Seewasser! Es ist am Ende nicht einmal so ein Ding wie ein Walfisch in Euerm See, Meister Pfadfinder?«

»Ich gestehe, daß ich nie von einem gehört habe. Aber ich verstehe mich nicht auf die Tiere, die im Wasser leben, wenn’s nicht die Fische in Flüssen und Bächen sind.«

»Kein Nordkaper oder etwa ein Meerschwein? Nicht mal so’n armer Teufel von Haifisch?«

»Ich will’s nicht auf mich nehmen zu sagen, daß irgendeiner davon da ist. Ich sag‘ Euch ja, Meister Cap, daß meine Gaben nicht auf diesem Wege liegen.«

»Kein Hering, kein Sturmvogel oder ein fliegender Fisch?« fuhr Cap fort, der sein Auge fest auf den Kundschafter richtete, um zu sehen, wie weit er gehen dürfe. »Nicht einmal so was wie ein Fisch, der fliegen kann, he?«

»Ein Fisch, der fliegen kann? Meister Cap, Meister Cap, glaubt ja nicht, daß wir, weil wir nur Grenzleute sind, keine Begriffe von der Natur hätten und von dem, was ihr zu schaffen beliebt haben mag. Ich weiß zwar, daß es Eichhörnchen gibt, die fliegen können –«

»Ein fliegendes Eichhörnchen? – Zum Teufel, Meister Pfadfinder, glaubt Ihr da oben, Ihr hättet einen Jungen auf seiner ersten Fahrt vor Euch?«

»Ich weiß nichts von Euern Fahrten, Meister Cap, obschon ich glaube, daß Ihr manche gemacht habt. Aber was die Natur in den Wäldern anlangt, so scheu‘ ich mich nicht, jedem ins Gesicht zu sagen, was ich gesehen hab‘.«

»Ihr wollt mir also zu verstehen geben, daß Ihr ein fliegendes Eichhörnchen gesehen habt?«

»Ich will Euch die Macht Gottes zu verstehen geben, Meister Cap, und Ihr werdet wohltun, dies und noch manche andere derartige Dinge zu glauben, denn Ihr könnt Euch drauf verlassen, daß es wahr ist.«

»Und doch, Pfadfinder«, sagte Mabel mit einem so lieblichen Blicke, während sie des Waldläufers Schwäche berührte, daß er ihr von Herzen vergab – »scheint Ihr, der Ihr doch mit so großer Verehrung von der Macht der Gottheit sprecht, daran zu zweifeln, daß ein Fisch fliegen könne?«

»Nein, das hab ich nicht gesagt; und wenn Meister Cap bereit ist, mir’s zu beweisen, will ich’s gern für wahr halten, so unwahrscheinlich es auch aussieht.«

»Und warum soll mein Fisch nicht ebensogut Schwingen haben können wie Euer Eichhörnchen?« fragte Cap mit mehr Logik, als bisher seine Gewohnheit gewesen war. »Daß Fische fliegen und fliegen können, ist ebenso wahr, wie es zweckmäßig ist.«

»Nein, das ist’s eben, was einem das Glauben an diese Geschichte so schwer macht«, entgegnete Pfadfinder. »Es scheint unzweckmäßig, einem Tiere, das im Wasser lebt, Schwingen zu geben, die doch keinen Nutzen haben können.«

»Und glaubt Ihr, daß die Fische solche Esel seien, um unter dem Wasser fliegen zu wollen, wenn sie mal schön mit Schwingen ausgestattet sind?«

»Ich versteh‘ mich nicht auf diese Sache. Aber daß ein Fisch in der Luft fliegen soll, scheint mir noch mehr gegen die Natur zu sein, als wenn er in seinem eigenen Elemente flöge, worin er geboren und groß geworden ist, meine ich.«

»Was das für verschrumpfte Ideen sind, Magnet. Der Fisch fliegt aus dem Wasser, um seinen Feinden im Wasser zu entgehen, und da habt Ihr nicht nur das Faktum, sondern auch das Zweckmäßige daran.«

»Dann will ich glauben, daß es wahr sein muß«, sagte Pfadfinder ruhig. »Wie lang sind ihre Schwingen?«

»Nicht ganz so lang wie die der Tauben vielleicht, jedenfalls aber lang genug, um damit eine freie See zu gewinnen. Was Euer Eichhörnchen anlangt, so wollen wir nichts mehr darüber sprechen, Freund Pfadfinder, denn ich denke, daß Ihr sie nur als Zugabe zu dem Fisch, zugunsten der Wälder, erwähnt habt. Aber was ist das für ein Ding, das da unter dem Hügel vor Anker liegt?«

»Das ist Jaspers Kutter, Onkel«, sagte das Mädchen schnell, »und ein sehr zierliches Fahrzeug, wie ich denke. Es heißt ›der Scud‹.«

»Ja, es mag vielleicht für einen See gut genug sein; doch will es grade nicht viel besagen. Der Junge da hat ein stehendes Bugspriet, und wer hat je vorher einen Kutter mit einem stehenden Bugspriet gesehen?«

»Aber mag das auf einem See wie diesem nicht seinen guten Grund haben, Onkel?«

»Wahrscheinlich – man muß sich erinnern, daß dieses nicht das Meer ist, obgleich es so aussieht.«

»Ah, Onkel, dann sieht also der Ontario nach allem doch wie das Meer aus?«

»In deinen Augen, mein‘ ich, und in denen Pfadfinders; aber nicht im mindesten in meinen, Magnet. Ihr könnt mich dort in der Mitte dieses Stückchen Weihers, und zwar in der dunkelsten Nacht, die je vom Himmel fiel und in dem kleinsten Kahne aussetzen – ich wollte Euch doch sagen, daß es nur ein See ist. Was das anbelangt, so würd‘ es mein Schiff, die Dorothy, so schnell weg haben wie ich selbst. Ich glaube nicht, daß die Brigg im äußersten Fall mehr als ein paar kurze Streckungen machen dürfte, um den Unterschied zwischen dem Ontario und dem alten Atlantischen Ozean zu spüren. Ich führte sie einmal hinab in eine von den großen südamerikanischen Buchten, und sie benahm sich dabei so störrisch wie ein unruhiger Bube in einer Methodistenversammlung. Und Jasper segelt dieses Boot? Ich muß mit dem Jungen einen Kreuzzug machen, ehe ich Euch verlasse, nur um des Namens dieses Dings willen; denn es ging‘ doch nicht an zu sagen, ich hätte diesen Weiher gesehen ohne einen Abstecher drauf gemacht zu haben.«

»Gut, da dürft Ihr nicht lange drauf warten«, erwiderte Pfadfinder, »denn der Sergeant ist im Begriff, sich mit einer Partie einzuschiffen und einen Posten an den Tausendinseln abzulösen; und da ich ihn sagen hörte, daß er Mabel mitnehmen wolle, so könnt auch Ihr Euch der Gesellschaft anschließen.«

»Ist das wahr, Magnet?«

»Ich glaube«, antwortete das Mädchen mit einem so leichten Erröten, daß es der Beobachtung ihrer Gesellschafter entging, »obgleich ich darüber noch nicht mit meinem Vater gesprochen habe, um es mit Sicherheit zu behaupten. Doch da kommt er, und Ihr könnt ihn selber fragen.«

Ungeachtet seines niederen Ranges war doch etwas Achtunggebietendes in der Miene und dem Charakter des Sergeanten Dunham. Seine hohe imponierende Gestalt, sein ernstes und düsteres Aussehen, die Bestimmtheit und Entschiedenheit seiner Denk- und Handlungsweise machten sogar auf den absprechenden und anmaßenden Cap Eindruck, so daß er’s nicht wagte, sich gegen den alten Soldaten die Freiheiten zu erlauben, die er sich gegen seine übrigen Freunde herausnahm. Man konnte oft bemerken, daß der Sergeant Dunham bei Duncan of Lundie, dem schottischen Laird, der den Posten kommandierte, weit mehr Achtung genoß als sogar die meisten Subalternoffiziere, denn Erfahrung und erprobte Dienste hatten in den Augen des alten Majors ebensoviel Wert wie Geburt und Vermögen. Da der Sergeant gerade nicht höher zu steigen hoffte, so respektierte er sich selbst und seine Stellung so weit, daß er immer in einer Weise handelte, die Achtung gebot. Auch hatte die Gewohnheit, immer unter seinen Untergebenen zu leben, deren Leidenschaften und Neigungen er notwendig durch eine gewisse Abgeschlossenheit und Würde im Zaume halten mußte, seinem ganzen Benehmen eine Färbung gegeben, von deren Einfluß nur wenige frei blieben. Da die Kapitäne ihn freundlich und wie einen alten Kameraden behandelten, so wagten es die Leutnants selten, seinen militärischen Ansichten zu widersprechen, und die Fähnriche legten gegen ihn eine Art von Achtung an den Tag, die fast bis zur Verehrung stieg. Es ist daher kein Wunder, daß Mabels Ankündigung plötzlich dem Gespräche ein Ende machte, obgleich man oft bemerken konnte, daß der Pfadfinder der einzige in dieser Grenzfeste war, der sich’s erlaubte, ohne ein Mann von Stand zu sein, den Sergeanten als seinesgleichen oder vielmehr mit der herzlichen Vertraulichkeit eines Freundes zu behandeln.

»Guten Morgen, Bruder Cap«, sagte der Sergeant, militärisch grüßend, als er mit ernstem und stattlichem Anstand auf das Bollwerk zukam. »Es könnte scheinen, daß mein Morgendienst mich deiner und Mabels vergessen ließ; aber wir haben dafür nun eine oder zwei Stunden übrig, um bekannter zu werden. Bemerkst du nicht, Schwager, eine große Ähnlichkeit bei dem Mädchen?«

»Mabel ist das Ebenbild ihrer Mutter, Sergeant, wie ich immer gesagt habe, mit einer kleinen Beimischung von deinem festeren Bau; obgleich es, was das anbelangt, den Caps auch nie an Schnellkraft und Behendigkeit fehlte.«

Mabel warf einen furchtsamen Blick auf die ernsten und strengen Züge ihres Vaters, die sie sich mit ihrem warmen Herzen während ihrer Abwesenheit immer mit dem Ausdruck der elterlichen Liebe gedacht hatte; und als sie diese Züge durch das Steife und Methodische seiner Manier durchblicken sah, so hätte sie gern in seine Arme fliegen und sich nach Herzenslust an seiner Brust ausweinen mögen. Aber es war mehr Kälte, mehr Förmlichkeit und Abgeschlossenheit in seinem Äußeren, als sie zu finden erwartet hatte, so daß sie sich nie solche Freiheit herauszunehmen gewagt haben würde, selbst wenn sie allein mit ihm gewesen wäre.

»Du hast um meinetwillen eine lange und mühselige Reise unternommen, Bruder, und wir wollen versuchen, dir den Aufenthalt unter uns angenehm zu machen.«

»Ich hab‘ gehört, daß du wahrscheinlich Befehl erhalten wirst, die Anker zu lichten, um deine Back in einen Teil der Welt zu schaffen, wo, wie man sagt, tausend Inseln sein sollen.«

»Pfadfinder, ist das ein Stückchen von Eurer Vergeßlichkeit?«

»Nein, nein, Sergeant, ich hab‘ nichts vergessen; aber es schien mir nicht nötig, Eure Absichten vor Eurem eigenen Fleisch und Blut so streng zu verbergen.«

»Alle militärischen Bewegungen müssen mit so wenig Gerede als möglich gemacht werden«, erwiderte der Sergeant, indem er des Waldläufers Schulter zwar freundlich, aber doch mißbilligend berührte. »Ihr habt zuviel von Eurem Leben den Franzosen gegenüber zugebracht, um nicht den Wert des Schweigens zu kennen. Doch es macht nichts; die Sache muß doch bald bekannt werden, und es würde nicht viel nützen, wenn man’s jetzt noch versuchen wollte, sie geheim zu halten. Wir werden in kurzem eine Ablösungsmannschaft nach einem Posten am See schicken, obgleich ich damit nicht sagen will, daß es nach den Tausendinseln gehe. Ich werde wohl selbst mitgehen, und in diesem Falle hab‘ ich die Absicht, Mabel mitzunehmen, damit sie mir meine Suppe koche, und ich hoffe, Schwager, du wirst auf einen Monat oder so was Soldatenkost nicht ausschlagen.«

»Das wird von der Art des Marsches abhängen. Ich hab‘ keine besondere Freude an Wäldern und Sümpfen.«

»Wir werden in dem Scud segeln, und in der Tat, der ganze Dienst, der uns nichts Neues ist, kann wohl einem gefallen, der ans Wasser gewöhnt ist.«

»An Salzwasser, willst du sagen, aber nicht an das Wasser eines Sees. Doch, wenn ihr niemand habt, dieses Stückchen Kutter da für euch zu regieren, so hab‘ ich nichts dagegen, für diese Reise den Schiffer zu machen, obgleich ich die ganze Geschichte für verlorene Zeit halte. Wie man sich doch so täuschen kann, ein Segeln auf diesem Weiher herum ein ›zur See gehen‹ zu heißen.«

»Jasper ist jedenfalls imstande, den Scud zu handhaben, Bruder Cap, und in dieser Hinsicht kann ich grade nicht sagen, daß wir deine Dienste brauchen, obschon uns deine Gesellschaft Vergnügen machen wird. Du kannst erst nach den Ansiedlungen zurückkehren, wenn eine Partie dahin gesendet wird, und dies wird wahrscheinlich nicht vor unserer Zurückkunft geschehen. – Nun, Pfadfinder, es ist das erstemal, daß ich Leute auf der Fährte der Mingos weiß, ohne daß Ihr an ihrer Spitze seid.«

»Um ehrlich gegen Euch zu sein, Sergeant«, erwiderte der Kundschafter nicht ohne einige Derbheit und eine merkliche Veränderung der Farbe seines sonnverbrannten Gesichts, »ich habe diesen Morgen nicht gefühlt, daß so was meine Gabe war. Erstens weiß ich recht wohl, daß die Soldaten des Fünfundfünfzigsten nicht die Leute dazu sind, die Irokesen in den Wäldern zu erwischen, und die Schurken warten sicher nicht, bis man sie umringt, wenn sie wissen, daß Jasper die Garnison erreicht hat. Dann kann sich ein Mann nach einem heißen Tagewerk wohl ein wenig Ruhe gönnen, ohne daß man Ursache hat, seinen guten Willen zu verdächtigen. Außerdem ist die Große Schlange mit ihnen ausgezogen, und wenn die Strolche überhaupt zu finden sind, so könnt Ihr Euch wohl auf seinen Haß und sein Auge verlassen, von denen der eine stärker, das andere nahezu wo nicht ganz – so gut wie mein eigenes ist. Er liebt die schleichenden Vagabunden so wenig wie ich, und ich möchte, daß meine Gefühle gegen einen Mingo nichts weiter sind als die Gaben eines Delawaren, gepfropft auf einen christlichen Stamm. Nein, nein, ich dachte, ich wolle die Ehre dieses Tages, wenn anders Ehre zu erwerben ist, dem jungen Fähnrich überlassen, der das Kommando führt. Er kann dann, wenn er nicht seinen Skalp verliert, mit diesem Feldzug in den Briefen an seine Mutter großtun. Ich möchte übrigens einmal in meinem Leben auch den Faulenzer spielen.«

»Und niemand hat ein besseres Recht dazu, wenn lange und treue Dienste zu einem Urlaub berechtigen«, entgegnete der Sergeant freundlich. »Mabel wird nicht schlechter von Euch denken, daß Ihr ihre Gesellschaft der Fährte der Wilden vorzieht, und sich obendrein freuen, Euch einen Teil ihres Frühstücks abzutreten, wenn Ihr Lust habt, was zu genießen. Du darfst jedoch nicht glauben, Mädchen, daß es die Gewohnheit Pfadfinders ist, die Spitzbuben um das Fort Retraite schlagen zu lassen, ohne daß sich der Knall seiner Büchse dabei hören läßt.«

»Wenn ich dächte, daß sie das glaubte, Sergeant, so würd‘ ich, obgleich ich nicht viel auf Gepränge und Parade-Evolutionen gebe, den Wildtod schultern und die Garnison verlassen, ehe noch ihre schönen Augen Zeit hätten, finster zu blicken. Nein, nein, Mabel kennt mich besser, obgleich unsre Bekanntschaft noch neu ist; denn es hat nicht an Mingos gefehlt, um den kurzen Marsch zu beleben, den wir bereits in Gesellschaft gemacht haben.«

»Es würde überhaupt gewichtiger Beweismittel bedürfen, um mir in irgendeiner Beziehung eine üble Meinung von Euch beizubringen, geschweige denn hinsichtlich dessen, was Ihr da erwähnt«, erwiderte Mabel mit aufrichtigem Ernst, um jeden Verdacht zu beseitigen, der in seiner Seele von dem Gegenteil auftauchen möchte. »Vater und Tochter, glaub‘ ich, verdanken Euch ihr Leben, und seid überzeugt, daß keins von beiden es je vergessen wird.«

»Danke, danke, Mabel, von ganzem Herzen. Aber ich will von Eurer beiderseitigen Unwissenheit keinen Vorteil ziehen, Mädchen, und deshalb will ich sagen, daß ich nicht glaube, die Mingos hätten Ihnen auch nur ein Haar Ihres Kopfes verletzt, wenn ihnen ihre Teufeleien und Pfiffe geglückt und Sie in ihre Hände gekommen wären. Mein Skalp, Jaspers und Caps seiner da, wie auch der Chingachgooks wären zwar sicher in den Rauch gehängt worden; was aber des Sergeanten Tochter anlangt, so glaub‘ ich nicht, daß ihr ein Haar gekrümmt worden wäre.«

»Und warum sollt‘ ich annehmen, daß Feinde, von denen bekannt ist, daß sie weder Weiber noch Kinder schonen, mir mehr Mitleid erwiesen hätten als anderen? Ich fühle, Pfadfinder, daß ich Euch mein Leben verdanke.«

»Ich sage nein, Mabel; sie würden nicht das Herz gehabt haben, Sie zu verletzen. Nein, nicht einmal ein hitziger Mingoteufel würde das Herz gehabt haben, ein Haar Ihres Hauptes zu krümmen. Für so schlimm ich auch diese Vampire halten mag, so glaub‘ ich sie doch keiner solchen Verruchtheit fähig. Sie würden Sie wohl gezwungen haben, das Weib eines ihrer Häuptlinge zu werden, und das wär‘ Qual genug für ein junges Christenmädchen; aber weiter, glaub‘ ich, wären selbst die Mingos nicht gegangen.«

»Nun, so verdank‘ ich Euch doch, daß ich diesem großen Unglück entgangen bin«, sagte Mabel, indem sie, gewiß zum großen Vergnügen des ehrlichen Pfadfinders, seine harte Hand freimütig und herzlich mit der ihrigen erfaßte. »Es wär‘ ein geringeres Übel für mich gewesen, getötet als das Weib eines Indianers zu werden.«

»Das ist ihre Gabe, Sergeant«, rief Pfadfinder, indem er sich mit einem Vergnügen, das aus jedem Zug seines ehrlichen Gesichtes strahlte, gegen seinen alten Kameraden wandte, »und die will ihren Weg haben. Ich sage dem Chingachgook immer, daß das Christwerden nicht einmal einen Delawaren zu einem weißen Mann machen kann; und so wird auch weder das Kriegsgeschrei noch das Kampfgeheul ein Bleichgesicht in eine Rothaut verwandeln. Dies ist die Gabe eines jungen, von christlichen Eltern geborenen Weibes, und die muß festgehalten werden.«

»Ihr habt recht, Pfadfinder; und was Mabel Dunham anbelangt, so ist es gewiß, daß sie sie festhalten wird. Aber es ist Zeit, Euer Fasten zu brechen, und wenn du mir folgen willst, Bruder Cap, so will ich dir zeigen, wie wir armen Soldaten hier in einer entfernten Grenzfeste leben.«

Fünftes Kapitel

Fünftes Kapitel

Es war ein atemloser Augenblick. Die Flüchtlinge konnten die Absichten ihrer Verfolger nur aus ihren Gebärden und den Zeichen erraten, die ihnen in der Wut der getäuschten Erwartung entschlüpften. Daß eine Partie bereits auf ihrer eigenen Fährte zu Land zurückgekehrt war, war fast gewiß und also der ganze Vorteil verloren, den man von dem Kunstgriff mit dem Feuer erwartet hatte. Diese Betrachtung war jedoch im gegenwärtigen Augenblick von geringem Belang, da die Gesellschaft von denen, die im Wasser herunterkamen, mit augenblicklicher Entdeckung bedroht war. Alle diese Umstände traten vor die Seele des Pfadfinders, der die Notwendigkeit einer schnellen Entscheidung erkannte und die Vorbereitungen zum Kampf traf. Er winkte den beiden Indianern und Jasper, näher zu kommen und teilte ihnen flüsternd seine Ansichten mit.

»Wir müssen schlagfertig sein, bereit sein«, sagte er. »Es sind nur drei von diesen skalplustigen Teufeln, und wir sind fünf, von denen vier als brave Krieger für solch ein Scharmützel betrachtet werden können. Eau-douce, nehmt Ihr den Burschen, der wie der Tod bemalt ist, aufs Korn; dir, Chingachgook, gebe ich den Häuptling, und Ihr, Pfeilspitze, müßt Euer Auge auf den Jungen halten. Es darf kein Irrtum stattfinden; denn zwei Kugeln in den nämlichen Körper wären eine sündhafte Verschwendung, wenn man eine Person, wie des Sergeanten Tochter, in Gefahr weiß. Ich selbst will die Reserve bilden, wenn etwa so ein viertes Gewürm erschiene oder eine eurer Hände sich als unsicher erprobte. Gebt aber nicht Feuer, bis ich es sage. Wir dürfen nur im äußersten Notfall unsere Büchsen brauchen, da die übrigen Bösewichter den Knall hören würden. Jasper, Junge, wenn sich eine Bewegung hinter uns, vom Ufer her, hören läßt, so verlaß ich mich auf Euch, daß Ihr mit des Sergeanten Tochter den Kahn auslaufen laßt und in Gottes Namen, so schnell Ihr könnt, der Garnison zutreibt.«

Der Pfadfinder hatte kaum diese Anweisungen gegeben, als die Annäherung der Feinde das tiefste Stillschweigen nötig machte.

Die Irokesen kamen langsam den Strom herunter und hielten sich in die Nähe des Gebüsches, das über das Wasser herhing, indes es das Rauschen der Blätter und das Rascheln der Zweige bald zur Gewißheit machte, daß sich ein zweiter Trupp längs dem Ufer hinbewegte und mit denen im Wasser gleichen Schritt und gleiche Richtung hielt. Da das von den Flüchtigen künstlich angelegte Gebüsch in einiger Entfernung von dem wahren Ufer lag, so wurden sich die beiden Haufen gerade an den gegenüberliegenden Punkten ansichtig. Sie hielten nun an, und es erfolgte eine Besprechung, die sozusagen über den Häuptern der Verborgenen weggeführt wurde. In der Tat wurden auch unsere Reisenden durch nichts geschützt als durch die Zweige und Blätter ihrer Pflanzung, die so biegsam waren, daß sie jedem Luftstrom nachgaben und von jedem mehr als gewöhnlichen Windstoß weggeblasen worden wären. Glücklicherweise führte die Gesichtslinie die Augen der im Wasser stehenden Wilden und derer am Lande, über das Gebüsch weg, dessen Blätter dicht genug schienen, um jeden Verdacht zu beseitigen. Vielleicht verhinderte nur die Kühnheit dieses Auswegs eine augenblickliche Entdeckung. Die Besprechung wurde mit Ernst, jedoch in gedämpftem Tone geführt, als ob die Sprechenden die Aufmerksamkeit irgendeines Lauschers vereiteln wollten. Sie geschah in einem Dialekt, den sowohl die beiden indianischen Krieger als auch der Pfadfinder verstand, während Jasper nur ein Teil des Gespräches deutlich wurde.

»Die Fährte ist durch das Wasser weggewaschen«, sagte einer von unten, der dem künstlichen Versteck der Flüchtigen so nahe stand, daß man ihn mit dem Lachsspieß hätte erreichen können, der in Jaspers Kahn lag. »Wasser hat sie so rein gewaschen, daß ihr der Hund eines Yengeese nicht zu folgen wüßte.«

»Die Bleichgesichter haben das Ufer in ihren Kähnen verlassen«, antwortete der Sprecher am Ufer.

»Es kann nicht sein. Die Büchsen unserer Krieger unten sind sicher.«

Der Pfadfinder warf Jasper einen bedeutungsvollen Blick zu und biß die Zähne zusammen, um den Ton seines Atems zu unterdrücken.

»Laß meine jungen Leute um sich blicken, als ob ihre Augen Adler seien«, sagte der älteste Krieger unter denen, die im Fluß wateten. – »Wir sind einen ganzen Mond auf dem Kriegspfad gewesen und haben nur einen Skalp gefunden. Es ist ein Mädchen unter ihnen, und einige unserer Tapferen brauchen Weiber.«

Glücklicherweise gingen diese Worte für Mabel verloren; aber Jasper runzelte die Stirn, und sein Gesicht brannte.

Die Wilden brachen nun ihre Unterhaltung ab, und unsere Versteckten hörten die langsamen und vorsichtigen Bewegungen ihrer Feinde am Ufer und das Rascheln des Gebüsches, das sie auf ihrem Wege behutsam zur Seite bogen. Sie waren augenscheinlich schon über das Versteck hinaus; aber das Häuflein im Wasser hielt noch an und prüfte das Ufer mit Augen, die aus ihren Kriegsfarben wie die Glut aus Kohlen herausfunkelten. Nach einer Pause von zwei oder drei Minuten fingen auch sie an, stromabwärts zu gehen, obgleich nur Schritt für Schritt, wie Menschen, die einen verlorenen Gegenstand suchen.

In dieser Weise kamen sie an dem künstlichen Schirm vorbei, und der Pfadfinder verzog seinen Mund zu dem herzlichen, aber lautlosen Lachen, das Natur und Gewohnheit zu einer Eigentümlichkeit dieses Mannes gemacht hatte. Sein Triumph war jedoch voreilig, denn der Letzte des abziehenden Häufleins warf gerade in diesem Moment einen Blick zurück und hielt plötzlich an. Diese Bewegung und ein vorsichtiges Umschauen verriet ihnen auf einmal zu ihrem größten Schrecken, daß einige vernachlässigte Büsche den Verdacht erregt hätten.

Es war vielleicht ein Glück für die Verborgenen, daß der Krieger, der diese erschreckenden Zeichen eines auftauchenden Verdachtes kundgab, ein Jüngling war, der erst Achtung erwerben mußte. Er wußte, wie wichtig Besonnenheit und Bescheidenheit für einen Menschen von seinen Jahren sei und fürchtete mehr als alles das Lächerliche und die Verachtung, die die Folge eines falschen Lärmens waren. Ohne daher einen der Gefährten zurückzurufen, kehrte er wieder um, und während die anderen im Flusse weiterschritten, näherte er sich vorsichtig den Büschen, auf die er seine Blicke wie durch einen Zauber gebannt hielt. Einige von den Blättern, die der Sonne am meisten ausgesetzt gewesen, waren verwelkt, und diese leichte Abweichung von den gewöhnlichen Gesetzen der Natur hatte das rasche Auge des Indianers auf sich gezogen.

Die scheinbare Geringfügigkeit der Beobachtung, die er gemacht hatte, war ein weiterer Grund für den Jüngling, sie seinen Gefährten nicht mitzuteilen. Hatte sie ihn wirklich zu einer Entdeckung geleitet, so war sein Ruhm um so größer, wenn er ihn ungeteilt genoß; und war dies nicht der Fall, so durfte er hoffen, dem Gelächter zu entgehen, das die jungen Indianer so sehr scheuen. Hier drohten jedoch die Gefahren eines Hinterhalts und eines Überfalls, die jeden, auch den feurigsten Krieger der Wälder, zu einer langsamen und vorsichtigen Annäherung veranlassen; und infolge der aus den eben genannten Umständen fließenden Zögerung waren die zwei Partien bereits fünfzig bis sechzig Ellen weiter abwärts gekommen, ehe der junge Wilde der Anpflanzung Pfadfinders so nahe gerückt war, daß er sie mit den Händen erreichen konnte.

Die durch die Hitze hervorgebrachte Veränderung des Gebüsches war nur so leicht, daß der Irokese, als er wirklich die Hand an die Blätter legte, vermutete, er habe sich getäuscht. Um aber seinem Verdacht auf die Spur zu kommen, bog der junge Krieger vorsichtig die Zweige auf die Seite und war mit einem Tritt in dem Versteck, wo die Gestalten der darin Befindlichen wie ebenso viele atemlose Statuen seinen Blicken entgegentraten. Der dumpfe Ausruf, das leichte Zurückfahren und das glänzende Auge des Feindes wurden kaum gesehen und gehört, als sich der Arm Chingachgooks erhob, und der Tomahawk des Delawaren auf den nackten Schädel seines Gegners niedersank. Der Irokese erhob wütend die Hände, stürzte rückwärts und fiel an einer Stelle ins Wasser, wo der Strom den Körper wegführte, dessen Glieder noch im Todeskampf zuckten. Der Delaware machte einen kräftigen, aber erfolglosen Versuch, seinen Arm zu ergreifen, in der Hoffnung, sich des Skalps zu bemächtigen; aber das blutgestreifte Wasser wirbelte stromabwärts und führte seine bebende Last mit sich fort.

Alles dieses geschah in weniger als einer Minute und erschien dem Auge so plötzlich und unerwartet, daß Leute, die weniger an die Kriegsfahrten der Wälder gewöhnt waren als der Pfadfinder und seine Genossen, nicht sogleich gewußt hätten, was beginnen.

»Es ist kein Augenblick zu verlieren«, sagte Jasper mit ernster, aber gedämpfter Stimme, indem er das Gebüsch auf die Seite drückte. »Tut, was ich tue, Meister Cap, wenn Ihr Eure Nichte gerettet wissen wollt; und Sie, Mabel, legen Sie sich der Länge nach in dem Kahn nieder.«

Er hatte diese Worte kaum gesprochen, als er den Bug des leichten Bootes ergriff, es im Wasser watend längs dem Ufer hinschleppte, wobei Cap ihn am Stern unterstützte – sich so nahe wie möglich an das Ufer hielt, um von den Wilden nicht bemerkt zu werden, und die obere Wendung des Flusses zu gewinnen suchte, die die Gesellschaft mit Sicherheit vor dem Feind verbergen mochte. Des Pfadfinders Kahn lag zunächst am Land und mußte deshalb zuletzt das Ufer verlassen. Der Delaware sprang ans Land und verlor sich in den Wald, da er es für seine Aufgabe hielt, den Feind in dieser Gegend zu überwachen, indes Pfeilspitze seinen weißen Gefährten beim Flottmachen des Kahnes unterstützte – um Jasper folgen zu können. All dieses war das Werk eines Augenblicks; als aber Pfadfinder die Strömung an der Flußwendung erreicht hatte, fühlte er plötzlich ein Leichterwerden des Gewichtes, das er führte, und bei einem Rückblick entdeckte er, daß ihn der Tuscarora mit seinem Weib verlassen hatte. Der Gedanke an Verrat blitzte in seiner Seele auf; aber es war keine Zeit anzuhalten. Der Klageruf, der sich weiter unten im Fluß erhob, verkündete, daß der weggeschwemmte Körper des jungen Indianers bei seinen Freunden angelangt war. Der Knall einer Flinte folgte, und nun sah der Wegweiser, daß Jasper, nachdem er die Flußbeugung umrudert hatte, den Strom quer durchschnitt und beide, Jasper aufrechtstehend im Stern des Kahnes und Cap am Bug sitzend, das leichte Fahrzeug mit kräftigen Ruderschlägen vorwärts trieben. Ein Blick, ein Gedanke, ein Auskunftsmittel erfolgte rasch aufeinander in der Seele eines Mannes, der so sehr an die Wechselfälle des Grenzkriegs gewöhnt war. Er sprang schnell in das Hinterteil seines Kahnes, drängte ihn mit einem kräftigen Stoß in die Strömung und fing gleichfalls an, den Strom so weit unten zu kreuzen, daß seine Person eine Zielscheibe für den Feind abgeben mochte, indem er wohl wußte, daß ihr eifriges Verlangen, sich einer Kopfhaut zu sichern, alle anderen Gefühle überwältigen würde.

»Haltet Euch oberhalb der Strömung, Jasper«, rief der unerschrockene Führer, indem er das Wasser mit langen, festen und kräftigen Ruderschlägen peitschte, »haltet Euch immer über der Strömung und treibt gegen das Erlengebüsch drüben! Bewahrt vor allem des Sergeanten Tochter und überlaßt diese Schufte von Mingos mir und der Großen Schlange!«

Jasper schwenkte sein Ruder zum Zeichen, daß er ihn verstanden habe, und nun ertönte Schuß auf Schuß in rascher Folge, davon jeder auf den einzelnen Mann in dem nächsten Kahn gerichtet war.

»Haha, knallt nur eure Schießprügel ab, ihr Dummköpfe«, brummte Pfadfinder in sich hinein, »knallt nur feste los auf ein unsicheres Ziel und laßt mir Zeit, auf dem Fluß eine Elle um die andere zwischen uns zu legen! Ich will euch nicht tadeln wie ein Delaware oder Mohikaner; aber ihr seid wenig besser als die Leute aus den Städten, die auf die Spatzen in den Obstgärten schießen. Hoppla, das war gut gemeint« – er zog seinen Kopf zurück, da eine Flintenkugel eine Haarlocke von seinen Schläfen abgerissen hatte – »aber das Blei, das um einen Zoll fehlt, ist ebenso nutzlos wie was stets im Flintenlauf bleibt. Brav getan, Jasper! Des Sergeanten süßes Kind muß gerettet werden, und wenn wir alle unsere Kopfhäute darüber verlieren sollten.«

Mittlerweile war der Pfadfinder in die Mitte des Flusses und fast an die Seite seiner Feinde gerudert, indes der andere Kahn, von Caps und Jaspers kräftigen Armen getrieben, der ihnen bezeichneten Stelle am jenseitigen Ufer nahe gekommen war. Der alte Seemann spielte nun seine Rolle männlich, denn er war auf seinem eigenen Element, liebte seine Nichte aufrichtig, hatte eine besondere Verehrung gegen seine eigene Person und war des Feuers nicht ungewohnt, obgleich sich seine Erfahrung auf eine ganz andere Art des Kriegsführens bezog. Einige Ruderstreiche brachten den Kahn in das Gebüsch; Mabel eilte mit Jasper ans Land, und für den Augenblick waren alle drei Flüchtlinge gerettet.

Nicht so verhielt es sich mit dem Pfadfinder. Seine mutige Selbstaufopferung hatte ihn in eine ungemein gefährliche Lage gebracht, die sich noch dadurch verschlimmerte, daß, als er gerade zunächst dem Feinde vorbeitrieb, der am Land befindliche Trupp am Ufer herunterglitt und sich mit seinen in dem Wasser stehenden Freunden vereinigte. Der Oswego war an dieser Stelle ungefähr eine Kabellänge breit, und der in der Mitte befindliche Kahn nur ungefähr hundert Ellen oder eine Zielweite von den Büchsen entfernt, die ohne Unterlaß auf ihn abgefeuert wurden.

In dieser verzweifelten Lage tat die Festigkeit und Geschicklichkeit des Pfadfinders gute Dienste. Er wußte, daß seine Sicherheit nur von einer fortdauernden Bewegung abhing, denn ein feststehender Gegenstand wäre in dieser Entfernung fast mit jedem Schusse getroffen worden. Bewegung allein war aber nicht zureichend; denn seine Feinde, die gewöhnt waren, den Hirsch im Sprunge zu töten, wußten wahrscheinlich ihr Ziel so scharf zu nehmen, daß sie ihn getroffen haben würden, wenn die Bewegung eine gleichförmige war. Er sah sich daher veranlaßt, den Kurs des Kahnes zu wechseln und schoß einen Augenblick mit der Schnelligkeit des Pfeiles stromabwärts: im nächsten hielt er in dieser Richtung an und schnitt schräg in den Strom ein. Glücklicherweise konnten die Irokesen ihre Gewehre im Wasser nicht wieder laden, und das Gebüsch, das überall das Ufer säumte, machte es schwierig, den Flüchtling im Gesicht zu behalten, wenn sie ans Land stiegen. Unter dem Schutz dieser Umstände, und da die Feinde alle ihre Gewehre auf ihn abgefeuert hatten, hatte Pfadfinder schnell, sowohl abwärts als in die Quere, eine sichernde Entfernung gewonnen, als plötzlich eine neue, wenn auch nicht unerwartete Gefahr auftauchte.

Diese bestand in der Erscheinung des Trupps, der weiter unten im Hinterhalt gelegen hatte, um den Strom zu bewachen, und den die Wilden in ihrem vorhin gehaltenen kurzen Gespräch erwähnt hatten. Die Zahl betrug nicht weniger als zehn, und da ihnen alle Vorteile ihres blutigen Gewerbes bekannt waren, so hatten sie sich an einem Punkte aufgestellt, wo das Wasser zwischen den Felsen und über die Untiefen brandete: Stellen, die man in der Sprache dieser Gegend Stromengen nennt. Der Pfadfinder sah wohl, daß er, wenn er in diese Enge einliefe, auf den Punkt zugetrieben würde, wo sich die Irokesen aufgestellt hatten; denn die Strömung war unwiderstehlich, die Felsen erlaubten keinen anderen sicheren Durchgang, und so waren Tod oder Gefangenschaft die einzigen wahrscheinlichen Resultate eines solchen Versuches. Er strengte daher alle seine Kräfte an, um das westliche Ufer zu erreichen, da sich alle Feinde auf der Ostseite des Flusses befanden. Aber ein solches Unternehmen überstieg die Kraft eines einzelnen Menschen, und ein Versuch, die Strömung zu überwinden, würde die Bewegung des Kahnes auf einmal so weit vermindert haben, daß dadurch einem sicheren Zielen Raum gegeben worden wäre. In dieser Not kam der Wegweiser mit seiner gewohnten schnellen Besonnenheit zu einem Entschluß, für den er alsbald seine Vorbereitungen traf. Anstatt sich zu bemühen, das Fahrwasser zu gewinnen, steuerte er gegen die seichteste Stelle des Stroms, und als er diese erreicht hatte, ergriff er seine Büchse und sein Bündel, sprang ins Wasser und fing an, von Felsen zu Felsen zu waten, wobei er seine Richtung gegen das westliche Ufer einschlug. Der Kahn wirbelte in der wütenden Strömung, rollte über einige schlüpfrige Steine, füllte und leerte sich wieder und erreichte endlich das Ufer, einige Ellen von der Stelle entfernt, wo sich die Indianer aufgestellt hatten.

Indes war der Pfadfinder noch lange nicht außer Gefahr. In den ersten Minuten erhielt die Bewunderung seiner Schnelligkeit und seines Mutes, dieser bei den Indianern so hoch geachteten Tugenden, seine Verfolger regungslos. Aber der Durst nach Rache und die Gier nach dem so hochgepriesenen Siegeszeichen überwältigten bald dieses vorübergehende Gefühl und weckten sie aus ihrer Erstarrung. Büchse um Büchse krachte, und die Kugeln sausten um des Flüchtlings Haupt, daß er sie durch das Brausen des Wassers hören konnte. Aber er schritt fort, gleich einem, der ein durch Zauberkraft geschütztes Leben trägt, und obwohl das grobe Gewand des Grenzmannes mehr als einmal durchlöchert wurde, so wurde doch nicht einmal seine Haut gestreift.

Da der Pfadfinder einigemal genötigt war, bis unter die Arme im Wasser zu waten, wobei er seine Büchse samt dem Schießbedarf über die wütende Strömung erhob, so wurde er von der Anstrengung bald ermüdet, und er war erfreut, an einem großen Stein – oder vielmehr einem kleinen Felsen – haltmachen zu können, der so hoch über den Fluß hervorragte, daß seine obere Fläche trocken war. Auf diesen Stein legte er sein Pulverhorn und stellte sich selbst dahinter, so daß sein Körper teilweise gedeckt wurde. Das westliche Ufer war nur noch fünfzig Fuß entfernt, aber die ruhige, schnelle, dunkle Strömung, die dazwischen hindurchschoß, verschaffte ihm die Überzeugung, daß er hier werde schwimmen müssen.

Die Indianer, die nur eine Weile ihr Feuer aussetzten, versammelten sich um den gestrandeten Kahn; und da sie dabei die Ruder fanden, so schickten sie sich an, über den Fluß zu setzen.

»Pfadfinder!« rief eine Stimme aus dem Gebüsch des westlichen Ufers.

»Was wollt Ihr, Jasper?«

»Seid guten Muts! – Es sind Freunde bei der Hand, und kein Mingo soll über den Fluß setzen, ohne für seine Kühnheit zu büßen. Würdet Ihr nicht besser tun, Eure Büchse auf dem Felsen zu lassen und herüberzuschwimmen, ehe die Schurken flottmachen?«

»Ein braver Jäger läßt nie sein Gewehr im Stich, solange er Pulver im Horn und eine Kugel in der Tasche hat. Ich habe heute den Drücker noch nicht berührt und könnte den Gedanken nicht ertragen, mit diesem Gewürm zusammengekommen zu sein, ohne ihm eine Erinnerung an meinen Namen zurückzulassen. Ein bißchen Wasser wird meinen Beinen nicht schaden, und ich sehe jenen Lumpenkerl, die Pfeilspitze, unter den Strolchen; ich möchte dem wohl einen Lohn zusenden, den er so redlich verdient hat. Ihr habt doch hoffentlich nicht des Sergeanten Tochter mit herunter und in die Schußweite ihrer Kugeln gebracht, Jasper?«

»Sie ist in Sicherheit, wenigstens für den Augenblick, obgleich alles davon abhängt, daß wir den Fluß zwischen uns und dem Feind behalten. Sie müssen jetzt unsere Schwäche kennen, und wenn sie übersetzen sollten, so zweifle ich nicht, daß ein Teil davon auf der anderen Seite bleiben wird.«

»Diese Kahnfahrt betrifft Eure Gaben näher als die meinigen, Junge, obgleich ich mein Ruder handhaben werde wie der beste Mingo, der je einen Lachs spießte. Wenn sie unterhalb der Stromenge kreuzen, warum sollten wir nicht ebensogut oberhalb über das ruhige Wasser setzen und sie durch das Hin und Her wie im Wolfspiel zum besten haben können?«

»Weil sie, wie gesagt, eine Partei auf dem anderen Ufer lassen werden; und dann, Pfadfinder, möchtet Ihr Mabel den Büchsen der Irokesen bloßgeben?«

»Des Sergeanten Tochter muß gerettet werden«, entgegnete der Wegweiser mit ruhiger Energie. »Ihr habt recht, Jasper; sie hat nicht die Gabe, ihren Mut dadurch zu bewähren, daß sie ihr hübsches Gesicht und ihren zarten Körper einer Mingobüchse aussetzt. Was können wir tun? Wir müssen eben, wenn es möglich ist, das Übersetzen ein oder zwei Stunden verhindern, und dann in der Dunkelheit unser Letztes versuchen.«

»Ich stimme Euch bei, Pfadfinder, wenn es bewerkstelligt werden kann. Aber sind wir auch stark genug für dieses Vorhaben?«

»Der Herr ist mit uns, Junge – der Herr ist mit uns; und es ist unvernünftig zu glauben, daß eine Person wie des Sergeanten Tochter in einer solchen Verlegenheit so ganz von der Vorsehung sollte verlassen werden. Es ist, wie ich gewiß weiß, kein Boot zwischen den Fällen und der Garnison als unsere beiden Kähne, und ich denke, es wird über die Gaben einer Rothaut gehen, angesichts zweier Büchsen wie die Eurige und die meinige über den Fluß zu setzen. Ich will nicht prahlen, Jasper, aber man weiß in allen Grenzorten wohl, daß der Wildtod selten fehlt.«

»Eure Geschicklichkeit ist nah und fern bekannt, Pfadfinder, aber eine Büchse braucht Zeit, um geladen zu werden; auch seid Ihr nicht an Land und durch ein gutes Versteck geschützt, von dem aus Ihr Euch Eurer gewohnten Vorteile bedienen könntet. Wenn Ihr unsern Kahn hättet, getrautet Ihr Euch wohl, mit trockenem Gewehr das Ufer zu erreichen?«

»Kann ein Adler fliegen?« erwiderte der andere mit seinem gewohnten Lachen, indem er im Sprechen rückwärts blickte. »Aber es würde unklug sein, Euch selbst auf dem Wasser auszusetzen, denn diese Spitzbuben fangen wieder an, sich an ihr Pulver und ihre Kugeln zu erinnern.«

»Es kann auch, ohne daß ich mich in Gefahr begebe, geschehen. Meister Cap ist nach dem Kahn hinaufgegangen und wird den Zweig eines Baumes in den Fluß werfen, um die Strömung zu untersuchen, die von jener oberen Stelle in der Richtung Eures Felsens läuft. Seht, da kommt er schon, wenn er gut anlangt, so dürft Ihr nur den Arm ausstrecken, und der Kahn wird folgen. Jedenfalls wird ihn, wenn er an Euch vorbeigehen sollte, der Wirbel da unten wieder heraufbringen, so daß ich ihn wohl erreichen kann.«

Während Jasper noch sprach, kam der schwimmende Zweig näher. Er beschleunigte seine Geschwindigkeit mit der zunehmenden Schnelle der Strömung und tanzte schnell abwärts auf den Pfadfinder zu, der ihn rasch ergriff und als ein erfolgversprechendes Zeichen in die Höhe hielt. Cap verstand das Signal und überließ den Kahn mit einer Behutsamkeit und Umsicht, zu deren Beobachtung die Gewohnheit den Seemann geeignet gemacht hatte, dem Strom. Er schwamm in derselben Richtung wie der Zweig, und in einer Minute wurde er von dem Pfadfinder angehalten.

»Das ist mit der Einsicht eines Grenzmannes ausgeführt, Jasper«, sagte der Wegweiser lachend. »Nun laßt diese schuftigen Mingos ihre Hähne spannen, denn dies ist das letztemal, daß sie imstande sind, auf einen Mann außerhalb eines Versteckes zu zielen.«

»Schiebt den Kahn gegen das Ufer, legt gegen die Strömung ein und springt hinein, wenn er abstößt. Man hat wenig Vorteil, wenn man sich der Gefahr aussetzt.«

»Ich lieb‘ es, Gesicht gegen Gesicht wie ein Mann meinen Feinden gegenüberzustehen, wenn sie mir hierin das Beispiel geben«, erwiderte der Pfadfinder stolz. »Ich bin keine geborene Rothaut und will lieber offen fechten, als im Hinterhalt liegen.«

»Und Mabel?«

»Richtig, Junge, Ihr habt recht; des Sergeanten Tochter muß gerettet werden, und solche törichte Aussetzung ziemt bloß Knaben. Glaubt Ihr, daß Ihr da drüben den Kahn auffangen könnt?«

»Sicher doch! wenn Ihr ihm ’nen kräftigen Stoß gebt.«

Pfadfinder wandte die erforderliche Kraft an; die leichte Barke schoß quer über den trennenden Raum, und als sie gegen das Land kam, wurde sie von Jasper ergriffen. Da die beiden Freunde nun den Kahn zu sichern und geeignete Stellung in einem Versteck zu nehmen hatten, so blieb ihnen nur ein Augenblick, um sich die Hände zu drücken, was mit einer Herzlichkeit geschah, als ob sie sich nach langer Trennung wieder zum erstenmal gesehen hätten.

»Nun, Jasper, wir werden sehen, ob einer von diesen Mingos über den Oswego setzen kann, wenn ihm Wildtod die Zähne weist. Ihr seid vielleicht gewandter im Rudern als im Gebrauch der Büchse, aber Ihr habt ein tapferes Herz und eine sichere Hand, und das sind schon Dinge, die bei einem Kampf in Betracht kommen.«

»Mabel wird mich zwischen ihr und ihren Feinden finden«, sagte Jasper ruhig.

»Ja, ja, des Sergeanten Tochter muß beschützt werden. Ich liebe Euch, Junge, um Eurer selbst willen; aber ich liebe Euch noch viel mehr, weil Ihr so auf den Schutz dieses schwachen Geschöpfs bedacht seid, in einem Augenblick, wo sie Eurer ganzen Mannheit bedarf. Seht, Jasper, drei von diesen Schurken sind eben in den Kahn gestiegen. Sie müssen glauben, wir seien geflohen, sonst würden sie so was sicher nicht im Angesicht des Wildtodes gewagt haben.«

Die Irokesen schienen sich nun zu einer Kreuzung des Stromes anzuschicken; denn da sich Pfadfinder und seine Freunde sorgfältig versteckt hielten, fingen ihre Feinde an zu glauben, daß sie die Flucht ergriffen hätten. Diesen Ausweg würden auch wohl die meisten Weißen eingeschlagen haben; aber Mabel war unter dem Schutz von Leuten, die zu sehr den Krieg in den Wäldern kannten, um die Verteidigung des einzigen Übergangspunktes zu vernachlässigen, der ihre Sicherheit gefährden konnte.

Von den drei Kriegern im Kahn lagen zwei auf den Knien im Anschlag, um jeden Augenblick ihrer tödlichen Waffe ein Ziel geben zu können; der dritte stand aufrecht im Stern und lenkte das Ruder. So verließen sie das Ufer, nachdem sie erst den Kahn vorsichtig stromaufwärts gehalten hatten, um in das stillere Wasser oberhalb der Stromenge zu kommen. Man konnte auf den ersten Blick sehen, daß der Wilde, der das Boot führte, seine Sache gut verstand, denn unter seinem langen und sicheren Ruderschlag flog das Fahrzeug mit der Leichtigkeit einer Feder über die glänzende Fläche.

»Soll ich Feuer geben?« fragte Jasper flüsternd und zitternd vor Begier, den Kampf zu beginnen.

»Noch nicht, Junge, noch nicht. Es sind ihrer drei, und wenn Meister Cap dort weiß, wie er die Schlüsselbüchsen, die in seinem Gürtel stecken, zu gebrauchen hat, so können wir sie immer ans Land kommen lassen. Wir werden dann den Kahn wiederkriegen.«

»Aber Mabel?«

»Fürchtet nichts für des Sergeanten Tochter. Sie ist ja, wie Ihr sagt, sicher in dem hohlen Baum, dessen Öffnung ihr klugerweise durch die Brombeerstaude verbargt. Wenn’s wahr ist, was Ihr mir über die Weise, wie Ihr ihre Fährte verdeckt habt, erzähltet, so könnte das süße Geschöpf wohl einen Monat dort liegen und alle Mingos auslachen.«

»Wir sind dessen nie gewiß, und ich wünschte, wir hätten sie unserem eigenen Versteck näher gebracht.«

»Warum, Eau-douce? Um ihren niedlichen Kopf und ihr klopfendes Herz den fliegenden Kugeln auszusetzen? Nein, nein, sie bleibt besser, wo sie ist, weil sie dort sicherer ist.«

»Wir hielten uns auch für sicher hinter dem Gebüsch, und doch habt Ihr selbst gesehen, daß wir entdeckt wurden –«

»Und der junge Teufel von Mingo seine Neugierde büßen mußte, wie es mir alle diese Schufte tun sollen –«

Der Pfadfinder unterbrach seine Worte, denn in diesem Augenblick schlug der Knall einer Büchse an sein Ohr. Der Indianer im Sterne des Kahnes sprang hoch in die Luft und fiel mit dem Ruder in der Hand ins Wasser. Ein leichtes Rauchwölkchen wirbelte aus einem der Gebüsche auf dem östlichen Ufer in die Höhe und verlor sich bald in der Atmosphäre.

»Das ist das Zischen der Großen Schlange!« rief der Pfadfinder frohlockend. »Ein kühneres und treueres Herz hat nie in der Brust eines Delawaren geschlagen. Es ist mir zwar leid, daß er sich in die Sache gemischt hat; aber er konnte unsere Lage nicht kennen, er konnte nicht wissen, wie wir stehen.«

Kaum hatte der Kahn seinen Führer verloren, so wurde er von den Schnellen der Stromenge ergriffen. Gänzlich hilflos und verwirrt blickten die zwei darin befindlichen Indianer um sich, vermochten es aber nicht, der Macht des Elementes Widerstand entgegenzusetzen. Es war vielleicht ein Glück für Chingachgook, daß die Aufmerksamkeit der meisten Irokesen von der Lage ihrer Freunde im Boot in Anspruch genommen wurde, sonst möchte ihm wohl das Entkommen zum mindesten schwer, wo nicht gar unmöglich geworden sein. Aber man bemerkte unter den Feinden keine weitere Bewegung als die des Verbergens in irgendeinem Versteck. Jedes Auge war fest auf die beiden im Kahn befindlichen Abenteurer gerichtet. In kürzerer Zeit als nötig ist, um die Begebenheiten zu erzählen, wurde das Boot in den Wirbel der Stromenge geschleudert, wobei sich die Wilden auf den Boden ausgestreckt hatten, da dies das einzige Mittel war, das Gleichgewicht zu erhalten. Aber auch dieser Ausweg schlug ihnen fehl, denn ein Stoß an einen Felsen stürzte das kleine Fahrzeug um, und beide Krieger wurden in den Fluß geschleudert. Das Wasser ist an solchen Engen selten tief, mit Ausnahme einzelner Stellen, wo es sich Kanäle ausgewaschen hat. Es blieb ihnen deshalb von diesem Unfall wenig zu befürchten, obgleich ihre Waffen dabei verlorengingen. Sie waren nun genötigt, sich mit dem möglichsten Vorteil gegen das freundliche Ufer zurückzuziehen, bald schwimmend, bald watend, wie es die Umstände erforderten. Der Kahn selbst blieb an einem Felsen in der Mitte des Stromes hängen, wodurch er für den Augenblick beiden Parteien gleich nutzlos wurde.

»Jetzt ist’s an uns, Pfadfinder«, sagte Jasper, als die beiden Irokesen, während sie durch die seichteste Stelle der Stromschnellen wateten, ihre Körper am meisten aussetzten. »Der obere Bursche ist mein; Ihr könnt den unteren nehmen!«

Der junge Mann war durch alle Einzelheiten dieser beunruhigenden Szene so aufgeregt worden, daß, ehe er noch ausgesprochen hatte, die Kugel aus seinem Rohr flog – aber sie war augenscheinlich vergeudet, denn die beiden Flüchtlinge erhoben voll Geringschätzung ihre Arme. Der Pfadfinder feuerte nicht.

»Nein, nein, Eau-douce«, erwiderte er, »ich vergieße kein Blut ohne Grund, und meine Kugel ist wohl gepflastert und sorgfältig aufgesetzt für einen besseren Augenblick. Ich liebe keinen Mingo, wie Ihr wißt, weil ich mich soviel bei den Delawaren, ihren natürlichen Todfeinden, umhertreibe. Ich will aber nie meinen Drücker gegen einen solchen Schuft brauchen, wenn sein Tod nicht zu irgendeinem guten Ziele führt. Ein Leben ist hinreichend für jetzt, und ich muß die Büchse nun zur Verteidigung der Schlange brauchen, der eine höchst verwegene Tat begangen hat, indem er diese Teufel so deutlich wissen ließ, daß er in ihrer Nachbarschaft ist. So wahr ich ein armer Sünder bin, da schleicht sich gerade einer von diesen Strolchen am Ufer hin, wie ein Junge in der Garnison hinter einen gefallenen Baum, wenn er auf ein Eichhörnchen schießen will!«

Da der Pfadfinder, während er sprach, mit seinen Fingern zeigte, so konnte Jaspers schnelles Auge den Gegenstand, auf den sie gerichtet waren, rasch auffinden. Es war einer der jungen Krieger, der vor Begierde brannte, sich auszuzeichnen, und sich von seiner Partei weggestohlen hatte, gegen das Versteck hin, wo Chingachgook verborgen lag; und da dieser durch die scheinbare Apathie seiner Feinde getäuscht und überhaupt mit weiteren Vorkehrungen für seine Sicherheit beschäftigt war, so hatte der Irokese augenscheinlich eine Stellung genommen, die ihm den Delawaren zu Gesicht brachte. Man konnte dies aus seinen Vorkehrungen, Feuer zu geben, erkennen, denn Chingachgook selbst war denen auf dem westlichen Ufer des Flusses nicht sichtbar. Die Stromenge befand sich an einer Krümmung des Oswego, und der Bogen des östlichen Ufers bildete eine so tiefe Einbiegung, daß Chingachgook in gerader Linie seinen Feinden ganz nahe war, obgleich er zu Lande mehrere hundert Fuß von ihnen entfernt stand. Aus diesem Grunde war auch die Entfernung beider Parteien gegen Jaspers und Pfadfinders Stellung so ziemlich die gleiche und mochte nicht viel weniger als zweihundert Ellen betragen.

»Schlange muß um den Weg sein«, sagte der Pfadfinder, der keinen Augenblick sein Auge von dem jungen Krieger abwandte. »Er sieht sich auf eine sonderbare Weise vor, wenn er einem solchen blutdürstigen Mingoteufel gestattet, so nahe zu kommen.«

»Seht«, unterbrach ihn Jasper, »da ist der Körper des Indianers, den der Delaware erschoß. Er wurde an einen Felsen getrieben, und die Strömung hat den Kopf und das Gesicht aus dem Wasser gedrängt.«

»Ganz wahrscheinlich, Junge; ganz wahrscheinlich. Menschennatur ist wenig besser als ein Stamm Treibholz, wenn das Leben daraus gewichen ist. Dieser Irokese wird niemanden mehr ein Leid tun; aber jener schleichende Wilde steht im Begriff, sich des Skalps meines besten und erprobtesten Freundes –«

Der Pfadfinder unterbrach sich plötzlich selbst und erhob seine Büchse, eine Waffe von ungewöhnlicher Länge, mit bewunderungswürdiger Genauigkeit und feuerte in dem Augenblick, wo sie die nötige Höhe erreicht hatte. Der Irokese auf dem entgegengesetzten Ufer zielte eben, als ihn der verhängnisvolle Bote aus dem Lauf des Wildtodes ereilte. Seine Büchse entlud sich allerdings, aber mit der Mündung in die Luft, indes der Mann selbst in das Gebüsch stürzte, gewiß verwundet, wo nicht getötet.

»Dieses schleichende Reptil wollte es nicht besser«, brummte der Pfadfinder, indem er sein Gewehr sinken ließ und wieder neu zu laden anfing. »Chingachgook und ich haben von Jugend auf zusammen gefochten, am Horican, am Mohawk, am Ontario und an allen anderen blutigen Pässen zwischen unserem und dem französischen Gebiet, und so ein törichter Schuft glaubt, ich werde dabeistehen und zusehen, wenn mein bester Freund in einem Hinterhalt erlegt wird!«

»Wir haben Chingachgook einen so guten Dienst getan wie er uns. Diese Schufte sind eingeschüchtert und werden in ihre Verstecke zurückgehen, wenn sie finden, daß wir sie über den Fluß hinüber erreichen können.«

»Der Schuß ist nicht von Bedeutung, Jasper. Fragt einen von dem Sechzigsten, und er wird Euch erzählen, was Wildtod tun kann und was er getan hat, selbst wenn uns die Kugeln wie Hagelkörner um die Köpfe sausten. Nein, der gedankenlose Rumstreicher ist selber schuld daran.«

»Ist das ein Hund oder ein Hirsch, was auf unser Ufer zuschwimmt?«

Der Pfadfinder fuhr auf, denn es war gewiß, daß irgendein Gegenstand oberhalb der Stromenge über den Fluß setzte, aber immer mehr durch die Gewalt der Strömung der ersteren zugetrieben wurde. Ein zweiter Blick überzeugte beide Beobachter, daß es ein Mensch und zwar ein Indianer war, obgleich er im Anfang so tief im Wasser steckte, daß man noch zweifeln mußte. Die Freunde fürchteten eine Kriegslist und richteten deshalb die schärfste Aufmerksamkeit auf die Bewegungen des Fremden.

»Er stößt was im Schwimmen vor sich hin, und sein Kopf gleicht einem Busch«, sagte Jasper.

»Es ist eine indianische Teufelei, Junge, aber christliche Ehrlichkeit wird alle ihre Künste zunichte machen.«

Als sich der Mann langsam näherte, begannen die Beobachter die Richtigkeit ihrer ersten Eindrücke zu bezweifeln, und erst als er zwei Dritteile des Stromes zurückgelegt hatte, wurde ihnen die Wahrheit völlig klar.

»Chingachgook, so wahr ich lebe«, rief Pfadfinder, indem er auf seinen Gefährten blickte und dabei vor Wonne über den glücklichen Kunstgriff lachte, bis ihm die Tränen in die Augen traten. »Er hat Gesträuch um seinen Kopf gebunden, um ihn zu verbergen, und das Pulverhorn an die Spitze gehängt. Die Flinte liegt auf dem Stückchen Stamm, das er vor sich hertreibt, und er kommt herüber, um sich mit seinen Freunden zu vereinigen. Ach! die schönen Zeiten, die schönen Zeiten, wo wir beide solche Schwänke gemacht haben, direkt unter den Zähnen der nach Blut tobenden Mingos, bei der großen Durchfahrt um den Ty herum.«

»Es kann, genau betrachtet, doch nicht Schlange sein, Pfadfinder; ich kann keinen Zug entdecken, dessen ich mich erinnere.«

»Was Zug! Wer sieht auf die Züge bei einem Indianer? – Nein, nein, Junge, seine Malerei ist’s, die spricht, und nur ein Delaware würde diese Farben tragen … Dies sind seine Farben, Jasper, gerade wie Euer Fahrzeug auf dem See das Georgenkreuz trägt und die Franzosen ihre Tafeltücher in dem Winde flattern lassen mit all ihren Flecken von Fischgräten und Wildbretstücken. Ihr seht doch das Auge, Junge, und es ist das Auge eines Häuptlings. Aber, Eau-douce, so ungestüm es im Kampf und so glänzend es unter den Blättern blickt«, – hier legte der Pfadfinder einen Finger leicht, aber mit Nachdruck auf den Arm seines Gefährten, »so hab‘ ich’s doch gesehen, wie es Tränen gleich dem Regen vergoß. Es ist eine Seele und ein Herz unter dieser roten Haut, verlaßt Euch drauf, obgleich diese Seele und dieses Herz Gaben haben, die von den unsrigen verschieden sind.«

»Niemand, der den Häuptling kennt, hat je hieran gezweifelt.«

»Ich aber weiß es«, erwiderte der andere stolz, »denn ich war in Freude und Leid sein Gefährte und hab‘ in dem einen ihn als einen Mann gefunden, wie schwer er auch getroffen war, und in der anderen als einen Häuptling, der wohl weiß, daß selbst die Weiber seines Stammes anständig sind in ihrer Fröhlichkeit. Doch still! Es gleicht zu sehr den Leuten von den Ansiedlungen, schmeichelnde Reden in das Ohr eines anderen zu gießen, und Schlange hat scharfe Sinne. Er weiß, daß ich ihn liebe und daß ich gut von ihm spreche hinter seinem Rücken; aber ein Delaware trägt Bescheidenheit in seiner innersten Natur, obgleich er prahlen wird wie ein Sünder, wenn er an den Pfahl gebunden ist.«

Chingachgook hatte nun das Ufer gerade angesichts seiner Kameraden erreicht, mit deren Stellung er schon bekannt gewesen sein mußte, ehe er das östliche Ufer verließ. Als er sich aus dem Wasser erhob, schüttelte er sich wie ein Hund und rief in seiner gewohnten Weise – »Hugh!«

Sechsundzwanzigstes Kapitel

Sechsundzwanzigstes Kapitel

Männer, die an solch kriegerische Szenen gewöhnt sind, eignen sich gerade nicht besonders, auf dem Walplatz dem Einfluß zarterer Gefühle Raum zu geben. Trotzdem weilte aber während dieser Begebnisse mehr als ein Herz bei Mabel in dem Blockhaus, und das wichtige Geschäft der Mahlzeit wollte sogar dem kühnsten Krieger nicht besonders behagen, da man wußte, daß der Sergeant im Sterben lag.

Als Pfadfinder von dem Blockhaus zurückkehrte, traf er auf Muir, der ihn beiseite führte, um eine geheime Besprechung mit ihm zu halten. Das Benehmen des Quartiermeisters trug das Gepräge einer übergebührlichen Höflichkeit, die fast immer der Arglist als Hülle dient: Es ist das untrügliche Zeichen einer unredlichen Absicht, offene Handlungen ausgenommen – wenn ein Gesicht immer lächelt oder eine Zunge übermäßig glatt ist. Muir hatte im allgemeinen viel von diesem Ausdruck an sich, obschon sich einige scheinbare Freimütigkeit damit verband, die durch seine derbe schottische Stimme, seinen schottischen Akzent und seine schottische Ausdrucksweise auf eine eigentümliche Art gehoben wurde. Er verdankte nämlich seine Stellung auch nur einer lang an den Tag gelegten Ergebenheit gegen Lundie und seine Familie; denn wenn auch der Major zu scharfblickend war, um sich von einem Mann täuschen zu lassen, der so weit an wirklichen Kenntnissen und Talenten unter ihm stand, so liegt es doch in der Natur der meisten Menschen, dem Schmeichler freigebige Zugeständnisse zu machen, selbst wenn sie seiner Aufrichtigkeit mißtrauen und seine Beweggründe vollkommen durchschauen. Bei der gegenwärtigen Gelegenheit versuchten zwei Männer gegenseitig ihre Gewandtheit, die sich in den Grundzügen des Charakters so verschieden verhielten wie nur immer möglich. Pfadfinder war so einfach wie der Quartiermeister verschlagen, so aufrichtig wie der andere falsch, und so unbefangen wie der andere schleichend. Beide waren besonnen und berechnend, und beide mutig, obgleich in verschiedener Art und in verschiedenem Grade, da sich Muir nie einer persönlichen Gefahr aussetzte, wenn er nicht seine eigenen Zwecke dabei hatte, während Pfadfinder die Furcht unter die Vernunftschwächen zählte oder als ein Gefühl betrachtete, das nur zulässig sei, wenn etwas Gutes dabei herauskomme.

»Mein teuerster Freund«, begann Muir, »denn nach Eurem letzten Benehmen müßt Ihr uns allen siebenundsiebzigmal teurer sein, als Ihr uns je gewesen, da Ihr Euch in dieser kürzlichen Verhandlung so sehr hervorgetan habt – es ist zwar wahr, man wird Euch nicht zu einem Offizier machen, da diese Art von Bevorzugung nicht für Euren Stand paßt, und, wie ich vermute, auch nicht nach Eurem Wunsch ist; aber als Kundschafter, als Berater, als treuer Untertan und erfahrener Schütze hat Euer Ruf sozusagen seine Glanzhöhe erreicht. Ich zweifle, ob der Oberbefehlshaber so viel Ruhm von Amerika mit fortnehmen wird, wie auf Euren Teil kommt. Ihr könnt nun ruhig Euer Haupt niederlegen und Euch für den Rest Eurer Tage gütlich tun. Heiratet, Mann – ohne Verzug, und bereitet Euch das schönste Glück; denn Ihr habt keine Gelegenheit, Euch nach noch mehr Ruhm umzusehen. Nehmt um Himmels willen Mabel Dunham an Euer Herz, und Ihr habt beides, eine gute Braut und einen guten Namen.«

»Ei, Quartiermeister, das ist ja ein ganz nagelneuer Rat aus Ihrem Munde. Man hat mir gesagt, ich hätt‘ in Ihnen einen Nebenbuhler?«

»Den hattet Ihr, Mann, und zwar einen furchtbaren, kann ich Euch sagen – einen, der nie vergebens freite und doch fünfmal freite. Lundie reibt mir immer vier unter die Nase, und ich weise den Angriff zurück, aber er hat keine Ahnung davon, daß die Wahrheit sogar seine Arithmetik übersteigt. Ja, ja, Ihr hattet einen Nebenbuhler, Pfadfinder; das ist aber jetzt nicht mehr der Fall. Ich wünsche Euch alles Glück zu Euren Fortschritten bei Mabel, und wenn der wackere Sergeant am Leben bliebe, so könntet Ihr Euch noch obendrein sicher darauf verlassen, daß ich bei ihm ein gutes Wort für Euch einlegen würde.«

»Ich erkenne Ihre Freundschaft, Quartiermeister, obgleich ich Ihrer Fürsprache bei Sergeant Dunham, der mein langjähriger Freund ist, nicht bedarf. Ich glaube, wir dürfen die Sache als so sicher abgemacht betrachten, wie es nur immer in Kriegszeiten möglich ist; denn Mabel und ihr Vater stimmen ein, und das ganze Fünfundfünfzigste wird es nicht ändern können. Ach! der arme Vater wird es kaum erleben, seinen so lange gehegten Herzenswunsch erfüllt zu sehen.«

»Aber er hat den Trost, die Gewißheit mit in die Ewigkeit zu nehmen. Oh, es ist eine große Beruhigung für den scheidenden Geist, Pfadfinder, mit der Überzeugung zu sterben, daß die zurückbleibenden Lieben gut versorgt sind. Alle meine Frauen haben auf ihrem Sterbebett pflichtgemäß dieses Gefühl ausgesprochen.«

»Alle Ihre Frauen haben wahrscheinlich diesen Trost gefühlt, Quartiermeister.«

»Pfui, Mann! Ich hätte Euch nicht für einen solchen Schalk gehalten. Nun, Scherzworte bringen keinen Groll zwischen alte Freunde. Wenn ich Mabel nicht heiraten kann, so werdet Ihr mich doch nicht hindern wollen, sie zu achten und gut von ihr zu sprechen, und von Euch dazu, bei jeder tunlichen Gelegenheit und in allen Gesellschaften. Aber Pfadfinder, Ihr werdet wohl einsehen, daß ein armer Teufel, der eine solche Braut verliert, wahrscheinlich auch einiges Trostes bedarf?«

»Sehr wahrscheinlich, sehr wahrscheinlich, Quartiermeister«, erwiderte der einfache Kundschafter. »Ich weiß, daß es mir selber äußerst schwer fiele, Mabels Verlust zu ertragen. Es mag wohl drückend auf Ihren Gefühlen lasten, uns verheiratet zu sehen. Aber der Tod des Sergeanten wird die Sache wahrscheinlich hinausschieben, und Sie haben dann Zeit, sich männlich drein zu finden.«

»Ich will dieses Gefühl bekämpfen, ja ich will’s bekämpfen, obgleich mir das Herz dabei bricht; und Ihr könnt mir an die Hand gehen, Mann, wenn Ihr mir was zu tun gebt. Ihr begreift, daß es mit dieser Expedition eine eigentümliche Bewandtnis hat, denn ich bin hier, obgleich ein Offizier des Königs, sozusagen nur ein Freiwilliger, während eine bloße Ordonnanz das Kommando geführt hat. Ich habe mich aus verschiedenen Gründen drein gefügt, obschon ich mit heißem Verlangen auf diesen Auftrag gehofft habe, während ihr als kühne Streiter für die Ehre des Landes und die Rechte des Königs –«

»Quartiermeister«, unterbrach ihn Pfadfinder, »Sie fielen zu früh in die Hände des Feindes, so daß Sie in diesem Betracht Ihr Gewissen leicht beruhigen können. Lassen Sie sich also raten und sprechen Sie nichts mehr davon.«

»Das ist grade auch meine Meinung, Pfadfinder; wir wollen alle nichts mehr davon reden. Sergeant Dunham ist hors de combat

»Wie?« sagte der Pfadfinder. »Nun, der Sergeant kann nicht mehr kommandieren, und es würde kaum angehen, einen Korporal an die Spitze einer siegreichen Partei wie diese zu stellen; denn Blumen, die in einem Garten blühen, sterben auf einer Heide, und ich dachte eben daran, den Anspruch an diese Ehre für einen Mann, der Seiner Majestät Patent als Leutnant hat, geltend zu machen. Was die Mannschaft anbelangt, so darf diese keinen Einwurf dagegen erheben, und was Euch betrifft, mein teurer Freund – Ihr habt schon so viel Ruhm geerntet, habt obendrein Mabel und das Bewußtsein, Eure Pflicht getan zu haben, was noch das kostbarste von allem ist; ich hoffe daher, daß ich eher in Euch einen Verbündeten als einen Gegner meines Planes finden werde.«

»Was den Befehl über die Soldaten des Fünfundfünfzigsten betrifft, Leutnant, so glaub‘ ich, daß Sie ein Recht daran haben, und niemand hier wird was dagegen einwenden. Zwar sind Sie ein Kriegsgefangener gewesen, und manche könnten es vielleicht nicht ertragen, einen Gefangenen an ihrer Spitze zu haben, der durch ihre Taten befreit worden ist; doch hier wird sich wahrscheinlich niemand Ihren Wünschen entgegenstellen.«

»Das ist’s gerade, Pfadfinder; und wenn ich den Bericht von unserem Sieg über die Boote, die Verteidigung des Blockhauses und die Hauptoperationen, mit Einschluß der Kapitulation, abfassen werde, so sollt Ihr finden, daß ich Eure Ansprüche und Verdienste nicht übergangen habe.«

»Still von meinen Ansprüchen und Verdiensten, Quartiermeister! Lundie weiß, was ich im Wald und was ich in einem Fort bin, und der General weiß es noch besser als er. Kümmern Sie sich nicht um mich, und erzählen Sie Ihre Geschichte; nur lassen Sie dabei Mabels Vater Gerechtigkeit widerfahren, der in einem Sinne noch gegenwärtig der kommandierende Offizier ist.«

Muir drückte seine vollkommene Zufriedenheit mit dieser Verhandlung und seinen Entschluß aus, allen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen; dann gingen beide wieder zu der an dem Feuer versammelten Gruppe zurück. Hier begann der Quartiermeister das erstemal, seit er Oswego verlassen hatte, einigermaßen seine Ansprüche auf die Würde geltend zu machen, die eigentlich seinem Range zu gebühren schien. Er nahm den am Leben gebliebenen Korporal beiseite und erklärte ihm unumwunden, daß er ihn für die Zukunft als einen Offizier im aktiven Dienst betrachten müsse, und diese Veränderung im Stande der Dinge seinen Untergebenen mitteilen solle. Dieser Dynastienwechsel wurde ohne die gewöhnlichen revolutionären Erscheinungen bewerkstelligt; denn da alle des Leutnants gesetzliche Ansprüche an das Kommando kannten, so fühlte sich niemand geneigt, seinen Befehlen zu widersprechen. Lundie und der Quartiermeister hatten ursprünglich aus Gründen, die ihnen selbst am besten bekannt waren, eine andere Verfügung getroffen, und jetzt betrachtete es Muir aus eigenen Gründen für zweckmäßig, davon abzugehen. Dies mußte den Soldaten genügen, obgleich die tödliche Verwundung des Sergeanten Dunham den Umstand hinreichend erklärt haben würde, wenn er einer Erklärung bedurft hätte.

Diese ganze Zeit über beschäftigte sich Kapitän Sanglier nur mit seinem Frühstück und zeigte dabei die Ergebung des Philosophen, die Ruhe eines alten Soldaten, die Freimütigkeit und Kenntnisse eines Franzosen und die Gefräßigkeit eines Straußes. Dieser Mann befand sich schon an dreißig Jahre in den Kolonien und hatte Frankreich in ungefähr derselben Stellung bei der Armee verlassen, die Muir bei dem Fünfundfünfzigsten einnahm. Eine eiserne Körperbeschaffenheit, vollkommene Abstumpfung der Gefühle, eine gewisse Gewandtheit, mit den Wilden umzugehen, und ein unbeugsamer Mut hatten ihn früh dem Oberbefehlshaber als einen Mann bezeichnet, der sich als ein geschickter Leiter der militärischen Operationen unter den alliierten Indianern verwenden ließ. In dieser Eigenschaft hatte er sich den Titel eines Kapitäns erworben, und mit dieser Rangeserhöhung sich zugleich einen Teil der Sitten und Ansichten seiner Verbündeten mit jener Leichtigkeit und Gefügigkeit angeeignet, die in diesem Teil der Welt als Eigentümlichkeiten seiner Landsleute betrachtet werden. Er hatte oft die Indianerhorden in ihren Raubzügen angeführt, er entwarf Unternehmungen, deren Wichtigkeit und Folgen die gewöhnliche Politik der Indianer weit überragten, und schritt dann ein, um die selbstgeschaffenen Übel zu mindern. Kurz, er war ein Abenteurer, den die Umstände in eine Lage geworfen hatten, wo sich die rauhen Eigenschaften von Leuten seiner Klasse im Guten wie im Schlimmen entwickeln konnten; und er war nicht der Mann, das Glück durch unzeitige Gewissenhaftigkeit, etwa die Folge früherer Eindrücke – zu verscherzen oder mit dieser Gunst zu spielen, indem er unnötigerweise durch mutwillige Grausamkeit seinen Groll herausforderte. Doch da sein Name unvermeidlich mit vielen von seinen Horden begangenen Ausschweifungen und Überschreitungen in Verbindung gebracht wurde, so betrachtete man ihn allgemein in den amerikanischen Provinzen als einen Elenden, der seine Lust am Blutvergießen habe und sein größtes Glück in den Qualen der Hilflosen und Unschuldigen finde; und der Name Sanglier, was Eber bedeutet und den er sich beigelegt hatte, oder Kieselherz, wie man ihn gewöhnlich an den Grenzen nannte, war den Weibern und Kindern dieser Gegend furchtbar geworden.

Das Zusammentreffen zwischen Pfadfinder und Sanglier fand bei dem Feuer statt, und beide Teile betrachteten sich eine Weile, ohne zu sprechen. Jeder fühlte, daß er in dem anderen einen furchtbaren Feind hatte, und daß ein großer Unterschied zwischen ihren Charakteren und Interessen obwaltete, obschon sie sich gegenseitig mit der männlichen Freimütigkeit von Kriegern behandeln mußten. Der eine diente um Geld und Beförderung, der andere, weil ihn sein Schicksal in die Wälder geschleudert hatte und weil sein Geburtsland seines Armes und seiner Erfahrung bedurfte. Der Wunsch, sich über seine gegenwärtige Lage zu erheben, trübte Pfadfinders Ruhe nicht; auch hatte er nie einen ehrgeizigen Gedanken im gewöhnlichen Sinne des Wortes gehegt, bis er mit Mabel bekannt wurde. Seit dieser Zeit aber hatten ihn allerdings sein geringes Selbstvertrauen, Verehrung für seine Geliebte und der Wunsch, ihr eine bessere Stellung zu verschaffen, manche unbehagliche Augenblicke gemacht; doch die Geradheit und Einfachheit seines Charakters gewährte ihm bald die erforderliche Beruhigung, und er begann zu fühlen, daß die Frau, die keinen Anstand nahm, ihn zum Gatten zu wählen, auch kein Bedenken tragen würde, sein Los, so gering es auch sein mochte, zu teilen. Er achtete Sanglier als einen tapferen Krieger und besaß viel zuviel von jener Freisinnigkeit, die das Ergebnis durch Erfahrung erworbenen Wissens ist, um nur die Hälfte von dem zu glauben, was er zum Nachteil seines Gegners gehört hatte; denn gewöhnlich sind die, die am wenigsten von einer Sache verstehen, die befangensten und unduldsamsten Beurteiler davon. Doch konnte er die Selbstsucht des Franzosen, seine kaltblütigen Berechnungen und die Beweise nicht billigen, mit der er seine »weißen Gaben« vergessen und sich die rein »roten« angeeignet hatte. Auf der anderen Seite war Pfadfinder dem Kapitän Sanglier ein Rätsel, da letzterer die Beweggründe des anderen nicht zu begreifen vermochte.

Er hatte oft von der Geradheit, Gerechtigkeit und Wahrheitsliebe des Kundschafters gehört, und diese hatten ihn schon zu großen Irrtümern verleitet, nach demselben Grundsatz, nach dem ein freimütiger und offener Diplomat sein Geheimnis weit besser bewahren soll als der listige und verschlossene.

Als sich die beiden Helden auf die erwähnte Weise betrachtet hatten, berührte Monsieur Sanglier seine Mütze, denn das wilde Grenzleben hatte die feineren Sitten seiner Jugend und den Anstrich von Bonhomie, die den Franzosen angeboren scheint, nicht ganz zerstört.

»Monsieur, le Pfadfinder«, sagte er mit sehr entschiedenem Ton, obgleich mit freundlichem Lächeln; »un militaire ehren le courage et la loyauté. Sie sprechen Irokesisch?«

»Ja, ich verstehe die Sprache dieses elenden Gezüchtes und kann damit fortkommen, wenn sich eine Gelegenheit dazu bietet«, erwiderte der wahrheitliebende Kundschafter, »obgleich mir weder die Sprache noch der Stamm behagt. Wo Sie immer auf Mingoblut stoßen, Meister Kieselherz, finden Sie einen Schurken. Nun, ich habe Sie oft gesehen, zwar nur in der Schlacht, aber ich muß gestehen – immer im Vordertreffen. Sie müssen die meisten unserer Kugeln aus eigener Anschauung kennen?«

»Nie, Herr, Ihre eigene; une balle aus Ihrer verehrten Hand sein sicherer Tod. Sie töten wird meine beste Krieger auf einer Insel.«

»Das kann sein, das kann sein; obgleich ich sagen darf, daß sie sich, wenn man’s genauer betrachtet, als die größten Schurken ausweisen werden. Nehmen Sie mir’s nicht übel, Herr Kieselherz, Sie halten sich zu einer verzweifelt schlechten Gesellschaft.«

»Ja, Herr«, antwortete der Franzose, der etwas Artiges erwidern wollte, und da er den anderen nur schwer verstehen konnte, seine Worte für ein Kompliment gehalten hatte; »Sie sein zu gütig. Aber un brave immer comme ça. Was das bedeuten? ha! was dies jeune homme tun?«

Die Hand und das Auge Kapitän Sangliers leitete den Blick Pfadfinders auf die entgegengesetzte Seite des Feuers, wo Jasper in diesem Augenblick von zwei Soldaten gepackt wurde, die ihm auf Muirs Befehl die Hände banden.

»Was soll das heißen, he?« rief der Kundschafter, indem er vorwärts eilte und die zwei Untergebenen mit unwiderstehlicher Muskelkraft zurückdrückte. »Wer wagt es, so mit Jasper umzugehen? Und wer erkühnt sich, das vor meinen Augen zu tun?«

»Es geschieht auf meinen Befehl, Pfadfinder«, antwortete der Quartiermeister; »und ich werde es verantworten. Ihr werdet Euch doch nicht herausnehmen, die Gesetzlichkeit der Befehle, die ein königlicher Offizier des Königs Soldaten gibt, zu bestreiten?«

»Ich bestreite die Worte des Königs, wenn ich sie aus seinem eigenen Mund habe, sobald sie behaupten, daß Jasper eine solche Behandlung verdiene. Hat nicht der Junge eben die Skalpe von uns allen gerettet? Und uns zum Sieg verholfen? Nein, nein, Leutnant; wenn das der erste Gebrauch ist, den Sie von Ihrem Ansehen machen wollen, so werd‘ ich mich ein für allemal dagegen stemmen.« »Das riecht ein wenig nach Insubordination«, antwortete Muir; »aber wir lassen uns viel von Pfadfinder gefallen. Es ist wahr, daß uns Jasper in dieser Angelegenheit zu dienen schien; wir dürfen aber die Vergangenheit nicht außer acht lassen. Hat ihn nicht Major Duncan selbst dem Sergeanten Dunham als verdächtig bezeichnet, ehe wir die Garnison verließen? Haben wir nicht genug mit unseren eigenen Augen gesehen, um überzeugt sein zu dürfen, daß wir verraten wurden? Und ist es nicht natürlich und fast notwendig, diesen jungen Menschen für den Verräter zu halten? Ach, Pfadfinder, Ihr werdet nie ein großer Staatsmann oder ein großer Feldherr werden, wenn Ihr so sehr dem Schein vertraut. Du lieber Himmel! Die Heuchelei ist ein noch gewöhnlicheres Laster als der Neid, der doch der Krebsschaden der menschlichen Natur ist.«

Kapitän Sanglier zuckte die Achsel; dann blickte er ernst von Jasper auf den Quartiermeister und von dem Quartiermeister wieder auf Jasper zurück.

»Ich bekümmere mich wenig um Ihren Neid oder Ihre Heuchelei oder um Ihre ganze menschliche Natur«, erwiderte Pfadfinder. »Jasper Eau-douce ist mein Freund, Jasper Eau-douce ist ein mutiger Bursche, ein ehrlicher Bursche, ein loyaler Bursche, und niemand vom Fünfundfünfzigsten soll Hand an ihn legen, solang ich’s verhindern kann – es sei denn auf Lundies eigenen Befehl. Sie mögen meinetwegen Macht über Ihre Soldaten haben, aber Sie haben keine über Jasper oder mich, Herr Muir.«

»Bon!« rief Sanglier in einem Ton, an dessen Energie die Kehle und die Nase in gleicher Weise teilnahm.

»Wollt Ihr der Vernunft kein Gehör geben, Pfadfinder? Bedenkt doch unsere Vermutungen und unseren Argwohn; auch hab‘ ich noch ein weiteres Indiz bereit, das alle anderen vermehrt und erschwert. Betrachtet einmal dieses Stückchen Segeltuch; dieses fand Mabel Dunham – und noch obendrein an einem Baumast auf unserer Insel, kaum eine Stunde, ehe der Feind seinen Angriff machte. Wenn Ihr Euch nun die Mühe nehmen wollt, die Länge des Scudwimpels zu betrachten, so werdet Ihr selbst sagen müssen, daß dieser Streifen davon abgeschnitten ist. Ein umständlicherer, augenscheinlicherer Beweis ist nie geliefert worden.«

»Ma foi c’est un peu trop, ceci«, murmelte Sanglier zwischen den Zähnen.

»Was schwatzen Sie mir da von Wimpeln und Signalen, wenn ich das Herz kenne!« fuhr Pfadfinder fort. »Jasper hat die Gabe der Ehrlichkeit, und die ist zu selten, um damit sein Spiel treiben zu dürfen, wie mit dem Gewissen eines Mingos. Nein, nein; die Hände weg, oder wir werden sehen, wer sich am wackersten im Kampf hält – Sie und Ihre Leute vom Fünfundfünfzigsten oder Chingachgook hier, der Wildtod und Jasper mit seinen Bootsleuten. Leutnant Muir, Sie überschätzen Ihre Macht ebensosehr, wie Sie Jaspers Treue zu gering achten.«

»Très-bon!«

»Nun, wenn ich offen sprechen muß, Pfadfinder, so muß ich’s eben tun. Kapitän Sanglier hier und der brave Tuscarora da haben mir mitgeteilt, daß dieser unglückselige Jüngling der Verräter ist. Nach einem solchen Zeugnis könnt Ihr mein Recht, ihn zu bestrafen, ebensowenig länger bestreiten wie die Notwendigkeit dieser Handlung.«

»Scélérat«, brummte der Franzose.

»Kapitän Sanglier ist ein wackerer Soldat und wird nichts gegen das Benehmen eines ehrlichen Schiffers zu sagen wissen«, warf Jasper ein. »Ist ein Verräter hier, Kapitän Kieselherz?«

»Ja«, fügte Muir bei, »er soll sich aussprechen, da Ihr selbst wünscht, unglücklicher Jüngling, daß die Wahrheit bekannt werde; und ich kann Euch nur wünschen, daß Ihr mit dem Leben davonkommen möchtet, wenn ein Kriegsgericht über Euer Verbrechen aburteilt. Wie ist es, Kapitän? Sehen Sie einen Verräter unter uns oder nicht?«

»Oui – ja, Herr – bien sûre!«

»Zuviel lügen!« rief Pfeilspitze mit einer Donnerstimme, indem er in hastiger Bewegung mit seinem Handrücken Muirs Brust berührte. »Wo meine Krieger? – Wo Yengeese Skalp? Zuviel lügen!«

Es fehlte Muir weder an persönlichem Mut noch an einem gewissen persönlichen Ehrgefühl. Er nahm die Berührung des Tuscarora, die nur die unwillkürliche Folge einer raschen Gebärde war, irrigerweise für einen Schlag: Denn das Gewissen erwachte in ihm plötzlich, und mit einem Schritt zurück streckte er die Hand nach einem Gewehr aus. Sein Gesicht war bleich vor Wut, und seine Züge drückten die volle Absicht seines Innern aus. Aber Pfeilspitze war schneller als er. Der Tuscarora warf einen wilden Blick um sich, griff dann in seinen Gürtel, zog ein verborgenes Messer daraus hervor und hatte es in einem Augenblick bis ans Heft in dem Körper des Quartiermeisters begraben. Sanglier nahm, als Muir zu seinen Füßen niederstürzte und ihm mit dem stieren Blicke des überraschten Todes ins Gesicht starrte, eine Prise Schnupftabak und sagte mit ruhiger Stimme:

»Voilà l’affaire finie; mais«, er zuckte die Achsel, »ce n’est qu’un scélérat de moins.«

Die Tat war zu rasch geschehen, um verhindert werden zu können, und als Pfeilspitze mit einem gellenden Schrei in das Gebüsch enteilte, waren die Weißen zu bestürzt, um ihm zu folgen. Nur Chingachgook war gefaßter, und die Büsche hatten sich kaum hinter dem Körper des Tuscarora geschlossen, als der des Delawaren ihm in rascher Verfolgung nachrauschte.

Jasper sprach geläufig Französisch, und die Worte wie das Benehmen Sangliers waren ihm daher aufgefallen.

»Sprechen Sie, Monsieur«, sagte er englisch, »bin ich ein Verräter?«

»Le voilà«, antwortete der kaltblütige Franzose, »das is unser éspion – unser Agent – unser Freund – ma – foi – c’était un grand scélérat voici.«

Bei diesen Worten beugte sich Sanglier über den toten Körper und griff mit der Hand in die Tasche des Quartiermeisters, aus der er eine Börse zog. Als er den Inhalt auf die Erde leerte, rollten mehrere Doppel-Louisdors gegen die Soldaten hin, die nicht säumten, sie aufzulesen. Dann warf der Glücksritter die Börse verächtlich weg, wendete sich zu der Suppe, die er mit so großer Sorgfalt bereitet hatte, und da er sie nach seinem Geschmack fand, so begann er sein Frühstück mit einer Gleichgültigkeit, um die ihn der stoischste indianische Krieger hätte beneiden können.

Siebenundzwanzigstes Kapitel

Siebenundzwanzigstes Kapitel

Während der Körper des Quartiermeisters in den Händen der Soldaten war, die ihn anständig beiseite brachten und mit einem Mantel bedeckten, nahm Chingachgook schweigend wieder seinen Platz am Feuer ein, und Sanglier und Pfadfinder bemerkten, daß ein frischer, noch blutender Skalp an seinem Gürtel hing. Niemand tat eine Frage, und der erstere, obwohl er vollkommen überzeugt war, daß Pfeilspitze gefallen sei, zeigte keine Spur von Neugier oder Teilnahme. Er aß ruhig seine Suppe fort, als ob sich nichts Ungewöhnliches während der Mahlzeit ereignet hätte. In all diesem lag etwas von dem Stolz und der angenommenen Gleichgültigkeit, darin er die Indianer nachahmte; doch mochte es noch mehr das Ergebnis eines sturmvollen Lebens, gewohnter Selbstbeherrschung und der Härte seines Gemütes sein. Pfadfinder fühlte etwas anderes bei der Sache, obgleich er sich im äußeren fast ebenso benahm. Er liebte Muir nicht, da dessen glatte Höflichkeit wenig mit seinem eigenen freimütigen und edlen Wesen im Einklang stand; aber sein unerwarteter und gewaltsamer Tod hatte ihn, obgleich er an ähnliche Szenen gewöhnt war, ergriffen, und das Offenbarwerden seines Verrates mußte ihn überraschen. Um sich über die Ausdehnung dieses Verrates Gewißheit zu verschaffen, begann er, sobald die Leiche entfernt war, den Kapitän über die Sache auszuforschen, und da dieser nach dem Tode seines Agenten keinen besonderen Grund hatte, sie geheimzuhalten, so enthüllte er während des Frühstücks folgendes:

Bald nach dem Aufzug des Fünfundfünfzigsten an der Grenze hatte Muir freiwillig dem Feinde seine Dienste angeboten. In seinen Anträgen rühmte er sich der Freundschaft mit Lundie, die ihm Mittel böte, ungewöhnlich genaue und wichtige Mitteilungen zu machen. Seine Bedingungen wurden angenommen; Monsieur Sanglier hielt in der Nähe des Forts Oswego mehrere Zusammenkünfte mit ihm und brachte einmal eine ganze Nacht verborgen in der Garnison zu. Pfeilspitze war der gewöhnliche Zwischenträger; der anonyme Brief an Major Duncan wurde von Muir aufgesetzt, nach Frontenac geschickt, abgeschrieben und durch den Tuscarora zurückgebracht, der eben von dieser Sendung zurückkehrte, als ihn der Scud abfing. Jasper sollte geopfert werden, um den Verrat des Quartiermeisters zu verhüllen und allen Verdacht zu beseitigen, daß durch ihn die Mitteilung der Lage der Insel an den Feind geschehen sei. Eine außerordentliche Belohnung, die in seiner Börse gefunden wurde, hatte ihn veranlaßt, Sergeant Dunhams Zug zu begleiten, um die Signale zum Angriff geben zu können. Die Vorliebe Muirs für das andere Geschlecht war eine natürliche Schwäche, und er würde Mabel ebensogut wie irgendeine andere geheiratet haben, die sich geneigt gezeigt hätte, seine Hand anzunehmen; aber seine Bewunderung gegen sie war großenteils geheuchelt, um einen Vorwand zur Teilnahme an dem Zug zu haben, ohne sich bei dem Mißlingen einer Verantwortlichkeit auszusetzen oder Gefahr zu laufen, daß ihm die Begleitung wegen fehlender gewichtiger und hinreichender Gründe abgeschlagen würde. Hiervon war vieles, namentlich der mit Mabel in Verbindung stehende Teil, dem Kapitän Sanglier bekannt, und er ermangelte nicht, seine Zuhörer in das ganze Geheimnis einzuweihen, wobei er oft in seiner sarkastischen Weise lachte, als er die verschiedenen Kunstgriffe des unglücklichen Quartiermeisters enthüllte.

»Touchez-là«, sagte der kaltblütige Parteigänger und hielt, als er mit seinen Erläuterungen zu Ende war, dem Pfadfinder seine sehnige Hand entgegen. »Sie seien honête, und das ist beaucoup. Wir nehmen den Spion, wie wir nehmen la médecine, für gut, mais je le déteste! touchez-là!«

»Ich nehme Ihre Hand, Kapitän, ja; denn Sie sind ein gesetzmäßiger, natürlicher Feind«, erwiderte Pfadfinder, »und ein mannhafter obendrein; aber der Körper des Quartiermeisters soll nie den englischen Boden entehren. Ich hatte im Sinn, ihn zu Lundie zurückzuführen, damit dieser seine Dudelsäcke über ihn pfeifen lasse; aber er soll nun hier liegen an dem Ort, wo er seine Schurkerei geübt, und sein Verrat sei sein Grabstein. Kapitän Kieselherz, ich will glauben, daß die Gemeinschaft mit Verrätern zu den regelmäßigen Dienstpflichten eines Soldaten gehört; aber ich sag‘ Ihnen ehrlich, daß sie mir nicht gefällt und daß es mir lieber ist, Sie haben diese Sache auf Ihrem Gewissen als ich. Welch ein arger Sünder! Solch schamlosen Verrat zu spinnen, rechts und links, gegen Vaterland, Freunde und Gott! Jasper, Junge, ein Wort beiseite, nur eine Minute –«

Pfadfinder führte den Jüngling auf die Seite, und indem er ihm, mit Tränen in den Augen, die Hand drückte, fuhr er fort:

»Ihr kennt mich, Eau-douce, und ich kenne Euch; diese Neuigkeiten haben meine Meinung von Euch nicht im mindesten geändert. Ich hab‘ ihrem Gerede nie Glauben geschenkt, obgleich es, ich geb’s zu, eine Minute bedenklich genug aussah; ja es sah bedenklich aus und machte auch mich bedenklich. Aber ich hatte keinen Augenblick Argwohn gegen Euch, denn ich weiß, daß Eure Gaben nicht auf diesem Wege liegen, obschon ich zugestehen muß, daß ich so was nicht hinter dem Quartiermeister gesucht hätte.«

»Und er war sogar ein Offizier seiner Majestät, Pfadfinder!«

»Es ist nicht sowohl deswegen, Jasper Western, es ist nicht gerade das. Bestallung hin, Bestallung her; er war von Gott bestallt, recht zu handeln und mit seinen Mitgeschöpfen ehrlich zu Werk zu gehen, und er hat sich schrecklich gegen diese Pflicht verfehlt.«

»Und dann noch seine vorgebliche Liebe zu Mabel, für die er auch nicht das mindeste fühlte!«

»Gewiß, das war schlecht; der Kerl muß Mingoblut in seinen Adern gehabt haben. Ein Mensch, der gegen ein Weib unredlich ist, kann nur ein Mischling sein, Junge; denn der Herr hat sie hilflos geschaffen, damit wir ihre Liebe durch Güte und Dienstleistungen gewinnen mögen. Da liegt der arme Mann, der Sergeant, auf seinem Sterbebett; und er hat mich mit seiner Tochter verlobt, und Mabel, das liebe Kind, hat ihre Zustimmung gegeben. Dies läßt mich nun fühlen, daß ich auf die Wohlfahrt zweier zu denken, für zwei Naturen zu sorgen und zwei Herzen zu erfreuen habe. Ach, Jasper, es kommt mir bisweilen vor, ich sei nicht gut genug für dieses süße Geschöpf!«

Eau-douce schnappte nach Luft, als er zum erstenmal diese Nachricht vernahm, und obgleich es ihm gelang, einige äußere Zeichen seines Seelenkampfes zu verbergen, so überflog doch seine Wangen die Blässe des Todes. Er faßte sich aber und antwortete nicht nur mit Festigkeit, sondern sogar mit Kraft:

»Sagt nicht so, Pfadfinder; Ihr seid gut genug für eine Königin.«

»Ja, ja, Junge – nach Euern Begriffen von meinen Vorzügen; das heißt, ich kann einen Hirsch töten oder im Notfall auch einen Mingo so gut wie irgendeiner an der Grenze, oder ich kann einen Waldpfad mit sicherem Auge verfolgen und in den Sternen lesen, wenn andere das nicht vermögen. Kein Zweifel, kein Zweifel, Mabel wird Wildbret und Fische genug haben; aber wird sie nicht Kenntnisse, Ideen und eine angenehme Unterhaltung vermissen, wenn sich das Leben ein wenig langweilig hinschleppt und jeder von uns sich in seinem wahren Wert zu zeigen beginnt?«

»Wenn Ihr Euern Wert zeigt, Pfadfinder, so muß die größte Dame im Land mit Euch glücklich werden. In dieser Beziehung habt Ihr keinen Grund, besorgt zu sein.«

»Nun, Jasper, ich glaube, daß es Euch Ernst ist – nein, ich weiß es; denn es ist natürlich und der Freundschaft gemäß, daß man die Geliebte in einem allzu günstigen Licht betrachtet. Ja, ja, wenn ich Euch heiraten sollte, Junge, so würd‘ ich mir keine Sorge machen, günstig beurteilt zu werden, denn Ihr habt Euch immer geneigt gezeigt, mich und meine Handlungen mit wohlwollenden Blicken zu betrachten. Aber ein junges Mädchen muß im Grunde doch wünschen, einen Mann zu kriegen, der ihrem eigenen Alter und ihrer Denkweise nähersteht als einer, der seinen Jahren nach ihr Vater sein könnte und ungeschliffen genug ist, um ihr Furcht einzujagen. Es nimmt mich wunder, Jasper, daß Mabel nicht lieber ein Auge auf Euch geworfen hat, statt mir ihre Neigung zuzuwenden.«

»Ein Auge auf mich werfen, Pfadfinder?« erwiderte der junge Mann, indem er die Bewegung in seiner Stimme zu verbergen suchte. »Was könnte an mir wohl einem Mädchen wie Mabel Dunham gefallen? Ich habe alle die Mängel, die Ihr an Euch selbst findet, und nichts von den Vorzügen, die Euch sogar die Achtung von Generalen gewonnen haben.«

»Nun, es ist alles Zufall, sage man, was man wolle. Ich hab‘ ein Frauenzimmer nach dem andern durch die Wälder geführt und mit ihnen in der Garnison verkehrt, ohne gegen irgendeine Zuneigung zu empfinden, bis ich Mabel Dunham sah. Es ist wahr, der arme Sergeant hat zuerst meine Gedanken auf seine Tochter gelenkt, aber als wir ein bißchen bekannt wurden, bedurfte es nicht vieler Worte, um mich Tag und Nacht an sie denken zu machen. Ich bin zähe, Jasper, ich bin sehr zähe und entschlossen genug, wie ihr alle wißt, und doch glaub‘ ich, es würde mich erdrücken, wenn ich jetzt Mabel Dunham verlieren müßte.«

»Wir wollen nicht mehr davon reden, Pfadfinder«, sagte Jasper, indem er den Händedruck seines Freundes erwiderte und sich wieder dem Feuer zukehrte, obgleich es nur langsam und in der Weise eines Menschen geschah, dem es gleichgültig ist, wohin er geht; – »wir wollen nicht mehr davon reden. Ihr seid Mabels, und Mabel ist Eurer würdig – Ihr liebt Mabel, und Mabel liebt Euch – Ihr Vater hat Euch zu ihrem Gatten bestimmt, und niemand hat das Recht, sich darein zu legen. Was aber den Quartiermeister anbelangt, so war seine geheuchelte Liebe gegen Mabel ein noch weit schlechterer Streich als sein Verrat gegen den König.«

Mittlerweile waren sie dem Feuer so nahe gekommen, daß es nötig wurde, den Gegenstand der Unterhaltung zu wechseln. Zum Glück erschien in diesem Augenblick Cap, der in dem Blockhaus seinem sterbenden Schwager Gesellschaft geleistet und von den Vorgängen seit der Kapitulation nichts erfahren hatte, mit ernstem und traurigen Blick unter der Gesellschaft. Ein großer Teil jenes absprechenden Wesens, das selbst seinem gewöhnlichen Benehmen den Anschein gab, als ob er alles um sich her verachte, war verschwunden, und sein Äußeres erschien gedankenvoll, wenn nicht gedrückt.

»Der Tod, meine Herren«, begann er, als er nahe genug gekommen war, »ist, von der besten Seite betrachtet, ein trauriges Ding. Da ist nun Sergeant Dunham – ohne Zweifel ein sehr guter Soldat im Begriff, sein Kabel laufen zu lassen, und doch hält er sich an dem besseren Ende fest, als ob er entschlossen sei, es für immer in der Klüse zurückzuhalten – und das nur aus Liebe zu seiner Tochter, wie mir scheint. Was mich anbelangt, so wünsch‘ ich stets, wenn ein Freund in die Notwendigkeit versetzt wird, eine lange Reise anzutreten, daß er gut und glücklich fortkommt.«

»Ihr werdet doch den Sergeanten nicht vor seiner Zeit unter der Erde haben wollen?« antwortete Pfadfinder vorwurfsvoll. »Das Leben ist süß, auch für den Betagten, und ich hab‘ in dieser Hinsicht Leute gekannt, denen es am teuersten zu sein schien, wo es gerade am wenigsten Wert hatte.«

Nichts war Caps Gedanken ferner gewesen als der Wunsch, seines Schwagers Ende beschleunigt zu sehen. Er fühlte sich durch die Pflicht, die letzten Stunden des Sterbenden zu erleichtern, in Verlegenheit gesetzt, und wollte einfach seine Sehnsucht ausdrücken, daß der Sergeant glücklich aller Zweifel und Leiden enthoben sein möchte. Die falsche Deutung seiner Worte berührte ihn daher etwas unangenehm, und er erwiderte mit einem Anflug seiner eigentümlichen Rauheit, obgleich ihm sein Gewissen den Vorwurf machte, daß er seinen eigenen Wünschen kein Genüge geleistet habe:

»Ihr seid zu alt und zu verständig, Pfadfinder«, sagte er, »jemanden mit einer Welle einzuholen, wenn er sozusagen seine Gedanken auf eine trübselige Weise auskramt. Sergeant Dunham ist mein Schwager und mein Freund – das heißt, ein so inniger Freund, wie ein Soldat gegen einen Seemann sein kann – und ich achte und ehre ihn demgemäß. Ich zweifle übrigens nicht, daß er gelebt hat, wie es einem Mann ziemt, und es kann daher nichts Unrechtes in dem Wunsch liegen, daß einer im Himmel gut gebettet sein möge. Nun, selbst die Besten von uns müssen sterben, Ihr werdet’s mir nicht in Abrede stellen; und das mag uns zur Lehre dienen, damit wir uns unserer Fülle und Kraft nicht überheben. Wo ist der Quartiermeister, Pfadfinder? Es wär‘ in Ordnung, wenn er dem Sergeanten noch Lebewohl sagte, der uns nur um ein kleines vorangeht.«

»Ihr habt wahrer gesprochen, Meister Cap, als Ihr derzeit selbst wißt; das darf uns jedoch nicht wundern, denn der Mensch sagt zuzeiten oft beißende Wahrheiten, wo er es am wenigsten beabsichtigt. Demungeachtet könnt Ihr aber noch weiter gehen und sagen, daß auch die Schlechtesten von uns sterben müssen, was ebenfalls ganz richtig ist, und eine noch heilsamere Wahrheit enthält, als wenn man sagt, daß auch die Besten sterblich seien. Was des Quartiermeisters Abschied von dem Sergeanten betrifft, so kann davon keine Rede sein, denn Ihr werdet sehen, daß er vorangegangen ist, und zwar ohne daß ihm selbst oder irgendeinem andern seine Abreise angekündigt worden wäre.«

»Ihr sprecht Euch nicht so ganz deutlich aus, wie Ihr sonst zu tun pflegt, Pfadfinder. Ich weiß, daß wir alle bei solchen Gelegenheiten ernstere Gedanken fassen sollten; aber ich sehe nicht ein, was es für einen Nutzen hat, in Parabeln zu reden.«

»Wenn meine Worte nicht klar sind, so ist’s doch der Gedanke. Kurz, Meister Cap – während sich Sergeant Dunham zu einer langen Reise vorbereitet, langsam und bedächtig, wie es einem gewissenhaften, ehrlichen Manne ziemt, so ist der Quartiermeister vor ihm in aller Hast abgefahren, und obgleich es eine Sache ist, über die mir ein bestimmter Ausspruch nicht zusteht, so muß ich doch die Vermutung äußern, daß die beiden zu verschiedene Wege gehen, um sich je wieder zu treffen.«

»Erklärt Euch deutlicher, mein Freund«, sagte der verwirrte Seemann und sah sich nach Muir um, dessen Abwesenheit anfing, ihm verdächtig zu werden. »Ich seh‘ nichts von dem Quartiermeister, aber ich halt‘ ihn doch nicht für feige genug, um jetzt, da der Sieg errungen ist, davonzulaufen. Wenn der Kampf erst anfinge, statt daß wir jetzt in seinem Kielwasser sind, so möchte das freilich die Sache ändern.«

»Alles, was von ihm übrig ist, liegt unter jenem Mantel dort« erwiderte Pfadfinder und erzählte dann in kurzen Worten die Geschichte von dem Tod des Leutnants.

»Der Stich des Tuscarora war so giftig wie der der Klapperschlange, obgleich ihm das Warnungszeichen fehlte«, fuhr Pfadfinder fort. »Ich habe manchen verzweifelten Kampf und viele solche plötzlichen Ausbrüche wilden Temperaments gesehen, aber nie kam es mir vor, daß eine Seele so unerwartet oder in einem für die Hoffnungen eines Sterbenden so ungünstigen Augenblick ihren Körper verließ. Sein Atem stockte mit einer Lüge auf den Lippen, und sein Geist entschwand sozusagen in der Gluthitze der Verworfenheit.«

Cap horchte mit offenem Munde auf und ließ zwei oder drei gewaltige »Hems« vernehmen, als ob er seinem eigenen Atem nicht traute.

»Ihr führt ein unsicheres und unbequemes Leben hier zwischen dem Frischwasser und den Wilden, Meister Pfadfinder«, sagte er, »und je früher ich es in meinen Rücken kriege, eine desto bessere Meinung werd‘ ich von mir selber hegen. Nun, Ihr habt die Sache erwähnt, und so muß ich denn auch sagen, daß der Mann, als der Feind zuerst auf uns abhielt, mit einer Art Instinkt nach dem Felsennest eilte, der mich an einem Offizier überraschte; aber ich folgte ihm in zu großer Hast, um mir die Sache zurechtzulegen. – Gott sei mit uns! Gott sei mit uns! Ein Verräter, sagt Ihr, und bereit, sein Vaterland zu verkaufen, und noch obendrein an einen schuftigen Franzosen?«

»Alles zu verkaufen, Vaterland, Seele, Leib, Mabel und alle unsere Skalpe; und ich wette, er nahm es nicht genau damit, wer der Käufer sei. Diesmal waren die Landsleute des Kapitän Kieselherz die Zahlmeister.«

»Das sieht ihnen ganz gleich; immer bereit, zu kaufen, wenn sie nicht zuschlagen können, und wenn keines von beiden angeht, davonzulaufen.«

Monsieur Sanglier lüpfte seine Mütze mit spöttischem Ernst und erkannte das Kompliment mit einem Ausdruck höflicher Verachtung an, der jedoch bei einem so stumpfsinnigen Gegner verlorenging. Aber Pfadfinder hatte zuviel angeborene Artigkeit und zuviel Gerechtigkeitssinn, um den Angriff unbeachtet vorübergehen zu lassen.

»Nun, nun«, warf er ein, »ich finde da im Grunde keinen großen Unterschied zwischen einem Engländer und einem Franzosen. Ich gebe zwar zu, sie sprechen eine verschiedene Sprache und leben unter verschiedenen Königen; aber beide sind Menschen und fühlen wie Menschen, wenn sich eine Gelegenheit dazu bietet. Wenn der Franzose bisweilen scheu ist, so ist es der Engländer auch, und was das Davonlaufen anbelangt – ei, das wird ein Mensch hin und wieder ebensogut tun wie ein Pferd, mag er von was immer für einem Volk sein.«

Kapitän Kieselherz, wie ihn Pfadfinder nannte, verbeugte sich wieder; aber diesmal war sein Lächeln freundlich und nicht spöttisch, denn er fühlte, daß die Absicht gut war, mochte auch die Art des Ausdrucks sein, welche sie wollte. Da er aber zu sehr Philosoph war, um das zu beachten, was ein Mann wie Cap dachte oder sagte, so vollendete er sein Frühstück, ohne seine Aufmerksamkeit wieder von diesem wichtigen Geschäft ablenken zu lassen.

»Ich bin hauptsächlich wegen des Quartiermeisters hergekommen«, fuhr Cap fort, nachdem er das Benehmen des Gefangenen eine Weile betrachtet hatte. »Der Sergeant muß seinem Ende nahe sein, und ich vermutete, er könnte wünschen, seinem Amtsnachfolger noch was vor seinem Hingang mitzuteilen. Es ist aber zu spät, wie’s scheint; und wie Ihr sagt, Pfadfinder, ist der Leutnant in Wirklichkeit ihm vorausgegangen.«

»Das ist er, ja – obgleich auf einem ganz anderen Pfad. Was das Amt anbelangt, so hat jetzt, glaub‘ ich, der Korporal ein Recht auf das Kommando der noch übrigen, kleinen, geplackten – um nicht zu sagen – geschreckten Mannschaft des Fünfundfünfzigsten. Doch wenn was getan werden muß, so ist große Wahrscheinlichkeit vorhanden, daß ich dazu berufen bin. Ich denke aber, wir haben nur unsere Toten zu begraben und das Blockhaus mit den Hütten in Brand zu stecken, da sie sich wenigstens ihrer Lage, wenn auch nicht dem Recht nach, auf dem feindlichen Gebiet befinden und nicht zum Dienst des Feindes stehen bleiben dürfen. Wir werden sie ohne Zweifel nicht wieder benützen, denn da die Franzosen die Insel aufzufinden wissen, so hieße das mit offenen Augen in eine Wolfsfalle greifen. Für diesen Teil unserer Verrichtung will ich mit Chingachgook sorgen, denn wir sind sowohl im Rückzug als im Angriff geübt.«

»Alles das ist ganz recht, mein guter Freund; aber was meinen armen Schwager anbelangt – obgleich er ein Soldat ist – so können wir ihn, nach meiner Ansicht, doch nicht ohne ein Wort des Trostes und ohne Lebewohl hinübergehen lassen. Es ist in jeder Hinsicht ein unglückseliger Handel gewesen, obgleich sich ein solches Ende voraussehen ließ, wenn man die Zeitverhältnisse und die Beschaffenheit dieser Schiffahrt ins Auge faßt. Doch, wir müssen’s uns gefallen lassen und wollen nun den Versuch machen, dem würdigen Mann vom Ankergrund wegzuhelfen, ohne seine Gienen allzusehr anzuspannen. Der Tod ist im Grunde eben ein Indiz – ein Umstand wollt‘ ich sagen, Meister Pfadfinder, und zwar ein Umstand von sehr allgemeinem Charakter, da wir ihm alle früher oder später folgen müssen.«

»Ihr habt recht; ich halte es daher für weise, immer bereit zu sein. Ich habe oft gedacht, Salzwasser, daß der der Glücklichste ist, der am wenigsten zurückgelassen hat, wenn die Mahnung an ihn ergeht. So bin ich zum Beispiel ein Jäger, Kundschafter und Waldläufer, und obgleich ich keinen Fußbreit Erde mein eigen nennen kann, so bin ich doch froher und reicher als der große Albany-Patron. Der Himmel über meinem Haupt, um mich an die letzte große Jagd zu erinnern, und die dürren Blätter unter meinem Fuß, schreite ich über die Erde hin, als ob ich ihr Herr und Besitzer sei; und was braucht das Herz weiter? Ich will damit nicht sagen, daß ich nichts liebe, was der Erde angehört; denn wie wenig es auch sein mag, Mabel Dunham ausgenommen, so ist mir doch manches teuer, was ich nicht mit mir nehmen kann. Ich hab‘ einige Hunde auf dem obern Fort, die ich sehr wert halte, obgleich sie für die Kriegszüge zu laut und deshalb vorderhand von mir getrennt sind. Dann würd‘ es mich, glaub‘ ich, schwer ankommen, von dem Wildtod zu scheiden; aber ich seh‘ nicht ein, warum man ihn nicht mit mir sollte begraben können, da wir beide auf eine Haaresbreite die gleiche Länge – nämlich sechs Fuß – haben. Doch außer diesem und einer Pfeife, die mir der große Häuptling Schlange gab, und einigen Andenken, die ich von Reisenden erhielt, was man alles in eine Tasche stecken und unter meinen Kopf legen kann – wenn die Reihe an mich kommt, bin ich zu jeder Minute bereit; und laßt Euch sagen, Meister Cap, das ist so was, was ich auch einen Umstand nenne.«

»Gerade so geht’s mir«, entgegnete der Seemann, während beide dem Blockhaus zugingen, dabei aber zu sehr mit ihren eigenen moralischen Betrachtungen beschäftigt waren, um in diesem Augenblick des traurigen Auftritts zu gedenken, der ihnen bevorstand – »das ist ganz meine Gefühls- und Denkweise. Wie oft ist mir, wenn ich nahe am Scheitern war, der Gedanke zum Trost geworden, daß das Fahrzeug nicht mein Eigentum sei. Ich sagte dann oft zu mir selbst, wenn’s untergeht, je nun – so geht mein Leben mit verloren, aber nicht mein Eigentum, und darin liegt eine große Beruhigung. Ich habe auf meinen Reisen durch alle Weltgegenden, vom Kap Horn bis zum Nordkap, von der Fahrt auf diesem Frischwasserstreifen gar nicht zu reden, die Entdeckung gemacht: Ein Mann, der einige Dollars besitzt und sie im Kasten unter Schloß und Riegel verwahrt, darf sicher sein, daß er sein Herz in derselben Truhe mit eingeschlossen hat; und so trage ich fast alles, was ich mein eigen nennen darf, in einem Gürtel um meinen Leib herum, damit ich sagen kann, alles zum Leben dienliche sei an der echten Stelle. – Gott verdamme mich, Pfadfinder, wenn ich einen Menschen, der kein Herz hat, für besser halte als einen Fisch mit einem Loch in seiner Schwimmblase.«

»Ich weiß nicht, wie sich das verhält, Meister Cap; aber verlaßt Euch drauf, ein Mensch ohne Gewissen ist nur ein armes Geschöpf, wie jeder zugeben wird, der mit den Mingos zu tun gehabt hat. Ich kümmere mich wenig um Dollars oder anderes Geld, wie man es in dieser Weltgegend münzt; aber ich kann demnach, was ich bei anderen gesehen habe, leicht glauben, daß man von einem Menschen, der seinen Kasten damit angefüllt hat, sagen muß, er verschließe sein Herz mit in dieselbe Kiste. Ich war mal während des letzten Friedens zwei Sommer auf der Jagd, wo ich so viel Pelzwerk sammelte, daß ich endlich fand, die Begier nach Besitz ersticke meine besten Gefühle; und ich fürchte, wenn ich Mabel heirate, möchte mich die Gier nach solchen Dingen wieder übermannen, damit ich ihr das Leben behaglicher machen könne.«

»Ihr seid ein Philosoph, Pfadfinder, das ist klar, und ich glaube, daß Ihr auch ein Christ seid.«

»Ich dürfte nicht gut auf den Mann zu sprechen sein, der mir das letztere in Abrede stellte, Meister Cap. Ich bin allerdings nicht von den Herrnhutern bekehrt worden, wie so viele von den Delawaren, aber ich halt’s mit dem Christentum und den weißen Gaben. Ich hab‘ ebensowenig Vertrauen zu einem weißen Mann, der kein Christ ist, wie zu einer Rothaut, die nicht an ihre glückliche Jagdgründe glaubt. In der Tat, wenn man einige Verschiedenheiten in den Überlieferungen und einige Abänderungen über die Art abrechnet, wie sich der menschliche Geist nach dem Tode beschäftigt, so halt‘ ich einen guten Delawaren für einen guten Christen, wenn er auch nie einen Herrnhuter sah, und einen guten Christen, was die Natur anbelangt, für einen guten Delawaren. Der Häuptling und ich, wir sprechen oft über diese Gegenstände, denn er hat ein großes Verlangen nach dem Christentum –«

»Den Teufel hat er!« unterbrach ihn Cap. »Was will er denn in der Kirche mit all den Skalpen anfangen, die er nimmt?«

»Rennt nicht mit einer falschen Idee durch, Freund Cap; rennt nicht mit einer falschen Idee durch. Diese Dinge gehen nicht tiefer als die Haut ist, und hängen von der Erziehung und den natürlichen Gaben ab. Betrachtet die Menschen um Euch her und sagt mir, warum Ihr hier einen roten Krieger, dort einen schwarzen, an anderen Orten Heere von weißen seht? Alles dieses und noch viel mehr derartiges, was ich namhaft machen könnte, ist zu besonderen Zwecken so eingerichtet, und es ziemt uns nicht, Tatsachen zu widersprechen und die Wahrheit in Abrede zu stellen. Nein, nein – jede Farbe hat ihre Gaben, ihre Gesetze und ihre Überlieferungen, und keine darf die andere verdammen, weil sie sie nicht ganz begreifen kann.«

»Ihr müßt viel gelesen haben, Pfadfinder, daß Ihr in diesen Dingen so deutlich seht«, erwiderte Cap, den das einfache Glaubensbekenntnis seines Gefährten nicht wenig geheimnisvoll ansprach. »Es ist mir jetzt alles so klar wie der Tag, obgleich ich sagen muß, daß mir solche Ansichten noch nie zu Ohren gekommen sind. Wie heißen die, zu denen Ihr gehört, mein Freund?«

»Wie?«

»Zu welcher Sekte haltet Ihr Euch? Welcher besonderen Kirche gehört Ihr an?«

»Seht um Euch und urteilt selbst. Ich bin gegenwärtig in meiner Kirche, ich esse in der Kirche, ich trinke in der Kirche und schlafe in der Kirche. Die Erde ist der Tempel des Herrn, und ich hoffe demütig, daß ich ihm stündlich, täglich und ohne Unterlaß diene. Nein, nein, – ich will weder mein Blut noch meine Farbe verleugnen; ich bin als Christ geboren und will in diesem Glauben sterben. Die Herrenhuter haben mir hart zugesetzt, und einer von des Königs Geistlichen hat mir auch sein Sprüchlein gesagt, obgleich das nicht gerade die Leute sind, die sich mit derartigen Dingen besondere Mühe geben; außerdem sprach noch ein Missionar aus Rom viel mit mir, als ich ihn während des letzten Friedens durch die Wälder geleitete. Aber ich hatte für alle nur eine Antwort: Ich bin bereits ein Christ und brauche weder ein Herrenhuter noch ein Hochkirchlicher, noch ein Papist zu sein. Nein, nein, ich will meine Geburt und mein Blut nicht verleugnen.«

»Ich denke, ein Wort von Euch könnte den Sergeanten leichter über die Untiefen des Todes wegbringen, Meister Pfadfinder. Er hat niemand um sich als die arme Mabel, und die ist, obgleich seine Tochter, doch nur ein Mädchen und im Grunde noch ein Kind, wie Ihr selber wißt.«

»Mabel ist schwach an Körper, Freund Cap, aber ich glaube, daß sie in derartigen Dingen stärker ist als die meisten Männer. Doch Sergeant Dunham ist mein Freund; er ist Euer Schwager – und so wird es, da der Drang des Kampfes und die Wahrung unserer Rechte vorüber ist, geeignet sein, daß wir beide zu ihm gehen und Zeugen seines Hinganges sind. – Ich bin bei manchem Sterbenden gewesen, Meister Cap«, fuhr Pfadfinder fort, der sehr geneigt war, sich über Gegenstände aus seiner Erfahrung weitläufig auszusprechen, wobei er anhielt und seinen Gefährten am Rockknopf faßte, »ich stand schon manchem Sterbenden zur Seite und hörte seinen letzten Atemzug; denn wenn das Getümmel der Schlacht vorüber ist, so muß man der Unglücklichen gedenken, und es ist merkwürdig zu sehen, wie verschieden sich die Gefühle der menschlichen Natur in einem solchen feierlichen Augenblick aussprechen. Einige gehen diesen Weg so stumpf und dumpf, als ob sie von Gott keine Vernunft und kein Gewissen erhalten hätten, indes uns andere freudig verlassen, als ob sie eine schwere Bürde loswürden. Ich glaube, daß der Geist in solchen Augenblicken hell sieht, mein Freund, und daß die Taten der Vergangenheit lebhaft in der Erinnerung auftauchen.«

»Ich wette, es ist so, Pfadfinder. Ich hab‘ selbst was der Art bemerkt und hoffe, dadurch nicht schlimmer geworden zu sein. Ich erinnere mich, daß ich einmal glaubte, mein Stündlein sei gekommen, und da überholte ich das Log mit einem Fleiß, dessen ich mich bis zu jenem Augenblick nie für fähig gehalten hätte. Ich bin kein besonders großer Sünder gewesen, Freund Pfadfinder, das heißt – nie in einem großen Maßstab, obgleich ich der Wahrheit zu Ehren sagen muß, daß eine beträchtliche Rechnung kleiner Dinge gegen mich so gut wie gegen einen anderen aufgebracht werden könnte; aber nie habe ich Seeräuberei, Hochverrat, Mordbrennerei oder etwas der Art begangen. Was das Schmuggeln und ähnliches anbelangt – ei, ich bin ein Seemann, und ich denke, jeder Stand hat seine schwachen Seiten. Ich wette, Euer Gewerbe ist auch nicht so ganz tadelfrei, so ehrbar und nützlich es auch aussehen mag?«

»Viele von den Kundschaftern sind ausgemachte Schurken, und einige lassen sich, wie der Quartiermeister hier, von beiden Seiten bezahlen. Ich hoffe, ich bin keiner von diesen, obgleich alle Beschäftigungen ihre Versuchungen haben. Ich bin dreimal in meinem Leben ernstlich geprüft worden, und einmal gab ich ein wenig nach, wenn es sich schon nicht um einen Gegenstand handelte, der meiner Ansicht nach das Gewissen eines Mannes in seiner letzten Stunde beunruhigen könnte. Das erstemal war es, als ich in den Wäldern ein Pack Felle fand, von denen ich wußte, daß sie einem Franzosen gehörten, der auf unserer Seite, wo er eigentlich nichts zu tun hatte, auf der Jagd war – sechsundzwanzig so schöne Biberhäute, als nur je eine das menschliche Auge erfreute. Nun, das war eine schwere Anfechtung, denn ich glaubte, ich hätte fast ein Recht daran, obgleich es damals Friede war. Dann erinnerte ich mich aber, daß solche Gesetze nicht für uns Jäger gemacht seien, und es kam mir der Gedanke, daß der Mann vielleicht große Erwartungen für den nächsten Winter auf das aus den Fellen erlöste Geld baute; und ich ließ sie, wo sie lagen. Die meisten von unsern Leuten sagten zwar, ich hätte unrecht getan; aber die Art wie ich die Nacht darauf schlief, überzeugte mich von dem Gegenteil. Die andere Anfechtung betraf eine Büchse, die ich gefunden hatte, die einzige in diesem Weltteil, die sich an Sicherheit mit dem Wildtod vergleichen läßt. Wenn ich sie nahm und versteckte, so wußte ich gewiß, daß mir kein Schütze an der ganzen Grenze mehr die Spitze zu bieten vermochte. Ich war damals jung und keineswegs so geübt, wie ich es seitdem geworden bin – und die Jugend ist ehrgeizig und hochstrebend: aber Gott sei Dank, ich hab‘ dieses Gefühl gemeistert, und, Freund Cap, was fast ebensogut ist – ich meisterte später meinen Nebenbuhler in einem so schönen Wettschießen, wie nur je eines in der Garnison abgehalten wurde, er mit seiner Büchse, ich mit dem Wildtod – und noch dazu in der Gegenwart des Generals!«

Hier hielt der Pfadfinder an und lachte; in seinem Auge strahlte die Lust der Erinnerung, und eine Siegesfreude umzog seine sonnverbrannten braunen Wangen. »Nun, der dritte Kampf mit dem Teufel war der schwerste von allen; ich stieß plötzlich auf ein Lager von sechs Mingos, die in den Wäldern schliefen und ihre Gewehre und Pulverhörner auf eine Stelle gehäuft hatten, so daß ich mich ihrer, ohne einen von den Schuften zu wecken, bemächtigen konnte. Was wäre das für eine Gelegenheit für den Chingachgook gewesen, einen nach dem andern mit seinem Messer abzutun und die Skalpe fast in kürzerer Zeit an seinem Gürtel zu haben, wie ich zur Erzählung der Geschichte brauche. Oh, er ist ein wackerer Krieger, dieser Chingachgook, so ehrlich wie tapfer und so gut wie ehrlich.«

»Und was habt Ihr in dieser Sache getan, Meister Pfadfinder?« fragte Cap, der auf den Ausgang neugierig wurde; »es scheint mir, Ihr seid entweder an ein sehr gutes oder ein sehr schlimmes Land angelaufen?«

»Es war gut und schlimm, wie Ihr es nehmen wollt; schlimm, weil die Versuchung eine verzweifelte war, und wenn man alle Umstände betrachtet, am Ende doch gut. Ich berührte kein Haar ihres Hauptes, denn es gehört nicht zu den Gaben eines weißen Mannes, Skalpe zu nehmen, und bemächtigte mich nicht einer einzigen ihrer Büchsen. Ich traute mir selbst nicht, da ich wohl wußte, daß die Mingos nicht meine Lieblinge sind.«

»Was die Skalpe anbelangt, so habt Ihr wohl recht getan, mein würdiger Freund; aber Waffen und Munition würde Euch jedes Prisengericht in der Christenheit zugesprochen haben.«

»Das ist wohl richtig; aber dann würden die Mingos frei ausgegangen sein, denn ein weißer Mann kann einen unbewaffneten Feind ebensowenig wie einen schlafenden angreifen. Nein, nein, ich ließ mir, meiner Farbe und auch meiner Religion mehr Gerechtigkeit widerfahren. Ich wartete, bis sie ausgeschlafen hatten und wieder auf ihrem Kriegspfad waren, und pfefferte dann die Halunken tüchtig von hinten und von der Seite, so daß nur einer davon in sein Dorf zurückkam, und auch dieser erreichte seinen Wigwam bloß hinkend. Glücklicherweise war der große Delaware, wie sich später zeigte, nur zurückgeblieben, um einem Stück Wild nachzugehen, und folgte meiner Fährte; als er wieder zu mir traf, hingen die Skalpe der fünf Schurken an der Stelle, wo sie hingehörten, und so – seht Ihr – war bei dieser Handlungsweise nichts verloren, weder was die Ehre noch was den Vorteil anbelangt.«

Cap grunzte Beifall, obgleich man gestehen muß, daß ihm die Unterscheidungen in der Moral seines Gefährten nicht so ganz klar vorkamen. Beide waren während ihrer Unterhaltung auf das Blockhaus zugegangen und ab und zu dabei stehengeblieben, je nachdem ihnen ein Gegenstand von mehr als gewöhnlichem Interesse Halt gebot. Jetzt befanden sie sich aber so nahe an dem Gebäude, daß keiner daran dachte, das Gespräch weiter zu verfolgen, und jeder bereitete sich zu dem letzten Abschied von dem Sergeanten vor.

Achtundzwanzigstes Kapitel

Achtundzwanzigstes Kapitel

Obgleich der Soldat im Getümmel der Schlacht die Gefahr und selbst den Tod mit Gleichmut betrachtet, so bringt doch, wenn sich der Hingang der Seele verzögert und Augenblicke der Ruhe und Betrachtung eintreten, der Wechsel gewöhnlich ernstere Gedanken, Reue über die Vergangenheit, Zweifel und Ahnungen über die Zukunft mit sich. Mancher ist schon mit dem Ausdruck des Heldenmuts auf seinen Lippen heimgegangen, während sein Herz schwer und trostlos war; denn wie verschieden auch unsere Glaubensbekenntnisse sein mögen: Ob unser Hoffen auf der Vermittlung Christi, auf den Verheißungen Mohammeds oder auf irgendeiner andern ausgebildeten Allegorie des Ostens beruhe – es gibt nur eine allen Menschen gemeinsame Überzeugung, daß nämlich der Tod nur eine Übergangsstufe von diesem zu einem höheren Leben sei. Sergeant Dunham war ein tapferer Mann; aber er stand im Begriff, einem Lande entgegenzugehen, in dem ihm Entschlossenheit nichts nützen konnte; und da er sich immer mehr und mehr von der Erde losgerissen fühlte, so nahmen seine Gedanken und Betrachtungen die für seine Lage passende Richtung, denn wenn es wahr ist, daß der Tod alles gleich macht, so ist nichts wahrer, als daß er alle zu denselben Ansichten von der Eitelkeit des Lebens zurückführt.

Pfadfinder war zwar ein Mann von sonderbaren und eigentümlichen Gewohnheiten und Meinungen, aber auch zugleich nachdenksam und geneigt, alles um sich mit einem gewissen Anstrich von Philosophie und Ernst zu betrachten. Die Szene im Blockhaus erweckte daher in ihm nicht gerade neue Gefühle. Anders war es jedoch mit Cap. Rauh, eigensinnig, absprechend und heftig, war der alte Seemann wenig gewöhnt, selbst auf den Tod mit jenem Ernst zu blicken, den die Wichtigkeit eines solchen Augenblicks fordert: Und ungeachtet all dessen, was vorgegangen, und trotz der Achtung, die er gegen seinen Schwager hegte, trat er jetzt an des Mannes Sterbebette mit einem großen Teil jener stumpfen Gleichgültigkeit, die die Frucht des langen Aufenthalts in einer Schule war, die, obgleich sie viele Lehren der erhabensten Wahrheit gibt, im allgemeinen ihre Mahnungen an Schüler verschwendet, die nur wenig geneigt sind, daraus Nutzen zu ziehen.

Den ersten Beweis, daß er nicht ganz in die feierliche Stimmung paßte, die dieser Moment bei den übrigen hervorbrachte, gab Cap dadurch, daß er eine Erzählung der Ereignisse begann, die den Tod Muirs und Pfeilspitzes herbeigeführt hatten.

»Beide lichteten ihre Anker in aller Eile, Bruder Dunham«, schloß er, »und du hast den Trost, daß andere dir auf deiner großen Reise vorausgegangen sind, und noch obendrein solche, bei denen du keinen besonderen Grund hast, sie zu lieben, was mir in deiner Lage viel Vergnügen gewähren würde. Meister Pfadfinder, meine Mutter sagte mir immer, daß man den Geist eines Sterbenden nicht niederbeugen, sondern durch alle geeigneten und klugen Mittel aufrichten müsse; und diese Neuigkeiten werden dem armen Mann eine große Erleichterung verschaffen, wenn er anders gegen diese Wilden fühlt wie ich.«

Bei diesen Nachrichten erhob sich June und schlich sich mit lautlosem Tritt aus dem Blockhaus. Dunham horchte mit leerem, starrem Blick, denn das Leben löste allmählich so viele seiner Bande, daß er Pfeilspitze ganz vergessen hatte und sich nicht mehr um Muir bekümmerte. Nur nach Eau-douce fragte er mit schwacher Stimme. Dieser trat auf die an ihn ergangene Aufforderung heran. Der Sergeant blickte ihn mit Wohlwollen an, und der Ausdruck seines Auges bewies, daß er das Unrecht bereue, das er dem jungen Mann in Gedanken zugefügt hatte. Mabel kniete an seiner Seite und drückte bald seine feuchte Hand an ihre Stirne, bald benetzte sie die trockenen Lippen ihres Vaters.

»Euer Schicksal wird über ein kurzes auch das unsrige sein, Sergeant«; sagte Pfadfinder – von dem man nicht gerade sagen konnte, daß ihn diese Szene ergriff, denn er war vorher zu oft Zeuge von der Annäherung und dem Sieg des Todes gewesen, obgleich er den Unterschied zwischen dessen Triumph in der Aufregung des Schlachtgetümmels und der Ruhe des häuslichen Kreises ganz fühlte – »und ich zweifle nicht daran, daß wir uns später wiedertreffen werden. Es ist zwar wahr, Pfeilspitze ist seinen Weg gegangen; es kann aber nimmer der Weg eines guten Indianers sein. Ihr habt ihn zum letztenmal gesehen, denn sein Pfad war nicht der Pfad eines Gerechten. Das Gegenteil zu denken, wäre gegen alle Vernunft, was auch meiner Ansicht nach bezüglich des Leutnants Muir der Fall ist. Solang Ihr lebtet, habt Ihr Eure Pflicht getan, und wenn man das von einem Mann sagen kann, so mag er zur längsten Reise mit leichtem Herzen und rüstigen Füßen aufbrechen.«

»Ich hoffe so, mein Freund; ich hab‘ wenigstens versucht, meine Pflicht zu tun.«

»Ja, ja«, warf Cap ein, »die gute Absicht gilt für eine halbe Schlacht; und obgleich du besser getan hättest, auf dem See draußen zu bleiben und ein Fahrzeug hereinzuschicken, um zu sehen, wie das Land liege, was allem eine ganz andere Wendung hätte geben können – so zweifelt doch niemand hier – und auch wohl niemand anderswo –, daß du in der besten Absicht handeltest, wenn ich das glauben darf, was ich von dieser Welt gesehen und von einer anderen gelesen habe.«

»Ja, es ist so; ich hab‘ alles in bester Absicht getan!«

»Vater! o lieber Vater!«

»Mabel ist durch diesen Schlag back gelegt worden, Meister Pfadfinder, und kann nur wenig sagen oder tun, was ihren Vater über die Untiefen bringen könnte; wir müssen deshalb um so ernstlicher an den Versuch gehen, ihm einen freundlichen Abschied zu bereiten.«

»Hast du gesprochen, Mabel?« fragte Dunham und richtete die Augen auf seine Tochter, da er bereits zu schwach war, seinen Kopf zu wenden.

»Ach Vater, verlaßt Euch nicht um Eurer Handlungen willen auf die göttliche Gnade und Erlösung, sondern vertraut allein auf die segensreiche Vermittlung unseres Heilandes!«

»Der Kaplan hat uns auch etwas Derartiges gesagt, Bruder. Das liebe Kind kann wohl recht haben.«

»Ja, ja, das ist ein Glaubenssatz, ohne Zweifel. Er wird unser Richter sein und hält das Logbuch unserer Taten, auf denen er fußen wird am letzten Gericht; dann wird er sagen, wer recht und wer unrecht gehandelt hat. Ich glaube, Mabel hat recht; aber dann darfst du unbesorgt sein, da du ohne Zweifel mit deiner Rechnung im reinen bist.«

»Ach, liebster Vater, setzt Eure ganze Hoffnung auf die Vermittlung unseres heiligen Erlösers!«

»Die Herrenhuter pflegten uns dasselbe zu sagen«, sagte Pfadfinder leise zu Cap; »verlaßt Euch darauf, Mabel hat recht.«

»Recht genug, Freund Pfadfinder, in den Entfernungen, aber unrecht im Kurs. Ich fürchte, das Kind macht den Sergeanten in dem Augenblick triftig, wo wir ihn in dem besten Fahrwasser hatten.«

»Überlaßt das Mabel; sie versteht sich besser darauf als einer von uns, und in keinem Falle bringt es Schaden.«

»Ich habe das wohl früher gehört«, erwiderte endlich Dunham. »Ach, Mabel! es ist sonderbar, daß der Vater sich in einem solchen Augenblick auf sein Kind stützen muß.«

»Setzt Euer Vertrauen auf Gott, Vater; stützt Euch auf das Erbarmen seines heiligen Sohnes. Betet, Vater; bittet um seinen allmächtigen Beistand.«

»Ich bin das Beten nicht gewöhnt, Bruder. Pfadfinder – Jasper, könnt Ihr mir zu Worten helfen?«

Cap wußte kaum, was Beten heißt und konnte nichts darauf antworten. Pfadfinder betete oft, täglich, wo nicht stündlich, aber nur im Geist und in seiner einfachen Denkweise. Er war daher in dieser Not ebenso nutzlos wie der Seemann und wußte nichts zu erwidern. Jasper würde sich zwar mit Freuden bemüht haben, Berge in Bewegung zu setzen, um Mabel zu unterstützen, aber der Beistand, der hier erbeten wurde, lag nicht in seinen Kräften, und er trat beschämt zurück, wie es wohl junge, kräftige Leute zu tun pflegen, wenn man von ihnen Handlungen verlangt, bei denen sie ihre Schwäche und Abhängigkeit von einer höhern Macht bekennen müssen.

»Vater!« sagte Mabel, indem sie sich die Tränen aus den Augen wischte, »ich will mit Euch, für Euch, für mich und für uns alle beten. Selbst das Gebet des Schwächsten und Niedrigsten bleibt nicht unbeachtet.«

Es lag etwas Erhabenes, etwas unendlich Rührendes in diesem Akt kindlicher Liebe.

Dunham selbst war bald in den Gegenstand des Gebetes verloren und fühlte jene Art von Erleichterung, die ein Mensch empfindet, der unter einer übermäßig schweren Last an einem Abgrund wankt, wenn er unerwartet seine Bürde sich entnommen und diese auf den Schultern eines anderen sieht, der besser imstande ist, sie zu tragen. Cap war sowohl überrascht als von Ehrfurcht ergriffen, obgleich die Erregungen in seiner Seele weder besonders tief gingen noch lange anhielten. Er wunderte sich ein wenig über seine Gefühle und machte sich Zweifel darüber, ob sie auch so männlich und heroisch seien, wie sie sein sollten; er war jedoch von den Eindrücken der Wahrheit, der Demut, der religiösen Unterwerfung und der menschlichen Abhängigkeit zu ergriffen, um mit seinen rauhen Einwürfen dagegen anzukämpfen. Jasper kniete mit verhülltem Gesicht Mabel gegenüber und folgte ihren Worten mit dem ernstlichen Wunsch, ihre Bitten mit den seinigen zu unterstützen, wenn es schon zweifelhaft sein mochte, ob seine Gedanken nicht ebensoviel bei den sanften, lieblichen Tönen der Beterin wie bei dem Gegenstand ihres Gebets verweilten.

Die Wirkung auf Pfadfinder war augenfällig und ergreifend; augenfällig, weil er aufrecht und gerade Mabel gegenüberstand: Und die Bewegungen seiner Gesichtszüge verrieten wie gewöhnlich das Ringen seines Inneren. Er lehnte auf seiner Büchse, und seine sehnigen Finger schienen hin und wieder den Lauf mit aller Gewalt zerdrücken zu wollen, während er ein- oder zweimal, wenn Mabels Gedanken sich in vollster Innigkeit aussprachen, seine Augen zur Decke des Gemachs erhob, als ob er erwartete, daß das gefürchtete Wesen, an das die Worte gerichtet waren, sichtbar über ihm schweben werde. Dann kehrten seine Gefühle wieder zu dem zarten Geschöpf zurück, das in heißem, aber ruhigem Gebet für einen sterbenden Vater ihre Seele ausgoß; denn Mabels Wangen waren nicht mehr bleich, sondern glühten von heiliger Begeisterung, während sich ihre blauen Augen dem Licht in einer Weise zukehrten, daß das Mädchen wie ein Bild von Guido Reni erschien. In solchen Augenblicken glänzte die ganze ehrliche und männliche Zuneigung Pfadfinders in seinen lebendigen Zügen, und der Blick, den er auf die Betende heftete, glich dem des zärtlichen Vaters gegenüber dem Kind seiner Liebe.

Sergeant Dunham legte seine kraftlose Hand auf Mabels Haupt, als sie zu beten aufhörte und ihr Gesicht in seiner Bettdecke verbarg.

»Gott segne dich, mein liebes Kind; Gott segne dich!« flüsterte er. »Du hast mir einen wahren Trost verschafft. Oh, daß auch ich beten könnte!«

»Vater! Ihr kennt das Gebet des Herrn, denn Ihr habt’s ja selbst mich gelehrt, als ich noch ein Kind war.«

Auf des Sergeanten Gesicht strahlte ein Lächeln; denn er erinnerte sich, daß er wenigstens diesen Teil der elterlichen Pflicht erfüllt hatte, und die Erinnerung daran gewährte ihm in diesem Augenblick ein inniges Vergnügen. Er schwieg dann einige Minuten, und alle Anwesenden glaubten, er unterhalte sich mit seinem Schöpfer.

»Mabel, mein Kind«, sprach er endlich mit einer Stimme, die neue Lebenskraft gewonnen zu haben schien – »Mabel, ich verlasse dich jetzt. Wo ist deine Hand?«

»Hier, liebster Vater – hier sind beide – oh, nehmt beide!«

»Pfadfinder«, fuhr der Sergeant fort, und tastete nach der entgegengesetzten Seite des Bettes, wo Jasper kniete, wobei er im Mißgriff eine der Hände des jungen Mannes faßte – »nimm sie – sei ihr Vater – wie ihr’s für gut findet – Gott segne dich – Gott segne euch beide!«

Niemand wollte in diesem ergreifenden Augenblick dem Sergeanten seinen Irrtum benehmen, und so starb er, einige Minuten später, Jaspers und Mabels Hände mit den seinigen bedeckend. Das Mädchen wußte nichts von diesen Vorgängen, bis ihr ein Ausruf von Cap den Tod ihres Vaters ankündigte. Als sie ihr Gesicht erhob, traf sie auf einen Blick aus Jaspers Augen und fühlte den warmen Druck seiner Hand. In diesem Augenblick war aber nur ein Gefühl in ihr vorherrschend; sie zog sich zurück, um zu weinen. Pfadfinder nahm Eau-douce am Arm und verließ mit ihm das Blockhaus.

Die zwei Freunde gingen in tiefstem Schweigen an dem Feuer vorbei, durch den Baumgang fast bis zum entgegengesetzten Ufer der Insel, wo sie anhielten. Pfadfinder ergriff das Wort.

»Es ist alles vorbei, Jasper«, sagte er; »es ist alles vorbei. Ach, der arme Sergeant Dunham hat seine Laufbahn beendet, und noch dazu durch die Hand eines giftigen Mingowurms. Nun, wir wissen nie, was auf uns wartet, und sein Los kann heut‘ oder morgen das Eurige oder das meinige sein.«

»Und Mabel? was soll aus Mabel werden, Pfadfinder?«

»Ihr habt die letzten Worte des sterbenden Dunham gehört; er hat mir die Obhut über sein Kind gelassen, Jasper; und das ist ein feierliches Vermächtnis, ja, es ist ein sehr feierliches Vermächtnis.«

»Ein Vermächtnis, das Euch jeder gerne abnehmen würde«, versetzte der Jüngling mit einem bitteren Lächeln.

»Ich hab‘ oft gedacht, daß es nur in schlechte Hände gefallen ist. Ich bin nicht eingebildet, Jasper, und denke nicht dran, mir was drauf zugute zu tun; wenn Mabel aber geneigt ist, alle meine Unvollkommenheiten und meine Unwissenheit zu übersehen, so wär’s unrecht von mir, was dagegen einzuwenden, so sehr ich auch von meiner Wertlosigkeit überzeugt sein mag.«

»Niemand wird Euch tadeln, Pfadfinder, wenn Ihr Mabel Dunham heiratet, ebensowenig wie man’s Euch verargen würde, wenn Ihr einen kostbaren Edelstein trüget, den Euch ein Freund geschenkt hätte.«

»Glaubt Ihr, daß man Mabel tadeln würde, Junge? – Ich hab‘ auch meine Bedenken darüber gehabt, denn nicht alle Leute sind geneigt, mich mit Euern und mit Mabels Augen zu betrachten.« Jasper Eau-douce fuhr zusammen wie jemand, den ein plötzlicher, körperlicher Schmerz überfällt, doch bewahrte er seine Selbstbeherrschung. »Die Menschen sind neidisch und schlimm, besonders in den Garnisonen und ihrer Nachbarschaft. Ich wünsche bisweilen, Jasper, daß Mabel zu Euch hätte eine Neigung gewinnen können – ja ja, und daß Ihr eine Neigung zu ihr gefaßt hättet; denn es kommt mir oft vor, daß ein Bursche wie Ihr sie im Grunde doch glücklicher machen müßte, als ich es je imstande bin.«

»Reden wir nicht mehr davon, Pfadfinder«, unterbrach ihn Jasper barsch und ungeduldig – »Ihr werdet Mabels Gatte sein, und es ist nicht recht, von einem andern in dieser Eigenschaft zu sprechen. Was mich anbelangt, so will ich Caps Rat folgen und es versuchen, einen Mann aus mir zu bilden. Vielleicht kann das auf dem Salzwasser geschehen.«

»Ihr, Jasper Western? – aber warum die Seen, die Wälder und die Grenzen verlassen? Und noch dazu um der Städte, der öden Wege in den Ansiedlungen und des bißchen Unterschieds willen im Geschmack des Wassers? Haben wir denn nicht die Salzlicken, wenn Ihr Salz braucht? Und sollte nicht ein Mann mit dem zufrieden sein, was andern Geschöpfen Gottes genügt? Ich hab‘ auf Euch gerechnet, Jasper; ja, ich zählte auf Euch – und dachte, da nun Mabel und ich in unserer eigenen Hütte wohnen werden, daß Ihr Euch eines Tags auch versucht fühlen könntet, eine Gefährtin zu wählen, wo Ihr Euch dann in unserer Nachbarschaft niederlassen solltet. Ich hab‘ ein schönes Plätzchen für mich im Sinn, etwa fünfzig Meilen westlich von der Garnison, und etwa zehn Stunden seitwärts ist ein ausgezeichneter Hafen, wo Ihr mit dem Kutter in der größten Muße ein- und ausfahren könntet. Da hab‘ ich mir denn grade Euch und Euer Weib vorgestellt, wie Ihr von diesem Platz Besitz nehmt, während ich und Mabel uns auf dem andern niederlassen. Wir hätten eine hübsche, gesunde Jagd dabei; und wenn der Herr überhaupt irgendeines seiner Geschöpfe auf Erden zu beglücken beabsichtigt, so könnte niemand glücklicher sein als wir vier.«

»Ihr vergeßt, mein Freund«, entgegnete Jasper, indem er mit erzwungenem Lächeln des Kundschafters Hand ergriff, »daß es an der vierten Person fehlt, die mir lieb und teuer sein könnte; und ich zweifle sehr, ob ich je irgend jemand so lieben kann, wie ich Euch und Mabel liebe.«

»Ich dank‘ Euch, Junge; ich dank‘ Euch von ganzem Herzen, aber was Ihr in Beziehung auf Mabel Liebe nennt, ist bloß Freundschaft und etwas ganz anderes, als was ich für sie fühle. Jetzt, statt wie früher gesund zu schlafen, träum‘ ich jede Nacht von Mabel Dunham, und erst in meinem letzten Schlummer kam mir es vor, ich wär‘ auf dem Niagara und hielte Mabel in meinen Armen, mit der ich lieber über den Fall hinunterstürzte, ehe ich von ihr lassen wollte. Die bittersten Augenblicke, die mir je vorkamen, waren die, wenn der Teufel oder vielleicht ein Mingozauberer meinen Träumen die Vorstellung beimischte, daß Mabel für mich durch irgendein unerklärliches Unglück verlorengegangen sei.«

»O Pfadfinder! wenn Euch das schon im Traum so bitter dünkt, wie muß es erst dem sein, der es in Wirklichkeit fühlt und weiß, daß alles wahr, wahr, wahr ist? So wahr, um keinen Funken Hoffnung zurückzulassen – nichts zurückzulassen als die Verzweiflung!«

Diese Worte entquollen Jasper wie die Flüssigkeit einem plötzlich geborstenen Gefäß. Sie entglitten seinen Lippen unwillkürlich, fast unbewußt, aber mit einer Wahrheit und einer Tiefe des Gefühls, daß sich ihre Aufrichtigkeit nicht bezweifeln ließ.

Pfadfinder blickte seinen Freund in wirrer Überraschung eine Minute lang an; dann tauchte ihm, ungeachtet seiner Einfachheit, ein Strahl der Wahrheit auf. Er war von Natur so zuversichtlich, so gerecht und so geneigt zu glauben, daß ihm alle seine Freunde ein gleiches Glück gönnten, wie er es ihnen wünschte, daß bis zu diesem unglücklichen Augenblick nie eine Ahnung von Jaspers Liebe zu Mabel in seiner Brust aufgetaucht war. Er war aber jetzt zu erfahren in den Regungen, die eine solche Leidenschaft bezeichnen; auch machten sich die Gefühle seines Gefährten zu heftig und zu natürlich Luft, um den braven Kundschafter länger im Zweifel zu lassen. Er fühlte sich durch diese Entdeckung aufs schmerzlichste gedemütigt. Jaspers Jugend, sein schmuckeres Äußeres und alle die Hauptwahrscheinlichkeiten, die einen solchen Freier dem Mädchen angenehmer machen mochten, traten ihm vor das Auge. Endlich aber machte die edle Geradheit seiner Seele, die ihn so sehr zu seinem Vorteil auszeichnete, ihre Rechte geltend und wurde noch unterstützt durch die männliche Bescheidenheit, mit der er sich selbst beurteilte, und durch seine gewohnte Nachgiebigkeit gegen die Rechte und Gefühle anderer, die einen Teil seines Wesens auszumachen schien. Er ergriff Jaspers Arm und führte ihn zu einem Baumstrunk, auf den er den jungen Mann mit seiner unwiderstehlichen Muskelkraft niederdrückte, und dann neben ihm seinen Sitz einnahm.

Sobald sich Jaspers innere Bewegung Luft gemacht hatte, fühlte er sich durch die Heftigkeit ihres Ausdruckes beunruhigt und beschämt. Er würde gerne alles, was er auf Erden sein nennen konnte, darum gegeben haben, hätte er die letzten drei Minuten wieder zurückrufen können; aber er war von Natur zu freimütig und zu sehr daran gewöhnt, gegen seinen Freund offen zu verfahren, um nur einen Augenblick zu versuchen, seine Gefühle zu verhehlen oder die Erklärung zu umgehen, die ihm, wie er wußte, nun abverlangt wurde. Zwar zitterte er vor den Folgen, aber er konnte es nicht über sich gewinnen, ein zweideutiges Benehmen einzuschlagen.

»Jasper«, begann Pfadfinder in einem so feierlichen Ton, daß jeder Nerv seines Zuhörers bebte, »das kam sehr unverhofft. Ihr hegt zartere Gefühle für Mabel, als ich dachte, und wenn mich nicht ein Mißgriff meiner Eitelkeit und Einbildung grausam getäuscht hat, so bedaure ich Euch, Junge, von ganzer Seele. Ja, ich weiß – glaub‘ ich –, wie der zu beklagen ist, der sein Herz an ein Wesen wie Mabel gesetzt hat, ohne hoffen zu dürfen, daß sie ihn mit denselben Augen betrachte, wie er sie betrachtet. Diese Sache muß sich aufklären, bis, keine Wolke mehr zwischen uns steht, wie die Delawaren sagen.«

»Was bedarf es da einer Aufklärung, Pfadfinder? Ich liebe Mabel Dunham, und Mabel Dunham liebt mich nicht; sie will lieber Euch zum Gatten haben, und das klügste, was ich tun kann, ist, fort und auf das Salzwasser zu gehen und zu versuchen, Euch beide zu vergessen.«

»Mich zu vergessen, Jasper? – das wär‘ eine Strafe, die ich nicht verdiene. Aber woher wißt Ihr, daß Mabel mich lieber hat? Wie wißt Ihr das, Junge? – Mir scheint das ja ganz unmöglich!«

»Wird sie nicht Euer Weib werden? Und würde Mabel einen Mann heiraten, den sie nicht liebt?«

»Der Sergeant hat ihr hart zugesetzt – ja, so ist’s; und einem gehorsamen Kinde mag es wohl schwer werden, den Wünschen eines sterbenden Vaters zu widerstehen. Habt Ihr Mabel je gesagt, daß Ihr sie liebt, daß Ihr solche Gefühle gegen sie hegt?«

»Nie, Pfadfinder! Wie könnt‘ ich Euch ein solches Unrecht zufügen?«

»Ich glaub‘ Euch, Junge; ja, ich glaub‘ Euch und glaub‘ auch, daß Ihr imstande wärt, spurlos zu verschwinden und aufs Salzwasser zu gehen. Aber das ist nicht gerade nötig. Mabel soll alles erfahren und ihren eigenen Weg haben; ja, das soll sie, und wenn mir das Herz bei dem Versuch bräche. Ihr habt ihr also nie ein Wort davon gesagt, Jasper?«

»Nichts von Belang, nichts Bestimmtes. Aber doch muß ich meine ganze Torheit eingestehen, Pfadfinder, wie es meine Pflicht gegen einen so edlen Freund ist, und dann wird alles zu Ende sein. Ihr wißt, wie sich junge Leute verstehen oder zu verstehen glauben, ohne sich gerade offen auszusprechen, und wie sie auf hunderterlei Weise gegenseitig ihre Gedanken kennenlernen oder kennenzulernen glauben.«

»Nein, Jasper, das weiß ich nicht«, antwortete der Kundschafter treuherzig; denn, die Wahrheit zu sagen, seine Huldigungen hatten nie auf jene süße und köstliche Ermutigung getroffen, die das stumme Merkmal der zur Liebe fortschreitenden Zuneigung ist.

»Nein, Jasper, ich weiß nichts von alledem. Mabel hat mich immer freundlich behandelt und sagte mir, was sie zu sagen hatte, auf die unumwundenste Weise.«

»Ihr hattet aber die Wonne, sie sagen zu hören, daß sie Euch liebe, Pfadfinder?«

»Ei nein, Jasper; nicht gerade mit Worten, sie hat mir sogar gesagt, daß wir uns nie heiraten könnten, nie heiraten sollten; daß sie nicht gut genug für mich sei, obgleich sie versicherte, daß sie mich achte und ehre. Dann sagte mir aber der Sergeant, dies sei die gewöhnliche Weise junger und schüchterner Mädchen: Ihre Mutter hab‘ es zu ihrer Zeit ebenso gemacht und ebenso gesprochen, und ich müsse mich begnügen, wenn sie nur überhaupt einwillige, mich zu heiraten. Ich habe daraus nun geschlossen, daß alles in Ordnung sei.«

Ungeachtet seiner Freundschaft für den glücklichen Freier und trotz der aufrichtigsten Wünsche für sein Wohl, fühlte Jasper bei diesen Worten sein Herz in überschwenglicher Wonne klopfen. Nicht als ob er in diesem Umstand hätte eine Hoffnung für sich auftauchen sehen; es war nur das eifersüchtige Verlangen einer unbegrenzten Liebe, die sich bei der Kunde entzückt fühlte, daß kein anderes Ohr die süßen Geständnisse gehört habe, die dem einen versagt blieben.

»Erzählt mir mehr von dieser Weise, ohne Zunge zu sprechen«, fuhr der Pfadfinder fort, dessen Gesichtszüge ernster wurden und der nun seinen Gefährten mit dem Ton eines Mannes fragte, der einer unangenehmen Antwort entgegensieht. »Ich kann mich mit Chingachgook auf eine solche Art unterhalten und hab‘ es auch mit seinem Sohne Uncas getan, ehe er gefallen; ich wußte aber nicht, daß junge Mädchen auch in dieser Kunst bewandert sind, und von Mabel Dunham versah ich mich’s am allerwenigsten.«

»Es ist nichts, Pfadfinder. Ich meine nur einen Blick, ein Lächeln, einen Wink mit dem Auge, das Zittern eines Armes oder einer Hand, wenn mich das Mädchen gelegentlich berührte; und weil ich schwach genug gewesen bin, selbst zu zittern, wenn mich ihr Atem traf oder mich ihre Kleider streiften, so führten mich meine törichten Gedanken irre. Ich hab‘ mich nie offen gegen Mabel ausgesprochen; und jetzt würd‘ es mir nichts mehr nützen, da nun doch alle Hoffnung vorbei ist.«

»Jasper«, erwiderte Pfadfinder einfach, aber mit einer Würde, die für den Augenblick alle weiteren Bemerkungen abschnitt, »wir wollen über des Sergeanten Leichenbegängnis und über unsere Abreise von der Insel sprechen. Wenn hierüber die nötigen Verfügungen getroffen sind, werden wir hinlänglich Zeit haben, noch ein Wort über des Sergeanten Tochter zu reden. Die Sache bedarf einer reiflichen Erwägung, denn der Vater hat mir die Obhut über sein Kind hinterlassen.«

Jasper war froh, von diesem Gegenstand abzukommen, und die Freunde trennten sich, um den ihrer Stellung und ihrem Beruf angemessenen Obliegenheiten nachzukommen.

Am Nachmittag wurden die Toten beerdigt. Das Grab des Sergeanten befand sich im Mittelpunkt des Baumganges unter dem Schatten einer hohen Rüster. Mabel weinte bitterlich während der Bestattung und fand in ihren Tränen Erleichterung für ihr bekümmertes Herz. Die Nacht verging ruhig; ebenso der ganze folgende Tag, denn Jasper erklärte, daß der Wind viel zu heftig sei, um sich auf den See wagen zu können. Dieser Umstand hielt auch den Kapitän Sanglier zurück, der die Insel erst am Morgen des dritten Tages nach Dunhams Tod verließ, da das Wetter milder und der Wind günstiger wurden. Ehe er abreiste, nahm er zum letztenmal von dem Pfadfinder in der Weise eines Mannes Abschied, der sich in der Gesellschaft eines ausgezeichneten Charakters befunden zu haben glaubt. Beide schieden unter Beweisen gegenseitiger Achtung, während jeder fühlte, daß ihm der andere ein Rätsel sei.