Kapitel 34

 

34

 

»Er ist wirklich tot«, sagte Jim, nachdem er sich in seinem Arbeitszimmer eine halbe Stunde mit der reglosen Gestalt abgemüht hatte.

 

Er hatte Marborne vollständig entkleidet und künstliche Atmung angewandt. Aber der Mann mußte einige Sekunden, bevor sie ihn auffanden, gestorben sein.

 

»Der Mörder hat zuverlässig gearbeitet, es muß sehr schnell gegangen sein. Sehen Sie einmal, bis auf die Haut ist er durchsucht worden. Hier hatte er sein Geheimnis verwahrt – er hat es direkt auf dem Körper getragen. Das ist ein alter Trick. Vorläufig können wir nichts anderes tun als die Ortspolizei alarmieren. Der Mörder muß sich über die Wiesen entfernt haben, denn er ist nicht durch das vordere Parktor gegangen. Vielleicht hält er sich in einem der kleinen Wälder auf, aber auch das ist sehr zweifelhaft. Morlake, Sie kennen doch hier die Gegend genau – welchen Weg könnte er eingeschlagen haben?«

 

»Das hängt ganz davon ab, ob auch er genau Bescheid wußte. Vermutlich hat er auf der Brücke den Fluß überschritten und ist dann am Ufer entlang zur Amdon Road gelaufen. Von dort aus kann er ein halb Dutzend verschiedene Wege eingeschlagen haben. Vielleicht finden Sie Spuren, wenn Sie einmal die Mauern besichtigen, die den Park umgeben.«

 

Aber hierin täuschte sich Jim.

 

Weder das Tageslicht noch die Polizei brachten den Mörder in ihre Hände. Nur eine Entdeckung machte man: Auf dem Weg am Fluß wurde ein gebogenes Messer gefunden, das der Verbrecher in der Eile hatte fallen lassen. Es ging deshalb an alle Polizeistationen im Umkreis von zwanzig Meilen der Befehl, nach einem Araber zu fahnden. Jim hatte diesen Rat gegeben, da er die Zusammenhänge vermutete.

 

Welling durchsuchte Marbornes Wohnung und besichtigte den Schauplatz des Kampfes. Tisch und Stühle lagen kreuz und quer übereinander. Er entdeckte auch den Scheinbrief, der an Marborne gerichtet war.

 

»Wahrscheinlich hat sich der Mörder unter diesem Vorwand Zutritt zur Wohnung verschafft«, erzählte er später Jim Morlake. »Marborne muß den Angriff wohl abgeschlagen haben – und aus diesem Grund kam er nachher zu Ihnen.«

 

»Aber warum ausgerechnet zu mir?«

 

»Er wollte Ihnen das Dokument verkaufen, mit dem er Hamon erpreßte. Bestimmt glaubte er, Hamon habe den Araber beauftragt, ihn zu beseitigen. Und Hamon ist auch sicher an diesem Mord beteiligt. Aber wieder haben wir nicht genug Beweismaterial gegen ihn in der Hand«, fügte er zweifelnd hinzu, »um eine Durchsuchung seiner Wohnung zu rechtfertigen.«

 

Welling schlug sein Hauptquartier in Wold House auf. Eine merkwürdige Wahl, dachte Hamon, als er in Jims Arbeitszimmer gerufen wurde. Er drückte auch seine Verwunderung hierüber aus.

 

»Das mag merkwürdig, vielleicht sogar tragisch sein«, erwiderte Welling, der nicht länger liebenswürdig und höflich war, »aber mir paßt dieser Ort, und deshalb muß er auch für Sie gut genug sein. Haben Sie die Nachricht schon gehört?«

 

»Sie meinen, daß Marborne getötet wurde? Ja, der arme Mensch!«

 

»Er war doch Ihr Freund?«

 

»Ich kannte ihn und kann sagen, daß er mein Freund war.«

 

»Wann haben Sie ihn zuletzt gesehen?«

 

»Ich habe ihn seit mehreren Tagen nicht mehr gesehen.«

 

»War Ihre letzte Unterredung mit ihm freundschaftlich?«

 

»Ja, er kam, um sich Geld zu leihen – er wollte ein eigenes Geschäft gründen.«

 

»Und Sie haben es ihm wahrscheinlich auch gegeben?« fragte Welling trocken. »Mit dieser Angabe wollen Sie wohl die finanziellen Transaktionen erklären?«

 

»Behaupten Sie, daß ich nicht die Wahrheit sage?«

 

»Ich behaupte sogar, daß Sie lügen«, erwiderte Welling kurz.

 

»Ich bin dabei, einen Mord aufzuklären. Sie gaben Marborne das Geld aus rein egoistischen Gründen. Er hatte ein Dokument in seinem Besitz, das Sie unter allen Umständen wiederhaben wollen, und da er es Ihnen nicht geben wollte, mußten Sie ihm eben große Summen zahlen.«

 

»Sie machen hier eine Feststellung, die nur vor Gericht erörtert werden könnte.«

 

»Das wird auch der Fall sein, wenn ich den Mörder fange«, sagte Welling grimmig.

 

»Ist Ihnen denn nicht aufgefallen«, erwiderte Hamon gehässig, »daß dieser Marborne ein Feind Morlakes war und daß man ihn ausgerechnet auf seinem Grundstück tot auffand?«

 

»Darüber habe ich schon die ganze Nacht nachgedacht. Unglücklicherweise – für Ihre Theorie – war Morlake in meiner Gesellschaft, als Marborne getötet wurde. Ist es übrigens wahr, daß Marborne Sie erpreßt hat? Geben Sie es ruhig zu, denn wir haben bereits genug Beweise dafür in der Hand. Auch Slone hat es durch seine Aussagen bestätigt.«

 

»Was Slone Ihnen erzählt hat, interessiert mich durchaus nicht. Ich kann nur wiederholen, daß dieser unglückliche Mann Geld von mir lieh, um ein eigenes Geschäft aufzumachen. Wenn Sie Beweise für das Gegenteil haben, dann lassen Sie es mich bitte wissen.«

 

Niemand wußte besser als Welling, daß solche Beweise nicht existierten. Sein Bluff hatte keinen Erfolg gehabt. Aber er war nicht besonders unglücklich darüber und ging sofort zu einem neuen Angriff über.

 

»Sie haben in letzter Zeit eine Anzahl von Code-Telegrammen nach Marokko geschickt – ich denke hauptsächlich an eins, das sich auf einen gewissen Ali Hassan bezog. Wer ist das?«

 

Wieder wurden Hamons Blicke ängstlich, aber es gelang ihm zu lächeln.

 

»Nun weiß ich auch, warum man Detektive fleißige Leute nennt«, meinte er. »Sie sind ja sehr tätig gewesen in der letzten Nacht. Ali Hassan ist eine maurische Zigarrenmarke.«

 

Er schaute auf Jim, der zur Bestätigung nickte.

 

»Das ist allerdings wahr, aber es ist auch der Name eines maurischen Mörders, der vor fünfundzwanzig Jahren hingerichtet wurde.«

 

»Dann wählen Sie bitte, was Ihnen besser gefällt«, sagte Hamon ironisch.

 

»Ist das hier nicht Ihre Handschrift?« Welling nahm von dem Tisch hinter sich ein Kuvert und hielt es Hamon hin.

 

»Nein«, sagte Ralph, ohne zu zögern.

 

»Marborne wurde von einem Araber getötet, den Sie zu diesem Zweck eigens kommen ließen.«

 

»Mit anderen Worten, ich bin an diesem Mord mitschuldig?«

 

Welling nickte.

 

»Wenn es nicht so außerordentlich komisch wäre, müßte ich ärgerlich sein. Unter diesen Umständen lehne ich es ab, noch irgendwelche Aussagen zu machen. Sie können mich zu nichts zwingen, niemand weiß das besser als Sie, Welling. Und ich werde Ihnen keine weitere Auskunft geben.«

 

Mit diesen Worten ging er.

 

»Er hat uns schon mehr gesagt, als er selbst ahnt«, bemerkte Welling, als sich die Tür hinter Hamon geschlossen hatte. »Wer ist aber Sadi Hafis?«

 

»Ein entsetzlich hinterlistiger Schuft, der in Tanger lebt«, sagte Jim rasch. »Ein skrupelloser Mann, außerordentlich nützlich für Leute wie Hamon und andere dunkle Geschäftsgründer, die vielversprechende Prospekte in die Welt hinaussenden wollen. Er ist ein Agent Hamons, ich kenne ihn schon seit vielen Jahren – wir haben nämlich eine kleine Schießerei miteinander gehabt, als ich damals beim Abstecken der beabsichtigten Fes-Eisenbahn beschäftigt war. Er bezieht sicher von einem halben Dutzend Interessenten Pensionen, und ich glaube, daß er mehr Verbrechen auf dem Gewissen hat als irgendein anderer Mann in Marokko.«

 

»Meinen Sie damit Mord?«

 

Jim lächelte.

 

»Ich sagte Ihnen doch eben: Verbrechen. Mord ist im Rifgebirge kein besonders schlimmes Vergehen.«

 

»Wenn wir diesen maurischen Burschen fangen, werden wir ja alles erfahren.«

 

»Der wird nicht das mindeste gegen Sadi Hafis aussagen. Die Scherife sind in gewisser Weise heilige Leute, und der Mörder wird sterben, ohne ein Wort zu sagen, das Sadi Hafis oder irgend jemanden sonst belasten könnte.« –

 

Durch Lord Creith erfuhr Welling später, daß Ralph Hamon am Morgen nach dem Mord mit der zweiten Post einen umfangreichen eingeschriebenen Brief erhalten hatte. Er zweifelte keinen Augenblick daran, daß das begehrte Dokument darin lag.

 

*

 

Joan benützte die erste Gelegenheit, die sich ihr bot, um ihren Vater um eine Aussprache zu bitten.

 

Er sah sie besorgt an.

 

»Was fehlt dir, Kind? Du bist sehr blaß.«

 

»Es geht mir gut, du brauchst dir keine Sorgen zu machen, aber du wirst wohl sehr böse auf mich sein –«

 

Er schüttelte den Kopf.

 

»Dazu gehört schon furchtbar viel, daß ich mit dir unzufrieden sein könnte, Joan«, sagte er und legte den Arm um ihre Schulter. Er führte sie zu einem Fenstersitz in der Bibliothek.

 

»Vater«, begann sie endlich leise, »ich habe Ferdie Farringdon geheiratet, als ich noch in der Schule war.«

 

Er zeigte keine Erregung.

 

»Oh, die Farringdons sind eine gute, alte Familie, nur sind sie leider dem Trunk verfallen«, meinte er ruhig.

 

Joan sank ihm schluchzend in die Arme.

 

Kapitel 22

 

22

 

Jim Morlake war noch nie so langsam und nachdenklich nach Wold House gefahren wie an diesem Nachmittag. Er konnte sich wohl vorstellen, daß die Gesellschaft in Sussex ziemlich entrüstet war. Die Vikare und die Kirchenräte, die Herren und Damen des Landadels, die Lords und die Nachbarn, die ihm Einladungen hatten zukommen lassen, ja die Dorfbewohner selbst, die ihr Eigentum bedroht sahen, würden seine Verhaftung und die Worte des Richters als eine Katastrophe für ihn ansehen.

 

Er lächelte, als er an die Wirkung dachte, die der Prozeß auf diese Leute gehabt haben mußte. Sein Personal wurde sehr gut bezahlt und behandelt. Er hatte den Vorstand der kleinen Bankfiliale in Creith angewiesen, die Gehälter weiterzuzahlen und ebenso das nötige Geld, um den Haushalt aufrechtzuerhalten. Wie die Leute jetzt über ihn dachten, wußte er nicht, da er seit seiner Verhaftung nicht mehr mit Wold House in Verbindung gestanden hatte.

 

Und was er befürchtet hatte, trat ein: Bei seiner Ankunft kündigte das gesamte Personal und bat um sofortige Entlassung. Er kam dem Wunsch ohne Zögern nach, und als alle gegangen waren, schloß er die Tore und kehrte in sein leeres Haus zurück.

 

Binger konnte er nicht gut hierherrufen, weil der Mann die Londoner Wohnung in Ordnung halten mußte. Und Mahmet hatte wenig oder gar keine Ahnung von europäischer Küche, obwohl er vorzüglichen Kaffee zu bereiten verstand.

 

Jim wanderte durch das verlassene Haus. Alles war tadellos sauber, und sicher würde es auch für einige Tage so bleiben.

 

Es gab eigentlich keine andere Lösung, als nach London überzusiedeln, aber es reizte ihn, nun gerade hierzubleiben. Auf keinen Fall wollte er sich aus der Fassung bringen lassen.

 

Seine Lage gestaltete sich noch schwieriger, als sich die Kaufleute im Ort weigerten, ihm Waren zu liefern.

 

Am nächsten Mittag hatte er Keks, Tee und Schinken; abends gab es Keks und Tee ohne Schinken, und am Morgen darauf dieselbe Kombination, da er trotz allen Suchens keine anderen Vorräte finden konnte. Der Speisezettel war etwas eintönig, aber Jim fühlte sich ganz wohl dabei. In Hemdsärmeln kehrte er sein Zimmer und die Halle, machte selbst das Bett, reinigte auch die breiten Stufen vor der Haustür und benahm sich dabei so anstellig wie ein Dienstmädchen.

 

Am dritten Tag, als Tee und Keks doch schon etwas langweilig zu werden begannen, entdeckte er unverhofft ein Körbchen mit Eiern. Er machte sich allerdings nicht die Mühe, den Küchenherd anzufeuern, sondern setzte in seinem schon etwas unordentlich aussehenden Arbeitszimmer einen kleinen Spirituskocher in Brand. Er hatte Tee aufgebrüht, den Tisch mit der Morgenzeitung gedeckt und machte sich nun daran, Setzeier zu backen. Leider wußte er nur, daß dazu eine bestimmte Hitze, eine gewisse Menge Eier und eine Pfanne notwendig waren. Bald war denn auch der Raum mit Rauch gefüllt, und es roch nach angebrannten Eiern.

 

Plötzlich kam ein unerwarteter Besuch. Die Dame war durch die offene Vordertür eingetreten und stand nun im Gang, erstaunt über den Anblick, der sich ihr bot.

 

»Was machen Sie denn da?« fragte sie verwundert, trat schnell näher und nahm ihm die rauchende Pfanne aus der Hand. »Sie müssen doch erst Butter oder Fett hineintun!«

 

Er war sprachlos. Die letzte, die er hier in Wold House in diesem kritischen Augenblick erwartet hatte, war Jane Smith. Sie war es aber wirklich, hübscher als je in dem einfachen, blauen Kostüm und dem kleinen Hut.

 

»Wo kommen Sie denn her?«

 

»Aus dem Dorf. Es riecht aber fürchterlich hier – machen Sie doch das Fenster auf!«

 

»Warum – mögen Sie Eier nicht?«

 

»Verbrannte Eier?«

 

»Ich vermute, daß Sie wissen –«

 

»Ja, ich weiß.« Sie löschte den Spirituskocher und setzte die Pfanne beiseite. »Ich bin hergekommen, um mich einmal nach Ihnen umzusehen, Sie amerikanischer Waisenknabe!«

 

Kapitel 23

 

23

 

Gehorsam trug er Spirituskocher, Tassen und Schüsseln in die Küche und schaute ihr dann bewundernd zu, wie sie im großen Küchenherd Feuer machte.

 

»Lassen Sie doch mich das besorgen!« bat er.

 

»Das hätten Sie schon vor Stunden selbst machen können«, erwiderte sie vorwurfsvoll. »Aber es wäre Ihnen ja doch nicht gelungen. Sie hätten höchstens eine noch viel größere Rauchwolke zustande gebracht –«

 

»Feuer anzünden ist allerdings eine Kunst – ich habe das bisher noch nicht gewußt.«

 

»Sehen Sie einmal in der Speisekammer nach, ob Sie nicht etwas Bratfett finden!«

 

Er gehorchte und kam mit dem Gewünschten wieder.

 

Sie hatte sich vor dem knisternden Feuer auf die Knie niedergelassen und sah ihn neugierig an.

 

»Warum sind Sie eigentlich nicht nach London zurückgegangen? Sie haben doch eine schöne Stadtwohnung?«

 

»Ich bleibe lieber hier.«

 

»Wie hochmütig – ich bleibe lieber hier!« Sie ahmte seine Stimme nach. »Sie werden hier noch verhungern, mein lieber Freund, und sich zu Tode frieren. Sie müssen doch nun schon wissen, daß die Leute in Creith es nicht zulassen, daß ihre reinen Seelen durch die Berührung mit einem Menschen mit Ihrer Vergangenheit befleckt werden. Holen Sie sich doch Dienstboten aus London, die sind weniger kleinlich in ihren Ansichten!«

 

Sie machte sich mit den Eiern zu schaffen.

 

»Wissen Sie denn auch, warum dieser Widerstand gegen Sie im Dorf erwacht ist?« fragte sie nach einer Weile. »Sie müssen nicht denken, daß die Leute das nur getan haben, weil sie sittenstreng sind. Vor einer Woche kam Mr. Hamon hierher und hetzte alle gegen Sie auf. Ich nehme an, daß er auch Ihr Personal aufsässig gemacht hat. Ich weiß es von meinem Mädchen, das hier im Dorf wohnt –«

 

»Von wem wissen Sie es?« fragte er schnell.

 

»Von meinem Mädchen – ich wollte sagen, von meiner Tante«, erwiderte sie, ohne mit der Wimper zu zucken. »Also, meine Tante, die hier im Dorf lebt und allen Klatsch hört, hat es mir gesagt.«

 

»Dann waren Sie also hier?«

 

»Nein, ich war zu der Zeit in London – sie erzählte es mir, als ich herkam. So, nun sind die Eier fertig.«

 

»Aber ich kann doch unmöglich drei essen«, protestierte er.

 

»Das sollen Sie auch gar nicht. Eins ist für mich.«

 

Sie ging in die Diele und nahm dort aus einer Tasche Brot und Butter.

 

»Wir werden in der Küche essen, dort fühle ich mich mehr zu Hause. Und nach dem Frühstück sehe ich mich einmal um, was hier alles getan werden muß. Ich kann täglich nur ein paar Stunden kommen.«

 

»Wollen Sie morgen wiederkommen?« fragte er freudig.

 

Sie nickte, und er seufzte erleichtert auf.

 

»Es war so merkwürdig, daß ich Sie nicht kommen sah. Ich schaute doch gerade durch das Fenster auf die Einfahrt.«

 

»Ich bin auch nicht auf dem großen Paradeweg, sondern auf einem Geheimpfad gekommen. Natürlich habe ich so viel Rücksicht auf meinen Ruf zu nehmen, daß ich heimlich kommen muß.«

 

Er lachte.

 

»Wenn Sie damit sagen wollen, daß Sie sich auch nur einen Deut um das kümmern, was die Leute im Dorf von Ihnen denken, dann glaube ich davon kein einziges Wort. Und dann – Sie mögen ja aus dem Dorf stammen, sonst könnten Sie nicht soviel von den Leuten hier wissen, aber daß Sie zu den Dienstboten gehören, glaube ich Ihnen niemals.«

 

»Holen Sie mir den Teppichklopfer! Ich will Ihnen einmal zeigen, wie man damit umgeht – und daß ich wirklich zu arbeiten verstehe.«

 

Ihm verging die Zeit wie im Fluge, und als sie sich schließlich verabschiedete, glaubte er, daß kaum zehn Minuten seit ihrer Ankunft vergangen seien.

 

»Sie wollen schon gehen?« fragte er enttäuscht.

 

»Allerdings – und Sie werden so gut sein und hierbleiben und nicht versuchen, mir zu folgen. Ich vertraue auf Ihre Diskretion, daß Sie im Dorf nicht bei Bekannten fragen, wer ich bin und wer meine Verwandten sind. Ich möchte den Namen Smith reinhalten. Übrigens habe ich mein möglichstes getan, um die Kaufleute zu beruhigen, und ich denke, morgen werden sie Ihnen wieder alles schicken, was Sie brauchen.«

 

»Auf Wiedersehen, Jane, und herzlichen Dank!« sagte er begeistert.

 

Als Jim am nächsten Morgen herunterkam und die Tür öffnete, saß der Ladenjunge des Kolonialwarenhändlers auf den Stufen und wartete, um Aufträge entgegenzunehmen.

 

Auch Jane Smith kam wieder, aber es fiel ihm eine Veränderung auf.

 

»Sie haben geweint?« fragte er mitfühlend.

 

»Nein, ich habe nur wenig geschlafen – das ist alles.«

 

»Aber Sie haben doch geweint.«

 

»Wenn Sie das noch einmal sagen, gehe ich sofort wieder weg. Sie langweilen mich mit Ihren Wiederholungen.«

 

Er schwieg. War sie durch ihren Besuch bei ihm in Schwierigkeiten geraten? Er glaubte auf keinen Fall, daß sie ein Dienstmädchen war. Vielleicht war sie eine arme Verwandte einer der reichen Familien in der Nachbarschaft.

 

Als sie beim Mittagessen saßen, wollte die Unterhaltung kaum in Gang kommen.

 

»Wo wohnen Sie eigentlich?« fragte er sie plötzlich ganz offen.

 

»Ach, irgendwo hier in der Gegend.«

 

»Haben Sie mir überhaupt schon einmal die Wahrheit gesagt?«

 

»Ich war der ehrlichste Mensch von der Welt, bis ich –« sie brach plötzlich ab.

 

»Bis Sie –«

 

»Bis ich eben zu lügen anfing – das ist doch sehr einfach.«

 

»Ich wollte Ihnen noch sagen, daß heute morgen zwei Dienstmädchen zurückgekommen sind. Sie wollen ihre Stellung wieder antreten.«

 

»Nehmen Sie sie nicht«, entgegnete sie hastig. »Wenn Sie es tun, werde ich gehen.«

 

Aber dann kam ihr doch ihr Egoismus zum Bewußtsein.

 

»Ach, nehmen Sie sie ruhig«, fuhr sie schnell fort. »Es ist das beste, wenn Sie Ihr gewohntes Personal so bald wie möglich wiederhaben. Nur sagen Sie mir bitte genau, wann die Leute zurückkommen.«

 

Nach dem Essen half er ihr beim Geschirrspülen, dann ging er in sein Arbeitszimmer, um einige Briefe zu schreiben, während sie das Abendessen für ihn vorbereiten wollte. Die Küchentreppe mündete in einen kleinen Flur, und er war sehr erstaunt, dort eine junge Dame zu finden. Er hatte die Haustür weit offenstehen lassen und entweder nicht gehört, daß sie geklingelt hatte, oder sie hatte nicht geläutet. Sie war sehr schön, das sah er auf den ersten Blick. Auch war sie schick gekleidet. Vielleicht war sie eine Abgesandte der Damen von Sussex, die ihn aufforderten, die Gegend so bald wie möglich zu verlassen.

 

Aber sie lächelte ihn an und trat näher.

 

»Sie sind Mr. Morlake?« fragte sie und reichte ihm die Hand. »Ich habe Sie gleich nach der Fotografie erkannt. Sie kennen mich nicht?«

 

»Ich fürchte, daß ich bisher nicht die Ehre hatte …« Jim führte sie ins Wohnzimmer.

 

»Ich wollte Sie einmal besuchen, Mr. Morlake. Dieser gräßliche Streit zwischen Ihnen und meinem Bruder muß endlich aufhören.«

 

»Ihrem Bruder?« fragte er verwundert.

 

Sie lachte schelmisch.

 

»Nun sagen Sie mir nur nicht, daß Sie nichts gegen den armen Ralph im Schilde führen!«

 

»Ach, Sie sind Miss Hamon?«

 

»Ja, erraten. Ich bin direkt von Paris gekommen, nur um Sie aufzusuchen. Ralph ist sehr bekümmert wegen dieses unseligen Streites, den Sie mit ihm haben.«

 

»Ja, vermutlich«, erwiderte Jim gewandt. »Und Sie sind den weiten Weg von Paris gekommen, um unsere Zwistigkeiten beizulegen? Aber natürlich, Sie sind Lydia Hamon. Wie man doch vergeßlich sein kann! Ich habe Sie gesehen, bevor Ihr Bruder sein großes Vermögen erwarb.«

 

Lydia wollte unter keinen Umständen an diese Zeit erinnert werden und versuchte, die Unterhaltung von dem gefährlichen Thema abzulenken.

 

»Mr. Morlake, ist es denn nicht möglich, daß Sie sich mit Ralph vertragen und mit ihm zusammenarbeiten?«

 

Die Tür öffnete sich plötzlich, und Jane Smith trat herein. Sie wollte wieder nach Hause gehen und zog gerade die Handschuhe an.

 

»Ich dachte, Sie seien in Ihrem Arbeitszimmer –« begann sie, als sie die fremde Dame bemerkte.

 

Wenn die Gegenwart Lydia Hamons sie in Verwunderung setzte, so war doch der Eindruck, den sie umgekehrt auf die Besucherin machte, weit größer.

 

»Ich irre mich doch sicher nicht?« rief sie. »Da ist ja Lady Joan Carston?«

 

Kapitel 24

 

24

 

Lady Joan Carston! Jim wollte seinen Ohren nicht trauen.

 

»Aber sicherlich sind Sie im Irrtum, Miss Hamon. Diese Dame ist Miss –« Er unterbrach sich.

 

»Nein, das ist Lady Joan Carston, und es freut mich, daß Sie so gute Freunde sind. Ich glaube bestimmt, daß die Verlobte meines Bruders mir gern hilft, Sie und Ralph auszusöhnen.«

 

»Wer ist die Verlobte Ihres Bruders?« fragte Joan, erstaunt über diese Frechheit.

 

»Es ist doch allgemein bekannt, daß Sie mit ihm verlobt sind«, lächelte Lydia.

 

»Es ist weder mir noch meinem Vater bekannt, und wir beide müßten doch schließlich zuerst davon wissen!«

 

Lydia zuckte die Schultern. Sie versuchte eine Erklärung für Joans Anwesenheit in diesem Hause zu finden, und von ihrem Standpunkt aus war nur eine Erklärung möglich. Es kam ihr plötzlich der Gedanke, daß die beiden allein im Haus waren, und sie wurde formell und steif.

 

»Vermutlich ist Ihr Vater auch hier, Lady Joan?« fragte sie naiv.

 

»Mein Vater ist nicht in Creith«, entgegnete Joan, die sie durchschaute. »Auch meine Tante ist nicht hier, ebensowenig einer meiner Vettern. Außer meinem Selbstbewußtsein habe ich niemand, der mich in Wold House beschützt.«

 

Lydia zog die Augenbrauen hoch.

 

»Ich glaube nicht, daß Ralph damit einverstanden ist –« begann sie.

 

»Ach, es gibt viel, womit Ralph nicht einverstanden ist«, mischte sich Jim ein, um Joan die Antwort zu ersparen. »Aber es lohnt sich wirklich nicht, sich um Dinge zu kümmern, die Ralph betreffen. Ich glaube nicht, Miss Hamon, daß wir Lady Carston mit diesem alten Streit behelligen sollten.«

 

Er wandte sich zu Joan und reichte ihr die Hand.

 

»Ich danke Ihnen sehr für Ihre Liebenswürdigkeit.«

 

Joan war nicht im geringsten verlegen, sondern vollständig Herrin der Situation, und er wunderte sich über ihre Selbstbeherrschung.

 

»Es wäre gut, wenn Sie sich jetzt wieder um neues Personal bemühten«, erwiderte sie und zwinkerte ihm zu. »Sie richten es am besten so ein, daß die Dienstboten morgen nachmittag um zwei Uhr wieder anfangen.«

 

Jim war erleichtert, denn er verstand nun, daß Joan Carston morgen zum Frühstück kommen wollte.

 

Lydia beobachtete sie, als sie den Fahrweg hinunterging.

 

»Ist Lady Joan wirklich mit Ihnen verlobt?«

 

Jim machte ein erstauntes Gesicht.

 

»Sie hat es mir selbst gesagt – aber ich dachte, sie hätte nur einen Scherz gemacht, um mich zu ärgern.«

 

»Mit mir verlobt?« fragte er. »Hat sie das gesagt?«

 

Lydia lächelte verächtlich.

 

»Es ist also nicht wahr, obwohl man es nach ihrer Äußerung hätte annehmen können. Ist sie mit Ihnen befreundet?«

 

»O ja«, sagte Jim nachlässig, »aber nur in der Art einer holden Fee, die einem armen, kranken Mann gütig hilft.«

 

»Ach so, Sie sind der arme, kranke Mann?«

 

Sie zwang sich zu einem Lächeln, doch er sah, daß sie ihre Erregung zu unterdrücken suchte, als sie sich an den Zweck ihres Besuchs erinnerte.

 

»Im Ernst, Mr. Morlake, glauben Sie nicht, daß es endlich an der Zeit wäre, Ihre Differenzen mit Ralph aus der Welt zu schaffen?«

 

»Sie sind wohl seine Gesandte, gewissermaßen die Taube mit dem Ölzweig?« fragt er ein wenig belustigt. »Wenn es so ist, haben Sie mir doch sicher wie alle Gesandten etwas anzubieten außer den vielen Versicherungen unverbrüchlicher Freundschaft – die versteht sich ja in solchen Fällen immer von selbst.«

 

Sie ging quer durch den Raum und schloß die Tür, dann trat sie näher an ihn heran.

 

»Ralph sagte mir, daß Sie etwas von ihm verlangt hätten, das in seinem Besitz sei. Aber er hat es nicht mehr!«

 

»Hat er es vernichtet?«

 

»Er hat es nicht mehr!« wiederholte sie. »Es ist in fremden Händen.«

 

Er schaute sie ungläubig an.

 

»Wie kommt es dann, daß sich Ihr Bruder noch in Freiheit befindet?«

 

Sie wurde feuerrot.

 

»Ich weiß nicht, was Sie damit sagen wollen.«

 

»Er müßte in diesem Falle hinter Schloß und Riegel sitzen«, erwiderte Jim ruhig. »Wenn das Dokument – ich nehme an, daß Sie auf das Schriftstück anspielen – in fremde Hände gefallen ist, dann sieht Ihr Bruder seiner Verurteilung entgegen, es sei denn, daß der Finder ein Erpresser ist.« Er erkannte aus allem, daß sie nicht wußte, welcher Art das verschwundene Dokument war. »Was soll ich denn tun?« fragte er.

 

»Ralph bat mich, Ihnen zu sagen, daß es keine Streitigkeiten zwischen Ihnen beiden gebe, die nicht zu beseitigen seien!«

 

»Mit anderen Worten: Ihr Bruder möchte, daß ich zu seinen Gunsten aussage, wenn das Dokument bei Gericht vorgelegt werden sollte.«

 

»Ich weiß nicht, ob er das wünscht – aber es ist möglich. Er hat mir nicht mehr gesagt, als was ich Ihnen bereits erzählte, nämlich, daß das Schriftstück nicht mehr in seiner Hand ist und daß er Sie um Ihre Freundschaft bittet.«

 

Jim trat zum Fenster und schaute hinaus. Er versuchte das Rätsel zu lösen, das sie ihm aufgegeben hatte. Aber während seiner Überlegung erinnerte er sich immer wieder der erstaunlichen Tatsache, daß Jane Smith eigentlich Joan Carston hieß und die Tochter von Lord Creith war, eine Dame, der er sich nach seiner Meinung niemals hätte nähern können.

 

»Ich sehe wirklich nicht, was ich tun kann«, meinte er schließlich und wandte sich wieder Lydia zu. »Der Streit, der zwischen Ihrem Bruder und mir besteht, kann beigelegt werden, wenn er alles wieder gutmacht. Das können Sie ihm ausrichten.«

 

»Das heißt also Kampf bis aufs Messer«, entgegnete sie ein wenig theatralisch.

 

»Ja, ich fürchte, daß es Krieg bedeutet.«

 

Sie biß sich auf die Lippen und dachte schnell nach.

 

Es war vielleicht besser, Morlake gegenüber eine andere Tonart anzuschlagen.

 

»Wissen Sie auch, was das für mich als seine Schwester bedeutet?« fragte sie mit etwas unsicherer Stimme. »Wissen Sie, daß mich in schlaflosen Nächten böse Gedanken quälen und ich immer in Angst leben muß, was der morgige Tag über mich bringt?«

 

»Es tut mir leid, daß ich darüber nicht informiert bin. Offen gesagt, Miss Hamon, habe ich kein Mitgefühl. Wenn Sie tatsächlich so bedrückt sind und sich soviel Sorgen und Gedanken machen, so ist das bedauerlich. Sie können Ihrem Bruder die Nachricht bringen, daß ich diese Sache zu Ende führen werde. Ich habe aus allem die Konsequenzen gezogen, die gefährlicher und schrecklicher sind, als Sie sich vorstellen können, und ich bleibe dabei, bis meine Mission vollendet ist.«

 

»Ein Einbrecher mit einer Mission!« höhnte sie.

 

»Das mag allerdings in gewisser Weise belustigend sein«, meinte er gut gelaunt. Er war nun über ihren Charakter aufgeklärt. Diese Frau war keine Schauspielerin. Sie konnte nicht einmal konsequent ihre Rollen durchführen und noch weniger den Ärger über ihren Mißerfolg verbergen.

 

»Sie hatten noch eine Chance, Morlake«, sagte sie in aufsteigendem Groll. »Ich weiß zwar nicht, worum es sich bei dem Streit zwischen Ihnen und Ralph handelt. Aber er ist zu klug für Sie, und früher oder später einmal werden Sie das zugeben müssen. Und wenn Ralph ein Verbrecher ist – sind Sie denn etwas anderes? Gibt es denn nicht genug Arbeit in der Welt für Sie beide, ohne daß Sie sich ins Gehege kommen müssen?«

 

»Das haben Sie wie eine Dame von Welt gesagt«, entgegnete Jim Morlake, als er sie zur Tür führte.

 

Kapitel 25

 

25

 

In einer Woche hatte sich Ralph Hamons Aussehen stark verändert. Zeitweise erschien er seiner Schwester wie ein alter Mann. Er war grau geworden, und neue Falten zeigten sich in seinem düsteren Gesicht. Auch ging er gebückter. Lydia, die in ihrer Weise klug war; versuchte nicht, zu tief in die Ursachen seines Kummers einzudringen. Zu ihrem Erstaunen bekam er keinen Wutanfall, als sie ihm das Resultat ihrer Unterredung mit Morlake berichtete, sondern nahm alles mit der größten Ruhe auf. Selbst ihre Bemerkung über die Anwesenheit Joan Carstens in Wold House regte ihn nicht auf.

 

Am Tage nach ihrer Unterredung mit Jim ließ sie ihr Gepäck zum Bahnhof bringen. Die Fahrkarte war schon in ihrer Handtasche. Dann ging sie zum Büro ihres Bruders.

 

»Heute nachmittag fahre ich nach Paris zurück«, sagte sie gleichgültig. »Ich möchte ein wenig Geld haben.«

 

Er schaute von seiner Arbeit auf.

 

»Wer hat dir denn gesagt, daß du nach Paris gehen sollst?«

 

Sie tat sehr erstaunt, aber das machte nicht den geringsten Eindruck auf ihn.

 

»Du bleibst bis auf weiteres hier. Es ist möglich, daß wir von hier fort müssen, vielleicht schon sehr bald.«

 

»Was ist denn los?« fragte sie ängstlich. »Steht die Sache wirklich so schlimm?«

 

»So schlimm wie nur irgend möglich, wenigstens im Augenblick. Sieh einmal, Lydia«, fuhr er in liebenswürdigem, freundlichem Ton fort, »ich möchte nicht, daß du mich in diesem Augenblick allein läßt. Du mußt bei mir bleiben. Und außerdem habe ich Sadi versprochen, dich nach Tanger mitzunehmen.«

 

Sie erwiderte nichts, setzte sich ihm gegenüber, stemmte die Ellbogen auf den Tisch und sah ihn scharf an.

 

»Hast du Sadi nicht noch mehr versprochen?«

 

Er vermied es, ihr in die Augen zu sehen.

 

»Vor fünf oder sechs Jahren warst du sehr darauf aus, daß ich in Tanger wohnen sollte. Was hast du Sadi versprochen?«

 

»Nichts Bestimmtes. Du mochtest ihn doch früher ganz gern.«

 

»Ja, damals interessierte er mich natürlich. Jedes junge Mädchen würde sich für einen gutaussehenden Araber interessieren. Aber nach deinen letzten Erzählungen ist er mir nicht mehr hübsch genug, und außerdem habe ich mir jetzt eine gesellschaftliche Stellung erobert.«

 

»Ich brauche Sadi, er ist äußerst nützlich für mich. Er gehört zu einer der ersten maurischen Familien – er ist Christ – wenigstens glaubt man es von ihm – und er ist reich.«

 

Sie lächelte verächtlich.

 

»Er ist so reich, daß er von dir eine vierteljährliche Unterstützung annimmt! Nein, Ralph, du kannst mich nicht hinters Licht führen. Ich weiß über Sadi Bescheid. Er ist ein verteufelt hinterlistiger Maure, und wenn du etwa glaubst, daß ich die Rolle der Desdemona spielen soll, dann täuschest du dich. Ich habe Othello nie leiden mögen. Sadi ist ganz interessant, das gebe ich zu, und er mag in Tanger auch eine bedeutende Persönlichkeit, er mag sogar ein Christ sein, obwohl ich das stark bezweifle. Aber ich will nicht Nummer dreiundzwanzig bei ihm sein und meine Tage in einem stickigen Harem beenden, selbst wenn ich die kostbarste Perle und die Hausfrau des Scherifs Sadi Hafis werden sollte …«

 

»Sadi hat dich sehr gern, und solche Heiraten gehen oft sehr glücklich aus. Die Regierung gibt viel auf ihn – er besitzt den größten Einfluß und hat die ganze Brust voller Orden.«

 

»Und wenn er geschmückt wäre wie ein Christbaum, er würde mir doch nicht passen«, erklärte sie entschieden. »Wir wollen diese Sache als beendet ansehen.«

 

Sie war erstaunt, daß er ihre offene Sprache ohne Widerspruch hinnahm.

 

»Du kannst es halten, wie du willst. Aber auf jeden Fall mußt du in London bleiben, Lydia, bis ich meine anderen Angelegenheiten geregelt habe.«

 

Nachdem sie gegangen war, gab er sich Mühe zu arbeiten, aber er hatte keinen Erfolg. Von Zeit zu Zeit sah er auf die Uhr, als ob er noch Besuch erwarte. Am Morgen war ein Telegramm aus Tanger angekommen. Er zog es mehrmals aus der Tasche und las es immer wieder durch. Daß Sadi kein Geld hatte, war nichts Neues für ihn, aber diese letzte Forderung interessierte ihn im Hinblick auf weiterhin mögliche Entwicklungen.

 

Später klingelte er nach seinem Sekretär.

 

»Nehmen Sie den Scheck mit zur Bank und bringen Sie das Geld in Fünfpfundnoten.«

 

Der wohlerzogene Mann stutzte nicht, als er die Zahlen las. Er war gewohnt, mit großen Summen umzugehen, aber nur in seltenen Fällen hatte Mr. Hamon sich einen so großen Betrag auszahlen lassen.

 

Nach einer halben Stunde kam der Sekretär mit drei dicken Paketen Banknoten zurück. Hamon gab sich nicht einmal die Mühe, sie zu zählen. »Ich erwarte Mr. Marborne«, sagte er, als er das Geld in seine Schreibtischschublade legte. »Lassen Sie ihn sofort herein, wenn er kommt.«

 

Marborne sollte um halb drei kommen, aber es war schon fast drei, als er in das Büro schwankte. Sein Aussehen hatte sich merkwürdig verändert. Er war in einer Weise gekleidet, die er für die modernste und feinste hielt: Er trug eine rotseidene Krawatte und einen grauen Zylinder. Nachlässig nahm er eine große Zigarre aus dem Mund und nickte dem Mann hinter dem Schreibtisch zu.

 

»Guten Morgen. Tut mir leid, daß ich ein bißchen zu spät komme, aber ich mußte einige Besuche machen.«

 

Er hatte getrunken; Hamon merkte es sofort.

 

»Na, haben Sie das Geld für mich, Alter?«

 

Ohne ein Wort zu verlieren, zog Hamon die Schublade auf und legte das Geld auf den Tisch.

 

»Danke«, sagte Marborne äußerst höflich. »Nun, wie fühlt man sich, wenn man einen Gefolgsmann hat?«

 

Hamon stützte die Ellbogen auf den Tisch und starrte den Erpresser an.

 

»Marborne, ich will Sie ja nach Kräften finanzieren, aber Sie müssen auch Ihr Versprechen halten.«

 

»Ich erinnere mich nicht, Ihnen irgendein Versprechen gegeben zu haben«, erwiderte der Inspektor kühl. »Ich sagte Ihnen doch, daß Ihr Geheimnis bei mir sicher aufgehoben ist. Sie werden in Zukunft nicht mehr an kleinen Ausgaben herumnörgeln, die ich für Sie gemacht habe, was?« fragte er vergnügt. »Ich muß jetzt die Stellung, die ich einnehme, aufrechterhalten. Und um Ihretwillen bin ich aus der Polizei ohne Pension entlassen worden. Ebenso Slone. Sie hätten uns ruhig verhungern lassen, wenn ich nicht zum Glück etwas neugierig gewesen wäre.«

 

»Wo haben Sie denn das – das Schriftstück gelassen? Wenn es nun einem anderen in die Hände fällt?«

 

Marborne lachte.

 

»Denken Sie denn, ich wäre so verrückt, eine gute Existenz so einfach aufs Spiel zu setzen?« fragte er verächtlich.

 

Unbewußt drückte er die Hand an die linke Seite. Es war eine unfreiwillige Bewegung, aber sie entging dem aufmerksamen Hamon nicht.

 

»Ich habe es in einem Geldschrank verwahrt«, sagte Marborne laut. »Er ist diebes- und feuersicher, und nur ich allein habe den Schlüssel – verstehen Sie?«

 

»Ja, ich verstehe«, erwiderte Hamon und war beinahe liebenswürdig, als er die Tür öffnete, um seinen Besucher hinauszulassen.

 

Er ging zu seinem Schreibtisch zurück, nahm ein Telegrammformular heraus und schrieb ohne Zögern eine Nachricht an ›Colport, Hotel Cecil, Tanger‹. Es gab nur eine Lösung, sich von der Tyrannei dieses Marborne zu befreien – der Mann mußte den Weg des unbekannten Matrosen gehen, den ein Radfahrer in der Portsmouth Road sterbend aufgefunden hatte.

 

Kapitel 26

 

26

 

In Creith tauchten zwei fremde Herren auf. Joan hatte sie schon gesehen, bevor ihr durch das Gerede im Ort bekannt wurde, daß es zwei junge Kaufleute seien, die ihre Ferien auf dem Lande zubrächten. Es waren zwei blühend aussehende Leute, die viel überflüssige Zeit hatten und sich anscheinend langweilten.

 

Als sie um halb zehn nach Wold House kam, um das Frühstück zu bereiten, erwähnte sie diese Entdeckung.

 

Jim Morlake nickte.

 

»Das sind Sergeant Finnigan und Detektiv Spooner vom Yard. Ich sah, wie sie am Abend nach meiner Rückkehr mit dem letzten Zug ankamen. Sie wurden in einem Polizeiauto von der Station hergebracht.«

 

Sie war betroffen, aber er lachte.

 

»Sie bilden sich doch nicht etwa ein, daß die Polizei mich jetzt nicht mehr beachtet? Welling hat sie geschickt, um meine Gewohnheiten zu studieren. Sie bleiben wenigstens eine Woche hier – ich dachte schon daran, sie einmal zum Abendessen einzuladen. Die Beköstigung im Roten Löwen wird ihnen nicht sehr zusagen.« Er zögerte einen Moment, bevor er weitersprach. »Warum haben Sie eigentlich Lydia Hamon gesagt –«

 

Er machte eine Pause, und auch sie hielt in ihrer Beschäftigung inne und sah, mit der Pfanne in der Hand, fragend zu ihm auf.

 

»Was soll ich ihr denn gesagt haben?«

 

»O nichts … ich vermute, Sie wollten sie nur ärgern – wenigstens nimmt sie das an.«

 

Er war verwirrt, und je mehr er versuchte, seiner Verlegenheit Herr zu werden, um so ungeschickter benahm er sich.

 

»Sie meinen, daß ich ihr erzählte, wir seien miteinander verlobt?« fragte sie ruhig. »Ja, das habe ich getan. Ich wollte sie einschüchtern, und Ihr Name war der erste, der mir einfiel. Es ist Ihnen doch nicht unangenehm?«

 

»Unangenehm …? Nein, das möchte ich nicht behaupten!«

 

»Ich hoffte, daß es Ihnen nichts ausmachen würde. Nachdem ich gestern weggegangen war, fiel mir ein, daß ich mein schreckliches Geheimnis Lydia Hamon anvertraut hatte, und ich machte mir selbst die größten Vorwürfe.«

 

Geschickt schwenkte sie die Eier auf eine Schüssel.

 

»Ich fürchtete schon, daß ich Sie hoffnungslos kompromittiert hätte … Sie sind doch sicher verheiratet?«

 

»Nein, ich bin nicht verheiratet«, sagte er heftig, »und ich war auch nie verheiratet.«

 

»Die meisten gutaussehenden Menschen sind verheiratet«, erwiderte sie so gleichmütig, daß er mutlos wurde. »Und meiner Meinung nach sehen Sie gut aus – ja, das ist meine Ansicht. Aber kommen Sie doch nicht mit Ihren Ellbogen mitten in die Schüssel mit den Spiegeleiern!«

 

Er haßte die Eier in diesem Augenblick.

 

»Es tut mir leid, daß Sie Lady Joan sind – ich hatte Jane gern … natürlich liebe ich auch Joan sehr.«

 

»Schön, wenn Sie mich Joan nennen wollen, steht dem nichts im Wege. Aber nun zu unserer Verlobung. Haben Sie etwas dagegen, wenn ich sie noch für die nächste Woche bestehen lasse? Mr. Hamon hat gewisse Absichten, die mich und meine Zukunft betreffen.«

 

Sie erzählte ihm offen, welche besonderen Interessen Hamon in Creith hatte, und er pfiff vor sich hin.

 

»Sie sehen, daß unser Adelstitel eigentlich nur noch einer hohlen Fassade gleicht. Der wirkliche Herr von Creith ist Hamon. Und ich bin eigentlich nichts Besseres als sein Stubenmädchen. Er will mich heiraten, genau wie in all den Romanen und Geschichten, wo der schlechte Kerl die Tochter des ruinierten Lords heiraten will. Um den Roman noch vollkommener zu machen, müßte ich mich eigentlich in einen armen, aber sehr ehrlichen Farmer verlieben, der in Wirklichkeit der Erbe des Landsitzes ist.«

 

Er konnte keinen Blick von ihr wenden, während er ihr zuhörte. Es war aber nicht ihre Schönheit, die ihn gefangennahm, auch nicht ihr atemraubendes Selbstbewußtsein und der Humor hinter all ihrer Ironie – vielleicht ein bißchen von allem, und doch war es etwas anderes. Er erinnerte sich, daß sie einmal geweint hatte. Die harte, praktische Seite ihres Charakters und die Gesprächigkeit zeigten eigentlich nicht die richtige Joan Carston. Sie gab ihm manches Rätsel auf und erschreckte ihn auch.

 

»Starren Sie mich doch nicht so an – das tut man nicht. Ich möchte Sie noch etwas fragen. Gestern abend borgte ich ein Nachtfernglas von Stephens. Von meinem Fenster aus kann ich Wold House sehen – nachts kommt immer ein gelber Schein von dorther, den ich mir bisher nicht erklären konnte. Mit dem Fernglas habe ich nun aber festgestellt, daß es das Bibliotheksfenster ist. Und ich sah, wie Ihr Schatten immer wieder an dem weißen Vorhang vorüberkam. Warum haben Sie weiße Vorhänge, James? Sie gingen immer noch auf und ab, als ich mich um ein Uhr schlafen legte. Ich habe Sie eine Stunde lang beobachtet … aber warum lachen Sie denn?«

 

»Finnigan und Spooner haben noch länger aufgepaßt und vermutlich einen großen Bericht über meine Ruhelosigkeit abgeschickt.«

 

»Woher wußten Sie denn, daß die beiden Sie beobachteten?«

 

»Nach Einbruch der Dunkelheit zog ich feine schwarze Drähte über den Rasen – sie waren heute früh alle zerrissen, ebenso die Baumwollschnur, die ich um die Türpfosten gebunden hatte. Natürlich hatte ich das Tor unverschlossen gelassen. Auf den Weg unter meinem Fenster legte ich einige braune, mit Vogelleim bestrichene Papierblättchen, die ich heute morgen auf der Hauptstraße fand.«

 

Nach dem Frühstück wuschen sie wieder miteinander das Geschirr ab.

 

»Sie haben sich aber böse verbrannt«, sagte er plötzlich.

 

Er hatte vorher noch nie die herzförmige Narbe auf ihrem Handrücken bemerkt.

 

Zu seinem größten Erstaunen wurde sie rot.

 

»Die Narbe zeigt sich nur manchmal«, erwiderte sie kurz.

 

Bald darauf ging sie fort.

 

Am Nachmittag kam der Butler sehr kleinlaut zurück. Er entschuldigte sich, aber Jim schnitt ihm das Wort ab.

 

»Sie können Ihre Stelle wieder antreten und auch die anderen Dienstboten engagieren, die wiederkommen wollen. Aber ich habe jetzt eine neue Hausordnung eingeführt. Um zehn Uhr müssen alle Leute zu Bett sein, und unter keinen Umständen darf mich jemand in der Bibliothek stören, wenn ich an der Arbeit bin!«

 

Er ging in sein Schlafzimmer hinauf, verschloß die Tür, legte die eine Ecke des Teppichs zurück und nahm aus einer gutgesicherten Öffnung im Fußboden einen flachen Kasten heraus, der die Lederrolle mit den Werkzeugen, eine Pistole und die unvermeidliche schwarze Maske enthielt. Er brachte alle Gegenstände in sein Studierzimmer und legte sie in eine Schublade des Schreibtisches.

 

Obgleich er von Detektiven bewacht wurde, obgleich die Gefahr lebenslänglicher Zuchthausstrafe wie ein Damoklesschwert über ihm schwebte, mußte der Schwarze wieder an seine Arbeit gehen. Die Stimme des Toten flüsterte drängend und unaufhörlich, und Jim Morlake zögerte nicht, ihr zu gehorchen.

 

Kapitel 27

 

27

 

Jim füllte den Benzinbehälter seines Wagens, steckte einige Konservenbüchsen, unter den Führersitz und fuhr in das Dorf. Er hielt zuerst bei der Post an und schickte ein Telegramm an Binger. Dann machte er vor der Werkstatt des Schmieds und Mechanikers halt, der nur die allerprimitivsten Reparaturen erledigen konnte. Jim wußte das genau.

 

»Es wäre besser, wenn Sie Ihren Wagen nach Horsham brächten, Mr. Morlake«, sagte der Mann. »Ich kenne diesen teuren Wagen nicht gut genug, um die Arbeit ausführen zu können, die Sie haben wollen.«

 

Einer der Detektive sah Jim fortfahren und ging natürlich gleich zu dem Schmied, um zu fragen, was los sei.

 

»Sein Steuerrad ist nicht in Ordnung. Er hat es selbst notdürftig repariert, aber ich sagte ihm, daß es gefährlich sei, so zu fahren. Nun hat, er den Wagen nach Horsham zur Reparatur gebracht.«

 

Hochbefriedigt ging Spooner zu seinem Vorgesetzten zurück und berichtete ihm, was er erfahren hatte.

 

Als die Dunkelheit hereinbrach, kehrte Jim in dem kleinen Autobus zurück, der dreimal am Tage die Verbindung zwischen Creith und Horsham herstellte. Auch diese Tatsache beobachtete Spooner genau.

 

»Ich weiß überhaupt nicht, zu welchem Zweck wir ihn hier überwachen sollen«, meinte Sergeant Finnigan. »Es ist doch unwahrscheinlich, daß er in der nächsten Zeit etwas unternimmt. Der letzte Prozeß hat ihm sicher einen heilsamen Schrecken eingejagt.«

 

»Ich wünschte nur, daß er die Angewohnheit hätte, früh zu Bett zu gehen«, brummte Spooner.

 

»Vielleicht läßt ihn das schlechte Gewissen nicht ruhen.«

 

Kurz nach Jims Rückkehr fand sich auch Binger mit einer kleinen Reisetasche ein, die alles enthielt, was notwendig war, um sich vollständig zu verkleiden.

 

»Ich habe eine Aufgabe, die Ihnen willkommen sein wird«, sagte Jim. »Sie müssen sich jeden Abend hier in einen Stuhl setzen und fünf oder sechs Stunden nichts tun. Sie können ja am Tag schlafen, und ich zweifle nicht im mindesten, daß Sie auch noch einige kleine Nickerchen einlegen, wenn Sie hier Ihre Pflicht tun.«

 

»Sie haben es doch hoffentlich aufgegeben?« fragte Binger besorgt. »Was sollte ich aufgegeben haben?«

 

»Das Einbrechen!« Plötzlich sah Binger einen Gegenstand auf dem Schreibtisch. »Lieben Sie neuerdings Musik?«

 

Jim schaute nach dem großen Plattenspieler hinüber, den er vor einigen Tagen angeschafft hatte.

 

»Ja, ich interessiere mich in letzter Zeit sehr für Jazzmusik. Aber hören Sie, Binger, Sie müssen meine Anordnungen auf das genaueste ausführen. Heute abend um zehn beziehen Sie Ihren Wachtposten vor meiner Tür. Sie können sich den bequemsten Stuhl im Haus aussuchen, und ich bin auch nicht böse, wenn Sie einschlafen. Aber niemand darf in dieses Zimmer kommen – verstehen Sie mich? Und unter gar keinen Umständen darf man mich stören. Wenn also die Detektive erscheinen sollten –«

 

»Sie meinen doch nicht etwa wirkliche Detektive?« fragte Binger entsetzt.

 

»Hier in Creith sind augenblicklich zwei, aber ich glaube nicht, daß Sie von ihnen belästigt werden. Sollten sie aber wirklich kommen und vorn an die Tür klopfen oder nach zehn etwas unternehmen, dann dürfen Sie die Leute auf keinen Fall einlassen, es sei denn, daß sie eine Vollmacht von einer Behörde vorweisen. Haben Sie alles verstanden?«

 

»Jawohl, Sir. Soll ich Ihnen später noch etwas Kaffee bringen?«

 

»Nein, Sie sollen mir gar nichts bringen. Wenn Sie versuchen, hereinzukommen oder mich irgendwie zu stören, sind Sie entlassen.«

 

Um halb zehn abends ging Jim auf dem Gelände umher und auch zum Haupttor. Die Straße lag verlassen da, aber im Schatten der Hecke sah er einen kleinen roten Punkt, der regelmäßig aufglühte und wieder schwächer wurde. Es war die Zigarre eines Detektivs. Jim lachte in sich hinein.

 

Als er in sein Arbeitszimmer zurückkam, fand er Binger davor, der auf einem bequemen Stuhl saß.

 

»Gute Nacht!« sagte Jim und verschloß die Tür.

 

Obgleich das Haus an das elektrische Stromnetz angeschlossen war, brannte auf dem Tisch eine Petroleumlampe, die ein äußerst helles Licht ausstrahlte. Er entfernte den Schirm, so daß die Helligkeit der Flamme blendete.

 

Dann hob er den Plattenspieler auf den Tisch, der in der Mitte des Raums stand, schaltete ihn ein und stellte auf das langsamste Tempo ein. Er schraubte einen langen Stab an den Plattenteller und befestigte daran eine Figur aus dünnem Karton. Es war der Schattenriß eines Mannes, der die Hände auf dem Rücken gekreuzt hatte. Dann nahm er die Lampe vom Schreibtisch, stellte sie in die Mitte des Plattentellers und ließ den Apparat laufen. Die Platte mit der Lampe und der Pappfigur drehte sich nur langsam, und der Schatten der Silhouette huschte über den Fenstervorhang.

 

»Er rennt schon wieder in seinem Zimmer herum«, sagte Spooner ärgerlich, als er von draußen den Schatten am Fenster vorübergleiten sah. »Wie lange wird er diesen Unsinn noch fortsetzen?«

 

Offenbar nicht mehr lange, denn Jim hielt den Apparat an, ging in sein Zimmer und zog die alten schwarzen Kleider an. Dann schlüpfte er in einen Mantel, der fast bis zu den Füßen reichte, setzte einen weichen schwarzen Hut auf und steckte das Werkzeug und eine starke Taschenlampe ein. Es war nun halb elf. Tiefes Schweigen herrschte im ganzen Haus, als er noch einmal ins Arbeitszimmer zurückkehrte und Binger durch die Tür ansprach.

 

»Sind Sie auf Ihrem Posten?«

 

»Jawohl.«

 

»Also denken Sie daran, daß ich unter keinen Umständen gestört werden möchte.«

 

»Jawohl.«

 

Jim hörte an Bingers Stimme, daß der Mann schon halb eingeschlafen war.

 

Wieder stellte er den Plattenspieler an und ging dann in sein Schlafzimmer. Durch das Fenster an der Hinterseite des Hauses trat er auf einen kleinen Balkon.

 

Kurze Zeit später stand er unten im Park und schlich sich fort. Im Schatten des Gebüsches eilte er zu der kleinen Brücke, die zum Creithschen Ufer hinüberführte. Nach einem Weg von zehn Minuten kam er an einen abseits liegenden Schuppen, in dem er seinen Wagen untergestellt hatte … »Jetzt geht’s wieder los«, sagte Spooner zu dem Sergeanten. »Sehen Sie, da ist er!« Er deutete auf den Schatten, der an den weißen Gardinen vorüberglitt.

 

Finnigan gähnte. »Dann können wir die ganze Nacht hier sitzen.«

 

*

 

Jim fuhr durch den feinen Regen über Haymarket. Er bog in die Wardour Street ein und parkte den Wagen in einer langen Reihe von Autos, die Theaterbesuchern gehören mochten. Dann ging er zur Shaftesbury Avenue und rief ein Mietauto an. Als das Taxi gerade an den Gehsteig heranfuhr, öffnete sich die Tür einer Bar, und ein Mann taumelte heraus.

 

Er fiel direkt gegen Jim, der ihn am Arm packte und wieder aufrichtete.

 

»– ’schuldigen Sie«, sagte der Betrunkene, »hatte eine kleine Auseinandersetzung … ’ne abstrakte Frage über Metaphysik …« Er konnte kaum sprechen.

 

Jim betrachtete ihn genauer. Es war der junge Mann, der damals in der Gewitternacht zu ihm gekommen war.

 

»Hallo, mein Freund, Sie haben aber noch einen weiten Weg nach Hause.« Dann besann er sich, daß er ja eigentlich nicht erkannt werden wollte. Der Betrunkene war jedoch dazu gar nicht in der Lage.

 

Das Mietauto wartete, und als Jim sah, daß sich schon Menschen um sie ansammelten, zog er den Mann schnell in das Innere des Wagens.

 

»Fahren Sie nach Long Acre!« befahl er.

 

In dem ruhigsten Teil der Straße ließ er halten und führte seinen Begleiter auf den Gehsteig.

 

»Nun gebe ich Ihnen den guten Rat, nach Hause zu gehen.«

 

»Nach Hause?« sagte der andere bitter. »Hab kein Zuhause! Keine Freunde – kein Mädel!«

 

»Vielleicht ist das ganz gut – für das Mädel«, erwiderte Jim ungeduldig, denn die Zeit drängte.

 

»So – meinen Sie? Ich nicht … ich möchte sie bloß noch mal erwischen, nachdem sie mich so schlecht behandelt hat – die bringe ich um – sicher, die bringe ich um!«

 

Sein blasses Gesicht war von Wut verzerrt, und plötzlich brach er hilflos in Tränen aus.

 

»Sie hat mein Leben ruiniert!« schluchzte er. »Und ich kenne sie nicht einmal … kenne nur ihren Vornamen und weiß nur, daß ihr Vater Lord ist … sie hat eine kleine Narbe auf der Hand –«

 

»Wie heißt denn die junge Dame – die ihr Leben ruiniert hat?« fragte Jim heiser.

 

»Joan – sie hat mich ins Unglück gebracht – wenn ich sie finde, ist es zu Ende mit ihr!«

 

Kapitel 28

 

28

 

Marborne spielte in letzter Zeit den großen Herrn und besuchte die teuersten Lokale. Als er eines Abends nach einem üppigen Mahl etwas bezecht nach Hause kam, wurde er plötzlich wieder nüchtern. Er hatte das Licht im Schlafzimmer angedreht und sah mit starrem Blick zu dem Geldschrank hinüber, den er sich angeschafft hatte. Die Tür hing nur noch an einem Gelenk, und der Schrank selbst war leer …

 

Nachdem er sich von seinem Schrecken etwas erholt hatte, durchsuchte er in aller Eile den Raum. Es war ihm sofort klar, wie der Dieb hereingekommen war. Er mußte auf der Feuerleiter nach oben gestiegen und durch das Fenster des Schlafzimmers eingedrungen sein.

 

Marborne stürzte hinunter und riß die Haustür auf. Auf dem Gehsteig stand Captain Welling, er hatte die Hände auf den Rücken gelegt und schaute unentwegt zu den erleuchteten Fenstern der Wohnung hinauf.

 

»Kommen Sie mit!« schrie Marborne erregt.

 

»Ist etwas nicht in Ordnung?« fragte der Beamte, als er näher trat. »Es ist doch merkwürdig, daß ich gerade in diesem Augenblick hier sein muß.«

 

»Ich bin bestohlen worden – ausgeplündert!« rief Marborne. »Man hat meinen Geldschrank erbrochen …«

 

Er stieg die Treppe wieder hinauf und redete zusammenhangloses Zeug.

 

Welling untersuchte den Safe.

 

»Der Mann hat gründliche Arbeit geleistet. Am besten rühren Sie den Schrank bis morgen nicht an. Ich will ihn fotografieren lassen, um eventuell Fingerabdrücke zu entdecken.«

 

Er ging zum Fenster und stieg auf der Feuerleiter hinunter.

 

»Oh, was ist dies?« fragte er und nahm einen Gegenstand auf, der auf dem eisernen Podest zu seinen Füßen lag. »Ein Baumwollhandschuh! Dann hat es auch keinen Zweck, nach Fingerabdrücken zu suchen.« Er stieg wieder hinauf und betrachtete den Handschuh genauer unter der elektrischen Lampe.

 

»Daran kann man gar nichts sehen, selbst wenn man sich größte Mühe gäbe. Ich fürchte, der Mann ist gut davongekommen. Wieviel Geld haben Sie verloren?«

 

»Zwischen zwei- und dreitausend Pfund!« schluchzte Marborne.

 

»Sonst noch etwas?« Welling sah ihn scharf an.

 

»Was hätte ich denn sonst noch verlieren sollen?« fragte Marborne plötzlich rauh. »Ist es denn nicht genug, wenn einem zweitausend Pfund gestohlen werden?«

 

»Hatten Sie nicht noch Bücher oder Dokumente in Ihrem Schrank?«

 

»Nein, nicht im Schrank«, erwiderte Marborne schnell. »Auch sonst nirgends.«

 

»Es sieht so aus, als ob es der Schwarze gewesen ist«, meinte Welling fast belustigt und ging wieder zum Safe. »Ich wüßte gar nicht, wer es sonst so gut hätte machen können. Haben Sie Telefon?«

 

»Im Wohnzimmer.«

 

Welling telefonierte lange mit dem Yard und ging dann in das Schlafzimmer zurück, um nach Anhaltspunkten zu suchen. Er wußte aber schon im voraus, daß seine Arbeit ohne Erfolg sein würde.

 

Der Dieb war offenbar nicht mit dem Geld zufrieden gewesen, das er im Safe gefunden hatte, denn alle anderen Schubladen waren durchwühlt, und ihr Inhalt war auf dem Boden verstreut. Das Büfett war aufgebrochen, ein Koffer unter dem Bett mit Gewalt geöffnet, das Bett selbst vollständig abgedeckt. Sogar die Matratzen hatte der Dieb aufgehoben.

 

»Ihr Freund hat etwas gesucht – was mag das nur gewesen sein?«

 

»Zum Teufel, wie soll ich das wissen?« rief Marborne wild. »Auf jeden Fall hat er es nicht bekommen.«

 

»Ich weiß nicht, wie Sie das sagen können, wenn Sie überhaupt keine Ahnung haben, was er gesucht hat«, entgegnete der Beamte.

 

Das Telefon läutete, und das Fernamt meldete sich, denn Welling hatte ein Gespräch nach Creith bestellt.

 

»Captain Welling am Apparat. Sind Sie dort, Finnigan?«

 

»Ja.«

 

»Wo ist Ihr Mann?«

 

»In seinem Haus. Vor fünf Minuten war er noch dort.«

 

»Sind Sie dessen sicher?«

 

»Absolut. Ich habe ihn zwar nicht persönlich, aber seinen Schatten am Fenster gesehen. Es stimmt, daß er hier ist. Außerdem hat er gar kein Auto, denn er mußte es heute nach Horsham zur Reparatur schicken.«

 

»So? Zur Reparatur?« fragte Welling höflich. »Dann ist alles in Ordnung.«

 

Er legte den Hörer wieder auf und ging zu Marborne zurück, der verstört den zertrümmerten Geldschrank betrachtete.

 

»Es wäre ganz gut, wenn Sie die Sache Ihrem Polizeirevier meldeten und bäten, daß ein Mann von dort herkommt«, sagte sein früherer Vorgesetzter. »Ich glaube ja nicht, daß sie Ihnen helfen können. Es ist aber auch zu schlimm, daß Sie soviel Geld verloren haben. Banken sind doch sicherer.«

 

Marborne erwiderte nichts darauf.

 

Kapitel 20

 

20

 

Ralph Hamon betrieb mancherlei Geschäfte und war an vielen Projekten beteiligt. Das hohe Bürogebäude mit der schmalen Front, in dem seine Unternehmungen untergebracht waren, hieß das Marokko-Haus, denn die Interessen Mr. Hamons hatten hauptsächlich mit diesem Land zu tun.

 

Aufgeregt ging er durch die Räume. Er war nicht im Gericht gewesen; er hielt es für besser, sich dort nicht sehen zu lassen. Dagegen hatte er den Ausgang des Prozesses im Klub erwartet. Das ›Nicht schuldig‹ hatte seine Wut zur Weißglut gebracht.

 

Marborne hatte ihm allerdings schon vorher mitgeteilt, daß der Prozeß nicht nach Wunsch gehe und man mit Überraschungen rechnen müsse. Aber Hamons Meinung nach stand eine Verurteilung außer allem Zweifel, und er war seiner Sache so sicher, daß er an einen Freispruch Morlakes überhaupt nicht gedacht hatte. Und nun sah er sich plötzlich dieser schrecklichen Tatsache gegenüber. – Jim Morlake war frei, der alte Kampf begann von neuem. Solange Morlake auf freiem Fuß war, blieb Hamon bedroht.

 

Mr. Hamons Privatbüro ähnelte in gewisser Weise einem Boudoir. Dicke Teppiche bedeckten den Boden, bequeme, gepolsterte Möbel standen umher, und ein schwacher Duft von Weihrauch und Zedern schwebte in der Luft. Er schob den Stoß Briefe, den ihm ein Sekretär brachte, beiseite und schickte den Mann mit einem Fluch fort.

 

»Es sind drei Telegramme von Sadi angekommen«, sagte der Angestellte und blieb in der Tür stehen.

 

»Bringen Sie sie sofort her«, brummte Hamon. Er entzifferte sie mit Hilfe eines Notizbuches, das er aus der Tasche zog. Offensichtlich wurde seine Stimmung dadurch nicht besser, denn er saß zusammengekauert und hatte die Hände tief in die Hosentaschen vergraben. Schließlich griff er nach dem Telefonhörer und rief seine Wohnung am Grosvenor Place an.

 

»Sagen Sie Miss Lydia, daß ich sie sprechen möchte.« Nach einer geraumen Weile hörte er ihre Stimme. »Stelle den Apparat nach meinem Arbeitszimmer um«, bat er leise. »Ich muß eine private Sache mit dir besprechen. Morlake ist freigekommen.«

 

»Ach, wirklich?« fragte sie gleichgültig.

 

»Höre auf mit deinem ›Ach, wirklich‹!« fuhr er sie an. »Stelle das Telefon um.«

 

Er hörte ein Knacken, danach waren sie wieder verbunden.

 

»Was gibt es denn, Ralph? Ist es so schlimm, daß Morlake freigekommen ist?«

 

»Das ist das Schlimmste, was überhaupt passieren konnte. Jetzt mußt du dein Heil mit ihm versuchen, Lydia. Aus deiner Reise nach Karlsbad kann nichts werden. Wahrscheinlich muß ich nach Tanger gehen, und du mußt mich begleiten.«

 

Er hörte ihren betroffenen Ausruf und grinste.

 

»Du hast mir doch versprochen, daß ich nie mehr dorthin brauche«, beklagte sie sich. »Ralph, ist das wirklich nötig? Ich will ja gern alles tun, was du von mir verlangst, aber bringe mich nicht wieder in dieses schreckliche Haus.«

 

»Wir werden sehen – warte auf mich; in einer halben Stunde bin ich zu Hause.«

 

Er legte den Hörer auf, sah rasch die Korrespondenz durch und wollte gerade dem Sekretär klingeln, als der geschäftige und überarbeitete Mann schon in der Tür erschien.

 

»Ich kann niemand empfangen«, sagte Hamon schnell, als er eine Visitenkarte in seiner Hand sah.

 

»Aber er sagt –«

 

»Das ist mir ganz gleich, was er sagt – Sie hören doch, ich kann niemand empfangen. Wer ist es denn?««

 

Schnell nahm er die Karte und las. Captain Julius Welling von der Kriminalpolizei!

 

Ralph Hamon biß sich auf die Lippen. Er hatte von Welling gehört und wurde nervös.

 

»Lassen Sie ihn hereinkommen«, sagte er kurz.

 

Hamon war erstaunt, als er diesen Mann mit dem milden Gesicht vor sich sah, dem die weißen Haare ein freundliches, wohlwollendes Aussehen gaben. Der Beamte ging ein klein wenig vornübergeneigt und war sehr höflich.

 

»Bitte, nehmen Sie Platz, Captain Welling. Was wünschen Sie von mir?«

 

»Ich kam hier vorbei und dachte, daß ich einmal mit Ihnen sprechen könnte«, sagte Julius liebenswürdig. »Ich gehe oft hier vorbei – Sie liegen eigentlich sehr bequem für uns, Mr. Hamon – nur ein paar Schritte vom Kriminalgericht entfernt.«

 

Hamon schaute ihn unruhig an.

 

»Ich glaube, ich habe Sie in der Verhandlung gegen Morlake nicht gesehen.«

 

»Ich habe mich wenig für den Fall interessiert.«

 

»Ach so – ich nahm allerdings das Gegenteil an. Wie konnte ich auch nur auf einen solchen Gedanken kommen?«

 

Er sah mit traurigen Augen auf Hamon, der unter diesem Blick unsicher wurde.

 

»Es wäre ja auch möglich, daß ich mich in gewisser Weise dafür interessierte. Dieser Mensch ist mir schon seit Jahren auf die Nerven gefallen, und Sie wissen, daß ich in der Lage war, der Polizei einige wertvolle Informationen über ihn zu geben.

 

»Nicht der Polizei – Sie meinen wohl Inspektor Marborne, der allerdings auf den ersten Blick wie ein Polizeibeamter aussieht. Ein merkwürdiger Mann, dieser Mr. Morlake, nicht wahr?«

 

»Alle Verbrecher sind mehr oder weniger merkwürdig.«

 

»Da haben Sie recht – alle Verbrecher sind merkwürdig. Aber manche sind merkwürdiger als andere, und dann gibt es auch sehr merkwürdige Leute, die nicht zu den Verbrechern gehören. Haben Sie das auch schon beobachtet? Er hat einen maurischen Diener, Mahmet, und soviel ich weiß, spricht er sehr gut Arabisch. Aber sagen Sie einmal, Sie sprechen doch diese Sprache auch?«

 

»Ja.«

 

»Sehen Sie einmal an. Ist das nicht ein bemerkenswertes Zusammentreffen? Sie beide haben enge Beziehungen zu Marokko. Sie haben ja auch eine ganze Anzahl Gesellschaften gegründet, die mehr oder weniger mit dem Land zu tun haben. Da wurde zunächst die Marrakesch-Gesellschaft gegründet zur Ausbeutung der Ölquellen in der Wüste Hari. Die Wüste war da, aber kein Petroleum, wenn ich mich richtig besinne – und dann ging die Gesellschaft in Liquidation.«

 

»Es war wohl Petroleum da, aber die Quellen waren erschöpft.«

 

»Und Morlake – war der auch an marokkanischen Finanzgeschäften interessiert? Er lebte doch einige Zeit dort. Haben Sie ihn drüben getroffen?«

 

»Ich habe ihn niemals getroffen – einmal habe ich ihn allerdings gesehen. Aber Tanger ist doch der Ort, wo aller Unrat Europas zusammenkommt.«

 

»Da haben Sie recht. Erinnern Sie sich noch an das Rifdiamanten-Syndikat? Das haben Sie doch vor ungefähr zwölf Jahren gegründet?«

 

»Ja. Das ist leider auch in Liquidation gegangen.«

 

»Ich denke dabei weniger an die Gesellschaft als an die armen Aktionäre.«

 

»Darüber brauchen Sie sich keine Sorge zu machen, denn ich war der einzige Aktionär«, entgegnete Hamon schroff. »Wenn Sie aber hergekommen sind, Captain Welling, um sich nach meinen Gesellschaften zu erkundigen, dann wäre ich Ihnen sehr verbunden, wenn Sie nicht immer um die Sache herumredeten, sondern mir ganz klar und offen sagten, was Sie wissen möchten.«

 

»Ich möchte gar nichts wissen.« Welling machte eine abwehrende Bewegung. »Ich bin nun schon so alt geworden, Mr. Hamon, daß ich gern ein bißchen klatsche. Ja, sehen Sie, so geht die Zeit hin; mir ist es, als ob ich die Prospekte des Rifdiamanten-Syndikats erst vor kurzem gelesen und von den prachtvollen Steinen gehört hätte, die in der Mine gefunden worden sein sollten, ungefähr fünfundvierzig Meilen südwestlich von Tanger. Sind eigentlich viele Leute darauf hereingefallen?«

 

Der Beamte sprach so gleichgültig und harmlos, daß Hamon die Beleidigung, die in diesen Worten lag, zuerst gar nicht merkte.

 

»Was wollen Sie damit sagen?« fuhr er dann auf. »Ich habe Ihnen doch eben erklärt, daß keine Aktie in andere Hände ging. Nicht ein Penny fremdes Kapital steckte in der Gesellschaft!«

 

Mr. Welling seufzte, nahm Schirm und Hut und erhob sich etwas steifbeinig.

 

»So, so«, sagte er freundlich, »dann bleibt die ganze Sache also ein unerklärliches Geheimnis. Warum ist denn James Morlake so hinter Ihnen her, wenn keine Aktien ausgegeben wurden? Warum hat er denn seit zehn Jahren die Banken beraubt, bei denen Sie ein Depot haben, und warum wurde er dann zum Verbrecher?«

 

Er ging zur Tür, drehte sich aber noch einmal um.

 

»Haben Sie einmal einen Matrosen in der Portsmouth Road getroffen?« fragte er.

 

Hamon zuckte zusammen.

 

»Heutzutage begegnen Sie solchen Leuten nicht mehr auf der Landstraße, sie fahren in der Eisenbahn bequemer. Und es ist auch sicherer dort, denn im Zug werden sie nicht so leicht erschlagen wie auf der einsamen Portsmouth Road. Denken Sie einmal darüber nach!«

 

Kapitel 21

 

21

 

Wieviel mochte dieser Mann wissen? Hatte Morlake ihm erzählt –?

 

Hamon erinnerte sich an einen sonnigen Tag in Marokko, an dem zwei Männer auf Mauleseln durch die Wüste auf die Rifhügel zuritten. Er selbst war einer der beiden, der andere war ohne Namen. Als sie den sandigen Abhang emporklommen, kam plötzlich ein junger Mann im schärfsten Galopp auf sie zu, hielt an und beobachtete sie, nachdem sie vorüber waren. Das war Hamons erste Begegnung mit James Lexington Morlake gewesen.

 

Jetzt erinnerte er sich auch, daß er damals plötzlich den unbändigen Wunsch hatte, sich auf den Mann zu stürzen und ihn niederzuschießen. Der Beobachter bedeutete für ihn die größte Gefahr. Ralph Hamon faßte mit der Hand mechanisch zur Hüfttasche, wo seine Pistole steckte. Aber dann schüttelte er die Träume von sich ab und verließ das Büro.

 

Lydia wartete schon ungeduldig auf ihn.

 

»Ich habe eine Verabredung zum Abendessen mit Lady Clareborough. Ich habe nur noch fünf Minuten Zeit!« erklärte sie ärgerlich.

 

»So, fünf Minuten hast du nur für mich übrig? Na, ich glaube, das genügt auch. Es handelt sich um Morlake.«

 

»Morlake?« fragte sie, unangenehm berührt. »Haben wir mit ihm nicht Schluß gemacht?«

 

»Die Frage ist jetzt nur, ob er mit mir Schluß gemacht hat. Du mußt mit ihm bekannt werden, ganz gleich, wieviel Geld das kostet. Ich möchte zu irgendeiner Verständigung mit ihm kommen, Frieden mit ihm machen. Und ich glaube, daß du die Sache besser vermitteln kannst als ich. Du bist klug und hast Erfindungsgabe. Vielleicht ist er auch der Mann, der einer Frau gegenüber zugänglich ist – es gibt wohl nur wenige, auf die du keinen Eindruck machst.«

 

»Was meinst du mit – zugänglich? Soll er mich etwa heiraten oder sich in mich verlieben? Oder was soll es sonst heißen?«

 

»Es ist mir ganz egal, was er tut, wenn du ihn nur überreden kannst, seine Rachepläne gegen mich aufzugeben.«

 

»Sorgt denn nicht das Gesetz bereits dafür, daß du nichts mehr von ihm zu befürchten hast? Ich habe den Bericht über die Gerichtssitzung gelesen, und nach dem, was der Richter sagte, machst du dir doch wahrscheinlich unnötige Sorgen. Außerdem möchte ich die gesellschaftliche Stellung, die ich mir erobert habe, nicht leichtsinnig aufs Spiel setzen, indem ich mit einem verurteilten Verbrecher verkehre – nach dem Prozeß ist er so gut wie verurteilt. Ich muß vor allen Dingen an meine Bekannten denken.«

 

»Na, dann geh zu deinem Dinner!« entgegnete er barsch. »Ich dachte, du hättest dir diese Dummheiten aus dem Kopf geschlagen.«

 

Sie wollte ihm leidenschaftlich widersprechen, aber als sie seinen Blick sah, schwieg sie.

 

Ralph Hamon war ein reicher, aber ein geiziger Mann. Er verwahrte nutzlose Dinge in der Hoffnung, sie eines Tages doch noch verwenden zu können. Nie verschwendete er ein Blatt Papier, auf das man noch eine Zeile schreiben konnte.

 

Jim Morlake hatte diese Schwäche sehr gut charakterisiert, als er Hamon die Parabel von dem Affen und der Kürbisflasche erzählte. Aber diese Eigenschaft war nicht nur eine Schwäche, sie konnte ihm sogar zum Verhängnis werden. Seine Vernunft sagte ihm, daß er ein gewisses Schriftstück, das er besaß, verbrennen sollte. Aber obwohl er schon ein dutzendmal fest dazu entschlossen war, brachte er es doch nicht fertig.

 

Die Bibliothek, in der er sich gewöhnlich aufhielt, wenn er arbeitete, lag im Obergeschoß seines Hauses am Grosvenor Place. Er las wenig, trotzdem waren drei Wände des Raumes mit Bücherschränken und Regalen, die die üblichen Werke enthielten, bedeckt.

 

Einen Band nahm er allerdings öfter zur Hand. In einem kleinen, besonderen Schrank mit Glastüren standen neben anderen Büchern Emersons Essays.

 

Hamon verriegelte die Tür, zog die Vorhänge dicht zu, öffnete den Schrank und holte das prachtvoll gebundene Exemplar heraus. Er brauchte beide Hände, um es herunterzuheben und zum Tisch zu tragen.

 

Der Einband war äußerst geschickt nachgemacht, und der Buchschnitt täuschend ähnlich.

 

Hamon wählte einen Schlüssel aus dem Bund, den er an einer langen Kette in der Tasche trug, steckte ihn in ein Loch zwischen Deckel und Seiten und schloß auf. Als er den Deckel hochhob, enthüllte sich das Buch als ein flacher, halb mit Dokumenten gefüllter Kasten, der aus solidem Stahl gefertigt war. Hier verwahrte Hamon seine wichtigsten Akten.

 

Er nahm ein Schriftstück heraus, legte es auf den Schreibtisch und schaute auf das engbeschriebene Blatt. Es war von Anfang bis zu Ende eine große Anklage gegen ihn. Gefängnis und Todesstrafe standen auf die Taten, die hier von ihm berichtet wurden. Mit zitternder Hand entzündete er ein Streichholz, zögerte, warf es in den Kamin und legte das Blatt wieder in den Kasten zurück.

 

Es klopfte an die Tür. Nachdem er den Deckel hastig zugeklappt hatte, stellte er das Buch wieder an seinen Platz zurück und drückte die Schranktür zu.

 

»Wer ist da?«

 

»Wollen Sie Mr. Marborne empfangen?« fragte der Diener mit leiser Stimme.

 

»Ja, lassen Sie ihn heraufkommen!«

 

Er zog den Riegel zurück und trat an die Treppe hinaus, um den übelgelaunten Detektiv zu begrüßen.

 

»Sie haben die ganze Sache verpfuscht!« sagte Hamon ärgerlich.

 

»Meine Karriere ist futsch – das kann ich Ihnen sagen, Hamon! Ich muß den Dienst quittieren! Ich wünschte, ich hätte mich nie mit diesem verdammten Morlake abgegeben!«

 

»Es hat gar keinen Zweck, jetzt Spektakel zu machen.«

 

»Welling hat mir mitgeteilt, daß ich entlassen bin, aber selbst wenn ich noch im Dienst bleiben könnte, würde ich es doch vorziehen, meinen Abschied zu nehmen. Ich wäre doch für alle Zeiten gebrandmarkt. Sie müssen eine Stelle für mich finden!«

 

»Sieh mal einer an! Ich soll Ihnen jetzt eine Stelle beschaffen? Ich dachte, Sie wären bescheidener!«

 

»Ich weiß nicht, wer jetzt bescheidener sein muß, ich oder Sie!« fuhr Marborne heftig auf.

 

»Wir wollen uns nicht zanken.« Hamon goß Whisky ein und füllte das Glas aus dem Siphon. »Ich glaube, daß ich eine Stelle für Sie finden kann. Ich brauche einen Mann in Tanger, der meine Interessen dort vertritt. Aber überlegen Sie mal, ich war es nicht, der Sie in diese böse Lage gebracht hat – das war James Morlake!«

 

»Dieser verdammte Kerl!« rief Marborne und trank sein Glas in einem Zug aus. Dann setzte er sich an den Schreibtisch, nahm ein Blatt Papier aus der Brieftasche und entfaltete es.

 

»Ich habe meine Spesen für die Sache zusammengerechnet – hier ist die Aufstellung.«

 

Hamon stöhnte, als er die Endsumme las.

 

»Das ist aber doch ein starkes Stück – ich habe Sie nicht ermächtigt, so hohe Ausgaben zu machen!«

 

»Sie haben mir gesagt, ich könne so viel brauchen, wie ich wolle!«

 

»Das sind doch beinahe tausend Pfund!« rief Hamon entsetzt. »Ich bin ein geschlagener Mann.«

 

»Das ist mir gleich, was Sie sind; auf alle Fälle haben Sie zu zahlen! Auch Slone muß noch etwas bekommen!«

 

»Sie scheinen ganz zu vergessen, daß ich Ihnen schon reichlich Geld gegeben habe –« begann Hamon, als er plötzlich unterbrochen wurde.

 

Der Butler erschien in der Tür und flüsterte seinem Herrn etwas, zu.

 

»Er ist hier?« fragte Hamon aufgeregt.

 

»Ja, er wartet unten.«

 

Hamon wandte sich zu Marborne. Sein Ärger war verflogen.

 

»Er ist da!« sagte er.

 

»Er? Wer?« fragte Marborne verwundert. »Sie meinen doch nicht etwa Morlake?«

 

Hamon nickte.

 

»Sie bleiben besser hier oben, ich gehe hinunter und spreche mit ihm. Lassen Sie aber die Tür offen; wenn Lärm oder Streit entsteht, kommen Sie.«

 

Hamon begrüßte Jim Morlake in der Diele mit der größten Herzlichkeit.

 

»Treten Sie doch bitte näher, lieber Morlake!« Er öffnete die Tür des Wohnzimmers. »Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie ich mich freue, daß Sie freigesprochen worden sind.«

 

Jim antwortete nicht, bis er in den Raum getreten war und die Tür geschlossen hatte. »Ich habe die Absicht, meine üble Karriere aufzugeben, Hamon«, sagte er kurz und bündig.

 

»Ich denke, daran tun Sie sehr gut. Wenn ich Ihnen irgendwie behilflich sein kann –«

 

»Ja, Sie können mir behilflich sein. Geben Sie mir ein Dokument, das von einem gewissen Mann unterschrieben ist – Sie wissen, wen ich meine. Vor etwa zwölf Jahren sah ich ihn mit Ihnen zusammen in Marokko.«

 

»Nehmen wir einmal an, ich hätte das Schriftstück«, erwiderte Hamon nach einer Pause, »glauben Sie, ich wäre so verrückt, es Ihnen zu geben, um meine Freiheit in Ihre Hände zu legen?«

 

»Ich würde Ihnen genug Zeit lassen, aus dem Land zu verschwinden, und ich würde mich auch verpflichten, die Anklage, die in dem Schriftstück gegen Sie erhoben wird, nicht zu unterstützen. Ohne meine Aussage würde eine Anklage gegen Sie zusammenbrechen.«

 

Hamon lachte rauh.

 

»Ich habe nicht die Absicht, England zu verlassen, besonders nicht am Vorabend meiner Hochzeit – ich heirate nämlich Lady Joan Carston.«

 

»Ist das nicht die Tochter von Lord Creith?«

 

Hamon nickte.

 

»Sie werden die Dame aber nicht heiraten, ohne daß sie verschiedenes über Sie erfährt.«

 

»Sie weiß alles von mir, was sie wissen muß.«

 

»Dann werde ich ihr noch ein wenig mehr erzählen. Immerhin haben Ihre Heiratspläne mit der Sache, die wir hier besprechen, nichts zu tun. Ich bin gekommen, um Ihnen eine Chance zu geben und mir zugleich eine Menge Unannehmlichkeiten zu ersparen. Ich brauche dieses Dokument.«

 

»Sie jagen hinter einem Phantom her«, entgegnete Hamon verächtlich. »Was dieses wertvolle Dokument betrifft, so existiert es überhaupt nicht – es hat sich jemand einen Scherz mit Ihnen erlaubt und sich über Ihre Leichtgläubigkeit lustig gemacht. Hören Sie, Morlake! Könnten wir unseren Streit denn nicht als Gentlemen beilegen?«

 

»Ich könnte das wohl von meiner Seite aus, denn ich bin ein echter Gentleman, aber Sie können Ihre Angelegenheiten höchstens als ein niederträchtiger Schwindler und Verbrecher regeln, der durch den finanziellen Ruin anderer Menschen zu Vermögen gekommen ist. Es ist die letzte Möglichkeit für Sie und vielleicht auch für mich. Geben Sie mir das Schriftstück, und wir sind miteinander fertig.«

 

»Eher will ich in die Hölle kommen«, rief Hamon wütend. »Selbst wenn ich es hätte – aber ich habe es nicht –«

 

Jim nickte nachdenklich und ging zur Tür.

 

»Ich sehe, die Hand des Affen, bleibt eben in der Kürbisflasche. Er ist zu gierig, um die Dattel fahrenzulassen.«

 

Hamon eilte zur Bibliothek hinauf, nachdem Morlake gegangen war.

 

»Unser Freund ist immer noch sehr aufsässig«, sagte er, aber er sprach in den leeren Raum. Rasch klingelte er nach dem Butler.

 

»Haben Sie gesehen, daß Mr. Marborne weggegangen ist?«

 

»Jawohl, er ging vor einigen Sekunden, gerade bevor Sie aus dem Wohnzimmer kamen. Er schien es sehr eilig zu haben.«

 

»Das ist aber seltsam«, meinte Hamon und entließ den Mann wieder.

 

Auf dem Schreibtisch entdeckte er eine Bleistiftnotiz.

 

›Wenn Sie meine Aufstellung nicht begleichen wollen, zahlen Sie vielleicht nachher eine größere Rechnung.‹

 

Hamon rieb sich nervös das Kinn. Was bedeuteten diese sonderbaren Worte? Wahrscheinlich war Marborne aus Ärger wieder gegangen. Hamon zuckte die Schultern und setzte sich. Er hatte keine Zeit, sich um die Launen der Leute zu kümmern, die ihm als Werkzeug gedient hatten.

 

Als er sich umschaute, bemerkte er, daß die Glastür zum Bücherschrank offenstand, und er hätte doch schwören mögen, daß er sie geschlossen hatte. Mit einem Fluch sprang er auf.

 

Das Stahlbuch war an seiner Stelle, aber der Titel stand auf dem Kopf. Jemand mußte es in der Hand gehabt haben.

 

Schnell nahm er es herunter, und zu seinem größten Schrecken‘ ließ sich der Deckel öffnen. Er hatte vergessen, es zuzuschließen.

 

Zitternd suchte er die Dokumente durch – aber das belastende Schriftstück fehlte!

 

Mit einem wütenden Ausruf lief er zur Tür und rief den Butler.

 

»In welcher Richtung hat sich Marborne entfernt?« fragte er hastig.

 

»Nach rechts.«

 

»Holen Sie mir schnell ein Auto!«

 

Hamon legte die Dokumente wieder in den Kasten, verschloß ihn und stellte ihn in den Schrank zurück. Dann fuhr er zu Marbornes Wohnung.

 

Als er dort ankam, sagte man ihm, daß der Detektiv nicht nach Hause gekommen sei. Er habe erst kurz vorher angeläutet und mitgeteilt, daß er nach dem Festland hinüber müsse.

 

Hamon überlegte schnell. Es blieb ihm nur eins übrig: sofort zur Polizei zu gehen. Marborne war noch Beamter und mußte sich früher oder später in Scotland Yard melden.

 

Dort hatte Hamon das Glück, Welling zu treffen. Der alte Herr schien über seinen Besuch in keiner Weise überrascht zu sein.

 

»Sie wollen Marborne sprechen? Handelt es sich um eine wichtige Angelegenheit?«

 

»Wird er denn überhaupt zurückkehren – ich meine …«, fragte Hamon atemlos.

 

»Sicher kommt er. Morgen früh hat er eine sehr dringende Besprechung mit dem Chef.«

 

»Hat er keine Freunde – wo wohnt eigentlich Slone?«

 

Welling rückte die Brille zurecht und sah seinen Besucher scharf an.

 

»Ist etwas Unangenehmes passiert?«

 

»Ja – ich wollte sagen nein. Wenigstens nichts Wichtiges – es geht nur mich und Marborne an.«

 

»So?« Welling ging zu einem Tisch, öffnete ein großes Buch und schlug Slones Adresse auf, notierte sie auf ein Blatt und gab es Hamon.

 

»Ich bin Ihnen zu größtem Dank verpflichtet. Ich erwartete nicht, daß Sie sich soviel Umstände machen würden.«

 

»Wir tun, was in unseren Kräften steht«, entgegnete Welling leise.

 

Als Hamon gegangen war, nahm Welling den Telefonhörer ab und rief den Posten am Portal an.

 

»Ein gewisser Hamon kommt gleich durch. Geben Sie Sergeant Lavington den Auftrag, ihm zu folgen und ihn nicht aus dem Auge zu verlieren. Ich will wissen, wohin er geht und was mit ihm los ist.«

 

Vergnügt rieb er sich die Hände und schaute in die Ferne.

 

Ich glaube, es wird sehr viel los sein, sagte er zu sich selbst.