Kapitel 36

 

36

 

Der Aufenthalt in einem Gasthaus hat gewisse Vorteile, aber auch Nachteile. Für Ralph Hamon lag ein Nachteil hauptsächlich darin, daß man ihn leicht besuchen konnte.

 

Er saß vor dem offenen Kaminfeuer in seinem Zimmer, da die Nacht kühl war, und rauchte noch eine Zigarre vor dem Schlafengehen. Seine Gedanken waren bei seinem letzten Erlebnis, als Jim Morlake plötzlich ohne anzuklopfen die Tür öffnete und hereintrat.

 

»Ich bringe Ihnen zwei Neuigkeiten, Hamon. Erstens ist Ihr Araber gefaßt worden, und zweitens werden Sie mir den Brief geben, den Sie heute abend Mrs. Cornford gestohlen haben – und zwar werden Sie sich damit sehr beeilen!«

 

Hamon sprang auf.

 

»Mein Araber, wie Sie ihn nennen, interessiert mich durchaus nicht, und was Sie da von einem gestohlenen Brief reden, amüsiert mich nicht einmal!«

 

»Ich bin auch nicht gekommen, um Ihnen Witze zu erzählen. Ich will den Brief haben.«

 

Mit zwei Schritten durchmaß Jim das Zimmer, und Ralph Hamon sprang mit einem Fluch vor den Tisch.

 

Morlake schob ihn beiseite, zog die Schublade auf und nahm eine Brieftasche heraus.

 

»Sie gemeiner Dieb!« brüllte Hamon und fiel ihn an.

 

Aber er taumelte zurück, von Morlakes Faust getroffen.

 

»Hier ist der Brief. Wenn ich jetzt –«

 

Hamon sah, rasend vor Wut, wie Jim die Brieftasche weiter durchsuchte. Aber das andere belastende Dokument lag nicht darin.

 

»Nun, haben Sie es gefunden?« fragte Hamon höhnisch.

 

»Ich habe den Brief, das ist im Augenblick genug«, entgegnete Jim, als er den Bogen in die Tasche steckte. »Sie können ja nach der Polizei schicken, wenn Ihnen etwas daran liegt. Mir macht es nichts aus – ich bin ja gewohnt, mit diesen Leuten umzugehen. Wenn Ihr Araber plaudert, wird es traurige Gesichter geben denn nichts kann eine Gesellschaft mehr aus der Fassung bringen, als wenn man ihren Präsidenten aufhängt!«

 

Hamon antwortete nichts. Er machte das Fenster auf, lehnte sich hinaus und beobachtete Morlake, der im Dunkel der Nacht verschwand. Dann setzte er sich wieder vor den Kamin und grübelte. Allmählich kam er wieder zu dem Punkt, von dem er ausgegangen war – Joan Carston –, Joan Carston war verheiratet! Er mußte sie immer wieder irgendwie mit Jim Morlake in Verbindung bringen. Lydia hatte ihm gesagt, daß die beiden verlobt seien, und er hatte darüber gelacht. Ob Morlake wirklich das Hindernis war? Wenn er nur Gewißheit darüber bekommen könnte …!

 

Am nächsten Morgen fuhr er nach London, um Lydia zu treffen. Sie hatte von der Ermordung Marbornes gelesen und war etwas nervös.

 

»Wie ist es denn nur passiert; Ralph?« fragte sie ängstlich, als sie neben ihm im Wagen saß. »Wurde er tatsächlich von einem Araber umgebracht?« Sie faßte seine Hand und sah ihm forschend ins Gesicht. »Du hast es doch nicht getan? Es wäre schrecklich, wenn ich das denken müßte.«

 

»Du wirst hysterisch, Lydia. Ich weiß wirklich nicht mehr von dem Tod des armen Teufels als du.«

 

»Was wirst du nun tun?«

 

»Ich werde das Land verlassen. Diese Umgebung macht mich krank.«

 

»Fährst du nach Marokko?«

 

»Ja, um Weihnachten werden wir dort sein. Das ist doch die schönste Zeit des Jahres.«

 

»Aber doch nicht für immer?«

 

»Natürlich nicht. Wenn es dir zu langweilig werden sollte, kannst du nach Gibraltar oder nach Algeciras gehen«, beruhigte er sie. »Vielleicht werde ich auch gar nicht nach Marokko fahren. Eigentlich sollte ich nach New York, um dort ein Geschäft zum Abschluß zu bringen. Du hast mir doch bei deinem letzten Hiersein erzählt, daß einer deiner französischen Freunde eine Jacht gemietet habe, um mit einigen Bekannten in die Südsee zu fahren. Soviel ich mich erinnere, hat er die Sache wieder aufgegeben.«

 

Sie bejahte und schaute ihn verwundert an.

 

»Könntest du diese Jacht wohl für den Winter chartern?«

 

»Aber warum willst du denn nicht die gewöhnliche Reiseroute benützen? Sie ist doch viel angenehmer.«

 

»Willst du einmal sehen, was du in der Angelegenheit tun kannst?« fragte er nur.

 

»Natürlich. Graf Lagune ist gerade in London, und die Sache könnte wahrscheinlich leicht arrangiert werden.«

 

Am Abend brachte sie ihm die Nachricht, daß sein Auftrag ausgeführt war. Sie hatte, vorbehaltlich seiner Unterschrift, die Jacht gechartert, und der Graf hatte nach Cherbourg telegrafiert und das Schiff nach Southampton beordert. Sie fand ihren Bruder in sehr gehobener Stimmung, denn der Araber war aus der kleinen Sussex-Polizeistation, wo man ihn festgehalten hatte, entkommen. Außerdem hatte er inzwischen aus dem Register der kleinen Kirche bei Ascot festgestellt, daß Joan tatsächlich mit Farringdon verheiratet war. Und nun schmiedete er neue Pläne.

 

*

 

»Ich muß wirklich zugeben, daß dieser Kerl doch nicht so schlecht ist, wie er aussieht«, sagte Lord Creith bedächtig. »Er hat mir einen reizenden Brief geschrieben, und es tut mir jetzt leid, daß ich ihn so scharf angefaßt habe.«

 

»Vermutlich sprichst du von Hamon?« meinte Joan lächelnd, nahm den Brief und las.

 

›Ich fürchte, daß ich Ihnen in den letzten Tagen sehr auf die Nerven gefallen bin, aber es ist so viel passiert, daß ich selbst nervös wurde. Hoffentlich denken Sie nicht zu schlecht von mir. In ein oder zwei Jahren werden wir uns darüber amüsieren, wie absurd es war, mich mit der Ermordung Marbornes in Verbindung zu bringen. Unvorhergesehenerweise bin ich nach Amerika gerufen worden, und meine Pläne haben sich dadurch vollkommen geändert, da ich ursprünglich mit meiner Jacht ins Mittelmeer fahren wollte. Ich möchte Ihnen nun anbieten, statt meiner die Fahrt nach dem Süden zu machen. Sie werden ganz allein reisen, und ich bin sicher, daß es eine angenehme Abwechslung für Sie ist. Es tut mir nur unendlich leid, daß weder ich noch meine Schwester Sie begleiten können. Das Schiff heißt ›L’Esperance‹ und wird am nächsten Dienstag Southampton anlaufen. Darf ich Sie bitten, die Jacht als Ihr Eigentum zu betrachten?‹

 

»Wenn ich die Reise mit ihm hätte machen sollen, würde ich natürlich höflich abgelehnt haben«, sagte der Lord vergnügt. »Aber so ist das doch etwas anderes – meinst du nicht auch, Liebling?«

 

Da er ihre Abneigung gegen Hamon kannte, erwartete er eigentlich Widerspruch von ihrer Seite und war angenehm überrascht, als sie sich seiner Ansicht anschloß. Der dauernde Aufenthalt in Creith wurde ihr allmählich unerträglich. Der Gedanke an Ferdie Farringdon quälte sie, ebenso der Gedanke an Jim, den sie in letzter Zeit nicht mehr gesehen hatte.

 

Die erste Nachricht von der beabsichtigten Reise bekam Jim Morlake wie gewöhnlich durch Binger.

 

»Es scheint, daß diese Jacht von Hamon nur geliehen wurde.«

 

»Meinen Sie, daß er das Schiff gechartert hat?«

 

»Wenn meine Informationen stimmen, ist es so.«

 

»Wahrscheinlich haben Sie sich verhört – wohin soll denn die Reise gehen?«

 

»Ins Mittelmeer. Mr. Hamon und seine Schwester reisen nach Amerika.«

 

»Ins Mittelmeer?« Jim schaute nachdenklich auf seinen Pfeifenkopf. »Das heißt doch … wann wollen sie denn abreisen?«

 

»Am Sonnabend.«

 

»So, so!«

 

Das Mittelmeer bedeutete Tanger, und Tanger wiederum war für Jim gleichbedeutend mit Sadi Hafis und dem prachtvollen Palast in den Rifbergen.

 

Kapitel 22

 

22

 

Jim Morlake war noch nie so langsam und nachdenklich nach Wold House gefahren wie an diesem Nachmittag. Er konnte sich wohl vorstellen, daß die Gesellschaft in Sussex ziemlich entrüstet war. Die Vikare und die Kirchenräte, die Herren und Damen des Landadels, die Lords und die Nachbarn, die ihm Einladungen hatten zukommen lassen, ja die Dorfbewohner selbst, die ihr Eigentum bedroht sahen, würden seine Verhaftung und die Worte des Richters als eine Katastrophe für ihn ansehen.

 

Er lächelte, als er an die Wirkung dachte, die der Prozeß auf diese Leute gehabt haben mußte. Sein Personal wurde sehr gut bezahlt und behandelt. Er hatte den Vorstand der kleinen Bankfiliale in Creith angewiesen, die Gehälter weiterzuzahlen und ebenso das nötige Geld, um den Haushalt aufrechtzuerhalten. Wie die Leute jetzt über ihn dachten, wußte er nicht, da er seit seiner Verhaftung nicht mehr mit Wold House in Verbindung gestanden hatte.

 

Und was er befürchtet hatte, trat ein: Bei seiner Ankunft kündigte das gesamte Personal und bat um sofortige Entlassung. Er kam dem Wunsch ohne Zögern nach, und als alle gegangen waren, schloß er die Tore und kehrte in sein leeres Haus zurück.

 

Binger konnte er nicht gut hierherrufen, weil der Mann die Londoner Wohnung in Ordnung halten mußte. Und Mahmet hatte wenig oder gar keine Ahnung von europäischer Küche, obwohl er vorzüglichen Kaffee zu bereiten verstand.

 

Jim wanderte durch das verlassene Haus. Alles war tadellos sauber, und sicher würde es auch für einige Tage so bleiben.

 

Es gab eigentlich keine andere Lösung, als nach London überzusiedeln, aber es reizte ihn, nun gerade hierzubleiben. Auf keinen Fall wollte er sich aus der Fassung bringen lassen.

 

Seine Lage gestaltete sich noch schwieriger, als sich die Kaufleute im Ort weigerten, ihm Waren zu liefern.

 

Am nächsten Mittag hatte er Keks, Tee und Schinken; abends gab es Keks und Tee ohne Schinken, und am Morgen darauf dieselbe Kombination, da er trotz allen Suchens keine anderen Vorräte finden konnte. Der Speisezettel war etwas eintönig, aber Jim fühlte sich ganz wohl dabei. In Hemdsärmeln kehrte er sein Zimmer und die Halle, machte selbst das Bett, reinigte auch die breiten Stufen vor der Haustür und benahm sich dabei so anstellig wie ein Dienstmädchen.

 

Am dritten Tag, als Tee und Keks doch schon etwas langweilig zu werden begannen, entdeckte er unverhofft ein Körbchen mit Eiern. Er machte sich allerdings nicht die Mühe, den Küchenherd anzufeuern, sondern setzte in seinem schon etwas unordentlich aussehenden Arbeitszimmer einen kleinen Spirituskocher in Brand. Er hatte Tee aufgebrüht, den Tisch mit der Morgenzeitung gedeckt und machte sich nun daran, Setzeier zu backen. Leider wußte er nur, daß dazu eine bestimmte Hitze, eine gewisse Menge Eier und eine Pfanne notwendig waren. Bald war denn auch der Raum mit Rauch gefüllt, und es roch nach angebrannten Eiern.

 

Plötzlich kam ein unerwarteter Besuch. Die Dame war durch die offene Vordertür eingetreten und stand nun im Gang, erstaunt über den Anblick, der sich ihr bot.

 

»Was machen Sie denn da?« fragte sie verwundert, trat schnell näher und nahm ihm die rauchende Pfanne aus der Hand. »Sie müssen doch erst Butter oder Fett hineintun!«

 

Er war sprachlos. Die letzte, die er hier in Wold House in diesem kritischen Augenblick erwartet hatte, war Jane Smith. Sie war es aber wirklich, hübscher als je in dem einfachen, blauen Kostüm und dem kleinen Hut.

 

»Wo kommen Sie denn her?«

 

»Aus dem Dorf. Es riecht aber fürchterlich hier – machen Sie doch das Fenster auf!«

 

»Warum – mögen Sie Eier nicht?«

 

»Verbrannte Eier?«

 

»Ich vermute, daß Sie wissen –«

 

»Ja, ich weiß.« Sie löschte den Spirituskocher und setzte die Pfanne beiseite. »Ich bin hergekommen, um mich einmal nach Ihnen umzusehen, Sie amerikanischer Waisenknabe!«

 

Kapitel 23

 

23

 

Gehorsam trug er Spirituskocher, Tassen und Schüsseln in die Küche und schaute ihr dann bewundernd zu, wie sie im großen Küchenherd Feuer machte.

 

»Lassen Sie doch mich das besorgen!« bat er.

 

»Das hätten Sie schon vor Stunden selbst machen können«, erwiderte sie vorwurfsvoll. »Aber es wäre Ihnen ja doch nicht gelungen. Sie hätten höchstens eine noch viel größere Rauchwolke zustande gebracht –«

 

»Feuer anzünden ist allerdings eine Kunst – ich habe das bisher noch nicht gewußt.«

 

»Sehen Sie einmal in der Speisekammer nach, ob Sie nicht etwas Bratfett finden!«

 

Er gehorchte und kam mit dem Gewünschten wieder.

 

Sie hatte sich vor dem knisternden Feuer auf die Knie niedergelassen und sah ihn neugierig an.

 

»Warum sind Sie eigentlich nicht nach London zurückgegangen? Sie haben doch eine schöne Stadtwohnung?«

 

»Ich bleibe lieber hier.«

 

»Wie hochmütig – ich bleibe lieber hier!« Sie ahmte seine Stimme nach. »Sie werden hier noch verhungern, mein lieber Freund, und sich zu Tode frieren. Sie müssen doch nun schon wissen, daß die Leute in Creith es nicht zulassen, daß ihre reinen Seelen durch die Berührung mit einem Menschen mit Ihrer Vergangenheit befleckt werden. Holen Sie sich doch Dienstboten aus London, die sind weniger kleinlich in ihren Ansichten!«

 

Sie machte sich mit den Eiern zu schaffen.

 

»Wissen Sie denn auch, warum dieser Widerstand gegen Sie im Dorf erwacht ist?« fragte sie nach einer Weile. »Sie müssen nicht denken, daß die Leute das nur getan haben, weil sie sittenstreng sind. Vor einer Woche kam Mr. Hamon hierher und hetzte alle gegen Sie auf. Ich nehme an, daß er auch Ihr Personal aufsässig gemacht hat. Ich weiß es von meinem Mädchen, das hier im Dorf wohnt –«

 

»Von wem wissen Sie es?« fragte er schnell.

 

»Von meinem Mädchen – ich wollte sagen, von meiner Tante«, erwiderte sie, ohne mit der Wimper zu zucken. »Also, meine Tante, die hier im Dorf lebt und allen Klatsch hört, hat es mir gesagt.«

 

»Dann waren Sie also hier?«

 

»Nein, ich war zu der Zeit in London – sie erzählte es mir, als ich herkam. So, nun sind die Eier fertig.«

 

»Aber ich kann doch unmöglich drei essen«, protestierte er.

 

»Das sollen Sie auch gar nicht. Eins ist für mich.«

 

Sie ging in die Diele und nahm dort aus einer Tasche Brot und Butter.

 

»Wir werden in der Küche essen, dort fühle ich mich mehr zu Hause. Und nach dem Frühstück sehe ich mich einmal um, was hier alles getan werden muß. Ich kann täglich nur ein paar Stunden kommen.«

 

»Wollen Sie morgen wiederkommen?« fragte er freudig.

 

Sie nickte, und er seufzte erleichtert auf.

 

»Es war so merkwürdig, daß ich Sie nicht kommen sah. Ich schaute doch gerade durch das Fenster auf die Einfahrt.«

 

»Ich bin auch nicht auf dem großen Paradeweg, sondern auf einem Geheimpfad gekommen. Natürlich habe ich so viel Rücksicht auf meinen Ruf zu nehmen, daß ich heimlich kommen muß.«

 

Er lachte.

 

»Wenn Sie damit sagen wollen, daß Sie sich auch nur einen Deut um das kümmern, was die Leute im Dorf von Ihnen denken, dann glaube ich davon kein einziges Wort. Und dann – Sie mögen ja aus dem Dorf stammen, sonst könnten Sie nicht soviel von den Leuten hier wissen, aber daß Sie zu den Dienstboten gehören, glaube ich Ihnen niemals.«

 

»Holen Sie mir den Teppichklopfer! Ich will Ihnen einmal zeigen, wie man damit umgeht – und daß ich wirklich zu arbeiten verstehe.«

 

Ihm verging die Zeit wie im Fluge, und als sie sich schließlich verabschiedete, glaubte er, daß kaum zehn Minuten seit ihrer Ankunft vergangen seien.

 

»Sie wollen schon gehen?« fragte er enttäuscht.

 

»Allerdings – und Sie werden so gut sein und hierbleiben und nicht versuchen, mir zu folgen. Ich vertraue auf Ihre Diskretion, daß Sie im Dorf nicht bei Bekannten fragen, wer ich bin und wer meine Verwandten sind. Ich möchte den Namen Smith reinhalten. Übrigens habe ich mein möglichstes getan, um die Kaufleute zu beruhigen, und ich denke, morgen werden sie Ihnen wieder alles schicken, was Sie brauchen.«

 

»Auf Wiedersehen, Jane, und herzlichen Dank!« sagte er begeistert.

 

Als Jim am nächsten Morgen herunterkam und die Tür öffnete, saß der Ladenjunge des Kolonialwarenhändlers auf den Stufen und wartete, um Aufträge entgegenzunehmen.

 

Auch Jane Smith kam wieder, aber es fiel ihm eine Veränderung auf.

 

»Sie haben geweint?« fragte er mitfühlend.

 

»Nein, ich habe nur wenig geschlafen – das ist alles.«

 

»Aber Sie haben doch geweint.«

 

»Wenn Sie das noch einmal sagen, gehe ich sofort wieder weg. Sie langweilen mich mit Ihren Wiederholungen.«

 

Er schwieg. War sie durch ihren Besuch bei ihm in Schwierigkeiten geraten? Er glaubte auf keinen Fall, daß sie ein Dienstmädchen war. Vielleicht war sie eine arme Verwandte einer der reichen Familien in der Nachbarschaft.

 

Als sie beim Mittagessen saßen, wollte die Unterhaltung kaum in Gang kommen.

 

»Wo wohnen Sie eigentlich?« fragte er sie plötzlich ganz offen.

 

»Ach, irgendwo hier in der Gegend.«

 

»Haben Sie mir überhaupt schon einmal die Wahrheit gesagt?«

 

»Ich war der ehrlichste Mensch von der Welt, bis ich –« sie brach plötzlich ab.

 

»Bis Sie –«

 

»Bis ich eben zu lügen anfing – das ist doch sehr einfach.«

 

»Ich wollte Ihnen noch sagen, daß heute morgen zwei Dienstmädchen zurückgekommen sind. Sie wollen ihre Stellung wieder antreten.«

 

»Nehmen Sie sie nicht«, entgegnete sie hastig. »Wenn Sie es tun, werde ich gehen.«

 

Aber dann kam ihr doch ihr Egoismus zum Bewußtsein.

 

»Ach, nehmen Sie sie ruhig«, fuhr sie schnell fort. »Es ist das beste, wenn Sie Ihr gewohntes Personal so bald wie möglich wiederhaben. Nur sagen Sie mir bitte genau, wann die Leute zurückkommen.«

 

Nach dem Essen half er ihr beim Geschirrspülen, dann ging er in sein Arbeitszimmer, um einige Briefe zu schreiben, während sie das Abendessen für ihn vorbereiten wollte. Die Küchentreppe mündete in einen kleinen Flur, und er war sehr erstaunt, dort eine junge Dame zu finden. Er hatte die Haustür weit offenstehen lassen und entweder nicht gehört, daß sie geklingelt hatte, oder sie hatte nicht geläutet. Sie war sehr schön, das sah er auf den ersten Blick. Auch war sie schick gekleidet. Vielleicht war sie eine Abgesandte der Damen von Sussex, die ihn aufforderten, die Gegend so bald wie möglich zu verlassen.

 

Aber sie lächelte ihn an und trat näher.

 

»Sie sind Mr. Morlake?« fragte sie und reichte ihm die Hand. »Ich habe Sie gleich nach der Fotografie erkannt. Sie kennen mich nicht?«

 

»Ich fürchte, daß ich bisher nicht die Ehre hatte …« Jim führte sie ins Wohnzimmer.

 

»Ich wollte Sie einmal besuchen, Mr. Morlake. Dieser gräßliche Streit zwischen Ihnen und meinem Bruder muß endlich aufhören.«

 

»Ihrem Bruder?« fragte er verwundert.

 

Sie lachte schelmisch.

 

»Nun sagen Sie mir nur nicht, daß Sie nichts gegen den armen Ralph im Schilde führen!«

 

»Ach, Sie sind Miss Hamon?«

 

»Ja, erraten. Ich bin direkt von Paris gekommen, nur um Sie aufzusuchen. Ralph ist sehr bekümmert wegen dieses unseligen Streites, den Sie mit ihm haben.«

 

»Ja, vermutlich«, erwiderte Jim gewandt. »Und Sie sind den weiten Weg von Paris gekommen, um unsere Zwistigkeiten beizulegen? Aber natürlich, Sie sind Lydia Hamon. Wie man doch vergeßlich sein kann! Ich habe Sie gesehen, bevor Ihr Bruder sein großes Vermögen erwarb.«

 

Lydia wollte unter keinen Umständen an diese Zeit erinnert werden und versuchte, die Unterhaltung von dem gefährlichen Thema abzulenken.

 

»Mr. Morlake, ist es denn nicht möglich, daß Sie sich mit Ralph vertragen und mit ihm zusammenarbeiten?«

 

Die Tür öffnete sich plötzlich, und Jane Smith trat herein. Sie wollte wieder nach Hause gehen und zog gerade die Handschuhe an.

 

»Ich dachte, Sie seien in Ihrem Arbeitszimmer –« begann sie, als sie die fremde Dame bemerkte.

 

Wenn die Gegenwart Lydia Hamons sie in Verwunderung setzte, so war doch der Eindruck, den sie umgekehrt auf die Besucherin machte, weit größer.

 

»Ich irre mich doch sicher nicht?« rief sie. »Da ist ja Lady Joan Carston?«

 

Kapitel 24

 

24

 

Lady Joan Carston! Jim wollte seinen Ohren nicht trauen.

 

»Aber sicherlich sind Sie im Irrtum, Miss Hamon. Diese Dame ist Miss –« Er unterbrach sich.

 

»Nein, das ist Lady Joan Carston, und es freut mich, daß Sie so gute Freunde sind. Ich glaube bestimmt, daß die Verlobte meines Bruders mir gern hilft, Sie und Ralph auszusöhnen.«

 

»Wer ist die Verlobte Ihres Bruders?« fragte Joan, erstaunt über diese Frechheit.

 

»Es ist doch allgemein bekannt, daß Sie mit ihm verlobt sind«, lächelte Lydia.

 

»Es ist weder mir noch meinem Vater bekannt, und wir beide müßten doch schließlich zuerst davon wissen!«

 

Lydia zuckte die Schultern. Sie versuchte eine Erklärung für Joans Anwesenheit in diesem Hause zu finden, und von ihrem Standpunkt aus war nur eine Erklärung möglich. Es kam ihr plötzlich der Gedanke, daß die beiden allein im Haus waren, und sie wurde formell und steif.

 

»Vermutlich ist Ihr Vater auch hier, Lady Joan?« fragte sie naiv.

 

»Mein Vater ist nicht in Creith«, entgegnete Joan, die sie durchschaute. »Auch meine Tante ist nicht hier, ebensowenig einer meiner Vettern. Außer meinem Selbstbewußtsein habe ich niemand, der mich in Wold House beschützt.«

 

Lydia zog die Augenbrauen hoch.

 

»Ich glaube nicht, daß Ralph damit einverstanden ist –« begann sie.

 

»Ach, es gibt viel, womit Ralph nicht einverstanden ist«, mischte sich Jim ein, um Joan die Antwort zu ersparen. »Aber es lohnt sich wirklich nicht, sich um Dinge zu kümmern, die Ralph betreffen. Ich glaube nicht, Miss Hamon, daß wir Lady Carston mit diesem alten Streit behelligen sollten.«

 

Er wandte sich zu Joan und reichte ihr die Hand.

 

»Ich danke Ihnen sehr für Ihre Liebenswürdigkeit.«

 

Joan war nicht im geringsten verlegen, sondern vollständig Herrin der Situation, und er wunderte sich über ihre Selbstbeherrschung.

 

»Es wäre gut, wenn Sie sich jetzt wieder um neues Personal bemühten«, erwiderte sie und zwinkerte ihm zu. »Sie richten es am besten so ein, daß die Dienstboten morgen nachmittag um zwei Uhr wieder anfangen.«

 

Jim war erleichtert, denn er verstand nun, daß Joan Carston morgen zum Frühstück kommen wollte.

 

Lydia beobachtete sie, als sie den Fahrweg hinunterging.

 

»Ist Lady Joan wirklich mit Ihnen verlobt?«

 

Jim machte ein erstauntes Gesicht.

 

»Sie hat es mir selbst gesagt – aber ich dachte, sie hätte nur einen Scherz gemacht, um mich zu ärgern.«

 

»Mit mir verlobt?« fragte er. »Hat sie das gesagt?«

 

Lydia lächelte verächtlich.

 

»Es ist also nicht wahr, obwohl man es nach ihrer Äußerung hätte annehmen können. Ist sie mit Ihnen befreundet?«

 

»O ja«, sagte Jim nachlässig, »aber nur in der Art einer holden Fee, die einem armen, kranken Mann gütig hilft.«

 

»Ach so, Sie sind der arme, kranke Mann?«

 

Sie zwang sich zu einem Lächeln, doch er sah, daß sie ihre Erregung zu unterdrücken suchte, als sie sich an den Zweck ihres Besuchs erinnerte.

 

»Im Ernst, Mr. Morlake, glauben Sie nicht, daß es endlich an der Zeit wäre, Ihre Differenzen mit Ralph aus der Welt zu schaffen?«

 

»Sie sind wohl seine Gesandte, gewissermaßen die Taube mit dem Ölzweig?« fragt er ein wenig belustigt. »Wenn es so ist, haben Sie mir doch sicher wie alle Gesandten etwas anzubieten außer den vielen Versicherungen unverbrüchlicher Freundschaft – die versteht sich ja in solchen Fällen immer von selbst.«

 

Sie ging quer durch den Raum und schloß die Tür, dann trat sie näher an ihn heran.

 

»Ralph sagte mir, daß Sie etwas von ihm verlangt hätten, das in seinem Besitz sei. Aber er hat es nicht mehr!«

 

»Hat er es vernichtet?«

 

»Er hat es nicht mehr!« wiederholte sie. »Es ist in fremden Händen.«

 

Er schaute sie ungläubig an.

 

»Wie kommt es dann, daß sich Ihr Bruder noch in Freiheit befindet?«

 

Sie wurde feuerrot.

 

»Ich weiß nicht, was Sie damit sagen wollen.«

 

»Er müßte in diesem Falle hinter Schloß und Riegel sitzen«, erwiderte Jim ruhig. »Wenn das Dokument – ich nehme an, daß Sie auf das Schriftstück anspielen – in fremde Hände gefallen ist, dann sieht Ihr Bruder seiner Verurteilung entgegen, es sei denn, daß der Finder ein Erpresser ist.« Er erkannte aus allem, daß sie nicht wußte, welcher Art das verschwundene Dokument war. »Was soll ich denn tun?« fragte er.

 

»Ralph bat mich, Ihnen zu sagen, daß es keine Streitigkeiten zwischen Ihnen beiden gebe, die nicht zu beseitigen seien!«

 

»Mit anderen Worten: Ihr Bruder möchte, daß ich zu seinen Gunsten aussage, wenn das Dokument bei Gericht vorgelegt werden sollte.«

 

»Ich weiß nicht, ob er das wünscht – aber es ist möglich. Er hat mir nicht mehr gesagt, als was ich Ihnen bereits erzählte, nämlich, daß das Schriftstück nicht mehr in seiner Hand ist und daß er Sie um Ihre Freundschaft bittet.«

 

Jim trat zum Fenster und schaute hinaus. Er versuchte das Rätsel zu lösen, das sie ihm aufgegeben hatte. Aber während seiner Überlegung erinnerte er sich immer wieder der erstaunlichen Tatsache, daß Jane Smith eigentlich Joan Carston hieß und die Tochter von Lord Creith war, eine Dame, der er sich nach seiner Meinung niemals hätte nähern können.

 

»Ich sehe wirklich nicht, was ich tun kann«, meinte er schließlich und wandte sich wieder Lydia zu. »Der Streit, der zwischen Ihrem Bruder und mir besteht, kann beigelegt werden, wenn er alles wieder gutmacht. Das können Sie ihm ausrichten.«

 

»Das heißt also Kampf bis aufs Messer«, entgegnete sie ein wenig theatralisch.

 

»Ja, ich fürchte, daß es Krieg bedeutet.«

 

Sie biß sich auf die Lippen und dachte schnell nach.

 

Es war vielleicht besser, Morlake gegenüber eine andere Tonart anzuschlagen.

 

»Wissen Sie auch, was das für mich als seine Schwester bedeutet?« fragte sie mit etwas unsicherer Stimme. »Wissen Sie, daß mich in schlaflosen Nächten böse Gedanken quälen und ich immer in Angst leben muß, was der morgige Tag über mich bringt?«

 

»Es tut mir leid, daß ich darüber nicht informiert bin. Offen gesagt, Miss Hamon, habe ich kein Mitgefühl. Wenn Sie tatsächlich so bedrückt sind und sich soviel Sorgen und Gedanken machen, so ist das bedauerlich. Sie können Ihrem Bruder die Nachricht bringen, daß ich diese Sache zu Ende führen werde. Ich habe aus allem die Konsequenzen gezogen, die gefährlicher und schrecklicher sind, als Sie sich vorstellen können, und ich bleibe dabei, bis meine Mission vollendet ist.«

 

»Ein Einbrecher mit einer Mission!« höhnte sie.

 

»Das mag allerdings in gewisser Weise belustigend sein«, meinte er gut gelaunt. Er war nun über ihren Charakter aufgeklärt. Diese Frau war keine Schauspielerin. Sie konnte nicht einmal konsequent ihre Rollen durchführen und noch weniger den Ärger über ihren Mißerfolg verbergen.

 

»Sie hatten noch eine Chance, Morlake«, sagte sie in aufsteigendem Groll. »Ich weiß zwar nicht, worum es sich bei dem Streit zwischen Ihnen und Ralph handelt. Aber er ist zu klug für Sie, und früher oder später einmal werden Sie das zugeben müssen. Und wenn Ralph ein Verbrecher ist – sind Sie denn etwas anderes? Gibt es denn nicht genug Arbeit in der Welt für Sie beide, ohne daß Sie sich ins Gehege kommen müssen?«

 

»Das haben Sie wie eine Dame von Welt gesagt«, entgegnete Jim Morlake, als er sie zur Tür führte.

 

Kapitel 25

 

25

 

In einer Woche hatte sich Ralph Hamons Aussehen stark verändert. Zeitweise erschien er seiner Schwester wie ein alter Mann. Er war grau geworden, und neue Falten zeigten sich in seinem düsteren Gesicht. Auch ging er gebückter. Lydia, die in ihrer Weise klug war; versuchte nicht, zu tief in die Ursachen seines Kummers einzudringen. Zu ihrem Erstaunen bekam er keinen Wutanfall, als sie ihm das Resultat ihrer Unterredung mit Morlake berichtete, sondern nahm alles mit der größten Ruhe auf. Selbst ihre Bemerkung über die Anwesenheit Joan Carstens in Wold House regte ihn nicht auf.

 

Am Tage nach ihrer Unterredung mit Jim ließ sie ihr Gepäck zum Bahnhof bringen. Die Fahrkarte war schon in ihrer Handtasche. Dann ging sie zum Büro ihres Bruders.

 

»Heute nachmittag fahre ich nach Paris zurück«, sagte sie gleichgültig. »Ich möchte ein wenig Geld haben.«

 

Er schaute von seiner Arbeit auf.

 

»Wer hat dir denn gesagt, daß du nach Paris gehen sollst?«

 

Sie tat sehr erstaunt, aber das machte nicht den geringsten Eindruck auf ihn.

 

»Du bleibst bis auf weiteres hier. Es ist möglich, daß wir von hier fort müssen, vielleicht schon sehr bald.«

 

»Was ist denn los?« fragte sie ängstlich. »Steht die Sache wirklich so schlimm?«

 

»So schlimm wie nur irgend möglich, wenigstens im Augenblick. Sieh einmal, Lydia«, fuhr er in liebenswürdigem, freundlichem Ton fort, »ich möchte nicht, daß du mich in diesem Augenblick allein läßt. Du mußt bei mir bleiben. Und außerdem habe ich Sadi versprochen, dich nach Tanger mitzunehmen.«

 

Sie erwiderte nichts, setzte sich ihm gegenüber, stemmte die Ellbogen auf den Tisch und sah ihn scharf an.

 

»Hast du Sadi nicht noch mehr versprochen?«

 

Er vermied es, ihr in die Augen zu sehen.

 

»Vor fünf oder sechs Jahren warst du sehr darauf aus, daß ich in Tanger wohnen sollte. Was hast du Sadi versprochen?«

 

»Nichts Bestimmtes. Du mochtest ihn doch früher ganz gern.«

 

»Ja, damals interessierte er mich natürlich. Jedes junge Mädchen würde sich für einen gutaussehenden Araber interessieren. Aber nach deinen letzten Erzählungen ist er mir nicht mehr hübsch genug, und außerdem habe ich mir jetzt eine gesellschaftliche Stellung erobert.«

 

»Ich brauche Sadi, er ist äußerst nützlich für mich. Er gehört zu einer der ersten maurischen Familien – er ist Christ – wenigstens glaubt man es von ihm – und er ist reich.«

 

Sie lächelte verächtlich.

 

»Er ist so reich, daß er von dir eine vierteljährliche Unterstützung annimmt! Nein, Ralph, du kannst mich nicht hinters Licht führen. Ich weiß über Sadi Bescheid. Er ist ein verteufelt hinterlistiger Maure, und wenn du etwa glaubst, daß ich die Rolle der Desdemona spielen soll, dann täuschest du dich. Ich habe Othello nie leiden mögen. Sadi ist ganz interessant, das gebe ich zu, und er mag in Tanger auch eine bedeutende Persönlichkeit, er mag sogar ein Christ sein, obwohl ich das stark bezweifle. Aber ich will nicht Nummer dreiundzwanzig bei ihm sein und meine Tage in einem stickigen Harem beenden, selbst wenn ich die kostbarste Perle und die Hausfrau des Scherifs Sadi Hafis werden sollte …«

 

»Sadi hat dich sehr gern, und solche Heiraten gehen oft sehr glücklich aus. Die Regierung gibt viel auf ihn – er besitzt den größten Einfluß und hat die ganze Brust voller Orden.«

 

»Und wenn er geschmückt wäre wie ein Christbaum, er würde mir doch nicht passen«, erklärte sie entschieden. »Wir wollen diese Sache als beendet ansehen.«

 

Sie war erstaunt, daß er ihre offene Sprache ohne Widerspruch hinnahm.

 

»Du kannst es halten, wie du willst. Aber auf jeden Fall mußt du in London bleiben, Lydia, bis ich meine anderen Angelegenheiten geregelt habe.«

 

Nachdem sie gegangen war, gab er sich Mühe zu arbeiten, aber er hatte keinen Erfolg. Von Zeit zu Zeit sah er auf die Uhr, als ob er noch Besuch erwarte. Am Morgen war ein Telegramm aus Tanger angekommen. Er zog es mehrmals aus der Tasche und las es immer wieder durch. Daß Sadi kein Geld hatte, war nichts Neues für ihn, aber diese letzte Forderung interessierte ihn im Hinblick auf weiterhin mögliche Entwicklungen.

 

Später klingelte er nach seinem Sekretär.

 

»Nehmen Sie den Scheck mit zur Bank und bringen Sie das Geld in Fünfpfundnoten.«

 

Der wohlerzogene Mann stutzte nicht, als er die Zahlen las. Er war gewohnt, mit großen Summen umzugehen, aber nur in seltenen Fällen hatte Mr. Hamon sich einen so großen Betrag auszahlen lassen.

 

Nach einer halben Stunde kam der Sekretär mit drei dicken Paketen Banknoten zurück. Hamon gab sich nicht einmal die Mühe, sie zu zählen. »Ich erwarte Mr. Marborne«, sagte er, als er das Geld in seine Schreibtischschublade legte. »Lassen Sie ihn sofort herein, wenn er kommt.«

 

Marborne sollte um halb drei kommen, aber es war schon fast drei, als er in das Büro schwankte. Sein Aussehen hatte sich merkwürdig verändert. Er war in einer Weise gekleidet, die er für die modernste und feinste hielt: Er trug eine rotseidene Krawatte und einen grauen Zylinder. Nachlässig nahm er eine große Zigarre aus dem Mund und nickte dem Mann hinter dem Schreibtisch zu.

 

»Guten Morgen. Tut mir leid, daß ich ein bißchen zu spät komme, aber ich mußte einige Besuche machen.«

 

Er hatte getrunken; Hamon merkte es sofort.

 

»Na, haben Sie das Geld für mich, Alter?«

 

Ohne ein Wort zu verlieren, zog Hamon die Schublade auf und legte das Geld auf den Tisch.

 

»Danke«, sagte Marborne äußerst höflich. »Nun, wie fühlt man sich, wenn man einen Gefolgsmann hat?«

 

Hamon stützte die Ellbogen auf den Tisch und starrte den Erpresser an.

 

»Marborne, ich will Sie ja nach Kräften finanzieren, aber Sie müssen auch Ihr Versprechen halten.«

 

»Ich erinnere mich nicht, Ihnen irgendein Versprechen gegeben zu haben«, erwiderte der Inspektor kühl. »Ich sagte Ihnen doch, daß Ihr Geheimnis bei mir sicher aufgehoben ist. Sie werden in Zukunft nicht mehr an kleinen Ausgaben herumnörgeln, die ich für Sie gemacht habe, was?« fragte er vergnügt. »Ich muß jetzt die Stellung, die ich einnehme, aufrechterhalten. Und um Ihretwillen bin ich aus der Polizei ohne Pension entlassen worden. Ebenso Slone. Sie hätten uns ruhig verhungern lassen, wenn ich nicht zum Glück etwas neugierig gewesen wäre.«

 

»Wo haben Sie denn das – das Schriftstück gelassen? Wenn es nun einem anderen in die Hände fällt?«

 

Marborne lachte.

 

»Denken Sie denn, ich wäre so verrückt, eine gute Existenz so einfach aufs Spiel zu setzen?« fragte er verächtlich.

 

Unbewußt drückte er die Hand an die linke Seite. Es war eine unfreiwillige Bewegung, aber sie entging dem aufmerksamen Hamon nicht.

 

»Ich habe es in einem Geldschrank verwahrt«, sagte Marborne laut. »Er ist diebes- und feuersicher, und nur ich allein habe den Schlüssel – verstehen Sie?«

 

»Ja, ich verstehe«, erwiderte Hamon und war beinahe liebenswürdig, als er die Tür öffnete, um seinen Besucher hinauszulassen.

 

Er ging zu seinem Schreibtisch zurück, nahm ein Telegrammformular heraus und schrieb ohne Zögern eine Nachricht an ›Colport, Hotel Cecil, Tanger‹. Es gab nur eine Lösung, sich von der Tyrannei dieses Marborne zu befreien – der Mann mußte den Weg des unbekannten Matrosen gehen, den ein Radfahrer in der Portsmouth Road sterbend aufgefunden hatte.

 

Kapitel 26

 

26

 

In Creith tauchten zwei fremde Herren auf. Joan hatte sie schon gesehen, bevor ihr durch das Gerede im Ort bekannt wurde, daß es zwei junge Kaufleute seien, die ihre Ferien auf dem Lande zubrächten. Es waren zwei blühend aussehende Leute, die viel überflüssige Zeit hatten und sich anscheinend langweilten.

 

Als sie um halb zehn nach Wold House kam, um das Frühstück zu bereiten, erwähnte sie diese Entdeckung.

 

Jim Morlake nickte.

 

»Das sind Sergeant Finnigan und Detektiv Spooner vom Yard. Ich sah, wie sie am Abend nach meiner Rückkehr mit dem letzten Zug ankamen. Sie wurden in einem Polizeiauto von der Station hergebracht.«

 

Sie war betroffen, aber er lachte.

 

»Sie bilden sich doch nicht etwa ein, daß die Polizei mich jetzt nicht mehr beachtet? Welling hat sie geschickt, um meine Gewohnheiten zu studieren. Sie bleiben wenigstens eine Woche hier – ich dachte schon daran, sie einmal zum Abendessen einzuladen. Die Beköstigung im Roten Löwen wird ihnen nicht sehr zusagen.« Er zögerte einen Moment, bevor er weitersprach. »Warum haben Sie eigentlich Lydia Hamon gesagt –«

 

Er machte eine Pause, und auch sie hielt in ihrer Beschäftigung inne und sah, mit der Pfanne in der Hand, fragend zu ihm auf.

 

»Was soll ich ihr denn gesagt haben?«

 

»O nichts … ich vermute, Sie wollten sie nur ärgern – wenigstens nimmt sie das an.«

 

Er war verwirrt, und je mehr er versuchte, seiner Verlegenheit Herr zu werden, um so ungeschickter benahm er sich.

 

»Sie meinen, daß ich ihr erzählte, wir seien miteinander verlobt?« fragte sie ruhig. »Ja, das habe ich getan. Ich wollte sie einschüchtern, und Ihr Name war der erste, der mir einfiel. Es ist Ihnen doch nicht unangenehm?«

 

»Unangenehm …? Nein, das möchte ich nicht behaupten!«

 

»Ich hoffte, daß es Ihnen nichts ausmachen würde. Nachdem ich gestern weggegangen war, fiel mir ein, daß ich mein schreckliches Geheimnis Lydia Hamon anvertraut hatte, und ich machte mir selbst die größten Vorwürfe.«

 

Geschickt schwenkte sie die Eier auf eine Schüssel.

 

»Ich fürchtete schon, daß ich Sie hoffnungslos kompromittiert hätte … Sie sind doch sicher verheiratet?«

 

»Nein, ich bin nicht verheiratet«, sagte er heftig, »und ich war auch nie verheiratet.«

 

»Die meisten gutaussehenden Menschen sind verheiratet«, erwiderte sie so gleichmütig, daß er mutlos wurde. »Und meiner Meinung nach sehen Sie gut aus – ja, das ist meine Ansicht. Aber kommen Sie doch nicht mit Ihren Ellbogen mitten in die Schüssel mit den Spiegeleiern!«

 

Er haßte die Eier in diesem Augenblick.

 

»Es tut mir leid, daß Sie Lady Joan sind – ich hatte Jane gern … natürlich liebe ich auch Joan sehr.«

 

»Schön, wenn Sie mich Joan nennen wollen, steht dem nichts im Wege. Aber nun zu unserer Verlobung. Haben Sie etwas dagegen, wenn ich sie noch für die nächste Woche bestehen lasse? Mr. Hamon hat gewisse Absichten, die mich und meine Zukunft betreffen.«

 

Sie erzählte ihm offen, welche besonderen Interessen Hamon in Creith hatte, und er pfiff vor sich hin.

 

»Sie sehen, daß unser Adelstitel eigentlich nur noch einer hohlen Fassade gleicht. Der wirkliche Herr von Creith ist Hamon. Und ich bin eigentlich nichts Besseres als sein Stubenmädchen. Er will mich heiraten, genau wie in all den Romanen und Geschichten, wo der schlechte Kerl die Tochter des ruinierten Lords heiraten will. Um den Roman noch vollkommener zu machen, müßte ich mich eigentlich in einen armen, aber sehr ehrlichen Farmer verlieben, der in Wirklichkeit der Erbe des Landsitzes ist.«

 

Er konnte keinen Blick von ihr wenden, während er ihr zuhörte. Es war aber nicht ihre Schönheit, die ihn gefangennahm, auch nicht ihr atemraubendes Selbstbewußtsein und der Humor hinter all ihrer Ironie – vielleicht ein bißchen von allem, und doch war es etwas anderes. Er erinnerte sich, daß sie einmal geweint hatte. Die harte, praktische Seite ihres Charakters und die Gesprächigkeit zeigten eigentlich nicht die richtige Joan Carston. Sie gab ihm manches Rätsel auf und erschreckte ihn auch.

 

»Starren Sie mich doch nicht so an – das tut man nicht. Ich möchte Sie noch etwas fragen. Gestern abend borgte ich ein Nachtfernglas von Stephens. Von meinem Fenster aus kann ich Wold House sehen – nachts kommt immer ein gelber Schein von dorther, den ich mir bisher nicht erklären konnte. Mit dem Fernglas habe ich nun aber festgestellt, daß es das Bibliotheksfenster ist. Und ich sah, wie Ihr Schatten immer wieder an dem weißen Vorhang vorüberkam. Warum haben Sie weiße Vorhänge, James? Sie gingen immer noch auf und ab, als ich mich um ein Uhr schlafen legte. Ich habe Sie eine Stunde lang beobachtet … aber warum lachen Sie denn?«

 

»Finnigan und Spooner haben noch länger aufgepaßt und vermutlich einen großen Bericht über meine Ruhelosigkeit abgeschickt.«

 

»Woher wußten Sie denn, daß die beiden Sie beobachteten?«

 

»Nach Einbruch der Dunkelheit zog ich feine schwarze Drähte über den Rasen – sie waren heute früh alle zerrissen, ebenso die Baumwollschnur, die ich um die Türpfosten gebunden hatte. Natürlich hatte ich das Tor unverschlossen gelassen. Auf den Weg unter meinem Fenster legte ich einige braune, mit Vogelleim bestrichene Papierblättchen, die ich heute morgen auf der Hauptstraße fand.«

 

Nach dem Frühstück wuschen sie wieder miteinander das Geschirr ab.

 

»Sie haben sich aber böse verbrannt«, sagte er plötzlich.

 

Er hatte vorher noch nie die herzförmige Narbe auf ihrem Handrücken bemerkt.

 

Zu seinem größten Erstaunen wurde sie rot.

 

»Die Narbe zeigt sich nur manchmal«, erwiderte sie kurz.

 

Bald darauf ging sie fort.

 

Am Nachmittag kam der Butler sehr kleinlaut zurück. Er entschuldigte sich, aber Jim schnitt ihm das Wort ab.

 

»Sie können Ihre Stelle wieder antreten und auch die anderen Dienstboten engagieren, die wiederkommen wollen. Aber ich habe jetzt eine neue Hausordnung eingeführt. Um zehn Uhr müssen alle Leute zu Bett sein, und unter keinen Umständen darf mich jemand in der Bibliothek stören, wenn ich an der Arbeit bin!«

 

Er ging in sein Schlafzimmer hinauf, verschloß die Tür, legte die eine Ecke des Teppichs zurück und nahm aus einer gutgesicherten Öffnung im Fußboden einen flachen Kasten heraus, der die Lederrolle mit den Werkzeugen, eine Pistole und die unvermeidliche schwarze Maske enthielt. Er brachte alle Gegenstände in sein Studierzimmer und legte sie in eine Schublade des Schreibtisches.

 

Obgleich er von Detektiven bewacht wurde, obgleich die Gefahr lebenslänglicher Zuchthausstrafe wie ein Damoklesschwert über ihm schwebte, mußte der Schwarze wieder an seine Arbeit gehen. Die Stimme des Toten flüsterte drängend und unaufhörlich, und Jim Morlake zögerte nicht, ihr zu gehorchen.

 

Kapitel 27

 

27

 

Jim füllte den Benzinbehälter seines Wagens, steckte einige Konservenbüchsen, unter den Führersitz und fuhr in das Dorf. Er hielt zuerst bei der Post an und schickte ein Telegramm an Binger. Dann machte er vor der Werkstatt des Schmieds und Mechanikers halt, der nur die allerprimitivsten Reparaturen erledigen konnte. Jim wußte das genau.

 

»Es wäre besser, wenn Sie Ihren Wagen nach Horsham brächten, Mr. Morlake«, sagte der Mann. »Ich kenne diesen teuren Wagen nicht gut genug, um die Arbeit ausführen zu können, die Sie haben wollen.«

 

Einer der Detektive sah Jim fortfahren und ging natürlich gleich zu dem Schmied, um zu fragen, was los sei.

 

»Sein Steuerrad ist nicht in Ordnung. Er hat es selbst notdürftig repariert, aber ich sagte ihm, daß es gefährlich sei, so zu fahren. Nun hat, er den Wagen nach Horsham zur Reparatur gebracht.«

 

Hochbefriedigt ging Spooner zu seinem Vorgesetzten zurück und berichtete ihm, was er erfahren hatte.

 

Als die Dunkelheit hereinbrach, kehrte Jim in dem kleinen Autobus zurück, der dreimal am Tage die Verbindung zwischen Creith und Horsham herstellte. Auch diese Tatsache beobachtete Spooner genau.

 

»Ich weiß überhaupt nicht, zu welchem Zweck wir ihn hier überwachen sollen«, meinte Sergeant Finnigan. »Es ist doch unwahrscheinlich, daß er in der nächsten Zeit etwas unternimmt. Der letzte Prozeß hat ihm sicher einen heilsamen Schrecken eingejagt.«

 

»Ich wünschte nur, daß er die Angewohnheit hätte, früh zu Bett zu gehen«, brummte Spooner.

 

»Vielleicht läßt ihn das schlechte Gewissen nicht ruhen.«

 

Kurz nach Jims Rückkehr fand sich auch Binger mit einer kleinen Reisetasche ein, die alles enthielt, was notwendig war, um sich vollständig zu verkleiden.

 

»Ich habe eine Aufgabe, die Ihnen willkommen sein wird«, sagte Jim. »Sie müssen sich jeden Abend hier in einen Stuhl setzen und fünf oder sechs Stunden nichts tun. Sie können ja am Tag schlafen, und ich zweifle nicht im mindesten, daß Sie auch noch einige kleine Nickerchen einlegen, wenn Sie hier Ihre Pflicht tun.«

 

»Sie haben es doch hoffentlich aufgegeben?« fragte Binger besorgt. »Was sollte ich aufgegeben haben?«

 

»Das Einbrechen!« Plötzlich sah Binger einen Gegenstand auf dem Schreibtisch. »Lieben Sie neuerdings Musik?«

 

Jim schaute nach dem großen Plattenspieler hinüber, den er vor einigen Tagen angeschafft hatte.

 

»Ja, ich interessiere mich in letzter Zeit sehr für Jazzmusik. Aber hören Sie, Binger, Sie müssen meine Anordnungen auf das genaueste ausführen. Heute abend um zehn beziehen Sie Ihren Wachtposten vor meiner Tür. Sie können sich den bequemsten Stuhl im Haus aussuchen, und ich bin auch nicht böse, wenn Sie einschlafen. Aber niemand darf in dieses Zimmer kommen – verstehen Sie mich? Und unter gar keinen Umständen darf man mich stören. Wenn also die Detektive erscheinen sollten –«

 

»Sie meinen doch nicht etwa wirkliche Detektive?« fragte Binger entsetzt.

 

»Hier in Creith sind augenblicklich zwei, aber ich glaube nicht, daß Sie von ihnen belästigt werden. Sollten sie aber wirklich kommen und vorn an die Tür klopfen oder nach zehn etwas unternehmen, dann dürfen Sie die Leute auf keinen Fall einlassen, es sei denn, daß sie eine Vollmacht von einer Behörde vorweisen. Haben Sie alles verstanden?«

 

»Jawohl, Sir. Soll ich Ihnen später noch etwas Kaffee bringen?«

 

»Nein, Sie sollen mir gar nichts bringen. Wenn Sie versuchen, hereinzukommen oder mich irgendwie zu stören, sind Sie entlassen.«

 

Um halb zehn abends ging Jim auf dem Gelände umher und auch zum Haupttor. Die Straße lag verlassen da, aber im Schatten der Hecke sah er einen kleinen roten Punkt, der regelmäßig aufglühte und wieder schwächer wurde. Es war die Zigarre eines Detektivs. Jim lachte in sich hinein.

 

Als er in sein Arbeitszimmer zurückkam, fand er Binger davor, der auf einem bequemen Stuhl saß.

 

»Gute Nacht!« sagte Jim und verschloß die Tür.

 

Obgleich das Haus an das elektrische Stromnetz angeschlossen war, brannte auf dem Tisch eine Petroleumlampe, die ein äußerst helles Licht ausstrahlte. Er entfernte den Schirm, so daß die Helligkeit der Flamme blendete.

 

Dann hob er den Plattenspieler auf den Tisch, der in der Mitte des Raums stand, schaltete ihn ein und stellte auf das langsamste Tempo ein. Er schraubte einen langen Stab an den Plattenteller und befestigte daran eine Figur aus dünnem Karton. Es war der Schattenriß eines Mannes, der die Hände auf dem Rücken gekreuzt hatte. Dann nahm er die Lampe vom Schreibtisch, stellte sie in die Mitte des Plattentellers und ließ den Apparat laufen. Die Platte mit der Lampe und der Pappfigur drehte sich nur langsam, und der Schatten der Silhouette huschte über den Fenstervorhang.

 

»Er rennt schon wieder in seinem Zimmer herum«, sagte Spooner ärgerlich, als er von draußen den Schatten am Fenster vorübergleiten sah. »Wie lange wird er diesen Unsinn noch fortsetzen?«

 

Offenbar nicht mehr lange, denn Jim hielt den Apparat an, ging in sein Zimmer und zog die alten schwarzen Kleider an. Dann schlüpfte er in einen Mantel, der fast bis zu den Füßen reichte, setzte einen weichen schwarzen Hut auf und steckte das Werkzeug und eine starke Taschenlampe ein. Es war nun halb elf. Tiefes Schweigen herrschte im ganzen Haus, als er noch einmal ins Arbeitszimmer zurückkehrte und Binger durch die Tür ansprach.

 

»Sind Sie auf Ihrem Posten?«

 

»Jawohl.«

 

»Also denken Sie daran, daß ich unter keinen Umständen gestört werden möchte.«

 

»Jawohl.«

 

Jim hörte an Bingers Stimme, daß der Mann schon halb eingeschlafen war.

 

Wieder stellte er den Plattenspieler an und ging dann in sein Schlafzimmer. Durch das Fenster an der Hinterseite des Hauses trat er auf einen kleinen Balkon.

 

Kurze Zeit später stand er unten im Park und schlich sich fort. Im Schatten des Gebüsches eilte er zu der kleinen Brücke, die zum Creithschen Ufer hinüberführte. Nach einem Weg von zehn Minuten kam er an einen abseits liegenden Schuppen, in dem er seinen Wagen untergestellt hatte … »Jetzt geht’s wieder los«, sagte Spooner zu dem Sergeanten. »Sehen Sie, da ist er!« Er deutete auf den Schatten, der an den weißen Gardinen vorüberglitt.

 

Finnigan gähnte. »Dann können wir die ganze Nacht hier sitzen.«

 

*

 

Jim fuhr durch den feinen Regen über Haymarket. Er bog in die Wardour Street ein und parkte den Wagen in einer langen Reihe von Autos, die Theaterbesuchern gehören mochten. Dann ging er zur Shaftesbury Avenue und rief ein Mietauto an. Als das Taxi gerade an den Gehsteig heranfuhr, öffnete sich die Tür einer Bar, und ein Mann taumelte heraus.

 

Er fiel direkt gegen Jim, der ihn am Arm packte und wieder aufrichtete.

 

»– ’schuldigen Sie«, sagte der Betrunkene, »hatte eine kleine Auseinandersetzung … ’ne abstrakte Frage über Metaphysik …« Er konnte kaum sprechen.

 

Jim betrachtete ihn genauer. Es war der junge Mann, der damals in der Gewitternacht zu ihm gekommen war.

 

»Hallo, mein Freund, Sie haben aber noch einen weiten Weg nach Hause.« Dann besann er sich, daß er ja eigentlich nicht erkannt werden wollte. Der Betrunkene war jedoch dazu gar nicht in der Lage.

 

Das Mietauto wartete, und als Jim sah, daß sich schon Menschen um sie ansammelten, zog er den Mann schnell in das Innere des Wagens.

 

»Fahren Sie nach Long Acre!« befahl er.

 

In dem ruhigsten Teil der Straße ließ er halten und führte seinen Begleiter auf den Gehsteig.

 

»Nun gebe ich Ihnen den guten Rat, nach Hause zu gehen.«

 

»Nach Hause?« sagte der andere bitter. »Hab kein Zuhause! Keine Freunde – kein Mädel!«

 

»Vielleicht ist das ganz gut – für das Mädel«, erwiderte Jim ungeduldig, denn die Zeit drängte.

 

»So – meinen Sie? Ich nicht … ich möchte sie bloß noch mal erwischen, nachdem sie mich so schlecht behandelt hat – die bringe ich um – sicher, die bringe ich um!«

 

Sein blasses Gesicht war von Wut verzerrt, und plötzlich brach er hilflos in Tränen aus.

 

»Sie hat mein Leben ruiniert!« schluchzte er. »Und ich kenne sie nicht einmal … kenne nur ihren Vornamen und weiß nur, daß ihr Vater Lord ist … sie hat eine kleine Narbe auf der Hand –«

 

»Wie heißt denn die junge Dame – die ihr Leben ruiniert hat?« fragte Jim heiser.

 

»Joan – sie hat mich ins Unglück gebracht – wenn ich sie finde, ist es zu Ende mit ihr!«

 

Kapitel 28

 

28

 

Marborne spielte in letzter Zeit den großen Herrn und besuchte die teuersten Lokale. Als er eines Abends nach einem üppigen Mahl etwas bezecht nach Hause kam, wurde er plötzlich wieder nüchtern. Er hatte das Licht im Schlafzimmer angedreht und sah mit starrem Blick zu dem Geldschrank hinüber, den er sich angeschafft hatte. Die Tür hing nur noch an einem Gelenk, und der Schrank selbst war leer …

 

Nachdem er sich von seinem Schrecken etwas erholt hatte, durchsuchte er in aller Eile den Raum. Es war ihm sofort klar, wie der Dieb hereingekommen war. Er mußte auf der Feuerleiter nach oben gestiegen und durch das Fenster des Schlafzimmers eingedrungen sein.

 

Marborne stürzte hinunter und riß die Haustür auf. Auf dem Gehsteig stand Captain Welling, er hatte die Hände auf den Rücken gelegt und schaute unentwegt zu den erleuchteten Fenstern der Wohnung hinauf.

 

»Kommen Sie mit!« schrie Marborne erregt.

 

»Ist etwas nicht in Ordnung?« fragte der Beamte, als er näher trat. »Es ist doch merkwürdig, daß ich gerade in diesem Augenblick hier sein muß.«

 

»Ich bin bestohlen worden – ausgeplündert!« rief Marborne. »Man hat meinen Geldschrank erbrochen …«

 

Er stieg die Treppe wieder hinauf und redete zusammenhangloses Zeug.

 

Welling untersuchte den Safe.

 

»Der Mann hat gründliche Arbeit geleistet. Am besten rühren Sie den Schrank bis morgen nicht an. Ich will ihn fotografieren lassen, um eventuell Fingerabdrücke zu entdecken.«

 

Er ging zum Fenster und stieg auf der Feuerleiter hinunter.

 

»Oh, was ist dies?« fragte er und nahm einen Gegenstand auf, der auf dem eisernen Podest zu seinen Füßen lag. »Ein Baumwollhandschuh! Dann hat es auch keinen Zweck, nach Fingerabdrücken zu suchen.« Er stieg wieder hinauf und betrachtete den Handschuh genauer unter der elektrischen Lampe.

 

»Daran kann man gar nichts sehen, selbst wenn man sich größte Mühe gäbe. Ich fürchte, der Mann ist gut davongekommen. Wieviel Geld haben Sie verloren?«

 

»Zwischen zwei- und dreitausend Pfund!« schluchzte Marborne.

 

»Sonst noch etwas?« Welling sah ihn scharf an.

 

»Was hätte ich denn sonst noch verlieren sollen?« fragte Marborne plötzlich rauh. »Ist es denn nicht genug, wenn einem zweitausend Pfund gestohlen werden?«

 

»Hatten Sie nicht noch Bücher oder Dokumente in Ihrem Schrank?«

 

»Nein, nicht im Schrank«, erwiderte Marborne schnell. »Auch sonst nirgends.«

 

»Es sieht so aus, als ob es der Schwarze gewesen ist«, meinte Welling fast belustigt und ging wieder zum Safe. »Ich wüßte gar nicht, wer es sonst so gut hätte machen können. Haben Sie Telefon?«

 

»Im Wohnzimmer.«

 

Welling telefonierte lange mit dem Yard und ging dann in das Schlafzimmer zurück, um nach Anhaltspunkten zu suchen. Er wußte aber schon im voraus, daß seine Arbeit ohne Erfolg sein würde.

 

Der Dieb war offenbar nicht mit dem Geld zufrieden gewesen, das er im Safe gefunden hatte, denn alle anderen Schubladen waren durchwühlt, und ihr Inhalt war auf dem Boden verstreut. Das Büfett war aufgebrochen, ein Koffer unter dem Bett mit Gewalt geöffnet, das Bett selbst vollständig abgedeckt. Sogar die Matratzen hatte der Dieb aufgehoben.

 

»Ihr Freund hat etwas gesucht – was mag das nur gewesen sein?«

 

»Zum Teufel, wie soll ich das wissen?« rief Marborne wild. »Auf jeden Fall hat er es nicht bekommen.«

 

»Ich weiß nicht, wie Sie das sagen können, wenn Sie überhaupt keine Ahnung haben, was er gesucht hat«, entgegnete der Beamte.

 

Das Telefon läutete, und das Fernamt meldete sich, denn Welling hatte ein Gespräch nach Creith bestellt.

 

»Captain Welling am Apparat. Sind Sie dort, Finnigan?«

 

»Ja.«

 

»Wo ist Ihr Mann?«

 

»In seinem Haus. Vor fünf Minuten war er noch dort.«

 

»Sind Sie dessen sicher?«

 

»Absolut. Ich habe ihn zwar nicht persönlich, aber seinen Schatten am Fenster gesehen. Es stimmt, daß er hier ist. Außerdem hat er gar kein Auto, denn er mußte es heute nach Horsham zur Reparatur schicken.«

 

»So? Zur Reparatur?« fragte Welling höflich. »Dann ist alles in Ordnung.«

 

Er legte den Hörer wieder auf und ging zu Marborne zurück, der verstört den zertrümmerten Geldschrank betrachtete.

 

»Es wäre ganz gut, wenn Sie die Sache Ihrem Polizeirevier meldeten und bäten, daß ein Mann von dort herkommt«, sagte sein früherer Vorgesetzter. »Ich glaube ja nicht, daß sie Ihnen helfen können. Es ist aber auch zu schlimm, daß Sie soviel Geld verloren haben. Banken sind doch sicherer.«

 

Marborne erwiderte nichts darauf.

 

Kapitel 15

 

15

 

Joan war am Vormittag Miss Lydia Hamon mit größtem Erfolg aus dem Weg gegangen und hoffte, daß ihr unentschuldbar beleidigendes Benehmen die junge Dame veranlassen werde, nicht wiederzukommen. Zu jeder anderen Zeit wäre sie sehr neugierig gewesen, die Schwester Ralphs zu sehen, aber heute hatte sie nur einen Gedanken, der sie in Anspruch nahm.

 

Zwei Stunden vor dem Abendessen legte sich Lord Creith nieder und hielt eine Siesta, wie er es nannte. Joan erledigte um diese Zeit ihre Korrespondenz, aber heute war sie nicht dazu aufgelegt. Noch weniger war sie in der Stimmung, Besuche zu empfangen, und als Stephens erschien, um ihr Miss Hamon zu melden, seufzte sie verzweifelt auf.

 

»Bitten Sie die Dame herauf«, sagte sie schließlich und nahm sich vor, höflich zu sein.

 

Sie war doch etwas erstaunt, als sie Lydia sah, die viele Vorzüge hatte und sich geschmackvoll zu kleiden verstand. Es war kaum zu glauben, daß dieses zarte, geschmeidige Mädchen mit dem häßlichen Mr. Hamon verwandt sein sollte.

 

»Es tut mir furchtbar leid, daß ich Sie gestört habe.« Lydia warf einen Blick auf den Schreibtisch, auf dem Joan in aller Eile Schreibpapier und Briefumschläge ausgelegt hatte, um die Unterredung möglichst bald abbrechen zu können. »Ich habe schon heute morgen versucht, Sie zu treffen. Ralph sagte, daß Sie mich am Vormittag erwarten würden, aber Sie waren leider schon ausgegangen.«

 

Joan murmelte ein paar Entschuldigungsworte und war gespannt, welche dringende Veranlassung Lydia noch einmal zu ihr geführt hatte.

 

»Ich bin nur ein paar Tage in London, und ich mußte Sie sprechen«, sagte Lydia, als ob sie Joans Gedanken erraten hätte. »Ich lebe sonst in Paris – kennen Sie Paris?«

 

»Nur oberflächlich. Ich liebe es nicht sehr.«

 

»Wirklich?« Lydia zog die Augenbrauen in die Höhe. »Ich kann die Leute, die Paris nicht gern haben, eigentlich kaum verstehen. Es ist doch herrlich dort für Menschen, die Geschmack haben.«

 

»Dann muß ich eben einen sehr schlechten Geschmack haben«, meinte Joan belustigt.

 

»Sie verstehen mich nicht richtig – das wollte ich damit nicht sagen«, entgegnete Lydia schnell, denn sie wollte unter allen Umständen einen günstigen Eindruck hinterlassen. »Ich meine Leute, die dort leben. Kennen Sie eigentlich den Herzog von Montvidier? Er ist eng mit uns befreundet.«

 

Sie rasselte noch ein Dutzend anderer Namen des französischen Hochadels herunter, ohne daß Joan jemand darunter fand, für den sie sich besonders interessiert hätte.

 

»Ralph hat mir erzählt, daß er Ihr Familiengut in Sussex gekauft hat.« Lydia spielte mit dem Griff ihres Schirmes und sah an Joan vorbei. »Es muß ein ganz wunderbares Haus sein.«

 

»O ja, es ist sehr schön dort.«

 

»Jammerschade, daß dieses alte Gut Ihnen nicht mehr gehören soll, das doch so viele Jahrhunderte im Besitz der Creith war. Ich sagte Ralph, wie sehr ich mich darüber wundere, daß er davon so herzlos Besitz ergriffen hat.«

 

»Er hat es noch nicht getan, und er kann es auch nicht tun, solange mein Vater lebt«, erklärte Joan, die jetzt Lydias Absichten durchschaute.

 

»O ja, ich weiß – ich dachte im Augenblick nicht an Ihren Vater, ich dachte ganz besonders an Sie. Ralph denkt sehr viel an Sie. Er leidet – er ist sehr gütig, nur wenige Menschen verstehen ihn. Im allgemeinen erscheint er den Leuten als ein Mensch, der sein Hauptinteresse darin sieht, Geld zusammenzuscharren. Aber in Wirklichkeit ist er feinfühlig und der treueste Freund.«

 

»Dann wird er ja eine Frau einmal sehr glücklich machen, wenn er heiratet«, sagte Joan, die den Stier bei den Hörnern packen wollte.

 

Auf diese Antwort war Lydia nicht gefaßt, und sie verlor plötzlich die Disposition, obwohl sie sich vorher genau überlegt hatte, was sie vorbringen wollte.

 

»Das denke ich auch«, erwiderte sie schließlich. »Aber ganz im Ernst – obgleich Sie denken können, daß es unverschämt von mir ist, das zu sagen –, Ralph ist ein begehrenswerter Preis, um den es sich zu kämpfen lohnt.«

 

»Da ich mich um diesen Preis in keiner Weise bewerbe, wüßte ich nicht, warum es unverschämt von Ihnen sein sollte«, entgegnete Joan kühl. »Ich könnte Ihren Bruder sowieso nicht heiraten – um ganz offen zu sein.«

 

»Warum denn nicht?« fragte Lydia begierig.

 

»Weil ich verlobt bin.«

 

»Verlobt!«

 

Lydia war empört über Ralph, der ihr eine so wichtige Sache nicht mitgeteilt hatte.

 

»Er weiß aber gar nichts davon –«

 

»Dann können Sie ihm ja eine interessante Neuigkeit erzählen!«

 

Lydia war aufgestanden, drehte verlegen an ihrem Schirm und wußte nicht, wie sie diese Unterredung beenden sollte.

 

»Ich wünsche Ihnen, daß Sie sehr glücklich werden. Aber ich glaube, es ist der größte Fehler für eine Dame Ihres Standes, wenn sie einen Mann ohne Geld heiratet. Ihr Verlobter hätte doch nicht gestattet, daß Ralph das Landgut Ihres Vaters kaufte, wenn er vermögend wäre.«

 

»Geldheiraten werden meistens sehr unglücklich. Wir hoffen, daß unsere Verlobung, die sich nur auf reine Liebe gründet und von der traurigen Geldfrage überhaupt nicht berührt wird, sehr glücklich ausgehen wird.«

 

»Vielleicht überlegen Sie sich die Sache noch«, meinte Lydia und reichte Joan ärgerlich die Hand. »Ralph ist ein Mann, der sich nicht leicht von seinen Vorsätzen abbringen läßt. Er ist ein guter Freund, aber auch ein böser Feind. Augenblicklich geht jemand ungeduldig im Gefängnis auf und ab, der erfahren hat, was es bedeutet, Ralph Hamon zum Feind zu haben.«

 

Sie sah, daß Joan errötete, aber sie deutete es falsch.

 

»Ich weiß nicht, warum sich die Leute im Gefängnis nicht damit die Zeit vertreiben sollen, in ihrer Zelle auf und ab zu gehen«, erwiderte Joan kühl. »Meiner Meinung nach ist Mr. Morlake übrigens sehr ruhig und gelassen.«

 

»Ach, Sie kennen Jim Morlake?«

 

»Ich muß ihn wohl kennen, denn ich bin mit ihm verlobt!«

 

Kapitel 16

 

16

 

Lord Creith kam aufgeräumt und vergnügt zum Abendessen herunter, nachdem er sein kleines Schläfchen gehalten hatte. Joan erzählte ihm bei Tisch von ihrer Unterhaltung mit Lydia.

 

»Um Himmels willen, wie kannst du so etwas sagen! Mit einem Einbrecher verlobt! Das war wirklich eine große Dummheit. Nun wird dieser Hamon kommen und mich mit der Sache belästigen. Und niemand weiß besser als du, Joan, daß ich nicht belästigt werden will.«

 

»Du kannst ihm aber doch sehr gut sagen, daß du nichts davon weißt. Du kannst ihm erklären, daß ich mein eigener Herr bin und mir von niemandem dreinreden lasse – das stimmt doch?«

 

»Vielleicht kommt er gar nicht«, meinte er hoffnungsvoll.

 

Aber er hatte sich kaum vom Tisch erhoben, als Ralph Hamon laut an die Tür klopfte.

 

»Ich bin nicht zu Hause, Joan«, sagte Lord Creith hastig.

 

Er verließ den Raum, und Joan ging ins Wohnzimmer, in dem Hamon wütend hin und her rannte. Er wandte sich schnell um, als sie die Tür öffnete.

 

»Was hat das zu bedeuten, was Lydia mir erzählt hat?« fragte er stürmisch.

 

Es war eine große Veränderung mit ihm vorgegangen. Er sah sonst schon wenig vorteilhaft aus, aber nun schauderte sie bei seinem Anblick. Sein Unterkiefer war vorgeschoben, und seine Augen funkelten vor Zorn.

 

»Sie kennen Morlake – Sie sind also Jane Smith!« Er ging auf sie zu. Und als sie nur ruhig nickte, steigerte sich seine Erregung noch mehr. »Joan, ich habe Ihnen früher schon gesagt, und ich sage es Ihnen wieder, daß Sie die einzige Frau auf der Welt sind, die zu mir paßt. Ich will Sie haben, sonst niemanden! Ich würde eher Sie und ihn töten –«

 

Sie zuckte mit keiner Wimper, und je verächtlicher und geringschätziger ihre Haltung ihm gegenüber war, desto begehrenswerter erschien sie ihm. Er streckte die Hände nach ihr aus, aber sie stand unbeweglich vor ihm.

 

»Ich kenne ein Dutzend Männer, die Sie am Kragen packen und aus dem Haus werfen würden, wenn sie nur die Hälfte von dem wüßten, was Sie eben gesagt haben.«

 

Ihre Stimme klang fest und sicher.

 

»Wenn ich falsch unterrichtet bin –« erwiderte er heiser.

 

»Das sind Sie. Es war ein Scherz von mir, Ihrer Schwester zu erzählen, daß ich verlobt sei. Ich konnte sie und ihr albernes Benehmen nicht mehr ertragen.«

 

Sie hatte die Tür aufgelassen, als sie hereinkam, und sie wußte, daß der Butler in der Diele war.

 

»Stephens!« rief sie.

 

Der Mann kam herein.

 

»Bitte, begleiten Sie Mr. Hamon hinaus!«