Kapitel 17

 

17

 

Colonel Carter vom Morddezernat nahm die Zigarre aus dem Mund.

 

»Mein lieber Welling, Sie sind romantisch, und deshalb müßte Ihnen eigentlich alles schiefgehen. Aber statt dessen sind Sie einer der erfolgreichsten Detektive.«

 

Julius Welling, der Chef der achten Abteilung von Scotland Yard, seufzte. Er war ein älterer, weißhaariger Mann mit melancholischen Zügen.

 

»Ich muß zugeben«, fuhr Carter fort, »daß Ihre phantastischen Träumereien manchmal zu den seltsamsten Enthüllungen geführt haben.«

 

»Wozu wird denn meine augenblickliche Kombination führen?« fragte Welling mit einem müden Lächeln.

 

»Damit werden wir sicher eine große Katastrophe erleben«, meinte der Colonel ernst. »Wir haben den Schwarzen gefangen – daran kann kein Zweifel bestehen. Ich wünschte nur, es hätte ihn ein anderer als Marborne gefaßt, denn ich war schon dabei, ihm den Laufpaß zu geben. Aber das ist eben das Glück des Zufalls – ausgerechnet Marborne muß ihn bekommen. Wir haben alles Beweismaterial in Händen, das wir brauchen – abgesehen davon wurde Morlake auf frischer Tat ertappt. Einbrecherwerkzeug und eine Waffe wurden bei ihm gefunden. Außerdem haben wir in seiner Wohnung in der Bond Street gestohlenes Gut entdeckt – ein Paket Banknoten mit den Stempeln der Home-Counties-Bank –«

 

»Die könnte schließlich auch ich von der Home-Counties-Bank bekommen, wenn ich nur darum nachsuchte«, sagte Welling halb zu sich.

 

»Ein Geldkasten war in seinem Garten vergraben –«

 

»Warum sollte er denn einen Geldkasten in seinem Garten vergraben? Das tun doch nur Amateurverbrecher.«

 

»Nun gut, aber wie kam dann das Geld dorthin?« fragte Carter gereizt.

 

Mr. Welling rieb sich nachdenklich die Nase.

 

»Man kann es ja dorthin gebracht haben, um Beweise gegen ihn anzuhäufen. Morlakes Geschichte klingt doch sehr merkwürdig. Er sagt, daß sein Diener verunglückte, der in Blackheath wohnt. Er kommt zu dem Haus, wo er liegen soll, wird plötzlich überfallen und zu Boden geschlagen. Denken Sie doch, er wird, ohne daß er recht weiß, was geschieht, gefaßt und zu Boden geschlagen – und dabei soll er eine Pistole bei sich gehabt haben! Er will in ein Haus einbrechen und läßt seinen Wagen an der Ecke der Straße mit brennenden Lampen stehen! Und dicht dabei ist eine Nebenstraße, in der er ihn großartig hätte verstecken können. Man nimmt an, daß er von der Rückseite in das Haus eingebrochen sei. Dort liegt ein Garten, der von einer niedrigen Mauer begrenzt wird. Er hätte auf dem Rückweg leicht über die Mauer steigen können und wäre dann gleich im Freien gewesen. Aber nein, er geht durch die Haupttür auf die Straße. Er wehrt sich – wie hat er sich denn gewehrt? Man darf doch nicht vergessen, daß er eine geladene Pistole bei sich gehabt haben soll! Aber er wehrt sich, so daß Marborne seinen Polizeiknüppel gegen ihn gebrauchen muß. Was hat er denn nur die ganze Zeit mit der Pistole gemacht?«

 

Colonel Carter schüttelte den Kopf. »Aber die Geschichte von dem telefonischen Anruf ist doch eine Lüge –«

 

»Im Gegenteil, sie ist wahr. Die Telefonzentrale in New Cross hat das Gespräch abgehört. Gerade zu dieser Zeit wurden nämlich die Anschlüsse untersucht und revidiert, weil ein Teilnehmer gemeldet hatte, daß sein Apparat nicht in Ordnung sei. Die Techniker hörten zufällig gerade diesen Anruf.«

 

Colonel Carter sah ihn erstaunt an: »Ich merke, daß Sie sich eingehend mit dem Fall beschäftigt haben.«

 

»Ich habe Marborne beschattet. Der Mann, der Morlake anrief, war Marborne selbst. Und ich werde nicht eher ruhen, als bis dieser Inspektor den Abschied bekommen hat!«

 

»Und was ist mit Morlake?«

 

»Ob man ihn verurteilt oder nicht, es steht jedenfalls fest, daß James Lexington Morlake der Schwarze ist, der schlaueste und tüchtigste Bankräuber, der in den letzten zwanzig Jahren aufgetaucht ist. Dafür habe ich genügend Beweise. Vor zehn Jahren«, sagte er ernst und bedeutungsvoll, »fand die Haslemere-Polizei einen sterbenden Matrosen auf der Portsmouth Road –«

 

»Von wem reden Sie denn jetzt?« fragte Carter verblüfft.

 

»Von dem Schwarzen, und warum er zum Einbrecher wurde. Ein sterbender Matrose, den man niedergeschlagen hatte und der in keiner Weise identifiziert werden konnte, ist daran schuld. Der Arme liegt auf einem kleinen Friedhof in Hindhead, und kein Name steht auf seinem Grabstein. Genügt das, um einen Mann zum Einbrecher zu machen?«

 

»Sie lieben das Geheimnisvolle«, erwiderte Carter unsicher.

 

»Ja, Geheimnisse sind meine besondere Liebhaberei.«

 

Kapitel 18

 

18

 

Der Gerichtssaal war am zweiten und letzten Tag des Prozesses dicht besetzt. Als sich der Richter niederließ, nickte er leicht, blickte flüchtig auf den Angeklagten und hörte die letzten Zeugenaussagen der Polizei.

 

Ein- oder zweimal lehnte er sich vornüber, um mit scharfklingender, dünner Stimme Fragen zu stellen.

 

Nachdem der letzte Zeuge den Stand verlassen hatte, erhob sich der Staatsanwalt.

 

Der Richter schaute Jim an: »Wollen Sie noch irgendeinen Zeugen benennen, Mr. Morlake?« fragte er.

 

Jim hatte keinen Anwalt genommen, er hatte die Kreuzverhöre der Zeugen selbst durchgeführt.

 

»Nein, Mylord. Ich hätte zwar den Telefonisten, der an dem Amt in New Cross arbeitete, laden können, aber die Polizei hat ja selbst zugegeben, daß ein Anruf an meine Wohnung kam und ich gebeten wurde, nach Cranfield Gardens zu kommen. Die Zeit dieses Anrufs ist festgelegt, ebenso die Zeit meiner Verhaftung. Daraus geht klar hervor, daß ich in der Zwischenzeit keine Möglichkeit hatte, in das Haus einzudringen. Die Anklage stützt sich auf die Aussage der Polizei, daß man Einbrecherwerkzeug und eine Pistole bei mir gefunden habe, aber es ist mir weder der Ankauf noch der Besitz dieser Gegenstände nachgewiesen worden. Die Polizei hat in ihren verschiedenen Aussagen dem Gerichtshof dartun wollen, daß ich ein alter, erfahrener Einbrecher sei und schon viele Bankdiebstähle begangen hätte.«

 

»Man hat nur gesagt, daß Sie unter einem solchen Verdacht stehen. Der Nachtwachmann in der Burlington-Depositenbank hat Ihre Stimme wiedererkannt – das ist alles, was über die Verbrechen gesagt wurde, die Sie eventuell früher begangen haben«, unterbrach ihn der Richter. »Ich nehme nicht an, daß Sie im Zeugenstand gegen sich selbst aussagen wollen.«

 

»Das ist nicht meine Absicht, Mylord.«

 

»Dann ist das, was Sie jetzt zu sagen haben, Ihre Verteidigungsrede?«

 

Jim stand hochaufgerichtet am Geländer, das die Anklagebank umgab. Er sah Gerichtshof und Geschworene scharf an.

 

»Meine Herren, wenn es wahr sein sollte, daß ich ein schlauer Bankeinbrecher bin, fällt Ihnen dann nicht auf, daß ich mich bei dem Versuch, aus einem Wohnhaus Juwelen von großem historischem, aber geringem Handelswert zu entwenden, recht täppisch und wenig fachmännisch benommen habe? Warum sollte ich das tun, wenn ich erst in der vorigen Woche aus der Burlington-Depositenbank eine große Summe raubte, wie hier behauptet wurde? Nehmen Sie doch einmal an, daß ich tatsächlich die Burlington-Bank beraubt habe!«

 

Große Bewegung ging durch den Saal, und Stimmen schwirrten durcheinander. Oben in der Galerie, wo das Publikum zuhörte, saß eine junge Dame, die den Prozeß während der beiden Tage aufmerksam verfolgt hatte. Kein Wort war ihr entgangen. Jetzt krampfte sich ihre Hand um ihr Taschentuch, und ihr Herz schlug wild.

 

»Sie brauchen und sollen auch keine Aussage machen, die Sie selbst belastet«, warnte der Richter.

 

»Nichts, was ich gesagt habe, wird oder kann mich irgendwie belasten«, erwiderte Jim ruhig. »Ich habe doch nur den Gerichtshof und die Geschworenen gebeten, einmal anzunehmen, daß ich ein erfahrener Einbrecher sei, um von diesem Gesichtspunkt aus den Einbruch in Cranfield Gardens zu beurteilen. Die Polizei hat immer betont, daß ich für all diese Bankeinbrüche verantwortlich sei. Soweit die Gesetzgebung dieses Landes ihnen erlaubt, haben diese Leute durch ihre Aussagen und Verdächtigungen mein ganzes Leben verdunkelt. Ich möchte die Atmosphäre wieder reinigen. Ich gebe zu, daß ich ›der Schwarze‹ bin, ohne irgendwie zu sagen, für welchen von den vielen Einbrüchen ich verantwortlich bin. War denn der Einbruch in Blackheath ein typischer Einbruch des Schwarzen? War da überhaupt irgend etwas zu holen? Lag eine Notwendigkeit oder ein Beweggrund vor, dort einzubrechen? Im Verlauf des Prozesses hat sich gezeigt, daß meine Angaben in bezug auf das Telefongespräch richtig waren. Ich wurde nur wenn ich es vorsichtig ausdrücke – durch einen Irrtum dieses tüchtigen Marborne festgenommen.«

 

Nachdem Jim geendet hatte, hielt der Staatsanwalt seine Rede, und nach ihm sprach noch der Richter.

 

»Ich habe nicht den geringsten Zweifel, daß der Angeklagte James Morlake ein Mann mit verbrecherischer Vergangenheit ist. Ich zweifle noch weniger daran, daß er der Einbrecher ist, der eine wenig beneidenswerte Berühmtheit unter dem Namen ›Der Schwarze‹ genießt. Aber am allerwenigsten zweifle ich an seiner Unschuld in der Anklage, die vor diesem Gerichtshof gegen ihn anhängig gemacht wurde. Die Aussagen der Polizei waren sehr wenig befriedigend. Ich glaube nicht, daß Marborne und Slone, die hier als Hauptzeugen aufgetreten sind, die reine Wahrheit sagten. Sie haben allerhand Indizienbeweise vorgebracht, die mich nicht überzeugen können. Mit anderen Worten: Ich bin der Meinung, daß diese ganze Sache von ihnen gemeinsam zusammengetragen wurde, um den Gerichtshof zu täuschen und den Angeklagten zu überführen. Ich gebe daher den Geschworenen den Rat, auf ›Nicht schuldig‹ zu entscheiden. Aber ich füge hinzu« – er wandte sich direkt an den Angeklagten –, »daß ich James Lexington Morlake vor einem Gerichtshof, dem ich präsidiere, zu lebenslänglichem Gefängnis verurteilen würde, wenn er eines Einbruches überführt wird. Denn ich bin überzeugt, daß er eine dauernde Bedrohung der Gesellschaft und ein Mann ist, mit dem kein ehrlicher und gewissenhafter Mensch jemals verkehren würde.«

 

Einen Augenblick schien es Joan, als ob Jim unter diesen harten Worten zusammenzuckte. Aber im nächsten Augenblick stand er wieder aufrecht, als ob nichts geschehen wäre, und hörte den Spruch der Geschworenen: »Nicht schuldig!«

 

Dann verließ er die Anklagebank und ging als freier Mann aus dem Gerichtssaal. Die Leute sahen ihm neugierig nach. Nur ein älterer weißhaariger Herr trat auf ihn zu.

 

»Ich freue mich, daß Sie so gut davongekommen sind, Morlake.«

 

Jim lächelte schwach: »Ich danke Ihnen, Mr. Welling – ich weiß, daß Sie es ehrlich meinen. Es war eine gemeine Schurkerei.«

 

»Das ist auch meine Ansicht«, sagte Welling ernst.

 

Es kamen nur wenig Leute aus dem Saal, denn der nächste Fall war eine Mordsache. Die große Marmorhalle lag still und verlassen da, als Morlake auf die Treppe zuging.

 

»Entschuldigen Sie –«

 

Er wandte sich um, und sein Blick fiel auf ein einfach gekleidetes, hübsches junges Mädchen.

 

»Ich bin so froh, Mr. Morlake!«

 

Er nahm ihre Hand und lächelte.

 

»Sie waren an den beiden Tagen hier. Ich habe Sie in der Ecke der Galerie gesehen. Ja, ich bin auch froh, daß es vorüber ist. Der alte Richter schenkte mir zwar nichts – wie?«

 

Sie schauderte: »Es war entsetzlich!«

 

Er wußte nicht, wie er sich ihr gegenüber verhalten sollte, aber ihre Freundlichkeit und ihr Mitgefühl berührten ihn mehr, als er es für möglich gehalten hätte.

 

»Ich hoffe, daß Sie nicht allzu günstig von mir denken«, sagte er freundlich. »Ein Verbrecher mag ja sehr interessant sein, aber er eignet sich schlecht zu einem Helden!«

 

Sie lächelte ein wenig: »Ich verehre Sie nicht als Helden – das meinten Sie doch damit«, erwiderte sie ruhig. »Ich bin furchtbar traurig – Ihretwegen! Ich glaube nicht, daß Sie irgendwie bereuen oder gestehen.«

 

Er schüttelte den Kopf. Als er sich umblickte, sah er, wie ihn ein Polizist neugierig beobachtete, und er hatte den dringenden Wunsch, die junge Dame nicht bloßzustellen.

 

»Ich denke, es ist besser, wenn wir gehen.«

 

»Würden Sie nicht irgendwo eine Tasse Tee mit mir trinken?« fragte sie ein wenig atemlos. »Hier in der Nähe ist ein kleines Restaurant.«

 

Er zögerte. »Ja gern«, entgegnete er dann.

 

»Sie wissen, daß Sie mir zu Dank verpflichtet sind?« sagte sie, als sie zusammen die Treppe hinuntergingen.

 

»Ihnen zu Dank verpflichtet?« fragte er erstaunt.

 

»Ich habe Ihnen einmal einen sehr wichtigen Brief geschickt. Ich bin Jane Smith.«

 

Kapitel 19

 

19

 

Halb belustigt und halb verwundert schaute er sie an.

 

»Jane Smith?« wiederholte er. »Sie haben mich vor Hamon gewarnt. Ist er ein Freund von Ihnen?«

 

»Ach nein.« Sie schüttelte heftig den Kopf. »Aber er kommt öfters in das Dorf, in dem ich wohne – in Creith.«

 

»Sie leben in Creith? Ich kann mich aber nicht darauf besinnen, Sie schon gesehen zu haben.«

 

»Ich glaube, Sie kennen dort überhaupt niemand. Sie sind wenig gesellig. Und Leute unseres Standes sehen Sie wahrscheinlich überhaupt nicht an.«

 

Sie ließen sich in einer kleinen Nische nieder, und Joan behandelte den Kellner so sachkundig und gewandt, daß Jim Morlake sie erstaunt betrachtete. Er überlegte sich, wer sie sein könne und wie es kam, daß ihm dieses schöne Mädchen in Creith noch nicht aufgefallen war.

 

»Halten Sie sich schon lange dort auf?«

 

»Ich bin sogar dort geboren.«

 

»Woher wußten Sie denn, daß Hamon diese falsche Anklage gegen mich plante?«

 

»Ich vermutete es nur. Eine Freundin von mir wohnt in Creith House. Sie hat viel von Mr. Hamon gehört.«

 

Der Kellner brachte den Tee, und sie schenkte Jim ein. Er beobachtete sie nachdenklich und fuhr fort: »Ich habe einerseits Hamon unterschätzt und andererseits die Begabung dieses gewissenlosen Marborne überschätzt. Es war ein plumper und wenig intelligenter Versuch, mich zu fangen.«

 

»Sie werden von jetzt ab das Gesetz nicht mehr übertreten?« fragte sie ruhig. »Soviel ich beurteilen kann, müssen Sie ein großes Vermögen zusammengebracht haben.«

 

Er antwortete ihr nicht gleich, denn er hatte plötzlich das Gefühl, daß er sie doch schon gesehen haben müsse.

 

»Ich kenne Sie – Sie waren die junge Dame, die damals bei dem Gewitter beinahe vom Blitz getroffen wurde!«

 

»Ja«, gestand sie und errötete leicht. »Aber Sie haben doch damals mein Gesicht nicht gesehen?«

 

»Ich kann mich auf Ihre Stimme besinnen. Sie ist so sanft und einschmeichelnd, daß man sie nicht vergessen kann.«

 

Das sollte kein Kompliment sein, aber ihre Wangen färbten sich doch dunkler.

 

»Sie sagten mir an dem Abend, daß Sie zu Besuch im Herrenhaus seien – wie ist es dann möglich, daß Sie im Dorf wohnen?«

 

Jane Smith riß sich zusammen und hatte sich auch gleich wieder in der Gewalt.

 

»Ich habe gelogen«, erwiderte sie kühl. »Durch Lügen kann man sich nämlich am leichtesten aus schwierigen Situationen befreien. Wenn Sie es durchaus wissen wollen, Mr. Morlake – ich war damals im Herrenhaus angestellt.«

 

»Sie sind aber doch kein Dienstmädchen?« fragte er ungläubig.

 

»Natürlich, ich bin ein Zimmermädchen, und zwar ein sehr gutes.«

 

»Daran zweifle ich keinen Augenblick«, entgegnete er schnell. »Also daher wußten Sie das alles. Ich bin Ihnen sehr dankbar, Miss Smith. Sind Sie noch im Herrenhaus beschäftigt?«

 

»Nein, ich habe meine Stellung verloren«, log sie weiter, »weil ich in jener Gewitternacht so spät nach Haus kam.« Das Thema wurde ihr aber doch allmählich zu gefährlich, und sie begann von etwas anderem zu sprechen. »Sie werden doch nun hoffentlich keine Einbrüche mehr verüben, nachdem Sie eben mit knapper Not einer Verurteilung entgangen sind?«

 

Er lachte laut.

 

»Ich sehe, daß Sie die Freuden eines Einbrechers nicht kennen und schätzen. Sonst würden Sie nicht so leichten Herzens von mir fordern, daß ich ein Leben aufgeben soll, das große Anziehungskraft auf mich ausübt. Der Richter war sicher sehr streng zu mir, aber ich kümmere mich nicht viel um Richter und das, was sie sagen.«

 

Sein scherzhafter Ton fand kein Echo bei ihr.

 

»Gibt es denn niemand, der Sie überreden könnte –«

 

»Es ist sehr freundlich von Ihnen, Miss Smith«, erwiderte er liebenswürdig. »Ich erkenne die gute Absicht, die hinter Ihrer Bitte steht. Aber ich muß meinen eigenen Weg gehen, denn nur so kann ich Genugtuung und Zufriedenheit im Leben erreichen. Ich möchte Sie jetzt auch bitten, nach Hause zu gehen. Sie halten sich schon viel zu lange in der Gesellschaft eines Verbrechers auf. Wohnen Sie zur Zeit in London?«

 

»Ja, ich wohne – ich meine, ich bin hier bei Freunden«, sagte sie etwas verwirrt.

 

Er zahlte, und sie verließen zusammen das Restaurant.

 

Kapitel 2

 

2

 

Stephens, der Butler in Creith House, las in der Morgenzeitung, daß ›der Schwarze‹ wieder einen Einbruch verübt hatte. In raffinierter Weise war der Mann in die Burlington-Bank eingedrungen, hatte die Wachleute betäubt und die Alarmvorrichtungen unbrauchbar gemacht. Stephens war eine mitteilsame Natur und erzählte die Neuigkeit seinem Herrn, als er ihm den Morgenkaffee servierte. Hätte er dieselbe Geschichte dem Gast berichtet, der sich gerade im Haus aufhielt, so würde er eine größere Sensation hervorgerufen haben. Aber aus vielen Gründen konnte er Mr. Ralph Hamon nicht leiden. Bei seinen ersten Besuchen war dieser Herr dem Lord gegenüber sehr höflich gewesen, hatte sich in Gegenwart der jungen Lady bescheiden benommen und sich die größte Mühe gegeben, ihr zu gefallen. Aber mit der Zeit hatte sich das Verhalten des Finanzmannes gegenüber der Familie des Lords bedeutend geändert, und Stephens war aufgebracht und böse darüber.

 

Er stand am großen Fenster des getäfelten Bankettsaals und starrte über die breite grüne Rasenfläche zu dem Fluß hinüber, der im Norden die Grenze des Landsitzes bildete. Es war ein herrlicher Frühherbstmorgen, und die Bäume glänzten noch in grünem Laub. Nur hier und dort färbten sich schon einige Blätter gelb und rot. Besonders schön leuchteten die Baumgruppen auf No Man’s Hill.

 

»Guten Morgen, Stephens!«

 

Der Butler drehte sich schuldbewußt um, als er die Stimme des Mannes hörte, an den er eben gedacht hatte.

 

Ralph Hamon war geräuschlos eingetreten. Er war von mittlerer Größe, hatte eine gedrungene Gestalt und neigte etwas zur Korpulenz. Stephens schätzte ihn auf fünfundvierzig. Hamons großes Gesicht war bleich und im allgemeinen ausdruckslos. Die hohe, kahle Stirn, die dunklen, tiefliegenden Augen und die harten Linien seines wenig schönen Mundes deuteten auf Klugheit und Geschicklichkeit. Die Kahlheit des Kopfes war noch deutlicher zu sehen, als er sich bückte, um eine Stecknadel vom Parkett aufzuheben.

 

»Das nennt man Glück«, sagte er und steckte sie unter die Klappe seines eleganten Anzugs. »Besser kann man den Tag gar nicht anfangen, als daß man etwas findet, was man gebrauchen kann.«

 

Stephens hatte auf der Zunge, daß die Stecknadel schon jemand gehörte, aber er beherrschte sich.

 

»Der Schwarze war wieder an der Arbeit«, erwiderte er nur.

 

Hamon runzelte die Stirn und nahm ihm hastig die Zeitung aus der Hand.

 

»Der Schwarze – wo denn?«

 

Während er den Artikel las, verdüsterten sich seine Züge noch mehr.

 

»Diesmal hat er die Burlington-Bank erwischt«, sagte er zu sich selbst. »Ich möchte nur wissen…?« Er warf Stephens einen Blick zu. »Sonderbar. Ist Lord Creith schon heruntergekommen?«

 

»Nein.«

 

»Und Lady Joan?«

 

»Die Lady ist vor einer Stunde ausgeritten.«

 

»Hm.«

 

Mr. Hamon sah mißmutig drein, als er die Zeitung weglegte. Gestern abend hatte er Joan Carston gebeten, mit ihm auszureiten, aber sie hatte sich damit entschuldigt, daß sich ihr Lieblingspferd verletzt habe. Stephens war kein Gedankenleser, aber er erinnerte sich plötzlich an gewisse Instruktionen.

 

»Lady Joan dachte eigentlich nicht, daß es möglich sei, aber ihr Pferd hatte sich heute morgen wieder soweit erholt.«

 

»Hm«, wiederholte Mr. Hamon. »Sie erzählte mir, daß sie jemandem eines der kleinen Häuser als Wohnung angewiesen habe – vielmehr ich hörte nur, wie sie es Lord Creith gegenüber erwähnte. Können Sie mir sagen, um wen es sich handelt?«

 

»Ich weiß leider nichts Genaues. Soviel ich gehört habe, ist es eine Dame mit ihrer Tochter… Lady Joan hat sie in London kennengelernt und ihr das kleine Haus als Erholungsaufenthalt überlassen.«

 

Mr. Hamon lächelte spöttisch.

 

»Sie betätigt sich wohl als Menschenfreundin?«

 

Langsam ging er durch die Halle ins Freie. Von Lady Joan war nichts zu sehen, und er vermutete ganz richtig, daß Stephens entweder Unkenntnis vorschützen oder ihm die Unwahrheit sagen würde, wenn er sich nach ihrem Weg erkundigte.

 

Er konnte die junge Dame nicht entdecken, so scharf er auch Ausschau hielt, aber sie sah ihn sehr genau von No Man’s Hill aus. Sie ritt im Herrensattel auf einem alten Fuchs und schaute nachdenklich zu dem großen, etwas verfallenen Herrenhaus hinüber. Ihr Gesicht war sorgenvoll, und es lag wie ein Schleier über ihren grauen Augen. Ihre schlanke, vornehme Gestalt wirkte fast knabenhaft. Sie beobachtete den dicken Mann, der jetzt wieder zum Haus zurückging, und als er verschwunden war, lächelte sie.

 

»Vorwärts, Toby!« Sie schlug mit den Zügeln auf den Hals des Pferdes und war in wenigen Augenblicken auf der Höhe des Hügels angelangt. Dort stieg sie ab, ließ das Tier grasen und ging zur höchsten Spitze hinauf. Mechanisch sah sie nach ihrer Armbanduhr – es war genau acht. Ihre Blicke verfolgten den breiten Weg, der unten am Hügel vorbeiführte.

 

Sie hätte nicht nach der Uhr zu sehen brauchen, denn der Mann, nach dem sie ausschaute, ritt Tag für Tag, Monat für Monat zur selben Zeit aus dem Gebüsch heraus. Er war groß und schlank, lenkte sein Pferd mühelos und rauchte wie immer eine Pfeife. Sie nahm den Feldstecher aus dem Lederetui und stellte ihn ein. Ihre Neugierde war wirklich unentschuldbar, und sie gestand sich diesen Fehler auch ohne Zögern ein. Er war es: Sie sah die stattliche, sehnige Gestalt mit dem schönen Gesicht und den leicht ergrauten Haaren an den Schläfen. In der einen Hand trug er eine dünne, schmiegsame Reitgerte, mit der er die Mähne seines Pferdes zerstreut streichelte.

 

›Joan Carston, du bist geradezu schamlos!‹ sagte sie zu sich selbst. ›Bedeutet dir denn dieser Mensch etwas? – Nein! Aber umgibst du ihn nicht mit dem goldenen Schimmer der Romantik? – Ja! Treiben dich nicht reine Neugierde und der Hang zu geheimnisvollen Abenteuern jeden Morgen hierher, um diesen harmlosen Gentleman zu beobachten? – Ja! Und schämst du dich nicht deshalb? – Nein!‹

 

Der Mann, der nichts von Joans Selbstgespräch ahnte, ritt weiter und befand sich nun auf gleicher Höhe mit ihr. Er schaute weder nach rechts noch nach links, bis er außer Sicht kam.

 

Mr. James Lexington Morlake war für die Bevölkerung der Umgebung eine rätselhafte, interessante Persönlichkeit. Man wußte nichts Genaues über ihn, nur war er offensichtlich sehr reich. Freunde besaß er bestimmt nicht, und alle Einladungen, die ihn in nähere Berührung mit seinen Nachbarn gebracht hätten, lehnte er strikt ab. Er machte und empfing keine Besuche. Man zog Erkundigungen über ihn ein und erfuhr schließlich durch die Dienstboten, daß er ein ganz merkwürdiges und unregelmäßiges Leben führe. Sein Aufenthalt in Wold House oder in London war stets unbestimmt. Selbst seinen Angestellten teilte er nicht mit, welche Absichten er für den nächsten Tag, geschweige denn für die nächste Woche hatte.

 

Joan Carston bestieg wieder ihr Pferd und ritt den Hügelpfad hinunter, den James Morlake eben eingeschlagen hatte. Als sie an die Weggabelung kam, schaute sie noch gerade zur rechten Zeit nach links, um seinen großen schwarzen Filzhut hinter der Senkung des Geländes, das zum Fluß hinabführte, verschwinden zu sehen.

 

»Ich bin eine wenig anständige junge Dame«, sagte sie in die zurückgelegten Ohren ihres Pferdes. »Ich besitze keine Zurückhaltung und habe nicht den geringsten Stolz, Toby, und ich würde zwei Pfund Sterling dafür geben – das ist meine ganze Barschaft–, um einmal mit ihm persönlich zu sprechen. Und dann wäre ich natürlich enttäuscht.«

 

In kurzem Galopp legte sie den Rest des Weges zurück und bog durch das verfallene Tor ein. Wo die Hauptstraße den Park ihres Vaters berührte, stand ein einfaches Fachwerkhaus, und dorthin ritt sie. Eine Frau winkte ihr aus dem Garten zu, als sie vorbeikam. Sie war etwas über vierzig Jahre alt, sah aber noch sehr gut aus.

 

»Guten Morgen, Lady Joan! Ich bin gestern abend hier angekommen, und Sie haben alles so schön für mich vorbereitet. Es war sehr liebenswürdig von Ihnen, daß Sie sich meinetwegen so viel Mühe gegeben haben.«

 

»Ach, das macht nichts.« Joan war schnell abgestiegen. »Wie geht es denn Ihrem Patienten, Mrs. Cornford?«

 

Die Frau lächelte.

 

»Ich weiß es nicht. Er kommt erst heute abend an. Hoffentlich haben Sie nichts dagegen, daß sich noch jemand bei mir aufhält?«

 

»Ach nein. Wollen Sie eigentlich nicht für immer hier wohnen? Mein Vater würde Ihnen gern die Erlaubnis dazu geben. Wer ist denn der Herr?«

 

»Ein junger Mann, für den ich mich interessiere. Ich muß Ihnen aber sagen, daß er leider ein periodischer Trinker ist. Ich habe versucht, ihn zu heilen, und ich hoffe sogar, daß er keine Rückfälle mehr bekommen wird. Er stammt aus einer vornehmen Familie. Es ist wirklich tragisch, daß so viele junge, blühende Menschen durch Trunk zugrunde gehen. Ich arbeite bei der Trinkerhilfe, wenn ich Zeit habe, und ich erlebe dabei viel Trauriges.«

 

»Darf ich einen Augenblick eintreten?« fragte Joan. »Eigentlich erwartet man mich in Creith – wenigstens unser Besuch erwartet mich. Mein Vater denkt wohl weniger daran. Er hofft nur immer, daß ein Wunder passiert und ihm eine Million in den Schoß fällt, ohne daß er sich anstrengen muß. Und denken Sie, dieses Wunder hat sich nun tatsächlich zum Teil erfüllt!«

 

Mrs. Cornford blickte erstaunt auf.

 

»Wir sind nicht reich«, fuhr Joan fort. »Wir gehören zum verarmten Landadel. Der Herrensitz, die Güter und unser Londoner Stadthaus sind – oder waren wenigstens bis zur vorigen Woche – mit Hypotheken überlastet. Wir sind die ärmste Familie in der Gegend.«

 

Mrs. Cornford war über Joans offenes Bekenntnis verwundert.

 

»Das tut mir leid«, sagte sie. »Es muß schrecklich für Sie sein.«

 

»Ach, ich mache mir nicht viel daraus. Hier sind alle Leute arm, mit Ausnahme dieses geheimnisvollen Mr. Morlake, den man allgemein für einen Millionär hält. Aber er steht wahrscheinlich nur deshalb in dem Ruf, weil er nicht mit anderen Leuten über seine Schulden und Hypotheken spricht.«

 

Mrs. Cornford schwieg und sah nur traurig auf das schöne Gesicht Joans. Sie kannte sie nun seit einem Jahr; eine Zeitungsannonce, in der sie um Näharbeit bat, hatte Joan in die kleine, enge Vorstadtwohnung geführt, wo sich die Frau mit ihrem Töchterchen durch ihre geschickte und flinke Arbeit ernährte.

 

»Die Armen haben es nicht leicht«, meinte sie nach einer Pause.

 

Joan schaute auf.

 

»Sie sind früher auch bemittelt gewesen. Ich wußte es. An einem der nächsten Tage müssen Sie mir einmal Ihre Geschichte erzählen – aber nein, ich will Sie damit nicht quälen. Kennen Sie eigentlich Mr. Morlake?«

 

Mrs. Cornford lächelte.

 

»Er scheint hier in der Gegend eine Art Sehenswürdigkeit zu sein. Ich würde ja kaum etwas von ihm wissen, aber die Phantasie der Leute hier beschäftigt sich sehr mit ihm. Das Mädchen aus dem Dorf, das Sie freundlicherweise geschickt haben, um das Häuschen in Ordnung zu halten, hat mir schon viel von ihm erzählt. Ist er ein Freund von Ihnen?«

 

»Er ist mit niemandem befreundet. Im Gegenteil, er ist so ablehnend und abweisend, daß er reich sein muß. Ich dachte früher einmal daran, daß er mein Freund sein könnte.« Bei diesen Worten seufzte sie.

 

»Ich weiß nicht, ob Sie im Ernst sprechen und ob Sie wirklich so traurig sind«, erwiderte Mrs. Cornford lächelnd.

 

Joans Züge wurden undurchsichtig.

 

»Sie glauben wohl nicht, daß auch ich eine traurige Geschichte haben könnte? Ich bin schon recht alt – beinahe dreiundzwanzig.«

 

»Sie sehen aber viel jünger aus!«

 

»Vielleicht habe auch ich ein schreckliches Geheimnis.«

 

»Das kann ich doch kaum annehmen.«

 

Joan seufzte wieder.

 

»Ich werde jetzt zu meinen Sorgen und Lasten zurückkehren.« Mit diesen Worten verabschiedete sie sich.

 

Die ›Sorgen und Lasten‹ spazierten zu der Zeit gerade die lange Allee von Walnußbäumen entlang.

 

»Ich freue mich sehr, daß Sie zurückgekommen sind«, sagte Hamon mit schlecht angebrachter Heiterkeit, als sie ihn überholte. »Ich habe mich sehr nach Ihnen gesehnt!«

 

Kapitel 20

 

20

 

Ralph Hamon betrieb mancherlei Geschäfte und war an vielen Projekten beteiligt. Das hohe Bürogebäude mit der schmalen Front, in dem seine Unternehmungen untergebracht waren, hieß das Marokko-Haus, denn die Interessen Mr. Hamons hatten hauptsächlich mit diesem Land zu tun.

 

Aufgeregt ging er durch die Räume. Er war nicht im Gericht gewesen; er hielt es für besser, sich dort nicht sehen zu lassen. Dagegen hatte er den Ausgang des Prozesses im Klub erwartet. Das ›Nicht schuldig‹ hatte seine Wut zur Weißglut gebracht.

 

Marborne hatte ihm allerdings schon vorher mitgeteilt, daß der Prozeß nicht nach Wunsch gehe und man mit Überraschungen rechnen müsse. Aber Hamons Meinung nach stand eine Verurteilung außer allem Zweifel, und er war seiner Sache so sicher, daß er an einen Freispruch Morlakes überhaupt nicht gedacht hatte. Und nun sah er sich plötzlich dieser schrecklichen Tatsache gegenüber. – Jim Morlake war frei, der alte Kampf begann von neuem. Solange Morlake auf freiem Fuß war, blieb Hamon bedroht.

 

Mr. Hamons Privatbüro ähnelte in gewisser Weise einem Boudoir. Dicke Teppiche bedeckten den Boden, bequeme, gepolsterte Möbel standen umher, und ein schwacher Duft von Weihrauch und Zedern schwebte in der Luft. Er schob den Stoß Briefe, den ihm ein Sekretär brachte, beiseite und schickte den Mann mit einem Fluch fort.

 

»Es sind drei Telegramme von Sadi angekommen«, sagte der Angestellte und blieb in der Tür stehen.

 

»Bringen Sie sie sofort her«, brummte Hamon. Er entzifferte sie mit Hilfe eines Notizbuches, das er aus der Tasche zog. Offensichtlich wurde seine Stimmung dadurch nicht besser, denn er saß zusammengekauert und hatte die Hände tief in die Hosentaschen vergraben. Schließlich griff er nach dem Telefonhörer und rief seine Wohnung am Grosvenor Place an.

 

»Sagen Sie Miss Lydia, daß ich sie sprechen möchte.« Nach einer geraumen Weile hörte er ihre Stimme. »Stelle den Apparat nach meinem Arbeitszimmer um«, bat er leise. »Ich muß eine private Sache mit dir besprechen. Morlake ist freigekommen.«

 

»Ach, wirklich?« fragte sie gleichgültig.

 

»Höre auf mit deinem ›Ach, wirklich‹!« fuhr er sie an. »Stelle das Telefon um.«

 

Er hörte ein Knacken, danach waren sie wieder verbunden.

 

»Was gibt es denn, Ralph? Ist es so schlimm, daß Morlake freigekommen ist?«

 

»Das ist das Schlimmste, was überhaupt passieren konnte. Jetzt mußt du dein Heil mit ihm versuchen, Lydia. Aus deiner Reise nach Karlsbad kann nichts werden. Wahrscheinlich muß ich nach Tanger gehen, und du mußt mich begleiten.«

 

Er hörte ihren betroffenen Ausruf und grinste.

 

»Du hast mir doch versprochen, daß ich nie mehr dorthin brauche«, beklagte sie sich. »Ralph, ist das wirklich nötig? Ich will ja gern alles tun, was du von mir verlangst, aber bringe mich nicht wieder in dieses schreckliche Haus.«

 

»Wir werden sehen – warte auf mich; in einer halben Stunde bin ich zu Hause.«

 

Er legte den Hörer auf, sah rasch die Korrespondenz durch und wollte gerade dem Sekretär klingeln, als der geschäftige und überarbeitete Mann schon in der Tür erschien.

 

»Ich kann niemand empfangen«, sagte Hamon schnell, als er eine Visitenkarte in seiner Hand sah.

 

»Aber er sagt –«

 

»Das ist mir ganz gleich, was er sagt – Sie hören doch, ich kann niemand empfangen. Wer ist es denn?««

 

Schnell nahm er die Karte und las. Captain Julius Welling von der Kriminalpolizei!

 

Ralph Hamon biß sich auf die Lippen. Er hatte von Welling gehört und wurde nervös.

 

»Lassen Sie ihn hereinkommen«, sagte er kurz.

 

Hamon war erstaunt, als er diesen Mann mit dem milden Gesicht vor sich sah, dem die weißen Haare ein freundliches, wohlwollendes Aussehen gaben. Der Beamte ging ein klein wenig vornübergeneigt und war sehr höflich.

 

»Bitte, nehmen Sie Platz, Captain Welling. Was wünschen Sie von mir?«

 

»Ich kam hier vorbei und dachte, daß ich einmal mit Ihnen sprechen könnte«, sagte Julius liebenswürdig. »Ich gehe oft hier vorbei – Sie liegen eigentlich sehr bequem für uns, Mr. Hamon – nur ein paar Schritte vom Kriminalgericht entfernt.«

 

Hamon schaute ihn unruhig an.

 

»Ich glaube, ich habe Sie in der Verhandlung gegen Morlake nicht gesehen.«

 

»Ich habe mich wenig für den Fall interessiert.«

 

»Ach so – ich nahm allerdings das Gegenteil an. Wie konnte ich auch nur auf einen solchen Gedanken kommen?«

 

Er sah mit traurigen Augen auf Hamon, der unter diesem Blick unsicher wurde.

 

»Es wäre ja auch möglich, daß ich mich in gewisser Weise dafür interessierte. Dieser Mensch ist mir schon seit Jahren auf die Nerven gefallen, und Sie wissen, daß ich in der Lage war, der Polizei einige wertvolle Informationen über ihn zu geben.

 

»Nicht der Polizei – Sie meinen wohl Inspektor Marborne, der allerdings auf den ersten Blick wie ein Polizeibeamter aussieht. Ein merkwürdiger Mann, dieser Mr. Morlake, nicht wahr?«

 

»Alle Verbrecher sind mehr oder weniger merkwürdig.«

 

»Da haben Sie recht – alle Verbrecher sind merkwürdig. Aber manche sind merkwürdiger als andere, und dann gibt es auch sehr merkwürdige Leute, die nicht zu den Verbrechern gehören. Haben Sie das auch schon beobachtet? Er hat einen maurischen Diener, Mahmet, und soviel ich weiß, spricht er sehr gut Arabisch. Aber sagen Sie einmal, Sie sprechen doch diese Sprache auch?«

 

»Ja.«

 

»Sehen Sie einmal an. Ist das nicht ein bemerkenswertes Zusammentreffen? Sie beide haben enge Beziehungen zu Marokko. Sie haben ja auch eine ganze Anzahl Gesellschaften gegründet, die mehr oder weniger mit dem Land zu tun haben. Da wurde zunächst die Marrakesch-Gesellschaft gegründet zur Ausbeutung der Ölquellen in der Wüste Hari. Die Wüste war da, aber kein Petroleum, wenn ich mich richtig besinne – und dann ging die Gesellschaft in Liquidation.«

 

»Es war wohl Petroleum da, aber die Quellen waren erschöpft.«

 

»Und Morlake – war der auch an marokkanischen Finanzgeschäften interessiert? Er lebte doch einige Zeit dort. Haben Sie ihn drüben getroffen?«

 

»Ich habe ihn niemals getroffen – einmal habe ich ihn allerdings gesehen. Aber Tanger ist doch der Ort, wo aller Unrat Europas zusammenkommt.«

 

»Da haben Sie recht. Erinnern Sie sich noch an das Rifdiamanten-Syndikat? Das haben Sie doch vor ungefähr zwölf Jahren gegründet?«

 

»Ja. Das ist leider auch in Liquidation gegangen.«

 

»Ich denke dabei weniger an die Gesellschaft als an die armen Aktionäre.«

 

»Darüber brauchen Sie sich keine Sorge zu machen, denn ich war der einzige Aktionär«, entgegnete Hamon schroff. »Wenn Sie aber hergekommen sind, Captain Welling, um sich nach meinen Gesellschaften zu erkundigen, dann wäre ich Ihnen sehr verbunden, wenn Sie nicht immer um die Sache herumredeten, sondern mir ganz klar und offen sagten, was Sie wissen möchten.«

 

»Ich möchte gar nichts wissen.« Welling machte eine abwehrende Bewegung. »Ich bin nun schon so alt geworden, Mr. Hamon, daß ich gern ein bißchen klatsche. Ja, sehen Sie, so geht die Zeit hin; mir ist es, als ob ich die Prospekte des Rifdiamanten-Syndikats erst vor kurzem gelesen und von den prachtvollen Steinen gehört hätte, die in der Mine gefunden worden sein sollten, ungefähr fünfundvierzig Meilen südwestlich von Tanger. Sind eigentlich viele Leute darauf hereingefallen?«

 

Der Beamte sprach so gleichgültig und harmlos, daß Hamon die Beleidigung, die in diesen Worten lag, zuerst gar nicht merkte.

 

»Was wollen Sie damit sagen?« fuhr er dann auf. »Ich habe Ihnen doch eben erklärt, daß keine Aktie in andere Hände ging. Nicht ein Penny fremdes Kapital steckte in der Gesellschaft!«

 

Mr. Welling seufzte, nahm Schirm und Hut und erhob sich etwas steifbeinig.

 

»So, so«, sagte er freundlich, »dann bleibt die ganze Sache also ein unerklärliches Geheimnis. Warum ist denn James Morlake so hinter Ihnen her, wenn keine Aktien ausgegeben wurden? Warum hat er denn seit zehn Jahren die Banken beraubt, bei denen Sie ein Depot haben, und warum wurde er dann zum Verbrecher?«

 

Er ging zur Tür, drehte sich aber noch einmal um.

 

»Haben Sie einmal einen Matrosen in der Portsmouth Road getroffen?« fragte er.

 

Hamon zuckte zusammen.

 

»Heutzutage begegnen Sie solchen Leuten nicht mehr auf der Landstraße, sie fahren in der Eisenbahn bequemer. Und es ist auch sicherer dort, denn im Zug werden sie nicht so leicht erschlagen wie auf der einsamen Portsmouth Road. Denken Sie einmal darüber nach!«

 

Kapitel 21

 

21

 

Wieviel mochte dieser Mann wissen? Hatte Morlake ihm erzählt –?

 

Hamon erinnerte sich an einen sonnigen Tag in Marokko, an dem zwei Männer auf Mauleseln durch die Wüste auf die Rifhügel zuritten. Er selbst war einer der beiden, der andere war ohne Namen. Als sie den sandigen Abhang emporklommen, kam plötzlich ein junger Mann im schärfsten Galopp auf sie zu, hielt an und beobachtete sie, nachdem sie vorüber waren. Das war Hamons erste Begegnung mit James Lexington Morlake gewesen.

 

Jetzt erinnerte er sich auch, daß er damals plötzlich den unbändigen Wunsch hatte, sich auf den Mann zu stürzen und ihn niederzuschießen. Der Beobachter bedeutete für ihn die größte Gefahr. Ralph Hamon faßte mit der Hand mechanisch zur Hüfttasche, wo seine Pistole steckte. Aber dann schüttelte er die Träume von sich ab und verließ das Büro.

 

Lydia wartete schon ungeduldig auf ihn.

 

»Ich habe eine Verabredung zum Abendessen mit Lady Clareborough. Ich habe nur noch fünf Minuten Zeit!« erklärte sie ärgerlich.

 

»So, fünf Minuten hast du nur für mich übrig? Na, ich glaube, das genügt auch. Es handelt sich um Morlake.«

 

»Morlake?« fragte sie, unangenehm berührt. »Haben wir mit ihm nicht Schluß gemacht?«

 

»Die Frage ist jetzt nur, ob er mit mir Schluß gemacht hat. Du mußt mit ihm bekannt werden, ganz gleich, wieviel Geld das kostet. Ich möchte zu irgendeiner Verständigung mit ihm kommen, Frieden mit ihm machen. Und ich glaube, daß du die Sache besser vermitteln kannst als ich. Du bist klug und hast Erfindungsgabe. Vielleicht ist er auch der Mann, der einer Frau gegenüber zugänglich ist – es gibt wohl nur wenige, auf die du keinen Eindruck machst.«

 

»Was meinst du mit – zugänglich? Soll er mich etwa heiraten oder sich in mich verlieben? Oder was soll es sonst heißen?«

 

»Es ist mir ganz egal, was er tut, wenn du ihn nur überreden kannst, seine Rachepläne gegen mich aufzugeben.«

 

»Sorgt denn nicht das Gesetz bereits dafür, daß du nichts mehr von ihm zu befürchten hast? Ich habe den Bericht über die Gerichtssitzung gelesen, und nach dem, was der Richter sagte, machst du dir doch wahrscheinlich unnötige Sorgen. Außerdem möchte ich die gesellschaftliche Stellung, die ich mir erobert habe, nicht leichtsinnig aufs Spiel setzen, indem ich mit einem verurteilten Verbrecher verkehre – nach dem Prozeß ist er so gut wie verurteilt. Ich muß vor allen Dingen an meine Bekannten denken.«

 

»Na, dann geh zu deinem Dinner!« entgegnete er barsch. »Ich dachte, du hättest dir diese Dummheiten aus dem Kopf geschlagen.«

 

Sie wollte ihm leidenschaftlich widersprechen, aber als sie seinen Blick sah, schwieg sie.

 

Ralph Hamon war ein reicher, aber ein geiziger Mann. Er verwahrte nutzlose Dinge in der Hoffnung, sie eines Tages doch noch verwenden zu können. Nie verschwendete er ein Blatt Papier, auf das man noch eine Zeile schreiben konnte.

 

Jim Morlake hatte diese Schwäche sehr gut charakterisiert, als er Hamon die Parabel von dem Affen und der Kürbisflasche erzählte. Aber diese Eigenschaft war nicht nur eine Schwäche, sie konnte ihm sogar zum Verhängnis werden. Seine Vernunft sagte ihm, daß er ein gewisses Schriftstück, das er besaß, verbrennen sollte. Aber obwohl er schon ein dutzendmal fest dazu entschlossen war, brachte er es doch nicht fertig.

 

Die Bibliothek, in der er sich gewöhnlich aufhielt, wenn er arbeitete, lag im Obergeschoß seines Hauses am Grosvenor Place. Er las wenig, trotzdem waren drei Wände des Raumes mit Bücherschränken und Regalen, die die üblichen Werke enthielten, bedeckt.

 

Einen Band nahm er allerdings öfter zur Hand. In einem kleinen, besonderen Schrank mit Glastüren standen neben anderen Büchern Emersons Essays.

 

Hamon verriegelte die Tür, zog die Vorhänge dicht zu, öffnete den Schrank und holte das prachtvoll gebundene Exemplar heraus. Er brauchte beide Hände, um es herunterzuheben und zum Tisch zu tragen.

 

Der Einband war äußerst geschickt nachgemacht, und der Buchschnitt täuschend ähnlich.

 

Hamon wählte einen Schlüssel aus dem Bund, den er an einer langen Kette in der Tasche trug, steckte ihn in ein Loch zwischen Deckel und Seiten und schloß auf. Als er den Deckel hochhob, enthüllte sich das Buch als ein flacher, halb mit Dokumenten gefüllter Kasten, der aus solidem Stahl gefertigt war. Hier verwahrte Hamon seine wichtigsten Akten.

 

Er nahm ein Schriftstück heraus, legte es auf den Schreibtisch und schaute auf das engbeschriebene Blatt. Es war von Anfang bis zu Ende eine große Anklage gegen ihn. Gefängnis und Todesstrafe standen auf die Taten, die hier von ihm berichtet wurden. Mit zitternder Hand entzündete er ein Streichholz, zögerte, warf es in den Kamin und legte das Blatt wieder in den Kasten zurück.

 

Es klopfte an die Tür. Nachdem er den Deckel hastig zugeklappt hatte, stellte er das Buch wieder an seinen Platz zurück und drückte die Schranktür zu.

 

»Wer ist da?«

 

»Wollen Sie Mr. Marborne empfangen?« fragte der Diener mit leiser Stimme.

 

»Ja, lassen Sie ihn heraufkommen!«

 

Er zog den Riegel zurück und trat an die Treppe hinaus, um den übelgelaunten Detektiv zu begrüßen.

 

»Sie haben die ganze Sache verpfuscht!« sagte Hamon ärgerlich.

 

»Meine Karriere ist futsch – das kann ich Ihnen sagen, Hamon! Ich muß den Dienst quittieren! Ich wünschte, ich hätte mich nie mit diesem verdammten Morlake abgegeben!«

 

»Es hat gar keinen Zweck, jetzt Spektakel zu machen.«

 

»Welling hat mir mitgeteilt, daß ich entlassen bin, aber selbst wenn ich noch im Dienst bleiben könnte, würde ich es doch vorziehen, meinen Abschied zu nehmen. Ich wäre doch für alle Zeiten gebrandmarkt. Sie müssen eine Stelle für mich finden!«

 

»Sieh mal einer an! Ich soll Ihnen jetzt eine Stelle beschaffen? Ich dachte, Sie wären bescheidener!«

 

»Ich weiß nicht, wer jetzt bescheidener sein muß, ich oder Sie!« fuhr Marborne heftig auf.

 

»Wir wollen uns nicht zanken.« Hamon goß Whisky ein und füllte das Glas aus dem Siphon. »Ich glaube, daß ich eine Stelle für Sie finden kann. Ich brauche einen Mann in Tanger, der meine Interessen dort vertritt. Aber überlegen Sie mal, ich war es nicht, der Sie in diese böse Lage gebracht hat – das war James Morlake!«

 

»Dieser verdammte Kerl!« rief Marborne und trank sein Glas in einem Zug aus. Dann setzte er sich an den Schreibtisch, nahm ein Blatt Papier aus der Brieftasche und entfaltete es.

 

»Ich habe meine Spesen für die Sache zusammengerechnet – hier ist die Aufstellung.«

 

Hamon stöhnte, als er die Endsumme las.

 

»Das ist aber doch ein starkes Stück – ich habe Sie nicht ermächtigt, so hohe Ausgaben zu machen!«

 

»Sie haben mir gesagt, ich könne so viel brauchen, wie ich wolle!«

 

»Das sind doch beinahe tausend Pfund!« rief Hamon entsetzt. »Ich bin ein geschlagener Mann.«

 

»Das ist mir gleich, was Sie sind; auf alle Fälle haben Sie zu zahlen! Auch Slone muß noch etwas bekommen!«

 

»Sie scheinen ganz zu vergessen, daß ich Ihnen schon reichlich Geld gegeben habe –« begann Hamon, als er plötzlich unterbrochen wurde.

 

Der Butler erschien in der Tür und flüsterte seinem Herrn etwas, zu.

 

»Er ist hier?« fragte Hamon aufgeregt.

 

»Ja, er wartet unten.«

 

Hamon wandte sich zu Marborne. Sein Ärger war verflogen.

 

»Er ist da!« sagte er.

 

»Er? Wer?« fragte Marborne verwundert. »Sie meinen doch nicht etwa Morlake?«

 

Hamon nickte.

 

»Sie bleiben besser hier oben, ich gehe hinunter und spreche mit ihm. Lassen Sie aber die Tür offen; wenn Lärm oder Streit entsteht, kommen Sie.«

 

Hamon begrüßte Jim Morlake in der Diele mit der größten Herzlichkeit.

 

»Treten Sie doch bitte näher, lieber Morlake!« Er öffnete die Tür des Wohnzimmers. »Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie ich mich freue, daß Sie freigesprochen worden sind.«

 

Jim antwortete nicht, bis er in den Raum getreten war und die Tür geschlossen hatte. »Ich habe die Absicht, meine üble Karriere aufzugeben, Hamon«, sagte er kurz und bündig.

 

»Ich denke, daran tun Sie sehr gut. Wenn ich Ihnen irgendwie behilflich sein kann –«

 

»Ja, Sie können mir behilflich sein. Geben Sie mir ein Dokument, das von einem gewissen Mann unterschrieben ist – Sie wissen, wen ich meine. Vor etwa zwölf Jahren sah ich ihn mit Ihnen zusammen in Marokko.«

 

»Nehmen wir einmal an, ich hätte das Schriftstück«, erwiderte Hamon nach einer Pause, »glauben Sie, ich wäre so verrückt, es Ihnen zu geben, um meine Freiheit in Ihre Hände zu legen?«

 

»Ich würde Ihnen genug Zeit lassen, aus dem Land zu verschwinden, und ich würde mich auch verpflichten, die Anklage, die in dem Schriftstück gegen Sie erhoben wird, nicht zu unterstützen. Ohne meine Aussage würde eine Anklage gegen Sie zusammenbrechen.«

 

Hamon lachte rauh.

 

»Ich habe nicht die Absicht, England zu verlassen, besonders nicht am Vorabend meiner Hochzeit – ich heirate nämlich Lady Joan Carston.«

 

»Ist das nicht die Tochter von Lord Creith?«

 

Hamon nickte.

 

»Sie werden die Dame aber nicht heiraten, ohne daß sie verschiedenes über Sie erfährt.«

 

»Sie weiß alles von mir, was sie wissen muß.«

 

»Dann werde ich ihr noch ein wenig mehr erzählen. Immerhin haben Ihre Heiratspläne mit der Sache, die wir hier besprechen, nichts zu tun. Ich bin gekommen, um Ihnen eine Chance zu geben und mir zugleich eine Menge Unannehmlichkeiten zu ersparen. Ich brauche dieses Dokument.«

 

»Sie jagen hinter einem Phantom her«, entgegnete Hamon verächtlich. »Was dieses wertvolle Dokument betrifft, so existiert es überhaupt nicht – es hat sich jemand einen Scherz mit Ihnen erlaubt und sich über Ihre Leichtgläubigkeit lustig gemacht. Hören Sie, Morlake! Könnten wir unseren Streit denn nicht als Gentlemen beilegen?«

 

»Ich könnte das wohl von meiner Seite aus, denn ich bin ein echter Gentleman, aber Sie können Ihre Angelegenheiten höchstens als ein niederträchtiger Schwindler und Verbrecher regeln, der durch den finanziellen Ruin anderer Menschen zu Vermögen gekommen ist. Es ist die letzte Möglichkeit für Sie und vielleicht auch für mich. Geben Sie mir das Schriftstück, und wir sind miteinander fertig.«

 

»Eher will ich in die Hölle kommen«, rief Hamon wütend. »Selbst wenn ich es hätte – aber ich habe es nicht –«

 

Jim nickte nachdenklich und ging zur Tür.

 

»Ich sehe, die Hand des Affen, bleibt eben in der Kürbisflasche. Er ist zu gierig, um die Dattel fahrenzulassen.«

 

Hamon eilte zur Bibliothek hinauf, nachdem Morlake gegangen war.

 

»Unser Freund ist immer noch sehr aufsässig«, sagte er, aber er sprach in den leeren Raum. Rasch klingelte er nach dem Butler.

 

»Haben Sie gesehen, daß Mr. Marborne weggegangen ist?«

 

»Jawohl, er ging vor einigen Sekunden, gerade bevor Sie aus dem Wohnzimmer kamen. Er schien es sehr eilig zu haben.«

 

»Das ist aber seltsam«, meinte Hamon und entließ den Mann wieder.

 

Auf dem Schreibtisch entdeckte er eine Bleistiftnotiz.

 

›Wenn Sie meine Aufstellung nicht begleichen wollen, zahlen Sie vielleicht nachher eine größere Rechnung.‹

 

Hamon rieb sich nervös das Kinn. Was bedeuteten diese sonderbaren Worte? Wahrscheinlich war Marborne aus Ärger wieder gegangen. Hamon zuckte die Schultern und setzte sich. Er hatte keine Zeit, sich um die Launen der Leute zu kümmern, die ihm als Werkzeug gedient hatten.

 

Als er sich umschaute, bemerkte er, daß die Glastür zum Bücherschrank offenstand, und er hätte doch schwören mögen, daß er sie geschlossen hatte. Mit einem Fluch sprang er auf.

 

Das Stahlbuch war an seiner Stelle, aber der Titel stand auf dem Kopf. Jemand mußte es in der Hand gehabt haben.

 

Schnell nahm er es herunter, und zu seinem größten Schrecken‘ ließ sich der Deckel öffnen. Er hatte vergessen, es zuzuschließen.

 

Zitternd suchte er die Dokumente durch – aber das belastende Schriftstück fehlte!

 

Mit einem wütenden Ausruf lief er zur Tür und rief den Butler.

 

»In welcher Richtung hat sich Marborne entfernt?« fragte er hastig.

 

»Nach rechts.«

 

»Holen Sie mir schnell ein Auto!«

 

Hamon legte die Dokumente wieder in den Kasten, verschloß ihn und stellte ihn in den Schrank zurück. Dann fuhr er zu Marbornes Wohnung.

 

Als er dort ankam, sagte man ihm, daß der Detektiv nicht nach Hause gekommen sei. Er habe erst kurz vorher angeläutet und mitgeteilt, daß er nach dem Festland hinüber müsse.

 

Hamon überlegte schnell. Es blieb ihm nur eins übrig: sofort zur Polizei zu gehen. Marborne war noch Beamter und mußte sich früher oder später in Scotland Yard melden.

 

Dort hatte Hamon das Glück, Welling zu treffen. Der alte Herr schien über seinen Besuch in keiner Weise überrascht zu sein.

 

»Sie wollen Marborne sprechen? Handelt es sich um eine wichtige Angelegenheit?«

 

»Wird er denn überhaupt zurückkehren – ich meine …«, fragte Hamon atemlos.

 

»Sicher kommt er. Morgen früh hat er eine sehr dringende Besprechung mit dem Chef.«

 

»Hat er keine Freunde – wo wohnt eigentlich Slone?«

 

Welling rückte die Brille zurecht und sah seinen Besucher scharf an.

 

»Ist etwas Unangenehmes passiert?«

 

»Ja – ich wollte sagen nein. Wenigstens nichts Wichtiges – es geht nur mich und Marborne an.«

 

»So?« Welling ging zu einem Tisch, öffnete ein großes Buch und schlug Slones Adresse auf, notierte sie auf ein Blatt und gab es Hamon.

 

»Ich bin Ihnen zu größtem Dank verpflichtet. Ich erwartete nicht, daß Sie sich soviel Umstände machen würden.«

 

»Wir tun, was in unseren Kräften steht«, entgegnete Welling leise.

 

Als Hamon gegangen war, nahm Welling den Telefonhörer ab und rief den Posten am Portal an.

 

»Ein gewisser Hamon kommt gleich durch. Geben Sie Sergeant Lavington den Auftrag, ihm zu folgen und ihn nicht aus dem Auge zu verlieren. Ich will wissen, wohin er geht und was mit ihm los ist.«

 

Vergnügt rieb er sich die Hände und schaute in die Ferne.

 

Ich glaube, es wird sehr viel los sein, sagte er zu sich selbst.

 

Kapitel 12

 

12

 

Marborne schaute seinen Begleiter düster an.

 

»Na, Sie sind mir ein feiner Dieb«, brummte er. »Haben Sie denn nicht etwas anderes nehmen können?«

 

Lieber machte ein dummes Gesicht: »Genügt das nicht? Sie sagten mir doch ausdrücklich, ich solle einen Brief bringen –«

 

Marborne stopfte das Schreiben in die Tasche und ließ den verdutzten Mann stehen.

 

Die Entdeckung, daß diese Jane Smith von seiner Verbindung mit Hamon wußte, machte ihm großes Kopfzerbrechen. Sie bedrückte ihn um so mehr, als er sich jetzt schon zu weit in die Sache eingelassen hatte, um sich noch zurückzuziehen. Der Plan mußte nun unbedingt durchgeführt werden. Aber zuerst mußte er seine Vorsichtsmaßregeln treffen. Er rief ein Taxi an und fuhr trotz der späten Stunde noch zum Grosvenor Place. Der Butler kannte ihn und ließ ihn ein, teilte ihm aber mit, daß Mr. Hamon nicht zu Hause sei.

 

»Wollen Sie vielleicht Miss Hamon sprechen?« fragte er dann.

 

»Miss Hamon? Ich wußte gar nicht, daß es überhaupt eine solche Dame gibt«, sagte der Inspektor erstaunt.

 

»O ja, Mr. Hamon hat eine Schwester, für gewöhnlich lebt sie allerdings in Paris.«

 

Der Butler ließ Marborne in der Diele zurück und ging ins Wohnzimmer.

 

Gleich darauf erschien er wieder und lud ihn durch eine Handbewegung ein, näher zu treten.

 

Lydia Hamon war schlank und schön. Reiche, rotblonde Locken umrahmten ihr zartes Gesicht. An den nackten Armen trug sie kostbare Reife, die im Licht der elektrischen Lampen aufsprühten. Langsam schaute sie zu dem Polizeibeamten auf, als er eintrat, machte aber keine Anstalten, ihn zu begrüßen.

 

Marborne, der sich an weiblicher Schönheit begeistern konnte, betrachtete sie fasziniert und war von ihrem Charme entzückt. Sie trug ein grünes Abendkleid und prachtvolle, goldene Schuhe. Die schmale, feine Hand hatte sie an die Augen gelegt, als ob Marbornes Erscheinung sie blendete.

 

»Sie wollten meinen Bruder besuchen?« fragte sie.

 

»Ja, ich muß ihn in einer geschäftlichen Angelegenheit sprechen.«

 

»Ich hoffe, daß er bald zurückkommt. Von seinen Geschäften weiß ich wenig und kann Ihnen daher leider nicht dienen. Aber nehmen Sie doch bitte Platz, Mr. Marlow.«

 

»Marborne«, verbesserte der Detektiv leise und setzte sich vorsichtig auf die Kante eines Stuhls. »Ich hatte bisher noch nicht das Vergnügen, Sie kennenzulernen, Miss Hamon.«

 

»Ich lebe meistens in Paris. London mit seinem Geschäftsgeist ist ohne Seele und fällt mir auf die Nerven.«

 

Inspektor Marborne, der nicht viel zu reden wußte, hätte beinahe gesagt, die Londoner Polizei arbeite so gut, daß sich niemand hier fürchten müsse, aber zu seinem Glück erschien Hamon und verhinderte diese Bloßstellung.

 

»Hallo, Marborne – stimmt etwas nicht? Haben Sie mit meiner Schwester Bekanntschaft geschlossen? Lydia, Mr. Marborne ist einer meiner Freunde, ein Beamter von Scotland Yard. Aber wir wollen nach oben gehen.« Hamon ging mit dem Detektiv aus dem Zimmer, bevor dieser sich von seiner Schwester verabschieden konnte.

 

Als sie allein waren, erzählte der Inspektor, was sich ereignet hatte.

 

»Zeigen Sie mir den Brief.«

 

Hamon las ihn beim Licht der Tischlampe. Seine Lippen zogen sich zusammen, und seine Stirn legte sich in Falten.

 

»Jane Smith? Wer zum Teufel kann das sein?« brummte er.

 

»Weiß denn jemand etwas von – unserer Angelegenheit?« fragte Marborne.

 

»Niemand – ich habe nur meiner Schwester davon erzählt.«

 

»Das hätten Sie nicht tun sollen.«

 

»Ich habe ihr doch nur gesagt, daß ich einen bestimmten Plan habe, um einmal mit Morlake abzurechnen«, entgegnete Hamon ungeduldig. »Aber ich kann Ihnen schwören, daß die Schrift auf dem Kuvert nicht von Lydia ist – sie kennt Morlake auch nicht. Und selbst wenn sie ihn kennen würde, schriebe sie niemals an ihn. Ist das alles, was Sie von ihm bekommen konnten?«

 

»Mehr brauche ich nicht«, sagte Marborne leichthin. »Mein Plan ist jetzt so gut durchgearbeitet, daß es nicht einmal notwendig wäre, überhaupt etwas von Morlake zu besitzen.«

 

Marborne berichtete nichts von seinem Besuch bei Morlake, denn er fühlte, daß er seinen Mißerfolg nicht eingestehen sollte.

 

»Wann werden Sie ihn ausführen?«

 

»Das hängt ganz davon ab. Hoffentlich geht es noch diese Woche. Sie haben nichts zu befürchten, ich kann genug Beweise beibringen, um ihn zu überführen. Und wenn wir ihn erst einmal verhaftet haben, können wir seine Stadtwohnung und sein Haus in Sussex durchsuchen.«

 

Nachdem sich der Detektiv verabschiedet hatte, ging Hamon wieder zu seiner Schwester hinunter.

 

»Wer war das?« fragte Lydia. »Es verkehren merkwürdige Leute bei dir.«

 

»Warum bist du eigentlich hergekommen?«

 

»Weil ich Geld brauche. Ich habe eine wundervolle kleine Statuette gekauft – eine wirklich prachtvolle Arbeit von Demetri. Und dann habe ich ziemlich viel beim Spiel verloren. Ohne Geld kann man eben nicht leben, Ralph.«

 

Er schaute sie an, ohne etwas zu sagen.

 

»Außerdem habe ich Lady Darlew versprochen, ein Wochenende mit ihr zu verbringen …«

 

»Lydia, hör einmal zu«, unterbrach Hamon seine Schwester. »Als ich anfing, Geld zu verdienen, hattest du eine Stellung in einer Bar im Westen und verdientest gerade genug, um leben zu können. Bitte, vergiß das nicht. Meine Mittel sind nicht unerschöpflich, ich kann unter keinen Umständen dein Monatsgeld erhöhen. Am besten schlägst du dir alle Freundinnen aus dem Kopf, die so reich sind, daß sie ihre Kinder in Eton erziehen lassen können.«

 

Sie blitzte ihn wütend an.

 

»Es kann leicht sein, daß du dir deinen Unterhalt bald wieder selbst verdienen mußt«, fuhr er unbeirrt fort.

 

»Was soll das heißen?«

 

Sie spielte nun nicht länger die große Dame, sondern stemmte die Hände in die Hüften und schrie ihn rauh und böse an.

 

»Willst du vielleicht sagen, daß ich wieder eine Stellung in einer Bar annehmen soll, während du hier das Geld nach Zehntausenden verdienst? Ich habe dir früher geholfen, Ralph, vergiß das nicht! Besinnst du dich noch auf Jonny Cornford, und wie ich dich damals unterstützte?«

 

Er wurde bleich.

 

»Du brauchst hier nicht über Jonny Cornford oder sonst jemanden zu sprechen«, erwiderte er grob. »Es ist auch nicht notwendig, gleich in die Luft zu gehen, wenn ich einmal zu deinem eigenen Besten mit dir rede. Ich brauche deine Hilfe wieder, das weißt du doch. Marborne hat einen großen Plan ausgearbeitet, wie wir Morlake unschädlich machen können. Und wenn wir ihn nicht auf die eine Weise fangen können, müssen wir es eben auf eine andere versuchen… und das sollst du besorgen.«

 

»Ach so. Und was bekomme ich dafür? Wahrscheinlich dasselbe wie bei der Geschichte mit Cornford – nichts!«

 

»Ich habe wirklich nichts daran verdient, ich sagte es dir doch! Es war die größte Enttäuschung, die ich jemals erlebte. Ich habe nie einen Cent von Cornfords Geld gesehen.«

 

Ein kurzes, unheimliches Schweigen folgte.

 

»Was soll ich denn mit Mr. Morlake anfangen?« fragte sie schließlich. »Soll ich ihn irgendwohin locken – hat er denn so viel Geld?«

 

»Haufenweise. Aber sein Geld will ich gar nicht.«

 

»Du mußt sehr gut daran sein; wenn du dich nicht einmal um sein Geld kümmerst. Was soll ich also dabei tun?«

 

»Das hängt ganz davon ab, ob Marbornes Plan gelingt. Wir brauchen uns vorläufig noch nicht den Kopf darüber zu zerbrechen.«

 

»Wie sieht er denn eigentlich aus?«

 

Hamon verließ das Zimmer und kam gleich darauf mit einer Fotografie zurück, die er ihr reichte. Sie betrachtete das Bild prüfend.

 

»Netter Kerl«, meinte Lydia. »Was ist er?«

 

»Ich würde viel darum geben, wenn ich es wüßte. Stelle keine langweiligen Fragen. Ich wollte nur wissen, ob er der Typ ist, der dir liegt – vorausgesetzt, daß du dabei genügend verdienst.«

 

Sie sah von dem Bild zu ihrem Bruder auf.

 

»Auf sein Aussehen kommt es dabei gar nicht an.«

 

Kapitel 13

 

13

 

Jim Morlake hatte die Abendmahlzeit beendet, die Mahmet ihm aufgetragen hatte, und las Zeitung. Binger war früher als gewöhnlich nach Hause gegangen und hatte außerdem Anweisung, nicht vor drei Tagen zurückzukommen. Morlake hatte die Absicht, diesen Abend noch nach Wold House zurückzukehren. In der Halle stand schon sein Koffer, und sein Wagen hielt vor der Tür. Er hätte zeitiger aufbrechen können, aber der Nebel war am Nachmittag so dicht gewesen, daß er lieber wartete, bis es aufklarte. Schließlich legte er die Zeitung fort, trat an das Fenster, zog die schweren Übergardinen beiseite und schaute hinaus.

 

»Ich fahre jetzt, Mahmet«, sagte er dann.

 

Im selben Augenblick schrillte das Telefon.

 

Er nahm den Hörer ab.

 

»Ist dort Mr. Morlake?« fragte eine fremde Stimme erregt. »Ich spreche von Blackheath aus… Binger ist von einem Autobus überfahren worden… man hat ihn nach Cranfield Gardens Nr. 12 gebracht. Können Sie sofort dorthin kommen?«

 

»Ist er schwer verletzt?« fragte Morlake schnell.

 

»Ich glaube nicht, daß er mit dem Leben davonkommt – ich bin Doktor Grainger.«

 

Jim sah sich auf der Karte rasch die genaue Lage von Cranfield Gardens an und fuhr ein paar Minuten später in größter Eile nach Blackheath. Der Nebel im Süden Londons war dichter, als Jim erwartet hatte, und man konnte nur langsam vorwärtskommen. Aber bei New Cross klarte es auf.

 

Lieber hatte Morlakes Wohnung beobachtet und ihn abfahren sehen. Er eilte zur nächsten Telefonzelle und rief Marborne an.

 

»Er ist fort«, sagte er. »Es war fünf Minuten nach zehn.«

 

»Ist er allein?«

 

»Ja, er fährt in seinem eigenen Wagen. Es sah so aus, als ob er große Eile hätte.«

 

Marborne hängte den Hörer ein und zahlte dann seine Zeche in dem kleinen Restaurant in Greenwich, in dem er schon seit einer Stunde auf die Nachricht gewartet hatte. Rasch trat er zu Slone und Colley auf die Straße hinaus.

 

»Wir dürfen keine Zeit verlieren. Brechen Sie jetzt so schnell als möglich in das Haus ein, Colley. Die Leute legen sich immer schon um neun Uhr schlafen.«

 

Das Auto, das sie für die ganze Nacht gemietet hatten, brachte sie nach Blackheath, und an der Ecke von Cranfield Gardens erhielt Colley die letzten Instruktionen.

 

»Sie müssen durch das Fenster in der Speisekammer eindringen und dann zum ersten Stock hinaufsteigen. Schlagen Sie eine der Vitrinen ein, in denen die Juwelen liegen. Sie riskieren nichts dabei, Colley. Sobald Sie Ihre Aufgabe erfüllt haben und die Familie wach ist, machen Sie, daß Sie fortkommen!«

 

Colley verschwand in der Dunkelheit.

 

»Die Sache ist etwas sehr plump, Inspektor«, wandte sich Slone an seinen Vorgesetzten. »Ich fürchte, Morlake geht nicht in eine solche Falle. Er fährt wahrscheinlich direkt zur Wohnung seines Dieners und findet ihn gesund zu Hause.«

 

»Und ich sage Ihnen, daß er geradenwegs hierherkommt. Ich hörte schon an seiner Stimme, daß er in großer Sorge um Binger ist.«

 

Die beiden gingen schnell Cranfield Gardens hinunter und traten in einen dunklen Torweg.

 

»Das Auto kommt eben den Hügel herauf«, sagte Marborne plötzlich. »Kommen Sie noch tiefer in den Schatten.«

 

»Die ganze Geschichte ist verpfuscht«, brummte Slone. »Das ist zu plump angelegt – das kann nicht gut ausgehen.«

 

»Halten Sie den Mund«, fuhr ihn Marborne an. »Da ist der Wagen schon.«

 

Jim Morlake hielt vor Nr. 12 und stieg aus. Es war das vierte Haus von der Straßenecke und hatte eine große, schöne Fassade, aber es war kein Licht zu sehen. Er war schon durch das Tor in der Umzäunung gegangen, als ihm plötzlich auffiel, daß die rote Laterne, die gewöhnlich die Wohnung eines Arztes ankündigt, nicht brannte. Er kehrte um und schaute auf den Torpfosten, um sich zu vergewissern. Es stimmte, dieses Haus war Nr. 12. Er zögerte nun nicht länger, ging den kurzen Weg zur Haustür und stieg die Treppe hinauf. Da hörte er von innen einen Schuß und das Geräusch von Schritten in der Halle.

 

Plötzlich erkannte er instinktiv, in welcher Gefahr er schwebte, und eilte die Stufen wieder hinunter. Aber kaum hatte er zwei Schritte auf das Tor zu getan, als er einen Schlag erhielt, der ihm beinahe das Bewußtsein raubte. Noch ein Hieb sauste auf ihn nieder, dann wurde alles um ihn her dunkel.

 

Als er wieder zu sich kam, lag er auf einer harten, hölzernen Pritsche; jemand war mit seinem Kopf beschäftigt. Er öffnete die Augen und sah im spärlichen Licht der Zelle einen Mann, der ihn verband.

 

»Bleiben Sie still liegen«, sagte der Doktor entschieden.

 

Es war wirklich eine Zelle. Wie war er nur hierhergekommen? Plötzlich erinnerte er sich an den Schlag, der ihn niedergestreckt hatte. Sein Kopf schmerzte furchtbar, und er hatte ein unangenehmes Gefühl an den Händen. Als er sie betrachtete, bemerkte er, daß sie gefesselt waren.

 

»Warum hat man mich hierhergebracht?« fragte er.

 

»Der Polizeiinspektor wird Ihnen wohl alles Nötige mitteilen,« meinte der Arzt.

 

»Ach so«, erwiderte Jim düster. »Ich wünschte, er käme möglichst bald, um mir Aufklärung zu geben. Wie geht es denn Binger?«

 

Er lächelte schwach. »Die ganze Geschichte war wohl nur erfunden? Der Polizeiinspektor, von dem Sie sprechen, ist natürlich Marborne?«

 

»Fragen Sie ihn lieber selbst«, entgegnete der Arzt diplomatisch. »Er wird in ein paar Minuten hier sein.«

 

Er ging hinaus und schloß die Zellentür. Mühsam setzte sich James Morlake aufrecht und überdachte seine unglückliche Lage. Er befühlte seine Taschen. Man hatte ihm alle Gegenstände abgenommen, die er bei sich getragen hatte.

 

Nach einer Weile wurde die Zellentür geöffnet, und Marborne trat mit einem triumphierenden Lächeln ein.

 

»Nun, Morlake? Jetzt haben wir Sie doch gefaßt!«

 

»Ich hätte Ihnen doch damals die Streichhölzer lassen sollen«, sagte Jim kühl. »Wenn ich gewußt hätte, mit welcher Absicht Sie sie nahmen und daß Sie mir auflauern und mich berauben wollten, dann hätte ich Ihnen die Mühe sparen können!«

 

»Ich weiß gar nicht, was Sie da von Streichhölzern reden«, sagte Marborne brüsk. »Ich weiß nur, daß wir Sie mit Ihrer Beute gefangengenommen haben. Ich bin Inspektor Marborne«, fuhr er in amtlichem Ton fort, »und ich beschuldige Sie, daß Sie gestern abend in das Haus Cranfield Gardens Nr. 12 eingebrochen sind. Ebenso erhebe ich Klage gegen Sie, weil Sie im Besitz eines geladenen Revolvers und von Einbrecherwerkzeug waren. Weiter lege ich Ihnen zur Last, daß Sie am siebzehnten dieses Monats in der Burlington-Depositenbank eingebrochen sind und am zwölften August die Home-Counties-Bank beraubt haben.«

 

»Ich will Ihre Deklamationen nicht unterbrechen«, erwiderte Morlake. »Sie müßten mich noch warnen, daß alles, was ich sage, als Beweis gegen mich verwendet werden kann. Das ist Ihre Pflicht, das wissen Sie doch! Haben Sie vielleicht unseren Freund Hamon auch verhaftet?«

 

»Sie wissen sehr wohl, daß ich Mr. Hamon nicht verhaftet habe. Welche Anklage könnten Sie denn vorbringen?«

 

»Vorsätzlichen Mord! Und Sie würde ich beschuldigen, nach der Tat sein Helfer gewesen zu sein!«

 

Kapitel 14

 

14

 

Der Polizeibeamte verstand nicht sofort.

 

»Was heißt das?« fragte er rauh. »Vorsätzlicher Mord?«

 

»Wieviel Sie von der Sache wissen, muß ich erst noch erfahren«, sagte Jim Morlake ruhig. »Aber an dem Tag, an dem ich Hamon fange, geht es auch Ihnen schlecht!«

 

»Wenn Sie Hamon fangen – wollen Sie denn Polizeibeamter werden?« fragte Marborne ironisch.

 

»Das ist gar nicht nötig – so tief werde ich niemals sinken.«

 

Der Detektiv bückte sich, packte ihn und zog ihn hoch, so daß Jim auf die Füße zu stehen kam.

 

»Kommen Sie jetzt mit und sehen Sie sich ein paar von den Sachen an, die man gefunden hat, als Sie verhaftet wurden«, sagte er und führte ihn den Korridor entlang ins Amtszimmer.

 

Auf dem Tisch des Sergeanten lagen verschiedene Dinge. Eine schwarze Seidenmaske, eine Pistole, ein vollständiger Satz von Einbrecherinstrumenten, eine kleine Azetylenlampe, ein Gummibehälter mit sechs Fläschchen und drei Bündel Dietriche.

 

»Das soll mir gehören? Wo hatte ich denn all diese Dinge – in meiner Westentasche vielleicht?«

 

»Einiges fand sich in Ihrem Mantel, das andere war unter dem Sitz Ihres Wagens verborgen«, sagte der Detektiv. »Sie geben doch wohl zu, daß Ihnen das alles gehört?«

 

»Ich gebe gar nichts zu. Das einzige, was ich nicht sehen kann, ist eine goldene Uhr mit Kette, die mir wirklich gehört. Ich nehme an, daß Sie sie zu persönlichen Zwecken konfisziert haben. Ich trug auch ein wenig Geld bei mir – ungefähr fünfundsechzig Pfund – auch das ist verschwunden. Das haben Sie wohl ebenfalls für sich behalten?«

 

»Geld und Uhr verwahre ich«, erwiderte der Sergeant. »Sie machen Ihre Lage nicht besser, wenn Sie diesen Beamten beschuldigen.«

 

»Vielleicht stimmt das«, gab Jim nach kurzem Nachdenken zu. Dann zeigte er seine gefesselten Hände.

 

»War das unbedingt notwendig?«

 

»Ich glaube nicht.«

 

Der Sergeant nahm einen Schlüssel, schloß die Handschellen auf und nahm sie ihm ab. Dann wurde Morlake in seine Zelle zurückgebracht. –

 

Joan Carston saß beim Frühstück in Lowndes Square und las in der Morgenzeitung, als Hamon gemeldet wurde. Seufzend legte sie das Blatt hin und sah ihren Vater an.

 

»Dieser Mensch! Warum kommt er jetzt schon wieder?« fragte er aufgeregt. »Ich dachte, wir hätten nun einmal für einen Monat Ruhe vor ihm!«

 

»Es wird vorübergehen«, meinte Joan resigniert. »Wir müssen ihn empfangen.«

 

Ralph Hamon war lebhaft und liebenswürdig, sie hatte ihn noch nie so strahlend gesehen.

 

»Ich habe einige sehr interessante Neuigkeiten für Sie«, sagte er jovial, nahm sich ohne Aufforderung einen Stuhl und setzte sich an den Frühstückstisch. »Wir haben den Teufel!«

 

»Na, dann legen Sie ihn in Ketten und schicken Sie ihn zur Hölle!« brummte der Lord.

 

»Von welchem besonderen Teufel sprechen Sie denn, Mr. Hamon?« fragte Joan niedergeschlagen.

 

»Von Morlake. Man hat ihn letzte Nacht auf frischer Tat ertappt, als er in ein Haus in Blackheath einbrach.«

 

Sie sprang auf.

 

»Das ist doch nicht wahr!« rief sie erregt. »Mr. Morlake … o nein, das ist nicht wahr!«

 

»Es ist einwandfrei erwiesen«, erklärte Hamon. »Er wurde verhaftet, als er in das Haus eines Mannes einbrach, der eine Juwelensammlung besitzt. Glücklicherweise folgten ihm zwei Polizeibeamte, die ihn schon seit einiger Zeit beobachteten, und nahmen ihn fest, als er eben fliehen wollte. Colonel Paterson störte ihn nämlich bei der Arbeit.«

 

Lord Creith nahm seine Brille ab und schaute ihn erstaunt an.

 

»Sie meinen James Morlake, unseren Nachbarn?« fragte er ungläubig.

 

Hamon nickte: »Ich meine ›den Schwarzen‹, den geschicktesten Einbrecher seit Jahren.«

 

Joan war in ihren Sessel zurückgesunken, das Zimmer schien sich um sie zu drehen. Hamon sprach die Wahrheit. Seine Heiterkeit war der beste Beweis dafür.

 

»Meine Schwester wird sich übrigens die Ehre geben, Sie zu besuchen, Lady Joan«, wandte er sich höflich an sie.

 

»So?« fragte sie abwesend. »Ach ja, Sie haben eine Schwester in Paris. Es tut mir leid, daß ich heute nachmittag nicht zu Hause bin.«

 

»Das dachte ich mir und sagte ihr deshalb, daß sie morgen kommen solle. Sie wird Ihnen gefallen, sie ist ein gutes Mädchen, obwohl ich sie ein wenig verzogen habe.«

 

»Wann wird Mr. Morlake verhört?« fragte sie, ohne weiter auf Lydia Hamon einzugehen.

 

»Heute früh beginnt die Voruntersuchung, dann kommt er wieder in Untersuchungshaft, und nächste Woche wird er vor Gericht gestellt. Sie interessieren sich wohl für ihn? Nun, das ist ja natürlich. Solche Menschen haben etwas Romantisches an sich.«

 

»Hat er Freunde? Ich meine, jemand, der sich für ihn verbürgt?«

 

»In seinem Falle gibt es keine Bürgschaft. Die Polizei wird sich hüten, ihn gegen Kaution freizulassen, zumal seine Verhaftung nur nach einem harten Kampf möglich war.«

 

»Wurde er verletzt?« fragte sie schnell.

 

»Er hat einen oder zwei Schläge abbekommen«, erwiderte Hamon mit einem sorglosen Achselzucken.

 

Ihre Augen ließen ihn nicht los.

 

»Sie wissen sehr viel darüber. Man hat Sie vermutlich angerufen und Ihnen alles erzählt?«

 

»Ich weiß nur, was in den Zeitungen steht«, erwiderte Hamon schnell.

 

»Es steht nichts in den Zeitungen – es passierte wohl zu spät in der Nacht, um noch in die Morgenpresse zu kommen.«

 

Sie erhob sich und ging ohne ein Wort aus dem Zimmer.

 

Kapitel 1

 

1

 

James Lexington Morlake, der von seinen Zinsen lebte und viele Titel hatte, wenn er sie auch selten führte, saß in seinem Arbeitszimmer.

 

Er schloß eine Schublade des schönen Rokokoschreibtisches auf und schaute nachdenklich in das Fach, das mit Stahl ausgeschlagen und durch vier Schließbolzen gesichert war. Dann nahm er langsam ein viereckig zusammengefaltetes, schwarzes Seidentuch, eine automatische Pistole und eine Lederrolle heraus. Er öffnete den Verschluß des Necessaires und breitete es auf seinem Schreibtisch aus. Es war aus dauerhaftem, feinem Seehundsfell gearbeitet, und in den einzelnen Taschen steckten viele Instrumente, Feilen und Sperrhaken – alles äußerst klein und aus bestem Werkzeugstahl hergestellt.

 

Er prüfte die Diamantspitze eines Bohrers, der die Größe eines Zahnstochers hatte. Dann legte er das Werkzeug wieder zurück, rollte das Etui zusammen, lehnte sich in seinen Stuhl und betrachtete die Gegenstände, die vor ihm lagen.

 

Die Wohnung James Morlakes in der Bond Street war vielleicht die luxuriöseste dieser vornehmen Straße. Phantastische Ornamente und Arabesken schmückten die Decke des Arbeitszimmers. Die Wände bestanden aus poliertem Marmor, der Fußboden war aus Mosaik, das aber unter einem schweren, kostbaren Perserteppich nur teilweise zum Vorschein kam. Vier silberne, mit bunten Seidenstoffen abgedämpfte Hängelampen verbreiteten angenehmes Licht.

 

Mit Ausnahme des großen, prächtig verzierten Schreibtisches befanden sich nur noch wenige Möbel in dem Raum: ein niedriger Diwan unter einem Fenster, ein perlmutteingelegter Stuhl und ein Sessel.

 

Den Mann am Schreibtisch konnte man seinem Aussehen nach auf vierzig oder fünfzig Jahre schätzen: in Wirklichkeit zählte er aber erst sechsunddreißig. Aus seinem klugen Gesicht leuchteten lebhafte, kühne Augen, und ihr fröhlicher Ausdruck milderte in gewisser Weise die scharfen Konturen seiner Züge. Manchmal trübten allerdings auch Schwermut und Melancholie seinen Blick. James Morlake war eine einnehmende und vornehme Persönlichkeit. Er soll früher in New York gelebt haben, obwohl manche Leute dies bezweifelten. Jetzt wohnte er in der Bond Street in London und besaß den Landsitz Wold House in Sussex. Er trug Abendkleidung; sein Frack saß tadellos, und seine weiße Krawatte war vollendet gebunden.

 

Plötzlich schaute er vom Schreibtisch und den unheimlichen Dingen, die dort lagen, auf und schlug die Hände einmal zusammen. Durch einen seidenen Vorhang kam auf leisen Sohlen ein junger Mohr herein. Sein prachtvoll weißer Fellap und sein feuerroter Turban gaben ihm ein malerisches Aussehen und hoben sich wirkungsvoll von dem gedämpften Hintergrund ab.

 

»Mahmet, ich gehe heute abend aus – ich werde dir noch sagen, wann ich zurückkomme.« Morlake sprach maurisch. »Wenn ich durch Gottes Gnade wiederkehre, werde ich reichliche Arbeit für dich haben.«

 

Mahmet hob die Hand zum Gruß, trat behende vor und küßte die beiden Frackschöße seines Herrn, dann seinen Daumen, denn Morlake war in gewisser Beziehung eine heilige Persönlichkeit für ihn.

 

»Ich bin dein Diener, Effendi«, sagte er. »Willst du deinen Sekretär sprechen?«

 

Morlake nickte, und mit einem kurzen Salaam verschwand Mahmet. ›Sekretär‹ war eine euphemistische Bezeichnung für Binger, denn der Mohr wagte es nicht, einen weißen Mann einen Diener zu nennen.

 

Gleich darauf erschien Binger in der Tür. Er war ein stattlicher, etwas untersetzter Mann mit gesundem, rotem Gesicht und blondem Schnurrbart. Nachdem er einen Blick auf seinen Herrn und die Instrumente auf dem Tisch geworfen hatte, seufzte er.

 

»Wollen Sie wieder ausgehen?« fragte er traurig.

 

»Ja. Es ist möglich, daß ich einige Tage ausbleibe. Sie wissen ja, wo Sie mich finden können.«

 

»Ich hoffe, daß ich Sie nicht in einer Gefängniszelle wiederfinde, womit ich immer rechnen muß.«

 

James Morlake lachte leise vor sich hin.

 

»Das Schicksal hat Sie eigentlich nicht dazu bestimmt, der Diener eines Einbrechers zu werden.«

 

»Bitte sagen Sie das nicht – malen Sie den Teufel nicht an die Wand! Ich zittere jetzt schon vor Angst. Ich möchte keine Kritik an Ihnen üben, das habe ich noch nie getan. Wenn Sie kein Einbrecher gewesen wären, würde ich längst nicht mehr am Leben sein. Sie haben sich für mich in große Gefahr begeben, und ich werde Ihnen das nie vergessen!«

 

Das stimmte auch, denn eines Nachts war James Lexington Morlake in ein Warenhaus eingebrochen, in dem Binger eine Anstellung als Nachtwächter hatte. Morlake wollte durch das Warenhaus nur seinem Ziel, einer Bank, näher kommen. Auf dem Weg durch das Geschäftshaus hatte er Binger bewußtlos auf dem Boden gefunden. Der Mann war durch ein offenes Oberlicht gefallen und hatte sich schwer verletzt. Morlake verband ihn so gut wie möglich und brachte ihn in ein Hospital. Binger vermutete, daß ›der Schwarze‹, der Schrecken aller Bankdirektoren des Landes, sein Wohltäter war. Auf diese Weise waren die beiden zusammengekommen. Für James Morlake konnte keine große Gefahr daraus entstehen, denn er war ein Menschenkenner und wußte, daß Binger ihm treu ergeben war.

 

»Vielleicht werde ich in den nächsten Tagen ein ehrenwertes Mitglied der Gesellschaft, Binger«, sagte er lachend.

 

»Das hoffe ich inständigst. Ich bete jeden Tag darum«, sagte der Mann ernst. »Es ist kein schöner Beruf – Sie sind immer die ganzen Nächte fort – das schadet der Gesundheit! Und als alter Soldat kann ich Ihnen nur sagen, daß Ehrlichkeit die beste Politik ist.«

 

»Davon bin ich auch überzeugt. Aber nun hören Sie einmal zu. Mein Wagen soll an der Ecke der Albemarle Street auf mich warten, und zwar um zwei Uhr in der Nacht. Es regnet ein wenig, das Verdeck muß hochgeschlagen werden. Stecken Sie hinten eine Nummer von Oxford an, die Sussex-Nummer legen Sie unter den Sitz. Eine Thermosflasche mit Kaffee und ein paar Butterbrote – das ist alles.«

 

»Gut Glück!« sagte Binger mit schwacher Stimme.

 

»Ich wollte, Sie meinten das auch wirklich«, entgegnete James Morlake, als er sich erhob, den langen, schwarzen Mantel vom Diwan nahm und die Pistole und das Werkzeug in die Tasche steckte …