Kapitel 14

 

Kapitel 14

 

McGill hatte das Licht in dem Wohnzimmer ausgeschaltet und wollte eben zu Bett gehen, da klingelte plötzlich das Telefon. Als er die zitternde Stimme am Apparat hörte, fluchte er leise.

 

»Was ist denn nun schon wieder los?«

 

»… ich habe ihn gesehen, Mark … direkt vor der Herberge … Er hat mich angesehen … Ich hätte ihn mit der Hand anfassen können.«

 

»Von wem sprichst du denn?« fragte Mark barsch.

 

»Li – Li Yoseph! Nein, ich bin nicht betrunken! Einer von den Leuten hat ihn schon vorher gesehen! Und ein anderer, der nach mir kam, hat beobachtet, wie er um die Ecke ging und in einen Wagen stieg. Er hat zu sich selbst gesprochen, wie es der alte Li immer tat. Mark, es ist fürchterlich! Ich weiß nicht mehr, was ich tun soll.«

 

»Wer hat ihn denn außer dir gesehen? Rufe den Mann einmal ans Telefon!« befahl McGill.

 

Es dauerte ziemlich lange, bis sich drüben eine rauhe Stimme meldete.

 

»Es ist richtig, McGill, ich habe den alten Kerl gesehen. Er hatte ein gelbes Gesicht und stand unter der Laterne, gerade bevor Mr. Tiser nach Hause kam.«

 

»Kennen Sie Li Yoseph überhaupt?«

 

»Nein, ich habe nur viel von ihm gehört. Aber danach muß er es gewesen sein.«

 

»Sagen Sie Mr. Tiser, daß er wieder an den Apparat kommen soll«, erwiderte Mark.

 

Aber Tiser sprach so zusammenhanglos, daß nichts mit ihm anzufangen war. Ärgerlich legte Mark den Hörer wieder auf.

 

Es mußte doch irgend etwas Wahres an dieser Geschichte sein. Tiser konnte sich doch nicht alles aus den Fingern gesogen haben. Dazu dieses Violinspiel … woher mochten die Töne nur gekommen sein? Aus der Wand? Aber es konnte ja oben im Haus jemand gespielt haben. Allerdings stand die Wohnung über ihm im Augenblick leer, da die Bewohner vor einigen Tagen eine Erholungsreise nach Schottland angetreten und ihre Dienstboten mitgenommen hatten. Der Portier hatte ihm das heute morgen erzählt.

 

Er dachte wieder über Li Yoseph nach. Warum hatte wohl die Polizei plötzlich die Nachforschungen eingestellt? Wußte man in Scotland Yard, daß Li Yoseph nach England zurückgekommen war? Bradley war ein so schlauer Fuchs; der würde diese Tatsache sofort gegen ihn ausgenutzt haben.

 

Aber dann schüttelte Mark energisch den Kopf. Es war unmöglich, daß der alte Mann mit dem Leben davongekommen war. Er hatte ihn doch aus ganz kurzer Entfernung niedergeschossen; die Kugeln mußten ihn getroffen haben.

 

Zusammengekauert saß er in seinem Stuhl am Feuer. Er hatte das Gesicht in die Hände vergraben und dachte über diese Sache nach. Aber plötzlich hörte er wieder ein Geräusch und fuhr auf. Es waren schlürfende Tritte – und sie kamen aus dem Zimmer über ihm.

 

Das Schlürfen hörte sich an, als ob jemand mit Pantoffeln über den Parkettboden ging. Merkwürdigerweise wurde Mark sofort an Li Yosephs Gang erinnert. Nun hörte er auch den Ton der Violine wieder, nur ein wenig leiser und zarter als vorher. Tostis »Chanson d’Adieu«!

 

Mark ging in sein Schlafzimmer, zog seinen Rock an, trat leise auf den Flur und öffnete die Tür. Langsam stieg er die Treppe hinauf, bückte sich vor der oberen Wohnung und legte sein Ohr an die Öffnung des Briefkastens. Aber er konnte nicht das geringste Geräusch hören.

 

Er richtete sich wieder auf und drückte auf die elektrische Klingel. Sie schlug schrill an; aber es ereignete sich weiter nichts. Er klingelte noch einmal, ohne mehr Erfolg zu haben.

 

An der Tür war eine Karte befestigt:

 

›Während der Abwesenheit Sir Arthur Findons sind alle Briefe und Pakete beim Portier abzugeben.‹

 

Mark war beunruhigt. Langsam ging er die Treppe wieder hinunter und trat in sein Wohnzimmer. Das Violinspiel war verstummt. Er setzte sich ans Feuer und wartete, ob er die schlürfenden Schritte noch einmal hören würde. Nach einer Stunde entschloß er sich, zu Bett zu gehen.

 

Er konnte sich nicht darauf besinnen, daß er die Verbindungstür zu seinem Schlafzimmer geschlossen hatte; er dachte auch gar nicht daran, bis er die Klinke niederdrückte und fand, daß die Tür geschlossen war. Schwer atmend trat er einen Schritt zurück. Im nächsten Augenblick hatte er die Pistole aus der Hüfttasche gezogen und das Licht ausgedreht. Vorsichtig zog er die Vorhänge beiseite, öffnete leise die Balkontür und trat hinaus. Die Tür, die von seinem Schlafzimmer auf die Veranda führte, stand offen. Aber er konnte niemanden sehen.

 

Schnell trat er mit erhobener Waffe in sein Schlafzimmer ein. Es mußte jemand hier gewesen sein, denn an dem Kissen war ein abgerissenes Stück Papier festgesteckt, das von unregelmäßigen Schriftzügen bedeckt war. Er las:

 

»Lieber Mark, bald werde ich kommen und dich besuchen. Li Yoseph.«

 

Mark wandte sich um und schloß die Tür nach draußen. Als er am Spiegel vorbeiging; konnte er erkennen, daß sein Gesicht bleich war.

 

Diese Nacht legte er sich nicht zu Bett, sondern setzte sich an das Kaminfeuer, das er neu entzündete. Bei Morgengrauen trat er auf den Balkon hinaus und sah, wie einfach es war, von dem kleinen oberen Balkon in seine Wohnung herunterzusteigen. Sicher war jemand in der oberen Wohnung gewesen; der Portier konnte das Rätsel vielleicht lösen. Als die Dienstboten kamen, ließ er den Mann zu sich holen.

 

»Nein, zur Zeit ist niemand oben«, erwiderte der Portier erstaunt. »Sir Arthur vermietet seine Wohnung niemals. Er ist sehr eigen in dieser Beziehung und wünscht nicht, daß Fremde seine Wohnung betreten.«

 

Mark zwang sich zu einem Lächeln.

 

»Aber vielleicht hat er nichts dagegen, wenn ich mir die Wohnung einmal ansehe. Wissen Sie, wer die Schlüssel hat?«.

 

Der Portier zögerte.

 

»Ich selbst habe den Schlüssel, aber ich würde wahrscheinlich meine Stellung verlieren, wenn Sir Arthur erfährt, daß ich Sie in die Wohnung gelassen habe.«

 

Als Mark ihm aber ein großes Trinkgeld gegeben hatte, entfernte er sich doch, um den Schlüssel zu holen. Mark stieg hinter ihm die Treppe hinauf, und sie traten beide oben ein. Es war eine Flucht luxuriöser Räume; die meisten Polstermöbel waren mit leinenen Schutzhüllen überzogen. Sowohl im Korridor wie in den Zimmern waren die Teppiche aufgerollt. Der Raum, der über seinem eigenen Wohnzimmer lag, interessierte Mark am meisten. Aber es waren keine Anzeichen dafür zu entdecken, daß jemand hier gewesen war. Die weißen Vorhänge an den Fenstern waren zugezogen; die Möbel mit den hellen Bezügen hoben sich gespenstisch von den dunklen Tapeten ab. Als Mark die Fenster untersuchte, fand er, daß sie alle von innen befestigt waren.

 

»Sie müssen sich getäuscht haben. Gestern abend ist niemand in dieser Wohnung gewesen. Außerdem gibt es nur zwei Schlüssel: Einen verwahre ich, und den anderen hat Sir Arthur mitgenommen. Wenn er seinen Schlüssel jemand gegeben hätte, würde ich es sicher wissen.«

 

Mark untersuchte den Raum eingehender. Er war größer als sein Wohnzimmer und reichte auch über das Schlafzimmer von Ann Perryman hinüber. Dann öffnete Mark die Tür und trat auf den kleinen Balkon hinaus. Einem geschickten, gewandten Mann mußte es nicht schwerfallen, von hier aus die untere Veranda zu erreichen. Aber Li Yoseph war nicht behende – wer mochte ihn begleitet haben? Er prüfte das Steingeländer, fand aber keine Spuren einer Leiter oder eines Hakens.

 

Schließlich trat er in das Zimmer zurück und folgte dem Portier wieder in den Gang. Plötzlich sah er etwas auf dem Boden liegen, bückte sich und hob den kleinen, würfelförmigen Gegenstand auf. Er kam ihm bekannt vor, aber er wußte im Augenblick nicht, was es war.

 

»Das ist Kolophonium. Es gehört vermutlich Miss Findon – sie spielt Violine.«

 

»Ist sie auch in Schottland?«

 

»Ja, heute morgen erst habe ich eine Postkarte von ihr bekommen. Sie schrieb mir, daß ich ihr das Paket nachschicken solle, das gestern von Devonshire kam.«

 

Als er in sein Wohnzimmer zurückkehrte, fand er Ann dort. Das war ungewöhnlich, denn er sah sie selten am Vormittag und an manchen Tagen überhaupt nicht.

 

»Ich wollte heute morgen einige Sachen einkaufen, und dazu brauche ich etwas Geld. Ich habe allerdings kaum ein Recht, etwas zu verlangen, solange mir mein Führerschein entzogen ist …«

 

»Reden Sie keinen Unsinn«, erwiderte er lächelnd. »Sie können soviel Geld haben, wie Sie wollen. Fünfzig Pfund – hundert Pfund

 

»Wieviel habe ich denn noch zu bekommen? Wenn ich dazu berechtigt bin …« Dann fragte sie plötzlich: »Sind Sie in der Nacht nicht gestört worden? Die Leute über uns machen doch eigentlich sehr viel Lärm.«

 

»Haben Sie es auch gehört?«

 

»Es ging jemand in der Wohnung herum.«

 

»Haben Sie das Violinspiel gehört?«

 

»Ja. Wer mag nur gespielt haben?«

 

Mark zuckte die Schultern.

 

»Ich kann es Ihnen nicht sagen, aber es scheint mir so, als ob sich jemand einen schlechten Scherz mit uns erlaubt.«

 

»Der alte Li Yoseph ist doch wirklich tot?« fragte sie eindringlich.

 

»Ich weiß nicht, wie es anders sein könnte. Es war Flut, und wenn er hinuntergefallen ist …« Er hielt plötzlich inne, als er den merkwürdigen Ausdruck in ihrem Gesicht sah.

 

»Aber das war doch die Ansicht der Polizei, daß er ins Wasser stürzte?«

 

Er erkannte, welche Dummheit er gemacht hatte, und lächelte.

 

»Ich habe die Sache nun schon so oft gehört, daß ich selbst schon beinahe an die Behauptung der Polizei glaube. Meine eigene Meinung ist nach wie vor, daß er irgendwie Nachricht von der kommenden Razzia erhielt, das Land verließ und sich versteckte. Ich bin ganz fest davon überzeugt, daß er starb.«

 

Er versuchte zuversichtlich zu erscheinen, aber er wußte, daß er damit keinen Erfolg bei ihr hatte.

 

»Sagen Sie, haben Sie mir nicht einmal erzählt, daß Sie Li Yoseph hier vor dem Haus gesehen hätten?«

 

Sie hatte dieses Erlebnis beinahe vergessen.

 

»Ja, aber ich war mir damals meiner Sache nicht ganz sicher – Sie sagten doch, daß ein russischer Fürst in der Nähe wohne und daß es einer seiner Besucher gewesen sein könnte. Wenn es wirklich Mr. Yoseph war, hätte er Sie doch sicher besucht!«

 

Mark antwortete nicht darauf. Sie sah nur, daß er die Stirn runzelte und dann seine Rundgänge im Zimmer wieder aufnahm.

 

»Tiser behauptet auch, daß er ihn gesehen hat – sogar schon zweimal. Ich kann das alles nicht verstehen. Die einzige Erklärung wäre nur, daß Tiser eben betrunken war und in seinem Delirium allerhand Gespenster gesehen hat.«

 

»Würde es für Sie sehr viel bedeuten, wenn Li Yoseph wieder hier auftauchte?«

 

Es war eine unschuldige Frage, die ohne die geringste Nebenabsicht gestellt wurde, aber Mark war jetzt nervös geworden.

 

»Was meinen Sie damit?« fragte er rauh. »Was sollte mir denn das ausmachen, wenn Li Yoseph lebte? Er war ein tüchtiger Mann, aber in der letzten Zeit mußte ich mich vor ihm in acht nehmen. Die Polizei war auf ihn aufmerksam geworden und überwachte ihn. In der Zeit, als er verschwand, war eigentlich kaum mehr etwas mit ihm anzufangen. Auch war er nicht ganz klar im Kopf; seine Geisterseherei war doch schon eine Art Wahnsinn. Ich wußte nie, welchen Unsinn er nächstens sagen würde. Ich habe bis zuletzt freundschaftlich mit ihm verkehrt, denn er war der einzige, der den Mord an Ronnie sah. Und ich wünschte, daß Sie die Wahrheit von einem Augenzeugen hörten.«

 

»Habe ich sie denn wirklich gehört?«

 

Er ging langsam auf sie zu und starrte sie an.

 

»Was meinen Sie nun schon wieder?«

 

»Habe ich wirklich die Wahrheit erfahren? Sie sagten doch eben selbst, daß er ein wenig verrückt war. Warum sollte er mir dann die Wahrheit gesagt haben? Konnte das nicht auch eine seiner Illusionen gewesen sein?«

 

Auf diese Frage gab es keine Antwort, und Mark war noch mehr beunruhigt als früher.

 

»Ich verstehe Sie in diesen Tagen kaum mehr, Ann. Sie sagen die merkwürdigsten Dinge und stellen die seltsamsten Fragen. Sie wissen doch genau, wie es mit Li Yoseph stand. In mancher Beziehung, zum Beispiel mit seinen Geistern und den kleinen Kindern, war er nicht normal, aber sonst war er doch so vernünftig wie wir beide.« Er dachte einen Augenblick nach. »Natürlich kann er auch unbewußt gelogen haben. Ich kann es nicht beurteilen. Ich habe die Geschichte von ihm gehört und muß mich damit zufriedengeben, ebenso wie Sie. Und als er sie mir das erstemal erzählte, war ich vollkommen davon überzeugt, und ich halte sie auch jetzt noch für wahr. Wer sollte Ihren Bruder denn getötet haben, wenn Bradley es nicht war?«

 

Sie schüttelte nur den Kopf und seufzte.

 

*

 

In den folgenden Wochen wurde Marks Verhältnis zu Ann wieder besser. Die Depression, die sie bedrückte, wich teilweise von ihr; sie war liebenswürdig und lachte sogar über seine kleinen Späße. Sie war für ihn in doppelter Weise wertvoll. Einmal war sie eine geschickte, mutige Autofahrerin, da sie aber nach der Gerichtsverhandlung zu unfreiwilliger Ruhe verurteilt worden war, lernte er sie in anderer Weise um so mehr schätzen.

 

In gewisser Weise war er in sie verliebt. Er bewunderte sie, aber als er ihr einmal engere Freundschaft anbot, wies sie ihn freundlich, aber bestimmt zurück. Ihr Verhältnis zueinander war seit der Verhandlung vor dem Polizeigericht in ein neues Stadium getreten, und er versuchte vergeblich, die richtige Einstellung zu Ann zu finden.

 

In letzter Zeit war Mark viel beschäftigt, denn seine geschäftlichen Unternehmungen waren nicht immer erfolgreich. Vor kurzem hatte er bei einer Polizeirazzia zwei Agenten zugleich verloren. Auch das Versorgungsheim belastete ihn stark. Tiser kümmerte sich nicht mehr genügend um die Insassen der Herberge. Mark hatte fast zwei Jahre auf einen guten Agenten gewartet, der eine Gefängnisstrafe in Dartmoor absaß. Als er dann durch einen Glückszufall im Versorgungsheim auftauchte, ließ ihn Tiser wieder gehen, ohne ihn Mark zu bringen. McGill war wütend, als er das hörte, und schickte nach seinem unglücklichen Assistenten.

 

»Was soll denn das bedeuten? Haben wir vielleicht unser Geschäft zugemacht? Wovon willst du denn leben? Oder willst du überhaupt mit dem Leben Schluß machen?«

 

»Ich tu doch mein Bestes, Mark«, winselte Tiser.

 

»Du tust dein Bestes? Du hast auch dein Bestes getan, Bradley aus dem Weg zu schaffen, und hast dadurch die Aufmerksamkeit der Polizei auf mich und dich gelenkt! Du greifst dir drei unbeholfene Kerle heraus, die wohl Frauen verprügeln können, aber weiter nichts – die werden natürlich geschnappt! Du läßt dir direkt unter deine Nase ein Mikrophon in der Herberge aufstellen, und dabei willst du sorgfältig alles verbergen, was dort vorgeht. Es war doch nur ein glücklicher Zufall, daß ich in jener Zeit nicht dort anrief.«

 

»Aber Mark, ich schwöre dir, daß ich die drei nicht ausgeschickt habe …«

 

Mark brachte ihn zum Schweigen.

 

*

 

Nachdem ein paar Wochen vergangen waren, wurde Tiser wieder mutiger. Der Spuk, der ihn so erschreckt hatte, war nicht wiedergekommen. Wenn er sich selbst um Marks Geschäft gekümmert hätte, wie es seine Aufgabe war, hätte er wohl keine Zeit gehabt, an Li Yoseph zu denken. Aber er ließ das Geschäft gehen, wie es wollte, und gab sich ganz seinen Einbildungen und Träumen hin. Die Verwaltung des Versorgungsheimes lag in den Händen eines Stewards, eines früheren Sträflings. Tausend andere Dinge hielten Tiser in Atem, und statt tatkräftig zu arbeiten, grübelte er stundenlang darüber nach, was geschehen könne, wenn Li Yoseph plötzlich zurückkehrte.

 

Viele Leute, die ihn besuchten, kamen nicht durch den Haupteingang, sondern durch eine Nebentür. Sie hatten nur kurze Unterredungen mit Tiser und verschwanden ebenso geheimnisvoll, wie sie gekommen waren.

 

Einer von diesen war ein gewisser Mr. Laring, der früher Offizier gewesen war. Er hatte eine gesunde Gesichtsfarbe, eine kräftige Nase, blaugraue Augen, und er sprach mit dem vornehmen Akzent eines Gentleman. Man hielt ihn für wohlhabend; er wohnte in einem hübschen Haus in einer der südlichen Vorstädte Londons, besaß zwei Autos und ging stets tadellos gekleidet. Er hatte immer einen guten Vorwand, das Versorgungsheim zu besuchen, denn er brachte jedesmal ein großes Paket illustrierter Zeitschriften und Bücher als Lektüre für die Insassen des Heims mit. Was er dagegen mitnahm, wußten nur Tiser und er.

 

Eines Abends erschien er wieder mit einem großen Paket Zeitungen bei Tiser, der eine Flasche Whisky und einen Syphon mit Sodawasser brachte und sie auf den Tisch setzte. Laring hatte viel zu sagen.

 

»Das ganze Geschäft geht in die Binsen, Tiser. Wenn Mark sich nicht vorsieht, werden ihn diese Amerikaner noch ganz verdrängen. Natürlich sind sie auch an mich herangetreten, weil ich eine der besten und größten Verteilerorganisationen im ganzen Lande habe. Und Sie haben mir jetzt seit zwei Monaten keine größere Lieferung zukommen lassen! Das geht unter keinen Umständen so weiter, Tiser!«

 

Mr. Larings »Organisation« war selbst amerikanisch aufgezogen. Er war einer der größten Exporteure, und seine Agenten saßen in allen größeren Städten von New Orleans bis nach Seattle. Aber in anderer Beziehung war er wieder von Mark abhängig.

 

»Der ganze Fehler liegt darin, daß Sie kalte Füße bekommen haben. Ja, ja, ich weiß alles über den Fall beim Polizeigericht, ich habe die Berichte mit dem größten Interesse gelesen. Aber Geschäft ist nun einmal Geschäft, mein lieber Tiser. Die kleinen geschäftlichen Verbindungen, die ich hier in der Gegend habe, machen mir keine Sorgen. Die will ich sowieso aufgeben.«

 

In diesem Augenblick schlug eine kleine Glocke an. Sie gab das Zeichen, daß ein anderer Besucher gekommen war. Tiser, der von McGill zu regerer Tätigkeit angetrieben worden war, ging aufgeregt hin, um zu öffnen. Als er die Tür aufmachte, stand Ann vor ihm. Er war so erstaunt, daß er zunächst nichts sagen konnte.

 

»Miss Perryman! Was, in aller Welt, tun Sie denn hier – sind Sie ohne Begleitung gekommen?« Er schüttelte mißbilligend den Kopf.

 

»Das ist aber sehr gefährlich. Daß Mark das zugegeben hat!«

 

»Er weiß nichts davon«, sagte sie und wartete auf eine Einladung, näher zu treten. »Haben Sie Besuch?«

 

»Nur mein guter Freund, Mr. Laring, ist da. Er interessiert sich sehr für das Heim und bringt uns immer etwas zum Lesen mit. Würden Sie mich einen Augenblick entschuldigen?«

 

Er eilte in sein Zimmer zurück und erklärte, wer gekommen war. Mr. Laring war ein höflicher Mann und begrüßte Ann mit einer kleinen Verbeugung. Aber auch er war erstaunt. Weder er noch die anderen Agenten Marks wußten, ob das junge Mädchen ahnte, welche Tätigkeit es eigentlich ausübte. Von Anfang an war zwar allen aufs strengste untersagt worden, in seiner Gegenwart Näheres über die Art des Geschäftes zu erwähnen; aber man nahm diese Komödie nicht ernst und glaubte nur, daß es ein Vorwand war, um es zu schützen, falls die Polizei es tatsächlich einmal fassen sollte.

 

Ann folgte einem plötzlichen Impuls, als sie ihre Wohnung verließ und zu dem Heim ging. Sie wußte selbst nicht, warum sie hierhergekommen war. Es schwebte ihr nur dunkel vor, daß sie ihren eigenen Grübeleien aus dem Wege gehen und hier eine Lösung ihrer Zweifel suchen wollte.

 

»Nein, Mark McGill weiß nicht, daß ich hierhergekommen bin. Ich langweilte mich zu Hause und dachte, ich könnte hier vielleicht Li Yoseph treffen.«

 

Sie sah, daß Tiser zusammenzuckte, und bereute den kleinen Scherz.

 

»Li Yoseph?« Laring runzelte die Stirn. »Ich dachte, unser alter Freund wäre …«

 

»Über See gereist, über See –«, ergänzte Tiser schnell. »Kann ich irgend etwas für Sie tun, Miss Perryman – ich meine, wünschen Sie etwas Bestimmtes von mir? Es ist wirklich schon sehr spät …«

 

Es war nach zehn, und um diese Zeit war selten eine Dame im Heim zu sehen.

 

»Ach nein, ich wollte nichts Besonderes – ich wollte eigentlich nur einmal an die frische Luft gehen.« Es kam ihr zum Bewußtsein, daß sie den Mann belog, denn sie war eben am Ende der Straße aus einem Taxi gestiegen.

 

Über Mr. Larings Gegenwart freute sie sich – er machte das Zusammensein mit Tiser erträglicher. Sie hatte den unklaren Plan gehabt, mit Tiser einmal über das Schmuggelgeschäft zu sprechen und von ihm die Wahrheit zu erfahren. Natürlich war es Sacharin, das sie transportiert hatte … Und das Schmuggeln war ja so allgemein; erst in der letzten Woche hatte sie in der Zeitung gelesen, daß der Obersteward eines Schiffes mit hundert Pfund bestraft worden war. Der Staatsanwalt hatte in seiner Rede ausführlich darauf hingewiesen, wieviel eingeschmuggelt wurde und wie häufig derartige Verstöße waren.

 

Ann sagte sich immer wieder, daß Bradley sie nur hatte erschrecken wollen. Das war ein alter Trick der Polizeibeamten. Er wollte durch diese Redereien die einzelnen Mitglieder der Organisation miteinander verfeinden. Aber ihre Zweifel ließen sich nicht unterdrücken. Wenn es nun doch kein Sacharin war? Diese Ungewißheit quälte sie entsetzlich. Und hier saß sie nun Mr. Laring gegenüber, einem der größten Abnehmer der geschmuggelten Waren. Mr. Laring würde ihr sicher die Wahrheit sagen, vor der Tiser feige zurückschreckte. Natürlich würde er hier nicht darüber sprechen. Die Unterhaltung drehte sich um allgemeine Dinge, um das Wetter, um Anns unangenehmes Erlebnis vor dem Polizeigericht, um die vortrefflichen Charaktereigenschaften Marks. Tiser lobte ihn ganz besonders. Nach einer Viertelstunde erhob sich Mr. Laring, um sich zu verabschieden, und Ann nahm die Gelegenheit wahr.

 

»Ich möchte Sie gern begleiten, wenn es Ihnen recht ist«, sagte sie.

 

Sie sah, daß Tiser erschrak, und wurde dadurch nur noch mehr in ihrem Vorhaben bestärkt.

 

Mr. Larings Wagen stand an der Straßenecke. Es war dem Agenten ein Vergnügen, Ann nach Hause zu fahren, denn er liebte die Gesellschaft hübscher Frauen. Der Aufbruch erfolgte so schnell, daß Tiser keine Gelegenheit hatte, ihn zu warnen.

 

»Dieser Tiser ist doch ein merkwürdiger Mensch. Ich fürchte nur, daß er zuviel trinkt«, sagte Mr. Laring, als der Wagen durch Hammersmith Broadway fuhr.

 

»Der arme Kerl hat die Nerven vollständig verloren«, fuhr er fort und schüttelte traurig den Kopf. »Er wird Mark wohl nicht mehr viel helfen können, es ist sehr schade. Soviel ich weiß, dürfen Sie augenblicklich auch nicht mehr fahren, Miss Perryman? Man wird Sie sehr vermissen.«

 

»Mark wird die Verteilung wohl geregelt haben.«

 

Er seufzte.

 

»Er ist nicht so hinter dem Geschäft her, wie man eigentlich erwarten dürfte. Ich fürchte, er hat die Nerven auch verloren. Es wäre ja auch verständlich. Wir haben alle einen großen Schrecken bekommen, als Sie damals gefaßt wurden. Wir dachten bestimmt, daß es nicht ohne Gefängnis abgehen würde. Die ganze Sache war ein schurkischer Plan von diesem Bradley. Er brachte zuerst den Fall Smith vor den Gerichtshof, um dem Richter die Schwere Ihres Vergehens vor Augen zu führen.«

 

Plötzlich erinnerte er sich an sein Versprechen.

 

»Nicht, daß Sacharinschmuggel ein besonders schweres Vergehen wäre«, fügte er hastig hinzu.

 

»Sacharin?« erwiderte Ann lachend. »Reden Sie doch keinen Unsinn!«

 

Mr. Laring seufzte schwer.

 

»Ich weiß selbst nicht, ob das recht ist, was ich tue. Manchmal kommen mir böse Gedanken, ob ich nicht zum Unheil der Menschheit arbeite.« In Wirklichkeit hatte er noch nie Gewissensbisse gehabt oder sich Vorwürfe gemacht. »Aber was soll man machen? Hat denn irgendeine Person oder Gesellschaft oder ein Land das Recht, Ihnen oder mir vorzuschreiben, wo und wie wir unseren Vergnügungen nachgehen können? Hat jemand das Recht, mir zu verbieten, Whisky zu trinken, soviel mir beliebt? Sollten Sie kein Parfüm gebrauchen dürfen, wenn Ihnen der Duft besondere Freude macht?«

 

»Oder sollte ich zum Beispiel kein Kokain nehmen dürfen?« ergänzte sie ein wenig atemlos.

 

»Da haben Sie vollkommen recht.« Er machte eine kleine Pause. »Für mich persönlich hat es niemals eine Anziehung gehabt, aber ich kann mir wohl vorstellen, daß es Leute gibt, die sich ein intensives Vergnügen dadurch verschaffen können – ja, wenn ich so sagen darf, vielleicht das einzige Vergnügen, das ihnen das Leben noch bieten kann. Ich glaube nicht, daß ich eine strafbare Handlung begehe, wenn ich ihnen zu diesem Vergnügen verhelfe. Natürlich gibt es auch arme, schwache Menschen, die sich durch übermäßigen Genuß ruinieren. Aber es gibt ja auch Leute, die übermäßig rauchen oder übermäßig essen …«

 

Ann hörte ihm niedergeschlagen zu. Wenn sie ihn jetzt klar und offen fragte, ob er mit Kokain und Morphium handelte, würde er das entrüstet leugnen – und doch hatte er ihr alles gesagt, was sie wissen wollte, ja noch viel mehr als das.

 

Am Marble Arch wurden sie durch den Verkehr einen Augenblick aufgehalten; von da ab fuhr der Wagen langsamer und hielt schließlich am Cavendish Square. Mr. Laring wollte Ann höflich beim Aussteigen behilflich sein, aber sie duldete es nicht. Schnell stieg sie aus und schloß die Tür wieder.

 

Sie blieb noch auf dem Gehsteig stehen und sah dem fortfahrenden Wagen nach. Aber plötzlich bemerkte sie, daß ein Herr in ihrer Nähe stand, kaum drei Schritte von ihr entfernt. Sie bemerkte seine glimmende Zigarette und wollte schnell ins Haus eilen. Aber er sprach sie an.

 

»Ein schöner Abend für eine Spazierfahrt, Miss Perryman.«

 

Es war Bradley.

 

»Ja, sehr schön«, erwiderte sie verlegen.

 

Sie hätte nun an ihm vorbeigehen können, aber sie folgte einem unbestimmten Gefühl und blieb stehen.

 

»Hat es Ihnen im Versorgungsheim gut gefallen? Man sollte annehmen, daß durch Ihre schöne Erscheinung und Ihr liebenswürdiges Wesen alle bekehrt werden, daß sie sich bei Ihrem Anblick haltlos in Sie verlieben, wie Sie es damals von mir behauptet haben.«

 

Ein schmerzlicher Zug zeigte sich auf ihrem Gesicht, als sie an die Szene erinnert wurde, die sie so sehr bereute.

 

»In den Büchern kann man lesen, wie diese Leute Tränen der Reue vergießen, ihre Untaten bereuen und dann für ein paar Groschen die Stunde Holz hacken, um ihren Lebensunterhalt auf ehrliche Weise zu erwerben. Aber die Wirklichkeit sieht ganz anders aus, nicht wahr?«

 

Er war liebenswürdig und freundlich zu ihr, als ob nichts zwischen ihnen vorgefallen wäre.

 

»Ich wollte Sie eigentlich sprechen«, fuhr er fort. »Wie ich höre, spukt hier ein geigenspielender Geist herum?«

 

»Warum verhaften Sie ihn denn nicht?« fragte sie. Nach der Befangenheit über dieses unerwartete Wiedersehen erlangte sie allmählich ihre Selbstbeherrschung wieder.

 

»Das Verhaften von Geistern ist gegen die Dienstvorschrift. Sie haben den alten Li Yoseph wohl nicht zu Gesicht bekommen?«

 

Das Gespräch kam ins Stocken, aber sie zögerte immer noch.

 

»Woher wissen Sie denn, daß ich im Versorgungsheim war?«

 

»Ich bin ihnen dorthin gefolgt«, gab er offen zu. »Auch auf Ihrem Heimweg habe ich Sie begleitet. Sie wundern sich, daß ich vor Ihnen hier ankam? Sie sind am Marble Arch aufgehalten worden, während ich mit meinen Polizeiwagen durchfahren konnte.«

 

Sie lächelte schwach.

 

»Was haben Sie eigentlich gemacht – seitdem ich Sie zuletzt gesehen habe?«

 

»Ich habe inzwischen Einbrecher gefangen.«

 

»Sicherlich sind Sie auch ihnen gegenüber sehr milde und nachsichtig gewesen«, sagte: sie ironisch.

 

»Gutmütigkeit ist meine Hauptschwäche«, entgegnete er ebenso. »Es gibt für mich kein größeres Glück, als einen Schwerverbrecher zu fangen, ihn in eine schöne, luftige, geräumige Zelle zu transportieren, ihn gut zu versorgen, zu Bett zu bringen und seine Hände zu streicheln, bis er sanft eingeschlafen ist.«

 

»Und dann gehen Sie hin und beseitigen alle Beweise gegen ihn, schaffen seine Diebeswerkzeuge weg und behaupten, daß Sie überhaupt nichts gefunden haben.«

 

Er lachte wieder.

 

»Ja, es ist merkwürdig. Ich habe nun einmal einen solchen Charakter. Wenn ich einen Verbrecher vor Gericht zur Verurteilung gebracht habe und er zwanzig Jahre bekommt, dann bin ich selbst so erschüttert, daß ich mich in den Schlaf weinen muß.«

 

Er schaute an ihr vorbei. Gleich darauf tauchten die Scheinwerfer eines großen Autos auf, das sich schnell auf sie zubewegte und dann dicht vor ihnen hielt.

 

»Gute Nacht, Miss Perryman. Ich muß noch einen Auftrag erfüllen.«

 

Gleich darauf stieg er in den Wagen, und Ann trat in das Haus. Sie fühlte sich merkwürdig leicht und froh.

 

Kapitel 15

 

Kapitel 15

 

Mark McGill verfügte über noch mächtigere Hilfsmittel als über Tiser und seine Herberge. Der plumpe Überfall auf Bradley war noch die geringste Folge von Marks Feindschaft; gefährlicher war schon ein Unfall, der hervorgerufen winde durch die heimliche Entfernung einer Radschraube an dem Wagen des Polizeiinspektors. Als er mit einer Geschwindigkeit von etwa siebzig Kilometern auf der Great West Road entlangfuhr, löste sich eines der Vorderräder – und nur durch ein Wunder wurde die Besatzung vor schwerem Unheil bewahrt. Es war kein zufälliger Unglücksfall, das zeigte schon eine oberflächliche Prüfung der gelösten Schraube.

 

Scotland Yard war stark beunruhigt durch das Überhandnehmen von Gewalttätigkeiten im ganzen Land. Ein bewaffneter Einbrecher ist eine seltene Erscheinung in England; gewöhnlich ist er ein ungeschickter Laie. Aber nun tauchten fast überall bewaffnete Verbrecher auf.

 

Bradley kannte die Verbrecher so gut wie sich selbst. Er kannte sie in all ihrer Häßlichkeit und fand nichts Gutes an ihnen. Er machte sich über den Charakter dieser Leute keine Illusionen mehr, denn seine Erfahrungen hatten ihn gelehrt, was er von ihnen zu halten hatte. Er verachtete sie weder, noch haßte er sie; aber er hatte es sich zur Lebensaufgabe gemacht, diese Schädlinge aus der menschlichen Gesellschaft auszumerzen.

 

Bradley nahm eines Tages an einer Konferenz teil, die im Polizeipräsidium abgehalten wurde.

 

»McGill hat augenblicklich in seiner Tätigkeit stark nachgelassen – zur Zeit macht er keine Geschäfte. Die Verhandlung gegen Miss Perryman wird ihn wohl abgeschreckt haben«, sagte er.

 

»Es ist wirklich schade, daß Sie nicht einen seiner Helfershelfer dazu bringen können, ihn zu verraten«, meinte sein Vorgesetzter.

 

Aber der Polizeiinspektor schüttelte den Kopf.

 

»Sie haben alle so große Furcht vor ihm, daß sich niemand finden wird, der gegen ihn aussagt. Und selbst dann hat er so viele Vorsichtsmaßregeln getroffen, daß man ihn nicht so leicht überführen kann.«

 

»Können Sie denn nicht vorwärtskommen, wenn Sie sich mit Miss Perryman gut stellen?« fragte ein anderer höherer Beamter.

 

Bradley richtete sich steif auf.

 

»Wie denken Sie sich denn das?« fragte er kühl.

 

»Nun ja, Sie sind doch ein ganz hübscher Kerl –«

 

»Wir wollen hier keine Komplimente austauschen, sondern uns an Tatsachen halten«, sagte Bradley kurz. »Ich werde Mark McGill schon fassen, aber ich habe schwerere Anklage gegen ihn zu erheben als den Handel mit Rauschgiften.«

 

Kurze Zeit nach dieser Konferenz erhielt Mark von seinen Agenten die Nachricht, daß die Polizei die Nachforschungen gegen ihn und seine Organisation eingestellt habe und daß man ihnen jetzt nicht mehr nachspüre. Die Sperren, mit denen man alle größeren Städte umgeben hatte, wurden aufgehoben; Autos konnten wieder frei verkehren, ohne angehalten und durchsucht zu werden. Die zahlreichen Detektive, die alle Eisenbahnstationen bewacht hatten, wurden zurückgezogen und nur einige auf den Posten belassen.

 

Mark nahm wieder Fühlung mit seinen Lieferanten in Belgien und Frankreich auf. Besonders von Belgien wurde viel Rauschgift nach England geliefert; aber er mußte jetzt neue Methoden und Wege ausfindig machen, um die Zollbeamten zu täuschen. Seitdem Ann der Führerschein entzogen worden war und außerdem eine Kontrolle der Wassergrenzen durch Flugzeuge ausgeübt wurde, schienen die Schwierigkeiten fast unüberwindlich zu werden. Li Yoseph war eine großartige Stütze seiner Organisation gewesen; er wußte alle Mittel und Schleichwege und kannte Hunderte von Seeleuten. Sein Haus lag so günstig, daß bei ihm leicht Schmuggelware gelandet werden konnte. Es gab allerdings unzählige Diebe auf dem Fluß, aber man konnte ihnen in keiner Weise trauen, wenn man nicht einen zuverlässigen Hehler hatte, und ein solcher Mann war schwer zu finden.

 

Als Mark eines Tages mit Ann zu Mittag aß, machte er ihr einen Vorschlag.

 

»Es wäre vielleicht ganz gut, wenn ich ein Haus am Fluß kaufen würde«, sagte er leichthin. »Irgendwo zwischen Teddington und Kingston, mit einem hübschen Rasen zum Ufer hin. Wie denken Sie darüber?«

 

»Das klingt ja sehr verheißungsvoll«, erwiderte sie.

 

»Das Geschäft ist fast vollständig zum Stillstand gekommen, und ich verliere Geld. Sie können keine Fahrten mehr unternehmen. Ich glaube, das Haus am Fluß ist ein sehr guter Gedanke – aber es muß unterhalb der Schleusen liegen.«

 

Jetzt schaute sie ihm voll ins Gesicht.

 

»Versuchen Sie einen weiblichen Li Yoseph zu finden?«

 

»Ich weiß nicht …«

 

»Was erwarten Sie denn von mir … was soll ich denn in diesem Haus tun – mit einem Rasen, der sich zum Ufer hinzieht? Läge das Haus nicht besser an einer Bucht, die man nicht übersehen kann?«

 

»Ich weiß nicht, was ich von Ihnen halten soll, Ann. Sie wollen doch nicht behaupten, daß ich …«

 

Ann lächelte.

 

»Ich dachte, Sie brauchen einen Ersatz für Lady’s Stairs; einen Ort, wo Ihre Leute unbeobachtet – die Ware abliefern können. Ich muß wirklich sagen, daß ich diesen Plan sehr schätze. Ich fürchte, ich bin ein schlechter Schmuggler.«

 

»Es handelt sich ja gar nicht um Schmuggel«, sagte er düster. »Sie sind wirklich merkwürdig! Wenn ich irgend etwas für Sie tun will, suchen Sie stets eine böse Nebenabsicht hinter meinem …«

 

»Wohlwollen«, ergänzte sie. »Nein, Mark, ich glaube nicht, daß mir das zusagen würde. Ich bin der Polizei zu gut bekannt – ich stand vor Gericht, und ich habe Bradley beleidigt. Sie können sicher sein, daß jeder meiner Schritte überwacht wird. Und ich möchte nicht noch einmal etwas Ähnliches erleben wie damals.«

 

Er sprach nicht weiter über die Sache, aber er war bitter enttäuscht. Wäre sie auf seinen Plan eingegangen, dann wären all seine Schwierigkeiten auf leichte Weise gelöst gewesen.

 

In seiner ärgerlichen Stimmung machte er eine boshafte Bemerkung.

 

»Bradley ist wohl bis über die Ohren in Sie verliebt?«

 

Zu seiner Genugtuung errötete sie tief, aber dann wurde sie bleich.

 

»Reden Sie doch nicht so törichtes Zeug«, sagte sie, ohne ihn anzusehen.

 

»Sie haben das doch vor Gericht selbst gesagt«, fuhr er rücksichtslos fort. »Es ist allerdings merkwürdig, daß ein solcher Mann sich überhaupt verlieben kann! Ich vermute ja, daß er jetzt davon geheilt ist. Immerhin könnte er Sie beschwatzt haben. Diese Menschen gehen sogar mit Schwerverbrecherinnen aus, um wichtige Angaben aus ihnen herauszulocken. Ich glaube, im Grunde seines Herzens haßt er Sie.«

 

Beinahe hätte sie ihm widersprochen.

 

»Wollten Sie etwas sagen?«

 

»Nein«, erwiderte sie kurz. Gleich darauf stand sie auf und verließ das Zimmer.

 

Sie sah den Tatsachen jetzt mutig ins Gesicht. Als sie in ihrem Zimmer angekommen war, nahm sie kurz entschlossen das Bild des Detektivs aus dem Doppelrahmen heraus und zerriß es in kleine Stücke. Sie konnte ihn nicht länger hassen. Auch glaubte sie nicht mehr, daß er ihren Bruder getötet hatte. Sie glaubte vielmehr, daß …

 

Aber sie wollte noch keine weiteren Schlußfolgerungen ziehen. Bradley hatte sie geliebt, dessen war sie sicher. Er wollte sie nicht beschwatzen, wie Mark behauptete. Er hatte sie geliebt, aber konnte seine Liebe jene Demütigung überleben, die sie ihm angetan hatte?

 

Mark war klug und deutete die Symptome ihrer Gemütsverfassung richtig, welche die kleine Unterhaltung an den Tag gebracht hatte. Als sie ihn verlassen hatte, blieb er noch lange sitzen und dachte über die verwirrte Lage nach.

 

Sie hatte Bradley gern; sie liebte ihn natürlich noch nicht – aber wohin sollte das führen? Ihr Zutrauen zu ihm war erschüttert, und jeder Versuch, es wiederherzustellen, war vergeblich. Ein Bündnis zwischen Bradley und Ann würde die schlimmsten Konsequenzen für ihn haben. Er glaubte zwar nicht, daß sie vor Gericht als Zeugin gegen ihn auftreten würde; aber er wußte sehr wohl, daß die gefährlichsten Aussagen nicht in der Öffentlichkeit gemacht wurden, sondern in einem kleinen Zimmer in Scotland Yard.

 

Ann wußte mehr von der Art seines »Geschäftes«, als sie selbst ahnte. Sie mochte vielleicht nicht wissen, was sie nachts im Auto transportiert hatte, aber sie kannte die Leute, zu denen sie die Waren brachte. Alle Fäden seiner Organisation waren in ihrer Hand. Früher hatte er niemals an eine Heirat gedacht, aber jetzt wurde dieser Gedanke ein Teil seines Plans. Wenn Bradley sie liebte, erreichte Mark durch eine Heirat mit Ann einen doppelten Zweck – einmal beseitigte er eine sehr gefährliche Zeugin gegen sich, und außerdem kränkte er den verhaßten Mann aufs tiefste.

 

Er hatte von verschiedenen Ereignissen erfahren, die ihm schwere Sorgen bereiteten. Die Tätigkeit der Polizei mochte auf dem Land und in der Provinz nachgelassen haben, aber in der Hauptstadt selbst wurden die Nachforschungen um so systematischer und rücksichtsloser durchgeführt. Zunächst wurden die Autodiebe und Hehler von diesen scharfen Maßnahmen getroffen. Eines Abends kam Mark auf eine dringende telefonische Einladung hin mit einem guten Bekannten zusammen, der gestohlene Autos weiterverschob und der ihm früher sehr nützliche Dienste geleistet hatte.

 

»Die Polizei durchstöbert jetzt die ganze Gegend am Fluß unten bei den Docks«, erklärte dieser Mann. »Das große Lagerhaus von Bergson ist durchsucht worden, und dabei haben sie drei gestohlene Wagen gefunden, die nächste Woche mit einem Frachtdampfer nach Indien abgehen sollten. Der alte Bergson und sein Sohn sind verhaftet, und ich weiß aus sicherer Quelle, daß man den beiden versprochen hat, ihnen die Sache leichtzumachen oder sogar die Strafe ganz zu erlassen, wenn sie nähere Angaben über Ihren Rauschgifthandel machen.«

 

»Ist denn mein Name erwähnt worden?« fragte Mark schnell.

 

»Nein, Ihr Name ist nicht gefallen, aber es ging aus allem hervor, daß man Sie meinte. Haben Sie denn jemals die Hilfe der Bergsons bei der Verteilung Ihrer Ware in Anspruch genommen?«

 

Mark dachte nach.

 

»Nein, bis jetzt noch nicht.«

 

»Es handelt sich nämlich um folgendes. Die Leute glauben, daß Ihr Handel mit Koks Scotland Yard so wild gemacht hat, und sie sind natürlich verärgert darüber. Ich habe alle meine Autos nach Birmingham gebracht – wie steht es denn bei Ihnen?«

 

»Ich habe tatsächlich keine Wagen hier – höchstens zwei, und die laufen unter anderen Namen.«

 

Obwohl er es nicht sagte, war sicher der eine dieser Namen Ann Perryman.

 

»Ich kann Ihnen nur raten, sich in acht zu nehmen« warnte sein Freund. »Noch eins: Hat Sedeman etwas gegen Sie? Er ist heute aus dem Gefängnis gekommen, und er schwingt große Reden. Der Alte war ein Freund von Li Yoseph. Wenn er sich nicht in Ihrem Versorgungsheim einnistete, schlüpfte er bei dem alten Li unter. Was weiß der eigentlich?«

 

»Gar nichts«, erwiderte Mark ärgerlich.

 

Die beiden hatte sich am Kensington Square getroffen und trennten sich jetzt, als von weitem ein anderer Fußgänger näher kam.

 

Mark ging nachdenklich nach Hause. Lange Zeit saß er vor dem Kaminfeuer und rauchte. Plötzlich erinnerte er sich an ein kleines Lederetui, das am Nachmittag angekommen war; er nahm es aus dem Safe heraus, öffnete es und betrachtete die funkelnden Steine auf dem blausamtenen Grund. Dann klingelte er, und Ledson trat ein, der zugleich das Amt eines Hausmeisters und eines Dieners versah.

 

»Gehen sie hinüber zu Miss Perryman und fragen Sie, ob sie so liebenswürdig sein möchte, eine Minute zu mir zu kommen.«

 

Als Ledson die Tür öffnete, stand Tiser auf der Schwelle. Der nervöse Mann trocknete seine Stirn ab, als ob er in großer Eile angekommen wäre, aber das hatte bei ihm nicht viel zu sagen.

 

»Ist Mr. McGill zu Hause?« flüsterte er. »Sagen Sie mir, mein lieber Ledson, ist er in guter Stimmung?«

 

»Das weiß ich nicht. Soll ich Sie anmelden?«

 

»Nein, ich gehe schon allein hinein.«

 

Er schlich so leise in das Wohnzimmer, daß Mark ihn zunächst nicht bemerkte.

 

»Was, zum Teufel, willst du denn schon wieder?« fragte er barsch, als er ihn sah.

 

Tiser war aufgeregt wie immer. Er ging durch das Zimmer zu Mark hin und rieb die Hände aneinander.

 

»Mein lieber Freund«, sagte er leise und vertraulich. »Was glaubst du wohl, was die Polizei heute abend unternommen hat? Sie haben die Herberge durchsucht.«

 

Mark runzelte die Stirn.

 

»Bradley?«

 

»Ach, dieser Schuft!« sagte Tiser kläglich. »Nein, der war es nicht. Einer seiner Untergebenen. Sie haben Benny und Walky, den kleinen Lew Marks und noch ein paar andere mitgenommen – im ganze sechs der besten Leute. Und dabei haben sie doch wirklich nichts getan! Ich schwöre dir, das ist der gemeinste Fall von ungerechter Verfolgung, den ich jemals erlebt habe. Die armen Kerle saßen gerade zusammen und tranken Bier …«

 

»Hat die Polizei Koks oder anderen Stoff bei dir gefunden?« fragte Mark schnell. »Ich habe dir doch ausdrücklich gesagt, daß nicht eine Prise dort aufbewahrt werden darf.«

 

Tiser war bedrückt.

 

»Aber mein lieber Mark, du weißt doch ganz genau, daß ich mich an deine Vorschriften halte und niemals Ware in der Herberge unterbringe. Mark, du traust mir nicht mehr. Ich schufte und quäle mich ab, ich denke von morgens bis abends daran, wie ich das Geschäft heben kann. Mein ganzes Leben besteht nur noch aus elender Sklavenarbeit – meine beste Kraft verpuffe ich für dich …«

 

»Halt den Mund!« brummte Mark. »Warum hat die Polizei denn die Bude durchsucht?«

 

Die Ankunft Anns enthob Tiser einer Antwort.

 

»Guten Abend, Ann!« sagte Mark so heiter und liebenswürdig wie möglich. »Hier ist wieder unser Angsthase, aber seien Sie deshalb nicht böse. Er fürchtet sich und muß mir seine Sorgen mitteilen.«

 

»Wollten Sie mich sprechen? Soll ich später wiederkommen?«

 

»Nein, nein. Tiser bleibt nicht hier. Er wollte mir nur sagen, daß die Polizei heute abend die Herberge durchsucht und einige Leute verhaftet hat.«

 

Sie sah ihn nur durchdringend an. Es wäre ihm lieber gewesen, wenn sie Aufregung oder Bestürzung gezeigt hätte.

 

»Warum hat die Polizei das getan?« fragte sie.

 

Mr. Tiser mischte sich ins Gespräch.

 

»Wegen einer Sache, die vor etwa einer Woche passierte. Irgendeine Bande hat Bradley überfallen – das war natürlich sehr schlecht von den Leuten …«

 

»Überfallen?« fragte sie erschrocken. Beinahe hätte sie hinzugefügt: »Davon hat er mir ja gar nichts gesagt.«

 

»Ja, das gibt die Polizei an. Aber den Menschen kann man doch nicht trauen.« Tiser schüttelte traurig den Kopf. »Das scheint schon der zweite Angriff gewesen zu sein – jemand hat ihn mit einem Rasiermesser angefallen.«

 

»Wie niederträchtig und gemein!« rief Ann empört.

 

Mr. Tiser war erstaunt.

 

»Ja, unglücklicherweise – ich wollte sagen, glücklicherweise ging der Schlag fehl. Die Sache war ganz schrecklich …«

 

»Hast du denn etwas davon gewußt?« Marks Gesicht war weiß vor Ärger.

 

»Nein, Mark, ich schwöre dir, daß ich nichts davon geahnt habe! Einer von den Kerlen war wütend, daß ihn Bradley neun Monate ins Gefängnis gebracht hatte.«

 

»Also hast du doch etwas davon gewußt, du alter Schleicher! War das wieder einer deiner verheißungsvollen Pläne, du Idiot?«

 

Ein Blick Anns ließ ihn verstummen.

 

»Sie wissen, wer es getan hat?« fragte sie Tiser.

 

Er lächelte schwach und sagte etwas von »allgemeinem Gerede«.

 

»Ist er verletzt worden?«

 

»Kommt es denn darauf überhaupt an?« unterbrach sie Mark ungeduldig. »Ich wünschte nur, sie hätten diesem verdammten Kerl die Kehle durchschnitten! Dann wäre der Überfall wenigstens gerechtfertigt. Tausend Pläne machen, alles Mögliche versuchen und nachher ihn nicht einmal erwischen …«

 

In seiner Erregung vergaß er jede Vorsicht.

 

»Du bist der dümmste Idiot, Tiser, der mir jemals begegnet ist. Du kannst nur mit der einen Hälfte deines Gehirns denken, und damit nicht einmal richtig. Wenn du ihnen wenigstens etwas gegeben hättest, um sie anzufeuern, und ihnen dann eine Pistole in die Hand gedrückt hättest, brauchten wir uns jetzt nicht mehr über einen Mr. Bradley zu ärgern.«

 

»Etwas geben, um sie anzufeuern?« wiederholte Ann langsam.

 

Mark sah, daß er zu weit gegangen war, und lachte verlegen.

 

»Um Gottes willen, Ann, nehmen Sie doch nicht gleich jeden Scherz tragisch!«

 

»Was sollte er ihnen denn geben, um sie anzufeuern?«

 

»Natürlich etwas zum Trinken, Tiser, nimm dir einen Whisky, du sollst hier nicht vor Durst umkommen!«

 

Tiser ließ sich nicht zweimal auffordern, ging zu dem Schrank, schenkte sich ein Glas ein und kam dann wieder zurück.

 

»Ich wundere mich nur, daß dieser Mann nicht damals aus der Polizeitruppe entlassen wurde, als er sich so lächerlich machte.« Plötzlich nahm er seine Brieftasche heraus und öffnete sie. Bevor er aber Ann ein dickes Paket Zeitungsausschnitte zeigte, trank er erst sein Glas aus. »Die habe ich immer bei mir getragen – eines Tages werde ich sie noch rahmen lassen.«

 

Er fischte einen heraus und lachte.

 

»›Eine unerhörte Szene im Gerichtssaal! Ein bekannter Detektiv und seine Gefangene!‹« las er vor. »›Liebe im Gefängnis! Eine Frau erhebt ungeheuerliche Anklagen gegen einen höheren Polizeibeamten …‹«

 

Ann riß ihm das Papier aus der Hand. Sie war bleich, und ihre Augen blitzten vor Erregung.

 

»Wenn Sie Unterhaltung brauchen, dann müssen Sie sich etwas anderes suchen!« rief sie heftig.

 

Selbst Mark war über sie erstaunt.

 

»Was ist denn mit Ihnen los, Ann?« fragte er.

 

Es dauerte einige Sekunden, bevor sie sich wieder gefaßt hatte.

 

»Glauben Sie denn, daß ich mich ebenso verhöhnen lasse wie Bradley? Denken Sie, ich will, daß dieser« – sie suchte nach einer Bezeichnung für Tiser – »Mensch die Zeitungsausschnitte mit sich herumträgt, sie seinen blöden Freunden zeigt und dann mit den Kerlen über mich lacht?«

 

»Vor einer Woche hätten Sie noch gar nichts dazu gesagt«, erwiderte Mark vorwurfsvoll. »Ich weiß wirklich nicht, was in Sie gefahren ist. Sie springen anderen Leuten bei dem geringsten Anlaß an die Kehle.«

 

Mr. Tiser konnte sich nicht genug entschuldigen.

 

»Aber Miss Perryman, Sie sind doch die letzte, die ich irgendwie beleidigen würde. Ich habe die Zeitungsausschnitte doch nur zur Erinnerung aufgehoben.«

 

Ann beruhigte sich wieder. »Wer wurde denn verhaftet?« fragte sie, um das Gespräch in andere Bahnen zu lenken.

 

»Nur unbedeutende Leute«, versicherte Tiser schnell. »Bradley sagte zwar, er hätte sie wiedererkannt, aber das ist eine Lüge. Denn erstens hatten sie die Kragen hochgeschlagen, als sie ihn überfielen …«

 

»Wenn man dich sprechen hört, sollte man meinen, du wärst dabeigewesen.« Mark warf ihm einen wütenden Blick zu, dann wandte er sich an Ann. »Wir wollen von etwas Freundlicherem sprechen. Ich habe ein kleines Geschenk für Sie.« Er ging zum Kamin und griff nach dem Lederetui. »Wir haben in den letzten Tagen ziemlich gut verdient.«

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

»Ich wünschte, Sie würden mir nichts schenken.«

 

»Aber warum denn nicht?«

 

Es dauerte einige Zeit, bevor sie ihre Gedanken in Worte fassen konnte, ohne ihn dadurch zu verletzen.

 

»Ich werde es Ihnen sagen, Mark. Die Gegenwart Mr. Tisers stört mich nicht, denn er weiß ebensoviel von Ihren Geschäften wie Sie selbst. Ich war über ein Jahr für Sie tätig. In dem Monat vor meiner Verhaftung habe ich zwanzig längere Fahrten gemacht und habe bei keiner Fahrt mehr als zwei Pfund von dem Stoff mitgenommen.«

 

»Nun, was wollen Sie damit sagen?« fragte Mark, als sie eine Pause machte.

 

»Das sind also im Monat vierzig Pfund. Sechshundertvierzig Unzen. Sie sagten mir früher einmal, daß wir an einer Unze Sacharin drei Schilling verdienten – das ist weniger als ein Pfund Verdienst im Monat. Dabei sind die Unkosten nicht berücksichtigt, die ich und das Auto verursachen – und das sind ungefähr auch hundert Pfund im Monat.«

 

»Aber das ist doch kein schlechter Verdienst, liebe Miss Perryman«, versicherte Tiser schnell. »Viele Firmen würden mit einem Verdienst von hundert Pfund monatlich sehr zufrieden sein.«

 

»Bedenken Sie doch, daß Sie nicht die ganze Ware verteilen, die hereinkommt«, sagte Mark mit überlegenem Lächeln. »Sie sind doch nur einer der vielen Agenten.«

 

Er überreichte ihr das Lederetui.

 

Sie schlug den Deckel zurück und war überrascht.

 

»Wie prachtvoll! Achteckig geschliffene Diamanten!«

 

»Diese Form ist nicht ungewöhnlich«, erklärte Mark. »Ein Juwelier hat dieses Stück für mich gearbeitet.«

 

Auch Tiser bewunderte den Schmuck begeistert.

 

»Achteckige Diamanten!« wiederholte Ann langsam. »Ist nicht in der Bond Street vor ungefähr zwei Monaten ein großer Einbruch verübt worden? Richtig, damals wurden doch auch achteckige Diamanten gestohlen. Ein gewisser Smith hat dabei einen Angestellten der Firma erschossen.

 

Sie sah, daß sich Mark verfärbte.

 

»Nun seien Sie doch nicht komisch! Es gibt Tausende von achteckigen Diamanten, Sie glauben doch nicht, daß ich Ihnen gestohlene Edelsteine schenken würde …?«

 

Sie drückte ihm das Etui hastig wieder in die Hand. In ihren Zügen zeigte sich Entsetzen.

 

»Als wir damals im Gang vor den Zellen warteten, brachten sie den Mörder Smith«, sagte sie leise. »Wir wurden in unsere Zellen zurückgeführt und eingeschlossen, damit wir nicht das Gesicht dieses schrecklichen Menschen sehen sollten. Es war fürchterlich!«

 

»Sie sehen Gespenster!« rief Mark böse und klappte das Etui heftig zu. »Was ist nur mit Ihnen los?« Er wandte sich plötzlich an Tiser und wies in nicht mißzuverstehender Weise mit dem Kopf nach der Tür. »Ich werde später mit dir sprechen.«

 

Tiser schüttelte Ann die Hand. Der Druck seiner feuchten Finger war ihr unangenehm.

 

»Ich habe viel zu tun. Zunächst muß ich zur Polizeistation gehen und nach diesen armen Kerlen sehen, die sie gefangengesetzt haben. Die Polizei würde sie einfach verhungern lassen, wenn sie könnte. Gute Nacht, Miss Perryman!«

 

Mark wartete, bis sich die Tür hinter ihm geschlossen hatte.

 

»Nun setzen Sie sich, Ann, und seien Sie wieder gut und vernünftig. Irgend etwas stimmt mit Ihnen nicht – sprechen Sie sich doch aus.«

 

Sie legte ihre Handtasche auf den Tisch und ging zum Kamin.

 

»Was Sie vorhin über unseren Verdienst sagten, ist richtig«, begann Mark leichthin. »Der Gewinn war in der letzten Zeit nicht so gut, wie er eigentlich sein sollte. Ich habe mir tatsächlich schon überlegt, wie wir die Unkosten verringern könnten.«

 

»Ich werde wahrscheinlich einer der größten Posten auf dem Ausgabenkonto sein«, erwiderte sie, ohne den Kopf zu wenden.

 

»Ja, das stimmt.« Er lächelte. »Wenn ich es überschlage, wird Ihre Wohnung drüben etwa zweihundert Pfund im Jahr kosten.«

 

Jetzt wandte sie sich ihm zu.

 

Ich habe ja schon immer billiger wohnen wollen, Mark.«

 

Aber er lachte nur laut.

 

»Ich will Sie doch nicht auf die Straße setzen, meine Liebe! Das ist keineswegs meine Absicht …«

 

Er vermied es aber, ihr in die Augen zu sehen, und betrachtete das Teppichmuster.

 

»Ich habe hier zwei Zimmer, die ich überhaupt nicht benutze …«

 

»Sie meinen in dieser Wohnung?« fragte sie schnell. »Sie denken doch nicht etwa daran, daß ich in diese beiden Zimmer ziehen soll?«

 

»Es wäre doch nichts Schlimmes dabei«, meinte er, aber sie schüttelte lächelnd den Kopf.

 

»Das würde auch nicht viel billiger sein – für mich.«

 

»Aber jetzt ist die Sache doch eigentlich recht unpraktisch eingerichtet. Überlegen Sie doch einmal«, sagte Mark freundlich. »Sie sitzen drüben allein in der großen Wohnung, und ich sitze hier allein. Keiner von uns kann den Platz gebrauchen, der ihm zur Verfügung steht!«

 

Aber offenbar war sie anderer Meinung.

 

»Fürchten Sie, daß Sie ins Gerede kommen?« neckte er sie.

 

»Ach, nein, das kümmert mich nicht. Tiser hat uns ja eben selbst daran erinnert, daß man über mich in der Herberge und in den Gefängnissen spricht.«

 

Er trat an ihre Seite und klopfte ihr auf die Schulter.

 

»Sie denken, die Leute glauben, wir leben zusammen – wie Bradley es auch annimmt.«

 

Sie sah schnell auf. »Nimmt er das an?«

 

»Natürlich! Er hat es Ihnen doch im Gerichtssaal ins Gesicht gesagt!«

 

Sie lächelte ungläubig.

 

»Nein. Er sagte nur: ›Wenn Sie den Weg noch nicht gegangen sind.‹ Aber er war damals wütend auf mich – er hätte in seiner Erregung wohl noch ganz andere Dinge gesagt.«

 

Er faßte sie vorsichtig am Arm, aber zu seinem Verdruß machte sie sich sofort wieder frei.

 

»Es würde keinen größeren Triumph für Sie geben. Sie wollten doch diesen Schuft tödlich treffen, und das war auch meine Absicht. Sie können ihn nicht tiefer und schwerer verletzen, als wenn Sie –« er machte eine bedeutsame Pause – »Ihre Wohnung ändern.«

 

»Vielleicht würde das mich am meisten treffen« erwiderte sie ruhig.

 

Er hielt es für ratsam, ihr im Augenblick nicht zu widersprechen.

 

»Dieser Bradley ist ein merkwürdiger Kerl. Ronnie sprach oft stundenlang mit ihm, man könnte fast sagen, daß sie Freunde waren …«

 

Er brach plötzlich ab und fluchte innerlich über sich selbst. Wie kam es nur, daß er sich in letzter Zeit so entsetzlich gehenließ? An ihrem Erstaunen erkannte er, daß sie schon aufmerksam geworden war:

 

»Nun ja, sie waren nicht direkt Freunde …«

 

»Aber Sie haben mir doch früher ausdrücklich gesagt, daß die beiden die größten Feinde waren …«

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

»Das stimmt auch«, sagte er laut, aber sie schien nicht überzeugt zu sein.

 

»Ich kann kaum mehr glauben, daß Bradley meinen Bruder getötet hat – es wird mir von Tag zu Tag schwerer. Ich weiß nicht, woher das kommt, aber es ist nun einmal so. Bradley hat doch auch gesagt, daß er Ronnies Freund war – und nun haben Sie es bestätigt«, fügte sie leise hinzu.

 

Mark McGill fühlte sich unbehaglich.

 

»Es bestand also doch eine Art Freundschaft zwischen ihnen? Wissen Sie, Mark, Sie haben mich wirklich beunruhigt!«

 

»Es liegt gar kein Grund zur Beunruhigung vor«, sagte er etwas erregt.

 

Er hatte sich in einer Sackgasse gefangen, aus der es kein Entrinnen gab, wenn er nicht den Rückweg antrat.

 

Ann stand am Kamin und starrte in das Feuer.

 

»Ist es nicht möglich, daß Bradleys Angaben richtig sind? Ich meine nicht über Ronnie, ich denke jetzt an die Ware, die ich im Auto transportierte – waren es Rauschgifte?«

 

Er lachte gezwungen auf.

 

»Großer Gott, Sie glauben doch nicht, was Bradley Ihnen sagt? Der Mann hat immer gelogen. Der durchschnittliche Polizeibeamte lügt mehr als der durchschnittliche Verbrecher. Rauschgifte! Was für eine schreckliche Anklage erheben Sie da gegen mich!«

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

»Ich habe es niemals glauben wollen – ich habe Ihnen blind vertraut –, der Gedanke, daß ich Ronnies Werk fortsetzte, erfüllte mich mit Genugtuung, so daß ich nicht weiter darüber nachdachte. Aber ich bin davon überzeugt, daß ich töricht gehandelt habe.«

 

»Steter Tropfen höhlt den Stein. Heißt es nicht so im Sprichwort? Bradley hat durch seine dauernden Reden tatsächlich Ihr Zutrauen zu mir und uns allen untergraben. Ann, Sie fangen an, ihm zu glauben!«

 

»Ich kann diesen Smith nicht vergessen. Zufällig war das Guckloch in meiner Zelle offen, und ich sah ihn, als er vorbeigeführt wurde – er war wie ein wildes Tier.«

 

»Gestern ist er zum Tode verurteilt worden«, sagte Mark rücksichtslos. Ann stieß einen Schreckensruf aus. »Nun, das ist doch ganz klar: Wenn jemand so etwas tut, dann muß er eben auch die Folgen dafür tragen. Er wird mit Mr. Steen, dem Henker, zusammenkommen.«

 

»Aber Mark!« rief sie entsetzt.

 

Er grinste.

 

»Ich bin nur froh, daß Tiser damals Mr. Steen nicht gesehen hat. Er hätte tausend Anfälle und Krämpfe bekommen. Ich möchte wetten, daß er tot umgefallen wäre!«

 

»Sie müssen eiserne Nerven haben!«

 

»Ich habe überhaupt keine«, erwiderte Mark liebenswürdig. »Nun wollen wir aber wieder einmal über das Zusammenlegen der Wohnung sprechen. Meiner Meinung nach werden Sie sich hier sehr wohl fühlen. Von mir sehen Sie nicht mehr, als Sie wünschen. Und um Ihnen die Sache leichter zu machen, werde ich neue Dienstboten engagieren.«

 

»Warum denn?« fragte sie schnell.

 

»Nun, es wäre dann weniger peinlich.«

 

Mark geriet in Verlegenheit, als er ihr ruhiges Lächeln sah.

 

»Ach so«, sagte sie dann.

 

Plötzlich packte ihn ein wildes, heißes Verlangen nach ihr, das ihm alle Besinnung raubte. Sie stand dicht vor ihm – er brauchte nur seine Hand auszustrecken, um sie zu berühren. Im nächsten Augenblick riß er sie an sich und küßte ihre bleichen Lippen. Sie wehrte sich nicht, aber sie blieb starr aufgerichtet stehen. Ihre kalte Unnahbarkeit flößte ihm Furcht ein, und er gab sie wieder frei.

 

Ruhig trat sie an den Tisch, auf dem ihre Handtasche lag, öffnete sie und nahm etwas heraus.

 

»Sehen Sie dies, Mark?«

 

Er erkannte einen kleinen Browning.

 

»Aber warum tragen Sie denn eine Schußwaffe bei sich?« fragte er atemlos.

 

Sie antwortete ihm nicht.

 

»Wenn Sie mir das nächstemal zu nahe kommen, schieße ich Sie nieder!«

 

Ihre Stimme klang stahlhart, und Mark erschrak.

 

»Sie machen eine Szene wegen nichts«, sagte er schließlich.

 

In diesem Augenblick klopfte es an die Tür.

 

»Für mich ist es bedeutungsvoll genug«, erwiderte sie und verließ das Zimmer.

 

Im Flur traf sie Mr. Sedeman, den großen, alten Mann mit der patriarchalischen Gestalt. Als sie ihn sah, vergaß sie für einen Augenblick ihren Ärger.

 

»Guten Abend, meine liebe Miss Perryman«, sagte er in seiner vornehmen Weise. »Sehen Sie, nun bin ich wieder aus dem Gefängnis heraus. Sie hatten tatsächlich damals Glück.«

 

Sie lachte.

 

»Wenn ich Sie höre, fühle ich mich als Ihre Leidensgenossin, Mr. Sedeman. Es tat mir so leid, daß man Sie verurteilt hatte.«

 

»Sie kennen ja die Polizei auch, meine Liebe. Die Leute machen vor nichts halt, und es ist ihnen ganz gleich, ob sie die Existenz eines braven, ehrenwerten Menschen vernichten. Ich werde noch einmal ein Buch darüber schreiben«, fügte er ernst hinzu.

 

Mark kam auch auf den Gang heraus. Obwohl im Mr. Sedeman nicht willkommen war, freute er sich im Augenblick doch über seinen Besuch, da Ann dadurch in andere Stimmung gebracht wurde. Sie hatte etwas für diesen alten Sünder übrig und trat wieder mit ihm in das Wohnzimmer ein, ohne daß Mark sie besonders dazu auffordern mußte. Sie sah Marks Erleichterung und lächelte.

 

»Haben Sie Ihren Hausmeister fortgeschickt?« fragte Sedeman harmlos. »Er war ein netter Kerl – er bot mir früher immer etwas an.«

 

Mark zeigte auf den Schrank.

 

»Dort finden Sie etwas zu trinken. Wo wohnen Sie jetzt?«

 

»Ich habe es aufgegeben, in der Herberge zu logieren, und habe ein anderes Quartier. Der Mann meiner Wirtin ist allerdings schon wieder recht beleidigend zu mir gewesen. Ich mag sie ganz gern, aber Sie müssen nicht denken, daß etwas Unrechtes passiert ist.«

 

Offensichtlich wollte er McGill allein sprechen. Als Ann eine Bemerkung darüber machte, gab Sedeman dies auch ohne weiteres zu. Wenn es sich um geschäftliche Dinge handelte, machte er wenig Umstände. In der Tür drehte sie sich noch einmal um.

 

»Haben Sie gehört, Mark, was Mr. Sedeman über das Zusammenleben mit einer hübschen Frau in derselben Wohnung sagte?«

 

Sie wartete nicht auf die Antwort, sondern schloß die Tür hinter sich.

 

»Was wünschen Sie?« fragte Mark in seinem unfreundlichsten Ton, als sie allein waren.

 

»Ich möchte ein wenig pekuniäre Unterstützung haben. Am Montag muß ich eine große Rechnung zahlen – es ist für meinen Arzt …«

 

Mark kniff die Augen zusammen.

 

»Wie lange soll das noch so weitergehen?«

 

»Ich hoffe, daß es so schnell kein Ende nimmt«, entgegnete Mr. Sedeman fromm.

 

Mark sah ihn wütend an, aber sein Besucher schien das nicht zu bemerken.

 

»Denken Sie denn, ich gehöre zu den Leuten, die sich dauernd erpressen lassen? Ich glaube überhaupt nicht, daß Sie damals in Lady’s Stairs etwas gesehen haben.«

 

»Habe ich auch nicht behauptet, aber ich war zu der Zeit im Haus. Sie wußten es nicht, bis ich es Ihnen später erzählte. Ich habe für den lieben alten Li immer die Botengänge gemacht. Soviel ich weiß, wollte er an jenem Abend noch einen höchst wichtigen und interessanten Brief nach Scotland Yard schicken. Geradeheraus gesagt, es war eine Anzeige. Ich wartete unten …«

 

»Li Yoseph ging aus«, sagte Mark langsam.

 

»Ich habe ihn gehört«, erwiderte Sedeman ruhig. »Er hat das Haus mit großem Spektakel verlassen!«

 

McGill ging zu der Tür und vergewisserte sich, daß Ann sie fest geschlossen hatte.

 

»Ist Ihnen noch nie der Gedanke gekommen, daß ich mit Ihnen auch einmal sehr schnell zu einem Ende kommen kann, wenn ich mit Li Yoseph fertig geworden bin?«

 

Mr. Sedeman murmelte etwas von ›Respekt vor dem Alter‹.

 

»Ich weiß, daß Sie nur alles vermuten. Aber nehmen wir einmal an, Ihre Vermutung wäre richtig, und Tiser würde alles anzeigen. Ist es Ihnen klar, daß Sie dann selbst bis über die Ohren in der Geschichte stecken?«

 

Mr. Sedeman sah sich unbehaglich in dem Zimmer um.

 

»Mr. Tiser wird niemals eine solche Schurkerei begehen. Ich kann mir wenigstens nicht vorstellen, daß er gegen den Mann, dem er alles verdankt, etwas unternimmt.«

 

Mark lächelte.

 

»Nun erscheint Ihnen die Sache doch in einem anderen Licht, was?«

 

Mr. Sedeman antwortete erst, nachdem er sich ein neues Glas Whisky eingeschenkt hatte.

 

»Wirklich gesehen habe ich nichts – ich habe alles nur vermutet. Ich habe Ihnen nur eine interessante Theorie erzählt, und Sie waren so liebenswürdig, mich zu unterstützen. Ich kann doch nichts dagegen tun, wenn die Leute gut und freundlich zu mir sind.«

 

Mark nahm eine Banknote aus seiner Tasche, prüfte sorgfältig, ob es auch nur ein Schein war, und schob sie ihm über den Tisch zu.

 

»Hier haben Sie zehn Pfund. Ich wünsche aber, daß Sie nicht soviel saufen und sich sobald nicht wieder hier sehen lassen.« Er zog ein flaches, goldenes Etui aus der Tasche, öffnete es und bot es ihm an. »Wenn Sie einmal eine Prise nehmen wollen – Sie werden über die großartige Wirkung erstaunt sein. Haben Sie diesen Stoff schon einmal probiert?«

 

Mr. Sedeman beugte sich herunter, um den kristallinischen Inhalt genauer zu betrachten.

 

»Sie wollen mich wohl auf Abwege bringen?« fragte er vorwurfsvoll.

 

»Sie werden von einer solchen Prise mehr Anregung und Vergnügen haben als von der größten Flasche Whisky«, sagte Mark ermunternd.

 

Plötzlich nahm ihm Sedeman das Etui aus der Hand, ging zum Kamin und schüttete den Inhalt ins Feuer, bevor Mark erkannte, was geschah.

 

»Sie verdammter, alter Esel – geben Sie mir sofort das Etui zurück!« rief Mark wild und packte Sedeman am Arm. Aber der Alte stieß ihn mit Leichtigkeit von sich, so daß Mark gegen den Tisch taumelte.

 

»Ich werde Ihnen das Genick umdrehen«, schrie er atemlos und bestürzt über die Stärke des Alten.

 

»Der Mann, der mir das Genick umdreht, muß erst noch geboren werden!«

 

Mark erinnerte sich etwas zu spät daran, daß Sedeman trotz seines Alters seit vierzig Jahren wegen seiner Körperkraft gefürchtet war.

 

»Versuchen Sie es nur, mir nahe zu kommen, mein Junge«, sagte er drohend zu Mark. »Dann gebe ich Ihnen einen Kinnhaken, daß Sie denken, Sie haben einen Puff von einer Dampfwalze gekriegt! Ich mag alt sein, aber ich habe noch Kraft!«

 

»Ja, Sie haben noch gute Muskeln – Sie Methusalem!«

 

»Das ist ein Kompliment für mich. Ich weiß, daß ich Ihnen da für fünf Pfund Koks ins Feuer geschüttet habe, aber das ist ein gemeines Zeug, mein Junge. Die Leute, die das nehmen, töten sich und andere oder enden im Irrenhaus. Wenn Sie mich schon in Versuchung bringen wollen, dann bieten Sie mir lieber einen recht guten, alten schottischen Whisky an – dafür bin ich zu haben.«

 

Plötzlich hörten sie eilige Schritte, und gleich darauf trat Tiser atemlos ein. Er war bleich und aufgeregt und konnte zuerst kein Wort hervorbringen. Mark wandte sich an Sedeman.

 

»Wir sind ja fertig miteinander – nehmen Sie Ihr Geld und verduften Sie.«

 

Der Alte steckte zufrieden auch den zweiten Schein ein, der ihm gereicht wurde; Mark hatte durch die Störung vergessen, daß er Sedeman schon eine Zehnpfundnote gegeben hatte. Aber der Alte zögerte noch zu gehen.

 

»Sie brauchen sich vor mir nicht zu genieren – Sie können in meiner Gegenwart ruhig alles sagen.«

 

Mark klingelte. Gleich darauf erschien der Hausmeister.

 

»Bitte, begleiten Sie Mr. Sedeman zur Haustür.«

 

Als sich die Tür geschlossen hatte, wandte sich Mark unwillig an Tiser.

 

»Was gibt es schon wieder?«

 

»Einer dieser Kerle hat der Polizei alles gesteckt«, sagte Tiser, der sich nur mühsam erholte.

 

»Was für ein Kerl?«

 

»Es ist einer von denen, die Bradley beiseite bringen wollten – es ist der Fahrer.«

 

Mark runzelte die Stirn.

 

»Wen meinst du? Was hat denn der verraten können?«

 

Als Tiser den Namen nannte, erinnerte sich Mark. Es war ein kürzlich aus dem Gefängnis entlassener Lastwagenfahrer, der früher in seinen Diensten gestanden hatte.

 

»Die ganzen Autokolonnen der Polizei sind angesetzt, um unsere Depots auszukundschaften«, sagte Tiser zitternd. »Unsere einzige Hoffnung ist, daß dieser Kerl nicht angeben kann, wo der Stoff liegt. Er weiß nur, daß es eine Garage in London ist. Bradleys Leute sind dabei, alle Garagen systematisch zu durchsuchen. Und gestern ist doch die größte Lieferung gekommen, die wir jemals erhalten haben …«

 

Mark brachte ihn mit einer Handbewegung zum Schweigen.

 

»Sie haben schon die letzte Woche Garagen durchsucht.«

 

Die Situation war gefährlich. Wenn die Polizei wirklich wußte, welche Mengen Rauschgift in der letzten Zeit durch ihn verteilt worden waren, dann drohte ihm der Ruin, Gefängnis, Zuchthaus … Das Unglück konnte sofort hereinbrechen. Wenn ihn jetzt jemand nervös machte, so war es Tiser. Dieser heruntergekommene Mensch war des gemeinsten Verrats fähig.

 

»Ich werde dafür sorgen, daß der Stoff fortgeschafft wird.«

 

»Das wird aber verdammt schwierig sein«, wimmerte Tiser. »Auf allen Straßen, die aus London herausführen, patrouillieren die Autokolonnen des Spezialdienstes. In Savernake und Staines werden die Wagen angehalten und durchsucht – auf diese Weise habe ich ja erst erfahren, daß etwas im Gange ist. Ich habe schon lange vermutet, daß etwas nicht stimmt.«

 

»Alle Kolonnen des Spezialdienstes sind unterwegs?«

 

»Ja, Bradley hat die Oberleitung.«

 

Mark ging in dem großen Zimmer auf und ab.

 

»Der Stoff muß aus London hinaus«, sagte er halb zu sich selbst.

 

Tiser machte eine verzweifelte Geste.

 

»Wer es unternimmt, das Zeug fortzuschaffen, wird geschnappt.«

 

»Ob jemand geschnappt wird oder nicht, die Ware muß fort. Es ist leicht herauszubekommen, daß ich die Garage gemietet habe – außerdem ist noch ein Dutzend Pistolen dort versteckt.«

 

Die beiden sahen sich eine Weile an, ohne zu sprechen, jeder las die Gedanken des andern.

 

»Wir können nicht riskieren, daß Ann die Fahrt macht – oder meinst du doch?«

 

Mark biß sich auf die Lippen.

 

»Warum nicht? Es ist besser, daß die Polizei das Zeug in ihrem Auto als in meiner Garage findet.«

 

Obwohl Tiser ein ganz verkommener Mensch war, empfand er doch die Gemeinheit dieses Plans.

 

»Aber Mark! Das geht doch nicht! Wenn du sie losschickst, wird die Polizei sie bestimmt erwischen. Du weißt doch, wie schlau Bradley ist, und wenn er sie zum zweitenmal faßt … Nein, das kannst du nicht tun!«

 

»Warum denn nicht?« fragte Mark kühl. »Bradley hat sie doch ganz gern, er hat sie ja schon einmal in Schutz genommen und entkommen lassen. Warum sollte er es diesmal nicht wieder tun? Wenn sie den Stoff dort in der Garage finden, bekomme ich eine böse Klage an den Hals. Ich würde unter zehn Jahren Zuchthaus nicht davonkommen. Das Schlimmste, was ihr passieren kann, sind sechs Monate.«

 

»Aber, mein lieber Mark«, sagte Tiser fast weinerlich. »Du kannst doch nicht dulden, daß das nette Mädchen ins Gefängnis gesteckt wird!«

 

Mark sah ihn düster an.

 

»Nun gut, dann wirst du die Sache fortschaffen, du kannst ja auch ein Auto lenken.«

 

Tiser schwieg, und Mark erwartete auch keine Antwort. Er klingelte nach Ledson.

 

»Kann ich einmal nach der Herberge telefonieren?« fragte Tiser. »Ich habe dort einen Mann zurückgelassen, der weitere Informationen sammeln soll. Ich möchte nur wissen, wie weit sie jetzt sind.«

 

Mark schüttelte den Kopf.

 

»Von diesem Telefon aus wird nicht gesprochen«, sagte er kurz. »Unten in der Regent Street ist eine Telefonzelle – geh dorthin, ich werde dich begleiten.«

 

Ledson trat ins Zimmer.

 

»Bringen Sie mir meinen Mantel und meinen Hut. Ich gehe für einige Minuten fort.«

 

»Was bist du doch für ein verdammter Feigling, Tiser«, sagte Mark, als Ledson gegangen war. »Im Schrank steht ein scharfer Whisky.«

 

Aber Tiser hatte schon selbst den Weg zu dem Schrank gefunden. Mark hörte, wie eine Flasche an das Glas schlug, das sich der Mann mit zitternder Hand einschenkte.

 

Ledson kam mit Hut und Mantel zurück.

 

»Bitten Sie Miss Perryman, in einigen Minuten herüberzukommen. Es handelt sich um eine wichtige Sache.«

 

Es kam nun auf jede Minute an. Mark war sich der Gefahr der Lage voll bewußt. Es mochte kommen, wie es wollte, der Stoff mußte aus London fortgeschafft werden. Und es gab nur eine Person, die er mit dieser Aufgabe betrauen konnte – Ann. Es war nicht nötig, daß Ledson zu ihr hinüberging; als Mark die Tür hinter sich schloß, rief sie an, und der Diener konnte ihr seinen Auftrag telefonisch ausrichten.

 

Er räumte gerade das Zimmer auf, als es an die Tür klopfte. Der Mann, den er erwartet hatte, stand vor ihm.

 

»Bitte, treten Sie näher, Mr. Bradley«, sagte Ledson etwas nervös und folgte dem Detektiv in das Wohnzimmer. »Mr. McGill wird bald zurückkommen. Ich dachte, Sie kämen erst später.«

 

»Wo ist er denn hingegangen?«

 

»Er wollte von einer öffentlichen Fernsprechzelle aus telefonieren. Ich glaube, es ist besser, wenn ich fortgehe – ich kann ja nachher sagen, daß Sie mich fortgeschickt haben.«

 

Bradley nickte. Als er allein war, ging er im Zimmer umher. Er machte keinen Versuch, die Papiere und Briefe durchzusehen, die auf Marks Schreibtisch lagen, oder das Zimmer sonst zu durchsuchen.

 

Nach einiger Zeit hörte er, daß die Wohnungstür aufgemacht und wieder geschlossen wurde. Er wandte sich um und erwartete, daß Mark ins Zimmer treten würde; aber es war Ann, die in der Tür stand und ihn bestürzt und überrascht ansah.

 

»Guten Abend«, sagte Bradley ernst.

 

»Ja, aber … guten Abend, Mr. Bradley«, stotterte sie. Ihre Stimme und ihr Benehmen verrieten ihre Verlegenheit.

 

Ledson, der das Haus noch nicht verlassen hatte, trat in diesem Augenblick in das Zimmer.

 

»Es ist schon gut, Ledson, ich habe mir selbst aufgeschlossen«, sagte sie hastig. »Mr. McGill hat mir heute morgen den Schlüssel geliehen.« Sie betonte die letzten Worte besonders und legte den kleinen, flachen Schlüssel ostentativ auf den Tisch. »Erinnern Sie bitte Mr. McGill daran, daß ich ihn hierhergelegt habe.

 

Ich trage gewöhnlich nicht die Schlüssel anderer Leute mit mir herum«, erklärte sie, als der Hausmeister sich entfernt hatte. Es lag ein gewisser Trotz in ihrem Ton, als ob sie Bradley zu einer Entgegnung herausfordern wollte.

 

»Davon bin ich überzeugt«, sagte er lächelnd.

 

Es entstand eine peinliche Pause.

 

»Wollen Sie nicht Platz nehmen?« Er rückte ihr einen Stuhl zurecht.

 

»Ich habe mir schon oft überlegt, was ich Ihnen sagen wollte, wenn ich wieder die Möglichkeit hätte, mit Ihnen zu sprechen. Neulich abends kam ich nicht dazu. Ich muß gestehen, daß ich mich über mein Benehmen Ihnen gegenüber schäme.«

 

Er wußte sofort, worauf sie anspielte.

 

»Ich glaube, Sie waren an jenem Tag sehr aufgeregt und nicht ganz normal.«

 

»Ja, das mag sein … ich bin froh, daß Sie so denken. Es ist sehr großzügig von Ihnen. Vor allem freue ich mich, daß Sie durch mein törichtes Verhalten keine weiteren Unannehmlichkeiten gehabt haben.«

 

Sie nahm den Schlüssel wieder vom Tisch auf und spielte damit. Er merkte, daß sie seine Aufmerksamkeit absichtlich darauf lenken wollte.

 

»Es ist doch sonderbar, daß ich mir heute abend selbst diese Tür aufgeschlossen habe. Mr. McGill lieh mir den Schlüssel, weil ich hereinkommen sollte, als er ausgegangen war. Ich wollte etwas suchen … manchmal bin ich so zerstreut, daß ich Sachen liegenlasse … Ich bin in letzter Zeit so vergeßlich und nachlässig … ich will damit aber nicht sagen, daß ich öfters hierherkomme.«

 

Je mehr sie sich entschuldigen wollte, desto verwirrter wurde sie. Bradley lächelte innerlich darüber.

 

»Ja, es kann manchmal sehr unangenehm sein, wenn man einen Schlüssel hat.«

 

»Aber ich komme wirklich nicht oft hierher – ich glaube, ich habe ihn nur einmal von Mr. McGill geliehen.« Sie lachte nervös. »Ich weiß überhaupt nicht, warum ich Ihnen das alles erzähle. Aber Sie gehören sicher nicht zu den Leuten, die schlecht über andere denken …«

 

Bradley dachte allerdings im allgemeinen nicht gut von den Menschen, aber sie machte eine Ausnahme. Als er ihr das sagte, freute sie sich kindlich darüber.

 

»Ist das auch wirklich Ihr Ernst?«

 

»Ich denke viel besser über Sie, als Sie über mich«, erwiderte er.

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

»Ich weiß nicht, wie ich es Ihnen sagen soll, aber ich wünschte, ich könnte wieder gutmachen, was ich Ihnen angetan habe. Es war schrecklich, daß ich Sie schlug und daß ich Ihnen diese bösen Dinge an den Kopf warf.«

 

»Ich will Ihnen sagen, wie Sie es wieder gutmachen können. Sie müssen mir das feierliche Versprechen geben, heute nacht unter keinen Umständen Ihre Wohnung zu verlassen.«

 

»Ich habe gar nicht die Absicht auszugehen.«

 

»Es mag sein, daß Sie jetzt noch nicht die Absicht haben«, unterbrach er sie. »Aber Sie müssen mir versprechen, sich durch nichts dazu bestimmen zu lassen – hören Sie, unter gar keinen Umständen!«

 

»Ich will es Ihnen versprechen.«

 

»Ehrenwort?«

 

»Ehrenwort!« erklärte sie feierlich.

 

Sie reichten sich die Hände. Sie sah deutlich, daß er sich erleichtert fühlte, und fragte ihn, warum er ihr das Versprechen abgenommen habe. Aber er sagte nur, daß es eine schreckliche Nacht sei und daß sie deshalb besser zu Hause bliebe. Seine Begründung erschien ihr aber in keiner Weise überzeugend.

 

»Ich meine, es ist besonders gefährlich, in der Dunkelheit ein Auto zu lenken.«

 

Ann sah ihn ruhig an.

 

»Sie glauben, es könnte mir heute nacht etwas zustoßen? Sie sind wirklich mein Schutzengel! Aber das ist doch gar nicht möglich? Sie haben doch vorsichtshalber schon dafür gesorgt, daß mir der Führerschein entzogen wurde.«

 

»Es soll schon vorgekommen sein, daß Leute auch ohne Führerschein ausgefahren sind«, meinte er gutgelaunt.

 

Die Unterhaltung stockte.

 

»Haben Sie sich eigentlich – aber das wollte ich Sie nicht fragen …«, brach sie plötzlich das Schweigen.

 

»Fragen Sie nur«, ermutigte er sie.

 

»Haben Sie sich – um Ronnie auch so gesorgt, wie Sie sich um mich bemühen?«

 

»Ich habe es versucht«, erwiderte Bradley ruhig, »aber Sie glauben mir das ja nicht.«

 

Ann seufzte schwer.

 

»Ich glaube es Ihnen jetzt.«

 

In diesem Augenblick hörten sie, daß die Wohnungstür geöffnet wurde.

 

Gleich darauf trat Mark mit düsterem Gesicht ein.

 

»Nun, Bradley, was wünschen Sie?«

 

Der Detektiv sah an ihm vorbei und bemerkte Tiser, der seinen Hut draußen aufhängte. Er wartete, bis er hereingekommen war.

 

»Ich möchte ein wenig mit Ihnen sprechen.«

 

»Freundschaftlich?« fragte Mark brummig.

 

»Mehr oder weniger, ja«, entgegnete Bradley kühl.

 

Mark schaute auf Ann.

 

»Es ist gut, meine Liebe. Ich werde in fünf Minuten mit Ihnen reden.«

 

Aber Bradley unterbrach ihn.

 

»Miss Perryman kann alles hören, was ich Ihnen zu sagen habe. Es handelt sich um Li Yoseph.«

 

Mark war sichtlich beruhigt.

 

»Ach so. Ich sah einige Autos Ihrer Kolonne unterwegs – sagen Sie mir nur nicht, daß Sie Li Yoseph gefunden haben. Ich bin davon überzeugt, daß er nach Holland gegangen ist – an demselben Abend, an dem er verschwand, fuhr ein großer holländischer Dampfer den Strom hinunter, und Li war mit allen Kapitänen befreundet.«

 

Ein fast unmerkliches Lächeln spielte um Bradleys Mund.

 

»Ja, das ist Ihre Theorie. Nun ja, wir haben schon seit einem Monat die Nachforschungen bei Lady’s Stairs eingestellt.«

 

»Vor einem Monat?« wiederholte Mark mit leichter Ironie. »Ein ganzes Jahr nach seinem Verschwinden? Die Polizei hat wirklich große Geduld und Ausdauer.«

 

»Ja, Geduld ist unsere Haupttugend.«

 

»Die meine besteht darin …« begann Mark.

 

»Andere Leute an den Bettelstab zu bringen«, sagte Bradley schnell. »Sie hatten doch Li Yoseph gern, Miss Perryman?«

 

»Ja, ich habe ihn zwar nur einige Minuten gesehen, aber es war etwas Besonderes an ihm – ich möchte fast sagen, etwas harmlos Liebenswürdiges. Die Kinder, mit denen er immer sprach – ich glaubte fast, sie selbst zu sehen.«

 

»Es war aber doch schrecklich. Auf die Dauer fiel einem das auf die Nerven«, warf Tiser mit seiner unangenehmen Stimme dazwischen. Er duckte sich hinter McGills breiten Rücken, als Bradley zu ihm hinsah.

 

»Hallo, Tiser, Sie sind ja auch hier! Fiel Ihnen Li Yoseph auf die Nerven?«

 

»Was wollen Sie denn über den Alten wissen?« fragte Mark barsch.

 

»Wissen Sie, wo Li Yoseph sich zur Zeit aufhält?« fragte Bradley.

 

»Ich habe Ihnen doch schon gesagt, daß ich das nicht weiß. Sie tun verflucht geheimnisvoll, Inspektor.«

 

»Mehr oder weniger haben wir stets mit ungelösten Geheimnissen zu tun«, sagte Bradley kühl. Er begegnete Anns Blick. »Sie haben sich natürlich nicht vor ihm gefürchtet«, meinte er lächelnd, nahm seinen Hut und ging zur Tür. »Gute Nacht, Miss Perryman – es ist ein scheußliches Wetter draußen.«

 

Sie wußte wohl, was er meinte.

 

»Gute Nacht, McGill – vermutlich werde ich Sie heute nacht nicht auf der Great West Road treffen.«

 

Nachdem er gegangen war, schwiegen alle.

 

»Was wollte er nur?« fragte Mark schließlich.

 

»Dieser Mann ist unmenschlich, Mark«, sagte Tiser nervös. »Da steckt irgend etwas dahinter – scheußliches Wetter – Great West Road –, glaubst du, er weiß Bescheid?«

 

Mark sah, daß sich Ann zur Tür wandte, und hielt sie zurück.

 

»Gehen Sie bitte noch nicht. Hoffentlich sind Sie noch nicht müde?«

 

»Warum?«

 

Mark schaute zu Tiser hinüber.

 

»Ich brauche heute nacht Ihre Hilfe, Ann.«

 

Tiser wäre am liebsten verschwunden.

 

»Kann ich nicht nach Hause gehen, Mark?« bat er. »Ich fühle mich wirklich nicht wohl.«

 

»Du bleibst hier. Du wirst Ann zur Garage begleiten.«

 

Sie schaute bei diesen Worten auf.

 

»Habe ich recht gehört – zur Garage – heute abend noch?«

 

»Ja, zur Edgware Road«, entgegnete Mark leichthin. »Ich habe Ihren Wagen nach jenen Vorkommnissen dort untergebracht. Ich dachte, es wäre besser, falls irgendein Zwischenfall einträte – und das ist heute abend geschehen.«

 

Sie kam wieder ins Zimmer und setzte sich auf einen Stuhl.

 

»Ich weiß, Sie werden mir helfen, Ann. Ich bin wirklich in großer Verlegenheit. Zehn Kilo von dem Stoff sind in der Garage – außerdem ein Dutzend Brownings. Sie finden den Kasten mit den Waffen direkt hinter den Benzinbehältern.«

 

»Brownings?« fragte sie verwirrt.

 

»Ja, ich habe sie aus Belgien zum Verkauf erhalten«, erwiderte Mark nervös. »Man kann sie hier mit großem Verdienst wieder veräußern. Alle Sachen müssen noch in dieser Nacht nach Bristol gebracht werden. Dort habe ich einen Agenten, der sie an einen sicheren Platz schafft.«

 

»Miss Perryman. Sie haben es doch früher auch getan«, flehte Tiser. »Es ist ja nur eine Kleinigkeit …«

 

»Bradley ist auch nicht im Dienst heute nacht«, fuhr Mark fort. »Sie dürfen natürlich nicht die Bath Road nehmen. Fahren Sie über Uxbridge und biegen Sie dann …«

 

»Nein, ich kann nicht fahren« sagte Ann entschieden.

 

Mark kniff die Augenlider zusammen.

 

»Wie, Sie können nicht? Das soll wohl heißen, daß Sie nicht wollen?«

 

»Ich kann dieses Haus heute nacht nicht verlassen. Das muß Ihnen genügen. Abgesehen davon habe ich doch auch keinen Führerschein. Diese Kleinigkeit scheinen Sie ganz zu übersehen.«

 

»Ach, das weiß niemand. Sie würden mir wirklich den größten Gefallen tun!«

 

Ann schüttelte den Kopf.

 

»Ann, was haben Sie denn?«

 

»Ich werde heute nacht nicht aus dem Haus gehen«, wiederholte sie langsam und bestimmt. »Wenn Sie wollen, werde ich morgen fahren, aber heute nicht.«

 

»Morgen ist es zu spät«, erwiderte Mark düster. »Seien Sie doch vernünftig, Ann. Sie wissen genau, daß ich nicht darauf bestehen würde, wenn es nicht ganz dringend wäre. Ebensogut wissen Sie, daß ich Sie nicht schicken würde, wenn eine Gefahr für Sie damit verbunden wäre.«

 

»Ich schrecke nicht vor Gefahren zurück«, sagte Ann ruhig. »Aber ich will heute nacht nicht ausfahren – dabei bleibt es.«

 

Tiser stöhnte, aber Mark brachte ihn mit einem Fluch zum Schweigen.

 

»Laß sie in Ruhe. Es ist gut, Ann. Sie müssen selbst wissen, was Sie tun und lassen. Aber gehen Sie noch nicht.« Er nahm sich eine Zigarre und steckte sie an. »Was hat Ihnen denn Bradley erzählt?«

 

»Ach, nichts Besonderes.«

 

»Ich wundere mich nur, daß Sie mit dem Mann überhaupt noch sprechen können!« Tiser wischte sich den Schweiß von der Stirn.

 

»War Bradley schon hier, als Sie hereinkamen?«

 

Sie nickte.

 

»Ledson sagte Ihnen nichts davon?«

 

»Nein, ich habe mir selbst aufgeschlossen.«

 

»Das war allerdings ein Faustschlag ins Gesicht für ihn.«

 

Sie dachte über seine Worte nach.

 

»Das glaube ich nicht«, sagte sie dann.

 

Sie ließ sich am Klavier nieder und spielte einige Takte.

 

»Er hat dauernd mit schlechten Leuten zu tun, und es fällt ihm sicher schwer, überhaupt noch gut von jemand zu denken«, sagte sie dann plötzlich. »Es war merkwürdig, daß er soviel von Li Yoseph sprach – ich habe heute den ganzen Tag an den alten Mann denken müssen.«

 

Mark lehnte am Kamin und betrachtete sie stirnrunzelnd.

 

»Ann, ich habe Sie noch niemals in einer solchen Stimmung gesehen«, rief er nervös. »Klimpern Sie doch nicht herum, spielen Sie ordentlich. Seit Wochen habe ich keinen Ton von Ihnen gehört.«

 

Sie schaute verlegen auf.

 

»Eigentlich bin ich nicht in der Verfassung, etwas zu spielen – aber gut, ich werde es tun.«

 

Sie drückte das Pedal und begann. Mark winkte Tiser zu sich heran.

 

»Mit Ann stimmt etwas nicht«, flüsterte er ihm zu.

 

»Ich verstehe sie auch nicht«, erwiderte Tiser zitternd. »Ich bin heute abend so furchtbar aufgeregt.«

 

Er kauerte sich ängstlich in seinem Sessel zusammen.

 

»Sie macht mich noch ganz verrückt mit ihren verdammten Nerven.«

 

Aber Mark hörte nicht auf ihn.

 

»Warum interessiert sich Bradley so für Li Yoseph?« fragte er. Tiser sah sich furchtsam um.

 

»Glaubst du, er hat erfahren, daß er noch lebt?«

 

»Daß er noch lebt? Du verrückter Kerl!« sagte Mark verächtlich. »Ich habe ihn auf sechs Schritte niedergeknallt! Ich konnte sehen, wo das Geschoß sein Rückgrat traf – der ist nicht mit dem Leben davongekommen. Das war unmöglich! Er liegt noch in dem tiefen Schlamm unter seinem Haus.«

 

Ann spielte jetzt Tostis »Chanson d’Adieu«. Tiser packte krampfhaft McGills Arm.

 

»Mark, hörst du nicht, was sie spielt! Sag doch, daß sie aufhören soll! Mark, um Gottes willen, ich werde noch verrückt! Das hat doch der alte Kerl immer auf seiner Fiedel gespielt!«

 

»Halt den Mund, du Jammerlappen!« brummte Mark. »Wenn ich bei jeder Melodie gleich in die Luft gehen wollte!«

 

Plötzlich schloß Ann mit einem lauten Akkord und sah zu ihnen hinüber.

 

»Was ist denn das – hören Sie nichts?«

 

»Nein – wahrscheinlich haben Sie Tiser sprechen hören.«

 

Ann schüttelte den Kopf.

 

»Es war der Klang einer Violine.«

 

»Einbildung!«

 

Aber plötzlich hörte auch Mark die leisen Töne. Es war die Melodie, die Li immer gespielt hatte, und sie fuhr an der Stelle fort, an der Ann aufgehört hatte.

 

Die Klänge kamen vom nächsten Raum – von Marks Schlafzimmer.

 

»Jemand hält uns zum besten«, sagte McGill und ging vorwärts. Aber die Tür seines Schlafzimmers öffnete sich langsam, und in den Lichtkreis trat …

 

»Li Yoseph!« rief Mark entsetzt.

 

Der Alte war ein wenig grauer und ging etwas gebückter als früher; seine Haare waren unordentlicher. Die Astrachankappe sah schmutziger und abgetragener aus. Li trug die Geige unter dem Arm und hielt den Bogen in seiner Hand.

 

Ann hatte sich von dem Klaviersessel erhoben und beobachtete ihn. Sie fürchtete sich nicht, aber sie war ganz versunken in seine Erscheinung. Tiser schrie entsetzt auf und fiel zu Boden. Das Gesicht verbarg er in den Armen.

 

»Fort! Fort …! Du bist doch tot … auf sechs Schritte!«

 

»Li Yoseph!« keuchte Mark atemlos.

 

Der alte Mann zeigte seine Zähne in einem merkwürdigen Lachen.

 

»Ach, der gute Mark! Und der gute Tiser! – Kommt nur herein, meine lieben Kleinen!« Er winkte seinen unsichtbaren Begleitern. »Seht, hier sind gute Freunde von Li Yoseph … Siehst du, Henry? Das ist der gute Mark.«

 

»Woher – woher kommst du denn?« fragte Mark heiser.

 

»Von all den bekannten Plätzen.« Der alte Mann lachte unheimlich. »Du kommst doch bald nach Lady’s Stairs, Mark? Und Sie, meine liebe junge Dame, wollten mich doch auch besuchen? Sicher werden Sie bald zu mir kommen.«

 

Weiter sagte er nichts. Mit schlürfenden Schritten ging er quer durch das Zimmer. Mark hatte nicht die Kraft, ihn aufzuhalten; er beobachtete nur starr, wie der Alte den Raum verließ. Bald darauf fiel die Tür ins Schloß.

 

Dieses Geräusch schien Mark aus seinem traurigen Zustand zu wecken. Er eilte zur Tür und lief die Treppe hinunter – aber er konnte nichts mehr von Li Yoseph sehen. Als er ins Wohnzimmer zurückkam, läutete schrill das Telefon. Er ging zum Apparat.

 

»Sind Sie dort, McGill?« hörte er eine bekannte Stimme. »Hier ist Inspektor Bradley. Ich spreche von Scotland Yard aus. Wir haben in Erfahrung gebracht, daß Li Yoseph wieder in London aufgetaucht ist – ich wollte Sie nur warnen.«

 

»Warum wollten Sie mich denn warnen?« fragte Mark erregt.

 

»Wenn Sie das nicht wissen, weiß ich es auch nicht«, war die geheimnisvolle Antwort.

 

Kapitel 1

 

Kapitel 1

 

Zwischen dem Kanal und dem Fluß dehnte sich ein sumpfiges Feld aus. Lady’s Stairs, ein sonderbares altes Holzhaus, das sich auf Pfählen erhob, schaute dort auf die Wasserfläche hinab. Die Schleuse am Ende des Kanals bildete zugleich den Anfang des morastigen Gewässers. Das Haus machte einen traurigen, verfallenen Eindruck und schien im Lauf der Zeit immer tiefer in den Sumpf einzusinken. Die Fassade war einst mit weißer Ölfarbe gestrichen gewesen, aber der Anstrich war nie wieder erneuert worden, und der Bau hatte allmählich eine dunkelgraue Farbe angenommen. Er hätte sich kaum von seiner Umgebung abgehoben, wenn er nicht zwischen einem hochaufragenden Lagerhaus und dem tonnenförmig gedeckten Gebäude einer Reparaturwerkstatt eingeklemmt gewesen wäre.

 

In Lady’s Stairs wohnte Li Yoseph. Bei Flut stieg das Wasser fast bis zu dem Fußboden seines Wohnzimmers.

 

Die Zeiten, in denen Lady’s Stairs seinen Namen erhalten hatte, gehörten längst der Vergessenheit an. Früher war diese düstere und schmutzige Gegend eine schöne Bucht an der Themse gewesen; grüne Wiesen und Weideplätze hatten sich hier ausgedehnt. Aber nur die Namen erinnerten noch daran. In den angrenzenden Straßen erhoben sich die Häuser armer Leute, die ebenso schmutzig und verkommen aussahen wie Lady’s Stairs. Trotzdem hieß diese Gegend immer noch ›The Meadows‹ – Wiesenland.

 

Li Yoseph pflegte am Fenster seines Zimmers zu sitzen und zu beobachten, wie die Kohlenschiffe während der Flut bei Brands Wharf festmachten, oder wie die Leichter und die Flußkähne langsam nach der Schleuse zu getreidelt wurden. Wenn er sich zum Fenster hinauslehnte, konnte er sogar die großen holländischen Dampfer sehen, die auf der Themse zum Meer hinausfuhren.

 

Die Polizei hatte nicht viel gegen Li Yoseph. Die Beamten wußten wohl, daß er ein Hehler und Schmuggler war, aber man hatte keine klaren Beweise und versprach sich von ferneren Haussuchungen nicht mehr Erfolg als von den früheren. Die Nachbarn hielten Li für einen reichen Mann. Auch stand es bei ihnen fest, daß er verrückt sei.

 

Er besaß die eigentümliche Angewohnheit, lange Gespräche mit unsichtbaren Freunden zu führen. Wenn dieser merkwürdige Alte mit dem großen, gelben, bartlosen Gesicht, das von Falten und Runzeln durchfurcht war, die Straßen mit schlürfendem Gang entlangschritt, sprach er vor sich hin. Er gestikulierte und lachte unheimlich, während er sich mit seinen Gefährten unterhielt, die außer ihm niemand sehen konnte. Meistens sprach er fremde Worte, die allgemein für deutsch gehalten wurden, in Wirklichkeit aber russisch waren. Er gab zu, daß er mit guten und bösen Geistern umging; er konnte Tote sehen und sich mit ihnen unterhalten. Er besaß auch die Gabe des Zweiten Gesichts und hatte schon erstaunliche Dinge vorausgesagt.

 

Li ging in seinem Wohnzimmer auf und ab und murmelte vor sich hin. Drei Kerzen brannten, aber ihr Licht vermochte den ungewöhnlich hohen Raum nicht genügend zu erhellen und betonte eher noch den düsteren Eindruck, da sie gespenstische Schatten warfen. Die früher freundlich gestrichenen Wände hatten ihre Farbe längst verloren, das Dach war undicht, und bei Regenwetter rannen kleine Bäche an den Wänden herunter. Li schlief in einer kleinen Kammer, die nicht viel größer als ein geräumiger Schrank war. Sie besaß nur den einen Vorteil, daß sie als einziger Teil des Hauses trocken war.

 

Der größere Raum diente Li zu gleicher Zeit als Büro, Lagerraum und Wohnzimmer.

 

Holländische, deutsche und französische Matrosen ruderten bei Flut in kleinen Booten hierher und steuerten zwischen den von grünem Moos und Schlamm bedeckten Holzpfählen hindurch, auf denen Li Yosephs Haus stand. Wenn sie dann unten am Fuß der gebrechlichen Leiter festgemacht hatten, stieg der Alte hinunter und feilschte und handelte mit ihnen über allerlei Artikel dunkler Herkunft, die sie ihm brachten.

 

Unter dem Haus war es dunkel, und selbst bei Tag ließen die vielen Pfähle und Balken kein Licht herein. Lis Besucher konnten nur zu gewissen Zeiten kommen, denn während der Ebbe war dort unten weiter nichts als zwei Mannslängen tiefer, morastiger Schlamm zu sehen, aus dem große Blasen aufstiegen und unruhig durcheinander quirlten, wie von einem vorsintflutlichen Drachen.

 

Unten an der Leiter war auch ein kleines Motorboot vertäut, das der alte Li trotz seiner Jahre bedienen und steuern konnte. In unbestimmten Zwischenräumen fuhr er selbst manchmal auf den Strom hinaus. An diesem Abend überlegte er gerade, ob er wieder eine Fahrt unternehmen solle. Zweimal hatte er den abgenutzten Teppich schon aufgrollt und die Falltür geöffnet, die von dem Teppich verdeckt wurde. Stöhnend und mit sich selbst sprechend war er die Sprossen der Leiter hinuntergeklettert und hatte ein Bündel in das Boot gebracht, das sich während der Ebbe im Schlamm auf die Seite gelegt hatte. Schließlich war er mit seinen Vorbereitungen fertig und hatte nun wieder Zeit, sich mit seinen unsichtbaren Besuchern zu unterhalten.

 

Er sprach und scherzte mit ihnen und rieb sich lachend die Hände über ihre erstaunlichen Antworten. Schon den ganzen Tag hatten sie ihm Dinge zugeraunt, die einen gewöhnlichen Menschen vor Furcht hätten erstarren lassen, aber Li schenkte ihren Zuflüsterungen diesmal keinen Glauben.

 

Der schrille Klang einer Glocke ließ ihn aufhorchen. Mit schlürfenden Schritten verließ er den Raum und stieg die steile Treppe hinunter, die zu einer Seitentür führte.

 

»Wer ist dort?« fragte er.

 

Als er die leise Antwort von draußen hörte, drehte er den Schlüssel um und öffnete.

 

»Du bist früh oder spät gekommen – ich weiß nicht, wie ich es nennen soll.« Lis Stimme klang tief und heiser, und er sprach mit kaum merklichem, fremdem Akzent.

 

Nachdem er die Tür wieder geschlossen hatte, folgte er seinem Besucher nach oben.

 

»Ich kenne keine bestimmten Tageszeiten.« Er lachte leise vor sich hin. »Für mich gibt es weder Tag noch Nacht. Es ist Flut, ich meinen Geschäften nachgehen muß, und es ist Ebbe, wenn ich mich ausruhen und mit meinen lieben kleinen Freunden sprechen kann.« Er warf eine Kußhand nach einer dunklen Ecke.

 

Mark McGill wandte sich böse nach ihm um.

 

»Laß das dumme Geschwätz … deine verdammten Geister! – Seine Schwester kommt heute abend noch hierher.«

 

»Seine Schwester?«

 

»Ronnie Perrymans Schwester – sie ist von Paris herübergekommen.«

 

Li Yoseph starrte seinen Besucher erstaunt an, aber er stellte keine weiteren Fragen an ihn.

 

Es lag etwas im Wesen Mark McGills, das jede Vertraulichkeit ausschloß. Er war eine gebieterische Erscheinung, breitschultrig und groß; in seinem wilden, herrischen Gesicht zeigte sich eine gewisse Schönheit. Seine vielen Untergebenen zitterten vor ihm, aber sie fürchteten weniger seine Strenge und Brutalität, als den Blick seiner zwingenden, hellblauen Augen.

 

Er rollte seine halbaufgerauchte Zigarre von einer Ecke des Mundes in die andere, ging quer durch den Raum zu der Schlafkammer, in der Li Yosephs Bett stand, und schaute nachdenklich auf das dunkle Wasser hinaus.

 

»In einer Stunde haben wir Flut«, sagte er halb zu sich selbst.

 

Li Yoseph ließ ihn nicht aus den Augen und sah, wie der große Mann eine Violine von dem Bett aufnahm.

 

»Du hast sicher wieder den ganzen Tag auf der Fiedel herumgekratzt – ist die Polizei hier gewesen?«

 

Li Yoseph schüttelte den Kopf.

 

»Wie, sie haben nicht mehr nach Ronnie gefragt? – Nun gut, aber sie wird alles von dir wissen wollen. Ich habe versucht, sie von hier fernzuhalten, aber ohne Erfolg. Du weißt doch, was du ihr zu sagen hast?«

 

Nach einer kleinen Pause nickte Li Yoseph langsam.

 

»Er ist umgebracht worden – von Polizeibeamten… Sie haben ihn in einem Boot mit Ware erwischt, die er vom Schiff geholt hatte. Da haben sie gefragt: ›Wo hast du das her?‹ Und dann haben sie ihm eins über den Kopf gegeben, daß er in den Fluß fiel und tot war.«

 

»Ja – so machst du deine Sache richtig.« Mark beugte den Kopf vor und lauschte. »Da kommt Tiser mit dem Mädchen – bring sie herauf.«

 

Li stieg geräuschlos die Treppe hinunter. Nach kurzer Zeit kam er wieder; er ging voraus und zeigte den anderen den Weg. Hinter ihm erschien Tiser, ein unruhiger, nervöser Mensch, der beim Lächeln stets seine großen Zähne zeigte. Seine Stirn war immer feucht; sein schwarzer, steifer Hut und seine schwarze Krawatte machten ihn nicht anziehender. Er hatte Ann Perryman vom Bahnhof abgeholt, aber sie hatte sofort eine instinktive Abneigung gegen den Menschen gefaßt.

 

Langsam stieg sie die letzten Stufen empor, trat dann ein und schaute sich ohne wahrnehmbare Erregung in dem schmutzigen Raum um. Einige Sekunden lang betrachtete sie Mark, der sich unter ihrem forschenden Blick sonderbar unbehaglich fühlte.

 

Ann war ein schönes, schlankes Mädchen. Ihr Haar schimmerte je nach der Beleuchtung in tiefgoldenem Blond oder in rötlichem Schein; es war aus der hohen Stirn zurückgebürstet, was ihr in gewisser Weise ein etwas altmodisches Aussehen gab. Sie hielt sich gerade, beinahe steif, als ob sie dadurch ihre Zurückhaltung ausdrücken wollte. Es war nicht leicht, sich ihr zu nähern. Die Männer hielten sie für kalt und abweisend und sagten, daß sie keinen Spaß verstehe, weil sie nicht über ihre Witze lachte. Der Ausdruck ihrer großen, grauen Augen konnte bisweilen sehr hart und streng sein. Ihr Bruder Ronnie allein hatte gewußt, wie sanft und mild sie blicken konnte; aber Ronnie war nun tot, und keinem anderen Mann hatte sie jemals einen liebevollen Blick geschenkt.

 

Ihr klarer Verstand und ihre Charakterstärke machten sie fähig für den Kampf gegen ein hartes Geschick. Sie besaß einen unbeugsamen Willen und ausdauernden Mut.

 

Das also war Ann Perryman! Mark hatte sie vorher noch nie gesehen und war überrascht von ihrer anmutigen Erscheinung.

 

Sie reichte ihm ihre kalte Hand, und er drückte sie. Einen Augenblick hielt er sie fest, dann ließ er sie wieder los. Er wußte kaum, wie er das Gespräch mit Ann beginnen sollte.

 

»Tiser hat Ihnen schon alles erzählt?«

 

Sie nickte ernst.

 

»Vor vierzehn Tagen las ich den Bericht in der Zeitung. Ich bin Lehrerin an einer Schule in Paris, und ich lese dort auch die englischen Blätter. Aber ich wußte nicht« – sie machte eine Pause –, »daß Ronnie hier unter falschem Namen lebte.«

 

»Das hätte ich Ihnen vorher mitteilen können«, sagte Mark, »aber ich hielt es für besser, damit zu warten, bis alles vorüber war.

 

Marks Stimme klang so teilnehmend, daß Mr. Tiser, dessen Blicke unruhig im Raum umherschweiften, seinen Gefährten plötzlich überrascht und erstaunt ansah. Mark spielte seine Rolle wirklich ausgezeichnet!

 

»Ich befand mich in einer sehr schwierigen Lage«, fuhr Mark leise fort. »Sehen Sie, Ronnie hat das Gesetz übertreten, und ich habe es auch getan. Man überlegt es sich natürlich, bevor man sich selbst beschuldigt.«

 

»Ja, ich weiß, Ronnie war nicht …«, sie zögerte. »Er war sein ganzes Leben hindurch vom Unglück verfolgt, der arme Junge! Wo hat man ihn denn gefunden?«

 

Mark zeigte auf die schlammige Bucht hinaus.

 

»Ich will ganz offen mit Ihnen sprechen, Miss Perryman. Ihr armer Bruder und ich waren Schmuggler. Ich weiß, daß das strafbar ist, und ich entschuldige mich nicht. Ihnen will ich auch das Letzte sagen. Die Polizei war darauf aus, uns eine Falle zu stellen. Die Leute glaubten, daß Ronnie nicht dichthalten würde. Zufällig erfuhr ich, daß sie ihm verschiedene Angebote machten – sie hofften, er würde die Organisation verraten. Das klingt zwar etwas pathetisch, aber es ist die Wahrheit.«

 

Ann schaute von Mark auf Tiser. Der alte Li war hinter den Vorhängen seiner Kammer verschwunden.

 

»Mr. Tiser sagte mir, daß Ronnie von Polizeibeamten ermordet wurde – es ist kaum zu glauben!«

 

Mark zuckte die Schultern.

 

»Es gibt nichts Unglaubliches, was die Londoner Polizei nicht fertigbrächte«, erwiderte er trocken. »Ich will ja nicht behaupten, daß sie die Absicht hatten, ihn zu töten, aber es ist nun einmal Tatsache, daß sie ihn niederschlugen. Sie müssen ihn gefaßt haben, als er in einem Boot von einem der Schiffe zurückkam, die uns Schmuggelware liefern. Entweder hat er einen Schlag bekommen, daß er ins Wasser stürzte, oder sie haben ihn nachher ins Wasser geworfen, als sie sahen, wie schwer, vielleicht sogar lebensgefährlich, sie ihn getroffen hatten.«

 

»Inspektor Bradley war es?«

 

»Ja, so heißt der Beamte. Er hat Ronnie immer gehaßt. Bradley ist einer dieser geschickten Leute von Scotland Yard, die nur geringe Bildung besitzen und von Minderwertigkeitsgefühlen beherrscht werden.«

 

Hinter dem Vorhang ertönte plötzlich der weiche, klagende Klang einer Violine. Mark fuhr herum, aber Ann legte ihre Hand auf seinen Arm und gab ihm ein Zeichen, ruhig zu sein.

 

Die süße, melancholische Melodie von Tostis »Chanson d‘ Adieu« erfüllte den Raum.

 

»Wer spielt da?« fragte sie leise.

 

Mark zuckte ungeduldig die Schultern. »Ach, das ist der Alte – Li Yoseph. Ich möchte doch, daß Sie mit ihm sprechen.«

 

»Li Yospeh – er hat gesehen, wer Ronnie umbrachte?«

 

Mr. Tiser mischte sich plötzlich in die Unterhaltung.

 

»Aus ziemlicher Entfernung«, sagte er nervös. »Genau natürlich nicht. Ich habe Ihnen das doch schon alles erklärt.«

 

Marks kalter Blick brachte ihn zum Schweigen.

 

»Es ist schon gut, Tiser. Sage Li Yoseph, daß er herauskommen soll.«

 

Das Violinspiel hörte auf, und Li Yoseph trat mit hochgezogenen Schultern näher. Er sah Ann unter seinen buschigen Augenbrauen hervor an und rieb dabei seine langen Hände, als ob er sie mit unsichtbarer Seife wüsche. Er sah beinahe geisterhaft aus, und Ann schrak ein wenig zurück.

 

»Dies ist Miss Perryman, Ronnies Schwester.«

 

Das Gesicht des Alten verzog sich zu einem Lächeln.

 

»Ich habe gerade mit ihm gesprochen.«

 

Ann schaute ihn entsetzt an.

 

»Wie, Sie haben mit ihm gesprochen?«

 

»Sie müssen sich nicht um sein Gerede kümmern.« Marks Worte klangen scharf, fast befehlend. »Er ist ein wenig …« Er zeigte bedeutungsvoll auf die Stirn. »Er sieht Geister und dergleichen Dinge –«

 

»Ja, viele Dinge«, wiederholte Li Yoseph. Seine Augen wurden größer und größer. »Seltsame Dinge – Dinge, die niemand sieht außer mir – Li Yoseph!«

 

»Nun sei aber still, Yoseph«, sagte Mark rauh. »Du erschreckst die junge Dame durch dein albernes Geschwätz.«

 

»Ach nein, ich fürchte mich nicht«, erwiderte Ann standhaft.

 

Li Yoseph ging in den kleinen Nebenraum zurück und lachte merkwürdig vor sich hin.

 

»Ist er öfters so wie jetzt?«

 

»Immer«, entgegnete Mark, aber er fügte schnell hinzu: »Abgesehen davon ist er aber vollkommen klar. – Yoseph, bleibe hier. Ich sagte dir doch, daß du Miss Perryman alles erzählen sollst, was du gesehen hast.«

 

Li Yoseph kam langsam zurück und blieb ein paar Schritte vor Ann stehen. Seine Hände waren auf der Brust gefaltet, als ob er betete.

 

»Ich will Ihnen sagen, was ich sah.« Seine Stimme klang plötzlich mechanisch. »Erst kommt Ronnie in einem Boot vom Schiff. Er rudert und rudert, dann kommt das Polizeimotorboot und holt ihn ein. Dann sehe ich, wie sie kämpfen und kämpfen, und ich höre einen Fall ins Wasser, und plötzlich höre ich Mr. Bradleys Stimme: ›Der ist erledigt – niemand darf etwas darüber sagen.‹«

 

Während er sprach, schaute er sie an, und sie glaubte, in seinem Blick einen gewissen Trotz zu lesen, als ob er schon darauf vorbereitet wäre, daß sie seiner Geschichte keinen Glauben schenken würde.

 

»Haben Sie das wirklich gesehen?«

 

Er neigte den Kopf.

 

Ann wandte sich an Mark.

 

»Warum wurden denn diese Leute nicht angeklagt? Warum hat man nur Klage gegen ›einen oder mehrere unbekannte Täter‹ erhoben? Ist denn die Polizei in diesem Land unantastbar? Können ihre Beamten straflos jedes Verbrechen begehen – sogar Mord?«

 

Zum erstenmal zeigte sich ihre starke, innere Erregung. Ihre Stimme zitterte, als sie sprach.

 

»Bradley – Sie sagten doch, daß Bradley ihn ermordete? Ich werde den Namen nie vergessen.« Ihr Blick traf wieder den alten Mann. Er stand mit geschlossenen Augen und gefalteten Händen da und schwankte leicht hin und her. »Hat Mr. Yoseph denn keine Klage gegen die Polizei erhoben?«

 

Mark lächelte.

 

»Wozu? Sie müssen verstehen, Miss Perryman, daß die Polizei ihre eigenen Gesetze hat, nicht nur bei uns, sondern auch in allen anderen Ländern. Ich könnte Ihnen Romane darüber erzählen, was in New York passiert ist …«

 

»Ich will nicht wissen, was dort geschieht«, unterbrach sie ihn schnell. »Aber sagen Sie mir, ob man diesem alten Mann glauben kann!« Sie sah auf Li Yoseph.

 

»Durchaus«, sagte Mark nachdrücklich.

 

»Sie können ihm vollständig vertrauen«, mischte sich Mr. Tiser wieder in die Unterhaltung, nachdem er lange hatte schweigen müssen. »Ich kann Ihnen nur die Versicherung geben, daß er ein absolut ehrenwerter Charakter ist.«

 

Er begegnete Marks Blick, begann zu stammeln und schwieg dann wieder.

 

Anne hatte den Kopf gesenkt und einen Finger an die Lippen gelegt; ihre Stirn lag in nachdenklichen Falten. Mark hatte ihr einen Stuhl angeboten, aber sie hatte es nicht beachtet. Auch er schwieg und wartete darauf, daß sie sprechen würde.

 

»Was hat Ronnie für Sie getan?« fragte sie schließlich. »Sie können mir alles sagen, Mr. McGill. Er hat mir oft von Ihnen erzählt, und ich habe schon vermutet, daß Sie irgendein … strafbares Geschäft betreiben. Wahrscheinlich sind meine moralischen Anschauungen recht sonderbar, aber es kommt mir jetzt nicht mehr so schrecklich vor wie früher. War mein Bruder sehr wertvoll für Sie? Ist der Verlust, den Sie durch seinen Tod erlitten haben, sehr groß?«

 

McGill antwortete nicht sofort. Er dachte darüber nach, was sie wohl mit ihrer Frage meinen könnte.

 

»Ja, er war beinahe unersetzlich für uns«, erwiderte er endlich. »Ronnie war ein Mann, der überall hingehen konnte, ohne den geringsten Verdacht zu erregen. Er fuhr seinen Wagen ausgezeichnet; das kam uns sehr zugute, denn die Polizei hat jetzt eine Fliegende Kolonne eingerichtet. Bradley führt die Abteilung. Vor diesen Leuten müssen wir ganz besonders auf der Hut sein. Ronnie hat gewöhnlich die geschmuggelten Waren herangeholt, manchmal hat er sie auch verteilt … Ich habe mich in jeder Weise auf ihn verlassen. Aber warum fragen Sie?«

 

»Ich hätte es gern gewußt. Was ist dieser Bradley eigentlich für ein Mann?«

 

Bevor Mark antworten konnte, hörte sie ein leises Lachen und wandte sich schnell um.

 

In Türnähe stand ein Fremder. Ann wußte nicht, wie lange er schon dort war, aber er mußte schon einige Zeit anwesend sein, denn er lehnte lässig am Türpfosten. Er trug keinen Mantel, obgleich der Abend kalt war; sein Filzhut war verwegen über ein Auge gezogen. Der große, schlanke Mann hatte ein gutgeschnittenes Gesicht und freundliche Augen. Sein Blick ruhte interessiert auf Ann.

 

»Ich würde nicht erstaunt sein, Miss Perryman vor mir zu haben«, sagte er, richtete sich auf und lüftete seinen Hut. »Wollen Sie mich nicht vorstellen, Mark?«

 

»Mein Name ist McGill«, erwiderte Mark scharf.

 

»Welch eine Neuigkeit! Als ob Sie nicht schon Ihr ganzes Leben lang diesen Namen geführt hätten!«

 

Aber dann legte sich ein Schatten über seine Züge, und er sah fast traurig aus, als er langsam auf Ann zuging. Instinktiv wußte sie, wer er war; sie sah ihn mit einem stahlharten, kalten Blick an.

 

»Es tut mir sehr leid, Miss Perryman, daß Sie all diesen Kummer erleben mußten. Ich wünschte, ich wüßte, wer Ihren Bruder ermordet hat.«

 

Er biß sich auf die Unterlippe und sah nachdenklich zu Mark hinüber.

 

»Ich habe mein Bestes getan, um Ronnie vor schlechter Gesellschaft fernzuhalten.«

 

Er machte eine Pause, als ob er auf Antwort wartete. Als Ann aber nichts erwiderte, sah er sich in dem Raum um.

 

»Wo ist denn unser musikalischer Geisterseher?« fragte er. »Hallo, Li Yoseph! Sie haben ja Besuch hier.«

 

Der Alte kam unterwürfig näher. Seine Gesichtszüge verrieten eine sonderbare Gespanntheit. Mark bemerkte, daß Li Yoseph dem Detektiv einen schnellen Blick zuwarf, und beobachtete Bradley; aber in dem Gesicht des Polizeibeamten rührte sich kein Muskel.

 

»Ich wundere mich nur, daß man Sie hierhergebracht hat.« Bradley sprach zu Ann, aber er schaute den verlegenen, nervösen Tiser an, der nicht wußte, wohin er sehen sollte.

 

»Sie haben Ihnen doch nicht etwa die dumme Geschichte erzählt, daß die Polizei an dem Tod Ihres Bruders schuldig sei? Aber Sie sind sicher zu intelligent, um derartige Märchen zu glauben. Ihr Bruder wurde an Land getötet und später in den Strom geworfen.«

 

Ann preßte die Lippen zusammen, und Bradley sah, daß er sie nicht überzeugt hatte.

 

»Wünschen Sie etwas?« fragte Mark heftig.

 

Inspektor Bradley zog die Augenbrauen hoch.

 

»Entschuldigen Sie«, sagte er mit ironischer Höflichkeit. »Ich wußte nicht, daß Sie Li Yosephs Wohnung übernommen haben und hier Hausherr sind. Ich werde heute nacht zwischen zehn und zwei Uhr in Scotland Yard sein.«

 

Ein Schauer überlief Mark McGill. An wen waren diese Worte gerichtet? Für ihn waren sie nicht bestimmt, ebensowenig für Ann Perryman oder Mr. Tiser. Warum war Bradley gekommen? Mark wußte gut genug, daß dieser Mann nicht in Lady’s Stairs erschienen wäre, wenn ihm Ann Perrymans Anwesenheit bekannt gewesen wäre. Sein Besuch galt Li Yoseph! Die Bemerkung, daß er diese Nacht bis zwei Uhr in Scotland Yard sein würde, sollte also zu Lis Orientierung dienen.

 

Bradley wandte sich um und ging zur Tür. Dort drehte er sich noch einmal um und grüßte zum Abschied.

 

»Ich würde gern einmal mit Ihnen sprechen, Miss Perryman vielleicht darf ich Sie morgen in Ihrem Hotel besuchen?«

 

Sie antwortete ihm nicht, aber in ihrem Blick lag Haß und Abscheu. Inspektor Bradley sah es zu deutlich, um sich darüber zu täuschen.

 

Seine Schritte verklangen auf der Treppe, dann wurde die Haustür zugeschlagen.

 

»Das war Bradley?« fragte Ann leise.

 

»Ja, das war er«, erwiderte Mark grimmig. »Einer der durchtriebendsten und schlauesten Spürhunde von Scotland Yard! Was halten Sie von ihm?«

 

Sie senkte den Blick zu Boden und überlegte seine Frage.

 

»Wer wird Ronnies Stelle in Ihrer – Organisation einnehmen?«

 

Mark zuckte die Schultern.

 

»Ja, wer könnte seine Stelle einnehmen? Solch einen Mann kann man nicht so leicht wieder finden.«

 

»Ich könnte es.«

 

Er sah sie überrascht an.

 

»Sie?« fragte er ungläubig.

 

Tausend Möglichkeiten tauchten plötzlich vor Mark auf.

 

»Wie, Sie wollen zu uns kommen?« Er streckte begeistert die Hand aus. »Mein liebes Kind, Sie sind der Partner, nach dem ich gesucht habe.«

 

Sie sah ihn entschlossen an.

 

»Ich heiße Ann – nennen Sie mich so. Unsere Beziehungen werden rein geschäftlich sein.«

 

Kapitel 10

 

Kapitel 10

 

Bradley ging zur Garage zurück, in der Ann Perrymans Wagen untergestellt war. Er entließ seine Leute, nachdem das Auto in den Hof gebracht worden war, und begann allein das Innere mit Hilfe seiner Taschenlampe sorgfältig abzusuchen.

 

Es war nicht schwer, das Geheimfach unter dem Führersitz zu finden und zu entdecken, wie man den Inhalt von unten herausnehmen konnte. Das Fach war leer, ebenso der Gerätekasten.

 

Er hatte seine Untersuchung beinahe beendet, als ihm plötzlich auffiel, daß das Lederpolster an den Seiten des Wagens und an den Ecken kräftiger war, als man es gewöhnlich in solchen Wagen fand. Er prüfte die Polsterung Zoll für Zoll. Auf beiden Seiten befanden sich an den Türen große Taschen. Aber er hatte bereits festgestellt, daß sie nichts enthielten. Nun fühlte er wieder hinein und erkannte, daß die Türen eine stärkere Konstruktion zeigten, als notwendig erschien.

 

Er hob die eine lose hängende Tasche in die Höhe, leuchtete das Leder genau ab und fand eine viereckige Stelle, die sich etwas abhob. Als er unter die Tasche auf der anderen Seite schaute, stellte er dasselbe Viereck fest. Sofort vermutete er, daß sich eine Öffnung in der Tür befand. Mit seinem Taschenmesser untersuchte er die Wand genauer und stieß auf Stahl.

 

Während er noch damit beschäftigt war, fand er durch Zufall das Geheimfach. Als er die Tasche in die Höhe hob, mußte er einen etwas stärkeren Zug ausgeübt haben, denn plötzlich knackte es, und das Lederviereck öffnete sich wie eine Falltür. Innen entdeckte er ein Dutzend flacher Päckchen, die eng zusammengepreßt waren. Er nahm sie sorgfältig heraus.

 

Bradley prüfte auch noch die andere Tür, konnte jedoch nichts Besonderes daran entdecken. Sorgsam steckte er die gefundenen Päckchen in die Tasche, schloß die Geheimfächer wieder und brachte den Wagen in die Garage.

 

Es überkam ihn ein seltsames Gefühl der Erleichterung, das er sich selbst kaum erklären konnte. Warum sollte er sich über diese Entdeckung freuen? Die Frau, die seine Gedanken Tag und Nacht beschäftigte, wurde doch hoffnungslos dadurch belastet. Aber daran dachte er jetzt nicht. Er war dankbar, daß er so geistesgegenwärtig gewesen war, seine Leute fortzuschicken und die Durchsuchung ohne Zeugen vorzunehmen. Bestürzt erkannte er seine sonderbare Lage.

 

Er ging nicht nach Scotland Yard zurück, sondern eilte in seine Wohnung, dort drehte er das Licht im Wohnzimmer an und verschloß die Tür, ehe der die kleinen Pakete aus der Tasche nahm. Eins öffnete er – es konnte keinen Zweifel an der Beschaffenheit dieses kristallinischen Pulvers geben. Er feuchtete seinen Finger an und versuchte es. Kokain!

 

Lange Zeit starrte er auf das verheerende Rauschgift. Plötzlich klingelte das Telefon.

 

Er erkannte die Stimme seines Vorgesetzten.

 

»Bradley? Es ist uns gerade eine Anzeige von einem dieser Kokainhändler zugegangen. Er sagte, daß wir wahrscheinlich ein Paket mit Rauschgiften im Auto Miss Perrymans finden werden. Es sollen Geheimfächer in die Türen eingebaut sein. Ich werde Simmonds hinschicken –«

 

»Nein, das ist nicht nötig, ich werde selbst gehen«, erwiderte Bradley schnell.

 

Er legte den Hörer auf, ging zum Tisch zurück und betrachtete die Päckchen wieder. Es handelte sich jetzt um eine schnelle Entscheidung.

 

Kurz entschlossen trat er in die kleine Küche und schaute sich dort um. Seine Haushälterin kam täglich; sie war sparsam und kaufte ihre Vorräte immer im großen ein. Der Mehlkasten war halb voll – dort hätte er zur Not das Kokain verstecken können. Aber dann lachte er über den törichten Einfall. Er kehrte ins Wohnzimmer zurück, holte die Päckchen, trug sie in die Küche und schüttete sie in den Ausguß.

 

Zehn Minuten lang beobachtete er, wie das niederrieselnde Wasser das weiße Pulver auflöste. Als jede Spur entfernt war, verbrannte er noch das Papier, nahm dann Mantel und Hut und ging zu der Garage von Scotland Yard, um etwas zu suchen, das nicht mehr vorhanden war.

 

John Bradley stand der Tatsache fassungslos gegenüber, daß er seine Pflichten in so gröblicher Weise verletzt hatte. Wenn jemand ihm an diesem Abend gesagt hätte, daß er in einem sehr ernsten Fall, aus Liebe zu einer Gefangenen, absichtlich Beweise vernichten würde, hätte er laut gelacht. Trotzdem hatte er schon immer das Gefühl gehabt, daß Ann Perryman früher oder später doch mit dem Gesetz in Konflikt kommen würde. Sie haßte ihn, daran zweifelte er nicht im mindesten; aber noch weniger zweifelte er daran, daß Mark McGill ihr den tiefen Haß gegen ihn eingeflößt hatte.

 

Sie strengte sich zwar an, ihm gegenüber liebenswürdig zu erscheinen, aber sie war eine schlechte Schauspielerin. Bei jeder Begegnung mit ihm versuchte sie vergeblich, ihre wahre Gesinnung zu verbergen, und wenn er sich von ihr verabschiedete, las er in ihren Zügen stets Erleichterung.

 

Er ging in sein Büro nach Scotland Yard, setzte sich in einen Stuhl und fiel in einen leichten Schlummer, bis ihm eine Ordonnanz eine Tasse heißen Kaffee brachte. Dann kam ihm plötzlich zum Bewußtsein, daß er in einigen Stunden vor Gericht stehen würde, um die Frau anzuklagen, die er liebte.

 

Um acht morgens wurde Ann zum Polizeigericht von Süd-London gebracht. Ausnahmsweise durfte sie in einem Taxi fahren; eine Wärterin in Zivil und ein Detektiv begleiteten sie. Hätte sie Erfahrung in diesen Dingen gehabt, so hätte sie gewußt, daß die Polizei ihren Fall als äußerst ernst und schwerwiegend betrachtete.

 

Als sie in die Zelle geführt worden war, die neben dem Gerichtssaal lag, kam die Wärterin zu ihr herein.

 

»Mr. Durther, Ihr Rechtsanwalt, ist eben gekommen. Es ist besser, wenn Sie in meinem Zimmer mit ihm sprechen.«

 

Obgleich die alte Frau zugegen war, wurde die Unterhaltung doch als mehr oder weniger privat angesehen. Der unruhige kleine Mann führte Ann in eine Ecke des Raums.

 

Er schaute sich nach der Wärterin um.

 

»Ich bringe Ihnen Botschaft von Mark«, sagte er dann leise. »Es ist möglich, daß noch viel mehr – Sacharin in dem Wagen war.«

 

»In dem Wagen?« fragte sie überrascht.

 

Er nickte schnell.

 

»Es sind noch ein paar Fächer da … wenn Sie danach gefragt werden … Sie wissen nichts. Verstanden?«

 

»Was wird denn passieren?«

 

Er zuckte die Schultern, um auszudrücken, daß er das nicht voraussagen könne.

 

»Ich weiß es nicht. Ich kann heute noch keinen Verteidiger für Sie engagieren – das kann ich erst tun, wenn Sie in Untersuchungshaft kommen.«

 

Sie starrte ihn an.

 

»Wollen Sie damit sagen, daß ich noch eine ganze Woche im Gefängnis festgehalten werde?«

 

Durther vermied ihren Blick.

 

»Alles möglich. Wir wollen versuchen, Bürgschaft für Sie zu stellen … Es wird alles getan, was nur getan werden kann … die Polizei muß auf alle Fälle den Antrag stellen, Sie in Untersuchungshaft zurückzubehalten, besonders, wenn die Ware gefunden worden ist. Gefängnis ist gar nicht so schlimm … daran haben Sie sich bald gewöhnt.«

 

Ann Perryman fühlte, wie ihr Mut sank. An das Gefängnis würde sie sich nie gewöhnen können. Bei dieser Aussicht dachte sie an Bradley und haßte ihn mehr als je.

 

»Wie war denn das – Sacharin verpackt?«

 

Er beschrieb es ihr.

 

»Und wieviel Päckchen waren denn dort?«

 

»Zwölf – sie lagen in einem Geheimfach hinter einer der Türen. Mr. McGill sagt, Sie müßten vor allem abstreiten, daß Sie irgend etwas darüber wüßten.«

 

Ein langes Schweigen folgte.

 

»Was enthielten die Päckchen?«

 

»Sacharin, meine liebe Miss Perryman – nichts anderes als Sacharin«, beteuerte Mr. Durther.

 

»Was kann mir denn im schlimmsten Fall zustoßen? Ich meine, wenn man das Sacharin gefunden hat?«

 

Der Rechtsanwalt zuckte wieder die Schultern. Es war nicht leicht, auf diese Frage eine Antwort zu finden. Er wußte allerdings sehr gut, welche Strafe sie bekommen würde!

 

»Kommt man wegen Schmuggelns ins Gefängnis?«

 

»Nicht, wenn man das erste Mal gefaßt wird. Wahrscheinlich bekommen Sie eine Strafe von etwa hundert Pfund, die Mark McGill natürlich sehr gerne für Sie bezahlen wird.«

 

Er fühlte sich erleichtert, daß sie diese harmlosen Fragen stellte, und sie wunderte sich, daß er plötzlich so gesprächig wurde. Sie konnte ja nicht vermuten, daß Mr. Durther nicht an die Folgen denken wollte, die der Fund des Kokains nach sich ziehen mußte.

 

Alle Leute von Lady’s Stairs schienen heute hier zu sein. Ann sah die große, majestätische Gestalt eines Mannes, der eben in eine Zelle gebracht wurde. Offenbar war Mr. Sedeman auch mit der Polizei in Konflikt geraten. Ann mußte erst über ihre Entdeckung lächeln, aber als sich die Zellentür wieder hinter ihr geschlossen hatte, wurde sie ernst.

 

Sie fühlte keine Furcht, aber nun kam ihr die ganze Schwere ihrer Situation zum Bewußtsein. Die Zelle mit den kahlen Wänden und die häßliche Bank weckten quälende Vorstellungen in ihr. Auch Ronnie hatte in einer solchen Zelle gesessen, und das grauenhafte Leben im Gefängnis war ihm vertraut gewesen.

 

Die alte Wärterin brachte ihr etwas Kaffee und zwei dicke Butterbrotschnitten. Ann war sehr froh darüber; erst jetzt kam ihr zum Bewußtsein, wie ausgehungert sie war. Als sie ihr Frühstück beendet hatte, öffnete sich die Tür wieder, und die alte Frau forderte sie auf, ihr zu folgen.

 

Ein Mann stand am Fenster des kleinen Raums, in den sie gebracht wurde. Er drehte ihr den Rücken zu und starrte auf den Hof hinaus. Als sich die Tür aber weiter öffnete, wandte er sich um, und sie sah sich Bradley gegenüber. Ihr erster Gedanke war, das Zimmer sofort wieder zu verlassen, aber die Wärterin stand mitten in der Tür und machte dieses Vorhaben unmöglich.

 

Er sah müde, übernächtig und hager aus und hatte etwas von seinem vorteilhaften Aussehen verloren.

 

»Guten Morgen«, begann er. Seine Stimme klang hart und entschlossen. Er trat ihr jetzt als Polizeibeamter und nicht als Freund gegenüber.

 

Sie antwortete ihm nicht, sondern stand steif vor ihm, die Hände hatte sie auf den Rücken gelegt.

 

Er schaute an ihr vorbei.

 

»Sie können gehen«, sagte er zu der Wärterin. »Warten Sie draußen – ich habe etwas mit Miss Perryman zu besprechen.«

 

Die alte Frau entfernte sich.

 

»Meine junge Freundin, Sie befinden sich in einer sehr ernsten Lage. Zu Ihren Gunsten nehme ich an, daß Sie nicht wußten, was Sie taten.«

 

Er sprach nicht mehr in dem alten, leichten Unterhaltungston mit ihr, seine Stimme war ernst, aber nicht unfreundlich. Das wurde ihr sogar klar, obgleich ihre Empörung gegen ihn mehr und mehr wuchs. Sie konnte allerdings kaum verstehen, warum sie zornig wurde, denn er hatte doch offenbar die Absicht, ihr zu helfen.

 

»Ich weiß genau, was ich getan habe.« Sie versuchte, ruhig zu sprechen. »Ich habe nachts ein Auto gefahren, und ich habe mir irgendwie Ihren Haß zugezogen. Sie sind nun darauf aus, mir dasselbe anzutun, was Sie Ronnie angetan haben.«

 

»Sie wollen doch nicht etwa behaupten, daß Sie unschuldig sind?« fragte er geradeheraus. »Oder daß Sie das Opfer polizeilicher Nachstellungen sind? Wollen Sie sagen, daß Sie das Gesetz nicht übertreten haben?«

 

Er wartete gespannt auf ihre Antwort. Als sie aber schwieg, wurde er mutlos.

 

»Sind Sie sich bewußt, daß Sie das Gesetz übertreten haben?« fragte er noch einmal.

 

»Auf diese Frage werde ich dem Richter Antwort geben«, erwiderte sie kühl.

 

»Wissen Sie, daß Sie Rauschgifte unter die Leute brachten?«

 

Ihre Lippen zuckten verächtlich.

 

»Mr. Bradley, Sie wiederholen sich wirklich zu oft! Dieselbe Geschichte haben Sie mir schon damals erzählt – auch Ronnie soll mit Rauschgiften gehandelt haben. Wollen Sie behaupten, daß ich dasselbe getan habe?«

 

Er sah sie durchdringend an.

 

»Haben Sie es getan?«

 

Sie wurde blaß vor Ärger und Zorn, wandte sich zur Tür und riß sie auf. Die Wärterin stand draußen und hatte den Kopf an den Türpfosten gelehnt. Sie interessierte sich wahrscheinlich für die Unterhaltung der beiden.

 

»Bringen Sie mich in meine Zelle zurück«, sagte Ann in entschiedenem Ton.

 

»Ist Mr. Bradley schon mit Ihnen fertig?«

 

»Ich bin mit ihm fertig«, sagte Ann.

 

Die Einsamkeit der Zelle tat ihr wohl. Sie zitterte vor Entrüstung. Wenn sie jetzt hätte sprechen müssen, hätte sie nur unartikulierte Laute hervorbringen können. Wie durfte er es wagen, sie so zu behandeln!

 

Bradley hatte das Wartezimmer auch verlassen. Niemand, der seine undurchdringlichen Züge sah, konnte ahnen, wie trostlos und verzweifelt er sich fühlte.

 

Als er eben in den Gerichtssaal gehen wollte, nahm ihn Sergeant Simmonds beiseite.

 

»Der Doktor sagt, daß Smith ein Beruhigungsmittel haben muß, bevor er zur Verhandlung kommt.«

 

»Smith?« Bradley erschrak plötzlich, als er sich daran erinnerte, daß er noch einen anderen Fall zu erledigen hatte, der viel ernster war als der von Ann Perryman.

 

Vor einer Woche war bei der Beraubung eines Juwelierladens ein Angestellter ermordet worden. Der Mörder war zuerst entkommen, später aber doch verhaftet worden, Bradley wußte, daß der Mann ein Morphinist war, ein vollständig zerrütteter Mensch, der seinen Ruin der Tätigkeit Mark McGills zu verdanken hatte.

 

»Sie haben doch nicht etwa Smith vergessen?« fragte Simmonds lächelnd.

 

»Nein, natürlich nicht«, erwiderte Bradley langsam. »Braucht er wirklich ein Beruhigungsmittel? Wie lange kann er denn ohne eine Dosis aushalten?«

 

»Nicht länger als eine Stunde.«

 

Bradley nickte.

 

»Ich will dafür sorgen, daß sein Fall zuerst erledigt wird.«

 

Er wollte gerade fortfahren, als ihn Simmonds noch einmal zurückrief.

 

»Steen möchte Sie auch gerne sprechen. Er ist im Yard, aber sie haben ihn zu Ihnen geschickt.«

 

Bradley starrte seinen Untergebenen erstaunt an.

 

»Steen?« fragte er ungläubig. »Was ist denn da passiert?«

 

»Ich glaube, es ist gut, wenn Sie ihn sprechen. Er hat einen Brief vom Innenministerium.«

 

Bradley eilte zu dem kleinen Zimmer zurück, in dem er vorhin mit Ann gesprochen hatte. Dort wartete ein Mann auf ihn; er saß auf einem Stuhl und hatte seine unförmigen Hände auf die Knie gelegt. Er war schlank, eckig, sah etwas verlegen aus und trug einen schwarzen Anzug, der ihm zu groß war. Um den Hals hatte er ein Taschentuch geknotet. Als der Detektiv eintrat, erhob sich der Fremde und berührte die Stirn mit der Hand.

 

»Guten Morgen, Mr. Bradley. Man sagte mir, daß ich Sie hier finden würde.«

 

»Nun, was haben Sie denn für Sorgen, Steen?«

 

Der Mann machte eine geringschätzige Bewegung mit dem Kopf.

 

»Ich brauche polizeilichen Schutz. Sie wissen, daß ich vom Innenministerium komme. Es ist wegen dieses Libbitt … Man sagt, daß seine Freunde mich beiseite schaffen wollen – aber ich glaube, ich werde sie zuerst kriegen.«

 

Er kicherte über diesen etwas sonderbaren Scherz.

 

»Gehen Sie nur einstweilen in das Zimmer des Gefängnisaufsehers«, erwiderte Bradley. »Ich werde nachher mit Ihnen sprechen, wenn meine beiden Fälle erledigt sind.«

 

»Nur zwei heute morgen?« fragte Mr. Steen erstaunt.

 

»Ja, aber sehr wichtige.«

 

Er war schon im Gerichtssaal, als Sedeman hereingeführt wurde, der wie immer heiter und guter Dinge war und nichts von seiner großartigen Haltung eingebüßt hatte. Sedeman begrüßte den Richter wie einen alten Freund und stritt durchaus nicht ab, daß er sich in der vergangenen Nacht verschiedenes hatte zuschulden kommen lassen. Dann erwartete er mit aller Seelenruhe sein Urteil. Und selbst die drei Wochen, die er aufgebrummt bekam, machten ihm nichts aus.

 

Der Gerichtsschreiber und ein Rechtsanwalt unterhielten sich leise miteinander. Bradley erkannte in dem Juristen einen Freund und Bekannten McGills, und als das Wort »Smith« fiel, wurde er neugierig, was McGill mit der Sache zu tun hätte. Er hätte sich nicht träumen lassen, daß sich Mark in diesen Fall einmischen würde. Aber er erhielt bald Aufklärung. Gleich, nachdem Mr. Sedeman den Saal verlassen hatte, ging Mr. Durther zu seinem Tisch.

 

»Bevor Euer Ehrwürden den nächsten Fall behandeln«, redete er den Richter kühn an, »hoffe ich, daß mir ein Antrag gestattet wird. Er steht in einer gewissen Beziehung zu einem Fall, der später erledigt werden soll. Euer Ehrwürden werden sich daran erinnern, daß ich vor Jahresfrist den Antrag auf Herausgabe gewisser Schriftstücke stellte, die das Eigentum meines Klienten Mr. McGill sind. Die Schriftstücke befanden sich damals im Besitz des verstorbenen Elijah Yoseph, der in Lady’s Stairs wohnte.«

 

Was mochte Mark hiermit bezwecken? Warum wählte er gerade diesen Augenblick, um an das Verschwinden Li Yosephs zu erinnern?

 

Der Richter nickte.

 

»Ich kann mich darauf besinnen«, sagte er kurz.

 

»Die Polizei legte damals Beschlag auf das Haus, und ich glaube, sie will es noch bis zur offiziellen Todeserklärung von Elijah Yoseph beschlagnahmt halten. Wir haben damals ein Zeugnis beigebracht, und zwar von demselben Mr. Sedeman, der durch einen merkwürdigen Zufall gerade heute hier erschien.«

 

»Ich kann mich auch darauf besinnen. Der Zeuge sagte unter Eid aus, daß die Schriftstücke irrtümlicherweise in dem Hause Li Yosephs zurückgelassen wurden.«

 

»Sie waren ohne jede Bedeutung«, begann der Rechtsanwalt wieder, aber der Richter schüttelte den Kopf.

 

»Das stimmt wohl kaum. Die Dokumente erwiesen sich als Listen von Chemikalienhändlern auf dem Kontinent, und man vermutet, daß diese Leute Li Yoseph oder seine Vorgesetzten mit Rauschgiften belieferten. So war es doch, Mr. Bradley?«

 

»Ja, Euer Ehrwürden.«

 

»Wir können den Beweis erbringen, daß diese Listen sich auf ein vollständig gesetzmäßiges Geschäft mit Chemikalien bezogen«, warf der Rechtsanwalt ein.

 

Nun wußte Bradley Bescheid. Mark hatte irgendwie erfahren, daß die Polizei das Geheimfach in der Tür des Autos entdeckt hatte, und bereitete nun schon im voraus eine Verteidigung vor. Diese Schriftstücke, die er damals in der Mordnacht beschlagnahmt hatte, konnten natürlich die Behauptung des Rechtsanwaltes stützen.

 

»Das ist eine Sache, die nur die Polizei angeht«, entgegnete der Richter. »Wenn diese der Meinung ist, daß die Dokumente wichtig sind, werde ich nichts weiter unternehmen.«

 

Er sah Bradley an, der sich sofort von seinem Sitz erhob.

 

»Wir haben bis jetzt die Beweise noch nicht beibringen können, die wir brauchen«, sagte er schnell, »aber ich halte diese Papiere für äußerst wichtig und muß daher dem Antrag des Anwalts widersprechen.«

 

Der Richter nickte zustimmend.

 

»Gut, dann ist der Antrag abgelehnt.«

 

Mr. Durther war anscheinend auf einen solchen Entscheid gefaßt. Bradley erhob sich aufs neue.

 

»Ich möchte Euer Ehrwürden bitten, jetzt den Fall William Charles Smith zu verhandeln. Ich hatte früher gebeten, die Verhandlung erst für den Nachmittag anzusetzen, aber aus einem besonderen Grund möchte ich ihn jetzt erledigt wissen. Er wird nur einige Minuten in Anspruch nehmen.«

 

Der Richter stimmte zu, und aus der Gefängniszelle wurde ein bleicher, schmächtiger Mann hereingeführt. Zu seinen beiden Seiten hingen Detektive; seine Handgelenke waren mit Handschellen gefesselt. Der Polizeirichter sah das sofort.

 

»Ist es notwendig, daß dieser Mann gefesselt ist?« fragte er.

 

»Ja, Euer Ehrwürden«, erwiderte Bradley. »Er hatte uns sehr viel zu schaffen gemacht.«

 

Der Mann starrte ihn an und grinste höhnisch.

 

Die Anklage wurde verlesen. Sie lautete auf vorsätzlichen Mord: Smith hatte Harry Bendon mit einem Revolver in der Nacht vom dreizehnten zum vierzehnten April niedergeschossen.

 

»Hat der Angeklagte den vorgeschriebenen Verteidiger?« fragte der Richter.

 

Bradley schüttelte den Kopf.

 

»Nein, Euer Ehrwürden. Ich stelle heute nur den Antrag, den Haftbefehl auszusprechen, und bitte, Smith bis nächsten Freitag in Untersuchungshaft zu nehmen.«

 

Der Mann auf der Anklagebank lehnte sich weit nach vorn über das Geländer.

 

»Wenn ich Sie jemals in die Finger bekomme, Bradley, werde ich Ihnen das Genick umdrehen und das Herz ausreißen!« brüllte er.

 

Dann wurden seine Worte undeutlicher, und niemand konnte verstehen, was er noch sagte.

 

Die Verhandlung dauerte nicht lange, der Haftbefehl wurde ausgesprochen, und der Gefangene wieder aus dem Gerichtssaal geführt.

 

»Ist dieser Mann vom Gerichtsarzt untersucht worden? Sein Benehmen war sehr merkwürdig.«

 

»Soviel ich weiß, steht er unter ärztlicher Beobachtung«, sagte Bradley. »Er ist rauschgiftsüchtig. Daher kommen auch die Unannehmlichkeiten, die wir mit ihm hatten.«

 

Der Richter schüttelte traurig den Kopf.

 

»In letzter Zeit nimmt die Anzahl der verhafteten Verbrecher, die Morphinisten und Kokainisten sind, erschreckend zu. Woher bekommen die Leute nur die Rauschgifte? Früher blieb dieses Laster auf eine gewisse Klasse von Frauen und Männern beschränkt. Man hörte niemals, daß Leute von der sozialen Stellung Smiths unter dem Einfluß solcher Drogen standen.«

 

»Die Ware wird jetzt systematisch über das ganze Land verteilt«, erwiderte Bradley.

 

Sofort erhob sich Durther.

 

»Ich hoffe, daß dieser schreckliche Fall nicht dazu benutzt wird, um Euer Ehrwürden voreinzunehmen gegen den Fall Ann Perryman, der jetzt verhandelt werden soll.«

 

»Ich hatte nicht im mindesten die Absicht!« Bradley stieß diese Worte in fast feindlichem Ton hervor, aber der Rechtsanwalt ließ sich dadurch nicht aus der Fassung bringen.

 

»Die vorherige Erledigung des Falles Smith und die Erwähnung von Rauschgiften müssen eine ungünstige Atmosphäre schaffen. Ich weiß ja nicht, welche Anklage die Polizei gegen Miss Perryman erheben will …«

 

Jemand berührte ihn am Ellbogen, Mark McGill war in den Gerichtssaal gekommen und hatte sich an seiner Seite niedergelassen. Bradley hatte es auch bemerkt.

 

»Lassen Sie die Sache vorläufig auf sich beruhen«, flüsterte Mark Durther zu. Als sich dann der Richter und der Gerichtsschreiber und Bradley leise miteinander berieten, fragte er: »Was beabsichtigt Bradley?«

 

»Wenn Sie wirklich Kokain in dem Auto gefunden haben, dann wird er sicher eine Anklage wegen ungesetzmäßigen Besitzes gefährlicher Drogen gegen sie erheben.«

 

»Haben sie es denn gefunden?«

 

»Ich weiß bis jetzt nur, daß Bradley die Geheimfächer in den Autotüren durchsucht hat.«

 

Mark machte ein langes Gesicht.

 

»Welche Strafe wird sie denn bekommen?«

 

»Drei Monate – vielleicht auch sechs. Es war natürlich Kokain?«

 

Mark nickte. »Sie wußte es aber nicht.«

 

Durther lächelte ungläubig.

 

»Wollen Sie mir vielleicht erzählen, daß sie nicht wußte, was sie beförderte?«

 

»Sie ahnte nicht, daß sich etwas in dem Wagen befand.«

 

In diesem Augenblick brach der Richter seine Besprechung ab, und der Gerichtsschreiber rief: »Ann Mary Perryman!«

 

Ann trat in den Saal, grüßte Mark durch ein Kopfnicken und ließ sich lächelnd auf der Anklagebank nieder. Bradley hatte dieses Lächeln schon früher an Ronnie bemerkt. Mit demselben hochmütigen Gesichtsausdruck hatte sich Anns Bruder auf die Anklagebank gesetzt.

 

»Nun, Mr. Bradley?«

 

Ann Perryman hatte sich an ihn gewandt. Er wollte seinen Ohren kaum trauen.

 

»Sie haben mich ja nun dort, wo Sie mich haben wollten. Dies muß wirklich ein äußerst glücklicher Tag für Sie sein.«

 

»Sie haben nur mit mir zu sprechen«, wies sie der Richter zurecht.

 

Sie lachte verächtlich.

 

»Guten Morgen, Euer Ehrwürden. Ich glaube, ich darf hier wohl auch etwas sagen.«

 

Der Gerichtsschreiber schaute auf das Schriftstück, das vor ihm lag.

 

»Sie sind angeklagt, ein Auto in solchem Tempo gefahren zu haben, daß die öffentliche Sicherheit gefährdet wurde. Bekennen Sie sich schuldig oder nicht?«

 

Der Richter unterbrach ihn.

 

»Es war doch heute morgen die Rede davon, daß noch eine weitergehende Klage vorgebracht werden sollte? Warum wird sie nicht verlesen?«

 

Zu McGills größtem Erstaunen schüttelte Bradley den Kopf.

 

»Es wird keine weitere Klage erhoben, Euer Ehrwürden. Es ist nichts entdeckt worden, was sie rechtfertigen könnte.«

 

Ann war die erste, die sich von dieser Überraschung erholte.

 

»Sie wollen doch nicht etwa mir gegenüber gnädig sein? Das hasse ich!« rief sie laut.

 

Der Richter versuchte, sie zum Schweigen zu bringen, aber sie ließ sich nicht beruhigen. Sie war in einer merkwürdig gehobenen Stimmung und fühlte sich als Herrin der Lage. Sie wußte, daß Bradley nicht die Wahrheit sagte! Er log um ihretwillen, und seine falsche Aussage brachte ihn in ihre Macht – dieser Gedanke war beseligend. Sie hatte nur den einen brennenden Wunsch, ihn tödlich zu treffen, ihn zu ruinieren, wie er Ronnie ruiniert hatte.

 

Ann verlor jedes Bewußtsein für die Gefahr, in der sie selbst schwebte – sie vergaß Mark und die gefährliche Situation, in der er sich befand. Sie dachte nur noch daran, daß sich ihr Feind selbst in ihre Hände gegeben hatte.

 

»Mein guter Freund, Inspektor Bradley, ist jetzt plötzlich ängstlich darauf bedacht, mir zu helfen! Und dabei war er es doch, der mich in eine Gefängniszelle gebracht hat!«

 

Durther starrte sie erschrocken an und versuchte, sie zum Schweigen zu bringen.

 

»Miss Perryman, vielleicht dürfte es besser sein, wenn Sie …«

 

Aber sie brachte ihn durch eine Handbewegung zum Schweigen.

 

»Inspektor Bradley war stets sehr liebenswürdig zu mir!« In ihrer Erregung sprach sie immer lauter. »Ich weiß nicht, wie oft er mich schon bessern wollte. Wir haben uns ja häufig genug in Restaurants zum Essen getroffen. Ich habe sogar mit Ihnen getanzt, Inspektor – das stimmt doch? Er ist in mich vernarrt – er sagt, er würde alles für mich tun, was in seinen Kräften stände!«

 

Bradley stand bewegungslos; sein Gesicht glich einer Maske.

 

»Schweigen Sie jetzt!« rief der Richter. Aber auch er warnte sie vergeblich.

 

»Ich werde nicht schweigen!« brauste sie auf. »Wenn ein Mann mir nachläuft, mich an der Hand hält wie ein verliebter Narr und dann die erste Gelegenheit ergreift, um mich in eine unsaubere Zelle zu stecken, so darf ich mich doch dazu äußern – und das tue ich jetzt. Bradley hat mein Auto in der letzten Nacht durchsucht – er behauptet, er habe nichts gefunden! Aber da lügt er! Er hat zwölf Päckchen Sacharin gefunden …«

 

»Seien Sie doch ruhig!« jammerte Durther.

 

»Es war Sacharin, und ich habe es geschmuggelt! Er weiß auch, daß ich das tat. Aber trotzdem tritt er hier vor Gericht auf und lügt – dieser arme, haltlose Mensch! Er denkt wohl, ich falle ihm aus Dankbarkeit um den Hals, aber ich will seinen Vorgesetzten zeigen, was für ein Mensch er ist – ein Detektiv, der Schuldbeweise vernichtet, weil er in eine Frau verschossen ist!«

 

Ihre Stimme überschlug sich; sie stand atemlos da und war plötzlich verwirrt über die Wut, in die sie sich hineingeredet hatte.

 

»Wollen Sie jetzt endlich ruhig sein!« sagte der Richter zornig.

 

»Ich habe alles gesagt, was ich sagen wollte.«

 

Durther erhob sich und sah sie an.

 

»Sind Sie denn vollständig verrückt geworden?« fragte er. »Sehen Sie nicht, was Sie angerichtet haben?«

 

Der Richter legte sich nun ins Mittel.

 

»Ich weiß nicht, was all dieses Geschwätz zu bedeuten hat, und ich gebe nichts darauf. Es ist keine weitere Anklage gegen Sie erhoben. Erklären Sie sich für schuldig, daß Sie durch schnelles Fahren die öffentliche Sicherheit gefährdet haben?«

 

»Wir erklären uns für schuldig, Euer Ehrwürden«, erwiderte Durther, der sich schnell zu dem Richter gewandt hatte.

 

»Nun gut, Sie werden mit zwanzig Pfund bestraft und haben außerdem die Verhandlungskosten zu tragen. Ihr Führerschein wird für zwölf Monate eingezogen.«

 

Mark McGill atmete erleichtert auf; er hatte niemals geglaubt, daß die Verhandlung einen so glimpflichen Ausgang nehmen würde.

 

Ann hielt sich an dem Geländer der Anklagebank fest.

 

»Kann ich jetzt gehen und meinen Mantel holen?« fragte sie leise.

 

Die alte Wärterin winkte ihr. Ann reichte Mark die Hand, bevor sie in den Gang trat, der zu den Gefängniszellen führte.

 

»Warum, zum Teufel, hat sie das getan? Sie muß ihn fürchterlich hassen«, sagte Mark leise zu dem Rechtsanwalt, aber Mr. Durther war nicht in der Stimmung, die Sache weiterzudiskutieren.

 

»Kommen Sie mit und bezahlen Sie die Strafe«, erwiderte er nur.

 

Diese Verhandlung gegen Ann war der letzte Fall gewesen, der auf der Liste stand. Es war nahe an Mittag, und der Gerichtssaal leerte sich schnell. Nur der Richter ordnete noch seine Papiere auf dem Tisch. Er winkte Bradley zu sich heran.

 

»Das war ja ein ganz ungewöhnlicher Ausbruch!«

 

»Ja«, erwiderte der Detektiv teilnahmslos. Er war im Augenblick unfähig zu jedem Gedanken.

 

»Das war das erstemal in meiner langen Praxis, daß eine Gefangene den Detektiv anklagte, er wäre in sie verliebt.« Dem Richter schien die Sache Spaß zu machen. »Sie ist wirklich sehr hübsch«, meinte er mitfühlend. »Es war natürlich sehr unvernünftig und unklug von ihr, derartig gegen Sie aufzutreten – wirklich sonderbar!«

 

Bradley befand sich nun allein in dem verlassenen Saal. Er versuchte, seine Gedanken zu ordnen und sich zu fassen. Als sich die Tür öffnete und Ann zurückkam, stand er noch dort.

 

Sie erblickte ihn, blieb stehen und sah sich nach einem anderen Weg um. Aber sie mußte an ihm vorbeigehen.

 

»Ist dies der Ausgang?« fragte sie und vermied es, ihn anzuschauen.

 

»Ja, es ist einer der Ausgänge.«

 

Er lehnte mit dem Rücken an der Tür, die sie passieren mußte.

 

»Würden Sie mich bitte vorbeilassen?«

 

Sein vorwurfsvoller Blick traf sie.

 

»Ich hätte niemals gedacht, daß Sie so unglaublich gemein sein könnten«, sagte er ruhig.

 

»Kann ich jetzt gehen?«

 

»Bitte.« Er öffnete die Tür für sie. »Ich hoffe, Sie wissen, wohin dieser Weg führt!«

 

Ihr Widerwillen gegen ihn erwachte aufs neue.

 

»Nach unten – es ist der Weg, von dem Sie mich und auch Ronnie retten wollten«, erwiderte sie bitter.

 

Er nickte.

 

»Ronnies letzte Worte, die er zu mir sprach, waren: ›Gott sei Dank kennt meine Schwester diesen Mark McGill nicht!‹«

 

»Das ist wohl wieder eine neue Erfindung – etwa, wie die leeren Geheimfächer in meinem Wagen? Sie sollten eigentlich Romane schreiben!«

 

»Das war allerdings erfunden – ich habe die Päckchen beseitigt.«

 

»Sie edler Mensch!« erwiderte sie höhnisch. »Ich hoffe nur, daß Sie jetzt Ihre Stelle verlieren!«

 

»Das glaube ich kaum«, sagte er mit einem Lächeln. »Selbst wenn meine Vorgesetzten wüßten, daß ich Kokain in dem Wagen fand …«

 

»Das ist eine unverschämte Lüge – es war kein Kokain!«

 

»Sie haben sich in einen nichtswürdigen Handel eingelassen.«

 

Bradleys Stimme klang ernst und streng. »Heute wurde ein Mann in diesen Gerichtssaal gebracht, der unter der Anklage des Mordes stand. Er ist Morphinist – eins der Opfer von McGill! Wahrscheinlich haben Sie dafür gesorgt, daß er das Rauschgift bekam.«

 

»Sie sind ein niederträchtiger Lügner!« rief sie erregt. »Ich habe niemandem Rauschgifte gebracht! Ich tue dasselbe, was Ronnie tat!«

 

»Ja, da haben Sie recht – auch er verteilte Rauschgifte, die Li Yoseph und McGill an Land schmuggelten.«

 

»Sie machen nicht einmal vor den Toten halt mit Ihren Verleumdungen«, sagte sie schroff. »Nicht einmal vor dem Mann, den Sie ermordet haben.«

 

»Wie töricht Sie doch sind«, entgegnete er traurig. »Sie haben heute versucht, mich zu ruinieren – die Zeitungen werden voll sein von Ihren Anklagen. ›Ein Detektiv, der seine Gefangene liebt‹ – das ist die Sensation, die Sie sich gewünscht haben!«

 

Sie sah ihn mit flammenden Blicken an.

 

»Ich habe nicht gesagt, daß Sie mich lieben. Ich habe gesagt, daß Sie in mich vernarrt sind, und diesen Zustand verwechselt man in Ihren Kreisen wohl mit Liebe. Ich hasse Sie, und ich hasse Ihren Beruf. Sie leben von dem Elend und dem Kummer armer Männer und Frauen. Sie steigen dadurch zu Rang und Ehren auf, daß Sie Herzen brechen und das Leben Ihrer Mitmenschen ruinieren!«

 

Sie sah, daß Bradley lächelte, und wurde noch gereizter.

 

»Sie können noch darüber lachen?!«

 

»Verlassen Sie jetzt den Gerichtssaal«, sagte er. »Draußen steht ein Polizist, der auch für Sie den Verkehr regelt, damit Sie wohlbehalten über die Straße gehen können. Detektive wachen darüber, daß Ihre Handtasche nicht gestohlen wird. Und wenn nicht Leute meines Berufes da wären, so würden bald andere Männer kommen und Sie wegen einer Zehnpfundnote umbringen.«

 

»Wie großartig!«

 

Er kümmerte sich nicht um ihre höhnische Bemerkung.

 

»Gehen Sie nun hin und üben Sie Ihren Beruf aus! Sie ziehen dadurch Männer und Frauen in Schmutz und Elend hinunter. Sie bringen sie vor die Schranken des Gerichts – und an den Galgen. Ein gemeiner Beruf, ob Sie ihn kennen oder nicht. Ich liebe Sie, wie nur ein Mann eine Frau lieben kann, aber ich habe Ihnen eine letzte Chance gegeben.«

 

In diesem Augenblick trat McGill ein.

 

»Ronnie ging seinen Weg und starb«, fuhr Bradley fort. »Sie werden einen noch schlimmeren gehen – wenn Sie ihn nicht schon gegangen sind!«

 

Das wollte er eigentlich nicht sagen, aber die Worte waren ihm entschlüpft, bevor er an sich halten konnte.

 

In der nächsten Sekunde schlug ihm Ann ins Gesicht, dann starrte sie ihn an, entsetzt über ihre Tat.

 

»Es tut mir leid, das hätte ich nicht sagen sollen.«

 

McGill machte jetzt einen groben Fehler.

 

»Sie verfluchter Kerl! Was sollte denn das heißen, Bradley?«

 

Der Inspektor sah ihn mit zusammengekniffenen Augen an.

 

»Sie haben gesehen, daß sie mich geschlagen hat«, erwiderte er langsam. »Ich gebe den Schlag jetzt weiter!«

 

Seine Faust fuhr dem anderen blitzschnell ins Gesicht. Im nächsten Augenblick lag Mark auf dem Boden.

 

Mit Mühe erhob er sich wieder, sein Gesicht war wutverzerrt.

 

»Bei Gott, dafür sollen Sie Ihre Uniform verlieren!« stieß er atemlos hervor. Einen Moment dachte er, der Detektiv würde sich wieder auf ihn stürzen, aber Bradley rührte sich nicht.

 

»Das ist nichts im Vergleich zu dem, was Ihnen noch bevorsteht. Ich werde Sie schon fassen, McGill – bevor Sie Miss Perryman auf Abwege gebracht haben!«

 

»Mich fassen? Sie glauben wohl, Sie können mich einschüchtern? Ich fürchte mich weder vor Ihnen noch vor Scotland Yard noch vor dem besten Richter, der jemals eine Gerichtssitzung leitete.«

 

Bradley sah, daß Steen eintrat und zeigte auf die Gestalt in dem schwarzen Anzug.

 

»Dort steht noch jemand, den Sie nicht erwähnt haben, er hat heute um polizeilichen Schutz gebeten, weil er ein unbeliebtes Gewerbe ausübt – es ist Steen!«

 

In Marks Zügen spiegelten sich Schrecken und Furcht wider.

 

»Steen!«

 

»Ja, Steen – der Henker!« sagte Bradley. »Begrüßen Sie ihn nur, Sie werden ihm wieder begegnen!«

 

Kapitel 11

 

Kapitel 11

 

McGill und Ann Perryman fuhren schweigend nach Hause. Ann sah bleich aus und sprach während der Fahrt kein Wort, obgleich Mark verschiedene Versuche machte, ein Gespräch mit ihr zu beginnen. Aber er war klug genug, sie in Ruhe zu lassen, als er sah, daß sie nicht über die Ereignisse des Morgens mit ihm sprechen wollte.

 

»Kommen Sie zu mir herein und frühstücken Sie etwas«, schlug er vor. »Sie sind doch sicher sehr hungrig.«

 

Er erwartete eine Absage, denn Ann hatte schon vorher die Absicht geäußert, in ihre Wohnung zu gehen. Aber zu seinem größten Erstaunen nahm sie die Einladung an. Sie war jetzt ganz teilnahmslos und apathisch; all die feurige Erregung, die sie vor Gericht gezeigt hatte, das Selbstbewußtsein, das er ebenso bewunderte wie fürchtete, schienen einer anderen Frau zu gehören.

 

Er wollte klingeln, aber sie hielt ihn davon ab.

 

»Bestellen Sie kein Frühstück für mich, Mark. Ich will nur eine Tasse Tee trinken, das genügt vollkommen. Dann werde ich mich ausschlafen.«

 

»Arme, tapfere Ann! Dieser Bradley ist aber auch ein niederträchtiger Kerl!«

 

Sie zuckte die Schultern und seufzte.

 

»Ein niederträchtiger Kerl!« wiederholte sie gleichgültig.

 

»Aber Sie haben ihn so gut getroffen, wie niemand ihn treffen konnte«, sagte Mark mit Genugtuung. »Ganz London wird sich über ihn lustig machen und ihn auslachen – es ist nur schade, daß keine Zeitungsreporter zugegen waren, die Sie gesehen haben …«

 

»Sagen Sie das bitte nicht.« Ihre Stimme klang rauh und heiser. »Ich bin nicht sehr stolz auf mich selbst.«

 

»Sie sollten es aber sein«, erwiderte er mit erheuchelter Herzlichkeit. »Wenn jemals ein Mann es verdiente …«

 

»Er hat es nicht verdient. Er hat seine Pflicht getan. Es macht mich ganz krank, wenn ich daran denke.«

 

»Das ist nur die Reaktion«, entgegnete Mark freundlich. »Sie mußte ja kommen. Aber Bradley hat seinen Teil.«

 

Sie hatte sich in eine Ecke des Sofas gesetzt und schaute ihn nachdenklich an.

 

»Und das war der Henker – dieser schreckliche Mann in Schwarz?«

 

Er zuckte bei dieser Frage zusammen.

 

»Ja, das war Steen. Er sieht ganz so aus, wie man ihn sich vorstellt. Ich hatte ihn natürlich noch nie gesehen. Man geht doch solchen Unglücksraben gern aus dem Weg.«

 

»Er hat großen Eindruck auf mich gemacht. Es lag etwas Trauriges in seinem Gesicht und etwas merkwürdig Ehrenhaftes.«

 

Mark sah sie groß an.

 

»Ach, ich möchte nichts mehr sagen – ich wünschte nur, ich hätte es nicht getan – wirklich, ich wünschte es!«

 

Er klopfte ihr begütigend auf die Schulter.

 

»Meine liebe Ann, Sie sind sehr tapfer gewesen. Die Abendzeitungen werden eingehend darüber berichten. ›Aufsehenerregende Szene vor Gericht‹ – ich bin schon gespannt, alle die Artikel zu lesen. Ich werde Ihnen die Zeitungen in Ihre Wohnung schicken, wenn sie kommen.«

 

Sie stand plötzlich auf.

 

»Nein, ich will sie nicht sehen – ich will überhaupt nicht an diese Geschichte erinnert werden! Er wollte mir doch helfen.«

 

Sie sah Mark lang und ernst an.

 

»Warum bestand er nur dauernd darauf, daß es Kokain und nicht Sacharin war?«

 

»Weil er ein geborener Lügner ist«, erwiderte Mark schnell. »Er möchte vorgeben, daß er Ihnen einen noch größeren Dienst geleistet hat, als es in Wirklichkeit der Fall war. Sehen Sie denn das nicht ein?«

 

Ann antwortete nicht.

 

»Es war prachtvoll, wie Sie ihm vor Gericht seine Schwäche vorhielten. Sie haben mir früher nie etwas davon erzählt, daß Sie ihn ganz in der Hand hatten. Ich wußte nur, daß Sie öfters mit ihm zusammentrafen, daß er Sie ab und zu zum Essen einlud und daß Sie ein- oder zweimal mit ihm getanzt haben. Aber ich hatte nicht die geringste Ahnung, daß er wirklich in Sie verliebt war. Wenn ich das gewußt hätte …«

 

»Wenn Sie es gewußt hätten?«

 

Mark lächelte.

 

»Nun, dann hätte ich ihm meine Meinung gesagt.«

 

»Warum denn?«

 

Die Frage kam ihm überraschend.

 

»Warum?« fragte er etwas verlegen. »Ich würde natürlich nicht erlauben …«

 

»Haben Sie plötzlich elterliche Gewalt über mich? Fühlen Sie sich für mein Tun und Lassen oder gar für meine Moral verantwortlich?«

 

McGill sah ein, daß es gefährlich war, dieses Gespräch weiterzuführen.

 

»Wir versteigen uns zu sehr in unfruchtbare Erörterungen – auf jeden Fall ist Bradley vollkommen erledigt.«

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

»Ich weiß zwar nicht viel über die Verhältnisse bei der Polizei, aber ich bin sicher, daß sich seine Vorgesetzten nicht um meine Reden kümmern werden. Es gibt doch kaum eine Verhandlung vor Gericht, bei der ein Angeklagter nicht wenigstens den Versuch macht, den Detektiv irgendwie anzugreifen, der ihn überführt hat. Im allgemeinen hört man nicht darauf, und auch meine Angriffe gegen Bradley werden so beurteilt werden – wenigstens hoffe ich das.«

 

»Wie – Sie hoffen das sogar noch?« fragte er atemlos.

 

»Ja, ich hoffe es. Ich war ja so gemein und niederträchtig gegen ihn – ich wünschte, ich könnte es ungeschehen machen.«

 

Mark lachte vor sich hin.

 

»Ann, Sie haben sich doch nicht etwa selbst in ihn verliebt?«

 

In diesem Augenblick wurde der Tee hereingebracht, und Ann war einer Antwort enthoben. Als sie eine Tasse getrunken hatte, nahm sie ihre Tasche und ihren Mantel.

 

»Ich werde jetzt hinübergehen.« In der Tür drehte sie sich noch einmal um und blieb nachdenklich stehen. »Warum hat er nur so hartnäckig behauptet, daß es Kokain war – sowohl bei mir als auch bei Ronnie? Es wäre entsetzlich, wenn das wahr wäre.«

 

Mark hielt es für gut, den Entrüsteten zu spielen.

 

»Glauben Sie wirklich, daß ich etwas so Schreckliches tun würde? Es war bestimmt kein Kokain! Sie haben den Stoff doch selbst gesehen – Sie haben ihn geschmeckt! Guter Gott, was ist denn nur in Sie gefahren? Wenn das so weitergeht, werden Sie mir nächstens nicht mehr trauen.«

 

Das war eine ungeschickte Herausforderung, denn als sich ihre Blicke jetzt trafen, wurde es ihm zur Gewißheit, daß sie bereits an ihm zweifelte.

 

Kapitel 12

 

Kapitel 12

 

Manchmal lud Mr. Tiser einige bevorzugte Bewohner des Versorgungsheims in sein Privatzimmer ein, das ihm zu gleicher Zeit auch als Schlafzimmer diente. Der Raum lag im Erdgeschoß und war nach dem Flur zu durch eine Doppeltür abgeschlossen. Tiser erzählte allen, daß er diese gepolsterte Tür habe anbringen lassen, um durch den Lärm im Haus nicht gestört zu werden; aber diese Erklärung wirkte etwas sonderbar, da das einzige große Fenster des Zimmers auf eine verkehrsreiche, geräuschvolle Straße führte. In Wirklichkeit war die Polstertür nur ein Schutz gegen die Horcher von außen.

 

Von Zeit zu Zeit verhandelte Mr. Tiser wichtige Dinge in seinem Zimmer, die sowohl ihn als auch die Verbrecher angingen, die eine Unterkunft in dem Heim gefunden hatten. An diesem Abend hatte er drei der Polizei wohlbekannte Männer zu sich bestellt.

 

Harry, der Schläger, gehörte zu ihnen. Niemand wußte, woher er diesen Beinamen bekommen hatte. Ein anderer war Lew Patho. Sie saßen mit dem nicht weniger gefährlichen dritten um einen Kartentisch und tranken Whisky, für den sie nicht zu zahlen brauchten.

 

»Es tut mir nur leid für euch«, sagte Tiser gerade. »Ihr armen Kerle, die ihr von der Polizei überall herumgejagt werdet und niemals eine Chance habt hochzukommen, bloß weil ihr nun einmal unglücklicherweise eure Vorstrafen habt! Und dabei wurdet ihr doch auf falsche Zeugenaussagen hin verhaftet und eingesteckt.«

 

Die drei sahen sich zustimmend an.

 

»Ich will ja im allgemeinen nichts gegen die Polizei sagen«, fuhr Tiser fort. »Es sind ganz ehrbare Leute darunter. Ich will auch nichts gegen Mr. Bradley sagen, der ein ganz gutes Herz haben mag. Aber was er sich heute erlaubte, war doch etwas zuviel.«

 

Er machte eine längere Pause, um den Leuten Gelegenheit zu geben, ihn zu fragen. Aber keiner von ihnen sagte ein Wort.

 

»Also, nun hört mal, was er gesagt hat. ›Ich wundere mich nur, Mr. Tiser‹ – er nennt mich nämlich immer Mr., das ist anständig von ihm –, ›warum Sie so schlechte Kerle wie Meuchelmörder‹ denkt euch mal, so ein gemeines Wort hat er gebraucht – ›in Ihrem Heim beherbergen. Zum Beispiel diesen Lew Patho und diesen Harry und den gemeinen Menschen mit dem unverschämten, roten Gesicht, der erst neulich drei Monate gesessen hat, weil er seine Frau so verprügelt hat!‹«

 

Der »Mann mit dem roten Gesicht« rutschte unruhig hin und her.

 

»Wenn der mir etwas sagen will…« begann er heiser.

 

Aber Tiser winkte ihm ab.

 

»Ich kann mir nicht helfen, ich habe immer das Gefühl, ja sogar die Überzeugung, daß dieser Bradley nicht eher ruht, als bis er euch alle wieder hinter Schloß und Riegel hat. Es ist wirklich schlimm, daß sich ein solcher Beamter so gehässig zeigen kann. Ich hielt es für meine Pflicht, euch zu warnen.«

 

Tiser lehnte sich in seinen Stuhl zurück. Harry, der Schläger, runzelte düster die Stirn.

 

»Er wird seine Ladung schon in den nächsten Tagen bekommen.«

 

»Ja, das fürchte ich auch«, meinte Tiser kopfschüttelnd. »Seht mal, ich kenne seine Gewohnheiten ganz genau. Ich weiß, wo er wohnt und wann er nach Hause geht. Schon oft habe ich mir gedacht, wie dumm es von dem Mann ist, der doch so viele Feinde hat, daß er nachts um ein Uhr allein über Bryanston Square geht. Dort ist doch um diese Zeit keine Menschenseele. Ich muß sagen, er fordert sein Schicksal heraus!«

 

Er erhielt keine Antwort: Die drei Männer starrten in ihre Gläser.

 

»Ich will durchaus nicht behaupten, daß es schön wäre, wenn sich jemand an diesem schlauen und rührigen Polizeibeamten vergriffe – aber verstehen könnte ich es schon.«

 

Er erhob sich und brachte eine neue Flasche von der Kredenz.

 

»Nun, meine Jungen, jetzt werde ich euch einmal das Radio anstellen. Ein unbekannter Wohltäter hat dem Versorgungsheim einen Apparat geschenkt. Gestern ist er gebracht worden.«

 

Als sie eine Weile der Musik gelauscht hatten, wandte sich der Mann mit dem roten Gesicht an die anderen. Vielleicht hatte ihn die Musik zu diesem Plan inspiriert.

 

»Wie wäre es, wenn wir heute auf Bradley warteten? Der Kerl wird zu üppig.«

 

»Pst, pst!« Mr. Tiser lächelte und winkte beschwichtigend mit der Hand. Dann hielt er sich die Ohren zu. »So etwas darf ich nicht hören, das wißt ihr doch!«

 

*

 

Inspektor Bradley machte sich um drei Viertel eins in derselben Nacht auf den Heimweg. Der Mann mit dem roten Gesicht folgte ihm in einer gewissen Entfernung. Alles, was Tiser gesagt hatte, schien genau zu stimmen. Der Detektiv nahm kein Taxi, auch stieg er nicht auf einen Nachtautobus, obwohl sich dicht vor dem Haus eine Haltestelle befand. Mit der Zeit wurde der Abstand zwischen den beiden Männern immer geringer, und als Bradley nach Bryanston Square einbog, war ihm sein Verfolger dicht auf den Fersen. Hier tauchten auch dessen beide Freunde aus der Dunkelheit auf und schlossen sich ihm an. Ihre Schritte waren nicht zu hören, denn Mr. Tiser hatte ihnen vorsorglich vor einigen Tagen Gummischuhe geschenkt. Seine Menschenfreundlichkeit war grenzenlos.

 

Als Bradley auf dem verlassenen Gehsteig entlangging, wollten sich die drei Verbrecher auf ihre Beute stürzen. Sie waren nur noch fünf Schritte von dem Detektiv entfernt, als sich dieser plötzlich umwandte.

 

»Hände hoch – schnell!« befahl er kurz. »Fortlaufen hat keinen Zweck! Das ist nur Kraftvergeudung.«

 

Noch während er sprach, erschienen plötzlich zwei Polizeiautos, und zwar von entgegengesetzten Seiten. Sie hielten in einer Entfernung von zwanzig Metern, und mehrere Beamte sprangen ab.

 

Schnell waren die drei durchsucht.

 

Als die Leute in ein Polizeiauto gebracht worden waren, trat Bradley an den Wagen heran.

 

»Wenn ich Tiser wiedersehe, werde ich ihm sagen, daß ihr seinen Vorschlag genau ausgeführt habt. Es wäre besser gewesen, wenn ihr euch das Radioprogramm zu Ende angehört hättet. Nachher gab es nämlich noch einen interessanten Vortrag über Gefängnisse. Allerdings hätte der Redner euch ja nicht viel Neues erzählen können.«

 

Befriedigt von dem Erfolg ging Bradley nach Hause.

 

Mr. Tiser folgte in dieser Nacht einem unwiderstehlichen Drang und untersuchte den kleinen Lautsprecher; ein geschickter Mechaniker, der in dem Heim wohnte, half ihm dabei. Auf diese Weise erfuhr er, daß der Apparat mit einem Draht in Verbindung stand, der nicht zur Antenne, sondern zu dem Telefonmast auf dem Dach führte. Tiser wurde aschgrau im Gesicht, als er an all die gefährlichen Unterhaltungen dachte, die seit der Anbringung des »Radios« in seinem Zimmer geführt worden waren. Schließlich entdeckten sie im Gehäuse ein äußerst empfindliches Mikrophon – alle Gespräche waren abgehört worden!

 

*

 

Eine Woche verging, aber Ann konnte sich zu keiner Tätigkeit aufraffen. Sie saß zu Hause und dachte nach. Aber sie kam zu keiner Klarheit, ihre Gedanken verwirrten sich nur noch mehr.

 

Die Entziehung des Führerscheins beraubte sie ihres größten Vergnügens, denn die Autofahrten hatten ihr viel Zerstreuung geboten. Aber obwohl sie darauf verzichten mußte, lebte ihr Haß gegen Bradley nicht wieder auf.

 

Einmal sah sie ihn, als sie im Park spazierenging. Er fuhr in einem kleinen Auto hinter einem Mannschaftswagen der Polizei her. Was mochte wohl das Ziel dieser Fahrt sein? Wen würde das Geschick ereilen?

 

Auch in der Zeitung las sie ab und zu von ihm; einmal trat er als Zeuge gegen einen Autodieb, ein andermal gegen eine Bande von Taschendieben auf.

 

Mark versuchte, sie zu zerstreuen, und nahm sie eines Abends zu dem Versorgungsheim mit; aber es war kein angenehmes Erlebnis für sie. Mark erzählte ihr von Sedeman und zeigte ihr sein Zimmer.

 

»Wir können den alten Kerl nicht gut vor die Tür setzen, deshalb haben wir sein Zimmer nicht wieder belegt«, erklärte er. »Augenblicklich wohnen verhältnismäßig wenig Leute im Haus.«

 

»Haben Sie denn die anderen alle schon gebessert?«

 

Er glaubte, einen sarkastischen Unterton aus ihrer Frage herauszuhören, und war etwas bestürzt darüber.

 

»Wir machen nicht den Versuch, sie zu bekehren – das hätte wenig Zweck. Wir wollen ihnen nur Arbeit verschaffen und sie zu einem geordneten Leben zurückführen, wenn sie aus dem Gefängnis kommen«, sagte Mark auf der Heimfahrt.

 

»Welche Art von Arbeit verschaffen Sie ihnen denn?«

 

Wieder fühlte er ihr Mißtrauen aus dieser Frage.

 

Über Schmuggel sprachen sie nicht mehr. Mark hatte sich jene böse Erfahrung als Warnung dienen lassen. Weder in seiner Garage noch in seinem Haus bewahrte er irgendwelche Ware auf, die seine gesetzwidrige Tätigkeit hätte verraten können. Selbst Anns Auto hatte er in einer weiter entfernten Garage in der Nähe der Edgware Road untergebracht.

 

Aber drei Wochen nach der gerichtlichen Verhandlung sollte Mark noch einen viel größeren Schrecken bekommen.

 

Kapitel 13

 

Kapitel 13

 

Mark McGill ging in seinem großen Wohnzimmer auf und ab und blieb zuweilen stehen, um auf den düsteren Platz hinunterzuschauen. Auf dem Tisch lagen viele Zeitungsausschnitte verstreut, die ihm eine Nachrichtenagentur gesandt hatte. Sie bezogen sich auf die Gerichtsverhandlung gegen Ann.

 

Durch Tisers Ankunft wurde er in seinen Betrachtungen unterbrochen. Im Versorgungsheim ging nicht alles nach Wunsch. In kurzer Zeit hatte die Polizei zweimal das Haus durchsucht; einer der Insassen war verhaftet und zu neun Monaten Gefängnis verurteilt worden. Auch war die Polizei in der Provinz in letzter Zeit sehr tätig gewesen, und Marks Einkommen hatte sich dadurch beträchtlich verringert. Er besaß zwar ein ansehnliches Vermögen, das er durch seinen illegalen Handel zusammengebracht hatte, aber seine Ausgaben und Spesen waren auch sehr groß. Außerdem bereitete ihm die Einziehung von Anns Führerschein Schwierigkeiten, mit denen er nicht gerechnet hatte.

 

Er wandte sich unfreundlich und brummend um, als Tiser ins Zimmer trat, ging dann zur Tür und schloß sie. Tiser sah ihn furchtsam an. Das Zucken seines Gesichtes und die nervösen Bewegungen seiner Hände verrieten Mark, daß etwas Besonderes vorgefallen sein mußte.

 

»Nun, was ist denn mit dir los?« fuhr Mark ihn an. »Laß dich um Gottes willen in diesem Zustand nicht vor Ann Perryman sehen!«

 

»Vor Ann?« Tiser hob seine zitternde Hand. Er versuchte zu lächeln, aber sein Gesicht verzog sich nur zu einer greulichen Grimasse. »Ist dir an Ann nichts aufgefallen in der letzten Zeit? Sie spricht kaum mit mir, und sieht mich überhaupt nicht mehr an. Hat sie etwas gegen mich?«

 

»Sie hat noch nie viel mit dir gesprochen«, brummte Mark. »Ich verstehe nicht, daß ein Mädchen oder eine Frau, die nur ein bißchen Selbstachtung besitzt, mit dir überhaupt reden mag. Aber jetzt will ich wissen, was mit dir los ist!«

 

»Ich mache mir schwere Sorgen um sie, Mark«, sagte Tiser leise. »Sie war so ruhig. Denke doch, als wir gestern zusammensaßen, hat sie nicht ein Wort gesagt.«

 

»Das zeigt nur, daß sie vernünftig ist. Was hätte sie denn auch mit dir reden sollen?« fragte Mark ungeduldig. Er wollte seine eigene Unruhe verbergen, denn auch ihm war der Wandel an Anns Wesen aufgefallen.

 

»Ich habe einen dieser Leute von Lady’s Stairs gesprochen«, sagte Tiser eindringlich. »Der hat mir etwas erzählt, was mich sehr beunruhigt, Mark. Wenn ich es früher gewußt hätte, wäre ich vor Furcht gestorben.«

 

»Was denn? Wenn du dich fürchtest, ist noch lange nicht gesagt, daß man die Sache ernst nehmen muß.«

 

»Sie haben die ganze Zeit nach Li gesucht«, fuhr Tiser in heiserem Flüsterton fort. »Wir dachten damals, sie hätten die Nachforschungen aufgegeben, aber das stimmt nicht. Jeden Tag haben sie sich in der Gegend von Lady’s Stairs zu schaffen gemacht. Der Kerl hat mir gesagt, daß sie vor vierzehn Tagen einen Taucher hinuntergelassen haben. Der sollte unter dem Haus alles absuchen. Niemand hat etwas davon erfahren, sie haben es nachts gemacht. Aber der Mann hat mit eigenen Augen gesehen, wie sie den Taucher hinabgelassen haben.«

 

Mark schwieg. Diese Nachricht hatte ihn doch überrascht.

 

»Sie haben aber wohl nichts gefunden. Mein Mann kam nahe genug an die Beamten heran, daß er ihre Unterhaltung hören konnte. Sie haben die Nachforschungen jetzt endgültig aufgegeben.«

 

Mark strich sich mit der Hand über sein Kinn.

 

»Das hätten sie gleich tun können. Aller Wahrscheinlichkeit nach ist Li mit der Flut in den Fluß gekommen und ins Meer gespült worden.«

 

Aber Tiser war nicht davon überzeugt.

 

»Das wollen wir hoffen. Es wäre doch zu schrecklich, wenn er mit dem Leben davongekommen wäre und nun aus Rache uns bei der Polizei anzeigte. Erinnerst du dich daran, was er damals sagte?« Tiser schüttelte sich vor Furcht und sah sich ängstlich im Zimmer um. »Kurz bevor du ihn niederknalltest, Mark? Er sagte, er würde wiederkommen, du könntest ihn nicht töten. Ich habe ihn das auch schon früher sagen hören. Und dann denke doch einmal an die Geister, die er immer sah, an die kleinen Kinder … und Ronnie …«

 

McGill schaute ihn unwirsch an.

 

»Was, zum Teufel, ist denn in dich gefahren, Tiser? Bist du nicht mehr ganz richtig im Kopf oder hast du Koks genommen?«

 

»Nein, nein!« Tiser schüttelte energisch den Kopf, aber seine Stimme klang nur noch wie ein Winseln. »Ich möchte nur wissen – ob du glaubst, daß Geister auf die Erde zurückkommen können?«

 

»Du bist betrunken«, sagte Mark schroff.

 

»Nein, das bin ich nicht!« Tiser faßte ihn ängstlich am Arm. »Höre doch, vergangene Nacht, als ich im Bett lag … ich hatte nur ein oder zwei Glas getrunken …«

 

Mark ging zum Schrank, schenkte ein Glas Whisky ein und drückte es Tiser in die Hand.

 

»Trink einmal, damit du dich beruhigst, du feige Memme! Dann erzählst du mir, was du zu sagen hast. Wenn ich soviel Morphium und Koks schnupfte wie du, dann würde ich auch Gespenster sehen!«

 

Tiser goß das scharfe Getränk hinunter. Dann wurde er etwas ruhiger und erzählte seine Geschichte. Am Abend vorher war er früher als gewöhnlich zu Bett gegangen. Er gab wohl zu, daß er etwas getrunken habe, aber er protestierte heftig dagegen, daß es zuviel gewesen sei. Mehrere Male wachte er auf, und beim drittenmal kam ihm plötzlich zum Bewußtsein, daß er nicht allein im Zimmer war. Das Mondlicht fiel hell durch das Fenster.

 

»Er war da, Mark!« Tisers Stimme klang kläglich und weinerlich, seine Zähne klapperten, und er konnte kaum sprechen. »Er saß in einem Stuhl, hatte die Hände auf die Knie gelegt und sah mich an!«

 

»Wer denn, wer?«

 

»Li Yoseph! Er hatte den schmutzigen, alten Kaftan an und trug seine Pelzkappe. Ich sehe noch jetzt sein gelbes Gesicht! Ach Gott, es war zu schrecklich!«

 

Er bedeckte das Gesicht mit den Händen, als ob er dadurch die entsetzliche Erinnerung verscheuchen könnte.

 

»Du lagst doch im Bett, nicht wahr? Und dann bist du aufgestanden und hast gesehen, daß du geträumt hast!« suggerierte ihm Mark.

 

Aber Tiser schüttelte den Kopf.

 

»Nein, ich habe nicht geträumt. Er war wirklich da, er saß auf dem Stuhl und sah mich an. Zuerst hatte er nichts gesagt – aber dann sprach er wieder zu den Geistern und streichelte die kleinen Kinder. Was nachher geschah, weiß ich nicht mehr, ich habe wohl die Besinnung verloren. Als ich wieder zu mir kam, hatte ich ein fürchterliches Gefühl. Es war schon hell, und bald darauf ging die Sonne auf …«

 

»Und er war nicht in deinem Zimmer!« fuhr ihn Mark an. »Ich glaube, du mußt dir eine andere Whisky-Marke aussuchen.«

 

»Ich habe ihn aber ganz bestimmt gesehen«, beharrte Tiser kläglich. »Glaubst du denn, ich könnte mich täuschen?«

 

»Entweder faselst du mir etwas vor, oder du warst besoffen!« erwiderte Mark verächtlich. »Warum sollte denn Li Yoseph ausgerechnet zu dir kommen? Er müßte doch wohl bei mir erscheinen! Das hätte noch eher Sinn und Verstand! Entweder hast du Gespenster gesehen, oder einer dieser Verbrecher aus der Herberge hat deinem Zimmer einen Besuch abgestattet, um zu sehen, ob er dort nicht etwas finden könnte.«

 

»Die Tür war aber verschlossen«, unterbrach ihn Tiser.

 

»Kann man denn nicht durch das Fenster einsteigen? Es ist doch für einen erfahrenen Einbrecher die leichteste Sache von der Welt, in dein Zimmer zu kommen. Nein, durch dein Gefasel lasse ich mich nicht einschüchtern. Li Yoseph ist tot, er kommt nicht wieder. Hörst du, was ich dir sage? Du hast ihn weder gesehen noch gehört. Es war alles nur ein böser Traum …«

 

Plötzlich sprang Tiser auf und starrte Mark entsetzt an.

 

»Hör doch«, flüsterte er atemlos. »Mark! Kannst du es hören?«

 

McGill wollte ihm eben eine grobe Antwort geben, als auch er den Klang vernahm, der von der Straße kommen mußte. Es war der leise, singende Ton einer Violine, auf der jemand die Melodie von Tostis »Chanson d’Adieu« spielte. Mit einem unterdrückten Fluch eilte Mark zur Balkontür, zog die Vorhänge auf und trat hinaus.

 

Aber es war niemand auf dem Gehsteig vor dem Haus zu sehen, auch war nichts zu hören.

 

Er ging ins Zimmer zurück und schloß die Tür. Im selben Augenblick vernahm er auch die Melodie wieder. Jetzt schien sie von der Wand her zu kommen.

 

Dann brach das Spiel plötzlich ab.

 

Es klopfte, und Mark öffnete. Ann Perryman kam herein.

 

»Haben Sie die Violine gehört?« fragte sie.

 

»Ja. Treten Sie bitte näher.«

 

»Ich saß in meinem Schlafzimmer und nähte« – sie zeigte auf die Wand –, »als ich plötzlich das Spiel hörte. War es nicht die Melodie, die Li Yoseph liebte?«

 

Tiser blinzelte und schwätzte wie ein Verrückter.

 

»Sie haben es gehört?« wimmerte er. »Das war Li Yoseph. Niemand spielte die Melodie so wie er … Er hat niemals den richtigen Takt gehalten … Mark, ich will schwören, daß es Li ist! Bestimmt war er in meinem Schlafzimmer!«

 

McGill packte ihn an der Schulter und schleuderte ihn auf das Sofa.

 

»Du bleibst hier sitzen und hältst jetzt den Mund, du Affe!« sagte er rauh. »Achten Sie nicht auf ihn, Ann, er ist schon wieder betrunken.«

 

»Wann hat er denn Li Yoseph gesehen?«

 

»Er hat ihn überhaupt nicht gesehen – er hat doch nur geträumt. Was kann man denn von einem solchen Trunkenbold erwarten, der niemals nüchtern zu Bett geht?«

 

Tiser wollte protestieren, aber Mark achtete nicht auf ihn.

 

»Tiser ist verrückt. Jeder kann ihm doch ansehen, daß er nicht ganz bei Vernunft ist. Das war eben irgendein Straßenmusikant, in einer so stillen Nacht wie heute kann man eine Violine unheimlich weit hören. Wahrscheinlich spielte jemand in der Nähe. Sie wollen schon wieder gehen, Ann?«

 

Sie stand bereits an der Tür.

 

»Ja. Ich war nur neugierig, ob Sie es auch gehört hätten. Das war alles.«

 

Bevor er sie aufhalten konnte, war sie schon gegangen. Er hörte, wie sie die Tür ihrer Wohnung schloß. Mit einem Schritt war er am Sofa, packte Tiser, riß ihn in die Höhe und schüttelte ihn heftig.

 

»Wie oft habe ich dir Esel schon gesagt, daß du das Mädchen nicht durch deine Dummheiten erschrecken sollst! Nimm dich in acht, Tiser! Wenn du mir gefährlich wirst, gehst du denselben Weg wie Li Yoseph. Das kann ich dir ruhig sagen, denn du kannst mich ja nicht anzeigen, ohne selbst an den Galgen zu kommen.«

 

Er stieß Tiser vor sich her, der sich nur mit Mühe aufrecht halten konnte.

 

»Es ist schon gut, Mark«, sagte er unterwürfig. »Es tut mir schrecklich leid, daß ich dich gestört habe. Wahrscheinlich habe ich gestern zuviel getrunken.«

 

Er eilte aus dem Zimmer und rannte die Treppe hinunter. Als er die Oxford Street erreichte, war er außer Atem, aber er fühlte sich etwas erleichtert. Je weiter er ging, desto mehr schwand seine Furcht.

 

Die Herberge lag an einer Straßenecke hinter Hammersmith Broadway. Um diese Zeit lagen beide Straßen vollkommen verlassen da. Als Tiser um die Ecke bog, sah er einen Mann, der mit dem Rücken gegen eine Laterne lehnte. Er glaubte zuerst, der Fremde sei eingenickt, denn sein Kopf war auf die Brust gesunken. Tiser ging schnell, um an ihm vorbeizukommen. Das Licht aus dem Versorgungsheim schimmerte ihm schon einladend durch das große Fenster über der Haustür entgegen und flößte ihm Vertrauen ein. In einer sonderbaren Anwandlung von Mut sagte er »Guten Abend«, als er an dem Mann vorbeikam.

 

Der Fremde schaute auf. Tiser starrte einen Augenblick in das gelbe Gesicht, sah die Astrachanmütze und das wirre, graue Haar, das unter der Kappe hervorquoll; er sah die große, gebogene Nase und das runzlige Kinn …

 

Kapitel 9

 

9

 

Die lange Reihe von Rennpferden wanderte langsam den Abhang hinauf und verschwand über die Höhe. Edna sah, daß Goodie in einiger Entfernung auf einem großen, schwarzen Pferd hinter ihnen herritt. Das Kinn hatte er auf die Brust gesenkt und die Augen halb geschlossen. Edna beobachtete ihn durch ein scharfes Fernglas. Zuerst glaubte sie, daß er schliefe, aber darin täuschte sie sich. Er kam zu der Stelle, wo die Probegaloppe abgehalten wurden, und blieb dort stehen, während der Erste Trainer des Stalls den Leuten Instruktionen gab. Sein Rennstall war wahrscheinlich der einzige in ganz England, in dem nicht englisch gesprochen wurde. Viele der Reitknechte, die die Pferde betreuten, waren Mischlinge. Alle zwei Jahre wechselte Goodie seine Leute und hatte infolgedessen Auseinandersetzungen mit dem Arbeitsministerium, das ihm bei der Anstellung von Ausländern Schwierigkeiten machte.

 

Die Leute hatten einen Klub für sich, und wenn sie nach London gingen, wurden sie stets von Kollegen begleitet, die englisch sprachen.

 

Die Kerle konnten reiten wie der Teufel. Verschiedene von ihnen waren so gute Jockeis, daß sie sich auf jeder englischen Rennbahn ausgezeichnet hätten. Aber Goodie gestattete nicht, daß sie sich bei einem Rennen als Jockeis betätigten. In jedem Fall ließ er seine Pferde durch die besten englischen Jokeis reiten, und die Leute wußten nichts von den Vorzügen der Tiere, bis sie den Sattelplatz verließen. Die Instruktion, die er ihnen gab, lautete stets gleich: »Ich zahle Ihnen fünfhundert Pfund, wenn Sie dieses Rennen gewinnen.«

 

Wenn sie nicht gewannen, wußten sie, daß Goodie es auch gar nicht erwartet hatte.

 

Nun saß er im Sattel und beobachtete mit düsterem Blick, wie die Pferde über das Heideland auf ihn zugaloppierten. Es wurden immer zwei Pferde zu gleicher Zeit vom Start abgelassen. Alle waren an ihm vorübergekommen bis auf eines, und er wurde plötzlich lebhaft, als dieses in Sicht kam. Es war ›Weiße Lilie‹. Das Tier war in glänzender Form und hatte einen außerordentlichen, weiten Schritt, durch den es unheimlich schnell vorwärtskam. Im schnellsten Tempo jagte es an Goodie vorüber. Der Reitknecht, der das Pferd ritt, zog dann die Zügel an und kam in kurzem Bogen zu Goodie heran.

 

»Nun, wie war’s?«

 

Der farbige Stallknecht grinste.

 

»Das Pferd ist schneller als ein Flugzeug. Von Tag zu Tag geht es besser.«

 

Goodie brummte etwas, stieg vom Pferd, ging auf ›Weiße Lilie‹ zu und klopfte ihr den Hals. Dann ging er langsam um das Tier herum und befühlte jede Fessel und jede Muskelpartie.

 

»Decken Sie das Tier mit einer Decke zu und führen Sie es im Schritt zum Stall, Jose«, sagte er auf spanisch. »Für achthundert Peso habe ich den Gaul einmal gekauft – das ist ein Geschäft, was?« »Dios!« sagte der Mann und rollte mit den Augen. »Achthundert Peso!«

 

Es war eine Schwäche Goodies, sich gern seiner Geschäfte zu rühmen, selbst wenn es keine Geschäfte waren.

 

Lange sah er dem Pferd nach, dann stieg er wieder in den Sattel und ritt zu seinem Haus zurück. Edna sah ihn kommen, senkte das Glas und zog sich weiter in das Zimmer zurück, so daß sie ihn beobachten konnte, ohne selbst gesehen zu werden.

 

Mr. Goodie dachte im Augenblick aber weder an Frauen noch an Pferde; er dachte an das Manuskript, das halb fertig in seinem Safe lag und vielleicht niemals das Licht der Öffentlichkeit erblicken würde. Er war nämlich damit beschäftigt, eine Selbstbiographie zu schreiben, und zum Teil auch aus diesem Grund hatte er sein Haus mit einem hohen Drahtgitter umgeben lassen.

 

Er ging in sein Arbeitszimmer hinauf, öffnete den Safe, nahm die letzten Blätter seines Manuskriptes heraus und las sie langsam durch. Dann lächelte er – was er nur selten tat –, denn er mußte an Luke denken. In dem Manuskript hatte er ohne Umschweife und ohne etwas zu beschönigen, die Geschichte aller seiner Taten erzählt, die ihm später unsterblichen Ruhm einbringen sollten.

 

Daß er diese Memoiren überhaupt schrieb, war an und für sich schon Wahnsinn. Seine ungeheure Eitelkeit und das lockende Spiel mit der Gefahr waren verantwortlich dafür.

 

Edna hatte nicht viel Abwechslung auf dem Land und fühlte sich ein wenig gelangweilt durch die Abgeschlossenheit, in der sie lebte. Sie war meistens allein und mußte sich selbst unterhalten. Es war einsam, obgleich sie jeden Tag einen langen Ritt machte und mindestens zweimal in der Woche nach London fuhr.

 

Jedesmal hatte sie dann mit der Versuchung zu kämpfen, noch einen weiteren Tag im Hotel zu bleiben oder noch einmal ins Theater zu gehen.

 

Eines Abends kam sie müde und unruhig von London zurück. Sie hatte gehofft, Mark Luke zu treffen, doch der war nicht in der Stadt.

 

Um neun Uhr legte sie sich zu Bett, aber nach einer Viertelstunde kam sie zu der Überzeugung, daß sie noch nicht schlafen könne. Sie stand wieder auf, schlüpfte in ihren Morgenrock und griff nach einem der spannenden Bücher, die sie aus der Stadt mitgebracht hatte. Aber auch dadurch fand sie keine Ablenkung. Schließlich ging sie zum Fenster und schaute zwischen den Vorhängen hinaus. In dem hellen Mondschein sah sie die zerklüfteten Felsen in der Ferne; sie konnte sogar die kleinen schwarzen Flecke sehen, als die die Eingänge der Perrywig-Höhlen erschienen. Sie machte das Licht aus, zog die Vorhänge zurück und setzte sich auf einen Stuhl ans offene Fenster. Es war eine milde Oktobernacht, zum Träumen wie geschaffen.

 

Plötzlich hörte Edna, daß eine Tür zugeschlagen wurde. Der Schall kam aus der Richtung von Goodies Haus. Kurz darauf sah sie einen Mann, der sich scharf von der weißgetünchten Wand abhob, und als sie genauer hinsah, erkannte sie Mr. Goodie. Er ging langsam und leise auf die große Vertiefung zu, die von den Betonmauern eingefaßt war, machte eine eiserne Tür auf, sprach etwas und pfiff dann leise.

 

Dann verschwand er hinter einer Gruppe von Sträuchern, aber gleich darauf wurde er wieder sichtbar. Er bewegte sich nach der äußeren Ecke des Zaunes und trug etwas in der Hand. Ihm folgten zwei ungeheuer große Hunde mit langen Schwänzen.

 

Im Mondlicht nahm sich das alles phantastisch aus, und Edna war es, als ob die beiden Hunde zu unheimlicher Größe anwüchsen. Sie waren sicher größer als Bluthunde und bedeutend massiger als die größten Neufundländer. Gehorsam gingen sie hinter ihm her und hielten den Kopf zu Boden gesenkt. Dann lief der eine nach links; wahrscheinlich hatte er ein Kaninchen gewittert. Goodie rief ihn scharf zurück, und als das Tier langsam wieder zu ihm kam, knallte er mit der Peitsche, die er in der Hand hielt.

 

Die Gestalten wurden undeutlicher, als sich Goodie mit den beiden Hunden in der Richtung nach dem Eingang der Perrywig-Höhlen entfernte. Edna trat vom Fenster zurück und holte ihren Feldstecher. Ein leiser Dunst lag auf den Feldern, der es unmöglich machte, etwas genau zu erkennen. Eine Stunde verging, bevor sie Goodie und die beiden Tiere wiedersah. Diesmal liefen sie voraus und warteten, daß er das Tor für sie öffnen sollte. Wolken bedeckten den Mond, so daß sie nichts mehr weiter beobachten konnte.

 

Sie zog die Vorhänge wieder zu, legte sich zu Bett und fiel in einen unruhigen Schlaf. Zweimal wachte sie auf und sah nach der Uhr; jedesmal war kaum eine Stunde vergangen. Als sie zum drittenmal erwachte, hatte sie in ihren Träumen einen Schrei gehört. Sie richtete sich im Bett auf, am ganzen Körper zitternd. Wieder und wieder hörte sie diese grauenvollen Laute – es waren hohe, langgezogene Töne. Zuerst kam ihr der Gedanke, daß jemand in einiger Entfernung gefoltert würde – ihr Blut erstarrte, und sie konnte sich nicht rühren. Schließlich zwang sie sich aufzustehen. Sie ging mit unsicheren Schritten zum Fenster und zog die Vorhänge zurück.

 

Das Geräusch war aus der Richtung der Perrywig-Höhlen gekommen, aber sie konnte nicht sagen, aus welcher Entfernung. Während sie noch entsetzt in die Nacht hinausstarrte, hörte sie plötzlich eine Stimme und fuhr zusammen.

 

»Hoffentlich sind Sie nicht zu sehr erschreckt worden, Miss.«

 

Der Mann stand direkt unter ihrem Fenster und war bis zum Kinn in einen grauen Mantel gehüllt. Aber sie erkannte Lanes Stimme und wußte, daß er es war, bevor er seinen Namen nannte. In dem schwachen Mondlicht sah sie den Lauf eines Gewehres.

 

»Was war denn das?« fragte sie leise und erleichtert.

 

»Ich weiß es nicht. Seit vier Uhr bin ich auf.«

 

»Warum haben Sie denn die Waffe bei sich?«

 

»Ich dachte, daß vielleicht Wilddiebe draußen wären.«

 

Er ging bis zur Mauer und kam nach einer Weile zurück.

 

»Ich habe ein neues Schloß an die Tür machen lassen – ein Yale-Schloß. Sie finden den Schlüssel in Ihrer Bibliothek. Aber ich gebe Ihnen den Rat, die Tür nicht zu öffnen, ganz gleich, ob es Tag oder Nacht ist.«

 

»Was sind das für große schwarze Hunde?«

 

»Hunde? Ach, haben Sie die Tiere gesehen? Ist er mit ihnen draußen gewesen? – Ich meine, Goodie? Hat er sie mitgenommen?« »Er ist zu den Perrywig-Höhlen gegangen«, sagte sie..

 

»Das dachte ich mir schon«, entgegnete er zu ihrem größten Erstaunen ruhig. »Eine sonderbare Zeit, und in der Nacht trainiert man doch keine Rennpferde.«

 

»Ich möchte nur wissen, was das für unheimliche Hunde waren!«

 

»Das weiß ich auch nicht. Ich habe schon viel von ihnen gehört, sie aber noch nie gesehen. Er hält sie in einem unterirdischen Käfig gefangen; deshalb ist es auch besser, Sie benutzen diese Tür nicht. Die Tiere sind sehr gefährlich. Er wird natürlich mit ihnen fertig – wozu ist er Tierbändiger.«

 

Sie sprachen sehr leise, trotzdem schien es jemand gehört zu haben, denn gleich darauf wurde eine Tür an der Hinterseite des Hauses geöffnet, und sie vernahmen die Stimme des Butlers.

 

»Sind Sie es, Jimmy?«

 

»Ja, ich bin’s«, erwiderte Lane.

 

Penton trat vor, so daß sie ihn sehen konnten. Edna bemerkte, daß er etwas in die Tasche steckte, und wunderte sich, was er wohl in der Hand gehabt haben mochte.

 

»Entschuldigen Sie, Miss, aber ich habe einen Schrei gehört.«

 

»Sie müssen auch einen leichten Schlaf haben, Penton«, meinte sie und lehnte sich fröstelnd aus dem Fenster.

 

Die beiden Männer gingen um die Hausecke und sprachen leise miteinander, während Edna ins Zimmer zurücktrat und sich beruhigt zu Bett legte. Dankbar dachte sie an Luke; er hatte ihr diese beiden starken Wächter verschafft, die auf das kleinste Geräusch lauschten. Dann schlief sie ein, und als sie wieder erwachte, war es bereits zehn Uhr morgens, und die Sonne lachte ins Fenster.

 

Kapitel 21

 

21

 

›Schuldig‹ war der Spruch der Geschworenen.

 

Goodie sah sich mit ausdruckslosem Gesicht im Saal um.

 

»Und finden Sie den Angeklagten Arthur Rustem schuldig oder nicht schuldig? Er ist angeklagt, sich Geld durch Betrug angeeignet zu haben.«

 

»Schuldig!« entgegnete der Obmann der Geschworenen.

 

»Und welchen Spruch fällen Sie über den dritten Angeklagten – Joe Trigger?«

 

»Nicht schuldig!«

 

Mr. Trigger wurde sofort aus der Anklagebank entlassen.

 

Goodie hatte eine Verurteilung zu sieben Jahren Zuchthaus erwartet, aber der Spruch lautete auf fünf Jahre. Rustem erwartete drei Jahre und war bestürzt, als er dieselbe Strafe erhielt wie Goodie.

 

»Wir dürfen zufrieden sein«, sagte er, als sie im Gefängnis nach Wandsworth fuhren, »daß wir nicht an den Galgen kommen wie Stoover. Sie wenigstens. Fünf Jahre …«

 

Der Wachtmeister, der den Transport begleitete, hörte lächelnd zu.

 

»Miss Gray hat sich also mit Luke verheiratet? Und gerade an dem Tag, an dem wir verurteilt wurden?« fragte Rustem. »Sie hätte sich wirklich ein anderes Datum aussuchen können!«

 

Kapitel 3

 

3

 

Doncaster wimmelte von Menschen, und am Montag abend herrschte ein so reges Leben in den Straßen der verhältnismäßig kleinen Stadt wie sonst nie im Jahr. Natürlich hatten sich bei dieser Gelegenheit auch viele Budenbesitzer eingefunden, und überall hatten die Buchmacher ihre Stände aufgeschlagen.

 

Die große Rennwoche fand Mitte September statt; das Saint-Leger war das letzte der großen, klassischen Rennen der Saison. Alle großen Sportsleute, alle Rennstallbesitzer aus dem Norden und Süden Englands kamen hier zusammen, und große Menschenmengen sammelten sich in den Hauptstraßen, um Mitglieder des königlichen Hauses zu sehen, wenn diese ihre Wagen verließen.

 

Edna Gray hatte einen solchen Betrieb noch nie gesehen. Sie hatte Glück, daß sie nicht nur ein Zimmer zum Schlafen, sondern ein Appartement in einem großen Hause mieten konnte. Die Zimmer waren von einem Lord bestellt worden, der im letzten Augenblick hatte absagen müssen. Die Besitzerin nahm sie daher mit Freuden auf.

 

Edna sah sich in der Stadt um und ging zur Rennbahn hinaus. Dort war sie in ihrem Element, denn sie liebte Pferde; sie war selbst erstaunt, als sie bei einer Auktion von Einjährigen eifrig mitbot.

 

Vergebens sah sie sich unter all den vielen Leuten um, ob sie vielleicht Mr. Goodie herausfinden könnte. Sie hätte ihn nicht erkannt, wenn sie ihn gesehen hätte, aber vielleicht hätte ihr der Instinkt geholfen, auf den sie sich schon manchmal hatte verlassen können. Sie fiel überall auf, besonders da sie in Turfkreisen noch nicht bekannt war. Trotz ihrer vierundzwanzig Jahre sah sie aus, als ob sie achtzehn wäre.

 

Während sie auf der Rennbahn umherging, dachte sie an Alberto Garcia, der ein so großer Pferdefreund und Kenner war. Wie sehr hätte ihn das alles interessiert! Sie seufzte und fühlte sich unendlich verlassen in dieser großen Menge. In Argentinien war sie sich nie so einsam vorgekommen.

 

Schließlich schlenderte sie zum Marktplatz hinunter und blieb bei einer Menge stehen, die sich um einen kleinen Mann im Jockeianzug versammelt hatte.

 

»Ich verkaufe Ihnen den Gewinner des dritten Rennens auf dem Programm! Dieses Pferd geht ganz bestimmt als erstes durchs Ziel! Wenn Sie den Tip von mir kaufen, können Sie ein Vermögen machen. Zufällig ist mir bekannt, daß dies Mr. Triggers diesmalige Transaktion ist, und wenn ich Ihnen das sage, dann wissen Sie, was es bedeutet. Sie wissen genau, daß Sie für einen Shilling dieselbe Information kaufen können, für die die vornehmen Leute Hunderte von Pfund opfern …«

 

»So ein Lügenfritze!« sagte jemand dicht neben Edna Gray.

 

Sie drehte sich schnell um.

 

Luke stand neben ihr. Er war gut einen Kopf größer als sie und hatte ein schmales, ovales, Gesicht. Sie starrte ihn an und konnte kaum glauben, daß er es wirklich war.

 

»Ja, ich bin es, und ich weiß auch genau, was Sie denken. Sie kommen sich etwas einsam und verlassen vor. Das kann ich Ihnen nachfühlen. Und außerdem gibt es Leute, denen man einfach nicht entgehen kann – dazu gehöre auch ich.«

 

»Aber Mr. Luke, wie kommen denn Sie hierher?« fragte sie schnell und lächelte ihn verwundert an.

 

»Schon an Bord der ›Asturia‹ konnten Sie kaum einen Schritt tun, ohne über meine Füße zu fallen. Ich bin eben der große Weltenbummler …«

 

»Aber was machen Sie hier in Doncaster?«

 

Als sie sich das letztemal an Deck des großen Ozeandampfers gesehen hatten, lehnten sie nebeneinander an der Reling und starrten auf die große Menschenmenge am Kai. Auf der Reise war er einer der interessantesten und nettesten Gesellschafter gewesen, hatte sich immer nützlich gemacht und ihr viel geholfen. Es war allerdings etwas anderes, sich an Bord eines Passagierdampfers mitten auf dem Ozean zu begegnen als hier in dieser unendlich großen Menschenmenge. Es war fast, als ob es das Schicksal so gewollt hätte.

 

Sie fühlte sich ihm gegenüber etwas scheu. Auf dem Schiff war er ihr bedeutend älter erschienen; jetzt sah er noch sehr jung aus.

 

»Leute, die lügen können wie gedruckt, machen mir immer Spaß, das heißt, wenn sie überzeugend lügen. Aber dieser Kerl hier versteht das Lügen nicht, über den amüsiere ich mich nicht.«

 

Er nahm sie am Arm und führte sie aus dem Menschenschwarm hinaus, als ob er das Recht dazu hätte oder ihr Vormund wäre. Von jedem anderen Mann hätte sie das als eine Beleidigung empfunden, aber von ihm ließ sie es sich gefallen.

 

»Verdient der Mann auf diese Weise seinen Lebensunterhalt?«

 

Luke nickte.

 

»Ja, er lebt eben und macht Geschäfte durch die Kraft seiner Erfindungsgabe. Er übt denselben Beruf aus wie Trigger, aber was für ein Unterschied besteht zwischen den beiden!«

 

»Wer ist denn eigentlich Trigger?« fragte sie neugierig.

 

»Der König aller Leute, die Tips verkaufen. Haben Sie nicht gehört, mit welcher Ehrfurcht der Bursche dort den Namen dieses Mannes nannte? Trigger ist eins der größten Phänomene. Er hätte auch in keinem anderen Jahrhundert auftreten können. Das neunte Weltwunder kann man diesen Trigger mit dem ›grünen Band‹ nennen. Seine Reklame hat er großartig aufgezogen.«

 

Er lächelte, als ob ihm ein guter Gedanke gekommen wäre, aber dann wurde er wieder ernst.

 

»Was machen Sie denn eigentlich hier in dieser schönen Gegend? Wollen Sie auch Einjährige kaufen? Ich weiß wohl, daß Sie eine Vorliebe für Pferde haben, aber ich hatte doch nicht erwartet, Sie hier in Doncaster zu finden.«

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

»Ich bin hergekommen, um einen Herrn zu treffen. Kennen Sie vielleicht Mr. Elijah Goodie?«

 

Sein Gesicht versteinerte sich plötzlich.

 

»Goodie?« wiederholte er. »Meinen Sie Li Goodie – den Trainer? – Ist er ein Freund von Ihnen?« fragte er ziemlich brüsk.

 

Aber sie fühlte sich nicht beleidigt dadurch. Sechzehn Tage waren sie auf dem Dampfer zusammengewesen, und sie hatte sich allmählich an sein Wesen gewöhnt, das ihr zuerst allerdings anmaßend – um nicht zu sagen: unverschämt – erschienen war.

 

»Er ist mein Pächter«, entgegnete sie lächelnd.

 

»Ach ja, ich entsinne mich. Ich hätte Ihnen auf dem Dampfer auch schon etwas über ihn sagen können, aber ich habe zuerst über Rustem gesprochen. Goodie gehört auch zu der Bande. – Dort drüben ist er!«

 

Er zeigte unauffällig auf einen Mann, der auf der anderen Seite der Straße ging. Goodie hatte eine gelbliche Gesichtsfarbe und mochte vierzig oder fünfzig Jahre alt sein.

 

Weder sein Anzug noch sein Benehmen verriet, daß er ein Trainer von Rennpferden war. Er trug schwarze Kleidung, und der niedrige weiße Kragen gab ihm fast das Aussehen eines Geistlichen. Seine Bewegungen waren langsam und umständlich.

 

»Das ist Elijah«, sagte Luke. »Ist er nicht hübsch?«

 

Wenn irgendein Wort auf Goodie nicht paßte, dann war es ›hübsch‹. Edna blieb stehen und beobachtete ihn, bis er um die nächste Ecke bog und eine Seitenstraße entlangging. Anscheinend wohnte er in dieser Gegend.

 

»Er scheint Eindruck auf Sie gemacht zu haben. – Wo werden Sie übrigens zu Mittag essen? Wenn Sie mit in die Stadt gehen, arrangiere ich alles für Sie.«

 

Es lag eigentlich gar kein Grund vor, ›alles für sie zu arrangieren‹ oder sie zu begleiten.

 

Sie gingen zusammen zum Rathaus der kleinen Stadt. Er ließ sie in der Eingangshalle zurück und verschwand in einem Büro. Nach kurzer Zeit erschien er wieder und brachte ihr eine Anzahl von Karten und eine blaue Rosette zum Anstecken, so daß sie nun Zutritt zur Tribüne hatte.

 

»Wo haben Sie eigentlich Ihren alten Freund gelassen?«

 

»Sie meinen Mr. Garcia? Ich weiß nicht, wo er geblieben ist. Er ist gestern abend abgereist. Ich hoffte schon, daß er mich hierher begleiten würde.«

 

Er führte sie in ein Restaurant, dessen Räume erstaunlich leer waren.

 

»Ich kenne Doncaster nicht allzugut«, erklärte er. »Nur dieses Lokal ist mir bekannt, denn hier fand ich Mr. Sepfield, von dem Sie wahrscheinlich niemals etwas gehört haben. Er aß gerade hier ein gutes Frühstück – als ob er niemals seine Frau vergiftet und in Beton begraben hätte.«

 

Er sagte das so ruhig und gleichgültig, daß sie ihn fragend ansah.

 

»Was sind Sie denn eigentlich?«

 

»Kriminalbeamter von Scotland Yard. Und nun bekommen Sie nur ja keinen Ohnmachtsanfall.«

 

»Was, Sie sind Kriminalbeamter?« fragte sie atemlos.

 

»Kriminalinspektor; das ist natürlich dasselbe, nur ein etwas höherer Grad. Haben Sie nicht eben, als wir beide die Straße entlanggingen, gesehen, daß alle möglichen Leute vor mir auskniffen und in Seitenstraßen einbogen? Sie müssen nicht glauben, daß die Leute vor Ihnen ausgerissen sind, und das nicht als negatives Kompliment für Ihre schöne Erscheinung auffassen. Ich war derjenige, dem sie nicht ins Auge zu sehen wagten.«

 

Sie sah ihn verdutzt an.

 

»Sie haben mir aber an Bord des Dampfers niemals gesagt, daß Sie Kriminalbeamter sind. Sie scheinen doch –«

 

Sie wußte nicht recht, wie sie fortfahren sollte.

 

»– ein Gentleman zu sein«, vollendete er den Satz prompt, »Dazu habe ich mich allmählich selbst erzogen. An Bord des Schiffes habe ich nicht darüber gesprochen, weil ich es für ganz nebensächlich hielt.«

 

»Sind Sie hier im Dienst?«

 

Er nickte und schaute sie ernst an.

 

»Ich werde Ihnen auch etwas erzählen, was Ihnen sicher Spaß macht. Bisher habe ich noch nie eine Dame ins Vertrauen gezogen, aber mit Ihnen mache ich eine Ausnahme. Warum, weiß ich selbst nicht. Ja, ich bin also hier im Dienst, sehe den Rennen interessiert zu und achte dabei auch noch auf andere Dinge. Haben Sie Trigger gesehen? Sie würden ihn nicht erkennen, aber sicher haben Sie einen großen, gelben Deville-Wagen bemerkt, der so pompös aussieht, als ob er eine Million Dollar kostete?«

 

Der übertrieben luxuriöse Wagen war ihr aufgefallen, weil er das Straßenbild völlig beherrscht hatte.

 

»Der Mann, der darin saß, war Trigger.«

 

»Ist das derselbe, der dem Publikum die guten Tips verkauft?« fragte sie erstaunt.

 

»Ja, er ist ein Prophet, und er gilt etwas in seinem Vaterlande. Ein Mann, durch den zweitausend Familien im Land in Wohlstand, vielleicht sogar in Reichtum leben können. Wenn Sie zu den Leuten gehören, die mit ihm in Geschäftsverbindung stehen, dann ist das ein Empfehlungsbrief, mit dem Sie überall durchkommen. Dazu müssen Sie aber gute Referenzen aufweisen können. Die Kunden von Trigger sind sehr sorgfältig ausgesucht; es sind alles Leute von bestem Ruf.«

 

Zuerst hatte sie geglaubt, daß dieser korpulente Mann, der in dem prachtvollen Wagen vorbeigefahren war, irgendeine lichtscheue Organisation gegründet hätte. Irgendwie hatte sie ein Vorurteil und hielt Leute, die Rennwetten abschlossen, für große Gauner. Als sie eine entsprechende Bemerkung machte, mußte Luke herzlich lachen.

 

»Im Gegenteil, es sind Abkömmlinge altadeliger Familien, Obersten der britischen Armee, die noch im Dienst stehen oder schon ihren Abschied genommen haben, Leute, die schöne Landsitze ihr eigen nennen, bedeutende Bankiers, Leute, die eine hervorragende Stellung in der Gesellschaft einnehmen, und so weiter. Und es gibt nicht einen unter Triggers Kunden, der sich irgend etwas hätte zuschulden kommen lassen.«

 

»Aber das ist doch alles nur Scherz!«

 

»Sie glauben, daß ich Sie aufziehe? Nein, ich habe Ihnen die reine Wahrheit gesagt. Wissen Sie, all die vielen Buchmacher, die heute zum Rennen hergekommen sind, haben nur die eine Furcht, daß unter den hundertundzwanzig Pferden, die heute an den Rennen teilnehmen, eine von Triggers Transaktionen ist. Das werden Sie ebensowenig verstehen wie Griechisch, aber ich will es Ihnen erklären.«

 

Sie lauschte interessiert, während er ihr die Geschäftskniffe der Gesellschaft mit dem ›grünen Band‹ klarmachte.

 

»Der Name, den sich Trigger für seine Firma zugelegt hat, klingt sehr poetisch, aber er ist nicht seine eigene Erfindung. Er wurde einmal von einem Sportjournalisten erfunden, der mit dem ›grünen Band‹ die Rennbahn bezeichnete. Trigger hat nun eine große Anzahl von Kunden. Diese wetten bei einer großen Anzahl von Buchmachern in verschiedenen Teilen des Landes. Die Kunden senden an Trigger ein Telegrammformular, in dem sie eine Wette auf ein Pferd abschließen und darauf fünf bis zehn Pfund setzen. Der Name des Pferdes wird ausgelassen. Trigger setzt ihn in letzter Minute selbst ein. Am Tag des Rennens schickt er selbst eine ganze Anzahl von Beauftragten in die verschiedensten Städte, und die Telegramme werden zu gleicher Zeit aufgegeben. Sie laufen gewöhnlich in den Büros der verschiedenen Buchmacher im letzten Augenblick ein.«

 

»Aber das ist doch glatter Betrug«, unterbrach sie ihn.

 

»Nein, das ist es nicht, das geschieht alle Tage. Beim Rennen selbst wird überhaupt nicht auf den Platz gesetzt, und die Quote, unter der die Buchmacher Rennen abschließen, richtet sich doch nach dem Geld, das auf das Pferd gesetzt wird. Triggers Transaktionen gewinnen daher immer unter sehr günstigen Bedingungen. Er hat jahrelang dazu gebraucht, bis er diese große Organisation aufgezogen und so viele Kunden gefunden hat, die ihn nicht betrügen. Der Haupthaken ist nämlich der, daß sie ihm fünfzig Prozent des Gewinnes einsenden müssen. Die Versuchung, das Geld zu behalten, ist sehr groß, aber er hat mit eiserner Strenge alle schlechten Leute ausgemerzt. Neue Kunden werden nur auf Empfehlung von alten, bewährten Mitgliedern seiner Organisation angenommen. Sie sind nach den strengsten Grundsätzen ausgesucht. Und auch seine Beauftragten sind durchweg zuverlässige Leute. Er zahlt ihnen sechs Pfund wöchentlich und einen ziemlich hohen prozentualen Anteil.«

 

»Aber wenn nicht auf dem Rennplatz auf ein Pferd gesetzt wird, was macht es dann den Buchmachern aus?«

 

Luke erklärte ihr, daß die meisten Buchmacher außer ihrer Tätigkeit auf der Rennbahn selbst auch noch große Wettbüros in London, Manchester, Leeds und anderen großen Städten unterhielten.

 

»Bei der geringsten Andeutung, daß ein Pferd eine Transaktion von Trigger ist, wird sofort die Quote heruntergedrückt. Aber verlassen Sie sich darauf: Heraus kommt niemals etwas. Trigger ist an mindestens einem Dutzend Rennställen beteiligt. Er hat schon früher Tausende von Pfund für ein Pferd bezahlt, hat das Tier ein ganzes Jahr lang irgendwo in einem Rennstall trainieren und dann plötzlich für ein Rennen melden lassen. Es erschien auf dem Rennplatz stark bandagiert und gewann das Rennen als Außenseiter. Natürlich blieb die Quote sehr gering, da kein Mensch auf dem Rennplatz selbst darauf setzte. Die Leute glaubten, daß sich das Tier verschlechtert habe. Trigger meldet niemals unter eigenem Namen; dafür hat er seine Leute. Für ihn ist es immer leicht, solche Menschen zu finden.«

 

»Lohnt es sich denn, eine derartig umständliche Organisation aufzuziehen?«

 

Luke sah sie mit einem sonderbaren Lächeln an.

 

»Ich hoffe, Sie verstehen so viel von Mathematik, daß Sie einem kurzen Rechenexempel folgen können. Nehmen wir einmal an, daß zweitausend Kunden im Durchschnitt je zehn Pfund auf das betreffende Pferd setzen – in Wirklichkeit wird bedeutend mehr gewettet. Und nehmen wir an, daß nachher die Quote von zehn zu eins für den Sieger gezahlt wird. Das macht eine Gewinnsumme von zusammen zweihunderttausend Pfund aus. Davon bekommt Mr. Trigger die Hälfte, also hunderttausend Pfund. Und seine Pferd gewinnen immer. Es wurde einmal ein Rennen in Folkestone abgehalten, bei dem sieben Pferde liefen. Später stellte sich heraus, daß alle sieben Trigger gehörten. Beweisen konnten wir das leider nicht, aber wir sind fest davon überzeugt, daß es sich so verhielt. Er hatte sie in dem Augenblick gekauft, als die Meldungen abgeschlossen wurden. Dann schickte er einen Vertrauten nach Folkestone, der auf drei der Pferde setzte, um die Wetten zu beeinflussen. Es ist ja erstaunlich, wie leicht sich Buchmacher beeinflussen lassen. Die drei Pferde wurden zu ziemlich niedrigen Quoten genannt, aber auf das Pferd, das das Rennen wirklich gewann, hatte niemand gesetzt. Es ging mit drei Längen Vorsprung durchs Ziel. Übrigens war es auch das einzige Pferd, das gut auf das Rennen vorbereitet war; die anderen hatte er einfach in der letzten Woche überhaupt nicht trainieren lassen. Er hat ein halbes Dutzend Trainer, die ihm aufs Wort folgen. Er selbst besitzt keine Pferde unter eigenem Namen. Der ›Jockei Klub‹ gestattet das nicht. Jeder Trainer, der ein Pferd von Trigger annimmt, wird sofort ausgeschlossen, und es wird ihm die Lizenz entzogen. – Wenn Sie fertig sind, wollen wir auf den Rennplatz gehen und einmal sehen, ob eine Transaktion von Trigger heute in Erscheinung tritt.«

 

»Wird es heute sein?« fragte sie interessiert.

 

»Das kann niemand genau sagen, ich vermute es nur.«

 

Er hatte jedoch Nachrichtenquellen, von denen sie nichts ahnen konnte.

 

Bevor sie noch recht wußte, was geschah, hatte er sie in ein großes Auto verstaut, und sie fuhren zusammen zum Rennplatz. Sie hatte sich ganz seiner Führung anvertraut und fühlte sich in seiner Obhut etwas sicherer.

 

»Der Wagen gehört nicht mir«, erklärte er, »sondern der Polizei. Wahrscheinlich ist er einem Gentlemanverbrecher abgenommen worden.«

 

Sie interessierte sich für alles, was sie sah. Eine endlose Prozession von Autos bewegte sich langsam nach dem Rennplatz.

 

»Sehen Sie, dort ist Ihr Freund«, sagte Luke und wies mit dem Kopf hinüber.

 

Sie sah einen offenen Wagen, in dem zwei Herren saßen. In dem einen erkannte sie Goodie.

 

»Der größere ist Doktor Blanter«, sagte er. »Früher hat er Menschen verarztet, jetzt macht er es mit Buchmachern ebenso, indem er ihre Einlagen auf der Bank amputiert und ihnen die Taschen leert.«

 

»Was ist er denn?«

 

»Er ist als gewerbsmäßiger Rennwetter bekannt. Auf jeden Fall macht er daraus kein Geheimnis und erzählt es selbst. Das heißt, er wettet bei Pferderennen und bestreitet damit seinen Lebensunterhalt. Er wäre längst bankrott, wenn Trigger nicht existierte. Der Mann hat einen Defekt – er kann sich nicht so weit beherrschen, daß er das Wetten auf der Rennbahn läßt. Und dabei versteht er nicht einmal etwas von der Sache. Trotzdem ist er jetzt ein reicher Mann.«

 

Triggers merkwürdiges Unternehmen beschäftigte Edna Gray so sehr, daß sie kaum an etwas anderes dachte.

 

»Aber die Buchmacher werden doch so große Summen nicht so ohne weiteres verlieren, ohne sich dagegen zu wehren?«

 

»Wenn das jede Woche passierte, würden sie kaum existieren können. Aber Triggers Klugheit besteht ja gerade darin, daß er niemals mehr als acht bis neun solcher Transaktionen im Jahr vornimmt. Dieses Jahr kommt er bestimmt auf neun, denn die siebente Transaktion ist bereits angekündigt. Gewöhnlich läßt er ein bis anderthalb Monate verstreichen. So ist die Summe, die er aus den Rennen zieht, im Verhältnis zu dem Geld, das auf sämtlichen englischen Rennplätzen im Jahr umgesetzt wird, verhältnismäßig gering. Übrigens sind seine Kunden unverbesserlich, und wahrscheinlich setzen sie auch noch nebenher, so daß sich das für die Buchmacher in gewisser Weise ausgleicht. Für die Buchmacher ist es außerordentlich schwer, herauszufinden, wann der Schlag fallen wird, und noch viel schwerer ist es für sie, von ihren Kunden die betreffenden Wetten nicht anzunehmen. Im allgemeinen kann man es so auffassen, daß der Buchmacher nur ein Vermittler ist, der den Gewinnern das Geld ausbezahlt, das er von den Verlierern eingenommen hat. Je weniger Gewinne er auszuzahlen hat, desto größer ist sein Verdienst.«

 

Luke sah zu Dr. Blanter hinüber, der mit tiefer, weitschallender Stimme zu seinem Begleiter sprach, Mr. Goodie saß mit geschlossenen Augen neben ihm; er mochte schlafen, aber ebensogut auch aufmerksam zuhören.

 

»Dieser Goodie ist doch ein ganz merkwürdiger Mensch. – Übrigens kommt unser Freund Rustem sehr selten auf die Rennbahn.«

 

»Gehört denn Mr. Rustem …?«

 

»Ja, der ist auch einer von der Bande, und zwar ihr juristischer Berater. In der Beziehung ist er sehr tüchtig. Deshalb hat Trigger ja auch noch keine falschen Schritte unternommen. Die Tatsache, daß alle noch auf freiem Fuß sind, beweist das.«

 

Der Wagen kam bei dem ungeheuren Verkehr nur sehr langsam vorwärts, aber schließlich hielt er vor dem Eingang zu den Tribünen. Luke half Edna beim Aussteigen, bahnte sich einen Weg durch die Menge, und nach ein paar Minuten gingen sie über den weiten Sattelplatz, der bereits von Besuchern des Rennens bevölkert war.

 

Edna war erstaunt über die große Rolle, die Trigger im Turfbetrieb spielte. Sie hatte sich die Rennen immer ganz anders vorgestellt und geglaubt, man würde schöne Pferde sehen und es würde alles fair und freundlich zugehen. Natürlich wußte sie, daß Leute auch über ihre Mittel hinaus Wetten abschlossen, aber jetzt erst konnte sie sich ein Bild von dem wirklichen Rennbetrieb machen. Die Rennwetten waren eine Sache für sich und hatten nichts mit Gestüten und Pferdezucht zu tun. Auch im Haus ihres Onkels war viel über Pferdezucht gesprochen, aber hiervon nichts erwähnt worden. Für die meisten Besucher war das Rennen nur eine Art aufregendes Börsenspiel.

 

Das erste Rennen begann. Edna hörte die vielen Rufe, als die Pferde starteten, und sah dann die bunten Seidenkappen der Jockeis an den Köpfen der großen Menge vorbeisausen. Bald darauf war das Rennen vorüber. Luke entschuldigte sich und verließ sie, kam aber nach einiger Zeit wieder zu ihr.

 

»Ich wollte mich nur nach dem letzten Sieger erkundigen, hören, welche Quote er erzielt hat. Es ist fast gar nicht auf ihn gesetzt worden. Niemand kennt dieses Pferd; es kommt aus einem Stall im Norden. Die Quote ist hundert zu sechs. Wenn das nicht eine Transaktion von Trigger ist, will ich nicht mehr Luke heißen.«

 

Und er hatte recht. Irgendwo in London war der Name des Pferdes bekannt geworden, den der geschäftstüchtige Mr. Trigger an seine zweitausend Kunden geschickt hatte, und es wurde ein verzweifelter Versuch gemacht, diese Nachricht per Telefon zum Rennplatz durchzugeben.

 

Die Verbindungsleute der Buchmacher hatten die Warnung dreißig Sekunden nach dem Start durchgeben können – und das war dreißig Sekunden zu spät.