Kapitel 7

 

Kapitel 7

 

Sie ging zur Garage hinunter, drehte das Licht an und prüfte, ob noch genügend Benzin im Tank war, bevor sie das äußere Tor öffnete und losfuhr. Kurz entschlossen wählte sie den Weg nach rechts, fuhr über das holperige Pflaster der Straße, dann zurück nach Portland Place und kam ohne weiteren Aufenthalt nach Regent ’s Park.

 

Sie nahm die äußere Ringstraße und machte den größten Umweg, bis sie zur Avenue Road kam. Einige Minuten später sauste der Wagen Fitzjohn’s Avenue hinunter nach Heath zu. Ann vermied den geraden Weg nach Oxford über Maidenhead und Henley und wählte eine wenig benützte Straße nach Beaconsfield und Marlow.

 

Schwerer war es schon, Henley zu umgehen. Sie fuhr gemächlich durch die breite Hauptstraße und glaubte sich unbeobachtet. Als sie aber die lange, mit Bäumen bestandene Oxford Road erreichte, wurde sie plötzlich angerufen. Schnell wandte sie sich um. In einer Seitenstraße hielt ein großer Wagen, dessen Scheinwerfer abgeblendet waren. Undeutlich sah sie, wie drei Leute dort standen, als plötzlich ein Mann auf ihr Trittbrett springen wollte.

 

Er sprang fehl, im selben Augenblick setzte sich das große Auto in Bewegung, und die drei sprangen auf. Anns Wagen flog wie ein Pfeil davon. Von dem Wagen hinter ihr wurde mit einer roten Lampe das Haltesignal gegeben. Es mußte eine Polizeistreife sein.

 

Sie hatte jetzt freie Straße vor sich, nur einmal war eine Kreuzung zu passieren. Ihre Geschwindigkeit war hundert Kilometer, als sie sich dieser Stelle näherte. Der Rückspiegel zeigte ihr, daß die Lichter des Polizeiwagens sich unruhig hin und her bewegten. Wahrscheinlich mußten sie stark bremsen. Dann hörte sie einen Knall – es mußte ein Reifen geplatzt sein. Diesen Laut kannte sie sehr genau.

 

Jetzt hatte sie eine scharfe Kurve der Straße hinter sich. Einen Kilometer von ihr entfernt lag ein kleines Dorf, dessen Häuser die beiden Straßenseiten flankierten. Ann erinnerte sich, daß jenseits des Ortes eine weitere Wegkreuzung lag, an der tagsüber ein Polizist stationiert war. Kurz hinter dem Dorf bog eine Seitenstraße nach Norden ab, und diese konnte sie nur sicher erreichen, wenn es ihr gelang, durch das Dorf zu fahren. Die Straße, die hindurchführte, war sehr eng. Der Geschwindigkeitsmesser zeigte jetzt sechzig Kilometer. Als sich Ann kurz umschaute, konnte sie von dem verfolgenden Polizeiwagen nichts mehr sehen oder hören, aber das wollte nicht viel besagen, denn die Straße verlief hier in vielen Biegungen und Kurven. Nun war sie dicht vor dem Dorf – sie verminderte die Geschwindigkeit auf fünfunddreißig Kilometer.

 

Plötzlich tauchte aus der Dunkelheit ein berittener Polizist auf. Sein Pferd wurde durch die Scheinwerfer unruhig. Offensichtlich wußte der Mann nichts davon, daß sie verfolgt wurde, denn er winkte ihr, vorwärts zu fahren. Aber plötzlich hörte sie seine schrille Alarmpfeife und steigerte die Geschwindigkeit wieder. Vom Ausgang des Dorfes ab konnte sie auf einer geraden Straße fahren, die erst kürzlich asphaltiert worden war – der Wagen raste durch die dunkle Nacht. Ihre Scheinwerfer ließen die Hecken am Weg grüngolden aufleuchten.

 

Sie näherte sich jetzt einer Brücke, die über einen reißenden, tiefen Strom führte. Als sie zu der Auffahrt kam, verminderte sie ihre Geschwindigkeit erheblich. Und dann sah sie plötzlich gerade vor sich zwei Scheinwerfer und über diesen eine grüne Lampe. Es war ein Streifenwagen.

 

Sie mußte sich schnell entschließen. Auf der Straße war kein Platz, um zu wenden. Wenn das Alarmsignal des berittenen Polizisten irgendeine Bedeutung hatte, so konnte es nur besagen, daß sie verfolgt wurde.

 

Ann drehte ihre Scheinwerfer ganz aus und brachte ihren Wagen mitten auf der Brücke zum Stehen. Dann nahm sie das kleine Paket, warf es ins Wasser, ging zu dem Auto zurück und fuhr langsam weiter.

 

Der Wagen, der ihr entgegenkam, fuhr ebenso langsam wie sie mitten auf der Straße. Sie drehte ihre Scheinwerfer voll an und gab das Signal zum Ausweichen. Aber das andere Auto machte keine Anstalten, zur Seite zu fahren. Sie konnte also nichts anderes tun als anhalten. Beide Wagen kamen dicht voreinander im selben Augenblick zum Stillstand. Ann sah, daß zwei Leute absprangen und auf sie zukamen. Dann hörte sie eine verhaßte Stimme.

 

»Ich möchte wetten, daß es Miss Perryman ist!«

 

Es war Sergeant Simmonds, der zu ihr sprach.

 

»Nun erklären Sie mir bitte, warum Sie in einem so halsbrecherisch gefährlichen Tempo gefahren sind!«

 

»Ich wüßte nicht, daß ich übermäßig rasch gefahren bin.«

 

Er brummte etwas vor sich hin.

 

»Sie sind verhaftet«, sagte er dann böse und rief einen seiner Leute, der ihren Wagen übernehmen sollte. »Steigen Sie bitte aus.«

 

Er packte sie fest am Arm.

 

»Lassen Sie mich los«, rief Ann entrüstet. »Sie brauchen mich nicht zu halten.«

 

Sie versuchte, sich frei zu machen, aber er ließ sie nicht los. Sie stand jetzt in dem grellen Licht der Scheinwerfer.

 

»Steigen Sie in diesen Wagen!« Er schob sie vor sich her, und als sie eingestiegen war, setzte er sich neben sie. Auf der anderen Seite nahm ebenfalls ein Detektiv Platz.

 

Der Beamte, der am Steuer ihres Wagens saß, fuhr rückwärts in die Hecke, um den Weg für das Polizeiauto frei zu machen.

 

»Bringen Sie das Auto nach Scotland Yard. Ich will es genau durchsuchen lassen«, rief Simmonds, als sie vorbeifuhren.

 

Auf dem Weg nach London wurde Simmonds etwas freundlicher.

 

»Eine verständige junge Dame wie Sie sollte doch der Polizei nicht soviel Schwierigkeiten machen, Miss Perryman«, sagte er vorwurfsvoll. »Sie hätten doch bei dieser wahnsinnigen Geschwindigkeit leicht einen Menschen totfahren können. Wahrscheinlich wissen Sie gar nicht, was Sie tun, oder es hat Sie jemand anders dazu veranlaßt.«

 

Sergeant Simmonds war kurz angebunden, aber er war kein guter Schauspieler. Im Grunde seines Herzens war er ein großer Spaßvogel.

 

»Sagen Sie mir doch, wohin Sie fahren wollten und was Sie vorhatten, Miss Perryman. Ich werde dann den Fall sehr leicht für Sie machen. Ich will keine Namen erwähnen, aber ich weiß, daß Sie in eine Angelegenheit verwickelt sind, deren Tragweite Sie selbst gar nicht kennen, sonst würden Sie niemals Ihre Unterstützung dazu hergeben.«

 

»Das klingt ja sehr verwickelt«, erwiderte sie kühl.

 

Er lachte gutmütig.

 

»Welches Gesetz habe ich denn übertreten?«

 

Simmonds wurde nachdenklich.

 

»Nun, erstens sind Sie mit einer lebensgefährlichen Geschwindigkeit gefahren –«

 

Sie lachte nur verächtlich.

 

»Dürfte das nicht sehr schwer zu beweisen sein?«

 

»Es wird nicht viel Mühe machen, den Beweis für meine Behauptung zu erbringen«, sagte Simmonds selbstbewußt. »Aber ich möchte Sie überhaupt nicht anzeigen. Ich wollte nur einmal fünf Minuten mit Ihnen sprechen. Sagen Sie mir nur, wohin Sie fahren, wen Sie treffen und was Sie abliefern wollten. Wenn Sie eine vernünftige junge Dame sind, werden Sie das tun, und Sie werden dann niemals vor ein Polizeigericht kommen.« Aber er fügte doch noch leise hinzu: »Höchstens als Zeugin.«

 

»Ich weiß überhaupt nicht, wovon Sie sprechen. Sie haben gar kein Recht, mich zu verhören. Oder wollen Sie mich auch mit Ihrem Polizeiknüppel niederschlagen?« fragte sie ironisch.

 

Sergeant Simmonds protestierte heftig. Aber sie gab auf seine weiteren Fragen keine Antwort mehr. Nach einiger Zeit lehnte er sich resigniert in die Ecke des Wagens zurück und schwieg, bis sie an ihrem Ziel ankamen.

 

Sie brachten Ann zu der kleinen Polizeiwache, die in Scotland Yard selbst liegt, und zehn Minuten später schloß sich die Tür einer Zelle hinter ihr.

 

Kapitel 8

 

Kapitel 8

 

Mark McGill ging in seinem Wohnzimmer auf und ab. Alle paar Minuten sah er nach der Uhr, die jetzt zwei zeigte. Von Ann war noch keine Nachricht eingetroffen. Er hatte an einen seiner Agenten in Oxford telefoniert und erfahren, daß sie dort nicht angekommen war. Das war allerdings kaum beunruhigend. Ann war klug und würde wahrscheinlich einen langen Umweg machen, um all den Kontrollstellen aus dem Weg zu gehen, wo sie von der Fliegenden Kolonne aufgegriffen werden konnte. Aber nun war es doch an der Zeit, daß er bald von ihr hörte. Sein Mann in Oxford hatte versprochen zu telefonieren, wenn sie angekommen war; aber seit einer Stunde war kein Anruf mehr erfolgt.

 

Ann begann etwas schwierig zu werden. Er wußte, daß ihr Glaube an ihn bis zu einem gewissen Grad erschüttert war. Erfolglos versuchte er, die alte Begeisterung für ihre Rache wieder in ihr wachzurufen. Viele Einflüsse arbeiteten gegen Mark McGill. Die erbärmliche Feigheit Tisers schien bei Ann Zweifel zu wecken, denn er hatte beobachtet, daß sie stets skeptischer wurde, wenn sie mit diesem furchtsamen Menschen zusammengekommen war.

 

In der Diele summte es dreimal. Er schaute schnell auf und ging zum Fenster, um hinauszusehen. Cavendish Square lag verlassen da, kein Auto war in Sicht. Es mußte Ann sein – sie drückte immer den zweiten Knopf, der unter der gewöhnlichen Klingel verborgen war, und den zufällige Besucher nicht kannten.

 

Er ging in den Flur, öffnete die Haustür und trat einen Schritt zurück, als er den Besucher sah. Polizeiinspektor Bradley trat ihm entgegen, und hinter ihm tauchten zwei Polizeibeamte auf.

 

Die kalten Blicke des Detektivs musterten Mark.

 

»Haben Sie jemand erwartet?« fragte er.

 

Mark hatte seine Selbstbeherrschung sofort wiedererlangt.

 

»Natürlich – ich erwarte Nachricht von Tiser. Er ist heute abend sehr krank geworden.«

 

»Ist denn Ihr Telefon auch krank geworden, daß Sie es nicht benützen?«

 

»In der Herberge ist niemand, der richtig telefonieren kann«, erwiderte Mark lächelnd. »Sie wissen doch, wie wenig intelligent diese Leute sind. Ich glaube, ich muß wirklich noch einen Assistenten für Tiser anstellen. Wollten Sie mich sprechen?«

 

Bradley nahm ein amtliches Dokument aus seiner Brieftasche.

 

»Ich habe eine Vollmacht zur Durchsuchung Ihrer Wohnung«, sagte er. »Ich hoffe nur, daß ich nicht zu spät gekommen bin!«

 

McGills selbstbewußtes Auftreten war beunruhigend, Bradley war enttäuscht – er kam zu spät. Mark McGill würde nicht so harmlos lächeln, wenn er sich vor einer Visitation seiner Wohnung fürchtete.

 

»Treten Sie bitte näher«, sagte Mark fast liebenswürdig.

 

Die Polizeibeamten folgten ihm in das Wohnzimmer. Mark ging geradenwegs zu seinem Schreibtisch und legte einen der beiden Hebel um, die an dem Tisch befestigt waren.

 

»Lassen Sie ihre Hände von den Schaltern«, sagte Bradley scharf. »Was haben sie zu bedeuten?«

 

Mark zuckte die Schultern.

 

»Es ist nur eine elektrische Vorrichtung, um die Haustür automatisch zu schließen. Sie haben die Tür offenstehen lassen, und ich bin sehr empfindlich gegen Zugluft.«

 

»Wir haben die Tür geschlossen«, erwiderte Bradley kurz. »Wozu dient der andere Hebel?«

 

»Damit kann man die Tür öffnen«, antwortete Mark.

 

Bradley legte seine Hand auf den einen Schalter und gab einem seiner Leute einen Wink.

 

»Gehen Sie einmal in den Flur und sehen Sie, was passiert.«

 

Er legte den Hebel um, und der Beamte bestätigte die Richtigkeit der Angaben McGills. Bradley legte nun den anderen Hebel um.

 

»Was geschieht jetzt?« fragte er.

 

»Ich kann nichts bemerken.«

 

»Dieser Hebel schließt also die Tür nicht. Wozu ist er da?«

 

McGill sah Bradley ins Gesicht, ohne mit der Wimper zu zucken.

 

»Vielleicht ist der Mechanismus nicht in Ordnung. Versuchen Sie doch den ersten Hebel. Beide öffnen und schließen die Tür.«

 

Bradley drehte den ersten Griff wieder und hörte, wie sich die Haustür schloß.

 

Die Durchsuchung der Wohnung dauerte eineinhalb Stunden. Die Beamten zogen alle Schubladen heraus, drehten jeden Gegenstand um, durchwühlten alle Schränke und Kommoden, machten alle Matratzen auf und klopften an die Holzpaneele. McGill beobachtete mit sichtlichem Vergnügen die Durchsuchung des Raumes, in dem er sich befand. Nach einer Weile holte er einen Schlüssel aus der Tasche.

 

»Dort, hinter der Tapete, zur linken Hand des Kamins, ist ein kleiner Safe eingebaut. Hier haben Sie den Schlüssel.«

 

Ohne ein Wort zu entgegnen, nahm Bradley den Schlüssel, öffnete den Schrank und prüfte den Inhalt.

 

»Sie haben doch auch eine Garage?« fragte er, als er damit fertig war. »Von Ihrer Küche aus führt eine Tür direkt dorthin.«

 

»Ich will Ihnen gern den Weg zeigen«, sagte McGill höflich, erhob sich und ging voraus.

 

In der Küche sah Bradley den röhrenförmigen eisernen Ofen, der sich noch warm anfühlte. Er öffnete die Klappe und stocherte in der glimmenden Asche herum.

 

»Eine ganz praktische Einrichtung«, meinte er.

 

»Da haben Sie recht, hier verbrenne ich meine Liebesbriefe.«

 

Inspektor Bradleys Lippen zuckten. Er hatte Sinn für Humor, und diese Antwort machte ihm offensichtlich Spaß.

 

»Sind Sie denn ein solcher Don Juan?«

 

Bradley beobachtete Mark scharf, obgleich er sich einen Anschein von Gleichgültigkeit gab, als er weitersprach.

 

»Wer ist denn Ihre letzte Eroberung – doch nicht etwa Miss Perryman?«

 

Er sah, daß Mark die Stirn runzelte, und fühlte sich erleichtert. Bevor der andere antworten konnte, zeigte er auf die Tür, die zur Garage führte.

 

»Schließen Sie auf.«

 

Er folgte McGill die Stufen hinunter und wartete, bis er das Licht angedreht hatte. Dann schaute er sich um. Es war ein auffallendes Geräusch in dem Raum zu hören – das Rauschen von fließendem Wasser. Der Detektiv stellte sofort fest, woher es kam. Er entdeckte den eisernen Behälter, der die Form einer großen Zigarre hatte.

 

»Was ist denn das«, fragte er.

 

»Das ist eine neue Art von Kühlmaschine«, entgegnete Mark leichthin. »Ich stelle gern allerhand wissenschaftliche Versuche an.«

 

Bradley öffnete die Tür. Im Licht seiner Taschenlampe konnte er nur den Strahl des fließenden Wassers sehen. Schnell rollte er seinen Ärmel auf und langte mit der Hand hinein, bis er auf den Boden des eisernen Behälters kam, wo er den Ausguß fand. Es war eine runde Öffnung, durch die das Wasser abfloß.

 

»Haben Sie etwas gefunden?« fragte McGill höflich.

 

In einer Ecke der Garage stand ein großes Paket, das in braunes Papier eingewickelt war. Bradley riß es auf und hob eine kristallhelle Platte heraus. Sie war rund und zeigte in regelmäßigen Zwischenräumen Löcher, die die Größe eines Halbschillingstückes hatten. Er feuchtete seinen Finger an und prüfte den Geschmack.

 

»Salz!«

 

Er legte eine runde Scheibe in den Behälter. In einigen Sekunden hatte sie sich aufgelöst und war vollständig verschwunden.

 

»McGill, ich werde Ihnen Ihren schlauen Plan erzählen. Sie haben diese Öffnung mit einem runden Stück Salz oder Zucker verschlossen, dann haben Sie Ihre eingeschmuggelten Waren daraufgelegt und die Tür zugemacht. Bei der geringsten Gefahr lassen Sie das Wasser laufen – und das regulieren Sie natürlich oben mit dem Hebel an Ihrem Schreibtisch!«

 

Er nickte lächelnd und sah, daß McGill sich unbehaglich zu fühlen begann.

 

»Wenn Sie Polizeibesuch bekommen, legen Sie einfach den Hebel oben um, und das fließende Wasser wäscht dann alles Kokain oder was Sie sonst hier verbergen, weg. Bevor die Polizei hierherkommen kann, sind alle Beweise verschwunden. Die Sache ist ganz genial angelegt!«

 

Er klopfte McGill auf die Schulter.

 

»Versuchen Sie das nicht wieder – wenn ich das nächste Mal komme, werde ich die Garage zuerst durchsuchen, und das könnte dann sehr üble Folgen für Sie haben. Wo ist Miss Perryman?«

 

Er stellte die Frage so plötzlich, daß Mark in Bestürzung geriet.

 

»Miss Perryman wohnt nicht hier.«

 

»Aber Sie erwarten doch Nachricht von ihr? Sie haben doch auf sie gewartet?«

 

McGill lachte, aber es klang nicht sehr überzeugend.

 

»Wirklich, mein lieber Inspektor, Sie haben phantastische Ideen – woher haben Sie die bloß?«

 

»Sie erwarten Ann Perryman – aber da werden Sie wohl noch einige Zeit zu warten haben. Sie wurde heute nacht auf der Straße nach Oxford verhaftet!«

 

Nicht ein Muskel in Marks Gesicht rührte sich, und kein Zucken seiner Wimpern verriet, was in ihm vorging.

 

»Es tut mir leid, das zu hören – warum ist das geschehen?«

 

»Sie war im Besitz von verbotenen Rauschgiften.«

 

Unter gewöhnlichen Umständen wäre Mark sehr mißtrauisch gegenüber allen Äußerungen eines Polizeibeamten gewesen, aber im Augenblick hatte er die Fassung verloren und dachte nicht einmal an die Möglichkeit, daß Bradley ihn nur bluffen wollte.

 

»Ich weiß von der ganzen Sache nichts«, sagte er laut. »Wenn sie Rauschgift mit sich führt, so tut sie das ohne meine Kenntnis. Und wenn sie sagt, daß sie die Ware von mir hat, dann lügt sie – wo haben Sie denn das Zeug in ihrem Wagen gefunden?«

 

Kaum hatte er diese Worte ausgesprochen, als er einsah, wie unklug diese Äußerung war. Ann hatte das Paket doch sicher beim ersten Zeichen einer drohenden Gefahr weggeworfen. Und nun hatte er durch seine Unvorsichtigkeit dem Detektiv verraten, was selbst Ann nicht wußte – daß in ihrem Auto noch mehr versteckt war, als sie ahnte.

 

Kapitel 9

 

Kapitel 9

 

Um McGill gerecht zu werden, muß gesagt werden, daß er sich bemühte, die Gefahr, in der Ann so oft schwebte, auf ein Mindestmaß zu beschränken. In neun von zehn Fällen brachte sie nur ein unschuldiges Paket von gewöhnlichem Salz auf das Land. Die wirkliche »Fracht«, die sie transportierte, befand sich in einem besonderen Fach an der Seite des Wagens, das hinter der Lederpolsterung verborgen war.

 

Aber in dieser Nacht hatte sie eine gefährliche Ladung nach Oxford zu bringen. Er verließ sich jedoch auf ihre angeborene Klugheit. Als Bradley nun seine Wohnung durchsuchte, erinnerte sich Mark plötzlich mit Schrecken daran, daß er Ann vor einer Woche nach Birmingham geschickt hatte. In dem Geheimfach steckte eine große Menge Kokain.

 

Ann wurde an ihrem Ziel stets von einem Beauftragten McGills erwartet, der ihren Wagen in eine Garage brachte, und dort wurde ohne ihr Wissen der eigentliche Transport ausgeladen. Aber die Leute von Birmingham hatten anscheinend eine Entdeckung gefürchtet und waren nicht erschienen. Nach Anns Rückkehr hatten weder Mark noch sein Chauffeur das Kokain aus dem Wagen entfernt.

 

Mark hatte sich darüber keine großen Sorgen gemacht. Das Geheimfach war ein ebenso gutes Versteck wie der Behälter. Erst als Ann an diesem Abend abgefahren war, fiel ihm ein, daß seine Leute in Oxford das Kokain aus dem Fach nehmen und wahrscheinlich über die Menge erstaunt sein würden. Aber das war eine Sache, die man später leicht in Ordnung bringen konnte.

 

Er sah Bradleys forschenden Blick und zwang sich zu einem Lachen.

 

»Ich wollte eigentlich sagen –«, begann er.

 

»Sie wollten eigentlich sagen, daß Ann Perryman noch etwas in ihrem Wagen hatte – außer dem kleinen Paket, das sie ins Wasser warf.«

 

Marks Augenlider zuckten:

 

»Davon weiß ich nichts«, sagte er schnell. »Ich weiß auch gar nicht, warum sie etwas ins Wasser werfen sollte. Sie hat eine Fahrt nach Oxford gemacht – das stimmt. Wo ist sie denn jetzt?«

 

Bradley schwieg eine Weile.

 

»Sie ist jetzt auf der Cannon-Row-Polizeiwache. Ich vermute, daß Sie Bürgschaft stellen wollen, um sie auf freien Fuß zu setzen. Aber ich sage Ihnen ganz offen, daß ich mich dem mit allen Mitteln widersetzen werde. Ich habe mein Bestes versucht, die junge Dame zu retten – jetzt kann ich nichts mehr für sie tun.«

 

Er fuhr mit der Hand nachdenklich über das Kinn und schaute Mark scharf an.

 

»Sie hat nur eine Chance. Sie kommt frei, wenn sie Zeugnis gegen Sie ablegt, McGill. Wenn sie mich in dieser Weise unterstützt, will ich einen Strich unter all ihre Verfehlungen machen.«

 

Mark hatte erwartet, daß er heftig sprechen würde, aber sein Ton war fast milde im Vergleich zu seinen Drohungen. Mark erkannte als Menschenkenner, daß Bradley an ganz andere Dinge dachte, während er sprach.

 

Er begleitete die Beamten bis zur Haustür und stand auf dem Gehsteig, als der Polizeiwagen vorfuhr. Er blieb stehen, bis das Auto in der Richtung der Oxford Street verschwunden war.

 

*

 

Zu Marks Organisation gehörte ein Rechtsanwalt, der alles tat, was er von ihm verlangte. Mark hatte Mr. Durther, der früher nur seinen kümmerlichen Unterhalt an einem Polizeigericht in Süd-London erwarb, mit genügend Geld versehen und ihm eine ansehnliche Villa in einer Vorstadt eingerichtet; auch von seinen schlimmen Gewohnheiten hatte er ihn fast völlig geheilt.

 

Mark ging ins Haus zurück und rief diesen Mann an.

 

»Ich schicke meinen Wagen. Sie müssen sofort kommen.«

 

Um halb vier erschien Mr. Durther in McGills Wohnung. Er sah schmächtig aus und hatte eingefallene Wangen. Seine Hände zitterten.

 

»Also hören Sie zu«, begann Mark. »Meine Freundin ist von der Polizei verhaftet worden. Ich wünsche, daß Sie heute morgen zu ihr gehen und den besten Verteidiger engagieren, um ihr bei Gericht zu helfen. Sehen Sie auch zu, daß sie alles bekommt, was sie braucht. Wahrscheinlich wird der Fall heute morgen vor dem Polizeigericht von Süd-London verhandelt. Sagen Sie ihr, daß sie nichts zu fürchten hat, wenn sie ruhig ist und die Fragen nicht beantwortet, die an sie gestellt werden. Polizeiinspektor Bradley wird Himmel und Hölle in Bewegung setzen, daß sie verurteilt wird – das können Sie auch erwähnen.

 

»Was hat sie denn bei sich gehabt?« fragte Mr. Durther mit seiner zitternden Stimme.

 

»Koks. Ich weiß noch nicht genau, ob sie das Zeug überhaupt gefunden haben. Darauf müssen Sie vor allem achten. Sollte ihre Verhaftung tatsächlich aufrechterhalten werden, dann soll ihr Verteidiger sofort den Antrag stellen, daß sie gegen Bürgschaft auf freien Fuß gesetzt wird. Wenn nötig, stellen Sie sofort einen Beschwerdeantrag bei der höheren Instanz.«

 

Kapitel 3

 

Kapitel 3

 

Mark schloß das Fenster, trat zurück und drehte das Licht wieder an. Mit einem scharfen Blick musterte er das Zimmer, verkorkte schnell das Tintenfaß und stellte es beiseite. Dann zeigte er auf die Tür.

 

»Geh nach unten und laß sie herein!«

 

Das Klopfen ertönte lauter und dringlicher als zuvor.

 

»Warte noch einen Augenblick!« rief Mark, als Tiser schon in der Türöffnung stand. Mit größter Eile rollte er den Teppich zurück, riß die Falltür auf und leuchtete mit seiner Taschenlampe nach unten. Aber nur das schwarze Wasser gähnte ihm entgegen. Plötzlich fiel ihm seine Pistole ein; rasch warf er sie hinunter, wartete noch, bis er das Aufschlagen auf dem Wasser hörte, schloß dann die Tür und legte den Teppich wieder darüber.

 

»Laß sie jetzt herein!« sagte er kurz.

 

Bradley trat zuerst ein. Einer der vier Detektive, die ihm folgten, hatte eine Pistole in der Hand.

 

»Durchsuchen Sie die beiden«, befahl Bradley.

 

Mark hob sofort die Hände in die Höhe.

 

»Wo ist Ihr Schießeisen?« fragte der Detektiv, der schnell alle Taschen Marks abtastete.

 

»Wenn Sie damit eine Pistole meinen«, entgegnete McGill kühl, »dann verschwenden Sie nur unnötig Ihre Zeit. Darf ich mir aber die Frage erlauben, was dieses ganze Theater zu bedeuten hat?«

 

»Wo ist Li Yoseph?«

 

Mark zuckte die Schultern.

 

»Das möchte ich auch gerne wissen. Ich unterhielt mich noch vor kurzem mit ihm in der freundschaftlichsten Weise. Dann ging er fort, um noch einen Bekannten aufzusuchen. In zehn Minuten wollte er zurückkommen.«

 

Der Detektiv verzog verächtlich die Lippen.

 

»So, er wollte einen Bekannten aufsuchen? Wollte ihn wohl nach seinem Hund fragen, was?« Er zog die Luft prüfend durch die Nase ein und runzelte die Stirn. »Es riecht hier ganz verdächtig nach Kordit.«

 

Bradley ging zu dem kleinen Schlafraum, sah sich dort um, nahm die Violine und den Bogen und betrachtete sie nachdenklich.

 

»Sein Instrument hat er nicht mitgenommen, wie ich sehe.« Er nahm die Violine unters Kinn und spielte eine kurze Melodie. »Sie wußten wohl nicht, daß ich Geige spiele?« fragte er, als er sie wieder auf den Tisch legte.

 

»Ich weiß nur, daß Sie sich hier aufspielen wollen. Ihre künstlerische Veranlagung scheint sich irgendwie betätigen zu müssen«, erwiderte Mark bissig.

 

Bradley sah ihn scharf an.

 

»Sie müssen sich von dem Wahn freimachen, daß Sie hier als Volksredner vor einer großen Versammlung stehen, McGill. Sagen Sie mir lieber, wo ich Li Yoseph finden kann.«

 

Marks Gesicht wurde dunkelrot, offener Haß flammte aus seinen Blicken.

 

»Wenn Sie wissen wollen, warum ich hierher kam, dann werde ich es Ihnen sagen. Tiser und ich versuchen etwas Gutes in der Welt zu tun und den Leuten zu helfen, die Sie unterdrückt und zugrunde gerichtet haben, Bradley –«

 

Der Detektiv lächelte.

 

»Ach, ich kenne Ihre Herberge, wenn Sie dieses Heim für Obdachlose meinen«, entgegnete er trocken. »Das ist doch weiter nichts als ein Ihnen angenehmer Treffpunkt für Verbrecher, die Sie für Ihre Zwecke brauchen können. Eine geniale Idee. Ich habe gehört, daß Sie dort fromme Predigten halten, Tiser?«

 

Der Mann grinste nur furchtsam, er war noch nicht fähig zu sprechen.

 

»Sie wollen mir doch nicht etwa erzählen, daß Sie Li Yoseph aufsuchten, damit er Ihnen bei der Besserung der Sträflinge helfen sollte? Wenn Sie das –«

 

In diesem Augenblick wurde Bradley von einem Beamten dringend auf den Gang gerufen. Er ging sofort hin und sprach mit ihm. Mark McGill sah das Erstaunen in seinem Gesicht.

 

»Nun gut, sagen Sie Miss Perryman, daß sie hereinkommen kann.«

 

Ann Perryman trat langsam ein und schaute von einem zum andern.

 

»Wo ist Mr. Yoseph?«

 

»Dieselbe Frage habe ich eben auch gestellt«, erwiderte Bradley freundlich.

 

Sie beachtete ihn nicht und wiederholte ihre Frage.

 

»Ich weiß es nicht«, entgegnete Mark. »Vor einigen Minuten war er noch hier. Er ist aus irgendeinem Grund fortgegangen und bisher noch nicht wieder zurückgekommen.«

 

Ann fühlte plötzlich, wie jemand ihren Arm faßte und sie herumzog. Sie zitterte vor Entrüstung, als sie Inspektor Bradleys Blick begegnete.

 

»Miss Perryman, wollen Sie so liebenswürdig sein und mir sagen, warum Sie jetzt hierherkamen? Ich frage Sie in meiner Eigenschaft als Polizeibeamter.«

 

»Ich kam, weil er mir schrieb, daß ich ihn besuchen solle«, erwiderte sie atemlos.

 

»Bitte, zeigen Sie mir seine Mitteilung.«

 

Tiser starrte sie mit offenem Mund an; auch Mark McGills Züge verrieten ungewöhnliche Bestürzung.

 

Ann Perryman zögerte, dann riß sie mit einer hastigen Bewegung ihre Handtasche auf und zog ein Blatt Papier hervor. Bradley las die beiden schnell hingeworfenen Zeilen:

 

»Ich muß Sie um zehn Uhr sehen. Es ist äußerst dringend.«

 

»Wo ist der Briefumschlag?«

 

»Den habe ich weggeworfen.« Sie atmete schnell, und ihre Stimme zitterte; aber Bradley wußte, daß nicht Furcht die Ursache ihrer Erregung war.

 

»Der Brief wurde Ihnen wohl durch einen Boten überbracht? Li hatte zuerst die Absicht, ihn durch die Polizei zu schicken. Er wollte Sie morgen abend sehen – ich hatte auch eine Verabredung mit ihm für dieselbe Zeit«, warf Mark ein.

 

Bradley sah ihn durchbohrend an, aber McGill hielt den Blick aus.

 

»Wollen Sie mir bitte erklären, was dies alles zu bedeuten hat?« fragte Ann.

 

Mühsam hatte sie ihre Selbstbeherrschung wiedererlangt.

 

»Was das bedeutet?« erwiderte Bradley kühl. »Die Fliegende Kolonne ist hier – oder wenigstens eine Abteilung von ihr. Ich kam hierher, um Li Yoseph in Schutzhaft zu nehmen, bevor ihm etwas zustoßen konnte. Er wollte mir heute einen Brief schicken, und ich nahm an, daß er denselben Boten benützen würde, den er Ihnen gesandt hat. Ich verrate kein Dienstgeheimnis, wenn ich Ihnen sage, daß ich um Li Yoseph ernstlich besorgt war und ihn in Sicherheit bringen wollte, bevor ihn dasselbe Schicksal erreicht wie Ihren Bruder.«

 

Ann Perrymans Lippen zitterten, aber wieder gelang es ihr, sich zu beherrschen.

 

»Sie meinen, bevor er durch die Hand von Polizeibeamten umgebracht wurde?« sagte sie leise, beinahe flüsternd. »Auf diese Weise ist mein Bruder ums Leben gekommen – wollten sie mit Li Yoseph auf dieselbe Weise verfahren? Als Sie mich vorhin am Arm packten und herumrissen, als ob ich eine Ihrer Gefangenen wäre, erkannte ich, was für ein brutaler Mensch Sie sind!«

 

»Wer hat Ihnen denn gesagt, daß ich Ihren Bruder getötet habe?«

 

»Li Yoseph.«

 

Auf diese Antwort war Bradley nicht gefaßt.

 

»Das ist das Unglaublichste, was ich je gehört habe«, sagte er langsam. Dann war er plötzlich wieder der sachliche Beamte und sprach ganz geschäftsmäßig. »Es ist möglich, daß ich Sie, McGill und Tiser, heute abend noch einmal sehen muß. Inzwischen können Sie nach Hause gehen. Miss Perryman, mit Ihnen werde ich morgen früh sprechen. Jetzt werde ich Sie nach Hause bringen.«

 

»Ich brauche Ihre Begleitung nicht – ich gehe mit Mr. McGill.«

 

»Sie gehen mit mir«, erwiderte er bestimmt. »Ich will wenigstens die Genugtuung haben, Sie einen Abend lang vor schlechter Gesellschaft bewahrt zu haben.«

 

»Was soll das heißen, Bradley?« rief McGill zornig. »Was wollen Sie von mir? Ich habe nun allmählich genug von Ihren Andeutungen und dunklen Bemerkungen. Stehen Sie mir jetzt Rede und Antwort!«

 

Bradley winkte einen seiner Leute heran.

 

»Begleiten Sie Miss Perryman zu meinem Wagen!«

 

Einen Augenblick sah sie ihn trotzig an, dann drehte sie sich um und folgte dem Detektiv die Treppe hinunter. Nachdem sie gegangen war, wandte sich Bradley an McGill.

 

»Ich will Ihnen sagen, was ich gegen Sie habe. Im ganzen Land ist in letzter Zeit ein starkes Anwachsen von Gewaltverbrechen wahrzunehmen. Vorige Woche wurde in der Oxley Road ein Polizist erschossen, und als jene Bande bei den Juwelieren Isligton einbrach und auf frischer Tat überrascht wurde, haben die Leute durch eine regelrechte Schießerei ihren Rückzug gedeckt. Das ist ungewöhnlich. Sie wissen doch, daß der englische Verbrecher keine Schußwaffe bei sich trägt. Eine neue Generation von Revolverhelden ist im Land aufgetaucht – und deshalb bin ich empört über Sie.«

 

»Wollen Sie damit sagen, daß ich Schießstände eingerichtet habe, wo ich den Verbrechern das Knallen beibringe?«

 

Bradley nickte langsam.

 

»Ja, das meine ich. Sie benützen die schlimmste Methode, um die Leute zu solchen teuflischen Taten zu treiben. Jeder, der die Geschichte der amerikanischen Verbrecherbanden kennt, weiß, was jetzt in England vorgeht. Sie haben einen neuen Weg gefunden, den Verbrechern Rauschgifte zu liefern! Aber wenn ich Sie fasse, dann werde ich Sie auch ganz zur Strecke bringen. Zwanzig Jahre werden nach Ihrer Verurteilung vergehen, bevor Sie wieder aus Dartmoor herauskommen.« Er trat näher an McGill heran. »Und ich werde Ihnen noch etwas anderes sagen. Ich weiß nicht, was Sie mit Miss Perryman im Sinn haben, aber denken Sie daran, daß ich sie bewachen werde wie eine Katze die Maus. Und wenn Sie etwas Böses im Schilde führen, dann werde ich schon Mittel und Wege finden, Sie einzusperren – auch ohne Beweise.«

 

Kapitel 4

 

Kapitel 4

 

Während der Fahrt zur Stadt stellte Bradley seine Fragen klug und geschickt, und Ann Perryman wußte wohl kaum, daß sie einem Kreuzverhör unterworfen war.

 

Am nächsten Morgen hatte sie in ihrem Wohnzimmer im Hotel eine Unterredung mit Bradley; er hatte sich vorher telefonisch mit ihr in Verbindung gesetzt. Als er dann bei ihr erschien, war sie gesammelt und ruhig. Sie sah ihn unverwandt an, während er sprach, und in dem Blick ihrer Augen las er Haß gegen sich und seinen Beruf.

 

»Wir haben noch keine Spur von Li Yoseph gefunden, aber ich hoffe, daß wir ihn noch entdecken werden, wenn er nicht beiseite geschafft worden ist. Er besaß ein kleines Motorboot, das unten an seinem Haus befestigt war. Dieses Boot wurde von der Strompolizei leer auf der Themse gefunden.«

 

Sie betrachtete ihn mit kalten Blicken. Unter gewöhnlichen Umständen hätte sie ihn wohl für einen hübschen jungen Mann gehalten; er hatte intelligente Züge und große, ausdrucksvolle Augen. Es war seine Angewohnheit, die Menschen häufig durch halbgeschlossene Augenlider zu beobachten. Er lachte häufig; aber seine Lippen zuckten schmerzlich, als er von den armen Leuten sprach, die in Li Yosephs Nachbarschaft wohnten. Er sah gepflegt aus, hatte die Gestalt eines Athleten und schöne, wohlgeformte Hände, die er auf die Tischplatte legte – sie hatte ihm keinen Platz angeboten. Ihr Haß gegen ihn wuchs mehr und mehr, als sie seine anziehenden Eigenschaften erkannte.

 

»Es ist überflüssig, Theorien aufzustellen, Mr. Bradley«, sagte sie ruhig. »Li Yoseph wurde wahrscheinlich von Polizeibeamten getötet – genau wie der arme Ronnie!«

 

Ihre Behauptung war so lächerlich und aus der Luft gegriffen, daß Bradley, der Mutterwitz besaß und gewöhnlich sehr schlagfertig war, keine Antwort fand.

 

»Er wurde einfach mit einem Polizeiknüppel niedergeschlagen, weil er Ihnen nicht sagen wollte, was Sie gerne gewußt hätten. Warum sollte denn Li Yoseph entkommen? Er war ein Zeuge, der den Mord an Ronnie gesehen hatte.«

 

Bradley sah sie scharf an.

 

»Sie haben sich aufhetzen lassen. Wissen Sie eigentlich, welche Tätigkeit Ihr Bruder hatte, warum er so eng mit Li Yoseph befreundet war?«

 

Sie antwortete ihm nicht.

 

»Ich möchte Ihnen so gerne helfen.«

 

Er lehnte sich über den Tisch; seine Stimme klang sanft und eindringlich.

 

»Soviel ich weiß, sind Sie Lehrerin an einer Pariser Schule, und ich hoffe, daß Sie versuchen werden, all diese schrecklichen Ereignisse zu vergessen, wenn Sie dorthin zurückkehren. Ich habe Ihren Bruder gern gehabt, in gewissem Sinn war er sogar mein Freund. Ich war wohl einer der letzten, mit denen er vor seinem Tod sprach.«

 

Er sah, wie sie die Lippen unwillig zusammenzog, und schüttelte den Kopf.

 

»Das Unglück muß Sie so schwer getroffen haben, daß Sie im Augenblick nicht klar denken können. Warum sollte die Polizei ihm denn etwas getan haben? Und warum sollte denn gerade ich sein Mörder sein? Ich hätte mir die größte Mühe gegeben, wenn ich ihm hätte helfen können. Ich kenne seine ganze Vergangenheit, und ich weiß auch, wie wankelmütig er war …«

 

»Ich glaube, wir können diese Unterredung beenden. Ob ich nach Paris zurückgehe oder nicht, ist meine eigene Angelegenheit. Ich weiß, daß Sie ihn haßten – und ich glaube, daß Sie ihn getötet haben. Alle Nachbarn Li Yosephs sind davon überzeugt, daß Ronnie von Polizeibeamten getötet wurde. Ich will nicht behaupten, daß man ihn mit Vorsatz ermordete, aber er starb von Ihrer Hand.«

 

Er machte eine verzweifelte Handbewegung.

 

»Darf ich später einmal mit Ihnen sprechen, wenn Sie die erste Aufregung überwunden haben?«

 

»Ich will Sie nie wieder sehen«, brauste sie auf. »Ich hasse Sie und Menschen Ihres Schlages! Sie sind so freundlich und können so aalglatt reden, und dabei sind Sie doch so heimtückisch und gemein. Alle Polizeibeamten sind Lügner, die ihre Schlechtigkeit durch Meineide beschönigen und ihre Fehler durch die Verfolgung unschuldiger Zeugen verbergen. Sie haben sich einen abscheulichen Beruf ausgesucht.«

 

Er wollte noch etwas erwidern, hielt es aber für besser zu schweigen, nahm mit einem leichten Lächeln seinen Hut auf und verließ den Raum.

 

Später bereute Ann ihre Heftigkeit, aber gleich darauf verachtete sie sich wieder selbst wegen dieser Schwäche. Dieser Mann hatte ihren Bruder ermordet …

 

Und in dieser Überzeugung stand sie nicht allein. Die Leute in der Gegend von Lady’s Stairs hatten ihre eigenen Ansichten, die durch das bestärkt wurden, was sie mit ihren Augen sahen. Sie wußten, daß Ronnie Li Yoseph öfters besuchte. Auch hatten sie gesehen, daß die Beamten um ein Uhr nachts in Li Yosephs Haus eindrangen. Ein Mann hatte sogar gehört, daß Bradley, der Führer der Fliegenden Kolonne, sagte: »Ich will die Wahrheit aus diesem Jungen herausbekommen, und wenn ich ihm den Schädel einschlagen müßte!«

 

Niemand glaubte daran, daß der alte Li Ronnie ermordet hatte, dieser Gedanke war nicht einmal den Polizeibeamten gekommen. Sie sagten nur, daß Li verschwunden war. Es stellte sich heraus, daß in jener Nacht ein großer holländischer Dampfer während der Flut die Themse hinuntergefahren war, und man nahm an, daß Li auf diesem Schiff Zuflucht gesucht hatte.

 

Li Yosephs Haus wurde abgesperrt; die Schlüssel deponierte man bei einem Hausagenten. Der alte Mann hatte seiner Bank ein für allemal den Auftrag gegeben, seine Hausmiete zu zahlen; er blieb deshalb theoretisch Inhaber der Wohnung, obwohl die Räume leerstanden.

 

Eine Stunde nach Bradleys Besuch kam Mark McGill zu Ann. Er war sehr frei und offen, obgleich er nicht wußte, was Bradley ihr gesagt und welche Geheimnisse er ihr anvertraut hatte. Im Augenblick sah er nur, daß Miss Ann überraschend schön war und vielleicht das brauchbarste Mitglied seiner Organisation werden würde.

 

»Ich will nichts vor Ihnen beschönigen oder verbergen, Miss Perryman. Ich sagte Ihnen schon, daß ich seit Jahren vom Schmuggel lebe – und Ronnie war mein bester Kamerad. Tiser kann ich nur bis zu einem gewissen Grad trauen, denn er trinkt und ist unzuverlässig. Ich selbst will mich nicht als Heiligen ausgeben, aber Sie wissen ja, wie die Gesetze gemacht sind. Wenn sich jemand gegen das Eigentum der besitzenden Klasse vergeht, wird er schrecklich bestraft, wenn aber ein Schuft seine Frau halbtot prügelt, bekommt er höchstens drei Monate dafür. Nimmt er dagegen ein paar Schillinge aus einer Ladenkasse, oder stiehlt er einem schwerreichen Mann ein paar hundert Pfund, dann kann er froh sein, wenn er mit einem Jahr Gefängnis davonkommt.«

 

Ann sah all diese Dinge plötzlich in einem neuen Licht; sie erschienen ihr nicht mehr so verdammenswert, im Gegenteil, es lag eine gewisse Romantik darin. Mark beobachtete sie, während er sprach, und sah, daß ihre Augen aufleuchteten. Seine Worte hatten Eindruck auf sie gemacht.

 

Auf vielen Waren lastet hoher Zoll – z. B. auf Sacharin, für das pro Unze dreieinhalb Schilling gezahlt wurden. Mark und Ronnie hatten mehr als zehntausend Unzen wöchentlich geschmuggelt. Bei dieser Menge blieben ihnen fast tausend Pfund Verdienst. Sie schmuggelten aber auch noch andere Waren und betrieben einige Nebengeschäfte. Ronnie hatte ihr früher davon erzählt, und jetzt war sie mit dieser Art »Verbrechen« ausgesöhnt. Ihrer Meinung nach war das keine entehrende Gesetzesübertretung. Mit Ausnahme der Regierung wurde niemand geschädigt; die armen Leute dagegen hatten Vorteile davon, denn sie konnten billig kaufen.

 

»Natürlich will ich nicht, daß der Tod des armen Ronnie Ihre Entscheidung irgendwie beeinflußt. Wenn Sie Ihre Absicht geändert haben und nicht zu uns kommen wollen …«

 

Aber sie unterbrach ihn und schüttelte heftig den Kopf. Mark las in ihren Augen feste Entschlossenheit, als sie ihm mitteilte, daß Bradley sie einfach nach Paris hatte zurückschicken wollen.

 

»Ich habe meine Absicht in keiner Weise geändert«, sagte sie.

 

An diesem Tag wurde Ann in McGills Organisation aufgenommen.

 

Merkwürdigerweise dachte sie nicht mehr an Li Yoseph und sein geheimnisvolles Verschwinden. Um so mehr beschäftigte sich aber Bradley mit diesem Fall, und tagelang durchforschten Polizeibeamte in Booten die sumpfigen Gewässer der Bucht. Mit langen Bootshaken stießen sie durch den Schlamm und suchten nach Li Yoseph, der früher hier so friedlich am Fenster gesessen oder Geige gespielt hatte.

 

*

 

Es war nicht ganz ein Jahr später, am Abend eines Vorfrühlingstages …

 

Von weither drang das Geräusch eines Flugzeugs zu Ann Perryman. Sie klappte ihr Buch zu und erhob sich von dem Trittbrett des kleinen, eleganten Autos, auf dem sie gesessen hatte. Schnell warf sie einen Blick auf ihre Armbanduhr – es war sieben Uhr fünfundvierzig. Der Pilot war pünktlich, fast auf die Sekunde.

 

Sie öffnete den Wagenschlag, nahm ein Fernglas heraus, trat aus dem Gebüsch, das ihren Wagen vor Sicht schützte, und suchte den Himmel ab. Gleich darauf entdeckte sie die niedergehende Maschine, der Motor war schon abgestellt, er war nicht mehr zu hören.

 

Schnell ging sie zu dem Auto zurück, griff ins Innere und setzte einen Hebel am Schaltbrett in Bewegung. Das schwarze Dach des Wagens bestand aus schmalen Streifen, und als sie nun an dem Handgriff zog, drehten sich die einzelnen Teile wie bei einer Fensterjalousie. Die Unterseite war mit Spiegelglas belegt, das in den letzten Strahlen der untergehenden Sonne aufleuchtete. Dreimal bewegte sie den Griff, und dreimal öffnete und schloß sich das Dach des Autos. Dann öffnete sie es noch einmal, ließ die Spiegelfläche nach oben stehen und lief wieder ins Freie, um die Bewegungen des Flugzeuges zu beobachten.

 

Der Pilot hatte ihr Zeichen gesehen. Seine Signallampe blinkte mehrere Male auf, und er kam direkt auf ihren Halteplatz zu. Aus nächster Entfernung hörte sie, daß er den Motor wieder angestellt hatte.

 

Er war kaum zwanzig Meter vom Boden entfernt, als er ein Paket abwarf. Der kleine, seidene Fallschirm öffnete sich und bremste den Fall. Trotzdem schlug das Holzkistchen ziemlich schwer auf dem Boden auf. Kaum hatte sie gesehen, wo die Ladung abgeworfen war, als das Flugzeug wieder steil anstieg.

 

Ann wartete nicht, bis es außer Sicht war, sondern eilte zu dem Paket, hob es auf, brachte es zu dem Wagen und legte es mit dem zusammengefalteten Fallschirm in einen Hohlraum unter ihrem Sitz. Die Kiste war nicht schwer. McGill ließ nicht zu, daß sie die schweren Ladungen abholte; er überließ ihr nur die leichten Pakete, die ungehindert von der See her durch Flugzeuge ins Land gebracht wurden.

 

Nach einer ermüdenden Fahrt auf holprigem Grund erreichte Ann endlich die Hauptstraße. Erleichtert nahm sie die Richtung nach Norden und fuhr im schärfsten Tempo nach London. Ann Perryman fuhr leidenschaftlich gern mit höchster Geschwindigkeit. Es war ihr größtes Vergnügen, am Steuer zu sitzen und mit Genugtuung festzustellen, daß der Geschwindigkeitsmesser immer höher kletterte.

 

Als sie nach Kingston Hill kam, verlangsamte sie das Tempo. Ein Polizist rief ihr etwas zu, und sie drehte ihre Scheinwerfer an, obgleich es noch nicht sehr dunkel war. Der Mann hatte eigentlich kein Recht dazu, diese Anordnung zu geben, und handelte etwas eigenmächtig im Bewußtsein seiner Autorität.

 

Noch vor einem Jahr würde sie über eine derartige Aufforderung gelacht haben und ihr nicht nachgekommen sein. Im Gegenteil, damals machte es ihr das größte Vergnügen, den Anordnungen dieser unbedeutenden Beamten zu trotzen. Aber Mark hatte darauf bestanden, daß sie sich in all diesen kleinen Dingen den Vertretern des Gesetzes gefügig unterwarf. Sie haßte alle Polizisten. Der Anblick eines weißen Arms mit einem Handschuh, der ihr an einer Straßenkreuzung Halt gebot, trieb ihr das Blut in die Wangen.

 

Wieder verlangsamte sie die Fahrt, als die Lichter von Hammersmith Broadway in Sicht kamen. Hier traf sie auf einen lebhaften Wagenverkehr und suchte ihren Weg mühsam zwischen einem schweren Lastwagen und einem Autobus. Schließlich mußte sie neben dem Gehsteig anhalten. Als sie nach rechts schaute, sah sie einen Herrn in der Nähe stehen und schrak zurück. Aber die hellen Lampen eines Kolonialwarenladens beleuchteten grell ihr Gesicht, und es war unmöglich, der Beobachtung dieses Mannes zu entgehen.

 

Seine Haltung war charakteristisch. Die Hände hatte er tief in die Hosentaschen gesteckt, Schultern und Kopf waren vornübergeneigt. Obwohl das scharfgeschnittene, braune Gesicht im Schatten war, konnte man doch aus der Haltung erraten, daß seine Gedanken weit von Hammersmith Broadway entfernt weilten. Zuerst gab er nicht zu erkennen, daß er sie gesehen hatte. Sie wandte rasch den Kopf und schaute krampfhaft nach dem Lastwagen, der auf der anderen Seite hielt. Aber sie sah doch, wie er auf sie zukam. Gleich darauf stützte er die Ellbogen auf den unteren Rand ihres offenen Fensters.

 

»Haben Sie eine Spazierfahrt gemacht, Miss Perryman?« Sie haßte ihn, sie haßte seine gedehnte Sprache, sein ganzes Wesen, seinen Beruf. Mark sprach immer von Zweckmäßigkeit, aber die Bekanntschaft mit diesem Mann hatte sie nach ihrem eigenen Willen gepflegt. Überlegt und kaltblütig hatte sie damals eine zweite und dritte Begegnung mit ihm herbeigeführt und hatte ihn später noch viele Male getroffen. Noch empfand sie heftigen Schmerz über den Tod ihres Bruders, aber sie spielte ihre Rolle gut. Mit vielen Worten hatte sie sich wegen der Beleidigung bei ihm entschuldigt, die sie ihm damals zugefügt hatte. Er konnte nicht ahnen, welchen Haß sie gegen ihn im Herzen trug.

 

»Ach, Mr. Bradley! Ich hatte Sie gar nicht gesehen.«

 

»Die Leute pflegen mich auch selten zu sehen, wenn sie nach der entgegengesetzten Richtung schauen«, sagte er.

 

Sie glaubte, daß seine Blicke das Innere des Wagens absuchten.

 

»Sind Sie ganz allein? Das ist großartig. Wenn ich von mir sprechen darf, so liebe ich es auch, mich nur mit mir selbst zu unterhalten. Vielleicht fühlen Sie ähnlich.«

 

Er sah, daß der Verkehrspolizist den Weg freigab.

 

»Fahren Sie zufällig in die Nähe der Marble Arch? – Wissen Sie, ich spare immer das Geld für den Autobus, deshalb hält man mich für einen Schotten.«

 

Sie zögerte. Es war unerträglich, ihn neben sich zu wissen, aber Mark hatte gesagt …

 

»Bitte steigen Sie ein. Ich fahre dort vorbei.«

 

Er stieg rasch in den Wagen und setzte sich neben sie.

 

»Sicher trägt das zu meinem guten Ruf bei«, sagte er scherzend. »Wenn meine Vorgesetzten sehen könnten, daß ich in so guter Gesellschaft fahre, würde ich nächste Woche befördert werden.«

 

Sie konnte seine sarkastische Art kaum ertragen; sie haßte ihn um so mehr, als sie überzeugt war, daß er sich innerlich über sie lustig machte. Gewiß kannte er die Rolle, die sie in Mark McGills Organisation spielte. Und doch schien er eher belustigt als empört darüber zu sein. Das väterliche Wohlwollen in seinem Ton war unausstehlich.

 

Sie preßte die Lippen zusammen, als ihr Wagen jetzt schneller zwischen einem Gewirr von Lastwagen, Straßenbahnen und anderen Fuhrwerken nach Sheperds Bush fuhr.

 

»Geht es Mr. McGill gut?« fragte er höflich, fast achtungsvoll.

 

»Ich weiß sehr wenig von Mr. McGill«, sagte sie ablehnend. »Ich sehe ihn nur gelegentlich.«

 

»Natürlich«, sagte er halblaut. »Wenn man in demselben Haus wohnt, sieht man ja nicht viel voneinander. Wie geht es denn mit dem Heim, das er unterhält? Den Mann muß man wirklich einen Wohltäter der Menschheit nennen. Wenn ich nicht zufällig Detektiv wäre, so möchte ich am liebsten ein reicher Bankier sein und Geld wegschenken.«

 

Sie ermunterte ihn nicht, das Gespräch fortzusetzen, aber Bradley kümmerte sich nicht darum.

 

»Möchten Sie nicht heute abend ins Theater gehen, Miss Perryman?«

 

»Nein.«

 

»Oder wollen Sie gern einmal auswärts speisen?«

 

Mark hatte ihr gesagt, daß er sie diesen Abend vielleicht brauchen werde.

 

»Sie wollen mich wohl zum Essen einladen?« fragte sie ironisch.

 

»In gewissem Sinne, ja.«

 

Zum zweiten Male beobachtete sie, daß er nach rückwärts in das Innere des Wagens schaute. Er war schweigsam, bis sie in der Nähe des Marble Arch hielt.

 

»Ich danke Ihnen vielmals für die Fahrt, Miss Perryman«, sagte er, als er ausgestiegen war. Er wollte noch ein wenig neben dem Wagen stehenbleiben und mit ihr sprechen, aber bevor er zu Wort kam, war sie schon davongefahren.

 

Mark beschäftigte einen Mechaniker, der zu gleicher Zeit auch Fahrer war, um das Auto zu betreuen. Der Mann hinkte und wohnte über der Garage. Als Ann die Hinterstraße entlangfuhr, stand er schon vor der Tür und wartete auf sie.

 

»Guten Abend, Miss – Sie kommen heute etwas spät.«

 

Sie lächelte über seine Besorgnis. Mark McGill suchte seine Angestellten an sonderbaren Stellen. Diesen Fahrer hatte er aus seinem Heim für Obdachlose geholt.

 

»Es ist schon gut, Manford – ich hatte einen Passagier, mit dem ich nicht so schnell fahren konnte.«

 

In diesem Augenblick fuhr ein Taxi vorbei und bog nach Cavendish Square ein. Als sie jetzt selbst auf den Platz hinaustrat, sah sie, daß der Wagen hielt. Der Passagier war ausgestiegen und stand auf dem Gehsteig. Als sie vorüberging, schaute sie ihn flüchtig von der Seite an.

 

Hatte sie ihn schon einmal gesehen? Er kam ihr irgendwie bekannt vor. Er stand reglos und schweigsam da. Als sie die Treppe zu ihrer Wohnung emporstieg und zurückblickte, stand er noch an derselben Stelle, und sie bildete sich ein, daß er sie beobachtete.

 

Sie wußte, daß Mark zu Hause war. Im Vorraum brannten zwei Lampen, die man von der Straße aus durch das Fenster über der Tür sehen konnte.

 

Ann schloß auf und trat in das Wohnzimmer ein. Mark saß am Kamin, in dem ein kleines Feuer brannte, und las die Abendzeitung.

 

Sie hatte Mark vielfach auf die Probe gestellt, und er hatte sie nicht enttäuscht. Seine Zuneigung war von brüderlich-kameradschaftlicher Art.

 

»Zurück? Das Geschäft hat also geklappt! Fein, daß Sie den Flieger getroffen haben. Er ist ein tüchtiger Kerl. Früher war er einer der besten Flieger in der französischen Armee.«

 

Ann hatte ihre Kappe abgenommen und ordnete ihr Haar.

 

»Ich hatte einen Passagier von Hammersmith bis nach Marble Arch … Raten Sie mal, wen – dreimal dürfen Sie raten.«

 

Er schüttelte den Kopf, langte nach dem Silberkasten, der auf dem Tisch stand, und nahm sich eine Zigarre.

 

»Ich bin zu müde, um zu raten, außerdem kenne ich Ihre Freundinnen zu wenig.«

 

»Versuchen Sie es doch!«

 

McGill seufzte und setzte sich bequem in seinem Sessel zurecht.

 

»Rätselraten liegt mir nicht besonders – aber sicher ist es irgendeine interessante Persönlichkeit gewesen, dessen bin ich sicher.«

 

»Es war Polizeiinspektor Bradley.«

 

Nun war er doch etwas betroffen.

 

»Bradley? Was wollte er denn von Ihnen? Hat er Sie angehalten? Wollte er den Wagen durchsuchen? Wo war denn die Ware?«

 

»Er bat mich, ihn nach der Stadt mitzunehmen. Ich konnte ihn nicht gut abweisen. Er hat sich auch nach Ihnen erkundigt.«

 

Mark kniff die Augen zusammen.

 

»Ein komischer Kerl!« sagte er dann lächelnd, aber er fühlte sich unbehaglich.

 

Sie trat wieder vor den Spiegel und ordnete ihr Haar aufs neue mit einem kleinen, goldenen Kamm.

 

Er konnte ihr hübsches, ovales Gesicht sehen, ihre roten Lippen, die großen, grauen Augen und das rötlichgolden schimmernde Haar.

 

»Jedesmal, wenn ich mich im Spiegel betrachte, denke ich, daß meine Haare zu auffallend sind und mich verraten könnten. Es ist wohl das beste, wenn ich sie schwarz färben lasse.«

 

Mark antwortete nicht, und sie schwiegen beide kurze Zeit. Als sie wieder sprach, betrachtete er stirnrunzelnd das Teppichmuster.

 

»Manchmal brauche ich viel Unterstützung, um einen Entschluß zu fassen. Ich hatte eigentlich heute Bradley gegenüber nicht mehr das alte Gefühl, als er neben mir saß. Er hätte mir doch eigentlich unerträglich sein müssen, und doch war es nicht so. Es ist nicht leicht, alten Haß neu aufzustacheln. Ich sagte mir immer wieder: Neben dir sitzt der Mann, der Ronnie umgebracht hat – aber war er es denn wirklich? Vielleicht war es einer von den anderen Leuten, vielleicht dieser gräßliche Simmonds.«

 

»Bradley hat ihn wirklich auf dem Gewissen.« Mark starrte immer noch auf den Teppich. »Auch an dem Tod des alten Li wird er schuldig sein.«

 

Langsam erhob er sich und ging mit verschränkten Armen im Zimmer auf und ab. Ein unmutiger Ausdruck lag auf seinem Gesicht.

 

»Ich spreche nicht gern über Ronnie, aber Sie haben im vergangenen Monat nun schon zweimal davon angefangen. Wie sich die Sache genau zugetragen hat, weiß niemand.«

 

Er blieb vor dem Schreibtisch stehen, schloß eine Schublade auf, nahm einen Umschlag heraus und schüttelte den Inhalt auf die Schreibunterlage. Dann suchte er in den Papieren umher, zog schließlich einen Zeitungsabschnitt hervor und ging zum Kamin, weil dort die Beleuchtung besser war.

 

»Ich habe Ihnen das noch nicht gezeigt – es ist ein Ausschnitt aus dem South Eastern Herald, der einen Bericht über die Vorgänge gibt.«

 

Er las ihr vor:

 

»›In den frühen Morgenstunden des vergangenen Mittwoch hat die Fliegende Kolonne unter Führung von Inspektor Bradley Lady’s Stairs einen Besuch abgestattet. Das alte, baufällige Haus wird von Elijah Yoseph, einem holländischen oder russischen Mann, bewohnt. Man nimmt an, daß das Vorgehen der Polizei auf eine Anzeige der Zollbehörde zurückzuführen ist. Es sollen gewisse zweifelhafte Waren in das Land eingeschmuggelt und in der Wohnung Li Yosephs versteckt worden sein. Als die Polizei in Lady’s Stairs ankam, fand sie das Haus leer, aber das Wohnzimmer war vollständig in Unordnung, und die Beamten hatten den Eindruck, daß hier ein Kampf stattgefunden hatte. Auf dem Brett vor dem Fenster, das nach dem Wasser führt, fanden sich Blutflecken, ebenso auf dem Fußboden, ungefähr einen Meter von dem offenen Fenster entfernt. Die Polizei suchte die Ufer der Bucht ab, und man fand die Leiche eines Mannes, den man später als Ronald Perryman, 904 Brook Street, identifizieren konnte. Die Untersuchung ergab, daß er mit einem stumpfen Gegenstand niedergeschlagen worden war. In Scotland Yard hat man verschiedene Anhaltspunkte, die zu einer Verhaftung führen können. Inhaber von benachbarten Garagen, die in der fraglichen Nacht den Wagen eines Fremden einstellten, werden gebeten, sich umgehend mit Scotland Yard in Verbindung zu setzen. Es ist ein Wagen gesehen worden, der nach dem Mord aus der Meadow Lane abfuhr.‹

 

Dieser Zeitungsausschnitt gibt natürlich den Polizeibericht wieder«, sagte Mark und faltete das Papier zusammen. »Der meinige lautet etwas anders. Li Yosephs Wohnung war tatsächlich eine Schmuggelhöhle. Wir haben mehrere Male größere Geschäfte mit ihm gemacht, und Ronnie war gewöhnlich der Verbindungsmann zwischen ihm und mir. Der alte Mann hatte Ihren Bruder recht gern. An dem fraglichen Abend hatte ich Ronnie zu einem Dampfer geschickt, um wegen einer größeren Menge Tabak zu verhandeln. Es steht nun fest, daß die Polizei davon erfahren haben muß und ihm auf dem Fluß auflauerte.«

 

»Was ist denn aber aus Li Yoseph geworden?« fragte sie.

 

»Das mag der Himmel wissen. Wahrscheinlich hat er Angst bekommen und ist außer Landes gegangen. Er hatte Abmachungen mit fast allen Kapitänen der holländischen und deutschen Schiffe, die die Themse hinunterfahren. Und mit seinem kleinen Boot war es ihm leicht, zum Dampfer zu kommen. Ja, die Polizei hat Ronnie auf dem Fluß überrascht – dabei kam es zu einem Handgemenge, und jemand hat ihn mit dem Knüppel niedergeschlagen. Der Schlag muß sehr unglücklich gewesen sein, und um die Sache zu vertuschen, haben sie eben diese Geschichte erfunden. Da wird von einem Fremden geredet, der mit seinem Auto dorthin kam. Wir haben uns aber genau erkundigt, es ist niemand dort gesehen worden. Die ganze Geschichte ist nicht wahr.«

 

»Haben Sie versucht, Li Yoseph wieder aufzufinden?«

 

Mark zögerte einen Augenblick mit der Antwort.

 

»Ja, ich habe einen Mann nach Litauen und nach Holland geschickt, um Nachforschungen anzustellen – Li Yoseph ist tot. Er ist in Utrecht gestorben. Außer Ihnen und mir weiß es niemand.«

 

Er sah einen seltsamen Ausdruck in ihren Augen und glaubte einen Augenblick lang, daß sie ihm nicht mehr traute. Ob sie von den wahren Vorgängen in Lady’s Stairs erfahren hatte?

 

»Wie sah eigentlich Li Yoseph aus? Können Sie mir einmal seine Kleidung beschreiben?«

 

»Aber Sie haben ihn doch selbst gesehen – erinnern Sie sich nicht mehr an ihn? Er war etwa sechzig Jahre alt, groß, ging etwas gebückt und trug einen grauen Backenbart. Sommer und Winter war seine Kleidung stets die gleiche – ein langer, schwarzer Kaftan, der bis zum Hals zugeknöpft war, und eine russische Pelzkappe aus Astrachan. Aber was haben Sie denn?«

 

Sie starrte ihn mit weit geöffneten Augen an.

 

»Ich habe ihn gesehen – vor einer Viertelstunde –, er stand unten vor dem Haus.«

 

Marks Gesicht sah plötzlich grau aus.

 

Kapitel 5

 

Kapitel 5

 

Mark McGill war wie gelähmt. Er konnte sich weder rühren, noch konnte er sprechen. Aber schließlich löste sich die Starre.

 

»Was, Sie haben ihn gesehen – Li Yoseph?« fragte er mit heiserer Stimme. »Sie wollen doch nicht sagen, daß der alte Mann hier am Cavendish Square war? Sie leiden an Wahnvorstellungen!«

 

Er schüttelte sich, als ob er eine Last abwerfen wollte, die sie ihm plötzlich auf die Schultern gelegt hatte.

 

»Wo war er denn – reden Sie doch!«

 

Sie erzählte, wie sie den Mann auf dem Gehsteig neben dem wartenden Auto gesehen hatte. Mark stürzte zur Balkontür, riß die Vorhänge zurück und trat hinaus.

 

»Wo war er denn?«

 

Sie folgte ihm und zeigte ihm die Stelle, wo sie den Alten gesehen hatte.

 

»Dort – an jener Ecke stand er.«

 

Aber weder das Auto noch der Fremde waren zu sehen.

 

»Ach, das ist alles Unsinn! Großer Gott, was haben Sie mir für einen Schrecken eingejagt! Aber ich verstehe jetzt, warum Sie sich geirrt haben. Dort im Eckhaus wohnt ein russischer Adliger, der bekommt häufig Besuch, Russen und solche Leute…«

 

Als Mark seine Hand hob, zitterte sie. Ann hatte ihn noch nie in einer solchen Verfassung gesehen und wunderte sich über seine Erregung.

 

»Der alte Mann ist tot – ich weiß bestimmt, daß er gestorben ist was, zum Teufel –?«

 

Er fuhr stöhnend herum wie ein geängstigtes Tier, als Mr. Tiser ins Zimmer trat, der wie gewöhnlich schwarz gekleidet war. Mr. Tiser schien in der glücklichsten Stimmung der Welt zu sein. Er freute sich, daß er am Leben war, und er freute sich, daß er seinen Mitmenschen helfen konnte, indem er ihnen Unterkunft in der Herberge gab. Am glücklichsten war er, wenn er irgendeinen hervorragenden Besucher im Obdachlosenheim willkommen heißen konnte.

 

»Um Gottes willen, meine Lieben, ich habe Sie doch nicht etwa erschreckt? Ich muß tatsächlich in Zukunft anklopfen. Komme ich ungelegen? Aber, lieber Freund, du siehst wirklich nicht wohl aus«, wandte er sich dann an Mark. »Finden Sie das nicht auch, Miss Ann? Ich bin entsetzt. Vielleicht fällt mir das um so mehr auf, weil ich stets in einer Atmosphäre von robuster Gesundheit lebe. Wenn man zum Beispiel an den alten Sedeman denkt, diesen Seebären ein böser Kerl, aber gesund wie ein Fisch! Ha, ha! Ha, ha!«

 

Er trank einen Whisky, und der Ausdruck seiner wässerigen, blauen Augen zeugte davon, wie vorzüglich es ihm schmeckte.

 

»Im Heim geht alles gut –«

 

»Ann glaubt, daß sie heute abend Li Yoseph gesehen hat.«

 

Mr. Tisers Gesicht zuckte plötzlich nervös.

 

»Um Gottes willen! Reden Sie doch nicht solches Zeug, Miss Ann!« sagte er mit schriller Stimme.

 

»Li Yoseph … was ist denn das für ein Gesprächsthema? Man soll die Toten ruhen lassen. Li Joseph!«

 

Er zitterte, als er das Glas auf den Tisch stellte. Schweißtropfen standen auf seiner Stirn, und seine Lustigkeit war plötzlich verschwunden. Die Nachricht hatte ihn vollständig außer Fassung gebracht.

 

»Li Yoseph … erinnerst du dich noch, Mark? All diese Kobolde und Gespenster, die bei ihm herumspukten! Ich habe schon damals immer eine Gänsehaut bekommen! Und jetzt spukt er selbst herum – das ist wirklich sehr erfreulich!«

 

»Soweit wir wissen, ist Li Yoseph tot.« Mark zwang sich äußerlich zur Ruhe.

 

Tiser starrte ihn an. Seine Mundwinkel zuckten.

 

»Du wettest, daß er hin ist! Das ist für alle das beste. Kannst du dich noch darauf besinnen, Mark, wie er immer alle möglichen Dinge sah und immerzu mit Geistern sprach? Das ging mir fürchterlich auf die Nerven.« Er schaute ins Leere, als ob er selbst irgendwelche Gestalten sähe. In seiner Furcht vergaß er seine Umgebung vollständig und sprach seine Gedanken laut aus.

 

»Es war schrecklich … verdammt! Ich möchte das nicht noch einmal erleben. Mark, kannst du ihn noch sehen, wie er dort stand und uns angrinste und sagte – er – er – würde wiederkommen?«

 

Im Nu war Mark an seiner Seite, packte ihn am Arm und schüttelte ihn heftig.

 

»Komm zu dir«, sagte er barsch. »Und halt den Mund! Kannst du denn nicht sehen, daß du Ann beunruhigst?«

 

»Das tut mir furchtbar leid«, murmelte Tiser hilflos. »Habe mich wirklich schrecklich gehenlassen – noch dazu in Gegenwart einer Dame.«

 

Mark gab Ann ein Zeichen mit den Augen, aber das war nicht mehr nötig. Sie nahm Hut und Handtasche auf und verließ schnell das Zimmer. Auf dem Gang hörte sie noch Tisers schrille Stimme.

 

»Li Yoseph – Li Yoseph … aber es gibt doch keinen Menschen, der unsterblich ist. Mark, du weißt doch bestimmt, daß er tot ist…! Zehn Schritte, alter Junge, was…?«

 

Ann war froh, als sie die Tür hinter sich schließen konnte und nichts mehr von diesem Winseln hören mußte.

 

Sie ging über den Treppenabsatz und öffnete die Tür zu ihrer eigenen Wohnung. Ihr Mädchen hatte den Tisch gedeckt und ein kaltes Essen serviert. Sie fühlte sich kaum hungrig, nahm deshalb erst ein Bad und kleidete sich um.

 

Ronnies Tod lag nun schon über ein Jahr zurück. Ann versuchte, wieder etwas von ihrem alten, blinden, unvernünftigen Haß gegen diesen äußerlich so freundlichen Polizeibeamten in sich zu entfachen. Sie wollte ihn wieder so bitter verachten wie einst. Die düsteren Rachepläne sollten wieder in ihr lebendig werden, um derentwillen sie mit Bradley in Verbindung geblieben war. Mark hatte sie in diesem Gedanken stets bestärkt. Sie hatte aus einer Zeitung ein Bild Bradleys ausgeschnitten und es neben das Bild ihres Bruders in einen Doppelrahmen gesteckt, damit ihre Rache nicht erlahmen sollte. Ronnie hatte ein schönes, klares Profil, und in seinen Augen lag das sorglose Lachen der Jugend; Bradley, sein Mörder, blickte finster drein, zynisch und hassenswert. Sie hatte sich vorgenommen, diesen Mann in sich verliebt zu machen. Auch zu diesem Vorhaben war sie von Mark ermutigt worden. Aber die Aufgabe war qualvoll, denn sie mußte immer mit der Erinnerung an ihren Bruder kämpfen. Aber allmählich hatte sie gelernt, sich so gut zu beherrschen, daß sie seinem Mörder gegenübersitzen und ihn anlächeln konnte, während sie die Asche ihrer Zigarette abstreifte.

 

Er mochte sie ganz gerne; das hatte sie am ersten Tag schon gefühlt, als sie die bittere Wahrheit über Ronnies Tod erfuhr. Aber er blieb sich stets gleich; er interessierte sich für sie und schien aufrichtig an ihrer Trauer teilzunehmen. Mark McGill hatte er heute zum erstenmal erwähnt, obgleich er oft mit ihr über Ronnie gesprochen hatte.

 

»Er kam leider in schlechte Gesellschaft«, hatte er einmal von ihrem Bruder gesagt. »Ich beobachtete, wie er tiefer und tiefer sank; und ich habe mein Bestes getan, um ihn zu retten. Wenn er mir nur ein einziges Mal gesagt hätte, wie weit er sich verstrickt hatte, so hätte ich ihm helfen können.«

 

Als sie sich ankleidete, setzte sie den Rahmen mit den beiden Fotografien direkt vor sich auf den Toilettentisch. Ihre Stirn lag in Falten, als sie ihre kurzgeschnittenen Haare zurückbürstete. War sie Bradley gegenüber wirklich so klug und schlau gewesen, wie sie sich vorgenommen hatte? Sie hatte nichts von ihm erfahren und war ihm nicht nähergekommen; ihr Verhältnis zu ihm blieb stets dasselbe, und er schenkte ihr sein Vertrauen nicht. Mark pflegte sie nach ihren Zusammenkünften mit Bradley zu fragen, was er gesagt hatte, aber sie konnte ihm niemals etwas Neues über seine Tätigkeit und über ihn selbst sagen.

 

Bradley stammte nicht aus einer vornehmen Familie, sein Vater war ein Schreiner gewesen und hatte sich sehr für das Leben der Vögel interessiert; seine Mutter war die Tochter eines Arbeiters.

 

Von jeher hatte er mit einer wahren Leidenschaft gelernt. Während er nachts sein Revier abpatrouillierte, wiederholte er die unregelmäßigen französischen Verben, und in seiner freien Zeit las er allgemeinverständlich geschriebene Bücher über Gesetzeskunde und Rechtswissenschaft.

 

Ann hatte ihr Abendessen beendet und sich eine Tasse Kaffee gekocht, als Mark sie antelefonierte.

 

»Ich weiß nicht, was mit Tiser los ist – es sieht mir ganz wie ein Nervenzusammenbruch aus. Er muß sich bei seiner Tätigkeit im Heim überarbeitet haben. Die Gesellschaft dort hat wohl auch nicht den besten Einfluß auf ihn. Hoffentlich hat Sie der Auftritt vorhin nicht zu sehr beunruhigt.«

 

Als er hörte, daß sie lachte, fühlte er sich erleichtert. Li Yoseph erwähnte er mit keiner Silbe.

 

Mark hatte viele bewundernswürdige Charakterzüge. Wer außer ihm hätte einen Teil seiner, wenn auch gesetzeswidrigen, Einkünfte dazu verwandt, die weniger glücklichen Gesetzesübertreter moralisch zu bessern und zu heben? Wenn sie es sich ruhig überlegte, war eigentlich etwas Widerspruchsvolles, Groteskes an dieser Idee, und doch war die Herberge ein wohlüberlegter Plan. Mark hatte ein altes, baufälliges Gasthaus gekauft, dem die Polizei die Konzession entzogen hatte. Dann hatte er es renovieren lassen und mit großen Kosten neu eingerichtet, damit entlassene Verbrecher hier wohnen konnten. Hier erhielten die von der menschlichen Gesellschaft Ausgestoßenen für wenig Geld Essen und Unterkunft.

 

Mark bezeichnete das Heim als sein »Steckenpferd«, und obwohl er jährlich mehr als fünftausend Pfund für das Haus ausgab, reute ihn das Geld nicht.

 

»Kommen Sie doch mit Ihrem Kaffee zu mir herüber – ich möchte gern noch mit Ihnen sprechen«, schlug er vor, als sie ihm durchs Telefon sagte, daß sie nichts anderes vorhatte.

 

Er erwartete sie in der offenen Tür und nahm ihr höflich die Tasse ab.

 

»Dieser Tiser wird immer unmöglicher. Ein normaler Mensch wäre bei dieser Trunksucht längst unter der Erde. Ich werde mich nach einem anderen Verwalter umsehen müssen.«

 

»Er war mir immer unsympathisch.«

 

»Ich freue mich, daß Sie dieselbe Ansicht haben wie ich. Ich habe noch furchtbar mit ihm zu tun gehabt, nachdem Sie gegangen waren. Er leidet an einem neuen Verfolgungswahn – er faselt immer von der Fliegenden Kolonne. Jedes Auto, das er auf der Straße sieht, ist für ihn ein Polizeiwagen. Er will aus der Organisation ausscheiden, und ich möchte ihn auch tatsächlich gehen lassen.«

 

Ann ergriff die Gelegenheit, mit Mark über seine Organisation zu sprechen.

 

»Sie müssen doch unheimlich viele Agenten und Vertraute haben – ich habe nun schon viele sonderbare Leute kennengelernt, die gar nicht nach Sacharinhändlern aussahen! Aber ich habe mir noch niemals ernstliche Gedanken darüber gemacht, wie die geschmuggelte Ware eigentlich vertrieben wird. Ich hielt Mr. Tiser für einen ehrenhaften Mann, und solche Leute interessieren mich nicht.«

 

Er war etwas erstaunt über diese Bemerkung.

 

»Er ist ein guter Kerl«, sagte er hastig. »Aber selbst die Besten betrügen das Zollamt. Ich habe mir niemals große Gewissensbisse wegen des Schmuggels gemacht, und ich glaube, er auch nicht. Aber eben fällt mir ein, daß Sie heute nacht noch mit einem kleinen Paket nach Oxford fahren müssen. Ich werde Ihnen die Straßenkarte geben und die Stelle bezeichnen, wo die Leute auf Sie warten.«

 

»Haben Sie keine Angst vor der Fliegenden Kolonne?« neckte sie ihn.

 

»Ich baue auf Ihre Freundschaft mit Bradley. Er wird es niemals fertigbringen, Sie festzunehmen. Und sollte er es wirklich tun – nun gut, dann muß ich mich auf Sie verlassen, Ann. Sie würden viele Leute ins Gefängnis bringen, wenn Sie nicht schwiegen.«

 

»Wenn ich nicht schwiege! Mark, Sie scheinen auch an dem neuen Verfolgungswahn zu leiden!«

 

Lange Zeit sah sie nachdenklich in die rote Glut des Kamins.

 

»Ist es nicht merkwürdig, daß jedesmal, wenn der Name Li Yosephs erwähnt wird…«

 

»Der Spuk von Li Yoseph scheint uns tatsächlich alle behext zu haben«, sagte Mark und änderte sofort das Thema. Aber es gelang ihm nicht auf Dauer. Nach einiger Zeit unterhielten sie sich doch wieder über den alten Mann und seine verfallene Wohnung in Lady’s Stairs.

 

»Sind Sie wirklich sicher, daß Li Yoseph tot ist?«

 

Er holte tief Atem. Niemand wußte besser als er, daß Li Yoseph nicht mehr lebte.

 

Kapitel 6

 

Kapitel 6

 

Er wollte ihr gerade antworten, als das Telefon in seinem Schlafzimmer klingelte. Er hatte außer einem Haustelefon zwei Apparate in der Wohnung, die sich im Ton des Läutwerks unterschieden. Die Glocke im Schlafzimmer zeichnete sich durch einen tiefen Ton aus, und Mark war niemals erfreut, wenn er sie hörte.

 

Er hatte ein paar hervorragende Agenten, die ihn sehr gut mit Nachrichten versorgten, und diese riefen stets unter seiner zweiten Nummer an, die nicht im Telefonbuch stand.

 

Er verließ das Zimmer und schloß die Tür hinter sich.

 

Ann schaute auf, als er zurückkam.

 

»Soll ich jetzt nach Oxford fahren – oder woandershin?«

 

»Ich weiß es noch nicht.« Seine Stimme klang gereizt.

 

»Ist irgend etwas nicht in Ordnung, Mark?«

 

»Ach, es ist nichts Besonderes – nur einer meiner Leute hat mir eben mitgeteilt, daß die Fliegende Kolonne ausgefahren ist und daß die Polizei wahrscheinlich hierherkommen wird.«

 

»Können Sie dem Mann, der Sie antelefoniert hat, unter allen Umständen trauen? Glauben Sie, daß die Polizei wirklich kommen wird?«

 

Er nickte düster.

 

»Ich weiß nicht, woher er seine Informationen hat«, sagte er schließlich langsam, »aber er hat mir noch niemals eine falsche Nachricht zukommen lassen.« Dann sprang er plötzlich auf, als ihm die Dringlichkeit seiner Lage bewußt wurde. »Ann, Sie haben doch das Paket im Auto gelassen wie immer? Ich werde schnell zur Garage gehen und die Sache in Ordnung bringen.«

 

»Soll ich mitkommen? Brauchen Sie mich?«

 

Er schüttelte den Kopf.

 

Seine Wohnung lag im Erdgeschoß, und es gab einen Privatgang zur Garage, die auf der Rückseite des Hauses lag. Schnell ging er in die Küche, trat in den Gang, stieg ein paar Stufen hinunter, öffnete die Tür und betrat die große Garage. Er konnte ohne Gefahr das Licht andrehen, denn die Fenster waren dicht verhängt.

 

Anns Auto stand noch so da, wie es in die Garage gekommen war. Rasch zog er einen Schlüssel aus der Tasche, schloß die Rückwand des Wagens auf und entfernte sie. Er nahm die Kiste mit dem Fallschirm heraus, den er losband und zusammenrollte. Dann wandte er seine Aufmerksamkeit dem Kasten zu, öffnete ihn mit einem Schlüssel und holte aus dem Innern fünfundzwanzig kleine Päckchen hervor, die in blaues Papier eingewickelt waren. In der einen Ecke der Garage stand ein großer Behälter aus verzinktem Eisen, der durch große, eiserne Rohre mit der Decke und dem Fußboden verbunden war. Mark öffnete die Tür und schaute hinein. Das untere Ende der oberen Röhre war mit einem konischen Pflock versehen. Sorgsam nahm er ihn heraus und prüfte ihn. Dieser Gegenstand war ganz aus Salz hergestellt, und nachdem sich Mark noch einmal durch den Geschmack überzeugt hatte, setzte er ihn wieder in seine Öffnung. Sorgfältig legte er dann das Päckchen hinein und schloß die Tür wieder.

 

Den zusammengerollten Fallschirm legte er in den leeren Kasten und trug ihn zur Küche zurück. Anstelle des gewöhnlichen Küchenofens stand hier ein röhrenförmiger Herd. Mark warf den Holzkasten mit seinem Inhalt hinein, öffnete die Ofentür, entzündete ein Streichholz und legte es zwischen die Kienspäne, die durch den Eisenrost sichtbar waren. Er wartete, bis das Feuer hell brannte, dann schloß er die Klappe.

 

»Nun mag die Fliegende Kolonne kommen!«

 

Als er zum Wohnzimmer zurückkehrte, fand er Ann noch vor dem Kamin. Sie hatte das Gesicht in die Hände gestützt. Als er eintrat, wandte sie ihm den Kopf zu, und er sah, daß sie etwas bestürzt war.

 

»Nehmen wir einmal an, die Polizei würde wirklich kommen und etwas finden – was würde uns dann passieren?« fragte sie. »Ich habe neulich über einige Fälle in der Zeitung gelesen. Der Richter verurteilt selten Leute zu Gefängnis, die das erstemal vor Gericht stehen. Gewöhnlich bekommen sie eine Geldstrafe von hundert Pfund. Natürlich würde es recht unangenehm für Sie sein – ich meine, daß es an die Öffentlichkeit kommt –, aber es hat doch weiter keine bösen Folgen?«

 

Sie wartete auf eine Antwort. Als er aber nichts erwiderte, sprach sie weiter.

 

»Mark, Sie betreiben doch sicher ein größeres Geschäft als das, wobei ich Ihnen helfe? Die Pakete sind so klein, und der Verdienst kann doch kaum meine Autofahrten bezahlt machen. Ich habe darüber nachgedacht, daß ich eigentlich mehr eine Gefahr und ein Hindernis für Sie bin. Ich glaube kaum, daß durch meine Tätigkeit so viel Geld einkommt, daß sich die Sache lohnt. Ich weiß sehr wohl, daß das nicht Ihre ganze« – sie zögerte – »geschäftliche Tätigkeit umfaßt, aber selbst bei einem Profit von zwei oder drei Schilling pro Unze ist meine Stellung nicht gerechtfertigt.«

 

Schon während des vergangenen Jahres hatte Mark McGill ihre erwachende Neugierde gefürchtet, und es hatte seinen guten Grund, daß seine Antwort nicht so schnell und sicher wie gewöhnlich kam.

 

»Sie sind nur in einer kleinen Abteilung des großen Betriebes tätig«, sagte er etwas verlegen. »Die Organisation ist viel ausgedehnter, als Sie übersehen können. Es handelt sich meistens auch gar nicht darum, daß Sie die Pakete transportieren. Sie sind mir in mancher anderen Weise sehr nützlich, Ann. Es gibt so wenig Leute, denen ich restlos vertrauen kann. Sie kennen mich doch, ich bin Ihnen gegenüber immer offen gewesen. Schmuggel wird vor dem Gericht ebenso angesehen wie Diebstahl. Ich will nicht behaupten, daß das nicht so ist. Ich überlasse Ihnen die Entscheidung –«

 

»Natürlich, Mark«, sagte sie beschämt. »Der arme Ronnie machte sich strafbar, und ich tue es auch. Glauben Sie bitte nicht, daß ich meine Tätigkeit bereue – im Gegenteil, ich bin stolz darauf!«

 

Sie war auch stolz darauf, aber –

 

Er hatte ihre Frage nicht genau beantwortet. Bevor sie jedoch weitersprechen konnte, hörte sie das schrille Klingelzeichen des Haustelefons. Mark ging zum Apparat, der in einem anderen Raum stand. Mit dem Portier hatte er ein Abkommen getroffen, daß ihm jeder ungewöhnliche Besucher telefonisch angemeldet werden sollte. Seine Dienstboten verließen nach dem Abendessen das Haus, und die Tätigkeit des Portiers ersparte Mark manchen nutzlosen Gang zur Tür.

 

Ann hörte seine kurze Antwort.

 

»Es ist gut, lassen Sie ihn herein.«

 

Mark kam zurück und ging an seinen Schreibtisch. Dort waren zwei Messinggriffe angebracht, die ähnlich wie Lichtschalter aussahen. Als er hörte, daß jemand an die äußere Tür klopfte, drehte er den einen um, und sobald die Schritte des Fremden im Gang zu hören waren, drehte er ihn wieder zurück.

 

»Herein!« antwortete er auf das laute Klopfen. Der Mann, der eintrat, mochte sechzig oder auch siebzig Jahre alt sein. Er hatte einen kahlen, glänzenden Kopf, der wie poliert aussah. Sein Bart war schneeweiß und reichte bis zur Weste hinunter.

 

»Was wollen Sie?« fragte Mark kurz.

 

Mr. Philip Sedeman legte seinen Hut auf einen Stuhl.

 

»Das Oberhaupt unserer kleinen Gemeinde ist krank geworden. Es ist eigentlich nichts Besonderes, aber die Insassen der Herberge, die doch so gutmütige Kerle sind, wollten –«

 

»Was fehlt ihm denn?« fragte Mark schnell.

 

»– daß ich unseren hohen Patron aufsuche und ihm die Nachricht überbringe«, fuhr der alte Mann fort, als ob er überhaupt nicht unterbrochen worden wäre.

 

»Seit wann ist er denn krank?«

 

Mr. Sedeman schaute zur Decke empor.

 

»Es mögen einige Minuten vergangen sein, bevor ich mich erbot, Sie aufzusuchen. Die Auslagen für Autobusfahrten sind beträchtlich; aber darüber wollen wir nicht weiter sprechen. Ein Mann von meiner Erfahrung spricht ebensowenig über so kleine Beträge wie ein Mann von Ihrer Stellung und Erziehung.« »Was ist denn eigentlich mit Tiser los?« Mark schaute den alten Mann nicht sehr freundlich an.

 

Mr. Sedeman sah wieder zur Decke empor, als ob er dort die Antwort lesen könne.

 

»Ein wenig mitfühlender Mensch, wie es ja viele gibt, würde die Krankheitssymptome zusammenfassend als Delirium tremens bezeichnen«, sagte er dann ernst. »Persönlich kommt es mir vor, als ob er sich bombenmäßig eingeseift hätte.«

 

»Eingeseift?« wiederholte Ann verwundert.

 

»Ja, er ist mordsmäßig besoffen«, erklärte Sedeman höflich. »Er hat in der letzten Zeit wirklich zuviel geschmettert. Ich war nur im Zweifel, ob ich zu Ihnen kommen oder ob ich die junge Dame aufsuchen sollte, die mit ihm geht.«

 

»Es ist schon gut«, sagte Mark rauh. »Ich werde später hinkommen.« Er ging zur Tür und öffnete sie.

 

Mr. Sedeman nahm seinen Hut, strich ihn sorgfältig glatt, fuhr dann mit der Hand durch seinen weißen, langwallenden Bart und seufzte.

 

»Meine Auslagen, wenn ich nicht von meinem Zeitverlust reden will –«, sagte er leise.

 

Mark nahm ein Silberstück aus der Tasche und warf es ihm zu. Der alte Mann zeigte sich nicht im mindesten beleidigt, machte eine tadellose Verbeugung vor Ann Perryman und schritt gravitätisch zur Tür. Dort wandte er sich noch einmal um.

 

»Der Himmel segne Ihren Eingang und Ihren Ausgang, holde Blume«, sagte er dann poetisch.

 

»Wer war denn das«, fragte Ann, als Mark ins Zimmer zurückkam, nachdem er seinen Besucher bis zur Haustür begleitet hatte. »Ist Mr. Tiser wirklich sehr krank?«

 

»Ich weiß es nicht und kümmere mich auch wenig darum«, entgegnete Mark achselzuckend.

 

Dann trat er in sein Schlafzimmer, und sie hörte, wie er am Telefon eine Nummer wählte. Er ging wieder zurück und schloß die Tür. Das war ungewöhnlich; denn Ann hatte bisher geglaubt, daß er keine Geheimnisse vor ihr habe. Und doch hatte er diese Vorsichtsmaßregel heute abend schon zweimal angewandt.

 

Ann Perryman war nicht ganz zufrieden mit sich selbst. Schon während des letzten Monats hatte sie versucht, sich über die Ursache ihrer Unruhe klarzuwerden. Ein schlechtes Gewissen hatte sie nicht, dessen war sie ganz sicher. Sie war ja stolz auf ihre jetzige Tätigkeit. Aber es blieb immer ein unbefriedigendes Gefühl in ihr. Ihr Verhältnis zu Mark war vollständig sachlich und geschäftlich. Ihr Gehalt wurde regelmäßig gezahlt, und die Sondervergütungen, die sie bekam, hielten sich in bescheidenen Grenzen. Nur die absolut korrekten Beziehungen zwischen ihnen machten dieses Zusammenleben überhaupt möglich.

 

In mancher Beziehung war Mark ein vorsichtiger Mann. Er kontrollierte die Benzinrechnungen genau und konnte stundenlang über eine Bereifung für das Auto sprechen. Manchmal mußte Ann auch im Interesse der Organisation nach Paris fahren und brachte dann eine Anzahl Päckchen mit, die sie in besonderen Geheimtaschen verborgen hatte. Alle ihre Auslagen wurden in der zuvorkommendsten Weise ersetzt, aber sie mußte über jeden Schritt genau Auskunft geben.

 

Mark trat wieder aus seinem Zimmer heraus. Sein Gesicht war düster und umwölkt.

 

»Es ist überhaupt nichts mit Tiser los«, sagte er böse. »Sedeman hat gesehen, wie er nach Hause kam, und hielt die Gelegenheit für günstig, mir Geld aus der Tasche zu locken. Tiser mag ja ein wenig grün im Gesicht ausgesehen haben. Dieser Besuch der Polizei ist mir viel unangenehmer…«

 

Plötzlich änderte sich sein Gesichtsausdruck, er ging schnell zu der einen Wand und schob eine Holzfüllung zurück, hinter der ein kleiner, grünlackierter Geldschrank sichtbar wurde. Er öffnete die Tür und nahm ein längliches Paket heraus.

 

»Das hatte ich ganz vergessen«, sagte er atemlos. »Das hätte ich eigentlich auch unten in den Behälter tun sollen, und doch geht das nicht!«

 

Er schaute hilflos auf das Paket, dann sah er Ann an.

 

»Das müßte eigentlich noch aus dem Haus gebracht werden.«

 

»Was ist es denn?« fragte sie schnell.

 

»Das ist die Ware für Oxford. Dort wartet mein Agent Mellun darauf.«

 

Wieder schaute er unschlüssig auf das Paket.

 

»Ich möchte nicht gern das Risiko eingehen.«

 

»Aber ich werde es auf mich nehmen«, erwiderte sie, und bevor er widersprechen konnte, hatte sie ihn schon verlassen.

 

Fünf Minuten später kam sie im Mantel zurück. Aber er zögerte immer noch, ihr das Paket zu übergeben.

 

»Die ganze Sache kann eine Falle sein – ich traue Sedeman nicht … Womöglich steckt der mit Bradley und der ganzen Gesellschaft unter einer Decke. Ich möchte nicht, daß Sie sich der Gefahr aussetzen.«

 

Aber sie wußte instinktiv, daß er im Grund seines Herzens doch wünschte, daß sie die gefahrvolle Fahrt unternehmen solle und daß ihm alles daran lag, die Ware aus dem Haus zu schaffen.

 

»Vielleicht ist es das beste, Sie gehen einfach zur Themse und werfen das Zeug ins Wasser.«

 

Sie lachte über seine Nervosität.

 

»Das ist doch barer Unsinn!«

 

Sie nahm ihm das Päckchen aus der Hand und steckte es in ihre tiefe, innere Manteltasche.

 

»Wenn Ihnen aber etwas zustößt, dann werde ich auch in die Sache hineingezogen. Natürlich werde ich Ihnen in jeder Weise beistehen, aber wenn Sie mich hineinreißen…«

 

Sie starrte ihn entsetzt an und konnte kaum glauben, daß er es war, der so sprach.

 

»Aber ich werde Sie doch niemals hineinziehen, Mark. Wenn man mich faßt, dann ist das nur meine Angelegenheit.«

 

Mark kam ihr heute abend sonderbar vor. Es mußte irgend etwas geschehen sein, das ihn vollständig aus der Fassung gebracht hatte.

 

Kapitel 23

 

Kapitel 23

 

Lady’s Stairs stand plötzlich im Mittelpunkt des Interesses für alle Nachbarn. Der alte Li Yoseph war zurückgekommen. Mrs. Shiffan hatte ihn spät abends gesehen – wie er etwas vornübergeneigt von Zimmer zu Zimmer geschlichen war und zu sich selbst und den unsichtbaren Kindern gesprochen hatte.

 

Merkwürdigerweise erschien Mr. Sedeman auf der Bildfläche. In unregelmäßigen Zwischenräumen tauchte er auf und betrat auch die Wohnung. In diesen Tagen hielt er sich hauptsächlich in der Nachbarschaft auf; er wohnte bei einer noch rüstigen Witwe, aber meistens konnte man ihn am Schanktisch des nahen Wirtshauses treffen. Er stand nicht nur wegen seiner besseren Bildung bei den Leuten im Ansehen, sondern vor allem wegen seiner vielen Vorstrafen. Außerdem besaß er trotz seines hohen Alters eine unheimliche Kraft.

 

Er tat sehr geheimnisvoll und sprach in dunklen Andeutungen von seiner Freundschaft mit Li Yoseph, lehnte es aber ab, etwas Genaueres von dem Aufenthalt des alten Mannes während des letzten Jahres zu sagen. Nach seinen Aussagen hatte er allein ihn gesehen und mit ihm verkehrt.

 

In diesen Tagen galt Sedeman als das Orakel von Lady’s Stairs. Eines Abends wurde er in schwerbetrunkenem Zustand von dem Polizisten des Bezirks aufgegriffen; aber obwohl er den Mann heftig beschimpfte, brachte ihn dieser nach Hause und verhaftete ihn nicht.

 

An dem Morgen, an dem sich Mark McGill entschlossen hatte, Lady’s Stairs zu besuchen, begab sich auch Mr. Sedeman dorthin, und er trat mit einer solchen Wichtigkeit auf, daß die Leute ihm ehrfürchtig und verwundert Platz machten.

 

Mr. Shiffan öffnete Sedeman die Tür. Gleich darauf kamen Mark McGill und Tiser.

 

»Daß Sedeman hier ist, erinnert etwas mehr an die Wirklichkeit, Mark«, sagte Tiser. »Wenn man am hellen, lichten Morgen hier ist, hat man eigentlich keine Ursache, sich zu fürchten. Ich war wirklich sehr dumm – ich hoffe, du nimmst mir das nicht übel.«

 

Mark kümmerte sich nicht um ihn, sondern wandte sich an Sedeman.

 

»Sie sind wohl hier, um auf billige Weise zu einem guten Trunk zu kommen?«

 

»Ich dachte, bei dem Empfang des nach langer Zeit Heimgekehrten würde man etwas abbekommen.«

 

Mark lächelte unfreundlich.

 

»Sie wissen doch, daß Sie jetzt Ihre Pension verloren haben? Ich habe Ihnen schon sehr viel Geld gegeben, seitdem Li Yoseph verschwand. Jetzt werden Sie arbeiten müssen, um Ihren Lebensunterhalt zu verdienen.«

 

»Reden Sie doch keinen Unsinn!« rief Sedeman.

 

McGill ging zu dem Fenster und schaute auf die Schiffe, die in der Bucht lagen.

 

»Haben Sie Li schon gesehen?« fragte er über die Schulter.

 

»Ja, aber ich habe noch nicht mit ihm gesprochen«, entgegnete Sedeman ernst.

 

»Warum treiben Sie sich eigentlich in der letzten Zeit soviel hier herum? Ich habe sogar gehört, daß Sie seit einiger Zeit in der Nähe wohnen sollen.«

 

Sedeman antwortete ihm nicht, sondern sah nach seiner Armbanduhr.

 

»Sie werden mich entschuldigen. Drüben im Wirtshaus wird gerade aufgemacht. Ich bin dort, wenn Sie mich brauchen.«

 

»Mark, erinnerst du dich noch?« fragte Tiser ängstlich. »Li sah so merkwürdig aus, als er an jenem Abend in Cavendish Square war. Er hat aber nichts von Ronnie gesagt.«

 

»Nein, er hat nichts gegen uns gesagt.«

 

»Er hat sich nicht beschwert – er hat nichts Böses gesagt –, meinst du, daß er sich jetzt an uns rächen will? Ich hatte den Eindruck, daß er sich auf nichts mehr besinnen konnte – ich meine, was ihn selbst betraf.«

 

Mark schüttelte den Kopf. »Es war ein Wunder, daß er überhaupt davongekommen ist. Aber wenn ich ihn nicht verletzt habe, müßte ich doch den Fußboden getroffen haben.«

 

Er schob den Teppich zurück, der die Falltür bedeckte, und nahm eine genaue Untersuchung vor.

 

»Ich sehe aber keine Kugelspuren hier, selbst keine alten. Ich habe von hier aus geschossen, und ich kann ihn unmöglich verfehlt haben.«

 

»Ist Ann wieder vernünftig?« fragte Tiser ängstlich. »Glaubst du, daß sie einen Verdacht hat – wegen Ronnie meine ich? Das wäre schrecklich, Mark! Natürlich kann man sie nie wieder brauchen. Je eher sie aus dem Lande kommt, desto besser.«

 

Mark hörte ihm nicht zu. Er berührte den Geheimhebel an der Wand hinter dem Schrank. Die Falltür öffnete sich ebenso leicht wie früher, und die quadratische Öffnung erschien im Fußboden. Unten spülte das Wasser um die moosgrünen Pfähle, die das Haus trugen.

 

Er ließ sich auf ein Knie nieder, stützte sich mit den Händen auf den Rand und sah nachdenklich hinunter.

 

»Kannst du dich noch darauf besinnen, daß einmal eine goldene Uhr durch das Loch in den Schlamm fiel? Damals haben wir einen Arbeiter von der Kanalreinigung kommen lassen, der sie suchen sollte. Aber er hat sie nicht gefunden. Ein gewöhnlicher Mann, der dort hinunterfiele, würde nicht mit dem Leben davonkommen selbst wenn er schwimmen könnte.«

 

Er drehte sich langsam zu Tiser um.

 

»Aber wahrscheinlich würde er sich den Schädel schon vorher an der Leiter einschlagen.«

 

Tiser schrak zurück.

 

»Sieh mich nicht so an, Mark«, winselte er. »Was hast du vor?«

 

»Bradley wird in kurzer Zeit hiersein – ich habe es heute erfahren.«

 

»Was willst du damit sagen?« fragte Tiser kläglich und zog sich möglichst weit von der Öffnung zurück.

 

Mark schaute wieder nach unten in den Schlamm.

 

»Wenn nun Bradley hier ein Unfall passiert?« sagte er halb zu sich selbst.

 

Tiser wußte, welcher Entschluß in Mark auftauchte, und schrie vor Schrecken laut auf. »Ich will nichts damit zu tun haben, Mark– das kannst du doch nicht mit Bradley machen, du bist verrückt!«

 

McGill schaute nicht auf.

 

»Vor Zeugen habe ich nichts mit der Sache zu tun«, sagte er langsam. »Auch du hast nichts damit zu tun. Warum hast du denn eine solche Heidenangst? Das ist wirklich eine ganz wunderbare Falle.«

 

»Sprich doch nicht so«, bat Tiser leise. Er war kreidebleich geworden. »Schließ die Tür, Mark! Ich werde ganz krank, wenn ich das Loch sehe.«

 

McGill erhob sich und nahm den viereckigen Teppich auf, der steif vor Schmutz und Alter war. Sorgsam legte er ihn wieder über die gähnende Öffnung.

 

»Ich muß mir die Sache noch überlegen, laß mich etwas nachdenken.«

 

Langsam ging er um die Falltür herum und betrachtete den Teppich.

 

»Schon seit langem habe ich das geträumt. Nimm einmal an, er käme herein – ginge über den Teppich …«

 

»Du hast ja recht, Mark, es ist eine wunderbare Idee, aber …«

 

»Der Gedanke hat mich schon immer fasziniert …«

 

Auf der Treppe klangen Schritte. Tiser vermutete, wer kam.

 

»Schließ die Falltür, schnell – schließe sie!« drängte er Mark. Als sich dieser nicht rührte, lief er zu dem Hebel. Aber bevor er ihn erreichen konnte, hatte Mark ihn gepackt und zurückgeschleudert. In diesem Augenblick trat Bradley ein.

 

Er war bester Stimmung und lächelte freundlich.

 

»Guten Morgen, McGill.« Er blieb in einiger Entfernung von dem Teppich stehen.

 

Tiser war nicht fähig, sich zu bewegen oder zu sprechen. Er starrte nur unentwegt auf die todbringende Falle.

 

»Sind Sie gekommen, um Li Yoseph zu begrüßen?« fragte Bradley. »Ich möchte mich gern einmal mit Ihnen allen zusammen unterhalten.«

 

»Es genügt auch, wenn Sie mit uns beiden sprechen«, erwiderte Mark kühl. »Li ist noch nicht gekommen – dieser alte, schlaue Fuchs! Ich vermute, daß er sich versteckt hält und Angst hat zu erscheinen. Ich möchte wetten, daß Sie wußten, wo er sich die ganze Zeit herumgetrieben hat. Offen gesagt, Bradley, Sie sind ein kluger Kopf. Ich wäre nicht erstaunt, wenn Sie befördert würden.«

 

Der Detektiv kam der gefährlichen Stelle immer näher.

 

Direkt am Rand blieb er stehen. Mark lachte, und Tiser mußte sich Gewalt antun, um einen Schrei zu unterdrücken.

 

»Sie sind hier nicht vor dem Polizeigericht, Bradley.«

 

»Ich werde auf meine eigene Weise mit Ihnen sprechen.« Bradley wandte sich wieder um und ging auf die Tür zu.

 

»Das heißt, wenn Sie zwanzig Polizisten zum Schutz um sich versammelt haben?«

 

Der Detektiv drehte sich blitzschnell um und kam wieder auf ihn zu. Mark hatte sich absichtlich so hingestellt, daß Bradley über den Teppich gehen mußte, wenn er ihn erreichen wollte.

 

»Glauben Sie, ich brauche Schutz vor einem solchen Kerl, wie Sie es sind?« fragte Bradley ironisch.

 

»Sie fürchten, daß ich Ihnen das Gesicht zerschlage, und Ihre liebe Ann würde Sie nicht gern so sehen …«

 

»Erwähnen Sie ihren Namen nicht«, rief Bradley erregt.

 

»Verflucht, das mache ich ganz so, wie es mir gefällt!«

 

Bradley ging zwei Schritte vorwärts. Tiser sprang auf und preßte die Hände auf den Mund. Und dann ereignete sich das Wunder: Der Detektiv setzte einen Fuß auf den Teppich, aber der Boden hielt unter seinen Füßen. Selbst Mark verriet sich durch seinen entsetzten Gesichtsausdruck. Tiser schrie laut auf.

 

»Nun, was ist denn mit Ihnen los?« fragte Bradley und sah die beiden abwechselnd an. »Ist Ihnen ein Geist erschienen – oder hatten Sie einen kleinen Scherz vor?«

 

Kapitel 24

 

Kapitel 24

 

Mark McGill atmete tief. Die Spannung in seinen Zügen ließ nach, aber er war noch nicht fähig zu sprechen. Er lehnte sich an den Tisch und sah Bradley mit unsicheren Blicken an, als ob er seinen Augen nicht trauen könne. Er wußte nicht, ob er träumte oder wachte. Bradley stand in der Mitte des Teppichs, direkt über dem Loch. Welche geheimnisvollen Kräfte trugen ihn? Mark riß sich zusammen.

 

»Wenn sich jemand hier einen Scherz erlaubt, dann sind Sie es. Sie haben Li Yoseph wahrscheinlich noch nicht an die frische Luft gelassen – wie lange soll ich denn hier auf ihn warten?«

 

Bradleys Züge wurden undurchdringlich.

 

»Sind Sie sicher, daß er hierherkommt, wenn er weiß, daß Sie da sind? Wäre es nicht möglich, daß er die – unangenehmen Erfahrungen, die er hier machen mußte, nicht wiederholen will?«

 

Er schob mit dem Fuß den Teppich beiseite und schaute auf den Fußboden. Mark sah, daß die Falltür nicht mehr offenstand. Sie hatte sich lautlos geschlossen, ohne daß er oder Tiser den Hebel berührt hatten.

 

»Haben Sie hier Spuren von Schüssen entdeckt?« fragte Bradley. »Ich vermute, Sie haben sich die Bretter genau angesehen.«

 

Er nahm das kleine Etui wieder aus seiner Westentasche, öffnete es und hielt es Mark hin.

 

»Sehen Sie sich die beiden Geschosse nur gut an, McGill.«

 

»Sie interessieren mich nicht«, erwiderte Mark kühl. »Sagen Sie mir lieber, wo Ihr Freund Li Yoseph ist! Sie denken doch nicht etwa, daß ich mich scheue, ihm gegenüberzutreten, oder daß ich mich vor den Anklagen dieses alten Fuchses fürchte? Es gibt keinen Gerichtshof in der ganzen Welt, der mich auf das Zeugnis eines Mannes hin verurteilt, der Geister und Gespenster sieht. Bringen Sie das doch vors Gericht – Sie werden von allen Seiten ausgelacht werden!«

 

In diesem Augenblick ging die Tür auf, und Mrs. Shiffan kam herein. Sie brachte einen Brief und schien nicht zu wissen, wem sie ihn geben sollte.

 

»Eben kam ein Junge und gab ihn an der hinteren Tür ab. Er sagte, er wäre von Mr. Li Yoseph hierher geschickt worden.«

 

Bradley nahm den Brief aus ihrer Hand, öffnete ihn und las.

 

»Er wird nicht vor elf Uhr nachts kommen«, sagte er dann. »Wahrscheinlich hat er nur diese Zeit gemeint. Eine merkwürdige Stunde.«

 

»Ich wüßte nicht, warum sie so besonders merkwürdig wäre«, entgegnete Mark.

 

Bradley lächelte düster.

 

»Um diese Stunde wurde er doch getötet – und um dieselbe Zeit starb auch Ronnie Perryman.«

 

Mark sah ihn überrascht an.

 

»Was sagen Sie da für einen Unsinn? Li Yoseph soll ermordet worden sein? Sie sind verrückt! Ich habe ihn doch gesehen.«

 

»Vielleicht haben Sie auch Perryman gesehen? Der ist nicht mehr am Leben. Nun gut, um elf Uhr sehen wir uns hier wieder.«

 

Er drehte sich um und ging zur Tür.

 

»Sie sehen ja so entsetzt aus, Tiser?« fragte er belustigt. »Wovor fürchten Sie sich denn? Aber vielleicht erzählen Sie mir das heute abend.«

 

Tiser rührte sich nicht, er war starr vor Schrecken.

 

Die Haustür fiel krachend ins Schloß. Mark gab Mrs. Shiffan ein Zeichen, sich zu entfernen. Als sie gegangen war, wandte er sich an Tiser, der noch immer entgeistert auf die Falltür schaute.

 

»Hast du es gesehen, Mark? Er ist auf den Teppich getreten und nicht hinuntergestürzt!«

 

Mark fuhr ihn wütend an.

 

»Weil die Tür geschlossen war, du Hasenfuß! Wer mag das nur getan haben?«

 

Plötzlich ertönte von irgendwoher, als ob es die Antwort auf Marks Frage wäre, der klagende Klang einer Violine. Jemand spielte Tostis »Chancon d’Adieu«.

 

Kapitel 25

 

Kapitel 25

 

Mark McGill hatte sein Vermögen bei vier Banken deponiert; von dreien hob er nun sein Geld bis auf einen verschwindend kleinen Rest ab. Das vierte Konto, das kleinste von allen, war der Polizei bekannt, und er rührte es deshalb nicht an.

 

Er bestellte für diese Nacht an fünf verschiedenen Stellen in den äußeren Vororten Londons leistungsfähige Autos, die ihn erwarten sollten. Vorsichtshalber beorderte er sie von fünf verschiedenen Garagen unter fünf verschiedenen Namen. Von seinen Agenten in Manchester und Leeds hatte er zwei neue Pässe erhalten. Die Fotos glichen den anderen Bildern nicht; er hatte sie selbst in seiner Wohnung aufgenommen.

 

Nun brauchte er nur noch den Augenblick seiner Flucht zu wählen, und diese Entscheidung hatte er bereits getroffen. Gleich nach der Zusammenkunft heute abend wollte er nach Essex fahren. In Burnham lag ein seetüchtiges Motorboot für ihn bereit, das mit allem nötigen Proviant für eine mehrtägige Reise versehen war. Er wollte von der englischen Küste nach Ostende fahren. Das Motorboot war in Belgien registriert und konnte in dem belebten Hafen einlaufen, ohne die geringste Aufmerksamkeit zu erregen. Mark kannte den Wert der belgischen Trikolore, die er in dem Motorboot aufbewahrte.

 

Er machte keinen Versuch, Ann noch einmal zu sprechen. Sein Diener erzählte ihm, daß sie schon frühmorgens ausgegangen sei. Ann war für ihn bedeutungslos geworden. Er dachte viel mehr an Tiser als an sie. Dieser Mann war bedeutend gefährlicher, obwohl er wußte oder doch wenigstens wissen sollte, daß jeder Versuch, sich durch Verrat Straflosigkeit zu sichern, mit einer Katastrophe für ihn enden mußte.

 

*

 

Gegen Mittag erhielt Ann eine Mitteilung von Bradley. Der kleine Brief begann ohne Anrede:

 

›Ich bitte Sie um einen großen Gefallen – fast möchte ich sagen, um ein Opfer. Würden Sie heute abend um elf Uhr nach Lady’s Stairs kommen? Entscheiden Sie bitte nach Ihrem Gutdünken, ob Sie es tun wollen oder nicht. Ich werde Sie in jedem Fall verstehen. Aber wenn es irgend möglich ist, so kommen Sie bitte. Für den Fall Ihrer Zusage werde ich einen Mann schicken, der Sie in einem Privatauto abholt und dorthin bringt. Vielleicht werden Sie mir das niemals vergeben, was ich im Begriff bin zu tun, aber ich muß es tun. Ich brauche Sie um des psychologischen Eindrucks willen, den Sie auf einen der Anwesenden machen werden.‹

 

Sie las den Brief, faltete ihn und steckte ihn in ihre Handtasche.

 

»Teilen Sie bitte Mr. Bradley mit, daß ich kommen werde«, sagte sie zu dem wartenden Beamten.

 

Mr. Tiser erhielt eine etwas dringendere Aufforderung. Sergeant Simmonds besuchte ihn am Nachmittag. Der Diener sagte zwar, daß Mr. Tiser nicht zu Hause sei, aber der Beamte ließ sich nicht abweisen.

 

»Ich werde warten, bis er zurückkommt«, erwiderte er und ließ sich behaglich im Wohnzimmer nieder.

 

Nach einer Viertelstunde erschien dann auch der nervöse Tiser.

 

»Sie werden heute abend in Lady’s Stairs erwartet«, sagte der Sergeant zu ihm. »Bradley schickt mich und läßt Ihnen dies ausrichten.«

 

»Ich fühle mich aber nicht wohl genug, um heute auszugehen.«

 

»Dann werden wir Sie durch einen Krankenwagen abholen lassen – in diesem Fall können Sie sich dann als verhaftet betrachten.«

 

Tisers Schrecken kannte keine Grenzen.

 

»Tiser, Sie haben jetzt eine Chance – sie ist zwar nicht groß, und wir können Ihnen auch nichts Besonderes versprechen … Warum sagen Sie denn nicht freiwillig alles, was Sie wissen?«

 

Tiser krümmte sich wie ein Wurm.

 

»Ich weiß doch nichts, wirklich nichts – gar nichts! Sie sind vollständig falsch unterrichtet, ebenfalls der gute Mr. Bradley, wenn er glaubt, daß ich ihm etwas über Ronnie sagen kann.«

 

»Ich habe zwar nicht von dem armen Ronnie gesprochen, aber ich habe ihn gemeint«, sagte Simmonds und erhob sich. »Nun gut, Sie werden heute abend kommen. Entfliehen können Sie nicht, denn ich habe mehrere Detektive beauftragt, Sie zu überwachen.«

 

Als Ann und ihr Begleiter am Abend auf Cavendish Square hinaustraten, regnete es heftig. Ein geschlossener Wagen wartete auf sie.

 

»Wer wird noch kommen?« fragte sie, als sie unterwegs waren.

 

»Tiser und McGill. Sie sind vor zehn Minuten weggefahren.«

 

»Wenn ich mich nicht irre, sind Sie doch Mr. Simmonds, der mich damals verhaftete? Habe ich nicht recht?«

 

»Ja, der bin ich«, erwiderte der Beamte in guter Laune.

 

»Dann können Sie mir sicher sagen, was ich so gern wissen möchte. Gehen wir nach Lady’s Stairs – Ronnies wegen?«

 

Aber Mr. Simmonds war verschwiegen.

 

»Mr. Bradley wird Ihnen das alles viel besser erklären können.«

 

Für Mark McGill war die Fahrt nicht angenehm. Tiser quälte ihn dauernd mit ängstlichen Fragen. In einer Anwandlung von Zutrauen hatte er ihm von der Aufforderung der Polizei erzählt, ein Geständnis abzulegen.

 

»Natürlich habe ich es sofort abgelehnt, mein lieber Mark. Was immer auch geschehen mag, ich schweige. Ich werde dich niemals verraten. Allein der Gedanke daran macht mich krank.«

 

»Es ist mir auch nie im Traum eingefallen, daß du das tun würdest. Dein eigenes Leben ist dir doch viel zu schade. Sie haben dir ja auch nicht gesagt, daß du straflos ausgehen würdest, wenn du ihnen alles verrätst, und daß man jede Anklage gegen dich fallenlassen würde. Ich könnte mir das wenigstens nicht denken. Wenn sie dir das schriftlich gegeben hätten, wärst du bestimmt darauf eingegangen.«

 

»Aber wenn Li Yoseph nun etwas erzählt?«

 

»Li Yoseph! Was kann der denn erzählten? Höchstens von Geistern, Gespenstern und kleinen Kindern! Sein Geschwätz kann man doch unmöglich vor einem Richter oder vor Geschworene bringen. Sei doch kein Narr. Höre einmal zu: Das einzige, was wir zu erwarten haben, ist, daß Li Yoseph alles berichten wird, was er weiß. Er wird sowohl von Ronnie als auch von sich sprechen. Du hast nur still dabeizusitzen und dir vorzustellen, daß sein ganzes Gefasel erlogen ist. Diesen einen Gedanken mußt du dir fest einprägen, alles andere ist dann furchtbar leicht. Ich wette, daß Bradley die ganze Geschichte so eingefädelt hat. Es ist wie ein verschärftes Verhör. Wenn er damit keinen Erfolg hat, werde ich ihm schon die Hölle heiß machen.«

 

Aber er spann diesen Gedanken nicht weiter aus; er dachte im Augenblick an das Motorboot, das in Burnham on Crouch auf ihn wartete, und er dachte an den guten Wetterbericht für die Überfahrt: ›Geringe Dünung, leicht dunstig, Sicht schlecht.‹

 

Als sie zu Li Yosephs Haus kamen, fanden sie die Tür noch verschlossen. Mark klopfte, und nach einigen Minuten hörten sie die Schritte Mr. Shiffans, der die Treppe herunterkam und sie einließ.

 

»Ich bin froh, daß jemand gekommen ist«, sagte er mit schriller Stimme. »Es sind furchtbar viele Ratten hier, es ist wirklich unheimlich.«

 

»Ist der Alte schon da?« fragte Mark.

 

»Nein, er ist bis jetzt noch nicht gekommen. Es tut mir schon leid, daß ich zugesagt habe, heute abend hierzubleiben. Wissen Sie, hier spukt es! Die unglaublichsten Geräusche können Sie hören! Wenn ich ein paar Nächte hier schlafen sollte, würde ich selbst verrückt werden.«

 

»Ist heute abend jemand hier gewesen?« fragte Mark.

 

»Der Polizeimensch.«

 

»Bradley!«

 

»Ja, er hat sich ein paar Stunden hier herumgetrieben. Ich fragte ihn, ob er irgend etwas haben wollte, aber er sagte nein. Da konnte ich auch nichts machen. Er geht hier aus und ein, als ob ihm das ganze Haus gehörte.«

 

Um diese Stunde war Li Yosephs Wohnung ein düsterer Ort. Die einzige Lampe, die von der Decke herabhing, war schwach und konnte den Raum kaum erhellen.

 

»Haben Sie das schon gesehen?«

 

Mr. Shiffan zeigte auf ein kleines Paneel an der Tür, auf dem sechs grüne Glühbirnen befestigt waren.

 

»Merkwürdige Idee. Wozu mag das bloß sein?«

 

Mark war in einer sonderbar mitteilsamen Stimmung und erklärte es ihm.

 

»Unter jeder dritten Stufe ist ein Kontakt angebracht, der eins dieser Lichter aufleuchten läßt. Es ist ein Warnungssignal, wenn jemand die Treppe heraufkommt.«

 

»Großer Gott, es ist gut, daß Sie mir das gesagt haben! Ich bin furchtbar erschrocken, als meine Frau heute abend von der Straße heraufkam.«

 

Unten wurde an die Haustür geklopft. Mark ging hinunter, um zu öffnen. Ann stand allein draußen; ihr Begleiter hatte sie mit der Versicherung verlassen, daß sie beobachtet werde und nichts zu fürchten habe.

 

»Treten Sie näher, Ann«, sagte Mark zuvorkommend. »Wie kommen Sie denn hierher? Hat Bradley Sie auch eingeladen? Und Sie kommen ganz allein?«

 

Sie antwortete nicht, sondern ging vor ihm die Treppe hinauf. Ihr Kommen wirkte beruhigend auf Tiser.

 

»Meine liebe Miss Ann, ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie froh ich bin, daß ich Sie sehe.« Er drückte ihr die Hand. »Also hat man Sie auch hierhergebracht …«

 

»Es wäre besser, wenn du deinen Mund hieltest«, fuhr ihn Mark McGill ärgerlich an. Dann wandte er sich wieder an Ann. »Was soll denn diese ganze Geschichte bedeuten?«

 

»Ich weiß es nicht.«

 

»Hat Bradley nach Ihnen geschickt?«

 

Sie nickte.

 

»Ist Mr. Yoseph hier?«

 

Mr. Shiffan schüttelte den Kopf.

 

»Nein, Miss, wir dachten schon, er würde heute nachmittag kommen. Es hatte sich eine große Menschenmenge angesammelt, um ihn zu sehen.«

 

»Wird Mr. Bradley heute abend hier sein?« fragte sie.

 

»Ich glaube nicht. Er gab mir den Auftrag, daß ich sofort nach Scotland Yard telefonieren solle, wenn etwas Besonderes passiert. Er hat mir seine Spezialnummer gegeben.« Er nahm einen Zettel aus seiner Tasche, aber Ann interessierte sich nicht dafür.

 

»Sind Sie sicher, daß Li Yoseph nicht morgens hier im Haus war?« fragte Tiser.

 

»Nein, soweit ich weiß, nicht.«

 

»Ich dachte, ich hörte ihn Violine spielen.«

 

Mr. Shiffan grinste.

 

»Ach, das habe ich schon so häufig gehört, da kümmere ich mich gar nicht mehr darum. Großer Gott, alle die Geräusche, die Sie hier im Haus hören können.«

 

»Sind Sie denn sicher, mein lieber Mr. Shiffan«, fragte Tiser nervös, »daß es nicht noch einen anderen Raum hier gibt, in dem sich der alte Li aufhalten könnte? Denken Sie einmal nach.«

 

»Ja, es sind noch mehrere Zimmer da, aber die sind alle fest verschlossen. Die Polizei hat sie damals geöffnet, als der Alte verschwand, aber sie hat nichts Besonderes gefunden – soweit ich gehört habe, war nur alter Plunder darin.« Er rieb seine kalten Hände. »Wenn Sie sonst nichts brauchen, will ich gehen und in der Küche ein Feuer machen.«

 

Niemand hielt ihn zurück. Als er gegangen war, folgte ein verlegenes Schweigen.

 

»Ich weiß nicht, warum Sie eigentlich gekommen sind, Ann«, bemerkte Mark nach einiger Zeit.

 

»Warum sollte ich denn nicht kommen?« fragte sie herausfordernd.

 

Mark zuckte die Schulten.

 

»Sie waren in letzter Zeit wohl viel mit Bradley zusammen? Er ist ganz verrückt nach Ihnen, er scheint Sie kolossal gern zu haben – es ist wirklich amüsant. Was hat er Ihnen denn erzählt?«

 

»Nicht mehr, als er mir früher auch schon sagte«, erklärte Ann ruhig, aber sie fühlte sich etwas unbehaglich unter seinem durchdringenden Blick.

 

»Sie sind jetzt immer so vergnügt – ich habe Sie neulich sogar morgens singen hören. Kommt das von Ihrer Freundschaft mit Bradley?«

 

Sie lächelte über seine Frage.

 

»Ich habe mich selbst darüber gewundert.«

 

Wieder folgte eine längere Pause. Tiser hatte sich eben aufgerafft, etwas zu sagen, als er von Mark daran gehindert wurde.

 

»Haben Sie noch die Absicht, nach Paris zu gehen, wenn diese ganze Geschichte vorüber ist?« fragte McGill. »Manchmal kommt mir der Gedanke, daß es ein Fehler war, Sie überhaupt hier in London zu behalten; aber ich dachte mir, daß eine Dame als Chauffeur der Aufmerksamkeit der Polizei leichter entgehen werde. Das war jedoch nicht der Fall – im Gegenteil, Sie haben die Aufmerksamkeit dieser Leute zu sehr auf sich gezogen.«

 

Ann schwieg, Tiser war inzwischen zum Fenster gegangen.

 

»Mark, Mark!« rief er plötzlich. »Was haben denn alle diese Boote dort zu bedeuten?«

 

»Was redest du da von Booten?« McGill trat zu ihm und wischte mit seinem Taschentuch eins der Fenster ab, um besser sehen zu können.

 

»Es sieht so aus, als ob es Polizeiboote sind – sie fahren zur Schleuse hinauf. Die Themse-Polizei hat hier immer ein paar Boote in der Nähe.«

 

»Aber sie wenden ja nun«, flüsterte Tiser. »Mark, sie patrouillieren hier vor der Bucht. Was hat das zu bedeuten?« fragte er ängstlich und packte Mark krampfhaft am Arm. »Es ist doch wirklich nicht so wichtig, daß ich dabei bin … muß ich denn hierbleiben? Ich glaube, ich bin nicht notwendig … entschuldigen Sie mich bitte, Miss Perryman.«

 

»Du bleibst hier!« befahl Mark rauh.

 

Mr. Shiffan trat wieder ein, und Mark winkte ihn zu sich.

 

»Haben Sie etwas zu trinken im Hause?«

 

»Ja, ich habe heute morgen eine Flasche Whisky besorgt. Sie steht in der Küche. Es ist ja nicht von meinem Geld.«

 

McGill nahm Tiser am Arm.

 

»Nun sei ruhig. Du mußt einen kleinen Schluck nehmen, dann wird dir wieder besser. Sie haben doch nichts dagegen, daß wir Sie einen Augenblick allein lassen, Ann?«

 

Sie schüttelte den Kopf. Aber sie bereute ihre Zustimmung sofort, als sie sich schließlich allein in dem Raum befand. Selbst die Anwesenheit Marks war noch dieser trostlosen Einsamkeit vorzuziehen. Sie hatte das Gefühl, als ob große Augen aus dem Dunkel auf sie starrten. Von unten hörte sie das Plätschern des Wassers und das Krachen der Pfosten. Der Wind hatte sich erhoben und fuhr ächzend und stöhnend um das Haus. Und plötzlich erlebte sie wieder, was sie schon einmal erlebt hatte – das Licht ging aus. Die Falltür öffnet sich, und Kopf und Schultern Li Yosephs tauchten auf.

 

Ann schrak zurück und lehnte sich an die Wand, als der alte Mann heraufstieg. Diesmal konnte sie sein Gesicht deutlich in dem Licht der Laterne sehen, die er trug. Die Falltür schloß sich wieder, und der Alte verschwand in dem kleinen Schlaf räum. Gleich darauf ging das Licht wieder an. Im selben Augenblick traten auch Mark und Tiser ein.

 

»Es ist kein Korkenzieher in der Küche – ist etwas passiert?« fragte Mark schnell, als er sah, daß Ann zitternd und halb ohnmächtig an der Wand lehnte. Anns Lippen waren trocken.

 

»Li Yoseph ist gekommen«, sagte sie atemlos.

 

Sie zeigte auf die Falltür.

 

»Von dort her?«

 

»Ja – er ist in sein kleines Zimmer gegangen.«

 

Mark wandte sich schnell dorthin.

 

»Haben Sie sich auch nicht getäuscht, liebe Miss?« fragte Tiser bebend vor Angst. »Ist es nicht nur eine Einbildung? Warum sollte er denn gerade von dort unten kommen?«

 

»Hier habe ich eine Tür gefunden«, hörten sie Marks Stimme, »direkt hinter dem Bett. Ich habe sie früher nie gesehen. Ich wundere mich nur, was …«

 

Er wurde durch den Klang einer Violine unterbrochen. Die Töne kamen näher und näher, und plötzlich erschien Li Yoseph. Er ging zum Fenster und setzte sich dort auf seinen alten Platz. Sein Bogen bewegte sich nach dem Takt über die Saiten.

 

»Mein Gott!« Tisers Zähne klapperten. »Er ist es wirklich!«

 

Mark schüttelte ihn von sich ab.

 

»Ruhe«, sagte er.

 

Der Alte legte die Geige aus der Hand.

 

»Li – Mark spricht jetzt mit dir«, sagte Mark freundlich. »Geht es dir gut, Li?«

 

Der alte Mann stand auf, kam langsam näher und sah ihn an, als ob er kurzsichtig wäre.

 

»Es ist doch komisch, daß du mich fragst.« Er kicherte heiser.

 

»Ja, mir geht’s ganz gut – mir geht’s ganz gut. Ja, mein lieber Mark … denkst du noch immer an den armen, alten Li?« Dann drehte er sich um und sprach leise zu den Kindern, die ihn begleiteten. »Nun, Heinrich und Peter, ihr müßt jetzt zu Bett gehen. Um diese Zeit dürfen kleine Kinder nicht mehr auf sein … husch, husch, husch! Also gute Nacht!« Er winkte ihnen zu.

 

»Er hat immer noch die verrückten Manieren«, sagte Mark leise. »Li, Miss Perryman ist auch hier. Li, hörst du? – Ronnies Schwester.«

 

Li nickte.

 

»Ich kann sie ganz gut sehen. Sie fürchtet sich nicht vor mir?«

 

»Ich bin auch da, Li«, sagte Tiser mit schriller Stimme. »Kennst du mich noch – den lieben, guten Tiser?«

 

Aber Li schien sich nicht um ihn zu kümmern, er ging zu dem Schrank an der Wand, nahm eine Flasche und ein Glas heraus und setzte sich behutsam auf eine umgedrehte Kiste.

 

»Warum sollten wir denn heute um elf hier sein?« fragte Mark. »Kommt Bradley auch? Was willst du mit dem Wein?«

 

»Der ist für ihn«, sagte Li und nickte vor sich hin.

 

»Wen meinen Sie denn, Li Yoseph?« fragte Ann, die ihre Stimme kaum in der Gewalt hatte.

 

Der Alte schaute sie seltsam an, und sie glaubte einen traurigen Ausdruck in seinen Augen zu sehen.

 

»Sie werden mir nicht böse sein, wenn ich es Ihnen sage?«

 

»Für Ronnie?« fragte sie.

 

Der Alte nickte.

 

»Was soll denn das heißen, du verrückter Narr?« fuhr Mark auf.

 

»Ja, für ihn«, wiederholte Li Yoseph. »Er kommt jede Nacht.«

 

»Jede Nacht?« Mark lachte laut auf. »Du bist doch ein ganzes Jahr lang nicht mehr hier gewesen.«

 

Mark sah Li zum erstenmal lächeln; es war ein abstoßender Anblick.

 

»Das denkst du, aber ich bin doch hier gewesen.«

 

Je länger die seltsame Unterhaltung dauerte, desto aufgeregter wurde Tiser.

 

»Ich kann das nicht mehr aushalten! Ach Gott, das ist zuviel! Ronnie ist tot, Li – er kann doch nicht herkommen …«

 

»Jede Nacht kommt er«, sagte der Alte feierlich. »Er geht die Treppe herauf und kommt in dieses Zimmer. Dann tritt er an den Tisch und zieht das Glas zu sich, aber er trinkt nicht. An dem Abend wollte er gerade trinken – du erinnerst dich, mein lieber Mark –, als …«

 

»Jetzt sei aber ruhig!« brüllte McGill. »Siehst du denn nicht, daß du die junge Dame erschreckst?«

 

Aber Ann gab ihm ein Zeichen, daß er schweigen solle.

 

»Nein, hören Sie meinetwegen nicht auf. Ob er lebt oder tot ist, ich fürchte mich nicht vor Ronnie!«

 

»Sie werden ihn nicht sehen«, sagte Mark verächtlich. »Diese Dinge existieren doch nur in seinem verrückten Gehirn.«

 

Der alte Li sprach weiter.

 

»Nun, mein lieber Mark, soll ich dir erzählen, was dann geschieht?«

 

»Was geschieht denn dann?« fragte Mark böse, aber seine Stimme zitterte leicht.

 

Li Yoseph wandte sich langsam nach ihm um.

 

»Und dann fällt er, und der Stuhl fällt auch um – und dann ist er wieder tot.«

 

Ann sah Mark entsetzt an. »Was sagt er da?« flüsterte sie. »Ist Ronnie hier – hier in diesem Raum – umgekommen?«

 

Tiser packte plötzlich ihren Arm so heftig, daß sie aufschrie.

 

»Kommen Sie, hören Sie doch nicht auf ihn – wir wollen schnell fortgehen«, stammelte er. »Dieser Platz ist verhext, überall Geister … Sehen Sie ihn nur an!«

 

Mit einem Ruck befreite sie sich von seinem Griff.

 

»Ronnie wurde hier in diesem Zimmer ermordet?« fragte sie scharf.

 

»Sie sind ebenso verrückt wie Li!« sagte Mark.

 

In diesem Augenblick schlug eine Kirchenuhr in der Nähe elf. Alle schwiegen. Eine unheimliche Stille folgte.

 

»Nun?« begann Mark endlich.

 

Plötzlich klopfte es unten an die Tür – die Töne hallten langsam und deutlich herauf. Dann fiel die Tür ins Schloß. Tiser stieß einen Schreckensschrei aus. Die grünen Lichter leuchteten nacheinander auf – es kam jemand die Treppe herauf. Langsam öffnete sich die Tür … Zoll für Zoll … Aber niemand außer Li sah, wer sie geöffnet hatte.

 

Der alte Mann ging vorwärts – der unsichtbare Besucher war für ihn Wirklichkeit.

 

»So, Ronnie, kommst du wieder, um mit dem alten Li zu sprechen … Hier ist der Wein, Ronnie … Setze dich hin … du willst nicht?«

 

Niemand war eingetreten, aber die Tür schloß sich wieder. Li kam näher – er hatte den Arm um die unsichtbare Gestalt gelegt. Ann beobachtete ihn fasziniert, als er seinen Gast jetzt zum Tisch führte.

 

»Es ist ein guter Wein, Ronnie – der beste für dich!«

 

Und dann sah sie zu ihrem größten Schrecken, wie sich das volle Glas auf dem Tisch bewegte … langsam kam es dem Rand, immer näher.

 

»Ronnie, sieh dich vor – Mark!« rief Li plötzlich warnend.

 

In diesem Augenblick fiel der Stuhl am Tisch um. Ein Schreckensschrei gellte durch das Zimmer.

 

»Du hast ihn umgebracht, Mark!« schrie Tiser. Sein Gesicht war verzerrt, er zeigte mit zitternder Hand auf McGill. »Ich sage es der Polizei – du hast ihn umgebracht! Kaltblütig hast du ihn ermordet! Ich kann es nicht mehr aushalten, ich muß es sagen!«

 

Mark packte ihn an der Kehle.

 

»Bist du auch verrückt?«

 

»Er hat die Wahrheit gesagt – Sie Mörder«, rief Ann atemlos.

 

»Ob wahr oder gelogen, das ist mir alles gleich«, sagte Mark drohend. »Sie werden auch nicht aus dem Haus kommen, ehe ich nicht Ihren Mund auf die eine oder andere Weise zum Schweigen gebracht habe.«

 

Aber dann überkam ihn eine fürchterliche Wut, und er wandte sich rasend gegen den alten Mann, der Tiser zum Geständnis gebracht hatte.

 

»Diesmal entkommst du mir nicht, du Schuft!« schrie er. Aber als er seinen Browning zog, packte ihn Li Yoseph mit einem so geschickten Griff, daß Mark hinfiel.

 

Mit einem Wutschrei sprang er wieder auf und stürzte sich auf den Alten. Aber die harten Hände packten ihn wieder und stießen ihn nach hinten in die Arme eines der Detektive, die während der letzten Vorgänge ungesehen und ungehört in den Raum getreten waren.

 

»Wer sind Sie?« fragte Mark atemlos.

 

Seine Frage war überflüssig, denn mit einem kurzen Ruck hatte der Alte die gelbe Maske mit dem großen Kinn und der häßlichen Nase heruntergerissen. Mark stand vor Inspektor Bradley.

 

»Was – Sie?«

 

Bradley nickte.

 

»Wir fanden Li Yoseph vor einiger Zeit hier unten – ich zeigte Ihnen die Kugel, die wir aus seinem Körper entfernten. Es stimmt schon, Sie haben ihn umgebracht. Es hat lange gedauert, bis wir ihn im Schlamm fanden, aber schließlich hatten wir doch Erfolg. Und dann kam mir der Gedanke, daß ich Tiser zu einem Geständnis bringen könnte. Sie wissen ja, ich spiele selbst Violine – und Li hatte etwa meine Gestalt.«

 

Selbst in diesem Augenblick bewahrte McGill seine Selbstbeherrschung.

 

»Sie brauchen aber zwei Zeugen für einen Beweis – so verlangt es das Gesetz. Sie sind voreingenommen – Ihr Zeugnis gilt nicht. Auch Ann Perryman wird man ablehnen. Woher nehmen Sie diesen zweiten Zeugen?«

 

Bradley zeigte auf die Kiste.

 

»Dort ist der andere. Haben Sie nicht gesehen, daß er das Glas bewegte? Er hat eine Stahlplatte am Fuß, und er hat das Glas mit einem Magneten von unten her bewegt.«

 

Er öffnete die Tür der Kiste, und Mr. Sedeman kam heraus.

 

*

 

Bradley hatte darauf bestanden, daß Ann eine Seereise unternahm.

 

»Es ist besser, daß du dich an das Klima in Brasilien gewöhnst, Ann. Du mußt mir versprechen, daß du keine englischen Zeitungen liest, bis ich nachkomme, mein Liebling. Nein, ich glaube nicht, daß dein Zeugnis irgendwelchen Wert haben könnte, wir kommen auch so aus. Tiser hat jetzt sein Geständnis schriftlich bestätigt.«

 

So kam es, daß Ann auf einem Luxusdampfer nach Brasilien unterwegs war, während sich in London der aufsehenerregende Prozeß abspielte. Sie erfuhr nichts davon, daß der halb wahnsinnige Tiser vor den Schranken des Gerichts Mark an die Gurgel sprang; sie erfuhr auch nichts von der Hinrichtung. An dem Tag, an dem Mark McGill am Galgen endete, trat Bradley aus dem Dienst der Polizei aus, und die Fliegende Kolonne verlor ihren besten Beamten.