Kapitel 2

 

2

 

Früher hatte Mr. Rustem ein großes Messingschild mit einer pompösen Inschrift gehabt:

 

 

Arthur M. Rustem

Rechtsanwalt und Notar

 

 

Eines schönen Tages wurde es aber abgeschraubt und durch ein kleineres, weniger anspruchsvolles ersetzt. Mr. Rustem war zu der Zeit auf Ferien und wohnte im ›Hotel Danielli‹ in Venedig, wo er ein Appartement mit Blick auf den Canale Grande und die schönen Bauten der Stadt gemietet hatte.

 

Telegrafisch wurde er von der neuen Sachlage verständigt:

 

Verhandlung gegen Sie hat heute stattgefunden. Starker verteidigte Sie glänzend. Richter verfügte aber Streichung auf der Anwaltsliste. Gruß Pilcher

 

Er saß gerade in einem berühmten Café am Markusplatz und aß Eiscreme, als ihm ein Hotelangestellter die Depesche überreichte. Er las sie vollkommen ruhig durch, ließ sich ein Telegrammformular geben und schrieb kurz darauf:

 

Ändern Sie Firmenschild in A. M. Rustem.

Besten Dank.

 

Er gab dem Boten ein Trinkgeld und aß dann seine Eiscreme weiter. Andere Anwälte, die mehr Charakter und Ehrgefühl besaßen als er, hatten sich bei solchen Gelegenheiten das Leben genommen, aber ihn stimmte dieser Vorfall nicht traurig.

 

Er hatte von vornherein erwartet, daß die Anwaltskammer ihn aus der Liste streichen würde, und er war froh, daß es nicht auch noch zu einem Prozeß gekommen war. Seiner Meinung nach war es ja kleinlich, soviel Spektakel wegen ein paar tausend Pfund zu machen. Er hatte sie von dem Vermögen einer kindischen alten Dame genommen, deren Gelder er verwaltete. Sie war inzwischen gestorben, und ihre Erben waren dickköpfig genug, die Anzeige gegen ihn doch noch zu erstatten, obwohl er das Geld längst ersetzt hatte und die Leute sehr reich waren. Und nun hatte die Anwaltskammer die Konsequenzen daraus gezogen und ihn ausgeschlossen.

 

Er verwaltete nur noch das Vermögen eines anderen Klienten, aber das war so unbedeutend, daß es kaum der Mühe wert war, sich damit abzugeben. Er selbst besaß ein Vermögen von mehr als hunderttausend Pfund und hatte außerdem ein Einkommen von mindestens zehntausend Pfund jährlich. Es erschien ihm selbst lächerlich, daß er sich unter diesen Umständen dazu hatte verleiten lassen, fremde Gelder anzugreifen.

 

Einen Monat später kehrte er nach London zurück, und die neue Messingplatte an seiner Tür gefiel ihm, als er in sein luxuriös ausgestattetes Büro trat.

 

Sein Bürovorsteher begrüßte ihn grinsend. Der Mann war zwar noch ziemlich jung, aber tüchtig in seinem Beruf und gerissen. Seine Haltung und Kleidung zeugten davon, daß es ihm gut ging. Er sah entschieden eleganter aus als die Bürovorsteher anderer Rechtsanwälte. Abgesehen von seinem guten Gehalt, verdiente er auch noch viel Geld durch Rennwetten. Er ließ seine Anzüge bei demselben Schneider machen wie sein Chef, kaufte seine Hüte bei demselben Hutmacher und ließ sich bei dem gleichen Friseur rasieren. Mr. Pilcher nahm sich seinen Chef in jeder Weise zum Vorbild und hoffte, daß er eines schönen Tages auch in der Lage sein würde, sich einen so teuren und eleganten Wagen leisten zu können wie Mr. Rustem, und daß auch er nicht mit der Wimper zucken würde, wenn er als Rechtsanwalt aus der Liste gestrichen würde.

 

»Das war Pech, Pilcher. An Ihrer Stelle würde ich jetzt zu den Rechtsanwälten Doberry und Pank gehen«, sagte Rustem, als er hereinkam.

 

Er ließ sich in seinem Sessel nieder und sah die Korrespondenz durch, die auf ihn wartete.

 

Ein verächtliches Lächeln zeigte sich auf Pilchers Gesicht.

 

»Wenn es Ihnen recht ist, dann ist es auch mir recht. Ich mache mir sowieso nichts aus dem ganzen Kram.«

 

»So? Nun, das ist recht klug von Ihnen. An dem ganzen Rechtsanwaltsberuf ist auch nicht viel dran. Man ist nur ständig allen möglichen Angriffen ausgesetzt. – Rufen Sie den Friseur an und sagen Sie ihm, er soll eine Maniküre herschicken – die große Blondine. Wie heißt sie doch gleich … ach so, Elsie.«

 

»Die ist auf Urlaub, aber sie haben eine neue eingestellt – ich sage Ihnen, zum Anbeißen schön!«

 

Pilcher ging in den äußeren Raum, um zu telefonieren, während Mr. Rustem seine Briefe durchschaute und abwechselnd die Stirn runzelte und lächelte. Wenn er lächelte, sah er sehr gut aus – trotz seiner vierzig Jahre. Seine braune Haut war wunderbar zart und ohne Falten. Im allgemeinen nahm man an, daß er irgendwie orientalisches Blut in den Adern habe – ›Rustem‹ war sicher ein Name, der aus dem Orient stammte –, und auch manche Eigenschaften deuteten darauf hin, zum Beispiel sein großes Sprachentalent.

 

Man sagte von Rustem, daß er Zeugen in zehn verschiedenen Sprachen verhören könnte und daß er es verstände, in zwanzig verschiedenen Sprachen andere Leute zu erpressen.

 

In seinen jungen Jahren hatte er als Strafverteidiger einen großen Ruf. Vielen Schwindlern und Betrügern hatte er bei schweren Prozessen durchgeholfen, selbst wenn eine erdrückende Beweislast vorlag. Es gab kaum einen großen Betrüger in Europa, der sich nicht in der einen oder anderen Sache an ihn um Rat gewandt hatte.

 

Mr. Pilcher trat wieder ins Büro.

 

»Die junge Dame kommt sofort. Sie ist ein wenig zurückhaltender und feiner als die anderen, aber Ihnen wird sie wohl kaum zehn Minuten widerstehen können.«

 

Mr. Rustem lächelte über das Kompliment und wandte sich dann wieder seinen Briefen zu.

 

»Edna Gray«, sagte er und zeigte mit dem Finger auf einen der Briefe. »Das ist doch die junge Dame, die das Vermögen des Alten erbte?«

 

Pilcher nickte.

 

»Sie war während Ihrer Abwesenheit einmal hier im Büro. Das wäre etwas für Sie, Mr. Rustem! Eine glänzende Erscheinung – und eine Dame! Außerdem jung. Sie kann meiner Ansicht nach höchstens zweiundzwanzig sein.«

 

Mr. Rustem hörte nur halb zu, denn Pilcher war immer begeistert; er hielt aber nicht viel von dem Geschmack des jungen Mannes.

 

»Ich möchte eigentlich die Verwaltung des Grayschen Vermögens loswerden. Die ganze Sache ist doch nur ein paar tausend Pfund wert. Ist sie die einzige Erbin?«

 

Pilcher bejahte. »Ich werde die Akte holen«, fügte er hinzu.

 

Gleich darauf kam er mit einer Mappe zurück, und Rustem sah den Inhalt durch.

 

»Ach so, dazu gehört ja auch die Gillywood-Farm. Das hatte ich ganz vergessen. Aber Goodie hat doch die Sache noch auf fünfzehn Jahre gepachtet. Longhall House – wo ist denn das?«

 

»Auch auf dem Landgut. Erinnern Sie sich nicht? Es ist ein Grundstück von etwa zehn Morgen. Sie versuchten doch immer, den alten Gray dazu zu bringen, daß er es auch verpachten sollte, aber der wollte nicht. Er sagte, das wäre sein Geburtshaus oder so etwas Ähnliches.«

 

Mr. Rustem nickte und strich nachdenklich seinen schwarzen Schnurrbart.

 

»Es wäre ja möglich, daß sie das Haus verpachtet. Mr. Goodie hat das letztemal auch darüber gesprochen, als ich ihn sah. Ich kann gut verstehen, daß er das Training seiner Pferde nicht beobachtet haben will.«

 

»Das große Gelände, wo er die Morgengaloppe abhält, gehört ihr auch. Es sind ungefähr tausend Morgen Heideland. Der alte Gray hat nur auf fünf Jahre verpachtet, und die Zeit ist nahezu abgelaufen.«

 

Mr. Rustem schloß das Aktenstück.

 

»Merkwürdig, daß ich das alles vergessen hatte, aber ich habe die Sache ja so lange allein verwaltet. Es kam mir gar nicht mehr in den Sinn, daß es sich um fremdes Eigentum handelt.«

 

Das war stets seine gewöhnliche Haltung und seine Einstellung all seinen Klienten gegenüber gewesen.

 

»Nein, die Verwaltung können wir nicht aus der Hand geben, das ist ausgeschlossen. – Die junge Dame soll also sehr schön sein?«

 

»Ich sagte Ihnen: bildhübsch! Sie ist nicht sehr groß, eher zierlich. Sie ist Engländerin, und obgleich sie lange Jahre in Südamerika gelebt hat, sieht sie nicht ein bißchen fremdländisch aus. Sie muß außerdem sehr reich sein. Das ist ja auch kein Wunder, wenn sie die Nichte und Erbin des alten Gray ist.«

 

Mr. Rustem interessierte sich nun doch mehr für Edna Gray. Über den verstorbenen Donald Gray wußte er sehr wenig. Der Mann hatte in Argentinien gelebt und große Viehfarmen besessen. Mr. Rustem hatte ihn niemals persönlich gesehen. Die englische Besitzung des alten Gray war früher immer von Rustems Partner verwaltet worden, als die Firma noch anders lautete und durchaus ehrlich war.

 

In diesem Augenblick meldete sich die Maniküre, und Pilcher verschwand aus dem Büro. Mr. Rustem dachte aber so intensiv an das Landgut von Miss Gray, daß er nicht den mindesten Versuch, machte, mit der hübschen jungen Dame anzubändeln.

 

*

 

»Wieso kommen Sie darauf, daß Miss Gray reich ist?« fragte er seinen Bürovorsteher, als sie wieder gegangen war.

 

Pilcher lächelte.

 

»Sie hat einen Rolls-Royce und wohnt am Berkeley Square. Außerdem ist sie sehr hochmütig. Sie verstehen schon, wie ich es meine. Ich versuchte, liebenswürdig zu ihr zu sein, fragte sie, wie es ihr in England gefiele und ob sie hierhergekommen sei, um sich zu verheiraten –«

 

Mr. Rustem warf ihm einen eisigen Blick zu.

 

»Ach, das haben Sie alles gefragt? Ich verstehe nicht, daß Sie sich so wenig benehmen können. Meinen Sie, das sei die richtige Art, vornehme Damen zu behandeln? Hoffentlich haben Sie sich nicht auch erkundigt, was sie am Abend vorhätte und ob Sie ihr eventuell Gesellschaft leisten dürften?«

 

Pilcher lächelte; er fühlte sich nicht beleidigt. Schon viele Leute hatten versucht, einmal ein ernstes Wort mit ihm zu reden, aber niemand hatte bisher rechten Erfolg gehabt.

 

»Mir sind alle Frauen gleichgültig«, erwiderte er halb verächtlich. »Aber, um bei der Wahrheit zu bleiben, ich habe ihr nichts weiter gesagt. Sie gehört zu den kalten Naturen. Nein, ich sagte nur ›Auf Wiedersehend‹ zu ihr, als sie ging.« »Rufen Sie sie an und sagen Sie ihr, daß Mr. Rustem eigens vom Kontinent zurückgekehrt sei, um sie zu sprechen. Und fragen Sie sie, wann es ihr paßt, zu einer Besprechung zu kommen.«

 

Pilcher entfernte sich und ließ Mr. Arthur Rustem nachdenklich zurück.

 

Aber dieser hatte nicht lange Zeit, über gewisse Dinge nachzugrübeln, denn Pilcher kam gleich darauf strahlend wieder.

 

»Ein glänzender Zufall!« flüsterte er. »Sie ist …«

 

Er wies mit dem Kopf nach dem äußeren Raum.

 

»Was – Miss Gray ist gekommen?«

 

Pilcher nickte.

 

»Sie hat einen alten Kerl bei sich – einen Ausländer.«

 

»Führen Sie die Dame herein.«

 

Pilcher ersuchte Miss Gray mit ausgesuchter Höflichkeit, näher zu treten.

 

Rüstern erhob sich sofort.

 

Diesmal hatte Pilcher die Wahrheit gesagt. Edna Gray war mehr als hübsch, sie war eine Schönheit. Selbst Rustem, der viele Frauen kennengelernt hatte, mußte das zugeben. Sie hatte eine wundervolle Figur, und die Sonne Südamerikas hatte ihrem Teint nicht im mindesten geschadet. Rustem interessierte sich nun in jeder Weise für diese Dame mit den ernsten Augen, die so selbstbewußt auftreten konnte.

 

Die elegante Erscheinung des Anwalts schien jedoch nicht den geringsten Eindruck auf sie zu machen.

 

»Sind Sie Mr. Rustem?«

 

Noch bevor er antworten konnte, fuhr sie fort: »Ich bin Edna Gray, die Nichte von Donald Gray. Mein Bankier hat Ihnen von Buenos Aires aus geschrieben, und der Rechtsanwalt meines Onkels –«

 

Mr. Rustem schob ihr einen Sessel hin und warf Pilcher einen scharfen Blick zu, so daß der junge Mann aus dem Zimmer verschwand. Jetzt ließ auch er sich in seinem großen Schreibtischsessel nieder und sah seine Klientin erwartungsvoll an.

 

»Ja, ich entsinne mich«, sagte er zuvorkommend und höflich wie der beste Rechtsanwalt einer alten Familie. »Ihr Landbesitz in England ist nicht gerade sehr ausgedehnt, aber meiner Meinung nach doch ziemlich wertvoll. Wenn ich Ihnen einen Rat geben darf: Behalten Sie den Besitz – obgleich ich einige vorteilhafte Angebote erhalten habe, besonders für die Gillywood-Farm. Longhall House –«

 

»Ich bin gerade gekommen, um mit Ihnen über Longhall House zu sprechen. Ich habe mich nämlich entschlossen, dort zu wohnen. Soviel ich erfahren habe, ist ein Teil des Landbesitzes an Mr. Goodie verpachtet.«

 

Rustem runzelte die Stirn.

 

»Ja, das stimmt. Ich habe das veranlaßt. Mr. Goodie hat mich um die Erlaubnis gebeten, auch die Scheunen und Ställe benützen zu dürfen –«

 

»Das ist in Ordnung«, sagte sie und lächelte ihn an.

 

Er wunderte sich über ihren scharfen, etwas geschäftlichen Ton.

 

»Aber jetzt soll er die Ställe und Scheunen räumen, denn ich will das Grundstück wieder in Ordnung bringen. Wer hat die Schlüssel?«

 

»Mr. Goodie hat sie. Ich kann sie in ein paar Tagen von ihm bekommen.« Er schüttelte den Kopf. »Ich weiß aber nicht, ob Ihnen Longhall House gefallen wird. Haben Sie es sich schon einmal angesehen?«

 

»Nein.«

 

»Das Haus ist ziemlich verfallen. Einen dauernden Aufenthalt dort halte ich nicht für sehr gesund. Wenn ich Ihnen einen Rat geben darf – und ich spreche mehr als Rechtsanwalt denn als ihr Verwalter –«

 

»Aber Sie sind doch nicht mehr Rechtsanwalt, Mr. Rustem?« Es lag nichts Beleidigendes in der Frage. »Soviel ich hörte, haben Sie den Beruf aufgegeben?«

 

Er faßte sich sofort wieder und lächelte.

 

»Ja, ich hatte eine kleine Auseinandersetzung mit der Anwaltskammer, aber das war nicht von Bedeutung«, erwiderte er leichthin. »Wir haben noch recht altmodische Bestimmungen in England, und ohne es zu wissen oder zu wollen, verstößt man sehr leicht einmal dagegen.«

 

Er ärgerte sich selbst, daß er sich gewissermaßen bei ihr entschuldigte, und noch mehr ärgerte er sich darüber, daß er, der doch sonst immer Herr der Situation blieb, diese Schwäche gezeigt hatte. Obendrein ließ ihm ihr energisches Auftreten wenig Zeit, die Gedanken zu sammeln.

 

»Wo ist Mr. Goodie jetzt?«

 

»Soviel ich weiß, in Doncaster. Ich hätte ihn eigentlich gestern treffen sollen, aber meine Ankunft wurde durch Nebel verzögert. Doncaster ist eine Stadt in Nordengland –«

 

»Oh, ich weiß, wo Doncaster liegt.« Wieder spielte ein schnelles Lächeln um ihren Mund. »Nächstens ist doch ein Rennen in Doncaster – das berühmte Saint-Leger-Rennen. Es wäre vielleicht ganz gut, wenn ich auch dort hinführe, um Mr. Goodie zu treffen. Wissen Sie, wo er dort wohnt?«

 

Mr. Rüstern konnte oder wollte ihr keine Antwort darauf geben. Er sagte, daß er nicht so eng mit dem Herrn befreundet sei, um dauernd dessen Aufenthalt zu kennen.

 

Edna Gray erhob sich unerwartet.

 

»Ich würde Sie gern nächste Woche sprechen, Mr. Rustem, und zwar wegen des Landsitzes. Vielleicht setzen Sie sich inzwischen schon mit meinem Rechtsanwalt in Verbindung.«

 

Sie öffnete ihre Handtasche, nahm eine Karte heraus und legte sie vor ihn auf den Tisch. Noch ehe Arthur Rustem sich von seiner Überraschung erholen konnte, hatte sie ihm kurz zugenickt und das Zimmer verlassen. Draußen erhob sich der ältere Herr, und sie ging mit ihm auf die Straße hinunter. Pilcher, der gerade eine Aufstellung kontrollierte, bemerkte überhaupt nicht, daß sie gegangen waren.

 

Edna Gray blieb vor dem Haus stehen und sah ihren Begleiter an. Er war in der Tat ziemlich alt und trug vollkommen schwarze Kleidung und einen großen, breitkrempigen schwarzen Hut. In Buenos Aires hätte man ihn sofort erkannt, aber in den Straßen Londons nahm er sich etwas sonderbar und fremdländisch aus.

 

»Er hat doch recht gehabt, Mr. Garcia.«

 

Er sah sie verständnislos an und begriff erst nach einer Weile, worauf sich diese Bemerkung bezog.

 

»Sind Sie Ihrer Sache auch sicher?« fragte er freundlich. »Meine liebe Edna, es ist nicht recht, wenn man sofort alle möglichen Schlußfolgerungen zieht. Dieser Herr, den wir auf dem Dampfer kennengelernt haben, war ein sehr angenehmer Gesellschafter, aber vielleicht hat er sich auch geirrt. Das ist doch möglich.«

 

»Ich habe einen sehr ungünstigen Eindruck von Mr. Rustem bekommen. Er ist kein angenehmer Charakter – aalglatt und gefährlich. Ich bin froh, daß er nicht mein Anwalt ist.«

 

Sie hatte ihrem Chauffeur einen Wink gegeben, und der elegante Rolls-Royce hielt geräuschlos an der Bordschwelle. Edna Gray stieg ein, und Mr. Garcia folgte ihr.

 

»Ich werde nach Berkshire fahren, um mir meinen Landsitz anzusehen«, sagte sie entschlossen. »Ich bin sicher, daß irgendein Schwindel dahintersteckt. Und dann fahre ich nach Doncaster. Kommen Sie mit?«

 

Er schüttelte den Kopf und zupfte nervös an seinem kleinen weißen Bart.

 

»Nein, mein Kind, ich muß nach Deutschland fahren, ich habe solche Sehnsucht, ›Vendina‹ wiederzusehen! – Vielleicht kann ich das Pferd zurückkaufen«, sagte er dann gut gelaunt. »Es war überhaupt nicht recht von mir, daß ich es verkaufte; aber damals haben mir alle zugeredet. Mein Trainer, mein Neffe und alle anderen sagten, daß ich unpraktisch sei und daß ich noch Bankrott machen würde. Die Summe, die man mir anbot, war auch so hoch, daß ich sie nicht gut zurückweisen konnte.«

 

Er seufzte schwer, denn er hatte ›Vendina‹ persönlich großgezogen, und nach Ansicht Alberto Garcias war dies das beste und wertvollste Pferd auf der ganzen Welt. Als er das Tier an ein deutsches Gestüt verkaufte, schwand damit die Hälfte seines Interesses am Leben.

 

»Man soll nicht sentimental werden, aber ich hätte das Pferd behalten und am Rennen teilnehmen lassen sollen.« Er sah traurig aus dem Fenster des Wagens. »Aber vielleicht kann ich die Stute zurückkaufen. Denken Sie, Edna, nicht ein einziges Mal haben sie mir etwas über das Pferd geschrieben. Ich weiß nicht, wie es ›Vendina‹ geht, ob sie die Reise gut überstanden hat, ob sie krank ist und ob sie erstaunt waren, als sie das schöne Tier sahen.«

 

Die Geschichte von ›Vendinas‹ Verkauf kannte Edna zur Genüge. Hätte ihr ein anderer dauernd davon erzählt, so würde sie sich gelangweilt haben, aber sie liebte diesen alten Mann, den besten Freund ihres verstorbenen Onkels.

 

»Haben Sie Mr. Luke wiedergesehen?« fragte er.

 

Sie schrak leicht zusammen, denn auch sie hatte im selben Augenblick an ihn gedacht.

 

»Nein, ich habe ihn nicht gesehen, seit wir das Schiff verließen. Wollen Sie mitfahren zu meiner Besitzung? Es ist nur eine Stunde. Vielleicht sind die Schlüssel dort.«

 

Er sah sie fast ängstlich an.

 

»Aber Edna, morgen ist doch auch noch ein Tag. Sie müssen mich nicht so zur Eile antreiben. Ich bin ein alter Mann und nicht an das furchtbare gehetzte Tempo der modernen Zeit gewöhnt. Vor allem muß ich nach Deutschland reisen …«

 

Schließlich kam es zu einem Kompromiß. Sie speisten erst im ›Carlton‹ zu Mittag und fuhren dann zusammen nach Berkshire.

 

*

 

Gillywood Cottage konnte man von der Straße aus nicht sehen, denn das Gelände war von einer hohen roten Ziegelmauer umgeben. Die Straße bog im rechten Winkel ab, und von da aus führte ein breiter Weg direkt zu dem schmucken Haus. Die Zufahrt zu dem Grundstück war durch ein hohes Eisentor versperrt.

 

Edna Gray stieg aus und drückte gegen das Tor; es öffnete sich, und sie fuhren den Weg entlang. Nach fünfzig Metern machte der Weg wieder eine Biegung, und wieder stand der Wagen vor einem eisernen Gittertor. Dahinter sah man in einiger Entfernung das Haus, das mit seinen weißen Mauern und grünen Fensterläden einen freundlichen Eindruck machte. Das Tor war fest verschlossen, und sie klingelte deshalb.

 

Während sie wartete, sah sie sich erstaunt um. Die hohe Mauer war oben mit Stacheldraht und spitzen Eisen armiert, und am Ende der Mauer begann ein Drahtzaun, so daß das Haus wie in einem großen Käfig stand. Schwere eiserne Stangen sicherten die Fenster von außen. Man hätte denken können, es wäre ein Gefängnis und nicht ein Landhaus.

 

Aber die Sauberkeit und Ordnung im Garten mußte Edna bewundern. Die Wege waren vollkommen frei von Unkraut; der Rasen war gut und kurz gehalten. Links sah sie die Ecke des neuen Stallgebäudes, weiter hinten lag das ausgedehnte Heideland. Hier mußten auch die Perrywig-Höhlen sein, von denen ihr Onkel Donald soviel erzählt hatte. Wahrscheinlich lagen sie hinter den Hügeln versteckt. Weiter hinten mußte ein Dorf liegen, denn sie sah eine Kirchturmspitze.

 

Ein schönes Stückchen Erde! Longhall House konnte sie im Augenblick nicht sehen; eine große Gruppe von Nußbäumen, die die südliche Grenze der Gillywood-Farm bildeten, verbargen es.

 

Während Edna nach dem Haus hinübersah, öffnete sich die vordere Tür. Ein großer Mann kam auf das Tor zu, aber er machte es nicht auf. Er hatte einen runden, dicken Schädel und ein abstoßend häßliches Gesicht.

 

»Was wollen Sie?«

 

Man merkte, daß Englisch nicht seine Muttersprache war.

 

»Ich bin Miss Gray und möchte Mr. Goodie sprechen. Er hat die Schlüssel von Longhall House.«

 

Er betrachtete sie mit feindseligen Blicken. Allem Anschein nach fiel es ihm schwer, ihren Worten zu folgen. Schließlich schüttelte er den Kopf.

 

»Mr. Goodie ist nicht zu Hause.« Er machte eine Pause, denn es kostete ihn einige Anstrengung, sich auf Ortsnamen zu besinnen. »Er ist in Don – cast – ro.«

 

»Ach, Sie meinen Doncaster?«

 

Er nickte. »Si – ja, Doncastro.«

 

Sein Gesicht kam ihr bekannt vor; sie mußte diese abstoßenden Züge schon einmal gesehen haben.

 

»Ich bin die Eigentümerin dieses Landsitzes«, sagte sie dann auf spanisch. »Das ist mein Haus.« Sie zeigte zu den Nußbäumen hinüber. »Senor Goodie hat die Schlüssel.«

 

Er sah sie ungewiß an, aber sie konnte nichts aus seinem Gesichtsausdruck entnehmen.

 

»Der Patron ist fort, Señorita. Er ist nach Doncastro, um Pferde zu kaufen. Ich bin nur sein Diener und kann Ihnen keine weitere Auskunft geben.«

 

Er wandte sich dem Haus zu und schloß hinter sich die Tür.

 

Sie sah ihm ärgerlich nach, dann ging sie zum Auto zurück.

 

»Wer war denn der Mann?« fragte Garcia ungewöhnlich erregt. »Den kenne ich doch! Das war Manuel Concepcione! Der gemeine Kerl war früher auf meiner Estanzia. – Sah er nicht wie ein Spanier aus?«

 

»Ja, er sprach sogar spanisch. Meiner Meinung nach ist er ein Halbblut.«

 

»Es kann sehr gut Manuel gewesen sein. Der ist nämlich verschwunden, das heißt, ich habe ihn fortgejagt. Er ist ein ganz gefährlicher Mensch – ein Dieb, ein Verbrecher! Ich möchte nur wissen, wie der hierherkommt!«

 

Auch sie hielt es für einen sonderbaren Zufall. Sie hatte mit. dem großen, schweren Wagen gewendet und fuhr nun nach Longhall. Die eisernen Tore waren ebenfalls verschlossen, aber hinter den Bäumen konnte sie das Haus erkennen. Es sah etwas vernachlässigt und verfallen aus; die mit Schotter bestreute Zufahrt war fast ganz mit Unkraut zugewachsen, und das Gras stand fast einen halben Meter hoch.

 

»Ich muß also doch nach Doncaster fahren, um mir die Schlüssel zu holen«, sagte sie schließlich.

 

Sie war sehr energisch und handelte dementsprechend. Bis zur äußersten Grenze von Europa wäre sie gefahren, nur um sich die Schlüssel zu beschaffen. Denn in diesem Haus hatten ihre Vorfahren gelebt.

 

Als sie nach der Hauptstraße zurückfuhr, rief Garcia plötzlich erstaunt aus: »Sehen Sie doch die schönen Tiere!«

 

Sie entdeckte eine ganze Anzahl Pferde, die einen Abhang hinuntergeführt wurden. Im ganzen konnte sie zwölf zählen. Sie wurden nach den Ställen geführt, die hinter Gillywood Cottage lagen.

 

»Ach, halten Sie doch bitte an!«

 

Sie brachte den Wagen zum Stehen, und Garcia stieg aus.

 

»Einfach prachtvoll! Vielleicht sind sie noch nicht gut trainiert, aber jedenfalls sind es echte Vollblüter!«

 

Sie war neben ihn getreten und beobachtete ebenfalls.

 

»Sie müssen Mr. Goodie gehören.«

 

Als das letzte Pferd hinter einem kleinen Gehölz verschwunden war, rührte sich Mr. Garcia immer noch nicht. Er starrte auf die Baumgruppen, die die weitere Aussicht hemmten.

 

»Es war ein Fehler, daß ich Ihnen überhaupt wieder Pferde gezeigt habe«, sagte sie lachend. »Sie müssen zu dem großen Rennen nach Doncaster mitkommen.«

 

Ohne etwas zu erwidern, ging er zum Wagen zurück. Auch während der Rückfahrt nach London sprach er kaum ein Wort.

 

Als sie ihn am nächsten Morgen in seinem Hotel aufsuchen wollte, um ihn nach Doncaster mitzunehmen, erfuhr sie, daß er noch am Abend abgereist war.

 

Kapitel 20

 

20

 

Edna war es, als ob sie aus einem bösen Traum erwachte. Sie versuchte, sich auf der Couch, auf der sie lag, aufzurichten. Alles drehte sich um sie, und sie fühlte sich merkwürdig schwach. Jemand rieb ihre Stirn und ihren Nacken mit Eau de Cologne ein.

 

»Bleiben Sie ruhig liegen«, sagte Luke.

 

Als sie die Augen wieder öffnete, bemerkte sie, daß er auf einem Stuhl neben ihrem Lager saß. Er sah müde und übernächtigt aus. Das war auch nicht verwunderlich, denn er war im Augenblick höchster Not dazugekommen und hatte im Dunkeln den zweiten Panther durch zwei Schüsse niedergestreckt. Seine Aufregung war zu verzeihen; er hatte ja nicht gewußt, ob das Geschoß die Bestie oder ihr Opfer treffen würde. Und das Opfer konnte die Frau sein, die er über alles liebte. Es war zwei Uhr morgens, als sie wieder vollkommen zu sich kam und wissen wollte, wie sieh alles zugetragen hatte.

 

»Aber Sie müssen auch vollkommen ruhig bleiben.«

 

»Das verspreche ich Ihnen.«

 

»Also, ich kam hierher – ich hatte eine Ahnung, daß hier nicht alles in Ordnung war. Allerdings wußte ich nicht, daß ich einen Panther erschießen müßte und daß ich Sie hier in solcher Gefahr finden würde.«

 

Er versuchte gleichgültig zu sprechen, aber sie hörte doch am Ton seiner Stimme, daß er schreckliche Augenblicke durchlebt haben mußte.

 

»Es waren Goodies Panther, die er in dem unterirdischen Käfig eingesperrt hielt. Er hatte sie früher großgezogen, und er ließ sie während der Nacht frei auf dem Grundstück umherlaufen. Tagsüber waren sie in einem unterirdischen Gewölbe eingesperrt. Deshalb habe ich die Polizei gewarnt, das Grundstück zu betreten, bis ich die beiden Tiere erledigt hätte. Bei Tage ließen sie sich nicht sehen, aber nachts schweiften sie auf dem Gelände umher. Sie waren der beste Schutz gegen Einbrecher, den sich dieser Kerl nur wünschen konnte! Aber er hatte nicht vorausgesehen, welche Folgen das haben würde. Die Pferde konnten den Geruch der Raubtiere nicht vertragen. Deshalb mußte er sie in neue Ställe überführen.

 

Goodie bewahrte viele Geheimnisse in seinem Haus, darunter auch eine selbstverfaßte Lebensbeschreibung, die ich mit großem Interesse gelesen habe. Er sagte zwar, daß nichts darin steht, woraus wir ihm einen Strick drehen könnten, aber das wird sich ja zeigen.«

 

Sie erzählte ihm dann alles, was sich in der Höhle zugetragen hatte, doch das hatte ihm Rustem schon alles mitgeteilt, bevor er ins Krankenhaus geschafft worden war.

 

»Ja, ich weiß, das ist auch der Ort, an dem sie den armen alten Garcia gefangenhielten. Er hat sein Pferd erkannt, als er damals mit Ihnen herkam, wollte sich aber noch genauer davon überzeugen. Er reiste deshalb hierher und logierte im ›Roten Löwen‹. Rustem hat ihn wahrscheinlich beobachten lassen, und als sie erfuhren, daß ihr Betrug herausgekommen war, berieten sie sich.

 

Sie entsinnen sich doch noch, daß Rustem damals so eilig auf den Rennplatz von Doncaster kam? Damals erzählte er den anderen, daß Garcia im Gasthaus wohne und sein früheres Pferd wiedererkannt habe. Er hat mir das alles eingestanden. In derselben Nacht gelang es ihnen, Garcia gefangenzusetzen und in die Höhle zu bringen. Allem Anschein nach hat er mehrmals den Versuch gemacht zu entkommen; deshalb legten sie ihn in Ketten.

 

Sie scheinen ihn, soweit sie konnten, gut behandelt zu haben. Sie können sich doch noch auf die Speisereste besinnen, die Sie vor dem Höhleneingang entdeckten? Garcia gelang es, sich von den Fesseln zu befreien, und er suchte einen Ausweg aus der Höhle. Wie durch ein Wunder fand er den Verbindungsgang, der zu der kleineren Höhle führt, zerbrach den hölzernen Zaun mit einem starken Felsblock und versteckte sich tagelang. Seine Flucht brachte die drei in furchtbare Aufregung, zumal er wußte, daß sie ›Vendina‹ unter falschem Namen für das Rennen gemeldet hatten. Wie es ihnen gelang, ihn wieder einzufangen, weiß ich nicht. Und dann brachten sie ihn in ein kleines Haus, das Goodie gehört.

 

Ich glaube nicht, daß sie ihm etwas zuleide getan haben; wahrscheinlich ist er durch die vielen Anstrengungen so schwach geworden, daß er starb. Vielleicht hat er auch die vielen Spritzen nicht vertragen, die sie ihm gaben, um ihn ruhig zu halten. Rustem sagte mir, daß sie die Absicht hatten, ihn aus England hinauszuschmuggeln.

 

Er war es auch, der durch seine Agenten die Telegramme an Sie senden ließ. Vor Ihnen hatten sie am meisten Angst.«

 

»Vor mir?« fragte sie erstaunt.

 

Er nickte.

 

»Zuerst wollten sie überhaupt verhindern, daß Sie hierherzogen, damit Sie nicht das Gelände übersehen konnten. Goodie fürchtete auch, daß Sie die Panther entdecken und sich bei der Polizei beschweren würden. Und schließlich waren Sie wichtig, weil sie die einzige Person in England waren, die genau über Garcia Bescheid wußte. Zu allem Überfluß tauchte dann noch Punch Markham auf.

 

Er muß das Pferd gesehen und dabei erkannt haben, daß es nicht das Tier war, das er früher an Goodie verkauft hatte. Er konnte es leicht identifizieren, denn ein Huf war kleiner als die anderen. In derselben Nacht, in der diese Entdeckung gemacht wurde, erschoß Goodie ›Weiße Lilie‹ und ließ sie begraben. Beim Cambridgeshire-Rennen wollten sie ihren letzten großen Triumph feiern. Ich habe herausbekommen, daß sie mindestens eine halbe Million Pfund dabei verdient hätten. Punch Markham stand ihnen im Weg, deshalb mußte er sterben. Es war eine Idee Dr. Blanters, den toten Garcia in meine Wohnung zu bringen. Rustem wußte nichts von der Sache, und Blanter fiel es ja leicht, in meine Wohnung einzudringen, weil er einen Schlüssel hatte. Der Nebel während jener Nacht begünstigte obendrein die Ausführung seines Planes. Während er in meiner Wohnung war, rief zufällig Punch an. Er hatte versprochen, mich um halb elf Uhr anzurufen. Dadurch erfuhr der Doktor, daß das Spiel verloren war. Punch hinderte ihn daran, ein großes Vermögen zu erwerben. Blanter verabredete sich mit ihm und bestellte ihn ans Embankment. Er wußte ja, daß abends der Nebel dort dichter ist als an irgendeiner anderen Stelle in London. Punch hatte ihn nicht von Ansehen gekannt und wurde dann an der verabredeten Stelle aus nächster Nähe erschossen.«

 

»Haben Sie Doktor Blanter auch schon verhaftet, oder ist er entkommen?«

 

»Er lebt nicht mehr. Der eine Panther hat ihn vollkommen zerfleischt.«

 

Kapitel 1

 

1

 

Mr. Luke ging gemächlich die Lower Regent Street entlang und betrachtete den neuen, großen Gebäudeblock, der während seines Aufenthalts in Südamerika hier errichtet worden war.

 

Auf allen Fensterscheiben des ersten und zweiten Stocks waren zwei große lateinische T ineinander verschlungen, und um diese wand sich ein grünes Band, das unten durch einen Knoten zusammengehalten wurde.

 

Langsam ging ein Grinsen über seine Züge. Das sah alles so schön und solide aus; es wirkte nicht als aufdringliche Reklame. Die Leute hatten inzwischen etwas gelernt. Statt schreiender Plakate lenkten nur die beiden goldenen Buchstaben und das grüne Band die Aufmerksamkeit auf den allwissenden Joe Trigger und seine Transaktionen. Die Farbtöne waren vornehm auf die prachtvolle Marmorfassade abgestimmt. Dem Äußeren nach hätte das Geschäft ebensogut eine Bank oder eine Reederei sein können.

 

Luke nahm eine Tagessportzeitung aus der Tasche und schlug sie auf. Eine große Anzeige nahm die ganze vierte Seite ein:

 

 

 

 

 

Triggers Transaktionen Nr. 7 wird zwischen dem 1. und dem 15. September laufen.

 

 

Die eingeschriebenen Mitglieder werden gebeten, ihre Dispositionen vor dem 1. September zu treffen. Die Bücher werden am Nachmittag des 31. August geschlossen und nicht wieder geöffnet vor dem 16. September, mittags 12 Uhr.

 

Gentlemen von tadellosem Ruf, die die Mitgliedschaft zu erwerben wünschen, wollen sich bitte wenden an:

 

Das Sekretariat von Triggers Transaktionen, unter dem Zeichen des grünen Bandes, 704 Lower Regent Street, London W. 1

 

 

 

Luke las die fettgedruckten Worte, die einen so großen Raum einnahmen, faltete die Zeitung wieder zusammen, steckte sie ein und setzte seinen Weg fort. ›Gentlemen von tadellosem Ruf‹ – das war der Grundton und das Fundament von Mr. Triggers Firma. Es war bedeutend leichter, in einen exklusiven Klub im Westend einzutreten, als Mitglied der Triggerschen Organisation zu werden und eine Karteikarte in dessen Kartothek zu erhalten.

 

Luke gelangte zum Piccadilly Circus und überquerte den großen, belebten Platz. Als er auf der anderen Seite ankam, sah er auf die große Uhr eines Juwelierladens. Er war stolz darauf, daß er unbedingt pünktlich war – wohlverstanden mit einem Spielraum von fünf Minuten, der in der Riesenstadt London auch ganz erklärlich war.

 

Er ging zu einem Restaurant in der Wardour Street, das zur Abendzeit viele Gäste hatte, mittags aber verhältnismäßig wenig besucht war. Es gab nicht weniger als drei Eingänge zu diesem Lokal, und Mr. Luke kannte sie alle. Er wußte allerdings nicht genau, in welchen Raum er gehen sollte, aber ein Kellner, der ihn für den vierten erwarteten Teilnehmer einer kleineren Gesellschaft hielt, führte ihn zu der Tür des reservierten Zimmers.

 

Ohne anzuklopfen trat er ein. Die drei Leute, die um den runden Tisch saßen, sahen zu gleicher Zeit zu ihm auf. Der eine war ein Hüne mit rotem Gesicht, breiten Schultern und dichtem, grauem Haar. Der zweite war ebenso groß und machte einen düsteren Eindruck. Der dritte dagegen war klein und korpulent und hatte listige, schwarze Augen.

 

»Guten Tag, und Gott grüße diese edle Versammlung«, sagte Luke und schloß die Tür leise hinter sich. Dann setzte er sich auf den vierten, leeren Stuhl. »Rustem kann leider nicht kommen; sein Dampfer hat wegen des Nebels im Kanal einige Verspätung. Warum er sich nicht ausbooten ließ und auf dem Landweg nach London kam, kann ich allerdings nicht sagen. Wenn ich so viel Geld hätte wie er –«

 

»Zum Teufel, Luke, wer hat denn Sie eingeladen, hierherzukommen?« explodierte der große Mann mit dem roten Gesicht.

 

»Niemand, Doktor.«

 

Luke war hager und sonnengebräunt; er hatte eine schlanke, geschmeidige Gestalt und einen etwas melancholischen Gesichtsausdruck, aber lebhafte, freundliche Augen.

 

»Niemand hat mich eingeladen. – Hallo, Mr. Trigger«, wandte er sich an den kleinen, korpulenten Herrn, »wie geht es mit Ihren Transaktionen? Sie haben Ihr Büro ja in einen wunderbaren Palast verlegt. Beinahe wäre ich versucht gewesen, einzutreten und mich als Gentleman von tadellosem Ruf in Ihrem Sekretariat zu melden. Ich dachte, es könnte Ihnen angenehm sein, zu erfahren, daß ich aus dem goldenen Süden zurückgekehrt bin. Und was machen Sie, Goodie? Fahren Sie auch zum Rennen nach Doncaster? Sie machen ja ein Gesicht, als ob Sie von einer Beerdigung kämen.«

 

Der düstere Mr. Goodie sagte nichts, er sah nur von einem zum anderen, als ob er erwartete, daß seine Gefährten ihm zu Hilfe kämen.

 

»Dies ist ein Privatzimmer«, erklärte Dr. Blanter heftig und laut, während sein Gesicht dunkelrot wurde. »Ich will hier keine verdammten Polizeibeamten in meiner Nähe haben. Machen Sie, daß Sie hinauskommen!«

 

»Hier sitzen ein paar hübsche alte Sünder beisammen. Ich möchte nur wissen, wieviel Jähre Gefängnis oder Zuchthaus dabei herauskämen, wenn die Polizei alles wüßte«, erwiderte er freundlich. »Nun, was für eine wichtige Konferenz halten Sie hier ab? Sie setzen wohl das Rennprogramm von Doncaster auf? Welchen neuen Schwindel haben Sie vor, Trigger? Ich bin eben an Ihrem Büro in der Regent Street vorbeigekommen. Ein großartiges Geschäftszeichen haben Sie sich zugelegt – ein grünes Band und zwei goldene T. Tatsächlich eine gute Idee.«

 

Dr. Blanter, der seiner Haltung und seinem Auftreten nach der Leiter der kleinen Versammlung war, unterdrückte seinen Ärger.

 

»Nun hören Sie mal zu, Sergeant –«

 

»Inspektor, bitte«, unterbrach ihn Luke. »Ich bin inzwischen wegen außerordentlicher Leistungen befördert worden.«

 

»Entschuldigen Sie, Inspektor.« Dr. Blanter schluckte. »Ich will hier kein Aufsehen erregen, und es soll auch keinen Spektakel geben. Sie haben aber kein Recht, bei uns hier einzudringen. Ich möchte nichts mit Ihnen zu tun haben – Polizeibeamte sind ja gut und schön, wenn sie sich in ihren Grenzen halten –«

 

»Sie haben kein Heim, niemand mag sie leiden, und alle Leute wenden sich von ihnen ab«, entgegnete Mr. Luke traurig. »Waren Sie auf Urlaub?« fragte Mr. Trigger, um die Unterhaltung ein wenig liebenswürdiger zu gestalten.

 

»Ja, in Südamerika. Wirklich ein schönes Land, dort sollten Sie einmal hinfahren, Doktor.«

 

»Kann alles noch kommen«, erwiderte Dr. Blanter und zwang sich zu einem Lächeln. »Aber ich habe zuviel zu tun und kann mir solche Ferienreisen nicht leisten. Ich versuche meinen Lebensunterhalt schlecht und recht auf der Rennbahn zu verdienen, ebenso meine Freunde –«

 

»Wenn ich wollte, könnte ich auch von den Rennen leben«, warf Luke ein. »Ich könnte ja von Ihnen im Jahr eine Zahlung von tausend Pfund erhalten, wenn ich mich verpflichtete, ein Auge zuzudrücken.«

 

»Haben Sie beweisen können, daß ich oder einer von uns je in eine dunkle Affäre verwickelt war?« fragte der Doktor jetzt zornig. »Habe ich jemals ein Verbrechen begangen? Also, Luke, allmählich wird es mir aber zuviel, daß Sie hierherkommen und uns nicht nur stören, sondern obendrein noch in der gröbsten Weise beleidigen. Morgen werde ich mich an Ihre Vorgesetzten wenden!«

 

»Was haben Sie denn ausgefressen, daß Sie der Polizei beichten wollen? Wenn Sie in Schwierigkeiten geraten sollten, brauchen Sie nur meinen Namen nennen, dann ist alles in Ordnung.«

 

Dr. Blanter lehnte sich auf seinem Stuhl zurück.

 

»Was wollen Sie denn eigentlich?« fragte er resigniert.

 

Luke schüttelte den Kopf.

 

»Nichts Besonderes. Ich spiele nur zu gern den schwarzen Mann, vor dem sich die unartigen Kinder fürchten. Auf diese Weise führe ich manches schwarze Schaf wieder auf den Pfad der Tugend zurück. Ich dachte, Sie würden sich dafür interessieren, daß ich in London bin und meine Tätigkeit hier wieder aufgenommen habe. – Welches Pferd wird denn das Saint-Leger-Rennen gewinnen, Mr. Trigger?«

 

Der dicke Mann zwang sich zu einem Lächeln. Schweißtropfen standen auf seiner Stirn, aber er wischte sie nicht ab, weil er seine Verwirrung nicht zugeben wollte. Luke hatte ihn jedoch längst durchschaut.

 

»›Almond‹ hat meiner Meinung nach große Chancen«, entgegnete er leichthin. »In Beckhampton hält man sie für sehr aussichtsreich, und die Leute müssen es am besten wissen. Ich werde nicht mitwetten.«

 

»Das ist auch sehr klug von Ihnen. Das viele Wetten bei den Rennen ist tatsächlich ein Laster und ein Fluch. Dadurch sind schön viele Existenzen zugrunde gerichtet worden.«

 

Luke erhob sich von seinem Stuhl. »Was ist denn Transaktion Nummer 7? Ist das vielleicht ein Pferd von Goodie?«

 

Der düstere Mann schüttelte energisch den Kopf. »Nein, Mr. Luke, wenigstens glaube ich es nicht. Mr. Trigger ist ein zu guter Freund von mir, als daß er Informationen geschäftlich ausnützte, die ich ihm unter der Hand geben kann.«

 

»Ach so, er ist ja auch ein Gentleman von tadellosem Ruf.«

 

Luke lächelte und schlenderte zur Tür. Dort blieb er noch einen Augenblick stehen.

 

»Ich bin also wieder da. Weiter wollte ich nichts sagen.«

 

Damit ging er hinaus und schloß die Tür geräuschlos.

 

Die drei schwiegen eine Weile.

 

»Trigger, sehen Sie doch einmal draußen nach«, bat der Doktor schließlich.

 

Der dicke Mann schaute sich auf dem Korridor um, ob Luke vielleicht stehengeblieben war und lauschte.

 

»Dort geht er eben über die Straße«, rief Mr. Goodie, der aus dem Fenster sah und die Straße unten beobachtete.

 

»Also, schließen Sie die Tür wieder und setzen Sie sich. Ich möchte nur wissen, warum er hergekommen ist!« Blanter war immer noch in großer Aufregung. »Der kann einen tatsächlich krank machen!«

 

»Rustem ist also noch nicht zurückgekommen?« fragte Trigger. »Sein Bürovorsteher sagte, daß er ihn heute morgen erwartete. Nur schade, daß wir ihn nicht vorher angerufen haben.«

 

Dr. Blanter machte eine abwehrende Handbewegung. »Wir wollen jetzt endlich zur Sache kommen. Also, wie steht es mit dem Pferd, Goodie?«

 

Die drei hatten dann noch eine ernste, lange Unterhaltung, bei der sie nicht mehr gestört wurden.

 

Kapitel 10

 

10

 

Dr. Blanter begab sich nach Scotland Yard, um sich zu beschweren, erreichte aber nur, daß Luke ihm unter vier Augen eindeutig die Meinung sagte. Der Inspektor wußte, daß dieser Mann vor nichts zurückschreckte und in mehrere häßliche Verbrechen verwickelt war.

 

Luke erinnerte sich dann plötzlich an etwas, das ihm ein Kollege am Morgen gegeben hatte. Er steckte die Hand in die Westentasche, nahm ein kleines Stück weiße Kreide heraus und legte es auf den Tisch.

 

»Hier haben Sie ein kleines Andenken, ein Maskottchen, wenn Sie wollen.«

 

Blanter sah düster darauf.

 

»Es ist das Stück Kreide, das der Henker heute morgen bei der Hinrichtung des Highbury-Mörders gebraucht hat. Der Henker macht einen Strich, wo der Verurteilte die Füße hinstellen muß, bevor sich der Boden in die Tiefe senkt. Behalten Sie es, vielleicht bringt es Ihnen Glück. Wir finden schon noch ein anderes Stück Kreide, wenn die Reihe an Sie kommt.«

 

Diese Worte verfehlten ihre Wirkung nicht. Blanter starrte auf das kleine weiße Ding, und sein Gesicht zuckte vor Furcht und Schrecken. Er erhob sich und schob den Stuhl zurück.

 

»Nehmen Sie es nur ruhig. Ich würde es auch Goodie zeigen, der ist ein genauso gemeiner Schuft wie Sie.« Luke ging zur Tür und öffnete sie. »So, und jetzt machen Sie, daß Sie hinauskommen!«

 

Dr. Blanter sann auf Rache und überlegte, wie er Luke am schwersten treffen könnte. Auch dieser Mann mußte irgendwie verwundbar sein. Mehrfach hatte der Arzt von der Freundschaft des Inspektors mit Miss Gray gehört, und er beschloß, sich einmal genauer zu erkundigen.

 

Kapitel 11

 

11

 

Tommy Dix, ein Veteran unter den Jockeis, war stolz auf seine lange Verbindung mit dem Turf und lebte das typische Leben eines Rennreiters. Er kannte auch Mr. Goodie, und eines Sonntagmorgens kam er nach Berkshire, um ›Weiße Lilie‹ bei der Morgenarbeit zu prüfen. Mr. Goodie war bei der Gelegenheit zugegen. ›Weiße Lilie‹ gewann nur um eine Halslänge vor einem anderen, ziemlich gewöhnlichen Gaul, und als Tommy aus dem Sattel stieg, kam Mr. Goodie zu ihm.

 

»Nun, was meinen Sie? Ist das Pferd gut genug, daß es das Rennen in Cambridgeshire gewinnen kann?«

 

Tommy sah auf ›Weiße Lilie‹, dann auf Mr. Goodie.

 

»Hat der Sattel das Normalgewicht?«

 

Goodie nickte.

 

»Dann haben Sie keine Aussichten«, erklärte Tommy.

 

Er war ein wenig erstaunt. Auf dem Weg zum Start hatte er den Sattel untersucht, aber kein Bleigewicht entdecken können. Es kam häufig vor, daß Trainer die Jockeis nicht ins Vertrauen zogen, und da Tommy Dix den Ruf Goodies kannte, hatte er erwartet, daß Goodie den Sattel schwerer gemacht hätte. Seiner Meinung nach hatte das Pferd keine Aussicht zu gewinnen.

 

Dem Jockei war es ganz gleich, wer das Pferd beim Cambridgeshire-Rennen reiten sollte. Es war nun einmal klar, daß von den vielen Pferden, die bei einem solchen Rennen starteten, nur eins gewinnen konnte. Er machte einen schwachen Versuch, aus dem Vertrag auszusteigen, aber Mr. Goodie erklärte ihm sofort, daß er ihn nicht aus dem Kontrakt entlassen würde. Und die oberste Rennbehörde war in diesem Punkt auch sehr scharf. Wenn ein Jockei einen Vertrag abschloß, mußte er ihn unter allen Umständen einhalten, sonst konnte es ihn die Lizenz kosten.

 

Mr. Goodie wartete, bis der Jockei in seinem Auto fortgefahren war und man in der Ferne nur noch eine Staubwolke sah. Dann gab er Jose den Befehl, den Sattel abzunehmen. Jose war ein starker Mann und konnte infolgedessen leicht den Sattel heben, der auf Anordnung Goodies besonders hergestellt worden war. In den Sitz war eine schwere Bleiplatte eingearbeitet. ›Weiße Lilie‹ hatte bei dem Galopp tatsächlich einen zu schweren Sattel getragen.

 

Tommy fuhr nach London zurück, und als er durch die Vorstädte kam, hielt er vor dem Hause eines bekannten Buchmachers. Es war eine bedauernswerte Tatsache, daß Jockeis und Buchmacher häufig zusammenkamen.

 

»Nun, wie ist ›Weiße Lilie‹ gelaufen?«

 

»Auf das Pferd können Sie ruhig Wetten annehmen, dabei verlieren Sie nichts. Der Gaul gewinnt das Cambridgeshire-Rennen nicht.«

 

Es war Tommys größter Fehler, daß er den Mund nicht halten konnte. In wenigen Tagen wußten alle Leute in Newmarket, die es wissen wollten, ebenso die meisten Berichterstatter in der Fleet Street in London, daß ›Weiße Lilie‹ für einen Sieg beim Cambridgeshire-Rennen nicht in Betracht kam.

 

›Ich hoffe, daß sie noch bedeutend aufholt‹, schrieb Mr. Goodie am nächsten Tag an Tommy Dix. ›Sie wird immer besser, und ich hoffe, daß sie schnelle Fortschritte macht.‹

 

Tommy las den Brief und machte eine unfreundliche Bemerkung.

 

*

 

Auch Edna Gray hatte den Galopp am Sonntag morgen gesehen. Sie hatte einen großen Ritt über die Wiesen und Felder gemacht und war gerade zu dem Trainingsfeld gekommen, als Tommy Dix startete. Sie verstand nicht viel von Rennen, aber sie war doch der Ansicht, daß der Mann im Sattel außerordentlich viel konnte.

 

Schließlich ritt sie weiter und wählte zum Abstieg einen steilen, ziemlich gefährlichen Pfad. Sie kam am Eingang der Perrywig-Höhlen vorbei, ließ ihr Pferd halten und schaute auf die große, düstere Öffnung. Über das schwere Tor hinweg suchte sie mit ihren Blicken die Dunkelheit zu durchdringen, aber sie sah nichts als eine Felswand, die die Höhle in verhältnismäßig kurzer Entfernung abschloß. Sie hatte gehört, daß man durch ein Labyrinth von Gängen meilenweit unter der Erde vordringen könne und die Hügel vollkommen unterminiert seien.

 

Sie trieb das Pferd ein paar Schritte vor, dann hielt sie wieder. Es war deutlich zu sehen, daß hier ein Picknick stattgefunden hatte; die Reste der Mahlzeit – Apfelsinenschalen, Hühnerknochen und ein paar Stück Brot – waren hinter einen Strauch geworfen worden.

 

Luke hatte versprochen, am Sonntag zum Mittagessen zu erscheinen, und als sie nach Hause kam, war sie angenehm überrascht, ihn in einem großen Korbstuhl in der Sonne sitzend bereits anzutreffen.

 

»Sie haben also den Geist auch gehört?« begrüßte er sie und machte nicht einmal Anstalten, sich zu erheben. Er hatte wirklich sehr schlechte Manieren. »Sind Sie jetzt endlich so vernünftig geworden, daß Sie mit mir in die Stadt kommen?«

 

Er erhob sich endlich, als sie näher kam.

 

»Die Ratten sind, wie ich gehört habe, vollkommen verschwunden. Rustem und Goodie haben viel Zeit und Geld nutzlos verschwendet. – Begleiten Sie mich in die Stadt?«

 

»Warum denn?«

 

»Es ist doch ein furchtbar einsames Leben hier für eine hübsche junge Dame. Übrigens – mir ist etwas sehr Dummes passiert.«

 

Er folgte ihr in die Halle und ließ sich dazu herbei, ein Kissen für sie in einen Sessel zu legen.

 

»Es ist ja erstaunlich, daß Sie solche Geständnisse machen. Was haben Sie denn getan?«

 

»Irgendein Unbekannter hat mich gestern angeläutet und gefragt, ob ich Sie kenne. Als ich das bestätigte, sagte er eine Gemeinheit über Sie. Es war natürlich eine grobe Erfindung, die in ganz bestimmter Absicht ausgesprochen wurde, und ich bin auch sofort darauf hereingefallen und habe mich furchtbar aufgeregt. Weiter wollte der Mann nichts. Er legte schon auf, als ich merkte, wie dumm ich mich benommen hatte.«

 

Sie sah ihn groß an.

 

»Das verstehe ich nicht.«

 

»Ist es nicht schlimm, wenn man sich durch einen so einfachen Trick fangen läßt? Ich muß sagen, daß ich mich schäme.«

 

»Aber was bedeutet das alles? Welche Gemeinheit hat er gesagt?«

 

»Darauf kommt es im Augenblick nicht an. Der Mann wollte vor allem wissen, ob ich mich genügend für Sie interessiere, um bei der ersten gemeinen Bemerkung über Sie in Wut zu geraten und er hat tatsächlich sein Ziel erreicht.«

 

Bevor sie etwas erwidern konnte, sprach er weiter.

 

»Wenn ich sage, daß ich mich genügend für Sie interessiere, dann soll das nicht heißen, daß ich mich hoffnungslos in Sie verliebt habe. Es bedeutet nur, daß ich Sie gern habe. Zwischen diesen beiden Zuständen besteht ein großer Unterschied.«

 

»Das hoffe ich auch«, entgegnete sie kühl.

 

»Wenn dieser Mann zum Beispiel glaubt, er könne mich dadurch treffen, daß er Ihnen ein Leid antut, dann ist das für mich sehr wichtig. Ich muß also dafür sorgen, daß er nicht an Sie herankommt. Doktor Blanter ist ein Mann, mit dem Sie nicht zusammentreffen dürfen.«

 

Sie wandte sich schnell zu ihm und verbarg ihren Ärger nicht.

 

»Sie hätten das vielleicht ein wenig taktvoller sagen können, Mr. Luke«, erwiderte sie ungnädig. »Er mag ein unangenehmer Mensch sein, aber ich habe Ihnen doch nicht das Recht eingeräumt, zu bestimmen, mit wem ich zusammentreffen soll oder nicht. Es tut mir leid, daß Sie sich eine ganz falsche Stellung anmaßen. Sie sind zuvorkommend und liebenswürdig zu mir gewesen, das will ich gern anerkennen, aber ich kann nicht dulden, daß Sie so tun, als ob Sie für mich verantwortlich wären. Das ist nicht nur peinlich, sondern geradezu empörend.«

 

Er antwortete nicht gleich, sah sie aber sehr ernst an.

 

»Ich glaube, Sie haben recht«, sagte er nach einem langen Schweigen. »Sie müssen schon entschuldigen, daß meine Manieren nicht gerade die besten sind. Es tut mir leid.«

 

Sie bereute sofort, daß sie so vorschnell gewesen war, aber sie nahm sich zusammen und ließ sich nichts von ihrer Reue anmerken. Sie hatte einen kleinen Sieg über ihn davongetragen, allerdings nicht ohne Opfer. In gewisser Weise hatte sich seine Haltung ihr gegenüber vollkommen geändert.

 

Während des Essens gab sie sich Mühe, wieder das alte vertrauliche Verhältnis herbeizuführen, das jedenfalls weit erträglicher war als dieses absolut korrekte und respektvolle Benehmen, das er jetzt zeigte. Schließlich machte sie ihm Vorwürfe, daß er in schlechter Stimmung sei.

 

Er lachte.

 

»Hoffentlich haben Sie unrecht. Aber in den Männern kennt man sich nie aus; sie sind eitle Geschöpfe, die sehr leicht etwas übelnehmen. – Haben Sie noch etwas von den großen schwarzen Hunden gesehen?«

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

»Sehen Sie sich die Tiere genauer an, wenn Sie wieder Gelegenheit dazu haben. Fürchten Sie sich nicht vor ihnen?«

 

»Vor Hunden fürchte ich mich nicht.«

 

Er blieb nach Tisch noch eine Stunde, und sie hätte nie geglaubt, daß er ein so guter Gesellschafter sein könnte. Als er gegangen war, blieb sie mit einem Gefühl der Verlassenheit zurück. Sie war mit sich, mit ihm, mit ihrem Haus und ihrem ganzen Leben unzufrieden, und sie fürchtete sich fast vor dem einsamen Abend, der ihr bevorstand.

 

Sie klingelte ihrer Zofe.

 

»Packen Sie meinen Koffer und rufen Sie das Carlton-Hotel an, daß Zimmer für mich reserviert werden. Dann sagen Sie dem Chauffeur, daß ich heute abend noch nach London fahren will.«

 

Zum erstenmal seit dem Beginn ihrer Bekanntschaft teilte sie Luke nicht mit, daß sie in die Stadt kam.

 

London ist an einem regnerischen Sonntagabend eine langweilige Stadt, selbst wenn man in einem so eleganten Hotel wohnt. Nicht einmal ins Theater konnte sie gehen, und sie legte sich deshalb frühzeitig zur Ruhe, enttäuscht von sich und der ganzen Welt. Am liebsten hätte sie weinen mögen.

 

Kapitel 12

 

12

 

Luke arbeitete am nächsten Morgen in seinem Büro, als sein Assistent ihm meldete, daß ihn ein Mann sprechen wolle.

 

»Er sieht aus wie jemand, der Ihr Mitleid erregen will.«

 

»Bringen Sie ihn herein.«

 

Er wandte sich in seinem Schreibtischsessel um und betrachtete den heruntergekommenen kleinen Mann, der an der Tür stand und seine schmutzige, alte Mütze zwischen den Fingern drehte.

 

»Hallo, Punch! Treten Sie näher.«

 

Er nickte seinem Assistenten zu, daß er gehen solle.

 

Punch sah noch etwas abgerissener aus als bei ihrer letzten Begegnung in Doncaster. Allem Anschein nach hatte er in der letzten Zeit in seinen Kleidern geschlafen.

 

»Mr. Luke, ich bin von Newbury zu Fuß hergekommen. Ich erhielt dort keine Eintrittskarte. Wenn ich auf dem Rennen gewesen wäre und nur ein paar Shilling hätte leihen können, hätte ich gewettet und gewonnen. Der alte Goodie war auch dort. Als ich ihn um etwas Geld bat, schimpfte er furchtbar und sagte, ich solle mich zum Teufel scheren. Trigger hätte mir das Geld gegeben, der ist kein schlechter Kerl. Ich habe ihm schon ein paarmal einen Dienst erwiesen, als er noch nicht so berühmt und reich war, und er hat mich immer gut bezahlt.«

 

»Also, Punch, Sie sind doch sicher nicht hergekommen, um mir Ihre Lebensgeschichte zu erzählen. Was wollen Sie?«

 

Der Mann feuchtete die trockenen Lippen an.

 

»Ich habe seit gestern nichts mehr zu essen gehabt.«

 

»Und nichts mehr zu trinken seit heute morgen.«

 

Punch schüttelte den Kopf.

 

»Ich bin ganz heruntergekommen, Mr. Luke. Mehr als hunderttausend Pfund sind durch meine Hände gegangen, und ich habe alles vertrunken. Erst vor einem Monat habe ich eingesehen, daß das eine große Dummheit von mir war. Es handelt sich nicht so sehr darum, daß man ein ehrliches Leben führt, als daß man nüchtern bleibt. Und ich weiß, Sie überlegen es sich nicht lange, wenn es sich darum handelt, einem armen Kerl zu helfen, der ein neues Leben anfangen will.«

 

»Sie haben früher schon mehrmals eine Chance gehabt.«

 

Punch nickte.

 

»Gewiß«, entgegnete er bitter. »Deshalb habe ich auch kaum noch Aussicht, in die Höhe zu kommen. Alle Leute sind bereit, mir einmal zu helfen, aber nicht zweimal. Wenn man Gewohnheitstrinker wird, ist man ganz erledigt – dann bekommt man nicht einmal mehr Geld zum Essen. Aber ich mache keinem einen Vorwurf, nur mir selbst. Niemand glaubt mir, wenn ich sage, daß ich jetzt das Trinken aufgegeben habe.«

 

Luke sah ihn nachdenklich an.

 

»Ich möchte nur wissen, ob man Ihnen trauen kann. Auf jeden Fall will ich es noch einmal mit Ihnen versuchen, Punch. Aber wenn Sie diesmal Ihr Wort nicht halten, ist es aus. Dann brauchen Sie nicht mehr zu mir zu kommen.«

 

Er nahm seine Brieftasche heraus und reichte ihm zwei Fünfpfundnoten.

 

»So, nun baden Sie, kaufen Sie sich anständige Kleidung und verbrennen Sie die Lumpen, in denen Sie herumlaufen. Dann suchen Sie sich ein Zimmer. Heute nachmittag melden Sie sich bei mir, aber sprechen Sie nicht weiter darüber.«

 

Punch war fast sprachlos vor Freude.

 

»Ich wollte Ihnen noch sagen, Mr. Luke, daß ›Weiße Lilie‹ keine Aussichten beim Cambridgeshire-Rennen hat. Tommy Dix hat das Pferd geritten; ich habe heute morgen einen meiner früheren Kollegen getroffen, der hat es mir gesagt. Ich habe auch gar nicht verstanden, warum der Gaul beim Cambridgeshire-Rennen gemeldet wurde.«

 

»Schon gut«, erwiderte Luke ungeduldig. »Melden Sie sich heute nachmittag in meiner Wohnung.«

 

Punch verließ das Zimmer.

 

Nachdem er gegangen war, nahm Luke drei blaue Mappen mit der Aufschrift ›Das grüne Band‹ aus einer Schublade und fügte den Akten ein paar Bemerkungen über Mr. Trigger hinzu. Dann las er, mindestens zum zwanzigsten Male, die wenigen Einzelheiten, die Scotland Yard über diesen Mann bekannt waren.

 

Die Akten über Dr. Blanter waren viel wichtiger; sie enthielten Zeitungsausschnitte über zwei gerichtliche Leichenschauverhandlungen, dann einen Bericht über eine Verhandlung vor der Ärztekammer, ferner eine Anzahl von Briefen, die meistens anonyme Anzeigen waren. Ein fortlaufender Bericht über die Aufenthaltsorte des Doktors lag vor, aber daraus konnte Luke im Augenblick wenig Brauchbares entnehmen. Man glaubte im allgemeinen in Scotland Yard, daß der Arzt mit verschiedenen Verbrecherbanden in Verbindung stand.

 

Dr. Blanter zahlte gut und hatte daher immer Männer und Frauen an der Hand, die bei irgendeiner Gelegenheit Aufträge für ihn ausführten. Dazu gehörten auch die Angestellten von verschiedenen Nachtklubs, die er finanziert hatte. In der Verbrecherwelt kannte man ihn als einen Mann, der das nötige Geld für die Verteidigung aufbrachte, wenn seine Helfer vor Gericht gestellt wurden. Er hatte daher viele Anhänger, auf die er sich im Fall der Not verlassen konnte.

 

Luke unterschätzte die Bedeutung des Mannes in keiner Weise und hatte gewisse Vorsichtsmaßnahmen getroffen. Dr. Blanter hatte keine Ahnung, daß er beobachtet wurde.

 

*

 

Am Montag morgen lief ein langes Telegramm bei Dr. Blanter ein, das ihm ein Agent aus Südamerika gesandt hatte. Er las es durch, lernte es dann Wort für Wort auswendig und vernichtete das Formular. Ein paar Minuten später, nachdem er sich verschiedenes überlegt hatte, rief er eine junge Dame an, die in Bayswater wohnte. Sie antwortete ihm recht unhöflich, denn sie war in ihrem Morgenschlaf gestört worden.

 

»Hier ist der Doktor. Ich brauche Sie, Maggie. Kommen Sie um halb zwölf zu mir, ich muß Sie sprechen.«

 

»Es tut mir unendlich leid, Blanter, ich erkannte Ihre Stimme nicht«, entschuldigte sie sich. »Ich bin sofort bei Ihnen.«

 

Diese junge Dame führte den stolzen Bühnennamen ›Ruby de Vinne‹, obwohl sie nur ab und zu in einer winzigen Rolle auftrat. Aber sie war bildhübsch, jung und temperamentvoll.

 

Pünktlich um halb zwölf Uhr erschien sie.

 

»Ach, Doktor, Sie haben mich heute morgen so erschreckt! Ich dachte, mein Freund wäre aus Deutschland zurückgekommen.« »Maggie, mein Liebling, hören Sie zu. Ich habe einen Auftrag für Sie.«

 

Sie nickte. Sie hatte schon früher Aufträge für ihn erledigt, und er hatte sie jedesmal sehr gut bezahlt. Geizig war er nicht. Leute, die für ihn gearbeitet hatten, wollten gern weiter für ihn tätig sein.

 

»Sie sprechen doch spanisch?«

 

»Wie eine Spanierin«, behauptete sie.

 

»Nun gut, Sie können also ein paar Worte sprechen, das ist alles, was ich brauche. Sie sind in Südamerika als Kabarettsängerin auf Tournee gewesen?«

 

»Ja, ich war für Gastspielreisen engagiert«, entgegnete sie prompt, »oder vielmehr die Truppe, zu der ich gehörte. Ich war die Leiterin.«

 

»Vergessen Sie das alles jetzt einmal und hören Sie gut zu. Sie sind früher einmal mit Ihrem Vater, einem Oberst, nach Buenos Aires gefahren und während Ihres dortigen Aufenthaltes auch Edna Gray vorgestellt worden. Ich werde Ihnen noch alle Einzelheiten darüber geben, wo sie lebte und so weiter. Sie müssen auch das Hotel kennen, in dem sie in Buenos Aires wohnte, ebenso ihre Schneiderin. Das ist übrigens ein guter Gedanke – Sie haben Edna Gray bei ihrer Schneiderin kennengelernt. Alle drei Monate kam sie in die Hauptstadt, und es ist sehr wohl möglich, daß Sie sie dort getroffen haben. Jetzt wohnt sie im Carlton-Hotel. Sie müssen sich mit ihr in Verbindung setzen, aber es muß so arrangiert werden, daß es wie ein Zufall aussieht. Sie speist gewöhnlich dort zu Mittag, wenn sie in London ist, und sie hält sich augenblicklich hier auf. Sie müssen sich mit ihr anfreunden, aber seien Sie nicht zu stürmisch. Laden Sie die Dame ins Theater ein. Ich besorge Ihnen eine Loge für die neue Revue. Sie brauchen mich nur beizeiten telefonisch zu verständigen, für welchen Abend ich Karten beschaffen soll, Haben Sie anständige Kleider?«

 

Miss de Vinne war im Augenblick sehr gut ausgestattet.

 

»Nehmen Sie Miss Gray aber nicht in eins dieser Nachtlokale mit, in denen Sie verkehren. Laden Sie sie ins Ritz oder ins Berkeley-Hotel zum Mittagessen ein. Und nehmen Sie sich zusammen, daß Sie nicht Londoner Dialekt sprechen. Heute nachmittag kommen Sie wieder, dann erörtern wir das Weitere. Hier haben Sie vorläufig einmal fünfzig Pfund für kleine Auslagen. Wenn das Geld aufgebraucht ist, können Sie weitere fünfzig von mir haben.«

 

Miss de Vinne fand sich schnell in die Rolle hinein, die sie zu spielen hatte. Am Nachmittag erschien sie zur festgesetzten Zeit. Dr. Blanter instruierte sie eingehend und war mit ihren Antworten auf seine Fragen sehr zufrieden.

 

»Ich möchte Ihnen noch eine andere wichtige Sache einschärfen«, meinte er schließlich. »Luke von Scotland Yard ist mit ihr befreundet – die beiden kamen auf demselben Dampfer nach England. Dort hat er sie wahrscheinlich auch kennengelernt.«

 

»Luke? Der kennt mich, er hat mich ja in Scotland Yard wegen der Pyrock-Geschichte verhört. Ich hatte natürlich nicht die geringste Ahnung, aber er hat mich sechs Stunden lang kreuz und quer gefragt, bis ich schließlich nicht mehr wußte, ob ich Männlein oder Weiblein war.«

 

»Sie müssen es so einrichten, daß Sie nicht mit ihm zusammenkommen. Wenn Ihnen das gelingt, ist die Sache ziemlich einfach. Sehen Sie vor allem zu, daß Miss Gray Sie in ihr Landhaus Longhall einlädt. Und Sie heißen natürlich nicht ›Ruby de Vinne‹, sondern ›Maggie Higgs‹. Das ist ja auch Ihr richtiger Name.«

 

Damit war sie nicht sehr einverstanden.

 

*

 

Die Bekanntschaft war ziemlich schnell gemacht. Edna ging am Abend ins Theater, und als sie in der Pause zwischen dem ersten und dem zweiten Akt in die Halle kam, trat plötzlich eine glänzend gekleidete junge Dame auf sie zu, deren Brillantarmbänder schon von weitem in den Strahlen der großen Kronleuchter blitzten.

 

»Ach, sind Sie nicht Miss Edna Gray?« fragte die junge Dame lebhaft. »Aber ganz gewiß, ich habe Sie sofort wiedererkannt!«

 

Edna war erstaunt, aber angenehm berührt.

 

»Ja, so heiße ich.«

 

»Können Sie sich nicht auf mich besinnen? Aber warum sollten Sie auch! Ich habe Sie ja nur ein einziges Mal getroffen. Sie kennen doch Señora Rugatti in Buenos Aires? Sie kamen damals von der Estanzia Ihres Onkels. Erinnern Sie sich nicht? Sie waren so furchtbar müde!«

 

Edna schüttelte den Kopf und lächelte freundlich.

 

»Nein, ich kann mich nicht darauf besinnen, aber ich bin oft nach Buenos Aires gekommen und habe mich müde gefühlt.«

 

»Ach, ich freue mich so, daß ich Sie hier wiedersehe«, erwiderte Maggie Higgs strahlend. »Ich bin für ein bis zwei Monate in London und war schon neugierig, ob ich wohl eine Bekannte hier treffen würde. Ich fühle mich hier sehr einsam. Mein Vater ist nach Afrika zu seinem Regiment zurückgekehrt.«

 

Edna war angenehm überrascht, hier eine Bekannte aus Südamerika zu treffen. Sie plauderten noch ein paar Minuten, bis es klingelte, und kehrten dann zu ihren Plätzen zurück. Nachdem das Stück zu Ende war, fand Edna Miss Higgs in der großen Halle, wo sie auf sie wartete.

 

»Wo wohnen Sie? Darf ich Sie in meinem Wagen mitnehmen? Er wartet hier in der Nähe des Theaters.«

 

Sie speisten in einem eleganten Restaurant zu Abend und verabredeten sich dann für den folgenden Tag.

 

Maggie meldete sich triumphierend bei Dr. Blanter in der Half Moon Street. Stirnrunzelnd hörte er ihr zu und schien von ihrem Bericht nicht gerade sehr angenehm berührt zu sein.

 

»Schade, daß Sie in einem öffentlichen Lokal gespeist haben. Morgen erzählen Sie ihr, daß Sie auch ins ›Carlton‹ ziehen. Mieten Sie dort ein Appartement und nehmen Sie Ihre Mahlzeiten nicht im großen Speisesaal ein.«

 

*

 

Im gleichen Augenblick telefonierte ein junger Mann in Abendkleidung mit Mr. Luke.

 

»Können Sie sich noch auf Ruby besinnen? – Ja, das ist dieselbe wie Maggie – Higgs, ja, das ist ihr eigentlicher Name. Sie hat sich mit Miss Gray angefreundet. Sie waren zusammen im Theater und sind dann zum Abendessen gegangen. Die junge Dame ist darauf sofort zu Doktor Blanters Wohnung gefahren. Dort ist sie noch. Haben Sie weitere Aufträge für mich?«

 

»Holen Sie midi morgen früh hier ab«, entgegnete Luke ruhig. »Wenn Maggie ins ›Carlton‹ ziehen sollte, nehmen Sie dort auch ein Zimmer. Ich komme für die Auslagen auf. Wenn ich mir die Sache recht überlege, ist es am besten, Sie folgen Maggie bis nach Hause.«

 

Um zwei Uhr morgens fuhr Miss Higgs zu ihrer schönen Wohnung in Bayswater, ohne zu wissen, daß sie beobachtet wurde.

 

*

 

Als Dr. Blanter am nächsten Morgen beim Frühstück saß, meldete ihm sein Diener, daß er dringend am Telefon verlangt werde.

 

»Sagen Sie dem Kerl, er soll sich zum Teufel scheren«, brummte der Doktor, der in der Nacht nicht gut geschlafen hatte. »Wer ist es denn?«

 

»Mr. Luke.«

 

Der Doktor legte sofort Messer und Gabel hin und ging in sein Arbeitszimmer.

 

»Sind Sie am Apparat, Blanter? Hier ist Luke.«

 

»Nun, was wünschen Sie?« fragte der Doktor ärgerlich.

 

»Lassen Sie diese Higgs aus dem Spiel und sorgen Sie dafür, daß sie Miss Gray nicht mehr belästigt, sonst erleben Sie eine recht unangenehme Überraschung.«

 

Dr. Blanter atmete schwer.

 

»Ich weiß nicht, was Sie von mir wollen«, sagte er nach einer Pause. »Wer ist denn überhaupt ›Higgs‹?«

 

»Stellen Sie sich doch nicht dumm! Ich gebe Ihnen nur einen guten Rat«, erwiderte Luke eisig und legte auf.

 

Nachdenklich kehrte Blanter zum Frühstückstisch zurück.

 

*

 

Edna wartete umsonst auf Miss Higgs, die sie um elf Uhr abholen wollte, um mit ihr Einkäufe zu machen und dann gemeinsam mit ihr zu Mittag zu speisen. Es wurde halb zwölf und zwölf Uhr, und noch immer zeigte sich Miss Higgs nicht. Edna war erstaunt und nicht wenig enttäuscht. Wenn sie auch gerade keine große Zuneigung zu dieser neuen Freundin gefaßt hatte, die ihr über den Weg gelaufen war, so hatte sie sich doch auf einen angenehmen Tag in der Gesellschaft einer Frau gefreut. Kurz vor dem Essen kam ein Telegramm aus Deutschland. Mr. Garcia hatte sich entschlossen, eine Erholungsreise durch Südeuropa zu machen, und bat sie, ihm unter der Adresse des Argentinischen Konsulates in Istanbul zu schreiben. Hätte er ihr die Reiseroute mitgeteilt oder eine Adresse angegeben, an die sie hätte telegrafieren können, so würde sie sofort ihre Koffer gepackt haben und mit ihm gereist sein. Statt dessen fuhr sie spät am Nachmittag nach Longhall zurück. Sie fand aufs neue, daß der Aufenthalt auf dem Land noch weniger unterhaltend für eine alleinstehende junge Dame war als das Leben in der Stadt, und sie überlegte sich ernsthaft, ob sie nicht nach Argentinien zurückkehren sollte.

 

Kapitel 13

 

13

 

Als Edna Gray eines Morgens von ihrem Ritt zurückkam, hatte sie ein merkwürdiges Erlebnis. Sie hatte durch die Wiesen einen neuen Weg gefunden, der über einen leichten Abhang führte. Er wurde wenig benützt, und sie Bog gerade um einen grünen Hügel herum, als sie zwei Leute entdeckte, die eine Grube aushoben. Die Arbeiter sahen sie düster an, als sie näher heranritt, und beantworteten ihren freundlichen Gruß nur brummend.

 

Die Grube befand sich auf Mr. Goodies Gelände. Edna setzte ihren Weg fort und dachte nicht weiter über die Sache nach. Alles, was mit Bauen zusammenhing, erschien ihr geheimnisvoll.

 

Lane kam am selben Abend zu ihr, weil einige Rechnungen bezahlt werden mußten.

 

»Hat Mr. Goodie Ihnen mitgeteilt, daß er auf Ihrem Besitz einen Bau errichten will, Miss Gray?« fragte er. »Wie ich sehe, sind ein paar Arbeiter damit beschäftigt, auf dem Heideland eine Grube auszuheben. Ich weiß nicht, welche Bedingungen in dem Pachtvertrag stehen, aber ich glaube doch, daß er ohne Ihre Erlaubnis kein Gebäude errichten darf.«

 

»Ich werde mich einmal mit der Sache befassen, Mr. Lane«, sagte sie, obwohl sie nicht ernstlich diese Absicht hatte.

 

Am Abend erhielt sie jedoch eine Erklärung für die seltsame Betriebsamkeit. Es war beinahe dunkel, als sie mit ihrem kleinen Auto noch eine Fahrt durch das Gelände machte. Unglücklicherweise hatte sie einen Weg eingeschlagen, der von den Landleuten nur mit Ackerwagen benützt wurde. Als es ganz finster geworden war, blieb zu ihrer Bestürzung der Motor stehen.

 

Sie stieg aus und hatte bald die Ursache herausgefunden. Unvorsichtigerweise hatte sie vor Beginn der Fahrt den Tank nicht auffüllen lassen. Sie befand sich jedoch nur etwa fünf Kilometer von ihrem Haus entfernt, und da sie einen guten Orientierungssinn hatte, konnte sie den Weg finden, ohne jemanden fragen zu müssen. Sie ließ also den Wagen stehen und setzte ihren Weg zu Fuß fort. Es war vollkommen dunkel, als sie den südlichen Abhang hinunterstieg. Sie bemerkte, daß zwischen der Straße und den Hügeln ein sonderbarer Wagen stand, den sie nach den Scheinwerfern für ein Lastauto hielt.

 

Kaum war ihr diese Tatsache bewußt geworden, als sie jemand kommen hörte. Sie wich in den Schatten eines Gebüsches zurück, obwohl kein Grund vorlag, sich zu fürchten. Sie vernahm auch Hufschlag. Wahrscheinlich war es einer von Goodies Leuten, der ein Pferd des Weges führte. Von Natur aus war sie nicht nervös, aber sie fühlte, wie ihr Herz schneller schlug und ihr ein kalter Schauer den Rücken hinunterlief.

 

Jetzt erkannte sie die Gestalten – es war Goodie selbst, der ein Pferd führte. In einer Entfernung von sechs Meter kam er an ihr vorüber und ging zu der Stelle, wo die beiden Arbeiter die Grube ausgehoben hatten. Selbst in der Dunkelheit konnte sie die helle, kreidige Erde sehen, die die Leute aufgetürmt hatten. Dort hielt Goodie mit dem Pferd an. Edna strengte ihre Augen an und beobachtete, daß das Pferd direkt am Rand der Grube stand. Goodie nahm einen großen Gegenstand aus der Tasche. Sie interessierte sich jetzt so sehr für den Vorgang, daß sie ihre Nervosität vollständig vergaß.

 

Gleich darauf fiel ein Schuß, der so laut dröhnte, als ob ein schweres Eisentor plötzlich mit aller Wucht ins Schloß geworfen würde. Das Pferd stürzte nieder und verschwand. Ednas Herz schlug wild, als ihr zum Bewußtsein kam, was geschehen war. Goodie hatte das Pferd erschossen; die Arbeiter hatten zu diesem Zweck die tiefe Grube ausgehoben. Sie zitterte und war einer Ohnmacht nahe, überwand aber die Schwäche und schlich auf Zehenspitzen davon. In weitem Bogen ging sie dem Lastauto aus dem Weg, doch kam sie nahe genug daran vorbei, um zu erkennen, daß es ein Transportwagen für Pferde war; im Augenblick war niemand bei dem Gefährt. Sie ging in etwa zwanzig Meter Entfernung daran vorüber und kam dann auf die Straße.

 

In großer Erregung erreichte sie schließlich das Haus und gelangte unbemerkt in ihr Schlafzimmer. Als sie ruhiger geworden war und über alles nachdenken konnte, schämte sie sich, daß sie sich so gefürchtet hatte. Es war zwar dunkel, aber sonst doch nichts Besonderes an dem Vorgang gewesen. Pferdebesitzer waren manchmal durch die Umstände gezwungen, ein Tier zu erschießen. Vielleicht war dies ein besonderes Lieblingspferd von Goodie; so daß er nicht zuließ, daß einer seiner Leute ihm den Gnadenschuß gab.

 

Von dem Fenster ihres Schlafzimmers aus hielt sie Ausschau, ob sie nicht Mr. Goodie auf dem Gelände entdecken konnte, aber damit hatte sie keinen Erfolg. Um neun Uhr stand das Transportauto immer noch an derselben Stelle. Die Scheinwerfer brannten nur trübe.

 

Als sie jedoch am Morgen wieder hinausschaute, war der Wagen verschwunden. Später ritt sie aus und kam an den Arbeitern vorbei, die die Grube wieder zuschaufelten. Sie setzte ihren Weg bis zu den Hügeln fort und mußte dabei über eine Hochfläche reiten. Dort traf sie unerwartet Goodie. Er saß ebenfalls im Sattel und blickte düster in die herrliche Landschaft hinaus. Als sie in der Nähe vorüberkam, wandte er sich ihr zu, und zum erstenmal seit ihrem Aufenthalt in Longhall sprach er sie an.

 

»Guten Morgen, Miss Gray.«

 

Sie erwiderte den Gruß höflich.

 

»Habe ich Sie gestern abend erschreckt?«

 

Sie zuckte zusammen, denn auf diese Anspielung war sie nicht vorbereitet.

 

»Ich selbst habe Sie nicht gesehen, aber einer meiner Leute hat Sie beobachtet. Ich mußte ein altes Pferd erschießen, und ich wollte es tun, wenn niemand in der Nähe war. Es kommen häufig Ausflügler hierher. Ganz abgesehen davon, daß die Leute bei einem solchen Schuß erschrecken, ist es auch mir sehr unangenehm, wenn ich gezwungen bin, ein Tier zu erschießen.«

 

Er sah sie unentwegt an, während er sprach.

 

»Ich hoffe, Sie werden mir in nächster Zeit diese ganzen Ländereien verkaufen, Miss Gray. Ich habe mich so an diese Gegend gewöhnt, daß es mir schwerfiele, sie zu verlassen. – Sie müssen sich einmal meine Pferde bei der Morgenarbeit ansehen. Sie sind zwar nicht sehr berühmt, aber ein oder zwei prächtige Tiere sind doch darunter. Ich habe gehört, daß Sie selbst die Absicht haben, sich Rennpferde zu halten? Ich habe zwar noch niemals Pferde anderer Leute in Pflege genommen, aber wenn Sie wollen, können Sie schon ein paar Tiere bei mir einstellen. Ich werde mich eingehend um sie kümmern. Vielleicht können wir es auch so weit bringen, daß eins Ihrer Pferde gelegentlich ein Rennen gewinnt. Ich habe übrigens ein Pferd, das ich Ihnen verkaufen könnte …«

 

Zu ihrer Bestürzung hörte sie, daß ihm ihre Pläne, die sie doch nur mit Luke besprochen hatte, bekannt waren. »Ja, ich dachte daran, aber ich bin mir noch nicht schlüssig geworden.«

 

»Ich habe ein Pferd, das ich Ihnen für tausend Pfund verkaufen kann. Es ist allerdings bedeutend mehr wert, aber ich glaube, der Eigentümer ist mehr oder weniger zum Verkauf gezwungen. Es handelt sich um ›Weiße Lilie‹. Ich hatte sowieso vor, Ihnen deshalb einen Besuch zu machen. Es ist ein tadelloses Pferd mit einem wundervollen Stammbaum. Die Mutter hat manches Rennen in Irland gewonnen.«

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

»Ich verstehe noch zu wenig vom Rennbetrieb –«, begann sie.

 

»Wenn die Trainer warten müßten, bis nur Sachverständige ihnen ihre Pferde anvertrauen, könnten sie verhungern. Dieses Pferd ist für das Cambridgeshire-Rennen gemeldet, und es ist nicht ausgeschlossen, daß es gewinnt. Ich sage nicht, daß es unbedingt gewinnt, aber immerhin besteht die Möglichkeit. Neulich morgen habe ich es daraufhin geprüft. Haben Sie den Galopp nicht auch gesehen? – Na, vielleicht überlegen Sie es sich noch, Miss Gray.«

 

Er schob den Unterkiefer vor, lenkte das Pferd herum und galoppierte zu seinen Pferden, die in einem großen Kreis von seinen Leuten herumgeführt wurden.

 

Edna war erstaunt, und doch sagte sie sich auf dem Heimritt, daß nichts Außergewöhnliches darin lag, wenn ihr ein Trainer ein Rennpferd zum Kauf anbot.

 

Sie hatte an diesem Tag Gelegenheit, mit Luke telefonisch zu sprechen, und sie erwähnte, auch ihre Unterhaltung mit Goodie, wofür er sich sehr interessierte.

 

»Wenn er Ihnen ›Weiße Lilie‹ für tausend Pfund angeboten hat, so wäre das sicher ein sehr gutes Geschäft für Sie. Aber ich bin froh, daß Sie nicht zugegriffen haben. Nominell gehört das Pferd einem Mann in Mittelengland, einem Gasthausbesitzer ich glaube jedoch, der ist nur vorgeschoben. Ich kann mir schon denken, warum Goodie daran liegt, Ihnen das Pferd zu überlassen.«

 

»Dann sagen Sie es mir doch bitte.«

 

Aber Luke ging nicht darauf ein.

 

Nachdem sie den Hörer aufgelegt hatte, erinnerte sie sich daran, daß sie ihm nichts von der Erschießung des anderen Pferdes gesagt hatte. Aber dann vergaß sie die ganze Angelegenheit.

 

*

 

In den folgenden Tagen setzte sich Luke weder brieflich noch anderswie mit ihr in Verbindung, und sie ärgerte sich, daß er so unaufmerksam war. Ende der Woche erschien er dann plötzlich unangemeldet. Sie empfing ihn ziemlich kühl, und er hatte es nicht anders erwartet. Geradezu eisig wurde sie, als sie erfuhr, daß er nicht einmal ihretwegen gekommen war, sondern eigentlich Mr. Lane sprechen wollte. Er kam auch nicht ins Haus, bis sie ihn direkt dazu aufforderte.

 

»Diese geheimnisvollen Besuche sind mir unangenehm, Mr. Luke. Wäre ich nicht unten auf der Wiese gewesen, so hätte ich überhaupt nicht erfahren, daß Sie gekommen sind.«

 

»Bitte seien Sie mir nicht böse«, sagte er mit seiner üblichen Unbekümmertheit. »Ich mußte Lane in einer dringenden Angelegenheit sprechen, die nichts mit Ihnen zu tun hat.«

 

Sie wollte ihm schon eine entsprechende Antwort geben, aber schließlich faßte sie die Sache von der humoristischen Seite auf und lachte.

 

»Sie haben wirklich nicht die besten Manieren. Man hat immer wieder aufs neue Grund, sich über Sie zu ärgern. Sie hätten doch zuerst ins Haus kommen und mich begrüßen können. Bleiben Sie über Nacht hier? Dann werde ich dafür sorgen, daß –«

 

»Es ist hier ein sehr schönes Gasthaus in der Nähe – der ›Rote Löwe‹. Ich habe mein Gepäck schon dort hingebracht.«

 

»Aber Sie hätten doch hier im Haus wohnen können.«

 

»Ich ziehe den ›Roten Löwen‹ vor. Die Wirtin macht mir keine Vorwürfe, und außerdem werden Sie wahrscheinlich sehr böse auf mich sein, wenn Sie erfahren, daß ich Ihnen eine Freundin genommen habe.«

 

»Wie meinen Sie das?« fragte sie bestürzt.

 

»Es handelt sich um Maggie Higgs. Sie ist eine drittklassige Schauspielerin; das ist das Beste, was man von ihr sagen kann. Blanter hat sie zu Ihnen geschickt, damit sie sich mit Ihnen anfreunden sollte.«

 

Plötzlich verstand sie.

 

»Ach, deshalb ist sie nicht wiedergekommen?«

 

Er nickte.

 

Merkwürdigerweise zürnte sie ihm nicht wegen dieser Einmischung und glaubte sofort, was er über die junge Dame sagte.

 

»Das ist aber sehr merkwürdig. Warum hat denn Doktor Blanter sie zu mir geschickt?«

 

Er antwortete nicht darauf, und es wäre ihm wahrscheinlich auch schwergefallen, ihr seine Theorie auseinanderzusetzen. Immerhin hatte er sich bereits eine Erklärung zurechtgelegt.

 

»Ich möchte gern einmal Ihre ganzen Ländereien kennenlernen. Es ist schon sehr lange her, seit ich mich das letztemal hier in der Gegend umgesehen habe.«

 

Er hatte eigentlich die Absicht, zu Fuß zu gehen, aber sie ließ die Pferde satteln und ritt mit ihm zusammen ins Gelände hinaus. Nachdem sie an dem Drahtzaun vorbeigekommen waren, den Mr. Goodie um sein Haus gezogen hatte, folgten sie einem unebenen Feldweg, der in die Hügel führte. Das Haus Mr. Goodies konnten sie im Augenblick nicht sehen, da es von den Nußbäumen verdeckt wurde. Desto besser waren die neuen Stallanlagen zu erkennen, die auf einem sanften Abhang errichtet waren. Im Augenblick war niemand in Sicht; gewöhnlich waren zum Wochenende Ausflügler in der Gegend. Im Sommer kamen sogar sehr viele Leute, die sich in den Tälern unter den schattigen Bäumen erholten.

 

Sie erwähnte beiläufig, daß sie die Überreste von einem Picknick bei dem Eingang zu den Perrywig-Höhlen gesehen habe, und war erstaunt, daß er sich lebhaft dafür interessierte.

 

»Dorthin sind Sie geritten? Sie liegen doch auf dem Land, das Goodie von Ihnen gepachtet hat.«

 

»Warum sind die Höhlen eigentlich verschlossen?« fragte sie.

 

»Sie meinen, warum ein Tor vor jedem Eingang ist? Das sieht etwas düster aus, finden Sie nicht auch? Aber die größte der Höhlen ist seit vielen Hunderten von Jahren schon immer als Lagerraum benutzt worden. Es gibt eine Straße, die direkt zu den Eingängen der Höhlen führt. Soviel ich weiß, benützt Goodie die große Höhle auch als Vorratsraum für Heu und Pferdefutter. Ich bin noch niemals im Innern gewesen, aber ich glaube, die Haupthöhle reicht sehr weit ins Innere des Berges.«

 

Er kannte die Gegend bedeutend besser als sie, und in einem großen Halbkreis kamen sie zu der Straße, die zu den Eingängen der Höhlen führte. Es waren zwei Öffnungen, und einen Kilometer entfernt lag noch eine dritte. Man glaubte, daß alle diese Eingänge nur zu einer Höhle führten, aber man wußte dies nicht genau. Luke und Edna stiegen aus dem Sattel, banden ihre Pferde an einen Baum und gingen den Rest des Weges zu Fuß.

 

Am ersten Eingang nahm Luke eine sorgfältige Untersuchung des Tores vor, das aus schweren Eisenstangen gefertigt war; die Angeln waren in die Felsen eingelassen. Er betrachtete das große Schloß genau. Das Tor war so stark, daß man nicht daran denken konnte, es mit Gewalt zu öffnen. Der Fußboden der Höhle bestand, soweit er sehen konnte, aus Erde und zeigte Spuren einer Harke.

 

»Das ist merkwürdig«, sagte Luke. Dann versuchte er, das dunkle Innere mit seinen Blicken zu durchdringen.

 

»Sehen Sie, da hinten steht auch die Harke.«

 

Er wandte sich ab und sah den steileren Teil des Abhangs hinunter zu der Stelle, wo sie abgestiegen waren.

 

»Wo haben Sie die Reste von dem Picknick gefunden?«

 

Sie sah sich vergeblich danach um. Inzwischen hatte es mehrmals heftig geregnet, und jetzt konnte sie nichts mehr entdecken. Damals hatte sie deutlich Knochen und Apfelsinenschalen gesehen. Vermutlich waren die Überreste von den Angestellten Goodies entfernt worden.

 

»Jemand hat hier Ordnung geschaffen«, sagte er gleichgültig.

 

Sie gingen zu ihren Pferden und ritten die Anhöhe hinab. Es wurde dunkel, und schwere Wolken zogen von Südwesten heran. Die beiden kamen gerade noch zur rechten Zeit nach Longhall zurück, bevor es in Strömen zu regnen begann.

 

Kapitel 14

 

14

 

Kurz nach zehn Uhr, bevor Luke fortging, wurde telefonisch von London ein Telegramm für Edna durchgegeben. Es kam von Garcia aus Istanbul. Er teilte ihr darin mit, daß er im Auto durch Kleinasien reisen wolle.

 

Es regnete heftig, und sie bestand darauf, Luke mit dem Wagen zum ›Roten Löwen‹ zu bringen. Im ganzen war es ein schöner Abend gewesen, und doch war sie nicht ganz zufrieden, denn sie konnte sich über Luke einfach nicht richtig klarwerden.

 

Sie hörte die Türglocke nicht, die mitten in der Nacht läutete. Erst als Penton, der Butler, an ihre Tür klopfte, wachte sie auf.

 

»Was gibt es denn?« fragte sie.

 

»Mr. Luke ist gekommen und möchte Sie dringend sprechen.«

 

Sie machte Licht, kleidete sich schnell an und ging zu ihm hinunter ins Speisezimmer. Er trug einen Regenmantel, und sein Hut war durchnäßt, da er den vier Kilometer langen Weg im strömenden Regen zurückgelegt hatte.

 

»Ist etwas passiert?« fragte sie ängstlich.

 

Er schloß die Tür des Speisezimmers.

 

»Kennen Sie dies?«

 

Er nahm ein kleines Buch aus der Tasche, das in weiches Leder gebunden war.

 

Es kam ihr merkwürdig bekannt vor. Sie nahm es in die Hand und betrachtete es von allen Seiten. Als sie das erste Blatt aufschlug, fand sie darauf die spanischen Worte: ›Meinem lieben Freund Alberto Garcia zu seinem dreiundsechzigsten Geburtstag.‹

 

Es war ein Band spanischer Gedichte, den sie in Buenos Aires gekauft hatte; die Widmung hatte sie eigenhändig geschrieben.

 

Bestürzt sah sie ihn an.

 

»Dieses Buch habe ich Mr. Garcia früher einmal geschenkt.«

 

»Wie kommt es dann aber auf das Bücherregal in meinem Zimmer? Hat Garcia jemals im ›Roten Löwen‹ gewohnt?«

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

»Nicht, daß ich wüßte.«

 

»Ich habe mich in dem Gasthaus sehr unangenehm bemerkbar gemacht«, sagte er grimmig. »Alle möglichen Leute habe ich mitten in der Nacht aufgeweckt, die etwas davon wissen konnten. Der Gastwirt und seine Frau sind auf einer Ferienreise, und die meisten Angestellten sind noch nicht lange dort.«

 

Nun erzählte er ihr, daß er nicht habe einschlafen können und deshalb wieder aufgestanden sei. Auf dem kleinen Bücherbrett habe er einen interessanten Lesestoff gesucht, aber nur alte Kalender und langweilige Romane gefunden. Schließlich habe er dann zu seinem größten Erstaunen dieses ledergebundene Buch mit der spanischen Widmung entdeckt.

 

»Ich wußte, daß Garcia nicht in dem Gasthaus gewohnt haben konnte, seitdem Sie das Haus hier eingerichtet haben, denn er war doch seit der Zeit immer im Ausland.«

 

Sie lachte.

 

»Aber ist die Sache denn so furchtbar dringend, daß Sie alle möglichen Dienstboten mitten in der Nacht aus dem Schlaf wecken müssen?«

 

Sie klingelte.

 

»Wir wollen eine Tasse Kaffee trinken. Legen Sie vor allem Ihren nassen Mantel ab. Ganz abgesehen davon, daß Sie meinen schönen neuen Teppich ruinieren, sehen Sie auch nicht gerade sehr vorteilhaft in dem Kleidungsstück aus.«

 

Luke gab dem eintretenden Butler Hut und Mantel.

 

»Die Sache ist trotzdem sehr dringend«, sagte er dann ernst. »Haben Sie vielleicht zufällig Garcias Adresse in Istanbul?«

 

Sie überlegte. »Nein, er ist nur über das dortige argentinische Konsulat zu erreichen.«

 

»Vielleicht sind die Leute imstande, mich mit ihm in Verbindung zu bringen. Haben Sie etwas dagegen, wenn ich telefonisch ein Telegramm dorthin aufgebe?«

 

Er schrieb den Text auf die Rückseite eines Briefumschlages, ging dann in die Halle hinaus und gab das Telegramm auf. Edna begab sich nach oben, um sich vollständig anzukleiden. Sie war ganz wach und fühlte sich durch Lukes Fund doch auch stark beunruhigt. Als sie fertig angezogen war, machte sie das Licht aus und zog die Vorhänge vor den Fenstern zurück. Dabei bemerkte sie in weiter Entfernung ein Licht, das sich von den Höhenzügen aus über die Wiesen auf das Haus zubewegte. Es mußte jemand sein, der mit einer Laterne oder einer Taschenlampe durch den Regen wanderte. Das kam ihr unheimlich vor. Sie ging auf den Treppenabsatz und rief leise nach Luke. Er hatte gerade sein Telefongespräch beendet und kam rasch zu ihr herauf.

 

»Was gibt es denn?« fragte er.

 

Sie erzählte es ihm, und er trat mit ihr ins Schlafzimmer. Das Licht erschien jetzt bedeutend näher. An der Ecke des Drahtzaunes machte es halt. Sie hörten, wie das Tor zugeschlagen wurde; es war aber zu dunkel, um den Mann erkennen zu können, der die Lampe trug. Als er jedoch noch näher kam, war er deutlich zu sehen.

 

»Das ist Goodie, und er hat seine großen schwarzen Hunde bei sich!«

 

Goodie ging auf sein Haus zu, und sie hörten, wie sich die Tür schloß. Das Licht war verschwunden.

 

»Ich möchte wissen, was drüben los ist«, sagte Luke nachdenklich und sah auf seine Armbanduhr, die Viertel nach drei zeigte. »Wo schläft denn eigentlich Lane?«

 

»In dem kleinen Haus an der Straße.«

 

»Können Sie ihn nicht telefonisch erreichen?«

 

»Doch. Ich habe eine Leitung dorthin legen lassen und werde ihn sofort herrufen.«

 

Aber Luke nahm ihr diese Aufgabe ab. Sie gingen zusammen nach unten, und nach kurzer Zeit hörte sie im Speisezimmer, daß er mit Lane sprach. Als er kam, hatte sie den Kaffee eingegossen.

 

»Was ist denn geschehen?« fragte sie.

 

»Das möchte ich auch gern wissen.«

 

Luke nahm den kleinen Lederband, betrachtete noch einmal die Widmung und legte das Buch dann auf den Tisch zurück. Er fragte sie, wie weit Lanes Haus vom Eingang der Gillywood-Farm entfernt liege. Als er hörte, daß es keine hundert Meter seien, war er befriedigt.

 

»Was haben Sie Lane denn gesagt?«

 

Er gab eine ausweichende Antwort.

 

»Es tut mir furchtbar leid, daß ich Sie mitten in der Nacht aufgeweckt habe. Vielleicht war es nicht der Mühe wert. Ich bin im Augenblick etwas nervös, aber das wird man bei meinem Beruf manchmal.« Dann fügte er mit einem Lächeln hinzu: »Erzählen Sir mir doch einmal von Ihrem Plan. Sie wollen also Rennpferde kaufen. Haben Sie schon damit angefangen?«

 

Das Telefon klingelte; aber bevor sie sich erheben konnte, war Luke bereits aus dem Zimmer geeilt. Als er zurückkehrte, runzelte er die Stirn.

 

»Es war Lane. Während er sich ankleidete, sah er zwei Leute an seinem Haus vorbeigaloppieren. Den einen erkannte er; es war Goodie. Der andere war wahrscheinlich sein Diener Manuel. Lane sagte, daß sie aus der Richtung von Goodies Haus kamen und es sehr eilig hatten. Goodie trug eine Taschenlampe, die er gerade bei Lanes Haus anknipste. Der Gurt von Manuels Sattel hatte sich verschoben, denn sie stiegen beide ab und zogen ihn fester. Danach ritten sie in scharfem Galopp die Straße nach Gareham zu.«

 

Eine Viertelstunde darauf kam Lane ins Haupthaus und wurde von dem Butler sofort ins Speisezimmer geführt.

 

»Ich habe Goodie deutlich erkannt. Wer der andere war, weiß ich nicht genau, aber er schien ziemlich kräftig zu sein. Goodies Pferd habe ich im Dunkeln sogar erkennen können; es war ein graues Basutopony.«

 

Luke nickte.

 

»Gehen Sie zurück und passen Sie auf, wann die beiden heimkommen. Aber lassen Sie sich unter keinen Umständen sehen.«

 

»Es ist alles so aufregend und geheimnisvoll. Was hat es zu bedeuten?« fragte Edna.

 

»Das möchte ich auch wissen.«

 

Luke sah sie besorgt an. Oben auf dem Dachboden war ein Giebelzimmer, von dem aus man die lange Straße nach Gareham überblicken konnte. Man hatte dort auch einen sehr guten Überblick über das hügelige Gelände. Das Zimmer war leer, und Luke stieg hinauf und hielt dort Wache. Er hatte sich einen Feldstecher von Edna geborgt, doch der nützte nicht viel, da die Nacht vollkommen dunkel war.

 

Eine Viertelstunde hatte er oben am Fenster gestanden, als Edna zu ihm kam und ihm frischen Kaffee brachte.

 

»Haben Sie etwas entdecken können?«

 

»Nein.«

 

Kaum hatte er das Wort ausgesprochen, als in weiter Ferne ein Licht auftauchte. Es leuchtete eine Minute lang, dann erlosch es.

 

»Was ist denn das? Ein Auto kann es doch wohl nicht sein, denn dort führt keine Straße entlang.«

 

»Sie scheinen sich ja hier gründlich auszukennen. An welcher Stelle haben Sie es denn gesehen?«

 

»Es muß in der Nähe der östlichen Höhle gewesen sein. Der Eingang ist nur schmal und klein und auf Veranlassung der Kreisbehörde mit einem leichten Holzgatter verschlossen. Früher sind Schafe dort hineingelaufen und haben sich in den Höhlen verirrt. – Sehen Sie doch einmal!«

 

Das Licht war wieder aufgeflammt, und er richtete sein Glas darauf. Er konnte aber nur feststellen, daß es sich nicht mehr bewegte. Wahrscheinlich war die Lampe auf einen Stein gelegt worden. Eine menschliche Gestalt war auf diese Entfernung nicht zu erkennen, obwohl das Glas sehr scharf war. Plötzlich ging das Licht wieder aus, und als es dann von neuem aufleuchtete, war es etwas von der Stelle entfernt, wo sie es zuerst gesehen hatten.

 

»Es bewegt sich auf die Straße zu; ich nehme an, daß die beiden zurückkommen.«

 

Es war lange nach vier Uhr, als sie Hufschlag auf der Straße hörten. Luke war so weit ins Zimmer zurückgetreten, daß man ihn von draußen nicht sehen konnte. Das Getrappel wurde lauter und lauter, und endlich kamen die Reiter im Schritt am Haus vorbei. Goodie, der etwas vorausritt, hielt wie gewöhnlich den Kopf gesenkt. An dieser charakteristischen Haltung konnte man ihn schon von weitem erkennen.

 

Luke kehrte ins Speisezimmer zurück.

 

»Ich werde noch bis Tagesanbruch hier warten, dann möchte ich Sie um ein Reitpferd bitten, damit ich mich einmal in der Gegend umsehen kann. Es mag etwas Wichtiges vorgefallen sein. Vielleicht ist auch nur ein Pferd aus dem Stall ausgebrochen. Das müssen wir erst einmal feststellen.«

 

»Der Gedanke ist mir auch gekommen. Vorige Woche ist eins von Mr. Goodies Pferden fortgelaufen, und sie haben einen ganzen Tag gebraucht, bis sie es wieder einfangen konnten.«

 

Er riet ihr, sich noch einmal zu Bett zu legen, aber davon wollte sie nichts hören.

 

Eine Viertelstunde später kam Lane und erstattete Bericht. Goodies großes Auto war in der Richtung nach London fortgefahren. Er selbst hatte am Steuer gesessen.

 

Lane hatte gesehen, wie Manuel die Tore hinter seinem Herrn schloß.

 

»Dann kann es sich doch nicht um ein Pferd handeln – es muß etwas viel Wichtigeres passiert sein«, meinte Luke.

 

»Werden Sie nach London zurückkehren?«

 

Er schüttelte den Kopf.

 

»Nein, hier ist der Mittelpunkt meiner Tätigkeit, und zwar noch für mehrere Stunden.«

 

Kurz vor sechs Uhr morgens wurden die gesattelten Pferde vorgeführt. Edna sagte, daß sie ihn auf dem Erkundungsritt begleiten wolle. Es hatte aufgehört zu regnen, so daß er ihr die Bitte nicht abschlagen konnte. Sie folgten der großen Straße, bis Edna plötzlich auf eine Lücke in der Hecke zeigte, die am Straßengraben entlanglief. Schon früher waren Pferde durch diese Öffnung gegangen; man konnte deutlich die Hufspuren sehen, die in beide Richtungen wiesen. Goodie mußte ebenfalls hier entlanggeritten sein. Die frischen Spuren waren zu verfolgen, bis sie sich auf der Wiese verloren.

 

Goodie und sein Begleiter hatten den Weg nach der kleinen Höhle eingeschlagen. Edna zeigte mit der Reitpeitsche dorthin, und bald hatten sie auch einen weiteren Beweis dafür, daß sie auf Goodies Fährte waren. Auf einem gepflügten Feld sahen sie wieder die frischen Hufspuren.

 

Der Eingang der Höhle war nicht zu sehen, obgleich es schon bedeutend heller geworden war. Eine kleine Bodenerhebung verdeckte das Loch im Felsen, und als sie näher kamen, mußten sie erst danach suchen, so klein war die Öffnung. Ein Mensch konnte nicht aufrecht hineingehen, außerdem war sie kaum einen Meter breit.

 

»Das Gatter ist niedergerissen«, sagte Edna.

 

Es bestand aus dünnen, durch Draht zusammengehaltenen Latten und war gewaltsam niedergebrochen worden. Allem Anschein nach hatte man überhaupt nicht die Absicht, diese Öffnung als Tor zu benützen. Luke sah sich die zerbrochenen Latten genauer an.

 

Dann ging er einige Schritte in die Höhle hinein und betrachtete den felsigen Boden genau. Er nahm einen großen Stein nach dem anderen auf, bis er schließlich ein Stück fand, das er mit nach draußen ans Licht nahm. Mit einer Taschenlampe untersuchte er dann die Höhle oberflächlich. Je weiter er kam, desto mehr senkte sich die Decke. Schließlich mußte er auf Händen und Knien weiterkriechen. Aber es fiel ihm nach einer Weile so schwer, daß er wieder umkehrte.

 

Als er zurückkam, fand er Edna in ängstlicher Ungeduld. Erst jetzt kam ihm zum Bewußtsein, daß er länger in der Höhle gewesen, war, als er ursprünglich beabsichtigt hatte. Mit vieler Mühe gelang es ihm, den Eingang wieder zu schließen und das beschädigte Gatter zu reparieren.

 

Nachher ritten sie zum Haus zurück. Luke war so in Gedanken versunken, daß er unterwegs kaum ein Wort sprach. Später schickte er Ednas Chauffeur nach dem Gasthaus, um sein Auto zu holen.

 

»Haben Sie noch einen Telefonapparat im Haus außer dem Hauptanschluß in der Halle?«

 

Sie sagte ihm, daß es noch einen Nebenanschluß im Wohnzimmer gebe. Er ging dorthin, schloß die Tür und telefonierte lange Zeit.

 

Als er wieder herauskam, fand er sie in der Halle. Sie stand in der offenen Haustür und sah in den Garten hinaus.

 

»Was gibt es denn Neues?« fragte sie. »Irgend etwas muß doch nicht stimmen. Können Sie mir nicht wenigstens eine Andeutung machen?«

 

Er schüttelte den Kopf.

 

»Ich kann nur etwas vermuten, und vielleicht irre ich mich. Ich werde Ihnen noch einen Mann herschicken, der im Haus von Mr. Lane wohnen soll. Der Betreffende sieht nicht sehr einnehmend aus – Sie können sich doch noch auf den kleinen Mann besinnen, der mich in Doncaster ansprach? Er sah damals ziemlich abgerissen aus. Punch Markham heißt er.«

 

Sie nickte.

 

»Er soll hierbleiben und Goodie und seine Pferde genau, beobachten. Etwas geschwätzig ist er ja, und ich habe ihm deshalb Anweisung gegeben, sich möglichst von Ihnen fernzuhalten und Sie nicht mit seinen ewigen Redereien zu langweilen. Ich möchte Sie aber bitten, ihn ab und zu einmal mit mir telefonieren zu lassen. Es ist sonst kein Telefon in der Nähe, und es wird wahrscheinlich notwendig sein, daß er sich manchmal schnell mit mir in Verbindung setzt.«

 

Er zog seinen Regenmantel an, den der Butter inzwischen in der Küche getrocknet hatte, ging dann ins Speisezimmer und nahm den Gedichtband wieder an sich.

 

»Ich werde das Buch wieder einstecken, wenn Sie nichts dagegen haben. Übrigens nahmen Sie doch einmal Mr. Garcia auf einer Autofahrt mit hierher. Hatte er damals das Buch in der Tasche?« Sie dachte nach.

 

»Das wäre nicht ausgeschlossen. Er hatte es sehr gern.« »Noch eine Frage: Könnten Sie Punch ein Pferd überlassen?« Sie hatte genügend Reittiere, so daß sie dies ohne weiteres zusagen konnte.

 

»Er kann sich auf die Weise recht nützlich machen; er versteht es, mit Pferden umzugehen, und er kann Ihre Pferde bewegen, damit sie nicht zu üppig werden. Geben Sie ihm in der Beziehung nur ordentlich zu tun. Meiner Meinung nach ist das eine gute Idee. Besprechen Sie die Sache in dem Sinn mit Ihrem Verwalter.«

 

*

 

Noch vor dem Mittagessen kam Luke in London an und begab sich sofort in sein Büro. Er fand dort die beiden Kriminalbeamten, die er bestellt hatte, und gab ihnen neue Instruktionen.

 

Um drei Uhr hatte er bereits Nachricht von Longhall House. Goodie war im Auto von London zurückgekehrt, und eine Stunde nach seiner Ankunft war ein geschlossener Wagen auf sein Grundstück gefahren. Lane hatte auch feststellen können, daß Dr. Blanter darin saß. Nach zweistündigem Aufenthalt fuhr der Besucher wieder ab. Gegen Mittag bog in die Zufahrt ein zweiter Wagen ein, dessen Insassen Lane gleichfalls erkannt hatte. Diesmal handelte es sich um Mr. Rustem. Er blieb nicht so lange, und als er abfuhr, sah er sehr besorgt aus. Irgend etwas mußte die Bande in Unruhe versetzt haben. Aber allem Anschein nach berührte die Aufregung nicht den auch sonst so ruhigen Mr. Trigger. Für Luke war dies wieder eine Bestätigung dafür, daß Trigger nur die Organisation der Rennwetten leitete.

 

Der Inspektor beobachtete die Gesellschaft genau und mußte feststellen, daß sie in der letzten Zeit immer mehr von ihren Traditionen abgewichen war. Ein eiliges Rundschreiben war an alle Mitglieder gesandt worden; ein Exemplar war in Lukes Besitz gekommen. Die Mitteilung lautete:

 

Es hat sich bei unserer Gesellschaft die Gewohnheit herausgebildet, daß nur wenige Transaktionen Mr. Triggers durchgeführt werden, und zwar in verhältnismäßig großen Zwischenräumen. Im Lauf eines Jahres haben wir nicht mehr als acht bis neun siegreiche Pferde bei den Rennen mitgeteilt. Nun haben sich aber Umstände ergeben, die es nötig machen, im Interesse unserer Klienten die Anzahl der Transaktionen zu steigern. Wir haben sichere Nachrichten über ungefähr ein halbes Dutzend Rennpferde erhalten, die unbedingt gewinnen werden. Auch diesmal müssen wir es unseren Kunden nahelegen, sich mit einer größeren Anzahl von Buchmachern in Verbindung zu setzen. Es handelt sich um eine Wette für das Cambridgeshire-Rennen. Wir möchten besonders betonen, daß selbst Buchmacher, die bereits ihre Wetten abgeschlossen haben, noch zwei oder drei Tage vor dem Rennen Wetten dafür annehmen. Die nächste Transaktion von Mr. Trigger wird in der allernächsten Zeit erfolgen; die Kunden, die ihre Telegrammformulare noch nicht eingeschickt haben, werden ersucht, dies sofort nachzuholen.

 

Luke dachte intensiv nach. Aus welchem Grund überstürzte die Gesellschaft die Transaktionen? Es konnte nur eine Erklärung dafür geben: Blanter und seine Freunde hatten die Absicht, noch so viele Abschlüsse wie möglich in dieser Rennsaison durchzuführen, weil sie Angst bekommen hatten. Sie ahnten, daß es mit ihren Unternehmungen zu Ende gehen konnte.

 

Kapitel 10

 

10

 

Mit schnellen Schritten gingen die Leute an Margot vorüber, und sie sah ihnen sprachlos nach. Der Steuermann sprach noch über die ungleiche Verteilung der Güter im Leben; er hatte ihre Aufregung nicht bemerkt.

 

»Ja, so ist es. Einige von uns arbeiten unten im Maschinenraum, die anderen schlafen oben in den Luxuskabinen. Aber die Heizer, die sich unten so plagen müssen, haben auch Vergnügen, von denen die reichen Leute da oben nichts ahnen. Unter den Heizern findet man ebenso feine Herren wie in der ersten Klasse, auch das sind schließlich Menschen genau wie Sie und ich.«

 

»Ach, malen Sie diese Schrecken nicht noch weiter aus«, sagte Margot und legte ihre Hand auf seinen Arm.

 

»Ach, verzeihen Sie«, erwiderte er erstaunt, und doch fühlte er sich geschmeichelt, daß seine beredte Schilderung sie so bewegt hatte.

 

»Wollen Sie so liebenswürdig sein, mir noch eine Tasse Kaffee zu besorgen? Es tut mir leid, ich habe diese umgestoßen.«

 

Der Steuermann verschwand.

 

Das also war die Erklärung. Jim Bartholomew fuhr als Heizer. Plötzlich durchschaute sie nun alles. Der Chefingenieur und der Kapitän des Schiffes waren seine Freunde. Sie hatten dafür gesorgt, daß die Nachrichten von dem Mord in der Bank unterdrückt wurden, und hatten alles Risiko auf sich genommen. Jim hatte ihnen doch früher auch das Leben gerettet. Und nun war er da unten in der heißen Hölle des Maschinenraums. Sie dachte wieder daran, daß einer der Heizer unten bewußtlos umgefallen war, und fuhr schaudernd zusammen. Und gerade jetzt, in diesem Augenblick war er unten und mußte die furchtbaren Hitzequalen ertragen. Jedenfalls war es am frühen Morgen aber noch kühler als während der heißen Tageszeit.

 

Plötzlich erinnerte sie sich auch an den geheimnisvollen ›Nosey‹. »Als ich ihn das letztemal sah, war er nackt bis zum Gürtel«, hatte Jim gesagt. Er schien also auch ein Heizer zu sein.

 

Margot machte eine kurze Kalkulation. Wenn er um fünf Uhr in den Maschinenraum ging, mußte er um neun wieder abgelöst werden, und er brauchte dann erst am Nachmittag wieder Dienst zu tun. Aber am Nachmittag war gerade die heißeste Zeit. Der Zahlmeister hatte gesagt, daß es im Innern des Schiffes heiß wäre, da sie jetzt den Golfstrom durchquerten.

 

Sie wünschte, daß er es ihr nicht gesagt hätte, aber dann bedauerte sie diesen Gedanken wieder. Wahrscheinlich war Jim auch aus diesem Grund in der vorigen Nacht nicht zu ihr nach oben gekommen.

 

Mit dieser Vermutung hatte sie ziemlich recht. Er war auf Wache gewesen, hatte im tiefen Innern des Dampfers gearbeitet, und zwar in einer Hitze, die jeder Beschreibung spottete. Sie war davon überzeugt, daß er dieses aus einem ganz bestimmten Grund tat, und nicht für sich selbst, sondern für sie.

 

Als der Steuermann ihr eine neue Tasse Kaffee brachte, lächelte sie, und sie lächelte noch, als sie sich eine Stunde später in ihrer Kabine zur Ruhe legte. Später wachte sie steif und verkrampft auf, denn sie hatte sich nicht entkleidet. Um drei Uhr nachmittags galt ihr erster Gedanke Jim Bartholomew, der vor der Verfolgung durch die Gerichte floh und tief unten in der Hitze des Maschinenraums arbeitete.

 

Und sie war stolz, daß sie wußte, in welch schrecklicher Gefahr er schwebte.

 

Und dann erinnerte sie sich, daß sie am frühen Morgen die Kabine von Mrs. Dupreid aufgesucht hatte. Sobald sie sich umgekleidet hatte, ging sie zum C-Deck und klopfte an die Tür von Ceciles Freundin.

 

Das Mädchen, das Margot auch sonst schon dort gesehen hatte, und die anscheinend ihre ganze Zeit in der Kabine zubrachte, öffnete.

 

»Mrs. Dupreid schläft«, flüsterte sie leise. »Sie hatte eine sehr schlechte Nacht.«

 

»Das ist schade«, entgegnete Margot höflich. »Wann ist sie denn zu Bett gegangen?«

 

Das ging sie eigentlich nichts an, und es war sehr unhöflich, diese Frage zu stellen.

 

»Ach, sie hat sich kurz vor Mitternacht gelegt.«

 

Margot ging verwundert zum Promenadendeck.

 

Auch um Mrs. Dupreid schwebte irgendein Geheimnis. Stella Markham gegenüber war sie etwas höflicher. Die Dame hatte ihr hochfahrendes Wesen mehr und mehr abgelegt und war bedeutend menschlicher und liebenswürdiger geworden.

 

»Ich danke Ihnen für Ihre Nachfrage, aber ich hatte eine sehr schlechte Nacht. Oh, ich hasse dieses Schiff – ja, es gibt Augenblicke, in denen ich wünschte, daß der ganze große Kasten unterginge!«

 

»Ich würde Ihnen raten, dem Kapitän das zu sagen. Vielleicht versenkt er die ›Ceramia‹, weil Sie es wünschen«, entgegnete Margot ruhig. »Er steht in dem Ruf, die Wünsche der Passagiere möglichst weitgehend zu berücksichtigen.«

 

Mrs. Markham sah sie schnell von der Seite an, aber ihr Ärger verflog wieder, und sie lächelte.

 

»Es ist auch nicht recht von mir, mich so gehenzulassen«, sagte sie. »Ach, es ist doch furchtbar heiß.« Sie fächelte sich.

 

Es war wirklich heiß, die See lag glatt wie die Oberfläche eines Spiegels, das Versprechen des Steuermanns hatte sich tatsächlich erfüllt. Lückenlos blau spannte sich der Himmel über die weite Meeresfläche. Die See selbst zeigte dasselbe Blau wie der Himmel, nur war er einige Töne tiefer.

 

»Wenn es hier oben schon heiß ist, dann möchte ich nur wissen, welche Temperatur im Kesselraum herrscht«, bemerkte Mrs. Markham. »Ich habe gehört, daß einen der Heizer der Schlag getroffen hat. Ich fragte den Schiffsarzt, als er zum Mittagessen herunterkam, aber der hat es natürlich abgestritten. An Bord eines so großen Dampfers erfahren die Passagiere doch niemals, was wirklich vorgeht.«

 

»Ich glaube, mich bringt diese Reise auch noch um«, entgegnete Margot, erhob sich unsicher und ging zur Reling.

 

Mrs. Markham glaubte nur, daß sie unruhig war wie viele andere Passagiere. Sie nahm ihre feine Stickerei wieder auf, die sie bei Margots Ankunft niedergelegt hatte.

 

Nach einiger Zeit kam das junge Mädchen zurück. Sie war im Innersten überzeugt, daß nicht Jim der Heizer sein konnte, der gestorben war.

 

»Wie geht es Ihrem Butler?« fragte sie. »Hat der etwa auch einen Schlaganfall bekommen?«

 

Mrs. Markham stickte ruhig weiter, während sie den Blick auf die Arbeit gesenkt hielt.

 

»Nein«, sagte sie nach einer kleinen Pause. »Mein Butler stirbt nicht. Es scheint so, als ob er ewig lebt.«

 

Es lag etwas Merkwürdiges in ihrem Ton, so daß Margot sich nach ihr umsah.

 

»Wieso meinen Sie das?«

 

»Mein Butler stirbt nicht«, erklärte Mrs. Markham wieder und schüttelte den Kopf.

 

Margot schaute das Deck auf und ab.

 

»Ich habe ihn in den letzten Tagen überhaupt nicht gesehen.«

 

»Nein, wenn es ihm einigermaßen gutgeht, sitzt er die ganze Zeit im Rauchsalon. Aber hier kommt ein Freund von Ihnen.«

 

»Er ist nicht mein Freund«, entgegnete Margot schnell, als Major Pietro Visconti in seiner glänzenden Uniform das Deck entlangkam.

 

»Ein merkwürdiger kleiner Herr«, meinte Mrs. Markham, wahrend sie eifrig weiterstickte.

 

»Ja«, pflichtete Margot bei. »Er sieht immer so schmuck und adrett aus, als ob die Uniform eben vom Schneider geliefert worden wäre.«

 

Mrs. Markham mußte lachen.

 

Der Italiener hielt vorschriftsmäßig in der genauen Entfernung vor den Damen an, salutierte vor ihnen beiden und schüttelte dann Margot die Hand.

 

»Sie sind heute mittag nicht zum Essen gekommen, das tat mir furchtbar leid. Ich promenierte diese Seite des Dampfers entlang, ich promenierte die andere Seite entlang, aber ich entdeckte sie nicht. Ich kletterte zum Bootsdeck hinauf und promenierte auch dort entlang. Ich suchte in der großen Gesellschaftshalle und im Palmengarten, aber nein! Ich fand Sie nicht, Sie waren nicht da.«

 

Margot drückte sich und ließ den Major mit der von ihm verehrten Mrs. Markham allein. Sie eilte die Treppe hinunter zu ihrem Freund, dem Zahlmeister.

 

»Sie müssen heute recht lieb und nett zu mir sein«, sagte sie, als sie ihn allein in seinem Büro fand. Auch er wurde von der Hitze sehr geplagt, obwohl zwei bewegliche elektrische Fächer auf seinem Schreibtisch aufgestellt waren.

 

»Sie können versichert sein, daß ich dem leisesten Ihrer Wünsche sofort nachkomme, Miss Cameron«, entgegnete er höflich.

 

»Ich möchte, daß Sie eins der wichtigsten Gesetze brechen, die an Bord eines Schiffes gelten.«

 

»Um was für ein Gesetz handelt es sich denn?«

 

»Daß Sie niemals ein Geheimnis verraten dürfen. Sie sagen niemals, wieviel Knoten wir laufen, und Sie sagen auch nichts, wenn der Kapitän mit geringerer Geschwindigkeit fährt und warum er das tut.«

 

Er lächelte.

 

»Das wissen wir manchmal hier unten auch nicht.«

 

»Nun gut, dann werde ich Sie jetzt fragen.« Es kostete sie einige Anstrengung, und sie mußte erst schlucken, bevor sie etwas sagte. »Ist es wahr, daß ein – Heizer heute gestorben ist?«

 

Er sah sie ernst an.

 

»Dann scheint die Geschichte doch herausgekommen zu sein? Ja, das stimmt. Was erzählen sich die Passagiere? Woran soll er denn gestorben sein?«

 

»Sie sagen, daß er einen Schlaganfall bekommen hat.« Sie mußte sich sehr zusammennehmen. Ihre Beine zitterten.

 

»Das ist nicht wahr. Der arme Kerl kam durch eine kleine Explosion ums Leben. Es tut mir furchtbar leid um ihn, er war schon fünfzehn Jahre hier an Bord des Schiffes.«

 

Margot atmete erleichtert auf. Es klang fast wie ein Schluchzen. »Ich danke Ihnen, daß Sie mir das gesagt haben«, entgegnete sie mit heiserer Stimme. »Ich mußte unter allen Umständen etwas Genaueres erfahren.«

 

»Aber, Miss Cameron, man sollte fast denken, daß Sie einen Freund unter den Heizern hätten«, meinte er lachend, als er die Tür für sie öffnete.

 

»Sie sind alle meine Freunde dort unten im Maschinenraum. Ich lerne jetzt überhaupt erst etwas von dem Leben dieser Leute kennen.«

 

Der Zahlmeister schwieg.

 

Der Tag war nicht ohne Abenteuer für Jim Bartholomew abgelaufen. Als die Wache der Heizer abgelöst wurde, ging er durch den engen Verbindungsgang, der die unzureichenden Quartiere der Heizer im Vorderdeck mit dem Maschinenraum verband. Plötzlich klopfte ihm jemand auf die Schulter, und als er sich umsah, bemerkte er das schmutzige Gesicht des Mannes, der den ganzen Morgen neben ihm gearbeitet hatte.

 

»Ich möchte einmal ein Wort mit Ihnen reden, Wilkinson. Wir wollen zum Bad gehen.«

 

Jim folgte dem anderen in einen einfachen, schmucklosen Raum, in dem eine lange Reihe von Duschen angebracht war.

 

»Was haben Sie gestern abend auf dem Promenadendeck gemacht?« fragte der andere. Es war Nosey, und seine Stimme klang befehlend.

 

»Dieselbe Frage könnte ich auch an Sie richten.«

 

Nosey sah ihn nachdenklich an, dann sagte er plötzlich: »Ja, es stimmt schon – Sie sind Bartholomew!«

 

»Ein ganz netter Name«, erklärte Jim. »Aber deshalb brauche ich doch nicht so zu heißen.«

 

»Wir wollen uns nicht streiten. Setzen Sie sich hin, ich bin hundemüde, aber ich muß die Sache einmal mit Ihnen ins reine bringen.«

 

Sie ließen sich auf zwei Stühlen nieder.

 

»Also, ich kann Ihnen nur das eine sagen«, erklärte Nosey. »Ich bin ein Beamter von Scotland Yard, und obwohl ich nicht direkt hinter Ihnen her bin, habe ich doch genügend Amtsgewalt, um Sie zu verhaften. Und wahrscheinlich wird es auch so kommen, obwohl die Leute in Scotland Yard nicht glauben, daß Sie den Mord begangen oder das Diamanthalsband gestohlen haben.

 

Mein Kamerad hier an Bord hat übrigens einen ganz ausführlichen drahtlosen Bericht erhalten. Sie können nichts Besseres tun, Mr. Bartholomew, als mir alles sagen, was Sie wissen. Sie haben nicht mehr lang Gelegenheit dazu, denn morgen komme ich nicht mehr in den Maschinenraum hinunter. Ich habe mich vollkommen davon überzeugt, daß sich keiner der Verbrecher, die wir verfolgen, unter der Schiffsbesatzung befindet.«

 

Jim konnte nichts gewinnen oder erreichen dadurch, daß er schwieg oder Ausflüchte machte. Deshalb erzählte er alles bis zu den letzten Einzelheiten. Eine ganze Stunde saßen die beiden beisammen. Gelegentlich unterbrach der Detektiv ihn mit einer Frage, und als sie sich zum Schluß erhoben, klopfte er dem anderen auf die Schulter.

 

»Es wird jemand verhaltet, bevor der Dampfer den Hudson River erreicht – möglicherweise sind Sie es.«

 

»Nun, es würde mir auch leid tun, wenn Sie ohne Erfolg nach Hause zurückkehren müßten.«

 

Das ewige Einerlei des Schiffslebens fiel Margot Cameron auf die Nerven. Sie wartete ungeduldig auf die Stunde, in der sie Jim treffen konnte.

 

Wieder ging sie zum dunkelsten Teil des Promenadendecks und lehnte sich an die Reling. Gleich darauf kam Jim, wie gewöhnlich im Abendanzug. »Nun, wie geht es dir?« fragte sie atemlos, indem sie sich an ihn lehnte. »Wie geht es mit deiner Arbeit? Ich meine, mit der Aufklärung all der Geheimnisse?«

 

»Meiner Meinung nach gut.«

 

Er sah sich um.

 

»Dieser verdammte Obersteward wird mich hier sehen. Er ist der letzte, den ich treffen möchte, denn er kennt mich unglücklicherweise. Komm doch bitte mit mir die Treppe herauf, wir wollen auf das Bootsdeck gehen.«

 

Sie antwortete nicht, aber sie legte den Arm in den seinen.

 

Der Weg nach oben führte über eine enge, steile Treppe, und er stieg zuerst hinauf. Oben gingen einige Paare an ihnen vorüber.

 

Zwischen zwei Booten war eine enge Plattform, von der aus das Herablassen dirigiert werden konnte. Dort traten sie ans äußere Geländer.

 

»Erzähle mir alles, was. sich ereignet hat«, sagte sie, und er berichtete ihr wahrheitsgetreu alles bis zur Entdeckung der Leiche Sandersons.

 

»Eins kann ich nicht verstehen. Warum mag wohl Cecile dicht an der Eisenbahnstation ausgestiegen und in ihrem Auto fortgefahren sein? Warum hast du das Frank nicht erzählt?«

 

»Ich war eigentlich davon überzeugt, daß er es wußte«, erklärte Jim. »Es kam mir selbst so sonderbar vor. Hat sie denn etwas davon gesagt, daß sie nach Schottland fahren wollte, bevor sie plötzlich ihren Entschluß änderte?«

 

»Nein, das kam alles bei der Unterredung heraus, die sie mit Frank in seinem Arbeitszimmer hatte. Es muß sich um sehr ernste Dinge gehandelt haben, denn Frank sah angegriffen und müde aus, als er herauskam, und die arme Cecile war bleich und verstört. Aber du hast mir noch nicht alles erzählt.«

 

»Nein«, gab er zu. Aber es dauerte einige Zeit, bis er wieder zu sprechen begann.

 

»Es handelt sich um zwei verschiedene Dinge. Das eine will ich dir berichten, aber das andere halte ich für später zurück. Ich will noch nicht sagen, was sich alles ereignete, nachdem der Polizeiinspektor mich mit dem Toten zurückließ, aber etwas anderes will ich dir mitteilen. Und ich bitte dich, mir bei Lösung des Geheimnisses zu helfen.

 

Als ich mich über den Mann neigte, sah ich, daß er ein Stück Papier in der Hand hielt. Ich öffnete seine Hand gewaltsam und entdeckte die Ecke einer Photographie. Ein anderer muß den oberen Teil abgerissen haben.«

 

»Was war das denn für eine Photographie?« fragte sie schnell.

 

»Das kann ich nicht sagen. Es war nur eine Ecke, auf der eine Frauenhand zu sehen war.«

 

»Kannst du sie nicht genauer beschreiben?«

 

»Es war eine Frauenhand, an der sich ein Ring befand.«

 

Margot faßte seinen Arm.

 

»Doch nicht etwa die ›Töchter der Nacht‹?«

 

»Ja, dieser Ring war es.«

 

Kapitel 6

 

6

 

Margot Cameron stand an der Reling der großen ›Ceramia‹. Ängstlich beobachtete sie den Kai, ob sich nicht Jim irgendwo zeigte. Er hatte ihr versprochen, sich an Bord des Dampfers von ihr zu verabschieden, und sie wußte; daß etwas Außergewöhnliches passiert sein mußte, wenn er nicht kam. Sie hatte ihm noch so viel zu sagen; sie hatte alles vergessen, als sie sich von ihm trennte. Am liebsten hätte sie weinen mögen, und die Tränen waren ihr sehr nahe, als die Schiffsglocke schlug, damit die Nichtfahrenden von Bord gehen sollten.

 

Margot stand immer noch oben an der Reling des Bootsdecks, von dem aus sie den größten Fernblick hatte, als der Dampfer langsam ins Meer hinausfuhr. Immer noch hoffte sie, ihn doch noch an Land zu sehen. Erst als die ›Ceramia‹ Netley passierte, ging sie mit einem schweren Seufzer nach unten in die Luxuskabinen, die ihr Bruder hatte reservieren lassen.

 

Die Geräumigkeit der Zimmer ließ sie ihre Einsamkeit noch mehr fühlen, und zum erstenmal in ihrem Leben hatte sie Heimweh. Aber sie faßte sich bald wieder, kleidete sich um, nahm ein Buch und ging ans Promenadendeck, wo sie ihren Liegestuhl aufsuchte.

 

Frank hatte alle nötigen Vorbereitungen mit größter Sorgfalt getroffen, und drei Stühle waren mitschiffs für die Reisegesellschaft reserviert. Der Steward brachte ihr Decken und ein Kissen aus der Kabine, und sie versuchte, sich so gut wie möglich die Zeit zu vertreiben.

 

Der Anhängezettel des Nachbarstuhls flatterte im Winde. Margot wurde darauf aufmerksam und faßte ihn mit der Hand.

 

»Mrs. Dupreid«, las sie, und nun erinnerte sie sich daran, daß ja Ceciles Freundin an Bord sein mußte.

 

Sie legte ihr Buch auf den Stuhl und ging zum Büro des Zahlmeisters.

 

»Mrs. Dupreid?« wiederholte der Assistent. »Ja, die Dame ist an Bord. Sie hat die Staatskabine 209 auf Deck C.«

 

Margot bedankte sich, fuhr mit dem Lift nach dem C-Deck und suchte nach der Kabine.

 

Nr. 209 lag in der Mitte des Schiffs. Auf Margots Klopfen zeigte sich eine Zofe in der Türöffnung.

 

»Ist Mrs. Dupreid in ihrer Kabine?«

 

»Jawohl, Madame. Aber sie möchte niemanden sehen.«

 

»Sagen Sie ihr doch bitte, daß Miss Cameron hier ist.«

 

»Sie weiß, daß Sie an Bord sind, Madame«, erklärte das junge Mädchen, »und sie bat mich, sie bei Ihnen zu entschuldigen. Sie fühlt sich nicht wohl und kann niemanden empfangen.«

 

Margot empfand diesen wenig freundlichen Empfang etwas kränkend, drückte ihr Bedauern aus und ging dann wieder auf das Promenadendeck, um sich durch Lesen die Zeit zu vertreiben.

 

Inzwischen waren die Passagiere aus dem Speisesaal heraufgekommen, und es kam ihr erst jetzt zum Bewußtsein, daß sie gar nicht daran gedacht hatte, am Essen teilzunehmen, weil sie auf Jim gewartet hatte. Das Promenadendeck war belebt; die Passagiere suchten ihre Deckstühle auf. Der Steward legte Kissen und Decken auf den Liegestuhl neben ihr, und eine große schlanke Dame beobachtete gleichgültig den Vorgang.

 

Margot sah sie neugierig an. Frauen interessieren sich immer füreinander, und sie ahnte irgendwie, wer diese Nachbarin sein könnte. Die Dame war sehr schön, mochte etwa achtundzwanzig Jahre alt sein und hatte geistvolle Züge. Vor allem fielen ihre großen, tiefdunklen Augen auf. Eine Sekunde lang sah sie Margot an, und diese hatte das Gefühl, als ob die Blicke durch sie hindurchgingen.

 

Der Steward richtete sich auf. Die Dame dankte ihn kurz und ließ sich nieder.

 

Margot sah, daß sie ein elegantes Kleid trug und ein Buch in der Hand hielt. Die andere las aber nicht, sondern wandte sich zu Margots Überraschung plötzlich an sie.

 

»Sind Sie nicht Miss Cameron?«

 

»Ja«, entgegnete Margot lächelnd und legte ihr Buch nieder.

 

»Ich hörte, daß Sie mit Ihrem Bruder und Ihrer Schwägerin an Bord sein sollten. Ich bin eine Nachbarin von Ihnen, mein Name ist Stella Markham.«

 

»Ach ja, ich habe Ihr Haus gesehen. Es wurde mir noch vor ein paar Tagen gezeigt.«

 

Sie erinnerte sich im Augenblick, daß Jim es ihr gezeigt hatte, und sie ärgerte sich über ihn. Bestimmt hatte sie darauf gerechnet, daß er sich an Bord des Dampfers von ihr verabschieden würde, und er hatte sie warten lassen. Nicht einmal ein Telegramm hatte er ihr geschickt.

 

»Sind Ihr Bruder und Ihre Schwägerin auch in der Nähe?«

 

»Mr. und Mrs. Cameron sind überhaupt nicht an Bord«, entgegnete Margot. »Sie haben im letzten Augenblick ihre Pläne geändert.«

 

»Nun, dann wird es eine recht einsame Fahrt für Sie werden«, meinte Stella Markham und lächelte ein wenig.

 

»Das ist mir auch ganz lieb.«

 

Hier stockte die Unterhaltung, und beide nahmen ihre Bücher auf.

 

Aber nach einiger Zeit brach Stella Markham das Schweigen aufs neue.

 

»Gerade Ihre Schwägerin hätte ich gern an Bord getroffen. Es waren eigentlich nur zwei Leute, die ich hier zu sehen wünschte, das heißt drei, wenn ich Sie einschließe«, fügte sie halb entschuldigend hinzu.

 

Margot lachte.

 

»Wer war denn die dritte Person?« fragte sie und schrak zusammen, als sie die Antwort hörte.

 

»Ich hoffte, einen gewissen Bankdirektor Bartholomew hier zu treffen.«

 

»Aber warum denn?« fragte Margot erstaunt und hoffte, daß Mrs. Stella Markham mit ihren durchdringenden Blicken nicht sehen konnte, daß sie errötete.

 

»Er soll ein sehr guter Gesellschafter sein.«

 

Margot ärgerte sich über diese Worte.

 

»Ich sitze am Tisch des Kapitäns Mr. Stornoway; er sprach über Mr. Bartholomew, als er hörte, daß ich von Moorford kam.«

 

Margot erinnerte sich im Augenblick daran, daß Jim ihr Stornoways Namen genannt hatte.

 

»Er wurde ganz lebhaft, als ich seinen Namen erwähnte«, fuhr Mrs. Markham fort, »obwohl er zuerst meiner Meinung nach etwas verlegen war. Er erzählte dann, daß er im Krieg mit Mr. Bartholomew zusammen an Bord eines Torpedobootzerstörers war, der durch den Feind versenkt wurde. Zwölf Stunden waren sie zusammen im Wasser, und wenn Mr. Bartholomew nicht gewesen wäre, wären sie beide ertrunken – es war auch noch ein dritter dabei, der sich ebenfalls an Bord des Dampfers befindet.«

 

»Ich habe davon gehört.« – »Kennen Sie ihn?«

 

»Meinen Sie Mr. Bartholomew? Ja, den kenne ich allerdings sehr gut.«

 

»Ist er wirklich so interessant?«

 

»Meinen Sie damit, daß er Purzelbäume schlägt und interessante Schlager singt?« fragte Margot kühl.

 

»Nein, ich meine, ob er interessant ist?«

 

»Ja, natürlich«, erwiderte Margot kurz.

 

Wieder sahen beide in ihre Bücher, aber Mrs. Markham schien das ihre nicht sehr unterhaltsam zu finden, denn nach kurzer Zeit wandte sie sich wieder an Margot.

 

»Ich bin die langweiligste Person, die es überhaupt gibt«, sagte sie. »Das ganze Leben erscheint mir so entsetzlich öde. Ich kann England nicht leiden, und ebenso geht es mir mit Amerika. In Paris, das die anderen Leute doch für so amüsant halten, finde ich es schrecklich.«

 

»Haben Sie es schon einmal mit Coney Island versucht?« fragte Margot, die Mrs. Markham nicht leiden konnte. »Ich habe mir sagen lassen, daß man sich dort die Zeit ganz gut vertreiben kann.«

 

Stella richtete sich auf und sah Margot gerade nicht sehr freundlich an.

 

»Ich kenne niemand, der jemals in Coney Island gewesen wäre«, entgegnete sie und schaute wieder in ihr Buch.

 

Margot erhob sich unruhig und ging auf dem Promenadendeck auf und ab. Schließlich fuhr sie mit dem Lift zum F-Deck, wo das Büro des Zahlmeisters lag. Die Unterhaltung mit Mrs. Markham hatte sie daran erinnert, daß immer noch ein Telegramm von Jim eintreffen könnte. Auf jeden Fall erwartete sie eines von ihrem Bruder und ihrer Schwägerin.

 

Tatsächlich erhielt sie auch ein Formular ausgehändigt, das Frank geschickt hatte, aber von Jim war nichts angekommen, ebensowenig von Cecile. Margot fiel es ein, daß sich Cecile auf der Reise nach Schottland befand, und unterwegs war es natürlich schwierig, ein Telegramm zu senden.

 

Sie wanderte ziellos im Schiff umher, bis es Zeit zum Tee war. Niemand ihrer Bekannten war an Bord, und aus reiner Langeweile kehrte sie zu ihrer Kabine zurück und legte sich nieder. Sie wurde gestört durch ihre Zofe, die ihr Abendkleid zurechtlegte.

 

»Wie spät ist es?«

 

»Es ist halb sieben, Madame«, entgegnete Jenny, die blaß und krank aussah.

 

»Geht es Ihnen nicht gut?«

 

»Ich spüre die Seekrankheit.«

 

»Das ist aber doch nicht schlimm«, sagte Margot.

 

»Die See ist glatt wie ein Spiegel. Wo sind wir denn jetzt?«

 

»In der Nähe von Cherbourg. In einer Stunde kommen wir dort an und bleiben mehrere Stunden.«

 

Nachdem sich Margot angekleidet hatte, ging sie in den Speisesaal und ließ sich einen Tisch geben, der nur für eine Person gedeckt war. Frank hatte natürlich vorsorglich einen guten Tisch mit drei Plätzen bestellt. An der anderen Seite des Speisesaals sah sie Mrs. Stella Markham, die ein wundervolles Abendkleid in Schwarz und Blau trug. Auch sie saß an einem Tisch für sich.

 

Später ließ sich Margot den Kaffee in die große Gesellschaftshalle bringen. Der Raum war prachtvoll ausgestattet. Die Kapelle spielte, und Margot lauschte der Musik. Als um elf Uhr abends die ›Ceramia‹ den Hafen von Cherbourg verließ, begab sich Margot in die Kabinen, um sich zur Ruhe zu legen.

 

Sie konnte Seereisen außerordentlich gut vertragen und brauchte die Seekrankheit nicht zu fürchten. Trotzdem es im Kanal etwas unruhiger wurde, schlief sie vorzüglich, bis Jenny ihr am nächsten Morgen eine Tasse Tee und eine Apfelsine ans Bett brachte.

 

»Ist irgendeine Nachricht für mich gekommen?«

 

»Nein.«

 

»Auch kein Radiotelegramm?«

 

»Leider nicht.«.

 

»Gut, dann machen Sie mein Bad fertig.«

 

Sie war bitter enttäuscht. Wenn Jim nicht die Möglichkeit hatte, sich an Bord von ihr zu verabschieden, hätte er ihr doch wenigstens noch eine Nachricht schicken können. Er war doch auch schon an Bord großer Schiffe gewesen und hatte Seereisen gemacht. Er mußte doch wissen, daß man den Leuten unterwegs drahtlose Telegramme schicken konnte.

 

Als sie sich angekleidet hatte, suchte sie den Zahlmeister auf, den sie schon von früheren Reisen her kannte, und fragte ihn aus.

 

»O ja, wir sind schon weit genug vom Land entfernt, um Telegramme aufzunehmen. Es sind auch während der Nacht schon eine ganze Anzahl Radiotelegramme eingelaufen.«

 

Er sah sich um und sprach dann vorsichtig und leise.

 

»Es war sogar eine Nachfrage von dem Justizministerium oder der Polizei dabei. Sie erkundigten sich, ob ein Mann an Bord wäre, der im Verdacht steht, jemand ermordet zu haben.«