Kapitel 11

 

11

 

Mr. Mabers Mißgeschick war also kein Geheimnis mehr! Bald würde es in der breitesten Öffentlichkeit bekannt sein.

 

Barbara sah zu Maudie hinüber, die den Blick abwandte.

 

»Ganz hübsch gemacht«, sagte sie dann, ohne äußerlich Erregung zu zeigen. »Aber Sie wollen das doch nicht etwa an Ihrer Fassade ausstellen?«

 

»O ja, das will ich tun. In einer Stunde können Sie es auch von der Straße aus bewundern.«

 

Barbara schüttelte den Kopf.

 

»Ich glaube, daß Sie das unterlassen werden«, erklärte sie ruhig und bestimmt. »Erstens wird Ihnen der Schadenersatz zu hoch sein …«

 

»Sitzt er denn nicht im Gefängnis?« unterbrach sie Atterman.

 

»Er war tot, als ich das letztemal von ihm hörte. Wahrscheinlich ermordet von einer rachsüchtigen Frau. Soviel ich weiß, haben Sie ja seine blutbefleckten Kleider gesehen. Mr. Colesberg hat sie doch gestohlen. Ich lasse ihn sofort verhaften, wenn das Plakat an der Fassade Ihrer Firma erscheint. Solange habe ich ihn geschont, nicht etwa, weil er mir sympathisch ist, sondern weil ich ihn nicht vor Gericht anklagen konnte, ohne das Unglück Mr. Mabers der Öffentlichkeit preiszugeben.«

 

Sie sah ihn forschend von der Seite an.

 

»Sie werden dann wohl auch ins Gefängnis wandern, weil Sie sich der Hehlerei schuldig gemacht haben. Inspektor Finney und ich hatten eben eine kleine Beratung darüber.«

 

»Die Wahrheit kann man immer sagen«, erwiderte er unangenehm berührt. »Das Plakat enthält keine Verleumdung.«

 

»Es enthält insofern eine Verleumdung, als es dem Publikum suggeriert, daß Mr. Maber unehrlich gehandelt hat und handelt. Und sein ganzes Verschulden besteht nur darin, daß er einen Polizisten ins Ohr gebissen haben soll. Das werden Sie wohl nicht als eine ehrenrührige Handlung erklären können! Wahrscheinlich konnte er den Polizisten nicht leiden und hat sich eben zu diesem vollständig ehrlichen Bekenntnis seiner Gefühle hinreißen lassen!«

 

Atterman betrachtete sein Plakat plötzlich nicht mehr triumphierend.

 

»Außerdem gibt es eine bestimmte Verordnung — selbst der einfache Polizist Albuera, den ich engagiert habe, kennt sie. Wenn Gefängniswärter über amtliche Dinge sprechen, die in der Anstalt vorgehen, werden sie sofort entlassen und verlieren den Anspruch auf Pension.«

 

Maudie wurde jetzt lebendig.

 

»Wenn Sie glauben, ich hätte Mr. Atterman irgendwelche Geschichten erzählt, dann irren Sie sich, Miß Storr. Sie dürfen sich auch nicht einbilden, daß Sie mich mit solchen Behauptungen erschrecken können –«

 

»Es handelt sich um folgendes, Mr. Atterman«, unterbrach Barbara den Redeschwall der jungen Dame. Sie hatte keine Zeit, sich mit Maudie aufzuhalten. »Ich kam zu Ihnen, um Geld von Ihnen zu leihen. Ich habe unser Konto überzogen, und der Direktor der Bank gab mir den Rat, mich an Sie zu wenden.«

 

Atterman war starr vor Staunen.

 

»Ja, glauben Sie denn auch nur eine Sekunde, daß ich Ihnen Geld leihen würde? — Wieviel wollen Sie denn übrigens haben?«

 

»Zehntausend Pfund«, erwiderte Barbara kurz.

 

Mr. Atterman war so verblüfft, daß er im Augenblick nicht sprechen konnte. Maudie benutzte daher die Gelegenheit, ihre Rede fortzusetzen.

 

»Mein Vater hat tatsächlich Mr. Maber gesehen — das will ich nicht abstreiten. Er sah ihn an dem Tag, an dem er eingeliefert wurde –«

 

Barbara brachte sie durch eine abwehrende Handbewegung wieder zum Schweigen.

 

»Ich wollte mit Ihnen ein Geschäft abschließen, Mr. Atterman«, begann sie wieder. Er lachte spöttisch. »Aber es ist ganz ausgeschlossen, weiter mit Ihnen zu verhandeln, solange Sie die persönliche Ehre Ihres Konkurrenten angreifen. Das ist nicht nur gemein, das ist auch dumm.«

 

»Sie können meinetwegen schwätzen, soviel Sie wollen. Das Plakat wird draußen aufgehängt!« sagte er mit Nachdruck und warf sich in die Brust.

 

»Schön, dann werde ich dafür sorgen, daß Sie ins Gefängnis wandern.«

 

Mit dieser Drohung verabschiedete sie sich.

 

Aber als sie wieder in ihrem eigenen Büro ankam, war sie sehr bedrückt und niedergeschlagen. Mr. Lark trat gleich darauf bei ihr ein.

 

»Kennen Sie einen Mr. Elbury?« erkundigte er sich.

 

»Marcus Elbury — ja. Mr. Maber hat mir oft von seinem treuen Jugend- und Studienfreund erzählt. Warum fragen Sie denn danach?«

 

»Er ist hier und möchte Sie gern sprechen.«

 

Sie eilte hinaus. Vielleicht konnte ihr dieser geheimnisvolle Mann aus ihrer entsetzlichen Verlegenheit helfen.

 

Sie sah einen stattlichen, breitschulterigen Mann vor sich. Er war zwar kein Amerikaner von Geburt, aber die langen Jahre, die er in seiner zweiten Heimat verbracht hatte, machten sich in seiner Sprache und seinem Benehmen deutlich geltend.

 

»Ich bin eben von Paris angekommen«, sagte er und drückte ihr herzlich die Hand. »Es tut mir unendlich leid, daß Sie all diese Schwierigkeiten hatten, Miß Storr.«

 

Er schien über etwas beunruhigt zu sein, denn er sah sich nervös um.

 

»Ich habe von Ihrer ›Billigen Woche‹ gehört und war schon gespannt, ob alles klappen würde.«

 

»Ich bin allerdings in eine sehr unangenehme Lage geraten.« Sie sah ihn mit einem traurigen Lächeln an. »Leider habe ich Mr. Mabers Bankkonto überziehen müssen.«

 

»Ach, das ist alles?« Er atmete erleichtert auf und zog zu ihrem größten Erstaunen sofort sein Scheckbuch heraus. »Wieviel brauchen Sie?«

 

»Im Augenblick dreitausend Pfund, vielleicht später im ganzen zehntausend. Der Direktor meiner Bank gab mir den Rat, mir zehntausend zu beschaffen.«

 

»Der Mann hat ganz recht«, sagte Mr. Elbury und schrieb einen Scheck über die größere Summe aus.

 

Barbara war fassungslos vor Freude.

 

»Haben Sie — etwas von Mr. Maber gehört?« fragte sie, als sie sich etwas beruhigt hatte.

 

»Ja.«

 

Sein Ton verriet ihr, daß er nicht weiter danach gefragt werden wollte.

 

»Wenn das Herz jung ist«, fügte er geheimnisvoll hinzu, »tun die Menschen merkwürdige Dinge. — Sind Sie auch sicher, daß Sie mit diesem Betrag auskommen? Ich würde Ihnen sonst noch einen größeren Scheck geben.«

 

»Oh, es reicht. Ich danke Ihnen vielmals, Mr. Elbury. Und wenn Sie Mr. Maber eine Nachricht zukommen lassen können, so bestellen Sie ihm doch, daß das Geschäft großartig geht. Ich weiß allerdings nicht, was er später dazu sagen wird«, meinte sie lachend.

 

»Er ist begeistert von Ihnen, Miß Storr«, erwiderte Mr. Elbury feierlich. »Er ist davon überzeugt, daß Sie die klügste und smarteste junge Dame sind, die es gibt. Wie ich schon sagte, wenn das Herz jung ist … Er hätte sicher nicht so gehandelt, wenn ich dabei gewesen wäre.«

 

»Waren Sie denn nicht mit ihm im Empire-Theater?«

 

»Aber gewiß«, entgegnete Mr. Elbury erstaunt. »Sie meinen, als man ihn gefangennahm? Natürlich war ich dabei. Ich dachte, sie würden ihn wieder freilassen, und hatte keine Ahnung davon, daß man seine Verhaftung aufrechterhielt. Erst später erfuhr ich, daß er zu einem Monat Gefängnis verurteilt wurde. Ich habe ja dem Minister des Innern gesagt, daß so kleine Mißverständnisse immer einmal passieren können. Es war nämlich gar nicht Mr. Maber, sondern Big Bill Langstead, mein alter Freund aus Cincinnati, der den Polizisten ins Ohr gebissen hat. Mr. Maber wurde in die Rauferei verwickelt, als er Bill helfen wollte, und nachher hat ihn der Polizist festgenommen.«

 

»Ich bin sehr froh, daß Mr. Maber das nicht getan hat«, sagte sie erleichtert. »Dann sitzt er ja aber jetzt unschuldig im Gefängnis?«

 

Mr. Elbury rieb sein Kinn.

 

»Ja«, sagte er dann und schaute verlegen nach der Tür. »Ich kann nicht länger bleiben, Miß Storr. Nur das eine möchte ich Ihnen noch sagen: Wenn das Herz jung ist –«

 

»Das haben Sie mir aber schon mehrmals gesagt«, unterbrach sie ihn lächelnd.

 

»Ich muß auch noch hinzufügen«, erklärte er etwas verwirrt, »daß Mr. Maber mit all Ihren Anordnungen hier durchaus einverstanden ist. Er ist damit zufrieden, daß Sie diesen faulen Partner auf die Straße gesetzt haben, und er sagte auch, daß Sie es sich sehr überlegen sollten, die Firma zu verkaufen.«

 

»Wirklich?« Eine Zentnerlast fiel von ihrem Herzen. »Das ist ja herrlich! Haben Sie ihn denn im Gefängnis besucht, daß Sie das alles wissen?«

 

»Ich … Was nun diesen Atterman betrifft«, fuhr er schnell fort, »so möchte ich vor allem feststellen, daß er kein Amerikaner ist. Ich will nicht haben, daß man schlecht von Amerika denkt. Er hat zwar eine verheiratete Schwester drüben –« er machte eine Pause und sah sie ängstlich an, als ob er erwartete, daß sie ihm ins Wort fallen würde. Als sie schwieg, sprach er weiter. »Atterman ist ein gewandter, pfiffiger Mensch, der durch Zufall sein Glück gemacht hat. Mr. Maber will in etwa sechs Monaten zurückkommen, und dann wird er –«

 

»Was, erst in sechs Monaten? Aber er hat doch nur einen Monat Gefängnis bekommen!«

 

Er nickte ihr freundlich zu.

 

»Ganz recht. Er hat nur einen Monat abzusitzen, aber er geht mit mir nach Amerika, und ich soll Ihnen bestellen –« endlich brachte er an, was er schon längst hätte sagen sollen, »daß er — daß sie — kurz, Sie sollen ihr alles geben, soweit es eben vernünftig ist!« Er holte tief Atem.

 

Barbara sah ihn an, als ob sie ihren Ohren nicht trauen dürfte.

 

»Wem soll ich alles geben?«

 

Er wurde aufs neue verlegen.

 

»Wenn das Herz jung ist –« begann er wieder. Er mußte wohl glauben, daß diese Phrase ein Ersatz für jede nötige Aufklärung war.

 

»Ja, das weiß ich nun schon auswendig — aber wem soll ich denn alles geben?«

 

»Die Angelegenheit ist leider sehr verwickelt.« Mr. Elbury drehte den Hut in den Händen wie ein Schuljunge, der etwas verbrochen hat. »Die Information, die wir nach dieser schrecklichen Geschichte bekommen haben –«

 

»Welche schreckliche Geschichte?« forschte sie hartnäckig.

 

Er schaute sie an wie ein verwundeter Stier.

 

»Sie sind sehr liebenswürdig, Miß Storr«, sagte er dann langsam. »Ich weiß das zu schätzen, und ebenso wird es Mr. Maber zu schätzen wissen. Fahren Sie nur so fort und handeln Sie, als ob Sie nichts davon wissen. Meine Adresse ist Hotel Majestic, Paris — ich fliege heute abend zurück. Meine Bank ist die Guaranty Paris Branch, und ich habe Anweisung gegeben, daß Sie soviel Geld dort abheben können, als Sie brauchen. Meine Telegrammadresse ist ›Tippitty, New York‹. Also, wenden Sie sich an mich, falls Sie etwas brauchen.«

 

Unvermittelt ergriff er ihre Hand.

 

»Ich danke Ihnen im Namen meines Freundes Maber!«

 

Und bevor sie noch recht wußte, wie ihr geschah, war er verschwunden.

 

Was mochte das nur alles zu bedeuten haben?

 

Sofort ging sie zum Telefon, rief den Bankdirektor an und teilte ihm mit, daß ein Scheck über zehntausend Pfund durch besonderen Boten an ihn abgeschickt worden sei. Sie klingelte auch Alan Stewart an, der ihrem Beispiel folgte und nun seinerseits eisig und zugeknöpft war.

 

»Kommen Sie sofort zu mir«, befahl sie kurz und hängte wieder ein.

 

Die Autofahrt zu dem Hause Maber & Maber dauerte ihm viel zu lange.

 

Als er erschien, teilte sie ihm in wenigen Worten mit, was geschehen war, und je länger sie von Mr. Maber erzählte, desto mehr hellten sich seine Züge auf.

 

»Er sitzt im Gefängnis?« fragte er leise.

 

»Ja, aber er ist ungerecht verurteilt worden. Ich wußte sofort, daß er den Polizisten nicht gebissen hatte. Er hatte immer ein zartes Gemüt.«

 

»Ich dachte vorher, Sie hätten von einem Mann gesprochen — ich meine von einem Mann, den Sie — liebten — und der Sie küßte. Sie sprachen doch von einem Mistelzweig, wissen Sie noch?«

 

Er versuchte verzweifelt, aus diesem widerspruchsvollen Chaos herauszufinden, in das er geraten war.

 

Aber dieses letzte Bekenntnis kränkte Barbara wieder tief.

 

»Ach so! Jetzt verstehe ich. Sie dachten, ich hätte Ihnen die Geschichte meiner Vergangenheit gebeichtet! Ich danke Ihnen!«

 

»Natürlich habe ich niemals geglaubt –«

 

»Danke«, erwiderte sie scharf. »Ich glaube, es hat keinen Zweck, weiter über die Sache zu sprechen. Ich möchte Sie nur noch eins fragen. Was hat Elbury gemeint, als er sagte, daß ich ihr alles geben sollte, was sie brauchte? Er kann doch unmöglich Mrs. Hammett gemeint haben, denn er wußte ja überhaupt nichts von ihrer Existenz. Auch Maudie kann es unmöglich sein.« Sie brach plötzlich ab und runzelte die Stirne. Die Geschichte erschien ihr immer unerklärlicher, je länger sie darüber nachdachte.

 

»Ich wollte Sie eigentlich in einer ganz anderen Angelegenheit sprechen, Mr. Stewart«, sagte sie dann sprunghaft. »Mr. Atterman hat die Absicht, ein ganz abscheuliches Plakat auszustellen.« Sie schaute mit düsteren Blicken zu dem Konkurrenzhaus hinüber.

 

Die beiden oberen Fenster standen offen, und es waren gerade Leute damit beschäftigt, lange Taue herauszuhängen. Nur noch wenige Minuten, dann mußte das entsetzliche Plakat erscheinen!

 

Aber merkwürdigerweise geschah das nicht. Barbara beobachtete sogar, daß die Taue wieder eingezogen und die Fenster geschlossen wurden. Wahrscheinlich hatte sich Mr. Atterman die Sache doch anders überlegt, und die Drohung, daß sie ihn wegen Verleumdung anklagen würde, hatte ihre Wirkung getan.

 

In Wirklichkeit war jedoch der Grund für die Änderung seiner Meinung ganz anderer Art. Seine Mutter hatte ihn angerufen und ihn zum Abendessen eingeladen. Er war darüber so erfreut, daß er gegen seine sonstige Gewohnheit mit ihr von seinem Geschäft sprach und ihr die Geschichte von dem Mißgeschick seines Rivalen Maber erzählte.

 

»Wenn du dich im geringsten unterstehst, etwas gegen den Mann zu unternehmen, sollst du etwas erleben! Willst du vielleicht deine Schwester Rachel ins Gefängnis bringen? Du Idiot!«

 

Mr. Atterman fuhr sofort nach Hampstead, um mit seiner Mutter zu sprechen. Er hatte das ungewisse Gefühl, daß er den Verstand verloren hatte.

 

Kapitel 1

 

1

 

An diesem Schicksalstage schien es für die alte, vornehme Firma Maber & Maber keinen Ausweg mehr zu geben. Die blendendweiße Marmorfassade des Hauses Atterman Brothers schaute schon triumphierend auf das gegenüberliegende Konkurrenzgeschäft, als ob sie in prahlenden Goldbuchstaben die Aufschrift trüge: »Dich stecke ich jetzt in die Tasche!«

 

Leider hatte Mr. Maber an diesem verhängnisvollen Tage keine Zeit, sich um sein Geschäft zu kümmern, denn er wollte der Bootsmannschaft von Cambridge ein Essen geben.

 

Und um das Unglück vollzumachen, stieg Barbara Storr an demselben Morgen mit dem falschen Fuß aus dem Bett. Ihr Mädchen sah beim Frühstück die gerunzelte Stirne der Herrin und dachte schon, der gebratene Schinken sei zu salzig gewesen.

 

»Myrtle, ich bin unbeliebt!« erklärte Barbara plötzlich mit düsterer Stimme.

 

»Aber Miß Storr!« rief Myrtle erschrocken.

 

»Ganz verdammt unbeliebt!« sagte Barbara finster, als sie sich bückte, um ihre Schuhe zuzumachen. »Wenn mich Mr. Maber nicht hielte, könnten wir heute abend im Armenhaus schlafen — hoffentlich schnarchen Sie nicht –«

 

»Ich dachte, Sie hätten selbst Geld! Sonst wäre ich doch nicht nach London mitgekommen. Ich war auch ganz erstaunt, daß Sie in diese entsetzlich große Stadt gezogen sind. In Ilchester sieht man doch auch allerhand vom Leben! Denken Sie bloß an die Markttage! Und hier kenne ich außer dem Polizisten in unserer Straße keinen einzigen Menschen.«

 

»Als anständiges Mädchen dürften Sie nicht einmal den kennen!«

 

Myrtle wurde rot bis über die Ohren. Sie war noch nicht neunzehn Jahre alt, und sie hielt Londoner Polizisten für Götter.

 

»Schauen Sie einmal hinaus, ob der junge Mann da unten schon fort ist«, sagte Barbara etwas sprunghaft.

 

Myrtle lugte durch die Vorhänge auf die düstere Doughty Street hinaus.

 

»Er ist noch da.«

 

»Sehen Sie genau hin!«

 

»Er ist wirklich noch da. Dort an der Ecke steht er. Er hat elegante, graue Hosen an –«

 

»Das interessiert mich nicht. Er ist also noch da?«

 

»Ja.«

 

»Dann jagen Sie ihn zum Teufel!«

 

Myrtle wußte nicht, wie sie diesen Auftrag ausführen sollte, und sah ihre Herrin verstört an. Sie hatte sie schon immer schön gefunden, wenn ihr auch nicht klar zum Bewußtsein kam, worin diese Schönheit eigentlich lag. Vielleicht in der zarten Haut und dem wundervollen Haar, vielleicht aber auch in den großen, grauen Augen oder in dem feingeschnittenen Profil.

 

Myrtle wußte aus Zeitungsannoncen, die Seifen, Cremes und andere Schönheitsmittel anpriesen, daß reiner Teint und gepflegtes Haar zu einer schönen Frau gehörten und die jungen Herren am meisten fesselten.

 

»Wartet der Herr draußen auf Sie, Miß Storr?« fragte sie ein wenig boshaft.

 

»Natürlich wartet er auf mich. Tun Sie doch nicht so«, erwiderte Barbara etwas von oben herab. »Sie wissen ganz genau, daß es Mr. Stewart ist, der Reklamefachmann.«

 

»Ich weiß nicht, was ein Reklamefachmann ist«, entgegnete Myrtle, die Unschuld vom Lande. »Aber warum wartet er denn an der Straßenecke — kennt er unsere Hausnummer nicht?« fragte sie verschmitzt.

 

Barbara sah sie aber so vernichtend an, daß sie entsetzt schwieg.

 

Miß Storr schlüpfte in den Mantel, nahm Handtasche und Schirm und verließ das Haus. Es schlug gerade neun.

 

Als der junge Mann ihre Schritte hörte, drehte er sich schnell um und zog den Hut.

 

»Ich dachte schon, Sie wären –«

 

Barbaras unwillige Handbewegung ließ ihn sofort wieder verstummen.

 

»Wissen Sie auch, daß Sie mich bei Myrtle in ein ganz falsches Licht gebracht haben?« sagte sie ungnädig, als er sich entschuldigen wollte. »Myrtle hat eine Tante in meiner Heimatstadt Ilchester, und die ist die größte Klatschbase im ganzen Nest. Wenn die etwas weiß, ist es gerade so gut, als ob es durch Radio verbreitet würde! Ich selbst kümmere mich um die Ansichten der Leute in Ilchester nicht im mindesten, aber bedenken Sie, daß Mr. Maber dort Kirchenältester ist. Er hat mich nach London gebracht, und ich darf seinem Namen keine Schande machen.«

 

»Es tut mir wirklich aufrichtig leid«, erwiderte Alan Stewart geknickt, »aber wir sind doch Nachbarn, und es kommt mir tatsächlich komisch vor, daß jeder von uns allein zum Büro gehen soll.«

 

»Können Sie denn nicht mit dem Autobus in die Stadt fahren?« fragte sie ungerührt. »Ich muß ja zugeben, Mr. Stewart, daß Ihnen das Wohl meines Chefs sehr am Herzen liegt, aber es wäre mir viel lieber, wenn Sie dann mit ihm in die Stadt gingen und ihm alles direkt sagten. Wenn Sie übrigens darauf angewiesen sind, daß Mr. Maber in Ihren Zeitungen Annoncen aufgibt, können Sie getrost mit Ihren Hoffnungen einpacken und sich begraben lassen.«

 

Mr. Stewart wollte gerade antworten, daß ihn die Annoncenaufträge Mr. Mabers herzlich wenig interessierten, aber er besann sich eines Besseren.

 

»Ich fürchte, daß ich Ihnen sehr auf die Nerven gefallen bin. Aber wer ist denn eigentlich Myrtle — Ihre Schwester?«

 

»Nein.«

 

Barbara schaute ihn kühl an.

 

»Ach so, Ihr Mädchen?« verbesserte er sich schnell. »Entschuldigen Sie bitte vielmals!«

 

Sie rümpfte die Nase.

 

Er entschloß sich, nun doch zu sprechen.

 

»Ich habe es übrigens jetzt aufgegeben, mich um Mr. Maber zu kümmern«, begann er etwas anmaßend und hochmütig, denn schließlich war er der Vertreter dreier großer Zeitungen. »Wenn jemand sein Firmenschild an das Dach der Arche Noah aufpinseln läßt und glaubt, damit für alle Zeiten genügend Reklame gemacht zu haben, zählt er für mich eben nicht länger zu den Lebenden. Wenn ich an dem Geschäftshaus Ihres Mr. Maber vorbeikomme, ziehe ich ehrfürchtig den Hut und zerdrücke eine Träne im Auge für den Frühverstorbenen.«

 

»Hat der Firmenname tatsächlich auf dem Dach der Arche Noah gestanden?« fragte sie interessiert.

 

»Aber nein, das habe ich doch bildlich gemeint, um Ihnen zu zeigen, wie vorsintflutlich und altertümlich Ihre Firma ist. Mr. Maber annonciert ja auch, das stimmt. Ab und zu eine halbe Seite in den vornehmen Zeitschriften. Aber reklametechnisch kommt das doch gar nicht in Frage. Ich nenne das eher Mitteilungen ans Publikum, daß er noch nicht ganz verschieden ist. Und während die Firma Maber & Maber auf der einen Seite der Straße immer mehr zurückgeht, wächst, blüht und gedeiht auf der anderen Seite Atterman, obwohl das Geschäft erst vor acht Jahren gegründet worden ist. Das Haus Maber & Maber kann allerdings auf das beträchtliche Alter von hundertfünfzig Jahren zurückschauen, aber es ist augenblicklich das größte Verkehrshindernis auf dem Weg moderner Geschäftsentwicklung. Mehr möchte ich über diese Angelegenheit nicht mehr sagen.«

 

»Ach, bitte sprechen Sie doch weiter«, bat sie. »Sie gefallen mir, wenn Sie sich so bilderreich ausdrücken. Wenn ich sage, Sie gefallen mir«, fügte sie schnell hinzu, »dann soll das heißen, daß ich Sie nicht ganz so unausstehlich finde wie sonst. Wir haben es nicht nötig, zu annoncieren. Der Name Maber allein garantiert eben schon für beste Qualität bei unseren Waren.«

 

»Das wäre ja ganz gut und schön, wenn die Leute nur Ihre Waren kauften!«

 

»Wir sind ebenso groß wie Atterman.« Sie blieb herausfordernd stehen, runzelte die Stirne und sah ihn kampflustig an.

 

»Oberflächlich gesehen, haben Sie recht. Ihr Haus ist ebenso groß wie das andere, aber Atterman ist eben ein viel tüchtigerer Geschäftsmann. Die Leute setzen zehnmal soviel um wie Ihre Firma. Als Mensch mag ich Mr. Maber ja sehr gern. Er stammt aus einer guten, alten Familie, und zu Atterman verhält er sich ungefähr wie eine Orchidee zu Blumenkohl.«

 

Barbara nickte. Sie hielt es nicht für unbedingt notwendig, ihm mitzuteilen, daß Mr. Maber ihr Pate war. Ebensowenig brauchte er zu wissen, wie sehr sie den armen Mann gequält hatte, ihr eine Stellung in London zu besorgen. Nur widerstrebend hatte ihr Mr. Maber den Posten einer Privatsekretärin in seiner eigenen Firma gegeben, aber sie hatte sich schon nach kurzer Zeit durch ihre ungewöhnlichen Fähigkeiten unentbehrlich gemacht.

 

»Mr. Julius Colesberg, der Juniorpartner, ist für Ihre Firma genau so nutzlos wie ein elektrischer Glühofen für die Sahara.«

 

Barbara mußte ihm darin recht geben. Sie sah ihn jetzt etwas freundlicher von der Seite an. Er war gut gewachsen und hatte auch eine tadellose Haltung.

 

»Warum sind Sie eigentlich ein Reklamefachmann? Sie sehen viel mehr wie ein Offizier aus.«

 

»Ich habe diesen Beruf nun einmal gewählt. Im Krieg war ich ja auch Soldat«, fügte er diplomatisch hinzu. »Schließlich muß man doch seinen Lebensunterhalt auf die eine oder andere Weise verdienen.«

 

»Aber ist Ihnen denn noch nie der Gedanke gekommen, in die weite Welt hinauszugehen, in Länder, wo ein Mann noch seine vollen Kräfte entfalten kann, wo sich der Energie und Tatkraft noch weite Betätigungsfelder bieten?«

 

Er nickte.

 

»Ja. Erst gestern habe ich mit der Siedlungsgesellschaft ›Goldner Westen‹ in Kanada drei ganzseitige Annoncen abgeschlossen. Und dann habe ich mir natürlich ebenso viele Filme angesehen wie Sie. Daraus lernt man die Welt ja auch einigermaßen kennen. Was ich Ihnen noch sagen wollte«, fuhr er plötzlich in ernstem Ton fort, »Atterman hat heute morgen eine Besprechung mit Mr. Maber.«

 

»Woher wissen Sie denn das?« fragte sie erstaunt.

 

»Ich weiß alles. Mir bleibt nichts verborgen«, erwiderte er und lächelte geheimnisvoll.

 

An der Ecke der Marlborough Avenue trennte er sich von ihr. Sie ging an den großen, vornehmen Schaufenstern der Firma Maber & Maber vorüber. Die prachtvollen Auslagen waren so herrlich anzusehen, aber so schwer zu verkaufen. An dem großen Haupteingang mit den Schwingtüren blieb sie stehen und sah nach der strahlendweißen Fassade von Atterman hinüber. Auf dem fünf Stockwerke hohen Gebäude wehten die verschiedensten Flaggen, um anzudeuten, daß es nicht darauf ankam, welcher Nationalität der Käufer angehörte. Mr. Atterman hatte einen gut trainierten Stab von Leuten, die fremde Sprachen beherrschten, und das Geld der Ausländer wurde ebenso gerne genommen wie das der Einheimischen.

 

Drüben wurden gerade einige Schaufenster neu dekoriert. Die Firma Atterman hatte sich schon mehrfach vor dem Gericht verantworten müssen, weil ihre Ausstellungen Verkehrsstockungen hervorriefen. Und beinahe jeder Autobus, der vorüberfuhr, trug in großen Buchstaben die Reklameaufschrift: »Wer bei Atterman kauft, ist stets vergnügt.«

 

»Verdammte Konkurrenz!« sagte Barbara wütend, trat durch die Schwingtür und ging zum Büro hinauf.

 

Mr. Lark, der Chef der Einkaufsabteilung und der Kasse, beobachtete sie, machte eine Pause in der Arbeit und sah ihr mit bissigen, feindseligen Blicken nach.

 

»Sie kommt schon wieder zehn Minuten zu spät«, sagte er gehässig. »Wenn’s nach mir ginge, würde ich diese Person glatt auf die Straße setzen! ›Miß Storr‹, würde ich sagen, ›hier ist Ihr Geld, und nun. machen Sie, daß Sie fortkommen. Ich kann nicht dulden, daß Sie hier herumlaufen und alle Leute mit gnädiger Herablassung behandeln! Suchen Sie sich gefälligst eine andere Stellung.‹«

 

Seine Stenotypistin, die ihm aufmerksam zugehört hatte, nickte beifällig, um ihre Anerkennung für seinen Mut und seine Energie auszudrücken.

 

»Ich würde ihr ganz einfach erklären: ›Sie sind entlassen!‹ Was ist denn schon eine Privatsekretärin? Doch weiter nichts als ein Dienstmädchen, das für alle Leute zu laufen und zu springen hat!«

 

»Ja, es ist wirklich entsetzlich mit ihr«, pflichtete seine Stenotypistin bei.

 

»Entsetzlich? Das ist noch gar kein Ausdruck für ihr Benehmen. Denken Sie doch nur einmal daran, wie sie mit Mr. Colesberg umgeht. Wie einen Hund behandelt sie den armen Mann! Den Teilhaber der Firma! Aber ich sage es ja immer, die Sozialdemokraten haben überhaupt keine Achtung vor anderen Leuten.«

 

»Ist sie denn eine Sozialdemokratin?« fragte Miß Leverby interessiert.

 

»Ich weiß nichts von ihren Privatverhältnissen«, erwiderte er abweisend. »Mit derartigen Menschen komme ich gesellschaftlich nicht zusammen. Wenn ich ihr auf der Straße begegnete, würde ich sie überhaupt nicht grüßen. In der Beziehung ist mit mir nicht zu spaßen. Ich behandle die Leute genau so, wie sie es verdienen.«

 

Miß Leverbys Hochachtung für diesen tüchtigen Mann stieg mehr und mehr.

 

»Immer liegt sie dem Chef in den Ohren, daß er mehr annoncieren soll. Sie läßt ihm keine Ruhe. Ich habe selbst gehört, wie sie ihm zugesetzt hat. Glauben Sie vielleicht, der bekommt überhaupt noch ein Bein auf die Erde? Alles weiß sie besser. Und ständig fragt sie, warum wir diesen und jenen Artikel nicht führen. ›Miß Storr‹, habe ich neulich noch zu ihr gesagt, ›wenn die Leute eben nicht kaufen wollen, was wir haben, dann können sie ja in ein anderes Geschäft gehen. ‹Das tun sie auch‹, gibt mir die unverschämte Person zur Antwort. ›Sie gehen zum Beispiel zu Atterman, da bekommen sie alles — von einer Stecknadel bis zu einer komplett ausgestatteten Villa.‹ ›Aber Miß Storr, wir sind eine gediegene Firma‹, erkläre ich ihr. ›Unser Haus besteht seit hundertfünfzig Jahren, und alle Leute kennen uns! Wir haben es weder nötig, zu vulgären Geschäftspraktiken zu greifen, noch irgendwelchen billigen Plunder zu verkaufen!‹ ›Nötig haben Sie es schon‹, sagte sie darauf ganz frech, ›Sie wissen nur nicht, wie Sie es anfangen sollen!‹ Mein Gott, dieses Frauenzimmer tut wirklich, als ob ihr die ganze Firma gehörte, und als ob sie allein alles zu sagen hätte!«

 

»Ja, das stimmt tatsächlich«, bestätigte die Stenotypistin eifrig.

 

»Sie muß den Chef irgendwie in der Tasche haben, passen Sie nur auf. Sie werden noch an meine Worte denken. Neulich stand ein ähnlicher Fall in der Sonntagszeitung. Vielleicht haben Sie die Überschrift gelesen: ›Junges Mädchen hat alten Millionär in der Gewalt.‹ Genau so eine ist die auch!«

 

*

 

Eine Verkettung von merkwürdigen Umständen brachte an diesem Morgen Barbaras Abneigung gegen den Juniorpartner zum Siedepunkt.

 

Mr. Colesbergs Sekretärin hatte sich erkältet und war nicht im Geschäft erschienen. Barbara mußte deshalb zu Mr. Julius gehen, um sein Diktat aufzunehmen.

 

Vom ersten Augenblick an hatte sie einen instinktiven Widerwillen gegen diesen Menschen gefühlt. Besonders mißfiel ihr sein aalglattes Wesen. Er stand in den Dreißigern, sah aber noch jugendlich aus, ging stets elegant gekleidet und parfümierte sich. Barbara haßte Männer, die Parfüm gebrauchten und Diamantringe trugen, aber es war zwischen ihr und Mr. Julius Colesberg bisher noch nicht zu einem offenen Zusammenstoß gekommen.

 

»Guten Morgen.«

 

»Guten Morgen, Miß Storr«, sagte er nachlässig, als sie eintrat. Er saß an seinem luxuriösen Empireschreibtisch und sah mit müdem Ausdruck zu ihr auf. »Ist der Alte schon im Geschäft?«

 

»Mr. Maber ist noch nicht da.«

 

Er fuhr mit einem kostbaren Spitzentaschentuch nachdenklich über die Lippen.

 

»Die entscheidende Konferenz findet heute vormittag statt. Die Firma Atterman macht uns ein sehr — sehr günstiges Angebot. Mr. Maber wird alt — es wäre eine Torheit von ihm, wenn er nicht darauf einginge.«

 

Julius hatte kurze Zeit vorher in Mr. Attermans Villa in Regent’s Park gefrühstückt und verschiedene Vereinbarungen mit ihm getroffen. Zwar hatte Mr. Colesberg nur ein fünfundzwanzigstel Anteil an der Firma und mit der Geschäftsleitung direkt nichts zu tun, aber Mr. Atterman hatte ihm einen größeren Anteil und einen Sitz in der Direktion versprochen, falls der Verkauf zu seinen Bedingungen zustande käme.

 

Barbara schlug ihren Stenogrammblock auf und zückte den Bleistift, um Mr. Julius an den Zweck ihres Kommens zu erinnern.

 

»Also, hören Sie, mein liebes Kind.« Der väterliche Ton, in dem er sprach, machte sie ganz krank. »Sie nehmen heute auch an der Konferenz teil, und Sie erweisen sich und allen anderen einen guten Dienst, wenn Sie Ihren zweifellos großen Einfluß auf Mr. Maber in der richtigen Weise geltend machen.«

 

»Wozu soll ich ihn denn beeinflussen?«

 

»Er muß das Geschäft verkaufen. Die Firma kommt immer mehr und mehr herunter. Wir brauchen einen viel tätigeren Chef. Vor allem muß ordentlich Reklame gemacht werden. In den Zeitungen müssen große Annoncen erscheinen — aber ein so altmodischer Mann wie Mr. Maber versteht das eben nicht!«

 

Sie kräuselte verächtlich die Lippen.

 

»Und dabei haben Sie dem Chef immer erklärt, daß eine Firma wie Maber & Maber unmöglich vulgäre Reklamemethoden anwenden könnte!«

 

»Unter den damaligen Umständen hatte ich auch vollkommen recht«, erwiderte er hastig. »Maber konnte das nicht tun, wohl aber Atterman. Begreifen Sie denn den Unterschied nicht, meine liebe Kleine?«

 

»Ich bin nicht Ihre liebe Kleine. Aber sagen Sie mir eins: Wenn Atterman die Firma übernimmt, engagiert er wohl eine Damenkapelle, die hier im Kaufhaus konzertieren soll?«

 

Das war eine anscheinend harmlose Bemerkung, aber sie hatte eine ganz bedenkliche Spitze gegen Mr. Atterman, und zwar wegen der Affäre mit der schönen, blonden Solotrompeterin.

 

Mr. Julius war sehr ärgerlich, daß Barbara Mr. Atterman durch eine solche Anspielung anzugreifen wagte.

 

»Die Geschworenen haben Mr. Atterman freigesprochen, und das Mädchen hätte sich überhaupt schämen sollen, einen so großen Geschäftsmann wegen Bruchs des Heiratsversprechens zu verklagen!«

 

»Aber Maudie hat ihn doch so geliebt«, entgegnete sie heftig. »Sie wohnt in meiner Nähe — ich gehe oft mit ihr zusammen nach Hause. Die Geschichte hat sie derartig mitgenommen, daß sie nur noch Choräle spielen kann!«

 

»Ich finde es etwas eigenartig, daß sie überhaupt Trompete spielt. Das ist kein Instrument für eine anständige junge Dame.«

 

»Sie wird noch Harfe spielen und Klagelieder dazu singen, wenn nicht bald etwas geschieht«, prophezeite Barbara düster. »Aber wollten Sie mir nicht Briefe diktieren?«

 

Als sie zwei Stenogramme aufgenommen hatte und auf ein neues Diktat wartete, legte er plötzlich wie geistesabwesend seine lange, knochige Hand auf die ihre.

 

Barbara erhob sich langsam.

 

»Ist das alles, Mr. Colesberg?«

 

»Das ist alles.«

 

Er ging zur Tür, und als er zur Seite trat, um ihr Platz zu machen, murmelte er etwas von »zum Diner einladen und ins Theater gehen«.

 

»Ach, eine Einladung von Mrs. Colesberg?« fragte sie interessiert.

 

»Ich bin nicht verheiratet«, erwiderte Julius ein wenig verlegen. »Eine Ehe könnte ich nicht ertragen. Sie verstehen doch … immer an dieselbe Frau gebunden … einfach schrecklich! Also, ich erwarte Sie heute abend an der Ecke von Haymarket. Sagen wir um acht — ich liebe die Hetze beim Ankleiden nicht. Und tragen Sie ein gediegenes, einfaches Kleid. Am besten sieht eine junge Dame immer in Schwarz aus. In einem farbigen Kleid fällt sie auf und kompromittiert ihren Begleiter …«

 

»An welchem Ende von Haymarket?«

 

»An der Ecke der Jermyn Street. Sie werden mich doch hoffentlich erkennen?«

 

»Vielleicht könnte ich Sie mit einem Regenwurm verwechseln«, entgegnete sie verbindlich. »Ich mache Ihnen deshalb den Vorschlag, sich Ihren Namen in elektrischen Leuchtbuchstaben um Ihren Zylinder montieren zu lassen. Oder noch besser, kommen Sie mit einer großen Fahne — blau ist meine Lieblingsfarbe. Oder Sie könnten einen rosa Golfanzug tragen. Ich wäre untröstlich, wenn ich Sie verfehlte.«

 

Colesberg wurde dunkelrot vor Wut.

 

»Unerhört, sich mir gegenüber eine derartige Sprache zu erlauben«, brauste er auf. »Sie — Sie — aber warten Sie nur, ich werde schon dafür sorgen, daß Sie noch heute fliegen! Ich habe dieses gnädige Benehmen und dieses Getue satt! Tut immer, als ob sie eine Herzogin wäre! Das ist doch die Höhe! Ich werde mit Mr. Maber sprechen, sobald er kommt …«

 

»Ich werde Sie telefonisch von seinem Eintreffen benachrichtigen«, sagte sie mit vollendeter Höflichkeit.

 

Kaum war sie in ihrem Zimmer angekommen, als Mr. Maber schon nach ihr klingelte. Schnell griff sie wieder zu Stenogrammblock und Bleistift und ging in sein Büro.

 

Wer Mr. Maber in seiner vollen, stattlichen Breite und Größe sah, konnte kaum glauben, daß dieser Mann einmal in seiner Jugend dem Cambridger Achter mit zum Siege über Oxford verholfen hatte.

 

Er selbst hielt sich für altmodisch, aber in Wirklichkeit war er nur bequem und schrak deshalb vor modernen Geschäftsmethoden zurück. Als Privatmann beschäftigte er sich gern mit Kirchenmusik, saß im Kirchenvorstand von Ilchester und nahm es mit seinen Pflichten durchaus ernst.

 

Sein Leben war wie ein offenes Buch, und er hatte nichts zu verheimlichen. Das erklärte er manchmal halb stolz, manchmal auch mit leiser Wehmut. Ein paar Seiten mußte man allerdings rasch überblättern, wenn man nicht doch eine Schattenseite entdecken wollte. Einmal hatte er nämlich am Abend des berühmten Bootsrennens den Rudermannschaften ein Essen gegeben. Es war an dem Sonnabend, bevor Markus Elbury, sein alter Schulfreund, nach den Vereinigten Staaten reiste. Nach dem Essen waren die beiden noch ins Empire-Theater gegangen, das damals noch ein Variété war. Um neun Uhr fünfundvierzig waren sie in heiterster Stimmung, laut und fröhlich singend, in das Lokal hineinmarschiert, aber um neun Uhr fünfzig kamen sie schon wieder heraus, und zwar unter Bedeckung von vier Logenschließern, drei Polizisten und einem Garderobier. Auch eine Frau spielte eine Rolle dabei, aber was dann folgte, wollen wir lieber mit dem Mantel der christlichen Nächstenliebe zudecken.

 

Mr. Maber war in jenen Tagen ein vermögender junger Mann gewesen, und es war ihm nicht schwer gefallen, zehn Pfund Strafe zu zahlen, weil er die Uniform der Polizisten etwas zerrissen und ihnen auch sonst übel mitgespielt hatte. Aber er dachte nur mit größtem Unbehagen an die andere Seite der Geschichte.

 

Und nun war Markus von Amerika zurückgekommen, und Mr. Maber hatte wieder einmal die Cambridger Rudermannschaft eingeladen. Er war gespannt, ob der Wein von 1911 heute abend gut schmecken würde.

 

Auf dem Weg zur Marlborough Avenue wurde er in seinen angenehmen Gedanken häufig durch die Erinnerung an das Geschäft gestört. Am liebsten hätte er mit der ganzen Sache nichts mehr zu tun gehabt. Die Nachbarschaft dieses vulgären Atterman genügte schon, um ihn krank und elend zu machen. Im Innersten hatte er allerdings doch den geheimen Wunsch, mit der Zeit zu gehen, und die Firma Maber & Maber, die seit fünf Generationen bestand, auf der Höhe zu halten. Er seufzte. Obwohl er ein reicher Mann war, konnte er es doch nicht über sich gewinnen, seine guten Papiere an der Börse zu verkaufen und das Kapital in die Firma zu stecken.

 

In düsterer Stimmung betrat er sein Büro, hing Hut und Schirm auf und ließ sich von Barbara aus dem Mantel helfen. Dabei schüttelte er traurig den Kopf.

 

»Lange sind wir nun nicht mehr hier, Barbara«, sagte er melancholisch. »Dann geht’s wieder zurück nach Ilchester. Ist ja auch wirklich ein nettes, altes Städtchen, nicht wahr?«

 

Sein Gesichtsausdruck verriet allerdings, daß ihn der Gedanke an diese Rückkehr wenig zu beglücken schien.

 

»Du bleibst natürlich auch nicht hier, wenn das Geschäft verkauft wird. Ich werde dir dann dort eine andere Stellung verschaffen.«

 

»Lieber tot, als nach Ilchester zurück!« erklärte sie ruhig.

 

Er sah sie bestürzt an.

 

»Aber liebes Kind, Ilchester ist eine große, alte Stadt«, sagte er leise, »eine große, alte Stadt. Denke doch nur an das herrliche Glockenspiel vom Dom.«

 

»Ja, und an die entsetzlichen Moskitos hinten in der Pferdeschwemme, und an die vielen alten Klatschbasen, die nichts anderes zu tun haben als andere Leute durch die Zähne zu ziehen und sich zu erkundigen, warum sie manchmal eilig heiraten müssen…«

 

»Aber Barbara!« erwiderte er vorwurfsvoll.

 

Sie faßte sich und reichte ihm die Post.

 

»Wann ist die Konferenz angesetzt?« fragte er.

 

»In zwanzig Minuten.«

 

Er biß sich auf die Unterlippe.

 

»Ich halte es für richtig, Mr. Lark zu der Besprechung zuzuziehen. Er kennt das Geschäft genau, denn er ist darin groß geworden. Und natürlich müssen wir auch Mr. Colesberg bitten. Atterman bringt seinen Direktor mit.«

 

»Diesen Monkey?«

 

»Minkey.«

 

»Mr. Maber, warum wollen Sie denn eigentlich die Firma verkaufen?« fragte sie ihn geradeheraus. »Ich bin davon überzeugt, daß man viel Geld mit diesem Geschäft verdienen könnte, wenn die Sache nur richtig angepackt würde. Was können denn Leute wie Mr. Lark dem Hause nützen? Er soll ja seinen Lebensunterhalt nicht verlieren, aber ich würde ihm an Ihrer Stelle eine Gehaltserhöhung von zehn Prozent geben unter der Bedingung, daß er sich nicht wieder hier blicken läßt! Der Mann ist als Einkäufer einfach unmöglich! Den halte ich nicht für fähig, auch nur eine Mausefalle einzukaufen, geschweige denn etwas anderes!«

 

»Wir verkaufen keine Mausefallen«, entgegnete Mr. Maber verstimmt.

 

»Warum verkaufen Sie denn nicht, was verlangt wird, wenn die Leute die Artikel nicht kaufen, die Sie führen?« Ihre lebhaften Augen blitzten ihn unternehmungslustig an. »Ich würde Mr. Lark durch irgendeinen fähigen Menschen ersetzen, der das Geschäft wieder einmal richtig in Schwung bringt, der ordentlich Reklame macht! Das zahlt sich auf alle Fälle …«

 

Sie machte eine Pause, weil sie Atem holen mußte.

 

Mr. Maber betrachtete sie halb bewundernd, halb mitleidig.

 

»Ich bin zu alt, um mich noch einmal auf moderne Methoden umzustellen«, meinte er traurig, aber eine Sekunde später leuchteten seine Augen wieder auf. »Ach, läute doch einmal das Trocadero an und sage den Leuten, es soll Knallbonbons und andere Scherzartikel zum Nachtisch geben. Heute wollen wir lustig sein … und dann, damit die jungen Leute sich nach dem harten Training einmal gründlich erholen können, soll nur Sekt getrunken werden, den ganzen Abend hindurch …«

 

Er dachte an seinen Freund Markus, der aus Amerika zurückgekommen war, und lächelte vergnügt. Vor dreißig Jahren schon hatten sie sich gestritten, wer von ihnen damals zuerst auf der Straße lag, und der Streitfall war bis zum heutigen Tage noch nicht endgültig geklärt, obgleich sie einen lebhaften Briefwechsel darüber geführt hatten.

 

»Bitte, sieh doch einmal nach«, wandte er sich wieder an Barbara, »ob die Leute schon im Konferenzzimmer sind. Mr. Atterman muß einen schönen, weichen Sessel bekommen, hörst du?«

 

Die letzten Worte sagte er in so elegischem Ton, wie ein zum Tode Verurteilter sich erkundigen würde, ob der Henker gut geschlafen habe.

 

*

 

Mr. Atterman war eine etwas hagere Erscheinung und ging leicht nach vornüber gebeugt. Er war gut gekleidet und trug eine Hornbrille. Sein höchster Stolz bestand darin, für einen Amerikaner gehalten zu werden. Innerlich und äußerlich war er das Gegenteil von Mr. Maber.

 

»Ich freue mich außerordentlich, Sie wiederzusehen, Mr. Maber«, sagte er verbindlich. »Darf ich Ihnen meinen Direktor, Mr. Hercules Minkey, vorstellen?«

 

Der Name Hercules paßte ganz und gar nicht zu dem schmächtigen Herrn mit den runden Schultern und dem gewöhnlichen Gesicht. Er hatte eine kurze, breite Nase, und seine kleinen, dunklen Augen lagen tief in den Höhlen. Aber auf jeden Fall war dies ein Mann nach dem Herzen Mr. Attermans, lebendig wie Quecksilber, dabei großzügig und geschäftstüchtig.

 

»Ich freue mich auch, Sie zu sehen, Miß Storr. Wirklich, ich beneide Sie um Ihre Privatsekretärin, Mr. Maber. Ich möchte direkt die Bedingung stellen, daß die junge Dame in der Firma bleibt, wenn ich Ihr Geschäft übernehme. Hoffentlich gelingt es mir, sie dazu zu überreden.«

 

Auch Mr. Julius war bereits zugegen und kaute nachlässig an seinem Bleistift. Gleich darauf erschien Mr. Lark, der sich sehr wichtig vorkam. Er lächelte Mr. Atterman an, verneigte sich korrekt vor Mr. Maber, nickte Mr. Minkey vertraulich zu und warf Mr. Julius einen respektvollen Blick zu. Nur von Barbara nahm er nicht die geringste Notiz.

 

»Nun wären wir ja alle versammelt«, sagte Mr. Atterman. »Ich möchte also meinen Vorschlag in aller Kürze wiederholen. Nein, schreiben Sie noch nicht mit, Miß Storr, ich werde Sie aufmerksam machen, wenn die eigentlichen Verhandlungen beginnen.«

 

Er sprach sachlich und geschäftsmäßig. Als er die Kaufsumme nannte, begann Barbara zu protokollieren. Aber schon im nächsten Augenblick legte sie den Bleistift wieder hin und sah Mr. Maber entsetzt an. Er saß aber ruhig mit gefalteten Händen und gerunzelter Stirne da und rührte sich nicht.

 

»Hunderttausend Pfund!« rief sie erregt. »Diese Summe sind ja allein schon das Grundstück und das Gebäude wert!«

 

Mr. Atterman sah scharf zu ihr hinüber. In diesem Moment war er höchst unzufrieden mit ihr und dachte nicht mehr daran, sie zu übernehmen.

 

Mr. Julius machte ein düsteres Gesicht, und Mr. Lark zeigte seine ungeheure Entrüstung durch eine entsprechende Haltung.

 

»Gestatten Sie, Miß Storr, daß ich erst einmal zu Ende spreche«, erwiderte Mr. Atterman schließlich nach der kleinen, peinlichen Pause.

 

Dann sprach er weiter. Mr. Maber hörte ihm mit geschlossenen Augen zu, und Mr. Lark folgte seinem Beispiel. Wahrscheinlich war das die letzte loyale Handlung seinem alten Chef gegenüber.

 

»Das Angebot ist allerdings sehr niedrig — wirklich äußerst bescheiden«, meinte Mr. Maber leise, als Atterman seine Rede beendet hatte.

 

Mr. Atterman holte tief Atem, neigte den Kopf auf eine Seite, schaute auf die Tischplatte vor sich hin und legte die Stirne in Falten. Durch diese Mienen und Gebärden wollte er ausdrücken, daß es ihm sehr leid täte.

 

»Persönlich dachte ich an eine Summe von –« begann Mr. Maber und sah zu Barbara hinüber.

 

»Einer halben Million«, warf sie sofort dazwischen.

 

»Aber Mr. Maber — das ist denn doch ein zu starkes Stück«, sagte Mr. Julius heftig und warf den Bleistift wild auf den Tisch.

 

Mr. Lark drehte die Augen himmelwärts. Er hätte im Moment kein Wort finden können, das seine Empörung richtig wiedergegeben hätte, und beschränkte sich daher auf diesen Ausdruck stummer Verzweiflung.

 

»Vielleicht wäre es doch besser, wenn du dich damit begnügtest, die Verhandlung zu protokollieren«, wandte sich Mr. Maber an Barbara, fügte aber sofort energischer hinzu: »Miß Storr ist meine Privatsekretärin und nimmt als solche eine Vertrauensstellung ein. Bitte, beachten Sie das, meine Herren.«

 

Er schaute sich ein wenig ängstlich um, als erwarte er, daß ihn jemand wegen dieser kühnen Äußerung angreifen wolle. Aber mit Ausnahme von Barbara und Mr. Lark zuckten die Anwesenden nur leicht die Schultern. Der Chef der Einkaufsabteilung hätte seine Meinung wahrscheinlich auch auf diese Weise kundgetan, wenn er rechtzeitig bemerkt hätte, daß es die anderen taten. Aber als er endlich damit anfing, lächelten diese schon wieder verbindlich. Es war wirklich schwer, mit solchen Leuten Schritt zu halten.

 

»Darf ich einmal etwas sagen«, begann Direktor Hercules Minkey. »Sie gestatten ja hoffentlich, daß ich hier ein offenes Wort rede. Ihr Geschäft ist eben absoluter Humbug.«

 

»Bitte, wie schreiben Sie dieses Wort?« erkundigte sich Barbara höflich.

 

Der Quecksilbermann warf ihr einen vernichtenden Blick zu.

 

»Also, Ihr Geschäft ist einfach wertlos, und ich werde Ihnen auch sagen, warum. Um diesen Betrieb rentabel zu gestalten –«

 

»Rentabel zu gestalten«, wiederholte Barbara.

 

»Müßten Sie mindestens hunderttausend Pfund hineinstecken. Nehmen Sie doch zum Beispiel nur einmal unsere eigene Firma …«

 

Und nun folgte ein langer Vortrag darüber, wie man ein Geschäft führen sollte.

 

Barbara schloß die Augen, denn die monotone Stimme dieses Mannes wirkte einschläfernd auf sie und hatte ungefähr die gleiche Wirkung wie Veronal. Sie hörte nur dann und wann eine der Phrasen und kam erst wieder zu vollem Bewußtsein zurück, als Mr. Maber sie anrief.

 

Mr. Atterman war gerade dabei, sich von ihm zu verabschieden.

 

»Nun, die Sache ist noch nicht gerade so weit gediehen, daß wir schon zum Notar gehen könnten«, meinte er. »Aber immerhin haben wir doch entschieden Fortschritte gemacht. Mir soll es schließlich bei der Kaufsumme auf zwanzigtausend Pfund mehr oder weniger nicht ankommen.«

 

Beim Verlassen des Sitzungszimmers warf er Mr. Colesberg einen vielsagenden Blick zu, und Julius folgte ihm in den Gang hinaus.

 

»Sie können Ihrem Seniorpartner sagen«, erklärte Mr. Atterman ärgerlich, »daß ich mir unter keinen Umständen von einem so frechen Geschöpf wie dieser kessen Stenotypistin ins Geschäft pfuschen lasse!«

 

»Ich bin auch noch ganz außer mir«, erwiderte Julius niedergeschlagen. »Aber das werde ich schon in Ordnung bringen, verlassen Sie sich darauf.«

 

»Ich bin bereit, den Kaufpreis für das Geschäftshaus auf hundertzwanzigtausend Pfund zu erhöhen und die Bestände zum Tagespreis zu übernehmen. Die Firma selbst ist keinen Cent wert. Für Montag lasse ich den Vertrag fertigstellen. Setzen Sie die Konferenz fest und bringen Sie Ihren Rechtsanwalt mit.«

 

Er bot Julius eine Zigarre an. Mr. Colesberg rauchte zwar niemals, aber er machte trotzdem ein vergnügtes Gesicht und bedankte sich.

 

»Ah, eine Henry Clay«, sagte er strahlend. »Meine Lieblingsmarke!«

 

Gleich nach der Sitzung ging Mr. Maber zu Tisch. Er hatte ein schlechtes Gewissen und konnte Barbara kaum ansehen. Sie war sehr traurig, daß der Verkauf nun doch Zustandekommen sollte.

 

Später erschien Mr. Maber mit dem umfangreichen Katalog einer bekannten Gartenbaufirma und unterhielt sich mit Barbara über den neuen Rosengarten, den er bei seiner Villa anlegen wollte.

 

Sie seufzte.

 

»Barbara, ich brauche wirklich Ruhe und Frieden«, erklärte er. »Warum soll ich mich denn mit diesem Geschäft abplagen? Ich habe ja schon ein großes Vermögen, und ich möchte deshalb auch die Hälfte des Kaufpreises unter die Angestellten der Firma verteilen. Soll ich mich vielleicht als Sklave in einem Beruf abarbeiten, der mir gar nicht liegt? Was verstehe ich denn von Damenkleidern? Was interessieren mich Wollstoffe oder all die anderen Dinge, die wir verkaufen? Warum soll ich mich über Preisschwankungen auf dem Seidenmarkt aufregen? Dauernd kommen neue Gewebe auf den Markt, die den Damen viel Freude machen, aber ich kann die Namen kaum behalten, und mich langweilt dieser ganze Kram entsetzlich. Nein, das ist nichts für mich. Du mußt doch wirklich einsehen, daß das keine Beschäftigung für einen Mann ist, der in Cambridge studiert hat. Wenn ich meinen eigenen Wünschen hätte folgen können, wäre ich ein Jurist geworden. Klingle doch übrigens noch einmal das Trocadero an, Barbara, und sage, daß ich nur hellblaue Blumen als Tafeldekoration wünsche. Willst du dir das Bootsrennen nicht auch ansehen? Die beste Gelegenheit dazu hast du an Bord meiner Jacht Leander. Dann könntest du auch gleich meinen Freund Markus kennenlernen. Achtundneunzig-neunundneunzig waren wir zusammen auf der Universität. Ja, das ist nun schon eine ganze Weile her!«

 

»Kann Sie denn nichts dazu bewegen, das Geschäft zu behalten?« fragte sie verzweifelt.

 

Mr. Maber machte ein skeptisches Gesicht.

 

»Wir arbeiten dauernd mit steigenden Verlusten. Gewiß, Julius Colesberg ist ein tüchtiger junger Mann, energisch und tatkräftig, aber er allein kann schließlich auch nichts tun. Es muß einmal frisches Blut herein — das ist die Sache.«

 

Er seufzte schwer.

 

»Julius Colesberg!« rief sie verächtlich.

 

Mr. Maber sah sie unruhig an. Er konnte seinen Partner auch nicht leiden, aber er hatte ihn unter sehr günstigen Bedingungen ins Geschäft aufgenommen. Im stillen hatte er gehofft, daß dieser junge Mann die Stoßkraft und den Unternehmungsgeist besäße, die ihm als älterem Manne fehlten. Außerdem wirkte Julius bis zu einem gewissen Grade dekorativ. Seine Maniküre zum Beispiel erklärte ihm, daß er die schönsten Hände hätte, die ihr jemals vor Augen gekommen wären. Ihre anderen Kunden, denen sie dasselbe sagte, waren angenehm berührt, aber Julius war seitdem noch mehr von sich selbst begeistert als früher und kam sich noch viel wichtiger vor.

 

»Glaube mir doch, Barbara. Es ist besser, daß ich mich vom Geschäft zurückziehe. Ich hasse dieses ewige Hetzen und Jagen und diesen dauernden Kampf ums Geld!«

 

Er ging früh nach Hause, und Barbara blieb äußerst deprimiert zurück. Um sich abzulenken, machte sie einen Rundgang durch die einzelnen Abteilungen. Die Nachricht von dem bevorstehenden Verkauf hatte sich schon wie ein Lauffeuer von den Spitzen zu der Seide, von den Bändern zu den Strümpfen verbreitet. Junge Verkäuferinnen, die in ihren schwarzen Kleidern schön wie Göttinnen aussahen, beobachteten Barbara, die in düsterer Stimmung durch die Geschäftsräume schritt. Dann öffneten sie ihre kleinen Handtaschen und zogen die Augenbrauen nach. Die Abteilungschefs und die Aufsichtsherren in ihren tadellosen, dunklen Anzügen begegneten ihr mit gemessener Höflichkeit. Alle wußten ja von dem geheimen Kampf, der von Colesberg-Lark gegen Barbara Storr geführt wurde. Diese junge Dame war für sie eine interessante Persönlichkeit, weil sie einen entscheidenden Einfluß auf den Chef hatte. Aber da sie nicht ahnten, wie die Sache ausgehen, und ob es überhaupt zu einem Verkauf kommen würde, verhielten sie sich möglichst neutral, um es mit keiner Seite zu verderben.

 

Mr. Lark gab währenddessen in seinem Büro Miß Leverby eine eindrucksvolle Schilderung der Rolle, die er bei der wichtigen Konferenz gespielt hatte.

 

»So etwas ist mir doch noch nie vorgekommen! Wie die sich wieder aufgeführt hat! Was ist sie denn schon Besonderes? Doch nur eine gewöhnliche Stenotypistin, die mechanisch nachzuschreiben hat, was ihr diktiert wird!«

 

»Und sie hat tatsächlich gewagt, einfach mitzureden?« fragte Miß Leverby vor Entsetzen ganz leise.

 

Mr. Lark schloß die Augen und nickte.

 

»Aber ich habe sie schon zurechtgewiesen. Ich drehte mich nach ihr um und sah sie so scharf an, daß sie eigentlich in Grund und Boden hätte versinken müssen. ›Kümmern Sie sich gefälligst um Ihre eigenen Angelegenheiten, Storr!‹ sagte ich dann ruhig und höflich. Vielleicht habe ich auch ›Miß Storr‹ gesagt, das weiß ich nicht mehr genau. Na, auf jeden Fall werden wir diese Person ja nicht mehr lange hier in der Firma sehen.«

 

Er lehnte sich befriedigt in seinen Sessel zurück und rieb sich die Hände.

 

»Wann geht sie denn, Mr. Lark?« erkundigte sich die Stenotypistin eifrig, denn sie hoffte, an Barbaras Stelle aufzurücken.

 

»Am Dienstag. Montag wird die Firma verkauft.«

 

Mr. Lark hatte sich unter der Hand schon mit Julius verständigt, daß er Chef der Kassenverwaltung bleiben und ein höheres Gehalt bekommen sollte.

 

»Wenn sie dann am Dienstag noch den Mut besitzt, wieder ins Geschäft zu kommen, werde ich sie unten an der Haustüre erwarten. ›Entschuldigen Sie, Miß Storr‹, sage ich sehr höflich, ›wohin wollen Sie denn gehen?‹ Und wenn sie antwortet ›In mein Büro‹, dann soll sie aber etwas zu hören bekommen. ›O nein‹, werde ich sagen, ›das gibt es nicht mehr, und wenn Sie nicht sofort verschwinden, schicke ich zur Polizei!‹«

 

»Glänzend!« erwiderte Miß Leverby, denn der Feldzugsplan ihres Chefs hatte großen Eindruck auf sie gemacht.

 

*

 

Schon an gewöhnlichen Sonnabenden kam Mr. Maber nur sehr selten ins Büro, und an dem Tag aller Tage, an dem das klassische Rennen zwischen Oxford und Cambridge ausgetragen wurde, war natürlich an ein Erscheinen im Geschäft überhaupt nicht zu denken. Er saß vielmehr neben seinem Freund Markus am Steuer eines eleganten Motorbootes. Beide trugen die charakteristische Rudertracht. Während der fünfzehn fieberhaft aufregenden Minuten des Rennens gab er das Steuer ab, stand aufrecht mit hochrotem Gesicht im Boot und feuerte die Cambridge-Mannschaft durch Zurufe an. Fünfzig- bis sechzigtausend Menschen, die dichtgedrängt an den Flußufern standen, gaben den Ruderern mehr oder weniger ähnliche Ratschläge, schrien und brüllten. Viele Boote begleiteten die beiden Achter, und beim Finish erzitterte die Luft von den donnernden Zurufen der Menge.

 

Cambridge gewann das Rennen mit einer halben Bootslänge.

 

Am Abend dieses denkwürdigen Tages lehnte sich Mr. Maber über den festlich geschmückten Tisch. »Markus, besinnst du dich noch darauf, wie wir damals zusammen aus dem Empire hinausbefördert wurden?«

 

»Glaubst du, das könnte ich jemals vergessen?« entgegnete Markus mit leuchtenden Augen und tat seinem Freunde kräftig Bescheid.

 

»Erinnerst du dich auch noch an den Geschäftsführer, der mich die Treppe vom ersten Stock hinunterwarf?«

 

»Meinst du den Mann, mit dem du damals durchaus boxen wolltest? Ich habe nur noch eine ganz unklare Vorstellung von der Sache, aber ich glaube, er hat dich vom zweiten Stock heruntergeworfen.«

 

»Nein, vom ersten«, erklärte Mr. Maber entschieden. »Ich kann mich noch genau darauf besinnen, daß eine Matte vor der untersten Stufe lag.«

 

Mr. Maber lehnte sich in seinen Stuhl zurück, hielt das Sektglas in die Höhe und trank es dann langsam und bedächtig aus.

 

»Ob der Mann wohl noch lebt?« meinte er dann nachdenklich. »Damals war er verhältnismäßig jung. Ich weiß noch, daß er eine Narbe auf der rechten Oberlippe hatte.«

 

»Gehen wir doch einmal hin und sehen nach, ob er noch da ist!« schlug Markus vor und erhob sich etwas mühsam vom Tisch.

 

Das Essen war vorüber, und die Leute waren schon fast alle gegangen.

 

»Ja, du hast recht, wir müssen unbedingt wieder ins Empire.« Mr. Maber stand ebenfalls auf. »Ich möchte den Mann zu gern noch einmal sprechen — den mit der Narbe auf der Oberlippe. Ich werde ihm sagen, daß das damals — recht unverschämt von ihm war, uns so — hinauszuwerfen. Es ist doch merkwürdig«, sagte er kopfschüttelnd, »daß ich all die langen Jahre nicht einmal daran gedacht habe, ihn aufzusuchen und ihm beizubringen, was ich von ihm halte.«

 

»Hör mal, was ist denn eigentlich aus der Dame geworden?« erkundigte sich Markus plötzlich. Als er aber sah, wie sehr er seinen Freund durch diese Frage in Verlegenheit brachte, entschuldigte er sich sofort. »Nichts für ungut. Na, dann los, auf ins Empire!«

 

*

 

Man hatte die Konferenz auf Montag zwölf Uhr mittags angesetzt. Barbara erfuhr jedoch erst davon, als sie ins Büro kam und auf Mr. Mabers Schreibtisch einen Zettel mit einer entsprechenden Notiz fand, das erste Zeichen, daß in Zukunft andere Leute hier bestimmen würden.

 

Um zehn Uhr war Mr. Maber noch nicht im Geschäft, und es wurde auch elf, ohne daß er sich zeigte. Das war aber keineswegs etwas Ungewöhnliches.

 

Um elf Uhr fünfzehn stürzte ein Page aufgeregt in Barbaras Büro und meldete, daß ein Polizist sie zu sprechen wünsche.

 

»Was — ein Polizist? Bring ihn herein!«

 

Der Beamte, ein großer Mann mit ernstem Gesicht, trat ein. Vorsichtig machte er die Tür wieder zu.

 

»Sie sind Miß Storr?«

 

Sie nickte, aber sie fühlte sich sehr unbehaglich.

 

»Miß Barbara Storr?«

 

»Ja, das bin ich.«

 

»Bitte kommen Sie mit mir zur Polizeistation in der Marlborough Street«, sagte er leise. »Niemand außer mir und dem Inspektor weiß etwas davon.«

 

Sie sah ihn bestürzt an.

 

»Zur Polizeistation?«

 

»Zum Polizeigericht!« verbesserte er sich. »Sie müssen deshalb nichts Schlechtes von ihm denken. Er ist ein so netter Herr, und die Reporter haben auch versprochen, seinen Namen nicht in die Zeitungen zu bringen. Sie wissen allerdings gar nicht, wer er ist. Der Inspektor hat alles getan, was in seiner Macht stand. Aber wenn jemand einen Polizisten ins Ohr beißt, kann man das natürlich nicht so ohne weiteres hingehen lassen, auch nicht, wenn es der Abend nach dem Bootsrennen war. Na, ich denke, mit einem Monat Gefängnis wird er wohl davonkommen.«

 

»Einem Monat?« fragte sie atemlos. »Wer soll denn einen Monat Gefängnis bekommen?«

 

Er schaute sich vorsichtig um.

 

»Mr. Maber«, flüsterte er dann.

 

Barbara mußte sich an der Tischkante festhalten, um nicht umzusinken.

 

»Aber — aber –« sagte sie endlich mit stockender Stimme, »läßt sich das denn nicht — in eine Geldstrafe umwandeln?«

 

Er schüttelte den Kopf.

 

»Da täuschen Sie sich. Aber kommen Sie nur mit. Er möchte Sie sprechen, bevor er ins Pentonville-Gefängnis gebracht wird. Ich gehe am besten voraus, damit niemand etwas merkt, und nach einer Weile kommen Sie nach.«

 

Eine Viertelstunde später betrat Barbara verwirrt und in heller Aufregung das Büro des Polizeiinspektors, der sie freundlich und zuvorkommend empfing.

 

»Ein Rechtsanwalt ist gerade bei ihm in der Zelle, aber ich glaube, Sie können gleich hineingehen.«

 

Der Beamte führte sie durch die weite Halle. Viele Leute warteten hier, deren Bekannte sich vor dem Polizeigericht zu verantworten hatten. Als die beiden dann auf den Gang hinaustraten, bat er sie, zu warten und ging allein weiter. Nach einigen Minuten kam er aber wieder zurück und winkte ihr.

 

An der einen Seite des Korridors lagen die kleinen Türen der Zellen, und bald darauf stand Barbara Mr. Maber gegenüber.

 

Er trug einen ziemlich beschmutzten Abendanzug ohne Kragen und Krawatte. Außerdem war er unrasiert. Sie starrte entgeistert auf den großen, blauen Fleck an seinem rechten Auge und auf seine dick geschwollene Oberlippe.

 

»Barbara, ich möchte dich bitten, mir einen Gefallen zu tun.« Seine Stimme klang heiser. »Zunächst stelle ich dir hier Rechtsanwalt Mr. Hammett vor.«

 

Dieser Mann war nicht Mr. Mabers Rechtsanwalt, soviel wußte sie. Wahrscheinlich war er aus der Nachbarschaft zu Hilfe gerufen worden.

 

»Es ist eine schauderhafte Geschichte! Und alles nur, weil der Kerl nicht herauskommen und mit mir boxen wollte! Es stimmt nicht, daß ich ihn gebissen habe … das muß ein Hund gewesen sein … ich habe einen gesehen, nein, sogar mehrere.«

 

Er sprach hastig und ein wenig zusammenhanglos.

 

Barbara verstand seine Aufregung nur allzugut und bedauerte ihn aufrichtig.

 

»Ich werde einen Monat fort sein. Glücklicherweise waren bei der Verhandlung keine Zeitungsmenschen zugegen. Außerdem habe ich auch nicht meine richtige Adresse angegeben. Den Leuten im Büro sagst du einfach, daß ich plötzlich ins Ausland reisen mußte — geben Sie doch einmal das Schriftstück her«, wandte er sich an den Rechtsanwalt.

 

Mr. Hammett reichte ihm einen Aktenbogen mit zwei roten Siegeln.

 

Gleich darauf öffnete sich die Tür, und der Notar, ein Mann mit dunklem Haar und Schnurrbart, trat herein. Nach der Verhandlung unterzeichnete Mr. Maber die Urkunde.

 

»Barbara, du mußt dich jetzt um das Geschäft kümmern«, erklärte er dann. »Du bist die einzige, auf die ich mich verlassen kann. Was den Verkauf betrifft … hole bestmögliche Bedingungen heraus…«

 

»Was ist denn das?« fragte sie betroffen.

 

»Eine Generalvollmacht«, sagte Mr. Maber dringlich. »Während meiner Abwesenheit muß sich doch jemand des Geschäftes annehmen, Dispositionen treffen, Schecks unterzeichnen, und was sonst notwendig ist. Und um keinen Preis der Welt darf ein Mensch etwas von meinem Mißgeschick erfahren!«

 

Er dachte an die Klatschbasen in Ilchester und stöhnte verzweifelt.

 

Barbara nahm fast mechanisch die Vollmacht aus seiner Hand. Träumte sie?

 

»Was hat denn das alles zu bedeuten?«

 

»Das heißt, daß du jetzt meine Stellvertreterin bist und für mich handeln sollst. Ich weiß, daß ich dir in jeder Beziehung trauen kann.«

 

»Ich soll — Schecks unterzeichnen?«

 

»Ja, und auch alle anderen Schriftstücke«, erwiderte Mr. Maber nun etwas ungeduldig. »Keinem anderen Menschen würde ich eine derartige Vollmacht geben. Aber es ist unbedingt notwendig, Barbara, daß du die Geschäftsleitung übernimmst. Sage den anderen, daß ich nach Cannes oder nach Monte Carlo gefahren bin.«

 

»Ich werde erzählen, daß Sie nach Köln reisen mußten«, meinte Barbara freundlich. »Es ist sicher richtiger, wir nehmen eine Stadt mit einem Dom. Die paßt besser zu Ihnen.«

 

Kapitel 7

 

Kapitel 7

 

Sie ging zur Garage hinunter, drehte das Licht an und prüfte, ob noch genügend Benzin im Tank war, bevor sie das äußere Tor öffnete und losfuhr. Kurz entschlossen wählte sie den Weg nach rechts, fuhr über das holperige Pflaster der Straße, dann zurück nach Portland Place und kam ohne weiteren Aufenthalt nach Regent ’s Park.

 

Sie nahm die äußere Ringstraße und machte den größten Umweg, bis sie zur Avenue Road kam. Einige Minuten später sauste der Wagen Fitzjohn’s Avenue hinunter nach Heath zu. Ann vermied den geraden Weg nach Oxford über Maidenhead und Henley und wählte eine wenig benützte Straße nach Beaconsfield und Marlow.

 

Schwerer war es schon, Henley zu umgehen. Sie fuhr gemächlich durch die breite Hauptstraße und glaubte sich unbeobachtet. Als sie aber die lange, mit Bäumen bestandene Oxford Road erreichte, wurde sie plötzlich angerufen. Schnell wandte sie sich um. In einer Seitenstraße hielt ein großer Wagen, dessen Scheinwerfer abgeblendet waren. Undeutlich sah sie, wie drei Leute dort standen, als plötzlich ein Mann auf ihr Trittbrett springen wollte.

 

Er sprang fehl, im selben Augenblick setzte sich das große Auto in Bewegung, und die drei sprangen auf. Anns Wagen flog wie ein Pfeil davon. Von dem Wagen hinter ihr wurde mit einer roten Lampe das Haltesignal gegeben. Es mußte eine Polizeistreife sein.

 

Sie hatte jetzt freie Straße vor sich, nur einmal war eine Kreuzung zu passieren. Ihre Geschwindigkeit war hundert Kilometer, als sie sich dieser Stelle näherte. Der Rückspiegel zeigte ihr, daß die Lichter des Polizeiwagens sich unruhig hin und her bewegten. Wahrscheinlich mußten sie stark bremsen. Dann hörte sie einen Knall – es mußte ein Reifen geplatzt sein. Diesen Laut kannte sie sehr genau.

 

Jetzt hatte sie eine scharfe Kurve der Straße hinter sich. Einen Kilometer von ihr entfernt lag ein kleines Dorf, dessen Häuser die beiden Straßenseiten flankierten. Ann erinnerte sich, daß jenseits des Ortes eine weitere Wegkreuzung lag, an der tagsüber ein Polizist stationiert war. Kurz hinter dem Dorf bog eine Seitenstraße nach Norden ab, und diese konnte sie nur sicher erreichen, wenn es ihr gelang, durch das Dorf zu fahren. Die Straße, die hindurchführte, war sehr eng. Der Geschwindigkeitsmesser zeigte jetzt sechzig Kilometer. Als sich Ann kurz umschaute, konnte sie von dem verfolgenden Polizeiwagen nichts mehr sehen oder hören, aber das wollte nicht viel besagen, denn die Straße verlief hier in vielen Biegungen und Kurven. Nun war sie dicht vor dem Dorf – sie verminderte die Geschwindigkeit auf fünfunddreißig Kilometer.

 

Plötzlich tauchte aus der Dunkelheit ein berittener Polizist auf. Sein Pferd wurde durch die Scheinwerfer unruhig. Offensichtlich wußte der Mann nichts davon, daß sie verfolgt wurde, denn er winkte ihr, vorwärts zu fahren. Aber plötzlich hörte sie seine schrille Alarmpfeife und steigerte die Geschwindigkeit wieder. Vom Ausgang des Dorfes ab konnte sie auf einer geraden Straße fahren, die erst kürzlich asphaltiert worden war – der Wagen raste durch die dunkle Nacht. Ihre Scheinwerfer ließen die Hecken am Weg grüngolden aufleuchten.

 

Sie näherte sich jetzt einer Brücke, die über einen reißenden, tiefen Strom führte. Als sie zu der Auffahrt kam, verminderte sie ihre Geschwindigkeit erheblich. Und dann sah sie plötzlich gerade vor sich zwei Scheinwerfer und über diesen eine grüne Lampe. Es war ein Streifenwagen.

 

Sie mußte sich schnell entschließen. Auf der Straße war kein Platz, um zu wenden. Wenn das Alarmsignal des berittenen Polizisten irgendeine Bedeutung hatte, so konnte es nur besagen, daß sie verfolgt wurde.

 

Ann drehte ihre Scheinwerfer ganz aus und brachte ihren Wagen mitten auf der Brücke zum Stehen. Dann nahm sie das kleine Paket, warf es ins Wasser, ging zu dem Auto zurück und fuhr langsam weiter.

 

Der Wagen, der ihr entgegenkam, fuhr ebenso langsam wie sie mitten auf der Straße. Sie drehte ihre Scheinwerfer voll an und gab das Signal zum Ausweichen. Aber das andere Auto machte keine Anstalten, zur Seite zu fahren. Sie konnte also nichts anderes tun als anhalten. Beide Wagen kamen dicht voreinander im selben Augenblick zum Stillstand. Ann sah, daß zwei Leute absprangen und auf sie zukamen. Dann hörte sie eine verhaßte Stimme.

 

»Ich möchte wetten, daß es Miss Perryman ist!«

 

Es war Sergeant Simmonds, der zu ihr sprach.

 

»Nun erklären Sie mir bitte, warum Sie in einem so halsbrecherisch gefährlichen Tempo gefahren sind!«

 

»Ich wüßte nicht, daß ich übermäßig rasch gefahren bin.«

 

Er brummte etwas vor sich hin.

 

»Sie sind verhaftet«, sagte er dann böse und rief einen seiner Leute, der ihren Wagen übernehmen sollte. »Steigen Sie bitte aus.«

 

Er packte sie fest am Arm.

 

»Lassen Sie mich los«, rief Ann entrüstet. »Sie brauchen mich nicht zu halten.«

 

Sie versuchte, sich frei zu machen, aber er ließ sie nicht los. Sie stand jetzt in dem grellen Licht der Scheinwerfer.

 

»Steigen Sie in diesen Wagen!« Er schob sie vor sich her, und als sie eingestiegen war, setzte er sich neben sie. Auf der anderen Seite nahm ebenfalls ein Detektiv Platz.

 

Der Beamte, der am Steuer ihres Wagens saß, fuhr rückwärts in die Hecke, um den Weg für das Polizeiauto frei zu machen.

 

»Bringen Sie das Auto nach Scotland Yard. Ich will es genau durchsuchen lassen«, rief Simmonds, als sie vorbeifuhren.

 

Auf dem Weg nach London wurde Simmonds etwas freundlicher.

 

»Eine verständige junge Dame wie Sie sollte doch der Polizei nicht soviel Schwierigkeiten machen, Miss Perryman«, sagte er vorwurfsvoll. »Sie hätten doch bei dieser wahnsinnigen Geschwindigkeit leicht einen Menschen totfahren können. Wahrscheinlich wissen Sie gar nicht, was Sie tun, oder es hat Sie jemand anders dazu veranlaßt.«

 

Sergeant Simmonds war kurz angebunden, aber er war kein guter Schauspieler. Im Grunde seines Herzens war er ein großer Spaßvogel.

 

»Sagen Sie mir doch, wohin Sie fahren wollten und was Sie vorhatten, Miss Perryman. Ich werde dann den Fall sehr leicht für Sie machen. Ich will keine Namen erwähnen, aber ich weiß, daß Sie in eine Angelegenheit verwickelt sind, deren Tragweite Sie selbst gar nicht kennen, sonst würden Sie niemals Ihre Unterstützung dazu hergeben.«

 

»Das klingt ja sehr verwickelt«, erwiderte sie kühl.

 

Er lachte gutmütig.

 

»Welches Gesetz habe ich denn übertreten?«

 

Simmonds wurde nachdenklich.

 

»Nun, erstens sind Sie mit einer lebensgefährlichen Geschwindigkeit gefahren –«

 

Sie lachte nur verächtlich.

 

»Dürfte das nicht sehr schwer zu beweisen sein?«

 

»Es wird nicht viel Mühe machen, den Beweis für meine Behauptung zu erbringen«, sagte Simmonds selbstbewußt. »Aber ich möchte Sie überhaupt nicht anzeigen. Ich wollte nur einmal fünf Minuten mit Ihnen sprechen. Sagen Sie mir nur, wohin Sie fahren, wen Sie treffen und was Sie abliefern wollten. Wenn Sie eine vernünftige junge Dame sind, werden Sie das tun, und Sie werden dann niemals vor ein Polizeigericht kommen.« Aber er fügte doch noch leise hinzu: »Höchstens als Zeugin.«

 

»Ich weiß überhaupt nicht, wovon Sie sprechen. Sie haben gar kein Recht, mich zu verhören. Oder wollen Sie mich auch mit Ihrem Polizeiknüppel niederschlagen?« fragte sie ironisch.

 

Sergeant Simmonds protestierte heftig. Aber sie gab auf seine weiteren Fragen keine Antwort mehr. Nach einiger Zeit lehnte er sich resigniert in die Ecke des Wagens zurück und schwieg, bis sie an ihrem Ziel ankamen.

 

Sie brachten Ann zu der kleinen Polizeiwache, die in Scotland Yard selbst liegt, und zehn Minuten später schloß sich die Tür einer Zelle hinter ihr.

 

Kapitel 8

 

Kapitel 8

 

Mark McGill ging in seinem Wohnzimmer auf und ab. Alle paar Minuten sah er nach der Uhr, die jetzt zwei zeigte. Von Ann war noch keine Nachricht eingetroffen. Er hatte an einen seiner Agenten in Oxford telefoniert und erfahren, daß sie dort nicht angekommen war. Das war allerdings kaum beunruhigend. Ann war klug und würde wahrscheinlich einen langen Umweg machen, um all den Kontrollstellen aus dem Weg zu gehen, wo sie von der Fliegenden Kolonne aufgegriffen werden konnte. Aber nun war es doch an der Zeit, daß er bald von ihr hörte. Sein Mann in Oxford hatte versprochen zu telefonieren, wenn sie angekommen war; aber seit einer Stunde war kein Anruf mehr erfolgt.

 

Ann begann etwas schwierig zu werden. Er wußte, daß ihr Glaube an ihn bis zu einem gewissen Grad erschüttert war. Erfolglos versuchte er, die alte Begeisterung für ihre Rache wieder in ihr wachzurufen. Viele Einflüsse arbeiteten gegen Mark McGill. Die erbärmliche Feigheit Tisers schien bei Ann Zweifel zu wecken, denn er hatte beobachtet, daß sie stets skeptischer wurde, wenn sie mit diesem furchtsamen Menschen zusammengekommen war.

 

In der Diele summte es dreimal. Er schaute schnell auf und ging zum Fenster, um hinauszusehen. Cavendish Square lag verlassen da, kein Auto war in Sicht. Es mußte Ann sein – sie drückte immer den zweiten Knopf, der unter der gewöhnlichen Klingel verborgen war, und den zufällige Besucher nicht kannten.

 

Er ging in den Flur, öffnete die Haustür und trat einen Schritt zurück, als er den Besucher sah. Polizeiinspektor Bradley trat ihm entgegen, und hinter ihm tauchten zwei Polizeibeamte auf.

 

Die kalten Blicke des Detektivs musterten Mark.

 

»Haben Sie jemand erwartet?« fragte er.

 

Mark hatte seine Selbstbeherrschung sofort wiedererlangt.

 

»Natürlich – ich erwarte Nachricht von Tiser. Er ist heute abend sehr krank geworden.«

 

»Ist denn Ihr Telefon auch krank geworden, daß Sie es nicht benützen?«

 

»In der Herberge ist niemand, der richtig telefonieren kann«, erwiderte Mark lächelnd. »Sie wissen doch, wie wenig intelligent diese Leute sind. Ich glaube, ich muß wirklich noch einen Assistenten für Tiser anstellen. Wollten Sie mich sprechen?«

 

Bradley nahm ein amtliches Dokument aus seiner Brieftasche.

 

»Ich habe eine Vollmacht zur Durchsuchung Ihrer Wohnung«, sagte er. »Ich hoffe nur, daß ich nicht zu spät gekommen bin!«

 

McGills selbstbewußtes Auftreten war beunruhigend, Bradley war enttäuscht – er kam zu spät. Mark McGill würde nicht so harmlos lächeln, wenn er sich vor einer Visitation seiner Wohnung fürchtete.

 

»Treten Sie bitte näher«, sagte Mark fast liebenswürdig.

 

Die Polizeibeamten folgten ihm in das Wohnzimmer. Mark ging geradenwegs zu seinem Schreibtisch und legte einen der beiden Hebel um, die an dem Tisch befestigt waren.

 

»Lassen Sie ihre Hände von den Schaltern«, sagte Bradley scharf. »Was haben sie zu bedeuten?«

 

Mark zuckte die Schultern.

 

»Es ist nur eine elektrische Vorrichtung, um die Haustür automatisch zu schließen. Sie haben die Tür offenstehen lassen, und ich bin sehr empfindlich gegen Zugluft.«

 

»Wir haben die Tür geschlossen«, erwiderte Bradley kurz. »Wozu dient der andere Hebel?«

 

»Damit kann man die Tür öffnen«, antwortete Mark.

 

Bradley legte seine Hand auf den einen Schalter und gab einem seiner Leute einen Wink.

 

»Gehen Sie einmal in den Flur und sehen Sie, was passiert.«

 

Er legte den Hebel um, und der Beamte bestätigte die Richtigkeit der Angaben McGills. Bradley legte nun den anderen Hebel um.

 

»Was geschieht jetzt?« fragte er.

 

»Ich kann nichts bemerken.«

 

»Dieser Hebel schließt also die Tür nicht. Wozu ist er da?«

 

McGill sah Bradley ins Gesicht, ohne mit der Wimper zu zucken.

 

»Vielleicht ist der Mechanismus nicht in Ordnung. Versuchen Sie doch den ersten Hebel. Beide öffnen und schließen die Tür.«

 

Bradley drehte den ersten Griff wieder und hörte, wie sich die Haustür schloß.

 

Die Durchsuchung der Wohnung dauerte eineinhalb Stunden. Die Beamten zogen alle Schubladen heraus, drehten jeden Gegenstand um, durchwühlten alle Schränke und Kommoden, machten alle Matratzen auf und klopften an die Holzpaneele. McGill beobachtete mit sichtlichem Vergnügen die Durchsuchung des Raumes, in dem er sich befand. Nach einer Weile holte er einen Schlüssel aus der Tasche.

 

»Dort, hinter der Tapete, zur linken Hand des Kamins, ist ein kleiner Safe eingebaut. Hier haben Sie den Schlüssel.«

 

Ohne ein Wort zu entgegnen, nahm Bradley den Schlüssel, öffnete den Schrank und prüfte den Inhalt.

 

»Sie haben doch auch eine Garage?« fragte er, als er damit fertig war. »Von Ihrer Küche aus führt eine Tür direkt dorthin.«

 

»Ich will Ihnen gern den Weg zeigen«, sagte McGill höflich, erhob sich und ging voraus.

 

In der Küche sah Bradley den röhrenförmigen eisernen Ofen, der sich noch warm anfühlte. Er öffnete die Klappe und stocherte in der glimmenden Asche herum.

 

»Eine ganz praktische Einrichtung«, meinte er.

 

»Da haben Sie recht, hier verbrenne ich meine Liebesbriefe.«

 

Inspektor Bradleys Lippen zuckten. Er hatte Sinn für Humor, und diese Antwort machte ihm offensichtlich Spaß.

 

»Sind Sie denn ein solcher Don Juan?«

 

Bradley beobachtete Mark scharf, obgleich er sich einen Anschein von Gleichgültigkeit gab, als er weitersprach.

 

»Wer ist denn Ihre letzte Eroberung – doch nicht etwa Miss Perryman?«

 

Er sah, daß Mark die Stirn runzelte, und fühlte sich erleichtert. Bevor der andere antworten konnte, zeigte er auf die Tür, die zur Garage führte.

 

»Schließen Sie auf.«

 

Er folgte McGill die Stufen hinunter und wartete, bis er das Licht angedreht hatte. Dann schaute er sich um. Es war ein auffallendes Geräusch in dem Raum zu hören – das Rauschen von fließendem Wasser. Der Detektiv stellte sofort fest, woher es kam. Er entdeckte den eisernen Behälter, der die Form einer großen Zigarre hatte.

 

»Was ist denn das«, fragte er.

 

»Das ist eine neue Art von Kühlmaschine«, entgegnete Mark leichthin. »Ich stelle gern allerhand wissenschaftliche Versuche an.«

 

Bradley öffnete die Tür. Im Licht seiner Taschenlampe konnte er nur den Strahl des fließenden Wassers sehen. Schnell rollte er seinen Ärmel auf und langte mit der Hand hinein, bis er auf den Boden des eisernen Behälters kam, wo er den Ausguß fand. Es war eine runde Öffnung, durch die das Wasser abfloß.

 

»Haben Sie etwas gefunden?« fragte McGill höflich.

 

In einer Ecke der Garage stand ein großes Paket, das in braunes Papier eingewickelt war. Bradley riß es auf und hob eine kristallhelle Platte heraus. Sie war rund und zeigte in regelmäßigen Zwischenräumen Löcher, die die Größe eines Halbschillingstückes hatten. Er feuchtete seinen Finger an und prüfte den Geschmack.

 

»Salz!«

 

Er legte eine runde Scheibe in den Behälter. In einigen Sekunden hatte sie sich aufgelöst und war vollständig verschwunden.

 

»McGill, ich werde Ihnen Ihren schlauen Plan erzählen. Sie haben diese Öffnung mit einem runden Stück Salz oder Zucker verschlossen, dann haben Sie Ihre eingeschmuggelten Waren daraufgelegt und die Tür zugemacht. Bei der geringsten Gefahr lassen Sie das Wasser laufen – und das regulieren Sie natürlich oben mit dem Hebel an Ihrem Schreibtisch!«

 

Er nickte lächelnd und sah, daß McGill sich unbehaglich zu fühlen begann.

 

»Wenn Sie Polizeibesuch bekommen, legen Sie einfach den Hebel oben um, und das fließende Wasser wäscht dann alles Kokain oder was Sie sonst hier verbergen, weg. Bevor die Polizei hierherkommen kann, sind alle Beweise verschwunden. Die Sache ist ganz genial angelegt!«

 

Er klopfte McGill auf die Schulter.

 

»Versuchen Sie das nicht wieder – wenn ich das nächste Mal komme, werde ich die Garage zuerst durchsuchen, und das könnte dann sehr üble Folgen für Sie haben. Wo ist Miss Perryman?«

 

Er stellte die Frage so plötzlich, daß Mark in Bestürzung geriet.

 

»Miss Perryman wohnt nicht hier.«

 

»Aber Sie erwarten doch Nachricht von ihr? Sie haben doch auf sie gewartet?«

 

McGill lachte, aber es klang nicht sehr überzeugend.

 

»Wirklich, mein lieber Inspektor, Sie haben phantastische Ideen – woher haben Sie die bloß?«

 

»Sie erwarten Ann Perryman – aber da werden Sie wohl noch einige Zeit zu warten haben. Sie wurde heute nacht auf der Straße nach Oxford verhaftet!«

 

Nicht ein Muskel in Marks Gesicht rührte sich, und kein Zucken seiner Wimpern verriet, was in ihm vorging.

 

»Es tut mir leid, das zu hören – warum ist das geschehen?«

 

»Sie war im Besitz von verbotenen Rauschgiften.«

 

Unter gewöhnlichen Umständen wäre Mark sehr mißtrauisch gegenüber allen Äußerungen eines Polizeibeamten gewesen, aber im Augenblick hatte er die Fassung verloren und dachte nicht einmal an die Möglichkeit, daß Bradley ihn nur bluffen wollte.

 

»Ich weiß von der ganzen Sache nichts«, sagte er laut. »Wenn sie Rauschgift mit sich führt, so tut sie das ohne meine Kenntnis. Und wenn sie sagt, daß sie die Ware von mir hat, dann lügt sie – wo haben Sie denn das Zeug in ihrem Wagen gefunden?«

 

Kaum hatte er diese Worte ausgesprochen, als er einsah, wie unklug diese Äußerung war. Ann hatte das Paket doch sicher beim ersten Zeichen einer drohenden Gefahr weggeworfen. Und nun hatte er durch seine Unvorsichtigkeit dem Detektiv verraten, was selbst Ann nicht wußte – daß in ihrem Auto noch mehr versteckt war, als sie ahnte.

 

Kapitel 9

 

Kapitel 9

 

Um McGill gerecht zu werden, muß gesagt werden, daß er sich bemühte, die Gefahr, in der Ann so oft schwebte, auf ein Mindestmaß zu beschränken. In neun von zehn Fällen brachte sie nur ein unschuldiges Paket von gewöhnlichem Salz auf das Land. Die wirkliche »Fracht«, die sie transportierte, befand sich in einem besonderen Fach an der Seite des Wagens, das hinter der Lederpolsterung verborgen war.

 

Aber in dieser Nacht hatte sie eine gefährliche Ladung nach Oxford zu bringen. Er verließ sich jedoch auf ihre angeborene Klugheit. Als Bradley nun seine Wohnung durchsuchte, erinnerte sich Mark plötzlich mit Schrecken daran, daß er Ann vor einer Woche nach Birmingham geschickt hatte. In dem Geheimfach steckte eine große Menge Kokain.

 

Ann wurde an ihrem Ziel stets von einem Beauftragten McGills erwartet, der ihren Wagen in eine Garage brachte, und dort wurde ohne ihr Wissen der eigentliche Transport ausgeladen. Aber die Leute von Birmingham hatten anscheinend eine Entdeckung gefürchtet und waren nicht erschienen. Nach Anns Rückkehr hatten weder Mark noch sein Chauffeur das Kokain aus dem Wagen entfernt.

 

Mark hatte sich darüber keine großen Sorgen gemacht. Das Geheimfach war ein ebenso gutes Versteck wie der Behälter. Erst als Ann an diesem Abend abgefahren war, fiel ihm ein, daß seine Leute in Oxford das Kokain aus dem Fach nehmen und wahrscheinlich über die Menge erstaunt sein würden. Aber das war eine Sache, die man später leicht in Ordnung bringen konnte.

 

Er sah Bradleys forschenden Blick und zwang sich zu einem Lachen.

 

»Ich wollte eigentlich sagen –«, begann er.

 

»Sie wollten eigentlich sagen, daß Ann Perryman noch etwas in ihrem Wagen hatte – außer dem kleinen Paket, das sie ins Wasser warf.«

 

Marks Augenlider zuckten:

 

»Davon weiß ich nichts«, sagte er schnell. »Ich weiß auch gar nicht, warum sie etwas ins Wasser werfen sollte. Sie hat eine Fahrt nach Oxford gemacht – das stimmt. Wo ist sie denn jetzt?«

 

Bradley schwieg eine Weile.

 

»Sie ist jetzt auf der Cannon-Row-Polizeiwache. Ich vermute, daß Sie Bürgschaft stellen wollen, um sie auf freien Fuß zu setzen. Aber ich sage Ihnen ganz offen, daß ich mich dem mit allen Mitteln widersetzen werde. Ich habe mein Bestes versucht, die junge Dame zu retten – jetzt kann ich nichts mehr für sie tun.«

 

Er fuhr mit der Hand nachdenklich über das Kinn und schaute Mark scharf an.

 

»Sie hat nur eine Chance. Sie kommt frei, wenn sie Zeugnis gegen Sie ablegt, McGill. Wenn sie mich in dieser Weise unterstützt, will ich einen Strich unter all ihre Verfehlungen machen.«

 

Mark hatte erwartet, daß er heftig sprechen würde, aber sein Ton war fast milde im Vergleich zu seinen Drohungen. Mark erkannte als Menschenkenner, daß Bradley an ganz andere Dinge dachte, während er sprach.

 

Er begleitete die Beamten bis zur Haustür und stand auf dem Gehsteig, als der Polizeiwagen vorfuhr. Er blieb stehen, bis das Auto in der Richtung der Oxford Street verschwunden war.

 

*

 

Zu Marks Organisation gehörte ein Rechtsanwalt, der alles tat, was er von ihm verlangte. Mark hatte Mr. Durther, der früher nur seinen kümmerlichen Unterhalt an einem Polizeigericht in Süd-London erwarb, mit genügend Geld versehen und ihm eine ansehnliche Villa in einer Vorstadt eingerichtet; auch von seinen schlimmen Gewohnheiten hatte er ihn fast völlig geheilt.

 

Mark ging ins Haus zurück und rief diesen Mann an.

 

»Ich schicke meinen Wagen. Sie müssen sofort kommen.«

 

Um halb vier erschien Mr. Durther in McGills Wohnung. Er sah schmächtig aus und hatte eingefallene Wangen. Seine Hände zitterten.

 

»Also hören Sie zu«, begann Mark. »Meine Freundin ist von der Polizei verhaftet worden. Ich wünsche, daß Sie heute morgen zu ihr gehen und den besten Verteidiger engagieren, um ihr bei Gericht zu helfen. Sehen Sie auch zu, daß sie alles bekommt, was sie braucht. Wahrscheinlich wird der Fall heute morgen vor dem Polizeigericht von Süd-London verhandelt. Sagen Sie ihr, daß sie nichts zu fürchten hat, wenn sie ruhig ist und die Fragen nicht beantwortet, die an sie gestellt werden. Polizeiinspektor Bradley wird Himmel und Hölle in Bewegung setzen, daß sie verurteilt wird – das können Sie auch erwähnen.

 

»Was hat sie denn bei sich gehabt?« fragte Mr. Durther mit seiner zitternden Stimme.

 

»Koks. Ich weiß noch nicht genau, ob sie das Zeug überhaupt gefunden haben. Darauf müssen Sie vor allem achten. Sollte ihre Verhaftung tatsächlich aufrechterhalten werden, dann soll ihr Verteidiger sofort den Antrag stellen, daß sie gegen Bürgschaft auf freien Fuß gesetzt wird. Wenn nötig, stellen Sie sofort einen Beschwerdeantrag bei der höheren Instanz.«

 

Kapitel 3

 

Kapitel 3

 

Mark schloß das Fenster, trat zurück und drehte das Licht wieder an. Mit einem scharfen Blick musterte er das Zimmer, verkorkte schnell das Tintenfaß und stellte es beiseite. Dann zeigte er auf die Tür.

 

»Geh nach unten und laß sie herein!«

 

Das Klopfen ertönte lauter und dringlicher als zuvor.

 

»Warte noch einen Augenblick!« rief Mark, als Tiser schon in der Türöffnung stand. Mit größter Eile rollte er den Teppich zurück, riß die Falltür auf und leuchtete mit seiner Taschenlampe nach unten. Aber nur das schwarze Wasser gähnte ihm entgegen. Plötzlich fiel ihm seine Pistole ein; rasch warf er sie hinunter, wartete noch, bis er das Aufschlagen auf dem Wasser hörte, schloß dann die Tür und legte den Teppich wieder darüber.

 

»Laß sie jetzt herein!« sagte er kurz.

 

Bradley trat zuerst ein. Einer der vier Detektive, die ihm folgten, hatte eine Pistole in der Hand.

 

»Durchsuchen Sie die beiden«, befahl Bradley.

 

Mark hob sofort die Hände in die Höhe.

 

»Wo ist Ihr Schießeisen?« fragte der Detektiv, der schnell alle Taschen Marks abtastete.

 

»Wenn Sie damit eine Pistole meinen«, entgegnete McGill kühl, »dann verschwenden Sie nur unnötig Ihre Zeit. Darf ich mir aber die Frage erlauben, was dieses ganze Theater zu bedeuten hat?«

 

»Wo ist Li Yoseph?«

 

Mark zuckte die Schultern.

 

»Das möchte ich auch gerne wissen. Ich unterhielt mich noch vor kurzem mit ihm in der freundschaftlichsten Weise. Dann ging er fort, um noch einen Bekannten aufzusuchen. In zehn Minuten wollte er zurückkommen.«

 

Der Detektiv verzog verächtlich die Lippen.

 

»So, er wollte einen Bekannten aufsuchen? Wollte ihn wohl nach seinem Hund fragen, was?« Er zog die Luft prüfend durch die Nase ein und runzelte die Stirn. »Es riecht hier ganz verdächtig nach Kordit.«

 

Bradley ging zu dem kleinen Schlafraum, sah sich dort um, nahm die Violine und den Bogen und betrachtete sie nachdenklich.

 

»Sein Instrument hat er nicht mitgenommen, wie ich sehe.« Er nahm die Violine unters Kinn und spielte eine kurze Melodie. »Sie wußten wohl nicht, daß ich Geige spiele?« fragte er, als er sie wieder auf den Tisch legte.

 

»Ich weiß nur, daß Sie sich hier aufspielen wollen. Ihre künstlerische Veranlagung scheint sich irgendwie betätigen zu müssen«, erwiderte Mark bissig.

 

Bradley sah ihn scharf an.

 

»Sie müssen sich von dem Wahn freimachen, daß Sie hier als Volksredner vor einer großen Versammlung stehen, McGill. Sagen Sie mir lieber, wo ich Li Yoseph finden kann.«

 

Marks Gesicht wurde dunkelrot, offener Haß flammte aus seinen Blicken.

 

»Wenn Sie wissen wollen, warum ich hierher kam, dann werde ich es Ihnen sagen. Tiser und ich versuchen etwas Gutes in der Welt zu tun und den Leuten zu helfen, die Sie unterdrückt und zugrunde gerichtet haben, Bradley –«

 

Der Detektiv lächelte.

 

»Ach, ich kenne Ihre Herberge, wenn Sie dieses Heim für Obdachlose meinen«, entgegnete er trocken. »Das ist doch weiter nichts als ein Ihnen angenehmer Treffpunkt für Verbrecher, die Sie für Ihre Zwecke brauchen können. Eine geniale Idee. Ich habe gehört, daß Sie dort fromme Predigten halten, Tiser?«

 

Der Mann grinste nur furchtsam, er war noch nicht fähig zu sprechen.

 

»Sie wollen mir doch nicht etwa erzählen, daß Sie Li Yoseph aufsuchten, damit er Ihnen bei der Besserung der Sträflinge helfen sollte? Wenn Sie das –«

 

In diesem Augenblick wurde Bradley von einem Beamten dringend auf den Gang gerufen. Er ging sofort hin und sprach mit ihm. Mark McGill sah das Erstaunen in seinem Gesicht.

 

»Nun gut, sagen Sie Miss Perryman, daß sie hereinkommen kann.«

 

Ann Perryman trat langsam ein und schaute von einem zum andern.

 

»Wo ist Mr. Yoseph?«

 

»Dieselbe Frage habe ich eben auch gestellt«, erwiderte Bradley freundlich.

 

Sie beachtete ihn nicht und wiederholte ihre Frage.

 

»Ich weiß es nicht«, entgegnete Mark. »Vor einigen Minuten war er noch hier. Er ist aus irgendeinem Grund fortgegangen und bisher noch nicht wieder zurückgekommen.«

 

Ann fühlte plötzlich, wie jemand ihren Arm faßte und sie herumzog. Sie zitterte vor Entrüstung, als sie Inspektor Bradleys Blick begegnete.

 

»Miss Perryman, wollen Sie so liebenswürdig sein und mir sagen, warum Sie jetzt hierherkamen? Ich frage Sie in meiner Eigenschaft als Polizeibeamter.«

 

»Ich kam, weil er mir schrieb, daß ich ihn besuchen solle«, erwiderte sie atemlos.

 

»Bitte, zeigen Sie mir seine Mitteilung.«

 

Tiser starrte sie mit offenem Mund an; auch Mark McGills Züge verrieten ungewöhnliche Bestürzung.

 

Ann Perryman zögerte, dann riß sie mit einer hastigen Bewegung ihre Handtasche auf und zog ein Blatt Papier hervor. Bradley las die beiden schnell hingeworfenen Zeilen:

 

»Ich muß Sie um zehn Uhr sehen. Es ist äußerst dringend.«

 

»Wo ist der Briefumschlag?«

 

»Den habe ich weggeworfen.« Sie atmete schnell, und ihre Stimme zitterte; aber Bradley wußte, daß nicht Furcht die Ursache ihrer Erregung war.

 

»Der Brief wurde Ihnen wohl durch einen Boten überbracht? Li hatte zuerst die Absicht, ihn durch die Polizei zu schicken. Er wollte Sie morgen abend sehen – ich hatte auch eine Verabredung mit ihm für dieselbe Zeit«, warf Mark ein.

 

Bradley sah ihn durchbohrend an, aber McGill hielt den Blick aus.

 

»Wollen Sie mir bitte erklären, was dies alles zu bedeuten hat?« fragte Ann.

 

Mühsam hatte sie ihre Selbstbeherrschung wiedererlangt.

 

»Was das bedeutet?« erwiderte Bradley kühl. »Die Fliegende Kolonne ist hier – oder wenigstens eine Abteilung von ihr. Ich kam hierher, um Li Yoseph in Schutzhaft zu nehmen, bevor ihm etwas zustoßen konnte. Er wollte mir heute einen Brief schicken, und ich nahm an, daß er denselben Boten benützen würde, den er Ihnen gesandt hat. Ich verrate kein Dienstgeheimnis, wenn ich Ihnen sage, daß ich um Li Yoseph ernstlich besorgt war und ihn in Sicherheit bringen wollte, bevor ihn dasselbe Schicksal erreicht wie Ihren Bruder.«

 

Ann Perrymans Lippen zitterten, aber wieder gelang es ihr, sich zu beherrschen.

 

»Sie meinen, bevor er durch die Hand von Polizeibeamten umgebracht wurde?« sagte sie leise, beinahe flüsternd. »Auf diese Weise ist mein Bruder ums Leben gekommen – wollten sie mit Li Yoseph auf dieselbe Weise verfahren? Als Sie mich vorhin am Arm packten und herumrissen, als ob ich eine Ihrer Gefangenen wäre, erkannte ich, was für ein brutaler Mensch Sie sind!«

 

»Wer hat Ihnen denn gesagt, daß ich Ihren Bruder getötet habe?«

 

»Li Yoseph.«

 

Auf diese Antwort war Bradley nicht gefaßt.

 

»Das ist das Unglaublichste, was ich je gehört habe«, sagte er langsam. Dann war er plötzlich wieder der sachliche Beamte und sprach ganz geschäftsmäßig. »Es ist möglich, daß ich Sie, McGill und Tiser, heute abend noch einmal sehen muß. Inzwischen können Sie nach Hause gehen. Miss Perryman, mit Ihnen werde ich morgen früh sprechen. Jetzt werde ich Sie nach Hause bringen.«

 

»Ich brauche Ihre Begleitung nicht – ich gehe mit Mr. McGill.«

 

»Sie gehen mit mir«, erwiderte er bestimmt. »Ich will wenigstens die Genugtuung haben, Sie einen Abend lang vor schlechter Gesellschaft bewahrt zu haben.«

 

»Was soll das heißen, Bradley?« rief McGill zornig. »Was wollen Sie von mir? Ich habe nun allmählich genug von Ihren Andeutungen und dunklen Bemerkungen. Stehen Sie mir jetzt Rede und Antwort!«

 

Bradley winkte einen seiner Leute heran.

 

»Begleiten Sie Miss Perryman zu meinem Wagen!«

 

Einen Augenblick sah sie ihn trotzig an, dann drehte sie sich um und folgte dem Detektiv die Treppe hinunter. Nachdem sie gegangen war, wandte sich Bradley an McGill.

 

»Ich will Ihnen sagen, was ich gegen Sie habe. Im ganzen Land ist in letzter Zeit ein starkes Anwachsen von Gewaltverbrechen wahrzunehmen. Vorige Woche wurde in der Oxley Road ein Polizist erschossen, und als jene Bande bei den Juwelieren Isligton einbrach und auf frischer Tat überrascht wurde, haben die Leute durch eine regelrechte Schießerei ihren Rückzug gedeckt. Das ist ungewöhnlich. Sie wissen doch, daß der englische Verbrecher keine Schußwaffe bei sich trägt. Eine neue Generation von Revolverhelden ist im Land aufgetaucht – und deshalb bin ich empört über Sie.«

 

»Wollen Sie damit sagen, daß ich Schießstände eingerichtet habe, wo ich den Verbrechern das Knallen beibringe?«

 

Bradley nickte langsam.

 

»Ja, das meine ich. Sie benützen die schlimmste Methode, um die Leute zu solchen teuflischen Taten zu treiben. Jeder, der die Geschichte der amerikanischen Verbrecherbanden kennt, weiß, was jetzt in England vorgeht. Sie haben einen neuen Weg gefunden, den Verbrechern Rauschgifte zu liefern! Aber wenn ich Sie fasse, dann werde ich Sie auch ganz zur Strecke bringen. Zwanzig Jahre werden nach Ihrer Verurteilung vergehen, bevor Sie wieder aus Dartmoor herauskommen.« Er trat näher an McGill heran. »Und ich werde Ihnen noch etwas anderes sagen. Ich weiß nicht, was Sie mit Miss Perryman im Sinn haben, aber denken Sie daran, daß ich sie bewachen werde wie eine Katze die Maus. Und wenn Sie etwas Böses im Schilde führen, dann werde ich schon Mittel und Wege finden, Sie einzusperren – auch ohne Beweise.«

 

Kapitel 4

 

Kapitel 4

 

Während der Fahrt zur Stadt stellte Bradley seine Fragen klug und geschickt, und Ann Perryman wußte wohl kaum, daß sie einem Kreuzverhör unterworfen war.

 

Am nächsten Morgen hatte sie in ihrem Wohnzimmer im Hotel eine Unterredung mit Bradley; er hatte sich vorher telefonisch mit ihr in Verbindung gesetzt. Als er dann bei ihr erschien, war sie gesammelt und ruhig. Sie sah ihn unverwandt an, während er sprach, und in dem Blick ihrer Augen las er Haß gegen sich und seinen Beruf.

 

»Wir haben noch keine Spur von Li Yoseph gefunden, aber ich hoffe, daß wir ihn noch entdecken werden, wenn er nicht beiseite geschafft worden ist. Er besaß ein kleines Motorboot, das unten an seinem Haus befestigt war. Dieses Boot wurde von der Strompolizei leer auf der Themse gefunden.«

 

Sie betrachtete ihn mit kalten Blicken. Unter gewöhnlichen Umständen hätte sie ihn wohl für einen hübschen jungen Mann gehalten; er hatte intelligente Züge und große, ausdrucksvolle Augen. Es war seine Angewohnheit, die Menschen häufig durch halbgeschlossene Augenlider zu beobachten. Er lachte häufig; aber seine Lippen zuckten schmerzlich, als er von den armen Leuten sprach, die in Li Yosephs Nachbarschaft wohnten. Er sah gepflegt aus, hatte die Gestalt eines Athleten und schöne, wohlgeformte Hände, die er auf die Tischplatte legte – sie hatte ihm keinen Platz angeboten. Ihr Haß gegen ihn wuchs mehr und mehr, als sie seine anziehenden Eigenschaften erkannte.

 

»Es ist überflüssig, Theorien aufzustellen, Mr. Bradley«, sagte sie ruhig. »Li Yoseph wurde wahrscheinlich von Polizeibeamten getötet – genau wie der arme Ronnie!«

 

Ihre Behauptung war so lächerlich und aus der Luft gegriffen, daß Bradley, der Mutterwitz besaß und gewöhnlich sehr schlagfertig war, keine Antwort fand.

 

»Er wurde einfach mit einem Polizeiknüppel niedergeschlagen, weil er Ihnen nicht sagen wollte, was Sie gerne gewußt hätten. Warum sollte denn Li Yoseph entkommen? Er war ein Zeuge, der den Mord an Ronnie gesehen hatte.«

 

Bradley sah sie scharf an.

 

»Sie haben sich aufhetzen lassen. Wissen Sie eigentlich, welche Tätigkeit Ihr Bruder hatte, warum er so eng mit Li Yoseph befreundet war?«

 

Sie antwortete ihm nicht.

 

»Ich möchte Ihnen so gerne helfen.«

 

Er lehnte sich über den Tisch; seine Stimme klang sanft und eindringlich.

 

»Soviel ich weiß, sind Sie Lehrerin an einer Pariser Schule, und ich hoffe, daß Sie versuchen werden, all diese schrecklichen Ereignisse zu vergessen, wenn Sie dorthin zurückkehren. Ich habe Ihren Bruder gern gehabt, in gewissem Sinn war er sogar mein Freund. Ich war wohl einer der letzten, mit denen er vor seinem Tod sprach.«

 

Er sah, wie sie die Lippen unwillig zusammenzog, und schüttelte den Kopf.

 

»Das Unglück muß Sie so schwer getroffen haben, daß Sie im Augenblick nicht klar denken können. Warum sollte die Polizei ihm denn etwas getan haben? Und warum sollte denn gerade ich sein Mörder sein? Ich hätte mir die größte Mühe gegeben, wenn ich ihm hätte helfen können. Ich kenne seine ganze Vergangenheit, und ich weiß auch, wie wankelmütig er war …«

 

»Ich glaube, wir können diese Unterredung beenden. Ob ich nach Paris zurückgehe oder nicht, ist meine eigene Angelegenheit. Ich weiß, daß Sie ihn haßten – und ich glaube, daß Sie ihn getötet haben. Alle Nachbarn Li Yosephs sind davon überzeugt, daß Ronnie von Polizeibeamten getötet wurde. Ich will nicht behaupten, daß man ihn mit Vorsatz ermordete, aber er starb von Ihrer Hand.«

 

Er machte eine verzweifelte Handbewegung.

 

»Darf ich später einmal mit Ihnen sprechen, wenn Sie die erste Aufregung überwunden haben?«

 

»Ich will Sie nie wieder sehen«, brauste sie auf. »Ich hasse Sie und Menschen Ihres Schlages! Sie sind so freundlich und können so aalglatt reden, und dabei sind Sie doch so heimtückisch und gemein. Alle Polizeibeamten sind Lügner, die ihre Schlechtigkeit durch Meineide beschönigen und ihre Fehler durch die Verfolgung unschuldiger Zeugen verbergen. Sie haben sich einen abscheulichen Beruf ausgesucht.«

 

Er wollte noch etwas erwidern, hielt es aber für besser zu schweigen, nahm mit einem leichten Lächeln seinen Hut auf und verließ den Raum.

 

Später bereute Ann ihre Heftigkeit, aber gleich darauf verachtete sie sich wieder selbst wegen dieser Schwäche. Dieser Mann hatte ihren Bruder ermordet …

 

Und in dieser Überzeugung stand sie nicht allein. Die Leute in der Gegend von Lady’s Stairs hatten ihre eigenen Ansichten, die durch das bestärkt wurden, was sie mit ihren Augen sahen. Sie wußten, daß Ronnie Li Yoseph öfters besuchte. Auch hatten sie gesehen, daß die Beamten um ein Uhr nachts in Li Yosephs Haus eindrangen. Ein Mann hatte sogar gehört, daß Bradley, der Führer der Fliegenden Kolonne, sagte: »Ich will die Wahrheit aus diesem Jungen herausbekommen, und wenn ich ihm den Schädel einschlagen müßte!«

 

Niemand glaubte daran, daß der alte Li Ronnie ermordet hatte, dieser Gedanke war nicht einmal den Polizeibeamten gekommen. Sie sagten nur, daß Li verschwunden war. Es stellte sich heraus, daß in jener Nacht ein großer holländischer Dampfer während der Flut die Themse hinuntergefahren war, und man nahm an, daß Li auf diesem Schiff Zuflucht gesucht hatte.

 

Li Yosephs Haus wurde abgesperrt; die Schlüssel deponierte man bei einem Hausagenten. Der alte Mann hatte seiner Bank ein für allemal den Auftrag gegeben, seine Hausmiete zu zahlen; er blieb deshalb theoretisch Inhaber der Wohnung, obwohl die Räume leerstanden.

 

Eine Stunde nach Bradleys Besuch kam Mark McGill zu Ann. Er war sehr frei und offen, obgleich er nicht wußte, was Bradley ihr gesagt und welche Geheimnisse er ihr anvertraut hatte. Im Augenblick sah er nur, daß Miss Ann überraschend schön war und vielleicht das brauchbarste Mitglied seiner Organisation werden würde.

 

»Ich will nichts vor Ihnen beschönigen oder verbergen, Miss Perryman. Ich sagte Ihnen schon, daß ich seit Jahren vom Schmuggel lebe – und Ronnie war mein bester Kamerad. Tiser kann ich nur bis zu einem gewissen Grad trauen, denn er trinkt und ist unzuverlässig. Ich selbst will mich nicht als Heiligen ausgeben, aber Sie wissen ja, wie die Gesetze gemacht sind. Wenn sich jemand gegen das Eigentum der besitzenden Klasse vergeht, wird er schrecklich bestraft, wenn aber ein Schuft seine Frau halbtot prügelt, bekommt er höchstens drei Monate dafür. Nimmt er dagegen ein paar Schillinge aus einer Ladenkasse, oder stiehlt er einem schwerreichen Mann ein paar hundert Pfund, dann kann er froh sein, wenn er mit einem Jahr Gefängnis davonkommt.«

 

Ann sah all diese Dinge plötzlich in einem neuen Licht; sie erschienen ihr nicht mehr so verdammenswert, im Gegenteil, es lag eine gewisse Romantik darin. Mark beobachtete sie, während er sprach, und sah, daß ihre Augen aufleuchteten. Seine Worte hatten Eindruck auf sie gemacht.

 

Auf vielen Waren lastet hoher Zoll – z. B. auf Sacharin, für das pro Unze dreieinhalb Schilling gezahlt wurden. Mark und Ronnie hatten mehr als zehntausend Unzen wöchentlich geschmuggelt. Bei dieser Menge blieben ihnen fast tausend Pfund Verdienst. Sie schmuggelten aber auch noch andere Waren und betrieben einige Nebengeschäfte. Ronnie hatte ihr früher davon erzählt, und jetzt war sie mit dieser Art »Verbrechen« ausgesöhnt. Ihrer Meinung nach war das keine entehrende Gesetzesübertretung. Mit Ausnahme der Regierung wurde niemand geschädigt; die armen Leute dagegen hatten Vorteile davon, denn sie konnten billig kaufen.

 

»Natürlich will ich nicht, daß der Tod des armen Ronnie Ihre Entscheidung irgendwie beeinflußt. Wenn Sie Ihre Absicht geändert haben und nicht zu uns kommen wollen …«

 

Aber sie unterbrach ihn und schüttelte heftig den Kopf. Mark las in ihren Augen feste Entschlossenheit, als sie ihm mitteilte, daß Bradley sie einfach nach Paris hatte zurückschicken wollen.

 

»Ich habe meine Absicht in keiner Weise geändert«, sagte sie.

 

An diesem Tag wurde Ann in McGills Organisation aufgenommen.

 

Merkwürdigerweise dachte sie nicht mehr an Li Yoseph und sein geheimnisvolles Verschwinden. Um so mehr beschäftigte sich aber Bradley mit diesem Fall, und tagelang durchforschten Polizeibeamte in Booten die sumpfigen Gewässer der Bucht. Mit langen Bootshaken stießen sie durch den Schlamm und suchten nach Li Yoseph, der früher hier so friedlich am Fenster gesessen oder Geige gespielt hatte.

 

*

 

Es war nicht ganz ein Jahr später, am Abend eines Vorfrühlingstages …

 

Von weither drang das Geräusch eines Flugzeugs zu Ann Perryman. Sie klappte ihr Buch zu und erhob sich von dem Trittbrett des kleinen, eleganten Autos, auf dem sie gesessen hatte. Schnell warf sie einen Blick auf ihre Armbanduhr – es war sieben Uhr fünfundvierzig. Der Pilot war pünktlich, fast auf die Sekunde.

 

Sie öffnete den Wagenschlag, nahm ein Fernglas heraus, trat aus dem Gebüsch, das ihren Wagen vor Sicht schützte, und suchte den Himmel ab. Gleich darauf entdeckte sie die niedergehende Maschine, der Motor war schon abgestellt, er war nicht mehr zu hören.

 

Schnell ging sie zu dem Auto zurück, griff ins Innere und setzte einen Hebel am Schaltbrett in Bewegung. Das schwarze Dach des Wagens bestand aus schmalen Streifen, und als sie nun an dem Handgriff zog, drehten sich die einzelnen Teile wie bei einer Fensterjalousie. Die Unterseite war mit Spiegelglas belegt, das in den letzten Strahlen der untergehenden Sonne aufleuchtete. Dreimal bewegte sie den Griff, und dreimal öffnete und schloß sich das Dach des Autos. Dann öffnete sie es noch einmal, ließ die Spiegelfläche nach oben stehen und lief wieder ins Freie, um die Bewegungen des Flugzeuges zu beobachten.

 

Der Pilot hatte ihr Zeichen gesehen. Seine Signallampe blinkte mehrere Male auf, und er kam direkt auf ihren Halteplatz zu. Aus nächster Entfernung hörte sie, daß er den Motor wieder angestellt hatte.

 

Er war kaum zwanzig Meter vom Boden entfernt, als er ein Paket abwarf. Der kleine, seidene Fallschirm öffnete sich und bremste den Fall. Trotzdem schlug das Holzkistchen ziemlich schwer auf dem Boden auf. Kaum hatte sie gesehen, wo die Ladung abgeworfen war, als das Flugzeug wieder steil anstieg.

 

Ann wartete nicht, bis es außer Sicht war, sondern eilte zu dem Paket, hob es auf, brachte es zu dem Wagen und legte es mit dem zusammengefalteten Fallschirm in einen Hohlraum unter ihrem Sitz. Die Kiste war nicht schwer. McGill ließ nicht zu, daß sie die schweren Ladungen abholte; er überließ ihr nur die leichten Pakete, die ungehindert von der See her durch Flugzeuge ins Land gebracht wurden.

 

Nach einer ermüdenden Fahrt auf holprigem Grund erreichte Ann endlich die Hauptstraße. Erleichtert nahm sie die Richtung nach Norden und fuhr im schärfsten Tempo nach London. Ann Perryman fuhr leidenschaftlich gern mit höchster Geschwindigkeit. Es war ihr größtes Vergnügen, am Steuer zu sitzen und mit Genugtuung festzustellen, daß der Geschwindigkeitsmesser immer höher kletterte.

 

Als sie nach Kingston Hill kam, verlangsamte sie das Tempo. Ein Polizist rief ihr etwas zu, und sie drehte ihre Scheinwerfer an, obgleich es noch nicht sehr dunkel war. Der Mann hatte eigentlich kein Recht dazu, diese Anordnung zu geben, und handelte etwas eigenmächtig im Bewußtsein seiner Autorität.

 

Noch vor einem Jahr würde sie über eine derartige Aufforderung gelacht haben und ihr nicht nachgekommen sein. Im Gegenteil, damals machte es ihr das größte Vergnügen, den Anordnungen dieser unbedeutenden Beamten zu trotzen. Aber Mark hatte darauf bestanden, daß sie sich in all diesen kleinen Dingen den Vertretern des Gesetzes gefügig unterwarf. Sie haßte alle Polizisten. Der Anblick eines weißen Arms mit einem Handschuh, der ihr an einer Straßenkreuzung Halt gebot, trieb ihr das Blut in die Wangen.

 

Wieder verlangsamte sie die Fahrt, als die Lichter von Hammersmith Broadway in Sicht kamen. Hier traf sie auf einen lebhaften Wagenverkehr und suchte ihren Weg mühsam zwischen einem schweren Lastwagen und einem Autobus. Schließlich mußte sie neben dem Gehsteig anhalten. Als sie nach rechts schaute, sah sie einen Herrn in der Nähe stehen und schrak zurück. Aber die hellen Lampen eines Kolonialwarenladens beleuchteten grell ihr Gesicht, und es war unmöglich, der Beobachtung dieses Mannes zu entgehen.

 

Seine Haltung war charakteristisch. Die Hände hatte er tief in die Hosentaschen gesteckt, Schultern und Kopf waren vornübergeneigt. Obwohl das scharfgeschnittene, braune Gesicht im Schatten war, konnte man doch aus der Haltung erraten, daß seine Gedanken weit von Hammersmith Broadway entfernt weilten. Zuerst gab er nicht zu erkennen, daß er sie gesehen hatte. Sie wandte rasch den Kopf und schaute krampfhaft nach dem Lastwagen, der auf der anderen Seite hielt. Aber sie sah doch, wie er auf sie zukam. Gleich darauf stützte er die Ellbogen auf den unteren Rand ihres offenen Fensters.

 

»Haben Sie eine Spazierfahrt gemacht, Miss Perryman?« Sie haßte ihn, sie haßte seine gedehnte Sprache, sein ganzes Wesen, seinen Beruf. Mark sprach immer von Zweckmäßigkeit, aber die Bekanntschaft mit diesem Mann hatte sie nach ihrem eigenen Willen gepflegt. Überlegt und kaltblütig hatte sie damals eine zweite und dritte Begegnung mit ihm herbeigeführt und hatte ihn später noch viele Male getroffen. Noch empfand sie heftigen Schmerz über den Tod ihres Bruders, aber sie spielte ihre Rolle gut. Mit vielen Worten hatte sie sich wegen der Beleidigung bei ihm entschuldigt, die sie ihm damals zugefügt hatte. Er konnte nicht ahnen, welchen Haß sie gegen ihn im Herzen trug.

 

»Ach, Mr. Bradley! Ich hatte Sie gar nicht gesehen.«

 

»Die Leute pflegen mich auch selten zu sehen, wenn sie nach der entgegengesetzten Richtung schauen«, sagte er.

 

Sie glaubte, daß seine Blicke das Innere des Wagens absuchten.

 

»Sind Sie ganz allein? Das ist großartig. Wenn ich von mir sprechen darf, so liebe ich es auch, mich nur mit mir selbst zu unterhalten. Vielleicht fühlen Sie ähnlich.«

 

Er sah, daß der Verkehrspolizist den Weg freigab.

 

»Fahren Sie zufällig in die Nähe der Marble Arch? – Wissen Sie, ich spare immer das Geld für den Autobus, deshalb hält man mich für einen Schotten.«

 

Sie zögerte. Es war unerträglich, ihn neben sich zu wissen, aber Mark hatte gesagt …

 

»Bitte steigen Sie ein. Ich fahre dort vorbei.«

 

Er stieg rasch in den Wagen und setzte sich neben sie.

 

»Sicher trägt das zu meinem guten Ruf bei«, sagte er scherzend. »Wenn meine Vorgesetzten sehen könnten, daß ich in so guter Gesellschaft fahre, würde ich nächste Woche befördert werden.«

 

Sie konnte seine sarkastische Art kaum ertragen; sie haßte ihn um so mehr, als sie überzeugt war, daß er sich innerlich über sie lustig machte. Gewiß kannte er die Rolle, die sie in Mark McGills Organisation spielte. Und doch schien er eher belustigt als empört darüber zu sein. Das väterliche Wohlwollen in seinem Ton war unausstehlich.

 

Sie preßte die Lippen zusammen, als ihr Wagen jetzt schneller zwischen einem Gewirr von Lastwagen, Straßenbahnen und anderen Fuhrwerken nach Sheperds Bush fuhr.

 

»Geht es Mr. McGill gut?« fragte er höflich, fast achtungsvoll.

 

»Ich weiß sehr wenig von Mr. McGill«, sagte sie ablehnend. »Ich sehe ihn nur gelegentlich.«

 

»Natürlich«, sagte er halblaut. »Wenn man in demselben Haus wohnt, sieht man ja nicht viel voneinander. Wie geht es denn mit dem Heim, das er unterhält? Den Mann muß man wirklich einen Wohltäter der Menschheit nennen. Wenn ich nicht zufällig Detektiv wäre, so möchte ich am liebsten ein reicher Bankier sein und Geld wegschenken.«

 

Sie ermunterte ihn nicht, das Gespräch fortzusetzen, aber Bradley kümmerte sich nicht darum.

 

»Möchten Sie nicht heute abend ins Theater gehen, Miss Perryman?«

 

»Nein.«

 

»Oder wollen Sie gern einmal auswärts speisen?«

 

Mark hatte ihr gesagt, daß er sie diesen Abend vielleicht brauchen werde.

 

»Sie wollen mich wohl zum Essen einladen?« fragte sie ironisch.

 

»In gewissem Sinne, ja.«

 

Zum zweiten Male beobachtete sie, daß er nach rückwärts in das Innere des Wagens schaute. Er war schweigsam, bis sie in der Nähe des Marble Arch hielt.

 

»Ich danke Ihnen vielmals für die Fahrt, Miss Perryman«, sagte er, als er ausgestiegen war. Er wollte noch ein wenig neben dem Wagen stehenbleiben und mit ihr sprechen, aber bevor er zu Wort kam, war sie schon davongefahren.

 

Mark beschäftigte einen Mechaniker, der zu gleicher Zeit auch Fahrer war, um das Auto zu betreuen. Der Mann hinkte und wohnte über der Garage. Als Ann die Hinterstraße entlangfuhr, stand er schon vor der Tür und wartete auf sie.

 

»Guten Abend, Miss – Sie kommen heute etwas spät.«

 

Sie lächelte über seine Besorgnis. Mark McGill suchte seine Angestellten an sonderbaren Stellen. Diesen Fahrer hatte er aus seinem Heim für Obdachlose geholt.

 

»Es ist schon gut, Manford – ich hatte einen Passagier, mit dem ich nicht so schnell fahren konnte.«

 

In diesem Augenblick fuhr ein Taxi vorbei und bog nach Cavendish Square ein. Als sie jetzt selbst auf den Platz hinaustrat, sah sie, daß der Wagen hielt. Der Passagier war ausgestiegen und stand auf dem Gehsteig. Als sie vorüberging, schaute sie ihn flüchtig von der Seite an.

 

Hatte sie ihn schon einmal gesehen? Er kam ihr irgendwie bekannt vor. Er stand reglos und schweigsam da. Als sie die Treppe zu ihrer Wohnung emporstieg und zurückblickte, stand er noch an derselben Stelle, und sie bildete sich ein, daß er sie beobachtete.

 

Sie wußte, daß Mark zu Hause war. Im Vorraum brannten zwei Lampen, die man von der Straße aus durch das Fenster über der Tür sehen konnte.

 

Ann schloß auf und trat in das Wohnzimmer ein. Mark saß am Kamin, in dem ein kleines Feuer brannte, und las die Abendzeitung.

 

Sie hatte Mark vielfach auf die Probe gestellt, und er hatte sie nicht enttäuscht. Seine Zuneigung war von brüderlich-kameradschaftlicher Art.

 

»Zurück? Das Geschäft hat also geklappt! Fein, daß Sie den Flieger getroffen haben. Er ist ein tüchtiger Kerl. Früher war er einer der besten Flieger in der französischen Armee.«

 

Ann hatte ihre Kappe abgenommen und ordnete ihr Haar.

 

»Ich hatte einen Passagier von Hammersmith bis nach Marble Arch … Raten Sie mal, wen – dreimal dürfen Sie raten.«

 

Er schüttelte den Kopf, langte nach dem Silberkasten, der auf dem Tisch stand, und nahm sich eine Zigarre.

 

»Ich bin zu müde, um zu raten, außerdem kenne ich Ihre Freundinnen zu wenig.«

 

»Versuchen Sie es doch!«

 

McGill seufzte und setzte sich bequem in seinem Sessel zurecht.

 

»Rätselraten liegt mir nicht besonders – aber sicher ist es irgendeine interessante Persönlichkeit gewesen, dessen bin ich sicher.«

 

»Es war Polizeiinspektor Bradley.«

 

Nun war er doch etwas betroffen.

 

»Bradley? Was wollte er denn von Ihnen? Hat er Sie angehalten? Wollte er den Wagen durchsuchen? Wo war denn die Ware?«

 

»Er bat mich, ihn nach der Stadt mitzunehmen. Ich konnte ihn nicht gut abweisen. Er hat sich auch nach Ihnen erkundigt.«

 

Mark kniff die Augen zusammen.

 

»Ein komischer Kerl!« sagte er dann lächelnd, aber er fühlte sich unbehaglich.

 

Sie trat wieder vor den Spiegel und ordnete ihr Haar aufs neue mit einem kleinen, goldenen Kamm.

 

Er konnte ihr hübsches, ovales Gesicht sehen, ihre roten Lippen, die großen, grauen Augen und das rötlichgolden schimmernde Haar.

 

»Jedesmal, wenn ich mich im Spiegel betrachte, denke ich, daß meine Haare zu auffallend sind und mich verraten könnten. Es ist wohl das beste, wenn ich sie schwarz färben lasse.«

 

Mark antwortete nicht, und sie schwiegen beide kurze Zeit. Als sie wieder sprach, betrachtete er stirnrunzelnd das Teppichmuster.

 

»Manchmal brauche ich viel Unterstützung, um einen Entschluß zu fassen. Ich hatte eigentlich heute Bradley gegenüber nicht mehr das alte Gefühl, als er neben mir saß. Er hätte mir doch eigentlich unerträglich sein müssen, und doch war es nicht so. Es ist nicht leicht, alten Haß neu aufzustacheln. Ich sagte mir immer wieder: Neben dir sitzt der Mann, der Ronnie umgebracht hat – aber war er es denn wirklich? Vielleicht war es einer von den anderen Leuten, vielleicht dieser gräßliche Simmonds.«

 

»Bradley hat ihn wirklich auf dem Gewissen.« Mark starrte immer noch auf den Teppich. »Auch an dem Tod des alten Li wird er schuldig sein.«

 

Langsam erhob er sich und ging mit verschränkten Armen im Zimmer auf und ab. Ein unmutiger Ausdruck lag auf seinem Gesicht.

 

»Ich spreche nicht gern über Ronnie, aber Sie haben im vergangenen Monat nun schon zweimal davon angefangen. Wie sich die Sache genau zugetragen hat, weiß niemand.«

 

Er blieb vor dem Schreibtisch stehen, schloß eine Schublade auf, nahm einen Umschlag heraus und schüttelte den Inhalt auf die Schreibunterlage. Dann suchte er in den Papieren umher, zog schließlich einen Zeitungsabschnitt hervor und ging zum Kamin, weil dort die Beleuchtung besser war.

 

»Ich habe Ihnen das noch nicht gezeigt – es ist ein Ausschnitt aus dem South Eastern Herald, der einen Bericht über die Vorgänge gibt.«

 

Er las ihr vor:

 

»›In den frühen Morgenstunden des vergangenen Mittwoch hat die Fliegende Kolonne unter Führung von Inspektor Bradley Lady’s Stairs einen Besuch abgestattet. Das alte, baufällige Haus wird von Elijah Yoseph, einem holländischen oder russischen Mann, bewohnt. Man nimmt an, daß das Vorgehen der Polizei auf eine Anzeige der Zollbehörde zurückzuführen ist. Es sollen gewisse zweifelhafte Waren in das Land eingeschmuggelt und in der Wohnung Li Yosephs versteckt worden sein. Als die Polizei in Lady’s Stairs ankam, fand sie das Haus leer, aber das Wohnzimmer war vollständig in Unordnung, und die Beamten hatten den Eindruck, daß hier ein Kampf stattgefunden hatte. Auf dem Brett vor dem Fenster, das nach dem Wasser führt, fanden sich Blutflecken, ebenso auf dem Fußboden, ungefähr einen Meter von dem offenen Fenster entfernt. Die Polizei suchte die Ufer der Bucht ab, und man fand die Leiche eines Mannes, den man später als Ronald Perryman, 904 Brook Street, identifizieren konnte. Die Untersuchung ergab, daß er mit einem stumpfen Gegenstand niedergeschlagen worden war. In Scotland Yard hat man verschiedene Anhaltspunkte, die zu einer Verhaftung führen können. Inhaber von benachbarten Garagen, die in der fraglichen Nacht den Wagen eines Fremden einstellten, werden gebeten, sich umgehend mit Scotland Yard in Verbindung zu setzen. Es ist ein Wagen gesehen worden, der nach dem Mord aus der Meadow Lane abfuhr.‹

 

Dieser Zeitungsausschnitt gibt natürlich den Polizeibericht wieder«, sagte Mark und faltete das Papier zusammen. »Der meinige lautet etwas anders. Li Yosephs Wohnung war tatsächlich eine Schmuggelhöhle. Wir haben mehrere Male größere Geschäfte mit ihm gemacht, und Ronnie war gewöhnlich der Verbindungsmann zwischen ihm und mir. Der alte Mann hatte Ihren Bruder recht gern. An dem fraglichen Abend hatte ich Ronnie zu einem Dampfer geschickt, um wegen einer größeren Menge Tabak zu verhandeln. Es steht nun fest, daß die Polizei davon erfahren haben muß und ihm auf dem Fluß auflauerte.«

 

»Was ist denn aber aus Li Yoseph geworden?« fragte sie.

 

»Das mag der Himmel wissen. Wahrscheinlich hat er Angst bekommen und ist außer Landes gegangen. Er hatte Abmachungen mit fast allen Kapitänen der holländischen und deutschen Schiffe, die die Themse hinunterfahren. Und mit seinem kleinen Boot war es ihm leicht, zum Dampfer zu kommen. Ja, die Polizei hat Ronnie auf dem Fluß überrascht – dabei kam es zu einem Handgemenge, und jemand hat ihn mit dem Knüppel niedergeschlagen. Der Schlag muß sehr unglücklich gewesen sein, und um die Sache zu vertuschen, haben sie eben diese Geschichte erfunden. Da wird von einem Fremden geredet, der mit seinem Auto dorthin kam. Wir haben uns aber genau erkundigt, es ist niemand dort gesehen worden. Die ganze Geschichte ist nicht wahr.«

 

»Haben Sie versucht, Li Yoseph wieder aufzufinden?«

 

Mark zögerte einen Augenblick mit der Antwort.

 

»Ja, ich habe einen Mann nach Litauen und nach Holland geschickt, um Nachforschungen anzustellen – Li Yoseph ist tot. Er ist in Utrecht gestorben. Außer Ihnen und mir weiß es niemand.«

 

Er sah einen seltsamen Ausdruck in ihren Augen und glaubte einen Augenblick lang, daß sie ihm nicht mehr traute. Ob sie von den wahren Vorgängen in Lady’s Stairs erfahren hatte?

 

»Wie sah eigentlich Li Yoseph aus? Können Sie mir einmal seine Kleidung beschreiben?«

 

»Aber Sie haben ihn doch selbst gesehen – erinnern Sie sich nicht mehr an ihn? Er war etwa sechzig Jahre alt, groß, ging etwas gebückt und trug einen grauen Backenbart. Sommer und Winter war seine Kleidung stets die gleiche – ein langer, schwarzer Kaftan, der bis zum Hals zugeknöpft war, und eine russische Pelzkappe aus Astrachan. Aber was haben Sie denn?«

 

Sie starrte ihn mit weit geöffneten Augen an.

 

»Ich habe ihn gesehen – vor einer Viertelstunde –, er stand unten vor dem Haus.«

 

Marks Gesicht sah plötzlich grau aus.

 

Kapitel 5

 

Kapitel 5

 

Mark McGill war wie gelähmt. Er konnte sich weder rühren, noch konnte er sprechen. Aber schließlich löste sich die Starre.

 

»Was, Sie haben ihn gesehen – Li Yoseph?« fragte er mit heiserer Stimme. »Sie wollen doch nicht sagen, daß der alte Mann hier am Cavendish Square war? Sie leiden an Wahnvorstellungen!«

 

Er schüttelte sich, als ob er eine Last abwerfen wollte, die sie ihm plötzlich auf die Schultern gelegt hatte.

 

»Wo war er denn – reden Sie doch!«

 

Sie erzählte, wie sie den Mann auf dem Gehsteig neben dem wartenden Auto gesehen hatte. Mark stürzte zur Balkontür, riß die Vorhänge zurück und trat hinaus.

 

»Wo war er denn?«

 

Sie folgte ihm und zeigte ihm die Stelle, wo sie den Alten gesehen hatte.

 

»Dort – an jener Ecke stand er.«

 

Aber weder das Auto noch der Fremde waren zu sehen.

 

»Ach, das ist alles Unsinn! Großer Gott, was haben Sie mir für einen Schrecken eingejagt! Aber ich verstehe jetzt, warum Sie sich geirrt haben. Dort im Eckhaus wohnt ein russischer Adliger, der bekommt häufig Besuch, Russen und solche Leute…«

 

Als Mark seine Hand hob, zitterte sie. Ann hatte ihn noch nie in einer solchen Verfassung gesehen und wunderte sich über seine Erregung.

 

»Der alte Mann ist tot – ich weiß bestimmt, daß er gestorben ist was, zum Teufel –?«

 

Er fuhr stöhnend herum wie ein geängstigtes Tier, als Mr. Tiser ins Zimmer trat, der wie gewöhnlich schwarz gekleidet war. Mr. Tiser schien in der glücklichsten Stimmung der Welt zu sein. Er freute sich, daß er am Leben war, und er freute sich, daß er seinen Mitmenschen helfen konnte, indem er ihnen Unterkunft in der Herberge gab. Am glücklichsten war er, wenn er irgendeinen hervorragenden Besucher im Obdachlosenheim willkommen heißen konnte.

 

»Um Gottes willen, meine Lieben, ich habe Sie doch nicht etwa erschreckt? Ich muß tatsächlich in Zukunft anklopfen. Komme ich ungelegen? Aber, lieber Freund, du siehst wirklich nicht wohl aus«, wandte er sich dann an Mark. »Finden Sie das nicht auch, Miss Ann? Ich bin entsetzt. Vielleicht fällt mir das um so mehr auf, weil ich stets in einer Atmosphäre von robuster Gesundheit lebe. Wenn man zum Beispiel an den alten Sedeman denkt, diesen Seebären ein böser Kerl, aber gesund wie ein Fisch! Ha, ha! Ha, ha!«

 

Er trank einen Whisky, und der Ausdruck seiner wässerigen, blauen Augen zeugte davon, wie vorzüglich es ihm schmeckte.

 

»Im Heim geht alles gut –«

 

»Ann glaubt, daß sie heute abend Li Yoseph gesehen hat.«

 

Mr. Tisers Gesicht zuckte plötzlich nervös.

 

»Um Gottes willen! Reden Sie doch nicht solches Zeug, Miss Ann!« sagte er mit schriller Stimme.

 

»Li Yoseph … was ist denn das für ein Gesprächsthema? Man soll die Toten ruhen lassen. Li Joseph!«

 

Er zitterte, als er das Glas auf den Tisch stellte. Schweißtropfen standen auf seiner Stirn, und seine Lustigkeit war plötzlich verschwunden. Die Nachricht hatte ihn vollständig außer Fassung gebracht.

 

»Li Yoseph … erinnerst du dich noch, Mark? All diese Kobolde und Gespenster, die bei ihm herumspukten! Ich habe schon damals immer eine Gänsehaut bekommen! Und jetzt spukt er selbst herum – das ist wirklich sehr erfreulich!«

 

»Soweit wir wissen, ist Li Yoseph tot.« Mark zwang sich äußerlich zur Ruhe.

 

Tiser starrte ihn an. Seine Mundwinkel zuckten.

 

»Du wettest, daß er hin ist! Das ist für alle das beste. Kannst du dich noch darauf besinnen, Mark, wie er immer alle möglichen Dinge sah und immerzu mit Geistern sprach? Das ging mir fürchterlich auf die Nerven.« Er schaute ins Leere, als ob er selbst irgendwelche Gestalten sähe. In seiner Furcht vergaß er seine Umgebung vollständig und sprach seine Gedanken laut aus.

 

»Es war schrecklich … verdammt! Ich möchte das nicht noch einmal erleben. Mark, kannst du ihn noch sehen, wie er dort stand und uns angrinste und sagte – er – er – würde wiederkommen?«

 

Im Nu war Mark an seiner Seite, packte ihn am Arm und schüttelte ihn heftig.

 

»Komm zu dir«, sagte er barsch. »Und halt den Mund! Kannst du denn nicht sehen, daß du Ann beunruhigst?«

 

»Das tut mir furchtbar leid«, murmelte Tiser hilflos. »Habe mich wirklich schrecklich gehenlassen – noch dazu in Gegenwart einer Dame.«

 

Mark gab Ann ein Zeichen mit den Augen, aber das war nicht mehr nötig. Sie nahm Hut und Handtasche auf und verließ schnell das Zimmer. Auf dem Gang hörte sie noch Tisers schrille Stimme.

 

»Li Yoseph – Li Yoseph … aber es gibt doch keinen Menschen, der unsterblich ist. Mark, du weißt doch bestimmt, daß er tot ist…! Zehn Schritte, alter Junge, was…?«

 

Ann war froh, als sie die Tür hinter sich schließen konnte und nichts mehr von diesem Winseln hören mußte.

 

Sie ging über den Treppenabsatz und öffnete die Tür zu ihrer eigenen Wohnung. Ihr Mädchen hatte den Tisch gedeckt und ein kaltes Essen serviert. Sie fühlte sich kaum hungrig, nahm deshalb erst ein Bad und kleidete sich um.

 

Ronnies Tod lag nun schon über ein Jahr zurück. Ann versuchte, wieder etwas von ihrem alten, blinden, unvernünftigen Haß gegen diesen äußerlich so freundlichen Polizeibeamten in sich zu entfachen. Sie wollte ihn wieder so bitter verachten wie einst. Die düsteren Rachepläne sollten wieder in ihr lebendig werden, um derentwillen sie mit Bradley in Verbindung geblieben war. Mark hatte sie in diesem Gedanken stets bestärkt. Sie hatte aus einer Zeitung ein Bild Bradleys ausgeschnitten und es neben das Bild ihres Bruders in einen Doppelrahmen gesteckt, damit ihre Rache nicht erlahmen sollte. Ronnie hatte ein schönes, klares Profil, und in seinen Augen lag das sorglose Lachen der Jugend; Bradley, sein Mörder, blickte finster drein, zynisch und hassenswert. Sie hatte sich vorgenommen, diesen Mann in sich verliebt zu machen. Auch zu diesem Vorhaben war sie von Mark ermutigt worden. Aber die Aufgabe war qualvoll, denn sie mußte immer mit der Erinnerung an ihren Bruder kämpfen. Aber allmählich hatte sie gelernt, sich so gut zu beherrschen, daß sie seinem Mörder gegenübersitzen und ihn anlächeln konnte, während sie die Asche ihrer Zigarette abstreifte.

 

Er mochte sie ganz gerne; das hatte sie am ersten Tag schon gefühlt, als sie die bittere Wahrheit über Ronnies Tod erfuhr. Aber er blieb sich stets gleich; er interessierte sich für sie und schien aufrichtig an ihrer Trauer teilzunehmen. Mark McGill hatte er heute zum erstenmal erwähnt, obgleich er oft mit ihr über Ronnie gesprochen hatte.

 

»Er kam leider in schlechte Gesellschaft«, hatte er einmal von ihrem Bruder gesagt. »Ich beobachtete, wie er tiefer und tiefer sank; und ich habe mein Bestes getan, um ihn zu retten. Wenn er mir nur ein einziges Mal gesagt hätte, wie weit er sich verstrickt hatte, so hätte ich ihm helfen können.«

 

Als sie sich ankleidete, setzte sie den Rahmen mit den beiden Fotografien direkt vor sich auf den Toilettentisch. Ihre Stirn lag in Falten, als sie ihre kurzgeschnittenen Haare zurückbürstete. War sie Bradley gegenüber wirklich so klug und schlau gewesen, wie sie sich vorgenommen hatte? Sie hatte nichts von ihm erfahren und war ihm nicht nähergekommen; ihr Verhältnis zu ihm blieb stets dasselbe, und er schenkte ihr sein Vertrauen nicht. Mark pflegte sie nach ihren Zusammenkünften mit Bradley zu fragen, was er gesagt hatte, aber sie konnte ihm niemals etwas Neues über seine Tätigkeit und über ihn selbst sagen.

 

Bradley stammte nicht aus einer vornehmen Familie, sein Vater war ein Schreiner gewesen und hatte sich sehr für das Leben der Vögel interessiert; seine Mutter war die Tochter eines Arbeiters.

 

Von jeher hatte er mit einer wahren Leidenschaft gelernt. Während er nachts sein Revier abpatrouillierte, wiederholte er die unregelmäßigen französischen Verben, und in seiner freien Zeit las er allgemeinverständlich geschriebene Bücher über Gesetzeskunde und Rechtswissenschaft.

 

Ann hatte ihr Abendessen beendet und sich eine Tasse Kaffee gekocht, als Mark sie antelefonierte.

 

»Ich weiß nicht, was mit Tiser los ist – es sieht mir ganz wie ein Nervenzusammenbruch aus. Er muß sich bei seiner Tätigkeit im Heim überarbeitet haben. Die Gesellschaft dort hat wohl auch nicht den besten Einfluß auf ihn. Hoffentlich hat Sie der Auftritt vorhin nicht zu sehr beunruhigt.«

 

Als er hörte, daß sie lachte, fühlte er sich erleichtert. Li Yoseph erwähnte er mit keiner Silbe.

 

Mark hatte viele bewundernswürdige Charakterzüge. Wer außer ihm hätte einen Teil seiner, wenn auch gesetzeswidrigen, Einkünfte dazu verwandt, die weniger glücklichen Gesetzesübertreter moralisch zu bessern und zu heben? Wenn sie es sich ruhig überlegte, war eigentlich etwas Widerspruchsvolles, Groteskes an dieser Idee, und doch war die Herberge ein wohlüberlegter Plan. Mark hatte ein altes, baufälliges Gasthaus gekauft, dem die Polizei die Konzession entzogen hatte. Dann hatte er es renovieren lassen und mit großen Kosten neu eingerichtet, damit entlassene Verbrecher hier wohnen konnten. Hier erhielten die von der menschlichen Gesellschaft Ausgestoßenen für wenig Geld Essen und Unterkunft.

 

Mark bezeichnete das Heim als sein »Steckenpferd«, und obwohl er jährlich mehr als fünftausend Pfund für das Haus ausgab, reute ihn das Geld nicht.

 

»Kommen Sie doch mit Ihrem Kaffee zu mir herüber – ich möchte gern noch mit Ihnen sprechen«, schlug er vor, als sie ihm durchs Telefon sagte, daß sie nichts anderes vorhatte.

 

Er erwartete sie in der offenen Tür und nahm ihr höflich die Tasse ab.

 

»Dieser Tiser wird immer unmöglicher. Ein normaler Mensch wäre bei dieser Trunksucht längst unter der Erde. Ich werde mich nach einem anderen Verwalter umsehen müssen.«

 

»Er war mir immer unsympathisch.«

 

»Ich freue mich, daß Sie dieselbe Ansicht haben wie ich. Ich habe noch furchtbar mit ihm zu tun gehabt, nachdem Sie gegangen waren. Er leidet an einem neuen Verfolgungswahn – er faselt immer von der Fliegenden Kolonne. Jedes Auto, das er auf der Straße sieht, ist für ihn ein Polizeiwagen. Er will aus der Organisation ausscheiden, und ich möchte ihn auch tatsächlich gehen lassen.«

 

Ann ergriff die Gelegenheit, mit Mark über seine Organisation zu sprechen.

 

»Sie müssen doch unheimlich viele Agenten und Vertraute haben – ich habe nun schon viele sonderbare Leute kennengelernt, die gar nicht nach Sacharinhändlern aussahen! Aber ich habe mir noch niemals ernstliche Gedanken darüber gemacht, wie die geschmuggelte Ware eigentlich vertrieben wird. Ich hielt Mr. Tiser für einen ehrenhaften Mann, und solche Leute interessieren mich nicht.«

 

Er war etwas erstaunt über diese Bemerkung.

 

»Er ist ein guter Kerl«, sagte er hastig. »Aber selbst die Besten betrügen das Zollamt. Ich habe mir niemals große Gewissensbisse wegen des Schmuggels gemacht, und ich glaube, er auch nicht. Aber eben fällt mir ein, daß Sie heute nacht noch mit einem kleinen Paket nach Oxford fahren müssen. Ich werde Ihnen die Straßenkarte geben und die Stelle bezeichnen, wo die Leute auf Sie warten.«

 

»Haben Sie keine Angst vor der Fliegenden Kolonne?« neckte sie ihn.

 

»Ich baue auf Ihre Freundschaft mit Bradley. Er wird es niemals fertigbringen, Sie festzunehmen. Und sollte er es wirklich tun – nun gut, dann muß ich mich auf Sie verlassen, Ann. Sie würden viele Leute ins Gefängnis bringen, wenn Sie nicht schwiegen.«

 

»Wenn ich nicht schwiege! Mark, Sie scheinen auch an dem neuen Verfolgungswahn zu leiden!«

 

Lange Zeit sah sie nachdenklich in die rote Glut des Kamins.

 

»Ist es nicht merkwürdig, daß jedesmal, wenn der Name Li Yosephs erwähnt wird…«

 

»Der Spuk von Li Yoseph scheint uns tatsächlich alle behext zu haben«, sagte Mark und änderte sofort das Thema. Aber es gelang ihm nicht auf Dauer. Nach einiger Zeit unterhielten sie sich doch wieder über den alten Mann und seine verfallene Wohnung in Lady’s Stairs.

 

»Sind Sie wirklich sicher, daß Li Yoseph tot ist?«

 

Er holte tief Atem. Niemand wußte besser als er, daß Li Yoseph nicht mehr lebte.

 

Kapitel 6

 

Kapitel 6

 

Er wollte ihr gerade antworten, als das Telefon in seinem Schlafzimmer klingelte. Er hatte außer einem Haustelefon zwei Apparate in der Wohnung, die sich im Ton des Läutwerks unterschieden. Die Glocke im Schlafzimmer zeichnete sich durch einen tiefen Ton aus, und Mark war niemals erfreut, wenn er sie hörte.

 

Er hatte ein paar hervorragende Agenten, die ihn sehr gut mit Nachrichten versorgten, und diese riefen stets unter seiner zweiten Nummer an, die nicht im Telefonbuch stand.

 

Er verließ das Zimmer und schloß die Tür hinter sich.

 

Ann schaute auf, als er zurückkam.

 

»Soll ich jetzt nach Oxford fahren – oder woandershin?«

 

»Ich weiß es noch nicht.« Seine Stimme klang gereizt.

 

»Ist irgend etwas nicht in Ordnung, Mark?«

 

»Ach, es ist nichts Besonderes – nur einer meiner Leute hat mir eben mitgeteilt, daß die Fliegende Kolonne ausgefahren ist und daß die Polizei wahrscheinlich hierherkommen wird.«

 

»Können Sie dem Mann, der Sie antelefoniert hat, unter allen Umständen trauen? Glauben Sie, daß die Polizei wirklich kommen wird?«

 

Er nickte düster.

 

»Ich weiß nicht, woher er seine Informationen hat«, sagte er schließlich langsam, »aber er hat mir noch niemals eine falsche Nachricht zukommen lassen.« Dann sprang er plötzlich auf, als ihm die Dringlichkeit seiner Lage bewußt wurde. »Ann, Sie haben doch das Paket im Auto gelassen wie immer? Ich werde schnell zur Garage gehen und die Sache in Ordnung bringen.«

 

»Soll ich mitkommen? Brauchen Sie mich?«

 

Er schüttelte den Kopf.

 

Seine Wohnung lag im Erdgeschoß, und es gab einen Privatgang zur Garage, die auf der Rückseite des Hauses lag. Schnell ging er in die Küche, trat in den Gang, stieg ein paar Stufen hinunter, öffnete die Tür und betrat die große Garage. Er konnte ohne Gefahr das Licht andrehen, denn die Fenster waren dicht verhängt.

 

Anns Auto stand noch so da, wie es in die Garage gekommen war. Rasch zog er einen Schlüssel aus der Tasche, schloß die Rückwand des Wagens auf und entfernte sie. Er nahm die Kiste mit dem Fallschirm heraus, den er losband und zusammenrollte. Dann wandte er seine Aufmerksamkeit dem Kasten zu, öffnete ihn mit einem Schlüssel und holte aus dem Innern fünfundzwanzig kleine Päckchen hervor, die in blaues Papier eingewickelt waren. In der einen Ecke der Garage stand ein großer Behälter aus verzinktem Eisen, der durch große, eiserne Rohre mit der Decke und dem Fußboden verbunden war. Mark öffnete die Tür und schaute hinein. Das untere Ende der oberen Röhre war mit einem konischen Pflock versehen. Sorgsam nahm er ihn heraus und prüfte ihn. Dieser Gegenstand war ganz aus Salz hergestellt, und nachdem sich Mark noch einmal durch den Geschmack überzeugt hatte, setzte er ihn wieder in seine Öffnung. Sorgfältig legte er dann das Päckchen hinein und schloß die Tür wieder.

 

Den zusammengerollten Fallschirm legte er in den leeren Kasten und trug ihn zur Küche zurück. Anstelle des gewöhnlichen Küchenofens stand hier ein röhrenförmiger Herd. Mark warf den Holzkasten mit seinem Inhalt hinein, öffnete die Ofentür, entzündete ein Streichholz und legte es zwischen die Kienspäne, die durch den Eisenrost sichtbar waren. Er wartete, bis das Feuer hell brannte, dann schloß er die Klappe.

 

»Nun mag die Fliegende Kolonne kommen!«

 

Als er zum Wohnzimmer zurückkehrte, fand er Ann noch vor dem Kamin. Sie hatte das Gesicht in die Hände gestützt. Als er eintrat, wandte sie ihm den Kopf zu, und er sah, daß sie etwas bestürzt war.

 

»Nehmen wir einmal an, die Polizei würde wirklich kommen und etwas finden – was würde uns dann passieren?« fragte sie. »Ich habe neulich über einige Fälle in der Zeitung gelesen. Der Richter verurteilt selten Leute zu Gefängnis, die das erstemal vor Gericht stehen. Gewöhnlich bekommen sie eine Geldstrafe von hundert Pfund. Natürlich würde es recht unangenehm für Sie sein – ich meine, daß es an die Öffentlichkeit kommt –, aber es hat doch weiter keine bösen Folgen?«

 

Sie wartete auf eine Antwort. Als er aber nichts erwiderte, sprach sie weiter.

 

»Mark, Sie betreiben doch sicher ein größeres Geschäft als das, wobei ich Ihnen helfe? Die Pakete sind so klein, und der Verdienst kann doch kaum meine Autofahrten bezahlt machen. Ich habe darüber nachgedacht, daß ich eigentlich mehr eine Gefahr und ein Hindernis für Sie bin. Ich glaube kaum, daß durch meine Tätigkeit so viel Geld einkommt, daß sich die Sache lohnt. Ich weiß sehr wohl, daß das nicht Ihre ganze« – sie zögerte – »geschäftliche Tätigkeit umfaßt, aber selbst bei einem Profit von zwei oder drei Schilling pro Unze ist meine Stellung nicht gerechtfertigt.«

 

Schon während des vergangenen Jahres hatte Mark McGill ihre erwachende Neugierde gefürchtet, und es hatte seinen guten Grund, daß seine Antwort nicht so schnell und sicher wie gewöhnlich kam.

 

»Sie sind nur in einer kleinen Abteilung des großen Betriebes tätig«, sagte er etwas verlegen. »Die Organisation ist viel ausgedehnter, als Sie übersehen können. Es handelt sich meistens auch gar nicht darum, daß Sie die Pakete transportieren. Sie sind mir in mancher anderen Weise sehr nützlich, Ann. Es gibt so wenig Leute, denen ich restlos vertrauen kann. Sie kennen mich doch, ich bin Ihnen gegenüber immer offen gewesen. Schmuggel wird vor dem Gericht ebenso angesehen wie Diebstahl. Ich will nicht behaupten, daß das nicht so ist. Ich überlasse Ihnen die Entscheidung –«

 

»Natürlich, Mark«, sagte sie beschämt. »Der arme Ronnie machte sich strafbar, und ich tue es auch. Glauben Sie bitte nicht, daß ich meine Tätigkeit bereue – im Gegenteil, ich bin stolz darauf!«

 

Sie war auch stolz darauf, aber –

 

Er hatte ihre Frage nicht genau beantwortet. Bevor sie jedoch weitersprechen konnte, hörte sie das schrille Klingelzeichen des Haustelefons. Mark ging zum Apparat, der in einem anderen Raum stand. Mit dem Portier hatte er ein Abkommen getroffen, daß ihm jeder ungewöhnliche Besucher telefonisch angemeldet werden sollte. Seine Dienstboten verließen nach dem Abendessen das Haus, und die Tätigkeit des Portiers ersparte Mark manchen nutzlosen Gang zur Tür.

 

Ann hörte seine kurze Antwort.

 

»Es ist gut, lassen Sie ihn herein.«

 

Mark kam zurück und ging an seinen Schreibtisch. Dort waren zwei Messinggriffe angebracht, die ähnlich wie Lichtschalter aussahen. Als er hörte, daß jemand an die äußere Tür klopfte, drehte er den einen um, und sobald die Schritte des Fremden im Gang zu hören waren, drehte er ihn wieder zurück.

 

»Herein!« antwortete er auf das laute Klopfen. Der Mann, der eintrat, mochte sechzig oder auch siebzig Jahre alt sein. Er hatte einen kahlen, glänzenden Kopf, der wie poliert aussah. Sein Bart war schneeweiß und reichte bis zur Weste hinunter.

 

»Was wollen Sie?« fragte Mark kurz.

 

Mr. Philip Sedeman legte seinen Hut auf einen Stuhl.

 

»Das Oberhaupt unserer kleinen Gemeinde ist krank geworden. Es ist eigentlich nichts Besonderes, aber die Insassen der Herberge, die doch so gutmütige Kerle sind, wollten –«

 

»Was fehlt ihm denn?« fragte Mark schnell.

 

»– daß ich unseren hohen Patron aufsuche und ihm die Nachricht überbringe«, fuhr der alte Mann fort, als ob er überhaupt nicht unterbrochen worden wäre.

 

»Seit wann ist er denn krank?«

 

Mr. Sedeman schaute zur Decke empor.

 

»Es mögen einige Minuten vergangen sein, bevor ich mich erbot, Sie aufzusuchen. Die Auslagen für Autobusfahrten sind beträchtlich; aber darüber wollen wir nicht weiter sprechen. Ein Mann von meiner Erfahrung spricht ebensowenig über so kleine Beträge wie ein Mann von Ihrer Stellung und Erziehung.« »Was ist denn eigentlich mit Tiser los?« Mark schaute den alten Mann nicht sehr freundlich an.

 

Mr. Sedeman sah wieder zur Decke empor, als ob er dort die Antwort lesen könne.

 

»Ein wenig mitfühlender Mensch, wie es ja viele gibt, würde die Krankheitssymptome zusammenfassend als Delirium tremens bezeichnen«, sagte er dann ernst. »Persönlich kommt es mir vor, als ob er sich bombenmäßig eingeseift hätte.«

 

»Eingeseift?« wiederholte Ann verwundert.

 

»Ja, er ist mordsmäßig besoffen«, erklärte Sedeman höflich. »Er hat in der letzten Zeit wirklich zuviel geschmettert. Ich war nur im Zweifel, ob ich zu Ihnen kommen oder ob ich die junge Dame aufsuchen sollte, die mit ihm geht.«

 

»Es ist schon gut«, sagte Mark rauh. »Ich werde später hinkommen.« Er ging zur Tür und öffnete sie.

 

Mr. Sedeman nahm seinen Hut, strich ihn sorgfältig glatt, fuhr dann mit der Hand durch seinen weißen, langwallenden Bart und seufzte.

 

»Meine Auslagen, wenn ich nicht von meinem Zeitverlust reden will –«, sagte er leise.

 

Mark nahm ein Silberstück aus der Tasche und warf es ihm zu. Der alte Mann zeigte sich nicht im mindesten beleidigt, machte eine tadellose Verbeugung vor Ann Perryman und schritt gravitätisch zur Tür. Dort wandte er sich noch einmal um.

 

»Der Himmel segne Ihren Eingang und Ihren Ausgang, holde Blume«, sagte er dann poetisch.

 

»Wer war denn das«, fragte Ann, als Mark ins Zimmer zurückkam, nachdem er seinen Besucher bis zur Haustür begleitet hatte. »Ist Mr. Tiser wirklich sehr krank?«

 

»Ich weiß es nicht und kümmere mich auch wenig darum«, entgegnete Mark achselzuckend.

 

Dann trat er in sein Schlafzimmer, und sie hörte, wie er am Telefon eine Nummer wählte. Er ging wieder zurück und schloß die Tür. Das war ungewöhnlich; denn Ann hatte bisher geglaubt, daß er keine Geheimnisse vor ihr habe. Und doch hatte er diese Vorsichtsmaßregel heute abend schon zweimal angewandt.

 

Ann Perryman war nicht ganz zufrieden mit sich selbst. Schon während des letzten Monats hatte sie versucht, sich über die Ursache ihrer Unruhe klarzuwerden. Ein schlechtes Gewissen hatte sie nicht, dessen war sie ganz sicher. Sie war ja stolz auf ihre jetzige Tätigkeit. Aber es blieb immer ein unbefriedigendes Gefühl in ihr. Ihr Verhältnis zu Mark war vollständig sachlich und geschäftlich. Ihr Gehalt wurde regelmäßig gezahlt, und die Sondervergütungen, die sie bekam, hielten sich in bescheidenen Grenzen. Nur die absolut korrekten Beziehungen zwischen ihnen machten dieses Zusammenleben überhaupt möglich.

 

In mancher Beziehung war Mark ein vorsichtiger Mann. Er kontrollierte die Benzinrechnungen genau und konnte stundenlang über eine Bereifung für das Auto sprechen. Manchmal mußte Ann auch im Interesse der Organisation nach Paris fahren und brachte dann eine Anzahl Päckchen mit, die sie in besonderen Geheimtaschen verborgen hatte. Alle ihre Auslagen wurden in der zuvorkommendsten Weise ersetzt, aber sie mußte über jeden Schritt genau Auskunft geben.

 

Mark trat wieder aus seinem Zimmer heraus. Sein Gesicht war düster und umwölkt.

 

»Es ist überhaupt nichts mit Tiser los«, sagte er böse. »Sedeman hat gesehen, wie er nach Hause kam, und hielt die Gelegenheit für günstig, mir Geld aus der Tasche zu locken. Tiser mag ja ein wenig grün im Gesicht ausgesehen haben. Dieser Besuch der Polizei ist mir viel unangenehmer…«

 

Plötzlich änderte sich sein Gesichtsausdruck, er ging schnell zu der einen Wand und schob eine Holzfüllung zurück, hinter der ein kleiner, grünlackierter Geldschrank sichtbar wurde. Er öffnete die Tür und nahm ein längliches Paket heraus.

 

»Das hatte ich ganz vergessen«, sagte er atemlos. »Das hätte ich eigentlich auch unten in den Behälter tun sollen, und doch geht das nicht!«

 

Er schaute hilflos auf das Paket, dann sah er Ann an.

 

»Das müßte eigentlich noch aus dem Haus gebracht werden.«

 

»Was ist es denn?« fragte sie schnell.

 

»Das ist die Ware für Oxford. Dort wartet mein Agent Mellun darauf.«

 

Wieder schaute er unschlüssig auf das Paket.

 

»Ich möchte nicht gern das Risiko eingehen.«

 

»Aber ich werde es auf mich nehmen«, erwiderte sie, und bevor er widersprechen konnte, hatte sie ihn schon verlassen.

 

Fünf Minuten später kam sie im Mantel zurück. Aber er zögerte immer noch, ihr das Paket zu übergeben.

 

»Die ganze Sache kann eine Falle sein – ich traue Sedeman nicht … Womöglich steckt der mit Bradley und der ganzen Gesellschaft unter einer Decke. Ich möchte nicht, daß Sie sich der Gefahr aussetzen.«

 

Aber sie wußte instinktiv, daß er im Grund seines Herzens doch wünschte, daß sie die gefahrvolle Fahrt unternehmen solle und daß ihm alles daran lag, die Ware aus dem Haus zu schaffen.

 

»Vielleicht ist es das beste, Sie gehen einfach zur Themse und werfen das Zeug ins Wasser.«

 

Sie lachte über seine Nervosität.

 

»Das ist doch barer Unsinn!«

 

Sie nahm ihm das Päckchen aus der Hand und steckte es in ihre tiefe, innere Manteltasche.

 

»Wenn Ihnen aber etwas zustößt, dann werde ich auch in die Sache hineingezogen. Natürlich werde ich Ihnen in jeder Weise beistehen, aber wenn Sie mich hineinreißen…«

 

Sie starrte ihn entsetzt an und konnte kaum glauben, daß er es war, der so sprach.

 

»Aber ich werde Sie doch niemals hineinziehen, Mark. Wenn man mich faßt, dann ist das nur meine Angelegenheit.«

 

Mark kam ihr heute abend sonderbar vor. Es mußte irgend etwas geschehen sein, das ihn vollständig aus der Fassung gebracht hatte.

 

Kapitel 2

 

Kapitel 2

 

In Lady’s Stairs gab es kein Telefon. Li Yoseph war ein sparsamer Mann, der niemals unnötig Geld ausgab. Lange nachdem seine Besucher das Haus verlassen hatten, saß er zusammengekauert in einem alten, harten Lehnstuhl, den er an den großen, runden Tisch gezogen hatte. Zu seiner Linken brannte eine Lampe, und vor ihm lagen fünf engbeschriebene Bogen eines fast vollendeten Briefes.

 

Es fiel ihm schwer, diesen Brief zu schreiben, aber es mußte geschehen. Sobald er fertig war, wollte er ihn in einen Umschlag stecken, sich nach unten schleichen und den alten Sedeman aufsuchen, der in der Nachbarschaft wohnte und den Brief gegen ein Entgelt zu Inspektor Bradley bringen würde. Li nahm wahllos einen der Bogen auf und las ihn noch einmal durch.

 

»… McGill wußte, daß Ronnie mit Ihnen in Verbindung stand. Wenn Ronnie trank, war wenig Verlaß auf ihn, und er trank in der letzten Zeit heftig. Mit McGill hatte er einen Streit und sprach darüber, daß er ausscheiden wolle. Er erzählte mir die Sache, und ich sagte ihm auch, daß ich gern in meine Heimat zurückkehren wolle. Ich glaube, daß McGill das auf die eine oder andere Weise herausgebracht hat, denn in der fraglichen Nacht kam er hierher, nachdem er Ronnie von London aus gefolgt war. Ronnie hatte wieder getrunken. Um ein Uhr kamen McGill und Tiser. Sie stritten miteinander, und Ronnie sagte, daß er nichts mit Mord oder dergleichen zu tun haben wolle. Er behauptete, McGill sei für den Überfall bei der Northern- and Southern-Bank verantwortlich, bei dem ein Wachmann getötet wurde. Und dann prahlte er, daß er nur einen Finger zu heben brauche, um uns alle ins Gefängnis zu bringen. Wenn er das nicht gesagt hätte, wäre ich jetzt wohl nicht mehr am Leben; aber durch diese Äußerung wurde McGills Verdacht von mir abgelenkt. Ronnie stand mit einem großen Glas Portwein in der Hand am Tisch, als er das sagte, und wollte gerade trinken. Da schlug ihn McGill mit einem Totschläger über den Kopf, so daß er niederstürzte. McGill wickelte Ronnie in ein Bettuch und ließ ihn durch eine Falltür in mein Boot hinunter. Ich weiß nicht, wo er und Tiser ihn ins Wasser geworfen haben, aber nach einer halben Stunde kamen sie zurück und sagten, Ronnie habe sich wieder erholt und sei nach Hause gegangen. Dann drohte McGill, mich zu töten, wenn ich ein Sterbenswörtchen darüber sagen würde. Damals sprach er noch nicht davon, daß ich Ronnies Schwester eine erfundene Geschichte erzählen solle. Erst später, als er sie nach London holte, sagte er mir …«

 

Li ließ den Bogen sinken. Es war nicht mehr viel zu schreiben, auf der nächsten Seite beendete er seinen Bericht, löschte das Papier ab und steckte es in einen Briefumschlag. Während er dies tat, sprach er zu sich selbst.

 

»… Sieh, mein kleines Täubchen, das muß ich tun, sonst kommen sie, nehmen den alten Li und legen einen Strick um seinen Hals. Und dann muß ich sterben, mein Kind.«

 

Er hörte, wie die Tür aufgeschlossen wurde, schaute auf und steckte den Brief schnell in seine Tasche. Draußen auf der Treppe hörte er Marks Schritte – er kannte sie nur zu gut. Tiser begleitete McGill; das wußte Li schon, bevor sie die Tür öffneten und in den Raum traten.

 

Mark ging geradewegs auf den Tisch zu und schaute auf die Feder und das Papier.

 

»Du hast einen Brief geschrieben, wie? Hast du ihn schon abgeschickt?«

 

Der alte Mann schüttelte den Kopf.

 

»Lieber Freund!« Tisers Stimme überschlug sich vor Erregung. »Vielleicht hast du etwas Unrechtes getan, Kamerad. Sage jetzt schnell Mr. McGill, daß sein Verdacht unbegründet ist. Sage ihm …«

 

»Du brauchst ihm nicht zu sagen, was er mir zu antworten hat!« unterbrach ihn Mark eisig. »Gib den Brief her!« wandte er sich an Li Yoseph. »Du hast noch keine Zeit gehabt, ihn abzuschicken – die Tinte steht noch auf dem Tisch.«

 

Bevor Li wußte, was geschah, sprang Mark auf ihn zu, packte ihn und riß seinen Rock auf. Der Brief schaute aus der inneren Tasche hervor, und Mark zog ihn heraus.

 

»Also an Bradley – ich dachte es mir doch!«

 

Mark öffnete den Umschlag und überflog schnell den Inhalt.

 

»Du hast uns verraten wollen, was? Deshalb kam Bradley also hierher und sagte, daß er heute von zehn bis zwei in seinem Büro sei. Na, auf diesen Brief kann er verdammt lange warten!«

 

Li Yoseph bewegte sich nicht. Er stand dicht neben der geschlossenen Falltür, hatte die Hände vor sich auf der Brust gefaltet und schwieg. Er wußte, all dieses war verhängt, dem Geschick konnte er nicht entgehen. Vielleicht hörte er die Stimmen der Geister, die ihn umgaben und ihm Mut zuflüsterten, denn plötzlich lächelte er.

 

»Also nun zu dir, Li«, rief Mark erregt. Ihre Blicke trafen sich, und Li Yoseph sah Mord in Marks Augen.

 

»Mich kannst du nicht umbringen, mein guter Mark«, sagte er. »Ich mag sterben, ja – aber ich werde wiederkommen. Die kleinen Geister …«

 

Plötzlich bückte sich der alte Mann hastig, riß die Falltür auf und eilte auf der Leiter nach unten. Mark zog seine Pistole schnell aus der Tasche; der Schalldämpfer blieb in dem Stoff hängen und riß ein Loch hinein, aber Mark achtete nicht darauf.

 

Zwei Schüsse folgten kurz hintereinander – der zweite klang lauter. Die Geschosse saßen zwischen den Schultern. Sie hörten, wie der Körper Li Yosephs unten ins Wasser fiel.

 

»Mach die Falltür zu!«

 

Tiser ging mit unsicheren Schritten vorwärts und schloß leise die Tür.

 

»Leg jetzt den Teppich darüber.«

 

Mark trat ans Fenster, riß einen Flügel auf und schaute hinaus. Die Nacht war dunkel; ein feiner Sprühregen fiel nieder, die Flut war auf ihrem Höhepunkt.

 

Tiser lehnte sich an einen Stuhl und atmete schwer wie ein Mann, der eine ungeheure Anstrengung hinter sich hat. Die Sprache versagte ihm, und er wagte nicht aufzusehen, bis er hörte, daß Mark McGill das Fenster schloß.

 

»Das ist in Ordnung. Komm jetzt! Vergiß nicht, was du gesehen hast!«

 

Tisers Zähne klapperten, als er seinem finsteren Herrn zur Treppe folgte. Sie standen auf dem Absatz, als unten laut an die Tür geklopft wurde. Tiser unterdrückte einen Schrei. Wieder ertönte das Klopfen.

 

»Offnen Sie die Tür!«

 

McGill taumelte in das Zimmer zurück, löschte schnell das Licht und schaute durch ein kleines Fenster auf die Straße.

 

Zwei Autos hielten unten. Das dritte fuhr gerade vor, aber noch bevor es zum Stehen kam, sprangen sechs Männer heraus und gingen eilig auf das Haus zu.

 

In dem hellen Licht eines der Scheinwerfer an den Wagen sah Mark ein wohlbekanntes, ihm so verhaßtes Gesicht. Nur für einen Augenblick tauchte es auf, dann verschwand es wieder in der Dunkelheit.

 

»Bradley!« zischte er. »Die Fliegende Kolonne – das Haus ist umzingelt!«