Kapitel 11

 

11

 

Es war der dreizehnte Tag nach dem Verschwinden Luke Maddisons und ein bedeutungsvoller für seine Frau, da an diesem Tage die langen und qualvollen Stunden voller Zweifel und Ungewißheit, voller Selbstanklagen, die zuweilen zu Haß gegen sich selbst wurden, ein Ende fanden. Zweimal schon war sie nahe daran gewesen, die Polizei zu benachrichtigen, und zweimal hatte Danty sie daran verhindert.

 

Diese Zeit war auch voller Sorgen für Danty gewesen, aber aus einem ganz anderen Grunde. Daß Mr. Steele, der Prokurist der Maddison-Bank, nicht übermäßig besorgt zu sein schien, hatte Margaret zuerst erstaunt, dann aber in gewisser Weise getröstet. Sie vermutete oder war überzeugt, daß Luke ihm ihre Handlungsweise mitgeteilt hatte, denn als sie dem alten Steele den Scheck aushändigen wollte, wies dieser ihn mit großem Nachdruck zurück. Sie wußte ja nicht, daß in den Tagen, bevor sie die Hauptperson in Luke Maddisons Leben wurde, Luke die Angewohnheit hatte, von Zeit zu Zeit zu verschwinden, ohne jemand zu benachrichtigen. Unweigerlich kam dann eine Postkarte von Spanien, auf der er Steele mitteilte, wo er wäre und wann er zurückkommen würde. Dieses Land hatte einen besonderen Reiz für Luke Maddison. Er beherrschte seine Sprache wie ein Eingeborener. Er war einer der wenigen Engländer, die die Feinheiten des Stiergefechtes verstanden und schätzten, und er liebte nichts mehr, als sich in irgendeine kleine Wohnung in Cordoba oder Ronda zurückzuziehen und von dort aus das Land nach allen Richtungen zu durchstreifen.

 

Steele war unruhig – sicherlich – aber er hatte die Hoffnung, daß in dieser großen Krisis seines Lebens Luke Maddison dorthin geflüchtet war, wo er so viele glückliche Tage verbracht hatte.

 

Während dieser ganzen Wartezeit hatte sich Margaret Maddison zu Haus gehalten. Sie erschien nicht mehr in den Restaurants, in denen sie gewöhnlich zu finden war, und ihre wenigen Freunde zweifelten nicht daran, daß sie sich auf der Hochzeitsreise befand. Danty hatte ihr den Rat gegeben, sich im Auto nach einem der entfernten Dörfchen in Cornwall zu begeben und dort zu bleiben, bis der »Skandal«, wie er es nannte, vergessen wäre; aber sie machte sich zu viele Sorgen um Luke, um seinem Rate Folge leisten zu können.

 

An diesem dreizehnten Morgen war ein Telegramm für sie gekommen, und sie hatte gerade Danton Morell telephonisch gebeten, bei ihr vorzusprechen, als der Diener hereinkam und ihr eine Karte überreichte. Margaret las den Namen und runzelte die Stirn.

 

»Miß Mary Bolford?« Wer war denn das? »Sagen Sie, ich wäre nicht zu Haus.«

 

»Das habe ich bereits gesagt, gnädige Frau«, sagte der Diener, »aber sie nahm das ziemlich kühl auf und sagte, sie wüßte, Sie wären zu Haus, und bestand darauf, Sie zu sprechen.«

 

Margaret blickte von neuem auf die Karte. Auf der linken Seite, wo gewöhnlich die Adresse zu stehen pflegt, befanden sich die Worte »Daily Post Herald«. Sie sah die Nutzlosigkeit ein, das Interview vermeiden zu wollen, und hatte – unbekannt mit der Ethik des Journalismus – die Sorge, daß ihre Weigerung, den interessanten Reporter Miß Mary Bolford zu empfangen, vielleicht peinliche Konsequenzen für sie haben könnte.

 

»Ich lasse Miß Bolford bitten«, sagte sie schließlich.

 

Sie erwartete eigentlich eine Art Mannweib zu sehen oder zum mindesten ein weibliches Wesen, dessen intellektuelle Entwicklung auf Kosten ihrer äußeren Erscheinung stattgefunden hatte. Aber nicht im geringsten war sie auf das hübsche, junge Mädchen in elegantem Kostüm vorbereitet, das ohne jedes Anzeichen von Nervosität ihren Salon betrat.

 

»Sind Sie Miß Bolford?« fragte Margaret überrascht.

 

Das junge Mädchen bejahte lächelnd.

 

»Ich bin Reporter: ich nehme an, Mrs. Maddison, Sie haben das schon aus meiner Karte erraten!«

 

Mrs. Maddison! Es war das erstemal, daß man sie mit diesem Namen anredete, und irgendwie schien ihr dies die Tragödie der letzten vergangenen 12 Tage noch näherzubringen.

 

»Ich hatte dem Diener gesagt, daß ich für niemand zu sprechen wäre. Ich fühle mich nicht besonders wohl und bin in der Stadt geblieben –«

 

»Aus dem Grunde möchte ich ja mit Ihnen sprechen – darf ich mich setzen?«

 

Margaret wies auf einen Stuhl, und der junge, weibliche Reporter machte es sich bequem.

 

»Ich begreife völlig, daß Sie uns für entsetzliche Leute halten, wenn wir versuchen, in Ihre Privatangelegenheiten hineinzublicken, aber das ist nun mal unser Beruf«, begann sie mit beinahe beleidigender Offenheit. »Alle Zeitungsleser sind wild auf Romanzen, gleichgültig, ob es sich um traurige oder fröhliche handelt, und wir haben nun erfahren, daß Ihre Flitterwochen unterbrochen wurden und Ihr Gatte nach dem Ausland gegangen ist – hat er das überhaupt getan? – Mr. Steele, der Prokurist der Bank, ließ dies durchblicken, ohne es jedoch zugeben zu wollen.«

 

Für einen Augenblick antwortete Margaret nicht und sagte dann:

 

»Mein Mann ist im Ausland.«

 

»Wissen Sie, wo er ist?«

 

Margaret war auf einen so direkten Angriff nicht vorbereitet und wußte im Augenblick nicht, was antworten.

 

»Ja«, sagte sie zögernd. »Aber ich bezweifle, daß dies irgendwie Interesse für die Öffentlichkeit haben könnte.«

 

Mary Bolford sah Margaret prüfend mit ihren sprechenden, grauen Augen an.

 

»Entschuldigen Sie, bitte, Mrs. Maddison, aber ich glaube, ich kann Ihnen am besten helfen und mir selbst auch, wenn ich Ihnen gegenüber völlig offen bin. Wir haben gehört, daß Sie an Ihrem Hochzeitstage eine Meinungsverschiedenheit mit Ihrem Manne gehabt hätten und daß er –«

 

»Seiner Wege ging?« schlug Margaret kühl vor.

 

»Nein, nicht ganz so. Die Wahrheit ist, ich habe einen guten Freund in Scotland Yard, der heute bei mir war, um mich zu fragen, ob wir von der Zeitung etwas über Mr. Maddisons Aufenthalt wüßten. Und wir wissen natürlich nichts. Mr. Bird war etwas zurückhaltend –«

 

»Wer ist denn Mr. Bird«, fragte Margaret mechanisch. Sie wollte Zeit gewinnen. Schon allein die Erwähnung von Scotland Yard erschreckte sie.

 

Die junge Reporterin erklärte ihr, wer Mr. Bird war, und von neuem dachte Margaret schnell nach.

 

»Gesetzt den Fall, ich gebe zu, daß wir uns gestritten haben? Glauben Sie, daß dies das Publikum interessieren würde?«

 

Zu ihrer eigenen Überraschung fand sie, daß sie ganz zufällig eine Erklärung für das Verschwinden Lukes gefunden hatte, die man ohne weiteres annehmen konnte.

 

»Selbstverständlich nicht! Sie müssen ja denken, daß es eine große Unverfrorenheit von mir ist, überhaupt hierher zu kommen. Es liegt uns ja gar nichts daran, unsere Nase – wenn ich mich so ausdrücken darf – in rein persönliche Angelegenheiten zu stecken. Wenn eine Meinungsverschiedenheit die Erklärung ist, so kann ich nur um Entschuldigung bitten und versuchen, einen möglichst vorteilhaften Abgang zu finden!«

 

Sie stand rasch auf, aber in ihren lachenden, grauen Augen konnte Margaret Sympathie für sich selbst lesen.

 

»Sehen Sie«, fuhr sie fort, »wenn Mr. Maddison an seinem Hochzeitstage abgerufen worden wäre, um eine große finanzielle Operation durchzuführen, oder aus einem anderen Grunde als den – nun, den Sie mir eben angegeben haben, dann würde es eine wirklich interessante Geschichte gewesen sein. Ich bitte nochmals um Entschuldigung, Mrs. Maddison.« Sie streckte impulsiv ihre Hand aus, und Margaret ergriff sie.

 

»Ich bedauere es, für Sie – aber für mich auch«, sagte sie seufzend. Und dann sah Mary Bolford, wie ihre Züge hart wurden. »Ich habe es gestern bedauert – vielleicht heute nicht mehr. Das klingt ziemlich rätselhaft, und ich hoffe, Sie werden nicht versuchen, das zu ergründen.«

 

Sie begleitete das junge Mädchen bis an die Treppe und wartete, bis sie die Haustür hinter ihr ins Schloß fallen hörte.

 

Danty war in der Zwischenzeit gekommen, und sie hatte gehört, wie der Diener ihn in ein kleines Vorzimmer geführt hatte, das neben ihrem Salon lag. Sie öffnete die Tür.

 

»Kommen Sie, bitte, herein«, sagte sie.

 

»Wer war denn das?« fragte Danton Morell etwas unruhig. »Fenning sagte, es wäre ein Reporter. Was wollte er denn?«

 

Margaret lächelte müde.

 

»Sie versuchte, in meiner Trauung etwas Romantisches zu finden«, antwortete sie. »Ich befürchte, sogar sie wird damit kein Glück haben – lesen Sie das bitte.«

 

Sie öffnete ein Schubfach ihres Schreibtisches und nahm einen zusammengefalteten Bogen Papier heraus: ein Telegramm, gerichtet an Margaret Maddison:

 

»Du kannst kaum erwarten, daß ich zu Dir zurückkehre. In einigen Monaten werde ich Dir genügend Material verschaffen, um eine Scheidungsklage gegen mich einzureichen. Ich bin nicht völlig mittellos, daher auch nicht gänzlich ohne angenehme Tröstung.«

 

Es trug die Unterschrift »Luke« und war am gleichen Morgen um acht Uhr dreißig in Paris aufgegeben worden.

 

»Nun weiß ich ja Bescheid«, sagte sie. Ihr Ton war leicht, aber in ihrem Herzen war ein Aufruhr, den sie nicht für möglich gehalten hätte.

 

Tröstung! Und das war Luke Maddison, der Idealist! – ein ganz gewöhnlicher Schürzenjäger, der zu – Tröstungen geflohen war!

 

»Ich wundere mich eigentlich, daß Sie überhaupt Nachricht erhalten haben«, sagte Danton ernst. »Ich hätte gar nicht angenommen, daß er sich die Mühe geben würde, zu telegraphieren.«

 

Sie zuckte die Schultern.

 

»Steele kennt wahrscheinlich seine Adresse und hat ihm telegraphiert, daß die Polizei Recherchen anstellt –«

 

»Die Polizei?« Dantys Stimme war scharf. »Von wem wissen Sie denn, daß die Polizei sich damit befaßt?«

 

Sie wiederholte ihm, was Mary Bolford ihr erzählt hatte, und sah, wie sein Gesicht unruhig wurde.

 

»Der Spatz – das ist der Beiname, den man Bird gegeben hat. Ist er denn hier gewesen?«

 

Sie schüttelte verneinend den Kopf. Er dachte tief nach, seine Haltung war einige Augenblicke gespannt, seine Augen halb geschlossen, und seine Gedanken waren weit weg.

 

»Was werden Sie nun tun?« fragte er sie endlich.

 

»Jetzt? Ich reise am Sonnabend nach Madeira. Die Seereise wird mir sehr gut tun, und es wird mir erspart bleiben, über – über Paris zu reisen.« Ihre Lippen verzogen sich verächtlich.

 

Sie bemerkte, daß er etwas verstört war, und erfuhr auch sofort den Grund.

 

»Ich glaube nicht, daß ich am Sonnabend reisen kann –« begann er hastig, und sie lächelte.

 

»Es liegt doch auch gar keine Notwendigkeit für Sie vor, zu verreisen. Ich fahre allein. Ich möchte über so vieles nachdenken, und eine Insel ist ein wundervoller, der einzig richtige Platz dafür.«

 

Er war enttäuscht, ließ es aber nicht merken.

 

»Wie lange werden Sie fortbleiben?«

 

»Vielleicht einen Monat«, antwortete sie.

 

»Ich habe die Absicht, einen großen Dienst von Ihnen zu erbitten, und zwar, sich meiner Angelegenheiten anzunehmen – wahrscheinlich werde ich Ihnen eine Generalvollmacht geben; sicherlich werden Sie einen besseren Gebrauch davon machen als ich mit Lukes!«

 

Hätte sie ihn angesehen, wäre ihr sicherlich die Erleichterung in seinen Zügen aufgefallen.

 

»Ich werde alles tun, was in meinen Kräften steht«, war Dantys Antwort.

 

Der Rest ihrer Unterhaltung bewegte sich in allgemeinen Bahnen, und kurz darauf verließ er sie.

 

Als er gegangen war, blickte sie in die Morgenzeitung und hatte mehr Interesse für Wetterberichte als für alles andere. Auf einer der Hauptseiten des Post Herald sah sie die Photographie eines hageren, unrasierten Mannes. Die Aufnahme hatte augenscheinlich im Hospital stattgefunden. Seine Augen waren geschlossen, und unterhalb des Kinnes sah man noch einen Teil der Bettdecke.

 

»KENNEN SIE DIESEN MANN?«

 

war die Unterschrift des Bildes.

 

Sie durchflog den dazugehörigen Artikel und fand, daß es sich um einen Mord handelte, der im südlichen London begangen war, daß der Mann auf der Photographie dabei beteiligt gewesen und dem Tode nur wie durch ein Wunder entgangen war. Nicht einmal sein nächster Freund würde Luke Maddison erkannt haben, denn die Aufnahme war erst am elften Tage seines Aufenthaltes im Hospital und noch dazu bei sehr trübem Licht gemacht worden.

 

Kapitel 12

 

12

 

Mr. Bird besprach in oberflächlicher Weise den Mord in Süd-London, der Scotland Yard verhältnismäßig wenig erregt hatte.

 

»Ich habe die Photo von dem anderen Galgenvogel heute morgen in der Zeitung gesehen«, begann er. »Sieht beinahe aus wie der Star in ›Aus Seenot gerettet‹ – das ist ein ganz hervorragender Film, Sir. Sie müßten sich den mal ansehen. Mir kamen beinahe die Tränen in die Augen, und ich heule wirklich nicht leicht.« Er zog die Augenbrauen zusammen. »Vielleicht hatte der Film auch überhaupt nichts damit zu tun. – Haben Sie den Mörder gefaßt?«

 

Oberinspektor Kelley schüttelte den Kopf.

 

»Nein, und werden ihn wohl auch kaum fassen. Wenn wir Lewing von den Toten erwecken könnten, würde er einen Schwur ablegen, daß er den Mann, der ihn angriff, nicht erkannt hatte. Und mit dem anderen Kerl wird es genau so sein.«

 

Der Spatz spitzte die Lippen.

 

»Ich möchte eigentlich mal nach dem Hospital gehen und mir den Menschen ansehen – wird er sterben?«

 

Kelley machte eine Bewegung mit seinen Händen, die seine völlige Gleichgültigkeit ausdrückte.

 

»Keine Ahnung! Aber ich würde Ihnen nicht raten, in Gennets ›Gebiet‹ einzubrechen – er ist in dem Punkt außerordentlich empfindlich, und der Fall wird von ihm bearbeitet.«

 

Professionelle Etikette hielt daher Mr. Bird von der Unfallstation des St.-Thomas-Hospitals fern. Er fand jedoch eine Abschrift der Aussage, die der sterbende Mann gemacht hatte; sie war kurz und nichtssagend:

 

»Ich weiß nicht, wer Lewing gemordet hat. Ich war mit ihm zusammen, als er angefallen wurde, kannte ihn aber nur oberflächlich. Ich würde keinen der Angreifer wiedererkennen; sie waren mir völlig unbekannt, und ich konnte ihre Gesichtszüge nicht sehen.«

 

Darunter stand in Anführungsstrichen:

 

»Dieser Mann weigert sich, seinen Namen zu nennen.«

 

Der Spatz las diese kurzen Zeilen halb belustigt durch. Er konnte den Inspektor, der diesen Fall behandelte, nicht leiden.

 

»Gennet wird ja noch viel Glück damit haben – ich wünsche ihm alles Gute!«

 

Später, am Nachmittag, hatte er sich mit Miß Mary Bolford zum Tee verabredet. Der Spatz war schon in einem Alter, wo er sich unbesorgt mit dem hübschesten und jüngsten Mädchen treffen konnte, ohne sich anderen Nachreden auszusetzen als denen, die er selbst über sich gebrauchte.

 

»Wir passen wirklich großartig zueinander, Miß Bolford. Haben Sie etwas erreicht?«

 

»Bei Mrs. Maddison?« Mary schüttelte seufzend den Kopf. »Wissen Sie … ich fühlte mich höchst unbehaglich. Sie haben sich am Hochzeitstage gezankt. Warum – weiß ich selbstverständlich nicht.«

 

»Vielleicht des Bruders wegen«, sagte der Inspektor. »Sie wissen ja, wenn es sich um Angehörige handelt –«

 

»Aber er ist doch tot.«

 

Der Spatz nickte gedankenvoll.

 

Sie saßen in einem der belebtesten Teerestaurants in der Nähe von Charing Croß, und unaufhörlich kamen und gingen Gäste. Mr. Bird hatte einen kleinen Tisch in einer Nische gefunden, von wo aus er den Eingang des Restaurants überblicken konnte. Es lag kein besonderer Grund hierfür vor, denn er erwartete weder Freund noch Feind. Aber er hatte ein tiefes Interesse an seinen Mitmenschen und vor allen Dingen den stillen Wunsch, daß eines Tages ein Mann, den die Polizei aller Welten suchte, vergeblich suchte, in seinem Gesichtskreis auftauchen würde. Er war ein wenig Optimist.

 

»Gezankt, sagen Sie? Das wird hoffentlich eine Warnung für Sie sein, mein liebes Kind. – Heiraten Sie niemals. Erst heute habe ich gesagt –«

 

Sie sah, wie Mund und Augen ihres Begleiters sich vor Erstaunen öffneten. Er starrte nach der Tür. Sie blickte sich um und sah einen Mann das Café betreten, seinen weichen Hut auf dem Hinterkopf, die Hände in den Taschen. Er sah ernst und finster aus, und doch hatte sein Gesicht eine eigenartige Anziehungskraft.

 

»Da hört doch alles auf!« murmelte Mr. Bird.

 

»Wer ist es denn?« flüsterte sie.

 

»Ein dunkler Charakter«, erwiderte der Spatz bedeutungsvoll. »Wollen Sie ihn kennenlernen?«

 

Sie nickte, und im gleichen Augenblick begegneten sich die Augen des Fremden mit denen des Detektivs. Ein halbes Lächeln huschte über sein finsteres Gesicht, er folgte der Einladung von Mr. Birds winkendem Finger und kam langsam auf ihn zu. Als er das junge Mädchen erblickte, nahm er den Hut ab und setzte sich nach einem Augenblick kurzen Zögerns an den Tisch.

 

»Nun, Gunner«, sagte der Spatz mit leichtem Vorwurf. »Freigekommen?«

 

»Selbstverständlich«, lächelte Gunner Haynes und bestellte sich Kaffee.

 

»Eine Bekannte von mir – an der Zeitung«, stellte der Spatz vor. »Da sie selbst ein Mitglied dieser gesetzlosen Klasse ist, kann sie, ohne zu erröten, den hervorragendsten Juwelendieb Englands kennenlernen.«

 

Sie sah in Gunners Augen ein belustigtes Lächeln aufblitzen und lächelte zurück.

 

»Nun wissen Sie ja, wer ich bin«, sagte Haynes ironisch.

 

»Man hat also die Anklage niedergeschlagen?« Und als der Gunner nickte, stieß Mr. Bird einen langen, murrenden Seufzer aus. »Ich habe mein Vertrauen zu der Gerechtigkeit verloren«, sagte er verzweifelt. »Ich weiß ganz genau, warum Sie in dem Hotel waren, wessen glitzernde Steinchen Sie suchten – nein, Gunner, es gibt wirklich keine Gerechtigkeit mehr in der Welt.«

 

Der Gunner rührte in dem Kaffee, den die Kellnerin vor ihn hingestellt hatte, und lachte. Ein sanftes, musikalisches Lachen, das gar nicht zu dem Mann paßte, der da vor ihr saß.

 

»Ihre Sache stand schlecht, Mr. Bird, und Sie werden der erste sein, der mir das zugibt. Ich würde gern mal den Mann wiedersehen; der versucht hat, mich zu – mir zu helfen.«

 

»Sie wollten sagen, ›mich zu warnen‹.« Der Spatz blickte ihn durchdringend an. »Leider können Sie ihn nicht sehen. Er ist nämlich auf der Hochzeitsreise.«

 

»Maddison? – Hieß er nicht so. Ich erinnere mich jetzt an den Namen. Handelt es sich um den Bankier? Sie können mir ruhig antworten, Mr. Bird. Ich will nichts von ihm haben. Er ist in meinem Buch mit einem Stern angemerkt.«

 

»Das wird ihn sicher mal in den Himmel bringen«, spöttelte Bird und wurde dann wieder der kühle Polizeibeamte.

 

»Was führen Sie nun im Schilde, Gunner? Sind Sie jetzt reif für die Besserungsanstalt? Wenn das der Fall ist, können Sie von mir eine Empfehlung für das Heim für ehemalige Gefangene erhalten.«

 

Aber Gunner Haynes hörte gar nicht zu.

 

»Wen hat er geheiratet? – das hübsche, junge Mädchen, das an jenem Abend am oberen Ende der Tafel saß? Bei Gott! Sie war wunderhübsch! Erinnerte mich an –«

 

Er hielt plötzlich inne, und Mary Bolford sah, wie es in seinem Gesicht zuckte.

 

»– an jemand, den ich früher mal kannte. Ich wünsche ihnen alles Glück!«

 

»Dann müssen Sie jedem einzeln Glück wünschen«, sagte Mary Bolford; »an ihrem Hochzeitstage haben sie sich getrennt.«

 

Er blickte schnell zu ihr hinüber.

 

»Was hat sie ihm angetan?« fragte er, und Mary Bolford mußte, wenn auch widerwillig, lachen.

 

»Sie nehmen vieles für sicher an! Der Gedanke, daß er vielleicht der schuldige Teil sein konnte, scheint Ihnen wohl unmöglich?«

 

Er schüttelte den Kopf.

 

»Diese Art Mann kann nichts Schlechtes begehen, das kann ich Ihnen sagen, Miß! Ich kenne die Männer; ich verstehe das Gute in ihnen und das Schlechte. – Mein ganzes Leben lang habe ich von Männern gelebt: meine Kenntnis ihrer Schwächen und ihrer Stärke war mein einziger Trumpf. Frauen verstehe ich nicht. Und auch Sie haben unrecht, Mr. Bird – ich sage Ihnen dies hier offen und ehrlich – ich war nicht hinter den Juwelen von der Frau her, obgleich ich zugeben muß, ich hätte sie gern mal gesehen. Nein, hinter einem Diamantarmband, so groß wie eine Fußschelle! Im Hotel war ein alter Narr, der hatte es für eine Schauspielerin gekauft – sie nannte sich wenigstens Schauspielerin, aber ich habe sie gesehen! – Er muß mindestens hundert Jahre alt gewesen sein – vielleicht sogar hundertzwanzig. Ekelhaft! … nein, ich habe genügend Geld, um leben zu können.«

 

Er blinzelte dem Spatz zu. »Geld genug, um mir ein Maschinengewehr zu kaufen, damit ich wenigstens meinen Titel mit Recht trage. Wo steckt denn eigentlich Maddison?«

 

Er wandte sich an Mary Bolford.

 

»Fragen Sie mich!« fuhr der Spatz dazwischen, seine kalten Augen in denen des Hochstaplers. »Ich bin hier das zuständige Auskunftsbüro! Wenn Sie Ihre Lebensgeschichte erzählen wollen, wird Miß Bolford, glaube ich, einen ganz interessanten Artikel schreiben können, aber ich habe Sie nicht hierhergerufen, um angenehme Konversation zu machen, verstanden, Gunner!«

 

Haynes glaubte, in den Augen des jungen Mädchens einen feinen Schmerz zu sehen und lachte.

 

»Er hat recht – er hat selbstverständlich recht –« sagte er. »Lassen Sie mich Ihnen einen guten Rat geben, Miß Bolford.« Seine Stimme war eigenartig sanft, und selbst der Spatz blickte ihn erstaunt an. »Befürchten Sie niemals, daß Sie die Gefühle eines Hochstaplers verletzen könnten – das ist nämlich unmöglich. Ein Mann, der nach seiner Verhaftung eine Unterredung von nur zehn Minuten mit der Polizei gehabt hat – wenn sie nicht genau weiß, wo die Beute versteckt ist –, ist von Fachleuten … beleidigt worden.«

 

Der Spatz nickte ernsthaft.

 

»Bevor Sie beginnen, Sympathie für einen Exsträfling zu empfinden«, fuhr der Gunner fort, »rate ich Ihnen, ausfindig zu machen, warum er gesessen hat – und, was noch viel wichtiger ist, wie oft. Es kommt gar nicht darauf an, welches Verbrechen er begangen hat; ist er zweimal im Gefängnis gewesen, so brauchen Sie keinerlei Mitleid mehr an ihn zu verschwenden … Ich habe dreimal gesessen.«

 

Seine Augen lächelten, aber die scharfen Falten um seinen Mund hatten sich vertieft. Die ganze Zeit hindurch blickte er das junge Mädchen unverwandt an, trank ihre unberührte, frische Schönheit in sich hinein. Mit einem plötzlichen Ruck drehte er sich um, winkte der Kellnerin und bezahlte. Dann stand er auf und reichte Mr. Bird die Hand.

 

»Bird und ich kämpfen einen gleichen Kampf.« Seine Worte richteten sich wieder an das junge Mädchen. »Nur stehen wir beide auf verschiedenen Seiten. Meine Seite verliert immer, hat aber den meisten Spaß dabei.«

 

Er drehte sich um, ging langsam auf die Tür zu und verschwand.

 

Kapitel 13

 

13

 

Man hatte Luke Maddison in ein Einzelzimmer gelegt, und eines Morgens las er auf der Fieberkarte über seinem Bett, daß sein Name Smith war.

 

»Wie lange heiße ich schon Smith?« Seine Stimme klang außerordentlich kräftig, wenn man daran dachte, daß er nur wenige Tage vorher kaum imstande war, zu flüstern.

 

Die gutmütige Krankenpflegerin lächelte ermutigend.

 

»Wenn wir den Namen der Leute nicht kennen, nennen wir sie Smith – mit Vorliebe, Bill«, sagte sie. »Aber Sie werden nett und vernünftig sein und uns Ihren richtigen Namen nennen?«

 

Er schüttelte den Kopf.

 

»Nein, ich glaube nicht. Smith ist doch ein sehr schöner Name, der von so viel netten Leuten getragen wird. Wenn mein Name in Wirklichkeit Smith wäre, würde ich vielleicht ein besserer Mensch sein«, fügte er halb spöttisch hinzu.

 

Seit sie ihn in das Einzelzimmer gelegt hatten, war der große, dicke Schutzmann, der so oft in seinen Fieberträumen eine Rolle gespielt hatte, verschwunden. An dem Tage, an dem man glaubte, er würde sterben, war ein Beamter geholt worden, um seine Aussagen aufzunehmen; aber er hatte nichts erzählt, was auch nur den geringsten Wert gehabt hätte. Außerdem hatte er einen der Detektive sagen hören, daß er als Zeuge von gar keiner Bedeutung für die Staatsanwaltschaft wäre. So konnte er sich gönnen, still zu liegen, die Stunden vorbeistreichen zu lassen, zu sehen, wie das blasse Sonnenlicht an der grünen Wand entlangstrich, wie die Nacht kam und dann wieder der Tag. Von seinem Zimmer aus konnte er das entfernte Geräusch der Straßenbahnen hören; lernte ihre Klingelzeichen, ihr Kommen und Gehen unterscheiden. Seine Gedanken beschäftigten sich nur wenige Augenblicke mit Margaret, und mit aller Kraft versuchte er, diese Gedanken zu vertreiben. Einmal hatte er die Absicht, Steele holen zu lassen, aber das Erscheinen des Prokuristen an seinem Bett würde seine Identität verraten haben, und er war doch bemüht, den Namen der Bank um jeden Preis reinzuhalten – oder war es Margarets Name? Wieder und wieder sagte er sich, daß er nicht einen Finger aufheben würde, um Margaret zu retten – aber er wußte, er log. Um Margarets willen war er zufrieden, Bill Smith zu bleiben.

 

Man gab ihm Zeitungen, aber er weigerte sich, sie zu lesen. Es gab noch einen Grund, warum »Bill Smith« ein so angenehmer Ausweg war. Hatte Maddisons Bank wirklich die Zahlungen eingestellt, dann war dies ein weiterer Grund, warum er nie wieder Luke Maddison sein durfte. Er war eigenartig apathisch, es war ihm gleichgültig, was mit der Bank vorgegangen war. Hatte an nichts und niemand Interesse. Es hatte eine Zeit gegeben, wo er glaubte und hoffte, er würde sterben und so die vollständige Vergessenheit finden, nach der sein Herz schrie. Aber sein Herz schmerzte ihn beinah nicht mehr. Bald würde die Zeit kommen, wo er das Hospital verlassen konnte, und dann? Er war gleichgültig, auch der Zukunft gegenüber. Was kam es auch darauf an? Vielleicht würde er Blumen verkaufen wie das hübsche, junge Mädchen, das er eines Nachmittags in St. James Street im Schneetreiben gesehen hatte. Vielleicht könnte er Soldat werden; er war ja noch nicht zu alt. Vielleicht in ferne Gegenden gehen; er lächelte schwach. »Und Löwen schießen?« fragte in seinem Innern eine sarkastische Stimme.

 

Er machte sich keinerlei Gedanken über das, was kommen würde. Es war am sechzehnten oder siebzehnten Tage seines Krankenlagers – er wußte die Zahl selbst nicht einmal genau –, als die Schwester das Zimmer betrat.

 

»Ein Freund von Ihnen möchte Sie sprechen. Er sagt, er kennt Sie.«

 

»Ein Freund?« wiederholte Luke stirnrunzelnd. »Er muß mich sicherlich mit einem anderen verwechseln.«

 

»Nein, er fragte direkt nach Ihnen. Er wollte den Mann sprechen, der bei der Messerstecherei verletzt worden war; ich habe ihm natürlich nicht gesagt, daß Sie Smith heißen, denn das stimmt ja nicht.«

 

»O doch, Schwester, das stimmt schon – ich bin aber neugierig, wer das wohl sein könnte. Lassen Sie ihn, bitte, hereinkommen.«

 

Wer konnte das sein? Im ersten Augenblick – es war ja Wahnwitz – hatte er an Margaret, Margaret um Verzeihung flehend, gedacht. Er würde selbst über diesen törichten Gedanken gelacht haben, wenn Lachen ihm nicht so unsägliche Schmerzen in der Brust bereitete.

 

Er hatte den Mann, der hereinkam, niemals gesehen. Sein schäbiges Äußeres wurde durch einen Kragen von so blendender Weiße hervorgehoben, daß Luke – und nicht mit Unrecht – annahm, man hatte ihn ebenso wie die schreiende Krawatte erst zu diesem Zweck gekauft. Ein Mann mit einem sehr schmalen, scharfgezeichneten Gesicht; seine Augen durchsuchten unter den schweren Augenlidern hervor das ganze Zimmer, bevor er leise an das Bett heranschlich.

 

»Danke bestens, Schwester.« Seine Stimme klang heiser und erinnerte Luke an Lewing. Er fragte sich, ob dieser Mann vielleicht ein Verwandter von jenem wäre.

 

»Ist das Ihr Freund?« fragte die Krankenschwester.

 

»Das ist er, es stimmt schon, Miß«, sagte der Mann kopfnickend.

 

Die Schwester verschwand, und der Besucher beugte sich über Luke. Seine Kleider rochen muffig, als ob sie an einem feuchten Platze aufbewahrt worden wärm.

 

»Joe läßt sagen, daß er dir weiterhelfen will, weil du ihn nicht verpfiffen hast.«

 

»Was habe ich nicht?« fragte Luke.

 

»Verpfiffen. Frag doch nicht so dämlich! Wenn du ‚rauskommst, geh mal zu ihm.« Er steckte ein schmutziges Stück Papier unter das Kopfkissen, und Luke erkannte ein ihm gut vertrautes Knistern. »Fünf Pfund für dich. Joe läßt sagen, er wird für dich sorgen.«

 

»Gott segne ihn!« sagte Luke nachdrücklich, »wenn es jemals einen Mann gab, für den gesorgt werden müßte, so bin ich es.«

 

Kapitel 14

 

14

 

Am Tage seiner Entlassung aus dem Hospital wurde Luke Maddison gefragt, ob er einen Friseur haben wollte. Er fuhr sich über sein stachliges Gesicht, und sein Lächeln war beinahe voller Humor.

 

»Nein, ich finde mich gerade so nett«, sagte er. »Darf ich aber eitel genug sein und um einen Spiegel bitten?« Die Schwester gab ihm einen kleinen Handspiegel, und aus dem klaren Glase blickte ihm ein fremder, ungepflegt aussehender Mann mit langem Haar und Stoppelbart entgegen. Das Gesicht war blaß, die Nase spitz geworden, aber die Augen blickten so klar wie immer.

 

»Großer Gott!« murmelte er und pfiff vor sich hin.

 

»Sie sehen nicht besonders hübsch aus«, sagte die gutmütige Schwester.

 

»Bin ich niemals gewesen«, war Lukes beinahe vergnügte Antwort. Dann kam ihm ein Gedanke, und er runzelte die Stirn. »Kommt dieser verwünschte Schutzmann noch mal zurück?«

 

»Nein«, sagte sie kopfschüttelnd, »er hat eingesehen, daß nichts mit Ihnen anzufangen ist. Das Urteil der Leichenschaukommission ist in der vergangenen Woche gefällt worden. Hatten Sie das nicht in der Zeitung gelesen?«

 

»Ich kann nicht lesen«, war Lukes Antwort. Aber die Schwester lachte nur.

 

Die Leichenschau war also vorüber, und höchstwahrscheinlich hatte sich der Vorsitzende mit seiner Aussage zufrieden gegeben, daß er Lewing zufällig getroffen hatte und bei ihm war, als sie angefallen wurden. Lange Zeit darnach las er einen Zeitungsbericht und fand sich selbst beschrieben als »William Smith ohne festes Domizil«.

 

»Der Mann (so sagte die Zeitung) befindet sich immer noch in einem sehr kritischen Zustand, und der Zeuge (der Arzt des Hospitals) erklärte, daß der Verwundete seiner Meinung nach kaum vor Ablauf eines Monats eine Aussage machen könnte, die den Mord aufklären würde.«

 

Luke verbrachte den Nachmittag in einem Armstuhl am Fenster und blickte auf den Fluß hinaus. Gegenüber lag das Parlamentsgebäude. Es erschien ihm merkwürdig, daß er wenigstens fünfzig der Männer persönlich kannte, deren Anwesenheit in diesem Gebäude durch die Flagge auf dem Glockenturm bekanntgegeben war – fünfzig Männer, von denen ein jeder bereitwilligst über die Westminsterbrücke eilen würde, um ihm zu helfen. Aber er wollte keine Hilfe. Er überdachte seine Lage mit einer solchen Ruhe, als ob es sich um einen anderen Menschen handelte. All das, was bisher Wert in seinem Leben gehabt hatte, war zertrümmert. Er war heimatlos im wahrsten Sinne des Wortes, denn es gab keinen Fleck auf der Erde oder kein Wesen, die für ihn Behaglichkeit und Glück bedeuteten. Er war der Mittelpunkt eines unendlichen Horizonts, in dem kein tröstendes Licht ihm zuwinkte. Die grausame Erfahrung, die er durchgemacht hatte, hatte allen Ehrgeiz in ihm getötet; der Wille zum Leben war geschwunden. Freudig und dankbar würde er gestorben sein.

 

Merkwürdig war es, daß er selten über Lewings Tod oder über den Messerstich nachdachte, der ihn tödlich verletzt in das Operationszimmer des Hospitals gebracht hatte. Er hatte keinen Haß gegen den Mann, der ihn so schwer verletzt hatte, war beinahe belustigt, daß er so völlig unbewußt das Opfer einer Vendetta geworden war, mit der er gar nichts zu tun hatte. Er las noch einmal die Worte auf dem Stück Papier, das der geheimnisvolle Freund ihm gebracht hatte:

 

»Geh nach der Ginnett-Street 339 in Lambeth zu Mrs. Fraser. Sie wird für dich sorgen.«

 

Er kicherte leise vor sich hin. Es gab also wirklich jemand in der Welt, der für ihn sorgen wollte; das kam ihm eigentlich komisch vor. Als er diese kurze Mitteilung zum erstenmal gelesen hatte, hätte er sie beinahe zerrissen und weggeworfen; bis zu seinem letzten Tage im Hospital hatte er nicht die geringste Absicht, die betreffende »Dame« aufzusuchen – erst als er alle möglichen Pläne gemacht und wieder verworfen hatte, dachte er an diese Aufforderung. Nach dem Büro zurückzugehen, war unmöglich, irgendwo auf dem Lande besaß er eine kleine Villa, aber er erinnerte sich undeutlich, daß auch diese Margaret verschrieben worden war.

 

Er könnte England verlassen, natürlich, aber das würde Geld kosten. Die Absicht, irgendeinen der Fäden zu berühren, die ihn in sein altes Leben zurückführen könnten, lag ihm gänzlich fern. Diese Episode seines Lebens war beendet. Es gab noch Abenteuer und andere Interessen in der Welt – wer weiß, ob er diese nicht in dem schäbigen Viertel von Ginnett-Street finden würde?

 

An einem sonnigen Nachmittag verließ er das Hospital und konnte ohne jede Hilfe seines Weges gehen. Er war durch keinerlei Gepäck beschwert. Die täglichen Übungen auf der Terrasse des Hospitals hatten ihm seine Kräfte wieder zurückgegeben … er konnte allein laufen. Aber er hatte an Gewicht verloren, und seine Kleider schlotterten ihm am Körper.

 

Ginnett Street war nicht ohne Schwierigkeit zu finden, aber schließlich gelangte er doch an sein Ziel: eine schmutzige, enge Straße in Borough. Nummer 339 war ein Gemüseladen an der Ecke einer noch schmaleren Straße, in der sich ein Holzzaun befand, durch den eine schmale Tür zu einem kleinen Hofe an der Rückseite des Hauses führte. Das Geschäft sah nicht besonders einladend aus; verblaßte Plakate an den Fensterscheiben teilten mit, daß man die beste Hauskohle und Feuerholz hier kaufen könnte. Das Innere war eng und schmutzig. Hinter dem Ladentisch ein Regal, in dessen Fächern schwindsüchtige Kartoffeln und einige welke Blumenkohlköpfe lagen. In der einen Ecke des Ladens ein Haufen Kohlen, daneben eine Waage. Die Bewohner der Ginnett-Street kauften augenscheinlich ihre Kohlen pfundweise ein.

 

Er stieß die Tür auf: eine gesprungene Glocke ertönte, und nach einigen Augenblicken tauchte aus dem Hintergrunde eine Frau mit raubvogelähnlichem Gesicht und unordentlichem Haar auf, die ihn mit jener Unfreundlichkeit begrüßte, die das normale Verhalten – er entdeckte dies später – des kleinen Geschäftsmannes in diesem Viertel war.

 

»Nun«, fragte sie schroff.

 

»Ich sollte zu Ihnen kommen und –« begann er, aber sie unterbrach ihn schnell.

 

»Sind Sie der Mann aus dem Hospital? – Smith?«

 

Luke nickte lächelnd. Sie hob einen Teil der Ladentafel auf und ließ ihn durchgehen.

 

»Wollen Sie, bitte, ‚reinkommen?« Ihr Ton war respektvoll, beinah unterwürfig. »Ich dachte, Sie kämen erst morgen ‚raus.«

 

Sie ging ihm voran in ein kleines, frostiges Wohnzimmer und machte die Tür nach dem Laden sorgfältig hinter ihm zu.

 

»Ich bin froh, daß ich das Zimmer für Sie schon heute in Ordnung gebracht habe«, sagte sie, »darin bin ich groß, bei mir ist alles rechtzeitig fertig. Wollen Sie mit nach oben kommen, Mr. Wie-heißen-Sie-doch-gleich?«

 

Neugierde veranlaßte ihn, ihr zu folgen. Beim ersten Anblick dieses schmutzigen Ladens war er versucht gewesen, seiner Wege zu gehen, um einen anderen Platz zu finden, wo er sein neues Leben beginnen könnte; aber jetzt ging er beinahe vergnügt hinter der Frau her. Eine der größten Schwächen Luke Maddisons war eine unausrottbare Neugier: eine Neugier, die ihn ständig fragen ließ: Was geschieht nun?

 

Man mußte vor nicht zu langer Zeit einen kleinen Anbau an das Haus gemacht haben; der Fußboden war fester, die Türen schienen solider zu sein. Sie öffnete eine und führte ihn in ein Zimmer, dessen Behaglichkeit ihn direkt überraschte. Erwartete er doch, etwas ganz besonders Abstoßendes zu finden. Möglicherweise hätte er in einem solchen Falle das Haus verlassen und wäre seiner Wege gegangen. Aber das Bett war gut, die Laken fleckenlos, die Ausstattung einfach aber bequem, und in dem Kamin brannte ein kleines Feuer.

 

»Um die feuchte Luft zu vertreiben«, erklärte sie beinahe entschuldigend und machte ihm auf diese Weise begreiflich, daß dieser Luxus nur Ausnahme wäre.

 

Auf dem Tisch lagen einige Bogen Briefpapier, daneben Tinte und Federhalter. Sie merkte, daß er sich darüber zu wundern schien, und erklärte:

 

»Ein gewisser Jemand dachte, Sie möchten vielleicht an Ihre Freunde schreiben, vor allen Dingen deswegen, weil Sie ja keinen Brief aus dem Hospital weggeschickt haben.«

 

»Woher, zum Teufel, weiß er denn das?« fragte er verwundert.

 

Mrs. Fraser lächelte geheimnisvoll.

 

»Er weiß alles«, war ihre Antwort.

 

Augenscheinlich war er eine Person von großer Bedeutung.

 

»Sie wollen doch sicher nichts mehr mit der Bande von Lewing zu tun haben?« sagte sie, und die ganze Zeit hindurch lagen ihre blassen Augen suchend auf seinem Gesicht. »Die Polizei hat die Bande in der letzten Woche zerstreut, und das war gut. Dieser Lewing würde seine eigene Mutter um ihre letzten Ersparnisse betrogen haben!«

 

»Ein ganz gemeiner Kerl also?«

 

»Wenn Sie mit ihm etwas zusammen unternommen hätten, würde er Sie totsicher ‚reingelegt haben – besonders, da Sie ja eigentlich ein feiner Herr sind.«

 

»Eines möchte ich erst mal richtigstellen, Mrs. Fraser«, sagte Luke. »Ich bin kein Mitglied von Mr. Lewings oder irgendeiner anderen Bande gewesen und –«

 

»Weiß schon … Er wußte das auch. Aber Lewing tat sich immer groß mit den Leuten, die ihm unter die Finger kamen, und er hat Wunderdinge von Ihnen erzählt, und wie großartig Sie fahren können. Sie sind Autofahrer?«

 

»Autofahrer? O ja, ich glaube sogar ein ganz guter«, lächelte Luke.

 

»Auch Rennen gewonnen, nicht wahr?« fragte sie in ihrer monotonen Weise.

 

Und es war wirklich der Fall, daß Luke in einem Herrenfahrerrennen in Brookland gewonnen hatte, obgleich er sich keineswegs als Rennfahrer ausgeben konnte.

 

»Das dachte ich mir«, nickte sie. »Renommieren! das hat Lewing den Hals gebrochen…«

 

Luke erinnerte sich an eine Unterhaltung, die er mit dem Toten gehabt hatte.

 

»War er nicht ein Freund von Gunner Haynes?«

 

Als sie diesen Namen hörte, änderte sich der Gesichtsausdruck der Frau in ganz unvermuteter Weise. Sie verzog das Gesicht und blinzelte, als ob sie plötzlich geblendet würde.

 

»Ich weiß nichts, gar nichts von Mr. Haynes«, sagte sie zurückhaltend. »Je weniger man sagt, desto besser. Wir haben niemals Ärger mit Mr. Haynes gehabt und wollen auch keinen haben.«

 

In ihrem Tone lag etwas, das ihm ohne jeden Zweifel mitteilte, daß Furcht die Grundlage ihres Respekts für den Gunner war. Er war »Mr.« Haynes für sie, und sie war außerordentlich besorgt, nichts zu sagen, das man respektlos nennen könnte.

 

Sie machte sich geschäftig daran, ihm eine Tasse Tee zu bereiten, und er setzte sich an den Tisch. Das Briefpapier war eine große Versuchung für ihn; aber an wen hätte er schreiben sollen? An Margaret? – daran dachte er nicht einmal.

 

Wenn eine Maus in einen Bienenkorb eindringt und von den empörten Bewohnern getötet wird, dann finden diese, daß der Eindringling zu schwer ist, um herausgebracht werden zu können. Sie überziehen ihn mit Wachs, und so wird er ein Teil ihres Hauses: ein Klumpen, der einstmals lebte, aber nun keine Bedeutung mehr hat. In gleicher Weise hatte er Margaret einbalsamiert und verdeckt. Sie war für ihn eine Art Hindernis geworden, an dessen Vorhandensein er sich gewöhnen mußte.

 

Aber Steele? Was dachte wohl Steele? Und jetzt kam ihm zum erstenmal ein entsetzlicher Gedanke. Wenn Steele nun annahm, er hätte Selbstmord begangen? Wenn nun alle Zeitungen Artikel brächten über einen »Millionär« – alle Menschen in seiner Lage waren für die Zeitungen nur Millionäre – wenn nun die Flüsse durchsucht würden und eine Beschreibung von ihm veröffentlicht war? Bei dem Gedanken überlief es ihn kalt.

 

Mrs. Fraser brachte ihm ein Tasse Tee, der sich als trinkbar erwies. Er machte eine verzweifelte Anstrengung, um Auskünfte von ihr zu erhalten, die er leichter bekommen haben würde, wenn er die Zeitungen der letzten Woche durchgelesen hätte. Sie hörte geduldig seine Fragen an und schüttelte den Kopf.

 

»Nein, nichts Besonderes. Ein Mord in Finsbury, und dann hat man den Kerl gehenkt, der die alte Frau erschlagen hat.«

 

»Ich glaube mich zu erinnern, wie die Schwestern im Hospital von einem reichen Mann sprachen, der verschwunden war – seine Bank ging pleite oder so was Ähnliches… man sprach auch von Selbstmord …«

 

Sie verzog die Lippen und sagte kopfschüttelnd:

 

»Davon habe ich nichts gelesen, und das wäre mir sicher aufgefallen, denn meine Mutter hat schon all ihr Geld verloren, als die Webbick-Bank pleite ging …«

 

Als sie gegangen war, atmete er befreit auf. Möglicherweise hatte Steele der Polizei noch keinerlei Mitteilungen gemacht…

 

Er nahm einen Briefbogen und tauchte den Federhalter in die Tinte.

 

Kapitel 7

 

7

 

Die Straßenlaternen brannten, und der letzte Schimmer des Tageslichts verschwand im Westen, als Ferrabys großer Wagen in schnellem Tempo die Hauptstraße einer Vorstadt entlangfuhr und vor der ländlichsten aller Polizeistationen Londons anhielt. Super saß in seinem kleinen Büro, war gerade dabei, eine große, schwerverdauliche Pastete zu verzehren und hatte eine dampfende Tasse Kakao vor sich stehen. Er schaute auf und deutete auf einen Stuhl.

 

»Nehmen Sie bitte Platz«, sagte er undeutlich. Dann goß er mit einem einzigen Zug den brühheißen Inhalt seiner Tasse hinunter und trocknete sich die Lippen mit einem Taschentuch ab, das schon bessere Tage gesehen hatte. Er nahm eine Zigarrenkiste aus der Schublade seines Schreibtisches und bot sie Jim an.

 

»Nein, ich danke, Mr. Minter«, sagte Ferraby schnell.

 

»Was ist denn mit Ihnen los?« fragte Super verletzt. »Ich wüßte niemand, der diese Zigarren nicht gern möchte.«

 

»Seien Sie mir nicht böse«, sagte Jim.

 

»Die Sitten des Landes geraten immer mehr in Verfall«, sagte Super traurig, als er mit einem Streichholz einen giftig aussehenden Glimmstengel anzündete. »Ich muß allerdings zugeben, daß diese Zigarren schon mehr Leute umgeworfen haben, als ich zählen kann.«

 

Er blies übelriechende Rauchwolken in die Luft, und die Zigarre schien ihm sehr gut zu schmecken.

 

»In Amerika können Sie diese Zigarre nicht unter zehn Cent das Stück kaufen – dort ist sie auch gewachsen.«

 

»Ich muß sehr um Entschuldigung bitten, wenn ich das nicht glaube.«

 

»Sie ist auch nur aus heimischem Tabak gemacht«, gestand Super. »Es ist eine Art vaterländischer Versuch, und wenn Sie erst einmal daran gewöhnt sind, finden Sie sie gar nicht so schlecht. Unser Abteilungsarzt bei der Polizei hat sogar gesagt, daß sie gesund sei. Nach seiner Meinung kann selbst kein Ziegenbock im Umkreis von einer Meile am Leben bleiben, wenn eine solche Zigarre geraucht wird. Auch behauptet er, daß er lebhaft an den Krieg erinnert wird, wenn er hierherkommt. Er hat nämlich eine Gasvergiftung in Frankreich hinter sich.«

 

Super hustete und schüttelte sich: Dann schaute er verzweifelt auf seine Zigarre und warf sie in den Kamin.

 

»Eine ist nicht so gut wie die andere«, sagte er und stopfte seine Pfeife. »Wir werden bald aufbrechen.« Er sah nach seiner Uhr. »Ich habe Lattimer schon vorausgesandt. Er ist ein ganz brauchbarer Mann. Aber wenn etwas herauskommen sollte, so war er nicht dabei.«

 

»Sie meinen, wenn es irgendwelche Unannehmlichkeiten gibt, weil Sie außerhalb Ihres Bezirks arbeiten?«

 

»Ich habe Lattimer gerne, obgleich ich es ihn niemals merken lasse«, sagte er. »Ein junger Mann wird gleich übermütig, wenn man ihn gut behandelt. Und er ist temperamentvoll, geradeso wie ich. Und dann ist er auch ein wenig faul.«

 

Als Super aufstand, um Hut und Mantel zu holen, glaubte Jim eine passende Gelegenheit gefunden zu haben, ihm die Geschichte von den Banknoten in Form eines großen lateinischen ›B‹ zu erzählen, die er heute von Elfa erfahren hatte. Super hörte gespannt zu.

 

»Elson war die Nacht dort?« fragte er. »Das ist doch ein prachtvolles Zusammentreffen, denn diese Frau hat Elson gern, wenn meine Beobachtungen und Schlußfolgerungen stimmen. Und obendrein scheint sie ihn in der Hand zu haben. Mir dämmert schon ein wenig davon, wie sehr wir auf dem Posten sein müssen, um alles zu verstehen, was wir heute nacht zu sehen bekommen werden – ich wünschte nur, Mr. Cardew wäre auch da.«

 

Als Jim eine Frage stellte, schüttelte er den Kopf.

 

»Nein, wir haben keinen Landstreicher aufgegriffen. Das ist gar nicht so merkwürdig, wie Sie vielleicht denken. Die Gegend ist unübersichtlich, ab und zu mit Bäumen bestanden, und was noch mehr ins Gewicht fällt, Cardews Grundstück liegt nur in kurzem Abstand von der südlichen Hauptstraße. Leere Marktwagen verkehren dort den ganzen Tag über, und es ist sehr leicht, auf einen solchen Wagen zu klettern und sich unter der regendichten Decke zu verbergen. Und da wir gerade über wasserdichte Decken sprechen …«

 

Er ging zum Fenster und schaute zum Himmel auf, kam wieder zurück und klopfte an ein Barometer, das auf seinem Tisch stand.

 

»Vermutlich wird es regnen – haben Sie einen Gummimantel bei sich?«

 

»Ja, er liegt im Wagen.«

 

»Sie werden ihn nötig haben«, meinte Super lakonisch.

 

Der Mond schien schwach durch dichtes Gewölk, als sie die Horseham Road entlangfuhren. Sie waren kaum zwölf Meilen unterwegs, als es am südlichen Horizont wetterleuchtete und kleine Staubwirbel sich im Lichtkegel der Autoscheinwerfer zeigten. Super saß zusammengekauert an Jims Seite und sprach lange Zeit kein Wort. Als sie an der äußeren Grenze von Horseham waren, begann es zu regnen. Jim hielt an, um das Verdeck hochzumachen. Man konnte das Rollen des Donners hören.

 

»Ein schönes Gewitter«, sagte Super. »Da ist nichts Spitzfindiges dabei – Gewitter sind Tatsachen, und die braucht man nicht psychologisch zu ergründen. Es ist gerade so, als ob man einen Mann auf frischer Tat ertappt.«

 

Der Wagen hatte Horseham hinter sich, und sie fuhren die Worthing Road entlang.

 

»Wenn eine Frau sich in den Kopf gesetzt hat, zu heiraten, dann ist sie gerade so vernünftig wie ein hungriger Wolf im Fleischerladen. Ich möchte nur wissen, was das ›B‹ zu bedeuten hatte.«

 

»Ich vermute, daß es mit Großfuß zusammenhängt«, meinte Jim.

 

Die Wolken vor ihnen wurden durch hellerleuchtete Blitze zerrissen, und Super wartete mit seiner Antwort, bis das Krachen und Rollen des Donners vorüber war.

 

»Mit Großfuß? Ja, das ist möglich. Warum glauben Sie eigentlich, daß ich mein Leben in dieser stürmischen Nacht riskiere, mitten in der Wut der Elemente? Meinen Sie etwa, ich will meine Neugierde wegen Hanna Shaw befriedigen? Nein, das ist es nicht, ich will« – er sprach langsam und betonte jedes Wort – »ein Geheimnis enthüllen, das ist der richtige Ausdruck.«

 

»Und was ist das für ein Geheimnis, wenn es nicht das merkwürdige Betragen Hanna Shaws ist?« fragte Jim etwas belustigt.

 

»Ich bin einem Geheimnis auf der Spur«, sagte Super und nickte feierlich. »Seit sechseinhalb Jahren. Es ist das Geheimnis einer Verabredung, die niemals eingehalten wird.«

 

Jim schaute ihn verwundert an.

 

»Das ist aber sehr sonderbar, Super.«

 

»Es ist nichts Sonderbares dabei«, sagte Minter selbstgefällig. »Das ist eine nackte Tatsache. Genau wie die Blitze dort und die Himmelsartillerie, wenn ich diesen schönen Ausdruck gebrauchen darf, den ich neulich in einem Buch gelesen habe. Sechseinhalb Jahre – das ist eine lange Zeit. Aber für einen alten Mann bedeutet es nur eine kurze Spanne. Wenn es auch lange dauert, schlägt es doch endlich ein. – Er bat mich, daß ich in sein Haus in Chellamore kommen möchte. Sein Name war Sir Joseph Brixton. Er war sogar ein Stadtrat der City. Jetzt ist er tot, und man nimmt allgemein an, daß er im Himmel ist. Aber damals bat er mich, zu ihm zu kommen, und als ich hinkam, war er nicht zu Hause. Wenigstens ließ er bestellen, daß er nicht zu Hause sei. Sein Diener brachte mir einen Brief, in dem er mir für die Mühe dankte, die ich mir gegeben hätte. Es lagen zwei Zehnpfundnoten bei, die ich zu wohltätigen Zwecken benutzte.« Super machte eine Pause. »Und diese Wohltätigkeit beginnt in meinem eigenen Haushalt.«

 

»Was in aller Welt hat denn das mit unserem wilden Abenteuer in der Nacht zu tun?« fragte Jim.

 

»Sehr viel – jetzt erst fange ich an, mich über unsere Fahrt heute abend zu freuen. – Ich hoffe, daß Lattimer einen Regenmantel hat.«

 

»Wissen Sie, warum Brixton nach Ihnen geschickt hatte?«

 

Super nickte im Dunkeln.

 

»Das weiß ich. Und ich weiß auch, warum er seine Verabredung nicht einhielt.«

 

»Aber Sie sagten doch …«, begann Jim.

 

»Ich weiß das Warum, aber das Wie ist mir ein Rätsel.«

 

Der Regen strömte nieder, und die Blitze zuckten unaufhörlich. Jim bog von der Poststraße in eine Nebenstraße ein, die nach dem Ort Groß-Pawsey führte.

 

Das alte Dörfchen lag in vollständiger Dunkelheit da, nur aus den Fenstern des Gasthauses drang Licht. Das Auto fuhr jetzt an breiten, grünen Rasenflächen und Gebüschen vorüber und wandte sich dann zu dem tieferliegenden Küstenweg.

 

Groß-Pawsey lag von Klein-Pawsey ungefähr zehn Kilometer entfernt – Klein-Pawsey wurde es noch auf den Karten des 19. Jahrhunderts genannt; aber es hat längst seine Vorsilbe verloren. Das kleine Fischerdorf hatte sich in ein elegantes Bad verwandelt. Der Name Pawsey war in riesengroßen Buchstaben aus elektrischen Lampen an den Klippen nach der See angebracht. Es besaß einen großen Wintergarten, eine Promenade und einen modernen Anlegeplatz für Dampfer. Kapellen spielten in seinen herrlich angelegten Gärten, bedeutende Schauspieler traten auf den Bühnen seiner Theater auf, und es gab Hotels von solcher Größe und Bedeutung dort, daß allein schon ihre Portiers große Herren waren.

 

Zwei Wege verbanden Pawsey mit dem kleinen Dorf gleichen Namens. Der eine führte parallel zu den Klippen durch die Dünen, der andere unten an der Küste entlang. Der erste war vollständig mit einer Schotterschicht überzogen und großartig beleuchtet, der zweite war verfallen und kaum noch ein Fahrweg zu nennen. Auf die Herstellung und Unterhaltung des höheren Weges hatten die Gemeinde und der Stadtrat Von Pawsey alles Geld ihrer Steuerzahler verschwendet, auf den anderen Weg dagegen nichts. Seit langer Zeit war diese Straße ein Streitobjekt zwischen dem Kriegsministerium, das dort ein großes Stück Küstenland besaß, und den Stadtvätern. Und so war sie in dem Zustand geblieben, in dem sie sich schon zu der Zeit unserer Vorväter befand. Hier und da brachten die Zeitungen einen heftigen Artikel mit einer Überschrift von riesengroßen Buchstaben: »Der Zustand der Küstenstraße ist ein Skandal.« Ausfallende Bemerkungen und Feststellungen wurden in großen Versammlungen gemacht, die das Kriegsministerium beschuldigten, daß es sich nicht an den Kosten der Straßenreparatur beteiligen wolle. Aber das Resultat all dieser Reden und der vielen Artikel war schließlich nur, daß alles beim alten blieb.

 

»Es ist wirklich eine verteufelt schlechte Straße«, sagte Super, als der Wagen mit vielen Stößen über den holprigen Weg fuhr. »Wir wollen in dem alten Steinbruch halten, wenn Sie nichts dagegen haben.«

 

»Kennen Sie den Platz?« fragte Jim überrascht.

 

»Amtliche Karte«, war die Erklärung. »Habe sie den ganzen Morgen studiert. Das Haus liegt fünfhundertfünfzig Meter vom Fuße des Hügels und vier Kilometer von Pawsey entfernt. Wir müßten eigentlich Lattimer an dieser Stelle finden. – Blenden Sie die Lichter ab, Ferraby.«

 

Lattimer stand im Schutz einer überhängenden Felsenpartie und war in einen vollständig nassen und glänzenden Regenmantel gehüllt. Sie wären an ihm vorbeigefahren, ohne ihn zu sehen, wenn er nicht aus seinem Versteck herausgetreten wäre.

 

»Es ist bisher niemand zu dem Haus gekommen«, berichtete er, als sie aus dem Wagen stiegen.

 

»Das ist aber sonderbar – Miss Shaw ist doch schon heute morgen hierhergefahren«, sagte Jim.

 

»Ich hätte mich sehr gewundert, wenn sie gekommen wäre«, warf Super ein. »Ich wußte, daß sie nicht hierherfuhr.«

 

Ferraby wurde stutzig.

 

»Das ist meine Schlußfolgerung«, sagte Super selbstzufrieden. »Logische Schlußfolgerung, auch möglich, daß etwas Psychologie dabei ist.«

 

»Aber woher wissen Sie denn, daß sie heute morgen nicht hierherkam?« fragte Jim hartnäckig.

 

»Weil Lattimer es mir vor einer Stunde durch das Telefon gesagt hat. Das ist ganz einfache Polizeilogik – man stellt eine Schildwache auf den Platz und läßt sie durch die Strippe reden. Und außerdem ist es auch ein logischer Schluß – ich schließe nämlich aus seiner Beamtenstellung, daß er mir die Wahrheit sagen wird. Wir wollen den Wagen hier rechts seitlich unterstellen, damit ihn niemand sehen kann, Mr. Ferraby. – Leuchten Sie einmal mit Ihrer Taschenlampe, Sergeant … Nun aber, bitte, alle Lichter aus.«

 

Unbarmherzig strömte der Regen nieder, obgleich das Gewitter vorübergezogen war. Bei dem Wetterleuchten draußen auf der See sahen sie den Weg, als sie die Straße entlanggingen. Manchmal half auch der Sergeant mit seiner Lampe.

 

Beach Cottage, das Haus Mr. Cardews, erhob sich zwischen der Straße und dem Meeresufer. Es war ein niedriges, viereckiges Steingebäude, von einer brusthohen Ziegelmauer umgeben. Auf jeder Seite des Hauses war für Durchfahrten eine Öffnung in der Umfassungsmauer.

 

»Sind Sie sicher, daß niemand im Hause ist?«

 

»Ich bin meiner Sache ganz sicher. Die Tür ist von außen mit einem Vorhängeschloß geschlossen.«

 

»Was ist das hinten für ein Gebäude – eine Garage?«

 

Jim konnte kein anderes Gebäude sehen, aber Super hatte Augen wie eine Katze.

 

»Nein, das ist ein Bootshaus. Es ist leer. Als Mr. Cardew das Haus bewohnte, hatte er dort ein langes Ruderboot, wie mir ein Bootsmann erzählte. Aber er hat es später verkauft.«

 

Super untersuchte die Tür und die Fenster, ohne etwas zu finden.

 

»Sicher konnte sie nicht hineinkommen«, sagte Jim. »Wahrscheinlich hat sie das Unwetter abgehalten.«

 

Super brummte etwas, als ob das Unwetter Hanna Shaws Plänen sehr zustatten käme.

 

»Ich behaupte nicht, daß sie bestimmt kommen wird. Es ist möglich, daß ich da nur eine Theorie aufgestellt habe. Es ist ja immer schlimm, wenn ich zuviel denke.«

 

Jim hatte noch nie ein so verlassenes Haus gesehen. Auf der einen Seite dehnte sich die Küste, auf der anderen, jenseits der Straße, stiegen die steilen Klippen empor, die man aber in der stockdunklen Nacht nur ahnen konnte.

 

»Die Gegend ist sehr reich an Höhlen«, sagte Lattimer. »Die meisten sind aber nicht zugänglich.«

 

Sie gingen langsam wieder zu der Stelle zurück, wo sie den Wagen versteckt hatten.

 

»Ich wundere mich, daß eine so lebhafte Nachfrage nach Cardews Sommerhaus besteht«, sagte Jim.

 

»Was meinen Sie damit?« fragte Super. »Das ist gerade ein Platz, an den ich mich gerne zurückziehen möchte, wenn ich einmal in Pension gehe. Ich wette, daß es bei Sonnenschein ein wunderbares Plätzchen ist. Und nachts braucht man doch nur zu schlafen.«

 

Er hüllte sich fröstelnd in seinen Mantel, und Jim bemerkte, wie er auf das Leuchtzifferblatt seiner Armbanduhr sah.

 

»Es ist fast elf Uhr – wir wollen ihr bis zwölf Uhr Zeit geben. Wenn dann nichts passiert ist, muß ich Sie um Verzeihung bitten.«

 

»Was vermuten Sie hier zu finden?« fragte Jim. Er drückte jetzt in Worten aus, woran er schon den ganzen Abend gedacht hatte.

 

»Das ist sehr schwer zu sagen«, entgegnete Super. »Sehen Sie, wenn eine alte Jungfer in die Jahre kommt und mannstoll wird, und wenn sie schon damit droht, daß was passiert, wenn sie sich nicht verheiratet, dann habe ich alle Veranlassung, mich um die Sache zu kümmern. Es ist möglich, daß ich mehr erwartet habe, als wir hier finden, möglich –«

 

Plötzlich ergriff er Jims Arm und zog ihn zur Seite.

 

»Schnell hinter den Felsen«, stieß er hervor.

 

Kapitel 8

 

8

 

Hinten auf der Straße tauchten zwei schwache Lichter auf. Es waren die Scheinwerfer eines heranfahrenden Autos.

 

Jim stolperte, ging dann näher zu den Klippen und fand dort ein Versteck. Super trat dicht an seine Seite. Lattimer lag flach auf dem Boden hinter ihm. Der Wagen kam schnell näher. Jim hatte eine so rasche Fahrt auf dieser schlechten Straße für unmöglich gehalten. Als der kleine, offene Wagen vorbeisauste, sah er undeutlich eine dunkle Silhouette – eine Frau mit einem breitkrempigen Hut, die sich nach vorne neigte, damit ihr der Regen nicht ins Gesicht schlug.

 

Nach ein paar Sekunden fuhr das Auto durch eine der Öffnungen in der Umfassungsmauer und stand vor der Haustür still.

 

»Sie öffnet die Tür«, flüsterte Jim, als das Knarren eines Schlüssels durch den Wind zu ihnen herübergetragen wurde.

 

Super war ganz still. Erst als sie hörten, wie die Tür zugeworfen wurde, erhob sich Super.

 

»Nicht sprechen!« flüsterte er seinen Begleitern warnend zu und ging auf das Gebäude zu.

 

Der Wagen stand direkt vor der Haustür. Super wand sich wie eine Katze, ging vorsichtig heran und fühlte den Kühler an. Er war mit dem Resultat zufrieden. Dann ging er um das Haus herum auf die Rückseite. Kein Laut kam aus dem Innern des Hauses, kein Licht war sichtbar. Als er zur Tür zurückkam, sah er das geöffnete Vorhängeschloß lose herabhängen. Er beugte sich vor und horchte angestrengt. Aber er hörte nichts. Dann kehrte er wieder zu den beiden Männern zurück, die er an der Mauer zurückgelassen hatte.

 

»Es muß noch jemand anders kommen«, sagte er. »Sie bleibt hier nicht über Nacht … Sie hat irgend etwas Besonderes vor.«

 

Sie gingen zu den Felsen zurück, hinter denen sie sich versteckt hatten, und warteten auf das, was sich ereignen sollte. Eine Viertelstunde verging, eine halbe Stunde – dann hörten sie, wie sich die Tür öffnete und wieder schloß und wie das Vorhängeschloß wieder befestigt wurde.

 

»Sie bleibt nicht da.« Super war erstaunt. Man hörte aus dem Ton seiner Stimme, wie enttäuscht er war. »Zum Donnerwetter treten Sie in Deckung! Sie blendet ihre Scheinwerfer ganz hell auf!«

 

An dem kleinen Wagen, der bis dahin unsichtbar war, strahlten plötzlich für eine Sekunde zwei helle, weiße Lichtkegel auf, dann wurden sie sofort wieder abgeblendet. Der Wagen fuhr durch die Öffnung in der Umfassungsmauer heraus und wandte sich auf der Straße wieder ihnen zu. Sie hatten kaum genügend Zeit, sich zu verbergen, als die Scheinwerfer plötzlich wieder hell aufleuchteten. Wieder konnten sie den vorwärtsgebeugten Kopf und den Hut mit dem breiten Rand erkennen. Dann war das Auto an ihnen vorbei, und sie sahen nur noch den schwachen Schimmer des Schlußlichtes.

 

Super trat vor und war sehr mißgestimmt.

 

»Ich muß um Entschuldigung bitten«, sagte er. »Beide – sowohl Schlußfolgerung als auch Psychologie – sind eitle Dirnen, die einen im Stich lassen und verraten. Sie geht ins Haus und kommt wieder heraus, verschwindet – kein Mensch weiß, woher und wohin. Wenn wir ein wenig Glück hätten, wäre es möglich, sie einzuholen und ihrer Spur zu folgen, um festzustellen, wo sie sich wirklich aufhält.«

 

Sie mußten noch eine Strecke gehen, bevor sie Jims Wagen erreichten. Aber inzwischen hatte sich etwas Unangenehmes ereignet – einer der Reifen war undicht geworden, und man mußte das Rad wechseln. Sie beeilten sich, aber als sie fertig waren, konnten sie den Ford nicht mehr einholen.

 

In Groß-Pawsey setzten sie den Schutzmann des Ortes durch ihre Fragen in Erstaunen; aber er konnte ihnen keine Auskunft geben. Er hatte wohl zwei Wagen kommen sehen, aber bis zu diesem Augenblick war noch keiner wieder zurückgefahren.

 

»Ich lasse Sie hier, Lattimer – es ist möglich, daß man Sie hier verhaftet, aber ich brauche jemand auf Wachtposten.«

 

Sie fuhren im Sturm nach Horseham zurück. Die Donner rollten schwer, als Jim todmüde seinen Wagen vor Supers Büro zum Stehen brachte.

 

»Kommen Sie herein und trinken Sie Kaffee mit mir«, sagte Super, der sich während des ganzen Rückweges zur Stadt in Schweigen gehüllt hatte. »Ich glaube, daß ich besser denken kann, wenn ich nicht im Regen bin. Es tut mir sehr leid, daß ich Sie wegen dieser nichtssagenden Angelegenheit mitgenommen habe, Mr. Ferraby. Großfuß – hm – möglicherweise haben wir den Kerl verpaßt.«

 

Super saß durchnäßt in seinem Stuhl, und sein Gesicht nahm einen harten Ausdruck an.

 

»Ich bin wirklich nicht zufrieden. Sie kann nicht nach Pawsey gefahren sein – ich habe auf die Radspuren geachtet, als wir durchfuhren. Sie ist auch nicht durch Groß-Pawsey gefahren der aufmerksame Beamte hat keinen Ford zurückkommen sehen, und ich glaube ihm durchaus. Er ist ein braver Mann; ich hatte ihn bei mir in einem Fall, als ich noch in Scotland Yard beschäftigt war. Sie ist nicht nach Pawsey gekommen, darauf will ich schwören. Wir fuhren doch über das letzte Ende der Straße, als ich Sie halten ließ. Die Straße ist sehr hell erleuchtet, und es waren überhaupt keine Autospuren zu sehen. Es ist möglich, daß Lattimer mir Neuigkeiten berichtet – ich habe ihn gebeten, mich anzurufen.«

 

In diesem Augenblick kam der Sergeant vom Dienst herein.

 

»Es wünscht Sie jemand aus Groß-Pawsey zu sprechen, Herr Oberinspektor.«

 

Super stand von seinem Stuhl auf und begab sich zu dem altmodischen Wandtelefon im anstoßenden Wachraum.

 

»Lattimer ist hier, Super. Ich habe den Fordwagen aufgefunden.«

 

»Wo?«

 

»Oben auf der Höhe der Klippe – er muß von dem Weg, der unten an der Küste entlangführt, abgebogen sein. Der Platz heißt Seahill.«

 

»Waren die Lampen an oder aus?« fragte Super schnell.

 

»Aus – dann war da noch etwas Merkwürdiges – quer über die Rückwand stand mit Kreide das Wort ›Großfuß‹ geschrieben.«

 

»Großfuß? Wie? Sonst noch etwas? War niemand bei dem Wagen?«

 

»Nein!«

 

Supers Gedanken arbeiteten schnell.

 

»Wecken Sie den Sergeanten des Ortes und rufen Sie den Polizeichef in Pawsey an. Sie können auch noch den Höhenrand der Klippen absuchen und die Straße, die unterhalb vorbeiführt, ob Sie jemand finden. Ich werde schnell zurückkommen. Haben Sie das Haus weiter beobachtet? – Gut!«

 

Er hängte den Hörer wieder ein und wiederholte Jim den Hauptinhalt der Nachrichten des Beamten.

 

»Ich muß sofort wieder hin, um nachzusehen; aber ich muß es erst mit Scotland Yard ausmachen. Gehen Sie und sehen Sie zu, ob Sie Cardew finden können, und holen Sie von ihm die Schlüssel des Hauses. Kommen Sie so schnell wie möglich zurück.« Mr. Gardew hatte eine kleine Wohnung in der Nähe von Regent ’s Park, wo er sich aufhalten konnte, wenn er eine Nacht in der Stadt zubrachte.

 

Jim hatte Glück; denn die äußeren Türen solcher Wohnungen sind um Mitternacht verschlossen, und es ist nur möglich, hineinzukommen, wenn man alle zwölf Familien im Hause aufweckt. Aber zufällig kam er gerade in dem Augenblick an, als eine lustige Gesellschaft aus einem Tanzklub zurückkehrte. Er stieg die Treppe zum dritten Stockwerk hinauf, wo Mr. Cardews Wohnung war.

 

Der Anwalt hatte einen leichten Schlaf, und als Jim zum zweitenmal an die Tür klopfte, sah er, wie Licht in dem Gang gemacht wurde und sich die Tür so weit öffnete, wie es die vorgelegte Sicherheitskette gestattete.

 

»Um Himmels willen, Ferraby!« sagte Cardew, als er die Kette löste. »Treten Sie näher. Was in aller Welt bringt Sie um diese Stunde zu mir?«

 

In kurzen Worten erzählte ihm Jim von dem Abenteuer dieser Nacht.

 

»Sicherlich werden Sie mir unter diesen Umständen verzeihen, daß ich Minter von dem Drohbrief erzählte. Ich glaube, er hält die Sache für sehr wichtig.«

 

Mr. Cardew strich sich erregt durch das zerzauste Haar.

 

»Kam sie erst so spät in der Nacht?« fragte er vollständig verwirrt. »Aber sie ist doch aus Barley Stack schon kurz nach elf heute morgen abgefahren! Wo ist sie jetzt?«

 

»Das will Minter ja gerade entdecken«, sagte Jim. »Der Wagen wurde verlassen aufgefunden, und das Wort ›Großfuß‹ war quer auf die Rückwand des Wagens geschrieben. Super denkt, daß es eine Irreführung sein könnte. Die Lokalpolizei sucht in diesem Augenblick die Küste und die Klippen ab, um – geradeheraus gesagt – um ihre Leiche zu finden.«

 

Cardew konnte nur den Kopf schütteln.

 

»Das kann ich nicht glauben, es ist zu – zu entsetzlich. Ich habe Reserveschlüssel zu dem Hause, aber sie befinden sich in meinen Büroräumen im Temple. Warten Sie so lange, bis ich mich angezogen habe – haben Sie Ihren Wagen hier? Wenn nicht, so wäre es besser, wenn Sie eine Taxe besorgten.«

 

Schon nach wenigen Minuten hatte er sich angezogen, und als er wieder zu Jim trat, war er für eine lange Fahrt gerüstet.

 

»Natürlich muß ich mit Ihnen gehen«, sagte er ruhig. »Ich muß wissen, was mit Hanna passiert ist.«

 

Schnell fuhren sie zum Temple. Cardew ging durch das Tor und kam bald mit einem Schlüsselbund zurück.

 

»Sie sind an diesem Ring; ich habe sie nicht erst ausgesucht, das können wir später tun.«

 

Wenn Super erstaunt war, als er den verzweifelten Amateurdetektiv sah, so ließ er es sich doch nicht merken.

 

»Oben auf der Klippe oder unten ist nichts gefunden worden. Geben Sie mir die Schlüssel, Mr. Cardew.«

 

Der Anwalt suchte sie heraus und löste sie vom Ring.

 

»Gibt es noch andere Schlüssel außer diesen – ich meine, gibt es noch mehr Nachschlüssel?«

 

»Nein, es hat immer nur zwei Sätze gegeben. Einen gab ich stets den Leuten, die das Haus mieteten oder benutzen wollten, und der andere Satz wurde in meinem Büro aufbewahrt. Dieser Satz ist niemals benutzt worden.«

 

Kurz bevor sie sich auf den Weg nach Süden machten, nahm Super Jim beiseite.

 

»Ich werde einen Mann nach Hill Brow schicken, um Elson ausfindig zu machen. Er ging letzte Nacht um neun Uhr fort und ist noch nicht zurückgekommen. Er nahm seinen Rolls-Zweisitzer – sein Chauffeur war nicht bei ihm. Ich sage Ihnen das – vielleicht hören Sie mehr davon, wenn der Fall vor den Staatsanwalt kommt. Kennen Sie Cardews Gärtner?«

 

»Sie haben sich gestern nach ihm erkundigt?«

 

»Ja«, sagte Super und sprach nicht weiter davon.

 

Jim ergriff das Steuer, und wieder sauste der lange Wagen die Horseham Road hinunter, aber diesmal mit weniger Vorsicht, denn die Straße war leer. Horseham selbst lag öde und verlassen da. Der Sturm hatte sich endlich gelegt, die Sterne kamen zwischen den zerrissenen Wolken durch, und nach etwa einer Stunde hielt der Wagen vor dem kleinen Gebäude, das dem Dorfsergeanten als Wohnung diente und die wenigen Strolche einschloß, die die Gesetze von Groß-Pawsey überschritten.

 

Der Sergeant und zwei Detektive aus dem bedeutenderen Pawsey erwartete sie.

 

»Wir haben nichts gefunden«, berichtete der Sergeant. »Aber einer der Dorfleute sah eine Frau dem Seeweg zu und den Hügel hinuntergehen.«

 

»Wann war das?«

 

»Ungefähr vor zwei Stunden. Er sagte, daß sie aus der Richtung des Bahnhofs kam – von Pawsey Station, die mitten zwischen hier und der Stadt liegt. Der letzte Zug von London hält dort; aber ich habe den Stationsbeamten nicht finden können.«

 

»Sie ist überhaupt nicht von der Bahn gekommen«, sagte Super. »Das hat sie vielleicht vorgetäuscht. Benutzen Sie immer diese Haltestelle, Mr. Cardew?«

 

»Während des Krieges bin ich einmal dort gewesen. Gewöhnlich fahre ich bis zur Endstation, wenn ich die Bahn benütze, und fahre dann mit dem Omnibus hinaus.«

 

»Hatte Hanna Shaw die Gewohnheit, mit der Bahn zu kommen?«

 

Cardew schüttelte den Kopf.

 

Der herrenlose Wagen war nicht fortgebracht worden, wie ihnen der Sergeant erzählte, und sie fanden ihn in der Verfassung, wie sie der Polizist geschildert hatte. Es war leicht zu verstehen, warum sie ihn auf ihrem Weg nach Pawsey nicht bemerkt hatten. Der Wagen war auf einen kleinen Hügel hinauf und auf der anderen Seite den Abhang hinuntergefahren worden, so daß er von der Straße aus nicht sichtbar war.

 

Mit Hilfe seiner Lampe prüfte Super das Auto sorgfältig. Die mit Kreide auf die Rückseite geschriebene Inschrift schien den alten Polizeibeamten nicht zu interessieren, obwohl sich Mr. Cardew darüber aufregte.

 

»Es ist keine weiße Kreide – sie ist grün!« sagte der Anwalt. »Billardkreide!«

 

»Vielleicht werden wir sie in einem Billardsalon finden«, brummte Super. »Wir wollen das Queue suchen!«

 

Woraufhin Mr. Cardew erhaben schwieg.

 

Supers Hauptaugenmerk wandte sich dem Wageninnern zu. Auf dem Trittbrett stehend, ließ er das Licht seiner Lampe langsam über den Boden und die Sitze gleiten.

 

»Der Sitz ist verkratzt – auch das Leder zeigt neue Kratzer und ist ganz sauber. Kein Schmutz an der Fußbremse oder an der Kupplung. Hieraus kann man nichts schließen.«

 

Sie kamen zu Jims Wagen zurück.

 

»Waren Sie unten beim Haus, Sergeant?« fragte Super, und Lattimer bejahte.

 

»Es ist niemand dort. Der Platz ist bewacht, seit Sie ihn verließen – auch jetzt steht noch ein Mann Wache dort.«

 

Super stieg in den Wagen und ließ sich an Jims Seite nieder. Die Lokalbeamten der Polizei stellten sich auf die Trittbretter. So fuhr der Wagen den Hügel hinunter und bog in die Küstenstraße ein. Diesmal fuhr er direkt zum Haus, und alle stiegen aus.

 

»Wie schrecklich unheimlich!« sagte Cardew schaudernd. »Ich habe niemals bemerkt, wie einsam und verlassen mein Besitztum hier ist.«

 

Der Wagen wurde auf Supers Wink so zum Stehen gebracht, daß die großen Scheinwerfer auf die Tür fielen.

 

»Das Vorhängeschloß ist hier. Hanna ist nicht da.«

 

Auf Super machte diese Entdeckung keinen Eindruck.

 

»Ich habe auch nie erwartet, daß sie hier sei«, sagte er. »Aber sie war vorher hier. Sie kam aus einem ganz bestimmten Grund. Hatte sie noch etwas von ihren Sachen in dem Haus, Mr. Cardew?«

 

Der Anwalt schüttelte den Kopf.

 

»Nichts – es könnte höchstens sein, daß sie heute etwas gekauft und hergebracht hätte.«

 

»Heute hat sie nichts hierhergebracht«, erwiderte Super eindringlich. »Hatte sie irgend etwas in einem Bücherschrank oder in einer Kommode?«

 

»Soviel ich weiß, nicht.«

 

Super steckte den Schlüssel ins Loch und drehte um. Die Tür war außerdem noch einmal verschlossen, und als sie offen war, leuchtete Super mit seiner Taschenlampe in das düstere Innere.

 

Sie kamen in eine kleine Vorhalle. An der anderen Seite war eine zweite Tür, deren obere Hälfte aus Glasscheiben bestand und die sich öffnete, als Super dagegen drückte. Sie führte in einen Gang, der von der Vorder- bis zur Rückseite des Hauses lief.

 

»Bleiben Sie alle stehen«, sagte er warnend. »Ich werde das Haus untersuchen, und ich möchte dabei allein sein.«

 

Die beiden Räume, die zur rechten Hand des Ganges lagen, wurden zuerst durchsucht. Es waren einfach möblierte Schlafzimmer. Die Betten waren nicht überzogen, und er vermutete, daß die Wäsche in den Schränken war, die in den Räumen standen.

 

Er ging zur Eingangstür zurück und untersuchte den ersten Raum links. Es war ein Speisezimmer, und eine schnelle Besichtigung enthüllte keine besonderen Dinge. In einer Wand befand sich eine Öffnung, die von einem Rolladen geschlossen war. Augenscheinlich wurden hier die Speisen von der Küche ins Eßzimmer gereicht. Jetzt blieb nur noch die Küche zu untersuchen. Als er die Tür aufzumachen versuchte, stellte sich heraus, daß sie verschlossen war. Super ging zu seinen wartenden Begleitern zurück.

 

»Haben Sie den Schlüssel, Mr. Cardew?«

 

»Nein, es gibt wohl einen Küchenschlüssel, aber der wurde nie abgezogen. Steckt er nicht im Schloß?«

 

Super versuchte die Türklinke noch einmal; aber sie gab nicht nach, sie war fest verschlossen. Er bemerkte einen eigentümlichen Geruch und rief Jim zu sich.

 

»Riechen Sie etwas? Mir scheint, als ob hier etwas verbrannt worden ist.«

 

Ferraby nahm einen beißenden Geruch wahr, der ihm bekannt vorkam.

 

»Cordit!« sagte er plötzlich. »Hier ist eine Waffe abgeschossen worden – und zwar erst kürzlich.«

 

»Das dachte ich mir«, sagte Super kühl. »Diese Idee hatte ich gleich, als ich den Geruch von heißem Eisen erkannte. Die Tür ist von innen verschlossen.«

 

Er ging zum Speisezimmer zurück. Der Rolladen war befestigt. – Er fand ein kleines Schlüsselloch. Diesmal rief er Cardew zu sich.

 

»Ja«, sagte er, »er ist verschließbar. Aber ich habe keine Ahnung, wo der Schlüssel ist. Er war noch da, als meine Sekretärin Miss Leigh hier zu Besuch war. Und es ist mir niemals etwas davon gesagt worden, daß er verlorengegangen sei. Es ist ein Schnappschloß, und wenn man es zufällig geschlossen hatte, konnte man es nur mit dem Schlüssel öffnen. Ich hatte niemals einen zweiten Schlüssel. Können Sie nicht in die Küche kommen?«

 

»Nein – sie ist von innen verschlossen.«

 

»Dann werden wir wohl den Rolladen aufbrechen müssen«, meinte Cardew.

 

Er ging mit Lattimer zu dem kleinen Schuppen neben dem Haus und brachte ein paar rostige Werkzeuge.

 

Darunter befand sich auch ein kleiner Büchsenöffner, und Super, der den Haken des Instrumentes zwischen Rolladen und Rahmen ansetzte, arbeitete heftig an dem Schloß. Plötzlich sprang es krachend auf, und er schob den Laden nach oben. Jetzt konnte man den Geruch von Cordit deutlich wahrnehmen, selbst Cardew fiel er auf.

 

»Was ist das für ein Geruch?« fragte er, aber Super überhörte ihn, denn er lehnte sich durch die Öffnung und suchte den Raum mit seiner Lampe ab. Der weiße Lichtkreis bewegte sich langsam über den Fußboden zur Tür hin. Dann sah man einen Schuh, dessen Spitze nach der Decke zeigte … der Lichtschein glitt darüber hinweg … dann noch einen Schuh – dann kam der Saum eines schwarzen Kleides in den Lichtkegel. Eine Frau saß mit dem Rücken an die Tür gelehnt, ihr Kopf war auf die Brust gesunken, als ob sie betrunken sei. Super konnte ihr Gesicht nicht sehen, aber er wußte, daß es Hanna Shaw war. Und er brauchte auch nicht die Blutlache auf dem Fußboden zu sehen, um zu wissen, daß sie tot war.

 

Kapitel 9

 

9

 

Super zog seinen Kopf langsam aus der Öffnung zurück.

 

»Es ist besser, daß alle hier in dem Raum bleiben. Sergeant, holen Sie einen Arzt. Mr. Ferraby, Sie können den Beamten hinfahren…, aber nein, es ist besser, daß Sie hier bleiben – es ist möglich, daß Sie vielleicht später mit dem Fall zu tun bekommen.«

 

Lattimer bot sich an, den Wagen zum Dorf zu fahren, und nachdem er sich leise mit Super verständigt hatte, fuhren sie schnell ab.

 

»Nicht, daß ein Arzt noch irgendwelchen Zweck hätte.«

 

»Was ist geschehen?« fragte Cardew zitternd. »Mein Gott – es ist doch nicht etwa Hanna?«

 

Super nickte.

 

»Ich fürchte, daß sie es ist, Mr. Cardew«, sagte er.

 

»Verletzt – oder tot?«

 

Wieder bejahte Super.

 

»Ja, Sie bleiben am besten hier im Raum. Folgen Sie mir, Mr. Ferraby. Nehmen Sie einen Stuhl und treten sie darauf.«

 

Mit unglaublicher Behendigkeit schlüpfte er durch die Öffnung in der Wand, und Jim folgte ihm.

 

»Machen Sie den Rolladen wieder zu. Ich werde die Lampe anstecken.«

 

Super hob den Glaszylinder einer kleinen Petroleumlampe ab, die auf dem Küchentisch stand, und steckte sie vorsichtig an. Er legte das Streichholz auf die Tischplatte.

 

Jim Ferraby schaute entsetzt auf die leblose Gestalt, die an der Tür lehnte.

 

»Ist es Selbstmord?« fragte er mit gedämpfter Stimme.

 

»Wenn es das ist, werden wir ja die Waffe finden«, erwiderte Super. »Sie ist tot, das ist eine Tatsache. Es tut mir leid, daß ich so kühl mit ihr umgegangen bin. Sie war in ihrer Art keine schlechte Frau.«

 

Er beugte sich nieder und schaute in das bleiche Gesicht.

 

»Es ist kein Selbstmord«, sagte er dann überzeugt. »Ich habe das auch nicht angenommen. Es ist ein Mord – aber wie? Die Tür ist auf der Innenseite geschlossen – sehen Sie den Schlüssel? Und der Rolladen zum Speisezimmer war auch geschlossen, der Schlüssel befindet sich an der Innenseite. Beachten Sie das.« Er sah nach dem schweren Rolladen, der das Fenster nach draußen schützte. Die starken Riegel waren von innen vorgeschoben.

 

Auf dem Tisch lag eine Damenhandtasche, die offensichtlich ausgeleert worden war; denn eine Menge von Kleinigkeiten, die eine Frau bei sich trägt, und ein Haufen Papiergeld waren auf dem Tisch verstreut.

 

»Fünfundzwanzig Pfund in englischem Geld und zweitausend Dollar«, sagte Super, nachdem er das Geld gezählt hatte. »Was bedeutet denn eigentlich der Ziegel?«

 

Ein roter, gebrannter Stein, der auf der Oberfläche sehr abgenützt war, lag auf dem Boden. Ein Gummisauger mit einer Schnur befand sich daran.

 

»Der ganze Fußboden ist mit roten Ziegeln belegt«, sagte Jim.

 

»Ja, das habe ich auch gemerkt.«

 

Super nahm die Lampe, beugte sich nieder und suchte den Fußboden ab. Unmittelbar unter der Mitte des Tisches war ein längliches Loch, in das der Ziegel genau hineinpaßte.

 

»Der Gummisauger hat dazu gedient, den Stein in die Höhe zu heben. Das haben wir, als Jungen auch schon gemacht«, sagte Super in Gedanken. »Heutzutage nennt man so etwas einen Vakuumheber. Auf diese Weise hat er oder sie den Stein gehoben.«

 

Er kniete nieder, stellte die Lampe neben sich auf den Fußboden und untersuchte die Öffnung genau.

 

»Hier muß etwas verborgen gewesen sein, und sie ist hergekommen, um es zu holen. Ich wunderte mich vorher, warum sie nur so kurz hier blieb.«

 

»Aber wie ist sie denn nachher wieder zurückgekommen? Die Eingangstür haben wir doch von draußen verschlossen gefunden.«

 

Super schüttelte den Kopf.

 

»Ich muß jetzt über eine Menge Dinge nachdenken. Jedenfalls steht das fest: sie kam aus einem bestimmten Grund hierher!«

 

Er kniete wieder vor der stillen Gestalt nieder. Er hatte seine kalte Pfeife zwischen den Zähnen, und seine Stirn lag in noch tieferen Falten als gewöhnlich.

 

»Ich darf sie nicht bewegen, bevor der Arzt kommt«, sagte er und erhob sich wieder. »Sie ist aus kurzer Entfernung erschossen worden – er muß etwa hier gestanden haben – auf dieser Seite des Tisches … Ungefähr hier …« Er zeigte die Stelle. »Wahrscheinlich war es eine automatische Pistole, obgleich ich die Patronenhülse nirgends sehen kann. Sie stand rechts von der Tür. Sehen Sie die Spuren, die die Kugel in der Wand hinterlassen hat? Dann machte sie noch einen Schritt vorwärts und sank an der Tür nieder. Die Kugel ging mitten durch ihr Herz. Es kommt ja öfters vor, daß tote Leute noch einen oder zwei Schritte vorwärts gehen. Den linken Handschuh hat sie noch an, der rechte ist abgelegt. Sie beabsichtigte nicht zu bleiben. Bemerken Sie irgend etwas, Mr. Ferraby – irgend etwas Besonderes?«

 

Jim schüttelte hilflos den Kopf.

 

»Es sind so viele Dinge bemerkenswert, daß ich nichts unterscheiden kann«, sagte er.

 

Super rümpfte die Nase.

 

»Cardew würde es vor mir gesehen haben«, sagte er dann. »Sie hat keinen Hut auf und keinen Mantel an.«

 

Hanna Shaw war tatsächlich ohne Hut und Mantel.

 

»Betrachten Sie den Kleiderhaken an der Wand … bemerken Sie etwas auf dem Boden?«

 

»Wasser«, sagte Jim.

 

»Das ist von ihrem Regenmantel heruntergelaufen. Sie hängte ihn jedenfalls auf, als sie zuerst hierherkam. Wo hat sie ihren Mantel und ihren Hut gelassen?«

 

»Wahrscheinlich in einem der anderen Zimmer.«

 

»Sie sind nicht im Haus. Ich habe nicht alles genau durchsuchen können, aber dafür habe ich einen guten Blick. Solche Kleidungsstücke sind nicht im Haus.«

 

Super sprach in aufgeregtem Ton, und es war, als ob er einen persönlichen Triumph feiere.

 

»Hier ist der Arzt«, sagte er. »Er wird durch das Loch in der Wand klettern müssen – und wenn er korpulent ist, wird es ihm ungemütlich dabei werden.«

 

Der Arzt war aber ein junger Mann, für den es eine Kleinigkeit war, auf diesem Weg in die Küche zu gelangen.

 

Es bestand kein Zweifel, wie sein Urteil lauten würde.

 

»Nein, ich kann nicht genau sagen, wie lange sie tot ist. Aber sicher über eine Stunde. Ich habe nach einem Krankenwagen telefoniert. Sergeant Lattimer erzählte mir, was vorgefallen ist.«

 

Super sah auf seine Uhr, es war halb vier.

 

»Ich will warten, bis sie weggebracht worden ist, bevor ich etwas unternehme.«

 

Als einige Minuten später das Krankenauto ankam und die bedauernswerte Frau fortgeschafft wurde, zog Super die Riegel von den Läden zurück und öffnete das Fenster. Nur Jim und er blieben zurück. Mr. Cardew war in völlig erschöpftem Zustand mitgenommen worden, und auch Lattimer war mit dem Krankenwagen gefahren, um einen Bericht zu machen.

 

»Es ist noch hübsch dunkel, obwohl es gleich vier ist«, sagte Super und schaute aus dem Fenster. »Aber es regnet noch. Schönes englisches Sommerwetter. Sehen Sie sich einmal das an.«

 

Er legte ein längliches, gelbes Kuvert auf den Tisch. »Das habe ich unter ihr gefunden, als sie aufgehoben wurde.«

 

Jim prüfte den Umschlag.

 

»Leer«, sagte er und las dann die maschinengeschriebene Adresse. Der Atem verging ihm fast.

 

DR. JOHN W. MILLS

Laichenbeschauer von West-Sussex,

Hailsham, Sussex.

 

»Dann war es – Selbstmord?«

 

Super faltete das Kuvert, bevor er antwortete.

 

»Doktor Mills ist seit fünf Jahren nicht mehr im Amt. So lange ist er nämlich tot – ich erinnere mich deutlich an sein Begräbnis.«

 

»Aber wer schrieb denn das?«

 

»Sie wußten es sicher nicht«, sagte Super mit einem Anflug seiner alten Geheimnistuerei.

 

Jim beobachtete ihn, wie er die Küche durchsuchte, in Öfen spähte, Schränke öffnete, Schubladen aufzog, und die Tragödie begann ihm klarzuwerden. Es war alles so plötzlich und unerwartet gekommen, daß er die wahre Bedeutung nicht gleich erfassen konnte. Und sonderbar genug, sein erster Gedanke war, welche Wirkung wohl dieses gräßliche Ereignis auf Elfa Leigh haben mochte. Sie würde sicher ungeheuer erschrecken.

 

»Es ist wirklich ein wundervoller Mord«, sagte Super mit einem ekstatischen Seufzer, als er seine Pfeife anzündete. »Ich bin froh, daß ich den Kommissar gefragt habe. Er ist ein guter Kerl, und vielleicht überläßt er mir den Fall. Der Mann weiß, wann ein Ding in guten Händen ist. Er ist intelligent. Ich wundere mich, daß sie ihn in Scotland Yard behalten. Wenn er einen anderen mit der Sache betraute, würde er nicht für seine Aufgabe passen. Wenige sind tüchtig. Sie werden beauftragt, weil ihre Frauen Beziehungen zum Staatssekretär haben …«

 

Und er fuhr fort, anzügliche Reden zu führen.

 

»Aber es ist keine Waffe hier«, sagte er später. »Ich habe auch keine Patronenhülse auf dem Boden gefunden, und wir haben nur ein leeres Kuvert an den Leichenbeschauer in Händen … Hat Miss Shaw eine Schreibmaschine benutzt? Wissen Sie das vielleicht, Mr. Ferraby?«

 

»Ich glaube, ja. Cardew erzählte mir, daß sie eine alte Maschine besäße.«

 

»Die Adresse ist von jemand geschrieben, der wenig Übung im Tippen hat«, sagte Super und zog das Kuvert aus seiner Tasche. »Das Wort Leichenbeschauer ist falsch geschrieben. Ich muß diesen Umschlag nach Fingerabdrücken untersuchen lassen.« Er hatte das Geschoß, einen verbogenen Stahlzylinder, aus der Wand gezogen und legte es auf den Tisch. »Die Waffe war eine Schnellfeuerpistole mit zweiundvierziger Kaliber«, sagte er. »Dasselbe Kaliber wie jenes in dem Patronenrahmen, den wir auf dem Rasen fanden. Man kann keine Schlußfolgerungen daraus ziehen. Diese automatischen Pistolen werden jetzt nur noch in zwei Größen hergestellt, und es ist nicht wahrscheinlich, daß Miss Shaw eine besaß. Frauen fürchten sich gewöhnlich vor Schußwaffen ganz abgesehen davon hätte es Cardew gewußt.«

 

»Wo ist er hingegangen?« fragte Jim.

 

»Ins Grand Hotel nach Pawsey.« Super lachte in sich hinein. »Wenn dieser Theorienmensch Tatsachen gegenübersteht, ist er sofort erledigt. Und hier haben wir eine starke Tatsache – gewaltsamen Tod. In einem bequemen Lehnsessel zu sitzen und sich die Zeit mit dem Ausdenken von Theorien zu vertreiben, ist ja ganz schön; aber mit den gemeinen Widerwärtigkeiten des Lebens zusammenzustoßen und blutige Vorfälle aus nächster Nähe zu beobachten, dazu gehört doch noch etwas anderes …« Er hielt inne und beugte den Kopf lauschend vor. Durch das offene Fenster hörte man das ununterbrochene Rauschen der Brandung.

 

»Es macht sich jemand an der Tür zu scharfen«, sagte er. Er nahm die Lampe und ging leise auf den Gang.

 

Jim vernahm das Geräusch auch, und es wurde ihm unheimlich zumute. Er hörte, wie jemand mit den Händen an der Holztäfelung entlangtastete, und dann sah er, wie die Türklinke heruntergedrückt wurde.

 

Super schaute ihn an und winkte ihm. Jim Ferraby bewegte sich leise zur Tür, drehte den Schlüssel blitzschnell herum und öffnete mit einem Ruck.

 

Auf den Treppenstufen stand eine schlanke Gestalt, von Regen durchnäßt und gänzlich erschöpft. Sie schaute dem jungen Mann verständnislos ins Gesicht.

 

»Helfen Sie mir«, sagte sie leise, als sie vorwärtstaumelte und in seine Arme sank.

 

Es war Elfa Leigh.

 

»Bewegen Sie sich nicht – horchen Sie!«

 

Super stieß diese Worte leise hervor, und Jim stand regungslos da und hielt das bewußtlose Mädchen im Arm. Aus der Dunkelheit kam ganz fern der traurige Gesang:

 

»Zum Donnerwetter!« sagte Super, als er die Lampe niedersetzte und im Dunkeln verschwand.

 

Kapitel 4

 

4

 

»Kennen Sie Mr. Elson?«

 

Jim Ferraby kannte Mr. Stephen Elson gut und hatte eine begründete Abneigung gegen ihn. Er war, wenn auch ohne sein Zutun, der Hauptzeuge bei der Anklage gegen Lukas Markus Sullivan und hatte den Freispruch dieses Diebes und Landstreichers als eine persönliche Beleidigung empfunden. Jim hatte aus vielen Gründen ein Vorurteil gegen Elson – nicht zuletzt, weil er Elfa Leigh in herausfordernder Weise den Hof machte. Von seinem Standpunkt aus war dieses Benehmen unverschämt, und er hoffte, daß auch Elfa so dachte. Nicht, daß sie in seinem Leben irgend etwas Besonderes bedeutete – sie war für ihn nur die hübsche junge Dame auf der anderen Seite der Treppe. Sie hatte eine schöne, weiche Stimme und graue Augen, sie hatte ein reizendes Wesen, war wohlerzogen und ungewöhnlich gutaussehend – aber er bewunderte sie nur platonisch aus der Ferne.

 

Elfa war eine Dame und stand gesellschaftlich jedem von Cardews Gästen gleich. Jim Ferraby haßte die plumpe Vertraulichkeit Elsons. Es hatte ihn aufs unangenehmste berührt, daß er überhaupt eingeladen war. Selbst wenn Mr. Cardew kein so guter Detektiv gewesen wäre, hätte er die Antipathie Jims gegen Elson bemerken müssen. Bei der ersten Gelegenheit nahm er den jungen Mann beiseite.

 

»Ich vergaß, Ihnen zu sagen, daß Sie Elson treffen würden. Es ist mir sehr unangenehm, aber Hanna war dafür, ihn einzuladen. Wenn er zu mir gekommen ist, war jedesmal Hanna die Veranlassung. Sie sagte, daß er das ganze letzte Jahr nicht eingeladen wurde, und ich dachte, daß dies eine gute Gelegenheit sei. Wenn ich allein mit ihm sein müßte, könnte ich es nicht aushalten.«

 

Jim lachte. »Mir macht es nichts aus, obgleich er sich nach der Gerichtssitzung unglaublich unhöflich gegen mich benommen hat. Was war er eigentlich früher? Weshalb hat er sich in England niedergelassen?«

 

Cardew schüttelte den Kopf.

 

»Das ist eine der Fragen, die ich eines Tages klären werde. Ich weiß nur, daß er sehr reich ist.« Er schaute auf die andere Seite des Salons, wo der breitschultrige Amerikaner sich heiter mit Elfa unterhielt. »Die verstehen sich gut miteinander«, sagte er gereizt. »Vermutlich, weil sie Landsleute sind.«

 

»Miss Leigh ist Amerikanerin?« fragte Jim erstaunt.

 

»Ja. Ich dachte, Sie wüßten das. Ihr Vater, der unglücklicherweise im Krieg ums Leben kam, war ein hoher Beamter des amerikanischen Schatzamtes. Ich glaube, daß er die meiste Zeit seines Lebens in den Vereinigten Staaten zubrachte, wo auch Miss Leigh erzogen wurde. Ich habe ihren Vater niemals kennengelernt, sie wurde mir durch den amerikanischen Botschafter empfohlen.«

 

Jim beobachtete sie, während Cardew sprach. Er sah, daß ihre Hautfarbe gut zu ihrem schwarzen Kleid paßte und daß ihre seltene Schönheit durch dieses einfache Kleid noch gehoben wurde.

 

»Ich hätte nie gedacht, daß sie Amerikanerin ist«, war alles, was er sagen konnte.

 

»Ich vermutete, Sie seien von der jüngeren englischen Generation«, sagte Mr. Elson gerade zu ihr. »Es ist doch sonderbar, daß ich nicht wußte, daß Sie ein guter Yankee sind.«

 

»Ich bin aus Vermont«, sagte Elfa. Aber sie war keineswegs erfreut, einen Landsmann in ihm zu begrüßen.

 

Er hätte ein rotes, tiefgefurchtes Gesicht, grobe Züge und eine knollige Nase. Es schwebte stets ein Geruch von Whisky und fadem Zigarrenrauch um ihn.

 

»Und ich stamme aus dem Mittleren Westen«, sagte er höflich. »Kennen Sie St. Paul? Es ist eine hübsche Stadt mittlerer Größe. Sagen Sie mir, Miss Leigh, was tut eigentlich dieser Herr hier?« Er zeigte mit dem Kopf zu Jim hinüber, und seine Stimme war so laut, daß der junge Mann die Frage nicht überhören konnte. Er hätte viel darum gegeben, wenn er auch ihre Erwiderung gehört hätte.

 

»Mr. Ferraby gilt als einer unserer tüchtigsten Beamten bei der Staatsanwaltschaft«, sagte sie ruhig.

 

»Wie – tüchtig?« fragte er hochnäsig. Dann änderte er plötzlich seinen Ton. »Sie sagen, von der Staatsanwaltschaft? Ich kenne dieses Amt nicht.«

 

Sie erklärte ihm die Funktionen dieser Behörde kurz.

 

»Ach so«, erwiderte Elson. »Er mag ja außerhalb des Gerichtshofes ein tüchtiger Staatsanwalt sein; aber wenn er vor den Richtern erscheint, ist er gänzlich unfähig – das kann ich Ihnen versichern.«

 

»Sind Sie ein alter Freund von Mr. Cardew?« fragte Elfa, die bemüht war, das Gespräch in liebenswürdigere Bahnen zu lenken.

 

Elson strich sich über das nicht allzu gut rasierte Kinn.

 

»Er ist doch mein Nachbar – ein vorzüglicher Anwalt, nicht wahr?« Er beobachtete sie unter halbgeschlossenen Augenlidern.

 

»Mr. Cardew übt seine Praxis nicht mehr aus«, sagte sie. Er lachte laut.

 

»Detektivgeschichten sind doch seine starke Seite?« kicherte er.

 

»Ich habe bisher noch nie einen erwachsenen Mann gesehen, der sich mit solchen Dingen abgibt.«

 

Seine bewundernden Blicke wichen nicht von ihrem Gesicht.

 

In ihrer unangenehmen Lage schaute sie zu Jim hinüber, der ihren Kummer längst erkannt hatte. Er faßte ihren Blick als einen Hilferuf auf und ging quer durch den Saal, um sie aus Elsons Gesellschaft zu befreien.

 

Miss Leigh und Ferraby fiel es auf, daß Mr. Cardew in schlechter Stimmung war. Er schien ganz zu vergessen, weshalb er Jim eingeladen hatte, denn er hatte Hanna noch nicht ein einziges Mal erwähnt. Von Zeit zu Zeit sah er auf seine Uhr und schaute ängstlich, fast furchtsam nach der Tür, und als schließlich die Hausdame steifer, düsterer und unzugänglicher als je erschien und unvermittelt sagte, daß das Essen aufgetragen sei, nahm der Anwalt seine Brille ab und sprach mit fast bittender Stimme:

 

»Wollen Sie, bitte, mit dem Essen noch ein paar Minuten warten. Ich habe noch einen guten Bekannten eingeladen, Hanna den Oberinspektor.«

 

Sie hielt an sich und sagte nichts.

 

»Ich traf ihn heute, und er war sehr nett«, beeilte sich Mr. Cardew entschuldigend hinzuzufügen. »Und ich sehe nicht ein, warum wir schlechte Freunde sein sollten. Ich weiß auch gar nicht, warum ich Ihnen dies sage …«

 

Dann murmelte er noch allerhand Unverständliches. Es war ein komischer Anblick, wie der Hausherr von Barley Stack unter dem Pantoffel seiner Haushälterin stand. Jim war das nichts Neues, denn er hatte schon bei seinen früheren Besuchen diese Erfahrung gemacht. Aber Elfa konnte nur verwundert staunen, als die Frau den Raum mit steifen Schritten verließ und ihre schlechte Laune in jeder Weise zum Ausdruck brachte.

 

Cardew war es sehr peinlich.

 

»Ich fürchte, Hanna schätzt unseren Freund nicht; das ist mir sehr unangenehm.«

 

Er schaute auf Ferraby, als ob der ihn unterstützen sollte.

 

»Es gibt nur wenige Hausdamen, die es gerne sehen, wenn man ihre Pläne durchkreuzt«, sagte Jim vermittelnd.

 

Nach fünf weiteren ungemütlichen Minuten erschien Hanna wieder in der Tür.

 

»Wie lange sollen wir noch warten, Mr. Cardew?« fragte sie unwirsch.

 

»Wir gehen jetzt zu Tisch, Hanna«, sagte Cardew, nachdem er schnell auf seine Uhr gesehen hatte. »Ich nehme nicht an, daß unser Freund noch kommt.«

 

Elfa saß neben Ferraby an dem runden Tisch. An ihrer anderen Seite stand der leere Stuhl, der für Oberinspektor Minter bestimmt war.

 

»Der arme Mr. Cardew«, sagte sie leise.

 

Jim grinste, aber ein Blick auf das Gesicht Hanna Shaws, die ihm direkt gegenübersaß, ließ sein Lächeln verschwinden. Sie schaute das Mädchen mit einem so bösen Blick an, daß ihm der Atem stockte. Als die Suppenteller abgetragen wurden, kam der verspätete Gast.

 

Super kleidete sich niemals elegant. Jim hatte den Eindruck, daß ihm die schlechtsitzenden Anzüge von einem längst verstorbenen Verwandten vererbt oder daß sie möglicherweise von einem Kellner erworben waren, der sie im Restaurant nicht mehr tragen konnte.

 

»Es tut mir sehr leid, meine Damen und Herren«, entschuldigte er sich und sah sich in der Gesellschaft um. »Ich esse sonst niemals auswärts, und gerade, als ich mich zu Bett legen wollte, erinnerte ich mich an Ihre liebenswürdige Einladung. Guten Abend, Miss Shaw!«

 

Hanna hob langsam ihren Blick und sah ihn voll an.

 

»Guten Abend, Oberinspektor!« sagte sie eisig.

 

»Wir haben schönes Wetter; so warm war es noch nie in dieser Jahreszeit. Ich könnte mich wenigstens nicht darauf besinnen.«

 

Elfa sah den gestrengen Super zum erstenmal und fühlte unwillkürlich eine Zuneigung zu diesem alten Mann in seinem abgetragenen Frack. Sein Hemd war altmodisch, und zwei Rostflecke auf dem Einsatz machten es unansehnlich. Die Krawatte hatte sich verschoben. Aber seine Haltung war die eines Aristokraten.

 

»Er ist prachtvoll … Ist das der Oberinspektor?« fragte sie, als Supers Aufmerksamkeit durch ein Gespräch mit seinem Gastgeber abgelenkt wurde.

 

»Ja, er ist der König aller Detektive in Europa. Hören Sie mal zu, jetzt hat er Cardew wieder zum besten.«

 

»Ich gehe höchst selten unter Menschen«, bemerkte Super. »Mir scheint, daß ich zu wenig gesellschaftlich veranlagt bin, als daß man mich einlädt. Ich kann nicht ein Messer vom anderen unterscheiden, und meistens nehme ich das falsche Bierglas. Das ist es ja gerade, wo es bei uns Polizeibeamten fehlt – keine Manieren. Ich sagte noch heute nachmittag zu meinem Sergeanten: ›Wir haben nicht genügend vornehme Amateure bei uns – was wir brauchen, sind Leute, die einen Frack tragen können, ohne daß es aussieht, als ob sie auf einen Maskenball gingen.‹«

 

Mr. Cardew schaute argwöhnisch auf seinen Gast.

 

»Die Polizei hat ihre festumschriebenen Aufgaben«, sagte er etwas steif. »Der einzige Punkt, in dem wir nicht übereinstimmen, mein lieber Oberinspektor, ist, daß gewisse Fälle feinere Untersuchungsformen oder mehr Verstand und eine weitgehendere Anwendung der Psychologie erfordern.«

 

»Das ist sicherlich nötig«, sagte Elson, stützte die Ellenbogen auf den Tisch, lehnte sich vor und nickte stark mit dem Kopf. »Das ist es, was den Leuten fehlt …« Plötzlich hielt er inne, denn er hatte einen Blick von Hanna aufgefangen, und Jim Ferraby, der es beobachtete, sah, wie sie ihn warnte.

 

»Psychologie ist sicher sehr wertvoll«, stimmte Super bei. »Das ist ja gerade das, was wir brauchen. Jeder junge Beamte müßte darin unterrichtet werden. Nächst Anthropologie ist Psychologie das Wichtigste. Aber ich muß sagen, daß auch gute Beobachtungsgabe nicht zu verachten ist. Ich bin etwas kurzsichtig beim Lesen, aber ich kann eine Million Meilen weit sehen. Lassen Sie die Jalousien nie herunterziehen, Mr. Cardew?«

 

Die großen Bogenfenster des Speisesaals waren unten nur mit durchsichtigen Gardinen bedeckt. Die große Rasenfläche draußen lag im Dämmerlicht, und die Ahornbäume am Ende des Gartens zeichneten sich in schwarzen Umrissen von dem tiefblauen Himmel ab. Die Rhododendronsträucher erschienen wie dunkle Flecken.

 

»Nein«, sagte Cardew erstaunt. »Warum sollte ich sie auch schließen – wir werden nicht beobachtet –, die Landstraße liegt etwa einen halben Kilometer entfernt.«

 

»Ich wundere mich nur«, entschuldigte sich Super. »Ich verstehe nicht viel von vornehmen Villen. Ich lebe in einem kleinen Häuschen und ziehe immer die Jalousien herunter, wenn ich esse. Das macht meine Mahlzeiten gemütlich. Wie viele Gärtner mögen Sie wohl hier haben?« fragte er.

 

»Vier oder fünf«, sagte Cardew. »Ich weiß es nicht genau.«

 

Das machte Eindruck auf Super. »Da müssen Sie aber allerhand Räume haben, wo die Leute schlafen können.«

 

»Sie schlafen nicht hier. Mein Hauptgärtner hat ein Haus für sich in der Nähe der Straße. Um nun aber auf die Polizei zurückzukommen …«

 

Aber Super schien keine Neigung zu haben, weiter über die Zustände bei der Polizei zu sprechen. Er wollte vielmehr seine Kenntnisse über Cardews Angestellte vervollständigen.

 

»Ich dachte, Sie würden Gärtner oder Leute halten, die in der Nacht die Blumen begießen oder Maulwurfsfallen aufstellen.«

 

Gordon Cardew schien unangenehm berührt zu sein.

 

»Meine Gärtner gehen um sieben Uhr nach Hause. Ich würde ihnen nicht erlauben, sich hier herumzutreiben. Was haben Sie, Oberinspektor?«

 

Super war aufgestanden und ging zur Tür. Plötzlich hörte man das Knipsen des elektrischen Schalters, und das Licht ging aus.

 

»Gehen Sie alle möglichst schnell vom Tisch weg zu den Wänden!« befahl er mit rauher Stimme. »Deshalb habe ich das Licht ausgemacht – draußen ist jemand im Schatten der Sträucher, und er hat eine Pistole.«

 

Kapitel 5

 

5

 

Super ging leise durch die Haupttür in den Garten. Der Speisesaal lag an der Seite des Hauses, und Minter eilte mit unglaublicher Schnelligkeit zu den Büschen. Auf dem Rasen war niemand, kein Laut ertönte, nur das leise Rauschen der Blätter im Nachtwind war zu hören.

 

Er hielt sich in der Nähe der Sträucher und suchte den ganzen Platz ab.

 

Hinter den Blumenbeeten standen die Ahornbäume, die die südliche Grenze des Grundstücks bezeichneten. Rechter Hand war ein kleiner Tannenwald. Die einzige Möglichkeit war, daß sich der Eindringling dorthin zurückgezogen hatte.

 

Super ging von Baum zu Baum vorwärts. Unter seinen Füßen war eine dichte Nadeldecke, die seine Schritte unhörbar machte. Von Zeit zu Zeit blieb er stehen und lauschte. Aber es war nicht das geringste Geräusch vernehmbar.

 

Als er halbwegs durch das Gehölz gegangen war, hörte er gerade vor sich in kaum fünfzig Metern Entfernung Gesang …

 

Einen Augenblick fühlte sich Super von dem melancholischen spanischen Lied ergriffen. Es war etwas Trauriges, etwas so verzweifelt Hoffnungsloses in den Worten des jahrhundertealten Klagegesanges, daß er stehenblieb.

 

Plötzlich eilte er dann nach der Richtung, aus der die Stimme kam. In dem Gehölz war es dunkel, und die Bäume standen so nahe beieinander, daß es fast unmöglich schien, weiter als ein paar Meter zu sehen. Er kam wieder ins Freie, ohne jemand erblickt zu haben.

 

Das Gehölz trennte den Park von Barley Stack von einer kleinen Farm. Nichts bewegte sich in den Wiesen, und Super kehrte um.

 

»Komm heraus, du Strolch!« rief er; aber es ertönte nur das Echo seiner Stimme.

 

Er hörte ein Rascheln, als ob jemand durch das Unterholz ginge. Er vermutete, daß es Jim sei, bevor er die weiße Hemdbrust aus dem Dunkel aufleuchten sah.

 

»Wer ist es?« fragte Ferraby.

 

»Irgendein Landstreicher«, erwiderte Super. »Es ist recht unvorsichtig von Ihnen, ohne eine Schußwaffe hier herauszukommen.«

 

»Ich habe niemand gesehen.«

 

»Man kann auch niemand sehen«, erwiderte Super höflich. »Wir wollen zurückgehen. Es wäre am besten, wenn ich mein Motorrad nehmen und die Straßen abpatrouillieren würde.«

 

Er ging wieder einige Schritte in die Felder hinein, aber da er nichts hörte und sah, kehrte er um. Auf dem Rasen fanden sie die erschrockene Gesellschaft versammelt.

 

»Haben Sie jemand gesehen?« fragte Mr. Cardew ängstlich. »Es ist ganz außergewöhnlich … Sie haben die Damen erschreckt … Ich muß gestehen, daß ich niemand gesehen habe.«

 

»Vielleicht hat sich Minter alles nur eingebildet«, sagte Elson. »Man kann wohl einen Mann sehen, aber es ist doch ganz unmöglich, bei der schlechten Beleuchtung eine Schußwaffe zu erkennen.«

 

»Ich habe sie aber gesehen«, sagte Super und schaute starr nach dem Walde hin. »Ich sah gerade, wie der Lauf aufblitzte. Es muß eine Pistole gewesen sein. Hat jemand von Ihnen eine Taschenlampe?«

 

Mr. Cardew ging ins Haus und kam mit einer Lampe zurück.

 

»Hier stand er«, sagte Super und leuchtete das Gras ab. »Man kann keine Spuren entdecken, der Boden ist zu hart. Nichts …« Plötzlich bückte er sich, nahm einen langen, dunklen Gegenstand auf und pfiff vor sich hin.

 

»Was haben Sie?« fragte Cardew.

 

»Einen Patronenrahmen von einer Zweiundvierziger-Repetierpistole, ganz voll Patronen«, sagte Super. »Vom Marinedepartment der Vereinigten Staaten – ist ihm aus der Schußwaffe gefallen.«

 

Mr. Cardew erschrak. Jim glaubte wahrzunehmen, daß sein Gesicht blasser geworden war. Möglicherweise, dachte er, ist es das erste Mal, daß Mr. Cardew den nackten Tatsachen eines beabsichtigten Verbrechens Auge in Auge gegenübersteht. Stephen Elson schaute mit offenem Mund auf den Patronenrahmen.

 

»Und er hat die ganze Zeit mit einer Pistole dort gesessen?« Er zitterte. »Haben Sie ihn denn genau gesehen?«

 

Super wandte sich zu ihm und legte ihm die Hand auf die Schulter.

 

»Machen Sie sich keine Gedanken darüber«, sagte er freundlich, fast teilnehmend. »Wenn ich ihn gesehen hätte, hätte ich ihn auch gefangen. Ich möchte einmal Ihr Telefon benützen, Mr. Cardew.«

 

Sein Gastgeber führte ihn zum Arbeitszimmer.

 

»Sind Sie dort, Lattimer? Lassen Sie alle Reservemannschaften ausrücken, halten Sie jeden an, der sich nicht ausweisen kann, besonders Landstreicher. Wenn Sie meinen Befehl ausgeführt haben, kommen Sie nach Barley Stack, und bringen Sie eine Schußwaffe und Handlampen mit!«

 

»Was ist passiert, Super?«

 

»Ich muß einen Kragenknopf verloren haben«, sagte er ruhig und hängte den Hörer ein.

 

Er schaute in das ängstliche Gesicht Cardews, und seine Blicke wanderten von dem Anwalt zu den vollen Bücherschränken.

 

»Da muß eine Menge drinstehen, das einem helfen kann, einen verrückten Landstreicher festzunehmen«, sagte er. »Und ich muß mich auf meine gewöhnlichen Hilfsmittel verlassen, und es ist sogar sehr wahrscheinlich, daß wir ihn nie kriegen.«

 

Er zwinkerte wie gewöhnlich mit den Augen. Cardew sah die Flecken auf seinem Hemd und nahm den Geruch wahr, den die Mottenkugeln dem Frack gegeben hatten. Dadurch erhielt er sein Selbstvertrauen und seine Haltung wieder.

 

»Das ist einer von den Fällen, in denen die physischen Eigenschaften der Polizei bewundernswert sind, aber alles in allem ist nichts besonders Schwieriges darin, einen bewaffneten Landstreicher zu entdecken.«

 

»Nichts Besonderes«, sagte Super und schüttelte traurig den Kopf. Er überschaute die vollen Bücherregale wieder und seufzte. »Der Kerl war hinter Elson her«, sagte er dann.

 

Cardew schaute erstaunt auf.

 

»Elson erwartete ihn auch«, sagte Super mit einem abwesenden Blick. »Warum hätte er sonst eine Waffe bei sich?«

 

»Was? Elson hat eine Pistole bei sich? Woher wissen Sie das?«

 

»Ich fühlte es an seiner hinteren Tasche, als ich nahe an ihn herantrat. Ist das nicht eine feine Beobachtung? Ich klopfte ihm auf die Schulter und lehnte mich mit meiner Hüfte an seine Tasche. Von der ganzen Polizeitruppe habe ich die Hüfte mit dem feinsten Gefühl. Was bedeutet das eigentlich in der Anthropologie?«

 

Aber Mr. Cardew ging nicht darauf ein.

 

»Warum folgten Sie dem Oberinspektor, Mr. Ferraby? War das nicht leichtsinnig von Ihnen?«

 

Jim und die junge Dame waren allein auf dem Rasenplatz. Hanna war mit dem Amerikaner verschwunden. Obgleich Jim sich Vorwürfe machte, in der hereinbrechenden Dunkelheit mit Elfa draußen zu bleiben, wurden seine Bedenken doch von dem Reiz der Nacht und der geheimnisvollen Einsamkeit überstimmt.

 

»Es war für mich kein größeres Wagnis als für Super«, sagte er. »Außerdem gebe ich gern zu, daß ich dachte, er habe sich durch einen Schatten täuschen lassen. Ich hatte vergessen, daß der alte Teufel Augen hat, mit denen er durch eine Wand sehen kann. – Mögen Sie diesen Elson eigentlich leiden?« fragte er plötzlich.

 

»Elson? Nein – weshalb fragen Sie?«

 

»Nun, er ist Amerikaner, und ich dachte, das sei natürlich, wenn sich Landsleute treffen«, sagte er etwas linkisch.

 

»Wenn ich eine Engländerin wäre und einen englischen Taugenichts in New York träfe – würde ich ihn dann gern haben, weil er ein Engländer ist?« fragte sie lächelnd.

 

»Einen Taugenichts? Ich wußte nicht, daß er das ist«, begann er.

 

»Sie wissen nicht, wie unhöflich Sie jetzt zu mir sind«, sagte sie. »Ja, Mr. Elson ist ein Taugenichts, ich kann kein anderes Wort für ihn finden, obwohl es nicht hübsch klingt.«

 

»Ich wußte nicht, daß Sie Amerikanerin sind«, murmelte er, als sie langsam auf dem kurzgeschnittenen Rasen auf und ab gingen.

 

»Ich habe mir nie träumen lassen, daß Sie überhaupt bemerkten, daß ich jemand sei«, entgegnete sie kurz. »Höchstens eine von den Stenotypistinnen in King’s Bench Walk. Wollen Sie einen Flirt mit mir beginnen?«

 

Jim errötete bei der überraschenden Offenherzigkeit Elfas.

 

»Nein, das will ich nicht«, sagte er und atmete schnell.

 

»Dann will ich Ihren Arm nehmen. Ich fürchtete mich ein wenig«, gestand sie ihm dann. »Es war wirklich unheimlich. Das Licht ging aus, und man hatte das unangenehme Gefühl, daß man von draußen beobachtet wurde.«

 

Ihr Arm lag auf dem seinen. Jim Ferraby hielt etwas verlegen den Ellenbogen in steifer Haltung, und sie lächelte, als sie merkte, wie er den Anstand wahren wollte.

 

»Sie können ruhig Ihren Arm sinken lassen – so ist es gut, ich werde mich nicht anklammern. Ich finde nur eine gewisse Stütze und habe Vertrauen, wenn ich einen männlichen Arm fühle. Es kann der Arm irgendeines Mannes sein, mit Ausnahme von Mr. Elson.«

 

»Ich verstehe.« Er wollte eisig zu ihr sein, aber ihr weiches Lachen ließ seinen Trotz verschwinden.

 

»Ich liebe das Landleben nicht«, plauderte sie. »Mein armer Vater hatte es so gern. Er war gewöhnt, im Freien zu schlafen, selbst bei stürmischem Wetter.«

 

»Ihr Vater ist während des Krieges gestorben?«

 

»Ja.« Ihre Stimme war kaum hörbar. »Er starb im Krieg.«

 

Wieder gingen sie schweigend auf und ab, und ihr Arm ruhte mit größerem Zutrauen in dem seinen. Ihre Fingerspitzen berührten wie zufällig den Rücken seiner Hand.

 

»Wie lange werden Sie hierbleiben?« fragte er.

 

»Bis morgen nachmittag – ich muß einen Zettelkatalog anfertigen. Aber Mr. Cardew wird mich nicht hierbehalten, wenn seine Haushälterin fortgegangen ist. Sie macht einen Wochenendausflug.«

 

»Was denken Sie eigentlich von ihr?« fragte er.

 

»Sie mag ganz nett sein, wenn man sie näher kennenlernt«, erwiderte sie vorsichtig. Supers lange Gestalt zeigte sich in der Türöffnung.

 

»Kommen Sie herein, bevor die Gespenster Sie fassen, Mr. Ferraby. Es hat sich etwas Ungewöhnliches ereignet – mein Sergeant war tatsächlich auf dem Posten. Im allgemeinen denkt er, daß alle Zeit, die er nicht schläft, für ihn verloren ist. Mr. Cardew fragte nach Ihnen, Miss Leigh.«

 

Sie ging ins Haus. Ferraby wollte ihr folgen, aber Super hielt ihn zurück.

 

»Gehen Sie ein wenig mit mir auf und ab, Mr. Ferraby, und geben Sie mir Nachhilfestunden in Psychologie und Anthropologie.«

 

Es war merkwürdig, wie gut Super alle diese Dinge kannte, wenn er nicht in der Gesellschaft Cardews oder seines Sergeanten war.

 

»Elson muß heute abend wieder nach Hause gehen, und ich vermute, daß dieser Mensch mit der Pistole ihm auflauern will. Die ganze Sache ist sehr kompliziert und geheimnisvoll. Ein Amerikaner versucht einen anderen Amerikaner niederzuknallen.«

 

»Denken Sie, daß der Fremde auf dem Rasen ein Amerikaner war?«

 

»Er hatte eine amerikanische Pistole – deshalb ist er ein Amerikaner. Ich fange jetzt selbst an, Schlußfolgerungen zu ziehen. Ich vermute auch, daß er ein Sänger ist.«

 

»Warum?« fragte Jim verwundert.

 

»Weil ich ihn singen hörte!« antwortete Super. »Haben Sie jemals Karten gespielt, Mr. Ferraby? Wenn Sie es tun, will ich Ihnen einen guten Rat geben. Ein kleiner Blick in die Karten des Nachbarn ist wertvoller als alle Berechnungen. Schlußfolgerungen zu ziehen ist eine feine Sache, aber gut beobachten und hören ist besser. – Wissen Sie, ob etwas gegen Elson vorliegt?«

 

»Sie meinen bei der Staatsanwaltschaft? Nein, ich entsinne mich nicht, daß ich etwas gehört oder gelesen hätte. Und ich bearbeite ja gerade die Abteilung für Ausländer.«

 

»Nennen Sie einen Amerikaner niemals einen Ausländer, sonst wird er sehr aufgebracht. Ebenso wie sich die Engländer aufregen, wenn sie die Hafentaxe von New York bezahlen müssen. Als einen Fremden darf man nur einen Peruaner, einen Slowaken, einen Mongolen oder einen Italiener bezeichnen. Ich war während des Krieges in Washington, bis unser Polizeipräsidium entdeckte, daß ich tüchtig war. Dann haben sie mich nach Hause abberufen – sie können nämlich tüchtige Leute nicht leiden.«

 

Jim überlegte sich, ob er Super ins Vertrauen ziehen sollte. Er wußte allerdings nicht, ob das seinem Gastgeber recht war. Aber er entschied sich dafür.

 

»Super, glauben Sie, daß der Mann in dem Garten es auf Elson abgesehen hatte? Sollte das nicht ein Irrtum sein?«

 

»Das scheint mir unwahrscheinlich«, entgegnete Super, »aber ich lasse mich gern überzeugen.«

 

Ferraby erzählte ihm kurz von dem Brief, den Gordon Cardew ihm gestern gezeigt hatte. Der Oberinspektor hörte ihm ohne Unterbrechung aufmerksam zu.

 

»›Großfuß‹? Das klingt so wie die verrückten Wildwestnamen der Indianer. Aber was hat denn Hanna gemacht? Das ist allerdings eine sehr wichtige Neuigkeit, Mr. Ferraby, die die Lage ein wenig ändert.«

 

Cardew rief sie vom Haus aus.

 

»Kommen Sie doch herein, daß wir zu Ende essen können!«

 

»Warten Sie noch einen Augenblick«, sagte Super zu Jim und hielt ihn mit seiner sehnigen Hand am Ärmel fest. »Gedulden Sie sich bitte noch so lange, bis ich die logischen und psychologischen Zusammenhänge erkannt habe. Also sie geht zum Wochenende fort, sagen Sie … Ich kenne das Haus an der Küste von Pawsey. Cardew hat mich einmal dorthin mitgenommen, bevor wir diesen Streit über Kriminalistik hatten. Ein vollkommen einsamer Platz, wo sich die Hasen und Füchse gute Nacht sagen, meilenweit von jeder Ortschaft entfernt, ganz nahe an der Küste. Große Felsenpartien mit Hunderten von Schmugglerhöhlen … Das Haus steht an der alten Poststraße, die unterhalb der Klippe entlangführt. Aber die Straße wird nicht benützt, seitdem der neue Weg oben über die abfallenden Küstenfelsen angelegt worden ist. Es ist ziemlich gefährlich dort. Ein Teil der Felswand fiel damals ein, als ich dorthin ging, und der alte Cardew hatte einen Prozeß mit dem Gemeinderat von Pawsey, weil die Leute die Schuttmassen nicht von der Straße entfernten. Er ist bewandert in den einschlägigen Bestimmungen.«

 

»Kommen Sie doch endlich herein.«

 

Cardew ging zu ihnen hinaus, und sie wandten sich dem Haus zu.

 

»Lassen Sie sich nicht merken, daß Sie etwas wissen«, murmelte Jim, und Super gab mit einem Kopfnicken seine Zustimmung zu erkennen.

 

Mr. Cardew hatte sein Gleichgewicht vollständig wiedererlangt und war auffallend lustig, als sie ihre Plätze bei Tisch wieder einnahmen. Er hatte schon eine Erklärung herausgefunden.

 

»Ich habe in meinem Carillon nachgesehen, und merkwürdigerweise habe ich dort einen Parallelfall entdeckt. Es findet sich ein Kapitel bei ihm, in dem er sagt, daß eine gewisse Art von Verbrechern durch eine finstere Macht unwiderstehlich gezwungen wird, aus dem Dunkel oder dem Verborgenen zu schießen…«

 

Super ließ sich gerade eine geröstete Wachtel auf Toast gut schmecken und wunderte sich, warum dieser kluge Anwalt nicht den mörderischen Anschlag mit dem Drohbrief an Hanna Shaw in Zusammenhang brachte.

 

*

 

Es war schon halb zwei Uhr nachts, als Jim an die Tür von Mr. Cardews Arbeitszimmer klopfte, um ihm gute Nacht zu wünschen. Bei dem Licht einer Tischlampe las der Anwalt in einem großen umfangreichen Band.

 

»Kommen Sie bitte herein, Ferraby. Ist der Oberinspektor schon fort?«

 

»Er hat sich eben verabschiedet.«

 

Cardew schloß das Buch mit einem Seufzer.

 

»Ein sehr praktischer Mann, aber ich bezweifle doch, daß er seine Arbeit wirklich ernst nimmt. Die Nachforschungen der Polizeibeamten arten mehr und mehr in mechanische Routine aus. Sie stellen Wachen auf den Straßen aus, benachrichtigen die Posten auf dem Land, und am Ende werden ein paar vollständig unschuldige Bürger verhaftet. Sie tun nichts, sie leisten keine wertvolle Arbeit. Sie stellen alles so dumm an, daß man sie entschieden tadeln muß. Ihre ganze Sorge um die Sicherheit ist doch nur eine große Spielerei. Je mehr ich die alten Methoden studiere, die die Polizei anwendet, desto mehr tut es mir leid, daß das Schicksal mich nicht einen aufregenderen Weg gehen ließ als den Pfad, der sich durch die Prozesse des Kanzleigerichts schlängelt.– Sagen Sie mir offen, was denken Sie von Hanna? Ist Ihnen nichts Verdächtiges in ihrer Haltung aufgefallen?«

 

»Sie scheint sich die Sache doch weniger zu Herzen zu nehmen, als ich für möglich hielt«, sagte Jim ruhig. Bei diesen Worten machte Mr. Cardew ein betroffenes Gesicht.

 

»Das ist doch seltsam … Ich habe niemals daran gedacht, den Brief damit in Verbindung zu bringen – ich muß geschlafen haben!«

 

Er war blaß geworden.

 

»Ich habe mich sehr gewundert«, sagte Ferraby.

 

Auch Super war die Sache merkwürdig vorgekommen, und er hatte seine Verwunderung Ferraby gegenüber ausgesprochen, bevor er gegangen war. Es bedurfte aller Überredungskünste Jims, den Oberinspektor davon abzuhalten, Cardew darüber zu befragen. Jim sagte nichts, obgleich er wußte, daß Super unweigerlich früher oder später diese Angelegenheit mit dem Besitzer von Barley Stack besprechen würde.

 

»Ich habe nicht einmal im Traum daran gedacht, den Mann im Garten mit Hanna Shaw in Verbindung zu bringen«, sagte der Anwalt nachdenklich. »Es ist doch sehr erstaunlich. Ich wünschte nur, ich hätte es Minter erzählt.«

 

»Rufen Sie ihn doch an und erzählen Sie es ihm«, riet Jim, der gerne sein Gewissen erleichtern wollte.

 

Mr. Cardew zögerte, nahm den Hörer vom Telefon und legte ihn dann wieder auf.

 

»Ich muß mir die Sache erst noch einmal durch den Kopf gehen lassen. Wenn ich es ihm jetzt mitteilte, würde er zurückkommen und eine fürchterliche Szene mit Hanna aufführen. Gerade herausgesagt – ich habe von Hanna genug … Es ist einfach schrecklich. Ich komme mir ganz verächtlich vor. Dabei bin ich ein Anwalt, von dem man doch annimmt, daß er keine Gefühle hat. Nein, lassen wir es bis morgen oder später. Ich will den Oberinspektor bitten, zum Abendessen zu kommen, dann wird Hanna fort sein.«

 

Während Jim sich auskleidete, überlegte er, daß es besser sei, die Sache aufzuschieben, bis Hanna auf ihre seltsame Wochenendfahrt gegangen war. Sicher hatte das allerhand Vorteile. Es tat ihm schon leid, daß er morgen in aller Frühe aufbrechen mußte und bei dieser Aussprache nicht zugegen sein konnte.

 

Langsam begann er zur Ruhe zu gehen. Eine entfernte Kirchenuhr schlug zwei, als er endlich das Licht ausmachte. Entweder waren die Aufregungen an diesem Abend oder vielleicht auch die paar Minuten Ruhe, die er auf seinem Weg von der Stadt hierher gehabt hatte, daran schuld, daß er nicht schlafen konnte. Er hatte sich eigentlich noch nie so wach in seinem Leben gefühlt. Eine halbe Stunde lang lag er, und seine Gedanken wanderten durch das ganze Haus, von Elfa Leigh zu Cardew, von Cardew zu Hanna und dann wieder zurück zu Elfa. Schließlich erhob er sich mit einem Seufzer und ging zu dem kleinen Tisch, auf dem das Rauchzeug stand. Er steckte seine Pfeife an und trat ans Fenster.

 

Der Mond war in seiner letzten Phase. Nur noch, eine dünne bleiche Sichel leuchtete am klaren Himmel. Von seinem Sitz am Fenster konnte Jim ein hellerleuchtetes Fenster in dem Flügel sehen, der im rechten Winkel zu seinem eigenen Zimmer lag. Ob es das Zimmer Elfas war? Oder Cardews? Oder Hannas? Jedenfalls war der Bewohner des Raumes sehr geschäftig. Er sah undeutlich eine Gestalt hin und her gehen, der Schatten hob sich von den Gardinen ab. Als sich seine Augen an das Licht und die Vorhänge gewöhnt hatten, erkannte er Hanna. Sie war vollständig angekleidet und eifrig damit beschäftigt, einen Koffer zu packen, den sie auf ihr Bett gelegt hatte. Die leichte Nachtbrise wehte den Vorhang sekundenlang beiseite, so daß er in den Raum sehen konnte. Neben der Bettstelle standen noch zwei offene Koffer. Sie hatte ihre ganze Garderobe aus dem Schrank genommen.

 

Jim Ferraby zog die Stirne kraus. Das bedeutete etwas anderes als einen Wochenendausflug. Sie packte wie jemand, der sich für eine lange Reise vorbereitet. Eine ganze Stunde lang sah er ihr zu. Dann war sie fertig, und ihr Licht ging aus. Der Morgen dämmerte schon grau herauf. Jim fühlte sich plötzlich müde und hätte gerne geschlafen.

 

Als er sich eben ins Bett gelegt hatte, hörte er Töne, die ihn in Erstaunen setzten, und er mußte sich erst überzeugen, ob er nicht träume. Draußen sang jemand. Die Stimme kam aus dem kleinen Gehölz.

 

Der Sänger! Der Mann, der gestern abend auf dem Rasen war! Im nächsten Augenblick schlüpfte er in seinen Mantel und stieg die dunklen Stufen zur Halle hinunter. Es dauerte einige Zeit, bevor er die Tür öffnen konnte. Aber schließlich gelang es ihm. Draußen war die ganze Luft von würzigen Düften erfüllt. Es war frisch und kalt, und das Gras unter seinen Füßen war feucht vom Tau.

 

Er stand bewegungslos und lauschte. Dann sah er eine stämmige Gestalt, die sich im Schatten des Gehölzes bewegte, und ging auf sie zu. Als er näher kam, hörte ihn der andere und wandte sich um.

 

»Ruhig…ruhig…stören Sie meinen Singvogel nicht!« hörte Jim eine leise Stimme. »Ich brauche ihn, um anthropologische Studien zu machen.«

 

Es war Super.

 

Kapitel 6

 

6

 

»Gehen Sie wieder hinein, und ziehen Sie sich ordentlich an, ich brauche Ihre Hilfe. Alle meine Leute sind drunten in der Gegend von Farnham und werden noch den falschen Mann verhaften. Falls ich nicht hier sein sollte, wenn Sie wiederkommen, warten Sie auf mich.«

 

Jim kam der Aufforderung gerne nach, denn der Morgen war frostig kalt, und er zitterte. In fünf Minuten kam er zu der Stelle zurück, wo er den Oberinspektor verlassen hatte. Aber der tüchtige Mann war verschwunden und zeigte sich auch in den nächsten zehn Minuten nicht.

 

»Diesmal ist er weggegangen«, brummte er, als er wiederkam. »Er muß Sie gehört haben, als Sie sich einmischten.«

 

»Entwischt – wie?«

 

»Das Gehölz zieht sich bis zu den Grenzmauern hin. Auf der anderen Seite ist dichtes Gebüsch. Ich habe dort gehört, wie er durch das Unterholz ging. Ich will noch zu der Hauptstraße hinunterfahren – aber er ist so schlau wie ein Fuchs. Haben Sie irgend etwas Neues erfahren?«

 

»Hanna Shaw geht fort«, sagte Jim und erzählte ihm alles, was er während der Nacht gesehen hatte. Super kratzte sich seinen grauhaarigen Kopf.

 

»Ich möchte wetten, daß Cardew nicht weiß, daß sie für immer geht. Das wird die beste Nachricht sein, die der arme Kerl seit Jahren erhalten hat. Ich wünschte nur, ich hätte den jungen Caruso geschnappt.« Er schüttelte bedauernd den Kopf.

 

Er war die Einfahrtsstraße halb hinuntergegangen, als er wieder zurückkam.

 

»Haben Sie ein Auto, Mr. Ferraby?«

 

»Ja. Aber nicht hier, ich bin mit dem Zug gekommen.«

 

»Können Sie es nicht morgen abend zu meinem Revier bringen? Etwa, wenn es dunkel wird? Ich beabsichtige, nach Pawsey zu gehen. Es gehört zwar nicht zu meinem Bezirk, und der filzige Vorgesetzte im Polizeipräsidium würde Himmel und Hölle in Bewegung setzen, wenn etwas davon herauskäme. Aber ich verachte ihn, und wenn ich jemand verachte, so ist das Grab seine, letzte Hoffnung. Ich möchte Sie bitten, mich zu begleiten und mit mir die Sache psychologisch zu ergründen; denn ich verstehe mich nicht recht darauf.«

 

Super schaute ihn lustig mit blinzelnden Augen an, dann lachte er laut.

 

Anscheinend hatte keiner im Haus den Sänger gehört. Jim kehrte zu seinem Zimmer zurück, ohne daß er jemand Rede und Antwort stehen mußte. Da er unmöglich noch schlafen konnte, rasierte er sich und kleidete sich sorgfältig an. Als die Sonne aufging, war er schon unten im Garten und machte einen Spaziergang um das Haus, um sich die Zeit zu vertreiben.

 

Von der Rückseite von Barley Stack aus konnte er Hill Brow, das Herrschaftshaus Mr. Elsons, sehen, die roten Ziegelmauern und den viereckigen, architektonisch schön ausgebildeten Turm, der das Gebäude krönte.

 

Was für eine wunderliche Laune hatte diesen Amerikaner bewogen, sich in einer Umgebung niederzulassen, die ihm nicht gefiel? Er war ein Selfmademan und besaß weder Kultur noch gute Umgangsformen. Als Jim zu dem Rasen zurückkam, sah er eine schlanke Gestalt in einem grauen Kleid vor sich, und sein Herz schlug schneller.

 

»Ja, ich bin früh aufgestanden – ich konnte nicht schlafen.«

 

Elfa gab ihm lächelnd die Hand, und er wurde einen Augenblick verlegen. Noch nie hatte er sie unter dem sonnigen Himmel in freier Natur zu einer so frühen Stunde gesehen, wo die Frauen sich nur ungern den kritischen Blicken der Männer aussetzen.

 

»Ist es gestattet, Ihnen meinen Arm anzubieten?« fragte er.

 

»Gestattet ist es schon, aber es ist nicht nötig«, sagte sie lächelnd und brachte ihn dadurch wieder außer Fassung. »Heute morgen bin ich sehr mutig. Haben Sie gut geschlafen?«

 

»Um die Wahrheit zu sagen, ich habe überhaupt nicht geschlafen«, gab er zu.

 

Sie nickte.

 

»Ich auch nicht. Mein Zimmer grenzt an das von Miss Shaw. Sie hat die ganze Nacht über in ihrem Zimmer herumgewirtschaftet.«

 

Er hätte ihre Beobachtung bestätigen können.

 

»Ich will froh sein«, fuhr sie fort, »wenn ich wieder in meine eigene kleine Wohnung zurückkehren kann. Barley Stack hat einen sehr wenig günstigen Einfluß auf meine Nerven. Ich habe früher nur einmal eine Nacht in diesem Haus zugebracht es ist schon ein Jahr her. Das war ein sehr unangenehmes Erlebnis. Langweilt es Sie auch nicht, wenn ich Ihnen das erzähle?«

 

Ob ihn das langweilte? Er hätte ihr den ganzen Morgen lang zuhören können. Und das sagte er ihr auch.

 

»Miss Shaw war in noch schlechterer Laune als gewöhnlich. Sie sprach weder zu mir noch zu dem armen Mr. Cardew. Sie hatte sich in ihrem Zimmer eingeschlossen und weigerte sich, an den Mahlzeiten teilzunehmen. Mr. Cardew erzählte mir, daß sie glaubte, er habe sie vernachlässigt. Dann hat sie etwas ganz Merkwürdiges getan. Als ich am Morgen sehr früh aufwachte und aus meinem Fenster schaute, sah ich, daß ein großer lateinischer Buchstabe ›B‹ auf dem Rasen lag. Er war aus dunklen Papieren zusammengesetzt, und es hatte eine sonderbare Bewandtnis mit diesen langen, schmalen Zetteln. Ich ging hinunter, um mir die Sache genauer anzusehen. Mindestens fünfzig Hundertdollarnoten waren mit langen, schwarzen Nadeln auf dem Boden befestigt.«

 

Jim sah sie nur ungläubig an.

 

»Hat Cardew das gewußt?«

 

»Ja, er hatte es auch von seinem Fenster aus gesehen und war sehr aufgebracht darüber.«

 

»Wohnte sonst noch jemand hier zu dieser Zeit?«

 

Sie nickte und machte ein ärgerliches Gesicht.

 

»Mr. Elson. Sein Haus wurde gerade von Handwerkern renoviert, und Mr. Cardew lud ihn ein, solange bei ihm zu wohnen. Ich glaube, er ist seit dieser Zeit bis gestern abend nicht mehr hier gewesen. Miss Shaw hatte angeregt, daß er überhaupt kam. Er hat es mir selbst erzählt.«

 

»Aber woher wissen Sie, daß Hanna den Buchstaben auf dem Rasen zusammensetzte? Das kann doch auch eine verrückte Idee von Elson gewesen sein. Ich könnte mir vorstellen, daß er so verdrehte Dinge macht.«

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

»Es war Miss Shaw. Sie kam in den Garten und sammelte das Papiergeld wieder auf, nachdem Cardew nach ihr geschickt hatte. Er wollte eine Erklärung von ihr haben, aber sie weigerte sich, sie ihm zu geben. Sie wollte ihm nicht einmal sagen, woher sie das Geld hatte.« Das also war der dumme Scherz, der beinahe zum Bruch geführt hätte.

 

»Ich glaube, sie ist ein ganz klein wenig verrückt«, sagte Elfa. »Deshalb wollte ich auch nicht nach Barley Stack kommen. Schließlich bin ich nur gekommen, weil ich hörte…« Sie brach plötzlich ab, aber ein warmes Gefühl überkam den jungen Mann, und sein Herz klopfte schneller.

 

Als Hanna Shaw dann bei der Frühstückstafel erschien, verriet nichts ihre lange, angestrengte Nachtarbeit. Ihre dunklen Augen blitzten wie immer, und sie war ein Muster von Fassung und Selbstbeherrschung. Cardew dagegen war gereizt und bissig, obgleich er anscheinend sehr gut geschlafen hatte. Er gehörte zu den merkwürdig veranlagten Leuten, die ihre Klagen und Ärgernisse am Frühstückstisch vorbringen müssen.

 

»Ich weiß nicht, ob dieser schreckliche Kerl mir nicht einen Streich gespielt hat. Ich selbst sah nichts, und ich darf wohl behaupten, daß meine Augen ebenso gut sind wie die irgendeines anderen. Wenn ein Mann im Schatten der Hecke gesessen hatte, wie Super annahm, warum hat ihn dann niemand anders gesehen?«

 

Jim hätte ihm beinahe den Gesang verraten, der ihn heute morgen so sehr in Erstaunen gesetzt hatte. Aber er erinnerte sich, daß Super ihn gebeten hatte, nicht darüber zu sprechen.

 

»Was nun gar den Patronenrahmen betrifft, so ist es doch möglich, daß das ein Teil des dummen Scherzes ist«, sagte Mr. Cardew argwöhnisch. »Ich gebe ja zu, daß ich mit kriminellen Dingen wenig zu tun habe; aber ich war doch in einige bedeutende Betrugsprozesse im Kanzleigericht verwickelt. Sie erinnern sich an die Geschichte, Miss Leigh, die ich ihnen von meinem Klienten erzählte, der sein Vermögen bei einem Bankrott verbarg? Die Sache hätte mir beinahe einen Verweis von Seiten des Gerichtes eingetragen.«

 

Miss Leigh kannte die Geschichte. Sie hatte sie schon oft gehört. Es war das einzige interessante Ereignis in Mr. Cardews eintöniger Praxis.

 

»Wann werden Sie fahren, Hanna?« Bei diesen Worten schaute Cardew über seine Brille auf die Haushälterin.

 

»Um elf Uhr.«

 

»Werden Sie Ihren Wagen nehmen? Johnson hat mir gesagt, daß das Verdeck repariert werden muß.«

 

»Für mich ist es gut genug – und es sollte Johnson auch gut genug sein«, entgegnete sie kurz.

 

Mr. Cardews Interesse an ihren Plänen schien erloschen zu sein. Er fuhr zur Stadt, um seine Post durchzusehen, und bot Jim an, ihn zu seiner Wohnung in Cheyne Walk zu bringen.

 

»Sobald das Frühstück beendet ist«, sagte er. Jim Ferraby vermutete, daß er die Zeit so früh festgesetzt hatte, um das Haus noch vor seiner unliebenswürdigen Haushälterin verlassen zu können. Jim hatte nur kurz Gelegenheit, Elfa vor seinem Aufbruch zu sehen. Er fand sie in Cardews Studierzimmer beschäftigt. Viele Stöße Bücher lagen auf dem Bibliothekstisch, und sie sah ihn verzweifelt an.

 

»Er wünscht, daß ich die Arbeit beende; bevor ich heimgehe«, sagte sie hoffnungslos. »Soweit ich aber schätzen kann, habe ich mindestens zwei Tage daran zu tun – und ich möchte unter keinen Umständen noch eine Nacht in diesem Haus zubringen. Gehen Sie fort, Mr. Ferraby?«

 

Man hörte dem Ton ihrer Stimme an, daß es ihr unangenehm war, und Jim schwelgte in dem ihm bisher unbekannten Gefühl, daß man ihn vermissen würde.

 

»Ja, ich gehe fort; aber ich bitte Sie, mir Ihre Adresse zu geben, damit ich erfahren kann, ob Sie sicher nach Hause gekommen sind.«

 

Sie lachte.

 

»Das ist eine recht lahme Entschuldigung – aber ich werde Ihnen meine Adresse geben.«

 

Sie schrieb sie auf ein Stück Papier, das er in seine Tasche steckte.

 

»Ich werde Sie aufsuchen«, begann er.

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

»Sie finden meine Telefonnummer auf dem Blatt, das ich Ihnen eben gegeben habe«, sagte sie. »Vielleicht gestatte ich Ihnen an einem späteren Tag, mich zu besuchen und mit mir ins Theater zu gehen, wenn es Ihrer Stellung nicht schadet. Wie ich höre, haben Sie einen hohen Posten bei der Staatsanwaltschaft.«

 

»Ich bin bereits hoffnungslos kompromittiert«, sagte Jim. »Die einzige Möglichkeit, wieder zu Ansehen zu kommen, besteht darin, daß ich mich in guter Gesellschaft sehen lasse.«

 

Er hielt ihre Hand vielleicht etwas länger als notwendig.

 

Während der ganzen Fahrt nach der Stadt hatte er die unklare Vorstellung, daß Mr. Cardew über Oberinspektor Minter sprach. Es konnte aber auch Mr. Elson gemeint sein. Alles, was er hörte, vergaß er sofort wieder. Sein Herz schlug wie wild, und in seinem Kopf ging es drunter und drüber.

 

Als Cardew die Angelegenheit mit Hanna berührte, kam Jim langsam in die Wirklichkeit zurück.

 

»Ich habe es sehr sorgfältig und eingehend überlegt«, sagte der Rechtsanwalt, »und habe beschlossen, den Weg, den ich in den letzten Jahren gegangen bin, nicht weiter zu gehen. Ich habe Hanna geduldet, weil sie eine seelengute Frau ist. Aber ich habe nun endlich erkannt, daß mein Leben nur von ihren Launen und Einbildungen abhängt. Und dann ist dieses teuflische Geheimnis da, und ich kann Geheimnisse nicht leiden, wenigstens nicht auf Barley Stack. Und noch eins: ich kann mir nicht helfen – zwischen Elson und Hanna muß etwas los sein. Finden Sie nicht, daß das albern ist?«

 

Jim Ferraby fand es tatsächlich albern, denn zu dieser Zeit hatte ihn Super noch nicht völlig ins Vertrauen gezogen.

 

»Ich habe gesehen, wie sie Blicke wechselten. Einmal kam ich dazu, wie sie am Ende der Straße miteinander sprachen. Sie sahen mich und liefen wie die Ratten fort. Sie glauben bis heute, daß ich sie nicht gesehen habe. Ich weiß nicht, wer dieser Elson ist, ob er ein Junggeselle oder ein verheirateter Mann ist. Auf jeden Fall ein unangenehmer Mensch … Wenn er irgendwelche Liebe oder Zuneigung zu Hanna hat, was äußerst zweifelhaft ist, denn solche Menschen kennen nur Eigenliebe, nun gut, dann wäre ich sehr froh. Zu einem bin ich jedoch fest entschlossen: Hanna – muß gehen!« Er stieß mit seinem Schirm auf, um seinen Worten mehr Nachdruck zu verleihen. »Sie fällt mir auf die Nerven. Ich würde freiwillig tausend Pfund zahlen, wenn sie eine andere Stellung annähme.«

 

»Wissen Sie, daß sie alle ihre Sachen gepackt hat?« begann Jim.

 

»Ihre Sachen gepackt? Woher wissen Sie das?«

 

»Ich habe sie heute nacht durch mein Fenster gesehen. Sie machte keinen Versuch, ihre Tätigkeit zu verbergen. Sie nahm all ihre Kleider aus dem Schrank und packte sie in ihre Koffer, soweit ich sehen konnte.«

 

Mr. Cardew schwieg lange. Seine Stirne zog sich zusammen.

 

»Ich glaube nicht, daß das etwas zu bedeuten hat«, sagte er schließlich. »Sie hat ihre Koffer auch damals gepackt, als sie sich mit mir überworfen hatte, und wie ein Narr habe ich – bildlich gesprochen – sie auf den Knien gebeten, zu bleiben. Aber diesmal …« Das Schütteln seines Kopfes war von böser Vorbedeutung.

 

Er setzte Jim in Whitehall ab. Für die nächsten zwei Stunden war Mr. Ferraby vollauf mit seiner Post beschäftigt. Es gab Schriftsätze zu prüfen, und er müßte in Abwesenheit seines Chefs Verhaftungen anordnen. Um drei Uhr nachmittags hatte er alle Rückstände aufgearbeitet und schlenderte nach Pall Mall in seinen Klub.

 

Die Arbeit wäre ihm leichter gefallen und schneller von der Hand gegangen, wenn er nicht immer zwischen den Papieren und seinen Augen die Vision eines Gesichts gehabt hätte. Es nahm keine festen Formen an, nur zwei dunkelgraue Augen sah er vor sich. Einmal brachte ihm sein Schreiber ein Dokument zurück und fragte ihn kühn, wer eigentlich Elfa sei, und er entdeckte bei der Durchsicht, daß er einen bekannten Autodieb so getauft hatte, dessen Fall er in der nächsten Zeit untersuchen sollte.

 

Als er auf dem Zettel nachsah, stellte er fest, daß Elfa in Bloomsbury wohnte. Er dachte nach und fand eigentlich keinen Grund, warum er nicht nach Cubitt Street fahren sollte, um sich einmal das Haus von außen anzusehen, in dem sie wohnte. Als er hinkam, war es jedoch von anderen Häusern in derselben Straße nicht im mindesten verschieden. Aber er empfand eine gewisse Genugtuung, sich vorzustellen, daß ein Fenster mit hübschen, kleinen, weißen Gardinen zu ihrem Zimmer gehörte. Und er schaute sich mit großem Interesse die Anschlagsäule an, auf der ein Mittel gegen Hühneraugen angepriesen wurde. Er konnte sich so gut vergegenwärtigen, wie sie jeden Morgen aus ihrem Fenster darauf schaute. Einige Tage später erfuhr er, daß ihr Zimmer nach hinten lag und daß man es von der Straße aus überhaupt nicht sehen konnte.

 

Als er um vier Uhr in ihrer Wohnung anrief, war sie noch nicht zurückgekommen. Da sie nicht die Absicht hatte, Barley Stack vor dieser Zeit zu verlassen, konnte sie ja eigentlich auch noch gar nicht zu Hause sein. Um fünf Uhr war noch keine Nachricht von ihr da. Um halb sechs Uhr war er schon ganz aufgeregt, und sein großer, schwarzer Wagen brummte und zitterte mit angelassenem Motor vor der Tür seines Klubs. Er war im Begriff, nach Barley Stack zu fahren, um sie dort aus drohender Gefahr zu befreien, als ihm ihre kühle Stimme am Telefon antwortete.

 

»Ja, ich bin zurück … nein, Mr. Cardew ist noch nicht gekommen. Er rief mich an, um mir zu sagen, daß er in dieser Nacht in der Stadt bleiben würde.«

 

»Darf ich Sie zum Tee einladen?«

 

Er hörte sie lachen.

 

»Nein, ich danke Ihnen schön. Ich will einen ruhigen Abend für mich allein verbringen, Mr. Ferraby. Es ist sehr hübsch hier.«

 

»Das glaube ich Ihnen gern«, sagte er begeistert. »Ich kann mir nicht denken, daß an irgendeinem Platz, wo Sie sich aufhalten …«

 

Klick! Sie hatte den Hörer eingehängt. Trotzdem kehrte er in einer gehobenen Stimmung nach Hause zurück.

 

Als er heimkam, sagte ihm sein Chauffeur, der auch gleichzeitig sein Diener war, daß Besuch auf ihn warte. Zu seiner Überraschung war es Mr. Cardew.

 

»Ihr Diener erzählte mir eben, daß Sie heute abend ausgehen«, sagte er fast vorwurfsvoll. »Ich kam gerade, um Sie zu bitten, mit mir in die Oper zu gehen. Ich kaufte zwei Karten in der Hoffnung, daß Sie mich begleiten könnten.«

 

»Es tut mir sehr leid«, sagte Jim. »Aber ich habe eine Verabredung.«

 

»Können Sie wenigstens mit mir speisen?«

 

Aber Jim entschuldigte sich ebenfalls.

 

»Das ist sehr schade«, sagte Cardew und fuhr sich mit der Hand durch das Haar. »Dann bleibt mir nichts anderes übrig, als heute abend nach Barley Stack zurückzukehren. Ich möchte nur wissen, was dieser Teufel von Hanna heute abend in Beach Cottage macht«, fügte er bedrückt hinzu. »Ich würde viel darum geben, wenn ich es wüßte.«

 

Jim hätte beinahe versprochen, ihn darüber zu informieren; aber er überlegte es sich und sagte nichts.