Kapitel 4

 

4

 

»Kennen Sie Mr. Elson?«

 

Jim Ferraby kannte Mr. Stephen Elson gut und hatte eine begründete Abneigung gegen ihn. Er war, wenn auch ohne sein Zutun, der Hauptzeuge bei der Anklage gegen Lukas Markus Sullivan und hatte den Freispruch dieses Diebes und Landstreichers als eine persönliche Beleidigung empfunden. Jim hatte aus vielen Gründen ein Vorurteil gegen Elson – nicht zuletzt, weil er Elfa Leigh in herausfordernder Weise den Hof machte. Von seinem Standpunkt aus war dieses Benehmen unverschämt, und er hoffte, daß auch Elfa so dachte. Nicht, daß sie in seinem Leben irgend etwas Besonderes bedeutete – sie war für ihn nur die hübsche junge Dame auf der anderen Seite der Treppe. Sie hatte eine schöne, weiche Stimme und graue Augen, sie hatte ein reizendes Wesen, war wohlerzogen und ungewöhnlich gutaussehend – aber er bewunderte sie nur platonisch aus der Ferne.

 

Elfa war eine Dame und stand gesellschaftlich jedem von Cardews Gästen gleich. Jim Ferraby haßte die plumpe Vertraulichkeit Elsons. Es hatte ihn aufs unangenehmste berührt, daß er überhaupt eingeladen war. Selbst wenn Mr. Cardew kein so guter Detektiv gewesen wäre, hätte er die Antipathie Jims gegen Elson bemerken müssen. Bei der ersten Gelegenheit nahm er den jungen Mann beiseite.

 

»Ich vergaß, Ihnen zu sagen, daß Sie Elson treffen würden. Es ist mir sehr unangenehm, aber Hanna war dafür, ihn einzuladen. Wenn er zu mir gekommen ist, war jedesmal Hanna die Veranlassung. Sie sagte, daß er das ganze letzte Jahr nicht eingeladen wurde, und ich dachte, daß dies eine gute Gelegenheit sei. Wenn ich allein mit ihm sein müßte, könnte ich es nicht aushalten.«

 

Jim lachte. »Mir macht es nichts aus, obgleich er sich nach der Gerichtssitzung unglaublich unhöflich gegen mich benommen hat. Was war er eigentlich früher? Weshalb hat er sich in England niedergelassen?«

 

Cardew schüttelte den Kopf.

 

»Das ist eine der Fragen, die ich eines Tages klären werde. Ich weiß nur, daß er sehr reich ist.« Er schaute auf die andere Seite des Salons, wo der breitschultrige Amerikaner sich heiter mit Elfa unterhielt. »Die verstehen sich gut miteinander«, sagte er gereizt. »Vermutlich, weil sie Landsleute sind.«

 

»Miss Leigh ist Amerikanerin?« fragte Jim erstaunt.

 

»Ja. Ich dachte, Sie wüßten das. Ihr Vater, der unglücklicherweise im Krieg ums Leben kam, war ein hoher Beamter des amerikanischen Schatzamtes. Ich glaube, daß er die meiste Zeit seines Lebens in den Vereinigten Staaten zubrachte, wo auch Miss Leigh erzogen wurde. Ich habe ihren Vater niemals kennengelernt, sie wurde mir durch den amerikanischen Botschafter empfohlen.«

 

Jim beobachtete sie, während Cardew sprach. Er sah, daß ihre Hautfarbe gut zu ihrem schwarzen Kleid paßte und daß ihre seltene Schönheit durch dieses einfache Kleid noch gehoben wurde.

 

»Ich hätte nie gedacht, daß sie Amerikanerin ist«, war alles, was er sagen konnte.

 

»Ich vermutete, Sie seien von der jüngeren englischen Generation«, sagte Mr. Elson gerade zu ihr. »Es ist doch sonderbar, daß ich nicht wußte, daß Sie ein guter Yankee sind.«

 

»Ich bin aus Vermont«, sagte Elfa. Aber sie war keineswegs erfreut, einen Landsmann in ihm zu begrüßen.

 

Er hätte ein rotes, tiefgefurchtes Gesicht, grobe Züge und eine knollige Nase. Es schwebte stets ein Geruch von Whisky und fadem Zigarrenrauch um ihn.

 

»Und ich stamme aus dem Mittleren Westen«, sagte er höflich. »Kennen Sie St. Paul? Es ist eine hübsche Stadt mittlerer Größe. Sagen Sie mir, Miss Leigh, was tut eigentlich dieser Herr hier?« Er zeigte mit dem Kopf zu Jim hinüber, und seine Stimme war so laut, daß der junge Mann die Frage nicht überhören konnte. Er hätte viel darum gegeben, wenn er auch ihre Erwiderung gehört hätte.

 

»Mr. Ferraby gilt als einer unserer tüchtigsten Beamten bei der Staatsanwaltschaft«, sagte sie ruhig.

 

»Wie – tüchtig?« fragte er hochnäsig. Dann änderte er plötzlich seinen Ton. »Sie sagen, von der Staatsanwaltschaft? Ich kenne dieses Amt nicht.«

 

Sie erklärte ihm die Funktionen dieser Behörde kurz.

 

»Ach so«, erwiderte Elson. »Er mag ja außerhalb des Gerichtshofes ein tüchtiger Staatsanwalt sein; aber wenn er vor den Richtern erscheint, ist er gänzlich unfähig – das kann ich Ihnen versichern.«

 

»Sind Sie ein alter Freund von Mr. Cardew?« fragte Elfa, die bemüht war, das Gespräch in liebenswürdigere Bahnen zu lenken.

 

Elson strich sich über das nicht allzu gut rasierte Kinn.

 

»Er ist doch mein Nachbar – ein vorzüglicher Anwalt, nicht wahr?« Er beobachtete sie unter halbgeschlossenen Augenlidern.

 

»Mr. Cardew übt seine Praxis nicht mehr aus«, sagte sie. Er lachte laut.

 

»Detektivgeschichten sind doch seine starke Seite?« kicherte er.

 

»Ich habe bisher noch nie einen erwachsenen Mann gesehen, der sich mit solchen Dingen abgibt.«

 

Seine bewundernden Blicke wichen nicht von ihrem Gesicht.

 

In ihrer unangenehmen Lage schaute sie zu Jim hinüber, der ihren Kummer längst erkannt hatte. Er faßte ihren Blick als einen Hilferuf auf und ging quer durch den Saal, um sie aus Elsons Gesellschaft zu befreien.

 

Miss Leigh und Ferraby fiel es auf, daß Mr. Cardew in schlechter Stimmung war. Er schien ganz zu vergessen, weshalb er Jim eingeladen hatte, denn er hatte Hanna noch nicht ein einziges Mal erwähnt. Von Zeit zu Zeit sah er auf seine Uhr und schaute ängstlich, fast furchtsam nach der Tür, und als schließlich die Hausdame steifer, düsterer und unzugänglicher als je erschien und unvermittelt sagte, daß das Essen aufgetragen sei, nahm der Anwalt seine Brille ab und sprach mit fast bittender Stimme:

 

»Wollen Sie, bitte, mit dem Essen noch ein paar Minuten warten. Ich habe noch einen guten Bekannten eingeladen, Hanna den Oberinspektor.«

 

Sie hielt an sich und sagte nichts.

 

»Ich traf ihn heute, und er war sehr nett«, beeilte sich Mr. Cardew entschuldigend hinzuzufügen. »Und ich sehe nicht ein, warum wir schlechte Freunde sein sollten. Ich weiß auch gar nicht, warum ich Ihnen dies sage …«

 

Dann murmelte er noch allerhand Unverständliches. Es war ein komischer Anblick, wie der Hausherr von Barley Stack unter dem Pantoffel seiner Haushälterin stand. Jim war das nichts Neues, denn er hatte schon bei seinen früheren Besuchen diese Erfahrung gemacht. Aber Elfa konnte nur verwundert staunen, als die Frau den Raum mit steifen Schritten verließ und ihre schlechte Laune in jeder Weise zum Ausdruck brachte.

 

Cardew war es sehr peinlich.

 

»Ich fürchte, Hanna schätzt unseren Freund nicht; das ist mir sehr unangenehm.«

 

Er schaute auf Ferraby, als ob der ihn unterstützen sollte.

 

»Es gibt nur wenige Hausdamen, die es gerne sehen, wenn man ihre Pläne durchkreuzt«, sagte Jim vermittelnd.

 

Nach fünf weiteren ungemütlichen Minuten erschien Hanna wieder in der Tür.

 

»Wie lange sollen wir noch warten, Mr. Cardew?« fragte sie unwirsch.

 

»Wir gehen jetzt zu Tisch, Hanna«, sagte Cardew, nachdem er schnell auf seine Uhr gesehen hatte. »Ich nehme nicht an, daß unser Freund noch kommt.«

 

Elfa saß neben Ferraby an dem runden Tisch. An ihrer anderen Seite stand der leere Stuhl, der für Oberinspektor Minter bestimmt war.

 

»Der arme Mr. Cardew«, sagte sie leise.

 

Jim grinste, aber ein Blick auf das Gesicht Hanna Shaws, die ihm direkt gegenübersaß, ließ sein Lächeln verschwinden. Sie schaute das Mädchen mit einem so bösen Blick an, daß ihm der Atem stockte. Als die Suppenteller abgetragen wurden, kam der verspätete Gast.

 

Super kleidete sich niemals elegant. Jim hatte den Eindruck, daß ihm die schlechtsitzenden Anzüge von einem längst verstorbenen Verwandten vererbt oder daß sie möglicherweise von einem Kellner erworben waren, der sie im Restaurant nicht mehr tragen konnte.

 

»Es tut mir sehr leid, meine Damen und Herren«, entschuldigte er sich und sah sich in der Gesellschaft um. »Ich esse sonst niemals auswärts, und gerade, als ich mich zu Bett legen wollte, erinnerte ich mich an Ihre liebenswürdige Einladung. Guten Abend, Miss Shaw!«

 

Hanna hob langsam ihren Blick und sah ihn voll an.

 

»Guten Abend, Oberinspektor!« sagte sie eisig.

 

»Wir haben schönes Wetter; so warm war es noch nie in dieser Jahreszeit. Ich könnte mich wenigstens nicht darauf besinnen.«

 

Elfa sah den gestrengen Super zum erstenmal und fühlte unwillkürlich eine Zuneigung zu diesem alten Mann in seinem abgetragenen Frack. Sein Hemd war altmodisch, und zwei Rostflecke auf dem Einsatz machten es unansehnlich. Die Krawatte hatte sich verschoben. Aber seine Haltung war die eines Aristokraten.

 

»Er ist prachtvoll … Ist das der Oberinspektor?« fragte sie, als Supers Aufmerksamkeit durch ein Gespräch mit seinem Gastgeber abgelenkt wurde.

 

»Ja, er ist der König aller Detektive in Europa. Hören Sie mal zu, jetzt hat er Cardew wieder zum besten.«

 

»Ich gehe höchst selten unter Menschen«, bemerkte Super. »Mir scheint, daß ich zu wenig gesellschaftlich veranlagt bin, als daß man mich einlädt. Ich kann nicht ein Messer vom anderen unterscheiden, und meistens nehme ich das falsche Bierglas. Das ist es ja gerade, wo es bei uns Polizeibeamten fehlt – keine Manieren. Ich sagte noch heute nachmittag zu meinem Sergeanten: ›Wir haben nicht genügend vornehme Amateure bei uns – was wir brauchen, sind Leute, die einen Frack tragen können, ohne daß es aussieht, als ob sie auf einen Maskenball gingen.‹«

 

Mr. Cardew schaute argwöhnisch auf seinen Gast.

 

»Die Polizei hat ihre festumschriebenen Aufgaben«, sagte er etwas steif. »Der einzige Punkt, in dem wir nicht übereinstimmen, mein lieber Oberinspektor, ist, daß gewisse Fälle feinere Untersuchungsformen oder mehr Verstand und eine weitgehendere Anwendung der Psychologie erfordern.«

 

»Das ist sicherlich nötig«, sagte Elson, stützte die Ellenbogen auf den Tisch, lehnte sich vor und nickte stark mit dem Kopf. »Das ist es, was den Leuten fehlt …« Plötzlich hielt er inne, denn er hatte einen Blick von Hanna aufgefangen, und Jim Ferraby, der es beobachtete, sah, wie sie ihn warnte.

 

»Psychologie ist sicher sehr wertvoll«, stimmte Super bei. »Das ist ja gerade das, was wir brauchen. Jeder junge Beamte müßte darin unterrichtet werden. Nächst Anthropologie ist Psychologie das Wichtigste. Aber ich muß sagen, daß auch gute Beobachtungsgabe nicht zu verachten ist. Ich bin etwas kurzsichtig beim Lesen, aber ich kann eine Million Meilen weit sehen. Lassen Sie die Jalousien nie herunterziehen, Mr. Cardew?«

 

Die großen Bogenfenster des Speisesaals waren unten nur mit durchsichtigen Gardinen bedeckt. Die große Rasenfläche draußen lag im Dämmerlicht, und die Ahornbäume am Ende des Gartens zeichneten sich in schwarzen Umrissen von dem tiefblauen Himmel ab. Die Rhododendronsträucher erschienen wie dunkle Flecken.

 

»Nein«, sagte Cardew erstaunt. »Warum sollte ich sie auch schließen – wir werden nicht beobachtet –, die Landstraße liegt etwa einen halben Kilometer entfernt.«

 

»Ich wundere mich nur«, entschuldigte sich Super. »Ich verstehe nicht viel von vornehmen Villen. Ich lebe in einem kleinen Häuschen und ziehe immer die Jalousien herunter, wenn ich esse. Das macht meine Mahlzeiten gemütlich. Wie viele Gärtner mögen Sie wohl hier haben?« fragte er.

 

»Vier oder fünf«, sagte Cardew. »Ich weiß es nicht genau.«

 

Das machte Eindruck auf Super. »Da müssen Sie aber allerhand Räume haben, wo die Leute schlafen können.«

 

»Sie schlafen nicht hier. Mein Hauptgärtner hat ein Haus für sich in der Nähe der Straße. Um nun aber auf die Polizei zurückzukommen …«

 

Aber Super schien keine Neigung zu haben, weiter über die Zustände bei der Polizei zu sprechen. Er wollte vielmehr seine Kenntnisse über Cardews Angestellte vervollständigen.

 

»Ich dachte, Sie würden Gärtner oder Leute halten, die in der Nacht die Blumen begießen oder Maulwurfsfallen aufstellen.«

 

Gordon Cardew schien unangenehm berührt zu sein.

 

»Meine Gärtner gehen um sieben Uhr nach Hause. Ich würde ihnen nicht erlauben, sich hier herumzutreiben. Was haben Sie, Oberinspektor?«

 

Super war aufgestanden und ging zur Tür. Plötzlich hörte man das Knipsen des elektrischen Schalters, und das Licht ging aus.

 

»Gehen Sie alle möglichst schnell vom Tisch weg zu den Wänden!« befahl er mit rauher Stimme. »Deshalb habe ich das Licht ausgemacht – draußen ist jemand im Schatten der Sträucher, und er hat eine Pistole.«

 

Kapitel 5

 

5

 

Super ging leise durch die Haupttür in den Garten. Der Speisesaal lag an der Seite des Hauses, und Minter eilte mit unglaublicher Schnelligkeit zu den Büschen. Auf dem Rasen war niemand, kein Laut ertönte, nur das leise Rauschen der Blätter im Nachtwind war zu hören.

 

Er hielt sich in der Nähe der Sträucher und suchte den ganzen Platz ab.

 

Hinter den Blumenbeeten standen die Ahornbäume, die die südliche Grenze des Grundstücks bezeichneten. Rechter Hand war ein kleiner Tannenwald. Die einzige Möglichkeit war, daß sich der Eindringling dorthin zurückgezogen hatte.

 

Super ging von Baum zu Baum vorwärts. Unter seinen Füßen war eine dichte Nadeldecke, die seine Schritte unhörbar machte. Von Zeit zu Zeit blieb er stehen und lauschte. Aber es war nicht das geringste Geräusch vernehmbar.

 

Als er halbwegs durch das Gehölz gegangen war, hörte er gerade vor sich in kaum fünfzig Metern Entfernung Gesang …

 

Einen Augenblick fühlte sich Super von dem melancholischen spanischen Lied ergriffen. Es war etwas Trauriges, etwas so verzweifelt Hoffnungsloses in den Worten des jahrhundertealten Klagegesanges, daß er stehenblieb.

 

Plötzlich eilte er dann nach der Richtung, aus der die Stimme kam. In dem Gehölz war es dunkel, und die Bäume standen so nahe beieinander, daß es fast unmöglich schien, weiter als ein paar Meter zu sehen. Er kam wieder ins Freie, ohne jemand erblickt zu haben.

 

Das Gehölz trennte den Park von Barley Stack von einer kleinen Farm. Nichts bewegte sich in den Wiesen, und Super kehrte um.

 

»Komm heraus, du Strolch!« rief er; aber es ertönte nur das Echo seiner Stimme.

 

Er hörte ein Rascheln, als ob jemand durch das Unterholz ginge. Er vermutete, daß es Jim sei, bevor er die weiße Hemdbrust aus dem Dunkel aufleuchten sah.

 

»Wer ist es?« fragte Ferraby.

 

»Irgendein Landstreicher«, erwiderte Super. »Es ist recht unvorsichtig von Ihnen, ohne eine Schußwaffe hier herauszukommen.«

 

»Ich habe niemand gesehen.«

 

»Man kann auch niemand sehen«, erwiderte Super höflich. »Wir wollen zurückgehen. Es wäre am besten, wenn ich mein Motorrad nehmen und die Straßen abpatrouillieren würde.«

 

Er ging wieder einige Schritte in die Felder hinein, aber da er nichts hörte und sah, kehrte er um. Auf dem Rasen fanden sie die erschrockene Gesellschaft versammelt.

 

»Haben Sie jemand gesehen?« fragte Mr. Cardew ängstlich. »Es ist ganz außergewöhnlich … Sie haben die Damen erschreckt … Ich muß gestehen, daß ich niemand gesehen habe.«

 

»Vielleicht hat sich Minter alles nur eingebildet«, sagte Elson. »Man kann wohl einen Mann sehen, aber es ist doch ganz unmöglich, bei der schlechten Beleuchtung eine Schußwaffe zu erkennen.«

 

»Ich habe sie aber gesehen«, sagte Super und schaute starr nach dem Walde hin. »Ich sah gerade, wie der Lauf aufblitzte. Es muß eine Pistole gewesen sein. Hat jemand von Ihnen eine Taschenlampe?«

 

Mr. Cardew ging ins Haus und kam mit einer Lampe zurück.

 

»Hier stand er«, sagte Super und leuchtete das Gras ab. »Man kann keine Spuren entdecken, der Boden ist zu hart. Nichts …« Plötzlich bückte er sich, nahm einen langen, dunklen Gegenstand auf und pfiff vor sich hin.

 

»Was haben Sie?« fragte Cardew.

 

»Einen Patronenrahmen von einer Zweiundvierziger-Repetierpistole, ganz voll Patronen«, sagte Super. »Vom Marinedepartment der Vereinigten Staaten – ist ihm aus der Schußwaffe gefallen.«

 

Mr. Cardew erschrak. Jim glaubte wahrzunehmen, daß sein Gesicht blasser geworden war. Möglicherweise, dachte er, ist es das erste Mal, daß Mr. Cardew den nackten Tatsachen eines beabsichtigten Verbrechens Auge in Auge gegenübersteht. Stephen Elson schaute mit offenem Mund auf den Patronenrahmen.

 

»Und er hat die ganze Zeit mit einer Pistole dort gesessen?« Er zitterte. »Haben Sie ihn denn genau gesehen?«

 

Super wandte sich zu ihm und legte ihm die Hand auf die Schulter.

 

»Machen Sie sich keine Gedanken darüber«, sagte er freundlich, fast teilnehmend. »Wenn ich ihn gesehen hätte, hätte ich ihn auch gefangen. Ich möchte einmal Ihr Telefon benützen, Mr. Cardew.«

 

Sein Gastgeber führte ihn zum Arbeitszimmer.

 

»Sind Sie dort, Lattimer? Lassen Sie alle Reservemannschaften ausrücken, halten Sie jeden an, der sich nicht ausweisen kann, besonders Landstreicher. Wenn Sie meinen Befehl ausgeführt haben, kommen Sie nach Barley Stack, und bringen Sie eine Schußwaffe und Handlampen mit!«

 

»Was ist passiert, Super?«

 

»Ich muß einen Kragenknopf verloren haben«, sagte er ruhig und hängte den Hörer ein.

 

Er schaute in das ängstliche Gesicht Cardews, und seine Blicke wanderten von dem Anwalt zu den vollen Bücherschränken.

 

»Da muß eine Menge drinstehen, das einem helfen kann, einen verrückten Landstreicher festzunehmen«, sagte er. »Und ich muß mich auf meine gewöhnlichen Hilfsmittel verlassen, und es ist sogar sehr wahrscheinlich, daß wir ihn nie kriegen.«

 

Er zwinkerte wie gewöhnlich mit den Augen. Cardew sah die Flecken auf seinem Hemd und nahm den Geruch wahr, den die Mottenkugeln dem Frack gegeben hatten. Dadurch erhielt er sein Selbstvertrauen und seine Haltung wieder.

 

»Das ist einer von den Fällen, in denen die physischen Eigenschaften der Polizei bewundernswert sind, aber alles in allem ist nichts besonders Schwieriges darin, einen bewaffneten Landstreicher zu entdecken.«

 

»Nichts Besonderes«, sagte Super und schüttelte traurig den Kopf. Er überschaute die vollen Bücherregale wieder und seufzte. »Der Kerl war hinter Elson her«, sagte er dann.

 

Cardew schaute erstaunt auf.

 

»Elson erwartete ihn auch«, sagte Super mit einem abwesenden Blick. »Warum hätte er sonst eine Waffe bei sich?«

 

»Was? Elson hat eine Pistole bei sich? Woher wissen Sie das?«

 

»Ich fühlte es an seiner hinteren Tasche, als ich nahe an ihn herantrat. Ist das nicht eine feine Beobachtung? Ich klopfte ihm auf die Schulter und lehnte mich mit meiner Hüfte an seine Tasche. Von der ganzen Polizeitruppe habe ich die Hüfte mit dem feinsten Gefühl. Was bedeutet das eigentlich in der Anthropologie?«

 

Aber Mr. Cardew ging nicht darauf ein.

 

»Warum folgten Sie dem Oberinspektor, Mr. Ferraby? War das nicht leichtsinnig von Ihnen?«

 

Jim und die junge Dame waren allein auf dem Rasenplatz. Hanna war mit dem Amerikaner verschwunden. Obgleich Jim sich Vorwürfe machte, in der hereinbrechenden Dunkelheit mit Elfa draußen zu bleiben, wurden seine Bedenken doch von dem Reiz der Nacht und der geheimnisvollen Einsamkeit überstimmt.

 

»Es war für mich kein größeres Wagnis als für Super«, sagte er. »Außerdem gebe ich gern zu, daß ich dachte, er habe sich durch einen Schatten täuschen lassen. Ich hatte vergessen, daß der alte Teufel Augen hat, mit denen er durch eine Wand sehen kann. – Mögen Sie diesen Elson eigentlich leiden?« fragte er plötzlich.

 

»Elson? Nein – weshalb fragen Sie?«

 

»Nun, er ist Amerikaner, und ich dachte, das sei natürlich, wenn sich Landsleute treffen«, sagte er etwas linkisch.

 

»Wenn ich eine Engländerin wäre und einen englischen Taugenichts in New York träfe – würde ich ihn dann gern haben, weil er ein Engländer ist?« fragte sie lächelnd.

 

»Einen Taugenichts? Ich wußte nicht, daß er das ist«, begann er.

 

»Sie wissen nicht, wie unhöflich Sie jetzt zu mir sind«, sagte sie. »Ja, Mr. Elson ist ein Taugenichts, ich kann kein anderes Wort für ihn finden, obwohl es nicht hübsch klingt.«

 

»Ich wußte nicht, daß Sie Amerikanerin sind«, murmelte er, als sie langsam auf dem kurzgeschnittenen Rasen auf und ab gingen.

 

»Ich habe mir nie träumen lassen, daß Sie überhaupt bemerkten, daß ich jemand sei«, entgegnete sie kurz. »Höchstens eine von den Stenotypistinnen in King’s Bench Walk. Wollen Sie einen Flirt mit mir beginnen?«

 

Jim errötete bei der überraschenden Offenherzigkeit Elfas.

 

»Nein, das will ich nicht«, sagte er und atmete schnell.

 

»Dann will ich Ihren Arm nehmen. Ich fürchtete mich ein wenig«, gestand sie ihm dann. »Es war wirklich unheimlich. Das Licht ging aus, und man hatte das unangenehme Gefühl, daß man von draußen beobachtet wurde.«

 

Ihr Arm lag auf dem seinen. Jim Ferraby hielt etwas verlegen den Ellenbogen in steifer Haltung, und sie lächelte, als sie merkte, wie er den Anstand wahren wollte.

 

»Sie können ruhig Ihren Arm sinken lassen – so ist es gut, ich werde mich nicht anklammern. Ich finde nur eine gewisse Stütze und habe Vertrauen, wenn ich einen männlichen Arm fühle. Es kann der Arm irgendeines Mannes sein, mit Ausnahme von Mr. Elson.«

 

»Ich verstehe.« Er wollte eisig zu ihr sein, aber ihr weiches Lachen ließ seinen Trotz verschwinden.

 

»Ich liebe das Landleben nicht«, plauderte sie. »Mein armer Vater hatte es so gern. Er war gewöhnt, im Freien zu schlafen, selbst bei stürmischem Wetter.«

 

»Ihr Vater ist während des Krieges gestorben?«

 

»Ja.« Ihre Stimme war kaum hörbar. »Er starb im Krieg.«

 

Wieder gingen sie schweigend auf und ab, und ihr Arm ruhte mit größerem Zutrauen in dem seinen. Ihre Fingerspitzen berührten wie zufällig den Rücken seiner Hand.

 

»Wie lange werden Sie hierbleiben?« fragte er.

 

»Bis morgen nachmittag – ich muß einen Zettelkatalog anfertigen. Aber Mr. Cardew wird mich nicht hierbehalten, wenn seine Haushälterin fortgegangen ist. Sie macht einen Wochenendausflug.«

 

»Was denken Sie eigentlich von ihr?« fragte er.

 

»Sie mag ganz nett sein, wenn man sie näher kennenlernt«, erwiderte sie vorsichtig. Supers lange Gestalt zeigte sich in der Türöffnung.

 

»Kommen Sie herein, bevor die Gespenster Sie fassen, Mr. Ferraby. Es hat sich etwas Ungewöhnliches ereignet – mein Sergeant war tatsächlich auf dem Posten. Im allgemeinen denkt er, daß alle Zeit, die er nicht schläft, für ihn verloren ist. Mr. Cardew fragte nach Ihnen, Miss Leigh.«

 

Sie ging ins Haus. Ferraby wollte ihr folgen, aber Super hielt ihn zurück.

 

»Gehen Sie ein wenig mit mir auf und ab, Mr. Ferraby, und geben Sie mir Nachhilfestunden in Psychologie und Anthropologie.«

 

Es war merkwürdig, wie gut Super alle diese Dinge kannte, wenn er nicht in der Gesellschaft Cardews oder seines Sergeanten war.

 

»Elson muß heute abend wieder nach Hause gehen, und ich vermute, daß dieser Mensch mit der Pistole ihm auflauern will. Die ganze Sache ist sehr kompliziert und geheimnisvoll. Ein Amerikaner versucht einen anderen Amerikaner niederzuknallen.«

 

»Denken Sie, daß der Fremde auf dem Rasen ein Amerikaner war?«

 

»Er hatte eine amerikanische Pistole – deshalb ist er ein Amerikaner. Ich fange jetzt selbst an, Schlußfolgerungen zu ziehen. Ich vermute auch, daß er ein Sänger ist.«

 

»Warum?« fragte Jim verwundert.

 

»Weil ich ihn singen hörte!« antwortete Super. »Haben Sie jemals Karten gespielt, Mr. Ferraby? Wenn Sie es tun, will ich Ihnen einen guten Rat geben. Ein kleiner Blick in die Karten des Nachbarn ist wertvoller als alle Berechnungen. Schlußfolgerungen zu ziehen ist eine feine Sache, aber gut beobachten und hören ist besser. – Wissen Sie, ob etwas gegen Elson vorliegt?«

 

»Sie meinen bei der Staatsanwaltschaft? Nein, ich entsinne mich nicht, daß ich etwas gehört oder gelesen hätte. Und ich bearbeite ja gerade die Abteilung für Ausländer.«

 

»Nennen Sie einen Amerikaner niemals einen Ausländer, sonst wird er sehr aufgebracht. Ebenso wie sich die Engländer aufregen, wenn sie die Hafentaxe von New York bezahlen müssen. Als einen Fremden darf man nur einen Peruaner, einen Slowaken, einen Mongolen oder einen Italiener bezeichnen. Ich war während des Krieges in Washington, bis unser Polizeipräsidium entdeckte, daß ich tüchtig war. Dann haben sie mich nach Hause abberufen – sie können nämlich tüchtige Leute nicht leiden.«

 

Jim überlegte sich, ob er Super ins Vertrauen ziehen sollte. Er wußte allerdings nicht, ob das seinem Gastgeber recht war. Aber er entschied sich dafür.

 

»Super, glauben Sie, daß der Mann in dem Garten es auf Elson abgesehen hatte? Sollte das nicht ein Irrtum sein?«

 

»Das scheint mir unwahrscheinlich«, entgegnete Super, »aber ich lasse mich gern überzeugen.«

 

Ferraby erzählte ihm kurz von dem Brief, den Gordon Cardew ihm gestern gezeigt hatte. Der Oberinspektor hörte ihm ohne Unterbrechung aufmerksam zu.

 

»›Großfuß‹? Das klingt so wie die verrückten Wildwestnamen der Indianer. Aber was hat denn Hanna gemacht? Das ist allerdings eine sehr wichtige Neuigkeit, Mr. Ferraby, die die Lage ein wenig ändert.«

 

Cardew rief sie vom Haus aus.

 

»Kommen Sie doch herein, daß wir zu Ende essen können!«

 

»Warten Sie noch einen Augenblick«, sagte Super zu Jim und hielt ihn mit seiner sehnigen Hand am Ärmel fest. »Gedulden Sie sich bitte noch so lange, bis ich die logischen und psychologischen Zusammenhänge erkannt habe. Also sie geht zum Wochenende fort, sagen Sie … Ich kenne das Haus an der Küste von Pawsey. Cardew hat mich einmal dorthin mitgenommen, bevor wir diesen Streit über Kriminalistik hatten. Ein vollkommen einsamer Platz, wo sich die Hasen und Füchse gute Nacht sagen, meilenweit von jeder Ortschaft entfernt, ganz nahe an der Küste. Große Felsenpartien mit Hunderten von Schmugglerhöhlen … Das Haus steht an der alten Poststraße, die unterhalb der Klippe entlangführt. Aber die Straße wird nicht benützt, seitdem der neue Weg oben über die abfallenden Küstenfelsen angelegt worden ist. Es ist ziemlich gefährlich dort. Ein Teil der Felswand fiel damals ein, als ich dorthin ging, und der alte Cardew hatte einen Prozeß mit dem Gemeinderat von Pawsey, weil die Leute die Schuttmassen nicht von der Straße entfernten. Er ist bewandert in den einschlägigen Bestimmungen.«

 

»Kommen Sie doch endlich herein.«

 

Cardew ging zu ihnen hinaus, und sie wandten sich dem Haus zu.

 

»Lassen Sie sich nicht merken, daß Sie etwas wissen«, murmelte Jim, und Super gab mit einem Kopfnicken seine Zustimmung zu erkennen.

 

Mr. Cardew hatte sein Gleichgewicht vollständig wiedererlangt und war auffallend lustig, als sie ihre Plätze bei Tisch wieder einnahmen. Er hatte schon eine Erklärung herausgefunden.

 

»Ich habe in meinem Carillon nachgesehen, und merkwürdigerweise habe ich dort einen Parallelfall entdeckt. Es findet sich ein Kapitel bei ihm, in dem er sagt, daß eine gewisse Art von Verbrechern durch eine finstere Macht unwiderstehlich gezwungen wird, aus dem Dunkel oder dem Verborgenen zu schießen…«

 

Super ließ sich gerade eine geröstete Wachtel auf Toast gut schmecken und wunderte sich, warum dieser kluge Anwalt nicht den mörderischen Anschlag mit dem Drohbrief an Hanna Shaw in Zusammenhang brachte.

 

*

 

Es war schon halb zwei Uhr nachts, als Jim an die Tür von Mr. Cardews Arbeitszimmer klopfte, um ihm gute Nacht zu wünschen. Bei dem Licht einer Tischlampe las der Anwalt in einem großen umfangreichen Band.

 

»Kommen Sie bitte herein, Ferraby. Ist der Oberinspektor schon fort?«

 

»Er hat sich eben verabschiedet.«

 

Cardew schloß das Buch mit einem Seufzer.

 

»Ein sehr praktischer Mann, aber ich bezweifle doch, daß er seine Arbeit wirklich ernst nimmt. Die Nachforschungen der Polizeibeamten arten mehr und mehr in mechanische Routine aus. Sie stellen Wachen auf den Straßen aus, benachrichtigen die Posten auf dem Land, und am Ende werden ein paar vollständig unschuldige Bürger verhaftet. Sie tun nichts, sie leisten keine wertvolle Arbeit. Sie stellen alles so dumm an, daß man sie entschieden tadeln muß. Ihre ganze Sorge um die Sicherheit ist doch nur eine große Spielerei. Je mehr ich die alten Methoden studiere, die die Polizei anwendet, desto mehr tut es mir leid, daß das Schicksal mich nicht einen aufregenderen Weg gehen ließ als den Pfad, der sich durch die Prozesse des Kanzleigerichts schlängelt.– Sagen Sie mir offen, was denken Sie von Hanna? Ist Ihnen nichts Verdächtiges in ihrer Haltung aufgefallen?«

 

»Sie scheint sich die Sache doch weniger zu Herzen zu nehmen, als ich für möglich hielt«, sagte Jim ruhig. Bei diesen Worten machte Mr. Cardew ein betroffenes Gesicht.

 

»Das ist doch seltsam … Ich habe niemals daran gedacht, den Brief damit in Verbindung zu bringen – ich muß geschlafen haben!«

 

Er war blaß geworden.

 

»Ich habe mich sehr gewundert«, sagte Ferraby.

 

Auch Super war die Sache merkwürdig vorgekommen, und er hatte seine Verwunderung Ferraby gegenüber ausgesprochen, bevor er gegangen war. Es bedurfte aller Überredungskünste Jims, den Oberinspektor davon abzuhalten, Cardew darüber zu befragen. Jim sagte nichts, obgleich er wußte, daß Super unweigerlich früher oder später diese Angelegenheit mit dem Besitzer von Barley Stack besprechen würde.

 

»Ich habe nicht einmal im Traum daran gedacht, den Mann im Garten mit Hanna Shaw in Verbindung zu bringen«, sagte der Anwalt nachdenklich. »Es ist doch sehr erstaunlich. Ich wünschte nur, ich hätte es Minter erzählt.«

 

»Rufen Sie ihn doch an und erzählen Sie es ihm«, riet Jim, der gerne sein Gewissen erleichtern wollte.

 

Mr. Cardew zögerte, nahm den Hörer vom Telefon und legte ihn dann wieder auf.

 

»Ich muß mir die Sache erst noch einmal durch den Kopf gehen lassen. Wenn ich es ihm jetzt mitteilte, würde er zurückkommen und eine fürchterliche Szene mit Hanna aufführen. Gerade herausgesagt – ich habe von Hanna genug … Es ist einfach schrecklich. Ich komme mir ganz verächtlich vor. Dabei bin ich ein Anwalt, von dem man doch annimmt, daß er keine Gefühle hat. Nein, lassen wir es bis morgen oder später. Ich will den Oberinspektor bitten, zum Abendessen zu kommen, dann wird Hanna fort sein.«

 

Während Jim sich auskleidete, überlegte er, daß es besser sei, die Sache aufzuschieben, bis Hanna auf ihre seltsame Wochenendfahrt gegangen war. Sicher hatte das allerhand Vorteile. Es tat ihm schon leid, daß er morgen in aller Frühe aufbrechen mußte und bei dieser Aussprache nicht zugegen sein konnte.

 

Langsam begann er zur Ruhe zu gehen. Eine entfernte Kirchenuhr schlug zwei, als er endlich das Licht ausmachte. Entweder waren die Aufregungen an diesem Abend oder vielleicht auch die paar Minuten Ruhe, die er auf seinem Weg von der Stadt hierher gehabt hatte, daran schuld, daß er nicht schlafen konnte. Er hatte sich eigentlich noch nie so wach in seinem Leben gefühlt. Eine halbe Stunde lang lag er, und seine Gedanken wanderten durch das ganze Haus, von Elfa Leigh zu Cardew, von Cardew zu Hanna und dann wieder zurück zu Elfa. Schließlich erhob er sich mit einem Seufzer und ging zu dem kleinen Tisch, auf dem das Rauchzeug stand. Er steckte seine Pfeife an und trat ans Fenster.

 

Der Mond war in seiner letzten Phase. Nur noch, eine dünne bleiche Sichel leuchtete am klaren Himmel. Von seinem Sitz am Fenster konnte Jim ein hellerleuchtetes Fenster in dem Flügel sehen, der im rechten Winkel zu seinem eigenen Zimmer lag. Ob es das Zimmer Elfas war? Oder Cardews? Oder Hannas? Jedenfalls war der Bewohner des Raumes sehr geschäftig. Er sah undeutlich eine Gestalt hin und her gehen, der Schatten hob sich von den Gardinen ab. Als sich seine Augen an das Licht und die Vorhänge gewöhnt hatten, erkannte er Hanna. Sie war vollständig angekleidet und eifrig damit beschäftigt, einen Koffer zu packen, den sie auf ihr Bett gelegt hatte. Die leichte Nachtbrise wehte den Vorhang sekundenlang beiseite, so daß er in den Raum sehen konnte. Neben der Bettstelle standen noch zwei offene Koffer. Sie hatte ihre ganze Garderobe aus dem Schrank genommen.

 

Jim Ferraby zog die Stirne kraus. Das bedeutete etwas anderes als einen Wochenendausflug. Sie packte wie jemand, der sich für eine lange Reise vorbereitet. Eine ganze Stunde lang sah er ihr zu. Dann war sie fertig, und ihr Licht ging aus. Der Morgen dämmerte schon grau herauf. Jim fühlte sich plötzlich müde und hätte gerne geschlafen.

 

Als er sich eben ins Bett gelegt hatte, hörte er Töne, die ihn in Erstaunen setzten, und er mußte sich erst überzeugen, ob er nicht träume. Draußen sang jemand. Die Stimme kam aus dem kleinen Gehölz.

 

Der Sänger! Der Mann, der gestern abend auf dem Rasen war! Im nächsten Augenblick schlüpfte er in seinen Mantel und stieg die dunklen Stufen zur Halle hinunter. Es dauerte einige Zeit, bevor er die Tür öffnen konnte. Aber schließlich gelang es ihm. Draußen war die ganze Luft von würzigen Düften erfüllt. Es war frisch und kalt, und das Gras unter seinen Füßen war feucht vom Tau.

 

Er stand bewegungslos und lauschte. Dann sah er eine stämmige Gestalt, die sich im Schatten des Gehölzes bewegte, und ging auf sie zu. Als er näher kam, hörte ihn der andere und wandte sich um.

 

»Ruhig…ruhig…stören Sie meinen Singvogel nicht!« hörte Jim eine leise Stimme. »Ich brauche ihn, um anthropologische Studien zu machen.«

 

Es war Super.

 

Kapitel 6

 

6

 

»Gehen Sie wieder hinein, und ziehen Sie sich ordentlich an, ich brauche Ihre Hilfe. Alle meine Leute sind drunten in der Gegend von Farnham und werden noch den falschen Mann verhaften. Falls ich nicht hier sein sollte, wenn Sie wiederkommen, warten Sie auf mich.«

 

Jim kam der Aufforderung gerne nach, denn der Morgen war frostig kalt, und er zitterte. In fünf Minuten kam er zu der Stelle zurück, wo er den Oberinspektor verlassen hatte. Aber der tüchtige Mann war verschwunden und zeigte sich auch in den nächsten zehn Minuten nicht.

 

»Diesmal ist er weggegangen«, brummte er, als er wiederkam. »Er muß Sie gehört haben, als Sie sich einmischten.«

 

»Entwischt – wie?«

 

»Das Gehölz zieht sich bis zu den Grenzmauern hin. Auf der anderen Seite ist dichtes Gebüsch. Ich habe dort gehört, wie er durch das Unterholz ging. Ich will noch zu der Hauptstraße hinunterfahren – aber er ist so schlau wie ein Fuchs. Haben Sie irgend etwas Neues erfahren?«

 

»Hanna Shaw geht fort«, sagte Jim und erzählte ihm alles, was er während der Nacht gesehen hatte. Super kratzte sich seinen grauhaarigen Kopf.

 

»Ich möchte wetten, daß Cardew nicht weiß, daß sie für immer geht. Das wird die beste Nachricht sein, die der arme Kerl seit Jahren erhalten hat. Ich wünschte nur, ich hätte den jungen Caruso geschnappt.« Er schüttelte bedauernd den Kopf.

 

Er war die Einfahrtsstraße halb hinuntergegangen, als er wieder zurückkam.

 

»Haben Sie ein Auto, Mr. Ferraby?«

 

»Ja. Aber nicht hier, ich bin mit dem Zug gekommen.«

 

»Können Sie es nicht morgen abend zu meinem Revier bringen? Etwa, wenn es dunkel wird? Ich beabsichtige, nach Pawsey zu gehen. Es gehört zwar nicht zu meinem Bezirk, und der filzige Vorgesetzte im Polizeipräsidium würde Himmel und Hölle in Bewegung setzen, wenn etwas davon herauskäme. Aber ich verachte ihn, und wenn ich jemand verachte, so ist das Grab seine, letzte Hoffnung. Ich möchte Sie bitten, mich zu begleiten und mit mir die Sache psychologisch zu ergründen; denn ich verstehe mich nicht recht darauf.«

 

Super schaute ihn lustig mit blinzelnden Augen an, dann lachte er laut.

 

Anscheinend hatte keiner im Haus den Sänger gehört. Jim kehrte zu seinem Zimmer zurück, ohne daß er jemand Rede und Antwort stehen mußte. Da er unmöglich noch schlafen konnte, rasierte er sich und kleidete sich sorgfältig an. Als die Sonne aufging, war er schon unten im Garten und machte einen Spaziergang um das Haus, um sich die Zeit zu vertreiben.

 

Von der Rückseite von Barley Stack aus konnte er Hill Brow, das Herrschaftshaus Mr. Elsons, sehen, die roten Ziegelmauern und den viereckigen, architektonisch schön ausgebildeten Turm, der das Gebäude krönte.

 

Was für eine wunderliche Laune hatte diesen Amerikaner bewogen, sich in einer Umgebung niederzulassen, die ihm nicht gefiel? Er war ein Selfmademan und besaß weder Kultur noch gute Umgangsformen. Als Jim zu dem Rasen zurückkam, sah er eine schlanke Gestalt in einem grauen Kleid vor sich, und sein Herz schlug schneller.

 

»Ja, ich bin früh aufgestanden – ich konnte nicht schlafen.«

 

Elfa gab ihm lächelnd die Hand, und er wurde einen Augenblick verlegen. Noch nie hatte er sie unter dem sonnigen Himmel in freier Natur zu einer so frühen Stunde gesehen, wo die Frauen sich nur ungern den kritischen Blicken der Männer aussetzen.

 

»Ist es gestattet, Ihnen meinen Arm anzubieten?« fragte er.

 

»Gestattet ist es schon, aber es ist nicht nötig«, sagte sie lächelnd und brachte ihn dadurch wieder außer Fassung. »Heute morgen bin ich sehr mutig. Haben Sie gut geschlafen?«

 

»Um die Wahrheit zu sagen, ich habe überhaupt nicht geschlafen«, gab er zu.

 

Sie nickte.

 

»Ich auch nicht. Mein Zimmer grenzt an das von Miss Shaw. Sie hat die ganze Nacht über in ihrem Zimmer herumgewirtschaftet.«

 

Er hätte ihre Beobachtung bestätigen können.

 

»Ich will froh sein«, fuhr sie fort, »wenn ich wieder in meine eigene kleine Wohnung zurückkehren kann. Barley Stack hat einen sehr wenig günstigen Einfluß auf meine Nerven. Ich habe früher nur einmal eine Nacht in diesem Haus zugebracht es ist schon ein Jahr her. Das war ein sehr unangenehmes Erlebnis. Langweilt es Sie auch nicht, wenn ich Ihnen das erzähle?«

 

Ob ihn das langweilte? Er hätte ihr den ganzen Morgen lang zuhören können. Und das sagte er ihr auch.

 

»Miss Shaw war in noch schlechterer Laune als gewöhnlich. Sie sprach weder zu mir noch zu dem armen Mr. Cardew. Sie hatte sich in ihrem Zimmer eingeschlossen und weigerte sich, an den Mahlzeiten teilzunehmen. Mr. Cardew erzählte mir, daß sie glaubte, er habe sie vernachlässigt. Dann hat sie etwas ganz Merkwürdiges getan. Als ich am Morgen sehr früh aufwachte und aus meinem Fenster schaute, sah ich, daß ein großer lateinischer Buchstabe ›B‹ auf dem Rasen lag. Er war aus dunklen Papieren zusammengesetzt, und es hatte eine sonderbare Bewandtnis mit diesen langen, schmalen Zetteln. Ich ging hinunter, um mir die Sache genauer anzusehen. Mindestens fünfzig Hundertdollarnoten waren mit langen, schwarzen Nadeln auf dem Boden befestigt.«

 

Jim sah sie nur ungläubig an.

 

»Hat Cardew das gewußt?«

 

»Ja, er hatte es auch von seinem Fenster aus gesehen und war sehr aufgebracht darüber.«

 

»Wohnte sonst noch jemand hier zu dieser Zeit?«

 

Sie nickte und machte ein ärgerliches Gesicht.

 

»Mr. Elson. Sein Haus wurde gerade von Handwerkern renoviert, und Mr. Cardew lud ihn ein, solange bei ihm zu wohnen. Ich glaube, er ist seit dieser Zeit bis gestern abend nicht mehr hier gewesen. Miss Shaw hatte angeregt, daß er überhaupt kam. Er hat es mir selbst erzählt.«

 

»Aber woher wissen Sie, daß Hanna den Buchstaben auf dem Rasen zusammensetzte? Das kann doch auch eine verrückte Idee von Elson gewesen sein. Ich könnte mir vorstellen, daß er so verdrehte Dinge macht.«

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

»Es war Miss Shaw. Sie kam in den Garten und sammelte das Papiergeld wieder auf, nachdem Cardew nach ihr geschickt hatte. Er wollte eine Erklärung von ihr haben, aber sie weigerte sich, sie ihm zu geben. Sie wollte ihm nicht einmal sagen, woher sie das Geld hatte.« Das also war der dumme Scherz, der beinahe zum Bruch geführt hätte.

 

»Ich glaube, sie ist ein ganz klein wenig verrückt«, sagte Elfa. »Deshalb wollte ich auch nicht nach Barley Stack kommen. Schließlich bin ich nur gekommen, weil ich hörte…« Sie brach plötzlich ab, aber ein warmes Gefühl überkam den jungen Mann, und sein Herz klopfte schneller.

 

Als Hanna Shaw dann bei der Frühstückstafel erschien, verriet nichts ihre lange, angestrengte Nachtarbeit. Ihre dunklen Augen blitzten wie immer, und sie war ein Muster von Fassung und Selbstbeherrschung. Cardew dagegen war gereizt und bissig, obgleich er anscheinend sehr gut geschlafen hatte. Er gehörte zu den merkwürdig veranlagten Leuten, die ihre Klagen und Ärgernisse am Frühstückstisch vorbringen müssen.

 

»Ich weiß nicht, ob dieser schreckliche Kerl mir nicht einen Streich gespielt hat. Ich selbst sah nichts, und ich darf wohl behaupten, daß meine Augen ebenso gut sind wie die irgendeines anderen. Wenn ein Mann im Schatten der Hecke gesessen hatte, wie Super annahm, warum hat ihn dann niemand anders gesehen?«

 

Jim hätte ihm beinahe den Gesang verraten, der ihn heute morgen so sehr in Erstaunen gesetzt hatte. Aber er erinnerte sich, daß Super ihn gebeten hatte, nicht darüber zu sprechen.

 

»Was nun gar den Patronenrahmen betrifft, so ist es doch möglich, daß das ein Teil des dummen Scherzes ist«, sagte Mr. Cardew argwöhnisch. »Ich gebe ja zu, daß ich mit kriminellen Dingen wenig zu tun habe; aber ich war doch in einige bedeutende Betrugsprozesse im Kanzleigericht verwickelt. Sie erinnern sich an die Geschichte, Miss Leigh, die ich ihnen von meinem Klienten erzählte, der sein Vermögen bei einem Bankrott verbarg? Die Sache hätte mir beinahe einen Verweis von Seiten des Gerichtes eingetragen.«

 

Miss Leigh kannte die Geschichte. Sie hatte sie schon oft gehört. Es war das einzige interessante Ereignis in Mr. Cardews eintöniger Praxis.

 

»Wann werden Sie fahren, Hanna?« Bei diesen Worten schaute Cardew über seine Brille auf die Haushälterin.

 

»Um elf Uhr.«

 

»Werden Sie Ihren Wagen nehmen? Johnson hat mir gesagt, daß das Verdeck repariert werden muß.«

 

»Für mich ist es gut genug – und es sollte Johnson auch gut genug sein«, entgegnete sie kurz.

 

Mr. Cardews Interesse an ihren Plänen schien erloschen zu sein. Er fuhr zur Stadt, um seine Post durchzusehen, und bot Jim an, ihn zu seiner Wohnung in Cheyne Walk zu bringen.

 

»Sobald das Frühstück beendet ist«, sagte er. Jim Ferraby vermutete, daß er die Zeit so früh festgesetzt hatte, um das Haus noch vor seiner unliebenswürdigen Haushälterin verlassen zu können. Jim hatte nur kurz Gelegenheit, Elfa vor seinem Aufbruch zu sehen. Er fand sie in Cardews Studierzimmer beschäftigt. Viele Stöße Bücher lagen auf dem Bibliothekstisch, und sie sah ihn verzweifelt an.

 

»Er wünscht, daß ich die Arbeit beende; bevor ich heimgehe«, sagte sie hoffnungslos. »Soweit ich aber schätzen kann, habe ich mindestens zwei Tage daran zu tun – und ich möchte unter keinen Umständen noch eine Nacht in diesem Haus zubringen. Gehen Sie fort, Mr. Ferraby?«

 

Man hörte dem Ton ihrer Stimme an, daß es ihr unangenehm war, und Jim schwelgte in dem ihm bisher unbekannten Gefühl, daß man ihn vermissen würde.

 

»Ja, ich gehe fort; aber ich bitte Sie, mir Ihre Adresse zu geben, damit ich erfahren kann, ob Sie sicher nach Hause gekommen sind.«

 

Sie lachte.

 

»Das ist eine recht lahme Entschuldigung – aber ich werde Ihnen meine Adresse geben.«

 

Sie schrieb sie auf ein Stück Papier, das er in seine Tasche steckte.

 

»Ich werde Sie aufsuchen«, begann er.

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

»Sie finden meine Telefonnummer auf dem Blatt, das ich Ihnen eben gegeben habe«, sagte sie. »Vielleicht gestatte ich Ihnen an einem späteren Tag, mich zu besuchen und mit mir ins Theater zu gehen, wenn es Ihrer Stellung nicht schadet. Wie ich höre, haben Sie einen hohen Posten bei der Staatsanwaltschaft.«

 

»Ich bin bereits hoffnungslos kompromittiert«, sagte Jim. »Die einzige Möglichkeit, wieder zu Ansehen zu kommen, besteht darin, daß ich mich in guter Gesellschaft sehen lasse.«

 

Er hielt ihre Hand vielleicht etwas länger als notwendig.

 

Während der ganzen Fahrt nach der Stadt hatte er die unklare Vorstellung, daß Mr. Cardew über Oberinspektor Minter sprach. Es konnte aber auch Mr. Elson gemeint sein. Alles, was er hörte, vergaß er sofort wieder. Sein Herz schlug wie wild, und in seinem Kopf ging es drunter und drüber.

 

Als Cardew die Angelegenheit mit Hanna berührte, kam Jim langsam in die Wirklichkeit zurück.

 

»Ich habe es sehr sorgfältig und eingehend überlegt«, sagte der Rechtsanwalt, »und habe beschlossen, den Weg, den ich in den letzten Jahren gegangen bin, nicht weiter zu gehen. Ich habe Hanna geduldet, weil sie eine seelengute Frau ist. Aber ich habe nun endlich erkannt, daß mein Leben nur von ihren Launen und Einbildungen abhängt. Und dann ist dieses teuflische Geheimnis da, und ich kann Geheimnisse nicht leiden, wenigstens nicht auf Barley Stack. Und noch eins: ich kann mir nicht helfen – zwischen Elson und Hanna muß etwas los sein. Finden Sie nicht, daß das albern ist?«

 

Jim Ferraby fand es tatsächlich albern, denn zu dieser Zeit hatte ihn Super noch nicht völlig ins Vertrauen gezogen.

 

»Ich habe gesehen, wie sie Blicke wechselten. Einmal kam ich dazu, wie sie am Ende der Straße miteinander sprachen. Sie sahen mich und liefen wie die Ratten fort. Sie glauben bis heute, daß ich sie nicht gesehen habe. Ich weiß nicht, wer dieser Elson ist, ob er ein Junggeselle oder ein verheirateter Mann ist. Auf jeden Fall ein unangenehmer Mensch … Wenn er irgendwelche Liebe oder Zuneigung zu Hanna hat, was äußerst zweifelhaft ist, denn solche Menschen kennen nur Eigenliebe, nun gut, dann wäre ich sehr froh. Zu einem bin ich jedoch fest entschlossen: Hanna – muß gehen!« Er stieß mit seinem Schirm auf, um seinen Worten mehr Nachdruck zu verleihen. »Sie fällt mir auf die Nerven. Ich würde freiwillig tausend Pfund zahlen, wenn sie eine andere Stellung annähme.«

 

»Wissen Sie, daß sie alle ihre Sachen gepackt hat?« begann Jim.

 

»Ihre Sachen gepackt? Woher wissen Sie das?«

 

»Ich habe sie heute nacht durch mein Fenster gesehen. Sie machte keinen Versuch, ihre Tätigkeit zu verbergen. Sie nahm all ihre Kleider aus dem Schrank und packte sie in ihre Koffer, soweit ich sehen konnte.«

 

Mr. Cardew schwieg lange. Seine Stirne zog sich zusammen.

 

»Ich glaube nicht, daß das etwas zu bedeuten hat«, sagte er schließlich. »Sie hat ihre Koffer auch damals gepackt, als sie sich mit mir überworfen hatte, und wie ein Narr habe ich – bildlich gesprochen – sie auf den Knien gebeten, zu bleiben. Aber diesmal …« Das Schütteln seines Kopfes war von böser Vorbedeutung.

 

Er setzte Jim in Whitehall ab. Für die nächsten zwei Stunden war Mr. Ferraby vollauf mit seiner Post beschäftigt. Es gab Schriftsätze zu prüfen, und er müßte in Abwesenheit seines Chefs Verhaftungen anordnen. Um drei Uhr nachmittags hatte er alle Rückstände aufgearbeitet und schlenderte nach Pall Mall in seinen Klub.

 

Die Arbeit wäre ihm leichter gefallen und schneller von der Hand gegangen, wenn er nicht immer zwischen den Papieren und seinen Augen die Vision eines Gesichts gehabt hätte. Es nahm keine festen Formen an, nur zwei dunkelgraue Augen sah er vor sich. Einmal brachte ihm sein Schreiber ein Dokument zurück und fragte ihn kühn, wer eigentlich Elfa sei, und er entdeckte bei der Durchsicht, daß er einen bekannten Autodieb so getauft hatte, dessen Fall er in der nächsten Zeit untersuchen sollte.

 

Als er auf dem Zettel nachsah, stellte er fest, daß Elfa in Bloomsbury wohnte. Er dachte nach und fand eigentlich keinen Grund, warum er nicht nach Cubitt Street fahren sollte, um sich einmal das Haus von außen anzusehen, in dem sie wohnte. Als er hinkam, war es jedoch von anderen Häusern in derselben Straße nicht im mindesten verschieden. Aber er empfand eine gewisse Genugtuung, sich vorzustellen, daß ein Fenster mit hübschen, kleinen, weißen Gardinen zu ihrem Zimmer gehörte. Und er schaute sich mit großem Interesse die Anschlagsäule an, auf der ein Mittel gegen Hühneraugen angepriesen wurde. Er konnte sich so gut vergegenwärtigen, wie sie jeden Morgen aus ihrem Fenster darauf schaute. Einige Tage später erfuhr er, daß ihr Zimmer nach hinten lag und daß man es von der Straße aus überhaupt nicht sehen konnte.

 

Als er um vier Uhr in ihrer Wohnung anrief, war sie noch nicht zurückgekommen. Da sie nicht die Absicht hatte, Barley Stack vor dieser Zeit zu verlassen, konnte sie ja eigentlich auch noch gar nicht zu Hause sein. Um fünf Uhr war noch keine Nachricht von ihr da. Um halb sechs Uhr war er schon ganz aufgeregt, und sein großer, schwarzer Wagen brummte und zitterte mit angelassenem Motor vor der Tür seines Klubs. Er war im Begriff, nach Barley Stack zu fahren, um sie dort aus drohender Gefahr zu befreien, als ihm ihre kühle Stimme am Telefon antwortete.

 

»Ja, ich bin zurück … nein, Mr. Cardew ist noch nicht gekommen. Er rief mich an, um mir zu sagen, daß er in dieser Nacht in der Stadt bleiben würde.«

 

»Darf ich Sie zum Tee einladen?«

 

Er hörte sie lachen.

 

»Nein, ich danke Ihnen schön. Ich will einen ruhigen Abend für mich allein verbringen, Mr. Ferraby. Es ist sehr hübsch hier.«

 

»Das glaube ich Ihnen gern«, sagte er begeistert. »Ich kann mir nicht denken, daß an irgendeinem Platz, wo Sie sich aufhalten …«

 

Klick! Sie hatte den Hörer eingehängt. Trotzdem kehrte er in einer gehobenen Stimmung nach Hause zurück.

 

Als er heimkam, sagte ihm sein Chauffeur, der auch gleichzeitig sein Diener war, daß Besuch auf ihn warte. Zu seiner Überraschung war es Mr. Cardew.

 

»Ihr Diener erzählte mir eben, daß Sie heute abend ausgehen«, sagte er fast vorwurfsvoll. »Ich kam gerade, um Sie zu bitten, mit mir in die Oper zu gehen. Ich kaufte zwei Karten in der Hoffnung, daß Sie mich begleiten könnten.«

 

»Es tut mir sehr leid«, sagte Jim. »Aber ich habe eine Verabredung.«

 

»Können Sie wenigstens mit mir speisen?«

 

Aber Jim entschuldigte sich ebenfalls.

 

»Das ist sehr schade«, sagte Cardew und fuhr sich mit der Hand durch das Haar. »Dann bleibt mir nichts anderes übrig, als heute abend nach Barley Stack zurückzukehren. Ich möchte nur wissen, was dieser Teufel von Hanna heute abend in Beach Cottage macht«, fügte er bedrückt hinzu. »Ich würde viel darum geben, wenn ich es wüßte.«

 

Jim hätte beinahe versprochen, ihn darüber zu informieren; aber er überlegte es sich und sagte nichts.

 

Kapitel 24

 

24

 

»Um Gottes willen, wer tat das?« fragte Ferraby entsetzt.

 

Super kniete neben der Gestalt nieder, sah mit einem freundlichen Lächeln zu Jim auf und schien merkwürdig gefühllos zu sein.

 

»Wer das getan hat?« Seine Stimme war ganz leise geworden, so daß Jim scharf hinhören mußte, um ihn zu verstehen. »Es war derselbe Mann, der Cardew chloroformierte, derselbe, der Hanna Shaw erschoß und derselbe, der den vergifteten Kuchen schickte – derselbe Wille, dieselbe Hand, dieselbe Ursache. Er ist furchtbar konsequent, ich kann den Mann nur bewundern, der so handelt. Und er denkt an alles. – Richten Sie sich um Gottes willen nicht auf, Ferraby! Ich knie hier auch nicht, weil ich anbete, sondern um sicher zu sein. Wenigstens einer von uns beiden muß lebendig zurückkommen – im Interesse der Gerechtigkeit.«

 

Ein eiskalter Schrecken fuhr Jim in die Glieder.

 

»Ist er hier – in den Büschen?« flüsterte Jim.

 

Super nickte.

 

»Der Mord wurde vor weniger als zehn Minuten ausgeführt. Können Sie sich auf das ›plok, plok, plok‹ entsinnen, das wir vorhin hörten? Sie dachten, daß jemand Bäume fällte. Aber das waren Schüsse aus einer Pistole mit Schalldämpfer.«

 

Während der ganzen Zeit suchten seine Augen die unmittelbare Nachbarschaft ab. Seine scharfen Ohren versuchten, das Geräusch von raschelnden Blättern oder brechenden Zweigen zu hören.

 

Jim fühlte, wie Super alles absuchte, und sah plötzlich, wie er seinen Blick auf einen Stechginsterbusch konzentrierte – einen goldgelben Farbfleck zur linken Hand. Heimlich wies er nach dem Gesträuch, durch das sie eben gekommen waren.

 

»Springen Sie zur Seite!« sagte er hastig, und als Jim Ferraby eiskalt vor Schrecken vorwärts taumelte und in Deckung sprang, warf sich Super mit dem Gesicht nach unten glatt auf den Boden.

 

Plok, plok, plok!

 

Etwas schwirrte nahe an Jims Kopf vorbei, er hörte das Brechen von Zweigen und das Rascheln von Blättern. Im nächsten Augenblick war Super hinter ihm ins Gebüsch gesprungen.

 

»Laufen Sie, was Sie können und richten Sie sich nicht auf!«

 

Sie flohen den Pfad entlang, wo sie sich mit einem anderen Gebüsch decken konnten, und von da aus weiter zu einem entfernteren Strauch.

 

»Wir können jetzt langsam gehen – er wird nicht hinter uns her kommen«, sagte Super. »Ich habe ihn selbst nicht gesehen und hätte ihn auch nicht bemerkt. Ich habe nur einen Vogel beobachtet, der sich in dem Stechginsterbusch niederlassen wollte und plötzlich wieder davonflog. Ich habe eine große Vorliebe für Vögel und habe sie immer beobachtet. Ich hatte zwanzig junge Küken in der Brutmaschine diesen Morgen – das ist zwar nicht Natur, aber man verdient Geld damit.«

 

Das letzte, was Jim Ferraby jetzt zu besprechen wünschte, war Supers Geflügelfarm..

 

»Wo mag er jetzt sein?« fragte er und schaute zurück.

 

»Der? Oh, der bringt sich in Sicherheit. Er wartete nicht, nachdem er gefeuert hatte. Ich müßte auch eine Pistole bei mir tragen, aber ich bin noch von der alten Schule. Ich werde dafür sorgen, daß Cardew von heute ab polizeilichen Schutz bekommt.«

 

»Glauben Sie, daß ihm Gefahr droht?«

 

»Sicher«, sagte Super kurz. »Ich wußte schon immer, daß er in Gefahr schwebte, seitdem er in der Öffentlichkeit begann, den Mord in Beach Cottage zu diskutieren. Seine Theorie stimmt nicht ganz, aber sie ist doch der Wirklichkeit so nahe, daß sie gefährlich werden kann.«

 

Sie erreichten den Abhang, und Super machte halt, um über die Spitzen der grünen Büsche hinwegzuschauen.

 

»Er ist fortgegangen«, sagte er. Später war er zehn Minuten lang an Elsons Telefon beschäftigt.

 

Als er seine verschiedenen Gespräche beendet hatte, kamen auch schon die einzelnen Polizeimannschaften an, teils zu Rade, teils in Autos. Die meisten kamen mit dem Krankenwagen vom Hospital. Einige von ihnen waren schwer bewaffnet, und mit diesen ging Super in das Gebüsch zurück an die Stelle, wo er Elson gefunden hatte. Er hatte den Toten mit dem Gesicht auf dem Boden liegen lassen, aber seine Taschen waren noch nicht ausgeräumt gewesen, wie das jetzt der Fall war.

 

»Wir unterbrachen ihn, als wir kamen, und er ging seitwärts in die Büsche, in der Hoffnung, seine Arbeit zu vollenden. Hat jemand Lattimer gesehen?«

 

»Er war nicht auf der Wache, als ich wegging«, sagte ein Polizeisergeant in Uniform. »Ich hinterließ aber Nachricht, daß er hierher kommen sollte.«

 

Super sagte nichts.

 

Er ging quer durch die Stechginsterbüsche, bog sie um und schaute darunter. Die abgeschossenen Patronenhülsen lagen ganz offen dort. Er sagte einem Beamten, der ihm folgte, daß er sie aufheben solle, und schenkte ihnen weiter keine Beachtung. Er schnüffelte und witterte überall umher wie ein guter Jagdhund.

 

»Ich habe eine sehr feine Nase«, sagte er zu Jim. »Riechen Sie nicht etwas?«

 

»Nein, außer dem Ginstergeruch kann ich nichts wahrnehmen.«

 

Ein Arzt untersuchte den Körper des Toten, als sie zurückkamen, und hatte bereits Anordnungen getroffen, daß er fortgeschafft werden sollte.

 

»Begleiten Sie mich auf einem kleinen Spaziergang«, sagte Super und ging zu den Ginstersträuchern zurück. »Er ist in dieser Richtung fortgegangen.« Er zeigte auf eine Stelle zwischen den Brombeersträuchern. »Sie müssen mir folgen, ich will Ihnen wie ein Bluthund die Spur zeigen.«

 

Jim fühlte sich krank. Die Sonne schien heiß, und er entsetzte sich vor dieser neuen Bluttat. Man hätte glauben können, daß Super von einer Tennispartie sprach, bei der er geschlagen worden war, so respektvoll sprach er von dem Mann, der ihn immer aufs neue in Erstaunen setzte.

 

»Ich glaube, Sie müssen auch unter Polizeischutz gestellt werden, Mr. Ferraby«, sagte er. »Außerdem bin ich davon überzeugt, daß ich es am meisten notwendig hätte. Andererseits habe ich aber eine Chance, Großfuß zu fassen, bevor die Ärzte Leigh operieren, wenn ich für meine Person den Schutz ablehne.«

 

»Hängt viel von der Operation ab?«

 

Super nickte.

 

»Wenn Leigh seinen Verstand zurückbekommt, wird die ganze geheimnisvolle Angelegenheit so einfach zu enträtseln sein, daß selbst der jüngste Polizeibeamte den Fall aufklären könnte. Aber wie es jetzt liegt, habe ich noch keinen Beweis, sondern nur Verdachtsmomente. Gerichtshöfe lieben aber keine Verdachtsmomente, sie brauchen zwei einwandfreie Zeugen, die den Mörder beobachteten, während er das Verbrechen beging, und womöglich noch eine Fotografie des Kerls bei der Tat. Und sie haben bis zu einem gewissen Grad auch recht. Kennen Sie eigentlich den Henker?« fragte er plötzlich, als er vorsichtig den Waldpfad entlangging.

 

»Ich habe noch nicht das Vergnügen gehabt, seine Bekanntschaft zu machen.«

 

»Er ist ein lieber Mensch«, sagte Super. »Er hat keine Kapricen. Ich kannte einen Henker, der die ausgesuchtesten Leckerbissen zum Frühstück haben mußte. Aber dieser neue Mann ist einer von den gewöhnlichen, die Bier und Käse bevorzugen. Er ist so bescheiden, wie, man sich nur einen Menschen wünschen kann. Für gewöhnlich ist er in seinem Barbierladen in Lancashire tätig. Er hat mich schon oft rasiert.«

 

Jim schauderte.

 

»Wenn Kriminalfälle nur auf Grund von Verdachtsmomenten vor die Richter gebracht würden«, sagte Super, indem er seine frühere Unterhaltung wieder aufnahm, »so könnte der Mann ruhig in seinem Barbierladen bleiben. Das Gewerbe bringt nicht viel ein, besonders an diesem Ort, wo viele Bergleute wohnen, die sich nur einmal in der Woche rasieren lassen. Er sagte mir auch, daß die neuen Selbstrasierer seinem Geschäft großen Abbruch getan haben. Ich würde gern eine lohnendere Nebenbeschäftigung für ihn finden.«

 

Jim wußte aus Erfahrung, daß Super viel reden mußte, wenn er intensiv nachdachte, aber der Gegenstand, über den er sich unterhielt, und das, worüber er nachdachte, waren zwei vollständig verschiedene Dinge.

 

»Es ist merkwürdig«, fuhr er fort, »daß alle Leute glauben, ein Mann müsse verrückt sein, wenn er einen einigermaßen schlau durchdachten Mord begeht. Man würde sich Großfuß vorstellen mit Stroh im Haar – hier bog er ab«, sagte er plötzlich und nahm die Zweige eines jungen Holzapfelbaums beiseite. Er kroch auf eine Lichtung hinaus, die mit Gras bestanden war und sah einen einfachen Drahtzaun vor sich. Er lehnte sich darüber und schaute auf den vertieften Weg, der an der Grenze der beiden Grundstücke entlanglief.

 

»Das ist Cardews Feld«, erklärte Super. »Es ist nicht so verwildert – ich möchte nur wissen, ob er noch am Leben ist«, sagte er ruhig.

 

»Sie denken doch nicht …« Jim beendete seinen Satz nicht.

 

»Das kann man niemals wissen«, entgegnete Super, stieg über den Zaun und ging vorsichtig den steilen Abhang zu der staubigen Straße hinunter. Hier stellte er genaue Nachforschungen an.

 

»Der Weg ist schmal genug, um darüber hinwegzuspringen. Wenn er aber auf dem Gras weiterging … Hallo!«

 

Ein Mann kam langsam die Straße entlang. Er hatte einen. Zigarrenstummel zwischen den Zähnen und den steifen Hut ins Genick gesetzt.

 

»Sehen Sie, Lattimer kommt jetzt auch zur Arbeit«, sagte Super scharf. »Man sollte nicht denken, daß die Fabrikglocke schon vor einer halben Stunde geläutet hat. Guten Tag, mein tüchtiger Sergeant«, sagte er, als der Beamte auf Hörweite herangekommen war. »Waren Sie auf einer Hochzeit?«

 

»Nein, aber ich hörte gerade, daß es hier neue Unannehmlichkeiten gibt.«

 

»Haben Sie es erst jetzt gehört?« fragte Super ironisch. »Deshalb sind Sie wohl auch in so scharfem Trab hergelaufen?«

 

»Ich glaubte, daß es nicht notwendig sei, sich so zu beeilen«, sagte der andere kühl. »Einer der Dienstboten im Hause erzählte mir, was sich zugetragen hat, und ich dachte, ich könnte hier herumkommen, um den Weg abzukürzen. Auch hoffte ich eine Spur zu finden. Es ist doch ganz klar, daß er an dieser Stelle aus dem Gebüsch gekommen ist.«

 

Super antwortete nicht – dann zeigte er auf die Straße.

 

»Hier ist sehr viel Staub – wenn Sie den aufsammeln wollen?« sagte er. »Gehen Sie zu Cardews Haus und sehen Sie, was sich dort ereignet hat. Bleiben Sie bei ihm, bis ich Sie ablöse. Er darf nicht aus den Augen gelassen und sein Haus muß während der Nacht bewacht werden. Haben Sie verstanden?«

 

»Jawohl. Soll ich Mr. Cardew sagen, daß er unter polizeilichem Schutz steht?«

 

»Sagen Sie ihm alles, was Sie für richtig halten. Wenn er bemerkt, daß Sie auf seinen Türstufen sitzen, dann wird er schon vermuten, was los ist. Dann noch eins, Sergeant: Wenn er zu diesem Gebüsch gehen will, um Spuren zu suchen, dann tun Sie ihm den Willen. Aber lassen Sie ihn nur dann hierhergehen, wenn noch viele andere Leute an der Stelle sind. Ich mache Sie für sein Leben verantwortlich. Wenn man ihn tot in seinem Zimmer auffindet, lasse ich keine Entschuldigung gelten.«

 

»Sehr wohl, Sir«, sagte Lattimer und ging den Weg zurück, den er gekommen war.

 

»Lattimer ist ein guter Kerl«, sagte Super, »aber er hat zu wenig Instinkt. Alle Tiere einschließlich der Detektivsergeanten haben Instinkt – wenn sie ihn doch bloß entwickeln würden!« »Sie trauen Lattimer sehr – täuschen Sie sich auch nicht in ihm?« fragte Jim ruhig.

 

»Ich traue niemand«, war die überraschende Antwort. »Es mag so scheinen, als ob ich ihm traue, aber das ist doch gerade meine. Schlauheit, daß immer alles so scheint. Wenn Sie ein guter Polizeibeamter sein wollen, dann dürfen Sie niemand trauen, auch nicht Ihrer eigenen Frau. Das ist auch der Grund, warum Polizeibeamte niemals verheiratet sein sollten. Früher oder später wird Lattimer einmal ein sehr guter Detektiv werden, wenn er nicht auf Abwege gerät. Jeder junge Detektiv hat Versuchungen durchzumachen. Er kommt viel in schlechte Gesellschaft.«

 

Sie gingen langsam nach Hill Brow zurück, und Super untersuchte das Arbeitszimmer des Toten. Mit Ausnahme eines Dampferbilletts, eines Kreditbriefes über eine außerordentlich hohe Summe und einer großen Menge englischen Geldes fand er nur wenig wichtige Dinge. Es waren fast gar keine Dokumente in den Schubladen von Elsons Schreibtisch, nur ein paar Kaufmannsrechnungen und eine Grundstücksurkunde über Hill Brow. Seine Sekretärin, eine blasse Frau in mittleren Jahren, erzählte Super, daß er wenig Korrespondenz gehabt habe.

 

»Ich glaube auch kaum, daß er richtig schreiben und ordentlich lesen konnte«, klagte sie. »Er hat mich übrigens in seinen Privatangelegenheiten nie ins Vertrauen gezogen.«

 

»Vielleicht hatte er überhaupt keine Privatangelegenheiten«, meinte Super.

 

Der große Aschenkasten vor dem Kamin war noch gefüllt und rechtfertigte Mr. Cardews Verdacht. Es war alles Asche von verbrannten Papieren. Die Überreste von zwei Büchern waren zu erkennen, aber was für Bücher es waren, konnte man nicht mehr feststellen.

 

»Er hatte natürlich irgendwelche Akten – ob er sie nun selbst geschrieben hat oder ob sie für ihn geschrieben wurden. Sicher ist nur, daß er sie verbrannt hat. Tatsächlich hatte er eine schnelle Flucht vorbereitet.«

 

Bevor Jim in die Stadt zurückkehrte, ging er noch hinauf, um den Anwalt zu begrüßen. Als er zu Mr. Cardew kam, schien es ihm, daß dieser viel weniger Vertrauen in seine eigene Sicherheit habe als vorher. Er saß blaß und nervös in seiner Bibliothek, schrak bei jedem Geräusch auf und war entsetzt über die Nachricht, die ihm Lattimer gebracht hatte.

 

»Ein Trauerspiel nach dem anderen«, sagte er mit hohler Stimme, als Jim näher trat. »Es ist ganz schrecklich, Ferraby. Wer hätte denken können, daß der arme Elson …« Er brach mitten im Satz ab. »Sie wissen doch, daß er gewarnt worden war. Sergeant Lattimer erzählte mir die Geschichte. Ein Stück Papier wurde vorigen Abend an seine Tür geheftet.«

 

Offenbar beunruhigte Cardew diese Warnung ebensosehr, wenn nicht mehr als die Mordtat selbst; denn er kam dauernd darauf zurück.

 

Seine Leidenschaft, Kriminalfälle aufzuklären, war augenblicklich auf dem Höhepunkt. Jim hatte noch nichts von dem Papier gehört, das an Elsons Tür angeklebt worden war, und er wunderte sich, warum der Oberinspektor ihm diese merkwürdige Tatsache nicht mitgeteilt hatte. Wahrscheinlich wäre die Sache bei Elsons Verhaftung herausgekommen. Er erwähnte diesen Umstand Cardew gegenüber, der ihn entsetzt anschaute.

 

»Elson sollte verhaftet werden? Warum?« fragte er keuchend. »Was hat er denn getan?«

 

»Er muß irgend etwas gestohlen haben, oder es befand sich gestohlenes Eigentum in seinem Besitz. Ich habe den Verhaftungsbefehl nicht gerade gern unterzeichnet. Es war das erstemal, daß ich meinen Namen unter ein solches Dokument setzte. Aber Super bestand so sehr darauf, daß ich es schließlich tat. Er wollte gerade die Verhaftung vornehmen, als er den Mord entdeckte.«

 

»Also Elson sollte verhaftet werden«, wiederholte Cardew ungläubig. »Das kann ich nicht verstehen. In meinem Verstand geht alles durcheinander. Ich hoffe, daß man mein Zeugnis bei der gerichtlichen Untersuchung des Mordes nicht braucht. Ich bin vollständig erledigt durch diesen neuen Schrecken.«

 

Und doch mußte er noch sehr stark von seiner Passion beherrscht werden, denn er fuhr fort:

 

»Möglicherweise waren Hanna und Elson wirklich verheiratet, und es wäre möglich, daß ein unbekannter Rivale die beiden tötete. Solche Fälle sind schon vorgekommen.« Er machte eine verzweifelte Bewegung mit seinen Händen. »Ich bin verrückt, daß ich mich mit all diesen Dingen abquäle. Leute wie der Oberinspektor Super eignen sich für solche Sachen viel besser, trotz all meiner Kenntnisse und meiner Studien. Allmählich fühle ich doch meine Unterlegenheit«, sagte er mit einem schwachen Lächeln.

 

Lattimer saß im Garten, als Jim aus dem Haus kam. Er hatte einen Stuhl in den Schatten eines Maulbeerbaums gestellt und schien halb eingeschlafen zu sein, denn er schrak zusammen, als Jim ihn anrief.

 

»Gott sei Dank, daß Sie nicht Super sind«, sagte er. »Es ist ein furchtbar einschläfernder Platz.«

 

Jim sah, daß er von seinem Sitz aus sowohl den vorderen Eingang von Barley Stack wie auch die Fenster von Mr. Cardews Arbeitszimmer überschauen konnte.

 

»Sind Sie auch wie Super der Ansicht, daß Mr. Cardew in Gefahr ist?«

 

Lattimer zuckte die Achseln.

 

»Wenn Super sagt, daß Ihm Gefahr droht, dann ist er eben in Gefahr.«

 

Jim glaubte, einen ironischen Unterton in der Antwort zu hören.

 

»Waren Sie mit Super zusammen, als er den Toten fand, Mr. Ferraby? Wie ist er getötet worden? Hat man ihn erschossen?«

 

»Ja«, sagte Jim ruhig. »Und es war ein glücklicher Umstand, daß wir nicht auch sein Los teilten.«

 

Lattimer schaute ihn mit großen Augen an.

 

»Wieso?« fragte er höflich. »Hat er oder sie oder wer es auch immer war auf Sie geschossen? Der Kerl muß aber Nerven wie Stahl haben. Ich dachte, Super wäre nur wieder mal schlechter Laune gewesen – aber das erklärt alles. Haben Sie denn nichts von dem Schützen gesehen?«

 

»Nein«, sagte Jim. Seiner Meinung nach war die Frage etwas überflüssig.

 

»Super hat ihn nicht gesehen – oder glauben Sie, daß er ihn doch gesehen hat? Super kann sehr scharf sehen, obgleich er immer vorgibt, daß es nicht so ist. Vor zwei Jahren behauptete er plötzlich, daß er stocktaub geworden sei, und die halbe Polizeidirektion ließ sich auch von ihm täuschen. Er hat auf Sie geschossen?« sagte er halb belustigt und schaute Jim dabei forschend an. »Also deshalb wird auch Mr. Cardew unter polizeilichen Schutz gestellt. Dieser Großfuß ist sicher ein ganzer Kerl.« Er unterdrückte mit Mühe ein Gähnen. »Ich habe vorige Nacht gewacht«, sagte er und nahm sein Taschentuch heraus.

 

Jim nahm einen schwachen Duft wahr. »Ich hätte nie geglaubt, daß sie so eitel wären, Sergeant«, sagte er gut gelaunt.

 

»Meinen Sie das Parfüm?« Lattimer roch an dem Batisttuch. »Meine Wirtin legt immer ein Riechkissen zwischen meine Taschentücher. Aber ich habe es ihr verboten und hoffe, sie wird es nicht wieder tun.« Dann überkam Jim ein kalter Schauer, als ihm plötzlich wieder zum Bewußtsein kam, wie Super im Gebüsch umhergeschnuppert hatte. Er mußte sich zusammennehmen. Er wollte Lattimer eben eine verfängliche Frage stellen, als der Beamte sie ihm unwillkürlich beantwortete.

 

»Super würde Himmel und Hölle in Bewegung setzen, wenn er den Duft riechen könnte. Er hat eine Spürnase wie ein Jagdhund. Dieser Mann hat übernatürliche Gaben.« Er gähnte wieder. »Ich würde heute abend gern früh zu Bett gehen.«

 

Es war spät, als Jim Ferraby nach Whitehall zurückkehrte, aber sein Vorgesetzter war noch im Büro und sandte nach ihm, als er ihn kommen hörte.

 

»Es scheint, daß Sie in letzter Zeit in eine Mordaffäre verwickelt sind«, sagte der alte Sir Richard. »Worum dreht es sich denn eigentlich?«

 

Jim erzählte ihm alles, was er wußte, aber es war nicht viel.

 

»Super ist mit der Aufklärung der Sache betraut«, sagte der Vorgesetzte nachdenklich. »Man könnte keinen besseren Mann für diesen Zweck finden. Tut er nicht sehr geheimnisvoll?«

 

»Ja, sein Verhalten ist sehr seltsam.«

 

Sir Richard mußte lachen.

 

»Dann können Sie sicher sein, daß er bald den Schuldigen festnehmen wird«, sagte er. »Wenn Super offen und frei über einen Fall spricht, dann ist die Lage meist hoffnungslos.«

 

Jim beendete seine Arbeit. Er war durch Supers Besuch etwas in Rückstand gekommen und beeilte sich, Elfa aufzusuchen. Sie war noch im Krankenhaus, als er nach Cubitt Street kam. Zwischen den Ärzten hatte eine Beratung stattgefunden, bei der bestimmte Entscheidungen gefallen waren, und man mußte ihre Einwilligung haben. Sie sah abgespannt und müde aus, als er sie an der Ecke von Cubitt Street traf.

 

»Sie werden die Operation nicht vor Ende nächster Woche vornehmen«, erzählte sie ihm. »Mr. Cardew hat mir eine sehr eilige Botschaft geschickt und mich gefragt, ob ich nicht zu ihm nach Barley Stack kommen wolle, Er hat wichtige und dringende Arbeiten, und er sagt, daß er sein Haus nicht verlassen darf.«

 

»Sie werden nicht zu Cardew gehen«, sagte Jim entschieden. »Er steht selbst unter Polizeischutz, und ich kann es nicht dulden, daß Sie sich dort einer neuen Gefahr aussetzen.«

 

Er brauchte ihr nicht die Geschichte von Elsons Tod zu erzählen, sie hatte schon alles in der Abendzeitung gelesen. Aber die Sorge um die Gesundheit ihres Vaters war so groß und sie war dadurch so in Anspruch genommen, daß sie sich wenig um andere Dinge kümmerte.

 

»Ich kannte ihn kaum«, sagte sie. »Aber das würde mich nicht von Barley Stack abhalten. Ich bin nur so schrecklich müde, Jim.«

 

»Cardew kann warten«, sagte er fest.

 

Aber offensichtlich konnte Mr. Cardew nicht warten. Als sie in das Wohnzimmer kamen, läutete das Telefon, und es war der Anwalt, der anrief. Sowie Jim es bemerkte, nahm er Elfa den Hörer aus der Hand.

 

»Hier ist Ferraby«, sagte er. »Ich komme eben mit Miss Leigh ins Zimmer. Sie ist viel zu angegriffen, um heute abend noch nach Barley Stack zu kommen.«

 

»Überreden Sie sie doch, daß sie herkommt«, bat Cardew dringend. »Begleiten Sie sie doch, wenn Sie wollen. Ich würde mich auch sicherer fühlen, wenn jemand hier im Hause ist.«

 

»Aber hat denn die Angelegenheit nicht Zeit?«

 

»Nein, nein, es ist Gefahr im Verzug!«

 

Jim nahm deutlich die Unruhe und Aufregung in der Stimme des Anwalts wahr.

 

»Es ist absolut notwendig, daß ich jetzt meine Angelegenheit in Ordnung bringe.«

 

»Aber Sie glauben doch nicht, daß Ihnen wirklich Gefahr droht?«

 

»Doch, ich bin ganz sicher. Ich möchte schnell alles ordnen, damit die junge Dame das Haus wieder verlassen kann, bevor weitere Beunruhigungen kommen. Super hat mir verboten, das Grundstück zu verlassen. Können Sie denn nicht mit Miss Leigh herkommen?« Er drängte so sehr, daß Jim die Öffnung des Hörers mit der Hand zuhielt und Elfa die Sachlage erklärte.

 

»Ist es wirklich so dringend?« fragte sie erstaunt. »Ich hätte nicht gedacht, daß Mr. Cardew so ängstlich sein könnte.«

 

Sie zögerte.

 

»Vielleicht wäre es doch besser, wenn ich ginge. Wollen Sie mich begleiten?«

 

Die Aussicht, eine Nacht mit ihr unter dem gleichen Dach zubringen zu können und eine lange Fahrt mit ihr durch die Abendkühle zu machen, hatte Jims Ansicht vollständig geändert. Aber trotzdem durften seine egoistischen Gründe nicht den Ausschlag geben, und er versuchte sie zu überreden, nicht fortzugehen. Er war aber nur halb bei der Sache, wie sie sofort mit dem feinen Instinkt der Frau erkannte.

 

»Sagen Sie ihm bitte, daß ich kommen werde. Die Luftveränderung wird mir guttun, und es wird vielleicht auch gut für Mr. Cardew sein.«

 

Jim übermittelte die Botschaft und legte dann den Hörer auf.

 

»Ich glaube, daß ich mich wegen der bevorstehenden Operation so mutlos fühle. Bitte gehen Sie schon zum Wagen, ich werde inzwischen meine Sachen packen und zu Ihnen hinunterkommen.« Sie hatte noch nicht zu Abend gegessen, aber sie wollte nicht warten.

 

»Mr. Cardew ißt immer sehr spät zu Abend, und er wird sicher auf uns warten.«

 

Ihre Vermutungen waren gerechtfertigt. Als sie ankamen, fanden sie Cardew in der Bibliothek. Er ging nervös auf und ab und hatte die Hände auf dem Rücken verschränkt. Als Elfa ihn sah, erschrak sie über die Veränderung, die mit ihm vorgegangen war, seitdem sie ihn zum letztenmal gesehen hatte. In der Aufregung, in der er sich jetzt befand, schien er zehn Jahre älter geworden zu sein. Und er war sich dessen auch bewußt.

 

»Es ist sehr liebenswürdig von Ihnen, daß Sie gekommen sind«, sagte er und drückte ihr dankbar die Hand. »Ich habe mit dem Abendessen auf Sie gewartet und hoffe, daß Sie noch nicht gespeist haben. Ich werde mich wohler fühlen, wenn ich etwas gegessen habe. Ich kann mich nicht erinnern, daß ich heute überhaupt schon etwas zu mir genommen habe.«

 

Für gewöhnlich trank er keinen Wein, aber bei dieser Gelegenheit stand eine Flasche mit goldenem Hals auf Eis. Cardew wurde durch den Genuß des Weins wieder frischer und bekam seine Haltung wieder.

 

»Es ist teilweise der traurige Unglücksfall, der Elson zugestoßen ist, teils auch die Erkenntnis, daß ich unter polizeilichem Schutz stehe, wie es der Oberinspektor ausdrückt, was meine Nerven so sehr aufregt, und doch« – er machte eine Pause mit dem Weinglas in der Hand – »diese höllische Leidenschaft, Verbrechen aufzuspüren, ist so stark in mir geworden, daß ich mich selbst immer wieder dabei ertappe, Theorien aufzustellen und Schlußfolgerungen zu ziehen, wie Minter es nennt.«

 

Später erklärte er, warum er Elfa hatte kommen lassen.

 

»Ich bilde mir eigentlich nicht ein, daß überhaupt Gefahr für mich besteht; aber als alter Anwalt muß ich mir sagen, daß ich auf jede Eventualität gefaßt sein muß. Heute nachmittag überkam mich plötzlich die Erkenntnis, daß ich kein Testament gemacht habe und noch nichts tat, um meine Papiere in Ordnung zu bringen. – Ich bin tatsächlich, wenn mir etwas zustoßen sollte, ebenso unvorbereitet wie irgendein unvorsichtiger Laie, dessen ungeordnete Nachlassenschaft die Zeit unserer Gerichte sehr in Anspruch nimmt. Mein letzter Wille ist schon aufgesetzt. Wenn Miss Leigh zwei Abschriften anfertigt, würde ich Sie bitten, Mr. Ferraby, sie durchzusehen und meine Unterschrift als Zeuge zu beglaubigen. Einer meiner Dienstboten kann dann als zweiter Zeuge mitunterzeichnen.« Als Elfa sprechen wollte, lächelte er. »Unglücklicherweise können Sie selbst nicht Zeugin sein, denn ich habe mir erlaubt, Ihnen ein großes Legat auszusetzen.«

 

Er brachte sie durch eine Handbewegung zum Schweigen, als sie ihm danken wollte.

 

»Ich bin ein alter Mann. Ich habe mich in meinem Leben noch nie so einsam gefühlt wie an diesem Abend. Ich habe keine Verwandten mehr, höchstens ein paar Freunde, und nur wenige Menschen, gegen die ich Dankbarkeit empfinde.« Er lächelte. »Ich habe dem Oberinspektor Minter wenigstens ehrenhalber ein Legat ausgesetzt – ich habe ihm nämlich meine kriminologische Bibliothek vermacht.« Er lachte zum erstenmal. »Ich habe ihm auch eine Geldsumme vermacht, die ihn in den Stand setzt, entweder ein Haus zu kaufen, in dem er die Bibliothek aufstellen kann, oder ein Motorrad, das seine Zeitgenossen und Mitmenschen nicht mehr so erschreckt, wenn er damit auf den Straßen umhersaust.«

 

Nach dem Abendessen zog er sich mit Elfa in die Bibliothek zurück, und Jim, der sich selbst überlassen war, ging in den Garten, um eine Zigarre zu rauchen. Er war kaum zwei Schritte weit gegangen, als der unvermeidliche Wachtposten erschien. Es war nicht Sergeant Lattimer, wie Jim wahrnahm, sondern ein Detektiv, den er schon früher einmal in Supers Büro getroffen hatte. Sie sprachen über das Wetter, über die schöne Nacht, über die Aussichten, die die Zweijährigen in dem nächsten Derby haben würden – sie sprachen tatsächlich über alles, aber sie erwähnten nicht, warum der Beamte hier wachte. Während sie auf und ab gingen, wurden die Rolladen von Cardews Arbeitszimmer hochgezogen, und Jim konnte auf der einen Seite des Schreibtisches den Anwalt, auf der anderen Elfa sehen. Sie schrieb schnell nach seinem Diktat.

 

»Ist das nicht ein wenig, gefährlich?« fragte Jim nervös. »Die Leute sind doch vom Garten aus deutlich zu sehen.«

 

»Vielleicht geben Sie ihnen den Rat, die Rolladen herunterzulassen«, sagte der Beamte.

 

Da Jim den Anwalt nicht selbst unterbrechen wollte, sandte er eine Nachricht durch einen der Diener hinein, und zu seiner Genugtuung stellte er fest, daß man seinem Rat folgte.

 

»Ich wundere mich, warum Mr. Cardew nicht schon selbst daran dachte«, sagte der Beamte. »Soviel ich weiß, beschäftigt er sich mit Dingen, die sonst nur die Polizei angehen.«

 

In diesem Augenblick hörte man von den Feldern her den ersten sanft schmelzenden Laut eines Nachtigallenschlages. Dann herrschte wieder tiefes Schweigen.

 

»Vielleicht gehen Sie jetzt hinein«, sagte der Mann höflich zu Jim. »Meine Ablösung kommt. Super würde es wahrscheinlich nicht gerne sehen, wenn er mich im Gespräch mit Ihnen fände.«

 

Jim ging verwundert in das Haus. Er begab sich in sein Schlafzimmer und packte seinen Koffer aus, den er aus dem Klub geholt hatte. Nachdem er der Ablösung Zeit gelassen hatte, zu kommen und zu gehen, ging er wieder in den Garten und war erstaunt, denselben Beamten noch auf Posten zu finden. Noch erstaunter war er, daß die Rolladen wieder hochgezogen waren, so daß Cardew und seine Sekretärin deutlich sichtbar waren.

 

»Super dachte, es sei wichtig und notwendig, den Raum überschauen zu können. Er sagte, daß sich hinter geschlossenen Läden etwas ereignen könnte.«

 

»War Mr. Minter hier?«

 

»Nur für eine Minute, Sir«, sagte der andere. Er war nicht abgeneigt, die Unterhaltung mit ihm fortzusetzen. Er nahm eine Zigarre, die Jim ihm anbot, und beklagte sich dann über die Ungerechtigkeit des neuen Pensionssystems für Polizeibeamte. Um Viertel nach zwölf kam Elfa aus dem Arbeitszimmer und bat Jim in die Bibliothek.

 

»Ich glaube, wir haben jetzt alles fertiggemacht. Es war eine entsetzliche Arbeit«, sagte sie mit leiser Stimme. »Jim, er hat mir eine ungeheure Summe vermacht. Das hätte er nicht tun sollen, aber er lehnt es ab, das Testament zu ändern.«

 

Cardew hatte nach seinem verschlafenen Diener geläutet. Dann wurde das Testament von allen unterzeichnet, auch von Jim und dem Diener.

 

»Ich möchte Sie bitten, dies aufzubewahren«, wandte sich der Anwalt an Jim. »Verwahren Sie es wenigstens bis morgen früh, bis ich es an einen sicheren Ort bringen kann. Es war eine wirklich erfolgreiche Arbeit heute abend, und ich bin sehr froh, daß sie beendet ist.« Er war ruhiger und hatte sich wieder erholt.

 

»Es wäre nun besser, Miss Leigh«, sagte er, »wenn Sie zu Bett gingen. Das Dienstmädchen wird Ihnen Ihr Zimmer zeigen. Sie haben den Raum schon bewohnt, als Sie das letztemal hier waren.«

 

Sie war froh, daß sie gehen konnte, schloß mit einem Gefühl der Erleichterung die Tür ab und begann sich auszuziehen. Zehn Minuten später fiel sie schon in einen tiefen und traumlosen Schlaf.

 

Von den Feldern her sah Lattimer, wie ihr Licht ausgemacht wurde, und kam näher an das Haus heran.

 

Kapitel 25

 

25

 

Tap, tap, tap! Elfa hörte den Ton im Schlaf und wurde munter. Tap, tap, tap!

 

Sie glaubte, daß der Rolladen vom Wind gegen das Fenster geschlagen würde. Sie war halb im Schlaf, halb im Wachen, und ihr Bewußtsein verlor sich wieder in Schlaf und Traum, als es aufs neue tönte:

 

Tap, tap, tap!

 

Jetzt wurde sie ganz wach und stützte sich auf den Ellbogen. Es war ihr ganz klar, daß der Ton vom Fenster herkam, und die regelmäßigen Abstände, in denen das Geräusch kam, ließen keinen Zweifel darüber, daß es irgendwie absichtlich hervorgerufen sein mußte. Die Nacht war still und lautlos, und kein Luftzug regte sich. Sie ging zum Fenster und zog die schweren Vorhänge zurück. Das untere Fenster stand weit offen, wie sie es am Abend vor dem Schlafengehen verlassen hatte. Sie konnte keine Schnur und keinen Gurt herunterhängen sehen, von dem das Geräusch herkommen konnte. Die Welt draußen lag in tiefer Finsternis.

 

Als sie zum Fenster hinausschaute, hörte sie, wie der Kies knirschte. Ihr Herz schlug wild vor Aufregung, aber dann erinnerte sie sich daran, daß das Haus bewacht wurde.

 

»Sind Sie es, Miss Leigh?« fragte eine leise Stimme.

 

»Ja«, antwortete sie ebenso. »Haben Sie ans Fenster geklopft?« »Nein«, war die verwunderte Antwort. »Haben Sie jemand klopfen hören? Da müssen Sie wohl geträumt haben.«

 

Sie legte sich wieder nieder, aber sie konnte nicht mehr schlafen. Gleich darauf hörte sie es wieder: Tap, tap, tap!

 

Sie stand auf, zog die Vorhänge ganz leise beiseite und horchte in das tiefe Schweigen hinaus. Dann wandte sie sich vorsichtig zum Fenster und lehnte sich hinaus. Sie strengte ihre Augen an, um die Finsternis zu durchdringen.

 

Sie konnte niemand sehen, nur hinten, nach den Bäumen zu, entdeckte sie das dunkle Glühen eines feurigen Punktes. Sie vermutete, daß der Polizeibeamte eine Zigarette rauchte. Wer mochte wohl ans Fenster geklopft haben? Sie lehnte sich etwas weiter hinaus, und dann fiel von oben etwas über ihren Kopf und legte sich um ihren Hals.

 

Noch ehe sie sich von ihrem Schrecken erholen konnte, zog sich die Schlinge um ihren Hals fester zu. Sie langte mit der Hand hinauf, ergriff die Schnur, die sie zu erwürgen drohte, und zerrte wild daran. Aber mit ungeheurer Kraft riß es sie nach oben. Krampfhaft faßte sie mit der anderen Hand nach dem Fensterbrett und klammerte sich an einem Blumenkasten an. Er fiel mit Gepolter zu Boden. Irgendwo aus dem Garten blitzte ein heller Lichtstrahl auf und beleuchtete sie. In diesem Augenblick lockerte sich die seidene Schnur. Elfa taumelte in das Zimmer zurück und fiel halb bewußtlos neben ihrem Bett nieder. Die Schlinge lag noch um ihren Hals.

 

Der Wachtposten vom Garten kam herbeigelaufen, sprang hoch, erfaßte die obere Kante des Fenstersimses, schwang sich in das Zimmer und drehte das elektrische Licht an.

 

Sie schaute in das Gesicht eines Mannes in mittleren Jahren, den sie nicht kannte. Er nahm die Schlinge von ihrem Hals und legte sie auf ihr Bett. Dann ging er wieder zum Fenster und stieß einen schrillen Pfiff mit seiner Trillerpfeife aus.

 

Jim hörte es und war im Nu aus seinem Zimmer. Aus der Richtung des Schalles konnte er hören, daß er aus Elfas Zimmer kommen mußte. Als er die Tür öffnete, sah er, wie der Detektiv, mit dem er am Abend vorher gesprochen hatte, ihr Gesicht mit einem Schwamm wusch.

 

»Kümmern Sie sich um die Dame«, sagte der Beamte kurz, gab ihm den Schwamm, verließ schnell den Raum und lief die Treppe in die Höhe, die unmittelbar gegenüber der Tür mündete. Jim hörte das Geräusch, wie er mit seinen schweren Schuhen in dem Raum, der über dem Zimmer lag, umherging. Dann wurde er vom Garten aus angerufen.

 

»Ist etwas nicht in Ordnung?«

 

Es war Super.

 

Elfa hatte das Bewußtsein wiedererlangt. Jim ging zum Fenster und erzählte mit ein paar Worten,, was er von der seidenen Schnur am Boden und den roten Flecken am Halse Elfas vermutete.

 

»Kommen Sie schnell herunter und lassen Sie mich ins Haus!«

 

Jim eilte die Treppe hinunter, als Mr. Cardew mit einem Revolver in der einen und einer Taschenlampe in der andern Hand aus seinem Zimmer trat.

 

Ferraby hielt nicht an, um ihm eine Erklärung zu geben, sondern schob die Riegel der Haustür zurück und ließ Super ein. Als sie das Zimmer Elfas wieder erreichten, saß sie auf der Bettkante. Sie hatte ihren Morgenrock um die Schultern gelegt. Ihr Hals schmerzte, sie hatte Schwindelgefühle und starke Kopfschmerzen und zitterte an allen Gliedern. Aber sie konnte wenigstens erzählen, was ihr zugestoßen war.

 

Als sie eben zu Ende war, kam der Detektiv, der nach oben gegangen war, zurück. Er hatte eine Bambusstange in der Hand.

 

»Oben ist ein Bodenraum«, sagte er, »von dem aus eine Falltür auf das Dach führt. Das ist alles, was ich gefunden habe. Der Kerl muß damit an das Fenster geklopft haben.«

 

Super kümmerte sich überhaupt nicht um die Bambusstange.

 

»Er klopft an das Fenster, sie schaut hinaus, und er wirft ihr eine Schlinge um den Hals«, flüsterte er. »Und oben ist eine Falltür, damit er entkommen kann. Ich sage Ihnen, dieser Kerl vergißt nichts! Also schnell aufs Dach, hinter ihm her! Haben Sie eine Pistole? Wenn Sie ihn sehen, schießen Sie … Brechen Sie sich aber nicht das Genick, das ist die Sache nicht wert. Ich fürchte, er wird schon entwischt sein, bevor Sie ihre Untersuchung anfangen können.«

 

Cardew war an der Tür und verlangte Einlaß. Mit einem verärgerten und müden Ausdruck ging Super hinaus und erzählte ihm von dem Vorfall.

 

»Der Raum hier oben ist eine Dachkammer und wird nie gebraucht«, erklärte er überflüssigerweise.

 

Super öffnete ihm widerwillig die Tür und erlaubte ihm, näher zu treten.

 

»Kennen Sie das?« fragte er, nahm die rotseidene Schnur auf und zeigte sie ihm. Sie war etwa drei Meter lang, und das Ende war sorgfältig zu einer Schlinge gebunden.

 

Mr. Cardew schüttelte den Kopf.

 

»Ich habe sie niemals vorher gesehen«, sagte er. »Es ist wohl eine altmodische Klingelschnur. Wir haben nur elektrische Glocken im Haus. Sie ist sehr alt …«

 

»Das vermute ich«, unterbrach ihn Super. »Sie können die Art in jedem Laden kaufen. Fühlen Sie sich besser, meine liebe Miss Leigh?«

 

Sie nickte und machte den tapferen Versuch zu lächeln.

 

»Wir werden das Zimmer verlassen, dann können Sie sich anziehen. Ich glaube, es ist besser, wenn Sie nach unten kommen. Es ist drei Uhr, und früh aufstehen schadet niemals etwas.«

 

In dem Augenblick kam der Detektiv zurück, um die Ergebnislosigkeit seiner Nachforschungen auf dem Dach zu melden.

 

»Wo ist Lattimer?«

 

»Er ist auf der anderen Seite des Hauses.«

 

Super sagte nichts weiter. Als sich das Mädchen angekleidet hatte und herunterkam, ging er hinaus auf den Rasen. Plötzlich hörte Jim ein Nachtigallenflöten wie am vorigen Abend.

 

»Ich kann das Schlagen einer Nachtigall täuschend nachahmen«, gab Super bescheiden zu. »Ich habe direkt eine Gabe, Vogelstimmen zu imitieren, aber Nachtigallen sind meine Spezialität … Nachtigallen und Hühner.«

 

Und zu Jims Erstaunen ließ er das Gegacker einer brütenden Henne hören. Bei einer anderen Gelegenheit hätte Jim laut lachen müssen.

 

»Sind Sie das, Lattimer?« rief Super, als der Sergeant zu ihm eilte.

 

Lattimer trat ins Licht.

 

»Jawohl, Sir.«

 

Seine Kleider waren staubig, seine Hose war an dem einen Knie zerrissen, und es fehlte ein Stück Stoff. Jim sah, daß seine Hände mit Schmutz und Ruß bedeckt waren.

 

»Was ist Ihnen zugestoßen, Lattimer?«

 

»Ich fiel herunter … ich war in solcher Eile«, sagte er kaltblütig.

 

»Haben Sie jemand oder etwas gesehen?« fragte Super.

 

»Nein, ich hörte nur Geräusche im Haus, aber ich wußte, daß Sie irgendwo hier in der Gegend waren. So dachte ich, es wäre besser, draußen zu warten für den Fall, daß jemand versuchen sollte, im Dunkeln durch das Gehölz zu entkommen.«

 

Jim erwartete, daß der Oberinspektor sein Verhör mit Lattimer fortsetzen würde, aber zu seinem Erstaunen geschah das nicht. Super gab ihm einen Befehl und ging dann wieder in das Arbeitszimmer, wo Elfa einen Spirituskocher ansteckte.

 

Der junge Mann war sehr unzufrieden und machte sich selbst auf die Suche. Er ging aus dem Haus, nahm eine der beiden Laternen vom Tisch in der Eingangshalle und besichtigte dann das Haus von außen. Er war noch nicht weit gegangen, als er eine merkwürdige Entdeckung machte. An der Hinterseite lehnte eine lange Leiter, und als er mit seiner Lampe nach oben leuchtete, sah er, daß sie bis zum Dach reichte. Auf der Seite der Leiter hing etwas herunter. Er stieg zwei Sprossen in die Höhe und sah, daß es ein Stück Tuch von unregelmäßiger Form war. Es war an einem vorstehenden Nagel an der Seite hängengeblieben. Er hatte gesehen, daß Lattimer einen dunkelgrauen Anzug mit einem leichten Karomuster trug, das im künstlichen Licht besser zur Geltung kam als am Tag, und dieses Stück Stoff war nicht nur vom selben Muster, sondern entsprach auch in Größe und Form genau dem Loch, das Lattimers Hose am Knie zeigte! Er steckte es in seine Tasche, ging nach dem Haus zurück, rief Super heraus und erzählte ihm, was er gefunden hatte. Der Oberinspektor hörte ihm zu, ohne ihn zu unterbrechen, und ging mit ihm zu der Seite, wo die Leiter stand.

 

»Das ist sicher sehr seltsam«, meinte er schließlich. »Aber es ist möglich, daß Lattimer die Leiter gesehen hat und hinaufstieg, um festzustellen, welche Bewandtnis es damit habe.«

 

»Das hat er aber doch nicht gesagt.«

 

»Nein, das hat er nicht gesagt, das gebe ich wohl zu. Ich werde mich um die Sache kümmern, Mr. Ferraby, und ich möchte Sie bitten, nichts hierüber zu den anderen zu sagen. Es ist sicher auffallend und sehr verdächtig, aber ich glaube doch, daß meine Vermutung richtig ist. Es war doch seine Pflicht, die Leiter und alles, was damit zusammenhing, zu untersuchen.«

 

»Aber er kam doch gar nicht aus der Richtung, wo die Leiter stand, sondern von der Pflanzung her«, sagte Jim hartnäckig.

 

Super rieb sein Kinn.

 

»Das ist gewiß verwunderlich«, gab er wieder zu und wiederholte seine Warnung. »Ich komme womöglich noch um das Vergnügen, den Fall aufzuklären«, fuhr er fort. »Es treten Zwischenfälle ein, mit denen ich nicht rechnete, und ich verstehe auch nicht, warum sie sich ereignen. Wenn ein Mann erst auf die abschüssige Bahn gerät, wird es immer schlimmer mit ihm. In einer halben Stunde wird der Morgen dämmern, dann ist die Gefahr für diese Nacht wohl vorüber.«

 

Er ging in die Bibliothek, ließ sich von Elfa Kaffee einschenken und setzte sich in einen niedrigen Sessel.

 

»Ich werde Ihnen etwas erzählen, was Sie sehr freuen wird«, sagte er zu ihr.

 

»Erzählen Sie es doch bitte schnell«, bat sie überrascht. »Was wollen Sie mir denn mitteilen?«

 

»Die Operation Ihres Vaters war ein großer Erfolg.«

 

Sie sprang auf die Füße, wurde rot vor Freude, dann wieder blaß.

 

»Die Operation ist schon vorüber – aber sie sollte doch erst nächste Woche vorgenommen werden?«

 

»Sie fand gestern abend statt«, sagte Super. »Ich habe mit den Ärzten abgemacht, daß Sie nichts erfahren sollten, bis alles vorüber sei. Aber ich dachte, Sie hätten es erraten, als mir die Oberschwester erzählte, daß Sie einen Brief für ihn zurückgelassen haben, den er lesen sollte, sobald er dazu imstande sei.«

 

»Aber ich habe keinen Brief zurückgelassen«, sagte sie schnell, »und ich hatte auch keine Ahnung, daß die Operation schon gestern abend sein sollte.«

 

Supers Augen wurden klein.

 

»Sie haben keinen Brief …«

 

Er langte nach dem Telefonhörer und wählte eine Nummer.

 

»Sie ist zu Bett? Wecken Sie die Dame auf und sagen Sie ihr, daß Polizeioberinspektor Minter sie jetzt sprechen muß.«

 

Er wartete mit dem Hörer am Ohr und schaute ins Leere. Elfa sah, wie sich sein Gesichtsausdruck veränderte.

 

»Sind Sie es, Miss Mud? Würden Sie so freundlich sein, den Brief, den Miss Leigh für ihren Vater hinterließ, zu öffnen und mir den Inhalt vorzulesen … Nein, das ist alles in Ordnung, ich habe ihre Erlaubnis dazu eben bekommen.«

 

Er wartete. Elfa sah, wie er nickte.

 

»Ach … Danke Ihnen«, sagte er endlich. »Ja, bewahren Sie den Brief für mich auf.«

 

Dann legte er den Hörer wieder auf.

 

»Was stand denn in dem Brief?« fragte Elfa.

 

»Es hat sich jemand einen Spaß erlaubt, denke ich. In dem Brief stand:›Herzliche Grüße. In aller Liebe Deine Elfa.‹ Das ist alles.«

 

Super sprach aber nicht die Wahrheit. Der Brief bestand nur aus einer Zeile, die so lautete:

 

»Ihre Tochter wurde in der vorigen Nacht erdrosselt.«

 

Dieser Kerl denkt an alles, dachte Super voll Bewunderung.

 

Kapitel 18

 

18

 

Auch Jim genoß nun das Vorrecht, das bis dahin ausschließlich Super gehabt hatte. Elfa Leigh erlaubte ihm, eine halbe Stunde in ihrer kleinen Wohnung zu bleiben und den letzten Bericht über ihren Vater zu hören.

 

»Sie wollten mich über Nacht nicht in dem Krankenhaus lassen«, sagte sie, »und vielleicht ist das auch sehr klug von ihnen. Meinem Vater geht es gut, und er fühlt sich glücklich. Man kann gut mit ihm auskommen. Mir scheint das Ganze wie ein Traum, ein glücklicher, aber auch zu gleicher Zeit ein unglücklicher Traum. Es ist schrecklich, wenn ich an die Jahre denke, in denen er durch das Land wanderte, ohne daß sich jemand um ihn kümmerte.«

 

Jim hatte auch den berühmten Arzt gesprochen; der Tag der Operation war schon festgesetzt. Der Doktor und sein Assistent waren voller Hoffnung, daß das Resultat gut ausfallen werde. Sie hatten ihm eine ganze Anzahl ähnlicher Fälle genannt, in denen vollständige Genesung des Patienten eingetreten war.

 

»Nein, wegen der Operation sorge ich mich gar nicht«, sagte sie ruhig, als er danach fragte. »Ich bin durchaus nicht ängstlich. Die Botschaft tut alles, was nur in ihren Kräften steht. Die Herren waren sehr mitfühlend und freundlich und haben mir sogar eine Summe zur Verfügung gestellt, bis er wiederhergestellt ist, so daß ich tatsächlich nicht gezwungen bin, zu Mr. Cardew zurückzugehen.«

 

»Haben Sie etwas von ihm gehört?«

 

»Ja, er rief mich heute morgen an. Er war außerordentlich liebenswürdig, aber sehr zerfahren. Ich hatte den Eindruck, daß er so sehr von dem Problem der Ermordung der armen Miss Shaw in Anspruch genommen wird, daß er unfähig ist, sich um meine Angelegenheiten zu kümmern. Trotzdem ist er ein lieber Mensch.«

 

»Wer? Cardew?« fragte Jim lächelnd. »Ich kenne zum mindesten einen, der diese Ansicht nicht teilt.«

 

»Super? Natürlich, aber Sie müssen bedenken, daß Super eine Stellung für sich einnimmt. Man kann sich nicht vorstellen, daß er jemals derselben Ansicht ist wie andere Leute. Trotzdem ist auch er ein guter Mensch. Ist er tatsächlich so rauh, wie er sich den Anschein gibt? Er spricht immer so merkwürdig.«

 

»Super ist einer der ältesten Beamten bei der Polizei«, sagte Jim. »Ich weiß noch nicht, ob er sich nur so ungebildet stellt. Er erscheint in so vielen Gestalten und Charakteren, daß es schwer ist, die Wahrheit zu ergründen …«

 

Das Telefon klingelte in dem Augenblick, und Elfa nahm den Hörer ab. Sie runzelte die Stirn.

 

»Nein, ich habe nichts geschickt … gewiß nicht. Bitte, geben Sie es ihm nicht, ich werde sofort hinkommen.«

 

Sie legte den Hörer auf, und ihr Gesicht hatte einen sorgenvollen Ausdruck.

 

»Das kann ich nicht verstehen«, sagte sie. »Die Vorsteherin des Krankenhauses fragte mich, ob ich meinem Vater einen Kirschkuchen geschickt hätte. Natürlich habe ich das nicht getan. Ein Bote hat ihn mit einem kurzen Brief gebracht.«

 

Jim pfiff vor sich hin.

 

»Das klingt ja sehr sonderbar.«

 

Als Elfa schnell in ihrem Zimmer verschwand, um sich anzuziehen, erinnerte er sich an Super und rief ihn an. Glücklicherweise meldete sich der Oberinspektor selbst. Er hörte den Bericht ruhig an.

 

»Sagen Sie ihnen, sie sollen den Kuchen verwahren, bis ich komme. Warten Sie vor dem Krankenhaus auf mich, wenn Sie Miss Leigh wieder heimgebracht haben. Wenn Sie einen jungen Mann dort finden, der Sie beobachtet, so erwähnen Sie nur meinen Namen.«

 

Jim erfuhr so zum erstenmal, daß das Krankenhaus bewacht wurde.

 

Als sie ankamen, wurden sie in das Privatzimmer der Vorsteherin gebeten. Mitten auf dem Tisch stand das verdächtige Backwerk.

 

»Ich wollte es ihm nicht geben, bis ich nicht ganz sicher war, daß Sie es geschickt hatten«, sagte die alte Dame. »Mr. Minter hat mir das sehr genau eingeschärft.«

 

»Sagten Sie nicht auch, daß ein Begleitbrief dabei war?«

 

Die Vorsteherin gab ihnen einen Briefumschlag.

 

»Das ist nicht meine Schrift«, sagte Elfa bei dem ersten Blick auf die Adresse.

 

Auch den Brief hatte sie nicht geschrieben. Es war einfaches, glattes Papier. Ihre Adresse in Cubitt Street war oben links in der Ecke notiert. Das Schreiben enthielt nur die kurze Bitte, den Kuchen ihrem Vater zu geben.

 

»Kennen Sie die Handschrift?« fragte Jim.

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

»Ich habe sie vorher nie gesehen. Aber warum schickt man denn diesen Kuchen? Will man … Ach, das ist doch ganz unmöglich!«

 

Sie wurde bleich.

 

»Vielleicht hat irgendein wohlmeinender Freund diese Aufmerksamkeit geschickt«, sagte Jim, um sie zu beruhigen.

 

»Aber wer würde denn meinem Vater ein Leid zufügen wollen?« fragte sie und schaute ängstlich auf den unschuldig aussehenden Kuchen.

 

»Was soll ich nun tun?« fragte die alte Dame.

 

»Heben Sie ihn bitte auf«, sagte Jim schnell und tauschte einen Blick mit ihr, indem er verstohlen auf Elfa deutete. Sie verstand. Obgleich er den Vorfall leicht abtat, zweifelte Elfa doch nicht an der wahren Bedeutung.

 

»Ich hörte, wie Sie mit Mr. Minter am Telefon sprachen«, sagte sie zu ihm, als er sie wieder zur Cubitt Street brachte. »Kommt er in die Stadt?«

 

»Er wird dort sein, wenn ich zurückkomme. Sie müssen sich nicht aufregen, Elfa.«

 

Sie hörte die vertrauliche Anrede ganz gut, und es schien ihr sogar recht zu sein, daß er sie Elfa nannte.

 

»So viele Dinge sind mit Vaters Abwesenheit verknüpft, daß ich gar nicht klug daraus werden kann, und so will ich auch gar nicht erst versuchen, alles zu entwirren. Ich werde noch nicht zu Bett gehen. Würden Sie so liebenswürdig sein, mich anzurufen, wenn etwas entdeckt wird?«

 

Mit der Versicherung, dies zu tun, verließ er sie und kehrte zurück, um seinen Posten vor dem Krankenhaus einzunehmen. Wie Super vorausgesagt hatte, kam aus der Dunkelheit der gegenüberliegenden Seite der Straße ein Fremder auf ihn zu, als er sich in einen Torweg gestellt hatte, und fragte ihn ohne weiteres, was er hier suche. Seine Erklärung wurde nicht sofort geglaubt, denn Detektive sind von Natur aus sehr skeptisch. Glücklicherweise hörte man während ihres Disputs einen fürchterlichen Spektakel, ähnlich dem Knattern eines Maschinengewehres, das in unregelmäßigen Zwischenräumen abgefeuert wird. Einige Sekunden später erschien Super auf seiner Feuerfliege.

 

»Ich habe sie in Barnes Common auf eine Geschwindigkeit von achtzig Kilometer gebracht«, sagte er mit innerster Befriedigung, obwohl eine solche Schnelligkeit innerhalb der Stadt gegen die polizeilichen Vorschriften verstieß. »Ein Verkehrsschutzmann versuchte, mich bei der Eisenbahnkreuzung anzuhalten; aber ebensogut hätte er versuchen können, einen Blitz mit den Händen zu fangen.«

 

Er lehnte die Maschine an die Hauswand, dann ging er mit Ferraby ins Haus. Als sie oben waren, wurde der Kuchen gebracht, damit Super ihn ansehen konnte.

 

»Oh, der sieht gut aus. Ich werde ihn mitnehmen, wenn Sie nichts dagegen haben. Können Sie sich auf den Distrikt besinnen, aus dem der Bote mit dem Kuchen kam?«

 

»Ich glaube, es war Trafalgar Square«, sagte die alte Dame.

 

Sie hielten bei der Polizeiwache an, um den Kuchen dort abzugeben. Super hinterließ Instruktionen, ihn in der Frühe des nächsten Morgens in einer versiegelten Kiste zu der staatlichen Untersuchungsstelle zu bringen. Dann machte er sich auf den Weg, den Boten herauszufinden. Jim überredete ihn, seine Spektakelmaschine auf der Wache zu lassen, und sie fuhren in einer Taxe nach Trafalgar Square.

 

Hier hatte Super keine Schwierigkeit, die Angabe der alten Dame bestätigt zu finden. Das Paket mit dem Kuchen war offensichtlich von einem Mann gebracht worden, von dem man keine genaue Beschreibung geben konnte. Anscheinend war er der Bote des wirklichen Absenders.

 

»Irgendein Vagabund, den er auf der Straße für ein paar Groschen aufgelesen hat«, sagte Super. »Wir werden ihn ohne Annoncieren in der Zeitung nicht finden. Und dann ist es außerdem noch wahrscheinlich, daß er sich mit dem natürlichen Instinkt dieser verschlagenen Menschen nicht meldet.«

 

»Es wäre aber doch möglich, daß es kein Verbrecher war.«

 

»Es war ein Landstreicher, und alle Landstreicher sind Verbrecher«, sagte Super, der sich gern in Allgemeinplätzen erging.

 

Er verließ das Botenbüro am Trafalgar Square, trat an den Rand des Bürgersteiges und betrachtete nachdenklich das Nelson-Denkmal.

 

»Ich möchte zu Lattimer gehen. Er ist irgendwo in der Stadt. Das ist der richtige Mann, den ich auf die Spur dieses Vagabunden hetzen kann – er hat einen natürlichen Hang zu Leuten, die nicht arbeiten wollen. Ich werde diese Sache doch Scotland Yard melden müssen. Gerne tue ich es nicht – dieser langnasige Kommissar wird wahrscheinlich einen anderen Mann mit der Sache betrauen und verdirbt mir dann meine ganzen Nachforschungen.«

 

Mit offensichtlichem Widerstreben ging er nach Whitehall hinunter. Als er nach Scotland Yard kam, überzeugte er sich zu seiner größten Genugtuung davon, daß kein höherer Beamter zugegen war, der ihm die Untersuchung aus den Händen hätte nehmen können. Trotzdem konnte er seinen Bericht über die letzte Entwicklung erstatten.

 

Obgleich Jim nur wenig mitzuteilen hatte, berichtete er doch Elfa telefonisch das Resultat seiner Nachforschungen.

 

»Glauben Sie, daß der Kuchen vergiftet war?«

 

»Super ist dessen nicht ganz sicher – wir werden es erst morgen erfahren.«

 

Als er hörte, wie ängstlich sie sprach, tat es ihm leid, daß er überhaupt etwas gesagt hatte.

 

Als er wieder mit Super zusammenkam, machte ihm der geniale Beamte ein merkwürdiges Geständnis.

 

»Ich habe so eine Idee, daß es besser wäre, wenn ich recht bequem zur Wache zurückfahre. Wo ist Ihr alter Autobus?«

 

»Er steht hier in der Nähe in einer Garage – ich will Sie gerne zurückbringen. Ich dachte nur, Sie wären mit Ihrer höllischen Radaumaschine verheiratet.«

 

»Man kann kaum sagen, daß ich verheiratet bin«, meinte Super.

 

Jim fuhr in einer Taxe zur Garage und holte Super dann in der Polizeistation ab. Der alte Mann wartete mit seiner Feuerfliege, und sie hoben sie auf den Gepäckhalter auf der Rückseite.

 

»Es ist doch merkwürdig, wie Einfälle und Gedanken zu einem kommen. Mir geht es gerade wie Mr. Cardew – mitten in der Nacht kommen sie. Gerade in diesem Augenblick habe ich eine großartige Idee, über die ich sehr erfreut bin.«

 

Trotzdem lehnte er es ab, sie Jim mitzuteilen. Die Rückfahrt ging schnell und ohne Zwischenfall vonstatten.

 

»Kommen Sie doch bitte herein«, sagte Super. »Ich will Sie nicht lange aufhalten. Es ist aber möglich, daß neue Nachrichten eingetroffen sind.«

 

Er hatte recht. Der diensttuende Sergeant berichtete, daß ein Motorradfahrer zur Station gekommen sei.

 

»Er sagte, daß jemand auf der Landstraße zwei Schüsse auf ihn abgegeben habe, etwa einen Kilometer von der Stadt entfernt.«

 

Super seufzte zufrieden.

 

»Sie haben ihn doch nicht etwa getroffen? Ich vermute, daß sie die Schnelligkeit, mit der er fuhr, nicht richtig beurteilten. Er gehört wahrscheinlich zu den Motorradfahrern, die nicht mehr als 60 km Stundengeschwindigkeit aus ihrer Maschine herausholen können. Wenn ich nun auf Feuerfliege mit meinen 90 km vorbeigerast wäre, hätte mich die Kugel sicher erwischt.«

 

»Sie?« fragte Jim verwundert. »Wollte man denn auf Sie schießen?«

 

»Sie können getrost darauf wetten, daß man die Absicht hatte, mich niederzuknallen«, sagte Super ruhig. »Sie haben vorher davon gesprochen, daß ich mit meiner Feuerfliege verheiratet wäre. Ich will ja gerade, daß die Leute das denken sollen. Ich möchte nicht gerne, daß man erfährt, daß Feuerfliege ab und zu Witwe ist.«

 

Jim verstand jetzt, warum Super es vorgezogen hatte, im Auto zurückzukehren. Angenommen, die Explosion der Schießfalle in der vorigen Nacht wäre kein Unfall gewesen, und man hätte es auf sein Leben abgesehen, so wäre er ein leichtes Ziel für Leute gewesen, die aus dem Hinterhalt auf ihn schossen. Der Lärm seines Motorrades war kilometerweit zu hören. Später stellte es sich heraus, daß auch der Motorradfahrer, auf den man geschossen hatte, eine verhältnismäßig laute Maschine fuhr.

 

»Ich werde über nichts mehr erstaunt sein, was auch geschieht«, sagte Super mit philosophischer Ruhe. »Aber man muß es ihnen lassen, sie haben schnell gehandelt. – Ist Lattimer schon zurück?«

 

»Nein«, sagte der diensttuende Sergeant, »er ist noch in der Stadt.«

 

Aber hier sagte er etwas, was der Wirklichkeit nicht entsprach; denn Lattimer saß in diesem Augenblick auf einem Zaun zwischen zwei hohen Sträuchern in dem verlassenen Teil einer Londoner Landstraße. Er hatte eine Pistole in der Hand und war sehr ärgerlich über seinen Vorgesetzten, denn er hatte nicht gesehen, daß Super vorbeigefahren war.

 

Kapitel 19

 

19

 

Es schien Jim Ferraby das Natürlichste von der Welt, am Morgen einen Besuch in Cubitt Street zu machen. Er wartete geduldig, bis Elfa herunterkam, und brachte sie auf dem leider allzu kurzen Weg von der Cubitt zu der Weymouth Street. Er konnte sich nicht damit entschuldigen, daß die Strecke auf seinem Wege lag; denn es war tatsächlich ein so großer Umweg, daß seine Fahrt fast verdoppelt wurde. Elfa machte ihn darauf aufmerksam und bat ihn am Abend mit noch größerer Dringlichkeit, sich ihretwegen keine so großen Umstände zu machen. Mr. Leigh hatte einen guten Tag verbracht und fast die ganze Zeit geschlafen. Die Pflegerinnen berichteten, daß er die Nacht über meistens wachte.

 

»Er muß sich in den letzten Jahren angewöhnt haben, bei Tage zu schlafen und in der Dunkelheit umherzuwandern«, sagte sie. »Ich glaube fast, daß er mich heute nachmittag erkannt hat. Er schaute so verwundert auf mich, als ob er versuchte, sich etwas oder irgend jemand ins Gedächtnis zurückzurufen. Gerade bevor ich zu Ihnen herunterkam, fragte er mich, ob ich ihn nicht mit zum Meer nehmen könne. Er sagte, er müsse nach drei und vier schauen. Und wie mir die Vorsteherin erzählte, hat er sie gestern abend dasselbe gefragt. Haben Sie eine Ahnung, was er mit drei und vier meinen könnte?«

 

»Ich muß die Aufklärung Super überlassen. Haben Sie den Arzt gesprochen?«

 

Sie hatte den Doktor gefragt, und er hatte ihr mitgeteilt, daß die Operation auf nächsten Sonnabend festgesetzt sei. Nachdem er verschiedene Versuche angestellt hatte, war er überzeugt, daß Mr. Leigh wieder vollständig hergestellt werden könnte.

 

Als Elfa morgens Jim traf, fragte sie sofort nach dem Kuchen, und er antwortete aalglatt, daß der Amtschemiker keine Spur von Gift gefunden habe. Sie schien aber nicht überzeugt zu sein und wiederholte ihre Frage auf dem Rückweg nach Cubitt Street.

 

»Ich bin bei Super gewesen, und er sagte mir, daß kein Gift gefunden wurde.« Aber trotz dieser Versicherung war Elfa Leighs Argwohn nicht eingeschläfert.

 

»Ich habe mich heute schon mit dem Gedanken beschäftigt, ob mein Vater irgend etwas von der Mordtat gesehen haben kann oder ob er den Mörder kennt. Um Mittag fuhr ich nach King’s Bench Walk und suchte Mr. Cardew auf. Er nimmt an, daß der Anschlag auf meinen Vater gestern abend nur aus dem Grund verübt wurde, weil er Dinge sah, die in dem Haus an der Küste vorgingen. Mein Vater lebte in einer Höhle, von der aus man Beach Cottage sehen konnte. Aber Sie wissen das natürlich. Super erzählte mir heute, daß die Höhle von der Polizei durchsucht wurde und man nach dem Ergebnis annehmen muß, daß mein Vater jahrelang dort gelebt hat. Er pflegte sich gewöhnlich spät abends an der Außenseite der Klippe an einer Strickleiter herunterzulassen und vor Tagesanbruch wieder zurückzukehren. Dann zog er die Strickleiter hinter sich in die Höhe. Sie war so weiß, von Kreide, daß Mr. Minter erklärte, man hätte sie auch am Tage nicht wahrnehmen können, wenn er sie hätte hängen lassen.«

 

»Sie haben Super also schon gesehen?«

 

Minter hatte schon einen kurzen Besuch im Krankenhaus gemacht, aber er hatte wohlweislich den Bericht des Chemikers über den Kuchen verheimlicht.

 

Nachdem Jim sie bis zur Tür ihrer Wohnung gebracht hatte, zögerte er noch eine Weile und wartete, daß sie ihn einladen würde, näher zu treten.

 

»Ich werde heute abend sehr ungastlich sein und Sie ohne eine Tasse Tee nach Hause gehen lassen – ich bin entsetzlich müde.«

 

Wieder erklärte er, daß eine Tasse Tee im Park sehr angebracht sei, die Müdigkeit zu verscheuchen, besonders wenn man eine schöne Kapelle dazu spielen höre. Aber er hatte keinen Erfolg bei ihr.

 

»Ich wünschte, es wäre alles vorüber«, sagte sie. »Ich habe eine Ahnung … so eine furchtbare Ahnung, daß Gefahr droht … und daß sich noch etwas Schreckliches ereignet.«

 

»Sie sprechen so, als ob Sie wirklich noch eine Tasse Tee nötig hätten«, sagte Jim einladend. Aber sie lächelte ihn zum Abschied an, und die Haustür schloß sich hinter ihr.

 

Jim wußte nicht, was er anfangen sollte. Er hatte sich für den Abend freigemacht, und obgleich zu Hause Arbeit auf ihn wartete, fühlte er sich doch sehr unbehaglich, als er daran dachte.

 

Es war ein so schöner Abend. Er wollte nicht gern allein essen, und mechanisch wandte er seinen Wagen nach Westen. Zuerst hatte er die Absicht, Super zu besuchen, aber als er bei ihm vorsprach, erfuhr er, daß der Oberinspektor mit unbekanntem Ziel fortgegangen sei. Auch Lattimer war nicht zu sehen. So fuhr er nach Barley Stack und hatte die Genugtuung, Mr. Cardew anzutreffen, der auf dem Rasenplatz vor seinem Haus auf und ab ging. Er hatte die Hände hinter dem Rücken verschränkt und die Stirn in tiefe Falten gelegt. Als er das Auto hörte, drehte er sich um und grüßte mit der Hand.

 

»Wenn ich heute abend gern noch jemand gesehen hätte, dann sind Sie es, obgleich ich keinen besonderen Grund habe, ausgenommen … Nun wohl, ich vermute, daß ich noch unter dem Eindruck von Hannas Tod leide. Es scheint mir noch so unmöglich und unwahrscheinlich, daß ich jede Minute erwarte, ihre laute Stimme zu hören« – er zögerte – »ich möchte nicht undankbar sein … die arme Hanna!« Er seufzte tief. »Die Dienerschaft zeigt gerade keine große Trauer, wie ich zu meinem Bedauern festgestellt habe und wie man eigentlich hätte erwarten sollen. Hanna war streng, aber trotzdem hatte sie ihre guten Seiten, die leider niemand recht verstand.«

 

Sie waren zusammen bis zum äußersten Ende des Rasens gegangen und zu einem kleinen, schmalen Grasstreifen gekommen, der im rechten Winkel abbog. Von ihrem Platz aus hatten sie einen freien Blick auf Hill Brow. Irgend etwas Düsteres liegt in dem Aussehen dieses großen, roten Hauses, dachte Jim. Da hörte er einen Ausruf seines Begleiters.

 

»Es ist doch heute abend zu warm, um einzuheizen!«

 

Aus einem der großen Kamine von Hill Brow kam eine weiße Rauchwolke.

 

»Zufällig weiß ich, daß dieser Schornstein mit dem Kamin in Mr. Elsons Arbeitszimmer in Verbindung steht. Ich möchte nur wissen, warum er an einem solchen Abend wie heute ein Feuer anmacht.«

 

Die beiden Männer standen schweigend und beobachteten den sonderbaren Vorgang. Anscheinend wurde der Kamin sehr ausgiebig geheizt, denn die dicke Rauchwolke verminderte sich keineswegs.

 

»Vielleicht verbrennen sie Kehricht aus dem Garten«, meinte Jim.

 

Mr. Cardew schüttelte den Kopf.

 

»Er hat einen besonderen Verbrennungsofen für solche Zwecke in seinem Garten. Außerdem ist um diese Jahreszeit alles grün, und es fallen noch keine Blätter von den Bäumen.«

 

Jim beobachtete den Kamin und bezweifelte, daß das Vorkommnis so wichtig war, wie der Anwalt dachte.

 

»Möglicherweise räumt er unter seinen alten Papieren auf – ich habe auch jedes Jahr einmal das Bedürfnis, so etwas zu tun. Dabei überlege ich mir nicht, ob das Wetter auch dazu angetan ist.«

 

Mr. Cardew lächelte geheimnisvoll.

 

»Ich kenne unseren Freund zwar nicht sehr genau«, erwiderte er, »aber er kommt mir nicht wie ein Mann vor, der immer alles ordentlich aufräumt – ich bin nur gespannt, was er dort oben verbrennt.« Er schaute sich um und rief den treuherzig dreinschauenden Gärtner, den Jim schon von früheren Besuchen her kannte.

 

»Bringen Sie doch bitte einen Brief zu Mr. Elson«, sagte er und verschwand im Haus, um ihn zu schreiben.

 

Als der Mann hinübergegangen war, erklärte ihm Cardew seine schlaue Absicht.

 

»Ich habe Elson für morgen zum Abendessen eingeladen, nicht weil ich ihn gerne bei mir haben möchte, sondern weil mein Gärtner ihn allein im Hause finden wird, wenn er nach Hill Brow kommt.«

 

»Was soll das denn beweisen?« fragte Jim.

 

»Daraus will ich nur ersehen, ob Elson während dieses großen Feuerwerks aus irgendwelchen dringenden Gründen seine Dienerschaft wegschickte. Und nun möchte ich Ihnen etwas sehr Interessantes zeigen.«

 

Jim folgte ihm in sein Arbeitszimmer, und vermutete, was Cardew mit diesem ›Etwas‹ meinte, als er einen großen Gegenstand auf dem Bibliothekstisch sah, der in Packpapier eingeschlagen war. Cardew entfernte die Hüllen, und Jim sah ein genaues Modell von Beach Cottage vor sich.

 

»Ich ließ es von einem Modellmacher herstellen, der es mir in vierundzwanzig Stunden baute«, sagte er mit verzeihlichem Stolz.

 

»Das Dach nehme ich jetzt ab.« Bei diesen Worten hob er es hoch, so daß man die kleinen Räume darunter genau sehen konnte. »Der Mann hat noch keine Farben aufgemalt, aber das ist nicht so wichtig. Auch muß ich mich auf mein Gedächtnis verlassen, was den Standort der verschiedenen Möbel angeht. Dieses«, er zeigte mit einem Bleistift auf einen Raum, »ist die Küche. Das Modell ist maßstäblich genau hergestellt. Sie können sogar die Türbolzen an der Hintertür sehen – und hier ist das Verbindungsfenster zwischen Küche und Speisezimmer.« Er öffnete das kleine Fensterchen. »Nun muß ich Sie an eine bedeutungsvolle Tatsache erinnern«, sagte er nachdrücklich. »Von dem Augenblick, da Hanna Shaw in das Haus eintrat, bis zu jenem Zeitpunkt, als sie oder ein anderer wieder herauskam, sind vermutlich weniger als fünf Minuten vergangen. Also ist es ganz klar, daß sie oder die beiden sofort in die Küche gingen – ich frage Sie, warum?«

 

»Um den Brief zu holen.«

 

Cardew sah ihn bestürzt an.

 

»Den Brief?« sagte er schnell. »Was meinen Sie für einen Brief?«

 

»Es war ein Brief, der an den Leichenbeschauer in West Sussex gerichtet war. Super fand den Briefumschlag und einen losen Ziegel in der Küche, unmittelbar unter dem Tisch, wo dieses Dokument offensichtlich verborgen war.«

 

Mr. Cardews Kummer war sehr komisch.

 

»Einen Brief?« fragte er wieder. »Das ist doch bei der Verhandlung neulich nicht angegeben worden, und das widerspricht auch meiner Theorie ganz bedeutend. Ich wünschte wirklich, daß dieser Super nicht so mit seinen Nachrichten zurückhielte!«

 

»Wahrscheinlich hätte ich Ihnen überhaupt nichts über den Briefumschlag sagen sollen.«

 

Mr. Cardew setzte sich nieder und betrachtete das Modell düster.

 

»Es könnte doch zu meiner Theorie passen«, sagte er schließlich. Aber man merkte, daß die frühere Zuversicht von ihm gewichen war. »Ich wollte nicht zugeben, daß ein anderes Motiv für die Ermordung vorhanden sei«, fuhr er fort. »Der Briefumschlag war an den Leichenbeschauer gerichtet? Soll das heißen, daß ein Selbstmord vorliegt?«

 

»Nein, selbst Super nimmt das nicht an«, sagte Jim lächelnd. Aber er tadelte sich schon, daß er Supers Geheimnis dem Rivalen mitgeteilt hatte.

 

»Es ist merkwürdig, daß ich plötzlich den Gedanken an Selbstmord hatte; aber es ist ja keine Waffe in der Küche gefunden worden, und dieser Umstand macht einen Selbstmord unmöglich.«

 

»Außerdem war die Haustür von außen verschlossen«, bemerkte Jim. Cardew nickte.

 

»Ja, ich muß jetzt wieder ganz von vorn anfangen, aber sicher werde ich eine befriedigende Lösung finden. Ich achte Oberinspektor Minter, der jedoch nach meiner Meinung einer etwas ungeschickten Methode folgt, die vielleicht im großen und ganzen gute Resultate erzielt. Aber in diesem Fall bin ich überzeugt, daß er keinen Erfolg haben wird.«

 

Er nahm ein Heft von seinem Schreibtisch und drehte die Seiten in seinem Manuskript um. Jim war erstaunt über den Fleiß dieses Mannes. Eine Seite war ganz mit Zeitangaben und Maßen bedeckt. Auf einer anderen Seite war eine rohe Skizze von der Seefront des Hauses. Verschiedene Linien liefen waagerecht über die Zeichnung und gaben die einzelnen Höhen der Flut zu bestimmten Stunden an. Zahlreiche Fotografien, die das Haus von den verschiedensten Seiten zeigten, lagen auf dem Schreibtisch. Es war auch eine Landkarte von Sussex da, auf die Mr. Cardew mit roter Tinte Linien eingetragen hatte. Jim vermutete, daß damit die verschiedenen Wege angedeutet werden sollten, auf denen der Mörder hätte entfliehen können. Sie waren beide in die Betrachtung der Papiere vertieft, als der Gärtner zurückkam.

 

»Ich habe Mr. Elson Ihren Brief gegeben, Sir.«

 

»Hat er Ihnen selbst die Tür geöffnet?« fragte Cardew schnell.

 

»Ja. Es dauerte fünf Minuten, bevor er herunterkam. Ich glaube, daß die Dienstboten alle ausgegangen sind.«

 

Cardew lehnte sich überlegen in seinen Stuhl zurück.

 

»Wie war er denn angezogen? Haben Sie aufgepaßt, ob sein Gesicht und seine Hände normal aussahen?«

 

»Seine Hände waren schwarz«, entgegnete der Gärtner. »Es machte den Eindruck, als ob er damit die Kaminröhre ausgewischt hätte. Er war nur mit Hose und Hemd bekleidet und sah sehr erhitzt aus.«

 

Mr. Cardew lächelte wieder.

 

»Ich danke Ihnen«, sagte er, und als sich die Tür schloß, schaute er Jim unverwandt an.

 

»Es geht etwas dort vor, ich wußte es doch. – Nun fragt es sich, wie weit hängt dieses merkwürdige Betragen mit dem Tod der armen Hanna zusammen? Erinnern Sie sich, daß er Hanna gut kannte und daß er sie heimlich traf? Ich weiß aus dem Gerede der Dienstboten nach ihrem Tode, daß sie häufig Besuche in Hill Brow machte. Es ist auch eine erwiesene Tatsache, daß Elson seit dem Todesfall nicht mehr nüchtern war. Früher hat er schon schwer getrunken, aber jetzt hat er jede Hemmung verloren. Zwei der Mädchen haben gestern den Dienst verlassen, und sein Diener geht noch diese Woche fort. Elson geht in der Nacht im Haus umher und hat öfter Anfälle, in denen er vor Angst laut aufschreit.«

 

Cardew stand auf, deckte das Dach über das Modell und packte es dann sorgfältig wieder ein.

 

»Bis jetzt sind meine Nachforschungen nur abstrakter Natur gewesen. Aber ich will mich jetzt auf ein neues Gebiet wagen, wozu ich eigentlich meinen Jahren nach nicht mehr geeignet bin.«

 

»Was wollen Sie damit sagen?« fragte Jim.

 

»Ich wollte sagen, daß ich jetzt das Geheimnis von Hill Brow aufklären werde«, sagte Mr. Cardew.

 

Kapitel 2

 

2

 

Der junge Beamte hörte mit bewunderungswürdiger Geduld zu.

 

»Ich habe Sullivan festgenommen, weil er vorige Nacht in der Nachbarschaft des Tatortes schlief. Praktisch hat er schon eingestanden, daß er versuchte, in das Haus einzubrechen.«

 

»Nehmen Sie die Maße seiner Ohren und betrachten Sie ihre Form.« Bei diesen Worten nahm Super seinen Federhalter auf. »Haben Sie schon bemerkt, daß Verbrecher und Halbverrückte Ohren haben, die so groß wie Wandschirme sind? Das steht alles in dem Buch, und das Buch kann doch nicht lügen. Der Detektivberuf ist nicht mehr das, was er einst war, mein lieber Sergeant. Wir brauchen jetzt mehr Physiognomiker und mehr Chemiker. Wenn ich mir so einen richtigen Detektiv von heute vorstelle, sehe ich einen Mann vor mir, der in einer feinen Villa wohnt, in einem kostbaren Armsessel sitzt und ein Mikroskop, einen Blutfleck und etwas Londoner Straßenschmutz vor sich hat. Wenn er diese Dinge zusammenmischt, dann kann er Ihnen sagen, daß die Juwelen von einem linkshändigen Mann gestohlen wurden, der in einem grünlackierten Packard, letztes Modell, fuhr. Sind Sie schon einmal einem Mann mit Namen Ferraby begegnet?«

 

»Mr. Ferraby von der Staatsanwaltschaft?« fragte der Sergeant interessiert. »Ja, ich sah ihn, als er neulich hier war.«

 

Super nickte. Seine Kiefer schlössen sich wie eine Rattenfalle, und dann zeigten sich zwei Reihen gesunder Zähne, als er lachte.

 

»Der ist kein Detektiv«, sagte Super mit Nachdruck. »Der versteht sich nur auf die Gesichter der Leute. Wenn der zugezogen würde, um die geheimnisvolle Sache mit dem Rajah von Bong aufzuklären, dessen Armbanduhr verlorenging, würde er zunächst entdecken, daß der Großwesir, oder wie der Kerl heißt, so ein Ding bei Veltheims Tag- und Nachtleihhaus versetzt hat, und dann würde er den Wesir schnappen und gefangensetzen. Aber ein wirklicher Detektiv würde nicht so töricht handeln. Der würde erst folgern, daß die Uhr im Kampf mit einer jungen, schönen Stenotypistin abgerissen wurde, die hinter einer geheimen Tapetentür verborgen sitzt, mit einem Knebel im Munde, vollständig gefesselt und soweit verpackt, daß sie von diesen verdammten Indern nach dem Lapislazulipalast gebracht werden kann. Der alte Cardew, das ist ein Detektiv! Das ist ein Mann, an dem Sie sich ein Beispiel nehmen müssen, Sergeant!«

 

Super zeigte mit dem Ende seines Federhalters bedeutsam auf seinen Untergebenen.

 

»Er kennt sich in der Psychologie aus, er versteht etwas von der Form der Ohren, er weiß, was ein vorstehendes Kinn und ein unsymmetrisches Gesicht bedeuten und wieviel ein Gehirn wiegen kann – und noch viel mehr so schöne Dinge. In Barley Stack hat er eine große Bibliothek, in der nur Bücher über Verbrechen stehen.«

 

Wenn Super erst anfing, von dem ausgezeichneten Amateurdetektiv Gordon Cardew zu sprechen, dann war schwer etwas mit ihm anzufangen. Der Sergeant seufzte leise und respektvoll.

 

»Wollen Sie Sullivan sprechen, Super? Er hat praktisch schon eingestanden, daß er nach Hill Brow kam, um einen Einbruch zu verüben.«

 

Super schaute drohend um sich, dann nickte er plötzlich zum größten Erstaunen Lattimers.

 

»Ich will ihn sehen, lassen Sie ihn hereinkommen.«

 

Der Sergeant erhob sich schnell und verschwand in dem anstoßenden Raum. Einige Minuten später kehrte er mit einem großen, wenig appetitlichen Landstreicher zurück, der sehr verwirrt aussah.

 

»Dies ist Sullivan«, meldete der Beamte.

 

Super legte seine Feder hin, nahm seine Brille ab und schaute den Gefangenen an.

 

»Was hast du da vorhin erzählt …, daß dieser Strolch dich nicht nach Hill Brow hineinließ?« fragte er unerwartet. »Und wenn du lügen willst, Sullivan, dann lüge wenigstens so, daß es glaubwürdig erscheint.«

 

»Es stimmt, Super«, sagte der Landstreicher heiser. »Und wenn ich in dieser Minute sterben soll – der schwachsinnige Kerl hat mich beinahe umgebracht, als ich das Fenster öffnen wollte. Und wir hatten doch vorher alles so genau ausgemacht – er sagte mir sogar die Stelle, wo der Amerikaner sein Geld aufbewahrt. Und wenn ich diesen Augenblick sterben soll …«

 

»Das wirst du nicht tun – Landstreicher sterben überhaupt nicht«, bemerkte Super bissig. »Sullivan? Jetzt weiß ich Bescheid. Du bist doch damals wegen Raubes zu drei Jahren verurteilt worden … Lukas Markus Sullivan – ich erinnere mich genau an deine Heiligennamen!«

 

Lukas Markus bewegte sich unruhig hin und her, aber bevor er widersprechen und seine Unschuld beteuern konnte, fuhr Super fort: »Was weißt du von diesem verrückten Landstreicher?«

 

Sullivan wußte nur wenig. Er hatte ihn in Devonshire getroffen, hatte aber schon vorher durch andere ›Ritter‹ der Landstraße von ihm gehört.

 

»Er ist nicht ganz richtig im Kopf, Super, das sagen alle. Er geht im Land umher und singt vor sich hin, er schließt sich keiner größeren Gesellschaft an und führt so merkwürdige Reden – so vornehmes Zeug – und dann spricht er immer in fremden Sprachen.«

 

Super lehnte sich in seinen Stuhl zurück.

 

»Das hast du nicht aus den Fingern gesogen, dazu hat dein Gehirn nicht das nötige Gewicht. Wo hat er denn seine Bleibe?«

 

»Er kampiert überall. Aber ich glaube, daß er doch irgendwo eine feste Wohnung hat, wahrscheinlich in der Nähe des Meeres. Als ich die eine Woche mit ihm zusammen auf der Straße wanderte, fragte er mich öfters, ob ich Schiffe gern hätte, und dann erzählte er mir, daß er ihnen ganze Tage lang auf der See zuschaute und feststellte, welche nicht untergehen könnten. Er ist wirklich verrückt. Nachdem wir ausgemacht hatten, daß wir in das Haus einbrechen wollen – was meinen Sie, was er zu mir gesagt hat? Er hat mich angefahren, als ob er ein böser Hund wäre. ›Fort‹, sagte er – genauso, wie ich es jetzt sage, Super –, ›fort, deine Hände sind nicht rein genug, um …‹, und dann kam noch etwas von Gerechtigkeit … der ist verrückt.«

 

Der Oberinspektor sah den Mann lange Zeit an, ohne zu sprechen. Sullivan war es nicht wohl dabei.

 

»Dir bleiben die Lügen ja im Hals stecken«, meinte Super schließlich. »Du kannst die Wahrheit gar nicht sagen, du hast so sonderbare Augen! Bringen Sie ihn wieder hinter Schloß, und Riegel, Sergeant – wir werden ihn hängen!«

 

Super schaute düster und bewegungslos auf das Tintenfaß und hielt den Federhalter in der Hand. Sullivan saß wieder in seiner Zelle, und der Sergeant hatte sein Mittagessen noch nicht ganz beendet, als Super sich wieder erhob. Er schnitt ein Gesicht, als ob er Schmerzen empfände, zog die Pantoffeln aus, die er unweigerlich während der Bürostunden trug, und zog mit einem Seufzer seine zerrissenen Stiefel an.

 

Lattimer war beim Pudding, als sein Vorgesetzter in das Beamtenzimmer trat.

 

»Wissen Sie irgend etwas über diesen Amerikaner Elson? Bleiben Sie aber ruhig sitzen und essen Sie weiter.«

 

»Man sagt, daß er sehr reich sei.«

 

»Das habe ich auch schon herausgebracht«, meinte Super. »Wenn ein Mann in einem großen Haus lebt, drei Autos und zwanzig Dienstboten hat, dann kann ich mir an meinen fünf Fingern abzählen, daß er in den besten Verhältnissen lebt. Ich werde ihn jetzt aufsuchen.«

 

Super hatte ein Motorrad, das in der ganzen Gegend verrufen war. Es verhielt sich zu einem anständigen Motorrad wie etwa eine Spelunke zum Buckingham-Palast. Jedes Frühjahr nahm er seine Maschine fast vollständig auseinander, und während Sergeant Lattimer bestürzt zuschaute, reinigte er sie und setzte sie wieder zusammen. Und dann gab er ihr ein ganz anderes Aussehen, denn er hatte eine Vorliebe dafür, die Farbe der alten Maschine zu ändern. Einmal erstrahlte sie in einem leuchtenden Grün, ein andermal war sie feuerrot. In einem Jahr hatte er sie sogar weiß und die Speichen himmelblau angestrichen. Er konnte an keinem Farbengeschäft vorbeigehen, ohne sich neue Emaillefarben zur Verschönerung seines Rades zu kaufen. In dem kleinen Schuppen hinter seinem Haus standen die Farbtöpfe reihenweise auf den Wandbrettern. An das Kriegsjahr, in dem er ein Dutzend kleiner Probenäpfe dazu benützte, seiner Maschine einen Tarnanstrich zu geben, erinnern sich noch sämtliche Polizeibeamten Londons.

 

Aber es war immerhin noch ein brauchbares Motorrad. Der Zweizylinder war wunderbarerweise außerordentlich leistungsfähig und machte eine große Geschwindigkeit möglich. Die früher blanken Teile der Maschine waren längst mit Farbe übermalt, der Sitz war mit vielen Lederstrippen repariert, und die Reifen hatten ein so auffälliges Muster, daß selbst das kleinste Kind in einem Dorf, wenn es nur die Spuren des Rades sah, sagen konnte, daß Super vorbeigekommen und in welcher Richtung er gefahren war.

 

So ratterte er denn seinen Weg entlang bis nach Dewlag Hill und fuhr an der hohen, roten Ziegelmauer von Hill Brow vorbei. Dann stieg er ab, stieß das Tor auf und ging zwischen den Ulmen durch, die die Zufahrt zu dem Haus von Mr. Elson einfaßten. Er lehnte sein Motorrad an einen Baumstamm, ging langsam zu dem großen Gebäude, stieg die breiten Stufen empor und blieb in der offenen Eingangshalle stehen. Sie war leer, aber er hörte die Stimmen einer Frau und eines Mannes. Der Schall drang aus einem Raum, der mit der Halle in Verbindung stand. Der Türflügel war nur angelehnt. Plötzlich sah er vier kürze, dicke Finger um die Kante der Tür greifen. Er schaute sich nach einer elektrischen Klingel um und bemerkte, daß sie in der Mitte des Haustores war. Er ging eben darauf zu, um auf den Knopf zu drücken …

 

»Heirat, aber sonst nicht, Steve! Ich bin lange genug zum Narren gehalten worden. Versprechen, Versprechen – immer nur Versprechen … Ich werde krank, wenn ich nur davon höre! Geld! Was bedeutet mir das? Ich bin ebenso reich wie Sie …«

 

In diesem Augenblick wurde die Tür ganz geöffnet, und Super konnte die Frau sehen. Er erkannte sie, obgleich sie ihm den Rücken zukehrte. Es war Hanna Shaw, die unfreundliche Hausdame von Barley Stack. Einen Augenblick schaute er verwundert auf die Gestalt, schlüpfte dann leise zur Tür, stieg schnell über das Geländer der Treppe und verschwand. Hanna hatte nicht einmal seinen Schatten bemerkt. Aber um ganz sicher zu sein, daß seine Anwesenheit nicht bekannt wurde, schob Super sein Motorrad erst einen Kilometer weit, bevor er es wieder bestieg.

 

Kapitel 20

 

20

 

Sergeant Lattimer wartete die Dunkelheit ab, ehe er seine Wohnung verließ. Er machte einen Umweg durch einsame Straßen und näherte sich langsam dem Haus des Amerikaners. Er ging nicht durch die Vordertür, sondern er benutzte eine kleine Öffnung in der Hecke, die er genau kannte. Nachdem er sich durch das Dickicht hindurchgezwängt hatte, kam er zu der kleinen grünen Pforte in der Mauer. Diesmal war Mr. Elson nicht anwesend, um ihn zu erwarten, noch war seine Gegenwart nötig. Lattimer steckte einen Schlüssel ins Schloß, trat ein, schloß wieder hinter sich zu, und nach einem kurzen Umhersehen eilte er vorsichtig über den Kiesweg zum Haupteingang. Er klopfte nicht. Er hatte etwas vor, das er schnell erledigen wollte. Aus seiner Tasche nahm er ein Stück weißes, auf der Rückseite gummiertes Papier, feuchtete es an und drückte es gegen, das mittlere Paneel der Eingangstür. Als das geschehen war, ging er halb um das Haus herum und kam zu zwei Türfenstern, die sich auf den Rasenplatz öffneten. Er klopfte leise. Eine Zeitlang kam keine Antwort. Als er wieder klopfte, hörte er das Rücken eines Stuhles und bemerkte, wie die schweren Vorhänge beiseite gezogen wurden. Elsons erschrockenes Gesicht sah ins Dunkle.

 

»Sie sind es?« grollte er.

 

»Ja, ich«, erwiderte Lattimer lakonisch. »Sie können Ihren Revolver einstecken, es will Ihnen niemand etwas tun.«

 

Er zog die Vorhänge dicht hinter sich zusammen, fiel in einen Stuhl und langte mechanisch nach der offenen Zigarrendose.

 

»Super ist in die Stadt gegangen«, sagte Lattimer.

 

»Meinetwegen kann er in die Hölle gehen«, knurrte Elson.

 

Die Anzeichen seiner schweren Trunkenheit waren deutlich sichtbar. Sein Gesicht war kaum wiederzuerkennen. Seine Hände und seine Lippen zitterten bei dem geringsten Anlaß.

 

»Ich darf wohl Sagen – Super geht überallhin, wenn es sich um einen interessanten Fall handelt.«

 

»Er sollte vorsichtiger sein«, begann der Mann laut; aber Lattimers erhobene Hand und sein erschrockener Gesichtsausdruck dämpften seine Stimme.

 

»Es ist nicht notwendig, deshalb ein Geschrei zu erheben.«

 

»Ich habe nichts damit zu tun.«

 

»Vielleicht denkt er das«, sagte Lattimer und biß das Ende der Zigarre mit seinen starken Zähnen ab. »Sie wissen nie, was Super denkt. Ich bin neugierig, ob er mich verdächtigt. Er gab mir heute morgen eine lange Lektion über den Vorteil des Bekehrens von Kronzeugen.«

 

Elson feuchtete seine Lippen an.

 

»Ich sehe nicht ein, was das mit Ihnen oder mit mir zu tun hat«, begann er.

 

»Wir wollen nicht ins Persönliche kommen«, sagte Lattimer nachlässig. »Ich werde einen kleinen Schluck Whisky nehmen, der ganze Rest bleibt Ihnen – haben Sie heute ein Freudenfeuer angezündet?«

 

»Wie? Was meinen Sie?«

 

»Ich sah Ihren Schornstein rauchen. Es ist doch wohl zu warm, um zu heizen.«

 

Elson antwortete nicht gleich.

 

»Ich habe eine Menge altes Zeug weggeschafft«, sagte er dann kurz.

 

Sie rauchten fünf Minuten lang schweigend.

 

»Sie waren heute morgen in der Stadt«, stellte Lattimer fest.

 

Der Mann sah ihn mißtrauisch an.

 

»Ich wollte einmal aus diesem verfluchten Nest heraus. Ich kann doch wohl noch in die Stadt gehen, nicht wahr?«

 

»Was für eine Kabine haben Sie bekommen?«

 

Elson sprang entsetzt auf.

 

»Vermutlich nahmen Sie nicht die direkte Linie nach New York?«

 

»Woher wissen Sie das?« keuchte Elson.

 

»Ich vermutete es. Ich habe schon lange das Gefühl. Und natürlich bedrückt es mich«, sagte Lattimer lässig, »wenn ich sehe, daß mir eine Einkommensquelle versiegt.«

 

»Ich dachte, Sie nannten mein Geld ›Darlehen‹«, grinste Elson. »Ich möchte wissen, warum ich Ihnen überhaupt etwas gab.«

 

»Ich bin nützlich. Ich mag am nächsten Sonnabend noch nützlicher sein. Natürlich können Sie niemand brauchen, der weiß, daß Sie das Land verlassen wollen. Ich vermute, Sie sind in Kanada sicherer …«

 

»Ich bin überall sicher«, rief Elson heftig. »Ich sage Ihnen, ich habe nichts mit der Polizei zu tun.«

 

»Das haben Sie mir schon so oft erzählt, daß ich es beinahe glaube. Nur heraus damit, Elson, warum so eilig?«

 

»Ich habe England satt«, sagte Elson mürrisch. »Seit Hanna tot ist, bin ich mit den Nerven fertig. Sagen Sie, Lattimer, was ist aus diesem Landstreicher geworden?«

 

»Dem Burschen, den Super aufgriff? Ach, der ist irgendwo in London. Warum?«

 

»Ich weiß nicht – es interessierte mich nur«, sagte Elson heiser. »Ich sah ihn in meinem Garten an jenem Morgen, an dem er eingefangen wurde – mein Chauffeur war auf der Straße, als Minter ihn fing. Diese Sorte von Landstreichern ist mir unheimlich. Er ist doch verrückt, nicht wahr?«

 

»Verrückt? Ja, ich glaube – wenigstens Super glaubt es. Ich habe nicht die Erlaubnis, etwas zu denken, wenn Super in der Nähe ist.«

 

»Hören Sie, Lattimer« – Elson beugte sich vor und dämpfte seine Stimme zu einem heiseren Flüstern – »Sie kennen das Gesetz dieses Landes … niemand achtet darauf, was ein verrückter Bursche sagt, nicht wahr? Ich meine, die Richter? Gesetzt den Fall, er erzählt etwas – er verleumdet Menschen oder so etwas? Man würde doch nicht darauf achten, nicht wahr?«

 

Lattimer sah ihn durchdringend an. »Warum erschrecken Sie so?« fragte er.

 

»Ich erschrecke nicht«, keuchte Elson. »Ich bin nur neugierig. Ich habe eine Erinnerung, als ob ich diesen Burschen in Amerika irgendwo getroffen hätte. Mag sein in Arizona. Ich war Farmer und beschimpfte ihn – das habe ich mit vielen Leuten gemacht. Sie verstehen, was ich meine? Das ist das einzige, worüber ich besorgt bin.«

 

Er log, und Lattimer wußte, daß er log.

 

»Ich glaube nicht, daß sie groß Notiz von dem nehmen, was ein Verrückter sagt – ich hoffe, sie werden es nicht tun. Aber er wird nicht mehr lange verrückt sein. Super erzählt mir, daß er operiert werden soll und daß große Hoffnung auf seine Wiederherstellung besteht.«

 

Elson sprang auf, sein Gesicht zuckte.

 

»Das ist eine Lüge! Eine Lüge! Er kann nicht recht haben! Gott, wenn ich das gewußt hätte! Wenn ich das gewußt hätte!«

 

Lattimer beobachtete ihn unentwegt. Kein Muskel seines scharfen Gesichtes regte sich.

 

»Ich dachte es mir. Das ist der Mann, der Sie in der Hand hat. Sie können aber ruhig sein: Es wird Tage und Wochen dauern, bevor John Leigh reden kann – wenn er überhaupt jemals redet.«

 

Elson wurde ruhiger, und es fiel ihm etwas in Lattimers Ton auf, als er sich zu der halbleeren Whiskyflasche wandte.

 

»In welchem Verhältnis stehen Sie zueinander?«

 

Der Sergeant zuckte die Schultern.

 

»Ich habe nichts mit ihm zu tun.«

 

Elson bewegte sich nicht. Sein aufgedunsenes Gesicht war Lattimer zugekehrt.

 

»Nehmen wir an, daß er nicht so verrückt ist, wie Sie glauben. Man sagt, daß er in einer Höhle oder so etwas oben bei den Klippen in der Nähe von Beach Cottage gehaust hat. Es ist doch sehr leicht möglich, daß er nicht weit entfernt war, als Hanna dort hinausfuhr. Was denken Sie darüber?«

 

Lattimer lachte und blies eine Rauchwolke zur Decke empor.

 

»Was würden Sie dazu sagen?« fragte er dann eindringlich.

 

»Sie haben unrecht, wenn Sie glauben, daß ich irgend etwas mit Leigh zu tun habe. Natürlich habe ich von ihm gehört, aber ich habe ihn niemals gesehen, bis Super ihn verhaftete – ich wußte selbst nicht, daß er verhaftet war, als ich ihn sah. Er saß mit Super im Büro und trank Tee.«

 

Elson hob die Hand, um ihn zum Schweigen zu bringen, und lauschte angestrengt. Plötzlich zog er seine Uhr.

 

»Meine Dienerschaft kommt zurück«, sagte er.

 

»Kommt jemand hier herein?«

 

»Nein, nur wenn ich läute.«

 

Aber während er noch sprach, klopfte es schon an der Tür. Lattimer erhob sich schnell und schlüpfte hinter die Fenstervorhänge, als Elson zur Tür ging und aufschloß. Es war der Diener.

 

»Entschuldigen Sie, Sir«, sagte er, »ich wollte Sie nicht stören …«

 

»Nun ja, aber warum haben Sie mich dann gestört?« fragte Elson.

 

»Ich weiß nicht, Sir, ob Sie den Zettel an der Tür gesehen haben. Ich konnte ihn nicht abreißen, denn er ist mit der ganzen Fläche angeklebt.«

 

»Ein Zettel an der Tür?« fragte Elson mit veränderter Stimme. »Wovon sprechen Sie eigentlich?«

 

Er ging hinter dem Diener her und eilte quer durch die Halle. Die Lichter brannten bereits. Er sah das weiße, viereckige Papier auf der Türfüllung, las es langsam und traute seinen Augen kaum.

 

»Zuerst Hanna Shaw. Sie werden der nächste sein, der stirbt.«

 

Er faßte sich mit der Hand an die Kehle und versuchte zu sprechen, aber er konnte nur ein ängstliches Ächzen und Stöhnen hervorbringen. Er taumelte zu seinem Arbeitszimmer zurück, warf die Tür krachend hinter sich zu und schloß sie ab.

 

»Lattimer«, rief er keuchend. »Lattimer!«

 

Er sah hinter die Vorhänge, aber der Sergeant war bereits auf dem Weg verschwunden, auf dem er gekommen war.

 

Kapitel 21

 

21

 

Von Supers Hinterhof kam der vertraute Spektakel des Motorrades, den alle Leute so gut kannten, die im Umkreis von einem Kilometer wohnten. Einst hatten mehrere gute Freunde und Gönner eine Subskription eröffnet, um Super die neueste und geräuschloseste Maschine zu kaufen. Sie wurde ihm in Gegenwart des Majors und der ganzen Spitzen des Ministeriums überreicht. Es dauerte genau eine Woche, dann war diese schöne Maschine plötzlich verschwunden! Super erzählte den Leuten eine ergreifende Geschichte, wie er mit dem Motorrad Schiffbruch erlitten hatte. Aber es war ein offenes Geheimnis, daß er es auf einer öffentlichen Auktion verkauft und sich von dem Erlös einen Brutapparat für seine Hühner gekauft hatte. Außerdem wurde davon auch Feuerfliege neu angestrichen, und er zahlte noch eine beträchtliche Summe auf der Bank ein.

 

Es war noch sehr früh am Morgen, und die meisten Bürger waren noch nicht auf. Super hatte seine Maschine auf dem Küchentisch vollständig auseinandergenommen und war gerade dabei, ein Stück des Motors zu reparieren, das nur durch sein eigenes Herumbasteln in Unordnung geraten war.

 

Ein Beamter stand in respektvoller Haltung, ebenfalls in Hemdsärmeln, neben ihm. Er verstand etwas von Motoren und Maschinen und wurde deshalb stets bei solchen Gelegenheiten zugezogen, um allem, was Super sagte, seine Zustimmung zu geben. Und in Supers Augen blieb er auch nur so lange eine Autorität in mechanischen Dingen, wie er seinen Ansichten beistimmte.

 

»Lärm ist natürlich, mein lieber Sergeant«, sagte Super, als er mit einem Schlüssel eine Schraube festzog. »Haben Sie schon einmal gehört, daß jemand einen Schalldämpfer für den Donner erfand?«

 

»Nein, Sir.«

 

»Das Schaf blökt, und die Rinder brüllen.«

 

»Ich schlug Ihnen nur vor, sich einen besseren Schalldämpfer für Ihren Motor anzuschaffen«, sagte der Beamte respektvoll.

 

»Das wäre Geldverschwendung, Sergeant. Außerdem lieben alle Leute das Geräusch der Feuerfliege. Sie drehen sich dann nachts in ihren Betten um und sagen: Es ist alles in Ordnung, Super ist unterwegs.«

 

Super ließ seinen Motor Probe laufen, und es drehten sich wirklich viele Leute in ihren Betten um, ohne allerdings über das Geräusch sehr erfreut zu sein.

 

»Aber Super, wäre es nicht unangenehm, wenn ein Dieb, der in eine einzelne Villa einbricht, schon von weitem hört, daß Sie ankommen?«

 

»Die hören überhaupt nicht, wenn ich komme«, sagte Super und schaute seinen Untergebenen groß und erstaunt an. »Das Geräusch dieser Maschine ist wie das Sprechen eines Bauchredners. Sie glauben, es kommt von rechts, während es tatsächlich von links kommt. Aber was ist denn eigentlich heute mit Ihnen los, Sergeant? Sie streiten dauernd mit mir herum. Zum Donnerwetter, man kann ja überhaupt nicht mehr zu Wort kommen!«

 

Infolgedessen schwieg der Sergeant von jetzt ab. Super beendete seine Arbeit zu seiner größten Zufriedenheit, steckte seine Pfeife an, betrachtete den Morgenhimmel und fand das Wetter gut.

 

Nachdem er das Hühnerhaus revidiert und die Eier eingesammelt hatte, ging er hinein, um sich vollständig anzuziehen. Er trocknete sich gerade mit seinem rauhen Badehandtuch ah, als Lattimer sich zum Dienst meldete.

 

»Wo waren Sie eigentlich vorige Nacht, Lattimer?« fragte Super und brummte ihn über die Ecke seines Handtuches an.

 

»Es war meine freie Nacht.«

 

»Wie ich so jung war, da gab es so etwas wie freie Nacht überhaupt nicht«, sagte der alte Mann bissig. »Bringen Sie mir die Post.«

 

Lattimer kam mit einem kleinen Paket amtlicher Briefe zurück.

 

»Das ist eine Rechnung, da ist wieder eine Beschwerde über Feuerfliege, das ist ein Steckbrief, ein Brief von dem durchtriebenen Kerl im Finanzministerium«, murmelte Super vor sich hin, als er Umschlag für Umschlag durch die Finger gleiten ließ. »Und das ist der Brief, den ich haben will.«

 

Es war ein einfacher Briefumschlag, wie Lattimer bemerkte, und er hatte einen gedruckten Kopf, den er nicht lesen konnte.

 

»Hm!« sagte Super, als er den Inhalt überflogen hatte. »Haben Sie schon einmal etwas von Akonit gehört?«

 

»Nein – ist es ein Gift?«

 

»Es ist schon ein bißchen giftig – soviel wie ein Stecknadelkopf würde Sie unter die Erde bringen, Lattimer, obgleich es mich nicht umbringen würde, denn ich bin stärker und robuster als Sie und bringe meine Nächte nicht mit Jazz und Charleston zu und tanze nicht immer gleich mit einem ganzen Dutzend Mädchen herum.«

 

»Ist es der Bericht des Gerichtschemikers?« fragte Lattimer.

 

»Ja. Sie können einmal nachforschen und herausfinden, ob jemand Akonit gekauft hat. Für gewöhnlich wird so etwas nicht gehandelt. Fragen Sie einmal in Scotland Yard nach. Haben Sie noch nichts von Akonit gehört?«

 

Super schloß gerade seinen Kragen und richtete seine verzweifelten Blicke zur Decke.

 

»Nein, das Zeug ist mir unbekannt.«

 

»Ich wette, daß der alte Cardew, dieser berühmte Amateurdetektiv, Ihnen ein Dutzend Fälle an den Fingern aufzählen kann, in denen Leute mit Akonit getötet wurden.«

 

»Leicht möglich«, stimmte Lattimer bei.

 

»Ich kann Giftmörder nicht leiden«, sagte Super vergnügt und band seine Krawatte mit ungewöhnlicher Sorgfalt. »Es ist ungefähr die niedrigste Art von Mördern, und außerdem gestehen sie niemals ihre Tat ein. Wissen Sie das, Lattimer? Ein Giftmörder gesteht niemals, selbst wenn ihm schon der Strick ums Genick gelegt ist.«

 

»Ich wußte das nicht«, sagte Lattimer geduldig.

 

»Ich möchte aber wetten, daß der alte Cardew es weiß. Und ich wette obendrein, daß er Bücher über Mörder und Giftmorde hat, daß Ihnen die Haare zu Berge stehen. Ich muß mir doch tatsächlich ein Abonnement für eine wissenschaftliche Bibliothek zulegen. Ich bin so weit hinter meiner Zeit zurück, daß ich mich bei der erstbesten Gelegenheit blamieren kann.«

 

Er erledigte seine amtliche Korrespondenz in äußerst kurzer Zeit. Dann bestieg er seine Maschine, um verschiedene wichtige Besuche zu machen. Sie wären vielleicht nicht wichtig gewesen, aber Super hielt sie eben für wichtig. Eine Viertelstunde lang war er in der Telefonzentrale und fragte den Leiter der Station aus. Dann verbrachte er ungefähr zwei Stunden auf der Polizei in High Street und erwarb sich in dieser Zeit eine außerordentliche Kenntnis über verschiedene Arten von Schreibpapier, Wasserzeichen und anderen Erkennungszeichen. Danach informierte er sich kurz in einem Schreibmaschinengeschäft. Als er dann aber weit von seinem Bezirk entfernt die Seitenstraßen durchwanderte, die vom Strand abzweigen, begannen erst seine eigentlich wichtigen Nachforschungen.

 

Jim sah ihn zufällig, als er mit Elfa zum Green Park fuhr. Zu seinem Mißvergnügen bestand sie darauf, daß er anhielt. Sie fuhren ungefähr hundert Meter zurück, um den weit ausschreitenden alten Super einzuholen.

 

»Wir fahren nach Kensington Garden, wollen Sie nicht mitkommen?« fragte sie.

 

Super drehte sich nach dem Wagen um.

 

»Ich glaube nicht, daß junge Leute meine Gegenwart lieben, Miss Leigh. Ich bin niemals ein Spielverderber gewesen und gehöre nicht zu den Menschen, die jungen Liebesleuten im Wege sein wollen.«

 

»Unsere Herzen sind zwar jung«, sagte Elfa, »aber sie lieben sich nicht.« Sie wurde sehr rot dabei. »Mr. Ferraby ist nur immer sehr freundlich zu mir.«

 

»Wer würde nicht freundlich zu Ihnen sein?« fragte Super. »Sind Sie denn auch sicher, daß Mr. Ferraby nichts dagegen hat?«

 

»Warum sollte er denn etwas dagegen haben?«

 

Super stieg zögernd ein.

 

»Ich sagte gerade, daß. es mir sehr fernliegt, zu stören, wenn zwei junge Leute allein sein wollen.«

 

»Wir sind sehr erfreut, Sie zu sehen, Super«, sagte Jim etwas steif.

 

»Ich bin der Meinung, daß junge Leute noch viel Zeit haben, sich in die Augen zu schauen, sich an den Händen zu halten und so weiter. Und man braucht nicht gerade den Kopf zu verlieren, wenn irgend so ein alter Onkel ins Zimmer kommt, ohne vorher zu husten oder anzuklopfen. Ich selbst bin niemals verliebt gewesen«, sagte er ganz traurig. »Ich habe früher einmal so eine Affäre mit einer Witwe gehabt – habe ich Ihnen jemals von dieser temperamentvollen Dame erzählt?«

 

»Ich bin überzeugt, daß sie sich sehr nach Ihnen gesehnt hat, als Sie sie verließen«, meinte Jim etwas boshaft.

 

»Das hat sie auch wirklich getan. Sie hat sich nur zollweise an unsere Trennung gewöhnt. Und dann möchte ich noch bemerken, daß der Teller, den sie mir an den Kopf warf, haarscharf vorbeiging.«

 

Es war das erste und einzige Mal, daß er die Art und Weise erwähnte, wie er mit seiner temperamentvollen Witwe auseinanderkam.

 

»Ich bin dafür, daß die Menschen sich in jungen Jahren heiraten. Wenn sie alt genug geworden sind, um sich scheiden zu lassen, haben sie sich schon so aneinander gewöhnt, daß sie es bleiben lassen.«

 

»Heute abend sind Sie aber sehr lustig aufgelegt«, sagte Jim und mußte trotz seiner schlechten Stimmung lachen.

 

»Ich bin niemals lustig um diese Tageszeit.«

 

Als sie an der Wache im Hyde Park vorbeifuhren, stand der Posten stramm und präsentierte das Gewehr. Super zog feierlich den Hut und dankte.

 

»Er grüßte doch den Offizier auf der anderen Seite«, erklärte Elfa. Super schüttelte traurig den Kopf.

 

»Ich dachte, man würde mich auf meine alten Tage doch noch anerkennen. Man müßte eigentlich jedesmal die Kirchenglocken läuten, wenn ich nach London komme.«

 

Bei der dritten Tasse Tee erwähnte er so nebenbei, warum er zur Stadt gekommen war, und sagte plötzlich in seiner charakteristischen, sprunghaften Weise: »Miss Leigh, der Kuchen ist vorher präpariert worden. Ich will Ihnen nichts vormachen, Sie würden mir ja doch nicht glauben.«

 

»Er war also vergiftet?« fragte sie und wurde blaß. Super nickte.

 

»Ich glaube, daß Ihr Vater einen Feind hat, der nicht wünscht, daß er wieder zu Verstand kommt. Es ist möglich, daß er zu viele Dinge von seiner kleinen Höhle aus sah. Vermutlich war es aber etwas, bevor er – bevor sein Geist Schaden litt. Wenn Sie mich fragen, wer es tat, so kann ich Ihnen darauf keine Antwort geben, weil ich Ihnen das nicht sagen darf. Und wenn ich es Ihnen auch wirklich sagte, so hätte ich doch noch keinen Beweis dafür und könnte den Mann nicht verhaften.«

 

Seine Blicke wanderten über die Nachbartische.

 

»Als ich ein junger Beamter war, wäre es mir nie eingefallen, wie ein feiner Herr herumzulaufen und Eiscreme zu essen.« Der Übergang von einem Gegenstand zum andern war so plötzlich, daß Elfa bestürzt war. Aber Jim, der Supers merkwürdige Gewohnheiten kannte, folgte seinen Blicken. An einem der äußeren Tische sah er ein bekanntes Gesicht.

 

»Haben Sie Lattimer hierher bestellt?«

 

Super schüttelte den Kopf.

 

»Eiscreme essen«, sagte er entrüstet. »Wie ein junges Mädchen! Als ich in dem Alter war, habe ich kameradschaftlich ein oder mehrere Glas Bier getrunken.«

 

»Hat er Sie gesehen?« fragte Jim mit leiser Stimme.

 

»Sicher hat er mich gesehen. Dieser Lattimer sieht alles. Er ist so ähnlich wie die bekannte Spinne mit den vierzig Millionen Augen.«

 

Aber wenn Lattimer ihn auch gesehen hatte, so ließ er sich doch nichts merken. Er aß seelenruhig sein Eis und genierte sich nicht im mindesten, als Super aufstand, zu ihm hinkam und ihm gegenüber Platz nahm. Jim bemerkte, wie der alte Mann auf ihn einsprach. Nach seinem Gesichtsausdruck zu urteilen, war Super in seiner bissigsten Gemütsverfassung.

 

Als er zurückkam, rief Lattimer den Kellner, zahlte und verschwand etwas plötzlich.

 

»Ich habe ihm die striktesten Anweisungen gegeben, die Wache nicht zu verlassen – und hier ißt er Eiscreme wie ein Backfisch! Haben Sie eine Uhr bei sich, Mr. Ferraby? Ich habe keine. Früher hat man einmal davon gesprochen, daß man mir eine verehren wollte, aber dieser Plan kam nicht zur Ausführung. Wenn Sie noch eine alte Uhr haben, die Sie nicht brauchen, so können Sie sie mir geben.«

 

Als Jim die genaue Zeit gesagt hatte, stand er auf.

 

»Ich muß nun gehen. Ich habe Feuerfliege in der Bayswater Road stehen, das ist ja nur ein paar Schritte von hier.«

 

Mit einer kurzen Verbeugung vor Elfa war er gegangen, bevor sie auch nur eine von den Fragen an ihn richten konnte, die sie sich zurechtgelegt hatte.

 

Von ihren Plätzen aus konnten sie die Straße und die Brücke überschauen, die über den See führte. Als Super fortging, sah Jim einen Mann quer über die Straße gehen und ihm in respektvoller Entfernung folgen. Es war Lattimer.

 

»Ich bin nur neugierig, was Lattimer eigentlich macht. Super sagte doch, daß er ihn zur Polizeiwache zurückgeschickt hat, aber er scheint den Befehl nicht so schnell ausführen zu wollen.«

 

Die beiden blieben noch eine halbe Stunde sitzen und plauderten sorglos miteinander. Dann gingen sie zum Wagen, der auf der Seite der Straße parkte. Jim war schon eingestiegen, als ihn jemand beim Namen rief.

 

»Entschuldigen Sie, Mr. Ferraby.«

 

Jim schaute sich um, und sein Blick fiel auf ein unbekanntes Gesicht. An den zerrissenen Schuhen und dem verbeulten Strohhut des Mannes sah man deutlich, daß er ein Landstreicher war.

 

»Können Sie sich nicht mehr auf mich besinnen – ich bin Sullivan, der Gentleman, gegen den Sie damals so liebenswürdig waren, in Old Bailey als Staatsanwalt aufzutreten.«

 

»Donnerwetter!« sagte Jim leise. »Sie sind also der Verbrecher, den man eigentlich hätte einsperren müssen?«

 

»Ja, das stimmt«, sagte der andere und ließ sich nicht im mindesten einschüchtern. »Können Sie mir nicht etwas Geld für ein Nachtlogis geben? Ich habe eine Woche lang draußen im Freien geschlafen.«

 

Jim; der wenig Lust hatte, seine Bitte zu gewähren, schaute sich nach einem Polizisten um. Aber anscheinend hatte sich Sullivan schon vorher genau umgesehen, ob jemand von der Polizei in der Nähe war. Jim sah ein Lächeln auf dem Gesicht Elfas und wandte sich zu ihr um.

 

»Dies ist der arme Kerl, über den wir damals gesprochen haben, Elfa. Sie besinnen sich, daß ich die Anklage gegen ihn vertrat?«

 

»Das haben Sie gut gemacht«, sagte Sullivan devot. In diesem Augenblick sah Jim, wie eine berittene Polizeipatrouille um die Ecke bog; aber Sullivan sah sie auch.

 

»Geben Sie mir doch ein paar Shilling«, sagte er plötzlich mit dringlicher Stimme. »Sie helfen mir damit außerordentlich. Das einzige Geld, das ich mir verdienen konnte, war ein Shilling, den ich gestern abend von einem Herrn bekam, weil ich einen Kuchen nach Trafalgar Square brachte.«

 

Die scharf umherblickenden Polizisten kamen näher, und Sullivan wandte sich, um zu entschlüpfen; aber Jim hielt ihn am Arm fest.

 

»Kommen Sie einmal mit, mein Freund. Was ist das für eine Geschichte, die Sie da erzählen, daß Sie einen Kuchen fortgetragen haben? Wer hat Ihnen den gegeben?«

 

»Irgend so ein Mensch – ich habe ihn früher nie gesehen. Er hielt mich plötzlich am Themseufer an und fragte mich, ob ich mir nicht einen Shilling verdienen wollte. Ich will Sie nicht belügen, Sir, es ist wahr. Ich sollte ein Paket für ihn zu dem Botenbüro des Bezirks bringen.«

 

»Haben Sie sein Gesicht gesehen?« fragte Jim schnell.

 

Sullivan schüttelte den Kopf.

 

Die Patrouille war jetzt neben ihnen. Der eine Polizist brachte sein Pferd zum Stehen und schaute mißtrauisch auf den Landstreicher. Jim trat auf die Straße, stellte sich mit ein paar Worten vor und erzählte ihm, was Sullivan soeben mitgeteilt hatte.

 

»Ja, Sir, wir hatten eine entsprechende Benachrichtigung in unserem Tagesbefehl«, sagte der Polizist und zeigte auf Sullivan. »Sie können mit mir gehen, und wenn Sie den Versuch machen fortzulaufen, schieße ich Sie über den Haufen.«

 

An demselben Abend wurde Sullivan Super zur Vernehmung vorgeführt. Super war durchaus nicht mit seinem Bericht einverstanden. Zunächst hatte er das Gesicht des Fremden nicht gesehen, und dann war es ihm auch in keiner Weise möglich, seine Identität auf irgendeine andere Art festzustellen.

 

»Er hat sehr eindringlich mit mir gesprochen. Zuerst dachte ich, er wäre ein Detektiv.«

 

»Sage mir, was du wirklich meinst«, sagte Super milde. »Ich kenne die Redeweise der gewöhnlichen Leute sehr gut. Er benahm sich wie ein Detektiv – meintest du das?«

 

»Ja, die ganze Art und Weise, wie er mir den Auftrag gab, ließ mich das annehmen.«

 

Super sprach mit dem Polizisten, der Sullivan auf der Wache eingeliefert hatte.

 

»Hat man ihn in dem Büro dem Boten gegenübergestellt? Gut, ich erinnere mich, daß Mr. Ferraby sagte, du hättest ihn um Geld für ein Nachtlogis gebeten. Also heute abend bekommst du eins, und es hat noch den großen Vorteil, daß es dich nichts kostet. – Bringen Sie ihn in die Zelle!« sagte Super mit einer freundlichen Handbewegung.

 

Sullivan verließ unter Protest den Raum.