Kapitel 25

 

25

 

Tap, tap, tap! Elfa hörte den Ton im Schlaf und wurde munter. Tap, tap, tap!

 

Sie glaubte, daß der Rolladen vom Wind gegen das Fenster geschlagen würde. Sie war halb im Schlaf, halb im Wachen, und ihr Bewußtsein verlor sich wieder in Schlaf und Traum, als es aufs neue tönte:

 

Tap, tap, tap!

 

Jetzt wurde sie ganz wach und stützte sich auf den Ellbogen. Es war ihr ganz klar, daß der Ton vom Fenster herkam, und die regelmäßigen Abstände, in denen das Geräusch kam, ließen keinen Zweifel darüber, daß es irgendwie absichtlich hervorgerufen sein mußte. Die Nacht war still und lautlos, und kein Luftzug regte sich. Sie ging zum Fenster und zog die schweren Vorhänge zurück. Das untere Fenster stand weit offen, wie sie es am Abend vor dem Schlafengehen verlassen hatte. Sie konnte keine Schnur und keinen Gurt herunterhängen sehen, von dem das Geräusch herkommen konnte. Die Welt draußen lag in tiefer Finsternis.

 

Als sie zum Fenster hinausschaute, hörte sie, wie der Kies knirschte. Ihr Herz schlug wild vor Aufregung, aber dann erinnerte sie sich daran, daß das Haus bewacht wurde.

 

»Sind Sie es, Miss Leigh?« fragte eine leise Stimme.

 

»Ja«, antwortete sie ebenso. »Haben Sie ans Fenster geklopft?« »Nein«, war die verwunderte Antwort. »Haben Sie jemand klopfen hören? Da müssen Sie wohl geträumt haben.«

 

Sie legte sich wieder nieder, aber sie konnte nicht mehr schlafen. Gleich darauf hörte sie es wieder: Tap, tap, tap!

 

Sie stand auf, zog die Vorhänge ganz leise beiseite und horchte in das tiefe Schweigen hinaus. Dann wandte sie sich vorsichtig zum Fenster und lehnte sich hinaus. Sie strengte ihre Augen an, um die Finsternis zu durchdringen.

 

Sie konnte niemand sehen, nur hinten, nach den Bäumen zu, entdeckte sie das dunkle Glühen eines feurigen Punktes. Sie vermutete, daß der Polizeibeamte eine Zigarette rauchte. Wer mochte wohl ans Fenster geklopft haben? Sie lehnte sich etwas weiter hinaus, und dann fiel von oben etwas über ihren Kopf und legte sich um ihren Hals.

 

Noch ehe sie sich von ihrem Schrecken erholen konnte, zog sich die Schlinge um ihren Hals fester zu. Sie langte mit der Hand hinauf, ergriff die Schnur, die sie zu erwürgen drohte, und zerrte wild daran. Aber mit ungeheurer Kraft riß es sie nach oben. Krampfhaft faßte sie mit der anderen Hand nach dem Fensterbrett und klammerte sich an einem Blumenkasten an. Er fiel mit Gepolter zu Boden. Irgendwo aus dem Garten blitzte ein heller Lichtstrahl auf und beleuchtete sie. In diesem Augenblick lockerte sich die seidene Schnur. Elfa taumelte in das Zimmer zurück und fiel halb bewußtlos neben ihrem Bett nieder. Die Schlinge lag noch um ihren Hals.

 

Der Wachtposten vom Garten kam herbeigelaufen, sprang hoch, erfaßte die obere Kante des Fenstersimses, schwang sich in das Zimmer und drehte das elektrische Licht an.

 

Sie schaute in das Gesicht eines Mannes in mittleren Jahren, den sie nicht kannte. Er nahm die Schlinge von ihrem Hals und legte sie auf ihr Bett. Dann ging er wieder zum Fenster und stieß einen schrillen Pfiff mit seiner Trillerpfeife aus.

 

Jim hörte es und war im Nu aus seinem Zimmer. Aus der Richtung des Schalles konnte er hören, daß er aus Elfas Zimmer kommen mußte. Als er die Tür öffnete, sah er, wie der Detektiv, mit dem er am Abend vorher gesprochen hatte, ihr Gesicht mit einem Schwamm wusch.

 

»Kümmern Sie sich um die Dame«, sagte der Beamte kurz, gab ihm den Schwamm, verließ schnell den Raum und lief die Treppe in die Höhe, die unmittelbar gegenüber der Tür mündete. Jim hörte das Geräusch, wie er mit seinen schweren Schuhen in dem Raum, der über dem Zimmer lag, umherging. Dann wurde er vom Garten aus angerufen.

 

»Ist etwas nicht in Ordnung?«

 

Es war Super.

 

Elfa hatte das Bewußtsein wiedererlangt. Jim ging zum Fenster und erzählte mit ein paar Worten,, was er von der seidenen Schnur am Boden und den roten Flecken am Halse Elfas vermutete.

 

»Kommen Sie schnell herunter und lassen Sie mich ins Haus!«

 

Jim eilte die Treppe hinunter, als Mr. Cardew mit einem Revolver in der einen und einer Taschenlampe in der andern Hand aus seinem Zimmer trat.

 

Ferraby hielt nicht an, um ihm eine Erklärung zu geben, sondern schob die Riegel der Haustür zurück und ließ Super ein. Als sie das Zimmer Elfas wieder erreichten, saß sie auf der Bettkante. Sie hatte ihren Morgenrock um die Schultern gelegt. Ihr Hals schmerzte, sie hatte Schwindelgefühle und starke Kopfschmerzen und zitterte an allen Gliedern. Aber sie konnte wenigstens erzählen, was ihr zugestoßen war.

 

Als sie eben zu Ende war, kam der Detektiv, der nach oben gegangen war, zurück. Er hatte eine Bambusstange in der Hand.

 

»Oben ist ein Bodenraum«, sagte er, »von dem aus eine Falltür auf das Dach führt. Das ist alles, was ich gefunden habe. Der Kerl muß damit an das Fenster geklopft haben.«

 

Super kümmerte sich überhaupt nicht um die Bambusstange.

 

»Er klopft an das Fenster, sie schaut hinaus, und er wirft ihr eine Schlinge um den Hals«, flüsterte er. »Und oben ist eine Falltür, damit er entkommen kann. Ich sage Ihnen, dieser Kerl vergißt nichts! Also schnell aufs Dach, hinter ihm her! Haben Sie eine Pistole? Wenn Sie ihn sehen, schießen Sie … Brechen Sie sich aber nicht das Genick, das ist die Sache nicht wert. Ich fürchte, er wird schon entwischt sein, bevor Sie ihre Untersuchung anfangen können.«

 

Cardew war an der Tür und verlangte Einlaß. Mit einem verärgerten und müden Ausdruck ging Super hinaus und erzählte ihm von dem Vorfall.

 

»Der Raum hier oben ist eine Dachkammer und wird nie gebraucht«, erklärte er überflüssigerweise.

 

Super öffnete ihm widerwillig die Tür und erlaubte ihm, näher zu treten.

 

»Kennen Sie das?« fragte er, nahm die rotseidene Schnur auf und zeigte sie ihm. Sie war etwa drei Meter lang, und das Ende war sorgfältig zu einer Schlinge gebunden.

 

Mr. Cardew schüttelte den Kopf.

 

»Ich habe sie niemals vorher gesehen«, sagte er. »Es ist wohl eine altmodische Klingelschnur. Wir haben nur elektrische Glocken im Haus. Sie ist sehr alt …«

 

»Das vermute ich«, unterbrach ihn Super. »Sie können die Art in jedem Laden kaufen. Fühlen Sie sich besser, meine liebe Miss Leigh?«

 

Sie nickte und machte den tapferen Versuch zu lächeln.

 

»Wir werden das Zimmer verlassen, dann können Sie sich anziehen. Ich glaube, es ist besser, wenn Sie nach unten kommen. Es ist drei Uhr, und früh aufstehen schadet niemals etwas.«

 

In dem Augenblick kam der Detektiv zurück, um die Ergebnislosigkeit seiner Nachforschungen auf dem Dach zu melden.

 

»Wo ist Lattimer?«

 

»Er ist auf der anderen Seite des Hauses.«

 

Super sagte nichts weiter. Als sich das Mädchen angekleidet hatte und herunterkam, ging er hinaus auf den Rasen. Plötzlich hörte Jim ein Nachtigallenflöten wie am vorigen Abend.

 

»Ich kann das Schlagen einer Nachtigall täuschend nachahmen«, gab Super bescheiden zu. »Ich habe direkt eine Gabe, Vogelstimmen zu imitieren, aber Nachtigallen sind meine Spezialität … Nachtigallen und Hühner.«

 

Und zu Jims Erstaunen ließ er das Gegacker einer brütenden Henne hören. Bei einer anderen Gelegenheit hätte Jim laut lachen müssen.

 

»Sind Sie das, Lattimer?« rief Super, als der Sergeant zu ihm eilte.

 

Lattimer trat ins Licht.

 

»Jawohl, Sir.«

 

Seine Kleider waren staubig, seine Hose war an dem einen Knie zerrissen, und es fehlte ein Stück Stoff. Jim sah, daß seine Hände mit Schmutz und Ruß bedeckt waren.

 

»Was ist Ihnen zugestoßen, Lattimer?«

 

»Ich fiel herunter … ich war in solcher Eile«, sagte er kaltblütig.

 

»Haben Sie jemand oder etwas gesehen?« fragte Super.

 

»Nein, ich hörte nur Geräusche im Haus, aber ich wußte, daß Sie irgendwo hier in der Gegend waren. So dachte ich, es wäre besser, draußen zu warten für den Fall, daß jemand versuchen sollte, im Dunkeln durch das Gehölz zu entkommen.«

 

Jim erwartete, daß der Oberinspektor sein Verhör mit Lattimer fortsetzen würde, aber zu seinem Erstaunen geschah das nicht. Super gab ihm einen Befehl und ging dann wieder in das Arbeitszimmer, wo Elfa einen Spirituskocher ansteckte.

 

Der junge Mann war sehr unzufrieden und machte sich selbst auf die Suche. Er ging aus dem Haus, nahm eine der beiden Laternen vom Tisch in der Eingangshalle und besichtigte dann das Haus von außen. Er war noch nicht weit gegangen, als er eine merkwürdige Entdeckung machte. An der Hinterseite lehnte eine lange Leiter, und als er mit seiner Lampe nach oben leuchtete, sah er, daß sie bis zum Dach reichte. Auf der Seite der Leiter hing etwas herunter. Er stieg zwei Sprossen in die Höhe und sah, daß es ein Stück Tuch von unregelmäßiger Form war. Es war an einem vorstehenden Nagel an der Seite hängengeblieben. Er hatte gesehen, daß Lattimer einen dunkelgrauen Anzug mit einem leichten Karomuster trug, das im künstlichen Licht besser zur Geltung kam als am Tag, und dieses Stück Stoff war nicht nur vom selben Muster, sondern entsprach auch in Größe und Form genau dem Loch, das Lattimers Hose am Knie zeigte! Er steckte es in seine Tasche, ging nach dem Haus zurück, rief Super heraus und erzählte ihm, was er gefunden hatte. Der Oberinspektor hörte ihm zu, ohne ihn zu unterbrechen, und ging mit ihm zu der Seite, wo die Leiter stand.

 

»Das ist sicher sehr seltsam«, meinte er schließlich. »Aber es ist möglich, daß Lattimer die Leiter gesehen hat und hinaufstieg, um festzustellen, welche Bewandtnis es damit habe.«

 

»Das hat er aber doch nicht gesagt.«

 

»Nein, das hat er nicht gesagt, das gebe ich wohl zu. Ich werde mich um die Sache kümmern, Mr. Ferraby, und ich möchte Sie bitten, nichts hierüber zu den anderen zu sagen. Es ist sicher auffallend und sehr verdächtig, aber ich glaube doch, daß meine Vermutung richtig ist. Es war doch seine Pflicht, die Leiter und alles, was damit zusammenhing, zu untersuchen.«

 

»Aber er kam doch gar nicht aus der Richtung, wo die Leiter stand, sondern von der Pflanzung her«, sagte Jim hartnäckig.

 

Super rieb sein Kinn.

 

»Das ist gewiß verwunderlich«, gab er wieder zu und wiederholte seine Warnung. »Ich komme womöglich noch um das Vergnügen, den Fall aufzuklären«, fuhr er fort. »Es treten Zwischenfälle ein, mit denen ich nicht rechnete, und ich verstehe auch nicht, warum sie sich ereignen. Wenn ein Mann erst auf die abschüssige Bahn gerät, wird es immer schlimmer mit ihm. In einer halben Stunde wird der Morgen dämmern, dann ist die Gefahr für diese Nacht wohl vorüber.«

 

Er ging in die Bibliothek, ließ sich von Elfa Kaffee einschenken und setzte sich in einen niedrigen Sessel.

 

»Ich werde Ihnen etwas erzählen, was Sie sehr freuen wird«, sagte er zu ihr.

 

»Erzählen Sie es doch bitte schnell«, bat sie überrascht. »Was wollen Sie mir denn mitteilen?«

 

»Die Operation Ihres Vaters war ein großer Erfolg.«

 

Sie sprang auf die Füße, wurde rot vor Freude, dann wieder blaß.

 

»Die Operation ist schon vorüber – aber sie sollte doch erst nächste Woche vorgenommen werden?«

 

»Sie fand gestern abend statt«, sagte Super. »Ich habe mit den Ärzten abgemacht, daß Sie nichts erfahren sollten, bis alles vorüber sei. Aber ich dachte, Sie hätten es erraten, als mir die Oberschwester erzählte, daß Sie einen Brief für ihn zurückgelassen haben, den er lesen sollte, sobald er dazu imstande sei.«

 

»Aber ich habe keinen Brief zurückgelassen«, sagte sie schnell, »und ich hatte auch keine Ahnung, daß die Operation schon gestern abend sein sollte.«

 

Supers Augen wurden klein.

 

»Sie haben keinen Brief …«

 

Er langte nach dem Telefonhörer und wählte eine Nummer.

 

»Sie ist zu Bett? Wecken Sie die Dame auf und sagen Sie ihr, daß Polizeioberinspektor Minter sie jetzt sprechen muß.«

 

Er wartete mit dem Hörer am Ohr und schaute ins Leere. Elfa sah, wie sich sein Gesichtsausdruck veränderte.

 

»Sind Sie es, Miss Mud? Würden Sie so freundlich sein, den Brief, den Miss Leigh für ihren Vater hinterließ, zu öffnen und mir den Inhalt vorzulesen … Nein, das ist alles in Ordnung, ich habe ihre Erlaubnis dazu eben bekommen.«

 

Er wartete. Elfa sah, wie er nickte.

 

»Ach … Danke Ihnen«, sagte er endlich. »Ja, bewahren Sie den Brief für mich auf.«

 

Dann legte er den Hörer wieder auf.

 

»Was stand denn in dem Brief?« fragte Elfa.

 

»Es hat sich jemand einen Spaß erlaubt, denke ich. In dem Brief stand:›Herzliche Grüße. In aller Liebe Deine Elfa.‹ Das ist alles.«

 

Super sprach aber nicht die Wahrheit. Der Brief bestand nur aus einer Zeile, die so lautete:

 

»Ihre Tochter wurde in der vorigen Nacht erdrosselt.«

 

Dieser Kerl denkt an alles, dachte Super voll Bewunderung.

 

Kapitel 26

 

26

 

Mr. Cardew hatte einen Entschluß gefaßt. Er wollte sein Haus abschließen, seine Diener entlassen und entweder eine Wohnung in der Stadt mieten oder den Rest des Sommers auswärts zubringen.

 

»Das scheint mir eine sehr gute Idee zu sein; Sie können nicht schnell genug gehen«, meinte Super, als er es ihm erzählte. »Ich glaube, es wäre das beste, wenn Sie schon heute abend das Haus verließen.«

 

»Ich glaube nicht, daß ich schon heute abend fort kann, ich habe noch zu packen …«

 

»Ich werde Ihnen mehrere Leute zur Verfügung stellen, die Ihnen helfen können«, entgegnete Super.

 

»Ich will diese Nacht noch hier bleiben«, entschied sich der Anwalt, nachdem er eine Weile überlegt hatte. »Vielleicht speisen Sie heute mit mir zu Abend?«

 

»Das kann ich leider nicht, ich erwarte einen meiner Freunde.«

 

»Bringen Sie ihn doch mit.«

 

Super zögerte.

 

»Ich glaube, das ist nichts für Sie. Der Mann ist nicht gerade sehr vornehm, aber ich bewundere ihn doch. Er streitet sich nicht mit mir herum, er ist auch nicht schlau, und wenn jemand sich nicht mit mir herumzankt und nicht schlau ist, dann ist er nach meinem Herzen.«

 

»Super, ich habe Sie noch nicht um Ihre Ansicht über all diese schrecklichen Dinge gebeten, die sich hier in unserer nächsten Nachbarschaft ereignet und Menschen betroffen haben, die wir gut kennen. Ich möchte Sie heute abend fragen. Bringen Sie doch Ihren Freund auf alle Fälle mit. Mr. Ferraby hat auch versprochen, zu erscheinen.«

 

»Kommt die junge Dame auch?« fragte Super.

 

»Nein, sie wird den Abend mit ihrem Vater verbringen. Wir haben einen Raum für sie in dem Krankenhaus besorgt, so daß sie gleich bei ihm sein kann.«

 

Super nickte.

 

»Sie fragen mich, ob ich mir irgendwelche definitiven Ansichten gebildet habe? Ich habe es getan, und ich habe es auch nicht getan. Ich habe meine bestimmten Ansichten, aber ich habe noch keine Beweise dafür. Und ich kann keine Beweise bekommen, ohne die Beweggründe zu kennen. Denn es ist doch ganz klar, daß dieser Großfuß nicht im Lande herumgeht und die Leute tötet, bloß weil er sie morden will. Das existiert nur in Schauergeschichten und auch nur in den allerschlechtesten. Er versucht auch nicht, junge Mädchen zu erdrosseln, damit der Schreck ihrem Vater wieder den Verstand rauben soll, nur weil er gerne mordet. Wenn man erst anfängt zu lügen, ist man auch gezwungen, das Netz immer weiter zu weben.«

 

»Sie meinen betrügen«, verbesserte ihn Cardew mit einem schwachen Lächeln.

 

»Das ist dasselbe«, sagte Super ungeduldig. »Lügen ist Betrügen, und Betrügen ist Lügen. Das ist ja gerade das, was dem armen Kerl, dem Großfuß, passierte. Er fing an zu betrügen und mußte weiter betrügen. Und jedesmal, wenn es schien, daß jemand sein Geheimnis erraten könnte, zog er seine kleine Pistole heraus, und es war zu Ende mit dem Jemand. Es gibt keine Mörder aus Sport, wie ich sie bezeichnen möchte, ausgenommen die wahnsinnigen. Ein Mann begeht einen Mord aus demselben Grund, wie ein Junge seinen Hals wäscht, weil es eben keinen anderen Weg gibt, der Gesellschaft anzugehören. Und hinter all diesen Verbrechen steht ein Wunsch. Ein schönes Heim, Autos, Soupers mit Champagner und Tänzerinnen und allem, was das Leben begehrenswert macht. Ich kenne einen Mann, der seine Frau vergiftete, weil sie ihn zu Hause nicht rauchen lassen wollte – das ist eine Tatsache. Sehen Sie sich den Fall Armstrong an und lesen Sie den Beweis. Und ich kenne einen anderen Mann, der seinen Bruder umbrachte, weil er Geld brauchte, um wetten zu können. Mord ist das einzige Verbrechen, das die Leute niemals aus sich selbst heraus begehen. Hier fängt man sie. Es ist leicht, einen Mord zu verbergen, aber es ist schwer, die kleinen Verbrechen wegzuräumen, die zu dem Mord führen. Ferraby kommt?«

 

»Ja«, nickte Cardew.

 

»Das ist schön.«

 

»Ich wollte Sie noch etwas fragen, Oberinspektor«, sagte Cardew plötzlich. »Mein Gärtner sagt, daß Sie die Spuren einer Leiter so tief im Gras gefunden haben, daß man sie nicht übersehen konnte.«

 

»Es stand eine Leiter auf der Rückseite des Hauses«, sagte Super vorsichtig. »Ich brachte sie vor Tagesanbruch weg, weil ich niemand damit erschrecken wollte. Ich weiß nicht, woher sie kam, da keine Ihrer Leitern so groß ist. Ich werde Nachforschungen darüber anstellen. Und wegen meines Freundes, Mr. Cardew – er ist wie ich, er wird kein Messer vom andern unterscheiden können, und er wird die Speisen verschütten und die Gläser umkippen. Auch ist er nicht gesprächig.«

 

»Sie tun Ihr Bestes, um mich davon abzuhalten, ihn einzuladen«, lachte der Anwalt. »Aber Sie können ihn mitbringen, ich werde mich freuen, ihn zu sehen.«

 

»Er heißt Wells«, sagte Super abwesend. Er schien auf weitere Fragen gefaßt zu sein, aber Mr. Cardew war offenbar nicht neugierig.

 

Plötzlich schlug sich Minter mit einem ärgerlichen Ausruf auf den Schenkel.

 

»Daß ich das vergessen konnte! Ich lud doch meinen Sergeanten Lattimer auch ein, ihn kennenzulernen!«

 

»Bringen Sie Lattimer auch mit«, sagte der andere freundlich. »Lattimer wird wenigstens wissen, wie man mit Messer und Gabel umgeht. Es kam mir immer so vor, als ob er eine gute Erziehung genossen hat … vielleicht eine zu gute …«, fügte er zögernd hinzu.

 

»Meinetwegen«, brummte Super. »Aber er ist nicht zu gut für die Polizei, Mr. Cardew. Er wird einer der kommenden Männer sein. Er versteht etwas von Anthropologie, und das hat mich sehr verwundert. – Wieviel Zehen hat eigentlich ein Pferd? Lattimer weiß es. Er kann Ihnen auch sagen, welcher Unterschied zwischen den Spuren von Revolverschüssen und vorzeitigen Dynamitexplosionen besteht.«

 

»Oberinspektor, Sie haben mich zum besten! Das kann ich Ihnen nicht gestatten«, sagte Cardew gut gelaunt.

 

Er bestand darauf, am Nachmittag in die Stadt zu gehen, und erklärte sich nur widerwillig damit einverstanden, daß Super ihm einen Polizisten als Begleitung mitgab, der vor dem kleinen Büro in King’s Bench Walk Posten stand, während Mr. Cardew ohne Unterstützung seiner Sekretärin seine Geschäfte besorgte.

 

Er hatte viele Briefe zu schreiben, fand aber doch auch Zeit, nach dem Krankenhaus zu telefonieren und sich dort zu erkundigen. Elfa kam an den Apparat.

 

»Wie fühlen Sie sich?«

 

»Furchtbar müde«, sagte sie. »Ich hatte mich eben hingelegt, als ich hörte, daß Sie anriefen. Sind Sie in der Stadt, Mr. Cardew?«

 

»Ja, ich bin für eine Stunde in meinem Büro, gehe aber abends wieder nach Barley Stack zurück. Morgen werde ich mein Haus zuschließen und für einen oder zwei Monate in London sein. Das bedeutet, fürchte ich, daß unsere Zusammenarbeit nun beendet ist, und ich habe mir erlaubt, Ihnen einen Scheck statt einer Kündigung zu senden. Sie erinnern sich an den nächtlichen Einbruch, der in diesem Büro gemacht wurde? Mir kommt es so vor, als ob das schon ein Jahr her sei.«

 

»Es war aber erst letzte Woche«, sagte das Mädchen.

 

»Ich habe meine ganzen Papiere durchgesehen und weiß nun, was gestohlen wurde und warum es entwendet wurde. Selbst Super wird die Wichtigkeit meiner Entdeckung nicht anzweifeln.«

 

»Aus welchem Grund wurde denn der Einbruch verübt?« fragte sie neugierig. Aber er antwortete ihr nicht auf diese Frage. Als sie in ihren kleinen Raum zurückging, dachte sie bei sich, daß Mr. Cardew zu argwöhnisch sei, ihr seine Entdeckung mitzuteilen, weil er fürchtete, daß sie mit Super darüber sprechen könnte.

 

Cardew trat wieder auf die Straße, warf seine Briefe in einen Kasten, winkte dem Beamten, der ihn begleitete, und stieg wieder in das Auto ein. Er sah nicht, daß Lattimer ihn beobachtete. Aber der Sergeant hatte sowohl seine Ankunft wie seine Abfahrt gesehen und folgte ihm jetzt auch nach Barley Stack. Er saß in einem kleinen Wagen und fuhr so dicht hinter Mr. Cardew her, daß dieser ihn hätte sehen müssen, wenn er sich nur einmal umgedreht hätte.

 

Lattimer hielt nicht vor dem Haus, sondern fuhr etwas weiter und verbarg sein Auto in einem Kornfeld. Erst dann stieg er aus, kam zur Straße zurück und nahm Cardews Spur wieder auf.

 

Er ging sorglos über den Rasen, und der Polizeibeamte, der den Anwalt zur Stadt begleitet hatte, rief ihm vergnügt einen Gruß zu.

 

»Super hat nach Ihnen gefragt, Sergeant.«

 

»Ich war immer in der Nähe«, sagte der andere. »Sie können jetzt gehen.«

 

Er holte sich einen Stuhl und setzte sich in den Schatten eines Maulbeerbaumes. Mr. Cardew sah ihn von dem Fenster seines Arbeitszimmers aus sitzen und schickte ihm eine Kiste Zigarren hinaus. Sergeant Lattimer lächelte und winkte dankend zum Fenster hinauf. Er schien sich über etwas sehr zu freuen.

 

Kapitel 27

 

27

 

»Darf ich Ihnen Mr. Wells vorstellen?« sagte Super großartig.

 

Der kleine Mann; der ungemütlich auf der Ecke eines Stuhles in Supers Büro saß, erhob sich ehrfürchtig und streckte seine große Hand aus. Er war ein bescheidener, ruhiger Mann mit rotem Haar, das schon grau wurde. Er hatte einen geraden Scheitel, und eine große Locke hing über seine Stirn. An seiner langen, silbernen Uhrkette trug er zwei Medaillen. Jim kam es vor, als ob der neue Kragen Mr. Wells sehr unbequem sei.

 

»Wer ist das?« fragte Jim, als er Super einige Minuten allein sprechen konnte.

 

»Er soll ein Hinweis und ein Symbol sein«, sagte Super. »Er ist eine Karte in meinem Spiel. Sein Auftreten bedeutet Unannehmlichkeiten. Möglicherweise muß ich auch drei Monate lang mit meinen Vorgesetzten darüber Briefe wechseln. Aber ich konnte der Versuchung nicht widerstehen und habe ihn zu mir gebeten.«

 

»Ist er ein Detektiv?« Aber als er sich an das Aussehen des Mannes erinnerte, erschien ihm das unmöglich.

 

»Nein, er ist kein Detektiv, er ist mein Freund. Ich habe Cardew schon erzählt, was er ist …«

 

»Nehmen Sie ihn mit zum Essen?« fragte Jim erstaunt.

 

»Gewiß. Ich werde Ihnen auch sagen, warum. Ich wußte es noch nicht, als ich ihn hierherbat. Aber jetzt habe ich es: Cardew wird uns eine neue Theorie vortragen. Nebenbei bemerkt, Sie werden übermorgen ebenfalls zugegen sein müssen bei der neuen Leichenschau. – Ich habe allerhand Achtung vor Cardews Theorien. Aber ich wollte ihm zur selben Zeit zeigen, wo er Fehler macht. Dieser Mann, so möchte ich mich fast ausdrücken, ist das fehlende Glied.«

 

Jim mußte mit dieser etwas merkwürdigen Erklärung zufrieden sein. Er war nicht gerade sehr gerne aus der Stadt gekommen. Höchstens der Gedanke, daß er Cardew durch seine Anwesenheit über die unangenehme Lage hinweghelfen konnte, hatte ihn bestimmt, noch eine Nacht unter diesem schrecklichen Dach zuzubringen. Er hatte vorher nicht einmal gewußt, daß Super ebenfalls zum Essen geladen war. Die Aussicht Mr. Wells, diesem etwas gewöhnlichen und vierschrötigen Mann gegenüberzusitzen, war nicht sehr verlockend.

 

»Es ist Cardews Abschiedsessen. Morgen, wenn er noch am Leben ist …«

 

»Erwarten Sie, daß sich heute abend etwas Besonderes ereignet?«

 

Super nickte.

 

»Wenn er morgen noch lebt, will er zur Stadt gehen, und dann will er nach auswärts. Die Operation an Mr. Leigh war ein voller Erfolg.«

 

Er gab in seiner seltsamen Art der Unterhaltung plötzlich eine ganz andere Wendung. »Er erkannte seine Tochter diesen Nachmittag wieder, und das ist gut. Aber er ist noch zu schwach, um eine zusammenhängende Aussage zu machen. Das ärgert mich sehr. Lattimer wird auch zugegen sein.«

 

»Bei dem Essen?«

 

Super nickte feierlich.

 

»Lattimer wird Ihnen Freude machen – er kann mit beiden Händen essen, und man hat noch nie gehört, daß er eine Fingerschale mit einem Weinglas verwechselte, Er hat die Manieren eines vornehmen Herrn, und außerdem ist er ein tüchtiger Psychologe. Wir werden einen vergnügten Abend haben, und wenn er und Mr. Cardew sich über Lombroso unterhalten werden – Sie wissen schon, diesen bekannten Theoretiker …«

 

Jim kam vor den anderen an, und der Anwalt bat ihn, für den Abend keine besondere Toilette zu machen.

 

»Ich habe Super gebeten zu kommen, und er bringt seinen Sergeanten Lattimer und einen Freund mit … Haben Sie eigentlich diesen Freund schon einmal getroffen?«

 

Jim lächelte.

 

»Ich hoffe, daß Sie nicht zu entsetzt über ihn sind; er sieht reichlich sonderbar aus.«

 

»Er muß schon sehr sonderbar sein, wenn er ein Freund Supers ist«, meinte Cardew trocken. »Ferraby, ich werde diesen Ort verlassen müssen; jetzt aber sehe ich erst, wie schwer es mir fällt und wie sehr ich Barley Stack liebe. Ich bin früher einmal hier sehr glücklich gewesen«, fügte er mit müder, leiser Stimme hinzu.

 

»Sie werden doch wiederkommen?«

 

Cardew schüttelte den Kopf.

 

»Ich werde das Grundstück verkaufen. Ich habe bereits an einen Agenten geschrieben und ihn gebeten, die Sache in die Wege zu leiten. Höchstwahrscheinlich werde ich meinen Wohnsitz in der Schweiz nehmen und, soviel in meinen Kräften steht, zu der Literatur über Kriminologie beitragen. Ich werde mir sicher die Verachtung des Oberinspektors Minter zuziehen« – seine Lippen zuckten verächtlich – »aber das muß ich eben in Kauf nehmen.«

 

»Sie glauben doch nicht etwa, daß Ihnen Gefahr droht, Mr. Cardew?«

 

Zu Jims größtem Erstaunen nickte er.

 

»Jawohl. Ich glaube, daß ich mich in den beiden nächsten Jahren in größter Gefahr befinde. Ich habe mich entschlossen, ins Ausland zu gehen. Auch der Oberinspektor billigt meine Absicht.«

 

Er schaute aus dem Fenster und sah Lattimer auf seinem Beobachtungsposten.

 

»Ich kann diesen polizeilichen Schutz nicht ertragen. Dabei würde ich auf die Dauer verrückt werden. Nun erzählen Sie mir noch etwas über den merkwürdigen Freund.«

 

Jim beschrieb ihn mit großer Genauigkeit und ließ durchblicken, daß er von dem Mann nicht entzückt war.

 

»Er wird kaum zu einer fröhlichen Stimmung heute abend beitragen«, sagte Cardew. »Aber ich mußte ihn doch schließlich einladen. Super hatte ihn für den Abend zu sich gebeten, und unseren alten Freund wollte ich doch auf alle Fälle bei meinem Abschiedsessen dabei haben. Ich wünschte«, sagte er mit einem Seufzer, »daß ich es unter glücklicheren Umständen abhalten und daß auch Miss Leigh hier sein könnte. Aber das Verbrechen, das gestern abend geplant war, war das Äußerste … Ich würde eine solche Aufregung wie diese nicht mehr ertragen.«

 

*

 

Es war zehn Minuten nach der festgesetzten Zeit, als Super mit dem rothaarigen Mann erschien, der hinter ihm auf dem Motorrad gesessen hatte. Es gab nichts Drolligeres, als den Anblick des komischen Oberinspektors Und seines kleinen, etwas korpulenten Gastes, der ihn um die Taille gefaßt hatte.

 

»Darf ich Ihnen meinen Freund, Mr. Wells, vorstellen?«

 

Cardew reichte ihm die Hand.

 

»Bitte, Lattimer, begrüßen Sie Mr. Wells.«

 

Der Sergeant trat vor und ging zu den beiden.

 

»Nun wollen wir aber mit dem Essen beginnen. Die Suppe steht schon auf dem Tisch.«

 

Sie folgten dem Anwalt ins Speisezimmer. Cardew wies jedem seinen Platz an, und sie setzten sich nieder. Die Suppe war zwar noch nicht serviert, aber das Mädchen schöpfte sie eben auf der Anrichte nebenan in die Teller und teilte sie aus. Der rothaarige Mann schaute vorwurfsvoll auf Super, und dieser hob seinen großen Suppenlöffel.

 

»Der da«, sagte er mit einem heiseren Flüstern. Dann sprach er mit seiner natürlichen Stimme weiter: »Bevor wir dieses Abschiedsessen beginnen – ich bin erstaunt, daß niemand gefragt hat, wer mein Freund ist.«

 

»Ich gestehe, daß ich sehr neugierig bin«, sagte Mr. Cardew.

 

»Erheben Sie sich, Mr. Wells, Reichen Sie dem Anwalt Mr. Cardew die Hand. Mr. Cardew, reichen Sie bitte Mr. Topper Wells Ihre Rechte – dem Henker von England!«

 

Cardew zuckte zurück, auf seinem Gesicht zeigten sich Abscheu und Entsetzen. Sogar Jim starrte erschrocken auf den mittelgroßen, kräftigen Mann.

 

»Reichen Sie ihm die Hand, Lattimer, möglicherweise haben Sie ihn schon getroffen und werden noch öfter mit ihm zu tun haben.«

 

Super schaute den Sergeanten fest an.

 

»Und rühren Sie die Suppe nicht an, Lattimer – und auch keiner von Ihnen, weil – weil –«

 

»Was wollen Sie damit sagen?« fragte Cardew.

 

»Weil sie vergiftet ist!«

 

Cardew rückte seinen Stuhl vom Tisch, und Jim sah auf seinem Gesicht wieder den Ausdruck von Überraschung und Mißtrauen, den er schon vorher bemerkt hatte.

 

»Vergiftet?«

 

»Ja, vergiftet.« Und dann fuhr er fort. »Also reichen Sie Mr. Wells, dem Henker, die Hand …«

 

Bevor er die Absicht Cardews erraten konnte, war dieser mit wenigen Sätzen aus der Tür, schlug sie hinter sich zu und schloß sie ab.

 

»Schnell durchs Fenster«, sagte Super. »Schlagen Sie es mit dem Stuhl ein. Ich wette, daß er die Fensterläden geschlossen hat.«

 

Lattimer schlug mit einem schweren Stuhl gegen das Fenster und den Laden. Das Glas splitterte, und der Rolladen gab nach. In der nächsten Sekunde war der Sergeant draußen.

 

»Gehen Sie schnell herum auf die Rückseite«, rief ihm Super nach. »Ich hätte noch viel mehr Leute hierhaben müssen!«

 

Jim lief aufgeregt umher. Er war außer sich Cardew sollte der Mörder sein? Das war einfach unmöglich!

 

Sie eilten in den Wirtschaftshof. Super riß eine Tür auf, die nicht verschlossen war. Jenseits sah er einen Pfad, der sich zu einer Seitenstraße hinunterzog. Es war der Eingang der Lieferanten für die Küche.

 

Einen Augenblick sahen sie den Kopf Cardews, der sich mit außerordentlicher Geschwindigkeit fortbewegte. Er ragte über die Grenzhecke vor und kam dann außer Sicht.

 

»Er fährt auf einem Motorrad«, sagte Super. »Es ist dasselbe, das er bei seiner Flucht benützte, nachdem er Hanna Shaw umgebracht hatte. Nur so war es ihm möglich, zu entkommen, ohne Pawsey zu berühren. Er ist über den Feldweg gefahren und hat sein Motorrad über die beiden Zauntritte gehoben, die im Weg waren. Schnell Ihr Auto, Ferraby!«

 

Super lief zur Bibliothek zurück, aber er hatte kaum den Hörer abgenommen, als er schon wußte, daß die Drähte durchschnitten waren.

 

»Der Kerl denkt an alles!« sagte er zu sich. »Er muß doch den Draht schon vor dem Abendessen durchgeschnitten haben. Er glaubte ganz sicher, uns alle in den ewigen Schlaf versenken zu können.«

 

Als er zur Toreinfahrt zurückkam, stieg Lattimer gerade in den Wagen.

 

»Halten Sie nicht mehr an«, schrie Super und schwang sich auf das Trittbrett.

 

An der Wegkreuzung trafen sie eine Polizeipatrouille, aber sie hatte keinen Motorradfahrer gesehen.

 

»So hat er uns also irregeführt und ist wieder zurückgefahren«, sagte Super und schaute besorgt nach dem Himmel. »In einer halben Stunde wird es stockdunkel sein.«

 

Der Flüchtling konnte auf drei verschiedenen Wegen entkommen. Der erste führte direkt durch Isleworth, der zweite durch Kingston zum Richmond Park, und der dritte war einer der vielen Feldwege der Nachbarschaft. Super fuhr schnell zur Polizeiwache zurück, um die nötigen Anordnungen zu treffen.

 

»Cardew hat ein Privatflugzeug für heute abend bestellt, um damit von Croydon nach Paris zu fliegen«, sagte er. »Vermutlich ahnt er, daß wir diesen Plan durchkreuzen werden, also läßt er ihn fallen, Er hat nur noch die eine Hoffnung, nach London zu entkommen, und das wird ihm auch gelingen. Ich sage Ihnen, dieser Mann kann sehr schnell denken und hat einen großen Weitblick.«

 

Er verließ die Polizeiwache und schaute düster auf den Wagen.

 

»Sicher wird er nach London kommen, aber er wird nicht in seine Wohnung und auch nicht in sein Büro gehen. Er muß also sonst irgendwo einen Schlupfwinkel haben. Er ist leicht zu erkennen« – er sprach halb zu sich selbst – »und wird deshalb nicht versuchen, mit der Eisenbahn oder im Auto zu fliehen. Und ich bin überzeugt, daß er nicht in einem Flugzeug fortkommen kann.«

 

Als sie die Stadt erreichten, verdoppelte Super zuerst die Wachtposten am Krankenhaus. Dann ging er zu Cardews Stadtwohnung. Der Anwalt war nicht dort, wie er erfuhr. Auch in seinem Büro hatte man ihn nicht gesehen. Als er wieder zu Jim auf die Straße trat, nahm er dessen Einladung an, schnell etwas mit ihm zu essen.

 

»Ja. Cardew tötete Hanna Shaw. Sie hatte ihn in der Hand und wollte ihn heiraten. Er haßte sie mehr als Gift, denn sie besaß einen Brief von ihm, den er vor Jahren einmal schrieb, und sie drohte ihm damit, das Papier der Polizei auszuliefern, bis er schließlich einwilligte, sie zu heiraten.

 

Sie heiratete ihn an dem Tag, als sie ermordet wurde, und zwar auf dem Standesamt in Newbury unter dem Decknamen Lynes. Daß er sie unter falschem Namen heiratete, machte ihr nichts aus, wenn sie ihn nur bekam. Aber sie war fest entschlossen, daß er sie als seine Frau gesetzlich anerkennen sollte. Deshalb telegrafierte sie an Miss Leigh, zu dem Haus zu kommen, damit sie eine Zeugin hatte. Er bekam den Brief von ihr – um diesen Preis hatte er sie geheiratet –, und kaum hatte er das Schreiben in der Hand, da erschoß er sie.

 

Er hatte alles so abgekartet, daß er sie nach der Trauung in dem Haus traf – daß Cardew Sie einlud, mit ihm ins Theater zu gehen, war nur ein Bluff. Es war ja leicht für ihn, Sie in die Irre zu führen, da ihm bekannt war, daß Sie sich für den Abend verabredet hatten – nur wußte er nicht, was Sie vorhatten.

 

Er ist schon früher immer Motorrad gefahren, und in einem der Räume des Hauses stand auch eine Maschine. Ich entdeckte Schrammen von den Handgriffen an der Lenkstange, als ich die Räume genau untersuchte. Er hatte mit Hanna verabredet, sie spät abends zu treffen. Sie fuhren beide zusammen nach dem Haus, aber aus irgendeinem Grund überredete er sie, ihn auf dem Rücksitz des Wagens fahren zu lassen. Er duckte sich so tief, daß ihn niemand sehen konnte. Er hat an alles gedacht, sage ich Ihnen. Auch den Hut und den Mantel, den sie trug, hatte er in seinen Plan einbezogen, und als er sie erschossen hatte, zog er ihren Hut und Mantel an; denn sie hatte ihm gesagt, daß Elfa kommen würde, und er fürchtete, sie auf dem Wege zu treffen.«

 

»Aber warum hat er das getan – warum in aller Welt? Er war doch ein reicher Mann?«

 

»Reich – durchaus nicht«, sagte Super. »Er hatte Geld … ja, aber wie kam er dazu? Ich werde Ihnen einmal die ganze Geschichte erzählen. Und obgleich ich manches nur vermuten kann, wird Mr. Leigh mir wahrscheinlich nicht widersprechen.

 

Mr. Leigh war Beamter des Schatzamtes. Er kam in den letzten Tagen des Krieges aus Amerika und brachte unter seiner persönlichen Obhut vier große Kisten voll Goldgeld mit, die die Nummern 1, 2, 3 und 4 trugen. Sie erinnern sich doch, daß er immer so viel über drei und vier sprach. Das Schiff wurde während eines Sturmes an der Südküste von England torpediert. Aber ein Zerstörer kam ihm zu Hilfe. Es war nur Zeit, zwei der Kisten an Bord zu bringen, bevor das Schiff sank. Der Funkapparat an Bord des Zerstörers war vernichtet. Er kam durch den irischen Kanal und näherte sich der irischen Küste. Der Sturm dauerte drei Tage lang. Das Schiff konnte weder einen Hafen finden, noch sich mit der Küste in Verbindung setzen, bis es in die Bucht von Pawsey kam. Und das war sein Verderben, denn es wurde von einer Seemine erwischt und zerstört.

 

Zu jener Zeit«, fuhr Super fort, »war Cardew vollständig erledigt, ja noch mehr als das. Er hatte viel Geld, das ihm seine Klienten anvertraut hatten, in leichtsinnigen Spekulationen verloren. Einer seiner Kunden machte ihm schon Schwierigkeiten. Es war Brixton, ein Stadtrat der City von London. Er schrieb sogar schon nach Scotland Yard, daß er der Polizei eine wichtige Mitteilung zu machen hätte. Ich wurde zu ihm geschickt, um ihn zu vernehmen, hatte aber schon eine Ahnung, worüber er sich beschweren wollte, und wußte auch durch andere Gerüchte, daß Cardew böse in der Klemme saß. Anstatt daß mir Brixton nun die Geschichte erzählte, erhielt ich eine Mitteilung von ihm, daß er mir nichts mehr mitzuteilen habe. Das hatte seinen guten Grund. Er war nämlich inzwischen ausgezahlt worden. Und wieso er ausgezahlt worden war, will ich Ihnen gleich sagen.«

 

Super trank ein großes Glas Bier aus.

 

»Cardew war in der Nacht des Schiffbruchs in seinem Haus an der See. Er hatte den Entschluß gefaßt, auf das Meer zu fahren und sich zu ertränken. Aber bevor er die Küste verließ, schrieb er einen langen Brief an den Leichenbeschauer; denn er war ja Anwalt und in mancher Hinsicht immer präzis. In dem Brief legte er ein volles Geständnis ab und nannte auch die Summe, die er seinen Klienten gestohlen hatte. Er hörte die Explosion, sein Ruderboot war an der Küste, und einige Minuten lang hat er wohl ein menschliches Mitgefühl gehabt. Er fuhr aufs Meer hinaus und fand zwei Männer, die sich an einem Holzfloß anklammerten. Sie werden eines Tages von Mr. Leigh noch hören, daß die Kisten 3 und 4 an Holzplanken befestigt waren, als sie auf das Hauptdeck des Zerstörers gebracht wurden. Cardew nahm sie auf und brachte sie zur Küste. Einer von beiden war Leigh, der nahezu tot war, der andere war Elson, ein Viehhändler, der sich als Deckarbeiter eingeschifft hatte, um der Polizei zu entgehen. Elson wußte von dem Geld und erzählte Cardew davon. Sie brachten die Kisten an Land, und Leigh kam allmählich wieder zu sich. Elson wußte, daß das Geld in Leighs Obhut war. Die einzige Hoffnung, sich in den Besitz des Geldes zu setzen, bestand also darin, ihn zu erledigen. Er zog unseren Freund Cardew ins Vertrauen, vielleicht auch nicht, aber, jedenfalls ist es sicher, daß er John Leigh mit einer Axt über den Kopf schlug und ihn ins Meer warf. Wie der mit dem Leben davonkam, kann ich Ihnen jetzt im Moment noch nicht sagen. Zwölf Monate lang fehlte jegliche Spur von ihm, aber es ist sehr wahrscheinlich, daß er an der Küste von Pawsey aufgefischt wurde, wo damals ein Marinehospital war. Offenbar hat er dort ein ganzes Jahr gelegen. Ich habe ein Aktenstück der Admiralität eingesehen, das von einem unbekannten Mann handelt, der wegen einer tiefen Kopfwunde behandelt wurde. In dem Akt wird er als geisteskrank bezeichnet. Er wurde in ein Erholungsheim entlassen. Ich weiß nicht, ob Cardew dabei seine Hand im Spiel hatte … Es ist leicht möglich. Die beiden brachten die beiden Kisten in sein. Haus, und Hanna erfuhr auch davon. Sie wohnte zu jener Zeit dort und sorgte für Cardew. Sie öffneten die Kisten, nahmen das Geld heraus und verbrannten das Holz. Sie mußten mit Hanna teilen, und wahrscheinlich hat sie damals zum erstenmal von der schrecklichen Lage gehört, in der sich Cardew befand. Ich vermute nun, daß er den Brief kurz vor der Explosion schrieb und unterzeichnete. Sie las ihn, während er hinauseilte, nahm ihn an sich und verbarg ihn. Er hatte ihn offensichtlich lange Zeit vollständig vergessen.«

 

»Aber das vermuten sie doch alles nur?«

 

»Ich weiß … der Briefumschlag, der an den Leichenbeschauer adressiert war, hat mir sehr viel Aufschluß gegeben. Ich habe schon viel mit Selbstmorden zu tun gehabt. Cardew hatte ein Haus in Barley Stack, das mit Hypotheken überlastet war. Er zahlte alle diese Hypotheken ab, befriedigte die Ansprüche seiner Gläubiger und zog sich dann aus seinem Geschäft zurück, da er ja Geld genug hatte. Es wäre ihm vielleicht auch geglückt, ein ruhiges Leben zu führen, wenn nicht Hanna der Ehrgeiz gepackt hätte, die Stelle der Frau einzunehmen, seiner verstorbenen Frau, von der sie so sehr begünstigt worden war. Sie ließ Cardew keine Minute Ruhe. Einmal markierte sie den Anfangsbuchstaben des untergegangenen Schiffes auf dem Rasen vor seinem Fenster, um ihn daran zu erinnern, welche Macht sie über ihn habe.«

 

»Haben Sie das alles schon lange gewußt?«

 

»Sie können wetten, daß ich sehr viel davon wußte. Ich war sehr gespannt darauf, was Elson zustoßen würde, wenn es einmal in seinem dicken Schädel dämmerte, daß Cardew Hanna getötet hatte. Ich hatte ihm schon seit Monaten Lattimer auf den Hals gehetzt. Er borgte Geld von ihm, um ihm klarzumachen, daß er in seiner Gewalt sei. Ich hoffte, daß er ihm eines Abends in der Trunkenheit die ganze Geschichte erzählen würde. Lattimer hatte ein leichtsinniges Huhn zu spielen, und ich muß schon sagen, er hat es erschreckend gut gespielt. Er hat nur nach meinen Instruktionen gehandelt. Nur ein einziges Mal tat er das nicht, als er mir zur Stadt folgte, weil er in seinem Übereifer dachte, daß Cardew mir auflauerte.«

 

»So hat auch Cardew Miss Leigh erdrosseln wollen?«

 

»Ja, Lattimer war auf dem Dach, ich hatte ihn dorthin beordert. Wir stellten die Leiter an, sobald die Dunkelheit hereinbrach. Er hörte das Klopfen am Fenster, aber er konnte nicht erkennen, was vor sich ging, bis sich die Falltür mit einem Krachen öffnete. Lattimer wartete, daß jemand herauskommen würde. Und als das nicht geschah, vermutete er, daß der Mann, der an alles dachte, einen Fensterladen aufmachte, und kletterte so schnell wie möglich die Leiter hinunter.«

 

Jim war verstört durch alle diese Neuigkeiten.

 

»Was meinten Sie damit, als Sie Cardew an jenem Morgen fragten, ob seine Hände zerkratzt wären?«

 

»Warum fand man ihn chloroformiert?« fragte Super mit einem unheimlichen Grinsen, das seine Befriedigung ausdrückte. »Er versuchte wieder einen ganz gewöhnlichen Trick. Er las einen Mann am Themseufer auf und sandte ihn mit einem vergifteten Kuchen zu dem Botenbüro. Durch einen glücklichen Zufall spürten Sie den Vagabunden auf, und wir konnten ihn verhaften. Dann ging ich zu Cardew und erzählte ihm eine erfundene Geschichte, daß er den Kerl verhören solle. Dazu brauchte ich Sie als Vorspann. Ich bin sehr traurig darüber, Mr. Ferraby. Cardew fiel sofort auf die Sache herein, bis ich so beiläufig erwähnte, daß der Mann derselbe Strolch sei, den er am Themseufer aufgegriffen hatte. In diesem Augenblick wußte er, daß es Sullivan war, von dem ich sprach. Und Sullivan hätte ihn sicher an der Stimme wiedererkannt. Deshalb habe ich ihn ja auch gebeten, zur Polizeistation zu kommen und Sullivan zu verhören. Es blieb ihm nur der eine Ausweg, eine Geschichte zu erfinden, daß man ihn überfallen und chloroformiert hätte. Er hatte eine Menge Gifte und Medizinen in seinem Haus. Mit Chloroform feuchtete er ein Tuch an, warf die Flasche aus dem Fenster, legte sich aufs Bett und wäre beinahe um die Ecke gegangen. Er hat ein schwaches Herz, und sein Leben hing an einem seidenen Faden. Als ich seine Finger untersuchte, roch ich an ihnen, und daran erkannte ich, daß er die Chloroformflasche selbst entleert hatte. Ich habe eine feine Nase. An dem Tag, als er in dem Gebüsch dort oben nach uns schoß, konnte ich das Chloroform noch riechen. Viele Leute werden Ihnen erzählen, daß der Chloroformgeruch in einer halben Minute verschwindet. Senden Sie die Leute nur zu Patrick Minter, er wird Ihnen etwas ganz anderes erzählen.

 

Mr. Ferraby, ich werde nie wieder etwas gegen Amateurdetektive sagen. Cardew lernte alle diese Dinge sehr schnell. Ich habe eine große Hochachtung vor Anthropologie, und Psychologie gehört zu den Wissenschaften, die ich an erster Stelle studieren möchte.

 

Den Raubüberfall auf sein Büro, bei dem alle Papiere Hanna Shaws verbrannt wurden, muß er selbst ausgeführt haben, weil er nicht die Rolladen herunterließ und das Licht nicht andrehte. Er konnte seinen Weg im Dunkeln finden! Ich entdeckte doch eine monatealte Rechnung, die in einem der Rolladen festgeklemmt war.«

 

Er stellte sein Glas mit einem Seufzer auf den Tisch und schlug sich an die Stirn.

 

»Nun habe ich doch den Henker allein gelassen und habe ihm nicht einmal gesagt, wo er bleiben kann!«

 

»Warum in aller Welt haben Sie den noch in die Geschichte hineingebracht?« fragte Jim Ferraby, der immer noch nicht fassen konnte, was Super ihm erzählt hatte.

 

»Das war mein letzter Trumpf. Wir versuchten, Elson so zu erschrecken, daß er redete. Lattimer klebte eine Warnung an seine Tür. Aber wir ließen uns niemals träumen, was das Ergebnis sein würde. Ich dachte, Elson würde jetzt auspacken, aber er tat es nicht. Als er Leigh hatte singen hören, ging er ans Telefon und erzählte dummerweise Cardew die ganze Geschichte. Ich weiß es, weil ich seine und Cardews Leitung überwachen ließ. Und da fing das ganze Unglück an. Cardew ging noch in der Nacht zu meinem Haus und stellte die Falle auf, um mich zu töten. Ich will Ihnen die Wahrheit sagen, Ferraby: Ich habe Cardew unterschätzt. Ich dachte, ich hätte seine Nerven so heruntergebracht, daß er die ganze Geschichte verraten würde. Aber der Kerl war zu klug!«

 

Er schüttelte den Kopf.

 

»Dieser Großfuß …«

 

»Großfuß?«

 

»Sicher, er ist Großfuß. Ich habe seine großen Schuhe, deren Abdruck wie der eines nackten Fußes aussieht, in meinem Zimmer unter dem Bett stehen; er hat sie von einem Mann gekauft, der mit Theaterrequisiten handelt und in der Catherine Street wohnt. Er vergaß nichts und war auf alles vorbereitet. Er hatte diesen Trick mit den großen Füßen längst ausgedacht, um die Spuren in dem Sand an der Küste zu machen, und hat alle schlauen Polizeibeamten an der Nase herumgeführt. Nur einen Fehler machte er – er vergaß sie nämlich unter dem Sitz im Wagen, und da fand ich sie. Die Geschichte mit dem Warnungsbrief an Hanna Shaw war seine Erfindung. Sie hat nie einen Brief von Großfuß erhalten – Cardew hatte nur seine Vorbereitungen getroffen, um sein Alibi sicherzustellen.«

 

Jim Ferraby lehnte sich in seinem Stuhl zurück und starrte mit offenem Mund bewundernd auf Super.

 

»Sie sind ein Genie«, sagte er dann atemlos.

 

»Das ist nur Schlußfolgerung und Theorie«, erwiderte Super bescheiden. »Und gerade kommt mir ein Gedanke! Es gibt für ihn noch einen anderen Weg aus London!«

 

*

 

Um halb zwei Uhr morgens lag die große Wasserstraße Londons ruhig und verlassen da. Fern im Norden spiegelten sich die Bogenlampen der vielen Docks am Himmel wider. Ein großes, seetüchtiges Motorboot kam ruhig mit der fallenden Flut den Fluß herunter. Seine grünen und roten Lichter glänzten auf dem Wasser. Es bewegte sich nur langsam vorwärts.

 

Als es in die Höhe von Gravesend kam, fuhr es ein wenig schneller und bog nach links aus, um einem dort ankernden Dampfer auszuweichen. Es war fast an dem großen Schiff vorbei, als sich aus dem düsteren Schatten des Dampfers ein kleines, schnelles Fahrzeug löste und auf die Breitseite des Motorbootes zuhielt.

 

»Hallo, wer ist dort?« rief eine heisere Stimme aus der Finsternis.

 

»Motorboot Cecily – Eigentümer Graf von Freslac, mit der Bestimmung nach Brügge«, kam die Antwort zurück.

 

Die Boote kamen näher und näher zusammen, bis das kleine Schiff längsseits mit dem Motorboot lag. Plötzlich erkannte der Eigentümer des Motorbootes die Gefahr, und die Maschine begann zu rasen. Aber das kleine Boot hatte schon an seiner Seite festgemacht, und Super war der erste, der an Bord sprang.

 

»Ich habe wirklich Glück, Cardew, ich dachte nicht, daß ich Sie auf den ersten Hieb fangen würde!«

 

»Auch Ihre Theorien und Schlußfolgerungen sind bisweilen richtig«, sagte Cardew höflich, als sich die Handschellen um seine Gelenke schlossen.

 

Kapitel 3

 

3

 

An einem schönen Frühlingstag mit einem dunkelblauen Himmel ist der Temple ein wunderbar träumerischer Platz, an dem man gerne ausruht. Die malerischen Partien in den Gärten, die grünen Blätter der Bäume, die ihre Äste über altersgraue Steinplatten recken, schimmern im goldgrünen Licht der Sonne, und die Springbrunnen plätschern melodisch. Die Fassaden des Gebäudes, die in den nebligen Tagen des Februar so drohend erscheinen, sehen hell und freundlich aus. Die Anwälte in ihren grauen Perücken und ihren langen schwarzen Gewändern verlangsamen ihre Schritte, wenn sie diese wunderbaren Gärten durchwandern, die ihre Büros umgeben.

 

Jim Ferraby, der gemächlich von Fleet Street zu seinen Räumen nach King’s Bench Walk ging, machte an einem Springbrunnen halt, um den Hut eines kleinen Mädchens zu retten, der vom Wind hineingetrieben worden war. Als er weiterging, pfiff er eine leise Melodie. Seine Hände steckten tief in den Taschen, und Zufriedenheit lag auf seinem Gesicht. Er war ein junger Mann Anfang der Dreißig.

 

Er erreichte den Flur, hielt aber vor den Steinstufen der Treppe an und schaute frohgestimmt auf den silberhellen Fluß, den er von hier aus sehen konnte. Langsam ging, er die dunkle Treppe hinauf und machte vor einer schweren, dunkelbraunen Tür halt. Er holte einen großen Schlüssel aus der Tasche und steckte ihn in das Schlüsselloch.

 

Als er ihn umdrehte, hörte er, daß sich die gegenüberliegende Tür öffnete. Er wandte sich um, und ein Lächeln huschte über das Gesicht des Mädchens, das in der Türöffnung stand.

 

»Guten Morgen, Miss Leigh«, sagte er vergnügt.

 

Sie nickte.

 

»Guten Morgen, Mr. Ferraby.«

 

Elfas Stimme war sanft und merkwürdig melodisch. Diese Stimme hatte zuerst Jims Aufmerksamkeit auf die Sekretärin des alten Cardew gelenkt. Elfa hatte ein schönes Gesicht, wie es wohl Künstler malen können, wie es aber in Wirklichkeit selten zu sehen ist, und eine anmutig, schlanke Gestalt. Die tiefen, grauen Augen, die wie die einer Orientalin etwas schräg standen, schauten ihn vergnügt an. Aber alles das war nichts im Vergleich zu dem wunderbaren Zauber ihrer Stimme.

 

Ihre Bekanntschaft dauerte schon über ein Jahr. Sie hatte auf diesem staubigen Treppenabsatz begonnen und war mit einer gewissen Steifheit und Förmlichkeit die ganze Zeit über fortgesetzt worden. Es lag eigentlich gar kein Grund vor, weshalb der alte Mr. Cardew überhaupt ein Büro in King’s Bench Walk unterhielt; denn er übte seinen Beruf nicht mehr aus.

 

Er zählte achtundfünfzig Jahre, und dieses Alter erscheint einer, jungen Dame von zwanzig als außerordentlich hoch. Früher hatte die Firma Cardew & Cardew eine ungewöhnlich vornehme und reiche Kundschaft in London. Die Rechtsanwälte waren Agenten beim Verkauf großer Landgüter, sie verwalteten Vermögen und waren die juristischen Vertreter mächtiger Verbände. Aber während des Krieges war der letzte Cardew all der Verantwortlichkeit müde geworden und hatte seine Klienten einem jüngeren und, wie er sagte, tatkräftigeren Anwalt übertragen. Er hätte auch der Überlieferung folgen und sich einen Partner nehmen können, dann wäre der Name der alten Firma, die über hundertfünfzig Jahre in Ehren bestand, nicht untergegangen. Aber er zog es vor, sich ganz aus der Praxis zurückzuziehen, und sein großes, düsteres Büro in King’s Bench Walk war ausschließlich der Führung seiner eigenen Geschäfte gewidmet; denn Mr. Gordon Cardew hatte Vermögen.

 

»Ich vermute, Sie sind mit Erfolg vor Gericht aufgetreten, und der arme Mann ist ins Gefängnis gewandert?«

 

Die beiden standen einander nun in den offenen Türen gegenüber, und ihre Stimmen hallten in dem leeren Treppenhaus wider.

 

»Nein, ich habe keinen Erfolg gehabt«, sagte Jim ruhig, »und ›der arme Mann‹ sitzt aller Wahrscheinlichkeit nach in irgendeinem Wirtshaus, trinkt ein Glas Bier und schimpft auf das Gesetz.«

 

Sie sah ihn etwas verwirrt an.

 

»Oh – das tut mir sehr leid … Ich will damit nicht sagen, daß ich traurig bin, daß der Mann in Freiheit ist – ich wollte nur sagen, es tut mir leid, daß Sie keinen Erfolg hatten. Mr. Cardew sagte mir, daß der Mann sicher überführt würde. Hat denn die Gegenseite neues Tatsachenmaterial beigebracht?«

 

Sie sprach ganz sachlich von der Gegenseite, wie das unter Anwälten so üblich ist.

 

»Nein, sie hat weiter nichts vorbringen können. Sullivan ist freigekommen, weil ich als Staatsanwalt gegen ihn auftrat. Das klingt merkwürdig, Miss Leigh, aber ich habe die Gesinnung eines Verbrechers. Während der ganzen Zeit, die ich gegen ihn sprach, dachte ich für ihn. Es war der erste Fall, in dem ich jemals als Staatsanwalt vor dem Gericht erschien, und es wird wahrscheinlich auch der letzte gewesen sein. Der Richter sagte in seiner Begründung, daß meine Anklagerede die einzig mögliche Verteidigung sei, die der Gefangene hätte vorbringen können. Sullivan hätte eigentlich auf ein Jahr ins Gefängnis wandern müssen, statt dessen läuft er nun im Land herum und stiehlt Enten.«

 

»Enten? Ich dachte, es war ein Einbruch?« Sie war erstaunt.

 

»Ich habe dafür plädiert, daß die Strafverfolgung ausgesetzt wird. Ich bin ein ruinierter Mann, Miss Leigh, ich habe den Verstand eines Erzverbrechers, verbunden mit dem hohen moralischen Gewissen eines frommen Bußpredigers. Von jetzt ab werde ich wieder ein namenloser Beamter bei der Staatsanwaltschaft sein.«

 

Sie lachte leise bei dieser feierlichen Erklärung. In diesem Augenblick hörten sie einen festen Schritt auf der Treppe, und als Jim hinunterschaute, sah er den tadellosen Zylinder von Mr. Cardew. Ein ernstes, vornehm geschnittenes Gesicht und freundliche Augen unter buschigen Brauen zeichneten Mr. Gordon Cardew aus. Er war von einer peinlichen Eleganz in seiner Kleidung und äußerst korrekt in seiner Sprechweise.

 

Ein sorgfältig zusammengerollter Regenschirm hing über seinem Arm. Als er die Treppe heraufkam, war sein Gesicht von Sorgen umwölkt.

 

»Hallo, Ferraby«, sagte er, als er den jungen Mann sah, »wie ich höre, ist Ihr Mann freigekommen?«

 

»Böse Nachrichten verbreiten sich schnell«, sagte Jim düster. »Mein Vorgesetzter ist wütend darüber!«

 

»Das glaube ich wohl.« Ein feines Lächeln huschte über Cardews Gesicht. »Ich traf eben Jebbings, den Geheimrat aus dem Finanzministerium. Er sagte … Ach, es ist ja gleich, was er sagte …, ich will keinen Streit zwischen Beamten verursachen. Guten Morgen, Miss Leigh! Liegt etwas Dringendes vor? Nein? Mr. Ferraby, darf ich Sie bitten, näher zu treten?«

 

Jim folgte dem Anwalt in das vornehm eingerichtete Büro. Cardew schloß die Tür hinter ihm, öffnete eine Zigarrenkiste und reichte sie seinem jungen Kollegen.

 

»Zur Überführung von Verbrechern haben Sie wenig Talent«, sagte er mit einem etwas spöttischen Lächeln. »Und aus gesellschaftlichen und finanziellen Gründen brauchen Sie ja keinen Beruf auszuüben. Ich würde mir an Ihrer Stelle keine Sorgen über den Mißerfolg machen. Ich interessiere mich natürlich für den Fall, weil Mr. Stephen Elson mein Nachbar ist – ein etwas hochfahrender Amerikaner, dem es an Manieren fehlt. Aber im Grunde genommen hat er ein gutes Herz, wie man mir sagt. Er wird natürlich ärgerlich sein.«

 

Jim schüttelte hilflos den Kopf.

 

»Bei mir muß doch irgendwo eine Schraube los sein«, erklärte er verzweifelt. »Wenn ich in meinem Büro sitze, sind meine Sympathien stets auf sehen des Gesetzes und der Ordnung, und ich freue mich über jeden Verbrecher, der durch meine Beweisführung gehängt wird. Aber wenn ich vor Gericht auftrete, arbeitet mein Verstand mit doppelter Anstrengung, um Entschuldigungsgründe für den Verbrecher zu finden – Entschuldigungsgründe, die ich selbst für mich vorbringen würde, wenn ich in der Lage des Angeklagten wäre.«

 

Mr. Cardew sah ihn mißbilligend an.

 

»Wenn aber ein Staatsanwalt vor Gericht sich erhebt und die Unfehlbarkeit des Fingerabdrucksystems bezweifelt –«

 

»Habe ich das getan?« fragte Jim und errötete schuldbewußt. »Großer Gott, ich scheine die Sache vollständig verfahren zu haben!«

 

»Das ist auch meine Ansicht. Trinken Sie so früh am Morgen Portwein?« Als Jim ablehnte, öffnete Cardew eine Schranktür, nahm daraus eine dunkle, staubige Flasche, stellte vorsichtig ein Glas auf den Tisch und füllte es mit einem prachtvoll rubinroten Wein.

 

»Ich habe noch ein anderes Interesse an Sullivan«, fuhr Cardew fort. »Wie Sie vielleicht wissen, beschäftige ich mich mit Anthropologie. Ich schmeichle mir, daß ein ausgezeichneter Detektiv an mir verlorengegangen ist. Wenn man die Männer sieht, die in hervorragenden Stellen im Polizeipräsidium sitzen, möchte man das ganze System reorganisieren, damit einmal Leute von reicher Erfahrung und Bildung ihr Talent zeigen könnten. In meinem Bezirk ist zum Beispiel ein Beamter, der einfach …«

 

Die Worte fehlten ihm. Er zuckte nur die Schultern. Jim, der den Oberinspektor Minter kannte, unterdrückte ein Lächeln. Es war allgemein bekannt, daß Super die gebildeten und theoretisch arbeitenden Amateurdetektive vom Grund seiner Seele aus verachtete. Seine Einstellung war ungefähr die eines guten Handwerkers einem Künstler gegenüber. Bei einer Gelegenheit, bei der es sich um Anthropologie handelte, war er sogar sehr ausfallend geworden. Mr. Cardew nannte sein Benehmen tölpelhaft und bäurisch.

 

»Herr, Sie sind kindisch!« hatte Super ihn damals angefahren, als er leise andeutete, daß eine gebrochene Stimme und große, harte Augen eine bestimmte verbrecherische Anlage verrieten.

 

Jim wunderte sich und war neugierig, aus welchem Grund Cardew ihn plötzlich und unerwartet in sein Privatbüro einlud. Es war sein erster Besuch hier, obgleich er den Anwalt bereits seit fünf Jahren kannte. Daß der Aufforderung etwas Besonderes zugrunde liegen mußte, war ganz klar, das ging schon aus dem Benehmen Cardews hervor. Er war nervös und schien offenbar Sorgen zu haben. Mit unentschlossenen Schritten ging er in dem Raum auf und ab und machte ab und zu halt, um ein Schriftstück auf dem Pult geradezurücken oder einen Stuhl anders zu stellen.

 

»Während ich zur Stadt fuhr, habe ich dauernd an Sie gedacht«, begann er plötzlich. »Ich habe mir überlegt, ob ich Sie um Rat fragen soll – Sie kennen meine Haushälterin Hanna Shaw?«

 

Jim erinnerte sich sehr gut an die böse dreinschauende Frau, die nur wenig sprach und sich nicht die mindeste Mühe gab, ihre Feindschaft gegen Super zu verheimlichen, wenn ihn jemand erwähnte.

 

»Sie mögen sie nicht?« fragte er. »Sie hat sich nicht nett gegen Sie benommen, als Sie das letztemal zu mir kamen. Mein Chauffeur, der gerne klatscht, erzählte mir, daß sie Sie angefahren hat. Zweifellos ist sie bissig und mürrisch und eine unangenehme Person; aber ich bin sonst sehr zufrieden mit ihr. Überdies ist sie sozusagen das Vermächtnis meiner verstorbenen Frau. Sie hat sie aus einem Waisenhaus zu sich genommen, als sie noch ein Kind war, und Hanna ist in meinem Haus großgezogen worden. Ich möchte sie fast mit einem Terrier vergleichen, der mit Ausnahme seines Herrn alle Leute beißt.«

 

Er zog seine Brieftasche heraus, öffnete sie und entnahm ihr einige Papiere, die er auf dem Tisch ausbreitete.

 

»Ich ziehe Sie ins Vertrauen«, sagte er. Er schaute noch einmal nach der geschlossenen Tür. »Bitte, lesen Sie dies.«

 

Es war ein gewöhnliches Blatt ohne Adresse, Datum oder irgendwelche Oberschrift. Nur drei handgeschriebene Zeilen standen darauf:

 

»Ich habe Sie zweimal gewarnt.

Dies ist das letztemal.

Sie haben mich zur Verzweiflung gebracht.«

 

Das Schriftstück war mit ›Großfuß‹ unterzeichnet.

 

»Großfuß? Wer ist das?« fragte Jim, als er es noch einmal durchlas. »Ihre Haushälterin ist demnach bedroht worden? Hat sie Ihnen das gezeigt?«

 

»Nein, es kam auf sonderbare Art in meinen Besitz. Am Ersten jeden Monats bringt mir Hanna die Haushaltsrechnung und legt sie auf das Pult in meinem Arbeitszimmer. Ich schreibe dann die Schecks für die verschiedenen Kaufleute aus. Sie hat die Angewohnheit, die Rechnungen vorher in ihrer Handtasche mit sich herumzutragen und sie erst im letzten Augenblick zusammenzusuchen. – Dieses Schreiben habe ich in einer zusammengefalteten Rechnung des Kolonialwarenhändlers gefunden. Sie muß es in der Eile mit den anderen Papieren aus ihrer Tasche genommen haben, ohne zu merken, daß sie mir einen Privatbrief gab.«

 

»Haben Sie mit ihr gesprochen?«

 

Mr. Cardew zog die Stirn in Falten und schüttelte den Kopf.

 

»Nein«, sagte er zögernd. »Das tat ich nicht. Ich habe ihr aber unter der Hand zu verstehen gegeben, daß sie mich ins Vertrauen ziehen soll, wenn sie jemals in Sorge oder Unannehmlichkeiten kommt. Aber Hanna hat – ich kann keinen anderen Ausdruck dafür finden –, sie hat mich angeknurrt. Es war geradezu unverschämt.« Er seufzte schwer. »Ich kann neue Gesichter nicht leiden, und es würde mir leid tun, wenn ich Hanna verlieren müßte. Wenn sie sich anders betragen hätte, wüßte sie natürlich von meiner Entdeckung. Und um vollständig offen zu sein, ich fürchte mich, ihr zu sagen, daß ich einen ihrer Briefe habe. Wir hatten eine ziemlich ernste Auseinandersetzung wegen eines dummen Scherzes, den sie machte. Der nächste Streit wird uns vollständig trennen. Was denken Sie von dem Brief?«

 

»Es scheint irgendein Erpressungsversuch zu sein«, vermutete Jim. »Er ist mit der linken Hand geschrieben, um die Schrift unkenntlich zu machen. Meiner Meinung nach müßten Sie Hanna Shaw doch um eine Erklärung bitten.«

 

»Sie fragen?« entgegnete Mr. Cardew aufgebracht. »Um alles in der Welt – das geht nicht! Ich kann nur meine Augen offenhalten und bei der ersten Gelegenheit, wenn sie in besserer Stimmung ist – und wenigstens zweimal im Jahr ist das der Fall –, diese Sache mit ihr besprechen …«

 

»Warum vertrauen Sie sich nicht der Polizei an?«

 

Mr. Cardew wurde steif und zugeknöpft.

 

»Minter?« fragte er eisig. »Diesem unhöflichen, unfähigen Beamten? Ist das wirklich Ihr Ernst? Nein, wenn es irgendwelche Detektivarbeit gibt, so glaube ich, daß ich allein imstande bin, die Sache aufzuklären. Aber es gibt außer diesem Brief noch ein anderes Geheimnis.«

 

Er schaute wieder nach der Tür, hinter der seine harmlose Sekretärin arbeitete, und sprach leiser.

 

»Wie Sie wissen, habe ich ein kleines Haus an der Küste von Pawsey Bay. Es war früher eine alte Wachstation, und ich habe es während des Krieges für eine geringe Summe gekauft. Früher habe ich schöne Stunden dort zugebracht, aber jetzt gehe ich selten hin. Gewöhnlich überlasse ich das Haus meinen Angestellten zur Benutzung. Miss Leigh ist im letzten Jahr öfter zum Ferienaufenthalt dort gewesen und hat mit verschiedenen Freundinnen in der Villa logiert. Nun kam heute morgen ganz unerwartet Hanna zu mir und fragte, ob sie von Sonnabend bis Montag in dem Haus wohnen könne. Seit Jahren ist sie nicht mehr dort gewesen. Sie haßt den Platz, sie hat es mir noch vor einer Woche gesagt. Ich bin nun neugierig, ob diese plötzliche Reise an die Küste irgend etwas mit dem Brief zu tun hat.«

 

»Lassen Sie sie doch von Detektiven beobachten«, rief Jim.

 

»Das habe ich mir auch schon überlegt«, erwiderte Cardew nachdenklich. »Aber ich möchte es nicht gerne tun. Bedenken Sie doch, daß sie über zwanzig Jahre in meinen Diensten ist. Natürlich gab ich ihr die Erlaubnis, obgleich ich etwas besorgt bin, was daraus entstehen wird. Gewöhnlich bringt Hanna ihre freie Zeit damit zu, in einem alten Fordwagen im Lande herumzufahren – sie geht also nicht zur Küste, weil sie eine Luftveränderung braucht. Ich gebe ihr ein gutes Gehalt, und sie könnte bequem in einem anständigen Hotel wohnen. Ich wüßte nicht, warum sie nach Pawsey gehen sollte, wenn sie nicht diesen geheimnisvollen Menschen treffen will, der sich den Namen ›Großfuß‹ beilegt. Wissen Sie, manchmal denke ich, sie ist etwas …« Er zeigte mit seinem Finger an die Stirn.

 

Jim wunderte sich immer mehr, warum ihn der Anwalt zu Rate zog; aber er sollte es jetzt erfahren.

 

»Am Freitag habe ich eine kleine Gesellschaft in Barley Stack, und ich möchte Sie bitten, auch zu kommen und Hanna scharf zu beobachten. Vier Augen sehen mehr als zwei. Es ist möglich, daß Sie etwas bemerken, was mir entgeht.«

 

Jim dachte verzweifelt über Entschuldigungsgründe nach. Aber Mr. Cardew kam ihm zuvor.

 

»Würden Sie etwas dagegen haben, Miss Leigh bei mir zu begegnen? Sie ist meine Sekretärin – sie arbeitet einen neuen Zettelkatalog für eine Bibliothek aus, die ich neulich kaufte. Es sind sogar sämtliche Werke von Mantegazza darunter …«

 

»Ich würde mich sehr freuen«, sagte James Ferraby herzlich.

 

Kapitel 4

 

4

 

»Kennen Sie Mr. Elson?«

 

Jim Ferraby kannte Mr. Stephen Elson gut und hatte eine begründete Abneigung gegen ihn. Er war, wenn auch ohne sein Zutun, der Hauptzeuge bei der Anklage gegen Lukas Markus Sullivan und hatte den Freispruch dieses Diebes und Landstreichers als eine persönliche Beleidigung empfunden. Jim hatte aus vielen Gründen ein Vorurteil gegen Elson – nicht zuletzt, weil er Elfa Leigh in herausfordernder Weise den Hof machte. Von seinem Standpunkt aus war dieses Benehmen unverschämt, und er hoffte, daß auch Elfa so dachte. Nicht, daß sie in seinem Leben irgend etwas Besonderes bedeutete – sie war für ihn nur die hübsche junge Dame auf der anderen Seite der Treppe. Sie hatte eine schöne, weiche Stimme und graue Augen, sie hatte ein reizendes Wesen, war wohlerzogen und ungewöhnlich gutaussehend – aber er bewunderte sie nur platonisch aus der Ferne.

 

Elfa war eine Dame und stand gesellschaftlich jedem von Cardews Gästen gleich. Jim Ferraby haßte die plumpe Vertraulichkeit Elsons. Es hatte ihn aufs unangenehmste berührt, daß er überhaupt eingeladen war. Selbst wenn Mr. Cardew kein so guter Detektiv gewesen wäre, hätte er die Antipathie Jims gegen Elson bemerken müssen. Bei der ersten Gelegenheit nahm er den jungen Mann beiseite.

 

»Ich vergaß, Ihnen zu sagen, daß Sie Elson treffen würden. Es ist mir sehr unangenehm, aber Hanna war dafür, ihn einzuladen. Wenn er zu mir gekommen ist, war jedesmal Hanna die Veranlassung. Sie sagte, daß er das ganze letzte Jahr nicht eingeladen wurde, und ich dachte, daß dies eine gute Gelegenheit sei. Wenn ich allein mit ihm sein müßte, könnte ich es nicht aushalten.«

 

Jim lachte. »Mir macht es nichts aus, obgleich er sich nach der Gerichtssitzung unglaublich unhöflich gegen mich benommen hat. Was war er eigentlich früher? Weshalb hat er sich in England niedergelassen?«

 

Cardew schüttelte den Kopf.

 

»Das ist eine der Fragen, die ich eines Tages klären werde. Ich weiß nur, daß er sehr reich ist.« Er schaute auf die andere Seite des Salons, wo der breitschultrige Amerikaner sich heiter mit Elfa unterhielt. »Die verstehen sich gut miteinander«, sagte er gereizt. »Vermutlich, weil sie Landsleute sind.«

 

»Miss Leigh ist Amerikanerin?« fragte Jim erstaunt.

 

»Ja. Ich dachte, Sie wüßten das. Ihr Vater, der unglücklicherweise im Krieg ums Leben kam, war ein hoher Beamter des amerikanischen Schatzamtes. Ich glaube, daß er die meiste Zeit seines Lebens in den Vereinigten Staaten zubrachte, wo auch Miss Leigh erzogen wurde. Ich habe ihren Vater niemals kennengelernt, sie wurde mir durch den amerikanischen Botschafter empfohlen.«

 

Jim beobachtete sie, während Cardew sprach. Er sah, daß ihre Hautfarbe gut zu ihrem schwarzen Kleid paßte und daß ihre seltene Schönheit durch dieses einfache Kleid noch gehoben wurde.

 

»Ich hätte nie gedacht, daß sie Amerikanerin ist«, war alles, was er sagen konnte.

 

»Ich vermutete, Sie seien von der jüngeren englischen Generation«, sagte Mr. Elson gerade zu ihr. »Es ist doch sonderbar, daß ich nicht wußte, daß Sie ein guter Yankee sind.«

 

»Ich bin aus Vermont«, sagte Elfa. Aber sie war keineswegs erfreut, einen Landsmann in ihm zu begrüßen.

 

Er hätte ein rotes, tiefgefurchtes Gesicht, grobe Züge und eine knollige Nase. Es schwebte stets ein Geruch von Whisky und fadem Zigarrenrauch um ihn.

 

»Und ich stamme aus dem Mittleren Westen«, sagte er höflich. »Kennen Sie St. Paul? Es ist eine hübsche Stadt mittlerer Größe. Sagen Sie mir, Miss Leigh, was tut eigentlich dieser Herr hier?« Er zeigte mit dem Kopf zu Jim hinüber, und seine Stimme war so laut, daß der junge Mann die Frage nicht überhören konnte. Er hätte viel darum gegeben, wenn er auch ihre Erwiderung gehört hätte.

 

»Mr. Ferraby gilt als einer unserer tüchtigsten Beamten bei der Staatsanwaltschaft«, sagte sie ruhig.

 

»Wie – tüchtig?« fragte er hochnäsig. Dann änderte er plötzlich seinen Ton. »Sie sagen, von der Staatsanwaltschaft? Ich kenne dieses Amt nicht.«

 

Sie erklärte ihm die Funktionen dieser Behörde kurz.

 

»Ach so«, erwiderte Elson. »Er mag ja außerhalb des Gerichtshofes ein tüchtiger Staatsanwalt sein; aber wenn er vor den Richtern erscheint, ist er gänzlich unfähig – das kann ich Ihnen versichern.«

 

»Sind Sie ein alter Freund von Mr. Cardew?« fragte Elfa, die bemüht war, das Gespräch in liebenswürdigere Bahnen zu lenken.

 

Elson strich sich über das nicht allzu gut rasierte Kinn.

 

»Er ist doch mein Nachbar – ein vorzüglicher Anwalt, nicht wahr?« Er beobachtete sie unter halbgeschlossenen Augenlidern.

 

»Mr. Cardew übt seine Praxis nicht mehr aus«, sagte sie. Er lachte laut.

 

»Detektivgeschichten sind doch seine starke Seite?« kicherte er.

 

»Ich habe bisher noch nie einen erwachsenen Mann gesehen, der sich mit solchen Dingen abgibt.«

 

Seine bewundernden Blicke wichen nicht von ihrem Gesicht.

 

In ihrer unangenehmen Lage schaute sie zu Jim hinüber, der ihren Kummer längst erkannt hatte. Er faßte ihren Blick als einen Hilferuf auf und ging quer durch den Saal, um sie aus Elsons Gesellschaft zu befreien.

 

Miss Leigh und Ferraby fiel es auf, daß Mr. Cardew in schlechter Stimmung war. Er schien ganz zu vergessen, weshalb er Jim eingeladen hatte, denn er hatte Hanna noch nicht ein einziges Mal erwähnt. Von Zeit zu Zeit sah er auf seine Uhr und schaute ängstlich, fast furchtsam nach der Tür, und als schließlich die Hausdame steifer, düsterer und unzugänglicher als je erschien und unvermittelt sagte, daß das Essen aufgetragen sei, nahm der Anwalt seine Brille ab und sprach mit fast bittender Stimme:

 

»Wollen Sie, bitte, mit dem Essen noch ein paar Minuten warten. Ich habe noch einen guten Bekannten eingeladen, Hanna den Oberinspektor.«

 

Sie hielt an sich und sagte nichts.

 

»Ich traf ihn heute, und er war sehr nett«, beeilte sich Mr. Cardew entschuldigend hinzuzufügen. »Und ich sehe nicht ein, warum wir schlechte Freunde sein sollten. Ich weiß auch gar nicht, warum ich Ihnen dies sage …«

 

Dann murmelte er noch allerhand Unverständliches. Es war ein komischer Anblick, wie der Hausherr von Barley Stack unter dem Pantoffel seiner Haushälterin stand. Jim war das nichts Neues, denn er hatte schon bei seinen früheren Besuchen diese Erfahrung gemacht. Aber Elfa konnte nur verwundert staunen, als die Frau den Raum mit steifen Schritten verließ und ihre schlechte Laune in jeder Weise zum Ausdruck brachte.

 

Cardew war es sehr peinlich.

 

»Ich fürchte, Hanna schätzt unseren Freund nicht; das ist mir sehr unangenehm.«

 

Er schaute auf Ferraby, als ob der ihn unterstützen sollte.

 

»Es gibt nur wenige Hausdamen, die es gerne sehen, wenn man ihre Pläne durchkreuzt«, sagte Jim vermittelnd.

 

Nach fünf weiteren ungemütlichen Minuten erschien Hanna wieder in der Tür.

 

»Wie lange sollen wir noch warten, Mr. Cardew?« fragte sie unwirsch.

 

»Wir gehen jetzt zu Tisch, Hanna«, sagte Cardew, nachdem er schnell auf seine Uhr gesehen hatte. »Ich nehme nicht an, daß unser Freund noch kommt.«

 

Elfa saß neben Ferraby an dem runden Tisch. An ihrer anderen Seite stand der leere Stuhl, der für Oberinspektor Minter bestimmt war.

 

»Der arme Mr. Cardew«, sagte sie leise.

 

Jim grinste, aber ein Blick auf das Gesicht Hanna Shaws, die ihm direkt gegenübersaß, ließ sein Lächeln verschwinden. Sie schaute das Mädchen mit einem so bösen Blick an, daß ihm der Atem stockte. Als die Suppenteller abgetragen wurden, kam der verspätete Gast.

 

Super kleidete sich niemals elegant. Jim hatte den Eindruck, daß ihm die schlechtsitzenden Anzüge von einem längst verstorbenen Verwandten vererbt oder daß sie möglicherweise von einem Kellner erworben waren, der sie im Restaurant nicht mehr tragen konnte.

 

»Es tut mir sehr leid, meine Damen und Herren«, entschuldigte er sich und sah sich in der Gesellschaft um. »Ich esse sonst niemals auswärts, und gerade, als ich mich zu Bett legen wollte, erinnerte ich mich an Ihre liebenswürdige Einladung. Guten Abend, Miss Shaw!«

 

Hanna hob langsam ihren Blick und sah ihn voll an.

 

»Guten Abend, Oberinspektor!« sagte sie eisig.

 

»Wir haben schönes Wetter; so warm war es noch nie in dieser Jahreszeit. Ich könnte mich wenigstens nicht darauf besinnen.«

 

Elfa sah den gestrengen Super zum erstenmal und fühlte unwillkürlich eine Zuneigung zu diesem alten Mann in seinem abgetragenen Frack. Sein Hemd war altmodisch, und zwei Rostflecke auf dem Einsatz machten es unansehnlich. Die Krawatte hatte sich verschoben. Aber seine Haltung war die eines Aristokraten.

 

»Er ist prachtvoll … Ist das der Oberinspektor?« fragte sie, als Supers Aufmerksamkeit durch ein Gespräch mit seinem Gastgeber abgelenkt wurde.

 

»Ja, er ist der König aller Detektive in Europa. Hören Sie mal zu, jetzt hat er Cardew wieder zum besten.«

 

»Ich gehe höchst selten unter Menschen«, bemerkte Super. »Mir scheint, daß ich zu wenig gesellschaftlich veranlagt bin, als daß man mich einlädt. Ich kann nicht ein Messer vom anderen unterscheiden, und meistens nehme ich das falsche Bierglas. Das ist es ja gerade, wo es bei uns Polizeibeamten fehlt – keine Manieren. Ich sagte noch heute nachmittag zu meinem Sergeanten: ›Wir haben nicht genügend vornehme Amateure bei uns – was wir brauchen, sind Leute, die einen Frack tragen können, ohne daß es aussieht, als ob sie auf einen Maskenball gingen.‹«

 

Mr. Cardew schaute argwöhnisch auf seinen Gast.

 

»Die Polizei hat ihre festumschriebenen Aufgaben«, sagte er etwas steif. »Der einzige Punkt, in dem wir nicht übereinstimmen, mein lieber Oberinspektor, ist, daß gewisse Fälle feinere Untersuchungsformen oder mehr Verstand und eine weitgehendere Anwendung der Psychologie erfordern.«

 

»Das ist sicherlich nötig«, sagte Elson, stützte die Ellenbogen auf den Tisch, lehnte sich vor und nickte stark mit dem Kopf. »Das ist es, was den Leuten fehlt …« Plötzlich hielt er inne, denn er hatte einen Blick von Hanna aufgefangen, und Jim Ferraby, der es beobachtete, sah, wie sie ihn warnte.

 

»Psychologie ist sicher sehr wertvoll«, stimmte Super bei. »Das ist ja gerade das, was wir brauchen. Jeder junge Beamte müßte darin unterrichtet werden. Nächst Anthropologie ist Psychologie das Wichtigste. Aber ich muß sagen, daß auch gute Beobachtungsgabe nicht zu verachten ist. Ich bin etwas kurzsichtig beim Lesen, aber ich kann eine Million Meilen weit sehen. Lassen Sie die Jalousien nie herunterziehen, Mr. Cardew?«

 

Die großen Bogenfenster des Speisesaals waren unten nur mit durchsichtigen Gardinen bedeckt. Die große Rasenfläche draußen lag im Dämmerlicht, und die Ahornbäume am Ende des Gartens zeichneten sich in schwarzen Umrissen von dem tiefblauen Himmel ab. Die Rhododendronsträucher erschienen wie dunkle Flecken.

 

»Nein«, sagte Cardew erstaunt. »Warum sollte ich sie auch schließen – wir werden nicht beobachtet –, die Landstraße liegt etwa einen halben Kilometer entfernt.«

 

»Ich wundere mich nur«, entschuldigte sich Super. »Ich verstehe nicht viel von vornehmen Villen. Ich lebe in einem kleinen Häuschen und ziehe immer die Jalousien herunter, wenn ich esse. Das macht meine Mahlzeiten gemütlich. Wie viele Gärtner mögen Sie wohl hier haben?« fragte er.

 

»Vier oder fünf«, sagte Cardew. »Ich weiß es nicht genau.«

 

Das machte Eindruck auf Super. »Da müssen Sie aber allerhand Räume haben, wo die Leute schlafen können.«

 

»Sie schlafen nicht hier. Mein Hauptgärtner hat ein Haus für sich in der Nähe der Straße. Um nun aber auf die Polizei zurückzukommen …«

 

Aber Super schien keine Neigung zu haben, weiter über die Zustände bei der Polizei zu sprechen. Er wollte vielmehr seine Kenntnisse über Cardews Angestellte vervollständigen.

 

»Ich dachte, Sie würden Gärtner oder Leute halten, die in der Nacht die Blumen begießen oder Maulwurfsfallen aufstellen.«

 

Gordon Cardew schien unangenehm berührt zu sein.

 

»Meine Gärtner gehen um sieben Uhr nach Hause. Ich würde ihnen nicht erlauben, sich hier herumzutreiben. Was haben Sie, Oberinspektor?«

 

Super war aufgestanden und ging zur Tür. Plötzlich hörte man das Knipsen des elektrischen Schalters, und das Licht ging aus.

 

»Gehen Sie alle möglichst schnell vom Tisch weg zu den Wänden!« befahl er mit rauher Stimme. »Deshalb habe ich das Licht ausgemacht – draußen ist jemand im Schatten der Sträucher, und er hat eine Pistole.«

 

Kapitel 18

 

18

 

Auch Jim genoß nun das Vorrecht, das bis dahin ausschließlich Super gehabt hatte. Elfa Leigh erlaubte ihm, eine halbe Stunde in ihrer kleinen Wohnung zu bleiben und den letzten Bericht über ihren Vater zu hören.

 

»Sie wollten mich über Nacht nicht in dem Krankenhaus lassen«, sagte sie, »und vielleicht ist das auch sehr klug von ihnen. Meinem Vater geht es gut, und er fühlt sich glücklich. Man kann gut mit ihm auskommen. Mir scheint das Ganze wie ein Traum, ein glücklicher, aber auch zu gleicher Zeit ein unglücklicher Traum. Es ist schrecklich, wenn ich an die Jahre denke, in denen er durch das Land wanderte, ohne daß sich jemand um ihn kümmerte.«

 

Jim hatte auch den berühmten Arzt gesprochen; der Tag der Operation war schon festgesetzt. Der Doktor und sein Assistent waren voller Hoffnung, daß das Resultat gut ausfallen werde. Sie hatten ihm eine ganze Anzahl ähnlicher Fälle genannt, in denen vollständige Genesung des Patienten eingetreten war.

 

»Nein, wegen der Operation sorge ich mich gar nicht«, sagte sie ruhig, als er danach fragte. »Ich bin durchaus nicht ängstlich. Die Botschaft tut alles, was nur in ihren Kräften steht. Die Herren waren sehr mitfühlend und freundlich und haben mir sogar eine Summe zur Verfügung gestellt, bis er wiederhergestellt ist, so daß ich tatsächlich nicht gezwungen bin, zu Mr. Cardew zurückzugehen.«

 

»Haben Sie etwas von ihm gehört?«

 

»Ja, er rief mich heute morgen an. Er war außerordentlich liebenswürdig, aber sehr zerfahren. Ich hatte den Eindruck, daß er so sehr von dem Problem der Ermordung der armen Miss Shaw in Anspruch genommen wird, daß er unfähig ist, sich um meine Angelegenheiten zu kümmern. Trotzdem ist er ein lieber Mensch.«

 

»Wer? Cardew?« fragte Jim lächelnd. »Ich kenne zum mindesten einen, der diese Ansicht nicht teilt.«

 

»Super? Natürlich, aber Sie müssen bedenken, daß Super eine Stellung für sich einnimmt. Man kann sich nicht vorstellen, daß er jemals derselben Ansicht ist wie andere Leute. Trotzdem ist auch er ein guter Mensch. Ist er tatsächlich so rauh, wie er sich den Anschein gibt? Er spricht immer so merkwürdig.«

 

»Super ist einer der ältesten Beamten bei der Polizei«, sagte Jim. »Ich weiß noch nicht, ob er sich nur so ungebildet stellt. Er erscheint in so vielen Gestalten und Charakteren, daß es schwer ist, die Wahrheit zu ergründen …«

 

Das Telefon klingelte in dem Augenblick, und Elfa nahm den Hörer ab. Sie runzelte die Stirn.

 

»Nein, ich habe nichts geschickt … gewiß nicht. Bitte, geben Sie es ihm nicht, ich werde sofort hinkommen.«

 

Sie legte den Hörer auf, und ihr Gesicht hatte einen sorgenvollen Ausdruck.

 

»Das kann ich nicht verstehen«, sagte sie. »Die Vorsteherin des Krankenhauses fragte mich, ob ich meinem Vater einen Kirschkuchen geschickt hätte. Natürlich habe ich das nicht getan. Ein Bote hat ihn mit einem kurzen Brief gebracht.«

 

Jim pfiff vor sich hin.

 

»Das klingt ja sehr sonderbar.«

 

Als Elfa schnell in ihrem Zimmer verschwand, um sich anzuziehen, erinnerte er sich an Super und rief ihn an. Glücklicherweise meldete sich der Oberinspektor selbst. Er hörte den Bericht ruhig an.

 

»Sagen Sie ihnen, sie sollen den Kuchen verwahren, bis ich komme. Warten Sie vor dem Krankenhaus auf mich, wenn Sie Miss Leigh wieder heimgebracht haben. Wenn Sie einen jungen Mann dort finden, der Sie beobachtet, so erwähnen Sie nur meinen Namen.«

 

Jim erfuhr so zum erstenmal, daß das Krankenhaus bewacht wurde.

 

Als sie ankamen, wurden sie in das Privatzimmer der Vorsteherin gebeten. Mitten auf dem Tisch stand das verdächtige Backwerk.

 

»Ich wollte es ihm nicht geben, bis ich nicht ganz sicher war, daß Sie es geschickt hatten«, sagte die alte Dame. »Mr. Minter hat mir das sehr genau eingeschärft.«

 

»Sagten Sie nicht auch, daß ein Begleitbrief dabei war?«

 

Die Vorsteherin gab ihnen einen Briefumschlag.

 

»Das ist nicht meine Schrift«, sagte Elfa bei dem ersten Blick auf die Adresse.

 

Auch den Brief hatte sie nicht geschrieben. Es war einfaches, glattes Papier. Ihre Adresse in Cubitt Street war oben links in der Ecke notiert. Das Schreiben enthielt nur die kurze Bitte, den Kuchen ihrem Vater zu geben.

 

»Kennen Sie die Handschrift?« fragte Jim.

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

»Ich habe sie vorher nie gesehen. Aber warum schickt man denn diesen Kuchen? Will man … Ach, das ist doch ganz unmöglich!«

 

Sie wurde bleich.

 

»Vielleicht hat irgendein wohlmeinender Freund diese Aufmerksamkeit geschickt«, sagte Jim, um sie zu beruhigen.

 

»Aber wer würde denn meinem Vater ein Leid zufügen wollen?« fragte sie und schaute ängstlich auf den unschuldig aussehenden Kuchen.

 

»Was soll ich nun tun?« fragte die alte Dame.

 

»Heben Sie ihn bitte auf«, sagte Jim schnell und tauschte einen Blick mit ihr, indem er verstohlen auf Elfa deutete. Sie verstand. Obgleich er den Vorfall leicht abtat, zweifelte Elfa doch nicht an der wahren Bedeutung.

 

»Ich hörte, wie Sie mit Mr. Minter am Telefon sprachen«, sagte sie zu ihm, als er sie wieder zur Cubitt Street brachte. »Kommt er in die Stadt?«

 

»Er wird dort sein, wenn ich zurückkomme. Sie müssen sich nicht aufregen, Elfa.«

 

Sie hörte die vertrauliche Anrede ganz gut, und es schien ihr sogar recht zu sein, daß er sie Elfa nannte.

 

»So viele Dinge sind mit Vaters Abwesenheit verknüpft, daß ich gar nicht klug daraus werden kann, und so will ich auch gar nicht erst versuchen, alles zu entwirren. Ich werde noch nicht zu Bett gehen. Würden Sie so liebenswürdig sein, mich anzurufen, wenn etwas entdeckt wird?«

 

Mit der Versicherung, dies zu tun, verließ er sie und kehrte zurück, um seinen Posten vor dem Krankenhaus einzunehmen. Wie Super vorausgesagt hatte, kam aus der Dunkelheit der gegenüberliegenden Seite der Straße ein Fremder auf ihn zu, als er sich in einen Torweg gestellt hatte, und fragte ihn ohne weiteres, was er hier suche. Seine Erklärung wurde nicht sofort geglaubt, denn Detektive sind von Natur aus sehr skeptisch. Glücklicherweise hörte man während ihres Disputs einen fürchterlichen Spektakel, ähnlich dem Knattern eines Maschinengewehres, das in unregelmäßigen Zwischenräumen abgefeuert wird. Einige Sekunden später erschien Super auf seiner Feuerfliege.

 

»Ich habe sie in Barnes Common auf eine Geschwindigkeit von achtzig Kilometer gebracht«, sagte er mit innerster Befriedigung, obwohl eine solche Schnelligkeit innerhalb der Stadt gegen die polizeilichen Vorschriften verstieß. »Ein Verkehrsschutzmann versuchte, mich bei der Eisenbahnkreuzung anzuhalten; aber ebensogut hätte er versuchen können, einen Blitz mit den Händen zu fangen.«

 

Er lehnte die Maschine an die Hauswand, dann ging er mit Ferraby ins Haus. Als sie oben waren, wurde der Kuchen gebracht, damit Super ihn ansehen konnte.

 

»Oh, der sieht gut aus. Ich werde ihn mitnehmen, wenn Sie nichts dagegen haben. Können Sie sich auf den Distrikt besinnen, aus dem der Bote mit dem Kuchen kam?«

 

»Ich glaube, es war Trafalgar Square«, sagte die alte Dame.

 

Sie hielten bei der Polizeiwache an, um den Kuchen dort abzugeben. Super hinterließ Instruktionen, ihn in der Frühe des nächsten Morgens in einer versiegelten Kiste zu der staatlichen Untersuchungsstelle zu bringen. Dann machte er sich auf den Weg, den Boten herauszufinden. Jim überredete ihn, seine Spektakelmaschine auf der Wache zu lassen, und sie fuhren in einer Taxe nach Trafalgar Square.

 

Hier hatte Super keine Schwierigkeit, die Angabe der alten Dame bestätigt zu finden. Das Paket mit dem Kuchen war offensichtlich von einem Mann gebracht worden, von dem man keine genaue Beschreibung geben konnte. Anscheinend war er der Bote des wirklichen Absenders.

 

»Irgendein Vagabund, den er auf der Straße für ein paar Groschen aufgelesen hat«, sagte Super. »Wir werden ihn ohne Annoncieren in der Zeitung nicht finden. Und dann ist es außerdem noch wahrscheinlich, daß er sich mit dem natürlichen Instinkt dieser verschlagenen Menschen nicht meldet.«

 

»Es wäre aber doch möglich, daß es kein Verbrecher war.«

 

»Es war ein Landstreicher, und alle Landstreicher sind Verbrecher«, sagte Super, der sich gern in Allgemeinplätzen erging.

 

Er verließ das Botenbüro am Trafalgar Square, trat an den Rand des Bürgersteiges und betrachtete nachdenklich das Nelson-Denkmal.

 

»Ich möchte zu Lattimer gehen. Er ist irgendwo in der Stadt. Das ist der richtige Mann, den ich auf die Spur dieses Vagabunden hetzen kann – er hat einen natürlichen Hang zu Leuten, die nicht arbeiten wollen. Ich werde diese Sache doch Scotland Yard melden müssen. Gerne tue ich es nicht – dieser langnasige Kommissar wird wahrscheinlich einen anderen Mann mit der Sache betrauen und verdirbt mir dann meine ganzen Nachforschungen.«

 

Mit offensichtlichem Widerstreben ging er nach Whitehall hinunter. Als er nach Scotland Yard kam, überzeugte er sich zu seiner größten Genugtuung davon, daß kein höherer Beamter zugegen war, der ihm die Untersuchung aus den Händen hätte nehmen können. Trotzdem konnte er seinen Bericht über die letzte Entwicklung erstatten.

 

Obgleich Jim nur wenig mitzuteilen hatte, berichtete er doch Elfa telefonisch das Resultat seiner Nachforschungen.

 

»Glauben Sie, daß der Kuchen vergiftet war?«

 

»Super ist dessen nicht ganz sicher – wir werden es erst morgen erfahren.«

 

Als er hörte, wie ängstlich sie sprach, tat es ihm leid, daß er überhaupt etwas gesagt hatte.

 

Als er wieder mit Super zusammenkam, machte ihm der geniale Beamte ein merkwürdiges Geständnis.

 

»Ich habe so eine Idee, daß es besser wäre, wenn ich recht bequem zur Wache zurückfahre. Wo ist Ihr alter Autobus?«

 

»Er steht hier in der Nähe in einer Garage – ich will Sie gerne zurückbringen. Ich dachte nur, Sie wären mit Ihrer höllischen Radaumaschine verheiratet.«

 

»Man kann kaum sagen, daß ich verheiratet bin«, meinte Super.

 

Jim fuhr in einer Taxe zur Garage und holte Super dann in der Polizeistation ab. Der alte Mann wartete mit seiner Feuerfliege, und sie hoben sie auf den Gepäckhalter auf der Rückseite.

 

»Es ist doch merkwürdig, wie Einfälle und Gedanken zu einem kommen. Mir geht es gerade wie Mr. Cardew – mitten in der Nacht kommen sie. Gerade in diesem Augenblick habe ich eine großartige Idee, über die ich sehr erfreut bin.«

 

Trotzdem lehnte er es ab, sie Jim mitzuteilen. Die Rückfahrt ging schnell und ohne Zwischenfall vonstatten.

 

»Kommen Sie doch bitte herein«, sagte Super. »Ich will Sie nicht lange aufhalten. Es ist aber möglich, daß neue Nachrichten eingetroffen sind.«

 

Er hatte recht. Der diensttuende Sergeant berichtete, daß ein Motorradfahrer zur Station gekommen sei.

 

»Er sagte, daß jemand auf der Landstraße zwei Schüsse auf ihn abgegeben habe, etwa einen Kilometer von der Stadt entfernt.«

 

Super seufzte zufrieden.

 

»Sie haben ihn doch nicht etwa getroffen? Ich vermute, daß sie die Schnelligkeit, mit der er fuhr, nicht richtig beurteilten. Er gehört wahrscheinlich zu den Motorradfahrern, die nicht mehr als 60 km Stundengeschwindigkeit aus ihrer Maschine herausholen können. Wenn ich nun auf Feuerfliege mit meinen 90 km vorbeigerast wäre, hätte mich die Kugel sicher erwischt.«

 

»Sie?« fragte Jim verwundert. »Wollte man denn auf Sie schießen?«

 

»Sie können getrost darauf wetten, daß man die Absicht hatte, mich niederzuknallen«, sagte Super ruhig. »Sie haben vorher davon gesprochen, daß ich mit meiner Feuerfliege verheiratet wäre. Ich will ja gerade, daß die Leute das denken sollen. Ich möchte nicht gerne, daß man erfährt, daß Feuerfliege ab und zu Witwe ist.«

 

Jim verstand jetzt, warum Super es vorgezogen hatte, im Auto zurückzukehren. Angenommen, die Explosion der Schießfalle in der vorigen Nacht wäre kein Unfall gewesen, und man hätte es auf sein Leben abgesehen, so wäre er ein leichtes Ziel für Leute gewesen, die aus dem Hinterhalt auf ihn schossen. Der Lärm seines Motorrades war kilometerweit zu hören. Später stellte es sich heraus, daß auch der Motorradfahrer, auf den man geschossen hatte, eine verhältnismäßig laute Maschine fuhr.

 

»Ich werde über nichts mehr erstaunt sein, was auch geschieht«, sagte Super mit philosophischer Ruhe. »Aber man muß es ihnen lassen, sie haben schnell gehandelt. – Ist Lattimer schon zurück?«

 

»Nein«, sagte der diensttuende Sergeant, »er ist noch in der Stadt.«

 

Aber hier sagte er etwas, was der Wirklichkeit nicht entsprach; denn Lattimer saß in diesem Augenblick auf einem Zaun zwischen zwei hohen Sträuchern in dem verlassenen Teil einer Londoner Landstraße. Er hatte eine Pistole in der Hand und war sehr ärgerlich über seinen Vorgesetzten, denn er hatte nicht gesehen, daß Super vorbeigefahren war.

 

Kapitel 19

 

19

 

Es schien Jim Ferraby das Natürlichste von der Welt, am Morgen einen Besuch in Cubitt Street zu machen. Er wartete geduldig, bis Elfa herunterkam, und brachte sie auf dem leider allzu kurzen Weg von der Cubitt zu der Weymouth Street. Er konnte sich nicht damit entschuldigen, daß die Strecke auf seinem Wege lag; denn es war tatsächlich ein so großer Umweg, daß seine Fahrt fast verdoppelt wurde. Elfa machte ihn darauf aufmerksam und bat ihn am Abend mit noch größerer Dringlichkeit, sich ihretwegen keine so großen Umstände zu machen. Mr. Leigh hatte einen guten Tag verbracht und fast die ganze Zeit geschlafen. Die Pflegerinnen berichteten, daß er die Nacht über meistens wachte.

 

»Er muß sich in den letzten Jahren angewöhnt haben, bei Tage zu schlafen und in der Dunkelheit umherzuwandern«, sagte sie. »Ich glaube fast, daß er mich heute nachmittag erkannt hat. Er schaute so verwundert auf mich, als ob er versuchte, sich etwas oder irgend jemand ins Gedächtnis zurückzurufen. Gerade bevor ich zu Ihnen herunterkam, fragte er mich, ob ich ihn nicht mit zum Meer nehmen könne. Er sagte, er müsse nach drei und vier schauen. Und wie mir die Vorsteherin erzählte, hat er sie gestern abend dasselbe gefragt. Haben Sie eine Ahnung, was er mit drei und vier meinen könnte?«

 

»Ich muß die Aufklärung Super überlassen. Haben Sie den Arzt gesprochen?«

 

Sie hatte den Doktor gefragt, und er hatte ihr mitgeteilt, daß die Operation auf nächsten Sonnabend festgesetzt sei. Nachdem er verschiedene Versuche angestellt hatte, war er überzeugt, daß Mr. Leigh wieder vollständig hergestellt werden könnte.

 

Als Elfa morgens Jim traf, fragte sie sofort nach dem Kuchen, und er antwortete aalglatt, daß der Amtschemiker keine Spur von Gift gefunden habe. Sie schien aber nicht überzeugt zu sein und wiederholte ihre Frage auf dem Rückweg nach Cubitt Street.

 

»Ich bin bei Super gewesen, und er sagte mir, daß kein Gift gefunden wurde.« Aber trotz dieser Versicherung war Elfa Leighs Argwohn nicht eingeschläfert.

 

»Ich habe mich heute schon mit dem Gedanken beschäftigt, ob mein Vater irgend etwas von der Mordtat gesehen haben kann oder ob er den Mörder kennt. Um Mittag fuhr ich nach King’s Bench Walk und suchte Mr. Cardew auf. Er nimmt an, daß der Anschlag auf meinen Vater gestern abend nur aus dem Grund verübt wurde, weil er Dinge sah, die in dem Haus an der Küste vorgingen. Mein Vater lebte in einer Höhle, von der aus man Beach Cottage sehen konnte. Aber Sie wissen das natürlich. Super erzählte mir heute, daß die Höhle von der Polizei durchsucht wurde und man nach dem Ergebnis annehmen muß, daß mein Vater jahrelang dort gelebt hat. Er pflegte sich gewöhnlich spät abends an der Außenseite der Klippe an einer Strickleiter herunterzulassen und vor Tagesanbruch wieder zurückzukehren. Dann zog er die Strickleiter hinter sich in die Höhe. Sie war so weiß, von Kreide, daß Mr. Minter erklärte, man hätte sie auch am Tage nicht wahrnehmen können, wenn er sie hätte hängen lassen.«

 

»Sie haben Super also schon gesehen?«

 

Minter hatte schon einen kurzen Besuch im Krankenhaus gemacht, aber er hatte wohlweislich den Bericht des Chemikers über den Kuchen verheimlicht.

 

Nachdem Jim sie bis zur Tür ihrer Wohnung gebracht hatte, zögerte er noch eine Weile und wartete, daß sie ihn einladen würde, näher zu treten.

 

»Ich werde heute abend sehr ungastlich sein und Sie ohne eine Tasse Tee nach Hause gehen lassen – ich bin entsetzlich müde.«

 

Wieder erklärte er, daß eine Tasse Tee im Park sehr angebracht sei, die Müdigkeit zu verscheuchen, besonders wenn man eine schöne Kapelle dazu spielen höre. Aber er hatte keinen Erfolg bei ihr.

 

»Ich wünschte, es wäre alles vorüber«, sagte sie. »Ich habe eine Ahnung … so eine furchtbare Ahnung, daß Gefahr droht … und daß sich noch etwas Schreckliches ereignet.«

 

»Sie sprechen so, als ob Sie wirklich noch eine Tasse Tee nötig hätten«, sagte Jim einladend. Aber sie lächelte ihn zum Abschied an, und die Haustür schloß sich hinter ihr.

 

Jim wußte nicht, was er anfangen sollte. Er hatte sich für den Abend freigemacht, und obgleich zu Hause Arbeit auf ihn wartete, fühlte er sich doch sehr unbehaglich, als er daran dachte.

 

Es war ein so schöner Abend. Er wollte nicht gern allein essen, und mechanisch wandte er seinen Wagen nach Westen. Zuerst hatte er die Absicht, Super zu besuchen, aber als er bei ihm vorsprach, erfuhr er, daß der Oberinspektor mit unbekanntem Ziel fortgegangen sei. Auch Lattimer war nicht zu sehen. So fuhr er nach Barley Stack und hatte die Genugtuung, Mr. Cardew anzutreffen, der auf dem Rasenplatz vor seinem Haus auf und ab ging. Er hatte die Hände hinter dem Rücken verschränkt und die Stirn in tiefe Falten gelegt. Als er das Auto hörte, drehte er sich um und grüßte mit der Hand.

 

»Wenn ich heute abend gern noch jemand gesehen hätte, dann sind Sie es, obgleich ich keinen besonderen Grund habe, ausgenommen … Nun wohl, ich vermute, daß ich noch unter dem Eindruck von Hannas Tod leide. Es scheint mir noch so unmöglich und unwahrscheinlich, daß ich jede Minute erwarte, ihre laute Stimme zu hören« – er zögerte – »ich möchte nicht undankbar sein … die arme Hanna!« Er seufzte tief. »Die Dienerschaft zeigt gerade keine große Trauer, wie ich zu meinem Bedauern festgestellt habe und wie man eigentlich hätte erwarten sollen. Hanna war streng, aber trotzdem hatte sie ihre guten Seiten, die leider niemand recht verstand.«

 

Sie waren zusammen bis zum äußersten Ende des Rasens gegangen und zu einem kleinen, schmalen Grasstreifen gekommen, der im rechten Winkel abbog. Von ihrem Platz aus hatten sie einen freien Blick auf Hill Brow. Irgend etwas Düsteres liegt in dem Aussehen dieses großen, roten Hauses, dachte Jim. Da hörte er einen Ausruf seines Begleiters.

 

»Es ist doch heute abend zu warm, um einzuheizen!«

 

Aus einem der großen Kamine von Hill Brow kam eine weiße Rauchwolke.

 

»Zufällig weiß ich, daß dieser Schornstein mit dem Kamin in Mr. Elsons Arbeitszimmer in Verbindung steht. Ich möchte nur wissen, warum er an einem solchen Abend wie heute ein Feuer anmacht.«

 

Die beiden Männer standen schweigend und beobachteten den sonderbaren Vorgang. Anscheinend wurde der Kamin sehr ausgiebig geheizt, denn die dicke Rauchwolke verminderte sich keineswegs.

 

»Vielleicht verbrennen sie Kehricht aus dem Garten«, meinte Jim.

 

Mr. Cardew schüttelte den Kopf.

 

»Er hat einen besonderen Verbrennungsofen für solche Zwecke in seinem Garten. Außerdem ist um diese Jahreszeit alles grün, und es fallen noch keine Blätter von den Bäumen.«

 

Jim beobachtete den Kamin und bezweifelte, daß das Vorkommnis so wichtig war, wie der Anwalt dachte.

 

»Möglicherweise räumt er unter seinen alten Papieren auf – ich habe auch jedes Jahr einmal das Bedürfnis, so etwas zu tun. Dabei überlege ich mir nicht, ob das Wetter auch dazu angetan ist.«

 

Mr. Cardew lächelte geheimnisvoll.

 

»Ich kenne unseren Freund zwar nicht sehr genau«, erwiderte er, »aber er kommt mir nicht wie ein Mann vor, der immer alles ordentlich aufräumt – ich bin nur gespannt, was er dort oben verbrennt.« Er schaute sich um und rief den treuherzig dreinschauenden Gärtner, den Jim schon von früheren Besuchen her kannte.

 

»Bringen Sie doch bitte einen Brief zu Mr. Elson«, sagte er und verschwand im Haus, um ihn zu schreiben.

 

Als der Mann hinübergegangen war, erklärte ihm Cardew seine schlaue Absicht.

 

»Ich habe Elson für morgen zum Abendessen eingeladen, nicht weil ich ihn gerne bei mir haben möchte, sondern weil mein Gärtner ihn allein im Hause finden wird, wenn er nach Hill Brow kommt.«

 

»Was soll das denn beweisen?« fragte Jim.

 

»Daraus will ich nur ersehen, ob Elson während dieses großen Feuerwerks aus irgendwelchen dringenden Gründen seine Dienerschaft wegschickte. Und nun möchte ich Ihnen etwas sehr Interessantes zeigen.«

 

Jim folgte ihm in sein Arbeitszimmer, und vermutete, was Cardew mit diesem ›Etwas‹ meinte, als er einen großen Gegenstand auf dem Bibliothekstisch sah, der in Packpapier eingeschlagen war. Cardew entfernte die Hüllen, und Jim sah ein genaues Modell von Beach Cottage vor sich.

 

»Ich ließ es von einem Modellmacher herstellen, der es mir in vierundzwanzig Stunden baute«, sagte er mit verzeihlichem Stolz.

 

»Das Dach nehme ich jetzt ab.« Bei diesen Worten hob er es hoch, so daß man die kleinen Räume darunter genau sehen konnte. »Der Mann hat noch keine Farben aufgemalt, aber das ist nicht so wichtig. Auch muß ich mich auf mein Gedächtnis verlassen, was den Standort der verschiedenen Möbel angeht. Dieses«, er zeigte mit einem Bleistift auf einen Raum, »ist die Küche. Das Modell ist maßstäblich genau hergestellt. Sie können sogar die Türbolzen an der Hintertür sehen – und hier ist das Verbindungsfenster zwischen Küche und Speisezimmer.« Er öffnete das kleine Fensterchen. »Nun muß ich Sie an eine bedeutungsvolle Tatsache erinnern«, sagte er nachdrücklich. »Von dem Augenblick, da Hanna Shaw in das Haus eintrat, bis zu jenem Zeitpunkt, als sie oder ein anderer wieder herauskam, sind vermutlich weniger als fünf Minuten vergangen. Also ist es ganz klar, daß sie oder die beiden sofort in die Küche gingen – ich frage Sie, warum?«

 

»Um den Brief zu holen.«

 

Cardew sah ihn bestürzt an.

 

»Den Brief?« sagte er schnell. »Was meinen Sie für einen Brief?«

 

»Es war ein Brief, der an den Leichenbeschauer in West Sussex gerichtet war. Super fand den Briefumschlag und einen losen Ziegel in der Küche, unmittelbar unter dem Tisch, wo dieses Dokument offensichtlich verborgen war.«

 

Mr. Cardews Kummer war sehr komisch.

 

»Einen Brief?« fragte er wieder. »Das ist doch bei der Verhandlung neulich nicht angegeben worden, und das widerspricht auch meiner Theorie ganz bedeutend. Ich wünschte wirklich, daß dieser Super nicht so mit seinen Nachrichten zurückhielte!«

 

»Wahrscheinlich hätte ich Ihnen überhaupt nichts über den Briefumschlag sagen sollen.«

 

Mr. Cardew setzte sich nieder und betrachtete das Modell düster.

 

»Es könnte doch zu meiner Theorie passen«, sagte er schließlich. Aber man merkte, daß die frühere Zuversicht von ihm gewichen war. »Ich wollte nicht zugeben, daß ein anderes Motiv für die Ermordung vorhanden sei«, fuhr er fort. »Der Briefumschlag war an den Leichenbeschauer gerichtet? Soll das heißen, daß ein Selbstmord vorliegt?«

 

»Nein, selbst Super nimmt das nicht an«, sagte Jim lächelnd. Aber er tadelte sich schon, daß er Supers Geheimnis dem Rivalen mitgeteilt hatte.

 

»Es ist merkwürdig, daß ich plötzlich den Gedanken an Selbstmord hatte; aber es ist ja keine Waffe in der Küche gefunden worden, und dieser Umstand macht einen Selbstmord unmöglich.«

 

»Außerdem war die Haustür von außen verschlossen«, bemerkte Jim. Cardew nickte.

 

»Ja, ich muß jetzt wieder ganz von vorn anfangen, aber sicher werde ich eine befriedigende Lösung finden. Ich achte Oberinspektor Minter, der jedoch nach meiner Meinung einer etwas ungeschickten Methode folgt, die vielleicht im großen und ganzen gute Resultate erzielt. Aber in diesem Fall bin ich überzeugt, daß er keinen Erfolg haben wird.«

 

Er nahm ein Heft von seinem Schreibtisch und drehte die Seiten in seinem Manuskript um. Jim war erstaunt über den Fleiß dieses Mannes. Eine Seite war ganz mit Zeitangaben und Maßen bedeckt. Auf einer anderen Seite war eine rohe Skizze von der Seefront des Hauses. Verschiedene Linien liefen waagerecht über die Zeichnung und gaben die einzelnen Höhen der Flut zu bestimmten Stunden an. Zahlreiche Fotografien, die das Haus von den verschiedensten Seiten zeigten, lagen auf dem Schreibtisch. Es war auch eine Landkarte von Sussex da, auf die Mr. Cardew mit roter Tinte Linien eingetragen hatte. Jim vermutete, daß damit die verschiedenen Wege angedeutet werden sollten, auf denen der Mörder hätte entfliehen können. Sie waren beide in die Betrachtung der Papiere vertieft, als der Gärtner zurückkam.

 

»Ich habe Mr. Elson Ihren Brief gegeben, Sir.«

 

»Hat er Ihnen selbst die Tür geöffnet?« fragte Cardew schnell.

 

»Ja. Es dauerte fünf Minuten, bevor er herunterkam. Ich glaube, daß die Dienstboten alle ausgegangen sind.«

 

Cardew lehnte sich überlegen in seinen Stuhl zurück.

 

»Wie war er denn angezogen? Haben Sie aufgepaßt, ob sein Gesicht und seine Hände normal aussahen?«

 

»Seine Hände waren schwarz«, entgegnete der Gärtner. »Es machte den Eindruck, als ob er damit die Kaminröhre ausgewischt hätte. Er war nur mit Hose und Hemd bekleidet und sah sehr erhitzt aus.«

 

Mr. Cardew lächelte wieder.

 

»Ich danke Ihnen«, sagte er, und als sich die Tür schloß, schaute er Jim unverwandt an.

 

»Es geht etwas dort vor, ich wußte es doch. – Nun fragt es sich, wie weit hängt dieses merkwürdige Betragen mit dem Tod der armen Hanna zusammen? Erinnern Sie sich, daß er Hanna gut kannte und daß er sie heimlich traf? Ich weiß aus dem Gerede der Dienstboten nach ihrem Tode, daß sie häufig Besuche in Hill Brow machte. Es ist auch eine erwiesene Tatsache, daß Elson seit dem Todesfall nicht mehr nüchtern war. Früher hat er schon schwer getrunken, aber jetzt hat er jede Hemmung verloren. Zwei der Mädchen haben gestern den Dienst verlassen, und sein Diener geht noch diese Woche fort. Elson geht in der Nacht im Haus umher und hat öfter Anfälle, in denen er vor Angst laut aufschreit.«

 

Cardew stand auf, deckte das Dach über das Modell und packte es dann sorgfältig wieder ein.

 

»Bis jetzt sind meine Nachforschungen nur abstrakter Natur gewesen. Aber ich will mich jetzt auf ein neues Gebiet wagen, wozu ich eigentlich meinen Jahren nach nicht mehr geeignet bin.«

 

»Was wollen Sie damit sagen?« fragte Jim.

 

»Ich wollte sagen, daß ich jetzt das Geheimnis von Hill Brow aufklären werde«, sagte Mr. Cardew.

 

Kapitel 2

 

2

 

Der junge Beamte hörte mit bewunderungswürdiger Geduld zu.

 

»Ich habe Sullivan festgenommen, weil er vorige Nacht in der Nachbarschaft des Tatortes schlief. Praktisch hat er schon eingestanden, daß er versuchte, in das Haus einzubrechen.«

 

»Nehmen Sie die Maße seiner Ohren und betrachten Sie ihre Form.« Bei diesen Worten nahm Super seinen Federhalter auf. »Haben Sie schon bemerkt, daß Verbrecher und Halbverrückte Ohren haben, die so groß wie Wandschirme sind? Das steht alles in dem Buch, und das Buch kann doch nicht lügen. Der Detektivberuf ist nicht mehr das, was er einst war, mein lieber Sergeant. Wir brauchen jetzt mehr Physiognomiker und mehr Chemiker. Wenn ich mir so einen richtigen Detektiv von heute vorstelle, sehe ich einen Mann vor mir, der in einer feinen Villa wohnt, in einem kostbaren Armsessel sitzt und ein Mikroskop, einen Blutfleck und etwas Londoner Straßenschmutz vor sich hat. Wenn er diese Dinge zusammenmischt, dann kann er Ihnen sagen, daß die Juwelen von einem linkshändigen Mann gestohlen wurden, der in einem grünlackierten Packard, letztes Modell, fuhr. Sind Sie schon einmal einem Mann mit Namen Ferraby begegnet?«

 

»Mr. Ferraby von der Staatsanwaltschaft?« fragte der Sergeant interessiert. »Ja, ich sah ihn, als er neulich hier war.«

 

Super nickte. Seine Kiefer schlössen sich wie eine Rattenfalle, und dann zeigten sich zwei Reihen gesunder Zähne, als er lachte.

 

»Der ist kein Detektiv«, sagte Super mit Nachdruck. »Der versteht sich nur auf die Gesichter der Leute. Wenn der zugezogen würde, um die geheimnisvolle Sache mit dem Rajah von Bong aufzuklären, dessen Armbanduhr verlorenging, würde er zunächst entdecken, daß der Großwesir, oder wie der Kerl heißt, so ein Ding bei Veltheims Tag- und Nachtleihhaus versetzt hat, und dann würde er den Wesir schnappen und gefangensetzen. Aber ein wirklicher Detektiv würde nicht so töricht handeln. Der würde erst folgern, daß die Uhr im Kampf mit einer jungen, schönen Stenotypistin abgerissen wurde, die hinter einer geheimen Tapetentür verborgen sitzt, mit einem Knebel im Munde, vollständig gefesselt und soweit verpackt, daß sie von diesen verdammten Indern nach dem Lapislazulipalast gebracht werden kann. Der alte Cardew, das ist ein Detektiv! Das ist ein Mann, an dem Sie sich ein Beispiel nehmen müssen, Sergeant!«

 

Super zeigte mit dem Ende seines Federhalters bedeutsam auf seinen Untergebenen.

 

»Er kennt sich in der Psychologie aus, er versteht etwas von der Form der Ohren, er weiß, was ein vorstehendes Kinn und ein unsymmetrisches Gesicht bedeuten und wieviel ein Gehirn wiegen kann – und noch viel mehr so schöne Dinge. In Barley Stack hat er eine große Bibliothek, in der nur Bücher über Verbrechen stehen.«

 

Wenn Super erst anfing, von dem ausgezeichneten Amateurdetektiv Gordon Cardew zu sprechen, dann war schwer etwas mit ihm anzufangen. Der Sergeant seufzte leise und respektvoll.

 

»Wollen Sie Sullivan sprechen, Super? Er hat praktisch schon eingestanden, daß er nach Hill Brow kam, um einen Einbruch zu verüben.«

 

Super schaute drohend um sich, dann nickte er plötzlich zum größten Erstaunen Lattimers.

 

»Ich will ihn sehen, lassen Sie ihn hereinkommen.«

 

Der Sergeant erhob sich schnell und verschwand in dem anstoßenden Raum. Einige Minuten später kehrte er mit einem großen, wenig appetitlichen Landstreicher zurück, der sehr verwirrt aussah.

 

»Dies ist Sullivan«, meldete der Beamte.

 

Super legte seine Feder hin, nahm seine Brille ab und schaute den Gefangenen an.

 

»Was hast du da vorhin erzählt …, daß dieser Strolch dich nicht nach Hill Brow hineinließ?« fragte er unerwartet. »Und wenn du lügen willst, Sullivan, dann lüge wenigstens so, daß es glaubwürdig erscheint.«

 

»Es stimmt, Super«, sagte der Landstreicher heiser. »Und wenn ich in dieser Minute sterben soll – der schwachsinnige Kerl hat mich beinahe umgebracht, als ich das Fenster öffnen wollte. Und wir hatten doch vorher alles so genau ausgemacht – er sagte mir sogar die Stelle, wo der Amerikaner sein Geld aufbewahrt. Und wenn ich diesen Augenblick sterben soll …«

 

»Das wirst du nicht tun – Landstreicher sterben überhaupt nicht«, bemerkte Super bissig. »Sullivan? Jetzt weiß ich Bescheid. Du bist doch damals wegen Raubes zu drei Jahren verurteilt worden … Lukas Markus Sullivan – ich erinnere mich genau an deine Heiligennamen!«

 

Lukas Markus bewegte sich unruhig hin und her, aber bevor er widersprechen und seine Unschuld beteuern konnte, fuhr Super fort: »Was weißt du von diesem verrückten Landstreicher?«

 

Sullivan wußte nur wenig. Er hatte ihn in Devonshire getroffen, hatte aber schon vorher durch andere ›Ritter‹ der Landstraße von ihm gehört.

 

»Er ist nicht ganz richtig im Kopf, Super, das sagen alle. Er geht im Land umher und singt vor sich hin, er schließt sich keiner größeren Gesellschaft an und führt so merkwürdige Reden – so vornehmes Zeug – und dann spricht er immer in fremden Sprachen.«

 

Super lehnte sich in seinen Stuhl zurück.

 

»Das hast du nicht aus den Fingern gesogen, dazu hat dein Gehirn nicht das nötige Gewicht. Wo hat er denn seine Bleibe?«

 

»Er kampiert überall. Aber ich glaube, daß er doch irgendwo eine feste Wohnung hat, wahrscheinlich in der Nähe des Meeres. Als ich die eine Woche mit ihm zusammen auf der Straße wanderte, fragte er mich öfters, ob ich Schiffe gern hätte, und dann erzählte er mir, daß er ihnen ganze Tage lang auf der See zuschaute und feststellte, welche nicht untergehen könnten. Er ist wirklich verrückt. Nachdem wir ausgemacht hatten, daß wir in das Haus einbrechen wollen – was meinen Sie, was er zu mir gesagt hat? Er hat mich angefahren, als ob er ein böser Hund wäre. ›Fort‹, sagte er – genauso, wie ich es jetzt sage, Super –, ›fort, deine Hände sind nicht rein genug, um …‹, und dann kam noch etwas von Gerechtigkeit … der ist verrückt.«

 

Der Oberinspektor sah den Mann lange Zeit an, ohne zu sprechen. Sullivan war es nicht wohl dabei.

 

»Dir bleiben die Lügen ja im Hals stecken«, meinte Super schließlich. »Du kannst die Wahrheit gar nicht sagen, du hast so sonderbare Augen! Bringen Sie ihn wieder hinter Schloß, und Riegel, Sergeant – wir werden ihn hängen!«

 

Super schaute düster und bewegungslos auf das Tintenfaß und hielt den Federhalter in der Hand. Sullivan saß wieder in seiner Zelle, und der Sergeant hatte sein Mittagessen noch nicht ganz beendet, als Super sich wieder erhob. Er schnitt ein Gesicht, als ob er Schmerzen empfände, zog die Pantoffeln aus, die er unweigerlich während der Bürostunden trug, und zog mit einem Seufzer seine zerrissenen Stiefel an.

 

Lattimer war beim Pudding, als sein Vorgesetzter in das Beamtenzimmer trat.

 

»Wissen Sie irgend etwas über diesen Amerikaner Elson? Bleiben Sie aber ruhig sitzen und essen Sie weiter.«

 

»Man sagt, daß er sehr reich sei.«

 

»Das habe ich auch schon herausgebracht«, meinte Super. »Wenn ein Mann in einem großen Haus lebt, drei Autos und zwanzig Dienstboten hat, dann kann ich mir an meinen fünf Fingern abzählen, daß er in den besten Verhältnissen lebt. Ich werde ihn jetzt aufsuchen.«

 

Super hatte ein Motorrad, das in der ganzen Gegend verrufen war. Es verhielt sich zu einem anständigen Motorrad wie etwa eine Spelunke zum Buckingham-Palast. Jedes Frühjahr nahm er seine Maschine fast vollständig auseinander, und während Sergeant Lattimer bestürzt zuschaute, reinigte er sie und setzte sie wieder zusammen. Und dann gab er ihr ein ganz anderes Aussehen, denn er hatte eine Vorliebe dafür, die Farbe der alten Maschine zu ändern. Einmal erstrahlte sie in einem leuchtenden Grün, ein andermal war sie feuerrot. In einem Jahr hatte er sie sogar weiß und die Speichen himmelblau angestrichen. Er konnte an keinem Farbengeschäft vorbeigehen, ohne sich neue Emaillefarben zur Verschönerung seines Rades zu kaufen. In dem kleinen Schuppen hinter seinem Haus standen die Farbtöpfe reihenweise auf den Wandbrettern. An das Kriegsjahr, in dem er ein Dutzend kleiner Probenäpfe dazu benützte, seiner Maschine einen Tarnanstrich zu geben, erinnern sich noch sämtliche Polizeibeamten Londons.

 

Aber es war immerhin noch ein brauchbares Motorrad. Der Zweizylinder war wunderbarerweise außerordentlich leistungsfähig und machte eine große Geschwindigkeit möglich. Die früher blanken Teile der Maschine waren längst mit Farbe übermalt, der Sitz war mit vielen Lederstrippen repariert, und die Reifen hatten ein so auffälliges Muster, daß selbst das kleinste Kind in einem Dorf, wenn es nur die Spuren des Rades sah, sagen konnte, daß Super vorbeigekommen und in welcher Richtung er gefahren war.

 

So ratterte er denn seinen Weg entlang bis nach Dewlag Hill und fuhr an der hohen, roten Ziegelmauer von Hill Brow vorbei. Dann stieg er ab, stieß das Tor auf und ging zwischen den Ulmen durch, die die Zufahrt zu dem Haus von Mr. Elson einfaßten. Er lehnte sein Motorrad an einen Baumstamm, ging langsam zu dem großen Gebäude, stieg die breiten Stufen empor und blieb in der offenen Eingangshalle stehen. Sie war leer, aber er hörte die Stimmen einer Frau und eines Mannes. Der Schall drang aus einem Raum, der mit der Halle in Verbindung stand. Der Türflügel war nur angelehnt. Plötzlich sah er vier kürze, dicke Finger um die Kante der Tür greifen. Er schaute sich nach einer elektrischen Klingel um und bemerkte, daß sie in der Mitte des Haustores war. Er ging eben darauf zu, um auf den Knopf zu drücken …

 

»Heirat, aber sonst nicht, Steve! Ich bin lange genug zum Narren gehalten worden. Versprechen, Versprechen – immer nur Versprechen … Ich werde krank, wenn ich nur davon höre! Geld! Was bedeutet mir das? Ich bin ebenso reich wie Sie …«

 

In diesem Augenblick wurde die Tür ganz geöffnet, und Super konnte die Frau sehen. Er erkannte sie, obgleich sie ihm den Rücken zukehrte. Es war Hanna Shaw, die unfreundliche Hausdame von Barley Stack. Einen Augenblick schaute er verwundert auf die Gestalt, schlüpfte dann leise zur Tür, stieg schnell über das Geländer der Treppe und verschwand. Hanna hatte nicht einmal seinen Schatten bemerkt. Aber um ganz sicher zu sein, daß seine Anwesenheit nicht bekannt wurde, schob Super sein Motorrad erst einen Kilometer weit, bevor er es wieder bestieg.

 

Kapitel 20

 

20

 

Sergeant Lattimer wartete die Dunkelheit ab, ehe er seine Wohnung verließ. Er machte einen Umweg durch einsame Straßen und näherte sich langsam dem Haus des Amerikaners. Er ging nicht durch die Vordertür, sondern er benutzte eine kleine Öffnung in der Hecke, die er genau kannte. Nachdem er sich durch das Dickicht hindurchgezwängt hatte, kam er zu der kleinen grünen Pforte in der Mauer. Diesmal war Mr. Elson nicht anwesend, um ihn zu erwarten, noch war seine Gegenwart nötig. Lattimer steckte einen Schlüssel ins Schloß, trat ein, schloß wieder hinter sich zu, und nach einem kurzen Umhersehen eilte er vorsichtig über den Kiesweg zum Haupteingang. Er klopfte nicht. Er hatte etwas vor, das er schnell erledigen wollte. Aus seiner Tasche nahm er ein Stück weißes, auf der Rückseite gummiertes Papier, feuchtete es an und drückte es gegen, das mittlere Paneel der Eingangstür. Als das geschehen war, ging er halb um das Haus herum und kam zu zwei Türfenstern, die sich auf den Rasenplatz öffneten. Er klopfte leise. Eine Zeitlang kam keine Antwort. Als er wieder klopfte, hörte er das Rücken eines Stuhles und bemerkte, wie die schweren Vorhänge beiseite gezogen wurden. Elsons erschrockenes Gesicht sah ins Dunkle.

 

»Sie sind es?« grollte er.

 

»Ja, ich«, erwiderte Lattimer lakonisch. »Sie können Ihren Revolver einstecken, es will Ihnen niemand etwas tun.«

 

Er zog die Vorhänge dicht hinter sich zusammen, fiel in einen Stuhl und langte mechanisch nach der offenen Zigarrendose.

 

»Super ist in die Stadt gegangen«, sagte Lattimer.

 

»Meinetwegen kann er in die Hölle gehen«, knurrte Elson.

 

Die Anzeichen seiner schweren Trunkenheit waren deutlich sichtbar. Sein Gesicht war kaum wiederzuerkennen. Seine Hände und seine Lippen zitterten bei dem geringsten Anlaß.

 

»Ich darf wohl Sagen – Super geht überallhin, wenn es sich um einen interessanten Fall handelt.«

 

»Er sollte vorsichtiger sein«, begann der Mann laut; aber Lattimers erhobene Hand und sein erschrockener Gesichtsausdruck dämpften seine Stimme.

 

»Es ist nicht notwendig, deshalb ein Geschrei zu erheben.«

 

»Ich habe nichts damit zu tun.«

 

»Vielleicht denkt er das«, sagte Lattimer und biß das Ende der Zigarre mit seinen starken Zähnen ab. »Sie wissen nie, was Super denkt. Ich bin neugierig, ob er mich verdächtigt. Er gab mir heute morgen eine lange Lektion über den Vorteil des Bekehrens von Kronzeugen.«

 

Elson feuchtete seine Lippen an.

 

»Ich sehe nicht ein, was das mit Ihnen oder mit mir zu tun hat«, begann er.

 

»Wir wollen nicht ins Persönliche kommen«, sagte Lattimer nachlässig. »Ich werde einen kleinen Schluck Whisky nehmen, der ganze Rest bleibt Ihnen – haben Sie heute ein Freudenfeuer angezündet?«

 

»Wie? Was meinen Sie?«

 

»Ich sah Ihren Schornstein rauchen. Es ist doch wohl zu warm, um zu heizen.«

 

Elson antwortete nicht gleich.

 

»Ich habe eine Menge altes Zeug weggeschafft«, sagte er dann kurz.

 

Sie rauchten fünf Minuten lang schweigend.

 

»Sie waren heute morgen in der Stadt«, stellte Lattimer fest.

 

Der Mann sah ihn mißtrauisch an.

 

»Ich wollte einmal aus diesem verfluchten Nest heraus. Ich kann doch wohl noch in die Stadt gehen, nicht wahr?«

 

»Was für eine Kabine haben Sie bekommen?«

 

Elson sprang entsetzt auf.

 

»Vermutlich nahmen Sie nicht die direkte Linie nach New York?«

 

»Woher wissen Sie das?« keuchte Elson.

 

»Ich vermutete es. Ich habe schon lange das Gefühl. Und natürlich bedrückt es mich«, sagte Lattimer lässig, »wenn ich sehe, daß mir eine Einkommensquelle versiegt.«

 

»Ich dachte, Sie nannten mein Geld ›Darlehen‹«, grinste Elson. »Ich möchte wissen, warum ich Ihnen überhaupt etwas gab.«

 

»Ich bin nützlich. Ich mag am nächsten Sonnabend noch nützlicher sein. Natürlich können Sie niemand brauchen, der weiß, daß Sie das Land verlassen wollen. Ich vermute, Sie sind in Kanada sicherer …«

 

»Ich bin überall sicher«, rief Elson heftig. »Ich sage Ihnen, ich habe nichts mit der Polizei zu tun.«

 

»Das haben Sie mir schon so oft erzählt, daß ich es beinahe glaube. Nur heraus damit, Elson, warum so eilig?«

 

»Ich habe England satt«, sagte Elson mürrisch. »Seit Hanna tot ist, bin ich mit den Nerven fertig. Sagen Sie, Lattimer, was ist aus diesem Landstreicher geworden?«

 

»Dem Burschen, den Super aufgriff? Ach, der ist irgendwo in London. Warum?«

 

»Ich weiß nicht – es interessierte mich nur«, sagte Elson heiser. »Ich sah ihn in meinem Garten an jenem Morgen, an dem er eingefangen wurde – mein Chauffeur war auf der Straße, als Minter ihn fing. Diese Sorte von Landstreichern ist mir unheimlich. Er ist doch verrückt, nicht wahr?«

 

»Verrückt? Ja, ich glaube – wenigstens Super glaubt es. Ich habe nicht die Erlaubnis, etwas zu denken, wenn Super in der Nähe ist.«

 

»Hören Sie, Lattimer« – Elson beugte sich vor und dämpfte seine Stimme zu einem heiseren Flüstern – »Sie kennen das Gesetz dieses Landes … niemand achtet darauf, was ein verrückter Bursche sagt, nicht wahr? Ich meine, die Richter? Gesetzt den Fall, er erzählt etwas – er verleumdet Menschen oder so etwas? Man würde doch nicht darauf achten, nicht wahr?«

 

Lattimer sah ihn durchdringend an. »Warum erschrecken Sie so?« fragte er.

 

»Ich erschrecke nicht«, keuchte Elson. »Ich bin nur neugierig. Ich habe eine Erinnerung, als ob ich diesen Burschen in Amerika irgendwo getroffen hätte. Mag sein in Arizona. Ich war Farmer und beschimpfte ihn – das habe ich mit vielen Leuten gemacht. Sie verstehen, was ich meine? Das ist das einzige, worüber ich besorgt bin.«

 

Er log, und Lattimer wußte, daß er log.

 

»Ich glaube nicht, daß sie groß Notiz von dem nehmen, was ein Verrückter sagt – ich hoffe, sie werden es nicht tun. Aber er wird nicht mehr lange verrückt sein. Super erzählt mir, daß er operiert werden soll und daß große Hoffnung auf seine Wiederherstellung besteht.«

 

Elson sprang auf, sein Gesicht zuckte.

 

»Das ist eine Lüge! Eine Lüge! Er kann nicht recht haben! Gott, wenn ich das gewußt hätte! Wenn ich das gewußt hätte!«

 

Lattimer beobachtete ihn unentwegt. Kein Muskel seines scharfen Gesichtes regte sich.

 

»Ich dachte es mir. Das ist der Mann, der Sie in der Hand hat. Sie können aber ruhig sein: Es wird Tage und Wochen dauern, bevor John Leigh reden kann – wenn er überhaupt jemals redet.«

 

Elson wurde ruhiger, und es fiel ihm etwas in Lattimers Ton auf, als er sich zu der halbleeren Whiskyflasche wandte.

 

»In welchem Verhältnis stehen Sie zueinander?«

 

Der Sergeant zuckte die Schultern.

 

»Ich habe nichts mit ihm zu tun.«

 

Elson bewegte sich nicht. Sein aufgedunsenes Gesicht war Lattimer zugekehrt.

 

»Nehmen wir an, daß er nicht so verrückt ist, wie Sie glauben. Man sagt, daß er in einer Höhle oder so etwas oben bei den Klippen in der Nähe von Beach Cottage gehaust hat. Es ist doch sehr leicht möglich, daß er nicht weit entfernt war, als Hanna dort hinausfuhr. Was denken Sie darüber?«

 

Lattimer lachte und blies eine Rauchwolke zur Decke empor.

 

»Was würden Sie dazu sagen?« fragte er dann eindringlich.

 

»Sie haben unrecht, wenn Sie glauben, daß ich irgend etwas mit Leigh zu tun habe. Natürlich habe ich von ihm gehört, aber ich habe ihn niemals gesehen, bis Super ihn verhaftete – ich wußte selbst nicht, daß er verhaftet war, als ich ihn sah. Er saß mit Super im Büro und trank Tee.«

 

Elson hob die Hand, um ihn zum Schweigen zu bringen, und lauschte angestrengt. Plötzlich zog er seine Uhr.

 

»Meine Dienerschaft kommt zurück«, sagte er.

 

»Kommt jemand hier herein?«

 

»Nein, nur wenn ich läute.«

 

Aber während er noch sprach, klopfte es schon an der Tür. Lattimer erhob sich schnell und schlüpfte hinter die Fenstervorhänge, als Elson zur Tür ging und aufschloß. Es war der Diener.

 

»Entschuldigen Sie, Sir«, sagte er, »ich wollte Sie nicht stören …«

 

»Nun ja, aber warum haben Sie mich dann gestört?« fragte Elson.

 

»Ich weiß nicht, Sir, ob Sie den Zettel an der Tür gesehen haben. Ich konnte ihn nicht abreißen, denn er ist mit der ganzen Fläche angeklebt.«

 

»Ein Zettel an der Tür?« fragte Elson mit veränderter Stimme. »Wovon sprechen Sie eigentlich?«

 

Er ging hinter dem Diener her und eilte quer durch die Halle. Die Lichter brannten bereits. Er sah das weiße, viereckige Papier auf der Türfüllung, las es langsam und traute seinen Augen kaum.

 

»Zuerst Hanna Shaw. Sie werden der nächste sein, der stirbt.«

 

Er faßte sich mit der Hand an die Kehle und versuchte zu sprechen, aber er konnte nur ein ängstliches Ächzen und Stöhnen hervorbringen. Er taumelte zu seinem Arbeitszimmer zurück, warf die Tür krachend hinter sich zu und schloß sie ab.

 

»Lattimer«, rief er keuchend. »Lattimer!«

 

Er sah hinter die Vorhänge, aber der Sergeant war bereits auf dem Weg verschwunden, auf dem er gekommen war.

 

Kapitel 21

 

21

 

Von Supers Hinterhof kam der vertraute Spektakel des Motorrades, den alle Leute so gut kannten, die im Umkreis von einem Kilometer wohnten. Einst hatten mehrere gute Freunde und Gönner eine Subskription eröffnet, um Super die neueste und geräuschloseste Maschine zu kaufen. Sie wurde ihm in Gegenwart des Majors und der ganzen Spitzen des Ministeriums überreicht. Es dauerte genau eine Woche, dann war diese schöne Maschine plötzlich verschwunden! Super erzählte den Leuten eine ergreifende Geschichte, wie er mit dem Motorrad Schiffbruch erlitten hatte. Aber es war ein offenes Geheimnis, daß er es auf einer öffentlichen Auktion verkauft und sich von dem Erlös einen Brutapparat für seine Hühner gekauft hatte. Außerdem wurde davon auch Feuerfliege neu angestrichen, und er zahlte noch eine beträchtliche Summe auf der Bank ein.

 

Es war noch sehr früh am Morgen, und die meisten Bürger waren noch nicht auf. Super hatte seine Maschine auf dem Küchentisch vollständig auseinandergenommen und war gerade dabei, ein Stück des Motors zu reparieren, das nur durch sein eigenes Herumbasteln in Unordnung geraten war.

 

Ein Beamter stand in respektvoller Haltung, ebenfalls in Hemdsärmeln, neben ihm. Er verstand etwas von Motoren und Maschinen und wurde deshalb stets bei solchen Gelegenheiten zugezogen, um allem, was Super sagte, seine Zustimmung zu geben. Und in Supers Augen blieb er auch nur so lange eine Autorität in mechanischen Dingen, wie er seinen Ansichten beistimmte.

 

»Lärm ist natürlich, mein lieber Sergeant«, sagte Super, als er mit einem Schlüssel eine Schraube festzog. »Haben Sie schon einmal gehört, daß jemand einen Schalldämpfer für den Donner erfand?«

 

»Nein, Sir.«

 

»Das Schaf blökt, und die Rinder brüllen.«

 

»Ich schlug Ihnen nur vor, sich einen besseren Schalldämpfer für Ihren Motor anzuschaffen«, sagte der Beamte respektvoll.

 

»Das wäre Geldverschwendung, Sergeant. Außerdem lieben alle Leute das Geräusch der Feuerfliege. Sie drehen sich dann nachts in ihren Betten um und sagen: Es ist alles in Ordnung, Super ist unterwegs.«

 

Super ließ seinen Motor Probe laufen, und es drehten sich wirklich viele Leute in ihren Betten um, ohne allerdings über das Geräusch sehr erfreut zu sein.

 

»Aber Super, wäre es nicht unangenehm, wenn ein Dieb, der in eine einzelne Villa einbricht, schon von weitem hört, daß Sie ankommen?«

 

»Die hören überhaupt nicht, wenn ich komme«, sagte Super und schaute seinen Untergebenen groß und erstaunt an. »Das Geräusch dieser Maschine ist wie das Sprechen eines Bauchredners. Sie glauben, es kommt von rechts, während es tatsächlich von links kommt. Aber was ist denn eigentlich heute mit Ihnen los, Sergeant? Sie streiten dauernd mit mir herum. Zum Donnerwetter, man kann ja überhaupt nicht mehr zu Wort kommen!«

 

Infolgedessen schwieg der Sergeant von jetzt ab. Super beendete seine Arbeit zu seiner größten Zufriedenheit, steckte seine Pfeife an, betrachtete den Morgenhimmel und fand das Wetter gut.

 

Nachdem er das Hühnerhaus revidiert und die Eier eingesammelt hatte, ging er hinein, um sich vollständig anzuziehen. Er trocknete sich gerade mit seinem rauhen Badehandtuch ah, als Lattimer sich zum Dienst meldete.

 

»Wo waren Sie eigentlich vorige Nacht, Lattimer?« fragte Super und brummte ihn über die Ecke seines Handtuches an.

 

»Es war meine freie Nacht.«

 

»Wie ich so jung war, da gab es so etwas wie freie Nacht überhaupt nicht«, sagte der alte Mann bissig. »Bringen Sie mir die Post.«

 

Lattimer kam mit einem kleinen Paket amtlicher Briefe zurück.

 

»Das ist eine Rechnung, da ist wieder eine Beschwerde über Feuerfliege, das ist ein Steckbrief, ein Brief von dem durchtriebenen Kerl im Finanzministerium«, murmelte Super vor sich hin, als er Umschlag für Umschlag durch die Finger gleiten ließ. »Und das ist der Brief, den ich haben will.«

 

Es war ein einfacher Briefumschlag, wie Lattimer bemerkte, und er hatte einen gedruckten Kopf, den er nicht lesen konnte.

 

»Hm!« sagte Super, als er den Inhalt überflogen hatte. »Haben Sie schon einmal etwas von Akonit gehört?«

 

»Nein – ist es ein Gift?«

 

»Es ist schon ein bißchen giftig – soviel wie ein Stecknadelkopf würde Sie unter die Erde bringen, Lattimer, obgleich es mich nicht umbringen würde, denn ich bin stärker und robuster als Sie und bringe meine Nächte nicht mit Jazz und Charleston zu und tanze nicht immer gleich mit einem ganzen Dutzend Mädchen herum.«

 

»Ist es der Bericht des Gerichtschemikers?« fragte Lattimer.

 

»Ja. Sie können einmal nachforschen und herausfinden, ob jemand Akonit gekauft hat. Für gewöhnlich wird so etwas nicht gehandelt. Fragen Sie einmal in Scotland Yard nach. Haben Sie noch nichts von Akonit gehört?«

 

Super schloß gerade seinen Kragen und richtete seine verzweifelten Blicke zur Decke.

 

»Nein, das Zeug ist mir unbekannt.«

 

»Ich wette, daß der alte Cardew, dieser berühmte Amateurdetektiv, Ihnen ein Dutzend Fälle an den Fingern aufzählen kann, in denen Leute mit Akonit getötet wurden.«

 

»Leicht möglich«, stimmte Lattimer bei.

 

»Ich kann Giftmörder nicht leiden«, sagte Super vergnügt und band seine Krawatte mit ungewöhnlicher Sorgfalt. »Es ist ungefähr die niedrigste Art von Mördern, und außerdem gestehen sie niemals ihre Tat ein. Wissen Sie das, Lattimer? Ein Giftmörder gesteht niemals, selbst wenn ihm schon der Strick ums Genick gelegt ist.«

 

»Ich wußte das nicht«, sagte Lattimer geduldig.

 

»Ich möchte aber wetten, daß der alte Cardew es weiß. Und ich wette obendrein, daß er Bücher über Mörder und Giftmorde hat, daß Ihnen die Haare zu Berge stehen. Ich muß mir doch tatsächlich ein Abonnement für eine wissenschaftliche Bibliothek zulegen. Ich bin so weit hinter meiner Zeit zurück, daß ich mich bei der erstbesten Gelegenheit blamieren kann.«

 

Er erledigte seine amtliche Korrespondenz in äußerst kurzer Zeit. Dann bestieg er seine Maschine, um verschiedene wichtige Besuche zu machen. Sie wären vielleicht nicht wichtig gewesen, aber Super hielt sie eben für wichtig. Eine Viertelstunde lang war er in der Telefonzentrale und fragte den Leiter der Station aus. Dann verbrachte er ungefähr zwei Stunden auf der Polizei in High Street und erwarb sich in dieser Zeit eine außerordentliche Kenntnis über verschiedene Arten von Schreibpapier, Wasserzeichen und anderen Erkennungszeichen. Danach informierte er sich kurz in einem Schreibmaschinengeschäft. Als er dann aber weit von seinem Bezirk entfernt die Seitenstraßen durchwanderte, die vom Strand abzweigen, begannen erst seine eigentlich wichtigen Nachforschungen.

 

Jim sah ihn zufällig, als er mit Elfa zum Green Park fuhr. Zu seinem Mißvergnügen bestand sie darauf, daß er anhielt. Sie fuhren ungefähr hundert Meter zurück, um den weit ausschreitenden alten Super einzuholen.

 

»Wir fahren nach Kensington Garden, wollen Sie nicht mitkommen?« fragte sie.

 

Super drehte sich nach dem Wagen um.

 

»Ich glaube nicht, daß junge Leute meine Gegenwart lieben, Miss Leigh. Ich bin niemals ein Spielverderber gewesen und gehöre nicht zu den Menschen, die jungen Liebesleuten im Wege sein wollen.«

 

»Unsere Herzen sind zwar jung«, sagte Elfa, »aber sie lieben sich nicht.« Sie wurde sehr rot dabei. »Mr. Ferraby ist nur immer sehr freundlich zu mir.«

 

»Wer würde nicht freundlich zu Ihnen sein?« fragte Super. »Sind Sie denn auch sicher, daß Mr. Ferraby nichts dagegen hat?«

 

»Warum sollte er denn etwas dagegen haben?«

 

Super stieg zögernd ein.

 

»Ich sagte gerade, daß. es mir sehr fernliegt, zu stören, wenn zwei junge Leute allein sein wollen.«

 

»Wir sind sehr erfreut, Sie zu sehen, Super«, sagte Jim etwas steif.

 

»Ich bin der Meinung, daß junge Leute noch viel Zeit haben, sich in die Augen zu schauen, sich an den Händen zu halten und so weiter. Und man braucht nicht gerade den Kopf zu verlieren, wenn irgend so ein alter Onkel ins Zimmer kommt, ohne vorher zu husten oder anzuklopfen. Ich selbst bin niemals verliebt gewesen«, sagte er ganz traurig. »Ich habe früher einmal so eine Affäre mit einer Witwe gehabt – habe ich Ihnen jemals von dieser temperamentvollen Dame erzählt?«

 

»Ich bin überzeugt, daß sie sich sehr nach Ihnen gesehnt hat, als Sie sie verließen«, meinte Jim etwas boshaft.

 

»Das hat sie auch wirklich getan. Sie hat sich nur zollweise an unsere Trennung gewöhnt. Und dann möchte ich noch bemerken, daß der Teller, den sie mir an den Kopf warf, haarscharf vorbeiging.«

 

Es war das erste und einzige Mal, daß er die Art und Weise erwähnte, wie er mit seiner temperamentvollen Witwe auseinanderkam.

 

»Ich bin dafür, daß die Menschen sich in jungen Jahren heiraten. Wenn sie alt genug geworden sind, um sich scheiden zu lassen, haben sie sich schon so aneinander gewöhnt, daß sie es bleiben lassen.«

 

»Heute abend sind Sie aber sehr lustig aufgelegt«, sagte Jim und mußte trotz seiner schlechten Stimmung lachen.

 

»Ich bin niemals lustig um diese Tageszeit.«

 

Als sie an der Wache im Hyde Park vorbeifuhren, stand der Posten stramm und präsentierte das Gewehr. Super zog feierlich den Hut und dankte.

 

»Er grüßte doch den Offizier auf der anderen Seite«, erklärte Elfa. Super schüttelte traurig den Kopf.

 

»Ich dachte, man würde mich auf meine alten Tage doch noch anerkennen. Man müßte eigentlich jedesmal die Kirchenglocken läuten, wenn ich nach London komme.«

 

Bei der dritten Tasse Tee erwähnte er so nebenbei, warum er zur Stadt gekommen war, und sagte plötzlich in seiner charakteristischen, sprunghaften Weise: »Miss Leigh, der Kuchen ist vorher präpariert worden. Ich will Ihnen nichts vormachen, Sie würden mir ja doch nicht glauben.«

 

»Er war also vergiftet?« fragte sie und wurde blaß. Super nickte.

 

»Ich glaube, daß Ihr Vater einen Feind hat, der nicht wünscht, daß er wieder zu Verstand kommt. Es ist möglich, daß er zu viele Dinge von seiner kleinen Höhle aus sah. Vermutlich war es aber etwas, bevor er – bevor sein Geist Schaden litt. Wenn Sie mich fragen, wer es tat, so kann ich Ihnen darauf keine Antwort geben, weil ich Ihnen das nicht sagen darf. Und wenn ich es Ihnen auch wirklich sagte, so hätte ich doch noch keinen Beweis dafür und könnte den Mann nicht verhaften.«

 

Seine Blicke wanderten über die Nachbartische.

 

»Als ich ein junger Beamter war, wäre es mir nie eingefallen, wie ein feiner Herr herumzulaufen und Eiscreme zu essen.« Der Übergang von einem Gegenstand zum andern war so plötzlich, daß Elfa bestürzt war. Aber Jim, der Supers merkwürdige Gewohnheiten kannte, folgte seinen Blicken. An einem der äußeren Tische sah er ein bekanntes Gesicht.

 

»Haben Sie Lattimer hierher bestellt?«

 

Super schüttelte den Kopf.

 

»Eiscreme essen«, sagte er entrüstet. »Wie ein junges Mädchen! Als ich in dem Alter war, habe ich kameradschaftlich ein oder mehrere Glas Bier getrunken.«

 

»Hat er Sie gesehen?« fragte Jim mit leiser Stimme.

 

»Sicher hat er mich gesehen. Dieser Lattimer sieht alles. Er ist so ähnlich wie die bekannte Spinne mit den vierzig Millionen Augen.«

 

Aber wenn Lattimer ihn auch gesehen hatte, so ließ er sich doch nichts merken. Er aß seelenruhig sein Eis und genierte sich nicht im mindesten, als Super aufstand, zu ihm hinkam und ihm gegenüber Platz nahm. Jim bemerkte, wie der alte Mann auf ihn einsprach. Nach seinem Gesichtsausdruck zu urteilen, war Super in seiner bissigsten Gemütsverfassung.

 

Als er zurückkam, rief Lattimer den Kellner, zahlte und verschwand etwas plötzlich.

 

»Ich habe ihm die striktesten Anweisungen gegeben, die Wache nicht zu verlassen – und hier ißt er Eiscreme wie ein Backfisch! Haben Sie eine Uhr bei sich, Mr. Ferraby? Ich habe keine. Früher hat man einmal davon gesprochen, daß man mir eine verehren wollte, aber dieser Plan kam nicht zur Ausführung. Wenn Sie noch eine alte Uhr haben, die Sie nicht brauchen, so können Sie sie mir geben.«

 

Als Jim die genaue Zeit gesagt hatte, stand er auf.

 

»Ich muß nun gehen. Ich habe Feuerfliege in der Bayswater Road stehen, das ist ja nur ein paar Schritte von hier.«

 

Mit einer kurzen Verbeugung vor Elfa war er gegangen, bevor sie auch nur eine von den Fragen an ihn richten konnte, die sie sich zurechtgelegt hatte.

 

Von ihren Plätzen aus konnten sie die Straße und die Brücke überschauen, die über den See führte. Als Super fortging, sah Jim einen Mann quer über die Straße gehen und ihm in respektvoller Entfernung folgen. Es war Lattimer.

 

»Ich bin nur neugierig, was Lattimer eigentlich macht. Super sagte doch, daß er ihn zur Polizeiwache zurückgeschickt hat, aber er scheint den Befehl nicht so schnell ausführen zu wollen.«

 

Die beiden blieben noch eine halbe Stunde sitzen und plauderten sorglos miteinander. Dann gingen sie zum Wagen, der auf der Seite der Straße parkte. Jim war schon eingestiegen, als ihn jemand beim Namen rief.

 

»Entschuldigen Sie, Mr. Ferraby.«

 

Jim schaute sich um, und sein Blick fiel auf ein unbekanntes Gesicht. An den zerrissenen Schuhen und dem verbeulten Strohhut des Mannes sah man deutlich, daß er ein Landstreicher war.

 

»Können Sie sich nicht mehr auf mich besinnen – ich bin Sullivan, der Gentleman, gegen den Sie damals so liebenswürdig waren, in Old Bailey als Staatsanwalt aufzutreten.«

 

»Donnerwetter!« sagte Jim leise. »Sie sind also der Verbrecher, den man eigentlich hätte einsperren müssen?«

 

»Ja, das stimmt«, sagte der andere und ließ sich nicht im mindesten einschüchtern. »Können Sie mir nicht etwas Geld für ein Nachtlogis geben? Ich habe eine Woche lang draußen im Freien geschlafen.«

 

Jim; der wenig Lust hatte, seine Bitte zu gewähren, schaute sich nach einem Polizisten um. Aber anscheinend hatte sich Sullivan schon vorher genau umgesehen, ob jemand von der Polizei in der Nähe war. Jim sah ein Lächeln auf dem Gesicht Elfas und wandte sich zu ihr um.

 

»Dies ist der arme Kerl, über den wir damals gesprochen haben, Elfa. Sie besinnen sich, daß ich die Anklage gegen ihn vertrat?«

 

»Das haben Sie gut gemacht«, sagte Sullivan devot. In diesem Augenblick sah Jim, wie eine berittene Polizeipatrouille um die Ecke bog; aber Sullivan sah sie auch.

 

»Geben Sie mir doch ein paar Shilling«, sagte er plötzlich mit dringlicher Stimme. »Sie helfen mir damit außerordentlich. Das einzige Geld, das ich mir verdienen konnte, war ein Shilling, den ich gestern abend von einem Herrn bekam, weil ich einen Kuchen nach Trafalgar Square brachte.«

 

Die scharf umherblickenden Polizisten kamen näher, und Sullivan wandte sich, um zu entschlüpfen; aber Jim hielt ihn am Arm fest.

 

»Kommen Sie einmal mit, mein Freund. Was ist das für eine Geschichte, die Sie da erzählen, daß Sie einen Kuchen fortgetragen haben? Wer hat Ihnen den gegeben?«

 

»Irgend so ein Mensch – ich habe ihn früher nie gesehen. Er hielt mich plötzlich am Themseufer an und fragte mich, ob ich mir nicht einen Shilling verdienen wollte. Ich will Sie nicht belügen, Sir, es ist wahr. Ich sollte ein Paket für ihn zu dem Botenbüro des Bezirks bringen.«

 

»Haben Sie sein Gesicht gesehen?« fragte Jim schnell.

 

Sullivan schüttelte den Kopf.

 

Die Patrouille war jetzt neben ihnen. Der eine Polizist brachte sein Pferd zum Stehen und schaute mißtrauisch auf den Landstreicher. Jim trat auf die Straße, stellte sich mit ein paar Worten vor und erzählte ihm, was Sullivan soeben mitgeteilt hatte.

 

»Ja, Sir, wir hatten eine entsprechende Benachrichtigung in unserem Tagesbefehl«, sagte der Polizist und zeigte auf Sullivan. »Sie können mit mir gehen, und wenn Sie den Versuch machen fortzulaufen, schieße ich Sie über den Haufen.«

 

An demselben Abend wurde Sullivan Super zur Vernehmung vorgeführt. Super war durchaus nicht mit seinem Bericht einverstanden. Zunächst hatte er das Gesicht des Fremden nicht gesehen, und dann war es ihm auch in keiner Weise möglich, seine Identität auf irgendeine andere Art festzustellen.

 

»Er hat sehr eindringlich mit mir gesprochen. Zuerst dachte ich, er wäre ein Detektiv.«

 

»Sage mir, was du wirklich meinst«, sagte Super milde. »Ich kenne die Redeweise der gewöhnlichen Leute sehr gut. Er benahm sich wie ein Detektiv – meintest du das?«

 

»Ja, die ganze Art und Weise, wie er mir den Auftrag gab, ließ mich das annehmen.«

 

Super sprach mit dem Polizisten, der Sullivan auf der Wache eingeliefert hatte.

 

»Hat man ihn in dem Büro dem Boten gegenübergestellt? Gut, ich erinnere mich, daß Mr. Ferraby sagte, du hättest ihn um Geld für ein Nachtlogis gebeten. Also heute abend bekommst du eins, und es hat noch den großen Vorteil, daß es dich nichts kostet. – Bringen Sie ihn in die Zelle!« sagte Super mit einer freundlichen Handbewegung.

 

Sullivan verließ unter Protest den Raum.