Luigi Vampas Speisekarte.

 

Luigi Vampas Speisekarte.

 

Danglars erwachte nach längerem Schlafe.

 

Für einen Pariser, der an seidene Vorhänge, an samtüberzogene Wände, an den Wohlgeruch, der von dem Holze im Kamin aufsteigt, und ähnlichen Luxus gewöhnt ist, muß das Erwachen in einem Felsen wie ein schlechter Traum sein. Doch in einer Sekunde war sich Danglars der rauhen Wirklichkeit bewußt.

 

Ja, ja, murmelte er, ich bin in den Händen der Banditen, von denen uns Albert von Morcerf erzählt hat.

 

Seine erste Bewegung war, zu atmen, um sich Gewißheit zu verschaffen, daß er nicht verwundet sei.

 

Nein, sagte er, sie haben mich weder umgebracht noch verwundet, aber sie haben mich vielleicht bestohlen.

 

Er fuhr rasch mit den Händen in seine Taschen. Sie waren unberührt; die hundert Louisd’or, die er sich vorbehalten hatte, um seine Reise von Rom nach Venedig zu machen, waren noch in der Tasche seiner Beinkleider, und das Portefeuille, worin er den Kreditbrief über fünf Millionen und fünfzigtausend Franken aufbewahrt hatte, fand sich in seiner Rocktasche.

 

Sonderbare Banditen, die mir meine Börse und mein Portefeuille lassen! sagte er zu sich selbst. Sie werden es, wie ich es mir gestern abend gedacht habe, auf Lösegeld abgesehen haben. Halt! Ich habe auch noch meine Uhr! Wir wollen einmal sehen, wieviel Uhr es ist.

 

Danglars Repetieruhr schlug halb sechs Uhr morgens. Ohne sie wäre Danglars in völliger Ungewißheit über die Stunde gewesen, denn das Tageslicht drang nicht in die Zelle.

 

Sollte er eine Erklärung von den Banditen verlangen, sollte er geduldig warten, bis sie ihn auffordern würden? Das letztere schien ratsamer; Tanglars wartete.

 

Er wartete bis um die Mittagsstunde. Während dieser Zeit ging eine Schildwache an seiner Tür auf und ab. Um acht Uhr morgens war die Wache abgelöst worden. Danglars bekam Lust zu sehen, wer ihn bewachte.

 

Er bemerkte, daß Lichtstrahlen, die von der Lampe herrührten, durch die schlecht zusammengefügten Bretter der Tür drangen. Er näherte sich einer dieser Öffnungen gerade in dem Augenblick, wo der Bandit ein paar Schluck Branntwein aus einem ledernen Schlauch nahm.

 

Zur Mittagsstunde fand wieder eine Ablösung statt; Danglars war begierig, seinen neuen Wächter zu sehen, und näherte sich abermals der Spalte. Es war ein athletischer Bandit, ein Goliath mit großen Augen, dicken Lippen und eingedrückter Nase! Sein rotes Haar hing auf seine Schultern in gedrehten Zöpfen wie eine Anzahl von Schlangen herab.

 

Oh! oh! sagte Danglars, der gleicht mehr einem Werwolf, als einem menschlichen Geschöpfe; in jedem Falle bin ich alt und zähe, und mein Fleisch ist nicht gut zu beißen.

 

Man sieht, Danglars hatte noch so viel Geistesgegenwart, daß er scherzen konnte. In demselben Augenblick setzte sich sein Wächter, als wollte er ihm beweisen, er sei kein Werwolf, der Tür seiner Zelle gegenüber, zog aus seinem Schnappsack schwarzes Brot, Zwiebeln und Käse und fing an, diese Dinge mit großem Appetit zu verzehren.

 

Der Teufel soll mich holen, sagte Danglars, indem er durch die Spalte seiner Tür einen Blick aus das Mahl des Banditen warf, wenn ich begreife, wie man solchen Unrat essen kann.

 

Doch die Geheimnisse der Natur sind unerforschlich, und es übt auf den Hungrigen der Anblick eines Schmausenden einen eigenen Reiz.

 

Danglars fühlte plötzlich, daß sein Abscheu in diesem Augenblick keinen Grund hatte, der Mensch kam ihm weniger häßlich, das Brot weniger schwarz, der Käse frischer vor. Die rohen Zwiebeln endlich, ein abscheuliches Nahrungsmittel des Wilden, erinnerten ihn an gewisse Pariser Brühen, die sein Koch so ausgezeichnet bereitete, wenn Danglars zu ihm sagte: Herr Deniseau, machen Sie mir heute einen guten Canaille-Teller.

 

Er stand auf und klopfte an die Tür. – Der Bandit hob den Kopf empor. Danglars sah, daß man ihn gehört hatte, und verdoppelte sein Klopfen.

 

Che cosa? fragte der Bandit.

 

Sagen Sie doch! Freund, rief Danglars, mit seinen Fingern an die Tür trommelnd, es scheint mir, es wäre Zeit, daß man mir auch zu essen gäbe.

 

Doch, mag es nun sein, daß der Riese ihn nicht verstand, oder wollte er ihn nicht verstehen, jedenfalls setzte er, ohne sich stören zu lassen, sein Mahl fort.

 

Danglars fühlte seinen Stolz gedemütigt, und da er sich nicht weiter mit diesem Tiere einlassen wollte, so legte er sich auf seine Bockshäute und sprach kein Wort mehr.

 

Es vergingen abermals vier Stunden; der Riese wurde durch einen andern Banditen ersetzt. Danglars, der ein furchtbares Zerren im Magen fühlte, stand sacht auf, hielt sein Auge wieder an die Spalten seiner Tür und erkannte das kluge Gesicht seines Führers.

 

Es war in der Tat Peppino, der die friedliche Wache bezog, sich der Tür gegenüber niederließ und zwischen seinen Beinen einen irdenen Topf, der warme, duftende Kichererbsen mit Speck enthielt, niedersetzte. Neben diese Kichererbsen stellte Peppino noch ein hübsches Körbchen mit Trauben und eine Flasche Orvietowein. Peppino war offenbar ein Leckermaul.

 

Als Danglars diese gastronomischen Vorbereitungen sah, lief ihm das Wasser im Mund zusammen.

 

Ah! ah! Wir wollen doch sehen, ob der manierlicher ist, dachte er und klopfte sacht an die Tür.

 

On y va, sagte der Bandit, der in Pastrinis Hause das Französische gelernt hatte.

 

Danglars erkannte jetzt in ihm wirklich den, der ihm so wütend: Dentro la testa! zugerufen hatte. Doch es war keine Zeit zu Vorwürfen, er nahm im Gegenteil sein freundlichstes Gesicht an und sagte mit liebenswürdigem Lächeln: Verzeihen Sie, mein Herr, wird man mir nicht auch zu essen geben?

 

Wie? rief Peppino, sollte Euere Exzellenz zufällig Hunger haben?

 

Zufällig, das ist herrlich! murmelte Danglars; es sind gerade vierundzwanzig Stunden, daß ich nichts mehr gegessen habe. Allerdings, mein Herr, fügte er laut hinzu, ich habe Hunger und sogar sehr großen Hunger.

 

Und Euere Exzellenz will essen?

 

Auf der Stelle, wenn es sein kann.

 

Nichts kann leichter sein, sagte Peppino, man verschafft sich hier alles, was man haben will, wenn man bezahlt, wie dies bei allen ehrlichen Christen Brauch ist.

 

Das versteht sich, rief Danglars, obgleich die Leute, die einen verhaften und einsperren, ihre Gefangenen wenigstens auch nähren sollten.

 

Auf der Stelle, Exzellenz, was wünschen Sie?

 

Peppino setzte seinen Napf so auf die Erde, daß der Dampf unmittelbar Danglars in die Nase stieg.

 

Sie haben also Küchen hier? fragte der Bankier.

 

Wie! Ob wir Küchen haben? Vollkommene Küchen! – Und Köche? – Vortreffliche! – Wohl! Ein Huhn, einen Fisch, Wildpret, gleichviel was, wenn ich nur zu essen bekomme. – Ganz nach dem Belieben Eurer Exzellenz; wir wollen sagen ein Huhn, nicht wahr? – Ja, ein Huhn.

 

Peppino richtete sich auf und schrie mit lauter Lunge: Ein Huhn für seine Exzellenz!

 

Peppinos Stimme widerhallte noch unter den Gewölben, als bereits ein hübscher, schlanker, wie die antiken Fischträger halb nackter, junger Mensch erschien! Er trug das Huhn auf einer silbernen Platte.

 

Man sollte glauben, man wäre im Café de Paris, murmelte Danglars.

 

Hier, Exzellenz! sagte Peppino, indem er das Huhn aus den Händen des jungen Banditen nahm und auf einen wurmstichigen Tisch setzte, der nebst einem Schemel und dem Bette von Bockshäuten die ganze Ausstattung der Zelle bildete. Danglars forderte ein Messer und eine Gabel.

 

Hier, Exzellenz! rief Peppino und bot ihm ein kleines stumpfes Messer und eine Gabel von Buchsbaum.

 

Danglars nahm Messer und Gabel und schickte sich an, das Huhn zu zerschneiden.

 

Verzeihen Sie, Exzellenz, sagte Peppino, eine Hand auf die Schulter des Bankiers legend, hier bezahlt man, ehe man ißt; sonst gibt’s beim Fortgehen Differenzen.

 

Ah! ah! murmelte Danglars, das ist nicht mehr wie in Paris, abgesehen davon, daß sie mich wahrscheinlich schinden werden; doch wir wollen die Sache großartig betreiben. Mein Freund, ich habe immer von der Wohlfeilheit des Lebens in Italien reden hören; ein Huhn wird in Rom zwölf Sous kosten; und dabei warf er Peppino einen Louisd’or zu.

 

Peppino hob den Louisd’or auf. Danglars näherte das Messer dem Huhn.

 

Einen Augenblick, Exzellenz, sagte Peppino aufstehend; Eure Exzellenz ist mir noch etwas schuldig.

 

Ich dachte doch, sie würden mich schinden! murmelte Danglars und fügte laut hinzu: Wieviel ist man Ihnen noch für dieses schwindsüchtige Huhn schuldig?

 

Eure Exzellenz hat mir einen Louisd’or auf Abschlag gegeben und ist mir noch viertausendneunhundertundneunundneunzig Louisd’or schuldig.

 

Danglars riß seine Augen bei diesem großartigen Scherze sehr weit auf. Ah! Sehr drollig, murmelte er, in der Tat, äußerst drollig.

 

Er wollte wieder zum Werke schreiten und das Huhn zerlegen; doch Peppino hielt ihm die rechte Hand fest und sagte: Erst das Geld, mein Herr.

 

Wie, Sie scherzen nicht?

 

Wir scherzen nie, Exzellenz.

 

Wie, hunderttausend Franken für dieses Huhn?

 

Exzellenz, es ist unglaublich, wieviel Mühe man hat, um Geflügel in diesen verfluchten Grotten aufzuziehen.

 

Gehen Sie! Ich finde das sehr komisch, in der Tat äußerst belustigend: doch da ich Hunger habe, lassen Sie mich essen! Hier ist noch ein Louisd’or für Sie.

 

Dann macht es noch viertausendneunhundertundachtundneunzig Louisd’or, sagte Peppino mit derselben Gleichgültigkeit; mit Geduld werden wir zum Ziele gelangen.

 

Oh! versetzte Danglars, empört über diesen beharrlichen Spott, oh, niemals. Gehen Sie zum Teufel! Sie wissen nicht, mit wem Sie zu tun haben.

 

Peppino machte ein Zeichen, und der junge Mensch nahm rasch das Huhn weg. Danglars warf sich auf sein Bett. Peppino schloß wieder die Tür und fing an, seine Erbsen mit Speck zu essen.

 

Danglars kam sein Magen durchlöchert vor wie das Faß der Danaiden, er konnte nicht glauben, daß es ihm je gelingen würde, ihn zu füllen.

 

Er faßte übrigens noch eine halbe Stunde Geduld; doch es ist nicht zu leugnen, daß ihm diese halbe Stunde wie ein Jahrhundert vorkam. Dann stand er auf, ging abermals zur Tür und sprach: Hören Sie, mein Herr, lassen Sie mich nicht länger schmachten, sagen Sie mir sogleich, was man von mir will.

 

Exzellenz, sagen Sie vielmehr, was Sie von uns wollen. Geben Sie Ihre Befehle, und wir werden sie ausführen.

 

So öffnen Sie vor allem!

 

Peppino öffnete.

 

Ich will, sagte Danglars, bei Gott! Ich will essen. – Sie haben Hunger? – Ei! Sie wissen es wohl. – Was wünscht Eure Exzellenz zu essen? – Ein Stück trockenes Brot, da die Hühner in diesen verfluchten Höhlen so ungeheuer teuer sind. – Brot! Es sei, rief Peppino. Holla! Brot!

 

Der junge Mann brachte ein kleines Brot.

 

Hier! sagte Peppino.

 

 

Wieviel? fragte Danglars. Viertausendneunhundertachtundneunzig Louisd’or. Ich habe zwei Louisd’or Vorschuß.

 

Wie! Ein Brot hunderttausend Franken?

 

Hunderttausend Franken! erwiderte Peppino; wir bedienen nicht nach der Karte, sondern zu einem Preise. Ob man wenig, ob man viel ißt, ob man zehn Schüsseln verlangt oder eine einzige, das kostet bei uns gleich viel.

 

Abermals dieser Scherz, lieber Freund, ich erkläre Ihnen, daß das albern ist! Sagen Sie mir auf der Stelle, daß ich vor Hunger sterben soll, die Sache wird schneller abgemacht sein.

 

Nein, Exzellenz, Sie wollen sich selbst um das Leben bringen. Bezahlen Sie, und essen Sie.

 

Womit bezahlen, dreifaches Tier? sagte Danglars, außer sich; glaubst du, man trägt mir nichts, dir nichts hunderttausend Franken bei sich?

 

Sie haben fünf Millionen und fünfzigtausend Franken in Ihrer Tasche, Exzellenz, erwiderte Peppino; das macht fünfzig Hühner zu hunderttausend Franken und ein halbes Huhn zu fünfzigtausend Franken.

 

Danglars schauderte; die Binde fiel ihm von den Augen; das war allerdings immer noch ein Scherz, aber er begriff ihn endlich. Hören Sie, sagte er, wenn ich Ihnen diese hunderttausend Franken gebe, werden Sie sich dann wenigstens für bezahlt erklären und mich nach Belieben essen lassen?

 

Allerdings, sprach Peppino.

 

Doch wie soll ich sie Ihnen geben? versetzte Danglars, freier atmend.

 

Nichts leichter; Sie haben einen offenen Kredit auf Thomson und French, Via dei Banchi in Rom; geben Sie mir eine Anweisung von viertausendneunhundertundachtundneunzig Louisd’or auf diese Herren, unser Bankier wird sie uns abnehmen.

 

Danglars wollte sich wenigstens das Verdienst des guten Willens geben, nahm die Feder, die ihm Peppino nebst Papier reichte, schrieb den Zettel und unterzeichnete.

 

Hier, sagte er, hier ist eine Anweisung auf den Inhaber.

 

Und hier ist Ihr Huhn.

 

Danglars zerschnitt seufzend das Huhn; es kam ihm sehr mager für eine so fette Summe vor.

 

Peppino aber las aufmerksam die Anweisung, steckte sie in die Tasche und aß seine Kichererbsen weiter.

 

Die Vergebung.

 

Die Vergebung.

 

Am andern Morgen hatte Danglars abermals Hunger; die Luft dieser Höhle war im höchsten Maße Appetit erregend; der Gefangene glaubte, an diesem Tage müßte er keine Ausgabe machen; als sparsamer Mann hatte er die Hälfte von seinem Huhn und ein Stück von seinem Brot in einer Ecke seiner Zelle versteckt. Doch er hatte kaum gegessen, als er Durst bekam; darauf hatte er nicht gerechnet.

 

Er kämpfte gegen den Durst, bis zu dem Augenblick, wo er fühlte, daß seine vertrocknete Zunge an seinem Gaumen anklebte. Als Danglars dem verzehrenden Feuer nicht mehr widerstehen konnte, rief er.

 

Eine Wache öffnete die Tür; es war ein neuer Bandit.

 

Er dachte, es wäre für ihn besser, wenn er mit einem alten Bekannten zu tun hätte, und rief Peppino.

 

Hier bin ich, Exzellenz, sagte Peppino, mit einem Eifer herbeieilend, den Danglars als ein gutes Vorzeichen betrachtete, was wünschen Sie?

 

Zu trinken, sprach der Gefangene.

 

Exzellenz, Sie wissen, daß der Wein in der Gegend von Rom übermäßig teuer ist.

 

So geben Sie mir Wasser, erwiderte Danglars, der den Stoß zu parieren suchte.

 

Exzellenz, das Wasser ist noch viel seltener, als der Wein; es herrscht gegenwärtig eine so große Trockenheit.

 

Gehen Sie doch, Sie fangen wieder an, scheint es! sagte Danglars lächelnd, um sich den Anschein zu geben, als scherze er. Der Unglückliche fühlte, wie der Schweiß seine Schläfe befeuchtete.

 

Nun, mein Freund, fuhr er fort, als er sah, daß Peppino unempfindlich blieb, ich bitte Sie um ein Glas Wein! Werden Sie es mir abschlagen?

 

Ich habe Ihnen bereits gesagt, Exzellenz, daß wir den Wein nicht im kleinen verkaufen, erwiderte Peppino ernst.

 

Wohl! So geben Sie mir eine Flasche vom billigsten.

 

– Sie haben alle denselben Preis. – Und was ist dieser Preis? – Fünfundzwanzigtausend Franken die Flasche.

 

Sagen Sie mir, rief Danglars mit größter Bitterkeit, daß Sie mich ganz und gar ausziehen wollen; das ist schneller und besser auf einmal getan, als wenn Sie mich so Fetzen für Fetzen auffressen.

 

Es ist dies möglicherweise der Plan des Herrn. – Wer ist dieser Herr? – Der, zu dem man Sie vorgestern geführt hat. – Und wo ist er? Machen Sie, daß ich ihn sehen kann. – Das ist leicht.

 

Einen Augenblick nachher stand Luigi Vampa vor Danglars.

 

Sie rufen mich? fragte er den Gefangenen.

 

Sie, mein Herr, sind der Anführer der Leute, die mich hierher gebracht haben? – Ja, Exzellenz.

 

Wieviel Lösegeld verlangen Sie von mir? Sprechen Sie.

 

Ganz einfach die fünf Millionen, die Sie bei sich tragen.

 

Danglars fühlte einen ungeheuren Krampf sein Herz zermalmen.

 

Das ist alles, was ich auf der Welt habe, mein Herr, es ist der Rest eines ungeheuren Vermögens; wenn Sie mir es nehmen, so nehmen Sie mir mein Leben.

 

Es ist uns verboten, Ihr Blut zu vergießen, Exzellenz.

 

Und durch wen ist Ihnen dies verboten?

 

Durch den, dem wir gehorchen.

 

Ich glaubte, Sie seien selbst der Führer?

 

Ich bin der Führer dieser Leute, doch ein anderer ist mein Gebieter.

 

Und dieser Gebieter gehorcht auch jemand?

 

Ja. – Wem? – Gott.

 

Danglars blieb einen Augenblick nachdenklich, und sagte sodann: Ich begreife Sie nicht. – Das ist möglich.

 

Und dieser Führer hat Ihnen gesagt, Sie sollen mich so behandeln? – Ja. – Was ist sein Zweck? Ich weiß es nicht. – Aber meine Börse wird sich erschöpfen – Das ist wahrscheinlich. – Hören Sie, wollen Sie eine Million? – Nein. – Zwei Millionen? – Nein.

 

Drei Millionen? .. Vier? .. Hören Sie, vier? Ich gebe sie Ihnen unter der Bedingung, daß Sie mich gehen lassen.

 

Warum bieten Sie uns vier Millionen für das, was fünf wert ist, versetzte Vampa; das ist Wucher, Herr Bankier, oder ich verstehe mich nicht darauf.

 

Nehmen Sie alles! Nehmen Sie alles! sage ich Ihnen, und töten Sie mich! rief Danglars.

 

Still! Still! Beruhigen Sie sich, Exzellenz, Sie regen Ihr Blut so auf, daß Sie einen Appetit bekommen, bei dem Sie eine Million täglich verzehren; Mord und Tod! Seien Sie sparsamer, lieber Herr.

 

Doch wenn ich kein Geld mehr besitze, um Sie zu bezahlen, mein Herr? rief Danglars in Verzweiflung.

 

Dann werden Sie Hunger haben.

 

Ich werde Hunger haben? fragte Danglars erbleichend.

 

Das ist wahrscheinlich … antwortete Vampa phlegmatisch.

 

Aber Sie sagen, Sie wollen mich nicht töten? Und dennoch wollen Sie mich Hungers sterben lassen?

 

Das ist nicht dasselbe.

 

Wohl! Ihr Elenden, rief Danglars, ich werde Eure schändlichen Berechnungen vereiteln. Soll ich einmal sterben, so will ich lieber sogleich ein Ende machen: laßt mich leiden, martert mich, tötet mich, doch Ihr sollt meine Unterschrift nicht bekommen.

 

Wie es Ihnen beliebt, Exzellenz, sagte Vampa und verließ die Zelle.

 

Danglars warf sich brüllend aus die Bockfelle seines Lagers.

 

Wer waren diese Menschen? Wer war dieser sichtbare Führer? Wer war der unsichtbare Führer? Welche Pläne verfolgten sie mit ihm? Und wenn die ganze Welt sich loskaufen konnte, warum vermochte er allein dies nicht?

 

Oh! Allerdings der Tod, ein rascher und gewaltsamer Tod war ein gutes Mittel, diese erbitterten Feinde zu hintergehen, die eine unbegreifliche Rache gegen ihn zu planen schienen.

 

Ja, aber sterben! Zum ersten Male vielleicht in seiner ganzen Laufbahn dachte Danglars an den Tod zugleich mit dem Verlangen und der Furcht, zu sterben. Doch die Stunde war für ihn gekommen, seinen Blick auf das unversöhnliche Gespenst zu heften, das im Innern jedes Geschöpfes lebt und das nun bei jedem Pulsschlage des Herzens zu ihm sagte: Du wirst sterben.

 

Danglars glich jenen wilden Tieren, welche die Jagd aufregt, in Verzweiflung bringt, und denen es durch die Gewalt der Verzweiflung zuweilen gelingt, sich zu retten.

 

Danglars dachte an Flucht.

 

Doch die Mauern waren die Felsen selbst, und vor dem einzigen Ausgang, der aus der Zelle führte, lag ein Mensch; hinter diesem Menschen sah man mit Flinten bewaffnete Schatten hin und her gehen.

 

Sein Entschluß, nicht zu unterzeichnen, dauerte zwei Tage, dann verlangte er Nahrungsmittel und bot eine Million. Man trug ihm ein vortreffliches Abendessen auf und nahm seine Million.

 

Von da an war das Leben des unglücklichen Gefangenen eine beständige Ausschweifung. Er hatte so viel gelitten, daß er sich keinen weiteren Leiden mehr aussetzen wollte und sich allen Forderungen unterzog. Nach Verlauf von acht Tagen machte er eines Nachmittags, als er wie in den schönen Tagen seines Glückes gespeist hatte, seine Rechnung und bemerkte, daß er so viele Anweisungen abgegeben, daß ihm nur noch fünfzigtausend Franken übrig blieben.

 

Da ging eine seltsame Umwandlung in ihm vor. Er, der fünf Millionen hingegeben hatte, suchte die fünfzigtausend Franken zu retten, die ihm blieben; er beschloß, eher die größten Entbehrungen zu ertragen, als diese fünfzigtausend Franken herzugeben. Der Unglückliche nährte einen Schimmer von Hoffnung, der an Wahnsinn grenzte; er, der seit so langer Zeit Gott vergessen hatte, dachte an ihn, um sich zu sagen, Gott habe zuweilen Wunder getan. Diese Höhle könnte versinken; die päpstlichen Karabinieri könnten diesen verfluchten Aufenthaltsort entdecken und ihm zu Hilfe kommen; dann würden ihm noch fünfzigtausend Franken bleiben; fünfzigtausend Franken wären eine hinreichende Summe, um einen Menschen vor dem Hungertode zu schützen. Er bat Gott, ihm diese fünfzigtausend Franken zu erhalten, und indem er bat, weinte er.

 

So vergingen drei Tage, während deren der Name Gottes beständig, wenn nicht in seinem Herzen, doch auf seinen Lippen war. In Zwischenräumen hatte er Augenblicke des Irrsinns, in denen er durch die Fenster einer armseligen Kammer einen Greis im Todeskampfe auf einem elenden Lager zu erblicken glaubte. Dieser Greis starb auch vor Hunger.

 

Am vierten Tage war er kein Mensch mehr, sondern ein lebendiger Leichnam; er hatte auf dem Boden die letzten Krümchen seiner früheren Mahle zusammengerafft und fing an das Stroh zu verzehren, mit dem der Boden bedeckt war.

 

Dann flehte er Peppino an, wie man einen Schutzengel anfleht, ihm etwas Speise zu geben; er bot ihm tausend Franken für einen Mund voll Brot. Peppino antwortete nicht.

 

Am fünften Tage schleppte er sich vor den Eingang der Zelle.

 

Ihr seid also kein Christ? sagte er, sich auf seine Knie erhebend; Ihr wollt einen Menschen töten, der Euer Bruder vor Gott ist?

 

Und er fiel mit dem Gesicht auf die Erde.

 

Dann fuhr er plötzlich wieder auf und rief: Der Führer!

 

Hier bin ich! sagte, sogleich erscheinend, Vampa, was wünschen Sie noch?

 

Nehmen Sie mein letztes Geld, stammelte Danglars, ihm sein Portefeuille reichend, nehmen Sie es und lassen Sie mich in dieser Höhle; ich verlange meine Freiheit nicht mehr, ich verlange mein Leben nicht mehr.

 

Sie leiden also sehr? fragte Vampa.

 

Ja, ich leide grausam.

 

Es gibt aber Menschen, die mehr gelitten haben.

 

Ich glaube es nicht.

 

Doch! Die, welche vor Hunger gestorben sind.

 

Danglars dachte an den Greis, den er während der Stunde seines Irrsinns durch die Fenster seiner armseligen Kammer aus seinem Lager sich winden sah. Er schlug mit der Stirn auf die Erde und stieg einen Seufzer aus.

 

Ja, sagte er, es ist wahr; es gibt Leute, die mehr gelitten haben, als ich, aber diese waren Märtyrer.

 

Sie bereuen wenigstens? sagte eine düstere, feierliche Stimme, welche die Haare auf Danglars‘ Haupte sich sträuben ließ.

 

Sein geschwächter Blick suchte die Gegenstände zu unterscheiden, und er sah hinter dem Banditen einen Mann, der in einen Mantel gehüllt und vom Schatten eines steinernen Pfeilers bedeckt war.

 

Was soll ich bereuen? stammelte Danglars.

 

Das Böse, das Sie getan haben.

 

Oh! ja, ich bereue es, ich bereue es, rief Danglars.

 

Und er schlug mit seiner abgemagerten Faust an seine Brust.

 

Dann vergebe ich Ihnen, sagte der Unbekannte, seinen Mantel abwerfend und in das Licht vorschreitend.

 

Der Graf von Monte Christo! rief Danglars, bleicher vor Schrecken, als er es einen Augenblick zuvor vor Hunger und Elend gewesen war.

 

Sie täuschen sich; ich bin nicht der Graf von Monte Christo.

 

Und wer sind Sie denn?

 

Ich bin der, den Sie verkauft, preisgegeben, entehrt haben; ich bin der, dessen Braut Sie mit Schmach bedeckten; ich bin der, auf den Sie traten, auf dem Sie fortschritten, um sich zum Glück aufzuschwingen; ich bin der, dessen Vater Sie vor Hunger sterben ließen, den Sie verurteilt hatten, ebenfalls Hungers zu sterben, und der Ihnen dennoch vergibt, weil er selbst der Vergebung bedarf; ich bin Edmond Dantes.

 

Danglars stieß einen Schrei aus und stürzte, so lang er war, zur Erde nieder.

 

 

Stehen Sie auf, sagte der Graf, Ihr Leben bleibt unverletzt; ein solches Glück ist Ihren zwei Genossen nicht widerfahren; der eine ist wahnsinnig, der andere ist tot. Behalten Sie die fünfzigtausend Franken, die Sie noch haben, ich mache sie Ihnen zum Geschenk. Die fünf Millionen, die Sie den Hospitälern gestohlen haben, sind diesen bereits von unbekannter Hand wiedererstattet worden.

 

Und nun essen Sie und trinken Sie! Für heute abend sind Sie mein Gast.

 

Vampa, wenn dieser Mensch sich beruhigt hat, lassen Sie ihn frei!

 

Danglars blieb auf der Erde liegen, bis sich der Graf entfernte; als er das Haupt erhob, sah er nur noch einen im Gange verschwindenden Schatten, vor dem sich die Räuber verbeugten.

 

Danglars wurde dem Befehle des Grafen gemäß von Vampa mit dem Besten, was er hatte, erquickt. Als er seinen Hunger gestillt hatte, ließ ihn der Anführer der Banditen in einen Wagen steigen, begleitete ihn eine Strecke weit und lehnte ihn dann unfern der Straße an einen Baum.

 

Hier blieb er bis zum Anbruch des Tages, ohne zu wissen, wo er war.

 

Beim Morgenlichte bemerkte er, daß er sich in der Nähe eines Baches befand; er hatte Durst und schleppte sich bis zu diesem Bache. Als er sich neigte, um daraus zu trinken, sah er, daß seine Haare weiß geworden waren.

 

-Kapitelname unbekannt-

-Kapitelname unbekannt-


Der Graf von Monte Christo. Sechster Band.





Der Vertrag.

 

Der Vertrag.

 

Drei Tage nachher, gegen fünf Uhr abends, in dem Augenblick, wo Monte Christo eben ausfahren wollte, besuchte ihn Herr Andrea Cavalcanti, so vor Glück strahlend, als sei er im Begriff, eine Prinzessin zu heiraten.

 

Ei! guten Morgen, lieber Herr von Monte Christo! sagte er zu dem Grafen, den er auf der obersten Stufe traf.

 

Ah! Herr Andrea! erwiderte der Angeredete mit halb spöttischem Tone, wie befinden Sie sich?

 

Vortrefflich, wie Sie sehen. Ich habe über tausenderlei Dinge mit Ihnen zu sprechen.

 

Nachdem Andrea aus die Aufforderung des Grafen im Salon des ersten Stockwerks Platz genommen hatte, sagte er mit lachender Miene: Sie wissen, daß die Zeremonie heute abend stattfindet?

 

Allerdings; ich bekam gestern einen Brief von Herrn Danglars. Sie sind nun also glücklich, Herr Cavalcanti? Sie schließen eine sehr wünschenswerte Verbindung; auch ist Fräulein Danglars sehr hübsch.

 

Jawohl, sagte Cavalcanti etwas kleinlaut.

 

Sie ist besonders sehr reich, wie ich glaube?

 

Sehr reich, glauben Sie? wiederholte der junge Mann.

 

Allerdings; man sagt, Herr Danglars verhehle wenigstens die Hälfte seines Vermögens.

 

Und er bekennt sich zu fünfzehn bis zwanzig Millionen! rief Andrea mit einem vor Freude funkelnden Blicke.

 

Abgesehen davon, daß dieses ganze Vermögen Ihnen zufließen wird, da Fräulein Danglars die einzige Tochter ist. Überdies kommt Ihr eigenes Vermögen – Ihr Vater hat mir dies wenigstens gesagt – dem Ihrer Braut beinahe gleich. Doch lassen wir die Geldsache beiseite. Wissen Sie, Herr Andrea, daß Sie die Sache geschickt durchgeführt haben?

 

Nicht schlecht, sagte der junge Mann; ich war für die Diplomatie geboren.

 

Wohl, die diplomatische Laufbahn wird Ihnen offen stehen … Also das Herz ist auch gefangen?

 

In der Tat, ich befürchte es.

 

Liebt man Sie ein wenig?

 

Es muß wohl sein, da man mich heiratet, erwiderte Andrea mit siegreichem Lächeln. Doch vergessen wir eines nicht. Es ist mir beständig eine merkwürdige Unterstützung zuteil geworden.

 

Bah! Durch Zufall.

 

Nein, durch Sie.

 

Durch mich? Lassen Sie das, Prinz, sagte Monte Christo mit absichtlicher Betonung des Titels. Was konnte ich für Sie tun? Genügten nicht Ihr Name, Ihre gesellschaftliche Stellung und Ihr Verdienst?

 

Nein, nein; Sie mögen sagen, was Sie wollen, ich behaupte, Herr Graf, daß die Stellung eines Mannes, wie Sie, mehr getan hat, als mein Name, meine gesellschaftliche Stellung und mein Verdienst.

 

Sie täuschen sich ganz und gar, mein Herr, sagte Monte Christo, der die Absicht des jungen Mannes durchschaute. Sie haben meine Protektion erst erlangt, nachdem ich von dem Einfluß und dem Vermögen Ihres Herrn Vaters Kenntnis genommen; denn wer hat im ganzen mir, der Sie nie gesehen hat und ebensowenig den erhabenen Urheber Ihrer Tage, das Glück verschafft, Sie kennen zu lernen? Zwei von meinen Freunden, Lord Wilmore und der Abbé Busoni. Wer hat mich ermutigt, nicht Ihnen als Bürgschaft zu dienen, sondern Sie zu patronisieren? Der in Italien so bekannte und geehrte Name Ihres Vaters; persönlich kenne ich Sie nicht.

 

Diese unerschütterliche Ruhe und Leichtigkeit ließen Andrea begreifen, daß er für den Augenblick unter dem Drucke einer stärkeren Hand als die seine war, stand und daß sich dieser Druck nicht so leicht brechen ließ.

 

Sagen Sie, Herr Graf, fuhr er fort, ist das Vermögen meines Vaters wirklich groß?

 

Es scheint so.

 

Wissen Sie nicht, ob die Mitgift, die er mir versprochen hat, angekommen ist?

 

Ich habe die schriftliche Ankündigung erhalten, und die drei Millionen sind aller Wahrscheinlichkeit nach auf dem Wege.

 

Ich werde sie also wirklich erhalten?

 

Verdammt! rief der Graf, es scheint mir, es hat Ihnen bis jetzt nicht an Geld gefehlt.

 

Andrea war so erstaunt, daß er einen Augenblick in Sinnen versank.

 

Mein Herr, sagte er, aus seiner Träumerei erwachend, ich habe nur noch eine Bitte an Sie zu richten, die Sie verstehen werden, selbst wenn sie Ihnen unangenehm sein sollte.

 

Sprechen Sie.

 

Ich kam durch mein Vermögen mit vielen ausgezeichneten Leuten in Verbindung und habe, wenigstens für den Augenblick, eine Menge Freunde. Doch wenn ich mich jetzt sozusagen im Angesicht der ganzen Pariser Gesellschaft verheirate, so muß ich mich in Ermangelung der väterlichen Hand durch einen Mann mit erhabenem Namen und zweifellosem Ansehn an den Altar führen lassen; mein Vater kommt aber nicht nach Paris, nicht wahr?

 

Er ist alt, mit Wunden bedeckt und leidet, wie er sagt, so sehr, daß ihn jede Reise an den Rand des Grabes bringt.

 

Ich begreife und komme daher, die Bitte an Sie zu wagen, ihn zu ersetzen.

 

Ah! mein lieber Herr, nachdem ich so lange mit Ihnen zu verkehren das Glück gehabt habe, kennen Sie mich so wenig, daß Sie eine solche Bitte an mich richten? Verlangen Sie eine halbe Million von mir, und Sie werden mich, ans mein Ehrenwort, eher dazu geneigt finden. Ich, der ein Serail in Kairo, in Smyrna und in Konstantinopel hat, soll den Vorsitz bei einer Hochzeit führen? Niemals!

 

Sie schlagen es also ab?

 

Ja; ich würde es abschlagen, selbst wenn Sie mein Sohn wären.

 

Ah! rief Andrea verblüfft, wie soll ich es machen?

 

Sie haben hundert Freunde, wie Sie soeben selbst sagten.

 

Gewiß; doch Sie stellten mich Herrn Danglars vor.

 

Keineswegs! In Wahrheit war es so: Ich habe Sie mit ihm in Auteuil speisen lassen, und Sie haben sich ihm selbst vorgestellt. Teufel! das ist ein Unterschied.

 

Ja, doch Sie trugen zu meiner Verheiratung bei.

 

Ich? Ganz und gar nicht, ich bitte Sie, mir dies zu glauben. Erinnern Sie sich doch, was ich Ihnen geantwortet habe, als Sie zu mir kamen und mich baten, Fräulein Danglars‘ Hand für Sie zu verlangen. Oh! ich vermittle nie Heiraten, mein Prinz, das ist bei mir ein fester Grundsatz.

 

Andrea biß sich auf die Lippen.

 

Doch Sie werden wenigstens anwesend sein?

 

Wird ganz Paris erscheinen? – Oh! gewiß.

 

Gut! ich werde es machen, wie ganz Paris.

 

Sie werden den Vertrag unterzeichnen?

 

Oh! ich sehe darin nichts Unangemessenes, und meine Bedenklichkeiten gehen nicht so weit.

 

Nun, da Sie mir nicht mehr gewähren wollen, so muß ich mich mit dem begnügen, was Sie mir geben. Doch ein letztes Wort, Herr Graf.

 

Was denn? Sprechen Sie.

 

Die Mitgift meiner Frau beträgt 500 000 Franken?

 

Diese Zahl hat mir Herr Danglars selbst genannt.

 

Soll ich sie in Empfang nehmen, oder in den Händen des Notars lassen?

 

Anständigerweise verfährt man so: Ihre beiden Notare verabreden bei Abschluß des Vertrages eine Zusammenkunft für den nächsten, oder den zweiten Tag. Dann tauschen sie die Mitgiften aus, worüber sie sich gegenseitig Scheine geben. Ist dann die Hochzeit gefeiert, so stellen sie die Millionen zu Ihrer Verfügung, da Sie das Haupt der Gemeinschaft sind.

 

Ich glaube, sagte Andrea mit schlecht verhehlter Unruhe, eine Äußerung meines Schwiegervaters gehört zu haben, er wolle unsere Fonds in Eisenbahnaktien anlegen.

 

Ah! das ist doch nach allgemeiner Ansicht ein Mittel, Ihre Kapitalien in einem Jahre wenigstens zu verdreifachen. Der Herr Baron Danglars versteht zu rechnen.

 

Somit geht alles vortrefflich, abgesehen von Ihrer Weigerung, die mich im höchsten Grade schmerzt.

 

Schreiben Sie diese einzig und allein einem unter solchen Umständen natürlichen Bedenken zu.

 

Gut, sagte Andrea, es sei, wie Sie wollen, heute abend um neun Uhr.

 

Auf Wiedersehen.

 

Und trotz eines leichten Widerstrebens Monte Christos, der aber ein zeremoniöses Lächeln beibehielt, ergriff Andrea die Hand des Grafen, drückte sie, sprang in seinen Wagen und verschwand.

 

Die vier Stunden, die ihm bis neun Uhr blieben, wandte Andrea zu Besuchen an, um die von ihm erwähnten Freunde zu veranlassen, mit allem Luxus ihrer Equipagen bei dem Bankier zu erscheinen.

 

Um halb neun Uhr abends waren der große Salon im Danglarsschen Hause, die an diesen Salon anstoßende Galerie, und die drei andern Salons des Stockes, die tausend Kerzen bestrahlten, von einer parfümierten Menge erfüllt, die viel weniger die Sympathie anzog, als das unwiderstehliche Bedürfnis, da zu sein, wo man etwas Neues zu sehen hoffen durfte.

 

Fräulein Eugenie war mit der zierlichsten Einfachheit angetan; ein Kleid von weißer Seide, eine halb in ihren rabenschwarzen Haaren verlorene weiße Rose bildeten ihren ganzen Schmuck.

 

Dreißig Schritte von ihr plauderte Frau Danglars mit Debray, Beauchamp und Chateau-Renaud. Andrea, der am Arme eines der bekanntesten Pariser Stutzer einherschritt, entwickelte diesem seine maßlosen Pläne für sein zukünftiges Leben, und wie er durch seinen Luxus selbst die verwöhnten Pariser in Erstaunen setzen wollte.

 

Die Menge wanderte durch diese Salons, wie ein Strom von Türkisen, Rubinen, Smaragden und Diamanten. Wie überall konnte man auch hier bemerken, daß die ältesten Frauen am meisten geschmückt waren, und daß sich die Häßlichsten am hartnäckigsten vordrängten. Wollte man sich einer schönen weißen Lilie, einer süßen, duftenden Rose erfreuen, so mußte man sie verborgen in irgend einem Winkel hinter einer turbangeschmückten Mutter oder einer mit einem Paradiesvogel koiffierten Tante suchen.

 

In dem Augenblicke, wo der Zeiger der massiven Pendeluhr auf ihrem goldenen Zifferblatt neun Uhr anzeigte, erklang nach anderen berühmten Namen aus Finanz-, Offizier- oder Gelehrtenkreisen, welche der Saaldiener beim Eintreffen der betreffenden Personen in das allgemeine Gesumme und Gelächter hineinrief, auch der Name des Grafen von Monte Christo, und wie von einem elektrischen Schlage getroffen, wandte sich die ganze Versammlung der Tür zu.

 

Der Graf war schwarz und mit seiner gewöhnlichen Einfachheit gekleidet, statt jedes Schmuckes trug er nur auf seiner weißen Weste eine ganz feine, goldene Kette.

 

Der Graf gewahrte mit einem einzigen Umblicke Frau Danglars an einem Ende des Salons, Herrn Danglars am andern, und Eugenie vor sich.

 

Er näherte sich zuerst der Baronin, die mit Frau von Villefort plauderte, und ging dann geradeswegs, so sehr lichtete sich vor ihm das Gedränge, auf Eugenie zu, die er mit so ausgesuchten Worten begrüßte, daß die stolze Künstlerin davon betroffen war. Neben ihr stand Fräulein Luise d’Armilly; sie dankte dem Grafen für die Empfehlungsbriefe, die er ihr so zuvorkommend für Italien gegeben habe, und von denen sie, wie sie sagte, ungesäumt Gebrauch machen werde. Als er diese Damen verließ, wandte er sich um und befand sich Danglars gegenüber, der sich ihm genähert hatte, um ihm die Hand zu drücken.

 

Sobald diese drei gesellschaftlichen Pflichten erfüllt waren, blieb Monte Christo stehen und schaute gleichgültig umher.

 

Die Notare traten in diesem Augenblick ein und legten ihre bekritzelten Papiere auf die goldgestickte Samtdecke eines bereitstehenden Tisches. Der Vertrag wurde unter tiefem Schweigen vorgelesen. Doch gleich darauf erhob sich der Lärm in den Salons doppelt so stark wie zuvor. Diese glänzenden Summen, der berauschende Klang der Millionen vervollständigten mit ihrem Blendwerk den Eindruck, den die in einem besonderen Zimmer ausgestellte Aussteuer nebst den Diamanten der jungen Frau auf die neidischen Gäste gemacht hatte.

 

Von seinen Freunden umringt, beglückwünscht, umschmeichelt, begann Andrea an die Wirklichkeit seines Traumes zu glauben und war im Begriff, den Kopf zu verlieren.

 

Der Notar nahm feierlich die Feder und sagte: Meine Herren, man unterzeichne den Vertrag.

 

Der Baron sollte zuerst unterzeichnen, dann der Bevollmächtigte von Herrn Cavalcanti Vater, dann die Baronin, dann die zukünftigen Ehegatten.

 

Der Baron nahm die Feder und unterzeichnete, dann kam der Bevollmächtigte. Die Baronin näherte sich am Arme der Frau von Villefort. Mein Freund, sagte sie, die Feder ergreifend, ist es nicht zum Verzweifeln? Ein unerwarteter Zwischenfall bei der Mord- und Diebstahlsgeschichte, deren Opfer beinahe der Herr Graf von Monte Christo gewesen wäre, beraubt uns des Glückes, Herrn von Villefort hier zu sehen.

 

Oh, mein Gott! sagte Danglars und dachte bei sich, das ist mir ganz gleichgültig!

 

Mein Gott! sprach Monte Christo hinzutretend, ich befürchte, die unwillkürliche Ursache dieser Abwesenheit zu sein.

 

Wie! Sie, Graf? sagte Frau Danglars, indem sie unterzeichnete; wenn dem so ist, so nehmen Sie sich in acht, ich werde es Ihnen nie mehr verzeihen.

 

Andrea spitzte die Ohren.

 

Sie erinnern sich, sagte der Graf, mitten unter dem tiefsten Stillschweigen, daß bei mir der Unglückliche gestorben ist, der mich berauben wollte, dann aber anscheinend von seinem Genossen ermordet wurde?

 

Ja, sagte Danglars.

 

Nun, um ihm zu helfen, hatte man ihn entkleidet und seine Kleider in eine Ecke geworfen, worauf sie im Auftrage des Gerichtes in Verwahrung genommen wurden, wobei man aber die Weste vergaß.

 

Andrea erbleichte sichtbar und zog sich ganz sacht nach der Tür; er sah am Horizont eine Wolke heraufziehen, die ihm einen Sturm zu verkünden schien.

 

Diese Weste hat man nun heute, ganz mit Blut bedeckt und in der Herzgegend durchlöchert, gefunden.

 

Die Damen stießen einen Schrei aus, und zwei oder drei machten sich bereit, in Ohnmacht zu fallen.

 

Man brachte sie mir, niemand konnte erraten, wem dieser traurige Fetzen gehöre; ich allein dachte, es sei wahrscheinlich die Weste des Opfers. Plötzlich fühlte mein Kammerdiener, der die traurige Reliquie untersuchte, ein Papier in der Tasche und zog es heraus; es war ein Brief, an wen? An Sie, Baron.

 

An mich? rief Danglars.

 

Oh! mein Gott, ja, an Sie; es gelang mir, Ihren Namen unter dem Blute zu lesen, mit dem das Billett befleckt war, antwortete Monte Christo, unter allgemeinen Ausrufen der Verwunderung.

 

Aber … fragte Frau Danglars, ihren Gatten unruhig anschauend, was hindert dies Herrn von Villefort …

 

Das ist ganz einfach, gnädige Frau, erwiderte Monte Christo, diese Weste und dieser Brief sind Beweisstücke; ich habe darum auch Brief und Weste zu dem Herrn Staatsanwalt geschickt. Sie begreifen, Herr Baron, der gesetzliche Weg ist der sicherste in Kriminalsachen; vielleicht war es ein hinterlistiger Streich gegen Sie.

 

Andrea schaute Monte Christo starr an und verschwand in den zweiten Salon.

 

Das ist möglich, sagte Danglars, war der Ermordete nicht ein ehemaliger Galeerensklave?

 

Ja, antwortete der Graf, ein ehemaliger Galeerensklave, namens Caderousse.

 

Danglars erbleichte leicht, Andrea verließ den zweiten Salon und erreichte das Vorzimmer.

 

Unterzeichnen Sie doch, sagte Monte Christo, ich sehe, daß meine Erzählung einige Aufregung verursacht hat, und bitte Sie, Frau Baronin, und Fräulein Danglars um Verzeihung.

 

Die Baronin übergab die Feder dem Notar.

 

Herr Prinz Cavalcanti, sagte der Notar, Herr Prinz Cavaleanti, wo sind Sie?

 

 

Andrea! Andrea! wiederholten mehrere Stimmen von jungen Leuten, die bereits mit dem edlen Italiener zu einem solchen Grade von Vertraulichkeit gelangt waren, daß sie ihn mit seinem Taufnamen riefen.

 

Rufen Sie doch den Prinzen, sagen Sie ihm, es sei die Reihe an ihm, zu unterzeichnen! rief Danglars einem Diener zu.

 

Doch in demselben Augenblick strömte die Menge der Anwesenden in den Hauptsalon zurück, als ob ein furchtbarer Schreck über sie hereingebrochen wäre.

 

Es war allerdings Grund vorhanden, zurückzuweichen, denn ein Gendarmerieoffizier stellte zwei Gendarmen vor die Tür des Salons und ging in Begleitung eines mit seiner Schärpe umgürteten Polizeikommissars auf Danglars zu.

 

Frau Danglars stieß einen Schrei aus und fiel in Ohnmacht. Danglars, der sich selbst bedroht glaubte, zeigte seinen Gästen ein von Schrecken entstelltes Gesicht.

 

Was gibt es denn, mein Herr? fragte Monte Christo, dem Kommissar entgegengehend.

 

Wer von Ihnen, meine Herren, fragte der Beamte, heißt Andrea Cavalcanti?

 

Ein Schrei des Erstaunens brach aus allen Ecken des Saales hervor. Man suchte; man fragte.

 

Aber was ist es denn mit diesem Andrea Cavalcanti? fragte Danglars ganz verwirrt.

 

Er ist ein aus dem Bagno in Toulon entsprungener Galeerensklave.

 

Und welches Verbrechen hat er begangen?

 

Er ist angeklagt, sagte der Kommissar mit seiner unerschütterlichen Stimme, einen Menschen, namens Caderousse, seinen ehemaligen Kettengenossen, im Augenblick, wo dieser aus dem Hause des Herrn Grafen von Monte Christo kam, ermordet zu haben.

 

Monte Christo schaute rasch umher.

 

Andrea war verschwunden.

 

Der Kirchhof Père la Chaise.

 

Der Kirchhof Père la Chaise.

 

Herr von Villefort, ein Vollblut-Pariser, betrachtete den Friedhof Père la Chaise als allein würdig, die sterblichen Hüllen einer Pariser Familie aufzunehmen. Nur auf dem Père la Chaise konnte ein Hingeschiedener der guten Gesellschaft anständig ruhen. Er hatte hier für ewige Zeiten einen Raum erkauft, auf dem sich das so schnell gefüllte Mausoleum erhob. Man las am Giebel: die Familien Saint-Meran und Villefort; denn dies war der letzte Wunsch der armen Renée, Valentines Mutter, gewesen.

 

Der prunkhafte Leichenzug fuhr durch ganz Paris, sodann durch den Faubourg du Temple und über die äußeren Boulevards bis zum Friedhofe. Mehr als fünfzig Herrenwagen folgten den zwanzig Trauerwagen, und hinter diesen fünfzig Wagen gingen noch mehr als fünfhundert Personen zu Fuß.

 

Als der Zug die Grenze des Stadtgebietes erreicht hatte, sah man ein Gespann von vier Pferden erscheinen; es war das des Herrn von Monte Christo. Der Graf stieg aus und mischte sich unter die Menge, die zu Fuß dem Leichenwagen folgte. Chateau-Renaud erblickte ihn; er stieg sogleich aus seinem Coupé und ging auf ihn zu. Beauchamp verließ ebenfalls sein Kabriolett. Der Graf schaute aufmerksam durch die Reihen der Leidtragenden. Er suchte offenbar irgend jemand. Endlich fragte er: Wo ist Morel? Weiß einer von Ihnen, meine Herren, wo er ist?

 

Wir haben uns schon gegenseitig dieselbe Frage vorgelegt, sagte Chateau-Renaud, denn niemand von uns hat ihn bemerkt.

 

Endlich gelangte man auf den Friedhof. Des Grafen durchdringendes Auge durchforschte die Eiben- und Fichtengebüsche; ein Schatten schlüpfte durch das dunkle Gesträuch, und Monte Christo erkannte ohne Zweifel den, welchen er suchte. Er beobachtete, wie dieser Schatten sich rasch über den Platz hinter dem Grabe von Heloise und Abälard fortbewegte und zu dem für das Begräbnis gewählten Ort gelangte.

 

In dem Schatten erkannten, als der Zug anhielt, auch die andern Morel, der mit seinem schwarzen, bis oben zugeknöpften Rocke, mit seiner leichenbleichen Stirn, seinen hohlen Wangen und seinem krampfhaft zerknitterten Hute sich an einen Baum angelehnt und auf einem das Mausoleum überragenden Hügel so aufgestellt hatte, daß er nicht das geringste von der Zeremonie verlieren konnte.

 

Alles ging wie gewöhnlich vor sich. Einige Herren hielten Reden. Die einen beklagten den frühzeitigen Tod; die andern verbreiteten sich über den Schmerz des Vaters; einige waren geistreich genug, zu behaupten, Valentine habe mehr als einmal bei Herrn von Villefort Bitten für die Schuldigen eingelegt, über deren Haupt er das Schwert der Gerechtigkeit gehalten; kurz man erschöpfte sich in blumenreichen Wendungen.

 

Monte Christo hörte nichts, sah nichts, oder er sah vielmehr nur Morel, dessen Ruhe und Unbeweglichkeit ein furchtbares Schauspiel für den waren, der allein zu lesen vermochte, was im Innersten des jungen Mannes vorging.

 

Sieh da, sagte plötzlich Beauchamp zu Debray, dort ist Morel! Wo zum Teufel mag er gesteckt haben?

 

Und sie zeigten ihn Chateau-Renaud.

 

Wie bleich er aussieht! sagte dieser erschrocken.

 

Es wird ihn frieren, versetzte Debray.

 

Nein, entgegnete langsam Chateau-Renaud, ich glaube, er ist erschüttert. Maximilian ist ein für Eindrücke sehr empfänglicher Mensch.

 

Bah! rief Debray; er kannte Fräulein von Villefort kaum. Sie haben es selbst gesagt.

 

Es ist wahr. Doch ich erinnere mich, daß er auf dem Balle der Frau von Morcerf dreimal mit ihr getanzt hat; Sie wissen, Graf, auf dem Balle, wo Sie eine so große Wirkung hervorbrachten?

 

Nein, es ist nur nicht bekannt, antwortete Monte Christo, ohne eigentlich zu wissen, worauf und wem er antwortete, so sehr war er damit beschäftigt, Morel zu überwachen, dessen Wangen sich jetzt belebten.

 

Die Reden sind zu Ende, Gott befohlen, meine Herren, sagte plötzlich der Graf. Damit gab er das Zeichen zum Aufbruch und verschwand sofort. Die Leichenfeierlichkeit war vorüber, und die Anwesenden schlugen den Weg nach Paris ein.

 

Nur Chateau-Renaud suchte einen Augenblick Morel mit den Augen; doch während sein Blick dem wegeilenden Grafen gefolgt war, hatte Morel seinen Platz verlassen, und Chateau-Renaud ging, nachdem er ihn vergebens gesucht, Debray und Beauchamp nach.

 

Monte Christo war in ein Gebüsch getreten und beobachtete, hinter einem großen Grabmale verborgen, jede Bewegung Morels, der sich allmählich dem Mausoleum näherte. Morel schaute irre umher; Monte Christo konnte sich abermals zehn Schritte nähern, ohne gesehen zu werden.

 

Der junge Mann kniete nieder, er beugte seine Stirn bis auf den Stein, umfaßte das Gitter mit seinen Händen und murmelte: Oh! Valentine!

 

Dem Grafen wollte bei dem Ausdruck, mit dem diese Worte gesprochen wurden, das Herz brechen; er machte noch einen Schritt, klopfte Morel auf die Schulter und sagte: Sie, mein lieber Freund, Sie suchte ich.

 

Monte Christo erwartete ein Aufbrausen, Vorwürfe, Beschuldigungen; er täuschte sich. Morel wandte sich um und sagte mit scheinbarer Ruhe: Sie sehen, ich betete!

 

Der forschende Blick des Graben betrachtete den jungen Mann von oben bis unten. Nach dieser Prüfung schien er ruhiger. Soll ich Sie nach Paris zurückfahren? sagte er.

 

Nein, ich danke.

 

Wünschen Sie irgend etwas? – Lassen Sie mich beten.

 

Der Graf entfernte sich ohne Erwiderung, doch nur um auf einer andern Stelle stehen zu bleiben, von wo aus er jede Bewegung Morels beobachten konnte. Dieser erhob sich endlich und schlug wieder den Weg nach Paris ein, ohne ein einziges Mal den Kopf umzuwenden. Er ging langsam die Rue de la Roquette hinab. Der Graf folgte ihm auf hundert Schritte.

 

Maximilian ging über den Kanal und kehrte auf den Boulevards nach der Rue Meslai zurück. Fünf Minuten nachdem sich die Tür hinter ihn geschlossen hatte, öffnete sie sich wieder für Monte Christo.

 

Julie befand sich am Eingang des Gartens und schaute Penelon zu, der im Garten arbeitete.

 

Ah! Herr Graf von Monte Christo, rief sie mit jener Freude, die jedes Mitglied der Familie Morel zeigte, wenn Monte Christo einen Besuch in der Rue Meslai machte.

 

Nicht wahr, gnädige Frau, Maximilian ist soeben nach Hause gekommen? fragte der Graf.

 

Ja, ich glaube, ich habe ihn vorübergehen sehen, erwiderte die junge Frau, doch ich bitte, rufen Sie Emanuel.

 

Verzeihen Sie, gnädige Frau, ich muß sogleich zu Maximilian hinaufgehen, ich habe ihm eine Sache von der größten Wichtigkeit mitzuteilen.

 

Gehen Sie, sagte sie, den Grafen mit ihrem reizenden Lächeln nachschauend, bis er an der Treppe verschwunden war.

 

Monte Christo hatte bald die Stufen der zwei Stockwerke hinter sich, die das Erdgeschoß von Maximilians Wohnung trennten. Auf dem Vorplatze horchte er, es ließ sich kein Geräusch vernehmen. An dieser Glastür fand sich kein Schlüssel; Maximilian hatte sich von innen eingeschlossen, aber man konnte unmöglich durch die Tür sehen, da hinter den Scheibe ein Vorhang von roter Seide angebracht war.

 

Die Angst des Grafen verriet sich durch eine lebhafte Röte.

 

Was ist zu tun? murmelte er. Und er dachte einen Augenblick nach. Läuten? fuhr der Graf fort; oh, nein! Oft beschleunigt der Schall einer Glocke den Entschluß dessen, der sich in Morels augenblicklicher Lage befindet.

 

Monte Christo schauerte vom Scheitel bis zu den Zehen, und da bei ihm der Entschluß die Raschheit des Blitzes hatte, so stieß er mit dem Ellenbogen eine Scheibe der Glastür ein, hob den Vorhang auf und sah Morel, wie er, au seinem Schreibtisch sitzend, beim Geräusch der zerbrochenen Scheibe vom Stuhle aufsprang.

 

Es ist nichts, sagte der Graf, ich bitte tausendmal um Vergebung, mein lieber Freund, ich bin ausgeglitten und habe dabei an das Fenster gestoßen. Da es nun einmal zerbrochen ist, so will ich dies benutzen, um bei Ihnen einzutreten; bemühen Sie sich nicht!

 

Der Graf streckte den Arm durch die zerbrochene Scheibe und öffnete die Tür. Morel erhob sich offenbar ärgerlich und ging dem Grafen entgegen, doch weniger um ihn zu empfangen, als um ihm den Weg zu versperren.

 

Sind Sie verwundet, mein Herr? fragte er.

 

Ich weiß es nicht. Doch was machten Sie denn da? Sie schrieben?

 

Es ist wahr, antwortete Morel, ich schrieb; das kommt bei mir manchmal vor, obgleich ich Soldat bin.

 

Monte Christo machte einige Schritte im Zimmer, Morel mußte den Grafen vorüberlassen, folgte ihm jedoch.

 

Sie schrieben? versetzte Monte Christo mit einem unheimlich scharfen Blicke, dann schaute er umher.

 

Ihre Pistolen neben dem Schreibzeug? sagte er, auf die Waffen deutend, die auf dem Schreibtisch lagen.

 

Ich mache eine Reise, antwortete Maximilian trotzig.

 

Mein Freund! sagte Monte Christo mit unendlich weicher Stimme, mein lieber Maximilian, keine heftigen Entschlüsse, ich bitte Sie!

 

Ich, heftige Entschlüsse, versetzte Morel, die Achseln zuckend; ich frage Sie, wieso ist eine Reise ein heftiger Entschluß?

 

Maximilian, sagte Monte Christo, legen wir die Maske beiseite, die wir gegenseitig tragen. Maximilian, Sie täuschen mich ebensowenig durch diese erheuchelte Ruhe, wie ich Sie mit dem Anschein oberflächlicher Teilnahme täusche. Morel, meine herzliche Empfindung für Sie sagt es mir, Sie wollen sich töten.

 

Gut! versetzte Morel schauernd. Woher kommen Sie auf diesen Gedanken, Herr Graf?

 

Ich sage Ihnen, daß Sie sich töten wollen, fuhr der Graf mit demselben Tone fort, hier ist der Beweis.

 

Und er trat zu dem Schreibtisch, hob das weiße Blatt auf, das der junge Mann auf einen angefangenen Brief geworfen hatte, und nahm den Brief.

 

Morel stürzte auf ihn zu, um das Papier seinen Händen zu entreißen. Doch Monte Christo sah diese Bewegung voraus und kam ihm zuvor, indem er ihn beim Faustgelenk faßte und zurückhielt.

 

Sie sehen, daß Sie sich töten wollten, Morel, sagte der Graf, Sie haben es hier selbst geschrieben!

 

Nun wohl! rief Morel mit einmal von scheinbarer Ruhe zur größten Heftigkeit übergehend; nun wohl, wenn dem so wäre, wenn ich beschlossen hätte, den Pistolenlauf gegen mich zu richten, wer wollte mich hindern, wer hätte den Mut, mich zu hindern? Wenn ich sage: Alle meine Hoffnungen sind zertrümmert, mein Herz ist gebrochen, mein Leben ist erloschen, es gibt nur noch Trauer und Ekel um mich her! Wenn ich sage: Es ist Mitleid, mich sterben zu lassen, denn wenn man mich nicht sterben läßt, so verliere ich den Verstand und werde wahnsinnig. Sprechen Sie, mein Herr, wenn ich dies sage, und man sieht, daß ich es mit der Angst und den Tränen meines Herzens sage, wird man mir antworten: Du hast unrecht? Wird man mich verhindern, nicht mehr der Unglücklichste zu sein? Sprechen Sie, mein Herr, haben Sie den Mut hierzu?

 

Ja, Morel, erwiderte Monte Christo mit einer Stimme, deren Ruhe seltsam mit der Ausregung des jungen Mannes im Widerspruche stand; ja, ich habe den Mut.

 

Sie! rief Morel mit einem wachsenden Ausdrucke von Zorn und Vorwurf; Sie, der mich mit einer törichten Hoffnung kirrte; Sie, der mich mit leeren Versprechungen zurückhielt und einschläferte, während ich durch einen äußersten Entschluß sie vielleicht hätte retten oder wenigstens in meinen Armen sterben sehen können; Sie, der alle Mittel des Geistes, alle Kräfte der Materie zu besitzen vorgibt; Sie, der aus der Erde die Rolle der Vorsehung spielt oder zu spielen sich den Anschein verleiht, und der nicht einmal die Macht besitzt, einem vergifteten Mädchen ein Gegengift zu reichen! Ah! In der Tat, mein Herr, Sie würden mir Mitleid einflößen, flößten Sie mir nicht Abscheu ein!

 

Morel …

 

Ja, Sie haben mir gesagt, wir wollen die Masken ablegen: wohl, Sie sollen befriedigt werden, ich lege sie ab. Ja, als Sie mir nach dem Kirchhofe folgten, antwortete ich Ihnen noch, denn ich bin gutmütig; als Sie hier eintraten, ließ ich Sie bis zu dieser Stelle kommen … Doch da Sie meine Güte mißbrauchen, da Sie mir sogar in meinem Zimmer trotzen, in das ich mich als in mein Grab zurückgezogen habe, da Sie mir eine neue Qual bringen, mir, der alle erschöpft zu haben glaubte, Graf von Monte Christo, mein angeblicher Wohltäter; Graf von Monte Christo, allgemeiner Retter, seien Sie zufrieden, Sie werden Ihren Freund sterben sehen.

 

Und das Lächeln des Wahnsinns auf den Lippen, stürzte Morel zum zweiten Male nach den Pistolen.

 

Bleich wie ein Gespenst, aber mit blitzenden Augen streckte Monte Christo die Hand nach den Waffen aus und sagte: Und ich wiederhole Ihnen, Sie werden sich nicht töten!

 

Hindern Sie mich doch! versetzte Morel mit einem letzten Sprunge, der sich, wie der erste, an dem stählernen Arme des Grafen brach.

 

Ich werde Sie hindern.

 

Doch wer sind Sie denn, daß Sie sich dieses Recht über freie und denkende Geschöpfe anmaßen? rief Maximilian.

 

Wer ich bin? wiederholte Monte Christo. Hören Sie: Ich bin der einzige Mensch auf der Welt, der berechtigt ist, Ihnen zu sagen: Morel, ich will nicht, daß der Sohn deines Vaters heute stirbt!

 

Und majestätisch, erhaben, ging Monte Christo mit gekreuzten Armen auf den zitternden jungen Mann zu, der, unwillkürlich durch das erhabene Wesen dieses Menschen besiegt, einen Schritt zurückwich.

 

Warum sprechen Sie von meinem Vater? stammelte er, warum mischen Sie die Erinnerung an meinen Vater in das, was mir heute begegnet?

 

Weil ich der bin, der deinem Vater eines Tages das Leben gerettet hat, als er sich töten wollte, wie du dich heute töten willst; weil ich der Mann bin, der deiner jungen Schwester die Börse und dem alten Morel den Pharao geschickt hat; weil ich Edmond Dantes bin, der dich als Kind auf seinem Schoße spielen ließ!

 

Morel machte wankend, keuchend noch einen Schritt rückwärts, dann verließen ihn seine Kräfte, und er stürzte mit einem gewaltigen Schrei zu den Füßen Monte Christos nieder.

 

Plötzlich trat in Morels starkem Geiste eine rasche, vollständige Wiedergeburt ein; er stand auf, sprang aus dem Zimmer, eilte auf die Treppe und rief mit der ganzen Macht seiner Stimme: Julie! Julie! Emanuel!

 

Monte Christo wollte ebenfalls hinauseilen; doch Maximilian hätte sich lieber töten lassen, als daß er von den Angeln der Tür gewichen wäre, die er gegen den Grafen zurückdrückte.

 

Auf Maximilians Geschrei liefen Julie, Emanuel, Penelon und einige Diener erschrocken herbei.

 

Morel faßte sie bei den Händen, öffnete die Tür wieder und rief mit einer fast erstickten Stimme: Auf die Knie! Auf die Knie! Es ist der Wohltäter, es ist der Retter unseres Vaters! Es ist …

 

Er wollte sagen: Es ist Edmond Dantes! Doch der Graf hielt ihn zurück.

 

Julie stürzte auf die Hand des Grafen, Emanuel umfaßte ihn wie einen Schutzgott, Morel fiel zum zweiten Male auf die Knie und schlug mit der Stirn aus den Boden.

 

Da fühlte der eherne Mann, wie sein Herz sich in seiner Brust erweiterte; die verzehrende Flamme stieg von seiner Kehle in seine Augen, er neigte das Haupt und weinte!

 

Einige Augenblicke erfüllte das Zimmer ein Zusammenklang edler Herzensergüsse, der den Bewohnern des Himmels harmonisch geklungen haben müßte.

 

Julie hatte sich kaum von ihrer tiefen Erschütterung erholt, als sie hinausstürzte, die Treppe hinabeilte, mit einer kindischen Freude in den Salon lief und die kristallene Kugel aufhob, welche die ihr von dem Unbekannten der Allées de Meillan geschenkte Börse beschützte.

 

Während dieser Zeit sprach Emanuel mit erschütterter Stimme zum Grafen: Oh! Herr Graf, wie konnten Sie, der uns so oft von unserem unbekannten Wohltäter sprechen hörte, wie konnten Sie bis heute warten, ohne sich uns zu offenbaren? Oh! das ist eine Grausamkeit gegen uns, und ich möchte beinahe sagen, Herr Graf, gegen Sie selbst.

 

 

Hören Sie, mein Freund, erwiderte der Graf, so kann ich Sie nennen, denn ohne es zu vermuten, sind Sie mein Freund seit elf Jahren, die Entdeckung dieses Geheimnisses ist durch ein großes Ereignis herbeigeführt worden, das Sie nicht kennen sollen. Gott ist mein Zeuge, ich wollte es mein ganzes Leben hindurch im Grunde meiner Seele begraben halten; Ihr Schwager Maximilian hat es mir durch seine Heftigkeit entrissen, die er, ich bin fest überzeugt, bereut.

 

Dann schaute er Maximilian an, der sich, obgleich auf den Knien verharrend, gegen einen Lehnstuhl gewendet hatte, und fügte ganz leise, Emanuel auf eine bezeichnende Weise die Hände drückend, hinzu: Wachen Sie über ihn.

 

Warum? fragte der junge Mann erstaunt.

 

Ich kann es Ihnen nicht sagen; doch wachen Sie über ihn.

 

Jetzt kam Julie wieder herauf; sie hielt die seidene Börse in der Hand, und zwei glänzende, freudige Tränen rollten wie zwei Tropfen Morgentau über ihre Wangen. Das ist die Reliquie, sagte sie; glauben Sie nicht, daß sie mir minder teuer ist, seitdem wir den Retter kennen.

 

Mein Kind, antwortete Monte Christo errötend, erlauben Sie mir, diese Börse zurückzunehmen; nun da Sie die Züge meines Gesichtes kennen, will ich in Ihrer Erinnerung nur durch die Zuneigung leben, die Sie mir auf meine Bitte gewähren werden.

 

Oh! nein, nein, ich flehe Sie an, sagte Julie, die Börse an ihr Herz drückend, denn eines Tages könnten Sie uns verlassen, ja Sie werden uns leider verlassen; nicht wahr?

 

Sie haben richtig erraten, erwiderte Monte Christo lächelnd; in acht Tagen bin ich von diesem Lande entfernt, wo so viele Leute, die des Himmels Rache verdient hätten, glücklich lebten, während mein Vater vor Hunger und Schmerz starb.

 

Als er seine nahe Abreise ankündigte, heftete Monte Christo seine Augen auf Morel, und er bemerkte, daß diese Worte ihn keinen Augenblick seinem Tiefsinn zu entziehen vermochten. Er sah ein, daß er einen letzten Kampf mit dem Schmerze seines Freundes bestehen mußte; er nahm daher Julies und Emanuels Hände in die seinigen und sprach mit der sanften Würde eines Vaters: Meine lieben Freunde, ich bitte Euch, laßt mich mit Maximilian allein.

 

Der Graf blieb allein mit Morel, der unbeweglich wie eine Bildsäule verharrte.

 

Laß hören, sagte der Graf, Maximilians Schulter mit seinem glühenden Finger berührend, wirst du endlich wieder ein Mensch, Maximilian?

 

Ja, denn ich fange an zu leiden.

 

Maximilian! Maximilian! sagte der Graf düster, die Gedanken, in welche du dich versenkst, sind eines Christen unwürdig.

 

Oh! Beruhigen Sie sich, Freund, sagte Morel, das Haupt erhebend und dem Grafen ein Lächeln voll unaussprechlicher Traurigkeit zeigend, ich werde den Tod nicht mehr suchen.

 

Also keine Waffen, keine Verzweiflung mehr?

 

Nein, denn ich habe etwas Besseres, um mich von meinem Schmerze zu heilen, als den Lauf einer Pistole oder die Spitze eines Messers.

 

Armer Narr! … Was hast du denn?

 

Ich habe meinen Schmerz, der mich töten wird.

 

Freund, sagte Monte Christo mit derselben Schwermut, wie Maximilian, höre mich! Eines Tages wollte ich im Augenblick einer Verzweiflung, die der deinigen gleichkam, mich töten wie du, und in eben solcher Verzweiflung wollte sich eines Tages auch dein Vater töten. Wenn man deinem Vater in dem Augenblick, wo er den Pistolenlauf gegen seine Stirn richtete, wenn man mir in dem Augenblick, wo ich von meinem Bette das Brot des Gefangenen wegschob, das ich seit drei Tagen nicht berührt hatte, gesagt hätte: Lebt, es kommt ein Tag, wo ihr glücklich sein und das Leben segnen werdet, wir würden diese Stimme mit der Angst des Zweifels oder mit dem Bangen des Unglaubens aufgenommen haben, und wie oft hat doch dein Vater, dich umarmend, das Leben gesegnet, wie oft habe ich selbst …

 

Ah! rief Morel, den Grafen unterbrechend, Sie hatten nichts verloren, als Ihre Freiheit; mein Vater hatte nichts verloren, als sein Vermögen, und ich, ich habe Valentine verloren.

 

Schau mich an, Morel, sagte Monte Christo, ich habe weder Tränen in den Augen, noch Fieber in den Adern; ich sehe dich jedoch leiden, Maximilian, dich, den ich liebe, wie ich meinen Sohn lieben würde. Nun, sagt dir das nicht, Morel, daß der Schmerz ist wie das Leben, und daß es stets etwas Unbekanntes jenseits gibt? Wenn ich dich zu leben bitte, wenn ich dir zu leben befehle, so geschieht es in der Überzeugung, du werdest mir eines Tages dafür danken, daß ich dir das Leben erhalten habe.

 

Mein Gott! rief der junge Mann, mein Gott! was sagen Sie mir da, Graf? Nehmen Sie sich in acht! Sie haben vielleicht nie geliebt?

 

Kind! rief der Graf.

 

Mit der Liebe, die ich meine, versetzte Morel. Sehen Sie, seitdem ich ein Mensch bin, bin ich Soldat, ich habe das neunundzwanzigste Jahr erreicht, ohne zu lieben, denn keines von den Gefühlen, die sich bis dahin in mir regten, verdiente den Namen Liebe. Mit neunundzwanzig Jahren sah ich Valentine; ich liebe sie folglich seit beinahe zwei Jahren; seit zwei Jahren konnte ich alle Tugenden des Mädchens und der Frau mit meinen Augen in ihrem Herzen wie in einem offenen Buche lesen. Graf, in Valentine lag für mich ein unendliches, unermeßliches, unbekanntes Glück, ein Glück, zu groß, zu vollständig, zu göttlich für diese Welt, da es mir auf Erden nicht vergönnt ist. Graf, damit sage ich Ihnen, daß es ohne Valentine für mich auf der Welt nur Trostlosigkeit und Verzweiflung gibt.

 

Ich hieß Sie hoffen, Morel, wiederholte der Graf.

 

Nehmen Sie sich in acht, sage ich Ihnen noch einmal, Sie suchen mich zu überzeugen, und wenn Sie mich überzeugen, machen Sie, daß ich den Verstand verliere, denn Sie lassen mich glauben, ich könne Valentine wiedersehen.

 

Der Graf lächelte.

 

Mein Freund, mein Vater! rief Morel in höchster Begeisterung! Nehmen Sie sich in acht! sage ich Ihnen zum dritten Male, denn die Herrschaft, die Sie über mich gewinnen, erschreckt mich; wägen Sie den Sinn Ihrer Worte ab, denn meine Augen beleben sich, mein Herz entzündet sich wieder, es wird neugeboren; nehmen Sie sich in acht, denn Sie lassen mich an übernatürliche Dinge glauben. Ich würde gehorchen, wenn Sie mich den Stein von dem Grabe, das die Tochter Jairi bedeckt, aufheben hießen; ich würde auf den Wellen gehen, wenn Sie mich mit einem Zeichen der Hand auf den Wellen gehen hießen.

 

Hoffe, mein Freund, wiederholte der Graf.

 

Ah! rief Morel, von der ganzen Höhe seiner Begeisterung in den Abgrund seiner Traurigkeit zurückfallend; ah! Sie spotten meiner. Sie machen es wie die guten Mütter, oder vielmehr wie die selbstsüchtigen Mütter, die mit honigsüßen Worten den Schmerz ihres Kindes stillen, dessen Geschrei sie plagt. Nein, mein Freund, nein, ich hatte unrecht, Ihnen zu sagen, Sic mögen sich in acht nehmen; nein, befürchten Sie nichts, ich werde meinen Schmerz so sorgfältig in der Tiefe meiner Brust bewahren, ich werde ihn so geheim halten, daß Sie nicht einmal mehr Mitleid zu haben brauchen. Gott befohlen, mein Freund, Gott befohlen.

 

Im Gegenteil, sagte der Graf, von dieser Stunde an, Maximilian, wirst du bei mir und mit mir leben, du wirst mich nicht mehr verlassen, und in acht Tagen haben wir Frankreich hinter uns.

 

Und Sie heißen mich immer noch hoffen?

 

Ich heiße dich hoffen, weil ich ein Mittel kenne, das dich heilen wird.

 

Graf, Sie machen mich, wenn es möglich ist, noch trauriger. Sie glauben, der Schlag, der mich trifft, hat nur einen alltäglichen Schmerz bewirkt, und wollen mich durch ein alltägliches Mittel, durch Reisen, heilen.

 

Was soll ich dir sagen? versetzte der Graf. Habe Zutrauen zu meinen Versprechungen, mach‘ den Versuch!

 

Graf, Sie verlängern nur meinen Todeskampf.

 

Schwaches Herz, du hast also nicht die Kraft, deinem Freunde einige Tage zur Probe zu geben! Weißt du, was der Graf von Monte Christo zu vollführen fähig ist? Weißt du, daß er genug Glauben an Gott hat, um Wunder von dem zu verlangen, der gesagt hat, mit dem Glauben könne der Mensch Berge versetzen? Nun, dieses Wunder, auf das ich hoffe, erwarte es, oder …

 

Oder? … erwiderte Morel.

 

Oder nimm dich in acht, Morel, ich werde dich einen Undankbaren nennen.

 

Haben Sie Mitleid mit mir, Graf!

 

Ich habe so sehr Mitleid mit dir, Maximilian, höre mich wohl, daß ich dich, wenn ich dich nicht in einem Monat, auf den Tag, auf die Stunde, heile, selbst vor die geladene Pistole und vor einen Becher des sichersten italienischen Giftes stelle, das rascher wirkt, als das, welches Valentine getrunken hat.

 

Sie versprechen mir bei Ihrer Ehre, wenn ich in einem Monat nicht getröstet bin, lassen Sie mich frei über mein Leben schalten, und was ich auch tun mag, Sie werden mich keinen Undankbaren nennen?

 

In einem Monat findest du auf dem Tische, an dem wir beide sitzen werden, gute Waffen und, wenn du dann noch willst, einen sanften Tod. Doch dagegen versprichst du mir, bis dahin zu warten und zu leben?

 

Oh! ich schwöre Ihnen! rief Morel.

 

Monte Christo zog den jungen Mann an sein Herz und hielt ihn lange umfangen.

 

Und nun, sagte er, wohnst du von heute an bei mir; du nimmst Haydees Zimmer, und meine Tochter wird durch meinen Sohn ersetzt.

 

Haydee! Was ist aus Haydee geworden?

 

Sie ist gestern nacht abgereist. – Um Sie zu verlassen?

 

Um mich zu erwarten … Halte dich bereit, in der Rue des Champs-Elysees zu mir zu kommen, und laß mich von hier weggehen, ohne daß man mich sieht.

 

Maximilian neigte das Haupt und gehorchte wie ein Kind.

 

Die Teilung.

 

Die Teilung.

 

In dem Hause der Rue Saint-Germain-des-Prés, das Albert von Morcerf für seine Mutter und sich gewählt hatte, war der erste Stock, bestehend ans einer kleinen Wohnung, an eine sehr geheimnisvolle Person vermietet.

 

Diese Person war ein Mann, dessen Gesicht der Portier selbst nie hatte sehen können; denn stets steckte sein Kinn, wenn er kam oder ging, in einer hohen Halsbinde. Gegen alles Herkommen wurde dieser Hausbewohner von niemand bespäht, und das Gerücht, sein Inkognito verberge eine sehr hochgestellte Person, welche »gar lange Arme« habe, verschaffte seiner geheimnisvollen Erscheinung großen Respekt. Er traf fast immer gegen vier Uhr in seiner Wohnung ein, in der er nie eine Nacht zubrachte.

 

Zwanzig Minuten später hielt ein Wagen vor dem Hotel; eine schwarz gekleidete, stets aber in einen großen Schleier gehüllte Frau stieg aus, schwebte wie ein Schatten vor der Loge vorüber und ging rasch die Treppe hinauf. Im ersten Stocke kratzte sie auf eine besondere Weise an einer Tür; diese öffnete sich und verschloß sich dann wieder hermetisch.

 

Beim Verlassen des Hauses wurde ebenso verfahren. Die Unbekannte ging, stets verschleiert, zuerst hinaus und stieg wieder in ihren Wagen, der bald an dem einen Ende der Straße, bald an dem andern verschwand; zwanzig Minuten nachher entfernte sich auch der Unbekannte.

 

An dem Tage nach dem, wo der Graf von Monte Christo Danglars einen Besuch gemacht hatte, und Valentine beerdigt worden war, erschien der geheimnisvolle Bewohner bereits gegen zehn Uhr vormittags.

 

Kurz darauf fuhr ein Fiaker vor, und die verschleierte Dame stieg rasch die Treppe hinauf. Die Tür öffnete sich und schloß sich. Doch ehe sie ganz geschlossen war, rief die Dame: Oh, Lucien! oh, mein Freund!

 

Und so erfuhr der Portier, der diesen Ausruf gehört hatte, zum ersten Male, daß sein Mietsmann Lucien hieß.

 

Nun! Was gibt es denn, teure Freundin? fragte Lucien, sprechen Sie geschwind.

 

Mein Freund, kann ich auf Sie zählen?

 

Gewiß, das ist Ihnen bekannt, doch was gibt es? Ich war ganz bestürzt über Ihr Billett von heute morgen. Diese Hast, diese unordentliche Schrift … beruhigen Sie mich, oder erschrecken Sie mich ganz und gar!

 

Lucien, ein großes Ereignis! sagte die Dame, einen fragenden Blick auf Lucien heftend; Herr Danglars ist heute nacht abgereist.

 

Herr Danglars abgereist! Und wohin?

 

Ich weiß es nicht.

 

Wie! Sie wissen es nicht? Er ist also abgereist, um nicht mehr zurückzukommen?

 

Allerdings! Um zehn Uhr abends brachten ihn seine Pferde an die Barrière von Charenton; hier sagte er zu seinem Kutscher, er fahre nach Fontainebleau.

 

Nun! Was sagten Sie dazu?

 

Warten Sie, mein Freund. Er ließ mir einen Brief zurück. Da lesen Sie.

 

Die Baronin zog aus ihrer Tasche einen Brief und bot ihn Debray, der einen Augenblick zögerte, ehe er ihn las.

 

Das Schreiben lautete:

 

Madame und sehr teure Gemahlin!

 

Wenn Sie diesen Brief empfangen, haben Sie keinen Gatten mehr! Oh! erschrecken Sie darüber nicht zu sehr; Sie haben keinen Gatten mehr, wie Sie keine Tochter mehr haben; ich werde nämlich auf einer von den dreißig Straßen sein, die aus Frankreich führen.

 

Ich bin Ihnen eine Erläuterung schuldig: Eine Zahlung von fünf Millionen kam mir heute früh unversehens, ich habe sie ausgeführt; eine andere von derselben Summe sollte fast unmittelbar daraus erfolgen; ich vertage sie auf morgen und reise heute ab, um dieses Morgen zu vermeiden, das mir unerträglich wäre.

 

Nicht wahr, Sie begreifen das, Madame und sehr kostbare Gemahlin? Ich sage: Sie begreifen das, weil Sie ebensogut wie ich meine Angelegenheiten kennen, Sie kennen sie sogar noch besser als ich, denn wenn es sich darum handelte, anzugeben, wohin eine gute Hälfte meines jüngst noch so schönen Vermögens gekommen ist, so vermöchte ich dies nicht, während Sie im Gegenteil, davon bin ich fest überzeugt, vollständig zu antworten wüßten.

 

Haben Sie sich über die Schnelligkeit meines Sturzes gewundert, Madame? Waren Sie geblendet durch das weißglühende Schmelzen meiner Goldstangen? Ich meinerseits gestehe, daß ich nur das Feuer dabei gesehen habe; wir wollen hoffen, daß Sie etwas Gold in der Asche fanden.

 

Mit dieser tröstlichen Hoffnung entferne ich mich, Madame und sehr kluge Gemahlin, ohne daß mir mein Gewissen den geringsten Vorwurf darüber macht, daß ich Sie verlasse; es bleiben Ihnen Freunde, die fragliche Asche und, um Ihr Glück vollzumachen, die Freiheit, die ich Ihnen wiederzugeben mich beeile.

 

Es ist indessen der Augenblick gekommenen, Madame, hier ein Wort vertraulicher Erklärung einfließen zu lassen. Solange ich hoffte, Sie arbeiteten für die Wohlfahrt unseres Hauses, für das Vermögen Ihrer Tochter, machte ich philosophisch die Augen zu; da Sie aber aus diesem Hause eine große Ruine gemacht haben, so will ich nicht als Grundlage für das Vermögen eines andern dienen. Ich habe Sie reich, aber wenig geehrt zu mir genommen. Verzeihen Sie mir, daß ich so offenherzig mit Ihnen spreche, da ich aber ohne Zweifel nur für uns beide spreche, sehe ich nicht ein, warum ich die Worte unter einer Schminke verbergen sollte … Ich habe unser Vermögen vermehrt, und es nahm fünfzehn Jahre lang zu, bis zu dem Augenblick, wo unbekannte und für mich noch unbegreifliche Katastrophen es packten und erdrosselten, ohne daß ich, das darf ich wohl sagen, die geringste Schuld daran habe. Sie, Madame, haben nur für Vermehrung des Ihrigen gearbeitet, was Ihnen gelungen ist, davon bin ich überzeugt. Ich lasse Sie also, wie ich Sie genommen habe, reich, aber wenig ehrenwert, zurück.

 

Leben Sie wohl. Von heute an gedenke ich auch für meine Rechnung zu arbeiten. Glauben Sie mir, daß ich Ihnen sehr dankbar für das Beispiel bin, das Sie mir gegeben haben, und das ich befolgen werde.

 

Ihr

 

sehr ergebener Gatte

Baron Danglars.

 

Die Baronin folgte während des Lesens Debray mit den Augen; sie sah den jungen Mann, trotz seiner großen Selbstbeherrschung, wiederholt die Farbe wechseln.

 

Als er geendet hatte, faltete er das Papier langsam zusammen und nahm eine nachdenkliche Haltung an.

 

Nun? fragte Madame Danglars mit einer leicht begreiflichen Angst, welchen Gedanken flößt Ihnen dieser Brief ein?

 

Das ist ganz einfach; er flößt mir den Gedanken ein, daß Herr Danglars mit einem Verdacht abgereist ist. Sicher; doch ist das alles, was Sie mir zu sagen haben? Ich begreife nicht.

 

Er ist abgereist, um nie wiederzukommen!

 

Oh! Glauben Sie das nicht! rief Debray.

 

Nein, sage ich Ihnen, er wird nicht wiederkommen; ich kenne ihn, er ist ein unerschütterlicher Mann in allen Entschließungen, die sein Interesse erheischt. Hätte er mich zu etwas nütze geglaubt, so würde er mich mitgenommen haben; er läßt mich hier, weil unsere Trennung seinen Plänen dienlich sein kann. Sie ist also unwiderruflich, und ich bin für immer frei, fügte Madame Danglars mit demselben fragenden Ausdrucke hinzu.

 

Doch statt zu antworten, ließ sie Debray in diesem angstvollen, erwartungsvollen Zustand verharren.

 

Wie! sagte sie endlich, Sie antworten mir nicht?

 

Ich habe Sie nur eins zu fragen: Was gedenken Sie zu tun?

 

Das wollte ich Sie fragen, erwiderte die Baronin mit pochendem Herzen, ich verlange einen Rat von Ihnen.

 

Wenn Sie einen Rat wollen, entgegnete der junge Mann kalt, so rate ich Ihnen, zu reisen. – Sie sind, wie Herr Danglars gesagt hat, reich und frei. Eine Abwesenheit von Paris wird, scheint mir, nach dem doppelten Lärm über die vereitelte Heirat Fräulein Eugenies und das Verschwinden Herrn Danglars‘, durchaus notwendig sein. Es ist wichtig, daß man Sie allgemein für verlassen und arm hält; denn man würde der Frau des Bankerottierers ihren Reichtum nicht verzeihen. Darum entfernen Sie sich von Ihrem Hotel, nehmen Sie Ihre Juwelen nicht mit und leisten auf Ihr Wittum Verzicht, und alle Welt wird Ihre Uneigennützigkeit rühmen und Ihr Lob singen. Man weiß dann, daß Sie verlassen sind, und hält Sie für arm, denn ich allein kenne Ihre finanzielle Lage und bin bereit, Ihnen als redlicher Partner Rechenschaft abzulegen.

 

Die Baronin hatte, bleich und niedergeschmettert, diese Rede mit um so mehr Schrecken und Verzweiflung angehört, als Debray sich bemühte, völlig ruhig und gleichgültig zu erscheinen..

 

Verlassen? wiederholte sie, oh! sehr verlassen … Ja, Sie haben recht, mein Herr; niemand wird meine Verlassenheit bezweifeln. Das waren die einzigen Worte, welche die stolze und so heftig verliebte Frau hervorbrachte.

 

Aber reich, sehr reich sogar, fuhr Debray fort, indem er einige Papiere aus seinem Portefeuille zog und auf dem Tische ausbreitete.

 

Nur bemüht, die Schläge ihres Herzens zu ersticken und die Tränen zurückzuhalten, die am Rande ihrer Augenlider hervorbrechen wollten, ließ ihn Frau Danglars gewähren.

 

Endlich aber gewann das Gefühl der Würde bei ihr die Oberhand; wenn es ihr nicht gelang, ihr Herz zu bewältigen, so gelang es ihr wenigstens, die Tränen zurückzuhalten.

 

Gnädige Frau, sagte Debray, wir sind ungefähr seit sechs Monaten assoziiert. Sie haben eine Einlage von 100 000 Franken gemacht. Im Monat April dieses Jahres hat unsere Assoziation stattgefunden. Im Mai begannen unsere Operationen, und wir gewannen sofort 450 000 Franken. Im Juni belief sich der Nutzen auf 900 000 Franken. Im Juli kamen 1 700 000 Franken dazu; Sie wissen, das ist der Monat der spanischen Bons. Am Anfang des Monats August verloren wir 300 000 Franken; doch am 15. erholten wir uns wieder, und am Ende des Monats waren wir entschädigt, denn unsere Rechnungen sind gestern von mir abgeschlossen worden und geben ein Aktivum von 2 400 000 Franken, das heißt, von 1 200 000 Franken für jedes von uns. Ich bin nun vorgestern so vorsichtig gewesen, Ihr Geld flüssig zu machen; Sie sehen, es ist noch nicht lange her, und es sieht aus, als hätte ich vermutet, ich würde bald Rechenschaft abzulegen haben. Ihr Geld ist hier, halb in Banknoten, halb in Anweisungen.

 

Frau Danglars nahm mechanisch die Anweisungen und die zusammengebundenen Banknoten mit trockenen Augen, aber mit einer von verhaltenem Schluchzen schwellenden Brust und erwartete bleich und stumm ein Wort von Debray, das sie trösten sollte. Doch sie wartete vergebens.

 

Nun haben Sie ein herrliches Dasein, gnädige Fran, sagte Debray, 60 000 Livres Renten, was für eine Frau, die wenigstens ein Jahr lang keinen Haushalt führen wird, ungeheuer ist. Sie können nun allen Ihren Phantasien ungescheut nachgeben.

 

Debray sagte dies alles mit der gleichgültigsten Miene von der Welt, machte dann eine tiefe Verbeugung und verfiel hierauf in ein bezeichnendes Schweigen. Dieses Benehmen erzürnte und enttäuschte seine Geliebte so, daß sie sich hoch aufrichtete, die Tür öffnete und, ohne ihren Partner eines letzten Grußes zu würdigen, zur Treppe eilte.

 

Bah! sagte Debray, als sie fort war, was wird sie nun tun? Sie wird ruhig in ihrem Hause bleiben, Romane lesen und Lanzknecht spielen, da sie nicht mehr an der Börse spielen kann.

 

Er nahm sein Notizbuch, strich die Summen aus, die er bezahlt hatte, und sagte: Es bleiben mir 1 060 000 Franken. Wie schade, daß Fräulein von Villefort gestorben ist! Sie hätte in jeder Beziehung meinen Wünschen entsprochen, und ich würde sie geheiratet haben.

 

Seiner Gewohnheit gemäß wartete er phlegmatisch, bis Frau Danglars zwanzig Minuten weggegangen war, und entfernte sich dann ebenfalls.

 

Unter dem Zimmer, wo Debray mit Frau Danglars zwei Millionen geteilt hatte, war ein anderes Zimmer durch einen merkwürdigen Zufall ebenfalls von Personen unserer Bekanntschaft bewohnt; es waren dies Mercedes und Albert.

 

Mercedes hatte sich seit ein paar Tagen sehr verändert … nicht als ob sie die Armut bedrückt hätte, sie hatte sich verändert, weil ihr Auge nicht mehr glänzte, weil ihr Mund nicht mehr lächelte, weil eine beständige Verlegenheit das rasche Wort, das einst ihr stets bereiter Geist ihr eingab, auf ihren Lippen zurückhielt.

 

Albert aber fühlte sich beunruhigt, unbehaglich und beengt durch den ihm noch anklebenden Luxus, der ihn verhinderte, seiner gegenwärtigen Lage zu entsprechen; er wollte ohne Handschuhe ausgehen und fand seine Hände zu weiß dazu; er wollte zu Fuß gehen und fand seine Stiefel zu fein.

 

Diese beiden so edeln und verständigen, durch das Band der mütterlichen und kindlichen Liebe unauflöslich verbundenen Seelen verstanden sich, ohne viele Worte zu machen, und scheuten sich nicht, ohne Umschweife miteinander von den materiellen Lebensbedürfnissen zu sprechen.

 

Albert konnte am Ende zu Mercedes, ohne daß sie erbleichte, sagen: Meine Mutter, wir haben kein Geld mehr.

 

Der Winter nahte heran; Mercedes hatte in dem kahlen und nun auch kühlen Zimmer kein Feuer, sie, für die einst ein Ofen mit tausend Röhren das ganze Haus von den Vorzimmern bis zu den Boudoirs erwärmte; sie hatte nicht einmal ein armseliges Blümchen, sie, deren Zimmer mit den kostbarsten Pflanzen gefüllt gewesen war.

 

Aber sie hatte ihren Sohn.

 

Meine Mutter, sagte Albert in demselben Augenblick, wo Frau Danglars die Treppe hinabging, wir wollen, wenn es Ihnen recht ist, einmal alle unsere Reichtümer zählen; ich muß die ganze Summe wissen, um meine Pläne aufzubauen.

 

Die Summe ist Null, erwiderte Mercedes mit schmerzlichem Lächeln.

 

Oh nein! Einmal haben wir 3000 Franken, und ich behaupte, daß ich uns mit diesen 3000 Franken ein anbetungswürdiges Leben verschaffen werde.

 

Kind! seufzte Mercedes.

 

Ach! gute Mutter, sagte der junge Mann, ich habe Sie leider Geld genug gekostet, um dessen Wert zu kennen; hören Sie, 3000 Franken, das ist ungeheuer, und ich baue auf diese Summe eine wunderbare, dauerhafte Zukunft.

 

Du sagst das, mein Freund, entgegnete die arme Mutter; doch vor allem, nehmen wir diese 3000 Franken an?

 

Mir scheint, das ist abgemacht, erwiderte Albert mit festem Tone; wir nehmen sie um so mehr an, als wir sie noch nicht haben, denn sie sind, wie Sie wissen, im Garten des kleinen Häuschens in den Allées de Meillan in Marseille vergraben.

 

Mit 200 Franken, sagte Albert, kommen wir beide nach Marseille. Diese 200 Franken sind hier und noch weitere 200. Ich habe meine Uhr und meine Kette verkauft.

 

Doch sind wir hier im Hause etwas schuldig?

 

Dreißig Franken, ich bezahle sie von dem Geld. Doch das ist noch nicht alles, was sagen Sie hierzu, meine Mutter? Albert zog aus einem kleinen Notizbuch mit goldenem Schlosse eine Tausendfrankennote.

 

Was ist das? fragte Mercedes.

 

1000 Franken, meine Mutter.

 

Woher hast du diese tausend Franken?

 

Hören Sie und beunruhigen Sie sich nicht, gute Mutter!

 

Albert stand auf, küßte seine Mutter wiederholt und hielt nur inne, um ihr ins Gesicht zu schauen.

 

Sie können sich gar nicht denken, meine Mutter, wie schön ich Sie finde! sagte der junge Mann mit dem tiefen Gefühle kindlicher Liebe; Sie sind in der Tat die schönste, wie Sie die edelste aller Frauen sind, die ich je gesehen habe.

 

Teures Kind! sagte Mercedes, vergebens bemüht, eine Träne zurückzuhalten.

 

In der Tat, Sie mußten nur noch unglücklich werden, damit sich meine Liebe in Anbetung verwandle.

 

Ich bin nicht unglücklich, solange ich meinen Sohn habe.

 

Ganz richtig; doch hier fängt die Prüfung an, meine Mutter! Sie wissen, was verabredet ist?

 

Ist denn etwas zwischen uns verabredet?

 

Ja, daß Sie in Marseille wohnen, und daß ich nach Afrika abreise, wo ich mir einen neuen Namen verdienen will.

 

Mercedes stieß einen Seufzer aus.

 

Nun, meine Mutter, seit gestern bin ich bei den Spahis eingereiht, fügte der junge Mann mit niedergeschlagenen Augen hinzu. Ich glaubte, mein Körper gehöre mir und ich könnte ihn verkaufen; seit gestern bin ich Stellvertreter von irgend jemand. Ich habe mich verkauft, wie man sagt, und um eine größere Summe, als ich wert zu sein glaubte, nämlich um 2000 Franken.

 

Also diese 1000 Franken? fragte Mercedes bebend.

 

Sind die Hälfte der Summe, meine Mutter, die andere Hälfte kommt in einem Jahre.

 

Mercedes schlug die Augen mit einem unbeschreiblichen Ausdrucke zum Himmel auf, und Tränen strömten unter der inneren Aufregung über ihre Wangen.

 

Der Preis seines Blutes! murmelte sie.

 

Ja, wenn ich getötet werde, erwiderte Albert. Aber ich versichere Ihnen, gute Mutter, daß ich im Gegenteil die Absicht habe, meine Haut grausam zu verteidigen; ich habe nie so viel Lust zu leben in mir gefühlt, wie gegenwärtig.

 

Mein Gott! mein Gott! rief Mercedes.

 

Überdies, warum soll ich getötet werden, meine Mutter? Ist Morel getötet worden? Bedenken Sie doch, welche Freude, wenn Sie mich mit einer gestickten Uniform zurückkommen sehen! Ich erkläre Ihnen, daß ich herrlich darin auszusehen hoffe und dieses Regiment aus Eitelkeit gewählt habe.

 

Mercedes seufzte, während sie zu lächeln versuchte; die Mutter begriff, daß sie ihr Kind nicht dürfe die ganze Last des Opfers tragen lassen.

 

Sie sehen also, meine Mutter, fuhr Albert fort, es sind bereits mehr als 4000 Franken für Sie gesichert; mit dieser Summe werden Sie zwei volle Jahre leben.

 

Glaubst du? versetzte Mercedes.

 

Diese Worte entschlüpften der Gräfin mit dem Ausdruck so tiefen Schmerzes, daß ihr wahrer Sinn Albert nicht entging; er fühlte, wie sein Herz sich zusammenschnürte, nahm die Hand der Mutter, drückte sie zärtlich und sagte: Ja, Sie werden leben.

 

Ich werde leben, rief Mercedes, aber nicht wahr, du wirst nicht abreisen?

 

Meine Mutter, ich werde reisen, sagte Albert mit ruhiger, fester Stimme; Sie lieben mich zu sehr, um mich müßig und unnütz bei sich zu lassen; überdies habe ich unterzeichnet.

 

So tu‘ nach deinem Willen, mein Sohn.

 

Nicht nach meinem Willen, meine Mutter, sondern nach den Geboten der Vernunft und der Notwendigkeit. Nicht wahr, wir sind zwei verzweifelte Geschöpfe? Was ist heute das Leben für Sie? Nichts. Was ist das Leben für mich? Oh! sehr wenig ohne Sie, meine Mutter, das glauben Sie mir; denn ohne Sie, das schwöre ich Ihnen, hätte dieses Leben an dem Tage aufgehört, wo ich an meinem Vater zweifelte und seinen Namen verleugnete! Ich lebe, wenn Sie mir versprechen, noch Hoffnung zu hegen; überlassen Sie mir die Sorge für Ihr zukünftiges Glück, so verdoppeln Sie meine Kräfte. Ich werde dort den Gouverneur von Algerien aufsuchen, der ein redliches Soldatenherz ist, ich erzähle ihm meine traurige Geschichte, ich bitte ihn, von Zeit zu Zeit die Augen dahin zu wenden, wo ich sein werde, und wenn er mir Wort hält, wenn er mich handeln sieht, so bin ich vor sechs Monaten Offizier oder tot. Bin ich Offizier, so ist Ihr Schicksal gesichert, meine Mutter, denn ich habe Geld für Sie und für mich und überdies einen neuen Namen, auf den wir beide stolz sein können, denn es wird Ihr Name sein. Werde ich getötet … nun wohl! Werde ich getötet, liebe Mutter, so sterben Sie, wenn Sie so wollen, und dann hat unser Unglück sein Ziel gerade in seinem Übermaße gefunden.

 

Es ist gut, sagte Mercedes mit ihrem edlen, beredten Blicke; du hast recht, mein Sohn; beweisen wir gewissen Leuten, die uns beobachten, daß wir wenigstens des Beklagens würdig sind!

 

Keine traurigen Gedanken, teure Mutter, rief der junge Mann; ich schwöre Ihnen, daß wir glücklich sind, oder wenigstens glücklich werden können. Einmal im Dienste, bin ich reich; einmal in dem Marseiller Hause, sind Sie ruhig. Versuchen wir es, ich bitte Sie, meine Mutter.

 

Ja, versuchen wir es, mein Sohn, denn du sollst leben, du sollst glücklich sein.

 

Unsere Teilung ist also gemacht, fügte der junge Mann hinzu, indem er sich den Anschein gab, als fühle er sich ganz leicht. Ich denke, wir können noch heute reisen.

 

Gut, es sei, reisen wir! sagte Mercedes, sich in ihren einzigen Schal hüllend.

 

Albert sammelte hastig seine Papiere, klingelte, um die dreißig Franken zu bezahlen, die er dem Hausmeister schuldig war, bot seiner Mutter den Arm und stieg die Treppe hinab.

 

Es ging ein Mann vor ihnen; als dieser das Streifen eines seidenen Kleides an dem Geländer hörte, wandte er sich um.

 

Debray! murmelte Albert.

 

Sie, Morcerf! erwiderte der Sekretär des Ministers.

 

Die Neugierde trug bei Debray den Sieg über das Verlangen, sein Inkognito zu bewahren, davon; überdies sah er sich erkannt. Es war doch interessant, in diesem unbekannten Hause den jungen Mann wiederzufinden, dessen unglückliches Abenteuer ein so großes Aufsehen in Paris erregt hatte.

 

Morcerf, wiederholte Debray. Als er dann im Halbdunkel die Gestalt und den schwarzen Schleier der Frau von Morcerf bemerkte, fügte er lächelnd hinzu: Ah! verzeihen Sie, ich entferne mich, Albert.

 

Albert begriff Debrays Gedanken und sagte, sich zu Mercedes wendend: Meine Mutter, dies ist Herr Debray, Sekretär des Ministers des Innern, ein ehemaliger Freund von mir.

 

Wie! ehemalig! stammelte Debray; was wollen Sie damit sagen?

 

Ich sage dies, Herr Debray, weil ich heute keine Freunde mehr habe und keine mehr haben soll. Ich danke Ihnen, daß Sie so gütig waren, mich zu erkennen.

 

Debray stieg zwei Stufen zurück, gab Albert einen kräftigen Händedruck und sagte mit aller Rührung, deren er fähig war: Glauben Sie, lieber Albert, daß ich innigen Anteil an Ihrem Unglück genommen habe, und daß Sie in jeder Beziehung über mich verfügen können.

 

Ich danke, mein Herr, erwiderte Albert lächelnd; doch mitten in unserem Unglück sind wir reich genug geblieben, um zu niemand unsere Zuflucht nehmen zu müssen; wir verlassen Paris, und es bleiben uns nach Bezahlung unserer Reise noch 5000 Franken.

 

Schamröte übergoß Debrays Stirn, der eine Million in seinem Portefeuille trug. Trotz seiner geringen poetischen Veranlagung konnte er nicht umhin, Vergleiche darüber anzustellen, daß dasselbe Haus noch vor wenigen Augenblicken zwei Frauen enthielt, von denen die eine mit 1 500 000 Franken doch arm wegging, während die andere, erhaben in ihrem Unglück, mit wenigen Pfennigen reich war.

 

Diese Betrachtung störte ihn in seinen Höflichkeitsphrasen; er stammelte ein paar allgemeine Worte und ging rasch die Treppe hinab.

 

An diesem Tage hatten die ihm untergeordneten Schreiber im Ministerium viel unter seiner verdrießlichen Laune zu leiden. Doch am Abend kaufte er sich ein schönes, auf dem Boulevard de l’a Madeleine liegendes Haus.

 

Am andern Tage, um fünf Uhr abends, stieg Frau von Morcerf, nachdem sie ihren Sohn zärtlich umarmt hatte und zärtlich von ihm umarmt worden war, in den Wagen der Schnellpost.

 

Ein Mann stand verborgen im Hofe der Messagerie Laffitte hinter einem von den gewölbten Fenstern, die jenes Büro überragten; er sah Mercedes in den Wagen steigen, er sah die Post wegfahren, er sah Albert sich entfernen.

 

Dann fuhr er mit der Hand über seine vom Zweifel durchfurchte Stirn und sagte: Ach! Wie vermag ich diesen beiden Unschuldigen das Glück zurückzugeben, das ich ihnen genommen habe?

 

Der Löwengraben.

 

Der Löwengraben.

 

Eine Abteilung der Force, welche die gefährlichsten Gefangenen enthielt, hieß die Cour de Saint-Bernand. Die Gefangenen nannten sie aber in ihrer kräftigen Sprache Löwengraben, ohne Zweifel, weil sie Zähne haben, die häufig in die Gitterstangen und zuweilen auch die Wächter beißen.

 

Es ist ein Gefängnis im Gefängnis, die Mauern haben die doppelte Dicke. Jeden Tag untersucht ein Kerkerknecht sorgfältig die massiven Gitter, und an den herkulischen Gestalten, an den kalten, scharfen Blicken der Wächter erkennt man, daß diese in Anbetracht der Gefährlichkeit der Insassen sorgfältig ausgewählt sind.

 

Der zu dieser Abteilung gehörige Grasplatz ist von ungeheuren Mauern umgeben, über welche die Sonne nur schräg hereinfällt. Hier irren von der Stunde des Aufstehens an sorgenvoll, abgemagert, bleich wie Schatten, die Menschen umher, welche die Gerechtigkeit unter dem Messer gebeugt hält, das sie für sie schärft. Man sieht sie an der Mauer lehnen, die am meisten Wärme einzieht und zurückhält. Hier verweilen sie, zwei und zwei plaudernd, öfter noch allein, das Auge unablässig auf die Tür geheftet, die sich öffnet, um einen von den Bewohnern dieses finsteren Aufenthaltes für immer abzurufen, oder um in den Schlund eine neue aus dem Schmelztigel der Gesellschaft ausgeworfene Schlacke zu speien.

 

Diese Abteilung hat ihr eigenes Sprechzimmer; es ist ein langes Viereck, durch zwei etwa drei Fuß voneinander parallel laufende Gitter in zwei Teile geteilt, so daß der Besuch dem Gefangenen nicht die Hand geben oder ihm etwas zuschieben kann. Dieses Sprechzimmer ist düster, feucht und in jeder Hinsicht fürchterlich.

 

So gräßlich aber auch der Ort ist, so ist er doch ein Paradies für diese Menschen, deren Tage gezählt sind; denn selten verläßt man den Löwengraben, um anderswohin zu gehen, als aufs Schafott, in das Bagno oder in das Zellengefängnis.

 

In dem beschriebenen feuchtkalten Hofe ging, die Hände in den Rocktaschen, ein junger Mensch auf und ab, der von den Bewohnern des Grabens mit großer Neugierde betrachtet wurde.

 

Nach dem Schnitte seiner Kleider hätte man ihn für einen feinen Herrn halten können, wären diese Kleider nicht zerfetzt gewesen. Sie sahen indessen auch nicht abgetragen aus; fein und weich an den unberührten Stellen, nahm das Tuch unter der streichelnden Hand des Gefangenen leicht wieder seinen Glanz an. Er wandte dieselbe Sorgfalt an, um sein Battisthemd in Ordnung zu bringen, und fuhr über seine lackierten Stiefel mit dein Zipfel seines Taschentuches, worauf Anfangsbuchstaben mit einer heraldischen Krone gestickt waren.

 

Einige Kostgänger des Löwengrabens sahen mit auffallendem Interesse der Toilette des Gefangenen zu.

 

Sieh da, der Prinz macht sich schön, sagte einer.

 

Er ist von Natur sehr schön, bemerkte ein anderer, und wenn er nur einen Kamm und Pomade hätte, so würde er alle die Herren mit den weißen Handschuhen verdunkeln.

 

Sein Kleid muß sehr neu gewesen sein, und seine Stiefel glänzen gar hübsch. Es ist schmeichelhaft für uns, daß wir so stattliche Kollegen haben; … und diese Spitzbuben von Gendarmen sind gemeine Burschen, daß sie einen solchen Putz zersetzt haben!

 

Es scheint, das ist ein Berühmter, sagte ein dritter, er hat alles getan … und zwar in der großen Art … er kommt noch so jung hier an! Oh, das lob‘ ich mir!

 

Der Gegenstand dieser gemeinen Bewunderung schien dieses Lob mit Behagen einzuschlürfen. Als seine Toilette beendigt war, näherte er sich einer Tür, an der ein Gefangenwärter lehnte.

 

Hören Sie, mein Herr, sagte er zu diesem, leihen Sie mir zwanzig Franken, Sie bekommen sie bald wieder; bei mir laufen Sie keine Gefahr. Bedenken Sie, daß ich Verwandte habe, die mehr Millionen besitzen, als Sie Franken. Geben Sie mir zwanzig Franken, ich bitte Sie, damit ich mir einen Schlafrock laufen kann. Ich leide furchtbar, daß ich immer in Frack und Stiefeln sein muß … Und welch ein Frack für einen Prinzen Cavalcanti!

 

Der Wächter drehte ihm den Rücken zu und zuckte die Achseln.

 

Gehen Sie, sagte Andrea, Sie sind ein Mensch, der kein Herz im Leibe hat, und ich werde Sie um Ihren Platz bringen.

 

Jetzt erst drehte sich der Gefangenwärter um und brach in ein schallendes Gelächter aus.

 

Nun näherten sich die Gefangenen und machten einen Kreis.

 

Ich sage Ihnen, fuhr Andrea fort, daß ich mir mit dieser elenden Summe einen Rock und ein Zimmer verschaffen kann, um auf anständige Weise den hohen Besuch zu empfangen, den ich jeden Tag erwarte.

 

Er hat recht! Er hat recht! riefen die Gefangenen; bei Gott, man sieht, daß er ein ganzer Mann ist.

 

Nun, so leiht ihr ihm die zwanzig Franken! sagte der Wärter, sich mit seiner kolossalen Schulter an die Wand stützend; seid ihr das nicht einem Kameraden schuldig?

 

Ich bin nicht der Kamerad dieser Leute, entgegnete stolz der junge Mann; beleidigen Sie mich nicht, Sie haben kein Recht dazu!

 

Hört ihr ihn? rief der Wärter mit argem Lächeln, er behandelt euch schön; leiht ihm doch zwanzig Franken!

 

Die Verbrecher schauten sich mit dumpfem Murren an, und ein Sturm fing an, sich über dem aristokratischen Gefangenen zu sammeln.

 

Bereits näherten sich die Verbrecher Andrea, und einige riefen: Die Schlappe! Die Schlappe!

 

Es ist dies eine grausame Operation, wobei ein in Ungnade gefallener Insasse mit Schuhen, die mit Eisen beschlagen sind, geprügelt wird. Andere schlugen die Anwendung des Aals vor, das heißt, ein mit Sand und Kieselsteinen gefülltes gedrehtes Tuch sollte wie ein Dreschflegel zur Bearbeitung von Schultern und Kopf des Missetäters dienen. Wieder andere riefen: Die Peitsche für den schönen Herrn, den ehrlichen Mann!

 

Doch Andrea wandte sich gegen sie um, blinzelte mit einem Auge, schwellte die Backe mit seiner Zunge aus und ließ ein eigentümliches Schnalzen der Lippen hören.

 

Es war ein Maurerzeichen, das ihm Caderousse mitgeteilt hatte. Sie erkannten einen der ihrigen, und der Aufruhr legte sich sofort, was dem Gefangenwärter ganz unbegreiflich vorkam, so daß er, den Wechsel irgend einer unerlaubten Beeinflussung zuschreibend, Andrea trotz dessen Protesten zu durchsuchen anfing.

 

Plötzlich erscholl eine Stimme an der Pforte, und ein Aufseher rief: Benedetto!

 

Man ruft mich! sagte Andrea.

 

In das Sprechzimmer! rief die Stimme.

 

Hören Sie, man will mir einen Besuch abstatten! … Ah! mein lieber Herr, Sie werden sehen, ob man einen Cavalcanti wie einen gewöhnlichen Menschen behandeln darf!

 

Und wie ein schwarzer Schatten in den Hof schlüpfend, eilte Andrea durch die halbgeöffnete Pforte und ließ seine Genossen und sogar den Gefangenwärter in Verwunderung zurück.

 

Man rief ihn in der Tat ins Sprechzimmer, und darüber durfte man sich nicht weniger wundern, als Andrea selbst; denn statt wie die andern von der erlaubten Wohltat des Schreibens Gebrauch zu machen, um sich reklamieren zu lassen, hatte der junge Mann seit seinem Eintritt in die Force ein stoisches Schweigen beobachtet.

 

Ich bin offenbar von irgend einem Mächtigen beschützt, sagte er, das ergibt sich aus allem: das plötzliche Vermögen, die Leichtigkeit, mit der ich alle Hindernisse beseitigt habe, eine neue Familie, ein mir verliehener berühmter Name, der Goldregen, die geplante Ehe. Eine Abwesenheit meines Beschützers hat mich zugrunde gerichtet, doch nicht gänzlich, nicht für immer! Die Hand hat sich für einen Augenblick zurückgezogen, sie muß sich wieder nach mir ausstrecken und mich in der Minute festhalten, wo ich in den Abgrund zu stürzen drohe. Warum sollte ich einen unklugen Schritt wagen? Ich würde mir vielleicht meinen Beschützer abhold machen. Es gibt für ihn zwei Wege, mich aus der Klemme zu ziehen, entweder eine geheimnisvolle Entweichung durch Gold zu erkaufen, oder den Richter zur Freisprechung zu nötigen. Warten wir mit dem Reden und Handeln, bis ich klar sehe, daß ich ganz verlassen bin, und dann erst …

 

Es war, wie sich Andrea sagte, offenbar zu früh am Tage, als daß der Untersuchungsrichter nach ihm senden konnte, und zu spät für einen etwaigen Ruf von seiten des Gefängnisdirektors oder des Arztes; es mußte also wirklich der erwartete Beschützer sein. Da erblickte er hinter dem Gitter des Sprechzimmers mit seinen vor Neugierde weit aufgesperrten Augen das düstere, verständige Gesicht Bertuccios, der ebenfalls mit schmerzlichem Erstaunen die Gitter, die verriegelten Türen und den Schatten betrachtete, der sich hinter den gekreuzten Stangen bewegte.

 

Ah! machte Andrea, im Herzen getroffen.

 

Guten Morgen, Benedetto, sagte Bertuccio mit seiner hohlen Stimme.

 

Sieh! sagte der junge Mann, voll Schrecken umherschauend.

 

Du erkennst mich nicht, unglückliches Kind! entgegnete Bertuccio.

 

Still! still doch! flüsterte Andrea, der das feine Gehör der Wände kannte; mein Gott, sprechen Sie nicht so laut!

 

Nicht wahr, du würdest gern mit mir allein reden?

 

Oh, ja.

 

Bertuccio griff in seine Tasche, machte einem Wärter, den man hinter der Scheibe der Pforte erblickte, ein Zeichen und sagte zu ihm: Lesen Sie.

 

Was ist das? fragte Andrea.

 

Der Befehl, dich in ein Zimmer zu führen und mich mit dir sprechen zu lassen.

 

Ah! Ah! machte Andrea, hüpfend vor Freude, dann sagte er zu sich: Abermals der unbekannte Beschützer! Man vergißt mich nicht! Man sucht die Heimlichkeit, da man in einem abgesonderten Zimmer mit mir sprechen will. Ich habe sie … Bertuccio ist vom Beschützer abgeschickt!

 

Der Wärter besprach sich einen Augenblick mit einem Oberen, öffnete sodann die zwei vergitterten Türen und führte Andrea, der vor Freude außer sich war, in ein Zimmer des ersten Stockes, das die Aussicht aus den Hof hatte.

 

Das Zimmer war getüncht und kam dem Gefangenen wunderbar schön vor; ein Ofen, ein Bett, ein Stuhl, ein Tisch bildeten die kostbare Ausstattung.

 

Bertuccio setzte sich auf den Stuhl. Andrea warf sich auf das Bett. Der Wärter entfernte sich.

 

Laß hören, was hast du mir zu sagen? sprach der Intendant.

 

Und Sie? versetzte Andrea.

 

Sprich, du zuerst …

 

Oh! nein, Sie haben mir viel mitzuteilen, da Sie mich aufsuchten!

 

Wohl! es sei. Du hast deine Verworfenheit fortgesetzt; du hast gestohlen, du hast gemordet.

 

Wenn Sie mich in ein besonderes Zimmer führen, um mir nur dies zu sagen, mein Herr, so hätten Sie sich lieber gar keine Mühe machen sollen. Es gibt anderes, das ich nicht weiß, sprechen wir lieber davon! Wer hat Sie geschickt?

 

Oh, oh! Sie gehen sehr rasch, Herr Benedetto.

 

Nicht wahr? Und gerade aufs Ziel. Ersparen wir uns alle unnützen Worte. Wer schickt Sie?

 

Niemand.

 

 

Woher wissen Sie, daß ich im Gefängnis bin?

 

Ich habe dich längst in dem frechen Burschen erkannt, der so zierlich sein Pferd auf den Champs-Elysées tummelte.

 

Die Champs-Elysées … Ah! ah! … die Champs-Elysées! Sprechen wir von meinem Vater, wenn’s beliebt!

 

Wer bin denn ich?

 

Sie, mein braver Herr, sind mein Adoptivvater … Doch, ich denke, Sie haben nicht zu meinen Gunsten 100 000 Franken hergegeben, die ich in vier bis fünf Monaten verbrauchte; Sie haben mir nicht einen italienischen Vater und Edelmann verschafft; Sie haben mich nicht in die Gesellschaft eingeführt und zu einem gewissen Mittagsmahle, das ich noch zu genießen glaube, nach Auteul eingeladen … Vorwärts, reden Sie, ehrenwerter Korse …

 

Was soll ich dir sagen?

 

Auf den Champs-Elysées wohnt ein sehr reicher Herr.

 

Bei dem du gestohlen und gemordet hast, nicht wahr?

 

Ich glaube, ja.

 

Der Herr Graf von Monte Christo?

 

Sie haben ihn genannt. Soll ich mich in seine Arme werfen und ausrufen: Mein Vater! Mein Vater!

 

Scherzen wir nicht, erwiderte Bertuccio mit ernstem Tone, ein solcher Name soll nicht ausgesprochen werden, wie du ihn auszusprechen wagst.

 

Bah! rief Andrea, etwas verblüfft durch Bertuccios feierliche Haltung, warum nicht?

 

Weil der, der diesen Namen führt, zu sehr vom Himmel begünstigt ist, um der Vater eines Elenden deiner Art zu sein.

 

Oh! Große Worte …

 

Und große Wirkungen, wenn du dich nicht in acht nimmst!

 

Drohungen! Ich fürchte sie nicht … ich werde sagen …

 

Glaubst du es mit Pygmäen, wie du einer bist, zu tun zu haben? sagte Bertuccio mit so ruhigem Tone und mit so sicherem Blicke, daß Andrea im Innersten erschüttert wurde, glaubst du es mit Bagnohelden oder mit Toren, wie man sie gewöhnlich in der Welt trifft, zu tun zu haben? … Benedetto, du bist in einer furchtbaren Hand, diese Hand will sich dir öffnen; benutze es!

 

Mein Vater … ich will wissen, wer mein Vater ist, sagte er eigensinnig; ich will darüber sterben, wenn es sein muß, aber ich werde es erfahren. Was kümmere ich mich um den Skandal? Für mich ist er vorteilhaft, er bringt mir Ruhm, er verleiht mir Ansehen, er empfiehlt mich. Doch ihr Leute von der großen Welt habt trotz eurer Millionen und eurer Wappen beim Skandal immer etwas zu verlieren … Nun, wer ist mein Vater?

 

Ich bin gekommen, es dir zu sagen …

 

Ah! rief Benedetto mit freudefunkelnden Augen.

 

In dieser Sekunde öffnete sich die Tür, und der Gefangenwärter sagte, sich an Bertuccio wendend: Verzeihen Sie, der Untersuchungsrichter erwartet den Gefangenen.

 

Das ist der Schluß meines Verhörs, sagte Andrea zu dem würdigen Intendanten … zum Teufel mit dem Überlästigen!

 

Ich werde morgen wiederkommen, versetzte Bertuccio.

 

Gut! sagte Andrea. Meine Herren Gendarmen, ich bin ganz zu Ihren Diensten … Ah, lieber Herr, lassen Sie doch ein Dutzend Taler in der Kanzlei zurück, daß man mir hier gibt, was ich brauche.

 

Es soll geschehen, erwiderte Bertuccio.

 

Andrea reichte ihm die Hand; Bertuccio hielt die seinigen in der Tasche und ließ nur das Klimpern von ein paar Goldstücken hören.

 

Das wollte ich sagen, versetzte Andrea mit einer lächelnden Grimasse, aber innerlich von Bertuccios seltsamer Ruhe ganz überwältigt.

 

Sollte ich mich getäuscht haben? sagte er zu sich selbst, in den länglichen und vergitterten Wagen steigend, den man den Salatkorb nennt. Wir werden sehen! Morgen also! fügte er, sich zu Bertuccio umwendend, hinzu.

 

Morgen! antwortete der Intendant.

 

Der Richter.

 

Der Richter.

 

Man erinnert sich, daß der Abbé Busoni allein bei Noirtier im Sterbezimmer geblieben war, und daß sich der Greis und der Priester in das Wächteramt bei der Leiche des Mädchens geteilt hatten. Vielleicht waren es die christlichen Ermahnungen des Abbés, vielleicht war es das überzeugende Wort, das dem Greise den Mut zurückgab; denn seit dem Augenblick der Besprechung, die er mit dem Priester gehabt, trat bei Noirtier an Stelle der Verzweiflung, die sich anfangs seiner bemächtigt hatte, eine große Ruhe ein, die bei seiner tiefen Liebe und Zuneigung für Valentine besonders überraschend war.

 

Herr von Villefort hatte den Greis seit dem Morgen des Todes nicht wiedergesehen. Die ganze Dienerschaft war erneuert worden; man hatte einen anderen Kammerdiener für ihn, einen anderen Bedienten für Noirtier angeworben; zwei Kammerfrauen waren in den Dienst der Frau von Villefort getreten.

 

In ein paar Tagen sollten die Schwurgerichtssitzungen beginnen; darum verfolgte Villefort, in sein Kabinett eingeschlossen, mit fieberhafter Tätigkeit den gegen Caderousses Mörder eingeleiteten Prozeß. Der Fall machte großes Aufsehen in der Pariser Welt. Die Beweise waren nicht überzeugend, weil sie auf einigen Worten von der Hand eines sterbenden Galeerensklaven, eines ehemaligen Bagnogenossen des Angeklagten, beruhten, der seinen Gefährten aus Haß oder aus Rache anschuldigen konnte. Nur der Staatsanwalt hatte die feste Überzeugung gewonnen, Benedetto sei schuldig, und es sollte ihm aus dem schwierigen Siege dieser seiner Anschauung einer von jenen Genüssen der Eitelkeit erwachsen, die allein die Fibern seines vereisten Herzens einigermaßen erwärmten.

 

Der Prozeß nahm also infolge der rastlosen Arbeit Villeforts seinen raschen Gang. Mehr als je mußte er sich verborgen halten, um einer Erwiderung auf die ungeheure Menge von Bitten zu entgehen, die man an ihn richtete, um Audienzkarten zu erhalten.

 

Da überdies erst so kurze Zeit vorüber war, seitdem man die arme Valentine zu Grabe getragen hatte, so staunte niemand darüber, wenn man den Vater so ganz in seiner Pflichterfüllung, der einzigen Zerstreuung, die er für seinen Kummer finden konnte, versunken sah.

 

Ein einziges Mal, und zwar an dem Tage, nachdem Benedetto den zweiten Besuch Bertuccios empfangen hatte, bei dem dieser ihm den Namen seines Vaters hatte nennen sollen, war Villefort Herrn Noirtier zu Gesicht gekommen; es geschah dies in dem Augenblick, wo der Beamte, der Erholung bedürftig, in den Garten seines Hauses hinabging.

 

Wiederholt war er bis an den Hintergrund des Gartens, bis an das bekannte, nach dem verlassenen Gehege führende Gitter gegangen, als er zufällig nach dem Hause schaute, in dem er seinen Sohn lärmend spielen hörte, der aus seiner Pension zurückgekommen war, um den Sonntag und Montag bei seiner Mutter zuzubringen.

 

Bei dieser Gelegenheit sah er an einem der offenen Fenster Herrn Noirtier, der sich bis an das Fenster hatte rollen lassen, um sich der letzten Strahlen einer noch warmen Sonne zu erfreuen.

 

Das Auge des Greises war auf einen Punkt gerichtet, den Villefort nicht genau unterscheiden konnte. Dieser Blick Noirtiers war so haßerfüllt, so wild, er zeugte so sehr von heftiger Ungeduld, daß der Staatsanwalt, der alle Eindrücke dieses ihm so genau bekannten Gesichtes mit voller Schärfe auffaßte, ausdrücklich hinging, um zu sehen, worauf oder auf wen der Blick fiel.

 

Da bemerkte er unter einer Gruppe von Linden mit fast entblätterten Ästen Frau von Villefort, die, ein Buch in der Hand, aus einer Bank saß und sich von Zeit zu Zeit im Lesen unterbrach, um ihrem Sohne zuzulächeln oder ihm seinen elastischen Ball zuzuwerfen, den er hartnäckig vom Salon in den Garten schleuderte.

 

Villefort erbleichte, denn er verstand, was der Greis sagen wollte.

 

Noirtier schaute stets denselben Gegenstand an; doch plötzlich ging sein Blick von der Frau auf den Mann über, und Villefort hatte selbst den Angriff dieser blitzenden Augen auszuhalten, die nichts von ihrem drohenden Ausdruck verloren. Man las in der Tat in diesem Blicke zugleich einen blutigen Vorwurf und eine furchtbare Drohung. Dann schlug Noirtier die Augen zum Himmel auf, als ob er seinen Sohn an einen vergessenen Schwur erinnern wollte.

 

Es ist gut, sagte Villefort unten vom Hofe herauf, fassen Sie noch einen Tag Geduld; was ich gesagt habe, ist gesagt.

 

Noirtier schien durch diese Worte beruhigt, und seine Augen wandten sich einer andern Seite zu.

 

Villefort fuhr mit der bleichen Hand über seine Stirn und kehrte in sein Kabinett zurück.

 

Die Nacht ging kalt und ruhig vorüber; alle begaben sich zu Bette und schliefen wie gewöhnlich. Nur Villefort legte sich nicht nieder; er arbeitete bis fünf Uhr morgens, durchlas die am Abend vorher von dem Untersuchungsbeamten vorgenommenen Verhöre, verglich die Aussagen der Zeugen und brachte die Anklageschrift, eine der schärfsten und kräftigsten, die er je abgefaßt, vollends ins reine.

 

Am folgenden Tage sollte die erste Schwurgerichtssitzung stattfinden. Villefort sah diesen Tag, einen Montag, blaß und düster anbrechen, und der bläuliche Lichtschimmer ließ die auf dem Papiere mit roter Tinte geschriebenen Zeilen erglänzen.

 

Der Staatsanwalt öffnete sein Fenster; die feuchte Luft der Morgendämmerung übergoß Villeforts Haupt und erfrischte ihn.

 

Heute wird es geschehen, sagte er mit einer gewissen Anstrengung; heute muß der Mann, der das Schwert der Gerechtigkeit in der Hand hält, überallhin schlagen, wo sich die Schuldigen befinden.

 

Allmählich erwachte alles. Villefort hörte von seinem Kabinett aus die aufeinander folgenden Geräusche: die in Bewegung gesetzten Türen, das Klingeln der Glocke der Frau von Villefort, die ihre Kammerjungfer rief, das erste Geschrei des Kindes, das sich mit Lärm erhob.

 

Villefort läutete ebenfalls. Sein neuer Kammerdiener trat ein, brachte ihm die Zeitungen und eine Tasse Schokolade.

 

Ich habe das nicht verlangt. Wer gibt sich diese Mühe?

 

Die gnädige Frau sagt, der Herr Staatsanwalt würde ohne Zweifel bei dem Mordprozesse viel sprechen und müßte Kräfte sammeln.

 

Dabei stellte der Diener die Tasse auf den mit Papieren überladenen Tisch.

 

Villefort schaute die Tasse einen Augenblick mit düsterer Miene an, dann ergriff er sie plötzlich mit hastiger Bewegung und leerte ihren Inhalt mit einem Zuge. Man hätte glauben sollen, er hoffte, dieser Trank sei tödlich, und er sehne den Tod herbei, der ihn von einer Pflicht befreien sollte, die ihm etwas Schwierigeres, als das Sterben, zu tun befahl. Die Schokolade war aber harmlos, und Herr von Villefort mußte an sein schweres Tagewerk gehen.

 

Als die Frühstücksstunde gekommen war, erschien der Staatsanwalt nicht bei Tische.

 

Der Kammerdiener kehrte in sein Kabinett zurück und meldete: Die gnädige Frau läßt dem Herrn Staatsanwalt sagen, es habe elf geschlagen, und die Sitzung sei auf zwölf Uhr bestimmt.

 

Nun! Und? rief Villefort.

 

Die gnädige Frau hat ihre Toilette gemacht; sie ist bereit und läßt fragen, ob sie den Herrn Staatsanwalt in den Justizpalast begleiten werde, da sie sehr wünsche, dieser Sitzung beizuwohnen.

 

Ah! sie wünscht das! versetzte Villefort mit schrecklichem Tone.

 

Der Kammerdiener wich einen Schritt zurück und erwiderte: Will der Herr Staatsanwalt allein dahin fahren, so werde ich es der gnädigen Frau sagen.

 

Villefort blieb einen Augenblick stumm, er grub mit seinen Nägeln in seine bleiche Wange, von der sein ebenholzschwarzer Bart stark abstach, ehe er erwiderte: Sagen Sie der gnädigen Frau, ich wünsche sie zu sprechen und bitte sie, mich in ihrem Zimmer zu erwarten. Dann kommen Sie zurück, um mich zu rasieren und anzukleiden.

 

Auf der Stelle.

 

Der Kammerdiener verschwand und erschien sofort wieder, rasierte Villefort und kleidete ihn in feierliches Schwarz. Als er damit fertig war, sagte er: Die gnädige Frau läßt sagen, sie erwarte den Herrn Staatsanwalt, sobald er angekleidet sei.

 

Ich komme, versetzte Villefort, und wandte sich, die Akten unter dem Arme, den Hut in der Hand, zu den Zimmern seiner Frau.

 

Frau von Villefort saß auf einer Ottomane und blätterte mit Ungeduld in den Zeitungen und Broschüren, die der junge Eduard zu seiner Belustigung in Stücke zerriß, ehe seine Mutter Zeit gehabt hatte, ihre Lektüre zu vollenden.

 

Sie war völlig zum Ausgehen gekleidet; ihr Hut lag daneben, und sie hatte bereits die Handschuhe angezogen.

 

Ah! Hier sind Sie, mein Herr, sagte sie mit ihrer natürlichen, ruhigen Stimme. Mein Gott!! Wie bleich sehen Sie aus! Sie haben also abermals die ganze Nacht hindurch gearbeitet? Nun! Nehmen Sie mich mit, oder soll ich allein mit Eduard gehen?

 

Bei allen diesen Fragen blieb Herr von Villefort kalt und stumm, wie eine Bildsäule, und sagte nur, einen gebieterischen Blick auf das Kind heftend: Eduard, spiele im Garten, ich habe mit deiner Mutter zu reden.

 

Frau von Villefort bebte bei diesem kalten Wesen und dem entschiedenen Tone ihres Mannes. Eduard schaute seine Mutter an; als er sah, daß sie den Befehl des Herrn von Villefort nicht wiederholte, fing er an, seinen bleiernen Soldaten die Köpfe abzuschneiden.

 

Eduard, rief Herr von Villefort mit so hartem Ausdruck, daß das Kind auf den Boden sprang, verstehst du mich? Vorwärts!

 

An eine solche Behandlung nicht gewöhnt, richtete sich das Kind auf, erbleichte und entfernte sich.

 

Herr von Villefort folgte ihm bis zur Tür und schloß diese, als Eduard hinausgegangen war, mit dem Riegel.

 

Oh! mein Gott! rief die junge Frau, indem sie ihrem Gatten bis in die Tiefe der Seele schauen wollte und zu lächeln versuchte, was wollen Sie denn?

 

Wo verwahren Sie das Gift, dessen Sie sich gewöhnlich bedienen? sprach scharf und ohne Einleitung der Staatsanwalt.

 

Frau von Villefort empfand, was die Lerche empfinden muß, wenn sie den Hühnergeier seine mörderischen Kreise über ihrem Kopfe immer enger ziehen sieht.

 

Ein heiserer, gebrochener Ton, der weder ein Schrei, noch ein Seufzer war, kam aus der Brust der Frau von Villefort, und leichenblaß erwiderte sie: Mein Herr … ich verstehe Sie nicht.

 

Dann erhob sie sich in einem Anfall des Schreckens … doch in einem zweiten Anfall, der offenbar noch heftiger als der erste war, fiel sie wieder auf die Kissen ihrer Ottomane zurück.

 

Ich fragte sie, fuhr Herr von Villefort mit vollkommen ruhigem Tone fort, wo Sie das Gift verbergen, mit dessen Hilfe Sie meinen Schwiegervater, Herrn von Saint-Meran, meine Schwiegermutter, Barrois und meine Tochter Valentine umgebracht haben.

 

Oh! mein Herr, rief Frau von Villefort, die Hände faltend, was sagen Sie da?

 

Sie haben mich nicht zu fragen, sondern nur zu antworten.

 

Habe ich dem Richter oder dem Gatten zu antworten? stammelte Frau von Villefort.

 

Dem Richter.

 

Es war ein furchtbares Schauspiel: die Blässe dieser Frau, die Angst in ihren Blicken, das Zittern ihres ganzen Körpers. Ah! mein Herr! murmelte sie, ah! mein Herr!

 

Sie antworten nicht! rief der furchtbare Frager. Dann fügte er mit einem Lächeln hinzu, das noch schrecklicher war, als sein Zorn: Sie leugnen also nicht!

 

Frau von Villefort machte ein: Bewegung.

 

Und Sie könnten auch nicht leugnen, fuhr Herr von Villefort fort, indem er die Hand ausstreckte, als wollte er sie im Namen der Gerechtigkeit festnehmen. Sie haben diese verschiedenen Verbrechen mit einer unverschämten Geschicklichkeit verübt, die jedoch nur Leute täuschen konnte, die aus Liebe geneigt waren, Ihnen gegenüber blind zu sein. Seit dem Tode der Frau von Saint-Meran wußte ich, daß ein Giftmischer in meinem Hause war, Herr d’Avrigny hatte mich davon in Kenntnis gesetzt; nach dem Tode Barrois‘ fiel mein Verdacht, Gott verzeihe es mir! auf jemand, auf einen Engel. Doch nach Valentines Tode gab es keinen Zweifel mehr für mich, und nicht allein für mich, sondern auch für andere. So wird Ihr Verbrechen, nunmehr zwei Personen bekannt, öffentlich werden; und es ist, wie ich Ihnen soeben sagte, nicht mehr der Gatte, der zu Ihnen spricht, sondern ein Richter.

 

Ihr Gesicht in ihren Händen verbergend, stammelte die junge Frau: Oh! Herr, ich flehe Sie an, glauben Sie nicht dem Scheine!

 

Sollten Sie feig sein? rief Villefort mit verächtlichem Tone. In der Tat, ich habe stets wahrgenommen, daß die Giftmischer feig sind. Sollten Sie feig sein, Sie, die Sie den gräßlichen Mut gehabt haben, zwei Greise und ein junges Mädchen, von Ihnen ermordet, vor Ihren Augen verscheiden zu sehen?

 

Herr! Herr!

 

Sollten Sie feig sein, fuhr Villefort mit wachsender Heftigkeit fort, Sie, die Sie die Minuten von vier Todeskämpfen eine um die andere gezählt? Sie, die Sie mit einer so wunderbaren Geschicklichkeit und Sorgfalt Ihre höllischen Pläne entworfen und Ihre schändlichen Getränke eingerührt haben? Sie, die Sie alles so gut berechnet, sollten eins nicht berechnet haben, nämlich, wohin Sie die Enthüllung Ihrer Verbrechen führen konnte, führen mußte? Oh! das ist unmöglich, und Sie haben ein Gift, süßer, feiner, tödlicher als die anderen, aufbewahrt, um der Ihnen gebührenden Bestrafung zu entgehen … Sie haben dies getan, wenigstens hoffe ich es.

 

Frau von Villefort rang ihre Hände und fiel auf die Knie.

 

Ich weiß es wohl … ich weiß es wohl, sagte Herr von Villefort, Sie gestehen; doch ein Geständnis, den Richtern abgelegt, ein Geständnis im letzten Augenblick, ein Geständnis, wenn man nicht mehr leugnen kann, ein solches Geständnis mildert in keiner Beziehung die Strafe, die über den Schuldigen verhängt werden muß.

 

Die Strafe! rief Frau von Villefort, Strafe! Es ist schon das zweite Mal, daß Sie dieses Wort aussprechen!

 

Allerdings. Glaubten Sie zu entkommen, weil Sie viermal schuldig waren? Glaubten Sie, weil Sie die Frau dessen sind, der die Strafe fordert, würde diese Strafe ausbleiben? Nein, nein! Die Giftmischerin, wer sie auch sein mag, erwartet das Schafott, besonders Sie, wie ich Ihnen soeben sagte, die nicht dafür besorgt gewesen ist, einige Tropfen von ihrem sichersten Gifte aufzubewahren!

 

Frau von Villefort stieß einen wilden Schrei aus, und der häßliche, unbezähmbare Schrecken bemächtigte sich ihrer verstörten Gesichtszüge.

 

Oh! fürchten Sie das Schafott nicht, sagte der Staatsanwalt, ich will Sie nicht entehren, denn das hieße mich selbst entehren; nein, im Gegenteil, wenn Sie mich recht gehört haben, müssen Sie begreifen, daß Sie nicht auf dem Schafott sterben können.

 

Nein, ich habe nicht begriffen; was wollen Sie sagen? stammelte völlig niedergeschmettert die unglückliche Frau.

 

Ich will sagen, daß die Frau des ersten richterlichen Beamten der Hauptstadt einen fleckenlos gebliebenen Namen nicht mit ihrer Schande belasten und nicht mit demselben Schlage ihren Gatten und ihr Kind entehren wird.

 

Nein! oh, nein!

 

Wohl, das wird eine gute Handlung von Ihnen sein, und für diese gute Handlung danke ich Ihnen.

 

Sie danken mir und wofür?

 

Für das, was Sie gesagt haben.

 

Was habe ich gesagt? Mein Kopf ist verwirrt; mein Gott! Mein Gott! Ich begreife nichts mehr.

 

Und sie erhob sich mit aufgelösten Haaren und schäumenden Lippen.

 

Sie beantworteten die Frage noch nicht, die ich bei meinem Eintritt machte: Wo ist das Gift, dessen Sie sich gewöhnlich bedienen?

 

Frau von Villefort streckte die Arme zum Himmel empor und schlug krampfhaft die Hände aneinander.

 

Nein, nein, schrie sie, Sie wollen das nicht!

 

Ich will nicht, daß Sie auf dem Schafott sterben, hören Sie? antwortete Villefort.

 

Oh! Gnade, Herr!

 

Es ist mein Wille, daß Gerechtigkeit geschehe. Ich bin auf der Erde, um zu strafen, fügte er mit einem flammenden Blicke bei; jeder andern Frau, und wäre es eine Königin, würde ich den Henker schicken, gegen Sie werde ich barmherzig sein. Ihnen sage ich: Nicht wahr, gnädige Frau, Sie haben einige Tropfen von Ihrem süßesten, schnellsten und sichersten Gift aufbewahrt?

 

Oh! Verzeihen Sie mir, lassen Sie mich leben!

 

Sie ist feig, sagte Villefort.

 

Bedenken Sie, daß ich Ihre Frau bin!

 

Sie sind eine Giftmischerin.

 

Im Namen des Himmels!

 

Nein.

 

Im Namen der Liebe, die Sie für mich gehabt haben!

 

Nein! nein!

 

Im Namen unseres Kindes! Oh! Unserem Kinde zuliebe lassen Sie mich leben.

 

Nein! nein! sage ich Ihnen; ließe ich Sie leben, so würden Sie eines Tages das Kind so gut töten, wie die andern.

 

Ich! mein Kind töten! rief in höchster Leidenschaft diese Mutter, auf Villefort zustürzend; ich meinen Eduard töten? Und ein gräßliches Gelächter, das Lachen einer Wahnsinnigen, vollendete den Satz und verlor sich in einem blutigen Geröchel.

 

Frau von Villefort stürzte zu den Füßen ihres Gatten nieder.

 

Villefort näherte sich ihr und sagte: Bedenken Sie wohl! Ist bei meiner Rückkehr nicht Gerechtigkeit geschehen, so zeige ich Sie mit meinem eigenen Munde an, verhafte ich Sie mit meinen eigenen Händen.

 

Sie hörte keuchend, vernichtet; nur ihr Auge lebte in ihr und brannte in einem düsteren, furchtbaren Feuer.

 

Sie verstehen mich, sagte Villefort, ich gehe, um die Todesstrafe gegen einen Mörder zu fordern. Finde ich Sie noch lebend, so ist heute nacht der Kerker Ihre Wohnung.

 

Frau von Villefort stieß einen Seufzer aus, ihre Nerven wurden schlaff, sie wälzte sich gebrochen auf dem Boden.

 

Der Staatsanwalt schien eine Regung des Mitleids zu fühlen, er schaute sie minder streng an, verbeugte sich leicht vor ihr und sagte langsam: Gott befohlen, gnädige Frau!

 

Dieser Abschied fiel wie das Messer des Todes auf Frau von Villefort. Sie wurde ohnmächtig.

 

Der Staatsanwalt entfernte sich und schloß beim Hinausgehen die Tür doppelt zu.

 

Die Limonade.

 

Die Limonade.

 

Morel war wirklich sehr glücklich. Herr Noirtier hatte nach ihm geschickt, und es drängte ihn, die Veranlassung dazu zu erfahren. Er begab sich also in größter Eile nach dem Faubourg Saint-Honoré, so daß der arme Barrois Mühe hatte, ihm zu folgen. Morel war einunddreißig Jahre alt, Barrois sechzig; Morel war liebestrunken, Barrois von der großen Hitze angegriffen. Als sie am Ziele waren, ließ der alte Diener Morel durch die besondere Tür eintreten, schloß die Tür des Kabinetts, und bald kündigte ein Streifen des Kleides auf dem Boden Valentines Besuch an, die in ihren Trauergewändern zum Entzücken schön war, Der Traum wurde so süß für Morel, daß er fast die Unterredung mit Noirtier ganz vergessen hätte: doch bald ließ sich der auf dem Boden rollende Lehnstuhl des Greises hören, und er erschien.

 

Noirtier nahm wohlwollend die Danksagungen entgegen, mit denen ihn Morel für die wunderbare Vermittelung überhäufte, die ihn und Valentine vor der Verzweiflung gerettet hatte. Dann begann Valentine, die schüchtern und fern von Morel da saß, nachdem Noirtiers Blick sie zum Reden aufgefordert hatte: Herr Morel, mein guter Papa Noirtier hat Ihnen tausend Dinge zu sagen, die er mir seit drei Tagen mitgeteilt hat. Heute läßt er Sie rufen, damit ich sie Ihnen mitteile; ich werde Ihnen alles, ohne ein Wort zu ändern, wiederholen, da er mich zu seiner Dolmetscherin gewählt hat.

 

Oh! ich höre mit der größten Ungeduld, antwortete der junge Mann, sprechen Sie, mein Fräulein.

 

Valentine schlug die Augen nieder, es war dies ein Vorzeichen, das Morel süß dünkte, denn Valentine war nur im Glücke schwach.

 

Mein Großvater will dieses Haus verlassen, sagte sie, Barrois sucht eine andere Wohnung für ihn.

 

Doch Sie, mein Fräulein, entgegnete Morel, Sie, die Sie Herrn Noirtier so teuer sind?

 

Ich, sagte das Mädchen, werde meinen Großvater nicht verlassen, das ist eine zwischen uns abgemachte Sache. Meine Wohnung wird bei der seinigen sein. Entweder erhalte ich die Einwilligung des Herrn von Villefort, meinen Aufenthalt bei Papa Noirtier zu nehmen, oder man verweigert es mir. Im ersten Falle gehe ich schon jetzt, im zweiten warte ich meine Volljährigkeit ab, die in zehn Monaten eintritt. Dann bin ich frei, dann besitze ich ein Vermögen, und mit Genehmigung meines guten Papas halte ich das Versprechen, das ich Ihnen geleistet habe.

 

Valentine sagte die letzten Worte so leise, saß Morel sie kaum zu hören im stande war.

 

Habe ich nicht Ihren Gedanken ausgedrückt, guter Papa? fügte Valentine, zum Greise gewendet, hinzu.

 

Ja, machte der Greis.

 

Bin ich einmal bei meinem Großvater, so wird Herr Morel mich in Gegenwart dieses guten und würdigen Beschützers sehen können, sagte Valentine. Wenn das Band, das unsere vielleicht launenhaften oder unwissenden Herzen zu knüpfen begonnen haben, uns nach unserer Erfahrung ein zukünftiges Glück gewährleistet, dann kann mich Herr Morel von mir verlangen … ich erwarte ihn.

 

Oh! rief Morel, versucht, vor dem Greise und Valentine niederzuknien; oh! was habe ich denn in meinem Leben Gutes getan, um so viel Glück zu verdienen.

 

Bis dahin, fuhr das Mädchen mit seiner reinen, ernsten Stimme fort, bis dahin werden wir die Schicklichkeit und den Willen unserer Eltern achten, insofern dieser Wille nicht dahin geht, uns für immer zu trennen; mit einem Worte, wir werden warten.

 

Und die Opfer, die dieses Wort auferlegt, mein Fräulein, ich schwöre Ihnen, sie zu erfüllen, nicht mit Resignation, sondern mit dem Gefühle des Glückes.

 

Also keine Unklugheiten mehr, sagte Valentine, mit einem für Maximilian süßen Blicke; gefährden Sie nicht die, mein Freund, die sich von heute an als bestimmt, rein und würdig betrachtet, Ihren Namen zu tragen.

 

Morel legte seine Hand auf sein Herz.

 

Noirtier schaute beide voll Zärtlichkeit an. Barrois, der im Hintergrunde stehen geblieben war, lächelte, große Schweißtropfen von seiner kahlen Stirn abtrocknend.

 

Mein Gott! wie heiß es dem guten Barrois ist! rief Valentine.

 

Ah! das kommt davon her, daß ich stark gelaufen bin, erwiderte Barrois; doch Herr Morel, ich muß ihm diese Gerechtigkeit widerfahren lassen, lief noch schneller als ich.

 

Noirtier bezeichnete mit dem Auge eine Platte, auf der eine Flasche mit Limonade und ein Glas standen. Was in der Flasche fehlte, war eine halbe Stunde vorher von Noirtier getrunken worden.

 

Nimm, guter Barrois, sagte das Mädchen, nimm, denn ich sehe, daß deine Augen gierig nach der Flasche zielen.

 

Ich sterbe allerdings vor Durst, erwiderte Barrois.

 

Trink also, versetzte Valentine, und komm in einem Augenblick wieder.

 

Barrois trug die Platte fort, und kaum war er im Gange, so sah man ihn durch die Tür, die er zu schließen vergessen hatte, das Haupt rückwärts neigen und das Glas, das ihm Valentine gefüllt, leeren.

 

Valentine und Morel nahmen in Noirtiers Gegenwart voneinander Abschied, als man die Glocke auf Villeforts Treppe ertönen hörte. Valentine schaute nach der Uhr.

 

Es ist Mittag, sagte sie, heute ist Samstag, guter Papa, ohne Zweifel kommt der Doktor; er wird hierher kommen, und Herr Morel muß gehen, nicht wahr, guter Papa? – Ja, antwortete der Greis.

 

Barrois! rief Valentine, Barrois, komm! Man hörte die Stimme des alten Dieners antworten: Ich komme.

 

Barrois wird Sie bis zur Tür zurückführen, sagte Valentine zu Morel; und nun erinnern Sie sich, mein Herr Offizier, daß mein guter Papa Ihnen einschärft, keinen Schritt zu wagen, der unser Glück gefährden könnte.

 

Ich habe versprochen, zu warten, sagte Morel, und ich werde warten.

 

In diesem Augenblick trat Barrois ein.

 

Wer hat geläutet? fragte Valentine.

 

Der Herr Doktor d’Avrigny, erwiderte Barrois, auf seinen Beinen wankend.

 

Aber was hast du denn, Barrois? fragte Valentine.

 

Der Greis antwortete nicht, er schaute nur seinen Herrn mit irren Augen an, während er mit seiner krampfhaft zusammengezogenen Hand eine Stütze suchte, um sich aufrecht halten zu können.

 

Er wird fallen, rief Morel.

 

Barrois‘ Zittern vermehrte sich wirklich zusehends, von krampfhaften Bewegungen der Gesichtsmuskeln verstört, verrieten seine Gesichtszüge einen sehr heftigen nervösen Anfall. Er machte einige Schritte auf seinen Herrn zu und sagte: Mein Gott! was habe ich denn? Ich leide … ich sehe nicht mehr … Tausend feurige Punkte durchkreuzen meinen Schädel. Oh! berühren Sie mich nicht, berühren Sie mich nicht!

 

Die Augen wurden wirklich stier und hervorspringend, und der Kopf fiel zurück, während der untere Teil des Körpers erstarrte.

 

Valentine stieß erschrocken einen Schrei aus. Morel faßte sie in seine Arme, als wollte er sie gegen eine unbekannte Gefahr beschützen.

 

Herr d’Avrigny! Herr d’Avrigny! rief Valentine mit erstickter Stimme, herbei! zu Hilfe!

 

Barrois drehte sich um, machte drei Schritte rückwärts, stolperte, fiel zu Noirtiers Füßen nieder, stützte seine Hand auf dessen Knie und rief: Mein Herr! mein guter Herr!

 

In diesem Augenblick erschien Herr von Villefort, durch das Geschrei herbeigezogen, auf der Schwelle.

 

Morel ließ die halb ohnmächtige Valentine los, warf sich zurück, drückte sich in die Ecke des Zimmers und verschwand fast hinter einem Vorhang.

 

Noirtier kochte in seinein Innern vor Ungeduld und Schrecken, seine Seele flog dem armen Greise zu Hilfe, der mehr sein Freund, als sein Diener war. Man sah den furchtbaren Kampf des Lebens und des Todes auf seiner Stirn. Das Gesicht heftig bewegt, die Augen mit Blut unterlaufen, den Hals zurückgeworfen, lag Barrois, mit den Händen auf den Boden schlagend, vor Noirtier, während seine steif gewordenen Beine eher brechen zu müssen, als sich zu biegen schienen. Ein leichter Schaum stieg auf seine Lippen, und er atmete schmerzhaft. Erstaunt verweilte Villefort einige Sekunden vor diesem Bilde, das bei seinem Eintritt in das Zimmer seine Blicke fesselte. Dann stürzte er mit bleichem Antlitz nach der Tür und rief: Doktor! Doktor! kommen Sie, kommen Sie!

 

Gnädige Frau! rief Valentine, zu ihrer Stiefmutter eilend, und sich dabei am Treppengeländer stoßend, kommen Sie schnell, und bringen Sie Ihr Flacon!

 

Was gibt es denn? fragte die metallartig klingende Stimme der Frau von Villefort.

 

Aber wo ist denn der Doktor? rief Villefort.

 

Fran von Villefort stieg langsam die Treppe herab; man hörte die Bretter unter ihren Füßen knacken. In einer Hand hielt sie ein Taschentuch, mit dem sie sich das Gesicht abtrocknete, in der andern ein Flacon mit englischem Salz. Ihr erster Blick war, als sie zur Tür kam, auf Noirtier gerichtet, dessen Gesicht, abgesehen von einer unter solchen Umständen natürlichen Aufregung, eine vollkommene Gesundheit andeutete; ihr zweiter Blick traf den Sterbenden. Sie erbleichte, und ihr Auge richtete sich wieder auf Noirtier.

 

Aber in des Himmels Namen! wo ist der Doktor? fragte Villefort; er ging zu Ihnen hinein. Sie sehen, es ist ein Schlaganfall; mit einem Aderlaß kann man ihn retten.

 

Hat er vor kurzem gegessen? sagte Frau von Villefort, der Frage ihres Gatten ausweichend.

 

Gnädige Frau, antwortete Valentine, er hat nicht gefrühstückt, doch er ist heute stark gelaufen, um einen Auftrag zu besorgen, den ihn: der gute Papa gegeben hatte. Bei seiner Rückkehr trank er ein Glas Limonade.

 

Ah! rief Frau von Villefort, warum nicht Wein? Limonade, das ist schlimm.

 

Die Limonade war gerade bei der Hand, in der Flasche des guten Papas; der arme Barrois hatte Durst und trank, was er eben fand.

 

Frau von Villefort bebte, Noirtier umfaßte sie gleichsam mit einem durchdringenden Blicke.

 

Er hat einen so kurzen Hals! sagte sie.

 

Gnädige Frau, sagte Villefort, wo ist Herr d’Avrigny? Antworten Sie mir, im Namen des Himmels!

 

Er ist bei Eduard, der nicht ganz wohl ist, erwiderte sie endlich.

 

Villefort stürzte nach der Treppe, um ihn selbst zu holen.

 

Höre, sagte die junge Frau, Valentine ihr Flacon übergebend, man wird ihm ohne Zweifel zur Ader lassen. Ich gehe in mein Zimmer hinaus, denn ich kann den Anblick des Blutes nicht ertragen.

 

Kaum war sie fort, so trat Morel aus der düstern Ecke hervor, in die er sich zurückgezogen und wo ihn bei der allgemeinen Bestürzung niemand bemerkt hatte.

 

Gehen Sie geschwind, Maximilian! sagte Valentine zu ihm, und warten Sie, bis ich Sie rufe.

 

Morel befragte Noirtier durch eine Gebärde. Noirtier, der seine ganze Kaltblütigkeit behalten hatte, machte ihm ein bejahendes Zeichen.

 

Er drückte Valentines Hand an sein Herz und entfernte sich durch den geheimen Gang. Zu gleicher Zeit traten Villefort und der Doktor durch die entgegengesetzte Tür ein.

 

Barrois kam allmählich wieder zu sich; die Krise war vorüber, er seufzte und erhob sich auf ein Knie. D’Avrigny und Villefort trugen ihn auf ein Ruhebett.

 

Was befehlen Sie, Doktor? fragte Villefort.

 

Man bringe mir Wasser und Äther, etwas Terpentinöl und ein Brechmittel, Sie haben doch alles im Hause? Sodann entferne sich jedermann!

 

Ich auch? fragte Valentine schüchtern.

 

Ja, mein Fräulein, Sie besonders, erwiderte der Doktor mit strengem Tone.

 

Valentine schaute Herrn d’Avrigny erstaunt an, küßte Herrn Noirtier auf die Stirn und ging hinaus. – Hinter ihr schloß der Arzt die Tür.

 

Sehen Sie! sagte Villefort, Doktor, er kommt wieder zu sich, es war nur ein Anfall ohne Bedeutung.

 

Herr d’Avrigny lächelte düster und fragte: Wie fühlen Sie sich, Barrois?

 

Ein wenig besser, mein Herr.

 

Können Sie dieses Glas Wasser mit Äther trinken?

 

Ich will es versuchen, doch berühren Sie mich nicht, es kommt mir vor, als müßte sich der Anfall wiederholen, wenn Sie mich berühren, und wäre es auch nur mit der Fingerspitze.

 

Barrois nahm das Glas, näherte es seinen blauen Lippen und leerte es ungefähr bis zur Hälfte.

 

Wo leiden Sie? – Überall; ich habe furchtbare Krämpfe.

 

Haben Sie Verdunkelungen, Blendungen? – Ja.

 

Ein Klingeln in den Ohren? – Gräßlich.

 

Wann ist dieser Anfall gekommen? – Soeben ganz plötzlich.

 

Nichts gestern? nichts vorgestern? – Nichts.

 

Keine Schlafsucht? Keine Schwere? – Nein.

 

Was haben Sie heute gegessen? – Ich habe nichts gegessen, ich habe nur ein Glas Limonade von dem Herrn getrunken und sonst nichts.

 

Barrois machte mit dem Kopfe eine Gebärde, um Herrn Noirtier zu bezeichnen, der von seinem Lehnstuhle diese furchtbare Szene betrachtete, ohne daß ihm die geringste Bewegung oder auch nur ein Wort entging.

 

Wo ist die Limonade? – In der Küche.

 

Soll ich sie holen, Doktor? fragte Villefort.

 

Nein, bleiben Sie hier und machen Sie, daß der Kranke den Rest dieses Glases Wasser trinke, ich gehe selbst.

 

D’Avrigny machte einen Sprung, öffnete die Tür, stürzte nach der Treppe, die nach der Küche führte, und hätte beinahe Frau von Villefort, die ebenfalls nach der Küche ging, umgeworfen. Sie stieß einen Schrei aus.

 

D’Avrigny achtete nicht daraus; von einem einzigen Gedanken fortgerissen, sprang er die letzten paar Stufen hinab, stürzte in die Küche und erblickte die zu drei Vierteln leere Flasche auf der Platte, auf die er sich warf, wie ein Adler auf seine Beute. Keuchend stieg er dann in das Erdgeschoß hinauf und kehrte ins Zimmer zurück, während Frau von Villefort langsam die Treppe emporstieg, die in ihre Wohnung führte.

 

Ist dies die Flasche? fragte er. – Ja, Herr Doktor.

 

Was für einen Geschmack fanden Sie in der Limonade? – Einen bittern Geschmack.

 

Der Doktor goß ein paar Tropfen Limonade in seine hohle Hand, schlürfte sie mit den Lippen ein und spuckte dann die Flüssigkeit wieder aus.

 

Es ist dieselbe, sagte er. Und Sie haben auch davon getrunken, Herr Noirtier? – Ja, machte der Greis.

 

Und Sie haben denselben bittern Geschmack gefunden? – Ja.

 

Ach! Herr Doktor, rief Barrois, es packt mich wieder! Mein Gott und Vater, habe Mitleid mit mir!

 

Der Doktor lief zu dem Kranken.

 

Das Brechmittel, Villefort, sehen Sie, ob es kommt.

 

Villefort stürzte hinaus und schrie: Das Brechmittel! das Brechmittel! Hat man es gebracht?

 

Niemand antwortete. Es herrschte der tiefste Schrecken im Hause.

 

Wenn ich nur imstande wäre, ihm Luft in die Lunge zu blasen, sagte d’Avrigny, im Zimmer umherschauend, vielleicht vermöchte man dem Schlage vorzubeugen. Doch nein! nein! nichts!

 

Oh! Herr, werden Sie mich so ohne Hilfe sterben lassen? rief Barrois. Oh, ich sterbe! mein Gott! ich sterbe!

 

Eine Feder! eine Feder! sagte der Doktor.

 

D’Avrigny erblickte eine auf dem Tische und suchte sie in den Mund des Kranken zu stecken, der mitten unter Krämpfen sich anstrengte, sich zu erbrechen; aber die Kinnbacken waren so zusammengepreßt, daß die Feder nicht hindurch gebracht werden konnte.

 

Barrois hatte einen noch heftigeren Anfall als das erstemal. Er war von dem Ruhebette auf die Erde herabgesunken und streckte sich steif auf dem Boden aus. Der Doktor überließ ihn diesem Anfalle, bei dem er ihm keine Erleichterung verschaffen konnte, ging auf Noirtier zu und sagte hastig und mit leiser Stimme zu ihm: Wie befinden Sie sich? Gut? – Ja.

 

Leicht im Magen oder schwer? Leicht? – Ja.

 

Wie wenn Sie die Pille genommen haben, die ich Ihnen jeden Sonntag geben lasse? – Ja.

 

Hat Barrois Ihre Limonade gemacht? – Ja.

 

Haben Sie ihn aufgefordert, davon zu trinken? – Nein.

 

Herr von Villefort? – Nein.

 

Valentine also? – Ja.

 

Ein Seufzer von Barrois, ein Gähnen, das die Knochen seines Kiefers krachen ließ, erregten d’Avrignys Aufmerksamkeit; er verließ Noirtier und lief zu dem Kranken.

 

Barrois, fragte der Doktor, können Sie sprechen?

 

Barrois stammelte ein paar unverständliche Worte.

 

Versuchen Sie es, mein Freund.

 

Barrois öffnete seine blutigen Augen.

 

Wer hat die Limonade gemacht? – Ich.

 

Haben Sie sie sogleich Ihrem Herrn gebracht, nachdem sie bereitet war? – Nein.

 

Sie haben sie irgendwo stehen lassen? – In der Küche; man rief mich.

 

Wer hat sie hierher gebracht? – Fräulein Valentine.

 

D’Avrigny schlug sich vor die Stirn und murmelte: Oh! mein Gott!

 

Doktor! Doktor! rief Barrois, der einen dritten Anfall kommen fühlte.

 

Wird man denn das Brechmittel nicht bringen! rief der Doktor.

 

Hier ist ein Glas, sagte Villefort, zurückkehrend.

 

Wer hat’s bereitet?

 

Der Apothekergehilfe, der mit mir gekommen ist.

 

Trinken Sie!

 

Unmöglich, Doktor, es ist zu spät: meine Kehle schnürt sich zusammen, ich ersticke! Oh mein Magen, Oh mein Kopf … Oh! welche Hölle … Werde ich lange so leiden?

 

Nein, nein, mein Freund, antwortete der Doktor, Sie werden bald nicht mehr leiden.

 

Oh! ich verstehe! rief der Unglückliche; mein Gott, erbarme dich meiner!

 

Und einen Schrei ausstoßend, fiel er rückwärts, als ob ihn der Blitz getroffen hätte.

 

D’Avrigny legte eine Hand auf sein Herz und hielt einen Spiegel an seine Lippen.

 

Nun? fragte Herr von Villefort.

 

Sagen Sie in der Küche, man soll sehr schnell Veilchensirup bringen.

 

Villefort eilte sogleich hinab.

 

Erschrecken Sie nicht, Herr Noirtier, sagte d’Avrigny, ich bringe den Kranken in ein anderes Zimmer, um ihm zur Ader zu lassen; dergleichen Anfälle sind gräßlich anzuschauen.

 

Und Barrois unter den Armen fassend, schleppte er ihn in ein anstoßendes Zimmer; doch beinahe in demselben Augenblick kehrte er zu Noirtier zurück, um den Rest der Limonade zu nehmen.

 

Noirtier schloß das rechte Auge.

 

Nicht wahr, Sie wollen Valentine? Ich will sagen, daß man nach ihr schickt.

 

Villefort kam wieder herauf; d’Avrigny begegnete ihm im Gange. Nun? fragte er.

 

Kommen Sie, sagte d’Avrigny und führte ihn in das Zimmer.

 

Immer noch ohnmächtig? – Er ist tot.

 

Villefort wich drei Schritte zurück, schlug die Hände über dem Kopfe zusammen und sagte, den Leichnam anschauend, mit unzweideutigem Mitleid: So schnell gestorben!

 

Ja, sehr schnell, nicht wahr? entgegnete d’Avrigny; doch das darf Sie nicht in Erstaunen setzen: Herr und Frau von Saint-Meran sind ebenso plötzlich gestorben. Oh! man stirbt schnell in Ihrem Hause, Herr von Villefort.

 

Wie! rief der Staatsanwalt mit einem Ausdrucke des Abscheus und der Bestürzung, Sie kommen wieder auf diesen furchtbaren Gedanken zurück?

 

Immer, mein Herr, immer, sagte d’Avrigny feierlich, denn er hat mich nicht einen Augenblick verlassen; und damit Sie überzeugt sind, daß ich mich diesmal nicht täusche, so hören Sie wohl, Herr von Villefort: Es gibt ein Gift, das, beinahe ohne irgend eine Spur zurückzulassen, tötet. Ich kenne dieses Gift, ich habe es in allen Erscheinungen, die es erzeugt, studiert, und ich habe es soeben bei dem armen Barrois erkannt, wie ich es bei Frau von Saint-Meran erkannte. Es gibt ein Mittel, sein Vorhandensein festzustellen: es stellt die blaue Farbe des von der Säure geröteten Lackmuspapiers wieder her und färbt den Veilchensirup grün. Wir haben kein Lackmuspapier; doch man bringt mir soeben den Veilchensirup, den ich verlangt habe.

 

Der Doktor öffnete halb die Tür, nahm aus den Händen der Kammerfrau das Gefäß, auf dessen Boden ein paar Löffel Sirup waren, und schloß die Tür wieder.

 

Sehen Sie, sagte er zum Staatsanwalt, dessen Herz so heftig schlug, daß man es hätte hören können, hier in dieser Tasse ist Veilchensirup, und in dieser Flasche der Rest der Limonade, von der Barrois getrunken hat. Ist die Limonade rein und unschädlich, so wird der Sirup seine Farbe behalten; ist die Limonade aber vergiftet, so wird der Sirup grün werden. Schauen Sie!

 

 

Der Doktor goß langsam einige Tropfen Limonade aus der Flasche in die Tasse, und man sah auf der Stelle auf dem Grunde der Tasse eine Wolke sich bilden, die eine grünliche Farbe annahm. Der Versuch ließ keinen Zweifel übrig.

 

Der unglückliche Barrois ist mit der falschen Angostura oder mit Ignatiusbohnen vergiftet worden, sagte d’Avrigny, dafür bürge ich vor den Menschen und Gott.

 

Villefort sagte nichts, aber er streckte die Arme zum Himmel empor, öffnete seine stieren Augen und sank wie vom Blitze getroffen auf einen Stuhl nieder.

 

Die Anklage.

 

Die Anklage.

 

D’Avrigny hatte den Staatsanwalt, der eine zweite Leiche in diesem Totenzimmer zu sein schien, bald wieder zu sich gebracht.

 

Oh! der Tod ist in meinem Hause! rief Villefort.

 

Sagen Sie das Verbrechen, entgegnete der Doktor.

 

Herr d’Avrigny, rief Villefort, ich kann Ihnen nicht sagen, was alles in diesem Augenblicke in mir vorgeht; es ist Schrecken, es ist Schmerz, es ist Wahnsinn.

 

Ja, sagte Herr d’Avrigny mit ausdrucksvoller Ruhe; doch ich glaube, es ist Zeit, daß wir handeln. Ich glaube, es ist Zeit, daß wir dieser Sterblichkeit einen Damm entgegensetzen. Ich meinesteils fühle mich nicht fähig, länger solche Geheimnisse zu tragen, ohne die Hoffnung, bald die Rache für die Gesellschaft und für die Opfer daraus hervorgehen zu sehen.

 

Villefort schaute düster umher und murmelte: In meinem Hause! in meinem Hause!

 

Hören Sie, Staatsanwalt, sagte d’Avrigny, seien Sie ein Mann, Ausleger des Gesetzes, ehren Sie sich durch eine völlige Aufopferung!

 

Sie lassen mich beben, Doktor. Haben Sie jemand im Verdacht?

 

Ich habe niemand im Verdacht; der Tod klopft an Ihre Tür, er tritt ein und geht, nicht blind, sondern hinterlistig, von Zimmer zu Zimmer. Nun wohl! ich folge seiner Spur, ich erkenne seinen Gang; ich tappe im Finstern umher, denn meine Freundschaft für Ihre Familie, meine Achtung für Sie sind zwei Binden auf meinen Augen! wohl …

 

Oh! sprechen Sie, sprechen Sie, ich werde Mut haben.

 

Wohl! mein Herr, Sie haben bei sich, in dem Schoße Ihres Hauses, in Ihrer Familie vielleicht eines von jenen furchtbaren, gräßlichen Phänomenen, wie jedes Jahrhundert irgend eines hervorbringt. Locusta und Agrippina, Brunhilde und Fredegunde. Alle diese Frauen waren jung und schön. Auf ihren Stirnen blühte dieselbe Blume der Unschuld, die man auch auf der Stirn der Schuldigen erblickt, die in Ihrem Hause ist.

 

Villefort stieß einen Schrei aus, faltete die Hände und schaute den Doktor mit flehender Gebärde an. Dieser aber fuhr ohne Erbarmen fort: Suche, wem das Verbrechen nutzt, lautet ein Grundsatz der Rechtslehre.

 

Doktor! rief Villefort, ach! Doktor, wie oft ist nicht die Gerechtigkeit der Menschen durch diesen unseligen Grundsatz getäuscht worden. Ich weiß nicht, aber es scheint mir, dieses Verbrechen …

 

Ah! Sie gestehen doch endlich ein, daß ein Verbrechen obwaltet?

 

Ja, ich muß es anerkennen, ich kann nicht anders. Doch lassen Sie mich fortfahren! Es scheint mir, sage ich, daß dieses Verbrechen auf mich allein fällt und nicht auf die Opfer. Unter all diesem seltsamen Unglück ahne ich ein schweres Verhängnis für mich.

 

Oh! Mensch, selbstsüchtigstes von allen Wesen, persönlichstes von allen Geschöpfen, das stets glaubt, die Erde drehe sich, die Sonne glänze, der Tod mähe für seine Person allein. Herr von Saint-Meran, Frau von Saint-Meran, Herr Noirtier …

 

Wie, Herr Noirtier! …

 

Ah ja! glauben Sie vielleicht, es sei auf den unglücklichen Bedienten abgesehen gewesen? Nein, nein: er ist, wie Polonius bei Shakespeare, für einen andern gestorben. Noirtier sollte die Limonade trinken; Noirtier hat es auch, wie vorausgesehen, getan; der andere hat nur zufällig davon getrunken, und wenn auch Barrois gestorben ist, so sollte doch Noirtier sterben.

 

Wie kommt es dann, daß mein Vater nicht unterlag?

 

Ich habe es Ihnen bereits einmal, nach dem Tode der Frau von Saint-Meran, gesagt, weil sich sein Körper an den Gebrauch gerade dieses Giftes gewöhnt hatte; weil die Dose, unbedeutend für ihn, für jeden andern tödlich war; weil niemand, und auch der Mörder nicht, weiß, daß ich Herrn Noirtiers Lähmung mit Brucin behandle, während es dem Mörder nicht unbekannt blieb, daß Brucin ein heftiges Gift ist.

 

Mein Gott! murmelte Villefort, die Hände ringend.

 

Verfolgen Sie den Gang des Verbrechers; er tötete Herrn von Saint-Meran. – Oh, Doktor!

 

Ich würde darauf schwören; das, was man mir von den Symptomen gesagt hat, stimmt zu sehr mit dem überein, was ich mit eigenen Augen gesehen habe.

 

Villefort hörte auf zu widersprechen und stieß einen Seufzer aus.

 

Er tötete Herrn von Saint-Meran, wiederholte der Doktor, er tötete Frau von Saint-Meran; es ist eine doppelte Erbschaft zu machen.

 

Villefort wischte sich den Schweiß von der Stirn.

 

Herr Noirtier, fuhr Herr d’Avrigny fort, hatte kürzlich gegen Ihre Familie zu Gunsten der Armen testiert; Herr Noirtier wird verschont, man erwartet nichts von ihm. Doch, er hat sein erstes Testament umgestoßen und ein anderes gemacht, worauf man, ohne Zweifel aus Furcht, er könnte ein drittes machen, auch ihn angreift. Das Testament ist, glaube ich, von vorgestern, Sie sehen, man hat keine Zeit verloren.

 

Oh! Gnade, Herr d’Avrigny!

 

Keine Gnade, mein Herr! Ist das Verbrechen begangen worden, so kommt es dem Arzte zu, die Tatsache zu enthüllen.

 

Gnade für meine Tochter, Herr! murmelte Villefort.

 

Sie sehen, Sie haben sie genannt, Sie, ihr Vater?

 

Gnade für Valentine! Hören Sie, es ist unmöglich. Ich würde lieber mich selbst anklagen! Valentine, ein Herz von Diamant, eine Lilie der Unschuld!

 

Keine Gnade, Herr Staatsanwalt, das Verbrechen ist unleugbar. Fräulein von Villefort hat selbst die Medikamente eingepackt, die an Herrn von Saint-Meran abgeschickt worden sind, und Herr von Saint-Meran ist gestorben. – Fräulein von Villefort hat die Tisanen für Frau von Saint-Meran bereitet, und Frau von Saint-Meran ist gestorben. Fräulein von Villefort hat aus Barrois‘ Händen die Flasche mit Limonade genommen, die der Greis gewöhnlich am Morgen genießt, und der Greis ist nur durch ein Wunder entkommen. Fräulein von Villefort ist die Schuldige! Sie ist die Giftmischerin! Herr Staatsanwalt, ich zeige Fräulein von Villefort bei Ihnen an; tun Sie Ihre Pflicht!

 

Doktor, ich widerstehe nicht länger, ich verteidige mich nicht mehr, ich glaube Ihnen; doch haben Sie Mitleid, schonen Sie mein Leben, meine Ehre!

 

Herr von Villefort, erwiderte der Doktor mit wachsender Kraft, es gibt Umstände, wo ich alle Grenzen der albernen menschlichen Bedachtsamkeit überschreite. Hätte Ihre Tochter nur ein Verbrechen begangen, uns ich sähe sie auf ein neues sinnen, so würde ich zu Ihnen sagen: Warnen Sie Ihre Tochter, mag sie den Rest ihres Lebens in einem Kloster zubringen, um zu weinen und zu beten. Hätte sie ein zweites Verbrechen begangen, so würde ich Ihnen sagen: Hören Sie, Herr von Villefort, hier ist ein Gift, das die Giftmischerin nicht kennt, ein Gift, das kein bekanntes Gegengift hat, ein Gift, schnell wie der Gedanke, rasch wie der Blitz, geben Sie ihr dieses Gift, empfehlen Sie Ihre Seele Gott, und retten Sie so Ihre Seele und Ihr Leben, denn nunmehr gedenkt sie Ihre Tage abzukürzen, und ich sehe sie mit ihrem heuchlerischen Lächeln und ihren sanften Ermahnungen an Ihr Bett treten … Wehe Ihnen, Herr von Villefort, wenn Sie sich nicht beeilen, zuerst zu schlagen. Das würde ich Ihnen sagen, hätte sie nur zwei Personen getötet; aber sie hat drei Todeskämpfe gesehen, hat drei Sterbende betrachtet, bei drei Leichen gekniet; der Henker für die Giftmischerin! der Henker! Sie sprechen von Ihrer Ehre, tun Sie, was ich Ihnen sage!

 

Villefort rief: Hören Sie, ich besitze nicht die Kraft, die Sie haben, oder die Sie vielleicht nicht hätten, wenn es sich, statt um meine Tochter, um Ihre Tochter Madeleine handelte.

 

Der Doktor erbleichte.

 

Doktor, jeder Sohn einer Frau ist geboren, um zu leiden und zu sterben; ich werde leiden und den Tod erwarten.

 

Nehmen Sie sich in acht, sagte d’Avrigny, dieser Tod kann langsam sein; Sie werden ihn vielleicht herannahen sehen, nachdem Ihr Vater, Ihre Frau, Ihr Sohn getroffen ist.

 

Keuchend preßte Villefort den Arm des Doktors und rief:

 

Hören Sie mich, beklagen Sie mich, helfen Sie mir … Nein, meine Tochter ist nicht schuldig … Schleppen Sie uns vor ein Tribunal; ich werde abermals sagen: Nein, meine Tochter ist nicht schuldig … Es gibt kein Verbrechen in meinem Hause … Ich will nicht, hören Sie, ich will nicht, daß es ein Verbrechen in meinem Hause gibt; denn wenn das Verbrechen irgendwo eintritt, so ist es wie der Tod: es tritt nicht allein ein. Hören Sie, was ist Ihnen daran gelegen, wenn ich ermordet sterbe? … Sind Sie mein Freund, sind Sie ein Mensch, haben Sie ein Herz? … Nein, Sie sind Arzt! … Wohl! ich sage Ihnen, nein, meine Tochter wird nicht durch mich in die Hände des Henkers geschleppt werden … Ha! das ist ein Gedanke, der mich verzehrt, der mich wie einen Wahnsinnigen aufreibt. Und wenn Sie sich täuschten! Wenn es ein anderer wäre, als meine Tochter! … wenn ich eines Tages, bleich wie ein Gespenst, käme und zu Ihnen sagte: Mörder, du hast meine Tochter getötet! … Hören Sie, wenn dies geschähe, ich bin ein Christ, Herr d’Avrigny, und dennoch würde ich mich töten! …

 

Es ist gut, sagte der Doktor nach kurzem Schweigen, ich werde warten.

 

Villefort schaute ihn an, als zweifelte er noch an seinen Worten.

 

Doch wenn eine Person Ihres Hauses krank wird, fuhr Herr d’Avrigny langsam und feierlich fort, wenn Sie sich selbst getroffen fühlen, rufen Sie mich nicht, denn ich werde nicht kommen. Wohl will ich mit Ihnen das furchtbare Geheimnis teilen, aber die Schande und die Reue sollen nicht in meinem Gewissen wachsen und furchtbar werden, wie das Verbrechen und das Unglück in Ihrem Hause wächst und Früchte treibt.

 

Sie verlassen mich also, Doktor?

 

Ja, ich kann Ihnen nicht ferner folgen, und ich verweile nicht am Fuße des Blutgerüstes. Eine andere Enthüllung wird kommen und das Ende dieser furchtbaren Tragödie herbeiführen. Gott befohlen!

 

Doktor, ich flehe Sie an.

 

Alle Greuel, die meinen Geist beflecken, machen mir Ihr Haus verhaßt und unselig. Gott befohlen, mein Herr.

 

Ein Wort, nur ein einziges Wort, Doktor! Sie entfernen sich und überlassen mich allen Schrecknissen meiner Lage, Schrecknissen, die Sie durch Ihre Enthüllung noch vermehrt haben. Doch was wird man von dem plötzlichen Tode des armen alten Dieners sagen?

 

Es ist richtig, sagte der Arzt, geleiten Sie mich zurück!

 

Der Doktor ging zuerst hinaus, Herr von Villefort folgte ihm; die Bedienten standen unruhig in den Gängen und auf den Treppen, wo der Doktor vorbeikommen mußte.

 

Mein Herr, sagte d’Avrigny so laut, daß es jeder hörte, der arme Barrois mußte in der letzten Zeit zu viel im Zimmer sitzen; einst gewohnt, mit seinem Herrn sich zu Pferde oder zu Wagen in allen Ländern Europas umherzutreiben, hat ihn der eintönige Dienst am Lehnstuhl getötet. Das Blut ist schwer geworden, er wurde vom Schlage gerührt, und ich erhielt zu spät Nachricht. – Vergessen Sie nicht, fügte er leise hinzu, vergessen Sie nicht, die Tasse mit Veilchensirup in die Asche zu werfen.

 

Und ohne Villeforts Hand zu berühren, entfernte er sich, geleitet von den Tränen und Wehklagen der Zurückbleibenden.

 

Am Abend kamen alle Dienstboten Villeforts, die sich in der Küche versammelt und lange miteinander besprochen hatten, zu Frau von Villefort und baten um ihren Abschied. Keine Ermahnung, kein Versprechen höheren Lohnes vermochte sie zurückzuhalten; auf alles, was man sagte, erwiderten sie: Wir wollen gehen, weil der Tod im Hause ist.

 

Sie gingen also, trotz aller Bitten, die man an sie richtete, und äußerten nur, sie bedauerten lebhaft, so gute Gebieter und besonders Fräulein Valentine zu verlassen, die so mild, so wohltätig, so sanft wäre.

 

Villefort schaute bei diesen Worten Valentine an. Sie weinte.

 

Seltsam! Von den Tränen der Tochter erschüttert, schaute er auch Frau von Villefort an, und es kam ihm vor, als ob ein flüchtiges, düsteres Lächeln über ihre dünnen Lippen hingeschwebt wäre.