Wie man einen Gärtner von den Murmeltieren befreit, die seine Pfirsiche fressen.

 

Wie man einen Gärtner von den Murmeltieren befreit, die seine Pfirsiche fressen.

Nicht an demselben Abend, wie er gesagt hatte, aber am andern Morgen verließ der Graf von Monte Christo Paris und zwar durch das Höllentor, schlug den Weg nach Orléans ein, fuhr durch das Dorf Linas, ohne bei der Telegraphenstation anzuhalten, und erreichte den Turm von Monthléry.

 

Am Fuße des Hügels sprang er aus dem Wagen und erstieg dann auf einem ringsherum führenden, achtzehn Zoll breiten Fußpfade die Anhöhe, sah sich aber auf dem Gipfel durch eine Hecke aufgehalten.

 

Monte Christo suchte die Tür des kleinen Geheges und fand sie auch sogleich. Es war ein hölzernes Gatter, das statt durch Angeln mit Weidenruten befestigt war und mittelst eines Nagels und eines Bindfadens geschlossen wurde. Der Graf begriff im Nu den Mechanismus, und die Tür öffnete sich.

 

Der Eindringling befand sich nun in einem kleinen, zwanzig Fuß langen und zwölf Fuß breiten Garten, der auf der einen Seite durch den alten, ganz mit Efeu umgürteten und von Mauernelken übersäten Turm begrenzt war. Man ging durch diesen Garten, indem man einem vielfach geschlängelten, mit rotem Sande bestreuten Wege folgte, an dem sich eine mehrere Jahre alte Buchsbaumeinfassung hinzog. Nie ist Flora durch einen so sorglichen und reinen Kultus geehrt worden, wie man ihr ihn in diesem kleinen Gehege angedeihen ließ.

 

In der Tat, keiner von den zwanzig Rosenstöcken, die auf dem Blumenbeet standen, zeigte auf einem seiner Blätter die Spur von Käfern oder Blattläusen, welche sonst die auf feuchtem Boden wachsenden Pflanzen zernagen. Und dennoch fehlte es dem Garten nicht an Feuchtigkeit; die rußschwarze Erde, das undurchsichtige Laubwerk der Bäume ließen daran nicht zweifeln. Aus den Wegen war sorgsam jedes Gräslein entfernt und jedes Unkraut von den Beeten.

 

Monte Christo blieb stehen, nachdem er die Tür, den Bindfaden am Nagel befestigend, wieder geschlossen hatte. Es scheint, der Telegraphist hält sich einen eigenen Gärtner, sagte der Graf, oder er widmet sich selbst leidenschaftlich der Gärtnerei. Plötzlich stieß er an einen Gegenstand, der hinter einem mit Blätterwerk beladenen Schubkarren kauerte; dieser Gegenstand erhob sich, es entschlüpfte ihm ein Ausruf des Erstaunens, und Monte Christo stand einem Manne von etwa fünfzig Jahren gegenüber, der Erdbeeren pflückte und diese auf Weinblätter legte.

 

Er hatte zwölf Weinblätter und beinahe ebensoviele Erdbeeren.

 

Sie halten Ihre Ernte, mein Herr? sagte Monte Christo lächelnd.

 

Verzeihen Sie, mein Herr, erwiderte der gute Mann, mit der Hand nach seiner Mütze greifend, ich bin allerdings nicht oben an meinem Posten, komme aber in diesem Augenblicke erst herab.

 

Ich will Sie durchaus nicht in Ihrer Beschäftigung stören, erwiderte der Graf, pflücken Sie ruhig Ihre Erdbeeren.

 

Ich bitte noch einmal um Vergebung, mein Herr; ich lasse vielleicht einen Vorgesetzten warten? sagte der Mann und betrachtete mit ängstlichem Blicke den Grafen und seinen blauen Frack.

 

Seien Sie unbesorgt, mein Freund, entgegnete Monte Christo mit jenem Lächeln, das einen so wohlwollenden, aber, wenn er wollte, auch einen so furchtbaren Eindruck machte, und das diesmal nur Wohlwollen ausdrückte, ich bin kein Vorgesetzter, der hier erscheint, um Sie zu inspizieren, sondern ein einfacher Reisender, der, von der Neugierde zu Ihnen geführt, es sich zum Vorwurfe macht, daß er Ihnen Ihre kostbare Zeit raubt.

 

Oh! meine Zeit ist nicht kostbar, versetzte der gute Mann mit schwermütigem Lächeln. Doch gehört meine Zeit der Regierung, und ich sollte sie nicht verlieren; doch kann ich, bis ein Signal ertönt, ruhig im Garten bleiben … Würden Sie übrigens glauben, mein Herr, daß die Murmeltiere mir meine Erdbeeren wegfressen? fügte er mit sonderbarem Gedankensprunge hinzu.

 

Meiner Treu, nein, das hätte ich nicht geglaubt, erwiderte mit ernstem Ton Monte Christo; diese Murmeltiere sind schlimme Nachbarn für uns, die wir sie nicht essen, wie dies die Römer taten.

 

Ah! die Römer aßen sie, rief der Gärtner, sie aßen Murmeltiere?

 

Das erzählen uns die alten Schriftsteller, sagte der Graf.

 

Wirklich? Das kann nichts Gutes sein, obgleich man sagt: Fett wie ein Murmeltier. Und man darf sich nicht wundern, daß die Murmeltiere fett sind, denn sie schlafen den lieben langen Tag und wachen nur auf, um die ganze Nacht hindurch zu nagen. Sehen Sie, im letzten Jahre hatte ich vier Aprikosen; sie stahlen mir eine von den vieren. Ich hatte einen Blutpfirsich, einen einzigen, es ist gewiß eine seltene Frucht; nun, mein Herr, sie fraßen mir die Hälfte weg, auf der Mauerseite; es war ein herrlicher vortrefflicher Blutpfirsich; ich habe nie einen besseren gegessen.

 

Sie haben ihn gegessen? fragte der Graf.

 

Das heißt, Sie verstehen, die übrig gebliebene Hälfte. Ah! verdammt, diese Spitzbuben wählen sich nicht die schlechtesten Stücke. Doch in diesem Jahr, fuhr der Gartenfreund fort, wird mir das nicht wieder begegnen, und sollte ich die Früchte, bis sie vollends reif sind, die ganze Nacht hindurch hüten müssen.

 

Monte Christo hatte genug gesehen. Jeder Mensch hat seine Leidenschaft, die sich in seinem Herzen festsetzt, wie der Wurm in der Frucht; die des Telegraphisten war die Gärtnerei.

 

Er fing an, die Weinblätter abzupflücken, welche die Trauben vor der Sonne verbargen, und gewann sich dadurch das Herz des Gärtners.

 

Der Herr ist wohl gekommen, um den Telegraphen zu sehen? fragte dieser.

 

Ja, mein Herr, wenn es nicht durch die Vorschriften verboten ist?

 

Oh! nicht im geringsten, da ja keine Gefahr dabei ist und auch niemand weiß oder wissen kann, was wir telegraphieren. Ist es Ihnen gefällig, mit mir hinaufzugehen?

 

Ich folge Ihnen.

 

Monte Christo trat in den in drei Stockwerke abgeteilten Turm; der unterste enthielt einiges Gartengerät, wie Spaten, Rechen, Gießkannen. Der zweite diente dem Angestellten als Wohn- und Schlafraum; er enthielt einen armseligen Hausrat, ein Bett, einen Tisch, zwei Stühle, ein steinernes Waschbecken und an der Decke getrocknete Kräuter, in denen der Graf spanische Bohnen und wohlriechende Erbsen erkannte. Es war alles so sorgfältig mit Etiketten versehen, wie im Pariser Botanischen Garten.

 

Braucht man viel Zeit, um telegraphieren zu lernen? fragte Monte Christo.

 

Das Studium dauert nicht lange, wohl aber die Zeit, die man als überzählig zu dienen hat.

 

Und wieviel erhält man Gehalt?

 

Tausend Franken, mein Herr.

 

Das ist nicht viel.

 

Nein, aber man hat freie Wohnung, wie Sie sehen.

 

Monte Christo betrachtete sich das Zimmer.

 

Wenn er nur nicht zu große Stücke auf seine Wohnung hält, murmelte er.

 

Sie gingen in den dritten Stock, wo sich das Telegraphenzimmer befand. Monte Christo schaute den zierlichen Apparat an. Das ist sehr interessant, sagte er, aber in der Länge der Zeit muß Ihnen ein solches Leben etwas einförmig erscheinen.

 

Ja, am Anfang, doch nach Verlauf von ein paar Jahren ist man daran gewöhnt, und während meiner freien Zeit gehe ich meiner Lieblingsbeschäftigung, der Gärtnerei, nach, pflanze, schneide, raupe, und so bleibe ich vor Langeweile bewahrt.

 

Seit wie lange sind Sie hier?

 

Seit zehn Jahren, und fünf Jahre als Überzähliger, das macht fünfzehn.

 

Wie lange müssen Sie dienen, um Ruhegehalt zu bekommen?

 

Oh! Herr, fünfundzwanzig Jahre.

 

Und wieviel beträgt dieser Ruhegehalt?

 

Hundert Taler.

 

Arme Menschheit! murmelte Monte Christo.

 

Was sagen Sie, mein Herr? fragte der Mann.

 

Ich sage, es sei alles sehr interessant, was Sie mir zeigen … setzt sich nicht soeben die Mechanik Ihres Apparates in Bewegung?

 

Ah! es ist wahr, mein Herr.

 

Und was sagt Ihnen Ihr Korrespondent?

 

Er fragt mich, ob ich bereit sei, und wird sogleich eine Nachricht telegraphieren, die ich an die nächste Station weiterzubefördern habe.

 

Mein lieber Herr, sagte Monte Christo, Sie lieben die Gärtnerei?

 

Leidenschaftlich.

 

Und Sie wären glücklich, wenn Sie statt einer Terrasse von zwanzig Fuß ein Grundstück von zwei Morgen hätten?

 

Mein Herr, ich würde ein irdisches Paradies daraus machen.

 

Mit Ihren tausend Franken leben Sie schlecht?

 

Ziemlich schlecht; doch ich lebe.

 

Ja; aber Sie haben einen elenden Garten.

 

Es ist wahr, der Garten ist nicht groß.

 

Und dabei noch voll von Murmeltieren, die alles auffressen. – Sagen Sie mir, wenn Sie das Unglück hätten, ein Telegramm zu übersehen, was geschähe dann?

 

Ich würde wegen Nachlässigkeit um Geld gestraft.

 

Um wieviel?

 

Um hundert Franken, den zehnten Teil meines Einkommens.

 

Ist Ihnen das schon begegnet? fragte Monte Christo.

 

Einmal, mein Herr, während ich einen Rosenstock pfropfte.

 

Gut. Wenn es Ihnen nun einfiele, etwas an dem Texte zu ändern oder ein anderes Telegramm dafür einzusetzen?

 

Dann würde ich entlassen und verlöre mein Ruhegehalt. Sie begreifen daher, mein Herr, daß ich nie etwas dergleichen tun würde.

 

Nicht einmal für fünfzehn Jahre Ihres Gehaltes?

 

Für 15 000 Franken? Mein Herr, Sie erschrecken mich.

 

Bah!

 

Mein Herr, Sie wollen mich in Versuchung führen?

 

Ganz richtig! Für 15 000 Franken, begreifen Sie?

 

Mein Herr, lassen Sie mich nach meinem Apparat schauen!

 

Im Gegenteil schauen Sie nicht nach ihm, sondern schauen Sie dies an. Kennen Sie diese Papierchen nicht?

 

Banknoten!

 

Ja, Tausender; es sind fünfzehn.

 

Wem gehören sie?

 

Ihnen, wenn Sie wollen.

 

Mir! rief der Telegraphist zitternd.

 

Mein Gott! ja, Ihnen, als freies Eigentum.

 

Mein Herr, sehen Sie, mein Apparat arbeitet.

 

Lassen Sie ihn arbeiten.

 

Mein Herr, Sie haben mich aufgehalten, und ich werde gestraft.

 

Das kostet Sie hundert Franken; Sie begreifen, Sie haben alles Interesse daran, meine fünfzehn Banknoten zu nehmen. Der Graf legte das Päckchen in die Hand des Angestellten. Doch das ist noch nicht alles, sagte er; mit Ihren 15 000 Franken können Sie nicht leben.

 

Ich werde immerhin noch meinen Platz haben.

 

Nein, Sie werden ihn verlieren; denn Sie befördern ein anderes Telegramm, als das Ihres Korrespondenten.

 

Oh! mein Herr, was verlangen Sie von mir?

 

Monte Christo zog aus seiner Tasche ein zweites Päckchen und sagte: Hier sind noch weitere 10 000 Franken; mit denen, die Sie in der Tasche haben, macht das 25 000 Franken; mit 5000 Franken kaufen Sie ein hübsches Häuschen und zwei Morgen Land, aus den weiteren 20 000 Franken ziehen Sie eine Rente von 1000 Franken.

 

Einen Garten von zwei Morgen?

 

Und tausend Franken Rente.

 

Mein Gott! mein Gott!

 

So nehmen Sie doch! Und Monte Christo steckte mit Gewalt die zehntausend Franken in die Hand des Angestellten.

 

Was soll ich tun?

 

Dieses Telegramm weiter befördern. Monte Christo zog aus seiner Tasche ein Papier, auf dem sich in deutlicher Schrift der Text befand. Das ist schnell getan, wie Sie sehen.

 

Ja, aber …

 

Dafür haben Sie sodann Blutpfirsiche und Gott weiß was.

 

Dieser Streich wirkte. Rot vor fieberhafter Aufregung und dicke Tropfen schwitzend, beförderte der gute Mann das Telegramm, das für das Ministerium des Innern bestimmt war.

 

Nun sind Sie reich, sagte Monte Christo.

 

Ja, erwiderte der Gartenfreund, aber um welchen Preis?

 

Hören Sie, mein Freund, Sie sollen keine Gewissensbisse haben; glauben Sie mir, ich schwöre Ihnen, Sie haben niemand geschadet.

 

Der Angestellte betrachtete die Banknoten, befühlte und zählte sie; er wurde bleich, er wurde rot; endlich stürzte er halb ohnmächtig in sein Zimmer, um ein Glas Wasser zu trinken.

 

Fünf Minuten, nachdem die telegraphische Nachricht im Ministerium des Innern angelangt war, ließ Debray anspannen und eilte zu Danglars. Ihr Gatte hat spanische Anleihwerte? sagte er zur Baronin.

 

Ich glaube wohl! Er hat für sechs Millionen.

 

Er soll sie um jeden Preis verkaufen; Don Carlos ist aus Bourges entflohen und nach Spanien zurückgekehrt.

 

Woher wissen Sie dies?

 

Bei Gott! Wie man Nachrichten erfährt, erwiderte Debray, die Achseln zuckend.

 

Die Baronin ließ sich das nicht zweimal sagen; sie lief zu ihrem Manne, der seinerseits zu seinem Wechselagenten eilte und ihm den Auftrag gab, um jeden Preis zu verkaufen.

 

Als man sah, daß Danglars verkaufte, fielen die spanischen Papiere sogleich. Danglars verlor dabei 500 000 Franken, doch er entäußerte sich aller seiner spanischen Papiere.

 

Am Abend las man im Messager:

 

Telegraphische Depesche.

 

Don Carlos ist der Überwachung, unter der er stand, in Bourges entgangen und über die katalonische Grenze nach Spanien zurückgekehrt. Barcelona hat sich für ihn erhoben.

 

Den ganzen Abend hindurch war nur von der Vorsicht Danglars‘, der seine Spanier verkauft hatte, und von seinem Glücke als Börsenhändler die Rede, weil er bei einem solchen Schlage nur fünfmalhunderttausend Franken verlor.

 

Diejenigen, die ihre Papiere behalten oder die Danglars‘ gekauft hatten, wähnten sich ruiniert und brachten eine sehr schlimme Nacht zu.

 

Am andern Morgen las man im Moniteur:

 

Ohne allen Grund hat der Messager gestern die Flucht des Don Carlos und den Ausstand in Barcelona gemeldet. Eine falsche telegraphische Depesche veranlaßte die irrtümliche Nachricht.

 

Die Fonds stiegen wieder um das Doppelte.

 

Dies machte an Verlust und entgangenem Gewinn für Danglars eine Ziffer von einer Million.

 

Gut! sagte Monte Christo zu Morel, der sich in dem Augenblick bei ihm befand, wo man ihm den seltsamen Börsenumschlag meldete, dessen Opfer Danglars geworden war, ich habe für fünfundzwanzigtausend Franken eine Entdeckung gemacht, für die ich hunderttausend bezahlt hätte.

 

Was haben Sie denn entdeckt? fragte Morel.

 

Das Mittel, wie man einen Gärtner von den Murmeltieren befreit, die seine Pfirsiche fressen.

 

Der Ball.

 

Der Ball.

 

Es waren die heißesten Julitage angebrochen, als der Sonnabend erschien, an dem der Ball des Herrn von Morcerf stattfinden sollte. Es schlug zehn Uhr abends. In den unteren Sälen des Hotels hörte man die Musik rauschen, während blendende, scharfe Lichtstreifen durch die Öffnungen der Läden drangen.

 

Der Garten war in diesem Augenblick einem Dutzend Bedienten überlassen, denen die Gebieterin des Hauses den Befehl gegeben hatte, hier das Abendessen herzurichten. Man beleuchtete die Alleen des Gartens mit farbigen Lampen und stellte mit feinem Verständnis Kerzen und Blumen in großer Zahl auf die Tafel.

 

In dem Augenblick, als die Gräfin von Morcerf, nachdem sie ihre letzten Befehle gegeben hatte, zurückkehrte, begannen sich ihre Salons, mit Gästen zu füllen, die sowohl die bezaubernde Gastfreundschaft der Gräfin, als die ausgezeichnete Stellung des Grafen anlockte; denn man war zum voraus gewiß, dieses Fest würde bei Mercedes‘ gutem Geschmacke manches Neue und Schöne bringen.

 

Frau Danglars, die infolge der bekannten Ereignisse eine tiefe Unruhe empfand, wollte nicht zu Frau von Morcerf gehen, doch am Morgen begegnete sie bei ihrer Ausfahrt Herrn von Villefort, der ihr zurief: Nicht wahr, Sie gehen zu Frau von Morcerf?

 

Nein, antwortete Frau Danglars, ich bin zu leidend.

 

Sie haben unrecht, entgegnete Villefort mit einem bezeichnenden Blicke. Es wäre gut, man sähe sie dort.

 

Ah! Sie glauben? fragte die Baronin. Dann gehe ich.

 

Und ihr Wagen fuhr in entgegengesetzter Richtung weiter. Frau Danglars strahlte, als sie erschien, nicht nur durch ihre eigene Schönheit, sondern blendete auch durch Luxus. Sie trat durch eine Tür in dem Augenblick ein, wo Mercedes durch die andere eintrat.

 

Die Gräfin schickte Albert der Dame entgegen. Albert ging auf die Baronin zu, machte ihr die wohlverdienten Komplimente über ihre Toilette und bot ihr den Arm, um sie nach dem Platze zu führen, den sie nach ihrem Belieben wählen sollte. Albert schaute umher. Sie suchen meine Tochter? sagte lächelnd die Baronin.

 

Ich gestehe es, sprach Albert, sollten Sie die Grausamkeit gehabt haben, Sie nicht mitzubringen?

 

Beruhigen Sie sich, sie hat Fräulein von Villefort getroffen und ihren Arm genommen; sehen Sie, sie folgen uns beide in weißen Kleidern, die eine mit einem Strauße von Kamelien, die andere mit einem Strauße von Vergißmeinnicht. Aber sagen Sie mir doch, werden Sie heute abend den Grafen von Monte Christo nicht hier haben?

 

Siebenzehn; antwortete Albert.

 

Was wollen Sie damit sagen?

 

Ich will sagen, versetzte der Vicomte lachend, daß Sie die siebenzehnte Person sind, welche diese Frage an mich richtet; der Graf hat Glück … ich mache ihm mein Kompliment.

 

Und antworten Sie jedem wie mir?

 

Ah! es ist wahr, ich habe Ihnen noch nicht geantwortet; beruhigen Sie sich, gnädige Frau, wir werden den Mann der Mode haben, wir gehören zu seinen Bevorzugten.

 

Lassen Sie mich hier, und begrüßen Sie Frau von Villefort, sagte die Baronin, ich sehe, sie stirbt vor Verlangen, Sie zu sprechen. Albert verbeugte sich vor Frau Danglars und ging auf Frau von Villefort zu, die den Mund öffnete, während er sich ihr näherte.

 

Ich wette, sagte Albert, sie unterbrechend, ich wette, ich weiß, was Sie sagen wollen.

 

Ah! lassen Sie doch hören! rief Frau von Villefort.

 

Sie wollen mich fragen, ob der Graf von Monte Christo gekommen sei oder kommen werde?

 

Ich beschäftige mich in diesem Augenblick nicht mit ihm. Ich wollte Sie fragen, ob Sie Nachricht von Herrn Franz erhalten hätten?

 

Ja, gestern; er schrieb mir, er werde zu gleicher Zeit mit seinem Briefe abreisen.

 

Gut … Nun der Graf? …

 

Seien Sie unbesorgt, der Graf wird kommen.

 

Sie wissen, daß er einen andern Namen hat, als Monte Christo?

 

Nein, ich wußte es nicht.

 

Monte Christo ist der Name einer Insel; er ist Malteser.

 

Das ist möglich.

 

Er ist der Sohn eines Reeders.

 

In der Tat, Sie sollten dies laut erzählen, Sie würden das größte Aufsehen damit machen.

 

Er hat in Indien gedient, beutet ein Silberbergwerk in Thessalien aus und kommt nach Paris, um in Auteuil eine Anstalt für Mineralbäder zu gründen.

 

Ah! das lasse ich mir gefallen, das sind Neuigkeiten! Erlauben Sie mir, sie zu wiederholen?

 

Ja, doch allmählich, eine nach der andern, und ohne zu sagen, daß sie von mir kommen.

 

Warum?

 

Weil es ein der Polizei abgelauschtes Geheimnis ist.

 

Also kommen diese Neuigkeiten? …

 

Vom Präfekten. Paris ist, wie Sie leicht begreifen können, durch den Anblick dieses Luxus in Aufregung geraten, und die Polizei hat Erkundigungen eingezogen.

 

Es fehlte nur noch, daß man den Grafen wie einen Vagabunden unter dem Vorwande, er sei zu reich, verhaftete.

 

Meiner Treu, das hätte ihm wohl begegnen können, wenn die Nachrichten nicht so günstig gewesen wären.

 

Armer Graf! Und er vermutet die Gefahr nicht, der er preisgegeben ist!

 

Ich glaube nicht.

 

Dann ist es Pflicht der Nächstenliebe, ihn darauf aufmerksam zu machen. Ich werde bei seiner Ankunft nicht verfehlen, dies zu tun.

 

In dieser Sekunde verbeugte sich ein schöner junger Mann mit lebhaften Augen, schwarzen Haaren und glänzendem Schnurrbart vor Frau von Villefort. Albert reichte ihm die Hand und sagte: Gnädige Frau, ich habe die Ehre, Ihnen Herrn Maximilian Morel, Kapitän bei den Spahis, einen unserer guten und besonders unserer braven Offiziere, vorzustellen.

 

Ich habe bereits das Vergnügen gehabt, den Herrn in Auteuil bei dem Herrn Grafen von Monte Christo zu treffen, antwortete Frau von Villefort, sich mit auffallender Kälte abwendend. Diese Antwort und besonders der Ton, in dem sie gegeben wurde, schnürten dem armen Morel das Herz zusammen; doch es war ihm eine Entschädigung vorbehalten. Als er sich umdrehte, sah er unweit der Tür ein schönes, ernstes Gesicht, dessen blaue, große und scheinbar ausdruckslose Augen sich auf ihn hefteten, während der Vergißmeinnichtstrauß, den die Person hielt, langsam an die Lippen emporstieg.

 

Dieser Gruß wurde so gut verstanden, daß Morel mit derselben Miene sein Taschentuch seinem Mund näherte; und, durch die ganze Breite des Saales voneinander getrennt, vergaßen sich diese zu lebendigen Bildsäulen gewordenen beiden Menschen, deren Herz so rasch unter dem scheinbaren Marmor ihres Gesichtes schlug, einen Augenblick, oder sie vergaßen vielmehr die Welt in dieser stummen Betrachtung.

 

Sie hätten lange so ineinander verloren bleiben können, ohne daß es jemand bemerkt hätte; doch der Graf von Monte Christo trat eben ein.

 

Der Graf zog, wie gesagt, überall, wo er sich zeigte, die Aufmerksamkeit auf sich. Es war nicht sein allerdings dem Schnitte nach tadelloser, aber einfacher schwarzer Frack; es war nicht seine weiße Weste, nicht sein Beinkleid, das einen Fuß von der zartesten Form umhüllte, was die Aufmerksamkeit rege machte, nein, es waren seine schwarzen, wellenförmigen Haare, seine matte Gesichtsfarbe, sein ruhiges, reines Antlitz, sein tiefes, schwermütiges Auge, endlich sein mit wunderbarer Feinheit gezeichneter Mund, der so leicht den Ausdruck stolzer Verachtung annahm, was aller Blicke auf ihn zog.

 

Es mochten schönere Männer da sein, aber es war kein eigenartigerer da. Alles an dem Grafen wollte etwas sagen und hatte seinen Wert, denn die Gewohnheit guter Gedanken hatte seinen Zügen, dem Ausdrucke seines Gesichtes und seiner unbedeutendsten Gebärde eine unvergleichliche Feinheit und Festigkeit verliehen.

 

Die Zielscheibe aller Blicke und Grüße, schritt er auf Frau von Morcerf zu, die, vor dem mit Blumen geschmückten Kamine stehend, ihn in einem der Tür gegenüber angebrachten Spiegel erscheinen sah und sich zu seinem Empfang vorbereitete. Sie wandte sich mit einem bereit gehaltenen Lächeln in dem Augenblick gegen ihn um, wo er sich vor ihr verbeugte. Ohne Zweifel glaubte sie, der Graf würde mit ihr sprechen; ohne Zweifel glaubte er, sie würde das Wort an ihn richten. Doch sie blieben auf beiden Seiten stumm, so sehr kam beiden wahrscheinlich eine alltägliche Redensart unwürdig vor, und nach einer gegenseitigen Begrüßung wandte sich Monte Christo zu Albert, der mit offener Hand auf ihn zukam.

 

Sie haben meine Mutter gesehen? fragte Albert.

 

Soeben hatte ich die Ehre, sie zu begrüßen, sagte der Graf, doch Ihren Vater habe ich noch nicht wahrgenommen.

 

Er steht dort in jener kleinen Gruppe von großen Politikern.

 

In der Tat, sagte Monte Christo, die Herren, die ich dort sehe, sind große Politiker? Ich hätte es nicht vermutet.

 

In diesem Augenblick fühlte Morcerf, daß man eine Hand auf seinen Arm legte.

 

Ah, Sie sind es, Baron! sagte er.

 

Warum nennen Sie mich Baron? entgegnete Danglars; Sie wissen wohl, daß ich nichts auf meinen Titel halte. Es ist nicht wie bei Ihnen, Vicomte, nicht wahr, Sie halten darauf?

 

Allerdings, antwortete Albert, da ich, wenn ich nicht Vicomte wäre, gar nichts wäre, indes Sie Ihren Baronentitel opfern können und immer noch Millionär bleiben.

 

Was mir der schönste Titel unter dem Julikönigtum zu sein scheint, versetzte Danglars.

 

Leider, sagte Monte Christo, leider ist man nicht Millionär auf Lebenszeit, wie man Baron, Pair von Frankreich oder Akademiker ist? als Beweis hierfür dienen die Millionäre Frank und Pullmann in Frankfurt, die soeben Bankerott gemacht haben.

 

Wirklich? fragte Danglars erbleichend.

 

Meiner Treu, die Nachricht ist mir heute durch einen Kurier zugekommen; ich hatte so etwa eine Million bei ihnen; zu rechter Zeit benachrichtigt, forderte ich vor einem Monat Rückzahlung.

 

Mein Gott! versetzte Danglars, sie haben für 200 000 Franken auf mich gezogen.

 

Nun wissen Sie’s, ihre Unterschrift ist nicht mehr als fünf Prozent wert.

 

Ja, aber ich erfahre es zu spät, denn ich habe ihre Unterschrift honoriert.

 

Gut, sagte Monte Christo, das sind 200 000 Franken, die den anderen nach …

 

Still! flüsterte Danglars. Sprechen Sie davon nicht, am wenigsten in Gegenwart von Herrn Cavalcanti Sohn, fügte der Bankier hinzu, der bei diesen Worten sich lächelnd gegen den jungen Mann umwandte.

 

Morcerf hatte den Grafen verlassen, um mit seiner Mutter zu sprechen. Danglars verließ ihn, um Cavalcanti Sohn zu begrüßen. Monte Christo fand sich einen Augenblick allein.

 

Die Hitze sing indessen an, fürchterlich zu werden. Die Bedienten gingen in den Salons mit Platten umher, die mit Früchten und verschiedenem Eis bedeckt waren. Monte Christo trocknete sich mit dem Taschentuch sein von Schweiß übergossenes Gesicht; doch er wich zurück, als die Platten an ihm vorübergetragen wurden, und nahm nichts von den Erfrischungen.

 

Frau von Morcerf ließ mit ihren Blicken nicht von Monte Christo ab. Sie sah die Platte an ihm vorübergehen, ohne daß er sie berührte; sie faßte sogar die Bewegung auf, mit der er sich entfernte.

 

Albert, sagte sie, hast du bemerkt, daß der Graf nie etwas bei Herrn von Morcerf genießen wollte?

 

Ja, doch er hat an einem Frühstück bei mir teilgenommen.

 

Bei dir ist nicht bei dem Grafen, versetzte Mercedes, und ich beobachte ihn, seitdem er hier ist. – Nun? – Er hat noch nichts angenommen. – Der Graf ist sehr nüchtern. – Mercedes lächelte traurig. – Nähere dich ihm, sagte sie, und bei der ersten Platte, die herumgereicht wird, dringe in ihn. – Warum das, meine Mutter? – Mache mir das Vergnügen, Albert.

 

Albert küßte seiner Mutter die Hand und stellte sich zu dein Grafen. Es kam eine neue Platte mit den gleichen Erfrischungen wie die vorhergehende; sie sah Albert in den Grafen dringen, selbst Eis nehmen und es ihm anbieten; doch er weigerte sich hartnäckig. Albert kehrte zu seiner Mutter zurück; die Gräfin war sehr bleich.

 

Nun, du siehst es, er hat sich geweigert, sagte sie.

 

Ja, doch wie kann Sie dies beunruhigen?

 

Du weißt, Albert, die Frauen sind sonderbar. Ich hätte den Grafen mit Vergnügen irgend etwas bei mir nehmen sehen und wäre es nur ein Granatkern gewesen. Übrigens ist er vielleicht die französische Kost nicht gewöhnt und hat eine Vorliebe für irgend etwas?

 

Mein Gott, nein! ich sah ihn in Italien von allem nehmen; ohne Zweifel ist ihm heute abend nicht recht wohl.

 

Da er stets in heißen Klimaten gewohnt hat, ist er vielleicht auch minder empfindlich für die Hitze, als ein anderer, sagte die Gräfin.

 

Ich glaube nicht, denn er beklagte sich, daß es zum Ersticken heiß sei, und fragte mich, warum man, da man bereits die Fenster geöffnet, nicht auch die Läden öffne.

 

In der Tat, das ist ein Mittel, um mir Gewißheit zu verschaffen, ob diese Enthaltsamkeit auf einem bestimmten Entschlüsse beruht, sagte Mercedes und verließ den Salon.

 

Einen Augenblick nachher öffneten sich die Läden, man sah den ganzen Garten mit Lampen beleuchtet und das Abendessen unter dem Zelte aufgetragen.

 

Tänzer und Tänzerinnen, Spieler und Plaudernde, stießen einen Freudenschrei aus, die gepreßten Lungen atmeten mit Wollust die Luft ein, die in Wellen in die Säle strömte. In diesem Augenblick erschien Mercedes wieder, bleicher als sie weggegangen war, aber mit jener, bei ihr unter gewissen Umständen merkwürdigen Energie des Gesichtsausdrucks. Sie ging gerade auf die Gruppe zu, deren Mittelpunkt ihr Gatte bildete, und sagte: Herr Graf, fesseln Sie diese Herren nicht hier! Wenn sie nicht spielen, werden sie lieber die Lust im Garten einatmen, als hier ersticken.

 

Ah! gnädige Fran, sagte ein alter, sehr artiger General, der im Jahre 1809 »Partant pour la Syrie« (Auf nach Syrien) gesungen hatte, wir gehen nicht allein in den Garten.

 

Gut, ich werde das Beispiel geben, versetzte Mercedes.

 

Und sich zu Monte Christo wendend, sagte sie: Herr Graf, haben Sie die Güte, mir Ihren Arm zu bieten. Der Graf wankte bei diesen einfachen Worten; dann schaute er Mercedes einen Moment an. Dieser Moment hatte die Geschwindigkeit eines Blitzes, und dennoch kam es der Gräfin vor, als hätte er ein Jahrhundert gedauert, so viele Gedanken hatte Monte Christo in diesen einzigen Blick gelegt.

 

Er bot der Gräfin seinen Arm; sie stützte sich darauf, oder sie berührte ihn vielmehr nur mit ihrer kleinen Hand, und beide stiegen die Stufen der mit Kamelien und Rhododendren eingefaßten Freitreppe hinab.

 

Die Vergangenheit.

 

Die Vergangenheit.

 

Der Graf ging mit wundem Herzen aus dem Hause, wo er Mercedes zurückließ, um sie aller Wahrscheinlichkeit nach nie mehr zu sehen.

 

Seit dem Tode des kleinen Eduard war eine gewaltige Veränderung in Monte Christo vorgegangen. Auf dem Gipfel seiner Rache angelangt, zu dem er auf einem steilen und gekrümmten Pfade aufgestiegen war, hatte er auf der anderen Seite des Berges den Abgrund des Zweifels erblickt, und das Gespräch, das soeben zwischen ihm und Mercedes stattgefunden, hatte sein Herz übermäßig erschüttert.

 

Ein Mann von dem mächtigen Geiste des Grafen konnte aber nicht lange in dieser Schwermut schweben, die erhabene Seelen tötet. Ich betrachte die Vergangenheit in einem falschen Lichte, sagte er bei sich, ich kann mich nicht so sehr getäuscht haben. Wie! der Zweck, den ich mir vorgesetzt hatte, wäre ein unsinniger Zweck gewesen! Wie! Ich hätte seit zehn Jahren einen falschen Weg verfolgt! Wie! Eine Stunde hätte genügt, um dem Architekten zu beweisen, das Werk aller seiner Hoffnungen sei ein, wenn nicht unmögliches, doch gotteslästerliches Werk!

 

Ich will mich an diesen Gedanken nicht gewöhnen, er würde mich verrückt machen. Was meinem Urteile von heute fehlt, ist die rechte Würdigung der Vergangenheit, weil ich diese Vergangenheit vom andern Ende des Horizonts ansehe. In der Tat, je mehr man fortschreitet, desto mehr verschwindet die Vergangenheit nach dem Maßstabe der Entfernung, der Landschaft ähnlich, die man durchwandert. Es begegnet mir, was den Leuten begegnet, die sich im Traume verwundet haben; sie sehen und fühlen ihre Wunde und erinnern sich nicht, sie erhalten zu haben.

 

Vorwärts, du Wiedergeborener! Vorwärts, du unermeßlich Reicher! Vorwärts, du allmächtiger Seher! Fasse noch einmal die traurige Perspektive deines elenden, hungrigen Lebens ins Auge, durchwandere wieder die Wege, auf die dich das Verhängnis gestoßen und das Unglück geführt, wo die Verzweiflung dich gepackt hat! Es strahlen heute zu viel Diamanten, zu viel Gold, zu viel Glück auf den Gläsern des Spiegels, worin Monte Christo Dantes betrachtet; verbirg diese Diamanten, vertilge diese Strahlen! Reicher, suche den Armen auf; Freier, suche den Gefangenen auf; Wiedererweckter, suche den Leichnam auf!

 

Während Monte Christo so mit sich sprach, folgte er der Rue de la Caisserie. Es war die Straße, durch die ihn vierundzwanzig Jahre vorher eine schweigsame, nächtliche Wache geführt hatte.

 

Er ging ans dem Kai hinab durch die Rue Saint-Laurent und wanderte nach der Consigne; das war der Punkt des Hafens, wo man ihn damals eingeschifft hatte. Ein zu Lustfahrten dienendes Schiff kam vorüber; Monte Christo rief dem Patron, der sogleich mit Eifer auf ihn zufuhr.

 

Das Wetter war herrlich und die Fahrt ein Fest. Am Horizont stieg die Sonne rot und flammend in die Wellen hinab. In der Ferne sah man, weiß und anmutig wie tauchende Möwen, die Fischerbarken, die sich nach den Martigues begaben, und die nach Korsika oder Spanien segelnden Schiffe hinziehen.

 

Trotz dieses schönen Himmels, trotz dieser Barken, trotz des goldenen Lichtes, das die Landschaft übergoß, erinnerte sich der Graf, in seinen Mantel gehüllt, hintereinander all der einzelnen Umstände dieser furchtbaren Fahrt. Das einzige Licht, das bei den Kataloniern brannte, der Anblick des Kastells If, der ihn belehrte, wohin er geführt wurde; der Kampf mit den Gendarmen, als er sich ins Meer stürzen wollte; seine Verzweiflung, da er sich besiegt sah, und die kalte Empfindung des Karabinerlaufes, der sich wie ein eiserner Ring an seine Schläfe drückte: dies alles trat lebhaft vor sein Gedächtnis.

 

Da fühlte er allmählich wieder die alte Galle sich regen, die einst Edmond Dantes‘ Herz überströmt hatte. Für ihn gab es von nun an keinen schönen Himmel, keine anmutigen Barken, kein glühendes Licht mehr; der Himmel umzog sich mit einem Trauerflor, und die Erscheinung des schwarzen Riesen, den man das Kastell If nennt, ließ ihn beben, als ob plötzlich das Gespenst eines Todfeindes vor ihn getreten wäre.

 

Man kam an Ort und Stelle. Unwillkürlich wich der Graf bis an das Ende der Barke zurück. Der Patron mochte immerhin mit seinem freundlichsten Tone sagen: Wir landen, mein Herr.

 

Monte Christo erinnerte sich, daß er auf derselben Stelle, auf demselben Felsen von den Wachen fortgeschleppt worden war, daß man ihn, mit der Spitze eines Bajonettes in seine Seite stechend, diese jähe Treppe hinaufzusteigen genötigt hatte.

 

Der Weg war Dantes sehr lang vorgekommen; Monte Christo hatte ihn sehr kurz gefunden; jeder Ruderschlag ließ mit dem feuchten Meeresstaube eine Million Gedanken und Erinnerungen emporspringen.

 

Seit der Julirevolution gab es keine Gefangenen mehr im Kastell If, Obgleich er dies wußte, überzog die Stirn des Grafen, als er unter das Gewölbe trat und die schwarze Treppe hinabstieg, doch eine kalte Blässe und eisiger Schweiß. Er erkundigte sich, ob noch irgend ein Gefangenwärter aus der Zeit der Restauration vorhanden sei. Alle waren entlassen oder hatten andere Ämter erhalten. Der Hausmeister, der ihm das Kastell zeigte, war erst seit 1830 da.

 

Man führte ihn in seinen eigenen Kerker. Er sah wieder das bleiche Licht durch das enge Luftloch dringen, er sah den Platz, wo einst sein Bett stand, und erkannte hinter dem Bette an den neueren Steinen noch die vom Abbé Faria gemachte Öffnung.

 

Monte Christo fühlte, wie seine Beine wankten; er nahm einen hölzernen Schemel und setzte sich darauf.

 

Erzählt man auch noch andere Geschichten von dem Kastell, außer der von Mirabeaus Einkerkerung? fragte der Graf; gibt es irgend eine besondere Überlieferung über diese finsteren Kerker?

 

Ja, mein Herr, antwortete der Hausmeister, und gerade von diesem Kerker hat mir der Gefangenwärter Antoine eine Geschichte mitgeteilt.

 

 

Monte Christo bebte. Der Gefangenwärter Antoine war sein Gefangenwärter gewesen. Er hatte seinen Namen und sein Gesicht beinahe vergessen; doch jetzt sah er ihn wieder vor sich mit seinem dicken Barte, seinem braunen Wams und seinem Schlüsselbund, dessen Klirren er noch zu hören wähnte. Soll ich dem Herrn die Geschichte erzählen?

 

Ja, sprechen Sie! Und erschrocken darüber, daß er seine eigene Geschichte erzählen hören sollte legte er die Hand auf seine Brust, um ein heftiges Schlagen des Herzens zurückzudrängen.

 

Dieser Kerker, sagte der Hausmeister, war vor langer Zeit von einem sehr gefährlichen Menschen bewohnt, der um so gefährlicher war, weil er große Gewandtheit und Schlauheit besaß. Gleichzeitig mit ihm bewohnte ein anderer Mensch das Kastell; dieser war nicht bösartig, sondern nur ein armer, närrischer Priester.

 

Ah! Worin bestand seine Narrheit?

 

Er bot Millionen, wenn man ihn frei ließe.

 

Monte Christo schlug die Augen zum Himmel auf, doch er sah den Himmel nicht; es war ein steinerner Schleier zwischen ihm und dem Firmament. Er bedachte, daß ein nicht minder dichter Schleier zwischen den Augen derer, denen der Abbé seine Schätze bot und diesen Schätzen selbst gewesen war.

 

Konnten sich die Gefangenen sehen?

 

Oh nein, mein Herr, das war ausdrücklich verboten; doch sie vereitelten das Verbot, indem sie eine Galerie von einem Kerker zum andern aushöhlten.

 

Wer von beiden machte die Galerie?

 

Sicher der junge Mann, denn er war erfinderisch und stark, der alte Abbé aber alt und schwach; überdies war sein Geist zu sehr zerrüttet, als daß er einen Gedanken hätte verfolgen können.

 

Die Blinden! murmelte Monte Christo.

 

So viel ist gewiß, fuhr der Hausmeister fort, der junge Mann höhlte eine Galerie aus; womit? Das weiß man nicht; aber er höhlte sie aus, und zum Beweise dient, daß man noch die Spur davon sieht. Sehen Sie!

 

Und er hielt die Fackel an die Wand.

 

Ah! ja, in der Tat, sagte Monte Christo mit erschütterter Stimme.

 

Daraus ging hervor, daß die Gefangenen miteinander in Verbindung standen. Wie lange diese Verbindung dauerte, weiß man nicht. Eines Tages wurde nun der alte Gefangene krank und starb. Können Sie sich denken, was der junge tat? fragte der Hausmeister, sich unterbrechend.

 

Nun?

 

Er trug den Gestorbenen fort, legte ihn mit der Nase gegen die Wand in sein eigenes Bett, kehrte in den leeren Kerker zurück, verstopfte das Loch und schlüpfte in den Sack des Toten. Haben Sie je dergleichen gehört?

 

Monte Christo schloß die Augen und empfand wieder alle Eindrücke, die er gehabt, als ihm die grobe Leinwand, die noch die Kälte des Leichnams an sich hatte, das Gesicht streifte.

 

Der Hausmeister fuhrt fort: Hören Sie, was sein Plan war: Er glaubte, man begrabe die Toten im Kastell If, und so dachte er, die Erde mit seinen Schultern aufzuheben; doch zu seinem Unglück herrschte im Kastell If ein anderer Gebrauch; man band dem Toten eine Kugel an die Füße, um sie ins Meer zu schleudern, was auch diesmal geschah. Der tollkühne Mensch wurde oben von der Galerie ins Wasser geworfen. Am andern Tage fand man den wahren Toten in seinem Bett, und man erriet alles, denn die Totengräber sagten nun, was sie bis dahin nicht zu sagen gewagt hatten, sie hätten in dem Augenblick, wo sie den Körper in die Luft geschlendert, einen furchtbaren Schrei gehört, der auf der Stelle vom Wasser, in dem der Sack verschwand, erstickt worden sei.

 

Der Graf atmete schmerzlich, der Schweiß lies ihm von der Stirn, die Bangigkeit schnürte ihm das Herz zusammen.

 

Nein! murmelte er, nein! Der Zweifel, der sich in mir regte, war ein Anfang des Vergessens; doch hier höhlt sich das Herz abermals aus und wird wieder hungrig nach Rache. Und der Gefangene? fragte er, er war verschwunden, man hat nie etwas von ihm gehört?

 

Nie, gar nie; Sie begreifen, es sind nur zwei Fälle möglich; entweder ist er platt gefallen, und da er fünfzig Fuß hinabstürzte, so wird er auf der Stelle tot gewesen sein.

 

Sie sagten, man habe ihm eine Kugel an die Füße gebunden, folglich wird er senkrecht gefallen sein.

 

Oder er ist senkrecht gefallen, fuhr der Hausmeister fort, dann hat ihn die Kugel auf den Grund hinabgezogen, wo der arme Mensch geblieben ist.

 

Sie beklagen ihn?

 

Meiner Treu, ja! Obgleich er in seinem Elemente war.

 

Was wollen Sie damit sagen?

 

Es ging das Gerücht, dieser Unglückliche sei seiner Zeit Marineoffizier gewesen und als eifriger Bonapartist gefangen gehalten worden. – Will der Herr seinen Besuch fortsetzen? fragte der Hausmeister.

 

Ja, besonders wenn Sie mir das Zimmer des armen Abbés zeigen wollen.

 

Ah! der Nummer 27? Ja, der Nummer 27, wiederholte Monte Christo.

 

Und es kam ihm vor, als höre er noch die Stimme Farias, wie dieser ihm die Nummer durch die Mauer zurief.

 

Folgen Sie mir!

 

Warten Sie, sagte Monte Christo, lassen Sie mich einen letzten Blick auf alle Teile dieses Kerkers werfen.

 

Das ist mir lieb, versetzte der Führer, ich habe den Schlüssel des andern vergessen. – Holen Sie ihn. – Ich lasse die Fackel hier zurück. – Nein, nehmen Sie die Fackel mit.

 

Doch Sie haben dann kein Licht. – Ich sehe in der Nacht. – Gerade wie er. – Welcher er?

 

Der Nummer 34, der hier gehaust hat. Man sagte, er habe sich so an die Dunkelheit gewöhnt, daß er eine Nadel im finsteren Winkel seines Kerkers hätte sehen können.

 

Der Führer entfernte sich mit der Fackel.

 

Der Graf hatte wahr gesprochen; kaum war er ein paar Minuten in der Finsternis, als er alles wie am hellen Tage unterschied.

 

Ja, sagte er, dies ist der Stein, auf dem ich saß! Dies ist die Spur meiner Schultern, die ihren Eindruck in der Mauer zurückließen! Dies ist die Spur des Blutes, das von meiner Stirn floß, als ich mir eines Tages den Schädel an der Wand zerschmettern wollte! … Oh! diese Zahlen … ich erinnere mich ihrer … ich machte sie eines Tages, als ich das Alter meines Vaters berechnete, um zu wissen, ob ich ihn lebendig wiederfinden würde, und Mercedes‘ Alter, um zu wissen, ob ich sie frei wiedersehen würde. Ich hatte einen Augenblick Hoffnung, nachdem ich die Berechnung gemacht … Ich rechnete ohne den Hunger und ohne die Untreue!

 

Und ein bitteres Lachen entströmte dem Munde des Grafen.

 

Auf der andern Wand traf seinen Blick eine Inschrift, die sich noch weiß auf der grünlichen Wand hervorhob: Mein Gott, erhalte mir das Gedächtnis. Oh! ja, rief der Graf, das war das einzige Gebet meiner letzten Zeit; ich verlangte nicht die Freiheit, ich verlangte das Gedächtnis, ich befürchtete, ein Narr zu werden und zu vergessen; mein Gott, du hast mir das Gedächtnis erhalten, und ich habe mich erinnert. Dank, Dank, mein Gott!

 

In diesem Augenblick spiegelte sich das Licht der Fackel auf den Wänden. Der Führer stieg herab, und ohne daß man nötig hatte, wieder an den Tag hinaufzusteigen, ließ er Monte Christo durch ein unterirdisches Gewölbe wandern, das zu einem andern Eingang führte.

 

Auch hier wurde Monte Christo von einer Welt voll Gedanken ergriffen. Vor allem fiel ihm der an der Wand gezogene Meridian in die Augen, mit dessen Hilfe der Abbé Faria die Stunden zählte; dann sah er die Überreste des Bettes, auf dem der arme Gefangene gestorben war.

 

Statt der Beklemmung, die der Graf in seinem Kerker empfunden hatte, erfüllte sein Herz bei diesem Anblick ein zärtliches Gefühl, ein Gefühl der Dankbarkeit, und zwei Tränen rollten aus seinen Augen hervor.

 

Hier, sagte der Führer, war der verrückte Abbé; durch dieses Loch kam der junge Mensch zu ihm, und er zeigte Monte Christo die Öffnung der Galerie, die man auf dieser Seite nicht verstopft hatte. An der Farbe des Steines, fuhr er fort, erkannte ein Gelehrter, daß die zwei Gefangenen ungefähr zehn Jahre miteinander in Verbindung gestanden haben. Die armen Leute müssen sich während dieser zehn Jahre viel gelangweilt haben.

 

Dantes nahm ein paar Louisd’or aus seiner Tasche und reichte sie dem Manne, der ihn zum zweiten Male beklagte, ohne ihn zu kennen.

 

Der Hausmeister nahm sie, im Glauben, er erhalte Silbermünzen, doch beim Scheine der Fackel erkannte er den Wert der Summe, die ihm der Fremde gab.

 

Mein Herr, sagte er zu ihm, Sie haben sich getäuscht.

 

Wieso? – Sie haben mir Gold gegeben. – Ich weiß es wohl. – Und ich kann es mit gutem Gewissen behalten? – Ja.

 

Der Hausmeister schaute Monte Christo mit Erstaunen an.

 

Ehrlichkeit! murmelte der Graf wie Hamlet.

 

Mein Herr, sagte der Hausmeister, der nicht an sein Glück zu glauben wagte, mein Herr, ich begreife Ihre Großmut nicht.

 

Sie ist doch leicht zu begreifen, mein Freund, versetzte der Graf. Ich bin Seemann gewesen, und Eure Geschichte mußte mich mehr rühren, als Euch.

 

Mein Herr, sagte der Führer, da Sie so großmütig sind, so erlauben Sie mir, Ihnen auch etwas anzubieten.

 

Was habt Ihr mir anzubieten, mein Freund? Muscheln, Stroharbeiten? Ich danke.

 

Nein, mein Herr, nein; einen Gegenstand, der sich auf die soeben erzählte Geschichte bezieht.

 

In der Tat! rief der Graf, was ist denn das?

 

Hören Sie, sagte der Hausmeister, wie das gekommenen ist. Ich sagte mir, man findet immer etwas in einem Zimmer, in dem ein Gefangener fünfzehn Jahre geblieben ist, und ich fing an, die Wände zu untersuchen.

 

Ah! rief Monte Christo, sich des doppelten Verstecks des Abbés erinnernd.

 

Nach langem Nachsuchen, fuhr der Hausmeister fort, entdeckte ich, daß es oben am Bette und unter dem Herde des Kamins hohl klang.

 

Ja, sagte Monte Christo, ja.

 

Ich nahm die Steine weg und fand …

 

Eine Strickleiter, Werkzeug! rief der Graf.

 

Woher wissen Sie das? fragte der Hausmeister voll Erstaunen.

 

Ich weiß es nicht, ich errate es nur; man findet gewöhnlich dergleichen in den Verstecken der Gefangenen.

 

Ja, mein Herr; eine Strickleiter, Werkzeug.

 

Und Ihr habt diese Gegenstände noch?

 

Nein, mein Herr, ich verkaufte sie an Besucher, denn sie waren sehr seltsam; doch es blieb mir noch etwas anderes.

 

Was denn? fragte der Graf ungeduldig.

 

Es blieb mir eine Art von Buch, auf Leinwandstreifen geschrieben.

 

Oh! rief Monte Christo, Ihr habt dieses Buch?

 

Ich weiß nicht, ob es ein Buch ist, aber ich habe das Ding noch.

 

Holt es mir, mein Freund, geht, sagte der Graf, und der Führer ging hinaus.

 

Der Graf neigte das Haupt in Erinnerung an die erhabene Seele seines väterlichen Freundes und faltete die Hände, in Sinnen verloren.

 

Sehen Sie, mein Herr, sprach eine Stimme hinter ihm, und der zurückkehrende Hausmeister reichte ihm die Leinwandstreifen, auf denen der Abbé Faria alle Schätze seines Geistes zum Ausdruck gebracht hatte. Es war das große Werk über das Königtum in Italien.

 

Der Graf nahm es ungestüm an sich, dann zog er aus seiner Tasche ein kleines Portefeuille, das zehn Banknoten über je tausend Franken enthielt.

 

Nehmt dieses Portefeuille! sagte er.

 

Sie schenken es mir?

 

Ja, doch unter der Bedingung, daß Ihr erst hineinschaut, wenn ich weggegangen bin.

 

Und an seiner Brust die wiedergefundene Reliquie bewahrend, die für ihn den Wert des reichsten Schatzes hatte, eilte er aus dem unterirdischen Gewölbe fort, bestieg wieder seine Barke und rief: Nach Marseille!

 

Während sich das Fahrzeug von dem Kastell If entfernte, sagte er, die Augen aus das düstere Gefängnis geheftet: Wehe denen, die mich in diesen finsteren Kerker einsperren ließen, und denen, die vergaßen, daß ich darin eingesperrt war!

 

Als der Graf wieder bei den Kataloniern vorüberkam, wandte er sich ab und murmelte, sein Haupt in den Mantel hüllend, den Namen einer Frau.

 

Der Sieg war vollständig, der Graf hatte zweimal den Zweifel niedergeschlagen.

 

Der Name, den er mit einem Ausdrucke der Zärtlichkeit, beinahe der Liebe aussprach, war der Haydees.

 

*

 

Als Monte Christo den Fuß wieder auf die Erde setzte, wanderte er nach dem Kirchhofe, wo er Morel fand.

 

Auch er hatte zehn Jahre vorher ein Grab auf dem Friedhofe gesucht, aber vergebens. Er, der nach Frankreich mit Millionen zurückkam, hatte das Grab seines vor Hunger gestorbenen Vaters nicht finden können. Morel hatte ein Kreuz darauf setzen lassen, doch dieses Kreuz war umgefallen, und der Totengräber hatte es in seinen Ofen gesteckt.

 

Der würdige Handelsmann war glücklicher gewesen als der alte Dantes. In den Armen seiner Kinder gestorben, wurde er, von diesen zu Grabe geleitet und neben seiner Frau, die ihm um zwei Jahre in die Ewigkeit vorangegangen war, beigesetzt. Zwei große Marmorplatten, ans denen ihre Namen geschrieben standen, lagen nebeneinander innerhalb eines kleinen Geheges, das durch ein eisernes Geländer geschlossen und von vier Zypressen überschattet wurde.

 

Maximilian lehnte an einem von diesen Bäumen und heftete seine matten Augen auf die beiden Gräber. Sein Schmerz war bodenlos tief, fast wie der Schmerz eines Unzurechnungsfähigen.

 

Maximilian, Sie drückten auf der Reise das Verlangen aus, sich einige Tage in Marseille aufzuhalten; ist dies noch Ihr Wunsch?

 

Ich habe keinen Wunsch mehr, Graf; nur kommt es mir vor, es wird mir weniger peinlich sein, in Marseille als anderswo zu warten.

 

Desto besser, Maximilian, denn ich verlasse Sie und nehme Ihr Wort mit, nicht wahr?

 

Ah! Ich werde es vergessen, Graf, ich werde es vergessen!

 

Nein, Morel, Sie werden es nicht vergessen, weil Sie vor allem ein Mann von Ehre sind, weil Sie geschworen haben, weil Sie noch einmal schwören werden.

 

Oh! Graf, haben Sie Mitleid mit mir! Graf, ich bin so unglücklich!

 

Ich habe einen Menschen gekannt, der unglücklicher war, als Sie, Morel.

 

Unmöglich! Was gibt es Unglücklicheres, als einen Menschen, der das einzige Gut, das er auf der Welt begehrte und liebte, verloren hat?

 

Hören Sie, Morel, und lassen Sie einen Augenblick Ihren Geist das festhalten, was ich Ihnen sagen werde. Ich habe einen Menschen gekannt, bei dem alle seine Hoffnungen aus Glück, wie bei Ihnen, auf einer Frau beruhten. Dieser Mensch war jung, er hatte einen alten Vater, den er liebte, eine Braut, die er anbetete; er war eben im Begriff, sie zu heiraten, als plötzlich das launenhafte Schicksal ihm seine Freiheit, seine Geliebte und alle Hoffnung auf eine bessere Zukunft raubte, um ihn in die Tiefe eines Kerkers zu stürzen.

 

Ah! entgegnete Morel, man verläßt einen Kerker wieder nach acht Tagen, nach einem Monat, nach einem Jahr.

 

Er blieb vierzehn Jahre dort, Morel, sagte der Graf, seine Hand auf die Schulter des jungen Mannes legend.

 

Maximilian bebte und murmelte: Vierzehn Jahre!

 

Vierzehn Jahre, wiederholte der Graf. Auch er hatte während dieser vierzehn Jahre viele Augenblicke der Verzweiflung, auch er hielt sich, wie Sie, Morel, für den Unglücklichsten der Menschen und wollte sich töten.

 

Nun?

 

Nun! Im äußersten Augenblick enthüllte sich ihm Gott durch ein irdisches Mittel, denn Gott tut keine Wunder mehr. Am Anfang begriff er vielleicht nicht die unendliche Barmherzigkeit des Herrn; endlich aber faßte er Geduld und wartete.

 

Eines Tages kam er wie durch ein Wunder aus seinem Grabe, ein anderer, reich, mächtig; sein erster Schrei galt seinem Vater – sein Vater war tot.

 

Mein Vater ist auch tot, sagte Morel.

 

Ja, aber Ihr Vater starb in Ihren Armen, unter Freunden, glücklich, geehrt, reich; sein Vater starb arm, hoffnungslos, an Gott verzweifelnd. Und als zehn Jahre nach seinem Tode der Sohn sein Grab suchte, da war sogar sein Grab verschwunden, und niemand konnte ihm sagen: Hier ruht im Herrn das Herz, das dich so sehr geliebt.

 

Oh! seufzte Morel.

 

Dies war also ein unglücklicherer Sohn, als Sie, Morel, denn er wußte nicht einmal, wo er das Grab seines Vaters wiederfinden sollte.

 

Aber es blieb ihm doch wenigstens die Frau, die er so sehr geliebt hatte.

 

Sie täuschen sich, Morel, diese Frau …

 

Sie war tot? rief Morel.

 

Noch schlimmer als dies; sie war untreu geworden, sie hatte einen von den Verfolgern ihres Bräutigams geheiratet. Sie sehen also, daß dieser Mensch in seiner Liebe unglücklicher war, als Sie.

 

Und ihm hat Gott dennoch Trost verliehen?

 

Er hat ihm wenigstens Ruhe verliehen.

 

Und dieser Mensch kann noch glücklich sein?

 

Ich hoffe es, Maximilian.

 

Der junge Mann ließ sein Haupt auf seine Brust sinken.

 

Sie haben mein Versprechen, sagte er nach kurzem Stillschweigen, Monte Christo die Hand reichend; nur erinnern Sie sich …

 

Am fünften Oktober, Morel, erwarte ich Sie auf der Insel Monte Christo. Am vierten holt Sie eine Jacht im Hafen von Bastia ab; diese Jacht heißt der Eurus, Sie nennen sich dem Patron, und er führt Sie zu mir. Nicht wahr, das ist abgemacht, Maximilian?

 

Es ist abgemacht, und ich werde tun, was gesagt ist? nur erinnern Sie sich des fünften Oktobers. Wann reisen Sie?

 

Auf der Stelle, das Dampfboot erwartet mich. In einer Stunde bin ich fern von Ihnen.

 

Morel begleitete Monte Christo bis zum Hafen; schon wirbelte der Rauch aus der schwarzen Röhre des Dampfers hervor. Bald lief das Schiff aus, und eine Stunde nachher durchstreifte derselbe Strich von weißlichem Rauch, kaum noch sichtbar, den von den ersten Nebeln verdüsterten östlichen Horizont.

 

Die Straße nach Belgien.

 

Die Straße nach Belgien.

 

Einige Augenblicke nach der Szene der Verwirrung, welche die unerwartete Erscheinung des Gendarmerieoffiziers und die Enthüllung des Polizeikommissars hervorgebracht hatten, leerte sich das große Danglarssche Hotel mit einer Geschwindigkeit, als wäre einer der Gäste von der Pest oder der Cholera befallen worden.

 

In dem Hotel des Bankiers waren nur Danglars, der, in sein Kabinett eingeschlossen, vor dem Gendarmerieoffizier seine Aussagen machte, Frau Danglars in ihrem Boudoir und Eugenie zurückgeblieben, die sich mit ihrer unzertrennlichen Freundin, Fräulein Luise d’Armilly, in ihr Zimmer zurückgezogen hatte.

 

Oh! mein Gott! mein Gott! diese furchtbare Geschichte! sagte die junge Tonkünstlerin; wer konnte dies vermuten? Herr Andrea Cavalcanti … ein Mörder … aus dem Bagno entsprungen … ein Galeerensklave! …

 

Ein ironisches Lächeln zog Eugenies Lippen zusammen.

 

In der Tat, ich war prädestiniert, sagte sie. Ich entgehe Morcerf, um in Cavalcantis Hände zu fallen.

 

Oh! verwechsele den einen nicht mit dem andern, Eugenie.

 

Schweige, alle Männer sind Schändliche, bis jetzt verachtete ich sie, nun hasse ich sie.

 

Was werden wir machen?

 

Was wir in drei Tagen machen sollten … abreisen.

 

Also heiratest du nicht mehr, du willst beständig …

 

Höre, Luise, ich habe einen Abscheu vor diesem Leben der Gesellschaft, das stets geordnet, abgemessen, geregelt ist, wie unser Notenpapier. Was ich immer gewünscht, gewollt, erstrebt habe, ist das Leben einer Künstlerin, das freie Leben, das unabhängige Leben, wobei man nur sich selbst Rechenschaft abzulegen hat. Hier bleiben, warum? Damit man es in einem Monat abermals versucht, mich zu verheiraten – mit wem? Mit Herrn Debray vielleicht, wie man es einen Augenblick im Sinne hatte. Nein, Luise, nein, der Vorfall heute abend wird mir zur Entschuldigung dienen; ich suchte ihn nicht, ich verlangte ihn nicht, Gott schickt ihn mir, und er ist willkommen.

 

Wie stark und mutig du bist, sagte das blonde, schwächliche Mädchen zu seiner braunen Gefährtin.

 

Kennst du mich noch nicht? Also, zunächst der Reisewagen?

 

Ist zum Glück seit drei Tagen gekauft.

 

Unser Paß? – Hier ist er!

 

Eugenie entfaltete mit ihrer gewöhnlichen Festigkeit ein Papier und las: Herr Leon d’Armilly, einundzwanzig Jahre alt; Gewerbe: Künstler; Haare: schwarz; Augen: schwarz; reist mit seiner Schwester.

 

Durch wen hast du dir diesen Paß verschafft?

 

Als ich zu Herrn von Mont: Christo ging und ihn um Briefe an die Direktoren der Theater in Rom und Neapel bat, drückte ich ihm meine Befürchtungen darüber aus, daß ich allein reisen sollte. Er begriff mich vollkommen, bot an, mir einen Männerpaß zu verschaffen, und zwei Tage nachher erhielt ich diesen, dem ich mit meiner Hand die Worte: Reist mit seiner Schwester, beigefügt habe.

 

Wir brauchen also nur noch unsern Koffer zu packen und abzureisen.

 

Überlege es wohl, Eugenie.

 

Oh! ich habe es wohl überlegt? ich bin es müde, von nichts sprechen zu hören, als von Bilanzen, Monatsabschlüssen, von Steigen und Fallen der Rente, von spanischen Fonds, von Haytischen Papieren. Statt dessen, Luise, begreifst du! die Luft, die Freiheit, der Gesang der Vögel, die Ebenen der Lombardei, die Kanäle Venedigs, die Paläste Roms, das Gestade Neapels. Wieviel besitzen wir, Luise?

 

Das befragte Mädchen zog aus einem eingelegten Sekretär ein kleines Portefeuille mit Schloß, öffnete es und zählte dreiundzwanzig Banknoten.

 

Dreiundzwanzigtausend Franken, sagte Luise.

 

Und für wenigstens ebensoviel Perlen, Diamanten und Juwelen, sagte Eugenie. Wir sind mit 45 000 Franken reich, wir können zwei Jahre lang wie Prinzessinnen, oder vier Jahre lang anständig leben. Doch ehe sechs Monate vergehen, haben wir, du mit deiner Musik, ich mit meiner Stimme, unser Kapital verdoppelt. Vorwärts! Übernimm du das Geld, ich übernehme das Kistchen mit den Edelsteinen, so daß, wenn eine von uns das Unglück hätte, ihren Schatz zu verlieren, die andere immer noch den ihrigen besäße. Und nun den Koffer, rasch den Koffer.

 

Mit einer wunderbaren Geschäftigkeit fingen die beiden an, in einem Koffer alle Gegenstände aufzuhäufen, die sie für ihre Reise nötig zu haben glaubten.

 

Gut, nun schließe den Koffer, während ich die Kleider wechsele, sagte Eugenie.

 

Sie zog eine Schublade auf, aus der sie einen blauseidenen Regenmantel für Fräulein d’Armilly nahm, mit dem diese sofort ihre Schultern bedeckte, und einen vollständigen Männeranzug, von den Stiefelchen bis zum Oberrock, nebst einem Vorrat von Wäsche. Mit einer Geschwindigkeit, die bewies, daß sie nicht zum ersten Male Männerkleider anzog, schlüpfte Eugenie in ihre Stiefelchen, in die Beinkleider, band sich eine Krawatte um, knöpfte die Weste bis zum Halse zu und legte den Oberrock an, der ihre zarte, schön gewachsene Gestalt hervorhob.

 

Oh! In der Tat, das ist sehr gut! sagte die Tonkünstlerin, Eugenie mit Bewunderung anschauend; doch diese schönen, schwarzen Haare, wird sie ein Männerhut zusammenhalten?

 

Du wirst es sehen, sagte Eugenie.

 

Mit der linken Hand die Flechte ergreifend, die ihre langen Finger kaum umspannen konnten, faßte sie mit der rechten eine große Schere, und bald fiel das weiche, glänzende Haar zu den Füßen des Mädchens nieder. Als die obere Flechte abgeschnitten war, ging Eugenie zu denen an den Schläfen über, die sie nach und nach ebenfalls abschnitt, ohne daß ihr die geringste Klage entschlüpfte; ihre Augen, unter ihren ebenholzschwarzen Brauen, funkelten im Gegenteil freudiger als gewöhnlich.

 

Oh! die herrlichen Haare! sagte Luise mit Bedauern.

 

Ei! bin ich nicht so hundertmal besser dran? rief Eugenie, die zerstreuten Locken ihres ganz männlich gewordenen Kopfes glättend, und findest du mich nicht schöner?

 

Oh! Du bist schön, immer schön! rief Luise. Doch wohin gehen wir?

 

Nach Belgien, wenn du willst, es ist die nächste Grenze. Wir erreichen Brüssel, Lüttich, Aachen; wir fahren den Rhein hinauf bis nach Straßburg, reisen durch die Schweiz und steigen über den St. Bernhard nach Italien hinab; bist du damit einverstanden?

 

Jawohl! – Was betrachtest du?

 

Ich betrachte dich. In der Tat, du bist anbetungswürdig; man sollte meinen, du entführst mich.

 

Ei, bei Gott! man würde recht haben.

 

Und die Freundinnen, von denen man hätte meinen sollen, sie seien in Tränen versunken, brachen in ein Gelächter aus.

 

Nachdem sie ihre Lichter ausgelöscht, öffneten die Flüchtlinge, spähend und horchend, die Tür eines Ankleidezimmers, das auf eine in den Hof führende Gesindetreppe ging. Eugenie schritt voran und hielt mit einer Hand den Henkel des Koffers, den an dem entgegengesetzten Henkel Fräulein d’Armilly kaum mit ihren beiden Händen aufzuheben vermochte. Der Hof war leer, und nur beim Portier war noch Licht. Auf Eugenies Verlangen, die Tür zu öffnen, ging er einige Schritte vor, um die Person zu erkennen, die hinausgehen wollte; als er aber einen jungen Mann sah, der ungeduldig sein Beinkleid mit seinem Stöckchen peitschte, öffnete er auf der Stelle. Sogleich schlüpfte Luise wie eine Eidechse durch die halb offene Tür und sprang leise hinaus. Scheinbar ruhig folgte ihr Eugenie.

 

Es kam ein Dienstmann vorüber, dem man den Koffer übergab. Die jungen Mädchen bezeichneten ihm als Ziel ihrer Wanderung die Rue de la Victoire No. 26 und marschierten hinter dem Mann her, dessen Gegenwart Luise beruhigte.

 

Man kam an das angegebene Ziel. Eugenie befahl, den Koffer niederzusetzen, gab dem Manne etwas Münze und schickte ihn fort, nachdem sie an den Laden geklopft hatte.

 

Dieser Laden war der einer zum voraus benachrichtigten Wäscherin; sie hatte sich noch, nicht zu Bette gelegt und öffnete.

 

Fräulein, sagte Eugenie, lassen Sie vom Portier den Wagen vorziehen und schicken Sie ihn nach der Post, um die Pferde zu holen. Hier sind fünf Franken für seine Mühe.

 

Die Wäscherin sah ganz erstaunt aus, doch da sie verabredetermaßen zwanzig Louisd’or bekommen sollte, so machte sie nicht die geringste Bemerkung.

 

In einer Viertelstunde kam der Hansmeister mit einem Postillon und mit Pferden zurück.

 

Hier ist der Paß, sagte der Postillon; welchen Weg schlagen wir ein, junger Herr?

 

Die Straße nach Fontainebleau, antwortete Eugenie mit einer fast männlich klingenden Stimme.

 

Was sagst du? fragte Luise.

 

Ich gebe einen falschen Weg an, erwiderte Eugenie; die Frau, der wir zwanzig Louisd’or geschenkt haben, kann uns für vierzig verraten; auf dem Boulevard nennen wir eine andere Richtung. Und das Mädchen sprang in den vortrefflich zum Schlafen eingerichteten Wagen.

 

Du hast immer recht, Eugenie, sagte die Gesanglehrerin, neben ihrer Freundin Platz nehmend.

 

Eine Viertelstunde nachher fuhr der Postillon, auf den rechten Weg gewiesen, durch die Barriere Saint-Martin.

 

Herr Danglars hatte keine Tochter mehr.

 

Peppino.

 

Peppino.

 

In demselben Augenblick, wo das Dampfschiff des Grafen hinter dem Kap Morgiou verschwand, hatte ein Mann, der mit Extrapost auf der Straße von Florenz nach Rom reiste, das Städtchen Aquapendente passiert. In einen Oberrock gekleidet, der ein glänzendes Band der Ehrenlegion sehen ließ, war dieser Mann nicht allein durch dieses Zeichen, sondern auch durch den Akzent, in dem er mit dem Postillon sprach, als Franzose leicht erkennbar.

 

In der Nähe der ewigen Stadt fühlte der Reisende durchaus nicht die Regung enthusiastischer Neugierde, die jeden Fremden antreibt, sich aus seinem Wagen zu erheben und den Dom von St. Peter ins Auge zu sassen, den man lange vorher gewahrt, ehe man etwas anderes unterscheidet.

 

Nein, er zog nur sein Portefeuille aus der Tasche und aus dem Portefeuille ein viereckig zusammengelegtes Papier, das er entfaltete und mit einer fast ehrfürchtigen Aufmerksamkeit wieder zusammenlegte. Dann sagte er: Gut! ich habe es immer noch.

 

Der Wagen fuhr durch die Porta del Popolo, schlug den Weg links ein und hielt vor dem Gasthofe zur Stadt London an. Meister Pastrini, unser alter Bekannter, empfing den Reisenden, den Hut in der Hand, auf der Schwelle seines Hauses. Der Reisende stieg aus, befahl ein gutes Mittagsmahl und erkundigte sich nach der Adresse des Hauses Thomson und French, die ihm sogleich genannt wurde, denn dieses Haus war eines der bekanntesten in Rom. Es lag auf der Via dei Banchi bei St. Peter.

 

Als der Ankömmling nach dem Essen mit dem Führer den Gasthof verließ, trennte sich ein Mensch von einer Gruppe von Neugierigen und folgte dem Fremden, ohne von diesem bemerkt zu werden, mit der Geschicklichkeit eines Agenten der Pariser Polizei. Der Franzose hatte große Eile, seinen Besuch bei dem Hause Thomson und French zu machen, und sie kamen bald an Ort und Stelle. Der Franzose trat ein und ließ seinen Führer im Vorzimmer. Gleichzeitig mit dem Franzosen trat der Mensch ein, der ihm so vorsichtig gefolgt war. Der Franzose läutete an der Tür des Büros und ging in das erste Zimmer; sein Schatten tat dasselbe.

 

Finde ich hier die Herren Thomson und French? fragte der Fremde.

 

Ein Lakai erhob sich und fragte, wen er zu melden habe, indem er sich anschickte, dem Fremden voranzugehen.

 

Den Herrn Baron von Danglars.

 

Kommen Sie! sagte der Lakai.

 

Eine Tür öffnete sich, der Lakai und der Baron verschwanden durch diese Tür. Der Mensch, der hinter Danglars eingetreten war, setzte sich auf eine Wartebank. Außerdem befand sich im Zimmer nur ein Kommis, der ungefähr fünf Minuten lang ruhig schrieb, während der Wartende ganz still und unbeweglich dasaß. Dann kritzelte die Feder des Kommis nicht mehr auf dem Papiere; er schaute auf, sah aufmerksam umher und sagte, nachdem er sich überzeugt hatte, daß ihn niemand weiter hören konnte: Ah! Ah! Du hier, Peppino?

 

Ja, antwortete dieser lakonisch.

 

Du witterst Beute bei dem Dicken?

 

Die Witterung war leicht; man hat uns im voraus Nachricht gegeben.

 

Du weißt also, was er hier macht?

 

Bei Gott! Er kommt, um Geld zu beziehen; nur muß man erst wissen, wieviel.

 

Man wird es dir sogleich sagen, Freund.

 

Sehr gut. Doch ich rate dir, mir keine falsche Nachricht zu geben.

 

Gut, ich will gleich in mein Observatorium gehen, der Franzose könnte sonst inzwischen sein Geschäft abmachen.

 

Peppino machte ein bejahendes Zeichen, zog einen Rosenkranz aus seiner Tasche und murmelte ein paar Gebete, während der Kommis durch dieselbe Tür verschwand, die dem Lakaien und dem Baron Eingang gewährt hatte. Nach ungefähr zehn Minuten kam er strahlend zurück.

 

Nun? fragte Peppino. – Hurtig! sagte der Kommis; die Summe ist rund. – Nicht wahr, fünf bis sechs Millionen? – Ja; du weißt die Zahl? – Auf einen Schein des Grafen von Monte Christo? – So ist es, rief der Kommis; wenn du aber schon alles weißt, warum wendest du dich dann noch an mich? – Um sicher zu sein, daß es der Mensch ist, mit dem wir zu tun haben. – Er ist es … fünf Millionen. Nicht wahr, eine hübsche Summe, Peppino?

 

Ja, und wir bekommen einige Brocken davon, erwiderte Peppino philosophisch.

 

Still! Unser Mann kommt.

 

Der Kommis nahm wieder seine Feder und Peppino seinen Rosenkranz; der eine schrieb, der andere betete, als die Tür sich öffnete. Danglars erschien strahlend, begleitet von dem Bankier, der ihn bis zur Tür zurückführte.

 

Hinter Danglars entfernte sich Peppino.

 

Der Wagen wartete vor dem Hause. Der Führer hielt den Kutschenschlag geöffnet. Danglars sprang leicht wie ein Jüngling von zwanzig Jahren in den Wagen. Der Führer schloß den Schlag und stieg zum Kutscher hinauf. Peppino stieg auf den Hintersitz.

 

Will Seine Exzellenz St. Peter sehen? fragte der Führer.

 

Wozu? entgegnete der Baron; ich bin nicht nach Rom gekommen, um zu sehen. Für sich fügte er mit seinem habgierigen Lächeln hinzu: Ich bin gekommen, um einzusacken.

 

Und er betastete in der Tat sein Portefeuille, in dem er einen Brief verschlossen hatte.

 

Casa Pastrini, sagte der Führer zum Kutscher, und der Wagen entfernte sich rasch.

 

Zehn Minuten nachher war der Baron wieder in seinem Zimmer, und Peppino setzte sich auf die an der Wand vor dem Gasthof angebrachte Bank, nachdem er ein paar Worte einem Betteljungen zugeflüstert hatte, der mit aller Schnelligkeit seiner Beine den Weg nach dem Kapitol einschlug.

 

Danglars war müde, befriedigt und darum schläfrig. Er legte sich nieder, steckte sein Portefeuille unter sein Kopfkissen und entschlummerte.

 

Peppino hatte Zeit übrig; er spielte Mora mit den Facchini, verlor drei Taler und trank, um sich zu trösten, eine Flasche Orvietowein.

 

Am andern Morgen erwachte Danglars spät, obgleich er sich früh zu Bette gelegt hatte. Er frühstückte reichlich, und da er nach den Sehenswürdigkeiten der ewigen Stadt nichts fragte, so verlangte er auf die Mittagsstunde Postpferde.

 

Doch er hatte ohne die italienische Unpünktlichkeit und die Förmlichkeiten der Polizei gerechnet. Die Pferde kamen erst um zwei Uhr, und der Führer brachte den visierten Paß erst um drei Uhr.

 

Welche Straße? fragte der Postillon italienisch.

 

Straße nach Ancona, antwortete der Baron.

 

Meister Pastrini übersetzte die Frage und die Antwort, und der Wagen verließ den Gasthof im Galopp.

 

Danglars wollte nach Venedig reisen und dort einen Teil seines Vermögens einziehen, sodann sich von Venedig nach Wien begeben, wo er den Rest flüssig zu machen gedachte. Seine Absicht war, sich in dieser Stadt niederzulassen, die man ihm als eine Stadt der Vergnügungen geschildert hatte.

 

Kaum hatte er drei Stunden in der Campagna von Rom zurückgelegt, als die Nacht anzubrechen begann. Danglars hatte nicht so spät abzureisen geglaubt, sonst wäre er geblieben. Er fragte den Postillon, wieviel Zeit man noch brauche, um die nächste Stadt zu erreichen.

 

Non capisco! antwortete der Postillon.

 

Danglars machte eine Bewegung mit dem Kopfe, die sagen wollte: Sehr gut!

 

Der Wagen setzte seinen Weg fort.

 

Bei der ersten Post werde ich anhalten, sagte Danglars zu sich selbst. Er fühlte noch einen Rest des Wohlbehagens vom vorhergehenden Tage, das ihm eine so gute Nacht verschafft hatte. Was tun, wenn man Bankier ist und einen glücklichen Bankerott gemacht hat? Danglars dachte an seine in Paris zurückgebliebene Frau, an seine Tochter, die sich mit Fräulein d’Armilly in der Welt umhertrieb; dann dachte er auch an seine Gläubiger und die Art und Weise, wie er sein Geld anwenden wollte. Als er an nichts mehr zu denken hatte, schloß er die Augen und schlief ein.

 

Bei einem heftigeren Stoße öffnete er zuweilen seine Augen aus eine Sekunde wieder und fühlte sich stets mit derselben Geschwindigkeit durch die römische Campagna mit ihren zahllosen zertrümmerten Wasserleitungen fortgezogen. Doch die Nacht war kalt, düster und regnerisch, und es war viel besser für einen schläfrigen Menschen, im Hintergrunde seines Wagens mit geschlossenen Augen zu träumen, als den Kopf aus dem Kutschenschlag zu strecken und einen Postillon, der nichts zu antworten wußte, als: non capisco, zu fragen, wo er sich befinde.

 

Danglars sagte sich, es sei auf der Station noch immer Zeit, zu erwachen, und setzte seinen Schlaf fort.

 

Der Wagen hielt an; Danglars dachte, er habe das ersehnte Ziel erreicht. Er öffnete die Augen, schaute durch die Scheiben, in der Erwartung, sich mitten in einer Stadt oder wenigstens in einem Dorfe zu finden; doch er sah nur ein Stück halbzerfallener Mauer und drei bis vier Menschen, die wie Schatten hin und her gingen.

 

Danglars wartete einen Augenblick, er glaubte, der Postillon werde hier an der Station kommen und das Postgeld von ihm verlangen; er gedachte die Gelegenheit zu benutzen, um sich von seinem neuen Führer Auskunft geben zu lassen; doch die Pferde wurden gewechselt, ohne daß jemand Geld von ihm forderte. Erstaunt öffnete Danglars den Wagenschlag, doch eine kräftige Hand stieß ihn sogleich zurück, und der Wagen rollte fort.

 

Voll Verwunderung erwachte der Baron gänzlich aus seinem Halbschlummer.

 

He! sagte er zu dem Postillon, he! mio caro!

 

Doch mio caro antwortete nicht. Danglars öffnete nun das Fenster und fragte, den Kopf durch die Öffnung streckend: He, Freund! Wohin fahren wir?

 

Dentro la testa! rief eine gebieterische Stimme mit drohender Gebärde.

 

Danglars begriff, daß dentro la testa den Kopf zurück! hieß. Er gehorchte nicht ohne eine gewisse Unruhe, und da diese Unruhe von Augenblick zu Augenblick zunahm, so war sein Geist bald von Gedanken erfüllt, die ganz geeignet waren, einen Reisenden, und besonders einen Reisenden in Danglars‘ Lage wachzuhalten.

 

Seine Augen nahmen in der Finsternis jenen Grad von Schärfe an, den im ersten Augenblick große Aufregung verleiht. Er bemerkte einen Menschen, der, in einen Mantel gehüllt, am Schlage rechts galoppierte.

 

Ein Gendarm! sagte er. Sollte der französische Telegraph die päpstlichen Behörden auf mich aufmerksam gemacht haben? Er beschloß, sich darüber Licht zu verschaffen.

 

Wohin führt Ihr mich? fragte er.

 

Dentro la testa! wiederholte dieselbe Stimme mit drohendem Ausdruck.

 

Danglars wandte den Kopf nach dem Kutschenschlage links und sah hier einen zweiten Reiter galoppieren.

 

Ich bin offenbar gefangen, sagte Danglars mit schweißtriefender Stirn zu sich selbst. Und er warf sich in den Hintergrund seiner Kalesche zurück, diesmal nicht, um zu schlafen, sondern um nachzudenken.

 

Einen Augenblick nachher ging der Mond auf.

 

Aus dem Grunde seines Wagens heraus ließ er nun seinen Blick in die Campagna schweifen. Er sah die gespensterhaften Formen der Wasserleitungen, die er schon vorher im Vorüberfahren bemerkt hatte; nur waren sie jetzt, statt zu seiner Rechten, zu seiner Linken. Er begriff, daß man den Wagen hatte eine Wendung machen lassen und nach Rom zurückfuhr.

 

Oh! Ich Unglücklicher, murmelte er, man hat sicher meine Auslieferung verlangt.

 

Der Wagen rollte mit furchtbarer Schnelligkeit fort. Eine Stunde verging für Danglars in gräßlichster Angst, denn bei jedem neuen Zeichen seines Weges erkannte der Flüchtling, daß die Reise nach Rom zurückging. Endlich erblickte er eine düstere Masse, er glaubte, der Wagen müßte sich daran stoßen; doch der Wagen wandte sich ab and fuhr an dieser düsteren Masse hin, die nichts anderes war, als der Rom umschließende Wallgürtel.

 

Oh! oh! murmelte Danglars, wir kehren nicht in die Stadt zurück, folglich ist es nicht die Justiz, die sich meiner bemächtigt. Guter Gott! Ein anderer Gedanke, – sollten es etwa? … Seine Haare sträubten sich.

 

Er erinnerte sich jener interessanten Geschichten von römischen Banditen, die Albert Morcerf Frau Danglars und Eugenie erzählt hatte.

 

Vielleicht Räuber! murmelte er.

 

Plötzlich rollte der Wagen auf härterem Boden als bisher. Danglars wagte einen Blick auf beide Seiten der Straße; er gewahrte Monumente von seltsamer Form, und sagte sich, nach Morcerfs Erzählungen müsse er auf der Via Appia sein.

 

Links vom Wagen, in einem Tale, sah er eine kreisförmige Aushöhlung. Das war der Zirkus des Caracalla.

 

Auf ein Wort des Mannes, der rechts vom Wagen galoppierte, hielt dieser an, und der Kutschenschlag links öffnete sich.

 

Scendi! befahl eine Stimme.

 

Danglars stieg sogleich aus und schaute mehr tot als lebendig umher. Vier Männer umgaben ihn, vom Postillon abgesehen.

 

Di quà! sagte einer von den vier Männern, den Fußpfad hinabsteigend, der von der Via Appia in die unebenen Gründe der Campagna von Rom führte. Danglars folgte dem Manne ohne Widerspruch und brauchte sich nicht umzuwenden, um zu wissen, daß ihm die drei andern Männer folgten. Es kam ihm indessen vor, als ob diese Männer wie Schildwachen in ungefähr gleichen Entfernungen stehenblieben.

 

Nach einem stummen Marsche von etwa zehn Minuten befand sich Danglars zwischen einem kleinen Hügel und einem Gebüsch; drei Männer, die stumm da standen, bildeten ein Dreieck, dessen Mittelpunkt er war. Er wollte sprechen, seine Zunge verwirrte sich.

 

Vorwärts! Vorwärts! sagte dieselbe Stimme mit dem kurzen, gebieterischen Tone.

 

Diesmal begriff Danglars doppelt, durch den Klang des Worts und durch das Gefühl, denn der Mensch, der hinter ihm ging, trieb ihn so heftig vorwärts, daß er beinahe auf seinen Führer stieß.

 

Dieser Führer war unser Freund Peppino, der auf gewundenem Pfade in das hohe Gras drang. Er blieb vor einem, von dichtem Buschwerk überragten Felsen stehen, in dessen Spalten er verschwand.

 

Der Mann, der Danglars folgte, forderte diesen durch Zeichen auf, dasselbe zu tun. Es unterlag keinem Zweifel mehr, der französische Bankerottierer war in den Händen römischer Banditen!

 

Danglars ergab sich, wie ein zwischen zwei furchtbare Gefahren gestellter Mensch, den die Angst mutig macht. Trotz seines Bauches schob er sich hinter Peppino durch, ließ sich, die Augen schließend, hinabgleiten und fiel auf seine Füße. Als er die Erde berührte, öffnete er die Augen.

 

Der Weg war breit, aber dunkel. Peppino, der nun, da er zu Hause war, sich nicht mehr zu verbergen hatte, schlug Feuer und zündete eine Fackel an.

 

Zwei andere Männer stiegen, die Nachhut bildend, hinter Danglars herab; sie stießen diesen, wenn er stehen blieb, wie zufällig vorwärts und trieben ihn so auf einem sanften Abhange bis zum Mittelpunkte eines düster aussehenden Kreuzweges. In übereinandergesetzten Nischen, die in Form von Särgen ausgegraben waren, schienen sich an den Wänden unter dem weißen Gestein schwarze, tiefe Augen zu öffnen. Eine Schildwache schlug mit der linken Hand an den Kolben ihres Karabiners und rief sodann: Wer da?

 

Freunde! Freunde! sagte Peppino. Wo ist der Kapitän?

 

Dort, antwortete die Schildwache, über ihre Schulter aus einen aus dem Felsen ausgehöhlten Saal deutend, aus dem das Licht durch große gewölbte Öffnungen in den Gang drang.

 

Gute Beute, Kapitän, gute Beute! rief Peppino italienisch, nahm Danglars am Kragen seines Überrocks und führte ihn zu einer Öffnung, die einer Tür glich; durch diese Öffnung gelangte man in den Saal, wo der Kapitän seinen ständigen Aufenthalt zu haben schien.

 

Ist es der Mensch? fragte der Kapitän, der aufmerksam in Plutarchs Leben Alexanders las.

 

Er selbst, Kapitän, er selbst.

 

Sehr gut, zeigt ihn mir!

 

Auf diesen durchaus nicht höflichen Befehl hielt Peppino so rasch seine Fackel an Danglars‘ Gesicht, daß dieser lebhaft zurückwich, um sich nicht die Augenbrauen versengen zu lassen.

 

Sein verstörtes Gesicht bot alle Symptome eines bleichen, häßlichen Schreckens.

 

Der Mann ist müde, sagte der Kapitän, man führe ihn zu seinem Bett!

 

Oh, dieses Bett! murmelte Danglars; wahrscheinlich ist es einer von den Särgen, die aus der Mauer ausgehöhlt sind, und der Schlaf ist der Tod, den mir einer von den Dolchen, die ich im Schatten funkeln sehe, bringen wird.

 

Man erblickte in der Tat in den düstern Tiefen des ungeheuren Saales, auf ihren Lagern von getrockneten Kräutern oder von Wolfshäuten, die Gefährten des Mannes sich erheben, den Albert von Morcerf die Kommentare Cäsars lesend und Danglars in den Plutarch versenkt fand.

 

Der Bankier stieß einen dumpfen Seufzer aus und folgte seinem Führer; er versuchte weder zu bitten, noch zu schreien. Er hatte keine Kraft, keinen Willen, keine Gewalt, kein Gefühl mehr; er ging, weil man ihn fortzog. Er stieß an eine Stufe, begriff, daß er eine Treppe vor sich hatte, und hob mechanisch vier- oder fünfmal den Fuß auf. Dann öffnete sich eine niedrige Tür vor ihm; er bückte sich unwillkürlich, um nicht anzustoßen, und befand sich in einer aus dem Felsen gehauenen Zelle. Diese Zelle war, wenn auch kahl, so doch rein und trocken.

 

Ein Bett von getrocknetem Grase, bedeckt mit Ziegenhäuten, war in einer Ecke dieser Zelle ausgebreitet. Bei diesem Anblick murmelte Danglars: Oh, Gott sei gelobt! Es ist ein wirkliches Bett!

 

Es war zum zweiten Male, daß er in einer Stunde den Namen Gottes anrief; dies war seit zehn Jahren nicht vorgekommen.

 

Ecco, sprach der Führer, stieß Danglars in die Zelle und schloß die Tür hinter ihm. Ein Riegel klirrte; Danglars war gefangen.

 

Wäre indessen auch kein Riegel dagewesen, so hätte er doch der heilige Peter sein und zum Führer einen Engel des Himmels haben müssen, um mitten durch die Garnison zu kommen, welche die Katakomben von San Sebastiano besetzt hielt und um ihren Führer gelagert war, in dem unsere Leser sicher schon den berüchtigten Luigi Vampa erkannt haben.

 

Danglars hatte diesen Banditen, an dessen Dasein er nicht glauben wollte, als ihm Morcerf davon erzählte, ebenfalls erkannt. Er hatte nicht nur ihn, sondern auch die Zelle erkannt, in der Morcerf eingeschlossen gewesen war, und die aller Wahrscheinlichkeit nach den Fremden gewöhnlich als Wohnung diente.

 

Diese Erinnerungen, bei denen Danglars mit einer gewissen Freude verweilte, verliehen ihm wieder Ruhe. Da ihn die Banditen nicht aus der Stelle töteten, hatten sie überhaupt nicht die Absicht, ihn zu töten. Man hatte ihn festgenommen, um ihn zu plündern, da er aber nur einige Louisd’or bei sich trug, so würde man sich, meinte er, damit begnügen müssen.

 

Er erinnerte sich, daß Morcerf zu ungefähr viertausend Talern angeschlagen worden war; da er sich für eine viel gewichtigere Person hielt, als Morcerf, so schätzte er sein Lösegeld auf achttausend Taler, das heißt achtundvierzigtausend Franken. Es blieben ihm dann etwa fünf Millionen und fünfzigtausend Franken. Damit kommt man überall durch.

 

Mit diesem beruhigenden Gedanken streckte er sich auf seinem Lager aus und entschlummerte bald.

 

Luigi Vampas Speisekarte.

 

Luigi Vampas Speisekarte.

 

Danglars erwachte nach längerem Schlafe.

 

Für einen Pariser, der an seidene Vorhänge, an samtüberzogene Wände, an den Wohlgeruch, der von dem Holze im Kamin aufsteigt, und ähnlichen Luxus gewöhnt ist, muß das Erwachen in einem Felsen wie ein schlechter Traum sein. Doch in einer Sekunde war sich Danglars der rauhen Wirklichkeit bewußt.

 

Ja, ja, murmelte er, ich bin in den Händen der Banditen, von denen uns Albert von Morcerf erzählt hat.

 

Seine erste Bewegung war, zu atmen, um sich Gewißheit zu verschaffen, daß er nicht verwundet sei.

 

Nein, sagte er, sie haben mich weder umgebracht noch verwundet, aber sie haben mich vielleicht bestohlen.

 

Er fuhr rasch mit den Händen in seine Taschen. Sie waren unberührt; die hundert Louisd’or, die er sich vorbehalten hatte, um seine Reise von Rom nach Venedig zu machen, waren noch in der Tasche seiner Beinkleider, und das Portefeuille, worin er den Kreditbrief über fünf Millionen und fünfzigtausend Franken aufbewahrt hatte, fand sich in seiner Rocktasche.

 

Sonderbare Banditen, die mir meine Börse und mein Portefeuille lassen! sagte er zu sich selbst. Sie werden es, wie ich es mir gestern abend gedacht habe, auf Lösegeld abgesehen haben. Halt! Ich habe auch noch meine Uhr! Wir wollen einmal sehen, wieviel Uhr es ist.

 

Danglars Repetieruhr schlug halb sechs Uhr morgens. Ohne sie wäre Danglars in völliger Ungewißheit über die Stunde gewesen, denn das Tageslicht drang nicht in die Zelle.

 

Sollte er eine Erklärung von den Banditen verlangen, sollte er geduldig warten, bis sie ihn auffordern würden? Das letztere schien ratsamer; Tanglars wartete.

 

Er wartete bis um die Mittagsstunde. Während dieser Zeit ging eine Schildwache an seiner Tür auf und ab. Um acht Uhr morgens war die Wache abgelöst worden. Danglars bekam Lust zu sehen, wer ihn bewachte.

 

Er bemerkte, daß Lichtstrahlen, die von der Lampe herrührten, durch die schlecht zusammengefügten Bretter der Tür drangen. Er näherte sich einer dieser Öffnungen gerade in dem Augenblick, wo der Bandit ein paar Schluck Branntwein aus einem ledernen Schlauch nahm.

 

Zur Mittagsstunde fand wieder eine Ablösung statt; Danglars war begierig, seinen neuen Wächter zu sehen, und näherte sich abermals der Spalte. Es war ein athletischer Bandit, ein Goliath mit großen Augen, dicken Lippen und eingedrückter Nase! Sein rotes Haar hing auf seine Schultern in gedrehten Zöpfen wie eine Anzahl von Schlangen herab.

 

Oh! oh! sagte Danglars, der gleicht mehr einem Werwolf, als einem menschlichen Geschöpfe; in jedem Falle bin ich alt und zähe, und mein Fleisch ist nicht gut zu beißen.

 

Man sieht, Danglars hatte noch so viel Geistesgegenwart, daß er scherzen konnte. In demselben Augenblick setzte sich sein Wächter, als wollte er ihm beweisen, er sei kein Werwolf, der Tür seiner Zelle gegenüber, zog aus seinem Schnappsack schwarzes Brot, Zwiebeln und Käse und fing an, diese Dinge mit großem Appetit zu verzehren.

 

Der Teufel soll mich holen, sagte Danglars, indem er durch die Spalte seiner Tür einen Blick aus das Mahl des Banditen warf, wenn ich begreife, wie man solchen Unrat essen kann.

 

Doch die Geheimnisse der Natur sind unerforschlich, und es übt auf den Hungrigen der Anblick eines Schmausenden einen eigenen Reiz.

 

Danglars fühlte plötzlich, daß sein Abscheu in diesem Augenblick keinen Grund hatte, der Mensch kam ihm weniger häßlich, das Brot weniger schwarz, der Käse frischer vor. Die rohen Zwiebeln endlich, ein abscheuliches Nahrungsmittel des Wilden, erinnerten ihn an gewisse Pariser Brühen, die sein Koch so ausgezeichnet bereitete, wenn Danglars zu ihm sagte: Herr Deniseau, machen Sie mir heute einen guten Canaille-Teller.

 

Er stand auf und klopfte an die Tür. – Der Bandit hob den Kopf empor. Danglars sah, daß man ihn gehört hatte, und verdoppelte sein Klopfen.

 

Che cosa? fragte der Bandit.

 

Sagen Sie doch! Freund, rief Danglars, mit seinen Fingern an die Tür trommelnd, es scheint mir, es wäre Zeit, daß man mir auch zu essen gäbe.

 

Doch, mag es nun sein, daß der Riese ihn nicht verstand, oder wollte er ihn nicht verstehen, jedenfalls setzte er, ohne sich stören zu lassen, sein Mahl fort.

 

Danglars fühlte seinen Stolz gedemütigt, und da er sich nicht weiter mit diesem Tiere einlassen wollte, so legte er sich auf seine Bockshäute und sprach kein Wort mehr.

 

Es vergingen abermals vier Stunden; der Riese wurde durch einen andern Banditen ersetzt. Danglars, der ein furchtbares Zerren im Magen fühlte, stand sacht auf, hielt sein Auge wieder an die Spalten seiner Tür und erkannte das kluge Gesicht seines Führers.

 

Es war in der Tat Peppino, der die friedliche Wache bezog, sich der Tür gegenüber niederließ und zwischen seinen Beinen einen irdenen Topf, der warme, duftende Kichererbsen mit Speck enthielt, niedersetzte. Neben diese Kichererbsen stellte Peppino noch ein hübsches Körbchen mit Trauben und eine Flasche Orvietowein. Peppino war offenbar ein Leckermaul.

 

Als Danglars diese gastronomischen Vorbereitungen sah, lief ihm das Wasser im Mund zusammen.

 

Ah! ah! Wir wollen doch sehen, ob der manierlicher ist, dachte er und klopfte sacht an die Tür.

 

On y va, sagte der Bandit, der in Pastrinis Hause das Französische gelernt hatte.

 

Danglars erkannte jetzt in ihm wirklich den, der ihm so wütend: Dentro la testa! zugerufen hatte. Doch es war keine Zeit zu Vorwürfen, er nahm im Gegenteil sein freundlichstes Gesicht an und sagte mit liebenswürdigem Lächeln: Verzeihen Sie, mein Herr, wird man mir nicht auch zu essen geben?

 

Wie? rief Peppino, sollte Euere Exzellenz zufällig Hunger haben?

 

Zufällig, das ist herrlich! murmelte Danglars; es sind gerade vierundzwanzig Stunden, daß ich nichts mehr gegessen habe. Allerdings, mein Herr, fügte er laut hinzu, ich habe Hunger und sogar sehr großen Hunger.

 

Und Euere Exzellenz will essen?

 

Auf der Stelle, wenn es sein kann.

 

Nichts kann leichter sein, sagte Peppino, man verschafft sich hier alles, was man haben will, wenn man bezahlt, wie dies bei allen ehrlichen Christen Brauch ist.

 

Das versteht sich, rief Danglars, obgleich die Leute, die einen verhaften und einsperren, ihre Gefangenen wenigstens auch nähren sollten.

 

Auf der Stelle, Exzellenz, was wünschen Sie?

 

Peppino setzte seinen Napf so auf die Erde, daß der Dampf unmittelbar Danglars in die Nase stieg.

 

Sie haben also Küchen hier? fragte der Bankier.

 

Wie! Ob wir Küchen haben? Vollkommene Küchen! – Und Köche? – Vortreffliche! – Wohl! Ein Huhn, einen Fisch, Wildpret, gleichviel was, wenn ich nur zu essen bekomme. – Ganz nach dem Belieben Eurer Exzellenz; wir wollen sagen ein Huhn, nicht wahr? – Ja, ein Huhn.

 

Peppino richtete sich auf und schrie mit lauter Lunge: Ein Huhn für seine Exzellenz!

 

Peppinos Stimme widerhallte noch unter den Gewölben, als bereits ein hübscher, schlanker, wie die antiken Fischträger halb nackter, junger Mensch erschien! Er trug das Huhn auf einer silbernen Platte.

 

Man sollte glauben, man wäre im Café de Paris, murmelte Danglars.

 

Hier, Exzellenz! sagte Peppino, indem er das Huhn aus den Händen des jungen Banditen nahm und auf einen wurmstichigen Tisch setzte, der nebst einem Schemel und dem Bette von Bockshäuten die ganze Ausstattung der Zelle bildete. Danglars forderte ein Messer und eine Gabel.

 

Hier, Exzellenz! rief Peppino und bot ihm ein kleines stumpfes Messer und eine Gabel von Buchsbaum.

 

Danglars nahm Messer und Gabel und schickte sich an, das Huhn zu zerschneiden.

 

Verzeihen Sie, Exzellenz, sagte Peppino, eine Hand auf die Schulter des Bankiers legend, hier bezahlt man, ehe man ißt; sonst gibt’s beim Fortgehen Differenzen.

 

Ah! ah! murmelte Danglars, das ist nicht mehr wie in Paris, abgesehen davon, daß sie mich wahrscheinlich schinden werden; doch wir wollen die Sache großartig betreiben. Mein Freund, ich habe immer von der Wohlfeilheit des Lebens in Italien reden hören; ein Huhn wird in Rom zwölf Sous kosten; und dabei warf er Peppino einen Louisd’or zu.

 

Peppino hob den Louisd’or auf. Danglars näherte das Messer dem Huhn.

 

Einen Augenblick, Exzellenz, sagte Peppino aufstehend; Eure Exzellenz ist mir noch etwas schuldig.

 

Ich dachte doch, sie würden mich schinden! murmelte Danglars und fügte laut hinzu: Wieviel ist man Ihnen noch für dieses schwindsüchtige Huhn schuldig?

 

Eure Exzellenz hat mir einen Louisd’or auf Abschlag gegeben und ist mir noch viertausendneunhundertundneunundneunzig Louisd’or schuldig.

 

Danglars riß seine Augen bei diesem großartigen Scherze sehr weit auf. Ah! Sehr drollig, murmelte er, in der Tat, äußerst drollig.

 

Er wollte wieder zum Werke schreiten und das Huhn zerlegen; doch Peppino hielt ihm die rechte Hand fest und sagte: Erst das Geld, mein Herr.

 

Wie, Sie scherzen nicht?

 

Wir scherzen nie, Exzellenz.

 

Wie, hunderttausend Franken für dieses Huhn?

 

Exzellenz, es ist unglaublich, wieviel Mühe man hat, um Geflügel in diesen verfluchten Grotten aufzuziehen.

 

Gehen Sie! Ich finde das sehr komisch, in der Tat äußerst belustigend: doch da ich Hunger habe, lassen Sie mich essen! Hier ist noch ein Louisd’or für Sie.

 

Dann macht es noch viertausendneunhundertundachtundneunzig Louisd’or, sagte Peppino mit derselben Gleichgültigkeit; mit Geduld werden wir zum Ziele gelangen.

 

Oh! versetzte Danglars, empört über diesen beharrlichen Spott, oh, niemals. Gehen Sie zum Teufel! Sie wissen nicht, mit wem Sie zu tun haben.

 

Peppino machte ein Zeichen, und der junge Mensch nahm rasch das Huhn weg. Danglars warf sich auf sein Bett. Peppino schloß wieder die Tür und fing an, seine Erbsen mit Speck zu essen.

 

Danglars kam sein Magen durchlöchert vor wie das Faß der Danaiden, er konnte nicht glauben, daß es ihm je gelingen würde, ihn zu füllen.

 

Er faßte übrigens noch eine halbe Stunde Geduld; doch es ist nicht zu leugnen, daß ihm diese halbe Stunde wie ein Jahrhundert vorkam. Dann stand er auf, ging abermals zur Tür und sprach: Hören Sie, mein Herr, lassen Sie mich nicht länger schmachten, sagen Sie mir sogleich, was man von mir will.

 

Exzellenz, sagen Sie vielmehr, was Sie von uns wollen. Geben Sie Ihre Befehle, und wir werden sie ausführen.

 

So öffnen Sie vor allem!

 

Peppino öffnete.

 

Ich will, sagte Danglars, bei Gott! Ich will essen. – Sie haben Hunger? – Ei! Sie wissen es wohl. – Was wünscht Eure Exzellenz zu essen? – Ein Stück trockenes Brot, da die Hühner in diesen verfluchten Höhlen so ungeheuer teuer sind. – Brot! Es sei, rief Peppino. Holla! Brot!

 

Der junge Mann brachte ein kleines Brot.

 

Hier! sagte Peppino.

 

 

Wieviel? fragte Danglars. Viertausendneunhundertachtundneunzig Louisd’or. Ich habe zwei Louisd’or Vorschuß.

 

Wie! Ein Brot hunderttausend Franken?

 

Hunderttausend Franken! erwiderte Peppino; wir bedienen nicht nach der Karte, sondern zu einem Preise. Ob man wenig, ob man viel ißt, ob man zehn Schüsseln verlangt oder eine einzige, das kostet bei uns gleich viel.

 

Abermals dieser Scherz, lieber Freund, ich erkläre Ihnen, daß das albern ist! Sagen Sie mir auf der Stelle, daß ich vor Hunger sterben soll, die Sache wird schneller abgemacht sein.

 

Nein, Exzellenz, Sie wollen sich selbst um das Leben bringen. Bezahlen Sie, und essen Sie.

 

Womit bezahlen, dreifaches Tier? sagte Danglars, außer sich; glaubst du, man trägt mir nichts, dir nichts hunderttausend Franken bei sich?

 

Sie haben fünf Millionen und fünfzigtausend Franken in Ihrer Tasche, Exzellenz, erwiderte Peppino; das macht fünfzig Hühner zu hunderttausend Franken und ein halbes Huhn zu fünfzigtausend Franken.

 

Danglars schauderte; die Binde fiel ihm von den Augen; das war allerdings immer noch ein Scherz, aber er begriff ihn endlich. Hören Sie, sagte er, wenn ich Ihnen diese hunderttausend Franken gebe, werden Sie sich dann wenigstens für bezahlt erklären und mich nach Belieben essen lassen?

 

Allerdings, sprach Peppino.

 

Doch wie soll ich sie Ihnen geben? versetzte Danglars, freier atmend.

 

Nichts leichter; Sie haben einen offenen Kredit auf Thomson und French, Via dei Banchi in Rom; geben Sie mir eine Anweisung von viertausendneunhundertundachtundneunzig Louisd’or auf diese Herren, unser Bankier wird sie uns abnehmen.

 

Danglars wollte sich wenigstens das Verdienst des guten Willens geben, nahm die Feder, die ihm Peppino nebst Papier reichte, schrieb den Zettel und unterzeichnete.

 

Hier, sagte er, hier ist eine Anweisung auf den Inhaber.

 

Und hier ist Ihr Huhn.

 

Danglars zerschnitt seufzend das Huhn; es kam ihm sehr mager für eine so fette Summe vor.

 

Peppino aber las aufmerksam die Anweisung, steckte sie in die Tasche und aß seine Kichererbsen weiter.

 

Die Vergebung.

 

Die Vergebung.

 

Am andern Morgen hatte Danglars abermals Hunger; die Luft dieser Höhle war im höchsten Maße Appetit erregend; der Gefangene glaubte, an diesem Tage müßte er keine Ausgabe machen; als sparsamer Mann hatte er die Hälfte von seinem Huhn und ein Stück von seinem Brot in einer Ecke seiner Zelle versteckt. Doch er hatte kaum gegessen, als er Durst bekam; darauf hatte er nicht gerechnet.

 

Er kämpfte gegen den Durst, bis zu dem Augenblick, wo er fühlte, daß seine vertrocknete Zunge an seinem Gaumen anklebte. Als Danglars dem verzehrenden Feuer nicht mehr widerstehen konnte, rief er.

 

Eine Wache öffnete die Tür; es war ein neuer Bandit.

 

Er dachte, es wäre für ihn besser, wenn er mit einem alten Bekannten zu tun hätte, und rief Peppino.

 

Hier bin ich, Exzellenz, sagte Peppino, mit einem Eifer herbeieilend, den Danglars als ein gutes Vorzeichen betrachtete, was wünschen Sie?

 

Zu trinken, sprach der Gefangene.

 

Exzellenz, Sie wissen, daß der Wein in der Gegend von Rom übermäßig teuer ist.

 

So geben Sie mir Wasser, erwiderte Danglars, der den Stoß zu parieren suchte.

 

Exzellenz, das Wasser ist noch viel seltener, als der Wein; es herrscht gegenwärtig eine so große Trockenheit.

 

Gehen Sie doch, Sie fangen wieder an, scheint es! sagte Danglars lächelnd, um sich den Anschein zu geben, als scherze er. Der Unglückliche fühlte, wie der Schweiß seine Schläfe befeuchtete.

 

Nun, mein Freund, fuhr er fort, als er sah, daß Peppino unempfindlich blieb, ich bitte Sie um ein Glas Wein! Werden Sie es mir abschlagen?

 

Ich habe Ihnen bereits gesagt, Exzellenz, daß wir den Wein nicht im kleinen verkaufen, erwiderte Peppino ernst.

 

Wohl! So geben Sie mir eine Flasche vom billigsten.

 

– Sie haben alle denselben Preis. – Und was ist dieser Preis? – Fünfundzwanzigtausend Franken die Flasche.

 

Sagen Sie mir, rief Danglars mit größter Bitterkeit, daß Sie mich ganz und gar ausziehen wollen; das ist schneller und besser auf einmal getan, als wenn Sie mich so Fetzen für Fetzen auffressen.

 

Es ist dies möglicherweise der Plan des Herrn. – Wer ist dieser Herr? – Der, zu dem man Sie vorgestern geführt hat. – Und wo ist er? Machen Sie, daß ich ihn sehen kann. – Das ist leicht.

 

Einen Augenblick nachher stand Luigi Vampa vor Danglars.

 

Sie rufen mich? fragte er den Gefangenen.

 

Sie, mein Herr, sind der Anführer der Leute, die mich hierher gebracht haben? – Ja, Exzellenz.

 

Wieviel Lösegeld verlangen Sie von mir? Sprechen Sie.

 

Ganz einfach die fünf Millionen, die Sie bei sich tragen.

 

Danglars fühlte einen ungeheuren Krampf sein Herz zermalmen.

 

Das ist alles, was ich auf der Welt habe, mein Herr, es ist der Rest eines ungeheuren Vermögens; wenn Sie mir es nehmen, so nehmen Sie mir mein Leben.

 

Es ist uns verboten, Ihr Blut zu vergießen, Exzellenz.

 

Und durch wen ist Ihnen dies verboten?

 

Durch den, dem wir gehorchen.

 

Ich glaubte, Sie seien selbst der Führer?

 

Ich bin der Führer dieser Leute, doch ein anderer ist mein Gebieter.

 

Und dieser Gebieter gehorcht auch jemand?

 

Ja. – Wem? – Gott.

 

Danglars blieb einen Augenblick nachdenklich, und sagte sodann: Ich begreife Sie nicht. – Das ist möglich.

 

Und dieser Führer hat Ihnen gesagt, Sie sollen mich so behandeln? – Ja. – Was ist sein Zweck? Ich weiß es nicht. – Aber meine Börse wird sich erschöpfen – Das ist wahrscheinlich. – Hören Sie, wollen Sie eine Million? – Nein. – Zwei Millionen? – Nein.

 

Drei Millionen? .. Vier? .. Hören Sie, vier? Ich gebe sie Ihnen unter der Bedingung, daß Sie mich gehen lassen.

 

Warum bieten Sie uns vier Millionen für das, was fünf wert ist, versetzte Vampa; das ist Wucher, Herr Bankier, oder ich verstehe mich nicht darauf.

 

Nehmen Sie alles! Nehmen Sie alles! sage ich Ihnen, und töten Sie mich! rief Danglars.

 

Still! Still! Beruhigen Sie sich, Exzellenz, Sie regen Ihr Blut so auf, daß Sie einen Appetit bekommen, bei dem Sie eine Million täglich verzehren; Mord und Tod! Seien Sie sparsamer, lieber Herr.

 

Doch wenn ich kein Geld mehr besitze, um Sie zu bezahlen, mein Herr? rief Danglars in Verzweiflung.

 

Dann werden Sie Hunger haben.

 

Ich werde Hunger haben? fragte Danglars erbleichend.

 

Das ist wahrscheinlich … antwortete Vampa phlegmatisch.

 

Aber Sie sagen, Sie wollen mich nicht töten? Und dennoch wollen Sie mich Hungers sterben lassen?

 

Das ist nicht dasselbe.

 

Wohl! Ihr Elenden, rief Danglars, ich werde Eure schändlichen Berechnungen vereiteln. Soll ich einmal sterben, so will ich lieber sogleich ein Ende machen: laßt mich leiden, martert mich, tötet mich, doch Ihr sollt meine Unterschrift nicht bekommen.

 

Wie es Ihnen beliebt, Exzellenz, sagte Vampa und verließ die Zelle.

 

Danglars warf sich brüllend aus die Bockfelle seines Lagers.

 

Wer waren diese Menschen? Wer war dieser sichtbare Führer? Wer war der unsichtbare Führer? Welche Pläne verfolgten sie mit ihm? Und wenn die ganze Welt sich loskaufen konnte, warum vermochte er allein dies nicht?

 

Oh! Allerdings der Tod, ein rascher und gewaltsamer Tod war ein gutes Mittel, diese erbitterten Feinde zu hintergehen, die eine unbegreifliche Rache gegen ihn zu planen schienen.

 

Ja, aber sterben! Zum ersten Male vielleicht in seiner ganzen Laufbahn dachte Danglars an den Tod zugleich mit dem Verlangen und der Furcht, zu sterben. Doch die Stunde war für ihn gekommen, seinen Blick auf das unversöhnliche Gespenst zu heften, das im Innern jedes Geschöpfes lebt und das nun bei jedem Pulsschlage des Herzens zu ihm sagte: Du wirst sterben.

 

Danglars glich jenen wilden Tieren, welche die Jagd aufregt, in Verzweiflung bringt, und denen es durch die Gewalt der Verzweiflung zuweilen gelingt, sich zu retten.

 

Danglars dachte an Flucht.

 

Doch die Mauern waren die Felsen selbst, und vor dem einzigen Ausgang, der aus der Zelle führte, lag ein Mensch; hinter diesem Menschen sah man mit Flinten bewaffnete Schatten hin und her gehen.

 

Sein Entschluß, nicht zu unterzeichnen, dauerte zwei Tage, dann verlangte er Nahrungsmittel und bot eine Million. Man trug ihm ein vortreffliches Abendessen auf und nahm seine Million.

 

Von da an war das Leben des unglücklichen Gefangenen eine beständige Ausschweifung. Er hatte so viel gelitten, daß er sich keinen weiteren Leiden mehr aussetzen wollte und sich allen Forderungen unterzog. Nach Verlauf von acht Tagen machte er eines Nachmittags, als er wie in den schönen Tagen seines Glückes gespeist hatte, seine Rechnung und bemerkte, daß er so viele Anweisungen abgegeben, daß ihm nur noch fünfzigtausend Franken übrig blieben.

 

Da ging eine seltsame Umwandlung in ihm vor. Er, der fünf Millionen hingegeben hatte, suchte die fünfzigtausend Franken zu retten, die ihm blieben; er beschloß, eher die größten Entbehrungen zu ertragen, als diese fünfzigtausend Franken herzugeben. Der Unglückliche nährte einen Schimmer von Hoffnung, der an Wahnsinn grenzte; er, der seit so langer Zeit Gott vergessen hatte, dachte an ihn, um sich zu sagen, Gott habe zuweilen Wunder getan. Diese Höhle könnte versinken; die päpstlichen Karabinieri könnten diesen verfluchten Aufenthaltsort entdecken und ihm zu Hilfe kommen; dann würden ihm noch fünfzigtausend Franken bleiben; fünfzigtausend Franken wären eine hinreichende Summe, um einen Menschen vor dem Hungertode zu schützen. Er bat Gott, ihm diese fünfzigtausend Franken zu erhalten, und indem er bat, weinte er.

 

So vergingen drei Tage, während deren der Name Gottes beständig, wenn nicht in seinem Herzen, doch auf seinen Lippen war. In Zwischenräumen hatte er Augenblicke des Irrsinns, in denen er durch die Fenster einer armseligen Kammer einen Greis im Todeskampfe auf einem elenden Lager zu erblicken glaubte. Dieser Greis starb auch vor Hunger.

 

Am vierten Tage war er kein Mensch mehr, sondern ein lebendiger Leichnam; er hatte auf dem Boden die letzten Krümchen seiner früheren Mahle zusammengerafft und fing an das Stroh zu verzehren, mit dem der Boden bedeckt war.

 

Dann flehte er Peppino an, wie man einen Schutzengel anfleht, ihm etwas Speise zu geben; er bot ihm tausend Franken für einen Mund voll Brot. Peppino antwortete nicht.

 

Am fünften Tage schleppte er sich vor den Eingang der Zelle.

 

Ihr seid also kein Christ? sagte er, sich auf seine Knie erhebend; Ihr wollt einen Menschen töten, der Euer Bruder vor Gott ist?

 

Und er fiel mit dem Gesicht auf die Erde.

 

Dann fuhr er plötzlich wieder auf und rief: Der Führer!

 

Hier bin ich! sagte, sogleich erscheinend, Vampa, was wünschen Sie noch?

 

Nehmen Sie mein letztes Geld, stammelte Danglars, ihm sein Portefeuille reichend, nehmen Sie es und lassen Sie mich in dieser Höhle; ich verlange meine Freiheit nicht mehr, ich verlange mein Leben nicht mehr.

 

Sie leiden also sehr? fragte Vampa.

 

Ja, ich leide grausam.

 

Es gibt aber Menschen, die mehr gelitten haben.

 

Ich glaube es nicht.

 

Doch! Die, welche vor Hunger gestorben sind.

 

Danglars dachte an den Greis, den er während der Stunde seines Irrsinns durch die Fenster seiner armseligen Kammer aus seinem Lager sich winden sah. Er schlug mit der Stirn auf die Erde und stieg einen Seufzer aus.

 

Ja, sagte er, es ist wahr; es gibt Leute, die mehr gelitten haben, als ich, aber diese waren Märtyrer.

 

Sie bereuen wenigstens? sagte eine düstere, feierliche Stimme, welche die Haare auf Danglars‘ Haupte sich sträuben ließ.

 

Sein geschwächter Blick suchte die Gegenstände zu unterscheiden, und er sah hinter dem Banditen einen Mann, der in einen Mantel gehüllt und vom Schatten eines steinernen Pfeilers bedeckt war.

 

Was soll ich bereuen? stammelte Danglars.

 

Das Böse, das Sie getan haben.

 

Oh! ja, ich bereue es, ich bereue es, rief Danglars.

 

Und er schlug mit seiner abgemagerten Faust an seine Brust.

 

Dann vergebe ich Ihnen, sagte der Unbekannte, seinen Mantel abwerfend und in das Licht vorschreitend.

 

Der Graf von Monte Christo! rief Danglars, bleicher vor Schrecken, als er es einen Augenblick zuvor vor Hunger und Elend gewesen war.

 

Sie täuschen sich; ich bin nicht der Graf von Monte Christo.

 

Und wer sind Sie denn?

 

Ich bin der, den Sie verkauft, preisgegeben, entehrt haben; ich bin der, dessen Braut Sie mit Schmach bedeckten; ich bin der, auf den Sie traten, auf dem Sie fortschritten, um sich zum Glück aufzuschwingen; ich bin der, dessen Vater Sie vor Hunger sterben ließen, den Sie verurteilt hatten, ebenfalls Hungers zu sterben, und der Ihnen dennoch vergibt, weil er selbst der Vergebung bedarf; ich bin Edmond Dantes.

 

Danglars stieß einen Schrei aus und stürzte, so lang er war, zur Erde nieder.

 

 

Stehen Sie auf, sagte der Graf, Ihr Leben bleibt unverletzt; ein solches Glück ist Ihren zwei Genossen nicht widerfahren; der eine ist wahnsinnig, der andere ist tot. Behalten Sie die fünfzigtausend Franken, die Sie noch haben, ich mache sie Ihnen zum Geschenk. Die fünf Millionen, die Sie den Hospitälern gestohlen haben, sind diesen bereits von unbekannter Hand wiedererstattet worden.

 

Und nun essen Sie und trinken Sie! Für heute abend sind Sie mein Gast.

 

Vampa, wenn dieser Mensch sich beruhigt hat, lassen Sie ihn frei!

 

Danglars blieb auf der Erde liegen, bis sich der Graf entfernte; als er das Haupt erhob, sah er nur noch einen im Gange verschwindenden Schatten, vor dem sich die Räuber verbeugten.

 

Danglars wurde dem Befehle des Grafen gemäß von Vampa mit dem Besten, was er hatte, erquickt. Als er seinen Hunger gestillt hatte, ließ ihn der Anführer der Banditen in einen Wagen steigen, begleitete ihn eine Strecke weit und lehnte ihn dann unfern der Straße an einen Baum.

 

Hier blieb er bis zum Anbruch des Tages, ohne zu wissen, wo er war.

 

Beim Morgenlichte bemerkte er, daß er sich in der Nähe eines Baches befand; er hatte Durst und schleppte sich bis zu diesem Bache. Als er sich neigte, um daraus zu trinken, sah er, daß seine Haare weiß geworden waren.

 

Das Schwurgericht.

 

Das Schwurgericht.

 

›Die Affäre Benedetto‹, wie man damals in Paris und in der Gesellschaft sagte, machte ein ungeheures Aufsehen. Ein täglicher Gast des Café de Paris, des Boulevard de Gand und des Bois de Boulogue, hatte der falsche Cavalcanti während seines Aufenthaltes in Paris und während der paar Monate, die sein Glanz gedauert, eine Menge Bekanntschaften gemacht. Die Zeitungen erzählten von den verschiedenen Stellungen des Angeklagten in seinem eleganten Leben und in seinem Leben im Bagno. Dies erregte die größte Neugierde besonders bei den persönlichen Bekannten des vermeintlichen Prinzen, und diese beschlossen, alles daran zu setzen, um Herrn Benedetto, den Mörder seines Kettenkameraden, auf der Bank der Angeklagten zu sehen.

 

Für viele war Benedetto, wenn nicht ein Opfer, doch wenigstens ein Irrtum der Justiz; man hatte Herrn Cavalcanti Vater in Paris gesehen, und man erwartete, er werde abermals erscheinen, um seinen erhabenen Sprößling zu reklamieren.

 

Alles lief also zu der Gerichtssitzung. Von morgens um sieben Uhr drängte man sich am Gitter, und eine Stunde vor Eröffnung der Sitzung war der Saal bereits voll von Bevorzugten.

 

Beauchamp, der zu den Königen der Presse gehörte, und folglich seinen Tron überall hatte, schaute durch sein Glas nach rechts und links. Er erblickte Chateau-Renaud und Debray, die sich die Gunst eines Stadtsergeanten erworben und diesen bestimmt hatten, sich hinter sie zu stellen, statt vor sie, wie es sein Recht war. Der würdige Agent hatte den Sekretär des Ministers und den Millionär gerochen; er benahm sich voll Rücksicht gegen seine edlen Nachbarn und erlaubte ihnen, mit dem Versprechen, ihre Plätze aufzubewahren, Beauchamp einen Besuch zu machen. Nun! Wir werden also unsern Freund sehen! sagte Beauchamp.

 

Ei! mein Gott, ja! erwiderte Debray, dieser würdige Prinz! Der Teufel hole den italienischen Prinzen!

 

Adel des Stricks, bemerkte phlegmatisch Chateau-Renaud.

 

Nicht wahr, er wird verurteilt werden? fragte Debray Beauchamp.

 

Ei! mein Lieber, erwiderte der Journalist, mir scheint, das muß man Sie fragen; Sie wissen das besser als wir. Haben Sie den Präsidenten bei der letzten Soirée Ihres Ministers gesprochen?

 

Ja.

 

Was hat er Ihnen gesagt?

 

Etwas, was Sie in Erstaunen setzen wird.

 

Ah! Sprechen Sie geschwind, ich habe schon lange nichts dergleichen mehr gehört.

 

Wohl! Er hat gesagt, Benedetto, den man für einen Phönix an Feinheit, einen Riesen an Schlauheit halte, sei nur ein ganz gemeiner, einfältiger Schuft und ganz unwürdig der Versuche, die man nach seinem Tode an seinen phrenologischen Organen machen werde.

 

Bah! rief Beauchamp, er spielte den Prinzen gar nicht übel.

 

Doch wenn ich mit dem Präsidenten gesprochen habe, sagte Debray zu Beauchamp, so müssen Sie den Staatsanwalt gesehen haben?

 

Unmöglich; seit acht Tagen verbirgt sich Herr von Villefort, und das ist ganz natürlich. Diese Reihe von häuslichen Unglücksfällen, denen der seltsame Tod seiner Tochter die Krone aufsetzte …

 

Der seltsame Tod! Was sagen Sie da, Beauchamp?

 

Ah! ja, spielen Sie den Unwissenden, versetzte Beauchamp, indem er sein Monokle einklemmte und Umschau im Saale hielt. Halt, fuhr er fort, ich täusche mich nicht.

 

Was gibt es?

 

Sie ist es. Man sagte doch, sie sei abgereist.

 

Fräulein Eugenie? Sollte sie zurückgekommen sein?

 

Nein, ihre Mutter.

 

Unmöglich, rief Chateau-Renaud; zehn Tage nach der Flucht ihrer Tochter, drei Tage nach dem Bankerott ihres Mannes!

 

Debray errötete leicht und folgte der Richtung des Blickes von Beauchamp.

 

Was wollen Sie! sagte er, es ist eine verschleierte Frau, eine unbekannte Dame, vielleicht die Mutter des Fürsten Cavalcanti; aber mir scheint, Sie wollen uns da eben etwas sehr Interessantes mitteilen, Beauchamp? – Ich?

 

Ja. Sie sprachen von dem seltsamen Tode Valentines.

 

Nun, versetzte Beauchamp, sind Sie nicht neugierig, zu erfahren, warum man so plötzlich in dem Hause von Villefort stirbt?

 

Wahrhaftig! sagte Debray, ich verliere dieses seit drei Monaten von Trauer erfüllte Haus nicht aus dem Auge.

 

Ei! meine Herren, fuhr Beauchamp fort, wenn man in Villeforts Hause so plötzlich stirbt, so kann dies nur sein, weil ein Mörder dort ist.

 

Die beiden jungen Leute bebten, denn es war ihnen mehr als einmal derselbe Gedanke gekommen.

 

Und wer ist dieser Mörder? fragten sie gleichzeitig.

 

Der junge Eduard.

 

Ein schallendes Gelächter der Zuhörer brachte den Redner durchaus nicht aus der Fassung, und er fuhr fort: Ja, meine Herren, der junge Eduard, ein Kind, das man als ein Phänomen zu betrachten hat, denn es bringt bereits alles um.

 

Das ist ein Scherz.

 

Keineswegs; ich habe gestern einen Bedienten angenommen, der bei Villefort ausgetreten ist. Nun, es scheint, das liebe Kind hat sich ein Fläschchen mit einem gewissen Stoff verschafft und bedient sich seiner denen gegenüber, die ihm nicht gefallen. Zuerst war er mit Papa und Mama Saint-Meran unzufrieden und flößte ihnen drei Tropfen von seinem Elixir ein; drei Tropfen genügen. Dann kam der brave Barrois, ein alter Diener, an die Reihe, der bisweilen den liebenswürdigen Jungen hart anließ. Endlich hatte er es auf Valentine abgesehen; diese ließ ihn zwar nicht hart an, aber er war eifersüchtig auf sie; er flößte also auch ihr die drei Tropfen ein, und für sie, wie für die andern, war alles vorbei.

 

Aber zum Teufel, was erzählen Sie uns denn da? sagte Chateau-Renaud.

 

Ja, nicht wahr, ein Märchen aus der andern Welt! entgegnete Beauchamp.

 

Das ist abgeschmackt, sagte Debray.

 

Zum Teufel! entgegnete Beauchamp. Fragen Sie meinen Bedienten; so hieß es im ganzen Hause.

 

Doch das Elixir; wo ist es? Woraus besteht es?

 

Verdammt! Der Knabe versteckt es.

 

Wo hat er es her?

 

Weiß ich es? Sie stellen da Fragen an mich, wie ein Staatsanwalt. Ich wiederhole nur, was man mir gesagt hat; ich nenne Ihnen meine Quelle, mehr kann ich nicht tun. Der arme Teufel von einem Bedienten aß vor Angst nicht mehr.

 

Das ist unglaublich.

 

Nein, mein Lieber, das ist durchaus nicht unglaublich. Sie wissen, wie sich im vorigen Jahre ein Kind in der Rue Richelieu ein Vergnügen daraus machte, seine Brüder und Schwestern umzubringen, indem es ihnen, während sie schliefen, eine Nadel ins Ohr steckte. Die kommende Generation ist sehr frühreif, mein Lieber!

 

Mein Freund, sagte Chateau-Renaud, ich wette, Sie glauben nicht ein Wort von dem, was Sie uns da erzählen? … Doch ich sehe den Grafen von Monte Christo nicht; warum ist er nicht hier?

 

Er ist solcher Szenen überdrüssig, sagte Debray; auch wird er nicht vor der Welt erscheinen wollen, nachdem er sich von diesen Cavalcanti hat betören lassen; sie kamen, wie es scheint, mit falschen Beglaubigungsschreiben zu ihm, und er hat für 500 000 Franken Hypotheken auf das Fürstentum genommen.

 

Ah! Es fällt mir ein, der Graf von Monte Christo kann nicht kommen! sagte Beauchamp.

 

Warum?

 

Weil er bei diesem Drama handelnde Person ist.

 

Hat er auch jemand ermordet? fragte Debray.

 

Nein, man wollte im Gegenteil ihn ermorden. Sie wissen, daß der gute Herr von Caderousse, als er von dem Hause des Grafen wegging, von seinem Freunde Benedetto ermordet worden ist. Sie wissen, daß man bei Monte Christo die berüchtigte Weste gefunden hat, in der sich der Brief fand, durch den die Unterzeichnung des Vertrages gestört wurde. Sehen Sie diese Weste? Dort liegt sie ganz blutig als Beweisstück auf dem Tische.

 

Ah! Sehr gut.

 

Still, meine Herren, der Gerichtshof erscheint; gehen wir an unsere Plätze.

 

Man vernahm ein starkes Geräusch im Gerichtssaale; der Stadtsergeant machte seine beiden Schützlinge durch ein kräftiges Hm! aufmerksam, und der Gerichtsdiener rief, auf der Schwelle des Beratungssaales erscheinend: Meine Herren, der Gerichtshof!

 

Die Anklageschrift.

 

Die Anklageschrift.

 

Die Richter traten unter dem tiefsten Schweigen der Versammelten ein; die Geschworenen ließen sich auf ihren Plätzen nieder; Herr von Villefort, der Gegenstand der allgemeinen Aufmerksamkeit, wir möchten beinahe sagen Bewunderung, setzte sich bedeckt in seinen Lehnstuhl und schaute ruhig umher.

 

Jeder betrachtete mit Erstaunen das ernste, strenge Antlitz, über dessen Unempfindlichkeit die persönlichen Schmerzen keine Gewalt zu haben schienen, und man sah mit einem gewissen Schrecken diesen Mann an, dem die Regungen der Menschlichkeit fremd zu sein schienen.

 

Gendarmen, sagte der Präsident, führt den Angeklagten vor.

 

Bei diesen Worten wurde die Aufmerksamkeit des Publikums lebhafter, und aller Augen waren auf die Tür gerichtet, durch die Benedetto eintreten sollte.

 

Bald öffnete sich diese Tür, und der Angeklagte erschien.

 

Der Eindruck war allgemein der gleiche. Seine Züge trugen nicht das Gepräge jener tiefen Aufregung, die das Blut zum Herzen zurückdrängt und Stirn und Wangen entfärbt. Seine Hände, von denen die eine zierlich den Hut hielt, die andere in der Öffnung seiner Weste von weißem Piqué steckte, wurden von keinem Schauer geschüttelt, sein Auge war ruhig und glänzend. Kaum war er im Saal, als der Blick des jungen Mannes alle Reihen der Richter und der Anwesenden durchlief und nur länger an dem Präsidenten und besonders auf dem Staatsanwalt haften blieb.

 

Neben Andrea setzte sich der von Amtswegen gewählte Anwalt, ein junger Mensch mit blonden Haaren und einem Gesichte, das hundertmal mehr von Aufregung gerötet war, als das des Angeklagten.

 

Der Präsident ordnete die Verlesung der von Villeforts geschickter und unversöhnlicher Feder abgefaßten Anklageschrift an.

 

Während der langdauernden Verlesung war die öffentliche Aufmerksamkeit unablässig auf Andrea gerichtet, der die Wucht der Anklagen mit der Seelenheiterkeit eines Spartaners ertrug.

 

Wohl niemals war Villefort so scharf, so beredt gewesen. Das Verbrechen wurde mit den lebhaftesten Farben geschildert; die früheren Verhältnisse des Angeklagten, die Verkettung seiner Handlungen seid einem ziemlich zarten Alter wurden mit der vollen Kunst dargestellt, welche der Staatsanwalt bei seinem Scharfsinn, seiner Lebenserfahrung und der Kenntnis des menschlichen Herzens zu entfalten vermochte.

 

Andrea schenkte dem allen nicht die geringste Aufmerksamkeit. Herr von Villefort schaute ihn oft prüfend an und setzte an ihm ohne Zweifel die psychologischen Studien fort, die er häufig an den Angeklagten machte.

 

Endlich war die Verlesung vorüber.

 

Angeklagter, sagte der Präsident, Ihr Name und Ihr Vorname?

 

Andrea stand auf und sagte: Verzeihen Sie, Herr Präsident, ich sehe, Sie belieben eine Ordnung der Fragen, in der ich Ihnen nicht folgen kann. Ich werde es mir später zur Aufgabe machen, die Behauptung zu rechtfertigen, daß ich eine Ausnahme von den gewöhnlichen Angeklagten bin. Wollen Sie mir also erlauben, in abweichender Ordnung zu antworten; ich werde darum doch auf alles Antwort geben.

 

Der Präsident schaute erstaunt die Geschworenen an, die ihrerseits den Staatsanwalt anblickten. Offenbar war die ganze Versammlung von Verwunderung ergriffen, nur Andrea schien völlig gleichmütig zu sein.

 

Ihr Alter? fragte der Präsident; werden Sie diese Frage beantworten?

 

Ich bin einundzwanzig Jahre alt, oder vielmehr ich werde es erst in einigen Tagen, denn ich bin in der Nacht vom 27. auf den 28. September im Jahre 1817 geboren.

 

Herr von Villefort, der eben damit beschäftigt war, sich eine Notiz zu machen, hob bei diesem Datum rasch den Kopf empor.

 

Wo sind Sie geboren? fragte der Präsident.

 

In Auteuil, bei Paris, antwortete Benedetto.

 

Herr von Villefort hob den Kopf abermals empor, schaute Benedetto an, als ob er das Haupt der Meduse erblickt hätte, und wurde leichenblaß.

 

Benedetto aber fuhr anmutig über seine Lippen mit den gestickten Zipfeln seines feinen Battisttaschentuches. Ihre Beschäftigung? fragte der Präsident.

 

Anfangs war ich Fälscher, erwiderte Andrea auf das allerruhigste, dann wurde ich Dieb, und in der jüngsten Zeit habe ich mich zum Mörder gemacht.

 

Ein Gemurmel oder vielmehr ein Sturm der Entrüstung brach in allen Teilen des Saales los; die Richter selbst schauten ihn erstaunt an und zeigten den größten Abscheu vor solcher unerhörten Schamlosigkeit.

 

Herr von Villefort drückte eine Hand auf seine Stirn, die, anfangs bleich, dann plötzlich unheimlich rot geworden war; es fehlte ihm an Luft.

 

Suchen Sie etwas, Herr Staatsanwalt? fragte Benedetto mit seinem höflichsten Lächeln.

 

Herr von Villefort antwortete nicht, sondern setzte sich oder sank vielmehr auf seinen Stuhl zurück.

 

Und nun, Angeklagter, wollen Sie nach dieser rohen Prahlerei mit Ihren Verbrechen Ihren Namen sagen? fragte der Präsident.

 

Ich bin nicht im stande, Ihnen meinen Namen zu nennen, denn ich weiß ihn nicht; doch ich weiß den meines Vaters, und den kann ich Ihnen sagen.

 

Ein schmerzhafter Schwindel blendete Villefort und ließ von seinen Wangen rasch, hintereinander schwere Schweißtropfen auf das Papier fallen, das er mit krampfhafter Hand schüttelte.

 

So sagen Sie den Namen Ihres Vaters, sprach der Präsident.

 

Kein Hauch, kein Atemzug ließ sich bei dem tiefen Schweigen der großen Versammlung hören; mit äußerster Spannung warteten alle.

 

Mein Vater ist Staatsanwalt, antwortete ruhig Andrea.

 

Staatsanwalt! rief der Präsident bestürzt und ohne die Verstörung in den Gesichtszügen des Herrn von Villefort zu bemerken; Staatsanwalt?

 

Ja, und da Sie seinen Namen wissen wollen, so will ich ihn nennen; er heißt Villefort.

 

Der so lange aus Achtung vor der Würde des Gerichtshofes zurückgehaltene Ausbruch erfolgte jetzt wie ein Donner aus der Brust aller Anwesenden; der Vorsitzende selbst dachte nicht daran, diese Bewegung der Menge zu unterdrücken. Die an Benedetto gerichteten Vorwürfe und Schmähungen, die kräftigen Gebärden, die Bewegungen der Gendarmen, das Hohngelächter jenes schmutzigen Teiles der Zuhörerschaft, der sich bei jeder Versammlung in Augenblicken der Unruhe und des Skandals bemerkbar macht, dies alles dauerte fünf Minuten, bis die Gerichtsdiener das Stillschweigen wiederherzustellen vermochten.

 

Mitten unter diesem Lärm hörte man den Präsidenten rufen: Sie spotten des Gerichtes, Angeklagter; sollten Sie es wagen, Ihren Mitbürgern das Schauspiel einer Verdorbenheit zu geben, die selbst in unserer lasterhaften Zeit nicht ihresgleichen hätte?

 

Zehn Personen drängten sich um den auf seinem Stuhle wie niedergeschmettert dasitzenden Staatsanwalt und suchten ihm auf jede Weise Trost und Ermutigung zu bieten und ihm ihr Mitgefühl zu beteuern.

 

Die Ruhe war im Saale wiederhergestellt, mit Ausnahme eines Punktes, wo eine Gruppe sich um eine Frau bemühte, die, wie man sagte, in Ohnmacht gefallen war; man ließ sie an Salzen riechen, und sie war wieder zu sich gekommen.

 

Andrea wandte während dieses ganzen Tumultes sein lächelndes Gesicht der Versammlung zu, dann stützte er sich mit der anmutigsten Haltung auf die eichene Lehne seiner Bank und sprach: Meine Herren, Gott bewahre mich, daß ich den Gerichtshof zu beleidigen und in Gegenwart dieser ehrenwerten Versammlung einen unnützen Skandal zu machen suche. Man fragt mich, wie alt ich sei, ich sage es; man fragt mich, wo ich geboren sei, ich antworte; man fragt mich nach meinem Namen, ich kann ihn nicht nennen, weil meine Eltern mich verlassen haben. Doch ohne meinen Namen zu nennen, da ich keinen habe, kann ich den meines Vaters nennen; ich wiederhole also, mein Vater ist Herr von Villefort, und ich bin bereit, es zu beweisen.

 

Der Ton des jungen Mannes hatte das Gepräge der Gewißheit und Überzeugung, wodurch der Aufruhr zum Stillschweigen gebracht wurde. Die Blicke richteten sich allgemein auf den Staatsanwalt, der auf seinem Sitze unbeweglich saß, wie ein Mensch, den der Blitz in eine Leiche verwandelt hat.

 

Meine Herren, fuhr Andrea, durch Gebärde und Stimme Stillschweigen heischend, fort, meine Herren, ich bin Ihnen den Beweis für meine Erklärung schuldig.

 

Aber Sie haben bei der Untersuchung erklärt, Sie hießen Benedetto, rief heftig der Präsident, Sie haben gesagt, Sie seien eine Waise, und Sie nannten Korsika als Ihr Vaterland.

 

Ich habe bei der Untersuchung gesagt, was mir gut schien, und habe mir die Wahrheit für diese feierliche Gelegenheit vorbehalten. Ich wiederhole Ihnen, daß ich in Auteuil in der Nacht vom 27. auf den 28. September des Jahres 1817 geboren wurde und der Sohn des Herrn Staatsanwalts von Villefort bin. Wollen Sie nun die Einzelheiten wissen? Ich werde sie Ihnen sagen: Ich wurde geboren im ersten Stocke des Hauses Nro. 30, Rue de la Fontaine, in einem mit rotem Damast austapezierten Zimmer. Mein Vater sagte meiner Mutter, ich sei tot, nahm mich in seine Arme, wickelte mich in eine mit einem H. und mit 15 gezeichnete Serviette, und trug mich in den Garten, wo er mich lebendig begrub.

 

Ein Schauer durchlief alle Anwesenden, als sie sahen, daß die Sicherheit des Angeklagten wie der Schrecken des Herrn von Villefort zugleich wuchsen.

 

Doch woher wissen Sie diese einzelnen Umstände? fragte der Präsident.

 

Ich will es Ihnen sagen, Herr Präsident. In den Garten, wo mich mein Vater begraben, hatte sich in dieser Nacht ein Mensch geschlichen, der ihn aus den Tod haßte und seit langer Zeit auf ihn lauerte, um eine korsische Rache an ihm zu nehmen. Dieser Mensch war in einem Gesträuch verborgen; er sah meinen Vater ein Kistchen in die Erde vergraben und brachte ihm mitten in seiner Arbeit einen Messerstich bei; im Glauben, das Kistchen enthalte einen Schatz, öffnete er das Grab und fand mich noch am Leben. Dieser Mann trug mich in das Hospital der Findelkinder, wo ich unter Nummer 37 eingeschrieben wurde. Drei Monate nachher machte seine Schwägerin die Reise von Rogliano nach Paris, um mich zu holen, forderte mich als ihren Sohn zurück und brachte mich nach Hause. Deshalb bin ich, obgleich in Auteuil geboren, doch in Korsika erzogen wurden.

 

Es herrschte einen Augenblick ein so tiefes Schweigen, das; man den Saal hätte für leer halten sollen.

 

Fahren Sie fort! sprach die Stimme des Präsidenten.

 

Ich konnte allerdings glücklich sein bei den braven Leuten, die mich anbeteten; aber meine verkehrte Natur trug den Sieg über alle Tugenden davon, die meine Adoptivmutter in mein Herz zu pflanzen suchte. Ich wuchs im Schlechten und gelangte zum Verbrechen. Eines Tages, als ich Gott verfluchte, daß er mich so böse gemacht und mir ein so abscheuliches Geschick gegeben, kam mein Adoptivvater zu mir und sagte: Lästere nicht, Unglücklicher! Denn Gott hat dir das Tageslicht ohne Zorn verliehen, das Verbrechen kommt von deinem Vater. Von da an hörte ich auf, Gott zu lästern, aber ich verfluchte meinen Vater; und darum ließ ich hier die Worte vernehmen, die Sie mir vorgeworfen, Herr Präsident; darum habe ich den Skandal veranlaßt, über den diese Versammlung noch voll Entrüstung bebt. Ist dies ein Verbrechen mehr, so bestrafen Sie mich, habe ich Sie jedoch überzeugt, daß von meiner Geburt an mein Schicksal ein unseliges, schmerzliches, bitteres war, so beklagen Sie mich!

 

Doch Ihre Mutter? fragte der Präsident.

 

Meine Mutter hielt mich für tot; meine Mutter ist nicht schuldig. Ich wollte ihren Namen nicht wissen und kenne ihn nicht.

 

In diesem Augenblick ertönte ein schriller Schrei, der in einem Schluchzen endigte, mitten aus einer Gruppe, die, wie gesagt, eine Frau umgab. Diese Frau hatte einen heftigen Anfall und wurde aus dem Gerichtssaale weggetragen; während man sie forttrug, verschob sich der dicke Schleier, der ihr Gesicht verbarg, und man erkannte Frau Danglars.

 

Trotz des Druckes, der auf seinen geschwächten Sinnen lastete, trotz des Brausens, das sein Ohr erfüllte, trotz des Wahnsinns, der sein Gehirn durchtobte, erkannte sie Herr von Villefort ebenfalls und stand auf.

 

Die Beweise! Die Beweise! sagte der Präsident, Angeklagter, erinnern Sie sich, daß dieses Gewebe von Greueltaten, um Glauben zu finden, durch die untrüglichsten Beweise unterstützt werden muß.

 

Die Beweise? versetzte Benedetto lachend, die Beweise wollen Sie haben? Wohl! Schauen Sie Herrn von Villefort an, und verlangen Sie noch einmal Beweise.

 

Alle wandten sich dem Staatsanwalt zu, der unter dem Gewichte von tausend auf ihn gehefteten Blicken, wankend, die Haare in Unordnung, das Gesicht hochrot, vor den Präsidenten trat.

 

Die ganze Versammlung ließ ein anhaltendes Gemurmel des Erstaunens vernehmen.

 

Man verlangt Beweise von mir, mein Vater, sagte Benedetto; soll ich sie geben?

 

Nein, nein, stammelte Herr von Villefort mit gepreßter Stimme, nein, es ist unnötig.

 

Wie, unnötig? rief der Präsident, was wollen Sie damit sagen?

 

 

Ich will damit sagen, entgegnete der Staatsanwalt, daß ich mich vergebens unter dem tödlichen Drucke, der mich niederwirft, zerarbeiten würde. Meine Herren, ich erkenne es, ich bin in der Hand des rächenden Gottes. Keine Beweise! Es bedarf deren nicht: Alles, was dieser junge Mensch gesagt hat, ist wahr.

 

Ein düsteres, drückendes Schweigen, wie das, welches den Katastrophen der Natur vorhergeht, hüllte alle Anwesenden in seinen bleiernen Mantel.

 

Wie, Herr von Villefort, rief der Präsident. Hat Sie ein Anfall von Irrsinn gepackt? Sind Sie Herr Ihrer geistigen Fähigkeiten? Es wäre kein Wunder, wenn eine so seltsame, so unvorhergesehene, so furchtbare Anklage Ihren Geist gestört hätte! Auf, Herr von Villefort, beruhigen Sie sich!

 

Der Staatsanwalt schüttelte den Kopf. Seine Zähne schlugen heftig aneinander, wie die eines Menschen, der vom Fieber verzehrt wird, und dennoch war er bleich wie der Tod.

 

Ich bin ganz und gar bei Sinnen, sagte er; der Körper allein leidet, und das läßt sich begreifen. Ich erkenne mich schuldig alles dessen, was dieser junge Mensch gegen mich vorgebracht hat, und halte mich von dieser Stunde an in meinem Hause zur Verfügung des Herrn Staatsanwalts, meines Nachfolgers.

 

Nachdem er diese Worte mit dumpfer, fast erstickter Stimme gesprochen hatte, ging Herr von Villefort wankend auf die Tür zu, die ihm der Gerichtsdiener mechanisch öffnete.

 

Die ganze Versammlung blieb stumm unter dem Eindruck dieser Erklärung und des Geständnisses, wodurch die rätselhaften Erscheinungen, die seit vierzehn Tagen die hohe Pariser Gesellschaft erregten, eine so furchtbare Entwicklung nahmen.

 

Man sage noch einmal, das Drama liege nicht im Leben! sprach Beauchamp.

 

Meiner Treu, versetzte Chateau-Renaud, ich würde noch lieber wie Herr von Morcerf endigen; ein Pistolenschuß erscheint sanft gegen eine solche Katastrophe.

 

Und dann tötet er auch, bemerkte Beauchamp.

 

Und ich dachte eine Zeitlang daran, seine Tochter zu heiraten! sagte Debray. Das arme Kind hat wohl daran getan, daß es gestorben ist.

 

Die Sitzung ist aufgehoben, meine Herren, und die Sache auf die nächste Session verschoben, sagte der Präsident. Der Prozeß muß aufs neue eingeleitet und einem anderen Beamten anvertraut werden.

 

Andrea verließ den Saal, stets gleich ruhig und noch viel interessanter als zuvor, geleitet von Gendarmen, die ihm unwillkürlich eine gewisse Achtung zollten.

 

Nun, was denken Sie davon, mein braver Mann? fragte Debray den Stadtsergeanten, indem er ihm einen Louisd’or in die Hand drückte.

 

Man wird ihm mildernde Umstände zubilligen! antwortete dieser.

 

Die Sühne.

 

Die Sühne.

 

Es wäre schwierig, den Zustand der Betäubung zu beschreiben, in dem sich Herr von Villefort befand, als er den Palast verließ, das Fieber zu schildern, das jede Arterie schlagen, jede Faser seines Leibes erstarren ließ und jede Vene zum Zerspringen anschwellte. Er schleppte sich mühsam die Gänge entlang; er warf die Toga des Beamten von seinen Schultern, weil sie für ihn jetzt eine niederdrückende Last geworden war. Er kam wankend bis zur Cour Dauphine, erblickte seinen Wagen, öffnete selbst den Schlag und sank, mit dem Finger die Richtung des Faubourg Saint-Honoré andeutend, auf die Kissen.

 

Das ganze Gewicht seines zusammengestürzten Glückes war auf sein Haupt gefallen; dieses Gewicht drückte ihn nieder, ohne daß er genau die Folgen davon kannte; er hatte diese nicht ermessen, er fühlte sie nur.

 

Gott! murmelte er, ohne nur zu wissen, was er sagte.

 

Der Wagen rollte rasch fort; heftig sich auf den Kissen hin und her bewegend, fühlte Villefort einen Gegenstand, der ihn belästigte, es war ein Fächer, den Frau von Villefort zwischen den Kissen des Wagens hatte liegen lassen; dieser Fächer erweckte eine Erinnerung, und diese Erinnerung war wie ein Blitz mitten in der Nacht.

 

Villefort dachte an seine Frau.

 

Oh! oh! rief er, als ob ein glühendes Eisen sein Herz durchdränge.

 

Seit einer Stunde hatte er in der Tat nur eine Seite seines Unglücks vor Augen, und nun bot sich seinem Geiste plötzlich eine andere, nicht minder furchtbare.

 

Diese Frau! Er war gegen sie kurz zuvor als unerbittlicher Richter verfahren, er hatte sie zum Tode verurteilt. Und vom Schrecken ergriffen, von Gewissensbissen niedergeschmettert, in den Abgrund der Schande gestürzt, den er durch die Beredsamkeit seiner vorwurfsfreien Tugend vor ihr geöffnet hatte, schwach und wehrlos gegen seine unumschränkte oberste Gewalt, schickte sich die arme Frau in diesem Augenblick vielleicht an, zu sterben!

 

Eine Stunde war seit ihrer Verurteilung abgelaufen. Ohne Zweifel stellte sie sich in dieser Minute in ihrem Gedächtnis alle ihre Verbrechen vor, bat Gott um Gnade und schrieb einen Brief, um auf den Knien die Verzeihung ihres tugendhaften Gatten anzuflehen, eine Verzeihung, die sie mit ihrem Tode erkaufte.

 

Villefort stieß ein zweites Gebrüll des Schmerzes und der Wut aus.

 

Ah! rief er, sich auf dem Atlaskissen seiner Karosse wälzend, diese Frau ist nur Verbrecherin geworden, weil sie mich berührt hat. Ich schwitze das Verbrechen aus, und sie ist davon angesteckt, wie man vom Typhus, von der Cholera, der Pest angesteckt wird, und ich bestrafe sie! Oh! nein! nein! sie wird leben … sie wird mir folgen … Wir fliehen, verlassen Frankreich und wandern fort und fort, solange uns die Erde trägt. Ich sprach zu ihr vom Schafott! … Großer Gott! Wie konnte ich es wagen, dieses Wort auszusprechen! Auch mich erwartet das Schafott … Wir werden fliehen … Ja, ich will ihr beichten; ja, jeden Tag will ich mich demütigen, ihr sagen, daß ich auch ein Verbrechen begangen habe. Oh! Herrliche Verbindung des Tigers und der Schlange! Oh! Würdige Frau eines Mannes, wie ich bin! Sie soll leben, meine Schande soll die ihrige noch überstrahlen und sie verschwinden lassen.

 

Villefort stieß heftig das Vorderfenster seines Coupés herab und rief mit einer Stimme, die den Kutscher von seinem Sitze auffahren ließ: Vorwärts! Geschwinder! Geschwinder!

 

Von Furcht getrieben, flogen die Pferde bis an sein Haus.

 

Ja, ja, wiederholte sich Villefort, während er sich seiner Wohnung näherte, ja, diese Frau soll leben, sie soll bereuen und meinen Sohn erziehen, mein armes Kind, das einzige Wesen meiner Familie, das außer dem unzerstörbaren Greise der Vernichtung entgangen ist. Sie liebte den Knaben; für ihn hat sie alles getan. Man darf nie an dem Herzen einer Mutter verzweifeln, die ihr Kind liebt; sie wird bereuen, und niemand wird erfahren, daß sie schuldig war. Die in meinem Hause verübten Verbrechen werden mit der Zeit vergessen; oder erinnern sich ihrer einige Feinde, so nehme ich sie auf das Register meiner Frevel. Meine Frau wird leben, sie wird noch glücklich sein, weil sich ihre ganze Liebe in ihrem Sohne zusammendrängt und ihr Sohn sie nicht verlaßt. Ich werde eine gute Handlung verrichtet haben, und das erleichtert das Herz.

 

Und der Staatsanwalt atmete freier, als er es seit langen Minuten getan. Der Wagen hielt im Hofe des Hotels an.

 

Villefort stürzte von dem Fußtritt auf die Freitreppe; er sah, wie die Diener darüber staunten, daß er so schnell zurückkam. Er las nichts anderes auf ihrem Antlitz; keiner richtete das Wort an ihn; man blieb vor ihm stehen, wie gewöhnlich, um ihn vorbeigehen zu lassen – mehr nicht.

 

Er kam an Noirtiers Zimmer vorüber und erblickte durch die halb offene Türe etwas wie zwei Schatten; doch ihn kümmerte es nicht, wer bei seinem Vater war; seine Unruhe trieb ihn vorwärts.

 

Gut, sagte er, die kleine Treppe hinaufsteigend, die zu dem Vorplatze führte, auf den die Wohnung seiner Frau und Valentines Zimmer mündeten, gut, es hat sich hier nichts geändert.

 

Er schloß vor allem die Tür des Vorplatzes.

 

Niemand darf uns stören, sagte er; ich muß frei mit ihr sprechen, mich vor ihr anklagen, ihr alles mitteilen können.

 

Er näherte sich der Tür, legte die Hand auf den kristallenen Knopf, die Tür gab nach.

 

Nicht geschlossen! Oh! Gut, sehr gut! murmelte er und umfaßte mit einem Blicke den ganzen Salon. Niemand, sagte er; ohne Zweifel ist sie in ihrem Schlafzimmer.

 

Er eilte nach der Tür. Hier war der Riegel vorgeschoben. Schauernd blieb er stehen und rief: Heloise!

 

Es kam ihm vor, als verrücke man einen Schrank.

 

Heloise! wiederholte er.

 

Wer ist da? fragte die Stimme der Gerufenen.

 

Er glaubte, diese Stimme sei schwächer als gewöhnlich.

 

Öffnen Sie, öffnen Sie, rief Villefort, ich bin es.

 

Doch trotz dieses Befehles, trotz des ängstlichen Tones, mit dem er gegeben wurde, öffnete man nicht.

 

Villefort stieß die Tür mit einem Fußtritte ein.

 

Am Eingang des Zimmers, das in ihr Boudoir ging, stand Frau von Villefort, bleich, mit verzogenem Gesicht und schaute ihn mit furchtbar starren Augen an.

 

Heloise! rief er, was haben Sie, sprechen Sie!

 

Die junge Frau streckte ihre starre, leichenblasse Hand gegen ihn aus.

 

Es ist geschehen, mein Herr, sagte sie mit einem Röcheln, das ihren Schlund zu zerreißen schien: Was wollen Sie noch mehr von mir?

 

Und sie stürzte plötzlich zu Boden.

 

Villefort lief auf sie zu und faßte sie bei der Hand, in der sie krampfhaft ein kristallenes Fläschchen hielt.

 

Frau von Villefort war tot.

 

Außer sich vor Schrecken wich Villefort bis auf die Schwelle des Zimmers zurück und schaute die Leiche an.

 

Mein Sohn! rief er plötzlich, wo ist mein Sohn? Eduard! Eduard!

 

Er stürzte aus dem Zimmer und schrie nach Eduard mit einem solchen Tone der Angst, daß die Bedienten herbeiliefen.

 

Mein Sohn! Wo ist mein Sohn? fragte Villefort, man entferne ihn von dem Hause, er soll nicht sehen …

 

Herr Eduard ist nicht unten, antwortete der Kammerdiener.

 

Er spielt ohne Zweifel im Garten; seht nach! seht nach!

 

Nein, Herr Staatsanwalt, die gnädige Frau hat ihren Sohn vor ungefähr einer halben Stunde gerufen; Herr Eduard ist zu ihr hineingegangen und seitdem nicht mehr herausgekommen.

 

Ein eiskalter Schweiß überströmte Villeforts Stirn; seine Beine strauchelten, seine Gedanken fingen an, sich wie das in Unordnung gebrachte Räderwerk einer zerbrochenen Uhr in seinem Kopfe zu drehen.

 

Zu ihr! murmelte er, zu ihr! Und er kehrte langsam um und wischte sich mit einer Hand den Schweiß ab, während er sich mit der andern an die Wand stützte.

 

In das Zimmer zurückkehrend, mußte er abermals den Leichnam der unglücklichen Frau sehen.

 

Villefort fühlte seine Zunge im Schlunde gelähmt.

 

Eduard! Eduard! stammelte er.

 

Das Kind antwortete nicht; wo mochte das Kind sein, das nach Aussage der Diener zu seiner Mutter hineingegangen und nicht wieder herausgekommen war?

 

Villefort machte einen Schritt vorwärts.

 

Der Leichnam der Frau von Villefort lag quer vor der Tür des Boudoirs, in dem sich Eduard befinden mußte; dieser Leichnam schien mit starren, offenen Augen, mit einer gräßlichen, geheimnisvollen Ironie auf den Lippen an der Schwelle zu wachen.

 

Hinter dem Leichnam ließ der halbaufgehobene Türvorhang einen Teil des Boudoirs, ein Klavier und das Ende eines Diwans von blauem Atlas bemerken.

 

Villefort machte ein paar Schritte vorwärts und sah auf dem Sofa sein Kind liegen. Es schlief ohne Zweifel.

 

Er nahm das Kind in seine Arme, preßte es, schüttelte es, rief es; das Kind antwortete nicht. Er drückte seine gierigen Lippen auf seine Wangen; diese Wangen waren bleich und eisig; er rieb seine starren Glieder, er legte seine Hand auf sein Herz, – das Herz schlug nicht mehr. Das Kind war tot. Ein viereckiges zusammengelegtes Papier fiel aus Eduards Brust. Wie vom Blitze getroffen, sank Villefort auf seine Knie; das Kind entschlüpfte seinen schlaffen Armen und rollte an die Seite seiner Mutter.

 

Villefort hob das Papier auf, erkannte die Schrift seiner Frau und durchlief es gierig. Es enthielt folgende Worte: Sie wissen, ob ich eine gute Mutter war, da ich mich für meinen Sohn zur Verbrecherin gemacht habe. Eine gute Mutter reist nicht ohne ihren Sohn!

 

Villefort wollte seinen Augen nicht trauen, seiner Vernunft nicht glauben; er schleppte sich zu Eduards Körper, untersuchte ihn noch einmal mit ängstlicher Aufmerksamkeit, und ein herzzerreißender Schrei drang aus seiner Brust hervor.

 

Gott! murmelte er beständig, Gott!

 

Die beiden Opfer flößten ihm Entsetzen ein; er fühlte, wie sich der Schauer der die zwei Leichname bergenden Einsamkeit seiner bemächtigte. Er beugte sein Haupt unter dem Gewichte der Schmerzen, er erhob sich auf seine Knie, schüttelte seine von Schweiß feuchten, vor Schrecken emporgesträubten Haare, – und er, der nie Mitleid mit jemand gehabt hatte, suchte den Greis, seinen Vater, auf, um irgend jemand zu haben, dem er sein Unglück erzählen, bei dem er weinen könnte.

 

Noirtier schien aufmerksam, freundlich auf den wie gewöhnlich ruhigen und kalten Abbé Busoni zu hören.

 

Als Villefort den Abbé erblickte, fuhr er mit der Hand nach seiner Stirn. Die Vergangenheit kehrte zu ihm zurück; er erinnerte sich des Besuches, den er dem Abbé zwei Tage nach dem Mittagsmahle in Auteuil gemacht, und des Besuches, den ihm der Abbé am Todestage von Valentine abgestattet hatte.

 

Sie hier, mein Herr! sagte er; Sie erscheinen also immer nur in diesem Hause, um den Tod zu geleiten?

 

Busoni richtete sich auf. Als er die verstörten Gesichtszüge des Beamten, den wilden Glanz seiner Augen wahrnahm, begriff er, oder glaubte er zu begreifen, daß die Szene vor dem Schwurgericht sich abgespielt hatte; das übrige wußte er nicht.

 

Ich bin damals gekommen, um bei dem Leichnam Ihrer Tochter zu beten, antwortete Busoni.

 

Und warum kommen Sie heute hierher?

 

Ich komme, um Ihnen zu sagen, daß Sie Ihre Schuld hinreichend bezahlt haben, und daß ich von diesem Augenblicke an Gott bitten werde, er möge zufrieden sein, wie ich.

 

Mein Gott! rief Villefort erschreckt zurückweichend, diese Stimme ist nicht die des Abbés Busoni!

 

Nein.

 

Der Abbé riß seine falsche Tonsur ab, schüttelte den Kopf, und seine langen, schwarzen Haare fielen, vom Zwange befreit, auf seine Schultern herab und umrahmten sein männliches Antlitz.

 

Es ist das Gesicht des Herrn von Monte Christo, rief Villefort mit stieren Augen.

 

Auch das ist es nicht, Herr Staatsanwalt, suchen Sie besser und ferner.

 

Diese Stimme! Diese Stimme! Wo habe ich sie zum ersten Male gehört?

 

Sie haben sie zum ersten Male in Marseille gehört vor einundzwanzig Jahren, am Tage Ihrer Verlobung mit Fräulein von Saint-Meran. Suchen Sie in Ihren Akten!

 

Sie sind nicht Busoni? Sie sind nicht Monte Christo? Mein Gott, Sie sind jener verborgene Todfeind! Ich habe in Marseille etwas gegen Sie getan, oh! wehe mir!

 

Ja, du hast recht, sagte der Graf, die Arme über seiner breiten Brust kreuzend; suche! suche!

 

Aber was habe ich dir denn getan? rief Villefort, dessen Geist bereits auf der Grenze schwebte, wo sich Vernunft und Unvernunft vermengen und der Wahnsinn droht, was habe ich dir getan? Sage! Sprich!

 

Sie haben mich zu einem langsamen, gräßlichen Tode verurteilt, Sie haben meinen Vater getötet, Sie haben mir mit der Freiheit die Liebe und mit der Liebe das Glück geraubt!

 

Wer sind Sie? Mein Gott! Wer sind Sie denn?

 

Ich bin das Gespenst eines Unglücklichen, den Sie in dein Kerker des Schlosses If begraben haben. Diesem aus seinem Grabe hervorgegangenen Gespenst hat Gott die Maske des Grafen von Monte Christo gegeben, er hat es mit Diamanten und Gold bedeckt, damit Sie es erst heute erkennen sollen.

 

Ah! Ich erkenne dich, ich erkenne dich! sprach der Staatsanwalt; du bist …

 

Ich bin Edmond Dantes!

 

Du bist Edmond Dantes! rief der Staatsanwalt, den Grafen beim Handgelenke fassend, so komm.

 

Und er zog ihn nach der Treppe, zu der ihm Monte Christo, ohne zu wissen, wohin ihn der Staatsanwalt führte, aber eine neue Katastrophe ahnend, folgte.

 

Sieh, Edmond Dantes, sagte er, dem Grafen den Leichnam seiner Frau und den Körper seines Sohnes zeigend; sieh hier! Bist du gerächt?

 

Monte Christo erbleichte bei diesem furchtbaren Schauspiel; er begriff, daß er die Rechte der Rache überschritten hatte; er begriff, daß er nicht mehr sagen konnte: Gott ist für mich und mit mir.

 

Er warf sich mit einer Empfindung unaussprechlicher Angst auf den Körper des Kindes, öffnete seine Augen, befühlte seinen Puls und stürzte mit ihm in Valentines Zimmer, das er doppelt schloß.

 

Mein Kind, rief Villefort, er trägt den Leichnam meines Kindes fort! Oh! Fluch! Unglück! Tod über dich!

 

Und er wollte Monte Christo nachstürzen; aber er fühlte, daß seine Füße wie in einem Traume Wurzel faßten, seine Augen erweiterten sich, als wollten sie ihre Höhlen sprengen. Die Adern seiner Schläfen schwollen an.

 

Diese Starrheit dauerte mehrere Minuten, bis die gräßliche Umwälzung der Vernunft vollbracht war. Dann stieß er einen Schrei aus, schlug ein langes Gelächter an und stürzte nach der Treppe.

 

Eine Viertelstunde nachher öffnete sich das Zimmer Valentines wieder, und der Graf von Monte Christo erschien auf der Schwelle. Er war bleich, sein Auge finster, seine Brust gepreßt. Alle Züge des sonst so ruhigen Gesichtes waren vom Schmerz verstört.

 

Er hielt in seinen Armen das Kind, dem keine Hilfe das Leben hatte zurückgeben können.

 

Der Graf setzte ein Knie auf die Erde und legte den Knaben mit frommer Gebärde neben seiner Mutter so nieder, daß sein Kopf auf ihrer Brust ruhte.

 

Dann stand er auf, ging hinaus und fragte einen Bedienten: Wo ist Herr von Villefort?

 

Der Bediente streckte, ohne zu antworten, die Hand nach dem Garten aus. Monte Christo stieg die Treppe hinab, schritt auf den bezeichneten Ort zu und sah mitten unter seinen Dienern Villefort, der, einen Spaten in der Hand, die Erde mit einer Art von Wut durchwühlte und vor sich hinmurmelte: Es ist noch nicht hier, es ist noch nicht hier!

 

Monte Christo näherte sich ihm und sprach ganz leise, mit beinahe demütigem Tone: Mein Herr, Sie haben einen Sohn verloren; doch …

 

Villefort unterbrach ihn; er hatte weder gehört noch gesehen. Oh! Ich werde ihn wiederfinden, sagte er; Sie mögen immerhin behaupten, er sei nicht da, ich werde ihn wiederfinden, und müßte ich bis zum Tage des jüngsten Gerichtes suchen.

 

Monte Christo wich voll Schrecken zurück. Ha! er ist wahnsinnig, murmelte er. Und als hätte er befürchtet, die Mauern des verfluchten Hauses könnten über ihm einstürzen, lief er auf die Straße, zum ersten Male zweifelnd, ob er das Recht gehabt, zu tun, was er getan.

 

 

Oh! Genug, genug damit, sagte er, retten wir den letzten!

 

Monte Christo kam nach Hanse und traf Morel, der in dem Hotel der Champs-Elysses umherirrte, schweigsam wie ein Schatten, der den von Gott bestimmten Augenblick, um in sein Grab zurückzukehren, erwartet.

 

Treffen Sie Ihre Vorkehrungen, Maximilian, sagte er, freundlich lächelnd, zu ihm, wir verlassen morgen Paris.

 

Haben Sie nichts mehr hier zu tun? fragte Morel.

 

Nein, antwortete Monte Christo, und Gott wolle, daß ich nicht zu viel getan habe.

 

Am andern Tage reisten sie wirklich, nur von Baptistin begleitet, ab. Haydee hatte Ali mitgenommen, Bertuccio blieb bei Noirtier.