Die Nacht

 

Die Nacht

 

Fünf Minuten nach Schluß der Oper war der Graf zu Hause und rief Ali, von dem er sich seine Pistolen bringen ließ, dann prüfte er die Waffen mit einer für einen Mann, der sein Leben ein wenig Pulver und Blei anvertraut, sehr natürlichen Sorgfalt.

 

Er war eben im Begriff, die Waffe in die Hand zu nehmen und sich den Zielpunkt auf einem kleinen Plättchen von Eisenblech, das ihm als Scheibe diente, zu wählen, als die Tür seines Kabinetts sich öffnete und Baptistin eintrat.

 

Doch ehe dieser ein Wort gesprochen hatte, erblickte der Graf durch die offengebliebene Tür eine verschleierte Frau, die Baptistin gefolgt war und im Halbschatten des anstoßenden Zimmers stand.

 

Sie gewahrte den Grafen, eine Pistole in der Hand, sie sah zwei Degen auf dem Tische und stürzte herein.

 

Baptistin befragte seinen Herrn mit dem Blicke. Der Graf machte ein Zeichen, Baptistin entfernte sich und schloß die Tür hinter sich.

 

Wer sind Sie, gnädige Frau? fragte der Graf.

 

Die Unbekannte schaute umher, um sich zu versichern, daß sie allein war, verneigte sich, als wollte sie niederknien, faltete die Hände und rief mit einem Tone der Verzweiflung: Edmond! Sie werden meinen Sohn nicht töten!

 

Der Graf machte einen Schritt rückwärts, stieß einen schwachen Schrei aus, ließ seine Waffe fallen und erwiderte: Welchen Namen haben Sie da ausgesprochen, Frau von Morcerf?

 

Den Ihrigen, rief sie, ihren Schleier zurückschlagend, den ich allein nicht vergessen habe. Edmond, nicht Frau von Morcerf kommt zu Ihnen, sondern Mercedes.

 

Mercedes ist tot, gnädige Frau, sagte Monte Christo, und ich kenne niemand dieses Namens mehr.

 

Mercedes lebt, mein Herr, und Mercedes erinnert sich, denn sie allein hat Sie erkannt, als sie Ihr Antlitz erblickte, und sogar ohne Sie zu sehen, Edmond, schon am Tone Ihrer Stimme, und seit dieser Zeit folgt sie Ihnen Schritt für Schritt, sie überwacht Sie, sie fürchtet Sie, und sie hatte nicht nötig, die Hand zu suchen, von der der Schlag ausging, der Herrn von Morcerf niederwarf.

 

Fernand wollen Sie sagen, versetzte Monte Christo mit bitterer Ironie; da wir uns der Namen wieder erinnern, so wollen wir diesen nicht vergessen.

 

Monte Christo sprach den Namen Fernand mit einem solchen Tone des Hasses aus, daß Mercedes fühlte, wie ein Schauer des Schreckens ihren Leib durchlief.

 

Sehen Sie, Edmond, daß ich mich nicht getäuscht habe, rief sie, und daß ich recht hatte, Ihnen zu sagen: Schonen Sie meinen Sohn!

 

Und wer sagt Ihnen, daß ich gegen Ihren Sohn aufgebracht bin?

 

Mein Gott! niemand; aber eine Mutter ist mit dem doppelten Gesichte begabt. Ich habe alles erraten, ich bin ihm in die Oper gefolgt und habe, in einer Loge verborgen, alles gesehen.

 

Wenn Sie alles gesehen haben, so haben Sie auch gesehen, daß mich Fernands Sohn öffentlich beleidigte, sagte Monte Christo mit furchtbarer Ruhe.

 

Hören Sie. Mein Sohn hat Sie auch erraten; er schreibt Ihnen die Unglücksfälle zu, die seinen Vater treffen.

 

Gnädige Frau, Sie verwechseln die Sache; es sind nicht Unglücksfälle, es ist eine Strafe. Nicht ich bin es, der Herrn von Morcerf schlägt, es ist die Vorsehung, die ihn bestraft.

 

Und warum treten Sie an die Stelle der Vorsehung? rief Mercedes. Warum erinnern Sie sich, wenn sie vergißt? Was ist Ihnen, Edmond, an Janina und seinem Wesir gelegen? Welches Unrecht hat Ihnen Fernand Mondego dadurch zugefügt, daß er Ali Tependelini verraten?

 

Das geht auch nur den fränkischen Kapitän und Wasilikis Tochter an. Sie haben recht, was kümmert’s mich? Und wenn ich geschworen habe, mich zu rächen, so ist es weder an dem fränkischen Kapitän, noch an dem Grafen von Morcerf, sondern an dem Fischer Fernand, dem Gatten der Katalonierin Mercedes.

 

Oh! rief die Gräfin, welch eine furchtbare Rache für einen Fehler, den ein Mißgeschick mich begehen ließ! Denn die Schuldige bin ich, Edmond, und wenn Sie sich an jemand zu rächen haben, so ist es an mir, weil es mir an Kraft gebrach, gegen Ihre Abwesenheit und meine Einsamkeit zu kämpfen.

 

Doch warum war ich abwesend, warum waren Sie einsam? – Weil Sie im Gefängnis saßen.

 

Und warum wurde ich verhaftet, warum saß ich im Gefängnis? – Ich weiß es nicht.

 

Ja, Sie wissen es nicht, gnädige Frau, wenigstens hoffe ich dies. Nun, ich will es Ihnen sagen. Ich wurde verhaftet, ich war Gefangener, weil unter der Laube der Reserve, am Vorabend des Tages, an dem ich Sie heiraten sollte, ein Mensch namens Danglars einen Brief geschrieben hatte, den der Fischer Fernand selbst auf die Post zu bringen übernahm.

 

Monte Christo ging an einen Sekretär, zog eine Schublade auf, aus der er ein vergilbtes Papier nahm und legte dieses Papier vor Mercedes‘ Angin. Es war der Brief von Danglars an den Staatsanwalt.

 

Mercedes las voll Schrecken die Denunziation.

 

Oh! mein Gott, rief sie, mit der Hand über ihre von Schweiß befeuchtete Stirn fahrend; dieser Brief …

 

Ich habe ihn um 200 000 Franken gekauft, und das war noch wohlfeil, da er mir heute gestattet, mich in Ihren Augen von jeder Schuld freizusprechen.

 

Und der Erfolg dieses Briefes?

 

Sie wissen, war meine Verhaftung; doch Sie wissen nicht, wie lange diese Haft gedauert hat; Sie wissen nicht, daß ich vierzehn Jahre, eine Viertelstunde von Ihnen entfernt, in einem Kerker des Kastells If geschmachtet habe. Sie wissen nicht, daß ich jeden Tag in diesen vierzehn Jahren das Gelübde der Rache erneuert habe, das ich am ersten Tage aussprach, und ich wußte nicht einmal, daß Sie Fernand, meinen Denunzianten, geheiratet hatten, und daß mein Vater gestorben, vor Hunger gestorben war!

 

Gerechter Gott! rief Mercedes wankend.

 

Aber ich habe dies erfahren, als ich das Gefängnis nach vierzehn Jahren wieder verließ, und darum habe ich geschworen, mich an Fernand zu rächen, und ich räche mich.

 

Und Sie wissen gewiß, daß Fernand dies getan hat?

 

Bei meiner Seele. Übrigens ist das nicht schlechter, als wenn man als Franzose durch Adoption zu den Engländern übergeht, als Spanier von Geburt gegen die Spanier kämpft und in Alis Solde Ali verrät und ermordet. Was war im Vergleich dazu der Brief, den Sie gelesen? Ein schlauer Kniff, den die Frau, die diesen Menschen heiratet, ich gestehe und begreife dies, verzeihen muß, den aber der Geliebte, der sie heiraten sollte, nicht vergißt. Wohl! die Franzosen haben sich nicht an dem Verräter gerächt, die Spanier haben den Verräter nicht erschossen, in seinem Grabe liegend, hat Ali den Verräter unbestraft gelassen; doch ich, verraten, ermordet, ebenfalls in ein Grab geworfen, bin aus diesem Grabe durch Gottes Gnade hervorgegangen und bin es Gott schuldig, daß ich mich räche; er schickt mich zu diesem Zwecke hierher, und hier bin ich.

 

Die arme Frau ließ ihren Kopf und ihre Hände sinken; ihre Beine bogen sich unter ihr, und sie fiel auf die Knie.

 

Verzeihen Sie mir, Edmond, sagte sie, verzeihen Sie, meinetwegen, denn ich liebe Sie noch!

 

Die Würde der Gattin zügelte den Ausdruck ihrer Worte. Ihre Stirn neigte sich, daß sie beinahe den Boden berührte. Der Graf eilte auf sie zu und hob sie auf. Auf einem Stuhle sitzend, konnte sie nur durch ihre Tränen sein männliches Gesicht betrachten, aus dem Schmerz und Haß abermals drohend sich ausprägten.

 

Daß ich das verfluchte Geschlecht nicht niedertrete! murmelte er, daß ich Gott ungehorsam werde, der mich zu seiner Bestrafung wiedererweckt hat, unmöglich, gnädige Frau, es kann nicht sein!

 

Edmond, sagte die arme Mutter, alle Mittel versuchend; mein Gott! wenn ich Sie Edmond nenne, warum nennen Sie mich nicht Mercedes?

 

Mercedes! wiederholte Monte Christo, Mercedes! ja wohl! Sie haben recht, es ist noch süß für mich, diesen Namen auszusprechen, und zum erstenmale seit langer Zeit klingt er so klar von meinen Lippen. Oh! Mercedes, ich habe Ihren Namen mit den Seufzern der Schwermut, mit dem Stöhnen des Schmerzes, mit dem Röcheln der Verzweiflung ausgesprochen; ich habe ihn ausgesprochen, von der Kälte zu Eis erstarrt, auf dem Stroh meines Kerkers kauernd; ich habe ihn ausgesprochen, verzehrt von der Hitze und mich auf den Platten meines Gefängnisses wälzend. Mercedes, ich muß mich rächen, denn vierzehn Jahre lang habe ich gelitten, vierzehn Jahre lang habe ich geweint, geflucht, nun muß ich mich rächen, Mercedes!

 

Rächen Sie sich, Edmond, rief die arme Mutter, aber rächen Sie sich an den Schuldigen, rächen Sie sich an mir, rächen Sie sich nicht an meinem Sohne!

 

Es steht geschrieben im heiligen Buche, antwortete Monte Christo, die Sünden der Eltern sollen auf ihre Kinder zurückfallen bis in das dritte und vierte Glied. Da Gott diese seine eigenen Worte seinem Propheten diktiert hat, warum sollte ich besser sein als Gott?

 

Weil Gott vor den Menschen die Zeit und die Ewigkeit hat.

 

Monte Christo stieß ein Stöhnen aus.

 

 

Edmond! fuhr Mercedes, die Arme gegen den Grafen ausstreckend, fort, seitdem ich Sie kenne, habe ich Ihren Namen angebetet, Ihr Andenken geehrt, Edmond! Oh, zwingen Sie mich nicht, dieses edle Bild zu trüben, das unablässig in dem Spiegel meines Herzens widerstrahlte. Edmond, wenn Sie alle Gebete kennen würden, die ich für Sie an Gott richtete, solange ich hoffte, Sie wären noch am Leben, und seitdem ich Sie für tot hielt! Ja für tot, man sagte, Sie hätten fliehen wollen, Sie wären in das Leichentuch eines Toten geschlüpft, und sodann vom Kastell herab in das Meer geschleudert worden; der Schrei, den Sie, auf den Felsen zerschellend, ausgestoßen, habe Ihre verwegene Tat und zugleich Ihren Tod verkündet. Wohl! Edmond, ich schwöre Ihnen bei dem Haupte des Sohnes, für den ich zu Ihnen flehe, Edmond, zehn Jahre lang sah ich jede Nacht Menschen, die etwas auf einem Felsen schaukelten; zehn Jahre lang hörte ich einen furchtbaren Schrei, der mich eisig erschauern ließ, so daß ich erwachte. Und auch ich, Edmond, oh! glauben Sie mir, auch ich, so sehr ich schuldig war, habe viel gelitten!

 

Haben Sie gefühlt, wie Ihr Vater während Ihrer Abwesenheit verhungert ist? rief Monte Christo, haben Sie die Frau, die Sie liebten, dem Nebenbuhler die Hand reichen sehen, während Sie in der Tiefe des Abgrundes röchelten?

 

Nein, doch ich habe den, welchen ich liebte, bereit gesehen, der Mörder meines Sohnes zu werden!

 

Mercedes sprach diese Worte mit einem so mächtigen Schmerz, mit einem so verzweiflungsvollen Ausdruck, daß sich der Brust des Grafen ein schmerzliches Schluchzen entriß. Der Löwe war bezähmt, der Rächer war besiegt.

 

Was verlangen Sie von mir? sagte er; daß Ihr Sohn lebe? Wohl! er wird leben! …

 

Mercedes stieß einen Schrei aus, der zwei Tränen unter den Augenlidern des Grafen hervorquellen ließ; doch sie verschwanden sofort wieder, denn ohne Zweifel hatte Gott einen Engel geschickt, um sie zu sammeln, da sie viel kostbarer waren in den Augen des Herrn, als die kostbarsten Perlen.

 

Oh! rief sie, die Hand des Grafen ergreifend und an ihre Lippen drückend, oh! Dank, Dank, Edmond! Nun bist du so, wie ich dich immer geträumt, wie ich dich geliebt habe. Oh! nun kann ich es dir sagen.

 

Um so eher, erwiderte Monte Christo, als der arme Edmond nicht mehr viel Zeit haben wird, von Ihnen geliebt zu werden. Der Tod kehrt in das Grab, das Gespenst kehrt in die Nacht zurück.

 

Was sagen Sie, Edmond? – Ich sage, da Sie es befehlen, Mercedes, so muß ich sterben.

 

Sterben! Und wer sagt dies? Wer spricht vom Sterben? Woher kommen Ihnen diese Todesgedanken?

 

Sie können nicht annehmen, daß ich, öffentlich, im Angesicht eines ganzen Saales, in Gegenwart der Freunde Ihres Sohnes herausgefordert und beleidigt, noch länger leben mag. Was ich nach Ihnen am meisten auf der Welt geliebt, Mercedes, das bin ich, das heißt, meine Würde, das heißt diese Kraft, durch die ich über andere Menschen erhaben war; diese Kraft war mein Leben; Sie brechen sie, und ich sterbe.

 

Doch der Zweikampf wird nicht stattfinden, Edmond, da Sie verzeihen.

 

Er wird stattfinden, sagte feierlich Monte Christo, nur wird statt des Blutes Ihres Sohnes meines fließen.

 

Mercedes stieß einen gewaltigen Schrei aus und stürzte auf Monte Christo zu, doch plötzlich hielt sie an und sagte: Edmond, es ist ein Gott über uns, da Sie leben, da ich Sie wiedergesehen, und ich baue auf ihn aus der Tiefe meines Herzens. Indem ich auf seine Hilfe hoffe, verlasse ich mich auf Ihr Wort. Sie haben gesagt, mein Sohn werde leben; nicht wahr, er wird leben?

 

Ja, er wird leben, sagte Monte Christo, erstaunt, daß Mercedes seine eigene Aufopferung ohne weiteren Protest angenommen hatte.

 

Mercedes reichte dem Grafen die Hand und sagte, während ihre Augen sich mit Tränen befeuchteten: Edmond, wie schön ist es von Ihnen, wie groß ist das, was Sie soeben getan, wie erhaben ist es, mit einer Frau Mitleid zu haben, die kaum mit einem Schimmer von Hoffnung vor Sie trat! Ach! ich bin mehr durch den Kummer als durch die Jahre alt geworden und kann meinen Edmond nicht einmal mehr durch einen Blick an jene Mercedes erinnern, die er nicht müde wurde anzuschauen. Oh! glauben Sie nur, Edmond, ich habe Ihnen gesagt, daß auch ich gelitten; ich wiederhole Ihnen, es ist sehr traurig, sein Leben hingehen zu sehen, ohne sich einer einzigen Freude zu erinnern, ohne eine einzige Hoffnung zu bewahren. Aber ich wiederhole Ihnen auch, Edmond, es ist groß, es ist schön, es ist erhaben, zu verzeihen, wie Sie es getan haben!

 

Mercedes schaute noch einmal den Grafen mit einer Miene an, die zugleich ihr Erstaunen, ihre Bewunderung und ihre Dankbarkeit ausdrückte. Dann sagte sie innig:

 

Edmond, ich habe Ihnen nur noch ein Wort zu sagen. Sie werden sehen, daß, wenn meine Stirn erbleicht ist, wenn meine Augen erloschen sind, wenn Mercedes in ihren Zügen sich selbst nicht mehr gleicht, Sie werden sehen, daß das Herz immer noch das gleiche Gefühl hegt! Leben Sie wohl, Edmond; ich habe vom Himmel nichts mehr zu verlangen! … Ich habe Sie wiedergesehen, und so groß und edel gesehen wie einst. Gott befohlen, Edmond … und Dank!

 

Doch der Graf antwortete nicht.

 

Mercedes öffnete die Tür des Kabinetts und war verschwunden, ehe er aus der tiefen, schmerzlichen Träumerei erwachte, in die ihn die plötzliche Verrückung seines Rache- und Lebenszieles versenkt hatte.

 

Es schlug ein Uhr im Invalidenhause, als der Graf von Monte Christo bei dem Geräusch des Wagens, der Frau von Morcerf fortführte, den Kopf erhob.

 

Ich Wahnsinniger, sagte er, daß ich mir nicht an dem Tage, wo ich mich zu rächen beschloß, das Herz ausgerissen habe!

 

Das Duell

 

Das Duell

 

Nach Mercedes Entfernung versank bei Monte Christo altes wieder in Schatten. Wie! sagte er zu sich selbst, während sich die Lampe und die Kerzen traurig verzehrten und die Diener ungeduldig im Vorzimmer warteten; wie, das so langsam vorbereitete, mit so viel Mühe und so vielen Sorgen errichtete Gebäude ist mit einem einzigen Schlage, mit einem einzigen Worte, mit einem Hauche eingestürzt! Wie! Dieses Ich, das ich für etwas hielt, dieses Ich, auf das ich so stolz war, dieses Ich, das ich in den Kerkern des Schlosses If so klein gesehen und dann so groß zu machen gewußt hatte, wird morgen ein Häuflein Staub sein! Ach! es ist nicht der Tod des Körpers, was ich beklage. Was ist der Tod für mich? Eine weitere Stufe in der Ruhe und zwei weitere in der Stille. Nein, es ist nicht das Dasein, was ich beklage, es ist die Zertrümmerung meiner so mühsam ausgearbeiteten und aufgebauten Entwürfe. Die Vorsehung, von der ich glaubte, sie sei mit mir, war also dagegen?

 

Die Last, fast so schwer wie eine Welt, die ich aufhob und bis an das Ziel tragen zu können glaubte, entsprach meinem Wunsche, aber nicht meiner Kraft; meinem Willen, aber nicht meiner Macht, und ich muß sie schon auf der Hälfte des Weges niederlegen. Oh! ich werde wieder Fatalist werden, ich, den vierzehn Jahre der Verzweiflung und sechzehn Jahre der Hoffnung zu einem Gottesverehrer gemacht haben!

 

Und dies alles, mein Gott! weil mein Herz, das ich für tot hielt, nur entschlummert war, weil es erwachte, weil es schlug, weil ich dem Schmerze dieses Herzschlages nachgab, den die Stimme einer Frau in der Tiefe meiner Brust wieder zum Leben erweckte. Und dennoch, fuhr der Graf, sich immer mehr in die Gedanken an den nächsten Tag vertiefend, fort, und dennoch ist es unmöglich, daß diese Frau, ein so edles Herz, aus Selbstsucht eingewilligt hat, mich, den Mann voll Kraft und Leben, töten zu lassen! Es ist unmöglich, daß sie bis zu diesem Grade die mütterliche Liebe, oder vielmehr den mütterlichen Wahnsinn treibt! Es gibt Tugenden, deren Übertreibung ein Verbrechen wäre. Nein, sie wird irgend eine pathetische Szene ersonnen haben, sie wird kommen und sich zwischen die Degen werfen, uns das wird das Erhabene lächerlich machen.

 

Die Röte des Stolzes stieg Monte Christo auf die Stirn.

 

Lächerlich, wiederholte er, und die Lächerlichkeit wird auf mich zurückfallen … Ich, lächerlich! Lieber sterben. Dummheit! Dummheit! rief er endlich, so den Edelmut üben und sich wie eine träge Zielscheibe vor den Pistolenlauf eines jungen Mannes stellen! Nie wird er glauben, daß mein Tod ein Selbstmord sei, und dennoch bin ich es der Ehre meines Andenkens schuldig, daß die Welt erfährt, ich habe freiwillig meinen bereits zum Schlage erhobenen Arm aufgehalten, und mich mit dem gegen andere so mächtig bewaffneten Arm selbst geschlagen. Es muß sein, und ich werde es tun.

 

Und er nahm eine Feder, zog ein Papier aus dem geheimen Fache seines Büros und fügte unten an die Schrift, die nichts anderes war, als sein nach seiner Ankunft in Paris gemachtes Testament, einen Nachtrag, der die Ursache seines Todes auch dem Blödesten klar legte.

 

Mein Gott! ich tue dies, sagte er, die Augen zum Himmel aufschlagend, ich tue dies ebensowohl für deine Ehre, als für die meinige. Oh, mein Gott! ich habe mich seit zehn Jahren als den Abgesandten deiner Rache betrachtet, und es soll sich kein Elender wie dieser Morcerf, es soll sich kein Danglars, kein Villefort einbilden, der Zufall habe sie von ihrem Feinde befreit. Sie mögen erfahren, daß die Vorsehung, die bereits ihre Bestrafung beschlossen, nur durch die Macht meines Willens eine Änderung gestattete, daß die Strafe nur aufgeschoben ist und in der andern Welt ihrer harrt, und daß sie für die Zeit nur die Ewigkeit eingetauscht haben.

 

Während er so in der düsteren Ungewißheit und den üblen Träumen eines durch den Schreck erweckten Menschen schwebte, begann der Tag an den Fenstern zu erscheinen und unter seinen bleichen Händen das Papier zu erhellen, auf das er diese seine letzte Rechtfertigung geschrieben hatte. Plötzlich drang ein leichtes Geräusch an sein Ohr. Er glaubte etwas wie einen erstickten Seufzer gehört zu haben; er wandte den Kopf, schaute umher und sah niemand. Nun wiederholte sich aber das Geräusch deutlich.

 

Da stand er auf, öffnete sacht die Tür des Salons und sah auf einem Lehnstuhle mit niederhängenden Armen und geneigtem bleichem Kopf Haydee, die sich quer vor die Tür gesetzt hatte, damit er nicht, ohne sie zu sehen, hinausgehen könnte, die aber nach langem Wachen von dem übermächtigen Schlaf bezwungen worden war.

 

Das Geräusch der Tür weckte sie nicht, und Monte Christo heftete einen Blick voll Weichheit und Mitleid auf sie.

 

Sie hat sich erinnert, daß sie einen Sohn besitzt, sagte er, und ich habe vergessen, daß ich eine Tochter besitze. Dann fuhr er, traurig den Kopf schüttelnd, fort: Arme Haydee! sie wollte mich sehen, sie wollte mich sprechen, sie hat etwas befürchtet oder erraten … Ah! ich kann nicht von hinnen, ohne ihr Lebewohl zu sagen, ich kann nicht sterben, ohne sie irgend jemand anzuvertrauen.

 

Und er kehrte sacht an seinen Platz zurück und schrieb unter die ersten Zeilen:

 

Ich vermache Maximilian Morel, Kapitän der Spahis und Sohn meines ehemaligen Patrons Pierre Morel, Reeders in Marseille, zwanzig Millionen, wovon ein Teil von ihm seiner Schwester Julie und seinem Schwager Emanuel angeboten werden soll, wenn er nicht glaubt, ein solcher Vermögenszuwachs könne ihrem Glücke schaden. Diese zwanzig Millionen sind in meiner Grotte in Monte Christo vergraben, deren Geheimnis Bertuccio kennt.

 

Ist sein Herz frei, und er will Haydee, die Tochter Alis, des Paschas von Janina, heiraten, die ich mit der Liebe eines Vaters erzogen habe, und die für mich die Liebe und Zärtlichkeit einer Tochter gehabt hat, so wird er dadurch meinen letzten Wunsch erfüllen.

 

Gegenwärtiges Testament hat bereits Haydee zur Erbin meines übrigen Vermögens gemacht, das in Ländereien, englischen, und holländischen Renten und in dem Mobiliar in meinen verschiedenen Palästen und Häusern besteht, was sich nach Abzug dieser zwanzig Millionen und der verschiedenen Legate zu Gunsten meiner Diener immer noch auf sechzig Millionen belaufen mag.

 

Er vollendete eben die letzte Zeile, als ein hinter ihm ausgestoßener Schrei die Feder seinen Händen entfallen ließ. Haydee, sagte er, du hast gelesen?

 

Erweckt vom Tageslicht, das auf ihre Augenlider fiel, hatte sie sich in der Tat erhoben und dem Grafen genähert, ohne daß er ihre leichten und überdies vom Teppich gedämpften Tritte gehört hatte.

 

Oh! Herr, sprach sie, die Hände faltend, warum schreibst du zu einer solchen Stunde? Warum vermachst du mir dein ganzes Vermögen? Du verläßt mich?

 

Ich will eine Reise machen, liebes Kind, sagte Monte Christo mit einem Ausdrucke voll unendlicher Schwermut und Zärtlichkeit, und wenn mir Unglück widerführe … Der Graf hielt inne.

 

Nun? … fragte Haydee mit einer Bestimmtheit, die der Graf nicht an ihr kannte.

 

Nun, wenn mir das Unglück widerführe, sagte Monte Christo, so will ich, daß meine Tochter glücklich sei.

 

Haydee schüttelte traurig den Kopf und sagte: Du denkst an den Tod, oh Herr?

 

Es ist ein heilsamer Gedanke, wie der Weise sagt. Wohl! wenn du stirbst, sagte sie, so vermache dein Vermögen anderen, denn ich brauche nichts mehr.

 

Und sie nahm das Papier und zerriß es in vier Stücke, die sie mitten in das Zimmer warf. Doch diese für eine Sklavin so ungewöhnliche Energie hatte ihre Kräfte erschöpft, und sie fiel ohnmächtig zu Boden. Monte Christo neigte sich auf sie herab und hob sie in seinen Armen empor; und als er dieses schöne, bleiche Antlitz, diese schönen, geschlossenen Augen, diesen schönen, unbelebten Körper sah, kam ihm zum erstenmale der Gedanke, sie liebe ihn vielleicht auf andere Weise, als wie eine Tochter ihren Vater liebt.

 

Ach! murmelte er mit einer tiefen Entmutigung, ich hätte vielleicht noch glücklich sein können!

 

Dann trug er Haydee in ihr Gemach, übergab sie hier, noch ohnmächtig, den Händen ihrer Frauen, kehrte in sein Kabinett zurück, das er rasch schloß, und schrieb nun das zerrissene Testament noch einmal. Als er vollendete, ließ sich das Geräusch eines in den Hof fahrenden Wagens hören. Monte Christo näherte sich dem Fenster und sah Maximilian und Emanuel aussteigen.

 

Gut, sagte er, es war Zeit! Und er versiegelte sein Testament mit einem dreifachen Siegel.

 

Nach einem Augenblick hörte er das Geräusch von Tritten im Salon und öffnete selbst. Morel erschien auf der Schwelle, zwanzig Minuten vor der verabredeten Stunde.

 

Ich komme vielleicht zu bald, Herr Graf, sagte er, aber ich gestehe offen, ich konnte keine Minute schlafen, und so war es im ganzen Hause. Um wieder ich selbst zu werden, mußte ich Sie stark in Ihrer mutigen Sicherheit sehen.

 

Monte Christo vermochte diesem Beweise von Zuneigung nicht zu widerstehen, und er reichte dem jungen Manne nicht die Hand, sondern öffnete ihm seine Arme.

 

Morel, sagte er mit bewegter Stimme, es ist ein schöner Tag für mich, der Tag, an dem ich mich von einem Manne, wie Sie sind, geliebt fühle … Guten Morgen, Herr Emanuel. Sie kommen also mit mir, Maximilian?

 

Bei Gott! erwiderte der junge Mann, haben Sie daran gezweifelt?

 

Ich hatte jedoch unrecht …

 

Hören Sie, ich beobachtete Sie gestern während der ganzen Herausforderungsszene, ich dachte die ganze Nacht hindurch an Ihre Sicherheit und sagte mir, wenn nicht alles trügt, muß die Gerechtigkeit für Sie sein.

 

Ich danke, Morel.

 

Dann schlug der Graf einmal auf das Glöckchen und sagte zu Ali, der sogleich eintrat: Laß dies zu meinem Notar tragen. Es ist mein Testament, Morel. Wenn ich tot bin, nehmen Sie Kenntnis davon.

 

Wie! rief Morel, Sie tot?

 

Ei! muß man nicht auf alles gefaßt sein, lieber Freund? Doch, Morel, sagte der Graf, Sie sahen mich nie mit Pistolen schießen? – Nein.

 

Wohl, wir haben noch Zeit, sehen Sie!

 

Monte Christo nahm seine Pistolen, klebte ein Kreuzaß an die Scheibe und schoß mit vier aufeinander folgenden Schüssen, die vier Zweige des Kreuzes weg. Bei jedem Schusse erbleichte Morel.

 

Er untersuchte die Kugeln, mit denen Monte Christo dieses Kraftstück ausführte, und sah, daß sie nicht dicker waren, als Rehschrote.

 

Das ist furchtbar, sagte er, sehen Sie, Emanuel! Dann wandte er sich an Monte Christo mit den Worten: Graf, im Namen des Himmels, töten Sie Albert nicht, der Unglückliche hat eine Mutter!

 

Das ist richtig, sagte Monte Christo, und ich habe keine.

 

Diese Worte wurden in einem Tone gesprochen, der Morel beben ließ.

 

Sie sind der Beleidigte, Graf, und schießen zuerst.

 

Ich schieße zuerst.

 

Oh! das habe ich erlangt, oder vielmehr gefordert.

 

Auf wieviel Schritte? – Auf zwanzig.

 

Ein furchtbares Lächeln zog über die Lippen des Grafen hin, als er sagte: Morel, vergessen Sie nicht, was Sie soeben gesehen haben.

 

Ich rechne nur auf Ihre Aufregung, um Albert zu retten, sprach der junge Mann.

 

Ich aufgeregt? entgegnete Monte Christo.

 

Oder auf Ihren Edelmut, mein Freund; bei der Sicherheit Ihres Schusses kann ich Ihnen nur eines sagen, was lächerlich wäre, wenn ich es einem anderen sagen würde.

 

Was?

 

Zerschmettern Sie ihm den Arm, verwunden Sie ihn, aber töten Sie ihn nicht.

 

Morel, hören Sie noch folgendes; ich bedarf keiner Aufmunterung, Herrn von Morcerf zu schonen; Herr von Morcerf, das künde ich Ihnen zum voraus an, wird so geschont sein, daß er ruhig mit seinen Freunden zurückkommt, während ich …

 

Nun! Sie?

 

Oh! Mich wird man zurücktragen.

 

Gehen Sie! rief Maximilian außer sich.

 

Es ist, wie ich Ihnen sage, mein lieber Morel, Herr von Morcerf wird mich töten.

 

Morel schaute den Grafen wie ein Mensch an, der nicht mehr begreift.

 

Was ist Ihnen seit gestern abend begegnet?

 

Es ist mir begegnet, was Brutus am Vorabend der Schlacht von Philippi begegnete: ich habe ein Gespenst gesehen.

 

Und dieses Gespenst?

 

Dieses Gespenst sagte mir, ich habe genug gelebt.

 

Maximilian und Emanuel schauten einander an; Monte Christo zog seine Uhr und sagte: Gehen wir, es ist sieben Uhr, und die Zusammenkunft ist auf Punkt acht Uhr bestellt.

 

Ein angespannter Wagen wartete; Monte Christo stieg mit seinen Zeugen ein. Als man durch den Flur ging, blieb Monte Christo vor einer Tür stehen, um zu horchen; Maximilian und Emanuel, die aus Diskretion einige Schritte vorausgegangen waren, glaubten ihn seufzen zu hören. Schlag acht war man an dem verabredeten Platze.

 

Wir sind an Ort und Stelle und kommen zuerst, sagte Morel, den Kopf durch den Kutschenschlag steckend.

 

Der Herr wird mich entschuldigen, versetzte Baptistin, der seinem Gebieter mit unsäglichem Schrecken gefolgt war, ich glaube dort unter den Bäumen einen Wagen zu bemerken.

 

Monte Christo sprang leicht aus seiner Kalesche und gab Emanuel und Maximilian die Hand, um ihnen aussteigen zu helfen. Maximilian hielt die Hand des Grafen in der seinigen zurück und sagte: Das gefällt mir, das ist eine Hand, wie ich sie gern bei einem Manne sehe, dessen Leben auf seiner guten Sache beruht.

 

Ich erblicke wirklich zwei junge Männer, die auf und ab gehen und zu warten scheinen, sagte Emanuel.

 

Monte Christo zog Morel ein paar Schritte hinter seinen Schwager zurück und fragte ihn: Max, ist Ihr Herz frei?

 

Morel schaute Monte Christo erstaunt an.

 

Ich verlange kein Geständnis von Ihnen, mein Freund, ich richte eine einfache Frage an Sie; antworten Sie ja oder nein, mehr verlange ich nicht von Ihnen.

 

Ich liebe ein Mädchen, Graf.

 

Lieben Sie es innig? – Mehr als mein Leben.

 

Da entgeht mir abermals eine Hoffnung, sagte Monte Christo. Dann murmelte er mit einem Seufzer: Arme Haydee!

 

In der Tat, Graf, rief Morel, wenn ich Sie weniger kennen würde, müßte ich Sie für minder tapfer halten, als Sie sind.

 

Weil ich an jemand denke, den ich verlassen soll, und seufze? Morel, versteht sich ein Soldat so wenig auf den Mut! Beklage ich das Leben? Was ist mir an Leben oder Sterben gelegen, mir, der zwanzig Jahre zwischen Leben und Tod zugebracht hat? Seien Sie übrigens unbesorgt, diese Schwäche, wenn man es eine Schwäche nennen darf, ist nur für Sie vorhanden. Ich weiß, daß die Welt ein Salon ist, den man höflich und anständig, das heißt grüßend und seine Spielschulden bezahlend, verlassen muß.

 

Gut! das heiße ich sprechen, sagte Morel. Doch haben Sie Ihre Waffen mitgebracht?

 

Ich? Warum? Ich hoffe, diese Herren werden die ihrigen haben.

 

Ich will mich erkundigen.

 

Morel ging auf Beauchamp und Chateau-Renaud zu. Als diese Maximilians Bewegung bemerkten, traten sie ihm einige Schritte entgegen. Die drei jungen Leute grüßten sich, wenn nicht freundlich, doch höflich.

 

Verzeihen Sie, meine Herren, sagte Morel, doch ich sehe Herrn von Morcerf nicht.

 

Er hat uns heute morgen sagen lassen, er würde erst an Ort und Stelle mit uns zusammentreffen.

 

Übrigens kommt hier ein Wagen, bemerkte Chateau-Renaud.

 

Es kam wirklich in scharfem Trabe ein Wagen herbei.

 

Meine Herren, sagte Morel, ohne Zweifel haben Sie Pistolen bei sich, Herr von Monte Christo erklärt, er leiste auf sein Recht, sich der seinigen zu bedienen, Verzicht.

 

Wir sahen diese Zartheit von seiten des Grafen vorher, Herr Morel, antwortete Beauchamp, und ich brachte die Pistolen mit, die ich mir vor acht Tagen gekauft habe. Sie sind ganz neu und haben noch niemand gedient; wollen Sie sie untersuchen?

 

Herr Beauchamp, erwiderte Morel, sich verbeugend, wenn Sie mir versichern, Herr von Morcerf kenne diese Waffen nicht, so genügt mir natürlich Ihr Wort.

 

Meine Herren, sagte Chateau-Renaud, nicht Morcerf ist in diesem Wagen angekommen, sondern Franz und Debray.

 

Sie hier, meine Herren! sagte Chateau-Renaud, mit jedem einen Händedruck austauschend, und durch welchen Zufall?

 

Albert hat uns bitten lassen, wir möchten uns hier einfinden.

 

Beauchamp und Chateau-Renaud sahen sich erstaunt an.

 

Meine Herren, versetzte Morel, ich glaube zu begreifen.

 

Lassen Sie hören.

 

Gestern nachmittag erhielt ich einen Brief von Herrn von Morcerf, der mich bat, in die Oper zu kommen.

 

Und ich auch, sagte Debray.

 

Und ich auch, sprach Franz.

 

Und wir auch, sagten Chateau-Renaud und Beauchamp.

 

Sie sollten nach seinem Willen bei der Herausforderung gegenwärtig sein, fuhr Morel fort, und sollen nun auch seinem Zweikampfe beiwohnen.

 

Ja, meinten alle, so wird es sein.

 

Doch Albert kommt immer noch nicht, murmelte Chateau-Renaud, es sind zehn Minuten darüber.

 

Hier kommt er, rief Beauchamp, er ist zu Pferde und reitet, von seinem Bedienten begleitet, mit Windeseile.

 

Welche Unklugheit, sagte Chateau-Renaud, zu Pferde zu kommen, um sich auf Pistolen zu schlagen! Ich habe ihm doch eine so gute Lektion gegeben!

 

Und dann, sehen Sie, sagte Beauchamp, mit einem Kragen an der Halsbinde, mit offenem Rock und weißer Weste; warum hat er sich nicht einen schwarzen Fleck auf den Magen zeichnen lassen, das wäre noch einfacher gewesen.

 

Währenddessen war Albert bis auf zehn Schritte herangekommen? er hielt sein Pferd an, sprang zu Boden und warf die Zügel seinem Bedienten zu.

 

Albert war bleich und hatte rote, geschwollene Augen; man sah, daß er die ganze Nacht keine Sekunde geschlafen. Über sein ganzes Antlitz war ein Ausdruck traurigen Ernstes gebreitet, wie man ihn sonst nie bei ihm sah.

 

Ich danke, meine Herren, daß Sie die Güte gehabt haben, meiner Einladung zu entsprechen, sagte er, glauben Sie mir, ich bin Ihnen für dieses Zeichen der Freundschaft im höchsten Maße erkenntlich.

 

Morel hatte, als sich Morcerf näherte, zehn Schritte rückwärts gemacht und stand entfernt.

 

Auch Ihnen gebührt mein Dank, Herr Morel, sagte Albert. Kommen Sie zu uns, Sie sind nicht zuviel hier.

 

Mein Herr, erwiderte Maximilian, Sie wissen vielleicht nicht, daß ich Zeuge Ihres Gegners bin.

 

Ich war dessen nicht gewiß, doch vermutete ich es. Desto besser! je mehr Ehrenmänner hier anwesend sind, desto mehr werde ich mich befriedigt fühlen.

 

Herr Morel, sagte Chateau-Renaud, Sie können dem Herrn Grafen von Monte Christo ankündigen, daß Herr von Morcerf eingetroffen ist und daß wir zu seiner Verfügung stehen.

 

Morel machte eine Bewegung, um sich seines Auftrages zu entledigen. Beauchamp zog zu gleicher Zeit sein Pistolenkästchen aus dem Wagen.

 

Warten Sie, meine Herren, sagte Albert, ich habe Herrn von Monte Christo ein paar Worte zu sagen.

 

Unter vier Augen? fragte Morel.

 

Nein, vor allen.

 

Alberts Zeugen schauten sich erstaunt an; Franz und Debray wechselten leise ein paar Worte, und Morel kehrte, freudig über diesen unerwarteten Zwischenfall, zu dem Grafen zurück, der mit Emanuel spazieren ging.

 

Was will er von mir? fragte Monte Christo.

 

Ich weiß nicht; er verlangt mit Ihnen zu sprechen.

 

Oh! er versuche Gott nicht durch eine neue Beleidigung!

 

Ich glaube nicht, daß dies seine Absicht ist, entgegnete Morel.

 

Der Graf ging, von Maximilian und Morel begleitet, vorwärts; sein ruhiges, heiteres Antlitz stand in seltsamem Widerspruch zu dem verstörten Antlitz Alberts, der sich ihm mit den vier jungen Leuten näherte.

 

Drei Schritte voneinander blieben Albert und der Graf stehen.

 

Meine Herren, nähern Sie sich, sagte Albert; kein Wort von dem, was ich Herrn von Monte Christo zu sagen die Ehre haben werde, soll verloren gehen, denn was ich sage, mögen Sie jedem wiederholen, der es hören will, so seltsam meine Rede auch erscheinen mag.

 

Ich warte, mein Herr, sagte der Graf.

 

Herr Graf, begann Albert mit einer anfangs zitternden Stimme, die jedoch immer mehr Sicherheit gewann, Herr Graf, ich machte Ihnen zum Vorwurf, daß Sie das Benehmen des Herrn von Morcerf in Epirus bekannt machten, denn so schuldig auch Herr von Morcerf war, so glaubte ich doch nicht, Sie seien berechtigt, ihn zu bestrafen. Heute aber weiß ich, daß Sie dieses Recht haben. Nicht der Verrat Fernand Mondegos gegen Ali Pascha macht mich so bereitwillig, Sie zu entschuldigen, sondern der Verrat des Fischers Fernand gegen Sie und das unerhörte Unglück, das die Folge dieses Verrats gewesen ist. Auch sage ich und erkläre ich laut: Ja, mein Herr, Sie haben recht gehabt, sich an meinem Vater zu rächen, und ich, sein Sohn, danke Ihnen, daß Sie nicht mehr getan haben.

 

Hätte der Blitz mitten unter die Zuschauer dieser unerwarteten Szene geschlagen, sie wären sicherlich nicht erstaunter gewesen, als bei dieser Erklärung.

 

Monte Christo erhob langsam die Augen zum Himmel mit einem Ausdrucke unendlicher Dankbarkeit und konnte nicht genug bewundern, wie die aufbrausende Natur Alberts, dessen Mut er in Rom kennen gelernt hatte, sich so völlig unter diese Demütigung beugte. Er erkannte Mercedes‘ Einfluß und begriff, wie deren edles Herz sich dem Opfer nicht widersetzt hatte, von dem es zum voraus wußte, daß es unnötig sein sollte.

 

Wenn Sie nun meine Entschuldigungen genügend finden, mein Herr, sagte Albert, so bitte ich Sie, geben Sie mir Ihre Hand.

 

 

Das Auge feucht, die Brust beklommen, den Mund halb geöffnet, reichte Monte Christo Albert seine Hand, die dieser mit einem Gefühle drückte, das einem ehrfurchtsvollen Schrecken glich.

 

Meine Herren, sagte er, Herr von Monte Christo hat die Güte, meine Entschuldigungen anzunehmen; ich hatte voreilig gegen ihn gehandelt. Die Eile ist eine schlechte Ratgeberin, ich handelte schlecht. Nun ist mein Fehler wieder gutgemacht. Ich hoffe, die Welt wird mich nicht für feig halten, weil ich getan, was mir mein Gewissen befohlen. Doch in jedem Falle, sollte man meinen Schritt falsch auffassen, sagte der junge Mann, stolz das Haupt erhebend, und als richtete er eine Aufforderung an seine Freunde und an seine Feinde, in jedem Fall würde ich diese Ansicht über mich in das rechte Geleise zu bringen wissen.

 

Was hat sich denn in der letzten Nacht ereignet? fragte Beauchamp Chateau-Renaud; es scheint mir, wir spielen hier eine traurige Rolle.

 

In der Tat, was Albert getan, ist entweder sehr erbärmlich oder sehr schön, antwortete der Baron.

 

Ah! lassen Sie hören? fragte Franz Debray, was soll das bedeuten? Wie! der Graf von Monte Christo entehrt Herrn von Morcerf, und er hat recht in den Augen seines Sohnes? Hätte ich zehn Janina in meiner Familie, so würde ich mich verpflichtet fühlen, mich zehnmal zu schlagen.

 

Die Stirn gesenkt, die Arme schlaff, niedergebeugt unter der Last von vierundzwanzig Jahren der Erinnerung, dachte Monte Christo weder an Albert, noch an Beauchamp, noch an Chateau-Renaud, noch an irgend einen von denen, die sich auf dem Platze fanden, sondern er dachte an die mutige Frau, die ihn um das Leben ihres Sohnes gebeten, der er das seinige angeboten, und die es ihm durch das furchtbare Geständnis eines Familiengeheimnisses gerettet, das in dem jungen Manne das Gefühl der Sohnesliebe für immer austilgte.

 

Stets die Vorsehung, murmelte er. Ah! heute erst weiß ich ganz gewiß, daß ich der Abgesandte Gottes bin.

 

Mutter und Sohn.

 

Mutter und Sohn.

 

Der Graf von Monte Christo grüßte die fünf jungen Männer mit einem Lächeln voll Schwermut und Würde und stieg mit Emanuel und Maximilian wieder in seinen Wagen.

 

Albert, Beauchamp und Chateau-Renaud blieben allein zurück. Der junge Mann heftete auf seine Zeugen einen Blick, der sie, ohne schüchtern zu sein, doch um ihre Ansicht über das, was vorgefallen war, zu fragen schien.

 

Meiner Treu, Freund! sagte Beauchamp, erlauben Sie mir, Ihnen Glück zu wünschen; das ist eine sehr unerwartete Entwickelung einer höchst unangenehmen Geschichte.

 

Albert blieb stumm und in Träumerei versunken. Chateau-Renaud begnügte sich, seinen Stiefel mit seinem Stocke zu peitschen. Gehen wir nicht? sagte er nach peinlichem Stillschweigen.

 

Wann es Ihnen beliebt, erwiderte Beauchamp; lassen Sie mir nur Zeit, Herrn von Morcerf mein Kompliment zu machen, er hat heute einen Beweis von so ritterlichem, von so … seltenem Edelmut abgelegt!

 

Sicher; ich für meine Person wäre dazu unfähig gewesen, versetzte Chateau-Renaud mit immer kälterem Tone.

 

Meine Herren, unterbrach sie Albert, ich glaube, Sie haben nicht begriffen, daß zwischen Herrn von Monte Christo und mir etwas sehr Ernstes vorgefallen ist …

 

Doch! doch! entgegnete Beauchamp rasch; es werden aber nicht alle Pariser imstande sein, Ihren Heldenmut zu begreifen, und früher oder später dürften Sie sich genötigt sehen, ihnen die Sache energischer zu erklären, als es für die Gesundheit Ihres Körpers und für die Dauer Ihres Lebens zuträglich sein möchte. Soll ich Ihnen einen Freundesrat geben? Gehen Sie nach Neapel, nach St. Petersburg, in Länder, wo man im Punkte der Ehre vernünftiger ist, als unsere verbrannten Pariser Gehirne. Sind Sie einmal dort, so schießen Sie mit der Pistole aus Leibeskräften und üben sich in Quarten und Terzen vom Morgen bis in die Nacht. Dann hat man Sie so weit vergessen, daß Sie in einigen Jahren unbehelligt nach Frankreich zurückkehren können, oder Sie sind geübt genug in der Handhabung der Waffen, um Ihre Ruhe wiederzuerobern. Nicht wahr, ich habe recht, Herr von Chateau-Renaud?

 

Ich bin vollkommen Ihrer Meinung, antwortete der Edelmann, nichts ruft so viele ernste Duelle hervor, als der Rücktritt von einem Duell.

 

Ich danke, meine Herren, erwiderte Albert mit kaltem Lächeln, ich werde Ihren Rat befolgen, nicht weil Sie mir ihn geben, sondern weil es meine Absicht war, Frankreich zu verlassen. Ich danke Ihnen auch für den Dienst, den Sie mir dadurch geleistet, daß Sie mir als Zeugen dienten. Er ist tief in mein Herz eingegraben, da ich nach den Worten, die ich soeben gehört, mich mir noch seiner erinnere.

 

Chateau-Renaud und Beauchamp schauten sich an, der Eindruck war bei beiden derselbe, und der Ton, mit dem Morcerf seinen Dank ausgedrückt, trug das Gepräge solcher Entschlossenheit an sich, daß die Lage für alle peinlich geworden wäre, wenn das Gespräch fortgedauert hätte.

 

Gott befohlen, Albert, sagte plötzlich Beauchamp, dem jungen Manne eine Hand reichend, ohne daß dieser aus seiner Lethargie zu erwachen schien.

 

Er ergriff in der Tat die Hand nicht.

 

Gott befohlen! sagte Chateau-Renaud, in der linken Hand sein Stöckchen haltend und mit der rechten grüßend.

 

Alberts Lippen murmelten kaum: Gott befohlen! Sein Blick war deutlicher, er enthielt ein ganzes Kapitel von gepreßtem Zorn, stolzer Verachtung und edler Entrüstung. Er beobachtete noch eine Zeitlang eine unbewegliche, schwermütige Haltung; dann machte er sein Pferd vom Baume los, sprang leicht in den Sattel und ritt im Galopp nach Paris zurück. Eine Viertelstunde nachher war er im Hofe des Hotels der Rue du Helder.

 

Als er vom Pferde stieg, glaubte er das bleiche Gesicht seines Vaters in dessen Schlafzimmer zu erblicken; Albert wandte seufzend den Kopf ab und kehrte in seinen Pavillon zurück.

 

Hier warf er einen letzten Blick auf alles, was ihm das Leben seit seiner Kindheit so süß und so glücklich gemacht hatte. Er beschaute noch einmal diese Gemälde, deren Gesichter ihm zu lächeln, deren Landschaften Saft und glühende Farben anzunehmen schienen. Dann holte er das Porträt seiner Mutter herunter und nahm es aus dem goldenen Rahmen. Hierauf ordnete er seine schönen türkischen Waffen, seine Gewehre, seine Trinkschalen, seine kunstreichen Bronzen, durchsuchte seine Schränke, warf in eine Schublade seines Sekretärs alles Taschengeld, das er bei sich trug, fügte die tausend Nippsachen hinzu, die sein Zimmer belebt hatten, machte von allem ein genaues Inventar und legte dieses auf die am meisten in die Augen fallende Stelle eines Tisches.

 

Als er diese Arbeit begann, war sein Diener, trotz Alberts Befehl, ihn allein zu lassen, in sein Zimmer getreten.

 

Was wollen Sie? fragte ihn Morcerf mit mehr traurigem, als zornigem Tone.

 

Verzeihen Sie, Herr Vicomte, erwiderte der Kammerdiener, Sie haben mir allerdings verboten, Sie zu stören, aber der Herr Graf von Morcerf läßt mich rufen. Ich wollte mich nicht zu dem Herrn Grafen begeben, ohne vorher Ihre Befehle zu hören.

 

Warum dies?

 

Weil der Herr Graf ohne Zweifel weiß, daß ich den Herrn Vicomte auf den Platz begleitet habe, und wenn er mich rufen läßt, so geschieht es ohne Zweifel, um mich über das, was vorgefallen ist, zu befragen. Was soll ich antworten?

 

Die Wahrheit.

 

Also werde ich sagen, das Duell habe nicht stattgefunden?

 

Sie sagen, ich habe mich bei dem Herrn Grafen von Monte Christo entschuldigt; gehen Sie!

 

Der Kammerdiener verbeugte sich und verließ das Zimmer. Albert ging wieder an sein Inventar. Als er damit fertig war, näherte er sich dem Fenster und sah seinen Vater in seine Kalesche steigen und ausfahren.

 

Kaum war die Tür des Hotels wieder hinter dem Grafen geschlossen, als Albert sich nach dem Zimmer seiner Mutter wandte, und da niemand anwesend war, ihn zu melden, so drang er bis in Mercedes‘ Schlafzimmer und blieb, während ihm das Herz anschwoll von dem, was er sah, und von dem, was er erriet, auf der Schwelle stehen.

 

Als ob diese beiden Körper eine Seele belebt hätte, machte Mercedes in ihrer Wohnung, was Albert in der seinigen getan hatte. Alles war in Ordnung gebracht: die Spitzen, die Schmucksachen, die Juwelen, das Weißzeug und das Geld lagen im Grunde der Schubladen aufgereiht, deren Schlüssel die Gräfin sorgfältig sammelte.

 

Albert sah alle diese Vorbereitungen; er begriff sie und fiel mit dem Ausrufe: Meine Mutter! Mercedes um den Hals.

 

Dieser ganze Aufwand von energischer Entschlossenheit, den er ohne weiteres für sich aufgewendet hatte, erschreckte ihn bei seiner Mutter. Was tun Sie denn? fragte er.

 

Was hast du getan? erwiderte sie.

 

Oh! meine Mutter, rief Albert so bewegt, daß er kaum sprechen konnte, es ist bei Ihnen etwas anderes, als bei mir; nein, Sie können nicht das gleiche beschlossen haben, wie ich; denn ich will Ihnen eben mitteilen, daß ich Ihrem Hause und … Ihnen Lebewohl sage.

 

Albert, ich reise auch. Ich gestehe, ich rechnete darauf, mein Sohn würde mich begleiten. Habe ich mich getäuscht?

 

Meine Mutter, erwiderte Albert mit Festigkeit, ich kann Sie dieses Schicksal nicht teilen lassen, das ich mir erwähle. Ich muß fortan ohne Namen und ohne Vermögen leben. Um die Lehrzeit dieses rauhen Daseins durchzumachen, muß ich von einem Freunde das Brot entleihen, das ich bis zu dem Augenblick essen werde, wo ich anderes verdiene.

 

Du, mein armes Kind, rief Mercedes, du sollst Armut erdulden, sollst Hunger fühlen? Oh! sage dies nicht, du würdest alle meine Entschließungen umstoßen.

 

Doch nicht die meinigen, Mutter, entgegnete Albert. Ich bin jung, stark und mutig und habe seit gestern gelernt, was der Wille vermag. Es gibt Menschen, die so viel gelitten, und nicht nur nicht gestorben sind, sondern sich sogar ein neues Glück auf den Trümmern aller Hoffnungen, die ihnen Gott gegeben, aufgebaut haben! Ich habe dies erfahren, meine Mutter, ich habe diese Menschen gesehen, ich weiß, daß sie sich aus der Tiefe des Abgrundes, in den sie ihre Feinde gestoßen, mit so viel Kraft und Ruhm wieder erhoben, daß sie ihre ehemaligen Besieger beherrschten. Nein, meine Mutter, nein; ich habe von diesem Augenblick an mit der Vergangenheit gebrochen und nehme nichts mehr von ihr an, nicht einmal meinen Namen; denn Sie begreifen, Ihr Sohn kann nicht den Namen eines Menschen führen, der vor andern erröten muß!

 

Albert, mein Kind, wenn ich ein stärkeres Herz gehabt hätte, so würde ich dir diesen Rat gegeben haben; dein Gewissen hat gesprochen, während meine erloschene Stimme schwieg; höre auf dein Gewissen! Du hattest Freunde, Albert, brich für den Augenblick mit ihnen, aber im Namen deiner Mutter, verzweifle nicht! Das Leben ist noch schön in deinem Alter, mein Albert, denn du bist kaum zweiundzwanzig Jahre alt, und da ein so reines Leben wie das deine eines fleckenlosen Namens bedarf, so nimm den meines Vaters an; er hieß Herrera. Ich kenne dich, Albert, welche Laufbahn du auch verfolgen magst, du wirst diesen Namen in kurzer Zeit berühmt machen. Dann erscheine wieder in der Welt, glänzender durch den Schimmer deines vergangenen Unglücks, und wenn dies trotz aller meiner Voraussetzungen nicht so sein soll, so laß mir wenigstens die Hoffnung, mir, die nur noch diesen einen Gedanken hat, mir, die keine Zukunft mehr vor sich sieht und für die das Grab auf der Schwelle dieses Hauses beginnt.

 

Ich werde nach Ihren Wünschen tun, meine Mutter, sagte der junge Mann; ja, ich teile Ihre Hoffnungen; der Herr des Himmels wird uns bei Ihrer Reinheit und bei meiner Unschuld nicht verfolgen. Doch da wir entschlossen sind, handeln wir schnell. Herr von Morcerf hat das Hotel vor ungefähr einer halben Stunde verlassen; die Gelegenheit ist günstig, um Lärm und Erklärungen zu vermeiden.

 

Ich erwarte dich, mein Sohn, sagte Mercedes.

 

Albert lief sogleich nach dem Boulevard, von wo er einen Fiaker zurückbrachte, der sie aus dem Hotel wegfahren sollte. Er erinnerte sich eines kleinen Hauses in der Rue des Saints Pères, wo seine Mutter eine bescheidene, aber anständige Wohnung finden würde; er kehrte also zurück, um die Gräfin zu holen.

 

In dem Augenblick, wo der Fiaker vor dem Hause anhielt und Albert ausstieg, näherte sich ihm ein Mann und übergab ihm einen Brief. Albert erkannte den Intendanten.

 

Vom Grafen, sagte Bertuccio und entfernte sich sogleich.

 

Albert nahm den Brief, öffnete ihn, las ihn, ging mit Tränen in den Augen und erschüttertem Herzen zu Mercedes und gab ihr das Schreiben, ohne ein Wort zu sprechen. Mercedes las:

 

Albert!

 

Wenn ich Ihnen zeige, daß ich den Plan durchschaut habe, den Sie eben ausführen wollen, so glaube ich Ihnen damit auch zu zeigen, daß ich das Zartgefühl begreife. Sie sind nun frei, Sie verlassen das Hotel des Grafen und wollen Ihre Mutter an einen verborgenen Ort bringen; doch bedenken Sie wohl, Sie sind ihr mehr schuldig, als Sie ihr je vergelten können, Sie armes, edles Herz. Behalten Sie für sich den Kampf, fordern Sie für sich das Leiden, aber ersparen Sie ihr das Elend, das von Ihren ersten Anstrengungen untrennbar ist; denn sie verdient nicht einmal den Widerschein des Unglücks, das sie heute trifft, und nach dem Willen der Vorsehung soll nicht der Unschuldige mit dem Schuldigen leiden.

 

Ich weiß, daß Sie beide im Begriffe sind, Ihr Haus zu verlassen, ohne etwas mitzunehmen. Suchen Sie nicht zu entdecken, wie ich es erfahren habe. Ich weiß es.

 

Hören Sie, Albert! Ich kam vor vierundzwanzig Jahren freudig und stolz in mein Vaterland zurück; ich hatte eine Braut, Albert, eine heilige Jungfrau, die ich anbetete, und ich brachte ihr 150 Louisd’or zurück, die ich mühsam durch rastlose Arbeit gesammelt hatte. Dieses Geld war für sie bestimmt, und da ich wußte, wie treulos das Meer ist, so begrub ich unsern Schatz in dem Gärtchen des Hauses, das mein Vater in Marseille bewohnte.

 

Ihre Mutter, Albert, kennt das kleine, liebe Haus ganz gut. Als ich kürzlich nach Paris reiste, kam ich durch Marseille. Ich besuchte dieses Haus mit den schmerzlichsten Erinnerungen und untersuchte am Abend mit dem Spaten in der Hand den Winkel, wo ich meinen Schatz begraben hatte. Die eiserne Kassette war noch an demselben Platz, niemand hatte sie berührt; sie liegt in der Ecke, die ein schöner, von meinem Vater an meinem Geburtstage gepflanzter Feigenbaum mit seinem Schatten bedeckt.

 

Nun, Albert, dieses Geld, das einst das Leben und die Ruhe der Frau unterstützen sollte, die ich anbetete, findet durch einen seltsamen und schmerzlichen Zufall heute dieselbe Anwendung. Oh! verstehen Sie meinen Gedanken, verstehen Sie den Gedanken des Mannes, der dieser armen Frau Millionen bieten könnte und ihr ein Stück schwarzes Brot zurückgibt, das unter meinem Dache seit dem Tage vergessen worden ist, wo ich von der Geliebten getrennt wurde.

 

Sie sind ein edler Mensch, Albert, doch vielleicht nichtsdestoweniger von Stolz oder Groll verblendet; wenn Sie mich zurückweisen, wenn Sie von einem andern das fordern, was ich Ihnen zu bieten berechtigt bin, so sage ich, es sei nicht edelmütig von Ihnen, das Leben Ihrer Mutter zurückzuweisen, wenn es von einem Manne geboten wird, dessen Vater Ihr Vater in den Schrecknissen des Hungers und der Verzweiflung hat sterben lassen.

 

Als Mercedes dies gelesen, schlug sie die Augen mit einem unaussprechlichen Ausdruck zum Himmel auf. Ich willige ein, sagte sie; er ist berechtigt, die Mitgift zu bezahlen, die ich in ein Kloster bringen werde.

 

Und indem sie den Brief auf ihr Herz legte, nahm sie ihren Sohn am Arm und ging mit festerem Schritte, als sie vielleicht selbst erwartet hatte, zur Treppe.

 

Der Selbstmord.

 

Der Selbstmord.

 

Monte Christo war indessen mit Maximilian ebenfalls in die Stadt zurückgefahren. Am Tor trafen sie Bertuccio, der hier unbeweglich wie eine Schildwache wartete. Monte Christo streckte den Kopf durch den Kutschenschlag, wechselte mit leiser Stimme ein paar Worte mit ihm, und der Intendant verschwand.

 

Sehen Sie, wie ich Ihnen Glück gebracht habe! sagte Morel, als er mit dem Grafen allein war.

 

Gewiß; deshalb möchte ich Sie stets bei mir haben.

 

Das ist wunderbar! fuhr Morel, seinen eigenen Gedanken beantwortend, fort.

 

Was denn? fragte Monte Christo.

 

Was soeben vorgefallen ist.

 

Ja, versetzte der Graf mit einem Lächeln. Sie haben das wahre Wort gesagt, Morel, es ist wunderbar.

 

Denn Albert ist sonst mutig.

 

Sehr mutig, sagte Monte Christo, ich habe ihn schlafen sehen, während der Dolch über seinem Haupte hing.

 

Und ich weiß, daß er sich zehnmal geschlagen und sehr gut geschlagen hat; bringen Sie das mit seinem Benehmen an diesem Morgen in Einklang!

 

Stets Ihr Einfluß, versetzte Monte Christo lächelnd.

 

Es ist ein Glück für Albert, daß er nicht Soldat ist. Entschuldigungen an Ort und Stelle! bemerkte der junge Kapitän den Kopf schüttelnd.

 

Oh, sagte der Graf mit sanftem Tone, verfallen Sie nicht in die Vorurteile gewöhnlicher Menschen, Morel; bedenken Sie, daß Albert, da er tapfer ist, nicht feig sein kann, daß er irgend einen Grund haben muß, zu handeln, wie er gehandelt hat, und daß folglich sein Benehmen mehr heldenmütig, als sonst etwas ist.

 

Ganz gewiß; doch ich sage, wie der Spanier: Er ist heute minder tapfer gewesen, als gestern.

 

Nicht wahr, Sie frühstücken mit mir, Morel? fragte der Graf, das Gespräch abbrechend.

 

Morel lächelte und schüttelte den Kopf.

 

Sie müssen aber doch irgendwo frühstücken?

 

Wenn ich jedoch keinen Hunger habe?

 

Ah! rief der Graf, ich kenne nur zwei Gefühle, welche so den Appetit abschneiden: den Schmerz – und der scheint mir bei Ihrer Heiterkeit ausgeschlossen – und die Liebe. Nach dem, was Sie mir über Ihr Herz gesagt haben, ist es mir Wohl erlaubt, zu glauben …

 

Meiner Treu! Graf, ich sage nicht nein.

 

Und Sie erzählen mir das nicht, Maximilian? versetzte der Graf so lebhaft, daß man sah, welchen Anteil er an dem Herzensgeheimnis nahm.

 

Nicht wahr, Graf, ich zeigte Ihnen heute morgen, daß ich ein Herz habe?

 

Statt jeder Antwort reichte Monte Christo dem jungen Manne die Hand.

 

Wohl! fuhr Maximilian fort, seitdem dieses Herz nicht mehr mit Ihnen im Walde von Vincennes ist, ist es anderswo, wo ich es wiederfinden werde.

 

Gehen Sie, sagte langsam der Graf, lieber Freund, doch ich bitte Sie, wenn Sie auf ein Hindernis stoßen, so erinnern Sie sich, daß ich einige Macht auf dieser Welt besitze, daß ich glücklich bin, diese Macht für die Leute anzuwenden, die ich liebe, und daß ich Sie liebe, Morel.

 

Gut! sagte der junge Mann, ich werde mich dessen erinnern, wie sich selbstsüchtige Kinder ihrer Eltern erinnern, wenn sie ihrer bedürfen. Bedarf ich Ihrer, so wende ich mich an Sie, Graf.

 

Gut! ich verlasse mich auf Ihr Wort, Gott befohlen!

 

Auf Wiedersehen!

 

Man war vor die Tür des Hauses der Champs-Elysées gelangt, vor dem Bertuccio wartete. Monte Christo öffnete den Schlag, Morel sprang auf das Pflaster und entfernte sich sofort, während Monte Christo rasch Bertuccio voran die Treppe hinaufschritt.

 

Nun? fragte er den Intendanten.

 

Sie ist im Begriff, ihr Haus zu verlassen.

 

Und ihr Sohn?

 

Sein Kammerdiener denkt, er werde dasselbe tun.

 

Monte Christo nahm Bertuccio mit sich in sein Kabinett, schrieb den erwähnten Brief an Albert und übergab ihn dem Intendanten.

 

Gehen Sie rasch, sagte er; doch lassen Sie auch Haydee benachrichtigen, daß ich zurückgekehrt bin.

 

Hier bin ich, sagte Haydee. Sie war bei dem Geräusch des Wagens schnell herabgestiegen, und ihr Gesicht strahlte vor Freude, als sie den Grafen unversehrt wiedersah. Bertuccio entfernte sich.

 

Alles Entzücken eines Mädchens, das einen geliebten Vater wiedersieht, die ganze wahnsinnige Freude einer Liebenden, deren angebeteter Geliebte wiederkehrt, fühlte Haydee während der ersten Augenblicke dieser von ihr so ungeduldig erwarteten Rückkehr.

 

Wenn auch weniger laut sich äußernd, war darum die Freude Monte Christos doch nicht minder groß; für die Herzen, die lange gelitten haben, ist die Freude, was der Tau für die Erde, wenn die Sonne sie ausgetrocknet hat. Seit einigen Tagen begriff Monte Christo etwas, woran er lange nicht zu glauben wagte, daß es nämlich zwei Mercedes auf der Welt gab, daß er noch glücklich sein könnte.

 

Sein von Wonne entflammtes Auge tauchte sich sehnsuchtsvoll in Haydees feuchte Blicke, als plötzlich die Tür sich öffnete. Der Graf faltete die Stirn.

 

Herr von Morcerf! sagte Baptistin, als ob dieses einzige Wort seine Entschuldigung enthielte.

 

Das Antlitz des Grafen hellte sich in der Tat auf.

 

Welcher? sagte er, der Vicomte oder der Graf?

 

Mein Gott! rief Haydee, ist es denn noch nicht zu Ende!

 

Ich weiß nicht, ob es zu Ende ist, vielgeliebtes Kind, sagte Monte Christo, das Mädchen bei den Händen fassend; aber ich weiß, daß du nichts zu fürchten hast.

 

Oh! es ist doch der Elende …

 

Dieser Mensch vermag nichts über mich, Haydee, nur von seinem Sohne hattest du etwas zu fürchten.

 

Wie habe ich auch gelitten, du wirst es nie erfahren, Herr.

 

Monte Christo lächelte und sagte, die Hand über dem Haupte des Mädchens ausstreckend: Bei dem Grabe meines Vaters schwöre ich dir, Haydee, wenn Unglück geschieht, so widerfährt es nicht mir.

 

Ich glaube dir, Herr, als ob Gott zu mir spräche, sagte das junge Mädchen und reichte dem Grafen seine Stirn. Monte Christo drückte auf diese reine und schöne Stirn einen Kuß, der zwei Herzen heftiger schlagen ließ.

 

Oh, mein Gott! solltest du es denn gestatten, daß ich noch einmal lieben könnte? murmelte der Graf und führte die schöne Griechin zu einer Geheimtreppe, während er zu Baptistin sagte: Lassen Sie den Grafen von Morcerf in den Salon treten.

 

Während Mercedes in ihrer Wohnung ihre Juwelen zusammenlegte, ihre Schubladen verschloß, ihre Schlüssel sammelte, um alles in Ordnung zurückzulassen, bemerkte sie nicht, daß ein bleicher, düsterer Kopf an der Glasscheibe einer Tür erschien, der, ohne gesehen zu werden, alles gewahrte, was drinnen vorging.

 

Von dieser Glasscheibe begab sich der Mann mit dem bleichen Gesichte in das Schlafzimmer des Grafen von Morcerf, wo er mit krampfhafter Hand den Vorhang eines auf den Hof gehenden Fensters aufhob. Er blieb zehn Minuten unbeweglich, stumm, auf die Schläge seines Herzens horchend.

 

Da kam Albert zurück, bemerkte, daß sein Vater seine Rückkehr hinter einem Vorhang beobachtete, und wandte den Kopf ab. Das Auge des Grafen erweiterte sich; er wußte, daß Albert den Grafen furchtbar beleidigt hatte und daß eine solche Beleidigung in allen Ländern der Welt einen Zweikampf auf Leben und Tod nach sich zog. Albert kehrte aber unversehrt zurück, und er selbst war folglich gerächt.

 

Ein Blitz unbeschreiblicher Freude erleuchtete sein finsteres Antlitz; aber vergebens hoffte er, sein Sohn werde in sein Zimmer kommen, ihm seinen Triumph mitzuteilen.

 

Da ließ der Graf Alberts Diener holen, den, wie erwähnt, sein Herr ermächtigt hatte, nichts vor dem Grafen zu verbergen.

 

Zehn Minuten nachher sah man auf der Freitreppe den General von Morcerf in einem schwarzen Oberrocke, mit schwarzen Beinkleidern und schwarzen Handschuhen erscheinen.

 

Er hatte ohne Zweifel vorher seine Befehle gegeben, denn kaum berührte er die letzte Stufe der Treppe, als sein Wagen vorfuhr. Sein Kammerdiener warf zwei umhüllte Degen in den Wagen; dann schloß er den Schlag und setzte sich neben den Kutscher.

 

Nach den Champs-Elysées, rief der General, zu dem Grafen von Monte Christo. Rasch!

 

Die Pferde bäumten sich unter dem Peitschenschlage und hielten nach fünf Minuten vor dem Hause des Grafen. Herr von Morcerf öffnete selbst den Schlag, sprang, während der Wagen noch rollte, wie ein junger Mensch in die Allee, läutete und verschwand mit seinem Diener in der Tür.

 

Eine Sekunde später meldete Baptistin Herrn von Monte Christo den Grafen von Morcerf, und Monte Christo gab, Haydee zurückführend, den Befehl, den Grafen von Morcerf in den Salon treten zu lassen. Der General maß zum dritten Male den Salon in seiner ganzen Länge, als er, sich umwendend, Monte Christo auf der Schwelle erblickte.

 

Ah! es ist Herr von Morcerf, sagte ruhig Monte Christo ich glaubte, schlecht gehört zu haben.

 

Ja, ich bin es, sagte der Graf, wobei er seine Lippen furchtbar zusammenzog.

 

Ich habe also nur noch die Ursache zu erfahren, die mir das Vergnügen verschafft, den Herrn Grafen von Morcerf so frühzeitig bei mir zu sehen, versetzte Monte Christo.

 

Sie haben heute morgen einen Gang mit meinem Sohn getan, sagte der General.

 

Sie wissen dies?

 

Ich weiß auch, daß mein Sohn gute Gründe gehabt hat, einen Zweikampf mit Ihnen zu wünschen und alles zu tun, was er vermochte, um Sie zu töten.

 

In der Tat, er hatte sehr gute Gründe; doch Sie sehen, daß er mich trotz dieser Gründe nicht getötet und sich nicht einmal geschlagen hat.

 

Und er betrachtete Sie doch als die Ursache der Schande seines Vaters, als die Ursache des gräßlichen Unheils, das in diesem Augenblick mein Haus niederbeugt.

 

Es ist wahr, sagte Monte Christo mit furchtbarer Ruhe; als mitwirkende, nicht als hauptsächlichste Ursache.

 

Ohne Zweifel haben Sie eine Entschuldigung vorgebracht oder ihm eine Erklärung gegeben?

 

Ich habe ihm keine Erklärung gegeben, und er hat sich entschuldigt.

 

Welchem Umstande schreiben Sie dieses Benehmen zu?

 

Ohne Zweifel der Überzeugung, daß ein anderer mehr schuldig ist in dieser Angelegenheit als ich.

 

Und wer war dieser andere? – Sein Vater.

 

Es mag sein, sagte der Graf erbleichend; doch Sie wissen, daß sich der Schuldigste nicht gern von seiner Schuld überzeugen läßt.

 

Ich weiß es … ich erwartete auch, was in diesem Augenblicke geschieht.

 

Sie erwarteten die Feigheit meines Sohnes?

 

Herr Albert von Morcerf ist kein Feiger!

 

Ein Mensch, der einen Degen in der Hand hält, und im Bereiche dieses Degens einen Todfeind hat, ist ein Feigling, wenn er sich nicht schlägt! Warum ist er nicht hier, daß ich es ihm sagen könnte!

 

Mein Herr, entgegnete Monte Christo, ich nehme an, Sie haben mich nicht aufgesucht, mir Ihre Familienangelegenheiten mitzuteilen. Sagen Sie dies Herrn Albert selbst, er weiß vielleicht, was er Ihnen zu antworten hat.

 

Oh! nein! nein! versetzte der General mit einem schnell verschwindenden Lächeln auf seinen Lippen; Sie haben recht, ich bin nicht deshalb gekommen! Ich bin gekommen, um Ihnen zu sagen, daß ich Sie ebenfalls als meinen Feind betrachte! Ich bin gekommen, um Ihnen zu sagen, daß ich Sie aus Instinkt hasse, daß es mir scheint, als hätte ich Sie stets gekannt, stets gehaßt; daß es an uns ist, uns zu schlagen, da sich die jungen Leute jetzt nicht mehr schlagen … Ist dies auch Ihre Ansicht, mein Herr?

 

Vollkommen. Als ich Ihnen sagte, ich hätte dies vorhergesehen, meinte ich vor allem die Ehre Ihres Besuchs.

 

Desto besser … Ihre Vorkehrungen sind also getroffen?

 

Sie sind es stets, mein Herr.

 

Sie wissen, daß wir uns schlagen, bis einer auf der Stelle bleibt! sagte der General, vor Wut mit den Zähnen knirschend.

 

Bis einer auf der Stelle bleibt, wiederholte Monte Christo, den Kopf leicht von oben nach unten bewegend.

 

Vorwärts also, wir bedürfen keine Zeugen.

 

In der Tat, das ist unnötig, wir kennen uns so gut! Im Gegenteil, wir kennen uns nicht.

 

Bah! sagte Monte Christo, wir wollen doch sehen. Sind Sie nicht der Soldat Fernand, der am Vorabend der Schlacht von Waterloo desertiert ist? Sind Sie nicht der Leutnant Fernand, der der französischen Armee in Spanien als Spion gedient hat? Sind Sie nicht der Kapitän Fernand, der seinen Wohltäter Ali verraten, verkauft, ermordet hat? Und machen nicht alle diese Fernand zusammen den Generalleutnant, Grafen von Morcerf, Pair von Frankreich, aus?

 

Oh! rief der General, durch diese Worte wie durch ein glühendes Eisen getroffen. Elender, der du mir meine Schande in dem Augenblick vorwirfst, wo du mich töten willst, nein, ich habe dir nicht gesagt, ich sei dir unbekannt. Ich weiß wohl, Dämon, daß du in die Nacht meiner Vergangenheit gedrungen bist und jede Seite meines Lebens beleuchtet hast. Aber vielleicht liegt noch mehr Ehre in mir bei meiner Schmach, als in dir, bei deiner prunkhaften Außenseite. Denn dich kenne ich nicht, mit Gold und Edelsteinen gestickter Abenteurer! Du läßt dich in Paris den Grafen von Monte Christo nennen, in Italien Simbad den Seefahrer, in Malta, was weiß ich? Doch ich frage dich nach deinem wirklichen Namen, um ihn in dem Augenblicke auszusprechen, wo ich dir mit meinem Degen das Herz durchbohre.

 

Der Graf von Monte Christo erbleichte furchtbar, sein wildes Auge entzündete sich in verzehrendem Feuer; er machte einen Sprung in das anstoßende Kabinett, riß in einer Sekunde seinen Oberrock, seine Weste und seine Halsbinde vom Leibe, zog eine kleine Seemannsjacke an und setzte einen Matrosenhut auf, unter dem seine langen, schwarzen Haare herabrollten.

 

So kehrte er furchtbar, unversöhnlich zurück und schritt mit gekreuzten Armen auf den General zu, der, sein Verschwinden nicht begreifend, ihn erwartete und nun seine Zähne klappern und seine Beine unter sich brechen fühlte, zurückwich und erst still stand, als seine krampfhaft zusammengezogene Hand auf einem Tische einen Stützpunkt fand.

 

Fernand! rief der Graf von Monte Christo, von meinen hundert Namen brauche ich dir nur einen zu sagen, um dich niederzuschmettern; doch diesen Namen, nicht wahr, du errätst ihn? Oder vielmehr, du erinnerst dich seiner? Denn, trotz meines Kummers, trotz meiner Qualen, zeige ich dir heute ein Gesicht, welches das Glück der Rache verjüngt, ein Gesicht, das du seit deiner Verheiratung mit Mercedes, meiner Verlobten, oft in deinen Träumen gesehen haben mußt.

 

Mit zurückgeworfenem Kopf, ausgestreckten Händen und starrem Blick verschlang der General schweigend dieses furchtbare Schauspiel; dann suchte er die Wand als Stütze, wankte langsam bis zur Tür, durch die er rückwärts hinausging, wobei ihm nur ein finsterer, kläglicher, herzzerreißender Schrei entfuhr, der Schrei: Edmond Dantes.

 

Dann schleppte er sich mit Seufzern, die nichts Menschliches hatten, bis in den Säulengang des Hauses, durchschritt den Hof wie ein Trunkener und fiel in die Arme seines Kammerdieners, mit unverständlicher Stimme die Worte: Nach Hause! nach Hause! murmelnd.

 

Die frische Luft und die Scham vor seinen Leuten setzten ihn unterwegs instand, seine Gedanken zu sammeln; die Fahrt war jedoch kurz, und je mehr sich der Graf seiner Wohnung näherte, desto mehr fühlte er seine Schmerzen sich erneuern. Einige Schritte vom Hause ließ er halten und stieg aus.

 

Das Tor des Hotels war weit geöffnet; sehr erstaunt darüber, daß man ihn zu diesem herrlichen Gebäude rief, stand ein Fiakerkutscher neben seinem Gefährt im Hofe. Der Graf schaute den Fiaker voll Schrecken an und eilte in seine Zimmer.

 

 

Zwei Personen stiegen die Treppe herab; er konnte ihnen eben noch, in sein Kabinett schleichend, ausweichen. Es waren Mercedes und ihr Sohn, die das Hotel verließen. Sie gingen dicht an dem Unglücklichen vorüber, der hinter dem Damastvorhange fast vom seidenen Kleide Mercedes‘ gestreift wurde und in seinem Gesichte den warmen Atem seines Sohnes fühlte, als dieser die Worte sprach: Mut, meine Mutter! Kommen Sie, wir sind hier nicht mehr zu Hause.

 

Die Worte verklangen, die Tritte entfernten sich. Der General erhob sich, mit seinen Händen krampfhaft an dem Damastvorhange hängend; er preßte das furchtbarste Schluchzen zurück, das je der Brust eines zugleich von seiner Frau und seinem Sohne verlassenen Mannes entstiegen.

 

Bald hörte er den eisernen Kutschenschlag des Fiakers zuschlagen. Dann vernahm er die Stimme des Kutschers, das Rollen des schweren Wagens erschütterte die Fensterscheiben, und der Graf von Morcerf stürzte in sein Schlafzimmer, um noch einmal alles, was er in der Welt geliebt hatte, zu sehen. Doch der Fiaker entfernte sich, ohne daß Mercedes‘ oder Alberts Kopf am Schlage erschien, um dem einsamen Hause, dem verlassenen Gatten und Vater den letzten Blick, das letzte Lebewohl, das letzte Bedauern, das heißt die Verzeihung zu gönnen.

 

In der Sekunde, wo die Räder des Fiakers über das Straßenpflaster davonrollten, erscholl ein Schuß, und ein dunkler Rauch drang durch eine von der Gewalt der Lufterschütterung zerbrochene Scheibe des Schlafzimmers.

 

Valentine

 

Valentine

 

Man errät, wo Morel zu tun hatte, und wem sein Eilen galt. Als er Monte Christo verließ, ging er jedoch langsam nach dem Villefortschen Hause – langsam, denn es drängte ihn, mit seinen Gedanken allein zu sein.

 

Er kannte die Stunde gut, zu der Valentine, an Noirtiers Frühstück teilnehmend, vor Störung sicher war. Noirtier und Valentine hatten ihm zwei Besuche in der Woche zugestanden, und er kam, von seinem Rechte Gebrauch zu machen.

 

Valentine erwartete ihn. Unruhig, fast verwirrt, nahm sie ihn bei der Hand und führte ihn zu ihrem Großvater. Diese heftige Unruhe rührte davon her, daß Valentine von dem bevorstehenden Duell zwischen Morcerf und Monte Christo gehört hatte. Sie ahnte schon, Morel würde Monte Christos Zeuge sein, und fürchtete, er werde bei seiner Unerschrockenheit ebenfalls in einen Zweikampf verwickelt werden.

 

Man begreift, welche unbeschreibliche Freude Morel in den Augen seiner Geliebten lesen konnte, als sie erfuhr, die furchtbare Angelegenheit habe einen ebenso glücklichen, wie unerwarteten Ausgang gehabt.

 

Valentine ließ Morel neben dem Greise sitzen, setzte sich selbst auf den Sessel, worauf seine Füße ruhten, und sagte: Nun lassen Sie uns ein wenig von unsern Angelegenheiten reden. Sie wissen, daß der gute Papa den Gedanken gehabt hat, das Haus zu verlassen und seine Wohnung außerhalb des Villefortschen Hauses zu nehmen.

 

Ja, gewiß, ich erinnere mich und habe diesem Plan meinen vollen Beifall geschenkt.

 

Und wissen Sie, sagte Valentine, welchen Grund der gute Papa für seine Absicht angibt?

 

Noirtier schaute seine Enkelin an, um ihr mit dem Auge Schweigen aufzuerlegen; doch Valentine sah ihn nicht an, ihre Augen, ihr Blick, ihr Lächeln gehörten nur Morel.

 

Oh! welchen Grund auch Herr Noirtier angeben mag, rief Morel, ich erkläre, daß er gut ist.

 

Vortrefflich; er behauptet, die Luft des Faubourg Saint Honoré sei für mich nicht gesund.

 

In der Tat, Valentine, Herr Noirtier könnte recht haben; ich finde, daß Ihre Gesundheit seit vierzehn Tagen etwas gelitten hat.

 

Ja, ein wenig, das ist wahr, antwortete Valentine; auch hat sich der gute Papa zu meinem Arzte gemacht, und da er alles weiß, so habe ich das größte Vertrauen zu ihm.

 

Sie leiden also wirklich, Valentine? fragte Morel rasch. Oh! mein Gott, das nennt man nicht leiden; ich fühle eine allgemeine Unbehaglichkeit, und sonst nichts. Ich habe den Appetit verloren, und es kommt mir vor, als hielte mein Magen einen Kampf aus, um sich an etwas zu gewöhnen.

 

Noirtier verlor keines von Valentines Worten.

 

Und welche Behandlung befolgen Sie für diese unbekannte Krankheit?

 

Oh! das ist ganz einfach, ich verschlucke jeden Morgen einen Löffel von dem Trank, den man für meinen Großvater bringt; wenn ich sage einen Löffel, so meine ich, ich habe mit einem angefangen, und nun bin ich beim vierten. Mein Großvater behauptet, es sei ein Heilmittel für alles.

 

Valentine lächelte, doch es lag etwas Trauriges, Leidendes in diesem Lächeln. Trunken vor Liebe schaute sie Maximilian schweigend an; sie war sehr schön, doch ihre Blässe hatte einen matten Ton angenommen, ihre Augen glänzten von einem glühenderen Feuer als gewöhnlich, und ihre sonst perlmutterweißen Hände schienen von gelblichem Wachs zu sein.

 

Von Valentine richtete der junge Mann seine Augen auf Noirtier. Dieser betrachtete mit innigem, prüfendem Blick das geliebte, liebende Mädchen und folgte, wie Morel, den Spuren eines tiefen Leidens, das, für das Auge der andern unsichtbar, dem des Großvaters und des Geliebten nicht entging.

 

Doch ich dachte, der Trank, von dem Sie bereits vier Löffel nehmen, sei für Herrn Noirtier verschrieben?

 

Ich weiß, daß er sehr bitter ist, erwiderte Valentine, so bitter, daß mir alles, was ich darauf trinke, denselben Geschmack zu haben scheint.

 

Noirtier schaute seine Enkelin mit fragendem Blicke an.

 

Ja, guter Papa, versetzte Valentine, es ist so. Soeben, ehe ich zu Ihnen ging, trank ich ein Glas Zuckerwasser; ich ließ die Hälfte davon stehen, so bitter schmeckte das Wasser.

 

Noirtier erbleichte und bedeutete durch ein Zeichen, er wolle sprechen. Valentine stand auf, um das Wörterbuch zu holen, und Noirtier folgte ihr in sichtbarer Angst mit den Augen.

 

Das Blut stieg in der Tat dem Mädchen in den Kopf, seine Wangen färbten sich. Halt! rief sie, immer noch voll Heiterkeit, das ist sonderbar! bin ich blind? Hat mich etwa die Sonne in die Augen getroffen?

 

Und sie stützte sich auf das Fenstersims.

 

Es scheint keine Sonne her, sagte Morel, noch mehr durch den Ausdruck Noirtiers als durch Valentines Unpäßlichkeit beunruhigt, und lief auf seine Braut zu.

 

Das Mädchen lächelte und sagte: Beruhige dich, guter Papa, beruhigen Sie sich, Maximilian, es ist nichts, es ist schon vorbei; stille doch! … Ist das nicht das Geräusch eines Wagens, was ich im Hofe höre?

 

Sie öffnete die Tür, lief an ein Fenster im Gange und kehrte eilig zurück.

 

Ja, sagte sie, es ist Frau Danglars und ihre Tochter, die uns einen Besuch machen wollen. Gott befohlen, ich fliehe, denn man würde mich doch holen, oder vielmehr auf Wiedersehen! Bleiben Sie bei dem guten Papa, ich verspreche Ihnen, den Besuch nicht zurückzuhalten.

 

Morel folgte ihr mit den Augen, sah sie die Tür zumachen und hörte sie die kleine Treppe hinaussteigen, die zugleich zu Frau von Villefort und in ihr Zimmer führte.

 

Sobald sie verschwunden war, bedeutete der Greis Morel, er solle das Wörterbuch nehmen. Nach Verlauf von zehn Minuten hatte der junge Mann Noirtiers Gedanken folgendermaßen übersetzt: Suchen Sie das Glas Wasser und die Flasche in Valentines Zimmer.

 

Morel läutete sogleich dem Diener, der Barrois ersetzt hatte, und erteilte ihm in Noirtiers Namen den Befehl.

 

Der Diener kam nach einem Augenblick zurück. Er hatte Flasche und Glas völlig leer gefunden. Noirtier machte hierauf ein Zeichen, daß er sprechen wolle.

 

Warum sind das Glas und die Flasche leer? fragte er mit Hilfe des Wörterbuchs. Valentine sagte, sie habe nur die Hälfte des Glases getrunken.

 

Ich weiß es nicht, antwortete der Bediente; doch die Kammerfrau ist in Valentines Zimmer; vielleicht hat sie es geleert.

 

Fragen Sie die Kammerfrau, sagte Morel.

 

Der Diener ging hinaus, kam beinahe in derselben Minute wieder zurück und meldete: Fräulein Valentine ist durch ihr Zimmer gegangen, um sich in das der Frau von Villefort zu begeben, und da sie Durst hatte, so trank sie, was im Glase übrig war; die Flasche hat Herr Eduard geleert, um einen Teich für seine Enten daraus zu machen.

 

Noirtier schlug die Augen zum Himmel auf, wie ein Spieler, der seine ganze Habe auf einen Wurf setzt. Von da an hefteten sich die Augen nach der Tür und verließen diese Richtung nicht mehr.

 

Die befreundeten Damen waren eben in den Salon getreten und hatten Frau von Villefort begrüßt, als Valentine eintrat.

 

Liebe Freundin, sagte die Baronin, während sich die jungen Mädchen bei den Händen nahmen, ich bin gekommen, um Ihnen die nahe bevorstehende Verheiratung meiner Tochter mit dem Prinzen Cavalcanti mitzuteilen.

 

So erlauben Sie mir, Ihnen meine aufrichtigen Glückwünsche auszusprechen, antwortete Frau von Villefort. Der Herr Prinz Cavalcanti scheint ein junger Mann von seltenen Eigenschaften zu sein.

 

Hören Sie, versetzte die Baronin lächelnd, wenn wir als Freundinnen sprechen, so muß ich Ihnen sagen, daß uns der Prinz noch nicht das zu sein scheint, was er sein soll. Es ist an ihm noch etwas von dem Ungelenken, woran wir Französinnen auf den ersten Blick einen italienischen oder deutschen Edelmann erkennen. Er offenbart jedoch ein sehr gutes Herz, viel Feinheit des Geistes, und was die sonstigen Verhältnisse betrifft, so behauptet Herr Danglars, sein Vermögen sei majestätisch; dies ist sein Ausdruck.

 

Und dann, sagte Eugenie, in einem Album blätternd, setzen Sie nur noch dazu, daß Sie eine ganz besondere Neigung für den jungen Mann haben.

 

Ich brauche Sie wohl nicht zu fragen, ob Sie diese Neigung teilen? versetzte Frau von Villefort.

 

Ich! entgegnete Eugenie mit ihrer gewöhnlichen Bestimmtheit; oh, nicht im mindesten, gnädige Frau. Ich fühle mich nicht für den Beruf geschaffen, mich an die Sorgen einer Haushaltung und die Launen eines Mannes zu ketten. Ich möchte Künstlerin werden und frei über mein Herz, meine Person und meine Gedanken verfügen. Da ich indessen wohl oder übel heiraten muß, so kann ich nur der Vorsehung danken, daß sie mir wenigstens Herrn Albert von Morcerfs Abneigung verschafft hat; ohne diese Vorsehung wäre ich heute die Frau eines seiner Ehre verlustigen Mannes.

 

Es ist wahr, sagte die Baronin, es fehlte wenig, so hätte meine Tochter Herrn Albert geheiratet. Dem General lag viel daran; er kam sogar, um von Herrn Danglars ihre Hand zu erzwingen; wir ließen ihn aber schön ablaufen.

 

Aber fällt denn die Schande des Vaters auch auf den Sohn? sagte schüchtern Valentine. Herr Albert scheint mir ganz unschuldig an dem Verrat des Generals.

 

Verzeihen Sie, liebe Freundin, versetzte die Männerfeindin; Albert verdient sein Teil davon. Nachdem er gestern Herrn von Monte Christo in der Oper herausgefordert, hat er sich heute auf dem Kampfplatze bei ihm entschuldigt.

 

Unmöglich! rief Frau von Villefort.

 

Ach! teure Freundin, sagte Frau Danglars, es ist so, ich habe es durch Herrn Debray erfahren, der bei der Erklärung zugegen war.

 

Valentine wußte auch die Wahrheit, aber sie sagte nichts. Durch ein Wort in ihre Erinnerungen zurückversetzt, befand sie sich in Gedanken wieder in Noirtiers Zimmer, wo sie Morel erwartete.

 

In diese innere Betrachtung versunken, hatte sie aufgehört, an dem Gespräche teilzunehmen, als plötzlich Frau Danglars‘ Hand sich auf ihren Arm stützte und sie ihrer Träumerei entzog.

 

Was wünschen Sie, gnädige Frau? fragte Valentine, bei der Berührung zusammenfahrend wie von einem elektrischen Schlage.

 

Meine liebe Valentine, sagte die Baronin, Sie sind jedenfalls leidend?

 

Ich? entgegnete das Mädchen, mit der Hand über seine glühende Stirne fahrend.

 

Ja, beschauen Sie sich nur im Spiegel; Sie sind drei- bis viermal hintereinander im Verlaufe einer Minute erbleicht und errötet.

 

Du bist in der Tat sehr bleich! rief Eugenie.

 

Oh, das tut nichts, Eugenie, ich bin seit einigen Tagen so.

 

So wenig schlau Valentine auch war, so begriff sie doch, daß sie nun Gelegenheit hatte, sich zu entfernen. Überdies kam ihr Frau von Villefort zu Hilfe, indem sie sagte: Entferne dich, Valentine, du leidest wirklich; trinke ein Glas Wasser, und du wirst dich erholen.

 

Valentine küßte Eugenie, verbeugte sich vor Frau Danglars und verließ das Zimmer.

 

Das arme Kind, sagte Frau von Villefort, als Valentine verschwunden war, es beunruhigt mich ernstlich, und es sollte mich nicht wundern, wenn ihr irgend ein Unfall widerführe.

 

Valentine war indessen in einer Aufregung, von der sie sich keine Rechenschaft geben konnte, durch Eduards Zimmer gegangen und hatte sodann die kleine Treppe zu Noirtiers Wohnung erreicht. Sie stieg alle Stufen bis auf die letzten drei hinab; sie hörte bereits Morels Stimme, als plötzlich eine Wolke vor ihren Augen hinzog, ihr starrer Fuß verfehlte die Stufe, ihre Hände hatten nicht mehr die Kraft, sich am Geländer zu halten, sie streifte an der Wand hin und rollte die drei letzten Stufen hinab.

 

 

Morel machte einen Sprung, öffnete die Tür und sah die Geliebte auf dem Boden liegen. Rasch hob er sie in seine Arme und trug sie in einen Lehnstuhl. Dann öffnete sie wieder die Augen.

 

Oh, ich Ungeschickte! sagte sie, fieberhaft schnell sprechend, ich weiß mich also nicht mehr zu halten.

 

Sie haben sich doch nicht verletzt, Valentine? rief Morel. Oh, mein Gott! mein Gott!

 

Valentine schaute umher; sie sah in Noirtiers Augen den größten Schrecken sich abspiegeln.

 

Beruhige dich, guter Papa, sagte sie, indem sie zu lächeln suchte; es ist nichts … nur ein Schwindel.

 

Abermals eine Ohnmacht! sagte Morel, die Hände faltend. Oh! nehmen Sie sich in acht, Valentine, ich flehe Sie an.

 

Nein, versetzte Valentine, nein, ich sage Ihnen, daß alles vorüber ist, und daß es nichts war. Nun lassen Sie mich Ihnen eine Neuigkeit mitteilen: in acht Tagen verheiratet sich Eugenie, und in drei Tagen findet ein großes Fest, ein Verlobungsmahl, statt. Wir alle sind eingeladen, mein Vater, Frau von Villefort und ich … wenigstens soviel ich verstanden habe.

 

Wann wird die Reihe an uns kommen? Oh! Valentine, Sie, die Sie so viel über Ihren guten Papa vermögen, bemühen Sie sich, daß er Ihnen antwortet: Bald! Solange Sie nicht mir gehören, Valentine, ist es mir immer, als ob Sie mir entgehen könnten.

 

Oh! antwortete Valentine mit einer krampfhaften Bewegung, Maximilian, Sie sind zu ängstlich für einen Offizier, der, wie man sagt, nie die Furcht gekannt hat. Und sie brach in ein scharfes, schmerzliches Gelächter aus, ihre Arme wurden steif, ihr Kopf fiel auf den Stuhl zurück, und sie blieb ohne Bewegung.

 

Morel rief bei diesem Anblick um Hilfe, worauf die Kammerfrau und die Bedienten sofort herbeieilten.

 

Valentine war so kalt, so bleich, so leblos, daß die Diener, ohne zu hören, was man ihnen sagte, von der Furcht erfaßt wurden, die beständig in einem verfluchten Hause wachte, und um Hilfe rufend, in die Gänge stürzten.

 

Frau Danglars und Eugenie entfernten sich soeben und erfuhren gerade noch die Ursache des Aufruhrs.

 

Ich sagte es Ihnen! rief ihnen Frau von Villefort zu; die arme Kleine!

 

Das Geständnis.

 

Das Geständnis.

 

In demselben Augenblick hörte man die Stimme des Herrn von Villefort aus seinem Kabinett rufen: Was gibt es denn?

 

Morel befragte mit dem Blicke Noirtier; dieser hatte wieder seine ganze Kaltblütigkeit erlangt und bezeichnete ihm mit dem Auge das Kabinett, in das er sich schon einmal unter ähnlichen Umständen geflüchtet hatte.

 

Gleich darauf stürzte Villefort in das Zimmer, lief auf Valentine zu und faßte sie in seine Arme. Einen Arzt! … Herrn d’Avrigny! Oder ich gehe vielmehr selbst, rief er und lief aus dem Zimmer.

 

Durch die andere Tür entfloh Morel. Eine schreckliche Erinnerung regte sich in seinem Herzen: die Unterredung zwischen Villefort und dem Doktor, die er in der Nacht, in der Frau von Saint-Meran starb, gehört hatte. Die Symptome, die dem Tode Barrois‘ vorhergegangen, schienen ihm dieselben zu sein, die er, wenn auch in etwas geringerem Grade, bei Valentine wahrgenommen hatte. Zugleich tönte an sein Ohr die Stimme des Grafen von Monte Christo, der ihm kaum zwei Stunden vorher gesagt hatte: Wenn Sie etwas brauchen, Morel, so kommen Sie zu mir, ich vermag viel. Diesen Helfer wollte er nun aufsuchen.

 

Inzwischen fuhr Herr von Villefort bei Herrn d’Avrigny vor; er läutete so heftig, daß ihm der Portier mit erschrockener Miene öffnete. Villefort stürzte nach der Treppe, ohne daß er die Kraft hatte, etwas zu sagen. Der Portier kannte ihn und rief ihm nur nach: In seinem Kabinett, Herr Staatsanwalt!

 

Villefort stieß bereits die Tür auf.

 

Ah! sagte der Doktor, Sie sind es? –

 

Ja, ich bin es und frage Sie, ob wir allein sind. Doktor, mein Haus ist ein verfluchtes Haus!

 

Wie! sagte dieser scheinbar kalt, jedoch mit tiefer innerer Erschütterung, haben Sie abermals einen Kranken?

 

Ja, Doktor! rief Villefort, mit krampfhafter Hand seine Haare fassend, ja!

 

In d’Avrignys Blick lag: Ich habe es Ihnen vorher gesagt. Dann sprachen seine Lippen langsam: Wer soll denn in Ihrem Hause sterben, und welches neue Opfer wird Sie vor Gott der Schwäche anklagen?

 

Ein schmerzliches Schluchzen entwand sich dem Herzen des Geängsteten, er näherte sich dem Arzte, faßte ihn am Arm und antwortete: Valentine! die Reihe ist an Valentine! Ihre Tochter! rief d’Avrigny, erschreckt.

 

Sie sehen, daß Sie sich täuschten, murmelte der Staatsanwalt, kommen Sie, schauen Sie meine Tochter an, und Sie werden sie wegen Ihres Verdachtes auf ihrem Schmerzenslager um Verzeihung bitten.

 

So oft Sie mich benachrichtigten, war es zu spät, sagte Herr d’Avrigny; doch gleichviel, ich gehe. Eilen wir!

 

Oh! diesmal, Doktor, werden Sie mir meine Schwäche nicht mehr vorwerfen. Diesmal werde ich den Mörder kennen lernen und treffen.

 

Suchen wir das Opfer zu retten, ehe wir an die Rache denken, sagte d’Avrigny; kommen Sie!

 

Inzwischen war Morel bei Monte Christo angekommen. Der Graf saß in seinem Kabinett und las sorgenvoll ein Billett, das ihm Bertuccio in der Eile geschickt hatte. Als er Morel, der ihn vor kaum zwei Stunden verlassen hatte, melden hörte, erhob der Graf das Haupt.

 

Für Morel, wie für den Grafen hatte sich während dieser zwei Stunden ohne Zweifel viel ereignet, denn der junge Mann, der ihn mit einem Lächeln auf den Lippen verlassen, kam mit verstörtem Gesichte zurück.

 

Er stand auf, eilte Morel entgegen und rief: Was gibt es denn, Maximilian? Sie sind bleich, und Ihre Stirn trieft von Schweiß.

 

Morel fiel auf einen Stuhl und erwiderte: Ja, ich bin schnell gelaufen, ich mußte Sie sprechen. Ich bedarf Ihrer. Sie können mir vielleicht bei einer Sache Hilfe leisten, wo sonst niemand helfen kann. – Reden Sie! – Graf, wollen Sie mir erlauben, Baptistin wegzuschicken und in einem Ihnen bekannten Hause Nachrichten einzuziehen? – Ich bin zu Ihrer Verfügung, und Sie mögen also noch viel mehr über meine Bedienten verfügen.

 

Morel ging hinaus, rief Baptistin und sagte ihm leise einige Worte. Der Kammerdiener eilte fort.

 

Morel erzählte nun, ohne die Namen zu nennen, dem Grafen, welches Geheimnis er aus dem im Garten des Staatsanwalts belauschten nächtlichen Gespräch erfahren habe, und Monte Christo hörte scheinbar mit der größten Ruhe zu.

 

Nun! endete Maximilian, der Tod ist zum dritten Male eingekehrt, und weder der Herr des Hauses, noch der Doktor hat etwas gesagt; der Tod wird vielleicht zum vierten Male treffen. Graf, wozu glauben Sie, daß mich die Kenntnis dieses Geheimnisses verpflichtet?

 

Mein lieber Freund, Sie scheinen mir eine Geschichte zu erzählen, die jeder von uns auswendig weiß. Ich kenne das Haus, wo Sie dies gehört haben, oder kenne wenigstens ein ähnliches: ein Haus, wo sich ein Garten, ein Familienvater, ein Doktor findet, ein Haus, wo sich drei seltsame, unerwartete Todesfälle ereignet haben. Wohl, schauen Sie mich an, mich, der nichts erlauscht hat, und dennoch dies alles so gut weiß wie Sie … habe ich Gewissensbedenken? Nein! das geht mich nichts an. Sie sagen, ein Würgeengel scheine dieses Haus dem Zorne des Herrn zu bezeichnen; wer sagt Ihnen denn, daß Ihre Voraussetzung nicht Wirklichkeit ist? Wenn die Gerechtigkeit und nicht der Zorn Gottes dieses Haus trifft, Maximilian, so wenden Sie den Kopf ab und lassen Sie die Gerechtigkeit Gottes ihren Gang gehen.

 

Morel bebte. Es lag zugleich etwas Finsteres, Feierliches und Furchtbares in dem Tone des Grafen.

 

Überdies, fuhr er mit so scharf veränderter Stimme fort, daß man hätte glauben sollen, diese letzten Worte kämen nicht mehr aus dem Munde desselben Menschen, – überdies, wer sagt Ihnen, daß es wieder anfangen wird?

 

Es fängt wieder an, Graf, rief Morel, und deshalb bin ich zu Ihnen gelaufen.

 

Was soll ich tun, Morel? Soll ich etwa den Herrn Staatsanwalt in Kenntnis setzen?

 

Monte Christo sprach diese Worte mit solchem Ausdrucke, daß Morel plötzlich aufstand und rief: Graf! Graf! nicht wahr, Sie wissen, von wem ich spreche? Allerdings, mein guter Freund, und ich will es Ihnen dadurch beweisen, daß ich Namen nenne. Sie sind am Todesabend des Herrn von Saint-Meran im Garten des Herrn von Villefort gewesen. Sie haben Herrn von Villefort mit Herrn d’Avrigny über den Tod des Herrn von Saint-Meran und über den nicht minder erstaunlichen Tod seiner Gattin sprechen hören. Herr d’Avrigny sagte, er glaube an eine Vergiftung, oder sogar an zwei Vergiftungen, und Sie, der vor allen ehrliche Mann, sind seitdem in Gewissensnöten, ob Sie dieses Geheimnis enthüllen, oder ob Sie schweigen sollen. So lassen Sie doch die Leute schlafen, wenn sie schlafen, und schlummern Sie selbst um Gotteswillen, Sie, den keine Gewissensbisse am Schlummern hindern.

 

Ein furchtbarer Schmerz prägte sich in Morels Zügen aus; er ergriff die Hand des Grafen und rief: Aber, es fängt wieder an, sage ich Ihnen!

 

Nun wohl, erwiderte der Graf, erstaunt über diese Hartnäckigkeit, die er nicht begriff, während er Maximilian noch aufmerksamer anschaute, lassen Sie es wieder anfangen; es ist eine Atriden-Familie! Gott hat sie verurteilt, und sie werden seinem Spruche unterliegen, sie werden verschwinden. Vor drei Monaten war es Herr von Saint-Meran; vor zwei Monaten war es Frau von Saint-Meran; kürzlich war es Barrois; heute ist es der alte Noirtier oder die junge Valentine.

 

Sie wußten es? rief Morel so erschrocken, daß Monte Christo bebte, er, den des Himmels Einsturz unempfindlich gefunden hätte. Sie wußten es und sagten nichts?

 

Was ist mir denn daran gelegen! versetzte Monte Christo, die Achseln zuckend, kenne ich diese Leute?

 

Aber ich, rief Morel, brüllend vor Schmerz, ich liebe sie!

 

Sie lieben, wen? rief Monte Christo aufspringend und Morels Hände ergreifend.

 

Ich liebe bis zur Raserei, ich liebe wie ein Mensch, der all sein Blut hingeben würde, um ihr eine Träne zu ersparen, ich liebe Valentine von Villefort, die man in diesem Augenblicke ermordet! Hören Sie wohl, ich liebe sie, und frage Gott und Sie, wie ich sie retten kann?

 

Monte Christo stieß einen Schrei aus und rief, die Hände ringend: Unglücklicher! du liebst die Tochter eines verfluchten Geschlechtes!

 

Nie hatte Morel einen ähnlichen Ausdruck gesehen, nie hatte ein so furchtbares Auge vor seinem Gesicht geflammt, nie hatte der Geist des Schreckens, den er so oft auf den Schlachtfeldern oder in den mörderischen Nächten Algeriens erschaut, so düstere Flammen um ihn her geschleudert. – Er wich erschrocken zurück.

 

Monte Christo schloß ein paar Sekunden lang nach diesem Ausbruche, wie von inneren Blitzen geblendet, die Augen. Während dieser Sekunden sammelte er sich mit solcher Gewalt, daß man nach und nach die wellenförmigen Bewegungen seiner von Stürmen schwellenden Brust sich legen sah, wie sich nach dem Gewitter unter der Sonne die stürmischen, schäumenden Wogen glätten.

 

Dann hob er seine bleiche Stirn empor und sagte mit leicht bebender Stimme: Ich, der unempfindlich, und neugierig dastand, ich, der die Entwickelung dieser furchtbaren Tragödie betrachtete; ich, der einem schlimmen Genius ähnlich über das Böse lachte, das die Menschen unter dem Schutze des Geheimnisses tun – ich fühle mich nun selbst gebissen von der Schlange, deren krummen Gang ich betrachtete, und zwar ins Herz gebissen.

 

Morel stieß einen dumpfen Seufzer aus.

 

Auf! auf! genug der Klagen, fuhr der Graf fort, seien Sie stark, seien Sie ein Mann, seien Sie voll Hoffnung, denn ich bin da, ich wache über Sie.

 

Morel schüttelte traurig den Kopf.

 

Ich sage Ihnen, Sie sollen hoffen, verstehen Sie mich? rief Monte Christo. Erfahren Sie, daß ich nie lüge, daß ich mich nie täusche. Es ist Mittag, Maximilian, danken Sie dem Himmel, daß Sie am Mittag gekommen sind, statt erst am Abend zu kommen. Hören Sie, was ich Ihnen sagen werde, Morel; es ist Mittag; wenn Valentine noch nicht tot ist, so wird sie nicht sterben.

 

Oh! mein Gott! mein Gott! rief Morel, ich habe sie sterbend zurückgelassen.

 

Monte Christo legte seine Hand an die Stirn. Was ging in diesem von furchtbaren Geheimnissen beschwerten Kopfe vor? Er hob die Stirn noch einmal, und diesmal war er ruhig wie das Kind beim Erwachen.

 

Maximilian, sagte er, kehren Sie still nach Hause zurück; ich befehle Ihnen, nichts zu tun, keinen Schritt zu versuchen, über Ihr Antlitz nicht den Schatten einer Unruhe schweben zu lassen, ich werde Ihnen Nachricht geben.

 

Mein Gott! mein Gott! Graf, Sie erschrecken mich mit Ihrer Kaltblütigkeit. Vermögen Sie etwas gegen den Tod? Sind Sie mehr als ein Mensch?

 

Und der junge Mann, den keine Gefahr je einen Schritt zurückweichen ließ, wich, von einem unsäglichen Schrecken erfaßt, zurück. Doch Monte Christo schaute ihn jetzt mit einem zugleich so schwermütigen und so sanften Lächeln an, daß Maximilian Tränen in seinen Augen fühlte.

 

Ich vermag viel, antwortete der Graf. Gehen Sie, ich muß allein sein, mein Freund.

 

Ohne Widerstreben drückte Morel dem Grafen die Hand und entfernte sich.

 

Villefort und d’Avrigny waren indessen in größter Eile nach dem Hotel des Staatsanwalts gefahren. Bei ihrer Rückkehr war Valentine noch ohnmächtig, und der Arzt untersuchte die Kranke mit der von den Umständen gebotenen Sorgfalt.

 

An seinen Lippen und seinen Blicken hängend, erwartete Villefort das Resultat der Prüfung. Bleicher, als das Mädchen, gieriger auf eine Lösung, als Villefort selbst, wartete Noirtier ebenfalls.

 

Endlich sprach d’Avrigny langsam die Worte: Sie lebt noch.

 

Noch? rief Villefort, oh! Doktor, welch ein furchtbares Wort haben Sie da ausgesprochen!

 

Ja, sagte der Doktor, ich wiederhole meine Behauptung; sie lebt noch, und ich bin darüber erstaunt.

 

Doch sie ist gerettet? – Ja, da sie lebt.

 

In diesem Moment begegnete der Blick d’Avrignys dem Blicke Noirtiers. Er erglänzte von so außerordentlicher Freude, daß der Arzt sich dadurch betroffen fühlte.

 

Er ließ das Mädchen, dessen bleiche, weiße Lippen sich kaum noch vom übrigen Gesicht abhoben, wieder auf den Stuhl fallen und sagte zu Villefort: Rufen Sie gefälligst die Kammerjungfer des Fräuleins.

 

Villefort ließ den Kopf seiner Tochter los, den er unterstützte, und lief weg, um die Kammerjungfer zu rufen.

 

Sobald Villefort die Tür zugemacht hatte, näherte sich d’Avrigny Herrn Noirtier und fragte ihn: Sie haben mir etwas zu sagen?

 

Der Greis blinzelte auf eine ausdrucksvolle Weise mit den Augen; es war dies, wie man sich erinnert, sein bejahendes Zeichen.

 

Gut, ich werde bei Ihnen bleiben.

 

In diesem Augenblick kehrte Villefort mit der Kammerjungfer zurück; hinter dieser ging Frau von Villefort.

 

Aber was hat denn das liebe Kind? rief sie: … sie ging von mir weg, beklagte sich zwar etwas über Unpäßlichkeit, doch ich glaubte, es sei von keiner Bedeutung.

 

Und die junge Frau näherte sich Valentine mit Tränen in den Augen und mit allen Zeichen der Zuneigung einer wahren Mutter, und nahm sie bei der Hand.

 

D’Avrigny schaute Noirtier fortwährend an; er sah, wie seine Augen sich erweiterten, wie seine Wangen zitterten und erbleichten, wie der Schweiß auf seiner Stirn perlte.

 

Oh! stieß er unwillkürlich hervor, während er der Richtung der Blicke des Greises folgte, das heißt, seine Augen auf Frau von Villefort heftete. Diese sagte wiederholt: Das arme Kind wird besser in seinem Zimmer sein. Kommen Sie, Fanny, wir wollen Valentine zu Bette bringen.

 

Der Arzt, der in diesem Vorschlag ein Mittel sah, mit Noirtier allein zu bleiben, erklärte dies für das beste, verbot aber, sie irgend etwas anderes nehmen zu lassen, als was er verordnen würde.

 

Man trug Valentine weg; sie hatte wieder das Bewußtsein erlangt, vermochte aber weder sich zu bewegen, noch zu sprechen, so sehr waren ihre Glieder durch die Erschütterung, die sie erlitten, gelähmt. Sie hatte indessen die Kraft, mit einem Blicke ihren Großvater zu grüßen, dem man, als man sie wegtrug, die Seele zu entreißen schien.

 

D’Avrigny folgte der Kranken, gab weitere Vorschriften, hieß Villefort selbst zum Apotheker fahren, dort die verordneten Tränke bereiten lassen, sie selbst zurückbringen und ihn im Zimmer seiner Tochter erwarten.

 

Nachdem er abermals eingeschärft, Valentine nichts nehmen zu lassen, ging er wieder zu Herrn Noirtier hinab, schloß sorgfältig die Tür, überzeugte sich, daß niemand horchte, und sagte: Mein Herr, Sie wissen etwas über die Krankheit Ihrer Enkelin? – Ja, machte der Greis.

 

Hören Sie, wir haben keine Zeit zu verlieren, ich will Sie fragen, und Sie antworten mir. Haben Sie den Unfall vorhergesehen, der heute Valentine begegnet ist? – Ja.

 

D’Avrigny dachte einen Augenblick nach, näherte sich sodann Noirtier und fuhr fort: Verzeihen Sie mir, was ich Ihnen sagen werde; doch in der furchtbaren Lage, in der wir uns befinden, darf kein Anzeichen vernachlässigt werden. Haben Sie den armen Barrois sterben sehen?

 

Noirtier schlug die Augen zum Himmel auf.

 

Wissen Sie, woran er gestorben ist? – Ja.

 

Glauben Sie, sein Tod sei natürlich gewesen?

 

Etwas wie ein Lächeln trat auf die trägen Lippen Noirtiers. Es ist Ihnen also der Gedanke gekommen, Barrois sei vergiftet worden? – Ja. – Glauben Sie, das Gift, dem er unterlegen ist, sei für ihn bestimmt gewesen? – Nein.

 

Meinen Sie, dieselbe Hand, die Barrois statt eines andern getroffen, treffe heute Valentine? – Ja. – Sie wird also ebenfalls unterliegen? fragte d’Avrigny, einen tiefen Blick auf Noirtier heftend. – Nein, erwiderte dieser mit triumphierender Miene. – Sie hoffen also? fragte d’Avrigny erstaunt. – Ja. – Was hoffen Sie?

 

Der Greis machte durch die Augen begreiflich, er könne nicht antworten.

 

Ah! ja, das ist wahr, murmelte d’Avrigny.

 

Dann sagte er: Sie hoffen, der Mörder würde müde werden? – Nein. – Also hoffen Sie, das Gift werde ohne Wirkung auf Valentine sein? – Ja. – Denn nicht wahr, ich belehre Sie nicht, wenn ich Ihnen sage, man habe sie in der Tat zu vergiften gesucht?

 

Der Greis machte mit den Augen ein Zeichen, das keinen Zweifel in dieser Beziehung übrig ließ.

 

Wie hoffen Sie dann, daß Valentine entkommen werde?

 

Noirtier hielt hartnäckig seine Augen auf einen Punkt geheftet; d’Avrigny folgte der Richtung seiner Augen und sah, daß sie auf eine Flasche zielten, die den Trank enthielt, den man ihm jeden Morgen brachte.

 

Ah! ah! sagte d’Avrigny, plötzlich von einem Gedanken erleuchtet, sollten Sie den Einfall gehabt haben … – Noirtier ließ ihn nicht vollenden. Ja, machte er. – Sie gegen das Gift zu verwahren? – Ja. – Indem Sie Valentine allmählich daran gewöhnten, da Sie mich haben sagen hören, es komme Brucin in den Trank, den ich Ihnen gebe. – Ja, ja, ja, machte der Greis, entzückt, verstanden zu werden. – Und Sie gewöhnten sie an dieses Getränk und wollten dadurch die Wirkungen eines solchen Giftes aufheben?

 

Dieselbe triumphierende Freude bei Noirtier.

 

Und es ist Ihnen wirklich gelungen! rief d’Avrigny. Ohne diese Vorsichtsmaßregel wäre Valentine heute getötet, getötet ohne die Möglichkeit einer Hilfe; der Schlag war heftig, doch sie wurde nur erschüttert, und diesmal wenigstens wird Valentine nicht sterben.

 

Eine übermenschliche Freude glänzte in den mit einem Ausdrucke unsäglicher Dankbarkeit zum Himmel aufgeschlagenen Augen des Greises.

 

In dieser Minute kam Villefort zurück.

 

Hier, Doktor, sagte er, hier ist das Verlangte. – Dieser Trank ist in Ihrer Gegenwart bereitet worden? – Ja. – Er ist nicht aus Ihren Händen gekommen? – Nein.

 

D’Avrigny nahm die Flasche, goß ein paar Tropfen von ihrem Inhalt in seine hohle Hard und verschluckte sie.

 

Gut, sagte er, gehen wir zu Valentine! Ich werde dort meine Vorschriften geben, und Sie selbst, Herr von Villefort, wachen darüber, daß niemand davon abgeht.

 

In dem Augenblick, wo der Doktor in das Zimmer Valentines, von Villefort begleitet, zurückkehrte, mietete ein italienischer Priester das an das Hotel des Herrn von Villefort anstoßende Haus.

 

Man konnte nicht erfahren, was die drei Mieter dieses Hauses bewogen hatte, zwei Stunden nachher auszuziehen. Aber es ging allgemein das Gerücht in der Gegend, das Haus ruhe nicht fest auf seinem Grunde und drohe einzustürzen, was den neuen Mieter aber durchaus nicht abhielt, noch an demselben Tage gegen fünf Uhr einzuziehen.

 

Der Mietvertrag wurde für drei Jahre abgeschlossen und der Hauszins von dem neuen Mieter namens Signor Giacomo Busoni sechs Monate vorausbezahlt.

 

Es wurden sogleich Arbeiter gerufen, und noch in derselben Nacht sahen einige Verspätete beim Vorübergehen mit Erstaunen Zimmerleute und Maurer mit Ausbesserung des wankenden Hauses beschäftigt.

 

 

Das Verlobungsmahl.

 

Das Verlobungsmahl.

 

Am andern Morgen erhob sich die Sonne rein und glänzend, und ihre purpurnen Strahlen übergossen wie mit Rubinen die schäumenden Spitzen der Meereswellen.

 

Das Verlobungsmahl war im großen Saale des ersten Stockes der Reserve bereitet worden. In der Mitte der langen Tafel saß auf der einen Seite die reizende Mercedes, rechts von ihr im Sonntagsstaate der alte Dantes, während zu ihrer Linken ihr Vetter Fernand Platz genommen hatte. Ihnen gegenüber saß der Bräutigam, neben ihm Herr Morel, der das Verlobungsfest seines zukünftigen Kapitäns mit seiner Gegenwart beehrte.

 

In ihrer Nähe befanden sich auch Danglars sowie Caderousse, den die Hoffnung auf ein gutes Mahl vollends mit Dantes ausgesöhnt hatte und in dessen Gedächtnis nur eine schwankende Erinnerung von dem geblieben war, was sich am Tage vorher zugetragen hatte.

 

Außer diesen uns bekannten Gästen waren zahlreiche Freunde des Bräutigams, Seeleute und Soldaten, anwesend, die bereits anfingen, dem reichen Mahle zuzusprechen.

 

Schon liefen um die Tafel Würste von Arles mit ihrem eigentümlichen, starken Gerüche, Seekrebse mit blendender Schale, Prayres in rosafarbiger Muschel, Seeigel, die Kastanien glichen, und alle die Leckerbissen, welche die Wellen auf das sandige Ufer wälzen und die dankbaren Schiffer mit dem Namen Seefrüchte bezeichnen.

 

Ein schönes Schweigen, sagte Dantes‘ Vater, ein Glas Wein, gelb wie Topas, schlürfend. Sollte man glauben, es seien hier dreißig Personen, die sich frohe Zeit machen wollen?

 

Ei, auch ein Bräutigam kann nicht immer heiter sein, erwiderte Caderousse.

 

Es ist wahr, sagte Dantes, ich bin zu glücklich in diesem Augenblick, um heiter zu sein. Die Freude bringt zuweilen eine seltsame Wirkung hervor, sie drängt, wie der Schmerz, die laute Äußerung zurück. Es scheint mir, der Mensch ist nicht geschaffen, so leicht glücklich zu werden. Man muß kämpfen, um das Glück zu erobern, und ich weiß gar nicht, wodurch ich das Glück, Mercedes‘ Gatte zu sein, verdient habe.

 

Der Gatte, der Gatte, rief Caderousse lachend, noch nicht, mein Kapitän! Versuche es einmal, den Gatten zu spielen, und du wirst sehen, wie man dich aufnimmt!

 

Mercedes errötete.

 

Fernand quälte sich auf seinem Stuhle, bebte bei dem geringsten Geräusche und wischte sich jeden Augenblick große Schweißtropfen ab. Von Zeit zu Zeit schaute er nach Marseille zu, als ob er auf irgend etwas Besonderes wartete.

 

Bei Gott, man braucht mich nicht Lügen zu strafen; Mercedes ist allerdings noch nicht meine Frau, sagte Dantes und zog seine Uhr. Aber in anderthalb Stunden wird sie es sein.

 

Alle ließen Ausrufe des Erstaunens hören, nur Dantes Vater nicht, der durch ein breites Lachen seine noch schönen Zähne zeigte. Mercedes lächelte und errötete nicht mehr. Fernand faßte krampfhaft nach dem Hefte seines Messers.

 

Ja, meine Freunde, fuhr Dantes fort, dank dem Eintreten des Herrn Morel, des Mannes, dem ich nach meinem Vater am meisten auf dieser Welt zu verdanken habe, sind alle Schwierigkeiten beseitigt. Alle Förmlichkeiten sind erfüllt, und um halb drei Uhr erwartet uns der Maire von Marseille auf dem Rathause.

 

Fernand schloß die Augen; eine feurige Wolke brannte auf seinen Augenlidern; er stützte sich auf den Tisch und konnte sich eines dumpfen Seufzers nicht erwehren, der sich in dem Geräusche des Gelächters und der Glückwünsche der Versammlung verlor.

 

Das lass‘ ich mir gefallen, sagte der alte Dantes. Gestern morgen hier angekommen, heute um drei Uhr geheiratet! Die Seeleute segeln rasch in den Hafen.

 

Aber die sonstigen Förmlichkeiten? wandte Danglars ein, der Vertrag, die schriftlichen Erklärungen?

 

Der Vertrag? entgegnete Dantes lachend, der Vertrag ist fertig. Mercedes hat nichts, ich habe auch nichts. Da bedurfte es keines langen Schreibens und kostet auch nicht so viel … Dieser Scherz veranlaßte einen Ausbruch der Freude und des Beifalls.

 

Was wir für ein Verlobungsmahl hielten, ist also ein Hochzeitsmahl, sagte Danglars.

 

Nein, erwiderte Dantes, seid unbesorgt! Ihr sollt nichts dabei verlieren. Morgen früh reise ich nach Paris. Vier Tage hin, vier Tage her und einen Tag, um gewissenhaft meinen Auftrag zu vollziehen. Am ersten März bin ich dann zurück, und am zweiten findet das wahre Hochzeitsmahl statt.

 

Die Aussicht auf einen neuen Schmaus verdoppelte die Heiterkeit dergestalt, daß der Greis, der sich anfangs über die Stille beklagt hatte, mitten unter dem allgemeinen Gespräche vergebliche Versuche machte, seinen Glückwunsch für das zukünftige Ehepaar anzubringen. Es herrschte um die Tafel die geräuschvolle, ungebundene Heiterkeit, die bei Leuten aus dem Arbeiterstande das Ende des Mahles zu bezeichnen pflegt. Alle sprachen zu gleicher Zeit, und niemand antwortete auf das, was man ihm sagte, sondern jeder beschäftigte sich nur mit seinen eigenen Gedanken.

 

Fernands Blässe schien auf Danglars‘ Wangen übergegangen und Fernand selbst wie ein Verdammter im Fegefeuer zu sein. Er stand zuerst auf, ging im Saal umher und bemühte sich, sein Ohr von dem Klang der Lieder und des Zusammenstoßens der Gläser abzuwenden. Caderousse näherte sich ihm in dem Augenblicke, wo Danglars ihn in einer Ecke des Saales aufsuchte.

 

In der Tat, sagte Caderousse, dem Dantes‘ freundliches Wesen und besonders der gute Wein des Vaters Pamphile den ganzen Rest des Hasses und Neides gegen den jungen Seemann fortgeschwemmt hatten, in der Tat, Dantes ist ein vortrefflicher Bursche, und wenn ich ihn neben seiner Braut sitzen sehe, sage ich mir, es wäre schade gewesen, wenn man ihm den schlechten Streich gespielt hätte, den ihr gestern miteinander verabredet habt.

 

Du hast auch gesehen, erwiderte Danglars, daß ich die Sache vereitelt habe. Fernand war anfangs so verzweifelt, daß er mir bange machte; aber von dem Augenblicke an, wo er sich dazu entschloß, als erster Brautführer bei der Hochzeit seines Nebenbuhlers aufzutreten, war nichts mehr zu sagen.

 

Caderousse schaute Fernand an, der leichenblaß war.

 

Gehen wir, sagte jetzt Mercedes mit sanfter Stimme, es ist zwei Uhr, und man erwartet uns um halb drei.

 

Laßt uns gehen! riefen alle Gäste im Chor. In demselben Augenblick sah Danglars, wie Fernand, der auf dem Fenstersimse saß, plötzlich seine verstörten Augen weit aufriß, mit einer krampfhaften Bewegung sich erhob und dann wieder auf den Sims zurückfiel. Fast gleichzeitig vernahm man ein dumpfes Geräusch auf der Treppe. Dieses Geräusch schwerer Tritte und der verworrene Lärm von Stimmen, vermischt mit dem Klirren von Waffen, übertönten das Gespräch der Gäste und erregten die allgemeine Aufmerksamkeit, die sich durch ein auffälliges Stillschweigen kundgab. Der Lärm näherte sich, drei Schläge ertönten an der Tür, jeder schaute seinen Nachbar mit erstaunter Miene an.

 

Im Namen des Gesetzes! rief eine scharfe Stimme, der niemand antwortete. Sogleich öffnete sich die Tür, und ein Kommissar mit seiner Schärpe, dem vier bewaffnete Soldaten unter Anführung eines Korporals folgten, trat in den Saal. – Die Unruhe machte dem Schrecken Platz.

 

Was gibt es? sagte der Reeder, dem Kommissar, den er kannte, entgegengehend. Es findet hier sicherlich ein Irrtum statt.

 

 

Wenn ein Irrtum stattfindet, Herr Morel, antwortete der Kommissar, so glauben Sie mir, er wird schleunigst wieder gut gemacht werden. Im Augenblick bin ich der Träger eines Verhaftbefehles und muß meinen Austrag, wenn auch mit Bedauern, vollziehen. Wer von Ihnen, meine Herren, ist Edmond Dantes?

 

Alle Blicke wandten sich dem jungen Manne zu, der erregt, aber voll Würde einen Schritt vorwärts machte und erwiderte: Ich bin es, was wollen Sie von mir?

 

Edmond Dantes, sagte der Kommissar, ich verhafte Sie im Namen des Gesetzes.

 

Sie verhaften mich? sagte Edmond mit leichter Blässe. Warum verhaften Sie mich?

 

Ich weiß es nicht, mein Herr; aber Ihr erstes Verhör wird Sie darüber belehren.

 

Herr Morel begriff, daß sich nichts gegen die unbeugsame Gewalt der Verhältnisse tun ließ. Ein Kommissar in amtlicher Eigenschaft ist kein Mensch mehr; er ist die starre Hand des kalten, tauben Gesetzes. Der Greis aber stürzte dem Beamten entgegen; es gibt Dinge, die das Herz eines Vaters oder einer Mutter nie begreifen wird. Er bat, er flehte; Bitten und Tränen vermochten nichts; aber seine Verzweiflung war so groß, daß der Kommissar dadurch gerührt wurde.

 

Mein Herr, sagte er, beruhigen Sie sich, Ihr Sohn hat vielleicht irgend eine Zoll- oder Sanitätsvorschrift übersehen, und wenn man die gewünschte Auskunft von ihm erhalten hat, wird man ihn aller Wahrscheinlichkeit nach in Freiheit setzen.

 

Was soll denn das bedeuten? sagte Caderousse zu Danglars, der den Erstaunten spielte.

 

Weiß ich es? entgegnete Danglars. Mir geht’s wie dir; ich sehe, was vorgeht, begreife nichts davon und bleibe ganz verwirrt.

 

Caderousse suchte mit seinen Augen Fernand; er war verschwunden, und nun trat ihm die ganze Szene vom vorhergehenden Tage mit furchtbarer Klarheit vor die Seele.

 

Oh, oh! sagte er mit dumpfer Stimme, ist das die Folge des Scherzes, von dem du gestern sprachst, Danglars? In diesem Falle wehe dem, der ihn gemacht hat, denn er ist sehr schlecht!

 

Keineswegs, rief Danglars, du weißt, daß ich das Papier zerrissen habe.

 

Du hast es nicht zerrissen, du warfst es in die Ecke.

 

Schweig, du hast nichts gesehen, du warst betrunken.

 

Wo ist Fernand? sagte Caderousse.

 

Weiß ich es? antwortete Danglars. Ohne Zweifel geht er seinen Geschäften nach.

 

Während dieses Gespräches drückte Dantes allen seinen Freunden die Hand und gab sich mit den Worten in Verhaft: Seid ruhig, der Irrtum wird sich aufklären, und wahrscheinlich komme ich nicht ins Gefängnis.

 

Ganz gewiß nicht, dafür wollte ich stehen, sagte Danglars, der sich in diesem Augenblicke der Hauptgruppe näherte.

 

Der Kommissar ging vor Dantes die Treppe hinab. Ein Wagen, dessen Schlag geöffnet war, wartete vor der Tür. Dantes stieg ein. Der Schlag wurde geschlossen, und der Wagen fuhr nach Marseille.

 

Leb wohl, Edmond, rief Mercedes, ans Fenster stürzend.

 

Der Gefangene hörte diesen letzten Schrei, der wie ein Schluchzen aus dem zerrissenen Herzen der Braut hervordrang. Er fuhr rasch mit dem Kopfe zu dem Schlage hinaus und rief: Auf Wiedersehen, Mercedes! Dann verschwand der Wagen hinter einer Ecke des Forts Saint-Nicolas.

 

Erwartet mich hier, sagte der Reeder, ich nehme den ersten Wagen, den ich treffe, eile nach Marseille und bringe euch bald Nachricht.

 

Gehen Sie, riefen alle Stimmen, und kommen Sie bald zurück!

 

Nach der Entfernung der beiden Männer herrschte einen Augenblick unter den Zurückbleibenden eine gewisse Betäubung. Der Greis und Mercedes verharrten eine Zeit lang jedes in seinen eigenen Schmerz versunken; dann aber begegneten sich ihre Augen, und in dem Bewußtsein, zwei von demselben Schlage getroffene Opfer zu sein, fielen sie einander in die Arme. Inzwischen kehrte Fernand zurück, schenkte sich ein Glas Wasser ein, leerte es und setzte sich auf einen Stuhl. Da dieser zufällig unweit des Ortes stand, wo Mercedes in die Arme des Greises sank, rückte Fernand seinen Stuhl unwillkürlich zurück.

 

Er ist’s gewesen, sagte Caderousse, der den Katalonier nicht aus dem Gesichte verloren hatte, zu Danglars.

 

Ich glaube es nicht, erwiderte Danglars, er ist zu dumm dazu. In jedem Fall mag der Streich auf den zurückfallen, der ihn ausgeführt hat!

 

Du meinst nicht den, der den Rat gegeben hat?

 

Ah! meiner Treu, soll man für das verantwortlich sein, was man in die Luft spricht? rief Danglars.

 

Ja, wenn das, was man in die Luft spricht, gerade auf das gewünschte Ziel zurückfällt.

 

Während dieser Zeit stellten die andern Gäste allerlei Vermutungen über die Verhaftung auf, und einer von ihnen wandte sich auch an Danglars mit der Frage, was seine Meinung von der Sache sei.

 

Ich, versetzte Danglars, ich denke, daß er ein paar Ballen verbotene Waren mitgebracht hat.

 

Oh, nun erinnere ich mich, murmelte der arme Vater, sich an diese leere Vermutung anklammernd, er sagte mir gestern, er hätte für mich eine Kiste Kaffee und eine Kiste Tabak.

 

Seht, das ist es, sagte Danglars; die Zollbeamten werden in unserer Abwesenheit einen Besuch an Bord des Pharao gemacht und den verborgenen Honig entdeckt haben.

 

Mercedes wollte dies nicht glauben; ihr bisher zurückgepreßter Schmerz machte sich plötzlich in gewaltigem Schluchzen Luft.

 

Ruhig, ruhig! Hoffnung! sagte der Alte, ohne zu wissen, was er sprach. Hoffnung! wiederholte Danglars. Hoffnung! suchte Fernand zu murmeln, aber das Wort erstickte auf seinen Lippen.

 

Meine Herren, rief einer von den Gästen, der als Schildwache an den Fenstern geblieben war, meine Herren, ein Wagen. Es ist Herr Morel. Mut, Mut! Ohne Zweifel bringt er uns gute Nachricht.

 

Mercedes und der alte Vater liefen dem Reeder entgegen, dem sie an der Tür begegneten. Herr Morel war sehr bleich.

 

Nun? riefen sie gleichzeitig.

 

Meine Freunde, antwortete der Reeder, die Sache ist ernster, als wir dachten.

 

Oh, Gott, rief Mercedes, er ist unschuldig!

 

Ich glaube es, antwortete Herr Morel, aber man klagt ihn an, ein bonapartistischer Agent zu sein.

 

Wer die Geschichte jener Tage kennt, weiß, wie furchtbar damals eine solche Anklage war.

 

Mercedes stieß einen Schrei aus; der Greis sank auf einen Stuhl.

 

Oh! Du hast mich hintergangen, Danglars, murmelte Caderousse, und der Scherz ist ausgeführt worden; aber ich kann diesen Greis und dieses Mädchen nicht vor Schmerz sterben lassen, und ich werde ihnen alles sagen.

 

Schweig, Unglücklicher! rief Danglars, oder ich stehe nicht für dich selber; wer sagt dir, daß Dantes nicht wirklich schuldig ist? Das Schiff hat die Insel Elba berührt, er ist an das Land gestiegen und einen ganzen Tag in Porto Ferrajo geblieben; wenn man einen Brief bei ihm fände, der ihn kompromittierte, so müßten die, welche ihn unterstützt hätten, als seine Mitschuldigen gelten!

 

Mit dem raschen Instinkte der Selbstsucht begriff Caderousse, wie furchtbar und gefährlich diese versteckte Drohung war. Er schaute Danglars mit Augen voll Furcht und Schmerz an.

 

Gehen wir, ich kann hier nicht länger bleiben, sagte er.

 

Ja, komm, versetzte Danglars, froh, Caderousses Absicht vereitelt zu haben; komm, sie mögen sich herausziehen, wie sie können!

 

Sie entfernten sich und bald auch die übrigen Gäste. Fernand, der nun wieder die Stütze des jungen Mädchens geworden war, nahm Mercedes bei der Hand und führte sie zu den Kataloniern zurück. Dantes‘ Freunde geleiteten den halb ohnmächtigen Greis nach den Allées de Meillan. Bald verbreitete sich das Gerücht, Dantes sei als bonapartistischer Agent verhaftet worden, durch die ganze Stadt.

 

Hätten Sie das geglaubt, lieber Danglars? sagte Herr Morel, als er seinen Rechnungsführer und Caderousse einholte, denn er eilte selbst in die Stadt zurück, um von dem ihm bekannten Staatsanwalt, Herrn von Villefort, etwas über Edmond zu erfahren; hätten Sie das geglaubt?

 

Bei Gott! erwiderte Danglars, ich sagte Ihnen, Dantes sei ohne allen Grund auf der Insel Elba gelandet, und dieser Aufenthalt war mir verdächtig vorgekommen.

 

Haben Sie Ihren Verdacht irgend jemand außer mir mitgeteilt?

 

Ich hütete mich wohl, erwiderte Danglars ganz leise; Sie wissen, wegen Ihres Oheims, des Herrn Policar Morel, der unter dem andern gedient hat und aus seiner Gesinnung keinen Hehl macht, stehen Sie in Verdacht, Napoleon zu beklagen Ich mußte fürchten, Edmond zu schaden, und damit auch Ihnen; es gibt Dinge, die man seinem Reeder mitzuteilen und allen anderen zu verbergen verpflichtet ist.

 

Gut, Danglars, gut! sagte der Reeder; Sie sind ein braver Mann; auch habe ich an Sie gedacht für den Fall, daß dieser arme Dantes Kapitän des Pharao würde, ich fragte ihn, was er von Ihnen dächte, und ob es ihm widerstrebe, Sie an Ihrem Posten zu behalten, denn ich weiß nicht, ich glaubte, eine gewisse Kälte zwischen euch wahrzunehmen.

 

Und was hat er Ihnen geantwortet?

 

Er glaube wirklich unter Umständen, die er auch nannte, unrecht gegen Sie gehabt zu haben, aber jeder, der das Vertrauen des Reeders besitze, besitze auch das seinige.

 

Der Heuchler! murmelte Danglars.

 

Armer Dantes! sagte Caderousse, er ist offenbar ein vortrefflicher Junge.

 

Ja, aber mittlerweile ist der Pharao ohne Kapitän, versetzte Herr Morel.

 

Oh, da wir erst in drei Monaten abreisen, so läßt sich hoffen, daß Dantes dann wieder in Freiheit gesetzt sein wird, und bis dahin bin ich da, Herr Morel, antwortete Danglars. Sie wissen, daß ich die Führung eines Schiffes so gut verstehe, wie ein Kapitän, der nach den entferntesten Ländern Fahrten unternimmt, und wenn Edmond aus dem Gefängnis kommt, brauchen Sie niemand zu danken. Er nimmt seinen Platz wieder ein und ich den meinigen, und damit ist die ganze Sache abgemacht.

 

Ich danke, Danglars, damit ist wirklich alles geordnet, übernehmen Sie also das Kommando, ich bevollmächtige Sie dazu, und beaufsichtigen Sie das Löschen der Ladung! Welches Unglück auch dem einzelnen begegnen mag, die Geschäfte dürfen nie darunter leiden.

 

Seien Sie unbesorgt! Aber kann man ihn denn wenigstens sehen, den guten Edmond?

 

Ich werde Ihnen das bald sagen, Danglars; ich will versuchen, Herrn von Villefort zu sprechen und zu Gunsten des Gefangenen umzustimmen. Ich weiß wohl, daß er ein wütender Royalist ist; aber wenn auch Royalist und Staatsanwalt, ist er doch ein Mensch, und ich halte ihn nicht für bösartig.

 

Nein, aber ich hörte, er sei ehrgeizig, und das ist dem sehr ähnlich.

 

Nun, wir wollen sehen, sagte Herr Morel mit einem Seufzer; gehen Sie an Bord, ich komme zu Ihnen. Und er verließ die zwei Freunde, um den Weg nach dem Justizpalaste einzuschlagen.

 

Du siehst, welche Wendung die Sache nimmt, sagte Danglars zu Caderousse. Hast du noch Lust, Dantes zu unterstützen?

 

Gewiß nicht, aber es ist doch etwas Furchtbares, daß ein Scherz solche Folgen hat.

 

Der Teufel! Wer hat ihn gemacht? Weder du noch ich, sondern Fernand. Du weißt, daß ich das Papier in einen Winkel geworfen habe; ich glaubte sogar, ich hätte es zerrissen.

 

Nein, nein, erwiderte Caderousse.

 

Fernand wird es aufgehoben haben, sagte Danglars; er hat es wahrscheinlich kopieren lassen … vielleicht hat er sich nicht einmal diese Mühe genommen; wenn ich bedenke, mein Gott! … er hat am Ende meinen eigenen Brief abgeschickt. Zum Glück hatte ich meine Handschrift verstellt.

 

Ich gäbe viel, wenn dies nicht geschehen wäre, versetzte Caderousse, oder wenn ich wenigstens in keiner Beziehung dazu stände. Du wirst sehen, es bringt uns Unglück.

 

Wenn es einem Unglück bringen soll, so ist das der wahre Schuldige, und der ist Fernand, wir sind es nicht. Was soll uns widerfahren? Wir haben uns nur ruhig zu verhalten, von der ganzen Geschichte keinen Ton zu reden, und das Gewitter geht vorüber.

 

Amen, sagte Caderousse, machte Danglars ein Zeichen des Abschiedes und wandte sich nach den Allées de Meillan, wobei er jedoch beständig den Kopf schüttelte und mit sich selbst sprach, ganz von peinigenden Gedanken erfüllt.

 

Gut, sagte Danglars, die Sache nimmt die von mir vorhergesehene Wendung; ich bin fürs erste Kapitän, und wenn dieser Dummkopf von Caderousse schweigen kann, für immer Kapitän. Es kann also nur das eine dazwischen treten, daß das Gericht Dantes freiläßt. Doch, fügte er lächelnd hinzu, die Justiz ist die Justiz, und ich verlasse mich auf sie.

 

Hierauf sprang er in eine Barke und gab den Schiffern Befehl, ihn nach dem Pharao zu rudern.

 

Der Staatsanwalt.

 

Der Staatsanwalt.

 

In der Rue du Grand-Cours, in einem der alten aristokratischen Häuser, feierte man zu derselben Stunde ebenfalls ein Verlobungsmahl. Nur gehörten die Gäste nicht dem Volke, sondern der Spitze der Marseiller Bevölkerung an. Es waren ehemalige Beamte, die unter dem Usurpator Napoleon ihren Abschied genommen hatten, alte Offiziere, die aus den Reihen des französischen Heeres desertiert waren, um zu Condés Armee überzugehen; junge Leute aus hoher Familie, in dem Hasse gegen den Mann erzogen, der dem französischen Volke nach fünf Jahren der Verbannung als Märtyrer und nach fünfzehn Jahren der Restauration als Gott erscheinen sollte.

 

Man saß bei Tische, und das Gespräch war im Schwunge, glühend von allen den Leidenschaften der Zeit, von den Leidenschaften, die um so lebendiger und erbitterter im Süden brausten, als seit fünf Jahren der religiöse Haß den politischen unterstützte.

 

Der Kaiser, – Herr der Insel Elba, nachdem er der unumschränkte Beherrscher eines Weltalls gewesen war, eine Bevölkerung von fünf bis sechstausend Seelen regierend, nachdem er: Es lebe Napoleon! von hundert und zwanzig Millionen in zehn verschiedenen Sprachen hatte rufen hören, wurde hier als ein für immer abgetaner Emporkömmling hingestellt. Die Beamten enthüllten seine politischen Mißgriffe, die Offiziere sprachen von Moskau und Leipzig, die Frauen von seiner Scheidung von Josephine.

 

Ein mit dem Sankt-Ludwigskreuze geschmückter Mann erhob sich und schlug den Gästen die Gesundheit des Königs Ludwig XVIII. vor. Es war der Marquis von Saint-Meran. Bei diesem Toast entstand eine gewaltige Begeisterung. Die Gläser wurden emporgehoben, die Frauen machten ihre Sträuße los und streuten die Blumen über das Tischtuch.

 

Wenn sie da wären, sagte die Marquise von Saint-Meran, eine Frau mit trockenem Auge, dünnen Lippen, mit aristokratischer und trotz ihrer fünfzig Jahre noch zierlichen Haltung, alle diese Revolutionäre, die uns vertrieben haben, und die wir nun ganz ruhig in unseren alten Schlössern, die sie unter der Schreckensregierung für ein Stück Brot erkauft haben, Meutereien anzetteln lassen, sie müßten anerkennen, daß die wahre Ergebenheit auf unserer Seite war, denn wir hielten an der einstürzenden Monarchie fest, während sie die aufgehende Sonne begrüßten und ihr Glück machten, indem wir das unsere verloren; sie müßten anerkennen, daß unser König Ludwig der Vielgeliebte wirklich gut war, während ihr Usurpator nie etwas anderes gewesen ist, als Napoleon der Verfluchte, nicht wahr, Villefort?

 

Sie sagen, Frau Marquise? … verzeihen Sie, ich war nicht beim Gespräche …

 

Ah, lassen Sie die Kinder, Marquise, versetzte der Greis, der den Toast ausgebracht hatte; diese Kinder wollen sich heiraten und haben natürlich von etwas anderem miteinander zu sprechen, als von Politik.

 

Ich bitte um Vergebung, meine Mutter, sagte eine junge, hübsche Dame mit blonden Haaren und mit Samtaugen, ich gebe Ihnen Herrn von Villefort zurück, den ich für eine Minute in Anspruch genommen hatte. Herr von Villefort, meine Mutter spricht mit Ihnen.

 

Die Marquise begann, zärtlich lächelnd: Ich sage, Villefort, die Bonapartisten besitzen weder unsere Begeisterung, noch unsere Überzeugung, noch unsere Ergebenheit.

 

Ah! gnädige Fran, Sie haben wenigstens etwas, das alles dies ersetzt, es ist der Fanatismus. Napoleon ist der Mohammed des Westens, er ist für alle diese dem Volke entstammenden, aber ehrgeizigen Menschen nicht nur ein Gesetzgeber und Herr, sondern auch das Musterbild der Gleichheit.

 

Napoleon das Musterbild der Gleichheit, rief die Marquise, und was werden Sie dann aus Robespierre machen? Es scheint mir, Sie stehlen ihm seinen Platz, um ihn dem Korsen zu geben.

 

Nein, gnädige Frau, antwortete Villefort, ich lasse jeden auf seinem Piedestal, Robespierre auf seinem Schafott, Napoleon auf der Vendomesäule; nur hat der eine eine Gleichheit gemacht, die erniedrigt, der andere eine Gleichheit, die erhöht; der eine hat die Könige auf das Niveau der Guillotine, der andere hat das Volk auf das Niveau des Thrones erhoben. Damit will ich nicht sagen, fügte er lachend hinzu, es seien nicht alle beide heillose Empörer, und der 9. Thermidor und der 4. April 1814 seien nicht glückliche Tage für Frankreich und würdig, durch die Freunde der Ordnung und der Monarchie gleich festlich begangen zu werden; aber dies erklärt auch, warum Napoleon, obgleich gefallen, um, wie ich hoffe, nie mehr aufzustehen, seine Anhänger, seine Freunde behalten hat.

 

Wissen Sie, daß das, was Sie da sprechen, auf eine Meile nach Revolution riecht? Aber ich vergebe Ihnen. Man kann nicht der Sohn eines Girondisten sein, ohne einen Erdgeruch beizubehalten.

 

Eine lebhafte Röte bedeckte Villeforts Stirn.

 

Mein Vater war Girondist, sagte er, das ist wahr; aber mein Vater hat nicht für den Tod des Königs gestimmt. Mein Vater wurde geächtet von derselben Schreckensregierung, welche Sie ächtete, und es fehlte nicht viel, so hätte er sein Haupt auf dasselbe Blutgerüst legen müssen, welches das Haupt Ihres Vaters fallen sah.

 

Ja, sagte die Marquise, ohne daß diese blutige Erinnerung irgend eine Veränderung in ihren Gesichtszügen zur Folge hatte, nur mit dem Unterschiede, daß beide aus geradezu entgegengesetzten Gründen den Kopf verloren hätten. Zum Beweise mag dienen, daß meine ganze Familie den verbannten Prinzen anhänglich geblieben ist, während sich die Ihrige eiligst mit der neuen Regierung verband, und daß, nachdem der Bürger Noirtier Girondist gewesen war, der Graf Noirtier Senator geworden ist.

 

Meine Mutter, rief Renée, Sie wissen, daß es verabredet war, von diesen üblen Erinnerungen gar nicht mehr zu sprechen.

 

Gnädige Frau, versetzte Villefort, ich verbinde mich mit Fräulein von Saint-Meran, um Sie demütigst um Vergessenheit des Vergangenen zu bitten. Wozu soll es nützen, über Dinge zu klagen, vor denen selbst der Wille Gottes ohnmächtig ist? Gott kann die Zukunft verändern, aber die Vergangenheit nicht. Ich habe mich nicht nur von den Ansichten, sondern auch von dem Namen meines Vaters getrennt. Mein Vater war und ist vielleicht noch jetzt Bonapartist und heißt Noirtier; ich bin Royalist und heiße von Villefort.

 

Bravo, Villefort, sagte der Marquis, bravo, gut geantwortet! Ich habe auch der Marquise immer Vergessenheit des Vergangenen gepredigt, ohne es je von ihr erlangen zu können; Sie werden hoffentlich glücklicher sein.

 

Ja, es ist gut, sagte die Marquise, vergessen wir die Vergangenheit! Aber Villefort soll wenigstens für die Zukunft unbeugsam sein. Vergessen Sie nicht, Villefort, daß wir bei Sr. Majestät uns für Sie verantwortlich gemacht haben, daß Se. Majestät ebenfalls die Gnade hatte, auf unsere Empfehlung zu vergessen, – sie reichte ihm die Hand –, wie ich es auf Ihre Bitte tue. Nur bedenken Sie, wenn irgend ein Meuterer in Ihre Hände fällt, daß die Augen um so mehr auf Sie gerichtet sind, als man weiß, daß Sie einer Familie angehören, die vielleicht mit diesen Meuterern in Verbindung steht.

 

Ah, sagte Villefort, mein Amt und besonders die Zeit, in der wir leben, gebieten mir, streng zu sein, und ich werde es sein. Bereits hatte ich einige politische Anklagen zu erheben, und ich habe in dieser Beziehung meine Probe abgelegt.

 

Oh, Herr von Villefort, rief eine hübsche, junge Dame, die Tochter des Grafen von Salvieur und eine Freundin des Fräuleins von Saint-Meran, suchen Sie doch, solange wir in Marseille sind, einen schönen Prozeß zu bekommen. Ich habe nie ein Schwurgericht gesehen, und man sagt, es sei etwas Interessantes.

 

In der Tat, sehr interessant, mein Fräulein, erwiderte der junge Staatsanwalt, denn statt einer scheinbaren Tragödie findet man ein wirkliches Drama, statt gespielter Schmerzen wirkliche Schmerzen. Statt, wenn der Vorhang herabgelassen ist, nach Hause zu gehen, mit seiner Familie zu Nacht zu speisen und sich ruhig niederzulegen, um am anderen Tage wieder anzufangen, kehrt mancher in das Gefängnis zurück, wo er den Henker findet. Sie sehen, daß es für Personen, die Aufregungen suchen, kein Schauspiel gibt, das diesem gleichkommt. Seien Sie unbesorgt, mein Fräulein, wenn sich Gelegenheit zeigt, werde ich es Ihnen verschaffen.

 

Oh! mein Gott! rief Renée düster, sprechen Sie im Ernste, Herr von Villefort?

 

In vollem Ernste, mein Fräulein, erwiderte der Beamte lächelnd. Und durch die schönen Prozesse, die das Fräulein wünscht, um seine Neugierde zu befriedigen, und die ich wünsche, um meinen Ehrgeiz zu befriedigen, wird sich die Lage der Dinge einigermaßen zuspitzen. Glauben Sie, daß diese Soldaten Napoleons, gewohnt, blindlings dem Feinde entgegenzugehen, überlegen, wenn sie eine Patrone abbrennen oder mit dem Bajonette angreifen? Werden sie mehr zaudern, einen Mann zu töten, den sie für ihren persönlichen Feind halten, als einen Russen, einen Österreicher, einen Ungarn, den sie nie zuvor gesehen haben? Überdies muß das so sein, sonst hätte unser Handwerk keine Entschuldigung. Ich selbst, wenn ich in dem Auge des Angeschuldigten den leuchtenden Blitz der Rache zucken sehe, fühle mich ermutigt, begeistert; es ist nicht mehr ein Prozeß, es ist ein Kampf; ich fechte gegen ihn, er macht seine Stöße, ich mache meine Gegenstöße, und der Kampf endigt, wie alle Kämpfe, mit einem Sieg oder mit einer Niederlage. Denken Sie an das Gefühl des Stolzes, das einen von der Schuld des Angeklagten überzeugten Staatsanwalt erfaßt, wenn er den Schuldigen unter dem Gewichte der Beweise, unter den Blitzen der Beredsamkeit sich niederbeugen sieht. Dieser Kopf beugt sich, er wird fallen.

 

Renée stieß einen leichten Schrei aus.

 

Das letzte Mal, sagte einer von den Gästen, haben Sie Ihre Sache auch vortrefflich gemacht, Herr von Villefort. Sie wissen, den Mann, der seinen Vater ermordet hatte, haben Sie buchstäblich getötet, ehe ihn der Henker nur berührte.

 

Ah! für Vatermörder, das lasse ich mir gefallen, versetzte Renée, es gibt keine Strafe, die für solche Menschen groß genug wäre; aber für die unglücklichen politischen Angeklagten! Sie versprechen mir Nachsicht für die, welche ich Ihnen empfehlen werde, nicht wahr?

 

Seien Sie unbesorgt, erwiderte Herr von Villefort mit seinem reizenden Lächeln, wir setzen meine Anträge gemeinsam auf.

 

Meine Liebe, sagte die Marquise, kümmere dich um deine Vögel und um dein Hündchen, und laß deinen zukünftigen Gatten seine Geschäfte selbst abmachen.

 

Ich glaube, mir wäre es lieber, wenn Sie ein Arzt wären, sagte Renée; der Würgeengel, wenn er auch ein Engel ist, hat mich stets erschreckt.

 

Gute Renée! murmelte Villefort und schaute dabei das Mädchen mit liebevollen: Blicke an.

 

Meine Tochter, sagte der Marquis, Herr von Villefort wird der moralische und politische Arzt dieser Provinz werden; glaube mir, es ist ihm eine schöne Rolle übertragen.

 

In diesem Augenblick trat ein Kammerdiener ein und sagte Herrn von Villefort einige Worte ins Ohr. Dieser stand, sich entschuldigend, vom Tische auf und kam einige Minuten nachher mit heiterem Antlitz und lächelnden Lippen wieder zurück. Renée schaute ihn liebevoll an; mit seinen blauen Augen, mit seiner matten Gesichtsfarbe und seinem schwarzen Backenbarte war er ein wahrhaft zierlicher junger Mann. Die Seele des jungen Mädchens schien an seinen Lippen zu hängen und die Erklärung seines Verschwindens zu erwarten.

 

Nun, mein Fräulein, sagte Villefort, Sie wünschten soeben einen Arzt als Gatten zu besitzen. Ich habe mit den Schülern Äskulaps die Ähnlichkeit, daß mir nie die Gegenwart gehört, und daß man mich sogar an Ihrer Seite, sogar beim Verlobungsmahle, stört.

 

Und aus welcher Veranlassung stört man Sie? fragte das Mädchen mit einer leichten Unruhe.

 

Ach! wegen eines Kranken, der, wenn das wahr ist, was man mir sagt, in der höchsten Gefahr schwebt. Diesmal ist es ein schwerer Fall, und die Krankheit führt zum Schafott.

 

Oh, mein Gott! rief Renée erbleichend.

 

Wirklich? fragte einstimmig die ganze Versammlung.

 

Es scheint, man hat ein bonapartistisches Komplott entdeckt.

 

Ist es möglich? rief die Marquise.

 

Hier ist die Denunziation. Und Villefort las den Brief, den Danglars geschrieben, vor.

 

Dieser Brief, sagte Renée, ist ja nur anonym; auch hat man ihn doch an den Ersten Staatsanwalt gerichtet und nicht an Sie.

 

Ja, aber der Erste Staatsanwalt ist nicht hier; in seiner Abwesenheit gelangte das Schreiben an den Sekretär, der die Briefe zu öffnen beauftragt war. Er hat also diesen geöffnet, mich suchen lassen, und da er mich nicht fand, Befehl zur Verhaftung gegeben.

 

Der Schuldige ist verhaftet? fragte die Marquise.

 

Das heißt der Angeklagte, verbesserte Renée.

 

Ja, erwiderte Villefort, und wie ich soeben Fräulein Renée zu bemerken die Ehre hatte, … findet man den erwähnten Brief, so ist die Krankheit sehr gefährlich.

 

Gehen Sie, mein Freund, sagte der Marquis, versäumen Sie Ihre Pflichten nicht, um bei uns zu verweilen, wenn Sie der Dienst des Königs ruft.

 

Oh! Herr von Villefort, sagte Renée, die Hände faltend, seien Sie nachsichtig, es ist heute unser Verlobungstag.

 

Villefort ging um den Tisch und sagte, dem Stuhle des jungen Mädchens sich nähernd, auf dessen Lehne er sich stützte: Um Ihnen eine Unruhe zu ersparen, werde ich alles tun, was ich vermag; aber wenn die Beschuldigung wahr ist, so wird wohl nichts übrig bleiben, als dies schlimme bonapartistische Kraut abzuschneiden.

 

Renée bebte bei dem Worte abschneiden, denn das Kraut, um das es sich handelte, hatte einen Kopf.

 

Bah! bah! rief die Marquise, hören Sie nicht auf dieses junge Mädchen, Villefort!

 

Und die Marquise reichte Villefort die trockene Hand, die er küßte, während er Renée ansah und dieser mit den Augen sagte: Ihre Hand ist es, die ich küsse oder wenigstens in diesem Augenblicke zu küssen wünschte.

 

Traurige Auspizien, murmelte Renée.

 

In der Tat, sagte die Marquise, du bist zum Verzweifeln kindisch; ich frage dich: Wie kannst du die Empfindeleien deiner Einbildungskraft und deines Herzens auf Staatsangelegenheiten übertragen?

 

Oh, meine Mutter, murmelte Renée.

 

Gnade für die schlechten Royalisten, Frau Marquise, sagte von Villefort, ich verspreche Ihnen, meine Aufgabe als Vertreter des Ersten Staatsanwalts gewissenhaft zu erfüllen, das heißt furchtbar streng zu sein.

 

Aber während der Beamte diese Worte an die Marquise richtete, warf er zu gleicher Zeit verstohlen seiner Braut einen Blick zu, und dieser sagte: Sei unbesorgt, Renée, um deiner Liebe willen werde ich nachsichtig sein.

 

Renée erwiderte diesen Blick mit ihrem süßesten Lächeln, und Villefort entfernte sich mit dem Paradiese im Herzen.

 

Das Verhör.

 

Das Verhör.

 

Kaum hatte Villefort den Speisesaal verlassen, als er seine heitere Miene ablegte und die ernste Maske eines Mannes annahm, der zu dem erhabenen Amt, über das Leben von seinesgleichen zu entscheiden, berufen ist. Trotz der Beweglichkeit seiner Gesichtszüge, die der Staatsanwalt wie ein geschickter Schauspieler vor seinem Spiegel geübt hatte, fiel es ihm diesmal schwer, eine ernste Miene und einen düstern Ausdruck beizubehalten. Abgesehen von der Erinnerung an die politische Laufbahn seines Vaters, die seiner Zukunft in den Weg treten konnte, war Gérard von Villefort in diesem Augenblick so glücklich, als es einem Menschen zu sein vergönnt ist. Schon an sich reich, nahm er mit siebenundzwanzig Jahren ein hohes Amt ein. Er war im Begriff, ein junges hübsches Mädchen, das er liebte, zu heiraten. Neben ihrer Schönheit hatte seine Braut noch den Vorzug, einer von den Familien anzugehören, die am Hofe im höchsten Ansehen standen, und außer dem politisch förderlichen Einflusse ihrer Eltern brachte sie ihrem Gatten eine Mitgift von 50 000 Talern, die sich eines Tages durch eine Erbschaft von einer halben Million vermehren sollte. Dies alles zusammen erhob den Staatsanwalt in einen solchen Zustand von Glückseligkeit, daß er sich jeden Augenblick zusammennehmen mußte, um die gewollte, seinem Amte angemessene Miene zur Schau zu tragen.

 

Vor der Tür fand er den Polizeikommissar, der auf ihn wartete. Beim Anblick des schwarzgekleideten Mannes viel er sofort aus der Höhe des dritten Himmels auf die materielle Erde, auf der wir einhergehen. Er brachte nun sein Gesicht leichter in die gehörige Verfassung, näherte sich dem Beamten und sagte: Hier bin ich, ich habe den Brief gelesen; Sie taten wohl daran, diesen Menschen zu verhaften. Geben Sie mir nun über ihn und über die Meuterei alle einzelnen Umstände an, die Sie in Erfahrung gebracht haben!

 

Über die Meuterei, mein Herr, wissen wir noch nichts; alle Papiere, die man bei ihm bekommen hat, sind in Ihrem Bureau versiegelt niedergelegt worden. Was den Angeschuldigten betrifft, so haben Sie aus dem Briefe, der ihn denunziert, ersehen, daß er Edmond Dantes heißt und Sekond an Bord des Dreimasters »der Pharao« ist, der Baumwollenhandel mit Alexandrien und Smyrna treibt und dem Hause Morel und Sohn in Marseille gehört.

 

Hat er bei der Kriegsmarine gedient, ehe er bei der Handelsmarine diente?

 

Nein, er ist ein ganz junger Mensch.

 

In diesem Augenblicke, als Villefort, an die Ecke der Rue des Conseils gelangt war, redete ihn ein Mann an, der ihn zu erwarten schien; es war Herr Morel.

 

Ah, Herr von Villefort! rief der brave Mann, ich bin sehr glücklich, Sie zu treffen. Denken Sie, daß man den seltsamsten, den unerhörtesten Mißgriff begangen hat; man hat den Sekond meines Schiffes, Edmond Dantes, verhaftet.

 

Ich weiß es, mein Herr, antwortete Villefort, und werde ihn sogleich verhören.

 

Oh, Herr, fuhr Morel, hingerissen von seiner Freundschaft für den jungen Mann, fort, Sie kennen den nicht, den man anklagt, aber ich kenne ihn. Denken Sie sich den sanftesten, den redlichsten Menschen, und ich wage wohl zu behaupten, einen der besten Seeleute bei der ganzen Handelsmarine. Oh, Herr von Villefort, ich empfehle Ihnen denselben aufrichtig und von ganzem Herzen.

 

Villefort gehörte, wie wir gesehen haben, der aristokratischen Partei der Stadt an und Morel der demokratischen. Der erste war Ultraroyalist, der zweite des Bonapartismus verdächtig. Villefort schaute Morel mißtrauisch an und antwortete ihm mit kaltem Tone:

 

Sie wissen, mein Herr, daß man im Umgang sanftmütig, als Händler ehrlich, im Berufe geschickt und nichtsdestoweniger politisch ein großer Verbrecher sein kann. Sie wissen das, nicht wahr, mein Herr?

 

Der Beamte legte auf diese letzten Worte einen besondern Nachdruck, als wollte er sie auf den Reeder selbst anwenden, während sein forschender Blick dem bis in die Tiefe des Herzens dringen zu wollen schien, der so kühn war, für einen andern einzutreten, während er wissen mußte, daß er selbst der Nachsicht bedurfte.

 

Morel errötete, denn er fühlte, daß sein Gewissen in Bezug auf seine politische Gesinnung nicht ganz rein war, und überdies beunruhigte seinen Geist einigermaßen die vertrauliche Mitteilung, die ihm Dantes über die Zusammenkunft mit dem Großmarschall gemacht hatte, und die Worte, die vom Kaiser an Dantes gerichtet worden waren. Er fügte indessen mit dem Tone der tiefsten Teilnahme hinzu: Ich bitte Sie inständig, Herr von Villefort, seien Sie gerecht, wie Sie es sein müssen, gut, wie Sie es immer sind, und geben Sie uns schleunigst diesen armen Dantes zurück!

 

Das »geben Sie uns« klang in dem Ohre des Staatsanwalts ganz revolutionär.

 

Ei, ei, sagte er ganz leise zu sich selbst, geben Sie uns! … sollte dieser Dantes zu irgend einer Massenverschwörung gehören, daß sein Beschützer sich unwillkürlich der Mehrzahl bedient? Man hat ihn, wie man mir sagte, in zahlreicher Gesellschaft verhaftet, das werden wohl seine Genossen gewesen sein! Laut fügte er hinzu: Mein Herr, Sie können vollkommen ruhig sein. Sie werden nicht vergeblich an meine Gerechtigkeit appelliert haben, wenn der Angeklagte unschuldig ist. Ist er dagegen schuldig, so werde ich genötigt sein, meine Pflicht zu tun.

 

Da er inzwischen die Tür seines unmittelbar an den Justizpalast stoßenden Hauses erreicht hatte, grüßte er mit eisiger Höflichkeit den unglücklichen Reeder, der wie versteinert auf dem Platze blieb, und trat würdevoll in seine Wohnung. Das Vorzimmer war voll von Gendarmen und Polizeiagenten. Mitten unter ihnen stand, streng bewacht, ruhig und unbeweglich der Gefangene.

 

Villefort schritt durch das Vorzimmer, warf einen flüchtigen Blick auf Dantes, nahm ein Bündel Akten, das ihm ein Agent überreichte, und verschwand mit den Worten: Man führe den Gefangenen vor!

 

So rasch sein Blick auch gewesen war, so genügte er doch für Villefort, ihm einen Begriff von dem Menschen zu geben, den er verhören sollte. Auf dieser breiten, offenen Stirn las er Verstand, im festen Auge Mut, in den fleischigen halbgeöffneten und elfenbeinweiße Zähne zeigenden Lippen Treuherzigkeit.

 

Einen Augenblick nach ihm trat Dantes ein. Der junge Mann war immer noch bleich, aber ruhig und sorglos. Er verbeugte sich vor seinem Richter mit ungezwungener Artigkeit und suchte dann mit den Augen einen Stuhl, als befände er sich im Zimmer des Reeders Morel.

 

Jetzt erst begegnete er Villeforts düsterm Blicke, dem Blicke, der den Männern des Gesetzes eigentümlich ist, die nicht in ihren Gedanken lesen lassen wollen. Dieser Blick belehrte ihn, daß er sich vor der strengen Justiz befand.

 

Wer sind Sie und wie heißen Sie? fragte Villefort, in den Akten blätternd, die bereits sehr umfangreich geworden waren.

 

Ich heiße Edmond Dantes und bin Sekond an Bord des Schiffes Pharao.

 

Was taten Sie in dem Augenblick, wo Sie verhaftet wurden?

 

Ich wohnte meinem Verlobungsmahle bei, mein Herr, sagte Dantes mit leicht bewegter Stimme, so schmerzlich war der Kontrast jener Augenblicke der Freude mit der traurigen Szene, in der er hier auftrat, so sehr ließ Herrn von Villeforts, düsteres Gesicht seiner Mercedes‘ strahlendes Antlitz in um so hellerem Lichte erglänzen.

 

Sie wohnten Ihrem Verlobungsmahle bei? sagte Villefort, unwillkürlich bebend. So unempfindlich er gewöhnlich war, so erregte ihn doch dies Zusammentreffen lebhaft, und Dantes‘ bewegte Stimme erweckte eine sympathische Fiber im Grunde seiner Seele. Er heiratete auch, er war auch glücklich, wie Dantes, und man hatte ihn in seinem Glücke gestört, damit er zur Vernichtung der Freude eines Menschen beitrüge, der, wie er, seiner Seligkeit so nahe stand.

 

Man sagt, Sie haben sehr auffallende politische Ansichten? fuhr nach einigen Augenblicken Villefort fort, der gern die Frage in die Form einer Anklage kleidete.

 

Meine politischen Ansichten, mein Herr? Ach! ich schäme mich beinahe, es zu gestehen, aber ich habe das nie gehabt, was man eine Ansicht nennt. Ich bin kaum neunzehn Jahre alt, ich weiß nichts, ich bin nicht bestimmt, irgend eine Rolle zu spielen; das wenige aber, was ich weiß und sein werde, wenn man mir die Stelle bewilligt, nach der ich trachte, habe ich Herrn Morel zu verdanken. Alle meine Ansichten, ich sage nicht politische, sondern Privatansichten, beschränken sich auf folgende drei Gefühle: ich liebe meinen Vater, ich ehre Herrn Morel und bete Mercedes an. Das ist alles, was ich über meine Ansichten vor Gericht erklären kann, und Sie sehen, daß es nicht eben sehr interessant ist.

 

Während Dantes so sprach, schaute Villefort sein zugleich sanftes und offenes Gesicht an und erinnerte sich zugleich der Worte Renées, die, ohne den Gefangenen zu kennen, um Nachsicht für ihn gebeten hatte. Mit dem gewohnten Scharfblick, den er in der Erforschung des Verbrechens und der Verbrecher bereits besaß, erkannte er in jedem Worte Dantes‘ den Beweis seiner Unschuld.

 

Bei Gott, sagte Villefort zu sich selbst, das ist ein guter Bursche, und ich werde hoffentlich nicht viel Mühe haben, mich bei Renée willkommen zu machen, indem ich ihrer Empfehlung Folge leiste. Das trägt mir einen guten Händedruck vor aller Welt und insgeheim einen herzlichen Kuß ein.

 

Bei dieser doppelten Hoffnung erheiterte sich Villeforts Antlitz so, daß Dantes, der allen Bewegungen in der Physiognomie seines Richters gefolgt war, lächelnd die große Veränderung in seinem Aussehen bemerkte.

 

Ist Ihnen bekannt, sagte Villefort, daß Sie Feinde haben?

 

Feinde, ich? erwiderte Dantes, ich habe das Glück, noch zu wenig zu sein, als daß mir meine Stellung Feinde verschafft haben sollte. Was meinen vielleicht etwas lebhaften Charakter betrifft, so suche ich ihn stets meinen Untergeordneten gegenüber zu mildern. Ich habe zehn bis zwölf Matrosen unter meinem Befehle; und diese werden Ihnen auf Befragen sagen, daß sie mich lieben und achten, nicht wie einen Vater, dazu bin ich noch zu jung, sondern wie einen Bruder.

 

Aber in Ermanglung von Feinden haben Sie vielleicht Neider; Sie sollen mit neunzehn Jahren Kapitän werden, das ist ein hoher Posten in Ihrem Stande; Sie sollen ein hübsches Mädchen heiraten, das Sie liebt, das ist ein seltenes Glück bei allen Ständen der Erde. Diese zwei Vorzüge des Schicksals konnten Ihnen Neider zuziehen.

 

Ja, Sie haben recht. Sie müssen wohl die Menschen besser kennen, als ich. Sollten aber diese Neider unter meinen Freunden sein, so gestehe ich, daß ich sie lieber nicht kennen lernen will, um sie nicht Hassen zu müssen.

 

Sie haben unrecht; man muß so klar als möglich um sich her sehen. In der Tat, Sie scheinen mir ein so ehrenwerter Mann zu sein, daß ich von der gewöhnlichen Regel des Gerichtsverfahrens abgehen und Ihnen zum Lichte verhelfen will, indem ich Ihnen die Anzeige mitteile, die Sie vor mich gebracht hat. Hier ist das Papier. Erkennen Sie die Handschrift?

 

Villefort zog den Brief aus seiner Tasche und reichte ihn Dantes. Dieser schaute und las. Eine Wolke zog über seine Stirn, und er sagte: Nein, ich kenne diese Handschrift nicht, sie ist verstellt, und dennoch hat sie eine sehr freie Form. Jedenfalls ist es eine geschickte Hand, die dies geschrieben hat; ich bin sehr glücklich, fügte er, Villefort dankbar anschauend, hinzu, daß ich es mit einem Manne, wie Sie sind, zu tun habe, denn in der Tat, mein Neider ist ein wahrer Feind.

 

Und an dem Blitze, der in den Augen des jungen Mannes zuckte, als er diese Worte sprach, konnte Villefort erkennen, wieviel heftige Energie unter dieser äußeren Sanftmut verborgen lag.

 

Und nun antworten Sie mir offenherzig, sagte der Staatsanwalt, nicht wie ein Angeklagter seinem Richter, sondern wie ein Mensch in einer falschen Stellung einem andern Menschen antwortet, der sich für ihn interessiert. Was ist wahr an dieser anonymen Anklage?

 

Villefort warf den Brief, den ihm Dantes zurückgegeben hatte, mit einer Gebärde des Widerwillens auf den Schreibtisch.

 

Alles oder nichts, mein Herr. Hören Sie die reine Wahrheit, bei meiner Seemannsehre, bei meiner Liebe für Mercedes, bei dem Leben meines Vaters. Als wir Neapel verließen, wurde der Kapitän Leclère von einer Hirnentzündung befallen. Unerwartet rasch verschlimmerte sich seine Krankheit, so daß er nach drei Tagen sein Ende herannahen fühlte und mich zu sich berief. Er ließ mich schwören, alles zu tun, was er von mir verlange, befahl mir, nach der Insel Elba zu steuern, dort dem Großmarschall einen Ring und Brief zu überbringen und schließlich eine Sendung zu erfüllen, mit der mich der Großmarschall beauftragen würde. Es war die höchste Zeit; zwei Stunden nachher erfaßte ihn das Delirium; am andern Tage war er tot. Ich steuerte also nach der Insel Elba, wo ich am andern Tage anlangte, und stieg allein an das Land. Unverzüglich sandte ich dem Großmarschall den Ring, der mir als Erkennungszeichen dienen sollte, und alle Türen öffneten sich vor mir. Er empfing mich, fragte mich nach dem Tode des unglücklichen Leclère und übergab mir einen Brief, den er mich persönlich nach Paris zu bringen beauftragte. Ich versprach es ihm, denn es galt, den letzten Willen meines Kapitäns zu erfüllen. Ich stieg hier an das Land, ordnete rasch alles, was das Schiff betraf, und lief dann zu meiner Braut, die ich liebevoller und schöner als je wiederfand. Ich feierte endlich, wie ich Ihnen sagte, mein Verlobungsmahl, sollte mich in einer Stunde verheiraten und gedachte morgen nach Paris abzureisen, als ich auf die Denunziation hin verhaftet wurde.

 

Ja, ja, murmelte Villefort, dies alles scheint mir der Wahrheit gemäß, und wenn Sie schuldig sind, so sind Sie nur einer Unklugheit schuldig, und diese entschuldigt sich noch durch die Befehle Ihres Kapitäns. Geben Sie uns den Brief, den man Ihnen auf Elba eingehändigt hat! Verpfänden Sie mir Ihr Ehrenwort, sich bei der ersten Vorladung zu stellen, und kehren Sie zu Ihren Freunden zurück.

 

Ich bin also frei! rief Dantes im Übermaß der Freude.

 

Ja, nur geben Sie mir den Brief!

 

Er muß vor Ihnen liegen, mein Herr, denn man hat ihn mir mit meinen andern Papieren genommen.

 

Warten Sie, sagte Villefort zu Dantes, der seine Handschuhe und seinen Hut nahm; warten Sie! An wen war er adressiert?

 

An Herrn Noirtier, Rue Coq-Héron in Paris.

 

Wie vom Blitz getroffen sank Villefort auf seinen Stuhl zurück. Aber mit krampfhafter Anstrengung erhob er sich bald wieder, um den Stoß Papiere, die man Dantes abgenommen, zu erreichen, und zog nach kurzem Suchen den unseligen Brief hervor, auf den er einen Blick voll unsäglichen Schreckens warf.

 

Herr Noirtier, Rue Coq-Héron Nr. 13, murmelte er, immer mehr erbleichend.

 

Ja, antwortete Dantes erstaunt. Kennen Sie ihn?

 

Nein, verfetzte Villefort lebhaft; ein treuer Diener des Königs kennt keine Verschwörer.

 

Es handelt sich also um eine Verschwörung? sagte Dantes, der von einer noch größeren Bangigkeit als zuvor erfaßt wurde. Jedenfalls wußte ich, wie ich Ihnen vorhin sagte, durchaus nichts von der Depesche, deren Träger ich war.

 

Ja, versetzte Villefort mit dumpfem Tone, aber Sie wissen den Namen des Adressaten.

 

Um ihm selbst den Brief zu überbringen, mußte ich ihn wohl wissen.

 

Und Sie haben diesen Brief niemand gezeigt? fragte Villefort, während er las und immer mehr erbleichte.

 

Niemand, mein Herr, auf Ehre!

 

Niemand weiß, daß Sie der Träger eines von Elba kommenden und an Herrn Noirtier adressierten Briefes waren?

 

Niemand, mit Ausnahme dessen, der ihn mir zugestellt hat.

 

Das ist zuviel, das ist noch zuviel! murmelte Villefort, und seine Stirn verdüsterte sich immer mehr, je näher er dem Ende des Briefes kam. Seine bleichen Lippen, seine zitternden Hände, seine glühenden Augen erregten in Dantes die traurigsten Befürchtungen. Nachdem Villefort vollends ausgelesen hatte, ließ er sein Haupt in seine Hände sinken und blieb einen Augenblick unbeweglich.

 

Oh, mein Gott! was ist Ihnen denn? fragte Dantes schüchtern.

 

Villefort antwortete nicht; aber nach einer Minute richtete er seinen bleichen, verstörten Kopf wieder auf, las den Brief zum zweitenmale und sagte dann: Und Sie sagen, Sie wissen nichts von dem Inhalte des Briefes?

 

Ich wiederhole Ihnen bei meiner Ehre, ich weiß nichts davon, antwortete Dantes; aber mein Gott, was haben Sie denn? Sie sind unwohl! Soll ich läuten? Soll ich rufen?

 

Nein, antwortete Villefort, rasch aufstehend, rühren Sie sich nicht, sprechen Sie kein Wort! Ich brauche nichts, ein vorübergehender Schwindel, nichts mehr. Antworten Sie!

 

Dantes erwartete das Verhör, das diese Frage ankündigte, aber vergebens. Villefort fiel auf seinen Stuhl zurück, fuhr mit eisiger Hand über seine mit Schweiß übergossene Stirn, las den Brief zum drittenmale und sagte zu sich selbst: Ah, wenn er weiß, was dieser Brief enthält, und wenn er je erfährt, daß Noirtier mein Vater ist, so bin ich verloren, auf immer verloren.

 

Und von Zeit zu Zeit schaute er Edmond an, als hätte sein Blick die unsichtbare Schranke durchbrechen können, welche im Herzen die Geheimnisse verbirgt, die der Mund bewahrt.

 

Wir dürfen nicht mehr daran zweifeln! rief er plötzlich.

 

Aber in des Himmels Namen, sagte der unglückliche junge Mann, wenn Sie an mir zweifeln, wenn Sie einen Verdacht gegen mich haben, so fragen Sie mich, und ich bin bereit zu antworten. i

 

Villefort raffte sich mit einer heftigen Anstrengung auf und sagte mit einem Tone, dem er Sicherheit verleihen wollte: Herr Dantes, die schwersten Anschuldigungen entspringen für Sie aus diesem Verhöre. Es steht also nicht in meiner Gewalt, wie ich anfangs gehofft habe, Sie in Freiheit zu setzen. Ehe ich eine solche Maßregel treffe, muß ich mich mit dem Untersuchungsrichter beraten. Sie haben ja bisher gesehen, wie ich gegen Sie verfahren bin.

 

Ja, mein Herr! rief Dantes, und ich danke Ihnen, denn Sie sind für mich eher ein Freund als ein Richter gewesen.

 

Nun wohl, ich werde Sie noch einige Zeit, doch so kurze Zeit als nur immer möglich, gefangen halten. Die Hauptanklage gegen Sie liegt in diesem Briefe, und Sie sehen …

 

Villefort näherte sich dem Kamin, warf ihn ins Feuer und blieb dabei stehen, bis er völlig in Asche verwandelt war.

 

Und Sie sehen, fuhr er fort, daß ich ihn vernichte. Doch hören Sie mich, nach einer solchen Handlung müssen Sie natürlich Zutrauen zu mir haben, nicht wahr?

 

Oh, befehlen Sie, ich werde Ihre Befehle befolgen!

 

Nein, sagte Villefort, sich dem jungen Mann nähernd, nein, ich will Ihnen keinen Befehl, sondern einen guten Rat geben. Ich will Sie bis heute abend hier im Justizpalaste behalten; vielleicht wird ein anderer kommen und Sie befragen. Sagen Sie ihm alles, was Sie mir gesagt haben, aber kein Wort von diesem Briefe!

 

Ich verspreche es Ihnen.

 

Villefort sprach in bittendem Tone, und der Angeklagte beruhigte den Richter.

 

Sie begreifen, sagte er, einen Blick auf die Asche werfend, die noch die Form des Papiers bewahrte, nun, da dieser Brief vernichtet ist, wissen nur Sie und ich allein von seiner Existenz, und er kann Ihnen nie wieder vorgelegt werden. Verleugnen Sie ihn, wenn man davon spricht, verleugnen Sie ihn keck, und Sie sind gerettet!

 

Seien Sie unbesorgt, ich werde leugnen, sagte Dantes.

 

Gut, gut, versetzte Villefort und fuhr mit der Hand nach einer Klingelschnur. In dem Augenblicke aber, wo er läuten wollte, hielt er wieder inne und sagte: Es war der einzige Brief, den Sie hatten?

 

Der einzige.

 

Schwören Sie?

 

Dantes streckte die Hand aus und sagte: Ich schwöre.

 

Villefort läutete. Der Polizeikommissar trat ein. Villefort sagte dem Beamten einige Worte ins Ohr. Der Kommissar antwortete mit einer Bewegung des Kopfes.

 

Folgen Sie dem Herrn! sagte Villefort zu Dantes.

 

Dantes verbeugte sich, warf einen Blick der Dankbarkeit auf Villefort und ging ab.

 

Kaum war die Tür hinter ihm geschlossen, als Villefort die Kräfte schwanden und er wie ohnmächtig auf einen Stuhl fiel.

 

Nach einem Augenblick aber murmelte er: Oh, mein Gott! Woran hängen Leben und Glück! Wäre der Erste Staatsanwalt in Marseille gewesen, hätte man den Untersuchungsrichter statt meiner gerufen, so war ich verloren, und dieses Papier, dieses verfluchte Papier stürzte mich in den Abgrund. Oh, Vater, wirst du denn immer als Hindernis zwischen mich und das Glück treten? Muß ich denn ewig mit deiner Vergangenheit kämpfen?

 

Dann schien plötzlich ein unerwarteter Gedanke seinen Geist zu durchzucken, sein Antlitz erleuchtete sich, ein Lächeln umspielte seine noch zusammengepreßten Lippen, und seine Augen gewannen wieder ihre Festigkeit. Ja, so ist es, sagte er; dieser Brief, der mich zu Grunde richten sollte, wird vielleicht mein Glück machen. Auf, Villefort, ans Werk!

 

 

Und nachdem er sich versichert hatte, daß der Angeschuldigte sich nicht mehr im Vorzimmer befand, entfernte er sich ebenfalls und ging rasch nach dem Hause seiner Braut.

 

Das Kastell If.

 

Das Kastell If.

 

Das Vorzimmer durchschreitend, machte der Polizeikommissar zwei Gendarmen ein Zeichen. Man öffnete eine Tür, durch die die Wohnung des Staatsanwalts mit dem Justizpalast in Verbindung stand, und folgte einem durch die ganze Länge des Justizgebäudes führenden Gange nach dem Gefängnisse. Endlich kam man an eine Tür mit einem eisernen Gitter, an die der Polizeikommissar dreimal mit einem eisernen Hammer klopfte. Die Tür öffnete sich, und die Gendarmen schoben den Gefangenen, der abermals zögerte, mit Gewalt vorwärts. Dantes überschritt die furchtbare Schwelle, und die Tür schloß sich hinter ihm. Man führte ihn in ein ziemlich reines, aber mit Gittern und Riegeln versehenes Zimmer. Der Anblick seiner neuen Wohnung machte ihm nicht zu sehr bange. Die Worte des teilnehmenden Staatsanwalts klangen in seinem Ohre wie ein süßer Hoffnungston.

 

Es war bereits vier Uhr, als Dantes in sein Zimmer geführt wurde. Es war der erste März, die Tage waren noch kurz, und der Gefangene befand sich frühzeitig im Dunkeln. Sein Gehör schärfte sich nun immer mehr, je mehr der Gesichtssinn versagte. Bei dem geringsten Geräusche erhob er sich lebhaft und machte, in der Hoffnung, man käme, ihn in Freiheit zu setzen, einen Schritt nach der Tür; aber bald erstarb das Geräusch in einer andern Richtung, und Dantes fiel wieder auf seinen Schemel zurück.

 

Endlich gegen zehn Uhr abends, in dem Augenblick, wo er die Hoffnung zu verlieren anfing, ließ sich ein neues Geräusch vernehmen, und diesmal schien es sich seinem Zimmer zuzuwenden. Es erschollen wirklich Tritte im Gange, die vor seiner Türe anhielten. Ein Schlüssel wurde im Schlosse gedreht, die Riegel klirrten, die massige Schranke von Eichenholz öffnete sich und ließ plötzlich in dem düsteren Zimmer das blendende Licht zweier Fackeln aufleuchten.

 

Bei dem Schimmer dieser Fackeln sah Dantes die Säbel und Musketen von vier Gendarmen glänzen. Er hatte zwei Schritte vorwärts gemacht, blieb aber nun, als er diese Menschen gewahrte, auf der Stelle und fragte: Wollt ihr mich holen?

 

Ja, antwortete einer von den Gendarmen.

 

Auf Befehl des Herrn Staatsanwaltsvertreters?

 

Ich denke wohl.

 

Gut, sagte Dantes, ich bin bereit, euch zu folgen.

 

Der Gedanke, daß man ihn auf Befehl des Herrn von Villefort hole, benahm dem Unglücklichen jede Furcht; er schritt ruhig und festen Schrittes vorwärts und stellte sich mitten unter die Gendarmen. Vor der Tür wartete ein Wagen, auf dem neben dem Kutscher ein Gefreiter saß. Der Kutschenschlag wurde geöffnet, und Dantes fühlte, daß man ihn hineinschob. Er war weder im stande, noch hatte er die Absicht, Widerstand zu leisten. In einem Augenblick saß er im Hintergrunde des Wagens zwischen zwei Gendarmen; die andern setzten sich auf den Vordersitz, und der schwere Wagen rollte mit dumpfem Lärm vorwärts.

 

Der Gefangene schaute nach den Öffnungen; sie waren vergittert, und kaum konnte er durch die dichten Stäbe seine Hand strecken. Er hatte nur sein Gefängnis verändert, das aber jetzt forteilte und ihn einem unbekannten Ziele immer näher brachte. Dantes erkannte jedoch, daß man durch die Rue Tamaris nach dem Kai hinabfuhr.

 

Bald sah er durch seine Gitter die Lichter des Hafenwachtlokals glänzen. Der Wagen hielt still, der Gefreite stieg ab und näherte sich der Wachtstube. Ein Dutzend Soldaten kamen heraus und stellten sich in Reih und Glied; Dantes sah bei dem Schimmer der Lichter ihre Flinten glänzen.

 

Sollte man meinetwegen eine solche militärische Macht entwickeln? sagte er zu sich selbst.

 

Den Schlag öffnend, beantwortete der Gefreite diese Frage, ohne ein Wort zu sprechen, denn Dantes sah, daß für ihn nur zwischen den zwei Reihen Soldaten ein Weg vom Wagen nach dem Hafen übrig gelassen war. Die zwei Gendarmen, die auf dem Vordersitze saßen, stiegen zuerst aus, dann ließ man ihn aussteigen, und endlich folgten die, welche an seiner Seite gesessen hatten. Man ging auf eine Barke zu, die ein Zollbeamter an dem Kai mittels einer Kette befestigt hielt. Die Soldaten sahen Dantes mit einer Miene alberner Neugierde an. In wenigen Augenblicken befand er sich im Hinterteile des Kahnes, immer zwischen den vier Gendarmen, während sich der Gefreite auf dem Vorderteile hielt. Ein kräftiger Stoß entfernte das Fahrzeug vom Lande, und vier Ruderer arbeiteten mit aller Macht. Auf einen Ruf von der Barke her senkte sich die Kette, die den Hafen schließt, und Dantes befand sich außerhalb desselben.

 

Die erste Regung des Gefangenen war, sobald er sich in freier Luft sah, die der Freude. Freie Luft ist die halbe Freiheit. Er atmete also mit voller Brust den Wind ein, der auf seinen Flügeln alle die unbekannten Gerüche der Nacht und des Meeres dahertrug. Bald jedoch stieß er einen Seufzer aus. Er kam an der Reserve vorüber, wo er am selben Tage bis zu seiner Verhaftung so glücklich gewesen war, und durch zwei offene Fenster drang der Freudenlärm eines Balles zu ihm.

 

Dantes faltete die Hände, schlug die Augen zum Himmel auf und betete, während die Barke ihren Weg fortsetzte. Sie war an der Tête-de-More vorübergefahren und nun im Begriff, um die Batterie zu rudern; Dantes konnte dieses Manöver nicht begreifen und sagte daher: Wohin führt ihr mich?

 

Sie werden es sogleich erfahren. – Aber …

 

Es ist verboten, Ihnen eine Erklärung zu geben.

 

Dantes schwieg, aber die seltsamsten Gedanken durchkreuzten nun seinen Geist. Da man in einer solchen Barke keine lange Fahrt machen konnte, da kein Schiff in der Richtung, in der man fuhr, vor Anker lag, so dachte er, man würde ihn an einem entfernten Punkte der Küste ans Ufer setzen und ihm bedeuten, er sei frei. Er war nicht gebunden, was ihm als ein gutes Vorzeichen erschien. Hatte ihm nicht überdies der Staatsanwalt, der ihn so gut behandelt hatte, gesagt, wenn er den unseligen Namen Noirtier nicht ausspräche, hätte er nichts zu befürchten? Hatte nicht Villefort in seiner Gegenwart den gefährlichen Brief, den einzigen Beweis, der gegen ihn vorlag, vernichtet? Er wartete also, stumm und in Gedanken versunken, und suchte mit dem an die Finsternis gewöhnten Auge des Seemanns trotz der Dunkelheit der Nacht den Raum zu durchdringen.

 

Man hatte die Insel Ratonneau, auf der ein Leuchtfeuer brannte, zur Rechten gelassen und war, an der Küste hinfahrend, bis zur Höhe der Bucht der Katalonier gelangt. Hier verdoppelten die Blicke des Gefangenen ihre Kraft, hier wohnte Mercedes, und es kam ihm jeden Augenblick vor, als erschaute er an dem düsteren Ufer die schwankende, unbestimmte Form eines weiblichen Wesens.

 

Warum sollte Mercedes nicht eine Ahnung sagen, ihr Geliebter komme auf dreihundert Schritte vorüber? Ein einziges Licht brannte bei den Kataloniern, und indem Dantes den Ausgangspunkt dieses Lichtes genau festzustellen suchte, erkannte er, daß es aus dem Zimmer seiner Braut stammte. Mercedes war also die einzige Person in der ganzen Kolonie, die noch wachte. Wenn er einen kräftigen Schrei ausstieß, konnte der junge Mann von seiner Verlobten gehört werden; aber eine falsche Scham hielt ihn zurück. Was würden seine Wächter sagen, wenn sie ihn wie einen Wahnsinnigen schreien hörten? Er blieb also stumm, die Augen auf das Licht heftend. Inzwischen setzte die Barke ihren Weg fort; aber der Gefangene dachte nicht an die Barke, er dachte an Mercedes.

 

Eine Wendung des Fahrzeugs ließ das Licht verschwinden. Dantes drehte sich um und bemerkte, daß die Barke auf das hohe Meer segelte.

 

Während er, in seine eigenen Gedanken versunken, hinausschaute, hatte man die Ruder durch Segel ersetzt, und die Barke fuhr, vom Winde getrieben, vorwärts. Obgleich es Dantes widerstrebte, neue Fragen an die Gendarmen zu richten, näherte er sich doch dem einen, nahm ihn bei der Hand und sagte: Kamerad, bei Ihrem Gewissen, bei Ihrer Eigenschaft als Soldat beschwöre ich Sie, haben Sie Mitleid und antworten Sie mir! Ich bin der Kapitän Dantes, ein guter und rechtschaffener Franzose, wenn auch irgend eines Verrats angeklagt; wohin führen Sie mich? Sprechen Sie, und auf Seemanns Wort, ich unterziehe mich meiner Pflicht und füge mich in mein Schicksal.

 

Der Gendarm kratzte sich hinter dem Ohr und schaute seinen Kameraden an. Dieser machte eine Bewegung, die etwa sagen wollte: Aber mein Befehl?

 

Der Befehl verbietet Ihnen nicht, mir mitzuteilen, was ich in zehn Minuten oder in einer Stunde erfahren werde. Nur ersparen Sie mir bis dahin Jahrhunderte der Ungewißheit. Ich frage Sie, als ob Sie mein Freund wären. Glauben Sie mir, ich will mich weder wehren, noch fliehen. Übrigens kann ich das auch gar nicht. Wohin führen Sie mich?

 

So schauen Sie um sich her!

 

Dantes stand auf und blickte natürlich zuerst in der Richtung, nach der das Fahrzeug sich bewegte. Da sah er hundert Klafter vor sich den schwarzen Felsen, auf dem sich das düstere Kastell If erhebt. Die seltsame, öde Form und der Gedanke an das Gefängnis daselbst, das ein furchtbarer Schrecken umschwebte und das seit dreihundert Jahren Marseille Stoff zu den unseligsten Überlieferungen bot, wirkten auf Dantes, wie auf den zum Tod Verurteilten der Anblick des Schafotts.

 

Oh! mein Gott! rief er, das Kastell If! Was sollen wir dort?

 

Der Gendarm lächelte.

 

Aber man fährt mich doch nicht dahin, um mich einzukerkern? rief Dantes. Das Kastell If ist ein Staatsgefängnis und nur für gefährliche politische Verbrecher bestimmt. Ich habe kein Verbrechen begangen. Gibt es dort Untersuchungsrichter, Beamte?

 

Soviel ich weiß, antwortete der Gendarm, findet man dort nur einen Gouverneur, Kerkermeister, eine Garnison und gute Mauern. Freund, spielen Sie nicht den Erstaunten; denn in der Tat, ich muß sonst glauben, Sie wollen meine Gefälligkeit dadurch belohnen, daß Sie meiner spotten.

 

Dantes drückte dem Gendarmen die Hand zum Zerquetschen.

 

Sie behaupten also, sagte er, man führe mich nach dem Kastell If, um mich einzukerkern?

 

Das ist sehr wahrscheinlich, erwiderte der Gendarm.

 

Ohne Untersuchung, ohne Förmlichkeiten?

 

Die Förmlichkeiten sind erfüllt, die Untersuchung ist fertig.

 

Also trotz des Versprechens des Herrn von Villefort?

 

Ich weiß nicht, ob Herr von Villefort Ihnen etwas versprochen hat, aber ich weiß, daß wir nach dem Kastell If fahren. Aber was machen Sie denn? Holla, Kameraden, herbei!

 

Mit einer Bewegung so schnell wie der Blitz, der jedoch das geübte Auge des Gendarmen zuvorgekommen war, hatte sich Dantes in das Meer stürzen wollen. Aber vier kräftige Fäuste hielten ihn in dem Augenblicke zurück, wo seine Füße den Boden des Schiffes verließen. Brüllend vor Wut fiel er in die Barke nieder.

 

Schön, rief der Gendarm, indem er ihm das Knie auf die Brust setzte, schön, so halten Sie Ihr Seemannswort! Man traue doch den freundlichen Leuten! Machen Sie nur noch die geringste Bewegung, mein lieber Freund, so jage ich Ihnen eine Kugel durch den Kopf. Ich bin meinem ersten Befehle untreu gewesen, ich werde den zweiten wortgetreu befolgen.

 

Und er senkte seinen Karabiner gegen Dantes, der das Ende des Laufes an seiner Schläfe fühlte. Einen Augenblick hatte er wirklich den Gedanken, die verbotene Bewegung zu machen und so dein entsetzlichen Unglück, das ihn plötzlich mit seinen Geierkrallen gepackt hatte, ein Ende zu bereiten. Aber gerade weil dieses Unglück so unerwartet gekommen war, dachte Dantes, es könnte nicht lange währen. Dann erinnerte er sich wieder der Versprechungen des Herrn von Villefort, und endlich kam ihm der Tod auf dem Boden eines Fahrzeugs von der Hand eines Gendarmen häßlich, ekelhaft vor. – Er fiel also nieder auf den Grund der Barke, stieß ein Geheul der Wut aus und zernagte sich wie ein Wahnsinniger die Hände.

 

Beinahe in demselben Augenblicke erschütterte ein heftiger Stoß das Schiff. Einer von den Ruderern sprang auf den Felsen, den das Vorderteil der Barke berührt hatte. Ein Seil ächzte, sich um einen Block abwindend, und Dantes erkannte, daß man angelangt war und das Schiff anband.

 

Seine Wächter, die ihn zugleich am Arme und am Kragen hielten, nötigten ihn aufzustehen, zwangen ihn ans Land zu steigen und zogen ihn zu den Stufen, die nach dem Tore der Zitadelle führen. Dantes leistete übrigens keinen Widerstand. Sein langsamer Gang war eher die Folge von Willenlosigkeit, als von Widerstreben. Er war betäubt und schwankte wie ein Betrunkener; er sah abermals Soldaten, er fühlte Stufen, die ihn nötigten, seine Füße aufzuheben, er bemerkte, daß er unter einen Torweg kam und daß das Tor sich hinter ihm schloß, aber dies alles nahm er nur unwillkürlich wahr wie durch einen Nebel, ohne etwas Bestimmtes zu unterscheiden. Er sah sogar das Meer nicht mehr, denn es faßte ihn der ungeheure Schmerz der Gefangenen, die das furchtbare Gefühl übermannt, daß sie gegen ihre Umgebung völlig ohnmächtig sind.

 

 

Einen Augenblick wurde ein Halt gemacht, während dessen er seinen Geist zusammenzufassen suchte. Er befand sich in einem viereckigen, von vier hohen Mauern gebildeten Hofe. Man hörte den langsamen, regelmäßigen Tritt der Schildwachen und sah den Lauf ihrer Flinten funkeln. Hier wartete man ungefähr zehn Minuten. Überzeugt, daß Dantes nicht mehr entfliehen konnte, hatten ihn die Gendarmen losgelassen.

 

Geh, sagten die Gendarmen, Dantes fortschiebend. Der Gefangene folgte seinem Führer, der ihn nun in ein unterirdisches Gemach geleitete, dessen nackte, feuchte Wände von Tränen geschwängert zu sein schienen. Eine Art von Lampe auf einem Schemel, deren Docht in stinkendem Fett schwamm, beleuchtete die glänzenden Mauern dieses abscheulichen Aufenthaltes und zeigte Dantes seinen Führer, einen schlecht gekleideten, gemein aussehenden Gefangenwärter.

 

Das ist Ihr Zimmer für diese Nacht, sagte er, es ist schon spät, und der Herr Gouverneur hat sich bereits zu Bett gelegt. Wenn er morgen erwacht und von den Sie betreffenden Befehlen Kenntnis genommen hat, wird er Ihnen vielleicht eine andere Wohnung anweisen. Inzwischen finden Sie hier Brot, Wasser in diesem Kruge und Stroh in einem Winkel da unten. Das ist alles, was ein Gefangener wünschen kann.

 

Und ehe Dantes daran dachte, seinen Mund zu einer Antwort zu öffnen, ehe er bemerkte, wohin der Kerkerknecht dieses Brot gelegt hatte, hatte der Gefangenwärter die Lampe genommen und, indem er die Tür schloß, den bläulichen Widerschein entzogen, der ihm, wie bei dem Schimmer eines Blitzes, die feuchten Wände seines Gefängnisses gezeigt hatte.

 

Er befand sich nun allein in der Finsternis und in einer Stille, so stumm und so düster, wie diese Gewölbe, deren eisige Kälte er auf seine glühende Stirn sich herabsenken fühlte.

 

Als die ersten Strahlen des Morgens etwas Klarheit in diese Höhle gebracht hatten, kam der Gefangenwärter mit dem Befehle zurück, den Gefangenen zu lassen, wo er war. Dantes hatte den Platz nicht verändert. Eine eiserne Hand schien ihn an die Stelle genagelt zu haben, auf der er am Abend zuvor gestanden hatte. Die ganze Nacht hatte er so, stehend und ohne einen Augenblick zu schlafen, zugebracht. Der Gefangenwärter näherte sich ihm, ging um ihn herum, aber Dantes schien ihn nicht zu sehen. Er schlug ihm auf die Schulter; Dantes bebte und schüttelte den Kopf.

 

Haben Sie denn nicht geschlafen? fragte der Gefangenwärter.

 

Ich weiß es nicht, antwortete Dantes.

 

Der Gefangenwärter schaute ihn erstaunt an. Haben Sie keinen Hunger? fuhr er fort.

 

Ich weiß es nicht, antwortete Dantes abermals.

 

Wünschen Sie etwas?

 

Ich wünsche den Gouverneur zu sehen.

 

Der Gefangenwärter zuckte die Achseln und entfernte sich. Dantes folgte ihm mit den Augen und streckte die Hände nach der halb geöffneten Tür aus, aber die Tür schloß sich wieder. Dann schien sich seine Brust in einem langen Schluchzen zu zerreißen. Seine Tränen, von denen seine Augenlider anschwollen, flossen reichlich. Er warf sich mit der Stirn auf die Erde, betete lange, durchlief in seinem Geiste sein ganzes vergangenes Leben und fragte sich, welches Verbrechen er, noch so jung, begangen hätte, das eine so grausame Bestrafung verdiente. So ging der Tag hin. Kaum aß er einige Bissen Brot und trank ein paar Tropfen Wasser. Bald saß er in Gedanken versunken, bald lief er im Gefängnis umher wie ein wildes Tier, das in einem eisernen Käfig eingeschlossen ist.

 

Ein Gedanke besonders ließ ihn immer wieder auffahren, daß er nämlich während der Überfahrt zehnmal imstande gewesen wäre, sich ins Meer zu werfen, bei seiner Geschicklichkeit im Schwimmen unter dem Wasser zu verschwinden, seinen Wächtern zu entgehen, die Küste zu erreichen, zu fliehen, sich in irgend einer verlassenen Bucht zu verbergen, ein genuesisches oder katalanisches Schiff zu erwarten, Italien oder Spanien zu erreichen und von dort aus Mercedes zu schreiben, sie möge zu ihm kommen. Wegen seines Fortkommens brauchte er nirgends besorgt zu sein; gute Seeleute sind überall gesucht. Er sprach Italienisch wie ein Toskaner, Spanisch wie ein Kind Altkastiliens. Er hätte frei und glücklich mit Mercedes und seinem Vater gelebt, denn sein Vater wäre ihm auch nachgefolgt, während er nun als Gefangener im Kastell If eingeschlossen war und nicht wußte, was aus seinem Vater, was aus Mercedes wurde, und dies alles, weil er an Villeforts Wort geglaubt hatte. Dantes wälzte sich wütend und wie wahnsinnig auf dem frischen Stroh, das ihm der Gefangenwärter gebracht hatte.

 

Am andern Tage erschien dieser zu derselben Stunde.

 

Nun, sagte er, sind Sie heute vernünftiger als gestern?

 

Dantes antwortete nicht.

 

Auf, sagte der Gefangenwärter, Mut gefaßt! Wünschen Sie etwas, worüber ich zu verfügen habe, so sagen Sie es.

 

Ich wünsche den Gouverneur zu sprechen.

 

Ei, erwiderte der Gefangenwärter ungeduldig, ich sage Ihnen, das ist ganz unmöglich. Nach der Vorschrift des Gefängnisses ist eine solche Bitte den Gefangenen nicht gestattet.

 

Und was ist denn hier erlaubt? fragte Dantes.

 

Eine bessere Kost gegen Bezahlung, ein Spaziergang und zuweilen Bücher.

 

Ich brauche keine Bücher, ich habe keine Lust spazieren zu gehen und finde meine Nahrung gut. Ich will also nur eines: den Gouverneur sehen.

 

Wenn Sie mich dadurch ärgern, daß Sie beständig dasselbe wiederholen, sagte der Gefangenwärter, so bringe ich Ihnen nichts mehr zu essen.

 

Gut, erwiderte Dantes, wenn du mir nichts mehr zu essen bringst, so sterbe ich Hungers.

 

Der Ton, in dem Dantes diese Worte sprach, bewies dem Schließer, daß sein Gefangener den Tod herbeisehnte. Da nun jeder Gefangene seinem Wärter täglich ungefähr zehn Sous einträgt, so dachte der Schließer an den Verlust, den für ihn ein solcher Todesfall bedeutete, und er versetzte freundlicher: Hören Sie mich! Was Sie wünschen ist unmöglich, verlangen Sie es also nicht mehr von mir, denn es gibt kein Beispiel, daß der Gouverneur in das Zimmer eines Gefangenen auf dessen Bitte gekommen wäre. Seien Sie nur vernünftig, und man wird Ihnen den Spaziergang erlauben, dann ist es möglich, daß der Gouverneur einmal, während Sie spazieren gehen, vorüberkommt. Sie können ihn hierbei anreden, und wenn er antworten will, ist das seine Sache.

 

Aber, wie lange kann ich warten, bis dieser Zufall eintritt? sagte Dantes.

 

Bei Gott! einen Monat, drei Monate, sechs Monate, ein Jahr, jenachdem.

 

Das ist zu lange, erwiderte Dantes, ich will ihn sogleich sehen.

 

Erschöpfen Sie sich nicht in einem einzigen, unmöglichen Wunsche, sagte der Gefangenwärter, oder Sie sind, ehe vierzehn Tage vergehen, ein Narr.

 

Ha, du glaubst! rief Dantes.

 

Ja, ein Narr; so fängt die Narrheit immer an; wir haben hier ein Beispiel davon. Der Abbé, der vor Ihnen dieses Zimmer bewohnte, wurde verrückt und bot immer wieder dem Gouverneur eine Million für seine Freilassung an.

 

Wann hat er dieses Zimmer verlassen? – Vor zwei Jahren. – Hat man ihn in Freiheit gesetzt? – Nein, man hat ihn in einen Kerker gebracht.

 

Höre, sagte Dantes, ich bin kein Abbé, ich bin kein Narr. Vielleicht werde ich es; zu dieser Stunde aber habe ich leider noch meinen Verstand und will dir einen andern Vorschlag machen: Ich werde dir keine Million bieten, denn ich könnte sie dir nicht geben; aber ich biete dir hundert Taler, wenn du das erstemal, wo du nach Marseille gehst, dich zu den Kataloniern begeben und einem jungen Mädchen, namens Mercedes, nur zwei Zeilen geben willst.

 

Wenn ich diesen Brief überbrächte, und man entdeckte es, würde ich meine Stelle verlieren, die tausend Livres jährlich einträgt, abgesehen von dem Kostgelde. Sie sehen also, daß ich ein großer Tor wäre, wenn ich tausend Livres wagen wollte, um dreihundert zu gewinnen.

 

Nun, so höre und behalte es wohl in deinem Gedächtnis: Wenn du dich weigerst, den Gouverneur davon in Kenntnis zu setzen, daß ich ihn zu sprechen wünsche, wenn du dich weigerst, Mercedes zwei Zeilen zu bringen, oder wenigstens sie davon zu benachrichtigen, daß ich hier bin, so erwarte ich dich eines Tages hinter der Tür und zerschmettere dir in dem Augenblicke, wo du eintrittst, den Schädel mit diesem Schemel!

 

Drohungen! rief der Kerkermeister, einen Schritt zurückweichend und sich in Verteidigungsstand setzend; offenbar ist es in Ihrem Kopfe nicht richtig. Der Abbé hat angefangen wie Sie, und in drei Tagen sind Sie ein Narr, daß man Sie binden muß. Zum Glücke gibt es noch Kerker im Kastell If.

 

Dantes nahm den Schemel und schwang ihn um seinen Kopf.

 

Gut, gut, rief der Kerkermeister, gut, da Sie durchaus wollen, so wird man den Gouverneur benachrichtigen.

 

Dann ist es recht, sagte Dantes, stellte seinen Schemel auf den Boden und setzte sich darauf, den Kopf senkend mit starren Augen, als ob er wirklich wahnsinnig würde.

 

Der Gefangenwärter entfernte sich und kehrte einen Augenblick nachher mit vier Soldaten und einem Korporal zurück.

 

Auf Befehl des Gouverneurs, sagte er, bringt den Gefangenen ein Stockwerk tiefer, man muß die Narren mit den Narren zusammensperren.

 

Die vier Soldaten ergriffen Dantes, der in eine Art von Stumpfsinn verfiel und ihnen ohne Widerstand folgte. Man ließ ihn fünfzehn Stufen hinabsteigen und öffnete eine Tür, durch die er eintrat.

 

Er hat recht, murmelte er, man muß die Narren mit den Narren zusammensperren.

 

 

Die Tür schloß sich wieder, und Dantes ging mit ausgestreckten Händen vorwärts, bis er die Mauer fühlte. Dann setzte er sich in eine Ecke und blieb unbeweglich, während seine Augen, sich allmählich an die Dunkelheit gewöhnend, die Gegenstände zu unterscheiden anfingen. Der Gefangenwärter hatte recht, es fehlte nicht mehr viel, und Dantes wurde ein Narr.