Valentine

 

Valentine

 

Man errät, wo Morel zu tun hatte, und wem sein Eilen galt. Als er Monte Christo verließ, ging er jedoch langsam nach dem Villefortschen Hause – langsam, denn es drängte ihn, mit seinen Gedanken allein zu sein.

 

Er kannte die Stunde gut, zu der Valentine, an Noirtiers Frühstück teilnehmend, vor Störung sicher war. Noirtier und Valentine hatten ihm zwei Besuche in der Woche zugestanden, und er kam, von seinem Rechte Gebrauch zu machen.

 

Valentine erwartete ihn. Unruhig, fast verwirrt, nahm sie ihn bei der Hand und führte ihn zu ihrem Großvater. Diese heftige Unruhe rührte davon her, daß Valentine von dem bevorstehenden Duell zwischen Morcerf und Monte Christo gehört hatte. Sie ahnte schon, Morel würde Monte Christos Zeuge sein, und fürchtete, er werde bei seiner Unerschrockenheit ebenfalls in einen Zweikampf verwickelt werden.

 

Man begreift, welche unbeschreibliche Freude Morel in den Augen seiner Geliebten lesen konnte, als sie erfuhr, die furchtbare Angelegenheit habe einen ebenso glücklichen, wie unerwarteten Ausgang gehabt.

 

Valentine ließ Morel neben dem Greise sitzen, setzte sich selbst auf den Sessel, worauf seine Füße ruhten, und sagte: Nun lassen Sie uns ein wenig von unsern Angelegenheiten reden. Sie wissen, daß der gute Papa den Gedanken gehabt hat, das Haus zu verlassen und seine Wohnung außerhalb des Villefortschen Hauses zu nehmen.

 

Ja, gewiß, ich erinnere mich und habe diesem Plan meinen vollen Beifall geschenkt.

 

Und wissen Sie, sagte Valentine, welchen Grund der gute Papa für seine Absicht angibt?

 

Noirtier schaute seine Enkelin an, um ihr mit dem Auge Schweigen aufzuerlegen; doch Valentine sah ihn nicht an, ihre Augen, ihr Blick, ihr Lächeln gehörten nur Morel.

 

Oh! welchen Grund auch Herr Noirtier angeben mag, rief Morel, ich erkläre, daß er gut ist.

 

Vortrefflich; er behauptet, die Luft des Faubourg Saint Honoré sei für mich nicht gesund.

 

In der Tat, Valentine, Herr Noirtier könnte recht haben; ich finde, daß Ihre Gesundheit seit vierzehn Tagen etwas gelitten hat.

 

Ja, ein wenig, das ist wahr, antwortete Valentine; auch hat sich der gute Papa zu meinem Arzte gemacht, und da er alles weiß, so habe ich das größte Vertrauen zu ihm.

 

Sie leiden also wirklich, Valentine? fragte Morel rasch. Oh! mein Gott, das nennt man nicht leiden; ich fühle eine allgemeine Unbehaglichkeit, und sonst nichts. Ich habe den Appetit verloren, und es kommt mir vor, als hielte mein Magen einen Kampf aus, um sich an etwas zu gewöhnen.

 

Noirtier verlor keines von Valentines Worten.

 

Und welche Behandlung befolgen Sie für diese unbekannte Krankheit?

 

Oh! das ist ganz einfach, ich verschlucke jeden Morgen einen Löffel von dem Trank, den man für meinen Großvater bringt; wenn ich sage einen Löffel, so meine ich, ich habe mit einem angefangen, und nun bin ich beim vierten. Mein Großvater behauptet, es sei ein Heilmittel für alles.

 

Valentine lächelte, doch es lag etwas Trauriges, Leidendes in diesem Lächeln. Trunken vor Liebe schaute sie Maximilian schweigend an; sie war sehr schön, doch ihre Blässe hatte einen matten Ton angenommen, ihre Augen glänzten von einem glühenderen Feuer als gewöhnlich, und ihre sonst perlmutterweißen Hände schienen von gelblichem Wachs zu sein.

 

Von Valentine richtete der junge Mann seine Augen auf Noirtier. Dieser betrachtete mit innigem, prüfendem Blick das geliebte, liebende Mädchen und folgte, wie Morel, den Spuren eines tiefen Leidens, das, für das Auge der andern unsichtbar, dem des Großvaters und des Geliebten nicht entging.

 

Doch ich dachte, der Trank, von dem Sie bereits vier Löffel nehmen, sei für Herrn Noirtier verschrieben?

 

Ich weiß, daß er sehr bitter ist, erwiderte Valentine, so bitter, daß mir alles, was ich darauf trinke, denselben Geschmack zu haben scheint.

 

Noirtier schaute seine Enkelin mit fragendem Blicke an.

 

Ja, guter Papa, versetzte Valentine, es ist so. Soeben, ehe ich zu Ihnen ging, trank ich ein Glas Zuckerwasser; ich ließ die Hälfte davon stehen, so bitter schmeckte das Wasser.

 

Noirtier erbleichte und bedeutete durch ein Zeichen, er wolle sprechen. Valentine stand auf, um das Wörterbuch zu holen, und Noirtier folgte ihr in sichtbarer Angst mit den Augen.

 

Das Blut stieg in der Tat dem Mädchen in den Kopf, seine Wangen färbten sich. Halt! rief sie, immer noch voll Heiterkeit, das ist sonderbar! bin ich blind? Hat mich etwa die Sonne in die Augen getroffen?

 

Und sie stützte sich auf das Fenstersims.

 

Es scheint keine Sonne her, sagte Morel, noch mehr durch den Ausdruck Noirtiers als durch Valentines Unpäßlichkeit beunruhigt, und lief auf seine Braut zu.

 

Das Mädchen lächelte und sagte: Beruhige dich, guter Papa, beruhigen Sie sich, Maximilian, es ist nichts, es ist schon vorbei; stille doch! … Ist das nicht das Geräusch eines Wagens, was ich im Hofe höre?

 

Sie öffnete die Tür, lief an ein Fenster im Gange und kehrte eilig zurück.

 

Ja, sagte sie, es ist Frau Danglars und ihre Tochter, die uns einen Besuch machen wollen. Gott befohlen, ich fliehe, denn man würde mich doch holen, oder vielmehr auf Wiedersehen! Bleiben Sie bei dem guten Papa, ich verspreche Ihnen, den Besuch nicht zurückzuhalten.

 

Morel folgte ihr mit den Augen, sah sie die Tür zumachen und hörte sie die kleine Treppe hinaussteigen, die zugleich zu Frau von Villefort und in ihr Zimmer führte.

 

Sobald sie verschwunden war, bedeutete der Greis Morel, er solle das Wörterbuch nehmen. Nach Verlauf von zehn Minuten hatte der junge Mann Noirtiers Gedanken folgendermaßen übersetzt: Suchen Sie das Glas Wasser und die Flasche in Valentines Zimmer.

 

Morel läutete sogleich dem Diener, der Barrois ersetzt hatte, und erteilte ihm in Noirtiers Namen den Befehl.

 

Der Diener kam nach einem Augenblick zurück. Er hatte Flasche und Glas völlig leer gefunden. Noirtier machte hierauf ein Zeichen, daß er sprechen wolle.

 

Warum sind das Glas und die Flasche leer? fragte er mit Hilfe des Wörterbuchs. Valentine sagte, sie habe nur die Hälfte des Glases getrunken.

 

Ich weiß es nicht, antwortete der Bediente; doch die Kammerfrau ist in Valentines Zimmer; vielleicht hat sie es geleert.

 

Fragen Sie die Kammerfrau, sagte Morel.

 

Der Diener ging hinaus, kam beinahe in derselben Minute wieder zurück und meldete: Fräulein Valentine ist durch ihr Zimmer gegangen, um sich in das der Frau von Villefort zu begeben, und da sie Durst hatte, so trank sie, was im Glase übrig war; die Flasche hat Herr Eduard geleert, um einen Teich für seine Enten daraus zu machen.

 

Noirtier schlug die Augen zum Himmel auf, wie ein Spieler, der seine ganze Habe auf einen Wurf setzt. Von da an hefteten sich die Augen nach der Tür und verließen diese Richtung nicht mehr.

 

Die befreundeten Damen waren eben in den Salon getreten und hatten Frau von Villefort begrüßt, als Valentine eintrat.

 

Liebe Freundin, sagte die Baronin, während sich die jungen Mädchen bei den Händen nahmen, ich bin gekommen, um Ihnen die nahe bevorstehende Verheiratung meiner Tochter mit dem Prinzen Cavalcanti mitzuteilen.

 

So erlauben Sie mir, Ihnen meine aufrichtigen Glückwünsche auszusprechen, antwortete Frau von Villefort. Der Herr Prinz Cavalcanti scheint ein junger Mann von seltenen Eigenschaften zu sein.

 

Hören Sie, versetzte die Baronin lächelnd, wenn wir als Freundinnen sprechen, so muß ich Ihnen sagen, daß uns der Prinz noch nicht das zu sein scheint, was er sein soll. Es ist an ihm noch etwas von dem Ungelenken, woran wir Französinnen auf den ersten Blick einen italienischen oder deutschen Edelmann erkennen. Er offenbart jedoch ein sehr gutes Herz, viel Feinheit des Geistes, und was die sonstigen Verhältnisse betrifft, so behauptet Herr Danglars, sein Vermögen sei majestätisch; dies ist sein Ausdruck.

 

Und dann, sagte Eugenie, in einem Album blätternd, setzen Sie nur noch dazu, daß Sie eine ganz besondere Neigung für den jungen Mann haben.

 

Ich brauche Sie wohl nicht zu fragen, ob Sie diese Neigung teilen? versetzte Frau von Villefort.

 

Ich! entgegnete Eugenie mit ihrer gewöhnlichen Bestimmtheit; oh, nicht im mindesten, gnädige Frau. Ich fühle mich nicht für den Beruf geschaffen, mich an die Sorgen einer Haushaltung und die Launen eines Mannes zu ketten. Ich möchte Künstlerin werden und frei über mein Herz, meine Person und meine Gedanken verfügen. Da ich indessen wohl oder übel heiraten muß, so kann ich nur der Vorsehung danken, daß sie mir wenigstens Herrn Albert von Morcerfs Abneigung verschafft hat; ohne diese Vorsehung wäre ich heute die Frau eines seiner Ehre verlustigen Mannes.

 

Es ist wahr, sagte die Baronin, es fehlte wenig, so hätte meine Tochter Herrn Albert geheiratet. Dem General lag viel daran; er kam sogar, um von Herrn Danglars ihre Hand zu erzwingen; wir ließen ihn aber schön ablaufen.

 

Aber fällt denn die Schande des Vaters auch auf den Sohn? sagte schüchtern Valentine. Herr Albert scheint mir ganz unschuldig an dem Verrat des Generals.

 

Verzeihen Sie, liebe Freundin, versetzte die Männerfeindin; Albert verdient sein Teil davon. Nachdem er gestern Herrn von Monte Christo in der Oper herausgefordert, hat er sich heute auf dem Kampfplatze bei ihm entschuldigt.

 

Unmöglich! rief Frau von Villefort.

 

Ach! teure Freundin, sagte Frau Danglars, es ist so, ich habe es durch Herrn Debray erfahren, der bei der Erklärung zugegen war.

 

Valentine wußte auch die Wahrheit, aber sie sagte nichts. Durch ein Wort in ihre Erinnerungen zurückversetzt, befand sie sich in Gedanken wieder in Noirtiers Zimmer, wo sie Morel erwartete.

 

In diese innere Betrachtung versunken, hatte sie aufgehört, an dem Gespräche teilzunehmen, als plötzlich Frau Danglars‘ Hand sich auf ihren Arm stützte und sie ihrer Träumerei entzog.

 

Was wünschen Sie, gnädige Frau? fragte Valentine, bei der Berührung zusammenfahrend wie von einem elektrischen Schlage.

 

Meine liebe Valentine, sagte die Baronin, Sie sind jedenfalls leidend?

 

Ich? entgegnete das Mädchen, mit der Hand über seine glühende Stirne fahrend.

 

Ja, beschauen Sie sich nur im Spiegel; Sie sind drei- bis viermal hintereinander im Verlaufe einer Minute erbleicht und errötet.

 

Du bist in der Tat sehr bleich! rief Eugenie.

 

Oh, das tut nichts, Eugenie, ich bin seit einigen Tagen so.

 

So wenig schlau Valentine auch war, so begriff sie doch, daß sie nun Gelegenheit hatte, sich zu entfernen. Überdies kam ihr Frau von Villefort zu Hilfe, indem sie sagte: Entferne dich, Valentine, du leidest wirklich; trinke ein Glas Wasser, und du wirst dich erholen.

 

Valentine küßte Eugenie, verbeugte sich vor Frau Danglars und verließ das Zimmer.

 

Das arme Kind, sagte Frau von Villefort, als Valentine verschwunden war, es beunruhigt mich ernstlich, und es sollte mich nicht wundern, wenn ihr irgend ein Unfall widerführe.

 

Valentine war indessen in einer Aufregung, von der sie sich keine Rechenschaft geben konnte, durch Eduards Zimmer gegangen und hatte sodann die kleine Treppe zu Noirtiers Wohnung erreicht. Sie stieg alle Stufen bis auf die letzten drei hinab; sie hörte bereits Morels Stimme, als plötzlich eine Wolke vor ihren Augen hinzog, ihr starrer Fuß verfehlte die Stufe, ihre Hände hatten nicht mehr die Kraft, sich am Geländer zu halten, sie streifte an der Wand hin und rollte die drei letzten Stufen hinab.

 

 

Morel machte einen Sprung, öffnete die Tür und sah die Geliebte auf dem Boden liegen. Rasch hob er sie in seine Arme und trug sie in einen Lehnstuhl. Dann öffnete sie wieder die Augen.

 

Oh, ich Ungeschickte! sagte sie, fieberhaft schnell sprechend, ich weiß mich also nicht mehr zu halten.

 

Sie haben sich doch nicht verletzt, Valentine? rief Morel. Oh, mein Gott! mein Gott!

 

Valentine schaute umher; sie sah in Noirtiers Augen den größten Schrecken sich abspiegeln.

 

Beruhige dich, guter Papa, sagte sie, indem sie zu lächeln suchte; es ist nichts … nur ein Schwindel.

 

Abermals eine Ohnmacht! sagte Morel, die Hände faltend. Oh! nehmen Sie sich in acht, Valentine, ich flehe Sie an.

 

Nein, versetzte Valentine, nein, ich sage Ihnen, daß alles vorüber ist, und daß es nichts war. Nun lassen Sie mich Ihnen eine Neuigkeit mitteilen: in acht Tagen verheiratet sich Eugenie, und in drei Tagen findet ein großes Fest, ein Verlobungsmahl, statt. Wir alle sind eingeladen, mein Vater, Frau von Villefort und ich … wenigstens soviel ich verstanden habe.

 

Wann wird die Reihe an uns kommen? Oh! Valentine, Sie, die Sie so viel über Ihren guten Papa vermögen, bemühen Sie sich, daß er Ihnen antwortet: Bald! Solange Sie nicht mir gehören, Valentine, ist es mir immer, als ob Sie mir entgehen könnten.

 

Oh! antwortete Valentine mit einer krampfhaften Bewegung, Maximilian, Sie sind zu ängstlich für einen Offizier, der, wie man sagt, nie die Furcht gekannt hat. Und sie brach in ein scharfes, schmerzliches Gelächter aus, ihre Arme wurden steif, ihr Kopf fiel auf den Stuhl zurück, und sie blieb ohne Bewegung.

 

Morel rief bei diesem Anblick um Hilfe, worauf die Kammerfrau und die Bedienten sofort herbeieilten.

 

Valentine war so kalt, so bleich, so leblos, daß die Diener, ohne zu hören, was man ihnen sagte, von der Furcht erfaßt wurden, die beständig in einem verfluchten Hause wachte, und um Hilfe rufend, in die Gänge stürzten.

 

Frau Danglars und Eugenie entfernten sich soeben und erfuhren gerade noch die Ursache des Aufruhrs.

 

Ich sagte es Ihnen! rief ihnen Frau von Villefort zu; die arme Kleine!

 

Das Geständnis.

 

Das Geständnis.

 

In demselben Augenblick hörte man die Stimme des Herrn von Villefort aus seinem Kabinett rufen: Was gibt es denn?

 

Morel befragte mit dem Blicke Noirtier; dieser hatte wieder seine ganze Kaltblütigkeit erlangt und bezeichnete ihm mit dem Auge das Kabinett, in das er sich schon einmal unter ähnlichen Umständen geflüchtet hatte.

 

Gleich darauf stürzte Villefort in das Zimmer, lief auf Valentine zu und faßte sie in seine Arme. Einen Arzt! … Herrn d’Avrigny! Oder ich gehe vielmehr selbst, rief er und lief aus dem Zimmer.

 

Durch die andere Tür entfloh Morel. Eine schreckliche Erinnerung regte sich in seinem Herzen: die Unterredung zwischen Villefort und dem Doktor, die er in der Nacht, in der Frau von Saint-Meran starb, gehört hatte. Die Symptome, die dem Tode Barrois‘ vorhergegangen, schienen ihm dieselben zu sein, die er, wenn auch in etwas geringerem Grade, bei Valentine wahrgenommen hatte. Zugleich tönte an sein Ohr die Stimme des Grafen von Monte Christo, der ihm kaum zwei Stunden vorher gesagt hatte: Wenn Sie etwas brauchen, Morel, so kommen Sie zu mir, ich vermag viel. Diesen Helfer wollte er nun aufsuchen.

 

Inzwischen fuhr Herr von Villefort bei Herrn d’Avrigny vor; er läutete so heftig, daß ihm der Portier mit erschrockener Miene öffnete. Villefort stürzte nach der Treppe, ohne daß er die Kraft hatte, etwas zu sagen. Der Portier kannte ihn und rief ihm nur nach: In seinem Kabinett, Herr Staatsanwalt!

 

Villefort stieß bereits die Tür auf.

 

Ah! sagte der Doktor, Sie sind es? –

 

Ja, ich bin es und frage Sie, ob wir allein sind. Doktor, mein Haus ist ein verfluchtes Haus!

 

Wie! sagte dieser scheinbar kalt, jedoch mit tiefer innerer Erschütterung, haben Sie abermals einen Kranken?

 

Ja, Doktor! rief Villefort, mit krampfhafter Hand seine Haare fassend, ja!

 

In d’Avrignys Blick lag: Ich habe es Ihnen vorher gesagt. Dann sprachen seine Lippen langsam: Wer soll denn in Ihrem Hause sterben, und welches neue Opfer wird Sie vor Gott der Schwäche anklagen?

 

Ein schmerzliches Schluchzen entwand sich dem Herzen des Geängsteten, er näherte sich dem Arzte, faßte ihn am Arm und antwortete: Valentine! die Reihe ist an Valentine! Ihre Tochter! rief d’Avrigny, erschreckt.

 

Sie sehen, daß Sie sich täuschten, murmelte der Staatsanwalt, kommen Sie, schauen Sie meine Tochter an, und Sie werden sie wegen Ihres Verdachtes auf ihrem Schmerzenslager um Verzeihung bitten.

 

So oft Sie mich benachrichtigten, war es zu spät, sagte Herr d’Avrigny; doch gleichviel, ich gehe. Eilen wir!

 

Oh! diesmal, Doktor, werden Sie mir meine Schwäche nicht mehr vorwerfen. Diesmal werde ich den Mörder kennen lernen und treffen.

 

Suchen wir das Opfer zu retten, ehe wir an die Rache denken, sagte d’Avrigny; kommen Sie!

 

Inzwischen war Morel bei Monte Christo angekommen. Der Graf saß in seinem Kabinett und las sorgenvoll ein Billett, das ihm Bertuccio in der Eile geschickt hatte. Als er Morel, der ihn vor kaum zwei Stunden verlassen hatte, melden hörte, erhob der Graf das Haupt.

 

Für Morel, wie für den Grafen hatte sich während dieser zwei Stunden ohne Zweifel viel ereignet, denn der junge Mann, der ihn mit einem Lächeln auf den Lippen verlassen, kam mit verstörtem Gesichte zurück.

 

Er stand auf, eilte Morel entgegen und rief: Was gibt es denn, Maximilian? Sie sind bleich, und Ihre Stirn trieft von Schweiß.

 

Morel fiel auf einen Stuhl und erwiderte: Ja, ich bin schnell gelaufen, ich mußte Sie sprechen. Ich bedarf Ihrer. Sie können mir vielleicht bei einer Sache Hilfe leisten, wo sonst niemand helfen kann. – Reden Sie! – Graf, wollen Sie mir erlauben, Baptistin wegzuschicken und in einem Ihnen bekannten Hause Nachrichten einzuziehen? – Ich bin zu Ihrer Verfügung, und Sie mögen also noch viel mehr über meine Bedienten verfügen.

 

Morel ging hinaus, rief Baptistin und sagte ihm leise einige Worte. Der Kammerdiener eilte fort.

 

Morel erzählte nun, ohne die Namen zu nennen, dem Grafen, welches Geheimnis er aus dem im Garten des Staatsanwalts belauschten nächtlichen Gespräch erfahren habe, und Monte Christo hörte scheinbar mit der größten Ruhe zu.

 

Nun! endete Maximilian, der Tod ist zum dritten Male eingekehrt, und weder der Herr des Hauses, noch der Doktor hat etwas gesagt; der Tod wird vielleicht zum vierten Male treffen. Graf, wozu glauben Sie, daß mich die Kenntnis dieses Geheimnisses verpflichtet?

 

Mein lieber Freund, Sie scheinen mir eine Geschichte zu erzählen, die jeder von uns auswendig weiß. Ich kenne das Haus, wo Sie dies gehört haben, oder kenne wenigstens ein ähnliches: ein Haus, wo sich ein Garten, ein Familienvater, ein Doktor findet, ein Haus, wo sich drei seltsame, unerwartete Todesfälle ereignet haben. Wohl, schauen Sie mich an, mich, der nichts erlauscht hat, und dennoch dies alles so gut weiß wie Sie … habe ich Gewissensbedenken? Nein! das geht mich nichts an. Sie sagen, ein Würgeengel scheine dieses Haus dem Zorne des Herrn zu bezeichnen; wer sagt Ihnen denn, daß Ihre Voraussetzung nicht Wirklichkeit ist? Wenn die Gerechtigkeit und nicht der Zorn Gottes dieses Haus trifft, Maximilian, so wenden Sie den Kopf ab und lassen Sie die Gerechtigkeit Gottes ihren Gang gehen.

 

Morel bebte. Es lag zugleich etwas Finsteres, Feierliches und Furchtbares in dem Tone des Grafen.

 

Überdies, fuhr er mit so scharf veränderter Stimme fort, daß man hätte glauben sollen, diese letzten Worte kämen nicht mehr aus dem Munde desselben Menschen, – überdies, wer sagt Ihnen, daß es wieder anfangen wird?

 

Es fängt wieder an, Graf, rief Morel, und deshalb bin ich zu Ihnen gelaufen.

 

Was soll ich tun, Morel? Soll ich etwa den Herrn Staatsanwalt in Kenntnis setzen?

 

Monte Christo sprach diese Worte mit solchem Ausdrucke, daß Morel plötzlich aufstand und rief: Graf! Graf! nicht wahr, Sie wissen, von wem ich spreche? Allerdings, mein guter Freund, und ich will es Ihnen dadurch beweisen, daß ich Namen nenne. Sie sind am Todesabend des Herrn von Saint-Meran im Garten des Herrn von Villefort gewesen. Sie haben Herrn von Villefort mit Herrn d’Avrigny über den Tod des Herrn von Saint-Meran und über den nicht minder erstaunlichen Tod seiner Gattin sprechen hören. Herr d’Avrigny sagte, er glaube an eine Vergiftung, oder sogar an zwei Vergiftungen, und Sie, der vor allen ehrliche Mann, sind seitdem in Gewissensnöten, ob Sie dieses Geheimnis enthüllen, oder ob Sie schweigen sollen. So lassen Sie doch die Leute schlafen, wenn sie schlafen, und schlummern Sie selbst um Gotteswillen, Sie, den keine Gewissensbisse am Schlummern hindern.

 

Ein furchtbarer Schmerz prägte sich in Morels Zügen aus; er ergriff die Hand des Grafen und rief: Aber, es fängt wieder an, sage ich Ihnen!

 

Nun wohl, erwiderte der Graf, erstaunt über diese Hartnäckigkeit, die er nicht begriff, während er Maximilian noch aufmerksamer anschaute, lassen Sie es wieder anfangen; es ist eine Atriden-Familie! Gott hat sie verurteilt, und sie werden seinem Spruche unterliegen, sie werden verschwinden. Vor drei Monaten war es Herr von Saint-Meran; vor zwei Monaten war es Frau von Saint-Meran; kürzlich war es Barrois; heute ist es der alte Noirtier oder die junge Valentine.

 

Sie wußten es? rief Morel so erschrocken, daß Monte Christo bebte, er, den des Himmels Einsturz unempfindlich gefunden hätte. Sie wußten es und sagten nichts?

 

Was ist mir denn daran gelegen! versetzte Monte Christo, die Achseln zuckend, kenne ich diese Leute?

 

Aber ich, rief Morel, brüllend vor Schmerz, ich liebe sie!

 

Sie lieben, wen? rief Monte Christo aufspringend und Morels Hände ergreifend.

 

Ich liebe bis zur Raserei, ich liebe wie ein Mensch, der all sein Blut hingeben würde, um ihr eine Träne zu ersparen, ich liebe Valentine von Villefort, die man in diesem Augenblicke ermordet! Hören Sie wohl, ich liebe sie, und frage Gott und Sie, wie ich sie retten kann?

 

Monte Christo stieß einen Schrei aus und rief, die Hände ringend: Unglücklicher! du liebst die Tochter eines verfluchten Geschlechtes!

 

Nie hatte Morel einen ähnlichen Ausdruck gesehen, nie hatte ein so furchtbares Auge vor seinem Gesicht geflammt, nie hatte der Geist des Schreckens, den er so oft auf den Schlachtfeldern oder in den mörderischen Nächten Algeriens erschaut, so düstere Flammen um ihn her geschleudert. – Er wich erschrocken zurück.

 

Monte Christo schloß ein paar Sekunden lang nach diesem Ausbruche, wie von inneren Blitzen geblendet, die Augen. Während dieser Sekunden sammelte er sich mit solcher Gewalt, daß man nach und nach die wellenförmigen Bewegungen seiner von Stürmen schwellenden Brust sich legen sah, wie sich nach dem Gewitter unter der Sonne die stürmischen, schäumenden Wogen glätten.

 

Dann hob er seine bleiche Stirn empor und sagte mit leicht bebender Stimme: Ich, der unempfindlich, und neugierig dastand, ich, der die Entwickelung dieser furchtbaren Tragödie betrachtete; ich, der einem schlimmen Genius ähnlich über das Böse lachte, das die Menschen unter dem Schutze des Geheimnisses tun – ich fühle mich nun selbst gebissen von der Schlange, deren krummen Gang ich betrachtete, und zwar ins Herz gebissen.

 

Morel stieß einen dumpfen Seufzer aus.

 

Auf! auf! genug der Klagen, fuhr der Graf fort, seien Sie stark, seien Sie ein Mann, seien Sie voll Hoffnung, denn ich bin da, ich wache über Sie.

 

Morel schüttelte traurig den Kopf.

 

Ich sage Ihnen, Sie sollen hoffen, verstehen Sie mich? rief Monte Christo. Erfahren Sie, daß ich nie lüge, daß ich mich nie täusche. Es ist Mittag, Maximilian, danken Sie dem Himmel, daß Sie am Mittag gekommen sind, statt erst am Abend zu kommen. Hören Sie, was ich Ihnen sagen werde, Morel; es ist Mittag; wenn Valentine noch nicht tot ist, so wird sie nicht sterben.

 

Oh! mein Gott! mein Gott! rief Morel, ich habe sie sterbend zurückgelassen.

 

Monte Christo legte seine Hand an die Stirn. Was ging in diesem von furchtbaren Geheimnissen beschwerten Kopfe vor? Er hob die Stirn noch einmal, und diesmal war er ruhig wie das Kind beim Erwachen.

 

Maximilian, sagte er, kehren Sie still nach Hause zurück; ich befehle Ihnen, nichts zu tun, keinen Schritt zu versuchen, über Ihr Antlitz nicht den Schatten einer Unruhe schweben zu lassen, ich werde Ihnen Nachricht geben.

 

Mein Gott! mein Gott! Graf, Sie erschrecken mich mit Ihrer Kaltblütigkeit. Vermögen Sie etwas gegen den Tod? Sind Sie mehr als ein Mensch?

 

Und der junge Mann, den keine Gefahr je einen Schritt zurückweichen ließ, wich, von einem unsäglichen Schrecken erfaßt, zurück. Doch Monte Christo schaute ihn jetzt mit einem zugleich so schwermütigen und so sanften Lächeln an, daß Maximilian Tränen in seinen Augen fühlte.

 

Ich vermag viel, antwortete der Graf. Gehen Sie, ich muß allein sein, mein Freund.

 

Ohne Widerstreben drückte Morel dem Grafen die Hand und entfernte sich.

 

Villefort und d’Avrigny waren indessen in größter Eile nach dem Hotel des Staatsanwalts gefahren. Bei ihrer Rückkehr war Valentine noch ohnmächtig, und der Arzt untersuchte die Kranke mit der von den Umständen gebotenen Sorgfalt.

 

An seinen Lippen und seinen Blicken hängend, erwartete Villefort das Resultat der Prüfung. Bleicher, als das Mädchen, gieriger auf eine Lösung, als Villefort selbst, wartete Noirtier ebenfalls.

 

Endlich sprach d’Avrigny langsam die Worte: Sie lebt noch.

 

Noch? rief Villefort, oh! Doktor, welch ein furchtbares Wort haben Sie da ausgesprochen!

 

Ja, sagte der Doktor, ich wiederhole meine Behauptung; sie lebt noch, und ich bin darüber erstaunt.

 

Doch sie ist gerettet? – Ja, da sie lebt.

 

In diesem Moment begegnete der Blick d’Avrignys dem Blicke Noirtiers. Er erglänzte von so außerordentlicher Freude, daß der Arzt sich dadurch betroffen fühlte.

 

Er ließ das Mädchen, dessen bleiche, weiße Lippen sich kaum noch vom übrigen Gesicht abhoben, wieder auf den Stuhl fallen und sagte zu Villefort: Rufen Sie gefälligst die Kammerjungfer des Fräuleins.

 

Villefort ließ den Kopf seiner Tochter los, den er unterstützte, und lief weg, um die Kammerjungfer zu rufen.

 

Sobald Villefort die Tür zugemacht hatte, näherte sich d’Avrigny Herrn Noirtier und fragte ihn: Sie haben mir etwas zu sagen?

 

Der Greis blinzelte auf eine ausdrucksvolle Weise mit den Augen; es war dies, wie man sich erinnert, sein bejahendes Zeichen.

 

Gut, ich werde bei Ihnen bleiben.

 

In diesem Augenblick kehrte Villefort mit der Kammerjungfer zurück; hinter dieser ging Frau von Villefort.

 

Aber was hat denn das liebe Kind? rief sie: … sie ging von mir weg, beklagte sich zwar etwas über Unpäßlichkeit, doch ich glaubte, es sei von keiner Bedeutung.

 

Und die junge Frau näherte sich Valentine mit Tränen in den Augen und mit allen Zeichen der Zuneigung einer wahren Mutter, und nahm sie bei der Hand.

 

D’Avrigny schaute Noirtier fortwährend an; er sah, wie seine Augen sich erweiterten, wie seine Wangen zitterten und erbleichten, wie der Schweiß auf seiner Stirn perlte.

 

Oh! stieß er unwillkürlich hervor, während er der Richtung der Blicke des Greises folgte, das heißt, seine Augen auf Frau von Villefort heftete. Diese sagte wiederholt: Das arme Kind wird besser in seinem Zimmer sein. Kommen Sie, Fanny, wir wollen Valentine zu Bette bringen.

 

Der Arzt, der in diesem Vorschlag ein Mittel sah, mit Noirtier allein zu bleiben, erklärte dies für das beste, verbot aber, sie irgend etwas anderes nehmen zu lassen, als was er verordnen würde.

 

Man trug Valentine weg; sie hatte wieder das Bewußtsein erlangt, vermochte aber weder sich zu bewegen, noch zu sprechen, so sehr waren ihre Glieder durch die Erschütterung, die sie erlitten, gelähmt. Sie hatte indessen die Kraft, mit einem Blicke ihren Großvater zu grüßen, dem man, als man sie wegtrug, die Seele zu entreißen schien.

 

D’Avrigny folgte der Kranken, gab weitere Vorschriften, hieß Villefort selbst zum Apotheker fahren, dort die verordneten Tränke bereiten lassen, sie selbst zurückbringen und ihn im Zimmer seiner Tochter erwarten.

 

Nachdem er abermals eingeschärft, Valentine nichts nehmen zu lassen, ging er wieder zu Herrn Noirtier hinab, schloß sorgfältig die Tür, überzeugte sich, daß niemand horchte, und sagte: Mein Herr, Sie wissen etwas über die Krankheit Ihrer Enkelin? – Ja, machte der Greis.

 

Hören Sie, wir haben keine Zeit zu verlieren, ich will Sie fragen, und Sie antworten mir. Haben Sie den Unfall vorhergesehen, der heute Valentine begegnet ist? – Ja.

 

D’Avrigny dachte einen Augenblick nach, näherte sich sodann Noirtier und fuhr fort: Verzeihen Sie mir, was ich Ihnen sagen werde; doch in der furchtbaren Lage, in der wir uns befinden, darf kein Anzeichen vernachlässigt werden. Haben Sie den armen Barrois sterben sehen?

 

Noirtier schlug die Augen zum Himmel auf.

 

Wissen Sie, woran er gestorben ist? – Ja.

 

Glauben Sie, sein Tod sei natürlich gewesen?

 

Etwas wie ein Lächeln trat auf die trägen Lippen Noirtiers. Es ist Ihnen also der Gedanke gekommen, Barrois sei vergiftet worden? – Ja. – Glauben Sie, das Gift, dem er unterlegen ist, sei für ihn bestimmt gewesen? – Nein.

 

Meinen Sie, dieselbe Hand, die Barrois statt eines andern getroffen, treffe heute Valentine? – Ja. – Sie wird also ebenfalls unterliegen? fragte d’Avrigny, einen tiefen Blick auf Noirtier heftend. – Nein, erwiderte dieser mit triumphierender Miene. – Sie hoffen also? fragte d’Avrigny erstaunt. – Ja. – Was hoffen Sie?

 

Der Greis machte durch die Augen begreiflich, er könne nicht antworten.

 

Ah! ja, das ist wahr, murmelte d’Avrigny.

 

Dann sagte er: Sie hoffen, der Mörder würde müde werden? – Nein. – Also hoffen Sie, das Gift werde ohne Wirkung auf Valentine sein? – Ja. – Denn nicht wahr, ich belehre Sie nicht, wenn ich Ihnen sage, man habe sie in der Tat zu vergiften gesucht?

 

Der Greis machte mit den Augen ein Zeichen, das keinen Zweifel in dieser Beziehung übrig ließ.

 

Wie hoffen Sie dann, daß Valentine entkommen werde?

 

Noirtier hielt hartnäckig seine Augen auf einen Punkt geheftet; d’Avrigny folgte der Richtung seiner Augen und sah, daß sie auf eine Flasche zielten, die den Trank enthielt, den man ihm jeden Morgen brachte.

 

Ah! ah! sagte d’Avrigny, plötzlich von einem Gedanken erleuchtet, sollten Sie den Einfall gehabt haben … – Noirtier ließ ihn nicht vollenden. Ja, machte er. – Sie gegen das Gift zu verwahren? – Ja. – Indem Sie Valentine allmählich daran gewöhnten, da Sie mich haben sagen hören, es komme Brucin in den Trank, den ich Ihnen gebe. – Ja, ja, ja, machte der Greis, entzückt, verstanden zu werden. – Und Sie gewöhnten sie an dieses Getränk und wollten dadurch die Wirkungen eines solchen Giftes aufheben?

 

Dieselbe triumphierende Freude bei Noirtier.

 

Und es ist Ihnen wirklich gelungen! rief d’Avrigny. Ohne diese Vorsichtsmaßregel wäre Valentine heute getötet, getötet ohne die Möglichkeit einer Hilfe; der Schlag war heftig, doch sie wurde nur erschüttert, und diesmal wenigstens wird Valentine nicht sterben.

 

Eine übermenschliche Freude glänzte in den mit einem Ausdrucke unsäglicher Dankbarkeit zum Himmel aufgeschlagenen Augen des Greises.

 

In dieser Minute kam Villefort zurück.

 

Hier, Doktor, sagte er, hier ist das Verlangte. – Dieser Trank ist in Ihrer Gegenwart bereitet worden? – Ja. – Er ist nicht aus Ihren Händen gekommen? – Nein.

 

D’Avrigny nahm die Flasche, goß ein paar Tropfen von ihrem Inhalt in seine hohle Hard und verschluckte sie.

 

Gut, sagte er, gehen wir zu Valentine! Ich werde dort meine Vorschriften geben, und Sie selbst, Herr von Villefort, wachen darüber, daß niemand davon abgeht.

 

In dem Augenblick, wo der Doktor in das Zimmer Valentines, von Villefort begleitet, zurückkehrte, mietete ein italienischer Priester das an das Hotel des Herrn von Villefort anstoßende Haus.

 

Man konnte nicht erfahren, was die drei Mieter dieses Hauses bewogen hatte, zwei Stunden nachher auszuziehen. Aber es ging allgemein das Gerücht in der Gegend, das Haus ruhe nicht fest auf seinem Grunde und drohe einzustürzen, was den neuen Mieter aber durchaus nicht abhielt, noch an demselben Tage gegen fünf Uhr einzuziehen.

 

Der Mietvertrag wurde für drei Jahre abgeschlossen und der Hauszins von dem neuen Mieter namens Signor Giacomo Busoni sechs Monate vorausbezahlt.

 

Es wurden sogleich Arbeiter gerufen, und noch in derselben Nacht sahen einige Verspätete beim Vorübergehen mit Erstaunen Zimmerleute und Maurer mit Ausbesserung des wankenden Hauses beschäftigt.

 

 

-Kapitelname unbekannt-

-Kapitelname unbekannt-


Der Graf von Monte Christo. Fünfter Band.





Man schreibt uns aus Janina.

 

Man schreibt uns aus Janina.

 

Franz verließ Noirtiers Zimmer so schwankend und verwirrt, daß Valentine selbst Mitleid mit ihm empfand.

 

Villefort, der nur einige Worte ohne Zusammenhang gesprochen hatte und in sein Kabinett entflohen war, erhielt zwei Stunden nachher folgenden Brief:

 

»Nach dem, was mir heute morgen enthüllt worden ist, kann Herr Noirtier von Villefort nicht annehmen, es sei eine Verbindung zwischen seiner Familie und der des Herrn Franz d’Epinay möglich. Herr Franz d’Epinay denkt mit Schrecken daran, daß Herr von Villefort, der, wie es scheint, die Ereignisse kannte, ihm nicht in diesem Gedanken zuvorgekommen ist.«

 

Wer den Staatsanwalt in diesem Augenblick in seiner Zerknirschung gesehen hätte, würde nicht geglaubt haben, daß er auch nur entfernt an diese Möglichkeit gedacht hätte. In der Tat hatte er ein solches Dazwischentreten seines Vaters schon deshalb für ganz ausgeschlossen gehalten, weil sich der alte Jakobiner nie die Mühe genommen hatte, ihn über den genauen Verlauf der Ereignisse aufzuklären, und der Staatsanwalt daher stets der Meinung gewesen war, der General von Quesnel sei ermordet worden.

 

Der schroffe Brief des jungen Mannes, der ihm bis dahin Ehrfurcht bewiesen hatte, verwundete Villeforts Stolz tödlich. Kaum befand er sich in seinem Kabinett, als seine Frau, deren Lage nach dem Verschwinden des Herrn d’Epinay dem Notar und den Zeugen gegenüber jeden Augenblick peinlicher geworden war, eintrat.

 

Herr von Villefort beschränkte sich darauf, ihr zu sagen, infolge einer Erklärung zwischen ihm, Herrn Noirtier und Herrn d’Epinay sei die Heirat als aufgegeben zu betrachten. Es war unangenehm, dies den Wartenden mitzuteilen. Als Frau von Villefort zurückkehrte, sagte sie auch nur, Herr Noirtier habe am Anfang der Besprechung eine Art von Schlaganfall gehabt, und die Unterzeichnung des Vertrags sei dadurch natürlich um einige Tage verschoben.

 

Die Zuhörer sahen einander bei dieser Mitteilung erstaunt an und entfernten sich, ohne ein Wort zu sagen.

 

Zugleich glücklich und erschrocken, umarmte Valentine den schwachen Greis, der mit einem Schlage die Kette zerbrochen hatte, die sie bereits für unauflöslich hielt, dankte ihm und bat ihn sodann um Erlaubnis, sich zu ihrer Erholung in ihr Zimmer zurückziehen zu dürfen. Doch statt in ihre Wohnung hinaufzugehen, eilte Valentine durch den Gang und von da durch die kleine Tür in den Garten. Inmitten aller der Ereignisse, die einander drängten, hatte ein dumpfer Schrecken beständig ihr Herz zusammengepreßt. Jeden Augenblick erwartete sie Morel bleich und drohend erscheinen zu sehen.

 

Es war in der Tat Zeit, daß sie zu dem Gitter kam. Da Morel das Kommende vermutete, als er Franz mit Herrn von Villefort den Kirchhof verlassen sah, war er ihm nachgefolgt. Er beobachtete dann, daß er wieder das Haus verließ und bald mit Albert und Chateau-Renaud zurückkehrte. Nun gab es für ihn keinen Zweifel mehr. Er eilte in sein Gehege, für jedes Ereignis bereit und fest überzeugt, Valentine werde im ersten freien Augenblick zu ihm eilen.

 

Er täuschte sich nicht; sein an die Bretter gedrücktes Auge sah nach langem, bangem Harren endlich das Mädchen erscheinen, das ohne die gewöhnlichen Vorsichtsmaßregeln nach dem Gitter lief. Mit dem ersten Blicke auf sie war er beruhigt; bei dem ersten Worte, das sie sprach, hüpfte er vor Freude.

 

Gerettet! sagte Valentine.

 

Gerettet! wiederholte Morel, der kaum an ein solches Glück glauben konnte, und durch wen?

 

Durch meinen Großvater. Oh! du mußt ihn sehr lieb haben, Maximilian!

 

Doch wie war es möglich? fragte Morel; welches seltsame Mittel hat er angewendet?

 

Valentine öffnete den Mund, um alles zu erzählen; doch sie bedachte, daß dem allen ein furchtbares Geheimnis zu Grunde lag, das nicht ihrem Großvater allein gehörte.

 

Später werde ich dir alles erzählen, sagte sie.

 

Wann? – Wenn ich einmal deine Frau bin.

 

Dies hieß das Gespräch auf ein Kapitel bringen, das Morel leicht alles verstehen ließ; er verstand sogar, daß er sich mit dem, was er wußte, begnügen solle, und das fiel ihm auch bei der guten Nachricht nicht schwer. Er willigte jedoch erst ein, sich zu entfernen, als ihm Valentine für den nächsten Abend ein Wiedersehen versprach.

 

Frau von Villefort war mittlerweile zu Herrn Noirtier hinaufgegangen. Noirtier schaute sie mit dem strengen, düstern Auge an, mit dem er sie gewöhnlich empfing.

 

Mein Herr, sagte sie, ich brauche Ihnen nicht erst mitzuteilen, daß Valentines Heirat aufgegeben ist.

 

Noirtier blieb unbeweglich.

 

Doch, was Sie nicht wissen, ist der Umstand, daß ich stets gegen diese Heirat gewesen bin, die wider meinen Willen geschlossen werden sollte.

 

Noirtier schaute seine Schwiegertochter wie ein Mensch an, der eine Erklärung erwartet.

 

Da nun aus dieser Heirat, die Ihnen, wie ich weiß, so sehr widerstrebte, nichts wird, so komme ich, um bei Ihnen einen Schritt zu tun, den weder Herr von Villefort noch Valentine tun können.

 

Noirtiers Augen sahen sie fragend an.

 

Ich komme, Sie zu bitten, mein Herr, fuhr Frau von Villefort fort, denn nur ich, die nichts davon hat, bin dazu berechtigt, ich komme, Sie zu bitten, Ihrer Enkelin, ich sage nicht Ihre Gunst, die sie stets gehabt hat, sondern Ihr Vermögen zufließen zu lassen.

 

Noirtiers Augen blieben eine Zeitlang unschlüssig, er suchte offenbar die Beweggründe dieses Schrittes und konnte sie nicht finden.

 

Darf ich hoffen, mein Herr, daß Ihre Absichten im Einklang mit der Bitte standen, die ich soeben an Sie gerichtet habe? sagte Frau von Villefort.

 

Ja, machte der Greis.

 

Dann entferne ich mich, zugleich dankbar und glücklich, sagte sie, grüßte Herrn Noirtier und verließ das Zimmer.

 

In der Tat ließ der Greis schon andern Tags den Notar kommen. Das erste Testament wurde vernichtet und ein anderes abgefaßt, nach dem sein ganzes Vermögen Valentine unter der Bedingung zufiel, daß man sie nicht von ihm trennte.

 

Neugierige Leute berechneten hieraus, als Erbin des Marquis und der Marquise von Saint-Meran und als Begünstigte ihres Großvaters werde Fräulein von Villefort eines Tags eine Rente von 300 000 Franken haben.

 

Während die Heirat zwischen Valentine und Herrn d’Epinay in die Brüche ging, hatte der Graf von Morcerf den Besuch Monte Christos empfangen, und um Danglars seinen Eifer kundzugeben, zog jener seine große Generalsuniform an, die er mit allen seinen Kreuzen hatte schmücken lassen, und befahl, seine besten Pferde anzuspannen.

 

 

So geschmückt begab er sich in die Rue de la Chaussee d’Antin und ließ sich bei Danglars melden, der eben seinen Monatsabschluß berechnete. Es war seit einiger Zeit nicht der Augenblick, in dem man den Bankier bei guter Laune fand. Beim Anblicke seines alten Freundes nahm Danglars eine majestätische Miene an und setzte sich steif in seinem Lehnstuhle zurecht. Dagegen hatte der sonst so förmliche Morcerf eine freundliche Miene angenommen. In der Überzeugung, seiner Eröffnung würde ein guter Empfang zuteil werden, ging er nicht diplomatisch zu Werke, sondern sagte, mit einem Schritte auf das Ziel losgehend: Baron, hier bin ich. Seit geraumer Zeit drehen wir uns um das, was wir früher besprochen …

 

Morcerf erwartete, er würde bei diesen Worten das Gesicht des Bankiers, dessen Verdüsterung er seinem Stillschweigen zuschrieb, sich aufheitern sehen; aber Danglars‘ Gesicht wurde im Gegenteil noch viel kälter und unempfindlicher, weshalb Morcerf mitten in seinem Satze anhielt.

 

Was haben wir besprochen, Herr Graf? fragte der Bankier, als suchte er vergebens in seinem Geiste die Erklärung dessen, was der Graf sagen wollte.

 

Oh! Sie sind ein Formenmensch, versetzte der Graf, und Sie erinnern mich daran, daß das Zeremoniell beobachtet werden muß. Meinetwegen. Da ich nur einen Sohn habe und dies das erstemal ist, daß ich an seine Verheiratung denke, so bin ich noch ein Lehrling hierin; wohl, es mag sein! Und Morcerf erhob sich mit einem gezwungenen Lächeln, machte eine tiefe Verbeugung vor Danglars und sagte: Herr Baron, ich habe die Ehre, Sie um die Hand von Fräulein Eugenie Danglars, Ihrer Tochter, für meinen Sohn, den Vicomte Albert von Morcerf, zu bitten.

 

Doch statt diese Worte wohlwollend aufzunehmen, wie Morcerf sicher erwartet hatte, runzelte Danglars die Stirn, setzte sich, ohne den Grafen, der stehen geblieben war, zum Sitzen einzuladen, und sagte: Herr Graf, ehe ich Ihnen antworte, muß ich überlegen.

 

Überlegen? entgegnete Morcerf, immer mehr erstaunt, haben Sie seit den acht Jahren, da wir zum erstenmal von dieser Heirat sprachen, nicht Zeit gehabt, sich die Sache zu überlegen?

 

Herr Graf, sagte Danglars, es kommen täglich Dinge vor, die einen nötigen, eine einmal gemachte Überlegung zu wiederholen.

 

Wieso? Ich begreife Sie nicht, Baron.

 

Ich will damit sagen, mein Herr, daß seit vierzehn Tagen neue Umstände …

 

Erlauben Sie mir, spielen wir Komödie?

 

Wie, Komödie?

 

Ja, wir wollen uns kategorisch erklären.

 

Das kann mir nur lieb sein.

 

Haben Sie Herrn von Monte Christo gesehen?

 

Ich sehe ihn sehr häufig, antwortete Danglars, er gehört zu meinen Freunden.

 

Wohl, bei einem seiner letzten Besuche in Ihrem Hause sagten Sie ihm, ich schiene vergeßlich, unentschlossen, in Beziehung auf diese Heirat. – Das ist wahr.

 

Nun! hier bin ich. Ich bin weder vergeßlich, noch unentschlossen, wie Sie sehen, denn ich komme, um Sie aufzufordern, Ihr Versprechen zu halten.

 

Danglars antwortete nicht.

 

Haben sich Ihre Ansichten so bald geändert? fügte Morcerf hinzu, oder haben Sie mich nur herausgefordert, um mich zu demütigen?

 

Danglars begriff, daß die Sache, wenn er das Gespräch in dem Tone, wie er es angefangen, fortsetzte, eine schlimme Wendung für ihn nehmen konnte.

 

Herr Graf, sagte er, Sie müssen mit vollem Rechte über meine Zurückhaltung erstaunt sein. Glauben Sie mir, ich begreife dies und bedaure es sehr. Seien Sie überzeugt, daß mir diese Zurückhaltung durch gebieterische Umstände vorgeschrieben wird.

 

Das sind Worte in die Luft gesprochen, mein lieber Herr, mit denen sich der erste beste begnügen könnte. Der Graf von Morcerf ist aber nicht der erste beste, und wenn ein Mann wie ich einen andern Mann aufsucht, ihn an ein gegebenes Wort erinnert, und dieser Mann sein Wort nicht hält, so hat er wenigstens das Recht, auf der Stelle zu verlangen, daß man ihm einen vernünftigen Grund angibt.

 

Danglars war feige, aber er wollte es nicht scheinen; von Morcerfs Ton gereizt, erwiderte er: Es fehlt mir auch nicht an einem vernünftigen Grunde.

 

Was wollen Sie damit sagen?

 

Daß ich einen vernünftigen Grund habe, daß er aber schwer anzugeben ist.

 

Sie fühlen doch, mein Herr, entgegnete Morcerf, daß ich mich damit nicht abspeisen lassen kann. Eines ist allerdings sehr klar, nämlich, daß Sie eine Verbindung mit mir ausschlagen.

 

Nein, mein Herr, sagte Danglars, ich verschiebe nur meinen Entschluß bis auf weiteres.

 

Doch Sie werden wohl nicht die Anmaßung haben, zu glauben, daß ich mich Ihren Launen füge und demütig auf die Rückkehr Ihrer Gunst warte?

 

Wenn Sie nicht warten können, Herr Graf, so wollen wir unsere Pläne als nicht geschehen betrachten.

 

Der Graf biß sich bis aufs Blut in die Lippen, um den Ausbruch zurückzudrängen, zu dem ihn sein stolzer, reizbarer Charakter trieb. Da er jedoch begriff, die Lächerlichkeit wäre unter diesen Umständen auf seiner Seite, so ging er bereits zur Tür des Salons, besann sich aber bald wieder eines andern und kehrte zurück. Eine Wolke zog über seine Stirn hin und ließ darauf, statt des beleidigten Stolzes, die Spur einer unbestimmten Unruhe zurück.

 

Lieber Herr Danglars, sagte er, wir kennen uns seit langen Jahren und müssen folglich einige Schonung gegeneinander üben. Sie sind mir eine Erklärung schuldig, und es ist doch das mindeste, daß ich erfahre, welchem Unglücklichen Ereignis mein Sohn den Verlust Ihrer guten Absichten in Beziehung auf ihn zuzuschreiben hat.

 

Es betrifft den Vicomte nicht persönlich, mehr kann ich Ihnen nicht sagen, antwortete Danglars, der wieder frech wurde, als er sah, daß Morcerf sich besänftigte.

 

Und wen betrifft es denn? fragte Morcerf, dessen Stirn sich mit Blässe bedeckte, bebend.

 

Danglars, dem keines dieser Symptome entging, heftete auf ihn einen ungewöhnlich festen Blick und sagte: Danken Sie mir, daß ich mich nicht näher erkläre.

 

Ein zweifellos dem unterdrückten Zorne entspringendes nervöses Zittern schüttelte Morcerf, und er erwiderte, sich gewaltsam bezwingend: Ich bin berechtigt, eine Erklärung von Ihnen zu verlangen. Haben Sie etwas gegen Frau von Morcerf? Ist mein Vermögen nicht hinreichend? Sind es meine politischen Ansichten …

 

Nichts von dem allem, sagte Danglars; ich wäre unentschuldbar, denn dies alles ist mir schon jahrelang bekannt. Nein, suchen Sie nicht weiter, lassen Sie uns hierbei stehen bleiben. Einigen wir uns auf dem Worte Aufschub, das weder einen Bruch noch eine zweifellose Verbindlichkeit bedeutet. Mein Gott! nichts drängt uns. Meine Tochter ist siebzehn Jahre alt, Ihr Sohn einundzwanzig. Inzwischen schreitet die Zeit fort, sie führt die Ereignisse herbei. Die Dinge, die noch gestern dunkel schienen, sind heute vielleicht klar; oft enthüllen sich an einem Tage die grausamsten Verleumdungen.

 

Verleumdungen, haben Sie gesagt, mein Herr? rief Morcerf leichenbleich. Man verleumdet mich also?

 

Herr Graf, wir wollen uns nicht weiter erklären.

 

Ich soll mich also ruhig dieser Weigerung unterwerfen?

 

Welche für mich peinlicher ist als für Sie, denn ich rechnete auf die Ehre einer Verbindung mit Ihnen, und eine fehlgeschlagene Heirat schadet immer mehr der Braut, als dem Bräutigam.

 

Es ist gut, mein Herr, sprechen wir nicht mehr davon, sagte Morcerf, und seine Handschuhe mit der größten Wut zerknitternd, verließ er das Zimmer.

 

Danglars bemerkte wohl, daß es Morcerf nicht ein einzigesmal gewagt hatte, ihn zu fragen, ob er, Morcerf, die Ursache sei, warum er sein Wort zurücknehme.

 

Am Abend fand eine lange Besprechung mit mehreren Freunden statt, und Herr Cavalcanti, der sich beständig im Damensalon aufgehalten hatte, verließ das Haus zuletzt. Am andern Morgen verlangte Danglars sofort nach den Zeitungen. Als man sie ihm brachte, schob er die andern beiseite und griff nach dem Impartial, dessen Redakteur Beauchamp war.

 

Er brach rasch den Umschlag auf, öffnete ihn mit nervöser Hast, ging gleichgültig über den Pariser Artikel weg und blieb mit boshaftem Lächeln bei einer kurzen Notiz stehen, die mit den Worten anfing: Man schreibt uns aus Janina …

 

Gut, sagte er, nachdem er gelesen hatte, das ist ein Artikelchen über den Obersten Fernand, das mich aller Wahrscheinlichkeit nach der Mühe überheben wird, ihm nähere Erläuterungen zu geben.

 

In demselben Augenblick, nämlich als es neun Uhr schlug, erschien Albert von Morcerf, schwarz gekleidet, mit entschiedenem Schritt in dem Hause in den Champs-Elysees.

 

Der Herr Graf ist vor etwa einer halben Stunde ausgefahren, sagte der Hausmeister.

 

Hat er Baptistin mitgenommen? fragte Morcerf.

 

Nein, Herr Vicomte.

 

Rufen Sie Baptistin, ich will mit ihm sprechen.

 

Der Hausmeister holte den Kammerdiener und kam einen Augenblick nachher mit ihm zurück.

 

Mein Freund, sagte Albert, entschuldigen Sie meine Unbescheidenheit, doch ich wollte Sie selbst fragen, ob Ihr Herr wirklich ausgegangen ist.

 

Ja, Herr Vicomte.

 

Auch für mich?

 

Ich weiß, wie glücklich mein Gebieter ist, den Herrn Vicomte zu empfangen, und würde mich Wohl hüten, ihn sonst abzuweisen.

 

Sie haben recht, denn ich muß ihn in einer sehr ernsten Angelegenheit sprechen. Glauben Sie, er wird lange ausbleiben?

 

Nein, denn er hat sein Frühstück auf zehn Uhr bestellt.

 

Gut, ich werde einen Gang auf den Champs-Elysees machen und um zehn Uhr wieder hier sein; sagen Sie dem Herrn Grafen, wenn er vor mir zurückkehrt, ich bitte ihn, mich zu erwarten.

 

Albert ließ vor der Tür des Grafen sein Kabriolett und ging zu Fuß spazieren. –

 

Als er an der Allee des Veuves vorüber kam, glaubte er die Pferde des Grafen zu erkennen, die vor der Tür einer dort liegenden Schießbahn standen; er näherte sich, und nachdem er die Pferde erkannt, erkannte er auch den Kutscher.

 

Ist der Herr Graf in der Schießbahn? fragte er diesen.

 

Als der Kutscher die Frage bejahte, trat Morcerf ein. In dem kleinen Garten stand der Aufwärter.

 

Verzeihen Sie, sagte dieser, der Herr Vicomte wird wohl die Gefälligkeit haben, einen Augenblick zu warten.

 

Warum, Philipp? fragte Albert, der als Stammgast über dieses Hindernis erstaunt war.

 

Weil der Herr, der in diesem Augenblick übt, die Schießbahn für sich allein nimmt und vor niemanden schießt.

 

Nicht einmal vor Ihnen, Philipp?

 

Sie sehen, ich bin vor der Tür meiner Loge. Sie kennen den Herrn?

 

Ich komme, um ihn zu holen; er ist mein Freund.

 

Ah! dann ist es etwas anderes. Ich will hineingehen und ihn benachrichtigen.

 

Und von seiner eigenen Neugierde getrieben, trat Philipp in die Schießhütte. Eine Sekunde nachher erschien Monte Christo auf der Schwelle.

 

Verzeihen Sie, lieber Graf, daß ich Sie bis hierher verfolge, sagte Albert; doch ich muß Ihnen vor allem sagen, daß es nicht der Fehler Ihrer Leute ist und daß ich allein indiskret bin. Ich begab mich zu Ihnen, man sagte mir, Sie seien ausgefahren, würden jedoch um zehn Uhr zum Frühstück zurückkehren. Ich wollte bis zehn Uhr spazieren gehn und sah hier zufällig Ihre Pferde und Ihren Wagen.

 

Was Sie mir sagten, gewährt mir die Hoffnung, daß Sie mit mir zum Frühstück kommen.

 

Nein, ich danke, es handelt sich jetzt nicht um ein Frühstück; vielleicht frühstücken wir später, doch bei Gott! in schlechter Gesellschaft.

 

Was zum Teufel reden Sie da?

 

Mein Lieber, ich schlage mich heute.

 

Sie? und warum?

 

Der Ehre wegen. – Ah! das ist ernst!

 

So ernst, daß ich komme, um Sie zu bitten, mir einen Dienst zu leisten. – Welchen?

 

Mein Zeuge zu sein. – Das ist eine wichtige Sache. Wir wollen hier nicht weiter darüber sprechen, sondern nach Hause zurückkehren. Ali, gib mir Wasser zum Händewaschen.

 

Treten Sie doch ein, Herr Vicomte, sagte Philipp ganz leise, Sie werden etwas Sonderbares sehen.

 

Morcerf trat in die Bahn. Statt der Plättchen waren Spielkarten an der Wand befestigt. Morcerf glaubte aus der Ferne, es sei ein völliges Spiel, denn er sah Karten vom Aß bis zum Zweier.

 

Ah! Ah! sagte Albert, Sie waren eben beim Piquetspielen.

 

Nein, sagte der Graf, ich war damit beschäftigt, ein Kartenspiel zu machen. – Wieso?

 

Ja, es sind Asse und Zweier, was Sie dort sehen, nur haben meine Kugeln Dreier, Fünfer, Siebener, Achter, Neuner und Zehner daraus gemacht.

 

Albert näherte sich. Die Kugeln hatten wirklich vollkommen genau und in vollkommen gleichen Entfernungen die fehlenden Zeichen ersetzt, und das Kartenpapier an den Stellen durchlöchert, wo es hätte bemalt sein sollen. Als Morcerf auf die Scheibe zuging, hob er auch noch ein paar Schwalben auf, welche die Unklugheit gehabt hatten, im Bereiche der Pistolen des Grafen vorüberzufliegen und von diesem geschossen worden waren.

 

Teufel! rief Morcerf.

 

Was wollen Sie, lieber Vicomte? sagte Monte Christo, ich muß wohl meine Augenblicke ausfüllen; doch kommen Sie, wir wollen gehen.

 

Beide stiegen in Monte Christos Wagen, der sie in wenigen Augenblicken zu seiner Wohnung brachte.

 

Monte Christo führte Morcerf in sein Kabinett und bezeichnete ihm einen Stuhl. Beide setzten sich.

 

Nun lassen Sie uns ruhig plaudern, sagte der Graf. Mit wem wollen Sie sich schlagen? – Mit Beauchamp. Mit einem Ihrer Freunde?

 

Man schlägt sich stets mit Freunden.

 

Es bedarf aber wenigstens eines Grundes.

 

In seiner Zeitung von gestern abend … doch nehmen Sie, lesen Sie!

 

Ali reichte Monte Christo eine Zeitung, und dieser las folgende Worte:

 

Man schreibt uns aus Janina:

 

»Eine bis jetzt in weiten Kreisen unbekannte Tatsache ist zu unserer Kenntnis gekommen: Die Schlösser, welche die Stadt beschützen, wurden den Türken von einem französischen Offizier übergeben, in den Ali Tependelini sein ganzes Vertrauen gesetzt hatte, er hieß Fernand.«

 

Nun? fragte Monte Christo, was sehen Sie darin so Ärgerliches für Sie? – Was ich darin sehe?

 

Ja. Was geht es Sie an, daß die Schlösser von Janina durch einen Offizier namens Fernand übergeben worden sind?

 

Es geht mich viel an, da mein Vater, der Graf von Morcerf, mit seinem Taufnamen Fernand heißt.

 

Und Ihr Vater diente Ali Pascha?

 

Das heißt, er kämpfte für die Unabhängigkeit der Griechen; darin liegt die Verleumdung.

 

Ei! mein lieber Vicomte, lassen Sie uns vernünftig reden.

 

Das will ich ja gerade.

 

Sagen Sie mir doch, wer zum Teufel weiß in Frankreich, daß der Offizier Fernand derselbe Mann ist, wie der Graf von Morcerf, und wer kümmert sich jetzt noch um Janina, das 1822 oder 1823 glaube ich, genommen wurde?

 

Das ist eben die Schändlichkeit. Man läßt die Zeit darüber hingehen und kommt heute auf vergessene Ereignisse zurück, um einen Skandal daraus hervorgehen zu lassen, der einen Mann in hoher Stellung befleckt. Ich, der Erbe des väterlichen Namens, will nicht, daß darüber auch nur der Schatten eines Zweifels schwebe. Ich werde zu Beauchamp, dessen Zeitung diese Note veröffentlicht hat, zwei Zeugen schicken, und er wird sie widerrufen.

 

Beauchamp wird nichts widerrufen.

 

Dann schlagen wir uns.

 

Nein, Sie werden sich nicht schlagen, denn er wird Ihnen antworten, es habe in der griechischen Armee vielleicht fünfzig Offiziere namens Fernand gegeben.

 

Wir werden uns trotz dieser Antwort schlagen. Oh! es ist mein unabänderlicher Wille, daß dies aufhöre … Mein Vater, ein so edler Soldat, eine so erhabene Laufbahn …

 

Oder er wird in seine Zeitung einrücken: Wir haben Grund, zu glauben, daß dieser Fernand mit dem Herrn Grafen von Morcerf, dessen Taufname ebenfalls Fernand ist, nichts gemein hat.

 

Ich muß einen vollständigen, unbeschränkten Widerruf haben und werde mich hiermit nicht begnügen.

 

Sie schicken ihm also Zeugen? – In.

 

Sie haben unrecht. – Das heißt, Sie verweigern mir den Dienst, den ich von Ihnen verlange?

 

Ah! Sie kennen meine Theorie in Beziehung auf das Duell; ich habe Ihnen, wie Sie sich vielleicht erinnern, mein Glaubensbekenntnis hierüber in Rom abgelegt.

 

Und dennoch, mein lieber Graf, habe ich Sie soeben bei einer Beschäftigung gefunden, welche mit dieser Theorie wenig im Einklange steht.

 

Mein lieber Freund, Sie begreifen, man muß nie ausschließlich sein. Wenn man mit den Narren lebt, muß man mit Narrheiten rechnen; jeden Augenblick kann irgend ein verbranntes Gehirn, das nicht mehr Ursache hat, mit mir Streit zu suchen, als Sie bei Beauchamp, wegen der ersten besten Lumperei zu mir kommen oder mir Zeugen schicken, oder mich an einem öffentlichen Orte beleidigen. Nun wohl, dieses verbrannte Gehirn muß ich töten.

 

Sie geben also zu, daß Sie sich selbst schlagen würden? – Bei Gott! ganz gewiß.

 

Warum soll ich mich dann nicht schlagen?

 

Ich sage durchaus nicht, Sie sollen sich nicht schlagen; ich sage nur, das Duell sei eine ernste Sache, die man überlegen müsse.

 

Hat er es überlegt, als er meinen Vater beschimpfte?

 

Wenn er es nicht überlegt hat und Ihnen dies zugesteht, so müssen Sie ihm nicht grollen.

 

Oh! lieber Graf, Sie sind viel zu nachsichtig!

 

Und Sie viel zu streng. Sehen Sie, ich setze voraus … hören Sie wohl, ich setze voraus … Ärgern Sie sich nicht über das, was ich Ihnen sagen werde.

 

Ich höre.

 

Ich setze voraus, die angegebene Sache sei wahr.

 

Ein Sohn darf eine solche Voraussetzung, wenn die Ehre seines Vaters in Betracht kommt, nicht zugeben.

 

Mein Gott! wir leben in einer Zeit, wo man so vieles zugeben muß. – Das ist gerade die Schmach dieser Zeit.

 

Haben Sie vielleicht die Anmaßung, sie reformieren zu wollen? – Ja, soweit es mich betrifft.

 

Mein Gott, welch ein Starrkopf sind Sie doch, lieber Freund! – So bin ich nun einmal.

 

Sind Sie unzugänglich für gute Ratschläge? – Nein, wenn sie von einem Freunde kommen.

 

Halten Sie mich für Ihren Freund? – Ja.

 

Nun wohl, so erkundigen Sie sich, ehe Sie Ihre Zeugen zu Beauchamp schicken. – Bei wem?

 

Bei Haydee zum Beispiel. – Warum eine Frau in diese ganze Geschichte mischen? Was kann sie dabei tun?

 

Ihnen erklären, daß Ihr Vater keinen Anteil an der Niederlage oder an dem Tode des ihrigen hat, oder Ihnen hierüber Aufklärung geben. Hätte Ihr Vater zufälligerweise das Unglück gehabt …

 

Ich sagte Ihnen bereits, mein lieber Graf, ich könnte eine solche Voraussetzung nicht zugeben.

 

Sie schlagen dieses Mittel also aus? – Ich schlage es aus.

 

Dann einen letzten Rat. – Es sei! doch den letzten.

 

Schicken Sie keine Zeugen zu Beauchamp! – Erklären Sie sich.

 

Sie müssen mit Beauchamp reden. Ist er geneigt, zu widerrufen, so muß man ihm das Verdienst des guten Willens lassen, und der Widerruf erfolgt ja trotzdem. Weigert er sich aber, so ist es immer noch Zeit, zwei Fremde ins Geheimnis zu ziehen.

 

Es werden nicht zwei Fremde, sondern zwei Freunde sein.

 

Die Freunde von heute sind die Feinde von morgen

 

Ah! zum Beispiel? – Beauchamp zum Beispiel.

 

Also … – Also empfehle ich Ihnen Klugheit.

 

Sie glauben somit, ich sollte Beauchamp selbst aufsuchen? – Ja, allein. Wenn man etwas von der Eitelkeit eines Menschen erhalten will, so muß man diese Eitelkeit bis zum Scheine eines Zwanges schonen.

 

Ich glaube, Sie haben recht. Gehen Sie! Doch es wäre am Ende besser, gar nicht zu gehen. – Das ist unmöglich.

 

Machen Sie es also auf diese Art; es wird immer noch besser sein, als das, was Sie tun wollten.

 

Doch lassen Sie hören. Wenn es trotz meiner Vorsicht und trotz meines Verfahrens zum Duell kommt, werden Sie mir als Zeuge dienen?

 

Nein, lieber Vicomte, entgegnete Monte Christo, Sie konnten sehen, daß ich geeigneten Ortes und zu geeigneter Zeit stets zu Ihren Diensten bereit war; doch der Dienst, den Sie heute von mir verlangen, liegt außerhalb des Kreises, den ich zu leisten imstande bin.

 

Warum? – Sie werden es eines Tages erfahren.

 

Doch inzwischen?

 

Bitte ich Sie um Nachsicht für ein Geheimnis.

 

Es ist gut. Ich nehme Franz und Chateau-Renaud.

 

Nehmen Sie Franz und Chateau-Renaud, das wird vortrefflich sein.

 

Doch wenn ich mich schlage, geben Sie mir wenigstens eine Lektion im Degen oder in der Pistole!

 

Nein, das ist abermals unmöglich.

 

Sonderbarer Mann! Sie wollen sich also in nichts mischen? – Durchaus in nichts.

 

So sprechen wir nicht mehr davon. Gott befohlen, Graf. – Gott befohlen, Vicomte.

 

Morcerf nahm seinen Hut und ging. Vor der Tür fand er sein Kabriolett, und seinen Zorn so gut wie möglich bewältigend, ließ er sich zu Beauchamp fahren, der sich in seinem Redaktionszimmer befand.

 

Man meldete ihm Albert von Morcerf. Er ließ sich die Meldung zweimal wiederholen; dann rief er: Herein! Albert erschien. Beauchamp stieß einen Ausruf der Überraschung aus, als er seinen Freund erblickte.

 

Willkommen, lieber Albert, rief er, dem jungen Manne die Hand reichend; was zum Teufel bringt Sie zu mir? Haben Sie sich verirrt, wie der kleine Däumling, oder wollen Sie nur mit mir frühstücken? Suchen Sie einen Stuhl zu bekommen; halt, dort, neben dem Geranium, das mich allein daran erinnert, daß es auf der Welt Blätter gibt, die keine Papierblätter sind.

 

Beauchamp, erwiderte Albert, ich komme, um über Ihr Journal mit Ihnen zu sprechen.

 

Sie, Morcerf, was wünschen Sie?

 

Ich verlange eine Berichtigung.

 

Sie, eine Berichtigung! Worüber, Albert? Aber setzen Sie sich doch!

 

Ich danke, erwiderte Albert zum zweiten Male mit einem leichten Zeichen des Kopfes.

 

Erklären Sie sich!

 

Eine Berichtigung über eine Tatsache, welche die Ehre eines Mitgliedes meiner Familie angreift.

 

Gehen Sie doch! rief Beauchamp erstaunt; was für eine Tatsache? Das kann nicht sein.

 

Die Tatsache, die man Ihnen aus Janina mitgeteilt hat. – Aus Janina?

 

Ja, aus Janina. Wahrlich, Sie sehen aus, als ob Sie nicht wüßten, was mich hierher führt. – Bei meiner Ehre! … Baptiste, eine Zeitung von gestern!

 

Es ist nicht nötig, ich bringe Ihnen die meine.

 

Beauchamp las: Man schreibt uns aus Janina u. s. w.

 

Sie begreifen, die Sache ist ernster Natur, sagte Morcerf, als Beauchamp geendigt hatte.

 

Dieser Offizier ist also Ihr Verwandter? fragte der Journalist.

 

Ja, antwortete Albert errötend.

 

Nun, was soll ich tun, um Ihnen angenehm zu sein? sagte Beauchamp mit weichem, freundlichem Tone.

 

 

Es wäre mir sehr lieb, Beauchamp, wenn Sie dies widerrufen würden.

 

Beauchamp schaute Albert mit wohlwollender Aufmerksamkeit an und erwiderte sodann: Hören Sie, das wird uns Anlaß zu einem langen Gespräche geben, denn es ist immer etwas Ernstes um einen Widerruf. Setzen Sie sich, ich will die paar Zeilen noch einmal lesen.

 

Albert setzte sich, und Beauchamp las die Zeilen noch aufmerksamer als das erstemal.

 

Nun, Sie sehen, sagte Albert fest, ja schroff, Sie sehen man hat in Ihrer Zeitung ein Mitglied meiner Familie beleidigt, und ich will einen Widerruf.

 

Sie … wollen … –

 

Ja, ich will.

 

Erlauben Sie mir, Ihnen zu sagen, daß Sie durchaus nicht parlamentarisch sind, mein lieber Vicomte.

 

Ich will es nicht sein, erwiderte der junge Mann aufstehend, ich verlange den Widerruf einer Meldung, die Sie gestern veröffentlich haben, und ich werde ihn erhalten. Sie sind mein Freund, fuhr Albert mit gepreßten Lippen fort, als er sah, daß Beauchamp seinerseits das Haupt verächtlich zu erheben anfing, Sie sind mein Freund, und als solcher kennen Sie mich hoffentlich hinreichend, um meine Hartnäckigkeit unter solchen Umständen zu begreifen.

 

Bin ich Ihr Freund, Morcerf, so werden Sie durch Worte, wie ich sie eben gehört, am Ende machen, daß ich es vergesse … Doch ärgern wir uns nicht, oder wenigstens noch nicht, … Sie sind unruhig, gereizt, aufgebracht … Sagen Sie, wer ist der Verwandte, der Fernand heißt?

 

Es ist ganz einfach – mein Vater, Herr Fernand Mondego, Graf von Morcerf, ein alter Militär, der zwanzig Schlachten gesehen, und dessen edle Narben man nun gern mit Gassenkot bedecken möchte.

 

Ihr Vater? rief Beauchamp, dann ist es etwas anderes: ich begreife Ihre Entrüstung, mein lieber Albert … Lesen wir abermals …

 

Und er las die Note, auf jedes Wort einen Nachdruck legend.

 

Aber woraus sehen Sie, daß der Fernand dieser Zeitung Ihr Vater ist?

 

Nirgends, ich weiß es wohl, aber andere werden es sehen. Deshalb will ich, daß die Sache widerrufen wird.

 

Bei den Worten »will ich« schlug Beauchamp die Augen zu Morcerf auf, senkte sie aber sogleich wieder und verharrte einige Sekunden im Nachdenken.

 

Nicht wahr, Sie werden diese Note widerrufen, wiederholte Morcerf mit wachsendem, jedoch verhaltenem Zorn.

 

Ja, sagte Beauchamp.

 

Dann ist es gut! – Doch erst, wenn ich mich überzeugt habe, daß die Angabe falsch ist.

 

Wie? – Ja, die Sache verdient wohl, aufgeklärt zu werden.

 

Aber was finden Sie denn daran aufzuklären? versetzte Albert ganz außer sich. Wenn Sie nicht glauben, daß es mein Vater ist, so sagen Sie es auf der Stelle; glauben Sie, daß er es ist, so geben Sie mir Rechenschaft davon.

 

Beauchamp schaute Albert mit jenem ihm eigentümlichen Lächeln an, das die Schattierung aller Leidenschaften auszudrücken vermochte, und erwiderte: Mein Herr, wenn Sie gekommen sind, um Rechenschaft von mir zu verlangen, so hätten Sie nicht von Freundschaft und anderen Dingen sprechen sollen, die ich seit einer halben Stunde anzuhören die Geduld habe. Wollen Sie nun auf dieses Terrain übergehen?

 

Ja, wenn Sie die Verleumdung nicht widerrufen!

 

Einen Augenblick Geduld, keine Drohungen, wenn es gefällig ist, Herr Fernand Mondego, Vicomte von Morcerf, ich dulde sie nicht von meinen Feinden und noch viel weniger von meinen Freunden. Sie wollen also, daß ich die Behauptung über den General Fernand, an der ich bei meinem Ehrenworte keinen Anteil genommen habe, widerrufe?

 

Ja, ich will es! sagte Albert, dessen Kopf sich zu verwirren anfing.

 

Sonst werden wir uns schlagen? fuhr Beauchamp mit derselben Ruhe fort.

 

Ja, erwiderte Albert, die Stimme erhebend.

 

Wohl! hören Sie meine Antwort, mein lieber Herr: Diese Behauptung ist nicht von mir eingerückt worden, ich kannte sie nicht. Doch Sie haben durch Ihren Schritt meine Aufmerksamkeit auf die Tatsache gelenkt, an der ich festhalte; die Sache wird also bestehen bleiben, bis sie irgend jemand mit Fug und Recht widerlegt oder bestätigt hat.

 

Mein Herr, sagte Albert aufstehend, ich werde die Ehre haben, Ihnen meine Zeugen zu schicken; sie werden sich mit Ihnen über den Ort und die Waffen besprechen.

 

Sehr gut, mein lieber Herr.

 

Und heute abend, wenn es Ihnen beliebt, oder morgen spätestens treffen wir uns.

 

Nein! nein! Ich werde mich zur Stelle einfinden, wenn es sein muß, doch meiner Ansicht nach ist die Stunde noch nicht gekommen. Ich verlange drei Wochen; dann treffen wir uns, und ich sage Ihnen: Ja, die Behauptung ist falsch, und widerrufe sie, oder: Ja, die Sache ist wahr, und ich ziehe nach Ihrer Wahl den Degen aus der Scheide, oder nehme die Pistole aus dem Kasten.

 

Drei Wochen, rief Albert, drei Wochen sind drei Jahrhunderte, während deren ich entehrt bin.

 

Wären Sie mein Freund geblieben, so hätte ich gesagt: Geduld, Freund. Nun haben Sie sich zu meinem Feinde gemacht, und ich sage Ihnen: Was liegt mir daran, mein Herr!

 

Wohl, es sei, in drei Wochen! rief Morcerf. Doch bedenken Sie, nach drei Wochen kann Sie weder ein Aufschub, noch eine Ausflucht mehr frei machen …

 

Herr von Morcerf, sagte Beauchamp, ebenfalls aufstehend, ich kann Sie erst in drei Wochen zur Tür hinauswerfen, und Sie sind erst zu dieser Zeit berechtigt, mir den Kopf zu spalten. Bis dahin ersparen wir uns alles Gebelle zweier Doggen, die einander gegenüber an der Kette liegen.

 

Hierauf grüßte Beauchamp den jungen Mann mit ernster Miene und ging in seine Druckerei.

 

Albert entfernte sich, und während er über den Boulevard fuhr, erblickte er Morel, der mit erhobenem Haupte und strahlenden Augen in der Richtung nach der Madeleine vorüberging.

 

Ah! sagte er seufzend, das ist ein glücklicher Mensch.

 

Zufällig täuschte er sich nicht.

 

Die Forderung

 

Die Forderung

 

Nun benutzte ich das Stillschweigen und die Dunkelheit des Saales, um mich, ohne gesehen zu werden, zu entfernen, mit einem im Gedanken an dich gebrochenen Herzen, schloß Beauchamp seinen Bericht.

 

Albert hielt seinen Kopf zwischen seinen Händen, hob sein Antlitz rot und in Tränen gebadet empor, ergriff Beauchamp am Arm und sagte: Freund, mein Leben ist aus; ich muß den Menschen suchen, der mich mit seiner Feindschaft verfolgt. Sobald ich diesen Menschen kenne, töte ich ihn, oder er tötet mich; ich zähle jedoch auf die Stütze Ihrer Freundschaft, Beauchamp, wenn dieses Gefühl in Ihrem Herzen noch nicht durch Verachtung ertötet ist.

 

Verachtung, mein Freund? Wie können Sie so sprechen! Nein, Gott sei Dank, wir leben nicht mehr in einer Zeit, wo ein ungerechtes Vorurteil die Söhne für die Handlungen der Väter verantwortlich macht. Überschauen Sie Ihr ganzes Leben, Albert; es ist freilich erst ein Anfang, aber nie war die Morgenröte eines schönen Tages reiner, als Ihr Sonnenaufgang. Nein, Albert, glauben Sie mir, Sie sind jung, Sie sind reich; verlassen Sie Frankreich, alles vergißt sich schnell in diesem großen Babylon. Sie kommen in drei oder vier Jahren zurück, und niemand denkt mehr an das, was vorgefallen ist, noch viel weniger an das, was sich vor sechzehn Jahren ereignete.

 

Ich danke, lieber Beauchamp, ich danke für die vortreffliche Absicht, die Ihnen diese Worte eingibt; aber Sie begreifen, da ich in dieser Angelegenheit persönlich beteiligt bin, kann ich sie nicht aus demselben Gesichtspunkte ansehen, wie Sie. Ich wiederhole Ihnen, Beauchamp, wenn Sie noch mein Freund sind, wie Sie sagen, so helfen Sie mir die Hand finden, die den Schlag geführt hat.

 

Es sei! Ist es Ihre Absicht, Nachforschungen nach einem Feinde anzustellen, so stelle ich sie mit Ihnen an. Und ich werde ihn finden, denn meine Ehre ist hierbei beinahe ebensosehr beteiligt, wie die Ihrige.

 

Dann beginnen wir auf der Stelle, ohne Verzug unsere Nachforschungen. Jede Minute Verzug ist eine Ewigkeit für mich; der Denunziant ist noch nicht bestraft, er kann also hoffen, er werde nicht bestraft werden; und bei meiner Ehre! wenn er dies hofft, so täuscht er sich.

 

Wohl, so hören Sie, Morcerf.

 

Ah! Beauchamp, ich sehe, Sie wissen etwas; Sie geben mir das Leben wieder!

 

Ich sage Ihnen nicht, es sei Gewißheit, Albert, aber es ist wenigstens ein Licht im Dunkel; folgen wir diesem Lichte, und es wird uns vielleicht zum Ziele führen.

 

Sprechen Sie, die Ungeduld verzehrt mich.

 

Gut! ich will Ihnen erzählen, was ich Ihnen nicht sagen wollte, als ich von Janina zurückkam. Hören Sie also! Ich ging natürlich zum ersten Bankier der Stadt, um Erkundigungen einzuziehen; nach zwei Worten sagte er mir, ehe ich den Namen Ihres Vaters ausgesprochen hatte: Ah, sehr gut! ich errate, was Sie hierher führt. – Wieso? – Weil ich vor kaum vierzehn Tagen über denselben Gegenstand befragt worden bin und zwar von einem Pariser Bankier, namens Danglars.

 

Er? rief Albert; er verfolgt in der Tat seit langer Zeit meinen Vater mit seiner Eifersucht und seinem Hasse; er, der angebliche Volksmann, der es dem Grafen von Morcerf nicht verzeihen kann, daß er Pair von Frankreich ist. Und dann, das Abbrechen des Heiratsplanes, ohne irgend eine Ursache anzugeben … ja, ja, er ist’s.

 

Erkundigen Sie sich, aber erhitzen Sie sich nicht zum voraus; erkundigen Sie sich, und wenn die Sache wahr ist …

 

Oh, wenn die Sache wahr ist, rief der junge Mann, so soll er mir alles bezahlen, was ich gelitten habe.

 

Nehmen Sie sich in acht, Morcerf, er ist ein alter Mann.

 

Oh! seien Sie unbesorgt, Sie begleiten mich, Beauchamp; feierliche Dinge müssen vor Zeugen verhandelt werden. Ist Danglars der Schuldige, so hat er vor dem Ende dieses Tages zu leben aufgehört, oder ich bin tot. Bei Gott! Ich will meiner Ehre ein schönes Leichenbegängnis bereiten.

 

Wohl! Albert, sind solche Entschlüsse einmal gefaßt, so muß man sie auf der Stelle in Ausführung bringen. Sie wollen zu Herrn Danglars gehen? Vorwärts!

 

Vor dem Hause des Bankiers sahen sie den Wagen des Herrn Andrea Cavalcanti stehen.

 

Ah! bei Gott! das geht gut! sagte Albert düster. Will sich Herr Danglars nicht mit mir schlagen, so töte ich seinen Schwiegersohn. Ein Cavalcanti muß sich schlagen.

 

Man meldete Albert dem Bankier, der bei seinem Namen, da er wußte, was am Tage vorher vorgefallen war, ihm den Eintritt verweigern ließ. Aber es war zu spät; Albert folgte dem Bedienten, stieß die Tür auf und drang mit Beauchamp in das Kabinett des Bankiers.

 

Mein Herr! rief dieser, steht es mir nicht frei, zu empfangen, wen ich will? Es scheint mir, Sie vergessen sich auf eine sonderbare Weise.

 

Nein, mein Herr, erwiderte Albert mit kaltem Tone, es gibt Umstände, wo man, wenn man sich keiner Feigheit schuldig machen will, wenigstens für gewisse Personen zu Hause sein muß.

 

Was wollen Sie von mir, mein Herr?

 

Ich will, sagte Albert, sich dem Bankier nähernd, – ohne daß es schien, als bemerke er Cavalcanti, der am Kamin lehnte – ich will Ihnen eine Zusammenkunft in einem verborgenen Winkel vorschlagen, wo uns zehn Minuten lang niemand stören wird; von den zwei Personen, die sich treffen werden, bleibt eine unter den Bäumen.

 

Danglars erbleichte. Cavalcanti machte eine Bewegung. Albert wandte sich zu dem jungen Manne um und sagte: Mein Gott! kommen Sie auch, wenn Sie wollen, Herr Graf; Sie haben das Recht, dabei zu sein, Sie gehören ja fast zur Familie, und ich gewähre solche Zusammenkünfte so vielen Menschen, als sie annehmen wollen.

 

Cavalcanti schaute Danglars erstaunt an; dieser erhob sich mit Anstrengung und trat zwischen die jungen Leute. Der Angriff Alberts auf Andrea ließ ihn hoffen, Alberts Besuch sei einer andern Ursache zuzuschreiben, als der, die er zuerst vorausgesetzt hatte.

 

Mein Herr, sagte er zu Albert, wenn Sie hierher kommen, um mit diesem Herrn Streit zu suchen, weil er Ihnen vorgezogen wurde, so bemerke ich Ihnen, daß ich das vor den Staatsanwalt bringen werde.

 

Sie täuschen sich, mein Herr, entgegnete Morcerf mit düsterem Lächeln, ich spreche von nichts weniger, als Heiratsangelegenheiten, und ich wende mich an diesen Herrn nur, weil er sich in unsere Verhandlung mischen zu wollen schien. Und dann haben Sie recht, ich suche heute mit jedem Streit; doch seien Sie unbesorgt, Herr Danglars, der Vorrang gebührt Ihnen.

 

Mein Herr, sagte Danglars, bleich vor Zorn und Angst, ich bemerke Ihnen, wenn mir das Unglück widerfährt, einen wütenden Hund auf meinem Wege zu treffen, so töte ich ihn, und weit entfernt, mich schuldig zu fühlen, glaube ich damit der Gesellschaft einen Dienst zu leisten. Wenn Sie nun wütend sind und mich zu beißen versuchen, so sage ich Ihnen, ich werde Sie töten. Ist es denn meine Schuld, daß Ihr Vater entehrt ist?

 

Ja, Elender! rief Morcerf, es ist deine Schuld!

 

Danglars machte einen Schritt rückwärts.

 

Meine Schuld! sagte er, sind Sie verrückt? Was weiß ich davon? War ich in Griechenland? Habe ich Ihrem Vater geraten, die Schlösser Alis zu verkaufen, zu verraten …

 

Still! sagte Albert dumpf. Sie sind es, der die ganze schändliche Geschichte heuchlerisch und hinterlistig angezettelt hat. – Ich?

 

Ja, Sie! Woher kommt die Enthüllung?

 

Mir scheint, die Zeitung hat es Ihnen gesagt, aus Janina, bei Gott!

 

Wer hat nach Janina geschrieben, um Erkundigungen über meinen Vater einzuziehen?

 

Ich denke, jeder kann nach Janina schreiben.

 

Es hat nur eine Person geschrieben und zwar Sie!

 

Ich habe allerdings geschrieben; doch ich glaube, wenn man seine Tochter an einen jungen Mann verheiratet, kann man Erkundigungen über die Familie einziehen; es ist dies nicht bloß ein Recht, sondern auch eine Pflicht.

 

Sie haben geschrieben, während Sie doch schon wußten, welche Antwort Ihnen zukommen würde.

 

Ich! oh, ich schwöre Ihnen, rief Danglars mit einem Vertrauen und mit einer Sicherheit, die vielleicht weniger von seiner Furcht, als von der Teilnahme herrührten, die er im Grunde für den unglücklichen jungen Mann fühlte, ich schwöre Ihnen, nie hätte ich daran gedacht, dorthin zu schreiben. Kannte ich die Katastrophe von Ali Pascha?

 

Es hat Sie also jemand angetrieben, zu schreiben?

 

Gewiß.

 

Wer? … vollenden Sie …?

 

Bei Gott! das ist ganz einfach; ich sprach von der Vergangenheit Ihres Vaters, ich sagte, die Quelle seines Vermögens sei stets dunkel geblieben. Die Person fragte mich, wo sich Ihr Vater dieses Vermögen gemacht hätte. Ich antwortete: In Griechenland. Da sagte sie mir: Nun, so schreiben Sie nach Janina!

 

Und wer hat Ihnen diesen Rat gegeben?

 

Bei Gott! der Graf von Monte Christo, Ihr Freund.

 

Albert und Beauchamp schauten sich an.

 

Mein Herr, sagte Beauchamp, der noch nicht das Wort genommen hatte, es scheint mir, Sie klagen den Grafen an, weil er in diesem Augenblick von Paris entfernt ist und sich nicht rechtfertigen kann?

 

Ich klage niemand an, antwortete Danglars, und werde in Gegenwart des Herrn Grafen von Monte Christo wiederholen, was ich soeben vor Ihnen gesagt habe.

 

Und der Graf weiß, welche Antwort Ihnen zugekommen ist? – Ja, ich habe sie ihm gezeigt.

 

Wußte er, daß der Taufname meines Vaters Fernand und sein Familienname Mondego war?

 

Ja, ich hatte es ihm längst gesagt; übrigens tat ich hierbei nur, was jeder andere an meiner Stelle getan hätte, und vielleicht noch weniger. Als am Tage nach dieser Antwort Ihr Vater meine Tochter offiziell von mir verlangte, schlug ich ihm ihre Hand allerdings unumwunden ab, doch ohne Erklärung, ohne Lärm. Warum sollte ich auch Lärm machen! Was war mir an der Ehre oder der Schande des Herrn von Morcerf gelegen? Das ließ die Rente weder steigen noch fallen.

 

Albert fühlte, wie ihm die Röte ins Gesicht stieg. Es unterlag keinem Zweifel mehr, Danglars verteidigte sich mit der Gemeinheit, aber zugleich auch mit der Sicherheit eines Menschen, der, wenn nicht die volle Wahrheit, doch wenigstens einen Teil der Wahrheit sagt, allerdings nicht aus Gewissenhaftigkeit, sondern aus Schrecken. Und dann stellte sich ihm alles, was er vergessen oder nicht beachtet hatte, wieder vor Augen. Monte Christo wußte alles, da er die Tochter Ali Paschas gekauft hatte, und hatte trotzdem Danglars den Rat gegeben, nach Janina zu schreiben. Während ihm die Antwort schon bekannt war, hatte er Alberts Wunsche, Haydee vorgestellt zu werden, nachgegeben; bei ihr hatte er das Gespräch auf Alis Tod gelenkt und Haydees Erzählung nicht verhindert. Hatte er nicht überdies ihn selbst gebeten, den Namen seines Vaters nicht vor Haydee auszusprechen? Endlich hatte er Albert in dem Augenblick, wo der Lärm losbrechen sollte, nach der Normandie geführt. Es unterlag keinem Zweifel mehr, alles beruhte auf Berechnung, und Monte Christo war ohne Zweifel im Einverständnis mit den Feinden seines Vaters.

 

Albert nahm Beauchamp in eine Ecke und teilte ihm alle seine Gedanken mit.

 

Sie haben recht, sagte Beauchamp, Herr Danglars ist an dem, was vorgefallen, nur äußerlich beteiligt, und Sie müssen von Monte Christo eine Erklärung verlangen.

 

Albert wandte sich um und sagte zu Danglars: Mein Herr, Sie begreifen, daß ich mich mit Ihrer Aussage nicht ohne weiteres begnügen kann; ich muß erst sehen, ob Ihre Anschuldigungen begründet sind, und ich will mich auf der Stelle hiervon bei Herrn von Monte Christo überzeugen.

 

Er entfernte sich mit Beauchamp, ohne sich im geringsten um Cavalcanti zu bekümmern. Danglars geleitete ihn zur Tür und erneuerte die Versicherung, daß kein Beweggrund persönlichen Hasses ihn gegen den Grafen von Morcerf antreibe.

 

Die Beleidigung

 

Die Beleidigung

 

Vor der Tür des Bankiers hielt Beauchamp Morcerf zurück und sagte: Sie wollen von Herrn von Monte Christo eine Erklärung verlangen. Überlegen Sie einen Augenblick, Morcerf, ehe Sie zu dem Grafen gehen, die ernste Bedeutung Ihres Schrittes.

 

Ist er ernster, als wenn ich zu Herrn Danglars gehe?

 

Ja; Herr Danglars ist ein Geldmensch, und Sie wissen, die Geldmenschen kennen zu genau das Kapital, das sie wagen, um sich so leicht zu schlagen. Der andere ist im Gegenteil ein Edelmann, wenigstens wie es scheint; doch fürchten Sie nicht, daß unter dem Edelmann ein Bravo steckt?

 

Ich fürchte nur, einen Menschen zu treffen, der sich nicht schlägt.

 

Oh! seien Sie unbesorgt, sagte Beauchamp, der wird sich schlagen. Nehmen Sie sich in acht, ich fürchte, er schlägt sich nur zu gut.

 

Freund, entgegnete Morcerf mit einem schönen Lächeln, das ist es, was ich wünsche; und das größte Glück, das mir widerfahren kann, ist, für meinen Vater getötet zu werden.

 

Ihre Mutter wird darüber sterben.

 

Arme Mutter! versetzte Albert, mit der Hand über seine Augen fahrend, ich weiß es wohl, doch besser, sie stirbt hierüber, als sie stirbt vor Schande.

 

Sie sind also fest entschlossen, Albert? – Vorwärts!

 

Sie stiegen in ihren Wagen und ließen sich zum Grafen fahren. Als sie ausgestiegen waren, eilte Albert so schnell vorwärts, daß ihm der Freund kaum zu folgen vermochte. Baptistin empfing sie. Der Graf war von der Reise zurückgekommen, aber er saß im Bade und hatte verboten, irgend jemand zu empfangen.

 

Doch nach dem Bade? – Wird der Graf in die Oper fahren.

 

Sind Sie dessen gewiß? – Vollkommen; der Herr Graf hat seine Pferde auf Punkt acht Uhr bestellt.

 

Sehr gut, versetzte Albert; mehr wollte ich nicht wissen. Dann sich zu Beauchamp wendend, sagte er: Beauchamp, ich zähle darauf, daß Sie mich in die Oper begleiten. Wenn Sie können, bringen Sie Chateau-Renaud mit.

 

Beauchamp verließ Albert, nachdem er ihm versprochen, ihn abzuholen.

 

Nach Hause zurückgekehrt, benachrichtigte Albert Franz, Debray und Morel von seinem Wunsche, sie ebenfalls in der Oper zu sehen. Dann besuchte er seine Mutter, die seit den Ereignissen des vorhergehenden Tages ihre Tür für jedermann verschlossen hatte. Er fand sie, vom Schmerz über die öffentliche Demütigung niedergeschmettert, im Bette. Alberts Anblick brachte auf sie die Wirkung hervor, die man davon erwarten konnte; sie drückte ihrem Sohne die Hand und brach in ein Schluchzen aus.

 

Albert blieb einen Augenblick stumm vor dem Bette seiner Mutter stehen. Man sah an seinem bleichen Gesichte und an seiner gerunzelten Stirne, daß sein Racheentschluß sich immer mehr in seinem Herzen abstumpfte.

 

Meine Mutter, sagte Albert, kennen Sie irgend einen Feind des Herrn von Morcerf?

 

Mercedes bebte, denn sie hatte bemerkt, daß der junge Mann nicht »von meinem Vater« sagte.

 

Mein Freund, sagte sie, die Menschen in der Stellung des Grafen haben viele Feinde, die sie nicht kennen. Und die Feinde, die man nicht kennt, sind die gefährlichsten.

 

Ja, ich weiß dies und wende mich daher an Ihren Scharfsinn. Meine Mutter, Sie sind eine so kluge Frau, daß Ihnen nichts entgeht.

 

Warum sagst du mir dies?

 

Weil Sie zum Beispiel bemerkten, daß an unserem Ballabend der Graf von Monte Christo nichts bei uns hat nehmen wollen.

 

Mercedes erhob sich zitternd und rief: Herr von Monte Christo? Wie hängt das mit der Frage zusammen, die du an mich richtest?

 

Sie wissen, Herr von Monte Christo ist fast ein Orientale, und um ihre volle Rachefreiheit zu bewahren, essen und trinken die Orientalen nichts bei ihren Feinden.

 

Herr von Monte Christo unser Feind, sagst du, Albert? entgegnete Mercedes, weißer werdend, als das Tuch, das sie bedeckte. Wer hat dir das gesagt? Warum? Du bist toll, Albert. Herr von Monte Christo hat uns nur Freundliches erwiesen; er hat dir das Leben gerettet, und du selbst hast ihn uns vorgestellt. Oh! ich bitte dich, mein Sohn, wenn du einen solchen Gedanken hegtest, so verbanne ihn, und wenn du auf meine Bitte etwas gibst, so bleibe in gutem Einvernehmen mit ihm.

 

Meine Mutter, versetzte der junge Mann mit düsterem Blicke, Sie haben Ihre Gründe, daß Sie mir sagen, ich solle diesen Mann schonen.

 

Ich! rief Mercedes … und sie errötete ebenso schnell wie sie erbleicht war, und wurde beinahe in demselben Augenblicke noch bleicher, als zuvor.

 

Ja, allerdings, Ihr Grund ist, daß der Graf uns Böses zufügen kann, nicht so?

 

Mercedes bebte und erwiderte, einen forschenden Blick auf ihren Sohn heftend: Du sprichst seltsam mit mir und hast, wie mir scheint, sonderbare Vorurteile. Was tat dir der Graf? Vor drei Tagen reistest du mit ihm in die Normandie; vor drei Tagen betrachtete ich ihn als deinen besten Freund, und du warst derselben Meinung.

 

Ein ironisches Lächeln umschwebte Alberts Lippen. Mercedes sah dieses Lächeln und erriet mit ihrem doppelten Instinkte der Frau und der Mutter alles; aber klug und stark, verbarg sie ihre Unruhe und ihr Beben.

 

Albert ließ das Gespräch fallen; nach einem Augenblick knüpfte es die Gräfin wieder an.

 

Du bist gekommen, um mich zu fragen, wie es mir gehe, sagte sie; ich antworte dir offen, ich fühle mich unwohl. Du solltest dich einrichten, Albert, mir Gesellschaft zu leisten, ich möchte nicht allein sein.

 

Meine Mutter, ich stände zu Ihren Befehlen, und Sie wissen wie gern, wenn mich nicht eine wichtige Angelegenheit zwänge, Sie heute abend zu verlassen.

 

Ah! gut, erwiderte Mercedes mit einem Seufzer, geh, Albert, ich will dich nicht zum Sklaven deiner kindlichen Liebe machen.

 

Albert stellte sich, als hörte er nicht, grüßte seine Mutter und ging.

 

Kaum war der junge Mann fort, als Mercedes einen vertrauten Diener rufen ließ; diesem befahl sie, Albert überall zu folgen, wohin er gehen würde, und ihr sogleich Meldung zu machen. Dann läutete sie ihrer Kammerfrau und ließ sich, so schwach sie war, ankleiden, um auf jeden Fall bereit zu sein.

 

Der dem Bedienten erteilte Auftrag war nicht schwer zu vollziehen. Albert kehrte in seine Wohnung zurück und kleidete sich äußerst sorglich an. Zehn Minuten vor acht Uhr kam Beauchamp.

 

Beide stiegen in Alberts Wagen, und dieser rief, da er keinen Grund hatte, zu verbergen, wohin er fuhr, ganz laut: In die Oper.

 

In seiner Ungeduld kam er vor dem Aufziehen des Vorhangs. Chateau-Renaud, von Beauchamp unterrichtet, saß auf seinem Sperrsitze. Er bemühte sich durchaus nicht, Albert abzuraten, sondern beschränkte sich darauf, dem Freunde die Versicherung zu wiederholen, er stehe zu seiner Verfügung.

 

Debray war noch nicht eingetroffen; doch Albert wußte, daß er selten bei einer Vorstellung der Oper ausblieb. Albert irrte bis zum Aufziehen des Vorhangs im Theater umher. Er hoffte, Monte Christo entweder im Gange oder auf der Treppe zu treffen. Dann ging er an seinen Platz und setzte sich im Orchester zwischen Chateau-Renaud und Beauchamp.

 

Doch seine Augen verließen Monte Christos Loge nicht, die während des ersten Aktes hartnäckig geschlossen blieb. Endlich am Anfange des zweiten Aktes, als Albert zum hundertsten Male seine Uhr befragte, öffnete sich die Tür der Loge: Monte Christo trat schwarzgekleidet ein und stützte sich auf das Geländer, um in den Saal zu schauen, dort gewahrte er einen bleichen Kopf und funkelnde Augen, die gierig seine Blicke anzuziehen schienen, und erkannte Albert. Ohne irgend eine seine Gedanken verratende Bewegung zu machen, setzte er sich, zog sein Opernglas hervor und schaute nach einer anderen Seite.

 

Doch während es den Anschein hatte, als bemerke er Albert nicht, verlor ihn der Graf nicht aus dem Auge, und als der Vorhang am Ende des zweiten Aktes fiel, folgte sein unfehlbarer Blick dem jungen Mann, der, begleitet von seinen Freunden, das Orchester verließ. Dann erschien derselbe Kopf wieder in einer Loge der seinigen gegenüber. Der Graf fühlte, daß der Sturm gegen ihn losbrach, und als er den Schlüssel im Schlosse seiner Loge drehen hörte, wußte er, obgleich er in diesem Augenblick lächelnd mit dem neben ihm sitzenden Morel sprach, was bevorstand, und war auf alles gefaßt.

 

Die Tür öffnete sich. Jetzt erst wandte sich Monte Christo um und erblickte Albert zitternd und leichenblaß. Hinter ihm standen Beauchamp und Chateau-Renaud.

 

Sieh da! rief er mit jener wohlwollenden Höflichkeit, die gewöhnlich seinen Gruß von den Alltagsgrüßen unterschied, mein Reiter ist am Ziele angelangt. Guten Abend, Herr von Morcerf.

 

Und das Gesicht dieses Mannes, der auf eine so seltsame Weise seiner Herr war, drückte die vollkommenste Herzlichkeit aus.

 

Nun erst erinnerte sich Morel des Briefes, den er vom Vicomte empfangen, und worin ihn dieser ohne eine andere Erklärung gebeten hatte, sich in der Oper einzufinden, und er begriff, daß etwas Furchtbares vor sich gehen sollte.

 

Wir kommen nicht hierher, um heuchlerische Höflichkeiten und falsche Freundschaftsbezeugungen auszutauschen, sagte der junge Mann; wir kommen, um eine Erklärung von Ihnen zu fordern, Herr Graf.

 

Die zitternde Stimme des jungen Mannes drang kaum durch seine geschlossenen Zähne.

 

Eine Erklärung in der Oper? sagte der Graf mit dem ruhigen Tone und dem durchdringenden Auge des stets seiner selbst sicheren Mannes. So wenig ich mit den Pariser Gewohnheiten vertraut bin, so hätte ich doch nicht geglaubt, daß man hier Erklärungen zu fordern pflege.

 

Wenn sich jedoch die Leute verleugnen lassen, sagte Albert, unter dem Vorwande, sie seien im Bad, so muß man sich an sie wenden, wo man sie trifft.

 

Ich bin nicht so schwer zu treffen, denn noch gestern, wenn mich mein Gedächtnis nicht täuscht, waren Sie bei mir.

 

Gestern, mein Herr, entgegnete der junge Mann, dessen Kopf in Flammen geriet, gestern befand ich mich bei Ihnen, weil ich nicht wußte, wer Sie waren.

 

Bei diesen Worten hatte Albert die Stimme dergestalt erhoben, daß die Inhaber der benachbarten Logen, sowie die Personen, die sich in den Gängen befanden, ihn hörten, stehen blieben und sich umsahen.

 

Woher kommen Sie denn, mein Herr? sagte Monte Christo, scheinbar ohne jede Erregung. Ich glaube, Sie erfreuen sich nicht Ihres ganzen Verstandes.

 

Wenn ich Ihre Treulosigkeit begreife, und es mir gelingt, Ihnen begreiflich zu machen, daß ich mich rächen will, werde ich noch vernünftig genug sein, versetzte Albert wütend.

 

Mein Herr, ich verstehe Sie nicht, erwiderte Monte Christo, und wenn ich Sie auch verstände, so würden Sie immer noch zu laut sprechen. Ich bin hier bei mir und allein berechtigt, meine Stimme über andere zu erheben. Gehen Sie, mein Herr!

 

Und Monte Christo wies Albert mit einer bewundernswert gebieterischen Gebärde die Tür.

 

Ah! ich werde es wohl dahin bringen, daß Sie hinausgehen, sagte Albert, krampfhaft seinen Handschuh zerknitternd, den der Graf nicht aus dem Gesichte verlor.

 

Gut, gut! erwiderte phlegmatisch Monte Christo, Sie suchen Streit mit mir, mein Herr, das sehe ich; doch eines, Vicomte, merken Sie sich: es ist eine schlechte Sitte, mit Geschrei herauszufordern, Herr von Morcerf.

 

Ein Gemurmel des Erstaunens durchlief bei diesem Namen wie ein Schauer die Zuhörer dieser Szene. Seit dem vorhergehenden Tage war der Name Morcerf in aller Mund.

 

Besser als alle und zuerst von allen begriff Albert die Anspielung und machte eine Bewegung, seinen Handschuh dem Grafen ins Gesicht zu schleudern; aber Morel faßte ihn bei der Faust, während Beauchamp und Chateau-Renaud, in der Furcht, die Szene könne die Grenzen einer Herausforderung überschreiten, ihn von hinten zurückhielten.

 

Monte Christo aber streckte, ohne aufzustehen und nur seinen Stuhl neigend, die Hand aus, zog aus den krampfhaft zusammengepreßten Fingern des jungen Mannes den feuchten Handschuh und sagte mit einem furchtbaren Ausdrucke: Mein Herr, ich nehme Ihren Handschuh als geworfen an und werde Ihnen denselben um eine Kugel gewickelt zurückschicken. Nun gehen Sie von hier weg, oder ich rufe meine Diener und lasse Sie hinauswerfen.

 

Trunken, verwirrt, mit blutigen Augen machte Albert zwei Schritte rückwärts.

 

Morel benutzte diese Gelegenheit, um die Tür wieder zu schließen. Monte Christo ergriff sein Doppelglas und fing an hindurchzuschauen, als ob nichts Besonderes vorgefallen wäre. Dieser Mann hatte ein Herz von Erz und ein Gesicht von Marmor. Morel neigte sich an sein Ohr und sagte zu ihm: Was haben Sie ihm getan?

 

Ich? Nichts, persönlich wenigstens, sagte Monte Christo.

 

Diese seltsame Szene muß doch einen Grund haben?

 

Die Geschichte des Grafen von Morcerf bringt den unglücklichen jungen Mann ganz außer sich.

 

Haben Sie denn Anteil daran?

 

Die Kammer ist durch Haydee von dem Verrate seines Vaters unterrichtet worden.

 

Man hat mir in der Tat davon erzählt, sagte Morel, doch ich wollte nicht glauben, daß die griechische Sklavin die Tochter Ali Paschas ist. – Es ist die reine Wahrheit.

 

Oh! mein Gott, ich begreife nun alles, und diese Szene ist absichtlich herbeigeführt worden. – Wieso?

 

Ja. Albert schreibt mir, ich möchte mich heute abend in der Oper einfinden; er wollte mich also zum Zeugen der von ihm beabsichtigten Beleidigung haben.

 

Wahrscheinlich, sagte Monte Christo mit seiner unstörbaren Ruhe.

 

Aber was werden Sie mit ihm machen?

 

Mit Albert? versetzte Monte Christo in demselben Tone, was ich mit ihm machen werde, Maximilian? So wahr Sie hier sind und ich Ihnen die Hand drücke, töte ich ihn morgen vormittag um zehn Uhr; das werde ich machen.

 

Morel nahm ebenfalls Monte Christos Hand in die seinige und bebte, als er diese kalte und ruhige Hand fühlte.

 

Ah! Graf, sagte er, sein Vater liebt ihn so sehr!

 

Sagen Sie mir das nicht! rief Monte Christo mit der ersten Regung des Zornes, der ihn zu fassen schien, er mag leiden!

 

Morel ließ erstaunt die Hand fallen.

 

Graf! Graf! sagte er.

 

Lieber Maximilian, sagte der Graf, hören Sie doch, wie bewunderungswürdig Duprez die Worte singt: O Mathilde! idole de mon âme! … Bravo! Bravo!

 

Morel sah, daß hier jedes weitere Wort überflüssig war, und wartete. Der Vorhang, der am Ende der Szene mit Albert aufging, ging bald wieder herunter. Man klopfte an die Tür.

 

Herein, rief Moute Christo, ohne daß seine Stimme die geringste Bewegung erriet. Beauchamp trat ein.

 

Guten Abend, Herr Beauchamp, grüßte Moute Christo, als ob er den Journalisten an diesem Abend zum ersten Male sähe; setzen Sie sich doch!

 

Beauchamp grüßte, trat ein und setzte sich.

 

Mein Herr, sagte er zu Monte Christo, ich begleitete soeben, wie Sie wahrnehmen konnten, Herrn von Morcerf.

 

Das heißt, Sie wollen sagen. Sie haben miteinander zu Mittag gespeist, erwiderte lachend Monte Christo. Ich bin glücklich, zu bemerken, mein lieber Herr Beauchamp, daß Sie nüchterner sind, als er.

 

Mein Herr, sagte Beauchamp, ich gestehe, Albert hat unrecht gehabt, in Hitze zu geraten, und ich komme auf meine eigene Rechnung, um Entschuldigung zu bitten. Nun aber, da dies geschehen ist, hoffe ich, Sie werden mir eine Erklärung geben über Ihre Verbindungen mit den Leuten in Janina. Dann zwei Worte über die junge Griechin …

 

Genug, genug, mein Herr! fiel ihm der Graf ins Wort. Ich sehe, Sie verlangen für Ihren Freund Erklärungen von mir. So sagen Sie dem Vicomte. In unser beider Adern fließt Blut, das wir zu vergießen Lust haben, morgen vor zehn Uhr werde ich die Farbe des seinigen gesehen haben.

 

Es bleibt also nur noch übrig, die Anordnungen des Zweikampfes festzustellen.

 

Das ist mir vollkommen gleichgültig, entgegnete Monte Christo; es war also unnötig, mich im Schauspiel wegen einer solchen Lappalie zu stören. In Frankreich schlägt man sich mit Degen oder auf Pistolen; in den Kolonien greift man zur Büchse; in Arabien nimmt man den Dolch. Sagen Sie Ihrem Klienten, daß ich ihm, obgleich beleidigt, die Wahl der Waffen überlasse und alles ohne Widerrede annehme; alles, hören Sie wohl? Sogar den Zweikampf durch das Los, was immer albern ist. Doch bei mir ist es etwas anderes, ich bin sicher, zu gewinnen.

 

Sicher, zu gewinnen! wiederholte Beauchamp, den Grafen mit bestürztem Auge anschauend.

 

Ganz gewiß, sagte Monte Christo, leicht die Achseln zuckend. Sonst würde ich mich nicht mit Herrn von Morcerf schlagen. Ich werde ihn töten, es muß sein, es wird sein. Nur die Stunde und die Waffe lassen Sie mich heute abend wissen, ich lasse nicht gern auf mich warten.

 

Auf Pistolen, morgens um acht Uhr, im Walde von Vincennes, sagte Beauchamp, ganz aus der Fassung gebracht.

 

Gut, mein Herr, sagte Monte Christo; da nun alles in Ordnung ist, so lassen Sie mich dem Gesange zuhören, ich bitte Sie, und sagen Sie Ihrem Freunde Albert, er möge heute abend nicht wiederkommen; lassen Sie ihn nach Hause gehen und schlafen.

 

Beauchamp entfernte sich, im höchsten Grade erstaunt.

 

Sagen Sie, sprach Monte Christo, sich gegen Morel umwendend, nicht wahr, ich kann auf Sie zählen?

 

Gewiß, Sie können über mich verfügen, Graf; … und wer ist Ihr zweiter Zeuge?

 

Ich kenne niemand, dem ich diese Ehre erweisen möchte, als Ihnen, Morel, und Ihrem Schwager Emanuel. Glauben Sie, Emanuel würde mir diesen Dienst leisten?

 

Ich stehe für ihn, wie für mich, Graf.

 

Gut! mehr brauche ich nicht. Morgen früh um sieben Uhr bei mir, nicht wahr?

 

Wir werden uns einfinden.

 

Die Katalonier.

 

Die Katalonier.

 

Hundert Schritte von der Laube, wo die beiden Freunde den sprudelnden Lamalgue-Wein tranken, erhob sich hinter einem nackten, sonnigen Hügel die kleine Ansiedlung der Katalonier. Eines Tages wanderte eine Anzahl Katalonier aus dem Mutterland aus und landete hier, wo sie sich noch heute befindet. Man wußte nicht, woher sie kam, und kannte nicht einmal ihre Sprache. Einer von den Führern, der Provençalisch verstand, bat die Gemeinde Marseille, ihnen dieses nackte, unfruchtbare Vorgebirge zu geben, auf das sie ihre Schiffe gezogen hatten. Die Bitte wurde gewährt, und drei Monate nachher erhob sich um ihre fünfzehn Fahrzeuge ein kleines Dorf. Seit drei bis vier Jahrhunderten sind sie ihrem Vorgebirge treu geblieben, ohne sich mit der Bevölkerung von Marseille zu vermischen, denn sie heirateten unter sich und behielten Sitten, Tracht und Sprache ihres Mutterlandes bei.

 

In einer der einfachen Hütten stand ein junges Mädchen mit rabenschwarzen Haaren und Augen an der Wand. Ihre bis an den Ellbogen entblößten Arme, die zwar gebräunt, aber schön geformt waren, bebten wie von fieberhafter Ungeduld, und sie stampfte mit ihrem geschmeidigen, schön gebogenen Fuße auf die Erde, so daß die reine, stolze, kühne Form ihres mit einem baumwollenen Strumpf bekleideten Beines ein wenig sichtbar wurde.

 

Drei Schritte von ihr saß auf einem Stuhle ein großer etwa zwanzigjähriger Bursche und betrachtete sie mit einer Miene, in der sich Unruhe und Trotz bekämpften. Seine Augen sahen fragend und verlangend aus, aber der feste, entschiedene Blick des jungen Mädchens beherrschte den Jüngling.

 

Wie steht’s, Mercedes, sagte der junge Mann, Ostern naht; ist’s da nicht Zeit, Hochzeit zu machen? Antwortet mir!

 

Ich habe Euch hundertmal geantwortet, Fernand, und Ihr müßt in der Tat Euer eigener Feind sein, daß Ihr mich noch einmal fragt!

 

Wiederholt es, ich bitte Euch, noch einmal, daß ich es endlich glauben kann! Sagt mir zum hundertstenmale, daß Ihr eine Liebe ausschlagt, die Eure Mutter billigte! Macht mir’s begreiflich, daß Ihr mit meinem Glücke Euer Spiel treibt, daß mein Leben und mein Tod nichts für Euch sind. Ach, mein Gott, zehn Jahre lang habe ich geträumt. Euer Gatte zu werden, und soll nun diese Hoffnung verlieren, die der einzige Zweck meines Lebens war!

 

Ich bin es wenigstens nicht gewesen, die Euch in dieser Hoffnung ermutigt hat, Fernand, antwortete Mercedes. Ihr könnt mir in dieser Hinsicht nichts vorwerfen. Stets sagte ich Euch: Ich liebe Euch wie meinen Bruder, fordert aber nie mehr von mir, denn mein Herz gehört einem andern. Das habe ich Euch immer gesagt, Fernand.

 

Ich weiß es wohl, Mercedes, antwortete der junge Mann. Ja, Ihr habt mir gegenüber das grausame Verdienst der Offenherzigkeit. Aber vergeßt Ihr, daß bei den Kataloniern das heilige Gesetz besteht, sich nur untereinander zu heiraten?

 

Ihr täuscht Euch, Fernand, das ist kein Gesetz, es ist eine Gewohnheit und nichts weiter. Führt diese Gewohnheit nicht zu Euren Gunsten an! Ihr seid zur Aushebung vorgemerkt; jeden Augenblick könnt Ihr zur Fahne einberufen werden. Seid Ihr aber Soldat, was sollte dann aus mir werden, dem verlassenen, vermögenslosen Mädchen, das als einzige Habe nur eine baufällige Hütte besitzt, in der ein paar abgenutzte Netze hängen … die elende Erbschaft von meinem Vater und meiner Mutter? Seit sie im vorigen Jahre starb, lebe ich fast nur von der öffentlichen Wohltätigkeit. Zuweilen tut Ihr, als wäre ich Euch nützlich, um das Recht zu haben, Euren Fischfang mit mir zu teilen. Ich nehme es an, Fernand, weil Ihr mein Vetter seid, weil wir miteinander erzogen worden sind, und mehr noch, weil es Euch zu viel Kummer machen würde, wenn ich es ausschlüge; aber ich fühle wohl, daß der Fisch ein Almosen ist.

 

Wenn Ihr aber, die arme und verlassene Mercedes, mir besser gefallt als die Tochter des stolzesten Reeders und des reichsten Bankiers von Marseille? Was braucht ein Mann aus dem Volk wie ich? Ein ehrliches Weib, eine gute Wirtschafterin. Und wo kann ich da etwas Besseres finden, als Ihr seid?

 

Fernand, antwortete Mercedes, den Kopf schüttelnd, man ist eine schlechte Wirtschafterin und kann nicht dafür stehen, daß man eine ehrliche Frau bleibt, wenn man einen andern Mann liebt, als seinen Gatten. Begnügt Euch mit meiner Freundschaft, denn ich wiederhole Euch, das ist alles, was ich Euch versprechen kann, und ich verspreche nur, was ich halten kann.

 

Ja, ich begreife, sagte Fernand, Ihr ertragt geduldig Eure Armut, aber Ihr habt Furcht vor der meinen. Nun wohl, Mercedes, von Euch geliebt, werde ich mich aufzuschwingen suchen. Ihr bringt mir Glück, und ich werde reich. Ich kann mein Fischergewerbe ausdehnen, ich kann als Kommis in ein Kontor eintreten, ich kann sogar Kaufmann werden!

 

Ihr könnt das alles nicht, Fernand, Ihr seid als Soldat vorgemerkt, und wenn Ihr noch hier weilt, so ist dies nur der Fall, weil gegenwärtig kein Krieg geführt wird. Bleibt also Fischer und – begnügt Euch mit meiner Freundschaft, da ich Euch nichts anderes geben kann.

 

Oh, Mercedes, Ihr seid nur so grausam und hart gegen mich, weil Ihr einen andern erwartet; aber der ist vielleicht unbeständig wie das Meer.

 

Fernand, rief Mercedes, ich hielt Euch für gut, aber ich täuschte mich! Ihr habt ein schlechtes Herz, daß Ihr mit Eurer Eifersucht den Zorn des Himmels herabruft. Nun wohl, ich bekenne es offen: Ich erwarte und liebe den, welchen Ihr meint.

 

Der junge Katalonier machte eine wütende Gebärde.

 

Ich verstehe Euch, Fernand, Ihr werdet Euch dafür rächen, daß ich Euch nicht liebe, Ihr werdet Euer katalonisches Messer mit seinem Dolche kreuzen! Wohin wird Euch das führen? Dahin, daß Ihr meine Freundschaft verliert, wenn Ihr besiegt werdet; daß Ihr meine Freundschaft in Haß verwandelt, wenn Ihr Sieger seid. Glaubt mir, Streit mit einem Manne suchen, ist ein schlechtes Mittel, der Frau zu gefallen, die diesen Mann liebt. Nein, Fernand, Ihr werdet Euch nicht so durch Eure schlimmen Gedanken hinreißen lassen. Da Ihr mich nicht als Frau besitzen könnt, so werdet Ihr Euch begnügen, mich zur Freundin und zur Schwester zu haben. Und überdies, fügte sie mit unruhigen, tränenfeuchten Augen hinzu, Ihr habt soeben gesagt, das Meer sei treulos. Schon seit vier Monaten ist er abgereist, und seit vier Monaten habe ich viele Stürme gezählt.

 

Fernand blieb unempfindlich. Er suchte nicht die Tränen zu trocknen, die über Mercedes‘ Wangen herabrollten, und dennoch hätte er für jede ihrer Tränen einen Becher seines Blutes gegeben; aber diese Tränen flossen nicht für ihn. Er stand auf, ging in der Hütte umher, kehrte zurück, blieb mit düsterem Auge und geballten Fäusten vor Mercedes stehen und sagte: Laßt hören, Mercedes, noch einmal, antwortet: Steht Euer Entschluß fest?

 

Ich liebe Edmond Dantes, antwortete kalt das junge Mädchen, und kein anderer als Edmond soll mein Gatte werden.

 

Und Ihr werdet ihn immer lieben?

 

Solange ich lebe.

 

Fernand ließ ganz entmutigt das Haupt sinken und stieß einen Seufzer aus. Dann, plötzlich die Stirn wieder erhebend, rief er: Aber wenn er tot ist?

 

Wenn er tot ist, sterbe ich.

 

Aber wenn er Euch vergißt?

 

Mercedes! rief eine freudige Stimme vor dem Hause, Mercedes!

 

Ah, rief das junge Mädchen, vor Entzücken errötend und ausspringend, Ihr seht, daß er mich nicht vergessen hat, denn er ist da!

 

Eilig lief sie zur Tür, öffnete sie und rief mit jubelndem Tone: Herein, Edmond, hier bin ich!

 

Fernand wich bleich und bebend zurück, wie ein Reisender in den Tropen, der sich plötzlich einer giftigen Schlange mit gähnendem Rachen gegenüber sieht, stieß an seinen Stuhl und sank zitternd darauf nieder.

 

Edmond und Mercedes lagen einander in den Armen. Die glühende Sonne von Marseille drang durch die Öffnung der Tür herein und übergoß sie mit einer Woge von Licht. Anfangs sahen sie nichts von dem, was sie umgab. Ein unermeßliches Glück erhob sie über die Welt, und sie sprachen nur in abgebrochenen Worten, wie sie sowohl der lebhaftesten Freude wie nicht minder dem quälenden Schmerze zum Ausdruck dienen können.

 

Plötzlich erblickte Edmond Fernands düsteres Antlitz, das bleich und drohend aus dem Schatten hervortrat. Durch eine Bewegung, von der er sich vielleicht selbst nicht Rechenschaft gab, fuhr der junge Katalonier mit der Hand an das Messer, das in seinem Gürtel stak.

 

Ah! um Vergebung, sagte Dantes, ebenfalls die Stirn faltend, ich hatte nicht bemerkt, daß wir zu dritt sind! Sich sodann an Mercedes wendend, fragte er: Wer ist dieser Herr?

 

Dieser Herr wird dein bester Freund sein, Dantes, denn es ist auch mein Freund; es ist mein Vetter, es ist mein Bruder, es ist Fernand, der Mann, den ich nach dir, Edmond, am meisten in der Welt liebe. Erkennst du Fernand nicht wieder?

 

Ah, gewiß! sagte Edmond, und ohne Mercedes zu verlassen, deren Hand er in der seinigen hielt, reichte er mit einer herzlichen Bewegung seine andere Hand dem Katalonier.

 

Aber Fernand, weit entfernt, diese freundschaftliche Gebärde zu erwidern, blieb stumm und unbeweglich wie eine Statue. Da ließ Edmond seinen forschenden Blick über die bewegte, zitternde Mercedes und dann über den düsteren, drohenden Fernand gleiten, und dieser eine Blick sagte ihm alles. – Der Zorn stieg ihm zu Kopfe.

 

Als ich mit so großer Eile zu Euch lief, Mercedes, wußte ich nicht, daß ich einen Feind hier finden würde, sagte er.

 

Einen Feind! rief Mercedes, mit einem zornigen Blicke auf ihren Vetter; einen Feind bei mir, sagst du, Edmond? Wenn ich das glaubte, so nähme ich dich beim Arme, ginge nach Marseille und würde dieses Haus verlassen, um nie mehr dahin zurückzukehren.

 

Fernands Auge schleuderte einen Blitz.

 

Und wenn dir ein Unglück widerführe, Edmond, fügte sie mit eisiger Stimme hinzu, die Fernand bewies, daß sie in der Tiefe seiner finsteren Gedanken gelesen hatte, wenn dir ein Unglück widerführe, so stiege ich auf das Kap Morgion und stürzte mich über die Felsen hinab.

 

Fernand wurde furchtbar bleich.

 

Aber du hast dich getäuscht, Edmond, fuhr sie fort, du hast keinen Feind hier, denn hier sehe ich nur Fernand, meinen Bruder, der dir die Hand wie ein ergebener Freund drücken wird.

 

Und bei diesen Worten heftete Mercedes ihren gebieterischen Blick auf den Katalonier, der, von diesem Blicke wie bezaubert, sich langsam Edmond näherte und ihm die Hand reichte. Aber kaum hatte er die Hand berührt, als er fühlte, daß er etwas getan, das über seine Kräfte ging, und aus dem Hause stürzte.

 

Oh! rief er, wie ein Wahnsinniger fortrennend und mit den Händen in seinen Haaren wühlend, wer wird mich von diesem Menschen befreien! Wehe mir! wehe mir!

 

He, Katalonier! he, Fernand! wohin läufst du? rief eine Stimme.

 

Der junge Mann blieb stehen, schaute umher und sah Caderousse, der mit Danglars unter einer Laube an einem Tische saß.

 

He! sagte Caderousse, warum kommst du nicht zu uns? Hast du so große Eile, daß du nicht einmal deinen Freunden einen guten Morgen wünschen kannst?

 

Fernand schaute die Männer mit einfältiger Miene an und antwortete nicht.

 

Er scheint ganz verblüfft, sagte Danglars leise und stieß dabei Caderousse mit dem Knie. Sollten wir uns getäuscht haben und keinen Bundesgenossen in ihm finden?

 

Verdammt! Wollen doch sehen! erwiderte Caderousse und fügte, zu dem jungen Mann gewendet, hinzu: Nun, Katalonier, willst du nicht kommen?

 

Fernand trocknete den Schweiß von seiner Stirn und trat langsam unter die schattige Laube, deren Frische seinem erhitzten Körper wohlzutun schien.

 

Guten Morgen, sagte er, Ihr habt mich gerufen, nicht wahr? Und dabei ließ er sich erschöpft auf einen Stuhl fallen.

 

Ich rief dich, weil du wie ein Narr liefst, und weil ich befürchtete, du könntest dich ins Meer stürzen, erwiderte lachend Caderousse. Was zum Teufel, wenn man Freunde hat, so muß man ihnen nicht nur ein Glas Wein anbieten, sondern sie auch verhindern, drei oder vier Pinten Wasser zu schlucken.

 

Fernand stieß einen Seufzer aus, der einem Schluchzen ähnlich klang, und ließ seinen Kopf auf seine Fäuste sinken, die er kreuzweise auf den Tisch gelegt hatte.

 

Wie geht’s, Fernand? Soll ich dir was sagen, versetzte Caderousse mit plumper Offenheit, du siehst aus wie ein aus dem Felde geschlagener Liebhaber.

 

Und er begleitete diesen Spaß mit schwerfälligem Lachen.

 

Bah! sagte Danglars, ein junger Mann von diesem Schnitte kann unmöglich in der Liebe unglücklich sein. Du scherzest, Caderousse.

 

Oh nein, erwiderte dieser, höre nur, wie er seufzt. Ruhig, Fernand, fügte Caderousse hinzu, die Nase hochgehalten und geantwortet! Es ist nicht liebenswürdig. Freunden nicht zu antworten, die sich nach unsrer Gesundheit erkundigen.

 

Meine Gesundheit ist gut, antwortete Fernand, seine Fäuste krampfhaft zusammenziehend, aber ohne den Kopf zu heben.

 

Oh, siehst du, Danglars, sagte Caderousse und machte dabei seinem Freunde aus einem Augenwinkel ein Zeichen, das ist die Sache: Fernand, den du hier siehst, ein guter, braver Katalonier, einer der besten Fischer von Marseille, ist in ein schönes Mädchen, namens Mercedes, verliebt. Doch leider scheint das junge Mädchen seinerseits in den Sekond des Pharao verliebt zu sein. Und da der Pharao heute in den Hafen eingelaufen ist, so verstehst du …

 

Nein, ich verstehe nicht, erwiderte Danglars.

 

Der arme Fernand wird seinen Abschied bekommen haben, fuhr Caderousse fort.

 

Wohl und was ist dabei? sagte Fernand, das Haupt erhebend, und schaute Caderousse wie ein Mensch an, der einen sucht, auf den er seinen Zorn fallen lassen kann. Mercedes hängt von niemand ab, nicht wahr? Es steht ihr frei, zu lieben, wen sie will!

 

Ah! wenn du es so nimmst, entgegnete Caderousse, so ist es etwas anderes. Ich hielt dich für einen Katalonier, und man hat mir gesagt, die Katalonier wären nicht die Männer, die sich von andern ausstechen lassen; man sagte mir weiter, Fernand sei besonders furchtbar in seiner Rache.

 

Fernand lächelte mitleidig und erwiderte: Ein Verliebter ist nie furchtbar.

 

Armer Junge! versetzte Danglars, der sich den Anschein gab, als beklagte er den jungen Mann aus der Tiefe seines Herzens. Was willst du? Er war nicht darauf gefaßt, Dantes so plötzlich zurückkommen zu sehen. Er hielt ihn vielleicht für tot, für ungetreu, wer weiß? Man ist in solchen Fällen um so empfindlicher, je unerwarteter sie eintreten.

 

In jedem Fall, sagte Caderousse, auf den der Wein seine Wirkung auszuüben anfing, ist Fernand nicht der einzige, den Dantes‘ glückliche Ankunft ärgert! Nicht wahr, Danglars?

 

Du sprichst die Wahrheit, und ich glaube fast, behaupten zu können, daß ihm dies Unglück bringen wird.

 

Doch gleichviel, versetzte Caderousse, goß Fernand ein Glas Wein ein und füllte zum zehntenmale sein eigenes Glas, während Danglars nur an dem seinigen genippt hatte, gleichviel, inzwischen heiratet er Mercedes, die schöne Mercedes; er kommt wenigstens deshalb zurück.

 

Während dieser Worte betrachtete Danglars mit durchdringendem Blick den jungen Mann, auf dessen Herz Caderousses Worte wie geschmolzenes Blei fielen.

 

Und wann soll die Hochzeit sein? fragte er.

 

Oh! so weit ist’s noch nicht, murmelte Fernand.

 

Nein, aber es wird bald so weit sein, entgegnete Caderousse; so gewiß, als Dantes Kapitän sein wird, nicht wahr, Danglars?

 

Danglars bebte bei diesem unerwarteten Streiche und wandte sich zu Caderousse, um auf dessen Gesicht zu lesen, ob ihm der Stich mit Vorbedacht versetzt worden sei. Aber er sah nichts, als den Neid aus dem infolge der Trunkenheit bereits albern aussehenden Gesichte.

 

Nun gut, sagte er, die Gläser wieder füllend, trinken wir also auf die Gesundheit des Kapitäns Edmond Dantes, des Gatten der schönen Katalonierin!

 

Caderousse setzte mit einer schweren Hand sein Glas an den Mund und leerte es auf einen Zug. Fernand nahm das seinige und schleuderte es auf die Erde.

 

He, he, he! rief Caderousse, was erblicke ich da oben auf dem Hügel in der Richtung der Katalonier! Sieh doch, Fernand, du hast ein besseres Gesicht, als ich. Ich glaube, ich fange an, doppelt zu sehen, und du weißt, der Wein ist ein Verräter. Man sollte glauben, es seien zwei Liebende, die Hand in Hand nebeneinander gehen. Gott vergebe mir! Sie vermuten nicht, daß wir sie sehen, und umarmen sich sogar.

 

Danglars folgte lauernd allen schmerzlichen Bewegungen in Fernands sich sichtlich entstellendem Gesichte.

 

Oho, Dantes! oho, schönes Mädchen! rief jetzt Caderousse, kommt doch mal her und sagt uns, wann die Hochzeit sein wird.

 

Willst du wohl schweigen, sagte Danglars, der sich den Anschein gab, als wollte er Caderousse zurückhalten, der sich mit der Halsstarrigkeit eines Trunkenen aus der Laube hervorneigte. Mach, daß du nicht von der Bank fällst, und laß die Verliebten sich ruhig lieben! Sieh Herrn Fernand an, und nimm dir ein Beispiel an ihm! Er ist vernünftig.

 

Vielleicht wäre Fernand, außer sich und von Danglars ausgestachelt wie der Stier durch die Bandilleros, hinausgestürzt, denn er hatte sich bereits erhoben und schien sich auf seinen Nebenbuhler stürzen zu wollen; aber lachend und mutig erhob Mercedes ihr schönes Haupt und ließ ihren klaren Blick strahlen. Da erinnerte sich Fernand ihrer Drohung, sich den Tod zu geben, wenn Edmond umkäme, und er fiel völlig entmutigt auf seinen Stuhl zurück.

 

Danglars schaute achselzuckend die beiden andern an und murmelte: Was soll man mit solchen Einfaltspinseln machen? Was nützt mir der blöde Neid, der sich im Weine statt in Galle berauscht, und die kindische Verliebtheit, die sich, statt zu handeln, in Klagen und Winseln verzehrt? – Der Anmaßende wird triumphieren, wenn ich nicht die Karten mische, fügte er mit düsterm Lächeln hinzu.

 

Holla, schrie Cadcrousse, sich halb aufrichtend und mit den Fäusten auf den Tisch stützend, holla, Edmond! Siehst du die Freunde nicht, oder bist du bereits zu stolz, um mit ihnen zu sprechen?

 

Nein, mein lieber Caderousse, antwortete Dantes, ich bin nicht zu stolz, ich bin glücklich, und das Glück blendet, glaube ich, noch mehr als der Stolz.

 

Das lasse ich mir gefallen; das ist eine Erklärung, sagte Caderousse. Ei, guten Morgen, Frau Dantes.

 

Mercedes grüßte ernst und erwiderte: Das ist noch nicht mein Name, und in meinem Lande sagt man, es bringe Unglück, wenn man ein Mädchen mit dem Namen ihres Bräutigams anredet, ehe dieser ihr Gatte geworden ist; ich bitte Sie also, nennen Sie mich Mercedes.

 

Die Hochzeit soll also ungesäumt stattfinden, Herr Dantes? fragte Danglars und begrüßte das junge Paar.

 

Sobald als möglich, Herr Danglars. Heute die Verträge bei meinem Vater, und spätestens übermorgen das Hochzeitsmahl hier in der Reserve. Die Freunde werden sich hoffentlich einfinden; das heißt, Sie sind eingeladen, Herr Danglars, und du ebenfalls, Caderousse.

 

Und Fernand? versetzte Caderousse mit einem ekelhaften Gelächter; Fernand auch?

 

Der Bruder meiner Frau ist mein Bruder, und wir könnten es nur mit tiefem Bedauern sehen, Mercedes und ich, wenn er sich in einem solchen Augenblicke von uns fernhielte.

 

Fernand öffnete den Mund, um zu antworten; aber seine Stimme versagte, und er vermochte nicht ein Wort hervorzubringen.

 

Heute Vertrag, übermorgen Hochzeit! Teufel, Sie sind sehr eilig, Kapitän! Was! wir haben Zeit; der Pharao geht nicht vor drei Monaten in See.

 

Man soll das Glück nie versäumen, Herr Danglars, und wenn man lange gelitten hat, scheut man sich, an das Glück zu glauben. Es ist jedoch diesmal nicht die Selbstsucht, die mich treibt; ich muß nach Paris reisen.

 

Ah, wirklich, nach Paris, und Sie kommen zum erstenmal dahin, Dantes? – Ja.

 

Sie haben Geschäfte dort?

 

Nicht für meine Rechnung; es ist ein letzter Auftrag von unserm armen Kapitän Leclère, den ich zu erfüllen habe. Seien Sie übrigens unbesorgt, ich werde mir nur so viel Zeit nehmen, als ich zur Hin- und Herreise brauche.

 

Ja, ja, ich verstehe, sagte Danglars laut; dann fügte er leise hinzu: Nach Paris, ohne Zweifel, um den Brief, den ihm der Großmarschall gegeben hat, an seine Adresse abzuliefern. Bei Gott, dieser Brief bringt mich auf einen vortrefflichen Gedanken. Ha, Dantes, mein Freund! Du stehst in der Liste des Pharao noch nicht unter Nr. 1.

 

Dann rief er dem sich bereits entfernenden Edmond zu: Glückliche Reise!

 

Ich danke, antwortete Edmond, drehte den Kopf um und begleitete diese Bewegung mit einer freundschaftlichen Gebärde. Hieraus setzten die Liebenden ihren Weg fort, ruhig und freudig, wie zwei über die Maßen Glückliche.

 

Das Komplott.

 

Das Komplott.

 

Danglars folgte Edmond und Mercedes mit den Augen, bis sie an einer Ecke des Forts Saint-Nicolas verschwanden. Dann bemerkte er, daß Fernand bleich und zitternd auf seinen Stuhl gesunken war, während Caderousse die Worte eines Trinkliedes stammelte.

 

Ah! mein lieber Herr, sagte Danglars zu Fernand, das ist eine Heirat, die mir nicht alle Leute glücklich zu machen scheint.

 

Sie bringt mich in Verzweiflung, erwiderte Fernand.

 

Sie liebten also Mercedes?

 

Solange wir uns kennen, habe ich sie stets geliebt.

 

Und Sie reißen sich die Haare aus, statt etwas dagegen zu unternehmen? Zum Teufel, ich glaubte nicht, daß die Leute Ihrer Nation so handelten!

 

Was soll ich tun? fragte Fernand.

 

Was weiß ich! Geht es mich an? Ich bin nicht in Fräulein Mercedes verliebt, denk‘ ich, sondern Sie. Suchet, so werdet ihr finden, sagt das Evangelium.

 

Ich wollte den Menschen erdolchen; aber sie sagte mir, wenn ihrem Bräutigam ein Unglück widerführe, so würde sie sich töten.

 

Dummkopf! murmelte Danglars, sie mag sich umbringen oder nicht, wenn nur Dantes nicht Kapitän wird.

 

Und ehe Mercedes stirbt, versetzte Fernand mit dem Tone unerschütterlicher Entschlossenheit, würde ich mir selbst den Tod geben.

 

Das nenne ich Liebe, sagte Caderousse mit einer immer mehr weinschweren Zunge, oder ich verstehe mich nicht darauf.

 

Sie scheinen mir ein braver Bursche zu sein, sagte Danglars, und der Teufel soll mich holen, ich wüßte etwas, Ihre Pein zu enden, denn …

 

Was meinen Sie? sagte Fernand, begierig, weiteres zu hören.

 

Was sagte ich? Ich weiß es nicht mehr! Durch diesen Trunkenbold von Caderousse habe ich den Faden meiner Gedanken verloren. Caderousse hatte den letzten Vers eines damals sehr beliebten Liedes zu singen angefangen:

 

Alle Sünder trinken Wasser,

Wie die Sündflut uns beweist …

 

Sie sagten, mein Herr, versetzte Fernand, Sie wüßten etwas, meine Pein zu enden; dann fügten Sie hinzu …

 

 

Ja, denn es genügt dazu, scheint mir, daß Dantes nicht die heiratet, die Sie lieben, und die Heirat kann, denke ich, wohl unterbleiben, ohne daß Dantes stirbt.

 

Der Tod allein wird sie trennen, erwiderte Fernand.

 

Sie urteilen wie eine Schnecke, mein Freund, sagte Caderousse, und Danglars hier, der ein feiner Bursche, ein Schlaukopf, ein wahrer Grieche ist, wird Ihnen beweisen, daß Sie unrecht haben. Beweise es ihm, Danglars, ich habe mich für dich verbürgt. Sage ihm, es sei nicht nötig, daß Dantes sterbe, Überdies wär‘ es schade, wenn Dantes stürbe, er ist ein guter Kerl … ich liebe ihn … auf Dantes‘ Gesundheit!

 

Fernand erhob sich ungeduldig.

 

Lassen Sie ihn schwatzen, versetzte Danglars, den jungen Mann zurückhaltend. Übrigens, so betrunken er auch ist, so redet er doch die Wahrheit. Die Abwesenheit trennt ebensogut, wie der Tod. Denken Sie sich, es wären zwischen Edmond und Mercedes die Mauern eines Gefängnisses, so würden sie fürs erste nicht minder getrennt sein, als wenn ein Grabstein zwischen ihnen läge.

 

Ja, aber aus dem Gefängnis kommt man zurück, sagte Caderousse, der sich mit den Trümmern seines Verstandes an das Gespräch festklammerte, und wenn man draußen ist und Edmond Dantes heißt, so rächt man sich.

 

Gleichviel, murmelte Fernand.

 

Warum sollte man auch Dantes in ein Gefängnis stecken? Er hat weder geraubt noch gemordet, versetzte Caderousse und leerte abermals ein Glas Wein.

 

Danglars verfolgte in den trüben Augen des Schneiders die Fortschritte der Trunkenheit und sagte sodann zu Fernand: Begreifen Sie nun, daß es nicht nötig wäre, ihn zu töten?

 

Nein, gewiß nicht, hätte man ein Mittel, Dantes festnehmen zu lassen. Aber, besitzen Sie dieses Mittel?

 

Wenn man gut suchte, erwiderte Danglars, könnte man wohl eins finden. Doch zum Teufel, wozu menge ich mich drein? Was geht’s mich an?

 

Ich weiß nicht, ob es Sie angeht, sagte Fernand und faßte ihn am Arme; aber ich weiß, daß Sie irgend einen besonderen Grund zum Haß gegen Dantes haben. Wer selbst haßt, täuscht sich nicht in den Gefühlen der andern.

 

Ich, einen Grund, Dantes zu hassen? Keinen, auf mein Wort. Ich sah Sie unglücklich, und Ihr Unglück erregte meine Teilnahme, das ist alles. Aber, wenn Sie glauben, ich handle für meine eigene Rechnung, Gott befohlen, lieber Freund! Ziehen Sie sich nur aus der Klemme, wie Sie können …

 

Und Danglars stellte sich, als wollte er weggehen.

 

Nein, sagte Fernand, ihn zurückhaltend, bleiben Sie! Es liegt mir am Ende wenig dran, ob Sie Dantes grollen oder nicht. Ich hasse ihn und gestehe es laut. Finden Sie das Mittel, so führe ich es aus, vorausgesetzt, daß es nicht sein Tod ist, denn Mercedes hat gesagt, sie würde sich umbringen, wenn man Dantes tötete. Also her das Mittel – schnell das Mittel!

 

Ja, versetzte Danglars. Die Franzosen sind hierin den Spaniern überlegen. Die Spanier bedenken und erwägen, die Franzosen erfinden. Kellner, eine Feder, Tinte und Papier!

 

Wenn man bedenkt, sagte Caderousse und ließ seine Hand auf das Papier fallen, das der Kellner gebracht hatte, daß hier etwas ist, womit man einen Menschen sicherer verderben kann, als wenn man ihm an der Ecke eines Waldes auflauerte, um ihn zu ermorden! Ich habe immer mehr Furcht vor einer Feder, einer Flasche Tinte und einem Blatt Papier gehabt, als vor einem Degen oder einer Pistole.

 

Der Bursche ist noch nicht so betrunken, wie er aussieht. Schenken Sie ihm ein, Fernand!

 

Fernand füllte Caderousses Glas.

 

Also, ich sagte Ihnen, fuhr Danglars fort, als er sah, daß der letzte Rest von Caderousses Vernunft in dem neuen Glase Wein vollends zu verschwinden anfing, wenn z. B. nach einer Reise, wie sie Dantes gemacht hat, wobei er die Insel Elba berührte, ihn jemand bei dem Staatsanwalt als bonapartistischen Agenten anzeigte …

 

Ich würde ihn anzeigen, sagte lebhaft der junge Mann.

 

Ja, aber dann läßt man Sie Ihre Erklärung unterschreiben. Man stellt Sie dem, den Sie angezeigt haben, gegenüber. Zwar liefere ich Ihnen, was Sie zur Unterstützung Ihrer Anklage brauchen; aber Dantes kann nicht ewig im Gefängnisse bleiben; eines Tages verläßt er es, und dann wehe dem, der ihn hineingebracht hat.

 

Oh! davor ist mir nicht bange, sagte Fernand, er soll nur kommen, Streit mit mir anzufangen.

 

Ja, und Mercedes, die Sie schon haßt, wenn Sie nur das Unglück haben, die Haut ihres geliebten Edmond zu ritzen?

 

Das ist richtig, versetzte Fernand.

 

Nein, nein, sagte Danglars, wenn man sich zu dergleichen entschlösse, so wäre es besser, ganz einfach, wie ich dies eben tue, mit der linken Hand, damit die Schrift nicht erkannt wird, eine kleine Denunziation zu schreiben.

 

Und Danglars schrieb zugleich mit der linken Hand in einer Schrift, die keine Ähnlichkeit mit seiner gewöhnlichen Handschrift hatte, folgende Zeilen, die er Fernand übergab:

 

»Der Herr Staatsanwalt wird von einem Freunde des Thrones und der Religion benachrichtigt, daß Edmond Dantes, Sekond des Schiffes Pharao, heute morgen von Smyrna angelangt ist, nachdem er Neapel und Porto Ferrajo auf Elba berührt hat, von Murat einen Brief für den Usurpator und von dem Usurpator einen Brief für das bonapartistische Komitee in Paris übernommen hat. Den Beweis für sein Verbrechen wird man erlangen, wenn man ihn verhaftet; denn man findet diesen Brief entweder bei ihm oder bei seinem Vater oder in seiner Kajüte an Bord des Pharao.«

 

So ist Ihre Rache vernünftig, fuhr Danglars fort, denn sie kann auf keine Weise auf Sie zurückfallen, und die Sache macht sich ganz von selbst. Man darf diesen Brief nur noch adressieren. Dann wäre alles abgemacht.

 

Und Danglars schrieb die Adresse.

 

Ja, alles wäre abgemacht, rief Caderousse, der mit einer letzten Anstrengung seines Geistes dem Vorlesen gefolgt war und noch dunkel begriff, was für unselige Folgen eine solche Anzeige nach sich ziehen könnte. Ja, alles wäre abgemacht; aber das Ganze wäre eine Schändlichkeit. Und er streckte den Arm aus, um den Brief zu nehmen. Danglars aber stieß das Papier beiseite und erwiderte: Was ich sage und hier mache, geschieht doch nur im Scherz, und es würde mir vor allem leid tun, wenn Dantes, dem guten Dantes etwas widerführe. Seht selbst … und er zerknitterte den Brief und warf ihn in eine Ecke der Laube.

 

So ist es gut, sagte Caderousse, Dantes ist mein Freund, und ich will nicht, daß man ihm Böses zufüge.

 

Wer zum Teufel denkt daran, ihm Böses zuzufügen? Ich nicht, Fernand auch nicht, sagte Danglars, stand auf und sah dabei den jungen Mann an, der sitzen geblieben war, aber beständig nach dem in die Ecke geworfenen verräterischen Papier schielte.

 

Dann Wein her, sagte Caderousse. Ich will auf die Gesundheit von Edmond und der schönen Mercedes trinken.

 

Nein, für heute haben wir genug, es ist Zeit, nach Hause zu kommen. Gib mir den Arm und laß uns gehen, sagte Danglars und zog Caderousse in der Richtung von Marseille mit sich fort.

 

Als er aber zwanzig Schritte gemacht hatte, wandte er sich um und sah, daß sich Fernand auf das Papier stürzte, es sogleich in die Tasche steckte und sich dann eiligst aus der Laube entfernte.

 

Gut, gut, murmelte Danglars, die Sache ist im Gange, und man darf ihr nur ihren Lauf lassen.

 

Das Verlobungsmahl.

 

Das Verlobungsmahl.

 

Am andern Morgen erhob sich die Sonne rein und glänzend, und ihre purpurnen Strahlen übergossen wie mit Rubinen die schäumenden Spitzen der Meereswellen.

 

Das Verlobungsmahl war im großen Saale des ersten Stockes der Reserve bereitet worden. In der Mitte der langen Tafel saß auf der einen Seite die reizende Mercedes, rechts von ihr im Sonntagsstaate der alte Dantes, während zu ihrer Linken ihr Vetter Fernand Platz genommen hatte. Ihnen gegenüber saß der Bräutigam, neben ihm Herr Morel, der das Verlobungsfest seines zukünftigen Kapitäns mit seiner Gegenwart beehrte.

 

In ihrer Nähe befanden sich auch Danglars sowie Caderousse, den die Hoffnung auf ein gutes Mahl vollends mit Dantes ausgesöhnt hatte und in dessen Gedächtnis nur eine schwankende Erinnerung von dem geblieben war, was sich am Tage vorher zugetragen hatte.

 

Außer diesen uns bekannten Gästen waren zahlreiche Freunde des Bräutigams, Seeleute und Soldaten, anwesend, die bereits anfingen, dem reichen Mahle zuzusprechen.

 

Schon liefen um die Tafel Würste von Arles mit ihrem eigentümlichen, starken Gerüche, Seekrebse mit blendender Schale, Prayres in rosafarbiger Muschel, Seeigel, die Kastanien glichen, und alle die Leckerbissen, welche die Wellen auf das sandige Ufer wälzen und die dankbaren Schiffer mit dem Namen Seefrüchte bezeichnen.

 

Ein schönes Schweigen, sagte Dantes‘ Vater, ein Glas Wein, gelb wie Topas, schlürfend. Sollte man glauben, es seien hier dreißig Personen, die sich frohe Zeit machen wollen?

 

Ei, auch ein Bräutigam kann nicht immer heiter sein, erwiderte Caderousse.

 

Es ist wahr, sagte Dantes, ich bin zu glücklich in diesem Augenblick, um heiter zu sein. Die Freude bringt zuweilen eine seltsame Wirkung hervor, sie drängt, wie der Schmerz, die laute Äußerung zurück. Es scheint mir, der Mensch ist nicht geschaffen, so leicht glücklich zu werden. Man muß kämpfen, um das Glück zu erobern, und ich weiß gar nicht, wodurch ich das Glück, Mercedes‘ Gatte zu sein, verdient habe.

 

Der Gatte, der Gatte, rief Caderousse lachend, noch nicht, mein Kapitän! Versuche es einmal, den Gatten zu spielen, und du wirst sehen, wie man dich aufnimmt!

 

Mercedes errötete.

 

Fernand quälte sich auf seinem Stuhle, bebte bei dem geringsten Geräusche und wischte sich jeden Augenblick große Schweißtropfen ab. Von Zeit zu Zeit schaute er nach Marseille zu, als ob er auf irgend etwas Besonderes wartete.

 

Bei Gott, man braucht mich nicht Lügen zu strafen; Mercedes ist allerdings noch nicht meine Frau, sagte Dantes und zog seine Uhr. Aber in anderthalb Stunden wird sie es sein.

 

Alle ließen Ausrufe des Erstaunens hören, nur Dantes Vater nicht, der durch ein breites Lachen seine noch schönen Zähne zeigte. Mercedes lächelte und errötete nicht mehr. Fernand faßte krampfhaft nach dem Hefte seines Messers.

 

Ja, meine Freunde, fuhr Dantes fort, dank dem Eintreten des Herrn Morel, des Mannes, dem ich nach meinem Vater am meisten auf dieser Welt zu verdanken habe, sind alle Schwierigkeiten beseitigt. Alle Förmlichkeiten sind erfüllt, und um halb drei Uhr erwartet uns der Maire von Marseille auf dem Rathause.

 

Fernand schloß die Augen; eine feurige Wolke brannte auf seinen Augenlidern; er stützte sich auf den Tisch und konnte sich eines dumpfen Seufzers nicht erwehren, der sich in dem Geräusche des Gelächters und der Glückwünsche der Versammlung verlor.

 

Das lass‘ ich mir gefallen, sagte der alte Dantes. Gestern morgen hier angekommen, heute um drei Uhr geheiratet! Die Seeleute segeln rasch in den Hafen.

 

Aber die sonstigen Förmlichkeiten? wandte Danglars ein, der Vertrag, die schriftlichen Erklärungen?

 

Der Vertrag? entgegnete Dantes lachend, der Vertrag ist fertig. Mercedes hat nichts, ich habe auch nichts. Da bedurfte es keines langen Schreibens und kostet auch nicht so viel … Dieser Scherz veranlaßte einen Ausbruch der Freude und des Beifalls.

 

Was wir für ein Verlobungsmahl hielten, ist also ein Hochzeitsmahl, sagte Danglars.

 

Nein, erwiderte Dantes, seid unbesorgt! Ihr sollt nichts dabei verlieren. Morgen früh reise ich nach Paris. Vier Tage hin, vier Tage her und einen Tag, um gewissenhaft meinen Auftrag zu vollziehen. Am ersten März bin ich dann zurück, und am zweiten findet das wahre Hochzeitsmahl statt.

 

Die Aussicht auf einen neuen Schmaus verdoppelte die Heiterkeit dergestalt, daß der Greis, der sich anfangs über die Stille beklagt hatte, mitten unter dem allgemeinen Gespräche vergebliche Versuche machte, seinen Glückwunsch für das zukünftige Ehepaar anzubringen. Es herrschte um die Tafel die geräuschvolle, ungebundene Heiterkeit, die bei Leuten aus dem Arbeiterstande das Ende des Mahles zu bezeichnen pflegt. Alle sprachen zu gleicher Zeit, und niemand antwortete auf das, was man ihm sagte, sondern jeder beschäftigte sich nur mit seinen eigenen Gedanken.

 

Fernands Blässe schien auf Danglars‘ Wangen übergegangen und Fernand selbst wie ein Verdammter im Fegefeuer zu sein. Er stand zuerst auf, ging im Saal umher und bemühte sich, sein Ohr von dem Klang der Lieder und des Zusammenstoßens der Gläser abzuwenden. Caderousse näherte sich ihm in dem Augenblicke, wo Danglars ihn in einer Ecke des Saales aufsuchte.

 

In der Tat, sagte Caderousse, dem Dantes‘ freundliches Wesen und besonders der gute Wein des Vaters Pamphile den ganzen Rest des Hasses und Neides gegen den jungen Seemann fortgeschwemmt hatten, in der Tat, Dantes ist ein vortrefflicher Bursche, und wenn ich ihn neben seiner Braut sitzen sehe, sage ich mir, es wäre schade gewesen, wenn man ihm den schlechten Streich gespielt hätte, den ihr gestern miteinander verabredet habt.

 

Du hast auch gesehen, erwiderte Danglars, daß ich die Sache vereitelt habe. Fernand war anfangs so verzweifelt, daß er mir bange machte; aber von dem Augenblicke an, wo er sich dazu entschloß, als erster Brautführer bei der Hochzeit seines Nebenbuhlers aufzutreten, war nichts mehr zu sagen.

 

Caderousse schaute Fernand an, der leichenblaß war.

 

Gehen wir, sagte jetzt Mercedes mit sanfter Stimme, es ist zwei Uhr, und man erwartet uns um halb drei.

 

Laßt uns gehen! riefen alle Gäste im Chor. In demselben Augenblick sah Danglars, wie Fernand, der auf dem Fenstersimse saß, plötzlich seine verstörten Augen weit aufriß, mit einer krampfhaften Bewegung sich erhob und dann wieder auf den Sims zurückfiel. Fast gleichzeitig vernahm man ein dumpfes Geräusch auf der Treppe. Dieses Geräusch schwerer Tritte und der verworrene Lärm von Stimmen, vermischt mit dem Klirren von Waffen, übertönten das Gespräch der Gäste und erregten die allgemeine Aufmerksamkeit, die sich durch ein auffälliges Stillschweigen kundgab. Der Lärm näherte sich, drei Schläge ertönten an der Tür, jeder schaute seinen Nachbar mit erstaunter Miene an.

 

Im Namen des Gesetzes! rief eine scharfe Stimme, der niemand antwortete. Sogleich öffnete sich die Tür, und ein Kommissar mit seiner Schärpe, dem vier bewaffnete Soldaten unter Anführung eines Korporals folgten, trat in den Saal. – Die Unruhe machte dem Schrecken Platz.

 

Was gibt es? sagte der Reeder, dem Kommissar, den er kannte, entgegengehend. Es findet hier sicherlich ein Irrtum statt.

 

 

Wenn ein Irrtum stattfindet, Herr Morel, antwortete der Kommissar, so glauben Sie mir, er wird schleunigst wieder gut gemacht werden. Im Augenblick bin ich der Träger eines Verhaftbefehles und muß meinen Austrag, wenn auch mit Bedauern, vollziehen. Wer von Ihnen, meine Herren, ist Edmond Dantes?

 

Alle Blicke wandten sich dem jungen Manne zu, der erregt, aber voll Würde einen Schritt vorwärts machte und erwiderte: Ich bin es, was wollen Sie von mir?

 

Edmond Dantes, sagte der Kommissar, ich verhafte Sie im Namen des Gesetzes.

 

Sie verhaften mich? sagte Edmond mit leichter Blässe. Warum verhaften Sie mich?

 

Ich weiß es nicht, mein Herr; aber Ihr erstes Verhör wird Sie darüber belehren.

 

Herr Morel begriff, daß sich nichts gegen die unbeugsame Gewalt der Verhältnisse tun ließ. Ein Kommissar in amtlicher Eigenschaft ist kein Mensch mehr; er ist die starre Hand des kalten, tauben Gesetzes. Der Greis aber stürzte dem Beamten entgegen; es gibt Dinge, die das Herz eines Vaters oder einer Mutter nie begreifen wird. Er bat, er flehte; Bitten und Tränen vermochten nichts; aber seine Verzweiflung war so groß, daß der Kommissar dadurch gerührt wurde.

 

Mein Herr, sagte er, beruhigen Sie sich, Ihr Sohn hat vielleicht irgend eine Zoll- oder Sanitätsvorschrift übersehen, und wenn man die gewünschte Auskunft von ihm erhalten hat, wird man ihn aller Wahrscheinlichkeit nach in Freiheit setzen.

 

Was soll denn das bedeuten? sagte Caderousse zu Danglars, der den Erstaunten spielte.

 

Weiß ich es? entgegnete Danglars. Mir geht’s wie dir; ich sehe, was vorgeht, begreife nichts davon und bleibe ganz verwirrt.

 

Caderousse suchte mit seinen Augen Fernand; er war verschwunden, und nun trat ihm die ganze Szene vom vorhergehenden Tage mit furchtbarer Klarheit vor die Seele.

 

Oh, oh! sagte er mit dumpfer Stimme, ist das die Folge des Scherzes, von dem du gestern sprachst, Danglars? In diesem Falle wehe dem, der ihn gemacht hat, denn er ist sehr schlecht!

 

Keineswegs, rief Danglars, du weißt, daß ich das Papier zerrissen habe.

 

Du hast es nicht zerrissen, du warfst es in die Ecke.

 

Schweig, du hast nichts gesehen, du warst betrunken.

 

Wo ist Fernand? sagte Caderousse.

 

Weiß ich es? antwortete Danglars. Ohne Zweifel geht er seinen Geschäften nach.

 

Während dieses Gespräches drückte Dantes allen seinen Freunden die Hand und gab sich mit den Worten in Verhaft: Seid ruhig, der Irrtum wird sich aufklären, und wahrscheinlich komme ich nicht ins Gefängnis.

 

Ganz gewiß nicht, dafür wollte ich stehen, sagte Danglars, der sich in diesem Augenblicke der Hauptgruppe näherte.

 

Der Kommissar ging vor Dantes die Treppe hinab. Ein Wagen, dessen Schlag geöffnet war, wartete vor der Tür. Dantes stieg ein. Der Schlag wurde geschlossen, und der Wagen fuhr nach Marseille.

 

Leb wohl, Edmond, rief Mercedes, ans Fenster stürzend.

 

Der Gefangene hörte diesen letzten Schrei, der wie ein Schluchzen aus dem zerrissenen Herzen der Braut hervordrang. Er fuhr rasch mit dem Kopfe zu dem Schlage hinaus und rief: Auf Wiedersehen, Mercedes! Dann verschwand der Wagen hinter einer Ecke des Forts Saint-Nicolas.

 

Erwartet mich hier, sagte der Reeder, ich nehme den ersten Wagen, den ich treffe, eile nach Marseille und bringe euch bald Nachricht.

 

Gehen Sie, riefen alle Stimmen, und kommen Sie bald zurück!

 

Nach der Entfernung der beiden Männer herrschte einen Augenblick unter den Zurückbleibenden eine gewisse Betäubung. Der Greis und Mercedes verharrten eine Zeit lang jedes in seinen eigenen Schmerz versunken; dann aber begegneten sich ihre Augen, und in dem Bewußtsein, zwei von demselben Schlage getroffene Opfer zu sein, fielen sie einander in die Arme. Inzwischen kehrte Fernand zurück, schenkte sich ein Glas Wasser ein, leerte es und setzte sich auf einen Stuhl. Da dieser zufällig unweit des Ortes stand, wo Mercedes in die Arme des Greises sank, rückte Fernand seinen Stuhl unwillkürlich zurück.

 

Er ist’s gewesen, sagte Caderousse, der den Katalonier nicht aus dem Gesichte verloren hatte, zu Danglars.

 

Ich glaube es nicht, erwiderte Danglars, er ist zu dumm dazu. In jedem Fall mag der Streich auf den zurückfallen, der ihn ausgeführt hat!

 

Du meinst nicht den, der den Rat gegeben hat?

 

Ah! meiner Treu, soll man für das verantwortlich sein, was man in die Luft spricht? rief Danglars.

 

Ja, wenn das, was man in die Luft spricht, gerade auf das gewünschte Ziel zurückfällt.

 

Während dieser Zeit stellten die andern Gäste allerlei Vermutungen über die Verhaftung auf, und einer von ihnen wandte sich auch an Danglars mit der Frage, was seine Meinung von der Sache sei.

 

Ich, versetzte Danglars, ich denke, daß er ein paar Ballen verbotene Waren mitgebracht hat.

 

Oh, nun erinnere ich mich, murmelte der arme Vater, sich an diese leere Vermutung anklammernd, er sagte mir gestern, er hätte für mich eine Kiste Kaffee und eine Kiste Tabak.

 

Seht, das ist es, sagte Danglars; die Zollbeamten werden in unserer Abwesenheit einen Besuch an Bord des Pharao gemacht und den verborgenen Honig entdeckt haben.

 

Mercedes wollte dies nicht glauben; ihr bisher zurückgepreßter Schmerz machte sich plötzlich in gewaltigem Schluchzen Luft.

 

Ruhig, ruhig! Hoffnung! sagte der Alte, ohne zu wissen, was er sprach. Hoffnung! wiederholte Danglars. Hoffnung! suchte Fernand zu murmeln, aber das Wort erstickte auf seinen Lippen.

 

Meine Herren, rief einer von den Gästen, der als Schildwache an den Fenstern geblieben war, meine Herren, ein Wagen. Es ist Herr Morel. Mut, Mut! Ohne Zweifel bringt er uns gute Nachricht.

 

Mercedes und der alte Vater liefen dem Reeder entgegen, dem sie an der Tür begegneten. Herr Morel war sehr bleich.

 

Nun? riefen sie gleichzeitig.

 

Meine Freunde, antwortete der Reeder, die Sache ist ernster, als wir dachten.

 

Oh, Gott, rief Mercedes, er ist unschuldig!

 

Ich glaube es, antwortete Herr Morel, aber man klagt ihn an, ein bonapartistischer Agent zu sein.

 

Wer die Geschichte jener Tage kennt, weiß, wie furchtbar damals eine solche Anklage war.

 

Mercedes stieß einen Schrei aus; der Greis sank auf einen Stuhl.

 

Oh! Du hast mich hintergangen, Danglars, murmelte Caderousse, und der Scherz ist ausgeführt worden; aber ich kann diesen Greis und dieses Mädchen nicht vor Schmerz sterben lassen, und ich werde ihnen alles sagen.

 

Schweig, Unglücklicher! rief Danglars, oder ich stehe nicht für dich selber; wer sagt dir, daß Dantes nicht wirklich schuldig ist? Das Schiff hat die Insel Elba berührt, er ist an das Land gestiegen und einen ganzen Tag in Porto Ferrajo geblieben; wenn man einen Brief bei ihm fände, der ihn kompromittierte, so müßten die, welche ihn unterstützt hätten, als seine Mitschuldigen gelten!

 

Mit dem raschen Instinkte der Selbstsucht begriff Caderousse, wie furchtbar und gefährlich diese versteckte Drohung war. Er schaute Danglars mit Augen voll Furcht und Schmerz an.

 

Gehen wir, ich kann hier nicht länger bleiben, sagte er.

 

Ja, komm, versetzte Danglars, froh, Caderousses Absicht vereitelt zu haben; komm, sie mögen sich herausziehen, wie sie können!

 

Sie entfernten sich und bald auch die übrigen Gäste. Fernand, der nun wieder die Stütze des jungen Mädchens geworden war, nahm Mercedes bei der Hand und führte sie zu den Kataloniern zurück. Dantes‘ Freunde geleiteten den halb ohnmächtigen Greis nach den Allées de Meillan. Bald verbreitete sich das Gerücht, Dantes sei als bonapartistischer Agent verhaftet worden, durch die ganze Stadt.

 

Hätten Sie das geglaubt, lieber Danglars? sagte Herr Morel, als er seinen Rechnungsführer und Caderousse einholte, denn er eilte selbst in die Stadt zurück, um von dem ihm bekannten Staatsanwalt, Herrn von Villefort, etwas über Edmond zu erfahren; hätten Sie das geglaubt?

 

Bei Gott! erwiderte Danglars, ich sagte Ihnen, Dantes sei ohne allen Grund auf der Insel Elba gelandet, und dieser Aufenthalt war mir verdächtig vorgekommen.

 

Haben Sie Ihren Verdacht irgend jemand außer mir mitgeteilt?

 

Ich hütete mich wohl, erwiderte Danglars ganz leise; Sie wissen, wegen Ihres Oheims, des Herrn Policar Morel, der unter dem andern gedient hat und aus seiner Gesinnung keinen Hehl macht, stehen Sie in Verdacht, Napoleon zu beklagen Ich mußte fürchten, Edmond zu schaden, und damit auch Ihnen; es gibt Dinge, die man seinem Reeder mitzuteilen und allen anderen zu verbergen verpflichtet ist.

 

Gut, Danglars, gut! sagte der Reeder; Sie sind ein braver Mann; auch habe ich an Sie gedacht für den Fall, daß dieser arme Dantes Kapitän des Pharao würde, ich fragte ihn, was er von Ihnen dächte, und ob es ihm widerstrebe, Sie an Ihrem Posten zu behalten, denn ich weiß nicht, ich glaubte, eine gewisse Kälte zwischen euch wahrzunehmen.

 

Und was hat er Ihnen geantwortet?

 

Er glaube wirklich unter Umständen, die er auch nannte, unrecht gegen Sie gehabt zu haben, aber jeder, der das Vertrauen des Reeders besitze, besitze auch das seinige.

 

Der Heuchler! murmelte Danglars.

 

Armer Dantes! sagte Caderousse, er ist offenbar ein vortrefflicher Junge.

 

Ja, aber mittlerweile ist der Pharao ohne Kapitän, versetzte Herr Morel.

 

Oh, da wir erst in drei Monaten abreisen, so läßt sich hoffen, daß Dantes dann wieder in Freiheit gesetzt sein wird, und bis dahin bin ich da, Herr Morel, antwortete Danglars. Sie wissen, daß ich die Führung eines Schiffes so gut verstehe, wie ein Kapitän, der nach den entferntesten Ländern Fahrten unternimmt, und wenn Edmond aus dem Gefängnis kommt, brauchen Sie niemand zu danken. Er nimmt seinen Platz wieder ein und ich den meinigen, und damit ist die ganze Sache abgemacht.

 

Ich danke, Danglars, damit ist wirklich alles geordnet, übernehmen Sie also das Kommando, ich bevollmächtige Sie dazu, und beaufsichtigen Sie das Löschen der Ladung! Welches Unglück auch dem einzelnen begegnen mag, die Geschäfte dürfen nie darunter leiden.

 

Seien Sie unbesorgt! Aber kann man ihn denn wenigstens sehen, den guten Edmond?

 

Ich werde Ihnen das bald sagen, Danglars; ich will versuchen, Herrn von Villefort zu sprechen und zu Gunsten des Gefangenen umzustimmen. Ich weiß wohl, daß er ein wütender Royalist ist; aber wenn auch Royalist und Staatsanwalt, ist er doch ein Mensch, und ich halte ihn nicht für bösartig.

 

Nein, aber ich hörte, er sei ehrgeizig, und das ist dem sehr ähnlich.

 

Nun, wir wollen sehen, sagte Herr Morel mit einem Seufzer; gehen Sie an Bord, ich komme zu Ihnen. Und er verließ die zwei Freunde, um den Weg nach dem Justizpalaste einzuschlagen.

 

Du siehst, welche Wendung die Sache nimmt, sagte Danglars zu Caderousse. Hast du noch Lust, Dantes zu unterstützen?

 

Gewiß nicht, aber es ist doch etwas Furchtbares, daß ein Scherz solche Folgen hat.

 

Der Teufel! Wer hat ihn gemacht? Weder du noch ich, sondern Fernand. Du weißt, daß ich das Papier in einen Winkel geworfen habe; ich glaubte sogar, ich hätte es zerrissen.

 

Nein, nein, erwiderte Caderousse.

 

Fernand wird es aufgehoben haben, sagte Danglars; er hat es wahrscheinlich kopieren lassen … vielleicht hat er sich nicht einmal diese Mühe genommen; wenn ich bedenke, mein Gott! … er hat am Ende meinen eigenen Brief abgeschickt. Zum Glück hatte ich meine Handschrift verstellt.

 

Ich gäbe viel, wenn dies nicht geschehen wäre, versetzte Caderousse, oder wenn ich wenigstens in keiner Beziehung dazu stände. Du wirst sehen, es bringt uns Unglück.

 

Wenn es einem Unglück bringen soll, so ist das der wahre Schuldige, und der ist Fernand, wir sind es nicht. Was soll uns widerfahren? Wir haben uns nur ruhig zu verhalten, von der ganzen Geschichte keinen Ton zu reden, und das Gewitter geht vorüber.

 

Amen, sagte Caderousse, machte Danglars ein Zeichen des Abschiedes und wandte sich nach den Allées de Meillan, wobei er jedoch beständig den Kopf schüttelte und mit sich selbst sprach, ganz von peinigenden Gedanken erfüllt.

 

Gut, sagte Danglars, die Sache nimmt die von mir vorhergesehene Wendung; ich bin fürs erste Kapitän, und wenn dieser Dummkopf von Caderousse schweigen kann, für immer Kapitän. Es kann also nur das eine dazwischen treten, daß das Gericht Dantes freiläßt. Doch, fügte er lächelnd hinzu, die Justiz ist die Justiz, und ich verlasse mich auf sie.

 

Hierauf sprang er in eine Barke und gab den Schiffern Befehl, ihn nach dem Pharao zu rudern.

 

Der Staatsanwalt.

 

Der Staatsanwalt.

 

In der Rue du Grand-Cours, in einem der alten aristokratischen Häuser, feierte man zu derselben Stunde ebenfalls ein Verlobungsmahl. Nur gehörten die Gäste nicht dem Volke, sondern der Spitze der Marseiller Bevölkerung an. Es waren ehemalige Beamte, die unter dem Usurpator Napoleon ihren Abschied genommen hatten, alte Offiziere, die aus den Reihen des französischen Heeres desertiert waren, um zu Condés Armee überzugehen; junge Leute aus hoher Familie, in dem Hasse gegen den Mann erzogen, der dem französischen Volke nach fünf Jahren der Verbannung als Märtyrer und nach fünfzehn Jahren der Restauration als Gott erscheinen sollte.

 

Man saß bei Tische, und das Gespräch war im Schwunge, glühend von allen den Leidenschaften der Zeit, von den Leidenschaften, die um so lebendiger und erbitterter im Süden brausten, als seit fünf Jahren der religiöse Haß den politischen unterstützte.

 

Der Kaiser, – Herr der Insel Elba, nachdem er der unumschränkte Beherrscher eines Weltalls gewesen war, eine Bevölkerung von fünf bis sechstausend Seelen regierend, nachdem er: Es lebe Napoleon! von hundert und zwanzig Millionen in zehn verschiedenen Sprachen hatte rufen hören, wurde hier als ein für immer abgetaner Emporkömmling hingestellt. Die Beamten enthüllten seine politischen Mißgriffe, die Offiziere sprachen von Moskau und Leipzig, die Frauen von seiner Scheidung von Josephine.

 

Ein mit dem Sankt-Ludwigskreuze geschmückter Mann erhob sich und schlug den Gästen die Gesundheit des Königs Ludwig XVIII. vor. Es war der Marquis von Saint-Meran. Bei diesem Toast entstand eine gewaltige Begeisterung. Die Gläser wurden emporgehoben, die Frauen machten ihre Sträuße los und streuten die Blumen über das Tischtuch.

 

Wenn sie da wären, sagte die Marquise von Saint-Meran, eine Frau mit trockenem Auge, dünnen Lippen, mit aristokratischer und trotz ihrer fünfzig Jahre noch zierlichen Haltung, alle diese Revolutionäre, die uns vertrieben haben, und die wir nun ganz ruhig in unseren alten Schlössern, die sie unter der Schreckensregierung für ein Stück Brot erkauft haben, Meutereien anzetteln lassen, sie müßten anerkennen, daß die wahre Ergebenheit auf unserer Seite war, denn wir hielten an der einstürzenden Monarchie fest, während sie die aufgehende Sonne begrüßten und ihr Glück machten, indem wir das unsere verloren; sie müßten anerkennen, daß unser König Ludwig der Vielgeliebte wirklich gut war, während ihr Usurpator nie etwas anderes gewesen ist, als Napoleon der Verfluchte, nicht wahr, Villefort?

 

Sie sagen, Frau Marquise? … verzeihen Sie, ich war nicht beim Gespräche …

 

Ah, lassen Sie die Kinder, Marquise, versetzte der Greis, der den Toast ausgebracht hatte; diese Kinder wollen sich heiraten und haben natürlich von etwas anderem miteinander zu sprechen, als von Politik.

 

Ich bitte um Vergebung, meine Mutter, sagte eine junge, hübsche Dame mit blonden Haaren und mit Samtaugen, ich gebe Ihnen Herrn von Villefort zurück, den ich für eine Minute in Anspruch genommen hatte. Herr von Villefort, meine Mutter spricht mit Ihnen.

 

Die Marquise begann, zärtlich lächelnd: Ich sage, Villefort, die Bonapartisten besitzen weder unsere Begeisterung, noch unsere Überzeugung, noch unsere Ergebenheit.

 

Ah! gnädige Fran, Sie haben wenigstens etwas, das alles dies ersetzt, es ist der Fanatismus. Napoleon ist der Mohammed des Westens, er ist für alle diese dem Volke entstammenden, aber ehrgeizigen Menschen nicht nur ein Gesetzgeber und Herr, sondern auch das Musterbild der Gleichheit.

 

Napoleon das Musterbild der Gleichheit, rief die Marquise, und was werden Sie dann aus Robespierre machen? Es scheint mir, Sie stehlen ihm seinen Platz, um ihn dem Korsen zu geben.

 

Nein, gnädige Frau, antwortete Villefort, ich lasse jeden auf seinem Piedestal, Robespierre auf seinem Schafott, Napoleon auf der Vendomesäule; nur hat der eine eine Gleichheit gemacht, die erniedrigt, der andere eine Gleichheit, die erhöht; der eine hat die Könige auf das Niveau der Guillotine, der andere hat das Volk auf das Niveau des Thrones erhoben. Damit will ich nicht sagen, fügte er lachend hinzu, es seien nicht alle beide heillose Empörer, und der 9. Thermidor und der 4. April 1814 seien nicht glückliche Tage für Frankreich und würdig, durch die Freunde der Ordnung und der Monarchie gleich festlich begangen zu werden; aber dies erklärt auch, warum Napoleon, obgleich gefallen, um, wie ich hoffe, nie mehr aufzustehen, seine Anhänger, seine Freunde behalten hat.

 

Wissen Sie, daß das, was Sie da sprechen, auf eine Meile nach Revolution riecht? Aber ich vergebe Ihnen. Man kann nicht der Sohn eines Girondisten sein, ohne einen Erdgeruch beizubehalten.

 

Eine lebhafte Röte bedeckte Villeforts Stirn.

 

Mein Vater war Girondist, sagte er, das ist wahr; aber mein Vater hat nicht für den Tod des Königs gestimmt. Mein Vater wurde geächtet von derselben Schreckensregierung, welche Sie ächtete, und es fehlte nicht viel, so hätte er sein Haupt auf dasselbe Blutgerüst legen müssen, welches das Haupt Ihres Vaters fallen sah.

 

Ja, sagte die Marquise, ohne daß diese blutige Erinnerung irgend eine Veränderung in ihren Gesichtszügen zur Folge hatte, nur mit dem Unterschiede, daß beide aus geradezu entgegengesetzten Gründen den Kopf verloren hätten. Zum Beweise mag dienen, daß meine ganze Familie den verbannten Prinzen anhänglich geblieben ist, während sich die Ihrige eiligst mit der neuen Regierung verband, und daß, nachdem der Bürger Noirtier Girondist gewesen war, der Graf Noirtier Senator geworden ist.

 

Meine Mutter, rief Renée, Sie wissen, daß es verabredet war, von diesen üblen Erinnerungen gar nicht mehr zu sprechen.

 

Gnädige Frau, versetzte Villefort, ich verbinde mich mit Fräulein von Saint-Meran, um Sie demütigst um Vergessenheit des Vergangenen zu bitten. Wozu soll es nützen, über Dinge zu klagen, vor denen selbst der Wille Gottes ohnmächtig ist? Gott kann die Zukunft verändern, aber die Vergangenheit nicht. Ich habe mich nicht nur von den Ansichten, sondern auch von dem Namen meines Vaters getrennt. Mein Vater war und ist vielleicht noch jetzt Bonapartist und heißt Noirtier; ich bin Royalist und heiße von Villefort.

 

Bravo, Villefort, sagte der Marquis, bravo, gut geantwortet! Ich habe auch der Marquise immer Vergessenheit des Vergangenen gepredigt, ohne es je von ihr erlangen zu können; Sie werden hoffentlich glücklicher sein.

 

Ja, es ist gut, sagte die Marquise, vergessen wir die Vergangenheit! Aber Villefort soll wenigstens für die Zukunft unbeugsam sein. Vergessen Sie nicht, Villefort, daß wir bei Sr. Majestät uns für Sie verantwortlich gemacht haben, daß Se. Majestät ebenfalls die Gnade hatte, auf unsere Empfehlung zu vergessen, – sie reichte ihm die Hand –, wie ich es auf Ihre Bitte tue. Nur bedenken Sie, wenn irgend ein Meuterer in Ihre Hände fällt, daß die Augen um so mehr auf Sie gerichtet sind, als man weiß, daß Sie einer Familie angehören, die vielleicht mit diesen Meuterern in Verbindung steht.

 

Ah, sagte Villefort, mein Amt und besonders die Zeit, in der wir leben, gebieten mir, streng zu sein, und ich werde es sein. Bereits hatte ich einige politische Anklagen zu erheben, und ich habe in dieser Beziehung meine Probe abgelegt.

 

Oh, Herr von Villefort, rief eine hübsche, junge Dame, die Tochter des Grafen von Salvieur und eine Freundin des Fräuleins von Saint-Meran, suchen Sie doch, solange wir in Marseille sind, einen schönen Prozeß zu bekommen. Ich habe nie ein Schwurgericht gesehen, und man sagt, es sei etwas Interessantes.

 

In der Tat, sehr interessant, mein Fräulein, erwiderte der junge Staatsanwalt, denn statt einer scheinbaren Tragödie findet man ein wirkliches Drama, statt gespielter Schmerzen wirkliche Schmerzen. Statt, wenn der Vorhang herabgelassen ist, nach Hause zu gehen, mit seiner Familie zu Nacht zu speisen und sich ruhig niederzulegen, um am anderen Tage wieder anzufangen, kehrt mancher in das Gefängnis zurück, wo er den Henker findet. Sie sehen, daß es für Personen, die Aufregungen suchen, kein Schauspiel gibt, das diesem gleichkommt. Seien Sie unbesorgt, mein Fräulein, wenn sich Gelegenheit zeigt, werde ich es Ihnen verschaffen.

 

Oh! mein Gott! rief Renée düster, sprechen Sie im Ernste, Herr von Villefort?

 

In vollem Ernste, mein Fräulein, erwiderte der Beamte lächelnd. Und durch die schönen Prozesse, die das Fräulein wünscht, um seine Neugierde zu befriedigen, und die ich wünsche, um meinen Ehrgeiz zu befriedigen, wird sich die Lage der Dinge einigermaßen zuspitzen. Glauben Sie, daß diese Soldaten Napoleons, gewohnt, blindlings dem Feinde entgegenzugehen, überlegen, wenn sie eine Patrone abbrennen oder mit dem Bajonette angreifen? Werden sie mehr zaudern, einen Mann zu töten, den sie für ihren persönlichen Feind halten, als einen Russen, einen Österreicher, einen Ungarn, den sie nie zuvor gesehen haben? Überdies muß das so sein, sonst hätte unser Handwerk keine Entschuldigung. Ich selbst, wenn ich in dem Auge des Angeschuldigten den leuchtenden Blitz der Rache zucken sehe, fühle mich ermutigt, begeistert; es ist nicht mehr ein Prozeß, es ist ein Kampf; ich fechte gegen ihn, er macht seine Stöße, ich mache meine Gegenstöße, und der Kampf endigt, wie alle Kämpfe, mit einem Sieg oder mit einer Niederlage. Denken Sie an das Gefühl des Stolzes, das einen von der Schuld des Angeklagten überzeugten Staatsanwalt erfaßt, wenn er den Schuldigen unter dem Gewichte der Beweise, unter den Blitzen der Beredsamkeit sich niederbeugen sieht. Dieser Kopf beugt sich, er wird fallen.

 

Renée stieß einen leichten Schrei aus.

 

Das letzte Mal, sagte einer von den Gästen, haben Sie Ihre Sache auch vortrefflich gemacht, Herr von Villefort. Sie wissen, den Mann, der seinen Vater ermordet hatte, haben Sie buchstäblich getötet, ehe ihn der Henker nur berührte.

 

Ah! für Vatermörder, das lasse ich mir gefallen, versetzte Renée, es gibt keine Strafe, die für solche Menschen groß genug wäre; aber für die unglücklichen politischen Angeklagten! Sie versprechen mir Nachsicht für die, welche ich Ihnen empfehlen werde, nicht wahr?

 

Seien Sie unbesorgt, erwiderte Herr von Villefort mit seinem reizenden Lächeln, wir setzen meine Anträge gemeinsam auf.

 

Meine Liebe, sagte die Marquise, kümmere dich um deine Vögel und um dein Hündchen, und laß deinen zukünftigen Gatten seine Geschäfte selbst abmachen.

 

Ich glaube, mir wäre es lieber, wenn Sie ein Arzt wären, sagte Renée; der Würgeengel, wenn er auch ein Engel ist, hat mich stets erschreckt.

 

Gute Renée! murmelte Villefort und schaute dabei das Mädchen mit liebevollen: Blicke an.

 

Meine Tochter, sagte der Marquis, Herr von Villefort wird der moralische und politische Arzt dieser Provinz werden; glaube mir, es ist ihm eine schöne Rolle übertragen.

 

In diesem Augenblick trat ein Kammerdiener ein und sagte Herrn von Villefort einige Worte ins Ohr. Dieser stand, sich entschuldigend, vom Tische auf und kam einige Minuten nachher mit heiterem Antlitz und lächelnden Lippen wieder zurück. Renée schaute ihn liebevoll an; mit seinen blauen Augen, mit seiner matten Gesichtsfarbe und seinem schwarzen Backenbarte war er ein wahrhaft zierlicher junger Mann. Die Seele des jungen Mädchens schien an seinen Lippen zu hängen und die Erklärung seines Verschwindens zu erwarten.

 

Nun, mein Fräulein, sagte Villefort, Sie wünschten soeben einen Arzt als Gatten zu besitzen. Ich habe mit den Schülern Äskulaps die Ähnlichkeit, daß mir nie die Gegenwart gehört, und daß man mich sogar an Ihrer Seite, sogar beim Verlobungsmahle, stört.

 

Und aus welcher Veranlassung stört man Sie? fragte das Mädchen mit einer leichten Unruhe.

 

Ach! wegen eines Kranken, der, wenn das wahr ist, was man mir sagt, in der höchsten Gefahr schwebt. Diesmal ist es ein schwerer Fall, und die Krankheit führt zum Schafott.

 

Oh, mein Gott! rief Renée erbleichend.

 

Wirklich? fragte einstimmig die ganze Versammlung.

 

Es scheint, man hat ein bonapartistisches Komplott entdeckt.

 

Ist es möglich? rief die Marquise.

 

Hier ist die Denunziation. Und Villefort las den Brief, den Danglars geschrieben, vor.

 

Dieser Brief, sagte Renée, ist ja nur anonym; auch hat man ihn doch an den Ersten Staatsanwalt gerichtet und nicht an Sie.

 

Ja, aber der Erste Staatsanwalt ist nicht hier; in seiner Abwesenheit gelangte das Schreiben an den Sekretär, der die Briefe zu öffnen beauftragt war. Er hat also diesen geöffnet, mich suchen lassen, und da er mich nicht fand, Befehl zur Verhaftung gegeben.

 

Der Schuldige ist verhaftet? fragte die Marquise.

 

Das heißt der Angeklagte, verbesserte Renée.

 

Ja, erwiderte Villefort, und wie ich soeben Fräulein Renée zu bemerken die Ehre hatte, … findet man den erwähnten Brief, so ist die Krankheit sehr gefährlich.

 

Gehen Sie, mein Freund, sagte der Marquis, versäumen Sie Ihre Pflichten nicht, um bei uns zu verweilen, wenn Sie der Dienst des Königs ruft.

 

Oh! Herr von Villefort, sagte Renée, die Hände faltend, seien Sie nachsichtig, es ist heute unser Verlobungstag.

 

Villefort ging um den Tisch und sagte, dem Stuhle des jungen Mädchens sich nähernd, auf dessen Lehne er sich stützte: Um Ihnen eine Unruhe zu ersparen, werde ich alles tun, was ich vermag; aber wenn die Beschuldigung wahr ist, so wird wohl nichts übrig bleiben, als dies schlimme bonapartistische Kraut abzuschneiden.

 

Renée bebte bei dem Worte abschneiden, denn das Kraut, um das es sich handelte, hatte einen Kopf.

 

Bah! bah! rief die Marquise, hören Sie nicht auf dieses junge Mädchen, Villefort!

 

Und die Marquise reichte Villefort die trockene Hand, die er küßte, während er Renée ansah und dieser mit den Augen sagte: Ihre Hand ist es, die ich küsse oder wenigstens in diesem Augenblicke zu küssen wünschte.

 

Traurige Auspizien, murmelte Renée.

 

In der Tat, sagte die Marquise, du bist zum Verzweifeln kindisch; ich frage dich: Wie kannst du die Empfindeleien deiner Einbildungskraft und deines Herzens auf Staatsangelegenheiten übertragen?

 

Oh, meine Mutter, murmelte Renée.

 

Gnade für die schlechten Royalisten, Frau Marquise, sagte von Villefort, ich verspreche Ihnen, meine Aufgabe als Vertreter des Ersten Staatsanwalts gewissenhaft zu erfüllen, das heißt furchtbar streng zu sein.

 

Aber während der Beamte diese Worte an die Marquise richtete, warf er zu gleicher Zeit verstohlen seiner Braut einen Blick zu, und dieser sagte: Sei unbesorgt, Renée, um deiner Liebe willen werde ich nachsichtig sein.

 

Renée erwiderte diesen Blick mit ihrem süßesten Lächeln, und Villefort entfernte sich mit dem Paradiese im Herzen.