Cherbury

Herbert von Cherbury (1581 – 1648)

Herbert von Cherbury ist als Vertreter des Deismus und insbesondere als Vertreter einer Vernunftreligion bekannt.


Comnena

Anna Comnena (1083 – 1148)

Die byzantinische Gelehrte Anna Comnena wurde am 1. Dezember 1083 geboren und war die Lieblingstochter des Kaisers Alexius I.

Bereits mit jungen Jahren wurde sie mit Constantine Doukas verlobt, der jedoch vor der Heirat starb. Sie heiratete dann den Adligen Nicephorus Bryennius.

Einige Zeit nahm sie intensiv an den Intrigen des byzantinischen Hofes teil, den sie aber später verließ, um sich der Literatur und der Philosophie zu widmen.

Nach dem Tod ihres Mannes 1137 zog sie sich in ein Kloster zurück. Anna Comnena’s Hauptwerk ist die in griechischer Sprache geschriebene Alexiade, eine aus 15 Büchern bestehende Geschichte der Regierung ihres Vaters mit dem Titel Annae Comnenae Alexiadis Libri.

Die Alexiade enthält neben historischen Darstellungen auch Informationen zu zeitgenössischen Philosophen.

So beschreibt sie im 5. Buch Johannes Italos, Schüler von Michael Psellos, der über Platon, Porphyrios, Iamblichos und Psellos schrieb, und Kommentare zu den Topics und De Interpretione von Aristoteles verfasste.

Ein Mitglied des Kreises um Anna Comnena war der neuplatonische Kommentator der Nikomachischen Ethik, Euratius aus Nicea, den sie in der Alexiade erwähnt, weil er Alexis mit seinen Argumenten gegen die Manchiäer aus Philoppopolis unterstützt haben soll.

Andere Mitglieder des Kreises waren Michael aus Italien, George und Demetrio Tornikes, Johannes von Venedig, und Irene und ihr Mann Bryennius. Eines der wichtigsten Mitglieder war Michael von Ephesus, ein Schüer des Psellos. Durch ihn wurden zwei aristotelische Werke, Bewegung und Progression der Tiere, im Abendland bekannt.

Anna Comnena hatte auch religiöse Interessen und unterstützte den christlichen Aristotelismus, der auch neuplatonische Züge hatte.

Sie forschte außerdem im Bereich der Medizin, leitete ein Krankenhaus in Konstantinople und schrieb ein Traktat über die Gicht.

Weblinks


Chisholm

Roderick M. Chisholm (geb. 1916)

Chisholm studierte u. a. bei Arthur E. Murphey, Charles A. Baylis, C. J. Ducasse, R. M. Blake, C. I. Lewis, Donald C. Williams und Quine.

Typisch für seine philsophische Arbeit ist es, zentrale Begriffe der Theorie mit möglichst wenigen Grundbegriffen explizit zu definieren. Die Adäquatheit der Definitionen wird durch Widerlegungsversuche anhand intuitiver Gegenbeispiele überprüft.

Chisholm ist Herausgeber von Werken Meinong’s und Brentano’s.

Alles was existiert, ist nach Chisholm ein Individuum, ein Attribut oder ein Zustand. Mengen, Klassen, Propositionen, mögliche Welten und Sachverhalte definiert Chisholm mit diesen Grundkategorien. Attribute sind notwendige Entitäten.

Chisholm’s Begriff der de-re-Notwendigkeit beruht auf dem Gedanken, dass einige Eigenschaften einer Entität x wesentliche Eigenschaften von x sind, d. h. x hat diese Eigenschaften notwendigerweise. So ist es eine wesentliche Eigenschaft einer Person, ein individuelles Ding zu sein.

Nach Chisholm ist es unmöglich, eine überzeugende Ontologie ohne intentionale Grundbegriffe zu entwickeln.

Ein Urteil zu fällen, eine bestimmte Empfindung zu haben und etwas zu beabsichtigen sind nach Chisholm Beispiele für intentionale Eigenschaften. Die Struktur intentionaler Eigenschaften kann nach Chisholm durch Reflexion auf eigene psychische Zustände und auf mentale Akte (d. h. eigene intentionale Eigenschaften) erfasst werden.

Chisholm vertritt eine personalistische Handlungstheorie. Nur Personen – oder allgemeiner denkende Subjekte können intentionale Eigenschaften haben, nicht aber Strukturen, abstrakte Systeme oder Prozesse. Funktionalistische Theorien des Mentalen lehnt er ab.

Die Vorstellung menschlicher Verantwortung ist weder mit einer deterministischen noch mit einer indeterministischen Grundauffassung des Handelns vereinbar. Eine Handlung muß als durch die handelnde Person und nicht als durch Ereignisse oder Dispositionen verursacht angesehen werden. Chisholm führt daher eine Personenkausalität (person causality) ein, die nicht auf Kausalbeziehungen zwischen Ereignissen (transeunte Verursachung) zurückführbar ist. Der Handelnde verursache – so diese Theorie – immanent bestimmte Ereignisse im Gehirn, die dann Körperbewegungen verursachen. Eine Person ist schon dann frei, den Versuch zu unternehmen, eine Handlung auszuführen oder zu unterlassen, wenn es für beides keine hinreichende Kausalbedingung gibt.

Auf Chisholm geht die Formulierung des Problems des Kriteriums zurück. Chisholm will das Problem lösen, indem er ähnlich wie Moore als ein fundamentales Prinzip annimmt, dass wir zumindest das wissen, von dem wir im common sense denken, dass wir es wissen.

Chisholm wendet sich gegen den epistemischen Holismus und betrachtet apriorisches Wissen als eine Quelle von Gewißheit. A-priori-Wissen beruht auf dem geistigen Erfassen von Eigenschaften. Es gibt Beziehungen zwischen Eigenschaften, die jeder einsieht, der versteht, was es heißt, die betreffende Eigenschaft zu haben. Alles was sich aus solchen Einsichten in notwendige Wahrheiten deduktiv ergibt, ist apriorisches Wissen. Die zweite Quelle von Gewißheit ist die Selbstzuschreibung selbstpräsentierender Eigenschaften.

Ein zentraler Begriff der Erkenntistheorie von Chisholm ist der des epistemisch Besseren. Das epistemische Bessere führt Chisholm auf das intrinsische Bessere zurück.

Nach Chisholm ist die Paradoxie von Chisholm, eine zentrale Paradoxie der deontischen Logik benannt.

Das Problem der objektiven Bezugnahme beantwortet Chisholm seit First Person (1981) unter Verwendung des Begriffes direkte Zuschreibung. Nach Chisholm ist die direkte Zuschreibung die primäre Form des Urteilens, auf die alle anderen Arten von Urteilen zurückzuführen.

Chisholm vertrat die These des Primats des Intentionalen.


Comte

Auguste Comte

Isidore Marie Auguste François Xavier Comte (* 19. Februar 1798 in Montpellier, †  5. September 1857 in Paris) war Mathematiker, Philosoph, Religionskritiker und einer der Begründer der Soziologie. Comte hat als erster den Begriff Soziologie geprägt.

Leben

Sein Vater war der Steuerbeamte Louis-Auguste-Xavier Comte, seine Mutter Félicité-Rosalie Comte. Nach dem Besuch der Schule in Montpellier studierte Auguste Comte an der École Polytechnique in Paris. 1816 kam es zu einer Studentenrevolte, die École schloss vorübergehend. Die Kursteilnehmer konnten eine Neuzulassung zu einem späteren Zeitpunkt beantragen. So musste Comte die École verlassen und setzte seine Studien an der medizinischen Schule in Montpellier fort. Als die École später wiedereröffnet wurde, versuchte Comte nicht, sich erneut einzuschreiben.

Bald zog er nach Paris, wo er seinen Lebensunterhalt durch Gelegenheitsarbeiten, u. a. als Privatlehrer für Mathematik bestritt. Als teilweiser Autodidakt war er sehr belesen, studierte weite Felder historischer und philosophischer Literatur, holte sich Anregungen bei so unterschiedlichen Autoren wie dem Turgot, Condorcet, Montesquieu, Hume, Immanuel Kant und Joseph de Maistre.

Er wurde Student, Freund und Sekretär des bedeutenden Industrie- und Sozialtheoretikers Graf Claude-Henri Comte de Saint-Simon, der seinen Schüler in intellektuelle Gesellschaft brachte. In Saint-Simons Zeitschriften publizierte Comte seine ersten journalistischen Arbeiten. 1824 verließ er Saint-Simon, wieder wegen nicht beizulegender Meinungsverschiedenheiten.

1822 veröffentlichte Comte die Schrift Plan de traveaux scientifiques nécessaires pour réorganiser la société als grundlegendes Werk der Philosophie des Positivismus. Ein Lehrstuhl blieb ihm „wegen der unmoralischen Falschheit seines mathematisierenden Materialismus“ versagt. Selbst eine bescheidene Stelle als Mathematik-Repetitor verlor er später wegen seiner strittigen Schriften. Sein Lebensunterhalt hing von Förderern und von finanzieller Hilfe seiner Freunde ab. In seiner Privatwohnung hielt er Vorträge, die auch von bekannten Wissenschaftlern seiner Zeit besucht wurden.

1826 erkrankte er und wurde in eine psychiatrische Heilanstalt eingewiesen, welche er jedoch wieder verließ, ohne kuriert worden zu sein. Im April 1827 misslang ihm ein Selbstmordversuch. Er heiratete Caroline Massin, eine ehemalige Prostituierte. 1842 wurde die Ehe geschieden.

Seit April 1826 bis zu seiner Scheidung veröffentlichte er sein Hauptwerk, die sechs Bände seiner Cours de philosophie positive, basierend auf seinen Vorlesungen als Privatgelehrter.

Von 1844 an verehrte Comte die Großbürgersgattin Clotilde de Vaux, ein Verhältnis, das platonisch blieb. Nach ihrem Tod 1846 wurde diese Liebe quasi-religiös und Comte sah sich als Gründer und Prophet einer neuen Religion der Menschlichkeit. Der ehemals vor allem den strengen Tatsachenwissenschaften anhängende Comte, rief praktisch eine neue Theokratie aus. Er veröffentlichte vier Ausgaben des Système de Politique des Positivs (1851 – 1854).

Lehre

Comte unterschied zwei Universalgesetze in allen Wissenschaften: Das Gesetz der drei Phasen (Drei-Stadien-Gesetz) (kindliche Religion, jungenhafte Metaphysik, männliche positive Wissenschaft) und das enzyklopädische Gesetz. Indem er diese Theoreme kombinierte, entwickelte Comte eine systematische und hierarchische Klassifikation aller Wissenschaften, einschließlich der anorganischen Physik (Astronomie, Geowissenschaft und Chemie), der organischen Physik (Biologie), vor allem jedoch der neuartigen sozialen Physik, die er später Soziologie genannt hat. Nach Comte schloss diese Wissenschaft auch proto-behaviouristische Psychologie und Ethik ein.

Comtes Ansatz barg durchaus Widersprüche: einerseits die Orientierung an harten Fakten und nachgewiesenen wissenschaftlichen Erkenntnissen (unwandelbare Naturgesetze), andererseits die Voraussetzung eines bald mystisch gefärbten Gemeinschaftsgeistes (esprit d’ensemble), der Zweifelsucht, egoistischen Individualismus und Liberalismus des vorangegangenen metaphysischen Zeitalters durch Altruismus ersetzen wollte.

Werke

  • Système de politique positive. (anonym publiziert, 1824)
  • Cours de philosophie positive. (6 Bände, bis 1842)
  • Traité élémentaire de géométrie analytique à deux et à trois dimensions. (1843)
  • Discours sur l’esprit positif. (1844)
  • Traité philosophique d’astronomie populaire, ou Exposition systématique de toutes les notions de philosophie astronomique qui doivent devenir universellement familières. (1844)
  • Discours sur l’ensemble du Positivisme, ou Exposition sommaire de la doctrine philosophique et sociale propre à la grande république occidentale composée de cinq populations avancées, française, italienne, germanique, britannique et espagnole. (1848)
  • République occidentale. Ordre et progrès. (1848)
  • Calendrier positiviste, ou Système général de commémoration publique destiné surtout à la transition finale de la grande république occidentale composée de cinq populations avancées, française, italienne, germanique, britannique et espagnole composée par Auguste Comte, et publié au nom de la Société positiviste. (1849)
  • Système de politique positive, ou Traité de sociologie, instituant la religion de l’humanité. (4 Bände,1851-1854)
  • Catéchisme positiviste, ou Sommaire exposition de la religion universelle, en onze entretiens systématiques entre une femme et un prêe;tre de l’humanité. (1852)
  • Appel aux conservateurs. (1855)
  • Lettres d’Auguste Comte à Monsieur Jacques-Pierre-Fanny Valat. 1815-1844. (1870)
  • Lettres d’Auguste Comte à John Stuart Mill. 1841-1846. (1877)
  • Opuscules de philosophie sociale. 1819-1828. (1883)
  • Testament d’Auguste Comte, avec les documents qui s’y rapportent: pièces justificatives, prières quotidiennes, confessions annuelles, correspondance avec Mme de Vaux, publié par ses exécuteurs testamentaires, conformément à ses dernières volontés. (Herausgegeben von Pierre Laffitte, 1884)
  • Lettres d’Auguste Comte, fondateur de la religion universelle et premier grand-prêe;tre de l’humanité, à Henry Edgar et à Monsieur John Metcalf. (Herausgegeben von Jorge Lagarrigue, 1889)
  • Lettres d’Auguste Comte à Henry Dix Hutton. (1890)
  • Lettres inédites de John Stuart Mill à Auguste Comte, publiées avec les réponses de Comte. (zusammen mit John Stuart Mill und einer Einführung von Lucien Lévy-Bruhl, 1899)
  • Lettres d’Auguste Comte à divers, publiées par ses exécuteurs testamentaires. (mehrere Bände, bis 1905)
  • Correspondance inédite d’Auguste Comte. (4 Bände, 1903-1904)
  • Lettres d’Auguste Comte au docteur Robinet, son médecin et l’un de ses exécuteurs testamentaires et à sa famille. (Herausgegeben von Émile Corra, 1926)
  • Lettres et fragments de lettres. (Herausgegeben von F. Germano Medeiros, 1926)
  • Lettres inédites à Célestine de Blignières. (Herausgegeben von Paul Arbousse-Bastide, 1932)
  • Nouvelles lettres inédites.
  • Le Prolétariat dans la société moderne. (Mit einer Einführung von Rudolfo Paula Lopes, 1946)
  • Œuvres d’Auguste Comte. (12 Bände, 1968-1971)
  • Écrits de jeunesse. 1816-1826. Suivis du Mémoire sur la cosmogonie de Laplace. 1835.
  • Plan des travaux scientifiques nécessaires pour réorganiser la société. (Herausgegeben und annotiert von Angèle Kremer-Marietti, 1970)
  • Sommaire appréciation de l’ensemble du passé moderne. (Herausgegeben und annotiert von Angèle Kremer-Marietti, 1971)
  • La Science sociale. (Herausgegeben und eingeleitet von Angèle Kremer-Marietti 1972)
  • Correspondance générale et confessions. (8 Bände, 1973-1990)

Literatur

  • Gerhard Wagner: Auguste Comte zur Einführung. Hamburg 2001


Chomsky

Noam Chomsky

Avram Noam Chomsky (* 7. Dezember 1928 in Philadelphia, Pennsylvania, USA) ist Professor für Linguistik am Massachusetts Institute of Technology (MIT).

Er entwickelte die nach ihm benannte Chomsky-Hierarchie, seine Beiträge zur allgemeinen Sprachwissenschaft förderten den Niedergang des Behaviorismus und den Aufstieg der Kognitionswissenschaft. Neben seiner linguistischen Arbeit gilt Chomsky als einer der bedeutendsten politischen Intellektuellen Nordamerikas und ist als scharfer Kritiker der US-amerikanischen Außenpolitik bekannt. Er ist ein Anhänger des Anarchosyndikalismus.

Leben

Chomsky wurde am 7. Dezember 1928 in Philadelphia (Pennsylvania, USA) als Sohn des jüdischen Gelehrten William Chomsky geboren. Im Jahr 1945 begann er, an der University of Pennsylvania Philosophie und Linguistik zu studieren. Zu seinen Lehrern zählten der Sprachwissenschaftler Zellig Harris und der Philosoph Nelson Goodman. Chomskys anarchistische Überzeugungen bildeten sich schon in den 1940er Jahren heraus. Von großer Bedeutung war dabei die Auseinandersetzung mit den anarchistischen Experimenten während des Spanischen Bürgerkriegs. Chomsky hatte in dieser Zeit auch Kontakte zu zionistischen Organisationen.

Anfang der 1950er Jahre studierte er einige Jahre an der Harvard University, bis er 1955 an der Universität von Pennsylvania in Linguistik promovierte. In seiner Doktorarbeit The Logical Structure of Linguistic Theory begann er bereits damit, einige der Ideen zu entwickeln, die er 1957 in seinem Buch Syntactic Structures, einem der bekanntesten Werke der Linguistik, ausarbeitete.

Nach der Verleihung der Doktorwürde lehrte Chomsky zunächst als Assistenzprofessor, seit 1961 als ordentlicher Professor für Linguistik und Philosophie am Massachusetts Institute of Technology. In den 1960er Jahren wurden seine revolutionären linguistischen Arbeiten weltweit anerkannt, seither gilt er als einer der wichtigsten Theoretiker auf diesem Gebiet.

In dieser Zeit begann Chomsky, sich in der Öffentlichkeit deutlicher politisch zu artikulieren. Seit 1964 protestierte er gegen das Eingreifen der USA in Vietnam. 1969 veröffentlichte er Amerika und die neuen Mandarine, eine Sammlung von Aufsätzen über den Vietnamkrieg. Ebenso deutlich bezog Chomsky Stellung gegen die US-amerikanische Politik in Kuba, Haiti, Ost-Timor, Nicaragua, im Palästinakonflikt und gegenüber den „Schurkenstaaten“ sowie zum Golf- und Kosovokrieg, zur Frage der Menschenrechte, zu Globalisierung und neoliberaler Weltordnung. Heute ist er, neben seiner weiter unbestrittenen Bedeutung für die Linguistik, zu einem der bedeutendsten Kritiker der US-Außenpolitik, der politischen Weltordnung und der Macht der Massenmedien geworden.

Sprachtheorie

Noam Chomsky hat die Darstellung natürlicher Sprachen formalisiert. Die Neuerung war, die einzelsprachlichen Ausdrücke mit Hilfe einer Metasprache rekursiv zu definieren. Die aus der Metasprache abgeleiteten Klassen von Grammatiken können in eine Hierarchie eingeteilt werden, die heute Chomsky-Hierarchie genannt wird. Seine Arbeit stellt einen wichtigen Meilenstein für die Linguistik dar.

Formale Sprachen und die Chomsky-Hierarchie spielen auch in der Informatik eine wichtige Rolle, insbesondere in der Komplexitätstheorie und im Compilerbau.

Zusammen mit den Arbeiten Alan Turings begründen sie einen eigenen Bereich in der Mathematik und machen strukturelle Bereiche und Formalismen natürlicher Sprachen einer mathematischen Betrachtung zugänglich, unter anderem mit dem Ergebnis, dass maschinelle Übersetzungen prinzipiell möglich sind.

Vielen Forschern innerhalb der Computerlinguistik gelten Chomskys Theorien, insbesondere die Generative Transformationsgrammatik und seine Government and Binding-Ansätze, allerdings seit ungefähr 1980 zwar als bedeutende Pionierleistung, jedoch als heute veraltet, insofern sie sich auf natürliche Sprachen beziehen – im Gegensatz zu Programmiersprachen und anderen formalen Sprachen, wo seine Formalismen weiterhin mit Gewinn verwendet werden können.

Chomskys erstes Buch Syntactic Structures ist ein gekürzter, umgearbeiteter Auszug aus seiner weit umfänglicheren Doktorarbeit Logical Structure of Linguistic Theory, in dem er die Transformationsgrammatik einführte. Die Theorie nimmt Äußerungen (Worte, Phrasen, Sätze) und setzt sie mit Oberflächenstrukturen in Zusammenhang, die selbst wieder mit abstrakteren Tiefenstrukturen korrespondieren. (Eine steife und klare Unterscheidung zwischen Oberflächen- und Tiefenstrukturen wird heute in gegenwärtigen Versionen der Theorie nicht mehr vorgenommen.) Umformungsregeln bestimmen zusammen mit den Regeln für die Struktur von Phrasen und anderen Strukturprinzipien sowohl die Erzeugung als auch die Interpretation von Äußerungen. Mit einem begrenzten Instrumentarium von grammatikalischen Regeln und einer endlichen Anzahl von Wörtern kann eine unbegrenzte Menge von Sätzen gebildet werden, darunter solche, die noch nie zuvor gesagt wurden. Die Fähigkeit, unsere Äußerungen auf diese Weise zu strukturieren, ist angeboren und somit ein Teil des genetischen Programms des Menschen. Dieses wird Universalgrammatik genannt. Wir sind uns dieser Strukturprinzipien im Allgemeinen genausowenig bewusst wie wir es uns der meisten unserer biologischen und kognitiven Eigenschaften sind.

Minimalistisches Programm

Chomskys Minimalist Program (MP) stellt seit Mitte der 1990er Jahre strenge Anforderungen an die Universalgrammatik. Grammatikalischen Prinzipien unterliegende Sprachen sind festgelegt und angeboren, der Unterschied zwischen den Weltsprachen kann durch das Setzen von Parametern im Gehirn charakterisiert werden, was oft mit Schaltern verglichen wird (beispielsweise der prodrop-Parameter, der anzeigt, ob ein explizites Subjekt wie im Englischen oder Deutschen immer benötigt wird -prodrop, oder es wie im Spanischen oder Italienischen auch wegfallen kann +prodrop). In Abhängigkeit von diesen Parametern weisen Sprachen grammatische Eigenschaften auf, die nicht mehr zusätzlich gelernt werden müssen. Ein Kind, das eine Sprache lernt, müsse nur die notwendigen lexikalischen Einheiten (Worte) und Morpheme erwerben und die Parameter auf passende Werte festlegen, was bereits anhand weniger Beispiele erfolgen könne.

Chomskys Herangehensweise ist durch mehrere Beobachtungen motiviert. Ihn erstaunte zunächst das Tempo, mit dem Kinder Sprachen lernen. Weiterhin stellte er fest, dass Kinder auf der ganzen Welt auf eine ähnliche Weise sprechen lernen. Schließlich bemerkte er, dass Kinder bestimmte typische Fehler machen, wenn sie ihre erste Sprache erlernen, wohingegen andere offensichtlich logische Fehler nicht auftreten.

Chomskys Ideen hatten einen starken Einfluss auf die Untersuchung des kindlichen Spracherwerbs. Die meisten in diesem Bereich arbeitenden Wissenschaftler lehnen Chomskys Theorien jedoch ab und bevorzugen Emergenz- oder Konnektionismustheorien, die auf allgemeinen Verarbeitungsmechanismen im Gehirn aufbauen. Letztlich bleiben aber praktisch alle linguistischen Theorien kontrovers, und so wird auch die Untersuchung des Spracherwerbs aus der Chomsky’schen Perspektive fortgeführt.

Generative Grammatik

Chomskys Herangehensweise an die Syntax, oft generative Grammatik genannt, wurde, obwohl sie sehr verbreitet ist, durch viele Forscher, in Frage gestellt. Chomskys syntaktische Analysen sind oft hochgradig abstrakt. Sie beruhen auf der sorgfältigen Untersuchung der Grenze zwischen grammatikalischen und ungrammatikalischen Mustern in konkreten Sprachen (vergleiche den so genannten pathologischen Fall, der in der Mathematik eine ähnlich bedeutende Rolle spielt). Derartige grammatische Entscheidungen können genau genommen jedoch nur durch Muttersprachler getroffen werden. Deshalb konzentrieren sich Linguisten meist auf die eigene Muttersprache beziehungsweise Sprachen, die sie fließend beherrschen, für gewöhnlich englisch, französisch, deutsch, holländisch, italienisch, japanisch oder eine der chinesischen Sprachen. Manchmal scheitert eine Analyse der generativen Grammatik, wenn sie auf eine Sprache angewandt wird, die zuvor nicht studiert wurde. Wenn neue Sprachen erforscht werden, führt dies meist zu zahlreichen Korrekturen am Konzept der generativen Grammatik. Die Anforderungen, die an sprachliche Universalien (Aussagen, die auf alle Sprachen zutreffen) gestellt werden, wurden im Lauf der Zeit stetig mehr.

Eine der Hauptmotivationen für eine alternative Auffassung, dem funktional-typologischen Verständnis oder der Sprachtypologie (die oft mit Joseph H. Greenberg in Verbindung gebracht wird), ist es, Hypothesen der sprachlichen Universalien auf dem Studium einer möglichst großen Vielfalt von Sprachen zu begründen, die entdeckten Variationen zu klassifizieren und Theorien zu formen, die auf dieser Klassifikation aufbauen. Chomskys Ansatz ist zu detailliert und zu sehr auf das Wissen von Muttersprachlern bezogen, um dieser Methode zu folgen, obschon sein Ansatz im Lauf der Zeit auf ein breites Spektrum von Sprachen Anwendung fand.

Chomsky-Hierarchie

Chomsky ist, unabhängig davon, inwieweit seine Ergebnisse Schlüssel zum Verständnis menschlicher Sprache darstellen, berühmt für seine Untersuchungen formaler Sprachen. Seine Chomsky-Hierarchie teilt die formale Grammatik in Klassen wachsender Ausdruckskraft. Jede folgende Klasse kann zu einem breiteren Satz formaler Sprachen als die vorhergehende führen. Interessanterweise vertritt er die Auffassung, dass die Beschreibung einiger Aspekte der Sprache eine im Sinne der Chomsky-Hierarchie komplexere formale Grammatik benötigen als die Beschreibung anderer Aspekte. Beispielsweise reiche eine reguläre Sprache aus, die englische Morphologie zu beschreiben, sei aber nicht stark genug, um auch die englische Syntax zu beschreiben. Die Chomsky-Hierarchie ist über ihre Bedeutung für die Linguistik hinaus zu einem wichtigen Element der theoretischen Informatik, speziell des Compilerbaus geworden, da sie über bedeutende Verbindungen und Isomorphismen mit der Automatentheorie verfügt.

Beiträge zur Psychologie

Chomskys Theorie einer Universalgrammatik war ein direkter Angriff auf die etablierten behavioristischen Theorien seiner Zeit und hatte erhebliche Auswirkungen auf das wissenschaftliche Verständnis des kindlichen Spracherwerbs und der menschlichen Fähigkeit zur Interpretation von Sprache.

1959 veröffentlichte Chomsky seine Kritik an B. F. Skinners Verbal Behaviour, einem Buch, in dem der führende Vertreter der in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vorherrschenden behavioristischen Psychologie behauptete, dass Sprache in erster Linie ein Verhalten (engl. behavior) sei. Dieses Verhalten, so Skinner weiter, könne wie jedes andere Verhalten – vom Schwanzwedeln eines Hundes bis zur Vorstellung eines Klaviervirtuosen – durch Belohnung geformt werden. Sprache wird nach Skinner vollständig über Vorbilder und über die Konditionierung durch die Umwelt erworben.

Chomskys Kritik an Skinners Methodik und seinen grundlegenden Annahmen bereitete den Weg für eine Revolution gegen die behavioristische Doktrin. In seinem Buch Cartesianische Linguistik von 1966 und anderen weiterführenden Arbeiten entwickelte Chomsky eine Erklärung der menschlichen Sprachfähigkeit, die auch für Untersuchungen in anderen Bereichen der Psychologie Modellcharakter entfaltete.< Der Geist ist nach Chomsky kognitiv. Das bedeutet, dass er tatsächlich mentale Zustände, Überzeugungen, Zweifel usw. enthält. Frühere Ansichten haben das mit dem Argument abgelehnt, dass es sich lediglich um Ursache-Wirkung-Beziehungen – beispielsweise der Art Wenn Du mich fragst, ob ich X will, werde ich Y sagen – handle. Im Widerspruch hierzu zeigte Chomsky, dass es besser sei, den Geist so zu verstehen, als ob man es mit Gegenständlichem wie Überzeugungen oder auch Unbewusstem zu tun hätte.

Zweitens behauptete er, dass ein Großteil dessen, was der erwachsene Geist könne, bereits angeboren sei. Es käme zwar kein Kind auf die Welt, das bereits eine Sprache spreche, aber alle werden mit der Fähigkeit zum Spracherwerb geboren, die es sogar gestatte, in wenigen Jahren gleich mehrere Sprachen geradezu aufzusaugen. Psychologen erweiterten diese These weit über das Feld der Sprache hinaus. Der Geist des Neugeborenen wird heute nicht mehr als unbeschriebenes Blatt betrachtet.

Schließlich entwickelte Chomsky aus dem Konzept der Modularität ein entscheidendes Merkmal der kognitiven Architektur des Geistes. Der Geist sei aus einer Ansammlung zusammenwirkender spezialisierter Subsysteme zusammengesetzt, die aber nur eingeschränkt miteinander kommunizierten. Diese Vorstellung unterscheidet sich stark von der alten Idee, dass jedes Stückchen Information im Geist durch jeden anderen kognitiven Prozess abgerufen werden könne. (Optische Täuschungen zum Beispiel lassen sich nicht abschalten, sogar dann nicht, wenn man wisse, dass es sich um Illusionen handle.)

Werke

  • Noam Chomsky: Syntactic Structures. Mouton, Den Haag 1957
  • Aspects of the Theory of Syntax, 1965
  • Noam Chomsky: Language and Mind Harcourt New York 1968; dt.: Sprache und Geist.
  • Rules and Representations, 1980, dt.: Regeln und Repräsentationen
  • Lectures on Government and Binding, 1981,
  • Knowledge of Language. Its Nature, Origin and Use, 1986
  • Language and Thought, 1993
  • The Minimalist Program, 1995
  • American power and the new mandarines. New York 1969; dt.: Amerika und die neuen Mandarine. Politische und zeitgeschichtliche Essays
  • „Human Rights“ and American foreign policy. 1978
  • Manufacturing Consent – The Political Economy of the Mass Media. New York 1988
  • Noam Chomsky: Profit over People – Neoliberalism and Global Order. Seven Stories New York 1998dt.: Profit over People – Neoliberalismus und globale Weltordnung.
  • Rogue States: The Rule of Force in World Affairs. South End Press, Cambridge 2000

Literatur

  • Robert F. Barsky: Noam Chomsky: A Life of Dissent. 1998, dt.: Noam Chomsky – Libertärer Querdenker.
  • Alison Edgley: „The social and political thought of Noam Chomsky“. Routledge, London 2001
  • Michael Haupt/Larissa MacFarquhar (Hrsg.): „Wer ist Noam Chomsky?“. Hamburg/Wien 2003
  • David Barsamian (Hrsg.): „Propaganda and the public mind – conversations with Noam Chomsky“. London 2001

Weblinks


Condill

Etienne Bonnot de Condillac (1715 – 1780)

Der französische Philosoph, Logiker und Geistliche ging von John Locke aus und entwickelt in seinen Arbeiten eine sensualistische Erkenntnistheorie.

In Traitée des systèmes (1749) unterscheidet Condillac Zeichen, die mit dem Gegenstand zufällig zusammenhängen, natürliche Zeichen und künstliche oder bedingte Zeichen (Sprache und Schrift).

Das Geheimnis der Erkenntnis besteht in der richtigen Anwendung dieser Zeichen.

Durch die Zerlegung komplizierter Begriffe in ihre einfachsten Elemente vermeidet man Irrtümer.

In Traité des sensations (1754) fügrt Condillac alle Funktionen der Seele (Gefühle, Wünsche, Willensakte) auf die ihnen zugrunde liegenden Empfindungen zurück. Die Empfindung selbst und die psychische Erfahrung wurden von ihm intellektualisiert. Der Verstand sieht mehr als das Auge, schreibt Condillac.

In den Arbeiten La logique ou les premiers dévelopments de l’art de penser (1780) und La langue des calculs (1798) geht Condillac von der These der Unteilbarkeit von Denken und Sprache aus und erklärt die Sprachentwicklung aus Handlungen. Durch Zergliederung er Handlung zum Zwecke der Mitteilung – und damit durch Zergliederung der Ideen, deren Zeichen diese Handlungen sind, wird die Sprache der Handlung zur analytischen Methode.

Wissen wird bei Condillac in seiner Logik als sicherer Schluss aus Vernunftgründen interpretiert, der mehr als nur Wahrscheinlichkeit hat.

Gabriel Bonnot de Mably ist Bruder von Condillac.


Chrysipp

Chrysippos (276 – 204 v. u. Z.)

Der griechische Philosoph und Logiker, in Soli (Kilikien) geboren und wahrscheinlich in Athen gestorben, ist einer der bedeutendsten Vertreter der Stoa.

Er systematisierte die stoische Lehre in Logik, Ethik und Physik und schuf zusammen mit Zenon von Kition eine Erkenntnistheorie, die von der Wahrnehmung ausgeht.

Begriffe fasste Chrysippos als Verallgemeinerung der in der Wahrnehmung enthaltenen Objekte auf.

In der Logik ging Chrysippos über Aristoteles hinaus, indem er klarer Objekt, Bedeutung und sprachliche Bezeichnung unterschied.

Chrysippos übernahm von Aristoteles nicht die Einteilung der Begriffe in Gattungs- und Artbegriffe. Während Aristoteles den Begriff über die nächsthöhere Gattung und den Artunterschied definierte, reduzierte Chrysippos die Definition auf die Aufzählung von Merkmalen des zu definierenden Gegenstandes.

Als Grundform des Urteil sah Chrysippos das bedingte Urteil an.

Chrsippos betonte besonders die zweckmäßige, auf den Menschen bezogene Einrichtung der Welt durch den Logos.

In der Ethik formulierte Chrysippos als erster das Ideal des stoischen Weisen, der in Freiheit von Affekten (Liebe, Haß, Lust, Furcht) im Einklang mit den zweckmäßen Weltgesetzen lebt.

Von Chrysippos stammt die Lehre von der periodischen Weltverbrennung und Welterneuerung durch die Gottheit.


Condorc

Marie Jean Antoine de Condorcet (1743 – 1794)

Marie Jean Antoine de Condorcet war ab 1762 in Paris wissenschaftlich tätig. Während der Revolution wurde er ins Gefängnis geworfen und starb dort durch Gift.

Nach Condorcet ist der menschliche Fortschritt festen (psychologischen) Gesetzen unterworfen. Die Vervollkommnungsfähigkeit des Menschen ist unbegrenzt.

In der französischen Revolution erblickt Condorcet die Realisierung der Idee einer Herrschaft der Vernunft. Er fordert eine sittliche Volksbildung, die Egoismus und Altruismus in das rechte Verhältnis setzt.

Cardano

Geronimo Cardano (1434 – 1517)

Der italienische Mathematikerr, Arzt und Philosoph Geronimo Cardano (lat.: Hieronymus Cardanus) studierte in Pavia und Padua.

Er wirkte zuerst als Arzt, zudem ab 1524 als Mathematiklehrer, von 1543 bis 1560 als Universitätsprofessor für Medizin in Pavia und von 1562 bis 1570 in Bologna.

Berühmt geworden ist er vor allem durch seine Arbeiten zur Algebra.

In der Philosophie vertrat Cardano eine hylozoistische, empedokleische, pythagoreische und pantheistische Position.

Als Determinist wollte er alles kausal begründen.

Die Dinge entstehen aus der passiven und qualitativ unbestimmten Urmaterie (Hyle) durch Hinzutreten der aktiven Weltseele. Die Weltseele ist Prinzip der Bewegtheit und Veränderung.

Durch die Weltseele ist alles belebt und von Sympathie sowie Antipathie durchzogen. Wärme und Licht sind die Erscheinungsformen der Weltseele. Gott hat sein Werk dem Gesetz der Zahlen unterworfen.

Im irdischen Bereicht existieren die Elemente Erde, Wasser und Luft. Das Feuer ist nicht voraussetzungslos, da es nicht ohne Nahrung auskommt.

Die Weltseele lässt die Metalle, Pflanzen und Tiere entstehen. Der Mensch unterscheidet sich von ihnen durch eine unsterbliche Seele, die ihm ermöglicht Gott zu erkennen.

Der Mensch ist zur Gemeinschaft geboren. Alle größeren Gemeinschaft bedürfen des Staates und strenger Gesetze. Staat und Gesetze sind von der Religion zu untermauern.

Da die Staatslehre und die Politik sich aus der Natur des Menschen ableiten lassen, lehnt Cardano Utopien ab.

Dem Volk muss die Wissenschaft vorenthalten werden. Die Wissenschaftler müssen frei forschen und denken dürfen.


Carnap

Rudolf Carnap

Rudolf Carnap (* 18. Mai 1891 in Ronsdorf bei Barmen, heute Wuppertal, † 14. September 1970 in Santa Monica, Kalifornien) war ein deutscher Philosoph und einer der Hauptvertreter des logischen Empirismus.

Für Carnap bestand die Aufgabe der Philosophie in der logischen Analyse der (Wissenschafts-)Sprache, wobei er als einer der ersten Theoretiker versuchte, die bahnbrechenden logischen Arbeiten von Gottlob Frege, Bertrand Russell und Alfred North Whitehead für erkenntnis- und wissenschaftstheoretische Fragestellungen nutzbar zu machen.

Leben

Nach Abschluss des Gymnasiums in Barmen studierte Carnap Mathematik, Physik und Philosophie in Jena (u. a. bei Gottlob Frege) und Freiburg. 1921 promovierte er mit der Arbeit Der Raum bei dem Neukantianer Bruno Bauch. 1926 folgte die Habilitation mit seinem ersten Hauptwerk Der logische Aufbau der Welt an der Wiener Universität, an der er anschließend bis 1931 als Privatdozent tätig war und als führendes Mitglied maßgeblichen Anteil an den Diskussionen des Wiener Kreises hatte. Von 1931 bis 1935 hatte Carnap eine außerordentliche Professur für Naturphilosophie an der Deutschen Universität in Prag inne. 1936 emigrierte er auf Vermittlung von Charles Morris und Quine in die USA, wo er zunächst an der University of Chicago unterrichtete. 1941 wurde er Staatsbürger der Vereinigten Staaten. Von 1952 bis 1954 war er Professor in Princeton, bevor er 1954 einem Ruf an die University of California in Los Angeles folgte, wo er bis zu seiner Emeritierung 1961 lehrte.

Werk

In seinem Werk Der logische Aufbau der Welt (1928) setzte Carnap sich für eine empiristische Rekonstruktion des wissenschaftlichen Wissens ein. Er versuchte dabei zu zeigen, dass sich alle Begriffe, die sich auf die physische Außenwelt, die mentalen Zustände Anderer oder auf kulturell-soziale Vorgänge beziehen, letztlich auf eine eigenpsychische Basis zurückführen lassen, d.h. auf Begriffe, die den jeweiligen subjektiven Erlebnisstrom eines Beobachters betreffen.

In Scheinprobleme in der Philosophie. Das Fremdpsychische und der Realismusstreit (1928) und dem Aufsatz Überwindung der Metaphysik durch logische Analyse der Sprache (1932) erhob er auf der Grundlage einer verifikationistischen Semantik den Vorwurf der Sinnlosigkeit gegen die traditionellen Probleme der Metaphysik. 1930 begründete er mit Hans Reichenbach die philosophische Zeitschrift Erkenntnis.

Unter dem Einfluss von Otto Neurath distanzierte sich Carnap in den frühen Dreißigerjahren zunehmend von der Idee eines Konstitutionssystems mit eigenpsychischer Basis und entwickelte u.a. in seinem Aufsatz Die physikalische Sprache als Universalsprache der Wissenschaft (1931) eine physikalistische Sprachauffassung, innerhalb derer nicht mehr eigenpsychische Phänomene, sondern intersubjektiv zugängliche physische Gegenstände die primären Bezugsobjekte sind.

In seinem Werk Logische Syntax der Sprache (1934) plädierte Carnap dafür, Philosophie durch Wissenschaftslogik – d. h. durch die logische Analyse der Wissenschaftssprache – zu ersetzen. Sein Werk Meaning and Necessity: A Study in Semantics and Modal Logic (1947) befasste sich mit den modallogischen Grundlagen der Sprachphilosophie. In der Philosophie des Geistes stand Carnap dem Behaviorismus nahe.

Carnaps besonderes Interesse galt dem Aufbau formaler Logiksysteme. Mit seinem Toleranzprinzip und dem Prinzip der Konventionalität der Sprachformen betonte er jedoch stets die Vielzahl alternativer Sprachkalküle. Bedeutsames leistete er auch im Bereich der Wahrscheinlichkeitstheorie. In seinem Werk Logical Foundations of Probability (1950) befasste er sich mit Fragen der induktiven Wahrscheinlichkeiten und unterschied zwischen statistischer und logischer Wahrscheinlichkeit.

Gegen Ende seines Schaffens anerkannte er auch, dass die philosophischen Grundfragen des Leib-Seele-Problems, des Universalienproblems und der Begründung einer Ethik eine eigenständige Berechtigung haben.

Werke

  • Der Raum. Ein Beitrag zur Wissenschaftslehre, Berlin 1922.
  • Physikalische Begriffsbildung, Karlsruhe 1926.
  • Scheinprobleme in der Philosophie. Das fremdpsychische und der Realismusstreit, Berlin-Schlachtensee 1928.
  • Der logische Aufbau der Welt, Berlin-Schlachtensee 1928.
  • Logische Syntax der Sprache, Wien 1934.
  • Meaning and Necessity: A Study in Semantics and Modal Logic Chicago 1947.
  • Induktive Logik und Wahrscheinlichkeit, Wien 1959.
  • Mein Weg in die Philosophie, Stuttgart 1993.

Online-Texte

Literatur

  • Thomas Mormann: Rudolf Carnap. Beck, München 2000
  • Lothar Krauth: Die Philosophie Carnaps. Wien/New York 1997

Weblinks