Siebentes Kapitel


Mann und Frau

Ein Händler, der an die Sitten Polynesiens gewöhnt ist, hat auf den Gilbertinseln umzulernen. Das Ridi ist nur ein spärliches Gewand. Noch vor dreißig Jahren gingen die Frauen nackt bis zur Hochzeit, innerhalb von zehn Jahren kam der Brauch ab, und diese Tatsachen vermitteln, besonders wenn man sie nur vom Hörensagen kennt, eine ganz falsche Vorstellung von den Sitten dieser Inselgruppe. Ein sehr kluger Missionar bezeichnete die Insel in ihrem früheren Zustand als »ein Paradies nackter Frauen« für die ansässigen Weißen. Jedenfalls war es ein platonisches Paradies, wo Lothario auf eigene Gefahr Abenteuer suchte. Seit 1860 haben vierzehn Weiße auf einer einzigen Insel aus demselben Grunde ihr Leben eingebüßt, alle wurden an Orten gefunden, wo sie keine Geschäfte hatten, und von einem erbosten Familienvater aufgespießt. Die Ziffer wurde von einem ihrer Zeitgenossen angegeben, der klüger gewesen und am Leben geblieben war. Die sonderbare Hartnäckigkeit dieser vierzehn Märtyrer sieht fast aus wie Monomanie oder eine ununterbrochene Folge romantischer Leidenschaften: Gin ist wahrscheinlich der eigentliche Hintergrund. Die armen Kerle saßen allein in ihren Häusern bei dem offenen Schnapskasten, sie tranken, ihr Verstand verwirrte sich, sie taumelten auf gut Glück zum nächsten Haus, und der Wurfspieß durchdrang ihre Leber. An Stelle eines Paradieses fand der Händler einen Archipel mit eifersüchtigen Gatten und tugendhaften Frauen. »Wenn man ihnen natürlich den Hof machen will, ist es wie überall sonst«, sagte ein Händler unschuldig, aber er und seine Begleiter taten es selten.

Man muß den Händler loben wegen eines Vorzugs: er ist oft ein liebevoller und treuer Gatte. Einige der schlimmsten Herumtreiber im Stillen Ozean, die Letzten der alten Schule, sind mir auf meinen Wegen begegnet, manche von ihnen waren von einem bewundernswerten Benehmen gegen ihre eingeborenen Frauen und einer ein verzweifelter Witwer. Die Stellung der Frau eines Händlers auf den Gilbertinseln ist übrigens außergewöhnlich beneidenswert. Sie teilt die Unverletzlichkeit ihres Gatten, die Abendglocke läutet in Butaritari vergeblich für sie. Lange nachdem das Geläute vorüber ist und die großen Damen der Insel für die Nacht in ihr Haus verwiesen sind, dürfen die privilegierten Freigelassenen noch durch die öden Straßen laufen und kichern oder im Dunkeln zum Bade gehen. Das ganze Warenlager ist zu ihrer Verfügung, sie gehen wie eine Königin gekleidet und schlemmen jeden Tag in Leckerbissen aus Konservenbüchsen. Sie, die vielleicht unter den Eingeborenen weder Achtung noch Stellung besaß, sitzt jetzt mit Kapitänen zusammen und wird an Bord der Schoner bewirtet. Fünf dieser privilegierten Damen waren zeitweise unsere Nachbarinnen. Vier davon waren hübsche, leichtfertige Mädel, verspielt wie Kinder und zum Schmollen geneigt wie Kinder. Sie trugen am Tage Kleider, aber neigten dazu, beim Dunkelwerden diese übernommenen Dinge abzustreifen und im angestammten Ridi auf dem Grundstück laut schreiend herumzutollen. Beständig spielten sie Karten, wobei Muscheln als Zahlpfennige dienten; man betrog sich fast immer untereinander, und das Ende einer Partie war, besonders wenn ein Mann mit dabei war, ein allgemeines Greifen nach den Muscheln. Die fünfte war eine Matrone. Es war ein malerischer Anblick, sie Sonntags zur Kirche segeln zu sehen, einen Schirm in der Hand, ein Kindermädchen folgend, das Baby in einem großen Hut vergraben, bewaffnet mit einer Patentmilchflasche. Der Gottesdienst wurde belebt durch ständiges Überwachen und Tadeln des Mädchens. Man konnte sich der Vorstellung nicht erwehren, daß das Baby eine Puppe und die Kirche ein europäisches Kinderzimmer sei. Alle diese Frauen waren gesetzlich verheiratet. Es ist wahr, daß die Heiratsurkunde der einen, die sie uns stolz zeigte, so lautete, daß sie »auf eine Nacht verheiratet« sei, und daß es ihrem lieblichen Partner freistehe, »sie zur Hölle zu schicken« am nächsten Morgen, aber sie war durch diesen feigen Trick weder besser noch schlechter daran. Eine andere war, wie ich hörte, auf einem meiner Bücher, in einer unberechtigten Nachdruckausgabe, verheiratet worden, es erfüllte den Zweck ebensogut wie die Bibel im Gerichtssaal. Trotz dieser Verlockungen der gesellschaftlichen Ausnahmestellung, der ausgezeichneten Kleidung, der verhältnismäßig vollkommenen Befreiung von Arbeit und einer regelrechten Eheschließung, die sogar Gesetzeskraft hatte, auch wenn sie über einer unberechtigten Buchausgabe geschlossen wurde, muß ein Händler oft lange suchen, bevor er sich verheiraten kann. Während ich mich auf der Inselgruppe aufhielt, ging einer schon acht Monate auf Freiersfüßen und war immer noch Junggeselle.

Innerhalb der reinen eingeborenen Gesellschaft waren die alten Gesetze und Gebräuche streng, aber nicht ohne den Stempel einer gewissen Großherzigkeit. Heimlicher Ehebruch wurde mit dem Tode bestraft, öffentliches Verlassen des Gatten dagegen vergleichsweise mit Recht als Tugend angesehen und ausgeglichen durch eine Beschlagnahme von Landbesitz. Der männliche Ehebrecher allein scheint bestraft worden zu sein. Die korrekte Haltung für einen eifersüchtigen Mann ist es, sich aufzuhängen, eine eifersüchtige Frau hat ein anderes Hilfsmittel: sie beißt ihre Rivalin. Vor zehn oder zwanzig Jahren war es ein mit der Todesstrafe bedrohtes Verbrechen, das Ridi einer Frau hochzuheben, noch heute ist es mit hoher Strafe an Besitz belegt, und das Bekleidungsstück selbst ist immer noch symbolisch heilig. Wenn in Butaritari ein Stück Land umstritten ist, so hat derjenige seinen Prozeß gewonnen, der zuerst ein Ridi am Tabupfosten aufhängt, da niemand außer ihm es berühren oder entfernen darf.

Das Ridi war das Kennzeichen nicht der Frau, sondern des Weibes, das Abzeichen nicht ihres Geschlechts, sondern ihrer Stellung. Es war das Halsband des Sklaven und das Fabrikzeichen von Waren. Die ehebrecherische Frau scheint man verschont zu haben: war der Gatte beleidigt, so würde es einen traurigen Trost bedeutet haben, seine Zugtiere zum Schlachthaus zu führen. Karaiti nennt seine acht Weiber bis auf den heutigen Tag »seine Pferde«, nachdem ihm ein Händler die Verwendung dieser Tiere auf dem Lande erklärt hat, und Nanteitei vermietete seine Weiber für Maurerarbeiten. Ehegatten, wenigstens diejenigen von hohem Rang, hatten Gewalt über Leben und Tod, selbst Weiße scheinen sie besessen zu haben, und ihre Weiber, die sich über die Grenze des Verzeihens hinaus vergangen hatten, beeilten sich, die Abbitteformel zu sprechen: » I Kana Kim.« Diese Wortfolge besitzt so große Kraft, daß ein verurteilter Verbrecher, der sie an einem bestimmten Tage vor dem König, seinem Richter, ausspricht, sofort freigelassen werden muß. Es ist ein Angebot der Demütigung, und merkwürdig genug ist das Gegenteil – eine Nachahmung – eine schwere Beleidigung in Großbritannien bis auf den heutigen Tag. Ich gebe eine Szene wieder zwischen einem Händler und seiner Frau, einer Gilbertinsulanerin, wie sie mir von dem Gatten, jetzt einem der ältesten Ansitzer, damals aber noch unerfahren, erzählt wurde.

»Geh und mache Feuer,« sagte der Händler, »und wenn ich Öl gebracht habe, werde ich Fische kochen.«

Die Frau grunzte ihn an nach Inselsitte.

»Ich bin kein Schwein, daß du mich angrunzen darfst«, sagte er.

»Ich weiß, daß du kein Schwein bist,« sagte die Frau, »aber ich bin auch nicht deine Sklavin.«

»Um sicher zu sein, daß du nicht meine Sklavin bist, und wenn es dir nicht paßt, bei mir zu bleiben, tust du besser, zu deiner Familie nach Hause zurückzukehren,« sagte er, »aber inzwischen geh und mache Feuer, und wenn ich Öl gebracht habe, will ich Fische kochen.«

Sie ging fort, scheinbar um zu gehorchen, und bald darauf, als der Händler sich umsah, hatte sie ein so gewaltiges Feuer entfacht, daß das Küchenhaus in Flammen aufging.

» I Kana Kim!« rief sie aus, als sie ihn herankommen sah, aber er beachtete es nicht und schlug sie mit einem Kochtopf. Der Fuß durchdrang ihren Schädel, Blut strömte heraus, man glaubte, sie sei tot, und die Eingeborenen umgaben in feindlicher Haltung das Haus. Ein anderer Weißer war anwesend, ein Mann von mehr Erfahrung. »Du wirst uns beide in den Tod bringen, wenn du so fortfährst,« rief er aus, »sie hatte gesagt ›I Kana Kim‹!« Wenn sie nicht » I Kana Kim« gesagt hätte, hätte er sie mit einem Kessel schlagen können; nicht der Schlag an sich war das Verbrechen, sondern die Mißachtung einer geheiligten Formel.

Polygamie, die besondere Unantastbarkeit der Frauen, ihre halb sklavische Stellung, ihre Absperrung im Harem des Königs, selbst ihr Vorrecht, beißen zu dürfen – alles das scheint eine mohammedanische Gesellschaftsordnung anzudeuten und die Ansicht, daß Frauen keine Seelen haben. Aber das ist durchaus nicht so, es hat nur den Anschein. Nachdem man diese eigenartigen Zustände in einem Hause kennengelernt hat, geht man zum nächsten und findet alles umgekehrt, die Frau ist Herrin, der Mann nur der erste ihrer Sklaven. Die Autorität liegt nicht beim Gatten als solchem oder bei der Frau als solcher, sie liegt beim Häuptling oder der Häuptlingsfrau, bei ihm oder ihr, je nachdem, wer die Ländereien der Sippe geerbt hat und Elternrechte der Sippe gegenüber vertritt, ihre Dienstleistungen entgegennimmt und ihre Abgaben bezahlt. Es gibt nur eine Quelle der Macht und einen Grund der Würde: Rang. Der König heiratete einen weiblichen Häuptling, und sie wurde seine Dienerin und mußte mit ihren Händen beim Pierbau von Messrs. Wightman arbeiten. Der König ließ sich von ihr scheiden, und sie gewann sofort ihre frühere Stellung und Macht zurück. Sie heiratete einen hawaiischen Seemann, und nun ist der Mann ihr Bedienter und kann jederzeit fortgejagt werden. Ja, diese niedriggeborenen Herren werden sogar körperlich bestraft und müssen wie erwachsene, aber gehorsame Kinder Züchtigungen hinnehmen.

Wir waren gute Freunde in einem solchen Haushalt, dem von Nei Takauti und Nan Tok‘. Ich nenne die Dame des Hauses notwendigerweise zuerst. Eine Woche lang war meine Frau in unserem Narrenparadies allein zum Seestrand der Inseln gegangen, um Muscheln zu suchen. Es ist mir heute klar, daß das leichtsinnig war, und sie bemerkte bald einen Mann und eine Frau, die sie beobachteten. Was immer sie tat, ihre Wächter hielten sie ständig im Auge, und wenn der Nachmittag sich neigte und sie glaubten, sie sei nun lange genug draußen, nahmen sie sie in ihre Obhut und befahlen ihr durch Zeichen und in gebrochenem Englisch, nach Hause zurückzukehren. Auf dem Wege zog die Dame eine Tonpfeife aus dem Ohrringloch, der Gatte zündete sie an und händigte sie meiner unglücklichen Frau aus, die nicht wußte, wie man dieser unbequemen Gunstbezeugung ausweichen konnte, und als sie alle bei unserem Hause angelangt waren, setzte sich das Paar neben sie auf den Boden und benutzte die Gelegenheit, um zu beten. Seit jenem Tage waren sie Freunde unserer Familie, brachten dreimal am Tage wunderschöne Inselkränze von weißen Blumen, besuchten uns jeden Abend und brachten uns oft zu ihrem eigenen Maniap‘, wobei das Weib meine Frau an der Hand führte wie ein Kind das andere.

Nan Tok‘, der Gatte, war jung, außergewöhnlich hübsch, von bewährter Gutmütigkeit und litt in seiner sonderbaren Stellung unter der Unterdrückung seiner Heiterkeit. Nei Takauti, die Frau, wurde schon alt, ihr erwachsener Sohn aus einer früheren Ehe hatte sich gerade vor den Augen der Mutter in Verzweiflung über eine wohlverdiente Rüge aufgehängt. Vielleicht war sie niemals schön gewesen, aber ihr Gesicht war charaktervoll, und ihre Augen hatten ein dunkles Feuer. Sie war ein hoher weiblicher Häuptling, aber für eine Person ihres Ranges ausnahmsweise klein, zart und sehnig, mit mageren kleinen Händen und hagerem Hals. Ihr großes Abendgewand war stets ein weißes Hemd, und als Schmuck trug sie grüne Blätter oder zuweilen weiße Blüten im Haar und in den großen Ohrringlöchern. Der Gatte sah im Gegensatz dazu wechselvoll aus wie ein Chamäleon. Schenkte meine Frau Nei Takauti irgendeine hübsche Sache – eine Perlenschnur, ein Band, ein Stück buntes Zeug –, so erschien es am nächsten Abend an der Person von Nan Tok‘. Es war klar, daß er eine Art Kleiderständer war, daß er Livree trug und in einem Wort die Frau seiner Frau war. Sie vertauschten die Rollen tatsächlich bis in die geringste Kleinigkeit, der Gatte zeigte sich als hilfsbereiter Engel in Krankheitsstunden, während die Frau Gefühls- und Herzlosigkeit spielte, wie man sie dem Manne nachsagt.

Wenn Nei Takauti Kopfschmerzen hatte, war Nan Tok‘ voll Aufmerksamkeit und Mitleid. Wenn der Gatte sich erkältet oder rasende Zahnschmerzen hatte, beachtete die Frau es nicht, wenn sie nicht spottete. Es ist immer die Aufgabe der Frau, die Pfeife zu füllen und anzuzünden: Nei Takauti gab die ihre schweigend dem angeheirateten Pagen, aber sie trug sie selbst, als ob der Page nicht ganz vertrauenswürdig sei. So verwahrte sie auch das Geld, aber er machte mit emsigem Eifer die Besorgungen. Eine Wolke auf ihrer Stirn verdunkelte sofort seine leuchtenden Blicke, und bei einem Morgenbesuch in dem Maniap‘ sah meine Frau, daß er Grund hatte, vorsichtig zu sein. Nan Tok‘ hatte einen Freund bei sich, einen unbesonnenen jungen Mann seines eigenen Alters und Geschlechts, und sie hatten sich gegenseitig zu lebhaftester Heiterkeit gesteigert, wobei man dann oft die Folgen nicht beachtet. Nei Takauti nannte ihren eigenen Namen, sofort hielt Nan Tok‘ zwei Finger hoch, sein Freund tat das gleiche, beide in höchster Verschlagenheit. Offenbar hatte die Dame zwei Namen, und soviel man aus dem lauten Lachen der beiden und der Zornesader auf der Stirn der Frau entnehmen konnte, hatte der zweite Name etwas Verfängliches. Der Gatte sprach ihn aus: sofort traf ihn eine wohlgezielte Kokosnuß von der Hand seines Weibes am Schädel, und die heiteren Stimmen der indiskreten jungen Leute verstummten für diesen Tag.

Die Bevölkerung von Ostpolynesien ist niemals in Verlegenheit, ihre Gesellschaftsformen sind alle festgelegt und umfassend, sie schreiben ihnen in allen Lebensumständen vor, was sie zu tun haben, und wie sie sich verhalten sollen. Die Gilbertiner sind offenbar freier und bezahlen diese Freiheit wie wir mit häufiger Verlegenheit. Das war auch der Fall bei diesem verdrehten Paar. Wir hatten ihnen einst bei einem Besuche eine Pfeife mit Tabak angeboten, und als sie genug hatten und Abschied nehmen wollten, fanden sie sich vor die Frage gestellt, ob sie den Rest des Tabaks mitnehmen oder zurücklassen sollten. Sie hoben den Block auf, legten ihn wieder zurück, reichten ihn sich untereinander zu und stritten sich, bis die Frau ganz verstört und der Gatte ganz alt aussah. Schließlich nahmen sie ihn mit, und ich wette, sie hatten das Grundstück noch nicht verlassen, als sie sich schon klar waren, das Falsche getan zu haben. Ein anderes Mal hatten wir sie recht ausgiebig mit einer großen Tasse Kaffee bewirtet, und Nan Tok‘ trank die seinige unter Schwierigkeiten und mit Unlustgefühlen aus. Nei Takauti nippte daran, sie mochte nicht mehr, glaubte offenbar, es sei ein Formfehler, die Tasse halb voll niederzusetzen, und befahl dem angeheirateten Knecht, den Rest auszutrinken. »Ich habe schon soviel getrunken, ich kann nicht mehr, es ist mir physisch unmöglich«, schien er zu sagen, aber sein strenger Vorgesetzter wiederholte mit heimlichen herrischen Zeichen den Befehl. Der unglückliche Kerl! Wir kamen ihm aus lauter Menschlichkeit zu Hilfe und nahmen die Tasse fort.

Ich kann über diesen komischen Haushalt nur lachen, aber ich erinnere mich der guten Leute mit Liebe und Hochachtung. Ihre Anhänglichkeit an uns war überraschend. Die Kränze stehen in hoher Achtung, die Blüten müssen in großer Entfernung gesammelt werden, und obgleich sie viele Diener hatten, die sie zu Hilfe rufen konnten, sahen wir sie oft selbst umherwandern, um Blüten zu sammeln, und die Frau beschäftigt, sie eigenhändig zu binden. Es war auch keine Herzlosigkeit, die Nei Takauti gegen die Leiden von Nan Tok‘ unempfindlich machte, sondern jene Gleichgültigkeit, die Männern oft eigen ist. Als meine Frau krank war, bewies sie sich als eifrige und liebenswürdige Pflegerin, und das Paar setzte sich im Krankenzimmer fest, was der Leidenden äußerst lästig war. Diese rauhe, tüchtige, herrschsüchtige alte Dame mit den wilden Augen hatte liebenswürdige und zärtliche Eigenschaften: sie schien den Stolz auf ihren jungen Gatten zu verbergen aus Furcht, ihn zu verwöhnen, und wenn sie von ihrem toten Sohn sprach, legte sich etwas wie Trauer auf ihr Gesicht. Aber ich glaube bei den Gilbertinern eine Männlichkeit des Empfindens und Gefühls festgestellt zu haben, die sie wie ihre harte und rauhe Sprache von ihren Brüdern auf den östlichen Inseln unterscheidet.

Zweites Kapitel


Unsere neuen Freunde

Das Hindernis des Sprachunterschiedes wurde besonders von mir überschätzt. Die polynesischen Dialekte lernt man leicht radebrechen, wenn es auch schwer ist, sie elegant zu sprechen. Sie sind einander äußerst ähnlich, so daß jemand, der eine Ahnung von einem oder zweien hat, die andern ziemlich hoffnungsvoll in Angriff nehmen darf.

Außerdem stehen Dolmetscher reichlich zur Verfügung. Missionare, Händler und herabgekommene Weiße, die von der Gastfreundschaft der Eingeborenen leben, findet man fast auf jeder Insel und in jedem Dorf; wo sie nicht zur Verfügung stehen, haben die Eingeborenen selbst oft einige Brocken Englisch aufgeschnappt und in der französischen Zone – wenn auch viel seltener – etwas Englisch-Französisch, oder sie verstehen hinreichend Pidginenglisch, das man im Westen » Beach-la-Mar« nennt. Es wird übrigens jetzt in den Schulen Von Hawaii gelehrt, und wegen der großen Anzahl englischer Schiffe und der Nähe der Vereinigten Staaten auf der einen Seite und der englischen Kolonien auf der andern kann man es die Sprache des Pazifischen Ozeans nennen, die es ziemlich sicher einst sein wird. Ich will einige Beispiele anführen. Ich traf in Majuro einen Jungen von den Marschallinseln, der ein ausgezeichnetes Englisch sprach; er hatte es bei einer deutschen Firma in Jaluit gelernt, ohne ein deutsches Wort zu kennen. Ich hörte von einem Gendarmen, der in Rapa-iti unterrichtet hatte, daß die Kinder nur schwer und widerwillig französisch lernten, während sie das Englische spielend und wie von ungefähr aufnahmen. Mein Freund Benjamin Hird fand zu seinem Erstaunen auf einer der entlegensten Atollen in der Karolinengruppe Jungens Kricket spielen und englisch sprechen, und auf englisch unterhielt sich die Mannschaft der »Janet Nicoll«, eine Anzahl Farbiger von verschiedenen melanesischen Inseln, mit anderen Eingeborenen während der ganzen Fahrt, auf englisch wurden die Befehle erteilt und manchmal Witze erzählt auf dem Vorderdeck. Aber wohl am meisten überraschte mich ein Wort, das ich auf der Veranda des Gerichtsgebäudes von Noumea hörte. Man hatte gerade über den Kindesmord einer affenähnlichen Eingeborenen verhandelt, und die Zuhörer erwarteten Zigaretten rauchend das Urteil. Eine besorgte, liebenswürdige Französin ereiferte sich für einen Freispruch, sie war dem Weinen nahe und erklärte, sie wolle die Gefangene als Kindermädchen zu sich nehmen. Die Zuhörer schrien auf bei dieser Zumutung und sagten, das Weib sei eine Wilde, sie spreche keine fremde Sprache. »Aber es ist doch bekannt,« entgegnete die weichherzige Schöne, »daß sie rasch Englisch lernen!«

Jedoch sprechen können zum Volk ist nicht alles. Im Anfang meiner Beziehungen zu Eingeborenen kamen mir zwei Umstände zustatten. Zunächst war ich der Wundermann der »Casco«. Das Schiff, seine feinen Linien, die hohen Masten und schneeweißen Decks, die roten Vorhänge des Speiseraums, das Weiß und Gold und die vielen Spiegel der zierlichen Kajüte brachten uns hunderte Besucher. Die Männer berechneten die Abmessungen mit den Armen, wie ihre Väter die Schiffe Cooks ausgemessen hatten, die Frauen erklärten die Kajüten für schöner als Kirchen, stattliche junonische Gestalten wurden nicht müde, sich in den Sesseln niederzulassen und ihre strahlenden Gesichter im Spiegel zu betrachten, und ich sah eine Dame ihr Gewand hochheben und unter Rufen der Bewunderung und des Entzückens ihre nackten Schenkel an den Samtkissen reiben. Zwieback, Marmelade und Sirup waren Leckerbissen, und das Photographiealbum wanderte wie in europäischen Salons von Hand zu Hand. Diese nüchterne Gemäldegalerie, die alltäglichen Kleider und Gesichter hatten sich während der dreiwöchigen Fahrt in wunderbare, köstliche und fremdartige Dinge verwandelt; fremde Antlitze und barbarische Gewänder wurden nun in der überfüllten Kajüte mit aufrichtiger Erregung und Überraschung angestaunt und betastet. Die Königin von England wurde oft erkannt, und ich sah französische Untertanen ihr Bild küssen; Hauptmann Speedy – in abessinischer Kriegstracht, die für eine Uniform des englischen Heeres gehalten wurde – fand viel Beifall, und das Bildnis des Herrn Andrew Lang erregte Bewunderung auf den Marquesas. Das ist der Platz, wohin er gehen sollte, wenn er Middlesex und Homer satt hat.

Doch vielleicht war es noch wichtiger, daß ich in meiner Jugend unser schottisches Volk im Hochland und auf den Inseln ein wenig kennengelernt hatte. Nicht viel mehr als ein Jahrhundert ist vergangen, seit es ähnliche Umwälzungen und Übergänge erlebt hat wie heute die Marquesaner. In beiden Fällen das Aufdrängen einer fremden Herrschaft, die Entwaffnung der Stämme, die Absetzung der Häuptlinge, die Einführung neuer Sitten und besonders der Gewohnheit, Geld als Existenzmittel und begehrenswert anzusehen. Das Zeitalter des Handels folgte in beiden Fällen unvermittelt einer Periode äußerer Kriege und innerer patriarchalischer Gemeinwirtschaft, hier wurde die liebgewordene Sitte des Tätowierens, dort die Landestracht verboten. In beiden Fällen wurde man des delikatesten Genußmittels beraubt: das Rind, im Schatten der Nacht von den Weiden des Flachlandes gestohlen, wurde dem fleischliebenden Hochländer, und das »Langschwein«, aus den Hütten des Nachbardorfes entführt, dem menschenfressenden Kanaken verwehrt. Murren, heimlicher Aufruhr, Furcht und Mißtrauen, Alarme und plötzliche Versammlungen der marquesanischen Häuptlinge erinnerten mich fortwährend an die Tage von Lovat und Struan. Gastfreundschaft, Takt, natürliche feine Sitten und Empfindlichkeit sind beiden Rassen gleich eigen: gemeinsam ist beiden Sprachen die Eigenart, Zwischenkonsonanten fortzulassen. Ich zähle einige polynesische Wörter auf:

Haus Liebe
Tahiti: Fare Aroha
Neuseeland: Whare
Samoa: Fale Talofa
Manihiki: Fale Aloha
Hawaii: Hale Aloha
Marquesas: Ha’e Kaoha

Die Ausstoßung der Zwischenkonsonanten, so bemerkenswert im marquesanischen Dialekt, ist im Gälischen und im schottischen Unterland ebenso häufig. Noch wunderbarer ist es, daß der vorherrschende polynesische Laut, der Hiatus, als Apostroph geschrieben, oft oder immer der Grabstein eines untergegangenen Konsonanten, bis auf den heutigen Tag in Schottland zu hören ist. Spricht der Schotte die Wörter water, better oder bottlewa’er, be’er oder bo’le –, so entspricht der Laut genau dem Hiatus, und ich glaube, man könnte weitergehen und behaupten: Würde ein solches Volk isoliert und der Sprachfehler zur Regel, so wäre das der erste Schritt zum Übergang vom t zum k, der Krankheit aller polynesischen Sprachen.

Das Bestreben der Polynesier ist aber ein Ausrottungskrieg gegen Konsonanten, wenigstens gegen den sehr häufigen Buchstaben l. Ein Hiatus ist angenehmer für jedes polynesische Ohr, selbst das Gehör des Fremden gewöhnt sich an diese barbarischen Lücken, aber nur im Marquesanischen findet man Namen wie Haaii und Paaaena, in denen jeder Vokal gesondert gesprochen werden muß.

Diese Ähnlichkeiten zwischen einem Südseevolk und einem Teil meiner eigenen Stammesbrüder in der Heimat beschäftigten mich viel und machten mich nicht nur geneigt, meine neuen Bekannten mit Wohlwollen zu betrachten, sondern änderten allmählich auch mein Urteil. Ein wohlerzogener Engländer kommt heute zu den Marquesanern und findet die Leute zu seiner Verblüffung tätowiert; ein wohlerzogener Italiener kam vor nicht allzu langer Zeit nach England und fand unsere Vorfahren mit gelbem Pflanzensaft beschmiert, und als ich einen Gegenbesuch machte als kleiner Junge, war ich höchst erstaunt über die Rückschrittlichkeit der Italiener: so unsicher und so abhängig von Zeit und Umständen ist die Überlegenheit einer Rasse. Auf diese Weise lernte ich den Umgang mit den Eingeborenen und empfehle sie allen Reisenden. Wollte ich Einzelheiten wilder Gebräuche und abergläubischer Handlungen erforschen, so blickte ich zurück auf die Gesichter meiner Vorfahren und suchte nach irgendeinem Anhaltspunkte für verwandte Züge der Barbarei: Michael Scott, Lord Derwentwaters Kopf, das zweite Gesicht: alles das waren starke Stücke; die Geschichte vom schwarzen Stier zu Stirling ließ mich die Sage von Rahero begreifen, und meine Kenntnis von den Cluny-Macphersons und den Appin-Stewarts half mir, einzudringen in das Verständnis der Tevas von Tahiti. Der Eingeborene schämte sich nicht mehr, das Gefühl der Vertraulichkeit wurde stärker, und seine Lippen öffneten sich. Dies Gefühl der Vertraulichkeit muß der Reisende wecken und nähren, sonst täte er besser, vom Bett zum Sofa zu reisen. Und die Anwesenheit eines echten Londoner Spötters ist oft Ursache, daß eine ganze Reisegesellschaft in nebelhafter Dunkelheit wandelt.

Das Dorf Anaho steht auf einem Streifen flachen Landes zwischen dem Westufer der Bucht und dem Fuß der hohen Berge. Ein Palmenhain mit ewig rauschenden grünen Fächern überstreut es wie zum Triumph mit fallenden Zweigen und beschattet es gleich einer Laube. Ein Weg läuft von einem Ende des Hains zum andern zwischen Blumenbeeten, den Kleiderläden der Allgemeinheit, und hier und dort, in angenehmem Zwielicht und einer von Wohlgerüchen aller Art geschwängerten Luft, stehen willkürlich verstreut die Häuser der Eingeborenen, noch in Hörweite der Riffbrandung. Dasselbe Wort bezeichnet, wie wir gesehen haben, in vielen Dialekten Polynesiens mit geringen Abweichungen die menschliche Behausung. Aber obgleich das Wort gleich ist, weichen die Bauarten ständig voneinander ab, und der Marquesaner wohnt am behaglichsten, wenn er auch der rückständigste und barbarischste aller Insulaner ist. Die Grashütten von Hawaii, die Vogelkäfighäuser von Tahiti oder der offene Verschlag des gebildeten Samoaners, mit den sonderbaren venetianischen Blenden – sie alle halten den Vergleich nicht aus mit dem paepaehae, der Wohnplattform der Marquesaner. Das paepae ist eine längliche Terrasse, gebaut aus schwarzem, vulkanischem Gestein ohne Zement, zwanzig bis fünfzig Fuß lang, vier bis acht Fuß über der Erde; eine breite Treppe führt hinauf. An der Rückseite erhebt sich die Wand des vorn offenen Hauses, das einer gedeckten Galerie gleicht und etwa halb so breit ist wie die Plattform. Das Innere ist manchmal hübsch und fast elegant in seiner Kahlheit, der Schlafraum ist abgeteilt durch eine Trennungswand, irgendein buntes Tuch hängt vielleicht an einem Nagel, eine Lampe und eine Mähmaschine sind die einzigen Anzeichen der Zivilisation. Draußen brennt an einem Ende der Terrasse das Herdfeuer unter einem Verschlag, am andern Ende ist manchmal ein Schweinestall. Der restliche Platz gehört der Abendruhe und ist der luftige Speisesaal aller Bewohner. Für manche Häuser wird das Wasser herbeigeschafft von den Bergen, in Bambusrohren, die durchlöchert sind, um es süß zu erhalten. Die Erinnerung an die schottischen Berge im Herzen, dachte ich schaudernd an die feuchten Höhlen aus Torf und Stein, in denen ich geweilt und mich unterhalten hatte – auf den Hebriden und den nördlichen Inseln. Zweierlei, glaube ich, erklärt die Gegensätze: in Schottland ist Holz selten, und das rauhe Material von Torf und Stein schließt jede Hoffnung auf Zierlichkeit aus; und in Schottland ist es kalt. Obdach und Wärme sind so notwendige Lebensbedingungen, daß der Mensch nicht weiterblickt; er ist den ganzen Tag beschäftigt, sich den kärglichsten Unterhalt zu beschaffen, und wenn er abends sagen kann: »Aha, es ist warm!«, wünscht er sich nichts mehr. Aber wenn schon, dann etwas Höheres: feiner Sinn für Poesie und Gesang in diesen rauhen Behausungen und eine Melodie wie die des schottischen Volksliedes » Lochaber no more« ist ein überzeugenderer und unvergänglicherer Beweis der Kultur als ein Palast.

Zu einer solchen Wohnplattform nimmt eine beträchtliche Anzahl von Verwandten und Angehörigen Zuflucht. In der Stunde der Dämmerung, wenn das Feuer flackert, der Duft kochender Brotfrucht die Luft erfüllt und vielleicht die Lampe schon zwischen Pfeilern und Haus glimmt, sieht man Männer, Frauen und Kinder schweigend sich zum Mahle versammeln. Hunde und Schweine drängen sich auf der Treppe, mißgünstig mit den Schwänzen wedelnd. Die Fremden vom Schiff waren bald gleicherweise willkommen: willkommen, ihre Finger in das hölzerne Geschirr zu tauchen, Kokosnüsse auszutrinken, an der herumwandernden Pfeife zu saugen und der hohen Debatte über die Missetaten der Franzosen, den Panamakanal, die geographische Lage von San Franzisko und New Yo’ko zu lauschen oder sich daran zu beteiligen. In einem Hochlanddorf, ganz abseits von Touristenwegen, habe ich dieselbe einfache und würdevolle Gastfreundschaft angetroffen.

Ich habe zwei Dinge erwähnt – das geschmacklose Benehmen unserer ersten Besucher und den Fall der Dame, die sich an den Kissen rieb –, die einen ganz falschen Eindruck von Marquesanersitten geben könnten. Die große Mehrzahl der Polynesier hat ausgezeichnete Manieren, aber die Marquesaner machen eine Ausnahme, sie sind lästig und reizend, wild, scheu und taktvoll zugleich. Macht man ihnen ein Geschenk, so geben sie vor, es zu vergessen, und man muß es ihnen beim Abschied nochmals anbieten: eine entzückende Art, die ich sonst nirgendwo fand. Eine Andeutung genügt, all und jeden zu verabschieden; sie sind erstaunlich stolz und bescheiden, während viele der liebenswürdigeren, aber aufdringlicheren Insulaner sich in Massen an den Fremden herandrängen und schwer zu vertreiben sind wie Fliegen. Eine Entgleisung oder Beleidigung scheint der Marquesaner niemals zu vergessen. Eines Tages unterhielt ich mich am Wegrande mit meinem Freunde Hoka, als ich seine Augen plötzlich aufflammen und seinen Körper sich straffen sah. Ein berittener Weißer kam aus den Bergen, und als er vorüberzog und Grüße mit mir austauschte, starrte Hoka immer noch vor sich hin und zitterte wie ein Kampfhahn. Es war ein Korse, der ihn vor Jahren ein cochon sauvage – coçon chauvage, wie Hoka es aussprach – genannt hatte. Es war kaum zu erwarten, daß unsere Gesellschaft von Greenhorns so fein empfindliche Leute nicht unabsichtlich beleidigen würde. Hoka fiel bei einem seiner Besuche plötzlich in brütendes Stillschweigen und verließ gleich darauf das Schiff unter kalten Höflichkeitsbezeigungen. Als ich wieder in seiner Gunst stand, beschwerte er sich geschickt und bestimmt über die Natur meines Vergehens: ich hatte ihn gebeten, mir Kokosnüsse zu verkaufen, und nach Hokas Ansicht soll ein Gentleman Nahrungsmittel verschenken, nicht verkaufen, wenigstens nicht an seinen Freund. Bei anderer Gelegenheit gab ich meiner Bootsmannschaft Schokolade und Zwieback zum Frühstück. Ich hatte mich dabei gegen irgendeinen Punkt der Etikette versündigt, habe aber nie erfahren inwiefern; man dankte mir trocken, aber ließ meine Geschenke am Strande liegen. Jedoch der schlimmste Fehler war unser Benehmen gegen Toma, Hokas Adoptivvater, der sich für den rechtmäßigen Häuptling von Anaho hielt. Zunächst machten wir ihm keinen Besuch, wie es vielleicht unsere Pflicht war, in seinem feinen und neuen europäischen Hause, dem einzigen im Dorf, und dann, als wir an Land gingen, um seinen Widersacher Taipi-Kikino aufzusuchen, sahen wir Toma am Ende des Strandes stehen, eine herrliche Mannesgestalt, herrlich tätowiert, und gerade Toma fragten wir: »Wo ist der Häuptling?« – »Welcher Häuptling?« rief Toma, und wandte den Gotteslästerern den Rücken. Er hat uns nie verziehen. Hoka besuchte und begleitete uns täglich, aber von allen Bewohnern des Landes, glaube ich, waren Toma und sein Weib die einzigen, die nie den Fuß an Bord der »Casco« setzten. Was es hieß, dieser Versuchung zu widerstehen, ist für einen Europäer schwer zu verstehen. Die fliegende Stadt von Laputa für vierzehn Tage in den Londoner St.-James-Park versetzt, ist nur ein schwacher Vergleich mit der vor Anoha ankernden »Casco«, denn der Londoner hat Abwechslung in seinen Vergnügungen, aber der Marquesaner wandert zum Grabe durch eine ununterbrochene Reihe gleichförmiger Tage.

Am Nachmittag vor unserer Abreise kam eine Gruppe Eingeborener an Bord, um Abschied zu nehmen: neun unserer besonderen Freunde, mit Geschenken beladen und festlich gekleidet. Hoka, der beste Tänzer und Sänger, der größte Dandy von Anaho, einer der hübschesten jungen Männer der ganzen Welt – trotzig, eitel, schauspielerhaft, beweglich wie eine Feder und stark wie ein Stier –, war bei dieser Gelegenheit kaum wiederzuerkennen, er saß bedrückt und schweigsam da, das Gesicht ernst und grau. Es war sonderbar, den Jungen so bewegt zu sehen; noch sonderbarer, in seinem Geschenk etwas ganz Außergewöhnliches wiederzuerkennen, was wir am ersten Tage zu kaufen uns geweigert hatten, und dabei zu wissen, daß unser Freund, festlich gekleidet und offensichtlich tief gerührt über den Abschied, einer von denen war, die uns bei unserer Ankunft belagert und beleidigt hatten. Am sonderbarsten aber war es vielleicht, festzustellen, daß dieser geschnitzte Fächergriff die letzte der Kuriositäten des ersten Tages war, die uns inzwischen restlos von den Besitzern geschenkt worden waren: ihre Haupthandelsartikel, mit deren Hilfe sie uns auszuplündern suchten, solange wir uns fremd gegenüberstanden, und die sie uns aufzwangen ohne Gegenleistung, sobald wir Freunde geworden. Der letzte Besuch wurde nicht lange ausgedehnt. Einer nach dem andern reichte uns die Hand und kletterte in sein Kanu. Während Hoka dem Schiffe sofort den Rücken drehte, so daß wir sein Gesicht nicht wiedersahen, blieb Taipi stehen und blickte uns unter weichen Abschiedsgesten an. Als Kapitän Otis die Flagge senkte, grüßte die ganze Gruppe mit ihren Hüten. Das war der Abschied, die Episode unseres Besuches in Anaho wurde als abgeschlossen betrachtet, und obgleich die »Casco« noch ungefähr vierzig Stunden vor Anker blieb, kehrte keiner an Bord zurück, und ich bin geneigt zu glauben, daß sie jedes Erscheinen am Strande vermieden. Diese Zurückhaltung und Würde ist der feinste Charakterzug der Marquesaner.

Erstes Kapitel


Der König von Apemama, ein königlicher Händler

Es gibt eine große Persönlichkeit auf den Gilbertinseln: Tembinok‘ von Apemama, einzigartig hervorragend, der Held aller Lieder, der Gegenstand des Geredes, überall auf allen anderen Inseln der Gruppe sind die Könige erschlagen oder in Abhängigkeit geraten: Tembinok‘ allein ist übriggeblieben, der letzte Tyrann, das letzte aufrechte Wahrzeichen einer toten Gesellschaft. Der weiße Mann ist überall sonst zu finden, er baut seine Häuser, trinkt seinen Gin und schlägt sich herum mit den schwachen Eingeborenenregierungen. Auf Apemama gibt es nur einen Weißen, und er wird nur geduldet, lebt fern vom Hof und ist vorsichtig bedacht auf alle seine Schritte wie eine Maus im Katzenohr. Über alle anderen Inseln ergießt sich ein Strom von eingeborenen Besuchern, die mit ihren Familien reisen und ganze Jahre auf der Fahrt sind. Nur Apemama lassen sie links liegen, denn der Wandersmann fürchtet sich, dem Zugriff von Tembinok‘ zu nahe zu kommen. Und die Furcht vor demselben Schreckgespenst verfolgt und quält sie auch daheim. Maiana zahlte ihm einst Tribut, er überfiel und beherrschte Nonuti: die ersten Schritte zur Errichtung eines Kaiserreiches im Archipel. Ein britisches Kriegsschiff eilte herbei und zwang den Eroberer, seine Beute herauszugeben, sein Siegeszug wurde ihm gleich zu Anfang verlegt, die teuer bezahlte Heeresrüstung versank in der Lagune seiner eigenen Insel. Aber er hatte Eindruck gemacht, die Furcht vor ihm erschreckte alle Inseln von Zeit zu Zeit, man raunte, daß er seine Kanus herrichte für einen neuen Überfall, man nennt sogar das Ziel, und Tembinok‘ ist der Held patriotischer Kriegslieder der Gilbertinseln wie Napoleon zu Zeiten unserer Großeltern.

Wir waren auf See, um von Mariki nach Nonuti und Tapituea zu fahren, als der Wind sich plötzlich drehte und auf Apemama zu stand. Der Kurs wurde sofort geändert, die ganze Mannschaft mußte das Schiff waschen, die Decks scheuern, die ganze Kabine und das Warenlager herrichten. Auf unserer ganzen Fahrt war die »Equator« nie so sauber wie jetzt für den Empfang von Tembinok‘. Auch handelte es sich nicht um eine Speziallaune von Kapitän Reid, denn ich stellte fest, daß ein anderer Schoner, der zufällig während meines Aufenthaltes in Apemama anlief, ebenfalls für diese Gelegenheit aufgeputzt war. Und diese beiden Fälle sind einzigartig in der Erfahrung, die ich mit Südseefrachtschiffen machte.

An Bord hatten wir eine Familie von eingeborenen Touristen, vom Großvater bis zum Säugling, die in langer Pechsträhne bisher vergeblich versucht hatten, ihre Heimatinsel Peru in der Gilbertgruppe wieder zu erreichen. Fünfmal hatten sie bereits das Fahrgeld bezahlt und waren an Bord gegangen, fünfmal waren sie enttäuscht und ohne Pfennig auf fremden Inseln ausgesetzt oder nach Butaritari, woher sie kamen, zurückgebracht worden. Dieser letzte Versuch stand unter keinem guten Stern, ihre Vorräte waren erschöpft, Peru zu erreichen war keine Hoffnung mehr, und sie hatten sich heiter damit abgefunden, eine neue Zeit der Verbannung auf Tapituea oder Nonuti zu verleben. Als sich der Wind drehte, änderte sich ihr Zufallsziel von neuem, und sie wechselten ihre Farbe und schlugen sich gegen die Brust, wie jener Lotse des »Calendar«, als die schwarzen Berge in Sicht kamen. Ihr Lager, das sie mittschiffs an Deck aufgeschlagen hatten, hallte wider von Klagen: man würde sie zur Arbeit zwingen, sie würden zu Sklaven gemacht werden, Entrinnen sei unmöglich, sie würden auf Apemama unter der Macht des Tyrannen leben, arbeiten und sterben müssen. Mit diesem Gerede setzten sie ihre Kinder in so große Furcht, daß ein großer, strammer Junge schließlich unter Geschrei vom Schoner gezerrt werden mußte. Ihre Befürchtungen waren gänzlich grundlos. Ich bezweifle nicht, daß ihnen nicht gestattet wurde, müßig zu sein, aber ich kann mich dafür verbürgen, daß sie freundlich und anständig behandelt wurden, denn ungefähr ein Jahr später fuhr ich wieder einmal als Passagier mit diesen ewigen Wandersleuten an Bord der »Janet Nicoll«. Die Überfahrt war von Tembinok‘ bezahlt worden; sie, die die »Equator« arm verlassen hatten, erschienen auf der »Janet Nicoll« in neuen Kleidern, beladen mit Matten und Geschenken und reichlich mit Nahrungsmitteln versehen, von denen sie wie Kampfhähne während der ganzen Reise zehrten; ich sah sie schließlich in ihre Heimat zurückkehren, und ich muß sagen, sie bedauerten mehr, Apemama verlassen zu müssen, als sie sich freuten, ihre Heimat wiederzufinden.

Wir fuhren hinein durch den Nordkanal am Sonntag, dem 1. September, zwischen Untiefen kreuzend. Es war ein Tag brennender Äquatorsonne, aber die Brise war stark und kühl, und der Steuermann, der den Schoner von der Querrahe aus lotste, kehrte fröstelnd an Deck zurück. Die Lagune hatte dichte, buntfarbige, kurze Wellen, das Donnern des Ozeans dröhnte von draußen ständig zum Ankerplatz herüber, und die langen schwanken Sicheln der Palmen rauschten und glänzten im Wind. Gegenüber unserem Ankerplatz erhob sich am Strande eine weiße längliche Korallenterrasse, sieben oder acht Fuß hoch, gekrönt von den zerstreut liegenden und verschiedenartigen Gebäuden des Palastes. Das Dorf schließt sich im Süden an, eine Gruppe Maniap’s mit hohen Dächern. Dorf und Palast schienen ausgestorben.

Aber wir hatten kaum angelegt, als in der Ferne hin und her laufende Gestalten erschienen, ein Boot ins Wasser gelassen wurde und ein paar Leute zu uns herausruderten, um die Leiter des Königs zu bringen. Tembinok‘ hatte einmal einen Unfall erlebt und sich seither immer gescheut, seine Person dem elenden Gerät der Südseehändler anzuvertrauen. Infolgedessen hatte er ein Holzgestell anfertigen lassen, das nach Ankunft eines Schiffes sofort an Bord gebracht wird und bis zur Abfahrt dort an der Flanke befestigt bleibt. Die Bootsmannschaft kehrte, nachdem sie das Gestell angebracht hatte, sofort wieder an Land zurück. Sie durfte nicht an Bord gehen, noch war es uns erlaubt, das Land zu betreten, ohne den König zu beleidigen, der persönlich seine Genehmigung erteilt. Es folgte nun eine Pause, während der auf den hohen Herrn mit dem Mittagessen gewartet wurde. Das Vorspiel mit der Leiter, das uns eine Ahnung von seiner gewaltigen Körperlichkeit und seinem klugen, erfinderischen Verstand gab, hatte unsere Neugier aufs höchste gereizt, und mit einer gewissen Erregung sahen wir plötzlich Strand und Terrasse sich mit Höflingen füllen, den König und seine Leute einsteigen und das Boot (eine Kriegsschiffsjolle) direkt vor dem Winde auf uns zufliegen. Der königliche Bootsführer landete geschickt längsseits, stieg die Leiter mit argwöhnischem Mißtrauen empor und betrat schwerfällig das Deck.

Vor nicht langer Zeit war er mit einer Fettschicht überwachsen, ließ sich selten in der Öffentlichkeit sehen und war sich selbst zur Last. Kapitäne, die die Inseln besuchten, rieten ihm, spazierenzugehen, und obgleich dadurch die Gewohnheiten eines ganzen Lebens und die Tradition seiner Stellung umgestoßen wurden, wandte er das Heilmittel mit Erfolg an. Seine Korpulenz ist jetzt tragbar, man konnte ihn eher kräftig als fett nennen, aber sein Gang ist noch immer schwerfällig, schwankend und wie der eines Elefanten. Er zögert oder hastet nicht, sondern geht seinen Geschäften mit unerschütterlicher Bedachtsamkeit nach. Wenn wir ihn sahen, machten seine außergewöhnliche, natürliche Begabung für die Bühne immer großen Eindruck auf uns: ein vorspringendes Profil wie das auf Dantes Totenmaske, ein Mähne von langem, schwarzem Haar, das Auge glänzend, herrisch und fragend: für gewisse Rollen und für jemand, der es zu verwenden wußte, war dieses Gesicht ein Vermögen. Seine Stimme paßte gut dazu, sie war schrill, gewaltig und unschön, mit einem Klang wie dem einer Seevogelstimme. Da es keine Modevorschriften gibt, niemand, der sie aufstellt, und wenige, die sie befolgen würden, wenn sie vorhanden wären, und jedenfalls keinen Kritiker, so kleidet er sich – wie Sir Charles Grandison lebte – »nach seinem eigenen Herzen«. Bald trägt er ein Frauenkleid, bald eine Marineuniform, und dann wiederum, und zwar öfter, erscheint er in einem Maskeradekostüm, das er selbst entworfen hat: Hosen und eine sonderbare Jacke mit kurzen Schößen, Schnitt und Sitz vorzüglich für Inselschneiderkunst geeignet, die Stoffe immer kleidsam, manchmal grüner Samt und dann wieder kardinalrote Seide. Dieses Maskeradekostüm steht ihm ausgezeichnet, ich sehe ihn vor mir, wie er in der grellen Sonne auf mich zuschreitet, einzigartig, eine Figur aus Hoffmanns Erzählungen.

Ein Besuch auf einem Schiff wie der, an dem wir jetzt teilnahmen, bildet den Hauptinhalt und bei weitem die hauptsächlichste Zerstreuung im Leben von Tembinok‘. Er ist nicht nur der alleinige Herrscher, sondern auch der alleinige Kaufmann in seinem dreifachen Königreich von Apemama, Aranuka und Kuria, gut bepflanzten Inseln. Der Taro geht an die Häuptlinge, die ihn nach ihrem Wohlgefallen unter ihren nächsten Anhängern verteilen, aber bestimmte Fische, die Schildkröten, die auf Kuria reichlich vorhanden sind, und das Gesamtprodukt der Kokospalmen gehören ausschließlich Tembinok‘. »Alle Kopra mir gehören«, bemerkte Se. Majestät mit einer großen Geste seiner Hand, und er zahlt und verkauft die Ware nach Häusern. »Habt Ihr Kopra, König?« hörte ich einen Händler fragen. »Ich haben zwei, drei Haus,« antwortete Se. Majestät, »ich glauben drei!« Darauf beruht die Bedeutung Apemamas, wo der Gesamthandel dreier Inseln in einer einzigen Hand vereint liegt, und aus diesem Grunde haben so viele Weiße vergebens versucht, dort Fuß zu fassen und ansässig zu werden. Eben darum schmückt man Schiffe aus und gibt den Köchen besondere Befehle, während die Kapitäne sich lächelnd in Reih‘ und Glied aufstellen, um den König zu begrüßen. Wenn er mit dem Willkommen und der Speisekarte zufrieden ist, verbringt er manchmal ganze Tage an Bord, und jeder Tag, manchmal auch jede Stunde, gereicht dem Schiff zum Vorteil. Er pendelt hin und her zwischen der Kabine, wo man ihm sonderbare Gerichte vorsetzt, und dem Warenlager, wo er die Freuden des Einkaufs in großem Stil genießt, wie es seiner Person entspricht; einige unterwürfige Diener lauern vor der Tür und erwarten seine leisesten Befehle. Im Boot, das man achteraus angelegt hat, liegen eine oder zwei seiner Frauen unter dem Schutz von Matten in der Sonne, das Fahrzeug schaukelt auf den kurzen Wellen der Lagune, und die Frauen erleiden Todesängste in der Hitze und Langeweile. Diese Strenge wird manchmal gemildert, und er erlaubt den Frauen, an Bord zu kommen. Drei oder vier erlangten diese Gunst am Tage unserer Ankunft: wohlbeleibte Damen, luftig bekleidet mit dem Ridi. Jede hatte ihren Anteil Kopra bei sich, ihr persönliches Eigentum, mit dem sie nach Belieben verfahren kann. Die Ausstellung im Warenlager – Hüte, Bänder, Kleider, Parfüms, Büchsen mit Lachs – Augenweide und Fleischeslust – berührten sie nicht im geringsten. Sie hatten nur einen Wunsch: Tabak, die Inselwährung, gleichbedeutend mit gemünztem Gold; sie kehrten mit ihm beladen frohlockend an Land zurück, und spät in der Nacht sahen wir sie auf der Königsterrasse sitzen und die Tabakstangen beim Lampenlicht unter freiem Himmel zählen.

Der König ist nicht so sparsam. Er ist begierig auf neue und fremdartige Dinge, Haus an Haus, Kiste über Kiste im Palastbezirk ist bereits vollgepackt mit Uhren, Spieldosen, blauen Brillen, Schirmen, Strickwesten, Stoffballen, Werkzeugen, Gewehren, Vogelflinten, Arzneimitteln, europäischen Nahrungsmitteln, Nähmaschinen und, was noch merkwürdiger ist, Öfen: alles, was jemals unter seine Augen kam, reizte seinen Appetit, gefiel ihm wegen seiner Brauchbarkeit oder setzte ihn wegen seiner offenbaren Unbrauchbarkeit in Erstaunen. Und noch immer ist diese Habgier unbefriedigt, er ist besessen von den sieben Teufeln des Sammlers. Hört er von irgendeiner Sache sprechen, so legt sich ein Schatten über sein Gesicht: »Ich glauben, ich es nicht haben«, pflegt er zu sagen, und alle Schätze die er besitzt, scheinen ihm wertlos im Vergleich dazu. Läuft ein Schiff Apemama an, so zergrübelt der Kaufmann sein Gehirn, um irgendeine Neuigkeit auszudenken. Er läßt sie scheinbar nachlässig in seiner Hauptkabine stehen oder versteckt sie halbwegs in seiner eigenen Koje, so daß der König sie selbst ausspionieren kann. »Wieviel du wollen?« fragt Tembinok‘, indem er vorübergeht und darauf zeigt. »Nein, König, das zu teuer«, antwortet der Händler. »Ich denke, ich es lieben«, sagt der König. Einmal war es ein Goldfischglas, bei einer anderen Gelegenheit war es parfümierte Seife. »Nein, König, das kosten zuviel,« sagte der Händler, »zu gut für einen Kanaka«. »Wieviel du haben? Ich nehmen ihn alle«, antwortete Seine Majestät und bekam siebzehn, jedes Stück Seife für zwei Dollar. Oder aber der Händler behauptet, der Gegenstand sei nicht zu verkaufen, er sei Privateigentum, ein Erbstück oder ein Geschenk, und dieser Trick hat immer Erfolg. Durchkreuzt man die Absichten des Königs, so hat man ihn fest in der Hand. Seine autokratische Natur bäumt sich gegen den Widerstand auf, er faßt ihn als Herausforderung auf, beißt die Zähne zusammen wie ein Jagdpferd vor einer Hürde, und ohne jedes Erregungszeichen, scheinbar ohne Interesse, bezahlt er törichterweise jeden Preis. So ergriff ihn, wohl damit wir für unsere Sünden bestraft würden, reges Interesse für das Toilettetäschchen meiner Frau, ein Ding ohne jeden Wert für den Mann und durch jahrelangen Gebrauch stark abgenutzt. An einem Vormittag kam er in der Frühe zu unserem Haus, setzte sich und erbot sich plötzlich, es zu kaufen. Ich sagte ihm, daß ich nichts verkaufe, und daß die Tasche außerdem das Geschenk eines Freundes sei, aber er war solche Vorwände von jeher gewohnt und wußte, was sie wert waren, und wie man ihnen begegnete. Er wandte also das an, was man, glaube ich, Anschauungsunterricht nennt, zog einen Beutel mit englischem Gold, Zwanzig- und Zehnmarkstücken, heraus und begann sie einzeln schweigend auf den Tisch zu legen, bei jedem neuen Stück unsere Gesichter mit einem Blick streifend. Vergebens sagte ich ihm immer wieder, daß ich kein Händler sei, er würdigte mich keiner Antwort. Schon lagen wohl zwanzig Pfunde auf dem Tisch, er ließ sich nicht stören, und unsere Verwirrung begann bereits in Zorn umzuschlagen, als ein glücklicher Gedanke uns zu Hilfe kam. Da Seine Majestät soviel von dem Täschchen hielte, sagten wir, möchten wir sie bitten, es als Geschenk anzunehmen. Das war die überraschendste Wendung in Tebinok’s Erinnerung, er begriff zu spät, daß seine Beharrlichkeit unhöflich sei, ließ den Kopf eine Weile schweigend hängen, hob ihn dann wieder, und nun sagte der Tyrann höchst einfältig dreinblickend: »Ich mich schämen.« Es war das erste und letztemal, daß er in unserer Gegenwart einen Fehler im Benehmen zugestand. Eine halbe Stunde später sandte er uns eine Kampferkiste, die nur einige Dollar wert war, aber der Himmel mag wissen, was Tembinok‘ dafür bezahlt hatte.

Da er von Natur schlau und durch vierzig Regierungsjahre gewitzigt ist, darf man nicht von ihm annehmen, daß er sich blindlings betrügen läßt oder sich widerstandslos zur Milchkuh der reisenden Händler herabgewürdigt hat. Er hat sogar heldenhafte Anstrengungen gemacht, er war Eigentümer von Schonern wie Nakaeia von Makin, und, glücklicher als Nakaeia, hat er sogar Kapitäne gefunden. Seine Schiffe fuhren bis zu den englischen Kolonien, er hat mit seiner eigenen Flotte direkt einen Neuseelandhandel betrieben. Aber selbst so und in diesen Gegenden behinderte ihn die über die ganze Welt verbreitete Unehrlichkeit des weißen Mannes, seine Gewinne schmolzen dahin, seine Schiffe kehrten verschuldet zurück, das Geld für die Versicherung wurde unterschlagen, und als die »Coronet« unterging, fand er zu seinem Erstaunen, daß er alles verloren hatte. Da senkte er die Waffen, war überzeugt, er könne ebenso aussichtsreich mit den Winden des Himmels kämpfen, und bot hinfort sein Fell wie ein erfahrenes Schaf den Scherern dar. Er ist der letzte in der Welt, der das Unabänderliche beklagt, er nimmt es mit zynischer Ruhe hin, verlangt von allen, mit denen er zu tun hat, nichts als eine gewisse anständige Selbstbeherrschung, handelt so gut er kann, und wenn er glaubt, daß er außergewöhnlich stark beschwindelt ist, schreibt er sich den Namen des Händlers ins Gedächtnis. Er ging einst eine Liste von Kapitänen und Superkargos mit mir durch, mit denen er Geschäfte gemacht hatte, und die er nach drei Stichworten gruppiert hatte: »Er betrügen ein wenig« – »Er betrügen viel« – und »Ich glauben, er betrügen zu viel«. Für die ersten beiden Klassen drückte er völlige Verzeihung aus und manchmal sogar, wenn auch nicht immer, für die dritte. Ich war anwesend, als ein gewisser Kaufmann mit seinen Waren abgewiesen wurde, und da ich seit der Geschichte mit dem Täschchen bedeutenden Einfluß hatte, konnte ich den Streit schlichten. Selbst am Tage unserer Ankunft hätte sich leicht ein Zwist mit Kapitän Reid ergeben können, dessen Ursache vielleicht wert ist, erzählt zu werden. Unter den Waren, die speziell für Tembinok‘ exportiert werden, befindet sich ein Getränk, das unter dem Namen Henessybrandy bekannt ist und so bezeichnet wird. Es ist weder Henessy noch Brandy, es hat ungefähr die Farbe von Sherry, ist aber kein Sherry, es schmeckt nach Kirsch und ist auch kein Kirsch. Jedenfalls hat der König sich an dieses staunenswerte Getränk gewöhnt und ist sogar auf seinen Geschmack stolz. Jeder Ersatz ist eine doppelte Beleidigung, denn er glaubt einerseits man wolle ihn betrügen und anderseits seinen guten Geschmack bezweifeln. Eine ähnliche Empfindlichkeit kann man bei allen »Kennern« beobachten. Nun befand sich in der letzten Kiste, die vom Kapitän der »Equator« verkauft wurde, ein anderes und nach meiner Meinung besseres Getränk, und die Unterhaltung wurde sehr finster für Kapitän Reid. Aber Tembinok‘ ist ein bescheidener Mann, man erinnerte ihn daran, daß alle Menschen irren können, auch er selbst gab es zu, erkannte an, daß ein freiwillig zugegebener Fehler verziehen werden müsse, und schloß die Debatte mit dem Vorschlag: »Wenn ich machen Fehler, ihr mir sagen; wenn ihr machen Fehler, ich euch sagen. Viel besser!«

Nachdem das Mittag- und Abendessen in der Kabine mit einem oder zwei Glas »Henetti« – das echte Getränk diesmal mit der Kirschblume – genossen war und Seine Majestät fünf Stunden am Warenraumschalter herumgelungert hatte, fuhr sie nach Haus. Nach dreimaligem Kreuzen geriet das Boot vor dem Palast auf Grund, die Frauen wurden auf dem Rücken der Vasallen an Land getragen, Tembinok‘ schritt über eine Plattform mit Geländer ähnlich der Laufplanke eines Dampfers und wurde schulterhoch durch das seichte Wasser getragen, den Strand hinauf und über eine abschüssige mit Kieseln bepflasterte Ebene hinauf zur funkelnden Terrasse, wo er wohnt.

Zweites Kapitel


Der König von Apemama: Die Gründung von Equatorstadt

Unsere erste Begegnung mit Tembinok‘ war für unsere ganze Reisegesellschaft eine Angelegenheit von Bedeutung, ja beinahe von großer Aufregung. Wir waren gekommen, um eine Gunst zu erlangen, wir mußten uns in angemessen höflicher Art nähern wie Bittsteller: entweder gefielen wir ihm, oder wir verfehlten den Hauptzweck unserer Reise. Es war unser Wunsch, auf Apemama zu landen und zu leben und den sonderbaren Charakter des Mannes und die sonderbaren oder vielmehr altertümlichen Zustände seiner Insel aus der Nähe zu sehen. Auf allen andern Inseln der Südsee kann ein weißer Mann mit seiner Kiste landen, ein Haus auf Lebzeiten errichten, wenn es ihm paßt, wenn er das Geld hat oder Handelsbeziehungen anknüpfen will; eine Behinderung ist unvorstellbar. Aber Apemama ist eine verschlossene Insel, sie liegt im Ozean mit verschlossenen Toren, der König steht wie ein Wachtoffizier an der Pforte, bereit, zudringliche Besuche zu mustern und zurückzuweisen. Daher der Reiz unseres Unterfangens: nicht nur war es ziemlich schwierig, sondern die soziale Abgeschlossenheit, die schon an sich merkwürdig ist, ließ viele andere Sonderbarkeiten bestehen bleiben.

Tembinok‘ ist wie die meisten Tyrannen konservativ, begrüßt wie viele Konservative lebhaft neue Ideen und neigt zu praktischen Reformen außer auf dem Gebiet der Politik. Als die Missionare erschienen und vorgaben, im Besitz der Wahrheit zu sein, nahm er sie willig auf, wohnte ihrem Gottesdienst bei, lernte selbst öffentlich vorbeten und setzte sich zu ihren Füßen als Wißbegieriger. Auf diese Weise hat er, indem er ähnliche vorübergehende Gelegenheiten benutzte, Lesen, Schreiben, Rechnen und sein sonderbares persönliches Englisch gelernt, das vom gewöhnlichen » Beach – la – Mar« so verschieden ist, viel dunkler, ausdrucksvoller und knapper. Als seine Erziehung fortschritt, fand er es an der Zeit, die neuen Einwohner kritisch zu betrachten. Wie Nakaeia von Makin ist er ein Anhänger des Stillschweigens auf der Insel, er behorcht das Land wie ein großes Ohr, Spione erstatten ihm täglich Bericht, und er hat es lieber, wenn seine Untertanen singen, als wenn sie sprechen. Der Gottesdienst und insbesondere die Predigt mußten also bald zu Verstößen werden. »Hier auf meine Insel ich sprechen«, sagte er einmal zu mir. »Meine Häuptlinge nicht sprechen – tun, was ich sagen.« Er blickte auf den Missionar, und was sah er? »Sehen Kanaka sprechen in großes Haus!« rief er mit starkem Sarkasmus. Aber er ertrug das verdächtige Schauspiel und würde es auch auf die Dauer ertragen haben, wenn sich nicht ein neuer Streitpunkt ergeben hätte. Er schaute wieder hin, um seinen eigenen Ausdruck zu gebrauchen, und der Kanaka sprach nun nicht mehr, sondern tat etwas weit Schlimmeres: er baute ein Koprahaus. Der König war in seinem Hauptinteresse berührt, seine Einnahmen und Vorrechte waren bedroht. Außerdem glaubte er, und viele sind mit ihm derselben Meinung, daß Handel und Missionsarbeiten nicht zu vereinigen sind. »Glauben, Missionar guter Mann sein wollen: sehr gut. Glauben, er an Kopra denken: nicht gut. Ich senden ihn fort Schiff.« Das war die kurze Geschichte des Evangelisten auf Apemama.

Ähnliche Deportationen sind häufig. »Ich senden ihn fort Schiff« ist die Grabrede für nicht wenige: Se. Majestät bezahlt die Überfahrt des Verbannten zum nächsten Anlegeplatz. Da er europäische Speisen leidenschaftlich liebt, hatte er verschiedene Male für seinen Haushalt weiße Köche angestellt, aber sie wurden alle nacheinander deportiert. Sie schwören ihrerseits, daß sie ihren Lohn nicht erhalten hätten, er andererseits, daß sie ihn über Gebühr beraubt und beschwindelt hätten; vielleicht ist beides richtig. Ein wichtigerer Fall war der eines Agenten, der von einer Kaufmannsfirma, wie man mir erzählte, hergeschickt worden war, um sich die Gunst des Königs zu erschleichen, wenn möglich Ministerpräsident zu werden und den Koprahandel zugunsten seiner Brotherren zu leiten. Er erhielt die Erlaubnis zu landen, ließ seine Reize spielen, Tembinok‘ hörte ihm andächtig zu, er glaubte schon auf dem besten Wege zum Erfolg zu sein, und doch! – als das nächste Schiff Apemama anlief, wurde der zukünftige Ministerpräsident in ein Boot gesteckt, seine Passage wurde an Bord bezahlt und dann: lebe wohl für immer. Aber warum weitere Beispiele anführen, jeder ist seines eigenen Glückes Schmied. Als wir nach Apemama kamen, war von allen Weißen, die sich einen Platz in diesem reichen Handelsgebiet sichern wollten, nur ein einziger übriggeblieben, ein schweigsamer, nüchterner, einsamer und geiziger Mensch, der zurückgezogen lebte, und von dem der König sagte: »Ich glauben, er gut, er nicht sprechen.«

Man warnte mich gleich zu Anfang, daß wir vielleicht unser Ziel nicht erreichen würden, ich ließ mir aber nie träumen, daß es so kommen würde, wie es kam, daß wir nämlich vierundzwanzig Stunden in Ungewißheit schweben sollten und tatsächlich beinahe endgültig zurückgewiesen worden wären. Kapitän Reid hatte sich gut vorbereitet, kaum war der König an Bord und die Henetti-Angelegenheit erledigt, als er meine Bitte vortrug und eine Darstellung meiner Wünsche und Vorzüge gab. Der Unsinn vom Sohn der Königin Viktoria war gut genug für Butaritari, hier verfing er nicht, und ich fungierte nun als »einer der Altmänner von England«, als Persönlichkeit von großen Kenntnissen, die gekommen sei, um in erster Linie Tembinok’s Reich zu besuchen, und willens sei, der ebenso wißbegierigen Königin Viktoria Bericht darüber zu erstatten. Der König gab nicht die geringste Antwort und leitete bald auf ein anderes Thema über. Man hätte glauben können, er habe es nicht gehört oder nicht verstanden, aber wir sahen uns bald einer ständigen Prüfung unterworfen. Während der Mahlzeiten nahm er uns einzeln vor und richtete auf jeden von uns ungefähr eine Minute lang denselben harten und gedankenvoll starrenden Blick. Während er uns so ansah, schien er sich selbst, den Gesprächsgegenstand und die Gesellschaft zu vergessen und ganz in Nachdenken versunken zu sein, sein Blick war völlig unpersönlich, ich habe ihn sonst wohl in den Augen von Porträtmalern gesehen. Die Gründe, derentwegen Weiße deportiert wurden, sind, hauptsächlich vier: Betrug an Tembinok‘, zuviel Beschäftigung mit dem Koprahandel, der die Quelle seiner Reichtümer und eine der Hauptstützen seiner Macht ist, »Sprechen« und politische Intrigen. Ich fühlte mich schuldlos in allen diesen Punkten, aber wie sollte ich es zeigen? Kopra hätte ich nicht einmal als Geschenk genommen, aber wie sollte ich diese Eigenschaft bei der Tafel deutlich machen? Die anderen Teilnehmer der Fahrt waren ebenso unschuldig und ebenso verlegen, sie teilten auch meinen Ärger, als Tembinok‘ nach zwei vollen Mahlzeiten und der freien Zeit eines Nachmittags, die er seiner Prüfung gewidmet hatte, schweigend Abschied nahm. Am nächsten Morgen wiederholte sich dasselbe undurchdringliche Studieren, dasselbe Schweigen, und der zweite Tag ging schon zur Neige, als mir endlich in knappster Form mitgeteilt wurde, daß ich die Prüfung bestanden habe. »Ich sehen Euer Auge: Ihr guter Mann. Ihr nicht lügen«, sagte der König: ein zweifelhaftes Kompliment für einen Romanschreiber. Später erklärte er mir, daß er nicht allein nach dem Auge, sondern auch nach dem Munde urteile. »Wenn ich sehen Mann,« erklärte er, »ich nicht wissen guter Mann, schlechter Mann. Ich sehen Auge, sehen Mund. Dann ich wissen. Sehen Auge, sehen Mund«, wiederholte er. Und tatsächlich hatte in unserem Fall der Mund das meiste damit zu tun, und durch unsere Gespräche erhielten wir die Erlaubnis, die Insel zu betreten, denn der König versprach sich selbst eine Fülle von nützlichen Erkenntnissen von unserem Besuch, und ich glaube, seine Annahme war nicht falsch.

Die Bedingungen, unter denen wir zugelassen wurden, waren die folgenden: Wir sollten einen Platz aussuchen, auf dem der König uns eine Stadt bauen wollte. Seine Untertanen sollten für uns arbeiten, aber nur der König durfte ihnen Befehle geben. Einer seiner Köche sollte täglich kommen, um den meinen zu helfen und von ihm zu lernen. Sollten unsere Vorräte zu Ende gehen, so wollte er uns versorgen, um bei der Rückkehr der »Equator« alles wiederzuerhalten. Andererseits durfte er die Mahlzeiten mit uns einnehmen, wenn es ihm paßte. Blieb er zu Haus, so mußten wir ihm die Gerichte unserer Tafel schicken. Ich mußte mich feierlich verpachten, seinen Untertanen keinen Alkohol oder Geld zu geben, was sie beides nicht besitzen dürfen, und keinen Tabak, den sie nur aus seiner königlichen Hand empfangen. Soviel ich mich erinnere, habe ich mich gegen die Härte dieser letzten Vorschrift gewehrt, jedenfalls wurde sie gemildert, und wenn ein Mann für mich arbeitete, durfte ich ihm eine Pfeife Tabak im Hause geben, aber er durfte nichts mitnehmen.

Das Land für die »Equatorstadt« – wir nannten die Stadt nach dem Schoner – war bald gewählt. Der Küstenstrich unmittelbar an der Lagune war windig und blendete; Tembinok‘ selbst ist froh, wenn er in blauen Brillen auf seiner Terrasse herumtappen kann, und wir mieden die Begleiterscheinungen der Bindehautentzündung, nämlich eiternde Augäpfel und Bettler, die alle Reisenden verfolgen und um Augenwasser angehen. Hinter der Stadt gewährt das Land einen verschiedenartigen Anblick, bald ist es offen, sandig, uneben und mit Zwergpalmen bestanden, bald von Tarofurchen durchzogen, tief oder flach, und hat je nach dem Wachstum der Pflanzen das Aussehen einer sandigen Gerberei oder eines von Alleen durchzogenen grünen Gartens. Ein Paßpfad führt zur See und steigt unvermittelt zur Hochfläche der Insel an – zwanzig oder sogar dreißig Fuß, obgleich Findlay nur fünf angibt. Ganz in der Nähe des höchsten Punktes, wo die Kokospalmen anfangen sich gut zu entwickeln, fanden wir einen Pandanushain und ein Geländestück, das mit grünem Unterholz angenehm bewachsen war. Eine Quelle war nicht weit entfernt unter einem ländlichen Schuppen, und noch näherbei fand sich in einer sandigen Vertiefung ein Teich, wo wir unsere Kleider waschen konnten. Der Platz war vor Wind und Sonne geschützt und vom Dorf aus nicht zu sehen. Wir zeigten ihn dem König, und die Stadt wurde für den morgigen Tag versprochen.

Der Morgen kam, Mr. Osbourne landete, fand nichts getan und beklagte sich bei Tembinok‘. Der König hörte ihn an, erhob sich, verlangte eine Winchesterbüchse, trat aus der Umzäunung des Palastes heraus und feuerte zwei Schüsse in die Luft. Ein Schuß in die Luft ist das stärkste Warnungssignal von Apemama, er hat die Gewalt einer Proklamation in gesprächigeren Ländern, und Se. Majestät bemerkte freundlich, daß er seine Arbeiter gleich auf die Beine bringen werde. In weniger als einer halben Stunde waren die Leute angetreten, die Arbeit wurde begonnen, und man sagte uns, wir möchten unser Gepäck bringen, wann es uns gefiele.

Das erste Boot wurde nicht vor zwei Uhr nachmittags auf den Strand gezogen, und dann begann die lange Prozession der Kisten, Kasten und Säcke durch die sandige Wüste nach Equatorstadt zu ziehen. Tatsächlich war der Pandanushain jetzt ein Stück der Vergangenheit, Feuer und Rauch drangen ringsum aus dem grünen Unterholz, in weitem Umkreis krachten noch die Äste. Der erste Gedanke des Königs war gewesen, gerade die Vorteile, derentwegen wir den Platz gewählt hatten, aus der Welt zu schaffen, und inmitten dieser Verwüstungen stand bereits ein ziemlich großer Maniap‘ und ein kleines geschlossenes Haus. Eine Matte für Tembinok‘ war in der Nähe ausgebreitet worden, er saß dort, um die Arbeit zu überwachen, in kardinalrotem Kleid, einen Tropenhut auf dem Kopfe, eine Meerschaumpfeife im Munde, ein Weib hinter ihm, das niederkauerte und Streichhölzer und Tabak bewachte. Zwanzig oder dreißig Fuß vor ihm hockte die Mehrzahl der Arbeiter am Boden; ein Teil des Busches stand hier noch, und die Leute saßen fast bis zu den Schultern darin und bildeten nur einen Kreis von braunen Gesichtern, schwarzen Schädeln und aufmerksamen Augen, die auf Se. Majestät gerichtet waren. Lange Pausen herrschten, während die Untertanen starrten und der König rauchte. Dann pflegte Tembinok‘ seine Stimme zu erheben und schrill und kurz zu rufen. Niemals erfolgte eine Antwort in Worten, aber wenn seine Rede witzig gewesen war, so ertönte unterwürfiges Lachen als vorsichtiges Echo, ein Lachen, wie man es wohl in Klassenzimmern hört; war sie aber ernst, so erhoben sich die Leute plötzlich und eilten davon. Zweimal verschwanden sie und kehrten mit weiterem Aufbaumaterial der Stadt zurück, einem zweiten Haus und einem zweiten Maniap‘. Einzigartig war der Anblick, als sich von der Ferne durch die Kokospalmen das Maniap‘ schweigend näherte, zuerst, wie es schien, selbständig in der Luft schwebend, aber bei näherem Zusehen erblickte man unter den Dachgiebeln viele Dutzend nackter Beine sich bewegen; bei alledem war der knechtische Gehorsam nicht weniger bemerkenswert als die knechtische Bedächtigkeit. Dieser Trupp hatte sich eingefunden auf den Ruf einer todbringenden Waffe, der Mann, der ihnen zusah, war unbeschränkter Herr ihres Lebens, aber abgesehen von ihrer Höflichkeit drückten sie sich ebensosehr von der Arbeit wie viele amerikanische Hotelbediente. Der Zuschauer bemerkte eine versteckte aber unbesiegbare Trägheit, angesichts derer der Kapitän unseres schmucken Seglers sich fast das Haar ausgerauft hätte.

Aber das Werk war vollendet, als die Dämmerung herabsank und Se. Majestät sich zurückzog, die Stadt war gegründet und fertig, ein moderner und rauher Amphion hatte sie mit drei Flintenschüssen aus dem Nichts hervorgezaubert. Und am nächsten Morgen überraschte uns derselbe Zauberer mit einem neuen Wunder: eine mystische Mauer umgab uns, so daß der Pfad, der an unseren Türen vorbeilief, plötzlich unwegsam geworden war, die Eingeborenen, die jenseits der Insel zu tun hatten, einen weiten Umweg machen mußten und wir in der Mitte saßen in durchsichtiger Abgeschlossenheit: wir sahen, wurden gesehen, aber waren unnahbar wie Bienen in einer gläsernen Wohnung. Das äußere und sichtbare Zeichen dieses Wunders waren nur ein paar zerzauste Kokosnußblättergirlanden zwischen den Stämmen der umstehenden Palmen, aber ihre Bedeutung beruhte auf der unantastbaren Furchtbarkeit des Tabu und den Gewehren Tembinok’s.

Wir nahmen an jenem Abend unsere erste Mahlzeit ein in der improvisierten Stadt, wo wir zwei Monate verweilen sollten, und die, sobald wir sie verließen, an einem Tage verschwinden würde, wie sie auftauchte. Das Baumaterial wird dorthin zurückkehren, woher es gekommen ist, das Tabu wird aufgehoben, der Verkehr auf dem Pfad wieder aufgenommen, Sonne und Mond werden vergeblich unter den Palmenzweigen nach dem früheren Werk suchen und der Wind über eine öde Stätte wehen. Aber der Ort, der jetzt nur noch in der Erinnerung einiger Menschen eine Rolle spielt, schien für die Dauer vieler Jahre gebaut zu sein. Es war ein lebhafter Platz. Einen der Maniap’s hatten wir zum Speisezimmer, den anderen zur Küche gemacht. Die Häuser wurden nur zum Schlafen benutzt. Sie waren nach dem ausgezeichneten Stil von Apemama erbaut, das bei weitem die besten Häuser in der Südsee hat. Drei Fuß über der Erde standen sie auf Pfosten, die Seitenwände bestanden aus geflochtenen Matten, die man hochheben konnte, um Licht und Luft hereinzulassen, oder senken, um Wind und Regen abzuwehren: luftig, gesund, sauber und wasserdicht. Wir hatten ein Huhn von bemerkenswerter Eigenart: beinahe einzigartig nach meiner Erfahrung, denn es war ein Huhn, das gelegentlich ein Ei legte. Nicht weit davon entfernt bewirtschaftete meine Frau einen Garten mit Salat und Schalotten. Der Salat wurde von der Henne verzehrt, für die er Gift war, die Schalotten wurden blattweise serviert und wie Pfirsiche willkommen geheißen und genossen. Palmwein und grüne Kokosnüsse wurden uns täglich gebracht. Einmal sandte uns der König Fisch zum Geschenk und einmal eine Schildkröte. Manchmal schossen wir sogenannte Regenpfeifer an der Küste oder Wildhühner im Busch. Der Rest unserer Speisetafel bestand aus Konserven.

Unsere Beschäftigung war sehr verschiedenartig. Während einige der Reisegenossen fortgingen, um zu zeichnen, brüteten Mr. Osbourne und ich über einem Roman. Wir lasen Gibbon und Carlyle laut vor, bliesen Flageolett, zupften Gitarre, photographierten beim Licht der Sonne, des Mondes und bei Blitzlicht und spielten manchmal Karten. Die Jagd nahm einen Teil unserer Zeit in Anspruch, ich selbst habe ganze Nachmittage verbracht bei aufregenden, aber harmlosen Vogeljagden mit dem Revolver, und es war ein Glück, daß wir auch bessere Schützen unter uns hatten, und daß uns der König eine geeignetere Waffe leihen konnte, sonst wäre unser Küchenzettel noch einförmiger gewesen.

Nachts mußte man unsere Stadt schauen, wenn der Mond hoch oben stand, wenn die Lampen brannten und das Feuer noch in der Küche flackerte. Wir litten unter einer Fliegen- und Moskitoplage, die man nur mit der ägyptischen vergleichen konnte. Unser Speisetisch, den uns der König wie alle Möbel geliehen hatte, mußte von einem geflochtenen Zelt umgeben werden, unsere Zitadelle und Zuflucht, und dieses ganze Zelt war von Licht erfüllt, es leuchtete hell unter den niedrigen Dachgiebeln wie die Hohlkugel einer riesigen Lampe unter dem Rande ihres Schirmes. Unsere Schlafkojen warfen sonderbar eckige Lichtreflexe, da die Seiten der Häuser sehr verschiedene Neigungswinkel hatten. In der gedeckten, aber offenen Küche sah man Ah Fu beim Licht der Lampe und des Feuers mit den Töpfen hantieren. Über allem lag zeitweise der wunderbare Glanz weichen Mondlichtes, der Sand sprühte, als sei er voll von Diamantsplittern, die Sterne waren verschwunden. Manchmal flatterte ein dunkler Nachtvogel leise und niedrig durch die Säulen der hohen Stämme und stieß einen rauhen, krächzenden Schrei aus.

Viertes Kapitel


Sitten und Sekten auf den Paumotus

Selbst der oberflächlichste Leser muß einen Wandel der Atmosphäre nach dem Verlassen der Marquesasinseln bemerkt haben. Das mit allerlei Gerätschaften angefüllte Haus, die herumwirtschaftende Hausfrau, die ihre Besitztümer zählt, der ernste ungelehrte Inselpastor, der zähe Kampf ums Leben in der Lagune: alles das sind Anzeichen einer anderen Welt. Ich las in einer Broschüre – den Namen des Verfassers will ich nicht nennen –, daß der Marquesaner ganz besonders dem Paumotuaner gleiche. Ich möchte die beiden Rassen, obgleich sie so nahe beieinander wohnen, als Extreme polynesischer Verschiedenartigkeit bezeichnen. Die Marquesaner sind ohne Zweifel die schönste menschliche Rasse und eine der größten, der Paumotuaner ist durchschnittlich einen guten Zoll kleiner und nicht einmal hübsch. Der Marquesianer ist freigebig, träge, ohne Gefühl für Religion und kindlich milde gegen sich selbst, der Paumotuaner ist habgierig, zäh, unternehmungslustig, religiös kritisch und besitzt Züge eines asketischen Charakters.

Noch vor einigen Jahren waren die Eingeborenen des Archipels verschlagene Wilde. Ihre Inseln möchte man Sireneninseln nennen, nicht nur wegen der Anziehung, die sie auf den vorüberfahrenden Seemann ausüben, sondern auch wegen der Gefahren, die ihn an Land erwarten. Selbst heute noch lauert Unheil auf gewissen abseits liegenden Inseln, und der zivilisierte Paumotuaner fürchtet sich an Land zu gehen und zögert, sich mit seinem rückständigen Bruder einzulassen. Aber, diese Inseln ausgenommen, lebt die Gefahr heute nur in der Erinnerung. Als unsere Generation noch in der Kinderstube war, bildete sie eine lebendige Tatsache. Zwischen 1830 und 1840 war es z.B. sehr gefährlich, sich Hao zu nähern, wo Schiffe geentert und die Besatzungen gefangengenommen wurden. Noch 1856 segelte der Schoner »Sarah Ann« von Papeete ab und wurde nie wieder gesehen. Es waren Frauen und Kinder an Bord, die Frau des Kapitäns, ein Kindermädchen, ein Säugling und die beiden Söhne des Kapitäns Steven, die sich auf der Fahrt zum Festlande befanden, um die Schule zu besuchen. Man vermutete, daß alle in einem Wirbelsturm umgekommen seien. Ein Jahr später sah der Kapitän der »Julia«, als er an der Küste einer Insel, die abwechselnd Bligh, Lagoon und Tematangi genannt wird, bewaffnete Eingeborene, die in mannigfarbige Stoffe gekleidet waren, den Kurs seines Schoners verfolgen. Sofort erhob sich Argwohn, die Mutter der verlorenen Kinder stellte genügend Geld zur Verfügung, und nachdem eine Expedition den Ort verödet vorgefunden hatte und zurückgekehrt war nach Abfeuerung einiger Schüsse, rüstete sie selbst eine zweite aus und begleitete sie. Niemand erschien, um sie willkommen zu heißen oder ihnen Widerstand zu leisten; sie streiften eine Weile zwischen verlassenen Hütten und menschenleeren Büschen umher, bildeten dann zwei Abteilungen und machten sich auf den Weg, um den Pandanusdschungel von einem Ende der Insel zum anderen abzusuchen. Ein Mann allein blieb am Landungsplatz, Teina, ein Häuptling von Anna und Führer der bewaffneten Eingeborenen, die den Hauptteil der Expedition bildeten. Als nun seine Kameraden nach allen Seiten davongegangen waren, um ihre schwierigen Erkundungen anzustellen, senkte sich eine tiefe Stille herab, und diese Stille war das Verderben der Inselbewohner. Der Laut fallender Steine drang ans Ohr Teinas. Er sah sich um, da er glaubte, eine Krabbe wahrzunehmen, und erblickte statt dessen die braune Hand eines Manschen, die sich aus einer Bodenspalte hervorstreckte. Ein Schrei rief die Fahndungsabteilungen zurück und verkündete den unter der Erde steckenden Feiglingen den Untergang. In der Höhle fand man sechzehn Gestalten, die zwischen menschlichen Knochen und einzigartigen und grauenhaften Dingen hockten, darunter war ein Schädel mit goldenem Haar, in dem man einen Überrest der Kapitänsfrau erkennen durfte, dann die Körperhälfte eines europäischen Kindes, an der Sonne getrocknet und auf einen Stab gespießt, ohne Zweifel zum Zweck irgendeiner Zauberei.

Der Paumotuaner wünscht reich zu sein. Er spart, rafft zusammen, vergräbt Geld und fürchtet die Arbeit nicht. Für je einen Dollar verbrachten zwei Eingeborene die ganzen Tagesstunden, um das Kupfer an unserem Schiff zu putzen. Es war sonderbar, sie so unermüdlich und wohlauf im Wasser zu sehen, sie arbeiteten zeitweise mit brennender Pfeife. Der Raucher tauchte manchmal unter, und der Pfeifenkopf blieb an der Oberfläche. Das sonderbarste aber ist die Tatsache, daß sie nächste Nachbarn der unfähigen Marquesaner sind. Aber der Paumotuaner spart, knausert und arbeitet nicht nur, sondern er stiehlt auch, oder, um es genauer auszudrucken, er ist ein Schwindler. Er streitet niemals eine Schuld ab, sondern flüchtet nur vor dem Gläubiger. Er ist immer darauf bedacht, Vorschüsse zu erhalten, und sobald er sie bekommen hat, verschwindet er. Er kennt genau das betreffende Schiff wieder, und wenn es sich einer Insel nähert, macht er sich davon zu einer anderen. Man glaubt seinen Namen zu kennen, aber er hat ihn inzwischen gewechselt. Eine Verfolgung in dieser unendlichen Inselwelt wäre erfolglos. Das Resultat läßt sich in ein paar Worten beschreiben. Tatsächlich hat man in einem Regierungsbericht vorgeschlagen, Schulden dadurch einzutreiben, daß man den Schuldner photographiert, und neulich wurden in Papeete Kredite in der Höhe von sechzehntausend Pfunden, die auf den Paumotus gewährt worden waren, für weniger als vierzig Pfunde verkauft – quatre cent mille francs pour moins de mille francs. Selbst dann wurde der Kauf als waghalsig empfunden, und nur der Mann, der ihn getätigt hatte und besondere Möglichkeiten besaß, hatte gewagt, soviel zu zahlen.

Der Paumotuaner hängt innig an denen, die seines Blutes sind und zu seinem Haushalt gehören. Eine rührende Zuneigung verbindet oft Weib und Gatten. Ihre Kinder beherrschen die Eltern schon zu Lebzeiten vollständig, und wenn sie gestorben sind, werden ihre Knochen und Mumien oft eifersüchtig aufbewahrt und auf den Wanderungen der Familie von Atoll zu Atoll mitgenommen. Man erzählte mir, daß in manchen Häusern auf Fakarava Kindermumien in verschlossenen Seekisten lägen. Nachdem ich das erfahren hatte, schaute ich ein wenig eifersüchtig auf die Kisten, die neben meinem eigenen Bett standen, und auch in jenem Schrank dort konnte vielleicht ein kleines Skelett ruhen.

Die Rasse scheint ziemlich lebenskräftig zu sein. Ich hatte Gelegenheit, die Statistik von fünfzehn Inseln einzusehen, und fand ein Verhältnis von neunundfünfzig Geburten zu siebenundvierzig Todesfällen für das Jahr 1887. Läßt man drei Inseln von diesen fünfzehn aus, so bleibt für die restlichen zwölf das ansehnliche Verhältnis von fünfzig Geburten zu zweiunddreißig Todesfällen. Andauernde Härte der Lebensbedingungen und Fleiß erklären ohne Zweifel den Gegensatz zu den für die Marquesaner gültigen Ziffern. Aber der Paumotuaner entwickelt außerdem eine gewisse Sorgfalt in der Gesundheitspflege und den sanitären Maßregeln. Das öffentliche Gerede ersetzt bei diesen offenherzigen Leuten ein Seuchengesetz: Leute, die zu einer neuen Insel kommen, erkundigen sich sorgfältig, ob alles gesund ist, und die Syphilis wird, wenn sie auftritt, erfolgreich mit medizinischen Kräutern behandelt. Gleich ihren Nachbarn auf Tahiti, von denen sie vielleicht diesen Irrtum übernommen haben, behandeln sie den Aussatz mit verhältnismäßiger Gleichgültigkeit, die Elefantiasis dagegen mit zu großer Furcht. Aber im Gegensatz zu den Tahitianern nimmt ihre Besorgnis die Formen des Selbstschutzes an. Alle, die von dieser qualvollen und entstellenden Krankheit befallen sind, werden an die Grenzen der Dörfer verbannt, man verbietet ihnen die Benutzung der Fußwege und Landstraßen und verurteilt sie, sich zwischen ihrem Hause und dem Kokosnußwäldchen nur zu Wasser zu bewegen, denn selbst die Fußtapfen hält man für ansteckend. Fe’efe’e ist ein Produkt der Sümpfe, eine Folgeerscheinung des Malariafiebers und deshalb nicht heimisch auf den Atollen. Nur auf der Insel Makatea, wo die Lagune bereits zum Sumpf wurde, hat die Seuche einen Herd. Viele leiden daran; sie werden, wenn Mr. Wilmot recht hat, von vielen Bequemlichkeiten der menschlichen Gesellschaft ausgeschlossen, und man glaubt, daß sie sich heimlich rächen. Die Exkremente der Kranken werden als höchst giftig angesehen. In den frühen Morgenstunden, so erzählt man, schleichen sich alte und boshafte Personen in das schlafende Dorf und schlagen verstohlen ihr Wasser vor den Türen junger Leute ab. So verbreiten sie die Krankheit, so begeifern und beschmutzen sie gesunde Wohnstätten, den Gegenstand ihres Neides. Ob es sich hier um eine entsetzliche Tatsache oder eine noch abscheulichere Legende handelt, es charakterisiert auf alle Fälle eine bittere Energie, die den Paumotuaner auszeichnet.

Der Archipel ist aufgeteilt zwischen zwei Hauptreligionen: dem Katholizismus und dem Mormonentum. Sie stehen einander stolz gegenüber mit dem falschen Schein der Dauerhaftigkeit, aber sie sind beide nur leere Formen, und ihre Mitgliederzahl schwankt ständig. Der Mormone wohnt andächtig der Messe bei, der Katholik hört andächtig einer mormonischen Predigt zu, und am folgenden Tage hat vielleicht jeder seinen Glauben gewechselt. Ein Mann war fünfzehn Jahre lang eine Säule der römischen Kirche gewesen; als sein Weib starb, bekannte er, es sei eine armselige Religion, die einem Manne nicht sein Weib erhalten könne, und wurde Mormone. Nach einem Gewährsmann ist der Katholizismus gut für Gesunde, aber beim Hereinbrechen von Krankheiten hält man es für klug auszutreten. Als Mormone habe man in fünf von sechs Fällen Aussicht, wieder gesund zu werden, als Katholik nur geringe Hoffnungen, und diese Meinung rührt vielleicht von der häufigen Anwendung der letzten Ölung her.

Wir alle wissen, was Katholiken sind, ganz gleich ob auf den Paumotus oder in der Heimat. Aber der paumotuanische Mormone ist ein Phänomen für sich. Er heiratet nur eine Frau, benutzt die protestantische Bibel, beobachtet protestantische Gottesdienstformen, verbietet den Gebrauch von Alkohol und Tabak, wendet die Taufe an bei Erwachsenen durch Untertauchen und tauft den Rückfälligen nach jeder öffentlichen Sünde von neuem. Ich besprach mich mit Mahinui, den ich in der Geschichte der amerikanischen Mormonen wohlunterrichtet fand, und er erklärte, es bestehe nicht die geringste Beziehung zu ihnen. » Pour moi,« sagte er mit zarter Rücksicht, » les mormons ici un petit Catholiques«. Einige Monate später hatte ich Gelegenheit, mit einem orthodoxen Landsmann zu sprechen, einem alten schottischen Dissidenten, der lange auf Tahiti gesessen hatte, aber noch nach der Heide von Tiree roch. »Warum nennen sie sich Mormonen?« fragte ich. »Mein Lieber, das ist auch eine Frage,« rief er aus, »denn nach allem, was ich von ihrem Glauben höre, kann ich nichts dagegen einwenden, und ihre Lebensführung ist über jeden Tadel erhaben.« Und doch sind sie echte Mormonen einer älteren Richtung, ähnlich den sogenannten Josephiten, den Anhängern von Joseph Smith und Gegnern von Brigham Young.

Man mag also zugeben, daß die Mormonen Mormonen sind. Aber sofort erheben sich neue Zweifel: was sind die Israeliten, und was sind die Kanitus? Vor langer Zeit teilte man die Sekte ein in eigentliche Mormonen und sogenannte Israeliten, aber den Grund habe ich nie erfahren. Vor einigen Jahren kam ein Reise-Missionar namens Williams, der eine ergiebige Kollekte veranstaltete und, als er sich zurückzog, eine neue Spaltung in naher Zukunft veranlaßte. Irgendeine Sonderbarkeit beim Beginn des Gottesdienstes hatte, wie man mir erzählte, Parteigänger und Feinde geschaffen, die Kirche wurde von neuem erschüttert, und eine neue Sekte, die Kanitus, war das Ergebnis der Spaltung. Später haben die Kanitus und Israeliten gleich den Cameronianern und den vereinigten Presbytern gemeinsame Sache gemacht, und die Kirchengeschichte der Paumotus ist augenblicklich ereignislos. Aber bald wird wieder etwas geschehen, und diese Inseln können sich rühmen, das Schottland des Südens zu sein. Zwei Dinge konnte ich nie erfahren: die Natur der Feuerungen des hochwürdigen Mr. Williams wollte mir keiner erzählen, und die Bedeutung des Namens Kanitu konnte mir keiner verraten. Es war weder tahitisch noch marquesanisch und bildete auch keinen Teil jener alten Sprache der Paumotus, die langsam der Vergessenheit anheimfallt. Ein Mann, ein Priester, Gott segne ihn, sagte, es sei die lateinische Bezeichnung für einen jungen Hund. Ich habe seitdem festgestellt, daß es der Name eines Gottes auf Neuguinea ist, und ein kühnerer Geist als ich müßte die Verbindung nachweisen. Hier ist also ein einzigartiger Zustand: eine brandneue Sekte, die durch Volkszustimmung entsteht, und ein unsinniges Wort, das als Bezeichnung erfunden wird.

Die Absicht, etwas Geheimnisvolles zu schaffen, scheint auf der Hand zu liegen, und nach der Ansicht eines sehr klugen Beobachters, Mr. Magee von Mangareva, bildet dies Element des Geheimnisvollen eine Hauptanziehungskraft der mormonischen Kirche. Sie erfreut sich in ihrem Ursprungsland gewissermaßen des Rufes der Freimaurerei, und für den Konvertiten hat sie einen gewissen abenteuerlichen Reiz. Andere Vorzüge kommen sicherlich hinzu. Die fortwährende Wiedertaufe, die fortgesetzt Tauffestlichkeiten nach sich zieht, empfindet man gesellschaftlich und geistig als Annehmlichkeit. Wichtig ist die Tatsache, daß alle Gläubigen ein Amt erhalten, noch wichtiger vielleicht die Strenge der Disziplin. »Das Alkoholverbot«, sagte Mr. Magee, »führt ihnen zahlreiche Mitglieder zu.« Kein Zweifel, daß diese Insulaner gern trinken, und kein Zweifel, daß sie sich von der Trunksucht freihalten. Dem Gelage an einem Festtage kann zum Beispiel eine Woche oder ein Monat strenger Enthaltsamkeit folgen. Mr. Wilmot schreibt dies der paumotuanischen Mäßigkeit und Sparsamkeit zu; es geht aber viel tiefer. Ich habe erwähnt, daß ich an Bord der »Casco« ein Gastmahl veranstaltete, um den Schiffszwieback und die Marmelade hinunterzuspülen, durfte jeder Gast zwischen Rum und Sirupwasser wählen, und aus der Gesamtzahl stimmte nur ein Mann – in herausforderndem Tone und unter schallendem Gelächter – für »Trum«. Das geschah in aller Öffentlichkeit. Ich besaß die Gemeinheit, das Experiment, sooft ich Gelegenheit hatte, innerhalb der vier Wände meines Hauses zu wiederholen, und mindestens drei Leute tranken gierig Rum hinter verschlossenen Türen, während sie ihn beim Festmahl zurückgewiesen hatten. Andere wiederum waren durchaus standhaft. Ich sagte, daß die Tugenden dieser Rasse bürgerlich und puritanisch seien; und wie bürgerlich ist das, wie puritanisch, wie schottisch, wie yankeehaft! Die Versuchung, der Widerstand, die öffentliche heuchlerische Gleichförmigkeit, die Pharisäer, die frommen Betbrüder und die echten, wahrhaft Religiösen! Bei solchen Leuten ist die Volkstümlichkeit einer asketischen Kirche wohl erklärlich. In den strengen Regeln, in der ständigen Überwachung finden die Schwachen eine Stütze, die Starken ein gewisses Vergnügen, und die Lehre von der Wiedertaufe, eine klare Abrechnung und ein neuer Beginn, mag manchen strauchelnden Bekenner trösten.

Es gibt noch eine neue Sekte oder was man, sicher unberechtigt, so nennt: die der Pfeifer. Aber ich bin nicht ganz sicher und vermute immer noch, daß irgendein vielleicht zufälliger und wahrscheinlich umstrittener Zusammenhang mit den anderen besteht. Hier seien wenigstens einige Geschehnisse berichtet aus dem Hause eines israelitischen Geistlichen oder Propheten auf der Insel Anaa, die, ich bin dessen sicher, Duncan von sich gewiesen hätte, während die Pfeifer sie als Nachahmung ihrer eigenen Bräuche begrüßt hätten. Mein Berichterstatter, ein Tahitier und Katholik, bewohnte einen Teil des Hauses; der Prophet und seine Familie lebten in dem anderen. Abend für Abend hielten die Mormonen auf dem einen Ende ihren abendlichen Gesanggottesdienst ab, Abend für Abend lag auf der anderen Seite das Weib des Tahitiers wach und lauschte dem Gesang mit Staunen. Schließlich konnte sie sich nicht mehr zurückhalten, weckte ihren Gatten und fragte ihn, was er höre. »Ich höre mehrere Personen Hymnen singen«, sagte er. »Ja,« erwiderte sie, »aber lausche noch einmal! Hörst du nicht etwas Übernatürliches?« Nachdem seine Aufmerksamkeit auf diese Weise erregt war, vernahm er eine sonderbare summende Stimme, die er trotzdem für schön erklärte, und die die Sänger richtig begleitete. Am nächsten Tage stellte er Nachforschungen an. »Es ist ein Geist,« sagte der Prophet mit voller Einfältigkeit, »der in letzter Zeit an unserem Familiengottesdienst teilzunehmen pflegt.« Scheinbar war das Wesen nicht sichtbar, und wie andere Geister, die in diesen Tagen des Verfalls in der Heimat aufstehen, war es gänzlich ungebildet; zuerst konnte es nur summen, und erst in letzter Zeit hatte es gelernt, seine Rolle bei der Musik richtig zu spielen.

Die Veranstaltungen der Pfeifer tragen einen mehr geschäftlichen Charakter. Ihre Versammlungen werden öffentlich bei unverschlossenen Türen abgehalten, alle sind herzlich eingeladen teilzunehmen; die Gläubigen sitzen in einem Raum und singen Hymnen nach einem Bericht, nach einem anderen singen und pfeifen sie abwechselnd; der Führer der Zauberer – vielleicht darf ich sagen, das Medium – sitzt in der Mitte, eingehüllt in ein Laken, und schweigt. Und bald darauf ertönt genau über seinem Kopf oder manchmal von der Mitte des Daches ein Pfeifen aus der Luft, das Unerfahrene in Staunen versetzt. Das, so scheint es, ist die Sprache der Toten, ihre Ausdeutung wird ununterbrochen von einem der Eingeweihten festgehalten, der, wie man mir erzählte, »so schnell wie ein Telegraphist« schreibt, und schließlich werden die Mitteilungen öffentlich bekanntgegeben. Sie sind von verwegenster Trivialität: ein Schoner wird vielleicht angezeigt, irgendeine lächerliche Nachricht über einen Machbar gegeben, oder wenn der Geist im Falle einer Krankheit zur Konsultation gerufen wurde, wird vielleicht ein Heilmittel empfohlen. Eine von diesen Kuren, das Eintauchen in kochend heißes Wasser, erwies sich vor nicht langer Zeit verhängnisvoll für den Patienten. Die ganze Sache ist äußerst langweilig, äußerst töricht und äußerst europäisch. Sie besitzt nichts von den malerischen Qualitäten ähnlicher Beschwörungen auf Neuseeland und scheint nicht die Spur von Sinn zu besitzen, wie manche Gebräuche der Gilbertinsulaner, die ich beschreiben werde. Doch erzählte man mir, daß viele ernsthafte und kluge Eingeborene eingeschworene Pfeifer seien. »Wie Mahinui?« fragte ich, um einen Maßstab zu haben, und man antwortete mir: »Ja.« Warum sollte ich mich wundern? Gebildetere Leute als mein Sträflingkatechet setzen sich in der Heimat nieder zu ähnlich unnützen und langweiligen Torheiten.

Das Medium ist manchmal eine Frau. Eine Frau war es zum Beispiel, die diese Bräuche an der Nordküste von Taiarapu einführte zur Entrüstung ihrer eigenen Verwandten, wobei besonders ihr Schwager erklärte, sie sei betrunken. Aber was in Tahiti unmöglich war, schien für die Paumotus sehr geeignet, zumal gewisse Frauen dort die natürliche Gabe einzigartiger und nützlicher Kräfte besitzen. Man sagt, es handle sich um ehrbare, gutwillige Frauen, die sich manchmal durch das unheimliche Erbe belastet fühlen. Und in der Tat ist die Unbequemlichkeit, die durch diese Gabe verursacht wird, so groß und der Schutz, den man den Frauen gewährt, so unendlich gering, daß ich mich nur zögernd entschließe, sie als Gabe oder als vererbten Fluch zu bezeichnen. Man kann einer solchen Frau den Kokosnußhain rauben, ihre Kanus stehlen, ihr Haus niederbrennen und ihre Familienmitglieder rücksichtslos niedermetzeln: etwas darf man nicht tun, man darf nicht die Hand auf ihre Schlafmatte legen, oder der Leib des Übeltäters schwillt an, und er kann nur durch die Frau selbst oder ihren Mann geheilt werden. Hier ist der Bericht eines Augenzeugen, der ein geborener Tasmanier war, wohlerzogen, ein Mann mit Vermögen, sicherlich kein Narr. Im Jahre 1886 weilte er in einem Hause auf Makatea, wo zwei Knaben auf den Matten Unfug trieben und, wie ich glaube, hinausgeworfen wurden. Bald nachher begannen ihre Bäuche anzuschwellen, Schmerzen überfielen sie, alle möglichen Inselheilmittel wurden vergeblich angewandt, Reiben vermehrte nur ihre Qualen. Der Herr des Hauses wurde gerufen, gab eine Erklärung ab über die Natur der Heimsuchung und bereitete das Heilmittel vor. Eine Kokosnuß wurde geschält, mit Kräutern gefüllt und unter allen Zeremonien eines Stapellaufes und Beschwörungen in paumotuanischer Sprache dem Meere anvertraut. Von diesem Augenblick an wurden die Schmerzen geringer, die Qualen nahmen ab. Der Leser mag staunen. Ich kann ihm versichern, daß er, wenn er sich viel unter den alten Einwohnern des Archipels bewegt hätte, das eine oder das andere zugeben müßte: entweder waren die Bäuche geschwollen, oder das Zeugnis von Menschen ist überhaupt wertlos.

Ich habe keine dieser begnadeten Damen kennengelernt, aber ich habe selbst eine sonderbare Erfahrung gemacht, denn ich habe, allerdings nur für eine Nacht, die Rolle eines pfeifenden Geistes gespielt. Es hatte den ganzen Tag heftig geweht, aber mit hereinbrechender Nacht war der Wind abgeflaut, und der volle Mond segelte am klaren Himmel. Wir gingen südwärts die Insel entlang auf der Seite der Lagune und wanderten durch langgestreckte Palmenwälder auf schneeweißem Sande dahin. Nirgends Leben, nirgends ein Laut, bis wir auf dem bewaldeten Teil der Insel die Glut eines Feuers wahrnahmen und nicht weil davon in einem dunklen Hause Eingeborene leise sprechen hörten. Ohne Licht zu sitzen, selbst in Gesellschaft und unter Dach, ist für einen Paumotuaner ein äußerst kühnes Unterfangen. Die ganze Szene – das starke Mondlicht und die sonderbaren Schatten auf dem Sand, die umhergestreuten Glutreste, der Laut der leisen Stimmen vom Hause her und das Plätschern der Lagune längs der Küste – veranlaßten in mir, ich weiß nicht wie, abergläubische Vorstellungen. Ich war barfuß, ich bemerkte, daß meine Schritte lautlos waren, und als ich mich dem dunklen Hause näherte und dabei mich sorgfältig im Schatten hielt, begann ich zu pfeifen. Es war irgendein Gassenhauer, ein nicht gerade ernstes Lied. Beim ersten Ton stockte die Unterhaltung, jede Bewegung hörte auf, Schweigen begleitete mich, während ich weiterging, und als ich bei meiner Rückkehr denselben Weg nahm, bemerkte ich, daß die Lampe im Hause brannte, die Lippen aber noch immer stumm waren. Die ganze Nacht hindurch, davon bin ich heute überzeugt, zitterten die armen Kerle und schwiegen. Denn ich hatte in der Tat damals keine Ahnung von der Natur und Größe des Schreckens, den ich einjagte, und mit welch furchtbaren Gesichten die Töne jenes alten Liedes das dunkle Haus erfüllt hatten.

Fünftes Kapitel


Ein paumotuanisches Begräbnis

Nein, ich hatte keine Ahnung von den Ängsten dieser Menschen. Aber ich hatte schon früher einen Wink bekommen, ohne ihn zu verstehen, und der Anlaß war ein Begräbnis.

Ein wenig abseits von der Hauptstraße von Rotoava wohnte in einer niedrigen Laubhütte, die auf einen kleinen eingezäunten Platz hinauslief wie ein Schweinestall auf den Auslauf, ein alter Mann einsam mit seiner bejahrten Frau. Vielleicht waren sie zu alt, um mit den anderen auszuziehen, vielleicht waren sie auch zu arm und hatten keine Besitztümer zu verteidigen. Jedenfalls waren sie daheim geblieben, und so kam es, daß sie zu meinem Fest eingeladen wurden. Ich kann wohl sagen, daß es sich wirklich um einen fast politischen Entschluß handelte in dem Schweinestall, ob sie kommen oder nicht kommen sollten. Und der Gatte schwankte lange zwischen Neugier und Altersschwäche, bis die Neugier siegte und sie kamen, und inmitten dieser letzten Freude berührte der Tod seine Schulter. Einige Tage lang wurde seine Matte unter dem heiteren Himmel und dem kühlen Wind auf der Landstraße des Dorfes ausgebreitet, und man sah ihn dort, nur noch der Schatten eines Menschen, untätig liegen, während sein Weib untätig zu seinen Häupten saß. Sie schienen alle menschlichen Nöte und Fähigkeiten vergessen zu haben, sie sprachen und hörten nicht, sie ließen uns vorübergehen, ohne aufzublicken, die Frau bewegte den Fächer nicht und schien ihrem Mann nicht aufzuwarten, die beiden armen Alten saßen nebeneinander unter dem hohen Baldachin der Palmen wie die in ihre Urelemente aufgelöste menschliche Tragödie, von allem Pathos entblößt, lebhafte Neugier erregend. Und doch verfolgte mich der Gedanke an das Pathetische einer Tatsache: daß noch soviel Jugend und Erwartungsfreude in diesen abgestorbenen Adern gelebt halte, und daß der Wann den ganzen Rest seiner Lebenskraft an eine Vergnügung verschwendet hatte.

Am Morgen des siebzehnten September starb der Dulder, und da die Zeit drängte, wurde er am gleichen Tage um vier Uhr beerdigt. Der Friedhof liegt seewärts hinter dem Regierungsgebäude. Zerbrochene Koralle bedeckt die Oberfläche wie Straßenkies, ein paar Holzkreuze und ein paar unansehnliche, aufgerichtete Steine bezeichnen die Gräber, eine zementierte Mauer, hoch genug, um sich darauf stützen zu können, schließt den Platz ein, und dichtes Gesträuch umgibt ihn mit blassen Blättern. Hier war am Morgen das Grab gegraben, ohne Zweifel von griesgrämigen Totengräbern, beim Rauschen der nahen See und unter dem Geschrei der Meeresvögel. Inzwischen wartete der tote Mann in seinem Hause, und die Witwe und eine andere alte Frau lehnten am Zaun vor der Tür, ohne Worte auf den Lippen, ohne Empfindung in den Augen.

Pünktlich zur festgesetzten Stunde trat die Prozession den Weg an, der Sarg war mit weißen Tüchern bedeckt und wurde von vier Leuten getragen; die Leidtragenden gingen hinterher – nicht viele, denn nicht viele waren in Rotoava geblieben – und nicht viele in Schwarz, denn sie waren arm; die Männer in Strohhüten, weißen Röcken und blauen Hosen oder dem prächtigen, teilweise farbigen Pariu, dem tahitischen Gewande, ähnlich dem schottischen Kilt; die Frauen mit wenigen Ausnahmen in leuchtende Gewänder gekleidet. Ganz im Hintergrunde kam die Witwe, traurig des toten Mannes Matte tragend, ein übermenschlich bejahrtes Geschöpf, irgendeinem » missing link« ähnlich.

Der Tote war Mormone gewesen, aber der mormonische Geistliche war mit den übrigen fortgezogen, um sich auf der benachbarten Insel über Grenzfestsetzungen zu streiten, und ein Laie übernahm sein Amt. Er stand am Kopfende des offenen Grabes in weißem Rock und blauem Pariu, seine tahitische Bibel in der Hand, ein Auge mit einem roten Taschentuch verbunden, und las feierlich jenes Kapitel aus Hiob, das man lesen hörte bei den Gebeinen so vieler Vorfahren, und sandte mit wohllautender Stimme zwei Gebete zum Himmel. Der Wind und die Brandung sangen ihr Lied dazu. Am Friedhofstore nährte eine Mutter in rotem Gewande ihr Kind, das in blaue Tücher gewickelt war. In der Mitte saß die Witwe auf dem Boden und polierte mit einem Stück Koralle eine Tragstange des Sarges; ein wenig später drehte sie dem Grabe den Rücken und spielte mit einem Blatt. Verstand sie das alles? Gott allein weiß es. Der stellvertretende Geistliche machte eine Pause, starrte vor sich hin, nahm dann ehrfurchtsvoll eine Handvoll Koralle und warf sie klirrend auf den Sarg. Staub zu Staub; aber die Staubkörner waren dick wie Kirschen, und der wirkliche Staub, der bald nachfolgen sollte, saß in der Nähe, noch zusammengefügt wie durch ein Wunder zum tragischen Ebenbild eines weiblichen Affen. Soweit war es ein christliches Begräbnis, ob der Tote nun Mormone war oder nicht. Die bekannte Stelle aus Hiob war vorgelesen, die Gebete waren gesprochen, das Grab zugeschaufelt, die Leidtragenden strebten heimwärts. Das Korn der deckenden Erde war etwas gröber, der Schrei der See ein wenig näher, der Glanz des Sonnenlichtes lag ein wenig starker auf der rohen Einfriedigung des Kirchhofes, und die Farben der Gewänder stimmten nicht ganz, aber sonst waren wohlbekannte Formen beobachtet worden.

Von Rechts wegen hätte es anders sein sollen, die Matte hätte mit dem Eigentümer beerdigt werden müssen, aber da die Familie arm war, wurde sie sparsam für frischen Gebrauch aufbewahrt. Die Witwe mußte sich eigentlich über das Grab werfen und die Stimme zur öffentlichen Trauerklage erheben, die Nachbarn einstimmen und die schmale Insel eine Zeitlang von Jammergeschrei widerhallen. Aber die Witwe war alt, vielleicht hatte sie es vergessen, vielleicht niemals verstanden, und sie spielte wie ein Kind mit Blättern an der Bahre. Mein Gast wurde auf alle Fälle unter Verletzung aller Gebräuche beerdigt. Sonderbar der Gedanke, daß seine letzte bewußte Freude die »Casco« und mein Gastmahl waren, sonderbar der Gedanke, daß er doch hingehinkt war, ein altes Kind, um nach neuen guten Dingen auszuschauen. Das Gute, die Ruhe, war ihm zuteil geworden.

Aber obgleich die Witwe vieles vernachlässigt hatte, so gab es doch eine Rolle, die sie nicht gänzlich außer acht lassen durfte. Sie ging fort mit den übrigen Leidtragenden, aber die Matte des toten Mannes war auf dem Grabe geblieben, und ich erfuhr, daß die Frau bei Sonnenuntergang zurückkehren mußte, um dort zu schlafen. Diese Nachtwache ist strengste Vorschrift. Von Sonnenuntergang bis zum Aufgang des Morgensternes muß der Paumotuaner Wache halten über der Asche eines Verwandten. Viele Freunde leisten den Wächtern Gesellschaft, wenn der Tote ein angesehener Mann war; sie werden mit Decken gegen die Unbilden des Wetters gut versorgt, ich glaube, man bringt ihnen Essen, und der Brauch wird zwei Wochen streng durchgeführt. Unsere arme Überlebende, wenn sie überhaupt noch wirklich lebte, besaß wenig Decken, und wenige waren, die mit ihr wachten. In der Nacht, die dem Begräbnis folgte, jagte ein starker Sturm sie vom Wachtplatz fort, tagelang blieb das Wetter unsicher und windig, und ehe sieben Nächte verstrichen waren, hatte sie es aufgegeben und kehrte zum Schlaf unter ihrem niedrigen Dache zurück. Daß sie sich die Mühe machte, zu so kurzem Aufenthalt in ihr einsames Haus zurückzukehren, daß sie, die am Rande des Grabes stand, ein wenig Wind und eine nasse Decke fürchtete, erfüllte mich damals mit Nachdenken. Ich konnte nicht behaupten, daß sie gleichgültig war, sie war mir an Erfahrungen so überlegen, daß meine Kritik kein Urteil wagte, aber ich erfand Entschuldigungen und sagt? mir, daß sie vielleicht wenig zu beklagen, vielleicht viel gelitten und vielleicht nichts begriffen habe. Und doch war es anders! Bei der ganzen Angelegenheit handelte es sich überhaupt nicht um Zärtlichkeit oder Anhänglichkeit, und die hartherzige Rückkehr des alten Weibes zu ihrem Hause war das Zeichen einer ungewöhnlichen Kraft.

Etwas hatte sich ereignet, das mich auf eine Spur brachte. Ich habe gesagt, daß das Begräbnis beinahe wie in der Heimat verlief. Aber als alles vorüber war und wir in rücksichtsvollem Schweigen von der Friedhofspforte den Pfad entlang schritten zum Dorf, wurden wir plötzlich von dem Ausbruch eines ganz verschiedenen Geistes überrumpelt und beinahe in Schrecken versetzt. Zwei Menschen gingen nicht weit Von uns entfernt in dem Zuge: mein Freund M. Donat, Donat-Rimarau, »Donat der Vielhändige«, der stellvertretende Vizeresident und augenblickliche Beherrscher des Archipels, bei weitem der wichtigste Mann im weiten Umkreise, aber im übrigen bekannt als unerschütterlich gutmütig, und eine gewisse hübsche, gut gebaute junge Paumotuanerin, die hübscheste der Insel, aber, wie wir hoffen wollen, nicht die edelste oder höflichste. Plötzlich, bevor noch die Totenstille des Begräbnisses gebrochen war, sprang sie auf den Residenten zu mit vorgestrecktem Finger, schrie ein paar Worte und rannte wieder zurück mit einem Lachen, das nicht natürliche Heiterkeit war. »Was sagte sie zu Ihnen?« fragte ich. »Sie sagte nichts zu mir,« sagte Donat etwas verwirrt, »sie sprach zum Geist des toten Mannes.« Und der Inhalt jenes Ausrufes war dieser: »Sieh dort! Donat ist ein fetter Bissen für dich heute abend!«

»M. Donat nannte es einen Scherz,« schrieb ich damals in mein Tagebuch, »mir schien es eher eine Art Beschwörung zu sein, die aus Furcht entstand, als wolle sie die Aufmerksamkeit des Geistes von sich ablenken. Menschenfresser mögen Wohl kannibalische Gespenster besitzen.« Die Vermutungen eines Reisenden scheinen von vornherein dazu verurteilt, falsch zu sein, aber in diesem Punkte hatte ich durchaus recht. Die Frau hatte mit Grauen dem Begräbnis beigewohnt, auf dem Friedhof, einem Ort des Schreckens. Sie blickte mit Grauen der kommenden Nacht entgegen, da dieses Schreckgespenst, ein neuer Geist, sich auf der Insel herumtrieb, lind die Worte, die sie Donat ins Gesicht geschrien hatte, waren in der Tat eine schreckhafte Verschwörung, um sich feige zu schützen und den andern feige auszuliefern. Etwas kann man zu ihrer Entschuldigung anführen. Ohne Zweifel wählte sie Donat einerseits, weil er ein Mann von großer Gutmütigkeit war, aber andererseits auch, weil er ein Halbblut war. Denn ich glaube, daß alle Eingeborenen weißes Blut als eine Art Talisman gegen die Mächte der Hölle ansehen. Auf keine andere Weise können sie sich die ungestrafte Unerschrockenheit der Europäer erklären.

Sechstes Kapitel


Friedhofgeschichten

Mit meinem abergläubischen Freund, dem Insulaner, verfahre ich, wie ich fürchte, nicht ganz einwandfrei, da ich ihm oft mit meinen eigenen Erzählungen den Weg weise und immer ein ernster und oft erregter Zuhörer bin. Aber der Betrug ist kaum sehr schwerwiegend, da ich ebenso begierig bin zuzuhören wie er zu erzählen, und da mir die Geschichten ebensosehr gefallen wie ihm sein Glaube. Und außerdem ist die Methode durchaus zweckmäßig, denn es ist kaum möglich, das gewaltige Ausmaß des Aberglaubens zu übertreiben, der sein Leben beherrscht und abfärbt auf das Denken. Wenn der Insulaner nicht von Geistern, Göttern und Teufeln zu mir redet, so verstellt er sich und spricht nur mit den Lippen. Bei einer so verschiedenartigen Ideenwelt muß man sich aufeinander einstellen, und ich ziehe es vor, seinem Aberglauben entgegenzukommen, statt von ihm Rücksicht auf meinen Unglauben zu fordern. Auch muß ich mir einer Tatsache immer gewiß sein: ich mag soviel Vorsicht üben, wie ich will, ich werde nie alles hören, denn er ist bereits auf der Hut vor mir, und der Umfang seines Aberglaubens ist grenzenlos.

Ich will nur ein paar Beispiele herausgreifen, hauptsächlich aus meiner eigenen nächsten Umgebung in Upolu während des verflossenen Monats (Oktober 1890). Einer meiner Arbeiter wurde neulich zur Bananenpflanzung geschickt, um dort zu graben. Es ist eine Felsschlucht, in Wäldern vergraben, völlig außer Seh- und Hörweite aller Menschen, und lange vor Dunkelheit war Lafaele wieder zurück beim Küchenhaus mit verwirrten Mienen; er wagte nicht länger allein zu bleiben, er fürchtete sich vor den Geistern im Busch. Es scheint, es sind die Seelen der unbegrabenen Toten, die sich dort herumtreiben, wo sie gefallen sind, und die Gestalten von Waldgetier annehmen, von Schweinen, Vögeln oder Insekten. Der Busch ist voll von ihnen, sie scheinen nichts zu essen, aber trotzdem anscheinend einsame Wanderer zu erschlagen und von Zeit zu Zeit in menschlicher Gestalt die Dörfer zu besuchen und sich unerkannt unter die Einwohner zu mischen. Soviel erfuhr ich ein oder zwei Tage später, als ich mit einem sehr intelligenten jungen Eingeborenen im Busch spazierenging. Es war ein wenig vor zwölf Uhr mittags, ein grauer und stürmischer Tag, und vielleicht hatte ich leichtsinnig geredet. Eine dunkle Wetterwolke barst am Gebirgsabhang, die Bäume ächzten und stöhnten, das welke Laub erhob sich in Wolken vom Boden wie Schmetterlinge, und mein Begleiter stand plötzlich vollkommen still. Er fürchtete sich, wie er sagte, daß die Bäume umfielen, aber sobald ich das Thema des Gesprächs gewechselt hatte, schritt er heiter fürbaß. Einige Tage zuvor kam ein Bote mit einem Brief den Berg hinauf von Apia, ich war im Busch, er mußte meine Rückkehr abwarten und dann verweilen, bis ich die Antwort aufgesetzt hatte. Bevor ich jedoch fertig war, erhob er schrill seine Stimme, voll Schreck vor dem Einbruch der Nacht und dem langen Weg durch den Wald. Das sind einfache Leute. Wie steht es mit den Häuptlingen? Ein großes Auftauchen und Verschwinden von Zeichen und Vorbedeutungen geschah auf unserer Inselgruppe. In einem Fluß wurde das Wasser zu Blut, rote Igel wurden in einem anderen gefangen, ein unbekannter Fisch wurde an die Küste geworfen, der ein geheimnisvolles Wort auf den Schuppen trug. Soweit könnte man glauben, in einer Mönchschronik zu lesen, aber jetzt kommen wir zu einer besonderen Note, die zugleich modern und polynesisch ist. Die Götter von Upolu und Savaii, unseren beiden Hauptinseln, maßen sich vor einiger Zeit im Kricket. Seit jener Zeit befinden sie sich im Kriegszustand. Schlachtenlärm hört man die Küste entlang rollen. Eine Frau sah einen Mann von der hohen See herüberschwimmen und sofort im Busch verschwinden, es war niemand aus der Nachbarschaft, und es war bekannt, daß es einer der Götter war, der zum Kriegsrat eilte. Das Bemerkenswerteste aber von allem: Ein Missionar auf Savaii, der zugleich Medizinmann ist, wurde spät nachts durch Klopfen gestört. Es war nicht die Zeit für ärztliche Behandlungen, aber schließlich weckte er seinen Diener und beauftragte ihn nachzusehen. Der Diener schaute durch ein Fenster und sah eine Menge Personen, alle mit schweren Wunden, zerstückelten Gliedmaßen, gespaltenen Schädeln und blutenden Schußwunden, aber als die Tür geöffnet wurde, waren sie alle verschwunden. Es waren Götter vom Schlachtfeld. Nun haben diese Berichte sicher eine Bedeutung, und es ist nicht schwer, sie auf politisch Unzufriedene zurückzuführen oder in ihnen eine Drohung mit zukünftigen Unruhen zu sehen. So menschlich betrachtet, fand ich sie selbst schwerwiegend genug als Vorzeichen. Aber gerade ihre Bedeutung als Geistererscheinungen wurde in den geheimen Ratsversammlungen meiner Eingeborenenherrscher diskutiert. Ich kann diesen Zwiespalt des polynesischen Geistes am besten durch zwei miteinander verbundene Vorkommnisse schildern. Einst lebte ich in einem Dorf, dessen Namen ich nicht die Absicht habe zu nennen. Der Häuptling und seine Schwester waren sehr kluge Leute, vornehm und redegewandt. Die Schwester war sehr religiös, ging oft zur Kirche und pflegte mir Vorwürfe zu machen, wenn ich fortblieb. Später stellte ich fest, daß sie heimlich einen Haifisch verehrte. Der Häuptling selbst hatte etwas von einem Freidenker, jedenfalls war er ein weitherziger Mann und besaß außerdem europäische Bildung und Kultur. Er war ein lebhaft ironisierender Geist, und ich würde ihm ebensowenig Aberglauben zugetraut haben wie Herbert Spencer. Aber nun höre man das Folgende: Ich hatte durch sichere Anzeichen beobachtet, daß die Leute ihre Toten zuwenig tief auf dem Dorffriedhof bestatteten, und ich stellte das meinem Freunde als der verantwortlichen Autorität vor. »Es ist irgend etwas nicht in Ordnung mit eurem Friedhof,« sagte ich, »ihr müßt darauf achten, sonst kann es sehr böse Folgen haben.« – »Irgend etwas nicht in Ordnung? Was ist das?« fragte er mit einer Erregung, die mich überraschte. »Wenn du eines Abends ungefähr um neun Uhr vorbeigehst, wirst du es selbst bemerken«, sagte ich. Er wich zurück. »Ein Geist!« rief er aus.

Kurzum, im ganzen Gebiet der Südsee hat einer dem anderen nichts vorzuwerfen. Halbblut und Vollblut, fromm oder lasterhaft, klug oder dumm, alle Menschen glauben an Geister, alle verbinden mit ihrem jungen Christentum die Furcht vor den alten Inselgottheiten und einen unauslöschlichen Glauben an sie. So verkleinerten sich in Europa die Götter des Olymps schließlich zu Dorfgespenstern, so stiehlt sich der kirchliche Hochländer unter den Augen der göttlichen freien Kirche fort, um an einer heiligen Quelle ein Opfer niederzulegen.

Ich versuche die ganze Angelegenheit hier zu behandeln wegen einer besonderen Eigenart des paumotuanischen Aberglaubens. Wahr ist, daß mir diese Geschichten berichtet wurden von einem Manne mit genialem Erzählertalent. Versammelt um unsere abendliche Lampe, hörten wir seinen erregenden Worten zu, während die Inselbrandung herüberdröhnte; der Leser in ganz anderen Breiten muß dem schwachen Echo aufmerksam lauschen.

Dieser Strauß sonderbarer Geschichten geht zurück auf das Begräbnis und den selbstsüchtigen Beschwörungsschrei jenes Weibes. Ich war unzufrieden mit dem, was ich vernommen hatte, versteifte mich auf Fragen und fand schließlich diese wertvolle Quelle. Von Sonnenuntergang bis ungefähr vier Uhr früh sitzen die Verwandten auf dem Grabe, und das sind die Stunden der Geisterwanderungen. Zu irgendeiner Zeit der Nacht, später oder früher, hört man ein Geräusch in der Tiefe, das die Befreiung anzeigt; genau um vier Uhr verkündet ein zweites und heftigeres Geräusch den Augenblick der Wiedereinkerkerung, in der Zwischenzeit macht der Geist seine verhängnisvolle Runde. »Hast du jemals einen bösen Geist gesehen?« fragte man einst einen Paumotuaner. »Einmal.« – »In welcher Gestalt?« – »In der Gestalt eines Kranichs.« – »Und woher wußtest du, daß der Kranich ein Geist sei?« fragte man. »Das will ich erzählen«, antwortete er, und dieses ist der Inhalt seines nicht gerade überzeugenden Berichtes: Sein Vater war ungefähr vierzehn Tage tot, die anderen waren der Nachtwache überdrüssig geworden, und als die Sonne unterging, fand er sich beim Grabe allein. Es war noch nicht dunkel, sondern die Stunde der letzten Dämmerung, als er einen schneeweißen Kranich auf der Korallenmauer wahrnahm. Bald darauf kamen mehrere Kraniche, einige weiße und einige schwarze. Dann verschwanden die Kraniche, und er sah an ihrem Platz eine weiße Katze, der sich schweigend eine große Anzahl Katzen aller nur möglichen Farben zugesellte. Dann verschwanden diese auch, und er blieb verwundert zurück.

Dies war eine tröstliche Erscheinung. Man höre aber nun die Geschichte von Rua-a-mariterangi auf der Insel Katiu. Er brauchte etwas Pandanus und ging über die Insel zum Strand der offenen See, wo sie hauptsächlich wächst. Der Tag war still, und Rua war überrascht, im Waldesdickicht krachende Geräusche und darauf den Sturz eines großen Baumes zu hören. Hier mußte jemand ein Kanu bauen, und er trat in den Waldessaum ein, um den zufälligen Nachbar aufzusuchen und mit ihm den Tag zu verbringen. Das Krachen ertönte näherbei, und dann beobachtete er, wie etwas rasch auf ihn zukam unter den Baumwipfeln. Es schwang sich vorwärts, indem es sich mit den Füßen festklammerte wie ein Affe, so daß die Hände für eine Mordtat frei waren. Es wurde von den winzigsten Ästen sicher getragen, es kam unglaublich schnell heran, und bald erkannte Rua, daß es ein durch Alter furchtbar entstellter Leichnam war, dessen Eingeweide heraushingen. Das Gebet ist die Waffe des Christen im Schatten des Todes, und dem Gebet schreibt Rua-amariterangi seine Rettung zu. Kein rein menschliches Mittel hätte ihm helfen können.

Dieser Dämon stammte sicher aus dem Grabe, aber es ist zu beachten, daß er am Tage unterwegs war. Und sowenig das in Einklang zu bringen ist mit den Stunden der Nachtwache und den vielen Hinweisen auf den Aufgang des Morgensterns, so ist es doch keine alleinstehende Ausnahme. Ich habe niemals wieder jemand getroffen, der diesen Geist, der am Tage und in den Bäumen umging, gesehen hätte, aber andere hatten den Sturz des Baumes gehört, der das Zeichen seines Kommens ist. M. Donat war einmal bei der Perlenfischerei auf der unbewohnten Insel Haraiki. Es war ein Tag ohne Windhauch, wie sie im Archipel abwechseln mit stürmischen Brisen. Die Taucher waren in der Mitte der Lagune bei ihrer Beschäftigung, der Koch, ein Junge von zehn Jahren, war bei seinen Töpfen auf dem Felde, so waren alle beschäftigt mit Ausnahme eines einzigen Eingeborenen, der Donat in den Wald begleitete, um Seevogeleier zu suchen. Plötzlich drang aus der Stille das Geräusch eines fallenden Baumes. Donat wollte weitergehen, um die Ursache festzustellen. »Nein!« rief sein Begleiter aus, »das ist kein Baum. Es war etwas nicht in Ordnung. Laßt uns zum Lager zurückkehren.« Am nächsten Sonntag wurden die Taucher beauftragt, jenen ganzen Inselabschnitt gründlich zu durchsuchen, und es stellte sich mit Sicherheit heraus, daß kein Baum umgestürzt war. Etwas später sah M. Donat einen seiner Taucher vor einem ähnlichen Geräusch fliehen, in ebenso echter Angst auf derselben Insel. Aber niemand wollte eine Erklärung abgeben, und erst später, als er Rua traf, lernte er den Grund ihres Schreckens kennen.

Aber ob bei Tage oder bei Nacht: das Ziel der Toten, das sie in ihrer furchtbaren Betriebsamkeit verfolgen, ist immer dasselbe. Auf Samoa hatte mein Gewährsmann keine Vorstellung von der Nahrung der Waldgeister; eine solche Unklarheit herrschte im Geist der Paumotuaner nicht. In diesem dürftigen Archipel müssen Lebende und Tote gleicherweise um ihre Nahrung kämpfen, und während die Lebenden in der Vergangenheit Kannibalen waren, sind es die Geister noch jetzt. Da die Lebenden die Toten aßen, schufen nächtliche Schreckensvorstellungen den entsetzlichen Gedanken, daß die Toten die Lebenden äßen. Zweifellos erschlagen sie Menschen, zweifellos verstümmeln sie sie sogar aus lauter Bosheit. Marquesanische Geister reißen den Reisenden manchmal die Augen aus, aber auch das mag praktischer sein, als es erscheint, denn das Auge ist eine kannibalische Delikatesse. Und sicher ist die Hauptbeschäftigung der Toten, wenigstens auf den östlichsten Inseln, die Nahrungssuche. Als besonderen Leckerbissen für eine Mahlzeit verschrie das Weib bei der Beerdigung Mr. Donat. Es gibt außerdem Geister, die nicht die Körper, sondern besonders die Seelen der Toten rauben. Das geht klar hervor aus einer tahitischen Erzählung. Ein Kind wurde krank, sein Zustand verschlimmerte sich rasch, und schließlich traten Anzeichen des Todes ein. Die Mutter eilte zum Hause eines Zauberers, der in der Nähe wohnte. »Es ist gerade noch Zeit,« sagte er, »ein Geist ist soeben an meiner Tür vorübergelaufen, der die Seele deines Kindes in einem Puraoblatt eingewickelt forttrug, aber ich habe einen stärkeren und schnelleren Geist, der ihn erreichen wird, bevor er Zeit hat, sie zu verzehren.« Eingewickelt in ein Blatt: genau wie andere eßbare Dinge, die leicht verderben.

Oder man vernehme ein Erlebnis von M. Donat auf der Insel Anaa. Es war eine sehr windige Nacht mit heftigen Regengüssen, sein Kind war sehr krank, und der Vater lag wach, obgleich er zu Bett gegangen war, und lauschte auf den Sturm. Plötzlich wurde ein Huhn heftig gegen die Hauswand geschleudert. In der Annahme, er habe vergessen, das Tier mit den übrigen in den Stall zu sperren, stand Donat auf, fand das Tier (einen Hahn) auf der Veranda liegen und setzte es in den Hühnerstall, worauf er die Tür sorgfältig verschloß. Fünfzehn Minuten später geschah das gleiche, nur krähte der Hahn, als er gegen die Wand geschleudert wurde. Wieder brachte Donat das Tier zurück, sah den Hühnerstall gründlich nach und fand ihn vollkommen in Ordnung. Inzwischen blies der Wind sein Licht aus, und er mußte sich heftig erschrocken zur Tür zurücktasten. Noch ein drittes Mal wurde der Hahn gegen die Wand geschleudert, ein drittes Mal brachte Donat das jetzt halbtote Tier in den Hühnerstall zurück, und als er eben wieder im Hause war, stürmte etwas wie ein wütender starker Mann gegen die Tür, und ein Pfeifen so laut wie das einer Lokomotive ertönte rund um das Haus. Der skeptische Leser wird hinter allem den Sturm als Ursache vermuten, aber die Frauen gaben alles verloren und klammerten sich wehklagend an die Betten. Nichts erfolgte, und ich muß annehmen, daß der Wind sich etwas legte, denn gleich darauf erschien ein Häuptling zu Besuch. Es war tapfer von dem Manne, so spät unterwegs zu sein, aber ohne Zweifel trug er eine helle Laterne. Und er war sicher ein kluger Mann, denn sobald er die Einzelheiten der Störungen gehört hatte, war er imstande, ihre Natur zu erklären. »Dein Kind«, sagte er, »muß bestimmt sterben. Das ist der böse Geist unserer Insel, der darauf wartet, die Seelen der soeben Verstorbenen zu verzehren.« Und dann verwunderte er sich über das sonderbare Benehmen des Geistes. Er gehe gewöhnlich nicht, erklärte er, so offen zum Angriff über, sondern sitze schweigend auf dem Dach des Hauses und warte in der Gestalt eines Vogels, während drinnen die Leute den Sterbenden betreuten, den Toten beweinten und nicht an Gefahr dächten. Aber wenn der Tag komme, die Türen geöffnet würden und die Menschen hinausgingen, verrieten Blutspuren an der Wand die Tragödie.

Ich bewundere diese Art der paumotuanischen Legenden. Auf Tahiti sollen die Kannibalengeister Gestalten annehmen, die zwar viel prächtiger, aber viel weniger schrecklich sind. Alle möglichen Menschen haben sie gesehen, Eingeborene und Fremde, nur behaupten die letzteren, es handle sich um Meteore. Mein Gewährsmann war nicht ganz so sicher. Er ritt mit seiner Frau um ungefähr zwei Uhr morgens, beide schliefen fast, und den Pferden erging es nicht besser. Es war eine helle und stille Nacht, und der Weg ging in Windungen über einen Berg, nahe an einem verfallenen Marae, einem alten tahitischen Tempel vorbei. Plötzlich ging eine Erscheinung über sie hinweg in Form von Licht, das Haupt rund und grünlich, der Körper lang und rot, mit einem Brennpunkt von noch grellerem und leuchtenderem Rot ungefähr in der Mitte. Ein pfeifendes Sausen ertönte, als sie vorüberzog, sie kam direkt aus einem Marae und flog direkt auf einen anderen am Abhange des Berges zu. Und das hat seine Bedeutung, wie mein Gewährsmann behauptete. Denn warum sollte ein bloßer Meteor die Altäre verabscheuungswürdiger Götter besuchen? Die Pferde waren, wie ich glaube, ebenso aufgeregt wie die Reiter. Ich selbst jedoch bin durchaus nicht erregt, nicht einmal angenehm. Man lasse mir lieber den Hahn auf dem Dache des Hauses und die Blutspuren morgens an der Wand.

Aber die Toten sind nicht wählerisch in ihrer Nahrung, sie nehmen insbesondere die polynesische Vorliebe für Fisch mit ins Grab und schließen bisweilen Verträge mit den Lebenden über die Fischbeute. Wieder ist Rua-a-mariterangi mein Gewährsmann. Ich fühle, daß es das Gewicht der Tatsachen mindert, aber dafür charakterisiert es um so mehr diesen unverbesserlichen Geisterseher. Er stammt von der jämmerlich armen Insel Taenga, aber seines Vaters Haus war immer gut bestellt. Als Rua heranwuchs, befahl man ihm schließlich, mit seinem glücklichen Vater zum Fischen zu gehen. Sie ruderten in die Lagune hinaus zur Zeit der Abenddämmerung, und zwar zu den abgelegensten Plätzen. Der Knabe kauerte sich im Boot nieder, der Vater begann vergebens die Angelschnur über Bord zu werfen. Man darf annehmen, daß Rua einschlief, und als er aufwachte, sah er die Gestalt eines anderen Wesens neben seinem Vater, und der Vater zog die Fische haufenweise ins Boot. »Wer ist dieser Mann, Vater?« fragte Rua. »Das geht dich nichts an«, sagte der Vater. Und Rua nahm an, daß der Fremde von der Küste zu ihnen herübergeschwommen sei. Viele Nächte fuhren sie in die Lagune hinaus, oft zu den unmöglichsten Plätzen, und immer sah man plötzlich den Fremden an Bord, der ebenso plötzlich verschwand. Jeden Morgen kehrte das Kanu mit Fischen beladen zurück. »Mein Vater ist ein sehr glücklicher Mann«, dachte Rua. Schließlich, an einem schönen Tage, kam zuerst eine Bootpartie und dann eine andere, die man bewirten mußte, und der Vater mit dem Sohn fuhr später in die Lagune hinaus. Bevor das Kanu an seine Stelle kam, war es bereits vier Uhr, und der Morgenstern stand nahe unter dem Horizont. Da erschien der Fremde, von irgendeinem Kummer niedergedrückt, wandte sich um, zeigte zum erstenmal sein Gesicht, das Antlitz eines Mannes, der vor langer Zeit gestorben ist, mit leuchtenden Augen, starrte zum Osten, legte die Fingerspitzen an den Mund wie jemand, der friert, gab einen sonderbaren, fröstelnden Laut von sich, wie ein Pfeifen oder ein Stöhnen, der das Blut erschauern ließ, und da soeben der Morgenstern aus der See aufstieg, war er plötzlich verschwunden. Da verstand Rua, warum es seinem Vater so gut ging, warum seine Fische früh am Tage faulten, und warum stets einige zum Friedhof getragen und auf die Gräber gelegt wurden. Mein Gewährsmann ist dem Aberglauben sicher nicht abgeneigt, aber er ist klug und nimmt ein höheres Interesse an diesen Dingen, das ich wissenschaftlich nennen möchte. Der letzte Punkt erinnerte ihn an eine ähnliche Sitte auf Tahiti, und er fragte Rua, ob die Fische auf dem Grabe gelassen oder nach einer formalen Schenkung wieder mit nach Hause genommen würden. Es scheint, daß der alte Mariterangi beide Methoden ausübte, manchmal bot er seinem Freund aus dem Schattenreich nur etwas an, ein anderes Mal ließ er den Fisch ehrlich auf dem Grabe verfaulen.

Wir haben ohne Zweifel Erzählungen ähnlicher Art, und der polynesische »varua ino« oder »aitu o le vao« ist offenbar ein naher Verwandter des transsylvanischen Vampirs. Hier folgt eine Erzählung, in der die Verwandtschaft in groben Zügen erkennbar ist. Auf dem Atoll Penrhyn, damals noch teilweise von Wilden bewohnt, war ein gewisser Häuptling lange der heilsame Schrecken der Eingeborenen. Er starb und wurde beerdigt, und kaum hatten seine ehemaligen Nachbarn die Annehmlichkeiten der Freiheit gekostet, als der Geist im Dorf erschien. Furcht ergriff alle, eine Ratsversammlung der Anführer und Zauberer wurde veranstaltet, und unter Zustimmung des Missionars Rarotongan, der sich ebenso fürchtete wie die übrigen, und in Gegenwart mehrerer Weißer – mein Freund Mr. Ben Hird war unter ihnen – wurde das Grab geöffnet, tiefer ausgeschachtet, bis das Wasser kam, und der Leichnam wieder eingegraben mit dem Gesicht nach unten. Das Pfählen der Selbstmörder in England, das bis vor kurzem Sitte war, sowie das Köpfen der Vampire im Osten Europas sind eng verwandte Erscheinungen.

Auf Samoa erwecken nur die Geister der Unbeerdigten Furcht. Während des letzten Krieges fielen im Busch viele Menschen, ihre Körper, manchmal ohne Kopf, wurden von eingeborenen Hirten zurückgebracht und beerdigt, aber das war, ohne daß ich den Grund wüßte, nicht hinreichend, und der Geist trieb sich noch am Ort des Todes herum. Als der Friede zurückkehrte, veranstaltete man an vielen Plätzen eine eigenartige Zeremonie, und besonders an den hochgelegenen Schluchten von Lotoanuu, wo lange der Mittelpunkt des Kampfes und die Verluste schwer gewesen waren. Die Frauen aus der Verwandtschaft der Toten trugen Matten oder Decken herbei, unter der Hut von überlebenden Mitkämpfern. Der Sterbeplatz wurde sorgfältig gesucht, die Decke auf dem Boden ausgebreitet, und die Frauen saßen in frommer Furcht und beobachteten sie. Wenn irgendein Lebewesen erschien, wurde es zweimal fortgejagt; beim drittenmal erkannte man in ihm den Geist des Toten, es wurde eingewickelt nach Hause getragen und neben dem Leichnam beerdigt: der Aitu hatte Ruhe. Die Zeremonie wurde ohne Zweifel in frommer Einfältigkeit ausgeübt, die Ruhe der Seele war ihr Ziel, ihr Beweggrund ehrfürchtige Liebe. Der gegenwärtige König will in der Tat nichts von gefährlichen Aitus wissen, er erklärt, die Seelen der Unbestatteten wanderten nur in der Vorhölle umher, da sie den Eingang zum eigentlichen Land der Toten nicht fänden, sie seien unglücklich, aber keineswegs boshaft. Und diese Meinung, streng auf eine Klasse beschränkt, stellt ohne Zweifel die Ansicht der Gebildeten dar. Aber die Flucht meines Lafaele kennzeichnet die ungeheuren Furchtzustände der Ungebildeten.

Dieser Glaube an die geisterscheuchende Kraft der Beerdigungszeremonien erklärt wahrscheinlich eine Tatsache, die sonst sehr erstaunlich wäre: daß nämlich kein Polynesier unsere europäische Furcht vor menschlichen Gebeinen und Mumien irgendwie teilt. Von Anfang an waren sie ihre schönsten Schmuckgegenstände, sie bewahrten sie in Häusern oder Begräbnishöhlen auf, und die Wächter königlicher Gräber wohnten mit ihren Kindern inmitten der Gebeine von Generationen. Auch die Mumie wurde selbst während der Herrichtung wenig gefürchtet. Auf den Marquesas wurde sie in den Küstendörfern von den Familienmitgliedern unter beständiger Salbung und Sonnenbestrahlung hergerichtet; auf den Karolinen, im äußersten Westen, wird sie im Rauch des Familienherdes getrocknet. Außerdem ist die Kopfjägern noch üblich dicht bei meiner Wohnung auf Samoa. Und vor knapp zehn Jahren mußten die Witwen auf den Gilbertinseln das Haupt ihres toten Gatten wieder ausgraben, reinigen, polieren und dann Tag und Nacht mit sich herumtragen. In allen diesen Fällen dürfen wir annehmen, daß der Prozeß des Reinigens oder Trocknens den Aitu völlig vertrieben hat.

Aber der paumotuanische Glaube ist dunkler. Hier wird der Mann regelrecht bestattet und muß bewacht werden. Obgleich er gut bewacht wird, geht der Geist um. In der Tat ist es nicht der Zweck der Nachtwachen, diese Wanderungen zu verhindern, sondern man will durch höfliche Aufmerksamkeit die natürliche Bosheit des Toten besänftigen. Vernachlässigung, so glaubt man, kann ihn erregen und so seine Besuche veranlassen, aber die Alten und Schwachen halten die Gefahren der Nachtwachen oft für gleich groß und bleiben zu Hause. Man beachte, daß es die Angehörigen und nächsten Freunde des Toten sind, die auf diese Weise durch Nachtwachen seinen Zorn besänftigen. Selbst diese Versöhnungswachen hält man für gefährlich, wenn man nicht in Gesellschaft ist, und man wies mir in Rotoava rühmend einen Knaben, der allein am Grabe seines eigenen Vaters gewacht hatte. Weder die verwandtschaftlichen Beziehungen des Toten noch seine im Leben bewiesenen Charaktereigenschaften beeinflussen die Ereignisse. Ein früherer Resident, der auf Fakarava am Sonnenstich starb, war während seines Lebens beliebt, und man erinnerte sich seiner immer noch mit Zuneigung. Nichtsdestoweniger ging sein Geist auf der Insel um und erregte Schrecken, und die Nachbarschaft des Regierungsgebäudes wurde immer noch nach Eintritt der Dunkelheit gemieden. Man kann den trostreichen Glauben so zusammenfassen: alle Menschen werden Vampire, und der Vampir verschont niemand. Und hier stehen wir einem sonderbaren Widerspruch gegenüber, denn die pfeifenden Geister sind anerkanntermaßen Stammesgeister, man erzählte mir, daß sie nur ihren Angehörigen dienen und sie beraten, und daß das Medium stets vom Stamme des sich mitteilenden Geistes sei. So sehen wir also, wie Familienbande einerseits in der Stunde des Todes zerrissen werden und anderseits wohltätig fortbestehen.

Die Kinderseele in der tahitischen Erzählung wurde in Blätter eingehüllt. Die Seelen der soeben Verstorbenen sind der feinste Leckerbissen. Werden sie getötet, so wird das Haus mit Blut befleckt. Ruas toter Fischer war verwest und in ebenso furchtbarer Weise sein Baumdämon. Der Geist ist also Materie, und durch körperliche Anzeichen der Zersetzung unterscheidet er sich vom Lebenden. Diese Ansicht ist weit verbreitet, sie verleiht den häßlichen polynesischen Erzählungen ungeheure Scheußlichkeit und entstellt die schöneren zu unangenehmer Disharmonie. Ich will zwei Beispiele anführen von weit entfernten Örtlichkeiten, das eine aus Tahiti, das andere aus Samoa.

Zunächst Tahiti. Ein Mann besuchte den Gatten seiner Schwester, die vor einiger Zeit gestorben war. Zu Lebzeiten war seine Schwester nach Insulanerart hübsch gekleidet gewesen und hatte immer einen Blumenkranz als Schmuck getragen. Um Mitternacht wachte der Bruder auf und bemerkte, wie ein himmlisches Leuchten im dunklen Hause auf und ab wanderte. Ich vermute, daß die Lampe erloschen war, denn kein Tahitier würde sich ohne Licht niedergelegt haben. Eine Weile lag er verwundert und entzückt da, dann rief er die andern herbei: »Riecht niemand von euch Blumen?« fragte er. »Oh,« sagte sein Schwager, »wir sind schon daran gewöhnt.« Am nächsten Morgen gingen die beiden Männer spazieren, und der Witwer gestand, daß seine tote Frau ständig zu dem Hause käme, und daß er sie sogar gesehen habe. Sie war in Gestalt und Kleidung wie zu Lebzeiten mit Blumen bekränzt, nur bewegte sie sich einige Zoll über dem Boden und schwebte rasch vorwärts. Die Oberfläche des Flusses überflog sie trockenen Fußes. Und jetzt kommt, was ich betonen möchte: sie ließ immer ihre Rückseite sehen, und die beiden Schwager besprachen die Angelegenheit und waren beide der Ansicht, daß sie dadurch den Beginn der Verwesung verbergen wollte.

Nun die samoanische Geschichte. Ich verdanke sie der Freundlichkeit von Dr. F. Otto Sierich, dessen gesammelte Volkssagen ich mit allergrößtem Interesse erwarte. Ein Mann auf Manu’a war mit zwei Frauen verheiratet und hatte keine Kinder. Er ging nach Savaii, heiratete dort eine dritte und war nun glücklicher. Als seine Frau ihre Zeit herankommen sah, erinnerte er sich, daß er auf einer fremden Insel lebe wie ein armer Mann, und wenn sein Kind geboren würde, müsse er sich der fehlenden Geschenke schämen. Vergebens versuchte seine Frau, ihm abzuraten, er kehrte zu seinem Vater in Manu’a zurück, um Hilfe zu erlangen, machte sich in der Nacht mit dem, was er erhalten hatte, wieder auf den Weg und schiffte sich ein. Nun erfuhren seine Weiber seine Ankunft und gerieten in Zorn darüber, daß er sie nicht besucht hatte, überfielen ihn am Strande bei seinem Kanu und erschlugen ihn. Die dritte Frau lag inzwischen schlafend auf Savaii. Ihr Kind war geboren und schlief an ihrer Seite, und sie wurde von dem Geist ihres Mannes geweckt. »Steh auf,« sagte er, »mein Vater liegt krank auf Manu’a, und wir müssen ihn besuchen.« – »Es ist gut,« sagte sie, »nimm das Kind, während ich seine Matte trage.« – »Ich kann das Kind nicht tragen,« sagte der Geist, »ich bin zu kalt von der See.« Als sie an Bord des Kanus waren, spürte die Frau Verwesungsgeruch. »Wie kommt das?« sagte sie. »Was hast du im Kanu, daß ich Verwesungsgeruch wahrnehme?«– »Es ist nichts im Kanu,« sagte der Geist, »es ist der Landwind, der von den Bergen weht, wo ein totes Tier liegt.« Es scheint, daß sie noch während der Nacht Manu’a erreichten – die schnellste Überfahrt seit Menschengedenken –, und als sie in das Riff hineinfuhren, brannten im Dorf die Totenfeuer. Wieder bat sie ihn, das Kind zu tragen, aber jetzt brauchte er sich nicht mehr zu verstellen. »Ich kann das Kind nicht tragen,« sagte er, »denn ich bin tot, und die Feuer, die du siehst, brennen zu meinem Begräbnis.«

Neugierige mögen aus Dr. Sierichs Buch den unerwarteten Schluß der Erzählung erfahren. Das Mitgeteilte genügt für meine Zwecke. Obgleich der Mann erst eben gestorben war, war der Geist bereits verwest, als ob Verwesung das Kennzeichen und Wesen eines Geistes sei. Die Wachen auf den Gräbern der Paumotuaner dehnen sich nicht über zwei Wochen aus, und man erzählte mir, daß man glaube, dieser Zeitpunkt falle zusammen mit der Auflösung des Körpers. Wenn nun der Geist immer gekennzeichnet wird durch den Zerfall, die Gefahren aber offenbar mit dem Prozeß der Auflösung enden, so liegt hier eine kniffliche Frage für den Theoretiker vor. Aber noch nicht genug, die Dame mit den Blumen war schon lange tot, und man glaubte trotzdem, daß der Geist Verwesungsanzeichen trage. Der Resident war vor mehr als vierzehn Tagen beerdigt worden, und sein Vampirgeist sollte immer noch umgehen.

Es wäre langwierig, vom traurigen Zustande der Toten zu erzählen, von den schaurigen mangaianischen Legenden, in denen Höllengötter die Seelen aller Toten verzaubern und vernichten, bis zu den mannigfaltigen Vorhöllen unter der See und in der Luft, wo die Toten Feste feiern, sich müßig umhertreiben oder die Beschäftigungen ihres irdischen Daseins wieder aufnehmen. Eine Geschichte will ich erzählen, denn sie ist einzigartig, wohlbekannt auf Tahiti und besitzt die besondere Eigentümlichkeit, daß sie aus der nachchristlichen Zeit stammt, denn sie datiert tatsächlich erst einige Jahre zurück. Eine Prinzessin des Herrscherhauses starb, sie wurde zur benachbarten Insel Raiatea hinübergebracht, verfiel dort der Herrschaft eines Geistes, der sie verurteilte, den ganzen Tag Kokospalmen zu besteigen und ihm Nüsse zu bringen, wurde einige Zeit später von einem zweiten Geist aus ihrem eigenen Geschlecht in dieser traurigen Knechtschaft gefunden und auf Grund ihrer Klagen wieder nach Tahiti gebracht, wo sie ihren Körper noch bewacht, aber schon von der herannahenden Zersetzung aufgedunsen vorfand. Es ist eine besondere Eigenart der Erzählung, daß die Prinzessin angesichts dieses entehrten Gefäßes bat, man möge sie auch weiterhin zu den Toten rechnen. Aber es scheint schon zu spät gewesen zu sein, ihr Geist wurde durch die würdeloseste Pforte zurückgeführt, und die entsetzte Familie sah, wie der Körper sich bewegte. Die Arbeiten, die offenbar Fegefeuercharakter tragen, der hilfreiche Geist aus der Verwandtschaft und das Entsetzen der Prinzessin beim Anblick ihres entstellten Körpers sind Nuancen, die man beachten muß.

Tatsache ist, daß die Erzählungen nicht notwendigerweise in sich geschlossen sind, und daß sie außerdem für den Fremden durch die Vieldeutigkeit der Sprache verdunkelt werden. Geister, Vampire, Seelen und Götter werden alle untereinandergemischt. Und doch scheint mir die Auffassung richtig zu sein, daß diejenigen Geister, die wir zu den Göttern rechnen würden, mit gewissen Ausnahmen weniger boshaft sind. Dauernd umgehende Geister wohnen auf Samoa und verüben ihre Morde an einsamen Orten, aber die echten Götter von Upolu und Savaii, deren Kriege und Kricketspiele vor einiger Zeit allgemeine Aufregung verursachten, werden nach meinen Erfahrungen nicht gefürchtet, jedenfalls nicht gleich heftig. Der Geist von Anaa, der die Seele verzehrte, ist sicher ein furchtbarer Mitbewohner, aber die hohen Götter schienen selbst auf dem Archipel hilfreich zu sein. Mahinui – von dem unser Sträflingkatechet seinen Namen hatte –, der Geist der See, der wie Proteus von zahlreichen Vasallen umgeben ist, kam den Schiffbrüchigen zu Hilfe und trug sie in Gestalt eines Rochens an Land. Dieselbe Gottheit trug Priester von Insel zu Insel innerhalb des Archipels, und mit seiner Hilfe hat man in diesem Jahrhundert Menschen fliegen sehen. Die Schutzgottheit jeder einzelnen Insel ist ebenfalls gütig und kündet durch die besondere Form einer keilartigen Wolke am Horizont die Ankunft eines Schiffes an.

Wer die Berichte über diese Atolle liest, die so schmal, so eingeengt und so vom Meer umlauert sind, möchte glauben, daß hier allzu viele geisterhafte Bewohner leben. Und doch sind sie noch zahlreicher. In den vielen Brackwasserteichen und Tümpeln sieht man schöne Frauen mit langem, rotem Haar auftauchen und baden, nur tauchen sie für immer wieder unter beim geringsten Laut von Tritten auf den Korallen, denn sie sind scheu wie Mäuse. Man weiß, daß sie ein glückliches und harmloses Volk sind, Bewohner der Unterwelt, und dieselbe Sage lebt auf Tahiti, wo sie ebenfalls rotes Haar tragen. Tetea ist der tahitische Name, Mokurea der paumotuanische.

Erstes Kapitel


Butaritari

In Honolulu hatten wir der »Casco« und Kapitän Otis Lebewohl gesagt, und unsere nächste Abenteuerfahrt geschah unter veränderten Verhältnissen. Plätze für mich, meine Frau, Mr. Osbourne und meinen chinesischen Bedienten, Ah Fu, wurden belegt auf einem winzigen Handelsschoner, dem »Equator« unter Kapitän Dennis Reid, und an einem sonnigen Junitag des Jahres 1889 verließen wir, nach hawaiischer Sitte zum Abschied mit Blumengirlanden geschmückt, den Hafen und fuhren unter günstigem Wind auf Mikronesien zu.

Das ganze Gebiet der Südsee ist eine Schiffswüste, besonders der Teil, den wir jetzt durchqueren sollten. Post gibt es auf diesen Inseln nicht, jede Verbindung ist eine zufällige, man kann zwar Pläne machen, irgendwohin zu reisen, aber es ist sehr die Frage, ob man wirklich hingelangt. Ich hatte zum Beispiel die Hoffnung, die Karolinen zu erreichen und über Manila und die chinesischen Häfen wieder zurückzukehren, es war uns aber bestimmt, in Samoa wieder aufzutauchen und von neuem durch den Anblick der Berge erfrischt zu werden. Seit der Abendglanz auf den Höhen von Oahu verblaßte, waren sechs Monate verstrichen, und wir hatten nicht einen Erdenfleck gesehen, der so hoch gewesen wäre wie ein Bauernhaus. Unsere Straße war die flache See gewesen, unsere Wohnung niedrige Korallen, unsere Nahrung Pökelfleisch und Konserven; ich hatte gelernt, Haifischfleisch als Abwechslung willkommen zu heißen; ein Berg, eine Zwiebel, eine frische Kartoffel oder ein Beefsteak waren längst unserem Gesichtskreise entschwunden, und wir sehnten uns nach ihnen.

Unsere beiden Aufenthaltsplätze, Butaritari und Apemama, liegen nahe am Äquator, Apemama ungefähr dreißig Meilen entfernt. Beide haben ein herrliches Ozeanklima, Tage blendender Sonne und erfrischenden Windes, Nächte voll himmlischer Klarheit. Beide sind etwas größer als Fakarava und messen in der größten Breite vielleicht eine Viertelmeile von Strand zu Strand. Auf beiden wächst eine derbe Art des Taro, ihre Kultur ist die Hauptbeschäftigung der Eingeborenen, und die dazu notwendigen Hügel und Gräben ergeben eine zierlich bewegte Landschaft und erfreuen das Auge. Im übrigen bieten sie ganz das gewöhnliche Aussehen eines Atolls: den niedrigen Horizont, die weit ausgedehnte Lagune, die riedgrasartige Linie der Palmwipfel, die Eintönigkeit und Schmalheit des Landes, die überragende Größe und das Übergewicht der See und des Himmels. Das Leben auf solchen Inseln ist in mancher Beziehung ähnlich dem Leben an Bord eines Schiffes. Das Atoll wird bald wie ein Schiff als Tatsache hingenommen, und die Insulaner werden genau wie eine Schiffsbesatzung bald zum Mittelpunkt des Interesses. Die Inseln sind stark bevölkert, unabhängig, Sitze kleiner Könige, erst neuerdings zivilisiert und wenig besucht. In den letzten zehn Jahren haben sich manche Veränderungen breitgemacht, die Frauen gehen nicht mehr unbekleidet bis zur Heirat, die Witwe schläft nicht mehr nachts mit dem Schädel des verstorbenen Gatten und geht nicht mehr am Tage mit ihm spazieren. Schußwaffen sind eingeführt, und die Schwerter aus Haifischzähnen werden als Kuriositäten verkauft. Vor zehn Jahren waren alle diese Dinge und Sitten noch im Gebrauch; zehn Jahre weiter, und die alte Gesellschaft wird gänzlich verschwunden sein. Wir kamen in einem glücklichen Augenblick an, als diese Gebräuche noch bestanden und in Apemama noch fast unangetastet waren.

Dicht bevölkert und unabhängig – Schlupfwinkel von Menschen, die mit einem gewissermaßen ländlichen Pomp regiert werden – das war der erste und immer wiederkehrende Eindruck von diesen kleinen Inseln. Als wir über die Lagune auf die Stadt von Butaritari zusteuerten, sahen wir einen niedrigen Küstenstrich besät mit braunen Dächern von Häusern; die des Palastes und der Sommerwohnung des Königs waren aus Wellblech und glitzerten hell in der Nähe der Dorfecke; die königlichen Farben flogen im Winde an einer hohen Fahnenstange; direkt vor uns lag auf einem künstlichen Inselchen das Gefängnis wie eine Art Warnungssignal. Selbst bei diesem ersten Anblick aus der Ferne machte der Ort kaum den Eindruck eines Dorfes, was er wirklich ist, sondern eher den einer kleinen ländlichen und doch königlichen Hauptstadt, was er ebenfalls ist.

Die Lagune ist seicht. Da Ebbe war, wateten wir ungefähr eine Viertelmeile in lauwarmem, flachem Wasser und stiegen schließlich in brennender Sonnenhitze an Land. Die Leeseite einer Äquatorinsel ist nachmittags in der Tat ein windstiller Platz; an der Ozeanküste weht der Passatwind böig und kühl; auch weiter draußen auf der Lagune bläst er noch und treibt die Kanus vorwärts, aber das dichte Buschwerk fängt ihn an der Küste völlig ab, und auf den Städten brüten Schlaf, Schweigen und Moskitoschwärme.

Man kann also sagen, daß wir Butaritari gewissermaßen überrumpelten. Nur wenige Einwohner waren noch an der Nordecke, wo wir landeten, im Freien. Als wir vorwärts schritten, trafen wir sehr bald niemand mehr an und schienen eine tote Stadt zu durchforschen. Nur zwischen den Pfosten der offenen Häuser sahen wir die Bevölkerung ausgestreckt zur Mittagsruhe, manchmal eine ganze Familie zusammen unter einem Moskitonetz, dann wieder einen einzelnen Schläfer auf einer Plattform wie einen Toten auf der Bahre.

Die Häuser waren von verschiedener Größe, manche wie Spielzeug, andere wie Kirchen. Einige konnten ein Bataillon aufnehmen, andere waren so klein, daß sie kaum ein Liebespaar beherbergen konnten; nur in einem Kinderzimmer findet man, wenn man die Spielsachen untereinander mengt, so verschiedene Größenverhältnisse. Manche Behausungen waren offene Schuppen, andere wie überdachte Bühnen, wieder andere hatten Wände, in denen kleine Fenster waren. Einige waren auf Pfählen in der Lagune errichtet, der Rest stand durcheinander auf einer grünen Fläche, durch die sich der Weg wie ein Sandstreifen zog, oder auf den Uferbänken eines Wasserstreifens, der wie ein flaches Hafenbecken anmutete. Alle ohne Ausnahme waren aus einem einzigen Baum hergestellt, Palmholz und Palmblätter das Baumaterial, kein Nagel war eingetrieben, kein Hammerschlag erklungen beim Bau, sie wurden zusammengehalten durch Bänder aus Palmfasern.

In der Mitte der Hauptstraße steht die Kirche wie eine Insel, ein hohes, dunkles Gebäude mit vielen Fensterreihen, ein Rahmen von reichem Maßwerk trägt das Dach, und durch die beiden Türen übersieht man weithin die Straße. Die Ausmaße des Gebäudes erschienen, in solcher Umgebung und aus solchem Material hergestellt, großartig, und wir durchschritten das Schiff mit einem Gefühl, wie es Besucher einer Kathedrale befällt. Bankreihen sind auf beiden Seiten. In der Mitte stehen unter einem sonderbaren Thronhimmel zwei Stühle für den König und die Königin, wenn sie ihre Anbetung verrichten wollen; über ihren Häuptern hängt an einem roten Baumwollstrick ein Reifen, offenbar von einem großen Faß, der schief herabbaumelt und mit roten und weißen Wimpeln aus demselben Stoff geschmückt ist.

Das war das erste Anzeichen königlicher Würde, und bald darauf standen wir vor seinem Zentralsitz. Der Palast ist aus eingeführtem Holz nach europäischen Plänen gebaut, das Dach aus Wellblech, der Hof von Mauern umgeben, die Pforte von einer Art Wachthaus gekrönt. Man kann das Gebäude nicht geräumig nennen, ein Arbeiter in den Vereinigten Staaten wohnt manchmal bequemer, aber als wir die Möglichkeit hatten, das Innere zu besichtigen, fanden wir es reich über Inselerwartungen hinaus geschmückt mit Anzeigen und Bildern aus illustrierten Zeitungen. Selbst vor dem Tore stehen Schätze der Krone in aller Öffentlichkeit: eine ziemlich große Glocke, zwei Kanonen und eine einsame Granate. Die Glocke kann man nicht läuten und die Kanone nicht abfeuern, sie sind Sehenswürdigkeiten, Beweise des Reichtums, Stücke königlicher Pracht, die wie Statuen auf einem Platz zur allgemeinen Bewunderung stehen. Ein gerader Wasserstreifen geht wie ein Kanal fast bis zum Palasttor, die Kaimauern sind vorzüglich gebaut aus Korallen; gegenüber der Mündung steht wie eine Art ländlicher Schmuckbau das Gefängnis in die Lagune gleich einem Warnungsturm. Vasallenhäuptlinge, benachbarte Monarchen, kommen mit Tributen herbeigerudert, so könnte man sich vorstellen, sie sehen mit Staunen diese großen öffentlichen Gebäude und stehen entsetzt den Mündungen der schweigenden Kanonen gegenüber. Unmöglich, den Ort zu schauen und sich nicht vorzustellen, er sei für festliche Aufzüge bestimmt. Aber der sorgfältig hergerichtete Schauplatz war damals leer, das königliche Haus verlassen, Türen und Fenster standen offen, das ganze Stadtviertel war in Schweigen versunken. Auf der gegenüberliegenden Kanalbank schlief unter freiem Himmel als einziger sichtbarer Einwohner auf überdachter Bühne ein alter Herr, und drüben auf der Lagune hißte ein Kanu ein gestreiftes Segel, der einzige bewegliche Gegenstand.

Der Kanal hat an der Südseite einen Pier oder Damm mit einer Brustwehr. Weit draußen hört die Brustwehr auf, und der Kai erweitert sich zu einer länglichen Halbinsel in die Lagune hinein, der luftigen Sommerresidenz des Königs. In der Mitte steht ein offenes Haus oder festes Zeltlager, das man hier maniapa nennt oder, wie man das Wort jetzt ausspricht, maniap‘, mindestens vierzigmal sechzig Fuß im Geviert. Das eiserne Dach, das hoch ist, aber sehr tief nach unten reicht, so daß eine Frau sich beim Eintreten bücken muß, ruht außen auf Korallenpfeilern, innen auf einem Holzgerüst. Der Boden besteht aus zerbrochenen Korallen und wird durch die Gerüstpfeiler in Längsabschnitte eingeteilt, das Haus steht weit genug von der Küste, daß die Brise frei hindurchwehen und die Moskitos vertreiben kann; unter den niedrigen Giebelwänden sieht man die Sonne glitzern und die Wellen auf der Lagune tanzen.

Eine ganze Weile hatten wir nur schlafende Menschen angetroffen, und als wir den Pier entlang wanderten und schließlich unter dies leuchtende Dach traten, waren wir überrascht, das Haus von einer Gesellschaft wacher Leute angefüllt zu sehen, ungefähr zwanzig, die den Hof und die Wachtmannschaft von Butaritari bilden. Die Damen des Hofes flochten eifrig Matten, die Wachtleute gähnten und rekelten sich. Ein halbes Dutzend Gewehre lagen auf einem Felsblock, und eine Axt lehnte gegen einen Pfeiler, die Bewaffnung dieser schläfrigen Musketiere. Auf der gegenüberliegenden Seite stand ein geschlossenes kleines Holzhaus mit dünnen Vorhängen, und es zeigte sich bei näherem Zusehen, daß es ein Abort nach europäischem Muster war. Vor diesem Häuschen lag, auf einigen Matten hingestreckt, Tebureimoa, der König; hinter ihm, an der Holzwand des Häuschens, stellten zwei gekreuzte Gewehre die Liktorenbündel dar. Er trug Pyjamas, die im traurigen Widerspruch standen zu seiner Dickleibigkeit, seine Nase war hakenförmig und unmenschlich, sein Körper massig aufgeschwemmt, sein Blick furchtsam und trübe: er schien von Schläfrigkeit übermannt und gleichzeitig wachgehalten durch Befürchtungen: ein Rajah aus dem Pfefferlande, von Opium berauscht und dem Marsch einer holländischen Armee lauschend, sieht vielleicht nicht anders aus, wir lernten uns später besser kennen, und immer hatte ich denselben Eindruck; er schien stets schläfrig, aber doch immer lauernd und sprungbereit, und es besteht kein Zweifel, daß er aus Gewissensbissen oder Furcht seine Zuflucht zu übermäßigen Betäubungsmitteln nahm.

Der Rajah schien an unserem Erscheinen nicht das geringste Interesse zu nehmen, aber die Königin, die in einem purpurnen Gewande neben ihm saß, war zugänglicher, und auch ein Dolmetscher war anwesend, der so aufdringlich war, daß seine Geschwätzigkeit schließlich die Ursache unseres Abschieds wurde. Er hatte uns bei unserer Ankunft begrüßt. »Dies ist der ehrenwerte König, und ich bin sein Dolmetscher«, hatte er mit mehr Würde als Wahrheit gesagt. Denn er nahm keine Stellung ein bei Hofe, schien mit der Inselsprache sehr schlecht vertraut und machte wie wir nur einen Höflichkeitsbesuch. M. Williams war sein Name, er war ein amerikanischer Neger, ein entsprungener Schiffskoch und Barkeeper auf Butaritari, in der Kneipe » The Land we Live in«. Ich habe niemals einen Menschen getroffen, der mit soviel Worten sowenig Wahres sagte. Weder die Verdrießlichkeit des Königs noch meine eigenen Bemühungen, ihn abzuschütteln, machten auf ihn den geringsten Eindruck, und als die Audienz zu Ende war, redete der Schwarze immer noch weiter.

Die Stadt lag noch im Schlummer oder hatte gerade begonnen, sich zu erheben und zu strecken, noch war sie in Hitze und Schweigen gehüllt. Um so lebhafter war der Eindruck, den wir von dem Haus auf der Insel mitnahmen, von dem mikronesischen Saul zwischen seinen Wachen und dem schwatzhaften David, Mr. Williams, der die schläfrigen Stunden mit seinem Gewäsch erfüllte.

Zweites Kapitel


Die vier Brüder

Das Königreich Tebureimoas umschließt zwei weitere Inseln, Groß- und Klein-Makin, ungefähr zweitausend Untertanen zahlen ihm Tribut, und zwei halbwegs unabhängige Häuptlinge müssen ihm in bedingter Form huldigen. Die Bedeutung der Stellung hängt von dem Manne ab, er kann ein Niemand und kann absoluter Herrscher sein, und beide Extreme haben die heute Lebenden mitgemacht.

Beim Tode des Königs Tetimararoa, Tebureimoas Vater, folgte ihm der älteste Sohn, Nakaeia. Er war ein Bursche von gewaltiger Körperkraft, herrisch, gewalttätig, von einer gewissen barbarischen Sparsamkeit und einiger Geschäftsintelligenz. Er allein trieb Handel auf seinen Inseln und machte Profite, er war Pflanzer und Kaufmann, und seine Untertanen verrichteten Sklavendienste für ihn. Wenn sie lange und gut gearbeitet hatten, so rief ihr Fronmeister einen Feiertag aus und sorgte für ein allgemeines Trinkgelage, an dem er teilnahm. Manchmal bereitete er es in großartiger Weise vor: für sechshundert Dollar Gin und Brandy wurden herbeigeschafft, das schmale Land ertönte vom Lärm der Lustbarkeiten, und es war nichts Außergewöhnliches, die schwankenden Untertanen zu sehen, wie sie ihren betrunkenen Monarchen auf dem Vorderdeck eines gestrandeten Schiffes herumführten, alle miteinander schreiend und singend, König und Volk. Auf ein Wort aus Nakaeias Mund hörte das Gelage auf, Makin wurde wieder zu einer Insel der Sklaven und Temperenzler, und am Morgen mußte die ganze Bevölkerung auf den Straßen oder in den Taropflanzungen sein und unter seinem blutunterlaufenen Blick arbeiten.

Die Furcht vor Nakaeia erfüllte das Land. Es gab keine geregelte Gerichtsbarkeit, keine Untersuchungen, keine Gerichtsbeamten; es scheint nur eine Strafe gegeben zu haben, die Todesstrafe, und die Formen des Strafvollzuges waren gewaltsame Gefangennahme am Tage und Ermordung in der Nacht. Der König selbst spielte den Scharfrichter, seine Schläge wurden heimlich ausgeteilt und nur mit Hilfe und Unterstützung seiner eigenen Weiber. Sie waren seine Ruderer. Eine, die einst eine Krabbe fing, erschlug er sofort mit der Ruderpinne. In solcher Knechtschaft gehalten, fuhren sie ihn nachts zu der Stätte seiner Rache, die er allein wahrnahm, worauf er befriedigt mit seiner weiblichen Mannschaft heimkehrte. Die Insassen des Harems nahmen eine Stellung ein, die uns schwer begreiflich ist. Zugtiere, immer in Todesfurcht, behüteten sie doch stillschweigend das Leben des Königs, sie waren trotz allem Frauen und Königinnen, und es war Vorschrift, daß niemand ihr Antlitz sehen durfte. Sie töten durch ihren Anblick wie Basilisken; eine dieser weiblichen Ruderer zufällig zu sehen, war ein Verbrechen, das nur mit Blut gesühnt werden konnte. Zu Lebzeiten Nakaeias standen rund um den Palast hohe Kokospalmen, die über die Umzäunung hinausragten. Eines Abends, als Nakaeia unten mit seinen Weibern beim Abendessen saß, geschah es, daß der Eigentümer des Palmenhaines in einem Baumwipfel Palmwein abzapfte, zufällig blickte er hinunter, und da der König in demselben Augenblick hinaufsah, begegneten sich ihre Augen. Sofortige Flucht rettete den unfreiwilligen Frevler, aber während des Restes der Regierungszeit des Herrschers mußte er sich verstecken und verbarg sich bei Freunden in abgelegenen Winkeln der Insel. Nakaeia verfolgte ihn ohne Unterlaß, wenn auch vergeblich, und die Palmen, die die Tat verursacht hatten, wurden rücksichtslos niedergelegt. Das war das Ideal weiblicher Reinheit auf einer Insel, wo reife Jungfrauen nackt umhergingen wie im Paradiese. Und doch fand der Skandal seinen Weg in Nakaeias wohlbehüteten Harem. Er war damals Eigentümer eines Schoners, den er als Erholungsstätte benutzte, und wohnte an Bord, wenn das Schiff vor Anker lag. Dorthin befahl er eines Tages ein neues Weib. Sie gehörte zu denen, die ihm vorbehalten waren, das heißt, wie ich vermute, daß er verheiratet war mit ihrer Schwester, denn der Ehemann einer älteren Schwester hat Anspruch auf die jüngeren. Alle Vorbereitungen wurden getroffen, sie kam herbei, gesalbt, mit Blumen geschmückt, beladen mit feinen Matten und den Familienjuwelen, zur Hochzeit, wie ihre Freunde glaubten, zum Tode, wie sie selbst genau wußte. »Nenne mir den Namen des Mannes, und ich werde dich verschonen«, sagte Nakaeia. Aber sie war verschlossen und schweigsam und rettete ihren Liebhaber. Die Königinnen erdrosselten sie zwischen den Matten.

Nakaeia war gefürchtet, aber es scheint nicht, daß man ihn haßte. Taten, die für uns wie Morde aussehen, trugen für seine Untertanen das ehrwürdige Gesicht der Gerechtigkeit, seine Orgien machten ihn populär, die Eingeborenen sprechen noch heute mit Hochachtung von der Festigkeit seines Regiments, und selbst die Weißen, denen er sich lange widersetzte, und die er fernhielt, gaben ihm den Namen eines vollkommenen Gentleman im nüchternen Zustande, wie die stehende Südseephrase lautet.

Als er auf dem Totenbett lag, ohne Nachkommen zu haben, rief er seinen nächstältesten Bruder, Nanteitei, zu sich, hielt ihm eine Rede über die Politik eines Königs und sagte ihm warnend, er sei für einen Herrscher zu schwach. Die Warnung wurde zu Herzen genommen und eine Zeitlang nach dem Muster Nakaeias regiert. Nanteitei schaffte die Wachen ab und ging allein mit einem Revolver in einem Lederbeutel umher. Um seine Schwäche zu verbergen, hüllte er sich in finsteres Schweigen; man konnte den ganzen Tag zu ihm reden, ihm gute Ratschläge geben, ihn tadeln, ermahnen und ihm drohen – alles blieb unbeantwortet. Die Zahl seiner Weiber war siebzehn, viele von ihnen waren reiche Erbinnen, denn das königliche Haus war arm, und die Heirat war damals ein Hauptmittel, den Thron zu befestigen. Nakaeia beschäftigte seinen Harem für sich selbst, Nanteitei verdingte ihn an andere. Damals baute die Firma Messrs. Wightman einen Pier mit einer Veranda am Nordende der Stadt. Das Mauerwerk war die Arbeit der siebzehn Königinnen, die dort wie Fischerknechte Sklavendienste verrichteten und im Wasser wateten; aber der Mann, der die Dachdeckerarbeiten verrichtete, durfte nicht anfangen, bevor sie fertig waren, damit er nicht etwa zufällig hinunterschauen und sie sehen könne.

Das war vielleicht das letzte Auftreten der Haremsarbeiterinnen, denn schon hatten sich hawaiische Missionare in Butaritari niedergelassen, Maka und Kanoa, zwei tapfere, kindliche Männer. Nakaeia wollte ihre Lehren nicht, er war vielleicht eifersüchtig auf ihre Anwesenheit, da er aber doch menschliches Empfinden besaß, hatte er eine gewisse Vorliebe für die beiden. In seinem Hause erschlug er mit eigener Hand vor den Augen Kanoas drei Seeleute von Oahu, indem er auf ihrem Nacken kniete, um sie zu erstechen, und bedrohte den Missionar, falls er dazwischenträte, aber er verschonte ihn nicht nur, sondern rief ihn später, als er geflohen war, zurück mit Ausdrücken der Hochachtung. Nanteitei, der schwächere Mann, geriet immer mehr und mehr unter ihren Einfluß. Maka, ein fröhlicher, liebenswürdiger, aber in seiner Art sehr energischer Mann, gewann steigenden Einfluß auf den König und trug bald den Sieg davon. Nanteitei trat mit dem königlichen Hause in aller Öffentlichkeit über, und mit einer Strenge, die von liberalen Missionaren verworfen wird, wurde der Harem sofort aufgelöst, eine Tat von schwerwiegender Bedeutung. Der Thron war jetzt verarmt, sein Einfluß gebrochen, die Verwandten der Königinnen waren beleidigt, und sechzehn Hauptfrauen, manche davon sehr reich, wurden auf einmal auf den Markt geworfen. Ich fuhr mit einem Seemann aus Hawaii, der nacheinander mit zwei von diesen Frauen, die plötzlich zu Witwen geworden waren, verheiratet war und wegen schlechter Führung nacheinander von ihnen verabschiedet wurde.

Daß zwei bedeutende und reiche Damen – denn beide waren wohlhabend – einen Fremdling von einer anderen Insel heirateten, kennzeichnet die Auflösung der Gesellschaft. Die Gesetze wurden außerdem völlig umgeändert, nicht immer zum Besseren. Ich liebe Maka Mann, als Gesetzgeber hat er zwei Fehler: er ist zu weich in der Bestrafung von Verbrechen und zu hart im Verbieten unschuldiger Vergnügungen.

Krieg und Aufruhr folgten gewöhnlich einer Reform, aber Nanteitei starb an einer zu starken Dosis Chloroform im ruhigen Besitz des Thrones, und erst unter der Regierung des dritten Bruders, Nabakatokia, eines Mannes von starkem Körper und schwachem Geist, brach der Sturm los. Die Herrschaft der großen Häuptlinge und Vornehmen scheint seither das Fundament der Monarchie gewesen zu sein und hat vielleicht manchmal die Alleinherrschaft auch abgelöst. Die Altmänner, wie sie genannt wurden, haben das Recht, mit dem König im Redehaus zu sitzen und zu debattieren, und die höchste Gewalt des Königs liegt in der Formel, mit der er die Debatte schließt: »Das Reden ist zu Ende!« Bei der langen Alleinherrschaft von Nakaeia und den Wandlungen unter Nanteitei waren die Altmänner ohne Zweifel unwillig über ihre Zurücksetzung und ohne Frage eifersüchtig auf den Einfluß von Maka. Verleumdungen oder vielmehr Spötteleien wurden in Umlauf gesetzt, ein Witzwort machte die Runde in der Gesellschaft: man erzählte, daß Maka der Kirche gesagt habe, der König sei der erste Mann auf der Insel und er selbst der zweite, und durch diese erdichtete Beleidigung erregt, erhoben sich die Häuptlinge und veranstalteten Versammlungen in Waffen. Im Laufe eines Vormittags wurde der Thron Nakaeias gestürzt. Der König saß im Maniap‘ vor dem Palasttor in Erwartung seiner Rekruten, Maka ihm zur Seite, beide voller Angst; inzwischen hatte ein Häuptling an einer Haustür am Nordeingang der Stadt Posten gefaßt und fing die Hilfstruppen ab, als sie herankamen. Sie erschienen einzeln oder in Gruppen, alle das Gewehr oder die Pistole über den Rücken geschwungen. »Wohin geht ihr?« fragte der Häuptling. »Der König rief uns«, pflegten sie zu sagen. »Hier ist euer Platz, setzt euch«, antwortete der Häuptling. In unglaublicher Untreue gehorchten sie alle. Und als so von beiden Seiten genug Truppen zusammengekommen waren, wurde Nabakatokia herausgerufen und ergab sich. Zu dieser Zeit wurden in fast allen Gebieten der Inselgruppe die Könige ermordet, und auf Tapituea hängt das Skelett des letzten Königs bis auf diesen Tag im Hauptredehaus der Insel, eine Drohung für Ehrgeizige. Nabakatokia war glücklicher, sein Leben und seine Königswürde blieben ihm erhalten, aber seine Macht wurde ihm genommen. Die Altmänner veranstalteten ein öffentliches Redefest, die Gesetze wurden fortwährend geändert, ohne jemals in Kraft zu treten, das Volk hatte Gelegenheit, den Verdiensten Nakaeias nachzutrauern, und der König, der die Mitgift reicher Frauen und die Dienstleistungen seiner Weibertruppen entbehren mußte, geriet nicht nur in Mißachtung, sondern auch in Schulden.

Er starb einige Monate vor meiner Ankunft auf den Inseln, und niemand bedauerte ihn, sondern alle blickten hoffnungsvoll auf seinen Nachfolger. Dieser war seinem Rufe nach der Familienheld. Er allein unter den vier Brüdern hatte Nachkommen, einen erwachsenen Sohn, Natiata, und eine dreijährige Tochter. An ihn wandte sich Nabakatokia in der Stunde der Revolution zuerst um Hilfe, und in früheren Jahren war er die rechte Hand des gewaltigen Nakaeia gewesen. Nontemat‘, Herr Leichnam, war sein bezeichnender Spitzname, und er hatte ihn wohlverdient. Immer wieder hatte er auf Befehl Nakaeias Häuser in der Stille der Nacht umzingeln lassen, die Moskitonetze durchschnitten und ganze Familien abgeschlachtet. Hier war die Hand von Eisen, hier war ein zweiter Nakaeia. Er kam, herbeigerufen von dem tributpflichtigen Klein-Makin, wo er die Regentschaft führte, er wurde als König eingesetzt und entpuppte sich als Strohmann und Feigling, ein schwerfälliges Spielzeug der Volksredner, und der Leser hat im Sommerhaus gesehen, was von ihm unter dem Namen Tebureimoa übriggeblieben war.

Der Wandel im Charakter dieses Mannes wurde auf der Insel viel besprochen, und man führte ihn bald auf den Opiumgenuß, bald auf das Christentum zurück. Nach meiner Ansicht schien überhaupt kein Wandel vorzuliegen, sondern vielmehr äußerste Beharrung. Herr Leichnam fürchtete seinen Bruder, König Tebureimoa fürchtete die Altmänner, die Furcht vor dem Bruder stachelte ihn an zu Verzweiflungstaten, die Furcht vor den Altmännern machte ihn unfähig zu irgendeiner Regierungstat. Er spielte früher die Rolle eines Helden, indem er die Richtung des geringsten Widerstandes verfolgte und andere zu seinem eigenen Schutz abschlachtete. Jetzt, da er älter und schwerfällig ist, ein Konvertit, ein Bibelleser, vielleicht voll Reue, jedenfalls des Hasses vieler Menschen gewiß, belastet mit der Erinnerung an Gewalttaten und Blutvergießen, kapituliert er vor den Altmännern, berauscht sich mit Opium und hockt in Furcht und Angst unter seinen Wachtmannschaften. Dieselbe Feigheit, die das Messer des Meuchelmörders in seine Hand zwang, beraubt ihn des königlichen Szepters.

Eine Erzählung, die man mir zutrug, und eine winzige Beobachtung, die ich machen konnte, sind bezeichnend für seine beiden Charaktereigenschaften. Ein Häuptling auf Klein-Makin fragte in einer leichtsinnigen Stunde: »Wer ist Kaeia?« Der Wind trug das Wort hinüber, und Nakaeia legte die Angelegenheit in die Hände eines dreiköpfigen Ausschusses. Herr Leichnam war Vorsitzender, das zweite Mitglied starb vor meiner Ankunft, das dritte lebte noch, war wohlauf und von so ehrwürdigem Aussehen, daß wir ihm den Namen Abou ben Adhem gaben. Herr Leichnam hatte Gewissensbisse, denn der Mann auf Klein-Makin war sein Adoptivbruder. In solchem Falle war es nicht sehr fein, überhaupt zu erscheinen, und den Todesstreich zu führen, den man sonst von ihm wohl erwartete, würde mehr als peinlich gewesen sein. »Ich werde den Streich führen«, sagte der ehrwürdige Abou, und Herr Leichnam stimmte, sicherlich mit einem Seufzer, dem Kompromiß zu. Das Wild wurde also in den Busch gelockt, man veranlaßte den Mann, einen Holzblock auf die Schultern zu nehmen, und als seine Arme erhoben waren, schlitzte ihm Abou mit einem Hieb den Bauch auf. Da nun der Gerechtigkeit Genüge getan war, wandte sich die Kommission in kindischem Schrecken zur Flucht, aber das Opfer rief sie zu seiner Seite zurück. »Ihr braucht jetzt nicht fortzulaufen,« sagte der Mann, »ihr habt mir dies angetan, nun bleibt!« Das Sterben dauerte ungefähr zwanzig Minuten, und die Mörder saßen inzwischen bei ihm, eine Szene für Shakespeare. Alle Augenblicke dieses gewaltsamen Todes, das Blut, die ermattende Stimme, die verzerrten Gesichtszüge, der Farbenwechsel haben sich dem Gedächtnis des Herrn Leichnam eingeprägt, und da er sie an dem Bruder, den er verriet, studierte, hat er einigen Grund, über die Möglichkeiten eines Verrates nachzudenken. Niemals war ich einer Sache gewisser als der tragischen Gedanken des Königs, und doch habe ich ihn nur einmal unversehens überrascht. Einst hatte ich ihm eine Botschaft zu überbringen. Es war wieder einmal die Stunde der Mittagsruhe, aber einige Leute, die sich draußen umhertrieben, verwiesen uns auf ein geschlossenes Haus an der Kanalbank, wo Tebureimoa unbewacht liege. Wir traten ohne Zeremonien ein, da wir ziemlich eilig waren. Er lag am Boden auf einem Mattenbett und las reuig in seiner Bibel von den Gilbertinseln. Bei unserem plötzlichen Eintritt richtete sich der schwerfällige Mann halb auf, so daß die Bibel zu Boden fiel, starrte uns einen Augenblick verwirrt an und sank wieder auf die Matte zurück. So schaute Eglon auf Ehud.

Die Gerechtigkeit der Tatsachen ist sonderbar und höchst eigenartig gerecht: Nakaeia, der Urheber dieser Taten, starb im Frieden, indem er von der Gewalt eines Königs redete; sein Werkzeug erlitt täglich den Tod für seine erzwungene Mittäterschaft. Nicht die Natur der Handlungen, sondern die Übereinstimmung zwischen den Taten und den Umständen verdammen oder erlösen den Menschen, und Tebureimoa war von Anfang an in Widersprüche verwickelt. Zu Hause, in einer ruhigen Nebenstraße eines Dorfes, wäre er ein würdiger Zimmermann geworden, und selbst jetzt, von allen Teufeln besessen, entwickelt er manche Tugenden. Er besitzt kein Land, nur den Nießbrauch solcher Ländereien, die beschlagnahmt sind unter dem Gesetz, er kann sich nicht wie früher durch Heiraten bereichern, Sparsamkeit ist die Hauptsicherung seiner Zukunft, und er kennt und übt sie. Elf ausländische Händler zahlen ihm eine Lizenz von hundert Dollar. Ungefähr zweitausend Untertanen entrichten eine Kopfsteuer von einem Dollar für den Mann, einen halben Dollar für das Weib und einen Schilling für das Kind, was, wenn man die Umwechselgebühren abrechnet, ungefähr eine Summe von dreihundert Pfund im Jahr ergibt. Er war seit ungefähr neun Monaten König und hatte seiner Frau ein seidenes Kleid und einen Hut gekauft – die Kaufsumme ist nicht bekannt – und sich selbst eine Uniform für dreihundert Dollar, hatte die Photographie seines Bruders zur Vergrößerung nach San Franzisko gesandt für zweihundertfünfzig Dollar, hatte die Schuldenerbschaft des Bruders wesentlich verringert und immer noch Goldstücke in seiner Tasche. Er war also ein liebevoller Bruder, ein guter Verwalter und außerdem ein geschickter Zimmermann, der gelegentlich das Holzgerüst seines Palastes ausbesserte. Es ist nicht zu verwundern, daß Herr Leichnam Tugenden besitzt, aber daß Tebureimoa eine Liebhaberei hatte, überraschte mich.

Drittes Kapitel


Rund um unser Haus

Als wir den Palast verließen, waren wir immer noch Seefahrer, die zufällig an Land sind, aber innerhalb einer Stunde hatten wir unser Hab und Gut in einem der sechs Fremdenhäuser von Butaritari untergebracht, nämlich in dem, das gewöhnlich von Maka, dem hawaiischen Missionar, bewohnt wurde. Zwei Firmen von San Franzisko haben hier Niederlassungen, Messrs. Crawford und Messrs. Wightman Brothers, die erstere beim Palast mitten in der Stadt, die zweite am Nordeingang, jede mit einem Laden und einer Bar. Unser Haus stand auf dem Gelände von Wightman, zwischen dem Laden und der Bar, innerhalb einer Umzäunung. Auf der anderen Seite der Straße lagen Eingeborenenhäuser versteckt im Buschrand, und eine dichte grüne Mauer von Palmen hielt jeden Windhauch ab. Eine kleine sandige Bucht der Lagune schnitt hinten in das Grundstück ein, begrenzt von einem Pier mit einer Veranda, der Arbeit von Königinnenhänden. Zur Flutzeit segelten die Boote hier herein, um Ladungen in Empfang zu nehmen. War die Flut nicht hoch genug, so ankerten die Boote eine halbe Meile entfernt, und eine große Menge von Eingeborenen stieg die Piertreppen hinunter, schob sich über den Sand in Reihen und Gruppen, watete mit Koprasäcken bis zum Gürtel im Wasser und schlenderte zurück, um neue Lasten zu holen. Das Geheimnis des Koprahandels plagte mich, als ich dasaß und den Profit auf Treppe und Sand fallen sah.

Vor dem Hause strömte von kurz nach vier Uhr morgens bis neun Uhr abends das Stadtvolk ununterbrochen auf der Straße vorüber, Familien gingen zu den entfernten Gebieten der Insel, um auf ihren Ländereien Kopra zu ernten, Frauen wandten sich dem Busch zu, um Blumen für die Abendtoilette zu sammeln, und zweimal täglich gingen die Palmweinzapfer mit Messer und Schale ausgerüstet vorbei. Beim ersten Morgengrauen und dann wieder am Spätnachmittag bummelten sie vorüber, um zu ihrem Geschäft in den Baumwipfeln zu gelangen, bogen hier und da in den Busch ab und verschwanden vom Angesicht der Erde. Ungefähr um dieselbe Stunde, wenn die Flut in der Lagune nicht zu hoch steht, ist man wahrscheinlich auch selbst auf dem Marsch über die Insel zum Bad und betritt dicht auf ihren Fersen die Wege des Palmenhains. Obgleich die Sonne noch nicht aufgegangen ist, flackern im Osten schon Feuerbrände auf, und die gewaltigen Passatwolken erglühen und verkünden als Vorboten der Sonne den kommenden Tag. Die Brise strömt uns entgegen, hoch oben in den Palmenwipfeln, ihrem Spielzeug, ertönt lautes Rauschen; wohin man auch blickt, nirgendwo ist ein menschliches Wesen, nur die Erde und der rauschende Wald. Und über unserem Kopf ertönt im dichten Laubwerk der Gesang eines unsichtbaren Sängers, von fernher antwortet ein zweiter Baumgipfel, und noch weiter weg, im Herzen der Wälder, sitzt verborgen und schaukelnd ein dritter Minnesänger. So hocken überall auf der Insel in der Höhe die Palmweinzapfer, ihr Gewerbe führt sie auf die Gipfel, sie blicken rundum auf die See, halten Ausschau nach Schiffen und schmettern wie große Vögel ihre Gesänge in die Morgenfrühe. Sie singen mit einer gewissen Wollust und bacchantischen Fröhlichkeit. Volltönig und melodiös senkt sich plötzlich ihre Stimme von den Baumwipfeln nieder, woher sonst das Gezwitscher der Vögel dringt. Und doch sind diese Lieder keineswegs leichter Singsang, die Worte sind uralt, außer Gebrauch und heilig, wenige verstehen sie, vielleicht niemand vollkommen, aber es wurde allgemein angenommen, daß die Zapfer »beten, um guten Wein zu bekommen, und von ihren früheren Kriegen singen«. Das Gebet wird denn auch erhört, und wenn die Schale mit dem schäumenden Naß zu unserer Tür gebracht wird, ist es ein Getränk, an dem man sein Wohlgefallen haben kann. Den ganzen Vormittag kann man immer wieder kosten, es gärt, wird immer schärfer und wird zu einem neuen Getränk, das nicht weniger köstlich ist, aber im Laufe des Tages schreitet die Gärung rasch fort, und der Trank wird herbe; nach zwölf Stunden ist es Brothefe, nach zwei Tagen ein teuflisches Rauschgift, die Ursache von Verbrechen.

Die Menschen haben bemerkenswert arabische Gesichtszüge, tragen oft Bärte und Schnurrbärte, sind oft buntfarbig gekleidet, manche haben Arm- und Fußspangen, sie schreiten alle einher wie spanische Edelleute und erwidern den Gruß mit hochmütiger Miene. Die Dandies beiderlei Geschlechts tragen das Haar turbanartig zu krausem Wust gedreht, und ein spitzer Stab wird wie die Dolche der Japaner als Kamm benutzt und zierlich zwischen die Locken gesteckt. Die Frauen schauen unter ihrem Haarbüschel entzückend aus. Die Rasse kann sich mit den Tahitiern an Weibesschönheit nicht messen; ich bezweifle, ob der Durchschnitt groß ist, aber manche der niedlichsten Mädchen und eine der schönsten Frauen, die ich je gesehen habe, waren Gilbertinerinnen. Butaritari ist als Handelszentrum der Gruppe europäisiert, der farbige Überwurf oder das weiße Hemdgewand werden allgemein getragen, das letztere abends; der Exporthut, beladen mit Blumen, Früchten und Bändern, ist bedauerlicherweise nicht unbekannt und die charakteristische Frauenkleidung der Gilbertinseln nicht mehr allgemein im Gebrauch. Das Ridi ist sein Name, ein entzückendes Schürzchen oder Gürtelchen aus den geräucherten Fasern der Kokospalmblätter, nicht unähnlich geteerten Stricken; das untere Ende erreicht knapp die Mitte des Schenkels, das obere ist so niedrig über die Hüfte gelegt, daß es kaum zu haften scheint. Ein Niesen, denkt man, müßte genügen, um die Dame ganz zu enthüllen. »Das gefährliche, haarbreite Ridi« war unsere Bezeichnung dafür, und in dem Streit über die Frauenkleidung gefällt es unglücklicherweise niemand: die Prüden verdammen es als ungenügend, die Leichtsinnigeren finden es nicht liebenswert genug. Aber wenn eine zierliche Gilbertinerin am vorteilhaftesten aussehen soll, muß sie dies »Gewand« tragen. Mit ihm allein und sonst nur nackt bewegt sie sich in unvergleichlicher Ungezwungenheit, Grazie und Lebendigkeit, die die Dichtung Mikronesiens rühmt. Steckt man sie in ein langes Gewand, so flieht die Charme, und sie rudert einher wie eine Engländerin. Zur Zeit der Abenddämmerung waren die Vorübergehenden immer prächtiger gekleidet. Die Männer strömten herbei in allen Farben des Regenbogens – oder wenigstens der öffentlichen Läden – und Männer und Frauen schmückten sich mit wohlriechenden frischen Blumen. Eine kleine weiße Blüte wird bevorzugt, bald wie zierliche Sterne einzeln in das Frauenhaar gesät, bald zu dichtem Kranz geflochten. Bei Hereinbruch der Nacht wurde die Menge auf den Straßen manchmal dichter, und das Stapfen und Schurren nackter Füße nahm kein Ende, die Spaziergänger waren meistens ernst, das Stillschweigen wurde nur manchmal unterbrochen von kichernden und hin und her huschenden jungen Mädchen, selbst die Kinder waren still. Um neun schlug von der Kathedrale die Schlafglocke, und das Leben in der Stadt hatte ein Ende. Um vier am nächsten Morgen wird das Signal in der Dunkelheit wiederholt, und die unschuldigen Gefangenen werden in Freiheit gesetzt, aber sieben Stunden müssen alle im Hause weilen – ich wollte gerade sagen: hinter verschlossenen Türen, von einer Gegend, wo Türen und selbst Wände Ausnahmen sind –, sie müssen also wenigstens unter ihren luftigen Dächern verweilen oder sich unter zeltförmigen Moskitonetzen zusammenrollen. Wenn eine wichtige Botschaft übermittelt oder jemand auf die Reise geschickt werden soll, so muß der Bote sich der Polizei deutlich mit einem großen Feuerbrand von Kokosnußfasern ankündigen, das wie ein lebendiges Freudenfeuer die Häuser entlang flackert. Die Polizei selbst wandert im Dunkeln und späht in der Nacht aus nach Übeltätern. Ich haßte ihre heimtückische Anwesenheit; besonders ihr Hauptmann, ein gerissener alter Mann in weißer Kleidung, umschlich nachts meine Wohnung, so daß ich es fertiggebracht hätte, ihn zu verprügeln, aber der Kerl war ja vom Gesetz geschützt.

Keiner der elf Händler aus den Niederlassungen kam zur Stadt, kein Kapitän ging in der Lagune vor Anker, ohne daß wir sie innerhalb einer Stunde zu Gesicht bekamen. Das war zurückzuführen auf die Lage unseres Hauses zwischen dem Laden und der Bar Sanssouci, wie man sie nannte. Mr. Rick war nicht nur der Geschäftsführer von Messrs. Wightman, sondern auch Konsularagent für die Vereinigten Staaten, Mrs. Rick war die einzige weiße Frau auf der Insel und eine von den beiden einzigen im Archipel. Auch ihr Haus mit den kühlen Veranden, Bücherregalen und bequemen Möbeln hatte nicht seinesgleichen zwischen Jaluit und Honolulu. Jeder besuchte sie infolgedessen, außer denen, die sich nach Südseemanier herumstritten um den letzten Cent beim Koprahandel oder über irgendeine Differenz beim Geflügelkauf. Aber selbst diese wurden bald, wenn sie nicht von Norden erschienen, im Süden sichtbar, denn Sanssouci zog sie an wie mit Stricken. Auf einer Insel mit einer weißen Gesamtbevölkerung von zwölf Köpfen hätte man eine der beiden Schankstuben als überflüssig ansehen können, aber jeder Deckel paßt zu seinem Topf, und die beiden Lokale auf Butaritari sind in der Praxis für Kapitäne und Schiffsbesatzungen höchst angenehm: The Land we live in wird stillschweigend den Matrosen überlassen, Sanssouci gehört den Offizieren. So aristokratisch waren meine Gewohnheiten und so groß meine Furcht vor Mr. Williams, daß ich niemals die erstere Bar besuchte, aber in der anderen, dem Klublokal oder vielmehr dem Kasino der Insel, verbrachte ich regelmäßig meine Abende. Sie war klein, aber hübsch eingerichtet, und abends beim Lampenlicht funkelten die Gläser und strahlten die bunten Bilder wie ein Theater zur Weihnachtszeit. Die Bilder waren Plakate, das Glas schlecht genug, das Holz des Raumes von ungeschickter Hand zusammengefügt, aber das Ganze erschien auf dieser verwunschenen Insel wie unerhörter Luxus und unglaublicher Reichtum. Hier wurden Lieder gesungen, Geschichten erzählt, Kunststücke vorgeführt und Spiele gespielt. Ricks, wir, der Norweger Tom als Barkeeper, ein oder zwei Kapitäne von den Schiffen und die drei oder vier Handelsleute, die von abgelegenen Teilen der Insel in ihren Booten oder zu Fuß herbeigekommen waren, bildeten gewöhnlich die Gesellschaft. Die Händler, alle ehemalige Seeleute, sind komisch stolz auf ihren neuen Beruf. »Südseekaufleute« ist der Titel, den sie bevorzugen. »Wir sind alle Seeleute hier« – »Kaufleute, bitte« – »Südseekaufleute« – das war die Art der Unterhaltung, die sich endlos wiederholte, und die niemals ihren Reiz zu verlieren schien. Wir fanden sie immer schlicht, klug, heiter, tapfer und gefällig und erinnern uns von Zeit zu Zeit mit Vergnügen an diese Händler von Butaritari. Ein schwarzes Schaf war allerdings unter ihnen. Ich erzähle von ihm unter Angabe seines Wohnortes gegen meine sonstige Gepflogenheit, denn in diesem Falle habe ich keine Rücksicht zu nehmen; der Mann ist typisch für die Klasse der Schurken, die einstmals das ganze Gebiet der Südsee in Verruf brachten und noch heute auf den wenig besuchten Inseln von Mikronesien hausen. Man sagte von ihm im Hafen, daß er ein vollkommener Gentleman sei im nüchternen Zustande, aber ich habe ihn niemals anders als betrunken gesehen. Die wenigen unangenehmen und barbarischen Züge der Mikronesier hatte er mit der List eines Sammlers herausgefunden und sie tief in den Boden seiner ihm angeborenen Bosheit gepflanzt. Er hatte unter der Anklage eines verruchten Mordes gestanden, war freigesprochen worden und hatte sich der Tat seither immer großsprecherisch gerühmt, was mich vermuten läßt, daß er unschuldig war. Seine Tochter ist entstellt durch eine grausame Mißhandlung, die er versehentlich beging, denn er wollte seine Frau treffen und geriet in der Dunkelheit der Nacht und im Rausch des Kokosbrandys an das unrichtige Opfer. Die Frau floh und verbirgt sich seither im Busch bei den Eingeborenen, während der Gatte noch immer vor tauben Ohren ihre zwangsweise Rückkehr verlangt. Er kennt kein besseres Geschäft als Eingeborene betrunken zu machen, um ihnen dann die Summe der verwirkten Geldstrafe gegen Überlassung einer hohen Hypothek vorzuschießen. »Respekt vor den Weißen« ist sein ewiges Gerede: »Was dieser Insel fehlt, ist der Respekt vor den Weißen!« Auf seinem Wege nach Butaritari, wo ich mich damals aufhielt, fand er Spuren seiner Frau bei einigen Eingeborenen im Busch und machte einen Vorstoß, um sie gefangenzunehmen, worauf einer ihrer Begleiter ein Messer zog und der Gatte die Flucht ergriff. »Nennen Sie das den richtigen Respekt vor den Weißen?« rief er aus. Bald nachdem wir seine Bekanntschaft gemacht hatten, bewiesen wir unseren Respekt für diese Art von Weißen, indem wir ihm bei Todesstrafe das Betreten unseres Grundstückes verboten. Von nun ab lungerte er oft in der Nachbarschaft herum, möglicherweise mit Gefühlen des Neides oder Racheplänen, sein weißes hübsches Gesicht, das ich stets mit Verachtung sah, blickte uns über den Zaun zu allen Stunden des Tages an, und einmal rächte er sich, indem er uns eine niedrige Inselbeleidigung zurief, die uns keineswegs traf, aber seinen englischen Lippen unglaublich gemein stand.

Unser Gelände, das dieser Ausbund von Würdelosigkeit umwandelte, war ziemlich ausgedehnt. In einer Ecke war ein Gitterwerk mit einem langen Tisch aus rohem Holz, hier war vor einiger Zeit das Fest des vierten Juli mit seinen denkwürdigen Folgen, von denen wir noch berichten müssen, gefeiert worden, hier nahmen wir unsere Mahlzeiten ein, hier bewirteten wir den König und die Edlen von Makin mit einem Diner. In der Mitte stand das Haus mit Vorder- und Hinter- Veranda und drei Innenräumen. Auf der Veranda hängten wir unsere Kriegsschiffhängematten auf, dort arbeiteten wir tagsüber und schliefen wir nachts. Im Hause waren Betten, Stühle, ein runder Tisch, eine feine Hängelampe und Bilder der königlichen Familie von Hawaii. Das Bild der Königin Viktoria sagt nichts, aber die Gemälde von Kalakaua und Mrs. Bishop verraten allerlei, und wirklich waren wir heimliche Bewohner des Pfarrhauses. Am Tage unserer Ankunft war Maka abwesend, treulose Verwalter öffneten die Tore, und der liebenswürdige, sittenreine Mann, ein geschworener Feind von Alkohol und Tabak, fand bei der Rückkehr seine Veranda von Zigaretten bestreut und sein Wohnzimmer entwürdigt durch Flaschen. Er stellte nur eine Bedingung: auf den runden Tisch, den er zu Sakramentsfeiern benutzte, sollten wir keinen Alkohol setzen; in jeder anderen Beziehung beugte er sich vor den vollendeten Tatsachen, verweigerte die Annahme von Miete, zog sich in ein Eingeborenenhaus jenseits des Weges zurück und suchte die entlegensten Orte der Insel nach Lebensmitteln für uns ab, wobei er sein Boot selbst bediente. Er machte Schweine für uns ausfindig an geheimnisvollen Orten, denn man sah hier sonst überhaupt keine Schweine, er brachte uns Geflügel und Taro. Als wir dem Monarchen und dem Adel unser Festmahl gaben, besorgte er uns alles für die Tafel, überwachte die Kocherei, sprach das Gebet bei Tisch, und als auf das Wohl des Königs getrunken wurde, begann er mit einem englischen Hip-Hip-Hip das Hochrufen. Niemals hatte er eine glücklichere Eingebung, denn das Herz des verfetteten Königs schlug hoch in seiner Brust bei dem Ruf. Alles in allem hatte ich niemals ein liebenswürdigeres Wesen gesehen als diesen Pastor von Butaritari. Fröhlichkeit, Güte, edle und freundschaftliche Gefühle strahlten von diesem Manne aus in Rede und Geste. Er liebte es zu übertreiben, die Rolle des Augenblicks schauspielerisch zu gestalten, Lungen und Muskeln anzustrengen und mit seinem Körper zu reden und zu lachen. Er besaß die Morgenheiterkeit von Vögeln und gesunden Kindern, und sein Humor wirkte ansteckend. Wir waren allernächste Nachbarn und trafen uns täglich, aber unsere Begrüßungen dauerten minutenlang ohne Unterbrechung, wir schüttelten uns die Hände, klopften uns auf die Schultern, taten, als ob wir Seiltänzer und Hanswürste wären, und lachten, daß uns die Seiten weh taten über irgendeinen Witz, der kaum ein Kichern erregt hätte in einer Kinderschule. Es konnte fünf Uhr in der Frühe sein, die Palmweinzapfer waren soeben erst vorübergegangen, die Straße war leer, der Schatten der Insel erstreckte sich noch weit in die Lagune hinaus: aber diese Anregung stimmte mich den ganzen Tag hindurch fröhlich.

Trotzdem hatte ich Maka im Verdacht, daß er im geheimen melancholisch sei; dieses Höchstmaß von Frohsinn konnte kaum immer echt sein. Außerdem war er lang, hager, sein Gesicht war mit Runzeln und Furchen bedeckt, er war schon ein wenig ergraut, und seine Haltung am Sonntag war fast saturninisch. An diesem Tage gingen wir in Prozession zur Kirche oder, wie ich immer sagen muß, zur Kathedrale: Maka als dunkler Fleck in der heißen Landschaft in Zylinder, schwarzem Gehrock und schwarzen Hosen, unter dem Arm das Gesangbuch und die Bibel, seine Züge voll ehrwürdigem Ernst. Neben ihm Mary, sein Weib, eine ruhige, weise und ansehnliche ältere Dame, streng gekleidet; ich selbst folgte ihnen mit sonderbaren und lebhaften Gedanken. Lange Zeit vorher hatte ich unter Glockenklang, Flußrauschen und Vogelgesang Sonntag für Sonntag einen Geistlichen, in dessen Haus ich wohnte, durch ein grünes schottisches Tal begleitet, und tief berührten mich die Ähnlichkeiten, die Unterschiede und die große Zahl der Jahre und der Todesfälle. In der großen dämmerigen Palmholzkathedrale betrug die Zahl der Anwesenden selten mehr als dreißig, die Männer saßen auf der einen Seite, die Frauen auf der anderen, ich selbst ehrenhalber unter den Frauen, und da diese kleine Missionsgemeinde sich dicht um die Plattform scharte, fühlten wir uns winzig in dem runden Gewölbe. Die Texte wurden in Wechselrede gelesen, die Gemeinde wurde in der Kirchenlehre geprüft, ein blinder junger Mann wiederholte jede Woche eine große Anzahl von Psalmen. Hymnen wurden gesungen – ich habe niemals schlechter singen hören –, und dann folgte die Predigt. Zu sagen, daß ich nichts verstand, wäre eine Lüge. Gewisse Dinge hatte ich mit Gewißheit zu erwarten gelernt, die Namen Honolulu und Kalakaua, die Worte Cap’n-man-o’wa‘ und Schiff sowie die Beschreibung eines Sturmes auf hoher See kamen unfehlbar vor, und nicht selten wurde ich außerdem mit der Erwähnung meines eigenen Herrschers belohnt. Das übrige war Geräusch für meine Ohren und Schweigen für meinen Geist: immer größer wurde die Langeweile, unerträglich die Hitze, der harte Stuhl und der Blick durch die weit offenen Türen auf die glücklicheren Heiden im Grünen. Schlaf brütete in meinen Gliedern und Augen, Schlaf summte in meinen Ohren, er hatte die Herrschaft in der dämmerigen Kathedrale, die Versammelten drehten sich hin und her, streckten sich, stöhnten und grunzten laut, dehnten gähnend die Liedernoten: Laute, wie man sie manchmal von Hunden hört, wenn sie den Höhepunkt tragischer Bitternis und Langeweile erreicht haben. Vergebens schlug der Prediger auf den Tisch, vergebens rief er die Hörer einzeln beim Namen. Ich selbst war vielleicht ein wirksameres Reizmittel, und wenigstens einem alten Herrn bereitete der Anblick meines erfolgreichen Kampfes gegen den Schlaf – ich hoffe wenigstens, daß er erfolgreich war – einen heiteren Zeitvertreib. Wenn er nicht gerade Fliegen fing oder seinem Nachbarn einen Schabernack spielte, starrte er unverwandt und grausamen Blickes auf die einzelnen Stadien meiner Agonie, und einst, als sich der Gottesdienst seinem Ende näherte, zwinkerte er mir durch die Kirche hindurch zu.

Ich berichte lächelnd von diesem Gottesdienst, aber ich war immer anwesend, immer mit Hochachtung vor Maka, immer mit Bewunderung über seinen tiefen Ernst, seine flammende Energie, das Feuer seines begeisternden Auges und die bewegte Aufrichtigkeit seiner Rede. Ihm zuzusehen, wie er allwöchentlich ein totes Pferd peitschte und ein verloschenes Feuer anfachte, war stets eine Lehre der Stärke und Standhaftigkeit. Es ist fraglich, ob der Erfolg nicht größer gewesen wäre, wenn man die Mission besser unterstützt und ihn von geschäftlichen Belastungen befreit hätte. Ich selbst bin anderer Meinung und glaube, daß nicht Vernachlässigung, sondern Strenge seine Herde verringert hat, jene Strenge, die einstmals eine Revolution hervorrief, und die heute bei einem so lebensnahen und liebenswürdigen Mann den Betrachter in Erstaunen setzt. Kein Lied, kein Tanz, kein Tabak, kein Alkohol, keine Lebensfreude – nur Arbeit und Kirchenbesuch: das ist die Sprache seines Antlitzes, und das Antlitz ist das des polynesischen Esaus, aber die Stimme ist die Stimme eines Jakobs aus einer anderen Welt. Ein Polynesier ist im besten Falle eine höchst eigenartige Figur als Missionar auf den Gilbertinseln, denn er kommt aus einem Lande, das unkeusch in höchstem Maße ist, in Gegenden, die offensichtlich streng sittlich sind; er entstammt einem Volk, das von Gespensterfurcht besessen ist, und lebt unter Leuten, die verhältnismäßig kühn sind gegenüber den Schrecken der Nacht. Diese Gedankengänge drängten sich mir eines Morgens auf, als ich zufällig im Mondschein draußen war und die ganze Stadt im Dunkeln liegen sah, während am Bett des Missionars die treue Lampe brannte. Es bedarf keines Gesetzes, keines Feuers und keiner wachsamen Polizei, um Maka und seine Landsleute davon abzuhalten, während der Nacht ohne Laterne spazierenzugehen.